Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. b Leih- und Ceſe ebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme f eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für mWochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Met.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. Nathan, der Squatter⸗Regulator, oder der erſte Amerikaner in Texas. I. Das blutige Blockhaus. Nach einer Weile hob er an: „Das Hinterwäldlerleben gewinnt ſehr bald einen eigenthümlichen Reiz, wenn man jung, mit einer un⸗ geſchwächten Conſtitution ein empfängliches Gemüth für die Urnatur verbindet. Und welches Gemüth würde nicht empfänglich für— und hingeriſſen durch dieſe Urnatur, die uns im Gegenſatze zu der verkün⸗ ſtelten Natur der alten Welt bei jedem Schritte ſo außerordentliche Contraſte vor die Augen rückt? Dem Neuling iſt zu Muthe, als ob er bisher in einen Käftg eingeſchloſſen, plötzlich aus dieſem beengenden Zu⸗- ſtande befreit, in unendlichen Räumen umherſchwirrte. Ein gewiſſer leichter Schauder, eine Befangenheit, Aengſtlichkeit begleiten dieſe vagen Empfindungen. Die Unendlichkeit ergreift ihn, die anſcheinende Re⸗ gelloſigkeit verwirrt ihn, und Selbſtvertrauen kehrt erſt zurück, wenn er ſeine Kräfte verſucht, Gefahren — 8 8— überwunden, ſich ſeiner Herrſchaft vergewiſſert hat. Die Springkraft, die der Geiſt dann erlangt, iſt wirk⸗ lich ein Phänomen. Es entſteht ein eigenthümliches gleichſam trotzendes Bewußtſeyn inwohnender Kraft, eine der Hauptnüancen in dem intereſſanten Hinter⸗ wäldlercharakter. Und in der That, die mannigfalti⸗ gen Gefahren und Entbehrungen, die täglichen, ſtünd⸗ lichen saltos mortales vom Erſticken im Sumpfe zum Ertrinken im Bayou, von einem Alligator verſchlungen zu werden zum Caguar⸗ oder Bärengefechte, müſſen nothwendig, indem ſie Geiſt und Körper gleich lebhaft erhalten, wieder jene Gleichgültigkeit gegen ſogenannte Aceidenes hervorbringen, die dem Weſen dieſer ſon⸗ derbaren Menſchen, ihrer Sprache, ihrem ganzen Seyn, etwas Eigenthümliches verleihen. Originell, häufig poetiſch, und obwohl rauh, ſehr ſelten gemein, i*ſt dieſe ihre Sprache voll von dieſen Sprüngen, gibt ſich in ihr eine Unbekümmertheit, eine Nonchalance kund, die Einem jetzt die Haare gen Berg ſteigen, im nächſten Augenblick lachen, und gleich darauf eine eben ſo apathiſche Contenance anlegen läßt, wie dieſe Nondeſeript⸗Weſen ſelbſt.“ „Die Stunde, die wir mit dem alten Nathan und — o 9— ſeinen Gefährten bei unſerm köſtlichen Waldmahle verbrachten, gab uns alle dieſe Senſationen in Fülle. Oft lachten wir ſo herzinnig, daß uns Thränen in die Augen traten, denn die Anſichten der guten Leute über unſere europäiſchen Zuſtände waren mitunter ſo barock, ſo originell, ſo verkehrt, und wieder ſo poſitiv mit ſo kühnen Zügen entworfen, daß ſie uns unwill⸗ kührlich an Teniers Verſuchung des heiligen Antoine erinnerten. Andere wieder, und beſonders wenn ſie ihr Land und deſſen innere Zuſtände betrafen, waren wieder mit einer Schärfe des Verſtandes, einer Klar⸗ heit entwickelt, die unſern erſten Staatsmännern Ehre gemacht haben würden Jetzt merkten wir, daß wir wirklich in einer neuen Welt, unter neuen Menſchen uns befanden, deren Cultur, obwohl die Elemente europäiſch, durch und durch amerikaniſche Formen oder vielmehr Natur angenommen hatten, himmel⸗ weit verſchieden von der der Creolen und unſerer im⸗ portirten Landsleute, die mir in dem Augenblicke, wenn ich es frei geſtehen ſoll, wie zweimal aufge⸗ wärmtes Ragout vorkamen.“ „Doch waren wieder unſere neuen Bekannten nichts Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 2 — 0 10 6— weniger als harmloſer Natur, wie wir in uns ſelbſt vergeſſenden Momenten zu wähnen uns verſucht fühl⸗ ten; denn während ſie abwechſelnd die Unterhaltung führten, wußte der Alte mit einer Feinheit, einem Takt, die einem Polizeicommiſſär zum Präſidium ver⸗ holfen haben müßten, alle unſere Schickſale, Pläne und Ausſichten herauszulocken, und uns unſern Cha⸗ rakter auf eine Weiſe ausſprechen zu laſſen, wie es nur Amerikanern wieder möglich iſt.— Wohl ſagt man von dieſem Lande, daß es keiner Polizei bedürfe — jeder Eingeborne iſt Polizeimann. Es iſt aber dieß ein ganz begreiflich republikaniſcher Zug.“ „Wir hatten ſo gegenſeitig,“ wie geſagt,„Mei⸗ nungen, und was uns betrifft, auch Pläne und Aus⸗ ſichten ausgeſprochen, ohne zu bemerken, daß der Alte einſylbig und endlich ganz ſtill geworden war. Er hatte ſeine Rifle zur Hand genommen, an deren Steine er ſtärker und ſtärker hämmerte, wie ich ſpäter erfuhr, bei Hinterwäldlern ein untrügliches Merkmal er⸗ wachenden Mißtrauens.“— „Die Andern flüſterten und murmelten ſich in die Ohren, und zogen die Schenkel mehr von uns zurück. Dieſe Bewegungen fielen uns endlich auf;— wir — 11 e— ſchwiegen gleichfalls.— Eine Pauſe von mehreren Minuten war eingetreten.“ „Alſo Ihr habt eine Schenkung erhalten?“ fragte der Alte endlich. „Ja, lieber Mister Nathan.“ „Und die Vollmacht, Euch in irgend einem Theile Louiſiana's ein Stück Landes auszuwählen?« „Eigentlich würden wir es vorziehen am Teche, doch wenn ich es aufrichtig geſtehen ſoll, ſo—⸗ „So würdet Ihr nicht viel darum geben, fiel der Alte, ſtärker an dem Stein hämmernd, ein, juſt den Strich zu wählen, der Euch am beſten gelegen ſcheint.“ „Vorausgeſetzt, wenn er nicht bereits vergeben iſt, ſchaltete ich ein.“ „Wie verſteht Ihr das?— Habe die Notion, Ihr meint von den ſpaniſchen Behörden vergeben?“ „Oder auch dem vormaligen und eigentlich recht⸗ mäßigen Beſitzer dieſes Landes, der franzöſiſchen Krone, fügte ich hinzu; denn dieſe beiden ſind, ſo viel ich weiß, die einzigen, die das Schenkungsrecht völ⸗ kerrechtlich ausüben können und konnten.“ „Der Mann ſchüttelte unwillig den Kopf.“ „Alſo wenn irgend ein König in der alten Welt es 2. — o 12 e— ſich beifallen läßt, einen ſeiner Lakaien mit einer ſchmutzigen Flagge herüber zu ſenden, und dieſe auf⸗ zupflanzen an irgend einem vermoderten Baumwollen⸗ baumſtumpfe, glaubt Ihr alles Ernſtes, daß dieſer Schnickſchnack das Recht verleihe, ein paarmal hun⸗ derttauſend Quadratmeilen als ſein Beſitzthum an⸗ zuſprechen, und daſſelbe zu verſchenken, zu vertheilen, wie es ihm oder ſeinen Trabanten beliebt.“ „Wenn der König oder ſeine Regierung durch einen Akt, den Ihr Schnickſchnack nennt, wirklich Beſitz von dem Lande ergriffen, das heißt, zugleich Städte, Nie⸗ derlaſſungen und Forts angelegt, dann ſollte ich mei⸗ nen, Ja, verſetzte ich beſtimmt.“ „Die veränderte arrogante Sprache des Hinter⸗ wäldlers gefiel uns nicht,“ bemerkte der Graf,„und wir glaubten unſerm Rechte als Franzoſen, ſo wie der Ehre unſerer und der ſpaniſchen Nation zu ver⸗ geben, wenn wir nicht ſelbſt hier dieſe Anmaßungen zurückwieſen.“ „Der Alte ſchaute mit ſeinem durchdringendſten Blicke wechſelsweiſe mich, und dann Laſſalle an.“ „Das bezweifelt Niemand, erwiederte er um vieles gemäßigter, daß Städte und Forts das Recht des — 0 13—-— Beſitzes verleihen.— Niemand wird Euch Euer Recht auf Neworleans und auf die beiden Stromufer, hinauf bis Baton Rouge und Point Coupé ſtreitig machen, aber werdet Ihr auch behaupten, daß Euer König das Recht habe, über Ländereien zu ſchalten, worauf weder er noch einer der Seinigen je ihren Fuß geſetzt?“ „Wenn ſie innerhalb der Grenzen ſeiner Forts und Niederlaſſungen ſind, Ja, wenn nicht, Nein.“ „Ihr ſeyd kurz, ſprach der Alte, der ſich während des Wortwechſels erhoben, und finſter den Schaft ſeiner Rifle zu Boden ſtieß;„ſehr kurz— und kurz und gut könnt Ihr Euch eben ſo wohl unſer Land als Schenkung anweiſen laſſen.— Habe aber die Notion, i*ſt ein anderes, ſich anweiſen laſſen und ehrliche Leute von ihrem Lande vertreiben wollen, und ſie wirklich forttreiben.“ „Was fällt Euch auf einmal ein, Alter? Wem kam es bei, Euer Land als Schenkung ſich anweiſen zu laſſen?“ „Seyd ein Franzoſe, Mann, habt eine geläufige Zunge, und ſo hatte ſte der Baron, der ſich Boſtropp —= 14 6— nannte, laßt es Euch aber vergehen, in ſeine Fuß⸗ ſtapfen zu treten.“ „Was hat Baron Boſtropp gethan?“ „Was er gethan hat? Will Euch ſagen, was er gethan hat. Ließ ſich auch eine Schenkung vom Gou⸗ vernement ertheilen, die circa fünfzehntauſend Acker betrug, und ſich bis an den Arkanſas erſtreckte. Hatte aber nicht genug an ſeinen Ländereien, die doch die ſchönſten ſind, die es geben kann. War da ein Aca⸗ dier an ſeiner Grenze, hieß Jean. Wohl, der Acadier hatte mit ſaurem Schweiße ſich eine Pflanzung an⸗ gelegt, und mit ſeinem Weibe und zehn Kindern be⸗ wirthſchaftet, und gut bewirthſchaftet. Kam eines Tages dieſer v— te Baron, ſteht die Pflanzung, und ſofort ſetzt er ſeine Maſchinen in Neworleans in Be⸗ wegung, und der arme Jean muß weg, muß abermals in die Wildniß, ſeine Pflanzung dem Baron abtreten — der, weiß der Himmel was für eine geniale Barons⸗ idee mit dieſer Pflanzung ausführen will. Zwei Jahre darauf hatte der Abenteurer ausgewirthſchaftet, mußte bei Nacht und Nebel aus dem Lande, aber die Pflan⸗ zung blieb doch dem armen Jean entriſſen.— Jetzt liegen Gebäude in Schutt und Trümmern, und — 15 6— Opoſſums und Bären hauſen darauf.— Wäre ich Jean geweſen, ich hätte dem Baron ſtatt der Pflan⸗ zung eine Kugel abgeliefert.“ „Und indem der Mann ſo ſprach, hob er die Rifle ſchußfertig.“ „Was den Baron betrifft, ſo kann ich weder, noch will ich ſeine Vertheidigung übernehmen, ſprach ich, ohne mich durch die Bewegung irre machen zu laſſen. Iſt der Fall, wie Ihr ſagt, ſo hat er leichtſinnig, ge⸗ wiſſenlos gehandelt.“. „Ich hielt inne, denn der Alte war im Gehen be⸗ griffen, wandte ſich jedoch, und horchte mit zurückge⸗ worfenem Kopfe. Wie geſagt, uns verdroß die An⸗ maßung des Hinterwäldlers um ſo mehr, als wir Louiſiana immer noch als eine franzöſtſche Colonie, und unſer rechtmäßiges Eigenthum betrachteten.“ „Der Alte war ſinnend geſtanden, während ſeine Söhne Hirſchziemer und Rücken ſammt ihren Aexten auf die Schultern warfen, und Miene machten, ihm zu folgen.“ „Wir ſtanden ſtill.“ „Wollt Ihr nicht mit uns? fragte der Alte.“ „Wir wiſſen nicht, ob es Euch auch angenehm— 4 —= 16— „Worte ſind keine Pfeile, Mann. Es gibt in jedem Volke gute und auch ſchlechte. Kommt, denn hier würdet Ihr nicht zum Beſten fahren. ⸗ „Und wir folgten.“ „Der Weg, oder beſſer zu ſagen die Richtung, die wir einſchlugen, denn von einem Wege oder Pfade war keine Spur vorhanden— lag über eine Prairie, dann ging es durch einen Wald, darauf kamen wir durch ein Dickicht, das den Fragmenten unſerer Gar⸗ derobe vollends den Reſt gab, und hierauf über ſoge⸗ nanntes Wellenland oder rollende Anhöhen, von welchen letzteren herab wir den Prairiebrand deutlich ſehen konnten. Das Kniſtern des Rohres, des Kra⸗ chen der Aeſte und Zuſammenſchmettern der Bäume ſchlug uns bei jeder Wendung, die wir gegen den Luftzug thaten, in die Ohren; allein wir waren jetzt bereits ſo ziemlich daran gewöhnt.“ „Wir mochten ſo einige Meilen durch Dick und Dünn zurückgelegt haben, als der Boden weich— und die Anzeigen eines nahenden Sumpfes bemerkbar wurden. Wir drangen ſo weit vor, als der Boden uns trug, und hielten endlich am Rande des Sum⸗ pfes. James und Joe warfen, ohne ein Wort zu ſagen, —= 17 6— 3 ihre Laſten vom Rücken, nahmen die Aexte zur Hand, und begannen in eine der nächſtſtehenden Cypreſſen einzuhauen. Laſſalle und ich ſtanden ſchweigend, der Dinge, die da kommen ſollten, harrend, und die außer⸗ ordentliche Leichtigkeit, mit der die Hinterwäldler die Bäume fällten, bewundernd. Es war mehr Spiel als Arbeit, die Aexte flogen ſo leicht, wie unſere Ra⸗ piere, auf die Baumſtämme nieder, ſo regel⸗, takt⸗ mäßig!— es erinnerte uns an die Harmonie der Dreſchflegel in den Dörfern am Rhein, die wir im damaligen Corps Condé's durchzogen. Ehe fünf Minuten vorüber, krachte der vier bis fünf Fuß im Diameter haltende Stamm zuſammen, und ſank ein⸗ wärts in den Sumpf. So wie die Cypreſſe gefallen, ſprangen die beiden jungen Holzſchläger auf den Stamm, ſchritten auf dieſem vorwärts, und hieben die Aeſte bis zur äußerſten Krone ab, ſo daß der Baum zwar in dem Sumpf, aber doch mehr auf der Oberfläche zu liegen kam. Hierauf begannen ſie einen zweiten zu fällen, einen dritten und vierten— in Zeit von einer halben Stunde hatten die vier Hinterwäldler in aller Stille eine Arbeit gethan, die vier Franzoſen zum mindeſten einen Tag gekoſtet haben würde.“ — 18— „Wir hatten, wie geſagt, verwundert zugeſchaut, und fragten nun, was eigentlich das Ganze zu be⸗ deuten habe?“ „Werdet es bald ſehen, verſetzte der Alte, der auf ſeine Rifle geſtützt, düſter in den Sumpf hinein ſtarrte, aus ſeinen Nachtgedanken jedoch erwachte, ſo wie die Stimme James ſich hören ließ: Sind fertig.“ „Jetzt kommt, Frenchers, ſprach der Alte.“ „Aber weßhalb über den Sumpf, und warum die viele Arbeit? fragten wir.“ „Weil dieſer der nächſte Weg iſt, und Eure Kno⸗ chen müder werden dürften, wenn ſie den Sumpf um⸗ gehen ſollten. Viele Arbeit, brummte er weiter, mit einem verächtlichen Blicke auf den Cypreſſenſtamm. Wenn Ihr das viele Arbeit nennt, dann habt Ihr noch wenig gearbeitet, und hättet in Euerm Lande bleiben ſollen, wo es, hör' ich, Narren zu Millionen gibt, die für Andere arbeiten. Habe die Notion, Ihr ſeyd einer der Ariſtokraten, die lieber andere Leute für ſich ſchaffen laſſen, und es vorziehen, ſich ins fer⸗ tige Neſt hinein zu ſetzen. Wollen Euch aber zeigen, daß es bei uns nicht geht, ſich ins fertige Neſt hinein zu ſetzen;— ſind keine Jeans, wir, bei Jingo nicht! — 19 6— — ſind nicht die Leute, die ſich von einem Baron, und käme er mit hundert und fünfzig angezogen, aus ihrem Eigenthum treiben laſſen.“ „Den Alten verfolgte offenbar die Idee, daß wir, zweite Boſtrops, gekommen, ſein Land zuerſt in Au⸗ genſchein zu nehmen, und ihn dann mit den Seinigen zu vertreiben. So viel ſchien uns klar, und obwohl geneigt, ihm ſein Hirngeſpinnſt zu verſcheuchen, hatte das arrogante barſche Weſen, das er auf einmal an⸗ genommen, das Abenteuer, der Nachtmarſch, die Ge⸗ fahren, die wir beſtanden hatten, uns auch bereits etwas von hinterwäldleriſchem Trotze verliehen, nicht zu erwähnen mehrere Züge Whisky und das kräftige Mahl, ſo wir zu uns genommen.“ „Wollen alſo ſehen, ſprachen wir nach einer hin⸗ terwäldleriſchen Pauſe und mit einer Inſouciance, die einem vierzigjährigen Buſchmanne wohl angeſtanden wäre.“ „Und feſten Trittes folgten wir dem Alten, der vor uns auf dem Stamme einherſchritt. Nachdem wir an der Krone des Stammes, deren Zweige, wie ge⸗ ſagt, nicht alle abgehauen waren, um das Einſinken zu verhüten, angekommen, ſetzten wir über die quer —= 20 6— gelegten Aeſte auf den zweiten Stamm, von dieſem auf den dritten, und ſofort auf den vierten. Ehe wir das Ende dieſes erreicht, befanden wir uns wieder auf feſtem Boden. Der Alte bedeutete uns in bisheriger Ordnung, das heißt im ſogenannten Indian file,*) zu folgen, und wir tappten, Einer dem Andern nach, beiläufig eine halbe Meile fort, durch dichtes Ge⸗ ſtripp.“ „Endlich hielt Nathan, und ſeine Rifle auf den Boden ſetzend, wandte er ſich zu uns, und fixirte uns mit wahren Eulenaugen.“ „Sagt wo ſind wir? fragte ich, den Schaft meiner Doppelflinte gleichfalls auf die Erde fallen laſſend und ſo ſeine Stellung nachahmend.“ 4 „Der Mann ſchaute mich an, und ſein Geſicht ver⸗ zog ſich in ein eigenthümliches Lächeln. In Louiſtana ſicherlich, zwiſchen dem Redriver, dem Golf von Mexico und dem Miſſiſtppi, innerhalb der Grenzen, die ſich Cuer König geſetzt, und doch an einem Orte, wo ſein Arm zu kurz befunden worden, ſo lange Arme Könige auch haben ſollen.“ *) Einer nach dem Andern. —= 21— „Der Ton, in welchem er dieſes ſprach, hatte einen ſo ſchneidend höhniſchen Nachklang, daß mein Blick unwillkührlich auf den Sprecher ſiel, um aus ſeinen Zügen heraus zu bringen, was er eigentlich mit uns im Schilde führe. u „Sie waren apathiſch, wie immer.— Meinen Arm ergreifend führte er mich einige Schritte ſeitwärts, und deutete auf eine dunkle Maſſe, die mit einem Erd⸗ walle Aehnlichkeit hatte. „Vielleicht eines der indianiſchen Gräber? ſprach ich im hingeworfenen Tone.“ „Ei, iſt ein Fact, habt es errathen, ein Grabmahl iſts, obwohl nicht der Rothhäute, ſondern das eines Mannes, kein beſſerer fuhr je den endloſen Strom herab. Könnt aber auch mit den Rothhäuten Recht haben, habe die Notion, es war einſt, was ſie einen Indian Mound nennen. Wollt Ihr nicht näher treten?“ „Wir traten näher, und ſahen Palliſaden, und hin⸗ ter dieſen ein Balkendach, das vielleicht zehn Fuß über jene hervorragte.“ „Was ſagt Ihr jetzt? —= 22— „Das Ganze ſcheint mir weniger zur Wohnung als zur Vertheidigung eingerichtet.“ „Oben finden wir Kienſpäne, ſprach der Alte. Jetzt wartet, bis die Leiter kommt, dann werdet Ihr das Weitere ſehen.“ „Eine Leiter wurde nun herabgelaſſen, auf der wir den ſteilen Erdaufwurf hinauf kamen; einer der jungen Männer öffnete eine in den Palliſaden angebrachte Pfoſtenthüre, und wir traten in den innern Raum des ſonderbaren Bauwerkes.“ „Es war aus ziemlich ſtarken unbehauenen Cy⸗ preſſenſtämmen aufgeführt, die in einander gefügt wohl Vierundzwanzigpfündern widerſtehen konnten. Das Ganze bildete ein Viereck mit einem niedrigen, gleichfalls aus Baumſtämmen aufgeführten Dache. Es mochte vierzig Fuß in der Länge, und eben ſo viele in der Breite haben, im Innern war nichts zu ſehen, als ein Kamin von ungebrannten Backſteinen, und als wir näher ſchauten, eine hölzerne Tafel, die in einer Ecke des Blockhauſes aufgerichtet war.“ „Tretet nicht auf dieſen Hügel, ſprach der Mann ſolenn; es iſt heiliger Grund.“ „Heiliger Grund? fragten wir.“ —= 23 6— „Heiliger Grund, Mann! Liegt unter dieſer Tafel begraben Einer, ein ſo braver Hinterwäldler, als je den Miſſiſippi herabſchwamm.“ „Alſo dieſes ein Grabmal, ſprachen wir nicht wenig erſchüttert.“ „Ein Grabmal, Mann— ſein Grabmal— ſein Blockhaus, das er gebaut, das er vertheidigt, in dem er fiel, das ſein Blut benetzte, das er ein butiges ge⸗ tauft, kaum als es fertig war.“ „Sollt mehr von dieſem blutigen Blockhauſe hören, hören, wie ſechs amerikaniſche Rifles es mit fünf und achtzig ſpaniſchen und franzöſiſchen Musketen auf⸗ nahmen.“ „Wir ſchüttelten ungläubig die Köpfe.“ „Er nahm uns Beide am Arme, und führte uns aus dem Gebäude durch die Stockade; auf einem Vorſprunge von etwa ſechs Quadratfuß angekommen, hielt er.“ „Es mit fünf und achtzig franzöſiſchen und ſpani⸗ ſchen Musketen aufnahmen, wiederholte er mit feſter Stimme. Es war Aſa mit dreien ſeiner Brüder, ſeinem Schwager und Couſin, und ihren Weibern. Iſt wie ein Mann, wie ein ächter Hinterwäldler, wie —"° 24 6— ein braver Amerikaner gefallen, hat aber zuvor fünf und dreißig Spaniern das Lebenslicht ausgeblaſen. Dort— er deutete bei dieſen Worten auf einen Kranz von Cottonbäumen, in deren mondbeleuchteten Kronen ſich wirklich die Geiſter der Gefallenen umher zu trei⸗ ben ſchienen; dort unter dieſen Cottonbäumen, unter deren Schatten ſie gefochten, ſind ſie gefallen und be⸗ graben.“ „Die Stille der Nacht, der Silberſchein des Geſtir⸗ nes, der die in die Prairie hinaus öffnende Waldes⸗ bucht in ſeinen verklärenden Strahlen gleichſam badete, die düſtern Wälder zu beiden Seiten des Blockhauſes, in tiefe Schatten gehüllt und nur an den Rändern von dem Vollmonde aufgehellt— alle dieſe Umſtände, verbunden mit dem feierlich gewordenen Benehmen des Alten, wirkten allmälich auf unſere Lebensgeiſter. Wir ſtanden ohne ein Wort zu erwiedern.“ „Ja, wiederholte er, auf ſeine Rifle gelehnt— hier fielen fünf und dreißig Spanier gegen einen Ame⸗ rikaner.“ „Und dieſer Amerikaner hieß?“ „Was fragt Ihr, wie er hieß? Was fragt Ihr nach Namen, als wäret Ihr Pferdedieben auf den —= 25 6(— Ferſen? Fragt überhaupt nicht ſo viel. Schaut mit Euern Augen, hört mit Euern Ohren, aber haltet Eure Zunge im Zaume, denn die Bäume haben Ohren, ſo gut wie die Wände in Eurem Lande.“⸗ „Vergebung, wir hatten keine Beleidigung im Sinne, beſänftigte ich den Alten.“ „Beleidigung im Sinne, verſetzte der Alte hohnlä⸗ chelnd. Calculire, daß Ihr die nicht im Sinne habt; — calculire, calculire. Wollte auch den ſehen, der den alten Nathan zu beleidigen oder zu beeinträchtigen, oder was immer in den Weg zu legen, ſich gelüſten ſollte. Würde ihm das Gelüſte bald vertreiben, der alte Nathan, ſo lange er ſeine Rifle und ſeinen Dolch innerhalb Armeslänge hat.— Iſt ein Fact;— ſo wie ich ſage, ſo iſts. Der Mann, der das Blockhaus da gebaut, und ſchaut es Euch recht an, denn es iſt nur wenig verändert, bis auf das Dach, das eigentlich die Urſache ſeines Todes war— liegt jetzt in ſeinen eigenen vier Pfählen, und war eine Zierde der Hin⸗ terwäldler. Haben aber die Spanier ſeinen Tod theuer bezahlen müſſen, und iſt ihnen die Luſt ver⸗ gangen, ſich an Aſas Niederlaſſung zu wagen. Ei werden Aſa Nolins nicht ſo leicht vergeſſen!“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 3 — e 26 e-— „Aſa Nolins, fiel ich ein; mir däucht, ich habe von dieſem Manne gehört.“ „Noch die Lehre, fuhr er fort, ohne auf meine Worte zu achten, die er ihnen gegeben.“ „Alſo Ihr habt gehört von Aſa, und was habt Ihr gehört? wandte er ſich auf einmal finſter zu mir. „Ich hatte mich während der kurzen Pauſe beſon⸗ nen, denn Beide hatten wir immer mehr zu gewahren angefangen, daß das Temperament unſers neuen Be⸗ kannten ein heiklich kitzliches war.“ „Könnte es Euch nicht wohl genau ſagen, verſetzte ich ablenkend Erinnere mich nur, den Namen des Mannes gehört zu haben, haben aber ſo Vieles ge⸗ hört und anhören müſſen, daß wir die Hälfte aller dieſer Geſchichten wieder vergeſſen—⸗ „Verſtehe, verſetzte der Alte— habe die Notion — wollt nicht recht mit der Sprache heraus, und mag vielleicht eben ſo gut, auf alle Fälle klüger ſeyn. Sag' Euch, wenn Ihr von hier in den Cottonwald hineinſeht, ſo ſteht es Euch ſchwarz vom Rande her⸗ über ausz; ſteigt Ihr aber herab, und geht die ſechzig Schritte hinüber, wird es Euch dort hell, und hier ſchwarz vor den Augen. Iſt ein Fact— kommt auf — e 27-— den Geſichtspunkt an, von dem Ihr ein Ding an⸗ ſchaut. „Und nach dieſer Abſchweifung hielt der Mann abermals inne, ſchaute uns prüfend an, und fuhr dann gemächlich fort:“ „Will Euch ſagen, was Ihr gehört habt. Habe die Notion— Ihr habt gehört, daß der Mann, deſſen Todeshügel Ihr geſehen, in Eure Niederlaſſung ein⸗ gebrochen und da Pferde geſtohlen. Habt Ihr nicht? und daß er ein blutdürſtiger Rebelle geweſen?“ „So etwas, die Wahrheit zu geſtehen, obwohl ich mich nicht deutlich entſinne.“ „Und ich ſage Euch, fuhr der Alte heftig heraus— möge ich erſchoſſen ſeyn, wenn es nicht die v— teſte Lüge iſt. Hat nicht mehr Pferde geſtohlen, Aſa, als ich, der ich Reglähter*) bin, und beauftragt von mei⸗ nen Mitbürgern, Ordnung zu handhaben, und was den Rebellen betrifft, ſo war er ein Amerikaner, und der iſt nie Rebelle, denn er iſt frei geboren.“ „Reglähter? fragte ich, den freigebornen Amerika⸗ ner, der nie Rebelle ſeyn konnte, überhörend.“ *) Regulator. Das nähere über dieſe eigene Art Hinter⸗ wäldler⸗Obrigkeiten weiter unten. 3* —= 28 6— „Reglähter, wiederholte der Mann mit ſelbſtge⸗ fälligem Nachdrucke. Wißt wahrſcheinlich nicht, was das ſagen will?— iſt ein Amt, das wir in den Hin⸗ terwäldern geſchaffen, wo wir das Geſetz ſelbſt in die Hand nehmen, und es nicht von bezahlten Richtern und Lawyern um ſo und ſo viel per Dollar vermeſſen laſſen. Werdet ſpäter mehr davon erfahren, aber zuvor ſollt Ihr von Aſa und ſeinem Blockhauſe hören, das er da getauft das blutige, und welches da gewor⸗ den iſt das blutige.“ „Wäre es nicht beſſer, dieß auf einen andern Zeit⸗ punkt zu verſchieben?“ „Auf einen andern Zeitpunkt zu verſchieben? wie⸗ derholte der Alte. Merkt Euch das, Narren ver⸗ ſchieben, Geſcheidte handeln, für Alles iſt eine Zeit; und jetzt iſt die Zeit von Aſa zu reden, denn Ihr be⸗ tretet ſeine Niederlaſſung und ſollt hören, ehe Ihr ſehet;— morgen iſt nicht mehr Zeit dazu.“ „Des Mannes Sprache begann ſehr unbequem zu werden, ſeine finſtre Gemüthsart brach inmitten ſeiner breiten Weitſchweifigkeit wie unheilſchwangere Blitze durch, und obwohl wir es noch immer nicht bereuten, uns den einigermaßen gefährlichen Schroffheiten dieſer —=0 29 6— Hinterwäldler⸗Charaktere anvertraut zu haben, ſo wollte uns doch allmälig bedünken, daß weniger Ent⸗ gegenkommen unſerer Seits gar nicht überflüſſig ge⸗ weſen wäre. Ohne jedoch weiteres Mißvergnügen blicken zu laſſen, nahmen wir unſere Poſition in einer Weiſe, die unſere Willfährigkeit, die Geſchichte Aſas anzuhören, zu erkennen geben ſollte.“ „Herr von Vignerolles!“ bemerkt Meurdon gäh⸗ nend,„Sie haben das Weſen und die Natur unſerer Hinterwäldler ſo trefflich aufgefaßt.“ „Ihre Schilderungen ſind ſo lebendig,“ lallt ein Zweiter, den Rauch ſeiner Havannah⸗Cigarre von ſich blaſend. „Müſſen es wohl ſeyn,“ erwiederte der Graf la⸗ chend und an ſeinem Glaſe nippend.„Wenn man unter den Klauen dieſer ſeltſamen Menſchen iſt, ſorgen ſte dafür, daß ihre Eindrücke nicht bald ver⸗ wiſchen.“ Bin wirklich begierig auf die Geſchichte dieſes Lacalle, obwohl die Abſchweifung unſere Geduld ein wenig in Anſpruch nehmen zu wollen ſcheint. Er ſchildert jedoch ſo intereſſant, und für einen Fran⸗ — 30 6— zoſen ſo getreu, iſt dabei ſo verſeſſen auf ſeine Hin⸗ terwäldler— kaum daß er ſich Zeit zum Anfeuchten nimmt. 1 II. Sauatter-Leben.*) Nach einer minutenlangen Pauſe fährt er fort: „Habt Ihr nie den Miſſiſtppi⸗Sprung gemacht? fragte uns auf einmal der Alte.“ „Was verſteht Ihr unter dem Miſſiſtppi⸗Sprunge? verſetzten wir.“ „So ein tauſend Meilen von der Mündung des Ohio herab bis zum Redriver, oder ein acht⸗ bis neunhundert.“ *) Squatter von squatt, auf Indianerweiſe niederhocken: werden jene Hinterwäldler genannt, die, ohne nach dem Beſitz⸗ titel zu fragen, ſich auf irgend einem Stücke Landes niederlaſſen, eine Blockhütte bauen, und das Land beurbaren. Halb Jäger, halb Landbebauer, können ſie als Mittelglieder zwiſchen den ei⸗ gentlichen Jägern und Hinterwäldlern betrachtet werden. Viele bleiben ihr ganzes Leben hindurch Squatters, Andere ſiedeln ſich regelmäßig an, und kehren ſo in den Schooß der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft zurück. — e 31 6— „Nein, aber die Fahrt von Neworleans hinauf.“ „Das iſt nichts, meinte Nathan; der Strom iſt da nicht den zehnten Theil ſo gefährlich, wie oberhalb Natchez; iſt auch zu tief, um Euch Sandbänke, Snakes, Sawyers,*) und wie die T— l alle heißen, bei jedem Wurf unter die Beine zu bringen. Aber verſteht Ihr, oberhalb Natchez, ehe der Atchafalaya und Lafourche, und Plaquemine und Bayon Sarah, und zwanzig andere Bayous den Miſſiſtppi abgezapft, und er ſich ſo ein fünf und zwanzig Meilen während der Fluth⸗ zeit zu beiden Seiten ausbreitet, und Ihr keinen Fuß breit Land ſeht, und bloß Bäume, und nur wo dieſe nicht zu ſchauen, calculirt, daß der eigentliche Strom laufe;— wenn Ihr ſo auf einem Flachboote der Wochen vier oder ſechs auf dieſem ſchmutzigſten, ſüße⸗ ſten, allmächtigſten aller Gewäſſer fahrt, und jede Stunde Euch Sawyers, Planters, Snakes, Wooden⸗ Ilands und wie die Satanaſſe alle heißen, zwiſchen die Beine rennen, und Ihr an ihnen vorbeiſchießt, wie *) Snakes, Savyers, Planters— die bekannten Fährlich⸗ keiten, die in Geſtalt von in den Flußſchlamm eingeſenkten Baum⸗ ſtämmen die Reiſe auf dem Miſſiſippi ſelbſt noch heut zu Tage ſo gefahrvoll machen. S. Note oben. — 32— ein Trotter, der zwanzig Knoten in einer Stunde geht, an einem Meilenſteine, und jeder dieſer v— ten Mei⸗ lenſteine Euch ein hundert Fuß tief in dem allmächti⸗ gen Waſſerſtrudel zu begraben droht;— dann, mag ich erſchoſſen ſeyn, wenn Ihr nicht froh ſeyd, einmal in ein ruhiges Fahrwaſſer, ſage den Arkanſas oder Redriver, einzulaufen.“ „Sie ſehen“— unterbricht ſich der Graf—„unſer Hinterwäldler wird weitſchweifig, denn er kommt auf ſeinen Miſſiſtppi zu ſprechen, ein für ihn unerſchöpf⸗ liches Thema, ſo wie es wirklich unerſchöpflich iſt. Das Beſte, was wir thun können, iſt, ihn geduldig anzuhören, in der tröſtlichen Erwartung, daß der Faden ſeines Geſpinnſtes, wie er ſeine Schilderung zu nennen beliebt, doch endlich ablaufen wird.“ „Bravo, Vignerolles! Vorzüglich gut!“ rufen Creolen und Franzoſen. Der Graf winkt Stille:„Meſſteurs! laſſen Sie den Alten um Gotteswillen reden, ſonſt endigen wir nicht bis morgen Mittag.“ „Vergeßt, fuhr dieſer fort, über dem allmächtigen Miſſiſippi Grenzen und Forts, und ſchier Euch ſelbſt, — 0 33— und dankt Eurem Gott, wenn er Euch endlich in ruhiges Fahrwaſſer bringt.“ „Wohl, kamen endlich in ruhiges Fahrwaſſer, woll⸗ ten anfangs in den Arkanſas, trieb uns aber ab, und mußten noch Gott danken, daß wir ein Paar hundert Meilen weiter abwärts zur Mündung des Redriver gelangten.“ „War hohe Zeit, der Miſſiſippi war Euch ſo voll, aber begann doch bereits ein Weniges zu ſinken, und waren in unſerer Arche an der Mündung des Redriver angekommen, und war dieſe Arche ſo baufällig und leck geworden, zog Waſſer wie ein Schlauch, und war kein trockner Fleck in der ganzen Arche, und ſtanden wir Männer und die Weiber bis an die Kniee im Waſſer, und ſchrieen die Kinder und ein Paar Ferkel, die wir mithatten. War ein jämmerliches Leben, zum Gotterbarmen.“ „Wohl! war, wie geſagt, hohe Zeit, uns um feſtes Land umzuſehen, war aber meilenweit kein feſtes Land zu ſehen, und in unſerm Boote durften wir uns nicht mehr in die Mitte des Stromes wagen, hätte es zer⸗ riſſen, habe ich die Notion.— So hielten wir uns deßhalb dicht oberhalb der Mündung des Redrivers — 34 6— in den Miſſiſtppi. Hatten ſich da ein Paar hundert Baumſtämme zuſammengethürmt und geſchichtet— da hielten wir.⸗ „Hielten alſo an, obwohl es ein unſicherer Hafen war; denn die Baumſtämme, ſo allmächtig lang und dick ſie auch waren, ſchaukelten ſie doch ſo widerwär⸗ tig, wie alte Weiber in ihren Kangarooſeſſeln.“ „War aber keine andere Hülfe, und ſchrie Aſa— holla Nathan! Das iſt der Platz, habe ich die Notion, die Fluth ſinkt, und wollen uns da erquicken, und das Fallen des Stromes abwarten, und uns trocknen, denn ſonſt verfault uns Alles am Leibe und in den Kiſten. Und ſeyd hurtig mit den Kiſten und Truhen und Notions, ſie müſſen heraus, je eher deſto beſſer.“ „So ſchrie Aſa, und Ihr hättet nur ſehen ſollen. Auf Meilen herum alles Waſſer, und wir Kiſten und Truhen und Notions auf die ſchaukelnde Inſelbank hinauswerfend; denn es waren im Waſſer durch die Strömung zuſammen geworfene und gefluthete und geſchichtete Stämme, auf die wir zugetrieben. Und wie wir auf einen Stamm traten, rollte er mit uns weg, und ein zweiter trieb es nicht beſſer, und war — o 35 e-— unter die tauſend Stämme eine wahre Confuſton ge⸗ kommen.“ „Und war Aſa zuerſt ausgeſprungen, und über die Stämme hin. Auf einmal ſchrie er: holla, gut Glück Nathan! Sage Euch, gut Glück, ſind nicht allein hier, haben auch andere Gäſte hier. Bringt die Notions und Kiſten ans Land, die Weiber werden trocknen, wir wollen auf die Jagd.“ „Aſa, ſage ich, Du träumſt, willſt auf die Jagd— doch nicht die Alligatoren⸗Jagd?“ »Keine Alligatoren, Nathan! ruft Aſa herüber, — Sauatters, ſo gut, als Du je auf dem Ohio ſahſt. Squatters, die beſten Squatters, die Du je geſehen.“ „Und wie wir das hören, ſpringen wir, um die Squatters zu ſehen, und ſahen ſie, und fingen ihrer wohl an die fünfhundert in weniger als einer Stunde, denn waren ſo zahm die armen Thiere, ließen ſich wie junge Katzen fangen. Waren aber Eichhörnchen*) *) Der Reiſende ſieht dieſe Thierchen zur Zeit der Buch⸗ und Hickorynüſſe oft zu Hundert auſenden den Ohio durchſchwimmen und am jenſeitigen Ufer ſo erſchöpft anlangen, daß ſie von den Anwohnern ohne alle Mühe eingefangen und getödtet werden. die Squatters, die ſich vor den Fluthen auf die Baum⸗ ſtämme gerettet hatten.“ „Und waren ſo ſehr abgemagert, daß es eine ziem⸗ liche Anzahl brauchte, um ein Mittagsmahl für zehn hungrige Magen zu liefern, aber war doch eine wahre Gottesgabe, obwohl wir viele Mühe hatten, unſern Heerd da aufſchlagen.“ „War überhaupt unſer Hafen auf dieſer v— ten Holzinſel einer, um den wir, wäre nur ein Quadrat⸗ ſchuh trockenen Landes zu haben geweſen, keinen Fie⸗ delbogen gegeben hätten. Konnten nicht liegen, nicht ſtehen, nicht ſitzen, von wegen des ewigen Herum⸗ bimmelns der Stämme in der Bucht. Kletterten wir auf einen obenan liegenden Burſchen hinauf, ſo war zwei gegen eines zu wetten, daß ſein Untermann nach⸗ gab, und wir mit ihm ins Waſſer kollerten. Das Erſaufen durften wir nun zwar nicht befürchten, denn es gab Alligatoren um uns herum, denen wir es an den Augen anſahen, daß ſie uns nicht bis auf den Grund kommen laſſen würden. Hatten ſo mit Acht haben, daß wir nicht ins Waſſer plumpten, und Ab⸗ ziehen der Squatters, und Kochen, und unſere Weiber halten, daß ſie nicht über dem Kochen in das Waſſer — o 37 6— plumpten, und Abwehren der Alligatoren, die wie Katzen um uns herum lagen und ſchoſſen, volle Hände zu thun, hielten aber doch ein Stunden vier aus.“ „Hilft nichts, ſchrie endlich Aſa giftig, müſſen von dieſer v— ten Holzinſel weg, irgendwo hin, wo unſere Schuhſohlen auf feſtem Lande ſtehen, und wäre der Fleck nicht größer, als ein Schubkarrenrad. Müſſen fort, ſonſt erwachen wir morgen im Magen irgend eines Alligators, ſind gar zu hungrig, die ſchäbigen Kerle.“ „Das war nun ein Fact, und ließ ſich nichts dage⸗ gen einwenden, aber wie mit unſerm lecken, halb ge⸗ borſtenen Flachboote, das zur Hälfte voll Waſſer war, in den Strom einfahren? Wir hätten eben ſo wohl in den Mond einfahren mögen; hätte das Flachboot wie ein Spinngewebe zerriſſen. Aſa wußte jedoch Rath, hatte einen ſchmalen Kanal mitten durch die Holzinſel entdeckt, und dahin ſteuerten wir nun unſern Kurs, freilich hatten wir mit unſern Stangen erſt ein fünfzig Stämme auf die Seite zu ſchaffen, und zu ar⸗ beiten ärger als Neger, auch trotz dieſer hündiſchen Arbeit nicht viel ausgerichtet, kaum eine halbe Meile zurückgelegt, als die Sonne unterging und eine ſtock⸗ — 9 38— finſtere Nacht hereinbrach; aber eines hatten wir ge⸗ wonnen, waren im Redriver, der im Vergleich mit dem Miſſiſippi ein ganz liebes Wäſſerlein iſt, obwohl es der T—l trinken mag.“ „Zündeten unſere Laterne an, die wir an einer Stange aufhißten, und ruderten und ſchwitzten uns noch ein fünf Meilen hinauf, bis wir endlich Land mit unſern Widerhaken fühlen und greifen konnten.“ „Und als wir dieſes fühlten und griffen, ſprangen wir aus dem Boote heraus, warfen Notions und Kiſten und Truhen nach, unſere Männer ſammelten dürres Holz zum Feuer, um die Musquittos, Alliga⸗ toren, Wölfe, Bären und derlei Gezücht in gehöriger Diſtanz zu halten; Aſa riß mit den Widerhaken eine Laſt Tillandſea von den Bäumen, und in einer hal⸗ ben Stunde ſchliefen wir alle wie Ratten.— Schlie⸗ fen Euch— in meinem Leben hatte ich noch nicht ſo gut geſchlafen.“ „Und den folgenden Tag trockneten unſere Weiber ihre Wäſche und Notions, und wir ſchöpften das Boot aus, und zogen es an das Land, und kalfaterten es wieder zuſammen, ſo gut es ging, und als wir fertig — e 39 6— mit Allem— nahm uns drei Tage,— gingen wir wieder auf das Waſſer.“ „Und fuhren den Redriver hinauf, bis wo rechts der Blakriver einmündet, und da angekommen, fuhren wir noch eine Strecke aufwärts, und dann in ein Bayou ein, und in ſüdlicher Richtung hinab, das Bayou war ziemlich lang, und wir ziemlich müde und auch hungrig, denn unſere Mehlfäſſer ließen die Bö⸗ den ſchauen, und unſere Schinken waren gar, und ein Paar Dutzend Makarels mit noch einem Kübel Wälſchkorn das Einzige, das wir aufgeſtapelt; hatten aber noch ein ſteben Gallon Magentroſt, und der er⸗ hielt uns Herzen und Nieren warm.“ „Magentroſt, was iſt das für ein Gericht? fragte Laſſalle.“ „Ei Magentroſt, weſtlichen Magentroſt mögt Ihr ihn wohl nennen, beſonders wenn er ächter Mononge⸗ hala iſt, verſetzte der Alte, den ich nicht weiter zu un⸗ terbrechen wagte, aus Furcht, dieſe ewige Schilderung würde ſonſt nie ein Ende erreichen.“ „Wohl, fuhr er fort, fanden endlich einen Fleck, wo wir landen konnten, war feſter Boden, obwohl noch halb Cypreſſenſumpf. Waren aber an Sümpfe ge⸗ — e 40-— wöhnt, und für Hinterwäldler iſt ein derlei Cypreſſen⸗ ſumpf gar kein übles Ding. Habt immer ein weiches Bett, trefft immer auf Tillandſea, das Euch die Ma⸗ tratzen erſpart.“ „Wohl, ſchafften alſo unſere Notions und Alles ans Land, und ſtoppelten uns etwas weiter vom Sumpfe eine Laubhütte zuſammen, in die wir unſere Weiber einquartirten; Tillandſea, wie geſagt, gab es in Fülle— es war die zweite Nacht, ſeit acht Wo⸗ chen, daß wir, und unſere Frauen, ruhig ſchliefen.“ „Den folgenden Tag machten wir uns zeitig auf die Beine. Waren zwei Dinge, die uns mächtig am Herzen lagen. Das erſte war, Proviant für unſere zehn Mäuler zu ſchaffen; das zweite, ein Stück Land zu finden, auf dem ſich ein honetter Squatter ruhig hinſetzen konnte, ohne Furcht, von den Alligatoren zum Imbiß mitgenommen, oder vom Sheriff ein Haus weiter gewieſen zu werden. Waren müde des Herum⸗ ziehens mit Weibern und Kindern, ſahen auch, daß dabei nichts herauskommt. Ein rollender Stein, ſagt der alte Benjamin Franklin, ſetzt kein Moos an; wußten das, ſahen auch, das es hohe Zeit war,— waren im Auguſt— unſere Schinken, Mehl, Makarels — 41 6— 5 auf der Neige,— mußten ſchauen, friſchen Proviant einzulegen. Nahmen alſo unſere Aexte und Riflen, und theilten uns in zwei Parteien ab; die eine führte Aſa, die andere ich, und gingen, er in weſtlicher Rich⸗ tung, ich in ſüdlicher. Zwei der Männer blieben bei den Weibern; denn wir trafen ſchier mehr Spuren von Panthern, als in unſerm Virginien von Gäulen und Rindern.“ „War, wie geſagt, in ſüdlicher Richtung vorge⸗ drungen.— Wenn ich Euch ſage, vorgedrungen, ſo müßt Ihr darunter keine Luſtreiſe verſtehen, wie Ihr ſte mit uns gemacht, ſondern ein wahrhaftes faktiſches Buſcheindringen, durch Cypreſſenſümpfe, in denen es mehr Snapping⸗Turtles gab, als hier Musquittos, und Honeylocuſts und Bohnenbäume, und Schling⸗ pflanzen mit Dornen ohne Maß und Ziel, die Euch ohne Meſſer und Art in Fetzen zerriſſen, wo ſich Euch bei jedem Schritte ein Dutzend Congo⸗ und Moeaſſin⸗ ſchlangen ſtatt der Schuhriemen um die Knöchel gelegt hätten.“ „Wohl, Mannl fuhr der Alte fort; drangen ſo tiefer und tiefer ein— ſchoſſen auch zwei Bären, die Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 4 4 ——õ——ſſ — 42— wir ausweideten, und Righteous, mein Schwager, einer der Brüder Aſa's, ſchoß auch einen Wälſchhahn, den wir ſogleich rupften und ſäuberten, und ſpießten und brateten. Hatten ein Paar Hände voll Waͤlſch⸗ korn in der Jagdtaſche, und eine Calabaſſe Magen⸗ troſt, der uns trefflich zum Imbiß ſchmeckte. Und nachdem wir uns ſo an Leib und Seele erquickt, ver⸗ gruben wir einen Theil unſerer Bärenbeute, die beſten Stücke mit dem Fette lud Righteous auf die Schul⸗ tern, und ging zurück zu den Weibern, ich aber drang weiter in die Wildniß ein.“ „Hatte einen Compaß mit, und wollte mir abſolut das Land beſehen, und wo möglich einen Fleck aus⸗ findig machen, auf dem ſich ein honetter Squatter niederhocken, und ſeine Rolle Virginia⸗Kautaback bauen könnte." „Und wie ich ſo vordringe, war am vierten Tage, kam ich auf ein Upland, oder wie wir es nennen, eine Rolling⸗Prairie,*) von der ich rings herum einen Ueberblick hatte, das Herz hüpfte mir vor Freude.“ „War Cuch ein herrlicher Strich Landes, tüchtigen *) Hochland— wellenartige Naturwieſe. Sie ſind häufig im Weſten des Miſſiſippi. —" 13— Landes, wie die Immergrün⸗Eichen im Hintergrunde mir bewieſen, und die Honeylocuſts und Catalpas. Saht vor Euch die Prairie, die wohl ein zehn Meilen vom weſtlichen Abhange gegen Norden hinauflief— rechter Hand einen Cottonbaumwald— und im Rücken wieder Wald. War dieſer letztere Wald derſelbe, den Ihr vor den Augen habt. Alles war hier beiſammen für hundert der ſchönſten Pflanzungen, die ſich denken ließen; Taback⸗, Baumwollen⸗, ſelbſt Zuckerland— herrliches Waſſer!— Das Herz hüpfte mir vor Freude, mögt mirs glauben.“ „Sprang Euch doch ſchier wie ein Kind von zehn Jahren auf dieſer Anhöhe herum, calculirend in mei⸗ nen Gedanken, wo ſich wohl am beſten unſere Häuſer hinſetzen ließen, und calculirte ſo den ganzen Tag in der Gegend herum, ſah mir Alles an, und kam in meinem Calculiren auch auf dieſen Erdaufwurf, oder Wall, oder Indian Mound, der juſt eine halbe Meile weit weg liegt. Sehe mir dieſen Erdwürfel an, und ruminire, wozu er wohl dienen könnte, und was die Leute für eine Notion hatten, als ſte ihn ſo zuſägten, und wie ich ſo calculire, fällt mir ein, daß die Roth⸗ 4* — 44 6— häute wohl da eine ihrer Verſchanzungen gehabt ha⸗ ben könnten, denn der Wald war auf ſechzig Schritte herum ausgehauen, und daß wir ihn gleichfalls dazu gebrauchen könnten, wenn die Noth es geböte.“ „Und ſehe mir die Gegend weiter an, und komme zu dem Sumpf, und calculire, daß der Sumpf, ſo arg ich ſonſt Sümpfe im Magen habe, ein glorioſer Sumpf ſey, und die Creolen und Frenchers das Waſſer nicht lieben, und wie ich ſo calculire, kommt mir ein tüchtiger Hirſchbock in die Quere, der in Zeit von zehn Sekunden kein Hirſchbock mehr war.“ „Hielt das für ein gutes Zeichen, daß mir der Hirſchbock gerade ſo in den Wurf kam, und hatte dieſen Tag meine Mahlzeit ehrlich verdient, und machte mich über den Hirſch her, und zog ihm die Haut über den Rücken, und zerlegte ihn, und bratete mir ein Stück, das mir für ein Paar Tage dauern ſollte, und dann legte ich mich nieder.“ „Und kehrte den folgenden Tag zurück, nachdem ich den Reſt des Hirſches in Reiſtg gewickelt und aufge⸗ hängt hatte, ſo daß die Turkey⸗Buzzards ihm nichts anhaben konnten, und ſchoß auf dem Herwege noch einen Bären, von dem ich den beſten Theil mitnahm, — 0 45— das Uebrige vergrub, und kam nach ſechs Tagen glück⸗ lich am Bayou an.“— „Und ſagte zu Aſa: Aſa, hab' es— hab' es ge⸗ funden, was wir ſuchen, habe die Notion, in den ganzen alten Staaten gibt es kein ſo prächtiges Stück Land, als ich Dir in vier Tagen zeigen kann.“ „Habe auch geſehen, ſagt Aſa, will mir aber nicht recht gefallen, was ich geſehen, ſagt er. Kieferwald mit leichtem Sandboden, und Prairies mit ſchwarzen Letten, auch Palmettoes, aber kein Holz darauf, um eine Wälſchkornkrippe zu bauen.“ „Habe gefunden, was wir brauchen, Mann, ſag' ich; Alles gefunden, was wir brauchen, und mehr als wir brauchen, und unſere Kindeskinder dazu.“ „Aber iſt das Land auch frei? haſt Du auch ge⸗ ſchaut? Keine Einſchnitte in den Bäumen, kein Art⸗ ſchlag?“ „Kein Einſchnitt, kein Artſchlag zu ſehen, ſo weit Dich Deine Füße tragen;— ein Indianer⸗Mound, um den herum Geſtrüpp, das iſt alles. Muß, habe ich die Notion, ſeit ſechzig Jahren kein zweibeiniges Menſchenkind den Fuß dahin geſetzt haben.“ „Aber die Creolen? ſagt Aſa. Weißt Du auch, —= 46 6— ob nicht die Creolen,— vielleicht iſt es von einem Creolen geeignetes Waldland?“ „Iſt ein Sumpf da, und den haben die Creolen nicht überſchritten. Komm Aſa, ſollſt ſehen, weißt, bin nicht blind in ſolchen Fällen; ein Sumpf, ein gottlos prächtiger Sumpf, über den ſich kein Creole wagt.“ „Und ſagt Aſa: weiß es, daß Du einen Wallnuß⸗ bottom von Kaſtanienland zu unterſcheiden verſtehſt, und mögen eben ſo wohl unſere Hütte ein Haus wei⸗ ter aufſchlagen. Bären und Hirſche gäbe es zwar hier genug, haben bereits ein ſteben Bären geſchoſſen, und ein halbes Dutzend Hirſche, und unſere Weiber wohl ein hundert Pfunde und darüber Bärenfett aus⸗ gekocht. Schau ſie an, ſehen aus wie Matroſen beim Thranauskochen in der Südſee“ „Und gingen nun zu den Weibern, und ſahen Euch ſo aus, wie Aſa ſagte, und ſagt' ihnen, was ich ge⸗ ſehen, und wie wir uns auf dem Lande niederlaſſen müßten. Und die Weiber deliberirten nach ihrer Weiſe, und wir auch, und beſchloſſen wir, den fol⸗ genden Tag ſchon den Anfang zur Ueberſiedelung zu machen.“ — o 17— „Und zogen Aſa und Righteous und zwei von den vier Weibern mit mir in den Buſch ab, und luden auf, was unſere Rücken tragen konnten, und kamen nach acht Tagen glücklich auf dem gelobten Lande an. War aber ein Zug, habe die Notion, die Ifraeliten in den vierzig Jahren ihres Wüſtenlebens haben nicht ſo viel ausgeſtanden und gearbeitet, wie wir in den acht Tagen.“ „Aber als Aſa endlich das Land ſah, und herab⸗ ſchaute von der erſten rollenden Anhöhe, und dann ſich wandte in die Prairie, und ſchaute den herrlichen Baumſchlag, da jubelte er Euch doch— war ſonſt kein gerade zum Jubeln aufgelegter Mann, der Aſa; aber jubelte und ſchrie: Nathan, das vergelte Dir Gott! Du biſt ein wahres Sonntagskind! Hier wollen wir leben und ſterben, habe in meinem Leben kein ſo transcendentes Land geſehen.“ „Und nahmen wir ſonach unſere fünf Sinne zu⸗ ſammen, fuhr der Alte fort, und calculirten, wo ſich wohl unſere Häuſer am beſten hinſetzen ließen, und begannen Bäume zu fällen, und Anſtalten zu machen, ein Blockhaus zu bauen, ich aber ging zurück, um die Uebrigen nachzubringen.“ — 0 48 6— „Wohl Mann! brauchten zu dieſer Ueberſiedelung volle drei Wochen, und nahm drei Wochen mehr, ehe wir uns in unſerem Blockhauſe ruhig niederlegen konnten, ohne befürchten zu müſſen, daß eine Heerde Wölfe oder eine Brut Panther uns ihre Beſuche ab⸗ ſtatteten. Aber nach dieſen ſechs Wochen waren wir fix und fertig.“ „War aber kein Scherz, verſichere Euch bei Jingo! Mußten Brücken und Flöße bauen, um unſere No⸗ tions und Kiſten und Weiber über die Bayous und Sümpfe zu bringen, und Wege öffnen durch Dickicht, Wälder und Schlingpflanzen, kamen aber mit der Hülfe unſerer Aexte zuletzt doch, wo wir hin wollten.“ „Der Alte hielt inne,“ bemerkte der Graf—„die Erinnerung an die ſechs Wochen ſchien ihn ange⸗ griffen zu haben, dem Schnauben nach zu ſchließen, das ſich aus ſeiner Rieſenbruſt emporwälzte. Nach einer Weile fuhr er fort:“ „Jetzt waren wir alſo unter Dach und Fach, zwar nur in einem Hauſe, aber zu zwei andern waren die Bäume auch bereits gefällt, und das Aufblocken war uns bloßes Kinderſpiel— hatten ſie in einer Woche beide aufgehißt, Dächer von Clapboards darüber. —=49 6— Freilich hatten unſere Häuſer weder Thüren noch Fen⸗ ſter; vor die viereckigen Oeffnungen, in die ſie mit der Zeit hineinkommen ſollten, wurden einſtweilen Woll⸗ decken gehangen, aber reichere Leute, als wir, mußten ſich oft knapper behelfen.“ „Waren mittlerweile tief in den Oktober hinein gerathen. Wunderſchöne Zeit in dieſem unſerm Lande eben der Oktober und November— mit ſeinem in⸗ dianiſchen Sommer, aber dauert doch nicht ewig, der indianiſche Sommer;— und handelte es ſich darum, für zehn Mäuler den Winter hindurch etwas zum Zubeißen zu erlangen. Waren, wie geſagt, in der zweiten Hälfte des Oktobers, an eine Erndte war nicht mehr zu denken, wenn wir auch Saatkorn gehabt hät⸗ ten,— Niederlaſſung keine, auf hundert Meilen rings umher, und wenn auch eine geweſen wäre, ſo mangelte uns der Silberſtoff. Was läßt ſich thun, Nathan? fragte mich Aſa. „Holla! Aſa, ſagt Rachel, meine Schweſter— fragſt, was ſich da thun läßt, wenn die Bären herum laufen, wie die Schafe im Kentucky⸗Territory,*) und *) Der heutige Staat Kentucky war damals noch nicht in die Reihe der Staaten aufgenommen. X — 50 6— mehr Hirſchböcke zu ſehen ſind, als bei uns im Kentucky⸗ Territory Oppoſſums— pfui, ſchäme Dich!“ „Aber Rachel, ſagt Aſa— Du weißt, der Boden Deiner beiden Mehlfäſſer iſt ſchon ſeit Wochen ſo an⸗ ſchaulich, und wir können doch nicht immer Hirſche und Bären eſſen?“ „Aber es gibt Leute, die Euch für einen Hirſch gern ein und auch zwei Fäſſer Mehl verhandeln; und für ein Dutzend Töpfe mit Bärenfett ein Paar Barrels Wälſchkorn. Weißt Du das nicht, und nicht wo dieſe Leute zu finden?“ „Und Du haſt Recht, Rachel, ſag' ich, und wir ziehen auf die Jagd, Aſa, ſage ich, und ſchießen noch ein halbes Dutzend Hirſche; denn Bären und Hirſche gibt es allmächtig viel, mehr als im ganzen alten Virginien und im Territory Kentucky, ſag' ich.“ „Und gingen auf die Jagd, ſchoſſen den erſten Tag zwei Bären, drei Hirſche, und weideten ſie aus, und trugen ſte heim, und unſere Weiber kochten und bra⸗ teten das Bärenfett aus, und trockneten Schinken, und wir ſchoſſen weiter, bis wir ein volles Dutzend Bären und ein Paar Dutzend Hirſche erlegt hatten, —= 51— und als wir ſo weit gekommen, hielten wir ein, denn die Gabe Gottes muß geſchont werden.“ „Und während unſere Weiber kochten und brateten, und Hirſchziemer und Häute und Schinken trockneten, machten wir uns mit unſern Aexten hinüber aufs Bayou, und zogen unſere alte Arche ans Land, und kalfaterten ſie waſſerdicht, und als wir fertig, beluden wir ſte mit den Hirſchkeulen, Schinken, Bärenfett und den Häuten, und nahmen Abſchied von Weibern; nur Righteous blieb zurück, wir fünf aber machten uns auf den Weg.“ „Und fuhren das Bayou hinauf in den Redriver ein, den Miſſiſtppi, der wieder vernünftig geworden war, hinab, und war, habe ich die Notion, hohe Zeit für uns, denn auch das Whiskyfaß begann hohl zu klingen, und war die letzten Wochen unſere Ration per Mann kaum mehr als ein Gill geweſen, und wo der Magentroſt fehlt, da regen ſich die Hände nicht gern.“ „Und verlangte uns recht ſehr, wieder einmal einen erquicklichen Schluck dieſes Magentroſtes zu nehmen, und ruderten alſo friſch darauf los in den Miſſtſtppi ein, und hielten nirgends an, bis wir an die Levee —= 52— von Neworleans kamen, wo ſie uns nach unſern Pa⸗ pieren fragten. Sagten aber, wir kämen vom Ohio, und zwar aus dem Territory Kentucky, was auch wahr war, denn wir kamen daher, und wären wohl gar nicht gekommen, wenn der Sheriff uns nicht ein Haus weiter gewieſen, was uns giftig verdroſſen, und weßhalb wir auf den Miſſtſtppi gegangen, und nach Louiſtana herabgekommen;— was wir aber, wie Ihr leicht ermeſſen könnt, wohlweislich für uns behielten. ¹ „Und in Neworleans wußte Aſa zum Glück Be⸗ ſcheid, und ſchob ein Paar Dutzend Bärentatzen dem glatzköpfigen Hafenaufſeher in die Hand, und dieſer drückte ein Auge zu, und wir verkauften an dreihun⸗ dert Pfunde Bärenfett, das Pfund zu einem halben Dollar, und die Hirſchziemer und Rücken und die Felle ſo gut, als wir ſte anbringen konnten, und ſchier an dreihundert Dollars in der Taſche, zogen wir gegen Baton Rouge hinauf. Unſer Boot verhandelten wir für zwei Dollars,“ fügt der Graf lachend hinzu. „Und riefen,“ fährt er mit demſelben ironiſchen Anklange fort,„in Baton Rouge ein Flachboot an, das mit Mehl, Whisky und Notions den Miſſiſtppi — 53 6— herab kam, und dieſes ſagt uns, daß ein Kielboot nachkäme, mit dem wir einen Bargain*) machen könnten.“ „Und kam das Kielboot richtig hinterdrein, und er⸗ handelten uns ein Dutzend Wälſchkorn⸗, und ein halbes Dutzend Mehl⸗ und Whisky⸗Fäſſer— mit allerhand andern Notions; und kauften das Kielboot, das ſeine übrige Ladung auf das Flachboot überlud, in den Bargain. Und waren Landsleute, denen wir ſagten, ſie ſollten die Unſrigen am Saltriver 1*) grüßen, und ſprangen in das Kielboot, gerade als die ſpaniſchen Douanenbeamten herbeikamen, und ehe ſie ihre Worte an Mann gebracht, waren wir in der Mitte des Stromes, und dem Geſindel aus den Au⸗ gen.“— „Hatten aber hölliſche Arbeit, das Kielboot den Strom hinauf, und in den Redriver hinein zu bringen. Sage Euch, hölliſche Arbeit, kamen aber endlich doch hinein, und gingen hinauf, bis wo der Blackriver ſein laugenfarbiges Waſſer in den kaffeebraunen Redriver eingießt, und fuhren in das Bayou ein, und Aſa und *) Handel(vortheilhafter). *³) Ein Fluß im Staate Kentucky. —“= 54— James und Bill nahmen die erſte Ladung, und mach⸗ ten ſich auf den Weg, und Jonas und ich blieben als Wache zurück. u „Und hatten volle vierzehn Tage zu thun, bis wir die Barrels und die Notions und Alles an Ort und Stelle gebracht hatten. Das Kielboot ſchleppten wir ans Land, kehrten es um, bedeckten es mit Reiſig, um es für künftige Fälle wieder zu haben.“ „Sie wundern ſich,“ wendet ſich der Graf an uns, „wie ich auf dieſe alltäglichen, unintereſſanten Detaills einer beginnenden Hinterwäldler⸗Niederlaſſung ſolche Wichtigkeit lege, aber ich muß Sie verſichern, daß uns des Alten wie aus dem Blocke herausgehauene Lebens⸗ ſkizze mittlerweile ſehr intereſſant, und zwar in mehr als einer Hinſicht intereſſant geworden war. Wir befanden uns in einer ähnlichen Lage, zwar nicht ſo unbemittelt, aber dafür waren wir weit hülfloſer, als dieſe Buſchmänner. Die Aufſchlüſſe des Alten über ſein Leben und Treiben daher, und die Art und Weiſe, wie er ſeine Anſiedelung begonnen, hatten für uns nicht bloß den Reiz der Neuheit; es war während dieſer ſeiner Erzählung, daß ſich in mir allmählich die Idee feſtſetzte, die wir, wie Sie wiſſen, auch ſpäter — 0 55 G— realiſirten, entfernt von den Pflanzungen der Creolen eine Niederlaſſung zu gründen.— Mir dieſe Idee, die mich ſchon längere Zeit umher getrieben, ins Werk ſetzen zu helfen, ſchien gerade der Alte der Mann dazu. Augenzeugen der unglaublichen Leichtigkeit, mit der er und die Seinigen Hinderniſſe überwanden, die uns abſolut unüberwindlich geſchienen, hatte ſein Beiſpiel in uns bereits etwas von der bekannten aventuröſen amerikaniſchen Springkraft geweckt.— Mit ſeinem Beiſtande Schöpfer einer eigenen Pflanzung zu wer⸗ den, und ſo dem creoliſchen Faulleben der Attacapas zu entrinnen, wurde jetzt mein feſter Entſchluß. Eben wollte ich ihm Vorſchläge in dieſer Beziehung machen, als mir Laſſalle durch die Frage zuvorkam, warum er ſeine Lebensmittel nicht von Natchitoches herab be⸗ zogen, wobei er ſich den größeren Theil der Mühe hätte erſparen können.“ „Der Blick, den Er ihm zuwarf, war ſo eigenthüm⸗ lich ſcharf und beißend, daß unſer Freund unwillkühr⸗ lich die Augen zu Boden ſchlug. Es war ein Blick, ironiſch, lachend, giftig zugleich. Eine Weile ſchaute er Lafſalle, dann mich an, und ſprach dann:“ „Wollte Euch nicht zu meinem Rathgeber wählen, — 56 6— Mann! habe die Notion, Ihr gäbet franzöſiſche Räthe, und die taugen nicht viel. Sage Euch, würdet nicht viele Dollars für eine ganze Wagenladung Bärenfett in Natchitoches bekommen, hieße das Porter nach England importiren, oder Claret nach Frankreich, haben da ſelbſt Bären die Menge. Und dann—. ſetzte er halb lachend hinzu,— war es uns auch nicht darum zu thun, den franzöſiſchen und ſpaniſchen Spürhunden auf die Naſen zu binden, daß wir uns in ihrer Nähe niedergehockt, und ihnen ihre eigenen Bären und Hirſche zu Markt brächten.“ „Alter, nahm ich das Wort. Er winkte mir, und fuhr dann fort: u „Seyd klug wie die Schlangen, iſt ein nicht zu verachtender Rath, ſage ich Euch, Mann! obwohl ich eben nicht viel von der Schlangenklugheit halte. Ei, Hundsklugheit, das iſt etwas anderes— aber— wollen weiter.“ „Waren alſo für den Winter verſorgt, und wohn⸗ ten zu zwei Familien in einem Hauſe. Hätten gern noch die drei Blockhäuſer aufgerichtet, ſo daß jede Familie ihren eigenen Verſchluß gehabt;— lieben wir Amerikaner unſern eigenen Verſchluß, wißt unſer — o 57— Sprüchwort, unſer Haus iſt unſer Schloß; mußten aber auf das Lichten und Beurbaren der Felder denken — und war das keine Kleinigkeit, denn hatten auch nicht einen einzigen Pferdehuf; zwei Pflüge wohl, und Zubehör, aber die Pferde fehlten.“ „Wohl, lichteten die Felder, und Aſa und ich nah⸗ men unſere Rifles, und wollten im Lande umher ſpähen, um zu ſehen, ob wir nicht ein Paar Gäule und auch Kühe auftreiben könnten, denn ohne Gäule, das ſahen wir wohl, ließ ſich nichts machen. Kühe waren uns ein Stück drei vonnöthen, und hatten noch fünfzig Dollars von den dreihundert, die wir in New⸗ orleans gelöst.— Und zogen wohl auf die fünfzig Meilen im Umkreiſe herum, trafen aber auf keine Pflanzung, wie wir ſie wollten, und kehrten zurück, hatten aber ein Paar Bären und Hirſche geſchoſſen.“ „Und richteten unſere Felder zurecht, bis auf das Umpflügen, ringelten*) nämlich die Bäume, und —¹ *) Beim Urbarmachen von Waldſtrecken werden bloß die kleineren Bäume mit dem Unterholz ausgehauen und ausgerodet, die größeren aber geringelt, und zwar durch einen beiläufig zwei bis drei Zoll breiten und tiefen Ring, der mit der Axt eingehanen wird. Die Bäume ſterben ab, worauf der Saamen zwiſchen die Stämme geſäet wird. Die erſte Ernte in dieſem ſogenannten jungfräulichen Boden iſt immer die ergiebigſte. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 5 —= 58 6— rodeten das Unterholz aus, und richteten ein zehn Acker Cottonbaumwald zum Wälſchkorn zu, und ein ſechs zum Tabacksbau— Alles fir und fertig, bis auf das Pflügen.“ „Und fingen bereits unſere Weiber und Männer an, den Boden zu hacken, was unter allen Arbeiten eine iſt, die wir Hinterwäldler am wenigſten vertra⸗ gen. Stumpft Euch Geiſt und Leib gleich ab, wenn Ihr ſo Tag für Tag nichts als Schollen aufhackt;— konnte es nie leiden; iſt auch nur für Neger und weiße Sklaven.“ „Hatten ſo ein Paar Acker gehabt, und ein Stück wahre Negerarbeit vollbracht, und waren gerade wie⸗ der im Felde, als wir auf einmal Pferdegetrampel hören, und vier Reiter die Prairie heran geſprengt kommen, die, wie ſte uns erſehen, nicht wenig ver⸗ wundert anhalten, und mit einander parliren. Hatten auch ein Paar tüchtige Wolfs⸗ und Hühnerhunde mit. „Und ſagt Aſa: das wäre jetzt eine herrliche Ge⸗ legenheit, ein Paar Gäule zu erhandeln, und will ſchauen, ob ſich nicht ein Bargain machen läßt. „Und tritt Aſa an ſte heran, und grüßt ſte,— denn — 59 6— Aſa hatte im Revolutionskriege unter Lafayette ge⸗ dient,— und fragt ſie: ob ſie nicht abſteigen und einkehren wollten?“ „Und wie Aſa ſo fragt, ſo nehmen wir unſere Rifles, die wir an die Baumſtämme angelehnt hatten, zur Hand, denn Ihr wißt, Hinterwäldler dürfen ihre Rifles nie weit von ſich haben— ſind ihre getreueſten Freunde, ihre Rifles, nebſt einer guten Hand, und einem ſcharfen Auge.“ „Und wie die Creolen unſere Rifles ſehen, geben ſte ihren Pferden die Sporen, und waren doch ſo er⸗ ſchreckt!“ „Fürchtet nichts, ſagt Aſa, ſeyd unter friedlichen Leuten, haben die Rifles zur Hand gegen Bären, Wölfe und Rothhäute, aber nicht gegen Chriſten⸗ menſchen.“ „Und beruhigten ſie dieſe Worte augenſcheinlich, und galoppiren wieder näher an uns heran, und wir ſetzen unſere Rifles nieder, und ſie ſteigen ab, und treten in Aſa's Haus." „Und ſahen ſich zuerſt um, nicht wenig verwundert, wie es ſchien, aber Aſa ſetzte ihnen eine Bouteille mit 5* —"°0 60— trefflichem Monongehala auf, und als ſie dieſen ver⸗ ſucht, wurde ihnen auf einmal das Herz leicht.“ „Und Rachel bratete einen Hirſchziemer, und wohl auch zwei, und wir luden die Jäger zum Eſſen, was ſie auch annahmen, und während des Eſſens fragt ſie Aſa, ob ſie nicht Luſt hätten, ein Paar ihrer Gäule für blanke ſpaniſche Dollars auszutauſchen.“ „ Und bei der Erwähnung der ſpaniſchen Dollars leuchteten ihre Augen vor Freude, denn war Euch das Geld damals, und iſt noch ein ſeltener Artikel im Lande, und fragten ſie, wie viele Dollars wohl Aſa für einen Gaul gäbe?“ „Und ſagt Aſa: für den Braunen, den Ihr reitet, — er ſprach mit dem Vordermanne,— zwanzig Dollars, für den Braunen mit dem weißen Fuße fünfzehn.“ „Und parlirten die Franzoſen ihr Kauderwälſch, und ſagten endlich, Aſa ſollte die zwei Gäule für vier⸗ zig Dollars haben.“ „Fünfunddreißig, ſagt Aſa, keinen Picaillon mehr.“ „Alſo fünfunddreißig, ſagen die Spanier oder Franzoſen, was ſie waren, habe aber die Notion, wa⸗ xen beides, parlirten in beiden Sprachen, und wollten — 0 61— das Geld aufgezählt haben, ehe ſie die Gäule gäben, was wir aber wieder nicht wollten.“ „Müſſen zuerſt die Gäule haben, ſagten wir, und gingen hinaus, und draußen wollte der Erſte nicht den Braunen geben, was uns böſe machte; endlich, als ſie Ernſt ſahen, nahmen ſie das Geld.“ „Sahen aber, daß ſie nicht die Leute waren, mit denen ein dezenter Mann gern einen Handel ſchließt, und gingen wieder zurück mit uns in die Stube, um, wie ſte ſagten, den Kauf durch eine Bouteille Taffia zu verſtegeln.“ „Tranken eine Bouteille und mehrere folgten nach, bis ſie ſchier nicht mehr ſtehen konnten, und gaben mit lallenden Zungen uns zu verſtehen, wie ſte es eben nicht ſonderlich gerne ſähen, daß wir uns hier einge⸗ niſtet, und wie der Jäger zu viele würden.“ „Sagten ihnen, gäbe der Jäger nimmer zu viele, und die Bären, Wölfe und Panther, und Hirſche obendrein, je eher ſie verſchwänden, deſto beſſer ſey es für das Land, ſey nicht zu Jagdgründen erſchaffen, das Land, ſondern um Baumwolle, Zucker und Wälſchkorn zu geben. Das ſey das Wahre. ¹ „Murmelten aber unter einander etwas in ihrem — 62— franzöſiſch⸗ſpaniſchen Kauderwälſch, und brummten, als ſie zu Zweien auf einem Gaul abtrollten, ſie wür⸗ den uns bald wieder ſehen.“ „Und ſagte Aſa, der ihnen kopfſchüttelnd nachſahr: Hört Männer, das ſind ſogenannte Creolen, das heißt, ein Drittel Spanier, ein Drittel Fronzoſen, und der Reſt Indianerblut. Haben alle die Tücken der drei Nationen, und gebt Acht, ſie bringen uns irgend eine Teufelei hinterdrein.“ „Aber was ſollten ſie uns für eine Teufelei bringen? fragt Rachel.“ „Das weiß ich noch nicht, doch ſo gewiß es Sheriffs gibt in den Staaten, ſo gewiß gibt es auch hier ſolche Landplagen, obwohl ſte andere Namen haben mögen.“ „Aber wenn nun unſer Land von Keinem geeignet iſt, und wir zuerſt unſere Hütte darauf aufgeſchla⸗ gen? „So gehört es von rechtswegen uns, ſagt Aſa, aber mir munkelt etwas.— Gib acht, die bringen nichts Gutes.“ „Wohl, ſage ich, Aſa, und bringen ſie nichts Gu⸗ tes, ſo holen ſie ſich auch nichts Gutes. Können auch böſe ſeyn, wir, ſage ich, Aſa! giftig wie Congo⸗ —=0 63— ſchlangen, und fürchte mich nicht vor zehn ſolcher Creolen, und habe es wohl geſehen, und mit meinen eigenen Ohren gehört, daß ſie ſchäbige Kerle ſind, die ihr Wort ſo wenig in Ehren halten, als unſere Neger oben im Kentuck. Aber haben die Gäule, und können unſere Felder ſtaatsmäßig herrichten.“ „Das können wir, ſagt Aſa, und wollen auch ſo⸗ gleich daran, ſind aber noch jung, die Gäule, und habe die Notion, ſind auch noch halb wild, und nicht lange von ihren Prairies eingefangen.“ „Und war das wirklich der Fall. Hatten vorerſt die beiden Gäule ein Paar Tage einzuſpannen, und einzujochen, ehe ſie eine gerade Furche ziehen lernten, ging aber dann um ſo raſcher, und hatten wir wohl ein fünfzehn Acker zur Wälſchkornſaat vorbereitet, und ein zehn für Virginiakraut, und waren wir daran, noch ein Paar hundert Cottonbäume zu ringeln, und das Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen auszuroden, um noch einiges Wälſchkorn und Vir⸗ giniakraut anzubauen, als wir in dieſem Vorhaben ein wenig irre gemacht wurden.“ „Hatte Aſa richtig gemunkelt, und war das creo⸗ liſche Gewürm uns eher wieder auf dem Nacken, als —= 64 6— wir es erwartet. Waren gerade in dem Buſche be⸗ ſchäftigt, ein Stück von etwa zehn Morgen abzu⸗ meſſen, und mit der Art in Bekanntſchaft zu bringen, als Jonas geſprungen kommt: Männer, hört ihr nichts? die Rothhäute!“ „Die Rothhäute! ſagen wir; was Teufel wollen die, doch nicht unſere Skalpe? Wollen ſie die, dann müſſen ſie zeitlich aufſtehen.“ „Nahmen aber unſere Rifles zur Hand, die wir an den Baumſtämmen lehnen hatten, denn Hinter⸗ wäldler, wißt Ihr, dürfen dieſe ihre Freunde nie weit von ſich haben, ſind wie ihre Weiber, die Rifles, die ſte immer zur Seite haben müſſen, bei Tag und auch bei Nacht. Und nahmen ſofort unſere Rifles zur Hand, und ſtiegen den Kamm hinauf, auf welchem weiter zurück unſere Häuſer ſtanden, und ſahen rich⸗ tig, hörten auch bald darauf die Bande, die aus eini⸗ gen vierzehn oder fünfzehn Reitern beſtand, alle mit lauten Huzza's und Hurrah's auf unſere Niederlaſſung anſprengend.“ „Und ſagt Aſa, Nathan, ſagt er, das ſind keine Rothhäute, habe die Notion, es ſind die v— ten Creolen, die mit ihrem Schweife ankommen. Und —= 65 6— ſcheinen mir ein wahres Geſtndel zu ſeyn, treiben es, als wenn ſie betrunken wären.“ „Und trieben es ſo, ſchier ärger, und huzzahten und hurrahten wie Kobolde, und ſprengten heran, und als ſte noch ein fünfzig Schritte von uns waren, trat Aſa vor.“— „Und war Einer ſogleich bei der Hand, und ſchrie: da iſt er, der Pferdedieb, der Betrüger, der mich um meinen Braunen gebracht.“ „Und gab Aſa keine Antwort auf eine ſolche grobe Rede, ſondern ſchaute ſie an, und wartete, bis ſie näher kommen würden.“ „Und kamen ſie näher,— und fragte Einer aus ihnen: Wer iſt hier der Vorgeſetzte?“ „Und ſchüttelt Aſa den Kopf, und erwiedert: hier iſt kein Vorgeſetzter, hier ſind Mitbürger, und die ſind alle gleich. „Sagt der Mann: Ihr habt dieſem Gentleman, Monſieur Groupier, ſein Pferd geſtohlen, Ihr müßt es herausgeben.“ „Iſt das Alles? ſagt Aſa. „Nicht Alles, ſagt der Mann. Dann müßt Ihr — 66 6— Euch ausweiſen, wer Euch die Befugniß gegeben, hier auf dieſem Lande zu jagen.“ „Wahrſcheinlich derſelbe, der ſte Euch gegeben hat, ſagt Aſa zu dem Manne, der ſich recht patzig anſtellte.“ „Und waren die Creolen über dieſe Antwort ſchier verwundert, und ſchrieen Einige: Wir haben unſer Jagdrecht und unſere Schenkungen von Sr. Excellenz dem Gouverneur: Andere: und wir von Sr. Majeſtät dem großen Könige von Frankreich und Navarra.“ „Und wollen wir nicht, ſchrien Alle, daß Fremde uns hier beeinträchtigen in unſerem Jagdreviere; die Bären werden immer ſeltener, und auch die Caguare und Hirſche, die Büffel haben ſich ganz weggezogen.“ „Und ſprangen die Creolen auf ihren Pferden herum, als wenn ſie beſeſſen wären.“ „Und ſagt Aſa: je eher die Bären und Wölfe und Caguare weggeſchafft werden, deſto beſſer für das Land, iſt nicht für Bären und Wölfe das Land, ſon⸗ dern für Menſchen.“ „Und ſagten die Creolen: Wir hätten kein Recht, hier zu jagen, und ſollten uns wegpacken.“ „Und fragte ſie Aſa, welche Autorität ſie hätten, ihn wegzuweiſen.“ — 67— „Und ſtutzten ſie darüber, und murmelten unter einander, und ſah Aſa wohl, daß ſie keine Autorität hätten, auch keine Magiſtratsperſonen wären, ſon⸗ dern zuſammengelaufene Nachbaren, die ohne Au⸗ torität kämen, und uns ins Bockshorn zu jagen calculirten.“ „Und fragten ſte wieder, ob wir eine Befugniß hätten, uns hier niederzulaſſen, und Wohngebäude aufzurichten, und Felder zu beſtellen.“ „Und ſagt ihnen Aſa, ſie ſollten ſich deßhalb kein graues Haar wachſen laſſen, und er habe mit ſeinen Mitbürgern ſich hier niedergelaſſen, und werde auch dafür ſorgen, daß die Befugniß nicht fehle.“ „Und ſagten, ſie wollten es dem Commandanten von Natchitoches, und dem Soyndicus, und weiß der Himmel wem, anzeigen, daß wir uns unberufen hier niedergelaſſen hätten, und möchten wir dann nur zu⸗ ſchauen.“ „Und ſagte ihnen Aſa: Sie möchten gehen, und es ſeinethalben dem—t anzeigen, ſollten es aber bald thunz denn ſo ſie ihn toll machten, ſo wolle er ihnen heimleuchten, daß ſie ans Wiederkommen nicht mehr denken würden.“ — d 68— „Und ſchrie der Creole, deſſen Name Groupier war, er müſſe ſein Pferd haben.“ „Und ſagt Aſa: er ſolle es haben, und beide, wenn er das Kaufgeld zurück gäbe, fünfunddreißig Dollars.“ „Und ſagt der Creole: es ſey nicht ſo viel geweſen, bloß fünfzehn.“ „Und ruft Aſa uns herüber, die wir ein dreißig Schritte hinter den Cottonbäumen gehalten hatten, und ſchritten wir, die Rifles im Arme, auf die Rotte zu; und waren ſie, wie ſie uns ſchuß⸗ und trutzfertig erblickten, ein wenig herabgeſtimmt, und ſchauten einander an, und zogen ſich zurück.“ „Aſa aber ſagte ganz gelaſſen,— ſprach ziemlich geläufig das Franzöſiſche, Aſa hatte nämlich im Re⸗ volutionskriege in der Diviſton Lafayettes geſtanden, und ſpäter auch, als Rochambeau ſich mit Washing⸗ ton vereinigte, gegen Cornwallis— Aſa aber ſagt ganz gelaſſen: Gentlemen, ſagt er, Ihr ſeyd nicht artig gekommen, ſehe aber, Ihr habt Euch von dieſem Manne da, der nicht beſſer iſt, als er ſeyn ſollte, etwas auf die Naſe binden laſſen. Hier ſtehen fünf meiner Mitbürger, und fragt ſie Alle, ob nicht die Gäule re⸗ gelmäßig verkauft, das Geld, nämlich fünfunddreißig —= 69— Dollars, zwanzig ſür den einen, fünfzehn für den andern, wie es ſich gehört und gebührt, ausbezahlt, und Alles in Ordnung geſchehen iſt.“ „Larifari, ſchrie der Creole, Larifari. Und Ihr ſollt uns hier nicht unſere Jagd verderben, und ſollt nicht hier Häuſer bauen, und Ihr habt kein Recht dazu, und ich will es Sr. Excellenz dem Gouverneur, und dem Commandanten von Natchitoches, überall will ich's anzeigen.“ „Und wurden Euch wieder die Creolen, die ver⸗ nünftig und ruhig werden zu wollen ſchienen, wäh⸗ rend dem Aſa ſprach, ſo rappelköpfiſch, und ſchrieen und geſticulirten ſo erbärmlich, und galoppirten vor⸗ wärts und rückwärts, und ſchwenkten ihre Jagdflinten ſo indianiſch, und ſchrieen ſo gräulich: wir ſollten uns aus dem Lande packen, und ſte brauchten keine Ame⸗ rikaner, könnten das Wild ſelbſt jagen, und fort ſoll⸗ ten wir, ſogleich— oder— „Jetzt wurden aber auch Aſa und wir wild, und ſchrie Aſa, ſie ſollten ſich auf der Stelle fortſcheren, ſeyen keine Gentlemen, ſondern Lumpenpack, das er mit der Peitſche ſich vom Hals ſchaffen wolle, und —" 70— ſollten gehen, und ihn nicht giftig machen, ſonſt wür⸗ den ſie es alle Tage ihres Lebens bereuen.“ „Und warf Aſa, indem er ſo zornig wurde, ſeine Rifle ſchußfertig vor, und wir auch, und wie die Creolen das ſahen, gaben ſie ihren Pferden die Spo⸗ ren und galoppirten davon; als ſie aber aus dem Bereich unſerer Kugeln ein fünfhundert Schritte wa⸗ ren, erhoben ſie Euch doch ein ſolches kauderwälſches Geſchrei, fünfzigtauſend Wildgänſe am Redriver oder Miſſiſippi ſind Stumme dagegen, ſchoſſen auch Meh⸗ rere ihre roſtigen Gewehre auf uns ab.“ „Und lachten wir herzlich über dieſe Maulhelden, aber Aſa lachte nicht.“ „Sagte ich's nicht, ſagt er, daß die Creolen uns eine Teufelei auf den Hals bringen würden?“ „Teufelei? ſag' ich; nennſt Du das Teufelei, Aſa? ſolche Alteweiberzungen! ſollten ſich ſchämen, in die Seele hinein, da herzukommen auf fremder Leute Land, und ihr Kauderwälſch auszuleeren, daß unſere Weiber ſelbſt ſich ſchämen müſſen, und ruhige Bürger in ihrem eigenen Hauſe ſo zu traktiren, ſollen wir das ſo einſtecken?“ „Das wäre noch nicht das Schlimmſte, ſagt Aſa. —= 71— Wäre es, könnten wir's recht wohl einſtecken, und würde uns die Taſchen eben nicht abreißen! aber bin der Notion, die ſchäbigen Kerle erzählen es weiter, und es kommt zu den Ohren eines ihrer Comman⸗ danten oder des Gouverneurs, daß wir uns in ihrem Lande ſo mir nichts dir nichts zu Hauſe gemacht, und ehe wir einen Monat älter ſind, kommt eine Com⸗ pagnie oder zwei ihrer Musketiere angezogen, und dann— 2 u „Und dann? und wenn ſie angezogen kommen, Aſa, was dann? ſag' ich. Kommen ſie angezogen, ſo kommen wir ihnen entgegen gezogen, und haſt Du vergeſſen auf den Indianer⸗Mound?“ „Habe nicht vergeſſen, ſagt Aſa, denke eben daran, ob wir uns da nicht ein Blockhaus bauen könnten, das auch aushielte. „Bin der Notion, ſage ich, calculire, daß wir uns da ein Blockhaus bauen können, das aushalten wird.“ „Das iſt Alles recht, ſagt Aſa, Alles recht, aber ob wir auch das Recht dazu haben, Nathan! das iſt eine andere Frage, ſagt er. Plagt mich der Gedanke ſchier Tag und Nacht ſeit den drei Wochen, daß dieſe v— ten Creolen zuerſt angerückt, Tag und Nacht, ſag' —"° 72— ich Dir. Und will nichts Unrechtes, Nathan! ſagt er— will das Rechte, Mann! ſagt er, das Rechte, das geht über Alles. Biſt Du mit dem unrechten Fuße vorwärts, geht Alles ſchief, und Du geräthſt in Sumpfgrund, und verſchlingt Dich der Sumpf⸗ grund und die Alligatoren. u „Und ſage ich, Aſa, ſage ich, habe auch darüber nachgedacht, ſchon ſeit langer Zeit nachgedacht, und calculirt und ruminirt, und bin der Notion, Aſa, daß wir nicht mit dem unrechten Fuße vorwärts geſchrit⸗ ten, ſondern auf rechtem Wege, auf ſo rechtem Wege, als es nur einen geben kann, und daß wir auf das Land ſo gerechten Anſpruch haben, als kein Sheriff in den Staaten läugnen kann, und kein Franzoſe und Spanier, ſie mögen her kommen, wo ſie her wollen. Haben gerechten Anſpruch auf das Land, Aſa, ſag' ich. „Was ſagſt Du da, Nathan? ſagt Aſa.“ „Haſt Du nicht gehört, Aſa, ſag' ich, und weißt Du nicht, ſag' ich, daß der Vater Miſſiſipp in unſerm Lande entſpringt? Und iſt dieſer Vater Miſſiſtpp nicht das grauſamſt allmächtigſte Waſſer, das auf dem Erdboden zu finden iſt, und drüber hinaus. Und nimmt er Dir nicht, der Miſſiſipp, hier einen Brocken —e 3— Landes von einem Schock OQuadratmeilen, mit den Bäumen dazu, mir nichts Dir nichts weg, dort einen andern Brocken, und führt ihn fort, wie ein alter brummiger Bär eine jährige Sau, und verſchlingt ihn eben ſo, oder wirft ihn von da ein zwanzig oder hun⸗ dert Meilen weiter unten aus. „Das thut er, ſagt Aſa, habe es ſelbſt geſehen, wie er oberhalb Memphis einen Fetzen Landes mit Bäumen, ſo groß, daß die dünnſten Aeſte Maſtbäume zu Dreideckern äͤbgeben konnten, abriß, und war ſchier, als ob die Welt zu Ende ginge, wie das ganze Land ſo weggeriſſen wurde. War mächtig grauſam zu ſchauen— und ſtanden mir das erſte Mal in meinem Leben die Haare zu Berge, weißt Nathan, ſagt er, daß mir die Haare nicht oft gen Berg ſtehen.“ „Wohl weiß ich das, ſage ich; ſage Dir aber, Aſa, ſag' ich: iſt nicht das ganze Louiſiana ein aus ſolchen Brocken und Fetzen zuſammengeſetztes Land? ſage mir das, Aſa, ſag' ich. „Das weiß ich nicht, caleulire, es mag ſo ſeyn, weiß aber nicht, bin nicht ganz gewiß, ſagt Aſa.“ „Aber davon biſt Du doch gewiß, Aſa, und haſt es wohl öfters auch gehört und ſelbſt geſehen, daß Lebensbilder g. d. weſtl. Hemiſph. V. 6 — 2 74— dieſes Louiſiana nichts iſt, als Miſſiſippi⸗Bottom? — purer Miſſiſippiboden— Niederſchlag des Fluß⸗ ſchlammes vom Miſſiſtpp, und daß dieſer Luäßſchlanm von unſerem Lande herabkommt?“ „Das weiß ich, ſagt Aſa.“ „Und daß aus dieſem Flußſchlamme Louiſtana ent⸗ ſtanden iſt, aus unſerem Schlamme, Mann, amerika⸗ niſchem Schlamme, auf den die Franzoſen und Spanier keinen Strohhalm Anſpruch haben?“ „Das wäre? ſagt Aſa, habe die Notion, ſte haben nicht.— 4 „Wohl, Mann! und wenn 1 der allmächtig trübe Miſſiſtpp oben unſer Land weggeführt, und wie der Bär die Sau verzehrt, und darüber dick und ſchmutzig geworden, und dieſen Schlamm wieder aus⸗ geworfen— ſo wie der Bär auswirft, was ſtinkt und ſchmutzig iſt, wem gehört der Auswurf? Aſa, ſage mir das! ſage ich— wem anders, als dem, dem der Bär gehört, und der Bär, gehört er nicht dem, in deſſen Lande er iſt? ſage mir das, Aſa, ſag' ich, gehört der Bär, der Miſſiſipp, nicht uns? u „Das behaupte ich auch, ſagt Aſa, und wollte ihn ſehen, der da anders ſagte. Wollte ihm die fünf — 75— Knöchel in die Weichen drücken, daß ihm die Luſt verginge.“ „Und wenn der Miſſiſtppi unſer iſt, und unſer Land verzehrt, gehört nicht ſein Auswurf auch uns, und haben wir nicht das Recht auf dieſen Auswurf? ſage ich; ein ſo gutes Recht und beſſeres Recht, als die Frenchers und Spanier haben? ſage ich.⸗ „Aber ſie waren eher da, Nathan, die Frenchers und Spanier, eher da, als wir, ſagt er.“ „Und wir ſind ſpäter da, Aſa— ſpäter, ſind zur eilſten Stunde gekommen, Mann! aber deßhalb ſind wir doch bei der Frolic, wollen den Frenchers und Spaniern nicht ihr Recht nehmen, kein Pferdehuf ſoll ihnen verloren gehen, aber wollen uns unſer Recht auch nicht nehmen laſſen, haben ſo viel Recht auf Louiſtana, als die Frenchers und Spanier, und wollen dieſes Recht behaupten, Aſa, ſage ich.“ Das Auditorium hat ſich bisher ziemlich ruhig ver⸗ halten, ſo weit nämlich Franzoſen und Creolen ruhig ſeyn können; aber der Hinterwäldlerſchluß, ſcheint es, regt den franzöſiſchen Witz. „Bravo!“ unterbricht Monteville laut lachend den Grafen. 6* —= 76— „Bravo Braviſſimo!“ fällt Meurdon ein. „Glorios!“ lacht Vergennes. „Glorioſe Hinterwäldler!“ Letrou. „Weil der Miſſiſippi auf ihrem Grund und Boden entſprungen,“ kichert D'Ermonvalle,„ſo gehört ihnen Louiſtana!— O transcendenter Schluß!“ „Sie lachen,“ verſetzte der Graf,„und wohl mögen Sie; aber verſichere Sie, daß uns das Ganze gar nicht lächerlich vorkam. Und auch Sie, Meſſieurs, werden gehörigen Reſpekt vor einer Folgerung haben, wenn Sie hören, daß einige Jahre ſpäter, als Louiſtana durch Kauf von unſerer damaligen Regierung in ame⸗ rikaniſche Hände überging, einer ihrer größten Staats⸗ männer ſich gerade dieſes Argumentes von der Tribüne herab bediente, und zwar mit ſo glücklichem Erfolge, daß es ſpäter bei Erlangung der Floridas wieder her⸗ halten mußte. Verſichere Sie, die Amerikaner haben wirklich nebſt den vielen Erfindungen, die ihnen die Welt verdankt, auch die Ehre, eine ganz neue Art von Eroberungsmanifeſt erfunden zu haben.“ „Das aber, werden Sie mir eingeſtehen, Monſieur de Vignerolles, noch immer rationeller befunden wer⸗ —= 77— den dürfte, als Ihre glorioſen franzöſiſchen Manifeſte,“ verſetzte ich ein wenig empfindlich. „Wie Sie Amerikaner doch die Sachen gleich ſo ernſt nehmen!“« lacht der Graf. Doch davon ein ander Mal, ich gebe bloß, was ich gehört, und die Wahr⸗ heit zu ſagen, als ich dieſes Argument zuerſt aus dem Munde des Hinterwäldlers vernahm, kam mir nichts weniger als Lachluſt an; im Gegentheil, ich fühlte mich, ſo lächerlich dieſes auch klingen mag, um ſo mehr empört über die nackte Unverſchämtheit, mit der uns das Lederwamms unſer Recht auf Louiſtana ſtreitig machte— als ſein ganzes trockenes Weſen uns nur zu klar zu erkennen gab, daß er nichts weniger als geſonnen ſey, dieſes ſein vermeintes Anrecht fahren zu laſſen. Ich war daran, meinem Aerger Luft zu machen, er aber winkte mir, und fuhr fort:« „Sage Dir, Aſa, iſt unſer Fluß, der Miſſtſippi, entſteht in unſerem Lande, irgendwo oberhalb der St. Anthony⸗Fälle, reißt jedes Jahr mehr Land mit ſich fort, das, ſagen die Leute, die aus der alten Welt über das Salzwaſſer herüber kommen, ſchier ein klei⸗ nes Königreich geben könnte. Iſt daher das Land unſer Land.“ —=5 78— „Aber, ſagt Aſa: wir ſind unſerer bloß ſechs, und wie können wir es mit Hunderten aufnehmen?“ „Sechs, und wenn wir ein tüchtiges Blockhaus auf den Jndianer⸗Mound hinauf ſtellen, zählt das ſechzig, und können es mit hundert ſolcher ſpaniſcher Musketiere aufnehmen, ſage ich. Und haben jetzt eine ſo ſchöne Gelegenheit, uns ein transcendentes Stück Landes zu erobern, ſag' ich, und laſſen wir uns vertreiben, ſo ſollte man unſere Rifles zerbrechen, und uns ſtatt ihrer Wäͤlſchkornbeſen in die Hand geben.“ „Und wurde Aſa nachdenklich, und ſagt meine Schweſter Rachel: Aſa, ſagt ſie, calculire, daß Nathan, obgleich er mein Bruder iſt, und ich ſo etwas nicht ſagen ſollte, geſprochen hat, wie ein ächter Sohn ſei⸗ nes Vaters, der ſich eher zehn Mal hätte von den Rothhäuten ſkalpiren laſſen, als ſo ein transcendent allmächtig ſchönes Stück Landes aufgegeben, das ihm ſo klar und rechtmäßig gebührt: und ſage Dir, Aſa, ſagt ſie, will abſolut nicht mehr auf den ſchmutzig omnipotenten Miſſiſipp zurück, das iſt ein Fact.“ „Aber wenn nun ſo ein hundert ſpaniſche Muske⸗ tiere anrücken? ſagt Aſa, und habe die Notion, ſie kommen. —= 79— „Darum wollen wir das Blockhaus bauen, ſagt Rachel, und uns da wehren um unſer Eigenthum, und ſage Dir, Aſa, ſagt ſie, erfahren unſere Leute am Saltriver und am Kentucky, und Cumberland, daß die Spanier gegen uns ziehen, werden ſte die Hände gewiß nicht in den Schooß legen.“ „Und, ſag' ich, habe die Notion, daß, wenn die Männer in den weſtlichen Territorien erfahren, was wir hier für ſchönes Land haben, und wie uns die Franzoſen und Spanier die Sporen in die Weichen zu ſetzen gedenken, und uns tyranniſiren, dafür, daß wir unſer Recht vertheidigen, ſie nicht lange aus⸗ bleiben.“ „Iſt aber weit vom Redriver hinauf zum Saltriver und Kentucky*) und Cumberland, ſagt Aſa— gute fünfzehnhundert Meilen und darüber, und mögen leicht unſere Gebeine, ehe ſie Wind erhalten, bleich genug ſeyn, um ihnen zu Gabel⸗und Meſſerheften zu dienen. Iſt mir nicht um mich zu thun, ſagt er, habe den Ka⸗ nonenſchlünden oft genug in die feuerſprühenden Ra⸗ chen geſchaut, und die engliſchen Musketen oft genug knallen gehört, hab' aber Weib und Kind.“ — *) Ein Fluß im gleichnamigen Staate. — 80— „Sorge Du nicht für Weib und Kind, ſagt Rachel; ſorge nicht für Weib und Kind, wo die Ehre auf dem Spiele ſteht, und das Recht;— müßten uns ja in Ewigkeit ſchämen, wenn wir vor dieſen Maulhelden abzögen.— Wenn es noch Indianer wären, haben aber keinen Tropfen Blutes von den Rothhäuten, ſind ja ſo feige, ärger als Neger. Sage Dir, Aſa, ſagt ſie, ſage Dir's im Voraus, gehe nicht auf den ſchmutzig omnipotenten Miſſiſtppi zurück, will nichts mehr mit dem groben Geſellen zu thun haben, hab' ihn fatt für alle Tage meines Lebens. Iſt ein ungeſchliffener Geſelle— das iſt ein Fact. Willſt Du Dich mit ihm abgeben, ſo magſt Du gehen, aber laß mir eine Rifle, und will mein Blockhaus vertheidigen, und wenn mich die Spanier ſkalpiren, ſo werden die Leute am Saltriver doch ſagen, die Rachel war eine ächte Tochter vom Hiram Strong, und hat ſich gewehrt, und Boone mit ſeinem Weibe haben auch nicht mehr gethan.“ „ Und gab dieſes den Ausſchlag, und war nun Aſa überzeugt, daß er mit Fug und Recht ſich gegen die Spanier wehren und behaupten könne, und machten wir ſogleich Anſtalt, uns zu behaupten. Und kitzelte uns auch der Gedanke nicht wenig, die Erſten zu ſeyn, —= 81— die das Panier der Staaten in Louiſtana aufpflanzten, und was unſere Leute am Saltriver ſagen würden, wenn ſie hörten, daß wir, denen der Sheriff um ein Haus weiter geleuchtet, zuerſt das ſternbeſäete Panier in Louiſtana aufgepflanzt.“ „Und nachdem der Alte,“ fährt der Graf fort,„uns ſo die Beweggründe, die ihn und die Seinigen be⸗ ſtimmten, der ſpaniſchen Regierung den Krieg zu er⸗ klären, eines Breiteren erklärt,— hielt er inne, und ſchaute uns ungemein ernſt an.“ „Wir ſchwiegen, denn aufrichtig geſagt, wir hatten die Sprache verloren z und es gab Momente, während welcher wir eine Parodie zu hören glaubten. Hätte uns das ein Europäer geſagt, wir würden ihn ohn⸗ fehlbar für einen Tollhäusler genommen haben, und ſelbſt hier hatten wir Mühe, unſern Ohren zu trauen. Sie müſſen ſich in unſere Lage verſetzen, in unſere Empfindungen hineindenken. „Wir waren Europäer, ſo eben angekommen, hat⸗ ten einen Thron ſtürzen, in ſeinem Sturze eine halbe Welt erſchüttern, und zertrümmert dieſe halbe Welt noch in Zuckungen erhalten ſehen,— und hier ſtan⸗ den wir gegenüber einem Hinterwäldler, der, auf ſein — 0 82 6— Quaſtrecht geſtützt, dem mächtigſten Reiche der neuen Welt mit fünf ſeiner Gefährten den Krieg erklärte. — Was uns aber am ſeltſamſten däuchte, ſo gab es wieder Momente, wo der Angriff auf die Souveräni⸗ tätsrechte eines unſerm angeſtammten Königshauſe blutsverwandten Monarchen, uns, Franzoſen von altem Adel, ſo natürlich erſchien, daß wir darüber ſelbſt unſere nationelle Empfindlichkeit vergaßen, und mit einer Sehnſucht den Verfolg der Geſchichte er⸗ warteten, die, hätte ſie dem Schickſale unſerer Königs⸗ familie gegolten, nicht geſpannter ſeyn konnte.“ „Es iſt jedoch dieſes Intereſſe, das wir den Zu⸗ ſtänden der Amerikaner ſchenken, wieder Folge ihrer natürlichen Zuſtände, ihrer Neuheit, Friſche, ihrer originellen Art zu denken, zu wirken, zu ſeyn.—— So lange dieſe Naturfriſche aus ihren Zügen leuchtet und die gröberen Züge der Selbſtſucht maskirt, ſo lange werden auch die Sympathien aller edeln Ge⸗ müther für ſie fühlen.“ Der Graf hält inne, nach einer kurzen Pauſe fährt er fort: — o 83— III. Die Geſchichte des blutigen Vlockhauſes. „Und hatten wir ſonach beſchloſſen, unſer Recht mit unſerm beſten Blute und unſern beſten Kräften zu vertheidigen, und machten wir auch Anſtalt zu dieſer Vertheidigung.“ „Und fällten Bäume, mehrentheils junge Cypreſſen, und ſchleppten ſie hinüber, und hauten ſie zu, und dann zogen wir ſie mit Stricken herauf, und blockten ſie auf, ganz wie Ihr ſeht— ein Viereck, vierzig Fuß lang, bei vierzig breit, und in die Mitte ſtellten wir einen Kamin;— war das nicht Alles. „Aſa, der bei Brandywine mitgefochten, und an der Seite Lafayettes geweſen, als er verwundet wurde, und ſpäter in den Carolinas bei Cowpens, und gegen Cornwallis, und da das Verpalliſadiren geſehen, und den Nutzen, den es gewährt, wenn ein Dutzend oder halbes tüchtiger Scharfſchützen dahinter ſteht, der ließ uns Palliſaden ſchlagen, und ſpitzig zuhauen, und Löcher in den Mound. graben, und ſie in dieſe ein⸗ rammeln, und ſie verbinden mit Zweigen, ſo daß ſie — 0 84— nicht leicht ausgeriſſen werden konnten;— und nach⸗ dem wir das Blockhaus aufgeblockt, errichteten wir, wie geſagt, die Stockade, und nachdem wir mit dieſer fertig, deckten wir das Blockhaus mit Clapboards.“ „Nahmen die Clapboards von Schwarzkiefern, die Jonas und Righteous eine halbe Meile von hier fällten, und ſpalteten, und dann auf einem Schlitten herüberſchleiften.— War ſehr gefehlt, das— denn Schwarzkiefern brennen Euch, wenn ſie ein Paar Tage in der Luft ausgetrocknet ſind, wie Zunder weg, war uns aber die Zeit zu kurz, feſteres Holz zu nehmen. Hatten bloß ſechs und ſteben Fuß dicke Cypreſſen, und die laſſen ſich nicht ſo leicht ſpalten— ſo mußten wir zu den v— ten Schwarzkiefern greifen, die uns aber in eine heilloſe Klemme brachten, wie Ihr zu ſeiner Zeit hören werdet.“ „Hatten alſo das Blockhaus aufgerichtet, und die Dachbalken darüber, und belegten dieſe mit den Dach⸗ dauben, und nagelten und hämmerten das Ganze zu⸗ ſammen, und auch den Kamin, ſo daß unſere Weiber zur Noth kochen konnten, und füllten die Whisky⸗ und Mehlfäſſer, und Geſchirr, ſo viel als vorräthig, mit Waſſer, und brachten unſere Geräthſchaften, und —=0 85 6— Schinken, und Pflüge, und Notions, und Mehl, und Wälſchkorn, und Alles und Alles herein ins Block⸗ haus, und waren ſchier Tag und Nacht beſchäftigt, Alles fir und fertig zu machen, ohne daran zu denken, daß uns die heilloſen Clapboards von Schwarzkiefern in eine ſo v— te Teufelei bringen würden.“ „Und calculirten, daß die ſpaniſchen Musketiere vor einem Monat oder auch zweien nicht kommen würden, denn wußten ſo ziemlich genau die Stärke der Be⸗ ſatzung des Forts von Natchitoches, betrug beiläufig zweihundert Mann, und Alle konnte ſie der Comman⸗ dant nicht gegen lins ſchicken, calculirten wir; und ehe er Verſtärkung von den Forts am Miſſiſt von Neworleans herauf bringen konnte, mußten wenigſtens ein acht Wochen verlaufen, calculirten wir. „Und tröſtete uns dieſes ſehr, denn wären die Spa⸗ nier in den vier Wochen gekommen, wäre unſer Block⸗ haus nicht fertig geworden, und mit ſechs Riflen, wenn ſte noch ſo gut ſind, läßt ſich nicht gegen ſechzig fech⸗ ten, das wußten wir; iſt ein glorioſes Ding, eine Rifle, in einer tüchtigen Hand, und bei einem ſcharfen Auge, kann aber doch nicht, wie der Eſelskinnbacken in der Bibel, hundert auf einen Hieb niederwerfen.“ ippi oder 6 — o 86— „Und eilten wir alſo, das Blockhaus fix und fertig zu machen, was die Hauptſache war, und die Palli⸗ ſaden dazu zuzuſpitzen und einzugraben, Alles, wie Aſa es haben wollte, und ſtellten Alles, ſo wie Ihr es hier ſeht, fünf Schritte vom Blockhauſe, ſo daß ein Zwiſchenraum war, in dem wir uns frei bewegen konnten, und die Palliſaden zuerſt genommen werden mußten, ehe ſie dem Blockhauſe etwas anhaben konn⸗ ten. Und nahm uns das ganze vier Wochen.“ „Und nach vier Wochen waren Blockhaus und Palliſaden in Ordnung, und unſere Weiber ſchafften die Vorräthe, die wir in Baton Rouge eingehandelt, mit allen unſern Notions, Pflügen, und Allem, in's Blockhaus, und ließen nur das Nöthigſte in den Häuſern, und war uns um Vieles wohler und weit fröhlicher bei dem Gedanken, daß unſer Blockhaus in Ordnung, und wir in der Verfaſſung zur Behaup⸗ tung;— nur blieb Aſa ſchwermüthig, betrachtete das Blockhaus oft, und ſagte: habe die Notion, wird ein blutiges Blockhaus in kurzer Zeit werden; und ſage Euch, ſagt er, habe die Notion, daß Einer ein bluti⸗ ges Grab finden wird, und wer es iſt, das weiß ich am beſten. —"e 87— „Sage ihm: ſtille, Aſa! Was ſind das da für No⸗ tions? wozu uns das Herz ſchwer machen? brauchen leichte Herzen, Aſa.“ „Und ſchien Aſa wieder heiter, und ging wieder ruhig an die Arbeit, die wir ausgeſetzt hatten, aber da wir nicht immer die Gaͤule brauchten, ſo patrouil⸗ lirte abwechſelnd Einer um den Andern ſo ein zehn Meilen vorwärts und rückwärts, juſt um zu ſehen, ob die ungebetenen Gäſte noch nicht uns zu beſuchen kämen. Auch bei Nachtzeit waren wir auf unſerer Hut, und jede Nacht hatten zwei abwechſelnd die Wache, die auf und ab patrouilliren mußten. Und wie wir eines Morgens im Bu ſche arbeiten, und Bäume ringeln, kommt Rigtheous daher geſprengt.“ „Sie kommen, ihrer wenigſtens hundert, ſchreit er.⸗ „Jetzt gilt es, ſagt Aſa ſo gelaſſen, als ob er ſeine Rifle auf einen Hirſchbock anlegte— jetzt gilt es. Sind ſte noch weit weg?« „Sie kommen gerade auf die Prairie zu, in einer halben Stunde mögen ſie da ſeyn, ſagt Righteous.“ „Wie kommen ſie? Avantgarde? Arrièregarde? Wie ſtark mögen ſie ſeyn?“ „Nichts von alle dem, marſchiren in einem Hau⸗ — 0 88 6— fen. Mögen ihrer wohl ein hundert ſeyn, ſagt Righteous.“ „Dann haben wir gewonnen Spiel— verſtehen nichts vom Militärweſen, wiſſen nichts vom Buſch⸗ kriege, ſind Bradockianer,*) ſagt Aſa.“ „Jetzt fort mit Euch Weibern, fort! ſchreit Aſa; fort, laßt Alles liegen und ſtehen, und fort; wir fol⸗ gen, und decken Euch den Rücken, zwei voraus, um zu ſehen, ob ſie unſern Verſteck nicht ausgewittert.“ „Righteous galoppirte ſogleich, wie er war, dem Blockhauſe zu, um, falls ſie es ausgewittert, vor ihnen da zu ſeyn; war aber keine Gefahr— ahnten nicht mehr vom Blockhauſe, als unſere wilden Trut⸗ hühner." „Und nahmen noch die Weiber das Rumpelzeug, das zurückgeblieben war, mit; viel gab es nicht, denn Hinterwäldler, wie Ihr wißt, befaſſen ſich nicht da⸗ mit, ganze Schiffsladungen unnützen Zeuges mitzu⸗ ſchleppen. Nahmen aber, was noch da war, und *) Anſpielung auf den General Bradock, der ſich bei Pitts⸗ burg von den mit den Franzoſen verbündeten Indianern überfallen ließ, und, mit Ausnahme der von Waſhington commandirten Arrièregarde, ſein ganzes Heer einbüßte. — 89 6— marſchirten ab, und zogen uns am Rande dieſes Waldes unſerer Citadelle zu, in der Righteous be⸗ reits war. Hatte die verborgene Pfoſtenthüre ge⸗ öffnet, und die Staffelleiter herabgelaſſen⸗ „und ſtiegen auf der Leiter hinauf, nachdem wir unſere Gäule gegen den Sumpf zugetrieben, und ihnen die Füße eingehenkelt, auf daß ſie ſich nicht verliefen, und zogen dann die Leiter nach, und ram⸗ melten die Pfoſtenthüre zu, und da waren wir. „War uns doch ein wenig ſonderbar zu Muthe, als wir eingeſchloſſen zwiſchen den Palliſaden, und nur durch Ritzen, ſo groß, daß Ihr Eure Rifles durchſtecken konntet, ſchauen konnten, was draußen vorgeht. Wurde uns ſchier bange, waren das Ein⸗ geſchloſſenſeyn nicht gewohnt.“ „Wurden ſo ſtill, mauſeſtill, und verlief uns eine Minute nach der andern, und war höchſtens ein Ge⸗ wiſper zu hören. Rachel zerſchnitt alte Hemden, und ſtrich Fett auf die Stücke, und zerſchnitt ſte zu Kugel⸗ hülſen, wir ſetzten friſche Steine an unſre Rifles, und putzten ſie fir und fertig, und die Weiber ſchliffen die Aexte und Waidmeſſer, alles in der Stille.“ „War uns ſo eine lange Stunde vergangen, hör⸗ Lebensbilder a.d. weſtl. Hemiſph. V.„ —=0 90— ten endlich Lärmen und Geſchrei, und auch Musketen⸗ ſchüſſe, und ſahen auch endlich durch die Ritzen die ſpaniſchen Musketiere, wie ſte auf dem Kamme, auf dem unſere Häuſer ſtanden, die wir aber nicht ſehen konnten, hin und her liefen.“ „Aber aufeinmal wurden wir euchAlle doch ſo bleich!a „Stieg zuerſt eine Rauchſäule auf, dann eine zweite, eine dritte. Gott gnade uns! ſagt Rachel, die Mord⸗ brenner haben unſere Häuſer in Brand geſteckt.“ „Und wir zitterten Alle vor Wuth. Hort! wenn Ihr Euch ſo ein vier bis fünf Monate abgeſchunden habt, ärger als das unvernünftige Vieh, und Euch für Eure Weiber und die armen Würmer, die ſte ge⸗ tragen, eine Blockhütte zuſammengebaut, und ſo ein hölliſcher Feind kommt, und brennt ſie weg, als wären es Stoppeln in einem Wälſchkornfelde, hört, da müßtet Ihr keine Menſchennatur mehr haben, wenn Euch da nicht die Zähne klapperten und ſich die Fäuſte ballten. Und klapperten uns die Zähne, ſtanden aber ſtill, die Wuth ließ uns nicht reden.“ „Und Rachel ſeufzt: o unſer Haus! unſer armes Blockhaus! was hat unſer armes Blockhaus den Mordbrennern gethan?— O ihr Mordbrenner ihr.“ 12 —o 91— „Stille, Weib, ſagt Aſa. Stille, iſt nicht Zeit zum Lamentiren. Mögen vielleicht bald auslamentirt haben.“ „Herr, dein Wille geſchehe, ſagt Rachel. Iſt from⸗ mer Leute Kind, Rachel, die ihre Bibel liest. Und holte ſie dieſe auch hervor, ſagt aber Aſa: Iſt jetzt nicht Zeit zum Beten, ſo gerne ich dieß ſonſt thue, ſondern zum Handeln— laſſe das, Rachel.“ „Und legte Rachel wieder die Bibel weg, und wir ſchauten nun, ob Alles in Ordnung, und legten unſere Rifles an, und ſtarrten auf unſere armen brennenden Blockhäuſer.“ „Und wie wir ſo ſchauten und ſtarrten, kommt es auf einmal ganz ſchwarz und blau da herein zwiſchen den beiden Waldesrändern.“ „Dabei deutete der Alte auf die Perſpektive, die ſich in den Strahlen des Mondes wie eine Bucht zwiſchen zwei Vorgebirgen in die weite Prairieſee hinaus öffnete. ¹ „Und kamen die Spanier, fuhr der Alte fort, wohl an die hundert heran geſprungen.“ „War Mittagszeit— wir zählten ſie, konnten aber 2* — 92 6— anfangs nicht recht ins Reine kommen, denn ſte ſchwärmten ab und zu, wie wilde Tauben, und ſchier in keiner beſſeren Ordnung, mußten gar zu wenig von uns denken, ſonſt hätten ſie ſich klüger benom⸗ men; aber als ſie auf ein fünfhundert Schritte heran gekommen, ordneten ſie ſich einigermaßen in Reihe und Glied, und wir zählten zwei und achtzig Mann mit Musketen und Carabinern und drei ohne— die entblößte Degen in der Hand hatten, und zu Pferde ſaßen, von denen ſie aber jetzt abſtiegen.“ „Und waren noch ein ſieben Andere zu Pferde, die gleichfalls abſtiegen, und ihre Gäule anbanden, er⸗ kannten unter ihnen drei der verrätheriſchen Creolen, die uns in die Klemme gebracht, und den Einen, den ſte Groupier nannten.“ „Die ſechs Andern waren ſogenannte Acadier oder Canadier, mit deren Landsleuten wir bereits am obern Miſſiſippi Bekanntſchaft gemacht. Sind tüchtige Jä⸗ ger, dieſe Acadier, aber verwilderte, Hdelihe⸗ ver⸗ ſoffene Barbaren.“ „Und waren es, habe die Notion, dieſe Acadier, die den ſpaniſchen Musketieren den Weg zu unſerem Blockhauſe zuerſt gezeigt, denn die Spanier ſtellten —= 93 6— ſich ſo dämiſch an, daß ſie, habe die Notion, wohl ein paar Stunden wie weiße Nachteulen bei hellem, lichten Tage herumgepußt hätten, ehe ſie ausgefun⸗ den, wo wir hingerathen.“ „Und kamen endlich die Acadier, wie geſagt, zuerſt, und erhoben ein lautes Geſchrei, als ſie das Block⸗ haus und die Stockade ſahen, und ſtutzten, wie ſie merkten, daß wir zu ihrem Empfange gerüſtet, und traten zu dem Hauptcorps.“ „Und rapportirten zweifelsohne den Offtzieren, die ſte zwar anhörten, aber die Köpfe ſchüttelten, und ſetzte ſich dann der ganze Trupp in Bewegung.“ „Jetzt gilt es, raunte uns Aſa zu, als ſie blau und weiß und braun und in allen Farben, Einer aber ſchmutziger als der Andere, heran kamen.“ „Und marſchirten ſie jetzt in beſſerer Ordnung, der Kapitän in der Fronte, an den Flanken die Acadier, die ſich aber näher an die Cottonbäume hielten, und bald ganz hinter dieſen verſchwanden.“ „Als Aſa dieß ſah, raunte er mir zu: dieſe wären eigentlich die gefährlichſten, von wegen ihrer ſchuß⸗ fertigen Hand und ihres ſcharfen Auges,— auf dieſe müßten wir es vorzüglich anlegen. Die Uebrigen — 94— verſtänden nichts vom Buſchkriege, ſagte er, mit denen würden wir wohl fertig werden.“ „Und marſchirten die Spanier, und kamen näher, waren nur noch ein hundert Schritte vom Blockhauſe, und gerade zum Schuſſe; frägt Righteous: ſollen wir knallen laſſen gegen die Mordbrenner— 24 „Gott behüte! ſagt Aſa, uns geziemt das nicht; wollen uns wie Männer vertheidigen, aber warten, bis ſie uns angreifen, kommt dann ihr Blut über ſie; und fallen wir, ſo fallen wir im Kampfe für unſer Leben und unſerer Weiber Leben— wollen aber auf Rechtsgrunde ſtehen bleiben.“ „Und als nun die Spanier bis auf hundert Schritte vom Blockhauſe herangekommen, und deutlich ſahen, daß ſie erſt die Palliſaden nehmen müßten, um zu uns zu gelangen, hielten und beſprachen ſich die Offiziere. „Und rief Aſa ihnen ein Halt zu.“ „Und rief der Kapitän wieder ein Messieurs les Americains entgegen.“ „Was gibt es? fragte Aſa durch die Palliſaden⸗ ritze.“ „Und ſteckte der Kapitän ein ſchmutziges Sacktuch —= 95— auf die Spitze ſeines Degens, und ſprach lachend zu ſeinen Offizieren, und trat dann ein zwanzig Schritte vor— hinter ihm drein ſeine Leute.“ „Und rief abermals Aſa aus der Stockade Halt heraus. Das iſt nicht Kriegsgebrauch, rief er; der Parlamentär mag kommen, aber ſo ſeine Mannſchaft folgt, geben wir Feuer.“ „Müßt wiſſen, die Spanier, die doch ſonſt wohl hinter den Wällen und Bäumen zu fechten wiſſen, ſtanden alle in einem Klumpen. Mußten verdammt wenig von unſern Rifles halten, oder ſchier die No⸗ tion haben, daß wir es gar nicht wagen würden, uns um unſere Haut zu wehren, ſonſt wären ſte klü⸗ ger geweſen, und hätten es wie die Acadier gemacht, die ſich hinter den dicken Cottonbaͤumen hielten; rie⸗ fen auch dieſe dem Kapitän zu, er ſolle ſich in den Wald ziehen, aber er ſchüttelte verächtlich den Kopf. „Wie er aber Aſa nochmals Halt rufen hört, und ſchreien, daß er Feuer gebe, wurde ihm doch ein wenig Angſt, ſahen es, und mochte wohl die Notion haben, daß unſere Kugeln ihn nicht fehlen würden.“ „Und ſchrie er Halt, und ſchießt nicht, bis Ich Cuch eröffnet habe.“ — 96— „Dann macht es kurz, ſchrie Aſa zurück. Wenn Ihr Etwas zu eröffnen hattet, dann ſolltet Ihr es, wenn Ihr Kriegsgebrauch verſteht, vor Eröffnung der Feindſeligkeiten gethan, nicht aber wie Mord⸗ brenner unſere Häuſer niedergebrannt haben „Und knallten, während Aſa ſo ſprach, drei Schüſſe hinter einander aus dem Walde herüber.“ „Waren, die Creolen, die zwar Aſa nicht ſehen konnten, aber habe die Notion, durch die Ritzen der Palliſaden einen ſeiner Knöpfe oder ſeine Rifle blin⸗ ken ſahen, und in dieſer Richtung und der Stimme nach anlegten und krachen ließen.“ „Und ſprangen die beiden Verräther eben ſo ſchnell wieder hinter den Baum, und lugten vor, um zu hören, ob nicht ein Wimmern ausbräche. Sah ſie aber Righteous und ich, ihre verrätheriſchen Köpfe vorſtrecken, und ließen wir zuſammen krachen, und im nächſten Augenblicke taumelten ſie nieder, um nicht mehr aufzuſtehen. Waren zwei der Creolen, mit denen wir den Pferdehandel hatten, einer davon der Verräther, der ſich Groupier genannt.“ „Und wie die ſpaniſchen Musketiere die Schüſſe hören, denn ſehen konnten ſie nichts wegen der vor⸗ — —= 97 6— ſpringenden Waldesecke, lief der Offizier über Hals und Kopf zurück, und ſchrie: vorwärts zum Angriffe! Und die Spanier ſprangen und liefen wie närriſch ein dreißig Schritte vorwärts, und als glaubten ſie, wir ſeyen wilde Gänſe, die ſich vom bloßen Büchſenknall vertreiben laſſen, ſchoſſen ſie ihre Musketen auf das Blockhaus los. u „Jetzt iſt die Zeit, ſprach Aſa— ſie wollen es nicht beſſer. Habt ihr wieder geladen, Nathan und Righ⸗ teous? Ich nehme den Kapitän, Du Nathan den Lieutenant, Righteous den dritten Offizier, James den Sergeanten. Verſteht Ihr, daß nicht zwei Einen nehmen, dürfen unſere Kugeln nicht umſonſt ver⸗ ſchießen.“ „Und waren die Spanier noch ſechzig Schritte ent⸗ fernt, aber waren wir auf hundert und ſechzig unſeres Schuſſes gewiß, und wenn ſie Eichhörnchen geweſen wären, und ließen krachen, und jeder Schuß nahm ſeinen Mann.— Und der Kapitän und Lieutenant, und der dritte Offtzier und die beiden Sergeanten, und noch Einer lagen da und krümmten ſich, bald hatten ſte ausgekrümmt.⸗ „Und entſtand ein totaler Wirrwarr unter den —= 98 6— achtzig Musketieren, oder wie viele ihrer waren, die Einen liefen hin, die Andern her; die Meiſten liefen dem Walde zu, aber ein Dutzend oder auch mehr blieben und hoben den Kapitän und ihre Offtziere auf, um zu ſehen, ob noch Leben in ihnen wäre.⸗ „Wir aber nicht träge, und ohne erſt auf Aſa zu hören, der uns zuraunte, friſch zu laden, hatten ſchnell die Kugeln in unſern Büchſen, und ließen aber⸗ mals krachen, und ſielen abermals ſechs.— Jetzt ließen, die noch Stand gehalten, Alles liegen, wie es fiel und lag, und liefen, als ob ihnen die Schuh⸗ ſohlen brennten.“ „Wir aber putzen ſo ſchnell, als es ging, unſere Rifles, wohl wiſſend, daß wir es ſpäter nicht mehr würden thun können, und daß ein einziger verſagen⸗ der Schuß uns Alle verderben könne. Und nachdem wir unſere Rifles geputzt, laden wir, und calculiren, was wohl die Musketire zuerſt anfangen werden.“ „Waren zwar die Offtziere gefallen, aber von den Acadiern waren noch fünf am Leben, und dieſe gerade am meiſten zu fürchten. Die Turkey⸗Buzzards hatten ſich bereits geſammelt, und kamen ihrer immer meh⸗ —= 99— rere und mehrere. Zu Hunderten kamen ſie angeflo⸗ gen, uns umkreiſend und die Gefallenen.“ „Und wie wir ſo auf der Lauer ſtehen, auf allen Ecken hinaus in den Wald lugend, winkt mir Righ⸗ teous, der ein prächtiges Auge hat, und deutet da hinunter auf die Waldesecke, wo ſich das Unterholz anſchließt.“ „Und ich winke Aſa, der gerade geladen, und wir ſchauen, und wie wir ſchauen, ſehen wir, daß es kriechendes Gethier iſt, das ſich im Unterholze herum⸗ windet, um auf die öſtliche Waldesſeite zu gelangen. Und ſahen wir deutlich, daß zwei Acadier voran waren, und ein zwanzig Musketiere hinterdrein oder mehr. u „Nimm Du, Nathan, ſagt Aſa, und Du, Righ⸗ teous, die Acadier, wir nehmen die Spanier, wie ſie herankriechen, der Reihe nach.“ „Und nahmen wir ſie ſo, und ließen krachen, und die zwei Acadier mit vier Spaniern krümmten ſich und blieben liegen, aber einer der Acadier, den wir überſehen hatten, und der hinter einem Spanier kroch, der ſprang auf und ſchrie: mir nach, friſch mir nach, haben abgeſchoſſen, ehe ſie geladen, ſind —=0 100— wir im Walde. Wollen es doch noch haben, das Blockhaus. „Und ſprang der Acadier auf, und die Spanier hinterdrein, und ehe wir geladen hatten, waren ſte im Walde drüben. Wir knirſchten vor Wuth, daß uns der Acadier entgangen.“ „Merkten bald, daß noch drei Acadier oder Creolen, was ſie waren, übrig geblieben, denn übernahmen nun den Befehl über die Spanier, die einſehen ge⸗ lernt hatten, daß ihre Offiziere nichts vom Buſch⸗ kriege verſtanden, und war unſere Lage nicht um Vieles beſſer, als gleich anfangs, wie ſie noch Alle beiſammen waren; kamen ihrer noch immer zehn auf Einen von uns. Aber war uns der Muth nicht ge⸗ ſunken, ganz und gar nicht; hatten nur jetzt ſchwe⸗ reres Spiel, weil wir unſere Aufmerkſamkeit und Kräfte theilen mußten, und der Feind gewitzigt war.“ „Und hatten wir bald darauf alle Hände voll zu thun, und war es hohe Zeit, die Augen offen zu be⸗ halten, denn wo ſich nur Einer von uns an einer Ritze zeigte,— die Kugeln hatten Späne aus den Palliſaden geriſſen und Löcher gemacht,— da knack⸗ . 4 r. —= 101 6— ten ein und auch mehrere Schüſſe luſtig darauf los, hielten ſich aber jetzt hinter den Bäumen.“ „Hatten zwar einige Male Gelegenheit, unſere Büchſen knallen zu laſſen, und ein vier oder fünf Musketiere mußten nieder, aber wurde uns die Zeit ſchier lang.“ „Und hatten die Spanier ſich, merkt Ihr, auf bei⸗ den Seiten des Waldesrandes getheilt, und ſchoſſen herüber, und achteten wir nicht viel darauf;— gaben uns aber auf einmal ein lautes Hurrah.“ „Hatten verdammtes Werg zu ihren Ladungen ge⸗ nommen, und einer ihrer Schüſſe gezündet.— Merk⸗ ten es nicht ſogleich, aber begann zu kniſtern und zu praſſeln im Dache, in den Schwarzkiefer⸗Clapboards.“ „Und wie die Spanier das ſehen, geben ſie ein dreimaliges Hurrah, und dann hielten ſie ſich aber⸗ mals ſtill.“ „Und wir ſchauen hinauf auf das Dach, konnten bereits das Flämmchen ſehen, das leckend im Dach⸗ ſtuhl weiter fraß, und die Spanier hörten wir wie⸗ der mehr und mehr jubeln, und ſagt Aſa:“ „Dem Dinge muß ein Ende gemacht werden, ſonſt braten wir hier wie Hirſchkeulen zuſammen; muß — o 102 6— einer hinauf in den Kamin mit einem Kübel Waſſer — will ſelbſt hinauf.“ „Nein, ich will hinauf, Aſa! ſagt Righteous. „Bleibe Du hier, Einer gilt wie der Andere. Will hinauf und das Feuer löſchen, ſagt Aſa.“ „Iſt jetzt, wie Ihr ſeht, das Blockhaus leer, ſprach der Alte, war aber damals voll von uns und unſerer Rumpelkammer und Notions, und nahm Aſa einen Tiſch, und ſtellte darauf einen Stuhl, und Rachel reicht ihm den Kübel mit Waſſer, und er zieht ſich an den Haken, die wir in den Kamin eingeſchlagen, und darauf unſere Hirſchſchinken gehängt, hinauf, und zieht dann den Kübel nach.“ „Und wurden Euch die Spanier immer toller, und ihr Geſchrei immer ärger, war hohe Zeit, dem Feuer Einhalt zu thun.“ „Und hatte Aſa nun den Kübel hinaufgezogen, und ſchüttet den Kübel Waſſer aus, und Righteous ſagt: mehr links, Aſa, mehr links frißt die Flamme am ſtärkſten.“ „Das iſt ein verdammtes Links, kann es nicht ſehen, ſagt Aſa; reicht mir aber noch einen Kübel mit Waſſer.“ —,— —,— — — —“= 103 6— „Und wir reichen ihm den zweiten Kübel mit Waſ⸗ ſer, und Aſa ſtreckt den Kopf hinaus aus dem Ka⸗ mine, nur um zu ſchauen, wo das Feuer eigentlich lecke, und dann ſchüttet er das Waſſer drüber hin, aber in dem Augenblicke knallen wohl ein Dutzend Schüſſe, hatten ihn geſehen die Spanier.“ „Halt! ruft Aſa mit ganz veränderter Stimme, halt, ich habe es. Laßt ſie ſchreien und ſpringen, die Teufel.“ „» Und in demſelben Augenblicke kommen Schinken und Hirſchziemer herab aus dem Kamine, und ein Gepolter, und gleich darauf Aſa— ganz blutig.“ „Um Gotteswillen Mann, Du biſt erſchoſſen.“ „Stille, Weib! Stille, ſage ich Dir, ſagt Aſa. Hab' genug für alle Tage meines Lebens, die kurz genug ſeyn werden, aber wehrt Euch, Jungens, und ſchießt ja nicht zwei auf Einen, verſchwendet keine Kugel, werdet ſie brauchen. Verſprecht mir das!“ „Aſa, mein liebſter, beſter Aſa, Du todt! dann mag ich nicht mehr leben, ich will Dir folgen, ſchreit Rachel.“ „Stille, thörichtes Weib— vergißeſt, daß ein Aſa zurückbleibt, und Du einen zweiten im Leibe 8 —=104— trägſt. Stille, ſage ich Dir, hört die Spanier— wehrt Euch, und ſchützt mein Weib und Kind, und Nathan ſey an Vaters Stelle, verſprich mir das!“ „Hatten aber keinen Augenblick mehr Zeit, dem ſterbenden Aſa zu verſprechen oder die Hand zu drücken, denn die Spanier, die errathen haben mußten, was vorgegangen, waren wie wüthende Kobolde auf un⸗ ſere Stockade losgeſprungen.“ „Wohl ein zwanzig kamen von jener, ein dreißig und drüber von dieſer Seite. „Und ruhig! ſchrei' ich, ruhig! Du, Righteous, her zu mir, und Rachel, jetzt kannſt Du zeigen, daß Du Hiram Strongs Tochter und Aſa's Weib biſt, Du ladeſt Aſa's Rifle, ſo wie ich abgeſchoſſen.“ „Gott, o mein Gott, o mein Aſa, ſchreit Rachel — o mein Aſa, den die Höllenhunde verrätheriſch erſchoſſen.“ „Und hing ſie an ihres Mannes Leichnam, und war nicht wegzubringen, und war ich Euch ſchier böſe darüber, aber die Feinde gaben mir keine Zeit zum Böſeſeyn.“ 3 „Und kam ein Trupp, von einem der beiden übrig gebliebenen Acadier angeführt, mit Flinten und Aexten —=d 105— auf meiner Seite heran und herauf. Ich ſchoß ihn nieder, gerade wie er oben war; aber ein anderer Aca⸗ dier, der ſechste und vorletzte, ſpringt an ſeine Stelle.“ „Rachel, jetzt das Gewehr! Mein Gott, Rachel, die Rifle, um Gotteswillen die Rifle, eine Kugel mag ſo viel werth ſeyn, als das Blockhaus und unſere Leben! ſchrei' ich. War aber keine Rachel da, und der Acadier mit den Musketieren, die aus dem Aus⸗ ſetzen unſeres Feuers erriethen, daß wir entweder nicht geladen, oder unſere Munition verſchoſſen, die ſprangen nun wie hölliſche Feinde lachend heran, und Einer den Andern hebend, kletterten ſie den ſenkrecht aufſteigenden Raſen herauf, ein halbes Dutzend mit ihren Aexten, voran der Acadier, der tüchtig auf die Palliſaden ein⸗, und das Flechtwerk auseinanderhaut.“ „Wären ihrer nur drei geweſen, wie dieſer Acadier, dem Teufel ſeine Gerechtigkeit! ſo war es um uns geſchehen, denn auf der andern Seite waren gleich⸗ falls ein Dutzend mit dem ſtebenten dieſer v—ten Acadier, und von dorther alſo keine Hülfe möglich. Aber die Spanier, entweder fehlte ihnen der ſtarke Arm, oder das Geſchick, ſo hämmerten ſte zwar auch tüchtig darauf los, waren aber wahre Kinderſchläge; Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 8 —“= 106 6— aber der Acadier, gerade wie Righteous geladen, und wieder einen niedergeſchoſſen, reißt er die Palliſade, wie? weiß ich noch zur jetzigen Stunde nicht, mußte auswärts ein Aſt ſtehen geblieben ſeyn, reißt ſie wurz heraus, hebt ſie wie einen Schild vor gegen mich, ſchleudert ſte auf mich, wirſt mich zurück, daß ich taumele, und ſpringt herein.— Jetzt war es um uns geſchehen. Righteous gab zwar dem nachkommen⸗ den Spanier mit ſeiner Rifle eines auf den Kopf, den nächſten ſtach er mit ſeinem Waidmeſſer nieder, aber dieſer Acadier war Mann genug, uns Alle in die Teufelei zu bringen; da fällt ein Schuß, der Aca⸗ dier taumelt, im nächſten Momente ſpringt mein zehnjähriger Bube Godſend mit Aſa's Rifle auf mich zu, hatte ſie aufgerafft, die Rifle, wie er ſah, daß Rachel es nicht that, und ſie geladen, der herzige Bube, und ihn flink niedergeſchoſſen, den Acadier, der glorioſe Bube. Und jetzt beſinne ich mich, greife nach der Art, und dieſe wieder in der Hand, ſtürze ich auf die Spanier los, und ſchmetterte in ſie hin⸗ ein, in der rechten Hand die Art, in der linken das Waidmeſſer. War ein wahres Metzeln, das eine gute Viertelſtunde und darüber dauerte, verging ihnen —= 107— endlich die Luſt, und wäre ihnen früher vergangen, hätten ſie gewußt, daß der Acadier gefallen, und wehrten ſich wohl nur, weil ſie oben waren, und ſie ſich um ihre Haut wehren mußten, und in der Ver⸗ wirrung nicht wußten, wie ſie wieder hinunter ſollten. Sprangen aber endlich Alle über den Rand hinab, und liefen, die nämlich laufen konnten, und hatten wir Ruhe auf dieſer Seite.“ „Und ſpringe ich mit Righteous, um die Palliſade einzuſetzen, und ſage meinem Buben, er ſoll Acht haben auf die Spanier, dann laufe ich auf die andere Seite, wo der Kampf ſchier eben ſo verzweifelt vor ſich ging.“ „Waren da drei unſerer Männer und die Weiber, die mit Spießen und Pockers und Aexten mithalfen, und hatten die Spanier mit ihren Bajonetten durch die Palliſaden gegen unſere Männer geſtoßen, und mehrere verwundet, bluteten wie angeſchoſſene Stiere, aber Rachel war wieder zu ſich gekommen von ihrem Schmerze um Aſa, und riß ſte und die Weiber den Spaniern die Bajonette durch die Palliſaden aus den Händen, und die Musketen dazu, und beide Theile, indem ſie hin und her zerren, zerren ſte die Palliſaden 8* —"e 108— ſo weit auseinander, daß die dünnleibigen Spanier, von ihren Hintermännern gedrängt, herein kommen. Kamen gerade herbei geſprungen, als ein Paar dieſer olivengrünen Dons ſich herein gezwängt hatten, ſtatt ihrer Musketen nun ihre kurzen Säbel in der Hand, kürzeres Werk mit uns zu machen. Sind fertig in dieſen Handgriffen, die Spanier. Sprang Einer auf mich zu, und ohne mein Waldmeſſer war es um mich geſchehen; denn fehlte an Raum, um die Art zu ſchwingen, gab ihm aber zuerſt einen Fauſtſchlag, der ihn ſchier zu Boden warf, und ſtach ihm dann das Waidmeſſer in den Leib, und ſprang vor, und riß Rachel eine der Musketen aus der Hand, und ſie umkehrend— die Kolben der Spanier ſind viel ſchwe⸗ rer, als die unſerer Rifles, war mir auch leid um meine Rifle,— ſchlug ich die Spanier auf die Köpfe, links und rechts, und ſchrie den Weibern zu, ſie ſoll⸗ ten ins Blockhaus, und uns nicht im Wege ſeyn, und die Rifles laden, und alles Andere liegen und ſtehen laſſen, den Acadier müßten wir noch haben, war der letzte;— und Godſend lud meine Rifle, und die Weiber luden die andern, und während wir an der Stockade kämpfen, ſtellen ſich um uns herum die —= 109— braven Weiber, unſere herrlichen Weiber im Block⸗ hauſe auf, und ſchießen in die Spanier drein,— und das wirkte.“— „Fielen ihrer drei oder vier, darunter, zum Glücke, der Acadier. Wie die Spanier das ſehen,— ſind wie die Hunde, dieſe Spanier, die nur anpacken, wenn es ihnen ein Vormann ſo zu thun heißt,— ſpringen ſte mit einem Dios und Carracco und Maleditos Gojos! da hinab, und laufen, als wenn eine Petarde unter ſte gefahren wäre.) „‚Der Alte hielt inne, und holte tief Athem, denn er war während der Schilderung der letzten Scenen ungemein lebendig geworden. Erſt nachdem er wie⸗ der Luft geſchöpft, fuhr er fort:« „Ja dieſe halbe oder ganze Stunde, wie lange ſie gedauert, könnte ich Euch unmöglich ſagen, war mir kurz, und lang, kurz und tödtlich lang zugleich. Iſt bei meiner Seele kein Spaß, wenn man ſich ſo gegen ein ſchier hundert ſpaniſches Gewürm um ſeine Haut zu wehren hat, und um der Seinigen Haut, und ſei⸗ ner lieben Kinder Haut. Waren Euch doch ſo hunds⸗ und todesmüde, daß wir gerade wie übertriebene Ochſen oder Kälber niederfielen, ohne aufs Blut zu — 110— achten, das ſo dick rann, als ob es Blut ſeit dem Morgen geregnet hätte. Lagen ein ſiebzehn Spanier mit den zwei Acadiern innerhalb der Stockade, hatten ſich ausgeblutet, und wir bluteten auch wie ange⸗ ſchoſſene Säue; waren Alle leichter oder ſchwerer ver⸗ wundet; hatte ich mehrere Stiche, Andere Schieß⸗ wunden, die zwar nicht gefährlich, aber doch ziemlich tief waren, fielen, wie geſagt, in alle Ecken und Winkel hin, gerade wie Büffel, die angeſchoſſen, ſich einen Schlupfwinkel ſuchen, um ihr Leben auszu⸗ hauchen. Hätten die Spanier jetzt angegriffen, ſo waren wir ohne Rettung verloren; denn merkt Ihr, während der Schlacht, ſo lange das Blut fließt, ſpürt Ihr nicht leicht die Abnahme Eurer Kräfte, aber ſobald ſite vorüber, werden Eure Glieder ſteif, und ſeyd Ihr dann zu nichts mehr nütze.“ „Waren zu nichts mehr nütze, aber erfuhren jetzt, wozu unſere Weiber nütze waren. Hatten unſere Schuldigkeit gethan, jetzt thaten ſie unſere Weiber. Kamen mit Fetzen und Bandagen, und Rachel, die etwas von der Medizin verſteht, die kam mit ihren Zangen und Scheeren, und zog Righteous und Bill und James die Kugeln aus dem Fleiſche, dann ver⸗ 4 —= 111— band ſie ihre und meine Wunden. Die übrigen Wei⸗ ber machten Feuer, und kochten zuerſt eine Suppe, denn zu etwas Anderem hatten wir keinen Appetit, und ſchleppten uns ins Blockhaus, um nur aus der geronnenen Blutlache zu kommen, und legten ſte uns da ſanft auf Tillandſea⸗Matratzen. Und während wir auf unſerm Schmerzenslager wimmern, ſagt Godſend, mein Bube: Vater! ſagt er, Vater, ſoll ich die Rifles nicht laden?“ „Ja wohl, ſage ich, Godſend, lieber Bube, lade ſie, ich kann nicht, bin ſo ſchwach, daß ich den Kopf nicht heben kann. Hatte auch einen Stich im Nacken. u „Und die ſpaniſchen Musketen? ſagte Godſend.“ „Auch die, ſage ich, lade ſie alle, obwohl ihre Läufe zu groß ſind für unſere Kugeln, führen zwei⸗ löthige Kugeln, und wir acht und zwanzig auf ein Pfund— aber lade ſte, Godſend. Aber Godſend, ſag' ich, Godſend! hab' die Notion, daß wenn die Spanier ihre Rifles zurück gelaſſen, ihre Patron⸗ taſchen, wie ſie ſie nennen, auch nicht weit ſeyn wer⸗ den— verſtehſt Du, Godſend? „Und Godſend, mein herziger Bube, lud unſere * Rifles, und die ſpaniſchen Musketen mit ſpaniſchen —= 112 6— Patronen, und ſtellte ſie in der Reihe auf, ſechs Rifles und wohl zweimal ſo viele Musketen— und jetzt dachte ich, könnten wir wohl ruhig ſchlafen“ „Und ſagten die Weiber, wir ſollten nur ruhig ſchlafen, und ſte wollten wachen, und ſchauen, ob die Spanier noch einen Angriff vorhätten. Und wachten ſie abwechſelnd, war aber und blieb Alles ſtill, bis auf die Geier, und weißköpfigen Adler, und Turkey⸗ Buzzards, die einen heilloſen Lärmen ſchlugen.“ „Sonſt aber blieb Alles ſtill, die ganze Nacht hin⸗ durch, und war Godſend ſchier die ganze Nacht mit den Weibern auf, die uns Suppe gaben, und unſere Wunden verbanden, wenn ſie ſich durchs Hin⸗ und Herwerfen auf dem Lager öffneten, und ward es ſo ſtill, bis den folgenden Morgen.“ „Und wie der Tag anbrach, ſagt Jonas, der am wenigſten davon getragen: Will doch hinaus, und Godſend ſoll mit mir, um zu ſehen, ob ſich noch etwas von den Spaniern zeigt.“ „Und ging er mit Godſend hinaus;— fand draußen über die zwanzig Todte und einige tödtlich und leicht Verwundete, die ihn um Gotteswillen um einen Trunk Waſſer baten.“ „ —= 113 0— „Und ſagt ihnen Jonas, ſte ſollten Alles haben, müßten ihm aber ſagen, ob die Spanier noch da wären, oder ob ſie abgezogen.“ „Sind abgezogen, ſind fort, die Böſewichte, und haben uns zurückgelaſſen, die Böſewichte, fort ſtnd ſie, fort, ſagen ſie.“ „Traute aber Jonas doch dem Landfrieden nicht ganz, und rief eines der Weiber, und ſagt, ſte möchte etwas Suppe bringen und Waſſer, um den Armen einen Labetrunk zu geben.“ „Sagt Rachel: laßt ſie verſchmachten, die Hunde, die meinen Mann ſo verrätheriſch umgebracht. Sag ich aber Rachel!— nein Rachel! das iſt nicht chriſt⸗ lich, und nicht wie Deines Vaters Tochter geſprochen. Lägeſt Du ſo, wie wir, blutig da, würdeſt anders reden.“ „Und ſagt ſie, Du haſt Recht, Nathan. Gott verzeih mir meine Sünden, und geh' Jonas, und nimm ſo viel Du tragen kannſt, und ſchau', wie viele ihrer ſind. u „Und nahm Jonas einen Kübel mit Waſſer, einen mit Suppe und Löffeln und Becher, und ging, und ſchüttete den armen Tröpfen, die gegen uns gefochten, —- 114— warum wußten ſie ſelbſt nicht, den Labetrunk ein, und ſagten ihnen, ſobald wir im Stande wären, wollten wir ſie ins Blockhaus nehmen, und verbun⸗ den ſollten ſie gleichfalls werden.“ „War aber dieß keine ſo leichte Sache; denn wie Ihr ſeht, iſt der Mound gute dreißig Fuß hoch, und verwundete Leute eine ſolche Höhe, die beinahe ſenk⸗ recht iſt, herauf zu ziehen, war, da wir Männer uns ſelbſt vor Schmerzen kaum regen und bewegen konn⸗ ten, für die Weiber ſchier zu hart. War auch das Blockhaus ſo voll von Rumpelwerk, und die Stockade ſo voll von Todten, daß Rachel, meine Schweſter, hinab mußte, um ihre Wunden zu verbinden.“ „Was ſollen wir aber mit den Todten anfangen? die Turkey⸗Buzzards und Gethier aller Art kommen zu Tauſenden, ſagt Rachel, als ſie wieder zurück war.“ „Und konnten wir den gräulichen Lärmen hören, war es doch eine harte Sache, Chriſten ſo von ab⸗ ſcheulichem Gewürm verzehrt zu ſehen, ſtatt ſte in ein Grab, wie ſichs gehört und gebührt, gelegt zu wiſſen. Sag ich, Rachel, ſag' ich, den Todten können wir zum Leben nicht mehr helfen, aber zu einem ehrlichen Grab, zu dem können wir ihnen verhelfen. Wohl, —= 115 6— ſo geht Ihr Weiber, und Ihr verſteht mit Schaufeln und Grabſcheiten umzugehen, und öffnet ein Grab, und Jonas wird die Todten hinein werfen.“ „Und ſie gingen, war hohe Zeit, denn die Geier und Turkey⸗Buzzards und alles Gethier hatte ſich zu Tauſenden herbei gethan.“ „Und öffneten ein großes Grab drüben, und Jo⸗ nas ſchleppte die Leithname zuſammen. Was er an Geld und Uhren und derlei Dingen bei ihnen fand, nahm er. Die Offtziere hatten zuſammen etwa ein fünfzig Dublonen, die Uebrigen etwa ein hundert Dollars, ließ ihnen aber ihre Kleidung, nur ihre Waffen und ihr Geld, das war verfallene Kriegs⸗ beute, die nahm er. Und ſammelte er auch an die fünfzig Muskeien.“ „Und warf er ein und dreißig Leichen hier in das Grab, über dem ſich der Hügel, den eben jetzt die Mondesſcheibe beleuchtet, erhebt, und vier, die in der Nacht darauf ſtarben, ſind auf der andern Seite be⸗ graben. Und waren wenig Verwundete, denn unſere Rifle verwundet nicht gern, macht lieber gleich todt.“ „Und nahm dieſes Grabmachen unſern Weibern ſchier den ganzen Tag weg, und Abends machten ſie 8 —= 116— Anſtalt, die ſieben leichter Verwundeten ins Block⸗ haus zu bringen. Und hoben ſie theils herauf, theils zogen ſie ſte auf Stricken zu den Palliſaden und zwi⸗ ſchen die Stockade herein, aus der die Todten wegge⸗ ſchafft worden waren.“ „Und war uns nach dieſem chriſtlichen Werke un⸗ gemein wohl— und ſchliefen wir dieſe Nacht viel ruhiger.“* „Und hatten unſere trefflichen Weiber den folgen⸗ den Tag alle Hände voll zu thun, um zwölf Ver⸗ wundete zu pflegen, und zu kochen, und unſere Schmer⸗ zen zu lindern, die, kann ich Euch ſagen, hölliſch waren.— Und waren unter den nicht gefährlich Ver⸗ wundeten zwei Acadier, die mit Schußwunden im Schulterblatte davon gekommen.“ „Und ſchienen uns dieſe Acadier fromme chriſtliche Geſellen, wimmerten jämmerlich und jammerten, daß ſte gezwungener Weiſe gegen uns mit mußten, und wollten alle Tage ihres Lebens des Guten nicht ver⸗ geſſen, das wir ihnen widerfahren laſſen, und be⸗ dauerten, ſagten ſte, daß ſte gegen uns gezogen.“ „Und ſagten wir, wir bedauerten es auch, da wir aber die Bekanntſchaft gemacht, ſo hofften wir, wir —=0 117 6— würden künftig gute Freunde bleiben, denn, ſagt unſer Sprichwort: Freundſchaft, auf dem Schlacht⸗ felde geſchloſſen, währt bis in den Tod.“ „Und war uns am dritten Tage ein wenig beſſer. Und konnte ich mich bereits von meinem Tillandſea⸗ Lager erheben, obwohl mit vielen Schmerzen. Und rief ich Rachel und die Weiber, und ſage zu ihnen:“ „Unſere Lage iſt nicht die am weichſten gebettete, — hab' ich die Notion,— unſere Häuſer niederge⸗ brannt, wir niedergeworfen, daß wir ſchier nicht auf⸗ ſtehen können, Alles um uns herum Blut und Leich⸗ name, calculire, wir müſſen Rath halten, was uun zu thun iſt.“ „Calculire, das iſt eine ſchwere Sache, ſagen Jo⸗ nas und Righteous.“ „Haben aber gethan, was wir thun mußten, ſagt James. Kein Hinterwäldler hätte in unſerer Lage braver gethan.“ „Richtig, ſag' ich, habt ganz Recht, haben gethan, was wir thun konnten und mußten, aber jetzt iſt nicht die Frage, was wir gethan, ſondern was zu thun. „Was zu thun? ſagt Rachel, die immer viel vom Geiſte ihres Vaters gehabt und noch hat. Was zu — 118— thun? ſagt ſte; der Herr hat es geſandt, was uns zugeſtoßen, müſſen abwarten, was er weiter zu ſen⸗ den Willens iſt. Und müßt Ihr Euch ruhig verhal⸗ ten, und wenn Ihr hergeſtellt ſeyd, dann iſt Zeit genug, Rath zu pflegen.“ „Und was mit Aſa? ſage ich.“ „Lag aber Aſa in dem Waſchkübel Rachels mit weißer Leinwand ängethan, und lag in der Ecke, wo er begraben iſt.“ „Aſa! ſagt Rachel, mein geliebter Aſa, und brach das Weib abermal in Thränen und Schluchzen aus. Und Aſa, ſagt ſie, ſoll da ruhen, wo er gefallen iſt. Seine Lagerſtätte ſoll ſeyn in dem Blockhauſe, das er ſelbſt gebaut, dem blutigen Blockhauſe.“ „Rachel, Du wirſt doch nicht hier ſein Grab gra⸗ ben wollen? ſag' ich.“ „Nicht jetzt, Nathan, ſagt ſie; für jetzt will ich unterdeſſen draußen ein Grab graben, aber wenn wir aus dieſem Blockhauſe heraus ſind, dann ſoll er hier ſeine Ruheſtätte haben, wie ſichs gehört und gebührt.“ „Alſo willſt Du aus dieſem Blockhauſe, Rachel? ſag' ich. ¹ —=0 119 6— „Können doch nicht drei Familien zuſammen im Blockhauſe wohnen, wirſt doch das nicht wollen? ſagt ſte. „Und wohin ſollen wir, Rachel? ſag' ich. u „Wohin? ſagt Rachel erſtaunt; wohin anders, als dahin, wo wir hergekommen.“ „Und deutete ſie auf den Prairiekamm, auf dem unſere abgebrannten Häuſer ſtanden.“ „Dorthin ziehen! ſage ich. Rachel vergißt, daß wir bereits ein Mal von dort vertrieben worden, und daß die Spanier jetzt zehnmal mehr Urſache haben, und den Weg leichter finden werden, als das erſte Mal, auch nicht mehr bloß fünf und achtzig kommen werden.“ „Und ſage Dir, Nathan, der Du ein Sohn Deines Vaters biſt, ſage Dir, ſagt ſie, daß ich dieſen Ort und dieſes Land, das meines Mannes Blut getränkt, nimmermehr meiden will, nicht, wenn zehntauſend Spanier kämen, und willſt Du gehen, ſo gehe, ich will bleiben; Aſa hat das Land mit ſeinem Blute er⸗ rungen, und Rachel will es behaupten.“ „Das ſind eitle Reden, Rachel, ſage ich; Du —= 120— weißt wohl, daß wir Dich nicht allein hier laſſen werden, aber wenn nun die Spanier kommen?“ „Das ſind noch eitlere Reden, ſagt Rachel, wir ſind in Gottes Hand, und haben das Unglück nicht verſchuldet; was gekommen iſt, müſſen wir ertragen, und kommen die Spanier wieder, ſo helfe uns Gott, und er wird helfen, ſo wie er den drei Männern im feurigen Ofen geholfen. Wären die Staaten einen Steinwurf weit weg, oder über dem Redriver drüben, ſagt ſte, möchten wir einſtweilen dahin, bis Eure Wunden geheilt ſind, aber da dieß nicht der Fall iſt, ſo müſſen wir Gottes Schickung abwarten, abwarten, bis Ihr wieder hergeſtellt ſeyd, aber das Land ver⸗ laſſe ich nun und nimmermehr.“ „Und kannten wir Rachels hohen Geiſt vollkom⸗ men, um zu wiſſen, daß, was ſie ſagte, ſie auch halten würde, war aber jetzt nichts weiter zu thun, als in Geduld unſere Heilung abzuwarten.“ „Und warteten wir unſere Heilung auch ab, und wie unſere Kräfte wiederkehrten, kam auch die Be⸗ ſinnung und der Muth. „Und nach Verlauf von vier Wochen waren wir ſo —= 121 6— ziemlich wieder bei Kräften, obwohl wir weder eine Art ſchwingen, noch eine Rifle halten konnten!“ „Und ſchoben und krochen wir eines Morgens, nach Verlauf dieſer langweiligen vier Wochen, aus unſerem Blockhauſe, das ſchier unſer Aller Grab geworden war, und ſtiegen wir die Leiter herab, und war unſer erſter Gang natürlich zu dem Kamme, wo unſere Häuſer geſtanden, und wohin wir jetzt auch gehen wollen.“ Der Graf hält inne, denn eine leichte Bewegung im Saale verräth, daß mehrere der Zuhörer ſich ent⸗ fernen. Er ſteht ihnen durch die Rauchwolken nach, und fährt fort: IV. Squatter-Leben. „Der Alte war unter dieſen Worten die Leiter hin⸗ abgeſtiegen. Unten angekommen, warf er nochmals einen bedenklichen Blick hinauf auf Stockade und Block⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 9 —=0 122— haus, und dann gingen wir der breiten Avenue, die die Waldesränder bildeten, zu. Unſere Gefährten waren bis auf Einen, der die Stockade ſchloß, bereits voran. Wir waren ſchweigend in tiefes Nachdenken verſunken, auf einer wellenartigen Anhöhe angekom⸗ men, auf deren Kamme wir Gruppen von Bäumen in dem Mondſcheine gewahrten. Eine halbe Meile mochten wir gegangen ſeyn, als aus einer der Baum⸗ gruppen uns Lichtſtrahlen entgegen ſchimmerten, und Hundegebelle von mehreren Seiten her ſich hören ließ. „Wir waren in der Niederlaſſung angekommen und der Alte hielt an:“ „ Auf das Licht deutend, das hinter den Bäumen hervor flickerte— für uns eine wirklich troſtreiche Er⸗ ſcheinung— hob er wieder an:“ „Seht hier das Haus oder Hütte, wie Ihr es nen⸗ nen wollt— das war ſtehen geblieben; die Wände nämlich ſind von Cypreſſenſtämmen, und das Cy⸗ preſſenholzbrennt nicht gern;— bloß das Dachwar ab⸗ gebrannt, und die zwei andern Häuſer bis auf den Grund; die Wände aber waren ſtehen geblieben.“ „Standen ſo auf unſern Krücken geſtützt, war ge⸗ rade vier Wochen nach der blutigen Hochzeit, und be⸗ — —= 123 6— trachteten den Gräuel der Zerſtörung, den die muth⸗ willigen Spanier angerichtet, dabei calculirend, was am nächſten zu thun wäre. Und caleulirten, daß das Dach mit leichter Mühe wieder aufgeſetzt, und ſo die Hälfte von uns Unterkunft finden möchten, denn im Blockhauſe waren wir wie Häringe zuſammen ge⸗ ſchichtet.“ „Sagt aber Rachel, die mitgegangen war, ſagt ſte: hab' ſchier die Notion, das Beſte, was wir thun kön⸗ nen, wäre einſtweilen im Blockhauſe zu bleiben.“ „Sage ich: im Blockhauſe bleiben, in der faulen Luft, und den erſtickenden Dünſten!— Wo denkſt Du hin, Rachel! Sind ja ärger zuſammen gepackt, als auf unſerer Miſſiſippi⸗Arche. „Sagt aber Nachel, ſagt ſie, iſt immer beſſer zu⸗ ſammen gepackt zu ſeyn, als auseinander geriſſen zu werden von den Feinden. Und kommen ſie, und fin⸗ den uns beiſammen und zuſammenhaltend, ſo werden ſte nicht leicht ihr Spiel von vorne anfangen.— Hat ihnen zu viel gekoſtet, das Spiel— habe aber was ganz Anderes ſagen wollen, lange ſchon darüber ruminirt.¹ 9⸗ — 124 6— „Sag' an, Rachel, ſage ich; biſt Deines Vaters Tochter und haſt viel von ſeinem Geiſte.“ „Und Rachel ſagt kein Wort darauf, deutet aber hinauf gegen Nordoſt, wo das liebe Kentuck liegt, deutet hinauf und ſagt: Sag' Euch, habe die Notion, wird mir ganz weh um das Herz, wenn ich ſo denke, wie wir hier ſtehen, und derjenige, der die Seele von Allem war, nicht mit uns iſt. Wird mir ganz weh, und wollte, wir ſähen wieder eines unſerer fröhlichen Kentuckygeſicher, und unſere Landsleute am Saltriver wüßten, was hier mit uns vorgeht, und wie wir das mächtig ſchöne Land mit unſerem Blute und Aſa's Leben erworben;— ſag' Euch, würden nicht lange ſäumen, ihren Gäulen das Gebiß anzulegen.“ „Das denke ich auch, ſagt Righteous. 4 „Habe darüber calculirt und ruminirt, ſagt Rachel. Und habe die Notion, daß wenn Du hinaufſchriebeſt, Nathan, und ihnen das alles fein ſäuberlich ſchriebeſt, und ihnen ſchriebeſt, ſie ſollten kommen, ein Dutzend Familien oder ſo viele als wollen, und Land hätten wir genug, auch Holz genug zum Häuſer aufblocken, —=8 125 6— und Fence machen, ohne daß wir dem County Clerk*) einen Cent für Fees**) zu bezahlen brauchten.“ „Rachel, ſag ich, Rachel, das iſt ein guter Einfall, den Du da haſt, ein ganz transcendenter Einfall. Und will thun, was Du ſagſt, und ſchreiben, und bin der Notion, daß wenn die Unſrigen am Saltriver hören, was wir hier für eine blutige Frolic hatten, obwohl ſie uns theuer genug zu ſtehen gekommen, ſie Alles liegen und ſtehen laſſen, und ihren Gäulen die Sporen in die Flanken ſetzen, ohne erſt viel zu fragen, ob das Land ſchön, oder ein Alligaterſumpf iſt.“ „Gott behüte, ſagt Rachel, das nicht! Nichts von Fechten mehr und blutigen Frolicen, wenn wir anders helfen können. Nichts mehr davon, wenn wir es vermeiden können; darfſt kein Wort davon ſchreiben, was wir für eine blutige Frolie gehabt, ſondern blos, daß wir mächtig ſchönes Land gefunden, denn merkſt Du nicht, ſagt ſte, das ſchöne Land wird reſpectable Leute anziehen, aber die blutige Frolic Gaugers und *) In einigen Staaten auch Protonotary genannt; führt das Protokoll bei den vierteljährigen Gerichtsſitzungen(Quarter- sessions) und die Regiſter über die Urkunden und Beſitztitel. **) Sporteln, Schreibgebühren. —= 126 6— Raufbolde und derlei Volk, und das können wir nicht brauchen. u „Rachel, ſag' ich, Du haſt Recht, und biſt wahrlich Deines Vaters Tochter, die weiter hinaus ſieht, als wir Kentucky⸗Leute in der Regel thun, und will ſchrei⸗ ben, wie Du es haben willſt, und ihnen Alles ſchrei⸗ ben; aber wie ihnen das Geſchreibe zukommen laſſen? Rachel, ſag' ich, das iſt eine andere Frage, ſag ich. Du weißt, am Miſſiſippi ſind keine Poſten, und es ſind gute ſechzehnhundert Meilen hinauf bis zum Saltriver.“ „Auch an das habe ich gedacht, ſagt Rachel; und haben hier die Acadier, und einer von ihnen kommt aus den Canadas, und redet unſere Sprache, und ſcheint ein ſenſibler Mann zu ſeyn, der ſich gern unter uns mit ſeiner Familie niederließe, und hat mir ver⸗ ſprochen, ſchier Einiges zu thun, uns ſeine Dankbar⸗ keit zu beweiſen.“ —„Traue den Franzoſen nicht, Rachel, ſag ich, traue ihnen nicht, ſind Alle höfiſch und falſch, und reden anders und denken anders. Caleulire, das Beſte iſt, ich gehe ſelbſt hinüber nach Natchez, und wenn der Acadier uns ja einen Gefallen thun will, ſo mag er —=0 127— mitgehen, und eine Hand zum Rudern leihen. Haben wieder etwas Bärenfett und ein Paar Dutzend Hirſch⸗ ſchinken, die wir nicht brauchen. Calculire, das Beſte iſt ſchreibe zwei Briefe, und beſtelle ſie durch kentucki⸗ ſche Bootsleute, und kann auch nicht ſchaden, wenn ich drei ſchreibe, im Falle einer oder der andere ver⸗ loren gehen ſollte, obwohl ich es vorzöge, einen Acker der dickſten Immergrün⸗Eichen zu ringeln, als drei Schreibens zu machen.— Aber wenn ich nun gehe, und die Spanier kommen?“ „Habe die Notion, ſagt Rachel, die Spanier kom⸗ men nicht ſo bald. Sagen die Soldaten, daß ſte von der Beſatzung von Natchitoches ſind, und daß nicht mehr als hundert im Fort zurück geblieben, und daß es drei Monate nehmen würde, ehe Soldaten von Neworleans herauf kommen können.“ „Ja aber, ſag'ich, bis unſere Landsleute ankommen, dauert es gute ſechs, und wenn nun die Regierung die Creolen und Acadier gegen uns aufhetzt.“ „Habe die Notion, das wird ſie nicht thun, ſagt Rachel. Habe darüber auch mit dem Manne ge⸗ ſprochen, ſagt ſie,— müßt wiſſen, iſt aber nicht laut zu ſagen, ſagt ſte, die Acadier und Creolen mögen — 128 6— einander ſchier ſo wohl leiden, als bei uns oben die Republikaner und die Tories. Sind einander ſpin⸗ nenfeind, und ſagt der Acadier, wenn wir zu den Seinigen halten, ſo ſollen alle Creolen und Soldaten uns nichts anhaben, und wollen ſich die beiden Aca⸗ dier auch unter uns niederlaſſen, und noch andere mitbringen.“ „Das iſt etwas, ſage ich, das gut und ſchlecht iſt, gut und ſchlecht, Rachel. Wäre mir lieber, wir könn⸗ ten unter uns bleiben, ohne die franzöſtſchen Acadier, die beſſer ihre Hängematte wo anders aufſchlagen. Sind nicht unſere Leute, Rachel, können ſich nicht ſelbſt regieren, und wollte, wie geſagt, ſte gingen ein Haus weiter. Aber ſind in einem freien Lande, oder vielmehr ſind in ihrem Lande, und mögen wir es ihnen nicht wehren.“ „Und wie wir ſo hin und her reden, wird Righ⸗ teous, deſſen Auge Euch ſo ſcharf iſt, wie das eines Adlers, auf einmal aufmerkſam, und ſchaut er ſtarr in der Richtung da hinauf.“ „Nathan bezeichnete die Richtung mit ausgeſtreckter Hand und fuhr dann fort.“ „Und ſchauen wir gleichfalls und ſpähen, und ſehen — — 8 129 6— in den Strahlen der Morgenſonne zwei Geſtalten, aber von einem ſolchen Glanze umgeben! waren doch gleichſam überirdiſch in ihrem Glanze, und erſchienen ſie uns wie Boten des Friedens und Engel des Lich⸗ tes, die beiden Geſtalten. Iſt eine wunderbare Ei⸗ genſchaft, die unſere Prairies haben, unterbrach ſich der Alte: Seht oft ganze Städte, Felſengebirge, Seen, Landhäuſer, oft glaubt Ihr Armeen gegen einander kämpfen, und wieder Cherubims vom Himmel herab ſteigen zu ſehen, und kommt Ihr näher, ſo findet Ihr ſtatt der Städte Gras und Gräſer, und ſtatt der Cherubims Jäger in Hirſch⸗ oder Bärenfellen. Iſt ein Fact.“ „Und wie wir ſo ſchauen, und uns ſchier die Augen ausſchauen, erkennen wir endlich, daß es zwei Männer ſind, und Righteous, der, wie geſagt, ein wahres In⸗ dianerauge hat, ſchreit: ſind Kentuckyer, oder wenig⸗ ſtens aus dem Weſten der Old⸗Dominion. Wollte darauf meine Rifle wetten, kenne ſie an ihrem fröhli⸗ chen Gange und ihrem munteren Weſen. Kommen Cuch und ſchreiten einher, als ob ſte hier zu Hauſe wären.“ „Und waren wir Euch doch ſo geſpannt, fuhr der — 0 130— Alte weicher fort, könnt es gar nicht glauben, wie ge⸗ ſpannt wir waren. Verlangte uns das Herz wieder einmal in eines unſerer fröhlichen Kentucky⸗Geſichter zu ſchauen. Hört! wenn man ſo ein ſechzehnhundert Meilen von den Seinigen iſt, und nichts als oliven⸗ grüne Dons zur Abwechslung ſteht, würde, habe ich die Notion, der Teufel ſelbſt, käme er aus der Hei⸗ math, willkommen ſeyn.“ „Und waren es richtig Männer aus dem Weſten, erkannten ſie an den Hunting Shirts, wie ſie näher kamen. War uns doch ſo ſonderbar zu Muthe— wußten nicht, ob wir lachen oder weinen ſollten vor Freude, unſere Landsleute zu ſchauen. Waren auch wegen unſeres ausgeſtandenen Siechenlagers in einer ſo weichen Gemüthsſtimmung!“ „War aber ſtark im Dezember gegen das neue Jahr zu, und der Morgen, obwohl nicht ſo kalt, wie im alten Virginien oder Kentucky⸗Territory, doch friſch, und wir, durch das lange Liegen in Windeln und ewige Suppe trinken, ſo weich und empfindlich gegen die kühle Morgenluſt geworden, könnt es gar nicht glauben, wie weich, ſo daß wir uns in unſere Hirſch⸗ wämmſer eingethan hatten, und ausſahen, wie große —= 131— in Windeln gewickelte Kinder. Hatten noch Woll⸗ decken über uns geworfen, und Nachel gleichfalls, und ſah meine Schweſter Rachel in ihrer Wolldecke aus, obwohl ſonſt ein ſauberes Weibsbild, ſah aus, ſchier wie eine Indianer⸗Squaw. Und wie die zwei Männer ſo an uns heran kommen, ſtieren ſie uns ſchier ver⸗ wundert an, und dann ſchauen ſie einander an, und ſchütteln ſte die Köpfe, und legen ihre Rifles in den Arm, und ſo kommen ſte an, und heran.“ „Und ſchlug uns das Herz vor Freuden, denn war jetzt nicht bloß das Briefſchreiben überflüſſig, wir hatten auch andere Urſache, froh zu ſeyn. „Und kamen die beiden Männer bis auf fünf und zwanzig Schritte heran, und ruft uns endlich der Vor⸗ dere zuerſt an:“ „Friſcher Morgen das, ruft er,— habe die Notion, ein friſcher Morgen.“ „Und wie er uns ſo anruft, war uns doch, als ob wir gerade auf ihn zuſpringen, und ihm um den Hals fallen müßten, erkannten ihn nämlich ſogleich, und ſahen, daß es nicht blos Kentuckier waren, ſondern auch, was mehr ſagen will, vom Saltriver, und nahe Wlutsverwandts⸗ der Eine ſo wie der Andere.“ —“= 132— „Und ſagen wir: wohl iſt das ein friſcher Morgen, und guten Tag ihr Männer! und wo kommt denn Ihr her, und was bringtdenn Euch einen ſo weiten Wegher?“ „Und ſchreit Rachel, der die Thränen in die Augen kommen: ſo möge ſich Gott meiner erbarmen, und wenn das nicht George iſt, der George, der Bruder meines vielgeliebten Aſa. O George, lieber Schwa⸗ ger, und mußtet Ihr zu einer ſo betrübten Stunde kommen?“ „Und ſchaut George auf, konnte Rachel in ihrer Wolldecke nicht gleich erkennen, erkannte ſie aber jetzt an der Stimme. Was, ſchreit er, was, Ihr meine liebe Schwägerin Rachel? Und möge ich erſchoſſen ſeyn, wenn das nicht die Rachel meines Bruders Aſa, und meine liebe Schwägerin iſt. Gott ſegne Euch, Schwägerin! und grüße Euch vielmals, und was treibt Ihr? und was treibt Aſa? Wird wohl den Bären auf der Fährte ſeyn, der Aſa, oder iſt er zu Hauſe?“ „Mann! ſagt ſte, o Mann, was fragt Ihr da nach Aſa!— O Aſa, mein theurer Aſa! Wohl iſt er zu Hauſe— aber Gott erbarme es, in einem engen Hauſe!“ „Verſtehe Euch nicht, Schwägerin, ſagt George.“ — 133 6— „Und Rachel bricht abermals in Thränen und Schluchzen aus, hatte ihn ſo lieb, den Aſa, war auch ein liebwerther Mann, der Aſa, gut, wie ein Kind, am heiteren Tage, und friedfertig, wie ein Kind, wenn er nicht giftig war, war er Euch aber giftig, dann that er zuweilen wild.“ „O Georgel ſchluchzt ſte— o George! der, den Ihr ſucht, mein geliebter Aſa, wohnt, Gott erbarm's, in einem engen Hauſe.“ „Und verſtand nun George, was das enge Haus für ein Haus war, und ſagt er: des Herrn Wille ge⸗ ſchehe. Hätte aber Vieles darum gegeben, es wäre anders.— Mußten alſo die engliſchen Kugeln und die heſſiſchen Bajonette ihn verſchonen, bei Trenton und Saratoga und bei Cowpens, und eine elende ſpaniſche Muskete ihm den Reſt geben! Haben gehört von Eurer Frolic mit den ſpaniſchen Dons, und iſt das ganze Land voll davon, hätte aber nicht gedacht, daß mein armer Bruder Aſa ſie mit ſeiner Haut würde haben bezahlen müſſen.“ „Und war es George und Dan, der Dan vom alten Splaſh, fuhr der Graf treuherzig fort. Und —= 134 6— waren ſie mit einer Ladung Schinken und Wälſchkorn und Mehl und derlei Notions, auch einem halben Dutzend Gäule und kräftiger Burſche, Alle am Salt⸗ river zu Hauſe, den Ohio herab gekommen— und den Miſſtſtyp, um ihre Notions in Neworleans auf den Markt zu bringen, und ſich bei der Gelegenheit auch das Land anzuſehen, und wenn wir nicht zu weit aus ihrem Wege wären, bei uns anzurufen. Und waren ſie bis Natchez gekommen, wo ſie anhielten, weil einer ihrer Ruderhaken zerbrochen, und ſie den Hufſchmied brauchten. Und während ihnen der Huf⸗ ſchmied den Nagel wieder zuſammenſchweißt, erzählt er ihnen auch von der gewaltigen Frolie, die Ciner, Namens Aſa Nollins, mit den Spaniern irgendwo im Weſten gehabt. Und ſagte George kein Wort dazu, horcht aber weiter herum in den Tavernen, und an den öffentlichen Orten. Und ſprach man ſchier von nichts Anderem, als der blutigen Frolic, und was wir hier für eine Wirthſchaft mit den Spaniern getrieben, und war ganz Natchez voll davon, und in den Niederlaſſungen um Natchez herum ſprach man auch von nichts Anderem, als von unſerer Schlacht, und der Belagerung, die wir ausgehalten, und war — 135— der Lärmen ſo groß im Lande; ſagten, daß der Gou⸗ verneur, wie er es gehört, im bloßen Hemde auf die Gaſſe hinaus geſprungen, weil er der Notion war, wir kämen ſchon den Miſſiſippi hinab, gerade auf Neworleans zu. Und ſagten, er ſpeie Feuer und Flammen, der Gouverneur, und habe geſchworen einen harten Eid, er wolle uns Alle hängen, ſpießen und braten laſſen, wie ſie die Türken und Heiden und Juden in den alten barbariſchen Zeiten hingen und ſpießten, und kein Kind im Mutterleibe verſchonen. Und hatten die Leute in Natchez ihnen auch die fran⸗ zöſtſche Zeitung gegeben, den Monithur von Loui⸗ ſiana,*) wo Alles darinnen ſtand, bis auf das aus *) Moniteur de la Louisiana, das damalige Regierungs⸗ und einzige Blatt in Louiſiana, das aber nie mehr als achtzig Subſecribenten zählte. Die Expedition Nollins iſt übrigens ge⸗ ſchichtlich, und wird ihrer in Flugſchriften ſowohl, als geſchicht⸗ lichen Werken der damaligen Zeit erwähnt, ſo wie noch mehrere der älteren Pflanzer ſich der Umſtände genau erinnern. Alle Be⸗ richte ſtimmen darin überein, daß er mit einigen Amerikanern, ſechs an der Zahl, von Natchez aufbrach, ſich mit den Seinigen ein Blockhaus baute, und in dieſem von den Truppen der Regie⸗ rung belagert wurde, daß die Belagerung eine der mörderiſchſten war, die je in Loniſiana Statt fand, und obwohl er in dieſer fiel, die kühnen Abenteurer doch den Poſten, und ſich ſelbſt im Lande behaupteten. Note des Herausgebers. —:= 136 6— dem Bette⸗Springen des Gouverneurs, das, habe ich die Notion, ein Story*) war. Und riethen ihnen die Leute, bei der grauſamen Aufregung, in welcher die Spanier gegen uns Amerikaner waren, nicht nach Neworleans zu gehen; und obwohl ſich George um die Spanier und ihre Aufregung keinen Fiedelbogen kümmerte, ſo calculirte er doch, daß in ein Wespen⸗ neſt hinein zu kriechen, und hinab nach Neworleans zu gehen, während des Aufruhrs, vermeſſentlich wäre. Und calculirten er und Dan ſo hin und her, was wohl anzufangen ſey mit ihren Notions und Mehl und Wälſchkorn, und ſagte ihnen endlich ein Pflanzer von Natchez, ein ſo reeller Amerikaner, als je in ſeinen Schuhen ſtand, ſagt Ihnen: Wenn Er Sie wäre, ſo ſattelte er ſeinen Gaul, und gäbe ihm die Sporen, und machte einen Abſtecher zu Aſa Nollins — habe gewiß prächtiges Land gefunden, der Aſa Nol⸗ lins, habe ſich gewiß nicht wegen eines Alligaterſumpfes mit den Spaniern herum geſchlagen. Er kenne bei⸗ läufig die Gegend, wo Aſa ſich aufhalten müßte, und gäbe da prächtiges Zucker⸗ und Baumwollenland, und wenn er ihnen rathen dürfe, ſo rathe er ihnen, *) Mährchen. — o 137— von ihren Notions ſo viel zu verkaufen, als ſie an Mann bringen könnten, und mit dem Ueberreſte ſich in den Redriver hineinzuſchaffen, und an Aſa anzu⸗ ſchließen, und wenn das Land ſo ſchön ſey, wie er gar nicht bezweifle, ſo könnten ein halbes Dutzend Hände, wie die ihrigen, es da weit bringen, und wenn ſie gehen wollten, würde er, von wegen des gemeinſamen Beſten, auch gern ein Uebriges thun.“ „Und dachten George und Dan darüber nach, und ihre Hände*), die ſie mit hatten, die calculirten gleichfalls, daß wenn das Land ſo ſchön ſey, und umſonſt zu haben, der Bargain nicht ſchnell genug geſchloſſen werden könnte. Hatten ſich aber zu einer Anſiedelung nicht vorbereitet, und wohl ein Paar Aexte und Rifles mitgenommen, aber alles andere, zu einer Anſtedelung Gehörige, zu Hauſe gelaſſen.“ „Und ſagt George das dem Pflanzer, und ſagt der Pflanzer, wenn ſonſt nichts iſt, als das, da wolle er bald abhelfen,'s habe einen Büchſenſchmied in Natchez, der kapitale Rifles ſchmiedet, ſagt er, und hat ſicher einen Vorrath von ſo kapitalen Riflen, als *) Hands, Taglöhner, Geſellen, Gemiethete. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 10 —= 138 6— je einem Hirſchbock oder Büffel den Garaus machten, und ſollten ſelbſt ſehen, ſagt er.“ „Und gingen George und Dan mit dem Pflanzer zum Büchſenſchmied, und wählten ſich ein halbes Dutzend Riflen aus, zwei hatten ſie, ſo daß jeder Mann ſeine Rifle hatte, und verſah ſie der Pflanzer mit Aexten, Pflügen, Riemengeſchirr, Wolldecken und Allem, nahm ihnen dafür einen Theil ihrer La⸗ dung ab, und waren auch andere Pflanzer zur Hand, die, als ſie hörten, was vorginge, und daß es im Plane ſey, feſten Fuß in Louiſiana zu faſſen, das Ihrige beiſteuerten und ſich der Sache annahmen, und nahm ganz Natchez ſchier lebhaften Antheil daran.“ „Und rüſteten George und Dan und die ſechs Hände das Flachboot gehörig aus, mit Allem, was zu einer Anſiedelung im Buſche vonnöthen, und als ſie mit Allem fertig, fuhren ſie den Miſſtſippi herab, und rechts in den Redriver ein.“ „Hatte ihnen aber der Pflanzer die franzöſtſche Zeitung ins Engliſche überſetzt, und ihnen beiläufig angedeutet, wo herum wir unſer Blockhaus aufge⸗ richtet haben müßten, ihnen auch vom Bayou ober⸗ —= 139— halb der Einmündung des Blackriver in den Redriver geſagt.“ „Und fuhren alſo in den Redriver ein, und kamen, bis wo rechts der Blackriver einmündet, und ſahen links das Bayou weiter oben, und trieben da hinein, und fuhren immer weiter hinein, bis ſie endlich nicht weiter konnten.⸗ „Und kamen endlich in der Bucht an, wo wir ge⸗ halten, und fanden unſere Spuren und unſer Kiel⸗ boot, das wir im Laubwerke verborgen, und obwohl ſte über das Kielboot ſtutzten, wußten, daß wir ein Flachboot hatten, ſo ließen ſie ſich doch nicht irre machen, und folgten unſerer Spur, und kamen end⸗ lich glücklich in unſerer Niederlaſſung an.“ „Und war, fuhr der Alte fort, ob ihrem Erſchei⸗ nen große Freude unter uns, und gingen ſogleich George und Dan mit Jonas, und ſahen ſich das Land von allen Seiten an, und nachdem ſie Alles geſehen und calculirt, kamen ſie zurück ins Blockhaus, wo⸗ hin wir früher zurückgekehrt. Hatten bloß noch God⸗ ſend nachgeſehen, der ſeine Fallen*) für wilde Trut⸗ — *) Die Art, wie die wilden Truthühner in den weſtlichen Staaten gefangen werden, iſt folgende: Man gräbt einen ab⸗ 10* —= 140— hühner aufgeſtellt, und auch ein Zehn gefangen, die wir ihm halfen nach Hauſe bringen.“ „Und ſagt George, wie er die Leiter hinaufſteigt zur Stockade, ſagt er: wohl iſt das ein tüchtiges Blockhaus, das eine Belagerung aushalten kann, und iſt aber das Land ein ſo mächtig transcendentes ſchüſſigen Graben, achtzehn Zoll tief und breit, über deſſen in einen Sack ausgehendes Ende Stöcke oder Sproſſen gelegt wer⸗ den. Darüber legt man parallel zwölf Fuß lange und vier bis ſechs Zoll dicke junge Bäume, über dieſe wieder parallel andere, ſo daß das Ganze ein rechtwinkeliges Viereck bildet. Man fährt mit der Schichtung fort, bis die über einander gelegten Stämm⸗ chen eine Höhe von vier Fuß erreicht, und einen Käfig bilden. Hierauf wird derſelbe mit Reiſig und einigen ſtärkeren Stämmen belegt. Zuletzt werden in den Käfig einige Wälſchkornkörner. geworfen, und ſo weiter hinauf in den Graben in Zwiſchenräu⸗ men, oft eine Meile bis an die Orte, wo ſich die Truthühner aufzuhalten pflegen. So wie eines derſelben das Wälſchkorn entdeckt, ruft es die Uebrigen herbei, und die ganze Familie ver⸗ folgt die Spur, und gelangt ſo in den Graben und den Käfig. Da angelangt, freſſen ſie das Wälſchkorn und ſpringen dann auf die Sproſſen, ängſtlich einen Ausweg ſuchend; da ſie jedoch immer nur hinauf, und nie hinab ſchauen, ſo finden ſie die Oeff⸗ nung nicht, und bleiben eingeſchloſſen, von einer Sproſſe auf die andere ſpringend, bis ſie von dem Fallenſteller in Empfang ge⸗ nommen werden. Siehe auch J. J. Audubom Ornithologie Biograghy of the United States. —= 141 6— Land, als ich im ganzen Weſten nicht geſehen. Iſt ein Fact.“ „Und erklärten wir ihm nun, wie wir gefochten, und wie Aſa gefallen, und wie die Spanier einge⸗ brochen, und wie Godſends Kugel uns von einem großen Unglücke befreit.⸗ „Und drückt er dem Buben die Hand, und ſagt: haſt wie ein braver Kentuckier gethan, wie ein glor⸗ reicher Kentuckier, und ſo habt Ihr Alle, und der alte Boone konnte nicht glorreicher gefochten haben. Und ſeyd nun Herren des Landes, und wenn Ihr wollt und nichts dagegen habt, ſo will ich Euch meine No⸗ tion ſagen.“ „Und ſagen wir, haben nichts entgegen, ſeine No⸗ tion zu hören.“ „Und ſagt er: habe die Notion, habt gefochten, wie glorreiche Kentuckier, und iſt das Land Euer, und wenn Ihr nichts entgegen habt, ſo will ich kom⸗ men mit den Meinigen „Was ſagt Ihr da? ſchreit Rachel ſchier giftig. Wenn wir's erlauben und nichts entgegen haben— was ſind das für Reden, Schwager, von einem Bluts⸗ freunde und dem Bruder Aſa's?4 —= 142 6— „Ganz ernſt gemeinte Reden ſind das, Schwäge⸗ rin, ſagt George; in allem Ernſte gemeint. Iſt das Land Euer, habt es mit Eurem Blute erobert, und ſeyd Ihr daher diejenigen, die man fragen muß, wenn man ſich hier eine Hütte zu bauen die Notion hat. Und ſo Ihr nichts entgegen habt, kommt Euer Schwager George mit Weib und Kindern, und bringt Euch noch ein Dutzend, oder mehr, tüchtiger Burſche mit, denn ſehe es, habt nicht zweimal Ueberfluß an Händen.“ „Das iſt es ja eben, Schwager,— das iſt es ja, warum Nathan hinaufſchreiben ſollte, Euch zu be⸗ richten, wie wir hier auf ſo mächtig ſchönes Land ge⸗ ſtoßen, das von keiner Seele geeignet— juſt für's Nehmen zu haben iſt. Und da es ſich nun ſo präch⸗ tig fein gefügt.“ „So hat es ſich, ſagt George. Und ſage Euch meine Notion, ſagt er: will Euch vier der Burſche hier laſſen, oder auch alle ſechs, glaube ſchier, Ihr ſeht es lieber, wenn ich ſie Euch alle ſechs da laſſe, kennt ſie, ſind vrdentlicher Leute Söhne, des Jims und Waddys und Stickfaſt und Skull's und Davy's —= 143— Söhne, juſt die ächte reelle Kentuckybrut— vom Saltriver und Kentucky.“ „Und mögen Euch unterdeſſen helfen Cure Häuſer aufblocken und einrichten, ſo daß, wenn wir kommen, unſere Weiber Obdach finden, obwohl, wenn ſie es nicht finden, ſie ſich die Haare auch nicht ausreißen werden.“ „Und waren wir natürlich Alle einverſtanden, und blieben George und Dan bis zum nächſten Tage, und beſprachen wir Alles, und mit Anbruch des nächſten Tages kehrten ſie zum Bayou zurück.“ „Und war Jonas mitgegangen, und nahmen George und Dan ſtatt der Arche das Boot, das ſie an der Arche hängen hatten, zu ihrer Rückfahrt, und fuhren den Redriver hinab, den Miſſiſippi ein, auf unſere amerikaniſche Seite hinüber, wo ſie landeten, das Boot den Wellen überließen, und dann zu Fuße nach Natchez hinaufgingen. Riefen beim Pflanzer an, und der verſchaffte ihnen ein Paar Gäule, und gin⸗ gen durch das Choctaw⸗ und Cherokees⸗Territory nach Kentucky zurück, und trafen glücklich am Salt⸗ river ein.“ „Und waren da kaum angekommen, als ſie ihre Bekannten und Freunde zuſammenriefen, und ihnen Bericht abſtatteten, was ſie für mächtig ſchönes Land geſehen, und wie Aſa Nollins und ich ein Blockhaus darauf gebaut, und eine Belagerung ausgehalten, und wie Aſa die Fees mit ſeinem Blute bezahlt.“ „Und unſere Freunde am Saltriver, wie ſie das hören, erheben ſie ſich wie ein Mann, und ſchwören einen harten Eid, Aſa Nollins habe gethan wie ein reeller Kentuckier, und habe das Land erobert und behauptet wie ein wahrer revolutionärer Kämpfer, und ſolle ihm dafür der Dank des ganzen County zu Theil werden.“ „Und verſammelten ſie auch eine public meeting, und votiren Aſa Nollins den öffentlichen Dank, und reſolviren, wie es ſich für Kentuckier nicht gezieme, die Hände in Schooß zu legen, wenn Landsleute und Freunde mit Fremden und Ausländern im Kampfe begriffen ſind um ſo mächtig ſchönes Land, und wie es Kentuckiern gezieme, das eroberte Land behaupten zu helfen, und beizuſtehen, ſowohl mit Männern, als ſonſtigen Dingen.ℳ „ Und bildeten ein Comité, das Alles das leiten und in Ausführung bringen ſollte; und meldeten ſich ſogleich ein Dutzend tüchtiger Burſche und junger —=8 145 G— Männer, die zu unſerem Beiſtande abzugehen ent⸗ ſchloſſen waren. Und ließen ſich die Mehrzahl der Burſche mit ihren Mädchen trauen, und zimmerten eine Arche zuſammen, und in drei Wochen ſchifften ſte ſich mit ihren jungen Weibern und Ferkeln und Kühen und Notions ein.“ „Und kamen mit ihren Weibern und Notions auch glücklich den Miſſiſtppi herunter, und zu uns herüber, und ſahen wir ſie gerade fünf Monate nach dem Auf⸗ bruche George's anrücken.“ „Und ging nun der Jubel im guten Ernſte an, und machten wir uns nun daran, eine reelle Nieder⸗ laſſung zu gründen, und ging es über Ausmeſſen der Ländereien und Fällen der Bäume und Aufblocken her, hörtet ſchier nichts Anderes, als den Knall der Aerte.“ „Und war dieſes bloß der Anfang; die Hauptſache kam erſt, als ein dreißig Familien nachrückten, dreißig ſo reelle Familien, als je aus der alten Dominion ins neue Kentuck ausgezogen,— und mit ihnen Kühe und Kälber, und Gäule, und Alles, und tüchtige Zimmerleute und Schreiner. u „Kamen aber auch die beiden Acadier mit ihren — d 146 6— Familien, um ſich in unſerer Nähe anzuſiedeln; ſag⸗ ten, es geſiel ihnen bei uns beſſer, als unter ihren wilden Nachbarn und trägſtolzen Altadeligen.“ „War uns aber nicht zweimal angenehm, die fran⸗ zöſtſche Sippſchaft unter uns zu haben, beſonders als wir merkten, daß mehrere nachzukommen die Notion hatten, fanden aber Mittel, dem Zuzuge Einhalt zu thun.“ „Wären ſonſt keine unebenen Leute geweſen, im Gegentheile, tüchtige Jäger, die Tag und Nacht auf dem Anſtande lagen, und ihr Wild ſchier um nichts wieder weggaben. Gaben Euch den ſchönſten Bären, die Narren, für eine Gallon Whisky, und wenn ſte die Bärenklauen allein zu Markt gebracht, hätten ſie ſich ein ganzes Faß kaufen können. Hatten aber eine Abomination, die wir abſolut nicht vertragen konn⸗ ten, und die war ihr ewiges Tanzen.“ „Wie, ihr Tanzen? fragten wir.“ „Könnten es, ſagten ſie, unmöglich laſſen, und war gerade immer an Sonntagen, daß ihnen die Fußſohlen ſo juckten; ſo unglaublich Chriſtenleuten ſo etwas klingen mag. War ein wahrer Gräuel, die alten und jungen Narren in ihren Wolldecken, — 147 6— Braguets und Mitaſſen ſo herumhopſen zu ſehen, und calculirten wir lange, wie der Abomination Ein⸗ halt gethan, und unſere Niederlaſſung von dem Schandfleck befreit werden möchte.“ „Und beſchloſſen wir endlich in öffentlicher Ver⸗ ſammlung, und erhoben zum Geſetz, daß zwar das Tanzen nicht verboten ſeyn ſolle, da es Jedermann frei ſteht, ſeine Füße zu gebrauchen, wie ihn am Beſten dünkt, aber ſolle das Aufſpielen zum Tanze bei fünf Dollars Strafe verpönt ſeyn.“ „Und gefiel den franzöſiſchen Geſellen dieſes Geſetz gar nicht, und weigerten ſich, unſere geſetzgebende Gewalt anzuerkennen; ſagten ihnen aber, wenn ſie die Vortheile unſerer Gemeinſchaft genießen wollten, müßten ſie ſich auch die Beſchränkungen, die ſie auf⸗ erlegten, gefallen laſſen. Starrten uns an, ſchier verwundert, und wußten nichts zu ſagen, als daß wir weder Syndicus, noch Gouverneur, noch Com⸗ mandanten wären, und alſo keine Autorität hätten, Geſetze zu geben, da wir nicht von Gott eingeſetzte Obrigkeiten wären; und hielten die Narren ihre Com⸗ mandanten für von Gott eingeſetzte Obrigkeiten.“ „Und hatten wir nichts gegen dieſe ihre Meinung, da ſie keine Amerikaner, ſondern bloß Franzoſen waren, mit denen zu diſputiren wir unter unſerer Würde hiel⸗ ten, war uns aber das Treiben ärgerlich, und ſchloſſen ſte ab, und durften abſolut nicht herüber in unſer Gehäge.“ „Und hielten ſte das ein halbes Jahr aus, und zo⸗ gen die meiſten Familien wieder weg, einige aber b blieben, und darunter die Acadier, und ſahen oft über die Fencen herüber unſerm Thun und Treiben zu, und baten endlich, wir möchten ſie wieder in unſere Gemeinſchaft aufnehmen— und ſie die Wege, bauen angefangen, benutzen laſſen.“ „Und deliberirten wir darüber und gewährten ihre Bitte, gegen das Verſprechen, daß ſte die Abomina⸗ tion des Tanzens aufgeben, und ſich wie vernünftige Menſchen an Sabbathen geberden ſollten. Und gaben ſie ihr Umherſpringen auf, und wurden nach und nach ordentliche Leute und wohlhabend dazu, und ſind jetzt brave tüchtige Bürger, freilich keine Ameri⸗ kaner.“— „Aber was ſagte die ſpaniſche Regierung zu dieſem die wir ausgelegt, und die Sägemühlen, die wir zu — e 149— Cuerem Treiben? fand ich endlich Gelegenheit einzu⸗ ſchalten. „Was ſte ſagte— verſetzte der Alte kopfſchüttelnd — was ſie ſagte, wiſſen wir nicht, führten aber einen allmächtigen Krieg in ihrer Zeitung, und klagten über völkerrechtliche Verletzung ihres Gebietes. Und war uns das ſchier zum Lachen, dieſe Franzoſen und Spanier über Verletzung des Völkerrechtes klagen zu hören, ſte, die um das Völkerrecht in Amerika gerade ſo viel gegeben, als der=l um das neue Teſtament. Ließen uns ihre Klagen wenig anfechten, verſuchten aber, uns das Leben ſauer zu machen, waren ihnen jedoch mittlerweile zu ſtark geworden.“ „Wandten ſich zuletzt an die Central⸗Regierung in Philadelphia*) und klagten bei ihr, war aber dieſes juſt Waſſer auf unſere Mühle.“ „Wie, Waſſer auf Cuere Mühle?“ „Glaubt Ihr denn, der alte John**), ſo toryſtiſch *) Damals war bekanntlich noch Philadelphia der Sitz der Centralregierung. **) John Adams, der Nachfolger Waſhingtons in der Prä⸗ ſidentur von 1797 bis 1801, und durch ſeine toryſtiſchen Grund⸗ ſätze befannt. er auch iſt, hätte es wagen dürfen, Bürger in der Klemme ſtecken zu laſſen, und zwar Bürger, die mehr für das Beſte der Union gethan, als— Wollte es ihm nicht gerathen haben. Aber— 4 „Aber, unterbrach ſich der Alte, über die Stirne fahrend, wie Einer, der ſich beſinnt; laſſen wir das für jetzt, habt einſtweilen genug von der Geſchichte des Blockhauſes gehört und der Niederlaſſung Aſa's, und mögt nun eine Notion haben, wo Ihr ſeyd, und daß wir, ſchlicht wie Ihr uns ſeht, nicht die Leute ſind, uns ins Bockshorn jagen zu laſſen, und das i*ſt einſtweilen genug. Werdet das Weitere ſpäter hören— bis wir mehr Salz mit einander gegeſſen haben.“ „Wir,“ bemerkt der Graf,„hätten Vieles darum gegeben, mehr über die künftigen Pläne und Abſich⸗ ten dieſes ſeltſamen Menſchen zu hören, aber ſein determinirtes Weſen und eine plötzliche Bewegung gegen das Licht zu, hielten unſere Zungen gefeſſelt.« „Er ging mit großen Schritten einer rohen Um⸗ zäunung zu, durch deren Poſtengitter wir zum Hauſe gelangten. Auf ein leiſes Tappen ging die Haus⸗ —= 151 6— thüre auf; der Alte ergriff unſere Hände, und uns im Finſtern eine Treppe hinanführend, brachte er uns in eine Dachkammer, in der ſich ein gewaltiges Ehebett mit Musquittovorhängen, mehrere Seſſel und ein weißgedeckter Tiſch befanden; auf letzterem eine Bouteille mit Gläſern und das Licht, das uns bisher als Lotſe gedient hatte.“ „Der Alte nahm die Bouteille, und die drei Gläſer voll ſchenkend, ſtieß er auf unſere Geſundheit an.“ „Wir verſuchten das Getränk;— es war ſo fei⸗ ner Caſt⸗India⸗Madeira, wie ich ſelbſt in England nur in den erſten Häuſern getrunken zu haben mich erinnerte.“ „Wo habt Ihr dieſen köſtlichen Madeira her? fragten wir überraſcht.“ „Schmeckt er Euch? verſetzte er; habe ein Dutzend Demijohns von Neworleans heraufkommen laſſen.“ „Von Neworleans? Ihr ſteht alſo, trotz Eurer Kriegserklärung gegen die ſpaniſche Regierung, mit Neworleans in Verbindung?“* „Der Mann lächelte zufrieden. u „Pſaw, eine Art Waffenſtillſtand, der vielleicht wieder in Krieg ausbricht, vielleicht die Friedensra⸗ —= 152— tifikation bringt. Hoffe das Letztere— iſt unſer Beider Intereſſe.“ „Euer Beider Intereſſe! wiederholten wir. Der Ton unſerer Stimme hatte— wie Sie ſich leicht vor⸗ ſtellen können— einen ſtark ironiſchen Nachklang.“ „Der Mann ſchaute uns mit einem ſchlauen Lächeln an. „Ei, etwas dergleichen. Eure ſpaniſche Regie⸗ rung, verſteht Ihr, ſind Menſchen ſo wie wir, um kein Haar beſſer— im Gegentheile;— doch genug davon, morgen iſt auch ein Tag, wollen etwas auf morgen verſparen, bis wir mehr Salz mit einander gegeſſen haben. Jetzt trinkt Cuern Madeira aus; werdet ihn nicht beſſer in Neworleans treffen, iſt von meinem Commiſſionär, einem Monſhur Laplace.“ „Wie, Monſieur Laplace Euer Commiſſionär? fragten wir zweifelhaft. Wir hatten Empfehlungs⸗ ſchreiben an ihn, der Franzoſe von Geburt, mit La⸗ calle verwandt, und Banquier der Regierung war." „So iſts, ſprach der Alte; Monſhur Laplace be⸗ ſorgt meine Geſchäfte, und nimmt unſere Baumwolle und Taback.“ —= 153 6— „Alſo Ihr bauet Baumwolle und Taback? fragten wir mehr und mehr erſtaunt.“ „Der Alte lächelte wieder. u „Wundert Euch das? Freilich! habe ſchier ver⸗ geſſen, daß Ihr aus den Attacapas kommt, wo ſie Euch eben nicht die beſte Notion von uns beigebracht haben mögen.“ „Die Wahrheit zu geſtehen, fielen wir lachend ein, ſo haben ſte eine weniger ſchlimme Notion von Euch, als Ihr gegen Louiſiana, nach Eurem eigenen Ge⸗ ſtändniſſe zu ſchließen.“— „Der Alte lächelte wieder.“ „Sind ſeltſame Leute, Euere Attacapaer, fuhr er uns überhörend fort;— ſeltſame Leute, denen es ernſtlich Noth thut, aus ihrem ſündhaften Faulleben aufgerüttelt zu werden. Werden aber aufgerüttelt werden, werden— u „Glaubt Ihr? fragten wir.“ „Pſhaw! Habe Euch ſchon geſagt, daß morgen auch ein Tag iſt, aber Ihr Franzoſen— meinte er kopfſchüttelnd— man wird mit Euch nie fertig. Wenn Ihr in Allem ſo tüchtig wäret, wie im Mundſtücke! Sehyd gefährliche Leute.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 11 —= 154 6— „Ich glaube, Alter, wir könnten noch Etwas von Euch lernen.“ „Calculire ſo, meinte er, in unſern Ton einſtim⸗ mend. Jetzt gute Nacht und trinkt Euern Madeira, und deckt Euch warm zu.“ „Und wir ſahen,“ fährt der Graf fort,„dem Alten nach, eine merkwürdigere Erſcheinung war uns in unſerem ganzen bewegten Leben noch nicht vorgekom⸗ men. Da ſtand er, der Bauer, Lederwamms, Re⸗ publikaner, Hinterwäldler, Holzhauer, der mir nichts dir nichts gegen die ſpaniſche Regierung das Schild erhebt, ihre Truppen ſchlägt, ſich gegen ihren Gou⸗ verneur im Kriegszuſtande befindet, ſich mit Hunderten ſeiner Landsleute in einem feindlich fremden Lande feſtſetzt, und das Alles ſo ruhig, ſo gemächlich, ſo ganz sans fagon, als wenn er einen Nachbar⸗Hinter⸗ wäldler durchgebläut, den Rechtstitel dazu in ſeiner Fauſt und Taſche führte. Wir ſtarrten ihm nach, ein ſolcher Charakter war uns noch nie vorgekommen. Dieſer praktiſche Sinn, Lebensweisheit ſollte ich ſagen, und wieder Ignoranz, dieſes Zartgefühl, und Fühl⸗ loſigkeit, dieſe Simplizität, und Verſchlagenheit, Starrheit und Geſchmeidigkeit, ſie derangirten uns, —= 155 6— denn ſie verwoben ſich, verſchmolzen ſo ſeltſam in dem Manne, daß wir, Menſchenkenner wie wir uns dünk⸗ ten, das erſte Mal in unſerem Leben ſtanden, die goldene Flüſſigkeit in unſern Gläſern anſtierend, ohne Worte zu finden.“ „Und was das Seltſamſte war, ohngeachtet wir die Gefährlichkeit dieſes Mannes uns gar nicht ver⸗ hehlen konnten, über ſeinen wahren Charakter keinen Zweifel hatten, denn daß er den nimmerſatten Lände⸗ reien⸗Appetit ſeiner Mitbürger großentheils in der Abſicht angeregt, den Strom der Auswanderung in unſer Land geleitet, um die ſpaniſche Herrſchaft zu ſtürzen, das lag nur zu klar vor Augen; das Selt⸗ ſamſte war, daß wir ihm trotz dieſer Gewißheit nicht gram ſeyn konnten, ja ihn vielmehr lieb gewonnen hatten. Ob ſein und der Seinigen wirklich bull⸗ köpfiger und auch am Feinde achtbarer Muth, oder die Naturdiplomatik,— nie habe ich gefährlichere Pläne hinter naiverer einladenderer Treuherzigkeit maskirt geſehen— oder endlich der funkelnde Madeira dieſe Ideenrevolution in uns bewirkt, laſſen wir dahin geſtellt ſeyn. Der Letztere mochte jedoch das Seinige beigetragen haben, ſo ſchlimm ein ſolches Bekenntniß 11* — 5 156 6— im Munde eines loyalen Cavaliers von altem Hauſe lauten mag, wenigſtens hatte unſere patriotiſche Ent⸗ rüſtung, die während der Skizzen des Alten öfters auszubrechen gedroht, mit dem erſten Zuge aus dem Glaſe einen ſtarken Stoß erlitten.“ „Aber Sie können ſich gar nicht vorſtellen,“ meint der Graf lächelnd,„welche Wunder eine Bouteille Madeira, unter ſolchen Umſtänden in die Scene ge⸗ bracht, hervorzubringen vermag. Mit jedem neuen Zuge, den wir aus den Gläſern thaten, wurden unſere Ideen philanthropiſcher. Ein Mann, dem ſo deliziöſer Madeira von ſeinem Commiſſionär, dem Regierungs⸗ Bankier, zugeſendet wird,— ein ſolcher Mann konnte unmöglich der ruchloſe Geſelle ſeyn, als welchen ihn das Gerücht ſchilderte;— ein ganzer Train comfor⸗ tabler Nachtgedanken reihete ſich an dieſen Schluß, und unſere loyale Denkweiſe erlitt an dieſem Abende einen Stoß, der ihr für die Zukunft eine ganz verän⸗ derte, mit unſerem bisherigen Leben ſtark contraſti⸗ rende, Richtung gab.“ „Natürlich leerten wir die Bouteille, warfen dann die Fragmente unſerer Garderobe,— die mehr an uns klebten als hingen, weg, und uns in das Bett, —= 157 6— in dem wir bald von einem Schlafe umfangen wurden, um den uns wohl ein König beneiden konnte.“ V. Squatter-Leben. „Unſer Erwachen bot einen komiſchen Auftritt dar. Wir lagen in einem gewaltigen Ehebette mit Mus⸗ quittovorhängen, und einem Himmel, ſo groß, daß er zur Billardtafel dienen konnte. In unſerer Dach⸗ kammer begann es heiß zu werden. Sowohl Laſſalle als ich hatten nur ſelten zu Zweien geſchlafen.— Eine ſonderbare Empfindung kam über uns. So war mir, als ob ich in einem Dampfkeſſel läge, und die Dünſte, die um mich herum aufſtiegen, immer beengender würden, ſo daß ich, nicht mehr im Stande ihren Druck auszuhalten, mich weiter zurück ſchob. Etwas Hinderndes fühlend, wurde plötzlich meine Angſt ſo groß, daß ich erwachte, und ausrief, was weiß ich nicht mehr.⸗ „Das Etwas neben mir antwortet mit einem Par- bleu! Wer iſt da? Ein Mann! —= 158 6— „Wer iſt da? ſchreie ich zurück; ein Mann!“ „Morbleu! Was iſt das? ſchreit mein Gegenpart und prallt an mich an.“ „Ich wieder zurück; ſo ſchießen wir an einander, und im Bette herum, und reiben die Augen, und er⸗ kennen uns, und brechen in ein lautes Gelächter aus. „Wo ſind wir? fragt Laſſalle.“ „Wo ſind wirt ich.“ „Und abermals reiben wir die Augen, und Laſſalle ſchlägt die Vorhänge zurück. „Ma foi! In der Reſtdenz ſeiner republikaniſchen Exrellenz, die Sr. katholiſchen Majeſtät beider Indien den Krieg erklärt.“ „Und fünf und dreißig oder mehr Barbe-noirs*) in die andere Welt geſandt.“ „Und Beſitz von ihrer getreuen Provinz Louiſtana ergriffen. „Weil ſie ein purer Abfall vom ſchmutzig groben Geſellen Miſſiſtpp iſt.“ „Und wieder brachen wir in ein gellendes Gelächter aus, und dann ſchauten wir aus unſerem Käfige, in *) Schwarzbärte, Spanier. * —= 159 6— dem wir wie ein Paar reißende Thiere eingeſperrt lagen, in die Kammer hinaus.“ „Und wieder Gelächter.“ „Sie war, wie die Kammern und Stuben der Hin⸗ terwäldler es häufig ſind, mit einer ganzen Familien⸗ garderobe ausſtaffirt. Wohl an die zwanzig Weiber⸗ röcke und Röckchen an der einen Wand— an der andern lederne Inexpreſſtbles, Jagdhemden, Weſten und Röcke in allen Farben des Regenbogens. Was uns aber als das Intereſſanteſte erſchien, das waren die Tapeten. Die Wände waren wirklich tapeziert, aber womit? Mit Pflügen, mit Stühlen, mit Tiſchen, Seſſeln, Schiffen, Stiefeln, Schuhen, Rindern, grin⸗ ſenden Negern und Negerinnen, mit Bündeln unterm Arme, trabend und im Entlaufen begriffen, mit Waſch⸗ zubern, Alles zum Sprechen getreu, in Holzſtichen, abconterfeiet. Wir rieben uns nochmals die Augen, und laſen in Zoll langen Buchſtaben: Poulsons Phi- ladelphia Advertiser, New-York Gazetteer, Raleigh Daily, Boston Courier— und ſprangen zugleich, im Hemde, wie wir waren, aus dem Bette, um dieſe neuen Tapetendeſſins näher zu betrachten, für uns die intereſſanteſten, die es geben konnte.“ —“= 160 6— „Es waren Zeitungen, mit denen die Wände von oben bis unten überklebt waren. Da gab es Angriffe gegen George III. und das engliſche Miniſterium, gegen den Congreß, Waſhington, Adams, der da⸗ mals Präſident war, die politiſchen Tagesneuigkeiten Europa's, von Anno 76 herab in amerikaniſchem Zuſchnitte dem republikaniſchen Publikum aufgetiſcht; — die Mehrzahl der Colonnen war jedoch mit be⸗ ſagten Notions, um mich des charakteriſtiſchen Aus⸗ drucks Nathans zu bedienen, ausgefüllt: Hüten, Stiefeln, Schuhen, Mehl⸗ und Whiskyfäſſern, Alles recht anſchaulich in Figuren den Leſern und Nichtleſern vor Augen gerückt,— das Ganze eine Muſterkarte des öffentlichen Lebens, die uns, wie die neueren Pä⸗ dagogen es mit ihren Zöglingen zu thun pflegen, ſpielend in die Rudimente der republikaniſchen Lebens⸗ praxis— einzuführen berechnet ſchien. Und in der That wurden dieſe Zeitungen, wie ſie uns den öffent⸗ lichen Verkehr, die Kultur, die Sitten und Meinungen, gleichſam im Spiegel, vorhielten, gewiſſermaßen Licht⸗ ſtrahlen, die unſere confuſen Ideen zuerſt aufhellten. Was ich früher hinſichtlich Nathans und ſeiner Ge⸗ fährten, als Amerikaner, bemerkt, wurde uns nun in —= 161— Bezugzauf Republik klar. Wir begannen zu merken, daß wir in der Nähe eines wirklich republikaniſchen Landes und unter Republikanern waren, gebornen Republikanern himmelweit von unſern franzöſtſchen Republikanern verſchieden. Es begann uns zu tagen, daß dieſe Republikaner, ihrem Urſprunge und Prin⸗ zipien nach ſo ganz von den Unſrigen verſchieden, auch nicht nach dem Maßſtabe unſerer von oben herab ge⸗ formten europäiſchen Maſſen beurtheilt werden dürf⸗ ten, daß, ſo wie ihre Abhängigkeit von der Krone Englands eine ganz andere geweſen, als die unſeres Volkes von ihrem angeſtammten Monarchen, ihre Revolution und die Folgen auch ganz anders beur⸗ theilt werden müßten. Im Eifer und der Hitze unſe⸗ rer Lectüre und den darauf folgenden Debatten hatten wir es ganz vergeſſen, daß wir noch im bloßen Hemde ſtanden.“ „Wir wurden daran erinnert, als es auf einmal ſtark an der Kammerthüre klopfte.“ „Ins Bett zurück zu ſpringen, war zu ſpät, ſo er⸗ griffen wir das nächſte Beſte, das uns von der Fami⸗ liengarderobe in die Hände kam, und warfen es ohne weiteres über uns. — 162 6— „Die Thüre ging auf, und Nathan trat herein, in Eile, wie es ſchien, und mit gerunzelter Stirne.“ „Wie er uns in dem Hinterwäldlerinnen⸗Aufzuge erblickte, ſtand er wie erſtarrt, und ſah uns mit großen Augen an. Eine Weile hielt er inne, wie um ſich zu faſſen, nahm aus ſeiner blechernen Büchſe ein Röll⸗ chen Virginiakrautes, ſchnitt ein ſogenanntes Quid*) ab, und es zwiſchen die Backen ſchiebend, betrachtete er uns kopfſchüttelnd nach einander.“ „Wir hatten Mühe, das Lachen zu verbeißen.“ „Wohl nun! hob er an, das heißt, was ich kom⸗ plete Frolic nenne, geradezu eine Frolie, bei'm leben⸗ digen Jingo! und will ich nicht Nathan Strong heißen, wenn es nicht ſo iſt!“ „Haben die Notion, es iſt ſo; erwiederten wir mit entſprechendem Ernſte.“ „Vermuthe, es iſt, wiederholte der Alte, indem er das Tabackklümpchen von der linken auf die rechte Backenſeite translocirte. Sage Euch, Monſhurs, ſage Euch, vermuthe, Ihr ſeyd in einer glorreich fröhlichen Laune. Iſt ein Fact.“— *) Die gewöhnliche Portion eines Tabackkauers. —= 163 6— „Vermuthen, wir ſind, erwiederten wir.“ „Hat je Einer in ſeinem Leben ſo Etwas geſehen, ſich in die Petticoats der Mary und Eliſabeth zu ver⸗ mummen. My! rief er wieder, das iſt ja geradezu Tollheit!“ „Freund! hob Laſſalle an, mit der einen Hand Eli⸗ ſabeths Unterröckchen haltend, die andere in die Seite geſtemmt: Habe die Notion, Ihr ſeyd ein gewaltiger Mann, und ein geſcheidter Mann dazu, der, wenn er gleich die Straße nach Amerika nicht entdeckt, doch die nach Louiſtana gefunden und Sr. katholiſchen Maje⸗ ſtät von Spanien und beider Indien darüber den Krieg erklärt." „Die Miene Nathans verzog ſich gräulich, aber Laſſalle ließ ſich nicht irre machen.“ 4 „Jedoch trotz Eures bonapartiſchen Feldherrnge⸗ nies, fuhr er fort, das die Päſſe von Louiſtana for⸗ cirt, ſo wie jenes die Alpenpäſſe, dürfte es Euch ſchier ſchwer werden, haben wir die Notion, die Eingangs⸗ päſſe in dieſe Soidiſant⸗ und Cidevant⸗Hoſen zu finden.“ „Und ſo ſagend, hob Laſſalle mit dem einen Fuß die fragmentariſchen Reliquien unſerer Kleidung auf.“ — 164— „Nathan langte nach den Bruchſtücken und beſah ſte mit prüfendem Auge von allen Seiten.“ „Will Euch meine Notion auf einmal ſagen, ſprach er kopfſchüttelnd, die Bruchſtücke wieder fallen laſſend — will ſte Euch ſagen. Calculire, daß dieſe Hoſen da nichts weniger als tragbar ſind.“ „Getroffen, fielen wir ein.“ „Nichts weniger als tragbar ſind, wiederholte er, ohne ſich ſtören zu laſſen, und daß es ſchwer werden dürfte, die Stücke, die Ihr in dem Buſche und Sumpfe und auf den Prairies verloren, wieder zuſammen zu finden. Will Euch aber meine Notion auf einmal ſagen. Calculire, daß hier— er deutete auf die Wand — Stoff genug iſt, zwei ſolche Monſhurs, wie Ihr ſeyd, in dezentes Geſchirr zu bringen, und daß Mistreß Strong noch Linnen genug haben wird, Euch ein honettes Hemde in Bargain zu laſſen.“ „Calculiren, gegen gute Bezahlung.“ „Er überhörte die Worte und ſtampfte einige Mal mit dem Fuße.“ „Das macht mit dem alten Weibe und James und Godſend ab. Miſche mich nichts in ihre Sachen, aber ſchaut, daß Ihr aus den Petticoats herauskommt, — 8 165 e— denn ſehen Euch Mary und Eliſabeth in ihrem Ge⸗ ſchirre, ſo bringt ſie in ihrem Leben nichts mehr darein.“ „Unter dieſen Worten ging die Thüre auf und es trat ein—“ „Ein compaktes rundes Weibsſtück, ſtark colorirt, mit einer einigermaßen großen rothen Naſe, die einige nähere Bekanntſchaft mit Madeira oder Magentroſt verrieth, zuſammengezogenen Lippen, eingebogenem Kinn, vollen Backen und ſcharfen kleinen blauen Au⸗ gen, die zeitweilige gute Laune offenbarten, obwohl ihre Miene jetzt totale Sonnenfinſterniß verrieth, oder vielmehr jene Apathie, die, wie ich vermuthe, einer der Grundzüge des hinterwäldleriſchen Charakters iſt." „War das Erſtaunen Nathans bei unſerem An⸗ blick groß geweſen, ſo war das der Dame übergroß. Eine Weile ſah ſie ihren Eheherrn an mit fragendem Blicke— ob es auch in unſeren Köpfen richtig ſey — dann wieder uns.“ „Haben wir die Ehre, Mistreß Strong zu ſehen? begrüßten wir die Dame, einen Knicks ſchneidend. „My! rief ſie Nathan zu.“ „Sage Dir, altes Weib— ſage Dir— iſt ganz —“= 166 6— richtig. Hat ſie nicht, ſind aber, vermuthe ich, Fran⸗ zoſen— weißt Du.“ „Die Worte waren mit einem jener Rucke begleitet, die nur Hinterwäldler geben können.“ „My! rief die Dame wieder.“ „Iſt ein Fact, verſetzte er, aber hat ſte nicht, fügte er beruhigend hinzu.“ „Sie ſchaute uns, abermals ihn an.— Wohl nun, Nathan, das iſt conſiderabel quer.“ „Ei, ſo iſt es, hat ſte aber nicht— altes Weib! — iſt aber quer, das iſt ein Fact.— Nun, will Dir ſagen, ja will Dir meine Notion auf einmal ſagen: Calculire, daß Du den beiden Monſhurs da Wäſche bringſt, und daß ſie ſich hier auswählen, was ſie brauchen. Iſt ihr Geſchirr ſchier ſo zerfetzt, als wenn es zwei wilden Prairieroſſen am Rücken gelegen wäre; aber hat ſte nicht. „Und es hat ſte nicht? fragte ſte, offenbar etwas beruhigter.“ „So wenig, als es Dich und mich hat.“ „Und es hat ſie nicht? wiederholte ſte. Nun, haben es aber gottlos getrieben mit Reden und Schreien — 167— und Lachen und Springen; ſind quere Leute bei alle⸗ dem, und die Petticoats der Eliſabeth und Mary!“ „Iſt ſo ihre Weiſe, altes Weib, bin aber conſtde⸗ rabel froh, daß es ſie nicht hat. Waren ob dem Blockhauſe, weißt Du, und erzählte ihnen, und ſagte ihnen, und weißt, iſt der Sumpf keine tauſend Schritte davon, und ſtagnirt jetzt der Sumpf, und iſt gerade die gefährlichſte Jahreszeit, und verbreitet ſeine Aus⸗ dünſtungen des Morgens und Abends, die, weil ſie leichter ſind, als die Atmoſphäre, ſich gerne in die Höhe ziehen. Sah das Nachtgeſpenſt herüber kom⸗ men, und brach deßhalb auf, und führte ſie ins Haus. Weißt, nehme in ſolchen Fällen immer ein Paar Gläſer Madeira, und decke mich warm zu, und ſchwitze die böſen Dünſte aus, und vertreibt den Anſatz der Madeira, und wenn er ſich wie Blutegel in die Poren eingeſetzt hätte.“ „Würde es Dir nicht gedankt haben, Nathan, ver⸗ ſicherte ſie ihn, gar nicht gedankt haben, mir da Gäſte mit dem Shake*) in's Haus zu bringen.“ „Hat ſie aber nicht, remonſtrirte der Alte ungedul⸗ *) Fieber, Fieberrütteln. —“= 168— dig, ſage Dir, hat ſie nicht, hat ſie ſo wenig, das Shake, als es Dich und mich hat, und war es da gar nicht vonnöthen, wie närriſch hinüber zu ſpringen, und die Thüre aufzureißen, und Trouble in eine Ver⸗ ſammlung zu bringen, die am Abſtimmen iſt. Hatte kaum Zeit, meine Stimme abzugeben.“ „Calculire, haſt ſie aber gegeben, wie ſich's für einen Reglähter gehört und gebührt, und es, um Ordnung aufrecht zu erhalten, Noth thut, ſprach ſie, die beiden Arme in die Seite ſtemmend.“ „Nathan zuckte wieder mit demſelben hinterwäldle⸗ riſch eigenthümlichen Rucke die Achſeln, ſchob den Klumpen Kautaback aus ſeinem zeitweiligen Depoſi⸗ torium hinter der rechten Backenſeite unter die linke, und gab dann abgemeſſen Folgendes von ſich:« „Habe die Notion, altes Weib! würde dein Haar⸗ ſchmuck um kein Item grauer ſeyn, wenn Du dein Ge⸗ hirn weniger mit Dingen beſchwerteſt, die— calculire ich— nicht zur Sache gehören. Sage Dir, altes Weib! ſage Dir, gehören nicht zur Sache, die Dinge drüben; bin jetzt hier von wegen der Dinge hier. Bin hier von wegen dieſer beiden franzöſtſchen Monſhurs, und ſage Dir, hier ſind ſie. Iſt ein Fact, altes Weib! —= 169— ſind hier. Wie und warum iſt nicht die Frage, und geht Niemanden etwas an. Habe aber die Notion, ſte ſind juſt hier, weil ich es ſo haben will, und ſage Dir, hier ſollen ſie bleiben, ſo lange als ſie Luſt ha⸗ ben. Und ſchau ſie Dir wohl an, und will Dir ſagen, ei, ſo will ich, will nicht ſagen, daß dieſe da— Hoſen oder was ſie ſind— ganz ſind, aber habe die Notion, ſie ſtnd es nicht, und calculire, es würde Dich einiger⸗ maßen perplex machen, das, was verloren gegangen iſt, zwiſchen hier und Cote gelée zuſammen zu finden, und ſie wieder in ein Ganzes zuſammen zu ſchweißen; calculire, würde auch nicht allzu reputirlich ſeyn, zwei derlei Mannsgeſellen in angebrochenem Geſchirr im Hauſe umherſtrollen zu laſſen, wenn es Notions genug gibt, ſte fir und fertig herzuſtellen. So cal⸗ culire ich denn, das Beſte, was ſich thun läßt, iſt juſt, ein Paar Hemden fir und fertig herauf zu brin⸗ gen, und unter den Hoſen und Wämſern von James und Godſend auszuleſen, und ſie in dezentes Geſchirr zu bringen.“ „Calculire, verſetzte die Dame mit bewunderns⸗ werthem Gleichmuthe auf dieſes Probeſtück hinter⸗ wäldleriſcher Argumentation, calculire, will die Hem⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 12 —=0 170 G— den fix und fertig herauf bringen, und magſt Du unterdeſſen unter den Notions da von James und Godſend auswählen, und wird das Beſte ſeyn, was ſich thun läßt, ſte ſo in decentes Geſchirr zu bringen.“ „Calculire, calculire, fiel Nathan ein; caleulire, wäre das ſo weit in Richtigkeit, und will ich unter den Notions da auswählen, und wirſt Du ein gutes Weib ſeyn, und dem Plodern und Plaudern ein Ende machen.— Was, Du eines Hinterwäldlers Frau, und da Alarums und Tantarums wegen ein Paar zerlumpter Hoſen— und Franzoſen!“ „Dieſes letzte Compliment, unſern armen Cide⸗ vant⸗Hoſen und ihren reſpektiven Beſitzern geſpendet, kam zu ſehr à l'improvista, als daß wir, die wir nur mit großer Mühe unſere Lachorgane zu zügeln ver⸗ mochten, länger hätten zurückhalten können,“ be⸗ merkt der Graf.„Wir platzten zugleich heraus, und lachten ſo unmäßig, daß Nathan ſelbſt gewiſſermaßen angeſteckt wurde, und die im Abgehen begriffene Dame, ſchier verwundert, noch einmal den Kopf zur Thüre hereinſteckte. Aber wer hätte es auch aushalten können! Da ſtanden wir, Laſſalle in Eli⸗ ſabeths, ich in Marys Petticoat, mit der linken Hand — 9 171— beſagtes Petticoat haltend, mit der rechten den Mund, während die beiden Eheleute ſo ungenirt trocken, grob, und wieder neckiſch naiv über die zerriſſenen Hoſen und zerlumpten Franzoſen debattirten! Sie kamen uns ganz ſo vor, wie ein Paar Bären, die mit ein⸗ ander ſpielen, und über deren drollig linkiſchem Tap⸗ pen wir ganz vergeſſen, daß ihre Tatzen derb auf⸗ fallen und wehe thun.“ „Wohl, calculire, fuhr der Alte fort, das wäre abgethan, und will Euch ſoſort Euer Geſchirr aus⸗ leſen. Habt ſte aber erſchreckt, die Miſtreß Stong, mit Euern Quer⸗ und Kreuzſprüngen, und Phanta⸗ ſtren, und Alarums, und dachte nicht anders, als es hätte Euch das Dunſtgeſpenſt geſtern Nachts erfaßt, wie wir drüben ſtanden am Blockhauſe, und machte Euch das Shake kapriolen. Kommt hinüber ge⸗ ſprungen in unſere Verſammlung, gab gerade meine Stimme ab, und raunt mir ſchier verſtört zu, wie Ihr es treibt, ſchier ärger, als der alte Tom, der Whisky⸗Tom, wie er hieß, der neulich drauf gegan⸗ gen; hatte auch das Shake, der alte Tom, und kam dann die Aguecake,*) und trieb es,— iſt juſt die ⁴) Siehe erſten Band, S. 212. 12* —=172 6— Jahreszeit dazu— hat ſichs auch am Sumpfe geholt. Bin aber froh, daß es anders iſt— ei bin recht froh. Und will Euch jetzt Euer Geſchirr ausleſen.“ „Und mit dieſen Worten ging der gute Nathan, uns, wie er ſagte, unſer Geſchirr auszuleſen.“ „Habe die Notion, hob er wieder an, indem er ein Paar lederne Beinkleider herab nahm, und uns wechſelſeitig maß, dieſe ledernen Convenienzen da werden es thun. Sind nagelneu, calculire ich; hän⸗ gen noch draußen die Schinken von dem Bocke, dem die Haut angehörte, und hat ſie der Leather⸗Ned ge⸗ gerbt, calculire ich—⸗ „Er hielt plötzlich inne, horchte, that einen ge⸗ waltigen Schritt gegen die Dachlucke zu, und hatte kaum hinausgeſehen, als er mit den Worten:“ „D- n! Ueber ben tollen Frenchern da, ganz die drüben vergeſſen, zur Thüre eilte.“ „Aber Nathan! unſer Geſchirr, rief ich, ihm den Weg vertretend.“ „D- n Cuer Geſchirr! brummte er, mich auf die Seite ſchiebend, und durch die aufgeriſſene Thuͤre mit großen Schritten die Treppe hinab eilend.“ —=173 6— „Wir ſahen ihm einen Augenblick nach, und bra⸗ chen wieder in ein lautes Gelächter aus.“ „Aber was fiel ihm auf einmal ein? u „Etwas muß draußen vorgegangen ſeyn, bemerkte Laſſalle.“ „Und er ſteckte ſofort den Kopf durch das Dach⸗ fenſter, oder vielmehr die Lucke.“ „Wohl Laſſalle! was ſiehſt Du?“ „Die Niederlaſſung ſcheint ſtark zu ſeyn, gab Laſſalle zur Antwort. Ich zähle bereits dreißig Köpfe.“ „Wohl, was ſind es für Leute?“ „Wetter⸗ und ſonnverbrannte Geſichter, athletiſche Formen, aber darunter einige ſchöne junge Männer.¹ „Was thun ſie? was wollen ſte?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen, ſie kommen noch immer aus dem Blockhauſe, bereits zähle ich an die Vierzig. Morbleu! was ſoll das? Einer im bloßen Hemde. u „Im bloßen Hemde! Was ſoll der? Doch nicht Kirchenbuße thun, oder wollen ſie ihn gar wie Kan⸗ nibalen zum Gabelfrühſtücke verſpeiſen?— Laß doch ſchauen, Laſſalle, täuſcheſt Du Dich nicht?“ „Und ich,« lacht der Graf,„zerrte Laſſalle unge⸗ duldig bei Eliſabeths Unterröckchen von der Dach⸗ — 174— lucke zurück, und ſchob meinen Kopf hindurch. Es war, wie Laſſalle geſagt hatte.“ „Vor einem Blockhauſe, das etwa zweihundert Schritte von uns am Abhange des Kammes in einer Gruppe von Catalpabäumen ſtand, und zu Gemeinde⸗ verſammlungen beſtimmt zu ſeyn ſchien, waren an die vierzig Squatters, umgeben von einer zahlreichen Brut kleiner Squatter und Squatterinnen, verſam⸗ melt, in der Mitte ein Geſelle im bloßen Hemde.“ „Der Wicht ſchien ſich nicht ganz behaglich zu füh⸗ len, ſeinen Grimaſſen und wüthenden Geberden nach zu ſchließen. Er ſchlug heftig um ſich, ſprang bald an den einen, bald an den andern Hinterwäldler heran, drohte mit den Fäuſten, ohne jedoch bei den apathiſchen Seelen einen ſichtbaren Eindruck hervor zu bringen. Einige rauchten, Andere beſprachen ſich, Keiner ſchien eine beſondere Eile bei dem vorliegen⸗ den Geſchäfte zu haben; doch brachte die Ankunft Nathans einige Bewegung in die phlegmatiſche Maſſe, der Knäuel formte ſich in einen Kreis, und horchte ſeinen Worten, die wir aber wegen der großen Ent⸗ fernung nicht verſtehen konnten. Zwei der Squat⸗ ters legten hierauf ihre Tabacksröhren auf die Fenſter —= 175— des Blockhauſes, und auf den Hemdemann zugehend, verſuchten ſie ſich deſſelben zu bemächtigen. Er reti⸗ rirte, ſchlug um ſich, wurde aber, trotz ſeiner ver⸗ zweifelten Gegenwehr, bald feſtgenommen und an eine der Catalpa's mit Stricken gebunden, den Rücken gegen die Verſammlung gekehrt. a „Der Burſche ſchrie, als ob er am Spieße ſtäke.”* „Ich weiß nicht,“ unterbricht ſich der Graf,„war es der roſenfarbige Humor, in dem wir erwacht, und der uns Alles, was an dieſem Morgen paſſirte, durch ein heiteres Medium ſehen ließ, oder die grotesk höl⸗ zerne, und doch wieder durchgreifende Art und Weiſe der Hinterwäldler— der ganze Auſtritt, ſo wenig er ſonſt geeignet war, unſere Lachmuskeln in Bewe⸗ gung zu ſetzen, machte uns laut auflachen; aber wie geſagt, das Benehmen dieſer Squatters erſchien uns ſo quer!— man muß dieſe Leute bei ſolchen Gele⸗ genheiten geſehen haben.“ „Die zwei jungen Hinterwäldler, die den Mann im Hemde angebunden, entledigten ſich nun ihrer Hunting⸗Shirts, ſtreiften die Hemdärmel auf, und ergriffen jeder eine Ruthe, die, wie wir ſpäter erfuh⸗ ren, Ochſenziemer waren, und begannen zugleich auf —= 176 6— den Rücken des Wichtes loszuhauen.— Schlag auf Schlag ſielen die Hiebe hageldicht, ich habe nie eine Exekution in kürzerer Zeit abgethan geſehen, und mit mehr Wirkung. In weniger denn einer Minute war das Hemd in Stücke gehauen, und der Mann ſtand mutternackt, mit blutigem Rücken— blos um die Lenden noch ein Stück Cotton gebunden. Der Burſche brüllte vor Schmerzen; aber bei alledem zeigte er noch eine Unbändigkeit, eine Wuth, die nichts weniger als Mitleid einflößten. Nathan winkte endlich den Bei⸗ den einzuhalten. u „Während dieſer Exekution waren die Squaͤtters ganz ruhig gleichmüthig geſtanden, Einige aus ihren Tabackspfeifen, Andere Eigarren rauchend, eine dritte Partie war mit der jungen Brut auf die abgelegene Seite des Hauſes abgetrollt, wohin die beiden Zu⸗ ſchläger, nachdem ſie den Züchtling vom Baume los⸗ gebunden, nun gleichfalls abgingen, Nathan und den Uebrigen folgend." „Ich zog den Kopf aus der Fenſterlucke zurück, da ein vorſpringender Giebel des Daches mir die Aus⸗ ſicht auf dieſer Seite nahm.“ „Laſſalle hatte mittlerweile einen der ſtrohgefloch⸗ — 177— tenen Seſſel auf den Tiſch geſtellt, ſich auf den Quer⸗ balken des Daches promovirt, eine der Dachdauben losgemacht, und ſo die Hinterwäldler wieder zu Ge⸗ ſicht bekommen.“ „Willſt Du nicht herauf? rief er mir zu. Es iſt der Mühe werth, eine glorioſe Ausſicht— wirklich mächtig transcendentes Land.“ „Ja aber was treiben die Buſchmänner?“ „Sie haben ihn auf die andere Seite gezerrt, er ſchlägt noch immer wie ein Alligator um ſich.“ „Wohl, was haben ſie weiter mit ihm vor?“ „Was ſte vorhaben? Was ſie vorhaben? erwie⸗ derte Laſſalle, und bricht auf einmal in ein lautes Lachen aus.“ „Was gibt es?4 „Komm doch ums Himmelswillen! Sieh' nur— ſo wahr ich lebe, ſie haben den Wicht rabenſchwarz gefärbt. 4 „Ich ſprang auf den Tiſch, den Seſſel, ſchwang mich auf den Dachbalken, hob eine zweite Dachdaube auf, und ſchaute— einen Augenblick das glorioſe Panorama überfliegend, im nächſten die Squatters, die wieder in einem Knäuel ſtanden.“ —“= 178 6— „Wohl, Meſſteurs!“ fährt der Graf fort—„es dauerte eine Weile, bis ich ausmitteln konnte, was die Leute vorhatten.“ „Der Haufen war in großer Bewegung, die junge Brut heulend, ſchreiend, die Alten um zwei manns⸗ hohe Fäſſer herum gruppirt. Aus einem dieſer Fäſſer ragte ein menſchlicher Kopf heraus, den ich aber nicht mehr zu erkennen vermochte, denn Hals und Kopf waren rabenſchwarz, oder vielmehr bronzirt ſchwarz, wie unſere alten Negerköpfe. Um ihn herum mehrere Hinterwäldler mit langen hölzernen Löffeln, die ſie ins Faß eintunkten, und dann auf dem Kopfe des Wichtes leerten— er ſchreiend, tobend. Die Scene war eine ſeltſame!“ „Jetzt kamen ein Paar Squatters mit Stangen, ſchoben ſie zwiſchen die Arme des Negriſirten, hoben ihn aus dem erſten Faſſe, und transferirten ihn in das zweite, in das ſie ihn unter lauten Hurrahs plumpen ließen.“ „Eine Wolke von Federn verhüllte uns einen Au⸗ genblick die ganze Horde.“ „Das Faß, in dem der Wicht ſtack, war mit Fe⸗ dern gefüllt, und zehn Hinterwäldler rieben ihm nun —= 179 6— die Federn auf Kopf, Schultern, Armen, allen Thei⸗ len, die aus dem Faſſe herausſtanden, ein. Bald war er ganz und gar befiedert— eine gräßliche Car⸗ rikatur auf das zweibeinige Geſchlecht, die uns ein hyſteriſches Lachen auspreßte.— Der Aufruhr, das Toben wurde immer ärger, die Hurrahs brüllender. Einige Squatters hatten ſich auf die Rücken ihrer Pferde, die an das Gebäude angebunden ſtanden, geworfen, andere den getheerten und befiederten Wicht aus dem Faſſe gehoben, die Stricke, mit denen ihm die Arme gebunden waren, losgeſchnitten, und auf ein Zeichen, von Nathan gegeben, ſetzte ſich der ganze Knäuel in Bewegung, den Abhang hinab, ge⸗ gen die Prairie zu, unter brüllenden Hurrahs. Der Befiederte ſchaute einen Augenblick um ſich, ſtieß einen gellenden Schrei aus, und begann im Kreiſe umher zu tanzen. Der Thran, obgleich heilend, mußte ihm wüthenden Schmerz verurſachen, denn er wurde wie raſend, ſprang hoch auf, brüllte entſetz⸗ liche Flüche, und mit den tollſten Rundſprüngen ka⸗ priolte er den Abhang hinab, ſo, daß ſeine Verfol⸗ ger kaum Schritt halten konnten.“ „Es war etwas ſo wild Aufregendes in dieſem — 180 6— Spektakel, etwas ſo raſend muthwillig Tolles!— Das ſcheußlich beſiederte Zerrbild, mit ſeinen kobol⸗ diſchen Sprüngen— hinter ihm drein die Brut der jungen Squatters, und eine Heerde hemdeloſer klei⸗ ner Neger— Wechſelbälge beiderlei Geſchlechtes, Hunde, Katzen, alle heulend, ſchreiend, bellend, die Reiter mit ihren Peitſchen knallend.“ „Gerade vor uns breitete die rollende Prairie ihren Blumenteppich unabſehbar der blauen dunſtigen Ferne zu; in der Morgenbriſe bewegten ſich die Gräſer, wie Wogen des gefächelten Oceans hin und wieder wal⸗ lend; rechts und links, dem wellenartig ſich erheben⸗ den Kamme entlang, ſtanden Klumpen von koloſſalen Baumwollenbäumen, unter denen die Hütten der Squatters, Pagoden nicht unähnlich, hervorguckten, umgeben von Wälſchkorn⸗, Taback⸗ und Baumwollen⸗ feldern, die ſich zu beiden Seiten des Abhanges hinab⸗ breiteten: aus allen dieſen nicht unlieblichen Verſtecken ſchoß die ſchwarze Negerbrut mit raſenden Sprüngen hervor, über die Umzäunungen kletternd, purzelnd, heulend, ſchreiend, gellend, in der eigenthümlich grellen Manier der Schwarzen, hohnlachend, und wie Kobolde der dämoniſchen Jagd ſich anſchließend. — ⸗5 181— — Die Squatters ſelbſt hatten am Abhange des Kammes gehalten, von wo aus ſie die wilde Jagd dirigirten, der jungen Brut zubrüllend, den Beſie⸗ derten ja nicht zu ſchonen, ſondern zu hetzen und zu jagen und zu ſchlagen;— aber es bedurfte dieſer Aufmunterungen nicht, denn die Hetzjagd hatte einen ſo wilden Charakter angenommen!— Es war eine Jagd auf Leben und Tod geworden— wir erwar⸗ teten jeden Augenblick den Elenden in den Klauen ſeiner Verfolger, und zerfleiſcht und zerriſſen zu ſehen.“ „Er war mit verzweifelten Sprüngen, wie blind — denn Theer und Federn hatten ihm ohne Zweifel die Augen verklebt— den Abhang hinab gerade auf die Prairie zugeſprungen, bald aber, durch das ellen⸗ hohe Gras aufgehalten, wieder zurück hopfend, hatte er ſich rechts gewendet, eine Umzäunung überſprun⸗ gen, und ſich in ein Wälſchkornfeld geflüchtet. Aus dieſem vertrieben, war er wieder links gelaufen, die ganze Brut ſeiner zwei⸗ und vierbeinigen Verfolger hinter ihm. Der Spektakel wurde peinlich, empö⸗ rend, wir waren nicht im Stande, den Anblick aus⸗ zuhalten, mußten uns abwenden.“— „Unſer Blick fiel in die Dachkammer hinab.“ — 0 182 6— „Miſtreß Strong war in der Kammer, und ſtand am Tiſche, die für uns beſtimmten Linnen ſo gleich⸗ müthig ausbreitend, als wenn es zu einer Metho⸗ diſtenpredigt gehen ſollte. u „Um Gotteswillen, Frau! Was ſoll der entſetz⸗ liche Auftritt, dieſe unmenſchliche Treibjagd? ſchrieen wir hinab.“ „My! rief ſte, ſchier verwundert zu uns auf⸗ ſchauend, aber im nächſten Augenblicke die Hand vor die Augen haltend, und uns den Rücken wendend. My! rief ſie wieder, calculire nichts deſto weniger, iſt nicht richtig in Cuern Köpfen, was auch Mister Strong dagegen ſagen mag, und hat Euch das Shake oder etwas noch Aergeres.“ „Um Gotteswillen Weib! Thut Einhalt dieſem entſetzlich grauſamen Spiele! ſchrieen wir abermals.“ „Spiel nennt Ihr das?“ verſetzte die Mistreß— „Spiel? Ei, wollte das Spiel nicht oft ſehen, iſt ein grauſames Spiel, iſt, habe die Notion, eine wilde Frolic.“¹ „Und ſie verließ die Kammer.“ „Abermals ſchauten wir hinaus.“ „Der Gejagte war wie ein Stier mit verbundenen —= 183 6— Augen links fortgerannt, von der ganzen Horde ver⸗ folgt, die Reiter hinter drein, ihre Peitſchen knallend, und laute Hurrahs brüllend. Er hatte abermals eine Umzäunung erreicht, aber nicht mehr im Stande, hinüber zu kommen, ſie krampfhaft erfaßt, und, mit den Zähnen wüthend in die Zaunriegel einbeißend, dieſe zugleich mit beiden Armen umklammert. Die ganze Horde ſtrömte an ihn heran, und wir erwar⸗ teten jetzt den gräßlichen Beſchluß.“ Die Reiter ließen ihre Peitſchen ſtärker knallen, hieben links und rechts auf die Hunde, Katzen, Neger und Negerinnen ein, und nachdem ſie ſich ſo einen Weg zu dem Schlachtopfer gebahnt, umringten ſte ihn. Einer warf ihm eine Schlinge über die Schul⸗ tern, und mit demſelben plötzlichen Rucke, mit dem der Laſſoreiter ſein Pferd auf die Hinterbeine bringt, wendet, und das gefangene wilde Roß in ſeinem Laufe zurück wirft, warf er den Elenden vom Zaun⸗ riegel, und zu Boden, riß ihn wieder mit der Schlinge empor, und ihn an dieſer nachſchleppend, ſchlug er mit den andern Berittenen die Richtung gegen den weſtlichen Waldesſaum zu ein. „Wir ſchauten einen Augenblick der wilden Rotte —= 184 6— nach, wie ſie unter den Bäumen verſchwand, und dann auf die Hunde, Katzen, Neger und Negerinnen, die bei dieſem letzten Auftritte plötzlich ſtumm gewor⸗ den, ja mit einer Art Schauder den im Waldesdunkel Verſchwindenden nachſtierten. Es war uns kein Zweifel übrig, daß die Unmenſchen ihr Schlachtopfer in den Wald ſchleppten, um ihm da den Garaus zu machen.“ „Wir hatten zur Genüge vom Hinterwäldlerleben geſehen, ſo zur Genüge, daß wir, ohne ein Wort zu ſagen, die Oeffnung im Dache wieder verſchloſſen, den Seſſel und Tiſch herabſtiegen und unſere zerriſſe⸗ nen Kleider zur Hand nahmen, feſt entſchloſſen, dieſe wilden Squatters unverzüglich zu verlaſſen.“ „Laſſalle war bemüht, den Eingang in die Bruch⸗ ſtücke ſeiner Beinkleider zu finden; ich hatte die mei⸗ nigen in der Hand, als— Nathan eintrat.“ 2 „Seine Miene hatte etwas von amtlicher Würde, und verrieth hohe Zufriedenheit.— Einen Augen⸗ blick ſchaute er uns Beide fragend an, und dann trat er zur Familiengarderobe an die Wand, und mehrere Kleider herablangend, hob er wieder an: —= 185 6— „Calculire, dieſe ledernen Convenienzen da werden es alſo für Euch thun, und dieſe da für Euch. „Die letzteren Worte waren an mich gerichtet.“ „Glaube, wollen uns mit den unſrigen behelfen, ſo arg ſie auch mitgenommen ſind, gab ich zur Antwort. Wollt Ihr uns ja einen Gefallen erweiſen, ſo mögt Ihr uns einen Wegweiſer zur Pflanzung des nächſten Acadiers verſchaffen.“ „Nathan ſah uns mit großen Augen an, ohne daß ſich jedoch ein Zug in dem impaſſiblen Ledergeſichte verändert hatte.“ „Einen Wegweiſer zum Hauſe des nächſten Aca⸗ diers wollt Ihr? Ei, den könnt Ihr haben, iſt keine hundert Meilen, calculire ich, aber doch— werdet Euch doch zuvor decent znachen⸗ und ein Frühſtück nehmen.“ *„Danken Euch für Euer Frühſtück, wollen ſehen, ob wir nicht im Hauſe des Acadiers eins bekommen.“ „Habe nicht die Notion, Euch aufzuhalten, verſetzte Nathan in demſelben kalten Tone, werdet Euch aber doch zuvor in decentes Geſchirr werfen, und ein Früh⸗ ſtück nehmen, iſt zwar keine Tagreiſe, aber doch ein ſechs bis ſieben Meilen zum Blockhauſe des nächſten Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 13 — 186— Acadiers; haben auch noch ein Wort mit einander im Gemeindhauſe darüber zu reden.“ „Danken Euch für Euer Frühſtück und Euer Ge⸗ ſchirr; wüßten wahrlich nicht, was wir mit einander zu verhandeln hätten, entgegneten wir etwas vor⸗ nehm. u „Danken Euch für Euer Frühſtück und Euer Ge⸗ ſchirr, und wüßten wahrlich nicht, was wir mit ein⸗ ander zu verhandeln hätten? murmelte Nathan in ſich hinein. Pſhaw! Hielt Euch für ſenſible Franzoſen, für Leute, die Decenz im Leibe haben und Manieren, und nicht in einem Geſchirre hinaustrollen, das ein Neger mit ſeinen Fußtatzen wegſtoßen würde, und das ſo angebrochen iſt, wie ein zertrümmertes Boot, mit Rippen und Seiten, die im vollen Reißausnehmen begriffen ſind.— Hat kein Geſchick, Fremdlinge, ſage es Euch, angebotene Gaſtfreundſchaft ſo ſchnöde weg⸗ zuweiſen; ſage es Euch, und nehmt es.— „Die letzten Worte waren rauh, ja drohend ge⸗ ſprochen. Wir ſahen den Mann ſtolz an.“— „Sag' Euch, was es iſt, Fremdlinge.— Will es Euch ſagen. Habe die Notion, ei, calculire, habt ein —= 187— Haar gefunden an dem, den Ihr da drüben theeren und befiedern geſehen habt?“ —„Und Ihr fragt! brachen wir aus, kaum im Stande, unſere Entrüſtung zu meiſtern. Ihr fragt, nach die⸗ ſem unmenſchlich rohen, teufliſch muthwilligen Spiele mit Menſchenleben und Würde? dieſer Schandſcene, die Cannibalen entehrte, um ſo mehr Chriſten und Republikaner, wie Ihr zu ſeyn Euch brüſtet?“ „Wir waren nicht im Stande, zurückzuhalten, es mußte heraus, und folgte, was wollte.“ „Nathan jedoch ſtand unbewegt, kaum daß ein leich⸗ tes ſpöttiſches Lächeln ſeine harten Züge überflog.“ „Ah, die Republikaner! die Republikaner! Guckt endlich der Pferdehuf da hervor! eine gewiſſe Freude, nicht wahr! ſo ein Jucken, ja ächt franzöſtſches oder ereoliſches Jucken, Amerikanern ſo etwas abgelauert, abgepaßt zu haben, was Ihr einen Schandfleck nennt für Cannibalen!—— Eil eil“ „Und der Mann hielt lächelnd inne. u „Kennen Euch Franzoſen und Creolen ſeit den ſte⸗ ben Jahren. Ei, Ihr Franzoſen, fuhr er mit dem trockenſten ſardoniſchen Lächeln fort, ſeyd quere Leute, calculire ich, zu Zeiten ſo empfindſam weich, daß Ihr, 13 ⁸ — 188 G— laſſe ich mir ſagen, über alte Geſchichten in Euren Komödien⸗Häuſern wie alte Weiber Zähren vergießt, und wieder ſo mächtig ſtark und hart, daß Ihr das Blut Curer eigenen Landsleute wie Waſſer verſchütten könnt, und ihnen die Köpfe abhacken, ſo methodiſch, die Art thut es nicht mehr bei Cuch, müßt Maſchinen haben, betreibt es recht ſyſtematiſch, das Gewerbe, und erſäuft Eure Schweſtern, Weiber, Töchter, Müt⸗ ter, und tanzt dazu luſtige Tänze— Carmagnolen nennt Ihr ſie, caleulire ich, ſteht da in den angeklebten Zeitungen an der Wand— könnt es leſen— lächelte der Mann, auf die angeklebten Zeitungen deutend.“— „Das ſind auch Republikaner, Mister Nathan, verſetzten wir, Republikaner, denen Ihr immerhin brüderlich die Hand reichen könnt nach dem Helden⸗ ſtücke, wie Ihr es heute producirt.“— „Ei, und wer hat ſie dazu gemacht, Mannè fragte Nathan— wer ſie? wer uns zu Republikanern ge⸗ macht? Wer, als Eure Ariſtokraten und unſere eng⸗ liſchen Tories?“ „Dieſe Logik des Hinterwäldlers, bemerkt der Graf, kam uns ſo unerwartet, daß wir ihn ſtarr anſahen.“ „Sage Euch, fuhr er fort, wollen nicht über dieſen — 189— Punkt ſtreiten. Gehen uns Eure Angelegenheiten nichts an, Euch unſere nichts, kehre Jeder vor ſeiner Thüre. Und laßt Euch, was Ihr geſehen, nicht an⸗ fechten, iſt ganz in der Ordnung, was Ihr geſehen, ja, will Euch mehr ſagen, und ſage Euch keine Lüge, wenn ich ſage, daß wir expreß geſtern hinabgegangen an die Côte gelée, und unter Eure wilden Acadier, Euch Botſchaft zu ſenden, heraufzukommen.“ „Ihr hinabgegangen an die Côte gelée, Uns, die Ihr nicht kennt, Botſchaft zu ſenden? fragten wir, ungläubig die Köpfe ſchüttelnd. Das iſt etwas ganz Neues.“— „Mag Euch neu ſeyn, iſt aber nichts deſto weniger ein Fact. Sind hinabgegangen, und hatten die No⸗ tion, Euch durch einen der Acadier ſagen zu laſſen, Ihr, oder Einer von Euch, möchte heraufkommen. Gehen ſonſt nicht leicht hinab zu den rohen Acadiern.“ „Kennt Ihr uns? fragten wir etwas vornehm.“ „Nathan gab keine andere Antwort, als daß er ſeine Backen des ausgeſogenen Quids entledigte, einen friſchen abſchnitt, einen Strahl brauner Jauche durch die Dachlucke hindurchſpritzte und dann einen friſchen Abſchnitt einſchob.“— —=0 190 6G— „Ihr habt aber doch geſtern den ganzen Abend keine Sylbe geäußert, die uns auf die Vermuthung bringen könnte?— bemerkte Laſſalle.“ „Ob wir Euch kennen, das wird ſich zeigen, ver⸗ ſetzte er endlich; wozu und weßwegen wir Euch hier haben wollten, das werdet Ihr ſehen und hören. Habe Euch ſchon einmal geſagt, Alles hat ſeine Zeit, der Narr redet vor— der Geſcheidte ſeiner Zeit— „Und Ihr habt uns alſo zu dieſem gräßlichen Spek⸗ takel haben wollen??“? „Ei ſo wollten wir, iſt ein Fact, ſollet ſehen mit Euern Augen, hören mit Euern Ohren, und die Frei⸗ heit haben, zu ſagen, was Ihr geſehen, wo und wann Ihr wollt. Halten nicht hinterm Buſch. Iſt der alte Nathan nicht der Mann, der hinterm Buſch hält. Darf ſich nicht ſcheuen, der ganzen Welt zu zeigen, was er gethan als Reglähter.u „Sage Euch, nahm er abermals das Wort, iſt ein Fact. Sind expreß geſtern hinabgegangen an die Côte gelée, um Einem von Euch, Vignerollis mit dem Geſchlechts⸗ und Comte, habe ich die Notion, mit dem Taufnamen, Botſchaft zu ſenden; waren auf den jungen Acadier geſtoßen, der uns ſagte, Ihr —= 191— wäret ſelbſt der Mann, und am Bayou ſchier ver⸗ hungert und verdurſtet.“— „Wir ſ chauten den Alten an, einander; jetzt konnten wir wohl an ſeinem Vorgeben nicht mehr zweifeln, ſo ſeltſam dieſes auch klang. Aber dieſes ſtarre Hinhal⸗ ten, dieſes brütende Verſchloſſenſeyn, es kam uns un⸗ heimlich, beinahe grauſenhaft vor. Der Mann dünkte uns ein furchtbarer Charakter. Er war zum Inqui⸗ ſitor geboren, und würde unter den raſendſten Zuckun⸗ gen ſeines Schlachtopfers eben ſo gleichmüthig ſein Quid angebiſſen haben, als er es vor uns that. Was hatte er vor mit uns? Was ſollten wir hier?“ „Dieſe Fragen ſchwirrten uns durch, verwirrten uns die Köpfe.“ „Aber was ſollen wir hier? fragte endlich Laſſalle. Wir kennen Euch nicht, Ihr uns nicht. Ihr ſeyd ein ſeltſamer Mann!“ „Wer ich bin, werdet Ihr ſehen und hören, ver⸗ ſetzte Nathan trocken. Jetzt bringt Euch ein decentes Geſchirr, daß Ihr den Meinigen, und meinen Nach⸗ barn, ohne Aergerniß zu geben, unter die Augen tre⸗ ten könnt. Wollen zum Frühſtücke, und werdet dann ſehen und hören.“— —“= 192 6— „Und unter dieſen Worten verließ er die Kammer.“ „Wir ſchauten einander abermals an. Der Mann hatte etwas ſo unheimlich zäh Hin⸗, Hinternachhal⸗ tendes, etwas ſo ſtarr allen Widerſtand Nieder⸗ beugendes, das gewiſſermaßen erdrückte. Was konn⸗ ken wir thun, in ſeiner Gewalt, wie wir waren! Nichts Beſſeres, als uns in die Linnen der Mistreß Strong, und die ledernen Convenienzen und Wämſer und Jagdhemden James' und Godſend's einzuthun, und das Weitere abzuwarten!“ „Wir thaten uns alſo in die Squatter⸗Uniform James' und Godſend's ein, und waren fertig bis auf die Mocaſſins, als Nathan wieder eintrat. Er half uns dieſe anlegen, und führte uns dann die Treppe in den Hof, und aus dieſem einige zwanzig Schritte den Abhang hinab einem ſogenannten Quellhauſe zu, wo er ein Becken voll Waſſer ſchöpfte, und uns reichte.“ „Nachdem wir auf dieſe patriarchiſche Weiſe unſere Toilette geendigt hatten, folgten wir ihm zum Hauſe zurück, und traten in die Wohnſtube ein, die wir ſtark gefüllt fanden.“— — —= 193 3— VI. Squatter-Leben. „Sollte etwas im Stande geweſen ſeyn, uns den Squattern in gutem Humor zu produciren, ſo war es unſer Coſtüm.— Laſſalle ſtack in einem Hemde, mit einem Kragen, der wohl einen halben Schuh über die Ohren hinauf ſtand, und aus Fäden gewoben war, nicht ganz ſo dick, wie einjährige Weidenruthen; war ferner eingehülſet in die ledernen Convenienzen James', wie Nathan ſo paſſend dieſe Beinkleider bezeichnet— an den Knieen mit Riemen zuſammengebunden, eine ſolche Weſte und ein Calico⸗Jagdhemd, den Blouſen unſerer Fuhr⸗ und Landsleute ähnlich, nur reichlicher mit Franzen und Bändern verziert. Meine Uniform war eine treue Copie. Wir glichen auf ein Haar dem Bartolo im Barbier von Sevilla, wie er letzten Win⸗ ter auf den Brettern von Caldwells Theater ſeine Erſcheinung zu machen beliebte— bis auf die aimable Dispoſition des queckſilberigen Bartſcheerers, die— wir nicht hatten.— Wir waren in der That bitter⸗ böſe. Unſere Eigenliebe fühlte ſich ſo empört über —=d 194 6— die Rolle, die uns der alte Squatter⸗Deſpot abſpielen machte,— die wilde Treibjagd wollte uns ſo wenig aus dem Kopfe; wir würden den trockenen verſchmitz⸗ ten Tyrannen, mit ſeinen widerwärtigen Notions und ſeinem ewigen Caleuliren, auf eine ganz andere Weiſe abgefertigt haben, wenn uns nicht bei alle dem ein gewiſſer Reſpekt, eine heilſame Scheu zurückgehalten hätte.— Aber dis Wahrheit zu geſtehen, ſo imponirte uns das ſtarre verſchloſſene Lederwamms; der Freche, der ſich in unſerem Lande einen ſolchen Spektakel er⸗ lauben konnte— er konnte ſich auch mit zwei zerlump⸗ ten Franzoſen, wie er uns in ſeiner naiven Grobheit taufte, eine derlei wilde Frolie gelüſten laſſen! Es war nicht zu ſpaſſen, wenigſtens nicht, bis wir eine gute Anzahl Meilen zwiſchen ihm und uns wußten, dann ließe ſich ſchon kräftiger auftreten. Und auf⸗ treten wollten wir, und das vor ganz Louiſtana. Neben einer ſolchen Nachbarſchaſt konnte der gute Ruf unſeres Louiſtana's, die Ehre des Landes als einer civiliſtrten Provinz— die Ehre unſerer Regierung— ſelbſt unſere eigene, nun und nimmermehr beſtehen. Es dünkte uns hohe Zeit, dieſem Squatter⸗Unfug Schranken zu ſetzen.“— —= 195— „Wie geſagt ſo war es uns nicht möglich, geneigt, wie wir als Franzoſen fühlten, das Ganze als einen Affront, uns und unſerer Nation angethan, zu be⸗ trachten, unſere Indignation gegen die Squatter⸗ Canaille zu unterdrücken. Mit einer Vornehmheit, die mit unſerem ledernen Exterieur nur wenig im Ein⸗ klange ſtand, traten wir in die Wohnſtube ein.“— „Mistreß Strong und ihre Töchter waren mit dem Auftragen der Speiſen beſchäftigt; eine Unzahl kleiner Schüſſelchen, mit Conſituren von in Zucker einge⸗ machten Trauben, Pflaumen, Kirſchen, Parſimons, wie ſie die Wälder im Ueberfluſſe geben, und die Squatters in der höchſten Vollkommenheit einzulegen verſtehen. Mehrere junge und ältliche Männer ſtan⸗ den um einen Tiſch, aus rohen Mahagony⸗Brettern gezimmert, den Gläſern, mit Magentroſt gefüllt, zu⸗ ſprechend. Vornehm leicht durch die Squatters und Squatterinnen hinſtreichend, eilten wir zum Fenſter, unſere üble Laune durch die Ausſicht auf die entzücken⸗ den Fluren und Naturwieſen niederzuhalten.“— „Die alte Squatterin hatte uns im Vorbeigehen behaglich gemuſtert, uns eine Weile nachgeſehen, und ſchier verwundert ließ ſie ſich gegen Nathan alſo —= 196 6— vernehmen:—„My! Nathan! ſind das Sie— die oben in den Petticoats?“ „Calculire, ſie ſind es; verſetzte Nathan lakoniſch.“ „My! ließ ſich die Dame eines Weiteren hören— My! Wie doch die Kleider Leute machen! Wohl nun! Calculire nichts deſto weniger, mögen bei alle dem ganz elegant, ja geradezu capitale Mannsburſche ſeyn. Wiel das überbietet ja ſchier die Union!“ „Pfhaw!“ verſetzte Nathan mit wahrer Squatter⸗ Nonchalance;„Pſhaw, altes Weib! pfeifſt Du jetzt aus einem andern Tone!— Hat ſie das Shake noch? Habe die Notion, der alte Nathan kennt ſeine Leute. Sage Dir, obwohl nur Franzoſen, ſind ſie, calculire ich, doch ſo capitale Burſche, als irgend ein decenter Squatter, der je im Buſche niederhockte. Iſt ein Fact, altes Weib!“— „Fremdlinge! wandte er ſich an uns. Wollt Ihr Cuch an uns anſchließen? Seht Nachbarn, und Mister Gale von Tenneſſee. Kommt, einen Morgentrunk zu nehmen, bis das Weibsvolk aufgetragen hat?“— „Danken Euch; verſetzten wir kurz.“ „Wohl, wohll iſt capitaler Monongehala nichts deſto weniger, geradezu capital eleganter. Ein Glas —=197— Monongehala des Morgens, zwei Madeira des Abends oder Nachmittags, ſage Euch, nichts Beſſeres, das Shake niederzuhalten.“ 3 „Er hatte uns unter dieſen Worten bei den Armen erfaßt.“ „Mister Nathan! bedeuteten wir ihm, uns vergeb⸗ lich abmühend, dem Griffe ſeiner Eiſenhände zu ent⸗ gleiten; Ihr könnt uns in der That keinen größeren Gefallen thun, als wenn Ihr uns ſo bald als möglich einen Wegweiſer zum Hauſe des nächſten Acadiers verſchafft.“. „Habe die Notion, wird nicht vonnöthen ſeyn, ver⸗ ſetzte er uns fahren laſſend— wird nicht vonnöthen ſeyn, werdet bald in der Geſellſchaft Eurer Acadier ſeyn— vermuthe aber, Ihr habt mehr Notions als ein Nantucket Brigg*) befrachten könnte.“ „Der Alte ſchaute uns Einen nach dem Andern an, und wandte ſich dann zu ſeinen Nachbarn, die ruhig über dem Magentroſt ihre Angelegenheiten beſprachen. *) Sind im Handel nach den weſtindiſchen Inſeln vorzüglich mit ſogenannten Yankee⸗Notions— Mehl, Zwiebeln, Whisky, Kartoffeln, Aepfeln, Brettern u. dgl. beladen. Das Wort No⸗ tions hat aber hier noch einen Doppelſinn, und bedeutet zugleich Launen. — 198 6— — Wir ſchwiegen betroffen.— Unſere mauvaise humeur hatte uns zu einer Unartigkeit verleitet, wir ſo eine Blöße gegeben, die mich ärgerte. Meine Auf⸗ merkſamkeit wurde jedoch bald durch die Converſation der Männer angezogen, deren ſtolze unabhängige Hal⸗ tung mich nicht wenig frappirte.— Sie hatten uns kaum bei unſerem Eintritte beachtet, und auch jetzt nur zuweilen einen Blick auf uns geworfen; keine Muskel verzog ſich in dieſen apathiſchen Geſichtern, bloß um die Augenwinkel ließ ſich ein leichtes Zucken bemerken.— Ein ältlicher Mann ſprach über die commerciellen Verhältniſſe des Weſtens— von den an den Miſſiſtppi gränzenden Staaten, mit vieler Ein⸗ ſicht; auch die Bemerkungen Nathans und ſeiner Le⸗ derwämſer verriethen genaue Bekanntſchaft des Gegenſtandes. Der wilden Frolic wurde mit keiner Sylbe mehr Erwähnung gethan.“— „Morbleu! was iſt das?“ raunte mir Laſſalle zu, der unterdeſſen durch das Fenſter hinausgeſchaut hatte.“— „Aus einer der nächſten, gegen den Abhang zu ſtehenden Baumgruppen, die auf der kammartig von Oſten gegen Weſten ſchwellenden Anhöhe ſo wunder⸗ —= 199 6— lieblich hingezaubert ſtanden, kam eine ſeltſame Caval⸗ cade hervorgetrabt.— Sie ſchaukelte im kurzen Trabe heran, und ſah ſonderbar aus. Vorne ein Reiter mit dreieckigem Hute, mit einem Federbuſch, und in der Uniform eines unſerer franzöſiſchen Musketier⸗Re⸗ gimenter aus den früheren Regierungsjahren Louis XV., eine wahre Rieſengeſtalt— zu ſeiner Seite eine Figur:“— „Parole d'honneur! das iſt eine Regimentstrom⸗ mel.— Ma ſoil eine Regimenstrommel zu Pferde! meinte Laſſalle.“ „Eine Regimentstrommel! erwiederte ich unwill⸗ kürlich lachend;— nein, das nicht, aber eine Frau im Reifrock zu Pferde. „Und es war ſo.“— „Laſſalle hatte den großbeblümten Reifrock, wie wir deren vor Anno 89 zu Hunderten durch unſere Pariſer Kirchthüren drehen geſehen, für eine Regi⸗ mentstrommel genommen, aber der Irrthum war ver⸗ zeihlich.— Es war die drolligſte Figur, die ſich ſehen ließ.— Wem würde es auch auſſerhalb dieſem ba⸗ rocken Lande eingefallen ſeyn, im Reifrocke zu Pferde zu ſteigen?“ —= 200 6— „Die Figur kam wie ein Schooner im Wellentroge hin⸗ und herrollend heran. Wir unterſchieden all⸗ mählich den Capuchon, der das Haupt,— die Pan⸗ toffel mit hohen Abſätzen, die die Füße zierten;— das Ganze erinnerte an den Flying Dutchman*) auf derſelben claſſiſch⸗Caldwellſchen Bühne.“ „Hinter dem ſeltſamen Paare kam ein Zug von etwa zehn Männern in blauen Röcken von ſogenann⸗ ten Limburgs**)— Braquets und Mitaſſen, der gewöhnlichen Kleidung der Acadier4 „Gerne hätten wir Nathan über die ſeltſame Ca⸗ valcade befragt, allein unſer Stolz verbot es, und der Alte ſchien jetzt ſeine ganze hinterwäldleriſche Starrheit angelegt zu haben.— Einen und den an⸗ dern Blick warf er durch das Fenſter, ohne daß jedoch eine Muskel in ſeinem impaſſiblen Ledergeſichte ſich verzogen hätte.“ „Die Cavalcade war vor dem Hauſe angekommen Der uniformirte Rieſe, in dem wir ohne viele Mühe einen Veteranen der in den fünfziger Kriegsjahren *) Flying Dutehman. Der fliegende Holländer, eine dra⸗ matiſche Poſſe, nach dem bekannten Mährchen bearbeitet. **) Ein blaues grobes Tuch. — o 201 6— nach Canada und Louiſtana geſandten Truppen er⸗ kannten, ſtieg vom Pferde, und hob mit militäriſcher Galanterie die Dame von dem ihrigen.“— „Er war eine wahre Don Quirote⸗Figur, die, um mich eines Hinterwäldler⸗Ausdruckes zu bedienen, wohl ihre ſechs Fuß und eben ſo viele Zolle in den Schuhen ſtand; ſeine Dulcinea wieder, ein ſo drollig winziges geſpreiztes Dämchen,— gegenüber dem langen hagern Knochenmanne ſah ſie aus, wie ein ſich blähender Truthahn.“ „Sie reichte ihm ungemein pretentiös die Hand, die er zärtlich mit den Fingerſpitzen ergriff, und ſie den Porch*) hinan, der offenen Stubenthüre zu galantirte.“ „Ihre Begleiter waren gleichfalls abgeſtiegen, blie⸗ ben aber draußen.“ „Wir waren nicht wenig geſpannt auf das zärt⸗ liche Pärchen.“ „Im Menuetpas und der zierlichſten Tänzerhaltung ſchwebte ſte, im Grenadiersſchritte marſchirte er durch die offene Stubenthür, jedoch nicht eher, als nach *) Porch, eine Art Vorhalle an der Vorderſeite des Hanſes, durch das verlängerte Dach gebildet. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 14 —" 202— dreimaligem Anklopfen; dann vortretend berührte er militäriſch ſeinen Dreizack und berührte Nathan und Compagnie ganz in der ſteif zierlichen Manier unſerer Büttel, wenn ſie ſammt Ehegeſponſen ihre ſubmiſſen Gratulationen Sr. Geſtrengen, dem Bailli, dar⸗ bringen.“— „Uns haben derlei Spießbürgereien zu Hauſe oft amüſirt, aber hier ärgerten wir uns, wir fühlten, ordentlich beſchämt über den alten Narren, der, gegen⸗ über den ſtolzen Republikanern, ſeine altmodiſchen Kratzfüße noch nicht verlernt hatte;— ſie erſchienen uns wie eine Parodie auf unſer Land und unſere Manieren.“ „Nathan ſeinerſeits empfing die Huldigungen ganz mit den Airs eines Mannes, der ſich ſeiner Autorität bewußt iſt;— eine Weile beſah er die Beiden mit einem kalt lächelnden Blicke, dann wandte er ſich mit den Worten: Monſhur Lecain, ſetzt Euch mit Eurem alten Weibe nieder, dem debattirenden Mister Gale aus Tenneſſee zu.“— „Monſteur Lecain und Madame dankten mit Ver⸗ beugung und Knicks, und— blieben ſtehen. Die Geſichts⸗Lineamente der Letzteren hatten ſich bei dem — 3 203 6— alten Weibe einigermaßen verzogen, aber ſogleich wieder aufgehellt. Sie war ein ungemein beweg⸗ liches altes Weibchen, und hatte, trotz Runzeln, etwas ſo Kokettirendes, daß wir ſte ohne weiteres für eine Pariſerin niederſetzten. Nach einander fielen ihre Blicke auf die Squatters, die aufgetragenen Schüſſeln, die ab⸗ und zugehende Wirthin, ihre Tochter, wieder— auf uns;— auf uns— an uns blieben ſie haften. Unſer Squatter⸗Coſtüm deran⸗ girte ſie offenbar, man ſah ihr die Begierde an, etwas mehr von uns zu wiſſen. Sie wiſperte, ſtieß ihren Alten, der wieder unverwandten Blickes an dem Mister Regwillähtair, wie er Nathan ſtyliſirte, hing; ſo groß ſchien aber ihre Scheu vor dem gewaltigen Squatter⸗Potentaten zu ſeyn, daß ſie trotz Beweg⸗ lichkeit und Neugierde es nicht wagte, die Buſch⸗ männer zu unterbrechen. Die Gewalt, die er über ſeine franzöſtſchen Nachbarn erlangt, mußte in der That außerordentlich ſeyn.“ „Ich war im Begriffe, unſere unruhige Lands⸗ männin aus ihrer qualvollen Ungewißheit zu erlöſen, als Mistreß Strong, die am untern Ende der Tafel 14* — 0 204 6— Platz genommen, den Ruf erſchallen ließ: Männer, wollt Ihr Euch nicht ſetzen?“— „Die Männer nickten und blieben, der Debatte Mister Gales horchend. Der Tenneſſeer hatte zuvor noch das halbe Budget des neuen Staates zu be⸗ leuchten— dann erſt traten Alle gravitätiſch zum Tiſche.“— 3 „Nathan wies uns unſere Plätze neben Mister Gale an, und wandte ſich dann zu Monſteur und Madame Lecain: u „Mounſhur Lecain, habt Ihr gefrühſtückt?“ „Mille pardons! deprecirte Monſteur Lecain, ſich erhebend und verneigend.“— „Calculire, laßt beſſer Eure Complimente, ver⸗ ſetzte Nathan trocken;— ſetzt Euch mit Eurem alten Weibe, und helft Euch zu, was Eurem alten Magen gut thut. Habe die Notion, Ihr habt einen langen Ritt gethan, und ſind Eure mürben Knochen nicht daran gewöhnt. Habe Euch nicht ſobald erwartet. — Setzt Euch, ſeyd willkommen.“ „Lecain und Conſortin zögerten noch immer, ſich verneigend und knickſend.“— „Was in T— ls Namen gickſt und gackſt Ihr da —= 205 6— wie ein Paar Truthühner im Märzmonat? fuhr Nathan ungeduldig heraus. Vermuthe, Ihr hört, und habt Eure Ohren offen, ſetzt Euch!— Doch halt, calculire, dürfte Euch ſchwer werden, in Eurem Takelwerke Anker zu werfen— mit allen den Notions. Wißt, geht kein Schiff vor Anker mit Royal⸗ und Mainſail und Topſail und all ſeinen Segeln. Helft Ihr aus dem Canvaß,*) bedeutete er Eliſabeth und Mary, die bereits an der Dame beſchäftigt waren, ſte aus einem Theile ihrer Notions, wie Nathan ihre Toilette nicht unpaſſend bezeichnete, auszuhülſen. u „Dieſe Incidents, die wieder ſo eigenthümlich brummig die ſchroffen ſo wie guten milden Falten in Nathans Charakter aufhellten, gefielen uns nicht übel. Der Alte war ein eigen rauher, aber bei alle dem kein ſo ſchlimmer Patron.“— „Das Frühſtück beſtand aus Schweinsfüßen in Pfeffer und Eſſig eingelegt, Wälſchkornkuchen in Molaſſes getränkt,— Outards, einem gebratenen Wälſchhahne, Hirſchziemer, Schinken, Ciern, nebſt einer Unzahl in Zucker oder Eſſig eingemachter Früchte, *) Canvaß; Segeltuch. —= 206 6— Parſimons, den delikaten Louiſtanakirſchen, Pflau⸗ men, wilden Weintrauben, die, wie Sie wiſſen, die Hinterwäldler unvergleichlich einzumachen verſtehen. — So heterogen jedoch die Beſtandtheile, alle mußten ſte ein in die Alligatorsmägen der Squatters. Wir ſahen ſie in Pfeffer und Eſſig eingelegte Schweins⸗ füße zu Wälſchkornkuchen, von Molaſſes triefend, verſchlingen,— türkiſchen Pfefferkapſeln, in Eſſig eingelegt, zu Schinken; zuweilen fuhr einer der Squat⸗ ters mit ſeinem Meſſer in das Parſimons⸗ oder Pflau⸗ men⸗Compot, ſchob die Ladung in den Mund, und ſtieß üns dann den Deſertteller hin, ein Gleiches zu thun. Die Gabel mußte ihnen ein ganz überflüſſiges Werkzeug dünken.— Dieſe Oddities*) überſehen, herrſchte wieder viel Anſtand, und jene Ruhe, die dem durch nichts aus der Faſſung zu bringenden Hin⸗ terwäldler gewiſſermaßen angeboren iſt.— Insbe⸗ ſondere benahm ſich das weibliche Geſchlecht mit einer natürlichen Grazie, die ich nimmermehr erwartet hätte und die uns wieder von dem haushälteriſchen Regime Nathans einen ſehr vortheilhaften Begriff gab.— *) Oddities: Seltſamkeiten, Unanſtändigkeiten. —= 207— Die Amerikanerin, auch der unterſten Klaſſen, weiß in jede ihrer Bewegungen einen Adel, eine Würde zu legen, die unſere Damen von gleicher und ſelbſt höhe⸗ rer Rangſtufe nicht kennen.— Wir erſtaunten über die ruhige Beſonnenheit, mit der die drei Töchter der Mistreß Strong die Honneurs der Tafel machen halfen.“— „Weibliche Geſellſchaft hat immer auf den Mann, auch in der übelſten Stimmung, einen heilſamen Ein⸗ fluß,— ſie wird zum Gegendruck, zur anziehenden Kraft, die ihn auch mit rauheren Umgebungen, wenn nicht harmoniſch verbindet, doch dieſe weniger rauh fühlen läßt; nicht zu erwähnen, daß wir in dem weiblich⸗häuslichen Zirkel immer am ſicherſten über des Mannes Charakter Aufſchluß erlangen.“ „Auch uns wurde Nathans Charakter in ſeinen häuslichen Umgebungen klarer; bei jeder Schaale, die uns die anziehende Eliſabeth reichte, ſchwand unſer Widerwille mehr und mehr.— Wir waren eben in der vollen Prüfung eines Schnittes von dem vortreff⸗ lichen Hirſchziemer begriffen, als ein plötzlicher Lärm vor dem Hauſe uns inne halten machte.“— „Es waren laute Stimmen, die ſich hören ließen —= 208 6— — Stimmen, die uns bekannt an die Ohren ſchlugen. Wir horchten, bald blieb uns kein Zweifel übrig. Es war die hellkreiſchende Stimme Amadee's, mit den rauhen Kehlentönen Martins, die ſich vor dem Porch hören ließen.— Wir hörten unſere Namen rufen.“ „Die Tiſchgeſellſchaft ſtutzte einen Augenblick;— wir ſprangen auf und eilten zum Fenſter.“ „Und wen ſahen unſere Augen? Wen anders, als unſere Freunde Lacalle und Hauterouge, die, umge⸗ ben von Amadee, Jean und Martin, auf ihren Pfer⸗ den hielten. Ein Ausruf der höchſten Ueberraſchung entfuhr uns.— Lacalle mich zu erſchauen, und mit dem lauten Ruſe: Vive le Roi! le Roi ne meurt pas! — vom Pferde auf die Porch zuſpringen, mit einem zweiten Satze durch das Fenſter in die Stube— an mir, der ich zurückgeſprungen war, vorbei— der gerade aufſchnellenden Eliſabeth in die Arme, einen Kuß auf die ſchwellenden Kirſchlippen der lieblichen Squatterin zu drücken— ſie fahren zu laſſen, mir jubelnd an den Hals zu fliegen: Oberſt, alle Teufel, wo ſtecken Sie?— worin ſtecken Sie?— zurückzu⸗ prallen— wieder vorzuſpringen— mich im Kreiſe zu drehen, mit einem lauten: Vive la France, l'amour -—-ͤͤ=õ —“= 209— et la patrie! einen Pas de deux zu hüpfen;— das Alles war ſchneller gethan, als geſagt.“ „In demſelben Augenblicke kommt Hauterouge in gleich unceremoniöſer Manier durch das Fenſter her⸗ eingeſprungen.“ „Morbleu, Colonel! Laſſalle! Wo ſteckſt du? Wie ſiehſt du aus!— Alle T—l! was treibt Ihr?“ „Und Hauterouge und Lacalle fliegen uns aber⸗ mals in froher Ueberraſchung mit all dem ſtürmiſchen Jubel wiedergefundener Kriegskameraden an den Hals, umarmen uns, wenden uns, drehen uns, brechen in lautes Gelächter aus, hüpfen wie närriſch in der Stube herum, tanzen pas de deux, enfiliren, amour et la patrie ſingend, einen Menuet.“— „Während dem kam der alte Knabe Amadee, aber durch die Thüre, ihm nach unſer Jean und der alte Martin.“ „Herr Graf, Herr Oberſt, ums Himmelswillen, ſind Sie es? St. Denis und alle Heiligen ſeyen ge⸗ lobt! Sind Sie es wirklich, Herr Graf? O Herr Graf! O mein geliebter Oberſt!“ „Und mit Thränen in den Augen küßt mir der gute Alte die Hand, und das Beiſpiel Hauterouge's und —= 210 6— Lacalle's vor Augen, ſpringt auch er, und tanzt, und jubelt vor Freude:“ „Suchen Sie ſeit zwei Tagen, Herr Graf, über⸗ all, bei Martin, den Acadiern, auf der brennenden Prairie.— O Herr Graf! Unſere Angſt, unſer Jam⸗ mer— Ueberall haben wir Sie geſucht.“ „Bei den sous votre respect, peuple de couleur les Allains, fiel Martin wie ein alter Drehbaß ein.“ „Der plötzlichen Rührung folgte wieder ein lautes ſchallendes Gelächter.“— „Weißt Du aber, Oberſt, daß dieſe Allains wirk⸗ lich ganz divine Creaturen ſind?“ „Ihr waret alſo bei Allains? u „So waren wir, glaubten, Euch da aufzuſtöbern, als Ihr nach zwei Tagen noch immer nicht kamt. Sahen die deliciöſen Mädchen.— Parole d'honneur! ſind allein die Reiſe nach Louiſtana werth.“— „Und was ſagt mein ſittenrichterlicher Lacalle? fragte ich lachend. „Lacalle war roth geworden und ſchwieg.— Mir ſiel dieß damals unter den Rundſprüngen weniger auf— aber doch ſiel es mir auf— obwohl Amadee's —= 211— Frohlocken mich bald wieder auf andere Gedanken lenkte.— Es waren Briefe von Hauſe, von New⸗ Orleans, vom Gouverneur, vom Lieutenant⸗Gou⸗ verneur, vom Baron Marigny, allen Notabilitäten der Provinz eingelaufen. Amadee's Freude, uns wieder zu finden, wollte kein Ende nehmen. Hätte er uns auf dem Schlachtfelde unter einem Haufen Todter hervorgezogen, oder aus dem Rachen eines Alligators, ſein Frohlocken hätte nicht ungeſtümer ſeyn können, waren wir doch nicht— ſeine einzige Angſt und Sorge— in den Syrenennetzen der hor⸗ riblen Allains verſtrickt.— Er ſprang, tanzte um uns herum, ſchrie uns abwechſelnd die Neuigkeiten in die Ohren, Hauterouge und Lacalle hüpften pas de deux, lachten zur Abwechslung über unſer Coſtüm. — Es war ein Spektakel, wie wohl ſelten nur in einer Squatterſtube je getrieben ward; für ſie waren die Squatters wie gar nicht vorhanden,— und auch wir hatten ganz unſere aimablen Wirthe vergeſſen.“— „Die sotto voce Ausrufungen endlich: Why that beats all nater— ay the Union! Why they are whomsoever stark downright mad! By the living —= 212— Jingo! if they ar'nt!*) belehrten uns, daß wir nicht allein waren.“ „Wir ſchauten uns um, und—“ „Ah, dieſe Squatters, und ihre Geſichter! Sie laſſen ſich unmöglich beſchreiben. Wäre aber der Himmel geborſten, oder die ſteben Meilen lange See⸗ ſchlange der Yankees ſtatt Lacalle's und Hauterouge's zum Fenſter hereingeſprungen, ihr Starren hätte nicht größer ſeyn können— was ſage ich, Starren — es war wahrer Schrecken, Angſt in den Geſichtern der Weiber und der Töchter, eine Angſt, die uns An⸗ fangs komiſch vorkam, uns aber bald ernſthaft genug erſchien, als wir auf Nathan blickten.“— „Er ſaß, die beiden Hände auf den Tiſch feſt ge⸗ drückt, wie Einer, der ſich zurückhalten will; aber ſeine erzenen Geſichtszüge ſchwollen, ſeine Augen ſtier⸗ ten und ſtarrten,— ſeine ganze Phyſtognomie nahm einen unbeſchreiblich unheilſchwangern Ausdruck an. Lacalle hatte kaum einen Blick auf ihn geworfen, als er, an mich zurückprallend, mir zuflüſterte: Ums *) Wie, das überbietet ja alle Natur.— Mein G-tt, die Union!(die V. St.)— Wie, ſie ſind nichts deſto weniger ab⸗ ſolut toll!— Beim lebendigen Jingo! wenn ſie es nicht ſind! —= 213 6— Himmelswillen! Wer iſt der Mann? welch' eine furcht⸗ bare Phyſiognomie!“ „Lacalle hatte nicht allein unheilſchwangere Symp⸗ tome aus des Mannes Geſicht geleſen— Hauterouge Amadee, der alte Lecain, ſeine Ehehälfte, gruppir⸗ ten ſich um uns, Mistreß Strong und ihre Tochter hatten ſich mit gerungenen Händen an die Seite des Mannes gezogen, ihn von uns abzuhalten.“ „Mann, um Gotteswillen, Mann, bedenke! rief Mistreß Strong; Vater, um Gotteswillen, Vater! die Töchter.“ „Wir waren nun alles Ernſtes erſchrocken, denn wir ſahen, daß die Freiheit, die ſich unſere beiden Freunde in ihrer Etourderie genommen, den Stolz des ſtarren republikaniſchen Buſchmannes am empfind⸗ lichſten Flecke getroffen.— Sie konnte uns theuer zu ſtehen kommen.— Die Gäſte ſaßen ſchweigend, mit zurückſtoßenden Mienen und Geberden.“ „Mister Nathan! rief ich, auf ihn zutretend— Mister Strong!— Vergebt die Freiheit, die ſich unſere Freunde genommen;— in ihrer Ueberraſchung, uns ſo plötzlich wiederzufinden, dachten ſie nicht daran, —= 214— Euch zu beleidigen—— Major Baron Hauterouge, Kapitän Ducalle, De la Calle.“— „Nathan ſaß mit zuſammengepreßten Lippen, ohne ein Wort zu erwiedern, einen Augenblick firirte er ſeine Nachbarn, dann warf er einen durchdringenden Blick auf uns,— auf einmal Weib und Tochter ab⸗ ſchüttelnd, wie der Bär den Bienenſchwarm von ſich abſchüttelt, erhob er ſich.“ „Stille, altes Weib! Friede Deiner Zunge!— Waffenſtillſtand! hörſt Du?— Habe die Notion, bin Herr in meinem Hauſe, und habe nicht umſonſt geſchafft und geblutet; calculire, will es bleiben, und Dir eine Notion geben, daß ich es will.“— „Und ſo ſagend, trat er an Lacalle heran, und ſeine gewichtige Hand auf des Freundes Schulter legend, ſprach er mit ſtarker Stimme:“ „Seyd willkommen, Fremdling! Willkommen! ſage ich.— Stille, altes Weib. Friede mit Deiner Zunge! — Hört, was ich ſage.— Calculire, iſt jetzt die Zeit an mir, zu reden— habe Euch gehört und geſehen, ſollt mich hören!“— „Er pauſirte.“ „Habe die Notion, iſt bei Euch der Gebrauch, Eure —= 215 6— Beſuche den Leuten durch das Fenſter zu machen? mag ſeyn, es iſt ſo,— habe nichts entgegen;— ſeyd bekannt als leichtfüßig.— Seyd Ihr nicht?« „Abermals eine Pauſe.— Lacalle ſah den Mann an, aber, ſowohl er als wir, konnten vor Erwartung kein Wort hervorbringen, in ſeinen Zügen war eine ſo grimmige Entſchloſſenheit.“ „Habe aber die Notion, fuhr er mit ſtärkerer Stimme fort; iſt bei uns nicht die Sitte, den Leuten durch das Fenſter hereinzuhopſen; iſt ein Fact, Mann! — iſt nicht Sitte bei uns, calculire ich, und ſo ver⸗ muthe ich denn, werdet ein guter Junge ſeyn, und unſere Sitte reſpektiren, und Euern Weg zurückneh⸗ men, und ihn da nehmen, wo ihn andere Leute vor Euch genommen haben,— zur Thüre herein.“— „Die Worte würden einem Stocktauben verſtänd⸗ lich geworden ſeyn, denn ſte waren mit einem Rucke begleitet, der Lacalle, ſtark wie er war, zum Fenſter brachte, durch das er, wie, wußte er gewiß ſelber nicht, mit einem Satze retirirte.“ „So, mein guter Junge!— Gleich drüben iſt die Thür und der Eingang.“— „Und Ihr? wandte er ſich an Hauterouge.“— — 216 6— „Hauterouge hatte geſchaut, geſtarrt;— bei all dem furchtbaren Ernſte, der in des Mannes abſtoßen⸗ dem Geſichte lag— lauerte wieder ein Zug guten Humors herfür;— Bonne mine au mauvais jeu machend, ſprang er mit einem Satze dem Freunde nach.“ „Jetzt erlaubt aber auch uns zu folgen, ſprachen Laſſalle und ich.“ „Mit Nichten, verſetzte Nathan.— Seyd durch die Thür auf rechtem Wege gekommen,— ſeyd meine Gaſtfreunde, bleibt hier.“— „Und Ihr, Mounſhurs?! wandte er ſich zu den draußen auf dem Porch ſtehenden Zweien, Ihr ſeyd willkommen, aber zur Thür herein.“— „Eh bien, riefen Lacalle und Hauterouge, in die Laune des bizarren Alten eingehend— Eh bien— nous voilà." „Und beide waren lachend wieder in der Stube, im Geſtchte einige Verlegenheit, die aber, wie Sie leicht erachten mögen, Nathan wenig kümmerte.,) „Sehe, läßt ſich etwas aus Euch machen, ſprach er trocken, ein kaum merkbarer ironiſcher Zug um die Augenwinkel ſpielend.— Sehe, ſehe— wen wir vor uns haben, leichtes franzöſiſches Blut, das ſich — 3 217— keinen Fiedelbogen darum kümmert— wie Andere den beliebigen Spaß aufnehmen.— Will Euch aber ſagen, ei, ſo will ich:— Habe die Notion, laßt fürs Künftige derlei luftſprüngeriſche, ſpaßhafte Mißgriffe, wenn Ihr wieder in eines Bürgers Wohnung eintre⸗ tet. Mögen in Eurem Lande thun ſolche luftſprüngeri⸗ ſche, ſpaßhafte Mißgriffe, das Fenſter für die Thür anzuſehen, thun aber nicht bei uns, könnte Einem von uns leicht auch ein Mißgriff begegnen, Euch, ſtatt tanzenden Franzoſen, für Tanzbären oder ſpringende Panther zu nehmen, und Euch ein dreiviertel Unzen Blei in den Leib zu jagen, oder ein ſechs Zoll kalten Ciſens. Und könnte Einem für ſolchen Mißgriff das Geſetz nicht einmal etwas anhaben. Mögen bei Euch thun, derlei Familiaritäten, aber bei uns ſind ſie ge⸗ fährlich, calculire ich, und laßt ſie beſſer weg. Pſhaw! hab' mitunter die Notion, werdet Appetit haben nach Curer Tanzfrolic— habt Ihr nicht? Altes Weib, friſche Gedecke!“ „Das ſtarre, mit einem leicht ironiſchen Lächeln überflogene Geſicht Nathans wurde nun etwas freund⸗ licher, und der Kopfruck, der Mistreß Strong zu⸗ Lebensbilder g. d. weſtl. Hemiſph. V. 15 —= 218— geworfen, ſetzte Mutter und Töchter in Bewegung. Der Friede mit dem Buſchpotentaten war abge⸗ ſchloſſen.“— „Die Geſichter unſerer beiden Freunde hatten ſich erſt während des gegebenen guten Rathes verlängert, jetzt erſt ſchienen ſie etwas von Nathans Charakter zu capiren; Hauterouge ſah darein, als ob er, an der Spitze ſeiner Escadron, einzuhauen im Begriff ſtände, ſeine Muſtachios aufkräuſelnd, ſchoß er abwechſelnd grimmige Blicke auf Nathan, und wieder auf uns; der leichtblütige Lacalle ſchien noch unſchlüſſig, ob er lachen oder ſich ärgern ſollte. Glücklicherweiſe hatte die lieblich gerundete Miß Eliſabeth ein friſches Cou⸗ vert für ihn zurecht gelegt, und ſanft erröthend darauf gedeutet.— Einer ſolchen Einladung ließ ſich wohl nicht widerſtehen.“ „Er ſetzte ſich.— Hauterouge zauderte noch. „Parbleul in welche Geſellſchaft ſind wir gerathen? Vignerolles! brummte er mir in die Ohren— Bären das— habe große Luſt.“—. „Thue das ja nicht, verſetzte ich, Du kämſt zu kurz — das iſt ein Original— Alle ſind ſte es. Du ſtehſt, man war daran, Dich ſelbſt für einen Bären —= 219 6— zu halten.— Beſſer, Du ſetzeſt Dich, hab' ich die Notion. „Hauterouge ſah mich erſtaunt an, ſchnitt eine Gri⸗ maſſe, ſetzte ſich aber.“ „Unſer guter Hauterouge war den Morgen bereits zwanzig Meilen geritten, und hatte alſo einen Appetit, ſo ſcharf, wie ihn ein Escadronschef eines Dragoner⸗ regiments nur haben konnte; auch Lacalle ließ der Kochkunſt der Mistreß Strong alle Gerechtigkeit widerfahren. Uns kam jetzt der ganze Auftritt recht ſehr lächerlich vor, die deliciös⸗maligne Senſation, unſerem guten ungeſtümen Hauterouge ſeinen Antheil derber Squatterkomplimente zugemeſſen zu wiſſen— war nicht zu bezahlen.— Sie wiſſen, wir Franzoſen ſind nie glücklicher, als wenn unſer maliciöſes Begeh⸗ rungsvermögen ſo unvermuthet Befriedigung findet.“ „Wir nickten, der Graf fuhr fort.“ „Doch, um wieder zum alten Nathan zurückzukom⸗ men, ſo ſchien er an Lacalle Wohlgefallen zu finden. — Man konnte ihm aber auch nicht gram ſeyn. Seine ausgezeichnete männliche Schönheit, verbunden mit einem leichten, gefällig ſorgloſen Weſen, gewann ihm im erſten Augenblicke Aller Herzen. Die Blicke der 15* —“= 220— Squatterinnen hingen ordentlich an ihm. Mistreß Strong hatte ſich zu ihm geſetzt und, ihn vertraulich anſchauend, entſpann ſich folgendes Zweigeſpräch:“ „Seyd alſo, vermuthe ich, aus Eurem alten Lande herübergekommen?“ „Lacalle nickte.“ „Habe die Notion, wird Euch wunderbar vorkom⸗ men bei uns?— My! ſagen die Leute, daß drüben Jung und Alt in Holzſchuhen einhergehen, und nichts als Fröſche und Suppe eſſen?“ „Lacalle nickte abermals.“ „Eßt Euch nur immer voll, lieber Junge! encoura⸗ girte Mißtreß Strong— haben Fülle von Notions.“ „Hier ſahen Lacalle und Hauterouge hoch auf.— Wir hatten Mühe, das Lachen zu verbeißen.— Sie fuhr fort:“ „Mhy! calculire, Ihr ſeyd nicht verheirathet?⸗ „Lacalle ſah wieder auf, und nickte.“— „Bitte um Vergebung, Mistreß Strong, verſetzte ich, Monſteur Lacalle iſt verheirathet, und zwar an die Tochter des Herrn von Morbihan.“— „Die Lippen, die ganzen Kinnladen der Mistreß Strong und ihrer Töchter fielen, ihre Geſichter ver⸗ — 221 e— längerten ſich, die Miß Eliſabeth zog ſich drei Schritte zurück.— Wir konnten es kaum mehr aushalten; zum Glücke kam der alte Nathan, der ohne eine Miene zu verziehen über ſeinem Schinken geſeſſen, uns zur Hülfe. u „Und ſeyd alſo zuſammen herübergekommen, hob er nun an.— „Mit dem Oberſten, verſetzte Lacalle, auf mich deu⸗ tend, und wieder im Maſtifikationsgeſchäfte fortfah⸗ rend.— Mit dem Oberſten, ſetzte er mit weniger vollen Backen hinzu, und dem Major Laſſalle und Hauterouge.“ „Und ſeyd durch das Bayon Plaquemine gekom⸗ men? fuhr Nathan nach einer Weile in ſeiner Exa⸗ mination fort.“ „Wie wißt Ihr das? entgegneten wir verwun⸗ dert.“ „Ei, wie wiſſen wir das!— Wiſſen mehr, als Ihr glaubt, ſollt mehr hören vom alten Nathan.“ „James! wandte er ſich an eines der jungen Leder⸗ wämmſer; habe die Notion, Du ſtoßeſt in das Horn zur Gemeindeverſammlung!“ „James ging hinaus und blies in eine Seemuſchel. —= 222 6— Der Ton, den dieſe von ſich gab, glich ganz den Tönen der Schweizer Alpenhörner.“ „Während der langen Pauſe, die eintrat, hatten unſere beiden Freunde ihr Frühſtück vollendet.“ „Nathan ſtand auf, und, mit gewichtiger Miene ſich zu uns wendend, hob er an:“ „Habe die Notion, iſt an der Zeit, das Geſchäft abzuthun, und wollen hinüber ins Gemeindehaus.“ „Habe die Notion, guter Mister Strong, verſetzte ich, in ſeinen Ton einfallend, wollen uns aus Eurem Geſchirr heraus, und in das unſrige, das Amadee in ſeiner Vorſicht mitzubringen bedacht geweſen, einthun. — Calculire, wollen Euch hierauf für Eure Gaſt⸗ freundſchaft danken, und uns mit unſern Freunden und dem alten Martin auf den Heimweg machen.“ „Iſt doch erſtaunlich, fiel Nathan ein— erſtaun⸗ lich, was für kurzſichtige Leute Gott der Allmächtige in Euch Franzoſen geſchaffen hat. Will einen Quid Kautaback gegen ein ganzes Faß wetten, daß Ihr rein vergeſſen habt, was ich Euch von wegen des Gemeinde⸗ hauſes und der Acadier geſagt.“— „Lacalle und Hauterouge lachten laut auf.“ — 223 6— „Nicht vergeſſen, lieber Nathan!— Aber was ſollen wir in Eurem Gemeindehauſe?“ „Werdet ſehen, hören, und macht mich nicht giftig mit Euern ewigen Fragen.“ „Hauterouge ſah mich an. Alle T—l! was haſt Du mit dem alten Grobian?— Das iſt das ſeltſamſte Thier, das mir je in meinem Leben aufgeſtoßen.“ „Bon Dieul wiſperte mir Lecain zu. O ciel! bat Madame.— Bon Dieu! O ciel! gehen Sie, gehen Sie, Herr Graf, Herr Baron!“ „Wir ſtanden noch unentſchloſſen.“ „Ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, häkelte Madame ihren Arm in den meinigen, Lecain ſchob Hauterouge zur Thüre hinaus, Mistreß Strong Laſſalle und Lacalle, und ſo zogen wir denn dem alten Nathan nach.“— „Sind doch conſiderabel quer dieſe Franzoſen, brummte uns die Mistreß Strong nach— küſſen ledige Mädchen, und haben Weiber.“ „Lacalle, Du könnteſt hier Dein Glück machen, lachte Hauterouge.“ „Habe die Notion, Sie könnten, verſetzte Laſſalle.“ —= 224 9— „Laut lachend zogen wir dem Gemeindehauſe zu.“— VII. Squatter-Leben. „Das Gemeindehaus war zugleich Taback⸗, Baum⸗ wollen⸗ und Theerniederlage. Fäſſer mit Taback und Thran, Baumwollenballen mit Bären⸗ und Hirſch⸗ häuten lagen auf allen Seiten im Innern aufge⸗ ſchichtet; in der Mitte, neben der Wage, ſtand ein roher Tiſch, mit einem Subſtitut für eine Bank, nämlich ein Brett über zwei Blöcke gelegt; um den Tiſch herum lagen Hausmeubeln, Kleidungsſtücke und Waarenballen.“ „Wir waren an dem Einfahrtsthore ſtehen ge⸗ blieben, die Squatters beſchauend, die von allen Seiten her angeſtiegen kamen, mit ſtolz muſternden Blicken uns maßen, und dann in die Niederlage tra⸗ ten, wo ſich Nathan, Mister Gale, und die übrigen Tiſchgenoſſen befanden, die Tabacks⸗ und Baum⸗ wollenſorten prüfend.“ „Dieſe Unterhaltung währte, bis die Anzahl der Squatters auf etwa ſechzig geſtiegen war;— jetzt trat Nathan mit einem andern ältlichen Manne vor den Tiſch, legte Federn, Tintenbehälter und Papier darauf, und Beide ſetzten ſich mit Mister Gale, dem ſte den Ehrenplatz in der Mitte einräumten.“ „So grotesk und ſeltſam uns die Manieren der Squatter vorkamen, ſo hatte doch ihr Weſen auch wieder etwas ſo Republikaniſch⸗Starres, es ſpiegelte ſich darin eine ſo ruhige Selbſtachtung, daß wir mit wahrem Verlangender Eröffnungihrer Verhandlungen entgegenſahen.“ „Nach einigen Minuten wechſelſeitiger Beſchauung erhob ſich endlich Nathan und winkte uns, vorzutre⸗ ten.“— „Wir traten alſo vor.“— „Haben Euch berufen, Fremdlinge, in dieſe unſere Verſammlung;— iſt, calculire ich, an der Zeit, Euch wiſſen zu laſſen, warum wir Eure Gegenwart geheiſcht; haben aber zuvor noch Einiges und Anderes zu verhandeln, und erſuchen Euch, in Geduld abzu⸗ warten.“— —= 226 6— „Wir nickten unſere Bereitwilligkeit zu, in Geduld abzuwarten, übrigens eine harte Zumuthung bei un⸗ ſerer Ungeduld. Nathan überſah noch einmal die Jagdblouſen und Lederwämmſer, und begann:“ „Iſt nun ſieben Jahre, Mitbürger, und eine Spanne darüber, daß Wir hier auf dieſer Erdſcholle Fuß ge⸗ ſetzt, und das Land ausgefunden, das ſeitdem Aſa's Niederlaſſung getauft worden.— Iſt jetzt nicht die Zeit und der Ort, ein Langes und Breites zu ſagen über das, was wir gethan;— iſt, habe ich die No⸗ tion, genug, zu ſagen, daß das Land, das Ihr nun als eine Niederlaſſung ſchaut, mit Wälſchkorn⸗ und Tabacks⸗ und Baumwollenfeldern, und Fencen, und Häuſern, und Hütten, und Gärten, und Quellhäuſern, als wir zuerſt ankamen, juſt war, wie es Hinterwäld⸗ ler am beſten lieben, und wie es Gott der Allmächtige geſchaffen: Wald und Prairie, und Sumpf und Dickicht, und Buſch und Dorn, ohne Weg und Steg, mit kei⸗ nem andern Dache, als dem Zelte des blauen Himmels, keinem andern Lichte, als dem der ſengenden Sonne bei Tage, und dem des grün ſchillernden Mondes und der Geſtirne bei Nacht; keiner Stimme, als der des — 0 227 6— Bullfroſches, des heulenden Wolfes, des brummenden Bären, und derlei Gezüchtes.“ „Erwähne dieſes, Mitbürger! nicht aus eitler Ruhmſucht oder in der Notion, außerordentliche Hel⸗ denthaten vollbracht zu haben. Iſt das nicht unſere Notion.— Iſt Squatter⸗Thun, was wir gethan, wiſſen es, haben Tauſende vor uns das Nämliche ge⸗ than, werden Tauſende nach uns das Nämliche thun. Wiſſen auch, daß Eure Hände und Aexte das Meiſte dabei gethan, das Land zu dem zu machen, was es iſt. Sind es Eure Hände, die das gethan. Erwähne aber dieſes Alles nicht ohne Urſache, erwähne es, nicht um zu rühmen, was wir gethan, ſondern, um Uns und Euch das Prinzip ins Gedächtniß zu rufen, das uns geleitet in unſerem Thun.“ „Bei der Erwähnung des Prinzipes ſahen uns Hauterouge und Lacalle ſtarr an.— Das Wort Prin⸗ zip im Munde der Squatters klang wirklich ſo ſeltſam! Wir ſelbſt, ſo Vieles Wir auch bereits geſehen und gehört, konnten ein Lächeln nicht unterdrücken, aber die Sprache des Mannes war nicht mehr die des rauhen Squatters, ſie war ernſt, würdig, voll Selbſt⸗ bewußtſeyn geworden.— Er fuhr fort.“— —= 228 6— „Kam gleich in den erſten Monaten unſers Hier⸗ ſeyns etwas dazwiſchen, das unſere Pläne und Pro⸗ jekte ſchier im Keime zu erſticken, und unſerem Squat⸗ ter⸗Treiben für immer ein Ziel zu ſetzen, allen Anſchein hatte.— Hätten Vieles darum gegeben, wenn es nicht dazwiſchen gekommen wäre, kam aber dazwiſchen, und war ein blutiges Dazwiſchenkommen, das uns den beſten Mann koſtete, und keinen beſſern gab es, wer er auch immer ſeyn möge, eine Niederlaſſung zu gründen.“ „Kam, ohne daß wir es ſuchten oder wollten, und mußten es nehmen, wie es kam. Und da wir es we⸗ der geſucht noch gewollt, ſo nahmen wir es, wie es kam; und obwohl wir Vieles darum gegeben hätten, wenn es anders gekommen wäre, ſo, da wir es weder geſucht noch herbeigeführt, und das Recht auf unſerer Seite war, behaupteten wir auch unſer Recht wie freie Männer.“— „Iſt aber jetzt nicht an der Zeit, Mehreres über dieſen Punkt zu reden. Calculire, iſt überhaupt nicht an der Zeit, viel davon zu reden, in Anbetracht, wo, und unter wem, wir uns befinden. Haben unſer Recht behauptet, und iſt das genug, und beſſer, zu ſchwei⸗ — 0 229 6— gen, als zu viel Redens darüber zu machen, habe ich die Notion.“ „Hat aber Blut gekoſtet unſer Recht, haben es aber behauptet unſer Recht, und behaupten es noch. Iſt aber, calculire ich, an der Zeit, Uns das Prinzip ins Gedächtniß zurück zu rufen, das Uns geleitet ſowohl in Behauptung unſers Rechtes, als in Gründung unſerer Heimweſen, und im Verkehr mit Ausländern, und das Uns und unſer Gemeindeſchiff gelotſet durch der Klippen mancherlei.“— „Nathan hielt inne, überſah abermals die Ver⸗ ſammlung, die jetzt wohl auf hundert und zwanzig Köpfe angewachſen ſeyn mochte, und ſprach dann langſam und feierlich.“ „Iſt aber unſer Prinzip immer geweſen, und wird immer, caleulire ich, ſeyn, das Prinzip freier Männer, Unabhängigkeit der Perſon und des Eigen⸗ thumes.— Wollten und wollen unſere Unabhängig⸗ keit, was beide betrifft, behaupten, wollen aber auch die Unabhängigkeit Anderer in beiden, reſpektiren.“ „Dieſe letzteren Worte waren mit ſtarker Stimme geſprochen.“. „Hat Uns das Prinzip zum Leitſtern gedient, zum — 230 G— Lotſen, das unſer Gemeindeſchiff durch ſo manche Un⸗ tiefen und Klippen hinausbugſirt, und, caleulire, durch noch manche Untiefen und Klippen hinausbugſtren wird.“— „Will deutlicher reden.“— „Hatten, wißt Ihr, die nämlich, die damals zuge⸗ gen waren, nach der blutigen Frolie, als George, Aſa's Bruder, mit unſern Freunden vom Saltriver ſo gerade zu rechter Zeit kam, Uns in einer ſo argen Klemme, als je Squatters in einer ſtaken, Troſt bringend, und Hände, unſere Hütten, die der Feind niedergebrannt, wieder aufzublocken, hatten damals dieſes Prinzip zum erſten Male als Prüfſtein und gleichſam als Pilot anzuwenden.“— „Hatten nämlich unſere Häuſer aufgeblockt, und unſere Felder beſtellt, und war im Sommer des zwei⸗ ten Jahres nach unſerer Ankunft, als die Acadier und Canadier und Franzoſen zuerſt ihre Erſcheinung mach⸗ ten, in der Notion, ſich in unſerer Nachbarſchaft nie⸗ derzulaſſen.“ „War dieſes eine Prinzipfrage. Hatten das Land mit unſerem Blute erobert und behauptet, hatten unſer Recht darauf gegründet, kamen aber die Franzoſen — 231— und Canadier und Acadier, Willens, ſich auf die die⸗ ſem Lande, das wir zwar zur Zeit nicht bedurften, auf das wir aber für unſere Mitbürger und Kinder gerechnet hatten, niederzulaſſen.“— „War eine kitzliche Frage, die Einen wohl pauſtren machen konnte, ehe man entſchied.— Hatten das Land erobert mit unſerem Blute, und kamen jetzt die, deren Brüder und Landsmänner und Freunde gegen uns gefochten, Willens, es mit uns zu theilen.“— „War eine Frage, die dem nüchternſten Richter Kopfweh zu verurſachen im Stande war, machte auch uns die Köpfe ſchier ſchwindlig.— War eine Inte⸗ reſſen⸗ und eine Prinzipfrage, und waren Partei und Richter zugleich, und iſt es ſchwer, als Partei und Richter zugleich, gerecht zu ſeyn.“— „Waren Einige der Meinung, das Land ſey unſer Eigenthum, und könne alſo nicht von den Acadiern und Canadiern angeſprochen werden.“— „War das wahr genug, aber ſagten wieder Andere eben ſo wahr, daß die Congreßländereien gleichfalls Eigenthum der Bürger in den Staaten ſeyen, und die Staaten doch Fremdlingen, Ausländern, Britten und ſelbſt Heſſen, Ländereien mit der Erlaubniß —= 232 6— gäben, ſich niederzulaſſen und ein Heimweſen zu grün⸗ den. Und ſagten, daß wir zwar als freie Bürger unſer Recht behauptet, aber daß uns dieſes nicht die Befugniß gäbe, Andere in der Freiheit, die wir ver⸗ fochten, zu beſchränken“ „Und ſagten, daß die Staaten eben dieſem Prinzipe gemäß handelten, und daß es von Uns prinzipwidrig gehandelt wäre, dieſem Prinzip der Freiheit entgegen zu handeln, und den Acadiern, die nichts Anderes wollten, als was wir verfochten, das Recht der Nie⸗ derlaſſung zu verwehren.“ „Iſt dieſes ganz richtig, bemerkte wieder ein Ande⸗ rer, den Ihr Alle kennt. Iſt ganz richtig, ſagt er, und haben die Staaten Landesfremde, und ſelbſt Feinde, in ihre Mitte zugelaſſen, und ſie unter ſich aufgenom⸗ men. Haben aber dieſe Staaten organiſirte Regie⸗ rungen, haben nebſt dieſen Staatsregierungen eine Centralregierung in Philadelphia, mit dem Präſiden⸗ ten und ſeinem Cabinette, durch die ſte in Verbindung ſtehen mit auswärtigen Regierungen, und ſind dieſe Staatsregierungen und die Central⸗Adminiſtration mit hinlänglicher Gewalt verſehen, den Geſetzen Ge⸗ horſam und Reſpekt zu verſchaffen, und iſt ihre Auto⸗ — e 233-— rität auch anerkannt von Britten und Franzoſen und Spaniern und wie alle die Völker heißen.“— „Iſt aber bei uns ein anderer Fall, ſagte derſelbe Mann, und dürfen wir uns die Wahrheit nicht ver⸗ hehlen, noch die Augen blenden. Sind in dem Lande, iſt ein Fact, und haben uns darin feſtgeſetzt, iſt ein zweites Fact, ſind aber in einem Lande, das nicht zu den Staaten gehört, ſondern zu den ſpaniſchen Pro⸗ vinzen und Königreichen, und in dem ſich die Fran⸗ zoſen und Spanier früher niedergelaſſen haben, und das ſie als ihr Eigenthum betrachten, und ſonach es als ihr Eigenthum betrachtend, wollen ſie ſich auch hier als auf ihrem Eigenthum niederlaſſen, und bitten zwar und betteln um unſere Bewilligung als eine Gunſt, aber dürfen uns durch ihre ſchönen Worte nicht täuſchen laſſen, wiſſen es wohl, daß wir nicht das Recht haben, ihnen ihr Begehren zu verſagen, und noch weniger, unſer Geſetz auf ſie anzuwenden;— und werden ſie, wenn die ſpaniſche Regierung etwas gegen ſie hat, zu uns, und wenn wir etwas gegen ſie haben, zum Spanier übergehen, und werden ſte uns den olivenfarbigen Don über den Hals bringen, und wird des Streites und der Zwiſtigkeiten kein Ende ſeyn.⸗ Lebensbilder a.d. weſtl. Hemiſph. V. 16 — e 234— „Nathan hielt inne, denn es richtete ſich ein langer Squatter auf, der, mit der Hand winkend, ein Zeichen gab, daß er das Wort zu nehmen im Begriff ſey.— Nathan nickte.“*— „Habt Recht, Mister Nathan Strong! hob der Mann an. Habt ganz recht prophezeiht in dem, was Ihr ſagtet. Hat Streit gegeben, und gibt noch Streit, und, calculire, wird mehr geben. Sage Euch aber, calculire, iſt Eure Schuld, daß es Streit gab und gibt. Iſt das Land Louiſtana, und wenn ſich hun⸗ dert Mal der Spanier und Franzoſe vor uns da nie⸗ dergelaſſen, nichts mehr noch weniger, als ein purer Abfall vom Miſſiſtpp, unſerm Miſſiſipp, und haben uns darin feſtgeſetzt und behauptet, mit unſerm Blute, oder vielmehr mit Eurem Blute. War leider nicht dabei, als die Frolic mit dem Spanier abgeſpielt wurde. Wollte, wäre es geweſen! Habt aber Beſitz genommen, wie es das Geſetz bei ungeeigneten, von den Staaten nicht angeſprochenen Ländereien vor⸗ ſchreibt, durch Aufblockung Eurer Häuſer, und habt Euer Recht darauf feſtgeſtellt, und vergeßt nicht, Mister Strong, daß, wie Ihr damals Euer Recht behauptet, Ihr nicht den zwanzigſten Theil der Hände —= 235 6— hattet, und der tüchtigen Rifles, die Ihr nun habt, Euer Recht zu vertheidigen. Habe nichts gegen die Acadier noch Canadier, habe aber die Notion, ſollten dem Geſetze unterworfen, oder ein Haus weiter ge⸗ wieſen worden ſeyn, ſolltet Euch auch in ein County organiſirt haben, mit Sheriffs, Richtern, Conſtables, und was gilt es, würde dieß bald allem Streite ein Ende gemacht haben?“ „Des Mannes Notion, bemerkt der Graf, ſchien Beifall zu finden.— Es ließen ſich mehrere Hört! und Iſt ein Fact! vernehmen.“ „Und, habe ich die Notion, nahm ein zweiter Squatter das Wort, wäre all den Alarums ein Ende gemacht worden, wäret Ihr mit dem Syndicus und ſeinem Troſſe nach Squatter⸗Weiſe verfahren,— neun und dreißig, und ein Theer⸗ und Federfaß, und damit Holla.¹ „Jetzt erhob ſich der Nebenmann Nathans auf der Regulators⸗Bank, den wir ſpäter als George Nol⸗ lins kennen und ſchätzen lernten.“— „Sind zwei Meinungen, Mitbürger! die Euch hier vorgelegt werden. Will zuerſt die eine beantworten, werden ſpäter Gelegenheit haben, die andere zu be⸗ 46* —— 236 6— leuchten. Iſt wahr, haben ſich Mister Strong und ſeine Freunde ſechs gegen fünf und achtzig vertheidigt, und ihr Recht behauptet; haben aber ihr Recht be⸗ hauptet, calculire ich, weil ſie eben auf Rechtsgrunde ſtehen geblieben, dem Prinzip getreu geblieben, dem Prinzip der Unabhängigkeit, was Perſon und Ei⸗ genthum betrifft. Wollten nichts dem Spanier neh⸗ men, wollten ſich aber auch nichts nehmen laſſen. Habe aber die Notion, wäre dem Spanier Etwas genommen worden, hätten wir in ſeinem Lande ein County errichtet und Sheriffs und Conſtables und Richter eingeführt, und die Verwaltungsweiſe der Staaten;— hätte das die Flagge der Staaten auf einem ſpaniſchen Schiffe aufhiſſen geheißen, von dem wir kaum das Jollyboot erobert, und wäre das der erſte Schritt zu ewigen Feindſeligkeiten, und eine offene Herausforderung gegen die ganze ſpaniſche Macht geweſen.“ „Und nachdem der Redner ſo geſagt, ſetzte er ſich wieder. 4 „Uns wurde, bemerkte der Graf, die Debatte mit jedem Augenblick intereſſanter. Eine ſolche Discuſſion aus dem Munde der Sauatters zu hören!— wir —= 237— trauten kaum unſern Ohren.— Es handelte ſich um nichts Geringeres, als die Einführung der Regie⸗ rungsform der Vereinigten Staaten in der Embryo⸗ Republik— mit einem Worte, den erſten Schritt zur Losreißung Louiſtana's von dem ſpaniſchen Scepter!“— „Calculire! begann ein friſcher Redner, der Mann, der nicht Muth beſitzt, die Inſtitutionen, in denen er als Bürger aufgewachſen, zu bekennen, zu verthei⸗ digen und feſtzuhalten, wo und gegen wen es immer ſey, dem geſchieht Recht, wenn ihm die ſpaniſchen und franzöſiſchen Sklaven ſeine Gäule und Neger ſtehlen, und ihn noch dazu auslachen. Calculire, Mister Bawles hat Recht;— ſolltet den Syndikus ausge⸗ peitſcht haben, und getheert und befiedert, und damit Holla. u „Calculire, er hat nicht, Mister Dreadnought, entgegnete George Nollins, ſich abermals erhebend.“ „Calculire, er hat nicht; calculire aber, daß dem Manne, der ſein Prinzip verläugnet, und die Rechte Anderer antaſtet, ganz Recht widerfährt, wenn er wie ein Mann ohne Prinzip, wie ein Neger behan⸗ delt wird und iſt, habe ich die Notion, zwiſchen dem — 238 6— freien Manne und dem Neger der große Unterſchied, daß der Erſtere nach Prinzipien handelt, und der Letztere wie ein Stück Vieh ſeinem Inſtinkte blind⸗ lings folgt.“ „Und nachdem George Nollins ſo geſagt, ſetzt er ſich wieder.“ „Wer folgt ſeinem Inſtinkte blindlings wie ein Vieh? ſchrie Dreadnought.“ „Calculire, daß wir es gethan hätten, wären wir mit dem Soyndikus in Squatter⸗Weiſe verfahren, hob wieder Nollins an. Müſſen beim Prinzipe ſtehen bleiben, calculire ich. Haben unſer Recht behauptet gegen den Spanier, der uns von dem Lande treiben wollte, das Niemand damals angehörte,— und das der Allmächtige für Alle geſchaffen; würden aber nicht innerhalb unſerer Rechte geblieben ſeyn, hätten wir ſeine Magiſtratsperſonen nach Squatter⸗Weiſe geledert, oder innerhalb ſeiner Grenzen die Flagge der Staaten aufgehißt, das heißt Coroners, Sheriffs, Richter und Conſtables gewählt, mit einem Worte, die Inſtitutionen der Staaten eingeführt.“— „Jetzt erhob ſich Mister Gale von Tenneſſee.4 —= 239— „Major Gale! ließen ſich mehrere Stimmen ver⸗ nehmen, wollen Euch hören.“— „Der Major verneigte ſich. u. „Mit Eurer Erlaubniß, Männer und Mitbürger! und bitte um Vergebung, Euch in Eure Debatten hineinzureden, iſt aber eine wichtige Frage, eine Frage, die Euch in Schwierigkeiten bringen dürfte, ſo Ihr den richtigen Geſichtspunkt verfehlt. Will nicht be⸗ haupten, daß mein Geſichtspunkt der richtige iſt, iſt aber der Geſichtspunkt, den auch die Staaten und die Centralregierung haben.“ „Will Euch ſagen, findet wohl oben in den Staa⸗ ten Gemeinden, die eine eigene, und von den übrigen Bürgern verſchiedene innere Organiſation haben, fin⸗ det Quäckers, Shakers, deutſche, ſchwediſche, und andere Gemeinden, Herrenhuter, die wohl ihre eige⸗ nen Vorſteher wählen, die aber in allen öffentlichen Angelegenheiten den Staatsregierungen und dem Con⸗ greſſe, mit einem Worte, der ungeheuren Majo⸗ rität nicht nur unterworfen ſind, ſondern von den Staaten und Regierungen nur ſo lange geduldet wer⸗ den, als ſie ſich unterwerfen, und keine eigene Flagge aufhiſſen.— Iſt dieſes bei uns, wie Ihr wißt, in —= 240— den Staaten der Fall,— und mögt Ihr nun, auf Euern Fall zu kommen, Euch wohl Sheriffs und Conſtables wählen, aber dürft nicht erwarten, Eure ſelbſtgewählten Magiſtrate, Coroners, Sheriffs, Richter, von dem Spanier anerkannt zu ſehen, von wegen, habe ich die Notion, weil Ihr außerhalb der Vereinigten Staaten, und zwar in Louiſiana lebet; und muß Euch geradezu ſagen, würden ſelbſt die Staaten Eure ſelbſtgewählten Magiſtrate nicht aner⸗ kennen, ſo wenig, als die Central⸗Regierung, ja, nicht einmal Eure Zuſchriften annehmen.“— „Calculire, der alte Adams würde lieber des Groß⸗ türken ſeine Zuſchrift annehmen, lachte Einer, aber Washington würde doch? ſetzte er trotzig hinzu, und Jefferſon?“ „Calculire aber, weder Washington, noch Jeffer⸗ ſon würden doch, verſetzte Mister Gale trocken.— Bin ſicher, ſte würden es nicht, Mitbürger! Seyd in Louiſiana, Mitbürger und Männer! dürft das nicht vergeſſen. Seyd in Louiſiana, wo der Spanier das Regiment führt, und nicht bloß das Regiment, ſon⸗ dern wo er die ungeheure Majorität beſitzt; und würde es ganz und gar allen Prinzipien einer geſun⸗ — o 241— den Demokratie entgegen ſeyn, ja, wahre Deſpotie, wolltet Ihr mit Eurer Minorität Euch gegen die un⸗ geheure Majorität auflehnen. Mögt Eure Ge⸗ meinde ſelbſt regieren, habt aber nicht das Recht, das Geſetz auf Spanier anzuwenden; ja, habt nicht das Recht, calculire ich, eine County⸗Regierung zu or⸗ ganiſtren.“ „Holla Major! was ſagt Ihr da? freie Männer nicht das Recht! riefen mehrere Stimmen.“— „Bin weit entfernt, Mitbürger! fuhr Major Gale fort, freien Männern vorſchreiben zu wollen, auf was und welche Weiſe ſie ihre Selbſtregierung einzu⸗ richten haben, habe aber die Notion, habt nicht das Recht, in Louiſiana eine County⸗Regierung einzu⸗ führen oder eine Territorial⸗Regierung, von wegen, ealculire ich, weil dieſes Recht bloß dem Congreſſe zuſteht, und dieſer die Bill einzubringen und zu paſ⸗ ſtren hat, durch die ein Territorium creirt wird.— Und müßt Ihr, um ein County zu creiren, erſt in ein Territorium creirt ſeyn. Hat bloß der Congreß das Recht, neue Territorien zu creiren.“*— „Dieſe letzteren Worte ſchienen den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.— Es entſtand ein Gemur⸗ 83 —=d 242— mel, das billigend, mißbilligend, eine Weile wie das hohle Murmeln der Wogen einherrollte, und nach und nach verhallte.“ „Uns war die Debatte, wie geſagt, höchſt inte⸗ reſſant geworden; denn, obwohl wir nicht die Hälfte verſtanden, ſo war uns doch aus Allem ſo viel klar geworden, daß nicht nur eine ehrgeizige Partei in der Gemeinde eine Spaltung hervorzubringen bemüht war, in der Abſicht, Louiſiana von Spanien loszu⸗ reißen, ſondern daß die amerikaniſche Regierung ſelbſt einen Agenten abgeſandt hatte, um die entſtehende Embryo⸗Republik nach ihren Abſichten zu leiten.“— „Danken Euch, Major Gale! nahm abermals Nathan das Wort, der jetzt das erſte Mal Mister Gale ſeinen gehörigen Titel gab.— Danken Euch für Eure ausgeſprochene Meinung um ſo mehr, als ſie mit dem Prinzipe übereinſtimmt, das uns bisher in unſerm Verkehr mit den Ausländern geleitet.“ „Hier, bemerkt der Graf, konnten wir uns, trotz Nathans ominöſer Miene, unmöglich des Lachens enthalten, Spanier und uns Franzoſen in unſerem —= 243— eigenen Lande, in trockenem Engliſch, für Ausländer erklärt zu hören.“ „Haben, fuhr er mit einem ſtrafenden Blicke auf uns fort, in Anbetracht deſſen, daß wir außerhalb der Staaten unſer Heimweſen aufgeſchlagen, es vor⸗ gezogen, einſtweilen nach Squatterweiſe unſer Self⸗ governement einzurichten und Reglähters zu wählen.“ „Habt wohl gethan, Mitbürger und Männer! ſprach Major Gale, ſich erhebend und wieder ſetzend.“— „Calculire ſo, fiel Nathan ein— calculire, war auf alle Fälle rathſamer, uns nicht mit zu viel Re⸗ gierungsluggage zu bepacken, Richtern, Clerks, She⸗ riffs, Conſtables und dem ganzen Troß; wenn ein Paar Ochſenſennen es thun, Pferd⸗ und Kuhdiebe in Ordnung zu halten und zu Paaren zu treiben.“ „Und die Fiſchottern noch nicht ausgekrochen ſind, fiel ein altes Lederwamms ein, die ihre Bälge herge⸗ ben ſollen zu Dollars⸗ und Dubloon⸗Beuteln.“ „Eben ſo, bekräftigte Nathan. Würde ſchier thö⸗ richt ſeyn, den Pferdehuf da zu zeigen, wo hungrige Wölfe nur auf Gelegenheit lauern, über den Gaul herzufallen.— Sind aber abgekommen von unſerem Argumente, Männer! fuhr er einlenkend mit Richters⸗ — 244 6— miene fort.— Sind abgekommen von unſerm Argu⸗ mente, und iſt es Zeit, darauf zurückzukommen, und betrifft es unſer Verhältniß zu den Acadiern, Cana⸗ diern, Spaniern und Franzoſen, und den Verkehr, den wir als Reglähters mit ihnen gehabt, und die Anſtände und unſerer Rechte Behauptung.— Und ſind im Begriffe, Euch Rechenſchaft zu geben über unſere Amtsführung, und über unſer Thun und Laſſen, und erſuchen wir Euch um geneigtes Gehör!“ „Die Spannung der Squatters ſtieg nun auf das Höchſte.— Eine Todtenſtille herrſchte:“ „War, wißt Ihr, Vieles über die Zulaſſung dieſer Ausländer in unſere Nachbarſchaft und auf das Land, das wir noch zu dem unſrigen gerechnet, verhandelt worden, endigten ſich aber die Verhandlungen damit, daß das Prinzip der freien Niederlaſſung, das wir verfochten, triumphirte; und wurde es den Cana⸗ diern und Acadiern freigeſtellt, ſich niederzulaſſen, und zum Geſetz erhoben, ſie in Ausübung ihrer Nie⸗ derlaſſungsrechte nicht zu beeinträchtigen.“ „Würden, geſtehe es aufrichtig, lieber geſehen haben, wären ſie um ein Haus weiter gezogen. Sagten es ihnen auch, ſagten ihnen, ſähen es lieber, ſte ſchlů⸗ — d 245 6— gen ihren Heerd ein fünf und zwanzig oder dreißig Meilen weiter auf, und ließen uns mit ihrer Nach⸗ barſchaft verſchont, würden es vorziehen, Bürger mit Bürgern zu ſeyn, die dieſelbe Sprache reden, in denſelben Notionen der Freiheit und des Eigenthumes aufgewachſen ſind. Merkten auch die eigentliche Ur⸗ ſache, die ſte uns an den Hals gebracht.— War ihnen, die vom Dezember bis Mai in den Wäldern liegen, und vom Mai bis Dezember auf der faulen Bären⸗ haut, oder ſpielen und tanzen, und trinken, und ein wildes Leben führen,— war ſolchen Leuten wenig am Lande gelegen. War ihnen ſchier einiges Land gleich, und gleich gut, wenn es nur Bären und Hirſche in der Nähe gab;— calculirten aber auf unſere ſchaffigen Arme, und calculirten, an uns zu hängen, wie das Ungeziefer an den Bäumen hängt.— Sahen das wohl ein, und war uns die ſaubere Nachbar⸗ ſchaft nicht zweimal lieb,— konnten ſte jedoch nicht wegweiſen.“— „Iſt aber etwas ganz Anderes, Jemanden zum Nachbar zu haben, und wieder etwas Anderes, in Verbindung mit ihm zu treten, oder ihn in die Ge⸗ meinſchaft aufzunehmen. Konnten es den Acadiern —= 246 6— nicht verſagen, ſich in unſerer Nachbarſchaft nieder⸗ zulaſſen, konnten es ihnen aber verſagen, ſie in unſere Gemeinſchaft aufzunehmen. Mußten hier unterſchei⸗ den, und haben unterſchieden, richtig und ſcharf. Hat jede Gemeinde das Recht, ſolche Glieder, die ihr ge⸗ fällig ſind, aufzunehmen, und andere, die es nicht ſind, auszuſchließen. Und machten wir von dieſem Rechte um ſo mehr Gebrauch, als wir unſere Leute hinlänglich kannten, und ſie uns ſchier einiges waren, außer gefällig.“— „Seyd freie Maͤnner, Mitbürger! ſprach Nathan, ſich in ſeiner ganzen Länge aufrichtend— ſeyd freie Männer! aufgewachſen in den Prinzipien der Frei⸗ heit und des Selfgovernements,— und geziemt es ſich nicht für ſolche Männer, ſich mit Leuten abzu⸗ geben, die— doch wollen ſchweigen.— Sage Euch aber, Mitbürger, und ſage es im gerechten Stolze, kann nicht helfen, muß es ſagen— erfüllt mich noch immer mit gerechtem Stolze, wenn ich an Euer Aller Benehmen gegen dieſe armſeligen Canadier, und wie ſie heißen, denke, und wie Ihr nicht nur an ihren viehiſchen Ausgelaſſenheiten nicht Antheil genommen, wie es auch von freien Männern nicht anders zu er⸗ — e 247— warten ſtand, ſondern wie Ihr ihnen auch bei jeder Gelegenheit Beweiſe gabet, was es ſey, Bürger der Staaten, freie Männer, Amerikaner zu ſeyn. Sage Euch dieß mit um ſo gerechterem Stolze, als es keine gerade leichte Sache war, ſich unbefleckt von dieſen Leuten zu erhalten, die zuerſt ſchmeichelnd und nie⸗ derträchtig wie Katzen um uns herumkrochen, und dann, wie ſte ſahen, daß Ihr über ſolche Dinge er⸗ haben waret, zu knurren anfingen. War keine leichte Sache bei der unverſchämten Zudringlichkeit, mit der dieſe unwiſſenden Menſchen behaftet ſind, dieſe ver⸗ wilderten Menſchen, die nicht ſo viele Notion von der Heiligkeit des Eigenthums haben, als Ebony⸗ Neger.“— „Hatten ſehr bald Beweiſe darüber.“— „Hätte ihr ewiges Tanzen und Trinken uns wenig gekümmert, waren weit genug von ihnen, den Lärm nicht zu hören, fanden aber bald, das ſie ihre Fiedler auf unſere Unkoſten aufſpielen ließen.“ „Verſchwand eine Sau nach der andern, und merk⸗ ten wir dieſes natürlich bald, da das Borſtenvieh da⸗ mals, wißt Ihr, ſchier rar bei uns war.“ „Wollte uns dieſes nicht gefallen, und ließen einige —e 248 6— der älteren Canadier rufen, und ſagten ihnen, was das für Manieren wären?— demonſtrirten aber und geſtikulirten, und lachten, was das uns thue? Qu'est- ce que cela vous fait? lachten ſte— un couchon ou deux.— Was thut Euch das, ein Paar Säue, die Ihr ſo viele habt.“ „Sagten ihnen, das thue viel, und wenn ſie ſich noch einmal Schinken von fremder Leute Borſtenvieh gelüſten ließen, dann ſollten es ihre eigenen Schinken büßen. ¹ „Schnitten Geſichter darüber, und lachten, und in den nächſten vier Wochen waren richtig wieder eben ſo viele Säue verſchwunden.“— „Wißt, was geſchah. Erſchienen bei ihrer Frolic, und nahmen die Saudiebe, und banden ſie an ihre eigenen Thürpfoſten, und maßen jedem neun und dreißig auf ſeine Schinken.“— „Und war das ein Hopſen, und ein Treiben, habt Eure Tage kein ſolches Hopſen und Treiben geſehen.“ „Und war drüben großer Lärm, und ſchrien über verletzte franzöſiſche Chre, und Genugthuung, und müſſe ihre Obrigkeit ihnen Genugthuung ver⸗ ſchaffen.“— . „ —— ⏑⏑⏑⏑—.A:— —= 249— „Und kam richtig ihr Syndikus mit ſeinen Huiſ⸗ ſiers, um ihnen Genugthuung zu verſchaffen. Und wurden wir vorgeladen, zu erſcheinen, und uns zu verantworten.“— „Und erſchienen wir auch, aber fünfzig Rifle⸗Män⸗ ner mit Pulverhörnern, und Schlachtmeſſern— ihnen Genugthuung zu geben.“ „Und verging dem Syndikus und ſeinen Huiſſiers alle Luſt, Genugthuung zu heiſchen.— Iſt aber ein ſo ſchlauer Franzoſe, als es je einen gab, der Syn⸗ dikus. Und war ſo charmirt, wie er ſagte, uns zu ſehen, außerordentlich charmirt, daß ſo tüchtige Bür⸗ ger ſich in ſeines königlichen Herrn Lande niederge⸗ laſſen, und Cultur und Induſtrie verbreitet; und wiſperte, und ſchmeichelte, und gab uns zu verſtehen, wie wir recht gethan, die Acadier und Canadier ſo auszupeitſchen, und wie ſie faules, diebiſches Geſin⸗ del wären, und ſey er, ſagt' er, ſo erfreut, daß wir ihm die Arbeit erſpart hätten, daß er uns zum Danke in unſerer Niederlaſſung beſuchen wollte.“ „Hätten ihm den Dank gern erſpart, ſahen gleich, daß er ein Franzoſe war, der warm und kalt aus Lehensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 17 — 0 250 G— demſelben Munde blies, konnten ihm aber den Beſuch nicht wehren. Kein freier Mann thut dieß.“— „Und thaten wir es auch nicht. Und kam er, und gefiel ihm Alles außerordentlich— ſowohl unſer hartes Schaffen, als die Wege, die wir angelegt, und die Sägemühle, und die Cottingin.— Gefiel ihm Alles außerordentlich.“— „Und gefiel ihm ſo wohl, daß er ein halbes Jahr darauf wieder kam, mit einer Schenkung von tauſend Ackern in der Taſche, die ihm das Governement ver⸗ liehen hatte.“ „War dieſe Schenkung ein wahrer Sattel, von dem herab er unſere Niederlaſſung auf der einen Seite, die der Acadier und wilden Canadier auf der andern — zur Seite hatte, und in deren Flanken er die Sporen nach Belieben zu ſetzen gedachte.“— „Sahen das ſehr wohl, ſahen den Streich, den uns der Franzoſe geſpielt hatte, und noch ſpielen wollte, ließ ſich aber nichts entgegen thun, als wie Männer das Weitere abzuwarten, mahnten Euch auch, wie Maͤnner das Weitere abzuwarten, obwohl Urſache genug vorhanden war zur Ungeduld, und Einige unter Euch der Notion waren, dem Dinge auf — 5 251 6— einmal ein Ende zu machen, und den Syndikus ein Haus weiter zu weiſen.“ „Waren nicht dieſer Notion, und ſtimmte die Mehr⸗ zahl mit uns überein; ſahen in die Karten des Fran⸗ zoſen, ſahen ſein Spiel, mit dem er uns in der öffent⸗ lichen Meinung ruiniren und uns als geſetzloſe Leute verderben wollte; denn waren wir bisher noch immer auf Rechtsgrund geſtanden, waren in unſerem Rechte, als wir uns gegen die muthwilligen Angriffe der fünf und achtzig Musketiere gewehrt, die uns ohne alle Aufforderung überfallen. Sah das der Franzoſe, und daß er uns auf offenem Wege nichts anhaben konnte, und ſchlug deßhalb einen verſteckten ein, und war es unſere Pflicht als Reglähters, ihm auf dieſem verſteckten Wege entgegen zu arbeiten⸗ „Sahen die Falle, die er uns ſtellte, und mußten ſie vermeiden.“— „Und baute der Syndikus ein Haus auf ſeiner Schenkung, und errichtete einen Kramladen, in den er ſeinen Neffen ſetzte, der zugleich Huiſſier war, und der, mit Amts⸗Autorität ausgeſtattet, eine Art Lieu⸗ tenant war.“ „Und ging ſo, wißt Ihr, ein Jahr vorüber, und 17* — 252 6— kam der Syndikus zuweilen, um ſeinem Subſtituten nachzuſehen und ſeinem Kramladen, und die Irrun⸗ gen zu ſchlichten, deren ſchier zu viele wurden.“ „Und baute der Syndikus nach einem andern Jahre ein zweites Haus, und richtete ein Botenſchiff ein, das nach New⸗Orleans fahren und Produkte dahin führen, und Güter von da abholen ſollte.“— „Und war dieſes ein neues Netz, ſahen es wohl, ſagten aber nichts. Hatten unſer eigenes Schiff, durch das wir unſere Verbindung mit New⸗Orleans unterhielten, und brauchten den Syndikus und ſein Schiff nicht." „Und ſtellte er als Patron des Schiffes den Mann an, der endlich Gelegenheit gab, den fein geknüpften Knoten zu zerhauen.“— „War dieſer Patron der Terzeroon, den Ihr Alle kennt, und mit deſſen einer Schweſter der Syndikus lebt, mit der andern der Mann, den ſie Vidal nen⸗ nen; und war die ganze Sippſchaft eine Brut, ſo arg, als es je eine farbige gab.“— „Und erfuhren wir bald einen der Kniffe dieſer ſaubern Sippſchaft.“— „Lagen die Güter für uns in New⸗Orleans bereit, —= 253 6— und warteten auf dieſe Güter, kamen aber nicht, die Güter.“ „Und wurde uns endlich von unſerem Commiſſio⸗ när geſchrieben, daß die Güter bereits abgeſandt wären.“— „Und waren wir darüber ſchier verwundert.— Hatten keine Güter empfangen, und doch hatten wir den Frachtbrief, Weiß auf Schwarz, in den Händen.— „Fragten bei dem jungen Sorrel an— der ſchüt⸗ telte aber den Kopf, und wollte von Allem nichts wiſſen.“ „Und wurde unſer Aller Geduld ſchier auf eine harte Probe geſtellt.“ „Und war das Ganze um ſo ſchlimmer, als wir ſelbſt nicht hinab nach New⸗Orleans durften, ſahen wohl, daß uns ein Streich geſpielt worden, aber ließ ſich die Ochſenſenne nicht anwenden; denn hatte der Patron die Vorſicht gebraucht, die Güter bei unſerem Commiſſionär durch einen zweiten übernehmen zu laſſen, wußten alſo nicht, wer uns den Streich geſpielt,“ „Und ging in derſelben Zeit Joe ſein brauner Hengſt verloren.“ „Und die Woche darauf Abi ſein Schweißfuchs.“ — d 254 6— „Und nächſte Woche Righteous ſein Rappe und James ſein Schimmel.“ „Und folgten wohl der Spur der Pferdediebe, waren aber ausgelernt in ihrem Handwerke, und hatten die Gäule an den Red⸗River gebracht, zehn Meilen oberhalb der Fähre, wo das Boot des far⸗ bigen Patrons lag.“ „Und machten uns die Pferdediebe ſchier grauſam giftig, und koſtete es uns nicht wenig Mühe, in Ge⸗ duld abzuwarten und den Ausbruch zu verhindern, und war unſer Reglähters⸗Amt wahrlich keine Sinecure.“ „Ging noch der Neger Zambo des Mister George Nollins, unſeres Mit⸗Reglähters, verloren.“ „Und war dieß ein arger Verluſt, ſchier zu arg, und ſahen wohl, dem Unweſen müſſe ein Ende ge⸗ macht werden; und war es doch ſchwer, ein Ende ab⸗ zuſehen.— Waren wie blind in der ganzen Sache, und wußten nicht, wie es anzufangen, um einen Fa⸗ den zu finden, der uns den Knoten zu löſen Gelegen⸗ heit gäbe. Und blieben alle unſere Verſuche lange vergebens;— trafen aber endlich auf einen Faden. — Wurde uns von unſerem Commiſſionär berichtet, — d 255 6— daß zwei unſerer Gäule in New⸗Orleans von einem Manne verkauft worden, der der Beſchreibung nach der Patron ſeyn mußte, und daß ſie für Rechnung des jungen Sorrels verkauft worden.“— „Und hatten jetzt den erſten Faden, wollten aber nachwarten, brauchten mehrere, um hinter das Ge⸗ ſpinnſt zu kommen. Und verfolgten den Faden wei⸗ ter, und fanden Mittel, einen zweiten zu finden, und war dieß ein zweiter Kramladen, den der Syndikus an der Coôte gelée halten ließ, und fanden da Ballen und Güter, die aus der Niederlage unſeres Commiſ⸗ ſtonärs und aus einer der Mancheſterfabriken waren, aus der nur Er Waaren bezog.“— „Und hatten ſomit einen zweiten Faden.“ „Und fanden den dritten Faden, fanden, daß der geſtohlene Neger in die Pflanzung des Syndikus ge⸗ bracht, und von da in eine Zuckerpflanzung verkauft worden. Und hatten ſo der Fäden genug. Und nachdem wir ſonach alle dieſe Fäden in Händen hat⸗ ten, war es Zeit zu handeln, und handelten wir, und das raſch und entſchloſſen. Brachen auf, und holten den Syndikus, und ſeinen Neffen, und ſeinen —= 256 6— zweiten Ladenhalter, und brachten ſie in das Block⸗ haus Aſa's, und examinirten ſie da. „Läugneten eine lange Zeit, waren aber die Fäden in unſern Händen. Und bekannten endlich der Syn⸗ dikus, und der Neffe, und ſein zweiter Ladenhalter, und bekannten und baten um aller Heiligen willen, und verſprachen, den Neger wieder herzuſchaffen, und die Waarengüter, und Alles und Alles.“ „Und gab der Syndikus Vollmacht, und ging ſein Neffe mit uns, die Waaren auszuliefern, und holten wir die Güter ab, und zogen auch den Neger aus dem Moore. War entlaufen der Neger, konnte es nicht mehr aushalten in der Zuckerpflanzung der Ne⸗ ger, behandelten ihn ärger als ein Stück Vieh, den Neger, und war entlaufen, und ſchier erſtickt in dem Sumpfe, und ſchier verhungert, hatte ſich vom Point⸗ Coupé herüber geſchleppt.“ „Und waren wir ſonach im Beſitz des Negers und der Güter, bis auf die, welche bereits verkauft waren, und beſchloſſen ſonach zu handeln; wollten aber noch warten, fehlte uns noch Jemand. Und während wir ſo warteten, fingen wir glücklich den farbigen Patron mit ſeinen Bootsknechten, und den Acadiern und Ca⸗ — — —= 257 6— nadiern, die Hand geliehen, und hatten wir ſonach die ganze Sippſchaft beiſammen.“— „Kennt die Mittel und Wege, die wir eingeſchla⸗ gen, um die ganze Brut in unſere Hände zu bekom⸗ men.— Iſt nicht nöthig, habe ich die Notion, ſie nochmals zu wiederholen. Will aber ſagen:“ „Hatten Einige von Euch die Notion, wir ſollten nach Squatters⸗Geſetz mit dem Syndikus und dem Huiſſier verfahren, ſo wie mit dem Patron und den Bootsknechten;— ſind aber kraft der Uns von Euch übertragenen Gewalt Unſerer eigenen Notion gefolgt, und wollen Euch ſagen, warum.“— „Hatten zwar den Syndikus in unſerer Gewalt, und würde keine Macht auf Erden uns verhindert haben, ihm die Züchtigung widerfahren zu laſſen, die ihm als Urheber der Schandthaten auch gebührte, haben aber calculirt, daß es Uns nicht anſtehe, die Regierung eines Landes in einem ihrer Inſtrumente zu beſchimpfen, und durch dieſe das Land, und das ganze Volk zugleich; und daß es klüger gethan ſey, auf Rechtsgrunde ſtehen zu bleiben, um ſo mehr, da uns die ſpaniſche Regierung nicht beleidigt.“— „Haben daher, ſprach Nathan langſam und feier⸗ —= 258 6— lich— in Anbetracht des Prinzips, unſer Recht und Eigenthum zu wahren, und das perſönliche Recht Anderer nicht zu verletzen, beſchloſſen und gethan:“ „Haben den Patron, die Bootsleute, die Cana⸗ dier, die ſich perſönlich an unſerem Eigenthum ver⸗ griffen— auch perſönlich gezüchtigt, haben ſie, fünf Canadier und drei Bootsleute und den Patron, kör⸗ perlich gezüchtigt, ſie getheert und befiedert, und über unſere Grenzen alſo getheert und befiedert gebracht; haben das init den Werkzeugen gethan, ſind aber mit dem Urheber anders verfahren. Haben uns drei Schriften aufſetzen laſſen, in denen der Syndikus und ſein Neffe und Ladenhalter ihre Unthaten bekannten, und die Waaren als geſtohlenes Gut erklärten, und den Neger.“ „Haben eine zweite Schrift aufſetzen laſſen, in der uns Schadenerſatz geleiſtet wird für die Verluſte und die unterſchlagenen Güter, und die Waaren, die in der Zwiſchenzeit verkauft worden.— Haben dieſen Schaden⸗ erſatz in gültigen Wechſeln an unſern Commiſſionär.“ „Haben endlich, und dieß iſt die Hauptſache, eine dritte Schrift aufſetzen laſſen, durch welche der Syn⸗ dikus nicht nur ſein Botenſchiff und ſeinen Kramladen, —= 259 6— ſondern ſeine Schenkung aufgibt, und dieſe Schen⸗ kung mit der Ceſſton uns übermacht, auf daß der Betrag, der durch die Verſteigerung gelöst wird, als Schadenerſatz für die Verſäumniß an Zeit und Ar⸗ beit— unter die Geſchädigten vertheilt werde.“ „Waren Einige von Euch der Notion, daß dem Syndikus nach Squatter⸗Geſetz geſchehen ſolle. War aber dieß nicht nöthig, Mitbürger! ſo wenig nöthig, als es nöthig iſt, den Bären mit einer Kanone zu erſchießen, wenn eine Riflekugel ihn eben ſo ſicher in unſere Hände bringt, und ſeinen Balg dazu. War uns nicht nur um den Tod des Bären, ſondern auch um das Fleiſch und den Balg zu thun, und haben wir den Balg, und das Fleiſch, und nicht nur den Balg und das Fleiſch, ſondern haben auch das ganze Gezücht in unſere Gewalt bekommen. Haben den Patron und ſeine Sippſchaft, die Acadier und Ca⸗ nadier, ausgepeitſcht, und wird ihnen die Luſt ver⸗ gehen für alle Tage ihres Lebens, Fuß zu ſetzen auf unſere Niederlaſſung.— Haben die Niederlaſſung geſäubert von dem Geſindel, haben das Land in unſern Beſitz gebracht, und, calculire, haben ſo Alles erreicht, was nur immer Conſtables, Sheriffs, Rich⸗ —= 260— ter, und wie der ganze Train heißt, hätten erreichen können.— Und legen Euch unſer Thun nur vor, auf daß Ihr entſcheiden möget, ob wir gehandelt, wie wir ſollten, nach Pflicht und Gewiſſen, und die Uns von Euch übertragene Gewalt nicht verletzt.“ „Es entſtand eine lange Pauſe, während welcher ſich ein dumpfes Gemurmel erhob, das ſtärker und ſtärker wurde.“ „Habe die Notion, hob endlich ein alter Hinter⸗ wäldler an, ſeyd nicht über Eure Vollmachten ge⸗ gangen, ſondern innerhalb der angewieſenen Grenzen geblieben. Habt als tüchtige Reglähters gehandelt.“ „Mitbürger! nahm der Major das Wort, kann nicht umhin, Euch Glück zu wünſchen, zu der Art und Weiſe, und Klugheit und Mäßigung, mit der Eure Reg⸗ lähters ſich benommen bei ihrer ſchwierigen Aufgabe, das Eigenthum amerikaniſcher Bürger zu vindiciren, ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten.“*—= „Ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten? brummte einer der jüngern Squatters, mürriſch und wie erſtaunt.“ „Ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten? wiederholten mehrere der Umſtehenden.“ — ,— —=0 261— „Ci, ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten, bekräftigte der Major mit Nachdruck.— Iſt das meine Notion, Mitbürger!— und habt Ihr mich früher mißverſtanden, ſo ſollte es mir leid thun; bin aber nicht der Mann, der ſeine eigenen Worte zu verſchlucken gewohnt iſt, obwohl Ihr wieder am beſten zu beurtheilen wiſſen werdet, ob Eure öffent⸗ lichen Diener ihren Vollmachten getreu geblieben, oder ſte übertreten haben. Sage Euch aber, hat Euch nicht beleidigt die ſpaniſche Regierung, und wäre es von Euch gefehlt, ſie zu beleidigen.— Sag' Euch dieß, kann nicht mehr ſagen.“— „Es entſtand ein Gemurmel, aus dem nur einzelne Worte zu unſern Ohren drangen, die aber weit ent⸗ fernt, ſchmeichelhaft für den Major zu lauten— ihn einer gewiſſen diplomatiſchen Prävarikation zu be⸗ ſchuldigen ſchienen.“— „Calculire nichts deſto weniger, Major, Ihr ſeyd der Mann, Eure eigenen Worte zu verſchlucken, wenn das Gedächtniß von zwanzig Männern treu iſt, und unſere Ohren uns geſtern Nachmittags keine Poſſen geſpielt haben.— Waret geſtern ganz anderer Notion.“— —” 262 6— „Nathan ſchaute verwundert den Sprecher, wieder den Major an, der ſich verfärbte; einer der älteren Lederwämſer nahm jetzt das Wort:“ „Calculire, laſſen das Alles, und ſind zufrieden, daß die ſchmutzige Geſchichte ſo abgelaufen, haben alle Urſache, zufrieden zu ſeyn, und werden Alle, die ein ruhiges Leben dem ewigen Umhertrollen vorzie⸗ hen, mir beiſtimmen, wenn ich ſage: Mister Strong und Nollins haben gethan, wie wahre Reglähters. — Verſtehe auch etwas vom Reglähter⸗Weſen, Ich, der ich nun die ſteben und zwanzig Jahre im Buſche hauſe. Verſtehe etwas, und ſage nicht, daß der Syndikus nicht getheert und befiedert werden konnte, ſage aber, wäre eine ſo unnütze, grauſame, ſchmutzige Frolie geweſen, als ſchier Indianern ſchlecht ange⸗ ſtanden. Sage es Euch, wären über die Indianer geweſen, hätten wir dem Syndikus ſo mitgeſpielt,— und Uns für nichts und wieder nichts die ganze ſpa⸗ niſche und franzöſtſche Sippſchaft an den Hals ge⸗ bracht; hätten die oben in den Staaten ſonderbar von uns denken, uns ſchier für halbe Barbaren hal⸗ ten müſſen.“ „Bin derſelben Notion, ſiel ein zweites altes Leder⸗ o — 0 263 6— wams ein, dem ein drittes und viertes und endlich die Mehrzahl folgte;— aber ſo zaudernd bedächtig kam die Beiſtimmung aus den Kehlen der Hinter⸗ wäldler, ſie ſchlugen wie im Sturme fallende Regen⸗ tropfen an die Ohren. Es dauerte wohl eine Vier⸗ telſtunde, bis ſich die Mehrzahl der Squatters billi⸗ gend ausgeſprochen hatte.“ „Nathan ſchien während dieſes Zwiſchenaktes auf glühenden Kohlen zu ſtehen, ſeine Muskeln zuckten, ſeine Lippen preßten ſich zuſammen— ſein ganzes Weſen drückte peinliche Spannung aus.“ „Wir ſelbſt fühlten mit dieſer eiſernen Seele, die jetzt zagend wie ein Schulknabe vor dem drohenden Pädagogen, ſich ängſtigte. Die Scene afficirte uns, obwohl wir auf der andern Seite wieder die mora⸗ liſche Gewalt bewundern mußten, die dieſe anſchei⸗ nend rohen Menſchen über einen Mann übten, der ſo ausgezeichnete Dienſte geleiſtet, und dem nur der Spielraum zu mangeln ſchien, um eine geſchichtlich große Rolle zu ſpielen.— Es war das erſte Mal, daß wir eine Idee von der Art und Weiſe bekamen, wie Sie Republikaner ſich ſelbſt regieren, und ich —:= 264 6— muß geſtehen, obwohl nur im Kleinen, wir fühlten aufgeregt. Wer die Squatters ſah, und wieder die beiden Reglähters, der ſah die Richter und die zucken⸗ den Miſſethäter, die den Stab über ſich brechen ſehen; ruhig ſtreng und kalt ſchienen ſie ſich ordentlich an den Qualen des zuckenden Nathans zu weiden. Es liegt im Charakter der Amerikaner eine furchtbare Härte, eine wahre engliſch⸗indianiſche Härte.“— „Die Mehrzahl hatte ſich endlich zu Gunſten des Verfahrens der beiden Reglähters ausgeſprochen, und der alte Squatter nahm abermals das Wort.“ „Hat die ſtarke Mehrzahl entſchieden, Männer! — die ſtarke Mehrzahl, und thue ich den Vorſchlag, Mister Nathan Strong und George Nollins den öffentlichen Dank zu votiren, in Anbetracht der Klug⸗ heit, der Mäßigung und Feſtigkeit, mit der ſie dieſe ſchmutzige Geſchichte zu glücklichem Ausgange ge⸗ bracht, und die Ehre der Bürger und ihr Eigenthum vindicirt, gegenüber dem Ausländer.“— „Wieder trat eine portenteuſe Pauſe ein, und dann ſtimmten die Squatters bei, aber in einem Tone, dem man die Ueberwindung anſah, die es ihnen koſtete.“¹ „Nathan war wie im Traume geſtanden.— Jetzt —=9 265 G— aber ſchien die ſchmerzhafte Spannung von ſeinen Zügen weichen zu wollen.“ „Danken Euch, Mitbürger! ſprach er langſam;— danken Euch für die Anerkennung unſerer ſchwachen Dienſte, die aber, bürge Euch dafür, kein Honiglecken waren. Danken Euch nichts deſto weniger, obwohl Euer Dank weniger unumwunden ſich ausgeſprochen, als wir erwartet hatten. War unſer Wunſch, Eure Zufriedenheit zu erlangen, haben Alles in unſern Kräften zu thun calculirt, aber—⸗ „Er fuhr mit der Hand über die Stirne und hielt ſinnend inne.“ „Pfhaw! iſt, habe ich die Notion, Zeit, das Ge⸗ ſchäft mit den Fremdlingen abzuthun.“— „Jetzt fielen die Blicke der Squatters auf uns, meh⸗ rere, die vor uns geſtanden, traten zu beiden Seiten zurück, ſo daß uns Nathan und ſein Mit⸗Regulator zu Geſichte bekamen.“ „Fremdlinge! hob er an; habe die Notion, iſt an der Zeit, zu Eurem Geſchäft überzugehen, und Euch nicht länger in Spannung zu laſſen. Iſt ein beengen⸗ des preſſendes Ding, ſo eine Spannung.— Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 18 — 266— „Er fuhr abermals über die Stirne.— Wollte lieber müt ein fünf und achtzig Spaniern— als— beſonders— wenn man caleulirt, Alles gethan zu haben.“— „Des Mannes abgebrochene Sätze verriethen den nachhaltenden Schmerz.— Wir ſahen ihn theilneh⸗ mend an.“ „Wollt Ihr uns wohl ſagen, welcher von Euch der Mann iſt, Comte de Vignerolles genannt?“— „Das iſt mein Stand und Name.“ „Ihr ſeyd alſo ein franzöſtſcher Graf?“ „Der bin ich.“— „Und auch Oberſter?“ „Im Regimente Monſieurs, des Bruders Seiner Majeſtät.“*— „Haben aber Eure Majeſtät um einen Kopf kürzer gemacht, riefen zehn junge Squatters.“ „Nathan fiel ſtrenge ein: Sind in einem freien Lande, Männer! iſt unſer Land ein Aſyl, wo Jeder,⸗ calculire ich, ſeine Meinung und Neigungen bekennen kann; aber ſage Euch, obwohl, Gott ſey Dank, ein geborner Amerikaner, ſo iſt uns der Franzoſe deßhalb nicht weniger werth, weil er ſeinem Könige treu an⸗ —= 267 6— hängt, und mit den Leuten, die uns den Ginet herüber⸗ ſandten, nichts zu thun haben will.*)— Iſt ſein König unſer treueſter Alliirter geweſen, und ſoll er vor Amerikanern ſeine Anhänglichkeit frei ausſprechen können. Hoffe, wird Keiner unter uns die Selbſt⸗ achtung ſo ſehr außer Augen ſetzen.“— „Dieſe Worte waren mit einer Würde geſprochen, einem Tone abgebrochen, ſo vorwurfsvoll und zugleich gebietend, daß er die zehn Squatters zum gänzlichen Schweigen brachte.— Er fuhr fort:“ „Seyd angekommen in?— „Neworleans, vor beiläufig zwei Monaten, eine Schenkung in Beſitz zu nehmen.“ „Weiter, Oberſt! fuhr Nathan ermunternd fort;— weiter, Oberſt Vignerolles! ſcheut Euch nicht, Eure Geſchichte, in ſo fern ſte Eure Reiſe⸗Abenteuer in dieſem Lande betrifft, zu erzählen. Seyd ein Waffen⸗ gefährte Lafayette's und Rochambeau's, und habt nichts von Amerikanern zu befürchten.“ *) Siehe Note oben. Der franzöſiſche Geſandte, der be⸗ kanntlich wegen ſeiner Umtriebe vom damaligen Präſidenten Washington weggewieſen wurde. 18* —= 268— „Gingen, fuhr ich fort, am Tage nach unſerer An⸗ kunft von Neworleans ab, in einem Boote, das einen gewiſſen Balot zum Patron hatte.“ „Nathan nickte.“ „Wißt Ihr etwas von dieſem Balot? fragte ich. u „Wißt Ihr von dieſem Balot? ſchrieen Hauterouge und Lacalle und Laſſalle und Amadee hinterdrein. Wißt Ihr von dem Böſewicht? u „Stille, Fremdlinge! unterbrecht nicht den Bericht des Oberſten, werdet bald hören, was wir wiſſen, und wiſſen wollen.— Und fuhret alſo mit Balot?“ „Fuhren mit ihm den Miſſiſippi hinauf, wo der Böſewicht Veranlaſſung zu dem Umſchlagen eines Kahnes gab, das drei Menſchen das Leben koſtete.“ „Drei Menſchen das Leben koſtete? riefen wieder mehrere Squatters.— Wie? was? laßt hören. Wie war das?“ „War auf dem Miſſiſtppi, Männer! Geht uns nichts an; fiel Nathan trocken ein. Geht den Spanier an, nicht uns; könnt es Euch ſpäter erzählen laſſen, wenn der Oberſt ſo gut ſeyn will, es zu thun.“ „Fuhren in das Bayou Plaquemine ein, berichtete ich weiter, wo uns der Böſe ewicht an einen Baumſtamm — 269 6— anrannte, und ſitzen ließ, und ſich mit ſeiner Bande und einem Ballen unſerer Güter davon machte,“— „Die Squatters ſahen einander an, und lächelten.“ „Mit einem Ballen Eurer Waarengüter? Hatte wohl eine Adreſſe, dieſer Ballen? und wißt vielleicht, was er enthielt?" „Hatte meine Adreſſe, und enthielt Nankings, Mouſſeline, Leinen, und einige Seiden⸗ und Camelot⸗ ſtoffe. u „Richtig, bejahte Nathan. Männer! wandte er ſich an die Squatters, kann kein Zweifel mehr ob⸗ walten, daß dieſer Fremdling der rechtmäßige Be⸗ ſitzer des Güterballens iſt. Hat jedoch Einer von Euch Einrede dagegen zu thun, ſo thue er es, und zeige Urſache und Grund, warum der Güterballen nicht ausgeliefert werde.“ 4 „Keiner regte ſich. „Fremdling, oder vielmehr Oberſt Vignerolles! hob Nathan wieder an. Da Ihr Euer Eigenthums⸗ recht erwieſen, ſo ſetze ich Euch hiermit in Beſitz Eures Cigenthumes.“— „Mit dieſen Worten deutete er auf einen mit Stroh überlegten Ballen, auf dem einer der Squatters —= 270 6G— Platz genommen, und den wir nun als den meinigen erkannten „Nehmt Euer Eigenthum, fuhr Nathan, zu mir, dem nicht wenig Ueberraſchten, ſich wendend, fort, und ſeyd künftighin vorſtchtiger, ehe Ihr Euch fremden Leuten auf einer Miſſiſtppifahrt anvertraut; hat Man⸗ cher da ſein unbezahltes und ungerächtes Grab ge⸗ funden, unter ſolchen Händen, wie die waren, die Euch gerudert. Seyd künftig vorſichtiger in ſolchen Fällen, und auch vorſichtiger, ehe Ihr ein Urtheil fällt über Amerikaner. Habt hart geurtheilt, weil wir dieſen Balot gezüchtigt.“— „Wie, alſo Balot war es, den Ihr heute getheert und befiedert? rief ich mehr und mehr überraſcht.“— „Ei, Balot war es, den wir gezüchtigt, und ge⸗ theert und befiedert, und alſo gezüchtigt, getheert und befiedert über unſere Grenze gebracht, nach alter Squatter⸗Weiſe. Hat Euch nicht gefallen, unſere Squatter⸗Weiſe, ſah es; haben weder Courthaus, Gerichtsbank, noch Advocaten; calculire aber, kann Gerechtigkeit gepflegt werden, auch ohne Courthaus, Perrücken oder Richterſtuhl, ohne die der Britte vor der Revolution nichts thun konnte. Seht, daß wir —,— —,— —= 271— Gerechtigkeit gepflegt, ohne Sheriffs, Conſtables und Galgen, ei, und ſo wirkſam, als oben in den Staa⸗ ten, und brauchen nicht einmal dem Advocaten Ge⸗ bühren zu bezahlen. Hätten ihn oben aufgeknüpft, den Böſewicht, haben ihm bloß neun und dreißig auf⸗ gemeſſen, vielleicht ein Dutzend darüber, mag ſeyn, haben es nicht ſo genau genommen; aber Theer und Federn werden ihm die Haut ſchon wieder heilen.“— „Von allem dieſem verſtanden Hauterouge und La⸗ calle, wie Sie leicht erachten mögen, wenig oder nichts. Alle ihre Gedanken waren nur auf Balot gerichtet.“ „Was mit Balot? Was gibt es? Was war das? fragten beide ungeſtüm.“ „Wir erklärten ihnen mit wenigen Worten, was am Morgen vorgefallen.“ „Alſo Ihr habt Balot gezüchtigt? riefen ſie, im Hochjubel befriedigter Rache.“ „Ci, ſo haben wir, wird noch nach Jahren an Aſa's Niederlaſſung denken, calculiren wir.“ „Das Frohlocken unſerer beiden Freunde wurde ſo ungeſtüm!— ſie riſſen uns zu dem Thore hinaus, und ſtürmten auf uns ein, um nur ſo ſchnell als mög⸗ lich den ganzen Vorgang mit Balot zu hören. Wir — 9 272 6— mußten erzählen, beſchreiben, die Art und Weiſe des Theerens, Befiederns, die wilde Jagd;— ſie ſprangen, ſchrieen, jauchzten ärger als die Squatterbrut. Wer ſie ſo geſehen, hätte ſte füglich für eine Truppe junger wilder Squatter nehmen mögen.— Wir hatten in dem Augenblicke ganz die Gemeindeverſammlung ver⸗ geſſen; Lecain, der mit ſeiner Ehehälfte an uns her⸗ angeſtiegen und getrippelt kam, ſchaute und ſtarrte.— Die Beiden mochten ſchöne Dinge von uns denken.“ „Mon Dieu! Bon ciel! O mon colonel! Quel plaisir!— ſo cielten und quelplaiſirten ſte wohl mehrere Minuten fort, wir wußten nicht, was ſie wollten.“ „Wer Teufel ſind dieſe Originale? fragten Haute⸗ rouge und Lacalle.“ „Bon Dieu! O ciel! Herr Graf! brachen ſie endlich beide auf einmal los— die Schenkung! die Schen⸗ kung! ſie kommt in die Hände der Amerikaner, bieten Sie auf die Schenkung.“— „Auf die Schenkung bieten! Was fällt Euch ein, Alter?“ „Auf die Schenkung bieten! Squatter werden! lachte Hauterouge.“ 2 —”= 273 6— „Drei hundert fünfzig! rief jetzt eine ſtarke Stimme in der Niederlage, von einem Hammerſchlage beglei⸗ tet.“ „Drei hundert fünfzig! wiederholte der Ausrufer — für ein tauſend Acker des beſten, ſchönſten Landes in den Attacapas und Opelouſas, vom Crocodille bewäſſert— eine Waſſerkraft, die das ganze Jahr zehn Mühlen treiben kann— mit dem Atchafalaya, und ſo mit dem Miſſtſtppi zu jeder Jahreszeit in Ver⸗ bindung— das ſchönſte Zuckerland mit Improvements, einem zweiſtockigen Hauſe und einem Store.*)“— „Drei hundert fünfzig ein Dollars! rief ein Squat⸗ ter.“— „Drei hundert fünfzig ein ſind geboten, fiel der Ausrufer ein.— Drei hundert fünfzig ein Dollars, für das ſchönſte Zuckerland.“— „Mir kam jetzt der Gedanke in den Sinn, dieſes Land zu erſteigern— ſo plötzlich, ſo unwiderſtehlich!— der Entſchluß ſtand auf einmal feſt. Ich ſprang zu dem Thore vor, und rief in die Niederlage hinein:“— „Vier hundert.“ *) Krämer⸗Laden. — o 274— „Oberſt! was fällt Dir ein? ſchrieen Hauterouge und Laſſalle.“ „Die Squatters ſchauten, ſtarrten;— Nathan ſtreckte ſich vor, wie Einer, der ſeinen eigenen Ohren nicht traut.— Aber das Wort war heraus.“— „Vier hundert und zehn Dollars! ſchrie Major Gale.“ „Fünf hundert! Ich.“— „Fünf hundert! rief mir der Ausrufer nach.— Fünf hundert vom franzöſiſchen Oberſten geboten— kommt der Acker nicht höher, als einen halben Dollar, i*ſt unter Brüdern zwei hundert werth.— Fünf hun⸗ dert ſind geboten, fünf hundert das erſte Mal!“ „Fünf hundert und fünfzig! ſchrie der Major.“ „Tauſend! fiel ich ein.“ „Die Tauſend wirkten wie ein Donnerſchlag auf die Squatters.— Nathan ſtierte uns an,— ſein Hals verlängerte ſich, aber es ſchien nicht Unwille, was ſich in ſeinen Zügen malte,— im Gegentheile, etwas wie Zufriedenheit ſchien in ihm aufzudäm⸗ mern.“— „Tauſend ſind geboten! ſchrie der Ausrufer.— Wer gibt mehr? Das ſchönſte Land im ganzen We⸗ —,. —= 275 6— ſten, frei vom Fieber, mit einer laufenden Creek,*) das ſchönſte Bauholz keine zehn Meilen davon, Mag⸗ nolien⸗Land, herrlicher Boden— Verbindung mit Neworleans.“ „Keine Antwort.— Die Tauſend hatten Alle ein⸗ geſchüchtert.“ „Tauſend das zweite Mal.— Prachtvolles Land. Keiner mehr?“ „Tauſend das— Keiner mehr? Herrliches Land, immerwährende Waſſerverbindung, iſt unter Brüdern zehn tauſend werth.— Tauſend— das dritte M—u „Tauſend das dritte— das dritte Ma— das dritte Mal.“— „Der franzöſiſche Oberſt, den G— tt— v—=n möge — murmelte der Ausrufer, iſt, rief er laut, Beſitzer des Landes, vorausgeſetzt, daß er ſeine Zahlungs⸗ fähigkeit erweiſen kann.“ „Iſt kein Zweifel wegen Zahlungsfähigkeit, fiel Lecain ein, der ſich nunmehr vorſchob; kein Zweifel, Shentelmen!— Bekommt einen Herrn zum Nach⸗ barn, den der Gouverneur und der Lieutenant⸗Gou⸗ *) Creek, Fluß. —]276— verneur mit eigenen Handſchreiben beehrt, und der⸗ ein großer Seigneur iſt, ein Mylor, wie Ihr ſagt, und der— u „Er zuckte und ſtockte der gute Lecain in ſeiner Suade: denn die finſtern Geſichter der Einen, und ein ſpöttiſch verachtungsvolles Lächeln der Andern belehr⸗ ten den guten Mann, daß ſeine Ueberredungsgabe einen üblen Eindruck hervorgebracht.— Sie wand⸗ ten ihm und uns, ohne ein Wort zu erwiedern, den Rücken.“—. „Vergebung, MännerV! fiel ich ein, denn ich ſah die dringende Nothwendigkeit, den üblen Eindruck, den des alten Kriegskameraden Aeußerung hervorgebracht, zu beſeitigen.— Vergebung, Männer!— aber ich hoffe, wir werden mit einander zufrieden ſeyn, und ich gratulire mir, ſo ſolide Männer, die nach Prin⸗ zipien handeln, zu Nachbarn zu bekommen.“— „Wünſche es, hoffe es, Oberſter, verſetzte Nathan trocken, wird gut für Euch ſeyn, ſo Ihr ein guter Nachbar ſeyd,— und ſchlimm, nehmt mein Wort darauf, ſo Ihr ein ſchlimmer ſeyd. Stehen bei un⸗ ſerem Rechte, und bleiben dabei ſtehen, und daß wir dabei ſtehen bleiben, ſeht Ihr aus dem, daß wir Euch 8 — —= 277— gleiches Recht geben,— und nicht mehr noch weniger. Wird wohl für Euch ſeyn, ſo Ihr Euch nicht mehr herausnehmt.— Lieber wäre es uns freilich geweſen, Ihr ſchlüget Eure Hütte um ein Haus weiter auf; dürfte beſſer für uns und Euch ſeyn, Ihr thätet das; aber ſollt Euer Recht haben, wenn Ihr darauf be⸗ ſteht, und kein Jota mehr, und wird Euch Euer Gou⸗ verneur und Lieutenant⸗Gouverneur zu keinem Jota mehr verhelfen, verlaßt Euch darauf.“— „Und mit dieſen Worten wandte er ſich von uns, die wir eilig genug ins Freie retirirten⸗ VIII. Squatter-Leben. „Hauterouge und Lacalle brachen in ein ſchallendes Gelaͤchter aus, als wir wieder draußen vor der Nie⸗ derlage waren.“ „Eine Abfertigung ſo bündig, ſo deutlich, der Mann iſt zum Herrſcher geboren! ſchrie lachend Hauterouge.“ —= 278 6— „In der That polirte, liebe Leute! fiel Lacalle ein.“ „Herrliche Ausſichten zu einer angenehmen Nach⸗ barſchaft Vignerolles! hob wieder Hauterouge an.“ „Zur Abwechslung das Vergnügen des Theerens und Befiederns, fügte Laſſalle bei.“ „Und neununddreißig und damit Holla,— ich.“ „Und Alle lachten wir wieder aus vollem Halſe. „Unterdeſſen, trotz des Mitlachens, ärgerte mich die ſchier zu unverblümte Geradheit des neuen hinter⸗ wäldleriſchen Solons, und das um ſo mehr, als ich zu meinen Freunden in Ausdrücken über ihn geſpro⸗ chen, die ihnen, und beſonders Lacalle, ein wenig excentriſch klangen, und mit meiner noch vor wenigen Stunden ſo unverholen geäußerten Antipathie wirklich ſtark contraſtirten; aber die Debatten der Gemeinde⸗ verſammlung, und die Feſtigkeit, mit der er ſeine Grundſätze gegen die ſchwierigen Squatters gerecht⸗ fertigt, hatten mir die Größe ſeines Geiſtes in ſo ſchimmernden Farben vor die Augen gerückt!— mein ſanguiniſches Temperament war ordentlich geblendet. — Nur ſchien es mir jetzt auch wieder an der Zeit, ein wenig mehr Ernſt zu zeigen, und die einigermaßen klägliche Rolle, die wir gegenüber dem Eiſenkopfe ge⸗ „⸗ —= 279 6— ſpielt und noch ſpielten, mehr imponirend werden zu laſſen. Als verirrte, verlorne Findlinge der Wildniß hatten wir uns die rückſichtsloſe Sprache der Squat⸗ ters gefallen laſſen müſſen, aber jetzt, vier Franzoſen, Krieger, in Gegenwart unſerer Diener und eines gan⸗ zen Gefolges von Acadiern, däuchte es mir allerdings paſſend, in unſerem Lande auch einen andern Ton, und zwar den Ton von Leuten, die zu Hauſe ſind, anzunehmen. Ein feſtes Auftreten konnte und mußte Nathan und den Seinigen zeigen, daß wir nicht die Leute waren, die ſich en bagatelle in ihrem eigenen Lande behandeln ließen. Zu dieſer Sprache forderte uns zudem das Intereſſe, die Ehre dieſes unſeres Landes auf.— Was wir gehört hatten, rechtfertigte eine ernſte Sprache. Bereits in den Attacapas hat⸗ ten wir von den mannigfaltigen Verſuchen der ameri⸗ kaniſchen Regierung vernommen, in Louiſtana feſten Fuß zu faſſen; von geheimen Agenten, die das Land und die weſtlich gelegenen ſpaniſchen Provinzen in allen Richtungen durchkreuzten. Mehrere dieſer Agen⸗ ten, darunter ein gewiſſer Ingenieur Stille, waren namentlich bezeichnet; es hatten Expeditionen den Miſſouri, den Red⸗River hinauf ſtattgefunden. Mir — 280 6— ſchien es keinem Zweifel unterworfen, daß auch der Major eines dieſer geheimen Werkzeuge ſey, dazu beſtimmt, die verſchiedenen Niederlaſſungen der ein⸗ geſchlichenen Amerikaner nach den Plänen ſeiner Re⸗ gierung zu lenken.— Daß hier Klugheit und Wach⸗ ſamkeit, mit der nöthigen Feſtigkeit und militäriſchen Kenntniß verbunden,— und von dem Gouvernement unterſtützt, Vieles verhindern könne, war keinem Zweifel unterworfen.“— „Ich rief meinen Freunden die Aeußerungen der Squatters ins Gedächtniß zurück, die mich zum Theil auch bewogen, an der Verſteigerung Theil zu nehmen. — Sie erkannten die Gefahr und ſtimmten meiner Anſicht bei.“ „Wir kamen überein, die Niederlaſſung ſogleich zu verlaſſen, nach Hauſe, von da nach der Hauptſtadt zu eilen, wo ich mit dem Gouverneur ſprechen, und dann weitere Maßregeln nehmen wollte.“ „Mit dieſem Entſchluſſe kehrten wir in das Block⸗ haus Nathans zurück. Unſere Pferde waren während der Gemeindeverſammlung von Joe eingebracht und eingeſtellt worden;— wir befahlen Amadee, ſie füttern zu laſſen, während wir uns aus unſerem Squatters⸗ — * — — 281 6— Anzuge austhun, und Vorkehrungen zu unſerer Ab⸗ reiſe treffen wollten.“— „In einer Stunde waren wir zum Aufbruche gerü⸗ ſtet. Ich hatte zwei Stücke Merinos, zu Sommeran⸗ zügen für mich beſtimmt, aus dem Ballen genommen, um ſie den Miſſes Eliſabeth und Mary als Entſchädi⸗ gung für die condemnirten Petticoats zu präſentiren. Als wir den Porch betraten, der zur Stube führte, kamen uns Nathan und der Major aus der Gemeinde⸗ verſammlung entgegen.“ „Der Alte ſchien uns nicht zu bemerken, allein der Major hatte uns kaum erſehen, als er mit einer Zu⸗ vorkommenheit auf uns zueilte, die gegen ſein frühe⸗ res ſteifſtarres Weſen ſehr abſtach. Auch ſein Be⸗ nehmen, früher gravitätiſch⸗pedantiſch, hatte jetzt etwas dezidirtes, militäriſches. Er trat mit einer leichten Verbeugung auf uns zu, und gab uns ſein Vergnügen zu erkennen, die Bekanntſchaft ſo ausgezeichneter Offi⸗ ziere machen zu können.“— „Wir erwiederten natürlich das Compliment, ob⸗ gleich nicht mit unſerer gewöhnlichen Wärme.“— „Er ſchien dieſes zu bemerken— und fuhr fort, zu Lebensblider a. d. weſtl. Hemiſph. V. 19 —= 282— bedauern, daß er uns nicht ſogleich bei unſerem erſten Zuſammentreffen aus unſerem Incognito herausge⸗ funden, und ſo einem gewiſſen Mißtrauen Raum ge⸗ geben habe, das aber natürlich ſey in einem Lande, wo kein Bartſcheerer, kein Krämer aus dem ſchönen Frankreich ankomme, ohne da ein Paar Hofchargen oder Grafſchaften zurückgelaſſen zu haben.“ „Hauterouge verſetzte trocken, das Incognito⸗Spie⸗ len ſey nun ſchon einmal zur Mode geworden, Einige gäben ſich für mehr aus, als ſte wären, Andere für weniger. 4 „Der Major wandte ſich befremdet, und Ich, um der Unterhaltung, die ernſt zu werden und zu unan⸗ genehmen Erörterungen zu führen drohte, eine andere Wendung zu geben, bedauerte, daß wir nicht länger die Ehre ſeiner Gegenwart haben könnten, indem wir abzureiſen im Begriffe ſtänden; dann wandte ich mich an Nathan, dem ich eröffnete, daß es nun an der Zeit ſey, ihm für die genoſſene Gaſtfreundſchaft zu danken und uns wieder auf den Heimweg zu machen.“— „Seyd willkommen zum Bleiben, wenn Ihr aber gehen wollt, können wir Euch nicht aufhalten, ver⸗ ſetzte Nathan.“— —= 283 6— „Die Art und Weiſe, wie Ihr Euch gegen uns und überhaupt benommen, fuhr ich in einem etwas höhern Tone fort, verdient unſere volle Anerkennung, und zeugt von einem Charakter, der feſt auf ſeinem Grund⸗ ſatze beharrt.— Fahrt fort auf dieſem Wege, und wenn, wie ich erwarte, wir uns wieder ſehen, ſo hoffe ich, unſer Zuſammentreffen wird eben ſo freundlich ſeyn.“ „Hoffe es gleichfalls, entgegnete Nathan gelaſſen; hoffe es, obwohl, aufrichtig geſagt, ich der Notion bin, daß Ihr beſſer gethan hättet, Euch ein Haus weiter zu machen; haben aber den Grundſatz ange⸗ nommen, und ſoll der Grundſatz, obwohl er für uns unangenehme Folgen haben kann— Euch zum Beſten kommen.“ „Wie verſteht Ihr dieß? fragte ich, der ich des Al⸗ ten Meinung wohl begriff, aber ihn ſich deutlicher ausſprechen laſſen wollte.“— „Habt uns da mit Eurem Kaufe einen kleinen Streich geſpielt,— einen kleinen Franzoſen⸗Streich, — ſeyd aber in Eurem Rechte, habt ſo gut das Recht zu erſteigern, als Einer von uns, obwohl ich nicht recht weiß, wo es hinaus will.“ 19* — 284 6— „Calculire ſo, verſetzte ich ironiſch.— Wollte eben wegen dieſes Kaufes noch mit Euch reden, wollte Euch fragen, ob Ihr den Güter⸗Ballen, der tauſend Livres im Fabrikpreiſe koſtet, hier aber fünftauſend werth iſt, einſtweilen als Bürgſchaft annehmt?“ „Mögt einen Wechſel ausſtellen und den Ballen für den Fall als Einſatz laſſen, daß Euer Wechſel nicht acceptirt wird, verſetzte Nathan trocken.“ „So ſey es, will Euch einen Wechſel auf Euren Commiſſionär ausſtellen, und hoffe, wenn ich zurück⸗ komme, das Geld in Euren Händen und in Euch einen guten Nachbar zu finden.“— „Das wird auf Euch ankommen, obwohl die Nach⸗ barſchaft mit Euren Landsleuten uns bisher nicht die erfreulichſte war. Seyd aber in Eurem Rechte, und ſoll Euch verbleiben Euer Recht, werden aber auch darauf ſehen, daß wir in unſerem bleiben.— Sind einen Aufhetzer und Zwiſchenträger los geworden, hoffe nicht—“ „Nathan hielt inne.“ „Hoffe nicht, ergänzte ich, daß ein ärgerer dafür eingekehrt.— Nicht wahr, Nathan?“— „Nathan ſah mich mit einem Blicke an, der zwar —“0285 6— nicht beiſtimmte, aber zweifelhaft ſchien. Hauterouge und Lacalle begannen ungeduldig zu werden.“ „Wollte das nicht ſagen, Oberſt! verſetzte Nathan. — Wollte ſagen: hoffe nicht, daß wir mit Euch eben ſo fahren werden.“ „Wollen aufrichtig ſeyn, Mister Strong! Aufrich⸗ tig, wie es Maͤnnern wohl anſteht, ſprach ich, be⸗ müht, ſo gut als ich es vermochte, ſeine Sprache wie⸗ der zu geben. Seht hier Männer von Stande vor Euch, Männer, die bei dem bloßen Gedanken an das, was CEuer Blick nun verrieth, Euch, um mich eines Curer Ausdrücke zu bedienen, die Sporen in die Flan⸗ ken ſetzen würden.— Habe meinem angebornen Mo⸗ narchen treu ſeit zehn Jahren gedient, aber nicht in der Rolle, auf die ihr hingedeutet. Verbieten mein Stand und Rang eine ſolche Rolle, die dem Syndicus zuſagen mochte, aber einem Cavalier und Oberſten ſchwerlich je zugemuthet werden dürfte;— aber würde, geſtehe aufrichtig, es noch für weit unloyaler halten, ſtill zu ſchweigen, wenn gewiſſe Pläne und Projekte in Anregung gebracht werden ſollten, mit denen die Ohren loyaler Männer wenigſtens in Louiſtana, cal⸗ eulire ich, verſchont werden ſollten.“ —= 286 6— „Welche Pläne und Projekte meint Ihr? fragte Nathan aufmerkſam.“ „Ich ſollte glauben, es wäre nicht nöthig, Euch darauf hinzuweiſen, fiel Hauterouge heftig ein, denn ſie verrathen ſich in jedem Eurer Worte nur zu deut⸗ lich für loyale Ohren.“ „Ah, ſind Amerikaner! verſetzte Nathan lächelnd, — ſind Amerikaner, und will heraus, und macht ſich Luft ihre Bürgergeſinnung. Verſtehe jetzt, was Ihr meint. „Dieſe Worte waren an Hauterouge gerichtet; jetzt wandte er ſich an den Major und fuhr fort:“ „Stehe Euch dafür, ſind bei alle dem tüchtige Jun⸗ gens, die nicht mehr darum geben würden, mit einem ganzen Regimente Dons anzubinden, als auf eine Bärenjagd zu gehen. Sage Euch, würden eine Toll⸗ heit begehen, wenn ſie von dem oben auch nur das Mindeſte hoffen könnten. Kennen aber zum Glücke den droben durch und durch, wiſſen, daß, wenn er die Sklavenſtaaten alle nach Cap Horn hinabſchieben könnte, er es lieber heute als morgen thäte. Kennen ſeine Abneigung gegen jede Vergrößerung des Landes — 287 e— unter Maſons⸗ und Dixons⸗Linie.*) Sage Euch, Major! ſage es Euch, könnte der alte Tory ſich und ſeine Yankees von den Bürgern, die ſüdlich von der Maſons⸗ und Dixrons⸗Linie wohnen, mit einem ein⸗ zigen ſtarken Riſſe losreißen und an ſein altes Eng⸗ land anflicken, würde es thun, und würde darüber unter ſeinen Hamiltons und Federals der größte Ju⸗ bel ſeyn.“ „Der Major ſtand mit verſchränkten Armen, nicht Ja und nicht Nein ſagend, in Gedanken verſunken; wir mit Zorn gerötheten Wangen über die beiſpiel⸗ loſe Frechheit des Alten, der, was wir anzudeuten Anſtand nahmen, uns in unverblümter Nacktheit ins Geſicht zu ſagen wagte.“ „Nur mit Mühe vermochte ich Hauterouge von einem Ausbruche zurückzuhalten.“ „Aber wißt Ihr, Mister Strong, verſetzte ich im ſtrafenden Tone, daß eine ſolche Sprache unziemlich, ja Aufruhr predigend iſt, und daß ſie Euch in Gefahr, ja in die mexikaniſchen Bergwerke bringen kann!“— *) Eine imaginäre Linie, zwiſchen den Sklaven haltenden und freien Staaten gezogen. Siehe die Note oben. —= 288 6— „Nathan gab keine Antwort, fuhr aber zum Major gewendet fort:" 3 „Iſt aber wieder gut, daß dem droben das Revo⸗ lutions⸗Fieber ſo vergangen iſt, und er ſeine Lords und Tories lieber hat, als gerade geſunde Demokra⸗ ten. Hat Alles ſeine Zeit, und wird die Zeit das Weitere thun.“— „Auf einmal wandte er ſich an mich:“ „Redet, wie ein Franzoſe reden kann und darf, Oberſt! und nehme es Euch deßhalb nicht übel. Seyd kein Amerikaner, kein Bürger, ſeyd ein Franzoſe, der es nicht beſſer verſteht, eingemauert, wie er iſt, in die Baſtille ſeiner Vorurtheile und engen Notion— „Mister Strong! verſetzte ich heftiger.— Ich muß Euch bemerken, daß dieſe Sprache, die Ihr hier führt, ungeziemend für das Land iſt, das Euch duldet, und daß wir als Liège-Subjekte Seiner katholiſchen Ma⸗ jeſtät ſie nicht anhören dürfen, und Euch als Männer, die Euch einige Verbindlichkeit für genoſſene Gaſt⸗ freundſchaft ſchuldig ſind, rathen, eine andere zu führen.“— „Genug, Fremdling! ſprach Nathan mit einer ſtol⸗ zen Bewegung. Genug!— Müßt Euch wieder nicht —"o 289— übernehmen. Seyd Franzoſen, die allezeit an der Stange geführt werden müſſen, wenn ſie nicht Capers machen ſollen. Müßt Euch wieder nicht übernehmen, Oberſt! Laſſen Euch Eure Meinung ſagen, weil wir die Herren auf unſerm Grund und Boden ſind, müßt aber deßhalb nicht calculiren, daß Ihr die Herren ſeyd. Nun, laſſen Euch freies Feld bei uns, weil es nichts ſchaden kann, und ihr ſchwerlich je einen Con⸗ vertiten zu Eurer Meinung machen werdet— aber verſteht mich recht. Sind nicht die Männer, die vom Spanier oder irgend einem Potentaten Gunſt brau⸗ chen, oder anſuchen, oder angeſucht haben. Stehen auf eigenen Füßen in eigenen Schuhen, wiſſen daß Euer Governor und Eure Regenten, und will Euch jetzt etwas ſagen, allen Vier, und merkt es Euch, kann Euch vielleicht ein neues Licht anzünden.“— „Seyd Offiziere in der königlichen Armee geweſen, und Hofleute, und Barone, und Grafen— ſehe aber, müßt noch Vieles lernen, ehe Ihr ausgelernt habt. Sehe, ſeyd Franzoſen, die mit uns vielleicht einen Varianten zu ſpielen gedenken, vielleicht daſſelbe Spiel, das Ginet oben mit den Boſtonern geſpielt, und mit den Bürgern.— Ließen einige Zeit mit ſich ſpielen, —" 290-— ſo wie ſie den Britten erlaubten, mit Ihnen zu ſpielen, aber ſchob Vater Washington, den Gott ſegnen und lange erhalten möge, den Riegel vor, und Ginet aus dem Lande.— Entſtand darüber ein kurzer Krieg, den aber Eure Machthaber bald überdrüſſig wurden. — Nun hört. Sehe, ſeyd Franzoſen, und haltet uns für Republikaner, ſo wie Ihr ſie in Euxem Lande habt, die, ſtatt ſich ſelbſt zu regieren, ſich vom erſten beſten Gaſſentyrannen am Gängelbande herumführen laſſen;— Tollköpfe, die, wenn ihnen ein ſolcher Ohnehoſen ein Wort ſagt, den Feuerbrand in das Haus des Nachbars ſchleudern, und dann wie böſe Buben ſich über das Unheil freuen, und rauben und plündern.— Haltet uns für ähnlichen Stoff, calcu⸗ lire ich, für Raſende, die mit hundert und zwanzig Rifles ein ganzes Land zu erobern ausgehen. Sage Euch, iſt das Tollheit, geradezu Tollheit, daran zu denken, ein Land gegen ſeinen Willen frei zu machen; und einen in Müßiggang und Trägheit verſunkenen Haufen von Sklaven mit einem Schlage in Bürger, die ſich ſelbſt zu regieren im Stande ſind, umwandeln zu wollen. Iſt das nicht unſere Notion; iſt unſere Notion eine andere, will ſie Euch ſagen, und wird —= 291— das, was wir thun, und wollen, Louiſiana ſicherer den Staaten gewinnen, und uns und Louiſiana zu dem machen, wozu es Gott der Allmächtige be⸗ ſtimmt.“— „Wenn Ihr darunter verſteht, daß es Euch je ge⸗ lingen werde, die Bevölkerung von Louiſtana ihrem Beherrſcher abwendig zu machen, dann ſtrafe ich Eure Vorherſagung der Vermeſſenheit und freventlichen Vertrauens auf das Weſen, das Ihr ſo ungeziemend mit Euren verruchten Plänen in Verbindung bringt; ſprach ich erzürnt.“— „Ruhig, Mann! verſetzte Nathan kalt.— Ruhig! wollen uns nicht ereifern, werdet Ihr, werden wir die Sache nicht anders machen, noch den Gang des Schick⸗ ſals aufhalten.— Will Euch aber ſagen, ei, und eine Wette niederlegen, und zwar Alles, was ich werth bin— hier vor dem Major, und ſollt gewonnen haben, wenn binnen zehn Jahren Louiſtana nicht den Amerikanern gehört.“— „Wir ſchüttelten unwillig die Köpfe, ließen aber den Alten fortfahren.“— „Glaubt Ihr, die Bürger oben, denen die dreizehn Staaten bereits zu enge ſind, und die auf allen Seiten —= 292— ausbrechen, über die Alleghanies, gegen die Seen hinauf, hinab gegen die ſpaniſchen Floridas, herab gegen Euer Louiſtana, die ſchier jedes Jahr einen neuen Staat gründen, und ſich zu Hunderttauſenden in dem großen Miſſiſtppi⸗Thale niedergelaſſen haben — glaubt Ihr, dieſe Bürger, die Kentuckier, Ten⸗ neſſeer, die Bewohner des nordweſtlichen Gebietes der Old⸗Dominion*), werden lange ruhig ſitzen bleiben, und ihre Hände in den Schooß legen, wenn ihre Au⸗ gen ein Land ſchauen, das ihr Herz erfreut, und das Zucker, Baumwolle und Reis, und das herrlichſte Virginiakraut im Ueberfluß erzeugt, ſtatt Buchweizen und magern Roggen? Glaubt Ihr, ſie werden ſich den Miſſiſtppi, ihren Miſſiſtppi, der auf ihrem Grund und Boden, aus ihren Seen entſpringt, und der ihre Ufer tauſende von Meilen wäſcht, glaubt Ihr, ſte werden ſich dieſen geduldig von Euren Douanen⸗Beamten ver⸗ ſchließen und verſperren, und ſich ſo den Maulkorb anhaͤngen, ihr Mehl verſäuren, ihre Schinken von Würmern freſſen, und Euch den Schlüſſel in der Hand laſſen? Sage Euch, ſeyd irrig, wenn Ihr das *) Der heutige Staat Ohio, Indiana ꝛc. gehörte ſonſt zu Virginien, unter dem Namen nordweſtliches Gebiet. —= 293 6— glaubt. Mag Eure Regierung in ihrer Beſchränkt⸗ heit wähnen, das Recht zu haben, den Miſſiſippi zu verſchließen, und den Handel zu beſchränken, mag aber eben ſo wohl den Miſſiſipp ſelbſt eindämmen, werden die Dämme, ehe ſte ſichs verſieht, wie Stroh⸗ geflecht zerriſſen werden. Iſt das die Stimme nicht von Einem, ſondern von Hunderttauſenden.“— „Die ſpaniſche Regierung wird ihre Rechte gegen Eure Eingriffe zu vertheidigen wiſſen, verlaßt Euch darauf.“ „So lange ſte es kann, ohne Zweifel, fiel Nathan ein.— Wie lange ſie es aber können wird, iſt eine andere Frage, und noch eine andere, wie lange ſie es wollen wird.— Man vertheidigt nicht gerne in die Länge das, was uns keinen Nutzen bringt, und Loui⸗ ſtana iſt nicht das Land, das dem Spanier Nutzen bringt. Im Gegentheile, koſtet Louiſtana dem Spa⸗ nier jedes Jahr blanke zweimal hundert tauſend Dol⸗ lars. Und wäre nicht der ſpaniſche Stolz, der ſich mit ſeinen Titeln und Beſitzungen wie der Bettler mit ſeinen Lumpen behängt, Louiſtana wäre längſt unſer. u „Hauterouge wurde feuerroth vor Zorn, kaum, daß wir ihn mehr von einem Ausfalle auf Nathan —= 294 6— zurückhalten konnten, der wieder ruhig lächelnd unſern hitzigen Freund vom Kopf bis zu den Füßen maß.“— „Ihr ſcheint die Finanzen des Landes genau zu kennen, bemerkte ich, nicht wenig über die kalte Ruhe des Mannes empört.“— „Calculire, kenne ſie, und eben weil wir ſie kennen, wiſſen wir uns in Geduld zu faſſen.— Warum uns übereilen?— da Louiſtana früher oder ſpäter unſer werden muß.“ „Dieſe Sprache war wirklich empörend für Fran⸗ zoſen,— kaum, daß ich meinen Zorn unterdrücken konnte.“ „Ihr ſprecht ſehr beſtimmt, Mister Strong!“ „So beſtimmt, als Einer, der die Sache verſteht, nur reden kann; verſetzte Nathan unbekümmert. Habt Ihr nie das Saatkorn beobachtet, wenn Ihr es aus⸗ geſäet in die befruchtende Erde? nie Acht gegeben, wie dieſes Saatkorn, das, mehrere Zoll tief in die Erde geworfen, mit einer Schichte überdeckt wird, die, hundert Mal ſchwerer als das winzige Saatkorn, es mit ihrem Gewichte erdrücken ſollte? Thut es aber dieſes? Iſt es im Stande das winzige Saatkorn zu erſticken, zu erdrücken? So wenig, daß das winzige — —— 295 G— Ding ruhig, gemächlich ſeine Keime hervorſchießt, ſich Bahn bricht durch die Erdſchollen, und hervor⸗ dringt ans Tageslicht, die Laſt wegſchiebt, und ſie⸗ gend über die Scholle heraufwächst und das todte Gewicht. Habt Ihr das nie bemerkt? nie Euer Wälſchkorn beobachtet, beſonders wenn mehrere Kör⸗ ner zuſammen liegen, und ein Klumpen aufliegt, Pfunde ſchwer; wie das Wälſchkorn den Klumpen ſo ſpielend zerreißt, und ſich auf allen Seiten durch⸗ zwingt, und die ganze ſchwere Laſt weghebt? Will Euch ſagen, ſind wir die Wäͤlſchkörner, und iſt Loui⸗ ſtana die befruchtende Erde, und Eure ſpaniſche Re⸗ gierung der todte Klumpen, die Laſt, die über der keimenden Saat liegt, und ſie gerne am Wachſen ver⸗ hindern würde, wenn ſie könnte.— Kann aber nicht, ſind die Keime, die Triebe, die der Allmächtige in die winzigen Wälſchkörner gelegt, zu mächtig für die todte Laſt, ſind zu mächtig die Keime, das heißt unſere ſchaffigen Arme, unſere Pflüge, Aexte und Köpfe. Sind zu ſtarke Hebel, und werden dieſe Hebel Eure todte Laſt, das Gewicht— Eure Regierung, weg⸗ ſchieben, ſo leicht! habt keine Notion, wie leicht, und —= 296 6— wird Louiſtana ſproſſen und keimen, und gedeihen, und wir mit.“— „Der Mann war zum Prediger oder Staatsredner geboren, ſein Redefluß glich den kräftigen Strömen ſeines Landes, kühn, ſchrankenlos unaufhaltſam.— Mit meinem Entſchluſſe, ihm zu imponiren, war es vorbei.— Ich wußte ihm auf dieſe offene Kriegser⸗ klärung kein Wort zu erwiedern, ja, ich mußte ihm im Herzen Recht geben.“ „Mister Strong! Ohne mit Euch und Euren Ge⸗ ſinnungen rechten zu wollen, mache ich Euch nur dar⸗ auf aufmerkſam“— „Er unterbrach mich.“— „Laßt das; laßt das, weiß, was Ihr ſagen wollt. Nicht Ihr, nicht Ich, werden den Gang des Schick⸗ ſales hemmen, das Louiſtana beſtimmt iſt von dem, der droben über den Sternen die Schickſale der Men⸗ ſchen, ſo wie der Länder lenkt.— Nicht Ihr, nicht Ich; aber ſo viel iſt uns ſchwachen Menſchenkindern geſtattet, den Gang dieſes Schickſales mehr oder we⸗ niger abzuſehen, und zu entnehmen, je nachdem unſere Vernunft mehr oder weniger durch Vorurtheile ein⸗ geengt, oder durch Laſter und Thorheiten geſchwächt —= 297 e— iſt. Sage Euch, iſt heilſam, den Gang des Schick⸗ ſals, den Strom der Zeiten zu entnehmen; hätte der König, dem Ihr ſo treu anhängt, den geſunden Blick Nathan Strongs gehabt, er wäre noch König. Seyd aber Franzoſen, und mag Euch nicht zu meinen No⸗ tionen bekehren; hätte ſte nicht erwähnt, kein Wort darüber geſprochen, habt aber ſelbſt angefangen, und calculire, iſt eben ſo wohl gethan, ja Pflicht und Schuldigkeit, Euch meine Notion zu ſagen, und ſie frei auszuſprechen, wie es einem freigebornen Bür⸗ ger der Union geziemt, der ſelbſt in Louiſiana ſeine Meinung frei bekennen darf, weil er ſein Recht zu behaupten vermag.— Und jetzt kommt, iſt Mittags⸗ zeit, und das Eſſen fertig, wartet die Alte auf uns.— „Mister Strong! wir müſſen ſcheiden; die Freunde, ſeht Ihr, warten ungeduldig.“— „Wie Ihr wollt, dachte, ihr wolltet Eure künf⸗ tigen Nachbarn kennen lernen, und das Grundſtück, das Ihr erſteigert.— Dachte, Ihr wolltet das, wäre vielleicht das Beſte, das Ihr thun könntet.— Seyd freundlich willkommen, zu bleiben; mögt aber thun, wie Ihr wollt, nur, calculire ich, werdet lange auf eine zweite Einladung warten müſſen.“— Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 20 —= 298 6— „Ich bin von Eurer Freundſchaft überzeugt, aber—“ „Hauterouge und Lacalle ſtanden abſeits, heftig mit einander debattirend, um keinen Preis wollten ſte bei dem alten Verruchten bleiben, um keinen Preis — das war der Refrain, der zu meinen Ohren drang.“— „Ich war in nicht geringer Verlegenheit. Ging ich, ſo ſtieß ich einen Mann vor den Kopf, der mir wichtig geworden, und deſſen Rath und Beiſtand für das Gedeihen meiner Entwürfe unentbehrlich war; blieb ich, ſo verletzte ich bewährte Freunde.— In dieſer Verlegenheit kam Jean mit der Nachricht, daß unſere beiden Pferde von der Anſtrengung des vori⸗ gen Tages ſo erſchöpft wären, daß ans Nachhauſe⸗ reiten gar nicht zu denken ſey. „Wohl! riefen Hauterouge und Lacalle, ſo wollen wir zu einem Acadier; lieber in der ſchlechteſten Hütte, als einen Augenblick länger hier bleiben.“ „Ich remonſtrirte.— Nathan, bemerke ich, wäre von mir zu dem Meinungskampfe herausgefordert worden— und wir hätten nicht das Recht, ihn wegen ſeiner ausgeſprochenen Meinung zu verdammen.“ „Was! ſchrie Lacalle.— Was, Oberſt! Sie ver⸗ —= 299— theidigen die Grundſätze dieſes Rebellen, dieſes Bar⸗ baren?⸗ „ Nathan, obwohl er zum Theil verſtand, was wir debattirten— verzog keine Miene; aber jetzt nahm der Major das Wort.“— „Pardon, junger Mann!— Pardon! wenn ich „Euch in Eure Rede falle— aber die Meinung, die Mister Nathan ausgeſprochen, iſt die Meinung, zu der ſich Millionen Amerikaner mit Stolz bekennen, und unter dieſen Major Henry Gale.“— „Und mit denen wir nichts zu thun haben, und die wir bekriegen und bekämpfen wollen; fuhr Haute⸗ rouge heraus.“— „Das— ſteht Euch frei, Meſſteurs.— Steht Euch frei, zu ſagen, was Ihr gehört, in Neworleans, in den Attacapas, überall. Weiß Euer Gouvernement unſere Meinung, machen kein Geheimniß daraus.— „Ich ſuchte zu vermitteln— aber Nathan fiel mir in die Rede.“ „Stille, Fremdlinge! calculire„werden nicht von Euch, die Ihr die erſten Rudimente, Achtung vor dem Hauſe eines Bürgers noch nicht kennt, und wie Narren durch das Fenſter inmitten ſeiner Familie und Gaͤſte 20* —= 300 6— einſpringt— werden von Euch nicht Grundſätze der bürgerlichen Geſtttung lernen. Sage Euch, bin hier auf meinem Grund und Boden, und zwar ſo lange, bis mich eine ſtärkere Gewalt, als die Eurige, ver⸗ treibt.— Bin hier, und ſpreche meine Meinung aus, vor Gott und der Welt, und Eurem Gouvernement; mögt wieder ſagen, was Ihr gehört und geſehen— und gehen, denn, habe die Notion, ſeyd nicht die Männer, mit denen ich lange verkehren wollte.“ „Lacalle ſchäumte vor Zorn.— Ich hatte ihn nie ſo geſehen.— Hauterouge am Arme fortreißend, ſchrie er:u „Ich ſehe, daß der alte Reglähter die Ausſicht hat, die Zahl ſeiner Schutzbefohlenen mit unſerem Oberſt zu vermehren!“ „Dieß waren die letzten Worte; ohne auf unſere Vorſtellungen zu achten, ſchwangen ſich unſere hitz⸗ köpfigen Freunde auf ihre Pferde, und galoppirten wie im Sturme davon.“ „Nathan war ganz ruhig geſtanden, und hatte ge⸗ laſſen von Martin und den Acadiern Abſchied ge⸗ nommen, die nun den Beiden nacheilten.“ „Werden ihnen die Köpfe bald leichter werden, —= 301— wenn ſie bei den Acadiern einkehren, lachte der Alte in ſich hinein. Ein einziges Nachtlager wird ſte heilen. Sind— die Umwege mit in Anſchlag gebracht— fünf und vierzig Meilen von Hauſe, werden ſehen, was es heißt, die Gaſtfreundſchaft eines Acadiers gegen die eines Amerikaners zu vertauſchen.“— „Habt aber wohl gethan, zu bleiben, wandte er ſich an uns— wohlgethan, ſeyd willkommen— ſehe an Eurem Entſchluß, daß Ihr ein Mann ſeyd, der Welt geſehen. Liebe es, mit ſolchen Männern zu ſeyn.“— „Sie haben wohl gethan, zu bleiben, Oberſt und Major, ſprach Major Gale, unſere Hände ergreifend. Sie werden ſehen, was es heißt, die Freundſchaft eines Mannes, wie Mister Strong, gewonnen zu haben.“ „Im Ganzen genommen, war ich froh, daß ich geblieben, und ſelbſt daß Hauterouge und Lacalle gegangen; denn die Attacapas waren mir zuwider, von ganzem Herzen zuwider, und der loyale Unge⸗ ſtüm meines lieben Hauterouge würde ein ewiger Zankapfel geworden ſeyn. Hier, das fühlte ich, war der Schauplatz, wo meine Thätigkeit ſich entwickeln — 302— konnte, obwohl ich gewünſcht hätte, das Scheiden von unſern Freunden wäre auf eine für ſie weniger verletzende Weiſe vor ſich gegangen.“ IX. Squatter-Leben. „Von dem Augenblicke an, wo wir uns fürs Blei⸗ ben entſchieden, war auch die rauhe Rinde von Na⸗ thans Charakter gewichen, und unſer Verhältniß ge⸗ ſtaltete ſich freundlicher; eine gewiſſe behagliche Ruhe trat an die Stelle des halbverſtockten lauernden Miß⸗ trauens,— ein zwangloſeres Seyn und Seynlaſſen an die des eckigſcharfen Anſtoßens— Zwar war unſer beiderſeitiges Verhältniß noch weit von unſerem franzöſiſchen Empreſſement oder herzlicher Vertrau⸗ lichkeit entfernt, aber es hatte wieder die ſchöne Seite, daß es, von gemeiner Familiarität, ſo wie von der aus derſelben erwachſenden Zudringlichkeit gleich ver⸗ ſchieden, eine dauernd freundliche Stimmung ver⸗ bürgte, und auf gegenſeitige Achtung gegründet war.“ „Und in dieſer Hinſicht muß ich geſtehen, wenn mich, als Europäer, in meinen ſpätern Berührungen v — 0 303 6— mit Amerikanern, ihre Apathie und Schroffheit oft mit einer unangenehmen Kälte durchfror, dieſe Er⸗ ſtarrung wieder ſehr wohlthätig durch den angebor⸗ nen Takt, möchte ich ſagen, aufgethaut wurde, den der gemeinſte Amerikaner in einem gewiſſen Grade beſitzt; jene gleichmüthig gentlemaniſche Ruhe, die gelaſſen den Fremdling ſich ausſprechen läßt, und erſt nach dieſem Ausſpruche das entſprechende Beneh⸗ men einrichtet.— Ich bin ſpäͤter in tauſendfache Be⸗ rührungen mit Ihren, und, ich mag nun wohl ſagen, auch meinen Landsleuten gekommen; aber bei allen Gelegenheiten, in Gaſthöfen, und Kneipen, auf Heer⸗ ſtraßen und Dampfſchiffen, in den Geſellſchaften der feinen, ſo wie gemeinen Welt, nur äußerſt ſelten durch den in Europa in dieſer Beziehung ſo gewöhn⸗ lichen Unverſtand beläſtigt worden. In den verei⸗ nigten Staaten kann man als Regel annehmen, daß, ſo lange man ſich als Gentleman benimmt, man als ſolcher behandelt wird.— Nie war ich in dem unan⸗ genehmen Falle, daß ſich Einer etwas vor mir her⸗ ausgenommen hätte; in dieſer Hinſicht ſind die Ame⸗ rikaner das preiswürdigſte Volk auf Erden— und —= 304 G— es iſt dieſer Zug ein wahrhaft und eſſentiel republi⸗ kaniſcher— „Doch, um wieder auf unſern Nathan zurück zu kommen.“ „Nachdem das Mittagseſſen vorüber, machte er uns den Vorſchlag, mit dem Major einen Ritt in die Niederlaſſung zu thun, zu dem er uns Pferde und ſeinen Joſhua geben wollte. Er ſelbſt müßte bei der Sortirung der Tabacksblätter zugegen ſeyn, von der der Credit ſeines Hauſes abhänge; auch wäre es ihm lieb, wenn wir mit unſern eigenen Augen ſähen, und demgemäß unſere Notions über die Niederlaſſung formten.“ „Gegen dieſen Vorſchlag hatten wir natürlich nicht das Mindeſte einzuwenden, und ſo beſtiegen wir denn die für uns eingefangenen Pferde, drei mexikaniſche Krausköpfe, kurz zuvor aus den Prairies von Texas eingebracht, die aber auch unſere ganze Reitkunſt in Anſpruch nahmen.— Der vierzehnjährige Joſhua, ſein jüngſter Sohn, war unſer Wegweiſer.“ „Bisher waren unſere Gedanken auf ganz andere Dinge, als die Niederlaſſung, gerichtet geweſen; jetzt warfen wir das erſte Mal ſkrutinirende Blicke um⸗ — 0 305 e— her, begierig, mit eigenen Augen zu ſehen, was denn dieſe Amerikaner ſo Großes geleiſtet hätten, um ſich eine ſo imperturbable Suffiſance beizulegen.“— „Die Niederlaſſung lief, wie ich bereits erwähnt, von Südoſt gen Nordweſt, dem Scheitel eines fünf⸗ zehn Meilen langen Kammes entlang, der etwa ſteb⸗ zig Fuß von dem eine halbe Meile entfernten Sumpfe heranſchwoll, und ſich eben ſo ſanft wieder auf der nördlichen Seite zur Prairie herabdachte. Auf dieſem Kamme oder Sattel waren die Pflanzungen der vor⸗ züglichſten Gemeindeglieder gelegen, und eine ſchönere, oder zweckmäßiger gewählte Anlage ließ ſich kaum denken.— Auf der einen Seite hatten wir die noch nicht lange zuvor dem Urwalde abgewonnenen, ſoge⸗ nannten Clearings,*) auf der andern die ungeheure Prairie mit ihrem toiſenhohen Graſe, die Köpfe der weidenden Rinder und Pferde wie rollende Stein⸗ klumpen gegen einander prallend, die Schellentöne der Leitkühe, im ſanften Luftzuge an unſere Ohren klingend, und in weiter blauer Ferne den wunderſam ſchillernden Nebeldunſt, auf einzelnen Punkten die *) Eine gelichtete Waldſtrecke. —= 306 6— Wälder durchſchimmernd,— das Ganze in eine ah⸗ nungsvolle Stille begraben, nur ſelten durch den dumpfen Ton einer, die Arbeiter aus den Feldern rufenden Seemuſchel unterbrochen.“ „Die Landſchaft hatte etwas ungemein Anheimeln⸗ des, zur Schwärmerei Verführendes.“— „Wir hatten ſchweigend geſchaut, betrachtet, unſere Bemerkungen gemacht, dann unſern tanzenden Ren⸗ nern die Zügel ſchießen laſſen. So hatten wir Na⸗ thans Blockhaus allmählich aus dem Auge verloren, aber die Felder dehnten ſich wohl eine halbe Meile weiter fort.“ „Er und die Seinigen waren mit einem halben Dutzend Neger in einem Tabacksfelde beſchäftigt— weiter trafen wir auf ein anderes mit Wälſchkorn, deſſen Kolben von den Hülſen entblößt, um ſchneller zu reifen, uns ob ihrer Größe in Erſtaunen ſetzten. — Ueber ein drittes Feld war eine dichte Rauchwolke hingelagert, die nur an einzelnen Punkten die nackten, ihrer Blätter und Rinden beraubten, erſtorbenen Rieſenſtämme durchſchimmern ließ, die nun ſieben Jahre getödtet noch immer daſtanden, ihre koloſſalen Arme wie jammernd in die Luft ſtreckend. An andern — —= 307— Orten lagen ſie zu Boden, und Haufen vertrockneter Baumwollenſtauden, die unter ihnen angezündet wur⸗ den, wirbelten dichte Rauchwolken empor. Wie wir ſahen, ſo wurden die herrlichen Bäume, die das be⸗ rühmte und beſte Schiffsbauholz der Welt liefern, blos wegen ihrer ſehr geſuchten Aſche verbrannt.— In Frankreich würde ein einziger ſolcher Stamm, deren hier Dutzende verglommen, mit Tauſenden von Livres bezahlt worden ſeyn.“ „So lauteten unſere damals noch europäiſchen Be⸗ merkungen; bemerkt der Graf.“ tung geritten, als ein Clapboard⸗Dach, das ſich be⸗ ſcheiden hinter einer Gruppe von Magnolien und Ca⸗ talpas verbergen zu wollen ſchien, uns eine zweite größere Pflanzung ankündigte. Zu unſerer Rechten hatten wir wieder Urwald, die ungeheuern Stämme ſo durchflochten mit Cianen und wilden Reben, daß, trotz der heißen Nachmittagsſonne, kein Strahl in dieſe nächtliche Dunkelheit zu dringen vermochte.— Wir konnten uns beim Anblicke dieſes Urwaldes nun, um mit Nathan zu reden, eine Notion von der Arbeit bilden, die es gekoſtet haben mußte, dieſen unwirth⸗ — 308 8— lichen Wald zu lichten. Während dieſer Betrachtun⸗ gen kamen wir dem Blockhauſe näher.“ „Es war kleiner als das Nathans, gleichfalls aus Baumſtämmen aufgezimmert, mit Clapboards ge⸗ deckt, und lag rauh und trotzig unter den herrlichen, noch immer blühenden Magnolien, und einer oder zwei Immergrün⸗Eichen; für Hinterwäldler eine nicht üble Wohnung, die aber durch eine gewiſſe Rauh⸗ heit beleidigte. Zwar hatte ſie nicht das ſchmutzige Ausſehen der Acadier⸗Hütten, aber eben ſo weit war ſie von den vergleichungsweiſe eleganten Villa's ent⸗ fernt, die wir in den Attacapas geſehen, und deren Außenſeiten wenigſtens das Auge angenehm anſpre⸗ chen— wenn auch ihr Inneres wieder die Sinne be⸗ leidigt. Die Wohnungen in den Attacapas mit ihren vorgeſchobenen Dächern und den ſie ſtützenden ſchlan⸗ ken Säulen und grünen Jalouſteen ſind in der That un⸗ gemein anziehend, beſonders wenn man ſie mitdenrohen amerikaniſchen Blockhütten, die wie Fröſche auf allen Vieren ausgeſtreckt ſich hinbreiten, vergleicht.— Wir ritten an dem Waldvorſprung vorbei, und hatten jetzt eine Partie vor uns— eine wunderſchöne Partie! — herrlicher durch den unvergleichlichen Rahmen, in —= 309— den ſie gefaßt war. Es war ein Landſchaftsgemälde, etwa tauſend Schritte oder darüber lang und breit, ſanft gegen den Sumpf hin abgedacht, gegen welchen es durch einen Waldſaum, der ſtehen geblieben war, geſchützt war. Zu unſern Füßen lag ein Feld von etwa vier Aeckern reifer Baumwolle, die Kapſeln aufgeſprungen, ein Schneefeld, das in der Luſt zu ſchweben ſchien, auf matt grünem Grunde ruhend, in Zwiſchenräͤumen von dreißig bis vierzig Fuß immer ein Rieſenſtamm in die Luft ſtarrend, das Ganze aber durch den hohen Urwald, der in einer über alle Be⸗ griffe gehenden üppigen Vegetation prangte, zu einem wunderlieblichen Landſchaftsgemälde vereinigt.“— „Wir ritten weiter.— An das Baumwollenfeld ſtieß ein kleineres, mit Taback bebaut.— Wir ſtiegen ab und gingen dem Hauſe zu. Es war verlaſſen von ſeinen Bewohnern. Auf dem Porch hing Acker⸗ geräthe und Riemenzeug; Pflüge, Aexte, Hacken lagen und ſtanden umher; wir betraten die Stube, die mit rohen Tiſchen, Bänken, Stühlen ausſtaffirt, gegenüber dem Reichthume der Felder, einen ſeltſam ärmlichen Contraſt darbot. Ich konnte mich nicht — 310 6— enthalten zu fragen, wie dieſer Mann bei ſeinem Reichthume ſo ärmlich wohnen könne.“ „Der Major erwiederte bedeutſam:— Der Ame⸗ rikaner denkt zuerſt an das Nöthige, und dann erſt das Bequeme.“ „Wir fanden es ſo.— Ein längerer Blick in dieſes Hausweſen gab uns über das Räthſel, das in Na⸗ thans Worten lag, Aufſchluß. Hier ſah man wirk⸗ lich ſchaffige Arme, rege Hände, die das Land erblü⸗ hen, und ſproſſen, und gedeihen machen mußten. Ein Creole würde die erſte Ernte dazu verwendet haben, ſein Haus, ſeine Zimmer, ſich ſelbſt heraus⸗ zuputzen, und durch einen Schein zu imponiren, dem er in der Wirklichkeit nie zu entſprechen im Stande ſeyn konnte. Nicht ſo die Squatters. Alles war kunſtlos, unciviliſirt, rauh, aber natürlich, poetiſch rauh möchte ich ſagen, die erſten Elemente einer wer⸗ denden Pflanzung„aber dieſe ſo zweckmäßig ange⸗ bracht, die Materialien ſo ganz dem Boden entſproſ⸗ ſen, entnommen, durch keinen heterogenen Flitterſtaat beleidigend, ein ſo klug gelaſſener, berechnender, Schritt für Schritt bemeſſender Sinn ſprach ſich überall aus! 4 Man ſah es deutlich, daß der Beſitzer blos einen Ge⸗ — 311— danken im Kopfe hatte, mit unverwandtem Blicke dieſen Gedanken Schritt für Schritt verfoͤlgte, und jener Nüchternheit, die uns Franzoſen ſo ſehr abgeht.“ „Ich glaube erwähnt zu haben, daß die Idee, uns in Louiſiana einen Herd zu gründen, ein alter Lieb⸗ lingsgedanke war. Schon zu Hauſe, als unſere An⸗ gelegenheiten eine ſo verzweifelte Wendung zu nehmen begannen, war dieſer Gedanke in uns aufgeſtiegen, er war der Anker, an dem wir uns gehalten, inmitten des Schiffbruches unſerer Partei,— das Lieblings⸗ thema unſerer Unterhaltungen, die leuchtende Hoff⸗ nungsſonne, an die unſere künftige Familienexiſtenz ſich geknüpft. Mit den Trümmern unſeres Vermö⸗ gens, ſo wenig zureichend ſte waren, uns in Europa ſtandesmäßig zu erhalten, konnten wir hier nicht nur leben, wir konnten auch— unſern ſehnlichſten Wunſch in Ausführung bringen— unſern Geliebten, mit denen wir nun ſeit Jahren verlobt waren, ein Ob⸗ dach zu bereiten, das ſie gegen alle Unbilden der euro⸗ päiſchen ſturmbewegten Welt zu ſchützen im Stande war. War dieſes Franzoſen, Spaniern, Deutſchen mit weit weniger Reſſourcen in dieſem Lande gelun⸗ —= 312 6— gen, erfreuten ſie ſich nun eines Wohlſtandes, der dem unſerer reichſten Familien die Wage hielt,— warum nicht auch uns, die wir noch jung, mit Kennt⸗ niſſen ausgerüſtet, thätig, unternehmend, von treuer Liebe angeſpornt, eine Welt voll Kraft in uns fühl⸗ ten!— Nichts fehlte uns, als die Anleitung, ein Wegweiſer, um ſogleich zum Werke zu ſchreiten.— Das Wie und auf was Weiſe? Das war die ein⸗ zige Frage.— Eine große Frage aber war es.— Wir verſtanden nichts von der Landwirthſchaft, um die wir uns nicht weiter bekümmert hatten, als in ſo fern es ſich um unſere Pächter und Verwalter han⸗ delte, oder vielmehr die Renten, die ſte uns einlie⸗ ferten.— Wir hätten wohl eine bedeutende Pflan⸗ zung kaufen, und ſie durch Aufſeher verwalten laſſen können; aber ſelbſt, wenn wir hinlängliche Fonds dazu gehabt, ſo verſtanden wir nichts von der Pflanzer⸗ Wirthſchaft, hätten uns ganz auf die Aufſeher ver⸗ laſſen müſſen, und unſer Letztes auf dieſen Wurf zu wagen, der uns in dem erſten Jahre auf immer rui⸗ niren konnte, ja mußte, wäre wahre Raſerei geweſen. Alles das war uns erſt im Verkehr mit den Ereolen der Attacapas klar, unſere ſchönen Träume ſo wieder —= 313— halb zu Seifenblaſen geworden. Gleich jenen blau⸗ gewirkten Dunſtſäumen, die uns aus der Ferne ſo magiſch herüberleuchteten, in der Nähe aber erſtickende Sumpfluft werden, hatten ſie uns angezogen, um uns mit einer fieberiſchen Raſtloſigkeit anzuſtecken, die uns die letzten Wochen unſeres Aufenthaltes in den Attacapas zur wahren Hölle gemacht; unſeres Bleibens war nirgends mehr geweſen, wie Fieber⸗ kranke hatten wir uns umhergetrieben, Etwas ſuchend, das wir nicht zu finden— dem wir nicht einmal einen Namen zu geben wußten.“— „Erſt bei Nathan war uns das, was wir wollten, deutlicher geworden; wir hatten in ihm den Mann gefunden, der uns den Weg zeigen konnte;— allein ſelbſt bei ihm ſahen wir nichts von der Pflanzung, obwohl ſte auf einem vorzüglichen Fuße eingerichtet war, unſere Ideen waren auf ganz andere Dinge ge⸗ richtet.— Wir mußten erſt ſeine Pflanzung verlaſſen, eine zweite ſehen, um, durch die neuen Eindrücke plötzlich aufgerüttelt, zum Bewußtſeyn deſſen zu kom⸗ men, was wir eigentlich wollten. Und dieſes Be⸗ wußtſeyn hatten wir nun wirklich in dieſer zweiten Pflanzung erlangt, hier gerade das Ding gefunden, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 21 —= 314 6— das wir ſo lange vergeblich geſucht, den geradezu lei⸗ tenden Wegweiſer, der uns zum Führer dienen und zum gewünſchten Ziele zu bringen vermochte; eine Art ABC⸗, ein Buchſtabir⸗, ein Leſebüchlein, das uns Neulingen die ſchwere Kunſt des getting along in the backwoo ds*) eben ſo ſtufenweiſe, ſyſte⸗ matiſch beizubringen im Stande war, als jene Büch⸗ lein den Kindern die Rudimente des Leſens und Schrei⸗ bens. Es bedurfte hier nicht einmal der Fingerzeige des Majors, wir ſelbſt fanden die Anfangsgründe, den Elementar⸗Unterricht des Pflanzerlebens, das ABC in den neuen Clearings, den Waldbrüchen, den friſch geringelten Cotton⸗ und Immergrün⸗CEichen⸗ bäumen, das Buchſtabiren in den ſchon ſeit einigen Jahren abgeſtorbenen und angebauten Waldestheilen, in der rauhen, kunſtloſen Wohnung, den rohen, von den Hinterwäldlern ſelbſt verfertigten Meubeln, den Pferde⸗ und Kuhſtällen, den erſten, die wir in den Attacapas fanden. Alles das ſahen wir deutlich, ſahen eben ſo deutlich, daß wir bloß zu thun brauch⸗ ten, was dieſe Squatters gethan, um zu eben dem *) Gedeihen, Fortkommen in den Hinterwäldern. —= 315 6— Ziele zu gelangen; das Reſultat ließ ſich gar nicht bezweifeln. Und voll Begierde und Verlangen, den Weg unverzüglich einzuſchlagen, unterſuchten, prüf⸗ ten wir mit einer Eile, einer Haſt, einer Aengſtlich⸗ keit, muß ich ſagen— bei jedem Schritte calculirend, um mich Nathans Ausdruckes zu bedienen,— eilten wir aus der Stube in die Ställe, aus dem Gemüſe⸗ garten in die Neubrüche, die Felder; wir glichen ganz Pedanten, die den Schlüſſel zu einer ſchwierigen Leſe⸗ art, einer klaſſiſchen Stelle aus einem neuerlich auf⸗ gefundenen Manuſeripte entdeckt, und darüber Zeit und Ort, Eſſen und Trinken, Schlaf und Alles ver⸗ geſſen. Nur derjenige, der ſelbſt die ſchwierige Auf⸗ gabe des getting along in the backwoods, wie ſie es nennen, zu löſen gehabt, wird ſich einen Be⸗ griff von der beinahe kindiſchen Haſt machen können, mit der wir jeden neuen Gegenſtand verſchlangen. Für uns hatte nun die Embryo⸗Pflanzung, die Block⸗ hütte einen unausſprechlichen Reiz. Wir dachten mit Wonne an den nicht ſehr entfernten Zeitpunkt, wo unſere Theuern, Lieben im häuslich einfachen Gewande uns von der Schwelle entgegen kommen würden.“— „Der Major hatte uns als Mentor bei unſern 21 ⁸ —- 316 6— Ausflügen in die Felder, die Ställe, überall hin be⸗ gleitet, Aufſchlüſſe gebend, Tadel, Lob ausſprechend, und die Verfahrungsweiſe des Pflanzens commen⸗ tirend. Er bemerkte, daß wir hier den großen Vor⸗ theil hätten, ſelbſt Hand anzulegen, und uns ſo in reger Thätigkeit zu erhalten, ohne daß dieſes unſerem Charakter als Offiziere zum Nachtheil in den Augen der Gemeinde gereichen würde.“ „Wir erwiederten, daß eben dieſes der größte Reiz für uns wäre, und daß uns gerade dieſer Umſtand hier ſo anzöge, wir ſeyen des faulen Lebens in den Attacapas, obwohl wir es nur eine kurze Zeit ver⸗ ſucht, gänzlich überdrüſſig.“— „Er bemerkte ferner, wir müßten die Attacapas nicht nur, ſondern auch Manches, was wir uns da beigelegt, vergeſſen und zurücklaſſen, nur unter dieſer Bedingung könnten wir hoffen, hier zu beſtehen.“— „Wir ſahen ihn an, verſtanden ihn aber nicht.“— „Aber dafür, tröſtete er uns, würden wir mehrere ſehr gebildete Familien hier in der Niederlaſſung an⸗ treffen, vorausgeſetzt, wir brächten aus den Atta⸗ capas nichts mit, das uns die Häuſer verſchlöſſe.“ —= 317— „Dieſe letztere Bemerkung erregte Abli unſere Aufmerkſamkeit. u „Uns die Häuſer verſchlöſſe? fragte 19." 4 „Sie werden das finden, erwiederte der Major; der Amerikaner iſt in dieſem Punkte äußerſt kitzlich; ich wünſchte— Doch, wir ſind in einer neuen Nie⸗ derlaſſung.“ Wir waren nämlich an einer dritten Pflanzung an⸗ gekommen. Dieſelbe Thätigkeit, Regſamkeit, Ein⸗ fachheit des Verfahrens. Uns kam jetzt das Ganze ſo leicht vor, wir träumten uns bereits in Leder⸗ wämmſern.“ „In dieſer Pflanzung trafen wir die Leute zu Hauſe und über ihrem Mittagsmahle.— Sie gehörte Mister Dreadnought, der gerade mit den Seinigen über einer gewaltigen Schüſſel Homony ſaß, die von einer zwei⸗ ten mit Schinken flankirt war.— Als eine Art Deſ⸗ ſert wurde ein gewaltiger Korb geſottenen, halbreifen Wölſchkornes in Kolben aufgetragen, die, mit Butter und Salz genoſſen, uns ſpäter gleichfalls zur Lieb⸗ lingsſpeiſe wurden. Als Getränke hatten die Leute Milch in blechernen Bechern vor ſich.“— „Der Empfang jedoch, der uns hier zu Theil — 318 6— wurde, ſtimmte wieder unſere ſanguiniſchen Erwar⸗ tungen ſtark herab.“ „Wären wir damals gefragt worden, was uns an den Amerikanern am wenigſten auffalle, die Antwort wäre geweſen: eine zurückhaltende Kälte gegen Fremde, ein abſtoßend finſterer Widerwillen, eine Apathie, die abſolute Gemüthsöde, wenn nicht Bosheit, ver⸗ rathen. Dieſes Urtheil wäre ohne Zweifel ungerecht geweſen; denn der Amerikaner des Weſtens.*) iſt, im Ganzen genommen, weit herzlicher, als der des Oſtens, ja, er weicht gewiß Keinem an Warmher⸗ zigkeit und menſchenfreundlichem Entgegenkommen. Aber gewöhnt an das fröhliche Willkommen unſerer Landsleute, den freudigen Händedruck des ungeſtümen Creolen, mußte uns der Contraſt nothwendig unan⸗ genehm auffallen. Weder Dreadnought noch einer der Seinigen regten oder bewegten ſich bei unſerem Eintritte; kaum, daß ſte uns einen Blick zuwarfen, fuhren ſte dann wieder fort, den Löffel einer allge⸗ meinen Schüſſel zuzulenken. Selbſt der weibliche *) Das heißt: weſtlich von dem Alleghany⸗Gebirge; öſtlich im Oſten deſſelben. —= 319 6— Theil der Tiſchgeſellſchaft, ſonſt ſo geneigt, wohlge⸗ bildeten Fremden einen Blick der Ueberraſchung zu ſchenken, wandte ſich kalt, und, wie es ſchien, mit Widerwillen von uns. Obwohl daran gewöhnt, uns ſelbſt zu beherrſchen, war es uns doch nicht mög⸗ lich, dem Beiſpiele des Majors zu folgen, der einen Seſſel nahm und die Unterhaltung eröffnete. Wir blieben ſtehen, ohne daß uns Einer auch nur eines Wortes gewürdigt hätte. Wohl fünfzehn Minuten dauerte dieſe Sitzung, bis wir endlich, nicht mehr im Stande, es auszuhalten, ohne ein Wort zu ſagen, weggingen.— Der Major blieb.“— „Was für furchtbar rauhe, rohe, unzugängliche Menſchen! konnte ich mich nicht enthalten, auszuru⸗ fen, als der Major endlich wieder ſich an uns ange⸗ ſchloſſen hatte.“ „Sie mögen Recht haben, verſetzte dieſer, aber dieſe rauhe Unzugänglichkeit hat ihre Urſachen, ihre guten Urſachen;— ein ſehr ſtrikt ſittliches Gefühl liegt zum Grunde.“ „Wir ſahen den Major an.— Sein Ton war ſo trocken wie ſeine Zunge, er ſchien uns ſeit dem Ein⸗ — 320 6— tritte in das Haus um einige Grade kälter geworden zu ſeyn.“ „Major! Sie bringen die rauhe Unzugänglichkeit dieſer Hinterwäldler auf eine Weiſe mit ihrem ſitt⸗ lichen Gefühle in Verbindung, die, die Wahrheit zu geſtehen, für uns eine eben nicht ſehr ſchmeichelhafte arrière-pensée im Hintergrunde zu halten ſcheint.“ „Möglich, verſetzte der Major, der ſo, wie viele Amerikaner, etwas vom dogmatiſch Preziſen der Pu⸗ ritaner an ſich hatte. Möglich, aber ich ſehe kein Unrecht darin, daß Leute, die für die Sittenreinheit ihrer Communität beſorgt ſind, Fremden, deren Grundſätze mit den ihrigen nicht übereinſtimmen, nicht mit offenen Armen entgegenkommen.“ „Bei dieſen Worten ſah uns der Major ſtarr an.“ „Welche Grundſätze meinen Sie? fragten wir, die Zügel unſerer Pferde anziehend, und ſo die Thiere zum Stehen bringend.“ „Die Grundſätze, auf denen jede bürgerliche Ge⸗ meinde beruht, ſie mag groß oder klein ſeyn, Heilig⸗ keit des Eigenthums, der Ehe.— „Aber ich hoffe, Sie und Ihre Hinterwäldler hal⸗ — 0 321— ten uns doch für keine Balots oder Vidals⸗ fragte Laſſalle heftig.“ „Ich halte Sie für Gentlemen, Meſſteurs! be⸗ deutete der Major dem Baron, für Gentlemen, als die ich ohne Ausnahme die franzöſiſchen Stabsoffi⸗ ziere, mit denen ich die Ehre zu verkehren hatte, ken⸗ nen gelernt.“— „Aber trotz dem, daß Sie uns für Gentlemen hal⸗ ten, halten Sie auch dafür, daß unſere Grundſätze der Sittenreinheit der Gemeinde eben nicht förderlich werden dürften?“ „Von meiner Meinung iſt eigentlich nicht die Rede, da ich bei der Sache nicht betheiligt bin.“ „Aber wenn Sie betheiligt wären? fragte ich dring⸗ licher— denn ich wollte den Mann auf alle Fälle zu einer runden Erklärung bringen.“ „Wenn ich betheiligt wäre, verſetzte er, ſo würde ich es für Pflicht halten, die Gefahren, die ein Skan⸗ dal nothwendig für die Gemeinde nach ſich ziehen müßte, abzuwenden.— „So glauben Sie, daß unſere Anweſenheit einen Skandal für die Gemeinde nach ſich ziehen müßte? fuhr Laſſalle heraus.— Mein Herr, Sie werden be⸗ — d 322 e— leidigend. Wenn Sie ein Gentleman ſind, ſo wer⸗ den Sie wiſſen, daß franzöſtiſche Stabsofftziere ſich nicht ungeſtraft beleidigen laſſen.“ „Der Major blieb ganz ruhig.“ „Verſtehen Sie mich recht, verſetzte er kalt.— Ich ſagte nicht, daß Ihre Anweſenheit einen Skandal für die Gemeinde nach ſich ziehen müßte, ſondern, daß ich es für Pflicht halten würde, die Gefahren, die ein Skandal nothwendig mit ſich bringen müßte, von der Gemeinde, deren Mitglied ich bin, abzuwenden. Eine bürgerliche Geſellſchaft, ſo wie die unſrige, die ſich ſelbſt regiert, und in der alle Glieder gleiche Rechte haben, muß vorzüglich darüber wachen, daß jene Grundſütze, auf denen ihre Moralität beruht, und die ſte in Ehren zu halten alle Urſache hat, nicht auf eine grobe Art verletzt werden.“ „Aber zu allen T-ln! was reden Sie hier von grober Verletzung, von Grundſätzen?— In was haben wir Ihre Grundſtze verletzt? Wir, die wir Sie und Ihre Gemeinde heute zum Erſtenmal geſehen.“ „Ob ſie dieſe Grundſätze verletzt, davon iſt hier nicht die Rede, würde die Gemeinde auch ganz und gar nicht intereſſiren; aber es iſt von größter Bedeu⸗ —= 323 6— tung für ſie, daß ſie vor der Gefahr der Anſteckung, der ſie die Verletzung derſelben nothwendig ausſetzen müßte, bewahrt werde. Was mich betrifft, ſo kann ich nur ſo viel ſagen, daß ich die Scheu und Zurück⸗ haltung Mister Dreadnoughts und der Seinigen, über die Sie ſich ſo ſehr beklagen, unter Amerikanern ganz in der Ordnung finde, ja, daß Sie dieſe Zu⸗ rückhaltung nicht nur in den übrigen Häuſern der Niederlaſſung, ſondern bei einem zweiten Beſuche auch die Thüren der Häuſer geſchloſſen finden dürften; — ſelbſt Nathan.“— „Was mit Nathan? riefen wir empört.“ „Hat mich erſucht, über dieſen heiklichen Punkt mit Ihnen zu ſprechen, und im Falle, als Sie nicht abſtänden, Ihnen zu eröffnen, daß er ſich Ihre Be⸗ ſuche ein für alle Mal verbitte. Er ging deßhalb nicht mit.“— „Wir ſtanden ſprachlos vor Verlegenheit, Schaam und Zorn.“ „Ich habe mich nur ungerne mit einem Auftrage befaßt, der an ſich ſo heiklicher Natur iſt, aber als geweſener Waffenbruder ſo vieler Ihrer wackern Landsmänner, und überzeugt, auf dieſem Wege Ihnen —= 324— ſowohl, als den Leuten hier nützlich ſeyn, und Un⸗ annehmlichkeiten erſparen zu können, die für Sie, glauben Sie mir, ſehr ſchlimme Folgen haben dürf⸗ ten— habe ich mich entſchloſſen.“— „Sacrée!—— fuhr Laſſalle heraus, vor Wuth ſchäumend. Bei allen T—ln! ſchrie ich, denn der Mann hatte ein ſo kühles, ſchwer grobes Fell, und gab uns ſeine Impertinenzen ſo ſcheffelweiſe, mit einem ſo imperturbablen Gleichmuthe, die uns, alle weite⸗ ren Rückſichten vergeſſend, nun wirklich in Harniſch brachten. Was meinen, was wollen Sie?— Sie ſcheinen es darauf angelegt zu haben, uns herauszu⸗ fordern!— Doch, wollen die Sache kurz machen.— Wollen Amadee um unſere Piſtolen ſenden.“ „Zuerſt will ich mich des übernommenen Auftrages entledigen, und dann das Weitere, ſprach der Major ruhig.“ „Keine Beleidigung mehr,— wir haben deren ge⸗ nug gehört, ſchrie Lacalle heftig.— Wir waren durch des Mannes imperturbable Starrheit aufs Aeußerſte gebracht.“ „Hören Sie! Nathan läßt Ihnen ſagen, daß Sie ihm und den Seinigen ein ganz lieber Nachbar ſeyn —= 325 6— ſollen,— immer vorausgeſetzt, Sie bringen die Far⸗ bige, die Sie ſich, wie er von dem jungen Acadier, und aus Ihrem eigenen Munde gehört, beigelegt, nicht mit.“ „Wir bringen die Farbige, die wir uns beigelegt, nicht mit! ſchrie ich.— Welche Farbige?“ „Die Farbige, mit der Sie in den Attacapas eine galante Liaiſon haben, und für welche Sie, wie es verlautet, das Land erſteigert, um Ihr hier eine Re⸗ traite einzurichten.“ „Laſſalle brach in ein lautes Gelächter aus.— Nicht ſo ich; denn die Affaire war wirklich eine ſehr verdrießliche, und ſo ſonderbar wir einen unberufenen Vermittler in la belle France angeſchaut haben wür⸗ den, hier, das wußten wir aus unſern Attacapas⸗ Erfahrungen, war die Sache eine andere. Um Vieles kühler verſetzte ich:“ „Obwohl die Art und Weiſe, in der Sie dieſen Gegenſtand aufs Tapet gebracht haben, für uns eben nicht ſchmeichelhaft, ja, im Gegentheile, beleidigend iſt, ſo glauben wir doch, uns über dieſe Bedenklich⸗ keiten hinwegſetzen und Ihnen erklären zu müſſen, daß das Ganze nichts, als eine elende Klatſcherei iſt, — 326 6— und wir ſo wenig im Sinne hatten, eine Farbige hieher zu bringen, als wir je mit einer liirt waren.— „Der Major ſah mich zweifelhaft an.“ „Klatſcherei, was in den ganzen Attacapas als Tiſchgeſpräch cirkulirt! Weiß nicht, aber ſey es oder ſey es nicht. Was Sie unten gethan haben, geht die Gemeinde hier nichts an, vorausgeſetzt, Sie brin⸗ gen den Gegenſtand des Anſtoßes nicht hieher.“ „Hier iſt nicht von der Gemeinde, hier iſt von unſerem Worte, von unſerem Ehrenworte die Rede, fiel Laſſalle hitzig ein. Wem glauben Sie mehr, zwei Stabsofftzieren, Cavalieren vom alten Hauſe, oder ein Paar rohen Acadiern? Wohl, wir ſagen Ihnen auf unſer Ehrenwort, daß wir dieſe Farbige 3 nicht weiter kennen, daß wir ſte zufällig ein einziges Mal geſehen— daß wir ſie ſelbſt dieſes einzige Mal nicht geſehen hätten, wäre der Sturm nicht über unſern Häuptern hereingebrochen, wir, mit einem Worte, verirrt geweſen, als wir unſere Milchkuh ſuchten.“— „Und das wäre wirklich ſo? „So iſt es, wir ſahen die Familie Ein Mal, und kein zweites Mal mehr.“ — e 327— „Und die täglichen Beſuche, Tanzpartien?“ „Hat das Gerücht hinzugefügt.— Die Mädchen führten einen Tanz auf, aber wir nahmen keinen An⸗ theil.— Verſtehen Sie mich aber wohl, dieſe Erklä⸗ rung geben wir Ihnen nicht, um uns zu rechtfertigen, oder zu verantworten, wir erkennen weder in Ihnen noch in den Hinterwäldlern Richter, die befugt wären, von unſerm Betragen Rechenſchaft zu fordern: aber wir geben ſie Ihnen, weil wir es uns ſelbſt ſchuldig zu ſeyn glauben, alberne Gerüchte zu widerlegen, ein ſo undankbares Geſchäft ſonſt dieſes auch iſt, und ſo wenig die rohen ungebildeten Menſchen es verdienen.“ „Ob dieſe Leute ſo roh und ungebildet ſind, wie Sie meinen, ob ſie dieſe Rückſicht verdienen oder nicht, das werden Sie nach und nach ſehen. Ich kann alſo Ihr Chrenwort darauf nehmen, daß an der ganzen Sache nichts iſt?“— „Wir haben es Ein Mal geſagt, das iſt, glauben wir, hinreichend.“— „So warten Sie hier, ich muß noch einige Worte mit Dreadnought ſprechen.“ „Wenn Sie den Hinterwäldler über dieſen Punkt berichtigen wollen, ſo iſt dieſes überflüſſtg, denn wir — e 328 e- denken nicht mehr daran, uns hier niederzulaſſen, und es iſt uns gleichgültig, was dieſer rohe an⸗ maßende Bauer von uns hält.“ „Warten Sie doch noch einen Augenblick, verſetzte der Major, der zum Hauſe zurückſprengte,— von dem wir uns nur einige hundert Schritte entfernt hatten.“ „Nach einer Weile kam er, den Zügel ſeines Pfer⸗ des in der Hand, mit Dreadnought an uns heran⸗ geſchritten.“ „Höre, ſeyd auf dem Wege, einen Blick auf die Niederlaſſung zu thun, rief uns der Hinterwäldler zu. Will Euch nicht aufhalten, nur ſagen, daß Ihr mir ein Vergnügen erzeigen würdet, wolltet Ihr bei Eurer Rückkehr vorſprechen.“ „Das können wir nicht wohl verſprechen; haben an Einem Beſuche zur Genüge— und dann, was würde Eure Familie dazu ſagen? verſetzte ich.— Sie ſchien unſern erſten Beſuch nicht ganz angenehm zu finden. Was würde erſt ein zweiter?“ „Ei, wir hielten Euch eben für nicht beſſer, als viele Eurer Landsleute, die nichts mit herüber brin⸗ gen, als ihre Liederlichkeit, und ſolche Leute ſieht —= 329 6— man lieber vor der Thüre als innerhalb. Höre je⸗ doch, ſeyd wackere Leute, und ſollt willkommen ſeyn. — Erwarten Euch zum Abendeſſen.“ „Mit dieſen Worten ſchüttelte er uns die Hand, und ging wieder zurück.“ „Was ſagen Sie nun? fragte der Major, wäh⸗ rend er ſein Pferd beſtieg.“— „Daß wir noch keinen Grund finden, unſer Wort zurückzunehmen, und daß uns dieſes rauh anmaßend klatſchfüchtige Weſen nicht gefällt, und uns die Luſt ſo ziemlich benommen hat, unſer Heil in dieſer Nach⸗ barſchaft zu verſuchen.“— „Wenn Sie das abſchreckt, was einen Amerikaner gerade anziehen würde, dann— freilich, läßt ſich nichts ſagen.— Ich kann wohl begreifen, daß Sie, als franzöſtſche Cavaliere und Offiziere, in dieſen Punkten anders, oder, wie Sie ſagen, liberaler den⸗ ken; aber das iſt eine böſe Liberalltät, die zum Glücke bei uns noch nicht Eingang gefunden hat.— Falls Sie in guter Nachbarſchaft leben wollen, müſſen Sie ſich der öffentlichen Meinung bequemen.“— „Nicht dieſem puritaniſch ſittenrichterlich cenſorialen Weſen, dieſer malevolenten Klatſchſucht? Schade, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 22 — 0 330— daß Nathan— in dem wir einen ganz andern Mann geſucht hätten.“— „Sie irren ſich, fiel mir der Major ein. Kein Amerikaner würde da zurückhalten, ohne ſich gegen die Gemeinde, deren Glied er iſt, gröblich zu ver⸗ gehen. Sie müſſen bedenken, daß bei uns, die wir von keiner ſtarken Hand regiert werden, keiner Prie⸗ ſterſchaft, keiner Polizei, keiner Armee von Civil⸗ und Militärbeamten, keinem Könige, der durch eine lettre de cachet den Scandal in eine Baſtille begra⸗ ben kann— daß wir, ſage ich, die gewiſſermaßen von Prinzipien regiert werden, den Hochverrath gegen dieſe ebenſo ſtrenge beſtrafen, als bei ihnen der Hoch⸗ verrath gegen Ihre ſogenannten unverletzbaren Herr⸗ ſcher beſtraft wird. Wehe uns, wenn dieſe letzten und einzigen Schranken bei uns niedergeriſſen wer⸗ den, wir müßten in eine Anarchie, ja, in eine Zü⸗ gelloſtgkeit verfallen, größer als ſelbſt die, deren Ihre Sanscülotten beſchuldigt waren, und unheil⸗ barer.“— „Das mag Alles ſeyn, aber ein ſolches Schild⸗ wacheſtehen vor ſeines Nachbarn Thür iſt eben ſo jeder Convenance als Sitte entgegen, und muß ſo⸗ — 331 6— wohlden Charakter verderben, als jedes aufrichtig loyale Verhältniß zwiſchen Nachbarn unmöglich machen.“ „Sie werden das Gegentheil erfahren. Zeigen Sie ſich Ihren Nachbarn als einen Mann von Grund⸗ ſätzen, und man wird Ihnen mehr durch die Finger ſehen, als in irgend einem andern Lande. Ich ver⸗ ſichere Sie, kein glücklicheres Leben, als der ameri⸗ kaniſche Gentleman, der mit ſeinen Nachbarn in Har⸗ monie lebt, und Herr und Meiſter auf ſeiner Scholle und in ſeinem Hauſe iſt. Er iſt der einzig freie Mann auf Erden.“. „Beneide dieſen freien Mann nicht, ſind aber nicht geſonnen, zu erlauben, daß man ſich mit uns ſolche Freiheiten nimmt.“ „Wie Sie wollen, verſetzte der Major.— Wer zu uns kommt, in der Erwartung, ſeinen Leidenſchaften fröhnen zu können, wird ſich ſehr getäuſcht finden.“ „Hier brach die Unterhaltung ab. Das ewige Hin⸗ und Herreden gefiel uns ſo wenig, als der Ton des Majors, und die impertinente Aechtung, die die Gemeinde über uns ausgeſprochen.— Unſer Stolz fand ſich abermals an einem empfindlichen Flecke ver⸗ wundet. Der Gedanke, dieſe ſittenrichterlichen, rauhen 22* — b 332 6— Geſellen zu Nachbarn zu haben, war uns ſo wider⸗ wärtig geworden, wären unſere Freunde näher ge⸗ weſen, wir hätten dem Hinterwäldler⸗Leben für immer Lebewohl geſagt.“— „Verſtimmt ritten wir weiter; mehr, weil wir allein nicht umkehren, eben nichts Beſſeres thun konnten.“ „So kamen wir an einer ſogenannten Gabel an, von deren beiden Zacken die eine in nord⸗, die andere in ſüdöſtlicher Richtung auslief. Wir ſchlugen letz⸗ tere ein, und gelangten nach einem kurzen Ritte durch den Immergrün⸗Cichen⸗, Magnolien⸗ und Bohnen⸗ bäume⸗Urwald auf einen Knitteldamm, den Anfang eines Cypreſſen⸗Waldes, oder was beinahe gleich⸗ lautend iſt, Sumpfes,— wo wir abſteigen mußten.“ „Aber wo wollen wir hin? fragten wir.“ „Wir ſind an Ort und Stelle, war die Antwort des Majors, der von ſeinem Pferde ſtieg, bedächtlich eine Klappe an den Piſtolenhalftern öffnete, dann die andere, und zu unſerer Verwunderung ein Paar Reiterpiſtolen herauszog. Wir ſahen einander an.“ „Was wollte der alte Revolutionär? Warum hatte er die Waffen mitgenommen? Hier den Kampf aus⸗ —= 333 6— zufechten?— Der Ort war nicht ungeeignet dazu. Der ganze Wald glich mehr einer Todesgruft, als ſonſt irgend etwas;— ſchauerlich erhoben ſich rings umher die düſtern Cypreſſen, jedem Sonnenſtrahl undurchdringlich, außer da, wo der Knitteldamm ſich hinzog, eine lange Avenue bildend, durch deren Viſta's die gebrochenen Strahlen einfielen, und kämpfend mit der nächtlichen Dunkelheit ins düſtere clair-obscur übergingen. Bloß das ſchrille Geſchrei einzelner Spechte und das höhniſche Gelächter der Nachteulen ließ ſich hören.— Wir hielten, geſpannt in Erwar⸗ tung der Dinge, die da kommen ſollten.⸗ „Halten Sie Ihre Pferde ſorgfältig am Mund⸗ ſtück, und ſchreiten Sie mir nicht vor, mahnte der Major, der ſich nun in Bewegung ſetzte. u „Aber wohin wollen Sie, wozu brachten Sie uns hieher?“ 1 „Sehen Sie ſich dieſen Knitteldamm an, aber recht aufmerkſam.“— „Wohl, und dann?n— „Wir ſahen alſo den Knitteldamm an, der, wie geſagt, da anhob, wo der Immergrün⸗Eichenwald ſich dem Sumpfe zuſenkte. Der Damm war rauh, —= 334 6— aber mit vieler Sorgfalt etwa zwanzig Fuß breit ge⸗ legt, Knittel an Knittel. Allmälig wurden dieſe Knittel zu Baumſtämmen, zu dickeren, zu den dickſten „Cypreſſenſtämmen, die wohl fünf, ja bis ſieben Fuß im Diameter hielten. Wie wir näher in den Sumpf eindrangen, fanden wir dieſe Stämme zweifach, end⸗ lich dreifach über einander gelegt, und die ungeheuern Tröge, die durch die Curvatur der Cypreſſen verur⸗ ſacht waren, durch dünnere Stämme ausgefüllt. Es war, wie wir nun ſahen, eine Straße, die durch den Cypreſſenſumpf führte. Wir ſahen ſie im Lichtſaume, der von oben herab einſiel, ſich durch den Sumpf fortſchlängeln; auf beiden Seiten zahlloſe Cypreſſen⸗ ſtumpen, die drei bis vier Fuß aus dem Schlamme emporragten— wie Grabſteine.“— „Der Major hatte kein Wort geſprochen, ſeine Augen vorwärts gerichtet, ſchritt er bedächtlich fort.“ „Auf einmal hob er eine Hand, zielte, und im nächſten Momente ſchoß er eine der Piſtolen los.“— „Ein furchtbarer Aufruhr in dem ſchauerlichen Sumpfe. Nachteulen, Ahingas, Alligatoren, Spechte brachen in ein heulendes, lange nachhallendes Ge⸗ ächze, Geſchnatter, Gebrülle aus.— Der Schall V b I —=0 335 6— rollte gleich dem entfernten Donner durch die düſtere Waldnng.“ 3 „Ein Alligator, der uns den Weg verſperrte;— mit dieſen Worten wandte ſich der Major zu uns. Das Gezücht macht ſich aus ſeinem Schlammbette heraus, und da unſere Pferde keine Schellen haben, die ſte in der Regel verſcheuchen, ſo iſt einige Vorſicht vonnöthen.— Wir können nun wieder vorwärts; hat ſeinen Theil ins linke Auge bekommen.“ „Wir ſchauten, ſahen aber nichts, gingen etwa dreißig Schritte vorwärts, und fanden den in ſeinem Todeskampfe ſich wälzenden Alligator. Er hatte das tödtliche Blei richtig ins linke Auge erhalten.“ „Aber wozu bringen Sie uns in dieſen Sumpf, Major?“ „Um Ihnen von den eingebildeten rohen Bauern eine richtige Idee zu geben,“ verſetzte der Major: „Sehen Sie! dieſer Knittel⸗ und Cypreſſendamm führt eine halbe Meile durch den Sumpf, an einigen Orten ſind die Stämme doppelt, ja dreifach über ein⸗ ander gelegt.“ „Wir ſehen, und weiter!“ „Weiter, verſetzte er, führt die Straße zu einer —= 336-— kleinen Anſtedelung, die jenſeits des Sumpfes liegt, und aus etwa zwanzig Familien beſteht.“ „So! Und was haben wir mit all dieſem zu ſchaf⸗ fen?“ „Bis jetzt noch nichts; von dieſer Anſiedlung führt die Straße durch einen Eichenwald, ein Palmetto⸗ Feld, einen zweiten Sumpf, der aber nicht ſo breit und tief wie dieſer, nur die Hälfte des Jahres unter Waſſer ſteht; von da geht ſie durch einen Kiefern⸗ wald und einen dritten Sumpf dem Redriver zu.“ „Sö haben dieſe Hinterwäldler alſo eine Straße an den Redriver angelegt? Und ſie hätten das ge⸗ than, allein und ohne Beihülfe der Regierung? frag⸗ ten wir zweifelhaft die Köpfe ſchüttelnd; ohne von der Regierung unterſtützt zu ſeyn?“ „Zweifle, ob ſie ein Wort davon weiß, verſetzte der Major.— Das Werk war ein ungeheures— ſowohl was den Plan, als die Ausführung betrifft. — Ich wollte es Ihnen zeigen, um Ihnen eine Idee von den Leuten zu geben.“ „Das iſt wirklich eine, für eine ſo kleine Nieder⸗ laſſung ungeheure Arbeit.“ „Gewiß, verſetzte der Major; aber die Arbeit iſt — 8 337— nicht größer als das Reſultat, das die Gemeinde da⸗ durch gewann.— Der Amerikaner unternimmt keine Arbeit, ausgenommen, es ſey denn das Reſultat auch ein lohnendes.— Hier iſt es ein lohnendes. Die Niederlaſſung hat durch dieſe Straße eine Verbindung mit den Staaten oben, mit Neworleans unten ge⸗ wonnen, ſte kann ihre Produkte ſtündlich, täglich, wöchentlich abſetzen.— Das iſt mehr, als irgend eine Niederlaſſung in Louiſiana, die nicht am Miſſiſtppi liegt, von ſich ſagen kann.“ „Wir ſchwiegen, mußten aber dem Manne Recht geben.“ „Sehen Sie, haben ſte in den Attacapas noch ſo viele Rinder, Pferde, Kühe, ſo ſind ſie bei all ihrem Reichthum doch bettelarm; das Fleiſch verfault ihnen, ihre ſchönſten Produkte verderben, und ſie ſelbſt mit, weil ſte zu träge, ſich eine Verbindung zu öffnen, ſich auf die beſchränken, die ihnen die La Fourche⸗ und die Plaquemine⸗Bayous vier Monate das Jahr hin⸗ durch gewähren. Dieſe Leute verſtehen ihre Sachen beſſer— das Erſte, was ſie thaten, als ſie eine hin⸗ längliche Anzahl Arme hatten, war, dieſe Straße anzulegen.“— —=0 338 6— „Dieſe Leute berechnen wirklich auf eine Weiſe— die wir uns nicht hätten träumen laſſen. u V „Wenn Sie nur noch vier und zwanzig Stunden blieben, ſo ſtehe ich Ihnen dafür, Sie halten ſte nicht mehr für ungebildet, roh, ſprach der Major bedeut⸗ ſam,— noch deuten Sie es ihnen übel, wenn ſie ſich den Fremdling zuvor anſehen, ehe ſie ihn zum Mitgenuß von Vortheilen zulaſſen, die ſte mit Auf⸗ opferung ſo vieler Kräfte, ja Mancher Leben errun⸗ gen;— denn, merken Sie wohl, obgleich ſie meiſtens zur Zeit arbeiteten, wo der Sumpf ganz oder doch großentheils ausgetrocknet war, ſo koſtete dieſe Arbeit doch mehrere werthvolle Menſchenleben.“ „Wir ſchwiegen.“— „Hoffe jetzt, ſprach der Major artig, Sie nehmen das Wort beleidigend zurück, das Sie vorhin an⸗ zuwenden beliebten.“ „Vergebung, Major! verſetzte ich. Sie wiſſen, daß, wo zwei ſo verſchiedenartige Elemente, wie Franzoſen und Amerikaner, in Berührung kommen, es ohne eine kleine Reibung nicht abgeht.— Wir ſind vollkommen von der Größe dieſes Werkes durch⸗ —= 339 6— drungen,, und können den Leuten wirklich unſehe Be⸗ wunderung nicht verſagen.“ „Der Mann ſchien mit unſerer Apologie zufrieden, und das gute Vernehmen war ſo wieder hergeſtellt.“ „Uebrigens konnten wir den Leuten wirklich unſere Bewunderung nicht verſagen; denn das Unternehmen war in der That eines, deſſen ſich die Regierung von Louiſtana ſelbſt nicht zu ſchämen brauchte, ja, keine Regierung;— und dieſes Unternehmen war von hun⸗ dert und zwanzig Familien ausgeführt. Welchen praktiſchen Sinn, welchen, ſo zu ſagen, gang und gäbe gewordenen Combinationsgeiſt verrieth nicht dieſes Unternehmen! Wie ſchroff ſtachen dagegen unſere Landsleute und ihre Abkömmlinge, die Creolen, ab, mit ihren ewigen Bällen und kindiſchen Plaisirs menus, ihrem Faulleben, indem ſie nun an die fünfzig Jahre vegetirten, ohne je an Beſſerung ihrer Lage gedacht zu haben. Wären Franzoſen hier geweſen, ſo wäre ein Tanzſaal, ein Liebhaber⸗Theater ohne Zweifel das Erſte geweſen, das ihre vereinte Energie geſchaf⸗ fen hätte.— Wir konnten uns nicht enthalten, unſern Empfindungen Worte zu leihen, ein gewiſſes, unbehag⸗ lich neidiſch peinliches Gefühl bemeiſterte ſich unſer.— —= 340— „Ah, verſetzte der Major; in der franzöſiſchen Natur gibt es aber auch wieder Stoff— den wahren reellen Stoff, der Großes bereiten kann, wenn er will. Dürfen auch wieder nicht vergeſſen, daß die Canadier es waren, die Louiſiana zuerſt entdeckten, und da ihren Herd aufſchlugen. Hätte ſie ihre Re⸗ gierung thun und ſchalten laſſen, und ihnen gelegent⸗ lich mit ein Paar Schiffsladungen Ackergeräthe, Vieh, Waffen und derlei Dingen, die für ſie mehr Werth hatten, als Fäſſer voll Dublonen, unter die Arme gegriffen— ſie wären vielleicht eben ſo weit gekom⸗ men, als die engliſchen Coloniſten oben. Sind tüch⸗ tiger Stoff, dieſe Canadier, auf alle Weiſe. Aber ihre Regierung wollte, wie jede deſpotiſche, Alles regieren, ihre Hände überall im Spiele haben, und dieſes iſt ein großer Fehler, und nirgends mehr ſo, als bei Gründung von Colonien. Ihre Regierung nahm die Sache in ihre eigene Hand, und leitete von Verſailles aus Unternehmungen, von denen ſte nicht viel mehr wußte, als wir vom Monde; ſandte Colo⸗ niſten, die nichts taugten, und einen Schwarm von Beamten, die ſte gut ſalarirte, und damit Alles ge⸗ than zu haben glaubte, und die natürlich ſo bald als —= 341 86— möglich darauf bedacht waren, ihre Salarien gemäch⸗ lich zu verzehren, Theater, Tanz⸗ und Spielhäuſer bauen ließen, kurz, Louiſtana auf ein Mal civiliſiren wollten. Ei, das iſt der Fluch von Louiſiana; ſie brachten eine debauchirte Civiliſation in ihrem Ge⸗ folge mit, die gleich dem Wurme im Innern der Frucht nagt, und, befürchte, die ſchöne Frucht früher oder ſpäter faul machen wird.“— „Doch, wollen zurück, beſchloß er, der Abend rückt heran, und Mistreß Strong würde mir keinen Dank wiſſen, wenn ich Sie ihr, mit dem Fieber behaftet, ins Haus brächte.“— 4 „Wir kehrten alſo zurück. Unſere Verſtimmung gegen die Hinterwäldler war zum Theile gewichen; denn, wie geſagt, wir konnten nicht umhin, ihnen alle die Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, die ihr reeller Sinn ſo ſehr verdiente;— immer jedoch war noch ein gewiſſer Widerwille gegen das, was wir nach unſern Begriffen für Anmaßung hielten, in uns zurückgeblieben. Unſer Entſchluß, uns hier nieder⸗ zulaſſen, der einige Stunden vorher zur Reife gedie⸗ hen, war wieder wankend geworden.“— —= 342 8— „Unter dieſen widerſprechenden Empfindungen kamen wir vor Dreadnoughts Blockhauſe an.“ „Er ſelbſt empfing uns an der Thüre, nahm uns die Pferde ab, und führte ſte in den Stall, worauf er uns ſeine Familie vorſtellte.“ „Unſer Empfang war nun ein ganz anderer.— Mutter, Töchter und Söhne ſchüttelten uns warm die Hände, wünſchten uns herzlich Willkommen, und gingen dann wieder an ihre Geſchäfte; die Söhne an das Aufräumen des Hofes, des Porches, die Frauen an das der Stube und die Zurechtſetzung des Souper⸗ tiſches.— Bloß der Herr des Hauſes machte eine Ausnahme, und blieb bei uns, die wir am Porche Platz genommen hatten.“— „Und wie wir ſo ſaßen, und dem häuslichen Wal⸗ ten der Familie zuſahen, ſprach uns allmählich dieſes ſtille, häusliche Schalten der Familie auch an. Die⸗ amerikaniſchen Frauen haben in dieſem Punkte wie⸗ der einen eigenen Takt. Alles geht ſo ſtille, ſo ruhig vor ſich, arbeitet ſich ſo gemächlich, geräuſchlos in die Hände, man hört ſo ſelten eine ſchreiende, laute Stimme, ſo ungemein ſelten etwas, das einem Ge⸗ zänke, auch nur im Entfernteſten, gleicht; ſo anſtändig —“0 343— gelafſen, und doch wieder ungemein lebendig bringen ſte ihr Haus in Ordnung, erhalten es!— Es war Sonnabend, den ſie bekanntlich bereits als Anfang des Sonntages feiern; die Mädchen hatten bereits ihre halbſonntägliche Toilette gemacht, und waren ſehr gefällig in Roben von Woll⸗ und Leinſtoffen ge⸗ kleidet, die ihnen vortrefflich zu ihren ſchlanken Ge⸗ ſtalten ſtanden. Die etwas demokratiſchen Hände und Füße abgerechnet, konnten ſie für ſehr hübſch gelten. ¹ „Die Tafel wurde auf dem Porch zugerichtet, von dem wir die Ausſicht auf die im blauen Dunſte ver⸗ ſchwimmende Prairie hatten, deren äußerſte Ränder, mit Waldpartieen eingefaßt, eine herrliche Fernſtcht darboten. Die in den Strahlen der untergehenden Sonne verglühenden Waldmaſſen vor unſern Augen aufleuchtend, in die herrlichſten Tinten verſchmelzend — die Lüfte ſo rein, ſo elaſtiſch, ſo erfriſchend!— ein unbeſchreiblich behagliches Gefühl kam über uns, wie wir nun in dieſem Familienſchooße ſo ſaßen— inmitten ihrer ſelbſtgeſchaffenen Herrlichkeit und der Gottesnatur.“ „Vor uns wurden mehrere Bouteillen feinen Sher⸗ —=0 344 6— rys*) aufgeſtellt, der unſere Zungen bald beredter, — die Unterhaltung lebhafter machte; von der Straße, die wir geſehen, ging ſie auf die Hinterwäldler⸗Wirth⸗ ſchaft, die Schwierigkeiten und Arbeiten einer Hinter⸗ wäldler⸗Anſiedlung über.— Dreadnought tröſtete uns, daß der Anfang nirgends leichter, als in einer Niederlaſſung, die unlängſt angefangen, und wo jeder neue Ankömmling des thätigen Beiſtandes ſeiner neuen Nachbarn ſich zu erfreuen habe. Die größten Schwierigkeiten ſeyen für die eigentlichen Gründer der Niederlaſſung.— Mister Strong und die Seinigen eigentlich die Männer, die das Werk in Gang geſetzt, und für alle Andere gearbeitet; ihm ſey die Haupt⸗ ſache zu verdanken.“ „Dieſe Unterhaltung, für uns natürlich in unſern dermaligen Umſtänden die intereſſanteſte, ſpann ſich in die Länge, die Töchter und Söhne hatten ſich ſchon ſeit geraumer Zeit vom Tiſche erhoben, die Sonne war untergegangen, und wir ſaßen im Silberſcheine des aufgehenden Vollmondes, in der delizibſen Abend⸗ kühle, als:“ *) Der ſpaniſche eres. —= 345 6— „Auf ein Mal Töne an unſere Ohren ſchlugen— Töne, ſo himmliſch! daß wir auffuhren, Ohren und Augen aufriſſen, dem Luftzuge entgegen hielten.“— „Wir ſchauten, wir horchten, aber kein Laut ent⸗ fuhr uns, gleichſam, als befürchteten wir, unſere unheiligen Worte würden die himmliſchen Toͤne ver⸗ ſcheuchen.“ „Abermals erklangen die himmliſchen Töne, in langen Schwingungen kamen ſie wie Muſik verklärter Geiſter auf den Fittigen des Zephyrs an die Ohren — was ſage ich, an die Ohren— an jede unſerer Fiebern ſchlugen ſie, durchdrangen mit einem Schauer, den wir noch nie ſo heilig gefühlt.“— „Es waren langgezogene Töne, die in dem Abend⸗ lüftchen herangeſchwollen kamen, voll, melodiſch, nun wie der Jubelgeſang himmliſcher Geiſter, wieder wie die ſanften Schwingungen einer Aeolsharfe.— Rings um uns herum Stille, und die prachtvolle Flur in weiter Ferne, in die Silberſtrahlen des ver⸗ tikal einfallenden Mondlichtes getaucht, die Nähe noch im Zwielichte der dämmerung begraben.— Weit jenſeits der Prairies die wie verklärten Rieſendome⸗ der Magnolien und Immergrün⸗Eichen,— und wir Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 23 —= 346 6— zitternd vor nie gefühlter Luſt, die himmliſche Muſik in den Ohren.“ „Wir ſaßen keines Wortes mächtig.“ „Mister Dreadnought riß uns endlich aus unſerer Verzückung.“ „Es iſt die Singſchule; unſere Kinder halten ihre wöchentliche Singſchule; es iſt Sonnabend.“ „Könnten wir nicht hin?“ „Ohne Zweifel, die Pferde ſtehen geſattelt.— Ohnedem iſt ſie heute beim Reglähter." „Wir eilten aus dem Hauſe, beſtiegen die Pferde und eilten im raſchen Trabe Nathans Hauſe zu. Je näher wir dem Hauſe kamen, deſto voller ſchlug uns der Geſang der jungen Hinterwäldler an die Ohren. Freilich verlor er das Himmliſche, Geläuterte, das uns zuerſt ſo ſehr entzückt, bei unſerer allmählichen Annäher ung; aber die vereinigten Stimmen von ſech⸗ zig bis ſiebzig Jünglingen und Jungfrauen, die ihrem Schöpfer Lob und Preis ſingen, hat immer etwas ſo Erhebendes, Läuterndes, in höhere Regionen Ver⸗ ſetzen des.— Wir waren, wie geſagt, in wahrer Verzü ckung. „Wun dern Sie ſich nicht, Gentlemen! fährt der — 347 8— Graf nach einer kurzen Pauſe fort.— Wir hatten die Zauberflöte und Iphigenie gehört, die Entfüh⸗ rung aus dem Serail und das Miſerere der ſirtini⸗ ſchen Kapelle, aber ſie hatten nicht die ergreifende Wirkung dieſer ſtebzig Hinterwäldler⸗Stimmen auf uns.— Seit länger als einem halben Jahre hatten wir keinen Ton, keine Stimme gehört.— Jetzt zum erſten Male ſeit ſo langer Zeit ſchlugen uns die kräf⸗ tigen, ſchönen Naturtöne einer jungen, dem Höchſten Ehre und Preis darbringenden Gemeinde an die Ohren;— die Schaaren der unſtchtbaren Geiſter⸗ welt ſchienen uns in den Tönen zuzurufen, ihre Schat⸗ ten uns zu umflattern.— Unſere Stimmung war eine religiöſe geworden— wir vergoſſen Thränen des Entzückens.— „Die junge Gemeinde ſang die erhebenden pracht⸗ vollen Lieder der presbyterianiſchen Kirche; die Me⸗ lodien, wie Sie wiſſen, waren damals noch ganz im Choralſtyle, der ſo ungemein ergreifend wirkt, com⸗ ponirt.— Wie wir an den Außengebäuden des Block⸗ hauſes ankamen, fanden wir wohl an die hundert Reitpferde angebunden. Es war beinahe die ganze Gemeinde in und vor dem Hauſe und dem Porche 23* —= 348 6— verſammelt. Die Männer und Frauen in der Stube ſttzend, die Jünglinge und Mädchen in einem weiten Kreiſe in zwei Abtheilungen.— Innerhalb dieſes Kreiſes bewegte ſich eine langbeinige, hagere Geſtalt auf und ab,— der wahre Typus eines neuengliſchen Schul⸗ und Singmeiſters— die Hände auf⸗ und wieder abſchnellend, wie ſchlappe Segeltücher an den Maſten eines Schiffes— aber ein Meiſter in der Kunſt des heiligen Geſanges— „Die Leute machten, uns ſtill und herzlich die Hände drückend, Platz.— Wir ſetzten uns, horchten — ſahen und hörten. Nie hatte ein Concert in Ver⸗ ſailles oder Trianon ſo eifrige Horcher geſehen. Alle Verſtimmung war gewichen.“— „Es iſt doch einzig um die Religion!— ſie iſt doch das Band, das Weſen und Weſen an einander knüpft, und dem Hinterwäldler und dem Pair in dem, der droben über den Sternen thront, den Vater zu er⸗ kennen gibt!— Dieſe Stunde hatte mehr zu unſerer Verſtändigung beigetragen— als alle früheren und nachfolgenden Debatten zuſammengenommen.— Von dieſer Stunde an waren und blieben wir Freunde.“ — I X. Sauatter-Leben. „Wir blieben Freunde; fährt der Graf fort.— In der That, von dieſem Abende an gaben die Squat⸗ ters ein Vertrauen zu uns kund, ein Verlangen, ſich zu verſtändigen, die wirklich wohlthuend anſprachen. Wir hatten uns mit einem Worte gegenſeitig kennen gelernt, und wie es nun ſchon der Fall zu ſeyn pflegt, wenn man ſich erkannt, und die Intereſſen dieſelben ſind, ſo glätteten ſich alle die ſchroffen Seiten leicht und gefällig in ein freundlicheres Zuſammenleben; uns ſchien es jetzt unbegreiflich, wie wir, trotz unſerer Weltkenntniß, dieſe zuvorkommenden Leute ſo ſehr verkennen, und den ſoliden Kern, der unter der frei⸗ lich harten Schaale lag, ſo lange nicht herausfinden konnten.“ „Zwar gab es auch ſpäter noch zuweilen leichte Reibungen, mit denen eine gewiſſe morgue aristo- eratique uns noch öfter necken zu wollen ſchien; aber ſie wurden immer ſeltener und ſchwächer, und Nathan war dann auch zur Hand, uns wieder ins gehörige —“= 350 6— Geleiſe zu bringen. Nathan war wirklich ein Freund, den wir uns in unſerer Lage nicht beſſer wünſchen konnten; ſo ganz gleichſam aus einem Guſſe geformt, ſein Weſen ſo durch und durch, was Sie consistency, wir Conſequenz nennen, und wieder ſo energiſch, reell, eigenthümlich ſchlau! Langſam überlegend, be⸗ dächtlich erwägend, debattirte, raiſonnirte er oft zum Ermüden; hatte er aber einmal einen Entſchluß ge⸗ faßt, dann folgte die That ſo unaufhaltſam ſicher, wie der Schall der Flamme aus dem Rohre ſeines Stutzers. Dabei ſtand ihm eine leichte ironiſche Weiſe zu Gebote, eine gewiſſe ſtattlich ſteife republi⸗ kaniſche Convenance, die damals überhaupt die Ameri⸗ kaner ſcharf charakteriſtrte, jetzt aber leider in dem geldmäckelnden Treiben verſchwunden iſt, und die ihm ungemein wohl, ja intereſſant ließ. Kein Menſch verſtand beſſer, als er, die Vorurtheile und Rechte Anderer zu ſchonen, und dabei ſeine eigenen Anſichten haarſcharf an der Grenzlinie fremder vorbei, dem voorgeſteckten Ziele zuzuführen.“ „Nehmen Sie eine Probe der Art und Weiſe, wie er uns gleich am folgenden Tage zu ſeiner Hausord⸗ nung bekehrte.“ —= 351 6— „Es war Sonntag, und das Erſte, was wir nach dem Frühſtücke thaten, war, uns eines Stoßes Zei⸗ tungen zu bemächtigen, die auf einem Schranke in der Ecke der Stube aufgeſchichtet lagen. Sie waren von verſchiedenen Punkten der Union, und verſpra⸗ chen gerade die Unterhaltung, die uns an einem ame⸗ rikaniſchen, oder, was ziemlich daſſelbe ſagen will, puritaniſchen Sonntage, am beſten amüſtren konnte. Mistreß Strong ſah ein wenig finſter darein, als wir uns der weltlichen Blätter bemächtigten; wir ließen uns jedoch nicht irre machen, und theilten brü⸗ derlich den Stoß, gerade als Nathan vom Hofe in die Stube trat. Ohne ein Wort zu ſagen, ſchritt er zum Schranke, über dem ſich ein Laden mit der Haus⸗ bibliothek befand, ſtreckte bedächtlich den einen ſeiner langen knöchernen Arme nach einer, mit erzenen Klap⸗ pen verſehenen Bibel, legte dieſe vor uns hin, ergriff dann eine zweite, und ſich ſetzend, wartete er ruhig, bis Mistreß Strong und die Familie, mit dem Auf⸗ räumen fertig, gleichfalls Platz nahmen, Alle Ge⸗ ſangbücher in der Hand.“ „Wir hatten die Zeitungen weggeſchoben und war⸗ teten der Dinge, die da kommen ſollten.“ — 352 6— „Nathan ſchlug die Bibel auf, warf uns einen be⸗ deutſamen Blick zu, nannte ein Kapitel aus dem alten Teſtamente, und begann vorzuleſen.“ „Als das Kapitel geendigt war, gab er das Lied an, das folgen ſollte. Es wurde abgeſungen.“ „Wieder folgte ein Kapitel aus dem neuen Teſta⸗ mente; wieder ein Lied, und hierauf ein Gebet.⸗ „Die häusliche Andacht ging langſam, beinahe pedantiſch vor ſich; aber ſie hatte ein Etwas, das ſte vortheilhaft auszeichnete,— etwas Reguläres, mit der ſyſtematiſchen Hausordnung im Einklang Stehendes.“ „Als ſie vorüber war, erhob ſich Nathan, und vor uns hintretend, ſprach er, auf die Bibel deutend: Iſt das die Zeitung, die wir an Sabbaths⸗Vormittagen leſen, und eine ſo gute Zeitung, als je geſchrieben wurde, und werdet wohl thun, wenn Ihr ſte an ſolchen Tagen leſet. Iſt die Zeitung, die uns lehrt, ein ruhig achtbares Haus, und uns ſelbſt und unſere Leute in Zucht und Ordnung zu halten. Gibt Euch und ihnen den Halt, calculire, verſteht, was ich unter dem Halt meine. Gibt Euch und ihnen den Halt, und iſt eine Hauptſache dieſer Halt, iſt das Ruder, der Compaß dieſer Halt, und habt Ihr dieſen nicht, — 353 6— helfen keine Segel und kein Wind. Will Cuch aber nicht vorſchreiben, nur meine Notion ſagen, und die Ordnung zeigen, die in meinem Hauſe iſt. Mögt in dem Eurigen thun, wie Ihr wollet, aber beſſer ſchwerlich.⸗ „Wir hatten in der Folge oft Urſache, ihm für den gegebenen Fingerzeig zu danken. Nirgends mehr, als in der Einſamkeit der Hinterwäldler empfindet man die Wohlthat, die der Menſchheit durch dieſes göttliche Buch zu Theil wird. Es gewährt eine wahre Erquickung und Erholung.“ „Nachmittags machten wir Beſuche bei Nachbarn, und den Abend brachten wir bei Regulator Nollins zu. Den folgenden Tag wollten wir das erſteigerte Land und die Gebäulichkeiten beſichtigen. Nathan, hatten wir gehofft, werde ſich als Begleiter antragen; die Arbeiten waren jedoch ſo dringend, daß ſich daran nicht denken ließ. Das Einzige, was er thun konnte, war, uns ſeinen Sohn Joſhua mitzugeben. Wir hatten im Sinne, von dem erſteigerten Lande uns ſogleich in die Attacapas zu begeben, dort unſere An⸗ gelegenheiten in Ordnung zu bringen und die Ueber⸗ ſtedlung zu veranſtalten.— Nathan jedoch ſchüttelte — 354— den Kopf, und meinte, wir würden wohl zu Mittag wieder zurück ſeyn, doch möchten wir thun, wie wir am Beſten fänden; ſein Haus ſtehe uns immer offen, wenn wir auch ein Jahr blieben.“— „Wir dankten ihm für ſein Anerbieten, und ritten gleich nach genoſſenem Frühſtücke mit Amadee und Jean ab. Der Major, deſſen Begleitung uns ſehr lieb geweſen wäre, war auf einer Tour durch die Niederlaſſung.“ „Die Entfernung von der Pflanzung Nathans be⸗ trug zwölf Meilen. In einer Stunde und einer hal⸗ ben hatten wir Sorrels Pflanzung, wie ſie genannt wurde, vor uns.“— „Die Lage war entzückend! Eine Creek lief durch ſte hin, etwa fünfzig Fuß breit, aber, was bei uns ein ſeltener Fall iſt, flüſſig das ganze Jahr hindurch. — Sie kommt aus den Kieferwaldungen der obern Opelouſas. Das eine Ufer war etwa fünfzig Fuß höher als das andere, und hatte ſchöne Gruppen von Immergrün⸗Eichen und Magnolien; das andere war undurchdringlicher Urwald von Plaquemines, Pec⸗ cans, Bohnenbäumen. Im Vordergrunde auf einer — 355 6— Lichtung, die etwa einen Acker betragen mochte, ſtand eine Hütte.— „Aber wo iſt das Haus? fragten wir Joſhua.“ „Das iſt es, verſetzte der Junge.“ „Das iſt es?— Dieſes das zweiſtöckige Haus?“ „Uns wurde grün und blau vor Augen und troſtlos im Herzen, und ſo wurde es Amadee und Jean.“ „Zwanzig Fuß hohe Cypreſſen⸗Pfähle in die Erde eingerammelt, ſo ein Viereck bildend, dreißig Fuß lang und eben ſo breit; dieſe palliſadenartig in die Erde eingerammelten Cypreſſen⸗Pfähle, durch kleine Balken und Sparren verbunden, die Zwiſchenräume mit Lehm und ſpaniſchem Mooſe ausgefüllt; das Ganze gedeckt mit Pieur; die Thüren und Fenſter gleichfalls aus dieſen rohen acht Fuß langen Schin⸗ deln, mit Querhölzern zuſammengehalten, der Schorn⸗ ſtein, vier lange Bretter mit Lehm überworfen,— das war das zweiſtöckige Haus, die Improvements. Kein eiſerner Nagel, kein Schloß, Fenſter oder Rie⸗ gel am ganzen Bauwerke zu ſehen.“ „Wir lachten laut auf vor Aerger. Hätten wir das Land und die Improvements und Alles zuſammen in die Hand ballen und dem Verſteigerer und ſeinen —= 356— Hinterwäldler⸗Aſſociés an den Kopf werfen können, mit Luſt hätten wir es gethan.“ „Aber in dem Hauſe können wir doch nicht wohnen, Herr Graf? meinte Amadee.“ „Wohnen in dieſer Bärenhöhle? lachte ich.— Der — mag da wohnen.“ „Noch vor zwei Stunden ſchien es uns ſo leicht, eine Pflanzung anzulegen, ein wahres Kinderſpiel.— Jetzt — ich ſtand wie ſinnlos.“— „Was läßt ſich da thun? Wollen wir einziehen? fragte Laſſalle.“ „Und wir brachen in ein lautes Gelächter aus.“— „Habe die Notion, ſprach der Junge, der uns kopf⸗ ſchüttelnd angeſehen— Ihr geht wieder heim mit mir. Vater wird wiſſen, was zu thun iſt.“— „Abermals ſchauten wir einander an. Es war das Klügſte, was wir thun konnten, und wir thaten es. Ohne Verzug ritten wir zurück.— Viel weniger Zeit nahm es uns, wie Sie leicht ermeſſen können, heim⸗, als herzukommen.“ „Als wir vor Nathans Hauſe abſtiegen, ſchaute er aus dem Tabacksfelde herauf:“ „Habe wohl calculirt, Ihr würdet bald wieder zu⸗ —= 357 6— rück ſeyn— wußte, daß Euch das Ding ſo, wie es iſt, nicht zwei Mal gefallen wird.“— „Aber, ums Himmels willen, Nathan! das Ganze iſt ja eine ſo furchtbare Wildniß, das Haus!“— „Ja, für tauſend Dollars müßt Ihr nicht erwarten, ein Schloß zu finden, und wer hat Euch gerathen, tau⸗ ſend Dollars zu bieten? Solltet geſchaut und gehört haben, wie weit Andere gehen.— Aber iſt nichts deſto weniger glorreiches Land!“ „Glorreiches Land, verſetzten wir. Wollten, es wäre— 4 „Glorreiches Land! bekräftigte Nathan; und mögt Ihr da eine Pflanzung herſtellen, die Euch in drei Jahren drei tauſend Dollars abwirft.“ „Das iſt leichter geſagt, als gethan.“— „Habe die Notion, es iſt; verſetzte Nathan. Cal⸗ culire aber nichts deſto weniger, könnt, wenn Ihr die Sache recht anfangt, mit einem Kapitale von zehn tauſend Dollars in zehn Jahren zehn tauſend Dollars jährliche Einkünfte erringen, und wenn Ihr ſie ſchlecht anfangt, in zwei Jahren einem Barbierladen irgendwo in New⸗York oder Baltimore vorſtehen— wie viele Eurer Landsleute.“— —= 358 G— „Wir wußten das; bemerkt der Graf.— Wir hatten ſolcher troſtloſer Reneontres in London mehrere gehabt.— Marquiſe, Viscounts, die in den Theatern für John Bull die Geige ſpielten— ſelbſt Einen, der ihm Incognito den Bart abnahm; das war es eben, was uns ſo gefügig gemacht und noch machte.“— „Will Euch ſagen, was, calculire ich, ſich thun läßt. Will Euch meine Notion auf Einmal ſagen: Bleibt alle Vier hier bei mir, und ſeht Euch die Wirth⸗ ſchaft an, und geht in die Lehre, und iſt das der beſte Weg, den Ihr einſchlagen könnt, ſehen dann, ob ſich Etwas mit Euch anfangen läßt.“ „Was, in die Lehre gehen?— lachten wir.⸗ „Ei, Jeder muß in die Lehre gehen, der Meiſter werden will, verſetzte Nathan.— Kommt nur auf den Anfang an.“— Wir fanden nach einigem Ueberlegen den Vorſchlag doch ſo gar übel nicht, aber zu einem Hinterwaͤldler in die Lehre gehen, zwei courfähige Cavaliere.— Es war ein Bischen ſtark!« „Kommt jetzt bis zum Mittageſſen herunter in das Tabacksfeld, meinte Nathan.“ „Und wir gingen zu Nathan in das Tabacksfeld. u¹ — 359— „Es dürfte Ihnen wohl nicht bekannt ſeyn, be⸗ merkt der Graf, daß der bedeutende Ruf, den unſere Blätter und die von Natchitoches, ſo wie vom Red⸗ River überhaupt, genießen, ſich von dieſer Zeit her datirt, und daß ich alle Urſache habe, zu glauben, daß dieſer Ruf vorzüglich dieſer Niederlaſſung und inſon⸗ derheit Nathan und Nollins zu verdanken iſt. Die Sorgfalt der Beiden in der Auswahl des Bodens, des Anbaues, der Waͤſſerung, und beſonders der Blätter, war außerordentlich. Sie waren geborne Virginier, dieſe Arbeiten folglich für ſie ein Lieblings⸗ geſchäft. Als ſolches betrieben ſie es. Man konnte wirklich nichts Feineres genießen, als eine Cigarre von dieſen herrlichen Blättern.“ „Nathan war gerade mit dem Pflücken der Blätter beſchäftigt. Natürlich ergriffen wir dieſe Gelegenheit, um uns in einem der wichtigſten Zweige der Pflanzer⸗ wirthſchaft zu unterrichten, und halfen nach ſeiner Anleitung mit.“ „Amadee und John! meinte er mit einem Kopfrucke in das angränzende Baumwollenfeld, in welchem die Familie ſammelte, habe die Notion, Mistreß Strong ſchielt auf Euch herüber.“ —= 360 6— „Amadee und John verſtanden den Wink und hat⸗ ten in der nächſten Viertelſtunde jeder einen Korb, in dem ſie von nun an täglich ihre hundert Pfund Baum⸗ wolle einſammelten.“— „Alles das gab ſich durch Rucke, durch Winke ſo leicht weg, in einer gewiſſen vertraulich befehlenden und doch wieder beſcheidenen Weiſe.— Nur wenig wurde während der Arbeit geſprochen; Nathan war der Mann von Thaten, nicht von Worten, obwohl er wieder zu Zeiten wahrhaft parlamentariſch weit⸗ ſchweifig werden konnte.“ „Unſere Dilettanten⸗Arbeiten hatten unterdeſſen ſeine volle Zufriedenheit. Sehe, habt den Takt, ent⸗ fuhr ihm am Abende.“ Den folgenden Tag wieder Blätterſortirung, den folgenden wieder, ſo ging es acht Tage fort. Wir ver⸗ ſtanden nun die Behandlung des Tabacks ſo wohl, wie ein Sohn der alten Dominion.“— „Nach Verlauf der Woche ging es ans Baumwolle⸗ preſſen. Die damaligen Baumwollenpreſſen waren noch ſehr unvollkommen; die Cylinder, mit Haken verſehen, ließen einen großen Theil der Körner in der Wolle, eine Verbeſſerung im Mechanismus mußte — 361 6— den Flaum reiner und ſchneller liefern. Wir machten Nathan auf die Mängel ſeiner Cottonpreſſe aufmerk⸗ ſam. Er ließ ſich von uns erklären, mit dem Preſſen inne halten, und wir machten uns an die Verbeſſe⸗ rung der Maſchine. Es gelang uns, durch eine ein⸗ fache Vorrichtung die Baumwolle reiner zu liefern; und das Preſſen ging um ſo vieles leichter, daß wir unſere Vorrichtung am Ende der Woche auch auf der zweiten Preſſe, die noch in der Gemeinde war, an⸗ bringen mußten. Nun beaufſichtigte Laſſalle die eine der Preſſen, ich die andere.“ „So verging wieder eine Woche.— Wir ſtanden nun mit der ganzen Gemeinde in einem Verhältniß, ſo gaſtlich freundlich, ſo ungenirt, und doch wieder ſo anhaltend beſchäftigt, daß uns die Wochen wie Tage, die Tage wie Stunden verfloſſen.“ „Die Abende brachten wir in Nathans Familie oder bei den ausgezeichneteren Gemeindegliedern zu, erzählten unſere Abenteuer, ſie die ihrigen. Wir waren nun die geachteten Lieblinge der ganzen Ge⸗ meinde geworden, von deren zunehmendem Wohl⸗ ſtande Sie ſich eine Idee durch die einzige Bemerkung machen können, wenn wir Ihnen ſagen, daß mehr Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 24 — 362 6— denn acht hundert Ballen Baumwolle in dieſem Herbſte gepreßt wurden, von denen auf Nathan und Nollins allein hundert und achtzig kamen.“ „So waren wir bis in die letzten Tage Oktobers gekommen, die Pflanzerwirthſchaft war uns nun eine Luſt, wir hatten ganz die Attacapas, ſelbſt unſere eigene Niederlaſſung vergeſſen.“ „Es war eines Abends bei einer Bouteille Ma⸗ deira, daß uns Nathan eröffnete, wie er nun der Notion ſey, daß es Zeit wäre, auch an uns zu den⸗ ken. Die wichtigſte Arbeit ſey nun abgethan, und er halte es für Pflicht und Schuldigkeit, auch für uns Etwas zu thun. Die Gemeinde ſey einverſtanden.“ Wir erwiederten ihm, daß der Genuß ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft ja ohnehin Entſchädigung und wir eigent⸗ lich ſeine Schuldner wären.“ „Will Euch ſagen; will Euch meine Notion auf einmal ſagen, meinte er. Habt uns ein und dreißig Tage geholfen mit vier Händen, ſind Euch dafür hundert und vier und zwanzig Hände ſchuldig.“— „Wir verſtanden nicht, was er mit ſeinen Händen meinte.“— „Iſt Sitte bei uns, fuhr er fort, wenn ein An⸗ — 363 6— kömmling ſich bei uns niederläßt, der für die Zukunft Etwas verſpricht, ihm eine Frolic zu veranſtalten.“ „Doch keine Tarring⸗ oder Feathering⸗Frolic?*) hoffen wir.“ „Nein, das nicht, meinte Nathan mit einem trocke⸗ nen Lächeln.— Iſt eine andere Gattung Frolic. Iſt eine Frolic, die Euch ein Haus aufblockt, und wozu die Gemeinde geladen wird.— Und habe die Notion, Ihr thut das morgen.“— „Aber was ſollen wir eigentlich?“ „Je nun, nichts weiter, als bei jedem Haus anru⸗ fen und die Männer freundlich erſuchen, bei der Frolie ihre Aexrte mitzubringen; und bei einem Dutzend Weibern mögt Ihr Eure Petition gleichfalls anbrin⸗ gen. Sie werden ſchon wiſſen, was Ihr meint.“— Und das iſt Alles?„ „Alles, das Weitere werdet Ihr ſehen. Doch, wie groß wollt Ihr eigentlich Euer Haus haben? Habe die Notion, fünfzig bei vierzig Fuß.“ „Und die Gemeinde will uns wirklich ein Haus aufblocken?“ *) Eine Theer⸗ oder Befiederungs⸗Unterhaltung. Theeren und Befiedern. Siehe Note oben. 24* —= 364 6— „Ei, will ſie das, und übermorgen Abends ſoll es da ſtehen, ſo weit Aexte es bringen können.— Wollen übermorgen daran, iſt bereits abgemacht, aber müßt die Nachbarn einladen und vergeſſet die Frauen nicht.“— „Und wir ritten am nächſten Tage herum, die Nach⸗ barn einzuladen und vergaßen die Frauen nicht.“— „Noch immer wußten wir nicht, was das Ganze wolle, obwohl wir im Hauſe große Vorbereitungen treffen ſahen. Eine Kuh wurde nämlich geſchlachtet, Pfannen, Keſſel zurecht gerichtet, im ganzen Hauſe war Alles auf den Beinen.“ „Das Muſchelhorn gab am folgenden Morgen das Zeichen zum Aufbruch; ſein weittönender, poſaunen⸗ artiger Schall hallte aus dreißig Pflanzungen zurück.“ „Als wir unſere Pferde beſtiegen, war die ganze Niederlaſſung auf den Beinen.— Nathan mit Mistreß Strong und Miß Mary waren reiſefertig; der Erſtere zu Pferde, die beiden Andern auf dem Wagen, auf dem Fleiſch, Brod, Whisky, Keſſel, Pfannen, alle möglichen Geräthe wie zu einem Auszuge aufgepackt waren. Wir bildeten mit Nathan und ſeinen zwei älteren Söhnen den Vortrab.“ —= 365 6— Wir waren etwas mehr als die Hälfte des Weges gekommen, als uns bereits die ſcharf knallenden Schläge zahlreicher Aexte an die Ohren gellten. Als wir näher kamen, wurden dieſe Schläge lauter und ſtärker; wir ritten raſcher, und ſahen endlich an die fünfzig Hinterwäldler im Walde beſchäftigt, Bäume zu fällen.— Noch immer kamen Reiter mit ihren Aexten von allen Seiten heran.“ „Sind uns vorgekommen, meinte Nathan; iſt Zeit, daß wir endlich auch dabei ſind.“ „Und es war hohe Zeit;— die unbarmherzigen Squatters hatten in ihrer Wuth einige der ſchönſten Magnolien und Immergrün⸗Eichen auf der Anhöhe, auf die wir unſer Haus hinzuſtellen gedachten, ge⸗ fällt. Eine Stunde ſpäter, und ſie wäre ſo kahl geweſen, daß ſich kein Kaninchen mehr verbergen konnte.“— „Wir thaten natürlich Einhalt, was ſich die Squat⸗ ters um ſo lieber gefallen ließen, als die Bäume bloß des Platzes wegen umgehauen worden waren.“ „Dieſen Platz, auf den das Haus nun zu ſtehen kommen ſollte, beſtimmten wir vereint mit Nathan.— Er war auf dem Scheitel der Anhöhe, die ſich, wie 1 —= 366— geſagt, etwa fünfzig Fuß über der Creek erhob, und die umliegende Gegend beherrſchte.“— „Das Treiben wurde nun immer lebendiger.— An die fünfzig Nachbarn waren mit Umhauen der Stämme beſchäftigt, fünfzig Andere mit dem Zuhauen.— Im ganzen Walde hallte es wieder. Auf der Prairie zu unſern Füßen weideten über hundert Pferde, denn Alle waren zu Pferde gekommen; und nicht bloß Männer, auch Frauen, Maͤdchen; an die dreißig Frauen und Mädchen rollten theils auf Wagen, theils galoppikten ſie auf Pferden einher, ſchüttelten uns die Hände, und begannen, ſobald die Männer die Küche aufgeſchlagen hatten, ihr Kochgeſchäft. Drei Stan⸗ gen, pyramidenartig in die Erde eingetrieben, von der Spitze herab der Keſſel, darunter das angezün⸗ dete Feuer— in weniger denn einer Stunde praſſelte und kniſterte es aus zwanzig Pfannen, Keſſeln; Roaſtbeafs, Beefſteaks, Puddings, Cakes bräunten in den Pfannen— Whiskyfäſſer rollten im Graſe. Es war eine Scene, ſo pittoresk, aufregend, der fröhliche Tumult war ſo überraſchend!“— „Um vier Uhr ſtand das Gebäude aufgeblockt— ſechzig Fuß lang, fünfzig breit— ein viereckiges — 367 6— Bauwerk aus fußdicken Cypreſſen; dreißig Fuß hoch aufgezimmert.— Die Arbeit war eine ungeheure, unglaubliche.— Hätten wir ſie nicht mit eigenen Au⸗ gen geſchaut, wir hätten uns die Möglichkeit nimmer träumen laſſen.— Als Alles ſo weit fertig war, wandte ſich Nathan an uns und die Umſtehenden:“ „Habt jetzt das Haus— das Dach mag ſpäter folgen, und die innere Einrichtung und Eintheilung müßt Ihr ſelbſt beſorgen. Damit Ihr dieß aber könnt, wollen wir Euch das Ding da, auf die Hütte des Syndikus Sorrel deutend, herauf bugſtren.— Könnte Euch ſonſt das Fieber da unten einen Streich ſpielen.— Wollen aber zuerſt eine Brücke haben.“ „Und geſagt, gethan.— Die hundert, oder buch⸗ ſtäblich zu reden, zweihundert Hände ergriffen die von dem Aufblocken übrig gebliebenen Cederſtämme, brachten ſie über die fünfzig Fuß breite Creek, legten darüber Querbalken, und nachdem die Brücke ſo fer⸗ tig war, legten ſie das Bauwerk Sorrels aus ein⸗ ander, brachten Balken, Sparren, Pieux von dem jenſeitigen Ufer auf die Anhöhe herauf, rammelten ſie wieder ein, und in zwei Stunden ſtand die Hütte ſir und fertig.“ — 368 6— „Jetzt ging es über das Eſſen.— Obwohl die Squatters während ihrer Arbeit der Schlucke manche verſucht, und allenfalls ein Beefſteak oder einen Kuchen zur Geſellſchaft mitgenommen, ſo war das Haupt⸗ eſſen doch bis zum Ende verſpart worden.— Wir waren die Gaſtgeber, denn die Lebensmittel, die immer vom Frolicveranſtalter gegeben werden, waren auf unſere Rechnung vorgeſchoſſen worden.— Und ein fröhlicheres, vergnügteres Waldmahl wurde nie ge⸗ noſſen. Zwanzig Wachfeuer, um dieſe unſere Squat⸗ ters und Squatterinnen, wir die geſchäftigen Gaſt⸗ geber. Es war eine einzige Scene. Seelenvergnügt trennten wir uns; der Mond ſtand ſchon hoch über den Bäumen; als wir mit Nathans Familie die Pferde beſtiegen.“ „Und wißt Ihr, daß die Bürger großes Gefallen an Euch finden, Oberſt! hob Nathan an, nachdem wir eine Weile ſtillſchweigend geritten waren.“ „Wir bezeugten natürlich unſere Zufriedenheit mit dem Gefallen der Bürger.“ „Gefällt Ihnen, Oberſt, fuhr Nathan fort, und könnt Ihr Euch Glück wünſchen zu dieſem Gefallen. Wollen Euch noch ein Paar Frolics geben.“ —“= 369 6— „Wie, noch ein Paar Frolics? u 1 „Habe Euch ſchon geſagt! daß wir, nämlich Mister Nollins und ich, Eure Schuldner für hundert und vier und zwanzig Tagwerke ſind, die Ihr bei uns ge⸗ ſchafft, im Hauſe und an den Preſſen. Wollten dieſe Schulden redlich nach Gelegenheit abzahlen; haben ſich aber die Bürger angetragen, dieſes mit einem Male zu thun, und ſich dafür mit uns auszugleichen. Iſt dieß freilich das Beſte.“ „Aber Ihr werdet doch nicht glauben, daß wir für Tagelohn bei Euch und Eurem Schwager gearbeitet, Mister Strong?“ „Calculire, Ihr habt nicht; calculire aber, würde Nathan eben ſo wenig anſtehen, wenn er ſich die Ar⸗ beit von vier Fremdlingen zu gute kommen laſſen wollte, ohne ihnen dafür wieder ſeinen Arm zu leihen.“ „Ah, wenn Ihr es ſo nehmt, dann iſts freilich etwas Anderes; aber wir genoſſen Eure Gaſtfreund⸗ ſchaft.“ „Und wir die Eurige, verſetzte Nathan. Schenken Cuch nichts; die Frolic geht auf Eure Rechnung, wie es ſich bei Froliegebern gehört und gebührt. Müßt — 370— aber Miſtreß Strong ein gutes Wort geben, daß ſie Euch morgen wieder die Frolic herrichtet.“ „Und wir gaben Mistreß Strong ein gutes Wort, unſere Frolie für den folgenden Tag herzurichten.“ „Und richtig ließ ſich am Morgen darauf lange vor Sonnenaufgang wieder das Muſchelhorn von Nathans Porche aus hören, und in einer Weile nach⸗ her die Echo's aus den Pflanzungen. Wir waren dieß Mal zeitlicher, um bei der Clearing⸗Frolic*) nicht die Letzten zu ſeyn. Miß Eliſabeth, die dieß⸗ mal mitging, hatte, bis die Squatters ankamen, noch Zeit, uns Kaffee bei einem der nicht erloſchenen Wachfeuer zu bereiten.“ „Als ſie endlich ankamen, calculirte Nathan in der ganzen Gegend herum, wo wohl am beſten der An⸗ fang des ſogenannten Clearings zu machen wäre. Die Stimmen fielen aufs jenſeitige Ufer, gerade dem aufgeblockten Hauſe gegenüber, von wegen des vor⸗ §*) Dieſer Frolies, Unterhaltungen, Zuſammenkünfte, gibt es mannigfaltige— Quiltings⸗Frolics, wo Mädchen und Frauen ſich zum Steppen der Bettdecken verſammeln; Husting⸗Frolies, zum Aushülſen des Wälſchkorns u. ſ. w. —=0 371 6— trefflichen Bottom⸗Landes und Baumſchlages. Am jenſeitigen Ufer wurde alſo angefangen. „Bei dieſer Clearing⸗Frolie lichteten oder vielmehr ringelten unſere vierzig Squatter⸗Freunde neun Mor⸗ gen des reichſten Bottom⸗Landes.“ „Am folgenden Tage abermals Clearing⸗Frolie, an welcher ein und vierzig Andere zehn Morgen für uns ringelten oder lichteten.“ „Bei der dritten oder eigentlich der vierten Frolic wurden eilf Morgen von drei und vierzig gelichtet. Sie hatten abgewechſelt, ſo daß uns jeder ein Tag⸗ werk gab, für welches ſich wieder Nathan mit ihnen ausgleichen mußte.“— „Als die dritte und letzte Clearing⸗Frolic und das darauf folgende Eſſen vorüber war, nahm uns Na⸗ than vor den Nachbarn bei der Hand, und auf die hölzernen Wälle des Hauſes und den getödteten Wald zeigend, ſprach er:“ „Calculire, haben Euch nun auf den Weg gethan, auf dem Ihr, wenn Ihr die Euch von Eurem Schöpfer verliehenen fünf Sinne zuſammen nehmt, weiter kom⸗ men könnt.— Seht die Art und Weiſe, wie wir Euch auf den Weg gethan haben.— Wollten zuerſt — 372 6— ſehen, ob mit Euch etwas anzufangen, und ob Ihr auch nachbarlicher Geſinnungen fähig wäret.— Sehen, läßt ſich etwas von Euch erwarten, und haben Euch deßhalb das Haus hergeſtellt, und ein dreißig Acker gelichtet, in die Ihr nun ſäen und pflanzen könnt, was Euch im nächſten Jahre einen tüchtigen Anfang machen ſoll.— Habt einen guten Anfang, Mann! und wären wir ſo weit quitt in dem Punkte der Hände, und vielleicht noch etwas mehr.— Wollen es aber nicht ſo genau nehmen, von wegen, calculire ich, weil Ihr Fremdlinge ſeyd. Seht aber, caleulire ich, daß wir nicht die Leute ſtnd, die einem Fremden nicht auch einen Ruck geben können, wenn dieſer Anlage zur Reſpectibilität hat. Hoffe, habt Anlage zur Re⸗ ſpectibilität, und werden gute Nachbarn bleiben, haben Euch wenigſtens gezeigt, daß, wenn wir es nicht bleiben, der Fehler nicht an uns liegt. Seyd jedoch mir und Mister Nollins für Whisky, und ge⸗ ſchlachtete Kühe, und Schinken, fünf und fünfzig Dollars ſchuldig.“— „Wir bezahlen gerne das Doppelte, lieber Nathan! erwiederten wir.“ „Fünf und fünfzig! habe ich geſagt, verſetzte Na⸗ — 373 6— than trocken, und laßt Euch ſagen, Mann, bietet einem Bürger nie mehr, als er fordert.— Er wird ſchon von ſelbſt nehmen, was ihm gehört, verlaßt Euch darauf. Sind nicht blöde, wir Amerikaner, ſtehe Euch dafür.— „So war der Mann, fährt der Graf fort, dem wir unſern Anfang, unſere bürgerliche Exiſtenz in Louiſtana zu verdanken hatten.— Die abgeſchloſſenſte, nüchternſte, unzugänglichſte— und wieder wohlwol⸗ lendſte, intelligenteſte Individualität, die uns in unſerm dreißigjährigen Leben vorgekommen.— Seine Ideen hatten etwas ſo maſſiv Großartiges— ſein Verſtand etwas ſo durchdringend Praktiſches— doch wir wollen zum Verfolge unſerer Niederlaſſungsgeſchichte.“— „Wir waren nun wirklich auf dem Wege, den wir verfolgen mußten, und kaum verfehlen konnten, wenn wir nicht vorſätzlich die Augen ſchloſſen.— Und wir verfolgten dieſen Weg mit einer Freude und Luſt, die unſerm ganzen Weſen einen neuen Impuls verlieh. Dieſen Impuls, dieſe freudig frohe Thätigkeit hätten wir nicht mit dem glänzendſten Hofleben vertauſcht. Und in der That, derjenige, der ſein Leben fortwäh⸗ rend nur in überciviliſirter, höherer Geſellſchaft zuge⸗ —= 374 6— bracht, auf jedem ſeiner Tritte beſchützt, bewacht, jedem ſeiner Wünſche zuvorgekommen, ſo gleichſam auf den künſtlichen Springfedern der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft getragen;— derjenige, der ſo gelebt, ſeine eigene Kraft nie verſucht, der kann unmöglich ſich das reine Vergnügen, Entzücken vorſtellen, die das Erſchaffen einer eigenen Eriſtenz gewährt: wenn die Werke unſerer Hand allmälig vor uns erſtehen, wir uns neuer Kräfte, die ſo lange geſchlummert, uns ſelbſt unbekannt waren, auf einmal bewußt werden. — Es liegt ein wunderbarer Reiz, ein elektriſcher Reiz in dieſem Gefühl erwachender Kräfte!“ „Wir genoſſen dieſes Entzücken in langen Zügen, und wahrlich! es machte uns dieſe erſten Jahre zu den glücklichſten unſeres Lebens, trotz der vielfältigen und mitunter großen Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen hatten,— der nimmer endenden Arbei⸗ ten, die allerſeits unſer warteten. Aber dieſe Squat⸗ ters hatten uns, wie geſagt, zum Bewußtſeyn unſe⸗ rer Kräfte gebracht, uns auf den Weg gethan. Von dem Hauſe ſtanden zwar bloß erſt die hölzernen Wälle, die die Squatters aufgeblockt, ohne Dach, Fenſter, Kamin, Fußboden; für Alles dieß mußten wir erſt —= 375 6— ſorgen. Aber dieſe Sorgen waren nun vergleichungs⸗ weiſe leichte.— Acadier wurden gemiethet, um uns das Dach zu decken, Amerikaner, um den Kamin auf⸗ zubauen; fünf Meilen oberhalb uns befand ſich die Sägemühle der Gemeinde, die der Sohn des Major Gale gebaut, der zugleich Carpenter und Cabinet- maker, Zimmermann und Schreiner, war. Mit dieſem accordirten wir, und in acht Wochen konnten wir aus unſern Hütten in das Haus einziehen, und unſere Effekten endlich von den Attacapas herauf⸗ bringen laſſen.“ „Wir hatten noch immer nicht die Zeit, unſere Freunde oder unſere gepachtete Pflanzung zu ſehen. Wir mußten Amadee ſenden, der die Heraufſchaffung unſerer Effekten beſorgte. Hauterouge hatte den Wunſch geäußert, die von uns gepachtete Pflanzung zu übernehmen. Wir traten ſie ihm ab, um unſere Aufmerkſamkeit ganz auf unſere neue Wirthſchaft len⸗ ken zu können. Wir dachten an nichts, als an dieſe neue Wirthſchaft. Muſtk, Leſen, Billard, Freunde — unſere Squatter⸗Nachbarn ausgenommen,— ſelbſt unſer ſchönes Frankreich hatten wir vergeſſen, und ſeine Leiden und Freuden. Kaum„ daß wir dazu — 376 6— kommen konnten, unſern Lieben von unſerem Treiben Nachricht zu geben. Unſere liebſte Unterhaltung war, Abends die Arbeiten des Tages zu beſprechen. Was wir gethan, wie wir es gethan, jeder Baum, den wir gefällt, jeder Zaunriegel, den wir gelegt, wie wir ihn gelegt, Alles das wurde erörtert. Ich er⸗ innere mich noch bei einer Gelegenheit, wo wir zehn bis fünfzehn Acadier gedungen hatten, um Zaunrie⸗ gel für unſere Felder zu ſpalten, mit welcher Umſtänd⸗ lichkeit wir die Geſchichte einer ſeltſam geformten Cy⸗ preſſe, die wir gefällt, beſprachen. Wir hatten Beide zuſammen einen halben Tag damit zugebracht, den ſteben Fuß im Diameter haltenden Stamm zu fällen, und zwei Aexte zu Schanden gearbeitet. „Inmitten dieſer Thätigkeit frappirte es uns zu⸗ gleich nicht wenig, daß wir anfingen, über Dinge, die vor und hinter uns lagen, auf eine ganz neue Weiſe zu raiſonniren, auf eine republikaniſch ameri⸗ kaniſche Weiſe zu raiſonniren, möchte ich ſagen; eine Weiſe, die mit unſerer früheren Sprache und Den⸗ kungsart auch nicht im mindeſten Zuſammenhange ſtand. Wir begannen, die Verhältniſſe des Lebens, unſere Lage, die Anderer, aus einem weniger ideellen, —“=377— mehr reelen Geſichtspunkte zu beurtheilen, ſelbſtſtändi⸗ ger zu beurtheilen, in dem Grade als wir ſelbſt⸗ ſtändiger zu werden begannen. Es ging eine ganze Revolution in unſerem Ideenſyſteme vor; ſelbſt die Verhältniſſe des öffentlichen Lebens, die Politik Eu⸗ ropa's, unſeres Königshauſes, erſchien uns aus einem ganz neuen Geſichtspunkte; unſere Cavaliers⸗Anſichn ten verloren ſich in die Vogelperſpektive.— Dieß frappirte uns nicht wenig; es war ein pſychologiſches Phänomen, und deſto unerklärbarer, da wir über dieſe Gegenſtände kaum je mit unſern Squatter⸗Nachbarn geſprochen, unſere Ideen daher ſpontanebs waren.— Es ſchien uns, als ob wir aus einem langen Traume erwacht, der Kindheit, dem Leitbande entwachſen, das uns bisher hin und her gegängelt hatte.“— „Auch in Bezug auf die Schwarzen erlitten unſere Anſichten eine ſtarke Revolution. Wir hatten unſer Haus endlich ſo ziemlich eingerichtet, die Felder mit Zäunen umgeben, unſere Zimmer zum Theile meublirt, die Piazza's herzuſtellen angefangen. Alles das hatten wir und unſere Diener, mit Beihulfe unſerer Squatter⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 25 — 378 6— Nachbarn und einiger der thätigern jungen Acadier gethan. Noch hatte kein Schwarzer Hand an irgend etwas in unſerem Hauſe angelegt. Wir wünſchten uns Glück zu dieſem Umſtande, ceer wir begannen zugleich zu fühlen, daß wir deſſen ungeachtet, ohne dieſen Fluch, in Louiſtana nicht würden beſtehen kön⸗ nen.— Wir konnten uns wohl für eine Weile dem Sklavenhalten entziehen, unſere Felder durch Weiße bearbeiten laſſen, aber für die Dauer, das ſahen wir ein, war dieſes unmöglich, und wir würden, trotz aller Opfer, die ein ſolcher Verſuch uns koſten mußte, uns nur ruiniren, ohne der ſchwarzen Rage auch nur die mindeſte Erleichterung verſchafft zu haben; wo wir im Gegentheile, wenn wir Sklaven hielten, nicht nur ihre Lage verbeſſern, ſondern auch auf die beſſere Be⸗ handlung aller Uebrigen durch unſer Beiſpiel und bürgerlichen Einfluß vortheilhaft einwirken konnten.“ „Es giebt Uebel, deren ſchlimmen Einfluß wir nicht dadurch vermeiden, daß wir ihnen aus dem Wege gehen, ſondern einzig und allein durch ein kräftiges Kämpfen, Ringen mit denſelben.— Ein ſolches Uebel iſt die in den ſüdlichen Theilen der Union eingeführte Sklaverei. Das Prinzip ein Mal zugelaſſen, ſteht — 0 379 e— es in keines einzelnen Menſchen Gewalt mehr, dem⸗ ſelben Folge zu leiſten, oder zu verſagen— er muß mit dem Strome ſchwimmen. Nur durch Ableitung dieſes Stromes läßt ſich dieſer, und mit ihm das Uebel verringern.— Dieſe Wahrheiten fingen damals an, bei uns zu dämmern, obwohl wir Sklaven zu kaufen, oder zu halten, noch immer für Etwas Gräßliches hielten, jede Berührung mit ihnen, ſo lange, als nur möglich, vermeiden wollten. Der Zufall entſchied auch über dieſe Skrupel.“— „Unſere Embryo⸗Pflanzung war, wie geſagt, ſo weit in Ordnung, daß wir endlich auf die ſo lange hinaus verſchobene Reiſe nach der Hauptſtadt denken konnten. Eigentlich ſollten wir dieſe vor unſerer An⸗ ſtedelung unternommen, ſchon lange dem Gouverneur und den übrigen höhern Beamten unſere Aufwartung gemacht, und beſonders unſere Schenkungsangelegen⸗ heiten in Ordnung gebracht haben; das in Neworleans bis ſpät im November herrſchende gelbe Fieber und der Drang der Geſchäfte hatten uns abgehalten. Jetzt eilten wir daher um ſo mehr, als Lefebvre, der in meinem Regimente als Bataillons⸗Arzt geſtanden, mit Briefen von Europa angekommen. 25* —= 380 6— „Wir reisten alſo ab, kamen glücklich in Nouvelle⸗ Orleans an, gaben unſere Empfehlungsſchreiben ab, und nahmen unſer Abſteigequartier im Hauſe des Baron M-y, eines der Notablen der Colonie, wie Sie wiſſen, und von alter Familie.— Er ſtellte uns dem Gouverneur vor, der die Gefälligkeit hatte, mir meine Schenkung an der Creek, an der unſer erſteiger⸗ tes Land lag, und für Laſſalle noch beſonders eine Strecke Landes von zwei tauſend Ackern ausmeſſen zu laſſen.— Damals nahm man es mit dieſen Schen⸗ kungen nicht ſehr genau; erſt die Regierung der ver⸗ einigten Staaten wußte den Ländereien Werth zu ver⸗ leihen.“— „Wir hatten bald unſern lieben Lefebvre aufgefun⸗ den, dem auch die gaſtfreundliche Fürſorge unſeres trefflichen M—y ein Zimmer neben unſerem Appar⸗ tement anwies.— In Geſchäften, Beſuchen der um die Stadt liegenden Zuckerpflanzungen, fetirt werden, und Plaudern über das theure Frankreich und die europäiſchen Zuſtände waren uns ſo vierzehn Tage wie Stunden verlaufen.— Wir hatten unſere Ein⸗ käufe beſorgt, mehrere Zuckerpflanzungen beſehen, die —:= 381 6— Verhäͤltniſſe der Sklaven zu ihren Gebietern kennen gelernt. Wir dachten wieder auf die Heimreiſe." „Den Tag, der unſerer Abreiſe vorhergehen ſollte, hatte M-y zur Cröffnung ſeiner Villa am untern Lever, beiläufig fünf Meilen unter Neworleans, be⸗ ſtimmt. Bloß ſehr wenige intime Freunde, und wir mit Lefebvre, waren geladen.“ „Wir ſaßen bei dem Nachtiſche im traulichen Ge⸗ ſpräche, in einem herrlichen Garten⸗Pavillon— in⸗ mitten der duftenden Flora Louiſtana's und ganzer Wälder blühender Roſen, am entzückenden Februar⸗ tage; vor uns den gewaltigen Miſſiſippi, den unſer Auge bis zum großen Bend*) verfolgte. Meine Aufmerkſamkeit wurde durch ein Schiff angezogen, das etwa eine Meile unterm Landhauſe am Ufer angelegt hatte;— der Wind war plötzlich contrair geworden, und hatte es gezwungen, beinahe am Ziele ſeiner Reiſe zu halten.— Mir ſiel dieſes Schiff auf; ſein Bau, ſein Sparrenwerk, ſeine Ausrüſtung, ſelbſt ſeine Stückpforten hatten etwas ſo eigenthümlich Ver⸗ dächtiges.“ *) Eine Krüͤmmung des Fluſſes unter Neworleans. — 382 6— „Es iſt ein Sklavenſchiff, bemerkte einer der Gaͤſte gelaſſen. u „Ein Sklavenſchiff! Iſt die Einfuhr von Sklaven erlaubt? Ich hörte, unter Baron Carondelet ſey ſie verboten worden.“ „So war ſte, bemerkte der Baron, aber die Uebel, die dieſes Verbot nach ſich zog, zeigten ſich ſo einleuch⸗ tend, daß es wieder aufgehoben wurde.— Wollen Sie etwa kaufen? Sie hätten jetzt eine gute Gelegen⸗ heit dazu. 4 „Ich verneinte— der Baron ſchüttelte den Kopf. A „Hüten Sie ſich, lieber Freund, hier ſentimentalen Antipathien Raum zu geben. Wir ſind in Louiſtana, wo ſolche Antipathien nur ſchaden können. Glauben Sie mir, bei uns beſteht die Humanität nicht darin, daß wir uns in dieſem Handel frei halten, ſondern, daß wir ihn in unſere Hände bekommen, ſo den Ton angeben. Nur wenn die Reſpectabilität des Landes den Ton angibt, kann das Uebel für Louiſiana, und ſelbſt für die Schwarzen zum Guten werden. Darum wünſchte ich, Sie kauften und jeder gebildete reſpec⸗ table Mann kaufte.“— „Ich ſchwieg; die Geſellſchaft erhob ſich nach einer —= 383 6— Weile, ſie wollte zum Schiffe hinab promeniren, die Ladung be ſehen, wie ſte ſich ausdrückte.“— „Wir gingen alſo dem Schiffe zu, um die Ladung zu beſehen,“ „Ein Theil ſeiner lebendigen Ladung war bereits auf das Land geſchafft worden.— Wir ſahen um eine der ſchwarzen Gruppen alte Weiber beſchäftigt, die häßlichen Leiber der Transportirten zu ſäubern; eine zweite Gruppe, im Tanze begriffen, der zu dem Schalle zweier alter Keſſel, die ein alter Neger an einander ſchlug, aufgeführt wurde.— So wie Einer oder Eine der Schwarzen aus den Händen der alten Negerinnen oder Neger entlaſſen wurde, ſchloß ſich das bejammernswerthe Geſchöpf an die Tanzenden an. Dieß ſchien der ganzen Geſellſchaft ſo an der Tagesordnung zu ſeyn, daß Keiner ein Wort darüber verlor.“ „Wir hatten uns unterdeſſen bis auf Sprechweite dem Schiffe genähert; der Kapitän war uns entgegen gekommen, und bot uns an, ſeine Ladung näher zu beſehen, und auszuwählen.“ „Mehrere von der Geſellſchaft beſahen die gelande⸗ ten Neger ſowohl als Negerinnen. Wir ſchritten —= 384 6— über die Bretter auf das Schiff, das ſo eben von dem ſiebenmonatlichen Unrathe geſäubert wurde,— kehr⸗ ten aber wieder zurück, die Gerüche waren nicht aus⸗ zuhalten.— Auf dem Verdecke bemerkten wir einen Verſchlag, vor dem eine Kanone ſtand. Sie war mit Kartätſchen geladen, wie wir ſpäter erfuhren.“ „Ich konnte mich nicht enthalten, dem Kapitän über ſein trauriges Gewerbe Vorſtellungen zu machen. Er zuckte die Achſeln.“ „Was wollen Sie? war die Antwort. Alle dieſe Schwarzen wären längſt todt, wenn wir ſie nicht ge⸗ kauft hätten. Sie waren ſämmtlich zum Tode verur⸗ theilte Kriegsgefangene. Zum Glücke kamen wir zur rechten Zeit.“— „Und der Kapitän erzählte uns von dem furcht⸗ baren Leben der Eingebornen auf der afrikaniſchen Küſte.“ „Noch war er in ſeiner Erzählung begriffen, als Doctor Lefebvre vom Verdecke zurück kam. Er war trotz der erſtickenden Gerüche in das Schiff einge⸗ drungen, und kam nun auf den Kapitän zugerannt.“ „Kapitän, wenn Sie die fünf und zwanzig Elen⸗ den, die in dem Verſchlage unter dem Verdecke ſind, —= 385— nicht ſogleich in beſſere Pflege bringen, ſo iſt morgen Keiner mehr am Leben.“ 3 „Der Kapitän zuckte die Achſeln. Kann nicht helfen.“— „Fünf und zwanzig! rief ich ſchaudernd.“ „Der Ausſchuß, meinte der Kapitän.— Kann nicht helfen.— Wäre ich oben, ließe ſich vielleicht etwas thun. Der verdammte Nordweſter.“ „Wir gingen über die Bretter, beſtiegen das Ver⸗ deck, ſtiegen die Treppen hinab; die Ausdünſtungen wurden ſo erſtickend, daß uns der Athem verging. Le⸗ febvre öffnete den Verſchlag.“ „Mein Gottl! rief ich.“ „Am Eingang lag ein Weib im Todesröcheln, ihr ſchwarzer Körper, da, wo er nicht von Unrath ſtarrte, bereits von dem grell ſchwarzblauen Leichnams⸗ Colorit überzogen. An ihren bis über die Hüften herabhängenden Brüſten zerrte ein Wurm von Säug⸗ ling.“ „Der Arzt hob ſie auf, und brachte ſie ſammt dem Kinde an die friſche Luft. Sie ſchnappte.“ „Können dieſe fünf und zwanzig Schwarzen mit zehn Säuglingen für eben ſo viele hundert Piaſter —“ 386— haben; ſprach der Kapitän.— Wenn Sie auch nur den fünften Theil retten, ſo machen Sie ein gutes Ge⸗ ſchäft.— Ich habe nicht die Zeit dazu. „Gott behüte, wer wird hier an Geſchäfte denken! Ich gebe Ihnen fünf und zwanzig hundert Piaſter, ſchaffen Sie ſie mir auf das Verdeck hinauf.“— „Die Schwarzen waren mein;— in meinem Leben habe ich keine ſcheußlichern Geſtalten geſehen. Mich rüttelt es noch fieberiſch, wenn ich an dieſen Anblick denke. Sie wurden aber auf das Verdeck, und dann auf das Ufer gebracht. Wir eilten in die Villa; der Arzt in die Stadt, um Wolldecken, Medizinen, Erfri⸗ ſchungen herbeizuſchaffen. Zwei der Unglücklichen ſtarben in derſelben Nacht, drei den folgenden Tag, fünf auf der Miſſtſippifahrt. Von den fünf und zwanzig brachten wir fünfzehn und ſteben Säuglinge nach Hauſe, von denen zwölf, und fünf Kinder voll⸗ kommen hergeſtellt wurden, die Uebrigen an den Fol⸗ gen der fürchterlichen Leiden, die ſte während der Ueberfahrt erduldet, hinſtechten und ſtarben.“— „Unſere Humanität hatte uns aber eine Bürde auf⸗ gelegt, von der wir keine Ahnung hatten, und die uns beinahe zum Verzweifeln brachte. Es iſt wirklich zum —= 387 6— Verzweifeln, Geſchöpfe, die ſo wenig Menſchliches an ſich haben, die thieriſcher ſind, als das Thier ſelbſt, auch nur zu Sklaven heran zu ziehen. Mein Gott! fragte ich mich oft, können dieſe Creaturen mit ihren Orang⸗Outang⸗Schädeln, dieſe Weiber mit ihren Brüſten, die bis über die Hüften herabhängen— dieſe über alle Begriffe häßlichen Geſchöpfe, die Erde freſſen, weder Verſtand, noch Gedächtniß, nicht einmal Inſtinkt haben, wirklich Menſchen ſeyn!— Wir ſpürten ſo gar nichts vom göttlichen Funken. Erſt als wir mehrere der im Lande acclimatiſirten Sklaven gekauft, dieſe unter ſie gemengt hatten— erſt dann fing ſich etwas, wie Inſtinkt, zu zeigen an.— Ja, wir haben erfahren, was es ſagen will, dieſe Ge⸗ ſchöpfe zu erziehen! Doch, genug von Schwarzen. Ich wollte Ihnen bloß, der Graf wandte ſich an Ver⸗ gennes und d'Ermonvalle, zeigen, daß man Schwarze kaufen, ſie halten, und doch Menſch ſeyn und bleiben könne. „Ein Jahr war ſo vergangen— dieſes Jahr hatte uns den Frieden von Amiens gebracht, uns erlaubt, an die Herüberbringung unſerer Theuern zu denken. Mir war es nicht möglich, nach Europa zu gehen, die —= 388 6— Arbeiten auf der Pflanzung, die Sorge für vier und zwanzig Schwarze, ließ es nicht zu, wenn auch unſere ſchwäͤcher gewordene Kaſſe uns hätte zuſammen reiſen laſſen; ſo ging denn Laſſalle ab.“ „Ich zählte unterdeſſen die Wochen, Tage, Stunden, die mich von meiner Eleanor trennten.— Sie ver⸗ floſſen, und am Ende von vier Monaten ſchloß ich ſte endlich in meine Arme.“ „Wir hatten uns in Neworleans trauen laſſen, aber der eigentliche Freudentag war, an dem ich die geliebte Gattin in das ſelbſtgeſchaffene Aſyl einführen, ihr den Herd, über den ſte ſchützend wachen, über⸗ geben, das Elyſtum, in dem ſie als Göttin thronen ſollte, unter ihre Obſicht ſtellen konnte. Meine Wünſche— meine ſüßeſten Erwartungen waren jetzt erfüllt.— Alles ließ ſich zu glücklichen Tagen an. Und glücklich wurden ſte— glücklich, wie wir ſie nie zuvor geſehen! Unſer Heimweſen begann unter unſe⸗ rer herrlichen Frauen Aegide zu blühen, unſere Schwar⸗ zen, die eine Mutter gefunden, begannen den Menſchen mehr und mehr anzuziehen, wir waren geliebt von den Acadiern, geachtet von unſern Squatter⸗Freunden, unſere Bedürfniſſe nicht nur befriedigt, wir konnten —= 389 6— auf das Bequeme, allmählich auf Lurusgegenſtände denken. Wochen, Monate, Jahre verfloſſen im hei⸗ terſten, ungetrübteſten Still⸗ und doch wieder regen Leben.— Ich würde Ihnen nur gewünſcht haben, Nathan und Madame Vignerolles zu ſehen, zu hören, ſte in ihrer fröhlich freundlichen Grazie, die denn doch wieder einen leicht muthwilligen Anſtrich hatte, ihn calculirend und der Notion, Mistreß Vignerolles ſey die lieblichſte Hinterwäldlerin, die je in Petticoats und ihren eigenen Schuhen ſtack.“ „So waren drei Jahre wie ſo viele Stunden ver⸗ ſtrichen; da kam die Nachricht, daß Louiſtana in Folge des letzten Friedens mit Spanien, an Frankreich zu⸗ rückgegeben werden würde; eine Nachricht, die uns Briefe aus der Hauptſtadt bald als offiziell beſtätig⸗ ten, mit dem Zuſatze, daß der Uebernahms⸗Commiſſär der franzöſiſchen Regierung jeden Tag erwartet werde.“ „Einen Augenblick frappirte, confondirte uns dieſe Nachricht. Wir waren emigrirt, hatten gegen Bona⸗ parte in der Vendée gefochten, doch beruhigte uns wieder die Convenance, die der erſte Conſul gegen die Emigrirten in ſeiner ſonſt ſo rückſichtsloſen Politik durchſchimmern laſſen zu wollen ſchien. Wir wußten, —= 390 6— daß mehrere unſerer Freunde nicht nur nach Frankreich zurückgekehrt, ſondern im Geheim auch von dem erſten Conſul berückſtchtigt, ja begünſtigt worden waren. Wir beſchloſſen daher, nach Neworleans hinab zu gehen und uns von der Lage der Dinge an der Quelle zu unterrichten. Ohnedem ſahen unſere Frauen ihrer Niederkunft entgegen, und Sie wiſſen, es iſt Modeſache in Louiſtana, dieſe in Neworleans abzuwarten.“— „Wir reisten daher ab.— Den Tag vor unſerer Ankunft war Monſieur Lauzat, der Präfect einge⸗ troffen. Zwei Stunden nach unſerem Ausſteigen wurden wir ihm bereits vorgeſtellt. Wir fanden an ihm einen Mann von Ehre, einen Franzoſen durch und durch, und das war Alles, was wir wünſchten. — Er beruhigte uns über die Geſinnungen des erſten Conſuls, theilte uns ſeine Inſtruktionen mit, den Franzoſen, ohne Unterſchied ihrer politiſchen Nüan⸗ cen, jeden möglichen Schutz angedeihen zu laſſen, und vor Allem ihre künftige bürgerliche Exiſtenz zu ſichern; er verſprach, alles Mögliche für uns zu thun.“— „Er that es, trotz ſeiner gehäuften Geſchäfte; denn er war nicht ſowohl gekommen, Louiſtana für Frank⸗ reich zu übernehmen, ſondern vielmehr, dieſes, nach — 391 6— der Uebernahme, an die Regierung der vereinigten Staaten zu übergeben;— aber trotz der vielen und gehäuften Geſchäfte fand er noch Zeit, uns unſere Schenkungen, die wohl in allen Punkten richtig und gültig, aber von der läſſigen ſpaniſchen Regierung nicht feſt ausgemittelt worden waren, gehörig zu fixi⸗ ren, und ſo jedem künftigen Anſtande zu begegnen.“— „Am 30. November übernahm er die Colonie von den ſpaniſchen Commiſſären, dem Marquis de Caza Calvo und Gouverneur de Salcedo, um ſte zwanzig Tage darauf, am 20. Dezember, an Meſſteurs Clay⸗ born und Wilkinſon, die amerikaniſchen Bevollmäch⸗ tigten, zu übergeben.“ „Wer Franzoſe iſt, wird ſich von dem Jubel eine Idee bilden können, der bei dem erſten Akte, der Ueber⸗ nahme Louiſtana's durch den franzöſiſchen Deputirten, herrſchte. Die bei weitem größere Mehrzahl der Co⸗ loniſten und Einwohner, waren Franzoſen oder fran⸗ zöſtſchen Urſprungs, hatten nie aufgehört, Franzoſen zu ſeyn.— Es war ein wirklicher Freudenrauſch, ein Taumel, der ſich der Hauptſtadt bemächtigt hatte.— Ein Feſt folgte dem andern 3 Illuminationen, Bälle, öffentliche Mahle reihten ſich die zwanzig Tage an —= 392 6— einander. Neworleans hatte nie dieſen Jubel, dieſe Verſchwendung geſehen; aber auch nie die plötzliche Abſpannung, als am ein und zwanzigſten die drei⸗ farbige Fahne vom Stadthauſe und den öffentlichen Gebäuden ſank, um dafür der ſternbeſäeten Platz zu machen.— Ich mag bei dieſer Gelegenheit eben ſo wohl bemerken, daß die amerikaniſche Flagge lange nicht empor kommen wollte, trotz aller Bemühungen ihrer Matroſen, aber endlich unter den gellenden Hurrahs der anweſenden Amerikaner ihren Wimpel weit und ſtolz den⸗Tauſenden entgegenflatterte.“ „Den für Franzoſen allerdings ſehr empfindlichen Umſtand abgerechnet, daß unſere ſchöne Hoffnung, ge⸗ wiſſermaßen auf franzöſiſchem Boden zu leben, ge⸗ täuſcht worden, fanden wir keine Urſache, uns über die Veräußerung Louiſtana's zu beklagen. Der erſte Conſul hatte mehrere für uns ſehr günſtige Artikel in dem Abtretungs⸗Vertrage ſtipulirt. Die Schen⸗ kungen, ſowohl der franzöſtſchen als der ſpaniſchen Regierung, ſollten reſpectirt, die Einwohner Loui⸗ ſtana's, ohne Unterſchied, den gebornen Bürgern der Union in jeder Hinſicht gleichgeſtellt werden; mit Einem Worte, Alles war gethan worden, die bürger⸗ —= 393 6— liche ſowohl, als politiſche Eriſtenz der Verkauften zu ſichern.“—. „Bei den vielfältigen Geſchäften, die dieſer Ver⸗ kauf Louiſiana's an eine fremde Regierung nach ſich zog, den Feſten, die ſeiner Exequirung vorangingen und folgten, ſo wie einer Unzahl von Aufträgen, die uns von unſern Squatter⸗Freunden und aus den Attacapas geworden waren, zu dem ſich der Verkauf unſerer eigenen Baumwolle und der der Niederlaſſung geſellte, verliefen Zwei Monate.— Wir hatten über tauſend Ballen für Nathan, Nollins und Nachbarn in Commiſſion, nebſt einigen hundert für unſere eigene Rechnung. Der Abſatz forderte Zeit.— So war die Entbindung unſerer Frauen herangekommen, die uns nun in Neworleans zu bleiben zwang; denn Lefebvre hatte bereits früher eine Anſtellung als Arzt in der Hauptſtadt erhalten, und im ganzen Umkreiſe unſerer Pflanzung war keine Perſon, auf die wir uns in einem ſolchen Lebenspunkte, wie die Entbin⸗ dung unſerer Frauen, hätten verlaſſen können.“— „Gerne wären wir jedoch unſerem lieben Aſyle zu⸗ geeilt, ja, der Aufenthalt in der Hauptſtadt wurde uns allmählich drückend; denn das Gerücht brachte Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 26 — 394 6— uns ſeltſame Dinge von dem Treiben unſerer neuen Landsmänner und Regenten im Lande zu Ohren.— Ganze Schwärme von Abenteurern und ſogenannten Landſharks,*) wie ſie die Landſpekulanten nennen, waren aus dem Norden wie Heuſchrecken angekom⸗ men, waren in Gehöfte, Pflanzungen, Hütten und Häuſer gedrungen, calculirend nach Ländereien, und darunter Männer von großem politiſchen Einfluſſe. Dann gab es wieder junge Whisky trinkende Lieute⸗ nants, jetzt Commandanten der Forts,— Tiſchler, Gerber und derlei ehrenwerthe Leute, die zu Sheriffs und Protonotarien avancirt waren, und Gerechtig⸗ keit verwalten ſollten, in einem Lande, deſſen Sitten, Gebräuche und Geſetze ſie nicht kannten, von deſſen Sprache ſte kein Wort verſtanden.— Mehrere Weg⸗ weiſungen von Ländereien, wo die Beſttztitel nicht gehörig befunden worden waren, ſollten gleichfalls ſtattgefunden haben. Amadee bat dringend, unſere Nachhauſekunft zu beſchleunigen; wir würden in der Niederlaſſung ſeltſame Veränderungen finden.“— „Dieſe wiederholten Aufforderungen hatten uns *) Landhaifiſche. — 0 395 6— unruhig gemacht; ungeduldig erwarteten wir die Zeit der Niederkunft unſerer Frauen.— Sie war kaum vorüber und unſere Damen wieder hergeſtellt, als wir, mit zwei Knaben bereichert, und bedeutenden Wechſeln, nach unſerer neuen Heimath hinaufſchifften. Amadee war benachrichtigt worden, uns Pferde an den Redriver entgegen zu ſenden. Da angekommen brachten wir die Frauen in den Wagen, den wir in Neworleans gekauft, und eilten, ſo viel es die von den Squatters angelegte Knittelſtraße geſtattete, un⸗ ſerer Pflanzung zu. Unſere Ungeduld, Nathan zu ſehen, war ſo groß, daß wir die Frauen nach Hauſe fahren ließen, und Amadee's und des ihn begleiten⸗ den Negers Pferde beſtiegen, um den zwölf Meilen langen Abſtecher zu Nathan zu machen.“ „Wir ritten, was die Pferde laufen konnten. Es war, als ob eine Ahnung uns ſagte, daß wir zu ſpät kämen. Eine tiefe, unheimliche Stille herrſchte in der Niederlaſſung,— wir trafen keine lebendige Seele in der erſten, zweiten, dritten Pflanzung, die Nathans war die vierte. Uns wurde nun wirklich bange; wir ſpornten die Pferde, und fanden uns endlich vor dem ſo wohl bekannten Blockhauſe.“— 26* —= 396— „James, der älteſte Sohn Nathans, kam uns ent⸗ gegen. Er war ungemein ernſt, ja düſter, als er uns die Hand ſchüttelte.“ „Wo iſt Freund Nathan?“ „Weit von hier bei dieſer Zeit, Oberſt.“ „Weit von hier bei dieſer Zeit? Seyd ſo gut, ihm zu ſagen, daß wir zurück ſind.“ „Das dürfte einem guten Gaule manchen harten Tagritt nehmen, ihm das zu ſagen, verſetzte der junge Squatter;— Vater iſt weggezogen.“ „Weggezogen! rief ich, wie meint Ihr dieß, Mister Strong?“ „Weggezogen mit Weib und Kind— Mutter und Schweſter Mary und Bruder Joſhua, und Neger und Vieh und Allem, und zwanzig Familien mehr. Seht ja, daß ein Wegziehen geweſen iſt, ſprach der junge Mann, auf den nackten Porch deutend.“— „Weggezogen! riefen wir, und ich verſichere Sie, mir wurde beinahe übel bei dieſer Nachricht. Weg⸗ gezogen, ohne ein Wort zu ſagen!“ „Das nicht, hat Aufträge hinterlaſſen, ſchriftlich und mündlich; und verſieht ſich, daß Ihr uns in Ausrichtung derſelben freundlich beiſtehen werdet.“ —= 397 6— „Weggezogen! rief ich abermals.“— „Weggezogen, wiederholte James. Calculirte, es wäre Zeit, zu gehen, als das Geſetz und der Sheriff ſich zu melden begannen.“ „Aber was hat Euer Vater mit dem Geſetze, dem Sheriff zu thun? Er hat doch keinen Mord, noch Diebſtahl begangen?“ „Ei, calculire, er hat nicht; aber iſt den Geſetz⸗ männern nicht um Mord oder Diebſtahl zu thun, iſt ihnen um das Land zu thun, und haben für unſer Land, wißt Ihr, keine Beſttztitel, keine Schenkungen, die wir vorzeigen könnten, und kam vor ſechs Wochen eine Schaar, die die Niederlaſſung von allen Seiten abmaß, und wieder maß, und zwei Wochen darauf ein Sheriff mit Amtsſtab, der das Land als Congreß⸗ land anſprach und uns ein Haus weiter wies, weil wir von der ſpaniſchen Regierung keinen Beſttztitel aufzuweiſen hätten.“ „Und Euer Vater ließ ſich wegweiſen?“ „Was konnten wir gegen das Geſetz? ſprach der junge Mann. Vater ſah, daß nichts helfe, als das Land zu kaufen, hat mir deßhalb Auftrag gegeben und ein Schreiben hinterlaſſen; ſcheint, es gefaͤllt — 398 6— einem der Regierungs⸗Commiſſäre, der die gute Ge⸗ legenheit gerne nützen möchte.“ „James zeigte mir das Schreiben, oder, beſſer zu ſagen, die Vollmacht, denn dieß war ſie.— Ich wurde darin mit Laſſalle ermächtigt, das von ihm in Beſitz gehabte Land für ſeine Familie und Freunde, nämlich James, Geoffroy, Jonathan, Mistreß Bar⸗ clay, die geweſene Miß Eliſabeth ꝛc., die es vorzo⸗ gen, in Louiſtana zu bleiben, zu erſteigern, und dazu die in meinen Händen befindlichen Gelder, beiläufig ſechs tauſend Piaſter, anzuwenden.— Sollten wir nicht im Stande ſeyn, das Land zu erſteigern, ſo er⸗ ſuchte er mich, die zurückgebliebenen Mobilien und Immobilien, worunter die beiden Cottonpreſſen, beſt⸗ möglich anzubringen. Gleiches erſuchte er für ſeine Freunde Nollins und Barclay, deren Kinder es gleichfalls vorzogen, in Louiſtana zu bleiben.“ „Aber ums Himmelswillen, warum ſchrieb mir Euer Vater nicht, warum wartete er nicht?— Mir wäre es möglich geweſen, in New⸗Orleans die Sache auszugleichen.“— „Kennt bei alle dem, Oberſt, den Vater nicht, meinte James kopfſchüttelnd, wenn Ihr der Notion —= 399 6— ſeyd, er würde das erſt kaufen, was er für ſein Ei⸗ genthum hält, und wofür er keinem Menſchen auf Erden ein gutes Wort geben würde; aber Geſetz iſt ein Andres.— Wollte nichts mehr mit Louiſtana zu thun haben; wollte ein Land ſuchen, wo kein Sheriff, kein Geſetz ihn ein Haus weiter weiſen kann.“— „Dann wird er lange ſuchen müſſen, in irgend einem erſt zu entdeckenden Welttheile ſuchen müſſen, verſetzte ich unmuthig; aber ich ſehe, Euer Vater zieht vor, es lieber mit ſpaniſchen Musketen, als mit dem amerikaniſchen Geſetze aufzunehmen.“ „Ci, wer wird es mit dem Geſetze aufnehmen, er⸗ wiederte der junge Mann.— Lieber mit fünf und achtzig ſpaniſchen Musketen, als dem Geſetze. Der Himmel verhüte.“— „Der junge Mann ſprach die Worte mit einer Art Scheu, die uns, die wir damals das Grauen der Amerikaner vor dem Geſetze noch nicht kannten, noth⸗ wendig auf den Gedanken hätte bringen müſſen, daß der alte Nathan mit dieſem Geſetze in ſeinem Lande zerfallen ſeyn müſſe, wenn wir vom Gegentheile nicht vollkommen durch den Umſtand überzeugt geweſen wären, daß er zu wiederholten Malen ſeine frühere —=d 400— Heimath nicht nur beſucht, ſondern auch in fortwäh⸗ render Verbindung mit ihr geſtanden.“ „Ei, ſprach der junge Mann, der unſere Gedan⸗ ken errathen mochte. Ei, war eine trübe Stunde, mögt es glauben, wie der Vater das Blockhaus zum Letztenmale ſo anſah, und Aſa's Gebeine heraus⸗ nahm, ohne die Muhme Barelay, die geweſene Mistreß Nolins, wißt Ihr, nicht gehen wollte.“ „Und ſie haben Aſa's Gebeine aus dem Blockhauſe mitgenommen 24 „Ei, ſo haben ſie.“ „Wir ſtanden ſchmerzerfüllt, halb ſchaudernd, Thränen entquollen unſern Augen.— Was mußte der eiſerne Mann nicht gefühlt haben, als er den⸗ ſelben Landsleuten weichen mußte, aus demſelben Lande weichen mußte, das für ſie zu erobern er alle ſeine Geiſteskräfte angeſtrengt— zehn Jahre hindurch angeſtrengt hatte!“ „Sehe, Ihr ſeyd der Mann, Oberſt, für den Euch Vater gehalten. Vielleicht kommt die Zeit— u „Wo wir ihn wiederſehen, nicht?— Sagt, jun⸗ ger Mann, er kommt zurück. Nicht wahr? riefen wir Beide zugleich. — 401— „Der junge Mann ſchüttelte den Kopf.“ „Wollte das nicht ſagen. Wollte ſagen, daß Vater ſich nicht in Euch getäuſcht hat, als er uns ſagte, daß Ihr ſeine Aufträge ausrichten würdet.“ „Das wollen wir, ſo gewiß, als wir Männer von Ehre ſind. Jetzt lebt wohl, morgen ſehen wir uns.“— „Wir ritten ab, unſerer Sinne kaum mächtig, ſo hatte uns der Schlag betäubt; denn Nathan war uns mehr als Freund, er war uns Wegweiſer, Führer, Bedürfniß geworden, uns ans Herz gewachſen, die ganze Niederlaſſung erinnerte an ihn, unſer Haus, Alles erinnerte an ihn, aus allen Ecken ſprach er. Nichts war ohne ſeinen Rath, ſeine Beſtimmung ge⸗ than worden. Als wir unſer Haus betraten, kamen uns die Frauen jammernd entgegen, ſte wußten jetzt gleichfalls den Verluſt, den wir, ſie erlitten.“— „Ich verſichere Sie, dieſer Abend, und noch viele nachher, gehörten unter die traurigſten, die wir in Louiſtana verlebten. Nathan fehlte uns, den Frauen, Amadee, den Dienern, Allen.— Immer ſich gleich, war er Allen Alles in Allem geworden, geblieben. Er war die Würze unſeres Hinterwäldler⸗Lebens ge⸗ —=⸗ 402 6— weſen, das durch ihn erſt ſeinen rechten Geſchmack erhalten hatte.“— „Am folgenden Morgen kamen Nathans zurück⸗ gebliebene Söhne mit ihren Freunden, um ſich in ihrer Eltern Namen über die uns anvertrauten Com⸗ miſſionen Rechenſchaft ablegen zu laſſen, und zugleich die Maßregeln wegen des zu erſteigernden Landes zu beſprechen. Wie James angedeutet hatte, ſo war es einer der Regierungsbeamten, durch die Nathan ſowohl, als einige der übrigen Glieder weggewarnt worden. Doch waren dieſe Landſharks, wie ſte ſo paſſend genannt werden, nicht mit allen Squatters gleich verfahren. Einigen, die ſich williger fanden, hatten ſte ihren Beiſtand zur Behauptung ihrer Pflan⸗ zungen angeboten, Andern wieder angetragen, ſie als Lehnsleute zu belaſſen, wieder Andere wegge⸗ warnt.— Doch Sie kennen ja die Kunſtgriffe, die ſich dieſe Gattung von Menſchen, die an Härte und Selbſtſucht oft den abgefeimteſten Seelenverkäufern nicht weichen— ſo gerne erlaubt.— Mit Nathan waren ſie gleich beim erſten Zuſammentreffen ſo hart an einander geſtoßen, daß ſie eilig die Niederlaſſung verließen. Die Folge war Wegwarnung— oder —; —“0 403— Wegweiſung. Sehr ſchlau hatten, wie wir ſpäter erfuhren, die Spekulanten in New⸗Orleans die Nie⸗ derlaſſung als bloß von einigen unruhigen Squatters uſurpirt vorgeſtellt.“ „Wir ſahen wohl ein, daß wir es mit eben ſo mächtigen als gewiſſenloſen Feinden zu thun haben würden, und ſchlugen daher einen amerikaniſchen Weg ein. Wir ſetzten ſogleich eine Petition in eng⸗ liſcher und franzöſiſcher Sprache auf, in der wir die Territorial⸗Regierung angingen, ſo bald als möglich zur Verſteigerung des von Nathan und ſeinen Freun⸗ den beurbarten Landes zu ſchreiten, und ſo ſeine tem⸗ porären Beſitzer, mehr denn achtzig achtbare Familien, aus dem Zweifel zu reißen. Wir beriefen uns auf die vielen Opfer, die dieſe Anſtedler gebracht, auf die Wege, die ſie angelegt, das Gute, das ſie dem Lande gethan, und machten es ſo der Regierung gewiſſer⸗ maßen zur Pflicht, Gerechtigkeit zu üben. Die Pe⸗ tition ließen wir mit ſo vielen Unterſchriften in den Attacapas und Opelouſas verſehen, als unſerem Einfluſſe nur möglich war. Es waren ihrer an die Tauſend.“— „Das Reſultat war günſtig. Die Regierung, die —= 404 6— vor Allem die öffentliche Meinung, und beſonders die Creolen und Franzoſen in dem neu erworbenen Ter⸗ ritorium zu ſchonen hatte, beſtimmte den Tag, an welchem die Verſteigerung ſtattfinden ſollte, die Land⸗ ſpekulanten, die ihre fein geſponnenen Netze, die Squatters zu fangen, entdeckt ſahen, wurden durch die ominöſen Symptome des allgemeinen Mißfallens eingeſchüchtert und erſchienen nicht, und unſere Freunde erſteigerten ihre Ländereien zu dem gewöhnlichen Con⸗ greß⸗Preiſe.“— „Sie beſitzen ſte großentheils bis auf dieſe Stunde, und gehören zu den rechtlichſten und reichſten Familien Louiſtang's.“— „Wir hatten noch immer gehofft, Nathan möchte, wenn er das Reſultat erfahren würde, mit ſeinen Freunden zurückkommen, allein unſere Hoffnung ging nicht in Erfüllung.“— „Jahre verliefen; oft dachten wir des rauhen und doch wieder ſo originell herzig trefflichen Reglähters, unter deſſen Schutz und Schirm wir in den Hinter⸗ wäldern flügge geworden. Der Strom der Zeiten und Begebenheiten, Familienverluſte, Sorgen, die uns die allmälig groß gewordene Pflanzung verur⸗ —= 405 6G— ſachte, ſtellten ſein Andenken nach und nach in den Hintergrund, verwiſcht wurde es nie.“— „Acht Jahre verliefen ſo nach dem Verſchwinden Nathans. Es war im Herbſte von 1811, jenem unglücklichen Herbſte, der mir das Theuerſte entriß, meine Eleanor.— Dieſer Verluſt, der dritte und größte, den mir Louiſtana gekoſtet, hatte meine phy⸗ ſiſche und moraliſche Kraft auf eine Weiſe gebrochen, die nur Derjenige begreiflich finden wird, der in den Sinterwäldern gelebt, und da ſeine letzte Reſſource ſich entriſſen ſieht. Das Leben hatte für mich allen Reiz verloren. Mit Widerwillen betrachtete ich ſelbſt die unſchuldig lächelnde Genievre, das letzte Pfand unſerer Liebe, das mich ein ſo großes Opfer gekoſtet. Lefebvre ſchlug, um mich dieſer Atonie zu entreißen, eine Excurſion in die weſtlichen Prairies vor. James, der nun Congreß⸗Mitglied geworden war, unter⸗ ſtützte, obwohl die Cotton⸗Ernte im Gange war, freudig den Vorſchlag. Einige Söhne angeſehener Nachbarn ſchloſſen ſich an, und als wir am Fort von Natchitoches hielten, bat auch der Commandant, uns mit mehreren ſeiner Leute begleiten zu dürfen.“ „Bald drangen wir in das ſpaniſche Gebiet ein.“— — — 406 6— „Wir waren zu einem ſolchen Zuge ſehr gut ge⸗ rüſtet, und da alle Vorkehrungen durch unſere Freunde dazu getroffen worden waren, ſo genoſſen wir das Vergnügen mehrerer Büffel⸗ und Pferdejagden, ohne jenen Entbehrungen, die dergleichen Excurſtonen in der Regel mit ſich führen, unterworfen zu ſeyn. Wir hatten uns gegen den Rio del Norte hingezogen, und befanden uns in der mexikaniſchen Provinz Texas, wohl an die fünf hundert Meilen von Hauſe. ¹ „Es war an einem Abende nach einer ſolchen Büffel⸗ jagd, daß wir an einen Hügel kamen, von dem herab wir eine herrliche Ausſicht auf einen bedeutenden Fluß hatten, der, ſich krümmend, eine große, wohl an die zehn Meilen lange und breite Halbinſel bildete. Wir ſtanden überraſcht über die außerordentliche Schön⸗ heit des herrlichen Landſtriches, dem wir ſelbſt in Louiſtana nichts Vergleichbares aufzuſtellen hatten. — Noch mehr aber wurden wir es, als wir zwiſchen den Gruppen der koloſſalen Bäume Wohnungen, Pflanzungen— kurz, eine förmliche Niederlaſſung— erblickten.— Ich riß das Fernrohr heraus, und hatte es noch nicht vor die Augen gebracht, als unſere in⸗ —= 407 6— dianiſchen Führer bereits Amerikaner! riefen.— Es war eine amerikaniſche Niederlaſſung.“ 1 „Sie mögen ſich leicht vorſtellen„daß wir nicht lange ſtehen blieben. Mit einem Ausrufe der Ueber⸗ raſchung eilten wir Alle, ſo ſchnell wir es vermoch⸗ ten, den Hügel hinab, drangen durch den Wald und kamen am Ufer an.— Einige Schüſſe machten die Bewohner der dem jenſeitigen Ufer nächſtgelegenen Pflanzung auf uns aufmerkſam. Ein Boot kam herüber mit zwei jungen Männern. Die Männer, mich zu erſehen, Oberſt! James! zu ſchreien, ans Ufer zu ſpringen, wir ihnen entgegen; das war Eines. — Es war Joſhua, der jüngſte Sohn Nathans.— In einer halben Stunde darauf ſchloſſen wir den alten Reglähter, unſern lieben, lieben, unvergeßlichen Na⸗ than in die Arme.— Er war wieder mit Nollins Reglähter, hatte wie⸗ der ein Blockhaus, das aber mehr Fort genannt wer⸗ den konnte, erbaut, und endlich hier vor allen Land⸗ ſpekulanten, Sheriffs und Landofficen Ruhe ge⸗ funden.“— „Und lebt da als Reglähter, Präſtdent, Gouver⸗ neur, kurz als Oberhaupt von nahe an tauſend An⸗ — 408— ſtedlern. Oeſtlich von ſeiner Niederlaſſung hat ein gewiſſer Oberſt Auſtin eine zweite Colonie gegründet, aber den eigentlichen Nerv des werdenden Staates bildet die ſeinige.“ M. Aber wen haben wir da? Der Graf erhebt ſich— wir Uebrigen bleiben ſitzen. Während die beiden jungen Franzoſen in enthuſtaſtiſches Lob des conte delicieux, des Squatter admirable, und ſo weiter ausbrechen, ſchauen wir einander an. Wohl! dieſe Squatter⸗Affaire hat bei all' ihrer Originalität ein Etwas, das einen omi⸗ nöſern Hintergrund hervorblicken läßt, als man beim erſten Anblick gewahr wird. Laſſalle und Hauterouge ſchienen derſelben Mei⸗ nung zu ſeyn; ſie ſchauen nach der Reihe den Grafen und dann mich an. „Und ſeine Pläne!“ fragte ich nach einer Pauſe. „Ah, ſeine Pläne!“ verſetzte Laſſalle;„ſeine Pläne! Er iſt wohl der Mann, es mit dem Schickſale aufzu⸗ à —= 409 6— nehmen, aber nicht ſeine Pläne laut werden zu laſſen. Die Zeit wird ſie enthüllen. Sie reifen jedoch, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf;— und werden Früchte bringen, welche aber?— das weiß der Himmel!« „Und glauben Sie, daß ihm in Teras gelingen wird, was ihm in Louiſtana durch das Zuvorkommen der Regierung vereitelt worden?“ „Gerade Texas iſt der Schauplatz für ſolche Un⸗ ternehmungen. Eine dünne Bevölkerung, im ganzen Lande kaum zehntauſend Seelen.“— „Und Sie glauben, daß er einen ſolchen Rieſenplan nährt?“ „Ich verſichere Sie, es iſt nicht mehr Rieſenplan, mehr als zur Haͤlfte iſt er bereits realiſtrt. Die Nie⸗ derlaſſung zählt über tauſend Köpfe, iſt ein förmlich eingerichteter kleiner Staat.“ „Sahen Sie ihn ſeit dieſer Zeit?“ „Zweimal, denn der Graf verlebte, mit Ausnahme eines Sommers, den er in Frankreich zubrachte, regel⸗ mäßig die heißen Monate bei ihm.— Er hat in der That eine außerordentliche Gewalt über Vignerolles, und iſt vorzüglich Urſache, daß er nicht mehr nach Frankreich zurückgekehrt.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 27 —= 410 G— Ich ſchüttelte den Kopf. „Auch Demoiſelle Genievre brachte, ehe ſte in die Erziehungsanſtalt nach Frankreich abging, mehrere Male die ungeſunde Jahreszeit da zu. Das Klima iſt, obwohl unter demſelben Breitengrade mit Neworleans, eines der gefündeſten, angenehmſten des Erdbodens.“— „Wie, Demoiſelle Genievre? Und der Graf wagte ſichmit ihr auf die rauhen Wege, und unter die In⸗ dianer? „Es führt eine ziemlich gute erage, wie Sie wiſſen, von Nacogdoches nach Antonio de Bexar; von da iſt es nicht viel mehr über hundert Meilen; der Weg geht über Prairies und einen prachtvollen Land⸗ ſtrich. Auch ſandte Nathan jedesmal eine Bedeckung nach Antonio de Bexar, und gewöhnlich ſchloß ſich ein oder der andere Offizier vom Fort an die Geſell⸗ ſchaft an.“— Seltſam! in der That ſeltſam dieſe Oreſtes⸗ und Pylades⸗Freundſchaft! Es geht jedoch Leuten, die lange in überraffinirter Geſellſchaft gelebt, gerade wie jenen Conſtitutionen, die durch überwürzte Speiſen verdorben, bloß in der natürlichen, einfachen Koſt Wiederherſtellung finden, und einmal an dieſe ge⸗ wöhnt, mit Ekel an den Hautgout ihrer vorigen Schwelgerei denken. Aber je länger ich über dieſe Squatter⸗Geſchichte nachdenke, deſto ominöſer erſcheint ſte mir. Ich habe von dieſer Affaire gehört, und ſie mag Grundlage zu etwas werden, das leicht der gan⸗ zen Union ein nur zu ſtarkes Herzklopfen verurſachen, ja das Gleichgewicht zwiſchen Süden und Norden zerſtören kann! Eine Feder mag jetzt das Züngelchen emporſchnellen. Ein Paar tauſend Squatters in dieſe menſchenarmen Gegenden geworfen, und der Strom der Auswanderung zieht ſich ſo pfeilſchnell hin!— in weniger denn zehn Jahren mag es da einen neuen Staat geben, und dann!— Doch der Graf ſcheint unruhig zu werden; heftig auf⸗ und abſchreitend eilt er zum Fenſter, reißt die Flügel auf, wirft die Jalouſien auseinander— den Kopf hinaus; ſeine Augen bohren ſuchend in die ſter⸗ nenhelle Nacht.— „Vignerolles! was thuſt Du? Du biſt erhitzt! die Nachtluft!“ ſchreien Laſſalle und Hauterouge— ſpringen auf. Er ſieht nicht, er hört nicht, die Freunde abwehrend, ſtiert er hinaus: nur mit Mühe gelingt es ihnen, ihn vom Fenſter wegzuziehen. Im Augen⸗ 27* —= 412 6— blicke, wo ſie dieſe zu ſchließen im Begriffe ſind, läßt ſich etwas, wie entferntes Pferdegetrampel, hören. Wir Alle horchen. Es ſind richtig Pferdehufe, die im raſchen Trotte ſich nähern. Der Graf horcht einen Au⸗ genblick, und läuft dann zur Klingel, die er heftig zieht. „Sie kommen, ſie kommen!“ ruft er wie außer ſich dem eintretenden Papa zu. „Gott ſey Dank!a gellt dieſer, und zerrt nun ſeiner⸗ ſeits an der Schnur, als ob das Feuer auf dem Dache brennte. Und Hausneger und Negerinnen ſtürzen her⸗ bei mit Fackeln, Lichtern und Laternen, und ihnen auf den Ferſen Louiſe und Genievre und Mama und Emilie.— „Ihr noch auf, Louiſe? Was treibt Ihr ſo lange auf? Das heißt doch wahrlich faſhionable Stunden halten!" „Nicht wahr, George! Und Du dachteſt mich im Bette?— u Aber ſie giebt ſich nicht Zeit, ihren Satz zu vollen⸗ den; den Arm um Genievre geſchlungen, tanzen Beide auf die Piazza hinaus. „Sie kommen! ſie kommen! ſie ſind bereits am Hof⸗ gitter!“ rufen ſte durch die Salonthüre herein. 4 — 413 6— „Sie kommen!“ fallen nun Alle im Chorus ein, und ſtürmen der Piazza zu, voran die Lichter und Fackeln.— Wer Teufel mag das wohl ſeyn?“ Das iſt doch ſeltſam, fürwahr ſeltſam Wer kann es ſeyn, dem zu Ehren man bis drei Uhr Morgens das ganze Haus wach erhält? Es ſcheint ein ziemlich zahlreicher Beſuch— zwei Damen, dem Geflatter der weißen Petticoats, oder was ſte ſind, nach zu ſchließen,— wenigſtens ein halbes Dutzend Männer! „Das iſt Papa!“ ruft Miß Warren—„Papa will⸗ kommen, Papa!“ ruft die Miß recht kindlich froh. „Papa! haben Sie auch meinen zweiten Papa ge⸗ funden, Miß Emilie?“ Die Miß ſieht mich an.—„Es iſt Papa,“ bedeu⸗ tet ſie mir ganz ernſt. Ich ſehe, ſchaue. Die Züge ſind mir bekannt.— Wer kann dieſe ſteifen Züge je vergeſſen, wenn er ſte einmal geſehen hat?— Es iſt wahrhaftig Mister Warren. „Aber wie kommt es, daß Mister Warren uns ſo plötzlich, ſo unverhofft das Vergnügen?“— Es iſt jedoch nicht Zeit, zu fragen; eine Ueber⸗ —=b 414— raſchung folgt der andern auf den Ferſen. Kaum hat Emilie Papa gerufen, ſo ſchreit, kreiſcht beinahe, wie außer ſich, Genievre:„Papa!“ fliegt die Stufen der Piazza hinab, gerade unter die Pferde hinein, auf einen der abgeſtiegenen Reiter zu, und ihm um den Hals. Ihr eilt der Graf gleich haſtig nach, läuft, rennt— beinahe ungräflich. Die Tochter hängt dem Manne auf der rechten Seite des Halſes, der Vater auf der linken.— Er bückt ſich, um ſich erreichen zu laſſen; Beide— herzen, küſſen die groteske Rieſengeſtalt.— „Wer iſt er, dem ein, wenigſtens einerſeits, ſo be⸗ neidenswerther Empfang zu Theil wird?“ „Wer iſt er, Louiſe? Papa?" Doch weder Louiſe, noch Papa haben Zeit zu ant⸗ worten. Kaum ſehen ſie den Grafen der antideluviani⸗ ſchen Rieſengeſtalt ſein franzöſiſches Embraſſement darbringen, ſo eilen auch ſie darauf los, ihre Honneurs gleichfalls darzubringen, ſtrecken jedoch zuerſt Mister Warren und der Dame zum Willkommen die Hände dar.— „Das Seltſamſte, was ich je geſehen! Spielen wir denn eine Comödie?“— „Wer iſt der Mann, Louiſe?⸗ —= 415 6— „Haſt Du denn nicht gehört?“ „Was, wer iſt er?“ „Gleich, lieber George, will nur ſehen.“— „Howard, lieber Schwager! bin zurück von meiner Nacht⸗Excurſion, die ich aber um Vieles in der Welt nicht verſäumt hätte.— Hört! der Mann hat mehr reelles Blut im kleinen Finger, als ein Pferd ſchwem⸗ men könnte. Aber wo iſt Mistreß Doughby?⸗ „Aber wer iſt er?« „Aber ich ſehe Julien nicht.“ nund fort eilt der Tollkopf, Julien zu ſuchen. Wird ſie finden— im Bette; die ließe ſich aus ihrer beliebten Ruhe nicht aufſtören, wenn Boni ſelbſt käme. Aber es ſcheint wirklich, als ob eine Espece Bonaparte unſe erem Hauſe die Ehre ſeines Beſuches anthue. Alles iſt ſo confus. Ein Rennen, Laufen und Ehrfurchtsbezeugen vor dem Nimrod; ſelbſt die beiden jungen Franzoſen ſtehen und verneigen und verbeugen ſich, als ob hinter ihnen ein Männchen ſtände, das ſie am Draht zöge. „Aber Papa, ſagen Sie mir doch, wer iſt der Mann?“ „Ah, ein Mann, der alle Achtung verdient— ein gewaltiger Mann!“ „Aber wer iſt er? „Gleich, lieber Howard, muß nur ſehen. 4 „Wohl, hat je Einer ſo etwas geſehen?“ „Da kommt endlich Einer, der mir Rede ſtehen wird. Wo biſt Du geweſen, Richards? Sage mir doch ums Himmelswillen, wer iſt das Lederwamms im Linſey⸗ woolſey⸗Rocke, dem man Ehren erzeigt, als ob?“— „Er ſoll ein Regulator aus Texas ſeyn.“ „Ein Regulator aus Texas.— Doch nicht Nathan?“ „Ein Mister Strong, der gewaltige Dinge in Texas vollbracht.— Doughby ging, um ihn herab zu beglei⸗ ten. Er hat ſich, ſo viel ich weiß, mit dem Grafen das Rendezvous auf morgenden Sonntag zur Wahl der Elections⸗Männer in Alexandria gegeben, und will bei dieſer Gelegenheit auch die Seinigen in Louiſtana beſuchen. Soll ein gewaltiger Mann ſeyn, ein alter Buſenfreund des Grafen.“— Das iſt er auf alle Fälle, ein Freund, treu, wie ein treues Schwert. Das alſo der alte Nathan! Aha! darum alſo die lange Squatter⸗Erzählung, ſtatt der von Ducalle, die bei der Anweſenheit der Tochter auf keinen Fall hieher gepaßt hätte. Alſo Nathan hier! dieſe in den Squatter⸗Annalen Epoche machende Per⸗ —= 417 6— ſon! Das iſt ja ein förmlicher Roman! Aber der Mann iſt wichtig, und hat zu etwas den Grund gelegt, das—. Doch wollen den Squatter⸗Helden näher beſchauen. Er iſts auf alle Fälle werth. Eine Ehrfurcht gebietende Geſtalt, an der wenigſtens achtzig Jahre vorüber ge⸗ gangen ſind, wahre Rieſentrümmer; die Züge ſtark hervortretend, maſſiv, antik, beinahe grandios; die Stirne, Wangen wie mit Eiſenroſt und Moos über⸗ zogen, aber nicht abgelebt, nicht widerlich, im Gegen⸗ theile, man ſieht mit einer Art Ehrfurcht in dieſes be⸗ mooste, wie roſtige Antlitz, und die grauen Augen, deren feſter Blick noch zahlloſen Squatter⸗Fährlich⸗ keiten ruhig die Stirne bieten zu können verſpricht. Ein herrliches Exemplar eines Squatter⸗Häuptlings. Und ein herrlicheres Bild, wie er jetzt, den Grafen auf der einen Seite, die Tochter auf der andern, den Stufen der Piazza zugeht. Es iſt etwas ungemein Liebliches in dem Contraſte, den die drei darbieten, der Delicateſſe, mit welcher der Graf und ſeine Toch⸗ ter an ihrem alten Freunde hängen! Alle weichen beinahe ehrfurchtsvoll zurück, um dem Kleeblatte Platz zu machen. Und wie ſie nun in den Salon einziehen, ſpringt Louiſe vor, und häuft auf dem —= 418 6— Sopha die Kiſſen fͤr ihn zuſammen, ihm ja den Sitz recht weich zu machen, und Genievre und der Graf laſſen ihn ſo ſorgſam nieder! Wäre er ein Urgroßvater, die Zärtlichkeit könnte nicht größer ſeyn.—„Und nun geſchwind eine kleine Erfriſchung vor dem Schlafen⸗ gehen. Thee, oder vielmehr ein Glas Madeira, iſt Cuer Schlaftrunk? nicht wahr Papa?“ lächelt Genievre.— „Ihr ſeht, ich habe nicht vergeſſen. Es iſt ſchön, daß Ihr unſer auch nicht vergeſſen habt." „Weiß es, mein lieber Engel!“ erwiederte er.„Habe nicht vergeſſen, wie Du ſiehſt. Mußte doch kommen, obwohl zu Hauſe meine Gegenwart auch nicht über⸗ flüſſig wäre; aber calculirte, wenn ich noch vor meinem Abzuge dahin, wo wir Alle hin müſſen, um nicht wie⸗ derzukehren, Euch und die Meinigen, die zurückgeblieben ſind, und Euer Treiben und Eure Wirthſchaft ſehen wollte, wäre es hohe Zeit. Wollte mein Land und die Meinigen, und die mir Theuren noch einmal in ihrem eigenen Hauſe ſehen. Und calculirte, daß ich nicht mehr ſäumen dürfte, denn, ſagt unſer Sprichwort: Junge Leute können ſterben, alte müſſen.“ „Das wird hoffentlich noch weit hinaus ſeyn, lie⸗ ber, theurer Nathan,“ beruhigt ihn der Graf. — —=0 419— „Habe die Notion, iſt immer gut, ſich darauf ge⸗ faßt zu machen, in meinen Jahren, lieber Oberſt, wenn man ſo die Achtzig auf den Schultern hat. Bin aber gefaßt, habe meine Schuldigkeit gethan, ſo gut ich es vermochte, calculire ich, obwohl auf meine Weiſe. Und i*ſt ja das Alles, was man thun kann. Sagt ja die Schrift ſelbſt, daß Einige berufen ſind zu Apoſteln, Andere zu Evangeliſten, wieder Andere zu andern Dingen. Hat mich der Herr zum Squatter berufen, und habe als ſolcher gethan, was ich konnte, mir und meinen Mitmenſchen und der künftigen Generation zum Beſten.“— „Das habt Ihr, theurer Freund,“ fallen der Graf und Alle einſtimmig ein.„Das habt Ihr. Viel habt Ihr gethan in Eurer Art und Weiſe.— Doch der alte Nathan erhebt ſich jetzt vom Sopha, und ſtößt an mit dem Grafen, und dann mit Laſſalle und Hauterouge, und uns Allen. Wir trinken ſchweigend. Die wenigen Worte zei⸗ gen bereits den Charakter des Mannes. Ein wahrer Sterling⸗Charakter, noch aus der alten Zeit, nicht durch das Geldmäͤckeln, Wuchern der heutigen T age verdor⸗ ben. Es iſt etwas Patriarchaliſches in ſeinem ganzen —= 420 6— Weſen. So müſſen die alten Patriarchen gedacht, geſprochen, gehandelt haben, mit dieſer Kraft, Na⸗ türlichkeit und Gott vertrauendem Sinne. Er verläßt nun das Sopha, um ſich zu Ruhe zu begeben. Ruhe ſanft, alter Mann, der Du der Stürme in Deinem Leben ſo manche erfahren, dem der Unge⸗ witter ſo manche um den Scheitel geſaust ſeyn mö⸗ gen!— Ruhe ſanft! der Du aus dem Schlamme des Squatter⸗Lebens, in dem ſo viele Tauſende erſtickt, Dich emporgearbeitet, und Deinen Nächſten und den künftigen Generationen Grundſtein zur beſſeren Erxi⸗ ſtenz wurdeſt, den göttlichen Funken bewahrteſt, und Deine humble Sphäre zu veredeln gewußt haſt. Ruhe ſanft! Wir kehren noch auf einige Augenblicke zurück, um auch mit den übrigen Gäſten ein Paar Worte zu wech⸗ ſeln. Es ſind noch zwei Enkel Nathans mitgekommen. Herrliche junge Männer. Der Graf nimmt ſeinerſeits Mistreß und Mister Warren in Anſpruch, bittet um Entſchuldigung, daß er ſeine Zeit ausſchließlich zuerſt dem alten Nathan gewidmet.„Iſt keine Entſchuldi⸗ gung vonnöthen, Count de Vignerolles,“ verſetzt Mister Warren.„Ein ſolcher Willkommen ehrt den —= 121 6— willkommen Geheißenen und Heißenden gleich ſehr.“ Und jetzt nehmen auch wir Abſchied, wünſchen uns allſeitig gute Nacht. Gerührt, wirklich gerührt ſchlei⸗ chen, trippeln Alle ihren Schlafgemächern zu. Als ich aber mit Louiſen in meine Nußſchaale ge⸗ ſchlüpft war, hatte der leichte franzöſiſche Sinn mein liebes Weibchen doch ſchon wieder erfaßt, und ſchlaf⸗ trunken, wie ſie ſich fühlt, trippelt ſie ſo ſeelenvergnügt aus einem Kabinette in das andere.„Alles iſt herr⸗ lich gegangen, Alles hat ſich ſo ſchön gefügt!“ „Aber wie kommt es, daß Mister Warren und Mistreß Warren uns ſo plötzlich mit ihrem Beſuche beehren? u „Ahl“ lacht Louiſe.—„Ah, das iſt, oder ſoll noch Geheimniß ſeyn, tiefes Geheimniß; Papa thut ſo myſteriös, aber halb und halb haben wir es doch ſchon heraus gebracht.“ „Ich glaube, das herauszubringen, braucht es eben kein gerade ſehr ſtarkes Kopfbrechen, liebe Louiſe.— Eine Matrimonial⸗Affaire iſt das Ganze.— Doch ich bin wirklich ſchläfrig.“ Louiſe aber iſt es nicht. Sie wäre noch eine halbe Stunde zum Plaudern aufgelegt; aber jetzt ſchlüpft — 0 422— ſte in ihr Neſtchen, und ein Kuß ſchließt ihr den Mund, und— „Bin recht begierig auf morgen,“ murmelt ſie nun total ſchlaftrunken.—„Gute Nacht!“ XII. B Die beiden Freunde. Und wie ich am ſpäten Morgen die Augen reibe, finde ich Louiſens Neſtchen leer, und ſie über alle Berge. Ich werfe mich in den Schlafrock, und die Ereigniſſe des frühen Morgens treten wieder vor den beſchauenden Blick. Seltſam und wieder ſeltſam!— Nathan und Vignerolles und Emilie!— Dieſe Letztere will mir nicht aus dem Kopfe. Offenbar hat ſich das einfältige Mäd⸗ chen— denn das iſt ſte bei all ihrer Superklugheit⸗— durch das illuſtre Wappenſchild und die drei hundert Neger blenden laſſen. Der Knoten muß aber ſchon längere Zeit im Knüpfen begriffen ſeyn, und mehr als eine Hand hat damit zu thun gehabt. Wohll ſie will es, und das mit offenen Augen, und folglich hat Nie⸗ — 423 6— mand etwas darein zu reden. Zum Glück iſt er ein Ehrenmann,— ein ſehr großes, unabhängiges Ver⸗ mögen, bloß eine einzige Tochter. Aber ſechzig, oder wenigſtens neun und fünfzig und ein halbes, und achtzehn,— der Abſtand iſt zu groß! Und während dieſe Gedanken in meinen Gehirnkam⸗ mern eirkuliren, ſchlüpft Louiſe im Peignoir herein, ihr Geſicht ein wahres Bülletin von wichtigen Tagesneuig⸗ keiten, ihr auf der Ferſe das Kammerzöfchen.— „O Du Siebenſchläfer! Das ganze Haus iſt im Salon, im Garten und Park. Und nur Du— 4 „Im Schlafrocke. Und das werden die Andern auch noch ſeyn.“ „Nichts dergleichen, Alle ſind bereits in Galla,— der Papa, die Mama, der Graf. Wir müſſen eilen mit unſerer Toilette.“ „Was, in Galla? der Papa, die Mama?a „Alles gratulirt, hat bereits gratulirt; die Sache iſt abgethan.“ „Was iſt abgethan?“ „Mein Gott, was iſt abgethan!“ ruft ſte ungedul⸗ dig.„Der Graf hat feierlich um Miß Emilie Warren angehalten, und ſein Antrag iſt nicht nur ange⸗ — ꝗMop-— 4 —= 424 6— nommen— Nachmittags ſoll bereits die Einſegnung vor ſich gehen. Es iſt hinauf zum Pore Hilaire, und hinab zum Squire Turnip geſandt worden.“ „Das geht doch wirklich ein Bischen raſch, ich möchte ſagen, zu jugendlich ungeduldig raſch. Dieſe Sehnſucht! Man ſollte beinahe glauben— er will eilen, damit er nicht übereilt wird.“ „Aber die Angelegenheit iſt ſchon lange im Zuge, ſeit länger als einem halben Jahre im Zuge.“ „Was, ſeit länger als einem halben Jahre im Zuge? Nach Deinen Worten wäre alſo Emilie mit dem Gra⸗ fen und Doughby zu gleicher Zeit in Verhältniſſen geſtanden?“ „Ganz und gar nicht. Sie ſtand nie mit Doughby in Verhältniſſen.— Alles rührte bloß von Mistreß Houſton her, die damals ganz für Doughby geſtimmt war, und Emilien zwang, ſeine Bewerbungen zuzu⸗ laſſen. Sie war nie für Doughby, war feſt entſchloſſen, ſo wie ſte nur aus dem Bereiche der Tante käme, ſich gegen ihn unumwunden auszuſprechen.“ „Das iſt ja wieder eine ſo verwickelte Geſchichte, daß man abſolut nicht klug werden kann. Aber er⸗ laube mir nur, zu bemerken, theure Geheimraͤthin! —= 425 6— daß Emilie in dieſem Falle ein wenig weit gegangen. Sie hat Präſente von Doughby angenommen.“ „Weil ſie mußte, weil Mistreß Houſton für Mister Warren eine bedeutende Bürgſchaft in Neworleans übernommen. Höre nur, der Graf hatte ihre Be⸗ kanntſchaft in der Hauptſtadt auf dem Balle der Tante M-y gemacht, auf den ſie gleichfalls geladen war. Die alte Baroneſſe bemerkte ſchon damals, daß ſie auf ihn Eindruck gemacht, und wir, Julie und ich, ſpürten gleichfalls etwas dergleichen, und zogen ihn damit auf. Der Graf ſchien die Sache ernſthaft zu nehmen, und ſo viel wir entnehmen konnten, wurde eine kleine ehrbare Intrigue enſtlirt, und damit der Anfang gemacht, daß die Baroneſſe Emilien einen merkbaren Wink über die Eroberung, die ſie gemacht, gab, bei welcher Gelegenheit ſie natürlich die Eigen⸗ ſchaften unſeres lieben Papa Vignerolles recht ecla⸗ tant hervorhob. Weiter aber, als daß Tante My Emilien den Proſpekt eröffnet, Gräfin von Vignerolles und eine der reichſten und geachtetſten Damen des Landes zu werden, weiter geſchah damals gar nichts.“ „Aber das war, ſollte ich glauben, genug, einer ſuperklugen, halb erfrornen Yankeein, die für Dollars Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. V. 28 —= 426 6— ihr beſtes Herzblut verſilbern würde, den Kopf zu verdrehen.“ „Ganz und gar nicht. Wohl mag es ſie in ihrem Entſchluſſe, Doughby bei erſter Gelegenheit den Lauf⸗ paß zu geben, beſtärkt haben; aber dieſes wurde von dem Grafen ganz und gar nicht beabſichtigt.“ „Ganz und gar nicht beabſichtigt! warum denn alſo die Inſtnuation?“ „Mein Gott! warum denn alſo die Inſtnuation! Warum? weil der Graf, Du weißt, Du kennſt ſeine Delikateſſe, ſeinen Zartſinn.“ „Ja, Zartſtnn! der Henker hole dieſen Zartſinn, Delikateſſe und Fineſſe! darin iſt er Meiſter. Welcher Cidevant wäre es nicht?“ „So höre doch nur,“ unterbricht mich Louiſe un⸗ geduldiger.„Der Graf, der etwas von einer Liaiſon zwiſchen Doughby und Emilie erfahren, und daß dieſe Liaiſon vorzüglich durch Mistreß Houſton her⸗ beigeführt worden, benahm ſich gewiß auf die deli⸗ kateſte Weiſe. Er wollte ſich, trotz allem Zureden der Baroneſſe, Emilien um keinen Preis weiter nähern, obwohl die Baroneſſe M-y aus dem Benehmen Emiliens ſehr wohl abſah, daß ihr die Partie mit — 427— dem Grafen gar nicht gleichgültig wäre. Aber mit ſeiner gewohnten Delikateſſe äußerte er ſich; er fühle nur zu wohl, daß mit ſeinen fünf und fünfzig Jahren— 4 „Neun und fünfzig und ein halbes, mit Erlaub⸗ niß, Madame,“ verbeſſerte ich. „Unterbrich mich nicht mit Deinen neun und fünf⸗ zig und einem halben.— Alſo mit ſeinen neun und fünfzig Jahren in die Schranken mit Doughby zu treten, fühle er wohl, müßte ein Ridicule auf ihn werfen, ſagte er. Er müſſe alſo Baroneſſe M— y dringend erſuchen, keine weiteren Schritte weder bei Mistreß Houſton, nach Mister Warren oder Emilien zu thun. Er weigerte ſich abſolut und ſtandhaft, ihre Freiheit durch ſein Vortreten auch nur im Min⸗ deſten zu beſchränken. Ja, er that mehr, er erklärte, er ſähe es lieber, ſie würde ſelbſt in ihrem Entſchluſſe, Doughby die Hand zu geben, beſtärkt.— Das war ſeine Aeußerung.“ „Seltſame, unerhörte Großmuth!“ rief ich.— „Leben wir denn noch immer im Jahr ein tauſend acht hundert und acht und zwanzig, oder!— beinahe ſollte ich glauben, wir haben einen Rückſprung in 28* —“= 428 6— das Säculum des Königs Arthur und ſeiner Tafel⸗ runde gethan.“ „Ah, er iſt wirklich in jeder Hinſicht ein edler Mann, eine Perle, George. Du weißt aber viel⸗ leicht nicht, daß, zwei Wochen nach der Abreiſe der beiden Warren und Doughbys, er gleichfalls hinauf in den Norden ging, um das Waſſer von Saratoga zu trinken. Natürlich war er der feſten Meinung, die Hochzeit ſey bereits vorüber. Als er aber in Sa⸗ ratoga ankam, erfuhr er die Wendung, welche die Dinge genommen, von Emilien ſelbſt, die er wäh⸗ rend ſeines Aufenthaltes zum Gegenſtande des Nei⸗ des aller Nordländerinnen machte. Seine Equipagen ſtanden ihr zu Dienſten.— Du weißt, ſeine Ein⸗ künfte belaufen ſich nahe an hundert tauſend Dollars.“ „Ja, die Equipagen.— Das iſt die Hauptſache.“— „Das Benehmen Emiliens ließ ihm wohl nichts zu wünſchen übrig, und jetzt erſt erlaubte er ſich Schritte bei den Eltern. Höre nur weiter und urtheile, mit welcher Delikateſſe. u „Er erklärte den Warrens offen ſeine Abſichten auf ihre Tochter, ſagte ihnen, daß das ruhige, würde⸗ volle und ſo fein geſchliffene Betragen Emiliens ihm — 429— Bürgſchaft für eine glückliche Ehe, und ein Verhält⸗ niß ſey, wie er es gerade wünſche, und daß er ſo zu dem Entſchluß gekommen, ihr ſeine Hand anzutra⸗ gen; jedoch halte er es ebenſo für nothwendig, allen Täuſchungen nach Kräften den möglichen Spielraum zu verſagen, und Miß Emilien ganz freie Wahl und hinlängliche Zeit zur Ueberlegung zu laſſen.— Sie würden, ſagte er, ſeine Abſicht nicht verkennen, wenn er Ihnen einen etwas eigenen Weg vorſchlage, den er aber Emilien, ſeinem Alter und ſich ſelbſt ſchuldig ſey. Er habe deßhalb nicht bei der Tochter, ſondern vielmehr bei Ihnen, den Eltern, angefragt, theils um die Freiheit Miß Emiliens vollkommen ſicher zu ſtellen, theils um ſich nicht dem Ridicule eines Korbes Preis zu geben.“ „Wohl, liebe Louiſe, willſt Du ſo gut ſeyn, dieſen preciöſen eigenen Weg weiter zu verfolgen, oder we⸗ nigſtens anzudeuten, damit wir endlich zum Ausweg aus dieſem überdelikaten diplomatiſchen Matrimonial⸗ Labyrinthe kommen?“ Louiſe ſchüttelt ungeduldig das Köpfchen.—„Er bat die Warrens, Emilien von ſeinen achtungsvoll ergebenen Geſtnnungen und Abſichten zu unterrichten, — d 430 6— und ihm ihren Entſchluß, nicht ſchriftlich, nicht münd⸗ lich, ſondern thätlich, kund zu thun. Es würden nämlich, durch Vermittlung einer der erſten Damen von Neworleans, Schritte bei Mistreß Houſton ge⸗ than werden, um ſie zu vermögen, Miß Emilien ſo⸗ gleich in ihr Haus zurück zu laden. Die Annahme dieſer Einladung würde er für gleichlautend mit der Annahme ſeines Antrages betrachten. Dann erſt würde er förmlich um die Hand Emiliens anhalten, und Sie, die Eltern, um ſo mehr bitten, ihre Hände in einander zu legen, und zu dem Endzwecke herab nach Louiſtana zu kommen, als, ſo viel er gehört habe, die Angelegenheiten Mister Warrens ohnedem ſeine Gegenwartin Louiſtana erheiſchten, und dieſe durch ſeine Vermittlung am ſchnellſten abgethan würden.*— „Die Eltern nahmen dieſen Vorſchlag an, und Emilie wurde vierzehn Tage darauf von Tante Houſton in den zärtlichſten Ausdrücken gebeten, wieder ihr Haus durch ihre Gegenwart zu beglücken. Sie kam natürlich, Mistreß Houſton hatte unterdeſſen von Baroneſſe M⸗y einen Wink erhalten, und ſo arran⸗ girte ſich das Ganze ohne Zwang, und vor einer halben Stunde— — 0 431 6— „Ging der Graf als Gewinner aus dem Spiele davon, das wäre alſo das Ergebniß.— Gar nicht übel, obwohl zu viel Diplomatik dabei im Spiel war; für glücklich werden ſollende Ehen aber, liebe Louiſe, ſind dieſe diplomatiſchen Kunſtgriffe ſelten gute Vorläufer.— Wollen unterdeſſen das Beſte hoffen.“ „Aber was willſt Du George? Freilich iſt er ſech⸗ zig Jahre, oder wollte ich ſagen, neun und fünfzig, aber noch immer ein ſchöner Mann, und ſein Rang, ſein Vermögen.“— „Alles recht! für Emilien mag dieſes wohl dünn, aber glaube mir“— „Was? was ſinnſt Du?“ „Ahl nun kann ich mir ſo Manches erklären, was mir damals unerklärbar war.— Die myſteriöſe An⸗ ſpielung Papa's, als ich das erſte Mal mit Euch herauf kam, den Tag nach unſerer Bekanntſchaft.“ „Welche Anſpielung?“ „Auf meine fünfzehn hundert Meilen lange Irr⸗ fahrt, um die ſchöne Miß Emilie Warren zu ſehen, und zu ſpät zu kommen; und den haut ton der Haupt⸗ ſtadt, der ihm in den Ohren geſummt. Wohl, ich — e 432 e— bin es zufrieden. Beneide ihn nicht. Bin mit dem zufrieden, was ich habe, und gäbe es nicht für zehn Emilien. Nicht wahr Louiſe?“ „Gäbeſt Du es nicht?— Und doch ſcheint Dich etwas zu piquiren.“ „Ganz und gar nicht.— Gratulire der Miß, daß ſie glücklich unter die Haube kommt, und zwar unter eine reiche Haube, denn das war doch für ſie die Hauptſache.“— „Aber koſtete doch einige Mühe, und viele Köpfe mußten in Bewegung geſetzt werden— ſelbſt Papa.“ „Auch der?“ „Mußte er nicht?— Beinahe hätte ſte ihm, Du weißt ja, als Doughby uns den furchtbaren Streich ſpielte.— Charles war, ich kann ſelbſt nicht be⸗ greifen— „Ganz in Feuer und Flammen;— gefangen.“— „Ja, es kam Papa ſehr ungelegen— denn die Liaiſon mit Adelaiden war zwiſchen Madame Lacalle und Papa ſo viel als beſchloſſen. Er war damals ſehr böſe.“ „ und wahrſcheinlich wußte Charles ſo wenig, wie Julie, die den Bearmill, wie Doughby ihn nennt, — 433 6— zu beglücken beſtimmt war, daß er Miß Lacalle ins Brautgemach führen ſollte.“ „Im Gegentheile, ſie liebten ſich von Kindesbeinen an, nur war ſie ihm ſeit den letzten fünf Jahren aus den Augen gerückt, weil ſte mit Genievre in der Abtei in Paris war, wo ſie ihre Erziehung erhielt. Die Verlobung ſoll heute gleichfalls ſtattfinden, die Ein⸗ ſegnung zu Weihnachten.“ „Das geht ja wahrhaftig Schlag auf Schlag.“ „Das iſt noch nicht Alles. Ahneſt Du nicht? auch Genievre.) „Genievre?“ „Auch mit ihr iſts richtig. Darum kam D'Ermon⸗ valle herüber. Sie erhält die Beſitzungen des Gra⸗ fen in Frankreich, den Antheil, der ihm von der Milliarde zugefallen, und eine bedeutende Summe, um die Familiengüter wieder herzuſtellen. Dagegen behält ſich der Graf das, was er in Louiſiana erwor⸗ ben, zur freien Diſpoſition vor. Es iſt bedeutend, denn er hat über drei hundert Neger, und Emilie kann ſich glücklich ſchätzen.“ „Wohl, dieſe Eintheilung und Vertheilung ſeiner Glücksgüter zeigt auf alle Fälle einen höchſt klugen, —= 434 6— billigen und achtungswerthen Charakter. Ich glaube jetzt ſelbſt, Emilie wird mit ihm glücklich ſeyn.— Er iſt wirklich ein Ehrenmann, das beweist auch ſeine unwandelbare, jede morgue aristocratique. ſo ganz verläugnende Freundſchaft für Nathan. u „Ah, Nathan! weißt Du aber, daß dieſer Nathan auch ein gewaltig reicher, großer Mann iſt, für den auch ein Graf Freundſchaft haben kann, ohne ſich etwas zu vergeben?“ „Gewaltig reicher, großer Mann, der Squatter⸗ Regulator?“. „Er iſt nicht Squatter mehr. Er iſt jetzt Beſitzer eines Landſtriches von mehreren hundert tauſend Ackern, eines Landſtriches, größer, als irgend eine Paroiſſe*) in Louiſtana.“ „Beſitzer aus eigener Machtvollkommenheit, ſo lange ihn die Mexikaner nicht weiter treiben.“ „Nein, er hat für ſein Land, das mehrere zwanzig Stunden lang und breit iſt, von der mexikaniſchen Regierung eine Schenkung erhalten.“— „Das wärel und wie hat er dieſes Wunder bewirkt?« *) So werden die alten Counties oder Grafſchaften in Loui⸗ ſiana genannt. —= 435 6— „Erinnerſt Du Dich des jungen Mexikaners, der, als Du mit uns heraufkamſt, in unſerem Hauſe ſo zurückgezogen lebte?— Er war einer der mexikani⸗ ſchen Generale, der in der vorletzten Revolution zu flüchten gezwungen wurde.— Es gelang ihm, bis nach Texas zu entkommen, wo ihn aber ſeine Ver⸗ folger einholten, und er ohne die Dazwiſchenkunft Nathans und der Seinigen ermordet worden wäre. Nathan trieb die Verfolger ab, und behielt den Ge⸗ neral und ſeine Frau mehrere Wochen lang bei ſich; dann ſandte er ihn zum Grafen, der ihn wieder Papa vermachte, weil von hier die Verbindung mit Mexiko leichter iſt. Gerade an unſerem Trauungstage kam die Nachricht, daß eine neue Revolution ſeine Partei wieder an die Spitze gerufen, und denſelben Tag ging er über die Grenze. Einige der Söhne und Enkel Nathans begleiteten ihn bis tief ins mexikaniſche Ge⸗ biet, und zum Danke erhielt Nathan vor einigen Wochen die Schenkung.“— Und während mein liebes Weibchen referirt, wird ſie ſo ungeduldig unter den Händen der Zofe; ſie zuckt und windet und dreht ſich; aber ſo wichtig die —“= 436 6— Toilette iſt, die Relation iſt es mehr,— Alles muß zuerſt heraus, ehe dieſe ihren Theil bekommt.— „Holla Howard!“ ruft es vor der Thüre.„Noch nicht ſegelfertig?— „Das iſt der tolle Doughby.“ „Alles iſt in Jubel und Glorie, lieber Schwager. Bräute und Bräutigame in Hülle und Fülle. Der alte Turnip iſt heraufbeſtellt.— Doch kommt! Alle fragen, wo Ihr ſteckt.“ „Wir kommen, wir kommen, lieber Doughby, nur einen Augenblick Geduld.“ Endlich iſt die letzte Nadel angeſteckt, und wir zie⸗ hen aus, die Herrlichkeiten zu ſehen. Der Erſte, der uns in den Weg kommt, iſt Amadee, in der aller⸗ größten Galla, einen enormen Blumenſtrauß am Buſen. Dann rennt Papa an uns an:„Wo ſeyd Ihr Kinder? geſchwind, das Frühſtück wird gleich aufgetragen.“ Dann ſtürmt Hauterouge an uns vorbei.„Ah, theure Louiſey! liebſter Howard! Kom⸗ men Sie doch.“ Und ein Dutzend mehr ſchwirren an uns vorbei, und dem Garten zu. — 5 437— Und im Garten flimmert und rauſcht es in lauter hochzeitlichen Kleidern. Genievre und D'Ermonvalle, und Charles und Adelaide, und der Graf und Emilie, und wir hinter ihnen, und rund um ſte eine ſo lieb⸗ liche bewegliche Flora! Wie ſie ſich jetzt der Piazza zu bewegt, von der die Glocke das Zeichen zum Früh⸗ ſtücke gibt, konnte ich mich nicht enthalten, einen Au⸗ genblick ſtille zu ſtehen, um ſie zu betrachten. Unter ihnen ragt der alte Nathan wie eine tauſend⸗ jährige Lebenseiche, oder ein gothiſcher Dom, über die ihn umgebende Pflanzen⸗ oder Häuſerwelt empor, ein ehrwürdiges Bild unverwüſtlicher Kraft, unbe⸗ zwingbarer Ausdauer. Er ſticht in ſeinem Leder⸗ wamſe, Inerpreſſibles und Linſeywoolſey⸗Rocke ſo grell gegen die eleganten Faſhionables, und die aller⸗ liebſt um ihn herum trippelnden und ſchwebenden Dämchen ab! aber in den eiſernen Zügen, den mild leuchtenden Augen, und der unbeſchreiblichen Ruhe, die über ſein ganzes Weſen ausgegoſſen iſt, liegt wieder etwas ſo impoſant Ehrwürdiges, als die per⸗ ſonifieirteſte praktiſche Lebensweisheit, die Selbſter⸗ ziehung je zu Wege gebracht.— Mir wird nun das innige Verhältniß des Grafen zu ihm klar.— So —= 438 6— ſchlingt ſich die Rebe um den kräftigen Stamm.— Wie ich ihn ſehe, Hand in Hand mit ſeinem Freunde und Emilien, klingt mir der zarttröſtende Zuruf Co⸗ leridges in den Ohren: Hath he not always treasures, always friends Thegreat good manꝰ? Threetreasures, love andlight And calm thoughts, regular as infants breath.*) Und ſchweigend drücke ich dem Grafen die Hand, mein Blick ſpricht mehr als meine Worte. Es herrſcht eine mehr feierliche als fröhliche Stim⸗ mung, wie bei ⸗Leuten, die nach langen Stürmen end⸗ lich in den Hafen eingelaufen, erſt allmählich ihre vorige Luſtigkeit wieder gewinnen. So waren wir in ſtiller Freude in den Saal eingezogen, ſtille hatten wir Sitze genommen. Da erhob ſich nach einer Weile Nathan lang und langſam, in ſeiner Hand das gefüllte Madeira⸗Glas. Wir ſchauten den Greis erwartend an. „Mitbürger und Mitbürgerinnen! Freundinnen *) Hat er nicht jederzeit Schätze, Freunde, der gute große Mann? Drei Schätze, Liebe, Licht und Seelenruhe, ſo regel⸗ recht, als des Kindes Odem! ———— — 0 439 8— und Freunde! und beſonders Ihr, theurer Freund und Oberſt, und geehrte Landsmännin und Braut!— Erlaubt mir, einem alten Manne, ſeinem Toaſt ein Paar Worte voranzuſchicken.“ „Habe von achtzig Jahren fünfzig verlebt, ohne zu kennen, was man einen Herzensfreund, einen ſich ſelbſt vergeſſenden Freund nennt, einen Freund, treu bis in den Tod. Hatte zwei Freunde, auf die ich mich immer verlaſſen, und die mich auch nie verlaſſen. Und war der Eine— der große Freund droben, und war der Andere— mein Selbſt. Und waren das die beiden einzigen wahren Freunde, und calcu⸗ lirte nicht, daß es noch einen dritten geben könne.— Gab aber einen dritten, und zwang ſich dieſer dritte in mein Herz ein und meine Seele, und lehrte mich Etwas kennen, das ich auf dieſer Erde nicht kennen gelernt hatte: wahre Freundſchaft. Und ſind nun dreißig Jahre, daß ich kenne, dreißig Jahre, daß ich weiß, was Freundſchaft iſt, was ich in meinen frü⸗ her verlebten fünfzig Jahren nicht gekannt, nicht ge⸗ wußt. Und preiſe ich dieſe glückliche Kenntniß, und will ſte in Ehren halten alle Tage meines Lebens, und ſollen es meine Kinder. Habe aber die Notion, —= 440 6— tritt jetzt wieder ein dritter Freund zwiſchen uns Beide, theurer Freund und Oberſter! Und waret Ihr drei⸗ mal daran, hinüber zu ſcheiden in das Land Eurer Geburt, und dreimal wichet Ihr meinen Bitten, und bliebet eine Zierde des Landes Eurer Wahl, ein Vater Eurer Schwarzen. Und ſeyd Ihr, liebe Landsmän⸗ nin! dieſe Dritte, die uns den Freund im Lande feſt⸗ halten ſoll. Und bitte ich Euch alſo, ihn feſtzuhal⸗ ten, den loyalen Unterthan ſeines Fürſten, die Zierde ſeines Adoptiv⸗Landes, den milden Vater ſeiner Schwarzen.— Bin der feſten Notion, Ihr werdet ihn feſthalten, und ſeine Tage ihm verſüßen bis ins ſpäteſte Alter, und ihm liebende, treue Gattin ſeyn. — Und bringe ich Euch Beiden jetzt meinen Glück⸗ wunſch, und trinke auf Euer Wohl und auf die Fort⸗ dauer unſerer Freundſchaft hier und dort droben!“ „Hier und dort droben! fielen wir Alle bis zu Thränen gerührt ein, während die beiden ſchluchzen⸗ den Freunde ſich umſchlungen hielten.— Mögen die drei Freunde hoch leben, und lange! Ende des fünften und letzten Theils. Druck der J. B. Metzler ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. ———— tritt jetz theurer mal dar Geburt, bliebet e Eurer S nin! die halten ſe ten, den! ſeines A Schwarze ihn feſthal ſpäteſte A — Und b wunſch, u dauer unſen „Hier u Thränen ge den Freunde Mögen d * IEIIOIIIISEEEEIIIIEOIIIVIESTIIETISGEIVIEIEEIſſſſiſiſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 L 9 9 r L ö ö“ 3