Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeiß- und Jeſebedingungen. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 83. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ——————. auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3„„ 3„=.„—„ 5. Auswärtige Abonnehten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 2 „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 füͤr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1„ Geſammelte Werke von Charles Sealsfield. 1— Zwölfter Theil. 3 Lebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre. Vierter Theil. —-O- Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. — gebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre. Von Charles Sealsfield. In fünf Theilen. Vierter Theil. Pflanzerleben. II. und Die Farbigen. Dritte durchgeſehene Auflage. — 8e— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. ———.——“ Pflanzerleben. II. 40 3 44 4 I. Das Vaterhaus. Es iſt ein entzückender Abend!— im Weſten der Pflanzung erglühen die Wälder wie ein wogendes Feuermeer, die gebrochenen Strahlen flammen durch Plaquemines, Traubenkirſchenbäume, Papaws und Peccans herüber— leuchten die ganze Landſchaft in ſtegender Glorie auf, ſie erſcheint wie die Hesperiden⸗ Gärten; die Giebel des Vaterhauſes neigen ſich und tanzen in dem verſchwimmenden Farbenſchmelze der Cotton⸗ und Akazienwipfel, Himmel und Erde ſchei⸗ nen in den lechzenden Strahlen des abſcheidenden Ge⸗ ſtirnes ſich noch einmal zu umarmen.— Es bebt Alles, zittert in den letzten Pulsſchlägen des Tages; Bäume und Sträuche, die Orangen⸗ und Citronen⸗ bosquets, die ſüdweſtlich und öſtlich vom Seechen ſich gegen das Negerdorf hinabwinden, ſchwimmen, die Negerhütten mit ihren winzigen Gärtchen ſcheinen zu tanzen in der ſeintillirenden Atmoſphäre, die unab⸗ —=8 8 6— ſehbaren Cottonfelder, die eine Meile lang bis zu den Urwäldern hinüberlaufen, zu wogen.— So weit das Auge reicht, wogt es wie ein Flammenmeer.— Ein ſolcher Abend läßt Euch wieder die Hitze eines ganzen Sommers vergeſſen. Iſt doch ein glorioſes Land, unſer Louiſtana! 3 Aber Mistreß Houſton und Compagnie ſind bereits ausgeſtiegen, warten unſer auf der Piazza, neben ihnen einige fremde Geſichter, die unſere guten Lands⸗ leute in einige Verlegenheit zu bringen ſcheinen. Sie ſchauen darein mit Mienen, die recht deutlich ſagen: Touch me not.*) Iſt eine wahre Plage dieſe unſere Steifheit und Starrheit, die aller geſelligen An⸗ näherung Trotz bieten, ſo lange ſie nicht auf⸗ und eingeführt ſind. Wie ganz anders wieder dieſe Fran⸗ zoſen oder Creolen, was ſie ſind?— Welche zuvor⸗ kommende Beweglichkeit! ſie hüpfen, tanzen, ſpringen uns entgegen, wie Schulknaben, die der Ruthe des Präceptors entſchlüpft, der Mama entgegen kapriolen, ſchon von weitem nach dem Butterbrode haſchend, das aus ihrer Hand entgegen winkt. Es iſt ein ſchöner *) Rühre mich nicht an. — 3 9— ug, der unſere Schwiegereltern trieb, ihren Kindern entgegen zu fahren;— ein lieber Zug in dieſem Creolen⸗Tableau, der viel Vertrauen in den Zartſinn ihrer Gäſte beurkundet, das dieſe auch vollkommen zu rechtfertigen ſcheinen; zwei Damen zu Pferde mit einem ältlichen Herrn kommen gerade, als wir aus⸗ zuſteigen im Begriffe ſind, durch das Dorf an unſern Wagen herangeſprengt— aus den Laubengängen, die den See einfaſſen, brechen ein paar Andere her⸗ vor. Es ſind Vergennes und D'Ermonvalle mit einer Dame, die wahrſcheinlich in einer Seefahrt be⸗ griffen waren;— ſie ſchultern ihre Ruder, präſen⸗ tiren, und ſpringen dann lachend herbei. Alle fühlen ſich augenſcheinlich wie zu Hauſe, bis auf Mistreß Houſton und Compagnie, die ſehr anſtändig unbe⸗ weglich in der beweglichen Umgebung ſich ausnehmen. Maman und Julie werden unterdeſſen von zwei Meſſteurs Laſſalle und Monteville aus dem Wagen gehoben, Louiſe hüpft lachend ſtatt mir, dem Cheva⸗ lier der beiden Damen, den ſie Papa Roſſignolles tauft, in die Arme, der auch sans façon, ohne mich erſt zu fragen, vom Wagenrecht Gebrauch macht, und ihr einen Kuß auf die linke, einen zweiten auf die Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 2 rechte Wange drückt. Und ſie macht es ihm recht be⸗ quem!—„George,“ lacht ſie,„Papa Roſſignolles, Papa Roſſignolles mon mari!“ Und der Mann prä⸗ ſentirt ſich mir, eine altadelige Phyſtognomie— man ſieht es beim erſten Blicke. Ich war im Begriffe, V während Louiſe den beiden von ihren Pferden abge⸗ ſtiegenen Damen in die Arme flog, einige Worte mit ihm zu wechſeln, hatte aber nicht die Zeit, die Em⸗ braſſements gingen ſo ſtürmiſch vor ſich.—„Ninon! Genievre! Louiſe!“ rufen alle drei auf einmal, und V halten ſich umſchlungen, dann tanzen ſie Arm in Arm der Piazza zu, ich hinterdrein— mit Reticule, Shawl und derlei Concomitantien.— Auf dem Wege hat b V ſte, nämlich Louiſe, noch ein halbes Dutzend Knixe zu machen, Embraſſements zu erwiedern; Vergennes und D'Ermonvalle kommen gleichfalls, um ihren An⸗ theil abzuholen, ſie aber ſchlägt ihnen ein Schnippchen: „How dye dow?“ lachend, und ihnen die kleinen Finger beider Hände reichend, die ſie in Ermanglung etwas Subſtantielleren zum Munde führen, was ſie auch zugibt, und ganz recht iſt, denn reicht man dieſen Franzoſen den kleinen Finger, wollen ſie in einer hal⸗ ben Stunde darauf die ganze Hand. Und jetzt kommt — d 11— ein Dutzend Kammerzofen und Hausbediente, verſteht ſich Schwarze, alle in ihrer Gallalivree, grün mit Goldſchnüren, die Mädchen dunkelroth mit grünen, turbanartig gewundenen Kopftüchern, Alle vor Freu⸗ den grinſend, die Zähne fletſchend, unter Anführung der alten Diana, der Hausmeiſterin, die mit vier Schlüſſelbünden, jeder wenigſtens zwanzig Schlüſſel haltend, bewaffnet, einen Major Domo gar nicht übel vorſtellt. Kaum wird ſie von Louiſen erſehen, ſo wird ſie auch bereits in Empfang genommen.„Ah Diana! Unſere Zimmer, geſchwind unſere Zimmerlu Und nicht Zeit läßt ſie der Alten, ihr die Hand zu küſſen, ſie muß ſogleich fort, die Zimmer! die Zimmer! Und hinter uns ein Viertel⸗Dutzend ſchwarzer dienſt⸗ barer Geiſter, Jeder etwas von unſerer Luggage*) in den Händen. Fort geht es wie im Sturme, durch die Gänge den Zimmern zu. Louiſe ruft:„Aber mein Gott, Diana, wo willſt Du denn hin, haſt Du denn den Kopf verloren? Da ſind ja unſere Zimmer.“ Und Diana lacht, und grinſet, und weist die Zähne; „Monsieur le comte de Rossignolles.“ *) Reiſegepäcke. 2* — 12 6— „Aber mein Gott! Papa Roſſignolles hatte ja ſonſt ſeine Zimmer über dem See.“ „Le baron de Lasalle;“ grinſet die Alte wieder mit einem ſchlauen Lächeln. „Welche Verwirrung!“ ſchmollte Louiſe.—„Da ſtehſt Du, George, wenn Unſereines vom Hauſe iſt, ſo geht Alles bunt über Eck. Und fort trippelt ſie bereits höchlich ungeduldig der Alten nach, die endlich am äußerſten Ende des ewig langen Corridors vor einem Galleriezimmerchen hält, und es ſofort aufſchließt.“ Wunderſchön dieſes Zimmerchen, recht lieblich trau⸗ lich!— Citronen⸗ und Orangenzweige ranken durch die Jalouſten in das Kabinet, Ihr könnt die goldenen Früchte pflücken, ohne die Hand durch die Fenſter zu ſtrecken. „Aber klein, Louiſe, ſehr klein, kaum zwölf Fuß lang, zwölf Fuß breit, enge, gar zu enge, und nur ein einſchichtiges Bett.“ „Aber mein Gott!“ ruft wieder Louiſe,„wo hat nur Papa hingedacht?“ Und die alte Diana lacht ihr ins Geſicht, ſie aber läßt Alles liegen und ſtehen, faßt mich bei der Hand —= 13 6— und rennt fort, wohin weiß der Himmel! doch fort geht es, durch den ganzen langen Zickzackgang zur Piazza, wo der Papa noch mit den Gäſten ſteht. Wie er Louiſen erſieht, überfliegt ein ſchelmiſches Lächeln das einigermaßen vertrocknete väterliche Geſicht. Sie aber zieht ihn ungeduldig ſeitwärts,„viens Papa, viens Papa, qu'as-tu fait?“ Und mit muß er, er mag wollen oder nicht, durch den labyrinthiſchen Gang; denn wie geſagt, das Haus oder vielmehr die drei Häuſer bilden ein wahres chao⸗ tiſches Labyrinth, das aber wieder mehr Comfort birgt, als Ihr darin ſuchen würdet.— Und vor dem Zimmerchen angekommen, zieht ſie ihn hinein, läßt ihn dann ſtehen, trippelt höchſt ungeduldig auf und ab,— einmal, zweimal, recht poſſtrlich iſt ſie zu ſchauen, gerade als ob ſie die Nußſchale von Zimmer abmeſſen wollte; auf einmal wendet ſie ſich zum Papa: „Mais Papa! que penses tu?— comment nous arrangerons nous?— mais c'est trop petit.“ Und der Papa lacht—„Mais oui ma chaère fille? — mais ma honne petite, c'est. pour ton mari, et ton mari, n'est ce pas mon cher Howard, vous aimez ce petit cabinet?— et pour toi, ma bonne petite Louise, j'ai le cabinet, qui tient à notre appartement.“ „Mais Papa, comme tu es drole!“ ſchmollt Louiſe. „Mais ma bonne petite Louise! je pensais, que tu aimerais mieux étre près de Papa et Maman.“ „Mais tu es bien bon!“ meint Louiſe, läßt aber dazu das Unterlippchen ſo allerliebſt ſchmollig herab⸗ hängen, daß ihr die ſchneeweißen Perlenzähne durch⸗ ſchimmern;— ſonſt ein ſeltener Artikel bei unſern Creolinnen, ſie eſſen ſo viel— Zucker. Es iſt aller⸗ liebſt dieſes ſchmollige Geſicht. Und der Papa lacht und hüpft ein Entrechat zur Wand, und greift unter die Seidendecke des Bettes, und es knarrt eine Feder, und eine vergoldete Hand⸗ habe kommt zum Vorſchein, und er dreht, und die Schuppenwand bewegt ſich, geht auseinander, das einfache Bettchen wird zum doppelten, das Kabinet⸗ chen zum geräumigen Schlafzimmer. Louiſe ſchaut, klatſcht in die Hände, füllt dem lieben Papa, der ſo wie die Mehrzahl der Creolen ein mechaniſcher Tau⸗ ſendkünſtler in derlei Bagatellen iſt, um den Hals, und der Papa rollt die Wand wieder in einander —j, — 0 15— und zeigt auf eine zweite Feder, die eine in der Wand verborgene angebrachte Thüre öffnet, dann lauft er mit den Worten:„Ah, te voilaà bien attrappé“ zur Thüre hinaus.— Und wir beſehen den niedlichen Einfall, die artige Ueberraſchung, um ſo artiger, als wirklich eine Mauer durchbrochen werden mußte, um ſeinem lieben Kinde den kleinen Streich zu ſpielen. Das hätte wieder ein amerikaniſcher Pa nicht gethan, eine ſolche kurzweilige Idee wäre alle Tage ſeines Lebens nicht in ſein trockenes Gehirn gekommen. Recht artig, wirklich recht artig! die beiden Toilet⸗ ten allerliebſt, das Schlafzimmer, im beſten Geſchmacke eingerichtet, kann nach Belieben in zwei Ankleidezim⸗ mer umgewandelt werden. Und Louiſe trippelt aus einem Zimmerchen in das andere, prüft die Toilette, die verſchiedenen Parfümes, Eau's, Bürſten, alle die namenloſen Items;— Alles findet ſte allerliebſt. „Louiſe, wollen wir uns uicht umkleiden?“ Und ſie legt den Finger auf einen der Knöpfe ihres Reitkleides,— zögert aber;— etwas Neues fährt ihr durch den Sinn. Zuvor muß ſte noch ſehen, ob das Haus auch noch am alten Flecke ſteht.„Die Veränderungen, die Improvements;“ lacht ſie,„muß —= 16 6— ſie zuerſt ſchauen, und ich muß natürlich mit, und die Inſpections⸗Tour geht zuerſt in das Appartement der Maman, die aber nicht chez elle iſt, ein flüchtiger Blick wird auf das Boudoir geworfen, und dann geht es wieder weiter. Diana, die gerade vorüber trippelt, wird mit den vier Schlüſſelbünden in Empfang ge⸗ nommen. Und nun beginnt ein Fragen, ein Exa⸗ miniren! Beide reden auf einmal, jeder Nagel, der während ihrer Abweſenheit eingeſchlagen worden, wie er eingeſchlagen worden, Alles wird erörtert, mit einer Volubilität erörtert!— es iſt etwas Einziges um ein Paar voluble Weiberzungen!— Alle Gemächer, die noch nicht beſetzt ſind, werden im Fluge durchſtrichen, in jeden Winkel wird hineingeſehen, ſelbſt die Vor⸗ rathskammern, die Garderobe für die Schwarzen wird nicht vergeſſen. Bei dieſer letztern kommt der Papa dazu.„Papa,“ meint ſie,„gar zu viele Wolldecken. was willſt Du mit all den Wolldecken machen? die Motten, weißt Du.“— Und der Papa lächelt.— „Ein hundert Wolldecken könnten wir brauchen,“ iſt ihre unmaßgebliche Meinung;„wollen darum ſenden, oder beſſer, Papa, Du ſendeſt ſie uns ſelbſt;“— und Papa lacht, und nickt, und ſte fliegt ihm um den —= 17 6— Hals,—„O mon cher Papa“— und er„Ma petite e.— Und weiter geht es, nachdem ſie ihm die Hand zum Danke für die Wolldecken geküßt — Alles wüßte ſte zu gebrauchen, ich glaube, ließe ſie der Pa ſchalten und die Ma, ſte behielten keinen Topf im Hauſe. Aus dem Hauſe geht es in den Gar⸗ ten, oder vielmehr den Orangen⸗ und Citronenhain, einige hundert Orangen⸗ und Citronenbäume ſind mit Früchten ganz beladen, das erſte Mal ſeit ſechs Jah⸗ ren, denn im Winter von 22 erfroren ſte in ganz Louiſtana, ſie bilden einen deliziöſen Kranz goldener Früchte, duftender Blüthen, auch hier weiß ſte Rath. „Noch ein dreißig bis vierzig Citronen⸗ und Orangen⸗ bäume könnten wir wohl brauchen, George, die unſri⸗ gen tragen vor einigen Jahren nicht.“„Aber Louiſe, wir müßten erſt Kübel haben, und ſte darin hinab⸗ ſchaffen, die Vorrichtung würde viele Mühe verur⸗ ſachen.“— Aber ſie meint:„laß Du dafür nur Papa ſorgen, er wird ſchon Rath ſchaffen.“ Und ich glaube, er würde Rath ſchaffen, denn in dieſem Punkte iſt wieder der Creolen⸗Papa ein ganz anderer, als Eure amerlkaniſchen Pa's. Je mehr die Kinder plagen, deſto lieber es ihm iſt— ſeine Zärtlichkeit 4 chère Louis —= 18 6— hat keine Gränzen, iſt wirklich unerſchöpflich.— Aus den Gärten ſpringt ſie hinüber ins Negerdorf, und kaum erſieht das ſchwarze Völkchen die Geſtalt des Lieblings, ſo erhebt ſich ein Jauchzen, von allen Sei⸗ ten kommen die Kinder, Knaben, Mädchen frohlockend herangeſprungen, eine ganze Heerde von ſchwarzen V Wechſelbälgen, wenigſtens hundert ſtark, vom zwei⸗ G jährigen Picanini zum zwölfjährigen Mädchen oder V„Knaben. In jede Hütte guckt ſte, ein paar Worte lacht ſie hinein, und ſpringt wieder heraus, um das⸗ ſelbe Spiel bei der nächſten fortzuſetzen. Fort geht es weiter ins Negerdorf hinab, immer fort, endlich wendet ſie ſich:„George, wir gehen zur alten Toni, weißt Du die alte Toni, die ſchon bei Großpapa— Es iſt die erſte Schwarze, die in die Familie ge⸗ kommen, gewiſſermaßen die Stammmutter der ſchwar⸗ b zen Generation auf der Pflanzung.„Toni!“ ruft ſie, V V„Toni, liebe gute Toni, kennſt Du Deine Louiſe nicht.“ Toni iſt eine eisgraue Negerin, die Ihr, ſäße ſte in einem Garteneim Geſtrüppe, oder vor einer Eremi⸗ tage, unfehlbar für eine verwitterte, mit Moos über⸗ I zogene Statue halten würdet, ſo iſt ihr Geſicht nicht mit Negerwolle, nein, einem Haarmooſe überzogen, — 0 19— das auf dem dunkelgrünen verſteinerten Geſichte Euch wunderbar anſpricht. Ihre Augen ſind tief einge⸗ fallen, und bloß ein zeitweiliges Schimmern des Weißen verräth, daß ſie der Sehkraft nicht ganz beraubt iſt. Sie iſt ein maleriſches hundertjähriges Fragment, die alte Toni, wie ſie daſitzt, in dreifache Wolldecken, trotz der lieblich milden Lüfte, gehüllt. Wie ſte Louiſen hört, erhebt ſie ihre Stimme, es iſt mehr röchelndes Geächze, als menſchliche Stimme; ſte ſtreckt ihre klap⸗ perdürre Rechte aus der Wolldecke heraus, und er⸗ faßt die Hände Louiſens, und preßt ſie in die ihrigen, und ſchlägt ihre Augen auf, ſenkt ſie aber wieder, die Abendröthe iſt zu grell für ſie.—„Mon bon enfant!“ kreiſcht ſie endlich. Und Louiſe ruft ihr zu: „Toni! Toni! Du mußt in die Hütte, die Abendluft wird zu kühl für Dich, und die Alte nickt, und wir heben ſie und führen ſie ihrer Hütte zu, in der eine ihrer Urenkelinnen mit ihr wohnt, und laſſen ſie auf ihrem Bette nieder, und die Alte kreiſcht ein nochma⸗ liges Bon enfant! Und Louiſe frägt ſie, ob ſie zu⸗ frieden, ob ſie keinen Wunſch habe? Den hat ſie nicht, zur Ehre Menou's ſey es geſagt, der die Alte wie ſeine eigene Großmutter nährt und pflegt, obwohl ſie mehrere tauſend Dollars eigenes Vermögen beſitzt, was ſehr häufig bei alten treuen Negern, die mit ihren Erſparniſſen Haus gehalten haben, der Fall iſt. Und ſinnend verlaſſen wir die Hütte Tonis, vor der nun die ganze junge ſchwarze Bevölkerung des Dorfes verſammelt iſt. Louiſe hat nun Gelegenheit, ihren ziemlich ſchweren Retieule zu erleichtern. Und ſie erleichtert ihn, Jeder erhält ſeinen Antheil, die größern einen halben, die kleinern einen Viertel⸗Dollar, die kleinſten ein Escalin. Der Jubel iſt groß, wir müſſen uns im Ernſte der Zärtlich⸗ keiten erwehren, denn ſonſt würden wir auf Hän⸗ den in das Haus zurückgetragen. Zurück geht es endlich auf dieſes zu, gerade wie der flammende Feuerknäuel hinter dem Kranze der Traubenkirſchbäume verſchwindet. „Wir müſſen auf unſere Toilette denken, George;“ meint Louiſe.„Papa ſieht bei ſolchen Gelegenheiten darauf.“9 „Er hat Recht, Louiſe, eine elegante Toilette iſt das Lebensprincip eines Salons.“ Doch ſiehe da! Wie wir vor dem Wirthſchafts⸗ gebäude ankommen, finden wir Doughby mit Julien -„—— — e 21— auf einer ähnlichen Tirer begriffen, nur daß Julie, weniger beweglich, auch kürzere Entfernungen liebt. Sie ſteht vor dem Wirthſchaftsgebäude, Doughby mit dem Aufſeher, einem Monſieur Tricot, vor dem Hundebehälter. Menou hält nämlich ein Dutzend Hunde, auf deren Zucht und Veredlung er viele Sorg⸗ falt verwendet. Es iſt eines ſeiner altadelichen Stecken⸗ pferde. Drei Bluthunde von der Höhe halbjähriger Kälber, furchtbare Thiere, aber dabei ungemein edel und ſchlank gebaut. Ddughby hat wieder irgend eine Teufelei im Kopfe; was es iſt, weiß ich noch nicht. Er ſchaut ſich die Hunde ſo inquiſitoriſch an, und man ſieht zugleich, daß ihm etwas durch den Sinn fährt, endlich kommt es heraus. Er will die Hunde heraus haben, ihren Gang und ſo weiter ſehen. Monſteur Tricot dagegen eint, wenn er vier Leben hätte, ſo möchte er es wagen; drei würden ſie in weniger Zeit nehmen, als nöthig wäre, eine Cotelette zu verzehren; bloß Monſieur de Menou könne ſie meiſtern. Doughby aber weint, er wolle es probiren. „Pah mit ihren Bluthunden und wildem Ge⸗ thiere!“ ſchreit er.„Sag' Euch, Schwager, das wildeſte Gethier iſt der Menſch, der ledert ſie alle. — 2— Sah letztes Jahr ſo eine wilde Caravane in Newor⸗ leans, einen Löwen und ein Paar Bären und Panther, mit denen ſie eine Hetze veranſtalteten. Schaute mir den Löwen ſo an, und wie ich ihn mir anſah, kam es mir in den Sinn, und war auch vollkommen über⸗ zeugt, ihn ledern zu können. Sagt' es auch dem Thier⸗ treiber, ſagte ihm, was gilt die Wette, ich nehme es mit Euerm großmauligen Löwen auf, will ihn ledern, Euch zeigen, wie ein Kentuckier einen Löwen ledert, und mögt noch dazu ein Paar Affen und Zibetkatzen an meinen Rockſchößen herumzerren laſſen, will mit allen fertig werden. Wollte es auch mit einem dieſer Bluthunde aufnehmen. Aber wo geht Ihr hin?“ ruft er uns nach, die wir bereits die Richtung dem Hauſe zu eingeſchlagen haben, um nicht einer neuen kentuckiſchen Großthat beiwohnen zu müſſen, das beſte Mittel, den Wildfang ins Geleiſe zu bringen. Er hat Luſt, man ſieht es, zu einem pugllliſtiſchen set 10.*) Vor acht Wochen würde er kaum widerſtan⸗ den haben, aber ſechs Wochen Eheſtand machen doch kühler, zahmer.— *) Anbinden, Boxen, Fechten. ——— — 23— „Toilette zu machen;“ war unſere Antwort. „Toilette zu machen?“ meint er— ſich von Kopf zu den Füßen beſehend.„Glaube, wir ſchauen doch ſauber genug aus.“ „Gehen zur Tafel, und die Geſellſchaft iſt, wie Ihr wißt, eine ausgeſuchte— können doch nicht in Stiefeln unſere Erſcheinung machen.“ „Habt recht, dürfen uns nichts vergeben, möchten ſonſt glauben, wären ſo ein Paar Squatters.“ Noch wirft er einen Blick auf die beiden Bären, die an einer Kette gefeſſelt vor dem Hundezwinger einherſchreiten, kehrt ihnen aber dann den Rücken und trabt uns nach. „Wollen alſo Toilette machen, nicht wahr, Julie, aber macht es kurz, Schwager; bin bei Euch, ehe Ihr es Euch verſeht.“ Braucht Euch nicht ſehr zu beeilen, lieber Doughby, werden ohnedem noch oft genug das Vergnügen Eurer Geſellſchaft haben. „Iſt im Grunde genommen gar kein übler Burſche, liebe Louiſe, ein wenig rauh zwar, auch juckt es noch ſtark in ihm, lodert, brennt heraus, wie inneres Feuer, kommt aber doch bereits nicht mehr ſo ſtark, die Aus⸗ — 0 ½— 9 4 6— brüche ſind bei weitem nicht mehr ſo heftig, und eine ſehr ſchöne Falte in ihm iſt wieder die Abweſenheit aller Maliſe, Bösartigkeit. Im Ganzen iſt doch ſchon viel Unterſchied zwiſchen dem Junggeſellen Doughby und dem Ehemanne zu ſpüren.“ „Aber noch fehlt die Politur,“ meint Louiſe, ver iſt ein halber Barbar.“ „Das iſt wahr, wird ſich aber geben, denn er hat Ehrgeiz, und dieſer, weißt Du, iſt ein trefflicher Hebel, der den rauhſten Klotz— Doch Louiſe iſt bereits in ihrem Kabinet ver⸗ ſchwunden, und ich mache mich nun gleichfalls an die Toilette.— Ich bin bis zum Anlegen des Rockes fertig. Louiſe tritt ſo eben im Peignoir in die Thüre, in der Hand zwei Kornähren aus Madame Dubois berühmter Blu⸗ menfabrik, als es an der Corridorthüre klopft. „Walk in!“*) Und Doughby tritt bereits umgekleidet ein. „Doughby, wenn Ihr ein zehn Minuten ſpäter uns mit Eurem Beſuche beglücken wolltet, ſo glaube *) Treten Sie ein!— Herein! ——— — e 25— ich, unſer Vergnügen würde durch die Verzögerung kaum gemindert; Ihr ſeht, wir machen Toilette.⸗ „Dann will ich Euch nicht ſtören,“ verſetzt Doughby. „Komme nur, weil mich Julie mit dem Mosquitto⸗ wedel forttrieb, habe ihr, ſagt ſie, ein ganzes Blumen⸗ bouquet verdreht, das, weiß nicht, wie viele Dollars koſtet, und aus einer weltberühmten Fabrik her iſt.“ Louiſe gibt mir einen Wink, der zu ſagen ſcheint: laß ihn. „Wohl Schwager, ſo nehmt denn Platz.“ „Hört,“ fährt er fort:„wenn ich ſo allein bin, und gar nichts zu thun habe, kommen mir immer Teufeleien in den Kopf, eine nach der andern.“ „Was ſagſt Du, George?“ fragt Louiſe, die die beiden Kornähren über die in einen Knoten geſchlun⸗ genen Haarflechten hält. „Recht artig, doch würde ich ſie nicht im Knoten, ſondern zu beiden Seiten, und zwar mehr liegend, wogend anbringen, beiläufig auf dieſe Art, ſie dürfen das Haar nicht verbergen.“ Und ich legte die beiden Kornähren zu beiden Sei⸗ ten des Haarknotens. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 3 —”= 26 6— „Du haſt Recht, George;“ meint Louiſe, die wieder ins Kabinet zurückhüpft, und in der nächſten Minute coeffirt herauskommt. „Und Robe? George?“ „Evening Dress, Louiſe. Weißt, roſaroth läßt Dir ungemein gut zu Deinen blonden Locken und Schelmenaugen.“ „Aber was nimmſt Du für einen Rock?“ „Braun iſt die letzte Mode.“ „Wohl, dann will ich gleichfalls braun nehmen.4 „Auch das kleidet Dich vortrefflich.“ Und mein liebes Weibchen ſchlüpft abermals durch die Thüre, Doughby ſieht ihr aufmerkſam nach, ſchaut dann mich an, er iſt augenſcheinlich in Gedanken. Sie kommt wieder hereingetanzt in einer Robe von braunem Gros de Naples. „Nun,“ lacht ſie,„gehe und thue desgleichen, ich will unterdeſſen unſern Schwager unterhalten.“ Und ich ging, und that— den braunen Frack an. „Die emaillirten Buſenknöpfe laſſen Dir recht gut, Georgez ich glaube, ich will Bracelets von derſelben Fagon nehmen.“ Und abermals ſchlüpft ſte durch die Thüre, kommt — 27 G— jedoch ſogleich wieder mit den Bracelets in der Hand, die ſie mir reicht. „Willſt Du ſo gefällig ſeyn?“ Und ich lege die Goldſchnallen um die zarten Ge⸗ lenke, die ich dann küſſe, gerade als die mit ihrer Toilette fertige Julie an der Thüre klopft, den Kopf hereinſteckt, und fragt: „Darf ich?“ „Siehſt Du, Doughby!“ lacht Julie, auf mich deu⸗ tend, der ich ſo eben mit meiner Aufgabe fertig bin. „Aber Julie,“ ruft Louiſe, die Hände in komiſchem Schreck zuſammenſchlagend—„Du haſt ja noch die Chauſſüre vom Dampfſchiff herl!“ „Daran iſt Doughby Schuld, der mir und Polly den Kopf ſo wirre machte, daß ſie mir wieder die Prünellſtiefelchen anlegte. Pſyche gehe und ſage Polly, ſie ſoll die grünen Schuhe bringen.“ Und Pſyche läuft, und Polly bringt die grünen Schuhe, und Pſyche das gepolſterte Fußſchemelchen, auf das Julie den rechten Fuß ſetzt. „Nun, Doughby, wißt Ihr nicht, was Pflicht und Schuldigkeit von einem galanten Ehemann heiſcht?¹ ſagte ich. . 3* — 3 28 6— „Was 2“ meint Doughby. Ich deutete auf den Fuß. „Werden doch nicht wollen, ich ſoll die Schuhriemen auflöſen?“ „Er iſt's nicht würdig, ſte aufzulöſen,“ meint Louiſe. „Da hat meine ſchöne Schwägerin ganz recht,“ lacht Doughby, der ſich recht bereitwillig herabläßt, die Schuhriemen zu löſen, und ſich bückt, obwohl etwas mühſam ungelenk, und ſeine Bärentatzen an die Stiefelchen legt. „Doughby, das iſt brav, ſehe, es läßt ſich etwas aus Euch ziehen, aber was würden Eure Demokraten ſagen, wenn ſie jetzt einträten.“ „Hony soit qui maly pense,“ erwiedert Doughby, der bereits einen Fuß ſeiner Einfaſſung entledigt, und dafür eine neue ſubſtituirt. Während er mit dem zweiten beſchäftigt iſt, treten der Papa und die Ma⸗ man ein. Einen Augenblick ſchauen ſie, angenehm überraſcht; die Scene freut ſie ungemein, beſonders die Maman, die, nach ihrer halbverwunderten Miene zu ſchließen, Doughby einer ſolchen Aufmerkſamkeit gar nicht fähig zu halten ſcheint. —= 29 6— „Schwager,“ raunt mir Doughby zu, während der Pa und die Ma mit den beiden Töchterchen die Toilette Louiſens beſehen;—„Ihr macht mich noch zum Adepten.“ „Der den Stein der Weiſen noch ſicher finden wird, Doughby. Merkt Euch das, unſere Weiber ſind Creolinnen, oder was daſſelbe ſagen will, Franzö⸗ ſinnen, die zwei Seelen haben, eine äußere conven⸗ tionelle, und eine innere. Erſt wenn Euch in dieſe letztere zu dringen, Euch darin feſtzuſetzen geglückt iſt, ſeyd Ihr ihrer ſicher, ſonſt nicht, und das unfehlbare Mittel, da einzudringen, ſind dieſe kleinen Aufmerk⸗ ſamkeiten, Spielereien, ſie wollen in der Ehe ein wenig flattirt, cajolirt ſeyn. „Wahr, aber ein wenig läſtig.“ „Nicht, wenn Ihr Euer Weib liebt— dann iſt es eine Luſt. Auf alle Fälle laßt Euch ja keine Impoli⸗ teſſe, wie die auf dem Dampfſchiffe, mehr zu Schulden kommen.“. „Hobelt mich nur immer ein wenig,“ meint Doughby, mir die Hand drückend;„brauche es, weiß es wohl.“ Und unſere Lieben, die wieder zu uns treten, unter⸗ — 0 30 6— brechen unſere weitere Unterhaltung, und die Tafel⸗ glocke, welche ſich nun hören läßt, führt uns Alle heiter und fröhlich ihrem Schalle nach, dem Speiſe⸗ ſaale zu.— II. Ein creoliſches Diner. In den Corridors fängt es an zu dunkeln, die Gentlemen und Damen, wie ſie ihre Zimmer ver⸗ laſſen, ſind kaum mehr von einander zu unterſcheiden, der Gäſte ſind mehr, als ich gedacht, die Letzteren allein erreichen die ſchöne Zahl der Muſen! die der Herren ein volles Dutzend.— Und wie wir nun in den hell erleuchteten Salon einſchreiten, ſchweben, tänzeln, tritt eine kurze Pauſe ein; Eingeführte und Einführende werfen ſich forſchende Blicke zu, die einen Augenblick auf den Geſichtern, den Toiletten haften, und dann in ein zufriedenes Lächeln übergehen. Es iſt etwas naiv Drolliges in dieſem wechſelſeitigen Muſtern, Spioniren, das mit einem Blicke heraus⸗ finden will, wer das Vis-à-vis, ob es auch comme il —= 31— faut iſt.— Den Creolen oder Franzoſen jedoch ge⸗ bührt der Vorzug in dieſer Eſpece phyſiognomiſcher Kritik; ihre Blicke ſind neugieriger, verrathen aber mehr Delikateſſe, Wohlwollen, obwohl ein leichter Anflug von Perfide auch wieder nicht zu verkennen iſt;— die der Unſrigen ſind wieder ſtarrer, firirter, bohrender. Auch die Haltung der Franzoſen iſt na⸗ türlicher, ungekünſtelter, franker. Man ſieht es ihnen an, daß gute Geſellſchaft das Element iſt, in dem ſte ſich von Jugend auf bewegt— ſie ſind ganz at their ease*), wogegen die Unſrigen, beſonders Mistreß Houſton, wieder ſo geſpreizt daſteht, als ob ſie die ganze Würde unſerer Pſeudo⸗Ariſtokratie zu reprã⸗ ſentiren hätte. Kommt mir wie eine Repräſentantin unſerer Geldariſtokratie vor, die oft mehr in Sorgen iſt, ihre neu erlangte Faſhionabilität, als ihre Geld⸗ ſäcke zu conſerviren; ſie muſtert Franzoſen und Creolen mit zweifelhaften Blicken, die erſt in ſüßes Lächeln aufthauen, als ſie die klaſſiſchen Namen: Le Comte de Roſſignolles, le Baron de Laſſalle, de Monteville und ſo weiter hört, Namen, die ſich an *) Ungenirt. Correſpondirt mit der Franzoſen à leur aise.— — 0 32— ſehr bedeutende Häuſer an unſerem Red⸗River und in den Attacapas knüpfen, und deren Gründer ihre Geſchäfte ſo wohl verſtanden, daß ſte heut zu Tage die gute Geſellſchaft par excellence bilden. Und ſoll ich Euch die Wahrheit geſtehen, ſo nehme ich, wenn ich zwiſchen guter Geſellſchaft zu wählen habe, lieber die der Creolen, als die unſerer Pſeudo⸗ oder Geld⸗ ariſtokraten in Newyork, Boſton oder Baltimore, ſind beinahe durchgängig blos Provinzial⸗Nachdrücke Eurer Londoner Ausgaben, die, habt Ihr wirklich guten Ton, Euch durch ihre Nachäfferei je länger deſto unausſtehlicher anekeln. Dieſe hingegen bilden eine wahrhaft gute Geſellſchaft, der man es anſieht, daß ſie noch aus jener alten Zeit herdatirt, wo der Adel noch keine Rivalin an der Geldariſtokratie hatte, ſo daß er human tout le monde à son aise zu ver⸗ ſetzen gewiſſermaßen nothgedrungen war.— Doughby hat bereits mit den Meiſten Allianz⸗Traktate abge⸗ ſchloſſen, die Hände der Herren ſo wie der Damen mit Kentucky⸗Anmuth erfaßt— ſo eben fragt er den Grafen Roſſignolles:„And how dye do my dear Mister Comte?“—„Very well my dear Mister Doughby,“ erwiedert der Graf.— Ich glaube, käme „ — 33— der gute Doughby in die Tuilerien zu Charles dix, er würde die Hand des alten Geſalbten gleich ungenirt erfaſſen, und ihn eben ſo unbekümmert fragen:„How dye do my dear Mister Charles dix?“— Nur Schade, daß die aufgehenden Flügelthüren des Speiſe⸗ ſaales uns dieſe intereſſante Unterhaltung verkürzen, aber was kommt, iſt noch intereſſanter, obwohl Doughby frappirt ſcheint.— Es iſt recht poſſirlich zu bemerken, wie naiv er auf einmal darein ſchaut, ſich ſo auf einmal allein ſtehend, von aller Welt verlaſſen zu finden. Der gute Doughby iſt noch Neuling in dieſem Punkt, hat keine Idee von den angenehmen Empfindungen, die der Anblick eines wohl arrangirten Speiſeſaals, einer elegant uns in die Augen blinkenden Tafel erregen; wie wohlthuend das Enſemble gaſtronomiſcher Vorrichtungen auf Herz und Sinn wirkt, wie der Vorgeſchmack auf allen Geſichtern ein ſo unvergleichlich wohlwollendes Lächeln hervorzaubert. Bei Einigen äußert ſich auch bereits der Effekt dieſes Anblicks durch ein unwillkührliches leiſes Schnalzen der Lippen und der Zunge. Das iſt der Fall mit meinem Nachbar, dem Chevalier D'Ecars, den Doughby mit einem Satyrslächeln — 34 6— anſchaut; aber Doughby, wie geſagt, iſt in dieſem Punkte ein ganzer Barbar, der weder von Lucull noch Apicius gehört, von Epicurs Lebensphiloſophie keine Idee hat, eine Canvas-back duck hinabſendet, als wäre es eine Hammels⸗Cotelette. Ich wieder nicht.— Ich liebe mir eine wohlbeſtellte Tafel, mit appetitlich weißem Tiſchzeuge, elegantem Tafelgeſchirr, um Silberſervice frage ich nicht viel, wäre auch bei uns, die wir unſer Kapital zu andern Dingen brau⸗ chen, ganz am unrechten Orte, aber erträgliches Sévres⸗Porzellain thut es auch, und gegenwärtiges läßt ſich ſchauen. Die Aufſätze ſind geſchmackvoll, die Kühlwannen mit den Bouteillen, alle in kühlende Präparate eingewunden, verrathen viel savoir vivre, die ganze Vorrichtung viel Takt mit unſtudirter Ein⸗ fachheit. Haſſe Eure Berge von Roaſtbeef, die Euch ſchon bei Eurem Eintritt in den gaſtronomiſchen Tempel den Magen drücken, und die Ungeheuer von Schinken und Wälſchhühnern, wie in eine Bucht ver⸗ ſchlagene Wallfiſche in einem Fettſumpfe ſchwimmend. — Nein, ſo iſt's recht, einfach, aber geſchmackvoll. Feine Servietten auf den Couverts, zwei Suppennäpfe an beiden Enden, nebſt einigen gedeckten Schüſſeln; — d 35 6— in der Mitte einen Aufſatz, und hinter den Seſſeln ein halbes Dutzend ſauber gekleideter Diener. Ver⸗ abſcheue das Gelaufe, Gerenne, Getreibe Eurer großen Diners, die Euch ſchon allen Appetit durch den Ge⸗ danken an die Plage und Mühe verleiden, die die armen Gaſtgeber mit Euch haben. Doch wir haben Platz genommen. Der meinige iſt neben Louiſen und Genièvre Roſſignolles, einem allerliebſten Mädchen, die Emilien gefährlich werden dürfte,— mit der, wie ich erſt heute vernahm, die Eheſtandspräliminarien nichts weniger als abge⸗ ſchloſſen ſind.— Meine Rhapſodien werden durch den Ausruf:„Deliciöſe Suppe!“ unterbrochen, der den Lippen Monteville's entfährt.— Es iſt eine Auſterſuppe, die ihn in Entzücken bringt, ich halte es mit der braunen, die das Forte der Maman iſt.— Laſſalle iſt meiner Meinung, und auch D'Ecars; Andere nehmen die Parthei der Auſternſuppe; es entſteht eine kurze Debatte, die aber inmitten abge⸗ brochen wird, denn die Deckel werden von den Schüſ⸗ ſeln gehoben, und natürlich nimmt der Ideengang eine neue Richtung. „Weißt Du aber, theurer Menou,“ hebt de Vig⸗ — o 36— nerolles an,„daß das neueſte gaſtronomiſche Ariom gegen das Bedecken der Fiſche iſt?“ „Es kommt nur darauf an, welche Gattung von Fiſchen es iſt. Zum Beiſpiel Soles oder friſcher Stockfiſch, das gebe ich Dir zu, aber unſere Sturgeons und Turbots vertragen es nicht,“ verſetzt Menou mit dem Geſichte eines Kathedermannes. „Du haſt mir verſprochen, das Myſtere Deiner Auſterſauce mitzutheilen,“ nimmt D'Ecars das Wort. „Das iſt etwas Bekanntes,“ fällt Roſſignolles ein;„ich ziehe aber zur Sole die Hummernſauce vor, dieſe iſt vortrefflich.“ „Ich nehme zwei Drittheile Hummern, ſehr fein geſchnitten, mit einem Drittheile Butter, und meine Gewürzeſſenz.“ Die einigermaßen wäſſerige Fiſch⸗ und Saucen⸗ Converſation wird durch das Anſtoßen der Madeira⸗ gläſer unterbrochen, worauf eine kurze erwartende Pauſe eintritt, deren Uebergang zu regerer Thätigkeit durch zwei neue Erſcheinungen bewirkt wird. Es ſind Green Turtle*) und Ringeltauben⸗Paſteten. *) Die beſte Gattung der Seeſchildkröten. — 0 37— „Bon,“ ſagt D'Ecars. „Delicieux,“ Laſſalle. Wollen alſo die Schildkrötenpaſtete verſuchen.— Sonſt liebe ich ſie nicht ſehr, denn das Fleiſch, ſagt, was Ihr wollt, iſt weder Fleiſch noch Fiſch, und erhält erſt durch Gewürze ſeinen haut gout,— und ich haſſe Alles, was Gewürze heißt,— ſelbſt gegen Papa's Extract habe ich mein Bedenken. Gewürze bleiben Gewürze, die, mögen ſie noch ſo fein deſtillirt ſeyn, Euch die Säfte verderben, und die Hydropſie früher oder ſpäter auf den Hals bringen. Ich halte es mit der Würze, die uns die Natur gibt.— Da kommt das wahre Ding, die zweite Tracht, und mit dieſer als Einleitung:— Canvas back duck*). Die ſind eine Delikateſſe, die, hätte ſie Lucull geahnet, Columbus um die Ehre der Entdeckung unſeres Welttheiles gebracht haben müßte. Keine europäiſche Kaiſertafel kann ein Gericht ſo zart, ſo duftend, ſo ſchmelzend aufweiſen, das Fleiſch zerſchmilzt Euch buchſtäblich auf der Zunge, *) Eine Gattung Waſſerenten, die blos in den Verein. Staa⸗ ten zu Hauſe iſt. Im Norden ſind die der Cheſepeake⸗Bay vor⸗ züglich geſchätz. —= 38 6— das Fett träufelt, Ihr mögt es anfangen, wie Ihr wollt, Euch über die Lippen; es iſt ein wahrer gaſtro⸗ nomiſcher Hochgenuß, dieſes Gericht. Tiefe Stille herrſcht während der ſechs Minuten dieſes ſardana⸗ paliſch⸗heliogabaliſchen Schmauſes; Jeder iſt mit ſich ſelbſt beſchäftigt, und von den ſchönſten Lippen fällt Euer Blick ſchnell wieder auf Euern Teller,— denn ſie glänzen von Fett.— die allerliebſten Thierchen ſind in der letzten Nacht im Ocaſſe⸗See gefangen worden, und alſo ganz friſch, was ſie ſeyn müſſen; denn zwei Tage alt haben ſte ganz den haut-gouùt, allen gout verloren. Unſere Seen, im Vorbeigehen ſey es bemerkt, ſo hölliſche Dünſte und Dämpfe ſie ausathmen, ſind wieder für den Gaſtronomen ein wahres Himmelreich. Sie wimmeln von Fiſchen, und ſind ganz bedeckt mit allen Arten von Waſſervögeln. Eine Jagd auf dem See bei Natchitoches— die Zeit kommt nun— iſt der Mühe werth. Der Horizont iſt eine dichte Wolke von Wildenten, Gänſen und fliegendem Gethiere, unter die ihr blindlings hinein⸗ ſchießt, ohne Unterlaß ladet und ſchießt, wie der Infanteriſt in die Rauchwolken des Schlachtfeldes hinein, ohne Euch zu bekümmern, ob Ihr getroffen. — 0 39— Es iſt eine wahre Schlacht, die zwei oder drei Stun⸗ den dauert, und auf der einen Seite von ein paar hundert Schützen geliefert, auf der andern von Hun⸗ derttauſenden von Waſſervögeln ausgehalten wird. Erſt wenn Ihr müde und matt, weder mehr laden noch ſchießen könnt, ſammelt Ihr die Todten, von denen in der Regel auf den Mann mehrere Hunderte kommen.— Ueberhaupt ſo wenig Ihr uns im Som⸗ mer um unſere Tafeln zu beneiden Urſache habt, ſo reich, luxuriös werden ſie jetzt. Der liebe Gott weiß, was ſeinen Louiſianern gut thut, und daß vieles Eſſen im Sommer ſie mit Extrapoſt in ſein Himmel⸗ reich bringen müßte, deßhalb ſpart er ſich und uns die Freude auf den Herbſt und Winter.— Aber dieſer Herbſt und Winter! Das ſind ganz andere Herbſte und Winter als bei Euch! Ganze Armeen von Zug⸗ und Waſſervögeln kommen nun aus dem Norden herabgezogen, unſere Schaalthiere, den Som⸗ mer hindurch ungenießbar, erlangen ihre Reife— — unſer Louiſtana iſt doch, nehmt es, wie Ihr wollt, eine ganz gute— die beſte Welt, die einen Carème ſelbſt um ſeinen Verſtand bringen konnte.— Was ſind zum Beiſpiel Eure wilden Truthühner im Nor⸗ —= 40 6— den gegen dieſen Coloß, der vor uns— in ſeinem eigenen Fette ſchwimmt, wie ein zwanzig Gallon haltendes Faß. Es iſt jetzt ihre Maſtzeit, und ſo wohl benutzen die guten Dinger die Gelegenheit, daß von zwanzig ausgewachſenen Hähnen, die Ihr ſchießt, achtzehn ungezweifelt im Fallen zerplatzen. Dieſer iſt jedoch gefangen, denn wie Ihr wißt, ſo werden dieſe treuherzigen, aber, wie alle treuherzigen, einigermaßen dummen Thiere auf unſern Pflanzungen zu Dutzen⸗ den in Fallen verlockt, in die ſte den Weg, ſo enge er iſt, hinein, aber nicht wieder heraus finden. Ihr Fleiſch iſt jetzt eine wahre Delikateſſe; doch wir ziehen die Schnepfen vor, deren lange Schnäbel uns recht angenehm anlächeln. Auch dieſe haben vor Euern nordiſchen Woodcocks den Vorzug der Fette, ich habe nie im Norden einen gefunden, der über ſechszehn Onzen wog, wogegen die unſrigen bis zwanzig ſchwer ſind. Sind ein unvergleichliches Verdauungsgericht, die juſt das Gewürz haben, das ich liebe. Doch genug von unſern Louiſtana⸗Delikateſſen;— die fragmentariſch abgebrochene Unterhaltung, die ſich vorzüglich über Kochkunſt ausläßt, in der zu meiner Verwunderung D'Ermonvalle und Vergennes recht — e 1 e— ſolide Kenntniſſe an Tag legen— fehlt ihnen Alles, ſo können ſie doch noch Köche abgeben, die bei uns beſſer als unſere Gouverneure bezahlt werden, denn ich kenne Köche, die fünfzehnhundert Dollars Ge⸗ halt haben, und Gouverneure mit nur tauſend per annum;— alſo die Converſation beginnt in neue Geleiſe überzugehen. Es entſteht ein Geſumſe, aus dem man zu dato noch nicht ſo eigentlich klug werden kann. Der Chambertin und Chateau Margot thun ihre Wirkung bei den Franzoſen, bei uns der Madeira, an den wir uns für unſern Theil halten.— „Iſt doch die Krone aller Weine, der Madeira, u bemerke ich zu Richards. Und Laſſalle fällt andächtigen Blickes ein—„Oui er iſt die Krone aller Weine.“ „Aber nur, wie er bei uns getrunken wird,“ be⸗ merkt Hauterouge, Baron de Hauterouge, muß ich beiſetzen. „Ah iſt auch in Charleſton vortrefflich;“ fällt Laſſalle ein. „Haben die nämliche Behandlungsweiſe,“ verſichert Vignerolles. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 4 — 8 22— „Abominable aber in England“ behauptet Monte⸗ ville.— „Verſtehen das Zeitigen nicht,“ belehrt ihn Menou. „Glauben genug gethan zu haben, wenn ſie ihren Madeira ein⸗ oder zweimal nach Oſtindien ſenden, dann legen ſie ihn wieder in ihre feuchten kalten Docks, und dieſe verderben den Wein durch und durch, nimmt in dieſen Docks einen widerlichen Nach⸗ geſchmack an.“ „Mein Keller,“ bemerkt der Graf Vignerolles,„iſt das Dach.“ „Die mittlere Terraſſe der meinige, wie Du weißt;“ verſichert ihn Menou.„Dieſes Gewächs iſt erſt ſechs Jahre alt, liegt aber ſeit fünf— in Demi Johns*), der Hitze ſo wie der Kühle ausgeſetzt.“ „Ziehſt Du die Demi Johns den Johns vor?" fragt D'Ecars. „Er kam in Demi Johns an,“ erwiedert Menou. Und die obere Weinunterhaltung wird durch die untere Doughby's und ſeiner beiden Antagoniſten D'Ermonvalle und Vergennes überſchrieen. Sie ſind *) Große gläſerne Flaſchen, die von fünf bis zehn Gallons, 25 bis 50 Bonteillen enthalten. —= 43 6— am Ende der Tafel placirt, und in eifriger Debatte begriffen. Doughby parlirt franzöſtſch, Vergennes radbricht unſer Engliſch; D'Ermonvalle gibt ein OQuodlibet von beiden Zungen zum Beſten. Es iſt der Mühe werth, ſie zu hören. Vergennes ſpricht mit apodiktiſcher Beſtimmtheit: „Isay de English Ladies are booty full also.“ „Booty full!“ fragt Doughby, ihn anſtarrend. „Que pensez-vous avec cela.“ „Bootyfull!“ wiederholt Vergennes noch beſtimm⸗ ter. „Ah vous voulez dire,“ verbeſſert ihn Doughby lachend;„Nos dames sont presque belles dans visage et leur figure.“ „Presque belles,“ lacht wieder Vergennes zu D'Ermonvalle.„Hear him, Presque belles! He mean by dat, Les dames américaines sont les plus belles quant au visage et à la taille.“ „Oh how droôle!“ meint D'Ermonvalle. „Ah Mister Doughby, I must laugh over you,“ lacht Vergennes wirklich. „Vous riez sur moi!“ fragt Doughby—„mais non pas sur moi à particulier?“ 4* —e n— „No indeed, in public, out open— I laugh not in particular over you but, I laugh over your french, because you laugh over my English, and you must know I live for two year in England, I rid de English, rode de English, I rid de Edinbro Waterly— „De Edinbro Waterly?“ wiederholt Doughby, ihn anſtarrend. „The Edinbourgh Quarterly,“ platzt Richards heraus, und wir Alle mit ihm. Lautes Gelächter erſchallt durch den ganzen Speiſeſaal. Die Comedie erinnert mich an die Debatte, die vor einigen Jah⸗ ren zwiſchen zwei ehrenwerthen Mitgliedern unſerer Aſſembly Statt fand, zur großen Beluſtigung der Uebrigen. Denn wie Ihr wißt, ſo haranguiren in unſerer General⸗Aſſembly die Creolen franzöſiſch, die Amerikaner engliſch. Der gute R—n war ſo eben in ſeinem beſten Redeſtrome, die Nothwendigkeit dar⸗ thuend, das Balize in einen beſſern Zuſtand zu ver⸗ ſetzen— zu welchem Zwecke er blos fünfzig tauſend Dollars forderte.„Was!" ſchrie ein Creole ihm in die Rede,„fünfzig tauſend Dollars für eine Valiſe! mit zwanzig will ich eines herſchaffen.“ Der eine —”0 45— hatte die Stockade an den Miſſiſippi⸗Mündungen, der andere ein Felleiſen verſtanden. Mit dem funkelnden Champagner tritt eine friſchere Lebensperiode ein— die Geiſter werden lebendiger, ſtürmiſcher, wären die Damen nicht, vielleicht nur zu lebendig ſtürmiſch. Vergennes hat eine neue Batterie eröffnet, läßt etwas von ſeinem franzöſtſchen Libera⸗ lism, ſeiner weltbeglückenden Philanthropie hören, Richards und Doughby beginnen die Stirnen zu runzeln. „Eh bien, et le principe de l'ordre social!“ ruft ihm der gemäßigte D'Ermonvalle zu. „Ah le principe de l'ordre— c'est une abomi- nation, que ce principe de l'ordre.“ J Und fort fährt er, findet es horribel, daß in einem Lande der Freiheit, das ſich mit ſeiner Aufklärung, ſeiner Humanität brüſtet, die Sklaverei exiſtire.—— Monteville nimmt den hingeworfenen Handſchuh auf, bemerkt dagegen, ziemlich gelaſſen, obwohl ihm die Lippen bereits zucken, daß unſere Sklaverei ein altes, ſeit anderthalb Jahrhunderten eingeführtes und ſo eingewurzeltes Uebel iſt, das nur mit der Zeit gehoben werden könne. Das gibt wieder Vergennes — d 46 G— nicht zu, ein ſo monſtröſes Uebel, das die Moralität der bürgerlichen Geſellſchaft von Grund aus zerſtöre, ſollte zur Stelle ausgerottet werden, die Regierung ſollte ſogleich eingreifen, die Sklaven frei geben, ihnen Ländereien anweiſen, Schulen errichten und ſo fort. —— Hüätte unſere Regierung die Allgewalt des olympiſchen Zeus, und den Verſtand ſeiner Tochter dazu, Vergennes wüßte ihnen Beiden Beſchäftigung genug. Mit Ausländern und beſonders politiſchen Syſtemsmännern über unſere politiſchen Einrichtun⸗ gen zu debattiren, iſt das Peinlichſte, das es geben kann. Sie ſind ſo ganz in ihren Formen befangen, ſo ganz Cockneys, Kleinſtädter, die nie über die Nuß⸗ ſchaale, in der ſie gelebt, gewebt, hinausſehen, daß ſte wie kleine Kinder, die aus dem engliſch redenden Norden nach Louiſtana, oder von hier hinaufgeſchickt werden, um die neue Sprache zu lernen, immer nur daſſelbe herplappern. Schon das Prinzip, von dem ſte ausgehen, iſt dem unſrigen ſo ſchnurſtracks ent⸗ gegengeſetzt!— Ihnen iſt die Regierung ein abſtrak⸗ tes, halb überirdiſches Weſen, das Alles leiten, lenken, bewirken, ſchaffen ſoll, eine Art irdiſcher Gottheit, die das Volk als Materiale behandelt. Daß wir ſelbſt, — 2 47— wir Pflanzer— wir Volk die Regierenden ſind, und unſere Repräſentanten, Senatoren, Gouverneure, Staatsſekretäre mit dem Präſtdenten obendrein— blos die Diener unſeres Willens, unſere Organe ſind, das können ſie nimmermehr begreifen. Daß wir in den Beſttz unſerer Sklaven durch unſere Voreltern, unter der geſetzlichen Garantie der Staaten⸗ und Central⸗Conſtitution gelangt, in dieſem Sklavenbeſitze ein eben ſo unantaſtbares Eigenthum haben, als jedes andere Eigenthum iſt, das will ihnen nicht ein⸗ leuchten.— Der Menſch kann nimmermehr das Eigenthum des andern ſeyn, iſt ihr ewiger Einwurf. „Er iſt richtig, Vergennes,“ g gibt ihm Monteville zu: „wir geben unſere Neger frei,“ fährt er fort,„ſobald Ihr uns für die Summen, die unſern Eltern ihr Ankauf, ihre Erhaltung gekoſtet, entſchädigt.— Wir haben, gezwungen durch Frankreichs, Englands Regierungen, nothgedrungen, unſer Kapital, unſer Vermögen, unſer Alles in ſie hineingeſteckt, es unter der Garantie der damaligen, der nachfolgenden Cen⸗ tral⸗ und Staaten⸗Conſtitutionen, ſo wie ſie noch heute zu Tage beſtehen, hineingeſteckt, wir fordern als unſer Recht, daß die Gewährleiſtungen für den — 5 48 6— uns aufgedrungenen Beſitz auch gehalten werden.— Wir haben in den ſüdlichen Staaten über zwei Mil⸗ lionen Sklaven, auf eine Bevölkerung von etwas über vier Millionen Weißer, in Louiſiana allein auf weniger denn hunderttauſend Weiße mehr denn hun⸗ dert und zwanzig tauſend Schwarze und Farbige. Die zwei Millionen Schwarze der eilf Sklaven hal⸗ tenden Staaten— der Kopf im geringſten Durch⸗ ſchnittspreiſe nur zu dreihundert Dollars gerechnet, fordern eine Entſchädigungsſumme von ſechshundert Millionen Dollars, weit über drei Milliarden fran⸗ zöſiſcher Franken. Wo iſt,“ fährt Monteville fort, uder Nationalſchatz, der dieſe Summe aufbringen, wo die Nation, die ſich und die kommenden Geſchlech⸗ ter zu Gunſten einer ſolchen Rage mit einer ſo unge⸗ heuern Schuldenlaſt beladen würde? Aber ſelbſt wenn der Fall Statt fände, und die acht Millionen unſerer nordiſchen Mitbürger, denn ſie allein müßten die Entſchädigung leiſten,— ihren fünf nachkom⸗ menden Generationen dieſe Schuldenlaſt aufbürden wollten, wäre dem Uebel abgeholfen? Könnten ſte die thieriſchſte, die trägſte Race des Erdbodens, die einzig durch die Peitſche regiert zur Arbeit vermocht 3—" 49 6— wird, durch eine Emancipationsakte zu thätigen Bür⸗ gern umwandeln? Würden dieſe nicht in den erſten Monden ihrer Freiheit, das Spielwerk irgend eines ſchwarzen Spartacus, den Kampf auf Leben und Tod mit uns beginnen?“ So beiläufig lautet die Schlußfolgerung Monte⸗ ville's, der während ſeiner ſprudelnden Rede immer heftiger wird, auf einmal abſchnappt, das Cham⸗ pagnerglas unwillig von ſich ſtößt, und Vergennes mit einem Flammenblicke mißt. Der gute Monteville merkt, daß er eine Unbeſonnenheit begangen, indem er ſich in die Widerlegung einer Frage eingelaſſen, die nie von einem Fremden in unſerem Lande geſtellt werden ſollte.— Es iſt eine Frage über Mein und Dein, eine Exiſtenzfrage, eine Lebensfrage, die Uns, und Niemanden ſonſt angeht, in die ſich kein Fremder zu miſchen hat.— Was würde, ich ſage nicht der franzöſiſche oder engliſche Peer, nein, der bloße Fabrik⸗ beſitzer ſagen, an deſſen gaſtlicher Tafel ein Fremder das Monſtröſe der Sklaverei ſeiner Fabrikarbeiter, die enorme Ungleichheit, die zwiſchen dem Verdienſte des Taglöhners und dem Gewinnſte des Fabrikherrn herrſcht, aufs Tapet bringen wollte? Aber unſere — 0 50 6— Freiheit hat wieder ihr Unbequemes.— Weil unſer Land frei iſt, erlaubt ſich Jeder, der importirt wird, Freiheiten, die er ſich in ſeinem Lande herauszuneh⸗ men wohl hüten würde. Eine unheimliche, ja bange Stille herrſcht im gan⸗ zen Saale, eine ſchweigſame Spannungz; keine Sylbe iſt zu hören, Alle ſcheinen den Athem an ſich zu halten, es iſt die Windſtille, die dem Tornado vorher⸗ geht, Aller Zungen ſtnd wie gelähmt, die Augen der Creolen auf Vergennes und Monteville geheftet, einige bleich vor Zorn; die allgemeine Heiterkeit iſt verſchwunden, unſere Damen ſind nicht weniger auf⸗ geregt. Bin nur begierig, wie die Epiſode endigen wird. Auf einmal läßt ſich die Stimme Monſieur de Vignerolles vom obern Ende der Tafel herab hören. Sie hat eine freundlich wohlwollende Betonung. „Sind Sie ſchon lange in unſerm Louiſtana, lieber Vergennes?“ „Bereits zehn Wochen, Monſteur de Vignerolles.⸗ „Schon zehn Wochen? da haben Sie freilich unſer Land kennen zu lernen Gelegenheit gehabt.“ Und die Miene des Grafen überfliegt, während er —"0 51 6— ſo ſpricht, ein ungemein fein ironiſches Lächeln, das ihn allein ſchon intereſſant machen würde. Wir Alle ſehen ihn erwartend an. Er wandte ſich an Papa Menou. „Gedenkſt Du noch der Zeiten von 88, Du warſt damals freilich noch ſehr jung, biſt fünf Jahre jünger als ich;— ah, welcher Unterſchied zwiſchen der vieille und der jeune France!“ „Es hatte viele loyauté und Delikateſſe, das gute alte France,“ murmelt Laſſalle. „Les extremes se touchent,“ bemerkt der Graf— „die alte und neue Welt berühren ſich. Wir hörten in unſerer Jugend die Nachklänge der alten— in unſerem Alter hören wir die Anklänge der neuen Herrſchaft.“ „Ich halte es mit der neuen,“ ruft Vergennes mit beinahe herausfordernder Heftigkeit. Der gute Junge hat etwas zu viel Chambertin eingenommen. „Ich glaube nicht, lieber Vergennes,“ erwiedert de Vignerolles in demſelben freundlichen Tone,„daß der geſellſchaftliche Zuſtand im Ganzen bei den großen Umwälzungen verloren hat; wir haben verloren, ſo —= 52— viel iſt ausgemacht, aber das Volk hinwieder ge⸗ wonnen.“ „In fünfzig Jahren wird Europa republikaniſch oder koſackiſch ſeyn,“ verſichert Vergennes kurz und beſtimmt. „So hat Napoleon geſagt,“ entgegnet der Graf in demſelben gefällig leichten Tone.„Ich wieder bin der feſten Meinung, daß die Throne der alten Welt ſo ruhig fortbeſtehen werden, als in der neuen Re⸗ publiken entſtehen und fallen werden. An ihrem Glanze mögen ſie allenfalls einbüßen— und vielleicht das nicht einmal;— aber ihre Exiſtenz iſt zu tief in der menſchlichen Natur begründet, als daß ſie je ge⸗ ſtürzt werden könnten. Als Napoleon die berühmten prophetiſchen Worte ſprach, hatte er noch keine Idee von der großen Potenz, die ſeit ſeinem Falle entſtan⸗ den, der Potenz der Geldariſtokratie, die als Mittlerin zwiſchen Völkern und Thronen beide in ihrer Wag⸗ ſchaale balaneirt, keine von beiden ſinken läßt, und koſackiſcher prinziploſer Willkühr nie den Eingang in das eigentliche Heiligthum europäiſcher Civiliſation geſtatten wird. Das Prinzip der Geldariſtokratie, la propriété, welches die Stelle der loyauté ängenom⸗ — 0 53— men, kämpft für die Throne gegen die Prolétaires, und umgekehrt,— ihr Loſungswort iſt Sicherheit des Eigenthums.“ „Aber Sie geben doch zu, Monſieur de Vignerolles,“ hebt Vergennes abermals an,„daß die Welt ſeit den letzten zwanzig Jahren demokratiſcher geworden iſt, als ſte es je war.“ „Ohne Zweifel,“ erwiedert der Graf,„haben die materiellen, oder was daſſelbe ſagen will, demokrati⸗ ſchen Intereſſen ſeit zwanzig Jahren gewonnen, aber eben weil ſie materiell ſind, werden ſie, wenn ſte bis zu einem gewiſſen Punkte gelangen, conſervativ; denn merken Sie wohl, Individuen ſo wie Staaten ſind nur ſo lange, als ſie arm ſind, demokratiſch; reich geworden zeigen ſie ſich conſervativ, ariſtokratiſch,— die Intereſſen— 4 „O dieſe Intereſſen, dieſe prezioſen Intereſſen!“ bricht Vergennes aus. „Für uns Franzoſen ſo wie Europäer überhaupt iſt es ungemein ſchwer, lieber Vergennes, das Weſen des republikaniſchen Charakters zu erfaſſen, und noch ſchwerer, Geſchmack daran zu finden. Wir ſind in zu künſtlichen Formen auferzogen, um an der natürlichen —=8 54 6— Ungezwungenheit— einer philoſophiſchen Ordnung der Dinge Gefallen zu finden Die Menſchen er⸗ ſcheinen uns nicht nur zu ungenirt, ſondern auch zu ſelbſtſüchtig, intereſſirt im Vergleich mit dem dévoue- ment der Alles aufopfernden generöſen Loyauté rein monarchiſch beherrſchter Nationen; aber die Urſache iſt wohl dieſe, daß in reinen Monarchien die In⸗ tereſſen Aller, der allgemeine Egoismus, wenn ich ſo ſagen darf, in der Hand eines Einzigen und ſeines Cabinettes concentrirt, in Republiken hingegen dieſer Egoismus, dieſe Intereſſen wieder über die ganze Maſſe der Bürger zerſtreut ſind, daher die Erſchei⸗ nung, daß je republikaniſcher eine Regierung wird, deſto ſelbſtſüchtiger, egoiſtiſcher, geldſüchtiger das Volk.— Ich zweifle, ob Napoleon, wenn er heute in all ſeiner Kraft erſtünde, noch die Hälfte der Opfer von unſerem Frankreich erlangen würde, die ihm während ſeines Conſulats und Kaiſerthums zu ſeinem Unglücke gewiſſermaßen aufgedrungen wurden.“ „So zweifle ich,“ fährt er nach einer Pauſe fort, „ob Sie heut zu Tage fünfzig Cavaliere finden wür⸗ den, die, wie wir zu Tauſenden es thaten, unſerm Vaterlande, unſern Beſitzungen, Familien den Rücken —= 55 6— kehren würden, um für eine hohe Idee zu kämpfen. Die materiellen Intereſſen ſind das Grab jener hohen Loyauté, wie ſie früher verſtanden wurde; aber dieſe materiellen Intereſſen haben wieder auf der andern Seite das Gute, daß auch die ſogenannten Prinzip⸗ männer nur wenig mehr heut zu Tage ausrichten würden.“ „Und halten Sie das für etwas Gutes, Monſieur de Vignerolles?“ fragt Vergennes, und die Lippen des jungen Mannes kräu nicht undeutlich zu verſtehen gibt, wie er gerne einen ſolchen Prinziphelden ſpielen würde. „Allerdings, lieber Vergennes, weil wir die Uebel geſchaut, geſehen die Brände, die Stürme, die dieſe Prinzipmänner, die Mirabeau's, die Robespierre’s, Dantons, Marats verurſacht.“ Und der Mann hält inne, ſteht den Jüngling einen Augenblick mit einem diamantfunkelnden Blicke an, und fährt dann fort: „Ah, mein junger Freund! Es iſt etwas Schönes und wieder etwas Furchtbares mit einem ſogenannten Prinzipmanne. Er iſt ein Weſen, das ſeinem Prinzipe Alles opfert— Religion und Familie, Vaterland ſeln auf eine Weiſe, die — o 56 e— und Heerd, Alles ſoll ſich dieſem fügen; Anarchie und Verwirrung, das Zerreißen aller Liebes⸗, Freundes⸗, geſelliger Bande, Ströme Blutes, brennende Städte und rauchende Landſchaften kümmern ihn nicht, ſo nur ſein Prinzip weiter ſchreitet. Es iſt ſein Gott, dieſes Prinzip, dem er das ganze Menſchengeſchlecht zum Opfer bringen möchte. Und es iſt wirklich etwas Göttliches, Gottähnliches in dem conſequenten Auf⸗ rechthalten eines Prinzipes; aber darum wehe dem ſchwachen Erdenſohne, der ſich Allgewalt anmaßt, ohne den Arm derſelben zu beſitzen. Er fällt früher oder ſpäter als der Sklave, das Opfer ſeiner An⸗ maßung. Mirabeau und Robespierre und Danton und Marat waren Prinzip⸗, Syſtemsmänner, Erden⸗ götter, ſie fielen. Warum? weil ſie nicht die Kraft hatten, ihr Prinzip bis zum Ende durchzuführen. Noch einen Schritt, und ſie hätten triumphirt, aber dieſen Schritt vermochten ſie nicht mehr zu thun, die Kraft ging ihnen aus, weil ſie beſchränkte Erdenſöhne waren.“ „Aber ihre Prinzipe, ihre Syſteme ſtehen feſt,“ erwiedert Vergennes;„ein Anderer führt ſte, bringt ſte zum Ziele.“ —=8 57 6— „Nie,“ verſetzte der Graf,„nie wird ein Prinzip ein Syſtemsmann fortführen, was ein anderer be⸗ gonnen, es iſt moraliſch unmöglich— ein Denkmal wahnwitziger Vermeſſenheit findet er es, und ſo läßt er es— kahle rieſige Grundmauern eines aus den Trümmern einer zerſtörten Stadt aufgebauten War⸗ nungstempels, dem vorübergehenden Wanderer ins Auge zu ſtarren, ihm die furchtbaren Schickſale der geſchlachteten Tauſende, den Jammer der Väter, Mütter, die Flüche, die Verzweiflung eines ganzen Volkes zu erzählen— und Nachteulen, Schlangen und Fledermäuſen zum Schlupfwinkel zu dienen.“ „Was hat der Mann gegen Prinzipe— ſcheint kein Freund von Prinzipien?“ raunt mir Doughby herüber.„Gebe keinen Strohhalm fuͤr den Mann ohne Prinzipien.“ „Vergebung, Mister Doughby. Ein Mann ohne Prinzipien, ohne Grundſätze, der iſt freilich nur wenig werth, aber es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen dem Manne von Grundſätzen und dem Prinzip⸗, dem Syſtemsmanne,“ verſetzt der Graf, der ihn ge⸗ hört hatte. „Verſtehe, was Sie ſagen wollen, Monſieur de Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 5 —= 58 6— Vignerolles,“ fällt Doughby ein.„Dem Einen ſind ſie Meilenzeiger auf ſeinem Wege, die ihn die gerade Straße fortführen, dem Andern iſt ſein Syſtem, ſein Prinzip ein Sporn, der ihm Tag und Nacht in den Flanken ſitzt, ihn zu Tod hetzt. Wüßte auch etwas von derlei Prinzipmännern zu erzählen.“ „Aber mein Gott, Papa,“ unterbricht auf einmal Louiſe die Prinzip⸗Diskuſſton;„über lauter Prin⸗ zipien haben wir ganz auf das Deſert vergeſſen— Papa, das Deſert.“ Und Alle ſchauen auf und rufen laut ein Ma foi— En vérité— mais voyez donc.— Wirklich haben wir in der Hitze der Diskuſſion und der darauf fol⸗ genden Spannung ganz auf dieſen weſentlichen, ja vorzüglichen Beſtandtheil einer Louiſianatafel ver⸗ geſſen, und die Ueberbleibſel der zweiten Tracht ſtehen noch immer in nichts weniger als pittoresken Bruch⸗ ſtücken umher, und die Leute, ſcheint es, machen es ſich auch bequem, keiner iſt zu ſehen. „Mein Gott! wo ſind denn die Leute alle?“ fragt die Maman.„Wo ſind ſie? kein Einziger iſt da, Champagner ſeit einer halben Stunde auf der Tafel und kein Deſert! Welche Verwirrung!“ jammert ſie. —=59 6— Und der Papa ſpringt auf und Louiſe mit ihm, und Beide laufen zur Thüre hinaus in den Salon. Louiſe kommt laut lachend zurück. „Stellen Sie ſich nur vor, Amadee ſteht mitten unter unſern und ihren Domeſtiken, und erzählt ihnen der Himmel weiß was für Geſchichten, und ſie hören zu Alle mit offenem Munde— Und neues Gelächter,„ma foi, c'est drôle.“ „Wer iſt dieſer Amadee?“ fragte ich Louiſen. „Der Amadee? kennſt Du Amadee nicht?— Es iſt der Amadee von Papa Roſſignolles— mein Gott, alle Welt kennt ihn.— Da kommt er, Amadee, lie⸗ ber Amadee!“ Und der liebe Amadee kommt wirklich mit Papa Hand in Hand, ein Paar Worte flüſtert dieſer dem Grafen und Maman in die Ohren; die gute Mama ſchaut auf, wird betroffen, faßt ſich jedoch gleich wie⸗ der, reicht dem Alten freudig die Hand, die er recht franzöſtſch galant an die Lippen drückt. Wir alle ſchauen der Pantomime geſpannt zu. Die Creolen ſtecken die Köpfe zuſammen, horchen, und ihre Ge⸗ ſichter erheitern ſich; ſie werden kindiſch ausgelaſſen. 5* —=d 60— Die guten Creolen! Nichts als Amadee, bon Amadée iſt zu hören. „So ſage mir nur, was das Alles ſoll?“ „Später!“ liſpelt mir Louiſe zu—„Du wirſt hören.“ „Amadee, Deine Geſundheit!“ ruft der Papa, das Glas hebend. Und Alle heben die Gläſer. „Amadée! ta santé.“ Und der alte Amadee hebt das ihm von der Maman gereichte Glas gleichfalls, ſalutirt mit Anſtand rings umher, und leert es dann auf unſer Aller Geſundheit. Das iſt doch ſeltſam, wirklich ſeltſam. Der alte Vendeer oder Gascogner führt uns unſere Diener mir nichts dir nichts aus dem Saal, um ihnen alte Geſchichten zu erzählen, ſtatt ſie das Deſert aufſtellen zu laſſen, und wird dafür von ſämmtlichen Creolen toaſtirt, als ob er eine Heldenthat vollbracht hätte. Auf alle Fälle iſt er ein ganz einziges Exemplar eines Ci-devant Valet de chambre oder was er iſt? Ein wahres Laternengeſicht, das blos Haut und Knochen vorweiſet, und Runzeln, und eine ſcharfe ſpitze Naſe am äußerſten Ende roth punktirt, ein Paar kleine — 61— funkelnde Augen, grauweiße Wimpern, das ganze Profil ungemein ſcharf, nicht eigentlich ariſtokratiſch, aber verſchlagen ſcharf, eine wahre Häſcher⸗, Polizei⸗ direktors⸗Phyſtognomie. Für das ihm übrig geblie⸗ bene Haarkapital trägt er übrigens viele Sorge, ein kurzer dicker Haarzopf ſitzt ihm im Nacken und zwei eisgraue Wülſte über den Ohren, die mit dem ſpiegel⸗ glatten ehrwürdigen Scheitel nicht übel contraſtiren. Sein Rock iſt aus dem feinſten blauen Tuche mit weißen Aufſchlägen, aber in einer Fagon geſchnitten, die wenigſtens ein halbes Säculum alt iſt. Auch ſeine Kamaſchen datiren in dieſe Zeit zurück.— Jetzt iſt er ganz mit Aufſtellung der Deſerts beſchäftigt, das er recht kunſtgerecht vor die Augen zu bringen weiß. Unſere Deſerte aber verdienen es auch, unſere Ananas⸗ torten allein, die vor uns ſtehende verräth eine Mei⸗ ſterhand— ſind wahrhaftig deliziöſe Artikel; auch unſere Bananentorten, obwohl ſie nicht das Pikante haben, ſind nicht zu verwerfen— Und wie er den Schwarzen die Teller, Schüſſeln und Schüſſelchen abnimmt, und ſie in gefälligerer Perſpektive auf der Tafel arrangirt, geht mir auch das Licht auf. Der Alte hat ſie mit den Dienern der — 62— Gäſte zweifelsohne aus dem Saale bugſirt, um zwi⸗ ſchen ihre Ohren und die Zunge Vergennes die ge⸗ hörige Diſtanz zu legen—„Nicht wahr, Louiſe?“ Louiſe nickt, legt aber den Finger mit einem viel⸗ ſagenden Blicke auf meinen Agnaten an den Mund.— „Weiß nicht, liebe Louiſe, wer ſo rückſichtslos jede Convenance verletzend, wie dieſer junge Menſch, ſeine crüde philanthropiſche Club⸗Effervescenz bei jeder Gelegenheit auskramt, und den fanatiſchen Apoſtel ſpielt, verdiente eigentlich eine ernſtliche Zurechtwei⸗ ſung. Reſpekt vor jeder Meinung, aber Delikateſſe iſt da am unrechten Orte, wo unſere und der Unſrigen Sicherheit und Leib und Leben in Gefahr ſtehen. Ohne die einigermaßen ſeltſame Dazwiſchenkunft des fremden Majordomo würden ein Dutzend Sklaven Dinge gehört haben, die in Zeit von einer Woche unſern fünf und zwanzig tauſend Negern am Red⸗ River— auf die wir nicht fünf und zwanzig hundert Weiße haben— die Köpfe leicht ſo lichterloh hätten anbrennen können, als uns unſer Louiſiana nur zu heiß gemacht haben dürfte. Iſt nicht zu ſcherzen in dieſem Punkte, es iſt furchtbarer Ernſt, verſichere Euch. Wir ſttzen auf einem Vulkan— auf einem —= 63 6— Pulvermagazin, wir dürfen es uns nicht verhehlen, ſo qualvoll, ſo entſetzlich dieſe Gewißheit auch ſeyn mag; aber kennen, wie wir unſere Lage ſollen, ſollen wir auch nicht jeden Unbeſonnenen mit brennender Lunte in dieſes Magazin eintreten laſſen, ehe wir aufgeräumt, die Exploſion unmöglich gemacht haben. — Wie Männer ſollen wir unſere Lage ins Auge faſſen, nicht wie alte thörichte Weiber, und die Creo⸗ len und Franzoſen ſind in dieſem Punkte belfernde, leichtſinnige, ſchnatternde Weiber. Befürchte, ge⸗ ſtehe es aufrichtig, dieſe Creolen bringen früher oder ſpäter eine St. Domingo⸗Teu⸗ felei über uns und unſer Louiſiana! Zum Glück haben wir Uncle Sam im Norden!—* Doch die Stimmen werden wieder fröhlicher, die Zungen lauter, die Inſpiration beginnt ſich auf den Geſichtern, der Männer wenigſtens, zu zeigen. Alle fühlen ſich ſo wohl, wie man es immer nur ſeyn kann, wenn Ananas⸗ und Bananentorten und Gra⸗ nadillos und Peccans und Orangen und zwanzigerlei Arten tropiſcher Früchte mehr, und Champagner⸗ und Madeiraweine Euch anlächeln. Es iſt erſtaunlich, welche Niederlage in den Vivres —= 64 6— und Fluiden unſere zwanzig Perſonalitäten oder viel⸗ mehr unſer Dutzend, denn die Damen zählen nicht, angerichtet;— es ſcheint, als ob Alle das Ver⸗ ſäumte wieder einbringen wollten. Einige ſitzen be⸗ reits wie im Traume, die Akazien vor dem Hauſe beginnen ihnen Menuets zu tanzen— werden revo⸗ lutionär, die Tafel, die Seſſel fangen an zu promeni⸗ ren.—„Hauterouge,“ ruft de Vergennes zu,„de Pordre, de l'ordre— on a toujours assez de liberté, c'est de l'ordre qu'il nous ſaut.“ Vergennes hat die dreifarbige Kokarde in der Hand, die er an die Lippen drückt, er ſchreit:„C'est une honte, qu'on ait reculé devant l'idée d'une natio- nale assemblée, qu'on n'ait point ſait révolutio- nairement une loi d'élection; qu'il fallait une nouvelle loi d'élection, une nouvelle chambre, puis un und ſo weiter, zum offenbaren Verdruſſe D'Ermonvalles, der ein ganzer Doktrinär— eine neue Eſpece Menſchenbeglücker— in kurzen abgebro⸗ chenen Sentenzen das Belle⸗France analyſtrt, dividirt, ſubdividirt, ſo daß es zuletzt impalpable erſcheint.— Er thut wieder die Nothwendigkeit des Friedens dar, der Quiescenz der großen europäiſchen Familie. Es —:=65 G— geht uns nur, um die verſchiedenen Nüancen der großen Nation alle zu haben, noch ein St. Simoniſt und ein Congregationaliſt ab.— Wir wußten gar nicht, welchen Partheien⸗Reichthum unſer Louiſtana beſitzt; Bonapartiſten und Republikaner, Legitimiſten und Doktrinäre, alle möglichen Arten und Abarten tauchen auf. Die Wirkungen des Champagner und Madeira ſpringen in die Augen.— Schade, daß Mistreß Houſton endlich ſich vom Seſſel erhebt— ſie hatte mit einiger Ungeduld der franzöſiſchen Sitte, an der Tafel zu bleiben, das Opfer gebracht— jetzt erhebt ſie ſich jedoch, mit ihr die Uebrigen.— Es iſt auf alle Fälle Zeit, den Auf⸗ ruhr, den die Weinfluthen angerichtet, mit dem Oele der Moccabohne zu beſchwichtigen.— „Mesdames und Meſſteurs! Iſt's gefällig, in den Salon zurückzukehren?“ Keine Einwendung gegen die Motion des guten Papa— wir arrangiren uns in Reihe und Glied. —= 66— III. Die Soiree oder New⸗Orleans im Jahre 1799. An unſerer Spitze zieht der Graf mit Mistreß Houſton ein;— wirklich ein vollendeter Gentleman. Elegante Formen, leichte ungezwungene anmuthige Haltung, die alles Auffallende, Auszeichnung hei⸗ ſchende, zu vermeiden weiß, lebendige, geiſtreiche Phyſtognomie, von einem fortwährenden Lächeln aufgehellt, das bald mild ironiſch, bald ſchärfer ſpöt⸗ tiſch, wieder freundlich gutmüthig, dem von Natur malignen Franzoſen ſo wohl anſteht. Die fein ari⸗ ſtokratiſchen Züge, der ſchöne ſchneeweiße Kopf mit der geiſtreichen Stirne, leicht gerunzelt, der zarte Teint mit den lichtblauen, ungemein brillanten Augen, hatten mich ſchon beim erſten Zuſammentreffen unge⸗ mein angeſprochen. Ich liebe wieder gute alte Dinge, alten Wein, alten Rum und alten Adel. Wüßte auch nicht, warum ich in das zur Mode gewordene Pöbel⸗ geſchrei John Bulls einſtimmen ſollte, das den Hand⸗ —=8 67— langer eines Sir Arkwrights,*) der ſich ſeine Mil⸗ lionen auf Unkoſten von Millionen zuſammengeſcharrt, in die Wolken erhebt, und den edlen Sprößling einer noblen Rage mit neidiſchem Hohne anglotzt. Wartet zuerſt mit Cuerm Verdammungsurtheile über die alten Feodalen— bis Ihr die Segnungen geſchaut, die Euch Eure neuen Zwingherrn gebracht, die verbutte⸗ ten verkrüppelten Milliarden von Weſen, in denen Ihr kaum das Ebenbild Gottes mehr erkennt.— Wenigſtens ließen dieſe Barone und Grafen Cuch und Euern Vorfahren Mark und Kraft in den Kno⸗ chen— und einen regen Geiſt, etwas zu entdecken, Eure neuern Patrone;— doch wollen unſere Rha⸗ pſodien für ein andermal aufſparen— und zurück zu unſerm Grafen. Er hat Vieles vom Höflinge im beſſern Sinne des Wortes. Wie unvergleichlich er die krampfhafte Spannung, in die der heilloſe Ver⸗ gennes die ganze Tiſchgeſellſchaft verſetzt, zu löſen, das Phantom, das er heraufbeſchworen, zu verſcheuchen gewußt, wie gefällig, leidenſchaftslos der Wortfluß ſeiner Rede! auch nicht die mindeſte Aufregung;— *) Sir Richard Arkwinght, der Vervollkommner der Spinn⸗ maſchine. —= 68— Sprache, Ton, Haltung, Kleidung, Alles verräth den gebornen Ariſtokraten jenes alten Regime, bei dem Leidenſchaften und Thränen längſt verſtegt ſind. Chevalier d'Ecars ſagt, er habe herbe Tage in ſeinem Leben geſehen. In ſeiner Jugend am Hofe Ludwig XVI. und Vertrauter einer der Brüder des Königs, ſoll er nach dem Tode des unglücklichen Monarchen in wich⸗ tigen Aufträgen gebraucht worden ſeyn, die Aufſtände in der Vendee mit organiſiren geholfen, gegen die Weſtermanns, die Marceaus, die Dumas und Hoches ggefochten haben, war, als Alles verloren, außer der Ehre, nach England— und von da nach Amerika entwichen, wo ſeine Familie noch aus früheren Zeiten her eine bedeutende Schenkung an Ländereien in den Attacapas beſaß. Auf dieſer hat er eine Pflanzung gegründet, die zu der bedeutendſten in Louiſtana ge⸗ hört, und ſich durch muſterhafte Zucht und Ordnung auszeichnet. So lieb ſoll ihm ſein neuer Wirkungs⸗ kreis geworden ſeyn, daß er es abſchlug, nach Frank⸗ reich zurückzukehren, wo ihm nach der Reſtauration ſeine Familiengüter mit einer bedeutenden Entſchädi⸗ gung von der Milliarde heim fielen. Welche immer die Gründe ſeyn mögen, die ihn —= 69 6— beſtimmten, die ewig grünen Wieſen und Orangen⸗ bosquets der Attacapas den glänzenden Antichambres der Tuilerien vorzuziehen, ſte verrathen einen be⸗ ſtimmten dezidirten Charakter. Das Portefeuille dieſes Mannes müßte eine reiche Ausbeute von Er⸗ fahrungen darbieten. Er hat ſich mit Mistreß Houſton auf dem Sopha niedergelaſſen und Louiſen nachgezogen. Ein zweites, das herangeſchoben wird, nimmt Genievre, Laſſalle und mich auf; die übrigen Gäſte gruppiren ſich in kleinen Abtheilungen, muſtern die Gemälde, d'Er⸗ monvalle ergeht ſich im Reiche der Töne, und verliert ſich in einer ſtürmiſchen Symphonie Beethovens. Er ſpielt meiſterhaft, auch Vergennes hat ungemeine Fertigkeit. „Es iſt eine merkwürdige Eigenheit,“ bemerkt der Graf,„daß dieſe ſchönſte, erhebendſte aller Künſte bei freien Völkern ſo wenig betrieben wird. So verſichert man, daß Muſik heut zu Tage in Frankreich viel we⸗ niger, als ſonſt, einen Theil männlicher Erziehung ausmache; überhaupt wird ſie weniger in England, als in Frankreich, in Frankreich weniger als in Deutſchland, weniger in Deutſchland als in Italien, — 70— am allerwenigſten in Amerika getrieben.— Ich habe nie von einem amerikaniſchen Staatsmanne, oder überhaupt einem Manne von ausgezeichneter Stellung gehört, daß er Muſik triebe!“ „Ich glaube wohl vorzüglich deßwegen,“ fiel ich ein,„weil eine gewiſſe Fertigkeit in der Muſik wieder ſo vielen Zeitaufwand bedingt, als Jeden, der ſeine Stunden zu ſchätzen weiß, abſchrecken muß. Bei uns würde deßhalb ein guter Fortepianoſpieler zugleich Vergnügen und mitleidigen Spott erregen.— So gerne wir künſtleriſche Fertigkeit an unſern Damen ſehen, bei dem Manne können wir uns eines gewiſſen mißbehaglichen Nebengedankens nicht erwehren, wie dieſer ſeine Zeit und Kräfte hätte beſſer gebrauchen können. Wir ſind ferner ſehr behutſam, uns nicht von Gefühlen, von leidenſchaftlichen Aufregungen fortreißen zu laſſen, und Muſtk iſt es vorzüglich, die weich ſtimmt, entnervt. Gefühlvolle ſenſitive Indivi⸗ duen ſowohl als Nationen ſind nicht für die Freiheit geſchaffen. Die Aeußerung, die Cröſus zugeſchrieben wird, enthält viel Wahres.*) 4) Willſt du Sklaven, ſo gib ihnen Muſik. L — — 71— „Ich glaube, Sie haben im Ganzen genommen Recht,“ verſetzte der Graf;„nur Schade, daß der Erde ſchönſte Freuden gerade wieder mit ſo vielen Entſagungen verbunden ſind!“ „Amadee!“ wandte er ſich zum Alten, der mit chasse caffé nun die Runde zu machen begann. „Woran denkſt Du jetzt?“ „Vergebung, Herr Graf, ich denke mir ſo allerlei.“ „Zum Beiſpiel?“ fragte der von ſeiner Taſſe nip⸗ pende Graf weiter:„war es der Rencontre bei St. Florent?“ „Nein, Herr Graf.“ „Oder die furchtbaren Tage von Nantes?— wo Deine Schweſter und— armer Knabe!— in dem Boote mit zwanzig Fuß breiten Fallthüren— 4 „Nein, Herr Graf, dieſe Alle habe ich zu vergeſſen geſucht.“ „Ja ja, alter Freund, Du haſt zu Deiner Zeit— den Hof und die königliche Familie gekannt,— den Marquis von Beaulieu und Charette und Marigny.“ Und während er ſo ſpricht, ſtreckt er die Hand dem alten Diener dar, der ſie mit Herzlichkeit erfaßt, und —=72— in beiden ſeinigen haltend, dem Grafen gerührt in die Augen ſchaut. Es iſt ein ſchöner Zug, dieſe freundliche, beinahe brüderliche Umgangsweiſe der alten Franzoſen mit ihren Dienern, verglichen gegen unſer und unſeres Verwandten John Bull vornehmes Herabſehen auf dieſelben dienſtbaren Geiſter.— Dafür ſind aber unſere Diener blos bezahlte Miethlinge, Werkzeuge, jene Kinder des Hauſes, die am Wohl und Wehe deſſelben kindlichen Antheil nehmen. „Alſo erzählt haſt Du, Amadee?“ fragte der Graf wieder. „Aufzuwarten, Herr Graf.“ „Und was haſt Du erzählt?“ „Vergebung, Herr Graf!“ „Wiſſen Sie,“ wandte er ſich zu uns,„daß Amadee durchaus nichts davon wiſſen will, daß wir wieder nach Frankreich zurückkehren.“ „Ah, Herr Graf, Sie thun wohl daran, daß Sie hier bleiben,“ murmelte der Alte. „Schön, lieber Amadee,“ fällt Louiſe ein:„Du mußt uns den Papa Roſſignolles hier behalten helfen.“ —=9 73 6— „Dazu bedarf es nicht viel Drängens, liebe Louiſe,“ fällt dieſer ein;„nein, liebes Kind, wer die Höhen gemeſſen hat, in ſeiner Jugend darauf ſo viel herum⸗ geklettert, und ſich die Beine müde gezappelt hat, wie wir, der liebt in ſeinen alten Tagen Ruhe. Zudem würden, aufrichtig geſagt,“— ſein lächelnder Blick ſiel auf Baron Laſſalle—, uns, die wir ſeit ſo langer Zeit gewiſſermaßen nicht aus dem Schlafrocke ge⸗ kommen, halbe Hinterwäldler geworden ſind, die Tuilerien einigen Zwang verurſachen.“ „Würden uns wenigſtens nſangs ſeltſam genug darſtellen,“ meinte Laſſalle. „Und dann, was dürften wohl unſere dreihundert Neger ſagen?“ ſchaltet Amadee ein. „Du haſt Recht, Amadee. La belle France, unter ſeine legitimen Monarchen zurückgekehrt, wird auch ohne uns beſtehen können, aber unſere armen drei⸗ hundert Schwarzen würden es nicht ſo wohl.⸗ „Es wundert mich, Monſteur de Roſſignolles, wie Sie ſich ſo leicht in unſere Sklavenverhältniſſe hinein finden konnten; für einen Europäer aus den höhern Ständen ſicherlich keine leichte Sache?“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 6 —= 74 6— Meine Frage ſchien de Roſſignolles zu frappiren; er warf Laſſalle einen jener Blicke zu, die indefiniſſable genannt werden könnten, und verſetzte dann:„Sie haben vollkommen Recht, Mister Howard. Es iſt wirklich für einen Europäer, und vorzüglich Unſer Einen, keine leichte Sache.— Schon das Wort Sklaventhum hat für unſere Ohren etwas Beleidigend⸗ Verletzendes, die Idee war mir anfangs qualvoll.“ „Und wie überwanden Sie das allgemeine Vor⸗ urtheil?“ Der Graf zuckte die Achſeln.—„Das Gebot der Nothwendigkeit anfangs, die Ueberzeugung ſpäter, daß ſich in dieſem Wirkungskreiſe ungemein viel Gu⸗ tes thun laſſe.— Was aber unſern Widerwillen vorzüglich und am ſchnellſten beſiegte, war der Reiz der Neuheit, und die furchtbar grauſige Natur des Landes, das wir betraten.“— „Wie,“ fragte ich,„der Reiz der Neuheit, die furchtbar grauſige Natur?“ „Ich glaube,“ fährt der Graf fort,„daß der An⸗ blick der gräßlichen Geſtade Louiſtana's an den Mün⸗ dungen des Miſſiſippi, und die kaum minder gräßlichen theilweiſen Striche, die unſere Ländereien umgeben, — 0 75— vieles, ja das Meiſte beitrugen, mich mit dem Skla⸗ venthume zu verſöhnen, indem ſie mir beim erſten Anblicke die Ueberzeugung aufdrangen, daß der Weiße, ſich ſelbſt überlaſſen, unmöglich dieſes Land der Cul⸗ tur gewinnen könne.“— Er fuhr nach einer Weile fort:„Ich hatte viel Entſetzliches geſehen, als ich in Louiſiana vor neun und zwanzig Jahren ankam, aber nie ſo etwas Grauenerregendes, als dieſe unabſeh⸗ baren Flächen von Sumpf und Schlamm und Moraſt, dieſe Tauſende vermodernder Baumſtämme, mit Tau⸗ ſenden von Alligatoren, dieſe gräßlichen Wolken von Musquitos; überhaupt dieſes Chaos einer erſt be⸗ ginnenden Geſtaltung. Ein ſolches Land der Cultur zu gewinnen, ſchien mir etwas ſo Ungeheures!— daß ſelbſt das Furchtbare der Sklaverei dagegen ver⸗ ſchwand, in meinen Augen gerechtfertigt ward.“ Es liegt ſehr viel Wahres in dieſer Bemerkung— obwohl, wenn unſer Sklaventhum keine poſitiveren Rechtsverhältniſſe aufweiſen könnte, es kümmerlich genug darum ſtände. „Ja, Herr Graf, Sie riefen oft aus: mein Gott, in dieſem Lande ſollen wir leben!“ ſchaltet Amadee ein. 6* — 76 6— „Wir kamen noch dazu in der ſchlimmſten Jahres⸗ zeit, im Anfang Juli,“ bemerkt Laſſalle. „Das war freilich eine übel gewählte Jahreszeit!“ „Wir fuhren in der Mitte Aprils ab,“ berichtigt wieder der Graf,„brachten aber drei volle Monate auf der See zu. Es war ein trauriger Eintritt, der unſrige, nach den langen Mühſeligkeiten und Ent⸗ behrungen einer ſolchen Seereiſe— die troſtloſeren Geſtade der Miſſiſtppimündungen zu ſehen.“ „Und die Hauptſtadt—“ gab wieder Amadee das Schlagwort. „Mit ihren leeren geſchloſſenen Häuſern, Fenſter⸗ laden, ſchmutzigen Gaſſen, ſtatt des Pflaſters mit Abfällen aller Art Thiere beſäet, abgenagten Knochen, Gerippen, an denen ganze Schaaren ſogenannter Carankros*) hackten und zerrten, kein Menſch zu ſehen— unſer Schiff das einzige, das im Hafen lag. Es war die häßlichſte verödetſte Stadt, in die ich je den Fuß geſetzt. Eine todte Stadt, aus der alles Lebende gewichen. *) Die creoliſche Benennung der Turkey-Buzzards, Aas⸗ geyer.— — 77— „Mit vieler Mühe,“ fuhr wieder der Baron fort, „fanden wir endlich ein Eſtaminet.“ „Am untern Levee gegenüber der Cathedrale.“ „Pierre Brodin,“ ſchaltet wieder Amadee ein. „Aber dieſes Eſtaminet, dieſer Pierre Brodin,⸗ bemerkt der Graf,„war auch der Wendepunkt unſerer Leiden.“ Alle drei wurden auf einmal ungemein heiter ge⸗ ſtimmt. 6 Der Baron nimmt das Wort.„Gerade wie wir an die Thüre der Kneipe herantreten, wird dieſe geöffnet, und eine Leiche von zwei Negern heraus⸗ getragen.“ „Courage, Monſieur de Vignerolles, Sie ſehen, man macht uns Platz, ſagte der arme Ducalle;“ ſchal⸗ tet wieder Amadee ein. Eine ſonderbare Erzählung, die, was ihr an Zu⸗ ſammenhang fehlt, durch Originalität erſetzt; wenig⸗ ſtens hat ſie den Vortheil der Authenticität, denn die drei Referenten berichtigen ſich vira voce.— Es iſt eine Art Terzett, ungemein lebendig, raſch vorgetra⸗ gen. Jeder ſteuert ſeinen Antheil gewiſſenhaft bei, fällt mit dem Schlagwort auf eine Weiſe ein, die die —=0 78 e— Andern immer auf dem qui vive erhält. Wir ſind gerade in jener glücklichen Stimmung, die bei geſun⸗ dem Verdauungsvermögen in der Regel nach einem guten Diner einzutreten pflegt, jener behaglich wohl⸗ wollenden Trägheit, in der die abgeſpannten körper⸗ lichen und geiſtigen Kräfte ſich mit irgend einem Surrogate geiſtiger Nahrung begnügen.— So laſſen wir denn das Trio ſeinen eigenen Weg nehmen. „Pierre Brodin,“ fährt der Baron zu den Beiden gewendet fort,„war der ſchwärzeſte Bretagner, den ich je geſehen, voll Pockennarben, mit einer dicken ruſſiſchen aufgeſtülpten Naſe, und ein Paar ewig um⸗ herrollenden rothen Fuchsaugen. Als wir zehn Mann hoch angerückt kamen, überſah er uns einen Augen⸗ blick vom Kopf zu den Füßen, ſchrie den Negern nach, ſie ſollten ſogleich zurückkehren, und ja nicht den Tod⸗ ten entkleiden, er ſey am gelben Fieber geſtorben, dann ſprang er in die Schenkſtube zurück, ohne ſich auch nur im Mindeſten um unſern Zuſpruch zu bekümmern.“ „Wir ſtanden zweifelhaft,“ fuhr der Erzähler fort, „ob wir in dieſe Gelb⸗Fieberhöhle eintreten ſollten oder nicht.“— — 5 79 6— „Sie haben alſo die Ueberfahrt zuſammen ge⸗ macht?“ fragte ich. 3 „Zu dienen, lieber Mister Howard,“ antwortet der Graf.„Wir waren unſerer Zehen: de Laſſalle, Hauterouge und Ducalle, mit ihren Dienern, ich und Amadee mit noch zwei Bedienten. Wir verließen Europa acht Monate nach dem 18. Brumaire. Das Aplomb, mit dem Buonaparte die Zügel der Regie⸗ rung erfaßt und feſthielt, hatte unſerm Treiben ein Ende gemacht. Unſere Rollen in Frankreich waren ausgeſpielt; für unſern König, unſere ererbten Rechte hatten wir gekämpft, ſo lange ein Hoffnungsſtrahl des Erfolgs leuchtete;— der letzte war verſchwunden, und wir dachten es ſey an der Zeit, mit den Trüm⸗ mern, die wir aus dem Schiffbruch gerettet, eine eigene Hütte zu bauen.“ Dieſe Worte waren mit einer gewiſſen Würde geſprochen, die jeder Mißdeutung vorbeugen zu wollen ſchien. De Laſſalle nahm wieder das Wort:„Pierre Brodin, weißt Du, ließ ſich endlich herab, hinter ſei⸗ nem ſchmutzigen Schenktiſche hervorzukommen, und uns einige Worte zu ſchenken. Als er hörte, daß wir — 0 80— die Paſſagiere waren, die ſo eben mit dem Schiffe an⸗ gekommen, verzog ſich ſeine Fuchsmiene in ein ſchlaues Lächeln, mit dem er fragte, ob wir bei ihm Quartier nehmen wollten.“ „Auswahl war keine, ſo traten wir in das Schenk⸗ zimmer, in dem ein Dutzend Spanier, Meſtizzen und freie Mulatten tranken und lachten, wurden in ein anſtoßendes Hinterſtübchen geführt, und nahmen Platz auf den Seſſeln und Bänken,“ fiel der Graf ein. „Pierre Brodin muſterte uns abermals vom Kopf zu den Füßen, und fragte dann Plait-il?“ der Baron. „Ohne unſere Antwort abzuwarten, lief er fort, und kam in einer Minute mit einem Korbe Bordeaux und einem Dutzend Cigarren zurück,“ wieder der Graf. „Eh bien,“ fährt der Baron fort, der nun in die Erzählungslaune gekommen zu ſeyn ſcheint,„wir ſetzten uns. Die Promenade durch die häßliche Stadt, obwohl kurz, hatte uns gänzlich erſchöpft, die Hitze war ungeheuer, die Musquitos jedoch in Vergleich zu denen, die uns an den Mündungen des Miſſiſtppi zur Verzweiflung gebracht hatten— zu ertragen. Wir tranken das erſte Mal auf Neu⸗Frankreichs Grund und Boden.“ 3 — 9 81— „Kommen jetzt die Lettres de récommendation,“ fiel Amadee im Baßtone ein. Der Baron nickte „Eh bien! Wie wir ſo ſaßen und tranken, trüben Gedanken Audienz gebend, nimmſt Du Roſſignolles Dein Portefeuille heraus, und wir folgen Deinem Beiſpiele. Pierre Brodin, der durch die Thüre her⸗ eingelugt hatte, kam, ſchlich eine Weile wie der Fuchs um den Hühnerſtall um uns herum, ſchielte Haute⸗ rouge und Ducalle über die Achſeln, und hob endlich mit einem ſpöttiſchen Seitenblicke an— „Ah des lettres de récommendation— Em⸗ pfehlungsbriefe an Monſieur Bouligny;— Nicht in der Stadt, der Monſteur Bouligny— An Baron Marigny, auf ſeinem Landſitze der Baron Marigny — Pah. „Und er wandte ſich, drehte ſich herum, rief aber⸗ mals eine Pah— gut, ſehr gut; dieſe Empfehlungs⸗ briefe ſind gut, fährt er fort, uns wechſelſeitig mit Luchsblicken meſſend.“ „Die Wahrheit zu geſtehen, ſo war unſere Toilette nichts weniger als gewählt, unſere Wäſche— wie ſie nach einer ſolchen triſten Fahrt ſeyn mußte.— Pah, — 0 82 6— rief Pierre Brodin Hauterouge und Ducalle zu: Habt Ihr fünftauſend Thaler jährlich?“ „Hauterouge und Ducalle ſahen ihn mit großen Augen an.“ „Habt Ihr fünftauſend Thaler jährlich, wohl und gut!— ſo werden dieſe Empfehlungsbriefe weit gehen, um Euch eine niedliche Demoiſelle zu verſchaffen, eine Quateroone oder derlei Zeitvertreib, die Euch Eure Gourds verzehren helfen wird. Pah! und Meſſieurs wird es geben, die Euch belehren werden.“ „Auf einmal wandte er ſich ausſchließend an Du⸗ calle, dem er über die Achſel in ſeinen Brief geſchaut.“ „Ihr ſeyd ein Bretagner?⸗ „Ja, mein Herr, antwortet Ducalle.“ „Ihr habt einen Brief für die Attacapas?“ „Ja mein Herr.“ „Ihr hattet, was man eine Erziehung nennt?“ „Ich glaube Ja, mein Herr.“ „Verſteht etwas von Chemie, von Chirurgie, von — von— 4 „Ducalle ſah den Mann erſtaunt an.“ „Tenez! fuhr dieſer fort— werde Euch etwas ſagen. Ich, Pierre Brodin, ſage Euch,— verlaßt — 83— die Hauptſtadt ſo ſchnell als möglich, befördert Euch weg von hier, ſonſt werdet Ihr befördert, ſo wie der, der ſo eben vor Euch hinausbefördert worden.— Ihr habt Chemie ſtudirt, fuhr er beſtimmter fort, beide Hände in ſeine Weſtentaſchen ſteckend, denn er hatte keinen Rock an,— Chemie ſtudirt, oder was daſſelbe ſagen will, Medicin, man nimmt es hier nicht ſo genau,— ſo ſage ich Euch denn, Ich, Pierre Brodin, ſage es, geht in die Attacapas— in den Attacapas herrſchen, regieren intermittirende Fieber — intermittirende Fieber, verſteht Ihr mich? Balot! ſchrie er auf einmal zur Thüre hinaus, Balot!“ „Balot, brüllte eine Stimme aus der Schenkſtube herüber, was wollt Ihr mit Balot?“ „Balot! nicht wahr bei Euch in den Attacapas herrſchen intermittirende Fieber? u „Herrſchen, ja wohl herrſchen, regieren ſie, brüllte Balot;— brauchen Rekruten, wißt Ihr, Rekruten für die intermittirenden Fieber. Boudin haben die Krebſe, Allien die Alligatoren, Borel gleichfalls.“ „Balot kam mit einem halbvollen Rumglaſe zur Thüre herein, die Ausſage durch ſeine Perſönlichkeit — 84— zu bekräftigen, die eine der abſchreckendſten war, die wir noch je geſehen hatten.“ „Pierre Brodin, ſchrie er, das Rumglas leerend und dieſem zuwerfend, der es wie ein Pudel den Biſſen erhaſchte, und zur Thüre hinauslief.“ „Und wir ſaßen und ſchauten bald den uns mit trunkenen Blicken muſternden, hemde⸗, ſchuh⸗, hut⸗ loſen Balot, wieder einander an. Es war etwas Troſtloſes, Verzweifelndes in unſerer Lage, fremd, unbekannt in einer öden, verlaſſenen, vom gelben Fieber heimgeſuchten Stadt, und unter ſolchen Men⸗ ſchen. ¹ „Aber hat Sie denn nicht der Kapitän in ſeine Obſorge genommen?“ fragte ich kopfſchüttelnd. „Kapitän und Matroſen,“ war die Antwort,„wa⸗ ren in der erſten Stunde verſchwunden, um ſich für die langen Entbehrungen ſo ſchnell als möglich zu ent⸗ ſchädigen.“ „Brodin trat wieder unter uns, und nachdem er Balot das gefüllte Glas gereicht, hob er zu Ducalle gewendet an:— u „Ihr geht alſo in die Attacapas, das iſt mein Rath, —= 85 6— werdet da kuriren, Leute begraben, Geſchäfte machen, Geld machen.— Apropos, habt Ihr Geld?« „Die Frage frappirte Ducalle.— Er ſchaute Pierre Brodin wieder mit großen Augen an.“ „Pierre Brodin maß Ducalle mit einem blinzeln⸗ den Seitenblicke, und fuhr fort: Gut, Ihr habt keines, ſchadet aber nichts— thut nichts. Sollt Geld haben. Habt da eine goldene Uhrkette, hängt doch auch eine Uhr daran. Strecke Euch zwanzig Gourds vor, laßt die Kette mit der Uhr als Unterpfand zurück. Kauft Medizinen ein, will ſte für Euch einkaufen. Mit zwanzig Gourds Medizinen kurirt ihr ganz Attacapas, wenn Ihr die Sache verſteht. Calomel iſt die Haupt⸗ ſache, verſteht Ihr, legt einen tüchtigen Vorrath von Calomel ein. Strecke Euch zwanzig Dollars vor, will für Eure Paſſage noch extra ſorgen, nehme bloß fünf per cent per Monat, bin billig, ſeyd ein Lands⸗ mann, ein Franzoſe, ein Bretagner. Man muß billig mit Landsleuten ſeyn. Einem andern thäte ich es nicht unter zehn per cent. Gebe Euch einen Brief an Damien mit— iſt Alles was ich thun kann, das Uebrige iſt keinen Picaillon werth.— Schaut, daß Ihr ſo ſchnell fortkommt, als möglich.“ —= 86 6— „Schaut, daß Ihr ſo ſchnell fortkommt als möglich, wiederholte der trunkene Balot.“ „Und Pierre Brodin, nachdem er ſolchermaßen Ducalle abgefertigt, wendet ſich an Dich, Roſſig⸗ nolles.“ Der Graf nickte. Und der Baron erhebt ſich, ſteckt die beiden Hände in ſeine Weſtentaſchen, und mit kecker, ſorgloſer Miene tritt er an den Grafen heran. Und wir ſchauen Alle hoch auf, begierig auf die neue Wendung, die dieſer Trilog nehmen zu wollen ſcheint. „Ihr ſeyd ein Gentilhomme von Geburt?“ fragt Laſſalle den Grafen im höhniſch lachenden Tone. „So glaube ich,“ verſetzte dieſer. Der Baron wirft ihm einen halb mitleidigen, halb verächtlichen Seitenblick zu. „Ah ben— es hat ihrer— hat ihrer in erkleck⸗ licher Zahl— kommen, kommen. Auch ich, auch ich war, was Ihr ſeyd— Ihr wollt in die Attacapas?" „Ich glaube ja—“ war wieder des Grafen Ant⸗ wort. „In die Attacapas?“ frägt der den Pierre Brodin — 0 87 0— repräſentirende Baron.„In die Attacapas alſo? Habt Ihr Geld?“ „Habe es nicht gezählt.“ „Nicht gezählt, ſo recht— auch ich zählte es nicht, als ich es nicht hatte. Man zählt nicht, wenn es nicht im Beutel iſt,“ lacht der Pſeudo⸗Brodin—„Ihr wollt alſo in die Attacapas? Ihr wollt? Sage Euch, Pierre Brodin ſagt es, thut beſſer, Ihr geht nach Natchitoches.“ „Geht nach Natchitoches, richtet Euch einen kleinen Laden mit Pulver, Blei, Seidenbändern zum Handel mit Indianern und Negern ein.“ „Eh bien,“ verſetzt der Graf. „Richtet Euch einen Laden ein,“ verſetzt der Pſeudo⸗ Pierre Brodin,„leihe Euch zehn Dollars— leihe Dir zehn Dollars, Kamerad, Du giebſt mir ein Pfand— fünf per cent— kaufe Dir die Waaren ein— ver⸗ ſtehſt Du mich? he?“— Und ſo ſagend faßt er den Grafen beim mittlern Rockknopfe. „Chien,“ ſchreit auf einmal der alte Amadee, der vor und auf den Baron zuſpringt,„chien, Du wagſt es den Herrn Grafen zu dutzen?“ Und wir ſchauen, wie aus den Wolken gefallen, den alten Amadee an. Das iſt doch ein wenig weit gegangen.— Der Baron läßt ſich jedoch in der übernommenen Rolle nicht irre machen. „Pah,“ entgegnet er, Amadee mit einem höhniſchen Blicke meſſend.—„Pah, was geht das Dich an, Freund? Freund, bekümmere Dich um Deine Schuhe. Wenn der Mann da will, was geht das Dich an? will er nicht, ſo geht es Dich auch nichts an. Iſt ihm mein Cabaret zu ſchlecht, ſo— hier iſt die Thüre.“ Und der Baron ſpringt der Salonthüre zu, und öffnet ſte. Die ganze Geſellſchaft hat ſich um die drei Akteure gruppirt.— Es iſt etwas Einziges um dieſe Fran⸗ zoſen, ſie ſind wirklich geborene Schauſpieler. „Ah,“ fährt der Baron fort, indem er wieder näher an den Grafen, der mit vornehmer Nachläſſigkeit im Sopha liegt, heranrückt.„Ah, auch Wir— auch Wir— Wir wüßten etwas zu erzählen von adelichen Vorfahren, vom Hofleben; auch Wir, die Wir Ober⸗ ſter im Regimente von Artois, die wir Graf, Baron, — 0 89— Chevalier, Beſitzer von Herrſchaften, Silberbergwer⸗ ken— u „Im Regimente von Artois? darf ich um ihren Namen bitten?“ fragt de Vignerolles. „Louis Victor Comte de Roſſignolles— Baron de Pierpont, Chevalier de Mazanares,“ trompetet der Pſeudo Pierre Brodin mehr, als er ſpricht. „Alſo habe ich die Ehre mit dem Grafen Louis Victor de Vignerolles zu ſprechen?“ frägt der Graf. „Mit dem Grafen Louis Victor, verſetzt Pierre Brodin, mit Louis Victor de Vignerolles, Herr der Herrſchaften von Pontbleu, der Silberbergwerke von Blois.“ „Der Silberbergwerke von Blois? frägt wieder der Graf,„in welchem Theile der Welt liegen dieſe Silberbergwerke von Blois?“ Der Baron wird wüthend.„Was!“ ſchreit er, „Ihr wollt Pierre Brodin zum beſten halten, die Silberbergwerke von Blois nicht kennen? Ihr wollt ein Franzoſe ſeyn? Ein ſauberer Franzoſe ſeyd Ihr!“ Und wir alle ſchauen den den Kneipenwirth nach⸗ äffenden Baron an, und ſchlagen ein lautes Gelächter auf. Und der alte Amadee ſpringt mit ſeinem Rohr⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 7 —“=90— ſtocke vor, und ruft dem Baron zu:„Pierre Brodin kennſt Du mich?“ Und Pierre Brodin ſchaut Amadee verblüfft an, verliert die Faſſung ſichtlich, und ſtammelt:„Nein, mein Herr, ich kenne Sie nicht.“ „Jacques Pajol!“ ſchreit Amadee ſtärker—„Jac⸗ ques Pajol! Sohn der Marketenderin und Wäſcherin Jeannot vom Regimente Provence! kennſt Du den Sergeanten Amadee nicht?“ ruft dieſer, den Stock ſchwingend. Und der—erre Brodin ſpringt verblüfft, halb entſetzt im Saale herum. Er, der Doppelgänger Louis Victors. Graf von Vignerolles, Oberſt des Regiments Artois, hatte ſich in den Sohn der Mar⸗ ketenderin Jeannot und Trommelſchläger Jacques Pajol verwandelt. „Jacques Pajol!“ ſchreit Amadee ſtärker, den Stock ſchwingend—„Jacques Pajol! höre mich an. Unſere Effekten und Gepäcke und zwar des Herrn Grafen Roſſignolles, deſſen Doppelgänger Du biſt, und der Barone Laſſalle, Hauterouge und Monſieur Lacalle, ſind am Bord unſeres Schiffes, und wenn beſagte Effekten in einer Stunde noch am Bord des — 91-— Schiffes ſind, und die Erlaubniß zur Ausſchiffung nicht ertheilt iſt, ſo wird dieſer mein Stock auf Dei⸗ nem Rücken einen Cotillon aufführen.“ „Parbleu!“ ruft der nun in Jacques Pajol trave⸗ ſtirte Baron Laſſalle—„Was ſoll das bedeuten, Herr Sergeant?“ „Jacques Pajol!“ wiederholt dieſer trocken:„höre mich an. Unſere Efſekten und Gepäcke, und zwar das des Herrn Grafen Roſſt ſignolles, deſſen Doppelgänger Du biſt, und der Barone Laſſalle, Hauterouge und Monſieur Lacalles ſind am Bord ynſeres Schiffes, und wenn beſagte Effekten in einer Se ade noch am Bord des Schiffes ſind, und die E Erlaubniß zur Aus⸗ ſchiffung nicht ertheilt iſt, ſo wird dieſer mein Stock auf Deinem Rücken einen Cotillon aufführen.“ „Pierre Brodin, alias Jacques Pajol, ci-devant Louis Vietor Graf von Vignerolles, Baron de Pier⸗ pont, Chevalier de Mazanares und Herr der Herr⸗ ſchaften Pontbleu und der Silberbergw Blois“— fährt der Baron ſich ſetzend mit ungemein drolliger Wichtigkeit fort, weit entfernt, über die Ent⸗ deckung ſeines urſprünglichen Charakters verblüfft zu . —“ 92 e— ſeyn, wußte zum böſen Spiel gute Miene zu machen. Er ſprang auf Amadee zu, drückte ihm die Hände, machte tauſend Kratzfüße vor dem Grafen, und ſchien ganz Jubel und Entzücken, ſeiner Doppelgängerſchaft los geworden zu ſeyn.“ „Amadee unterbrach abermals die Luſtigkeit des Wichtes: Gnädiger Herr der Herrſchaften von Pont⸗ bleu, wir müſſen Sie, wie geſagt, bemühen, ſich mit ihrer eigenen Reiſe⸗Equipage auf die Douane zu ver⸗ fügen, und unſere Effekten aus den Händen dieſer weltlichen Hermandad zu erlöſen, anſonſt unſer Stock doch unvermeidlicher Weiſe einen Menuet auf Ihrem Rücken tanzen müßte.“ „Was,“ ſchrie Jacques Pajol,„in meinem eigenen Hauſe?“ „Auf alle Fälle wollten wir uns erkühnen,“ fiel mein Jean ein, der ſonſt gerade nicht ſehr zu Scherzen aufgelegt war.“ alier de Mazanares!“ ſchrie der Diener Halterouge’s.“ „Herr der Silberbergwerke von Blois, der La⸗ calle's. 4 „Allons, 47 Euch. 4 * —=0 93 6— „Jacques Pajol flog umher wie ein Ball, aus einer Hand in die andere u „Ma foi! Morbleu! ſchrie er, wer wird mir aber mein Eſtaminet beſorgen?“ „Wir Alle,“ riefen unſere Diener. Jacques jedoch kratzte ſich hinter den Ohren, und Ducalle machte dem Zögern durch den Vorſchlag ein Ende, der Demi⸗ Escalins für ihn einzunehmen. Erſt nachdem er ihn in die ſchöne Kunſt, Sangaree und Toddy, Sling und Cocktail zu bereiten, eingeweiht hatte, trollte er ſich fort. „Es war die erſte fröhliche Stunde, die wir in Louiſiana genoſſen,“ bemerkte der Hauterouge. „Wirklich erquicklich war ſie,“ bekräftigt de Laſ⸗ ſalle,„ſie erſchien uns gewiſſermaßen als eine glück⸗ liche Vorbedeutung unſerer Schickfale in der neuen Welt. Und wahrlich, wir brauchten eine ſolche Auf⸗ munterung, hülflos wie wir waren, inmitten einer, von allen nur einigermaßen reſpectablen Einwohnern verlaſſenen, verpeſteten Stadt, in der nur der ver⸗ worfenſte Auswurf zurückgeblieben war, gleich den Carancros über jene unglückſeligen Opfer herfallend, die der Zufall ihnen als Beute hingeworfen.“ — 94 6— „Noch ſaßen wir lachend über unſerm Bordeaux, der wenigſtens dem Eſtaminet zu keiner Schande ge⸗ reichte, als Jacques mit einem kleinen klapperdürren Spanier— denn Louiſiana war, wie Sie wiſſen, bei unſerer Ankunft noch unter ſpaniſcher Herrſchaft— zurückkam. Der Hidalgo war eingethan in einen braunen Rock, den er noch von ſeinen Univerſitäts⸗ jahren von Salamanca her haben mußte, denn die Arme hingen ſechs Zoll über die Gelenke aus den Aermeln heraus, ſeine Spindelbeine waren in gleich⸗ farbige ſehr zerlöcherte kurze Beinkleider eingehülſet; er griff bei ſeinem Eintritte mit vieler Amtswürde an ſeinen dreieckigen Hut, gab uns ſeinen langen Namen und längeren Titel, von denen ich blos das Don Henriquez behalten habe, und ſah uns dann, eine Antwort erwartend, der Reihe nach an.⸗ „Wir waren alle aufgeſtanden.“ „De Vignerolles bekomplimentirte den Don, der aber nichts weniger als redſelig ſchien. Nach den erſten Begrüßungen fragte er: ob Se. Excellenz, Don Salceda, der Gouverneur, in der Stadt ſey. „Se. Excellenz, der Civil⸗ und politiſche, auch militäriſche General⸗Gouverneur der Provinzen von —=d 95 6— Louiſtana und Weſtflorida ſind auf der Inſpections⸗ tour der Feſtungen, verſetzte der Spanier, der während der Erwähnung der Excellenz den Hut abgenommen und dann wieder aufgeſetzt hatte, mit feierlich erho⸗ bener Stimme.“ „Perdon*), entſchuldigte ſich Vignerolles: Wir haben eine lettra de recommendacion**) an Se. Excellenz, und bedauern ſehr, Hochdemſelben unſere Aufwartung nicht machen zu können.“ „Dieſe Worte beſänftigen in etwas den beleidigten kaſtilianiſchen Stolz, ſo daß Vignerolles die Frage wagte: ob vielleicht der Ober⸗Intendant der könig⸗ lichen Finanzkammer in der Hauptſtadt ſey.“ „Wieder ſchrie der Hidalgo: Se. Herrlichkeit, der Ober⸗Intendant der königlichen Douanen für die Provinzen Louiſtana und Weſtflorida, auch Intendant der Krondomänen, ferner Richter der Admiralität, und Chef der Handelskammer beſagter Provinzen, ſind auf dem Lande.“ „Perdon, entſchuldigte ſich abermals Vignerolles: Wir haben eine Schenkung über Ländereien in den *) Vergebung. **) Emppfehlungsſchreiben. —” 96— Attacapas, ausgeſtellt von Sr. Majeſtät Louis dem XV.; und wünſchen ſehnſüchtig, die geſetzlichen Formen zu beobachten, um in den Beſitz beſagter Schenkung eintreten zu können.“ „Se. Herrlichkeit, Don Maria Nicolas Vidal Chavez, Fahavarri de Madrigal, Valdez, bürgerlicher Gubernador Lugerteniente*), auch Kriegsauditor in den Provinzen Louiſtana und Weſtflorida, ferner Oberrichter ꝛc. ꝛc. ſind in der Stadt, leben aber zurück⸗ gezogen von allen Geſchäften.“ „Vignerolles ſpielte, ſtatt der Antwort, mit ein paar Goldſtücken zwiſchen den Fingern.“ „Der Spanier verzog keine Miene, ſchwenkte ſich aber mit ächt kaſtilianiſcher Granduzza dicht an Vignerolles heran.“ „Auf keinen Fall zu ſehen, ſprach er in demſelben abgemeſſenen Tone: der aber dann eine Ausnahme findet, wenn Don Henriquez die Staatsgeſchäfte von hinlänglicher Wichtigkeit erachtet, um Sr. Herrlichkeit koſtbare Muſeſtunden durch eine Unterbrechung zu behelligen.“ *) Viee⸗Gouverneur. —=97— „Vignerolles ließ einen Louisd'or in ſeine Hand ſchlüpfen.“ „Der Spanier beſah das Goldſtück, und ſprach trocken— „Es bedarf noch einer Bedingung, Se. Herrlichkeit zu ſehen.“ „Vignerolles ließ ein zweites zwiſchen ſeine Finger gleiten.“ „Muy bien,“ erwiederte der Spanier.„Senores wollten aber auch Ihre Effekten ans Land haben? Gefällt es Ihnen, die Bedingungen auf einmal zu erfüllen, oder?— „Vignerolles ſah ſich abermals genöthigt, ſeine Finger in die Börſe zu ſenden.“ „Zwei Bedingungen ſind hinreichend, verſichert ihn der pragmatiſche Diener Sr. katholiſchen Majeſtät.“ „Nachdem dieſe erfüllt worden waren, verneigte ſich der Hidalgo, griff an den Hut, und mit den Worten: Venid Senores!*) ſchritt er gravitätiſch durch die Schenkſtube des Eſtaminets der Thüre und dann dem Levee zu.“ *) Kommen Sie, gnädige Herren. — 098 6— „Wir folgten, und nahmen unſere Effekten, die zur Ausſchiffung auf dem Verdecke bereit lagen, in Empfang. Während unſere Leute beſchäftigt waren, die Kiſten und Ballen mit Hülfe der Neger, die uns Pajol mitgegeben hatte, vor das Eſtaminet zu ſchaf⸗ fen, winkte der Hidalgo Vignerolles, ihm zu folgen. Ich habe vergeſſen, zu bemerken, daß unſer Kapitän, gleich nachdem das Schiff an der Levee befeſtigt wor⸗ den*), mit unſern Päſſen verſchwunden war, und das Schiff zwei Matroſen zur Bewachung überlaſſen hatte.— Jetzt fragte der Spanier, welcher von uns beiden der Chevalier Mazanares ſey; der Umſtand, daß einer der Vorfahren Vignerolles das ſpaniſche Adelsdiplom erhalten, hatte wahrſcheinlich am meiſten beigetragen, unſern ſteifen Führer ſo zuvorkommend, nämlich ſpaniſch zuvorkommend, zu ſtimmen. Mir, der ſich anſchloß, wurde erſt nach wiederholten Be⸗ theurungen, daß auch ich ein Caballero ſey**), ge⸗ ſtattet, mitzukommen. Wir gingen durch die mit den *) Wegen der Tiefe des Miſſiſippi werden nie Anker ge⸗ worfen, ſondern man befeſtigt die Schiffe mittelſt ſtarker Taue an der Levee. **) Cavalier.— — 99 e— ckelhafteſten Abfällen angefüllte und beinahe un⸗ gangbar gewordene St. Louis⸗Straße hinab, der Rue Rempart zu, und die kurze Promenade war, ich verſichere Sie, hinreichend, unſere gute Laune wieder ſo ziemlich zu verſcheuchen. Unbegreiflich war es uns, wie in ſolchen Umgebungen und einer ſo gänzlich ver⸗ peſteten Atmoſphäre ein lebendiges Weſen es aus⸗ halten konnte. Auch ſahen wir keines; aber hinter den zerſtreuten Häuſern der Rue Rempart krochen in den Gräben Alligatoren und anderes namenloſes Gewürm herum. Dies waren die einzigen lebendigen Geſchöpfe, die wir ſahen. Die Häuſer beſtanden durchgängig aus einem bloßen Rez de chaussée mit breiten vorſpringenden Dächern. Vor einem, das einige dreißig Schritte von der Straße zurück ſtand, hielten wir.“ „Der Spanier ſah uns bedeutſam an, legte den Finger warnend auf den Mund, und mit den Worten: Se. Herrlichkeit recreiren ſich von den Laſten der Staatsgeſchäfte, bedeutete er, uns einige Schritte ſeit⸗ wärts zu halten, während er an die Schwelle des barackenähnlichen Häuschens trat, und leiſe anklopfte.“ v„ECine rauhe kreiſchende Stimme fragte:“ —”° 100— „Que es eso?“ „Don Henriquez,“ verſetzte unſer Führer. „Nach einer Weile wurde die Thüre aufgethan, unſer Führer ſprach die Worte: Ave Maria puris- sima; der Oeffnende erwiederte lachend: Sine peccado concebeda, und die Thüre ging zu.“ „Wir ſtanden einige Minuten, unſere Blicke auf die ominöſe Hausthüre gerichtet. Sie wurde aber⸗ mals geöffnet, unſer Führer trat zwiſchen ſie, und nachdem er uns herangewinkt, ſchritt er vor uns her, uns in ein mäßig großes, aber unglaublich ſchmutziges Zimmer einführend.“ „Auf einem hochlehnigen Seſſel, der hinter einem Tiſche ſtand, auf dem Schnürleibchen, Muſchetto⸗ wedel, alte Beinkleider, Gläſer mit Ueberreſten von Ananaspunſch, Strumpfbänder und derlei Sachen herumlagen, ſaß die Perſon, der wir, oder vielmehr der Caballero Mazanares, von unſerm Führer mit einem tiefen Bückling präſentirt wurde. Er hatte kurze, auf dem Kniee offene, Beinkleider an, aber keine Strümpfe; einer der Füße war in einem alten Pantoffel, der andere baar. Ueber dem Hemde hatte er einen ſchwarzen Rock, auf dem Kopfe einen drei⸗ —= 101— ecigten Hut, und obwohl er ſaß, einen Degen um den Leib gegürtet. Das war Se. Herrlichkeit der Vice⸗Gobernador, im Vorbeigehen ſey es bemerkt, die gräulichſte Affenphyſtognomie, die mir je im Leben aufgeſtoßen.“ „Don Mazanares,“ redete er Vignerolles an. „Dieſer verbeugte ſich und überreichte ihm mit eini⸗ gen vorläufigen Komplimenten unſere Pergamente.“ „Der Senor warf nochmals einen amtlichen Blick auf uns, und winkte dann Don Henriquez, der ihm die Brille brachte, die Se. Herrlichkeit gravitätiſch auf der Naſe befeſtigten, worauf Sie die Dokumente überlaſen Dieſes dauerte ungefähr fünf Minuten. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, erhob er ſich, ſtreifte mit ſeiner Rechten die Namen und keine Namen ha⸗ benden Dinge, die auf dem Tiſche ſtanden und lagen, mit Ausnahme des Punſchnapfes und der Gläſer, hinweg, ſo daß ſie auf die Erde fielen, und ſetzte ſich nieder.“ „Por todos los Demonios!*) ſchrie dieſelbe rauh kreiſchende Stimme, die wir bereits gehört hatten, *) Bei allen T— n. —=102 6— und eine Glasthüre, die in ein anſtoßendes Kabnet führte, flog auf, und heraus eine Geſtalt, die uns ba⸗ einem Haar aus der Faſſung gebracht hätte.“ „Carracco!“ ſchrie ſie ſtärker:„Que querir decir eso?— El viejo no vale!“*) „Unſer Senor ſchien ein wenig frappirt über dieſe unvorgeſehene Erſcheinung, aber nur ein wenig, ob⸗ wohl er vollwichtige Urſache gehabt hätte, es mehr zu ſeyn; denn die Schöne, die ſo unceremoniös her⸗ einſprang, war eine Mulattin, und im Mulattinnen⸗ Negligee, übrigens noch jung und ſehr corpulent.“ „Que es este?“**) fragten Se. Herrlichkeit der Vice⸗Gobernador, mit unvergleichlich kaſtilianiſchem Phlegma eine Priſe nehmend, und die Mulattin fra⸗ gend anſchauend.“ „Que es este? fragte ſie höchlich erbittert ent⸗ gegen,— Que es este? En Verdad— wandte ſte ſich— El bobo viejo no vale.“ 2) *) V-t! Was will das ſagen? Der Alte hat ſeinen Ver⸗ ſtand verloren. **) Was gibt es? **8) Was es gibt? Wahrhaftig, der alte Geck hat den Ver⸗ ſtand verloren. —= 103 6— „Und ſofort bückte ſie ſich, um die Hemden, Schnür⸗ leibchen, Muſchettowedel von den Matten aufzuraffen, was ſie mit unglaublichem Sans gene that, und ſich dann gleich ungenirt, wie ſie ſtand, im bloßen Hemde zu Don Henriquez wandte.“ „Ah caro mio, como estemos? Que hay de nuevo? Estrannos?“*) „Und ſie überflog uns mit lüſternen Blicken.“ „Seas decente, ſprachen mit demſelben kaſtiliani⸗ ſchen Phlegma Se. Herrlichkeit, eine zweite Priſe nehmend.“ „Seas decente, y menda por un Padre, y trae un puerco, en donde echar el demonio.“**) „Und ſo ſagend, erhob er ſich gravitätiſch, ging auf ſie zu, die jedoch die Hand, mit der er die ihrige ergreifen wollte, zurückſtieß, und mit den Worten: Gasta calcones***) lachend hinter der Glasthüre verſchwand.“ *) Ah Lieber, wie befinden Sie ſich? Was gibt es Neues? — ah Fremde! **) Sey doch anſtändig, und ſende um einen Prieſter, und laſſe ein Schwein bringen, auf daß er den Teufel aus dir in ſelbes treibe. **) Er macht den Hoſen Schande. — 0 10à 6— „Wir ſtanden, ohne eine Miene zu verziehen, den ſcharfen Rattenblick des alten Wollüſtlings ruhig aushaltend. Es war wohlgethan. Ohne ein Wort zu ſagen, ſetzte er ſich abermals, Don Henriquez zog aus ſeiner Rocktaſche Feder und ein Dintenfäßchen hervor, und der Alte unterſchrieb die Dokumente, die er Letzterem mit dem Bedeuten zuſtellte, das Staats⸗ ſiegel beizudrucken. Mit einem Buen viage*²) entließ er uns, und ſchloß die Thüre.“ „Erſt jetzt durften wir lächen über die ungemein groteske Erſcheinung des zweiten Stellvertreters Sr. katholiſchen Majeſtät in den Provinzen Louiſtana und Weſtflorida, des bekannten Vidal, der der ſonſt humanen Verwaltung Spaniens durch ſeine gränzen⸗ loſe Raubſucht und Schamloſigkeit einen ſo garſtigen Schandfleck aufgedrückt; aber die Luſt zum Lachen verging uns. Es lag etwas zu Unnatürliches in die⸗ ſer gräßlichen Caricatur des Laſters. Wir eilten wie getrieben vom Peſtengel unſerem Eſtaminet zu, nur eines Gedankens mächtig, nämlich, ſo ſchnell als möglich aus dieſer jammervollen Hauptſtadt zu ent⸗ *) Glückliche Reiſe. —=0 105— kommen. Wir waren kaum unter unſern Freunden zurück, als wir dieſen auch unſern Entſchluß mittheil⸗ ten, alſogleich in die Attacapas überzufahren. Alle waren es höchlich zufrieden und unſere Abreiſe wurde auf den folgenden Morgen mit Tagesanbruch feſtge⸗ ſetzt; Pajol die Weiſung ertheilt, mit Balot in Un⸗ terhandlungen zu treten.“ „Pajol jedoch ſchüttelte den Kopf, und bedeutete uns, er wolle mit unſerer Abreiſe nichts zu thun haben, und wir thäten beſſer, unſere Empfehlungsbriefe ab⸗ zuſenden, und die Antworten abzuwarten.“ „Dieſes ließ ſich nicht wohl aus dem Grunde thun, weil die Abwartung der Antworten nothwendig einige Tage nehmen, und jede Stunde unſeres Bleibens uns, die wir nicht acelimatiſirt waren, in Gefahr bringen mußte. Wir machten Pajol darauf aufmerkſam, ſo wie auf ſein früheres Dringen, ja ſo ſchnell als mög⸗ lich abzugehen.“ „Pajol gerieth in einige Verlegenheit, blieb aber dabei, wir ſollten die Antwort auf die abgeſandten Briefe abwarten, wollten wir jedoch nicht in Nouvelle⸗ Orleans bleiben, ſo könnten wir über den Pontchartrain gehen.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 8 —=2 106 6— „Und mittlerweile unſere Effekten in Deiner Ver⸗ wahrung laſſen, fragte Amadee, den Mann auf die Achſel klopfend.“ „Beſſer, Ihre Effekten bleiben in New⸗Orleans, als Sie ſelbſt, meinte Pajol, der ſeine fröhliche Stim⸗ mung noch mehr als wir eingebüßt zu haben ſchien. Es war etwas Barſches, Mürriſches, Unruhiges in den Mann gefahren, das uns nothwendig hätte auf⸗ fallen ſollen, wenn wir, im halben Taumel, wie wir waren, irgend eines andern Gedankens fähig geweſen wären, als ſo ſchnell als möglich fortzukommen.“ „Kurz und gut, ſprach ich, Du unterhandelſt mit Balot, der ſich anheiſchig gemacht hat, uns nach den Attacapas zu bringen.“ „Oder, ſiel Amadee ein, ſeinen Stock hebend.“ „Pajol ließ ſich jedoch durch dieſe Drohung nicht einſchüchtern. Ich will nichts mit Ihrer Abreiſe zu thun haben, war ſeine Antwort. Sie thun am Be⸗ ſten, Ihre Empfehlungsſchreiben abzuſenden, und ſich durch Ihre Freunde eine Gelegenheit in die Atta⸗ capas zu verſchaffen. Wollen Sie mit Balot ab⸗ gehen, ſo mögen Sie, allein ich will meine Hand nicht dazu bieten.“ — 0 107— „Wir ſchauten einander an. Etwas war nicht richtig, das ſahen wir; allein wer kann in der Lage, in der wir uns befanden, erwägen?“— „Vignerolles nahm den Mann auf die Seite und fragte um die Urſache ſeiner Meinungsänderung, ob Balot ein verdächtiger Charakter;— er bat ihn, auf⸗ richtig zu ſeyn. „Pajol kehrte ſich ab und brummte etwas, das ich nur zur Hälfte verſtand; es war etwas von neun Zoll kaltem Eiſen— dann wandte er ſich wieder zu Vigne⸗ rolles und verſicherte ihn, daß Balot Hunderte in die Attacapas überfahren, daß er uns aber rathe, auf das jenſeitige Ufer des Pontchartrain zu gehen, wo wir vom gelben Fieber nichts zu befürchten hätten.“ „Wir wandten uns unwillig von dem Manne, bei dem weder Bitten noch Vorſtellungen fruchten wollten.“ „In dieſem Augenblicke trat der wilde Balot ein, warf einen fragend mißtrauiſchen Blick auf Pajol, der dieſen noch verſtörter zu machen ſchien, und ſchrie: Meſſieurs, ich bringe Euch in die Attacapas.“ „Pajol ſtand mir zunächſt und wiſperte mir in die 8* —"0 108 e-— Ohren: gehen Sie nicht mit Balot, gehen Sie über den Pontchartrain.“ „Balot ſtand, Einen nach dem Andern anſtierend, allem Anſcheine nach aber viel nüchterner, als es nach der bedeutenden Quantität gebrannten Waſſers, die er zu ſich genommen, zu vermuthen ſtand.“ „Ich war nachdenklich geworden, und mehr noch unſer alter Freund Amadee, der mir ſeine Bedenk⸗ lichkeiten leiſe zuflüſterte. Vignerolles hatte ſich un⸗ terdeſſen mit dem Patrone in Unterhandlungen ein⸗ gelaſſen, dieſer ſich anheiſchig gemacht, mit ſeiner Voiture*) den folgenden Morgen um ſünf Uhr an der Levee zu ſeyn, und die nöthige Mannſchaft mit⸗ zubringen, die aus zehn Rameurs, einem Bootmann und ihm als Patron beſtehen ſollte. Seine Forde⸗ rung beſtand in einem Dollar per Tag für jeden Ru⸗ derer, zwei für den Bootmann und drei für den Patron. Der Handel war kurz abgeſchloſſen worden. Von Zeit zu Zeit ſah ſich Balot nach Pajol um, der ängſt⸗ lich hinaus⸗, wieder hereingetrippelt war, auf einmal *) Nennt man ſonſt in Louiſiana bedeckte Boote, in welchen vor Erfindung der Dampfſchiffe gewöhnlich die Reiſen gemacht wurden. — d 109 G— ſich an Amadee herangeſchoben und dieſem Etwas in die Hand gedrückt hatte.“ „Mir war keine Bewegung des Mannes ent⸗ gangen.“ „Balot hatte das Darangeld von zehn Dollars erhalten, für das Uebrige ſollte ihm ein Cheque aus⸗ geſtellt werden. Während dem dieſe Verhandlungen ins Reine gebracht wurden— was einige Schwierig⸗ keiten hatte, denn der Mann wollte Vorausbezahlung, um ſeine Schulden bei Pajol und einem Crochet zu berichtigen,— hatte Amadee einen Blick in das ihm ſo geheimnißvoll zugeſteckte Papier geworfen.— Gleich darauf trat er auf Balot zu.“ „Balot! ſprach er: Welchen Weg gedenkt Ihr zu nehmen?“ „Balot warf einen fragenden Blick auf Amadee, ſchoß einen giftigen in der Stube umher, aber Pajol war verſchwunden.“ „Der Mann wurde mir jetzt unheimlich. ⸗ „Welchen Weg? brüllte er— welchen andern Weg, als den nächſten, beſten, wo meine Voiture und meine Paſſagiere am ſchnellſten dahin kommen, wo wir ſie haben wollen.“ — o 110— „Dieſe Worte hatten einen höhnend lachenden Nachklang.“ „Und dieſer Weg? fragte Amadee weiter.“ „Was geht Euch der Weg an, brüllte mit einem Roßgelächter Balot. Ihr geht den Weg, den Eure Herrſchaft geht; der Herr da, auf den Grafen deutend, hat accordirt.“ „Nicht ſo vorſchnell, Balot, fiel ich ein, Amadee iſt unſer alter Freund, und was er ſpricht, wiederholen wir. Nicht wahr, Vignerolles? u „Vignerolles bejahte es.“ „Und dieſer Weg?¹ wiederholte Amadee. „Führt durch das Bayou La Fourche.“ „Nein, verſetzte Amadee, dieſe Straße gehen wir nicht;— wir gehen durch das Bayou Plaquemine.“ „Dann mögt Ihr allein gehen, ich bleibe, ſprach er trotzig.“ „So mögt Ihr, verſetzte ich, bei dem nun der Arg⸗ wohn tiefe Wurzel geſchlagen hatte, obwohl mir die Einrede Amadee's, der das Bayou Plaquemine den von La Fourche vorzog, auffiel. Wir hatten uns nämlich während unſerer vierzehntägigen Auffahrt von den Mündungen des Miſſiſtppi nach New⸗Orleans —= 111 6G— häufig mit dem Kapitän und den Matroſen über die beſte Art und Weiſe, von der Hauptſtadt nach den Attacapas zu gelangen, beſprochen, und erfahren, daß das Bayon La Fourche, ſiebenundzwanzig Stunden ober New⸗Orleans vom Miſſiſippi ausgehend, bei weitem der beſte Weg ſey, wogegen der von Plaque⸗ mine eine Reiſe von neununddreißig Stunden auf⸗ wärts den Miſſiſtppi erfordere, was uns zwei Tage mehr nehmen würde.— Aber eben dieſer Umſtand machte die letztere Tour auch für den Patron gewinn⸗ reicher, und die Weigerung, ſie zu nehmen, um ſo verdächtiger.“ „Aber was fällt Dir auf einmal ein, Amadee? fragte der Graf unſern alten Freund.“ „ Ich glaube, wir thun am beſten, Herr Graf, wenn wir unſere Empfehlungsbriefe abſenden und über den Pontchartrain gehen, im Falle Balot nicht durch die Plaquemine will.“ „Ich ſtimmte bei, und Vignerolles, der nun zu mer⸗ ken anfing, daß Amadee wichtige Gründe haben mußte, die ihn zur Veränderung unſeres Reiſeplanes bewo⸗ gen, gleichfalls.“ — 112 G— „Balot hatte wechſelsweiſe mich, wieder Amadee mit Dolchblicken gemeſſen.“ „Pahl! ſchrie er endlich, habe doch die zehn Dollars, die mir Niemand nehmen kannz ſind gerade recht zu einem Zeitvertreibe bei Crochet.“ „Und fort ging der Mann mit brüllendem Hohn⸗ gelächter zum Zeitvertreibe bei Crochet.“ „Und wir ſchauten, fuhr der Bhron fort, dem Manne⸗ nach, ſo troſtlos, wie geſtrandete Seefahrer, die das Rettungsſchiff herannahen und wieder verſchwinden ſehen.— Erſt lange, nachdem er gegangen, fielen wir beinahe unwillig über Amadee her, der uns die Aus⸗ ſicht verdorben, aus dieſer verpeſteten Stadt zu ent⸗ kommen.“ „Amadee aber wies uns ſtatt aller Antwort das Papier, das Pajol ihm in die Hände gedrückt hatte. Es waren mit Bleiſtift die Worte darauf gekritzelt: Um Gottes Willen! fahren Sie nicht durch die Bayou La Fourche, fahren Sie durch das Bayou Plaque⸗ mine. Balot iſt ein Quateroon, ſeine Rameurs Neger und Mulatten.“* „Pah, rief Lacalle, und was hat das zu ſagen? OQuateroon oder Weißer, das iſt Alles eins, Pajol —:=113— iſt ein Narr. Ein Quateroon iſt ſo gut wie ein Weißer.“ „Sie wiſſen, daß in Frankreich damals die Negro⸗ manie Steckenpferd war, bemerkt der Baron.“ „Pajol ſprach zur Thüre herein: Monſieur! wenn Sie noch in ſechs Wochen am Leben ſind, werden Sie Pajol keinen Narren ſchelten. „Wir riefen ihn herein, drangen in ihn, ſich deut⸗ licher zu erklären, aber er weigerte ſich ganz entſchie⸗ den. Bereits habe er mehr gethan, als er vor Balot und ſeinen Genoſſen verantworten könne, er könne nichts weiter ſagen, als daß Balot und Compagnie Fakbige wären, und Pflanzer es vorziehen, ihre Reiſen auf dem Miſſiſtppi und den Bayou's mit Akadiern zu machen.“ „Und ſeine Neger rufend, fingen dieſe an, den Tiſch für unſer Abendeſſen zu decken und die Speiſen auf⸗ zutragen.“ „Wir ſetzten uns, aber ſowohl die Speiſen als Ge⸗ tränke widerſtanden uns. Cs bedurfte gar nicht der öfteren Erinnerungen Pajols, ja mäßig im Genuſſe der Fleiſchſpeiſen zu ſeyn, wir konnten abſolut nichts K' — o 114— als Gemüſe und einige Schinkenſchnitte zu uns neh⸗ men; die Hitze war zum Erſticken.“ „Und wie wir ſo ſaßen, kam abermals Balot zur Thüre herein.“ „Meſſteurs, brüllte er uns an: Ich bringe Sie durch's Bayon Plaquemine, aber es koſtet Sie die Hälfte mehr.“ „Ihr erhaltet, was ausgemacht iſt, bedeutete ihm Amadee, einen Gourd für die Ruderer, zwei für den Bootmann und drei für Euch.“ „Wohl, ſo gehen wir Morgen um ſechs Uhr ab. „Wir waren es zufrieden, Vignerolles ſchrieb die Anweiſung, die nach unſerer Ankunft von unſerem Banquier in Nouvelle⸗Orleans ausgezahlt werden ſollte, und Balot entfernte ſich, um ſeine Leute zu⸗ ſammenzubringen.“ „Sind Sie mit Waffen verſehen? fragte mich Pajol nach einer Weile wie gelegenheitlich.“ „Mit Piſtolen und Doppelflinten, auch Cavallerie⸗ ſäbeln. „Die letzteren ſind gut, meinte er, aber nichts gegen Dolche auf Voitures. Sie müſſen auch Dolche haben.“ „Glaubt Ihr, daß wir ſie vonnöthen haben werden?* „Das läßt ſich unmöglich vorausſagen, verſetzte —=0 115 6— Pajol, der das Eſtaminet verließ.— Ich theilte, was mir zugeflüſtert worden, meinen Freunden mit. Die Eröffnung verſcheuchte, ganz wie ich vermuthete, auf einmal die trübe Laune, die Alle niedergedrückt hatte. Die verpeſtete Atmoſphäre, die heißen Dämpfe waren es, denen Alle um jeden Preis entkommen wollten; dieſe Ausſicht hatten wir nun, und zur Zugabe eine zweite auf einen Strauß, die uns Hitze und Fieber vergeſſen ließ. Pajol kam und brachte ſechs ſpaniſche Dolche, die wir für ſo viele Piaſter eintauſchten. Bei Allen waren Heiterkeit und Muth wiedergekehrt, la⸗ chend beſchloſſen wir unſer Abendeſſen, lachend ſuchten wir unſere Lagerſtätten, die im Schoppen des Eſta⸗ minethofes neben unſeren Kiſten und Ballen aufge⸗ ſchlagen worden waren,— da wir billiges Bedenken trugen, uns den Betten Bajols anzuvertrauen, ob⸗ wohl er uns hoch und theuer verſicherte, daß ſowohl die Zimmer gelüftet, als die Leintücher und Tillandſea⸗ Matratzen nach Jedem, der am gelben Fieber geſtorben, verbrannt, oder in den Miſſiſippi geworfen worden wären. Trotz Mochettoes, Brulots*) und anderem *) Sind kleiner als die Mochettoes, dringen aber durch die Kleider, und ihre Stiche ſind ungemein peinlich. —=0 116 6— namenloſen Ungeziefer ſchliefen wir ruhiger, als es ſeit drei Monaten der Fall geweſen war.“ „Amadee allein theilte unſere Sorgloſigkeit nicht. Er war wach geblieben. Vor Tagesanbruch kam er zu unſerem Strohlager, rüttelte Vignerolles, Hauterouge und mich aus dem Schlafe, und winkte uns, ihm zu folgen.“ „Schlaftrunken folgten wir ihm, Lacalle kam gleich⸗ falls nach.“ „Was giebt es, Amadee?“ „Ich glaube, wir thun am beſten, und gehen über den Pontchartrain.“ „Was zum Henker fällt Dir ein, jetzt, nachdem der Handel abgeſchloſſen!“ „Amadee ſchüttelte den Kopf. Es ſind Farbige, traue den Farbigen nicht. War zudem im Eſtaminet gefallen mir nicht.“ „Das finde ich begreiflich, Du konnteſt nie einen Farbigen ſeit den Zeiten des Club Maſſiac*) leiden, ſpottete Lacalle.“ *) Die bekannte Aſſociation von Negrophilen, die ſich im An⸗ fange der Revolution zu Paris gebildet hatte, und der die Revo⸗ lution in St. Domingo großentheils zuzuſchreiben ſeyn dürfte. * — 3 117 G— „Wir ſind hier unbekannt, verſetzte Amadee, der den Vorwurf nicht gehört zu haben ſchien, dieſe Men⸗ ſchen mögen uns hinführen, wo ſie wollen,— kein Hahn kräht um uns. Geben wir unſere Empfeh⸗ lungsſchreiben ab, Herr Graf— das Wenigſte, was die Herren thun können, iſt, uns Gelegenheit nach den Attacapas zu verſchaffen.⸗ „Haſt Du etwas gehört? fragten wir.“ „Ich blieb im Eſtaminet, um mit Pajol wegen der nöthigen Lebensmittel zu verabreden. Was ich hörte, gefiel mir nicht, erwiederte Amadee.“ „Und was hörteſt Du? fragten wir.“ „Bloß unſere Namen, verſtehen konnte ich ihr negerereoliſches Kauderwelſch nicht.“ „Pah, Amadee, Du biſt doch ſonſt nicht furchtſam, haſt das Herz am rechten Flecke? zehn Franzoſen werden ſich doch nicht vor zwölf Farbigen fürchten? meinte Hauterouge. Es iſt point d'honneur für uns, zu gehen, man würde uns auslachen.“ „Ich meinerſeits bin feſt entſchloſſen, mit den Leu⸗ ten zu gehen, ſprach Lacalle.“ „Und ſo bin ich, ſiel Hauterouge ein.“ „Ich und Vignerolles waren unentſchloſſen, aber 1 —=d 118 e-— jetzt kam Balot, und der Gedanke, uns vor dieſem Menſchen bloß zu geben, beſchwichtigte alle Bedenk⸗ lichkeiten, ſo ernſter Natur dieſe auch waren.“ „Wir begannen unſere Effekten an das Levee und an Bord des Fahrzeuges ſchaffen zu laſſen, wohin wir, wie Leute, die nicht recht wiſſen, ob ſte wachen oder träumen, nachfolgten.“ IV. Vie Sklaven-Nebatte. Und es tritt eine kurze Pauſe ein, die Vergennes durch die Worte, halb lachend und halb laut d'Ermon⸗ valle zugeraunt, unterbricht: „Ma foil haſt Du je ſo etwas gehört? Zehn Fran⸗ zoſen, die nicht recht wiſſen, ob ſie träumen oder wa⸗ chen, während ſie— Und er hält inne, und ſieht d'Ermonvalle und dann die übrige Geſellſchaft an, die in dem Augenblicke gerade in einem Zuſtande iſt, von dem es ſchwer zu beſtimmen geweſen wäre, ob er träumend oder wa⸗ chend ſey. Einige ſtudiren den Plafond, Andere lächeln — 119— die Bilder an der Wand vergnügt an, die Geſichter Aller ſanft geröthet, mit jener Leerheit in den ſchwim⸗ menden Augen, die auf eine zu ſtarke Verſuchung der digeſtiven Fähigkeiten deutet, Alle aber im holdſelig⸗ ſten Far niente, das jetzt erſt in eine mäßige Regung übergehen zu wollen ſcheint. Wir Amerikaner ſahen Laſſalle fragend an, um unſere Wundwinkel mochte der ſpottende Zug, der im Geſichte Vergennes zu leſen war, gleichfalls ſpielen. Hauterouge nahm eine haſtige Priſe. „Aber konnten Sie denn keine andere Gelegenheit finden?“ fällt d'Ermonvalle vermittelnd ein. „Andere Gelegenheit finden?“ erwiedert Laſſalle empfindlich;„es finden ſich da Gelegenheiten, wenn das gelbe Fieber graſſirt, kein Schiff, kein Boot zu ſehen iſt, die wenigen Einwohner, die zurückgeblieben ſind, ſich in ihre Häuſer wie in belagerte Feſtungen einſchließen, bloß einige hundert Elende wie Schakale oder Aasgeier umhertreiben. Daß wir Zutritt bei Don Valdez erlangten, war ein bloßes Ohngefähr und Vignerolle's Dublonen ſo wie dem Umſtande zu⸗ zuſchreiben, daß einer ſeiner Vorfahren den Titulo de 1* —=0 120 6— Castilla*) erlangt hatte.— Aber was läßt ſich da weiter ſagen? Man muß Nouvelle⸗Orleans gekannt haben, wie das gelbe Fieber und der Spanier zugleich da graſſirten.“ „Auch darf man nicht vergeſſen,“ bemerkt Haute⸗ rouge etwas beißend:„daß wir weder auf einer phi⸗ lanthropiſchen Negrophilen⸗, noch einer mediziniſchen Beobachtungsreiſe begriffen— nicht gekommen wa⸗ ren, die Natur des gelben Fiebers auszumitteln, ſon⸗ dern uns daſſelbe ſo fern als möglich zu halten, kurz uns anzuſiedeln in dem Lande, das uns als von Milch und Honig fließend beſchrieben worden war, und das uns, ma ſoi! auf eine Weiſe aufnahm, die ſelbſt Monſtieur de Vergennes Verſtand aus der Faſſung hätte bringen können. Parbleu! es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen dem Nouvelle⸗Orleans von 1799 und dem von 1828. „Immer bleibt es mir unerklärlich, zehn Franzoſen! und zwar Franzoſen von guter Familie!— aber na⸗ türlich, zehn Farbige ſind freilich eine ominöſe Er⸗ ſcheinung!“ *) Das ſpaniſche Adelsdiplom. —= 121 6— Dieſer Vergennes iſt wirklich ein heilloſer Spötter. „Die Amerikaner, lieber Vergennes, haben ein Sprichwort,“ nimmt der Graf das Wort,„das da ſagt: ein Europäer bleibt ſteben Jahre in Amerika blind, und wenn Sie bleiben, dürften Sie erfahren, daß dieſes Sprichwort viel Wahres enthält.— Wenigſtens wir, ich geſtehe es gerne, waren blind, als wir ankamen, und blieben auch geraume Zeit gleichſam blind, befangen in einer Weiſe, die dem Zuſtande des Schlaftrunkenen glich. Weit weniger ſo fühlten unſere Diener. Aber die Erſcheinung war natürlich. Wir kamen aus Verhältniſſen, die ich abſtract nennen möchte, im Gegenſatze zu denen, in die wir eintreten ſollten, und die concreter Natur waren. Unſere Rollen in Europa, obwohl nicht gerade die unbedeutendſten, hatten uns, das Befehlen ausgenommen, nur wenig mit den Volksmaſſen in Berührung gebracht.— Wir waren gewiſſermaßen Räder, die wieder untergeordnete Triebwerke in Be⸗ wegung ſetzten, für die Andere dachten, und die wieder Andere in Bewegung ſetzten, handeln ließen.— Als Hofleute und kommandirende Offtziere konnten wir bei einem grand und petit lever fungiren, Regimenter, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 9 —=122— Bataillone kommandiren, auch Verſe machen, Tra⸗ gödien, Romane, Komödien kritiſtren, verſtanden etwas von Chemie, von Aſtronomie, glaubten, im Vorbeigehen ſey es geſagt, in Louiſtana, wenn nicht vollen Erſatz, doch einen leidlichen Zufluchtsort zu finden, was wir aber ſahen, konnte nicht anders als unſere Erwartungen bitter täuſchen.“ „Aber der Schluß war doch ein wenig zu voreilig, Herr von Vignerolles,“ bemerkte ich. „Ah, lieber Mister Howard, der Starkmuth des Mannes hat auch ſeine Grenzen. Wer ſo viel ge⸗ fochten, gekämpft, erduldet und ertragen, als wir in den zehn Jahren unſerer Revolution, der fängt an zu verzweifeln. Das ſtärkſte Schiff hält wohl zwei, drei Stürme nach einander aus, allein wenn dieſe Stürme immer und immer wiederkehren, bald von Weſten, bald von Oſten, bald von Norden, wieder von Süden, dann brechen nicht blos die Ruder, die Maſte, reißen die Segel, auch die Planken beginnen nachzugeben; ſo das Gemüth des Mannes, es fängt an zu wanken, zu verzweifeln, und iſt es einmal da⸗ hin gekommen, dann Adieu Ruhe und Beſonnenheit!“ „Dann kommt die Unruhe, die Einen, Menſchen —= 123— wie Balot und Compagnie in die Klauen wirft,“ fällt Laſſalle ein. „Der uns zehn Tage hindurch mit ſeinen Mulatten ſchier zu Tode peinigte, und zuletzt am eilften auf einem Baumſtamme mitten im Plaquemine Bayou und Sümpfen und Moräſten unter Alligatoren und Tortue⸗Krokodillen ſitzen ließ,“ fügt Hauterouge bit⸗ terböſe hinzu. „Wie! Sie im Plaquemine Bayou auf einem Baumſtamme ſitzen ließ?“ fragten wir mit kaum unterdrücktem Gelächter. Es war unzart von uns, maliziös, aber wer kann ſich des Lachens enthalten? Zehn Franzoſen ſich an einen Baumſtamm anrennen laſſen! „Ma foi!“ fängt wieder Hauterouge an—„wenn ich noch an jene Nacht denke, ich glaube, ich könnte den zehn Böſewichtern mit Luſt den Hals umdrehen.“ „So erzählen Sie doch nur,“ baten wir Ameri⸗ kaner, die ſich durch die tragikomiſchen Aventuren dieſer guten Franzoſen nicht wenig gekitzelt fühlten. „Was läßt ſich da erzählen,“ verſetzt der Baron ein wenig verdrießlich. Es war eine Sottiſe, eine Botiſe, uns mit Menſchen von einem ſolchen Gelichter 9⸗ —“0 124 6— einzulaſſen. Mir ſteigt noch jetzt die Galle auf, wenn ich daran denke. Wir hatten die elendeſte Fahrt, die je den Miſſiſippi hinauf gemacht wurde, daß wir hin⸗ auf kamen, nur unſerm guten Sterne und unſäglicher Arbeit zu danken. Wir mußten arbeiten wie Galee⸗ renfklaven, rudern wie Matroſen, denn dieſe faulen widerſpenſtigen Beſtien wollten abſolut nichts thun, als Filet*) trinken, und ſpielten uns noch dazu jeden möglichen Poſſen. Nachdem ſie uns zehn Tage hin⸗ durch bis zum Rafendwerden geplagt hatten, rannten ſie uns am eilften, wo wir in das Plaquemine Bayou einfuhren, glücklich an einen über den Flußarm lie⸗ genden Cypreſſenſtamm, auf dem unſer Fahrzeug an⸗ geſpießt hing, der Vordertheil jenſeits des Stammes, der Hintertheil dieſſeits— wir ſaßen mit einem Worte à cheval des Fluſſes.“ „Das Fahrzeug hatte ein gewaltiges Loch bekom⸗ men, das Waſſer drang in Strömen ein, wir ſtanden in einer Viertelſtunde bis an den Unterleib im Waſſer,“ ergänzt Laſſalle mit weinerlicher Stimme. „Die ganze Nacht,“ fällt Hauterouge in demſelben *) Branntwein. 4 — d 125 6— Tone ein,„mußten wir mit Alligatoren kämpfen, die zu Dutzenden ihre gräulichen Rachen an uns herauf⸗ ſtreckten, ja ins Fahrzeug kamen. Dazu die gräß⸗ lichen Miſſiſtppi⸗Nachteulen, die uns an die Köpfe flogen und ihr hölliſches Gelächter.“ „Balot und die Mulatten hatten ſich, ſo wie ſie unſer Unglück ſahen, der Yolle bemächtigt,“ fügt wieder Laſſalle hinzu. „Und Sie ließen ihnen die Yolle?“ fragten wir. „Wer dachte an die Yolle! Wir dachten nicht eher daran, als bis wir ſie lachend abfahren ſahen.“ „Sie hatten die Unverſchämtheit, tauſend Dollars für unſere Befreiung zu fordern.“ „Ah dieſe Nacht,“ lamentirt abermals Hauterouge. „Es war die ſchrecklichſte, die ich je durchwacht. Stellen Sie ſich vor, keinen Augenblick Ruhe, die ganze Nacht kämpfen und gegen wen? gegen Alliga⸗ toren und Nachteulen.“— „Und Ihre Engagés?4*) „Waren mit einem unſerer Güterballen, der dem Grafen gehörte, und tauſend Livres werth war, ver⸗ *) Die gemietheten Bootsleute, Ruderer. * 8* —= 126— ſchwunden. Wir würden ihnen ſicherlich auf ihre unverſchämte Forderungen geantwortet haben, aber die Ladungen unſerer Piſtolen und Flinten waren naß geworden.— Später erfuhren wir, daß ſie es wirklich auf uns angelegt hatten.“ Es koſtet uns ſchwere Mühe, das Lachen zu ver⸗ halten; denn es iſt dieſes eine ſtupendeuſe Geſchichte, für uns Amerikaner wenigſtens, von denen Jeder, wie wir hier ſind, Entbehrungen und Fährlichkeiten beſtanden, verglichen mit denen die der guten Fran⸗ zoſen bloßes Kinderſpiel ſind. Zehn Franzoſen ſich von zehn Mulatten bis zum Raſendwerden quälen, und dann auf einem Baumſtamme mitten im Plaque⸗ mine Bayou ſitzen laſſen, das verdiente im Holzſtich verewigt zu werden! Aber ſo ſind ſie, dieſe Fran⸗ zoſen— heute voll Jubel, oben hinaus morgen in Verzweiflung. Sie haben, wie der Graf recht paſſend geſagt, die chemiſchen Affinitäten, Aſtronomie, alles Mögliche ſtudirt, können Komödien, Tragödien kriti⸗ ſtren, Regimenter, Bataillone kommandiren, aber den Menſchen kennen ſie nicht, zur klaren ruhigen An⸗ ſchauung ihrer Lage kommen ſie nimmermehr, daher wiſſen ſie auch, ſo wie ſie in eine neue verſetzt werden, 76 76 —” 127— nicht wo aus noch ein, ſind wie neugeborene Kinder, die immer regiert werden müſſen. Ueberall bringen ſie ihre alten Ideen hin; Spielereien behandeln ſie als ernſte Dinge, ernſte Dinge als Spielereien. So haben ſte es in Louiſiana gethan, und thun es noch. Kaum waren die erſten Baracken der elenden Stadt zuſammengeſtoppelt, als auch ein Theater da ſeyn mußte, und Spielhäuſer und Ballhäuſer, und noch ſchlechtere Häuſer.— Das nennen ſie ein Land civili⸗ ſiren. „Aber lieber Himmel!“ fragt Mistreß Houſton den kläglich dareinſchauenden Laſſalle,„konnten Sie ſich denn nicht helfen. Zu jener Zeit waren doch bereits am Miſſiſippi Pflanzungen?“ „Wir kamen von Nouvelle⸗Orleans,“ erwiedert dieſer,„wo das gelbe Fieber herrſchte. Keiner wollte mit uns etwas zu thun haben— und wenn ja Einer, während wir unſere Mittags⸗ oder Abendmahlzeit am Ufer hielten, ſich uns näherte, waren die Worte: De pauvres Blanes oder des Français de St. Domingue, hinlänglich, ihn ſchnell wieder zu verſcheuchen.“ „Das war freilich traurig. Leider haben ſich die —= 128— damaligen Creolen gegen ihre unglücklichen Mitunter⸗ 5 thanen von St. Domingo nicht allzu löblich bewieſen.“ „Sagen Sie vielmehr barbariſch, Madame! inhu⸗ man, grauſam haben ſie ſich bewieſen. Dieſe Periode iſt und bleibt ein Schandfleck in der eben nicht ſehr rühmlichen Geſchichte von Louiſtana.“ „Die Folgen der Sklaverei,“ ſchaltet Vergennes ein, der ſich auch wieder hören läßt;—„die jedes menſchliche Gefühl erſtickt, Herren und Sklaven zu Unmenſchen macht. Das Betragen dieſer Engagés iſt ein neuer Beleg. Was können Sie erwarten von Menſchen, durch den Druck der Sklaverei durch und durch verdorben, aufgeſtachelt durch die derſelben an⸗ klebende Verachtung, als Wiedervergeltung, und daß ſie ihre Tücken bei jeder Gelegenheit an ihren weißen Feinden auslaſſen? Das ſind nothwendige Folgen eines entmenſchenden Syſtems.“ Der junge Mann ſpricht wie von dem Katheder, ſo beſtimmt und wichtig. Es ſetzt wieder Debatten. Laſſalle fällt ungeduldig ein: r „Mit Ihrem ewigen Syſtem— was reden Sie da vom Syſtem. Das wahre Syſtem wäre geweſen, wenn wir ein halbes Dutzend Ochſenziemer ſtatt un⸗ — 129 6— ſerer Dolche und Piſtolen gehabt, und ſie mit den Rücken der Canaillen in nähere Bekanntſchaft ge⸗ bracht.“— „Pfui!“ ruft Vergennes. „Was wollen Sie mit Ihrem Pfui?“ interpellirt abermals Hauterouge.„Am dritten Tage nach unſe⸗ rer Abfahrt, wir waren an der Céte des Allemands, begegnen wir einem Boote, das vom linken auf das rechte Ufer überſetzt. Es war Windſtille, der Strom ruhig. Balot theilte gerade das Filet aus. Wir waren ans Land geſtiegen, um unſer Abendmahl zu halten. Das fremde Boot war nicht mehr hundert Fuß vom Ufer, als Balot auf einmal dem Manne am Ruder zuſchreit: à droite, à droite. In demſelben Augenblicke läßt ſich auch ein ſtarker Windſtoß ſpüren. Der Patron im fremden Boote lenkt unwillkürlich auf den Ruf hin das Boot rechts, ohne daran zu denken, daß er die Seite dem Windſtriche darbietet;— ein Schrei war aus dem Boote gehöͤrt worden, aber ſchon zu ſpät, der Luftſtrom hat das Boot erfaßt, kollert es wie ein Faß über und über, in den nächſten zehn Sekunden ſehen wir es geſcheitert ans Ufer angewor⸗ fen, den Pflanzer halb zerſchmettert, zwei Neger vor —= 130 G— unſern Augen ertrinken, einen Knaben ſeine weißen Händchen angſtrufend aus dem Waſſer emporſtrecken, dann verſinken;— Alles das vor unſern Augen.“ „uund Sie faßten nicht ſogleich den Böſewicht und banden ihn, und überlieferten ihn dem Geſetze oder dem erſten beſten Pflanzer?“ „Er war geſchwinder als wir. Kaum ſah er und die Seinigen, was ſie angerichtet, als ſie lachend, wie Kobolde, in das Fahrzeug ſprangen, und uns zurie⸗ fen, wir ſollten nach, oder ſie ließen uns ſitzen. Wir mußten nach, die ganze Nacht rudern, um der Ver⸗ folgung zu entgehen.“ „Und Sie gingen mit den Leuten?“ fragt abermals Mistreß Houſton. Laſſalle zuckt die Achſeln:„Was zu thun?“ „Das beſtätigt nur, was ich geſagt habe,“ nimmt der Syſtemsmann Vergennes abermals das Wort. „Wollen Sie Menſchen, und keine boshaften Affen, ſo müſſen Sie ſie menſchlich behandeln.“ „Aber zum T— l!“ fuhr der Baron heraus;„Ver⸗ gebung, Damen! aber unſer ſtarrköpfiger Landsmann ſcheint es recht darauf angelegt zu haben, unſere Politeſſe und Geduld auf eine gleich harte Probe zu —:=8 131 6—* ſetzen. Wir thaten dieſen Böſewichtern doch nichts, im Mindeſten nichts, und der arme Pflanzer und ſein Knabe und die Neger auch nichts.“ „Aber ſie waren Weiße, denen der Schwarze Feindſchaft im Mutterleibe geſchworen. Können Sie Menſchlichkeit von entarteten Geſchöpfen erwarten, die in jedem der Unſrigen nur einen Tyrann ihrer Race ſehen. Ah ein Land, das ſich mit ſeiner Freiheit brüſtet, und in dem jeder Bürger ein privilegirter Tyrann einer unglücklichen Race iſt!“ „Impertinenter Burſche!“ entfuhr mir und Doughby und Richards, und zugleich ſprangen wir auch auf den jungen Menſchen zu. Ich war wirklich böſe ge⸗ worden, und wer würde es nicht bei einer ſo imper⸗ tinenten Herausforderung? „Sie werfen da, Monſteur, unſerer Nation ein Compliment zwiſchen die Zähne, für das wir Ihnen den Dank nicht ſchuldig zu bleiben Willens ſind.“ „Wie es Ihnen gefällt,“ erwiedert der Junge, der ſeine Beine gemächlich ſtreckend, uns recht behaglich vom Kopfe zu den Füßen beſchaut. In mir begann es zu ſprudeln, Papa und Louiſe waren mir zugleich in die Arme gefallen. —”= 132 6— Richards fällt gefaßter ein:„Was nennen Sie Tyrannei, Tyrannen? Doch nur Menſchen, die ſich widerrechtlich, auf ungeſetzliche Weiſe die Herrſchaft über ihre Mitbürger angemaßt, dieſe willkürlich üben?“ „Eine Definition, die keine Encyelopädie beſſer geben könnte;“ verſetzt der impurtable Junge halb gähnend. „Wahrhaftig,“ raunte ich zähneknirſchend Papa zu,„Ihr lieber Neffe ſündigt ſtark auf Koſten ſeiner Blutsverwandtſchaft mit Ihrem Hauſe.“ „So erlauben Sie mir, Ihnen in der höflichſten Weiſe zu ſagen,“ fährt Richards fort,„daß Ihr Aus⸗ druck ganz und gar nicht auf die Verhältniſſe unſerer Sklaven und ihrer Beſttzer paßt. Wiſſen Sie, wie wir zum Beſitz unſerer Sklaven gekommen ſind?“ „Die Art mag ſeyn, welche ſte wolle.“ „Nein,“ verſetzt Richards,„die Art und Weiſe der Beſttzerlangung beſtimmt die Rechtmäßigkeit des Beſitztitels. Das ſollten Sie als Prinzipmann wiſſen.“ „O das junge Frankreich,“ meint Hauterouge, „kümmert ſich wenig um Prinzipe, wenn ſie nicht gerade in ſeinen Kram taugen.“ „Und dieſe Art?a fragt Vergennes gedehnt ſpöttiſch. —= 133 6— „Sollten Sie auf alle Fälle erſt kennen gelernt haben, ehe Sie ein ſo hartes Urtheil über eine Nation fällten, deren Gaſtfreundſchaft Sie genießen,“ fällt Monteville etwas ſchadenfroh ein.„Monſieur!“ ſetzt er hinzu:„Sie waren, was wir impoli nennen.“ Und die Reihe des Aufſpringens iſt nun an Ver⸗ gennes. Er prallt auf, wie unſere Indianer, wenn ſie den Warwhoop*) hoͤren; der Champagnerdunſt, der ſich leicht über ſeine Stirne hingelagert, iſt mit einem Male verſchwunden. Er will nicht impoli ſeyn. „Ruhig, lieber Neffe!“ mahnt Papa Menou.„Sie haben dieſe Lektion verdient. Sie waren wirklich impoli. Setzen Sie ſich.“ Und der Brauſekopf ſetzt ſich, und wir gleichfalls, und Richards nimmt eine Rednermiene an. Mir kommt jetzt wieder das Ganze, ſo ernſt es iſt, ein wenig drollig vor. „Was früher Monſieur de Monteville bemerkt,“ hebt er an—„iſt allerdings ſtreng hiſtoriſches Fact.“ „Und ein Fact iſt mehr werth, als tauſend Argu⸗ mente,“ fällt Doughby ein. *) Kriegsgeſchrei. —= 134— „Ruhig, Doughby, die Discuſſion iſt von Wich⸗ tigkeit. ¹ „Unſere Sklaven wurden uns wirklich aufgedrun⸗ gen,“ fährt Richards fort:„und wir ſind daher für die Entſtehung dieſes Uebels unter uns nicht im Ent⸗ fernteſten verantwortlich.“ „Erlauben Sie mir, Meſſteurs, Ihnen den Ur⸗ ſprung der Sklaverei in den Vereinten Staaten in Kürze ſtreng geſchichtlich nachzuweiſen:“ „Sie wiſſen, daß wir noch vor weniger denn ſechzig Jahren unter der Krone von Großbritannien ſtanden,— daß dieſe das Recht anſprach, den Handel ihrer Colonien zu reguliren, daß ſie dieſes in einem Umfange übte, der zugleich darauf berechnet war, die Colonien ſo lange als möglich in Abhängigkeit vom Mutterlande zu erhalten.— Alle Parliamentsakten weiſen dieſes nach, indem ſte einzig und allein dahin abzielten, den Handel der in Großbritannien woh⸗ nenden Unterthanen zu begünſtigen, und den der Coloniſten in Amerika zu beſchränken oder ganz zu verhindern.— Sie hatten, und durften keine Seeſchiffe haben, blos Küſtenſchiffe waren ihnen geſtattet:— die See⸗ und Kauffahrteiſchifffahrt war den in den — 0 135 6— vereinigten drei Königreichen wohnenden Unterthanen Sr. brittiſchen Majeſtät vorbehalten, die allein das Monopol hatten und übten, ſolche Artikel, als die Regierung in die Colonien einzuführen erlaubte, ein⸗ und auszuführen.“ „Ein Zweig dieſer erlaubten Handelsartikel wurde bald, nachdem die Colonien einigen Wohlſtand erreicht hatten, die Einfuhr afrikaniſcher Negerſklaven.— Die erſte Importation geſchah durch ein holländiſches Schiff,*) und zwar mit Bewilligung der brittiſchen Regierung, die aber ſogleich dieſen Handel ganz an ſich riß, und ihn hinführo blos brittiſchen Schiffen, in brittiſchen Seehäfen ausgerüſtet und Britten an⸗ gehörig, erlaubte, mit einem Worte ihn zum Monopol erhob. Gegen dieſes Handelsmonopol konnten und durften die Coloniſten im Allgemeinen nichts einwen⸗ den; aber ſehr viel wandten ſte gegen den neuen Zweig, die Importation der Afrikaner ein.“ „Es entging ihnen nicht, daß die Importation der ſchwarzen Afrikaner, die gleich andern Handelsartikeln auf offenem Markte wie Thee, Zucker und Gewürze *) Im Jahr 1620. —= 136 6— feilgeboten und losgeſchlagen wurden, die Sklaverei in ihrem Lande einwurzeln, verewigen müſſe; die Ankunſt der erſten Sklavenſchiffe verurſachte daher auch allgemeinen Allarm. Die Colonien kamen alſo⸗ gleich zum Entſchluſſe, gegen dieſen Menſchenhandel beim brittiſchen Parliamente zu remonſtriren; ſie thaten es, flehten die Krone dringend an, ſte mit der Importation der Afrikaner und der damit unaus⸗ weichlichen Sklaverei zu verſchonen. Maſſachuſets, Pennſylvanien, Maryland, Virginien thaten es, an⸗ dere folgten ihrem Beiſpiele.“ „Um Ihnen von dem Ernſte dieſer Proteſtationen und der verzweiflungsvollen Ausdauer der Bittſteller *einen Begriff zu geben, mag es hinreichen, Georgien als Beiſpiel anzuführen. Die Colonie war die jüngſte und letzte der unter Englands Herrſchaft gegründeten großen Niederlaſſungen. Ihre Entſtehung fällt in die letzten Jahrzehende der erſten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, alſo eine Periode, wo die Barbarei des Mittelalters bereits vor der einbrechenden Auf⸗ klärung geſchwunden, die Staatsmänner humaneren Prinzipien zu huldigen begannen. Der vortreffliche Oglethorpe war ihr Gründer und erſter Gouverneur. —:= 137— Kaum war die Colonie gegründet, als auch bereits brittiſche Sklavenſchiffe in den Seehäfen Georgiens anlangten, und mit Bewilligung der brittiſchen Re⸗ gierung ihren Markt eröffneten. Vergebens proteſtirte der Gouverneur, das Conſeil,— es war Kronrecht, die Einfuhrartikel zu beſtimmen, das Intereſſe der brittiſchen Kauffahrteiſchifffahrt, wähnte man, fordere die Begünſtigung eines Handels, der ſo viele Schiffe beſchäftige; das Beſte der Colonien war nur unter⸗ geordnete Sache. Die Coloniſten, der Gouverneur, das Conſeil wurden mit ihrem Geſuche abgewieſen. Das erſte Fehlſchlagen ſchreckte ſie aber nicht von der Wiederholung ihrer Bitten ab;— ſie petitionirten dringender ein zweites, drittes, viertes. Mal, zehn Male hinter einander, wie die Regierungsakte der Colonien ausweiſen. Die endliche Antwort auf ihre unermüdlichen Remonſtrationen war, daß der Gou⸗ verneur abgeſetzt, das Conſeil mit einem Verweiſe entlaſſen ward, und die Sklaveneinfuhr ſtärker als je ihren Weg fortging.“ „Aber mußten die Coloniſten dieſe Sklaven kaufen?“ fragt D'Ermonvalle. Lehensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 10 —“" 138 G— „Man konnte ſie nicht, wie die Theekiſten zu Bo⸗ ſton, in die See werfen,“ verſetzt Richards.„Und wenn Sie die menſchliche Natur nur einigermaßen kennen, ſo werden Sie einſehen, daß es in jeder bür⸗ gerlichen Geſellſchaft Gewinnſüchtige gibt, die wohl ihren Vortheil, nicht aber ihre Pflichten im Auge haben. Es fanden ſich natürlich Menſchen, die die Schwarzen kauften, Andere, von humaneren Gefühlen beſeelt, kauften ſte, um ſie dem herzzerreißenden Elende, dem ſie auf den Sklavenſchiffen und in den Marktſtällen ausgeſetzt waren, zu entreißen.“ „Der üble Erfolg Georgiens ſchreckte jedoch die übrigen Colonien keineswegs von Erneuerung ihrer Vorſtellungen ab; ſie flehten, baten immer dringender, je weiter das Uebel um ſich griff, in den nördlichen Colonien legten ſte wirklich nach Kräften der Impor⸗ tation und dem Ankaufe Hinderniſſe entgegen, aber den ſüdlichen, wo die Conſtitutionen weniger frei⸗ ſinnig, den von der Krone eingeſetzten Gouverneuren mehr Gewalt gaben, wurden dieſe Sklaven nicht viel weniger als geradezu den Coloniſten aufgedrungen. Das Uebel wurde allgemein und ſo tief gefühlt, daß eben dieſer Sklavenhandel eine der veranlaſſenden Ur⸗ —= 139 6— ſachen mit ward, die endlich zur Revolution führten. So finden Sie in dem Originalentwurfe der Un⸗ abhängigkeitserklärung, entworfen von Jefferſon, Adams, Livingſton, Sherman und Franklin, und aufgeſetzt von Jefferſon, einen Artikel, der unter den vielen Beſchwerden, die die Coloniſten zur Ergreifung der Waffen und Abſchüttlung des engliſchen Joches beſtimmte, auch die anführt: daß der König von Eng⸗ land ein fremdes Volk ſeiner Heimath entriſſen, über weite Seen geſchleppt, es in die nordamerikaniſchen Colonien als Leibeigene verkauft, und ſo mit fremden Völkern, einer fremden Rage, einen blutigen Markt eröffnet, ja ſich nicht entblödet habe, dieſelben Leib⸗ eigenen, die unter ſeiner Sanktion als ſolche an die Coloniſten verkauft worden, zur Empörung gegen ihre Herren und Beſitzer aufzurufen.“*) *) Folgendes iſt die wörtliche Ueberſetzung dieſer merkwür⸗ digen Stelle: „Er(der König von Großbritanien) hat einen grauſamen Krieg gegen die menſchliche Natur ſelbſt geführt, die heiligſten Rechte der perſönlichen Freiheit und des Lebens in den Perſonen eines fremden Volkes verletzend, das ihn nie beleidigte— indem er es gefangen in die Sklaverei in ein anderes Land ſchleppte, ſie während der Transportation einem elenden Tode preisgebend. 10* —=0 140— „Dieſer Artikel,“ fährt Richards fort,„wurde zwar bei der Veröffentlichung der Unabhängigkeits⸗ Urkunde ausgelaſſen, aus dem Grunde, weil einige Mitglieder des Congreſſes aus den ſüdlichen Colonien Bedenklichkeiten in den darüber entſtandenen Debatten äußerten, und eine Uebereinſtimmung Aller in einem ſo wichtigen Dokumente natürlich jeder andern Rück⸗ ſicht voranging, aber die Empörung gegen die rück⸗ ſichtsloſe Barbarei der Regierung ſprach ſich deßhalb Dieſer ſeeräuberiſche Krieg, der Schandfleck ungläubiger Regen⸗ ten, iſt der Kriegsgebrauch des chriſtlichen Königs von Groß⸗ britanien. Feſt entſchloſſen, einen Markt offen zu behalten, wo Menſchen verkauft und gekauft werden ſollten, hat er ſein Veto proſtituirt, durch das er die legislative Akte und dieſen execrablen Handel unterdrücken und hindern konnte. Und auf daß dieſe Reihe von Gräuelthaten durch keinen mildernden Zug geſänftigt werde, ſo wiegelt Er jetzt eben dieſe Menſchen auf, die Waffen gegen uns zu ergreifen, und die Freiheit, deren er ſie beraubte, dadurch zu erkaufen, daß ſie das Volk ermorden, dem er ſie aufgedrungen hat, ſo frühere Verbrechen, gegen die Freiheit eines Volkes be⸗ gangen, mit neuen ausgleichend, gegen die Exiſtenz eines andern richtend.—. Bei jeder Gelegenheit haben wir um Abhülfe in den demü⸗ thigſten Ausdrücken angeſucht, unſere wiederholten Bitten wurden uns durch neue Bedrückungen beantwortet.“ Siehe Congreßakten vom J. 1776. — b 141 6— nicht weniger ſtark in eben dieſen ſüdlichen Colonien aus. ℳ „Das ſtellt wirklich die Sachlage aus einem ganz neuen Geſichtspunkte dar,“ bemerkt D'Ermonvalle, der aufmerkſam zugehört hatte.„Aber eine Frage bitte ich mir zu erlauben: was that Ihr Congreß, Ihre eigene Regierung, nachdem ſie das Joch Groß⸗ britanniens abgeſchüttelt hatte, in der Angelegenheit der unglücklichen Schwarzen?“ „Ihre Frage iſt eben ſo beſcheiden, als natürlich, ich beantworte ſte mit Vergnügen,“ verſetzt Richards. „Die Colonien nahmen bereits vor dem Ausbruche der Feindſeligkeiten mit Großbritannien Maßregeln, um dieſem inhumanen Handel Einhalt zu thun. Der ſogenannte Continentalkongreß von Philadelphia, im Jahre 1774 verſammelt, kam zum einmüthigen Ent⸗ ſchluſſe, daß mit Ausgang Dezembers deſſelben Jahres kein Sklave mehr eingeführt oder zum Verkauf aus⸗ geboten werden ſolle. Denſelben Beſchluß hatten früher ſchon die Colonialaſſembleen von Newyork und Delaware gefaßt. Daß dieſe Beſchlüſſe nicht ganz die beabſichtigten wohlthätigen Folgen hatten, war den unvermeidlichen Wirren, die nach unſerer, ſo wie —= 142 6— jeder andern Revolution einbrachen, einzig und allein zuzuſchreiben.“ „Sie haben vielleicht von der Federal⸗Regierung, die nach der Beendigung des Unabhängigkeitskampfes errichtet wurde, oder vielmehr ſich zuſammenthat, gehört. Es war ein loſer Verband der dreizehn un⸗ abhängig gewordenen Staaten, ein Staatenbund ohne Zuſammenhang nach innen, ohne Macht nach außen, da jeder der neuen Staaten nicht bloß volle Sou⸗ verainität innerhalb ſeiner Gränzen, ſondern auch in Beziehung auf auswärtige Nationen anſprach.— Die Federal⸗Regierung war ſo ſchwach, daß ſie ſich nach wenigen Jahren eines ohnmächtigen Beſtandes von ſelbſt auflöste.— Dieſer Fall trat im Jahre 1787 ein, in welchem Jahre die amerikaniſche Nation, die Nothwendigkeit einer kräftigen Centralregierung endlich deutlich erkennend, eine Convention zuſammen⸗ berief, der die große Aufgabe zu Theil ward, eine neue Conſtitution zu gründen. Dieſe Convention trat im Jahre 1787 zuſammen, und beendigte ihre Arbeiten im Jahre 1789, in welchem Jahre auch die neue Verfaſſung mit Washington als Präſidenten in Wirkſamkeit trat. — 3 143 6— „Es wäre zu wünſchen geweſen,“ fährt der Spre⸗ cher fort,„daß die zweiundfünfzig Gründer dieſes un⸗ vergänglichen Monumentes politiſcher Weisheit der Centralregierung auch die Gewalt über die Sklaven⸗ frage ertheilt hätten. Dieſes geſchah jedoch nicht, konnte wohl aus dem Grunde nicht geſchehen, weil die einzelnen Staaten, nun in den Vollgenuß ihrer bürgerlichen und politiſchen Rechte eingetreten, die Frage über Sklaverei als eine Eigenthumsfrage be⸗ trachteten. Die Mehrzahl derſelben hielt nun wirk⸗ lich Sklaven, bloß die Neu⸗England⸗Staaten, in denen Sklaverei nie feſte Wurzel zu faſſen vermocht, hatten dieſe während der Zwiſchenregierung von 1787 bis 1789 abgeſchafft. Die Majorität der Stimmen im Congreſſe war daher in den Händen der ſüdlichen, Sklaven haltenden Staaten, die, allmählig an das Uebel gewöhnt, über dieſe Frage um ſo mehr für ſich abzuurtheilen wünſchten, als ſie den größten Theil ihres Vermögens auf den Ankauf dieſer Sklaven ver⸗ wendet hatten. Und wenn Sie die Schwierigkeiten bedenken, die überwunden werden mußten, ehe eine wirkſame, nach Möglichkeit ſtarke Bundesregierung gegründet werden konnte, Schwierigkeiten, um ſo — 144— größer, als jeder einzelne Staat von ſeinen Sou⸗ verainitätsrechten ſo wenig als möglich aufzuopfern geneigt, und ſo den großen Männern, die die neue Staatsverfaſſung entworfen hatten, den Washingtons, Jefferſons, Franklins, Adams, Hamiltons, Morris, gewiſſermaßen die Hände gebunden waren, dann wer⸗ den Sie leicht begreifen, wie ſelbſt dieſe großen und weiſen Staatsmänner in dieſem, ſo wie in manchen andern Punkten nachgeben mußten, um nicht das große Lebensprinzip des werdenden Staates ſelbſt zu gefährden; denn es handelte ſich darum, ob die frei gewordenen Colonien dreizehn kleine uneinige Repu⸗ bliken oder ein großer mächtiger Staat werden ſollten. Doch hat ſelbſt dieſe Convention auch die Sklaven⸗ frage nicht ganz vergeſſen, ja ſie hat mehr gethan, als alle Regierungen Europa's damals zuſammen⸗ genommen. Es ward nämlich der Beſchluß gefaßt, der auch zum Geſetz erhoben wurde, daß zwar den Sklaven haltenden Staaten ihr Beſitz, ſo wie er ihnen von der Krone Englands garantirt worden, auch ferner gewährleiſtet, auch die Löſung dieſer ſchwierigen Frage ihnen überlaſſen bleiben ſollte; daß aber der Sklavenhandel innerhalb eines gegebenen Termins, — 145 6— und zwar innerhalb ſiebzehn Jahren, gänzlich auf⸗ hören, ja jeder amerikaniſche Bürger, im Sklavenhandel nach dieſer Zeit betroffen, als Seeräuber angeſehen und beſtraft wer⸗ den ſolle. Das geſchah, als England und die übrigen Regierungen kaum noch eine Ahnung von der Inhumanität des Sklavenhandels zu haben ſchienen.“ Die ganze Geſellſchaft hörte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit die für ſte eben ſo intereſſante als wichtige Erörterung.“ „Was thaten nun,“ fährt Richards fort,„die ein⸗ zelnen Staaten, denen dieſe Frage überlaſſen wurde? Sie thaten folgendes: Während der Zwiſchenzeit von 1783 bis 1787 hatten, wie bemerkt, die Neuengland⸗ Staaten die Sklaverei innerhalb ihrer Gränzen abgeſchafft— ihrem Beiſpiele folgten bald darauf Pennſylvanien, Delaware, New⸗York und New⸗ Jerſey, in Allem zehn Staaten. Von dieſen zehn taaten wurden bekanntlich die weſtlichen Territorien von Ohio, Indiana und Illinois bevölkert, in denen daher gleichfalls keine Sklaverei exiſtirt; Michigan, das in wenigen Jahren in die Reihe als Staat ein⸗ treten wird, hat ebenfalls keine, ſo daß die Mehrzahl —=0 146— der Vereinigten Staaten die ihnen aufgedrungene Sklaverei aufgehoben und abgeſchafft hat. Unfehl⸗ bar werden Maryland, Virginien und Kentucky bald dieſem Beiſpiele folgen.“ „Das iſt,“ beſchließt der Sprecher,„die Art und Weiſe, wie wir ein ohne unſere Schuld bei uns ein⸗ gewurzeltes Uebel behandeln und allmählig heben. Keiner von uns verhehlt ſich, daß es ein Uebel ſey, daß es unheilbringend in mehr als einer Hinſicht auf uns, unſer bürgerliches Leben einwirke, daß eine Ra⸗ dikalkur abſolut nothwendig, allein daß dieſe all⸗ mählig, langſam vor ſich gehen müſſe, wird auch Keiner, der nur einigermaßen Einſicht hat, beſtreiten.“ „Ja wohl langſam,“ bemerkt D'Ermonvalle. „Sie haben mehr denn zwölf Jahrhunderte in Eu⸗ ropa gebraucht, Ihre weißen Sklaven zu emancipiren, und ſind noch nicht am Ziele—; und dieſe ſind die Nachkommen von Menſchen, die durch Ihre Vor⸗ fahren ihrer Freiheit, ihres Eigenthums, ihrer bür⸗ gerlichen Rechte beraubt worden,— denen Sie alſo Erſatz ſchuldig waren. Bei uns iſt der Fall anders, ja die Welt ſtellt kein analoges Beiſpiel auf. Es iſt dieſer Fall wirklich ein ungeheurer, bei deſſen Ermeſſen — 0 147— Ihnen der Verſtand wohl verſagen könnte. Um ihn nur einigermaßen zu würdigen, müſſen Sie in An⸗ ſchlag bringen, daß Großbritannien auf ſeine vier⸗ undzwanzig Millionen Einwohner und ſeine hundert⸗ undzwanzig Millionen auswärtiger Unterthanen nicht viel über achtmalhunderttauſend Sklaven in ſeinen weſtindiſchen Beſitzungen hat, Frankreich auf ſeine zweiunddreißig Millionen nicht dreimalhunderttauſend in Martinique und ſeinen übrigen Inſeln. Beide Regierungen dürften heute ihre Sklaven loskaufen, freigeben, ohne daß ihren Völkern ein ſehr großer Nachtheil daraus erwachſen konnte;— ſie ſind tau⸗ ſende von Meilen von ihnen, und kommen in keine Berührung. Aber bei uns iſt es anders. Wir haben nahe an zwei und eine halbe Million Sklaven, auf eine Bevölkerung von vier, und wenn Sie die ganze Union nehmen, von fünfzehn Millionen. Denken Sie ſich in irgend einem europäiſchen Reiche von ſieb⸗ zehn Millionen eine ſolche Maſſe fremden Blutes als Sklaven aufgedrungen.— Können Sie ſie ſo geradezu losgeben, ſie heraufziehen zu Ihnen— in bürgerliche Rechte einſetzen?“ „Und warum nicht?« fällt Vergennes ein. —0 148— Ein mitleidiges Lächeln, das auf allen Geſihiern ſpielt, iſt die Antwort. „Sie kennen dieſe Rage nicht, Monſteur Vergen⸗ nes, Sie haben Ihre Anſichten aus den franzöſiſchen Romanen Dumas' und Victor Hugo's, und ihren Clubbs geſchöpft, lernen Sie ſie in der Wirklichkeit kennen, dann werden Sie anders reden.“ „Ah Mister Richards, das mag ſeyn,“ fällt Ver⸗ gennes ein;„aber Sie geben mir auch zu, daß das Vorurtheil Ihrer Mitbürger unbezwingbar iſt. Selbſt dieſe Emancipation in den nördlichen Staaten! Nen⸗ nen Sie das Emancipation, wo der Farbige bloß dem Namen nach frei iſt, aber nie in den Schranken mit Weißen treten darf, weder in bürgerliche noch poli⸗ tiſche,— zum Betteln oder Dienen verdammt iſt, ein unauslöſchlicher Makel ihm anklebt, ſelbſt wenn er aufgehört hat, ſchwarz oder farbig zu ſeyn, weiß ge⸗ worden iſt, wie Sie oder ich? Weiſet ihm ſein Stamm⸗ baum auch nur einen Tropfen ſchwarzen Blutes nach, ſo iſt er gewiſſermaßen gebrandmarkt, er darf an kei⸗ ner Tafel, in keinem Theater, keiner Kirche erſcheinen. Nennen Sie dieſes Freiheit?“ „Wer Ihnen das geſagt hat, hat Sie übel berich⸗ — 149 6G— tet,“ verſetzt Richards etwas froſtig.—„Gehen Sie in unſere Kirchen, ſelbſt an dem Tiſche des Herrn werden Sie Schwarze und Weiße gemeinſchaftlich ſehen; was aber Tafel und Theater betrifft, ſo finde ich natürlich, daß wir zu unſern Tafel⸗ und Theater⸗ Nachbarn Solche nehmen, die uns gleich ſind. Wenn Sie dieſes Vorurtheil nennen, dann muß ich nur ſagen, daß wir es mit allen Völkern theilen; ich habe von keinem civiliſirten Volke gehört, wo, mit Aus⸗ nahme beſonderer Fälle, unehlich Geborene auf gleiche Behandlung, gleiche bürgerliche Rechte mit ehelich Erzeugten Anſpruch machen könnten.“ Aber der ſprudelnde Vergennes hört nicht.„Nen⸗ nen Sie dieſes Freiheit? Nennen Sie dieſes dem in Ihrer Unabhängigkeitserklärung aufgeſtellten Prin⸗ cipe, daß alle Menſchen frei geboren ſind, gemäß handeln?“ „Allerdings,“ antwortete Richards.—„Wir haben das Princip aufgeſtellt, und ich bin feſt über⸗ zeugt, conſequent durchgeführt, wir wenden es eben jetzt auf Sie, ſo wie jeden Fremden, er mag Deutſcher, Franzoſe, Irländer oder Britte ſeyn, an; Alle finden ſie ſich bei uns als freie Menſchen behandelt; wenn — 0 150— aber die frei gelaſſenen Schwarzen es nicht ganz ſo ſind, dann glauben Sie mir auf mein Wort, muß die Schuld die ihrige, nicht die unſrige ſeyn. Aber Sie,“ fügt er hinzu,„ſcheinen eine jener großartig ſtarken Seelen, die Andern übermenſchliche Opfer und Ent⸗ ſagungen um ſo leichter zumuthen, als ſie Ihnen ſelbſt nichts koſten. Wenn unſere Mitbürger, wie geſagt, ein Vorurtheil gegen dieſe Farbigen haben, dann ſeyn Sie verſichert, daß Gründe vorhanden ſind— einen habe ich Ihnen angegeben.“ „Gründe? keine Gründe,“ ſprudelt Vergennes heraus.„Sie erklären ja ſelbſt die Ehe mit Farbigen ungültig, die öffentliche Meinung verdammt ſie.“ „Aber Sie werden doch nicht wollen, daß eine ganze bürgerliche Geſellſchaft dadurch, daß ſie die Ehe mit einer ſo bedeutenden Maſſe unehelich abgeſtammter Miſchlinge ſanctionirt, ſich ſelbſt das Schandmahl aufdrücke?“ Doch die Worte waren bereits von allen Seiten überſchrieen. „Sie werden doch nicht wollen, daß unſere Mit⸗ bürger Farbige zu ihren Frauen nehmen!“ ruft Mistreß Houſton. „Warum nicht?“ — 151 6— Ein neuer Schrei des Entſetzens bricht von allen Lippen. „Der junge Mann hat horrible Grundſätze!“ ruft die Maman. „Schamlos!“ Mistreß Houſton.„Kommen Sie, Damen, die Sprache iſt zu empörend, Bürgerin⸗ nen in gleiche Waagſchale mit dieſen Geſchöpfen zu werfen!“— „Abſcheulich!“ rufen Louiſe und Julie. „Horrible!“ Menou und Genievre. Der junge Menſch ſteht, und ſchaut umher, wie ein Kind, das unvorſichtiger Weiſe ein Loch in den Erddamm eines reißenden Stromes gegraben, das Waſſer plötzlich rauſchen, ſtärker und ſtärker brauſen, auf einmal den Damm ſelbſt krachend weichen, und von der Wogenfluth fortreißen ſieht. Er wendet ſich links, wieder rechts. „Aber mein Gott! was habe ich denn ſo Böſes ge⸗ ſagt?“ fragt er endlich. „Monſieur Vergennes,“ nimmt der Chevalier d'Ecars kopfſchüttelnd das Wort:„wenn Sie das ſittliche Gefühl unſerer Damen noch öfters auf dieſe harte Probe zu ſtellen ſich gelüſten ſollten, dann ſtehe —= 152 6— ich Ihnen nicht dafür, daß Ihnen nicht bald überall die Thüre gewieſen wird.“ „Das iſt wirklich horribel!“ ruft Meurdon, der bisher noch kein Wort geſprochen. „Abominable!“ läßt Demoiſelle Genievre noch in der Thüre hören. Sie und die übrigen Damen haben mit einem Male Reißaus genommen. „Ah, Vergennes,“ warnt Doughby,„vous auriez fait mieux de tenir votre langue, comme vous êtes un peu en liqueur.“ „Wiſſen Sie denn auch, wer und was dieſe Farbi⸗ gen ſind?“ ſchreit Laſſalle. „Sie ſind Menſchen!“ erwiedert hitzig Vergen⸗ nes, der ſelbſt Doughby's klaſſiſches Franzöſiſch über⸗ hört hat. „Wenigſtens zum Fünftheile,“ fällt Meurdon ein. „Wiſſen Sie, daß Sie unſern Damen einen wirk⸗ lichen Schimpf anthaten, ſie auf gleiche Wahllinie mit den Farbigen zu ſtellen?“ „Schimpf?“ fragt Vergennes mit naiver Ver⸗ wunderung.„Nennen Sie das einen Schimpf an⸗ thun, die Rechte einer gedrückten Menſchenklaſſe zu vertheidigen?“ — 0 153 6— „Gedrückt, gedrückt,“ verſetzt Hauterouge;„hier i*ſt nicht vom Drucke die Rede— hier iſt von ganz anderem Drucke die Rede— hier iſt von Menſchen die Rede, die durch ein fortgeſetztes Laſter, durch un⸗ geſetzliche thieriſche Vermiſchung ſich in die weiße Ragce eingeſtohlen; und wollen Sie dieſe auf gleiche Rangſtufe mit ſtttſamen Töchtern und Frauen ſtellen?“ „Sie ſind die Sprößlinge zügelloſer Leidenſchaften,“ ſchreit Laſſalle.„Sobald Sie ſte zur Auswahl den übrigen Bürgerinnen gleichſtellen, ſtoßen Sie das Fundamentalprinzip der Ehe von vorn herein um.“ „Ungeregelte Leidenſchaften führen zum Verderben, ſind anſteckend durch ihre Berührung,“ raiſonnirt Hauterouge. Der Aufruhr wird immer heſtiger. „Meſſteurs, Meſſieurs!“ ruft der Graf Vignerolles mit ſeiner hellen, klaren Stimme—„Meſſteurs!“ wiederholt er:„Hören Sie, was Amadee ſagt. Und ſeltſam! das babyloniſche Stimmengewirr legt ſich, Alle wenden ſich, um zu hören, was Amadee ſagt. Vergennes, von jeder Seite angefallen, erſteht den günſtigen Augenblick, und bugſirt ſich zu Amadee Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 11 — 154 6— hin, wie der Kauffahrteiſchooner, von einer Kaper⸗ horde gejagt, zur Fregatte, um hinter ihren Kanonen Sicherheit zu ſuchen. „Vergebung, Herrſchaften!“ pſalmodirt der alte Amadee, eine Priſe nehmend mit ungemeiner Wich⸗ tigkeit—„Vergebung! wenn ich in meiner Einfalt juſt meine, daß der junge Herr da Dinge geſagt, die oft nach unſerer Ankunft in den Attacapas auch ge⸗ ſagt wurden.“ „Aber Amadee, nicht ſo impertinent haben wir ſie geſagt,“ fällt Hauterouge ein. „Nicht vor Damen,“ Laſſalle. „Ach, wollte Gott! dieſe Dinge wären auf eine ſo impertinente Weiſe, vergeben Sie, Monſteur de Ver⸗ gennes, ich wiederhole aber nur, was Beſſere, als ich, vor mir geſagt haben, vielleicht hätten ſie Jemand abgeſchreckt.“ Und der Graf, Hauterouge, Laſſalle, alle die Fran⸗ zoſen und Creolen ſehen den Alten bedeutſam war⸗ nend an. „Ma foi, Amadee!“ „Auch Monſieur de Vergennes will die Rechte der Farbigen vertreten, ihnen einen Dienſt erweiſen.“ — 155— Wieder eine Pauſe. „Für den ſie ihm aber nicht danken dürften,“ fährt er fort.„Ah, Monſieur Vergennes, glauben Sie mir, die Farbigen ſind nicht zur Ehe geboren, weil— ſie nicht in der Ehe geboren ſind.“ Noch immer ſehen wir den Alten an. „Ah, Herr Graf,“ wendet ſich dieſer an Vignerolles. „Fällt Ihnen an dem jungen Herrn nicht etwas auf? Sehen Sie ihn doch genauer an.“ Und der Graf ſirirt Vergennes einen Augenblick. „Monſteur Lacalle,“ flüſtert ihm der Alte zu. „Wahrhaftig, wie er leibte und lebte,“ entfährt unwillkührlich dem Grafen, der nochmals einen fixirenden Blick auf Vergennes wirft, und dann nach⸗ denkend, beinahe unmuthig, mit der Hand über die Stirne fährt. Und Laſſalle und Hauterouge rufen Ma foi! aus, und ihre Stirnen überzieht gleichfalls eine trübe Wolke, ihre Blicke fallen mitleidig theilnehmend auf Vergennes. „Armer Lacalle!“ läßt es ſich nochmals hören. „Ganz, wie er war,“ bekräftigt Amadee. 11* —= 156 6— Der arme Vergennes ſteht verlegen, ſeine Imper⸗ turbabilité iſt dahin.— Es iſt allerdings peinlich, ſich als Gegenſtand des Mitleides belächelt zu ſehen. Schadet ihm aber gar nicht, die Lection. Eine lange Pauſe tritt ein. „Ich muß Ihnen aufrichtig geſtehen,“ nimmt end⸗ lich der Graf das Wort,„daß mir die Debatten, wie wir ſie ſo eben gehört, mit Ausnahme deſſen, was Mister Richards eben ſo wahr als gründlich ange⸗ führt, ſehr widerlich in den Ohren klangen. Daß die Sklaverei, wie ſie bei uns exiſtirt, ein Uebel, ja ein Mackel unſerer freien Verfaſſungen ſey, das wiſſen wir Alle, fühlen es tief; aber es iſt eine Angelegenheit, die uns allein angeht, und in die ſich ein Fremder zu miſchen wohlweislich hüten ſollte, weil er nothwendig der Kenntniß des Gegenſtandes ermangelt, und ſtatt Licht über dieſe kitzliche Lebensfrage zu verbreiten, ſie nur verwirrt.— Jede bürgerliche Geſellſchaft hat das Recht, ja die Verpflichtung, gewiſſe Beſchrän⸗ kungen der Zulaſſung in ihre Mitte aufzuſtellen. Ich glaube Europa, das noch heut zu Tage Millionen von Iſraeliten vom Genuſſe bürgerlicher Rechte mehr oder weniger ausſchließt, die Emancipation ſeiner 4 — 0 157 6— weißen Leibeigenen kaum zur Hälfte durchgeführt hat, hat kein Recht, den Amerikanern uͤber ihre Langſam⸗ keit in dieſer Hinſicht Vorwürfe zu machen. Unſer Fall kann zudem von einem Europäer, wenn er nicht längere Zeit in unſerem Lande gelebt, nur ſehr ober⸗ flächlich gewürdigt werden, weil kein analoger in der transatlantiſchen Welt vorhanden iſt. Denn wie Mister Richards richtig bemerkt, ſo iſt den Vereinig⸗ ten Staaten eine Maſſe von Sklaven aufgedrungen worden, die nicht blos außer allem Verhältniß zu der von Frankreich und England in den weſtindiſchen Inſeln beſeſſenen Sklavenanzahl ſteht, ſondern da⸗ durch noch ein eigenthümlich gefährlicher Uebelſtand für dieſes Land wird, daß ſie im Herzen deſſelben wuchert, ihr Gift nach jeder Seite verbreitet, und die Moralität der bürgerlichen Geſellſchaft anfrißt. Der Fall mit unſern Schwarzen iſt wirklich ein harter, ein unheilſchwangerer Fall, viel härter, als der mit den weißen Leibeigenen Europa's. Dieſe, von derſel⸗ ben kaukaſiſchen Race, wie ihre Herren, können ohne Gefahr für die Moralität der übrigen Bürger zum Vollgenuſſe aller Rechte zugelaſſen werden, ſodald ſie die gehörige Stufenleiter der Civiliſation erreicht;— — — 158 6— es iſt eine große Frage, ob dieſes mit unſeren Schwar⸗ zen oder Farbigen je thunlich oder räthlich ſeyn wird. Es iſt ein ganz anderes Blut, ein Blut, in der heißen Zone in Siedhitze übergegangen, bei jeder Gelegen⸗ heit in dieſe Siedetemperatur aufwallend;— das fühlt die Nation tief, dieſe Ueberzeugung hat ſich ihr allgemein aufgedrungen, und daher ihr Unwille, dieſe exotiſche Rage in ihre Mitte zuzulaſſen. Was aber eheliche Verbindungen, oder die ſogenannte Amalga⸗ mation betrifft, ſo ſage ich frei heraus, daß, wäre der Widerwille dagegen weniger allgemein, ich unmöglich das Volk der Vereinigten Staaten ſo hoch achten könnte, wie ich es hoch zu achten vollen Grund zu haben glaube.“ „Geſprochen wie ein wahrer Amerikaner,“ riefen wir Alle, dem Grafen freundlich die Hand drückend.— Aber währenddem wir ſo thun, ſtiehlt ſich ein tiefer Seufzer aus der Bruſt des edlen Greiſes herauf, und ſeine Stirn überfliegt ein unmuthiger Zug. Es iſt uns klar, daß er nur geſprochen, um unſere Aufmerk⸗ ſamkeit von Lacalle abzulenken. „Aber Vergebung, was war es mit Lacalle?“ —=159 6G— fragt Monſieur de Meurdon.„Iſt es derſelbe Lacalle, der— 4 „Amadee,“ wandte ſich der Graf an dieſen,„Du haſt da einen dummen Streich gemacht. Trübe Er⸗ innerungen ſind am beſten in Vergeſſenheit begraben.“ „Ah, Herr Graf,“ erwiedert der alte Diener,„was hilft es, ſte in Vergeſſenheit zu begraben, wenn ſie in neuer Geſtalt immer und immer wieder in Vorſchein kommen? Ah, hätte Monſteur Lacalle gewußt, wie es endigen wird— und Monſteur Caillou, der zwei 5 Jahre darauf— ah, es würde dem jungen Herrn gewiß nicht ſchaden— er ſoll in Louiſiana bleiben.“ „Und,“ fügte er, als der Graf ſchwieg, hinzu: „wir könnten ja in den Speiſeſaal gehen.“ „Aber Demoiſelle Lacalle,“ wandte Hauterouge ein. „Wie, iſt Demoiſelle Lacalle hier?“ fragte ich. „Ja, mit meiner Tochter,“ verſetzt der auf einmal einſylbig gewordene Graf. „Und ihr Vater?“ Keine Antwort. „Unſer junge Freund ſoll alſo vorerſt in Louiſiana bleiben?“ Vergennes nickt mechaniſch.— — 160 G— Wieder eine lange Pauſe— wir ſehen uns ein⸗ ander befremdet an. „Ja, wir wollen, wenn es den Herren ſo gefällig iſt, in den Speiſeſaal gehen.“ Und mit dieſen Worten erhebt ſich der Graf. Wir ziehen in den aufgeräumten Speiſeſaal in ſchweig⸗ ſamer Spannung, denn auch zu unſern Ohren war das Gerücht von dieſem Lacalle gedrungen, aber ent⸗ ſtellt, dunkel, unheimlich. Alle waren wir daher begierig, die ſeltſame, halb verklungene Sage aus authentiſcher Quelle zu hören. Die Farbigen. I. Der Eintritt in die Attacapas. „Sie kennen, Meſſieurs, den Schauplatz, auf dem das Drama, das wir Ihnen zu ſkizziren im Begriffe ſind, abſpielte,“ hob der Graf zu uns und den Creo⸗ len gewendet an;„unſere beiden jungen Freunde wollen wir durch eine kurze Schilderung in denſelben einführen“ „Neunundzwanzig und neununddreißig Stunden oberhalb der Hauptſtadt brechen vom weſtlichen Miſſi⸗ ſtppi⸗Ufer zwei Seitenarme aus, Bayous la Fourche und Plaquemine genannt, die gewöhnlichen Waſſer⸗ ſtraßen, auf denen man damals, und noch heute wäh⸗ rend der Fluthzeit zu den Attacapas gelangt. In den Monaten Februar, März und April nämlich, wenn der Miſſiſippi ſeine mittlere Waſſerhöhe zu überſteigen anfängt, ſtürzt das Waſſer mit außerordentlicher Heftigkeit aus dieſem Strome über die angeſchwemm⸗ ten Holz⸗ und Schlammmaſſen der halbverdämmten —= 164¾ 6— Bayous, und mit dem Beginnen dieſes Ausſtrömens beginnt auch die Schifffahrt in die beiden Ausmün⸗ dungen, und dauert, bis die zu dem weſtlichen Inunda⸗ tionsſyſteme des Miſſiſippi gehörigen Flüſſe, Seen und Gewäſſer gleiche Höhe mit ſeinem Waſſerſpiegel erreicht haben;— mit dem Sinken des Waſſers im Strome*³) hört auch die Schifffahrt wieder auf.— So wie man tiefer in dieſe natürlichen Abzugskanäle hinein gelangt, läßt die Heftigkeit der Strömung nach, und der Reiſende, deſſen Fahrzeug nicht an einer vorſpringenden Uferkrümmung oder einem ent⸗ wurzelten Baumſtamme zerſchellt, iſt der erſten Ge⸗ fahr entronnen, um mehreren, wenn nicht größeren, entgegen zu gehen. Es ſind nämlich dieſe Bayous ſo durchſchnitten und durchkreuzt von zahlloſen Flüſſen, ſtehenden Gewäſſern und Sümpfen, daß, ſelbſt bei ſehr genauer Kenntniß der Fahrſtraße, nur die ge⸗ ſpannteſte Aufmerkſamkeit den leitenden Faden aus dieſem Labyrinthe herauszufinden vermag. Bald erweitert ſie ſich in einen See, in den radienartig eine Unzahl neuer Gewäſſer ein⸗ und ausmünden, bald *) Beiläufig in der Mitte Auguſt. —=8 165 6— verengt ſie ſich wieder ſo ſehr, daß ſie von den zwanzig Fuß hoch überſchwemmten Cypreſſenwäldern nicht mehr zu unterſcheiden iſt. Die Wucht der ungeheuern Bäume wölbt ſich über ſeinem Haupte zuſammen, das ſpaniſche Moos hängt in langen dichten Flechten von den Rieſenſtaͤmmen, liegt auf dem Waſſer auf, verſperrt ihm den Weg; kein Sonnenſtrahl dringt durch die Waſſer⸗ und Waldesnacht, ein unheimliches Dunkel drückt ihn und die Natur nieder. Kein Sing⸗ vogel läßt ſeine Stimme hören, bei Tage zerreißt das brüllende Geſtöhn von Tauſenden von Alligatoren und Rieſenfröſchen ſeine Ohren, nach Sonnenunter⸗ gang bringt ihn das Nerven erſchütternde Gelächter und Geächze der großen Miſſiſippi⸗Nachteulen zur Verzweiflung. Er glaubt auf den Gewäſſern des Styr oder Acheron zu fahren, fühlt ſich unruhig, beengt, bange in dieſen düſtern, unheilverkündenden Regionen.“— „Nach einer Fahrt von etwa vierundzwanzig Stun⸗ den tritt er zuerſt aus dieſem Labyrinthe. Der Tag lächelt ihn wieder an, wird plötzlich zur Lichtfluth. Ein wunderſchönes Panorama öffnet ſich ſeinem Seh⸗ kreiſe.— Ein entzückt ſchöner See, der ſich mehrere —“0 166— Stunden im Umfange hinbreitet, feſſelt ſeinen ſtau⸗ nenden Blick. Die Ufer ſind abermals mit coloſſalen Cypreſſen eingefaßt, deren Rieſenſtämme von benann⸗ tem ſpaniſchem Moos umwallt, deren dunkelgrüne Kronen in einander verſchlungen, ihm beim erſten Anblicke Tauſende von Domen an einander gereiht däuchen. Er ſteht ſtaunend, verwirrt; der optiſchen Täuſchung endlich gewahr, wendet er den Blick von dieſen majeſtätiſchen Naturdomen, ſenkt ihn, und weilt auf der ſchönſten Blumenflur, die göttliche All⸗ macht je dem menſchlichen Auge entfaltet. Er ſchaut. Millionen der Nelumbo, der Königin aller Waſſer⸗ blumen, in ihrem höchſten Glanze. Sie erhebt ihre koniſchen vaſenartig geſtalteten Blätter ſtolz über die Gewäſſer, beherrſcht ſie bis in die Mitte des Sees,— Millionen der herrlichſten Tulpenblüthen blenden ſein Auge, unzählige buntgefiederte Schwimmvögel ſchwirren über— durch ſte hin,— in der Mitte allein glänzt ein Spiegel kryſtallhellen Waſſers.— Er verläßt nur ungern dieſen Zauberſee, um ſich„ abermals in einem Gewirre von Flüſſen und Bayous zu verfangen, gelangt aus dieſen in den größern In⸗ ſelſee, weiter in den großen Fluß, den Atchafalaya, — 3 167— gleichfalls einen natürlichen Abzugskanal des über⸗ ſtrömenden Miſſiſtppi, zuletzt in den Teche; er iſt endlich, der Verzweiflung nahe, in den Attacapas angelangt: dem Landſtriche, der ſich vom Golf von Mexiko herauf aus zitterndem Rohr und Binſen⸗ geflechte zu zitternden Sumpfwieſen erhebt, allmählig feſtes Land wird, wie er weiter gegen Norden herauf⸗ ſchwellt, und vom Teche, Vermillon, und vielen andern Flüſſen und Seen bewäſſert, den Namen des Elyſiums von Louiſtana erhalten hat.“ „Rechts windet ſich der Teche wie ein ſtahlgraues Seidenband um endloſe Auen und Wieſen, auf denen Tauſende und abermals Tauſende fröhlicher Rinder und Pferde im halbwilden Zuſtande umherſpringen, — zahlloſe Baumgruppen von Immergrüneichen, Papaws, Liquidambars ſchattiren das Panorama, — Pflanzungen, in Haine von tropiſchen Fruchtbäu⸗ men gebettet, tauchen links und rechts auf, kleinere Seen hellen es auf, eine weiche, wollüſtig feuchte Gluth hat ihren einſchläfernden Odem über das Ganze hingehaucht— das Elyſtum der Alten, wie es der Dichter Phantaſie geſchaut, tritt hier verwirklicht vor Augen.“— 4 — 168 6— Der Graf hielt inne und fuhr nach einer kurzen Pauſe im lebhafteren Tone fort:— „Uns trat es verwirklicht vor Augen, als wir, neunundzwanzig Jahre ſind es nun, zum erſten Male dieſe entzückenden Fluren vorübergleiteten, bei jeder Pflanzung, die wir vorbeifuhren, begrüßt, bei jeder zum Verweilen, zum Bleiben dringend eingeladen. Ich ſehe und höre noch Lacalle, wie er wonnetrunken die Arme ſehnſuchtsvoll nach den Ufern ausſtreckend rruft: Wir werden ein paradieſiſches Leben führen! wie wir mit Freudenthränen in den Augen einfallen: Ein paradieſiſch patriarchaliſches Leben, wie der wackere greiſe Roche Martin, der im Tendelet*) am Ruder ſtand, den Blick väterlich auf Lacalle gerichtet, brummt: Ei Clyſtum, weiß nicht, was das ſagen will, aber hier heißen ſie es Paradies, und Paradies muß es wohl ſeyn, denn es hat Schlangen; hüte dich Junge vor den Schlangen, die da ſind die Farbigen, ſie riechen übel!“ „Roche Martin,“ unterbrach ſich der Graf— „war derſelbe rauhe aber treffliche Akadier, der uns *) Der bedeckte und erhöhte Hintertheil des Fahrzeuges, auf dem die Paſſagiere ſich befinden. 3 — 9 169— vier Tage vorher von dem fatalen Baumſtamme im Plaquemine erlöst, und in ſein Fahrzeug aufgenom⸗ men. Dafür duzte und erzte er uns nach der Sitte der Akadier, was wir uns um ſo lieber gefallen ließen, als der gute Mann viel erfahren und hoch in den Jahren war. Während der viertägigen Fahrt hatten wir ihn natürlich über die Zuſtände des Gemeinweſens und der bürgerlichen Verhältniſſe in den Attacapas ausgefragt; die Rede war ſo auf die Farbigen ge⸗ kommen, deren er nie erwähnte, ohne ſich zuvor durch ein salva venia zu verwahren, ſo wie unſere Spieß⸗ bürger zu thun pflegen, wenn ſie vom Borſtenthiere ſprechen. Dies gab wieder zu häufigen Debatten Veranlaſſung, bei denen beſonders Lacalle oft launig oft heftig die Parthei dieſer Farbigen nahm.— Jedes Mal ſchüttelte dann der Alte ſein greiſes Haupt und brummte: Junge, Junge, dieſe Farbigen, gib Acht, werden dein Unglück ſeyn!“ „Die Landſchaft wurde indeß immer ſchöner, je weiter wir den Teche hinanfuhren. Ein unbeſchreib⸗ lich mildes Stillleben ſprach uns allenthalben an, wir ſahen hie und da nackte ſchwarze Figuren läſſig durchs Gebüſch hinſtehlen, aber kein Laut war zu Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 12 —= 170 6— hören, als der des brummenden Alten, der mit auf⸗ gehobenem Zeigefinger und der den Akadiern eigen⸗ thümlichen Hartnäckigkeit fortfuhr zu brummen: Er hört nicht, und ſie riechen doch ſo übel die Farbigen, ſte werden ſein Unglück ſeyn. u „Wir waren in eine Flußkrümmung eingefahren, aus der eine der ſchönſten Pflanzungen auftauchte, die wir noch bisher geſehen hatten. Sie ſchien zu ſchlummern in dem weichen duftenden Blüthenbeete der Orangen, Lilacs, Citronen, Feigenbäume. Weiter zurück ſtanden Gruppen von Immergrüneichen und Liquidambars, einen Dachhimmel wölbend über das Wohnhaus, das im Refler der ſchief einfallenden Sonnenſtrahlen wiegend und wogend erſchien. Die Baumgruppen waren nach einem gewiſſen Plane aus dem Urwalde ausgehauen, die niedrigen Baumgat⸗ tungen beſchnitten. Die Pflanzung gehörte offenbar einem Franzoſen. Bald beſtätigte dies Roche Mar⸗ tin, der verdrießlich brummte: Auch ein ſolcher Alt⸗ adelicher, der ſich nicht einmal duzen laſſen will, dieſer Herr von Morbihan da.“ „Herr von Morbihan— ich ſah unter meinen Briefen.— Eine der Adreſſen lautete an einen Mon⸗ — 2 171— ſteur de Morbihan. Doch war er es nicht, bei dem wir unſer Abſteigquartier zu nehmen geſonnen waren.“ „Und in dieſem Augenblicke trat aus dem duftenden Orangenhaine heraus, in abgetragener Siamoiſejacke und Pantalons, durch die die bloßen Kniee zu ſehen waren, einen breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe, und mit einer Fußbekleidung, für die wir damals keinen Namen wußten, die wir aber ſpäter als Mo⸗ caſſins ſehr lieb gewannen, der leibhafte Monſteur de Morbihan ſelbſt. Er kam neugierig haſtig gegen den Flußrand zugetrippelt. Schon von weitem ſchrie er Roche Martin an: „Eh bien, was bringſt Du Neues?“ „Franzoſen, antwortete Roche Martin, aber nicht Dir, ſondern einem, der ſich duzen läßt." „Der Alte ſprang hoch auf. Was ſagſt Du, Franzoſen bringſt Du, aber nicht mir, ſondern einem, der ſich duzen läßt? Und abermals ſprang er auf. Was ſagſt Du, mir, Du grober akadiſcher Geſelle, mir, dem Herren von Morbihan ſagſt Du das?— Und während der Herr von Morbihan ſo ſprach, ballte er die Fauſt gegen Roche Martin. Meſſieurs, 12* — 172 6— wandte er ſich zu uns, den Hut abziehend— Ver⸗ gebung, der alte Grobian hat keine Manieren, er duzt Cavaliere wie ein grober Marechauſſée⸗Caporal— Franzoſen, ſagſt Du Bengel, bringſt Du? als ob Du eine Fracht Neger oder Wolldecken brächteſt! Ah, wäre ich noch Commandant, ich wollte Dich duzen!“ „Und der gute Herr von Morbihan tanzte und ſprang ſo wunderbar, und ſchwang ſeinen furchtbar ſchlechten Strohhut ſo poſſierlich! wir glaubten, der gute Mann ſey durch einen Sonnenſtich plötzlich choleriſch geworden. „Adelaide, Adelaide! ſchrie er auf einmal in die Orangenlaube zurück— Adelaide! Franzoſen, mein theures Kind, hat uns der akadiſche Lümmel da, der mich duzt, gebracht, der keine zwei Neger hat, und ſein Wälſchkorn mit ſeinen eigenen groben ſchmutzigen Händen bauen muß— ha ha ha, rief er, iſt das nicht drollig?“ „Und während dem er die linke Fauſt gegen den akadiſchen Lümmel, wie er den guten Roche Martin nannte, ballte, winkte er mit der rechten Hand und warf Kußhändchen der Laube zu, aus der er gekom⸗ men.“ — 173— „Wir hörten, wir ſchauten, wir trauten kaum unſern eigenen Ohren.“ „Der Alte ſprang mit einem Male vorwärts und rief uns an: Franzoſen, Franzoſen, Landsleute, ſo eben gelandet!— woher? woher? woher?“ „Aus der Bretagne— aus der Touraine— aus der Provence— antworteten wir.“ „Der ſonderbare Alte ſprang hoch auf vor Freude.“ „Adelaide! ſchrie er zurück gegen die Orangen⸗ laube— Franzoſen aus der Provence, der Touraine, Bretagne, die uns Neuigkeiten bringen.“ „Er ſprang vor Ungeduld vorwärts, rückwärts, geſtikulirte mit Händen, Füßen.“ „Jetzt flimmerte etwas Weißes in der Laube, und am Rande derſelben zeigte ſich endlich die erſehnte Adelaide, eine ſchlank gebaute Geſtalt, von ſo herr⸗ lichen Umriſſen; wie ſie im Relief der Orangenparthie heranſchwebte, wähnten wir eine ſchwebende Syl⸗ phide vor uns zu ſehen. Sie war im ſchneeweißen Battiſt⸗Morgenkleide, das die Wellenlinien der ſ chwel⸗ lenden Glieder zart hervorhob; ein breiter Strohhut bedeckte das ſchöne Haupt, von dem eine Fülle glän⸗ zender ſchwarzer Flechten über den ſchneeweißen —? 174 8— Schwanennacken herabringelte; in der einen Hand hielt ſte einen Sonnenſchirm, in der andern einen Fächer von bunten Paroquetfedern, ein etwa zwölf⸗ jähriges Mädchen mit einem Musquitowedel folgt ihr auf dem Fuße. Sie warf einen kurzen flüchtigen Blick auf das Fahrzeug, das nur noch etwa hundert Schritte vom Landungsplatze war, und ſchwebte dann mit graziöſer Nonchalance auf den Pflanzer zu, der im höchſten Grade ungeduldig, bald vorwärts bald rückwärts geſprungen, wie einer, der mit ſich ſelbſt im Kampfe iſt, welcher der beiden Parteien er ſich zuerſt anſchließen ſolle,— endlich mit einigen Sätzen auf ſie zuhüpfte, ihren Arm zärtlich erfaßte, und ſte halb mit Gewalt dem Uferrande zuzog, wo er hielt, einen triumphirenden Blick auf uns, einen zweiten auf das Mädchen warf.“ „Das ganze Benehmen des Mannes hatte mehr theatraliſch Kokettes, als väterliche Zärtlichkeit. Seine Blicke ſchienen zu fragen: wohlan, ſeyd Ihr noch immer nicht gekommen, Monſteur de Morbihan zu ſehen?" „Unſere Augen hingen ſtarr an dem ſeltſamen Paare und beſonders der herrlichen Adelaide. Eine — 175 6—. gewiſſe Langſamkeit der Bewegungen, ſite war heran⸗ geſchwebt wie unſer Schiff, auf dem wir die Reiſe gemacht, vor der leichten Briſe— mit Grazie ſich wiegend und wogend— im weichen Wellenbeete— jede ihrer Bewegungen durch ein eigenthümliches Gliederſpiel verſchönert. Das ganze Weſen des Mädchens hatte für uns etwas Neues, ungemein Anziehendes, ſo wie ihre Schönheit eigenthümlicher Art war. Ihr Teint war ſchneeweiß, beinahe durch⸗ ſichtig wie fein geſchnittener Alabaſter— die Locken, glänzend ſchwarz, ſielen über den nicht ganz verhüll⸗ ten Nacken;— die Augen jedoch, dieſe Augen! Wir hatten nie ſolche Augen geſehen. Sie waren länglich, mehr mandelartig geſchnitten als rund, nicht ganz ſchwarz, mehr gazellenſchwarz, aber halb träumeriſch geſchloſſen, in einem Fluidum ſchwimmend— zuwei⸗ len aufleuchtend, dann zuckte es wie brennende Strah⸗ len heraus. Es lag eine unſägliche Liebesgluth in dieſen herrlichen Augen.“ „Danae wie ſie— entfuhr uns Allen unwillkür⸗ lich.“— Der Graf hielt inne und fuhr dann fort: „Wir hatten unſere Hüte abgenommen. Mache, — 176 8— daß Du fertig wirſt, alter Lümmel! ſchrie der Herr von Morbihan Roche Martin, ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend, zu, und als dieſer, die Aufforderung nicht beachtend, noch immer keine Anſtalt machte, die Bretter vom Fahrzeuge ans Ufer zu werfen, ſchaute der Alte die Tochter mit bittender Miene an, und mit den Worten: Du ſtehſt, Adelaide, wenn ich nicht gehe, ſo dauert es noch eine Stunde, ehe ſie landen, ſprang er zugleich in das Fahrzeug. Er fiel mir buchſtäblich in die Arme.“ „Heraus, heraus, ſchrie er, mich embraſſtrend, heraus aus dieſem barbariſchen Bauernfahrzeuge— willkommen Landsleute, heraus ſage ich, heraus.“ „Adelaide! rief er ans Ufer hinüber, Adelaide, ſiehſt Du Franzoſen, das ſind wahre Franzoſen! Man ſieht es ihnen an den Augen an, anderer Stoff, als unſere drüben am Chetimachas; und abermals embraſſirte er mich.“ „Plötzlich ſprang er einen Schritt zurück.⸗ „Sie ſind aber doch von Stande, Monſteur? Doch Cavalier? Ich bin der Sieur de Morbihan.“ „Bitte tauſendmal um Vergebung, erwiederte ich— ich nenne mich Louis Victor de Vignerolles.“ —— —.2.⸗— —= 177 6— „Louis Victor de Vignerolles! Ich kannte einen Hugo Grafen von Vignerolles.“ „Ich bin ſein Sohn.“ „Er ließ mich nicht ausreden. Ma ſoi, rief er, ſich an die Stirne ſchlagend; wo hatte ich nur die Augen. Ah, Herr Graf von Vignerolles, vergeben Sie, man wird blind in dieſen Attacapas, unter dieſem Bauern⸗ und Handwerkervolke— man verbauert. Tauſend⸗ mal Vergebung, bat er, aber wir ſind doch nicht ganz verbauert. Und ſo ſagend trat er einen Schritt zu⸗ rück, ſetzte ſeinen geflickten, zerriſſenen, durchlöcherten Hut auf, nahm ihn ab, ſchnitt ein Compliment, und embraſſirte mich nochmals in der Manier der Hof⸗ kavaliere während der ſechziger und ſiebziger Jahre— dann mich bei der Hand faſſend, wandte er ſich mit einer Verbeugung gegen die am Ufer ſtehende Ade⸗ laide: Mademoiſelle Adelaide de Morbihan, ich habe die Ehre, Ihnen den Herrn Grafen Louis Victor de Vignerolles aufzuführen— Herr Graf, ich habe die Ehre, Ihnen Demoiſelle Adelaide de Morbihan, meine Tochter, aufzuführen.“ „Demoiſelle Adelaide knickſte am Ufer, ich ver⸗ —= 178 6— beugte mich im Fahrzeuge, Monſieur de Morbihan ſchritt zum Nächſten. Es war Hauterouge.“ „Monſteur, redet er dieſen an, ich bin der Sieur de Morbihan.“ „Hauterouge erwiederte: Herr von Morbihan! Ich nenne mich Vincent de Hauterouge.“ „Herr von Morbihan embraſſirte Hauterouge, nahm ihn dann bei der Hand, und zu Adelaiden ge⸗ wendet, ſprach er abermals: Mademoiſelle de Mor⸗ bihan, ich habe die Ehre, Ihnen hier den Herrn Baron Vincent de Hauterouge aufzuführen. Herr Baron, ich habe die Ehre, Ihnen Demoiſelle Adelaide de Morbihan aufzuführen.“ „Die Tochter knickſte abermals, der Baron ver⸗ beugte ſich. Monſieur de Morbihan trat an Laſſalle heran.“ „Genau dieſelbe Etiquette. Als die Reihe an La⸗ calle kam, ſchien der Alte frappirt.“ „Er warf einen forſchenden, beinahe ängſtlichen Blick auf die Tochter. Sie war bis zur Nagelſpitze er⸗ röthet, die halbgeſchloſſenen Augen zu Boden geſenkt.“ „Der Vater ſtand, einen Augenblick mißtrauiſch Lacalle fixirend.“ 7 7 —= 179 6— „Monſteur de Lacalle, nahm ich endlich das Wort, Kapitän im Regimente Monſieurs, mein theurer Freund.“ „Der Alte näherte ſich langſam dem Jünglinge, ſichtbar mit ſich ſelbſt kämpfend. Während dieſem Zwiſchenakte hob ſich der Buſen der Tochter ſtärker, einen ſtarren Blick heftete ſie auf den Vater, und die⸗ ſer, wie einer, der das Verſäumte ſchnell nachholen will, ſchloß den verwirrt erröthenden Jüngling nun heftig in die Arme.“ „Hatte die ſeltſame Art des Aufführens bereits unſere Aufmerkſamkeit erregt, ſo können Sie ſich leicht vorſtellen, daß das letzte Zwiſchenſpiel ſie noch weit höher ſpannte. „Die Bretter waren mittlerweile ans Land gelegt, und wir begrüßten, am Ufer angekommen, nochmals Vater und Tochter, worauf ſie uns dem Hauſe zu⸗ führten.“ „Es war dieſes weit bequemer eingerichtet, als wir bei unſerm Eintritte vermuthen konnten, obwohl uns die nackten Kinder, Mädchen und Knaben, und die beinahe eben ſo nackten ſchwarzen Weiber, die im Saale herumhockten, beinahe wieder hinaus getrieben — 180— hätten. Kaum traten wir in Begleitung des etwas ſonderbaren Monſteur de Morbihan in die Gallerie ein, als ſie alle mit einem gellenden Geheule ausein⸗ ander ſprangen und ſtoben, und uns nicht wenig erſtaunt allein ließen. Nicht nur das Haus gerieth in Bewegung, der Aufruhr, den unſer Erſcheinen verurſachte, theilte ſich der ganzen Niederlaſſung mit. — Noch waren keine zwei Stunden verfloſſen, als— wir ſaßen gerade an der Mittagstafel— auch eine Menge Stimmen, und zwar nichts weniger als an⸗ genehme, ſich vor der Gallerie hören ließen.— Von allen Seiten kamen die Einwohner der Niederlaſſung herangeſtrömt, in Fahrzeugen und zu Pferden, und mit einer Eile, einer Haſt, als ob ſie im Wettrennen begriffen wären, und in den ſeltſamſten Trachten. Einer hatte eine Siamoiſejacke und eben ſolche Pan⸗ talons, mit einem gallonirten dreieckigen Hute à la Fréderic, ein Anderer kam im Ginghamfracke à Pin- croyable, ein Dritter im Sammetrocke mit verblichener Goldſtickerei à la Louis quinze und ungebleichten Cattunbeinkleidern, ein Vierter im Taffetrocke.— Die Coſtüme aller Jahrzehende des achtzehnten Jahr⸗ hunderts waren zu ſchauen. Sie kamen an, debatti⸗ — 181 6— rend, geſtikulirend, der Lärmen, das Geſchrei wurde immer heftiger, je näher ſte dem Hauſe zu kamen; vor dieſem brach er in ein förmliches Gezänke aus, das ſo erbittert wurde, daß wir jeden Augenblick er⸗ warteten, ſte würden ſich in die Haare gerathen.“ „Einer ſchrie. „Zu mir müſſen ſie, bei mir haben ſie Platz alle zehen.“ „Badaud! ſchrie ein Anderer mit bitterm Hohne— was ſollen ſie bei Dir, der Du nichts als Gombo*) haſt. Willſt Du ſie füttern, wie Deine Schweine?“ „Und Du nichts als Petitgru,**) ſchrie ein Drit⸗ ter dem Zweiten zu— zu mir müſſen ſie.“ „Was willſt Du? fuhr ein Vierter den Dritten an, der Du kaum ein halbes Dutzend Neger und zweimal ſo viele Arpens mit Mais bepflanzt Dein nennſt. Sollen dieſe Herren bei Dir unſere Attacapas kennen lernen, bei Deinem Sagamite?“***) *) Der zerſtoßene Mais, in Milch und Waſſer zur dicken Brühe gekocht. 4 **) In größere Körner wie geriebene Gerſte zerrieben und mit wenig Waſſer mehr geröſtet als gekocht. *4) In noch größere Stücke zerſtoßen und in Waſſer gekocht. —= 182— „Ah, lachte ein Fünfter— der da will auch ein Adelicher ſeyn, und jedes Kind in der Niederlaſſung weiß, daß ſein Vater ein Catalonier*) war.“ „Wir ſahen einander bedeutſam an, der Auftritt war poſſtrlich, roch aber auch ſtark nach Gemeinheit. Auf einmal ſprang Monſieur de Morbihan aus dem Hauſe, auf der Treppe haltend ſchrie er: „Meſſteurs, iſt das die Art, franzöſiſchen Cava⸗ lieren Ihre Aufwartung zu machen? Morbleul Par- bleu! was müſſen dieſe Herren ſich von Ihnen denken! ich ſage Ihnen— wir haben Ball und gehen Sie mit Gott, Ihre Familien zu benachrichtigen, dann wollen wir weiter ſehen.“— „Das Wort Ball machte allem Streite ein Ende. Ein fröhliches Bravo erſchallte aus Aller Munde, lachend ſchüttelten ſte Monſteur Morbihan die Hand, lachend traten ſie in die Gallerie, und lachend erzähl⸗ ten ſte uns, während ſie uns embraſſirten, die Urſache des Streites. Er hatte uns gegolten, und die guten Leute waren beinahe einander in die Haare gerathen, 4 *) Wanderten während der ſpaniſchen Regierung häufig in Louiſiana ein, treiben kleinen Handel, und waren in der Regel eben ſo gewinnſüchtig und thätig, als verachtet. —= 183 6— wer uns zuerſt in ſeinem Hauſe haben ſollte. Wir ſtimmten in das Gelächter ein, obwohl das Ganze uns ziemlich ſtark an die Art und Weiſe erinnerte, in der unſere Strander ihr Anrecht auf die Trümmer eines geſcheiterten Schiffes geltend zu machen pflegen. Nachdem ſie uns von allen Seiten betrachtet, und wir ſte und ihre Trachten, Erbſtücke von Vätern und Großvätern, auf die ſie um ſo ſtolzer thaten, je älter und abgeſchabter ſte waren,— drangen ſie heftig in uns, zu erzählen.— Einige hatten ſich entfernt, um den Ihrigen die Nachricht vom Balle zu überbringen, die Meiſten aber waren geblieben, um etwas vom ſchönen Frankreich zu hören.“ „Wir erzählten alſo vom ſchönen Frankreich und ſaßen erzählend den horchenden Attacapaern von den ungeheuern Schickſalen, die über unſer armes gelieb⸗ tes Land hereingebrochen waren, von dem Morde des beſten Königs, der je einen Thron geziert, von den Wirren der Convention⸗, der Berg⸗, der Gironde⸗ Partheien, den Marats, Robespierres, St. Juſte, dem Directorium, dem kühnen Korſen, der damals durch ſeinen antiken Geiſt das moderne Europa in Staunen verſetzte.— Von alle dem wußten die guten —= 184 6— Attacapaer nichts. Sie waren ſo unſchuldig an der großen Weltrevolution, wie neugeborene Kinder;— das Staunen, obwohl ſie nicht die Hälfte von dem, was wir ſagten, verſtanden, war gränzenlos.“— „Während wir erzählten, begann es abermals in den Avenuen der Pflanzung lebendig zu werden. Wir fahen Damen zu Pferde und in Cabriolets im wil⸗ deſten Galopp dem Wohnhauſe zuſprengen, fröhlich aus den Sätteln, den Wägen hüpfen, und die Trep⸗ pen herauf tanzen.“— „Wir waren ſehr angenehm überraſcht. Die Herren waren großentheils in den beſchriebenen altmodiſchen Kleidern, die Damen aber durchgängig nach der neueſten Mode koſtümirt, in Crepe, in Gaze, in Gros de Naples, geſtickten Muſſelinen— mit Guirlanden in den Haaren, viele mit reichen Geſchmeiden. Es verſammelte ſich ein Kreis üppig und hoch gebauter Schönheiten, deren edle Formen ſeltſam gegen die der etwas gemeinen Männer abſtachen.— Es waren Ertreme in den Coſtümen, ſo wie in andern Bezie⸗ hungen.“— „Wir wurden durch zwei Ceremonienmeiſter in den Ballſaal eingeführt. Er war mit Talglichtern —=0 185 6— beleuchtet, die Wände ſahen ärmlich aus, die beiden Neger, die das Orcheſter bildeten, waren groteske Figuren; für uns hatten aber dieſe Dinge den Reiz der Neuheit, der noch ungemein durch die geſchmack⸗ vollen Coſtüme der Damen, ihre Schönheit, Lebhaf⸗ tigkeit geſteigert wurde. In dem Augenblick erſchien es uns, als ob wir in unſer geliebtes Frankreich zurück verſetzt, auf einer jener entzückenden Landparthieen begriffen wären, die durch den Beigeſchmack der Ru⸗ ſticität erſt ihre eigenthümliche Friſche erlangten.— Auch hatten wir nicht bald ſo viele Schönheiten in einem ſo engen Raume beiſammen geſehen. Wir er⸗ warteten mit einiger Ungeduld die Eröffnung des Balles, und ich geſtehe, unſere Ueberraſchung ſtieg aufs Höchſte, als wir den erſten Cotillon durchführ⸗ ten. Dieſe Anmuth der Bewegungen, dieſe Leichtig⸗ keit, dieſe Poeſte des Tanzes hatten wir uns auch nicht träumen laſſen. Ich halte die Creolinnen für die beſten Tänzerinnen, ſie verſchmelzen die graziöſe Leich⸗ tigkeit unſerer Franzöſinnen mit der languiſſanten Ueppigkeit der Spanierinnen. Erſt im Tanze wird ihre Zaubergewalt unwiderſtehlich.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 13 — e 186— „Die Palme jedoch gebührte Adelaiden. Sie war unſtreitig die ſchönſte, ſo wie die ſtolzeſte unter den wirklich herrlichen Geſtalten, die uns dieſe Nacht ſo unvergeßlich machten.“— „Wenn man,“ unterbricht ſich der Graf,„nach zehnjährigen Kämpfen, Stürmen, Feldlagern, einem unſtäten, rollenden, flüchtigen Jagen und Gejagtwer⸗ den plötzlich und unerwartet in einen ſo fröhlich ſpru⸗ delnden Wirbel hineingezogen wird, dann wirkt es betäubend, berauſchend auf Einen. Wir fühlten uns wirklich berauſcht, betäubt von dem plötzlichen Wechſel. Die Erinnerungen unſerer Jugend, die Reminiscenzen unſerer Familienzirkel, die ſpätern unſeres Hoflebens, die glänzenden Nachtbilder unſerer Verſaillestage ſtie⸗ gen wie gaukelnde Traumgeſtalten vor uns herauf.“ „Es war ein ſchöner Moment unſer Eintritt in die Attacapas, in das Haus Monſieur de Morbihans — einer jener Lichtmomente, die durch ihre heitere Friſche die trüben Schlagſchatten düſterer Tage wie⸗ der aufhellen. Unvergeßlich bleibt uns dieſe Nacht.„ Wir tranken aus dem lange nicht verkoſteten Freu⸗ denbecher mit vollen Zügen— Keiner mehr ſo, denn Lacalle. Er war zweifach glücklich.“— — 187— „Für mich hat jene holde Befangenheit, die der unverdorbene Jüngling in den erſten Momenten ſeiner keimenden Liebe ſo zart, ſo ſchüchtern und ſo mild darthut, einen unausſprechlichen Reiz. Sie iſt wie der Mehlthau der duftenden, vom Reife der Wolluſt noch nicht verſengten Blüthe.— Mit dieſer zarten Schüchternheit verband Lacalle wieder jenes beſtimmte decidirte Weſen, das der kriegeriſch gewordene Geiſt unſerer Nation damals ſchon ſtark unſerer Jugend anzulegen angefangen hatte. Obwohl von einem vergleichungsweiſe neuen Hauſe(ſein Großvater war Negotiant in Nantes geweſen, ſein Vater als Finanz⸗ pächter geadelt worden), hatte er doch die feinen Ma⸗ nieren des alten Adels. Er war nach dem Ausbruche der Revolution mit ſeiner Familie nach England ent⸗ wichen, da leidenſchaftlich in die Tochter eines ge⸗ ſchichtlich großen Hauſes entbrannt, hatte er ſich von ihr beſtimmen laſſen, ſeinen Arm der vertriebenen Königs⸗ familie zu leihen; ſo waren wir mit einander bekannt geworden, hatten mit einander gefochten, uns von unſern Geliebten erzählt, und waren nach dem zweiten Vendéekriege zuſammen nach England zurückgekehrt; — er gerade noch zu rechter Zeit, um von ſeiner an⸗ 13* — o 188 e-— gebeteten Henriette einen ewigen Abſchied zu nehmen. Der Verluſt dieſer erſten Liebe hatte ihm England unerträglich gemacht, nach Frankreich durfte er nicht; ſo ſchloß er ſich uns an. Ein bedeutendes Vermögen, über das er zu gebieten, ein größeres, das er noch zu hoffen hatte, ſicherten ihm auf alle Fälle in dieſem neuen Lande wenn nicht eine glänzende, doch ruhige Zukunft, und trugen vor Allem dazu bei, ihm in ſeinen gegenwärtigen Verhältniſſen jenes bequeme Selbſtvertrauen zu verleihen, das nirgends mehr als hier von Nöthen ſchien.— Uebrigens frank, frei, ein Freund bis zum Tode, leidenſchaftlich glühend für alles Gute, Schöne, und wieder harmlos wie ein Kind, naiv, war er ein Liebling Aller, die ihn ſahen. Der Jüngſte von uns— er zählte nicht mehr denn vier und zwanzig Jahre, war er unſerm kleinen Kreiſe ganz das, was in ſpaniſchen Häuſern der Ninon der Familie iſt.“ „Das erſte Zuſammentreffen mit Adelaiden hatte ihn zittern, ſie erröthen gemacht. Sie war das erſte weibliche Weſen, das ihm nach einer triſten drei⸗ monatlichen Fahrt in den Weg trat. Sie war ſchön, ſehr ſchön, ihre Züge zudem hatten Aehnlichkeit mit — 189— denen ſeiner betrauerten Geliebten. Während des Balles fand ſich das Paar, ohngeachtet aller Be⸗ mühungen des Ceremonienmeiſters, ſie zu trennen, doch immer wieder zuſammen. Sie ſchienen wie für einander geſchaffen,— er ein Bild jugendlicher Schöne, ſie eine Danae, eine zart ſich entfaltende Knospe. Aller Augen hingen wie gefeſſelt an den Beiden; Monſteur de Morbihans Stirne allein ſchien ſich zu runzeln. „Monſteur de Morbihan ſtammte von einer alten, aber herabgekommenen Familie, die zur Zeit Hein⸗ r richs des Dritten über bedeutende Beſitzungen in der Touraine gebietend, während der Unruhen der Fronde in Verfall gerathen war. Louis de Morbihan war in ſeiner Jugend Page im Hauſe der Rohans ge⸗ weſen,— vom Prinzen Rohan de Rohan in einer der vielen Intriguen,— die dieſer ehrgeizige Schwäch⸗ ling zu Gunſten der piemonteſiſchen Prinzeſſin gegen die unglückliche Tochter Maria Thereſtens zu enfiliren, ſich ſo ſehr gefiel, gebraucht worden,— darüber bei Hofe in Ungnade gefallen, und in der Verzweilflung nach Louiſtana gegangen. Hier hatte es ihm ge⸗ glückt, den Commandantenpoſten am Redriver, und —=0 190— darauf die Hand einer reichen Erbin in den Attacapas zu gewinnen, wo er ſich denn endlich auch niederließ. Die Ehe war nicht glücklich geweſen. Die Gattin war wenige Jahre vor unſerer Ankunft an einem Gallenfieber geſtorben, von den fünf Kindern, die er mit ihr gezeugt, bloß Adele am Leben geblieben, die Erbin aller Beſitzungen ihrer Mutter. Die Abhän⸗ gigkeit, in welche dieſes Erbſchaftsverhältniß den Va⸗ ter zur Tochter verſetzte, war uns bereits in den erſten Minuten unſerer Bekanntſchaft aufgefallen, ſie hatte das Unangenehme, daß ſie dem ganzen Weſen des Mannes eine gewiſſe Unſtätigkeit aufdrückte, die bald heftig gebieteriſch, bald wieder ſubmiß, ja an Nieder⸗ trächtigkeit gränzend, nichts weniger als vortheilhaft für ſeinen Charakter ſprach. Noch lag im Enſemble ſeiner Züge etwas von jener Fineſſe, die den Süd⸗ franzoſen eigenthümlich iſt, aber die Energie, die ihr in der Regel zum veredelnden Relief dient, war ver⸗ ſchwunden und hatte einer verbauerten Hypochondrie Platz gemacht, von der wir gleich bei unſerer Ankunft ein genügendes Probeſtück hörten. Sein Aeußeres war übrigens ein treuer Spiegel ſeines Innern; die Geſichtszüge waren unangenehm, eine gewiſſe Salz⸗ —= 191— ſäure hatte ſich eingefreſſen, die ganz mit den delab⸗ rirten Körperformen harmonirte; nur zuweilen trat noch etwas von angeborener franzöſiſcher Hilarität und Bonhomie vor; der Urſachen, man ſah es, mußten viele geweſen ſeyn, die dieſe zu beſſern Dingen be⸗ ſtimmte Exiſtenz verkümmert, und zu einer ſo ſelt⸗ ſamen, wenn nicht widrigen, doch bizarren Erſcheinung verunſtaltet hatten.“— „Erſt lange nach Mitternacht trennte ſich die Ge⸗ ſellſchaft, und wir begaben uns in die angewieſenen Gemächer zur Ruhe.“— „Die Sonne ſenkte ihre Strahlen bereits durch die Liquidambarbäume, die die Oſtſeite der Pflanzung einſäumten, als mich ein brennendes Jucken an den Armen und im Geſicht aus dem Schlafe weckte.“ „Amadee ſtand vor mir;— er hatte die Mus⸗ quittovorhänge zurückgeſchlagen, und ſogleich waren einige dieſer Inſekten über mich hergefallen, um mein friſches ausländiſches Blut zu verſuchen.“ „Amadee was willſt Du? rief ich ein wenig un⸗ willig.“ „Amadee, legte den Zeigefinger auf den Mund, und deutete auf die halbgeſchloſſenen Jalouſten“ —= 192— „Amadee, ich wünſche noch zu ſchlafen.“ „Amadee legte nochmals den Zeigefinger auf den Mund, und hielt mir den Schlafrock hin.“ „Ich erhob mich, um ſeinen Willen zu erfüllen.“ „Das Gemach, in dem ich mich befand, war ein Eckkabinet der Gallerie, aus deſſen Jalouſten man in ein dichtes Gebüſch von Orangen, Palmen und Ca⸗ talpas hineinſah, und das ſich bis zu den erwähnten Liquidambarbäumen hinzog— eine dichte Laube bil⸗ dend. Der Morgen war wunderbar erfriſchend! Durch die goldenen und ſchneeweißen Früchte und Blüthen ſchimmerte der Spiegel des Teche hindurch, — Singvögel hüpften auf und durch die Zweige, darunter zwei Spottvögel. Das Männchen ſaß auf einem Catalpazweige und beſprach ſich mit dem Weib⸗ chen, das einige Fuß tiefer ſich wiegte, es erhob ſich, flatterte im Kreiſe um die Geliebte herum, auf dieſes zu, umflatterte es, und emporfliegend brach es in den herrlichſten Nachtigallengeſang aus. Ich ſtand ent⸗ zückt. Das liebliche Thierchen ſchwang ſich abermals in die Höhe, umkreiste das Weibchen, ließ aus ſeiner winzigen Kehle die Töne einer miauenden Katze, eines bellenden Hundes, eines blöckenden Lammes, aller — —=20 193— Thiere, die im Hauſe den frohen Tag begrüßten, hören. Das Weibchen gab einen ſeltſamen, wie lachenden Ton von ſich, und das Maͤnnchen, aufflie⸗ gend, brach wieder in den entzückenden Schlag unſerer europäiſchen Nachtigall aus. Es war der erſte ameri⸗ kaniſche Spottvogel, den ich gehört; wunderbar fühlte ich mich bewegt.“ „Amadee unterbrach mich, indem er mit dem Finger durch die halb aufgerollte Jalouſte in die Laube hin⸗ eindeutete. Sie war mit zahlloſen Convolvulus⸗, Orangen⸗, Citronenblüthen überhangen;— Feſtons von wilden Weinreben durchwanden Bäume und Strauchwerk, hingen in die Laube hinein und um⸗ fingen recht ländlich lieblich ein aus Baumäſten ge⸗ zimmertes Sopha, vor dem als Tiſch ein ungeheurer Stumpf von einem Liquidambar ſtand. Ich ſchaute genauer,— von dem Sopha glänzte es mir hell und weiß in die Augen. Es war Adelaide, die, über⸗ hangen von Convolvulusblüthen, auf dem Sopha ſaß, das glänzend ſchwarze Haar um den ſchneeweißen Nacken geringelt, die ſchwimmenden Augen auf den koſenden Spottvogel gerichtet, wieder träumeriſch zur Erde geſchlagen. Jetzt fuhr ſie mit der Hand über —=0 194 6— die Stirn, ein leiſer Seufzer ſtahl ſich aus dem be⸗ klemmt klopfenden Buſen, das ſtärkere Erbeben ver⸗ rieth, daß der Pfeil des kleinen Gottes tief in ihn eingedrungen.“ „Ich ſtand im Anſchauen der lieblichen Götterge⸗ ſtalt verſunken. Amadee legte abermals den Zeige⸗ finger auf den Mund und deutete auf eine zweite Figur, die am Eingange der Laube ſtand.“ „Es war Monſieur de Morbihan, der mit gerun⸗ zelter Stirne die träumeriſche Adelaide betrachtete. Zuweilen verzerrte eine Grimaſſe ſeine Züge, wieder hellten ſie ſich auf;z— etwas wie ſchadenfrohe Bitter⸗ keit ſchien ſie zu durchzucken;— ein ſeltſames Gemiſch von Empfindungen mußte die Bruſt des Mannes durchwühlen, ſeine Geſichtsmuskeln waren in einer ſo eigenthümlich rollenden Bewegung! Zuweilen hob er den Fuß, als ob er ſich der Tochter nähern wollte, wieder hielt er inne, wie einer, der nicht den Muth fühlt. Endlich nahm er ſich zuſammen und that einen Schritt vorwärts. u „Des Mädchens Augen waren noch immer halb geſchloſſen.“ „Er that einen zweiten Schritt. Jetzt richtete ſie — 0 195 6— den Blick auf ihn, aber es war nicht der kindliche Blick der liebenden Tochter, die den Vater des Morgens begrüßt;— es war der Blick einer Herrin, die vom Hausmeiſter in ihren holdeſten Träumen geſtört, un⸗ willig zuckt. Sie ſchaute ihn einen Augenblick an, und dann wieder zur Erde.“ „Der Vater ſchwieg noch immer, aber ſeine Ge⸗ ſichtsmuskeln ſprachen für die Zunge.“ „Wieder trat er einen Schritt näher.“ „Sie hob das Köpfchen, blickte ihn an, und fragte kurz, ganz im Tone der Gebieterin, was willſt Du?“ „CTheure Adelaide! ich habe Dich heute noch nicht geſehen.“ „Ein ſeltſames, halb bitteres, halb ſpottendes Lächeln ſpielte um die Lippen des ſchönen Kindes.⸗ „Der Alte ſah ſie an, und es zuckte abermals eine Grimaſſe über ſein Geſicht hin.“ „Adelaide! was ſtimmt Dich ſo verdrießlich? fragte Herr von Morbihan in einem Tone, der lauernd klang.“ „Adelaide ſtierte auf die Erde, und zertrat mit dem Füßchen die Convolvulusblüthen, die ſich um das Geſtelle des Sopha ſchlängelten. Wer das Mädchen —e 196 8— geſtern geſehen in ihrer brillanten Beweglichkeit, ihrer durch die erſten Regungen der Liebe verſchönerten Zartheit, und jetzt, der erkannte ſte nicht mehr. Sie war ein ganz anderes Weſen.“ „Adelaide! ſprach der Vater abermals.“ „Was? fragte ſie verdrießlich. a „Du biſt verdrießlich.“ „Ah Papa! wer würde es nicht ſeyn? Deine Juba hat, als ſte aus Deinem Schlafzimmer kam, mein neues Seidenkleid zertreten, und als ich ſie ſchalt, lachte ſie mir ins Geſtcht. Papa, Du darfſt mir nicht meine Sklavinnen verderben.“ „Dieſe Worte waren nicht im Lautentone, ich ver⸗ ſichere Sie, geſprochen— gedehnt, zänkiſch, halb⸗ gellend mißtönten ſie mir in den Ohren, ich ſah die ſchöne Sprecherin an, zweifelhaft, ob ſie es war, die geſprochen. Der Papa ſtand wie ein armer Sünder.“ „Du haſt ſie ſeit einer Woche zu deiner Geliebten gemacht, ſchläfſt mit ihr, fuhr ſie in demſelben ge⸗ dehnten, beinahe widerwärtigen Tone fort. Ich will das nicht in meinem Hauſe haben.“ „Der Mann ſchnitt abermals eine Grimaſſe, un⸗ —“0 197— ausſtehlich, ekelhaft erſchienen mir die Beiden.— Das Mädchen ſprach von der Sünde ihres Vaters, als wenn auf ihren Musquittofächer getreten wor⸗ den wäre.“ „Ah Adelaide, ſprach der Vater nach einer Pauſe mit einſchmeichelnder Stimme und widerlich lachend: iſt es das, was Dich ſo bitter ſtimmt?“ „Und was anders?“ „Ah, Du haſt Geheimniſſe vor mir.“ „Sie ſchaute ihn einen Augenblick forſchend an.— Und wenn ich ſie habe?“ „Ah Adelaide, Du ſiehſt mich an?— Dein Blick ſagt: mußt Du Alles wiſſen?“ „Adelaide firirte jetzt den Vater ſchärfer, einen Augenblick las ſie in ſeinen Zügen, dann ſchlug ſie den Blick abermals zur Erde.“ „Adelaide, Du kannſt es nicht verbergen, hob aber⸗ mals der Vater an.“ „Was? fragte ſie.“ „Daß— daß— daß Herr von,— Adelaide, mein Kind, ſey aufrichtig, Du weißt, Dein Vater— frei⸗ lich hat er Dir nichts zu befehlen— Deine Mutter — hat Dich glücklicher bedacht, als ihn.“ —= 198 6— „Meine Mutter, ſeufzte das Mädchen, und ihr. ſchönes Haupt ſank auf die Bruſt, dann erhob es ſich, blickte gegen Himmel— zwei glänzende Thränen ſpie⸗ gelten ſich in den ſchwimmenden Gazellenaugen. Jetzt war ſie wieder reizend, engelſchön, denn die weiblichen Thränen hingen in dieſen Augen. O meine Mutter! ſeufzte ſie.“ „Würde beſſer gethan haben, wenn ſie Dich, ihre Tochter, unter die Gewalt des Vaters geſtellt hätte.“ „Das Geſicht des Mädchens verzog ſich plötzlich— Unwillen, Ekel drückte ſich in den Zügen aus, aber ſie ſchwieg.“ „Der ſie gewiß nicht gemißbraucht haben würde, fuhr der Vater mit leiſerer Stimme fort.“ „Papa! rief das Mäͤdchen, ich bitte Dich, ſchweige. Nicht gemißbraucht, Du, der Du jede meiner Skla⸗ vinnen— „Sie hielt inne. Mein Gott! ich kann ja kaum in meinem eigenen Hauſe mit Ehren weilen.“ „Pah! verſetzte der Vater: Du biſt abgekommen von dem— worüber ich mit Dir ſprechen,— Dir rathen wollte.“ „Sie ſtarrte wieder auf den Boden.“ — d 199— „Du biſt jung, meine Tochter, erſt ſechzehn Jahre alt. Ich bitte Dich, übereile Dich nicht. Du weißt, wir wollen nach Frankreich, ſobald Friede iſt.“ „Ich will nicht nach Frankreich.“ „Du würdeſt die Welt ſehen, Adelaide, die Men⸗ ſchen kennen lernen, bei Deinem Vermögen— 4 „Das Du— fiel ihm Adelaide in das Wort. Sie ſprach den Satz nicht aus, aber ihr Blick ſagte deut⸗ lich, gerne in die Hände bekämeſt.“ „Der Alte ſchnitt abermals eine Grimaſſe, wie einer, der auf Schleichwegen ertappt worden.“ „Adelaide, geſtehe nur, flüſterte der Vater im lauernden Tone— geſtehe nur, der Herr von Lacalle hat Eindruck auf Dich gemacht.“ „Das Mädchen, bisher blaß, wurde glühend roth.“ „O Adelaide, Du liebſt den Kapitän.“ „Du liebſt den Kapitän, wiederholte das glühende Mädchen, kaum hörbar, indem ſie eine Convolvulus⸗ blüthe erfaßte und an ihre Lippen drückte.“ „Ob ich ihn liebe? rief ſie. Ich liebe ihn, Papa — o Papa, ich muß ihn haben— Papa, fordere, heiſche— aber— ich muß ihn haben. Sie ſprang auf, erfaßte die Hand des Alten.⸗ —" 200 G— „Dieſer ſchnitt eine Grimaſſe, eine affenartige Fratze— dann durchzuckte ſein Geſicht ein Gewirr von Furchen. Ich hatte nicht bald ein ſo widerliches Mienenſpiel geſehen. Erſt allmählig legte ſich die Bewegung der Züge, die, obwohl noch immer zuckend, doch zu verrathen ſchienen, daß das väterliche Gefühl nicht ganz in dem Manne erſtorben war.“ „Adelaide! ſprach er, höre mich. Lieber wollte ich, Du hätteſt Dich in den letzten Acadier verliebt.“ „Adelaide prallte vor dem Papa wie vor einer Congoſchlange zurück.“ „Adelaide, ſprach dieſer, und ſein Geſicht überflog ein wehmuthsvolles Lächeln: Adelaide, glaube mir, lieber wollte ich, Du liebteſt den letzten Acadier.“ „Sie ſah ihn unwillig, böſe an.“ „Ah, Adelaide! wenn Du die Geſchichte der erſten Jahre meiner Ehe mit Deiner ſeligen Mutter kennteſt.⸗ „Die Du unglücklich gemacht haſt, ſprach das Mädchen in kaum hörbarem Tone.“ „Beide haben wir uns unglücklich gemacht. Glaube mir, Adelaide, eine Creolin und ein Franzoſe, ſie paſſen nicht für einander.“ „Sie ſchüttelte das Köpfchen.⸗ — d 201 6— „Ihr Creolinnen ſeyd ſo an's Herrſchen, an die Sklaverei aller Eurer Umgebungen gewöhnt.“ Dieſe Worte machten mich Vater und Tochter ſtarr anſehen. Es war ein Lichtſtrahl, der mir aufging. „Wir Franzoſen ertragen dieſe Sklaverei nicht, und Ihr habt nicht die Zartheit, uns die Ketten zu ver⸗ ſüßen.“ „O Papa, warum ward die Mutter unglücklich? weil Du mit allen Sklavinnen, mit den häßlichen Farbigen— u „Sie verſtehen wenigſtens zu lieben— was Deine Mutter nicht verſtand, ſprach der ſich vergeſſende Vater.“ „Meine Mutter! rief die Tochter heftig, war die treueſte Gattin, ein Muſter.“ „Das war ſie, verſetzte der Vater, aber ſie verſtand nicht zu lieben. Sie— „Er hielt inne, mit ſich ſelbſt kämpfend, im Drange ſeine Worte ſo zu ſtellen, daß ſie am wenigſten belei⸗ digten.“ 3 „Verſtehe mich recht, Adelaide, fuhr er endlich her⸗ aus. Monſtieur de Lacalle iſt ein Edelmann, ein ar⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 14 —=9 202 G— tiger junger Mann, er ſcheint gefühlvoll. Er hat Dich auf dem Balle geſehen, wo Du aufgeregt—“ „Und? fragte das Mädchen.“ „Adelaide, wirſt Du immer jene Aeacerie, jenes zarte Gefühl, jene Lebhaftigkeit beibehalten, ohne die der Franzoſe nicht leben kann?“ „Das Mäaädchen ſah ihn an— ſie verſtand ihn nicht. Ich aber begann nun Vater und Tochter zu begreifen.“ „O Adelaide, Du biſt jung, unerfahren, an das einförmige Leben auf Deiner Pflanzung gewöhnt, gewöhnt, jeden Deiner Winke befolgt zu ſehen. Wird auch Herr von Lacalle an dieſem Leben Geſchmack finden?“ „Warum nicht? er liebt mich, ſeine Blicke ſagen es mir. u „Wird er es nach einem Jahre?“ „Er wird es. „Der Alte ſchüttelte den Kopf. So dachte ich auch. Ah, theure Adelaide, vergieb, Du biſt eine Creolin, die nie einem fremden Willen ſich fügen gelernt, die nichts weiß von jener zärtlichen, koſenden—“ „Pfui, Papa! ſprach die Tochter.“ — — — o 293 c— „Adelaide, Du verſtehſt mich nicht— „Ich will Dich nicht verſtehen, darf Dich nicht verſtehen, ſprach das Mädchen mit abgewandtem Geſichte. „Adelaide! beſchwor ſie der Vater— ich bitte Dich, warte wenigſtens—* 3 „Ich will aber nicht, ich will nicht warten, rief ſie auf einmal mit überraſchender Heftigkeit. Ich will nicht, hörſt Du? Er ſoll, er muß mein ſeyn— er ſoll, er muß mein ſeyn, wiederholte ſte, mit dem Fuße auf die Erde ſtampfend.“ „So ſey doch nur ruhig, liebes Kind, bat der Va⸗ ter, auf ſie zueilend und ihre Hand erfaſſend.“ „Sie riß ſich los. Er muß mein ſeyn— in acht Tagen mein ſeyn— in einer Woche mein ſeyn— hörſt Du, Papal herrſchte ſie ihm zu.“ „Undſte ſprang auf den Vater zu, ſahihn trotzig an.“ „Und Dein Vater— Dein Vater, was ſoll aus ihm werden, wenn Du heiratheſt?“ „Dieſe Worte waren in einem ſonderbaren Tone geſprochen, ſie klangen ſo demüthig, beinahe nieder⸗ trächtig, daß ſte mir in die Seele ſchnitten.“ „Was aus Dir werden ſoll, wenn ich heirathe?“ 14* — o 204-— „Sie hielt inne, und maß den Vater vom Kopf zu den Füßen.“ „Dann, ja dann brauchen wir Taillou, unſern Aufſeher, nicht, erſparen ſechshundert Gourds.— Du und Lacalle theilt Euch in ſeine Geſchäfte.— Ich gebe Dir zweihundert Gourds Zulage.“ „Ich mußte, ſo empört ich mich fühlte, innerlich lachen, wenn ich mir Lacalle mit der Peitſche hinter den Negern her dachte— er, der Glühendfeurige, für Menſchenrecht und Würde ſein Letztes Hingebende.“ „Dem Vater wieder ſchien der Vorſchlag gar nicht lächerlich; die Worte Zulage beſtegten offenbar alle ſeine Bedenklichkeiten; er äußerte zwar einige Zweifel hinſichtlich der Bereitwilligkeit Lacalle's, den Sklaven⸗ aufſeherdienſt zu übernehmen, aber der Tochter be⸗ ſtimmtes: Ich will! beſchwichtigte ihn, und er ver⸗ ſprach, ihr ganz zu Dienſten zu ſeyn.“ „Sie verließen Beide die Laube, er die Hände reibend mit dem widrigen Lächeln um den Mund; in dem Augenblicke erſchien er mir wie ein gemeiner Go between, wie Sie dieſe Klaſſe von Menſchen in Ihrer Sprache nennen.— Ich ſtand, eine ſolche Scene war mir noch nicht vorgekommen. Die Bruchſtücke des —" 205— Familientableau's, wie es theilweiſe vor mir aufgerollt worden, waren von einer ſo ſchmutzigen Immoralität, einem ſo widerlichen Egoismus durchdrungen, ja ge⸗ ſättigt, daß ich wiederholt den Blick durch die Jalou⸗ ſten warf, zweifelhaft, ob ich mich denn wirklich in dem Paradieſe Louiſiana's befand, oder vielleicht in einem der berüchtigten Seitengäßchen der Rue St. Honorée oder Richelieu unſeres laſtergeſchwängerten Paris. Die Tochter kam mir wo möglich noch wider⸗ wärtiger vor, als ſelbſt der Vater. Mit welchem gräßlichen Phlegma ſie ihm ſeine Scham unter die Augen rückt, mit welchem eigenſtnnig heftigen, ſchwer groben Egoismus!— mein Gott, dieſe Menſchen! rief ich aus— ich dachte ſie mir im primitiven Natur⸗ zuſtande— ſie ſind verdorbener als— 4 „Amadee unterbrach mich, mir meldend, daß Roche Martin warte, um Abſchied zu nehmen.“ „Roche Martin ſtand hinter mir und hatte den ganzen Auftritt zu meinem nicht geringen Verdruſſe als Mithorcher angehört.“ „Sieht Er, Herr Graf, hob der alte Acadier an, der mich erzte, während er die Uebrigen duzte:— ſieht Er, da hat Er ein Beiſpiel, dahin kommt es, 4 —= 206 6— wenn man ſich mit den salva venia Farbigen abgibt. Dann muß man ſich von ſeinen eigenen Kindern die Leviten leſen laſſen und ihnen zu Gnaden kommen. Ja, dieſer alte Morbihan hat es weit gebracht.“ „Iſt freilich ein elender alter Mann; aber die Tochter— bemerkte ich.“ „Iſt ein ſehr braves, ſittſames, tugendhaftes Mäd⸗ chen, das kann Er mir auf mein Wort glauben; die ganze Niederlaſſung iſt voll von ihrem Lobe. Aber Er hat es ja mit ſeinen eigenen Ohren gehört, wie ſte ihr Haus nicht verunehrt haben will. Ah, ſte iſt ein braves Mädchen, die ihre Pflanzung bereits ſo gut regiert, als unſere älteſten Pflanzer. Käme es auf ihren Vater an, ſo hätte er ſie längſt ſchon mit ſeinen sous son respect Farbigen durchgebracht. Aber ſie weiß ihn einzuſpannen.“ „Ich ſchaute den Mann groß an und dachte: welche ſonderbare Begriffe! Dieſe Anſichten, ſind ſie ameri⸗ kaniſch, dann fürchte ich, wird ſich meine europäiſche Denkweiſe ſchwer mit ihnen befreunden!“ „Der Alte fuhr fort:“ „Ah, wenn Lacalle ſie bekommt, dann iſt ſein Glück gemacht. Das iſt eine Parthie für ihn, die beſte — 207 6— Parthie in der ganzen Niederlaſſung, ſie regiert, ſage ich Ihm, ihre Pflanzung trotz Einem. Schade, daß ihr der Alte den vielen Verdruß verurſacht.“ „Gott behüte Lacalle vor dieſem trotzigen, ſelbſt⸗ ſüchtigen Geſchöpfe! rief ich.“ „Rede Er doch nicht ſo einfältig, ſchalt Roche Martin, und bedenke Er, daß Er nicht in Frankreich iſt, ſondern in Amerika und Louiſtana, wo man von Empfindeleien nichts weiß. Sieht Er, eben dieſe Tändeleien, dieſe ſpirituellen Debauchen, ohne die Ihr nicht leben könnt, haben den Herrn von Morbihan dahin gebracht, wo er jetzt iſt. Seine ſelige Frau, die Frau von Morbihan, war eine ſehr brave Frau, die auf Ordnung hielt.“ „Sieht Er, fuhr er fort, die Ehe ſoll ſeyn, wie die Koſt in einem rechtſchaffenen wohlgeordneten Hauſe, für Wochentage Brod, Fleiſch, Gemüſe, mit einem guten Glas Rum und Waſſer, an Sonn⸗ und heiligen Tagen zur Abwechslung etwas Apartes mit einem Glaſe Wein. Man muß nicht alle Tage bonne chère wollen, verſteht Er, das greift den Beutel und den Magen an.“ „Ihr ſeyd an dieſe bonne chore in Paris gewöhnt, —= 208 6— laſſe ich mir ſagen, liebt die Abwechslung mit anderer Leute Weibern, habt es in der Kunſt, ſie zu verfüh⸗ ren, weit gebracht. Aber hier müßt Ihr Euch mit Hausmannskoſt begnügen.“ „Wenn der Herr von Morbihan ſich mit Haus⸗ mannskoſt begnügt hätte, wäre er jetzt der erſte Mann in der Niederlaſſung, aber er wollte Abwechslung, bonne cheère, und fand ſie bei den sous son respect Farbigen, und ſie koſtete ihm Alles, was er hatte; — und jetzt hat er nichts, als— Schande und Ver⸗ achtung.“ „Er wird ſie kennen lernen, dieſe Farbigen, fuhr der Alte fort— dann gedenke Er des Herrn von Morbihan.— Ja, was wollte ich ſagen?“ „Ihr wollt alſo nach Hauſe? unterbrach ich den eigenſtnnigen Murrkopf.“ „Ja, das will ich, blieb einzig und allein hier, weil mich Mademoiſelle eingeladen hat;— ſie iſt Ihm doch ſo gemein, gar nicht ſtolz, ſte ſpricht auch mit den Aermſten, aber ihr Vater,— ja, was wollte ich ſagen,— ſie ſagte mir, höre Du, Roche Martin, Du bleibſt hier,— und ich blieb hier, weil ich auch mit Ihm noch ſprechen wollte.“ — e 209 6— „Und was habt Ihr mir zu ſagen?— Amadee, hoffe ich, hat Euch für Eure Mühe— 4 „Rede Er doch nicht ſo einfältig, Herr Graf, unter⸗ brach mich der Alte;— Er hat mir keine Mühe ge⸗ macht und ſeine Freunde auch nicht. Aber weiß Er, warum ich hier blieb;z— nun, ich will es Ihm ſagen. Die Altadelichen hier, wie ſte ſich nennen,— obwohl die mehrſten mit gerade ſo viel Fug und Recht, als ich habe, mich einen Prinzen zu nennen,— werden Augen und Ohren abſpitzen, um Ihm etwas von ſeinen Manieren abzulauern. Laſſe Er nun dieſe Manieren nicht gar zu vornehm ſeyn, und wenn Er von den Acadiern ſpricht, ſo ſpreche Er wie von andern Menſchen auch,— das mag gute Früchte bringen.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Alter.“ „Nun, Er wird mich ſchon verſtehen— thue Er nur, wie ich Ihn erſuche,— und ſpreche Er von den Acadiern nicht wie von Hunden, ſondern von Men⸗ ſchen.“ „Das will ich Euch gerne zuſagen.“ „Dafür, fuhr er fort, kann ich Ihm vielleicht auch einen kleinen Dienſt erweiſen. Sieht Er, eine halbe Meile vom Chetimachas iſt eine kleine Pflanzung zu — 210 6— verpachten, die Herrn von Berthoud gehört; ſie wird Ihm ſicher gefallen. So gebe Er mir nun Amadee mit, und der mag den Pachtkontrakt abſchließen, und von da aus kann Er ſeine neue Niederlaſſung ein⸗ richten— es wird Ihn nicht reuen. Er wird da ein Paar Männer kennen lernen— Amerikaner, den Mister Wood, das ſind andere Leute, die wiſſen das Zeug anzufangen.“ „Euer Vorſchlag iſt ſo übel nicht, antwortete ich, eine Anwandlung von Unwillen über des Mannes maſſive Derbheit verbeißend;— ich glaube, ich will die Pflanzung ſelbſt beſehen.“ „Das laſſe Er bleiben; Berthoud iſt ein Creole, und die geben nach drei Tagen keinen Strohhalm um einen Franzoſen; und geht Er, ſo hat Er den Pacht⸗ ſchilling ſicherlich doppelt zu bezahlen. Ihm ſieht man den Grafen an der Stirne an, Amadee hat unſere Weiſe, und eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus. Er erhält die Pflanzung, ich wollte wetten, für achthundert Gourds jährlich, und das iſt ein Spottpreis— es ſind vier Neger darauf.“ „Ich will keine Neger, bedeutete ich dem Alten.“ „Rede Er doch nicht ſo einfältig, Herr Graf, —-——ÿ—ÿ—ꝛBꝛ—xx—x—’- —— —=d 211 6— meinte dieſer, und warte Er, bis er ſelbſt geſehen. Er miethet die Neger, und will Er ſie nicht haben, ſo kann Er dann ja doch thun, was Er will.“ „Noch etwas, ſprach er gleich darauf.“ „Er hat wahrſcheinlich Geld, und dieſe Adeligen da haben keines. Verſteht Er mich, leihe Er keinen Sou aus, bis er mit Mister Wood geſprochen.“ „Mein lieber Roche Martin, bedeutete ich dem Alten, den in ſeine Schranken zurückzuweiſen es mir nun hohe Zeit dünkte, ich danke Euch für Euern guten Willen, aber ſpart Euern guten Rath bis— 4 „Er gefordert wird, fiel mir Roche Martin ein. Er will Niemanden in ſeinen Beutel ſehen oder grei⸗ fen laſſen. Ganz recht, verſteht Er, was ich ſage, geht einzig dahin, Ihm einen Wink zu geben, den Er beachten kann, wenn Er will, und wenn Er nicht will, ſo mag Er es bleiben laſſen. Die Adeligen werden Ihn innerhalb der acht Tage, die Er bei ihnen zubringt, ſicher um Geld anreden, denn ſie wollen Cavaliere ſeyn. Leiht Er nun auch nur zwanzig Livres, ſo zieht Er ſich einen Schwarm auf den Hals, der Ihm die Attacapas bald zum wahren Weſpen⸗ neſte machen wird.“ —= 212 6— „Wie ſo? fragte ich.“ „Das läßt ſich wohl nicht ſo kurzweg ſagen, guter Freund, meinte der Alte im kameradſchaftlichen Tone. Wäre auch nicht wohlgethan. Genug, Er bleibt mit ſeinen Freunden hier bei den Adeligen, bis Er ſich ausgetanzt hat. In acht Tagen wird Er ſte, ſie Ihn ſatt ſeyn, wenn es ja ſo lange dauert; denn bei uns in den Attacapas ſtinken Fremde und Fiſche, wenn ſte nicht gedörrte Stockfiſche ſind, nach drei Tagen.“ „Ihr gebt mir da eine liebenswürdige Zeichnung von meinen Landsleuten.“ 5 „Seinen Landsleuten! Der dümmſte Creole dünkt ſich mehr als der Herzog von Montmorency, wenn— er ſich nämlich hier niederlaſſen wollte. Er wird es finden. Sie werden Ihn fetiren, drei, ſechs, acht Tage, aber dann;— immerhin iſt der Teufel nicht ſo ſchwarz, wie er ausſteht. Wie geſagt, Er wird acht Tage tanzen, während dem wird die Sache zwi⸗ ſchen Lacalle und Demoiſelle Morbihan richtig, wenn nur der Junge nicht mit den salva venia Farbigen— „Alter, Ihr ſprecht ſehr beſtimmt, warnte ich.“ „Ich kenne meine Leute, verſetzte er, Er wird ſehen. Und jetzt Gott befohlen.“ —= 213 6— „Und der alte Roche Martin ſchüttelte mir die Hand, und nach einer halben Stunde ſahen wir ſein Fahrzeug, in dem Amadee mitging, den Teche hinauf⸗ gleiten.“ „Die Vorherſagung traf, was Lacalle betraf, genau ein, ſo ſehr ich mir auch Mühe gab, ihn von einem vorſchnellen Entſchluſſe zurückzuhalten; aber wir gingen, wie Sie ſich leicht denken können, aus einer Hand in die andere, von einem Balle zum andern, und Mademoiſelle Adelaide war— eine Creolin, und Lacalle— ein Südfranzoſe. Seine Leidenſchaft war zur ſieberiſchen Gluthitze geſtiegen. u „Am letzten Balle, den Herr Deblanc, der Com⸗ mandant von Attacapas, und als ſolcher Mademoi⸗ ſelles geſetzlicher Vormund, uns zu Ehren gab, brachte er— Lacalle war ihm beſonders anempfohlen,— die Geſundheit des ſchönen Paares aus.“ „Sonntags darauf ward die Vermählung gefeiert.“ „Am eilften Tage nach unſerer Ankunft in dem Hauſe des Herrn von Morbihan verließen wir, näm⸗ lich Laſſalle, Hauterouge und ich, das glückliche Paar, um uns in unſere von Amadee gepachtete Pflanzung zu begeben. Wir waren der ewigen Bälle ſo wie der — d 214 6— guten Attacapaer für einſtweilen ſatt, und ſehnten uns recht ſehr nach Ruhe. „Deine Charakterſkizzen, lieber Vignerolles, ſind treffend, aber etwas hart,“ bemerkt Papa nach einer Weile in einem Tone, der einen leichten Anklang von Tadel hatte. Der Graf ſchwieg. „Etwas hart!“ fiel der heftige Hauterouge ein; ehätteſt Du ſie geſehen, Du würdeſt ſie vielmehr ſchonend, delikat nennen. Ma foi! wenn man ſie an⸗ hörte, dieſe Picarder, Tourainer, und Bretagner Bauern⸗ und Krämer⸗Sprößlinge, ſo war Keiner unter ihnen, deſſen Vater nicht, wie Pajol, Städte und Schlöſſer die Menge im lieben Frankreich beſeſſen hätte.“ „Erinnerſt Du Dich noch des Monſieur Cordon und der Tabackspfeife ſeines Papa's?u „ Von der uns der Sohn mit wahrer Gascogner⸗ Salbung erzählte, wie der Papa ſie von Louis qua- torze zu Geſchenke erhalten.“ „Mit dem er, wohlgemerkt, Du und Du war,“ lachte Hauterouge. „Ja,“ fuhr Laſſalle fort,„es war drollig und 5 — 0 215 G— ärgerlich zugleich, die guten Leute von ihren Papa's radotiren zu hören, wie ſie mit Louis quatorze Taback geraucht und Schnaps getrunken— gerade wie mit ihrem Commandanten, und wie ihre Mamans der höchſtſeligen Königin bei ihrer Wäſche geholfen, und dafür mit Jüpons und Capuchons beehrt wor⸗ den— die ſie auch nicht ermangelten, uns als Belege vor die Naſe zu halten.“ „Nimm mir es nicht übel, Menou,“ fällt der Graf ein,„aber die damaligen Attacapaer waren wirklich ein ſeltſames Völkchen, das uns nur zu oft an eben die Bayous erinnerte, die uns ſo ſehr in Verzweiflung gebracht hatten;— ein abgeriſſenes Bruchſtück, wie die überſtrömenden Gewäſſer aus dem Miſſiſippi aus⸗ gefloſſen und ausgeſtoßen, ſo von dem europäiſchen Civiliſationsſtrome abgeriſſen, und in Stillſtand, Stocken und Fäulniß übergegangen. Ich kann mich keines ſchonenderen Ausdruckes bedienen; denn die ganze Colonie war wirklich von einem ſehr unange⸗ nehmen Faulgeſchmack durchdrungen. So waren wir in Häuſern, die mehrere tauſend Stücke Rinder, Käl⸗ ber und Kühe auf den Wieſen, aber keinen Tropfen Milch, keine Unze Butter im Hauſe hatten, weil— — 3 216 6— die Pflege einer Melkkuh gar zu viel Mühe gemacht hätte. Sie hielten Sklaven, mehrere derſelben Dutzende, ſie mußten die Musquittos von der Frau des Hauſes abwehren, ihr das Reticule, den Mus⸗ quittowedel nachtragen, ſie von einem Ende der Gallerie zum andern rollen, mit den verzärtelten Kin⸗ dern ſpielen, und ſich zum Zeitvertreibe von dieſen geißeln laſſen.“ „Das waren einzelne Ausnahmen, lieber Ver⸗ gennes,“ verſetzte Papa Menou mit einem Geſichte, als ob ihm eine Doſis Ipecacuanha eingegoſſen wor⸗ den;„aber ich weiß doch auch, daß bereits zu dieſer Zeit die Attacapas einen ziemlich bedeutenden Baum⸗ wollen⸗, Reis⸗ und Maisbau hatten, und der Faul⸗ geſchmack daher nicht gar ſo ſtark ſeyn konnte.“ „Allerdings gab es ehrenvolle Ausnahmen,“ beru⸗ higt ihn der Graf, nund eine dieſer Ausnahmen war auch, wie Du weißt, die Pflanzung der Demoiſelle Morbihan; der herrſchende Ton jedoch— 4 „Und dann die Sprache der Frauen,“ fiel Haute⸗ rouge ein— ndieſes matte, gedehnte Ziſchen, Ziehen jeder Sylbe! Höre, ein dreiſylbiges Wort ſprachen ſie nie anders, als dreimal abſetzend aus. Und die — 0e 217— fühlloſe Kälte, mit der ſie ihre Neger peitſchen laſſen konnten! Und die Grauſamkeit, mit der ſte ihre Thiere behandelten! Siehſt Du, ein Edelmann wird auch, wenn er ſeine Neger beſtraft, nicht vergeſſen, was er ſich ſchuldig iſt; die Canaille iſt immer grauſam, ich habe es ſtets ſo gefunden. Nicht die Sklaverei an ſich, ſondern das iſt das eigentliche Uebel, daß Men⸗ ſchen, die dem Pranger, der Zuchthauspeitſche, den Galeeren entwiſcht, die zu weißen Sklaven geboren ſtnd, ihre niederträchtige Bosheit ungeſtraft an Schwarzen üben dürfen.“ „Dieſe Worte enthalten viel Wahres,“ bekräftigen wir,„obwohl eigentlich kein Weißer zum Sklaven geboren iſt.“— Laſſalle nimmt wieder das Wort.„Wir fanden bei ihnen einen Neid gegen Höhere, eine fühlloſe Grauſamkeit gegen Thiere und Menſchen und eine Indifferenz gegen geiſtige Bildung, die allen Glauben überſtieg.— Was ſagen Sie, in den tauſend Creo⸗ lenfamilien fanden ſich nicht zwanzig, die leſen konn⸗ ten. Sie waren um hundert Jahre hinter unſern franzöſtſchen Bauern und Kleinſtädtern zurück.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 15 — 218 6— „Und um zweihundert hinter den Amerikanern,“ bemerkt der Graf. „Aber woher dieſes Phänomen?“ fragten wir Mehrere zugleich.„Sie hatten doch dieſelbe Gele⸗ genheit?“— „Dieſes Phänomen dürfte Ihnen allerdings ſchwe⸗ rer zu begreifen ſeyn, als uns, denen der Contraſt gewiſſermaßen anſchaulich war— ja aufgedrungen wurde“— erwiedert er. Er hielt einige Augenblicke inne, wie um ſich zu ſammeln und ſprach dann: „Ich habe vorher Ihres Sprichwortes erwähnt, daß der Europäer in Amerika ſieben Jahre blind iſt; ich muß mich deutlicher erklären.“ „Wir Europäer, mit Ausnahme der Britten, werden von Regierungen groß gezogen, die die bür⸗ gerliche Geſellſchaft, der ſie vorſtehen, mehr oder weniger als ihr Eigenthum betrachten, und ſie im richtigen Folgeſatze als ſolches behandeln; das heißt, ſte ihren Zwecken gemäß erziehen und modeln.— Sie betrachten ganz conſequent den einzelnen Men⸗ ſchen nicht als ein für ſich beſtehendes unabhängiges Ganze, als ein abſolutes Seyn, ſondern als ein 4 —“= 2419— Bruchſtück, als eine Null, die erſt durch die beſtim⸗ mende Nenn⸗Nummer ihre Bedeutung erhält.— Wir können ſie deßhalb nicht tadeln. Sie handeln ihren ererbten geſchichtlich gegründeten Rechten gemäß; die Regierung iſt allmählig im Verlaufe der Jahr⸗ hunderte eine wohl eingerichtete complicirte Maſchine geworden, die ihren Gang fortgeht, wie ſte ihn Jahr⸗ hunderte gegangen; die einzelnen Stücke bewegen ſich in ihren Kreiſen, und beſinden ſich wohl dabei, ſo lange— ſie nicht aus dem Zuſammenhange geriſſen werden. Sobald aber dieſer Fall eintritt, und ein Rad oder ein Theil der Maſchine, deutlicher zu reden, ein Individuum oder ein Bruchſtück aus dieſer ſo regierten bürgerlichen Geſellſchaft auf einen Boden verpflanzt wird, der ein entgegengeſetztes ſociales Prinzip zur Grundlage hat, dann tritt bei dieſem abgeriſſenen Bruchſtücke nicht blos Hemmung und Stocken, ſondern ein abſoluter Stillſtand, ja Zurück⸗ ſchreiten, mit einem Worte die erwähnte Blindheit, Hülfloſigkeit ein, die erſt aufhört, wenn es ſich auf dieſem neuen Boden zu orientiren, zu erkennen ange⸗ fangen hat. Der Franzoſe, der Deutſche iſt, ſo wie er ihr Land betritt, längere oder kürzere Zeit blind, 45* —“= 220 6— und dieſer Fall findet, wie geſagt, nicht blos bei einzelnen Individuen, ſondern bei ganzen Colonien Statt, die kurzſichtiger Weiſe gezwungen werden, die geſellſchaftlichen Principien der europäiſchen Welt. maſchinenartig in eine neue zu verpflanzen, wo— die bürgerliche Geſellſchaft auf einer entgegengeſetzten Baſts beruhend— jedes Individuum ſich als abſolu⸗ tes Seyn betrachtet. Sie ſind nicht im Stande, die Concurrenz mit den freiern Bürgern, wohlgemerkt, ich verſtehe Amerikanern, auszuhalten; ſte werden im Gegentheil von dieſen, die von Kindheit an daran gewöhnt ſind, ſich ſelbſt zu beherrſchen, ihre Kräfte in jeder Richtung hin zu gebrauchen, immer mehr iſolirt, eingeſchränkt und zuletzt verſchlungen. Ja in dieſem weſentlichen Unterſchiede unſerer europäiſchen und ihrer amerikaniſchen Erziehungen liegt nicht blos die Urſache des Zurückbleibens unſerer franzöſiſchen Colonien hinter den ihrigen, ihre allmählige Be⸗ ſchränkung, Einengung, ſondern auch der Schlüſſel zur Löſung des großen geſchichtlichen Räthſels, wie es den Britten vor ſiebzig Jahren gelingen konnte, den zahlreichern und kriegsgeübtern Franzoſen ihre zehnmal größeren Beſitzungen in Amerika zu ent⸗ —= 221— reißen, und ihren Nachkommen, den Amerikanern, uns Franzoſen zu zwingen, allmählich unſeren Sitten, Gebräuchen, ja unſerer Denkungsart zu entſagen, und dafür ihre eigene auf eine Art und Weiſe anzu⸗ nehmen, die in nicht vielen Jahrzehenten die ausge⸗ prägten Züge unſerer Nationalität gänzlich verwiſchen wird.4 „Das heißt wirklich den Nagel auf den Kopf ge⸗ troffen, lieber Graf,“ entfuhr mir, dem dieſe Sprache, von einem Franzoſen geführt, ganz neu klang. „Es iſt eben ſo wenig als Compliment für ihre Nation gemeint, was ich geſagt, Mister Howard, als es der unſrigen zu einem gereicht,“ ſiel mir der Graf ſcharf, beinahe gereizt, ein.„Als Franzoſen haben wir wahrlich keine Urſache, ihnen für den de⸗ ſtructiven Einfluß, den ſie auf unſere Nationalität geübt, dankbar zu ſeyn*), allein wir können uns — *) Der Graf iſt übrigens nicht der Einzige, der dieſe geiſt⸗ reiche, obwohl dem franzöſiſchen Selbſtbewußtſeyn nahetretende, Bemerkung gemacht hat. In A. de Toqueville's„La Démo- cratie de TAmérique,“ dem gründlichſten und ſcharfſinnigſten Werke, das ſeit Montesquieu's Tagen aus einer franzöſiſchen Feder gefloſſen, findet ſich Vol. II. pag. 292— 93 folgende Stelle: — e 222 e— auch wieder nicht verhehlen, daß es in der Natur der 3 Dinge iſt, daß der Freiere und Aufgeklärtere den Vortheil über den erringt, der es weniger iſt.“ „Cette influence destructive qu'exercent les peuples très civilisés sur ceux, qui le sont moins, se ſait remar- quer chez les Européens eux-meémes.“ „Des Francais avaient fondé, il y a près T'un siècle, au milieu du désert la ville de Vincennes sur le Wabash. IIs y vécurent dans une grande abondance jusqu'à l'ar- rivée des émigrans américains. Ceux ci commencèrent aussltoôt à ruiner les anciens habitans par la coneurrence; ils leur achetèrent ensuite leur terres à vil prix. Au moment ou Mr. Volney, auquel j'emprunte ce détail, 5 traversa Vincennes, le nombre des Français était réduit à une centaine d'individus, dont la plupart se disposaient à passer à la Louisiane et au Canada. Ces Francais étaient des hommes honnéetes, mais sans lumière et sans industrie; ils avaient contracté une partie des habitudes sauvages.“ „Les Américains, qui leur étaient peut-être inférieurs sous le point de vue moral, avaient sur eux une immense supériorité intellectuelle, ils étaient industrieux, instruits, riches, et habitués à se gouverner eux-memes.“ „„Pai moi-mème vu au Canada, ou la différence intel- lectuelle entre les deux races est bien moins prononcée, TAnglais maitre du commerce et de l'industrie dans le pays des Canadiens, s'étendre de tous côtés et reserrer le Français dans des limites trop étroites.“ „De méême, à la Louisiane presque toute l'activité commerciale et industrielle se concentre entre les mains des Anglo-Américains.“ —"o 223 6— Unſere Freunde, die Creolen und Franzoſen, biſſen ſich die Lippen. „Doch,“ nahm wieder der Graf das Wort. „Wollen wir nicht fortfahren? Der Faden unſerer Geſchichte würde ſich ſonſt zu lange ſpinnen, und unſere Damen dürften ungeduldig werden, wenn die Stunde des Balls über Gebühr hinausgeſchoben wird. II. La Chartreuse. „Wir zogen alſo, fuhr der Graf fort, in die kleine Pflanzung ein, die Amadee von Monſieur Berthoud für uns gepachtet hatte;— obwohl nicht ganz zur Zufriedenheit unſerer neuen Freunde,— wie Sie ſpäter hören werden.“ Sie war beiläufig zehn Stunden von dem eigent⸗ lichen Kirchſpiele der Attacapaer— und fünf von Madame Lacalle's Pflanzung gelegen;— ein mürbes Fachgebäude, wie alle Pflanzerhäuſer,— mit brei⸗ tem, vorſpringendem Dache, einem Erdgeſchoſſe, das zwei große Zimmer enthielt, die wieder mit Gallerien —=9 221 6— umgeben waren,— weiter zurück ein Speicher, in dem unſere Leute ſchliefen, und im Hintergrunde drei Negerhütten, in denen unſere Milchkuh und die vier Schwarzen logirten:— das Ganze von einigen Dutzend Catalpas überſchattet. Etwa zwanzig Acker waren mit Wälſchkorn bepflanzt, das wir mit Mon⸗ ſteur Berthoud zur Hälfte hatten, das Uebrige war Urwald.“ „Schlicht, wie unſere neue Behauſung ausſah, wir traten unter das wettergebräunte Cypreſſendach mit einer Miſchung von Gefühlen, die nur Derjenige würdigen kann, der ſo wie wir im Schooße des Ueber⸗ fluſſes aufgewachſen, zehn Jahre auf der ſtürmiſchen See des Bürgerkrieges umhergetrieben, endlich wieder eine Erdſcholle betritt, auf der er ſein Haupt ruhig niederlegen kann. Wir ſtanden einige Augenblicke an der Schwelle, einander anblickend und gerührt die Hände drückend, dann ſielen wir uns bewegt in die Arme. Unſere Stimmung hatte einen Anklang von Religiöſem.“ „Amadee hatte, wie eine gute Hausmutter, für jene kleinen Bequemlichkeiten Sorge getragen, die nirgends ſchwerer, als in dieſem Lande, entbehrt werden, das . — s 225 6— doch die gröberen Bedürfniſſe des Lebens wieder in ſo reichlichem Maße ſpendet. An den Ecken der Gallerie hatte er in der Eile einige Schlafkabinete anbringen laſſen, in denen unſere Betten, mit Musquittovor⸗ hängen verſehen, ſtanden,— von der Souper⸗Tafel lachte uns friſches Waizenbrod entgegen, ein Luxus⸗ artikel in dieſer Gegend, den damals ſelbſt die reich⸗ ſten Pflanzer ſich verſagen mußten, mit einigen zarten jungen Outards*), die Jean geſchoſſen. Freilich mußten wir uns ſtatt Lafittes mit Kaffee und Milch, und ſtatt Champagners mit Ananaspunſch behelfen, aber der Abend war einer der fröhlichſten, den wir je verplauderten. Mehrere unſerer Freunde, worunter Meſſteurs Boſſompierre, Lacalle, und der Comman⸗ dant, hatten uns begleitet, um, wie ſte ſagten, uns in unſere neue Reſidenz zu inſtalliren. Wir blieben bis Mitternacht beiſammen, und ſchliefen,— ſeit Jahren hatten wir keine ſo ruhige Nacht gehabt.“ „Mit dem folgenden Morgen begann unſer Pflan⸗ zerleben.“ *) Die oie cravattée Buffon's; ſie iſt bedeutend größer, als die gewöhnliche Gans, ihr Fleiſch wohlſchmeckend, um den Hals hat ſie einen ſchwarzen Ring. — o 226 6— „Bin ſehr begierig, zu erfahren, wie Sie ſich in Ihren neuen Verhältniſſen geſielen,“ meint Doughby. Der Graf zuckte leicht die Achſeln.„Je nun, wir thaten Anfangs ſo ziemlich, was wir die Andern auch thun geſehen hatten— eher noch etwas mehr. Wir ſtanden Morgens um fünf Uhr auf, jäteten, hackten in den Wälſchkornfeldern oder dem Garten, was, wie Sie wiſſen, kein Pflanzer thut, nahmen hierauf eine Taſſe ſchwarzen Kaffee's, arbeiteten wie⸗ der eine Stunde, frühſtückten, und ergingen uns gegen den Chetimachas zu, in den hier ein kleines Bayou einmündet, um unſer Mittags⸗ und Abendmahl zu ſchießen.— Wild und Waſſergeflügel war und iſt noch immer in ſolchem Ueberfluſſe vorhanden, daß Sie blos vor die Thüre zu gehen brauchen, um Ihren Bedarf für die ganze Woche in kurzer Zeit zu erlegen. Bei zunehmender Hitze zogen wir uns in die Gallerie zurück und ſchrieben, laſen oder muſicirten. Ich und Laſſalle ſpielten die Violine, Hauterouge blies die Flöte; der Mittag fand uns in der Regel bei gutem Appetit. Nachmittags ward eine Partie Billard ge⸗ ſpielt, das wir uns gleichfalls in den erſten Tagen zuſammengeſtümpert hatten;— zuweilen kamen Gäſte, —y — 227— Monſieur Boſſompierre oder der Commandant, ein fröhlicher Picarde,— doch war dies nicht häufig der Fall, die Pflanzung war zu ſehr entlegen;— zu un⸗ ſerem nächſten Nachbar hatten wir eine volle Stunde. „So vergingen die erſten vierzehn Tage leidlich, die nächſt darauf folgenden ſchon weniger ſo. „Es fehlte uns ſo Manches, auf das wir Verzicht zu leiſten hatten, was uns allmählig härter fiel, als wir uns vorgeſtellt— denn man entbehrt leichter im abentheuerlich bewegten Kriegerleben, als in der ſtillen Zurückgezogenheit eines geregelten Haushal⸗ tes,— und wir mußten wirklich Vieles entbehren. Es war keine Rede von der Befriedigung jener Be⸗ dürfniſſe, die dem höhern geſellſchaftlichen Leben ſo unentbehrlich geworden ſind.— In dem ganzen Kirchſpiele waren blos zwei Krämer, der nächſte etwa ſechs Stunden von uns, und die Buden beider ent⸗ hielten kaum etwas Anderes, als Schnupf⸗ und Rauchtaback, Pulver und Strohhüte, Meſſer und Gabeln und Wolldecken. Unſer Keller war nur ſchlecht verſehen, ein Paar Bouteillen Bordeaux und Madeira für unvorhergeſehene Fälle wie ein Schatz aufbewahrt;— ſo begann uns unſer Pflanzerleben —=8 228 6— allmählig unbequem zu werden. Wir tröſteten uns zwar über dieſe Schattenſeiten mit der Hoffnung, die kommenden Contraſte würden ſie um ſo angenehmer aufhellen; wir ſchwelgten in Ermanglung der Wirk⸗ lichkeit in Träumen der Zukunft, aber es waren doch nur Träume, deren Realiſirung im weiten Felde lag. Das Land war ein Paradies, das Alles im Ueber⸗ fluß, beinahe ohne die mindeſte Mühe gab;— es lag nur an uns, eine glückliche Exiſtenz zu gründen;— aber bis dahin konnte eine geraume Zeit vergehen, die unſere Geduld auf eine harte Probe ſetzen mußte, wenigſtens hatte es allen Anſchein dazu. Die Schwie⸗ rigkeiten, die bei unſerer Anſtedelung zu überwinden waren, häuften ſich; ſelbſt mit unſerer Schenkung hatte es ein eigenes Bewandtniß. In dem Inſtru⸗ mente war eine Strecke von 4000 Arpens, zwiſchen dem Teche und Vermillon, weſtlich vom Chetimachas für meine Familie reſervirt, ohne daß die näheren Gränzen beſtimmt geweſen wären. Es war mehr ein Vorbehalt, den der Abtretungskommiſſär unſerer Regierung zu Gunſten ſeines Gönners, meines Groß⸗ vaters, ausbedungen, als er Louiſtana an den ſpani⸗ ſchen Bevollmächtigten uͤbergab. Der Commiſſär —=0 229 6— hatte von der Schönheit des Landes, der Milde des Clima, der Fruchtbarkeit des Bodens offiziellen Be⸗ richt erhalten, war aber ſelbſt nicht an Ort und Stelle geweſen. Es kam alſo darauf an, die viertauſend Arpens gewiſſermaßen aus den verſchiedenen ſpäter durch die Gouverneure bewilligten Schenkungen her⸗ auszuſchneiden, und ſo viel als möglich Unannehm⸗ lichkeiten und Prozeſſe zu vermeiden. Die Sache war nicht leicht, es gehörte dazu eine vollkommene Auf⸗ nahme des Terrains, eine genaue Kenntniß und An⸗ gabe der verſchiedenen von den Einwohnern des Cantons angeſprochenen Ländereien,— was um ſo ſchwieriger wurde, als der Commandant ſeinen Poſten erſt kurz vor unſerer Ankunft angetreten, ſein Vor⸗ gänger Monſieur Desclouettes geſtorben, und um die Verwirrung vollkommen zu machen, ſeinen erwach⸗ ſenen Söhnen den Haß des ſämmtlichen Kirchſpieles der Creolen zum Erbtheil hinterlaſſen hatte.“ „Während der fünfzig Jahre, die ſeit der Anſiede⸗ lung verfloſſen, hatten ſich nämlich zahlreiche Heerden ſogenannter Maroon⸗Rinder in den Wäldern und Wieſen der Cantons geſammelt, die herrenlos und ungezeichnet von den Einwohnern als gute Beute, —= 230 6— vorzüglich ihrer Felle halber, gejagt und getödtet worden.— Bei dieſen Jagden hatte es ſich nun häufig ereignet, daß auch gezeichnete Rinder mit un⸗ terliefen.— Darüber waren Klagen entſtanden, die den letzten Commandanten bewogen, Hausunter⸗ ſuchungen zu veranſtalten, in Folge welcher bedeu⸗ tende Vorräthe von Rinderhäuten bei mehreren der reichſten Pflanzer vorgefunden wurden. Die Gefäng⸗ nißſtrafe, die ihnen dafür zuerkannt ward, hatte bei dieſen ſtolzen, einigermaßen verwilderten Heerdenbe⸗ ſitzern einen tödtlichen Haß gegen den Commandanten und ſeine Familie zurückgelaſſen, der ſich, wie es bei rohen leidenſchaftlichen Gemüthern häufig der Fall zu ſeyn pflegt, auf alle jene erſtreckte, die in irgend einer Berührung mit den Desclouettes ſtanden. So war im Cantone eine totale Spaltung entſtanden; die alten Creolen oder ſogenannten Adelichen von der einen Parthei, die Deselouettes, an die ſich die Aca⸗ dier angeſchloſſen, von der andern, und wir in der, Mitte, wenn nicht zwiſchen zwei Feuern, doch zwiſchen zwei Stühlen.“ „Dieſe Spießbürger⸗Fehde, ſo lächerlich ſie im Munde des Commandanten, der ſich über beide Par⸗ — 0 231 6— teien luſtig machte, auch klang, kam uns recht ſehr ungelegen, da die Attacapaer oder Adelichen mit dieſer wichtigen Streitfrage ihre Köpfe dergeſtalt angefüllt hatten, daß ihnen weder Zeit noch Luſt erübrigte, auch nur einen Fuß für uns in Bewegung zu ſetzen, und die Acadier oder einen der Desclouettes anzu⸗ ſprechen, würde uns als nicht viel weniger denn offenbare Landesverrätherei ausgelegt worden ſeyn.“ „So waren wir denn auf unſere eigenen Reſourcen beſchränkt, und Gott weiß es, armſelig genug waren dieſe Reſourcen.“ „Wir verſuchten es, die Landſchaft gegen den Ver⸗ millon hinüber auszukundſchaften, um einen Loca⸗ tionsplan zu entwerfen, allein unſer Eifer kühlte bald ab.“ „Der Europäer, deſſen Auge an abgegränzte Flu⸗ ren, Felder, Wieſen und Waͤlder gewöhnt iſt, hat gar keine Idee von der Verwirrung, ja Bewilderung die den Neuling bei ſeinem Eintritt in dieſe endlos ſcheinenden Wieſen und Waldwüſteneien ergreifen. Es iſt ein wahrer Schwindel, der ihn befällt— er fühlt, bewildert ſinnlos, wenn er allein, oder in Ge⸗ ſellſchaft Weniger ſie betritt. Es iſt ihm, als ob er —=3 232 6— in die Fluthen des Oceans geſtoßen, mit den die Sinne betäubenden Wellen kämpfte. Wir hatten es verſucht, in weſtlicher Richtung gegen den Vermillon vorzudringen. Es ging, ſo lange wir uns an die Wieſen hielten, obwohl wir häufig bis an den Gürtel im Sumpf verſanken; allein als wir in die furcht⸗ baren Cypreſſenwälder kamen, bewohnt von Tauſen⸗ den von Alligatoren, Tortue⸗Krokodillen, und Reihern und Nachteulen, mit höchſtens einem vermoderten Baumſtamme hie und da, um zu fußen, und wo uns ein Fehltritt zwanzig Fuß im ſchwarzen Schlamme begraben mußte, verging uns die Luſt. Wir verſuch⸗ ten es auf der andern Seite, durch Liquidambar⸗ und Immergrüneichenwälder, einzudringen; Dornen von ungeheurer Länge und Dicke und Lianen riſſen uns in der erſten Stunde unſere Kleider in Fetzen.“ „Wir verwünſchten das heilloſe Land und unſere Schenkung dazu, und kehrten mißmuthig in unſere vier Pfähle.“ „O wie ſeufzten wir nach unſerem Frankreich, nicht nach den göttlichen Soirée's bei der St. Genievre, den brillanten Sophie Arnoults— ihren feinen Witzen, ihren herrlichen Weinen, nein nach einem — 233 6— kleinen, noch ſo kleinen Fleckchen.— Meine Großmutter hatte noch im Jahre 81 vom Könige zwei General⸗ lieutenantsſtellen und eine Cavalleriebrigade für ihre Familie erhalten— ihr Enkel!— Ich war oft halb in Verzweiflung.“ „Wie geſagt,“ fuhr der Graf fort—„wir wurden ungeduldig. Wir hatten uns die Sache leicht vorge⸗ ſtellt— glaubten mit unſern Reſourcen ohne Weiteres uns niederlaſſen, Häuſer bauen, Felder beſtellen zu können;— da ſtanden wir, Wälſchkorn aushülſend, grabend, hackend, Sieſtas haltend, froh, mit ſaurer Milch unſern Durſt löſchen zu können. Mit all unſern Geldreſourcen und Wechſeln und Baarſchaften waren wir nicht im Stande, uns ein Dutzend Bouteillen Champagner zu verſchaffen.“ „Wir mochten berſten vor Ungeduld. Wir glaubten keine Zeit verlieren zu dürfen, und die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, ſo hatten wir auch keine zu verlieren; ich hatte mein dreißigſtes Jahr zurückgelegt, Laſſalle und Haute⸗ rouge zählten einige Jahre weniger. Wir zwei, nämlich Laſſalle und ich, hatten unſere Verlobten in Frankreich zurückgelaſſen, denen wir einen Heerd, eine Hütte zu bauen vor Begierde brannten;— da ſaßen wir,— we⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 16 —= 234 4— der vor⸗ noch rückwärts kommend, und die ewigen Ge⸗ ſchichten der guten Attacapaer anhörend. Zwar wäre es uns ein Leichtes geweſen, uns in eine eingerichtete Pflanzung hinein zu ſetzen,— mehrere waren uns dringend, ja ungeſtüm zum Kaufe angeboten worden. Man hatte es ſogar ſeltſam gefunden, daß wir nicht kauften,— allein wir hatten unſere guten Gründe. Was wir von dem damaligen Pflanzerleben ſahen, war nicht geeignet, es uns von einer liebenswürdigen Seite darzuſtellen. Wir verſtanden zudem nichts von dieſer Wirthſchaft, hatten nnüberwindliche Abneigung gegen die Sklaverei, auch war uns klar geworden, daß nur fortwährende leichte Beſchäftigung in dieſem entnervenden Klima vor jenem Faulfieber ſchützen konnte, von dem wir die guten Attacapaer mehr oder weniger angeſteckt fanden. Denn daß Weiße das Land, ohne ihrer Geſundheit zu ſchaden, bebauen können, ſahen oder hörten wir vielmehr von den Acadiern, die großentheils ihre Felder ohne Sklaven bearbeiteten, und dabei gediehen.“ „So war unſere Lage in den Attacapas nach Ver⸗ lauf der erſten fünf Wochen beſchaffen.“ „Das Clima hatte gleichfalls das Seinige beige⸗ — 235 G— tragen, uns mit Anwandlungen jener ſalzig⸗galligen Laune zu überraſchen, die uns an den Creolen und vorzüglich an ihren Damen ſo unangenehm berührt hatten; dazu die Milliarden Musquittos, die uns um⸗ ſumsten, wo wir gingen, ſtanden, ſaßen, bei Tag, bei Nacht. Unſere Lage war wirklich zum Verzweifeln.“ „Es war an einem heißen Septembernachmittage. Wir kamen von einem Beſuche bei Boſſompierres zurück, demſelben Pflanzer, bei dem wir unſer Ab⸗ ſteigequartier nehmen ſollten. Wie wir langſam, über unſern Häuptern die Sonnenſchirme, durch die Gaſſen unſerer Wälſchkornfelder dem Wohnhauſe zu⸗ ritten, ſchallte uns vom Hofe gräßlicher Lärm und Geheul entgegen. Wir ritten ſchneller, und erblickten zwei unſerer Leute, die einen der gemietheten Neger peitſchten. Ich ſchrie ſchon von Weitem den Beiden zu, inne zu halten, und viel hätte nicht gefehlt, ich würde die Peitſche auf ihren Rücken haben tanzen laſſen, ſo fühlte ich mich empört. Amadee, der dabei ſtand und dem ich darüber Vorwürfe machte, unter⸗ brach mich durch die Nachricht, daß der Neger die Strafe verdiene, denn durch ſeine Schuld ſey die Milch⸗ kuh ausgebrochen.“ 16* —=d 236— „Dieſe Worte trafen uns wie ein Donnerſchlag.“ „Unſere Milchkuh ausgebrochen, an der unſere ganze Exiſtenz hängt?“ „Es iſt leider ſo, bekräftigten uns unſere Leute.“ „Sie wiſſen, unterbricht ſich der Graf in ſeiner Erzählung,„daß der Reichthum der Attacapaer da⸗ mals vorzüglich in Heerden beſtand, da der Baum⸗ wollen⸗, Zucker⸗ und Reisbau, nur von Wenigen betrieben, noch in ſeiner Kindheit lag. Dieſe Heerden waren ſehr zahlreich. Manche Creolen beſaßen an die viertauſend Stücke und darüber, die im halbwilden Zuſtande auf den Wieſen und in den Wäldern herum⸗ liefen, und jährlich einmal, höchſtens zweimal, auf ein Paar Tage in die ſogenannten Corailles*) getrieben, und da gezeichnet, und wie man es nannte, adoucirt*) wurden. Das war und iſt jedoch bloß bei den thä⸗ tigeren Heerdenbeſitzern der Fall. Viele ſehen ihre Heerden oft Jahre lang nicht. Dieſe unverantwort⸗ liche Nachläſſigkeit hat wieder zur ſchlimmen Folge, daß die Thiere der Hitze, dem Ueberfluſſe, dem Mangel und Froſte gleich ausgeſetzt, trotz ihrer Schönheit in *) Einzäumung, Hürde. **) An den Anblick von Menſchen gewöhnt werden. — — o 237— der Regel an irgend einer innern Krankheit leiden, gewöhnlich verdorbenes Blut, oder angeſteckte Leber, und daher zur Benützung nicht wohl taugen. Es hatte Roche Martin nicht geringe Mühe gekoſtet, eine geſunde Milchkuh aufzutreiben, und wir waren froh, ſie um den dreifachen Preis erlangt zu haben; denn den bequemen Creolen auch nur zuzumuthen, wegen einer Kuh die Heerde, oder einen Theil derſelben, in die Coraille zu bringen, würde als grobe Indelikateſſe ausgelegt worden ſeyn. Dieſe Milchkuh war nun ausgeriſſen. Der Neger, der das Futter für ſie zu mähen hatte, hatte es bequemer gefunden, ſte in der Nacht hinaus zu laſſen, und dafür auf einem unſerer Pferde einen Beſuch bei ſeiner ſchwarzen Geliebten, fünf Stunden weit, abzuſtatten. So waren Pferd und Kuh verloren ,das erſtere zehn Stunden ohne Waſſer und Futter gejagt, war wenige Minuten vor unſerer Ankunft darauf gegangen, die zweite war, der Himmel wußte— wo zu finden. Der Neger glotzte uns an— gab aber keine Antwort auf meine Fragen. Jetzt that es mir beinahe leid, den Arm Jeans auſgehalten zu haben.“ „Wir waren in Verzweiflung. Wohl nie hatte — 0 238 6— eine Kuh drei courfähige Edelleute in größere Ver⸗ legenheit geſetzt. Wir ſahen darein, wie arme See⸗ leute auf einem entmaſteten Wrack, vor deren Augen das letzte Waſſerfaß vom Verdeck hinweggeſpült wird. Aber was ließ ſich thun? Guter Rath war theuer. Ohne Milch konnten wir nicht leben— es war das einzige Getränk, das wir genoſſen, da wir den Taffia nicht vertragen konnten.— Wir mußten Anſtalt treffen, der Flüchtigen wieder habhaft zu werden. Roche Martin konnte uns am beſten Beſcheid geben, zu Roche Martin wollten wir alſo, auf dem Wege zu ihm allenfalls die Gegend durchſtöbern, im Fall die unglückſelige Martha, ſo war ſie getauft, irgendwo verweilte, und dann von ihm das weitere vernehmen.“ „Wir hatten drei Reit⸗ und zwei Wagenpferde von Monſteur Boſſompierre gekauft. Laſſalle und Amadee, wurde beſchloſſen, ſollten in weſtlicher Richtung, mehr gegen den Vermillon zu, die Gegend durchſtöbern— wir eine weſtliche Richtung nehmen. Gerade wie wir im Begriffe waren aufzubrechen, kam Lacalle, der, wie er hörte, was vorgefallen, ſich fröhlicher Weiſe an uns anſchloß. Amadee blieb nun zu Hauſe, nach⸗ dem er uns noch zuvor, ſo genau er es vermochte, die —— — —" 239 6— Richtung, die wir zu nehmen, angegeben hatte. Sie lag durch einen Liquidambar⸗Wald, aus dem ein ſo⸗ genannter Indianerpfad in die große Prairie führte, — da angekommen, mußten wir rechts nordöſtlich gegen den le boeuf hinauf, Hauterouge und Lacalle links gegen den Vermillon zu— Roche Martins Pflanzung war, wie geſagt, zum Vereinigungspunkte beſtimmt.“ „Wir ſetzten uns unverweilt in Bewegung.“ „Es war zum erſten Male, daß wir den Indianer⸗ pfad betraten, der uns in eine Landſchaft bringen ſollte, die man uns immer als eine halbe Wüſtenei geſchildert, nur an einzelnen Punkten von den halb⸗ wilden Acadiern bewohnt, die, mehrentheils Jäger, die rohen Sitten der eingebornen rothen Stämme angenommen hatten. Wir verſahen uns daher zur Vorſicht mit Waffen. „Der Nachmittag war heiß, einer jener September⸗ tage, die bei uns das gelbe Fieber zeitigen. Unſere Sonnenſchirme über unſern Häuptern, unſere Thiere durch Fliegennetze und Laubwerk gegen die Musquittos und Bruloͤts geſchützt, trabten wir auf dem Indianer⸗ pfade durch den Liquidambarwald. Nach einer halben — o 240— Stunde lag die Wieſe vor uns, unabſehbar wie die gekräuſelte Wellenfläche des Ozeans. Am fernen Himmelsrande ſtiegen düſtere violettfarbige Wolken⸗ maſſen herauf, deren im Feuer vergoldete Ränder das ungeheure tiefblaue Himmelsgezelt in einen drohenden Rahmen faßten. Die Immergrün⸗Eichen, die den Liquidambar⸗Wald bekränzten, gaben zugleich jene leiſe ächzenden knarrend en Töne von ſich, die immer Vorboten eines herannahenden Sturmes zu ſeyn pflegen. Noch ſchienen aber die Wolkenmaſſen träge über den Wipfeln der fernen Waldſäume zu ruhen. Es war, als ob die ungeheure Hitze auch ſte nieder⸗ drückte.“ „Wir ſchauten einen Augenblick hinüber auf die grandioſen Wolkenballen, und ſprengten dann aus⸗ einander. Bald verloren wir uns im hohen Graſe aus dem Geſichte. Unſere Sonnenſchirme über den Häuptern ritten wir in nordöſtlicher Richtung.“ „Wir waren etwa eine Viertelſtunde geritten, als wir auf eine Heerde Rinder ſtießen, die wohl tauſend Köpfe ſtark ſeyn mochte, darunter mehrere hundert Pferde von der halbwilden mexikaniſchen Rage.“ „Die Rinder unſerer Attacapas,“ bemerkt der Graf — —" 241— zu Vergennes und d'Ermonvalle gewendet,„unter⸗ ſcheiden ſich von unſern franzöſiſchen ſehr vortheilhaft durch ihre ungemein ſchönen Hörner, ſo daß ſie mit ihrem ſchlanken Körperbau, ihren hohen Schenkeln und Füßen, ſie ſind in der Regel zwei und einen hal⸗ ben Fuß lang— in der Ferne geſehen, eher Hirſchen als Kühen und Rindern gleichen, ihre meiſtens braun⸗ rothe Farbe erhöht dieſe Täuſchung. Sie weiden im ellenhohen Graſe, kaum daß ihre Köpfe und Hörner zu ſehen ſind, bemerken zeitig den Ankömmling, laſſen ihn bis auf dreißig oder vierzig Schritte herankommen, ſchnauben dann, die Köpfe aufwerfend, die Luft, ſtoßen ein kurzes Gebrülle aus, die Pferde ein kurzes Gewieher, und brechen auf allen Seiten auseinander.“ „Unſere Thiere ſpitzten nicht wenig die Ohren, als wir vor der gewaltigen Heerde anlangten, die uns eine Weile anſtarrte, und dann im wildeſten Galoppe auseinander ſtob, unſere aufgeregten Pferde— denn ſie waren von derſelben mexikaniſch⸗ſpaniſchen Rage, ihnen in die weite Graswüſtenei nach. Wir waren trotz der ungeheuern Hitze nicht minder aufgeregt;— es war die erſte wilde Jagd in den Attacapas. Scharf ſprengten wir ſo vielleicht eine Stunde mit den wilden —" 212--— Thieren fort, ſichtlich ungern ließen unſere ermüdeten Pferde von ihrem Wettrennen nach, fielen in einen langſamen Trab, und hielten endlich ſtille. Wie wir aufblickten, war kein Horn, keine Mähne mehr zu ſehen. Die Wieſe lag hinter uns zur Linken und Rechten, vor uns eine ganz fremde, eine neue Land⸗ ſchaft, ſanft anſteigende fünfzig bis ſechzig Fuß hohe Hügel, die wie die Wellen der grünen Meeresbucht anſchwellend, maleriſch mit zerſtreuten Klumpen von Immergrüneichen, Magnolien, Tulpenbäumchen be⸗ ſprenkelt waren; einzelne Dammhirſche, die uns bis an die zwanzig Schritte herankommen ließen; der An⸗ blick war für uns ganz neu. Wir hatten uns die Attacapas als eine zwar ſehr geſegnete, fruchtbare, aber doch flache, monotone, dabei fieberiſche Landſchaft gedacht. Was wir geſehen, beſtätigte uns in dieſer Vorausſetzung. Hier kaum fünfzehn Meilen von unſerer Pflanzung ſahen wir uns ſo angenehm ge⸗ täuſcht. Wir ſprengten den nächſten Hügel hinan, die Ausſicht, die wir von ſeinem Rücken hatten, war entzückend.“ „Die Gegend, ſo weit das Auge reichte, war ſoge⸗ nanntes Wellenland, die Hügel ſich wellenartig er⸗ —=d 243— hebend, ſenkend, hie und da Waldparthien, zwiſchen die hindurch das Auge die herrlichſte Fernſicht genoß. Die Sonne näherte ſich bereits den ſchwarzen düſtern Wolkenmaſſen, und während ihre ſchief einfallenden Strahlen die ihnen zugekehrten Baumſeiten in tauſend glorreichen Tinten aufhellten, waren die abgewandten in jenes magiſche clair obscur geworfen, das im amerikaniſchen Clima ſo außerordentliche Wirkungen hervorbringt.— Jede Immergrünreiche, jede Mag⸗ nolie mit ihren wogenden Fächern und Kelchblumen, jeder Tulpenbaum mit ſeinen Pokalblüthen bot dieſe tauſend Tinten, dieſes unbeſchreiblich ſchöne clair obscur dar. 4 „Wir ſtanden ſprachlos, im Anſtaunen dieſer uns damals neuen nie geſehenen Schönheiten verſunken. Um die Glorie der Landſchaft zu vollenden, ſo ſchlän⸗ gelten ſich um mehrere der Hügel, die in der Ferne auftauchten, Seen und Seechen mit Mangroven ge⸗ rändert, die wie ſilberne und goldene Adern uns aus der zauberiſchen Landſchaft entgegenſ chimmerten.“ „Hier iſt ein glorreiches Land— ein Paradies! rief ich entzückt, hier wollen wir unſere Hütten auf⸗ ſchlagen.“ —“= 244— „Laſſalle unterbrach meinen Ausruf des Entzückens, aber ich hörte nicht, was er ſagte— ſah nichts als die herrliche Natur. Den Zufall, der mich in dieſe herrlichen Fluren gebracht, ſegnend, war mein ein⸗ ziger Gedanke, ſo viel und ſchnell als möglich von dieſer Gegend zu ſehen, in der ich mich unverzüglich niederlaſſen wollte.“— „Wir ritten den Hügel hinab, auf einen zweiten zu, deſſen Fuß von einem herrlichen Spiegel kryſtallhellen Waſſers beſpült, in deſſen Mangrovenrändern zahl⸗ loſe Outards und Enten ſich herumtrieben. Ich be⸗ trachtete abermals die Ausſicht von dieſem Hügel. Sie gefiel mir noch beſſer, als die vom erſten.“ „Wir ritten dem dritten zu, hinan. In der ſchwel⸗ geriſchen Augenweide, dem Vorgefühle des Entzückens, das meine theure Eleonore nun bald mit mir theilen würde, hatte ich die Kuh, Alles um mich vergeſſen.“ „Weißt Du, Oberſt, unterbrach mich Laſſalle, daß Du ein ganzer Egoiſt geworden biſt, in Deiner Haſt einen Locationsplan zu finden?“ „Ich ſchaute Laſſalle überraſcht an— der Vorwurf war gegründet. Es iſt dieſer Egoismus, der ſich dem Einwanderer in Amerika gleichſam anlegt, er mag — 245 6— wollen oder nicht,— eine andere ſeltſame Eigenheit, ein Contraſt, der die Bewohner des Landes von den Europäern unterſcheidet. Die Natur ſelbſt dringt ihn auf. 4 „Ich glaube, fuhr Laſſalle fort, es iſt hohe Zeit, uns nach Roche Martins Pflanzung umzuſehen.“ „Er deutete bei dieſen Worten auf die drohenden Wolkenmaſſen, die der Sonne immer näher kamen, und auf die Wipfel einer Immergrüneiche, in der ſich das Säuſeln ſtärker hören ließ.“¹ „Unſere Uhren zeigten fünf. Wir waren drei volle Stunden, zum Theile ſcharf geritten. So weit das Augereichte, keine Spur von einer menſchlichen Woh⸗ nung. Wald⸗, Wieſen⸗, Waſſerparthien, aber keine Hütte, kein Haus. In ferner Weite glänzte uns ein heller langer Waſſerſtreifen aus einer Waldparthie entgegen, ſo bezaubernd, daß unſere Augen von dem Punkte ſich nicht mehr losreißen zu können ſchienen. Wir riefen zugleich aus: „Dort müſſen Menſchen wohnen. 4 „Und, ſetzte ich hinzu, wenn nicht, ſo will ich meine Hütte da aufſchlagen.“ „Wir ritten raſch dem wunderſchönen Punkte zu, —=0 246 6— von dem uns jedoch noch manche Meile trennte. Einige Male hielten wir auf den Rücken der Wellenhügel, die auf unſerem Wege lagen, um uns zu orientiren; auf dem letzten, den wir hinan ritten, entfuhr iſſall ein Hurrah.“ „Er deutete dabei auf eine leichte bläuliche Rauch⸗ wolke, die um die Baumwipfel herumwirbelnd, vom Luftzuge ſchichtenartig gegen Süden hinabgetrieben wurde. Aber keine Wohnung war zu ſehen. Der Rauch kräuſelte aus einer Waldparthie, aus der zu⸗ gleich ungemein maleriſch ein Flüßchen, wie aus einem Füllhorn geſchüttet, hervorquoll. Die Ränder deſſelben waren, wie immer, mit der Mangrove eingefaßt, die gegen die Waldparthie zu mit Thränenweiden ab⸗ wechſelte, auf die wieder Grüneichen, Magnolen, Liquidambars folgten. Doch ſchienen dieſe gruppen⸗ weis zerſtreut zu ſeyn.“ „Wir beſchloſſen, auf alle Fälle in dieſes deliziöſe Walddunkel, in dem der Flußgott ſeine Wohnung aufgeſchlagen zu haben ſchien, einzureiten. Die Sonne war verſchwunden hinter den drohenden Wol⸗ kenmaſſen, das entfernte Rollen des Donners ließ —” 247— uns nicht mehr am baldigen Ausbruche des Gewitters zweifeln.“ „Wir ſpornten unſere Thiere, die, eine Menſchen⸗ wohnung witternd, raſch auf das Flüßchen zu trabten.“ „Noch waren wir etwa tauſend Schritte von der Stelle, wo nach unſerer Berechnung die Feuerſtelle ſeyn mußte, der der Rauch entſtieg.“ „Hörſt Du nichts, Ober t? fragte mich auf einmal Laſſalle.“ „Ich hatte etwas gehört; einer jener wunderbaren Töne, Klänge, die in unſern Wald⸗ und Wieſeneinöden ſo ſeltſam das Ohr berühren, war auch zu mir ge⸗ drungen.“ „Wir ritten näher.“ „Die Töne ließen ſich abermals hören, ſte klangen anfangs harſch, ſchrill, dann wie Syrenengelächter, Geſang, ungemein ſeltſam klangen ſie, wie Geiſter⸗ ſtimmen, auf den Fittigen der Windsbraut uns ent⸗ gegen getragen.“ „Wo ſind wir, Oberſt? fragte Laſſalle.“ „Ich ſchaute ſtatt der Antwort in der Richtung, von welcher die Töne herkamen.“ „Wir ritten in derſelben fort.“ —= 248— „Das Flüßchen, etwa fünfzig Fuß breit, ſchien tief zu ſeyn, wie es die Flüſſe, oder in der Landesſprache zu reden, die Bayous, in der Regel ſind. Es kam ſo reizend aus dem Verſtecke der Thränenweiden und Mangroven heraus, ſchien durch die Zweige hindurch zu gleiten.— Abermals ertönte das Syrenengeläch⸗ ter.— Jetzt erkannten wir weibliche Stimmen, da⸗ zwiſchen Geklingel von Schellen und von metallenen Gefäßen, wie wenn erzene Inſtrumente mit Heftigkeit geſchlagen würden.“ „Wir ſahen uns befremdet an.“ „Vorwärts! ermunterten wir uns einander.“ „Da iſt ein gebahnter Weg, rief Laſſalle, auf einen breiten Fußpfad deutend, der in das Waldesdunkel einführte.“ „Bald nahm uns das Laubdach der Grüneichen und Liquidambars auf, der Syrenengeſang wurde immer vernehmbarer, je weiter wir vorkamen— wir waren im Stande einzelne Worte zu verſtehen.“ „Der Fußweg führte zu einer ſogenannten Gabel, von der drei Wege ausliefen. Wir folgten dem brei⸗ teſten. Etwa hundert Schritte mochten wir geritten ſeyn, als die Waldesdämmerung einer Helle wich. — e 249— Einige zerſtreute Immergrüneichen, mit Raſenbänken um ihre ungeheuern knorrigen Stämme, ein herrlicher Grasteppich, und endlich ein freier Platz und—* „Wir ſahen einander betroffen an.“ „Eine Villa, die vom jenſeitigen Ufer des Flüß⸗ chens, kaum zweihundert Schritte, uns in die Augen ſchimmerte, ſo lieblich, ſo reizend!— das Flüßchen von der ſanften Anhöhe, auf der ſie ſich ſchwanenartig hinbreitete, beherrſchend.“ b „Was ſagſt Du, Oberſt? fragte Laſſalle. Dieſe Villa!“ „Wenn die Acadier ſo logirt ſind, war meine Ant⸗ wort, dann verrathen ſie wenigſtens mehr Geſchmack, als unſer Kirchſpiel Attacapaer.“ „Adeligen, ſollteſt Du ſagen, lachte Laſſalle. Wahr⸗ haftig dieſe Adeligen— aber! und wieder ſah er verlegen auf die Villa hinüber, und ich gleichfalls. u „Uns ward ſo ſonderbar zu Muth. Bei all un⸗ ſerm Wunſche und Verlangen, ein Obdach gegen den Sturm zu finden, war die Erſcheinung dieſer Villa eine ſo kurioſe!“ „Sie lag vom Ufer etwa hundert Schritte, auf dem ſich ſanft, beiläufig vierzig Fuß über die Waſſerfläche, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 17 —= 250— erhebenden Uferkamme, ſo wollüſtig weich! als ob ſie zum Sitze der Liebe hingebettet worden. Wie alle Häuſer in den Attacapas hatte ſte blos Ein Stock⸗ werk, aber ſtatt des häßlichen breiten ſpaniſchen Daches hatte ſie ein flaches mit einer Gallerie, an welcher Catalpas auf der einen, Magnolien von der andern Seite hinauf⸗ und zuſammen rankten. Die untere Gallerie ruhte auf cannelirten weißen Säulen, die wie marmorne ausſahen; die Jalouſten waren herab gelaſſen, die Piazzas mit einem eiſernen Geländer umgeben; von den Treppen gelangte man herab in ein Gärtchen, das von der Villa bis zum Fahrweg vorlief, der im Halbzirkel darumlaufend wahrſcheinlich zu den hinten gelegenen Wirthſchaftsgebäuden führte. — Das Ganze zeugte eben ſo ſehr von feinem Ge⸗ ſchmack, als Reichthum ſeines Beſitzers.“ „Laſſalle fragte abermals: wo ſind wir?“ „Wir ſtanden, den lieblichen Landſitz beſchauend, die Köpfe ſchüttelnd, ungewiß, ob wir näher ſollten oder nicht.— Es war uns, als ob die Hütte eines Acadiers uns lieber geweſen wäre. Wir wußten uns Beide nicht die ſeltſamen Empfindungen zu erklären. — Laſſalle ſumste das Couplet Favarts: lamour, —:— —— —= 251 8— pamour.— Endlich ſtiegen wir von unſern Pferden, und zogen ſie am Zügel hinter uns drein der Brücke zu. Sie beſtand aus mehreren dicken Cypreſſenſtäm⸗ men, die beide Ufer verbanden, und wieder mit kür⸗ zern Querbalken und Pfoſten belegt waren, ſo daß Wägen recht gut darüber fahren konnten. Statt der Geländer waren die Mangrovenzweige an beiden Seiten zu einem dichten Flechtwerke verbunden, das den Ueberſetzenden gegen Herabfallen ſchützte.“ „Wir hatten noch keine drei Schritte auf der Piazza gethan, als ein abermaliges Gelächter ſich dicht unter uns aus dem Waſſer hören ließ, und zugleich zwei Waſſerſtrahlen, links und rechts über unſern Häup⸗ tern zuſammenfuhren.“ „Wir ſchauten einander an.“— „Abermals lautes Gelächter, Geplätſcher, zwei, vier, ſechs ſchneeweiße Arme, die nicht fünfzehn Fuß von uns aus dem Waſſer ſich herausſtreckten— aber⸗ mals zwei Strahlen des flüſſigen Elementes, und zwar in einer Fülle, über unſere Köpfe hingeſ chnellt, die einer Traufe glich; gleich darauf ein Najadenkopf, der aus dem Waſſerſpiegel auſtauchte— ein Alaba⸗ ſternacken folgte, ein Buſen, wie aus carariſchem 17* —“= 252 6— Marmor gemeißelt; vom ſchneeweißen Battiſthemd⸗ chen bedeckt, ein zweiter, dritter Kopf— Buſen, drei Mädchengeſtalten erhoben ſich im flüſſigen Elemente, ſchienen zu ſtehen— ſie riefen einer vierten ſchwarzen, zugleich erſchallte das Knacken von Caſtagnetten unter der Brücke, begleitet von dem Geſange zweier weiblicher Stimmen, die vier Mädchen reichten ſich die eine Hand, und während ſie mit der andern ruder⸗ ten, traten ſie zugleich mit den Füßen das Waſſer, und führten zu unſerm Staunen eine Quadrille durch, die wir ſchöner, und buchſtäblich geſagt, ſchwimmen⸗ der nie geſehen hatten.“ „Mein Gott, wo ſind wir, fragte mich Laffalle mit einer Stimme, die wie beklommen klang. ¹ „Ein ſtarkes Rollen des Donners unterbrach Ge⸗ ſang und Tanz. Eine der Gallerie⸗Blenden öffnete ſich, und ein weiblicher Kopf ſchaute heraus.“ „Aſpi, Leontine, Zoe, genug des Badens, die Bö! hört Ihr ſte?“ „Ben Mamanl lachten die drei Mädchen, die herr⸗ lichſten Reihen von Perlenzähnen zeigend, die wir je geſehen hatten.“ „Wir ſtanden hinter dem Mangrovengeländer, un⸗ 2— —" 253 6— geſehen von den Mädchen, aber die Dame hatte uns entdeckt. Sie rief uns fröhlich zu.“ „Eh ben Pierre! Sind Sie es? Es hohe Zeit ſeyn, der Sturm im Anzuge ſeyn.“ „Und ſo ſagend, zog ſie die Blende vollends auf, und ließ uns ihre Büſte ſehen.“ „Jetzt erkannte ſte ihren Irrthum.“ „Eh ben! das nicht Pierre ſeyn.— Ben Messieurs was wollen?“ „Und ſo ſagend, verließ ſie mit einem ungeſtümen Rucke das Fenſter, und erſchien auf der Piazza, deren Stufen ſie ſo ſchnell, als ihr ſtarker Embonpoint zuließ, herabſtieg. Sie war über die dreißig Jahre, konnte aber noch immer als wohl conſervirt gelten, obwohl ihre Züge mehr grob als fein waren. Ihr Teint war brünett, die Lippen etwas groß, die Augen ſchwarz, nicht ſo fein geſchnitten, wie es bei Creolin⸗ nen der Fall zu ſeyn pflegt, auch das Weiße rundete zu ſtark neben ihrer Rabenſchwärze hervor; aber ſehr ſchöne Zähne und ein Buſen, der noch immer als reizend gelten konnte.“ „Wir waren, unſere Pferde hinter uns ziehend, über die Brücke in den Fahrweg gelangt, der, wie — 0 254 6— geſagt, um das Haus herumlief, aber nicht zu dem Haupteingange führte, zu dem man durch das Gärt⸗ chen gelangte, durch das die Dame heftig angeſchritten kam. Sie hielt an der niedrigen Gartenthüre, an die ſte ſich mit beiden Armen lehnte, ſo daß der volle Buſen unſerm Blicke offen lag. Sie war im Des⸗ habillé, das nur nachläſſig die üppigen lüſternen Formen verhüllte. Eine Weile ſah ſie uns mißtrauiſch an, dann fragte ſie: „Eh ben Messieurs! was wollen?“ „Hinter unſerm Rücken hörten wir Geflüſter, Ge⸗ kicher. Wir wandten uns, und ſahen weiße Gewänder hinter den Mangrovenhecken, die die Flußränder ein⸗ ſäumten. u „Eh ben Messieurs! was wollen? fragte die Dame abermals, im rauhern Tone.“ „Es war ein Ton, eine Stimme, die ſo ganz im Widerſpruche mit allem war, was wir ſahen, mit einem Worte, eine Stimme, wie wir ſie an den ſoge⸗ nannten alten Bonnes unſeres Paris zu hören ge⸗ wohnt waren.“ „Wer iſt dieſe Perſon? Wie kommt dieſe laſter⸗ hafte Stimme in dieſen ſüßen Sitz der Einſamkeit? —— —y——— —= 255 6— raunten wir einander zu. Wir waren in einer Ver⸗ legenheit, wie nicht leicht zwei franzöſiſche Cavaliere. Das wir ſuchen eine Milchkuh, wollte nicht heraus; wir mußten ſehr alberne Geſichter gemacht haben.“ „Aber Meſſieurs, wiederholte ſie, was wollen? Wir keine Leute, die wir nicht kennen, aufnehmen. Wir ſehr eingezogen leben. Wir eine ſehr reſpectable Familie ſeyn. Wir von Niemanden Beſuche anneh⸗ men, die uns nicht aufgeführt ſind.“ „Pah! Ihre Reſpektabilität da, wo ſie nicht be⸗ zweifelt wird, geltend zu machen, flüſterte mir Laſ⸗ ſalle zu, und abermals ſahen wir die Dame— ſie uns an.“ „Meine Herren gehen, wir ſie nicht brauchen, da der Weg ſeyn, ſprach die Dame mit höhnendem Ge⸗ lächter.“ „Vergebung, Madame, nahm ich endlich das Wort; denn es handelte ſich jetzt um ein Obdach in einem Sturme, der bereit war, über unſern Häuptern auszubrechen.“ „Vergebung! wiederholte ich; wir wünſchen nichts weniger, als Sie zu beläſtigen oder uns aufzudringen. Wir ſind verirrt auf einem Ausfluge. Das Einzige, —=3 256 6— um was wir bitten, iſt ein wenig Futter für unſere Pferde, und einen Führer, der uns den Weg nach Monſieur Berthouds Pflanzung zu zeigen im Stande iſt. Wir wollen dahin, ſobald der Sturm vorüber, und gern den Dienſt vergelten.“ „Monſteur Berthouds Pflanzung? Monſteur Ber⸗ thouds Pflanzung, wiederholte die Dame, uns ſchärfer fixirend. Dieſe Pflanzung, haben wir gehört, iſt von einem Herrn Grafen und zwei Baronen gepachtet worden— 2 „Sie hielt inne und firirte uns ſchärfer. „Sie in den Attacapas wohnen? fragte ſte.“ „Aufzuwarten.“ „Und wo?“ „Die Pflanzung, die ich genannt, iſt einſtweilen unſere Wohnung.“ „Sie auf Monſteurs Berthouds Pflanzung woh⸗ nen? Sie alſo der franzöſiſche Graf ſeyn?“ „Sie ſchaute uns nochmals an, und ihre Züge waren auf einmal freundlich geworden.“ „Aſpi, Leontine, Zoe, geſchwind!— Ah, Herr Graf, Sie keiner Aufführung bedürfen. Sie will⸗ kommen ſeyn, wo Sie hinkommen! Vergeben, Herr — 257— Graf!— aber viele ſchlimme Herren zu uns kommen, und wir das nicht wollen, wir eingezogen leben.“ „Sie ſtreckte ihre fleiſchigen Hände über das Gitter, um die unſrigen zu faſſen, und da ſie jetzt ſah, daß wir noch die Pferde an den Zügeln hielten, ſchrie ſie: Ahoi! Ahoi! Sippi, Midi, Joſi! Hört ihr nicht? die Pferde dem Herrn Grafen abnehmen. Geſchwind die Pferde abnehmen. Herr Graf in den Garten ein⸗ treten.“ „Und die Gartenthüre öffnend, ſtreckte ſie ihren Arm aus, und erfaßte ohne weiteres den meinigen.“ „So ſtanden wir, bis ein Paar zerlumpte Neger kamen, die uns die Pferde abnahmen.“ „Darf ich bitten, bemerkte ich, den Pferden vor⸗ läufig etwas Heu geben zu laſſen, dann erſt Waſſer, und einige Wälſchkornkolben.“. „Sie wandte ſich ungeduldig, mich hinterdrein ziehend.“ „Ah, ein Herr Graf, und da um ein Pferd ſich bekümmern, lachte ſie. Ah, Sie kein Creole ſeyn,— man es ſehen. Kein Creolen⸗Gentilhomme ſich um ein elendes Pferd bekümmern; welcher Gentilhomme ſich um ein Pferd bekümmern?“ —= 258 6— „Und wer dieſer Herr ſeyn? wandte ſie ſich, als wir an den Treppen der Piazza angekommen waren, an deren erſter ſte hielt, offenbar willens, ſich vorher von der Reſpektabilität ihres zweiten Gaſtes zu über⸗ zeugen, ehe ſie ihm Aufnahme geſtattete.“ „Monsieur le Baron de Lassalle, Madame, ver⸗ ſetzte ich, ihr meinen Freund präſentirend.“ „Monsieur de Lassalle, der junge Herr, der die reiche Mademoiſelle de Morbihan geheirathet— Ben venu Monsieur de Lassalle!“ „Und ſie fixirte ihn ſcharf einen Augenblick vom Kopf zu den Füßen, ein eigenthümliches Lächeln über⸗ flog ihre Geſichtszüge. N'importe, murmelte ſie zwiſchen den Zähnen, den linken Arm ausſtreckend und den Laſſalle's erfaſſend.— Während ſie uns die Treppen hinanführte und an der Piazza hielt, ſuchte ihr Laſſalle den Irrthum zu benehmen, allein ſie plapperte in einem fort und zog uns, da die Ein⸗ gangsthüre nicht hinlänglich breit war, um alle drei in Reihe hindurch zu laſſen, im Dreiecke in die Gallerie hinein.“ „Herr Graf Pimperolles! bekomplimentirte ſie mich, nachdem ſie unſere Arme fahren gelaſſen, ſich —'— — 259 6— ſetzen— und vergeben— Madame Allain ſogleich zurück ſeyn.“ „Und ſo ſagend, verließ die Madame Allain die Gallerie, und wir ſetzten uns, und ſchauten— ein⸗ ander an.“— „Sage mir doch, wo ſind wir? flüſterte mir Laſ⸗ ſalle zu. Das iſt keine Creolin— und doch— er ſah ſich in der Gallerie um.“ „Sie war höchſt geſ chmackvoll meublirt, es herrſchte Luxus darin. Die Einrichtung von Acajou⸗ und dem Louiſtana⸗Kirſchenbaumholze,— der Fußboden mit den damals noch ſehr ſeltenen Seegras⸗Matten be⸗ legt, die Wände ſehr ſchön tapezirt; die einzigen Spuren, daß wir uns in den Attacapas befanden, eine gewiſſe Unordnung, Kleider und andere Geräth⸗ ſchaften lagen penl mell auf den Seſſeln, Sopha's, Tiſchen, dem Fußboden umher, und ein ſtarker Biſam⸗— geruch duftete. Wir waren jedoch in keiner Creolen⸗ Pflanzung, ſo viel ſchien ausgemacht. Die Dame hatte in ihrem Weſen etwas keck Zudringliches, Un⸗ verſchämtes, ihr fehlte der Anſtand, die ſtrenge Sitt⸗ ſamkeit, Häuslichkeit der Creolinnen, ſelbſt der Anflug von Indolenz.— Wer iſt die gute Madame Allain? — 0,260— Wie kommt ſte hieher? Sie hat etwas von unſeren Modehändlerinnen oder, was daſſelbe ſagen will, Bonne's. Ihr ganzes Benehmen, ihre Stimme, ihre Züge verrathen ein derlei Metier. Hatte ſie ſich mit den Früchten ihrer Triumphe in dieſe Einſamkeit zurückgezogen?“ „Wir wurden in dieſen Querfragen durch zwei Negermädchen unterbrochen, die halbnackt, um den lüſternen Buſen blos ein rothes Band geſchlungen, das das Röckchen hielt, hereintanzten, uns anlachten, und dann aufräumten; Kleider, ſchmutzige Wäſche, Alles, wie es umherlag, auf die Arme packten, und damit zur Gallerie hinausliefen.“ „Nochmals kamen ſie, nahmen die Ueberreſte; und gleich darauf folgte ein drittes, ſehr zierliches ſchwar⸗ zes Mädchen, das Eau de Roses über die Matten hinſpritzte.“ „Noch ſchauten wir den Bewegungen der lieblichen Schwarzen nach, als abermals die zwei Negerinnen erſchienen, einen Korb mit Bouteillen, einen andern mit Tellern, einen dritten und vierten mit Backwerk und Früchten in den Händen.— Sie ſtellten die Erfriſchungen auf einen Tiſch, der hinter dem einen —j ᷓ;— — 0 261— Sopha ſtand, und ordneten die Seſſel,— Alles im gehörigen Creolen⸗Style— bis auf die ſeltſame Madame Allain.“ „Wir waren aufgeſtanden und an die geöffneten Gallerie⸗Blenden getreten. Die Lage der Villa war entzückend. Der Flußkamm, etwa fünfzig Schritte lang und breit, dachte ſich ſanft, kaum merkbar, gegen den Waſſerſpiegel zu ab, auch keine einzige Mus⸗ quitto ließ ſich in der Gallerie ſpüren. Der Wald war an mehreren Seiten gelichtet, aber mit Geſchmack und parthienartig, offenbar um der Luft den Durchzug zu geſtatten. Das Gärtchen, das zu unſern Füßen lag, mit herrlichen Blumenbeeten geſchmückt. Ueberall zeigte ſich Geſchmack mit Eleganz gepaart.“ „Die Dame trat jetzt herein, ſie hatte in der Eile ihre Toilette gemacht, und wie ſie im ſeegrünen Taf⸗ fetkleide, das ihr etwas ſonderbar ließ— auf uns zukam, war ſie ganz Freundlichkeit, Zutraulichkeit.“ „Und wie Ihnen die Attacapas gefallen? hob ſie an, ſich auf das Sopha niederlaſſend, und mich neben ſich ziehend. ¹ „Sehr wohl würden ſie uns gefallen, wenn alle —" 262 6— Pflanzungen ihrem herrlichen Landſitze glichen, war meine Antwort.“ „Ich konnte keine feinere Schmeichelei finden, es war mir unmöglich, ſelbſt dieſe wollte nicht heraus.“ „Die Chartreuſe, ja die Chartreuſe—* „Alſo Chartreuſe haben Sie dieſen lieblichſten aller Verſteckagetauft? Fürwahr eine ſolche Karthauſe— „Mit— ſie ſtockte, ſah mich aber mit einem lüſter⸗ naen Blicke an.“ „Alſo das Herr von Laſſalle ſeyn? fragte ſie mich, auf Laſſalle deutend, der noch ſtand.“ „Aufzuwarten, erwiederte Laſſalle.“ „Ah, die Madame Laſſalle ſehr ſchön ſeyn, ſagt man. Ich ſie nie geſehen haben. Sehr ſchön— aber mein Gott, Herr Graf, Sie ja ganz naß ſeyn?“ „Ein Bischen, war meine Antwort. Aber noch⸗ mals muß ich Sie verſichern, daß Sie den Namen dieſes Herrn mit dem unſeres beiderſeitigen Freundes Lacalle verwechſeln— 4 „Gewiß, die närriſchen Mädchen ſie beſpritzen— abſcheulich. Aſpi! Leontine! Zoe! Ihr abſcheulichen Kinder, was ihr gethan? plauderte ſie fort, ohne auf meine Berichtigung zu hören.“ — — 0 263— „Die närriſchen Mädchen, fuhr ſie fort, am liebſten baden und tanzen, nichts als baden und tanzen, ſelbſt im Fluſſe tanzen.“ „Und Tänze, die die Najaden ſelbſt beſchämen würden, ſchaltete ich ein, um doch wenigſtens ein Compliment zu ſagen.“ „Najaden, verſetzte ſie; kenne die Demoiſelles nicht, ſind doch reſpektabel, Herr Graf? Meine Töchter ſehr reſpektabel ſeyn. u „Laſſalle's Mundwinkel verzogen ſich, ich mußte der Unterhaltung wieder eine ernſthafte Wendung geben. u 3 „Aber iſt denn das Baden nicht mit Gefahr ver⸗ bunden, die zahlloſen Alligatoren, von denen alle Flüſſe und Gewäſſer wimmeln? fragte ich.“ „O, ſie ſich helfen, ſie ſchreien, ſte ſingen, ſie an Pfannen, Keſſeln, Kupferbecken ſchlagen, ſte die Alli⸗ gatoren weit verſcheuchen.“ „Das alſo die Urſache der ſeltſamen Klänge.“ „Aſpi! ſprach jetzt die Dame zu einem Mädchen, die in der Galleriethüre erſchien, Aſpi! das Herr Graf Pimperolles ſeyn, und das Herr Laſſalle, der Mademoiſelle Morbihan— ¹ — s 264 6— „Vergebung, Madame, ſiel ich ein— Sie ſind im Irrthume. Dieſer Herr iſt der Baron Laſſalle und nicht verheirathet. Den Sie meinen, der nennt ſich Ducalle, de Lacalle.“ „Sie ſchüttelte ungläubig den Kopf und lächelte auf eine eigene Weiſe.“ „Wir wiſſen, wir wiſſen— Aſpi, Aſpi, der Herr Laſſalle alſo nicht verheirathet— N'importe, wim- porte. Herr Graf, das meine Tochter Aſpi ſeyn.“ „Wir erwiederten den Knix der Tochter, und wäh⸗ rend unſere Augen ihre Züge flüchtig aufnahmen, begann mir etwas wie Licht über die Familie aufzu⸗ gehen. Es mußte eine Farbige ſeyn, war mein erſter Gedanke.— Ich hatte zwar noch keine geſehen, wohl aber Vieles gehört— und was ich gehört, traf hier vollkommen ein. Mutter ſo wie Tochter waren mehr kräftig, üppig, als zart geformt, die Lineamente ver⸗ riethen afrikaniſchen Urſprung, an der Hautfarbe ver⸗ mißten wir jene gewiſſe Durchſichtigkeit, die ſelbſt an unſern dunkelſten Brünetten noch bemerkbar iſt; die Fülle ihrer Mittelgeſtalt, die ſchneeweißen ſcharfen Zähne,— Alles ſtimmte überein.— Was mich aber frappirte, war der Ausdruck von Kraft, von Liebes⸗ — e 265— kraft möchte ich ſagen, an der Tochter. Ihre Züge waren nicht regelmäßig, nicht einmal ſchön, ſie waren eher grob, die Augen groß, das Weiße ſchillerte ſtark hervor, aber in dieſen Augen flammte eine ſo intenſe Glut, und ſie bohrten ſo zuverſichtlich, ſo dämoniſch in das Innerſte hinein. Es war, als ob ſich jeden Augenblick ihre Arme öffnen würden, um uns zu umſchließen und feſtzuhalten und nimmer loszulaſſen. Sie war, wie geſagt, voll gebaut, aber herrlich ge⸗ rundet, nur um die Mitte ſchien ſie unverhältnißmäßig ſtark, aber Alles zitterte, bebte an ihr, wie ſie ab⸗ wechſelnd uns, wieder die Mutter anſehend, ſich wiegte.— In der Mutter Augen ſchien ſich etwas wie Triumph zu ſpiegeln, nicht ſo in denen der Tochter, die ſtolz den Kopf aufwarf, uns einen Augenblick maß, und dann dem Tiſche zuſchritt, auf dem die Bouteillen und Erfriſchungen ſtanden.“— „In dieſem Augenblicke ließ ſich der Ruf Maman! Maman! höͤren, und zwei Geſtalten tanzten an die Glasthüre der Gallerie und hielten und ſchauten, und während ſie ſo an der Schwelle ſchwebten, ſchwanden Schlüſſe und Gedanken wie Seifenblaſen. Dieſe zwei Mädchen waren keine Farbigen. Unmöglich!— Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 18 — 266 6— noch weniger konnte die Mutter zweier ſo herrlicher Geſchöpfe das ſeyn, wofür wir ſie im erſten blinden Vorurtheile niedergeſchrieben hatten. Wir baten im Herzen um Vergebung wegen des groben Verdachtes. u „Dieſe jungfräuliche Friſche— dieſes kindliche, heitere, unſchuldige Weſen.“ „Leontine, Zoe, theure Kinder! der Herr Graf Pimperolles. Erlauben Sie, Ihnen meine beiden Töchter Leontine und Zoe vorzuſtellen.“ „Und ſie ſchwebten nun heran. Meſſieurs,“ ſprach der Graf, vich habe viele Mädchen, ſchöne Mädchen in mannichfaltigen Gruppirungen und Lagen geſehen, ich hatte damals dreißig Jahre gelebt, mehrere dieſer Jahre am Hofe verlebt,— aber doch waren mir noch keine zwei Geſtalten vorgekommen, die ſo anreizend, lockend erſchienen wären, wie Leontine und Zoe.— Sie waren im ſchneeweißen Battiſt⸗Peignoir, das weit und faltig mehr wie ein Pudermantel die herr⸗ lichen Formen umhüllte, das Spiel der Glieder, jedes einzelnen Gliedes, im unbeſe chreiblichen Reize in halber Durchſichtigkeit erſcheinen ließ. Sie ſchwebten lang⸗ ſam, ſittig, verſchämt auf uns zu, aber jeder Schritt ließ uns das Wellenſpiel des reizendſten Körperchens —— —= 267— ſchauen;— ſie errötheten, aber ſo kindlich, ſo unbe⸗ fangen heiter, und blickten ſo züchtig auf die Mutter, das Blut ſchoß ihnen über Geſicht, über den Nacken bis zur Zehenſpitze— wir glaubten die herrlichen Körperchen erröthen zu ſehen. Und ſie verneigten ſich ſo ſittſam knixend, und ſahen dann die Mutter, die Schweſter ſo naiv kindlich an; ſie wagten es kaum, die Augen aufzuſchlagen“ „Der Mutter Blicke ruhten mit ſichtlichem Wohl⸗ gefallen auf den beiden Töchtern.“ „Aber Leontine, Zoe! begann ſte endlich, und ein ſeltſames Lächeln umſpielte ihre Züge. Was ihr thun? Herr Graf ja ganz naß? ¹ „Die Mädchen warfen endlich einen verſtohlenen Blick auf uns. 4 „Ein leiſes Gekicher entfuhr ihnen.“ „Zur Strafe Ihr die beiden Herrn bedienen. 4 „Und die Töchter ſahen die Mutter fragend an, und traten an den Tiſch, an dem die ältere Schweſter noch ſtand. Zaudernd legten ſie die Hand an die Bouteillen. u „Wohl, Leontine, mahnte die Mutter, Du doch ſo blöde ſeyn! und Zoe!“ 18* —= 268 6— „Und Leontine füllte mit zitternder Hand, was ſage ich Hand, ihr ganzes Körperchen, jedes ihrer Glieder zitterte, aber es war ein eigenthümliches Zittern— während ſie die Gläſer füllte.“ „Und die Mutter füllte vier kleinere Gläſer— und Leontine und Zoe präſentirten uns die von ihnen gefüllten größeren.“ „Wir tranken. Der Wein war vortrefflicher Bor⸗ deaur.“ „Wir ſtanden einen Augenblick, ohne ein Wort zu ſprechen.“ „Herr Graf! Sie noch vor einer Stunde nicht gehen können. Sie abwarten, bis der Himmel ab⸗ kühlen, der Sturm vorübergehen.“ „Glauben Sie, daß es einen Sturm gibt?“ „Wenn regnen— nicht,— wenn nicht regnen— dann ſchrecklichen Sturm. Sie ſich die Zeit angenehm vergehen laſſen— uns entſchuldigen.“ „Und meinen Arm erfaſſend, deutete ſie auf das Sopha, ein verſtohlener Blick wies Leontine ihren Platz an, dann ergriff ſie den Arm Laſſalle's, und führte ihn zu einer ſeitwärts ſtehenden Ottomane. Mutter und Tochter warfen noch den beiden Zurück⸗ — 269— gebliebenen einen vielſagenden Blick zu, und ver⸗ ſchwanden in der Galleriethüre.“ „Ich ſah Laſſalle, er mich an. Sein Blick ſchien zu ſagen: hier iſt es doch nicht ganz richtig— der meinige desgleichen;— aber wieder, wenn wir die beiden herrlichen Geſchöpfchen anſahen, die jetzt be⸗ bend, nicht weiter als ſechs Zoll von uns ſaßen— oder vielmehr auf das Sopha hinſanken,— zitternd an Leib und Seele, wie Schlachtopfer, die— un⸗ möglich!“ „Leontine mochte der Jahre fünfzehn zählen, eine wunderſchöne friſche Knoſpe ſich entfaltend, reifend— auch nicht der leiſeſte Zug, der gemiſchtes Blut ver⸗ rathen hätte. Ihr Haar ſeidenweich— mehrere Flechten hingen noch feucht auf dem roſaroth gefärb⸗ ten Nacken, der bis zum Halswirbel entblößt war. Das ovalrunde Geſichtchen mit der fein geformten Adlernaſe, das ſchwarzbraune Auge mit den pracht⸗ voll gewölbten Wimpern, der Teint blendend Milch und Blut, die Zähne ſo weiß, klein, durchſichtig, wie Perlen— die Lippen leicht aufgeworfen, aber vom zarteſten Kirſ chenroth,— der zarte Buſen von keinem Mieder gehoben, klopfend in den Zuckungen— nun —: 270— leicht verhüllt, wieder bloß zwiſchen den Falten her⸗ vorſchimmernd;— und endlich die wunderliebliche Form ſelbſt, zuckend, hüpfend, vibrirend, als ob flüſſiges Queckſilber ſtatt Blutes ſich im Körper her⸗ umtriebe.“ „Mir begann ſeltſam zu werden.“ „Jetzt traten zwei Negermädchen ein, von etwa fünfzehn und ſechzehn Jahren. Sie waren bis auf den Gürtel nackt, ihre Röckchen von zwei rothen Seidenbändern gehalten, reichten bis über die Knie, Fußbekleidung hatten ſte keine. Wir hatten uns be⸗ reits ſo ziemlich an den Anblick dieſer Halbnacktheit gewöhnt, aber dieſe beiden Mädchen waren von der Madagascar⸗Race, und Buſen ſo wie Taille ausge⸗ zeichnet ſchön. Sie warfen einen lüſternen Blick auf uns, ſetzten ſich dann wie Lieblingshündchen zu den Füßen ihrer beiden Gebieterinnen.“ „Alles, was ich Ihnen hier mit vielen Worten ſage, geſchah ſo natürlich, ſo ungezwungen, ſo raſch auf einander, ſo leicht! wir hatten noch kein Wort zu ſprechen Zeit gehabt, konnten auch jetzt nicht Zeit finden.“ „Kaum ſaßen die beiden Negerinnen zu ihren 8 — 271 6— Füßen, als ſie auch ihr Spiel begannen. Mira, ſo hieß die Schwarze, die ſich auf der Matte vor Leon⸗ tinen niedergelaſſen, hatte ihre Füße, ihre Hüften in einander gekreuzt wie eine Indianerin, die Hände ihrer Gebieterin erfaßt, ſie geküßt und ſie einen Au⸗ genblick mit einem Blicke angeſehen, feurig ſchlau und lüſtern; auf einmal wirbelten die beiden Mädchen in einander— wie zwei Schlangen, die ſich in einander kreiſeln. Die Scene ſtreifte ſtark über die Gränzen der Schicklichkeit hinaus, aber ſo natürlich war das Spiel, daß der Blick unmöglich ſich von den Bewe⸗ gungen den beiden reizenden Mädchen abwenden konnte.“ „Ruhig, Mira! Ruhig, rief Leontine.“ „Und ihre Hand fuhr über den Tiſch und haſchte nach einem Stücke Zwieback, und ſie brach es, und während ſie ein Stückchen zwiſchen ihre ſchneeweißen Zähnchen warſ, öffnete die Negerin ihr, ich kann es nicht anders nennen, ſ chneeweißes Gebiß, und fing das Bröckchen auf, und die Beiden wurden ſo wühlig!“ „Und Leontine rutſchte, und hüpfte, und ſprang mit einer ſolchen Beweglichkeit auf dem Sopha herum, zehn Mal in einer Sekunde an mich anprallend, ab⸗ —" 272— prallend, wieder anprallend, und doch berührten kaum ihre Füßchen die Matte.“ „Und während dieſes Spieles, das mir heiß zu machen begann, ich verſichere Sie, plapperten die bei⸗ den Maͤdchen ſo ungenirt, lachten ſo herzlich, ſo naiv, wieſen ihre Perlenzähne ſo lieblich durch die ſchwel⸗ lenden Lippen!“ „Es iſt Ihnen vielleicht nicht unbekannt,“ wendet ſich der Graf an Vergennes und d'Ermonvalle,„daß die Neger und ſelbſt jene Farbigen, deren Blut meh⸗ rere Male mit dem europäiſchen gekreuzt iſt, unſerer Sprache ſelten ganz mächtig ſind, und das Zeitwort nie gehörig anzubringen wiſſen. Ihre Sprache iſt in der That mehr abgebrochenes Kindergeplauder, und klingt unangenehm in den Ohren. Aber das Ge⸗ plapper dieſer beiden Mädchen war ſo muſtkaliſch, hatte etwas ſo kindlich Naives, recht ins Innerſte Dringendes! Jeder Laut war unausſprechlich zitternd, vibrirend.“ „Ich konnte mich nicht ſatt hören.“ „Die Negerin hatte Leontinen's Füßchen erfaßt und ſie leicht gekitzelt. Wie ein Federball prallte ſie an mich an, ab, wieder an, und ſchaute mich an, ſo —= 273— unſchuldig, und ihre feurigen Augen ruhten ſo ſchel⸗ miſch auf mir!“ „O, was Sie da haben? rief ſie, und bereits fuhr ihr bloßer weißer ſe chwellender Arm— denn der weite Peignoir⸗Aermel bedeckte die Arme nicht viel weiter, als bis zu den Schultern— an meinen Hals, und ihre Finger hielten das Ludwigskreuz, das unter der Weſte am Bande hing.“ „Was das ſeyn?“ „Der Orden Ludwigs, holde Leontine, flüſterte ich, ihren Arm erfaſſend, um einen Kuß darauf zu drücken.“ „Sie aber ſe chnellte empor, und wieder zurück, und die Gliederchen, die elaſtiſchen Formen des Körper⸗ chens, die ſchwellenden Hüften zuckten, ſchwollen, ſchwebten und bebten unter den leichten durchſichtigen Fädchen des Battiſtmantels, der einzigen Hülle, die ſie umwallte— Das Geſchöpf ſchien nicht Blut, flüſſiges, ſtedendes Queckſilber ſchien ſie in den Adern zu haben, ſo zuckte, ſprang, tanzte alles in ihr, wie ſie anprallte, abprallte im muthwilligen Spiele. „Alles das war Spiel, bloßes Spiel, aber es war wie geſagt heißes Spiel. Dies konnte unmöglich das lüſterne Spiel eines weißen Mädchens ſeyn. Unmög⸗ —= 274 6— lich! Das Blut Africa's— in der heißen Zone in Siedhitze übergangen, glühte zu ſichtbar in dieſen Adern, ſprudelte mit jedem Pulsſchlage verſengender. Das Blut brannte— das Gehirn glühte— flüſſiges Feuer rollte in meinen Adern. Meiner kaum mehr mächtig— ſprang ich auf.“ „Wie ich aufſprang, erhaſchte mein Blick den der Mutter. Es war aber dieß ein Blick!“ „Die Alte war hinter der Glasthüre geſtanden, die halbe Stunde geſtanden; denn eine halbe Stunde war wie eine Sekunde verfloſſen.“ „Ich wandte mich kalt zu Leontinen. „In dem Augenblicke rollte ein furchtbarer Donner über unſern Häuptern hin. Ich ſchrak zuſammen ob der Stimme des Allmächtigen, die warnend zu mir ſprach. „Laſſalle war gleichfalls aufgeſprungen.“ „Laſſalle! rief ich, wir gehen, wir müſſen gehen.“ „Oberſt, wo ſind wir? ſprach er, auf mich zu⸗ taumelnd.“ „ Bei Madame Allain, fiel die Dame ein. Bleiben Sie, bleiben Sie.“ „Unmöglich, Madame, wir ſind verſprochen, ver⸗ — 275 6— lobt, verſetzte ich, die Worte glitten mir unwillkührlich von der Zunge.“ „Qu'importe, verſetzte die Mutter mit gellendem Gelächter; Qu'importe, wiederholten Leontine und Zoe.“ „Nehmen Sie ein Glas Wein.“ „Ich nahm das Glas— der Schweiß ſtand mir in dicken Tropfen auf der Stirne.“ „Leontine nahm das ihrige, nippte, und zog mich abermals auf das Sopha.“ „Wir müſſen gehen, holde Leontine— wir müſſen, Madame Allain.“ „Ah, Madame Laſſalle eiferſüchtig ſeyn, lacht Madame Allain;— die Creolinnen ſehr eiferſüchtig, ihren Herren nicht die kleinſte Freude vergönnen.“ „Sie vergeben, nahm ich abermals das Wort, denn ich fand, daß der Jrrthum, der von ihrer ſchlech⸗ ten Ausſprache herrührte, die das e wie s klingen ließ, Unheil verurſachen konnte; Sie vergeben, der Herr hier iſt nicht verheirathet. Er iſt, wie geſagt, Baron de Laſſalle, Monſieur Ducalle de Lacalle hin⸗ gegen hat Mademoiſelle der Morbihan geehelicht, —“”= 276— und— lag mir auf der Zunge, ich danke Gott, daß der nicht zugegen iſt.“ „Sie lachte mir ungläubig ins Geſicht.“ „Graf, Sie Ganäche ſeyn.“ „Das war mir ein neues Wort, aber es kräftigte mich in dem Entſchluſſe, ſo bald als möglich dieſe Charybdis zu verlaſſen. Ein einziger ſolcher Beſuch war hinreichend, uns alle reſpectabeln Häuſer in den Attacapas zu verſchließen.“ „Laſſalle, ſprach ich nochmals, wir müſſen gehen.“ „Müſſen Sie gehen? riefen die beiden Mädchen ſo muthwillig heiter!“ „Sie kommen aber doch wieder? fragte die Mutter.“ „Gewiß, gewiß, verſicherten wir.“ „Der Donner rollte abermals herauf, aber ent⸗ fernter; ein ſtarker Regen hatte die Luft abgekühlt, wir hatten vom ganzen Ungewitter nichts gehört, als dieſe beiden letzten Schläge.“ „Wir müſſen gehen, wiederholte ich dringender. Mir brannten die Fußſohlen.“ „So gehen Sie, ſprach die Mutter verdrießlich.“ „Und während wir unſere breiten Strohhüte nah⸗ men, erklangen die Töne eines Pianoforte aus dem ³ —=d 277— Saale herüber, eine kunſtfertige Hand ſpielte auf dem Inſtrumente und begleitete ein Couplet von Favart.“ „Wie, Sie haben ein Pianoforte? In ganz Atta⸗ capas ſahen wir keines.“ „Kommen Sie, eine Quadrille zum Abſchiede, ba⸗ ten die Mädchen.“ „Nein, nicht jetzt, holde Leontine, das nächſte Mal. Ich fühle zu heiß.“ „Ein Franzoſe, ein Graf, und einer Dame Qua⸗ drille abſchlagen, lachte Leontine, ohne jedoch beleidigt zu ſeyn— Pfui! Mira, Mira, kommt denn!“ „Und die beiden Mädchen ſprangen von den Mat⸗ ten auf, und herüber klangen die Töne des Piano⸗ forte, und nach einigen Accorden gingen ſie in eine Quadrille über, und die vier Mädchen führten die Figuren durch, die Grazien ſelbſt hätten ſie nicht züch⸗ tiger, ſinnlicher, reizender darſtellen können.“ „Unſere Augen hingen an der Thüre, an den herr⸗ lichen Geſtalten. Die Quadrille ging in ein Menuet über. Abermals hielten die Mädchen an, uns for⸗ ſchend anſchauend.“ „Sie erfaßten unſere Hände, nahmen uns die Hüte ab.“— —:= 278 8— „Abermals verweigerten wir feſt den Tanz.“ „Die Mädchen ſahen uns mit einer momentanen Wolke auf der Stirne an, aber ſie verflog; im näch⸗ ſten Momente verneigten ſie ſich ſittſam, und waren im Begriffe, die Gallerie zu verlaſſen.“ „Alſo, ſprach die Mutter, Ihre Pferde in Bereit⸗ ſchaft ſtehen, Sie gehen?“ „Adieu! riefen Leontine und Zoe.“ „Adieu! und keinen Abſchiedskuß?“ „Abſchiedskuß? riefen Mutter und Töchter, während die beiden letztern in der Glasthüre verſchwanden. Wo denken Sie hin?“ „Ich ſah ſte fragend an. Mein Blick mochte ihr ſeltſam erſcheinen.“ „Wo Sie hin denken? Sie in einem reſpectabeln ehrbaren Hauſe ſeyn,— ſprach die Mutter, ſich leicht in die Bruſt werfend.“ „Gewiß, gewiß, zweifle gar nicht daran, murmelte ich. Das Nimporte ließ mich die Worte nicht ſtärker ausſprechen.“ „Wollen Sie arrangiren, fluͤſterte die Madame leiſer, dann etwas anderes ſeyn; Leontine— 4 „Iſt ein allerliebſtes Kind— 4 —= 279 6— „Ein liebes Kind, das mir viele Freude verurſa⸗ chen, mein Stolz ſeyn, bekräftigte die Mutter.“ „Sie haben alle Urſache— eh bien! ſprach ich, auf dem Punkte abzugehen.“ „Eh ben! wiederholte ſie, ſich zu meinem linken Ohr heranneigend— Eh ben! fünftauſend.“— „Ich ſchaute ſte zweifelhaft an— wußte nicht, was ſie ſagen wollte. Wer konnte auch?“ „Eh ben, wiederholte ſie, fünftauſend.“— „Fünftauſend? wiederholte ich gedankenlos.“— f„Sollen Sie—* „Wen, was? fragte ich.“ „Ganache! ſprach ſie unwillig. ¹ „Ich ſchaute nochmals die Mutter an, ſie mich.“ „Sie doch bald wieder La Chartreuse ſehen?“ „Gewiß, ſprach ich.“ „Adieu!“ „Adieu!“ „Und wir gingen; mit welchen Gedanken, Empfin⸗ * dungen kann ich Ihnen nicht beſchreiben, denn mir ſchwamm Alles vor den Augen. So viel erinnere ich mich jedoch, das ich Laſſalle mit hohler Stimme —= 280 G— in das Ohr raunte: Gott ſey Dank, daß Lacalle nicht mit uns war.“ „Ich habe vergeſſen, zu ſagen, daß Lacalle mit mir reiten wollte, was ich aber, warum weiß ich ſelbſt nicht, für dieſes Mal verbat, ſo lieb mir ſonſt ſeine Geſellſchaft war.“ „Sowohl er als Hauterouge waren noch nicht zurück, als wir ſpät in der Nacht ankamen. Wir begaben uns zur Ruhe, ohne ein Wort über das Abenteuer zu ſagen. Wohl hatte die Chartreuſe uns Stoff zum Nachdenken gegeben.“ III. Die Allains. Auch uns hatte ſie Stoff zum Nachdenken gegeben; — eine tiefe Stille war eingetreten, die jetzt durch eine plötzliche unwillkührliche Regung unterbrochen ward.— Doughby biß ſich in kentuckiſcher Manier die Lippen, Richards putzte nach einander die Lichter, ich war mit ihnen aufgeſtanden. Unſere Blicke fielen auf den Grafen. —= 281 6— Er ſaß in tiefem Nachſinnen wie verſunken, die leicht gerunzelten Lineamente ſeines Geſichtes überflog etwas Düſteres, ſein ſtarkes Athemholen verrieth An⸗ ſtrengung, ſein Blick war ſchwer, ſein ganzes Weſen das eines Mannes, der litt, ſeine Stirne war feucht. Die Creolen und Franzoſen waren ſitzen geblieben — nachdenkend, ernſt. Papa Menou ſchlug jetzt die Augen auf.„Vigne⸗ rolles, fehlt Dir etwas? Du haſt Dich angeſtrengt.“ Der Graf winkte ihm, und verſank in ſein voriges düſteres Schweigen. Abermals firirte ich den Mann. Jetzt fiel ſein Auge auf mich— trübe, nachdenklich. Er holte tief Athem. Wir ſetzten uns. „Es gibt eine Blindheit der Loyalität, eine Blind⸗ heit des Haſſes, der Rache, des Geiſtes, der Leiden⸗ ſchaft überhaupt, die zuweilen den ſtärkſten Verſtand ſo übermeiſtert, ſo unwiderſtehlich mit ſich fortreißt, daß das herrliche Weſen, der Mann, der Herr der Schöpfung gewiſſermaßen zum Thiere wird, bloß ſeinem Inſtinkte folgt;“ hob endlich der Graf wieder an.„Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 19 —= 282— dieſe Erfahrung gemacht;— es war an und nach jenem merkwürdigen Gewitternachmittage, der Ein⸗ drücke zurückließ, als ob ich vom elektriſchen Fluidum, das ſich an dieſem Nachmittage entleert, getroffen worden wäre. Doch ich war ja nicht allein,— Laſſalle war ganz auf gleiche Weiſe getroffen.— Es war etwas Seltſames, das damals mit uns vorging. Uns war es, wie den vom Alp Gedrückten; eine ge⸗ wiſſe Beklemmung, mit einem ganz eigenthümlichen Reize verbunden, hatte ſich unſer bemeiſtert. Leontine und Zoe kamen uns vor, wie zwei häßliche und gleich darauf wieder wie zwei unſäglich reizende Vampyre. — Wir ſchraken zurück vor der Umarmung der Un⸗ geheuer, und doch ſehnten wir uns wieder nach ihren Krallen. Wir fühlten, daß ſie unſer beſtes Lebens⸗ blut ausſaugen,— wir verloren ſeyn mußten; aber es zog uns hin zur Chartreuſe, mit unſichtbarer, un⸗ widerſtehlicher Gewalt. Wir dachten nur an die Chartreuſe.“— „Wir waren die folgenden acht Tage eben ſo viele Male ausgeritten in der Richtung der Chartreuſe, immer aber in der Mitte des Weges ſtecken geblieben; ein innerer Sturm trieb uns vorwärts, eine innere —— — 283 6— Stimme wieder zurück, uns ward bei alldem klar, daß ein zweiter Beſuch, ein zweites Verweilen in dieſem Syrenenverſtecke uns den verführeriſchen Geſchöpfen ganz eigen machen, wir verloren ſeyn mußten, und doch—“ „Wir waren einſilbig gegen Hauterouge, gegen Amadee, gegen unſere Diener, gegen alle Welt gewor⸗ den; wie zwei junge blöde Leute, die in ihrer erſten Liebe befangen ſind, ſprachen wir bloß mit einander über— Leontine— Zoe— kurz wir waren auf eine Weiſe befangen, die Ihnen wohl unglaublich erſchei⸗ nen mag.— Wir ſelbſt hätten ſie uns noch eine Stunde vor dieſem fatalen Nachmittage nicht als möglich träumen laſſen.“ „Es war, glaube ich, am zehnten Tage nach dieſem unſerem fatalen Beſuche der Chartreuſe. Amadee war ſo eben aus dem Kirchſpiele gekommen, ſeine Miene drückte Kummer und die Verlegenheit eines getreuen Dieners aus, der Nachrichten bringt, die mißfällig die Ohren ſeines Herrn berühren müſſen. Er wagte es nicht, den Anfang zu machen, ich nicht, ihn zu fragen.“ „Zwei Reiter ſprengten in den Hof; es waren La⸗ 49* — o 284 6— calle und Hauterouge, die die letzten Tage bei einander zugebracht hatten; denn wir waren, wie geſagt, un⸗ genießbar geworden.“ „Beide waren ungemein ernſt; ſie ſahen uns, ein⸗ ander an— waren im Begriffe, zu reden— konnten jedoch kaum die gewöhnlichen Begrüßungen hervor⸗ bringen. 4 „Ma foi! hob endlich Hauterouge an, ich wollte, dieſe verwünſchte Milchkuh wäre beim Teufel, ſie hat mehr Unheil angerichtet.“ „Wie, iſt ſie noch nicht gefunden, eingefangen? fragte ich.“ „Lacalle und Hauterouge wechſelten Blicke, die zu ſagen ſchienen: er iſt ganz und gar blind und taub.“ „Du weißt alſo nicht, Oberſt, daß Roche Martin ſie den folgenden Tag zurückgebracht hat?“ „Wohl denn, und was hat die arme Kuh weiter verbrochen?“ „Was ſie weiter verbrochen hat? erwiederte Haute⸗ rouge ungeduldig; nichts weiter, als daß ſie Veran⸗ laſſung zu einem Gerede, einer Klatſcherei geworden, von der das ganze Kirchſpiel voll iſt.“ „Und dieſes Gerede?“ — — 2 285 6—— „Daß ich in der Chartreuſe geweſen, da getanzt. u „Daran iſt die Harthörigkeit dieſer Madame Allain Urſache, fiel Laſſalle ein. Wir ſagten ihr wohl zehn Mal, daß Ich nicht Du, ſondern Ich der Baron Laſſalle wäre.“ „Lacalle, der ein bloßer ſimpler Edelmann war, verdroß, was er eine Anſpielung auf ſeinen neuen Adel wähnte.“ „Auf alle Fälle wäre es auch für den Baron Laſſalle beſſer geweſen— er betonte das Laſſalle ſpöttiſch— die Chartreuſe, wie ſte genannt wird, nicht zu ſehen.“ „In dieſem Punkte wird mir Herr von Lacalle er⸗ lauben, erwiederte Laſſalle hitzig, meinem eigenen Rathe zu folgen.“ „Wie es beliebt, entgegnete hitzig Lacalle;— aber dann wird mir es Baron von Laſſalle auch nicht übel nehmen, wenn—“ „Pfui! verwies Hauterouge; pfui, Meſſieurs! Freunde! Geziemt ſich dieſe Sprache zwiſchen Kriegs⸗, Zeltkameraden, die ſich zehnmal Freundſchaft bis in den Tod geſchworen haben? Ich ſage Dir, Laſſalle— Madame Lacalle hat in meiner Gegenwart erklärt, — o 286— ſie würde weder den Oberſten noch Dich mehr in ihrem Hauſe empfangen, wenn Ihr nicht die Beſuche bei Allains abſtellt. Es iſt eine Stimme in dieſem Punkte in dem ganzen Kirchſpiele— jedes Haus iſt Euch verſchloſſen, ſo Ihr—“ „Ich hatte bisher geſchwiegen, aber dieß war mir zu ſtark. Ich wollte reden, Amadee unterbrach mich: Und ſo hat Monſteur Boſſompierre, ſo hat er erklärt — er würde, ſo leid es ihm thue, einen ſo geachteten Herrn, wie den Herrn Grafen—, doch nicht umhin können, ſich ſeine Beſuche zu verbitten, im Falle er nicht die abſcheuliche Chartreuſe— „Ich bitte Sie um Gottes Willen, ſtellen Sie dieſe Beſuche ein, bat Lacalle. Ich müßte Ihnen mein eigenes Haus verſchließen, oder meine Frau würde es mir thun.“ „Wir ſind nicht in Frankreich, nicht in Paris, re⸗ monſtrirte Amadee, wo dieſe espèce de gaieté— a „Stoͤren Sie nicht den Frieden, die Eintracht, Ihre, unſere Zukunft! beſchwor uns Lacalle.“ „Wegen ſolcher Creaturen! rief wieder Amadee. „Wegen ſolcher Creaturen ſich mit der ganzen Nie⸗ derlaſſung zu überwerfen, wäre Raſerei! Hauterouge. —=0 287 6— „Wiſſen Sie, Oberſt, wer dieſe Allains ſind, dieſe Bewohner der Chartreuſe?“ „Und wer ſind Sie? fragten wir. Wir wußten nämlich, wie recht verblendete junge Liebesthoren, noch nichts weiter von ihnen, als was wir geſehen und ge⸗ hört hatten.“— „Die Mutter war die Maitreſſe eines ſpaniſchen Kaufmannes, den ſie ruinirte, und deſſen Familie ſie um die Pflanzung beſtahl. Von ihm iſt die älteſte Tochter.“— „Dann war der Vater gerechter als die Welt, ver⸗ ſetzte ich. Er wußte, daß ſie ſeine ehelichen Kinder ihr Glück finden laſſen— aber ſeine farbige Tochter verſtoßen würde; er hat in meinen Augen wohl ge⸗ than, für ſie zu ſorgen.“ „Ah, ſprach der Graf, man wird ſophiſtiſch gerecht, wenn Leidenſchaft der Stachel iſt.¹ „Die beiden jüngern, fuhr Hauterouge fort, ſollen die Töchter eines franzöſiſchen Kaufmannes von Nan⸗ tes ſeyn, den ſie ſpäter in ihr Garn zu locken wußte, und gleichfalls bis auf die Haut auszog.“ „Die älteſte Tochter, fiel wieder Amadee ein, hat einen Pflanzer von Point Coupée zum Beſchützer, —= 288— der, wie es heißt, fünftauſend Gourds baar nieder⸗ legte und nebſtdem die Chartreuſe noch herſtellte, die das ſchönſte Gebäude in den Attacapas ſeyn ſoll. Er iſt darüber mit ſeiner Familie zerfallen, und lebt auch in der Chartreuſe.“ „Sein Name? fragte ich in Gedanken.“ „Pierre Bournet oder Bornet.“ „Das alſo war der Pierre, ſprach ich zu Laſſalle.“ „Laſſalle nickte.“ „Unſere beiden Freunde, ſo wie Amadee, verloren alle Geduld.“ „Vergieb Oberſt! rief Hauterouge heftig, aber wahrlich, es iſt weder die Zeit noch der Ort zu— Galanterien.“ „Monsieur le baron de Hauterouge, ſprach ich, mich erhebend: und der Stolz der Vignerolles regte ſich.— Monsieur le baron de Hauterouge, wieder⸗ holte ich, ich bin weit entfernt, Ihnen Vorſchriften in irgend einer Hinſicht ertheilen zu wollen, aber eben ſo weit entfernt, ſie mir ertheilen zu laſſen.“ 3 „Mich verdroß, was mir damals ein kleinſtädtiſch ungeſtümes, ja unzartes Einmiſchen in meine Ange⸗ legenheit ſchien.“ —= 289— „Aber mein Gott, Oberſt! fiel bittend Lacalle ein — wer hat je gehört, daß ein Cavalier, ein Mann wie Sie, wegen ſolcher Creaturen— 2⁴ „Was nennen Sie Creaturen? fiel ich Lacalle in das Wort. Ja, ſie ſind Creaturen, die reizendſten, verführeriſchſten, die ich je geſehen, je ſehen werde, Creaturen, die ohne ihre Schuld in ihrer Wiege be⸗ reits mit einem Stigma gezeichnet, ſo gezeichnet ſind, daß der elendeſte Creole auf ſie wie auf ein verpeſtetes Weſen herabſieht. Und warum und weßhalb?— weil die Tradition ſie einiger Tropfen farbigen Blu⸗ tes beſchuldigt, ſie, die an blendender Weiße der erſten Herzogstochter Frankreichs nicht nachſtehen. Wer iſt die Urſache dieſer moraliſchen Erniedrigung, als dieſes Vorurtheil?— das ſie bereits in der Wiege gezeich⸗ net, in den Windeln zu einem Gewerbe verdammt, das— o dieſe Ungerechtigkeit iſt entſetzlich!“ „Sie ſehen,“ wendet ſich der Graf an Vergennes, „daß ich und Laſſalle damals ſo ziemlich dieſelbe Sprache führten, die wir einige Stunden ſeither von Ihnen vernahmen. Ach unſere humanen Anwand⸗ lungen haben oft, glauben Sie mir es, ſehr verdäch⸗ tige Urſprünge!“ —=8 290— „Und wer ſind diejenigen, ſchrie ich bitterböſe weiter, die dieſe Farbigen ihres Umganges, ihrer Geſellſchaft, ihres Blutes ſelbſt unwürdig erklären? Wer? fragte ich. Creolinnen, Abkömmlinge von Müttern, die großentheils— man kennt ja die Coloniſationsge⸗ ſchichte von Louiſiana.“ „Die keine Sylbe ausſprechen können, ſiel Laſſalle ein, die jedes Wort intoniren, wie wenn ſte eine Geige ſtimmen wollten, Z-i-r-a-i- a-La z-a-s-S-e, e-t 2z'e V-O-u-s a-s-s-u-r-e q-u-e z“e r-e-n-t-r-a-i a-v-O-C m-a z-a-r-z-e d-e 2z-i-b-i-e-r*) ſpot⸗ tete er nach.“ „Lacalle und Hauterouge ſtürmten bitterböſe zur Gallerie hinaus. Es war das erſte Mal, daß unſer innig freundliches Verhältniß einen Stoß erlitten, aber die Leidenſchaft iſt blind.— Acht Tage hatte ſie in *) Verdorbene Creolen⸗Ausſprache ſtatt Jirai à la chasse et je vous assure, que je rentrai avec ma charge de gibier. Obwohl die Creolen das Franzöſiſche ziemlich gut ſprechen, ſo ziehen und dehnen ſie häufig die Sylben auf eine ſonderbar ſingende Weiſe, die unangenehm in den Ohren klingt. Viele ſprechen auch das j wie 2 und das ch wie ce oder z.— Es iſt dieſes natürlich nicht mehr bei den höhern Klaſſen, die eine ge⸗ bildete Erziehung genoſſen haben, der Fall.— — —= 291 6— uns wie das Feuer in den Eingeweiden des Vulkans gebrannt— der Widerſpruch— 4 „Eh bien, ſprach Laſſalle, der aufgeſtanden war und den Beiden nachſah, wie ſie ſtürmiſch ſich auf und in die Sättel warfen, und davon flogen. Eh bien?“ „Wir wollen auch fort, Amadee, laß unſere Pferde ſatteln.“ „Ich wagte es nicht auszuſprechen wohin, aber mein Blick verrieth es.“ „Wir wollen fort, rief Laſſalle, ſogleich— jetzt wollen wir— wollen ihnen zeigen— ⁴ „Das wollen wir dieſen gemeinen Spießbürgern, glauben ſie, wir ſeyen gekommen, um uns von ihren Pfahlbürgeranſichten über Ehe und derlei— laß unſere Pferde ſatteln, rief ich Amadee heftiger zu⸗“ „Herr Graf! ſprach dieſer im bittenden Tone und ſeine Stimme verſagte.“ „Was iſts, was gibt es? hörſt Du nicht?“ „Herr Graf! ſprach er etwas lauter, und abermals ſtockte er.“ „Nun, was ſoll es?“ „Herr Graf! fuhr er fort, und dem Alten ſtand — 292— eine Thräne im Auge— Herr Graf, nicht wahr, ich war ein getreuer Diener.“ „Er trat an mich heran und faßte mich bei der Hand, die er küßte.“ 3 „Ich entzog ſie ihm.“ „Amadee, was ſoll das? Wer hat an Deiner Treue gezweifelt?“ „Herr Graf, fuhr Amadee mit ſchluchzender Stimme fort, ich war, helfe mir Gott, ein getreuer Diener— bin Ihnen gefolgt durch Hitze und Kälte, Schlachten und Gefechte.“ „Das biſt Du.“ „Aber in dem, was ſie vorhaben— ich war gefolgt, ſo lange Ehre dabei war— aber in dem, was Sie vorhaben—“ „Was geht Dich das an?“ „Folge ich Ihnen nicht, ſe chluchzte und brach Amadee ab, die Stimme verſagte ihm.“ „Aber wir brauchen Dich ja auch nicht, wir wollen allein. „Eben das— könnten Sie mich mitnehmen;— aber— Sie wollen allein. Herr Graf, wir ſind hier nicht in Frankreich; kein ehrlicher Mann könnte — 9— 2 — —= 293 6— d ſeine Stirn erheben. Ah, Herr Graf, wenn Sie gehen— 4 „Und wenn wir gehen?“ „Dann, verzeihen Sie, geht Amadee auch:“ „Aber nicht mit uns?“ „Nein, aber weg— lieber will ich mir mein Brod betteln.— Hörten Sie nur, was die Leute Alles ſagen.“ „Amadee! ſprach ich,— des Dieners Worte hat⸗ ten mich heſtig auf einer empfindſamen Stelle ge⸗ troffen.“— „Du ſollſt nicht betteln, Du ſollſt nicht betteln. Willſt Du Deinen Lohn ſogleich, oder warten, bis wir zurück ſind?“ „Keinen, keinen Lohn, ſchluchzte Amadee.“ „Du erhältſt Deinen Lohn und fünftauſend Livres, biſt Du es zufrieden? Jetzt ſattle mir die Pferde— oder wenn Du nicht willſt, ſo thue ich es. „Laſſalle war aufgeſprungen und in den Stall ge⸗ rannt, die Pferde zu ſatteln.“ „Ich rannte zum Koffer, öffnete ihn und nahm eine Geldrolle, von der ich den Lohn Amadee's abzählte —= 294— — dann nahm ich einen Wechſel auf fünftauſend Livres.“ „Amadee winkte mit der Hand— ich will kein Geld. Er rannte fort.“ „Was iſt das? ſprach ich zu Laſſalle— hat ſich Alles gegen uns verſchworen? Wir wollen fort— komm. Und wir rannten, füllten unſere Jagdtaſchen mit Pulver, Blei, Cigarren, einige Bouteillen Wein, haſchten nach unſern Gewehren und ſtürzten aus der Gallerie. Auf dem Hofe ſtanden Amadee und Jean — Beide mit Thränen in den Augen.“ „Wann ſind Sie wieder zurück, Herr Graf ſe chluchzte Amadee.“ 4 „Vielleicht bald, vielleicht nicht. Bleibe oder gehe, mir iſt Alles gleich.“ „Unſer Diener rief ein: Mein Gott! und warf uns troſtloſe Blicke nach.“. „Wir waren etwa zweitauſend Schritte vom Hauſe in den Liquidambarwald eingeritten, als Pferdehufe an unſer Ohr ſchlugen. Es war Martin, der Enkel des alten Roche Martin, der uns auf ſeinem zottig⸗ gekrausten mexikaniſchen Pferdchen nachkam. „Herr Graf!“ —«x—f —=d 295 6— „Was giebt es?“ „Gehen Sie in die Chartreuſe?“ „Was frägſt Du? Du biſt ein kecker Burſche!“ „So Sie gehen, ſo bitte ich mir es zu ſagen, dann gehe ich nach Hauſe.“ „Wie Du willſt. Hat Dich Amadee ausgezahlt?“ „Nein, aber wenn Sie die Güte haben wollten. Ich habe gerade zehn Tage bei Ihnen gearbeitet.“ „Recht, wenn wir zurückkommen. Geh Du auf die Pflanzung und arbeite weiter;— Dein Lohn wird Dir nicht davon laufen.“ „Der Junge kratzte ſich hinter den Ohren.“ „Er dürfte es, wenn Sie in die Chartreuſe gehen. — Die Herren, die in die Chartreuſe gehen, haben oft in weniger als zehn Tagen ehrlicher Leute Lohn davonlaufen gemacht.“ „Und ſo ſagend, hielt der junge ſtockiſche Menſch an, ſeine Hand halb vorgeſtreckt, die Berichtigung ſeines Lohnes erwartend.“ „Wir ſahen einander an. Dieſe Sprache war uns neu. Unauslöſchlich wie der Eindruck war, den dieſe reizenden Geſchöpfe in uns zurückgelaſſen hatten, ein Eindruck, der um ſo unwiderſtehlicher werden mußte, —= 296 6— in der ſonderbaren Lage, in der wir uns befanden, zin dem hitzigen, ſieberiſchen, aufregenden Clima, im Müßiggange, umgeben von halbrohen Pflanzern und Heerdenbeſitzern, ſo hatte die Sprache unſeres Amadee bereits ſtark dieſen Eindruck erſchüttert— die des Acadiers noch ſtärker.“ „Wir hielten und ſchauten uns abermals an. Noch vor einer Viertelſtunde war unſer trotzender Entſchluß feſt geſtanden, in die Chartreuſe zu reiten; jetzt wankte er. Umgeben wie wir waren von Creolen— ab⸗ hängig von ihren Dienſtleiſtungen, gutem Willen, Meinungen, trat uns jetzt die Gefahr, der wir uns durch dieſes Trotzen der öffentlichen, freilich wie wir glaubten, ſpießbürgerlichen Meinung ausſetzten, ganz vor Augen. Wo blieben unſere Ausſichten! wo die Gründung unſerer Exiſtenz! Und Eleonore! rief mir plötzlich eine innere Stimme.“ „Wir wollen auf die Jagd, Martin, ſorach ich zum Acadier. Gehe Du nur zurück.“ „Auf die Jagd? dann brauchen Sie einen Führer. Ich kenne die Pfade bis hinauf nach Opelouſas, zur Côte gelée— die meiſten Pflanzershäuſer.“ —= 297— „Wir wollen keine Pflanzershäuſer, wir wollen auf die Prairies, wir wollen jagen, uns zerſtreuen.“ „Dann will ich mit Ihnen. Ohnehin würde es mir bange zwiſchen den vier Pfählen.— Chretien iſt jetzt auf der Jagd, und Großvater Roche.“ „Wir wollen nicht zu Deinem Großvater.“ „Aber Sie werden mich brauchen können, rief der junge Menſch entſchloſſen. Wir wollen zuſammen auf die Jagd.“ 4 „Wir ſchauten einander an. u „Vielleicht iſt es ſo beſſer, rannte mir Laſſalle zu. Nehmen wir ihn mit.“ „Und wir ritten— wohin? wußten wir ſelber nicht.“— IV. Das Abenteuer am Bayon Chicèt. Und während der Graf inne hält, und tiefen Athem holte wie Einer, der eine ſchwere Laſt ablegt, heitern ſich ſeine Züge auf, ſeine Augen fallen auf Laſſalle. Der Beiden Blicke haften freundlich auf einander. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 20 —”=298 6— Auf einmal ruft er dem Baron zu: „Friſch, vorwärts, Gaſton! Ah, dieſe heilloſen Bayous und Crevaſſes, und Creeks, und wie ſie alle heißen, ſie ſind wie zum Halsbrechen eingerichtet. Laß Deinen Renner nochmals die Füße heben.“ „Dieſer aufmunternde Zuſpruch,“ fuhr der Graf lächelnd fort,„wurde gerade drei Tage nach den Auf⸗ tritten, die Sie ſo eben gehört, einem achtundzwan⸗ zigjährigen franzöſiſchen Cavalier zugerufen, den Sie Alle zu kennen die Ehre haben, und der auf einem halbwilden, obwohl ſehr matten mexikaniſchen Hengſte ſo eben eine jener zahlloſen Creeks zu überſetzen im Begriffe ſtand, die oberhalb Cote gelée und Cour⸗ tableau die Attacapas von den Opelouſas trennen. Er hatte mit ſeinem Freunde die düſtern Wildniſſe dieſer obern Regionen zum Theile durchkreuzt, und beide befanden ſich am Rande eines jener ſchwarzen Kieferwälder, die ſich bis zu den Rapides hinauf er⸗ ſtrecken. Das Bayou war, wie es in dieſer heißen Jahreszeit gewöhnlich der Fall iſt, mehr als zur Hälfte ausgetrocknet, ein Graben, in deſſen Mitte ſich ein Streifen hellen, ziemlich tiefen Waſſers zeigte.“ „So komm doch, ſchrie ihm ſein Gefährte, der be⸗ —,— — 0 299— reits am dieſſeitigen Ufer ſtand, abermals zu; friſch gewagt iſt halb gewonnen!“ „Aber, wenn ich nun über dieſe verdammte Creek bin, was weiter? fragte Gaſton.“ „Weiter? verſetzte ſein Freund mit einer drollig verlegenen Lache— eine Cigarre iſt das Weitere.“ „Und ſofort zog dieſer aus ſeiner Jagdtaſche die Cigarrenbüchſe heraus, holte Stein, Stahl und Schwamm hervor, und rauchte den Glimmſtengel an, den er lachend Gaſton entgegen hielt.“ „Gaſton ſchlug eine Arie aus der Iphigenie Tauride an, trabte einige Schritte zurück, gab ſeinem Roſſe die Sporen, und war in den nächſten drei Sekunden glücklich auf dieſſeitigem Boden in den Armen ſeines Freundes, der ihn brüderlich aufnahm; denn der gute Gaſton, trotz ſeinem Rufe, der beſte Reiter im Regi⸗ mente Monſteurs zu ſeyn, hatte den Boden geküßt.“ „Und die beiden Freunde, wie ſte ſich einander be⸗ ſchauten, brachen in ein ſchallendes Gelächter aus.4 „Alle Teufel, wie wir ausſehen!“ „Und ſie ſahen aus— Meſſieurs,“ fährt der Graf fort,„verſichere Sie, ſie würden dem Kapitän einer Voltigeur⸗Compagnie von Sanscülotten, nach einem . 20* — d 300 6G— vierwöchentlichen November⸗Bivouak in der Bretagne, Ehre gemacht haben. Der Eine hatte die beiden Schöße von ſeinem Nanking⸗Fracke eingebüßt, der Andere die obere Hälfte ſeiner Inexpreſſibles mittelſt Weidenflechten an die untere gebunden; Gaſton ſtatt des Hutes ein Sacktuch um den Kopf gewunden, ſei⸗ nes Freundes Kopf ſtak zwar noch in dem Strohge⸗ flechte, aber der Rand war verſchwunden.“ „Alle Teufel, rief Gaſton, wir ſehen ja ärger aus, ärger als dieſe Acadier nach einem Balle.“ „Und Beide lachten wieder laut auf. Sie waren nämlich zu einem ſolchen Balle am Courtableau ge⸗ kommen;— eine große Holz⸗ und Lehmhütte, da⸗ rinnen eine keifende Sackpfeife, und um dieſe luſtig herumhopfend Enkel, Enkelinnen, Väter, Mütter, Großväter, Großmütter barhaupt, barfuß in Car⸗ magnollen,*) Braguets**) und Mitaſſen.“**) „Hätten wir nur eine dieſer Braguets oder Mi⸗ *) Früher die gewöhnliche Kleidung der Acadier. **) Stücke Tücher, die um die Lenden und den Gürtel ge⸗ ſchlungen werden, und die Stelle der Beinkleider vertreten. ***) Eine Art Gamaſchen, reichen vom Knöchel bis über das Knie. —= 301 6— taſſen! rief Gaſton, ſeinen hoſenloſen Schenkel er⸗ hebend.“ „Oder ein Glas ihres Taffia.“ „Oder einen Teller voll ihres Gombo.“ „Ein wunderliches Volk, rief wieder Gaſton. O, was gäbe ich nur für eine Stunde beim humbleſten Reſtaurateur Verſailles.“ „Oder für ein Stübchen im Pavillon der Herzogin N!“. „Oder eine Soirée bei der Marquiſe—!“ „O Eleanor!“ „O Gabriele!“ „Weißt Du aber auch, daß ich hungrig bin?“ „Und ich durſtig!“ „Und ich Beides zuſammen!“¹ „Und ich halb geſchunden!“ „Und ich halb todt!“ „Und wir Beide würdige Subjekte für alle der Barmherzigkeit!“ Und abermals brachen die beiden Freunde in ein ſchallendes Gelächter aus. Der Graf erzählt ſo heiter, ſo fröhlich, ſeine Mimik iſt ſo lebendig, ſeine Stimme ſo friſch und klangreich; Werke —= 302 6— — Alles an ihm athmet einen wie neugebornen Geiſt, Er fährt fort: „Die beiden Franzoſen, Meſſteurs, um das In⸗ cognito nicht länger beizubehalten, waren Gaſton de Laſſalle und ſein Buſenfreund Louis de Vignerolles, die, wie geſagt, drei Tage zuvor ſich der Leitung des jungen Acadiers anvertraut, um— ihre Liebes⸗ raſereien zu verſcheuchen.“ „Sie hatten den Teche hinauf gegen die Côte gelée und Courtableau zu gejagt, eine Nacht einem Balle oder vielmehr dem Ende deſſelben in einer Acadierhütte beigewohnt, die zwei andern im Freien geſchlafen, bivouakirt,— von Rehrücken, auf hölzernen Spießen gebraten, ihr Mittagsmahl gehalten, wieder an Rehrücken ihre Abendmahlzeit, und ſo allmählig die nördliche Gränze der Attacapas betreten, an Geiſt und Körper geſtärkt, obwohl mit Verluſt eines we⸗ ſentlichen Theiles ihrer Garderobe, und hungrig und durſtig, wie Sie gehört haben.“ „Es war ein drückend⸗ſchwüler September⸗Nach⸗ mittag.— Die Sonne hatte den ganzen Tag gleich⸗ ſam gebraten. Ihr kleiner Vorrath an Wein war — d 303— bereits am erſten Tage darauf gegangen. Sie hatten die Bouteillen dafür mit Taffia füllen laſſen, den ſie mit Waſſer verdünnt getrunken, aber auch der war zu Ende gegangen, und Martin eben deßwegen auf einer Entdeckungsreiſe nach friſchem Proviant.“ „Weit hinter ihnen lagen die Niederlaſſungen der Acadier. Martin hatte ſie verſichert, daß ſie bald auf amerikaniſche, oder wie er ſie nannte, Cochon⸗Yankees treffen müßten, die ſich hier eingeniſtet, dem Verbote der ſpaniſchen Regierung und dem Haſſe der Creolen und der Eiferſucht der Acadier zum Trotze, um welche Alle ſie ſich aber eben ſo wenig kümmerten, verſicherte das Summen der Musquittos Martin, wie er um im letzten Octoberviertel.“ „Ces gars là, brummte er immer, je crois qu'ils veulent manger la Louisiane et le Mexique, à ce qu'on dit. Et ils sont insolens, ſetzte er immer hinzu, comme si la Louisiane leur appartenait, ces gars là.“ „Aber trotz dem,“ fährt der Graf fort,„wären einen dieſer Republikaner nahe wir jetzt froh geweſen, zu haben.“ „Stoß einmal in das Horn, erſuchte mich Gaſton; —= 304 6— ich kann es nicht, die Zunge klebt mir am Gaumen. Wo nur der alberne Junge ſo lange bleibt?« „Und ich ſtieß in das Horn.“ „Und indem ich ſo that, ſahen wir Beide zugleich auf, und der fröhliche, halb muthwillige Geiſt ſchwand von unſern Geſichtern, und wir ſchauten.“ „Eh bien,“ fuhr der Graf fort,„der Ton gab nicht jenen hellen, klaren Wiederhall, der bei reiner Atmo⸗ ſphäre das Herz des Jägers ſo ſehr erfreut und ſeine Nerven ſtärkt— er klang dumpf und kurz; und die Wahrnehmungen, die ſich uns aufdrangen, waren wenig geeignet, uns in unſerer frohen Laune zu er⸗ halten. Wir waren, wie geſagt, am Rande eines jener Schwarzkieferwäldler, die ſich von der Cote gelée hinauf zu den Opelouſas ziehen, hinter uns lag eine Prairie, abwechſelnd mit Palmettofeldern, Gehölzen und dichten Urwäldern, und durchſchnitten von Bayous und Gewäſſern, die ſich weſtlich vom Leboeuf gegen den Chetimachas und den Teche hinabwinden. Es war eine jener herrlichen Wieſenflächen, die, ſo oft man ſie auch ſieht und beſchreibt, dem Auge immer neu erſcheinen. Ein See von friſch grünenden, in der Blüthe ſtehenden und gereiften Gräͤſern, die unſern —:= 305— Pferden bis zu den Nüſtern reichten. Rechts ſchlang ſich ein Anflug von Palmetto eine halbe Meile von der Creek hinab,— die beiden Ufer der Creek ſelbſt waren eingefaßt mit einem Saume ungeheurer Cy⸗ preſſen; die Wieſe lag endlos vor dem Auge, weiter oben lief abermals ein Palmettofeld, an das ein Immergrün⸗Eichenwald ſtieß. Gegen Oſten zeigte ſich eine undurchdringliche Wildniß von Magnolien, Papaws, Immergrün⸗Eichen und Bohnenbäumen; gegen Norden zu der erwähnte Schwarzkieferwald. So war das Tableau uns noch vor fünfzehn Minuten erſchienen,— der kurze Zeitraum hatte den Anblick gänzlich verändert; eis⸗ und blaugraue Dünſte hatten ſich um den Horizont herum gelagert, und wurden, indem wir ſchauten, zuſehends dichter, und die grell⸗ rothe Sonnenſcheibe wurde bläſſer, und die Umriſſe der Wälder verſchwanden, und dazwiſchen lagerten ſich endloſe trockene Dünſte wie ungeheure bleifarbige Schleier, und die Luft, bisher heiß, doch elaſtiſch, wurde immer ſchwerer, die Prairie erſchien bloß noch wie eine Bucht im Nebelvorhange, der ſich zwiſchen zwei Vorgebirgen herabrollt— ſchwach und matt durchſchimmernd.— Und wie wir dieſe Symptome —“= 306 6— eines ſich vor unſern Augen entwickelnden, nicht ganz geheuren Phänomens erſchauten, begannen unſere Mienen auch jene Verlegenheit anzunehmen, die der Leichtherzige ſo wie der Starkmuthige nicht bemeiſtern kann, wenn er eine unbekannte Gefahr herannahen ſieht.“ „Schieße Dein Gewehr los, ſprach ich zu Gaſton mit einer Stimme, die mich ſelbſt durch ihre Beklom⸗ menheit erſchreckte.“ „Der Schuß ging los, der Knall wurde aber von der beengten Atmoſphäre wie verſchlungen; er war nicht bis zu den Waſſervögeln, die wir etwa hundert Schritte von uns auf dem Bayou platſchern geſehen, gedrungen.“ „Wo nur dieſer alberne Junge bleiben mag? hob ich wieder an. Dieſe Acadier ſind doch dümmer als— 4 „Stille, fiel Gaſton ein, ſtille! Sieh nur einmal unſere Pferde— was ſoll das bedeuten?“ „Die Thiere waren unruhig geworden— ſie ſpitz⸗ ten die Ohren, fingen an zu ſchnauben, ſich mit hal⸗ bem Leibe zu drehen, die Hälſe zu recken, zu ſtrecken, die Luft zu ſchnauben, ungemein ängſtlich zu werden. — —— —=0 307— „Wir ſahen uns bei dieſem Wittern unſerer Thiere beſorgt an.“ „Sie wurden immer ängſtlicher, trotz ihrer Müdig⸗ keit ſtreckten ſie die Hälſe immer verlangender in der Richtung, die den Dünſten entgegengeſetzt lag.“ „Hier können wir nicht bleiben, ſprach Gaſton. u „Aber wohin?“ „Uns den Pferden überlaſſen.“ „Und wir beſtiegen unſere Roſſe, und kaum waren wir auf ihren Rücken, als ſie ſich auch in kurzen Galopp ſetzten, und längs der Creek zwiſchen dem Cypreſſenwalde und dem Palmettoanfluge, wie von einer tollen Meute Hunde gejagt, fortrannten. Die Creek ſchien ſich zu erweitern— ſtatt des Palmetto begann ſich Sumpfrohr zu zeigen; unſere Pferde wur⸗ den immer ängſtlicher. Die ganze Natur war wie ausgeſtorben, zuweilen ließ ſich das Geſchrei einer Wildgans hören, der Schrei aber war ſchrill, un⸗ heimlich.“ „Was hat das zu bedeuten? hob nach einer langen Weile Gaſton wieder an. Mir wird ſo ſchwül, ſo heiß, und doch kein Schweiß. Stoße nochmals ins Horn.“ —= 308— „Und wir hielten an, und ich ſtieß abermals in das Horn.“ „Und der Ton erſtarb mir auf den Lippen, es war mir, als ob die geſchwängerte Atmoſphäre ihn durch die Röhre mir zurück in den Mund drängte.“ „Die Luft war nun ſo heiß, ſo trocken geworden, daß die gekräuſelten Haare unſerer kurz zuvor noch vom Schweiße triefenden Pferde wie geleimt anein⸗ ander klebten,— die Thiere ihre Zungen ausreckten, und nach Luft und Kühlung lechzten.“ „Sieh einmal! rief Gaſton abermals.“ „Wir ſchauten.“ „Die Ränder des Horizontes, bisher grau und blei⸗ farbendunſtig, begannen ſich gegen Südweſt zu röthen, die Dünſte wurden räucherig.“— „Hörſt Du nichts? fragte ich.“ „Wir horchten.“ „Von Zeit zu Zeit ließ ſich etwas wie Kniſtern hören mit einem entfernten Gekrache, ähnlich dem Pelotonfeuer einer Truppenabtheilung bei neblichtem Wetter. Bei jedem ſolchen Gekrache ſchreckten unſere Pferde zuſammen.“ — —= 309 6— „Die Creek wurde allmählig breiter, der Boden ſumpfiger, wir hielten unſchlüſſig an.“ „Wir können in dieſer Richtung nicht fort, meinte Gaſton, wir müſſen zurück auf die Prairie, in das Palmetto, wo wir wenigſtens Kühle finden.“ „Wohlan, wir wollen zurück.a „Und wir ritten zurück an den Ort, wo wir über⸗ geſetzt; aber unſere Pferde wollten ſich abſolut nicht mehr zum Sprunge über das Bayon verſtehen. Nur mit vieler Mühe brachten wir die ſtutzigen Thiere endlich dazu.“ „Die Röthe am Horizonte war mittlerweile greller, die Atmoſphäre heißer, trockener geworden, der Rauch hatte ſich über Prairie, Wald und Palmetto hinge⸗ lagert. Wir nahmen die Richtung, in der wir letzte⸗ res wußten.“ „Sieh nur, rief Gaſton, noch vor einer halben Stunde war das Rohr ſo friſch, als wenn es ſo eben aufgeſchoſſen wäre, die Blätter hingen jetzt wie Excuſes von den dürren Lenden unſerer ci devant Hofkavaliere herab.“ „Meiner Treu, Gaſton, das iſt ein bedenkliches Symptom. Mir vergeht alle Luſt zum Scherzen.“ —= 310 6— „Auf einmal rief er: Was iſt das? u „Die ganze Prairie, der Horizont, Alles und Alles vor uns gegen Süden und Südweſt hinab war eine dichte endloſe Rauchmaſſe, aus der die Sonne noch grellroth durchſchimmerte, aber ſchwächer und ſchwä⸗ cher, zuletzt hing ſie noch wie eine matterleuchtete Papierlaterne am Himmel. Der Rauch hatte ſich erſtickend herangewälzt, ſo daß unſere Roſſe keuchend umſprangen und wieder dem Ufer des Bayou zu⸗ rannten. Hinter dem Rauchvorhange, der jetzt die ganze Prairie verhüllte, glaubten wir ein entferntes Hiſſen und Ziſchen, wie das vieler Schlangen, zu hören.“* „Unſere Roſſe arbeiteten ſich keuchend, zitternd an allen Gliedern, vorwärts.“ „Was iſt das! riefen wir abermals, zugleich ab⸗ ſpringend und die Thiere anſchauend, die ſchnaubend dem Uferrande, dem Waſſer zueilten; kaum daß wir im Stande waren, ihnen das Hineinſpringen zu wehren.“ „Wir hatten den Saum der Cypreſſenwaldung, die das Bayou an beiden Ufern einfaßte, betreten. Der rothe Streifen uns zur Rechten wurde immer heller, — —" 311 6— ſchimmerte immer greller durch die düſteren Cypreſſen, deren ungeheure Wuchten noch den Rauch abhielten. Das Kniſtern ließ ſich jetzt ſtärker hören.“ „Was ſoll das bedeuten? rief Gaſton erſchrocken.“ „Gott Gnade uns, das bedeutet, was ſie einen Wald⸗ oder Prairiebrand nennen, ſetzte er hinzu.“ „Einen Wald⸗ oder Prairiebrand, wiederholten wir Beide mit ſo ſtupiden Mienen! Und wir ſchauten uns an wie Leute, denen der Verſtand ſtille ſteht.“ „Der Rauch drang immer ſtärker durch die Cy⸗ preſſen.“ „Mein Gott! was zu thun? rief Gaſton abermals mit halberſtickter Stimme, und Thränen kamen uns in die Augen.“ „Auf einmal fuhren unſere Pferde zuſammen, als ob ſie vom Fieberfroſte gerüttelt würden, und ſprangen dann vor. Ein Rudel Hirſche brach dicht an uns vorüber durch das Sumpfrohr, und ſtürzte ſich in das Bayou, das er bis zur Mitte durchſchwamm; wie die Thiere in die Mitte kamen, blieben ſie ſtehen— nicht fünfzig Schritte von uns, ſahen uns an, ſo Hülfe flehend, mit ſo bittenden Blicken! wir glaubten Thrä⸗ nen in den Augen der Thiere, Angſt in ihren Zügen zu leſen. Wir ſchauten die Hirſche an, unſere Pferde, uns ſelbſt, wieder durch den Cypreſſenſaum auf die Prairie hinab. Der hellrothe Streifen kam leckend, drohend immer näher, und ein Luftzug vor ihm, ein ſo heißer Luftzug! daß das Bischen Schweiß, das noch aus den Poren drang, mit einem Male ganz vertrocknete. Der Luftzug ließ ſich ſtärken hören, ein lang gezogenes, Nerven erſchütterndes Pfeifen, Zi⸗ ſchen, Hiſſen, und dann ein Gepraſſel, und mitten durch den erſtickenden Rauch eine helle Flamme, und gleich darauf eine Feuerſäule, was ſage ich eine Feuer⸗ ſäule, ein Feuermeer— das ganze ungeheure Pal⸗ mettofeld war in Flammen. Die Hitze war nun ſo verſengend geworden, daß wir jeden Augenblick er⸗ warteten, die Fetzen an unſern Leibern würden ſich entzünden. Wir riſſen unſere Pferde oder unſere Pferde vielmehr uns dem Bayou zu Sie ſprangen zugleich in das Waſſer und zogen uns längs dem Ufer hinab.— Ein friſches Gekrach, Geraſſel in dem Sumpfrohr. Eine Bärenmutter, mit ihren Jungen auf dem Nacken, kam auf uns zu,— abermals ein Rudel Hirſche, die nicht zehn Schritte von uns ins Waſſer ſprangen. Wir hoben unſere Gewehre auf — d 313 6— die Bären, die Mutter wandte ſich weg— gegen die Hirſche zu; wir ſchauten und ſchauten,— Hirſche und Bären ſtanden nicht fünf Fuß von einander, zitternd, wie arme Matroſenknaben in der gräulichen Winter⸗ nacht auf dem ſtürmiſch bewegten Ozean.“ „Und der Thiere kamen mehrere, Hirſche, Wölfe, Rinder, Pferde, alle kamen ſie, Schutz in dem einen Elemente gegen das andere zu ſuchen; die meiſten aber brachen weiter unten in das Bayou ein, das ſich erweiternd ſeeartig gegen Nordoſten hinüber⸗ ſchwoll.“ „Und ſeltſam, wie die Thiere einige ihrer Vorgän⸗ ger hinabziehen ſahen, folgten ſie ohne Furcht vor ein⸗ ander. Wir ihnen nach. Auf einmal ſchallte uns Hundegebell in die Ohren.“ „Hunde! riefen wir frohlockend zugleich— Vic⸗ toria! da ſind Menſchen nicht ferne.“ „Eine Salve von wenigſtens zehn Flintenſchüſſen antwortete unſerem Aufrufe.“ „Die Schüſſe waren nicht zweihundert Schritte von uns abgeſchoſſen, wir ſahen jedoch nichts, hörten bloß die dumpfen, durch die dichten Rauchſchichten mühſam Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 21 —= 314— zu unſern Ohren dringenden Knalle. Die Thiere rings um uns her zitterten bei der neuen drohenden Gefahr, wichen aber keinen Schritt.“ „Was ſoll das? fragten wir, die wir bis zu den Gürteln im Waſſer ſtanden.“ „Eine neue Salve, die nur etwa hundert Schritte von uns abgefeuert wurde. Wir ſahen jetzt die roth aufleuchtende Flamme, hörten zugleich Stimmen durch einander, in einem Idiome, das halb franzöſtſch, halb indianiſch klang.“ „Schießt Alles todt, Alles, werft es in das Boot, und an das Ufer; haltet Euch nicht auf, brüllten ſie.“ „Es ſind Acadier threr Ausſprache nach, bemerkte Gaſton.“ „Abermals eine friſche Salve. Jetzt pfiffen einige Kugeln dicht an unſern Köpfen vorbei.“ „Halt! ſchrien wir— halt, wir ſind dal ſchießt nicht eher, bis Ihr ſeht, wohin und was Ihr ſchießt. u „Einen Augenblick war es ſtille, dann brach ein wüthendes Gelächter aus den rauheſten Kehlen. „Schießt! ſchießt! riefen wieder ein Paar Stimmen.“ „So Ihr ſchießt, ſchrien wir, ſo ſchießen wir auch — hört auf zu ſchießen!“ — 315 6— „Morbleu! S- ere! F- re!l ließen ſich jetzt zehn brüllende Stimmen hören. Wer iſt das? Was haben die uns hier zu befehlen? Schießt ſie nieder, die Hunde!“— „Haltet, haltet ein, oder wir ſchießen zurück.“ „S— re! riefen die Halbwilden abermals, es ſind Adelige aus dem Kirchſpiele, kenne ſie an ihrer Aus⸗ ſprache. Schießt ſie nieder, die Hunde, die Spione, was haben die am Bayou zu thun.“ „So Ihr ſchießt, ſo komme das vergoſſene Blut über Euch, ſchrien wir in halber Verzweiflung, unſere Gewehre in die Richtung legend, wo wir die blaß⸗ rothen Zungen aus den Büchſenröhren hervorblitzen geſehen.“ „In dieſem Augenblicke rief es ein donnerndes: Halt, was gibt es da?29 „Halt! riefen fünf Stimmen hinter einander— halt! was gibt es? Halt! oder Ihr ſeyd des Todes!“ „Sacré— ces sont des Americains! ſchrien die Acadier.“" „Halt! rief nochmals eine ſtarke rauhe Stimme, und im nächſten Augenblicke ſahen wir ein Boot, und Köpfe von Männern an uns vorübergleiten, und 21* — 0 316 6— im dunkeln Rauchvorhange gegen die Acadier zu ſchnellen.“. „Es herrſchte eine augenblickliche Stille. Darauf rief es: Herr Graf Vignerolles!“ „Da bin ich. u „Der Graf! riefen zehn acadiſche Kehlen— der Graf— der Graf, der in der Chartreuſe— ah, der Graf.“ „Und Alle brachen in ein lautes rohes Gelächter aus.“ „Wir wurden blaß und roth vor Schaam und Zorn.“ „Herr Graf! rief es abermals, und in der nächſten Minute kam das Boot an uns heran, und der junge Martin erkannte uns, und augenblicklich waren wir umringt von mehr denn zwanzig Acadiern, und fünf bis ſechs Amerikanern.“ „Die Acadier hatten, ſo wie ſie die erſten Anzei⸗ chen des Prairiebrandes geſehen, ſich in Booten auf ihrem Bayou eingeſchifft, das ſich hier mit dem Bayou Chicot vereinigt. Es bildet nämlich die Prairie mit den Wäldern und Palmettofeldern einen Winkel, der auf der einen Seite vom Bayou aux Boeuſs, auf der — 317 8— andern vom Bayon Chicot begränzt iſt; das Feuer, das in der Regel im Herbſte angelegt wird, treibt die ſämmtlichen Thiere, die da ihren Aufenthalt haben, natürlich dem Waſſer auf der einen oder der andern Seite zu. Die Acadier der Courtableau⸗ und Cote⸗ Gelée⸗Niederlaſſungen waren nun gekommen, um die geängſtigten Thiere zu jagen, halbwilde Geſtalten, kaum zur Hälfte bekleidet, die Männer bloß mit Braguets um die Lenden, die Weiber grobe Hemden und eine Art Weſte an den Leibern. Wir fühlten uns empört über die brutale Weiſe, in der ſie die Thiere niederſchoſſen. Gleiches ſchien bei den Ameri⸗ kanern der Fall. Der Aelteſte dieſer redete uns an: „Frenchers! wollt Ihr mit dieſen Acadiern, oder zieht Ihr es vor, mit uns zu gehen?“ „Wer ſeyd Ihr, meine Freunde?“ „Freunde! ſprach der Mann kopfſchüttelnd. Ihr macht ſchnell Freundſchaft— Freunde! Nein, das ſind wir noch nicht— aber wenn Ihr mit wollt?“ „Herr Graf! ſprach der junge Martin— die fünf Herren Amerikaner ſind gekommen, um Sie aufzu⸗ ſuchen. Sie waren ſo gut, als ſie hörten, daß uns die Vivres ausgegangen und wir uns verirrt.“— —= 318 8— „Scheint nicht viel in den Prairies unſerer Ope⸗ louſas noch herumgekommen zu ſeyn? bemerkte einer der Amerikaner.“ „Das nicht, mein Freund! verſetzte ich.⸗ „Ich ſagte Euch ſchon, erwiederte der Mann mit einigem Stolze, wir ſind noch nicht Freunde, aber 1 wenn Ihr amerikaniſche Gaſtfreundſchaft annehmen wollt, ſo ſeyd Ihr willkommen.“ „Wir ſahen hinüber auf die Acadier, die noch immer ſchoßen und die erlegten Thiere in die Boote und an das Ufer zogen.“ „Sind doch wahre Barbaren, murmelte der Alte dem nächſtſtehenden jüngeren Manne in engliſcher Sprache zu. Schießen mehr, als ſte Alle zuſammen in einem Jahre verzehren, in ihrem teufliſch franzö⸗ ſiſchen mordgierigen Muthwillen.“ „Habe ſchier die Notion,*) verſetzte ein junger Mann, es wäre wohlgethan, dem verd—ten Morden Einhalt zu thun.“ „Sind in Ihrem Lande, Sir, das heißt im Lande, *) Idee. — 0 319— das ihrem Herrn gehört; geht uns nichts an, ver⸗ ſetzte der Alte.“ „Wohnt Ihr weit von hier? fragte ich ein wenig ungeduldig; denn die Hitze wurde unausſtehlich der Rauch erſtickend.“ „Nicht ſo weit, wie ich es manchmal wünſchte, meinte er mit einem verächtlichen Seitenblicke auf die Acadier, aber doch weit genug, um Euch Appetit zum Nachteſſen zu machen, wenn Ihr ihn nicht ſchon habt.“ „Wenn es Cuch alſo gefällig iſt, ſprach ich, ſo nehmen wir Euer gaſtliches Anerbieten an. Und mit dieſen Worten traten wir näher an das Boot heran. 4 „Der Mann ſprach nicht Ja und nicht Nein, warf aber einen durchdringenden Blick auf uns.“ „Alſo ein Graf ſeyd Ihr? fragte er, nachdem er uns von vorne und hinten beſehen. ¹ „Ja, verſetzte ich ungeduldiger. Und wenn Ihr ſo gefällig ſeyn wolltet—“u 1 „Des Mannes Miene blieb ſo ruhig, als wenn wir in ſeiner Stube beim Whiskyglaſe geſeſſen wären.“ „Da ſeyd Ihr wohl von der Partei, die ſte Ariſto⸗ kraten heißen? fragte er nach einer Weile weiter.“ —= 320— „Wir ſchauten den Mann an— was wollte er mit der Frage?“ „Warum fragt Ihr? erwiederte ich.“ „Der Mann lehnte den Arm auf die Flinte, nahm ein dünne Rolle gedrehten Tabacks aus einer ble⸗ chernen Kapſel, biß ein Stück ab, und verſetzte: warum ich frage?— Will Euch's ſagen, warum ich frage. 4 „Alles das ſprach er ſo langſam, daß es uns bei⸗ nahe zur Verzweiflung brachte. Denken Sie ſich eine Prairie von etwa zwanzig Meilen Länge und zehn Breite, und ein Paar Meilen Palmettofelder, und Alles im Brande, dieſer Brand jede Minute näher⸗ heranleckend, an einigen erhöhten Orten, wo der Cy⸗ preſſenwald unterbrochen ward, hatte er das Bayou erreicht, das Waſſer begann heiß zu werden; denken Sie ſich nun in dieſer Lage auf allen Seiten mit Flam⸗ men und Rauch umgeben, und einigen Dutzenden halbwilder Jäger, die wie blind und toll in allen Richtungen herumſchoſſen, und zu allen dieſen den Mann und ſeine Begleiter in ihrem Boote, eine lang gedehnte Converſation anſpinnend, und wir— bis über den Gürtel im Waſſer.— Nie ward franzöſiſche — 321 4— Ungeduld auf eine härtere Probe geſtellt; wir wanden uns wie Schlangen vorwärts, rückwärts, half Alles nichts, der Mann ſtand wie eingefroren.“ „Will Euch's ſagen, hab' Vieles in meinem Leben von Ariſtokraten gehört, fuhr er mit der empörendſten Ruhe fort— Vieles für und wider die Ariſtokraten. — Scheinen ſie jetzt in der alten Welt auf dem Korne zu haben, kommen viele zu uns, haben aber keine ſo recht klare Notion, was ſie eigentlich ſind, will Euch aber meine Meinung ſagen.“ „Ums Himmels Willen, fuhren wir Beide auf.“ „Will Euch meine Meinung ſagen, Mann, fuhr der Alte fort. Während ich noch in der alten Do⸗ minion*) wohnte, und hinüber nach Frederikstown handelte, war Drover**), Mann! kehrte gewöhnlich in Bullocks Tavern ein, gute Tavern, Mann!— vortreffliche Tavern. Wohl kamen, wie ich einmal mit einer ganz artigen Heerde da hielt— auf meinem Wege nach Philadelphia hinüber— zwei Kameraden an, waren zwei Franzoſen; der eine war mit der * *) Virginien. S. Note oben. **) Viehtreiber, Händler. — e 322— Mail*) gekommen, der andere zu Fuße; der zu Fuße war ein ſauberer junger Burſche von zwanzig Jahren oder darüber, der ältere mochte die dreißig haben,— ſchier Euer Alter— iſt's nicht ſo?“ „Ich ſchaute den Mann an und wußte nicht, ſollte ich fluchen oder lachen.“ „Wohl und gutV! die beiden Franzoſen aßen mit uns an der Tafel, und mußten wohl eine ziemliche Zeit keinen Proviant eingelegt haben, denn ſie aßen auch wie Wehrwölfe.“ „Wohl, als ſie fertig waren, ſah ich den jungen Mann mit der Wirthin reden, die ihn anfangs ſon⸗ derbar anſchaute, ſich aber durch ſein hübſches Ge⸗ ſicht endlich, wie es ſchien, bereden ließ, ſeinen Willen zu thun. Was dieſer Wille war, werdet Ihr bald erfahren. Er gab ihr ein kleines Päckchen, das ſie wieder der Magd gab— einer alten Negerin.“ „Wohl, fuhr der Mann trotz Hitze und Rauch fort,— waren begierig zu wiſſen, was eigentlich der junge Mann mit der Wirthin abzumachen hatte;— ſchwie⸗ gen aber und zogen unſere Stiefel aus, und nahmen *) Poſtwagen. — 323 6— die Pantoffeln aus der Bar*) und gingen dann in unſer Schlafzimmer.“ „Wohl, waren da ſechs Betten, die Alle zu zweien bereits beſetzt waren, bis auf das meinige, und noch eines, wo die zwei Franzoſen zu liegen kommen ſollten.“ „Kamen gleich nach uns, die beiden Franzoſen, und zogen ſich aus ſo wie wir, und der ältere warf ſich geradezu ins Bett, der jüngere zauderte aber. „und wir ſchauten dem Dinge ſo zu, denn wir konnten Alles ſehen, der Vollmond ſchien ſo hell ins Zimmer, daß wir Alles deutlich unterſcheiden konnten. Und als der junge Mann ſo zauderte, und langſam ſich aus ſeinen Kleidern ausſchälte, bemerkten wir, daß er kein Hemd habe, und zauderte deßwegen, habe ich die Notion, weil er kein Hemd hatte;— was er doch, Ihr verſteht wohl, nicht aller Welt auf die Naſe binden wollte. Hatte zwar ein Hemd, müßt Ihr wiſſen, und war dieſes das Hemd, das er im Päckchen der Wirthin gegeben, und welches ſie der Negerin übergeben, zum Waſchen, wie wir ſpäter hörten, und *) Der Verſchlag in amerikaniſchen Schenkzimmern, wo die Getränke ſervirt werden. — 3 324— hatte deßhalb keines am Leibe, weil— habe ich die Notion— er nur ein einziges eignete.“ „Guter Mann, unterbrach ich ihn hier— wollt Ihr ſo gefällig ſeyn, Euer gaſtliches Anerbieten in Ausführung zu bringen, ſo— ich konnte nichts weiter ſagen— denn der Rauch war nun ſo erſtickend ge⸗ worden, und wir ſo ungeduldig, raſend, daß wir dem Manne mit Luſt den Hals umgedreht hätten. „Wer würde aber auch anders,“ unterbrach ſich der Graf,„mitten in dem entſetzlichen Naturſchauſtücke unter Rauch, Flammen.“ „Richards!“ lachte ich dem Freunde zu,„das über⸗ bietet noch unſern Miſter Shifty am Teneſſee.“ Richard nickte lachend. Der Graf fuhr fort: „Der Alte ſtand unbewegt, der erſte Bauer, der mir des Dichters Worte: Totus si illabatur orbis— recht anſchaulich vor die Augen brachte.“ „Wohl, continuirte er, wie der junge Franzoſe ſich ſo dreht, und zum Bett hinwindet, und die Decke lüftet, unter der der Andere bereits lag, um ſeinen Antheil zu nehmen, fuhr dieſer auf einmal wie raſend auf, —= 325 6— und gab eine ganze Ladung franzöſiſchen Kauder⸗ welſches von ſich. u „Ich verſtand nichts von dem Zeuge und hörte nur Sacri nunde di dieh. Sagte mir aber mein Bett⸗ genoſſe, der neben mir lag, und im Revolutionskriege unter Lafayette und Du Ponceau geſtanden war, daß der Mounſhur ganz wüthend ſey darüber, weil der Junge ohne Hemd ſich niederlegen wolle, auch ihn frage, ob er ohne Hemd mit ihm zu ſchlafen gedenke, und er wolle eher v—t ſeyn, als einen hemdloſen Burſchen an ſeiner Seite ſchlafen laſſen.“ „Und war der junge Mann über den Lärmen, den ſein Landsmann erhob, ſo verblüfft, ſahen es deutlich im Mondlichte, daß er für einige Minuten nicht den Mund aufthun konnte.“ „Und ſchien mir auch der Aeltere ſo ziemlich Einer, der nur für ſeine eigene Bequemlichkeit ſorgt, und keinen Fidelbogen ſich um die eines andern Menſchenkindes ſcheert.“ „Wohl!, als der junge Menſch ſo ſtand, unſchlüſſig vor⸗, zurücktretend, und ich habe die Notion, ſich ſchämend deßwegen, wißt Ihr, daß er kein Hemd am Leibe hatte, obwohl er eines eignete, was aber, wie — 326 6— Ihr wißt, die alte Negerin zum Auswaſchen hatte, ſchrie abermals der ältere Franzoſe, wie mir mein Nachbar ſagte, und zwar ſo laut, wie der Major eines Volonteur⸗Bataillons vor der Fronte: Wollt Ihr ohne Hemd in dieſes Bett?“ „Und abermals erſchrak der junge Menſch ob der Donnerſtimme des Mannes, und wir ſchauten, was wohl kommen würde, und hatte ich große Luſt dem Aeltern zu ſagen, er ſolle ſeine Zunge weniger laut werden laſſen, ſonſt wolle ich ſte zum Schweigen bringen. Da faßte aber der junge Menſch Muth und antwortete ihm.“ „Seyd doch ein v—ter Ariſtokrat, ſagt er, ein v— ter Ariſtokrat.“ „Und Ihr ein Sanscülotte, ſagte der Aeltere, und ich will v—t ſeyn, ſagte er, indem er zugleich einen Schenkel unter der Bettdecke hervorzog, und ihn beim Mondlichte dem jungen Manne zeigte,— war volle ſechs Fuß lang der ältere Mann,— und ich will v—t ſeyn, ſagte er, wenn Ihr in dieſem Bette ſchlafet. Und ſeyd kein Franzoſe, ſagte er, kein Franzoſe thut ſeiner Nation die Schande an, in einem Zimmer mit Gentlemen ohne Hemd zu ſchlafen.“ —= 327 8— „Und Ihr ſeyd kein Franzoſe, aber ein v— ter Ari⸗ ſtokrat, wäret Ihr ein Franzoſe, ſo würdet Ihr ge⸗ ſchwiegen haben, und nicht die Ehre eines Lands⸗ mannes ſo bloß gegeben haben; ſeyd aber ein v— ter Ariſtokrat, dem an der Ehre Frankreichs nichts ge⸗ legen iſt,— und will nicht bei Euch ſchlafen.“ „Und kam über dieſes Geſchrei von und wegen der Ehre Frankreichs der Wirth und die Negerin und der Hausknecht, und als ſie hörten, was vorgegangen, ſo nahmen ſte den jungen Mann mit, und machten ihm ein anderes Bett. Die Wirthin befahl das näm⸗ lich, weil ſte Mitleiden hatte.“ „Und der Alte,“ bemerkt der Graf,„hielt inne nach dieſer entſetzlichen Erpoſition und ſchaute uns mit einem fragenden Blick an. „Und jetzt ſagt mir, fragte er mit langſam gewich⸗ tiger Stimme, war das ein Ariſtokrat?“ „Und wir verſetzten Beide ſo ſchnell als möglich: Nein, nein, das war kein Ariſtokrat, lieber guter Alter, vielmehr ein ſchonungsloſer Geſell, ſonſt hätte er mit einem bedrängten Reiſenden— 4 „Mehr konnten wir nicht ſagen, denn Rauch, Hitze, Angſt und Erſchöpfung hatten nun den höchſten Grad —=0 328 6— erreicht, ſo daß ſelbſt der Alte nun ſich öfters mit ſeinen Bärentatzen die Thränen aus den Augen wiſchen, und nach Luft ſchnappen mußte.“ „Habe ſchier die Notion, verſetzte er kopfſchüttelnd zu ſeinen Gefährten, wir machen uns aus dem Wege, da das Feuer es nicht thun wird.“ „Das war alſo kein Ariſtokrat, wandte er ſich an uns. 4 „Wir gaben keine Antwort, konnten keine geben.“ „Wohlan, fuhr er fort, ſo kommt denn in das Boot, John nimm die beiden Thiere, und wir wollen ſchauen, je eher deſto beſſer—“ „Und ſo ſagend, hob er uns, nachdem er zuerſt unſere zitternden Pferde herangezogen hatte, in das Boot, in dem wir hinſanken, bewußt⸗, beſinnungslos.— Es war die höchſte Zeit, unſere Kräfte hatten uns verlaſſen,— von Allem, was vorging, hörten, ſahen wir nichts mehr.“ v. Der Cypreſſen-Sumpf. wollten, würden ſie brauchen, meinte er.“ die Augen auf.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. „Uns war die Beſtnnung entſchwunden,“ fuhr der Graf fort.„Wie lange wir ſo bewußtlos im Boote lagen, kann ich nicht ſagen, es mag wohl eine Viertel⸗ ſtunde gewährt haben. Wir wurden endlich aus un⸗ ſerer Ohnmacht durch den Alten aufgerüttelt, der, eine Bouteille Taffia in der Hand, uns anrief, ob 4 wir nicht eine kleine Herzſtärkung zu uns nehmen „Wir griffen mit Gier und halbgeſchloſſenen Augen nach der Bouteille, und nahmen einen tüchtigen Zug.“ „Der Whisky ſtärkte uns wunderbar. Wir ſchlugen „Vor uns lag ein unabſehbarer Cypreſſenſumpf, hinter uns der breite Waſſerſpiegel der in einander fließenden Bayous, über den eine endloſe Rauchſchicht ſo hingelagert war, ſo daß wir die ſtahlblauen Waſſer unten, oben den blauen Horizont ſahen, der aber weiter gegen Südweſten wieder durch die hochhinſtre⸗ benden Rauchſäulen unſern Blicken entzogen ward. —= 330— Nur zuweilen blitzten die Flammen hinter dieſen her⸗ vor, und die gewaltigen Maſſen der Cypreſſen er⸗ ſchienen wie in einem Feuermeer.“ „Wir ſind doch ſicher vor dem Feuer? fragte ich ſchaudernd.“ „Sicher genug, entgegnete der Alte, aber es wird ſpät, die Sonne iſt keine Stunde mehr am Horizonte, und wir haben noch ein ſchönes Stück Weges vor uns.“ „Und wohin geht dieſer Weg? fragte ich. u „Wohin er geht? Je nun, wohin geht er, das kommt auf Euch an. Er geht durch den Cypreſſenſumpf, außer Ihr zieht den Umweg vor.“ „Der kürzeſte Weg iſt der beſte, war meine Ant⸗ wort. „Der kürzeſte Weg iſt der beſte, polterte der Alte, zu ſeinen Gefährten gewendet. Da ſeht Ihr wieder einmal den Franzoſen. Wollen ihn ihm zu Gefallen nehmen, glaube, es iſt eben ſo wohl gethan.“ „James, wandte er ſich zu einem der Männer, Ihr geht weiter undn durch den Snapping⸗Turtle⸗Sumpf, wir gehen mitten durch. 4 „Aber unſere Pferde— bemerkte ich.“ 8. „Eure Pferde, die gehen den längern Weg oben 54 8. — — 331 8— hinaus, bis nämlich das Feuer ausgetobt hat. Habe die Notion, wir bekommen dieſe Nacht einen Regen, und dann verbrennen ſie ſich nicht die Hufe.“ „Und wohin ſollen wir?“ „Fragt zu viel, Mann, verſetzte der Alte kurz;— werdet es ſehen.“ „Wir waren nun am Rande des Sees, der hier, wie geſagt, durch eine Vereinigung der beiden Bayous gebildet wird, vor uns lag der Cypreſſenſumpf.“ „Ich hatte dieſe Sümpfe bereits kennen gelernt,“ fuhr der Graf fort,„obwohl nur oberflächlich; denn es war uns nie möglich geweſen, tief einzudringen. Aber als ich nun in das düſtre Dunkel einſchaute, glaubte ich nochwals fragen zu müſſen: Alter, giebt es denn auch Weg oder Steg durch dieſen Sumpf?“ „Weg oder Steg? verſetzte der Mann; kein Gentle⸗ mens⸗Park, verſichere Euch— kein Gentlemens⸗Park. Weg oder Steg— je nun der Weg, den die erſchöpfte Natur Euch gemacht hat, fuhr er fort, auf einen Baumſtamm ſpringend, der mit Moos und Lyanen überzogen, aus dem bodenloſen Abgrunde hervor⸗ ragte. Seht Ihr, das iſt der Steg.“ „Dann wollen wir lieber den weitern Weg mit 22* —“= 332 6— unſern Pferden, verſetzte ich; aber wo ſind unſere Pferde? ich ſehe ſie nicht.“ „Thut, wie Ihr am beſten glaubt— wir gehen; auch muß ich Euch ſagen, daß, außer Ihr könnt wie Eure Pferde zur Noth von Rohrblättern Euer Abend⸗ mahl halten, Ihr ſchwerlich etwas anderes innerhalb vier und zwanzig Stunden auf die Zunge bekommen dürftet.“ „Aber es giebt doch Waſſervögel, Wildpret?“ „Ja, das giebt es in Fülle, wenn Ihr ſie roh ver⸗ zehren wollt, wie die Indianer, oder zwei Meilen in der Runde einen Quadratſchuh feſten Boden wiſſet, Euch ein Feuer anzumachen.“ „Pſhaw, wir verſäumen nur die Zeit, murmelten die jungen Männer.⸗„ „Die Wahrheit zu geſtehen, wurde mir ein wenig bange unter dieſen Menſchen, und ihre Sprache fing an, mir nicht ganz zu gefallen; ſte war ſo ſchonungs⸗, rückſichtslos. Wir waren daran gewöhnt, unſere Wünſche von Menſchen dieſer Klaſſe, wenn nicht immer mit unterwürfiger Leichtigkeit erfüllt, doch mindeſtens nicht auf eine ſo rauhe Art auf die Folter geſpannt zu ſehen.— Wir ſchauten abwechſelnd den Alten, wieder ſeine Begleiter an. Wir hatten von Ameri⸗ kanern eben nicht die vortheilhafteſte Meinung, und beſonders den Amerikanern, die als Squatters ſich in verſchiedenen Theilen Louiſtana's eingedrängt hatten. Wir hatten ſie als Leute ſchildern gehört, die weder Gott noch den Menſchen fürchtend, nur ihrem Arm, ihren Aerten und ihren Stutzern vertrauend, ſich tief in den Waͤldern niederließen, wie Wilde in einer Art roher hölzerner Hütten kampirten, Vieh, beſonders Pferde ſtahlen, von Wälſchkorn und Salzfleiſch leb⸗ ten, und den Indianern nur wenig an Wildheit nach⸗ gaben.— Es war uns geſagt worden, daß kurz vor unſerer Ankunft in den Attacapas in eben der Ge⸗ gend, wo wir uns nun befanden, einer dieſer halb⸗ wilden Republikaner ſogar eine Belagerung gegen die Truppen der Regierung in ſeinem Blockhauſe be⸗ ſtanden habe. Er ſollte einen Einfall in die weſt⸗ lichen Parishes*) von Louiſtana gewagt, einen Trupp wilder Pferde eingefangen, auf ſeinem Zuge nach dem Miſſiſippi entdeckt, und bis in ſein Blockhaus ver⸗ folgt worden ſeyn, wo er eine mörderiſche Belagerung *) Pfarrbezirk. Die alten Cantone von Louiſiana werden Parishes genannt, die neuen Counties. —= 334— ausgehalten.— Das Gerücht hatte ohne Zweifel vergrößert; aber wenn, was über dieſe Menſchen ver⸗ lautete, auch nur zur Hälfte wahr war, ſo befanden wir uns eben nicht in der beſten Geſellſchaft.“ „Während dieſe Beſorgniſſe nach einander uns durch die Köpfe fuhren, ſchauten wir uns den Mann und ſeine Umgebungen nochmals an.“ „Er war über ſechs Fuß lang, hager, aber Sehnen und Knochen verriethen eine auſſergewöhnliche Stärke; die Geſichtszüge waren ſcharf, beſonders die Augen, die einen wahren Falkenblick hatten— ſeine Miene ſprach von Selbſtbewußtſeyn,— ſo wie ſein ganzes Benehmen gegen uns eher Geringſchätzung als Ach⸗ tung hervorblicken ließ, und doch beſtand ſeine Klei⸗ dung in einem bloßen Lederwamſe mit einem Gürtel, in dem ein langes Meſſer ſtak, ledernen kurzen Bein⸗ kleidern, einem Strohhut der aber den Rand verloren hatte, und Mocaſſins. Ganz ähnlich waren ſeine Begleiter angethan.“ „Wo iſt aber Martin? fragte auf einmal Laſſalle.“ „Meint Ihr den jungen Acadier, der uns bat, Euch in Obſorge zu nehmen? fragte der Alte.“ „Eben den.“ —4,— — d 335 6— „Der Alte deutete auf den Rauchvorhang.“ „Dort wird er wohl zu finden ſeyn, habe aber die Notion, ihre teufliſche Jagd iſt vorüber, höre keine Schüſſe mehr. u „Dann wollen wir zu ihm— aber wo ſind unſere Pferde?“ „Habe die Notion, verſetzte einer der jungen Män⸗ ner, der Frencher da weiß nicht recht, was er will. Eure Pferde weiden eine halbe Meile oberhalb im Rohr— werdet doch nicht wollen, wir ſollen die armen Thiere eine halbe Meile durch das Bayon hinter dem Boote nachſchwemmen; Bill iſt bei ihnen.“ „Und was will er mit ihnen 24 „Joe geht mit dem Boote hinauf, und wenn das Feuer ausgetobt hat, dann werden ſie das Weitere ſehen. Werdet doch nicht glauben, daß wir Eure Pferde?“— „Der Alte ſprach das Wort nicht aus, aber ſeine Miene verzog ſich in ein ſtolzes Hohnlächeln.“ „Ich hatte ihn aufmerkſam beobachtet, ſo Laſſalle. Wir entgegneten zugleich, daß wir mit ihm gingen und ihm uns anvertrauten.“ „Ihr thut wohl daran, war die kurze Antwort.“ —= 336 6— „James! wandte er ſich hierauf zu einem der jungen Männer; Ihr geht alſo mit Joe weiter unten durch den Snapping⸗Turtle⸗Swamp,*) wir ſchneiden mitten hier hinein, wird aber nicht ſchaden, wenn wir uns gleich hier mit Kienfackeln verſehen.“ „Kienfackeln? fragten wir. u „Des Alten Blick, den er auf die Abgehenden warf, ſchien zu ſagen: aber müßt Ihr denn Eure Zunge in Allem haben? Dann warf er hin: Ei Kienfackeln, und ſind ſo viel werth in dieſem Cypreſſenſumpfe, als Eure Leben, und hättet Ihr deren zehn.“ „Eine ſeltſame Sprache haben dieſe Leute, raunte mir Laſſalle zu.“ „Der Alte hatte mittlerweile Feuer geſchlagen, und einen der Späne, die im Boote lagen, angezündet, aber mit einer ſo langſam abgemeſſenen Bedächtlich⸗ keit, die uns trotz unſerer unangenehmen Lage zum Lächeln zwang. Er zündete einen zweiten an, ſchaute nochmals zurück auf das Bayou, dann dem Boote nach, welches im Rohrſaume bereits unſichtbar zu werden begann, und hob dann den Fuß.⸗ „Verdammter ſpaniſcher Sumpf, brummte er, waͤre *) Crocodile⸗Torlue⸗Sumpf. S. Note des III. Bandes, S. 9. —= 337 4— er nun gut amerikaniſch, und nicht verrätheriſch ſpa⸗ niſch, ſo hielte er wie ein ehrlicher Mann aus, bis Ihr ihn mit den Armen gefaßt, und wiche nicht, und zöge Euch nicht nach, ei nach, ſage ich Euch, und wären Eure Köpfe zwanzig Fuß von Cuern Schuh⸗ ſohlen.“ „Folgt mir Schritt auf Schritt, als wenn ihr zwi⸗ ſchen Eiern trätet, wandte er ſich zu uns, und Du, Jonas, habe ein Auge auf die beiden Frenchers, und warte nicht erſt, bis Du ihre Beine über die Moccaſ⸗ ſins im Schlamme ſtecken ſtehſtz.“ „Uns war nicht ganz erquicklich bei dieſen eben nicht ſehr troſtreichen Weiſungen, aber allen unſern Muth zuſammennehmend, ſchritten wir dem Alten nach.“ „So waren wir etwa fünfzig Schritte in den Sumpf eingedrungen. Bisher hatte uns das Licht des Tages geleuchtet, die Cypreſſen ſtanden zehn bis fünfzehn Fuß aus einander, die ungeheuren Stämme erhoben ſich fünfzig Fuß, ehe die breiten ſe chirmähnlichen Zweige ſich ausſpreiteten, Stamm an Stamm gereiht, Krone an Krone, ſo daß der Sumpf einem endloſen Schirm⸗ dache glich, durch das auch kein einziger Sonnenſtrahl einzudringen vermochte. Wir ſahen noch das vom — 338 8— Uferrande ſchief hereinfallende Licht mit der Dämme⸗ rung kämpfen, in düſteres Dunkel zucken, endlich in Nacht übergehen. In dem Verhältniß, in dem das Tageslicht abnahm, wurde auch die Sumpfluft dicker, erſtickender, endlich verpeſtet; die Anfangs hell auf⸗ lodernden Flammen unſerer Kienfackeln wurden ſchwächer und ſchwächer, zuletzt ſchwammen ſie vor unſern Augen bloß noch wie Irrlichter.“ „Ja ja, murmelte der Alte wieder: eine Nacht in dieſem Sumpfe zugebracht, mag Euch die giftige Ague⸗ cake in den Leib bringen;— was Nacht? eine halbe Stunde mag es, ſo Ihr nur drei Poren an Eurem Körper offen habt; iſt aber keine Gefahr, der Prai⸗ riebrand hat auch ſein Gutes; trocknet den Schweiß, ſchließt die Poren.“ „Und während der Mann ſo vor ſich hinbrummte, ſchritt er vorwärts, jeden Stamm, auf den er ſeinen Fuß ſetzte, zuerſt beleuchtend, dann probirend, aber mit einer Fertigkeit, die bewies, daß er dieſen gefähr⸗ lichen Weg bereits öfters genommen.“ „Folgt nur immer, brummte er abermals, aber macht Euch leicht, Ihr Frenchers, ſo leicht wie ein b 1 * Frencher ſich nur machen kann— haltet den Athem an.— Ah, der Klotz da.“ „Holla, Nathan! rief er ſich zu: holla! Hätteſt Dich bei einem Haare bethören laſſen, ſo ein alter Sumpf⸗ gänger Du biſt, und einen ſechzehn Fuß langen Alli⸗ gater für einen modernden Baumſtumpf genommen.“ „Der Alte hatte den Fuß gehoben, vorgeſtreckt, aber zum Glücke zweifelhaft mit dem Schaſte ſeines Ge⸗ wehres den vermeintlichen Klotz angeſtoßen— der Klotz war gewichen, der Alte ſich zurückwerfend, heftig an mich angeprallt, und ich bei einem Haare von der ſchmalen Brücke hinab in den Sumpf getaumelt.“ „Ah, verrätheriſcher Geſelle! rief er, nichts weniger als erſchrocken: glaubſt du, ehrliche Leute durch deine Teufeleien zu hintergehen?“ „Was giebt es, Alter?“ „Was es giebt? verſetzte er, ſein langes Schlacht⸗ meſſer ziehend; nichts, als daß ſich ein Alligater— doch da ſeht Ihr ihn ja.“ „Undſtattdes Klotzes, der verſchwunden war, gähnte uns der Rachen eines Alligators an.“ „Ich erhob meine Flinte.“ „Schießt nicht, Monſhur, wisperte mir der Alte zu. —= 340— Schießt nicht, ſo lange Ihr es laſſen könnt!— Ihr ſeyd nicht allein hier. Das wirds thun, ſprach er, ſich gemächlich niederbeugend und ſein langes Meſſer dem Thiere in das Auge ſtoßend, das mit einem furchtbaren Geheule um ſich ſchlug, ſo daß uns der ſchwarze Sumpf⸗ ſchlamm über und über beſpritzte.“ „Da, nimm das, ſprach der Alte lachend— und das— und das, indem er dem Thiere, das ſich krüm⸗ mend nach ihm ſchnappte, noch einige Male das Meſſer zwiſchen den Hals und in die Rippen ſtieß.“ „ und dann wiſchte er das Blut vom Meſſer, ſteckte es in den Gürtel, und ſah ſich bedächtig um.“ „Habe die Notion, daß da irgend ein Baumſtamm ſeyn muß— bin doch nicht das erſte Mal auf dieſem Track.*) Da iſt er, aber gute ſechs Fuß weit— jetzt Frenchers ſind Eure Tanzbeine etwas werth.“ „Und ſo ſagend, ſprang er mit einem Satze auf das, was er einen Baumſtamm nannte.“ „Ums Himmels Willen, Mann! Ich ſehe das Waſſer glitzern, ſteckt Ihr?“ „Pah Waſſer! was Ihr Waſſer zu ſeyn meint, ſind *) Fährte, Spur, Fußpfad. —o —=341 6— ein Paar arme Teufel von Schlangen— ehrliche Mocaſſin⸗ und falſche Congoſchlangen— wollen auch leben, ſind gutes Futter für unſere Schweine. Jetzt ſetzt an.“ „Die Noth verlieh mir Kräfte! ich drückte den linken Fuß ſo feſt in den im Schlamme ſchwankenden Stamm, als ich vermochte, und ſprang dann hinüber, Laſſalle nach.“ „Bravo! murmelte der Alte; friſch auf, und Ihr zweiter Monſhur auch, daß wir weiter kommen. Noch ein Paar ſolcher Paſſagen, und dann geht es beſſer.“ „ und wir ſchoben weiter, Schritt für Schritt, den einen Fuß hebend, leicht auflegend, zurückziehend, bis wir tragbaren Grund gefaßt zu haben glaubten, mit unſern Gewehren zugleich in die Stämme einſtoßend. Die Viertelſtunde hatte uns wunderbar fertig gemacht, aber Noth lehrt dieſe Fertigkeit auch dem Ungeſchick⸗ teſten. Und hier that es Noth. Der Cypreſſenſumpf erſtreckte ſich vier bis fünf Meilen dem Bayou ent⸗ lang— ein tiefer ſchwarzer Moorſchlamm, bedeckt mit einer ſchmutzig und wieder hellgrün trügeriſchen Matte von Schlingpflanzen, Lianen, Moos, die Sumpf und Baumſtämme überzogen hatten. Dieſe Baum⸗ —= 342 6— ſtämme lagen zwar nicht regelmäßig, aber doch ſo, daß man ſah, daß Menſchenhände hier thätig geweſen waren.“ „Sagt mir, hob ich an, es ſcheint doch ein ſad hier durch zu führen; denn— „Schweigt, ſprach der Alte, bis wir auf feſtem Grunde ſind, ſchweigt für Euer Leben— merkt nicht auf die Schlangen, ſondern tretet mir nach. „Und wie ich abermals den Fuß vorwärts ſtreckte, und im matt flackernden Lichte der Kienfackel ihn in die Stapfen des Alten zu ſenken im Begriffe ſtand, hob ſich nicht vier Zolle von meinem Fuße über den Baum⸗ ſtamm herüber aus dem Schlamme ein gräßlicher Alligatorsrachen, und ſchnappte mit ſolcher Behendig⸗ keit nach mir, daß ich nur noch ſo viel Zeit übrig hatte, mein Gewehr dem Thiere in das funkelnde Eidechſenauge abzudrücken. Es prallte zurück, gab ein ſtöhnendes Gebrüll von ſich, ſchlug einige Male im Moraſte wie raſend um ſich und verſank.“ „Der Alte hatte ſich umgeſehen, und ein zufriedenes Lächeln ſpielte um ſeine geöffneten Lippen, aber ich hörte nicht, was er ſagte, denn der Aufruhr, der nun — 343 8— auf allen Seiten ausbrach, war ſo furchtbar, daß er einige Minuten mich ganz betäubte.“ „Tauſende, zehntauſende von Alligatoren, Bull⸗ fröſchen, Nachteulen, Ahingas, Reihern, die im Schlamme und den Laubdächern der Cypreſſen haus⸗ ten, erhoben nun ihre Stimmen, ihr Gebrüll und Geſtöhne, und wurden rebelliſch, und kreiſchend bra⸗ chen ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervor, und um⸗ kreisten uns, flogen uns um die Köpfe. Wir hatten unſere Meſſer gezogen, unſere Arme über die Köpfe und Augen gehalten, aber es war um uns geſchehen, wenn nicht—“ „Im entſetzlichen Aufruhr der gräßlichen Thierwelt fiel ein Schuß, dann ein zweiter. Das Wüthen, Toben der Thiere wurde auf einmal heulend, kläglich, die Thiere prallten noch einige Male an uns an, dann flogen ſie in weitern Kreiſen um uns herum, zuletzt wurde das Geſchrei, Gebrülle ſchwächer— unſere Leuchten waren ausgelöſcht;— wir ſtanden in ſtock⸗ finſterer Nacht.“ „Alter, ums Himmels Willen!“ „Ei, ſeyd Ihr noch am Leben? lachte der Alte mit einem ſo ſonderbaren Nachklange, daß mir unheim⸗ —= 344 6— lich wurde— und Euer Freund? Habe Euch geſagt, daß wir nicht allein ſind, wehren ſich auch, dieſe Be⸗ ſtien, wenn man ſie in ihren Schlupfwinkeln angreift, ein einziger Schuß iſt hinreichend, Euch das ganze Gezücht auf den Hals zu bringen; aber laſſen ſich wieder die Köpfe zurecht ſetzen, wenn ſie ſehen, daß es Ernſt gilt. Zwei Schüſſe nach einander unter ſie hinein gethan, verfehlen ſelten ſie zu belehren, daß ſie nur unvernünftige marktſchreieriſche Creaturen ſind.“ „Und während der Alte ſo ſprach, ſchlug er recht bedächtlich Feuer, und zündete eine der Kienfackeln an.“ „Zum Glücke haben wir hier etwas breitere Fußung, lachte er, aber jetzt vorwärts; es iſt hohe Zeit, die Sonne iſt unter, ich merke es, und wir haben noch ein ſchönes Stück Weges vor uns; auch möchte es nach Sonnen⸗ untergang im Carancroſumpfe zu verweilen, nicht zweimal rathſam ſeyn. u „Und er ſchob abermals vorwärts; Schritt vor Schritt, aber ſicher, feſt, mit einer Zuverſicht, die uns bei jedem Schritte mehr Vertrauen zu dem Manne einflößte.“ „Wirmochten eine halbe Stunde ſofortgezogen ſeyn, als ein blaßheller Schein uns entgegen flimmerte.“ —= 345 6— „Noch fünf Minuten und wir ſind am Ziele, aber gebt Acht— an den Rändern dieſes ver—ten ſpani⸗ ſchen Cypreſſenſumpfes halten ſich immer am liebſten dieſe teufliſchen Alligatern und auch Snapping⸗Turt⸗ les auf, lieben das feſte Land, die Alligaters.“ „Ich hatte in meiner Begierde, endlich feſten Grund zu faſſen, nicht mehr auf die Worte des Alten gehört, die Bäume lagen hier dichter an einander;— ſo war ich dem Alten vorgeſchritten. Auf einmal fühlte ich den Stamm, auf den ich den Fuß geſetzt, weichen. Ich hatte nur ſo viel Zeit, Halt zu rufen, und bereits war ich bis an die Arme im bodenloſen Schlamme.“ „Ah, habt in Eurem franzöſtſchen Leichtſinn ein⸗ mal Euern eigenen Weg gehen wollen, ſprach der Alte, lachend vorſpringend, und mich beim Haarſchopfe er⸗ greifend.“ „Laßt Euch das zur Warnung dienen, Monſhur.“ „Und mit dieſen Worten zog er mich wieder auf den Baumſtamm.“ „Seht Ihr, ſprach er, und wirklich ſahen meine Au⸗ gen mehrere Alligatoren, die herbeigeſchoſſen waren.“ „Ich war keines Wortes mächtig, er griff nach der Whiskyflaſche.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 23 — 0 346 6— „Nehmt einen Schluck Herzſtärkung, aber nein, wartet, bis wir im Palmetto ſind. So, haltet— faßt Euch— laßt das Herzklopfen vorüber gehen.— So mein guter Frencher— ah, wenn Ihr mit dem alten Nathan noch ein Paar ſolche Touren macht, ſage Euch, werdet ein ganz anderer Mann werden. Jetzt aber kommt.“ „Und wir ſchritten nun vollends dem Rande des Sumpfes zu. Die mondhelle Nacht ließ uns ein wo⸗ gendes Palmettofeld ſchauen, deſſen Millionen Stämme ſäuſelnd und grüßend uns entgegen wogten.— Wir athmeten leichter.“ „Jetzt ruht aus, und nehmt einen Schluck, einen mäßigen Schluck, dann mögt Ihr einen ſtärkern nach⸗ folgen laſſen. Ruht aus, guter Monſhur, ſehe, es läßt ſich etwas aus Euch machen. Wollen nun auf eine kurze halbe Stunde zur Salzlick.“ „Wohin? fragten wir.“ „Je nun zur Salzlick. Denken, läßt ſich noch ein Hirſch oder ein Paar auftreiben.“ „Und wir ſollen hier bleiben?“ „Fürchtet Euch doch nicht? Habt ja Cure Gewehre, — kommt ein Bär oder ein Caguar, ſo wißt Ihr, —= 347— was zu thun iſt. Wollen, wie geſagt, ſehen, ob wir keinen Hirſch finden.“ „Aber warum habt Ihr nicht am Bayou— 24 „Warum wir nicht am Bayou? unterbrach er mich ungeduldig— am Bayou uns die Todesangſt eines armen Hirſchbockes oder einer Kuh zu Nutzen machen, wie feige Spanier oder wilde blutdürſtige Acadier?— möge meines Vaters Sohn erſchoſſen werden, ſo er je ſo etwas;— holla, was iſt das?“ „Ein Donnerſchlag.“ „Ei Donnerſchlag! Ihr habt noch wenige Donner⸗ ſchläge in Louiſiana gehört, ſonſt würdet Ihr die ſcharfe Rifle eines amerikaniſchen Hinterwäldlers für keinen Donnerſchlag halten— aber freilich, gleich da oben iſt ein Immergrün⸗Eichenwald, der Euch das Echo viermal wiedergiebt— ei, es iſt James Rifle, er hat einen Hirſch geſchoſſen. Holla, ein zweiter!— „„Es war wirklich ein zweiter Schlag, der aber wie das mächtige Rollen des Donners von dem ungeheuren Walde gegen das Palmetto herabrollte.“ „Holla, Burſchen! das iſt genug, ſchont das Wild und Euer Pulver und Blei, ſchont Beides. Müſſen ihnen aber ſchon merken laſſen, daß wir auch noch in 23* —= 348 6— unſerer Haut ſtecken und nicht in einem Alligatoren⸗ rachen, ſprach der Alte, der mittlerweile geladen hatte, und die Rifle abſchoß.“ „Der Wiederhall rollte feierlich hinüber— kam wieder herüber.— Wir ſaßen ſchweigend.“ „Der Alte deutete auf das Palmetto, winkte uns aufzuſtehen, und nahm den Weg durch das Rohr— ſeine Wendungen waren ſo leicht, wie ein ſchlüpfriger Aal wandte er ſich durch die Millionen Stämme hin⸗ durch, wir folgten ihm ſo gut wir es vermochten. In einer halben Stunde waren wir am Salzlick, wo wir ſeine beiden Söhne mit dem Ausweiden und Zerlegen der Hirſche beſchäftigt fanden, in dem ſie ſich ſo wenig ſtören ließen, daß wohl eine Viertelſtunde nach unſerem Zuſammentreffen verlaufen ſeyn mochte, ohne daß ein Laut gehört worden war.“ „Wir hatten uns geſetzt.“ „Als Hinter⸗, Vordertheile und Rücken weidmanns⸗ gemäß zerlegt waren, ſahen ſie den Alten fragend an.“ „Was denkt Ihr? fragte dieſer; wollt Ihr hier noch einen Biſſen verſuchen, oder warten, bis wir zu Hauſe ſind?¹ „Wie weit iſt es?“ — e —“= 349— „Je nun wie weit— mit einem guten mexikaniſchen Trotter, und wären die Wege beſſer, könnten wir wohl in dreiviertel Stunden zu Hauſe ſeyn— ſo dürfte es noch ein Paar Stunden nehmen.“ „Dann ziehen wir es vor, hier einen Biſſen zu nehmen.“ „Wohl, ſo ſey es.“ „Die Söhne, ohne ein Wort zu verlieren, ſchnitten einen Ziemer von einem der Hintertheile, wir ſuchten dürres Reiſig zuſammen, in einer Minute loderte ein fröhliches Wachtfeuer, in der zweiten Minute drehte ſich der hölzerne Spieß, eine halbe Stunde darauf ſaßen wir um einen gebratenen Hirſchziemer, der, ob⸗ wohl wir kein Brod zum Imbiß hatten, uns beſſer ſchmeckte, als die deliziöſeſten Perdrix mit Trüffeln gefüllt je an der Marſchallstafel von Verſailles.*— Der Grafhieltinne; denn in dem Augenblicke klangen die Töne des Pianoforte aus dem Speiſeſaale herüber. Louiſe, Julie und Genievre ſtreckten die Köpfchen durch die Flügelthüre. Wir Alle erhoben uns. „Für heute,“ ſprach der Graf, lächelnd ſich ver⸗ beugend. „Danken wir Ihnen für einen Genuß, der— 4 — 350 6— „Ahl“ zuckte der Graf, ſich nochmals leicht verbeu⸗ gend, und die Hand der Mama erfaſſend, mit der er in den Tanzſaal einſchritt. VI. Das Intermezzo. Und wir Alle erheben uns, um zu folgen, bis auf Vergennes und D'Ermonvalle, die ſitzen bleiben, zweifelsohne, um nachträglich ihre Kritiken zu liefern; ihre Mienen werden ſo richterlich breit.— Vergennes läßt uns nicht lange im Zweifel, er bricht aus: „Und was beweist das Alles gegen die Farbigen?“ „Bisher noch Nichts, das iſt wahr,“ beſchwichtigt ihn D'Ermonvalle,„aber wir ſind auch noch nicht zu Ende. „Pah, zu Ende!“ „Ja, zu Ende, gerade das Ende,“ demonſtrirt Monteville, der an die Debattirenden zuriikelte ndas Ende iſt's, das— ℳ „Das das Werk krönt,“ lacht Vergennes in der —— —= 351 6— cauſtiſch⸗cyniſchen Manier des jungen Franzoſen⸗ thums.„Wie Schade, daß wir dieſes preziöſe Ende nicht gehört! weiß aber voraus, was es bringen wird; wird zum Beſchluſſe bringen eine erbauliche Moral — und belohnte Tugend— und beſtraftes Laſter.“ „Vielleicht wird es noch mehr bringen,“ fällt ihm Monteville mit wichtiger Miene und erhobener Stimme ein, die ihm aber inmitten abſchnappt; der Mann hat, ſcheint es, zu viel Champagner mit einfließen laſſen. „Vielleicht wird es mehr bringen,“ wiederholt er, „vielleicht wird es bringen, wohin ungeregelte Leiden⸗ ſchaften führen.“— „Um das zu erfahren, brauchen wir keine Farbigen,“ ſpottet Vergennes. Monteville wird roth wie ein Kampfhahn; er hebt deklamirend die Stimme einen Ton höher, die Dis⸗ kuſſion droht abermals heftig zu werden, gerade wie das raſche Vorſpiel der den Ball einleitenden Polo⸗ naiſe durch die Flügelthüren hereinrauſcht. „En avant Messieurs!“ trompetet Laſſalle, der, den Amtsſtab in der Hand, als Ceremonienmeiſter fungirt.— “ —" 352 6— „Vorwärts! oder Ihr ſeyd für immer um Euern franzöſiſchen Tanzmeiſterruhm,“ ruft Doughby. Das zieht endlich, die Franzoſen ſind mittelſt einer Pirouette im Saale. „Ma foi! donc! ah! joli! laſſen ſich wechſelsweiſe aus dem Munde der Franzoſen hören. Sie ſind augenſcheinlich überraſcht, und wohl mögen ſte es! Zweifle, ob ſie, ausgenommen um ihr ſogenanntes divines Paris herum, im ganzen übrigen Frankreich, auf einer ihrer Campagnes, einen ſo deliziöſen Kranz von Damen zuſammenbrächten. Superbe Formen! transzendente Toiletten! um mit Doughby zu reden. Ein Glanz, eine dreifache Reihe von Figürchen und Figuren, die nicht liebreizender gemalt werden können. Wir haben ſtarken Zuwachs aus der Nachbarſchaft erhalten, reife Früchte, reifende, und Blüthen, im buchſtäblichen und ſigürlichen Sinne. Die Aeſte und Zweige der Citronen, Orangen und Catalpas, die durch die Jalouſten hereingebogen ſind, wölben ſich über die Coeffüren ſo wunderlieblich! Ja in der Kunſt, einen Ball zu improviſtren, ſind nun bie Creolen Meiſter. Nur ſie verſtehen es einten Staaten. Wir geben au —:= 353— uns, und mühen uns ab, und hüpfen ſelbſt, aber es iſt ein eingelerntes mechaniſches Weſen, das weder von Herzen, noch von Füßen geht, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, an die Tretmühle mahnt. Wir ſind nun einmal nicht für derlei Zeitvertreibe geſchaffen, allenfalls ein Wettrennen, das thut es noch, da können wir doch unſere Politik mitbringen, und unſere Prä⸗ ſidentenwahl und Senatorswahlen, und Aſſembly⸗ wahlen, und unſere Kanäle, und Turnpikes und ſo weiter; wo dieſe nicht mitdürfen, da hapert es; denn ſie hängen ſich doch an, und laſten wie Blei an unſern Füßen, und unſere Damen, vor lauter Sittſamkeit, oder, wenn ich es frei herausſagen darf, Prüderie, es wäre ſchier nöthig, man faßte ſie mit elfenbeiner⸗ nen Zangen an!— Aber wie ganz anders dieſe Creolen und Creolinnen! Der Ball! O der Ball! All ihr Dichten, Trachten, alle ihre aimablen Paſſio⸗ nen, und ſtie haben deren erklecklich viele, aber alle und alle ſind ſie jetzt in der einzigen großen Idee, Balll wie in einem Brennpunkte concentrirt. Zucker⸗ und Baumwollenerndte, Reis und Mais, Taback und Neger, alle ſind ſie vergeſſen: der Ball allein ſteht —= 354 6— wie ein Leuchtthurm vor ihren toſenden, wogenden, brauſenden Sinnen.— Dieſe Luſt des Genuſſes!— ihre Sehnen ſchwellen, man ſieht es, ihre Glieder werden rebelliſch. Arme, Hüften, Füße, alle eilen der Begierde zuvor, zittern. — Wer unſere Creolinnen beim Balle allein kennen lernte, dürfte leicht eine ſehr zweideutige, und, zu ihrer Ehre ſey es bemerkt, irrige Meinung faſſen.— Es iſt ein ſchönes Ding um einen Creolenball! Die Paare ſind geordnet, die Ungeduld, die liebe Ungeduld, ſie läßt ſich kaum mehr bezähmen. Die Polonaiſe ſchleift ihnen viel zu langſam durch die Säle, ſie ſchwimmen ordentlich. Eine augenblickliche Pauſe;— leuchtende Blicke, wie die Muſik in den raſcheren Takt der ſanft wogenden Allemande über⸗ geht, freudiges Entzücken, wie ſie endlich in die lang erſehnte ſtürmiſche Galopade umſpringt. Wie das rauſcht, wogt, hüpft, ſich windet, fortreißt, fortgeriſſen wird, auf den Sturmesflügeln der Luſt und Leidenſchaft!— „Nicht wahr, Louiſe! Das war ein köſtlicher Labe⸗ trunk!“ „Ein bloßer Tropfen,“ lacht ſie keuchend;„ein bloßer — —= 355 6G— Tropfen,“ wiederholt ſie, die Hand auf den hoch⸗ klopfenden Buſen legend. „Wir dürfen dieſer Tropfen nicht zu viele nehmen, theure Louiſe, Du weißt.“— „Fürchte nicht, ohnedem kommt jetzt wieder Co⸗ tillon. Weißt Du, Papa hat,“ flüſtert ſie mir ge⸗ heimnißvoll in die Ohren,„die Einrichtung getroffen, daß heute bloß Allemanden, Galopaden, und zur Ab⸗ kühlung Cotillons getanzt werden.“ „Eine ſehr weiſe Einrichtung; alſo zur Abkühlung Cotillons?“ „Weil nämlich der Ball bloß drei Stunden dauert,“ meint ſie mit unendlich miſteriöſer Miene, und mit der einen Hand ſich Kühlung zufächelnd, die andere auf den noch immer wild wallenden Buſen gelegt. „Du machſt doch den nächſten Cotillon wieder mit?“ begann ſie nach einer Weile. „Wenn Du es wünſcheſt.“ „Und die Allemande und Galopade?“ „Die letztere nicht ſehr gerne, ich halte dieſen Tanz für nichts weniger als dezent. Die Allemande mag noch hingehen.“ „Nichts weniger als dezent! remonſtrirt ſie. Was — 0 356 6— fällt Dir ein, George! Dieſer Tanz— weißt Du, daß ihn die Herzogin von Berry— 2 „Und wenn ihn die alte Ducheſſe d'Angoulemetanzte, die ein Ausbund von häßlicher Tugend ſeyn ſoll, ſo würde ihn das doch nicht dezent machen“ „Die alte Herzogin von Angouleme Galopade tanzen!“ lachte Louiſe,„Du biſt ein heilloſer Spötter, aber wie Du nur ſo ſittenrichterlich ſeyn kannſt, und biſt doch ein ſo guter Tänzer, fügt ſie wieder troſt⸗ reich hinzu. „Das haſt Du meinen Newyorker Touren zu ver⸗ danken, und einer gewiſſen Arthurine, jetzt Miſtreß Moreland, die mir die letzte Politur gab.“ „Moreland!“ fiel mir von hinten eine Stimme ein; es war die Meurdons.„Hätte bei einem Haare ver⸗ geſſen, daß Miſter Moreland, Capitän und Eigner des Providence⸗Paketſchiffes, bei mir war, und Sie vielmals grüßen, und Ihnen gratuliren läßt zu Ihrem veränderten Stande. Hatte große Luſt, zu Ihnen zu kommen, und einige Tage ſeine Hängmatte, wie er ſagte, bei Ihnen aufzuſchlagen, aber die Zeit wurde ihm zu kurz.“ „Wie, Capitän Moreland bei Ihnen geweſen und — 9 357 6— mich nicht beſucht? Was, hat der alte Geſelle, der ſeit ſo vielen Jahren ſeine Cajüte in Bowlinggreen ge⸗ hütet, wieder einmal das Salzwaſſer verſucht. Er⸗ zählen Sie doch.“ Meurdon flüſtert mir ein Eh und ein Donc in die Ohren, und macht dazu ein ominöſes, ſatyriſches Geſicht. „Verſtehe;— höre, Louiſe, der alte CGumpan More⸗ land, von dem ich Dir erzählt, und der mich mit ſeinen fünfmalhunderttauſend Dollars bei der ſtebzehnjähri⸗ gen Arthurine ausgeſtochen, iſt wieder zur See, ſcheint, ſeine Honigmonde haben nicht ſehr lange gewährt.— Freilich fünfzig und ſiebzehn bleibt ein ſo fatales sur- plus von drei und dreißig, als es nur geben kann.“ Doch die Muſik ſchlägt an zum Cotillon;— wir müſſen uns im Kreiſe ſtellen. Louiſe hört nicht mehr, alle ihre Sinne ſind auf den Cotillon gerichtet, und wahrlich! man muß ſich zuſammennehmen, mit ſ olchen Tänzerinnen, wie unſere Creolinnen, und Louiſe par Eminence iſt.“ „Vortrefflich, George!“ flüſtert ſie mir während der zweiten Tour zu—„vortrefflich.“ Sie iſt in einem Meere von Wonne, das gute Kind. —= 358— „Alſo abermals, Allemande?“ Louiſe lächelt.„Ich ſagte Dir ja, daß Papa— 4 Und fort geht es abermals in die Allemande und die unſinnig hüpfende Galopade, eine volle Viertel⸗ ſtunde, ſo daß Einem Hören und Sehen vergehen. Gott ſey Dank! endlich einmal Waffenſtillſtand! „Louiſe! ich bin wirklich müde.“ „Bloß echauffirt, George, bloß ein Bischen echauf⸗ firt— das iſt vorüber, du nimmſt ein wenig Ananas⸗ eis— ich— „Gott behüte, Louiſe! um keinen Preis.— Du die ewige Diätvorleſerin, und an Ananaseis nur zu denken.“ „Wohl, ich ſtehe ab, wenn Du mir verſprichſt— „Alles, nur kein Ananaseis.“ „Wohl, Du tanzeſt den nächſten Cotillon und Alle⸗ mande und Galopade.“ „O Du Böſewichtin!“ Sie aber lacht. „Louiſe, das geht nicht, wir dürfen nicht den ganzen Abend wie Kletten an einander hängen, ſieht ſo ſpieß⸗ bürgerlich aus.“ „Aber wir haben ſeit unſerer Trauung noch keinen —/ —“= 359— Schritt getanzt, George! Wohl, wenn du nicht willſt, nehme ich zur Abwechslung für den Cotillon Papa Vignerolles.“ „Das fehlte noch, Du den ſechzigjährigen Vigne⸗ rolles und ich die fünfzigjährige Houſton.“ „Ah, Du lachſt, George Verſichere Dich, Papa Vignerolles iſt gar nicht ſo übel; man findet, ſcheint es, Geſchmack an ihm.“ Und Louiſe lächelt ſo verſchmitzt! Wir laſſen uns auf einem Sopha nieder, müde und glühend, und ich promenire meine Blicke über die wo⸗ genden, ſchleifenden und ſchleichenden allerliebſten Nachtgeſtalten, die Toiletten einiger ſind doch allbe⸗ reits ein wenig derangirt, zerknitterte Blumen, rebel⸗ liſche Locken, die halb erſchlafft ſich von dem ange⸗ wieſenen Poſten entfernt, werden ſichtbar. Und wie ich ſo examinire, fällt mein Blick auf eine Geſtalt, die ich bisher nicht bemerkt. Ein Teint, ſo ungemein weiß und zart, wirklich Milch und Blut, um mich eines alten Simile zu bedienen, nußbraune Augen— ein wahrer Zauber in dieſen Augen— braune Haare, die Toilette ſehr geſchmackvoll, einfach und doch reich, eine köſtliche Perlenſchnur um den köſtlicheren Hals — 0 360— geſchlungen. Wer mag ſie ſeyn? Demoiſelle Genievre biegt ſich zu ihr herüber. Sie ſitzt in der Fenſterecke ſo einſtedleriſch verloren, ein melancholiſcher Zug, däucht mir, ſpielt um den lieblichen Mund. „Sage mir doch, Louiſe, wer iſt das herrliche Mädchen?“ „Wen meinſt Du?“ frägt Louiſe, deren Auge doch auf der Unbekannten haftet. „Du haſt ſie ſo eben fixirt, ſie ſitzt im letzten Eck⸗ fenſter, unter dem Orangen⸗Baldachin und halb ver⸗ ſteckt zwiſchen den ſeidenen Vorhängen. Jetzt bringt ſte die Locken Genievres in Ordnung.“ Louiſe ſchaut, ſagt nicht Ja und nicht Nein, wird aber immer geſpannter. „Sie hat die Haare flach von der Stirne zurückge⸗ ſcheitelt,“ hebe ich wieder an;„den Knoten à la grecque geſchlungen. Sie ſoll meine nächſte Tänzerin ſeyn.“ „Du haſt gute Augen, George,“ lacht Louiſe,„aber Du darfſt nicht mit ihr tanzen.“ „Wer iſt ſte aber, und warum nicht?“ Louiſe firirt ſie abermals, dann fällt ihr Blick ſu⸗ chend in eine andere Richtung. „Der herrlichſte Teint, den ich je geſehen,“ läßt ſch — hinter uns aus einer Fenſtervertiefung hören. Es iſt Vergennes Stimme. Louiſe wirft unwillkührlich das Köpfchen empor— ich mußte im Herzen lachen. O Weiber! Weiber! Sie erfreut ſich allerdings eines Teints, den Ihr bei uns nicht alle Tage zu ſchauen bekommt. „Ich fordere Dich auf, die Perlen an ihrem Halſe zu unterſcheiden,“ fährt Vergennes, der neben D'Er⸗ monvalle ſteht, ziemlich laut fort. Louiſe wirft nochmals das Köpfchen auf, doch etwas raſcher, rümpft dann das Näschen und läßt zugleich die Unterlippen ein wenig, wie ſchmollend, hängen. Ich that, als bemerkte ich nichts. „Welch ein Nacken!“ entgegnet eine zweite Stimme, „welch eine Büſte!“ es iſt D'Ermonvalle, der ſeinen Enthuſiasm laut werden läßt. „La jeune France könnte auch ein Haus oder, beſſer zu ſagen, ein Fenſter weiter mit ſeinen kritiſchen Ex⸗ pectorationen ziehen. Nicht wahr, Louiſe?“ Aber in Louiſen iſt ein ſtummes Teufelchen einge⸗ fahren. „Habt Recht, Jungens!“ fällt Doughby lachend ein, der, en passant ſey es bemerkt, gar kein unebener Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. IV. 24 — e 362— Tänzer im Cotillon iſt, ſelbſt die Allemande tanzt er recht brav. Wo er es nur gelernt hat? Aber im alten fröh⸗ lichen Kentuck lernt ſich ſo Etwas.„Habt Recht, Jun⸗ gens,“ wiederholt er,„iſt ein herrliches Fahrzeug, mit dem ſich's wohl einſchiffen ließe zur Lebensfahrt— neu und kerngeſund, ſchlank getakelt, herrliche Spieren, ſanft ſchwellende Vorbuge, allerliebſtes Bruſt⸗ und Kopf⸗ bild, kein Makel vom Schnabel zum Spiegel.“ Louiſe hebt das Köpfchen zum dritten Mal, wendet es, wirft dem Schwager einen verweiſenden Blick zu, den dieſer aber nicht bemerkt. „Aber wer iſt die junge Dame?“ fragte ich zum zehnten Male. Doughby fährt fort:„Sie kam gerade, wie ich draußen im Hofe war, mit zwei Ladies, einer alten und einer jungen, angefahren. Vergennes, Ihr ſolltet Euer Glück verſuchen, ſte hat von Eurer Negerphiloſophie nichts gehört. Bei ihr findet Ihr eine Chance— bei unſern Damen habt Ihr's verhauſet.“ „Ich verhauſet?“ frägt Vergennes betroffen. „So ſage ich Euch, und werdet die Wahrheit bald fühlen. Sage Euch, dieſe Negerphilanthropie iſt ein kitzliches Ding— ein ſinnliches Ding;— denn Sinn⸗ —= 363 6— lichkeit liegt, zehn gegen eines zu wetten, zum Grunde. Unſere Damen haben ſo eine Art Inſtinkt. Wer die Partei der Schwarzen nimmt, verſteht Ihr, mit der Zunge nimmt, der— doch wollen ſchweigen, hier iſt nicht der Ort dazu.“ Und Vergennes ſchaut Doughby einen Augenblick nachdenklich an— im nächſten Momente fährt er un⸗ geduldig mit der einen Hand durch die Locken, mit der andern kräuſelt er das Stutz⸗ und Knebelbärtchen, und ſo gethan, ſetzt er ſich in Bewegung. Louiſe hat kaum ſeinen Schritt gehört, der doch ſo leiſe iſt, ſeltſam! daß ſte ihn gewahrt; ſie ſchnellt auf und ziſcht ihm beinahe aufgebracht nach:„Vergennes! Vergennes! Sie werden doch nicht! ohne den Ceremo⸗ nienmeiſter!“ „Laſſe ihn doch, Louiſe— der arme Junge erhielt bereits ein halbes Dutzend Körbe, Alles wegen ſeiner Negermanie, und ich kann nicht abſehen, warum der Ceremonienmeiſter hier vonnöthen wäre.⸗ „Aber es iſt Sitte, und was wird Charles?— ℳ ſtockt Louiſe. Sie hält inne, das Charles war ihr herausgeſchnappt. 24* — 0 361— „Charles?" fragte ich verwundert—„Etwas ganz Neues— was hat Charles dabei zu ſagen?“ „Was Charles dabei zu ſagen hat? entgegnet Louiſe ein wenig verlegen— ihr Blick iſt geſpannt auf die Un⸗ bekannte gerichtet, wieder folgt er ungeduldig Vergen⸗ nes, der in zierlich graziöſer Nonchalance den Saal ein, zwei Mal durchzieht, hier ein Wort ſpendet, dort aimabel zu ſeyn verſucht, allmählig in leichtere Pas verfällt, und endlich, wie von Schmetterlingsfittichen getragen, an die ſchöne Einſame heranſchwebt. Louiſens Züge werden immer geſpannter. Einen Augenblick haftet ihr Blick an dem kecken Couſin, dann durchfliegt ihr Auge den Saal und weilt in der mittlern Fenſterecke.— Da iſt ja Charles! Ich habe ihn den ganzen Abend nicht geſehen. Wo war er? Tanzte er? Nicht, daß ich ſah.„Wo war Charles?“ Louiſe ſieht nicht, hört nicht, iſt ganz Spannung. — Sie beugt ſich vor, als wollte ſie über den ganzen Saal hinüberhorchen, ſieht abwechſelnd die ſchöne Einſame, wieder Charles an. Seltſam! Charles ſteht ſtarr wie eine Bildſäule, ſein Auge ſtiert Vergennes an. Jetzt gieht er endlich ein Lebenszeichen von ſich, die Oberiype kräuſelt, die —= 365— Augen rollen, er wird abwechſelnd blaß und wieder roth, fängt an zu zittern.„Was iſt auf einmal Dei⸗ nem Bruder zugeſtoßen?“ „Louiſe, was iſt's? ſo ſage doch! Charles ſteht wie zum Sprunge gerüſtet— Wuth ſpricht ſich in allen ſeinen Zügen aus. Was hat er dagegen, daß Ver⸗ gennes ſein Heil bei der Unbekannten verſucht?“ „Sieh nur, wie ihm die Augen in den Kreiſen rollen, wie er ſich vorbeugt, gerade wie unſere Hinterwäldler, oder franzöſiſchen Fechtkünſtler, wenn ſie einen Ausfall meditiren.“ Der arme Vergennes, ſcheint es, wird abermals mit einem Korbe abziehen müſſen. Weder Stutz⸗ noch Kne⸗ belbärtchen ſcheinen Eindruck hervorzubringen— ſie ſieht und hört ſo gleichmüthig zu, und er giebt ſich Mühe, man merkt es, ſeine Attitüde iſt ſo flehend, die ganze Stellung verräth, daß er hart anſetzt.— „Sie ſchüttelt den Kopf,“ flüſtert mir Louiſe trium⸗ phirend zu. „Sie hat refuſtrt,“ wispert ſie etwas lauter und mit einer Schadenfreude, die ich bei Louiſen gar nicht geſucht hätte. „Es iſt wirklich ſo— Vergennes retirirt mit ver⸗ —= 366 6— biſſenen Lippen, aber ich ſehe noch immer nicht ein, was Du eigentlich für ein Intereſſe an dem Mißgeſchicke unſeres ewig ſprudelnden Neveus finden kannſt. Doch ſieh, Charles iſt wie mit Blut übergoſſen.“ „Das iſt wirklich ſeltſam! Sage mir nur, was eigentlich das Manöver oder die Intrigue, denn von letzterer hat es recht vielen Beigeſchmack, ſoll? Er ſcheint ſich für die junge Dame zu intereſſiren.“ „Sehr natürlich!“ verſetzte Louiſe. „Sehr natürlich? Ja, aber was geht dieſe Unbe⸗ kannte Charles an? Er benimmt ſich ja mehr als ein eiferſüchtiger Ehemann oder Liebhaber, und vergißt ganz, daß Miß Emilie War— ⸗ „Ich höre meinen Namen, zwar nur halb ausge⸗ ſprochen,“ lacht die ſchöne Miß, die leibhaftig vor mir ſteht. Und ich ſchlage die Augen auf, und ſchaue ſie an, dann Louiſen, um deren Mundwinkel ein lächelnd zu⸗ friedener Zug ſpielt;— die holde Miß promenirt am Arme des Grafen Vignerolles, braquirt beifällig ihr Augenglas— um ihre Züge ein eigenthümlich indolen⸗ tes Lächeln ſpielend, ihr Blick ſo vertrauensvoll auf de Vignerolles ruhend— ſeiner wieder ſo liebevoll auf —" 367 6— ihr. Dieſer Blick, dieſe Miene!— Was iſt das? Was ſoll Alles dieß bedeuten? Ich ſchaue ſie Beide an, und wieder an. Louiſens Geſicht ſcheint ſich zum lauten Lachen verziehen zu wollen.“ „Mister Howard!“ flötet endlich die Miß—„Sie ſehen ja ſo furchtbar ernſt prüfend darein.“ „Das nicht, Miß Warren, aber einigermaßen ver⸗ wundert, wir leben in ſo ſeltſamen Zeiten.“ „Ja wohl ſeltſamen,“ lacht ſte, das Augenglas er⸗ hebend und mit der inſoucianteſten Miene von der Welt Charles lorgnirend. Und die Muſik beginnt abermals. „Papa Vignerolles!“ lacht Louiſe—„Ich habe Sie ſtatt meines faulen George zum Tanze für dieſen Cotillon erkoren, vorausgeſetzt, daß—“ „Und mein Taufpathchen erhält einen Korb,“ lacht Vignerolles entgegen. „Da ſtehſt Du, George, ſo mit einer Dame und einem Pathchen zu ſprechen— Papa iſt ganz ausge⸗ artet.“ „Aber Louiſe, ich wünſchte alles Ernſtes, daß Du wenigſtens dieſe Tour ausſetzteſt— Du weißt— 4 Und Louiſe läßt das Mäulchen hängen— wer kann — e 368 e— da Etwas abſchlagen,—„Wohl, Louiſe, Dein Ver⸗ gnügen iſt auch das meinige, nur bitte ich Dich— 4 Und während ich accordire, tritt d'Ermonvalle mit dem ewigen maitre de ceremonies vor Louiſen, und ſie graziös, kann ihm bloß dieſe drei Touren verſpre⸗ chen. Und während des Plauderns hat auch der Magnet in der Fenſtervertiefung glücklich Charles an⸗ gezogen. Die Intrigue, ſcheint es, wird höheren Ortes geleitet, Monsieur le maitre de ceremonies iſt d'ac- cord avec le cher Papa. Dieſe Creolen, ſie können wahrhaftiglich nicht ohne Intriguen leben, ſie ſind ihnen ſo zum Bedürfniß geworden, daß ſte ihre eigenen Kinder ſie abſpielen laſſen, wenn keine andern Aeteure zu haben ſind. Wohin wird nur das Ganze wieder hinauszielen? Wollen die beiden Leutchen ein wenig näher beſchauen. Sie beginnen Aufmerkſamkeit zu erregen. Die alten Cavaliere ſenden lauernde Blicke herüber, beſonders der Graf. Siehe da, der Papa! — ſein Falkenauge haftet auf den beiden Girrenden, er folgt jeder ihrer Bewegungen— während ein ei⸗ genthümlich ſathriſch zufriedenes Lächeln ſein einiger⸗ maßen vertrocknetes Profil belebt. Charles hat endlich neben der ſchönen Unbekannten —= 369— feſte Poſition gefaßt— aber ſo de⸗ und wehmüthig; das Mädchen iſt aber auch ſchön zum Kopfverdrehen. Ein Schwanennacken wie friſch gefallener Schnee; habe nicht bald ein ſo herrliches Incarnat geſehen— und Taille, und Füße, und Hände;— der Junge hat Geſchmack, aber Emilie Warren, und Mistreß Hou⸗ ſton!— Mir gefällt dieſes Changiren zwiſchen Liebes⸗ leuten, und wäre es ſelbſt nur auf einem Balle, gar nicht. Dieſe Wankelmüthigkeit iſt auf alle Fälle keine gute Vorbedeutung für einen glücklichen Eheſtand. Muß doch hören, was die beiden Leutchen mit einander für wichtige Affairen zu verhandeln haben. Sie zupft an den Orangen⸗ und Convolvulusblüthen, als ob ſie Charpie für den armen verwundeten Charles bereit zu halten gedächte,— er— doch endlich giebt er etwas von ſich. „Sie tanzen alſo nicht, theure Eleanor?“ läßt er ſich hören. „Seit drei Jahren nicht,“ verſetzt ſte im Flötentone und mit einem Seufzer, der einen Stein erweichen könnte, und dem armen Charles durch Mark und Knochen dringt. Er entgegnet mit einem Schauder, der mich wider Willen lachen macht: —=370 e— „Furchtbar!“ Wieder eine Pauſe. Charles giebt abermals etwas von ſich, das rührend klingen muß, denn ſie wirft ihm einen ſchmelzenden Blick zu, und er verdreht die Augen, und ſchlägt ſie dann zagend auf, und richtet ſte flehend auf ſie, und ſie auf ihn, und Beide erröthen.— Das wird intereſſant, ſcheint es. Die Affaire be⸗ ginnt, ſo langweilig ſie Uneingeweihten, oder einem Quüäcker, oder einem Yankee ſcheinen mag, auf einen gewiſſen Punkt hinzuſteuern. Wollen den Ideen der Beiden eine andere Richtung geben, kann nicht ſchaden. Und während ich mich vorſchiebe, willens, die Schöne ex abrupto zum Tanze aufzufordern, ſcheinen ſte inſtinktartig meine ungebetene Dazwiſchenkunft zu errathen, denn ſie erheben ſich, während Charles wie außer ſich ſtammelt:„Sie machen mich zum glücklich⸗ ſten Sterblichen!“ „Aber was wird— 2" ſcockt ſie. Der Ton ihrer Stimme hat etwas ſanft Malignes. Sie ſchaut ihn mit einem fein ironiſchen Lächeln an, das ihr ungemein gut ſteht, dann eilt ihr Blick flüchtig im Saale herum, haftet endlich— ja auf Emilien. Charles wird blaß. Sie richtet abermals den forſchend gewor⸗ A — 371— denen Blick auf ihn, der junge Menſch ſcheint ſeine Beſtnnung ganz verloren zu haben, ſteht wie ein armer Sünder, zitternd tritt er in die Reihen ein, Aller Augen ſind auf das Paar gerichtet, nur ſie ſind blind, ja wahrhaftig blind, beinahe blöde iſt ihr erſtes Auftreten. Dieſe wenigſtens macht dem creoliſchen Tanzruhm keine große Ehre. Doch halt! unſer Urtheil wäre beinahe Vorurtheil geworden. Die Pas der Beiden werden auf einmal ſo zuverſichtlich, ſo elaſtiſch, ihre Bewe⸗ gungen ſo graziös! Seht doch, Wunder über Wunder — in den Beiden iſt während der zehn Sekunden eine wahre Metempſychoſe vorgegangen, ſo urplötzlich, als ſie der griechiſche Philoſoph ſich gewiß nicht träumen ließ. Dieſe Sprache! Wahrhaftig, ſie iſt deutlich ge⸗ nug, jeder Schritt, jede Bewegung redet. Dieſer Char⸗ les iſt ein ganz neuer Menſch geworden, ſo geſchmeidig, leidenſchaftlich, als ob er die Verführungskunſt bei dem athenienſiſchen Alcibiades ſtudirt hätte. Und wie ſie ihm wieder entgegen ſchwellt! anſe chmiegend, hingebend! Und während die Muſik— ſie beſteht aus dem Pianoforte, zweien aus der Hauptſtadt heraufgekom⸗ menen Violinen und einem Violoncello, und iſt vor⸗ trefflich— die letzten Figuren durchſpielt, ſind Aller —" 372— Blicke auf das neue ſeltſame Tänzerpaar wie gefeſſelt. Emilie Warren kann ihre Augen kaum abwenden, ſie ſcheint ſte zu bewundern, Freude, Theilnahme leuchtet aus ihren Augen. Der Graf folgt mit wahrem Troſte ihren Bewegungen. Die junge Dame iſt wie beſchämt über ihren Triumph; denn Triumph iſt es wirklich— ſte überbietet Louiſen und Genievre, und das will Et⸗ was ſagen. Wie ſie nun die zauberiſchen nußbraunen Augen aufſchlägt, und ihr berauſchter entzückter Part⸗ ner ſie zur Allemande ſanft erfaßt, übergießt ſie eine Flammengluth. Ich glaube, wenn die Beiden in dem Augenblicke ſtürben, ſte hätten glücklich gelebt. „Papa, was ſagen Sie dazu?“ fragte ich den ge⸗ rade an mir vorüberſchießenden Schwiegervater, wäh⸗ rend mein Blick auf Charles deutet. Der Papa giebt keine Antwort, aber Zufriedenheit, Freude leuchten ihm aus den Augen. „Was meinen Sie?“ fragt er zuletzt. „Wer iſt die junge Dame?“ „Welche?“ „Je nun, die mit dem Charles tanzt.“ „Kennen Sie ſie nicht? Es iſt Demoiſelle La⸗ calle. ¹ 6 — ‿ — d 373 6— „Wie, Demoiſelle Lacalle, die Tochter Monſieur Lacalle's, von dem der Graf Vignerolles— 2 „Eben dieſe, ſie war nicht bei Tiſche, weil ſie mit ihrer Gouvernante einen Beſuch bei einer intimen Freundin in der Nachbarſchaft abſtattete.“ „Alſo die Tochter von demſelben Lacalle, und wie kommt es, daß Charles— „Mehr davon morgen, lieber Howard. Jetzt er⸗ lauben Sie—“ Und der ſchlaue Creole, wäre er nicht mein Schwie⸗ gerpapa, ſo würde ich mich des Prädikates Intriguant bedienen, dreht ſich aalartig von mir weg, um mich— an Julien anprallen zu laſſen. Du mein Gott, wie die nun wieder ausſieht! Ich habe immer einen gewiſſen Penchant zur Creolinnen⸗ Indolenz an ihr bemerkt, aber dieſen Zug noch nicht. Die Unterlippe, die ganze untere Kinnlade hängt doch ſo verdrießlich, und die Mundwinkel ſo ſchmollend her⸗ ab! Sie ſieht darein, wie eine Dreißigjährige, die eine Negerin auspeitſchen zu laſſen darauf und daran iſt. „Howard, haben Sie Doughby nicht geſehen?“ „Doughby? ja doch. Es iſt noch keine halbe Stunde, mag auch etwas mehr ſeyn.“ —=0 374— „Er iſt fort, verſchwunden, hat ein Pferd beſtiegen, eines von Papa's Pferden, und iſt mit zwei Herren weggeritten.“ „Tröſten Sie ſich, Julie, iſt er weggeritten, ſo wird er den Weg ſchon wieder zurück finden. Wiſſen Sie, welche Richtung er eingeſchlagen?“ „Stellen Sie ſich vor, den Ball zu verlaſſen!“ jam⸗ mert Julie mit verbiſſenem Grimm—„mich, Alles im Stich zu laſſen, um zu ſeinen betrunkenen—“ „Pfui, Julie! nicht ſo vorſchnell, liebe Schwägerin,“ flüſtere ich der beleidigten Ehehälfte in die Ohren.— „Doughby iſt weder Trunkenbold, noch liebt er deren Geſellſchaft, und Sie ſind zu aufgebracht, um gerecht zu ſeyn, er verdient das nicht um Sie.“ „Ah, Sie ſind ein Amerikaner und Sie laſſen nichts über Doughby kommen.“ „Das bin ich, Julie, Gott ſey Dank! aber Sie ſind übler Laune. Wiſſen Sie, wo Doughby hin iſt?“ „Weiß ich es?“ ſchmollt Julie.„Er wurde abge⸗ holt von zwei Männern, heißt es, und hatte bloß ſo viel Zeit, um Mistreß Richards zu ſagen— 4 Wieder eine fatale Geſchichte, der gute Doughby weiß doch nie, wenn Zeit— Doch, ſiehe da, Mistreß Richards— „Mistreß Richards!“ rede ich die zur Galopade eintretende Madame an,„was hat es mit Mister Doughby?“ „Nichts, gar nichts. Es kamen Mister Trumbull und Kapitän Blount, um ihn zur Conferenz nach Ale⸗ randria über ein ſehr wichtiges, unvorgeſehenes Ereigniß abzuholen— das Comitee iſt drüben ver⸗ ſammelt. Er hatte kaum noch Zeit, mich zu bitten, ihn bei Mistreß Doughby, die gerade die Allemande tanzte, zu entſchuldigen.“ „Das dachte ich. Tröſten Sie ſich, Schwägerin. Sie ſehen, Mister Doughby iſt in ſo guter Geſellſchaſt, wie ein reeller Amerikaner nur ſeyn kann, freilich auf der un⸗ rechten Seite, aber wir leben in einem freien Lande, und der alte Hickory geht auf alle Fälle dem Balle vor. 4 „Ah, es iſt zu arg, lieber Howard,“ fällt die Ma⸗ man ein, die ſich gleichfalls dem Knäuel beigeſellt, und nun das Conclave neuerdings in Gang zu bringen droht. „Maman! Doughby iſt einer der Comiteemänner, er iſt Politiker, iſt ſeiner Parthei verpflichtet. Er —=0 376 6— konnte nicht anders, mußte.— Ereifern Sie ſich nicht — er mußte kommen.⸗ Die Maman iſt im Begriffe, zum neuen Angriff gegen den armen Doughby auszuholen, aber zum Glücke ſpringt die Allemande in die Galopade um, und aus dem Wirrwarr der Stimmen erhebt ſich die Harmonie der Töne. Eleanor und Charles, die in einem Meere von Seligkeit ſe chwimmen,— ſchwirren vor ihr vorbei, und Doughby iſt glücklich vergeſſen. Es iſt aber wirklich eine Freude, die Beiden zu ſehen, ſte zittert, erröthet bis zur Nagelſpitze! Welches ſechzehnjährige Kind wird es nicht bei dieſem Hüften⸗, Gliederſpiele und Gewoge! Widerſtrebend heben ſich anfänglich die wunderliebli⸗ chen Füßchen, dann werden ſie aufſchnellender— Charles kennt ſich nicht mehr, wie er ſie im Arme, in dem wollüſtigen T anze hinhüpfend, umſchwingt. Louiſe mit Monteville galopiren an mir vorüber.— „Louiſe!u flüſterte ich, gerade wie ſte an mir vorüber rauſcht, aber Louiſe hört nicht— endlich muß ſie, denn ſie iſt offenbar erſchöpft. „Louiſe, das iſt die letzte, verſprich mir es.⸗ „Die letzte, das verſpreche ich Dir,u lacht ſie keuchend. Der Tanz iſt vorüber. Louiſe nähert ſich Cleanor, —= 377— die Beiden umarmen ſich, die Maman hat ganz Dough⸗ bys Ausbruch vergeſſen, und trippelt heran mit einem Shawl, den ſie ſo ſorgfältig um die Schultern des lieblichen Kindes breitet;— die übrigen Damen laſſen ſich ditto die ihrigen reichen. Es iſt ein allgemeines Einſhawlen. „Wie ſo, Papa, der Ball alſo zu Ende?“ „Die Glocke hat zwölf geſchlagen.“ „Aber warum nicht noch eine Tour Papa, lieber Papazu bettelt Louiſe.„Sieh nur, Eleanor hat bloß eine einzige Galopade und eine armſelige Allemande, und einen langweiligen Cotillon durchgemacht, und wir nicht mehr als drei— u „Fünf, liebes Kind,“ zählt ihr der Papa arithme⸗ tiſch auf den Fingern nach—„fünf, Du haſt Dich verzählt, und fünf Cotillons, Allemanden und Galo⸗ paden ſind für drei Stunden mehr als genug. Auf den morgenden Tag folgt auch eine Nacht, und Du weißt, daß ich es nicht leiden kann, wenn der Ball fatiguant wird. Iſt ein großer Fehler, Mister Ho⸗ ward, wenn junge Damen— nichts Horribleres, als ſchwitzende junge Damen mit blaſſen oder aufgedunſe⸗ Lebensbilder a d. weſtl. Hemiſph. IV. 25 nen rothen Geſichtern, ſchlaff herabhängenden Locken, zerknitterten Blumen.“ Die Worte des alten Practicus ſind halb an mich, halb an Louiſen gerichtet. Er wiſpert uns noch zu: „unſere Damen gehen ab— muß nachſehen,“ und huſcht dann weg. Louiſe i*ſt gleichfalls im Begriffe nachzuhüpfen. „Halt Louiſe! und vergeſſe den Shawl nicht, die Nachtluft iſt kühl.“ „Die Damen gehen. „Doch nicht auf die Zimmer,— ſo warte doch, Louiſe, ich begleite Dich.“ „Wir gehen zu Maman, und nehmen noch bei Maman einige Erfriſchungen. Ich muß zu den Da⸗ men, Du bleibſt hier bei den Herren.“ „Aber Louiſe! ſo ſage mir doch— man iſt wie verrathen und verkauft— was ſoll es mit Chantzs Was giebt es mit Emilien?“ „Ah Charles und Emilie und Doughby— Ah, ſtelle Dir nur vor, George, Doughby! die Maman hat ſich abſcheulich geärgert. „Wir reden jetzt nicht von Doughby.— Doughby that, was in ſeiner Lage auch ich gethan hätte.“ 4— ,— — 379 e— 1 „Aber die Maman ärgert ſich gewaltig,“ lacht Louiſe, mir ein Kußhändchen zuwerfend, und in der Thüre des Appartements der Maman verſchwindend. „Das iſt zum Aergern,“ rief ich ärgerlich aus— mich von der Thüre wendend, wohin, wußte ich ſelbſt nicht recht. Aus dem Speiſeſaale ſchallt lautes Gelächter her⸗ über, vom Negerdorfe her läßt ſich ahnlicher Jubel ver⸗ nehmen. Die Schwarzen halten gleichfalls eine Art Ball, aber nicht ſo ganz con amore, wie es ſcheint;— die Schönen ziehen es vor, an den Jalouſten zu hängen, und die Bewegungen ihrer Herrſchaften zu ſchauen, um ſie bei nächſter Gelegenheit in ähnlicher Vollkommen⸗ heit produziren zu können. Mir iſt der Kopf ſo voll, dieſes Verſteckensſpielen ärgert mich. Sind nun en ſamille, wie es heißt, und Intriguen, die dem Hofe eines deutſchen Duodezfürſten Stoff zu achttägigem Divertiſſement geben könnten. Was will nur dieſer alte Graf, der ſich wie ein alter halbvermoderter Cotton⸗ baum von der friſchen Weinranke umfangen läßt? Wird doch nicht?— Das Ganze iſt abgekartet, ſo viel iſt klar. Selbſt Mistreß Houſtons eſſigſaures Geſicht hat ſich ſo friedſam ruhig geglättet!— Bin nur begierig, 25* — 380— was aus dem feinen Gewebe für ein Geſpinnſt zum Vorſchein kommen wird!“ Im Saale läßt ſich jetzt die Stimme des Grafen deutlicher vernehmen. Der alte Cavalier will mir nicht aus dem Kopfe.— Neid iſt es nicht, denn ich tauſchte nicht für zehn Emilien. Sie iſt ein wahrer Eisberg, dieſes Mädchen, kalkulirend wie die Yankeeinnen alle — die, hören ſie von einem Grafen oder Marquis, der Dollars hat;— ja ich glaube, das wird der Punkt ſeyn. „Siehe da, Mister Howard! Hamletiſirend?“ lacht Hauterouge.—„Wollen Sie nicht in den Saal? Die Geſellſchaft iſt die aufgeweckteſte, die ich ſeit langer Zeit geſehen.“— „Ich höre es,“ verſetzte ich mißmuthig, von dem alten Baron in den Saal hinein gezogen, in dem ein wahres Junggeſellenleben an der Tagesordnung iſt. Ein halbes Dutzend Sopha's und Ottomane, aus den beiden Sälen zuſammengeſchleppt, ſind um den Tiſch gereiht; auf dieſem eine gewaltige Bowle mit Cham⸗ pagner⸗ und Ananaspunſch, Kannen und Taſſen mit chasse caffé, Aller Augen auf den Grafen gerichtet, der auf einem Fauteuil wie ein Triumphator thronend 8 ff * 4 — —= 381 6— — ein Lächeln hoher Zufriedenheit um die dünnen Lippen— einen Augenblick die verſammelten Tafel⸗ freunde überſieht, und dann gravitätiſch aus dem Punſchglaſe nippend, frägt: „Alſo Sie wollen ſich nochmals ennuyiren mit unſern Abenteuern, Meſſieurs?“ „Sie erzählen ſo angenehm, Graf,“ meinen die polirten Franzoſen⸗Creolen. „Ohne Komplimente, Meſſieurs! Sie ſind ſo gütig Antheil zu nehmen, und es wäre unartig, Ihrem Wun⸗ ſche nicht nach Kräften zu entſprechen, nur bedaure ich, wenn Ihre Erwartungen nicht ganz befriedigt werden ſollten; da wir aber denn doch noch einige Gäſte er⸗ warten, und Meſſteurs Doughby und Richards ab⸗ gegangen ſind— 4 „Wie, auch Richards, Monſieur de Vignerolles? Davon wußte ich kein Wort, ich glaubte bloß mein Schwager allein.“ „Ah, Monſieur Doughby,“ fällt der Graf lachend ein,„ging, um uns einen neuen Präſidenten nach ſei⸗ nem Geſchmacke zu ſchenken, und gelegentlich ſich ſelbſt den Weg zum pouvoir zu bahnen.“ „Und Sie glauben— 24 fragen Mehrere. —0 382 e— „Ich glaube nicht bloß, ich bin vollkommen über⸗ zeugt, daß dieſer junge, zwar noch nicht ganz geglät⸗ tete, aber gediegenes Gold enthaltende Charakter, ehe viele Jahre vergehen, eine bedeutende Rolle ſpielen wird. Er iſt ganz der Mann für unſere heutige De⸗ mokratie, und glücklich wir, wenn die Gewalt in keine ſchlimmeren Hände fällt. Ich habe nicht bald ſo vieles Aplomb, wie bei dieſem jungen Manne, gefunden— er iſt ganz das Holz, aus dem man bei Ihnen Ihre Staatsſekretäre und Präſidenten ſchnitzt.“ Die Wahrheit zu geſtehen, ſo kommen mir oft ähn⸗ liche Gedanken. Blöde iſt der gute Doughby nicht, und wenn Keckheit und eine allzeit fertige Zunge und Takt— „Aber warum, Herr von Vignerolles, iſt Richards gegangen?“ „Ein ſehr angenehmer Beſuch aus dem Norden, für den Freund Menou bereits Empfangsvorkehrungen trifft. Wir werden das Weitere in wenigen Stunden hören.“ Der gute Cavalier ſcheint mehr zu wiſſen, als der Sohn des Hauſes. Ein wenig verdrießt mich dieſe Geheimnißthuerei— ich kann meinen Aerger nicht ganz verbeißen— wer könnte es auch! — — 383 6— „Das iſt doch ſeltſam, ein Beſuch nach Mitternacht, von dem— ℳ „Von dem,“ fällt der Graf lächelnd ein,„de Vig⸗ nerolles weiß, und Mister de Howard im Dunkeln iſt— Nicht wahr?“ 4 „Neugierde iſt mein Fehler nicht, Monſieur de Vig⸗ nerolles,“ ſprach ich abbrechend. Meine Lippen kräuſeln ſich unwillkührlich, der Graf ſieht mich einen Augenblick forſchend an, dann wendet er ſich zur Geſellſchaft mit einer Miene ſo inſouciant vornehm!— V=t ſeyen dieſe Franzoſen! ſte halten beſſere Leute, als ſie ſind, geradezu für Narren. „Aber wo blieben wir?“ frägt er nach einer Pauſe wohlgefällig. „Bei Ihrem Waldmahle.“ „Ah, richtig— bei unſerm Waldmahle. Laſſalle, erinnerſt Du Dich noch dieſer Nachtſcene? des pracht⸗ voll in alle Farben des Regenbogens ſpielenden Voll⸗ mondes, wie er ſein grünes Zauberlicht über die Mil⸗ lionen Palmettoes ausgoß, hier eine Cypreſſe in mild⸗ ſtrahlende Verklärung aufdämmernd, dort eine zweite, dritte in ein phantaſtiſches clair-obscur verſchwim⸗ mend— die ganze Landſchaft vor unſeren trunkenen — 384 6— Blicken tanzend, im Südweſt der roſaroth aufgehellte Himmel, gegen Nordweſt das apfelgrüne Firmament — Alles ſo matt verſchmelzend, ſo zauberiſch verklärt! Und wir gruppirt à PIndienne, auf unſern Schenkeln um das Feuer hockend, auf den Knieen Cottonbaum⸗ blätter— auf dieſen Stücke von Hirſchbraten, die einem Nimmerſatt genügen konnten, und ſo ſchnell. verſchwanden, daß ſelbſt unſere Hinterwäldler ob un⸗ ſeres gräßlichen Appetits ſtaunten und ſtarrten.“ Der Graf hält inne.—— —111ö———* 8 35 4—* 8 8 i-b 2 Annmhht nfnſfſſſiſiſſſiſf ſſnſſ p 17 nnln TMIrnaaunn 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 4. 9 8 v L 1ien EEEE LLILLIL 8 3 1 5 8— * 4 * 1 8 ¹ 9 2*„ 5 1 5 8 12 . .— 4.. 5 8 1 “ f s5. * 2