4 3 8 4 1 S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 3— 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 5. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=„ 3„—„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. IFſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. r e— — —— „—= 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 5K Geſammelte Werke von Charles Sealsfield. Vierzehnter Theil. Das Cajütenbuch oder natianale Charakteriſtiken. Erſter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. Das Cajütenbuch oder nationale Charakteriſtiken. Von Charles Sealsfield. In zmei Theilen. Erſter Theil. Zweite durchgeſehene Auflage. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. —— HON. JOELR. PoINSsETT abgetretenem Kriegsminiſter der Vereinigten Staaten von Amerika ſind dieſe Bände achtungsvoll gewidmet von dem Verfaſſer. — Vorrede zur erſten Auflage. 3 Schreiben des Herausgebers an den Herrn Verleger. E⸗ würde mir freilich angenehmer geweſen ſeyn, Ihnen, ſtatt dieſes neuen Werkes, die Fortſetzung und den Schluß der„Wahlverwandtſchaften“ zumitteln zu können; da dieſe jedoch nicht gekommen, ſo müſſen wir uns wohl mit dem, was uns gekommen— und der Hoff⸗ nung tröſten, daß jene nicht ſehr lange auf ſich warten laſſen werden. Die Muſe des Unbekannten„ wie man ihn nun allge⸗ mein zu nenuen beliebt, ſcheint überhaupt Abwechſelung und Zwangloſigkeit zu lieben; denn, wie Sie ſich erinnern werden, ſo wurden auch die erſten zwei Baͤnde der Lebens⸗ bilder, die unter dem Titel„Transatlantiſche Reiſeſkizzen“ erſchienen, durch die drei Bände des„Virey“ und zwei Bände„Lebensbilder aus beiden Hemiſphären“ unterbro⸗ chen, und erſt dann kamen Fortſetzung und Schluß der „Transatlantiſchen Reiſeſkizzen“ mit dem dritten Bande der„Lebensbilder“(Ralph Dongby), dem vierten und — e 8— fünſten(Pflanzerleben und die Farbigen), und dem ſechsten (Nathan).—„ Laune oder Capriee iſt es jedoch ſchwerlich, was dieſe Sprünge veranlaßt, und wenn es eine der beiden wäre, ſo dürfte es Laune der Muſe ſeyn, die aber regeln zu wollen ſehr undankbare Mühe wäre.— Sachverſtändige werden mich leicht begreifen. Im gegenwärtigen Falle ſcheint mir jedoch weder Laune noch Caprice dieſe Unter⸗ brechung veranlaßt zu haben, eher die ſehr dankenswerthe Abſicht, das deutſche Publikum auf einen bedeutſam ge⸗ ſchichtlichen Moment in dem Entwicklungsgange der nord⸗ amerikaniſchen Staaten aufmerkſam zu machen. Sie erinnern ſich, daß der Verfaſſer es ſich— zwar nicht zur Aufgabe gemacht hat,— Aufgaben dieſer Art laſſen ſich nicht ſetzen, und werden ſie geſetzt, werden ſie in der Regel ſchlecht gelöst,— aber doch den Beruf in ſich zu fühlen ſcheint, die Zeitgeſchichte und ihre wichti⸗ geren Momente in lebendigen plaſtiſchen Bildern der Welt darzuſtellen. Einen ſolchen Geſchichtsmoment hat er auch in vorliegendem„Cajütenbuche“ erfaßt, den Moment der Gründung eines neuen anglo⸗amerikaniſchen Staates auf mexikaniſchem Grund und Boden, den Moment, wo die germaniſche Race ſich abermals, auf Unkoſten der gemiſch⸗ ten romaniſchen, Bahn gebrochen, die Gründung eines neuen anglo⸗amerikaniſchen Staates durchgeführt hat. Dieſer neue Durchbruch oder neu gegründete Staat mag Vielen nicht ſehr wichtig erſcheinen, aber Vielen, und —: 9— zwar den tiefer Blickenden wird er es. Sie werden es gewiß dem Verfaſſer danken, ſie auf dieſen Moment, der für die künftige Geſtaltung Amerikas ſo bedeutſam er⸗ ſcheint, aufmerkſam gemacht zu haben. Wir ſagen aufmerkſam gemacht zu haben, obwohl der eigentliche Geſchichtsforſcher mehr als bloße Andeutungen oder Winke in dieſem Buche finden dürfte. Zwar wün⸗ ſchen wir die Erwartung des Leſers keinerdings zu hoch zu ſpannen; aber ſo viel dürfen wir doch getroſt ſagen, daß, obiwohl dieſes Buch keine Prätenſion auf eigentlich geſchichtlichen Werth erhebt, der tiefer Blickende doch bald finden dürfte, wie der dichteriſchen Hülle etwas ſehr we⸗ ſentlich Geſchichtliches zu Grunde liege.— So wie in den früheren Werken, ſo ſcheinen auch in dieſem dem Verfaſſer Quellen zu Gebote geſtanden zu ſeyn, die weit mehr Auſſchlüſſe über die Entſtehung des neuen Staates geben, als es bisher erſchienene geſchicht⸗ liche Werke thaten. Auch bemerkt er ausdrücklich, daß mehrere Facta, zum Beiſpiel das Treffen am Salado, die Belagerung von Bexar, die Entſcheidungsſchlacht bei Louisburg, dem Staatsarchive zu Waſhington entnom⸗ men worden, ſo wie, daß ſämmtliche Incidents ſich auf Thatſachen gründen, etwa mit Ausnahme Kishogues, den er als aus einer fremden Feder gefloſſen erklärt. Ob dieſe Feder eine freundlich bekannte, ob Phelim ihr nach⸗ erzählt, oder ſie Phelim, wird nicht angegeben. Wahr⸗ ſcheinlich geſiel ihm die wilde Skizze irländiſchen Lebens und Sterbens, und er nahm ſie auf, um die Gegenſätze zwiſchen amerikaniſchem und wieder engliſchem und iriſchem —:= 10 6— Nationalcharakter mehr hervorzuheben, ſo den zweiten Titel„nationale Charakteriſtiken“ zu rechtfertigen. Was weiter in dem Buche wahr, was Dichtung ſey, darüber läßt er uns im Dunkeln, und ich glaube, mit Recht. Zu viel Licht ſchadet, und ein ſolches gleichſam Auseinanderlegen der innern Machinerie eines Werkes mag wohl den Künſtler, aber ſchwerlich das Publikum an⸗ ſprechen; es iſt im Gegentheile peinlich, ein Kunſtwerk anatomiſch zergliedert zu ſehen, ehe man noch einen rech⸗ ten Blick darauf geworfen hat. Nach dieſen Andeutungen, die Sie gefällig dem Werke vorſetzen wollen, müſſen wir das Weitere dem gebildeten deutſchen Publikum ſelbſt überlaſſen; ich glaube mich je⸗ doch kaum zu irren, wenn ich voraus ſage, daß dieſe bei⸗ den Bände ganz dieſelbe günſtige Aufnahme finden werden, die ihren früheren Vorgängern auf eine ſo ſchmeichelhaſte Weiſe zu Theil geworden. Den 1. Mai 1841. Die Prairie am Jacinto. —————————— Ueber den Madeiras und Sherries, und Cham⸗ bertins und Lafittes, und den gewonnenen und ver⸗ lorenen Wetten, und Cottonpreiſen und Sklavenprei⸗ ſen, und Bankſyſtemen und Subtreaſouryſyſtemen be⸗ gannen denn doch allmälig die Köpfe heiß zu werden, — noch immer aber herrſchte ein heiter zuvorkom⸗ mender, gentlemäniſcher Ton:— da ließ ſich, gerade wie der bardolphsnaſtge Mayordomo eine friſche La⸗ dung Bouteillen aufſtellte, vom untern Ende der Tafel herauf eine entſchiedene Stimme hören: „Wir wollen nicht.“ „Ihr wollt nicht?“ donnerte es heſtig, beinahe rauh, entgegen. „Wir wollen nicht,“ war die feſte Antwort. Die zwei Stimmen wirkten wie die erſte Windbraut — 0 12— vor dem hereinbrechenden Sturme. Alle ſchauten in der Richtung, wo der Stoß herkam. Es war jedoch nichts zu ſehen, die dichten Rauchwolken der Havan⸗ nahs verhüllten Streiter und Zecher. „Wer iſt der Mann?“ wiſperte es am obern Ende der Tafel. „Darf ich ſo frei ſeyn, zu fragen, Gentlemen, um was es ſich handelt?“ fragte ein Zweiter. „Gewiß,“ verſetzte die entſchiedene Stimme,„mein achtbarer Nachbar iſt der Anſicht, Texas müſſe ſich an den Süden anſchließen.“ „Das muß es auch,“ fielen Mehrere ein. „Daß ich nicht wüßte,“ entgegnete im ironiſchen Tone der Disunioniſt. Die Kühnheit, in dieſem Tone zu vierundzwanzig oder mehr Grandees, die zuſammen leicht ein Heer von fünf⸗ bis ſechstauſend rüſtigen Negern ins— Cottonfeld ſtellen konnten, zu ſprechen, ſchien nicht geringes Befremden zu erregen; die Frage, wer iſt der Mann? ließ ſich, und zwar ſehr mißbilligend, wiederholt vom obern Ende der Tafel herab hören. „uund warum ſoll es nicht?“ fragte wieder eine Stimme. A — 13 6— „Ich gebe die Frage zurück, Sir! Warum ſoll es.“ „Es iſt ein integrirender Theil Louiſtana's.“" „Um Vergebung! Seht den Bericht der Com⸗ miſſäre bei Abſchluß des Ankaufes Louiſtana's und der Ceſſton Florida's an, und Ihr werdet finden, daß Frankreich nie in den Sinn kam, den Rio del Norte anzuſprechen, und daß Spanien, bloß um vor Euch Ruhe zu haben, Eure Anſprüche durch Florida befriedigte. Ihr ſeyd in jeder Hinſicht vollkommen zufrieden geſtellt.“ „Er iſt kein Bürger,“ murmelten wieder die Einen. „Wer iſt er?“ die Andern. „Ein kecker Burſche auf alle Fälle,“ die Dritten. „Und Wer,“ ſchrie wieder die heftige Stimme, „und Wer— Wer hat Texas bevölkert? Wem hat es ſeine Unabhängigkeit zu verdanken, als uns, den ſüdlichen Staaten, ſeinen Nachbarn?“ „Ah, das iſt eine andere Frage, Oberſt Oakley; aber ich glaube, Nachbarſchaft und Convenienz ent⸗ ſcheiden hier doch nicht allein.“ „Und was entſcheidet, General Burnslow?u fielen nun ein Dutzend Stimmen ein;„Wer ſoll entſchei⸗ — 0 14— den? Wer? Der Norden?— Sollen wir uns vom Norden vorſchreiben laſſen?“ „Vom alten Weibe Adam's?“ ſchrieen die Einen. „Oder dem langweiligen Webſter?“ „Oder dem pedantiſch ſchulmeiſterlichen Everett?⸗ „Weder von dem Einen, noch dem Andern, ſon⸗ dern vom ſüdländiſchen Gerechtigkeitsſinne, der da ſagt: Wir haben kein Recht auf Texas!“ ſprach der General. „Ihr ſeyd auf einmal ſchrecklich gerecht, General Burnslow,“ lachten Mehrere. „Trotz dem alten Adams,“ ſielen Andere ein. „Und Ihr ungerecht,“ replieirte der General. „Trotz dem kleinen fliegenden Holländer,“ fiel wie⸗ der lachend einer ſeiner Nachbarn ein. Dieſer letztere Hieb, unſerer illüſtren Excellenz im weißen Hauſe dargebracht, fand ſo allgemeinen An⸗ klang, daß Unioniſten und Nicht⸗Unioniſten in ein lautes Gelächter ausbrachen. In einem viel gemäßigteren Tone rief wieder eine Stimme:„Aber was wollt Ihr denn eigentlich mit Terxas, Gentlemen? Euch Euren Cottonmarkt ganz verderben? Oder glaubt Ihr, nach Texas eben ſo r — e 15— leicht, als nach Jackſon*), oder dem Indian Purchase 16) hinauf zu ſtedeln? Ich für meinen Theil gäbe nicht viel darum, wenn das ganze Teras im Pfefferland wäre — verdirbt uns nur den Markt.“ „Wahr, wahr!a bekräftigten Mehrere. „Oder,“ nahm ein Anderer das Wort,„wollt Ihr Euch eine neue Rotte von Exilirten, Spielern, Mör⸗ dern und heilloſem Geſindel auf den Hals laden, nach⸗ dem Ihr kaum mit der alten fertig geworden? wieder neue Virburgh*)⸗Auftritte haben?“ „Hist, hist! Oberſt Cracker!“ mahnten Mehrere. Der Oberſt hörte jedoch nicht. „Käme uns das gerade recht— brauchten das Völkchen— iſt ja nichts, als Geſindel.“ „Hist, hist!“ warnte es abermals, und dann ließ ſich ein mißbilligendes Gemurmel hören, worauf eine etwas unheimliche Stille eintrat. Dieſe Stille wurde auf einmal durch die ſehr artig, *) Der Sitz der Regierung des Staates Miſſiſippi. **) Der nördlich von Natchez gelegene, bekanntlich noch nicht lange den Indianern abgekaufte Theil des Staates Miſſiſippi. ***) Anſpielung auf die Lynch⸗Execution, die vor einigen Jahren da Statt fand. —= 16 6— aber auch ſehr beſtimmt und feſt ausgeſprochenen Worte unterbrochen: „Oberſt Cracker, wollt Ihr ſo gut ſeyn, Eure Aus⸗ drücke, die Ihr in Verbindung mit Texas zu bringen beliebt, zu qualifiziren? 3 Jetzt wurde die ganze Geſellſchaft ſehr ernſt, die Cigarren verſchwanden, und beim Lichte der achtzehn Wachskerzen, die auf den ſilbernen Armleuchtern brannten, wurde ein junger Mann ſichtbar, der lang⸗ ſam vor den letzten Sprecher getreten. Der erſte Anblick verrieth den Gentleman. Nicht groß, nicht klein, hatten ſeine Formen jenes Gefällige, Gedrungene, das den Mann verräth, der ſeine Ge⸗ müths⸗ ſowohl, als körperlichen Bewegungen vollkom⸗ men zu beherrſchen weiß. Unwillkürlich richtete ſich der läſſig im Fauteuil hingeſtreckte Oberſt Cracker auf, den Sprecher vom Kopf zu den Füßen meſſend. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?⸗ „Oberſt Morſe von Texas.¹ „Oberſt Morſe von Texas?“ riefen ein Dutzend Stimmen—„Oberſt Morſe von Texas?“ —— — 0 17 6— „Oberſt Morſe von Texas?“ wiederholte, langſam ſtch erhebend, Oberſt Cracker. „Derſelbe, der zuerſt bei Fort Velasco?“ rief der General. „Und dann bei San Antonio?“ Oberſt Oakley. „Und dann in der letzten Entſcheidungsſchlacht?“ „Derſelbe,“ verſetzte der junge Mann. „Ah, das iſt etwas ganz Anderes, alachte nun Oberſt Cracker.„Mit Vergnügen qualiftzire ich zu Euren Gunſten, Oberſt Morſe, Ihr ſeyd ein Waatanan, ein geborner Gentleman.“ „Danke,“ verſetzte dieſer trocken, ndoch muß ich Euch bitten, Eure Güte auch auf die Hundertundzwölf, die bei Fort Velasco, ſo wie auf die Zweihundert, die in der Affaire von San Antonio, und auf die Fünfhun⸗ dert, die vor dem Fort Goliad, ſo wie auf die Fünf⸗ hundertundfünfzig, die in der letzten Entſcheidungs⸗ ſchlacht gefochten, auszudehnen, mit einem Worte, zu ihren Gunſten eine Ausnahme zu machen.“ „Auch das,“ ſprach, ſich die Lippen beißend, der Oberſt. „Jetzt ſind wir zufrieden,“ verſetzte lächelnd der Teras'ſche Oberſt,„und als Gegencompliment will ich Das Cajütenbuch. J. 2 — 0 18 6— Euch das Vergnügen gewähren, zu geſtehen, ja auf Ehre zu verſichern, daß wir wirklich viel Geſindel in Texas haben.“ „Bravo, bravo! Oberſt!“ riefen Alle. „Geſtndel in Hülle und Fülle,⸗ verſicherte der Oberſt. „Aber wißt Ihr, Oberſt,“ nahm lachend Oberſt Oakley das Wort,„daß Ihr für einen Texaſer da mehr zugebt, als meines Erachtens nöthig iſt, gar zu— ℳ „Aufrichtig ſeyd, wollt Ihr ſagen, Oberſt Oakley,« ſiel der junge Mann ein,„und aufrichtig ſage ich Euch, daß wir Geſtndel in Hülle und Fülle haben, Aben⸗ theurer aller Art, Exilirte, Spieler, Mörder, und doch nicht. zu viele.“ „Den Teufel auch!“ lachten wieder Alle. „Nicht zu viele, verſichere Euch auf Ehre! Und daß uns dieſes Geſindel ſehr gut zu Satten kam, viel⸗ leicht beſſer zu Statten kam, als uns Eure ruhigen, friedlichen, reſpectabeln Bürger zu Statten gekommen wäͤren.„ „Alle Teufel!“ lachten wieder Alle. „Eure Worte in Ehren, Oberſt Morſe,“ ſprach — 19 6— Oakley,„aber Ihr gefallt Euch, wenn nicht in Para⸗ doxen, doch in Räthſeln.⸗ „Wirklich in Räthſeln,“ fiel der General in einem Tone ein, der offenbar den Wunſch verrieth, der Un⸗ terhaltung eine weniger pikante, oder, was hier das⸗ ſelbe war, gefährliche Wendung zu geben.„Aufrich⸗ tig geſagt,“ fuhr er fort,„ſollten wir auf unſern lieben Gaſtgeber ein bischen ungehalten ſeyn, daß er uns einen ſo werthen Beſuch nicht aufgeführt, aber unſer Freund, Kapitän Murky, iſt überhaupt ſo ſchweigſam.“ „Ich kam, als Ihr bereits bei der Tafel ſaßet, General, und dieß— ⸗ „Entſchuldigt hinlänglich,“ fiel der General ein. „Aber wie kamt Ihr, der Sohn einer unſerer beſten Maryland⸗Familien, nach Texas? Ich hörte etwas von einem Morſe, aber erſt vor kurzer Zeit wurde mir die Gewißheit.— Wie kamt Ihr nach Texas? Sollte doch glauben, der Sohn Judge Morſe's dürfte auch in den Staaten— u „Cin Plätzchen gefunden haben, um da ſeinen Herd aufzuſchlagen, nicht wahr, General?“ „ So ſollte ich,“ verſetzte dieſer. 2* — 20— „Ja, wie kamet Ihr nach Texas, Oberſt?“ riefen Die Frage war, die Wahrheit zu geſtehen, eine für Teras nicht ſehr ſe chmeichelhafte, aber ſte war in einem ſo freundlich theilnehmenden Tone, ſo ganz ohne alle Second thoughts geſtellt, die Fragenden, Männer von ſo bedeutendem Gewichte— der Oberſt, nachdem er den ihm von dem Mayordomo geſtellten Seſſel ge⸗ nommen, nippte mit einer Rundverbeugung an dem friſch gefüllten Glaſe: „Wie ich nach Texas kam?“ wiederholte er ernſter. „Ja, wie kamet Ihr nach Texas, Oberſt?“ „Bah! Kam,— oder ging vielmehr, in Geſell⸗ ſchaft eines Freundes, und gewiſſermaßen endoſſirt von einer Compagnie unſerer aufgeklärten Newyorker item Yankees, die damals gerade ihren Unternehmungs⸗ geiſt auf Texas gerichtet— mit andern Worten, ich hatte das Glück oder Unglück, wie Sie es nennen wollen, einen ſogenannten Texas⸗Land⸗Scrip zu be⸗ —=0 21 e— ſitzen, das heißt, ein Certifieat, ausgeſtellt von der Galveſton⸗Bay⸗ und Teras⸗Land⸗Compagnie, män⸗ niglich kund und zu wiſſen thuend, daß Mister Edward Morſe, das iſt, unſere werthe Perſon, eine runde Summe von tauſend Dollars in die Hände der Caſhiers beſagter Compagnie niedergelegt, für welche Niederlage er, bemeldter Edward Morſe, berechtigt ſeyn ſollte, ſich innerhalb des Gebietes obbeſagter Galveſton⸗Bay⸗ und Teras⸗Land⸗Compagnie eine Strecke von nicht mehr, noch weniger, denn zehntau⸗ ſend Ackern Landes herauszuleſen, ſie eigenthümlich in Beſitz zu nehmen, ſich darauf niederzulaſſen, kurz, alle und jede Befugniſſe eines Eigenthümers auszu⸗ üben, oder ausüben zu laſſen, bloß unter der einzigen Bedingung, daß bei der Auswahl ſeiner zehntauſend Acker er nicht frühern Rechten oder Beſitztiteln in den Weg trete.“— „Recht gut!“ ermunterten ihn ein Dutzend Stim⸗ men.„Weiter, weiter!“ „Zehntauſend Acker im ſchönſten Lande der Erde, und unter einem Himmel,“ fuhr der Oberſt fort, ugegen den unſer maryländiſcher eine Hölle ſeyn ſollte, war allerdings ein viel zu lockender Köder, um nicht —= 22 6— zu einer Zeit angebiſſen zu werden, wo, wie Jeder ſich zu erinnern wiſſen wird, das Anbeißen bei uns halb Mode— und ganz Cpidemie war, und unſere freien und erleuchteten Mitbürger eben ſo zuverſichtlich in den Millionen Ackern von Texas, als den hundert⸗ tauſend Städten Ohio's, Indiana's, Illinoi's und Michigan’s, den zehntauſend Eiſenbahnen und zwan⸗ zigtauſend Banken ſpeculirten; ein Speculations⸗ fieber, das erſt einige Jahre darauf, für die nächſt⸗ kommenden zehn oder fünfzehn, wollen wir hoffen, curirt wurde.— Ich hatte, wie zu erwarten ſtand, angebiſſen, und in Folge dieſes Anbeißens mich mit einem Freunde, der eine gleiche Anzahl Acker auf dem Papiere beſaß, und einem Theil meiner Garderobe nach dem vielbelobten Lande eingeſchifft; jedenfalls Willens, meinen Antheil herauszuſchneiden, vorläufig davon Beſitz zu nehmen; gefiele mir das Land nicht, ihn zu verſtlbern; gefiele es mir aber, nach Maryland zurückzukehren, meine fahrende Habe, und was in ſolchen Fällen nothwendig iſt, mitzunehmen, und dann alles Ernſtes da meinen Herd aufzuſchlagen.“ „Wir gingen in Baltimore an Bord des ſchnell⸗ ſegelnden Schooners The catcher, und kamen nach —=d 23 6— einer dreiwöchentlichen Fahrt glücklich in Galveſton⸗ Bay an.4 „Die Küſten von Galveſton⸗Bay, in die der Rio de Brazos einmündet, ſind nicht ſo grauſenerregend zu ſchauen, wie die Louiſiana's und der Mündungen des Miſſiſtppi, aber aus dem ganz einfachen Grunde, weil ſie eben nicht zu ſchauen ſind. Man ſieht weder Mündung, noch Land. Eine Inſel dehnt ſich etwa ſechzig Meilen vor dieſem wie eine ungeheure flach gedrückte Eidechſe hin— ſie wird Galveſton⸗Inſel genannt,— hat aber weder Hügel, noch Thal, weder Haus, noch Hof, nicht einmal einen Baum, mit Aus⸗ nahme dreier verkrüppelter Auswüchſe am weſtlichen Ende, die aber, bei der gänzlichen Flachheit des Bo⸗ dens, doch weit hinaus ſichtbar ſind. In der That würde ohne dieſe drei Zwergbäume das Auffinden der Mündung eine ſchwere Aufgabe ſeyn. Die er⸗ fahrenſten Seeleute gerathen hier in nicht geringe Verlegenheit; denn da das Land nur linienweiſe aus dem Meere gleichſam herausſchwillt, verſchwindet es auch wieder hinter jeder noch ſo leichten Welle, ja das wogende Grün der Gräſer ähnelt den Wellen des gleichfalls grünen Küſtenwaſſers ſo täuſchend, daß —=24 6— wirklich ein ſcharfes Auge dazu gehört, die einen von den andern zu unterſcheiden, und wir, wie geſagt, es bloß den erwähnten Zwergbäumen zu verdanken hat⸗ ten, daß wir unſern Weg zur Mündung fanden. Wir hielten uns ganz an ſie, etwa zehn Meilen längs der Inſel hinfahrend, bis uns ein Pilot entgegenkam, der dann die Leitung des Schooners übernahm. Doch kamen wir nicht ſo leicht über die Sandbänke, mehr⸗ mals ſtreiften wir, zweimal ſaßen wir ganz feſt, und nur mit der vereinigten Hülfe unſerer dreißig, oder beſſer zu ſagen, ſechzig Hände, gelangten wir endlich in die Mündung des Fluſſes. Ich mit meinem Freunde und zwei Mitpaſſagieren waren, nachdem wir den Schooner über die letzte gefährliche Sandbank bug⸗. ſtren geholfen, im Boote vorausgegangen, auch bereits dem Lande nahe, als das Boot in der Brandung um⸗ ſchlug und uns ſämmtlich in den Wellen begrub. Glücklicher Weiſe war das Waſſer nicht mehr tief, ſonſt hätte uns unſere Ungeduld theuer zu ſtehen kom⸗ men können; ſo kamen wir mit einem tüchtigen Bade und einem Erbſenwaſſer⸗Rauſche davon.“ „Feuchtet an, Oberſt Morſe!“ unterbrach ihn hier der rothnaſige Mayordomo;„ feuchtet an!“ — 25 6— Der Oberſt befolgte lächelnd den Rath und fuhr dann fort: „Ans Land gekrochen, waren wir bereits eine ge⸗ raume Weile geſtanden, aber allen war es, als ob wir noch immer auf offener See führen. Das Land hatte ſo gar nichts Landähnliches. In unſerm Leben hatten wir keine ſolche Küſte geſehen.— Es war aber auch keine⸗Küſte, kein Land zu ſehen, wenigſtens war es uns nicht möglich, die eine und das andere von der See zu unterſcheiden. Einzig der Wogenſchaum, der ſich an den Gräſern abſetzend, in einem endloſen Strei⸗ fen vor unſern Augen hinzog, deutete auf etwas wie eine Grenzſcheide.“ „Denken Sie ſich eine unüberſehbare, hundert oder mehr Meilen vor Ihren Augen hinlaufende Ebene, dieſe Ebene ohne auch nur die mindeſte Erhöhung oder Senkung mit den zarteſten, feinſten Gräſern über⸗ wachſen— von jedem Hauche der Seebrieſe gefächelt — in Wellen rollend— durch nichts unterbrochen— weder Baum, noch Hügel, Haus, noch Hof,— und Sie werden ſich eine ſchwache Vorſtellung von der ſeltſamen Erſcheinung dieſes Landes bilden können.“ „Etwa zehn bis zwölf Meilen gegen Norden und —“=26 6— Nordweſten tauchten freilich einige dunkle Maſſen auf, die, wie wir ſpäter erfuhren, Baumgruppen waren, aber unſern Augen erſchienen ſie als Inſeln. Auch heißen dieſe Baumgruppen, deren es unzählige in den Prairies von Texas gibt, wirklich, charakteriſtiſch genug, Inſeln, und ſie gleichen ihnen auch auf ein Haar.“ „Seltſames Land das!“ bemerkte ſpöttiſch Colonel Cracker. „Ein rückwärts hinter einer ſchmalen Landzunge ſtehendes Blockhaus, von dem die Flagge der mexika⸗ niſchen Republik ſtolz herabwehte, überzeugte uns endlich, daß wir denn doch auf feſtem Lande waren,“ fuhr der Erzähler, ohne den Spötter zu beachten, fort. „Dieſes Blockhaus, damals das einzige Gebäude, das den Hafen von Galveſton zierte oder verunzierte, hatte, wie ſie leicht denken mögen, der Beſtimmungen viele. Es war Hauptzollamt, Sitz des Douanen⸗ Direktors, des Civil⸗ und Militär⸗Intendanten und Commandanten, Garniſon der da ſtationirten Com⸗ pagnie mexikaniſcher Truppen, Hauptquartier ihres Chefs des Kapitäns, und ſchließlich Gaſthof, Wein⸗ und Rumſchenke. Neben dem Zerrbilde, das den — 0 27 6— mexikaniſchen Adler vorſtellen ſollte, prangte eine Rumflaſche, und die Flagge der Republik wallte ſchützend über Brandy, Whisky und Accomodation for man and beast herab. Vor dem Blockhauſe bi⸗ vouakirte die geſammte Garniſon, eine Compagnie, aus zwölf zwergartigen, ſpindelbeinigen Kerlchen be⸗ ſtehend, die ich mir mit einer Reitpeitſche alle davon zu jagen getraut hätte, keiner größer als unſere zwölf⸗ oder vierzehnjährigen Buben, und bei weitem nicht ſo ſtark, aber alle mit furchtbaren Backen⸗ und Knebel⸗ und Zwickel⸗ und allen Arten von Bärten, auch gräu⸗ lichen Runzeln. Sie hockten um ein altes Brett herum, auf dem ſie ſo eifrig Karte ſpielten, daß ſie ſich kaum die Zeit nahmen, uns zu beſehen. Doch kam ihr Chef uns freundlich aus dem Hauſe entgegen.“ „Kapitän Cotton, früher Herausgeber der Mexi⸗ can Gazette, jetzt Civil⸗ und Militär⸗Intendant des Hafens von Galveſton, Douanen⸗Direktor, Hafen⸗ Inſpektor, auch Gaſt⸗ und Schenkwirth, und unſer Landsmann obendrein, ſchien ſich, zur Ehre ſeines ge⸗ ſunden Menſchenverſtandes ſey es bemerkt, weit mehr auf ſeine vortrefflichen ſpaniſchen und franzöſtſchen Weine, die er denn freilich zollfrei einlagerte, als auf — 28— ſeine vielen Ehrenſtellen, deren er mehr hatte als Sol⸗ daten, einzubilden. Erbärmlichere Soldaten habe ich aber auch alle Tage meines Lebens nicht geſehen, als dieſe ausgedorrten Zwerge; ſte kamen mir ordentlich wie Kobolde oder Spukmännchen vor, die irgend ein alter Zauberer hieher verſetzt. Wir konnten uns an ihnen nicht ſatt ſehen, und je länger wir ſie anſchau⸗ ten, deſto wunderlicher kamen ſie uns vor, ja ordentlich unheimlich wurden ſie uns, und mit ihnen das ganze Land, das uns wie eine endloſe Billardtafel erſchien. Es iſt aber auch eine ganz eigenthümliche Empfindung, nach einer dreiwöchentlichen Seefahrt in einen Hafen einzulaufen, der kein Hafen iſt, und ein Land, das halb und halb auch kein Land iſt. Noch immer ſchien es uns, als müßte es jeden Augenblick unter unſern Füßen wegſchwellen. Unſere Mitpaſſagiere, deren mehrere nun gleichfalls ausgeſtiegen, ſtarrten gerade ſo verblüfft und verwirrt wie wir, und eilten mit einer Haſt dem Blockhauſe zu, die offenbar verrieth, daß ſie von gleicher Angſt getrieben wurden. Als wir uns im Blockhvuſe umſchauten, däuchte uns die unermeß⸗ liche, unüberſehbare Wieſen⸗ und Waſſerwelt ein ein⸗ ziges Ganzes, aus dem unſer Blockhaus wie eine Fel⸗ —" 29— ſeninſel emporſtarrte. Wirklich fühlten wir uns er⸗ leichtert, als wir uns wieder am Bord unſers Schoo⸗ ners befanden.“— „Die dreißig Meilen von der Mündung des Brazos hinauf nach Brazoria zu fahren, nahm uns drei volle Tage. Am erſten dieſer drei Tage fuhren wir durch eine immerwährende Wieſe, am zweiten rückten wir den Inſeln näher; die Wieſe wurde zum Parke, rechts und links tauchten in meilenweiter Entfernung die prachtvollſten Baumgruppen auf, aber keine Spur menſchlichen Daſeyns in dieſem herrlichen Parke— ein unermeßlicher Ozean von Gräſern und Inſeln.“ „Es ergreift aber ein ſolcher Ozean von Gräſern und Inſeln das Gemüth des Neulings noch weit mehr, als der Ozean der Wäſſer. Wir ſahen dieß an unſern Reiſecompagnons, Landjägern ſo wie wir, nur daß ſie nicht überflüſſig mit dem circulating me- dium geſegnet, auch ohne Scrips kamen; übrigens nichts weniger als empfindſame Yorik⸗Reiſende, im Gegentheil meiſtens wilde Burſche, die es während der drei Wochen oft toll genug getrieben. Hier wur⸗ den ſte jedoch Alle, ohne Ausnahme nüchtern, ja ernſt und geſetzt. Die wildeſten, und ein Paar, waren — 0 30 6— wirklich ſo wild⸗rohe Burſche, als je auf Abenteuer ausgingen, wurden ſtumm, ließen keine der rohen ſchmutzigen und ſelbſt gottesläſterlichen Zoten hören, die uns zur See ſo oft mit Ekel erfüllt. Sie betru⸗ gen ſich wie Leute, die, zur Kirche gehend, ſo eben in den Tempel des Herrn eintreten. Ein feierlich ſolenner Ausdruck in Aller Mienen.— Aber wir hat⸗ ten auch gewiſſermaßen die Vorhalle des Tempels des Herrn betreten, denn einem wahren Tempel glich die grandioſe Natur um uns herum.— Alles ſo ſtill, feierlich und majeſtätiſch! Wald und Flur, Wieſen und Gräſer, ſo rein ſo friſch, gerade, als wären ſie ſo eben aus der Hand des ewigen Werkmeiſters her⸗ vorgegangen. Keine Spur der ſündigen Menſchen⸗ hand, die unbefleckte, reine Gotteswelt!“ 2 Fünfzehn Meilen oberhalb der Mündung des Rio Brazos fuhren wir in den erſten Wald ein. Syca⸗ mores, ſpäter Pecans, wölbten ſich zu beiden Seiten über den Fluß herüber, und, den Genuß zu erhöhen, erſchienen auch ein Rudel Hirſche und eine ſtarke Flucht von Welſchhühnern; beide aber, bereits ziemlich ſcheu, brachen, kaum daß ſie uns erblicken, auch aus. Der Boden des Landes war jedoch, wie Sie leicht ermeſſen — 31— können, unſer Hauptaugenmerk. An der Küſte hatten wir ihn leichtſandig gefunden, mit einer ſehr dünnen Kruſte fruchtbarer Dammerde, aber ohne alle An⸗ zeichen von Sumpf oder Schlamm; weiter hinauf wurde die Schichte der fruchtbaren Dammerde dicker; ſte lagerte von einem bis vier— acht— zwölf— endlich fünfzehn— und bei Brazoria zwanzig Fuß über der Sand⸗ und Lehm⸗Unterlage. Noch hatten wir nichts, was einem Hügel oder Steine ähnelte, geſehen, und in der That dürfte es ſchwer werden, hundert Meilen weit und breit einen Stein, auch nur ſo groß wie ein Taubenei, zu entdecken. Dafür fehlte es jedoch nicht an Holz, um Häuſer zu bauen und Einfriedigungen zu ſtellen, und dieß beruhigte uns wieder. Unſere Hoffnungen wuchſen mit jeder Meile. u „Das muß das Land ſeyn, wo die Hufnägel, zur Erde geworfen, über Nacht zu Hufeiſen werden,“ bemerkte lachend Oberſt Cracker. Der Oberſt fuhr fort: „In Brazoria angekommen, erlitten ſie jedoch wie⸗ der einen harten Stoß.“ „Brazoria, etwa dreißig Meilen oberhalb der Ein⸗ —=o 32 e— mündung des Rio Brazos in die Bay, war zur Zeit unſerer Ankunft, das heißt, im Jahre achtzehnhun⸗ dertzweiunddreißig, eine bedeutende Stadt— für Texas nämlich,— indem ſie über dreißig Häuſer, darunter drei backſteinerne, drei Frame⸗ oder Fach⸗, die andern Blockhäuſer, enthielt, alle zum Sprechen amerikaniſch; auch die Gaſſen ganz in unſerer belieb⸗ ten Manier, ſchnurgerade und in rechten Winkeln ſich durchſchneidend, das Ganze bloß mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß es zur Flut⸗ und Frühlings⸗ zeit unter Waſſer geſetzt wurde. Dieſes Ungemach wurde jedoch von den guten Brazorianern bei der 5 unerſchöpflichen Fruchtbarkeit des Bodens nur wenig beachtet. Obwohl noch in den erſten Tagen des Märzmonats, fanden wir doch bereits friſche Kar⸗ toffeln, oder vielmehr Pataten, denn der Boden von Texas hat das Eigenthümliche, daß er gepflanzte Kartoffeln bei der erſten Ernte halb, bei der zweiten aber ganz ſüß, alſo als Pataten, wiedergibt; ferner grüne Bohnen, Erbſen und die deliziöſeſten Arti⸗ ſchoken, die je einen Feinſchmecker⸗Gaumen entzückten. Etwas aber fanden wir, das mir und meinem Freunde weniger gefiel, und dieß war die Entdeckung, daß —=8 33 6— unſere Scrips ſich nicht ganz als die Sicherheitsanker erwieſen, die unſere Lebensarche im Terashafen feſt⸗ zuhalten verſprachen. Wir hörten Zweifel, die nach der Ankunft William Auſtin's, des Sohnes des Ober⸗ ſten Auſtin, zur fatalen Gewißheit wurden. Er gab uns die Akten des mexikaniſchen Congreſſes zu leſen, die uns nur zu klar überzeugten, daß unſere Scrips nicht mehr werth waren als jedes andere beſchriebene Papier.“ Die Zuhörer wurden immer aufmerkſamer. Der Oberſt fuhr fort: „Der Congreß von Mexiko hatte nämlich im Jahre 1824, zur Aufmunterung fremder Einwanderer, und als Norm der verſchiedenen, von den einzelnen Staa⸗ ten zu erlaſſenden Geſetze, einen Akt paſſirt, deſſen Tendenz dahin ging, die Einwanderung vorzüglich in Texas zu begünſtigen. Dem Coloniſationsplane zu⸗ folge waren Contraktoren, oder, wie ſie in der Lan⸗ desſprache genannt wurden, Empreſſarios engagirt worden, die ſich verbindlich machen mußten, binnen einer gewiſſen Zeit eine gewiſſe Anzahl von Auslän⸗ dern auf ihre Koſten, und ohne dem Staate im Ge⸗ ringſten zur Laſt zu fallen, ins Land zu importiren. Das Cajütenbuch. I. 3 — e 34 c- Wann importirt, hatte ſich die Regierung anheiſchig gemacht, dieſen Eingewanderten, zu je hundert Fa⸗ milien, fünf Quadratſtunden Landes anzuweiſen und hierüber die Beſitztitel auszuſtellen, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß dieſe Einwanderer Bekenner der ſogenannten alleinſeligmachenden katho⸗ liſchen Kirche ſeyen, weßhalb auch die Ländereien erſt angewieſen, ſo wie die Beſitztitel ausgeſtellt werden ſollten, nachdem ſie ſich über dieſes ihr alleinſelig⸗ machendes Glaubensbekenntniß hinreichend ausgewie⸗ ſen haben würden. Für ihre Mühe ſollten die Em⸗ preſſarios, wie ſte genannt wurden, die aber eigent⸗ lich Brockers oder Mäkler waren, mit beſondern Ländereiſchenkungen bedacht werden.“ „Von dieſer ſaubern Bedingung nun hatten uns unſere Newyorker Galveſton⸗Bay⸗ und Texas⸗Land⸗ Compagnons und ehrſam wohlgebornen Yankees wohlweislich kein Wort geſagt, uns unſere zehntau⸗ ſend Acker in ſee simple verkaufend, als ihnen von der mexikaniſchen Regierung bloß unter der einzigen Bedingung zur Diſpoſttion überlaſſen, das Land binnen Jahresfriſt mit Auswanderern zu beſetzen. So lauteten ihre mündlichen und ſchriftlichen Verſicherun⸗ — 35 6— gen, ſo lauteten auch die Scrips, und wir, dieſen trauend, waren ſo auf die wilde Länderjagd ausge⸗ zogen. Klar war ſonach, daß wir mit unſeren Scrips geprellt waren, eben ſo klar, daß die mexikaniſche fromm⸗katholiſche Regierung mit uns ketzeriſch ver⸗ dammten Yankees nichts zu thun haben wollte; aber zugleich ging aus dieſer doppelten Klarheit eine dritte nicht weniger deutlich hervor, dieſe nämlich, daß dieſe fromme katholiſche mexikaniſche Regierung uns, oder vielmehr unſerer Union, einen Streich zu ſpielen ge⸗ dachte, einen Streich, der langſam, aber gefährlich wirken konnte, den jeder wahre Amerikaner nach Kräften von ſeinem Lande der Union abzuwenden nicht nur berechtigt, ſondern verpflichtet war.“— „Bravo, Oberſt!“ riefen die Einen; ngeſprochen wie ein wahrer Amerikaner!“ die Andern. „Offenbar,“ fuhr dieſer fort,„hatte die Regierung von Merxiko bei ihrem Coloniſationsplane von Teras weiter ausſehende Pläne, die nicht aus merxikaniſchen, ſondern gefährlichern Köpfen entſprungen waren— es ſteckten römiſche Glatzköpfe dahinter. Teras ſollte nicht bloß eine Art Außenwerk für das politiſche Unionsgebäude der Staaten Mexiko's, es ſollte gegen 3* 1 7— wmupt eine Art fliegenden Corps werden, das nöthi⸗ F/ —= 36— die ketzeriſche Union ein Vorwerk, mit ſeiner Miſch⸗ lingsbevölkerung für die katholiſche Religion über⸗ genfalls offenſiv gegen uns auftreten und Verwirrung 3 9 in unſere friedlich⸗religiöſen Zuſtände bringen ſollte. Die römiſche Curie hatte ſich damals ſehr merkbar viel mit uns und unſerer Union zu ſchaffen gemacht. Die Thätigkeit ihrer Emiſſäre und Prieſter war außer⸗ ordentlich, ihre frommen Machinationen und Intri⸗ guen allenthalben zu ſpüren. Auf mehreren Punkten im Norden, ſelbſt im Staate Newyork, hatten ſich Klöſter und Seminare erhoben, und das ſo ſchnell und offenbar mit ſo gewaltigen Mitteln, als Befrem⸗ den und Staunen erregte. Niemand wußte, woher dieſe Geldmittel kamen.— Das amerikaniſche Volk, mit dem ſichern Takte, der es ſtets leitet, brannte dieſe Treibhäuſer der kraſſeſten geiſtigen Knechtſchaft zwar weg, aber obwohl das Ungeziefer uns nun im Nor⸗ den mit Ruhe ließ, wurde es dafür im Süden deſto läſtiger. In Louiſtana in den füdweſtlichen Staaten war es allenthalben ſichtbar, und es blieb kein Zweifel übrig, daß Texas in dem combinirten Plane eine Rolle zu ſpielen beſtimmt war. Zwar kümmerten * 8 — 37— uns eigentlich dieſe ſchwarzen Combinationen nur wenig, aber unſere neuen Texasfreunde, worunter einige ſehr hellſehende Männer, hatten viel von dieſem Prieſtergeſchmeiße auszuſtehen gehabt, und ſie ver⸗ fehlten nicht, uns die Sache aus einem Geſichtspunkte darzuſtellen, der bald eben ſo unſern Stolz als Patrio⸗ tismus aufſtachelte. Durften wir, als Bürger der freiſten, der erleuchtetſten, der größten herrſchenden Nation Amerika's, zugeben, daß eine nachbarliche Regierung, die uns eigentlich ihre Exiſtenz verdankte und die ein Paar unſerer Bataillone wieder ſtürzen konnten, uns Geſetze diktire, vorſchreibe, was wir glauben und nicht glauben ſollten? Mußten wir nicht Alles aufbieten, dieſen knechtenden Geſetzen, durch eine heimtückiſch fremde Politik hervorgerufen, ent⸗ gegen zu arbeiten, den Streich, der uns geſpielt wor⸗ den, auf die Häupter derer, von denen er ausgegan⸗ gen, zurückfallen zu machen?— Die Frage hatte nur eine Antwort, und dieſe Antwort, gegeben, war auch unſer Entſchluß gefaßt. Wir wollten bleiben— quand même.— Jetzt waren wir ordentlich froh, daß unſere vielerwähnte löbliche Galveſton⸗Bay⸗ und Teras⸗Land⸗Compagnie uns den Poſſen mit den — 0 38 e— Scrips geſpielt, ja, wir entſchuldigten ſie, wohl be⸗ greifend, daß ſie eben bei dieſer ihrer Schelmerei einen uns und unſerm Lande wohlgemeinten Second thought, eine Arrière pensée im Hintergrunde bargen. Hätte ſich nämlich die gute Compagnie als Empreſſarios der mexikaniſchen Regierung angekündigt, mit keiner andern Vollmacht, als die ihnen die oberwähnte Con⸗ greßakte gegeben, kein amerikaniſcher Neger, viel weniger Bürger, hätte ſich beifallen laſſen, Teras auch nur mit einem Fuße zu betreten; denn welchem vernünftigen Menſchen könnte es einfallen, katholiſch zu werden, ſich unter ein Joch zu beugen, das Geiſt und Leib gleich feſſelt, gleich tödtet? Das wohl ein⸗ ſehend, drückten unſere Newyorker juſt ihr Gewiſſen, wie wir zu ſagen pflegen, ein bischen flach dahin, daß ſie uns auf die Texaſiſchen Acker— auf die ſie übrigens ſo viel Recht hatten, als der fromme Papſt mit ſeiner Cardinals⸗Compagnie auf die weiland mexikaniſchen peruvianiſchen Königreiche— ihre An⸗ weiſungen gaben, wohl wiſſend, daß, einmal im Lande, wir nicht ſo leicht wieder herauszubringen, unſere Beſitztitel ſchon rechtskräftig zu machen wiſſen würden. Dieſe echt yankeeiſche Politik, die uns bloß — 39— mit einem leichten Gewiſſensrucke zu unerſchöpflich reichen Ackern, Uncle Sam aber zu ein paar neuen Gliedern ſeiner ſechsundzwanzig⸗, damals noch vier⸗ undzwanziggliedrigen Familie verhelfen ſollte, ver⸗ ſöhnte uns nicht nur mit unſerer einigermaßen ſpitz⸗ bübiſchen Galveſton⸗Bay⸗ und Texas⸗Land⸗Com⸗ pagnie, ſie ließ uns auch in der Ausſicht auf kom⸗ mende Abenteuer unſere tauſend Dollars leicht ver⸗ ſchmerzen. Wir gaben unſere zweimal zehntauſend Acker um ſo weniger verloren, als unſere neuen Freunde, alle Landsleute, uns lachend verſicherten, daß ja auch ſte nicht katholiſch geworden, und, bei⸗ läufig geſagt, gerade ſo viel Luſt verſpürten, Katho⸗ liken als Neger zu werden, ſich auch darüber kein graues Haar wachſen ließen, und daß Tauſende un⸗ ſerer Landsleute auf dieſe Weiſe bereits von unſern Boſton⸗, Newyork⸗, Philadelphia⸗, Baltimore⸗ und Neworleaner Teras⸗Land⸗Compagnien ins Land ſpe⸗ dirt, auch da ihren Heerd aufgeſchlagen, ohne ſich je davon träumen zu laſſen, ihre Sünden Ohren, die ſie nichts angingen, zuzuraunen. Käme Zeit, käme „Rath— wir hätten nichts Beſſeres zu thun, als Muſtangs zu kaufen, deren die ſchönſten für Spott⸗ — 40— preiſe zu haben wären, uns im Land umzuſehen und das Weitere dem lieben Gott und dem freien, ſouve⸗ rainen Volke— die letzteren Worte waren natürlich leiſe geſprochen— zu überlaſſen.“ „Es war wohl das Klügſte, was wir thun konn⸗ ten; ſo kauften wir uns alſo vor Allem Muſtangs. „Dieſe Muſtangs ſind kleine, in der Regel nicht über dreizehn Hand hohe Pferde, die, von den Spa⸗ niern eingeführt, ſich während ihrer dreihundertjäh⸗ rigen Oberherrſchaft ins Unzählbare vermehrt, in Heerden von Tauſenden durch die Prairies von Texas, vorzüglich aber von Cohahuila ſtreifen. In Texas beginnen ſie jedoch bereits weniger zahlreich zu werden. Man fängt ſie mit dem ſogenannten Laſſo, deſſen Gebrauch, obwohl bekannt, ich doch näher beſchrei⸗ ben will, da ich, häufig Augenzeuge ſolcher Jagden, ihn vielleicht deutlicher zu verfinnlichen vermag.“ 2„Der Laſſo iſt ein zwanzig bis dreißig Fuß langer und aus fingerbreiten Rindshautſchnitten gedrehter, — biegſamer Riemen, von dem ein Ende am Sattel⸗ 8* knopfe befeſtigt, das andere aber mit der Schlinge, vom Laſſojäger in der Hand gehalten wird. So wie dieſer einen Trupp wilder Pferde aufſtöbert, ſucht er —o 1— ihm mit ſeinen Gefährten vor Allem den Wind ab⸗ zugewinnen, dann aber ſich ihm möglichſt zu nähern. Selten oder nie entwiſchen die Thiere den geübten Jägern, die, wenn ſie dreißig bis zwanzig Fuß nahe gekommen, demjenigen, das ſie ſich zur Beute erſe⸗ hen, mit unfehlbarer Hand die Schlinge über den Kopf werfen. Die Schlinge geworfen, wirft der Reiter zugleich ſein Pferd herum, die dem Thiere über den Kopf geworfene Schlinge ſchnürt dieſem plötzlich die Kehle zuſammen, und der im nächſten Augenblick darauf erfolgende äußerſt heftige Riß des in entgegen⸗ geſetzter Richtung fortſchießenden Reiters betäubt das athemloſe Pferd ſo gänzlich, daß es, auch nicht des mindeſten Widerſtandes fähig, wie ein Klotz rücklings geworfen fällt— und regungslos, beinahe leblos da liegt— nicht ſelten getödtet oder hart beſchädigt, jedenfalls mit einer Warnung, die es den Laſſo ſein ganzes Leben hindurch nicht vergeſſen läßt. Ein auf dieſe Weiſe eingefangenes Thier ſieht dieſen nie, ohne zuſammen zu ſchrecken; es zittert bei ſeinem Anblicke an allen Gliedern, und die wildeſten werden durch das bloße Umlegen ſchaafzahm.“ „Iſt das Thier gefangen, ſo wird es auf eine nicht —=" 42 e— minder brutale Weiſe gezähmt. Es werden ihm die Augen verbunden, das furchtbare, pfundſchwere Ge⸗ biß in den Mund gelegt, und dann wird es vom Reiter— die nicht minder furchtbaren, ſechs Zoll langen Sporen an den Füßen— beſtiegen und zum ſtärkſten Galopp angetrieben. Verſucht es, ſich zu bäumen, ſo iſt ein einziger, und zwar gar nicht ſtarker Riß dieſes Martergebiſſes hinreichend, dem Thiere den Mund in Fetzen zu zerreißen, das Blut in Strö⸗ men fließen zu machen. Ich habe mit dieſem barba⸗ riſchen Gebiſſe Zähne wie Zündhölzer zerbrechen ge⸗ ſehen. Das Thier wimmert, ſtöhnt vor Angſt und Schmerzen, und ſo wimmernd, ſtöhnend, wird es ein oder mehrere Male auf das ſchärfſte geritten, bis es auf dem Punkte iſt, zuſammenzubrechen.— Dann erſt wird ihm eine Viertelſtunde Zeit zum Ausſchnau⸗ fen gegeben, worauf man es wieder dieſelbe Strecke zurückſprengt. Sinkt oder bricht es während dem Ritte zuſammen, ſo wird es als untauglich fortge⸗ jagt oder niedergeſtoßen, im entgegengeſetzten Falle aber mit einem glühenden Eiſen gezeichnet und dann auf die Prairie entlaſſen. Von nun an hat das Ein⸗ fangen keine beſonderen Schwierigkeiten mehr; die — 33 6— Wildheit des Pferdes iſt gänzlich gebrochen, aber da⸗ für eine Heimtücke, eine Bosheit eingekehrt, von der man ſich unmöglich eine Vorſtellung machen kann. Es ſind dieſe Muſtangs gewiß die boshafteſten, fal⸗ ſcheſten Thiere unter all' den Pferderacen, die es auf der Erdenrunde gibt, ſtets nur darauf ausgehend, ihrem Herrn einen Streich zu ſpielen. Gleich nach⸗ dem ich das meinige übernommen, war ich nahe daran, ein theures Lehrgeld zu geben. Im Begriff eine Er⸗ curſion nach Bolivar zu unternehmen, ſollten wir über den Brazos ſetzen. Der Vorletzte, der das Boot beſtieg, zog ich meinen Muſtang ſorglos am Zügel nach, und war ſo eben im Begriff, in das Boot ein⸗ zuſteigen, als ein plötzlicher Ruck und der Zuruf: Mind your beast! mich ſeitwärts ſpringen machte. Ein Glück, daß ich mich nicht erſt umſah, ſonſt hätte es mir leicht das Leben koſten können. Mein Muſtang war nämlich plötzlich zurückgeſprungen, hatte ſich eben ſo plötzlich gebäumt, und mit einer ſolchen Wuth und Kraft auf mich niedergeworfen, daß ſeine Hufen die Bretter des Bootes durchbrachen. In meinem Leben hatte ich nichts ſo Wüthendes geſehen, wie dieſes Thier. Es fletſchte die Zähne, die Augen — o 44— ſprühten ein fanatiſches Feuer, einen wahrhaft tödt⸗ lichen Haß— ſein Gewieher glich dem Lachen des hölliſchen Feindes. Ich ſtand entſetzt.— Der Laſſo, den mein Nachfolger ganz ruhig dem Thiere über den Kopf warf, machte es im nächſten Augenblicke wieder ſo fromm⸗unſchuldig dareinſchauen, daß wir Alle laut auflachten, obwohl ich— ſonſt nichts weniger, als ein Pferdefeind— ſtarke Verſuchung ſpürte, es auf der Stelle niederzuſchießen.“ „Mit dieſem Thiere nun, und begleitet von meinem Freunde, unternahm ich mehrere Ausflüge nach Bo⸗ livar, Marion, Columbia, Anahuae,— Städtchen von drei— ſechs— zehn— bis zwanzig Häuſern. Auch Pflanzungen beſuchten wir, anfangs ſolche, an die wir empfohlen waren, ſpäter jede, die uns in den Wurf kam. So eben waren wir auf einer dieſer Pflanzungen. Sie lag eine Meile ſeitwärts von der Straße, die von Harrisburg nach San Felippe de Auſtin führt, und gehörte einem Mister Neal.“ „Mister Neal war erſt drei Jahre im Lande und hatte ſich in dieſer Zeit ausſchließend mit der Vieh⸗ zucht beſchäftigt, in Texas einer der angenehmſten, einträglichſten und bequemſten Berufe, dem der erſte —=0 45 e— Gentleman, ohne ſich zu vergeben, folgen darf. Seine Heerden mochten zwiſchen ſieben⸗ und achthundert Stück Rinder, und fünfzig bis ſechzig Pferde zählen, alle Muſtangs. Die Pflanzung war, wie beinahe alle, die wir bisher geſehen, noch im Werden; das Haus, in jenem Hinterwäldler Style angelegt, der in unſerm Südweſten ſo gang und gäbe geworden, war geräumig und ſelbſt bequem, von rohen Baum⸗ ſtämmen aufgeführt. Es lag am Saume einer Inſel⸗ oder Baumgruppe, mitten zwiſchen zwei koloſſalen Sycamores, die es vor Sonne und Wind ſchützten. Im Vordergrunde floß die endloſe Prairie mit ihren wogenden Gräſern und Blumen in die unabſehbare Ferne hin, im Hintergrunde erhob ſich die hehre Ma⸗ jeſtät eines Texaſiſchen Urwaldes, über und über mit Weinreben durchwunden, die, hundert und mehr Fuß an den Bäumen hinaufrankend, ihre Ausläufer ſo über die ganze Inſel hingeſendet hatten. Dieſe Inſeln nun ſind einer der reizendſten Züge in dem Texaſiſchen Landſchaftsgemälde, und ſo unendlich mannigfaltig in ihren Formen und der Pracht ihrer Baumſchläge, daß man Jahre lang im Lande ſeyn, und doch immer neue Schönheiten an ihnen auffinden wird. Sie — 0 16 6— erſcheinen zirkelförmig, in Parallelogrammen, als Sexagone, Oktagone, wieder wie Schlangen aufge⸗ rollt; die raffinirteſte Parkkunſt müßte verzweifeln, dieſe unendlich mannigfaltig reizenden Formen zu er⸗ reichen. Des Morgens oder Abends, wenn umwo⸗ ben von leichten blauſeidenen Dunſtſäumen, und durch⸗ zittert von den erſten oder letzten Strahlen der Sonne, gewähren ſie einen Anblick, der auch das unpoetiſchſte Gemüth in Verzückung bringen könnte.“ „Ein nicht minder idylliſcher Zug dieſes geſegneten Landes iſt auch die bequeme, anſpruchsloſe Gaſtlich⸗ keit ſeiner Bewohner. Selbſt da, wo wir keine Em⸗ pfehlungen brachten— und ich verſtehe nicht ſchrift⸗ liche, ſondern auch bloß mündliche Empfehlungen oder Grüße— traten wir bald ganz unbefangen in die Häuſer, und wurden eben ſo unbefangen, ganz als alte Bekannte, empfangen. Dieß fand ich ſo durchgängig Regel auf allen Pflanzungen, die von Southerners, Südländern, beſeſſen waren, daß mir während meines ganzen mehrjährigen Aufenthaltes und Wirkens auch keine einzige Ausnahme auffiel. Wo ſie mir auffiel, das heißt, wo ich für die Bewir⸗ thung zahlen mußte, waren die Anſtedler aus den —e— Mittelſtaaten, oder Neu⸗England. Merkwürdig iſt auch der Umſtand, daß alle Gaſt⸗ und Boarding⸗ oder Koſthäuſer ausſchließlich von Yankees oder Bür⸗ gern aus den Mittelſtaaten gehalten werden. Der Abkömmling des ritterlichen Virginiens oder der bei⸗ den Carolina's iſt auch da zu ſtolz, ſich ſeine Gaſt⸗ freundſchaft bezahlen zu laſſen.“ „Unſer Wirth war ein fröhlicher Kentuckier, und machte ſeinem Geburtsſtaate in jeder Hinſicht Ehre. Unſere Aufnahme war die herzlichſte, die es geben konnte. Wir hatten dafür nichts zu entrichten, als die Neuigkeiten, die wir von Hauſe mitbrachten. Aber Sie können ſich auch ſchwerlich einen Begriff von der Gier, der Aengſtlichkeit machen, mit der unſere Lands⸗ leute in der Fremde Berichte von Hauſe anhören. Die Spannung iſt wirklich fieberiſch, und nicht bloß bei Männern, auch bei Frauen und Kindern. Wer ſich von dieſer wirklich fieberiſchen Anhänglichkeit unſerer Bürger an ihr Vaterland einen Begriff geben will, ſollte in der That nach Texas, oder irgend einem fremden Lande, auswandern, und mit da angeſiedel⸗ ten Landsleuten zuſammentreffen. Wir waren Nach⸗ mittags angekommen, und die Morgenſonne des fol⸗ — 48— genden Tages traf uns noch am Erzählen und De⸗ battiren— die ganze Familie um uns herum. Kaum, daß wir einige Stunden geſchlafen, wurden wir von unſern lieben Wirthsleuten bereits wieder aufgeweckt. Einige zwanzig bis dreißig Rinder ſollten eingefan⸗ gen und nach Neworleans auf den Markt verſandt werden. Die Art Jagd, die bei einem ſolchen Ein⸗ fangen Statt findet, iſt immer intereſſant, ſelten ge⸗ fährlich. Wir ließen uns die freundliche Einladung, wie Sie wohl denken mögen, nicht zweimal ſagen, ſprangen auf, kleideten uns an, frühſtückten und be⸗ ſtiegen dann unſere Muſtangs.“ 3 War es die friſch⸗lebendige Weiſe, oder der eigen⸗ thümliche, für amerikaniſche Ohren ſo ganz berechnete Zuſchnitt der Darſtellung, die ganze Geſellſchaft hatte ſich nun um den Erzähler herum verſammelt. Er hielt einen Augenblick inne, und fuhr dann fort: „Wir hatten vier bis fünf Meilen zu reiten, ehe wir zu den Thieren kamen, die in Heerden von dreißig bis fünfzig Köpfen theils weideten, theils im Graſe herumtummelten, die ſchönſten Rinder, die ich je ge⸗ ſehen, alle hochbeinig, weit höher, als die unſrigen, ſchlanker und beſſer geformt. Auch die Hörner ſtnd länger, und gleichen, in der Ferne geſehen, mehr den Geweihen der Edelhirſche, denn Rinderhörnern. Ob⸗ wohl Sommer und Winter ſich ſelbſt überlaſſen uud in der Prairie, arten ſie doch nie aus; nur wenn ſie Woͤlfe oder Bären wittern, werden ſte wild, und ſelbſt gefährlich. Die ganze Heerde tobt dann in wüthenden Sätzen dem Verſtecke zu, wo das Raub⸗ thier lauert, und dann iſt es heilſam, aus dem Wege zu gehen. Uebrigens ſind ſie beinahe gar keinen Krankheiten ausgeſetzt; von der Leberkrankheit, die unter den Heerden in Louiſtana ſo große Verwüſtun⸗ gen anrichtet, weiß man da nichts; ſelbſt die Salz⸗ ätzung iſt überflüſſig, da Salzquellen allenthalben im Ueberfluſſe vorhanden ſind.“ „Wir waren ein halbes Dutzend Reiter, nämlich Das Cajütenbuch. J. 4 — 50 G— Mister Neal, mein Freund, ich und drei Neger. Unſere Aufgabe beſtand darin, die Thiere dem Hauſe zuzutreiben, wo die für den Markt beſtimmten, mit dem Laſſo eingefangen und ſofort nach Brazoria ab⸗ geführt werden ſollten. Ich ritt meinen Muſtang. Wir hatten uns der erſten Heerde, die aus etwa fünf⸗ zig bis ſechzig Stück beſtand, auf eine Viertelmeile genähert. Die Thiere blieben ganz ruhig. Sie um⸗ reitend, ſuchten wir der zweiten den Wind abzuge⸗ winnen. Auch dieſe blieb ruhig, und ſo ritten wir weiter und weiter, und die letzte und äußerſte Truppe hinter uns, begannen wir uns zu trennen, um ſämmt⸗ liche Heerden in einen Halbkreis zu ſchließen und dem Hauſe zuzutreiben. Mein Muſtang hatte ſich bisher recht gut gehalten, munter und luſtig fortkapriolirend, keine ſeiner Tücken gezeigt, aber jetzt— wir waren noch keine zweihundert Schritte auseinander— er⸗ wachte der alte Unhold. Etwa tauſend Schritte von uns weideten nämlich die Muſtangs der Pflanzung, und kaum hatte er dieſe erſehen, als er auch in Kreuz⸗ und Querſprünge ausbrach, die mich, obwohl ſonſt kein ungeübter Reiter, beinahe aus dem Sattel brach⸗ ten.— Noch hielt ich mich jedoch. Aber unglück⸗ —= 51 6— licher Weiſe hatte ich, dem Rathe Mister Neal's entgegen, nicht nur, ſtatt des mexikaniſchen Gebiſſes, mein amerikaniſches angelegt, ich hatte auch den Laſſo, der mir das Thier bisher mehr, als ſelbſt das Gebiß, regieren geholfen, zurückgelaſſen, und wo dieſer fehlt, iſt mit einem Muſtang in der Prairie nichts anzu⸗ fangen. Alle meine Reitergeſchicklichkeit vermochte hier nichts, wie ein wilder Stier ſprang es etwa fünf⸗ hundert Schritte der Heerde zu, hielt aber, ehe es in ihrer Mitte anlangte, ſo plötzlich an, warf die Hin⸗ terfüße ſo unerwartet in die Luft, den Kopf zwiſchen die Vorderfüße, daß ich über denſelben herabgeflogen war, ehe ich mir die Möglichkeit träumen ließ. Auf Zügel und Trenſe mit beiden Vorderfüßen zugleich ſpringen, den Zaum abſtreifen, und dann mit wil⸗ dem Gewieher der Heerde zuſpringen, das war dem Kobolde das Werk eines Augenblicks.“ „Wüthend erhob ich mich aus dem ellenhohen Graſe. Mein nächſter Nachbar, einer der Neger, ſprengte zu meinem Beiſtande herbei und bat mich, das Thier einſtweilen laufen zu laſſen, Anthony der Jäger würde es ſchon wieder erwiſchen; aber in meinem Zorne hörte ich nicht. Raſend gebot ich ihm, abzu⸗ 4* — ĩ)52— ſteigen und mir ſein Pferd zu überlaſſen. Vergebens bat der Schwarze, ja ums Himmelswillen dem Thiere nicht nachzureiten, es lieber zu allen T..n laufen zu laſſen; ich wollte nicht hören, ſprang auf den Rücken ſeines Muſtangs, und ſchoß dem Flüchtling nach. Mister Neal war unterdeſſen ſelbſt herbeigeſprengt und ſchrie ſo ſtark, als er es vermochte, ich möchte ja bleiben, um Himmelswillen bleiben, ich wiſſe nicht, was ich unternehme, wenn ich einem ausgeriſſenen Muſtang auf die Prairie nachreite, eine Texas⸗Prairie ſey keine Virginia⸗ oder Carolina⸗Wieſe. Ich hörte nichts mehr, wollte nichts mehr hören; der Streich, den mir die Beſtie geſpielt, hatte mir alle Beſonnen⸗ heit geraubt; wie toll galoppirte ich nach."¹ „Das Thier war der Pferdeheerde zugeſprungen und ließ mich auf etwa dreihundert Schritte heran⸗ kommen, den Laſſo, der glücklicher Weiſe am Sattel befeſtigt war, zurechtlegen, und dann riß es abermals aus. Ich wieder nach. Wieder hielt es eine Weile an, und dann galoppirte es wieder weiter; ich immer toller nach. In der Entfernung einer halben Meile hielt es wieder an, und als ich bis auf drei⸗ oder — 0 53— zweihundert Schritte herangekommen, brach es wie⸗ der mit wildem, ſchadenfrohen Gewieher auf und davon. Ich ritt langſamer, auch der Muſtang fiel in einen langſameren Schritt; ich ritt ſchneller, auch er wurde ſchneller. Wohl zehnmal ließ er mich an die zweihundert Schritte herankommen, und eben ſo oft riß er wieder aus. Jetzt wäre es allerdings hohe Zeit geweſen, von der wilden Jagd abzuſtehen, ſte Erfahrenern zu überlaſſen; wer aber je in einem ſolchen Falle geweſen, wird auch wiſſen, daß ruhige Beſonnenheit richtig immer gleichzeitig Reißaus nimmt. Ich ritt wie betrunken dem Thiere nach, es ließ mich näher und näher kommen, und dann brach es mit einem lachenden, ſchadenfrohen Gewieher richtig wie⸗ der aus. Dieſes Gewieher war es eigentlich, was mich ſo erbitterte, blind und taub machte— es war ſo boshaft, gellte mir ſo ganz wie wilder Triumph in die Ohren, daß ich immer wilder wurde. Endlich wurde es mir doch zu toll, ich wollte nur noch einen letzten Verſuch wagen, dann aber gewiß umkehren. Es hielt vor einer der ſogenannten Inſeln. Dieſe wollte ich umreiten, mich durch die Baumgruppe ſchleichen, und ihm, das ganz nahe am Rande gra⸗ —" 54 6— ſete, von dieſem aus den Laſſo über den Kopf werfen, oder es wenigſtens der Pflanzung zutreiben. Ich glaubte meinen Plan ſehr geſchickt angelegt zu haben, ritt demnach um die Inſel herum, dann durch, und kam auf dem Punkte heraus, wo ich meinen Muſtang ſicher glaubte; allein, obwohl ich mich ſo vorſichtig, als ritte ich auf Eiern, dem Rande näherte, keine Spur war mehr von meinem Muſtang zu ſehen. Ich ritt nun ganz aus der Inſel heraus— er war ver⸗ ſchwunden. Ich verwünſchte ihn in die Hölle, gab meinem Pferde die Sporen, und ritt, oder glaubte wieder zurück, das heißt, der Pflanzung zu zu reiten.“ Der Oberſt holte tiefer Athem und fuhr fort: „Zwar ſah ich dieſe nicht mehr, ſelbſt die Heerde der Muſtangs und der Rinder war verſchwunden, aber das machte mir noch nicht bange. Glaubte ich doch die Richtung vor Augen, die Inſel vom Hauſe aus geſehen zu haben. Auch fand ich allenthalben der Pferdeſpuren ſo viele, daß mir die Möglichkeit, verirrt zu ſeyn, gar nicht beiftel. So ritt ich denn unbekümmert weiter.“ „Eine Stunde mochte ich ſo geritten ſeyn. Nach und nach wurde mir die Zeit etwas lange. Meine — d 55 6— Uhr wies auf Eins— Schlag Neun waren wir aus⸗ geritten.— Ich war alſo vier Stunden im Sattel, und wenn ich anderthalb Stunden auf die Rinder⸗ umkreiſung rechnete, ſo kamen drittehalb auf meine eigene wilde Jagd⸗Rechnung. Ich konnte mich denn doch weiter von der Pflanzung entfernt haben, als ich dachte. Auch mein Appetit begann ſich ſtark zu regen. Es war gegen Ende Mäͤrzes, der Tag heiter und friſch, wie einer unſerer Maryland⸗Maitage. Die Sonne ſtand zwar jetzt golden am Himmel, aber der Morgen war trübe und neblich geweſen, und fa⸗ taler Weiſe waren wir erſt den Tag zuvor, und gerade Nachmittags, auf der Pflanzung angelangt, hatten uns ſogleich zu Tiſche geſetzt, und den ganzen Abend und die Nacht verplaudert, ſo daß ich keine Gelegen⸗ heit wahrgenommen, mich über die Lage des Hauſes zu orientiren. Dieſes Ueberſehen begann mich nun einigermaßen zu ängſtigen, auch fielen mir die drin⸗ genden Bitten des Negers, die Zurufe Mister Neal's ein;— aber doch tröſtete ich mich noch immer; gewiß war ich jedenfalls nicht weiter als zehn bis fünfzehn Meilen von der Pflanzung, die Heerden mußten jeden Augenblick auſtauchen, und dann konnte es mir ja 1 —= 56 6— gar nicht fehlen. Dieſe tröſtende Stimmung hielt nicht lange an, es kam wieder eine bange, dann aber⸗ mals war ich eine Stunde geritten, und noch immer keine Spur von etwas wie einer Heerde oder Pflan⸗ zung. Ich wurde ungeduldig, ja böſe gegen den armen Mister Neal. Warum ſandte er mir nicht einen oder ein Paar ſeiner faulen Neger, oder ſeinen Jäger nach? Aber der war nach Anahuac gegangen, erinnerte ich mich gehört zu haben, konnte vor ein Paar Tagen nicht zurück ſeyn.— Aber ein Signal mit einem oder ein Paar Flintenſchüſſen konnte mir der Kentuckier doch geben! Ich hielt an, ich horchte; kein Laut— tiefe Stille rings umher— ſelbſt die Vögel in den Inſeln ſchwiegen; die ganze Natur hielt Sieſta, für mich eine ſehr beklemmende Sieſta. So weit nur das Auge reichte, ein wallendes, wogendes Meer von Gräſern, hie und da Baumgruppen, aber keine Spur eines menſchlichen Daſeyns. Endlich glaubte ich etwas entdeckt zu haben. Die nächſte der Baumgruppen, gewiß war ſie dieſelbe, die ich bei unſerm Austritte aus dem Hauſe ſo ſehr bewundert; wie eine Schlange, die ſich zum Sprunge aufringelt, lag ſie aufgerollt. Ich hatte ſie rechts, von der Pflan⸗ — d 57 6— zung etwa ſechs bis ſteben Meilen, geſehen— es konnte nicht fehlen, wenn ich die Richtung nun links nahm. Und friſch nahm ich ſie, trabte eine Stunde, eine zweite in der Richtung, in der das Haus liegen ſollte, trabte unermüdet fort.— Mehrere Stunden war ich ſo fortgeritten, anhaltend, horchend, ob ſich denn gar nichts hören ließe— kein Schuß, kein Schrei. Gar nichts ließ ſtch hören. Dafür aber ließ ſich etwas ſehen, eine Entdeckung, die mir gar nicht gefallen wollte. In der Richtung, in der wir ausgeritten, waren die Gräſer häufiger, die Blumen ſeltener geweſen; die Prairie, durch die ich jetzt ritt, bot aber mehr einen Blumengarten dar— einen Blu⸗ mengarten, in dem kaum mehr das Grün zu ſehen war. Der bunteſte rothe, gelbe, violette, blaue Blumenteppich, den ich je geſchaut, Millionen der herrlichſten Prairieroſen, Tuberroſen, Dahlien, Aſtern, wie ſie kein botaniſcher Garten der Erde ſo ſchön, ſo üppig aufziehen kann. Mein Muſtang vermochte ſich kaum durch dieſes Blumengewirre hindurch zu arbeiten. Eine Weile ſtaunte ich dieſe außerordentliche Pracht an, die in der Ferne erſchien, als ob Regenbogen auf Regenbogen über der Wieſe hingebreitet zitterten— 8 —" 58 6— aber das Gefühl war kein freudiges, dem peinlicher Angſt zu nahe verwandt. Bald ſollte dieſe meiner ganz Meiſter werden. Ich war nämlich wieder an einer Inſel vorbeigeritten, als ſich mir in der Entfer⸗ nung von etwa zwei Meilen ein Anblick darbot, ein Anblick, ſo wunderbar! als Alles weit übertraf, was ich je von außerordentlichen Erſcheinungen hier zu Lande, oder in den Staaten je geſehen.“ „Ein Koloß glänzte mir entgegen, eine gediegene, ungeheure Maſſe— ein Hügel, ein Berg des glän⸗ zendſten, reinſten Silbers. Gerade war die Sonne hinter einer Wolke vorgetreten, und wie jetzt ihre ſchrägen Strahlen das außerordentliche Phänomen aufleuchteten, hielt ich an, in ſprachloſem Staunen ſtarrend und ſtarrend, aber wenn mir alle Schätze der Erde geboten worden wären, nicht im Stande, dieſe außerordentliche, wirklich außerordentliche Er⸗ ſcheinung zu erklären. Bald glänzte es mir wie ein ſilberner Hügel, bald wie ein Schloß mit Zinnen und Thürmen, bald wieder wie ein zauberiſcher Koloß— aber immer von gediegenem Silber und über alle Be⸗ ſchreibung prachtvoll entgegen. Was war das? In meinem Leben hatte ich nichts dem Aehnliches geſehen. — 0 59 6— Der Anblick verwirrte mich, es kam mir jetzt vor, als ob es hier nicht geheuer, ich mich auf verzaubertem Grund und Boden befände, irgend ein Spukgeiſt ſein Weſen mit mir triebe; denn daß ich mich nun wirklich verirrt, in ganz neue Regionen hineingerathen, daran konnte ich nicht mehr zweifeln. Eine Flut trüber, düſterer Gedanken kam zugleich mit dieſer entſetzlichen Gewißheit— alles, was ich von Verirrten, Ver⸗ lorengegangenen gehört, tauchte mit einem Male, und in den grauſtgſten Bildern vor mir auf; keine Märchen, ſondern Thatſachen, die mir von den glaub⸗ würdigſten Perſonen erzählt worden, hei welchen Gelegenheiten man mich auch immer ernſtlich warnte, ja nicht ohne Begleitung oder Compaß in die Prai⸗ ries hinaus zu ſchweifen; ſelbſt Pflanzer, die hier zu Hauſe waren, thäten das nie, denn hügel⸗ und berg⸗ los, wie das Land iſt, habe der Verirrte auch nicht das geringſte Wahrzeichen, er könne Tage, ja Wochen lang in dieſem Wieſenozeane, Labyrinthe von Inſeln herumirren, ohne Ausſicht, ſeinen Weg je heraus zu finden. Freilich im Sommer oder Herbſte wäre eine ſolche Verirrung aus dem Grunde minder gefährlich, weil dann die Inſeln einen Ueberfluß der delizioſeſten —= 60— Früchte lieferten, die wenigſtens vor dem Hungertode ſchützten. Die herrlichſten Weintrauben, Parſtmo⸗ nen, Pflaumen, Pfirſiche ſind dann allenthalben im Ueberfluſſe zu finden, aber nun war der Frühling erſt ſeit wenigen Tagen angebrochen;— ich traf zwar allenthalben auf Weinreben, Pfirſich⸗ und Pflaumen⸗ bäume, deren Früchte mir als die köſtlichſten geſchil⸗ dert waren und die ich in der That ſpäter ſo gefun⸗ den, aber für mich hatten ſie kaum abgeblüht. Auch Wild ſah ich vorbeiſchießen, aber ohne Gewehr, ſtand ich inmitten des reichſten Landes der Erde, vielleicht, ja wahrſcheinlich, dem Hungertode preisgegeben. Der entſetzliche Gedanke kam jedoch nicht in folgerechter Ordnung, wie ich ihn hier entwickle,— er ſchoß mir vielmehr verwirrt, verdumpfend, und doch wieder ſo blitzartig durch das Gehirn; jedes Mal, wenn er mich durchzuckte, fühlte ich einen Stich, der mir Krämpfe und Schmerzen verurſachte.“ „Das muß eine entſetzliche Lage ſeyn,“ bemerkte halb ſchaudernd Oberſt Oakley. „Doch kamen auch wieder tröſtendere Gedanken. Ich war ja bereits vier Wochen im Lande, hatte einen großen Theil deſſelben in jeder Richtung durchgeſtreift, — e 61 e— dieſe Streifereien waren alle durch Prairies gegan⸗ gen!— Natürlich, denn das ganze Land war ja eine Prairie, und dann hatte ich meinen Compaß, und war immer in Geſellſchaft. Dieß hatte mich auch ſicher gemacht, ſo daß ich ſtupider Weiſe nun, gegen jede Mahnung und Warnung taub, wie toll der wil⸗ den Beſtie nachgejagt, uneingedenk, daß vier Wochen kaum hinreichten, mich im Umkreiſe von zwanzig Meilen, viel weniger in einem Lande, dreimal größer als der Staat Newyork, zu orientiren. Immerhin tröſtete ich mich doch noch; von der eigentlichen Größe der Gefahr hatte ich noch immer keinen deutlichen Be⸗ griff; die Blitzfunken eines ſanguiniſchen Tempera⸗ mentes zuckten denn doch noch häufig, ja oft trotzig hervor. Ich hielt es für unmöglich, mich in den wenigen Stunden ſo gänzlich verirrt zu haben, daß nicht Mister Neal oder ſeine Neger meine Spur ein⸗ holen ſollten. Auch die Sonne, die jetzt hinter den dunſtumflorten Inſeln im Nordweſten unterging, die Dämmerung hereinbrechen ließ, beruhigte mich wie⸗ der wunderbar. Ein ſeltſamer Beruhigungsgrund! Häuslich erzogen und von Kindesbeinen an Ordnung gewöhnt, war es mir zur Regel geworden, Nachts — 62— zu Hauſe, oder wenigſtens unter Obdach zu ſeyn. So ſehr hatte ſich dieſe Gewohnheit mit meinem gan⸗ zen Daſeyn verſchwiſtert, daß es mir abſolut unmög⸗ lich erſchien, die Nacht hindurch ohne Obdach zu bleiben. So fir wurde die Idee, dieſes Obdach ſey in der Nähe, daß ich meinem Muſtang unwillkürlich die Sporen gab, feſt überzeugt, das Haus Mister Neal's in der Dämmerung auftauchen, die Lichter herüberſchimmern zu ſehen. Jeden Augenblick glaubte ich das Bellen der Hunde, das Gebrülle der Rinder, das Lachen der Kinder hören zu müſſen. Wirklich ſah ich auch jetzt das Haus vor mir, meine Phantaſie ließ mich deutlich die Lichter im Parlour ſehen; ich ritt haſtiger, aber als ich endlich dem, was Haus ſeyn ſollte, näher kam, wurde es wieder zur Inſel. Was ich für Lichter gehalten, waren Feuerkäfer, die mir in Klumpen aus der düſtern Nacht der Inſel ent⸗ gegen glänzten, nun in dem auch über der Prairie hereinbrechenden Dunkel auf allen Seiten ihre blauen Flämmchen leuchten ließen, bald ſo hell leuchten ließen, daß ich wie auf einem bengaliſchen Feuerſee mich um⸗ hertreibend wähnte. Etwas die Sinne mehr Ver⸗ wirrendes läßt ſich ſchwerlich denken, als ein ſolcher —=ꝛ 63 6— Ritt in einer warmen Märznacht durch die endlos einſame Prairie. Ueber mir das tief dunkelblaue Firmament mit ſeinem hell funkelnden Sternenheere, zu den Füßen ein Ozean magiſchen Lichtes, Millionen von Leuchtfeuerkäferchen entſtrahlend!— Es war mir eine neue, eine verzauberte Welt. Jedes Gras, jede Blume, jeden Baum konnte ich unterſcheiden, aber auch jedes Gras, jede Blume erſchien in einem ma⸗ giſch⸗überſinnlichen Lichte. Prairieroſen und Tuber⸗ roſen, Dahlien und Aſtern, Geranien und Wein⸗ ranken begannen ſich zu regen, zu bewegen, zum Reigen zu ordnen. Die ganze Blumen⸗ und Pflan⸗ zenwelt begann um mich herum zu tanzen.— Auf einmal ſchallte ein laut und langgezogener Ton aus dem Feuermeere zu mir herüber. Ich hielt an, horchte, ſchaute verwirrt um mich. Nichts war mehr zu hören. Wieder ritt ich weiter. Abermals der langgezogene Ton, dießmal aber melancholiſch klagend. Wieder hielt ich an, wieder ritt ich weiter. Jetzt ließen ſich die Klagelaute ein drittes Mal hören. Sie kamen aus einer Inſel, von einer Whippoorwill, ſie ſang ihr Nachtlied. Wie ſte das vierte Mal ihr Whip⸗ poorwill in die flammende Nacht hinausklagte, ant⸗ — d 64 6— wortete ihr eine muthwillige Katydid. O wie ich da aufjauchzte, die Nachtſänger meines theuren Mary⸗ land zu hören! In dem Augenblicke ſtanden das theure Vaterhaus, die Negerhütten, die heimathliche Pflan⸗ zung vor mir. Ich hörte das Gemurmel der Creek, die an den Negerhütten vorbeiplätſcherte. So über⸗ wältigend war die Täuſchung, der ich mich, nicht hin⸗ gab, nein, die mich hinriß, daß ich meinem Muſtang die Sporen gab, feſt überzeugt, das Vaterhaus liege vor mir. Auch ähnelte die Inſel, aus welcher der Nachtgeſang herüber kam, in dem magiſchen Zauber⸗ lichte den Waldſäumen, die meines Vaters Haus um⸗ gaben, ſo täuſchend, daß ich wohl eine halbe Stunde ritt, dann aber hielt und abſtieg, und Charon Tommy rief. Charon Tommy war der Fährmann. Die Creek, die durch die väterliche Pflanzung floß, war tief, und nur wenige Monate im Jahre überſetzbar. Charon Tommy hatte von mir ſeine klaſſiſche Taufe erhalten. Ich rief ein— zwei— ein drittes, ein viertes Mal— kein Charon Tommy antwortete. Erſt nachdem ich oftmals vergebens gerufen, erwachte ich. — e 65 0— „Ein ſüßer Traum, ein ſchmerzliches Erwachen! Die Gefühle zu beſchreiben, die ſich meiner bemächtig⸗ ten, iſt nicht möglich. Alles lag ſo dumpf, ſo ſinne⸗ verwirrend auf mir, das Gehirn ſchien ſich mir im Kopfe, der Kopf auf dem Rumpfe umher zu drehen. Ich war nicht ſo müde und matt, ſo hungrig und dur⸗ ſtig, daß ich eine Abnahme meiner Kräfte gefühlt hätte; aber die Angſt, die Furcht, die wunderbaren Erſcheinungen, ſie brachten einen Schwindel, einen Taumel über mich, der mich wie einen Nachtwandler umhertrieb. Abſolut keines Gedankens mehr fähig, ſtand und ſtarrte ich in die blaue Flammenwelt hinein, wie lange, weiß ich nicht. Mechaniſch that ich end⸗ lich, was ich während meines vierwöchentlichen Auf⸗ enthaltes im Lande Andere thun geſehen, grub näm⸗ lich mit meinem Taſchenmeſſer, das ich glücklicher Weiſe bei mir hatte, ein Loch in den ſchwarzen Wie⸗ ſenboden, legte das Laſſoende hinein, ſtampfte das Loch wieder zu, nachdem ich die Schlinge dem Thiere über den Kopf geworfen und ihm Sattel und Zaum abgenommen, ließ ich es weiden, mich außerhalb des Kreiſes, den es beſchreiben konnte, niederlegend. Eine Das Cajütenbuch. I. 5 — 0 66 6— etwas ſeltene Art, die Pferde zu ſichern, werden Sie ſagen, aber immerhin die narürlichſte und bequemſte in einem Lande, wo Sie oft fünfzig Meilen im Um⸗ kreiſe kein Haus, und fünfundzwanzig, weder Strauch noch Baum ſehen.“ „Schlafen ließ es mich jedoch nicht, denn von meh⸗ reren Seiten ließ ſich ein Geheul vernehmen, das ich bald als das von Wölfen und Caguaren erkannte— wahrlich nirgendwo eine ſehr angenehme Nachtmuſik, hier aber in dieſem Feuerozeane, dieſer räthſelhaften Zauberwelt, klang dieſes Geheul ſo entſetzlich, daß es mir durch Mark und Knochen ſchallte, ich wahnſinnig zu werden befürchtete. Meine Fibern und Nerven waren in Aufruhr, und ich weiß in der That nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht glück⸗ licher Weiſe beſonnen, daß mir ja meine Cigarren⸗ büchſe und ein Röllchen Virginia⸗Dulciſſtmus treu geblieben,— unbezahlbare Schätze in dieſem Augen⸗ blicke, die auch nicht verfehlten, meine trübe Phantaſie wieder heiterer zu ſtimmen.“ „Wahrlich, wenn der herrlich⸗ritterliche Sir Walter kein anderes Verdienſt um die Menſchheit gehabt hätte, dieſes allein ſollte ihn allen jugendlichen Aben⸗ — 67 6— teurern für ewige Zeiten zum Patron heiligen! Ein Paar Havannahs— ich hatte natürlich— ein ziem⸗ lich ſtarker Raucher— das Feuerzeug bei mir— brachten einen wohlthätigen Rauſch über mich, in dem ich endlich doch entſchlummerte.“ Hier holten Alle auf eine Weiſe Athem, die verrieth, daß ſie ſich gleichfalls erleichtert fühlten. Es war aber auch in der Erzählung etwas, das ſelbſt Pflan⸗ zer, die ſo manche rauhe Seite des Menſchenlebens kennen gelernt, wohl in Spannur ung, ja Beängſtigung verſetzen konnte. Nachdem der Oberſt ſein Glas geleert, fuhr er fort: III. „Der Tag war ſchon angebrochen, als ich erwachte. Mit den Träumen waren auch die trüben Gedanken verſchwunden; ich fühlte ſcharfen Appetit, aber doch noch friſch und munter. Nüchtern, wie ich war, be⸗ 5* — 68 6— ſchloß ich, auch nüchtern die Richtung, die ich zu neh⸗ men hätte, zu erwägen, legte vor Allem den Sattel, den Zaum an, grub den Knoten aus dem Loche, brachte den Laſſo in Ordnung und beſtieg dann mei⸗ nen Muſtang. Ein neckender Geiſt hatte einen ganzen Tag ſeine Poſſen mit mir getrieben, mich meine Un⸗ beſonnenheit büßen laſſen; dafür, hoffte ich, würde er mir heute gnädiger mitſpielen, den Scherz nicht zu ſehr Ernſt werden laſſen. Ich hoffte ſo, und in dieſer Hoffnung begann ich meinen Ritt.⸗ „Ich kam an mehreren wunderſchönen Inſeln, den herrlichſten Pecans⸗, Pflaumen⸗, Pfirſichbäumen⸗ Inſeln vorbei. Es haben aber dieſe Inſeln, ſo wie überhaupt die Wälder in Texas, das Eigenthümliche, daß ihre Baumarten nicht gemiſcht, ſondern gewöhn⸗ lich ganz rein in ihren Baumſchlägen ſind. Selten treffen Sie eine Inſel mit zweierlei Baumſchlägen. Wie die verſchiedenen Thiere des Waldes ſich zu ein⸗ ander halten, ſo halten ſich hier Lebenseichen zu Le⸗ benseichen, Pflaumen zu Pflaumen, Pecans zu Pecans — nur die Rebe iſt allen gemeinſam. Sie verwebt, verſchlingt ſie alle mit ihren zarten und doch kräftigen Banden. Mehrere dieſer herrlichen Inſeln betrat ich. — e 69 c-— Da ſie nie ſehr groß, und weder Geſträuch, noch Ge⸗ ſtripp, ſtets aber das herrlichſte Grün zum Fußteppich haben, ſo erſcheinen ſie ſo friſch, ſo rein, daß ich mich bei jedem ſolchen Eintritte auch immer verwundert umſchaute. Es ſchien mir unmöglich, daß die ſich ſelbſt überlaſſene Natur ſo unglaublich rein ſich er⸗ halten ſollte,— unwillkürlich ſchaute ich mich um nach der Hand des Menſchen, des Künſtlers, ſah aber nichts, als Rudel von Hirſchen, die mich mit ihren treuen Augen unſchuldig⸗naiv anſchauten und erſt, wenn ich näher kam, ausbrachen. Was hätte ich jetzt für ein Loth Pulver, eine Unze Blei und eine Kentucky Rifle gegeben! Immerhin heiterte mich der Anblick der Thiere auf, gab mir wieder eine gewiſſe Springkraft, eine Körper⸗ und Geiſtesfriſche, die mich ordentlich trieb, den Thieren nachzujagen. Auch mein Muſtang ſchien etwas Aehnliches zu verſpüren, er tanzte dann immer mehr mit mir, als er ging, wieherte friſch und munter in den Morgen hinein.“ „So ritt ich denn getroſt weiter, Stunde auf Stunde. Der Morgen verging, Mittag kam heran, die Sonne ſtand hoch oben am wolkenloſen Himmel; der Aypetit begann ſich nun ſtärker zu melden, bald zum wahren — 2 70— Heißhunger zu werden, der ſchneidend in mir nagte. Ein gewiſſes Zehren in den Eingeweiden, ein krebsar⸗ tiges Nagen, das allmälig eine ſchmerzlich peinigende Empfindung aufregte. Ich ſpürte die Fühlhörner, die Zangen, wie ſte in meinen Eingeweiden herum⸗ wühlten, die zarteſten Theile meines Lebensprinzipes angriffen. Auch meine Kräfte, am Morgen beim Er⸗ wachen ſo friſch, lebendig, fühlte ich zuſehends ab⸗ nehmen, eine gewiſſe Squeamishness, Geſchmackloſig⸗ keit, Ermattung über mich kommen.“ „Nagte jedoch der Hunger peinigend, ſo quälte mich der Durſt folternd. Dieſer Durſt war wirklich eine folternde, eine hölliſche Empfindung, doch hielt er, ſo wie der Hunger, nie lange an; auch die Mattig⸗ keit verging wieder, und es kam jedes Mal nach einem ſolchen Anfalle wieder eine Pauſe, während welcher ich recht leidlich fühlte. Die dreißig oder mehr Stun⸗ den, die ich nichts zu mir genommen, hatten meine von Natur ſtarken Nerven mehr an⸗ als abgeſpannt;— aber doch begann mir klar zu werden, daß dieſes wie⸗ derholte Anſpannen nicht lange mehr währen könne, ohne mich auch abzuſpannen, denn bereits meldeten ſich die Vorboten. Die Zuverſicht und Beſonnenheit, — 0 71— die mich im Ganzen genommen doch noch immer auf⸗ recht erhalten, begannen zu ſchwinden, eine gewiſſe Verzagtheit, Geiſtesabweſenheit ſich dafür einzuſtellen, in der mich ſo entſetzlich unbeſtimmte Traumbilder um⸗ ſchwirrten, daß mir die Sinne wirre wurden, ich wie ein Betrunkener von meinem Muſtang herabhing.— Solche Vorboten, halbe Ohnmachten währten bis jetzt zwar nicht lange, immer kam ich wieder zu mir, gab dann dem Thiere die Sporen, und eilte wieder raſcher vorwärts. Aber die qualvolle Empfindung, das entſetzliche Bewußtſeyn der Verlaſſenheit, die mich bei einem ſolchen Erwachen jedes Mal durchdrang! Wie ich dann ſo haſtig, gierig, halb wahnſinnig herumſtierte— ſchaute, mir beinahe die Augen aus⸗ ſchaute, und doch nichts erſchaute, als den ewigen und ewigen Ozean von Gräſern und Inſeln!“— „Dieſe Empfindungen zu ſchildern!“— „Ich war oft der Verzweiflung nahe, meine Angſt ſo entſetzlich, daß ich wie ein Kind weinte, ja betete. Ja, zu beten begann ich jetzt, und ſeltſam, wie ich das Gebet des Herrn anfing, war es mir, als ob eine Stimme mir zuriefe, vorwürfe, warum ich mich nicht früher an Ihn gewendet, der allein hier helfen könne? — 72— Ich betete nun ſo haſtig, flehte ſo inbrünſtig, in mei⸗ nem Leben habe ich nicht ſo heiß gefleht. Auch kam, wie ich jetzt nach dieſem Gebete meine Augen zu ihm erhob, der in dieſer ſeiner herrlichen Welt ſo ſichtbar thronte, eine Zuverſicht über mich, eine unbeſchreiblich fromme, kindliche Zuverſicht! Es war mir, als müßte ich erhört werden. Ich fühlte ſo gewiß, daß ich ganz getroſt auf⸗ und herumſchaute, überzeugt, zu finden, was ich ſuche.— Und wie ich ſo ſchaue, denken Sie ſich mein unausſprechliches Erſtaunen, Entzücken! er⸗ ſchaue ich ganz in der Nähe, keine zehn Schritte, Pferd⸗ und Reiterſpuren. Bei dieſer Entdeckung ent⸗ fuhr mir ein Freudenſchrei, der mir geradezu in die Himmel als Jubeldank für mein erhörtes Gebet dringen zu müſſen ſchien. Es durchfuhr mich wie ein elektri⸗ ſcher Funke. Meine ganze Kraft und Zuverſicht wa⸗ ren auf einmal wiedergekehrt. Es trieb mich, vom Pferde zu ſpringen, die Erde, die dieſe Spuren trug, zu küſſen. Freudenthränen rollten mir aus den Augen, über die Wangen, wie ich nun jubelnd meinem Thiere die Zügel ſchießen ließ, und mit einer Haſt davon ritt, als ob die Geliebte meines Herzens mir vom Ziele herüberwinkte. Nie hatte ich gegen die Vorſehung — 0 73 6— ſo dankbar gefühlt, als in dieſer Stunde. Während ich ritt, betete ich, und während ich betete, trat mir wieder die Größe meines Schöpfers ſo ſiegend aus ſeinen herrlichen Werken vor Augen! Ich öffnete ſte jetzt weiter, denn je, um mich ganz von ihm und ſeiner herrlichen Natur durchdringen zu laſſen.— Wohl herrlichen Natur! Der Menſch, der auf dieſem Boden ſteht, und nicht von der Größe und Allmacht ſeines Schöpfers durchdrungen wird, der muß Thier, ganz Thier ſeyn. Der Gott Moſes, der aus dem glühenden Dornbuſche ſprach, iſt ein Kindergott gegen den Gott, der hier allergreifend vor die Augen tritt, klar, greif⸗ lich aus dieſer unermeßlichen Wieſen⸗, Inſel⸗ und Baumwelt vor Augen tritt. Nie zuvor war er mir ſo groß vorgekommen. Ich erſchaute ihn ſo klar, ich glaubte, ihn greifen zu können, ſeine Stimme tönte mir in die Ohren, ſeine Herrlichkeit durchdrang mich, erfüllte meine Seele mit einem ſüßen Rauſche, der etwas von Verzückung an ſich hatte. Nun ich das Ende meiner Pein, meine Rettung mit Gewißheit vorausſah, wollte ich mich gleichſam zum Abſchiede noch letzen mit ihm und ſeinem herrlichen Werke. Es lag ſo grandios vor mir, ſo ruhig, ſo ozeanartig mit N —= 74— ſeinen, Hunderte von Meilen in jeder Richtung hin⸗ wogenden Gräſern, den ſchwankend⸗ſchwimmenden Inſeln, die in den goldenen Strahlen der Nachmittags⸗ ſonne wirklich ſchwebend und ſchwimmend erſchienen, während wieder hinten und ſeitwärts wogende Blu⸗ menfelder, in den fernen Aether hinaufſchwellend, Himmel und Erde in eine und dieſelbe Glorie ver⸗ ſchmolzen. So bot ſich die Prairie gegen Weſten dem Auge dar. Gegen Süden erſchien ſie, wo mög⸗ lich, noch zauberiſcher. Lichte— golden und blau gewirkte Schleier— umhingen da die entfernteren Inſelgruppen, ihnen zeitweilig ein dunkles Bronze⸗ Colorit verleihend, das wieder in der nächſten Minute durch einen leichten Luftzug in die hellſte Farbenpracht aufflammte. Wie ſtegend brachen bei jedem ſolchen Luftzuge die Strahlen der Sonne durch, dieſe himm⸗ liſchen Schleier und die koloſſalen Baummaſſen ſchie⸗ nen mit dem Luftſtrome heran zu ſchwimmen, zu tanzen durch die unglaublich transparente Atmoſphäre. Ein unbeſchreiblich glorioſer Anblick! Vor mir der endloſe Wieſen⸗ und Blumenteppich mit ſeinen Myriaden von Prairieroſen, Tuberroſen und Mimoſen, dieſer ſo lieblich, ſinnig⸗zarten Pflanze, die, ſo wie Ihr in ihre —=0 75 6— Nähe kommt, mit ihren Stengeln und Blättern ſich aufrichtet, Euch gleichſam anſchaut und dann zurück⸗ ſchrickt, ſo ſichtbar zurückſchrickt, daß Ihr ſtaunend anhaltet und ſchaut, gerade als ob Ihr erwartetet, ſte würde Euch klagen, dieſe ſeltſame Pflanze! Ehe die Hufe meines Muſtangs, oder ſeine Füße ſie berührten, ſchrack ſie ſchon zurück; in der Entfernung von fünf Schritten ſah ich ſie ſchon aufzucken, mich gleichſam ſcheu, verſchämt, vorwurfsvoll anblicken, und dann zuſammenſchrecken. Der Stoß nämlich, den der Pferde⸗ oder Menſchentritt verurſacht, wird der Pflanze durch ihre langen, horizontal liegenden Wurzeln mitgetheilt, die, erſchüttert, auch Stengel und Blätter zucken ma⸗ chen. Ein wirklich ſeltſames Zuſammenzucken— Schrecken! Erſt wenn Ihr eine Strecke geritten, erhebt ſie ſich wieder, aber zitternd und bebend, und ganz wie eine holde Jungfrau, die durch eine rohe Hand betaſtet, auch beſtürzt und erröthend das Köpfchen, die Arme ſinken läßt, ſte erſt, wenn der Rohe ge⸗ gangen, wieder erhebt.“ „In einer Lage, wie die war, in der ich mich be⸗ fand, iſt man eigenthümlich weich und empfindſam geſtimmt. Unſere Roaſtbeefs, glauben Sie mir, tra⸗ —= 76— gen viel dazu bei, uns mit ihrem Fleiſche und Safte auch halb und halb die dicke Haut der vierfüßigen Thiere, von denen ſie ſtammen, beizulegen. Aber nun hatte ich die vierzig und mehr Stunden weder Roaſt⸗ beef, noch ſonſt etwas Genießbares über die Zunge gebracht, und daher denn auch die zarten, frommen Empfindungen. Sie ſind wieder großentheils ſpäteren Eindrücken gewichen, bis auf eine, die ich eine Offen⸗ barung meines Gottes nennen möchte, und die mich durchdrang, um nimmermehr zu weichen. Ich habe mir, ſo mag ich wohl ſagen, einen neuen, einen le⸗ bendigen Gott gewonnen, einen Gott, den ich früher nicht kannte, denn mein früherer Gott war der Gott meines Predigers; der, den ich in der Prairie kennen gelernt, iſt aber mein eigener Gott, mein Schöpfer, der ſich mir in der Herrlichkeit ſeiner Werke geoffen⸗ bart, der mir von dieſer Stunde an vor Augen ſtand, und ſtehen wird, ſo lange Odem in mir iſt.“ Hier drückte der General dem jungen Manne die Hand. Dieſer fuhr fort: 4 „Doch zurück zu kehren zu meiner glücklich gefun⸗ denen Spur, ſo ritt ich und ritt wohl eine Stunde, als ich plötzlich mir zur Seite eine zweite Spur— —= 77— erſchaute. Sie lief in paralleler Richtung mit der, welcher ich folgte.— Wäre es möglich geweſen, mei⸗ nen Jubel zu erhöhen, ſo würde dieſe gefundene zweite Spur es bewirkt haben; ſo ſtärkte ſte bloß meine Zu⸗ verſicht. Jetzt ſchien es mir unmöglich, nicht den Aus⸗ weg aus dieſer entſetzlichen Prairie zu finden. Zwar fiel es mir als einigermaßen ſonderbar auf, daß zwei Reiter in dieſer endloſen Wieſe zuſammengetroffen, ihren Weg fortgeſetzt haben ſollten; aber die beiden Pferdeſpuren waren einmal da, liefen traulich neben einander, ſetzten ihr Dageweſenſeyn außer allen Zwei⸗ fel. Auch zeigte ihre Friſche, daß ſie nicht vor langer Zeit durchgeritten ſeyn konnten. Vielleicht, daß es noch möglich war, ſie einzuholen? Der Gedanke trieb mich zur größtmöglichen Eile. Ich ritt, was mein Muſtang nur durch die ellenhohen Gräſer und Blu⸗ men traben konnte; aber, obwohl ich nun eine— zwei— ja drei Stunden wieder ſcharf ritt, Reiter bekam ich doch keine zu ſehen. Zehn Meilen konnte ich ringsum überſchauen, aber nirgends etwas Reiter⸗ ähnliches! Zwar lagen einige Inſeln vor mir, aus einer dieſer Inſeln glänzte mir ein ähnliches Silber⸗ Phänomen, wie das— welches ich den vergangenen — 78 6— Tag geſehen, entgegen— aber jetzt zog mich kein Phä⸗ nomenglanz mehr an. Um einen der Reiter hätte ich alle Phänomene, alle Silberwerke der Erde gegeben. Zuletzt mußte ich doch auf ſie treffen, denn die Spuren lagen vor mir, mußten zu ihnen führen, wenn— ich ſie nur nicht verlor? Daß dieſes Unglück mir nicht begegne, war meine größte Sorge. Alle meine Gei⸗ ſteskräfte im Auge concentrirt, ritt ich nun Schritt für Schritt.— So verging wieder eine Stunde— eine zweite— der Nachmittag wandte ſich dem Abend zu — die Spuren liefen immer noch fort, das tröſtete mich. Zwar begannen jetzt meine Kräfte zuſehends abzunehmen— ich merkbar matter zu fühlen, das krebsartige Nagen kam heftiger, der Mund wurde mir faul, geſchmacklos, das Innere kalt, der Magen ſchlaff, die Glieder wurden ſchwer, das Blut fühlte kalt in den Adern;— die Anwandlungen von Ohn⸗ macht meldeten ſich häufiger, ſtärker; aber eigentlichen Hunger und Durſt fühlte ich nicht mehr an dieſem zweiten Nachmittage, nur, wie bemerkt, eine ſtarke Abnahme der Kräfte, und mit dieſer ſtellte ſich eine Schwäche aller Organe, aller Sinne ein, die mich mit neuem Schrecken erfüllte. Es wurde mir trübe „ — 79 6— vor den Augen, dumpf um die Ohren, der Zaum be⸗ gann mir kalt und ſchwer zwiſchen den Fingern z liegen, in den Gliedern wurde eine gewiſſe ſchmerz⸗ hafte Empfindſamkeit fühlbar, es war mir, als ob Nacht über mich, mein Sein hereinbräche.“ „Immer ritt ich jedoch fort und fort. Endlich mußte ich doch auf einen Ausweg ſtoßen, die Prairie irgendwo ein Ende haben. Freilich war das ganze ſüdliche Texas eine Prairie, aber doch hatte dieſe Prairie wie⸗ der Flüſſe, und in der Nähe dieſer Flüſſe mußte ich auf Anſiedelungen ſtoßen; ich durfte nur dem Laufe eines dieſer Flüſſe fünf oder ſechs Meilen folgen, und war gewiß, auf Häuſer und Pflanzungen zu treffen. Wie ich ſo mich tröſtend fortritt und ſchaute, und abermals ſchaute, ob denn noch keiner der Reiter zu ſehen, gewahre ich plötzlich eine dritte Pferdeſpur, in der That und Wahrheit eine dritte Pferdeſpur, die wieder parallel mit den zweien, denen ich nachritt, fortlief. Nun waren meine ſeit einigen Stunden ge⸗ ſunkenen Hoffnungen plötzlich wieder neu belebt. Jetzt konnte es mir doch gewiß nicht mehr fehlen; drei Rei⸗ ter mußten eine beſtimmte, zu irgend einem Ziele führende Richtung genommen haben? welche, war — e 80— mir gleichviel, wenn ſie nur zu Menſchen führte. Zu Menſchen, zu Menſchen! rief ich jauchzend, meinen Muſtang zu erneuerter Eile antreibend.“ „Die Sonne ſank das zweite Mal hinter den hohen Baumwipfeln der weſtlichen Inſeln hinab;— die in dieſen ſüdlichen Breitegraden ſo ſchnell einbrechende Nacht brach abermals herein;— von den drei Reitern aber— war noch immer nichts zu ſehen. Ich fürch⸗ tete, in der ſo ſchnell überhand nehmenden Dunkelheit die Spuren zu verlieren, hielt daher, als die Dämme⸗ rung in Nacht zu verſchwimmen begann, vor einer Inſel an, ſchlang das eine Ende des Laſſo um einen Baumaſt, die Schlinge um den Hals des Pferdes, und warf mich dann ins Gras. „Rauchen konnte ich nicht mehr, die Cigarren ſchmeckten mir ſo wenig, als der Dulciſſimus, ſchlafen konnte ich eben ſo wenig. Kam auch zuweilen der Schlummer, ſo wurde er jedes Mal durch krampf⸗ haftes Auf⸗ und Zuſammenſchrecken unterbrochen.— Es gibt nichts Gräßlicheres, als matt und ſchwach, und von Hunger und Durſt gefoltert und zernagt, nach Schlaf zu ringen, und doch nicht ſchlafen zu können! — 81 6— Es war mir, als ob zwanzig Zangen und Marter⸗ werkzeuge in meinem Innern wütheten. So lange die Bewegung zu Pferde angehalten, hatte ich dieſe Pein weniger geſpürt, aber jetzt wurde ſie wahrhaft furchtbar. Zugleich ſpielten ſo gräßliche Phantome um mich herum!— Ich werde dieſe Nacht alle Tage meines Lebens nicht vergeſſen.“ „Kaum war die Morgendämmerung angebrochen, ſo raffte ich mich auch wieder auf; aber es dauerte lange, ehe ich den Muſtang gerüſtet hatte. Der Sattel war mir ſo ſchwer geworden, daß ich ihn nur mit Mühe dem Thiere auf den Rücken hob; ſonſt warf ich ihn mit zwei Fingern auf, jetzt vermochte ich es kaum mit Anſtrengung aller meiner Kräfte. Noch größere Mühe koſtete es mich, den Gurt zu be⸗ feſtigen; doch kam ich endlich zu Stande, und beſtieg abermals mein Thier, die Spur ſo raſch verfolgend, als es uns beiden nur möglich war. Mein Muſtang war— wie Sie leicht denken mögen, von dem acht⸗ undvierzigſtündigen Ritte gleich ſtark mitgenommen, ein Glück übrigens für mich, denn friſch und munter hätte er mich bei dem erſten Seitenſprunge abgewor⸗ fen. Selbſt jetzt vermochte ich mich kaum mehr im Das Cajütenbuch. I. 8 —"d 82— Sattel zu halten, hing wie ein Automat von dem Rücken des Thiers herab, das weder um Sporen, noch Zügel ſich mehr viel kümmern zu wollen ſchien.“ „So mochte ich wieder eine, oder zwei Stunden geritten ſeyn, als ich plötzlich und zu meinem größten Schrecken die drei Pferdeſpuren— verſchwunden ſah. Ich ſchaute, ich ſtarrte; mein Schrecken wurde zum Entſetzen, aber ſie waren und blieben verſchwunden. Noch immer traute ich meinen Augen nicht. Ich ſchaute, prüfte nochmals, ritt zurück, wieder vor⸗ wärts, ſchaute auf allen Seiten, prüfte aufmerkſam, nahm, wie wir zu ſagen pflegen, alle Geiſteskräfte im Sehorgane zuſammen;— aber ſie waren und blieben verſchwunden. Sie kamen bis auf den Punkt, wo ich hielt, hier aber hörten ſie auf; auch nicht die geringſte Spur weiter. Bis hieher waren die Reiter gekommen, und keinen Schritt weiter. Sie mußten hier gelagert haben, denn ich fand das Gras in einem Umkreiſe von fünfzig bis ſechzig Fuß zertreten. Wie ich ſo ſchaue, gewahre ich etwas Weißes im Graſe. Ich ſteige ab, gehe darauf zu, hebe es auf. Gott im Himmel! Es war das Papier, in das ich meinen Virginia⸗Dulciſſimus gewickelt, das ich die letzte Nacht — d 83 6— weggeworfen! Ich war auf derſelben Stelle, wo ich übernachtet! war alſo meiner eigenen Spur nachge⸗ ritten, im Cirkel herumgeritten!“ „Das iſt wahrhaft furchtbar!“ ſchrieen hier ein Dutzend Stimmen. „Ja wohl, entſetzlich!“ fuhr langſam und halb ſchaudernd der Oberſt fort.„Ich ſtand wie vernichtet, keines Gedankens mehr fähig. So hatte mich die gräßliche Entdeckung niedergeſchmettert, daß ich wie ein Klotz in dumpfer Verzweiflung neben meinem Muſtang niederſank, nichts wünſchend, als ſo ſchnell wie möglich zu ſterben.— Ein Schlag vor den Kopf, der mich aus der Welt gefördert, wäre mir jetzt als die größte Wohlthat erſchienen.“ „Wie lange ich lag, weiß ich nicht. Lange mußte es geweſen ſeyn, denn als ich mich endlich doch wie⸗ der aufraffte, war die Sonne tief am weſtlichen Him⸗ mel herabgeſunken. Ich verwünſchte ſie jetzt ſammt der Prairie und war ſo wild!— Wäre ich bei Kräf⸗ ten geweſen, ich hätte ſehr wild gethan, aber ein dreitägiges Faſten in einer Prairie zähmt jede, auch die exorbitanteſte Wildheit, verſichere Sie. Ich war — 81— nicht nur körperlich, ſondern auch geiſtig ſo reduecirt, daß ich weder Flüche, noch einen andern Gedanken feſtzuhalten vermochte, mir abſolut nicht erklären konnte, wie es gekommen, daß ich meiner eigenen Spur nachgeritten. Später wurde mir dieſes freilich klar. Was ich für fremde Reiterſpuren gehalten, waren meine eigenen geweſen. Ohne Landmarke, ohne Wegweiſer, war ich im Cirkel herum,— und während ich vorwärts zu kommen glaubte, rückwärts geritten. Ich war, wie ich ſpäter erfuhr, in der Ja⸗ cinto⸗Prairie, einer der ſchönſten von Texas, an die ſtebzig Meilen lang und breit, ein wahres Eden, die auch das mit dem Paradieſe gemein hat, daß ſie ſo leicht verführt. Selbſt erfahrene Jäger wagten ſich nicht leicht ohne Compaß in dieſe, von der Menſchen⸗ hand kaum noch betretene Wieſen⸗ und Inſelwelt. Wie hätte ich mich alſo zurechtfinden ſollen, ein ſo eben vom Collegium gekommener, zweiundzwanzig⸗ jähriger, unerfahrener Friſchling! Meine Lage war in der That gräßlich. So ganz hatte mir die furcht⸗ bare Entdeckung die Kraft geraubt, daß ich mich nur mit vieler Anſtrengung auf dem Rücken meines Thieres hielt, mich ihm abſolut willen⸗, ja kraftlos überließ. — 85 6— Was jetzt noch kam, war mir gleichgültig. Den Zaum um die Hand gewunden, klammerte ich mich ſo ſtark, als ich es vermochte, an Sattel und Mähne, das Thier in Frieden gehen laſſend. Hätte ich es doch früher gethan! Wahrſcheinlich wäre ich dann nicht in dieſe äußerſte Noth gerathen, der Inſtinkt würde das Thier zweifelsohne einer Pflanzung zuge⸗ führt haben. Das iſt jedoch das Eigenthümliche unſerer Unbeſonnenheiten, daß die erſte immer ein ganzes Heer anderer nach ſich zieht, ſo unaufhaltſam nach ſich zieht, daß man gar nicht mehr zu einer ru⸗ higen, leidenſchaftsloſen Anſchauung kommen kann. — Die erſte Unbeſonnenheit begangen, war ich kopf⸗ los, wie ein wahrer Thor, herumgeritten, und doch! käme heute ein Anderer in meine Lage, Hundert wollte ich gegen Eins wetten, er zöge ſich nicht beſſer aus der Teufelei.“ „Nur ſo viel weiß ich mich von dieſen entſetzlichen Stunden her noch zu erinnern, daß mein Muſtang einige Male in der Luft herumſchnopperte, dann aber eine entgegengeſetzte Richtung, und zwar ſo raſch einſchlug, daß ich mich nur mit größter Mühe in dem Sattel zu behaupten vermochte; denn jetzt ſchmerzten —= 86 6— alle meine Glieder ſo furchtbar, daß jeder Tritt des Thieres mir zur wahren Folter wurde, ich oft in Ver⸗ ſuchung kam, Kopf und Mähne fahren und mich herabſinken zu laſſen. Wie lange ich ſo herumge⸗ ſchleppt ward, weiß ich nicht, noch, wie ich bei ein⸗ brechender Nacht von dem Rücken des Thieres kam. Wahrſcheinlich verdankte ich es dem Laſſo, daß es ſo geduldig mit mir umſprang.— Wie ich die Nacht zugebracht, das mag der Himmel wiſſen. Ich war keines Gedankens mehr fähig, ja, wenn ich einen zu faſſen verſuchte, zuckte es mir ſo ſchmerzlich durch das Gehirn, als ob eine Zange darin herumwühlte. Alles that mir weh, die Glieder, die Organe, mein ganzer Körper. Ich war, wie auf dem Rade zerbrochen. Meine Hände waren abgemagert, meine Wangen eingefallen, meine Augen lagen tief in den Höhlen; — wenn ich mir ſo im Geſichte herumfühlte, entfuhr mir immer ein idiotiſches, halb wahnſinniges Lachen; — ich war in der That dem Wahnſinn nahe.— Des Morgens, als ich aufſtand, vermochte ich kaum, mich auf den Füßen zu erhalten, ſo hatten mich der vier⸗ tägige Ritt, die Anſtrengung, Angſt und Verzweif⸗ lung heruntergebracht. Man behauptet, der geſunde — 87— Mann könne neun Tage ohne Nahrung aushalten; vielleicht kann er es, in einer Stube oder einem Ge⸗ fängniſſe, aber ſicher nicht in einer Texas⸗Prairie. Ich bin überzeugt, den fünften Tag hätte ich nicht überſtanden. Wie ich auf den Rücken meines Muſtang kam, iſt mir noch heute ein Räthſel; wahrſcheinlich hatte er, ermüdet ſich gelagert, und war ſo mit mir, der ich mich in den Sattel einſetzte, aufgeſtanden. Sonſt wüßte ich wahrhaftig nicht, wie ich hinauf gekommen; aber hinauf kam ich, Dank dem Laſſo, den ich inſtinktartig, wie der Ertrinkende, keinen Au⸗ genblick aus der Hand gelaſſen. Jetzt verſchwamm Alles ſo chaotiſch vor meinen Augen, daß es Mo⸗ mente gab, wo ich mich nicht mehr auf dieſer Erde wähnte. Ich ſah die herrlichſten Städte, wie ſie die Phantaſie des genialſten Malers nicht grandioſer her⸗ vor zu zaubern vermag, mit Thürmen, Kuppeln, Säulenhallen, die bis zu den Sternen hinaufreichten; wieder die ſchönſten Seen, ſtatt mit Waſſer, mit flüſ⸗ ſigem Golde und Silber gefüllt; Gärten, in den Lüf⸗ ten ſchwebend, mit den lockendſten Blumen und Bäu⸗ men, mit den herrlichſten Früchten;— aber ich ver⸗ mochte es nicht mehr, auch nur die Hand nach dieſen —= 88— lüſternen Früchten auszuſtrecken, ſo ſchwer waren mir alle meine Glieder geworden. Jeder Schritt des Thieres verurſachte mir jetzt die gräßlichſten Schmer⸗ zen, die geringſte Bewegung, Erſchütterung, wurde zur wahren Qual; die Eingeweide brannten mir wie glühende Kohlen, es riß darin herum, als wenn Skorpione da wühlten; Gaumen und Zunge waren vertrocknet, die Lungenflügel wie verſchrumpft, wäh⸗ rend die Hände, die Füße zu fühlen waren, als ob ſte nicht mehr Theile meines Körpers— nein fremd⸗ artige, mir angeſetzte Marterwerkzeuge— wären.“ „Bloß ſo viel weiß ich mich noch dunkel zu entſin⸗ nen, daß es mir plötzlich an den Kopf, um die Ohren ſchlug— ob wirkliche Schläge, ob Laute oder Töne, kann ich nicht ſagen;— es war etwas wie Geſtöhne, das ich zu hören glaubte, ein Röcheln, das mir dumpf in die Ohren drang, vielleicht mein eigenes, vielleicht auch fremdes.— Sinne und Bewußtſeyn hatten mich nun beinahe gänzlich verlaſſen. Nur ſehr dunkel ſchwebt es mir vor, als wenn ich an Blätter und Zweige geſtreift, denn es ſauste mir in den Ohren, wie Knacken, Brechen der Aeſte;— auch hielt ich mit der letzten Kraft an etwas,— was es war, ob — 89 6— Sattel, ob Mähne, oder ſonſt etwas, weiß ich gleich⸗ falls nicht;— dieſer Halt entfuhr mir,— die Kraft verließ mich,— ich ſank.“ „Ein Schlag, wie der Donner eines losgebrannten Vierundzwanzigpfünders, ein Sauſen, Brauſen, wie das des Niagara⸗Cataractes,— ein Wirbeln, als ob ich in den Mittelpunkt der Erde hinabgeriſſen würde, ein Heer der gräulichſten Phantome, die von allen Seiten auf mich einſtürmten, mich umkreisten, umtobten!— Und dann eine Muſtk, wie aus höheren Sphären, glänzende Lichtgeſtalten, ein ſich vor meinen Blicken öffnendes Elyſtum!“— „Wieder ein ſchmerzlicher Stich, der mir ſtedend, glühend durch die Kehle, die Eingeweide brannte, mich wie in lichterlohen Flammen auflodernd fühlen ließ. Etwas, als ob der entwichene Lebensfunke wieder zurückkehrte, die Lungenflügel ſich öffneten, als ob es heiß durch die Glieder und Adern quirle, mir in Kopf und Augen dränge. Sie öffneten ſich.— Der Oberſt hielt inne— Aller Blicke ſielen ge⸗ ſpannt auf ihn. Der General ſprang auf. — 0 90— „Oberſt Morſe! fehlt Euch etwas? Ihr ſeyd an⸗ gegriffen.“ „Ein wenig,“ verſetzte dieſer, tiefen Athem holend. „Die Rückerinnerung— „Strengt Euch die Erzählung an?“ fragte der General. „Der Moment, ja— doch es iſt vorüber. u Er nahm das ihm präſentirte Glas, und trank.— Es trat eine tiefe Stille ein. IV. Nach einer geraumen Weile nahm er wieder das Wort. „Ich ſchaute auf, um mich.“— „Ich lag auf der Raſenbank eines ſchmalen, aber tiefen Fluſſes. Mir zur Seite ſtand mein Muſtang, neben dieſem ein Mann, der, die Arme gekreuzt, eine ſtrohgeflochtene Waidmannsflaſche in der Hand hielt. Mehr konnte ich nicht wahrnehmen, denn ich war zu ſchwach, mich aufzurichten. In meinen Eingeweiden brannte es wie hölliſches Feuer. Die Kleider, die mir naß am Leibe klebten, waren ein wahres Labſal.“ W — 0 91— „Wo bin ich?— röchelte ich.“ „Wo ihr ſeyd? Fremdling! Wo ihr ſeyd? Am Jacinto, und daß ihr am— und nicht im Jacinto ſeyd, iſt, rechne ich, nicht eure Schuld— D— nit! Sie iſt's nicht. Seyd aber am Jacinto, und auf'm — wenn auch nicht im Trocknen.“ „Des Mannes höhniſch feindſelig rohes Lachen hatte etwas ſo unbeſchreiblich widerwärtig Zurück⸗ ſtoßendes, daß es mir Schmerzen in den Ohren ver⸗ urſachte, jedes Wort, das an die Ohrenfelle an⸗ ſchlug, ſchmerzte. Wenn mir die halbe Welt für einen freundlichen Blick geboten worden wäre— es wäre mir nicht möglich geweſen, mit ſolchem Grauſen und Abſcheu erfüllte mich dieſes gräßliche Hohnlachen.“ „War es der äußerſt gereizte, im Abſchnappen be⸗ griffene Zuſtand meiner Nerven, war es ein ſonſtiger Umſtand, der dieſes gräßlich diskordante Lachen ſo unſäglich widerwärtig auf mich einwirken ließ, ſo viel kann ich mit Beſtimmtheit verſichern, daß, als das letzte Wort meine Ohren zerriß, mir auch der gräßliche Charakter des Lachers mit einer Deutlich⸗ keit, einer Klarheit vor den Augen ſtand, in der ich in meinem ganzen Leben keinen Charakter, ſelbſt die vtͤͤͤͤͤͤͤſͤ— —o 9 6— längſt bekannten befreundeten, durchſchaut. Ich wußte, daß er mein Lebensretter, daß er es geweſen, der mich aus dem Fluſſe gezogen, in den ich köpflings über den Hals meines Muſtangs geſtürzt, als dieſer wüthend vor Durſt über die Raſenbank in das Waſſer hinabſprang; daß ich ohne ihn unfehlbar ertrunken ſeyn mußte, ſelbſt wenn der Fluß nicht ſo tief geweſen wäre; daß auch er es war, der mich mit ſeinem Whisky aus der tödtlichen Ohnmacht zum Bewußtſeyn zu⸗ rückgebracht!— Aber wenn er mir zehn Leben gerettet hätte, ich vermochte es nicht, den unſäglichen Wider⸗ willen zu überwinden. Es war mir nicht möglich, ihn anzuſehen.“ „Scheint nicht, daß euch meine Geſellſchaft zwei Mal lieb iſt?— grinzte er mich höhniſch lauernd an.“ „Eure Geſellſchaft nicht lieb? Habe ſeit mehr als hundert Stunden keine menſchliche Seele geſehen, keinen Biſſen, keinen Tropfen über die Zunge gebracht.“— „Holla! da lügt ihr!— brüllte er lachend,— habt ja einen Mundvoll aus meiner Flaſche genom⸗ men— zwar nicht eigentlich genommen, aber ihn doch den Rachen hinabgeſchüttet. Und wo kommt ihr her? das Thier da iſt nicht eures?“ — 93 6— „Mister Neals!— gab ich zur Antwort.“ „Weſſen iſt es?— fragte er nochmals lauernd.“ „Mister Neals!u „Sehe es am Brand. Aber wie kommt ihr von Mister Neals her an den Jacinto? Sind gute ſiebzig Meilen quer über die Prairie zu Neals Pflanzung. Habt doch nicht mit ſeinem Muſtang Reißaus ge⸗ nommen?“ „Verirrt, habe ſeit vier Tagen keinen Biſſen über die Zunge bekommen.“ „Mehr vermochte ich nicht herauszubringen. Schwäche und Abſcheu ſchloſſen mir den Mund. Die Sprache des Mannes verrieth eine Verwilderung, eine Entmenſchtheit, die Alles weit überſtieg, was ich der Art je geſehen und gehört.“ „Vier Tage nichts über die Zunge gebracht, und in einer Texas⸗Prairie, und Inſeln auf allen Seiten! — lachte der Mann.— Ah, ſehe es, ſeyd ein Gentle⸗ man, ſehe es wohl— war auch ein Espèce von einem. Dachtet, unſere Texas⸗Prairies wären eure Prairies in den Niederlaſſungen drüben, oder den Staaten droben. Ha, hal“ „Und ihr wußtet euch gar nicht zu helfen?— lachte — e 94— er wieder⸗— Saht ihr denn keine Bienen in der Luft, keine Erdbeeren auf der Erde?“ „Bienen? Erdbeeren?— wiederholte ich.“ „Ei, Bienen, die in hohlen Bäumen hauſen; iſt unter zwanzig hohlen Bäumen immer ſicher einer, der voll iſt, verſteht ihr, voll Honig? Und ihr habt keine Bienen geſehen? kennt aber vielleicht die Thiere nicht, denn ſind nicht ganz ſo groß, wie Wildgänſe, oder Truthühner; aber die Erdbeeren kennt ihr doch, wißt doch auch, daß ſie nicht auf den Bäumen wachſen?“ „Alles das ſprach der Mann, den Kopf halb über den Rücken zurückgeworfen, höhniſch lachend.“ „Und wenn ich auch Bienen geſehen, wie hätte ich ohne Art zu ihrem Honig kommen können— verirrt, wie ich war?" „Wie kam es, daß ihr euch verirrtet?“ „Mein Muſtang— ausgebrochen.“ „Verſtehe, verſtehe.— Seyd ihm nachgeritten, die Beſtie hat ihren Kopf aufgeſetzt, wie ſie es immer thun, euch zum Beſten gehalten. Verſtehe, verſtehe; aber was wollt ihr nun? was habt ihr vor?“ „Noch immer ſprach der Mann mit halb über den —= 95 6— Rücken geworfenem Kopfe, wie als ſcheue er meinen Blick.“ „Ich fühle mich ſchwach und matt zum Sterben— dem Tode nahe— zu Menſchen will ich, in ein Haus, eine Herberge.“— „Zu Menſchen?— ſprach der Mann mit einem höhniſchen Lächeln— zu Menſchen?— brummte er, einige Schritte ſeitwärts tretend.“ „Ich vermochte es kaum, den Kopf ſeitwärts zu drehen, aber die Bewegung des Mannes war mir aufgefallen, und ich zwang mich. Er hatte ein lan⸗ ges Meſſer aus dem Gürtel gezogen, das er ſpielend angrinste.— Erſt jetzt konnte ich ihn näher beſchauen. — Ein gräßlicheres Menſchenantlitz war mir nie vor⸗ gekommen. Seine Züge waren die verwildertſten, die ich je geſehen. Die blutunterlaufenen Augen roll⸗ ten wie glühende Ballen in den Höhlen. Sein Weſen verrieth den wüthendſten innern Kampf. Er ſtand keine drei Sekunden ſtill. Bald vorwärts, bald rück⸗ wärts, wieder ſeitwärts ſchießend, ſchien es ihm nicht Ruhe zu laſſen, ſpielten ſeine Finger wie die eines Wahnſinnigen mit dem Meſſer. In ſeinem Innern ging zweifelsohne ein Kampf vor, der über mein Seyn —= 96 6— oder Nichtſeyn auf dieſer Erde entſchied. Ich war jedoch vollkommen gefaßt; in meiner Lage hatte der Tod nichts Qualvolles; hing ja mein Leben ſelbſt an einem bloßen Faden!— Die Bilder der Heimath, meiner Mutter, meiner Geſchwiſter, meines Vaters, tauchten noch einmal vor meinen Augen auf, und dann wandte ſich mein Blick unwillkürlich zu dem droben! Ich betete.“ „Er war noch mehr zurückgetreten.— Ich zwang mich, ſo viel ich es vermochte, und ſchaute ihm nach. Wie ihm meine Blicke folgten, trat mir daſſelbe gran⸗ dioſe Phänomen, das ich am erſten Tage meiner Ver⸗ irrung geſehen, abermals vor den Geſichtskreis. Die koloſſale Silbermaſſe ſtand keine zweihundert Schritte vor mir. Er verſchwand dahinter, kam aber nach einer Weile langſam und ſchwankend wieder hervor. Wie er ſich mir jetzt näherte, trat mir allmälig ſein Totalbild vor Augen. Er war lang und hager, aber ſtarkknochig gebaut. Sein Geſicht, ſo viel der ſeit Wochen nicht geſchorene Bart davon ſehen ließ, war ſonnen⸗ und wettergebräunt, wie das eines India⸗ ners, aber der Bart verrieth weiße Abſtammung. Die Augen waren jedoch und blieben gräßlich, wurden —“= 97 e— es mehr, je länger man ſie ſah. Die Furien der Hölle ſchienen ſich in dieſen Augen umherzutreiben. Die Haare hingen ihm ſtruppig um Stirn, Schläfe und Nacken herum. Inneres und Aeußeres erſchienen deſperat. Um den Kopf trug er ein halb zerriſſenes Sacktuch mit braunſchwarzen dunklen Flecken. Sein hirſchlederner Wams, ſeine Beinkleider und Mocassins hatten dieſelben Flecken; ohne Zweifel waren es Blut⸗ flecken. Das zwei Fuß lange Jagdmeſſer mit grobem hölzernem Griffe hatte er wieder in den Gürtel ge⸗ ſteckt, dafür aber hielt er jetzt eine Kentucky⸗Rifle in der Hand.“ „Meine Miene, meine Blicke mochten Abſcheu ver⸗ rathen, obwohl ich mir alle Mühe gab, ruhig zu ſcheinen. Nach einem kurzen Seitenblicke grollte er: „Scheint nicht, als ob ihr viel Gefallen an meiner Geſellſchaft findet. Sehe ich denn gar ſo deſperat aus? Iſt mir's denn gar ſo leſerlich auf der Stirn geſchrieben?“ „Was ſoll euch denn auf der Stirn geſchrieben ſeyn?⸗ Das Cajütenbuch. I. 7 —= 98 6— „Was? Was?— So fragt man Narren und Kinder aus.“ „Ich will euch ja nichts ausfragen, aber als Chriſt, als Landsmann, bitte, beſchwöre ich euch.“— „Chriſt!— unterbrach er mich hohnlachend— Landsmann!— ſchrie er, den Stutzer heftig zur Erde ſtoßend.— Das iſt mein Chriſt!— ſchrie er, dieſen emporreißend und Stein und Schloß prüfend— der erlöst von allen Leiden, iſt ein treuer Freund. Pooh! vielleicht erlöst er auch euch, bringt euch zur Ruhe.“ „ Die letzten Worte ſprach er abgewandt, mehr zu ſich. u 3 „Machſt ihn ruhig, ſo wie den— Pooh! Einer mehr oder weniger.— Vielleicht vertreibt der das v—te Geſpenſt.“ „Alles das war zur Rifle geſprochen.“ „Verräthſt mich auf alle Fälle nicht,— fuhr er fort.— Ein Druck!“— „Und ſo ſagend warf er das Gewehr vor, die Mün⸗ dung in gerader Richtung gegen meine Bruſt.“ „ Ich zitterte nicht, von Furcht konnte keine Rede mehr ſeyn.— An der Schwelle des Todes verliert dieſer ſeine Schrecken; und ich war an ſeiner Schwelle, —=0 99 6— ſo ſterbensſchwach!— Es brauchte keinen Schuß, ein leichter Schlag mit dem Kolben löſchte den Lebens⸗ funken mit einem Male aus. Nuhig, ja gleichgültig ſah ich in die Mündung hinein.“ „Wenn ihr es bei eurem Gotte, meinem und eurem Schöpfer und Richter verantworten zu können glaubt, — thut, wie euch gefällt!“ „Meine erſterbende Stimme mußte wohl einen tiefen Eindruck in ihm hervorgebracht haben, denn er ſetzte erſchüttert das Gewehr ab— ſtarrte mich mit offenem Munde an.“ „Auch der kommt mit ſeinem Gott!— murmelte er.— Gott! und meinem und eurem Schöpf— er— und Rich— ter!“ „Er vermochte es kaum, die Worte heraus zu brin⸗ gen, und als er ſte jetzt wiederholte, ſchienen ſie ihn zu würgen, ihm die Kehle zuſammen zu ſchnürren.“ „Sei— nem und— mei— nem Rich— ter!— ſtöhnte er wieder.“ „Ob es wohl einen Gott, einen Schöpfer und Rich⸗ ter gibt?“ „Als er ſo murmelnd ſtand, wurden ihm die Augen ſtarr. 7* —= 100 6— „Gott!— wiederholte er in demſelben gedehnt fra⸗ genden Tone— Schöpfer! Richter!“ „Thut das nicht!— ſchrie er plötzlich.— Bringt keinen Segen, was ihr vor habt! Bin ein todter Mann! Gott ſey mir gnädig und barmherzig! Mein armes Weib! meine armen Kinder!“ „Die letzteren Worte waren ſo entſetzlich, aus tief⸗ ſter Bruſt heraus geſtöhnt! Die Rifle entfiel ſeinen Händen,— zugleich ſchlug er ſich ſo raſend auf Stirn und Bruſt! Der Mann wurde mir jetzt grauſig, wie er, gepeitſcht von den Furien ſeines Gewiſſens, um⸗ herſchlug. Er mußte Höllenqualen ausſtehen, der böſe Feind ſchien in ihm zu toben.“ „Seht ihr mir nichts an?— fragte er, plötzlich auf mich zuſpringend, mit kaum hörbarem Gemur⸗ mel.“ „Was ſollte ich euch anſehen?« „Er trat noch näher.“ „Schaut mich ſo recht an, ſo, was man ſagt, in mein Inneres hinein.— Seht ihr da nichts?⸗ „Ich ſehe nichts;— ſprach ich.“ „Ah, begreife, könnt nichts ſehen. Seyd nicht in 39 8 — d 101— der Spionir⸗Laune, calculire ich— nein nein, ſeyd nicht. Wenn man ſo die vier Nächte und Tage nichts über die Zunge gebracht, vergeht einem wohl's Spio⸗ niren. Zwei Tage habe ich's auch probirt. Nein, nein, kein Spaß das, kein Spaß, alter Kumpan!— redete er, wieder nach der Rifle langend, dieſe an. — Sage dir, laß mich in Ruhe, haſt genug, genug gethan!u „Und ſo ſagend, wandte er ſich, drückte ab, aber das Gewehr verſagte.“ „Was iſt das?— ſchrie er, Schloß und Zündpfanne unterſuchend— biſt nicht geladen? My! My! wie ich nur— verſagſt mir, weil ich dich nicht gefüttert, alter Kumpan! nicht gefüttert, ſeit du!— Ah, hätte ich dich damals lieber nicht gefüttert, wäre vielleicht.— Wohl iſt das ein Wink, ſoll mir eine Warnung ſeyn— eine Stimme. Sollſt ruhen. Schweig ſtille, alter Hund! ſollſt mich nicht in Verſuchung führen, hörſt du? u „Alles das ſprach er eifrig, heftig zum Stutzer; dann wandte er ſich wieder zu mir.“ „So, ſeyd ihr matt und ſchwach, ſterbensmatt, ſchwach? Freilich müßt ihr's ſeyn, denn ihr ſeht ja — 0 102 6— drein, als ob ihr alle Tage eures Lebens am Hunger⸗ tuche genagt. „Matt zum Sterben— roͤchelte ich. „Wohl, ſo kommt und nehmt noch einen Schluck Whisky.— Wird euch ſtärken; aber wart', will ein Wenig Waſſer eingießen.“ „Und ſo ſagend trat er an den Rand des Fluſſes, ſchöpfte mit der hohlen Hand einige Male Waſſer, ließ es in den Hals der Flaſche, und dieſe an meine Lippen bringend, goß er mir das Getränk ein.“ „Selbſt der blutdürſtigſte Indianer wird wieder Menſch, wenn er eine menſchliche Handlung geübt. Auch er war auf einmal ein ganz anderer geworden. — Seine Stimme ward weniger rauh, mißtönig, ſein Weſen ſanfter.“ „Ihr wollt alſo in eine Herberge?“— „Um Gotteswillen, ja. Habe ſeit vier Tagen nichts über die Lippen gebracht, als einen Biß Kautaback.“ „Könnt ihr einen Biß ſparen?“ „Alles, was ich habe.“ „Ich holte aus meiner Taſche die Cigarrenbüchſe, den Dulciſſimus— er ſchnappte mir letzteren aus der Hand, und biß mit der Heißgier eines Wolfes darein.“ —=0 103 6— „Ci, von der rechten Sorte, ganz von der rechten Sorte;— murmelte er in ſich hinein.— Ei, junger Mann, oder alter Mann— ſeyd ein alter Mann? Wie alt ſeyd ihr?“ „Zweiundzwanzig.“ „Er ſchaute mich kopfſchüttelnd an.— Kann es ſchier nicht glauben; aber vier Tage in der Prairie, und nichts über die Zunge gebracht— wohl, mag ſeyn! aber ſage euch, Fremdling, hätte ich dieſen Reſt Kautaback noch vor fünf Tagen gehabt,— ſo— ſo.— Ol einen Biß Kautaback! nur einen Biß Kau⸗ taback!— Hätte er nur einen Biß Kautaback gehabt, vielleicht!— iſt ein Biß Kautaback oft viel werth. Liegt mir keiner ſo am Herzen, als— ol hätte er nur einen Biß Kautaback gehabt, nur einen!“— „Seine Stimme, während er ſo ſprach, hatte einen ſo kläglich ſtöhnenden, und wieder wild unheimlichen Nachklang!“ „Sage euch, Fremdling!— brach er wieder drohend aus— ſage euch.— Ah, was ſage ich? ſeht ihr dort den Lebenseichenbaum? Seht ihr ihn? Iſt der Pa⸗ triarch, und einen ehrwürdigern, gewaltigern werdet — 0 104 6— ihr nicht bald finden in den Prairies, ſag es euch.— Seht ihr ihn?“ „Ich ſehe ihn.“ „Seht ihr ihn? Seht ihr ihn?— ſchrie er wieder plötzlich wild.— Was geht euch der Patriarch, und was darunter iſt, an? Nichts geht es euch an. Laßt eure Neugierde, zähmet ſte, rathe es euch. Wagt es nicht, auch nur einen Fuß darunter zu ſetzen.“— „Und ein Fluch entfuhr ihm, zu ſchrecklich, um von einer Chriſtenzunge wiederholt zu werden.“ „Iſt ein Geſpenſt— ſchrie er— ein Geſpenſt dar⸗ unter, das euch ſchrecken könnte.— Geht beſſer weit weg.“ 3 „Ich will ja nicht hin, gerne weit weg. Es fiel mir ja gar nicht ein. Alles, was ich will, iſt der nächſte Weg zum nächſten Hauſe, gleichviel, ob Pflan⸗ zung oder Wirthshaus.“ „Ah, ſo recht, Mann, zum nächſten Wirthshaus. Will ihn euch zeigen, den Weg zum nächſten Wirths⸗ haus. Will, will.“ „Ich will,— murmelte er in ſich hinein.“ „Und ich will euch ewig als meinem Lebensretter dankbar ſeyn;— röchelte ich.“ —“= 105 6— „Lebensretter! Lebensretter! lachte er wild— Le⸗ bensretter! Pooh! Wüßtet ihr, was für einem Le⸗ bensretter.— Pooh!— Was hilft's, ein Leben zu retten, wenn..— Doch will— will eures retten, will, dann läßt mich vielleicht das v— te Geſpenſt.. So laß mich doch einmal in Ruhe. Willſſt nicht? Willſt nicht?“ „Alles das hatte der Mann zum Lebenseichenbaum gewendet geſprochen, die erſten Sätze wild, drohend, die letzten bittend, ſchmeichelnd. Wieder wurde er wild, ballte die Fäuſte, ſtarrte einen Augenblick, dann ſprang er plötzlich auf den Rieſenbaum zu, und ver⸗ ſchwand unter der Draperie der Silberbärte, die von Aeſten und Zweigen auf allen Seiten herabhingen; kam aber bald wieder hervor, einen aufgezäumten Muſtang am Laſſo vor ſich hertreibend.“ „Setzt euch auf!— rief er mir zu. ¹ „Ich kann nicht einmal aufſtehen.“ „So will ich euch helfen.“ „Und ſo ſagend trat er an mich heran, hob mich mit der Rechten,— ſo leicht war ich geworden— in den Sattel meines Muſtang, mit der Linken nahm er das Ende meines Laſſo, ſchwang ſich auf den Rücken ſeines — 0 106 8— Thieres, und zog Pferd und mich nach. Sein Be⸗ nehmen, während wir nun die ſanft aufſteigende Ufer⸗ bank hinanritten, wurde äußerſt ſeltſam. Bald rutſchte er in ſeinem Sattel herum, mir einen wilden Blick zu⸗ werfend, bald hielt er an, bohrte ängſtlich zwiſchen die ſpaniſchen Moosbärte des Patriarchen hinein, warf mir wieder einen ſcharf beobachtenden Blick zu,— ſchien zu überlegen,— ſtöhnte, ſeufzte,— ſpähte dann im Walde, wie nach einem Auswege herum,— ritt wieder einen Schritt vorwärts, ſtöhnte abermals, zuckte ſchaudernd zuſammen. Der Lebenseichenbaum ſchien ihn furchtbar zu quälen; offenbar näherte er ſich ihm mit Entſetzen, und doch zog es ihn wieder mit einer ſo unwiderſtehlichen Gewalt hin, als ob ſein Schatz da begraben läge.“ „Auf einmal gab er ſeinem Thiere wüthend die Sporen, ſo daß es im Galopp ausbrach. Glücklicher Weiſe hatte er in ſeiner ſchrecklichen Zerrüttung den Laſſo losgelaſſen, ſonſt müßte mich der erſte Sprung meines Thieres aus dem Sattel geworfen, mir die morſchen Glieder gebrochen haben. So ſchritt eßs langſam nach.“ „Warum kommt ihr nicht? Was habt ihr den Pa⸗ —=0 107 6— triarchen immer anzuſchauen? Habt ihr noch keinen Lebenseichenbaum geſehen?— ſchrie er mir mit einem Fluche zu. Als fürchtete er ſich aber vor meiner Ant⸗ wort, brach er abermals aus, hielt jedoch, nachdem er beiläufig zweihundert Schritte fortgeſprengt, wieder an— ſchaute ſich um.— Der Patriarch war hinter mehreren koloſſalen Sycamores verſchwunden.“ „Erſt jetzt athmete er freier.“ „Aber wo war nur der Anthony?— fragte er, auf einmal ſichtbar erleichtert.“ „Welcher Anthony? „Der Anthony, der Jäger, der Halfbreed Mister Neals?“ „Nach Anahuac geritten.“ „Nach Anahuae geritten?— wiederholte er— Uh! nach Anahuac! ſtöhnte er.— Bin auch dahin— aber, aber." „Er wandte ſich ſchaudernd um.“ „Er iſt doch nicht mehr da, nicht mehr zu ſehen!“ „Wer ſollte da ſeyn?“ „Ah wer, wer?— brummte er.— Wer?“ „Ich wußte wohl, wer der Wer ſey, hütete mich aber, ihn zu nennen, abermals ſein Mißtrauen durch —= 108 6— Fragen außzuſtacheln.— In dem Zuſtande, in dem ich war, vergeht Neu⸗ und Wißbegier.“ „Wir ritten ſtillſchweigend weiter.“ „Lange waren wir ſo geritten, ohne daß ein Wort zwiſchen uns gewechſelt worden wären. Er ſprach zwar fortwährend mit ſich; da jedoch mein Muſtang zehn Schritte hinter dem ſeinigen am Laſſo nachfolgte, hörte ich bloß das Gemurmel. Zuweilen nahm er ſeinen Stutzer zur Hand, redete ihm bald ſchmälend, wieder liebkoſend zu, brachte ihn in eine ſchußgerechte Lage, ſetzte ihn wieder ab, lachte wieder wild. Dann beugte er ſich wieder über den Sattel hinaus, wie einen Gegenſtand auf der Erde ſuchend. Zuweilen ſchaute er ſich, während er ſo ſuchte, ſcheu um, und dann ſiel ſein Blick immer forſchend auf mich, ob ich ihn auch beobachte. Wieder tappte, griff er in der Luft herum, und wie er ſo herumtappte, fühlte, hing er ſo unheimlich auf ſeinem Muſtang! und wenn er dann in das unheimliche, hohle, teufliſche Lachen aus⸗ brach, dem wieder ein ſchauderhaftes Geſtöhne folgte, bat ich immer zu Gott um ein baldiges Ende meines Rittes.“ „Wir mochten wohl zwei Stunden geritten ſeyn, 2— ——— —=0 109 6— mein durch den gewäſſerten Whisky neu aufgeflamm⸗ ter Lebensfunke war auf dem Punkte, gänzlich zu erlöſchen, ich fühlte, als müſſe ich jeden Augenblick vom Pferde ſinken; da gewahrte ich eine rohe Ein⸗ friedigung, die endlich eine menſchliche Wohnung ver⸗ kündete.“ „Ein ſchwacher Freudenruf entfuhr mir. Ich ver⸗ ſuchte es, obwohl vergebens, meinem Thiere die Spo⸗ ren zu geben.“ „Mein Begleiter wandte ſich, ſchaute mich mit wild rollenden Augen an, und ſprach in drohendem Tone:“ „Seyd ungeduldig, Mann! ungeduldig, ſehe ich— glaubt jetzt vielleicht?“— „Ich ſterbe, wenn nicht augenblickliche Hülfe—⸗ „Mehr vermochte ich nicht über die Lippen zu bringen.“ „Pooh! Sterben, ſterben. Man ſtirbt nicht ſo⸗ gleich.— Und doch— doch— D nl es könnte wahr werden.“— „Er ſprang aus dem Sattel auf meinen Muſtang zu. Es war hohe Zeit, denn unfähig, mich im Sattel zu halten, ſank ich herab, ihm in die Arme.“ — 110 6— „Einige Tropfen Whisky brachten mich abermals zum Bewußtſeyn. Jetzt ſetzte er mich vor ſich auf ſeinen Muſtang, und zog den meinigen am Laſſo nach.“ „Wir umritten noch ein Pataten⸗, ein Welſchkorn⸗ feld, eine Inſel von Pfirſichbäumen, und hatten end⸗ lich das Blockhaus vor Augen.“ „Bin nur begierig, wo das Ganze hinaus will,“ murmelte Oberſt Cracker.—„Wird lange, die Ge⸗ ſchichte.“ „So lang, daß wir darüber das Trinken vergeſſen,“ lachte Oberſt Oakley. „Und das, glaube ich, iſt wohl der beſte Beweis, daß ſie uns alle in hohem Grade anſpricht,“ fiel der General ein.„Oberſt Morſe, dürfen wir ſo frei ſeyn, Euch zu erſuchen, fortzufahren?“ Der Oberſt nickte und fuhr dann fort: V. „Meine Kräfte waren ſo gänzlich gewichen, daß der Mann mich auf den Arm nehmen, und in die Hütte — — — 09 111 6— tragen mußte; ſelbſt da konnte ich nicht mehr ſtehen, er mußte mich wie ein Windelkind auf die Bank nie⸗ derlaſſen. Aber trotz des nun raſch vor ſich gehenden Ebbens meiner Lebensgeiſter, weiß ich mich noch ſehr deutlich, nicht nur auf die Wirthsleute, ſondern auch das Hausgeräth, die Stube, kurz Alles— zu erinnern. War es der Whisky, der den Geiſt in meinem hinſter⸗ benden Körper ſo aufgeregt? in keinem Zeitpunkte meines Lebens habe ich ſo klar, wie in dieſem, äußere Gegenſtände wahrgenommen. Alles, was ſeit meinem Erwachen aus der Todes⸗Lebenskriſe vorging, iſt mir noch ſo deutlich eingeprägt, als ob ich es jetzt vor Augen ſähe: der gräßliche Mann, das erbärmliche Blockhaus— eine Doppelhütte, mit einer Art T enne in der Mitte— auf der einen Seite die Stube, auf der andern die Küche; die Stube ohne Fenſter, mit Löchern, die mit geöltem Papier verklebt waren, dem hart geſtampften Fußboden, an deſſen Rändern fuß⸗ hohes Gras wuchs; in einem Winkel das Bett, in einem andern eine Art Schenktiſch, und zwiſchen dieſen beiden Winkeln, wie eine Katze auf dem Sprunge, einherſchleichend, eine unausſprechlich widerliche Kar⸗ rikatur, den Wirth vorſtellend,— rothe Haare, rothe Schweinsaugen, ein Mund, der grauſig ſcheußlich von einem Ohr zum andern reichte, ein hündiſch erdwärts gerichteter Blick, der lauernd giftig ganz dem ſchlei⸗ chenden Katzenſchritte entſprach! Alles das ſteht vor meiner Seele ſo lebendig, daß ich den Mann, lebte er noch, unter Millionen beim erſten Blick herausfände.“ „Ohne uns nur mit einem Worte, einem Blicke zu bewillkommnen, brachte er eine Bouteille mit zwei Gläſern, ſtellte ſie auf den Tiſch, der aus drei Brettern beſtand, die auf vier in die Erde eingerammte Pfoſten genagelt waren,— und von irgend einem Schranke oder einer Truhe herkommen mußten, denn ſie waren noch zum Theile bemalt, mit drei Anfangsbuchſtaben eines Namens und einer Jahrzahl.“— „Mein Retter hatte den Menſchen ſein Geſchäft ſchweigend, nur ſeinen widerwärtigen Bewegungen mit ſcharfen Blicken folgend, verrichten laſſen. Jetzt ſchenkte er eines der Gläſer voll, und es mit einem Zuge leerend, ſprach er: „Johnny!“ „Johnny gab keine Antwort.“ „Dieſer Gentleman da hat vier Tage nichts ge⸗ geſſen.“ -—Vʒ·ꝛ⅓·—P—P—V—2 2„.j 12 —= 113 6— „So?— verſetzte, ohne aufzublicken, aus einer Ecke in die andere ſchleichend, Johnny.“ „Vier Tage, ſage ich, hörſt du? Vier Tage. Und hörſt du? gehſt, bringſt ihm ſogleich Thee, guten, ſtarken Thee.— Weiß, habt Thee eingehandelt, und Rum und Zucker.— Bringſt ihm Thee, und dann eine gute Rindsſuppe, und das in einer Stunde. Muß der Thee ſogleich„die Rindsſuppe in längſtens einer Stunde fir und fertig ſeyn, verſtehſt du? Den Whisky nehme ich, und ein Beefſteak und Pataten.— Sagſt deiner Sambo das.“ „Johnny ſchlich, als ob er nicht gehört hätte, fort und fort aus einer Ecke in die andere,— wie bei einer Katze, war ſein letzter Schritt immer ſpringend.“ „Habe Geld, verſtehſt du, Johnny? Hab' es, Mann!— nahm mein Führer wieder das Wort, einen ziemlich vollen Beutel aus dem Gürtel ziehend.“ „Johnny ſchielte mit einem indeſiniſablen Blicke nach dem Beutel hin, ſprang dann vor, ſchaute mei⸗ nen Mann hohnlächelnd an.“ „Die Beiden ſtanden, ohne ein Wort zu ſagen.— Ein hölliſches Grinſen fuhr über Johnny's häßliche Züge.— Mein Mann ſchnappte nach Athem.— Das Cajütenbuch. I. 8 —= 114— „Habe Geld,— ſchrie er auf einmal, den Kolben ſeiner Rifle zur Erde ſtoßend.— Verſtehſt du, Johnny? Geld, und zur Noth eine Rifle.“ „Und ſo ſagend, ſchenkte er ein zweites Glas ein, das er abermals mit einem Zuge leerte.“ „Johnny ſtahl ſich jetzt ſo leiſe aus der Stube, daß mein Mann ſeine Entfernung erſt durch das Klappen der Holzklinke gewahr wurde.— Kaum war er jedoch dieſe gewahr, als er auf mich zutrat, mich, ohne ein Wort zu ſagen, auf ſeinen Arm hob, und dem Bett zutrug, auf das er mich ſanft niederlegte.“ „Ihr macht, als ob ihr hier zu Hauſe wäret,— knurrte der wieder eintretende Johnny.“ „Bin das ſo gewohnt, thue das immer, wenn ich in ein Wirthshaus komme;— verſetzte mein Mann, ruhig ein friſches Glas einſchenkend und leerend.— Für heute ſoll der Gentleman euer Bett haben. Magſt du und deine Sambo meinethalben im Schweineſtalle ſchlafen;— habt aber keinen.“ „Bob!— ſchrie Johnny wüthend.“ „Das iſt mein Name, Bob Rock.“ „Für jetzt;— ziſchte mit ſchneidendem Hohne Johnny. u —=0 115 6— „So wie der deinige Johnn) Down;— lachte 3 wieder Bob.— Pooh, Johnny, glaube doch, kennen uns, oder kennen wir uns nicht?“ „Calculire, kennen uns;— verſetzte Johnny zähne⸗ knirſchend.“ „Kennen uns von weit und breit, und lang und kurz her;— lachte wieder Bob.“ „Seyd ja der berühmte Bob von Sodoma in Georgien.“ „Sodoma in Alabama, Johnny;— verbeſſerte ihn lachend Bob.— Sodoma in Alabama. Sodoma liegt in Alabama— ſprach er, wieder ein Glas neh⸗ mend— weißt du das nicht, und warſt doch ein ge⸗ ſchlagenes Jahr in Columbus, und das in allen mög⸗ lichen ſchlechten Capacitäten?“— „Beſſer, ihr ſchweigt, Bob,— ziſchte Johnny mit einem Dolchblicke auf mich." „Pooh! wird dir kein Haar krümmen, nicht plau⸗ dern, bürge dir dafür.— Iſt ihm die Luſt dazu in der Jacinto⸗Prairie vergangen. Wenn ſonſt Keiner wäre, als der.— Aber Sodoma,— hob er wieder an,— liegt in Alabama, Mann! Columbus in Georgien, ſind durch den Chatahvochie von einander 8* —= 116 6— geſchieden, den Chatahoochie!— Ah, war das ein luſtiges Leben auf dieſem Chatahoochie!— Aber Alles auf der Welt vergänglich, ſagte immer mein alter Schulmeiſter. Pooh! haben jetzt dem Faſſe den Boden ausgeſchlagen, die Indianer ein Haus weiter über den Miſſtſippi geſandt. War aber ein glorioſes Leben.— War es nicht?“ „Wieder ſchenkte er ein— wieder trank er aus. u „Die Aufſchlüſſe, die mir die Unterhaltung über den Charakter meiner beiden Geſellſchafter gab, dürf⸗ ten für jeden Andern wohl wenig Erfreuliches gehabt haben;— denn wenn ihre Bekanntſchaft von dieſem gräßlichen Orte her datirte, mochte ſie ſich ebenſowohl aus der Hölle herleiten. Der ganze Südweſten hatte, Sie wiſſen es, nichts aufzuweiſen, das an Verrucht⸗ heit dieſem Sodoma, wie es ganz bezeichnend genannt wurde, gleich kam. Es liegt, oder lag wenigſtens noch vor wenigen Jahren in Alabama, Indianer Ge⸗ bietes, der Freihafen aller Mörder und Geächteten des Weſtens und Südweſtens, die hier unter India⸗ niſcher Gerichtsbarkeit Schutz und Sicherheit gegen die Ahndung des Geſetzes fanden. Schauderhaft waren die Frevel⸗, ja Gräuelthaten, die hier täglich — —= 117— vorfielen. Kein Tag verging ohne Mord und Plün⸗ derung, und das nicht heimlich, nein, am hellen Tage ſetzte die Mörderbande, mit Meſſern, Dolchen, Stutzern bewaffnet, über den Chatahoochie, tobte, wie die wilde Jagd, in Columbus ein, ſtieß nieder, wer in den Weg kam, brach in die Häuſer, raubte, plün⸗ derte, mordete, that Mädchen und Weibern Gewalt an; und zog dann jubelnd und triumphirend, mit Beute beladen, über den Fluß in ihre Mordhöhle zurück, der Geſetze nur ſpottend. An Verfolgung oder Gerechtigkeit war nicht zu denken, denn Sodoma ſtand unter Indianiſcher Gerichtsbarkeit, ja, mehrere der Indianiſchen Häuptlinge waren mit den Mördern einverſtanden; ein Grund, der denn auch endlich die Veranlaſſung zu ihrer Fortſchaffung wurde. Dieſe Fortſchaffung hat, wie Sie wiſſen, die Thränendrüſen aller unſerer alten politiſchen Weiber in hohem Grade geöffnet, erſtaunlich viele Gegner unter unſern guten Yankees gefunden,— Echos unſerer eben ſo guten Freunde in Großbritannien, denen es freilich nicht angenehm ſeyn konnte, ihre Verbündeten ſo gleichſam aus unſerer Mitte geriſſen zu ſehen. Ah, die brit⸗ tiſche Humanität, wie liebreich ſie, genauer betrachtet, —= 118 6— erſcheint! gar, gar ſo liebreich! Gott behüte und be⸗ wahre uns nur vor dieſer liebreichen engliſchen Hu⸗ manität! Glücklicher Weiſe hatte Jackſons Eiſenſeele auch keinen Funken dieſes brittiſchen Liebesreichthums. Die Indianer mußten über den Miſſiſippi, wie Sie wiſſen, und ſeit der Zeit ſind auch Räuber, Mörder und— Sodoma verſchwunden, und Columbus blüht, und gedeiht, eine ſo reſpektable, geachtete Stadt, als irgend eine im Weſten.“ „Vollkommen wahr!“ fielen Mehrere ein;„voll⸗ kommen wahr!“. „Doch zu meinen beiden Geſellſchaftern zurück zu kehren;“ fuhr der Oberſt fort,„ſo ſchien die Erinne⸗ rung an ihre Großthaten ſie merklich zutraulicher zu ſtimmen. Johnny hatte ſich gleichfalls ein volles Glas gebracht, und die Beiden wiſperten viel und angelegentlich. Doch konnte ich ihre Sprache— eine Art Diebes⸗ und Spieler⸗Kauderwälſch— nicht verſtehen. Nur hörte ich von meinem Gönner öfters ein wildes: Nein, nein,— ich will beſtimmt nicht, ausſtoßen!— Dann verſchwammen mir Worte und Gegenſtände in vagen Klängen und Umriſſen.“ ——— 2— —= 119 6— „Eine ziemlich unſanſte Hand rüttelte mich auf. Ich ſah aber nicht mehr. Erſt als mir einige Löffel Thee eingegoſſen waren, wurde es mir klarer vor den Augen. Es war eine Mulattin, die mir zur Seite ſtand, und mir Thee mit einem Löffel eingoß. Die Miene, die ſie dazu machte, lächelte anfangs nichts weniger als freundlich; erſt nachdem ſie mir ein hal⸗ bes Dutzend Läffel eingegoſſen, begann ſich etwas wie weibliches Mitgefühl zu zeigen.“ „Im Herzen des Weibes, welcher Farbe ſie auch ſey, trifft ein junger Mann immer wenigſtens auf eine Saite, die klingt, wenn auch nicht die zarteſte. — Mit jedem Löffel, den ſie mir eingoß, wurde ſie freundlicher. Es war aber ein köſtliches Gefühl, das mich bei dieſer Aetzung durchſchauerte. Bei jedem Löffel, den ſie mir eingoß, war es mir, als ob ein neuer Lebensſtrom durch den Mund und Kehle in die Adern rieſelte. Ja wohl, eine köſtliche Empfindung — ſte that mir ja wohl!“ „Viel ſanfter, als ſie mich vom Kiſſen aufgehoben, ließ ſie mich nieder.“ „Gor, Gor!— kreiſchte ſie.— Was für armer —=b 120— junger Mann das ſeyn! Aber in einer Stunde, Maſſa, etwas Suppe nehmen.“. 2 „Suppe? wozu Suppe kochen?— knurrte Johnny herüber.“ „Er Suppe nehmen; ich ſte kochen;— kreiſchte die Mulattin.“ „Und ſchlimm für dich, Johnny, wenn ſie ſie nicht kocht; ſage dir, ſchlimm für dich;— ſchrie Bob. u „Johnny murmelte etwas, was ich jedoch nicht mehr hörte, da abermals ein leichter Schlummer mich in ſeine Arme genommen.“ 8 „Nach, was mir bloß wenige Augenblicke ſchienen, kam richtig die Mulattin mit der Suppe.— Hatte mich ihr Thee erquickt, ſo kräftigte die Suppe erſt eigentlich den ſchwankenden Lebensfunken. Ich fühlte zuſehends, wie ſie mir Kraft in Eingeweide— in Adern und Sehnen eingoß. Bereits konnte ich mich im Bett aufrecht ſitzend halten.“ „Während ich von der Mulattin gefüttert wurde, ſah ich auch Bob ſein Beefſteak verzehren. Es war ein Stück, das wohl für Sechs hingereicht haben dürfte; aber der Mann ſchien auch ſeit wenigſtens 3 — o 121— drei Tagen nichts gegeſſen zu haben. Er ſchnitt Brocken von der Größe einer halben Fauſt ab, warf ſie ohne Brod in den Mund, und biß dann in die ungeſchälten Pataten ein. Ich hatte nicht bald ſolchen Heißhunger geſehen. Dazu ſchüttete er Glas auf Glas ein „Der Whisky ſchien ihn zu wecken, ſein zerſtörtes Weſen in eine gewiſſe Luſtigkeit umzuſtimmen. Er ſprach noch immer mehr mit ſich ſelbſt, als mit Johnny; aber die Erinnerungen ſchienen angenehm, denn er lachte öfters laut auf, nickte ſich ſelbſtgefällig zu; einige Male verwies er auch Johnny, daß er ein gar ſo katzenartiger, feiger Geſelle— ein gar ſo feiger, heimtückiſcher, falſcher Galgengeſelle ſey. Er ſey zwar— lachte er— auch ein Galgengeſelle, aber ein muthiger, offener, ehrlicher Galgengeſelle,— Johnny aber, Johnny— ⸗ „Johnny ſprang auf ihn zu, hielt ihm beide Hände vor den Mund, wofür er aber einen Schlag bekam, der ihn an die Stubenthür anwarf, durch die er fluchend abzog.“ „Ich war gerade auf dem Punkte einzuſchlum⸗ mern, als er den Finger auf dem Munde, leiſe der —= 122 6— Thür zuſchlich, da horchte, und ſich dann dem Bett näherte.“ „Mister!— raunte er mir in die Ohren;— Mister, braucht euch nicht zu fürchten u „Fürchten? Warum ſollte ich mich fürchten?“ „Warum? Darum;— verſetzte er lakoniſch.“ „Warum ſollte ich fürchten? für mein Leben? Seyd ihr nicht da, der es gerettet, den es nur einen Druck ſeines Daumens gekoſtet hätte, es wie ein Talglicht auszulöſchen?“ „Der Mann ſchaute auf.— Das iſt wahr, mögt auch Recht haben! Aber unſere Pflanzer, wißt ihr? fangen auch oft Büffel und Rinder, um ſie erſt zu mäſten, und dann abzuthun.“ „Aber ihr ſeyd mein Retter, mein Landsmann und Mitcchriſt, und ich bin kein Rind, Mann!“ „Seyd's nicht, ſeyd's nicht!— fiel er haſtig ein; — ſeyd's nicht!— Und doch— doch—. Er wurde düſter, ſchien ſich zu beſinnen.“ „Hört ihr?— wiſperte er,— verſteht ihr Karten, oder Würfel?“ „Ich habe nie geſpielt.“ „Wenn euch zu rathen iſt, ſo ſpielt, auch nicht; —-—— — o 123 6— hier abſolut nicht! verſteht ihr? Ah, hätte ich das G—tt v—te Spiel nicht!— Kein Spiel, hört ihr? kein Spiel!“— „Er wandte jetzt den Kopf der Thür zu, horchte, ſchlich wieder zum Tiſche, ſich einzuſchenken,— die Bouteille war jedoch leer.“ „Johnny!— ſchrie er, einen Dollar auf den Tiſch werfend,— ſitzen im Trocknen.“ „Johnny ſteckte den Kopf durch die Thür.“ „Bob, ihr habt genug.“ „Wirſt du mir ſagen, daß ich genug habe? du?— ſchrie Bob, aufſpringend und ſein Meſſer ziehend.“ „Johnny ſprang wie eine Katze davon, aber die Mulattin kam und brachte eine volle Bouteille.“ „Was weiter vorging, hörte ich nicht mehr, denn abermals kam der wohlthätige Schlummer über mich.“ „Während meines Schlummers hörte ich, wie man im Schlummer hört, lauten Wortwechſel, dazwiſchen Stöße und Schläge; doch weckte mich nicht der Lär⸗ men, ſondern der Hunger. Dieſer ließ mich nicht mehr ſchlafen. Wie ich die Augen aufſchlug, ſah ich die Mulattin, die an meinem Bett ſaß, und die Mus⸗ — 124— quittos abwehrte. Sie brachte mir den Reſt der Suppe. Nach zwei Stunden ſollte ich ein ſo köſt⸗ liches Beefſteak haben, als je aus ihrer Pfanne kam. Nun aber müßte ich wieder ſchlafen.“ „Ehe noch die zwei Stunden vergangen, erwachte ich; ſo raſch ging die Verdauung vor ſich. Wie ein Reibeiſen arbeitete es in meinem Magen herum, aber nicht mehr ſchmerzlich, im Gegentheile, es war mehr eine wohlthuende Empfindung. Das bereitete Beef⸗ ſteak genoß ich mit einer Luſt, einem Appetit, der wirklich nicht zu beſchreiben iſt. Eine ſolche Wolluſt war mir der Genuß dieſes Rindſchnittes, daß er mich halb und halb mit den entſetzlichen Qualen meines hundertſtündigen Faſtens wieder verſöhnte. Doch erlaubte mir die Mulattin, die mehrere Fälle dieſer Art erlebt und behandelt, nur ein ſehr mäßiges Stück. Dafür brachte ſie mir ein volles Bierglas, aus dem mir ein herrlicher Punſch entgegen dampfte. In meinem Leben hatte ich, oder glaubte ich, nichts Köſt⸗ licheres genoſſen zu haben. Auf meine Frage, wo ſte den Rum und Zucker, ſo wie die Citronen her habe, erklärte ſte, daß ſie mit dieſen Artikeln ſelbſt handle, daß Johnny bloß das Haus aufgeblockt, und ——— —= 125 6— zwar ſchlecht genug aufgeblockt, ſie aber das Capital zum Betrieb der Wirthſchaft hergegeben, und neben⸗ bei noch einen Zucker⸗, Kaffee⸗ und Schnittwaaren⸗ handel führe. Die Citronen habe ſie vom Squire, oder, wie er auch genannt wurde, dem Alcalde, der ganze Säcke voll verſchenke.“u „Allmälig wurde das Weib geſpräͤchiger. Sie begann über Johnny zu klagen, wie er ein wüſter Spieler, und wohl noch etwas Schlechteres ſey; wie er viel Geld bereits gehabt, aber alles wieder ver⸗ loren,— oft flüchtig werden müſſen; wie ſie ihn im untern Natchez kennen gelernt, von wo er gleichfalls bei Nacht und Nebel fort gemußt. Aber der Bob ſey nicht beſſer, im Gegentheile;— das Weib machte die Bewegung des Gurgelabſchneidens;— einer, der es arg getrieben. Jetzt habe er ſich betrunken, Johnny zu Boden geſchlagen, und überhaupt ſehr wüſt ge⸗ than. Er läge draußen auf dem Porche, Johnny aber habe ſich verborgen; doch brauche ich mich nicht zu fürchten.“ „Fürchten, mein gutes Weib? Warum ſollte ich mich fürchten?“ „Sie ſchaute mich eine Weile bedenklich an, dann —" 126— ſprach ſte: Wenn ich wüßte, was ſie wiſſe, würde ich mich wohl fürchten. Sie wolle jedoch auf keine Weiſe länger bei dem verruchten Johnny bleiben, ſo bald als möglich ſich um einen andern Partner um⸗ ſehen. Wenn ſie nur einen wüßte.“ „Bei dieſen Worten ſchaute ſie mich an.“ „Ihr Blick, ſo wie ihr ganzes Weſen, hatten ein Etwas, das mir gar nicht geftel.— Die alte Sün⸗ derin war ihr in jedem Zuge eingedrückt.— Ein häß⸗ liches, grob ſinnliches Geſicht, in dem Laſter und Ausſchweifungen leſerliche Spuren zurück gelaſſen. Aber jetzt war nicht die Zeit, den zart Empfindſamen zu ſpielen. Ich verſicherte ſie ſo warm, als ich nur vermochte, daß der Dienſt, den ſie mir erwieſen, meine ganze Dankbarkeit in Anſpruch nähme, die ihr auf alle Fälle werden ſollte.“ „Noch ſprach ſie eine Weile, ich hörte jedoch nicht mehr, denn ich war wieder eingeſchlummert.“ „Dieß Mal wurde der Schlummer zum feſten Schlafe. —= 127 6— VI. „Ich mochte ſechs bis ſieben Stunden geſchlafen haben, als ich mich am Arme gerüttelt fühlte. Ich erwachte nicht ſogleich, aber das Rütteln wurde ſo heftig, daß ich laut aufſchrie. Es war nicht ſowohl Schmerz über den eiſernen Griff, der mich erfaßt, als Schrecken, der mich aufkreiſchen machte. Bob ſtand vor mir. Die nächtliche Ausſchweifung hatte ſeine Züge bis ins Scheußliche verzerrt, die blutunterlau⸗ fenen Augen waren geſchwollen und rollten, wie von Dämonen gepeitſcht, der Mund ſtand ihm weit und entſetzt oſſen; aus ſeinem ganzen Weſen leuchtete die Zerſtörtheit eines Menſchen hervor, der ſo eben von einer ſchrecklichen That gekommen. Er ſtand vor mir, wie der Mörder über dem Leichnam des gemordeten Bruders.— Ich ſchrack entſetzt zurück.“ „Um Gotteswillen, Mann! was fehlt euch?" „Er winkte mir, ſtill zu ſeyn.“ „Ihr habt das Fieber, Mann!— rief ich,— die Ague!“ „Ei, das Fieber!— ſtöhnte er, und der kalte Schauder überlief ihn;— das Fieber, aber nicht das — 128 6— Fieber, das ihr meint; ein Fieber, junger Mann, ein Fieber, Gott behüte euch vor einem ſolchen Fieber!“ „Er zitterte, wie er ſo ſprach, am ganzen Leibe.“ „Willſt du denn gar nicht mehr ruhen? mich gar keinen Augenblick mehr mit Frieden laſſen? Hilft denn gar nichts?— ſtöhnte er, die Fauſt auf die linke Seite drückend.— Gar nicht? du G-tt v— te! Sag' euch,— brüllte er,— wüßte ich, daß ihr mit eurem Gott und Schöpfer und Richter— von dem ihr geſtern geſchwätzt— bei Gott! ich wollte..“ „Flucht nicht ſo entſetzlich, Mann! Mein und euer Gott ſteht und hört euch ohne Flüche. Bin kein win⸗ ſelnder Pfaffe, aber dieſes gottesläſterliche Fluchen iſt ſündhaft, ekelhaft.“. „Habt Recht, habt Recht! iſt eine häßliche Ge⸗ wohnheit; aber ſage euch, ja um G—tteswillen! was wollte ich ſagen 2“ „Ihr wolltet ſagen, vom Fieber wolltet ihr ſagen“ „Nein, wollte das nicht ſagen; weiß jetzt, was ich ſagen wollte; bleibt aber eben ſo gut ungeſagt, was ich ſagen wollte.“ „Weiß, daß ihr es nicht herauf beſchworen.— Hatte ja vordem auch nicht Ruhe,— die ganzen acht —= 129 6— Tage ſchon keine Ruhe,— ließ mich nicht— ruhen, nicht raſten,— trieb mich immer wie den, wie heißt er? der ſeinen— ſeinen Bruder— kalt gemacht,— trieb mich unter den Patriarchen,— immer und immer unter den Patriarchen.“ 4⁴ „Er hatte dieſe Worte leiſe abgeriſſen ausgeſtoßen, oder vielmehr gemurmelt. Offenbar ſollte ich ſie nicht hören." „Kurios das!— murmelte er weiter;— habe doch mehr als Einen kalt gemacht, aber war mir nie ſo. War vergeſſen in weniger denn keiner Zeit; ließ mir kein graues Haar um ſte wachſen. Kommt jetzt Alles auf einmal, die ganze Zeche;— kann nicht mehr ruhen, nicht mehr raſten. In der offenen Prairie iſt's am ärgſten; da ſteht er gar ſo deutlich, der alte Mann mit ſeinem Silberbarte und ſeinem glänzenden Gewand, und das Geſpenſt juſt hinter ihm. Wird mich das furchtbare Geſpenſt noch zur Verzweiflung bringen.⸗ „Soll mich aber doch nichtzur Verzweiflung bringen; ſoll nicht!— ſchrie er wieder wild. „Ich that, als hörte ich nicht.“ „Was ſagt ihr da vom Geſpenſte?— ſchrie er mich plötzlich an.“ Das Cajütenbuch. I. 9 — 130— „Ich ſage nichts, gar nichts;— verſetzte ich beru⸗ higend.“ „Seine Augen rollten, er ballte die Hände, öffnete ſie wieder, wie der Tiger die Krallen.“ „Sagt nichts,— nichts, rathe es euch, nichts!— murmelte er wieder leiſe.“ „Ich ſage nichts, lieber Mann, gar nichts, als daß ihr euch Gott und eurem Schöpfer zuwenden möget.“ „Gott!— Gott! Ei, das iſt der alte Mann, cal⸗ culire ich, im glänzenden Gewande, mit dem langen Barte,— der das Geſpenſt hinter ſich hat.— Will nichts mit ihm zu thun haben— ſoll mich in Ruhe laſſen.— Will Ruhe haben. Will, will.“ „Will, will!— ſtöhnte er.— Wißt ihr? müßt mir einen Gefallen thun.“. „Zehn für einen; Alles, was in meinen Kräften ſteht. Sagt an, was ich thun ſoll, und es ſoll ge⸗ than werden. Ich verdanke euch mein Leben.“ „Seyd ein Gentleman, ſehe es, ein Chriſt. Ihr könnt, ihr müßt.“— „Er ſchnappte nach Athem, wurde wicderunruhig. A „Ihr müßt mit mir zum Squire, zum Alcalden.“ — 131— „Zum Squire, zum Alcalden! Mann! Was ſoll ich mit euch beim Squire, beim Alcalden?“ „Werdet ſehen, hören, was ihr ſollt, ſehen und hören; hab' ihm etwas zu ſagen, etwas ins Ohr zu. raunen. ℳ 4 „Hier holte er mit einem ſchweren Seufzer Athem, hielt eine Weile inne, ſchaute ſich auf allen Seiten ängſtlich um.“ „Etwas,— wiſperte er,— das Niemand ſonſt zu hören braucht.“ „Aber ihr habt ja Johnny). Warum nehmt ihr nicht lieber Johnny?“ „Den Johnny?— hohnlachte er,— den Johnny? der nicht beſſer iſt, als er ſeyn ſollte, ja ſchlechter, zehnmal ſchlechter, als ich, ſo ſchlecht ich bin; und bin ſchlecht, ſag' euch, bin ein arger Geſelle,— ein ſehr arger, aber doch ein offener, ehrlicher, der immer offen, ehrlich, Stirn gegen Stirn— bis auf dieſes Mal;— aber Johnny!— würde ſeine Mutter zur — Iſt ein feiger, hündiſcher, heimtückiſcher Hund, der Johnny.“ „Es bedurfte das keiner weiteren Bekräftigung, 9⸗ — 132— denn es war ihm wahrlich auf der Stirn geſchrieben, ich ſchwieg alſo.“ „Aber wozu braucht ihr mich beim Squire?“ „Wozu ich euch beim Squire brauche? Wozu 1 erauae man die Leute vor'm Richter?— Iſt ein Rich⸗ ter, Mann, ein Richter in Teras, eigentlich ein mexi⸗ kaniſcher Richter, aber von uns Amerikanern ge⸗ wählt, ein Amerikaner, wie ich und ihr. Iſt ein Richter der Gerechtigkeit.“— „Und wie bald ſoll ich?“ „Gleich auf der Stelle.— Gleich, ſobald als mög⸗ b lich. Kann es nicht mehr aushalten. Läßt mich nicht mehr ruhen. Stehe ſeit den letzten acht Tagen Höllen⸗ qual aus, keine ruhige Stunde mehr. Treibt mich unter den Patriarchen, wieder weg, wieder zu. Am ärgſten iſt es in der Prairie, da ſteht der alte Mann im leuchtenden Gewande, und hinter ihm das Ge⸗ ſpenſt; könnte ſie Beide mit Händen greifen. Treiben mich ſchrecklich herum.— Keine ruhige Stunde, ſelbſt die Flaſche hilft nichs mehr. Weder Rum, noch Whisky, noch Brandy hilft mehr, bannt ſie nicht, beim Tarnel! bannt ſie nicht. Kurios das! habe geſtern getrunken, glaubte es zu vertrinken, ſie zu — 133— bannen;— ließen ſich nicht bannen;— kan Beide, trieben mich auf.— Mußte fort,i in der Nacht fort.— Ließ mich nicht ſchlafen, mußte hinüber unter den Patriarchen.“ „Mußtet hinüber unter den Patriarchen, den Le benseichenbaum?— rief ich entſetzt;— und ihr waret in der Nacht drüben unter dem Lebenseichenbaum?“ „Zog mich hin unter den Patriarchen,— ſtohnte er;— komme von daher, komme, komme. Bin feſt entſchloſſen— u „Armer, armer Mann!— rief ich ſchaudernd. 4 „Ja wohl, armer Mann!— ſtöhnte er in dem⸗ ſelben entſetzlich unheimlich zutraulichen Tone.— Sage euch, läßt mich nicht mehr ruhen, abſolut nicht mehr. Iſt jetzt acht Tage, daß ich hinüber nach San Felipe wollte. Glaubte ſchon, San Felipe zu ſehen, dicht an San Felipe zu ſeyn; als ich aufſchaue, wo meint ihr, daß ich war?— Unter dem Patriarchen.“ „Armer, armer Mann!— rief ich abermals.“ „Ja wohl, armer Mann!— wiederholte er mit durch Mark und Knochen dringendem Geſtöhne.— Armer Mann, wo ich gehe und ſtehe, bei Nacht und bei Tage. Wollte auch nach Anahuac, ritt hinüber, —= 134 6— V ritt einen gunzen Tag; am Abend, wo glaubt ihr wohl, daß ich wieder war?— Unterm Patriarchen.“ „Es lag etwas ſo Gräßliches in der heimlichen und wieder unheimlichen Weiſe, in den er die Worte her⸗ ausſchnellte; der Wahnſinn des Mörders ſprach ſo laut, ſo furchtbar deutlich aus ſeinen wie vom Höllen⸗ feinde gepeitſchten Augen. Ich wandte mich bald ff ſchaudernd von— wieder mitleidig zu ihm.— Bei alle dem konnte ich ihm meine Theilnahme nicht ver⸗ ſagen.“ „Ihr et alſo heute ſchon unter der Lebenseiche?“ 5 „Ei, ſo war ich, und das Geſpenſt drohte mir und ſagte mir: Ich will dich nicht ruhen laſſen, Bob,— Bob iſt mein Name;— bis du zum Alcalden gegan⸗ gen, ihm geſagt—“ „Dann will ich mit euch zu dieſem Alcalden,— ſprach ich, mich aus dem Bett erhebend,— und das ſogleich, wenn ihr es wünſcht.“ „Was wollt ihr? Wohin wollt ihr?— krächzte jetzt der hereinſchleichende Johnny.— Nicht von der 2 Stelle ſollt ihr, bis ihr bezahlt.“ „Johnny!— ſprach Bob, indem er den um einen Kopf kleineren Geſellen mit beiden Händen an den — — 0 135— Schultern erfaßte, ihn wie ein Kind empor hob, und wieder niederſetzte, daß ihm die Kniee zuſammen⸗ brachen;— Johnny! dieſer Gentleman da iſt mein Gaſt, verſtehſt du? und hier iſt die Zeche, und ſage dir, Johnny, ſage dir!“ 5 „Und ihr wolltet?— ihr wolltet?— winſelte Johnny.“ „Was ich will, geht dich nichts an,— nichts, gar nichts geht dich das an; darum, calculire ich, ſchweigſt du beſſer, bleibſt mir vom Halſe.“— „Johnny ſchlich ſich in den Winkel zurück, wie ein Hund, der einen Fußtritt erhalten; aber die Mulattin ſchien ſich nicht abſchrecken laſſen zu wollen. Die Arme in die Seite geſtemmt, watſchelte ſie herzhaft vor4 „Ihr ſollt ihn nicht wegnehmen, den Gentleman, — ſchrie ſie belfernd;— ihr ſollt nicht. Er iſt noch ſchwach, und kann den Ritt nicht aushalten, kaum auf den Füßen ſtehen.“ „Das war nun wirklich der Fall. Stark, wie ich mich im Bett gefühlt, konnte ich mich außer dieſem wirklich kaum auf den Füßen erhalten.“ „Bob ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, aber nur einen Augenblick, im nächſten hob er die Mulattin,— —= 136 6— dick und wohlgemäſtet, wie /ſie war,— in derſelben Weiſe, wie er es mit ihrem Partner gethan, einen Fuß über dem Eſtrich empor, trug ſie ſchwebend und kreiſchend der Thür zu, warf dieſe mit einem Fuße auf, und ſie auf der Schwelle niederſetzend, ſprach er: „Friede! und einen ſtarken, guten Thee, ſtatt deiner häßlichen Zunge, und ein mürbes, friſches Beefſteak, ſtatt deines ſtinkenden, verfaulten Selbſt, das iſt dein Geſchäft, und das wird den Gentleman ſtark machen, du alter braunlederner Sünden⸗ und Laſterſchlauch!“ „Des Mannes Präciſton und Bündigkeit in Wort und That wäre unter andern Umſtänden gar nicht un⸗ intereſſant geweſen, ſelbſt hier flößten ſie einen gewiſſen Reſpekt ein.— Er war wirklich, wie er ſagte, ein arger Geſelle, aber offen, geradezu.“ „Ich hatte angekleidet geſchlafen, wollte jetzt die Stube verlaſſen, Geſicht und Hände zu waſchen, und nach meinem Muſtang zu ſehen; Bob ließ es jedoch nicht zu. Johnny mußte Waſſer und ein Handtuch bringen, dann befahl er ihm, meinen und ſeinen Muſtang in Bereitſchaft zu halten. Seinem Winſeln: wenn aber die Muſtangs ausgeriſſen, ſich nicht fangen ließen, begegnete er mit den kurzen Worten: — 137— „Müſſen in einer Viertelſtunde da ſeyn, dürfen nicht ausgebrochen ſeyn; keine Tricks, verſtehſt du? keine Kniffe, du kennſt mich.“ „Johnny mußte ihn wohl kennen, denn ehe noch eine Viertelſtunde vergangen, ſtanden die Thiere ge⸗ ſattelt und gezäumt vor der Hütte.“ „Das Frühſtück, aus Thee, Butter, Welſchkorn⸗ brod und zarten Steaks beſtehend, hatte mich auf eine Weiſe geſtärkt, die es mir möglich machte, meinen Muſtang zu beſteigen. Zwar ſchmerzten noch alle Glieder, aber wir ritten langſam, der Morgen war heiter, die Luft elaſtiſch, mild erfriſchend, und der Weg, oder vielmehr Pfad, lag wieder durch die Prairie, die auf der einen Seite gegen den Fluß zu mit Urwald eingeſäumt, auf der andern wieder ozeanartig hinaus⸗ floß in die weite Ferne, von zahlloſen Inſeln beſchat⸗ tet. Wir trafen auf eine Menge Wildes, das unſern Thieren beinahe unter den Füßen weglief! aber ob⸗ wohl Bob ſein Gewehr mit hatte, er ſchien nichts zu ſehen, ſprach immerfort mit ſich. Er ſchien zu ordnen, was er dem Richter zu ſagen habe, denn ich hörte ihn in ziemlichem Zuſammenhange Sätze vortragen, die mir Aufſchlüſſe gaben, welche ich in meiner Stimmung — 138 G— wahrlich gern überhört hätte. Aber es ließ ſich nicht überhören, denner ſchrie wie beſeſſen, und wennerſtockte, ſchien auch das Geſpenſt wieder über ihn zu kommen. Er ſtarrte dann wie wahnſinnig auf einen Punkt hin, ſchrack zuſammen, ſtöhnte, die Fieberſchauer, der Wahnſinn des Mörders griffen ihn.— Ich war, wie Sie wohl denken mögen, herzlich froh, als wir endlich das Gehäge der Pflanzung erblickten.“ „Sie ſchien ſehr bedeutend.— Das Haus, groß und aus Fachwerk zuſammengeſetzt, verrieth Wohl⸗ ſtand, und ſelbſt Lurus. Es lag in einer Gruppe von Chinabäumen, die, obwohl offenbar vom Beſitzer ſeit nicht vielen Jahren gepflanzt, doch bereits hoch aufgeſchoſſen, Kühle und Schatten gaben. Ich würde ſie für zehnjährig gehalten haben, erfuhr aber ſpäter, daß ſie kaum vier Jahre gepflanzt waren. Rechts vom Hauſe ſtand einer der Könige unſerer Pflanzen⸗ welt, ein Lebenseichenbaum, der ſchönſte, edelſte, feſteſte Baum Teras, der Welt, kann man wohl ſagen denn etwas Majeſtätiſcheres, Ehrfurchtgebietenderes, als ein ſolcher Rieſenbaum, mit ſeinen Silberſchuppen und Bärten, die Jahrhunderte ihm angelegt, läßt ſich nicht denken! Links dehnten ſich etwa zweihundert Acker 17 —=0 139 6— Cottonfeld gegen den ſich hier ſtark krümmenden Jacinto hin; die Pflanzung lag ſo ganz in einer Halbinſel, ungemein reizend, eine wahre Idylle. Vor dem Hauſe die unabſehbare, vielleicht zwanzig, vielleicht fünfzig, ja hundert Meilen gegen Weſten hinſtrömende Prai⸗ rie, hie und da ein Archipelagus von Inſeln, ſchwan⸗ kend und ſchimmernd in der transparenten Atmoſphäre, — zwiſchen dieſen die graſenden Rinder⸗ und Muſtang⸗ heerden, und links und rechts Cottonfelder und Inſeln. Hinter dem Hauſe waren die Wirthſchaftsgebäude und das Negerdörfchen zu ſehen Ueber dem Ganzen ruhte tiefe Stille, die, bloß durch das Anſchlagen zweier Hunde unterbrochen, der ſo ſtnnig träumeriſch gelegenen Pflanzung etwas Feierliches verlieh, das ſelbſt Bob zu ergreifen ſchien. Er hielt am Gatter an, ſchaute zweifelnd auf das Haus hinüber, wie einer, der an einer gefährlichen Schwelle ſteht, die zu überſchreiten nicht geheuer.“ „So hielt er wohl einige Minuten.“ „Ich ſprach kein Wort, hätte auch um keinen Preis reden, die innere Stimme, die ihn trieb, unterbrechen können; ich hätte es für einen Frevel gehalten. Aber —= 140 6— zentnerſchwer lag es mir auf der Bruſt, wie er ſo hielt u „Mit einem plötzlichen Rucke, der einen eben ſo plötzlichen Entſchluß verkündete, riß er das Gatter⸗ thor auf, und wir ritten durch zwei, mit Orangen, Bananen und Citronen beſetzte Hausgärten, die von der Paſſage durch eine Stacketeinfaſſung getrennt, an einen Vorhof lehnten, wo ein zweites Gatterthor mit einer Glocke zu ſehen war. Als dieſe anſchlug, er⸗ ſchien ein Neger, der die Hausthür öffnete.“ „Er ſchien Bob ſehr gut zu kennen, denn er nickte ihm wie einem alten Bekannten zu, ſagte ihm auch, daß der Squire ihn gebraucht, einige Male nach ihm gefragt habe. Mich bat er, abzuſteigen, das Früh⸗ ſtück würde ſogleich bereit ſeyn; für die Pferde werde geſorgt werden.“ „Ich bedeutete dem Neger, wie ich nicht gekommen, die Gaſtfreundſchaft des Squire in Anſpruch zu neh⸗ men, ſondern als Begleiter Bob's, der mit ſeinem Herrn zu ſprechen wünſche.— Im Vorbeigehen ſey es bemerkt, paßte auch mein Aeußeres nichts weniger als zu Beſuchen,— meine Kleider waren beſchmutzt, zum Theil auch zerriſſen,— ich ganz und gar nicht e —=141 6— in der Verfaſſung, die Gaſtfreundſchaft eines Texas⸗ Grandee in Anſpruch zu nehmen.“ „Der Neger ſchüttelte ungeduldig den Wollkopf: Maſſa immerhin abſteigen, das Frühſtück ſogleich auf⸗ tragen, und für die Pferde auch geſorgt werden.“ „Bob fiel ihm in die Rede.“ „Brauchen dein Frühſtück nicht, ſag' ich dir,— will mit dem Squire reden.“ „Squire noch im Bett ſeyn;— verſetzte der Neger. „So ſag' ihm, er ſolle aufſtehen, Bob habe ihm etwas Wichtiges zu ſagen.“ „Der Neger ſchaute Bob mit einem Blicke an, der dem Gentleman eines engliſchen Herzogs Chre gemacht haben würde.“ „Maſſa noch ſchlafen, er nicht wegen zehn Bobs aufſtehen.“ „Aber ich habe ihm etwas Wichtiges, etwas ſehr Wichtiges zu ſagen;— verſicherte Bob dringlich, bei⸗ nahe ängſtlich. „Der Neger ſchüttelte abermals den Wollkopf.“ „Etwas Wichtiges, ſag' ich dir, Ptoly!— fuhr er nun ſchmeichelnd und heftig zugleich fort, die Hand — e 142— nach dem Wollkopfe ausſtreckend;— etwas, das Le⸗ ben und Tod betrifſt.“ „Der Neger duckte ſich und ſprang der Hausthür zu.* „Maſſa nicht aufſtehen, bis er ausgeſchlafen. Ptoly nicht der Narr ſeyn, ihn wegen Bob zu wecken; Maſſa nicht für zehn Leben und Tode aufſtehen.“ „Der ariſtokratiſche Neger des ariſtokratiſchen Squire würde zu jeder andern Zeit mein Lachfell ge⸗ kitzelt haben, hier jedoch hatte der Auftritt etwas Peinigendes; zum Lachen war wahrlich nicht der Zeit⸗ punkt.“ „Wann ſteht der Squire auf?— fragte ich.“ „In einer oder zwei Stunden.“ „Ich ſah auf meine Uhr,— ſie war abgelaufen; aber der Neger ſagte, es wäre ſieben. Allerdings eine etwas frühe Stunde zu einem Morgenbeſuche, der nichts weniger als unterhaltend zu werden ver⸗ ſprach, obwohl ſpät genug, um einen Texas⸗Squire außer dem Bette zu ſehen; doch ging uns ſein Lange⸗ ſchlafen nichts an, und ich glaubte vermittelnd ein⸗ treten zu müſſen. So wandte ich mich alſo an Bob, ihm bedeutend, daß die Stunde allerdings zu Geſchäf⸗ —=0 143 6— ten zu früh, und wir in Geduld warten, oder zurück⸗ kehren müßten.“ „Warten, warten mit dieſer Höllenpein und dem Geſpenſte?— murmelte Bob.— Kann nicht warten; wollen zurück. „Wollen zurück, und in zwei Stunden wieder kom⸗ men;— bedeutete ich dem Neger.“ „Wenigſtens Maſſableiben, Boballein reiten laſſen, Squire Maſſa gern ſehen,— bat der Neger mit einem vielſagenden, bedenklichen Blicke auf Bob, der mich wohl zum Bleiben bewogen haben dürfte, wäre meine Verpflichtung gegen den Elenden nicht von der Art ge⸗ weſen, als ein ſolches Bleiben zum ſchwärzeſten Un⸗ dank geſtempelt haben müßte.— Wir ritten alſo wieder zu Johnny's Gaſthütte zurück.“ „Der ſanft bequeme Ritt hatte mich erfriſcht, und, obgleich er hin und wieder zurück nicht zwei Stunden gewährt, meinen Appetit auf eine Weiſe geſchärft, die mir ein zweites Frühſtück zum Bedürfniß machte. Ueberhaupt können Sie den Heißhunger, der ſich nach einem Ritte in den Prairies überhaupt, und nach einer ſolchen Hungerkur begreiflicher Weiſe doppelt einſtellt, unmöglich begreifen. Man wird ordentlich zum Nim⸗ — 0 144 6— merſatt, der Magen zu einem wahren Schlunde, der Alles in ſeinen Bereich zieht und verſchlingt. Kaum i daß ich die Zeit erwarten konnte, bis die Mulattin die Steaks brachte. Bob ſchien mein Appetit ungemein zu freuen.— Ein freundlich wehmüthiges Grinſen überflog ihn, wenn ſein wirrer Blick auf mich fiel; aber trotz meines ermunternden Zuredens ließ er ſich nicht bewegen, Theil zu nehmen. Nüchtern, murmelte er mir zu, müſſe das gethan werden, was er zu thun habe, und nüchtern wolle er bleiben, bis er abgewälzt habe die Laſt. So ſaß er, die Augen ſtier auf einen 5 Punkt gerichtet, die Geſichtsmuskeln ſtarr.— Irgend ein Fremder, der eingetreten, müßte ihn für ein Wald⸗ geſpenſt gehalten haben.— Die Leiden des Elenden waren zu gräßlich, um ihn länger zu quälen.— So beſtiegen wir denn, nachdem ich mich reſtaurirt, aber⸗ mals die Pferde.“ „Dießmal vermochte ich bereits ſchneller zu reiten; in weniger denn drei Viertelſtunden waren wir wieder vor dem Hauſe.“ 8 „Scheint alſo die Hungerkur doch auch ihre ange⸗ — 145 6— nehme Seite gehabt zu haben;“ bemerkte wieder ſpöt⸗ tiſch Oberſt Cracker. „Wollt Ihr ſie vielleicht auch verſuchen?“ fragte der General. Der Erzähler ſchien nicht zu hören; er fuhr fort. VII. „Wir wurden in ein für Texas recht artig meublir⸗ tes Parlour eingeführt, wo wir den Squire, oder richtiger zu ſagen, den Alcalden, ſeine Cigarre rau⸗ chend, trafen. Er hatte ſo eben gefrühſtückt, denn Teller und Schüſſeln, darunter mehrere unberührt, ſtanden noch auf dem Tiſche. Von Complimenten war er offenbar kein großer Freund, eben ſo wenig von Kopfbrechen oder unſerer Yankee⸗Neugier, denn kaum, daß er, während er unſern guten Morgen zurück gab, die? Begrüßng mit einem Blick erwiederte. — Beim erſten Anblick ſah man, daß er aus Weſt⸗ virginien oder Tenneſſee ſtammte, denn nur da wachſen dieſe antideluvianiſchen Rieſengeſtalten. Selbſt ſitzend Das Cajütenbuch. 1. 10 — 0 146 6— ragte er über den die Teller und Gedecke ſtellenden Neger hinaus.— Dazu hatte er ganz den weſtvirgi⸗ niſchen Herkulesbau, die enorme Bruſt, die maſſiven Geſichtszüge und Schultern, die ſcharfen grauen Au⸗ gen, überhaupt ein Ensemble, das wohl rohen Hin⸗ terwäldlern imponiren konnte.“ „Bob ſchaute er mit einem langen, forſchenden Blicke an, mich dagegen ſchien er ſich für ſpäter auf⸗ zuſparen; denn obwohl der Neger nun Alles zum Frühſtück zurecht gelegt, ich auch einen Seſſel genom⸗ men, war ich doch noch nicht der Ehre eines näheren Scrutiniums gewürdigt worden. Eslag aber auch wie⸗ der viel Takt und Selbſtbewußtſeyn in ſeiner Art und Weiſe, wenigſtens verrieth ſie, daß er einen Alcalden zu repräſentiren verſtand. Bob war, den mit dem blutigen Sacktuch verbundenen Kopf auf die Bruſt geſenkt, ſtehen geblieben. Er ſchien Reſpekt vor dem Squire zu fühlen.“ „Dieſer hob endlich an: „Ah, ſeyd ihr wieder d Bob? 2 Haben euch ſchon lange nicht geſehen, ſchier geglaubt, daß ihr uns ver⸗ geſſen. „Sag' euch, haben ſchier geglaubt, hättet euch um —= 147 6— ein Haus weiter gemacht.— Wohl, wohl, Bob. Hätten uns auch nicht den Hals abgeriſſen, denn ſag euch, ſind mir Spieler verhaßt, haſſe ſie, Mann, ärger als die Skunke*). Iſt ein liederliches Weſen mit dem Spiele, hat manchen Mann ruinirt, zeitlich und ewig ruinirt,— hat euch auch ruinirt.“ „Bob gab keine Antwort.“ „Hätten euch übrigens letzte Woche gut brauchen können; wäret überhaupt gut zu brauchen. Ließe ſich noch ein werthvolles Glied der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft aus euch machen, wenn ihr nur das ſündige Spielen laſſen könntet. Meine Stieftochter letzte Woche angekommen.— Mußten um den Joel ſenden, uns einen Hirſchbock und ein Paar D DußensSchnedſe zu ſchießen.“— „Bob gab noch immer keine Antwort. 4 „Jetzt geht hinaus in die Küche, und laßt euch zu eſſen geben.“ „Bob gab weder Antwort, noch ging er.“ „Hört ihr nicht? in die Küche ſollt ihr hinaus, und euch zu eſſen geben laſſen. Und Ptoly,— ſprach *) Stinkthiere. 10* —= 148 G— er zum Neger,— ſag' der Veny, ſie ſoll ihm eine Pinte Rum bringen.“ „Brauche euren Rum nicht, bin nicht durſtig;— knurrte Bob.“ „Scheint ſo, ſcheint ſo!— verſetzte lakoniſch der Richter.— Scheint, als hättet ihr bereits mehr ge⸗ nommen, als nöthig. Seht ſchier aus, als ob ihr eine wilde Katze lebendig verſchlingen könntet.“ „Bob knirſchte mit den Zähnen, was aber der Richter zu überhören ſchien.“ „Und ihr?— wandte er ſich jetzt zu mir.— Was - t, Ptoly! was ſtehſt du? Siehſt du nicht, daß der Mann frühſtücken will? Wo bleibt der Kaffee? oder trinkt ihr lieber Thee?“ „Danke euch, Alcalde, ich habe ſo eben gefrüh⸗ ſtückt. „Schaut nicht darnach aus.— Seyd doch nicht krank? Wo kommt ihr her? Was iſt euch zugeſtoßen? Habt doch nicht die Ague? Wie kommt ihr zu Bob?“ „Erſt jetzt fiel ſein Blick forſchender auf mich, dann wieder auf Bob.— Oſſenbar calculirte er, was wohl den Beſuch veranlaßt, mich in Bobs Geſellſchaft ge⸗ bracht haben könne. Das Reſultat ſeiner phyſtog⸗ — 0 149 6— nomiſchen Beobachtungen ſchien weder Bob, noch mir ſehr günſtig.“ „Sollt Alles hören, Richter!— beeilte ich mich, ihm zu antworten;— verdanke Bob ſehr viel, ganz eigentlich mein Leben“ „Euer Leben? Bob verdankt ihr euer Leben?— rief der Richter, ungläubig den Kopf ſchüttelnd. „Ja, das verdanke ich ihm wirklich, denn ich war auf dem Punkte, zu vergehen, als er mich fand.— Bin nämlich in der Jacinto⸗Prairie verirrt,— vier Tage herumgeirrt, ohne einen Biſſen über die Zunge gebracht zu haben. Geſtern fand und zog mich Bob aus dem Jacinto. u „Ihr habt euch doch nicht— 2 „Nein, nein!— fiel ich ein;— mein durſtiger Muſtang ſprang mit mir in den Fluß, und kraftlos, wie ich war, fiel ich hinein.“ 3 „So?— ſprach der Richter,— ſo hat euch alſo Bob gerettet? Iſt das wahr, Bob? Wohl, freut mich, Bob, freut mich das wieder. Wenn ihr nur von eurem Johnny laſſen könntet. Sage euch, Bob, der Johnny wird euch noch ins Verderben bringen. Laßt ihn beſſer.“ —= 150 6— „Alles das war bedächtig, mit Nachdruck geſpro⸗ chen, dazwiſchen immer ein Trunk genommen, und ein paar Rauchwolken aus der Cigarre gezogen und geſtoßen.“ „Ja, Bob,— wandte er ſich wieder an dieſen, — wenn ihr von dem Johnny laſſen könntet!“ „Iſt zu ſpät!— verſetzte Bob.“ „Weiß nicht, warum es zu ſpät ſeyn ſollte; iſt nie zu ſpät, ein ſündig verdorbenes Laſterleben auf⸗ zugeben; nie, Mann!“ „Caleulire, iſt's aber doch!— verſetzte halb trotzig Bob.“ „Ihr calculirt, es iſt?— verſetzte der Richter, ihn ſcharf firirend.— Und warum calculirt ihr? Nehmt ein Glas.— Ptoly, ein Glas!— und ſagt an, warum es zu ſpät ſeyn ſollte, Mann?“ „Habe keinen Durſt, Squire;— verſetzte Bob.“ „Reden jetzt nicht vom Durſt; iſt der Rum nicht gegen den Durſt;— iſt der Rum, mäßig genoſſen, das Herz und Nieren zu ſtärken, die blue Devils zu vertreiben; aber mäßig muß er genoſſen werden.“ „Und ſo ſagend füllte er ſich ein Glas, und leerte es zur Haͤlfte.“ — 0 151 6— 8 „Reden aber nicht vom Durſt,— hob er wieder an;— reden davon, daß es zu ſpät ſeyn ſollte. Warum ſollte es zu ſpät ſeyn?“ „Und wieder ſchaute er ihn ſcharf an.u „Liegt mir nicht der Rum,— brummte wieder Bob; — liegt mir etwas Anderes im Magen.“ „Liegt euch etwas Anderes im Magen?— fiel der Richter ein, die Rauchwolken ſeiner Cigarre von ſich blaſend.— Etwas Anderes liegt euch im Magen? Wohl, Bob, was liegt euch denn ſo im Magen? Nehmt eine Cigarre, Mann,— wandte er ſich zu mir.— Wollen hören, was ihm im Magen liegt. Oder wollt ihr unter vier Augen mit mir reden? Iſt zwar heute Sonntag, Mann, und am Sonntage ſollen die Geſchäfte ruhen; aber da ihr es ſeyd, und Magendrücken habt, ſo wollen wir ſchauen.“ „Habe den Gentleman expreß mitgebracht, daß er Zeuge ſeyn, hören ſolle;— verſetzte Bob, eine Ci⸗ garre nehmend.“ „Der Richter, obwohl er ihn zu dieſer nicht gela⸗ den, hielt ihm ganz ruhig das brennende Licht hin.“ „Bob rauchte die Cigarre an, that einige Züge, —=3 152 6— ſchaute den Richter bedenklich an, und warf dann die Cigarre zum Fenſter hinaus.“ „Schmeckt mir nicht, Squire, ſchmeckt mir nichts mehr, wird immer ärger.“ „Ah, Bob, wenn ihr nur euer ewiges Spielen und Trinken laſſen könntet! Sind dieſe euer Fieber, eure Aguecakes, euer Verderben.“— „Iſt nichts, Squire, hilft Alles nichts; muß her⸗ aus. Kämpfte, ſtritt lange mit mir. Glaubte, es zu verwinden, nieder zu drücken, geht aber nicht. Habe Manchen unter die ſtebente Rippe— aber dieſer— „Was habt ihr?— ſprach der Richter, der, nach⸗ dem er die Cigarre gleichfalls durch das Fenſter ge⸗ worfen, Bob mit einer etwas richterlichen Miene maß.— Was gibt es wieder? Was ſollen die Reden von ſtebenten Rippen? Keine eurer Sodoma⸗ und Unter⸗Natchezſprünge, hoffe ſo; könnten ſie hier nicht brauchen; verſtehen hier keine ſolchen Späße.“ „Pooh! Verſtehen ſie noch weniger drüben in Natchez. Hätten ſte ſte verſtanden, wäre Bob nicht in Texas.4 „Aber eure Knochen bleichten dafür drüben irgend⸗ — — 0 153— wo an einem Baume, oder in einem Graben? Wiſſen das, wiſſen das, Bob! Je weniger davon geredet wird, deſto beſſer. Habt aber hier verſprochen, den alten ſündigen Menſchen aus⸗, einen neuen anzu⸗ ziehen, und wollen deßhalb alte Geſchichten nicht aufrühren.“ „Hab's wollen, hab's wollen,— ſtöhnte Bob; — geht aber nicht, hilft Alles nichts; muß heraus, ſag' es euch, muß heraus. Wird nicht beſſer, als bis ich gehängt bin.“— „Ich ſtarrte Bob ſprachlos an; der Richter jedoch nahm eine friſche Cigarre, zündete ſie an, und nach⸗ dem er ſie in Rauch geſetzt, ſprach er ganz gelaſſen: „Nicht beſſer, als bis ihr gehängt ſeyd? Ja, aber warum wollt ihr denn gehängt ſeyn? Freilich ſolltet ihr das ſchon lange, denn wenn die Zeitungen in Georgien, Alabama und Miſſiſtppi nicht alle lügen, ſo habt ihr den Strick wenigſtens ein Dutzend Mal verdient, in den Staaten drüben nämlich; aber hier ſind wir in Texas, unter mexikaniſcher Gerichtsbar⸗ keit. Geht uns hier nichts an, was ihr drüben ver⸗ brochen, ſo ihr nur hier nichts angeſtellt. Wo kein Kläger, da iſt auch kein Richter.“— — 154— „Ho! es iſt aber doch ein Kläger,— verſetzte trotzig Bob;— iſt einer, ſag' ich euch;— ſetzte er leiſer und ſchaudernd hinzu.“ „Ein Kläger? Und wer ſollte der Kläger ſeyn?— fragte der Richter, mich anſchauend.“ „Wer der Kläger ſeyn ſollte?— murmelte Bob. — Wer der Kläger ſeyn ſollte?— wiederholte er, wechſelsweiſe den Richter, wieder mich anſtierend.“ „Sendet den Neger hinaus, Squire,— unter⸗ brach er ſich plötzlich, und nicht ohne Selbſtgefühl.— Was ein freier weißer Mann, ein Bürger zu ſagen hat, ſoll nicht von ſchwarzen Ohren gehört werden.“ „Ptoly, geh hinaus!— befahl der Richter, dann wandte er ſich wieder zu Bob.— Sagt, was ihr zu ſagen habt, oder ſagen wollt; aber merkt's euch, zwingt euch Niemand dazu.— Iſt auch nur guter Wille, daß ich euch überhaupt höre, iſt Sonntag.“ „Weiß es,— murmelte Bob,— weiß es, Squire; läßt mich aber nicht ruhen, habe Alles verſucht. Bin hinüber nach San Felipe de Auſtin, hinab nach Anahuac, half Alles nichts. Wohin ich immer gehe, das Geſpenſt folgt mir richtig nach, treibt mich zurück unter den v— ten Patriarchen.“ —= 155 6— „Unter den Patriarchen?— fragte der Richter.“ „Ei, unter den Patriarchen!— ſtöhnte Bob.— Wißt ihr den Patriarchen, ſteht nicht weit von der Furth am Jacinto?“ „Weiß, weiß!— verſetzte der Richter.— Und was treibt euch unter den Patriarchen?“ „Was mich treibt?— murmelte Bob in ſich hinein. — Was treibt Einen,— Einen, der— ¹ „Einen, der?— fragte leiſer der Richter.“ „Einen, der,— fuhr in demſelben leiſen Tone Bob fort,— Einen, der einem Andern:— eine Unze Blei in den Leib gethan.— Liegt da, der Andere, unterm Patriarchen,— den ich— „Den ihr?— fragte wieder leiſe der Richter.“ „Nun, den ich kalt gemacht;— ſchnappte mit einem ungeduldigen Rucke Bob heraus.“ „Kalt gemacht?— fragte in ſtärkerem, beinahe rauhem Tone der Richter.— Ihr ihn? Wen?4 „Je nun, wen? Warum laßt ihr mich nicht aus⸗ reden? habt immer euren Palaver darein;— brummte verdrießlich Bob.“ „Werdet wieder einmal ſalzig, Bob!— ſiel ihm der nun gleichfalls ungeduldig werdende Richter in —= 156— einem Tone ein, ſo zäh⸗ledern verdrießlich und doch wieder gleichmüthig, daß mir ordentlich unheimlich wurde, ich unwillkürlich an den Hals fühlte, ob das Meſſer noch nicht an der Kehle, denn dieſer Ton ließ doch Alles befürchten. In meinem Leben hatte ich ſo nicht von einem Morde verhandeln gehört. Ich horchte, ſpitzte die Ohren, meine abgeſpannten Sinne und Nerven hatten mich vielleicht getäuſcht. Vielleicht war die Rede von einem ungeſchickt kalt gemachten Bären oder Panther.— Einen Augenblick dachte ich auch, es müſſe ſo ſeyn; das Geſicht des Richters ver⸗ rieth ſo gar keine, auch nicht die leiſeſte Aufregung, war ſo handwerksmäßig metzgerartig verdrießlich zu ſchauen; aber dann das Bobs! dieſe Angſt und Ver⸗ zweiflung, dieſe entſetzliche Unheimlichkeit, mit der es ihm ſein Geſtändniß brockenweiſe und gleichſam wider Willen herauszwängte, als ob er vom böſen Feinde beſeſſen; die furchtbare Qual, die ihn verzerrte, die rollenden, wie von einer Furie gepeitſchten, und wie⸗ der ſtier und entſetzt, wie vor einem Geſpenſt, erſtar⸗ renden Augen!— Meine Philoſophie war hier zu Ende, alle meine Menſchenkenntniß über’m Haufen. Der Richter rauchte ſo ruhig fort, als ob, wie ge⸗ —=2 157— ſagt, die Rede von einem ungeſchickt geſchlachteten Kalbe oder Rinde geweſen wäre.— Mir verging Hören und Sehen bei dieſer Gefühlloſigkeit, die denn doch Alles übertraf, was ich je der Art geſehen oder gehört.“— „Er mochte mir unterdeſſen die Gedanken ſo ziem⸗ lich im Geſichte ableſen, denn nachdem er mich einen Augenblick firirt, unterbrach er nicht ohne ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln die Pauſe.“— „Wenn ihr glaubt, Fremdling, in unſerm Lande ſogenannte gute Geſellſchaft zu finden, werdet ihr euch wahrſcheinlich früher enttäuſcht finden, als euch angenehm ſeyn dürfte. Haben weder Newyorker, noch Boſtoner feine Gentlemen hier, brauchten ſie auch nicht, können ſie leicht entbehren. Wird noch, G—tt ſey Dank! einige Zeit dauern, bis eure New⸗ Horker und Londoner und Pariſer Faſhionables zu uns kommen und uns ihre Manieren, oder, beſſer zu ſagen, Unmanieren lehren, die, abgerechnet ſie, viel⸗ leicht um kein Haar beſſer ſind, als der arme T— l, den ihr hier vor euch ſeht. Et, ſind bei uns die Teufel nicht ſo ſchwarz, und bei euch die Engel nicht ſo weiß, wie ſie ausſehen. Werdet hier noch'ne —= 158 6— andere Philoſophie kennen lernen, als die ihr aus euren Büchern habt.“— „Laßt weiter hören, Mann!— wandte er ſich wie⸗ der ruhig zu Bob.— Calculire, iſt doch weiter nichts, als einer eurer gewöhnlichen Tantarums.“— „Bob ſchüttelte den Kopf.“ „Der Richter ſchaute ihn einen Augenblick ſcharf an und ſprach dann im zutraulich ermunternden Tone: „Alſo unter m Patriarchen, und wie kam er unter'n Patriarchen?“ „Schleppte ihn darunter, begrub ihn da, vermuth⸗ ich,— verſetzte Bob.“ „Schlepptet ihn darunter? Und wie kam es, daß ihr ihn darunter ſchlepptet?“ „Weil er wohl ſelbſt nicht gehen konnte, mit mehr als einer halben Unze Blei im Leibe.“— „Und die halbe Unze Blei thatet ihr ihm in den Leib, Bob? Wohl, wenn es Johnny war, habt ihr dem Lande einen Dienſt erwieſen, uns einen Strick erſpart.“ „Bob ſchüttelte den Kopf.“ „War es nicht, obwohl Johnny— doch mögt hören: Iſt, wißt ihr? gerade zehn Tage, daß ihr mich ausgezahlt, zahltet mir zwanzig, fünſzig.“ —" 159 0— „Richtig! zwanzig Dollars, fünfzig Cenks, Bob! und mahnte euch, das Geld ſtehen zu laſſen, bis ihr ein paar hundert Dollars, oder ſo viel beiſammen hättet, daß ihr euch ein Viertel oder Achtel Sitio Land kaufen könntet; aber hilft bei euch alles Reden nichts.“ „Hilft nichts!— ſiel Bob ein;— treibt mich immer der X—l, der mich nun ſchon einmal haben will;— trieb mich, und wollte hinab nach San Fe⸗ lipe zu den Mexikanern. Wollte da mein Glück ver⸗ ſuchen, und auch den Doktor fragen.“— „Wozu braucht ihr den Doktor? Konntet euer Fieber längſt los ſeyn, wenn ihr nur vierzehn Tage mit eurem Trinken ausſetztet, denn ſind hier gar nicht ſo bös, die Fieber. Iſt aber mit euch ein wahres Kreuz, Bob. Seyd ein wilder, ungeregelter, gar ungeregelter Burſche, und dann euer Umgang mit Johnny. Wollen aber jetzt dem Unweſen mit Johnny ein Ende machen. Sind alle Nachbarn einverſtanden. Wohl, waret alſo auf dem Wege nach San Felipe?“ „Wohl, war auf dem Wege nach San Felipe, und wie ich ſo meinen Weg ritt, führt mich der X—l, oder mein Unſtern,— denn der eine oder der andere —= 160 G— war es, calculire ich,— an Johnnys Hauſe vor⸗ über. Verſpürte wohl Luſt zu einem Glaſe, aber ſtieg doch nicht ab.“— „Stieg nicht ab,— fuhr er fort,— aber wie ich vom Rücken meines Muſtang hineinſchaue durch die Fenſterläden in die Stube, ſehe ich einen Mann am Tiſche ſitzen, der ſich's wohl ſchmecken läßt, bei einer Schüſſel Steaks und Pataten und einem Glaſe ſteifen. Machte mir das Appetit, ſtieg aber doch nicht ab.“— „Wollte nicht, aber wie ich ſo ſchaue und ruminire, kommt der Satan, der Johnny, geſchlichen, wiſpert mir zu, möchte abſteigen, es wäre ein Mann im Hauſe, mit dem etwas anzufangen wäre, wenn wir's geſcheidt einfädelten; habe eine Geldkatze um den Leib, die ſchönſte, geſpickteſte Geldkatze, die man nur ſehen könnte; und wenn wir juſt Spaßes halber ein Spiel⸗ chen machten, würde er wohl anbeißen.“— „Hatte nicht rechte Luſt,— fuhr Bob fort,— und calculirte und ruminirte eine ziemliche Weile; aber knurrte Johnny, und that gar ſo heimlich und ſchmei⸗ chelnd, und wie er gar ſo thut, ſteige ich endlich ab, und wie ich abſteige, und mir die Dollars im Sacke klimpern, bekomme ich auch Luſt, und luſtig treteich ein.a —°5 161— „Luſtig trete ich ein,— fuhr der Mann wild lachend fort,— ein Glas folgt dem andern; Beef⸗ ſteaks und Pataten waren auch da, ich aß aber nur ein paar Biſſen.“ 1 „Hatte kaum ein paar Biſſen drunten, und ein, drei, vier Gläſer, als Johnny Karten und Würfel brachte. Holla, Johnny! Karten und Würfel, Johnny! Habe zwanzig Dollars fünfzig in der Taſche, Johnny! Wollen ein Spiel machen, Johnny! wollen, aber nüch⸗ tern, ſag ich, Johnny! denn kenne dich, Johnny!“ „Johnny aber lacht gar pfiffig und rüttelt Würfel und Karten; und wir heben zu ſpielen an.“ „Spielen, und dazwiſchen trinken wir; ich aber mehr als Johnny, und mit jedem Glaſe werde ich hitziger, meiner Dollars aber weniger. Rechnete auf den Fremden, calculirte, würde der eintreten, daß wir ihn rupfen könnten, ſaß aber da, und aß und trank, als ob ihn das Ganze gar nichts anginge. Wurde, ihm Luſt zu machen, immer toller, half aber Alles nichts;— aß und trank ruhig fort.— Ehe eine halbe Stunde vergangen, war ich abgetakelt, meine zwanzig — fünfzig beim T— l, oder, was daſſelbe iſt, Johnny's.“¹ Das Cajütenbuch. 1. 11 ——. — — — 4462— „Wie ich kahl war, ward es mir vor den Augen, Squire! juſt wie grün und blau war's mir. Nicht 2 bald war mir's ſo geweſen. Hatte hundert Mal größere Summen verſpielt, Hunderte, ja Tauſende von Dollars verſpielt, aber dieſe Hunderte, ja Tauſende hatten mich auch nicht den hundertſten, tauſendſten Theil der Mühe gekoſtet, die mir dieſe zwanzig, fünf⸗ zig nahmen; wißt, habe zwei volle Monate in Wäldern und Prairies herum gelegen, mir das Fieber an Hals gezogen. Das Fieber hatte ich noch, aber kein Geld, es zu vertreiben. War euch ſo wild, konnte mit einem Caguar anbinden; ſprang auch wild, wie ich war, auf Johnny zu, lachte mir nur höhniſch ins Geſicht, klim⸗ perte dazu mit meinen Dollars. Bekam dafür eine Kopfnuß, die, wäre er nicht auf die Seite geſprungen, ihm für acht Tage das Lachen vertrieben hätte.“ „Hinkt aber doch wieder heran.“ „Hinkt wieder heran, und mir nach, und winkt mir und raunt mir heimlich zu: Bob, raunt er mir zu, Bob, ſeyd ihr denn gar ſo auf einmal aus der Art geſchlagen, ein Haſenherz geworden, daß ihr nicht ſeht, nicht die volle Katze ſeht, ſagt er, mit den Augen auf die Katze hinblinzelnd, die der Mann um den Leib — 0 163— hatte, und die, lachte er, für wenig mehr als eine halbe Unze Blei zu haben wäre.“— „Sagte er das?— fragte der Richter.« „Ei, ſagte er's,— bekräftigte Bob;— ſagte er's. Wollte aber nichts davon hören,— war ſo wild von wegen der zwanzig Dollars; ſagte ihm, wenn er Luſt auf die geſpickte Katze habe, möge er ſie ebenſowohl ſelbſt dem Fremden abnehmen, brauche mich nicht dazu, ihm die Kaſtanien aus der heißen Aſche zu ziehen; ſolle gehen und v—t ſeyn.“ „Gab meinem Muſtang die Sporen, und ritt wild davon. „Ritt davon;— fuhr Bob fort.— In meinem Kopfe ging's herum, wie in einer Tretmühle. Lagen mir die zwanzig, fünfzig beſtialiſch im Kopfe. Zu euch wollte ich nicht, durfte auch nicht, wußte, würdet geſ ſcholten haben.“ „Würde nicht geſcholten haben, Bob!— Würde zwar geſcholten haben, aber zu eurem Beſten. Würde den Johnny vor mich citirt, eine Jury von zwölf Nach⸗ barn zuſammen berufen, euch zu euren zwanzig, fünf⸗ zig, Johnny aber aus dem Lande, oder noch beſſer, aus der Welt verholfen haben.“— „Die Worte waren zwar noch immer mit vielem 11* — 0 164 G— Phlegma, aber auch einer Herzlichkeit, einer Theil⸗ nahme geſprochen, die mir eine etwas beſſere Meinung von der Gewiſſenszartheit des guten Richters beibrach⸗ ten. Auch Bob ſchienen ſie wohlthätig berührt zu haben. Er holte einen tiefen Seufzer, ſchaute den Richter gerührt an.“ „Iſt zu ſpät,— murmelte er,— zu ſpät, Squire.“ „Nicht zu ſpät, verſetzte der Richter;— doch laßt weiter hören.“ „Wohl,— hob wieder Bob an,— wie ich ſo herum ritt,— war bereits Abend,— ritt gegen das Palmettofeld zu, wißt ihr? am andern Ufer des Ja⸗ cinto?“ „Der Richter nickte.“ „Ritt ſo am Palmetto hinauf.— Wie ich ſo reite, höre ich auf einmal Pferdsgetrampel.“ „Höre Pferdsgetrampel,— fuhr er fort.— Wie ich das höre, wird mir ſo kurios zu Muthe, ſo kurios zu Muthe, ſo kurios, wie mir im Leben nicht geweſen, ſchauderhaft wird mir zu Muthe, ganz kalt überrieſelt es mich. War mir, als ob mir zehntauſend böſe Gei⸗ ſter in die Ohren heulten, verlor die Beſinnung, ver⸗ ging mir Sehen und Hören, wußte nicht mehr, wo ich — e 165 c-— war. Stand mir bloß die geſpickte Geldkatze vor Augen, und meine zwanzig Dollars, fünfzig.“ „Sah nichts, hörte nichts anders.“ „Hörte nichts, hörte aber doch, hörte eine Stimme; ruft mich an, die Stimme,— ruft: Woher des Weges, — und wohin, Landsmann?“ „Woher und wohin?— murmelte ich;— woher und wohin? Zum T.—l, ſage ich, und dahin mögt ihr gehen, und ihm Botſchaft bringen.“ „Die mögt ihr ihm ſelbſt überbringen,— ſagt lachend der Fremde,— wenn ihr Luſt habt, mein Weg geht nicht zu ihm.“ „Und wie er ſo ſagt, ſchau ich auf, und ſehe, daß es der Mann iſt mit der Geldkatze; wußte es zwar, aber ſchaute doch auf.“ „Seyd ihr nicht der Mann,— ſagte er,— den ich drüben in der Herberge geſehen?“ „Und wennich's bin, was geht es euch an?— ſag ich ihm.“ „Nichts, das ich wüßte,— ſagte er;— geht mich freilich nichts an;— ſagt er. ¹ „Wohl, ſo zieht eures Weges, und ſagt, ſeyd da geweſen;— ſag' ich.“ — 166— „Will, will!— ſagt er.— Und nichts für ungut, — ſagt er;— ein Wort iſt kein Pfeil,— ſagt er;— und calculire, hat euch euer Spielverluſt eben nicht in kirchengängeriſche Laune verſetzt;— ſagte er.— Wenn ich ihr wäre, würde wahrlich meine Dollars nicht auf Karte und Würfel ſetzen;— ſagt er.“ „Und machte mich das, daß er mir meinen Verluſt in die Zähne warf, ſo giftig; war euch giftig, wie'ne wilde Katze.“ „Halte aber doch meinen Zorn zurück. Stieg mir aber auf, die Galle, ſpürte es: ward tückiſch.“ „Seyd mir ein ſauberer Geſelle, ſag' ich,— da einem ſeinen Spielverluſt in die Zähne zu reiben, ein elender Geſelle!“ „Wollte ihn nämlich aufreizen, und dann mit ihm anbinden. Hatte aber keine Luſt zum Anbinden, ſagt ganz demüthig: „Werfe euch nichts in die Zähne; behüte mich G-tt, euch euren Verluſt in die Zähne zu reiben; bedaure euch im Gegentheil. Seht mir nicht aus, wie einer, der viele Dollars zu verlieren hat. Seht mir aus, wie ein hart ſchaffender Mann, der ſich ſein Geld ſauer verdienen muß.“ —=°9167— „Ci wohl, hart ſchaffiger Mann!— ſag ich;— wohl muß ich mir mein Geld ſauer verdienen.“ „Und hatten wir ſo gehalten, und waren ſchier am obern Ende des Canebrake, nahe am Waldſaume, der den Jacinto einſäumt, und hatte mich hart an ihn, und der X— ſich an mich geniſtet.“ „Wohl hart ſchaffiger Mann,— ſag' ich,— und Alles verloren, Alles, keinen Cent zu einem Biſſen Kautabak.“ „Wenn ſonſt nichts iſt, als das,— ſagt er,— da läßt ſich wohl abhelfen. Kaue zwar nicht, bin auch kein reicher Mann, habe Weib und Kind, und brauche jeden Cent, den ich habe; aber einem Landsmann zu helfen, iſt Bürgerpflicht.— Sollt Geld zu Kautabak und einem Dram haben.“ „Und ſo ſagend, langte er den Beutel aus ſeiner Taſche, in dem er ſeine Münze hatte.— War ziemlich voll, der Beutel, mochten wohl ein zwanzig Dollars darin ſeyn, und war mir, als ob der T— l mir aus dem Beutel heraus zulache.“ „Halb Part!— ſag' ich.“ „Nein, das nicht; hab' Weib und Kind, und ge⸗ hört denen, was ich habe; aber einen halben Dollar.“ —=9 168 6— „Halb Part!— ſag' ich; oder—“ „Oder?— ſagt er, und wie er ſo ſagt, ſteckt er den Beutel wieder in die Taſche, und langt nach der Rifle, die er über der Schulter hat.— Zwingt mich nicht,— ſagt er,— euch Leides anzuthun.— Thut das nicht, — ſagt er,— möchte ich, möchtet ihr es bereuen. Bringt keinen Segen, was ihr vor habt.“ „Ich aber höre nicht mehr, ſehe nicht mehr;— zehn Millionen böſe Geiſter haben mich ergriffen.“— „Halb Part!— ſchreie ich,— und wie ich ſo ſchreie, hopst er auch im Sattel auf, fällt zurück,— über den Rücken ſeines Gauls hinab.“— „ Bin ein todter Mann!— röchelt er noch.— Gott — ſey mir gnädig und barmherzig! Mein armes Weib, meine armen Kinder!“ „Bob hielt jetzt inne, der Athem ſtockte ihm, der Schweiß ſtand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. Grauſig ſtarrte er in die Ecke des Zimmers hinein.“ „Auch der Richter war bleich geworden. Ich hatte es verſucht, aufzuſtehen, taumelte aber wieder zurück; ohne die Tafel wäre ich geſunken.“ — o 169— „Eine düſtere Pauſe trat ein.— Endlich murmelte der Richter: „Ein harter, harter Fall!— Vater, Mutter, Kinder mit einem Schlage! Bob, ihr ſeyd ein gräß⸗ licher Geſelle, ein gräßlicher Geſelle, geradezu ein Böſewicht!“ „Ein gräßlicher Geſelle!— ſtöhnte Bob;— die Kugel war ihm mitten durch die Bruſt gegangen.“ „Vielleicht war euch der Hahn abgeſchnappt?— ſprach leiſe, wie ängſtlich, der Richter;— vielleicht war's ſeine eigene Kugel?“ „Bob ſchüttelte den Kopf.“ „Weiß es wohl, denn ſteht mir noch ſo deutlich vor Augen, wie er ſagt: Thut das nicht, zwingt mich nicht, euch Leides anzuthun. Möchtet ihr, möchte ich es bereuen.— Drückte aber ab, war der T— l, der mich's thun hieß. Seine Kugel ſteckt noch im Rohre.“ „Wie er jetzt vor mir lag,— fuhr er ſtöhnend fort,— wurde mir, kann euch's gar nicht beſchreiben, wie mir wurde. War nicht der Erſte, den ich kalt gemacht, aber alle Geldkatzen und Beutel der Welt hätte ich jetzt darum gegeben, die That ungeſchehen zu machen. Nein, ſoll der Letzte ſeyn, ſoll und muß — 170— der Letzte ſeyn, denn läßt mich nicht mehr ruhen, nicht mehr raſten.— In der Prairie gar, da iſt's am ärg⸗ ſten, ſag euch's geradezu, am allerärgſten. Laßt mich nicht mehr in der Prairie, treibt mich immer unter den Patriarchen.“ „Muß ihn auch unter den Patriarchen geſchleppt, da mit meinem Waidmeſſer verſcharrt haben, denn fand ihn da. u „Fandet ihn da?— murmelte der Richter.“ „Weiß nicht, wie er dahin kam, muß ihn wohl ſelbſt hingebracht haben, denn fand ihn da. Sah aber nichts mehr, hörte nur die Worte: Gott ſey mir gnädig und barmherzig! Bin ein todter Mann! Mein armes Weib, meine armen Kinder!“ „Bringt wohl keinen Segen, was ich gethan!— ſtöhnte er wieder.— Bringt keinen, habe es erfah⸗ ren. Gellen mir die Worte immer und ewig in den Ohren.“ „Der Richter war aufgeſtanden und ging in tiefen Gedanken heftig im Parlour auf und ab. Auf einmal hielt er an.“ „Was habt ihr mit ſeinem Gelde gethan?“ „Stand mir immerfort vor Augen,— murmelte — 171— Bob.— Wollte nach San Felipe, hatte ſeinen Beutel zu mir geſteckt, aber ſeine Katze mit ihm begraben, auch eine Flaſche Rum, und Brod und Beefſteaks, die er von Johnny mitgenommen. Ritt den ganzen Tag. Am Abende wie ich abſteige und ins Wirthshaus, das ich vor mir ſehe, einzutreten gedenke, wo glaubt ihr, daß ich war?“ „Der Richter und ich ſtarrten ihn an.“ „Unter dem Patriarchen. Hatte, ſtatt mich nach San Felipe zu laſſen, der Geiſt des Gemordeten mich unter den Patriarchen getrieben. Ließ mich da nicht ruhen, bis ich ihn aus⸗ und wieder eingeſcharrt, aber den Mantelſack nicht.“ „Der Richter ſchüttelte den Kopf.“ „Verſuchte es den folgenden Tag mit einer andern Richtung; brauchte Kautabak, hatte keinen mehr. Reite nach Anahuac, durch die Prairie.— In der Prairie trieb's mir's gar zu toll. Ein großer Mann im glänzenden Bart und Gewande ſtand vor mir, wo ich mich immer hinwandte. So ſtelle ich mir den Gott vor, wenn es einen Gott gibt.— Ihm zur Seite dräute das Geſpenſt des Gemordeten. Und ſo trieben mich die Beiden, daß ich meinen Muſtang blutig — 0 172 6G— ſpornte, ihnen zu entgehen. Wollte um jeden Preis nach Anahuac, hoffte mir's da ſchon aus'm Sinne zu ſchlagen. Ritt auf Leben und Tod auf Anahuac zu — den ganzen Tag. Am Abend, wie ich aufſchaue, die Salzwerke zu ſehen glaube, wo glaubt ihr, daß ich wieder war?“. „Richtig wieder unter'm Patriarchen. Grub ihn wieder aus, ſchaut' ihn mir wieder von allen Seiten an, vergrub ihn dann wieder.“ „Queer das!— verſetzte der Richter.“ „Ci, ſehr queer!— ſtimmte Bob bei.— Hilſt) Alles nichts, ſag' es euch,— geben mir nicht Ruhe, — hilft Alles nichts. Wird nicht beſſer, als bis ich gehängt bin.“ „Bob fühlte ſich ſichtbar erleichtert, nachdem er dieß geſprochen. Aber, ſo ſeltſam es klingen mag, auch ich.— Unwillkürlich nickte ich beiſtimmend.— Der Richter allein verzog keine Miene. u „So,— ſprach er,— ſo. So glaubt ihr, es wird nicht beſſer, als bis ihr gehängt ſeyd?“ „Ja;— verſetzte mit eifriger Haſt Bob.— Ge⸗ hängt an demſelben Patriarchen, unter dem er begra⸗ ben liegt. —= 173 6— „Jetzt nahm der Richter eine Eigarre, zündete ſte an, und ſprach dann: „Wohl, wenn ihr es ſo haben wollt, wollen wir ſehen, was ſich für euch thun läßt. Will die Nach⸗ barn morgen zur Jury zuſammen rufen laſſen.“ „Dank euch, Squire;— brummte Bob, ſichtbar erleichtert.“ „Will ſie zu einer Jury zuſammen rufen laſſen,— wiederholte der Alcalde,— und dann ſchauen was ſich für euch thun läßt. Werdet vielleicht andern Sinnes. u „Ich ſchaute ihn wieder an wie aus den Wolken gefallen. Er ſchien es jedoch nicht zu bemerken.“ „Gibt vielleicht noch einen andern Weg, euer Leben los zu werden, wenn ihr es müde ſeyd,— fuhr er, die Cigarre aus dem Munde nehmend, fort,— könnt vielleicht den einſchlagen, ohne daß euer Gewiſſen Hühneraugen bekommt.“ „Bob ſchüttelte den Kopf, ich unwillkürlich gleich⸗ falls. „Wollen auf alle Fälle hören, was die Nachbarn ſagen;— ſprach wieder der Richter.“ „Bob ſtand jetzt auf, trat auf den Richter zu, ihm —= 174 6— die Hand zum Abſchiede zu reichen. Dieſer verſagte ſie. Sich zu mir wendend, ſprach er: „Glaube, ihr bleibt beſſer hier.“ „Bob wandte ſich ungeſtüm.“ „Der Gentleman muß mit.“ „Warum muß er mit?— fragte der Richter.“ „Fragt ihn ſelbſt.“ „Ich erklärte nochmals die Verbindlichkeit, die ich Bob ſchuldete, die Art und Weiſe, wie wir mit ein⸗ ander zuſammen getroffen, wie er bei Johnny für mich geſorgt.“ „Er nickte beifällig, ſprach aber dann beſtimmt: „Ihr bleibt nichts deſto weniger hier, gerade jetzt um ſo mehr hier, und Bob, ihr geht allein. Ihr ſeyd in der Stimmung, Bob, die am beſten allein bleibt, in einer gereizten Stimmung, verſteht ihr? und deßhalb laßt ihr den jungen Mann hier. Könnte noch ein Unglück geben. Iſt auf alle Fälle beſſer hier, als bei euch, oder Johnny aufgehoben. Morgen kommt ihr wieder, und da wollen wir ſehen, was ſich für euch thun läßt.“ „Die Worte des Mannes waren mit jenem Ge⸗ wichte geſprochen, dem Leute von Bobs Charakter — 175 G— ſelten zu widerſtehen vermögen. Er nickte beifällig und ging.“ „Ich wieder ſaß noch immer wie betäubt, den ſelt⸗ ſamen Mann anſtarrend,— er kam mir gar ſo un⸗ menſchlich, beinahe ogreartig vor!“ VIII. „Nahm es bei meiner Seele kühle, der!“ lachte hier der Oberſt Cracker. „Und Ihr ſcheint es albern nehmen zu wollen, Cracker!“ lächelte wieder Oberſt Oakley. Der Erzähler ſchien nicht zu hören. Er fuhr fort: „Als Bob gegangen, blies der Alcalde in ein Muſchelhorn, das die Stelle der Klingelſchnur ver⸗ trat, nahm dann das Cigarrenkäſtchen zur Hand, prüfte eine Cigarre nach der andern, brach ſie ver⸗ drießlich, und warf die Stücke zum Fenſter hinaus. Der Neger, der auf den Muſchelſtoß eingetreten, ſtand bereits eine geraume Weile, waͤhrend ſein Herr noch immer Cigarren brach, und zum Fenſter hinaus warf. Endlich ſchien ihm die Geduld zu vergehen.“ —= 176 6— „Höre, Ptoly!— grollte er den zuſt ammenſchrecken⸗ den Schwarzen an,— wenn du mir wieder ſolche Cigarren ins Haus bringſt, die weder ziehen, noch rauchen, will ich dir deinen Rücken rauchen machen. — Bürg dir dafür.— Iſt ja ſchier keine einen Fie⸗ delbogen werth.— Sag der alten kaſtanienbraunen Hexe des Johnny, brauche ihre Cigarren nicht. Nimmſt keine mehr von ihr. Reiteſt hinüber zu Mister Ducie und holſt da ein Kiſtchen. Laſſe ihm ſagen, ſoll mir gute ſchicken. Und, hörſt du? magſt ihm gleich ſagen, hätte ein paar Worte mit ihm und den Nach⸗ barn zu reden. Soll ſie mitbringen, die Nachbarn. Und, verſtehſt du? kehrſt ſogleich wieder um, mußt um zwei Uhr zu Hauſe ſeyn. Nimmſt den Muſtang, den wir vorletzte Woche eingefangen. Will ſehen, wie er den Ritt aushält.“— „Der Wollkopf horchte auf die zehnerlei Weiſun⸗ gen und Aufträge mit offenem Munde und aufge⸗ riſſenen Augen, ſtarrte den Herrn perplex an, und ſchoß dann der Thür zu.“ „Wo willſt du hin, Ptoly?— rief ihm der Alcalde nach. u „Zu Maſſa Ducie.“ — 0 177 6— „Ohne Paß, Ptoly?— Und was niſlſt du mit Mister Ducie?“ „Er nicht ſo ſchlechte Cigarren ſchicken, er kaſtanien⸗ braune Hexe ſey.— Maſſa mit Johnny und den Nach⸗ barn reden. Sie mitbringen, Johnny, die Nachbarn. 4 „Hab' mir's wohl gedacht,— verſetzte, ohne eine Miene zu verziehen, der Richter.— Warte einen Au⸗ genblick, will den Paß ſchreiben, und ein paar Zeilen an Mister Ducie.“ „Und ſo ſagend ſchrieb er Paß und Note, und gab Beide dem Neger.“ „Als dieſer gegangen, griff er wieder nach dem Cigarrenkäſtchen, brannte die erſte, die ihm in die Finger kam, an;— auch ich nahm eine, die trefflich rauchte. Es waren vorzügliche Principes.“ „Wir ſaßen rauchend, bis das Pferdegetrampel des abgerittenen Negers verhallt; dann blies er wie⸗ der ins Muſchelhorn.“ „Ein anderer Neger trat ein. „Neni,— bedeutete er dieſem,— du reiteſt hin⸗ über zu Mister Stones; Abraham Enoch Stones, verſtehſt du? Laſſ' ihn erſuchen, morgen früh herüber zu kommen, von wegen der Aufnahme der Grenzen Das Cajütenbuch. I. 12 — 178 6— an der Pfirſichinſel. Möchte auch die Nachbarn mit⸗ bringen. Doch wart, will dir ein paar Zeilen mit⸗ geben, machſt ſonſt Confuſton.— Bis zwei Uhr mußt du zurück ſeyn, verſtehſt du?— bedeutete er dem Neger, ihm Paß und Note einhändigend, und dann weiter rauchend.“ „Auf einmal wandte er ſich zu mir.“ „Nördlich, oder ſüdlich von Maſons und Dixons Linie zu Hauſe?“*) „Die Frage klang ſo abrupt peremtoriſch, daß ich mich beſann, ob ich ſte auch beantworten ſollte.“ „In der Mitte,— von Maryland,— verſetzte ich endlich.“ „Alſo ein Nachbar der alten Dominion?**)— Ah, die alte Dominion— iſt und bleibt die alte Dominion.“ „Ein großer Staat!— bemerkte ich.“ „Ein großer?— rief er unwillig;— der größte, *) Wird eine imaginäre Linie— zwiſchen den Sklaven und nicht Sklaven haltenden Staaten, das heißt, zwiſchen dem Sü⸗ den und Norden— genannt. **) Virginien, früher der mächtigſte Staat, ward emphatiſch die alte Dominion, die Herrſchaft genannt. — d 179 6— den es gibt, gegeben hat, geben wird. Welcher eurer vierundzwanzig Staaten kann eine Galary von Mäͤn⸗ nern aufweiſen, wie die alte Dominion, die Waſ⸗ hingtons, Henry Patricks, Jefferſons, und ſo viele Andere?“ „Jefferſon?— ſprach ich kopfſchüttelnd.“ „Ei, Jefferſon, Jefferſon!“ „Würde aber doch ſchwerlich, lebte er noch, an ſeinen demokratiſchen Früchten viele Freude haben.“ „Würde die Freude haben,— ſprach er beſtimmt, — die ein Mann haben kann, der ſein Prinzip mit eiſerner Conſequenz durchgeführt, es üppig, vielleicht ein bischen zu üppig, gedeihen ſieht. Bedarf jetzt, ſo wie ein üppig aufgeſchoſſener Baum, des Beſchnei⸗ dens unſer Volks⸗Souverainetäts⸗Prinzip, verſteht ihr? Aber gebührt ihm die Ehre und der Ruhm, es zum herrſchenden erhoben zu haben. Wird freilich dafür von euren Wouldbe⸗Ariſtokraten und Bank⸗ männern in den Abgrund der Hölle verwünſcht, kein Wunder brach ihre Apoſtel die Hamiltons und Adams', ging the whole hog mit ihnen. War aber nöthig, höchſt nöthig mit Leuten, die ſo bornirt ſelbſtſüchtig, wie die damaligen Federals, da glaubten, die Revo⸗ 12* .—=180 6— lution ſey nur für ſte gefochten, und die Millionen hätten Gut und Blut eingeſetzt, um das engliſche Joch für das ihrige zu vertauſchen. Waren gar zu fir und fertig, dem Volke die Hemmſchuhe, die Bruch⸗ bänder anzulegen.— Und ſag' euch, wäre ihnen ge⸗ lungen, wäre kein Jefferſon da geweſen. War aber Jefferſon da, und hatte Jefferſon ſeine Fehler als Menſch, war aber als Staatsmann einer der größten, der je die Hand an den Pflug gelegt. Hat nie Einer das Weſen der Demokratie, ihre Natur, ihre unge⸗ heuer befruchtende Kraft ſo ganz begriffen, dieſen Triumphwagen der Menſchheit ſo raſch in Lauf ge⸗ bracht. Verdanken ihm die vereinten Staaten, daß ſie in weniger denn fünfzig Jahren die größte Nation der Erde ſeyn werden, verdanken ihm, daß ſie bereits über einen halben Welttheil hingebreitet, feſt gewur⸗ zelt ſind. War er es, der ſeinem Volke die Schleuſen und Dämme öffnete, in die die Hamiltons, die Adams es einzupferchen geſucht. War juſt der Mann, wie er uns damals noth that, ſein Prinzip das wahre! — Werden Völker ſo wie Menſchen geboren; denn ſind Völker bloß Vereine von vielen Menſchen, wachſen auf, kommen zu Mannskraft, ſterben wieder ab, und —= 181— könnt ihr ein junges Volk eben ſo wohl wie einen jungen Menſchen verkrüppeln, wenn ihr ihm die Bruchbänder, die Laſten an⸗ und auflegt, die nur alte oder kräftige zu ertragen im Stande ſind. Sind aber dieſe Bruchbänder eine ſtarke Regierung, und ihre Zwillingshebel eine mächtige Ariſtokratie und Hierarchie. Paſſen dieſe Bruchbänder und Zwillings⸗ hebel wohl für eine alte gereifte, aber nicht für eine junge Nation, die, wenn ſie arbeiten, ſchaffen, zum Gebrauch ihrer Glieder, ihres geſunden Menſchenver⸗ ſtandes kommen ſoll, ſich frei bewegen muß. Hat darum auch nur wenige Nationen gegeben, die zum Gebrauch ihrer Glieder, ihres geſunden Menſchenver⸗ ſtandes gekommen, majorenn geworden. In alten Zeiten die Griechen und Römer, in neuern die Britten und wir. Verſuchen es jetzt auch die Franzoſen. Wünſche ihnen Glück, haben in den letzten Jahren viel gethan, den alten Schutt wegzuräumen. Sind ein tüchtiges, ja herrliches Volk, die Franzoſen. Sind wir es, und ſie, und die Britten, die jetzt die Welt regieren, die Civiliſation, die Freiheit dieſer Welt in unſerer Obhut haben. Sind die Uebrigen alle minorenn, von uns Dreien abhängig, ihre Ge⸗ —= 182 6— ſchichte kaum der Mühe werth, daß ſie ein freier Mann liest;— aͤrgert ſich nur, wenn er dieſe Millio⸗ nen wie verſtand⸗ und willenloſe Schafheerden ihren Leithammeln folgen ſieht.“ „Aber gerade dieſe Nationen, die ihr da für ma⸗ jorenn erklärt, hatten und haben doch eine ſtarke Ariſtokratie;— bemerkte ich.“ „Hatten ſie aber doch nicht in ihrer Jugend, werdet ihr zugeben?“. „In ihrer Jugend, lieber Richter, in ihrer frühe⸗ ſten Jugend;— verſicherte ich.“ „Wohl, wohl! will mich mit euch nicht um Worte ſtreiten,— mögt meinethalben die normänniſchen Barone Ariſtokraten, Lords of the bedchamber, oder meinetwegen grooms of the stole*) heißen; calculire aber, wenn ſie es waren, hatten ſie mehr demokratiſchen Spunk, als ihren Souverainen lieb war, und wenn ſie ja einmal das Waſchbecken hielten, warfen ſte es ihnen das andere Mal gewiß an den Kopf.— Waren das Männer!— Eure heutigen Ariſtokraten aber, Pooh!— weichliche, ſelbſtiſche *) Engliſche Hofämter, den deutſchen Oberſt⸗Kämmerern und ſo weiter entſprechend. — 183 6— Zwitter, Gift⸗ und Sumpfpflanzen, die ausgeartet, den nationellen Boden verſäuret, vergiftet, verdor⸗ ben, wie unſere Tabackspflanze eure Maryland— und unſere Virginia⸗Böden.“ „Das Simile war mir neu.“ „So haltet ihr die heutige Ariſtokratie für Gift⸗ und Sumpfpflanzen?“ „Leider artet das Beſte aus; das herrlichſte, fri⸗ ſcheſte Waſſer geräth in Fäulniß, wenn es lange in träger Ruhe ſtagnirt. Haben auch wir bereits dieſe Fäulniß,— unſere glorioſen Waſhingtons, Carol⸗ tons, ihre Sumpf⸗ und Giftſprößlinge:— Wouldbe⸗ Ariſtokraten, Gentlemen, durch ihrer Schneider Gnade, Söhne hergelaufener Schuh⸗ und Keſſelflicker, und Ladenburſche und Krämer, die in der ganzen Welt herum vagirt, endlich ihr Schelmengenie zu uns ge⸗ bracht, es da zu Geld gebracht, und nun ihre Brut die Lords ſpielen ſehen möchten. Bin auch Ariſtokrat, ein demokratiſcher Ariſtokrat, könnte aber ſolche Wouldbe⸗Ariſtokraten!“ „So ſeyd ihr ein Ariſtokrat?— entfuhr mir un⸗ willkürlich.“ „Der Ton meiner Stimme mochte etwas Ironiſches —= 184 6— haben, denn er warf die Cigarre einigermaßen ver⸗ ächtlich weg, ſetzte das Glas feſt an und ab, ſchaute mich dann einen Augenblick ſcharf an, und ſprach mit entſchiedener, beinahe ſtrenger Stimme: „Bin ein Mann,— ein Mann, verſteht ihr? und iſt der erſte Herzog und Lord und Pair auch nicht mehr, und der ruſſtſche Kaiſer auch nicht mehr;— und iſt er Alles, was er ſeyn kann, wenn er ein Mann iſt. Bin ein Mann, und wenn ihr mehr wiſſen wollt, ein Mann der Bewegung, ein Prinzip⸗ mann. Und war Napoleon, ſo lange er ein Mann, ein Prinzipmann blieb, Herr der halben Welt, und hörte auf, Herr zu ſeyn, wie er aufhörte, ein Mann zu ſeyn, ein grundſatzloſer Schwächling, ein falſches Weib wurde.“ „Napoleon,— rief ich nicht wenig amüfirt,— ein grundſatzloſer Schwächling, ein falſches Weib? „Nenne, war die Antwort, einen grundſatzloſen Schwächling, ein falſches Weib dejenigen, der ſeinem Prinzip ungetreu, es verkennt, es verräth. Und war es Napoleon, der ſeinem Prinzipe, ſeinem Ele⸗ mente, dem Volke, das ihn erhoben, gehalten, un⸗ getreu, es an die Ariſtokraten, Dynaſten verrieth.“ — 185— „Sag euch,— fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,— hat das den Napoleon geſtürzt, und mit Recht geſtürzt, daß er ſich ſelbſt, ſeinem Prinzipe, ſeinem Elemente ungetreu worden. Alle ſeine Thor⸗ heiten, ſeine tollen Feldzüge, ſein ſich zum Kaiſer Aufwerfen, Alles, Alles hätte man ihm verziehen; — nur die miſerable, ich möchte ſagen ſtupide Grund⸗ ſatzloſigkeit nicht, mit der er daſſelbe demokratiſche Prinzip, das ihn gehoben, daſſelbe Volk, dem er Alles verdankt, ſeinen ärgſten Feinden, den Ariſto⸗ kraten und Dynaſten in die Hände lieferte. Das hat ſein Volk von ihm abgewendet, die Bande zwiſchen ihm und den Franzoſen zerriſſen.“ „Aber ich habe doch immer gehört, ganz Frank⸗ reich hänge noch immer wie berauſcht an ihm, und ſeinem magiſchen Namen?“ „Wohl möglich, aber merkt es euch, iſt in Völ⸗ kern, ſo wie Menſchen, obwohl ihnen oft unbewußt, immer Grundſatz. Wer dieſen Grundſatz, dieſen Ariadnefaden erfaßt, dem iſt kein Labyrinth zu ver⸗ wickelt, das Volk hilft ihm heraus,— wer ihn fahren läßt, den läßt es auch fahren.— War der Grund⸗ ſatz, der Ariadnefaden der Franzoſen Demokratie, —:= 186 6— hatte den Napoleon erfaßt, hätte den auch halten ſollen;— und daß er ihn nicht hielt, das hat ſeine Zauberkraft über die Franzoſen nicht nur gebrochen, dieſelben Franzoſen werden ihm einſt, wenn ſie es nicht jetzt ſchon thun— fluchen. Er hat ſie und ihre Erwartungen bitter getäuſcht, denn ſeit die Welt ſteht, hat kein Volk für einen Menſchen je ſo viel ge⸗ than, ſo viele Opfer gebracht, ſo viel vertrauende Hingebung bewieſen, als dieſes franzöſiſche Volk. Er war der unumſchränkte Repräſentant der Demo⸗ kratie, wie Keiner es je geweſen, hatte ganz freie Hände, denn die faule Ariſtokratie war beinahe ganz beſeitigÄt. Was hätte dieſer Mann für ſein Volk, ſein Prinzip nicht Alles thun können! Er hatte es in ſeiner Gewalt, dem halben Menſchengeſchlecht eine neue buͤrgerliche Geſtaltung zu geben, das morſche Ge⸗ bäude der geſellſchaftlichen Einrichtungen von Grunde aus zu erneuern. Was thut er? Zieht denſelben Adel, den ſein Volk von ſich geſtoßen, wieder an ſich, läßt ſich von— Dummköpfen im Vergleich mit ihm— überliſten, tritt mit den alten Dynaſtien— Oeſtreich, in Bund, verräthſich— Prinzip— Volk.“— —=0 187 6— „Ei, der Mann wird noch nach Jahrtauſenden leuchten, aber nicht bloß wegen ſeiner koloſſalen Größe, — ſondern auch wegen ſeiner koloſſalen Bornirtheit, Grundſatzloſigkeit leuchten,— allen Demokraten zur Warnung.“ „Aber ſind die Ausdrücke, die ihr da auf Napoleon anwendet, nicht ein wenig zu ſtark?— bemerkte ich.“ „Hat die Nemeſis bereits gerichtet,— fuhr er ernſt und ohne auf meine Worte zu hören fort.— Waren es nicht die Liverpools Caſtlereaghs Bathurſt Wel⸗ lingtons, war es die ewige richtende Nemeſis, die ihn auf den Felſen von St. Helena mit dem häßlichen Geier Hudſon Lowe geſchmiedet, that die es.“ „Ah, was hätte der Mann für ſein Volk, die Menſchheit, ihre Geiſtesentjochung nicht Alles thun können! welche Götterblitze— Funken! zum Beiſpiel der, den geiſtlichen Popanz, der nun ſeit ſechszehn⸗ hundert Jahren die Welt am Narrenſeile herumge⸗ gängelt, von ſeinem ſiebenhügeligen Throne herab zu ſtoßen, ihn in ſeine gebührenden geiſtlichen Schran⸗ ken zurück zu weiſen! Ah, dieſe einzige Kraftthat, conſequent durchgeführt, würde der civiliſirten Welt eine neue Geſtaltung gegeben, ihre Geiſter ſchließlich —= 188— entfeſſelt, ein Denkmal geworden ſeyn,— ein Denk⸗ mal!— Es hätte der großen Entjochung, durch die Luthers, Harrys, Calvins, Knorxe begonnen, erſt die Krone aufgeſetzt!— Pfhaw! jetzt trödeln und flicken, und dahlen und ſalbadern ſie wieder mit ihren canoniſchen Rechten und gallicaniſchen Rechten,— die armen Tröpfe!— Pooh! Calculire, wollen ein wenig in die Cottonfelder und Prairie hinaus.“— „Die letzten Worte waren wieder ſo ruhig, gleich⸗ müthig geſprochen,— ich ſchaute den Mann er⸗ ſtaunt an.“ „Habt ihr nicht Luſt?— fragte er aufſtehend.“ „Ich hätte wohl, fühle aber ſo ſchwach.“ „Wollen euch ſtärken,— ſprach er, auf den Tiſch klopfend.“ „Eine Negerin trat ein. u „Den Topf, der in dem linken Fache des Sideboard ſteht, mit einer Bouteille vom Dachboden, und fri⸗ ſchen Gläſern.“ „Die Negerin brachte das Verlangte, und er holte aus dem Topfe eine Subſtanz hervor, die ich für Wallnußſchaalen hielt, bis ich eine verſucht. Es » — 189— waren in Madeira präſervirte Bärentatzen, die erſten, die ich gegeſſen.“ „Er ließ mich etwa ein halbes Dutzend nehmen, ſchob aber dann doch den Topf mit der Bemerkung weg, es ſey eine gar zu ariſtokratiſche Speiſe, für einen Junggeſellen einigermaßen gefährlich.“ „Der Mann begann mir allmälig intereſſant zu werden.— Er hatte in der That etwas Demokratiſch⸗ ariſtokratiſches; das Aeußere, die Manieren des der⸗ ben und doch wieder ſchlauen Demokraten, Kopf und Herz wieder ganz des eingefleiſchten Ariſtokraten, kühl und kalt;— dabei eine hinlängliche Doſts Texaſtſchen Phlegma's, das bei einer gewiſſen Lauerſamkeit wie⸗ der einen durchdringend ſcharfen Blick, einen eiſernen conſequenten Willen verrieth.— Offenbar wußte er, was er wollte.“— „Wir hatten die Pferde beſtiegen, und ritten durch die Cottonfelder. So lange noch eine Baumwollen⸗ ſtaude zu ſehen, war er Cottonpflanzer, und nichts als Cottonpflanzer; Primes, Fairs, Cottonfelder, und Preiſe, Gins und Preſſen blieben an der Tages⸗ ordnung. Als wir in die Prairie einritten, wurde er wieder ganz Viehzüchter;— Stiere, Kälber und — 0 190— Rinder, und wieder Rinder, Kälber und Stiere; auch keine Sylbe mehr von Cottonen;— die Jefferſons und Napoleons, Ariſtokraten und Demokraten ſchie⸗ nen ganz aus ſeinem Gedächtniſſe geſchwunden,— Bob wurde auch mit keiner Sylbe mehr erwähnt. Dieſelbe ſich ſtets gleich bleibende Gelaſſenheit; nur als er auf die Britten zu ſprechen kam, wurde er etwas heftiger. Dieſe haßte er, um mich ſeines eige⸗ nen Ausdruckes zu bedienen, von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüthe und aus allen Kräf⸗ ten, aber nicht, weil ſte unſere Nationalfeinde, ſon⸗ dern weil ſie noch ſelbſtſüchtiger waren als wir,— ein eigenthümlich charakteriſtiſcher, ächt amerikaniſcher Haß, der mir erſt die Natur unſers Brittenhaſſes er⸗ ſchloß. Es lag etwas wie Neid in dieſem Haſſe.“ „Gern wäre ich noch eine Stunde länger geritten, denn die ſechs Bärentatzen hatten mich auf eine Weiſe aufgeregt, die ich kaum für möglich gehalten; allein die Glocke rief uns nach Hauſe, Ptoly und Xeni waren von ihrer Sendung zuruͤck gekehrt.“ „Er las, ohne eine Miene zu verziehen, die Ant⸗ worten, ſetzte ſich ans Pult, ſchrieb zwei friſche Noten, —° 191 6— und übergab ſie abermals den Negern, mit der Wei⸗ ſung, zuvor ihr Mittagsmahl zu nehmen.“ „Darauf ſetzten wir uns gleichfalls zu Tiſche. „Wir aßen ſehr gut, aber ganz allein, denn ſeine Frau und Stieftochter waren auf Beſuch bei Colonel St. F. Auſtin in San Felipe, und wurden erſt in einigen Tagen zurück erwartet. Wir ſprachen von heimatlichen Angelegenheiten, von Abolitioniſten⸗, Lynch⸗, Pöbel⸗, Nullifications⸗Unweſen. Er ſchien ſehr gut unterrichtet, beſonders aber tiefe Blicke in unſern Staatshaushalt, unſere Surplus⸗Revenue⸗ Difficultäten, unſere Handels⸗ und Tarif⸗Verhältniſſe geworfen zu haben. Vor unſern Seeſtädten und ihrer Politik ſchien er keinen großen Reſpekt zu hegen, deſto größeren vor der Zukunft des Weſtens. Ich konnte meine Verwunderung nicht bergen, wie Er, ein Mann, der doch gewiß in den Staaten eine Rolle geſpielt haben müßte, ſich in die Teraſiſche Wildniß verlieren konnte.“ „Liebe es, im eigenen, ſelbſt aufgeführten Hauſe zu wohnen,— verſetzte er hingewonfen und mehr zu ſich ſelbſt. „Ich verſtehe euch nicht.“ * — 192 6— „Glaubt ihr, daß Texas nicht auch tüchtige Leute brauchen, der Schauplatz großer Thaten werden wird? u „Das verſteckte, ſich ſelbſt gezollte Compliment machte mich lächeln. Teras, dieſes Fagend, dieſes fünfte Rad an dem elenden mexikaniſchen Staats⸗ wagen?— entfuhr mir.“ „Glaubt ihr, daß es immer Fagend, fünftes Rad am elenden mexikaniſchen Staatswagen bleiben wird? — erwiederte er gelaſſen, ja artig.“ „Die gentlemäniſch gelaſſene Antwort auf meine ungentlemäniſche Bemerkung verwirrte mich einiger⸗ maßen. Ich ſchlug die Augen nieder.“ „Ohne ein Wort weiter zu ſagen, rief er nach Punſch, zog, als die Negerin die Ingredienzien ge⸗ bracht, dieſe mit der Bowl näher an ſich, drückte be⸗ dächtig die Ananaſſe aus, warf eben ſo bedächtig Zucker ein, goß dann Rum nach, und, nachdem er die Maſſe gehörig gemiſcht und mit Thee verdünnt, ſchöpfte er in die Gläſer ein.“ „Sag' euch, Mister,— wie iſt euer Name?“— „Edward Nathanael Morſe. u „Morſe? Seyd ihr verwandt mit Judge Morſe zu W— n? — 2 193— — „Sein Sohn.“ „Er hob ſein Glas zum Anſtoßen, ich das meinige, und wir tranken.“ „Eine geraume Weile ſaßen wir, an unſern Glä⸗ ſern nippend, ohne daß ein Wort gewechſelt wurde. Der Punſch war ſo deliziös!“ „Endlich brach er das Stillſchweigen.“ „Sag' euch, Mister Morſe, gäbe zehn meiner beſten Rinder, wenn das mit Bob nicht geſchehen wäre. ¹ „In Teras wird nämlich Alles nach Rindern ge⸗ rechnet. Sie ſtnd der Stapelartikel, das allgemeine Tauſchmittel, die circulirende Münze. Der Doktor wird für ſeine ärztliche Behandlung mit einem Rinde bezahlt, der Schullehrer für ſeinen Unterricht, der Rechtsanwalt für ſeine Vertretung vor den Gerichten.“ „Glaub' es euch gern,— verſetzte ich;— aber nun iſt es einmal geſchehen.“ „So gewiß, als Moſes ein Hebräͤer war.— Wie ſchmeckt euch dieſer Ananas⸗Punſch?— Er verdient gehängt zu werden, wie ein todter Hirſchbock, und doch— 4 „Das doch machte mich wieder ſtutzen, das Glas, das ich an den Lippen hatte, abſetzen.“ Das Cajütenbuch. I. 13 —“= 194 6— „Läßt ſich's wieder nicht thun, auch wenn wir wollten. Hätten viel zu thun, wenn wir Alle hän⸗ gen wollten, die—“ „Viel zu thun, wenn ihr Alle hängen wolltet, die — gemordet?— fiel ich einigermaßen heftig ein.— Mein G—tt! was muß das für ein geſellſchaft⸗ licher— u „Zuſtand ſeyn?— ergänzte er ganz ruhig, ſich eine Cigarre anbrennend.— Je nun,— fuhr er, nachdem er dieſe in Rauch gebracht, fort, gerade ſo ein geſellſchaftlicher Zuſtand, wie er es in einem Lande ſeyn kann, das, dreimal größer als der Staat New⸗ york*), oder vielleicht ſelbſt Virginien, noch kaum fünfunddreißigtauſend Seelen zählt,— eine Wildniß iſt, eine prachtvolle Wildniß zwar, aber doch nur eine Wildniß. Glaubt ihr denn, es werden euch die Ca⸗ roltons, Paterſons, Ranſelläers, oder Livingstons herüber kommen, und ſich da mit unſerm indianiſchen und mexikaniſchen Gezüchte herum ſchlagen, und Schlangen und Musquitos, und Millepieds und *) Newyork hat beiläufig 50,000 engliſche Quadratmeilen, Texas 150,000, alſo ungefähr drei Viertel des Flächeninhalts von Frankreich. —= 195 6— Skorpionen, und giftig fauſtgroßen Spinnen,— euren Louiſtana⸗Samum zu geſchweigen;— wenn ſte zu Hauſe Alles vollauf haben, und nur an der Klin⸗ gelſchnur zu ziehen brauchen, um zehn Hände und Füße in Bewegung zu ſetzen? Nehmt nur euren ge⸗ ſunden Menſchenverſtand zuſammen, Mann! Iſt ein Land, wie es alle herrenloſen Länder— denn die Herrſchaft Mexiko's iſt ſo gut wie keine— einſt waren, als ſie noch mit dem vorlieb nehmen mußten, was eben kam, ſelbſt Unrath und Auswurf. Und, ſage euch, ſind Unrath und Auswurf für ein ſolches Land auch vonnöthen. Wäre uns hier in Texas nicht ein⸗ mal gedient mit lauter ſolchen Leuten, wie die Li⸗ vingstons, Ranſelläers, Caroltons, oder euren an Zucht und Ordnung gewöhnten Philadelphia⸗ und Newijerſey⸗Quäkern; ſehr reſpektable Leute, ohne Zweifel!“—. „Aber für uns zu reſpektabel,— fuhr er nach eini⸗ gen Zügen an der Cigarre fort,— zu viel Pietät, Reſpekt vor Autorität. Würden ſich ſchmiegen, bie⸗ gen, ſich eher Alles gefallen laſſen, als daß ſte ſich wehrten, oder aufſtänden und drein ſchlügen. Sind 13 ⁸ —=196— viel zu ordentlich, lieben die Ruhe, die Ordnung zu ſehr. 4 „Er hielt inne.“ „Brauchen aber in dieſem unſerm Texas, für jetzt wenigſtens, nicht ſo ſehr ruhig ordentliche Leute, als vielmehr unruhige Köpfe, Köpfe, die einen Strick um den Hals, Spunk im Leibe haben,— die ihr Le⸗ ben nicht höher als eine taube Nußſchale achten, nicht lange fragen, mit ihrem Stutzer ſogleich zur Hand ſind.“ „Sollte aber meinen, mit ſolchen Leuten würdet ihr nicht weit kommen;— entgegnete ich.“ „Nicht weit in den Staaten, wo die bürgerliche Geſellſchaft bereits geordnet, aber auf alle Fälle weiter hier, als mit euren friedlich ruhigen Bürgern, calcu⸗ lire ich. Wären die Normannen zum Beiſpiel— „Ich erſchrack, als ich die ewigen Normannen nen⸗ nen hörte. Wenn wir von den Normannen anfan⸗ gen, wird der Faden unſers Geſpinnſtes richtig immer lang genug, um einen Congreßredner während ſeiner ſechsſtündigen Rede auszuhalten.“ „Er war jedoch einmal im Zuge, an ein Aufhal⸗ ten nicht zu denken.“ —“= 197— „Wären die Normannen zum Beiſpiel ruhig acht⸗ bare Leute geweſen, ſie wären hübſch bei ihren Renn⸗ thieren und Baumrindenbrote zu Hauſe, das heißt in Norwegen, geblieben; aber ſo waren es unruhige Köpfe, deſperate Burſche, denen es ſelbſt zwiſchen ihren Eisbergen zu heiß geworden, See⸗ und Land⸗ räuber, ſtark an Fauſt und Knochen, ſchwach im Beutel, deſperat im Geiſt, der Schrecken der dama⸗ ligen Welt, die ihnen noch zu enge. Aber eroberten dieſe deſperaten Burſche nicht nur nach einander die Normandie, Sizilien, England,— gründeten auch ein Reich, ein wahrhaft glorioſes, herrliches Reich, gegen das eure übrigen Reiche— arme Teufel ſind. Wäre England unter den phlegmatiſch dickhäutigen Angelſachſen geblieben, nie wäre etwas Rechtes aus ihm geworden, aber mit dieſem normänniſchen See⸗ räuberblute gekreuzt, gab es eine glorioſe Miſchlings⸗ Race.“ „Die Britten würden ſich bei euch bedanken für den ſauberen Stammbaum, den ihr ihnen da aufpflanzt, — bemerkte ich lachend.“— „Kümmere mich nicht um dieſe v— ten Britten,— war ſeine Antwort;— will ſie nicht, mag ſte nicht; — 198 6— haſſe ſie mit ganzem Leibe, ganzer Seele, ganzem Ge⸗ müthe und aus allen Kräften; haſſe ſie, weil ſte immer nur darauf calculiren, die Volksfreiheit, ſte mag ſich zeigen, wo ſte will, im Keime zu nippen, zu erſticken. Iſt ein fluchwürdiges Volk, dieſes brittiſche, mit ſei⸗ nem unter aller Kritik knechtiſchen Pöbel— und Alles iſt da Pöbel, was nicht Gentry iſt— und ſeiner über alle Begriffe arroganten, hab⸗ und herrſchſüchtigen Gentry. Hätte dieſe Gentry das Volk wie Sklaven, und möchte die ganze Welt zu Sklaven haben, um ſte deſto beſſer ausbeuten und tyranniſtren zu können. Könnt in der brittiſchen Nation die beiden Racen, die normänniſche ſowohl als angelſächſtſche, noch immer haarſcharf in ihrer Gentry und ihrem Volke erkennen. Iſt dieſe Gentry die übermüthigſte, aber auch unab⸗ hängigſte, freieſte, erſte,— ſo wie das Volk das brutalſte, dümmſte, knechtiſchſte der Welt.“— „Bei meiner Treue! Ihr ſtellt da den Britten eine Nativität,— bemerkte ich laut lachend,— die wahr⸗ lich das Pikante der Neuheit hat. Was mich wenig⸗ ſtens betrifft, ſo glaubte ich immer, es ſey da kein Mangel an Freiheitsſinn.“ „So glaubten Alle, die es nicht beſſer verſtehen, — 199— und nachſagen, was ſie Andere vorſagen gehört. Merkt euch, daß ein unabhängig freiheitsſtolzes Volk nie eine Ariſtokratie wie die engliſche auffommen läßt. Dazu gehört ein knechtiſches Element, ein ächt deut⸗ ſches Bauern⸗Element, und das hat England in ſei⸗ nen Angelſachſen. Hat aber Großes geleiſtet mit dieſem Bauern⸗Elemente.4 „Dieſe Bemerkung frappirte mich wieder. Ich ſchaute ihn überraſcht an.“ „Sehr Großes,— fuhr er fort,— denn hat auf dieſes Element das mächtigſte Reich der modernen Welt,— ja mehr, alle moderne Freiheit, alle poli⸗ tiſchen Rechte gepflanzt, hat ſo eine Grundlage gege⸗ ben dieſer Freiheit;— bei uns hat ſie keine,— iſt hohl, ohne Fundament.“ „Das iſt eine zwar ariſtokratiſche, aber, fürchte ich, nur zu wahre Anſicht,— bemerkte ich.“— „Fürchte es auch,— erwiederte er, die Gläſer füllend.“ „Iſt's aber nicht ſeltſam,— hobe er wieder an,— daß die mächtigſten Reiche, die die Erde je geſehen, von Leuten herſtammen, die, keine Freiheit, keine Rechte achtend, Alles um ſich niedertraten?“— — 3 200— „Wie verſteht ihr das? Was wollt ihr damit ſagen?“ „War nicht, wenn die Geſchichte wahr ſpricht, Rom durch Abenteurer, ja Räuber, Großbritannien ganz beſtimmt durch Seeräuber gegründet? „Ihr malt in zu grellen Farben, Richter! Die Normannen, die England eroberten, waren ſo wenig mehr Seeränber, als unſere heutigen Yankees fromme Pilgrimine von Plymouth ſind. Es waren Barone und Ritter, die von ihren Schlöſſern, ihren Sitzen in der Normandie auszogen,— Abenteurer, wenn ihr wollt, aber Abenteurer hohen Sinnes, ihren Fein⸗ den ſchrecklich, aber großmüthig gegen Fremde, ritter⸗ lich gegen das zarte Geſchlecht.“ „Sehr großmüthig ritterlich mußten ſie geweſen ſeyn!— meinte er, am Glaſe nippend;— ſehr rit⸗ terlich, wenn königliche Prinzeſſinnen am Hoflager der Souveraine nicht mehr Schutz vor der ritterlich freiherrlichen Brutalität fanden, in Klöſter flüchten mußten; wenn das ganze Land ein und derſelbe Schau⸗ platz von Nothzucht, Blutſchande, Mord, Raub und Plünderung war. Saubere Großmuth, Ritterlich⸗ keit!— Nein, Mann! gereicht die gute Meinung, —" 201— . die ihr da von den alten Normannen habt, eurer ju⸗ gendlich poetiſchen Phantaſie, aber nicht eurem ge⸗ ſunden Menſchenverſtande oder geſe chichtlichen Forſcher⸗ blicke zur Ehre. Seyd irrig, wenn ihr glaubt, die gewaltigen Geſellen, die bei Haſtings ſchlugen, oder John ohne Land die Magna Charta abdrangen, waren ritterlich feine Gentlemen. Blast den Dunſt und Duſt weg, den ſieben Jahrhunderte und Dichter und dichtende Geſchichtſchreiber um eure Helden ge⸗ zogen, und ihr werdet finden, daß ſte ſo deſperat ge⸗ waltthätige Bluthunde waren.“— „Ich wandte mich, unwillig, ja empört, über dieſe rohe Sprache murmelnd: „unſer amerikaniſcher Fluch, daß wir Alles, was in unſer Bereich kommt, zu unſerm roh demokratiſchen Niveau herab ziehen.“— „In meinem Unwillen hatte ich lauter geſprochen, als ich es gewollt. Einige Zeit gab er jedoch keine Antwort;— den Rauch ſeiner Cigarre von ſich bla⸗ ſend, hielt er eine Weile inne, dann verſetzte er: „So!— So ziehen wir alſo Alles, was in unſer Bereich kommt, zu unſerm roh demokratiſchen Niveau herab? Haltet das für gemein, proſaiſch, unpoetiſch, — 202 6— nicht wahr? Sollten, meint ihr, die alten Normannen wie Halbgötter anſtaunen, wie unerreichbare Heroen der Fabelwelt? Lieder auf ſie dichten? Pſhaw! Wollen das euren Newyorker, Londoner, Pariſer Schöngei⸗ ſtern überlaſſen. Wollen ſtatt deſſen euren Lieder⸗ dichtern Stoffe liefern, faktiſche Poeſie liefern. Wollen, wollen. Wollen thun, was die Normannen thaten, — wollen, ſag' ich euch,— nicht gerade auf dieſelbe Weiſe, aber doch etwas Aehnliches. Fühlen gerade ſo viel Spunk, Geiſt und Kraft in unſerm Blute, als die Normannen je fühlen konnten. Mögt viel⸗ leicht in ein paar hundert Jahren, wenn Texas ein mächtiges Reich ſeyn wird, auch ſo eine Art Glorie, einen derlei Nimbus um unſere Häupter glänzen, uns als eine Art Halbgötter dargeſtellt ſehen.“ „Ich ſchaute den Mann an. War er im Ernſte, oder hatte der Ananaspunſch ſeine Lebensgeiſter in Siedhitze aufgekocht. Der Gedankenflug würde unſerm heißblütigſten Kentuckier Ehre gemacht haben.“ „Mögt!— verſicherte er nochmals.— Haben die Normannen die dickköpfig phlegmatiſchen Angelſachſen bei Haſtings gedroſchen, haben wir mit den dünn⸗ köpfigen Mexikanern,— obwohl ihrer Tauſende auf — d 203 6— Einen von uns kommen,— ein Gleiches im Sinne. Werden freilich unſere Thaten nicht gleich ſo poetiſch erſcheinen, vielmehr proſaiſch,— eure Tories und ihre Kreaturen uns nicht übel zurichten, bürg' euch dafür, als Landräuber, Diebe, zuſammen gelaufenes Geſindel, und weiß der Himmel was Alles darſtellen; aber mögen wir uns mit dem Gedanken tröſten, daß es den Normannen zu ihrer Zeit auch nicht beſſer er⸗ gangen, über ſie gewiß auch Zeter und Weh geſchrieen worden, als ſite die Normandie als Seeräuber, und England als Landräuber überfielen. Legte ſich erſt, als ſie beide hatten, mit der Zeit der Nimbus, die Glorie um ihre Häupter, fanden dann erſt Mittel und Gelegenheit, ihre Dichter und dichtenden Geſchicht⸗ ſchreiber zu bezahlen, fromme Pfaſſen zu mäſten, die dem guten Volke ihr Thun als von Gott eingegeben und geſegnet darſtellen mußten. Zieht dieſen Nimbus weg von euren Helden, und ihr werdet finden, daß ihr Blut weder reiner, noch röther war, als das unſrige,— nicht einmal ſo roth und rein.“— „Auf eine ſolche Rede ließ ſich keine Antwort geben, ich ſchwieg alſo.“— „Pooh Pooh Mann Seyd verdrießlich.— Müßt —" 204— das nicht ſeyn, hört ſonſt alle Unterhaltung auf. Wollte euch nicht verdrießlich machen, euch bloß ſagen, daß die Welt mit jedem Jahrzehende anders, und doch immer und ewig dieſelbe bleibt, der Stärkere den Schwächern, der Schlaue den Einfältigen überwäl⸗ tigt und überliſtet, der Ueberwältiger aber, beſonders wenn er ſo geſcheidt iſt, die hochprieſterlichen Samuele auf ſeine Seite zu bringen, immer im Rechte iſt, wenn er auch zehnmal Unrecht hätte, der ärgſte Tyrann, Schelm wäre. War von alten Zeiten her ſo, iſt noch ſo.“— „Iſt noch ſo,— fuhr er, ſein Glas abſetzend, fort;— wird auch heut zu Tage, trotz Aufklärung, das Ruchloſeſte, Gottloſeſte, Schmutzigſte, als fromm, gerecht, rein, ſtaatsklug, und wer weiß was Alles, dargeſtellt. Denkt nur an die Griechen vor einigen Jahren, und die Polen. Wie da die Metzelei von Scios als Heldenthat— als zur Ordnung, zur Ruhe gehörig— und die armen Polen als der undank⸗ barſte, nichtswürdigſte Abſchaum von euren im De⸗ ſpotenſolde ſtehenden engliſchen, franzöſiſchen und deutſchen Schreibern dargeſtellt wurden. Pooh! ein paar Penſtonen thun heut zu Tage, was in alten —= 205 G— Zeiten ein paar geſtiftete Klöͤſter und Abteien thaten.— Hab' die Geſchichte unſers gemeinſchaftlichen Stamm⸗ landes auch geleſen, und muß euch zu eurem Troſte geſtehen, ſo gläubig geglaubt, wie der frommſte Ka⸗ tholik ſein Credo.— Verging mir aber wieder dieſer Glaube, als ich mich im Buche der Welt umſah, wurde mir da eine ganz neue Verſton klar, ohne Nimbus, Dunſt oder Duft.“— „Umglitzern dieſer Nimbus, Dunſt und Duft alle Geſchichte, von Moſes herab bis auf die neueſten Zei⸗ tungsartikel. Verſtand ſchon der alte Moſes den Gebrauch der Elektriſirmaſchine, wußte Blitze und Glorien und Donner hervor zu bringen, den lieben Gott an allen Ecken und Enden leuchten zu laſſen, und richtig immer am ſtärkſten wenn er irgend eine Schelmerei im Schilde führte; von wo er dem alber⸗ nen Pharaoh mit ſeinen noch albernern Egyptern ihr Silbergeſchirr mit— und Reißaus nahm, bis wo er die Philiſter und Moabiter und Amalekiter, und wie ſie alle hießen, im Namen deſſelben Gottes wie ſchäd⸗ liches Gewürm von der Erde vertilgte. „Das waren ſeine Nachfolger, der kriegeriſche Jo⸗ ſua und der fromme Aaron;— ſchaltete ich wieder, —= 206 G— nicht wenig amüſirt über des Mannes naiv ungläu⸗ bige Bibel⸗Paraphraſe, ein.“— „Denen zu Lieb die Sonne geſchlagene vierund⸗ zwanzig oder mehr Stunden Schildwache ſtand?— lachte er.— Wohl, wohl! Hebräer Beide, calculire ich, und doppelt diſtillirte, trotz den beſten unſerer Yankees. Bin aber, muß euch geſtehen, doch der Notion, daß die alte Jungfrau Europa, das heißt, die alten Griechen und Römer, trotz ihrer Jupiters und Venuſſe, die geſcheidteren waren, als ſie ſich mit dieſen pretioſen Hebräern nicht in nähere Bekannt⸗ ſchaft einließen,— und das neue Europa, die junge Jungfrau, wie eine ziemlich thörichte Jungfer han⸗ delte, als ſie mit dieſen Hebräern gar ſo intim wurde. Hat für ihre glorioſen, geheiligten Königsſalbungen, und Legitimitäten und Katholicismus wahrlich theuer bezahlt, wird noch theurer bezahlen müſſen.— Wohl bekomme es ihr aber, je ärger für ſie, deſto beſſer für uns!“ „Die malitiöſe aber geiſtreiche Anſpielung machte mich wieder laut lachen.“ „Haben auch wir in unſerer Geſchichte,— die doch im Vergleich zu der anderer Länder und Völker ein —= 207 6— wahrer Tugendſpiegel iſt,— mehr, denn nöthig, von dieſem Hebräismus, caleulire ich,— fuhr er, wieder ſein Glas hebend, fort.— War der liebe Gott unſern frommen Plymouth⸗Vätern auch richtig immer zur Hand, wenn ſtie unſern rothen Philiſtern, Amale⸗ kitern, Moabitern, das heißt— unſern Indianern einen Hieb verſetzen, einen freiſinnig aufgeklärten Mann in irgend eine Teufelei, oder die Klauen ihrer plue laws zu bringen gedachten. Geht ſie nur durch, unſere Geſchichte, werdet es finden— Pooh! Sind alle arme Sünder, die da glauben, dem lieben Gott juſt, ſo wie der dummen Welt, einen blauen Dunſt vor die Augen machen zu können.“ „Geht euch aber,— fuhr er ernſter fort,— in der Prairie wieder ein ganz anderes Licht, als in euren Städten auf; denn ſind eure Städte von Menſchen⸗ händen gemacht— von Menſchenodem verpeſtet, die Prairie aber von Gottes Hand geſchaffen, ſeinem reinen Odem belebt. Und klärt dieſer reine Odem euren in den Städtedünſten trübe gewordenen Blick wunderbar auf! Iſt eine ſchöne Sache, dieſes Auf⸗ klären, wenn ſo die verdorbenen, verpeſteten Dünſte ſchwinden, Ihr der Wahrheit bis auf den Grund —= 208 6— ſchaut, ſchaut, wie der große Staatsmann droben handthiert, zu ſeinen ſchönſten, herrlichſten Werken juſt die deſperateſten Elemente nimmt, ja eingefleiſchte Teufel, die da hauſen, als wären ſte juſt aus der Hölle heraufgeſtiegen!“— „Ich ſchaute ihn an, wo wollte er wieder hinaus?“ „Ja wohl, eingefleiſchte Teufel, und hausten ſchier, als wären ſie juſt aus der Hölle heraus geborſten.“ „Wen meint ihr, Richter?“ „Wen? Wen? Wen anders, als die Normannen?“ „Ich fuhr auf, als wäre ich von einem Skorvion geſtochen. Die bullenbeißeriſche Hartnäckigleit, mit der er an ſeinen Normannen hing, ſchien mir an Monomanie zu grenzen.“ „Ihr ſcheint dieſe Normannen wirklich ſtark auf dem Korne zu haben, Richter,— bemerkte ich kopf⸗ ſchüttelnd;— was Teufel haben ſte euch nur gethan?“ „Nichts, Mann! gar nichts, als Gutes.— Waren, obwohl gegen die Franzoſen und Angelſachſen einge⸗ fleiſchte Teufel, wieder die glorioſeſt mächtigſt gewal⸗ tigſten Burſche für uns. Wären ohne dieſe Nor⸗ mannen kein Großbritannien— keine vereinigten —“= 209 6— Staaten— kein Virginien;— wäre eine miſerable Spießbürgerwelt, die ganze Welt.“ „Wohl! und warum immer und ewig auf dieſen Normannen, als wären ſie der Abſchaum der Menſch⸗ heit, herum hämmern? Glaube doch, haben alle Ur⸗ ſache, ſtolz auf dieſe Normannen zu ſeyn.“— „So glaube ich auch, calculire aber, müßt, um von einem Gegenſtande eine klare Notion zu haben, ihn nicht nur von der Licht⸗ oder Sonnen⸗, müßt ihn auch von der Schatten⸗, der Winterſeite betrachten. Haben die Normannen uns ſicherlich ein glorioſes Erbe hinterlaſſen, calculire aber, waren nichts weni⸗ ger als Engel, als ſie dieſes Erbe erwarben,— viel⸗ mehr eingefleiſchte Teufel.“— „Eingefleiſchte Teufel,— fuhr er fort,— die ſich keinen Strohhalm um Recht, Gottesfurcht, Religion, Sitte, oder die Meinung der Welt kümmerten.“ „Woraus ſchließt ihr das?“ „Will euch ſagen, woraus ich das ſchließe. Schließe es erſtlich aus dem Umſtande, daß ſie einem Baſtarde, William,— dem Sohne der Gerberstochter von Fa⸗ laiſe,— folgten. Waren, ſeht ihr, gar nicht ſo heikelich, wie es ſonſt wohlerzogene Barone zu ſeyn Das Cajütenbuch. I. 5 14 —“= 210 6— pflegen. Sahen auf den Mann, obwohl dieſer Mann ohne prieſterlichen Conſens in die Welt gekommen. Und ein tüchtig gewaltiger Mann mußte er geweſen ſeyn, ein glorioſer, obwohl ungläubig wie ein Heide! — will euch ſagen, woraus ich das wieder ſchließe. Stürmte, als er ſich zu Fécamp mit ſeinen Norman⸗ nen einſchiffte, als ob die Hölle los wäre, ſtürmte grauſig, ſagen die alten Chroniken, und ſchüttelten männiglich darob die Köpfe. Kümmerte ſich aber weder um Sturm, noch Kopfſchütteln. Schifft ſich ein, landet, trotz böſer Vorzeichen, glücklich an der engliſchen Küſte, landet, verſteht ihr? ſetzt aber kaum den Fuß auf die engliſche Küſte, als er ſtolpert und der Länge nach hinſchlägt. Schlägt hin, ſo daß ſelbſt ſeine Normannen ſtutzen,— denen war das ja ein ſchlimmes Ornen,— und würde dieſes Omen einen ſogenannten gläubigen Chriſten wohl zum Um⸗ kehren bewogen haben, nicht aber ihn. War er der Mann nicht, ſich ſchrecken zu laſſen! ſpringt auf, zieht vorwärts, treibt Alles vor ſich her, bis er endlich auf das Heer der Angelſachſen vor Haſtings ſtößt, das er ohne Weiteres angreift und aufs Haupt ſchlägt.“— — 0 211— „Wißt ihr, daß ihr eine ganz eigene Schlußmanier habt, Richter?— ſchaltete ich lachend ein.“ „Handelt ſich darum, die Charaktere Williams und ſeiner Normannen zu entwickeln, feſt zu ſtellen,— verſetzte er,— und calculire, ſind es juſt dieſe Züge, dieſe Pinſelſtriche, die uns ſeine und ſeiner Gefährten Phyſtognomien richtig geben. Merkt wohl, war er erſtens Baſtard, der als Baſtard auf ſeines Vaters Erbe keinen Anſpruch hatte, ſich alſo mit ſeiner Fauſt etwas erwerben mußte. War aber dieſe Fauſt kräf⸗ tig, und zog natürlich alle kräftigen Fäuſte, die gleichfalls zu Hauſe nichts zu verlieren, in der Fremde Alles zu gewinnen hatten, an. Glaubt ihr, daß, wäre er der legitime Erbe der Normandie, ſeine Nor⸗ mannen begüterte Barone geweſen, ſie auf Länder⸗ raub nach England ausgezogen wären?“ „Es iſt viel Richtiges, Scharfſinniges in euren Bemerkungen, aber was wollt ihr eigentlich damit? Ihr müßt ja nicht wieder das Kind mit dem Bade ausſchütten?“ „Will's nicht, will's nicht, will nur ſagen, nur ſagen, daß weder dem Baſtarde, n„r⸗ mannen, mit dem bloßen duuu d gerſachſen 14* — 0 212 6— überwunden zu haben, gedient war, und daß ich von jener Großmuth, Generoſität, Hochherzigkeit, von der eure Dichter und Geſchichtſchreiber den Mund ſo voll nehmen, wenige oder gar keine Spuren mehr von dem Tage von Haſtings an finde.“— „Weil ihr durch ein zu ſchwarzes Medium ſeht. u „Sehe ich? Calculire, ſehe aber doch nicht!— Caleulire, ſeht ihr vielmehr durch ein romantiſches, ich aber durch ein klares, geſundes, welterfahrenes Medium. Zeigten wohl dieſe Plantagenets und ihre Helfershelfer und Spießgeſellen Großmuth, oder chevaleresken Sinn, als ſie die armen Angelſachſen aus ihren Hütten und Häuſern trieben, ihnen den Rock vom Leibe ſtahlen, ſte nackt ins Elend ſtießen, zur härteſten Sklaverei verdammten?— Poohl zeig⸗ ten nur, weß Geiſtes Kinder ſie waren.— Waren und blieben Tyrannen.“ „Waren und blieben Tyrannen, die härteſten, blut⸗ dürſtigſten Tyrannen, die je die Völkergeiſel geſchwun⸗ gen; waren's ſelbſt eure Beſten,— eure geprieſenen Harrys, Edwards.— Denkt nur, auf welche Weiſe ſie Richard dem Zweiten mitgeſpielt, was Richard der Dritte Alles trieb.“ — e 213 6— „Aber die herrlich ritterlichen Thaten eines ſchwar⸗ zen Prinzen, eines Edward, und ſo vieler Anderer, die kommen bei euch in keinen Anbetracht? u „Ei doch!— verſetzte er ganz ruhig, ſein Glas anſetzend.— Doch, doch!— Glaubt ihr denn, es läge mir daran, meine und der Meinigen Vorfahren herunter zu machen? Behüte! nur im gehörigen Lichte wollte ich ſie euch zeigen. Sage euch, findet immer neben den tiefſten Thälern die höchſten Berge, neben den ſchauderhafteſten Gewalt⸗ die herrlichſten Groß⸗ thaten.— Sind die Einen die nothwendigen Bedin⸗ gungen der Andern; entſprießt aus einem flachen, ſandigen, gemeinen Alltagsboden nie etwas wahr⸗ haft Großes. Wollt ihr ein großes Gebäude auf⸗ führen, müßt ihr vielerlei Steine,— wollt ihr Reiche und Staaten gründen, vielerlei Menſchen nehmen.“— 4 „Werden Länder und Reiche nicht wie Bräute ge⸗ wonnen, durch Sanftmuth, Geduld, Artigkeit, Be⸗ ſcheidenheit, ſondern durch Gewalt, Uebermacht und Dreinſchlagen. Wären die Normannen feine, artige, Zucht, Ordnung und Recht liebende Geſellen geweſen, würden ſie weder die Normandie, noch England je —= 214 6— geſehen haben. So aber waren es rauhe, gewaltige, rohe Geſellen, die ſich keinen Fiedelbogen um die Welt und ihre Meinung kümmerten, ihre Pfaffen für ſich beten, den Segen des Himmels herabflehen ließen, aber wie eingefleiſchte Teufel hausten.“— „Wie eingefleiſchte Teufel hausten,— fuhr er, ſein Glas abſetzend, fort.— Und das nicht bloß ein — zwanzig— oder dreißig Jahre, ein oder zwei Jahrhunderte— nein, fort und fort, die ganzen ſechs, ja ſieben Jahrhunderte,— bis auf den heuti⸗ gen Tag. War von dem Tage an, wo der Baſtard in England gelandet, gerade, als ob eingefleiſchte Teufel da eingekehrt, keine Ruhe mehr, kein Frieden, nichts als Gewaltthaten, Krieg und Blutvergießen. — Ging zuerſt über die armen Angelſachſen her; als ſte mit dieſen fertig, über Wales, dann Schottland, dann über Irland, dann wieder über Frankreich, das ſte in Stücke zerriſſen; dann fielen ſie zur Abwechſe⸗ lung über einander her, die Yorks über die Lancaſter. Als ſie ſich ſo ein fünfzig, ſechzig Jahre zerzaust, ſollte man doch geglaubt haben, ſie würden des ewi⸗ gen Raufens und Würgens müde ſeyn?— Nichts dergleichen. Mußten die Spanier jetzt her, wieder — 215— die Irländer, wieder die Franzoſen.— Hatten ſchier keinen Augenblick Ruhe, ſelbſt wenn ſie auf ein paar Jahre Frieden ſchloſſen; mußten hinaus nach Weſt⸗ indien, von Weſtindien nach unſerm Amerika, da auf Abenteuer aus mit unſern Indianer⸗Prinzeſſinnen in Virginien, ſich mit Bären, Wölfen und heulen⸗ den Indianern herum zu balgen.“— „Ich lachte herzlich über dieſe Geſchichts⸗Para⸗ phraſe. ¹ „Aber um's Himmelswillen! was wollt ihr nur mit euren ewigen Normannen?“ „Nichts weiter, lieber Mann, als euch zeigen, daß dieſe Normannen dieſe abſoluteſt gewaltigſt mächtigſt heilloſeſten Geſellen waren, die je exiſtirten.“— „Das haben wir ja aber Alles ſchon gehört und wieder gehört.“ „Geradezu ruchloſe Geſellen, die alle zuſaunnen nicht mehr Pietät, Frömmigkeit, Gottesfurcht, Be⸗ ſcheidenheit aufweiſen konnten, als in die Rocktaſche eines unſerer Quäker hineinginge; ſo arrogante Ge⸗ ſellen, daß ſie ſich Alles zutrauten; und weil ſie ſich Alles zutrauten, auch Alles ausführten, das größte, mächtigſte Reich der Erde nicht nur gründeten, ſon⸗ —= 216— dern ſich auch als die Herren, als die Lords dieſes Reiches bis auf den heutigen Tag erhielten, mit einem Worte, Männer waren.“ „Männer waren,— wiederholte er, das Glas wieder anſetzend,— Männer, die wußten, was ſie wollten, die ihren Souverainen, den Plantagenets, nicht die Kaſtanien aus der glühenden Aſche heraus holten, ſondern ſie für ſich ſelbſt behielten, die ſich um ihre Rechte nicht wie die Barone anderer Völker prellen ließen, dafür die Leiblaquayen machten, ſon⸗ dern ſie Schwarz auf Weiß verlangten, und was mehr, dieſes Schwarz auf Weiß keinen todten Buchſtaben ſeyn ließen. Seht ihr, Mann! liegt darin der Un⸗ terſchied zwiſchen den Nor⸗ und den Germanen,— waren Beide anfangs Mannen, aber blieben die Nor⸗ mannen Mannen,— die Germanen aber wurden— Bedientenſeelen. Hatten die Letzteren dieſelben poli⸗ tiſchen Rechte, wie ſie die Normannen dem John ohne Land abtrotzten; denn war die Magna Charta nichts Neues, iſt bloß die geſchriebene Urkunde der Rechte und Privilegien, die die Germanen in ganz Europa genoſſen;— aber ließen ſich dieſe Germanen,— gute Tröpfe, wie ſie immer waren,— um ihre e ¹ —= 217—. Rechte prellen, die Normannen aber wieſen die Zähne.“— „Wieſen die Zähne, wie die Stuarte zu ihrem Schaden erfuhren, ſtatuirten ein Exempel, das, cal⸗ culire ich, noch manchem Stuart die Zähne klappern machen wird.“— „Heißt zwar in der Schrift, daß Frömmigkeit, Got⸗ tesfurcht, Demuth und ſo weiter zu Allem nützlich iſt, ſage aber meinestheils: der Spruch iſt auf der einen, aber nicht auf der andern Seite wahr. Wären die Normannen fromme, gottesfürchtige, demüthige Leute geweſen, ſo hätten ſie ſich, wie die Deutſchen, eines ihrer Rechte nach dem andern abſtrahiren,— das Fell über die Ohren ziehen laſſen. Wäre Hugo Capet ein frommer, gottesfürchtig demüthiger Mayordomo oder Graf von Paris geweſen, er wäre ein demüthi⸗ ger Graf von Paris geblieben, kein Hahn hätte über ihn weiter gekräht, die Carolinger ſäßen noch auf dem Throne. Sind es nicht die guten, frommen, demüthigen Fürſten, ſo wenig als Völker, die es weit bringen. Waren die beſten Fürſten für England und Frankreich juſt die gewiſſenloſeſten, am wenigſten ſcrupulöſen. That Ludwig der Eilfte, der größte —“0 2418 6— Schelm, den ihr unter dieſen Capets findet, mehr für die Größe Frankreichs, als zwanzig heilige Ludwige. That es durch ſo ſchwarze Böſewichte, als je die Erde trug, Böſewichte, in Vergleich zu denen Bob ein Tu⸗ gendſpiegel iſt. Wußte aber, was er mit ſeinen Oliviers, ſeinen Gevattern, wollte. Sind auch die Oliviers, die Gevattern, die Bobs, einem Staats⸗ manne nothwendig.“— „Die Bobs betonte er in einer Weiſe, die mich aufprallen machte.“ „Die Bobs?— rief ich. „Ei, die Bobs!— wiederholte er.“ „Die Bobs?— rief ich nochmals.— Was mit Bob? was wollt ihr mit ihm?u „Was wir mit Bob wollen?— meinte er, eine friſche Cigarre nehmend.— Was die Plantagenets, die Capets mit Leuten ſeines Gleichen wollten, das wollen wir auch mit ihm.“ „Aber ihr ſeyd kein Plantagenet, kein Capet?" „Juſt ſo gut, wie Jeder von ihnen,— juſt ſo gut, wie der Beſte von ihnen,— meinte er wieder, ganz ruhig die Cigarre anbrennend.“— „Juſt ſo gut,— wiederholte er, nachdem er ſie —= 219— angeraucht,— und kein Jota geringer. Sind juſt ſo gut und juſt ſo frei, aus uns zu machen, was wir können, als irgend Einer der Plantagenets oder Capets, ſo wenig Einem unterthan, als ſte.— Sind freie amerikaniſche Bürger, Mann! Niemandem als Gott und dem Geſetze unterthan.“— „Dem Geſetze,— ihr ſagt recht.— Und dieſes Geſetz, erlaubt euch dieſes Geſetz— 20 „Texas den Mexikanern wegzunehmen, meint ihr? — lächelte er.— Juſt ſo gut, als das Geſetz William dem Eroberer erlaubte, England den Angelſachſen ab⸗ und wegzunehmen, ja beſſer.— Und wenn Leute, wie die Bobs, dabei förderlich ſeyn können, ſo ſehe ich gar nicht ein—— 4 „Und der Mann ſagte das Alles ſo ruhig, gleich⸗ müthig! ſeine Sprache übertraf Alles, was ich je der Art gehört, by a long chalk, wie wir zu ſagen pflegen.“ „Aber, die Wahrheit zu geſtehen, ſehe auch ich nicht ein, Oberſt, was Ihr an dieſer Sache ſo Außer⸗ ordentliches findet?“ fiel hier der Oberſt Bentley ein. — 0 220— „Er ſprach doch, glaube ich, wie ein Bürger dieſer unſerer vereinten Staaten zu ſprechen das Recht hat?“ „Allerdings,“ lachte Oberſt Oakley;„nur drückte er ſich denn doch ein bischen queer aus. Man ſtieht, daß er auf neuem, auf Terxaſtſchem Boden ſtand.“ „Weites Feld und keine Gunſt wollte,“ lachte ein Zweiter. „Eben ſo!“ meinte Oakley. „Ganz gewiß!« fiel hier der General ein.„Dieſer Alcalde, Oberſt Morſe! war er derſelbe, der gegen den General Cos und Oberſt Mexia ſo entſchieden auftrat, die Gährung zum Ausbruche brachte?“ „Derſelbe!“ verſetzte der Oberſt. „Dachte es wohl! Ein gewaltiger Charakter, ob⸗ wohl ein wenig verſchroben!“ „Ein wenig nennt Ihr das?“ rief ungeduldig Oberſt Cracker.„Ein wenig, General? Sagt viel⸗ mehr abſolut verſchroben!— Empörend! gegen alle geſellſchaftliche Ordnung!— der Geſelle gehört ins Toll⸗ oder Beſſerungshaus!“ „Meint Ihr ſo?“ fragte ſpöttiſch der Terxaſtſche Oberſt.„Dann muß ich ja ordentlich bedauern, — o 221— Euren moraliſchen Zartſinn ſo unangenehm berührk, vielleicht gar erſchüttert zu haben.“ „Wollen ihn vorerſt aushören,“ fiel begütigend Oberſt Oakley ein. „Wollt Ihr ſo gefällig ſeyn, Oberſt, ihn uns weiter hören zu laſſen?“ bat der General. „Sehr gern!“ war die Antwort. IX. „Eine geraume Weile war mein Richter geſeſſen, ohne ein Wort zu ſagen. Auf einmal ſchaute er auf — mich ſcharf an.“ „Nicht wahr, ſeyd ein Juriſt, ein Lawyer?“ „Die Frage kam mir unerwartet,— ich ſtockte.“ „Woraus ſchließt ihr das?— verſetzte ich endlich. „Weil ihr Bob mit aller Gewalt gehängt haben wollt. Iſt ganz dem Geſetze gemäß, und ſehe, daß ihr ein Mann des Geſetzes ſeyd. Schaut bei euch das Geſetz überall heraus,— glaubt, es fordere Genug⸗ thuung, ſey in der Ordnung, obwohl ich, die Wahr⸗ —o 222 0— heit zu ſagen, nicht erwartete, daß er gerade in euch ſeinen öffentlichen Ankläger finden würde.“ „Er blies, während er ſo ſprach, den Rauch etwas ungeduldig von ſich.“ „Ich ſchwieg, denn ich fühlte mich in der That am wunden Flecke getroffen.— Was immer Bobs Ver⸗ gehen— mir ſtand gewiß ſeine Verdammung nicht zu 4 „Nehme euch das aber nicht übel,— fuhr er ſehr gelaſſen fort,— iſt Natur das, liegt in unſerer Na⸗ tur, oder vielmehr der geiſtigen Form, die uns die bürgerliche Geſellſchaft aufgedrückt.— Guckt dieſe Form überall hindurch. Seyd auch nachgerade aus den Staaten gekommen, wo Menſchenleben nicht ſo hoch im Preiſe ſtehen. Iſt aber bei uns hier in der Prairie ein Anderes.“ „Hat hier das Menſchenleben noch einmal ſo viel Werth, als droben in den Staaten, und zwanzig Mal ſo viel, als im alten England, wo es beinahe gar keinen Werth mehr hat, und ſie Einen wegen eines geſtohlenen Schafes hängen. Könnte bei uns eine ganze Rinderheerde ſtehlen, würde höchſtens ausge⸗ peitſcht.“— —" 223 6— „Er hielt inne.“ „Aber wird ja auch in den Staaten droben der Mord nicht mehr mit dem Tode beſtraft, wenigſtens nicht ſehr häufig?“ „Dieſe Frage war wieder von einem ſeiner lauer⸗ ſamſten Blicke begleitet.“ „Seit die Livingstonſchen Anſtchten Grund ge⸗ wonnen.— Ihr wißt, der Code Livingston wurde von mehreren Staaten bei ihrem Criminal⸗Codex zu Grund gelegt.“ „Iſt ein großer Philoſ oph,— bemerkte er ſinnend; — ein wahrhaft philoſophiſcher Criminaliſt!— ſein Grundſatz, daß keiner bürgerlichen Geſellſchaft das Recht zuſtehe, einem Individuum das Leben zu nehmen, iſt vollkommen richtig, ganz demokratiſch; obwohl ich wieder der Notion bin, daß keine bürgerliche Geſell⸗ ſchaft in die Länge dabei beſtehen könnte.“ „Der Meinung bin ich auch, wenigſtens keine zahl⸗ reiche, in großen Städten eng zuſammen gedrängte. Der Grundſatz, daß der Verbrecher, ſelbſt der Mör⸗ der, für die bürgerliche Geſellſchaft zwar unſchädlich gemacht, aber nicht geopfert werden dürfe, iſt philo⸗ ſophiſch, aber nicht ſtaatsmänniſch.“ — e 224— „Weil von allen Beſtien die civiliſirte ganz beſtimmt die gefährlichſte iſt,— ſchaltete er ein.“ „Und man,— bemerkte ich,— mit dem Abſperren, der Wiedererziehung,— Gewinnung des Verbrechers für die bürgerliche Geſellſchaft— nicht dieſen, ſondern die bürgerliche Geſellſchaft ſelbſt beſtraft. Dieſe Wiedererziehung, Gewinnung, iſt nun wirklich für unſere Staaten eine ſehr empfindliche Buße geworden. Denkt nur an die ungeheuren Summen, die unſere Staatsgefängniſſe von Auburn, Singſting, Phila⸗ delphia, Pittsburg koſten.“ „Aber auf der andern Seite, werden die Verbrechen nicht wieder in der Regel durch die Gebrechen der bür⸗ gerlichen Geſellſchaft hervorgerufen, und iſt es nicht billig, daß— 2 „Wir kommen da in eine Disquiſition, Richter,— fiel ich halb gähnend ein,— die uns in ein wahres Labyrinth von Argumentation führen müßte— „Habt Recht, habt Recht!— verſetzte er, ſein Glas leerend;— aber ſo viel ſeht ihr doch jetzt ein, daß, was ihr oben nicht mit dem Tode beſtraft, wir auch hier füglich nicht hängen können. Hätten wahrlich alle Hände voll zu thun.“ —" 225 G— „Aber ihr ſeyd in Mexiko, mexikaniſcher Richter!“ „Und deßhalb, glaubt ihr, ſollen wir uns zu euren Scharfrichtern hergeben, ſchickt uns deßhalb eure Mör⸗ der und Todtſchläger herab? Kaum, daß oben in den Staaten mehr eine Jury zu finden, die ein Schuldig über die todeswürdigen Verbrecher auszuſprechen den Muth hätte, wird er ſo ſicher und gewiß frei geſpro⸗ chen, ihm dann der Laufpaß zu uns egßen⸗ als— Moſes ein Hebräer war.“ „Ich mußte ihm leider Recht geben, denn ſo allge⸗ mein verbreitet iſt nun, wie Sie wiſſen, der Livings⸗ tonſche Grundſatz, ich möchte es lieber Vorurtheil nennen, daß der bürgerlichen Geſellſchaft nicht das Recht zuſtehe, einem Mitbürger das Leben zu nehmen, daß wirklich kaum mehr eine Jury zu finden, die ſelbſt über anerkannt todeswürdige Verbrecher das Schuldig ausſpräche. Man ſpricht ihn eben ſo ſicher und ge⸗ wiß frei, als man ihn den Tag darauf lynchen würde, ließe er ſich noch irgendwo blicken.“ „Die Mexikaner,— fuhr er fort,— ſchicken uns wieder ihre Miſſethäter auf den Hals. Sind da unter den vierhundert Soldaten, die auf den verſchiedenen Das Cajütenbuch. I. 2* 15 — 3 226 6— Poſten von San Antonio, Nacogdoches, Fort Goliad, Alama garniſoniren, kein Dutzend, die ſich nicht todes⸗ würdiger Verbrechen ſchuldig gemacht hätten,— alle, durch die Bank, zum Tode verurtheilte Räuber und Mörder, die hierher in eine Art Strafgarniſon ver⸗ wieſen worden.— Haben die ſaubere Politik, daß, wenn Einer der Ihrigen ein todeswürdiges Verbrechen begeht, man ihn in die Soldatenjacke einthut, dann nach Texas ſendet, um gegen die ſogenannten Hereges, das ſind wir, zu dienen— ſeine Sünden ſo abzu⸗ büßen. Wäre unſer Teras im beſten Zuge, ein ande⸗ res Botanybay zu werden.“ „Eine nicht ſehr erfreuliche Ausſicht!— bemerkte ich. u „Doch auch wieder nicht ſo gar unerfreulich, wie ihr meint,— verſetzte er wieder ſehr kühl.— Hat auch wieder ſein Gutes, ſowohl für Mexiko, als für uns.— Säubert ſich Mexiko von ſeinem Ungeziefer, und gibt uns wieder Gelegenheit, uns von Mexiko zu ſäubern.“ „Wie ſo?“ „Wird einer der vielen Stiele zum großen Haken, der uns von Mexiko losreißen ſoll, und haben dann —= 227 6— das Gegengiſt, das uns dieſes mexikaniſche Gift aus⸗ rotten wird, in den Galgenvögeln, die ihr uns aus den Staaten ſendet. Sind dieſe das Gegengift gegen das mexikaniſche Geſindel.“ „Die Mörder, die Spieler, die Verbrecher aus den Staaten das Gegengift? rief ich erſtaunt.“ „Ci, ſo iſt's! frißt der Dünger das Moos, paraly⸗ ſirt das Gegengift das Gift, wißt ihr. Kam mir oft wunderbar vor, wenn ich ſo in die Prairie hinein reitend, auf einen ſolchen wüſten Aasvogel ſtieß.— Erkennt ſie auf tauſend Schritte,— ſind gezeichnet. Wußte lange nicht, was die hier ſollten, dachte oft darüber nach. Wurde mir endlich klar, wozu ſie ge⸗ kommen, wie ich ihrer mehr und mehr ſah. Iſt er⸗ ſtaunenswürdig, Mister Morſe, wie zweckmäßig der große Oekonom Alles in ſeinem Haushalte zu ver⸗ wenden weiß.“ „Ich verſtehe euch wirklich nicht;— entgegnete ich.“— „Solltet nun glauben,— fuhr er, mich über⸗ hörend, fort,— das Land müßte ein wahres Botany⸗ bay, eine große Penitentiary, die Leute in Grund und Boden verdorben werden. Iſt aber nicht ſo. Iſt 45* — 2 228 6— dieſer doppelte Unrath bloß der Dünger, der den Bo⸗ den unſers Landes für eine beſſere veielſchaſinißt Ordnung zubereiten ſoll. „Ich ſchüttelte den Kopf.“ „Aber bis dieſe beſſere geſellſchaftliche Saat auf⸗ keimt, mag dieſer doppelte Unrath, wie ihr ihn nennt, nicht auch die guten Elemente verpeſtet, ver⸗ giftet haben?“ „In euren dicht bewohnten Staaten ja, da würde freilich eine ſolche Rotte, los gelaſſen, entſetzliche Ver⸗ heerungen anrichten, müßte ſie durch und durch ver⸗ derben; denn iſt ſchon die Atmoſphäre des Laſters anſteckend, ja gerade die Atmoſphäre am meiſten. Iſt aber hier nicht zu beſorgen.“— „Er legte die Cigarre weg, ſchob das Glas auf die Seite und ſprach in einem ſehr ernſten Tone: „Gott ſey Dank! nicht zu beſorgen. Schadet hier nicht Miſſethäter, nicht Mörder durch böſes Beiſpiel, — ſteckt Niemanden an, denn gibt ſich hier Keiner mit ihm ab, weicht ihm Jeder aus. Sage euch, iſt der Miſſethäter, der Mörder hier ſo frei, wie ihr und ich, tritt ihm Keiner zu nahe, und würde er doch, weiß es aus Erfahrung, dieſe Freiheit oft und gerne darum —=0 229 6— geben, wieder unter ſeines Gleichen in einem Staats⸗ gefängniſſe zu ſeyn; denn iſt dieſe Freiheit für ihn eine gräßliche Freiheit. Gibt nichts Gräßlicheres für den Miſſethäter, den Moͤrder, als dieſe Freiheit in der Prairie. Würde ſie, verſichere euch, mit tauſend Freuden mit dem Staatsgefängniſſe vertauſchen, denn iſt da unter ſeines Gleichen, nicht geächtet, nicht aus⸗ geſtoßen; fühlt ſich ſelbſt in ſeiner einſamen Zelle er⸗ leichtert, denn weiß, daß er unter einem Dache mit ſeines Gleichen iſt. Iſt aber hier nicht unter ſeines Gleichen, meidet ihn hier Jedermann, ſelbſt der Mör⸗ der; flieht ihn, der Mörder, bleibt immer für ſich, treffen nicht einmal gerne bei der Rumflaſche zuſam⸗ men. Sind immer in ihrer eigenen Geſellſchaft, und muß das ja eine ſchreckliche Geſellſchaft ſeyn, dieſe eigene Geſellſchaft, die da iſt das böſe Gewiſſen, das ihn wie in einer Tretmühle herum treibt, ohne Ruhe, ohne Raſt, immer und ewig in ihm herum hämmert; denn merkt wohl, ſteht da in der reinen, fleckenloſen Gottesſchöpfung, in der lichten, hellen Prairie, mit Gottes Finger vor ihm aufgehoben, ihm entgegen drohend aus Himmel und Erde, allen ſeinen gewalti⸗ gen Werken; ſteht da mit ſeinem verpeſteten Mord⸗ — b 230 6— geruche, den ihm der reine Gottesodem immer wieder in die Naſe zurückdrängt. Sage euch, iſt ein Miſſe⸗ thäter und Mörder bei uns wahrlich nicht um ſeine Freiheit zu beneiden!“— „Das iſt er nicht!— murmelte ich ſchaudernd, denn Bob trat mir bei den Worten des Richters in ſeiner ganzen gräßlichen Verzweiflung vor die Augen.“ „Ci, ſtnd unſere Prairies für ſolche Menſchen wohl ein ſo gräßliches Staatsgefängniß, als je von einem Baumeiſter gebaut wurde,— brauchen bis jetzt ja keines zu bauen. Entläuft uns gewiß Keiner. Ließ deßhalb auch Bob frei ziehen. Würde ihn frei haben ziehen laſſen, auch wenn wir ein Gefängniß zur Hand gehabt hätten.“ „Würdet ihn frei haben ziehen laſſen?“ „Würde, denn können, dürfen ihn nicht feſt ſetzen." „Könntet ihn nicht, dürftet ihn nicht feſt ſetzen? — Warum könnt, dürft ihr ihn nicht feſt ſetzen? Ihr ſeyd doch Alcalde?" „Der bin ich, hat aber doch ein Item, und will euch ſagen, was das für ein Item iſt. Wären wir bereits unabhängig, frei von Mexiko, würden wir dem Haken bald einen Stiel finden, aber ſind noch unter Mexiko. — 231 6— Iſt unſere Regierung mexikaniſch, ſind unſere Militär⸗ behörden mexikaniſch, unſere Gerichtshöfe aus Mexi⸗ kanern zuſammen geſetzt. Und, frage euch, ließe es ſich wohl, ich will nicht ſagen, mit amerikaniſchem Stolze, nein, nur Schamgefühle vereinen, Einen un⸗ ſeres Landes, Blutes ihren Gerichten überliefern, unſere Scham ſo aufzudecken? Denn müßte er, ſo wie in erſter Inſtanz das Urtheil gefällt iſt, vor die zweite Inſtanz, die Diſtrikt Court gebracht werden. Sind nun aber die Beiſitzer dieſes Gerichtshofes, obwohl ich nicht ſo ſagen ſollte, da ich ſelbſt einer derſelben bin, die erbärmlichſten Wichte, die je in zerriſſenen Schuhen ſtacken,— geweſene Bediente von Biſchöfen, Erzbiſchöfen, Präſidenten, Generalen, die weder leſen, noch ſchreiben können, ſich in der Regel nicht zum beſten aufgeführt, dafür hieher in eine Art Gnaden⸗ Erxil geſandt worden, mit der nicht bloß geheimen, ſondern ausdrücklichen Weiſung, Alles in ihren Kräf⸗ ten zu thun, um uns hier das Leben zu verleiden, uns wieder aus dem Lande zu treiben. Riefen uns anfangs herein, um durch uns das Land von den Cumanchees und andern Marodeurs, deren ſie nicht Meiſter wer⸗ den konnten, zu ſäubern. Wollen nun, nachdem wir —” 232— es von den Wilden geſäubert, es wieder von uns ſäubern, ſich in die warmen Neſter, die Häuſer, die Pflanzungen, die wir errichtet, hinein ſetzen. Iſt das der Schlüſſel zu ihrer Politik.“— „Eine ſaubere Politik das!— bemerkte ich.“— ten und Trachten nur dahin, uns gegen einander zu hetzen, laſſen kein Mittel unverſucht, ſparen weder Mühe, noch Geld, unſere Bürger in ihre Schlingen zu ziehen, ſelbſt Flüchtlinge.“ „Was beabſtchtigen ſie aber mit dieſen?“ „Was ihr von einer Pfaffenregierung erwarten könnt, Giftpfeile zu ſammeln, für unſere Flanken be⸗ ſtimmt. So wie einer unſerer todeswürdigen Ver⸗ brecher vom Alcalde— der erſten Inſtanz— vor die Schranken der Diſtrikt Court gebracht wird, iſt er für uns und unſere Intereſſen nicht nur verloren, er wird nothwendig unſer Todfeind. Von Gerechtigkeit kann da gar nicht die Rede ſeyn. Zwar wird er pro forma zum Tode verurtheilt, kaum iſt jedoch das Urtheil ausgeſprochen, ſo treten der Padre des Ortes und der Hauptmann der im Diſtrikte ſtationirten Com⸗ —= 233 6— pagnie zu ihm, und bieten ihm Leben und Freiheit unter der Bedingung an, daß er katholiſch werde, oder in mexikaniſche Dienſte trete. Eines oder das Andere nimmt er natürlich immer an, jedenfalls aber iſt er für uns verloren, aus einem amerikaniſchen Bürger ein R negat, ein Feind ſeines Landes geworden. Nun mag in Nenegat Deutſchlands, Frankreichs, ſelbſt Englands, ein ſehr rechtlich ehrenwerther Charakter ſeyn, der Geſellſchaftliche Druck in ſeinem Geburts⸗ lande mag ihm unerträglich geworden ſeyn, er eine freiere, reinere Atmoſphäre geſucht haben; aber ein Abtrünniger, ein Feind unſeres Landes, iſt und muß nicht nur ein Verworfener, er muß ein Feind der Menſchheit— zu Allem fähig ſeyn.“ „Zwei Beiſpiele haben wir, und traurige Beiſpiele waren es. Sie werden uns zur Warnung dienen für alle Zeiten.“ „Das iſt denn aber in der That eine ſehr traurige Alternative, eine abſchreckende Kehrſeite!“— „Das iſt es,— verſetzte er, ſeine Cigarre wieder aufnehmend.— Und deßhalb, ſeht ihr, nützt es nichts, gegen Bob zu erkennen, auch wenn er uns nicht ſo nothwendig wäre. Müßten ihn an die Diſtrikt Court —=0 234 6— nach San Antonio abliefern, und ginge da ſo frei aus, könnte mich eine Stunde nach der Gerichtsſitzung, bei hellem lichtem Tage, auf offener Straße, kraft ſeiner mexikaniſchen Muskete niederſchießen, würde von ſei⸗ nem Pfaffen die Abſolution, von ſeinem Generale aber Beförderung und Belohnung erhalten; denn hätte ja die Welt von einem Herege, einem Feinde der alleinſeligmachenden Kirche befreit.“— „Das iſt ja aber entſetzlich!“ „Nicht ſo gar,— meinte wieder ganz kühl, ſein Glas leerend, der Richter.— Iſt auch der Teufel nicht ſo ſchwarz, als er ausſteht, und nichts ſo ſchlimm, daß es nicht auch wieder zum Guten gewendet werden könnte. Haben uns die Paar Fälle ſehr gut gethan, haben mehr gethan, unſern Bürgern die Augen zu öffnen, ſie von der Nothwendigkeit eines Bruches mit Mexiko zu überzeugen, als die gründlichſten Raiſſon⸗ nements und Debatten es vermocht haben würden. Sind zu trefflichen Zündſtoffen geworden, die aufge⸗ häuften Brennmaterialien in Flammen zu ſetzen.“ „Haben,— fuhr er, das Glas füllend, mit vieler Behaglichkeit fort,— dieſer Brennſtoffe nun erklecklich viele, ſo daß wir einen ziemlich tüchtigen Brand an⸗ — 235 6— zurichten hoffen können. Frägt ſich nur noch, von wem und wann angezündet werden ſoll? Iſt das der paſſende Moment, die große Frage.— Haͤngt Alles vom paſſenden Moment bei ſolchen Dingen ab.“— „Wollen die Söhne des großen Squatters mit den Auſtins noch zuwarten,— fuhr er, bedenklich den Kopf ſchüttelnd, fort,— Andere aber nicht länger zuwarten. Werden auch, calculire ich, nicht mehr lange zuwarten können.“ „Die Söhne des großen Squatters? alſo iſt er heim gegangen?“ „Iſt heim gegangen, leider heim gegangen der große Mann, mit der großen Seele, in der leicht eine Million gewöhnlicher Seelchen Platz gefunden hätte; der Rie⸗ ſengeiſt, mit dem Stolze des frei gebornen Mannes, der Demuth des neugebornen Kindes.— Habe ihn noch geſehen, ihm meine Ehrfurcht bezeugt, bin ge⸗ wallfahrtet zu ihm,— und ſag' euch, hat kein Ka⸗ tholik das Bild ſeines Heiligen gläubiger angeſchaut, als ich das ſeinige.— War ein Mann im vollen Sinne des Wortes.“— „Ja, das war er! habe Vieles von ihm gehört, ge⸗ wünſcht—" —= 236— „War ein Mann!— wiederholte er.— Will nicht ſagen, daß ſeine Söhne nicht auch Männer ſind;— ſind es, calculire ich, weiß nichts anders von ihnen, ſind aber nicht der alte Nathanz ſind zu reich gewor⸗ den, es zu ſeyn, ſind zu Ariſtokraten geboren. Geht immer ſo mit reich gewordenen Demokraten⸗Söhnen.“ „Ihr ſagt ja aber, ihr ſeyd ſelbſt ein Ariſokrate — benterfir ich lächelnd ¹ „Der bin ich auch, bin ein demokratiſcher Ariſtokrat, bin einer der Vermögenden im Lande, die das Beſte dieſes ihres Landes,— eine Staatsform wollen, in der Jeder, auch der Aermſte, ſeine Chance*) findet. War Waſhington auch ein ſolcher Ariſtokrat, und war das der Unterſchied zwiſchen ihm und den Ha⸗ miltons und Adams, die reine Ariſtokraten waren. Laſſen die Letzteren dem armen Manne keine Chance, außer der, welche der Tyrann dem Sklaven, der Herr dem Bedienten läßt— den Broſamen, der von ſeinem Tiſch fällt, aufzuleſen.“— „Mir etwas Neues!— bemerkte ich.“ „Läßt aber,— fuhr er, wieder mich überhörend, *) Eine günſtige Gelegenheit. —= 237 6— fort,— der demokratiſche Ariſtokrat dem Volke eine Chance, und iſt das billig. Iſt der Arbeiter ſeines Lohnes werth, ſoll die Hand, die den Pflug führt, auch Theil an der Ernte haben.“ „Wollen aber noch nicht die Hand an den Pflug legen, die Söhne Nathans ſowohl als Auſtins. Mei⸗ nen, es habe noch Zeit. Mögen Recht haben. Iſt Vieles dafür und dawider. Kann man oft nicht ſchnell genug ſeinen Haushalt anfangen, und oft nicht ſpät genug. Iſt das Losreißen vom Vaterhauſe, vom Mutterſtaate, die Mündigkeits⸗Erklärung, ein leichtes, und doch wieder ein ſehr heikliches Ding. Können junge Leute, die ſich dabei beeilen, gut fahren, aber auch ſchlimm fahren, wenn ſie nicht die Kräfte, die— Mittel beſitzen auszuharren. Iſt thöricht, einen Haus⸗ halt anzufangen, wenn keine Kräfte, keine Mittel, ihn auch aufrecht zu erhalten, da ſind. Man geräth nur in Schulden und Abhängigkeit, und iſt eine ſolche Abhängigkeit für Staaten eben ſo verderblich, wie für Individuen. Aber iſt auf der andern Seite auch die Rüſtigkeit, Jugend, Thätigkeit der Anfänger wohl in Anſchlag zu bringen, der Zeitpunkt ja nicht zu ver⸗ ſäumen. Fangen Tauſende, Millionen bei uns an, —= 238 6— die, ihre geſunden Arme und Köpfe ausgenommen, gar keine Mittel haben, und doch vorwärts kommen. Kommt Alles auf den Mann, und dann auf den Zeit⸗ punkt an. Kommt dieſer Zeitpunkt Menſchen, ſo wie Völkern, nur einmal, und zwar, wenn ſte jung ſind. Sind ſie alt geworden, iſt es zu ſpät. Wer nicht jung heirathet, ſeine Wirthſchaft an⸗ und auf⸗ richtet, thut es beſſer gar nicht. u „Iſt,— fuhr er, am Glaſe nippend, fort,— eine ſehr wichtige Frage, ob wir nun losbrechen, oder zu⸗ warten ſollen. Sind freilich im Vergleiche zu Mexiko nur eine Handvoll, kommt kaum Einer von uns auf Tauſend von ihnen,— aber ſind tüchtige, werthe, ent⸗ ſchloſſene, rechtliche Männer unter uns, herrliche Män⸗ ner! Fürchte, daß, wenn wir zuwarten, der Geiſt, jener unabhängige Geiſt, der dem Amerikaner mit der Muttermilch angeboren wird, in der ſklaviſchen mexi⸗ kaniſchen Atmoſphäre verfliegt, verdampft, wir zuletzt nicht beſſer werden, als dieſe Mexikaner ſelbſt, deren Freiheit nur eine ſchamloſe Lüge iſt.“ „Wie ſo?“ „Iſt in Mexiko eine ſtarke Ariſtokratie und Hierar⸗ chie, und mögt ihr ſicher ſeyn, daß, wo dieſe ſtark —= 239 6G— ſind, es mit der Freiheit des Volkes ſeinen Haken hat. Wo Tauſende Millionen beſitzen, können die Millio⸗ nen nicht Tauſende eignen. Sind die untern Klaſſen in England noch heut zu Tage, trotz ihrer Magna Charta, ihrer Habeas⸗Corpus⸗Akte, reine Sklaven, ſind und bleiben Sklaven— der Reichen, obwohl ſie mit ihrer Freiheit das Maul voll genug nehmen. Iſt das eine legale Fiction, und findet dieſelbe legale Fic⸗ tion in Mexiko. Sagen auch, ſie haben die Sklaverei abolirt, der Neger, der den mexikaniſchen Boden be⸗ tritt, iſt ipso facto frei. So iſt er,— bis er einen Dollar ſchuldet. Schuldet er dieſen Dollars, ſo iſt er ſo gut und mehr Sklave, als unſere am Newor⸗ leanſer Markte verkauften Schwarzen. Haben näm⸗ lich das Indenturgeſetz, vermöge welchem jeder Gläu⸗ biger ſeinen Schuldner auch für die geringſte Summe in Dienſtpflichtigkeit bringen kann. Und macht in Mexiko einen Dollar Schulden, und ihr ſeyd ſicher, alle Tage eures Lebens dienſtpflichtig zu bleiben. Könnet verkauft werden als Dienſtpflichtiger. Iſt dieſes Dienſtpflichtigkeitsgeſetz durch alle Staaten Mexiko's in Anwendung. Wenden es auch auf unſere Neger an. Nehmen, ehe wir nach Texas gehen, dieſe — d 240— unſere Neger vor einem mexikaniſchen Konſul zu Neworleans, oder irgend einer Seeſtadt, und laſſen ſie da die Indentur unterfertigen, das heißt, einen Kreuz⸗ oder Querſtrich darunter ſetzen, der in Mexiko ſo gut gilt, als bei uns eine Unterſchrift; denn können in Mexiko unter Millionen nicht Hunderte leſen, ja ſelbſt Generale nicht; ſetzen Hieber unter ihre Prokla⸗ mationen, die tapfer genug drein ſchauen. Bedeuten aber dieſe Hieber unſerer Sklaven, daß ſie uns ſo und ſo viel ſchuldig ſind, ſich dafür verbinden, neunund⸗ neunzig Jahre zu dienen, nach welcher Zeit ſte wieder frei ſeyn ſollen. Gibt Hunderte und Hunderttauſende, die derlei neunzigjährige Freiheitswechſel ausgeſtellt haben.“ „Kein übler Ausweg!— bemerkte ich lachend.“ „Gefällt auch unſern Ariſtokraten, die zartſinnig genug das grobe Wort Sklaverei nicht hören wollen, obgleich ihnen die Sache wohl genug anſteht. Wün⸗ ſchen auch deßhalb, die Dinge gehen zu laſſen, wie ſie eben gehen. Sagen, unſere Lage iſt eine ſo gute Lage, als ſie nur ſeyn kann, eine herrliche Lage, eine treffliche Lage, haben beinahe gar keine Abgaben.— Haben ſie auch nicht, haben viel weniger Abgaben, —”=241— als in den Staaten, ſchier gar keine. Iſt das viel werth, aber auf der andern Seite iſt's auch wieder eben ſo gewiß, daß, wo keine Abgaben, auch keine Kultur, keine Aufflärung, keine Fortſchritte ſeyn können. Die wilde Rothhaut hat gar keine Abgaben, aber wer wird deßhalb Rothhaut werden wollen? Sind ſo, ſeht ihr, eine Menge Items, pro und contra. Aber das Haupt⸗Item bleibt immer die moraliſche Entwürdigung, der religiöſe Druck, der einem Amerikaner ein Gräuel ſeyn muß.“ „Iſt zu empörend für den freien Mann, dieſe Be⸗ vogtung! Iſt wahrlich nicht auszuhalten. Mengt ſich in Alles das ſchwarze Pfaffengezücht. Sagen, gilt keine Ehe, als die von einem Glatzkopfe einge⸗ ſegnete. Sollen ihnen unſere Kinder zur Taufe brin⸗ gen, ihre Meſſe hören, unſere Ohrenbeichte hören laſſen. Wißt ihr, was das iſt? eure geheimſten Ge⸗ danken, Pläne, Entwürfe, ja Vergehungen, Fehl⸗ tritte, bekennen, ihnen in die Ohren raunen. Hat je Einer ſo etwas in ſeinem Leben gehört? Keine Narren, dieſe Römlinge! Würden uns quer anſchauen, wenn wir ihnen unſere Pläne in die Ohren raunten. Iſt das,— rief er, das Glas leerend,— nicht die Das Cajütenbuch. I. 16 —= 242 6— ſpitzbübiſchſte Erfindung, die je von einem Tyrannen ausgeheckt wurde, den Völkern Kappzäume um die Ohren zu legen?— Dann ſind wir in einer ewigen Squandary mit unſerm General⸗Congreſſe, liegen immer und ewig mit der Aſſembly zu Cohahuila, von der wir los wollen, müſſen, wenn wir gedeihen wollen, in den Haaren. 4 „Und was ſagen die Bürger zu alle dem?“ „Eine ſeltſame Frage von Einem, der an Maſons und Dixons Linie zu Hauſe iſt! Was ſagen ſie? Sie ſagen, was Bürger, in der Wiege der Freiheit ge⸗ boren, von ihr groß geſäugt, ſagen können.— Kein Irrthum da, kein Zweifel.— Würden heute lieber losſchlagen, als morgen; der Hoshier von Indiana und der Sucker von Illinois, die Puckes von Miſſouri und die Redhorses von Kentucky, die Buckeyes von Ohio, die Wolverins von Michigan, die Eels von Neu⸗England, die Mudheads von Tenneſſee, ſo wie die Corncrackers von Virginien. Allle ſind ſie fir und fertig, ganz parat.— Sind unſer fünfzig Kern⸗ männer in den Gemeinden, und ziehen dieſen fünſzig alle andern nach. Schwanken nur noch die Söhne und Enkel Nathans und Auſtins, die Ariſtokraten, — d 243— aber müſſen zuletzt doch auch dem Strome folgen— oder untergehen. Wird kein Jahr mehr dauern, ehe es losbricht.“ „Ich ſchüttelte den Kopf. Das Unternehmen war mehr denn kühn, es war geradezu deſperat; kaum dreitauſend waffenfähige Männer gegen eine Republik, die neun Millionen Seelen zählte.“ „Iſt allerdings,— bemerkte er, mein Kopfſchütteln richtig deutend,— ein gewagtes Unternehmen, aber ſind Männer, die wohl wiſſen, was ſie thun, wiſſen, daß ſie, wenn ſie den Haken beim rechten Ende faſſen, ihn auch dem Feinde in den Leib treiben. Und cal⸗ culire, faſſen den Haken beim rechten Ende. Muß ſelbſt den beſſern Mexikanern an unſerem Siege ge⸗ legen ſeyn; haben die Wünſche ſelbſt der edleren Mexi⸗ kaner für uns, und ſind wir feſt entſchloſſen, die Prieſterherrſchaft Buſtamentes nicht länger zu dul⸗ den, nicht länger ihren Unwürdigkeiten, demoraliſi⸗ renden Plackereien uns zu fügen. Wollen nicht, dürfen nicht— unſerer Selbſtachtung ſo nahe treten laſſen.“ „Seht ihr, würden ſich die Söhne Nathans und Auſtins lieber Allem fügen, würden Alles ertragen, 8 16* —= 244 6— nur um Ruhe zu haben, befinden ſich wohl bei der Ruhe, wünſchen nicht Beſſeres. Sind das unſere Livingstons, Paterſons, Caroltons,— ſehr reſpec⸗ table Leute, zweifelsohne! denn beſitzen Ländereien, die jetzt ſchon Hunderttauſende, in wenigen Jahren Millionen werth ſeyn müſſen. Wünſchen dieſe Millio⸗ nen nicht aufs Spiel zu ſetzen, und würden ſich lieber dem Fürſten der Finſterniß ſelbſt fügen. Sagen: es iſt gegen Religion und Gewiſſen. u „Gegen Religion und Gewiſſen! Gegen Religion und Gewiſſen! Da habt ihr's! Ihre Religion beſteht in Zucht, Unterwerfung. Von jenem hohen, hehren Drange, der Gute und Böſe zu dem großen Zwecke verbindet, verknöcherte Formen zu brechen, mit fri⸗ ſchem, freiem Geiſte zu beſeelen, von dem wiſſen ſie nichts.“— „Ei, ſag es euch, ſind mir die Bobs in dieſem Punkte wahrlich lieber, trotz ihrer Verbrechen, ihrer Schlechtigkeit lieber, können ſie beſſer gebrauchen. Sind freilich ſchlechte Leute, aber, verſteht ihr, wenn ihr mauret und keinen Kalk habt, nehmt ihr Lehm, wenn die Marmorblöcke fehlen, thun es Granitblöcke. Waren es ſolche Blöcke, die Großbritannien gegrün⸗ — o 245 6— det, rohe, grobe Blöcke! Sind das die beſten in der Hand eines tüchtigen Baumeiſters, ein feſtes, dauer⸗ haftes Gebäude zu gründen.“ „Sind die beſten, wenigſtens in unſerer gegenwär⸗ tigen Criſis. Eure Nathans, Auſtins Söhne, ſcha⸗ den mehr, als ſte nützen, wogegen die Bobs auf den erſten Ruf bereit ſind, Gut und Blut, ihr ganzes werthloſes Daſeyn für die Freiheit des Leibes und der Seele ihrer Mitbürger, für die gute Sache einzu⸗ ſetzen. Sind eure Bobs nicht ſchlechter, nicht einmal ſo ſchlecht, als die Creaturen, die eure Napoleone, eure Louis Philippe gebrauchten und noch gebrauchen, theuer bezahlen.“— „Möglich!— bemerkte ich;— aber— „Können Bob nicht frei ſprechen, können ihn auch nicht verurtheilen; denn würden da ein Weſpenneſt aufregen, das uns nur zu blutig ſtechen könnte; aber wird ſich ſchon Gelegenheit finden, dieſes Weſpenneſt los zu werden, und wollen wir es auf eine, dem Lande, dem Bürgerthume, der Freiheit, der Religion nützliche Weiſe los werden, bürg' euch dafür. Brauchen juſt Leute ſeines Schlages gegen die mexikaniſchen Banditen, die ſie zuerſt auf uns los laſſen werden. —= 246 6— Wäre Jammerſchade um jeden tugendhaften Bürger, wenn er ſein Leben durch ſolche Banditen verlöre.“ „Kam mir oft queer vor, muß euch aufrichtig ge⸗ ſtehen, wenn ich ſo in meinem Bette, meiner Stube, der Prairie, oder einer Inſel nachdachte, recht queer, Leute wie dieſe Bobs bei uns herum vagiren zu ſehen, wo ſie doch ſo gar nichts finden, keine Spieltiſche, keine liederliche Geſellſchaft, wo Jeder ſchafſen, hart ſchaffen, mit Entbehrungen aller Art kämpfen muß, ehe er ſich ruhig in ſeinen vier Pfählen niederlaſſen kann. Kam mir oft recht queer vor, wozu ſie wohl da zu uns kämen, wurde mir aber endlich klar, wozu ſie herab gekommen ſeyn mögen. Werden ihrem Schöpfer, werden der Welt noch dienen. Haben viel dieſes Geſindels, dieſes Auswurfes, das die Staaten oben ausgeſtoßen. Solltet nun glauben, würde das ganze Land vergiften, verpeſten; thut es aber nicht. Verdunſten, verfliegen dieſe Fäulniſſe eurer debau⸗ chirten Civiliſation in unſeren reinen Prairien nicht nur, dient ihr Laſterhauch auch dazu, die reine Atmo⸗ ſphäre der Tugend in deſto lieblicheren Gegenſatz zu bringen, der mexikaniſchen Fäulniß entgegen zu wirken. Soll auch entgegen wirken, und das bald, ehe ein 3 — — 0 247— Jahr vergeht! Zählt das ganze Land zwar kaum noch fünfunddreißigtauſend Seelen, Alles zufammen ge⸗ rechnet, Bürger, Neger und Mexikaner, die nicht viel beſſer ſind, als unſere Neger, kaum dreitauſend waffen⸗ fähige Männer, wollen aber doch mit dieſen dreitau⸗ ſend waffenfähigen Männern— ¹ „Sagen euch, ſtiften die Franzoſen eben jetzt einen Staat in der Barbarei zu Algier, das ſie dem Groß⸗ türken abgejagt, mit der Blüthe, dem Kerne ihrer Armee abgejagt. Eroberten es mit einem Aufwande von Geld und Gut und Blut, dem wir nichts als Armuth entgegen ſetzen können. Haben nicht den hundertſten Theil ihrer Kriegserfahrung, ihrer Schätze, ihrer Mittel, ſind eine bloße Handvoll Bürger. Aber ſind dieſe Bürger freie Männer, Männer, die es mit einer Welt aufzunehmen die Kraft in ſich fühlen. Wollen der Welt zeigen, was freie Männer vermö⸗ gen.— Wollen uns in aller Stille einen politiſchen Haushalt gründen, der, ſo klein und armſelig er für jetzt erſcheinen mag, in ein— fünfzig oder hundert Jahren eine ganz andere Rolle ſpielen ſoll, als euer mit ſo vielem Pompe dem Großtürken abgejagtes Algier!“— —“= 248— „Ich war müde und ſchläfrig, aber die letzten Worte elektriſtrten mich. Müdigkeit und Schlaf ver⸗ geſſend, ſprang ich auf.“ „Bei meiner Seele, Richter! das war keck und recht und amerikaniſch geſprochen. So ihr losſchlagt, ich will nicht fehlen!“ „Kein Verſprechen, kein Binden, junger Mann! — verſetzte er, gleichfalls aufſtehend.— Freies Feld und keine Gunſt! iſt mein Wahlſpruch.— Prüfet Alles, und das Beſte behaltet! Iſt ein trefflicher Spruch unſerer Bibel.— Prüfet, und wenn ihr ge⸗ prüft, dann wählet. Und wählt ihr unſere Seite, ſollt ihr willkommen ſeyn, denn ſage euch unverholen, habe keinen Ueberfluß an jungen wiſſenſchaftlich ge⸗ bildeten Männern, und mag ein ſolcher wohl Großes bei uns leiſten, Großes erringen. Aber prüfet, und wenn ihr geprüft, wählet.“— „Ich will. „Wollen nichts Schlechtes, Mister Morſe! ob⸗ wohl die Welt euch anders ſagen wird.— Wollen kein Reich des Unglaubens, ſind keine Voltairiſten, keine Bayleiſten, eben ſo wenig als Anhänger der Finſterniß. Wollen Licht und Gerechtigkeit, wollen —“= 249 6— den Anhängern der Ungerechtigkeit, der Finſterniß, abnehmen, was ihnen überflüſſig, da ein Reich der Freiheit, des Friedens, der Aufklärung, des Fort⸗ ſchrittes, der Erkenntniß gründen, das wollen wir, und nun gute Nacht!“— „Gute Nacht!— ſprach ich, dem ſeltſam ariſto⸗ kratiſchen Demokraten nachſchauend.“ „Schlafen ließ es mich jedoch, trotz Müdig⸗ und Schläfrigkeit, noch lange nicht.— Nicht, als ob mir das Medium, durch das er die Welt und ihre Ge⸗ ſchichte ſchaute, neu geweſen wäre, es war dem Stoff und der Form nach ganz das unſerer Mitſouveraine, ich hatte es oft belächelt; aber wenn ich es bei uns belächelte, fehlte der Hintergrund, dieſer Hintergrund, der hier in ſo ſtarkem Relief vortrat, Allem, was er ſprach, einen ſo großartigen Charakter verlieh. Die Gegenſütze des Unglaubens und wieder hohen Glau⸗ bens, der einſeitigen und wieder großartigen Geſichts⸗ auffaſſung, hatten hier ein beſtimmtes Ziel, einen Zweck, der einen wahrhaft koloſſalen Geiſt, einen eiſer⸗ nen Willen verrieth.— Ein ſolcher Wille aber er⸗ zeugt Achtung.“— — e 250— „Ich entſchlief mit Achtung vor dem Manne.“— „Achtung vor dieſer Gemeinheit, ja Ruchloſigkeit?“ brach hier Oberſt Cracker aus. „Cracker, Cracker!“ rief lachend ein junger Mann, der, nach ſeiner ſchwarzen Kleidung, einer der oberſten Richter des Staates ſeyn mußte.„Seyd doch ein ſo vollendeter Cockney, als je Broadway hinab tän⸗ zelte. Merkt Ihr denn gar nicht, daß es eben dieſe Ruchloſigkeit, dieſe Gemeinheit iſt, die ſo Großes in der Welt bewirkt, daß gerade dieſe Gemeinheit, ja Ruchloſigkeit, die das Höchſte, Erhabenſte zu unſerm Niveau herab zieht, uns auch wieder zu dieſem Höch⸗ ſten, Erhabenſten empor ſchwingt?— Um nur auf das Beiſpiel der Normannen zurück zu kommen, glaubt Ihr, ſie würden je den Thron Frankreichs erſchüttert, den Englands umgeſtoßen haben, wenn ſie in ehr⸗ furchtsvoller Ferne deren Erhabenheit angeſtaunt, ſte von Gott eingeſetzt geglaubt, nicht vielmehr dieſe Throne mit gemeinen, ja ruchloſen Blicken betrachtet hätten? Iſt ja hier nicht von einer Moralpredigt— iſt von einem weltgeſchichtlichen Problem die Rede. u „Ganz richtig!“ bemerkten Mehrere. —= 251 6— „Fahret fort, wenn wir bitten dürfen,“ bat der Supreme Judge.„Jedes Eurer Worte iſt koſtbar.“ X. Der Oberſt beſann ſich einen Augenblick und fuhr dann fort: „Pferdegetrampel weckte mich am folgenden Mor⸗ gen. Es war Bob, der angekommen, ſo eben abſtieg. Aber welches Abſteigen! die Glieder ſchienen ihm den Dienſt zu verſagen, auseinander ſtreben— reißen zu wollen, ſo verrenkt, ſchwankend, taumelnd waren ſeine Bewegungen. Anfangs glaubte ich, er ſey be⸗ trunken, aber er war es nicht. Es war die Todes⸗ müdigkeit des unter der Seelenqual erliegenden Kör⸗ pers,— er gerade zu ſchauen, als ob er von der Folter käme. Die vierundzwanzig Stunden mußten ihm gräßlich mitgeſpielt haben.“ „Schaudernd warf ich mich in die Kleider, ſprang die Treppe hinab, und öffnete die Hausthür.“ „Den Kopf auf dem Nacken ſeines Muſtang ruhend, die Hände darüber gekreuzt, ſtand er, wechſelsweiſe —= 252 6— zuſammen ſchaudernd und wieder aus tiefſter Bruſt herauf ſtöhnend.¹ „Bob, ſeyd ihr es 2 „Keine Antwort.4 „Bob, wollt ihr nicht ins Haus?— ſprach ich, bemüht, eine ſeiner Hände zu erfaſſen. „Er ſchaute auf, ſtierte mich an, ſchien mich aber nicht zu erkennen.“ „Ich zog ihn vom Muſtang weg, band dieſen an einen der Pfoſten, und führte ihn dann ins Haus. Er ließ mit ſich geſchehen, folgte willen⸗, beinahe kraftlos. Wie ich ihm einen Seſſel ſtellte, fiel er in dieſen hinein, daß der Seſſel zuſammen krachte, das ganze Haus erſchütterte. Aber kein Wort war aus ihm heraus zu bringen. Eben wollte ich mich in meine Schlafkammer zurück ziehen, um meine Toilette ſo viel als möglich zu ordnen, als ſich aber⸗ und abermals Pferdegetrampel hören ließ. Es waren zwei Reiter, denen in einiger Entfernung mehrere folgten, alle in Jagdblouſen, hirſchledernen Bein⸗ kleidern und Wämſern, mit Rifles und Bowie Knives*) *) Dolchartiges Meſſer. —=d 253 6— bewaffnet, feſte, trotzige Geſellen, offenbar aus den ſüdweſtlichen Staaten, mit dem ächten Kentucky⸗, halb Roß⸗, halb Alligator⸗Profile, auch der gehöri⸗ gen Beigabe von Donner, Blitz und Erdbeben. Ein dreitauſend ſolcher Männer konnten es freilich mit einer Armee Mexikaner aufnehmen, wenn Alle den Spindelbeinen gleichen, die ich geſehen, denn jee Hand dieſer Koloſſe wog füglich einen ganzen Mexi⸗ kaner auf. Uebrigens eine ſehr behagliche Empfin⸗ dung, als ich ſte mit ächt kentuckiſcher eare the devil Miene abſteigen, ihrer Pferde Zügel dem Neger in die Hände werfen, und dann in das Haus eintreten ſah, ganz wie Leute, die, überall zu Hauſe, ſich auch in Texas als die Herren zeigten, mehr ſo zeigten, als die Mexikaner ſelbſt.— Das waren allerdings die Männer, die Texas zur Unabhängigkeit erheben konnten! Beim Eintritte in das Parlour nickten ſte mir zwar einen guten— aber etwas kalten Morgen zu, ihre Falkenaugen hatten mit mir zugleich Bob erſchaut, ein Zuſammentreffen, das ihnen aufzufallen ſchien, obwohl ſie dieß unter der Maske gleichgülti⸗ gen Nichtbeachtens verbargen; doch warfen ſte meh⸗ rere Male, ohne ſich übrigens in ihrer Unterhaltung — o 254 c— ſtören zu laſſen, ſehr ſcharfe Blicke auf mich. Dieſe Unterhaltung bezog ſich auf Rinder und Cottonpreiſe, auf die Verhandlungen des Cohahuila⸗ und Texas⸗ und wieder General⸗Congreſſes, auf die Demonſtra⸗ tionen, die von Metamora aus gegen Teras, wie es hieß, im Anzuge waren, und die auch, wie Sie wiſſen, kurz darauf wirklich Statt fanden, die ſie aber bis jetzt nicht im Mindeſten zu beunruhigen ſchie⸗ nen. Man hätte ſchwören ſollen, daß die drohenden Demonſtrationen ſie ganz und gar nichts angingen. Nach und nach kamen ihrer mehrere, ſo daß ihre An⸗ zahl auf vierzehn ſtieg, alle feſt entſchieden auftretende Geſellen, bis auf zwei, die mir weniger gefielen. Auch den Uebrigen ſchienen ſie nicht ſehr zu gefallen, denn Keiner reichte ihnen die Hand, und kaum daß ſie ihrem good morning ein ſtummes Nicken entgegen gaben. Sie allein traten auf Bob zu, es verſuchend, ihn zum Reden zu bringen, allein vergebens.“— „Der Richter war mittlerweile, nach dem Geräuſche im anſtoßenden Kabinette zu ſchließen, aufgeſtanden und mit ſeiner Toilette beſchäftigt, die ihm aber nur wenig Zeit nehmen mochte, denn kaum waren drei —— 255 6— Minuten ſeit dem Krachen des Bettes verfloſſen, als auch bereits die Thür aufging und er eintrat.u „Zwölf von den Männern traten ihm freundlich, ja herzlich entgegen, die Zwei blieben im Hintergrunde, — auch ſchüttelte er nur den Erſteren die Hand. u „Als er den Zwölfen die Hand geſchüttelt, den Zweien kalt zugenickt, trat er zu mir, nahm mich bei⸗ der Hand und ſtellte mich ſeinen Gäſten vr Erſt jetzt erfuhr ich, daß ich vor keinen geringeren Perſo⸗ nagen, als den Beiſitzern des Ayuntamiento von San Felipe de Auſtin ſtand, daß zwei meiner derben Lands⸗ leute Corregidoren, einer Procurador, die übrigen aber buenos hombres,— das heißt ſo viel als Frei⸗ ſaſſen,— Mannen waren, Ehrenbenennungen, die ſte übrigens nicht ſehr hoch anzuſchlagen ſchienen, denn ſie begrüßten und nannten ſich bloß bei ihren Familiennamen.“— „Jetzt brachte der Neger ein Licht, rückte die Ci⸗ garrenkiſtchen, die Armſeſſel zurecht, der Richter deutete auf den Schenktiſch, die Cigarren, und dann ließ er ſich nieder.“— „Cinige nahmen einen Schluck, Andere Cigarren. — o 256 6— Ueber dem Einſchenken, Trinken, dem Anbrennen, in Rauch verſetzen, verging eine geraume Weile. „Bob krümmte ſich während dem wie ein Wurm. 4 „Jetzt endlich, dachte ich, würde er ans Geſchäft gehen, aber ich ſchoß fehl.“ „Mister Morſe!— redete er mich an,— ſeyd ſo gut, helft euch. 6„Ich ſchenkte ein; er winkte mir, anzuſtoßen. Ich trat zu ihm, ſtieß mit ihm, allen Uebrigen, bis auf die Zwei an.“— „Noch mußte ich eine Cigarre nehmen, ſte anbren⸗ nen, und erſt, als dieß in Ordnung, nickte er zu⸗ frieden, die Arme auf die beiden Lehnen des Seſſels ſtützend. u „Es war etwas pedantiſch Langweiliges, aber auch patriarchaliſch Würdevolles und wieder Berechnetes in dieſer langſamen Procedur, die wirklich charakte⸗ riſtiſch amerikaniſch genannt werden kann.— Wie wir aller äußeren Formen entbehren, hat unſer ernſter Nationalcharakter in dieſer würde⸗ und bedachtvoll einleitenden Langſamkeit ſehr glücklich, wie mir ſcheint, die Formalitäten, den Pomp und die Repräſentation —= 257 8— anderer Völker bei ihren Gerichts⸗ und öffentlichen Verhandlungen erſetzt.“ „Nachdem denn endlich Alle getrunken, Alle ihre Cigarren angeraucht, ſprach der Richter, die Cigarre abſetzend und ſein Glas ergreifend: „Männer!“ „Squire!— ſprachen die Männer.“ „Haben ein Geſchäft vor uns, ein Geſchäft, das, calculire ich, beſſer der erplicirt, den es betrifft.“ „Die Männer ſchauten den Squire, dann Bob, dann mich an.“ „Bob Rock! oder was ſonſt euer Name, ſo ihr etwas zu ſagen habt, ſo ſagt es,— ſprach der Alcalde.“ „Hab's euch ja ſchon geſtern geſagt,— brummte Bob, den Kopf noch immer zwiſchen den Händen, die Ellbogen auf den Knieen.“ „Ja, aber müßt es heute wieder ſagen. War geſtern Sonntag, und iſt der Sonntag, wißt ihr, der Tag der Ruhe, der Feier, und nicht der Geſchäfte. Sehe das, was ihr an einem Sonntage ſagt, als nicht ge⸗ ſagt an. Will euch nicht nach euren geſtrigen Sagen richten, oder richten laſſen. Habt es denn auch bloß Das Caſütenbuch. I. 8 17 — d 258 6— unter vier Augen geſagt, denn Mister Morſe rechne ich nicht, betrachte ihn noch als Fremdling.“ „Aber wozu denn das ewige Palaver*), wenn die Sache klar,— knurrte Bob, den Kopf mürriſch erhebend.“ „Wie jetzt die Männer auf⸗ und ihn anſchauten, legte ſich ein düſterer, finſterer Ernſt um ihre eiſernen Geſichter. Er war wirklich ſchauderhaft zu ſchauen, das Geſicht ſchwarzblau, die Wangen hohl, der gräß⸗ liche Bart, die blutunterlaufenen Augen, tief in den Höhlen rollend! Es war nichts Menſchliches mehr in dieſen Zügen.“ „Wie Miſſiſippiwaſſer,— verſetzte bedächtig der Richter.— Klar, wie Miſſiſippiwaſſer, wenn es vier⸗ undzwanzig Stunden geſtanden. Sag' euch, will weder euch, noch irgend Jemanden auf ſein Wort verdammen, um ſo weniger euch, als ihr in meinem Hauſe— zwar nicht in meinem Hauſe, aber doch in meinem Dienſte geſtanden, von meinem Brot gegeſſen. Will euch nicht verdammen, Mann!“ „Bob holte tiefen Athem. u *) Geſchwätze. —= 259 6— „Habt euch geſtern ſelbſt angeklagt; hat aber eure Selbſtanklage einen Haken, habt das Fieber. „Hilft Alles nichts,— ſtöhnte, wie gerührt, Bob. — Hilft Alles nichts. Sehe, meint es gut. Aber, obwohl ihr mich retten könnt von Menſchenhänden, könnt ihr mich doch nicht retten vor mir ſelbſt. Hilft nichts, muß gehängt ſeyn, an demſelben Patriarchen gehängt ſeyn, unter dem er liegt, den ich kalt ge⸗ macht.“— 5 „Abermals ſchauten die Männer auf, ſprachen aber kein Wort.“ „Hilft Alles nichts,— fuhr Bob fort.— Ja, wenn er mir gedroht, wenn er Streit angefangen, mir nur verweigert hätte, that das aber nicht. Sagte, gellt mir noch in den Ohren, höre ihn noch, wie er ſagt: Thut das nicht, zwingt michenicht, etwas zu thun, was ihr, was ich bereuen könnte. Thut das nicht, Mann! Habe Weib und Kind, und bringt kei⸗ nen Segen, was ihr vor habt. Hörte aber nicht,— ſtöhnte er aus tiefſter Bruſt herauf,— hörte nichts, als die Stimme des Teufels, warf die Rifle vor— ſchlug an— druͤckte ab.“— „Sein entſetzliches Stöhnen, das wie das unter⸗ 17* —“= 260 6— drückte Gebrüll eines Rindes tönte, ſchien ſelbſt die eiſernen Zwölf zu erſchüttern. Sie betrachteten ihn mit ſcharfen, aber wie verſtohlenen Blicken u „So habt ihr einen Mann todt gemacht?— fragte endlich eine tiefe Baßſtimme.“ „Ei, ſo hab' ich!— ſchnappte Bob heraus.¹ „Und wie ihm die Worte entſchnappten, ſchaute er den Fragenden ſtier an, der Mund blieb ihm weit offen. „Und wie kam das?— fragte der Mann weiter.“ „Wie es kam? wie es kam? Müßt den Teufel fra⸗ gen, oder auch Johnny. Nein, nicht Johnny, kann es euch doch nicht ſagen, der Johnny. War nicht dabei, der Johnny. Kann nur ich es ſagen, und doch, kann es kaum ſagen, weiß ſelbſt nicht, wie es kam. Traf den Mann bei Johnny, weckte Johnny den Böſen in mir, zeigte mir ſeine Geldkatze. „Johnny?— fragten Mehrere.“ „Ei, Johnny! calculirte auf ſeine Geldkatze, war aber zu pfiffig, zu geſcheidt für ihn, und als er mir meine Federn, meine zwanzig, fünfzig, ausgerupft— „Zwanzig Dollars, fünfzig Cents,— erläuterte der Richter,— die er von mir für erlegtes Wild und eingefangene Muſtangs erhalten.“ — 0 261 6— „Die Männer nickten.“ „Und machtet den Mann, weill er nicht ſpielen wollte, kalt?— fragte wieder die Baßſtimme.“ „Nein, erſt einige Stunden darauf am Jacinto, unweit dem Patriarchen. Begegnete ihm unterhalb, und machte ihn kalt da.“ „Dachte mir wohl, daß da etwas Apartes ſeyn müſſe,— nahm ein Anderer das Wort,— denn war euch doch eine ganze Nation von Aasvögeln und Geiern und Turkeybuzzards und derlei Gezüchte auf und ab, als wir vorüber ritten. Nicht wahr, Mister Heart? „Mister Heart nickte.“— „Traf ihn nicht weit vom Patriarchen, und for⸗ derte halb Part von ſeinem Gelde,— hob wieder inſtinktartig Bob an.“ „Wollte mir etwas geben,— fuhr er fort,— einen Quid zu kaufen, und mehr als das, aber nicht halb Part. Sagte, habe Weib und Kind.“ „Und ihr?— fragte wieder der mit der Baßſtimme, die aber jetzt hohl klang.“ „Schoß ihn nieder,— verſetzte mit einem heiſern, entſetzlichen Lachen Bob.“ —=3 262— „Eine Weile ſaßen Alle mit zu Boden gerichteten Blicken. Dann fuhr der mit der Baßſtimme in dem Verhör weiter.“ „Und wer war der Mann?4 „Ei, wer war er? Fragte ihn nicht, wer er war, ſtand ihm auch nicht auf der Stirn geſchrieben. War ein Bürger, ob aber ein Hoſhier, oder Buckeye, oder Mudhead, iſt mehr, als ich ſagen kann.“ „Die Sache muß denn doch unterſucht werden, Al⸗ calde,— nahm nach einer langen Pauſe ein Anderer das Wort.“ „Das muß ſie,— verſetzte der Alcalde.“ „Wozu da erſt lange unterſuchen?— brummte unwillig Bob.“ „Wozu?— entgegnete der Richter.— Weil wir das Uns, dem kalt gemachten, und euch ſchuldig ſind, euch nicht verurtheilen können, ohne das corpus de- licti geſehen zu haben. u „Iſt auch ein anderes Item„— fuhr er, zu den Männern gewandt, fort,— auf das ich euch auf⸗ merkſam machen muß. Iſt der Mann halb und halb außer ſich, nicht compos mentis, wie wir ſagen. Hat das Fieber— hatte es— als er die That be⸗ —= 263— ging, war ferner da von Johnny aufgereizt— in deſperater Stimmung über ſeinen Verluſt;— aber trotz dieſer gereizten Stimmung hat er dieſem Gentle⸗ man da, Mister Edward Nathanael Morſe— das Leben gerettet.“— „Hat er das?— fragte der mit der tiefen Baß⸗ ſtimme.“ „In jeder Beziehung,— verſetzte ich,— nicht nur dadurch, daß er mich aus dem tiefen Fluſſe zog, in dem ich, ſterbend von meinem Muſtang geworfen, ſicher ertrunken wäre, ſondern auch durch die ſorg⸗ fältigſte Pflege, die er dem ſogenannten Johnny und ſeiner Mulattin zu meinen Gunſten abdrang. Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben, das kann ich be⸗ ſchwören.“— „Bob warf mir jetzt einen Blick zu, der mir durch die Nerven drang. Es war ſo erſchütternd, Thrä⸗ nen in dieſen Augen zu treffen!“ „Die Männer hörten in tiefem Schweigen.“ „Es ſcheint, daß ihr durch Johnny aufgereizt wor⸗ den, Bob?— nahm wieder der mit der Baßſtimme das Wort.“ —= 264 6— „Sagte das nicht.— Sagte nur, daß er auf die Geldkatze hinblinzelte, mir ſagte:—“ „Was ſagte er? u „Was geht euch aber das, was Johnny geſagt, an?— knurrte wieder verdrießlich Bob.— Geht euch nichts an, calculire ich. „Geht uns aber an,— verſetzte einer der Männer, — geht uns an.“ „Wohl, wenn es euch angeht, mögt ihr es eben ſo wohl wiſſen,— brummte wieder Bob.— Sagte, wie ich ſo wild aus dem Hauſe ſtürze,— ſagt er: Seyd ihr denn gar ſo Hühnerherz geworden, Bob, ſagt er, daß ihr da Ferſengeld gebt, wenn nicht zehn Schritte von euch eine ſo voll geſpickte Katze für wenig mehr, denn ein Loth Blei zu haben?“— „Hat er das geſagt?— fragte wieder die Baß⸗ ſtimme.“ „Fragt ihn ſelbſt.“ „Wir fragen aber euch.“ „Je nun, er hat es geſagt.“ „Hat er es gewiß geſagt?“ „Sag' euch ſchon, wozu das ewige Palavern? Hat's geſagt, aber müßt ihn fragen. Will weder — 265— ſeinem, noch irgend eines Andern Gewiſſen auf die Hühneraugen treten, ſind mir die meinigen dick genug, bürg' euch dafür. Will nur die meinigen ausge⸗ ſchnitten haben, und müſſen ausgeſchnitten ſeyn. Wollt ihr ſie ihm ausſchneiden, müßt ihr euch an ihn wenden. Calculire, will bloß für mich reden, für mich gehängt ſeyn.“ „Alles Recht, Alles Recht, Bob!— nahm wieder der Alcalde das Wort.— Aber wir können euch doch nicht hängen, ohne uns zuvor zu überzeugen, daß ihr es auch verdient. Was ſagt ihr dazu, Mister Wythe? ſeyd Procurador, und ihr, Mister Heart und Stone? Helft euch zu Rum oder Brandy, und Mister Bright und Irwin, eine friſche Cigarre. Sind conſiderabel tolerabel, die Cigarren. Sind ſie's nicht? Wohl, Mister Wythe, das in der Diamantflaſche iſt Brandy, was ſagt ihr dazu?“ „Mein ariſtokratiſcher Demokrat war ſo ganz De⸗ mokrat geworden, als mir unter andern Umſtänden wohl ein Lächeln abgenöthigt hätte, hier aber ver⸗ ging es mir.— Mister Wythe, der Procurador, hatte ſich erhoben, wie ich glaubte, ſein Urtheil ab⸗ zugeben, aber an dem war es noch nicht. Er trat —=0 266 G— zum Schenktiſche, ſtellte ſich gemächlich vor dieſen hin, und die Diamantflaſche mit der einen Hand ergreifend, mit der andern das Glas, ſprach er: „Je nun, Squire, oder vielmehr Alcalde!“ „Nach dem Alcalde ſchenkte er das Glas halb mit Rum voll.“ 5 „Wenn's ſo iſt,— meinte er weiter, einen Viertel⸗ zoll Waſſer hinzu gießend.“ „Und,— füͤhr er fort, einige Brocken Zucker nach⸗ ſendend,— Bob den Mann kalt gemacht hat— „Meuchlings kalt gemacht hat,— ſetzte er hinzu, 6 den Zucker mit dem hölzernen Stempel zerſtoßend und umrührend: „So calculire ich,— argumentirte er, das Glas hebend: „Daß Bob, wenn's ihm ſo recht iſt, gehaͤngt wer⸗ den ſollte,— ſchloß er, das Glas zum Munde brin⸗ gend und leerend. „Bob ſchien eine ſchwere Laſt von der Bruſt ge⸗ nommen. Er holte tief und erleichtert Athem. Die Uebrigen nickten ſtumm.“ „Wohl!— ſprach, aber nicht ohne Kopfſchütteln, der Richter.— Wenn ihr ſo meint, und Bob ein⸗ —= 267 6— verſtanden iſt, ſo calculire ich, müſſen wir ihm ſchon ſeinen Willen thun. Freilich ſollte eigentlich das Ganze noch vor die Diſtriet Court nach San Antonio hinüber; aber da er einer der Unſrigen iſt, müſſen wir ſchon ein Auge zudrücken, ihm Gnade für Recht widerfahren laſſen, den Gefallen thun. Sag' euch aber, thue es nicht gerne. Thue es zwar, aber muß auf alle Fälle der kalt gemachte Mann noch zuvor unterſucht, auch Johnny verhört werden. Sind das Uns, ſind es Bob als unſerm Mitbürger, ſchuldig.“ „Auf alle Fälle!— bekräftigten die ſämmtlichen Zwölf. „Was hat aber der Johnny dabei zu thun?— fiel mürriſch Bob ein.— Hab' euch ſchon ein Dutzendmal geſagt, war nicht dabei, und geht ihn nichts an.“ „Geht ihn aber doch an,— entgegnete der Richter. — Geht ihn an, Mann. War zwar nicht dabei, aber ſandte euch dafür, zwar nicht mit ausdrücklichen Worten, aber mit einem geheimen Sporne. Wäre Johnny nicht geweſen, hättet ihr weder Mann, noch Geldkatze geſehen pro primo, pro secundo hättet ihr eure— zwanzig, fünfzig nicht verſpielt, und pro tertio wäre euch nicht die Notion ins Gehirn gekommen, — e 268— euch durch ſeine geſpickte Katze— entgegen einem Loth Blei— zu entſchädigen.“ „Iſt ein Fact das! bekräftigten Alle.“— „Seyd ein gräulicher Mörder, Bob! und ein con⸗ ſiderabler dazu,— nahm wieder der Richter das Wort,— aber ſage euch doch, und gilt mir gleich, wer's hört, ſag' es euch ins Geſicht, will euch nicht ſchmeicheln, aber ſeyd mir doch lieber in eurer Nagel⸗ ſpitze, als der Johnny mit Haut und Haaren. Und thut mir leid um euch, denn weiß, ſeyd im Grunde kein Böſewicht, ſeyd aber durch böſes Beiſpiel, böſe Geſellſchaft verführt worden. Könntet aber, calcu⸗ lire ich, noch zurecht gebracht, noch zu Manchem ge⸗ braucht werden, vielleicht beſſer gebraucht werden, als ihr meint. Iſt eure Rifle eine kapitale Rifle.“— „Die letzteren Worte machten Alle aufſchauen. Bob ſcharf und fragend fixirend, hielten ſie in geſpannter Erwartung.“ „Könntet,— fuhr der Richter ermuthigend fort, — vielleicht der Welt, euren beleidigten Mitbürgern, dem verletzten Geſetze, noch beſſere Dienſte leiſten, als durch euer Gehängtwerden da. Seyd immer noch ein Dutzend Mexikaner werth.“ 3 —= 269— „Bob war während der Rede des Richters der Kopf auf die Bruſt gefallen. Jetzt hob er ihn, zu⸗ gleich tiefen Athem holend.“ „Verſtehe, Squire! Weiß worauf ihr zielt. Kann aber nicht, darf nicht; kann nicht ſo lange warten, mag nicht. Iſt mir das Leben zur Laſt, quält mich, foltert mich gar grauſam. Läßt mir keine Ruhe, bei Tag und Nacht, wo ich gehe, ſtehe.“ „Wohl, ſo legt euch!— meinte der Richter.“ „Steht auch da vor mir, treibt mich zurück unter den Patriarchen.“ „Hier ſchauten Mehrere den Sprecher an, dann fielen ihre Blicke wieder zu Boden. Eine Weile ſaßen ſte ſo in tiefer Stille, endlich hoben ſie die Köpfe, ſchauten einander forſchend an, und der Richter nahm abermals das Wort: „Es bleibt alſo dabei, Bob. Wollen heute zum Patriarchen, und morgen kommt ihr. Seyd ihr's ſo zufrieden?“ „Um welche Zeit?“ „Um die zehn Uhr herum.“ „Könnte es nicht früher ſeyn?— murmelte, un⸗ geduldig den Kopf ſchüttelnd, Bob.“ — e 270— „Warum früher? Seyd ihr denn gar ſo lüſtern nach der Hanfbraut?— meinte Mister Heart.“ „Was hilft das Schwätzen und Palavern?— brummte mürriſch Bob.— Sag' es euch ja, läßt mich nicht ruhen. Muß aus der Welt, treibt mich daraus; — darum, je eher, deſto beſſer. Bin ſatt des Lebens, und wenn ich erſt um zehn Uhr komme, und ihr da noch ein Paar Stunden oder mehr euer Palaver habt, und wir dann wieder eine Stunde oder zwei zum Patriarchen reiten, kommt das Fieber.“— „Aber wir können doch wegen eurem Fieber da, nicht wie die wilden Gänſe zuſammen und aus ein⸗ ander ſchießen;— rief ungeduldig der Procurador. — Habt doch nur ein Einſehen, Mann!“— „Freilich, freilich!— meinte wieder beinahe de⸗ müthig Bob.“ „Iſt aber ein ſchlimmer Gaſt, das Fieber, Mister Wythe!— bemerkte Mister Trace, ein friſches Glas nehmend. Und calculire,— fuhr er fort, es leerend, — ſollten ihm den Gefallen thun.“ „Wohl, Squire, was meint ihr dazu?— fragte der Procurador.— Meint ihr, daß wir ihm zu Willen ſeyn ſollen? u — 271 G— „Calculire, iſt wirklich ein wenig gar zu importun, unbeſcheiden da in ſeinen Forderungen, der Bob,— meinte, ſehr verdrießlich den Kopf ſchüttelnd, der Richter.“ „Alle ſchwiegen.“ „Aber wenn ihr dafür haltet, und es zufrieden ſeyd,— fuhr er, zu dem Ahuntamiento gewendet, fort,— und weil es Bob iſt, weil ihr es ſeyd, Bob! wandte er ſich an dieſen,— ſo calculire ich, müſſen wir euch wohl ſchon zu Willen ſeyn. u „Dank' euch!— ſprach ſichtlich erleichtert Bob.“ „Nichts zu danken!— brummte, während Bob der Thür zuging, mürriſch ber Richter.— Nichts zu danken! Aber jetzt geht in die Küche, verſteht ihr? und laßt euch da ein tüchtiges Stück Roaſtbeef mit Zubehör geben, verſteht ihr?“ „Auf den Tiſch klopfend, hielt er inne.“ „Ein tüchtiges Stück Roaſtbeef und Zubehör dem Bob,— befahl er der eintretenden Diana,— und das ſogleich, und ihr ſeht darauf, daß er es verzehrt. Und zieht euch anders an, Bob, verſteht ihr? wie ein Bürger, nicht wie eine wilde Rothhaut, verſteht ihr?“— 3 — 272 6— „Er winkte der Negerin, abzutreten, und fuhr dann, zu Bob gewendet, fort: „Keine Einrede, Bob! den Rum wollen wir euch ſenden, ſollt eſſen und trinken, Mann! wie ein ver⸗ nünftiges Geſchöpf, eurem Geſchick als Mann, und nicht als ein hirnverbrannter Narr entgegen treten. Brauchen da keine Sprünge, keine Hungerkuren, die euch noch verrückter machen. Sage euch, thun keinen Schritt, ſo ihr nicht vernünftig eßt und trinkt von den Gaben eures Gottes, die er für Hohe und Niedrige, für Böſe und Gute wachſen läßt, euch wie ein ver⸗ nunftbegabtes Weſen betragt und kleidet.“ „Dank euch!— ſprach demüthig Bob.“ „Nichts zu danken, ſagt' euch's ſchon!— grollte der Richter.“ „Bob ging, die Männer blieben ſitzen, ſo ruhig, wie immer; Einer oder der Andere ſtand wohl auf, ſein Glas zu füllen, oder eine Cigarre zu nehmen, aber ein Eintretender würde ſchwerlich errathen haben, daß hier ein Ayuntamiento auf Leben und Tod ſaß. Zuweilen ließ ſich ein Gebrumme hören, aus dem zu entnehmen war, daß ſie mit der eilfertigen Zudring⸗ —=0 273 6— 3 lichkeit noch immer nicht einverſtanden waren, beſon⸗ ders der Alcalde; allmälig jedoch ſchien auch er nach⸗ zugeben. Es dauerte jedoch noch eine geraume Weile, wohl eine Stunde, ehe ſie alle ihre Notionen vorge⸗ bracht, entwickelt und wieder entwickelt hatten, Alles in dem allerruhigſten, phlegmatiſchſten Tone. Kein Wort, keine Sylbe war zu hören, lauter als der ge⸗ wöhnliche Converſationston. Man hätte ſchwören ſollen, irgend eine Kirchſtuhl⸗ oder Predigers⸗Mie⸗ thung werde verhandelt; ſelbſt Johnny, der nach Aller einſtimmigem Urtheile ein ſehr gefährliches Subjekt ſeyn mußte, war nicht im Stande, ſie aus der Faſſung zu bringen. Sie wurden ſo ruhig einig, ihn zu lyn⸗ chen, wie die Hinterwäldler Phraſe lautet, als ob die Rede vom Einfangen eines Muſtang geweſen wäre. Als ſie dieſen Beſchluß endlich gefaßt, erhoben ſie ſich, traten Alle nochmals zum Schenktiſch, tranken auf des Richters und meine Geſundheit, ſchüttelten uns die Hände, und verließen Parlour und Haus.“ „Mir war während dieſer grenzenlos zähen Ver⸗ handlung ſo unwohl geworden, daß ich mich nur mit Mühe auf den Füßen zu erhalten vermochte. Das Das Cajütenbuch. I. 18 —= 274— hausbacken Derbe Gefühlloſe, und wieder Gefühlvolle dieſer Menſchen widerſtand meinen Nerven. Mir ſchmeckte weder Frühſtück— Mittag⸗, noch Abend⸗ eſſen.— Aber auch der Richter war ſehr übel gelaunt, obwohl der Grund ſeiner üblen Laune wieder, wie Sie leicht ermeſſen können, ganz anders lautete. Sein Verdruß war wieder, daß das Ayuntamiento auf ſeine Notion, Bob dem Gemeinbeſten, wie er es nannte, zu erhalten, nicht eingegangen, daß ihm das Gehängt⸗ werden gar ſo leicht gemacht worden, der doch ſeinem Lande, der bürgerlichen Geſellſchaft, noch recht gute Dienſte hätte leiſten mögen. Daß Johnny, der elende, niederträchtige, feig verrätheriſche Johnny, aus der Welt geſchafft würde, war vollkommen recht, aber daß Bob es gleichfalls würde, erſchien ihm ſtupid, ſtolid, abſurd. Es war vergeblich, ihn an die Ver⸗ ſündigung an der bürgerlichen Geſellſchaft, dem Ge⸗ ſetze Gottes, der Menſchen,— den Finger Gottes, das rächende Gewiſſen zu erinnern. Bob hatte ſich an der bürgerlichen Geſellſchaft, an ſeinem Schöpfer verſündigt,— dieſen ſtand es zu, Genugthuung zu fordern, ſie zu beſtimmen, nicht aber ihm;— ſich da feige aus der Welt, an der er ſich verſündigt, heraus — e 275 6— zu ſchleichen, damit ſey weder Gott, noch den Men⸗ ſchen gedient. Unter den vierzehn Männern ſeyen auch zwei geweſen, die wegen Mordes aus den Staaten geflüchtet, aber ſie trügen ihre Schuld und Laſt als Männer, willens, ſie als Männer zu büßen, an den Mexikanern gut zu machen.“—— „Wir geriethen beinahe hart an einander, ſprachen auch den ganzen Tag nur wenig mehr, und trennten uns am Abend frühzeitig.“ XI. „Wir ſaßen am folgenden Morgen beim Frühſtück, als ein ziemlich gut in Schwarz gekleideter Mann an⸗ geritten kam, abſtieg und vom Richter als Bob ange⸗ redet wurde.“ Es war wirklich Bob, obwohl kaum mehr zu erkennen. Statt des häßlich blutigen Sack⸗ tuches, das ihm zuletzt in Fetzen um den Kopf gehangen, hatte er einen Hut auf, ſtatt des Lederwamſes und ſo weiter— anſtändig ſchwarze Tuchkleider. Der Bart war gleichfalls verſchwunden. Der Mann ſtellte einen Gentleman vor. Mit der Kleidung war auch ein anderer Menſch angezogen. Er ſchien ruhig, ge⸗ 6 18* * — 0 276— faßt, ſein Weſen reſignirt, ja mild. Mit einer ge⸗ wiſſen Wehmuth im Blicke ſtreckte er dem Richter die Hand dar, die dieſer auch herzlich ergriff, und in der ſeinigen hielt.“ „Ah, Bob!— ſprach er;— ah, Bob! Wenn ihr euch doch hättet ſagen laſſen, was euch ſo oft geſagt worden! Ließ euch da die Kleider eigens von Newor⸗ leans bringen, um wenigſtens an Sonntagen einen reſpectabel und dezent ausſehenden Mann aus euch zu machen. Wie oft habe ich nicht mit euch gegrollt, ſie anzuziehen und mit uns zum Meeting zu gehen, wenn Mister Bliß drüben predigte! War das nicht ohne Urſache, Mann! daß ich euch Kleider machen ließ. Hat das Sprüchwort: Macht das Kleid den Mann, viel Wahres, zieht der Menſch mit dem neuen Kleide wirklich auch etwas wie neue Geſinnungen an. Hättet ihr dieſe neue Geſinnungen nur zweiundfünfzig Male im Jahre angezogen,— ei, hätten einen heilſamen Bruch zwiſchen Johnny und euch hervor gebracht. War meine Abſicht eine gute.“ „Bob gab keine Antwort.“ „Brachte euch juſt dreimal in ſte, und in die Mee⸗ ting; ah, Bob!“ —= 277 6— „Bob nickte ſtumm.“ „Wohl, wohl! Bob! Haben Alles gethan, euch zu einem Menſchen, wie er ſeyn ſoll, zu bekehren, Alles, was in unſern Kraͤften ſtand.“ „Das habt ihr,— ſprach erſchüttert Bob;— Gott dank' es euch!“ „Jetzt bekam ich Reſpekt vor dem Richter, ich ver⸗ ſichere Sie, ſehr großen Reſpekt. Ich drückte ihm die Hand. Eine Thräne trat ihm ins Auge, die er aber, auf das Frühſtück deutend, unterdrückte.“ „Bob dankte demüthig, verſichernd, daß er nüchtern zu bleiben, nüchtern vor ſeinen beleidigten Schöpfer und Richter zu treten wünſche.“ „Unſerm beleidigten Schöpfer und Richter,— ver⸗ ſetzte der Alcalde ernſt,— werden wir nicht dadurch ge⸗ fällig, daß wir ſeine Gaben, die er für uns, ſeine Creaturen, geſchaffen, zurückweiſen, ſondern daß wir ſie vernünftig genießen. Eßt, Mann! trinkt, Mann! und folgt einmal in eurem Leben Leuten, die es beſſer mit euch meinen, als ihr ſelbſt!“ „Jetzt ſetzte ſich Bob.“ „Wir waren gerade mit unſerm Frühſtück fertig, als die erſte Abtheilung der Männer ankam, abſtieg — d 278 6— und eintrat. Auf ihren Geſichtern war nichts, als das unerſchütterliche Texaſtſche Phlegma zu leſen. Sie begrüßten den Richter, mich und Bob gleichmüthig, ohne eine Miene zu verändern, ſetzten ſich, als friſche Schüſſeln und Teller aufgetragen waren, an dem Tiſche nieder, langten zu, und aßen und tranken mit einem Appetit, den ſte wenigſtens vierundzwanzig Stunden geſchärft zu haben ſchienen.“— „Während ſie aßen, kamen die Uebrigen. Dieſelben Grüße, dieſelbe ſtumme Bewillkommnung und Einla⸗ dung, derſelbe Appetit. Während des halbſtündigen Mahles wurden, ich bin ganz gewiß, nicht hundert Worte von allen zuſammen geſprochen, und dieſe waren die gewöhnlichen: Will you help me, your- self u. ſ. w.“ „Endlich waren Alle geſättigt, und der Alcalde be⸗ fahl den Negern, die Tafel zu räumen, und dann das Zimmer zu verlaſſen.“— „Als die Neger beides gethan, nahm der Alcalde am obern Ende des Tiſches Platz, zu beiden Seiten das Ayuntamiento, vor dieſem Bob. Ich hatte mich natürlich zurück gezogen, ſo die zwei Männer, die ſich Mordes halber aus den Staaten geflüchtet.“— —= 279 G— „Allmälig nahmen auch die Geſichter einen Ausdruck an, der, weniger phlegmatiſch, dem Ernſte der Stunde entſprach.“ „Mister Wythe!— hob der Richter an,— habt ihr, als Procurador, Etwas vorzubringen?“ „Ja, Alcalde!— verſetzte der Procurador.— Habe vorzubringen, daß, kraft meines Auftrags und Amtes, ich mich an den von Bob Rock— wie er ge⸗ nannt wird— angedeuteten Ort begeben, da einen getödteten Mann gefunden, und zwar durch eine Schußwunde getödteten, ihm beigebracht durch die Rifle Bob Rock's, oder wie er ſonſt heißt. Ferner einen Geldgürtel und mehrere Briefe und Empfeh⸗ lungsſchreiben an verſchiedene Pflanzer.“ „Habt ihr ausgefunden, wer er iſt 2u „Haben es,— verſetzte der Procurador.— Haben aus den verſchiedenen Briefen und Schreiben erſehen, daß der Mann ein Bürger, aus Illinois gekommen, nach San Felipe de Auſtin gewollt, um vom Oberſt Auſtin Land zu kaufen und ſich anzuſtedeln.“ „So ſagend, holte der Procurador aus dem Sat⸗ telfelleiſen, das ihm zur Zeite lag, einen ſchweren Geldgürtel heraus, den er mit den Brieſſchaften auf —= 280 G— den Tiſch legte. Die Briefe waren offen, der Gürtel verſtegelt.“ „Der Richter öffnete den Gürtel, zählte das Geld, das etwas über fünfhundert Dollars in Gold und Silber betrug, dann die kleinere Summe, die ſich im Beutel, den Bob zu ſich genommen, befand. Dann las der Procurador die Briefe und Schreiben.“ „Darauf berichtete einer der Corregidoren, betreſſend Johnny, daß er ſowohl, als ſeine Mulattin entwichen wären.— Er, der Corregidor, habe mit ſeiner Ab⸗ theilung ihre Spur verfolgt; da dieſe ſich jedoch ge⸗ theilt, ſo hätten ſich auch die Männer getheilt, aber, obgleich ſte fünfzig, ja ſtebzig Meilen nachgeritten, hätten ſte doch nichts von ihnen entdecken können.“ „Der Richter hörte den Bericht ſehr unzufrieden an. u „Bob Rock!— rief er dann;— tretet vor!“ „Bob trat vor.“ „Bob Rock! oder wie ihr ſonſt heißen möget, er⸗ kennt ihr euch ſchuldig, den Mann, an dem dieſe Brief⸗ ſchaften und Gelder gefunden worden, durch einen Schuß getödtet zu haben? ¹ „Schuldig!— murmelte Bob.“ —= 281 6— „Gentlemen von der Jury!— ſprach wieder der Richter,— wollet ihr abtreten, eure Verdict zu geben? ¹ „Die Zwölferhoben ſich und verließen das Parlour, bloß der Richter, ich, Bob und die zwei Flüchtlinge blieben zurück.— Nach etwa zehn Minuten trat die Jury mit unbedeckten Häuptern ein. Der Richter nahm ſeine Kappe gleichfalls ab. „Schuldig!— ſprach der Vordermann.“ „Bob!— xpedete dieſen nun der Richter mit erho⸗ bener Stimme an;— Bob Rock, oder wie ihr heißen möget! eure Mitbürger und Pairs haben euch für ſchuldig erkannt, und ich ſpreche das Urtheil aus, daß ihr beim Halſe aufgehängt werdet, bis ihr todt ſeyd. Gott ſey eurer Seele gnädig!“ „Amen! ſprachen Alle.“ „Dank' euch!— murmelte Bob.“ „Wollen noch die Verlaſſenſchaft des Gemordeten gehörig verſtegeln, ehe wir unſere traurige Pflicht er⸗ füllen!— ſprach der Richter.“ „Er rief die Negerin, der er Licht zu bringen befahl, verſtegelte zuerſt ſelbſt Gürtel und Papiere, dann der Procurador, zuletzt die Corregidores.“ — 282— „Hat noch einer etwas einzuwenden, warum das ausgeſprochene Urtheil nicht vollzogen werde?— hob nochmals der Richter mit einem ſcharfen Blicke auf mich an.“ „Er hat mir das Leben gerettet, Richter und Mit⸗ bürger!— ſprach ich tief erſchüttert;— das Leben auf eine Weiſe gerettet!— u „Bobs Augen wurden, während ich ſo ſprach, ſtarr, ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, aber zugleich ſchüt⸗ telte er den Kopf. u „Laßt uns in Gottes Namen gehen!— ſprach der Richter.“ „Ohne ein Wort weiter zu ſagen, verließen wir alle Parlour und Haus— und beſtiegen die Pferde. Der Richter hatte eine Bibel mitgenommen, aus der er Bob für die Ewigkeit vorbereitete. Auch hörte ihn dieſer eine Weile aufmerkſam, ja andächtig an. Bald ſchien er jedoch wieder ungeduldig zu werden; er ſetzte ſeinen Muſtang in raſcheren, bald in ſo raſchen Trab, daß wir zu argwohnen begannen, er ſuche auszureißen. Aber es war nichts, als die Furcht, das Fieber möchte ihn vor ſeinem Ende übereilen.“— — e 283 G— „Nach Verlauf etwa einer Stunde hatten wir den ſogenannten Patriarchen vor uns.“ „Wohl ein Patriarch, ein wahrer Patriarch der Pflanzenwelt! War es die feierliche Stimmung, der Ernſt des Todes, der uns im Innerſten durchdrungen, aber alle hielten wir bei ſeinem Anblicke wie vor einer Erſcheinung aus einer höhern, einer überirdiſchen Welt! Mir war's, als ob die Geiſter einer unſichtbaren Welt aus dieſem Rieſenwerke heraus ſäuſelten— rauſchten, dieſem koloſſalen Naturwunder, das ſo gar nichts Baumähnliches hatte! Eine ungeheure Maſſe von Ve⸗ getation, die mehrere hundert Fuß im Diameter, wohl hundertunddreißig Fuß emporſtarrte, aber ſo empor⸗ ſtarrte, daß man weder Stamm, noch Aeſte, noch Zweige, nicht einmal Blätter, nur Millionen weiß grünlicher Schuppen mit unzähligen Silberbärten ſah. Dieſe Millionen grünlicher Silberſchuppen glänzten Euch mit den zahlloſen Silberbärten— die oben kür⸗ zer, unten länger— in ſo ſeltſam phantaſtiſchen Ge⸗ bilden entgegen, daß Ihr beim erſten Anblicke geſchwo⸗ ren hättet, Hunderte, ja Tauſende von Patriarchen ſchauten Euch aus ihren Niſchen an! Erſt tiefer hingen die Bärte— das bekannte ſpaniſche, aber hier nicht — 0 284— ſchmutzig— ſondern ſilbergraue Moos— länger, und wohl an die vierzig Fuß zur Erde herab, ſo voll⸗ kommen den Stamm verhüllend, daß mehrere Männer abſteigen, die Moosbärte auseinander reißen, und uns erſt freien Durchgang erzwingen mußten. Innerhalb des ungeheuren Domes angekommen, nahm es noch eine geraume Weile, ehe wir, geblendet wie wir ins Halbdunkel eintraten, das Innere zu ſchauen vermoch⸗ ten. Die Strahlen der Sonne, durch Silbermoos und Schuppen und Blätter und Bärte gebrochen, drangen grün und roth, und gelb und blau, wie durch die gemalten Glasfenſter eines Domes ein, ganz das Halbdunkel eines Domes verbreitend!— Der Stamm war wieder ein eigenes Naturwunder. Wohl vierzig Fuß empor ſtarrend, ehe er in die Aeſte auslief, hatte er der Auswüchſe und Buckel ſo viele und ungeheure, daß er vollkommen einem unregelmäßigen Felſenkegel glich, von dem wieder Felſenzacken in jeder Richtung ausliefen, an die erſt ſich Maſſen von Silbermoos und Bärten und Geſtrippe und Zweige angeſetzt. So überwaltigt fühlte ich durch dieſes Rieſenwerk der Schöpfung, daß ich mehrere Minuten ſtand, ſtaunend —= 285 6— und ſtarrend,— erſt durch das hohle Gemurmel mei⸗ ner Gefährten zum Bewußtſeyn gebracht wurde.“ „Sie hielten innerhalb der Krone des Baumes in einem Kreiſe, Bob in der Mitte. Er zitterte wie Eſpenlaub, die Augen ſtarr auf einen friſchen Erd⸗ aufwurf geheftet, der etwa dreißig Schritte vom Stamme zu ſehen war.“ „Darunter ruhte der Gemordete.“ „Aber eine herrliche Grabesſtätte! Kein Dichter könnte ſte ſchöner wünſchen oder träumen.— Der zarteſte Raſen, die hehrſte Naturgruft, mit einem ewigen Halbdunkel, ſo wunderſam durchwoben mit Regenbogenſtrahlen!“ „Bob, der Richter und ſeine Amtsgenoſſen waren ſttzen geblieben, etwa die Hälfte der Männer aber abgeſtiegen. Einer der Letzteren ſchnitt nun den Laſſo vom Sattel Bobs, warf das eine Ende über einen tiefer ſich herabneigenden Aſt, und es mit dem andern zu einer Schlinge verknüpfend, ließ er dieſe vom Aſte herabfallen." „Nach dieſer einfachen Vorkehrung nahm der Rich⸗ —= 286 6G— ter ſeinen Hut ab und faltete die Hände; die Uebrigen folgten ſeinem Beiſpiele.“ „Bob!— ſprach er zu dem ſtier über den Nacken ſeines Muſtang herab Gebeugten;— Bob! wir wol⸗ len beten für eure arme Seele, die jetzt ſcheiden ſoll von eurem ſündigen Leibe. „Bob hörte nicht.“ „Bob!— ſprach abermals der Richter.“ „Bob fuhr auf.— Wollte etwas ſagen!— ent⸗ fuhr ihm wie im wahnſinnigen Tone.— Wollte etwas ſagen!“— „Was habt ihr zu ſagen?“ „Bob ſtierte um ſich, die Lippen zuckten, aber der Geiſt war offenbar nicht mehr auf dieſer Erde.“ „Bob!— ſprach abermals der Richter,— wir wollen für eure Seele beten.“ „Betet, betet!— ſtöhnte er;— werde es brauchen.“ „Der Richter betete langſam und laut, mit erſchüt⸗ terter und erſchütternder Stimme:“ „Unſer Vater! der du biſt in dem Himmel!“ „Bob ſprach ihm jedes Wort nach. Bei der Bitte: Vergib uns unſere Schuld! ſtöhnte ſeine Stimme aus tiefſter Bruſt herauf.“ — 287 6— „Gott ſey ſeiner Seele gnädig!— ſchloß der Richter.“ „Amen!— ſprachen ihm Alle nach.“ „Einer der Corregidoren legte ihm nun die Laſſo⸗ ſchlinge um den Hals, ein Anderer verband die Augen, ein Dritter zog die Füße aus den Steigbügeln, wäh⸗ rend ein Vierter, die Peitſche hebend, hinter ſeinen Muſtang trat.— All' das geſchah ſo unheimlich— ſtill— ſchauerlich!“— „Jetzt fiel die Peitſche. Das Thier machte einen Sprung vorwärts. In demſelben Augenblicke ſchnappte Bob in verzweifelter Angſt nach dem Zügel, ſtieß ein gellendes Halt aus.“— „Es war zu ſpät, er hing bereits.“— „Das nun in raſender Verzweiflung heraus ge⸗ heulte Halt des Richters klingt mir noch in den Ohren, ich ſehe ihn noch, wie er wie wahnſinnig, den Peit⸗ ſchenführer uͤberreitend, an die Seite des Gehängten ſchoß, ihn in ſeine Arme riß, auf ſein Pferd hob.“ „Mit der einen Hand den Gehängten haltend, mit der andern die Schlinge zu öffnen bemüht, zitterte die ganze Rieſengeſtalt des Mannes in unbeſchreiblicher Angſt. Es war etwas Furchtbares in dieſem Anblicke. —=0 288 6— Der Procurador, die Corregidoren, Alle ſtanden wie erſtarrt.“ „Whisky, Whisky! Hat Keiner Whisky?— kreiſchte er. „Einer der Männer ſprang mit einer Whiskyflaſche herbei, ein Anderer hielt dem Gehängten den Leib, ein Dritter die Füße. Der Richter goß ihm einige Tropfen in den Mund.“ „Er ſtierte ihn dazu an, als ob von ſeinem Er⸗ wachen ſein eigenes Leben abhinge. Lange war alle Mühe vergebens; aber das Halstuch, das man ab⸗ zunehmen vergeſſen, hatte den Bruch des Genickes verhindert; er ſchlug endlich die gräßlich verdrehten Augen auf.“ „Bob!— murmelte der Richter mit hohler Stimme. „Bob ſtierte ihn mit ſeinen verdrehten Augen an.“ „Bob!— murmelte abermals der Richter.— Ihr wolltet etwas ſagen, nicht wahr, von Johnny?“ „Johnny!— röchelte Bob.— Johnny!“ „Was mit Johnny?“ „Iſt nach San Antonio, der John— ny!“— „Nach San Antonio?— murmelte der Richter. —“= 289— „Seine gewaltige Bruſt hob ſich, als wollte ſie zerſpringen, ſeine Züge wurden ſtarr.“ „Nach San Antonio zum Padre Joſe!— röchelte wieder Bob.— Katholiſch— hütet euch!“ „Ein Verräther alſo!— murmelten Alle, wie erſtarrt.“ „Katholiſch!— murmelte der Richter.“ „Die Worte ſchienen ihm alle Kraft zu rauben, der Gehängte entſank ſeinem Arme, hing abermals am Laſſo.“ „Einen Augenblick ſtarrte er ihn an— die Männer.* „Katholiſch! Ein Verräther!“ „Ein Bürger und ein Verräther! Katholiſch!— murmelten ſte ihm nach.“ „So iſt's, Männer!— murmelte der Richter.— Haben aber keine Zeit zu verlieren,— ziſchte er in demſelben unheimlichen Tone, ſte anſtarrend,— keine Zeit zu verlieren,— müſſen ihn haben.“ „Keine Zeit zu verlieren, müſſen ihn haben!— murmelten ſie alle.“ „Müſſen ſogleich nach San Antonio!— ziſchte wieder der Richter.“ „Nach San Antonio!— murmelten ſie alle, wie Das Cajütenbuch. I. 19 —= 290 6G— Geſpenſter, der in die ſpaniſchen Mooſe geriſſenen Oeffnung zuſchreitend und reitend.“ „Im Freien angekommen, ſchauten ſie den Richter — einander— noch einmal fragend an, die Abge⸗ ſtiegenen ſchwangen ſich in ihre Sättel, und Alle ſpreng⸗ ten in der Richtung von San Antonio davon.“— „Der Richter war allein zurück geblieben— in tiefen Gedanken, leichenblaß, ſeine Züge eiſtg eiſern, ſeine Augen ſtarr auf die Davonreitenden ge⸗ richtet. „Plötzlich ſchien er aus ſeinen Träumen zu er⸗ wachen, erfaßte mich am Arme.“ „Eilt nach meinem Hauſe, reitet, ſchont nicht Pferdefleiſch.— Nehmt zu Hauſe Ptoly und ein friſches Pferd, jagt nach San Felipe, und ſagt Stephan Au⸗ ſtin, was geſchehen, was ihr geſehen, gehört.“— „Aber Richter!“ „Eilt, reitet, ſchont nicht Pferdefleiſch, wenn ihr Texas einen Dienſt erweiſen wollt. Bringt meine Frau und Tochter nach Hauſe.“ „So ſagend trieb er mich mit Händen und Füßen, dem ganzen Körper fort;— in der Ungeduld nahmen —— — 291 6— ſeine Züge etwas ſo Furchtbares an, daß ich ganz außer mir meinem Muſtang die Sporen gab.“— „Er flog davon.— Wie ich um die vorſpringende Waldesecke herumbog, zurückſchaute, war der Richter verſchwunden.“— „Ich ritt, was mein Thier zu laufen vermochte, kam am Hauſe an, nahm Ptoly— ein friſches Pferd — jagte nach Felipe de Auſtin— meldete mich bei Oberſt Auſtin.“— „Stephan Auſtin hörte mich an, wurde bleich, be⸗ fahl Pferde zu ſatteln, ſandte zu ſeinen Nachbarn.“— „Ehe ich noch mit der Frau und Stieftochter des Alcalden nach ihrem Hauſe aufbrach, ſprengte er mit fünfzig bewaffneten Männern in der Richtung nach San Antonio hin.“— „Ich kehrte mit den beiden, meinem Schutze anbe⸗ fohlenen Damen nach ihrer Pflanzung zurück, war aber da kaum angekommen, als ich ohnmächtig zu⸗ ſammen ſank. „Wilde Phantaſten, ein heftiges, hitziges Fieber ergriffen mich, brachten mich an den Rand des Grabes.“ 19* —= 292 6— „Mehrere Tage ſchwebte ich ſo zwiſchen Leben und Tod; endlich ſtegte meine jugendliche Natur.— Ich erſtand, aber— obwohl ich der liebevollſten, auf⸗ heiterndſten Pflege genoß— die ſchrecklichen Bilder wollten mich nicht verlaſſen, ſtanden immer und allent⸗ halben vor mir. Erſt als ich meinen Muſtang be⸗ ſtiegen, um mit Anthony, dem Jäger Mister Neals, der mich endlich aufgefunden, nach des Letztern Pflan⸗ zung zurück zu reiten, begannen heitere Geſtalten auf⸗ zutauchen.“ „Unſer Heimweg führte am Patriarchen vorbei.— Zahlloſe Raub⸗ und Aasvögel umkreiſchten ihn. Ich wandte die Augen ab, hielt mir die Ohren zu,— Alles vergebens;— es zog mich wie mit unſichtbarer Gewalt hin. Anthony war bereits durch die in die Mooſe geriſſenen Oeffnungen eingedrungen. Sein wildes Triumphgeſchrei ſchallte aus dem Innern her⸗ aus.¹ „In unbeſchreiblicher Haſt ſtieg ich ab, zog mei⸗ nen Muſtang durch die Oeffnung, eilte dem Rieſen⸗ ſtamme zu. „Eine Leiche hing etwa vierzig Schritte davon am Laſſo von einem Aſte herab, demſelben Aſte, an dem — 0 293 6— Bob gehangen; aber er war es nicht. Der Hängende war um Vieles kleiner.“ „Ich trat näher, ſchaute.“ „Ei, ein Caitiff, wie die Welt nicht zwei aufweiſen konnte!— brummte Anthony, auf die Leiche deutend.“ „Johnny!— rief ich ſchaudernd;— das iſt Johnny!“ „War es, iſt's dem Himmel ſey Dank! nicht mehr.“ „Ich ſchauderte.“ „Aber wo iſt Bob?“ „Bob?— rief Anthonh;— ah Bob! ja Bob!“ „Ich ſchaute, da war noch der Grabeshügel, wie ich ihn zuletzt geſehen. Er ſchien mir größer, höher, und doch wieder nicht. Lag er darunter— bei ſei⸗ nem Opfer?“ „Wollen wir dem Elenden nicht den letzten Dienſt erweiſen, Anthony?— fragte ich.“ „Dem Caitiff!— verſetzte er.— Will meine Hand nicht vergiften, die Aasvögel mag er vergiften. Laßt uns gehen!“ „Und wir gingen.“ „Als wir bei Mister Neals ankamen, fand ich ihn bereits von den grauenhaften Vorfällen unterrichtet, —= 294 6— ⸗ Vorkehrungen zum bevorſtehenden Kampfe tref⸗ fend,— ſo ſeine Nachbarn. „Acht Wochen darauf brach dieſer, wie Sie wiſſen, auch wirklich aus, obwohl vorerſt nur gegen die Mi⸗ litärbehörden gerichtet, die in Folge höherer Weiſun⸗ gen ſich arge Bedrückungen gegen die Koloniſten zu erlauben angefangen. Die Wegnahme der Forts Velasco und Nacogdoches, deren Beſatzungen mit Oberſtlieutenant Ugartechia und Oberſt Piedras ge⸗ fangen wurden, waren die Ergebniſſe dieſes Kampfes.“ „Noch wurde jedoch durch Oberſt F. Stephan Auſtin texaſiſcher, und Oberſt Mexia mexikaniſcher Seits der Frieden zwiſchen unſern Bürgern, an deren Spitze der Alcalde ſtand, und den Militärbehörden vermittelt.“— „Aber im Jahre 1833 darauf erfolgte die Einker⸗ kerung unſeres texaſtſchen Repräſentanten im mexi⸗ kaniſchen Kongreſſe, Oberſt Stephan F. Auſtin, durch den Vicepräſtdenten Gomez Farias.“— — 295 6— „Darauf der Abfall Santa Annas zur Prieſter⸗ partei.“— „Dieſem die Erklärung Texas's für die Conſtitution von tauſendachthundertvierundzwanzig.“— „Und dieſer die Losreißung von Cohahuila ſowohl als Mexiko, die Unabhängigkeits⸗Erklärung, mit einem Worte, die Revolution ſelbſt.“— Der Erzähler brach hier auf eine Weiſe ab, die ungewiß ließ, ob er den Faden ſeiner Erzählung wie⸗ der anknüpſen würde. Eine Cigarre nehmend, war er im Begriffe, dieſe anzurauchen, legte ſie aber wie⸗ der weg. Eine tiefe Stille, während welcher Aller Blicke er⸗ wartend an ihm hingen. 5 Der Supreme Judge unterbrach endlich das Schweigen: „Und wollen Sie damit ſagen, daß der Ausbruch der Feindſeligkeiten gegen Mexiko mit dieſer gräßlichen Geſchichte zuſammen hing?“ — 296 6— Der Oberſt verſetzte: „Ja und Nein! Wo der Zündſtoffe zum allgemei⸗ nen Brande ſo viele aufgehäuft liegen, wie es in Texas der Fall war, bedarf es, wie Sie wiſſen, um zu zünden, nur eines Funkens. Dieſer Funken fiel, und er zündete. u „Dürfen wir Sie erſuchen, fortzufahren?“ Der Oberſt ſchwieg. XII. Nach einer Weile fuhr er wieder fort: „Von allen dieſen für Teras— Mexiko— ja die Union ſelbſt ſo verhängnißvollen Phaſen— war unſer Alcalde die eigentliche Seele. Nicht als ob es neben ihm nicht noch bedeutende Männer im Lande gegeben hätte;— die Auſtins, Nollins, Houſtons, Burnets waren ihm in gewiſſen Beziehungen, beſonders was Beſitzthum bedarf— weit überlegen; aber mitten inne ſtehend zwiſchen dieſen unſern eigentlichen Ariſtokraten, die ſtebzig und mehr Quadratmeilen an Ländereien eigneten, und wieder den Demokraten, die kaum ein — 297 6— Viertel Sitio*) anſprechen durften, war ſeine Stel⸗ lung ganz eigentlich die des demokratiſchen Ariſtokra⸗ ten, oder, wie man will, des ariſtokratiſchen Demo⸗ kraten,— ein wahres Juſte Milieu, das genau die richtige Mitte haltend, allerdings den Kern des wer⸗ denden Staates— das ſolid amerikaniſche Bürger⸗ thum repräſentirte.“ „Nicht rein Jefferſonſcher— nicht modern Jackſon⸗ ſcher Demokrat, hatte er eben ſo wenig mit unſerer neuern Excrescenz den Locofocos, und noch weniger mit unſerer heutigen halb brittiſchen, halb monarchi⸗ ſchen Geldariſtokratie, gemein. Am meiſten neigte ſich ſein politiſches Glaubensbekenntniß zu Waſhing⸗ tons gemäßigtem Federalism hin, und ſo wie der Vater unſers Vaterlandes, war er durch und durch Amerikaner,— Americanism der Brennpunkt, der alle ſeine Geiſtesſtrahlen auffog.— Man konnte ihn dem Golfſtrom vergleichen, der an der gegenüber lie⸗ genden mexikaniſchen Küſte aufſchwellend gegen Nor⸗ *) Eine merikaniſche Quadratſtunde. Sie enthält fünfund⸗ zwanzig Millionen mexikaniſcher Quadratvaras, die Vara zu drei geometriſchen Fuß, oder 33 ½ Zoll, das Ganze gleich 4428*⁄000 amerikaniſchen Acres.. —“0 298 6— den rollt, Alles unwiderſtehlich mit ſich reißt. Keiner vermochte ihm zu widerſtehen. Keiner verſtand es aber auch, ſo wie er, eine berathende, geſetzgebende oder Volksverſammlung zu lenken, zu leiten, zu be⸗ ſtimmen; denn Keiner beſaß wieder das ſo eigenthüm⸗ lich demokratiſche Rednertalent, die abſtrakteſten Prin⸗ zipien, die verwickeltſten politiſchen und hiſtoriſchen Probleme ſo gleichſam in Holzſchnitten der gemeinſten Faſſungskraft darzulegen, ſeinen eigenen Anſtchten und Zwecken unterzubreiten. Vor dieſem ſeinem Rednertalente mußte Alles weichen, Ueberzeugung, Hartnäckigkeit, Parteiſucht.“— „Ich war in der Sitzung*), in der über das Schrei⸗ ben Stephan F. Auſtins, unſers damaligen Reprä⸗ ſentanten im Congreſſe zu Mexiko, debattirt wurde. Es enthielt Raiſonnements über die Zuſtände Texas ſowohl als Mexikos, die, höchſt vertraulich mitge⸗ theilt, nur für die intimſten politiſchen Freunde be⸗ rechnet, mit keinem Gedanken an Veröffentlichung geſchrieben waren. Auch ſah Jeder klar, daß eine ſolche Veröffentlichung den Schreiber nicht nur bei *) Im Jahre 1833. — 8 299 6— den mexikaniſchen Gewalthabern compromittiren, ſon⸗ dern auch in Gefahr bringen, als Verräther ſtempeln mußte. Die erſte Motion daher, die auf Veröffent⸗ lichung antrug, wurde mit entſchiedenem Unwillen, ja Erröthen von unſern ſonſt in dieſer Beziehung doch eben nicht ſehr zartfühlenden Mitbürgern zurückge⸗ wieſen. Auſtin ſtand begreiflicher Weiſe in der öffent⸗ lichen Meinung ſehr hoch; er war einer der bedeu⸗ tendſten Männer im Lande, ſein Vater einer der Hauptgründer der Colonie geweſen; aber unſer Al⸗ calde, ſein beſter Freund, nahm das Wort, und die Veröffentlichung wurdebeinahe einmüthig beſchloſſen.“ „Sie hatte, wie voraus zu ſehen war, die Einker⸗ kerung des berühmten Oberſten, aber dieſe auch wie⸗ der die allgemeine Entrüſtung, Erbitterung der Ge⸗ müther in Texas zur Folge, und das war es, was der Mann wollte. 3 8 „Tadeln wir jedoch weder Mann, noch Männer voreilig, denn ich verſichere, ſte, die die Schickſale von Texas leiteten und zum Ziele führten, waren keine gewöhnlichen Seelen. Lange dürften Sie die Baände der Weltgeſchichte zu durchblättern haben, ehe —=0 300— Sie eine Revolution, richtiger durchdacht, conſequenter durchgeführt finden dürften. Es hatte ſich da eine Schaar zuſammen gefunden, die unter den groben Filzhüten die feinſten Köpfe, unter den rauhen Hirſch⸗ wämſern die wärmſten Herzen, die eiſernſten Willen bargen!— Männer, die genau wußten, was ſie wollten, die Großes wollten, die aber dieſes Große mit den allergeringſten Mitteln durchführen, mit kaum einer Handvoll Leute es gegen die zweitgrößte Re⸗ publik der Welt aufnehmen, die alſo ihrem Völkchen nothwendig auch die ſtärkſtmöglichen Impulſe geben mußten. Denn nun handelte es ſich nicht mehr bloß um Aecker und Neger, um einige bürgerlichen Rechte 1 mehr oder weniger, oder den Fortbeſtand einiger tau⸗ ſend Farmers und Pflanzer: es handelte ſich um die Lebensfrage, um die höchſten Güter freier Männer, die durch die ruchloſe Apoſtaſte Santa Annas, die Vernichtung der Conſtitution von 1824 bereits in ihrer Lebenswurzel getroffen, nun in der ſchmählichſten aller Herrſchaften, der Prieſterherrſchaft, ganz und gar hingeopfert werden ſollten.“ „Gegen dieſe nichtswürdigſte aller Herrſchaften den Schild zu erheben, war nicht nur Pflicht für den —= 301 6— Merikaner, ſie war es auch für den Texaſer, den Amerikaner.“ „Pflicht für den Amerikaner?“ unterbrach hier den etwas oratoriſch pompös gewordenen Oberſt eine iro⸗ niſche Stimme.—„Da ſcheint Ihr mir denn doch in Eurem Terxas einen etwas zu weiten Pflichtbegriff aufſtellen zu wollen, Oberſt! Was, im Namen des geſunden Menſchenverſtandes, ging Euch, als Bür⸗ ger der vereinigten Staaten, die Revolution in Mexiko, was die Prieſterherrſchaft da an?“ „Was Bürger der vereinigten Staaten, was Ame⸗ rikaner die Revolution in Mexiko anging?“ riefen ein Dutzend Stimmen. „Was die Prieſterherrſchaft?“ ein anderes Dutzend. Die ganze Geſellſchaft war auf einmal in Aufruhr. „Erlaubt mir, Oberſt Meadow! Euch eine andere Frage zu ſtellen. Was gingen die Monarchen Eng⸗ lands, Rußlands, Frankreichs,— Griechenland, was ihre und Oeſtreichs Cabinette— Belgien, Portugal, Spanien an, in welch' letzteres ſie den Don Carlos einſchmuggelten, da den Bürgerkrieg anfachten, allen Verträgen zum Trotze? Sollte doch glauben, was —= 302 6— im alten Europa das monarchiſche oder Legitimitäts⸗ Prinzip erlaube,— bei uns das republikaniſche oder Volks⸗Souverainetäts⸗Prinzip— nicht verbieten werde?“ „Sollte das in dem einen, ſo wie dem andern Falle ſehr bezweifeln, Oberſt Morſe!“ ließ ſich hier die helle, klare Stimme des Supreme Judge hören,„ſollte zum Beiſpiel ſehr bezweifeln, ob unſer Cabinet mit ſeiner Demonſtration und Beſetzung von Nacog⸗ doches*) im Rechte war?“ „Wer behauptet aber das, Judge?“ fiel hier der General ein.„Aber daß dieſe Beſetzung ein wackerer Staatsſtreich war, ein wahrhaft tüchtiger Jackſons⸗ ſtreich, das werdet ihr doch nicht leugnen?“ „Der uns Texaſern ſehr wohl bekam, verſichere Euch!“ lachte der texaſtſche Oberſt.„Unterdeſſen,“ fuhr er ernſter fort,„dürfte uns denn doch auch ſelbſt von Oberſt Meadow einiges Recht, in die Angele⸗ genheiten Texas einzugreifen, zugeſtanden werden; Texas war von unſern Bürgern unter den Proviſto⸗ nen und Garantieen der Conſtitution von 1824 an⸗ *) Im Jahre 1836. — —— —“=303 6— geſtedelt worden. Es war unter dieſer Conſtitution, daß ſie ſich von Mexiko adoptiren ließen. Es war auch für dieſe Conſtitution, daß ſte zuerſt den Schild erhoben.“ „Mußtet es thun als Amerikaner!“ riefen die Einen. „War Eure Schuldigkeit!“ die Andern. „Auch kann ich zu Ihrem Troſte, Oberſt Meadow! noch hinzufügen,“ bemerkte ironiſch der Texaſer,„daß die wackerſten, und was nach Ihren Begriffen wahr⸗ ſcheinlich noch mehr ſagen will, auch bedeutendſten Männer Merxikos, dieſer unſerer Schilderhebung nicht nur nicht feindſelig entgegen— ſondern freundlich, brüderlich beitraten; denn kaum daß wir die Conſti⸗ tution von 1824 proclamirten, ſo ſchloſſen ſich auch mehrere der allererſten Mexikaner— an dem Heile und der Zukunft ihres Landes verzweifelnd— an uns an. Ich will Ihnen von den Vielen nur Einen nen⸗ nen, Lorenzo Zavala, früher Finanzminiſter, Vice⸗ präſident— zuletzt Geſandter der Republik am Hofe der Tuilerien, welchen Poſten er jedoch ſogleich nach Santa Annas Abfall reſignirte, um in unſerem armen Texas Vicepräſtdent und Leiter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten zu werden.“ —=0 304 6— „Und verdanken wir auch,“ fuhr der Texaſer fort, „dieſer ſeiner Leitung der auswärtigen Angelegenhei⸗ ten viel, ſehr viel. Verdanken ihm wohl vorzüglich die ſo überraſchend, ja, möchte ich ſagen, unerhört ſchnell erfolgte Anerkennung der Unabhängigkeit unſeres armen neugebornen Texas, nicht nur von Seite der Union, ſondern auch Frankreichs; ein Reſultat, das 4 Ihnen freilich, Oberſt Meadow, nicht ſehr glänzend 1 vorkommen dürfte, vielleicht auch Oberſt Cracker nicht;“ bemerkte er mit einem Seitenblicke auf dieſen, „das aber derjenige doch einigermaßen ſchätzen wird, 8 der ſo wie wir, ein wenig die inſidiös und nichts we⸗ niger als kurzweiligen Schlangenpfade der modernen Diplomatie etwas näher zu kennen und zu durch⸗ ſchauen Gelegenheit gehabt.“— „Sollte das meinen,“ unterbrach hier den heftig auffahrenden Oberſt Cracker ein anderer unſerer zahl⸗ loſen Oberſten;„ſollte das meinen, denn wer erin⸗ nert ſich nicht, wie ſo tödtlich lang und langſam für unſere Väter und Vorväter ſich damals in den acht⸗ ziger Jahren die Friedensunterhandlungen zu Paris hinzogen?“ = — „Die doch von einem Franklin geleitet wurden!“ machte ſich hier Oberſt Cracker Luft. „Der ſich aber bei dieſer Gelegenheit ganz und gar nicht als Staatsmann bewies!“ fiel wieder der Gene⸗ ral ein.„Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß er, überliſtet vom ſchlauen Vergennes, bereits auf die Baſts eines zwanzigjährigen Waffenſtillſtandes zwi⸗ ſchen Uns und England zu unterhandeln angefangen, als Jay noch zu rechter Zeit ſich direkt an die engli⸗ ſchen Miniſter wandte, und ſtatt des Waffenſtillſtandes den Frieden, und ſomit die Unabhängigkeitsanerkennung erhielt. Das war dem Franzoſen ein Donnerſchlag, und er zeigte ſich außerordentlich ungeberdig, denn nach ſeinem perfiden Plänchen ſollten wir die engliſche Bot⸗ mäßigkeit nur abgeſchüttelt haben, um in die franzö⸗ ſtſche überzugehen; aber Jay blieb feſt, und Franklin, obwohl von den Lockungen des franzöſiſchen Hofes umſponnen, gewahrte endlich doch ſeinen Fehler.“ Es trat eine Pauſe ein, die der Erzähler erſt nach einer geraumen Weile unterbrach. „Vergleichen Sie dagegen die wie durch einen Zau⸗ Das Cajütenbuch. I. 20 —= 306 6— berſchlag erfolgte Unabhängigkeitsanerkennung unſe⸗ res vergleichsweiſe ſo unbedeutenden Texas nicht nur von Seiten der Union, ſondern auch Frankreichs, und Sie werden eingeſtehen, daß wir unſere Carriere in der Reihe der Staaten und Völker nicht ganz ſo un⸗ gloriös angefangen. Auch unſere Stellung— voll hoher Bedeutſamkeit für die Zukunft der amerikani⸗ ſchen Welt— darf wohl ein Meiſterſtück politiſcher Combination genännt werden. Mitten eingekeilt zwi⸗ ſchen die zwei großen Republiken, iſt unſer Texas gleichſam der Sporn, der, in die Flanken Mexikos geſetzt, endlich doch noch den obtuſen Freiheitsſinn ſeiner durch Ariſtokratie und Hierarchie gleich geknech⸗ teten Stämme aufſtacheln muß, während es wieder für die Union ein Bollwerk bildet, ein freilich bisher bloß aus rohen Stämmen und Erde aufgeworfenes Bollwerk, das aber doch bald ein imponirenderes Aeußere annehmen dürfte.“ „Schön und wahr geſprochen!“ riefen Alle. „Bis jetzt,“ fuhr der Oberſt fort,„iſt es aber, wie geſagt, bloß noch rohes Bollwerk— Blockfeſte, mit einem unſerer gegen die Indianer aufgerichteten Forts zu vergleichen, oder auch, wie mein Freund der Alcalde 3 4 —= 307— meint, einem rüſtig jungen Ehepaare, das einige Zeit unter ſtiefmütterlichem Dache geſchmachtet, endlich ſich von dieſem losſagt, ſeinen eigenen Herd gründet; zwar noch immer mit den böſen Stiefeltern zu kämpfen hat, aber doch allmälig zu Kräften gelangt, da ihm ander⸗ wärtige Freunde unter die Arme greifen, und, was die Hauptſache iſt, eine frühe, geſund republikaniſche Erziehung ſeine phyſiſchen ſowohl als moraliſchen Kräfte auch kräftig entwickelt.“— „Dieſe frühe, geſund republikaniſche— uns ſo eigenthümliche Erziehung— die uns ebenſowohl zum Regieren— als Gehorchen eignet— lernen wir erſt gehörig ſchätzen, wenn wir, unter die unerzogenen— oder verzogenen Völker und Nationen ſowohl unſeres Amerika als Europas geworfen, ihre Kindheit, Hülf⸗ loſigkeit und wieder Widerſpenſtigkeit, Unerfahrenheit gleichſam mit Händen zu greifen Gelegenheit erhalten. — In unſerem Lande wiſſen wir Amerikaner gar nicht, welchen unſchätzbaren Vortheil wir vor den Franzoſen, Spaniern oder andern Völkern voraus haben. Wir ſind uns deſſelben kaum bewußt, denn wir leben mit ihm von früheſter Jugend auf; er legt 20* —= 308 6— ſich um uns, wie das Waſſer um den Fiſch; er iſt das Element, in dem wir ſchwimmen und gedeihen, das uns zur Natur geworden, ohne das— ich bin voll⸗ kommen überzeugt— wir gar nicht exiſtiren könnten! Von uns gilt, was in anderer Beziehung Napoleon von Talleyrand ſo treffend bemerkt: Er mag fallen, wie er will, er wird, wie die Katze, richtig immer auf die Füße fallen. Wir dürften in Tombactoo, in China, in Rußland vom Himmel fallen, wir würden richtig immer auch zuerſt auf unſere Sellgovernment, aufunſere Selbſtregierung, Selbſtbeherrſchung fallen.“ „Es iſt aber dieſe Selbſtherrſchung, dieſes Selbſt⸗ ordnen geſelliger Verhältniſſe, bürgerlicher Zuſtände — ſo wie nur ein Dutzend Amerikaner zuſammen treffen— der wahre Nerv, die Lebenswurzel eines gegründet werden ſollenden Staates. Wo ſie fehlen, fehlt Alles, wo ſie vorhanden, iſt die Hauptſchwierig⸗ keit bereits überwunden.“ „Welche nimmer endenden Verwirrungen, Reibun⸗ gen, Kämpfe, Blutvergießen, wenn Spanier oder Franzoſen die Oberherrlichkeit Mexikos abgeſchüttelt, Texas für ſouverain erklärthätten? Eine ewige Anarchie, bis endlich irgend ein gewaltſamer Tyrann die Strei⸗ —= 309 6— tenden zur Raiſon gebracht, die Zügel der Regierung mit ſtarker Hand erfaßt hätte!— Bei uns hingegen auch nicht ein aufrühriſcher Gedanke. Jeder fiel von ſelbſt in die ihm angewieſene Bahn, wählte in ſeinem Bezirke Congreßmänner, Senatoren, Präſidenten, Vicepräſidenten,— dieſe wieder die höheren richter⸗ lichen und Militärbeamten, wie ſte es in den Staaten gethan; die Regierung ſtand ſo von ſelbſt— zwar nicht ganz Pallas— aber doch eben ſo fertig gerüſtet da. Debatten freilich genug, mehr als genug, aber, Ströme Rums und Weines ausgenommen,— floſſen, ich bin gewiß, keine zwei Tropfen Blutes. In der That war Texas, ſo wie nur die Unſrigen zur Mehr⸗ zahl anwuchſen, bereits ipso facto von Mexiko los⸗ geriſſen, die Unabhängigkeitserklärung eine bloße Formalität, die von ſelbſt mit dem erwachenden Be⸗ wußtſeyn— ihrer Aufrechthaltung auch gewachſen zu ſeyn— kommen mußte.“ 3 „Freilich konnte uns dieſes Bewußtſeyn auch ge⸗ täuſcht, wir unſere Kräfte überſchätzt haben. Bruder Jonathan hat einen gewiſſen Hang zur Ueberſchätzung, wie ſchon ſeine Sprichwörter bezeugen, zum Beiſpiel: daß fünf Mexikaner auf einen Franzoſen, drei Fran⸗ — 310— zoſen auf einen Britten, drei Britten auf einen Ameri⸗ kaner kommen.— Hier kamen aber mehr als zwanzig Mexikaner auf einen Amerikaner, mehr als hundert, und bei meiner Ehre! es war denn doch keine Kleinig⸗ keit für ein Völkchen, das wie Texas, damals kaum fünfunddreißigtauſend Seelen zählte, es mit einer Re⸗ publik aufzunehmen, deren Bevölkerung volle neun Millionen betrug, und die, trotz Anarchie und innerer Zwiſtigkeiten, uns leicht doppelt ſo viele Streiter, als wir Seelen zählten, über den Hals ſenden konnte.— Aber dann waren wir Amerikaner, hatten unſern Willen, frei zu ſeyn, ausgeſprochen, und Sie wiſſen, wenn der Amerikaner ſeinen Willen feſt ausſpricht, dann gibt es keine Macht auf Erden, die ihn an deſſen Ausführung zu hindern im Stande wäre.“ „Bravo!“ riefen wieder Alle. „By the by wußten wir denn auch, daß Uncle Sam*) ſeinen durch einen leichten Seitenſprung zur — Der Urſprung dieſes Sobriquets liegt nahe genug. Die Buchſtaben US, mit denen alle der Central⸗Regierung angehöri⸗ gen Gegenſtände bezeichnet werden, ſind nämlich ebenſowohl die Anfangsbuchſtaben von United States, als Uncle Samuel. Unter Bruder Jonathan wird einzig das Volk der ver⸗ einigten Staaten verſtanden. — — 311 6— Welt gekommenen Sprößling denn doch auch ſchon Ehren halber nicht gleich in den Windeln erſticken laſſen durfte, beſonders wenn ſich beſagter Sprößling auch nur einigermaßen der Abſtammung würdig zeigte. Und daß er ſich ſeiner Abſtammung würdig zeigen würde, ließen wir uns keine Sorge erwachſen. Wir ordneten, was zu ordnen war, Regierung, Verwal⸗ tung, Geſetzgebung, Gerichtsordnung, Vertheidigung, Finanzen— im Vorbeigehen bemerkt keine ſo leichte Sache in einem Lande, wo es mehr Rinder als Dollars gab; vergaßen nebſtbei auch die kleine Seemacht nicht — kurz, richteten, um mich eines hausbackenen Aus⸗ druckes zu bedienen, unſere ſieben Sachen, ſo gut als es gehen wollte, ein.“— „Es dürfte Sie intereſſiren,“ unterbrach ſich hier der recht heiter gewordene Oberſt, ndie primitive Weiſe, in der wir zum Beiſpiel unſere Kriegsopera⸗ tionen begannen, näher kennen zu lernen. „Ja, gewiß!“ riefen Alle. „Aber wollen wir nicht zuvor die Geſundheit dieſes —=0 312— unſers neugebornen Bruders Texas trinken?“ bemerkte Oberſt Oakley. „Das wollen wir!“ riefen Alle, ſich raſch erhebend und die Gläſer anſtoßend. — 0o Druch der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Wfünhlnn ſnſſſnnnnmnmnnpanninn. 7 8 9 11 2 13 14 15 1, L 9 v EM h 3 DuL 21