Leihbibliothek deutſcher, engliſcher Uind franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit.“ Lit. A. Nr. 256. Leih- und jSelehedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ f pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von„Morgens 7 d —— —* 4 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deffen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — unf Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten, haben für Sin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 dage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem eſenngane welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ V V I n 7 Geſammelte Werke von Charles Sealsfield. Eilfter Theil. Lebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre. Dritter Theil. —e-O- Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. — 1 gebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre. Von Charles Sealsfield. In fünf Theilen. Dritter Theil. Pflanzerleben. I. Dritte durchgeſehene Auflage. — eOe— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. ,— — —— Pflanzerleben. I. I. Unſer Sonntag. Mein Schwiegervater Menou, und Nachbarn ha⸗ ben uns letzten Sonntag überraſcht; Taby, ſcheint es, will daſſelbe ihren Stammesgenoſſen heute thun. Sie verläßt in einigen Tagen das Wöchnerinnen⸗ Zimmer, und iſt ganz die ſorgliche Wirthin— über und über Beweglichkeit.— Es gibt einen Thé dansant— die Vorkehrungen ſind im großen Style. Am Eingange des Camp*) ſtehen an die zwanzig Pfähle eingerammelt, unter jedem iſt ein Haufen Kieferſpäne aufgeſchichtet. Sibylle, die bei ſolchen Gelegenheiten immer die Tonangeberin ſpielt, wackelt ſchon ſeit einer Stunde herum, mit Anordnungen beſchäftigt. Sie nickt vertraulich bedeutſam links und rechts, kreiſcht mir zu:„Maum**) darum wiſſen, Maſſa! Maum es erlaubt, Maſſa!“ Die Maum, *) Negerdorf. *) Maum, Negerausſprache ſtatt Madam, ſiehe Theil II. —= 8 8— das iſt Mistreß Howard, könnte Einen beinahe eifer⸗ ſüchtig machen, an ſte appellirt Alles, ſte iſt in Aller Munde, Premierminiſter, Parliament, Alles in Allem; ich, als Souverain, muß mich mit der Sinecure zu⸗ frieden ſtellen, bin bloße Zugabe. Alſo die Maum hat zwei Bouteillen Wein für die farbigen Ladies*), wie ſich die Aeffinnen tituliren, und ein halbes Dutzend Salzfiſche geſteuert, nebſt einem Schinken, zu dem Phillis, die Kammerzofe, drei Apfeltorten mit eigenen nußbraunen Händen buk,„der Ehre des Hauſes wegen; was Nachbarn ſagen, wenn keine Torte ſehen?“ meint die kaffeebraune Nymphe wichtig. Das Uebrige hat Hannibal, der Geſpons Taby's, auf⸗ und zuſammengetrieben. Vier Hühner und ein Wälſch⸗ hahn braten in der Roſtpfanne; Wälſchkuchen und Confitüren ſtehen in allen Ecken. Woher die Be⸗ ſcheerung, läßt ſich unſchwer errathen. Liberty and property**) ſind zwar unſere Glaubensſymbole, aber oft kommt es mir vor, unſere Neger laſſen uns beim Glauben, und halten es mit den Werken, wie *) Farbige Ladies, gefärbte Damen; ſo nennen ſich die Negerinnen und ihre Descendenten. **) Liberty and property, Freiheit und Eigenthum. —, —)9 6— old Englands Gentry*) es mit dem Volke, oder in der faſhionabeln Sprache ihres Landes zu reden, mit dem ſchweiniſchen Haufen thut, den es recht poetiſch den Mund von dieſen koſtbaren Ingredienzen um ſo voller nehmen läßt, je leerer es in der Regel ausgeht. — Ja, es iſt ein ſeltſam Ding um den Menſchen und ſeine Sprache!— Zwiſchen Schein und Seyn lernt er nimmer unterſcheiden.— Als ich zuerſt die hoch⸗ tönenden Phraſen über brittiſche Freiheit, auf ſchwer⸗ grobem echt brittiſchem Grunde baſirt, alle Völker der Erde als Sklaven höhnend, las, kam mir eine ſo wunderbare Luſt, dieſe Freiheit mit Augen zu ſehen, — könnt es nicht glauben wie wunderbar! Habe ſie auch geſehen. Kam mir vor dieſe Freiheit wie unſere Sümpfe mit Nelumbo⸗ n.) Blumen bedeckt, ſo herr⸗ lich, daß ihr ſchwören möchtet, ihr ſähet feſten Grund, aber tretet ihr auf eine dieſer Nelumbo's, ſo verſinkt ihr, Alligatoren und snapping Turtles***) zur Beute. *) Old Englands Gentry, die vornehme Welt Englands. **) Nelumbo hat breite Blätter, wie koniſche Gefäße ge⸗ formte, goldgelbe tulpenähnliche Blüthen, die ſchaukelnd über dem Waſſer emporragen. **s) Snapping Turtles, ſchnappende Schilbkröten. Tortue erocodile, ſehr gefürchtet von den Negern— ihr Biß iſt ge⸗ fährlich. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 2 ——— 2 —= 10— Freiheit, du lieber Gott! Freiheit! Erinnere mich ſo mancher Belege zu dieſer Freiheit, und wie geiſtreich John Bull ihren Begriff aufgefaßt. So ritt ich eines Tages von Hydepark herab, Knightsbridge vorbei, Tattersalls zu, bekanntlich nicht weit vom Bartho⸗ lomev⸗Hoſpital, und jede Stunde umlagert von einer Schaar emeritirter Helden von Abukir, Trafalgar und Waterloo, die euch wie Jagdhunde anfallen alles um des lieben Schillings wegen. Auch ich hatte das Glück, ihre Aufmerkſamkeit anzuziehen, und ehe ich michs verſah, waren die Zügel meiner Roſinante in ihren dienſtfertigen Händen. Es hätte Streit gege⸗ ben, wären unter den ſechs Individuen mehr als ſieben Arme geweſen. Zweien warf ich die Zügel zu, aber vier erfaßten ſie, und hielten ſie ſo feſt, wie John Bull nur immer einen zu expectirenden Schilling feſt⸗ hält. Als ich die Herrlichkeiten der engliſchen Roß⸗ welt genugſam beſehen, ſchickte ich mich an, meinen Gaul aus den Händen der dienſtwilligen Geiſter, in deren Gewahrſam er ſtand, zu erlöſen, hatte aber zuvor eine Taxe von vier Sirpence zu erlegen, wofür ich mit der Lebensgeſchichte der vier Helden in extenso bereichert wurde. Zwei derſelben waren zu Matroſen — e 11 G— gepreßt, die andern zur Linie verlockt worden. Konnte mich nicht enthalten, etwas wie Bedauern über ihr herbes Schickſal einfließen zu laſſen, kam aber ſchön dafür an.„By Jove, did not I tell ye, if he béent a yankee;“*) ſchrieen die Chelſea⸗ und Greenwich⸗ Reſidenten in einem Athem.„A Hurrah, Sir! for old England and her liberty and property!“**) Dem einen der Tröpfe war das Bein, dem andern der Arm weggeſchoſſen worden, aber doch ſchrieen ſie liberty, zum Danke für die Sirpence, die ſie als Aequivalent für ihre verſtümmelten Arme und Beine erhalten! In dieſem Punkte ſind unſere Neger aufgekärter — verſichere Euch! Wollte nur eines der Glieder unſerer hundert oder tauſend African Societies 825) ſähen das Elend, in dem die armen Teufel ſchmach⸗ ten, den Jammer, unter dem ſie erliegen! *) By Jove did not Itell ye, if he béent a yankee. Bei Zeus ſagt ich Euch nicht, er ſey ein Yankee. **) A Hurrah! Sir, for old England and her liberty and property! Ein Lebehoch, Herr! dem alten England und Frei⸗ heit und Eigenthum. *) African Societies, Verbindungs⸗Geſellſchaften, die die Befreinng der Negerſklaven bezwecken. 2* — 0 12 e— Taby empfängt ihre Gäſte, von denen bereits ein Dutzend beiſammen ſeyn müſſen, nach dem Biſam⸗ geruche zu ſchließen, der aus dem Wöchnerinnenzim⸗ mer herausduftet, auf dem Sopha ſitzend, mit einem neuen Calicokleide angethan, das ihr Mistreß Howard heute präſentirt, und wozu ich ein Paar Strümpfe, Schuhe, ſeidenes Halstuch und zwei Dollars gelegt; in der einen Hand hält ſie den Rittikl, in der andern einen Fächer von Wälſchhuhnfedern. Unter den Anweſenden ſind mehrere farbigte Gent⸗ lemen*) von benachbarten Pflanzungen, wohl ge⸗ merkt! die nächſte iſt wenigſtens zehn Meilen— Alle in full dress,**) wie wir ſagen. Die Ladies, wehe der Zunge, die ein anderes Wort über die Lippen brächte, in Calico⸗, auch Seidenkleidern, mit Florett⸗ Shawls auf den behandſchuhten Armen, buntſeidenen Tüchern auf den Wollköpfen, ihre Beaus in blauen, gelben, grünen und weißen Fracken und Jacken, roth, blau und grüngeſtreiften Pantalons, Schuhen und Strümpfen, auch Uhrbändern und Ketten, und ſo *) Farbigte Gentlemen, coloured Gentlemen nennen ſich Neger und ihre Abkömmlinge. **) full dress, im vollen Anzuge— Staate. — 13 G— wahr ich lebe, zwei dieſer Wechſelbälge haben Lorgnons, oder richtiger zu melden, Gläſer aus Penny⸗Uhren, die eben ſo gute Dienſte thun. Sie haben die neue Fashion an Vergennes und Merveille geſehen, und wollen gleichfalls every bit gentlemen*) ſeyn. So eben tritt Fabius mit Lilly ein. Der Burſche hat Pantalons von geſtreiftem Calico, gelben Nanking⸗ frack, und wäre gar nicht übel zu ſchauen, wenn er ſtatt der Entenfüße, mit denen ihm die liebe Natur einen Poſſen geſpielt— ein menſchliches Geſtelle hätte. So wie es iſt, watſchelt er ganz einher, wie dieſe tergiverſtrenden Thierchen auch, fühlt aber ganz ſeine, und des Tages Wichtigkeit. Flankirend tritt er ein, Lilly, wie es ſich von ſelbſt verſteht, am Arme, er ganz charmirt, Lady Taby ſo wohl zu ſehen, und ihr ſeine Aufwartung machen zu können, wogegen Taby ſich erhebt, ihren Knir darbringt, und ihrerſeits nicht wenig erfreut iſt, einen Gentleman of so berry good manners**) zu ſehen. Wunderliche Geſchöpfe dieſe Schwarzen! Jeder Zug, *) every bit gentlemen, ein vollkommener Gentleman. **) Gentleman of so berry good mamers. Negeraus⸗ ſprache, ein Gentleman von ſo guten Sitten. —=d 14— jede Bewegung iſt Aefferei, die großthueriſchſte Nach⸗ äfferei! Sie werden ſcheel angeſehen, dieſer Nachäfferei wegen, gehaßt, geſtraft.— Sie iſt unſern weißen Mitbürgern und Mitbürgerinnen— eines gewiſſen Schlages!— ein Gräuel, und erſcheint ſelbſt heller Sehenden ein bedenkliches Prognoſticon. Hilft aber alles nichts! Der Neger will nun einmal nicht Neger, er will Weißer ſeyn, und wenn er noch ſo ſchwarz iſt, ſo will er in ſeinen Manieren weiß ſeyn. All ſein Dichten und Trachten geht dahin, ganz das Gegen⸗ theil vom Indianer, der Indianer ſeyn und bleiben will. Wenn man ſte ſo anſieht, mit ihren odieuſen, unleidlich äffiſchen Manieren— kann man ſich bei aller Gleichmuth nicht der Galle erwehren. Schwören möchte man, es ſey ein Trupp bekleideter Orang⸗ Outangs. Gleich darauf tritt Vitell mit Dinah ein. Vitell iſt der Sohn eines alten Afrikaners, mit Plugſchaaren ſtatt der Füße, und einer Gattung Waden, die wie dreipfündige Kanonenkugeln ſtatt hinten vorne an⸗ ſitzen; Lippen, die wie mäßig dicke Blutwürſte ſich von einem Ohr zum andern ziehen— aber einem Gebiſſe, ſo weiß, ſo ſcharf! darüber eine platte Naſe, tieflie⸗ — 0 15 8— gende Augen. Er ſtolzirt in einer Nanking⸗Jacke à la Creole— und geſtreiften Pantalons einher, im Jabot eine daumengroße Vorſtecknadel. Wie er die Schwelle betritt, beſpielt er wohlge⸗ fällig beſagte Waden mit ſeinem Rohrſtöckchen, reißt den Mund von einem Ohr zum andern auf, und platzt heraus:„Mister Vitell ſich die Freiheit nehmen, Mistreß Dinah und Mister Vitell der Lady Taby zu präſentiren.“ Und darauf bricht er in ein ſchallendes Freuden⸗ oder vielmehr Roßgewieher aus.„Mister Vitell ſehr willkommen ſeyn;“ lispelte ihm Taby ſüß ent⸗ gegen, ſich abermals erhebend und knixrend. Wie ſich liebe Picanini*) befinden, Maum?“ wen⸗ det ſie ſich an Dinah. „Sehr wohl, Maum. Danke, Maum,“ verſetzt Mistreß Dinah, die all die Weile wie eine Truthenne gerundet, geknirt und ſich gedreht.„Picanini ſich ſehr wohl befinden, nur heute Vormittags nicht artig geweſen ſeyn!“ „Was, kleine Gentleman nicht artig geweſen ſeyn! *) Picanini, kleine Negerkinder. — 9ꝛ 16— Fy der Schande!“ ruft Taby.„Kleine Gentleman doch ſonſt ſehr artig ſeyn.“ „Yis Maum!“*) verſichert Dinahmitaller möglichen Affektation,„ſonſt ganz Gentleman ſeyn, er ſo artig ſeyn, aber ich ihm heute ſagen:„Viti, Viti! heute nicht mit Sulla ſpielen,“(Sulla und Compagnon Marius ſind zwei Newfoundländer, mit Fellen ſo betheert, wie die hochſchottiſchen Widder).„Er ſagen Yis Maum. Ich ihm die neuen Hoſen anziehen, und ihm,“— die Neger haben lauter Ihms—„in einer halben Stunde darauf ſich mit Marius im Kothe herum balgen. Ich ihm ſagen, Viti kein Gentleman ſeyn, er ſagen D—n your eyes Maum!**) Viti nicht mit Sulla, Viti mit Marius ſpielen.“ „O, er lieber kleiner Engel ſeyn,“ verſichert Taby. Ich mußte lachen, wollte ich oder nicht. Aber ſo ſind ſie, Alt und Jung. Geſtern Morgens ſah ich die Thüre eines der Wälſchkornbehälter, die in das Departement Vitells gehören, offen ſtehen, und be⸗ deutete ihm ſofort, ſie zu ſchließen. Das that er nun, *) Yis Maum. Verdorben, ſtatt Ves Maum. .**) D— n yYour eyes, Maum. V=t ſeyen ihre Augen, Madame. —e 17— ſchloß die Thüre, und kroch zu Mittag, mit nicht ge⸗ ringer Mühe, durch das Schiebfenſter, durch das er das nöthige Wälſchkorn zu Tage förderte, und ſich dann ſelbſt auf demſelben Wege. Den Schieber ließ er, wie es ſich von ſelbſt verſteht, glücklich offen, und Hühner und Wälſchhühner feierten ſofort ihren Ein⸗ zug. Vitell, bedeutete ich ihm Nachmittags, wozu hilft es, die Thüre zu ſchließen, wenn der Schieber offen bleibt.— Vitell ſtarrte mich an, riß die Augen weit auf, und ſchloß den Schieber. Als er Abend⸗ futter braucht, kommt er ganz perplexr zur Maum, kratzt ſich hinter den Ohren, fängt an zu ſtammeln, und platzt endlich heraus:„Wie zu Wälſchkorn kom⸗ men, Maum? Maſaa befohlen, die Thüre und Schieb⸗ fenſter geſchloſſen zu halten.“ Und als ihm nun die Aufklärung wird, ſtiert er wie aus den Wolken ge⸗ fallen, ſchlägt ſich vor den Kopf, blöckt die Zähne und ſchreit:„O, Maum, Maum— God bless Maum! Dam, dem Durkies, Maum!“*) *) Verdorbene Negerausſprache ſtatt 0— Maam, Ma⸗ dame. God bless Maam, D-n them Turkies Maam. O Madame, Madame— Gott ſegne Madame!— V— e die Wäͤlſch⸗ hühner Madame! —= 18 6— Doch zu unſerer Theeparthie, oder was es werden ſoll, zurückzukommen. Marion tritt zunächſt ein, ein fünfzigjähriger Afrikaner, vom Stamme Kaury, der, trotz ſeiner bereits vor dreißig Jahren nach Louiſiana ſtattgefundenen Verflanzung, nicht zehn Worte eng⸗ liſch oder franzöſiſch korrekt ausſprechen kann. Wie wäre das aber auch möglich bei den ungeheuren Lip⸗ pen, durch die jedes Wort wie durch eine Brandung durchziſchen muß.— Seine Naſe ähnelt auf ein Haar einer plattgedrückten, unreifen Feige; ſelbſt die blau⸗ ſchmutzige Farbe nicht ausgenommen. Aber die Herablaſſung, mit der die faſhionable Cotterie den Congo Ebony empfängt!*) Kein brittiſcher Staatsſekretär des Auswärtigen kann ſein Empreſſement inſolenter affichiren, gegen⸗ über dem Plenipotentiaire einer Viert⸗Ranges⸗Macht. Selbſt hier haben wir, was ſoll ich ſie nennen, hierarchiſche oder ariſtokratiſche Abſtufungen?— vom rohen Afrikaner, mit dem thieriſchen Profile des Wald⸗ mannes zum Creolen⸗Neger,**) und weiter hinauf *) Congo Ebony, buchſtäblich Ebenholz von Congo— 3 werden die afrikaniſchen Neger genannt. **) Creolen⸗Neger, die im Lande geborenen Neger. —= 19 6— zur träg verſchmitzten Mulattin, die caeteris paribus auf ihre Fraktion weißen Blutes nicht weniger ſtolz thut, als eure Vicomteſſe auf ihr verſchleimtes zwan⸗ zigahniges. Für den Pfychologen und Phyſiologen müßte ein halbjähriges Studium dieſer Geſchöpfe ausbeutend werden! Die Unterhaltung wird unterdeſſen lebhafter. Es ſchweben Cäſar und Prona heran. Das gibt Krieg mit Pompey, deſſen Weib Prona iſt— der aber die Zeit, wie ſein Namensbruder, verſäumte. Er hat ſich zur Meeting des ehrwürdigen Roebuck gemeldet, das fünf Meilen von uns ſtatt findet, eine Espece Lauberhüttenfeſt.— Prona jedoch weiß ſich zu tröſten. allem Anſcheine nach. Sie iſt eine wahre Hebegeſtalt, und eine ſchwarze Taglioni dazu, hat bereits einem Dutzend Männern die Köpfe verdreht, und ſeit vier Wochen nicht weniger als dreier Ehebrüche ſich ſchul⸗ dig gemacht, weßwegen ſie von Mistreß Howard, die in ſolchen Punkten keinen Scherz verſteht, aus dem Hauſe verbannt und zur Feldnegerin degradirt wor⸗ den, mit Androhung in Merveille's Zuckerpflanzung verkauft zu werden. Als ſie dieß hörte, und es war ſo ziemlich im Ernſte geſprochen, wand ſie ſich freilich — e 20 e-— wie ein Wurm, ob es aber helfen wird, muß die Zeit lehren. Jetzt iſt ſie offenbar gereizt. Lady Tiber, deren Ehehälfte die Geige handhabt, hat laut erklärt, dieſer ihr Mann dürfte ſeinem Inſtrumente keine Har⸗ monie der Töne entlocken, wenn ſie von der Parthie wäre. Das iſt freilich barbariſch! grauſam! Sie iſt ſo geſchaffen für die Harmonie der Töne! Keine jener ſchwerhörigen, tückiſchen Seelen, wie Shakspeare ſie nennt, in deren Innern es nicht wiederklingt.— Im Gegentheile, bei ihr klingt es nur zu ſehr, ſo ſehr, daß ſie mit der Rache der beiden furchtbaren Rivale, Cäſar und Pompey gedroht.— Alle dieſe Polizei⸗ Nachrichten werden mir durch Mistreß Howard, die ein wahrer Fouché in petticoats*) ihr Näschen überall hineinſteckt, alles an ihrem Fädchen leitet. Alles weiß ſie, erforſcht ſie. Sie iſt den Negerinnen und Negern, was den Katholiken ihr Beichtvater und ihre vierzehn oder vierzehntauſend Nothhelfer; be⸗ ſonders ſind ihr die Liebesangelegenheiten unſerer ſchwarzen Liege⸗Subjekte wichtig. Zum Theile iſt dieß auch ganz in der Ordnung, ja unumgänglich *) Fouché in petticoats. Fouché im Unterröͤckchen. —=0 21 6— nöthig. Der Aufſeher, den mir Doughby zu ſenden verſprochen, iſt noch immer nicht erſchienen; und ſo ein fünfzig ſchwarze— Teufel will ich ſie nicht nennen — aber Engel ſind ſie auch wahrlich nicht— im ge⸗ hörigen Geleiſe zu halten, braucht etwas; ſie können Euch den Kopf warm machen. Es iſt ihnen nimmer ganz zu trauen, um ſo weniger zu trauen, je liebrei⸗ cher, gütiger Ihr ſie behandelt. Eine traurige Falte dieſe im Negercharakter! Cäſar hatte ſeine Komplimente noch nicht alle links und rechts abgefertigt, und betheuert, wie ſehr er ſich geehrt fühle, Lady Taby von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen, als Prona bereits einfällt: „O Maum, nicht glauben, wie viel gewiſſe Leute ſich einbilden, weil gewiſſe Leute in einem neuen Block⸗ hauſe wohnen.“ Tiber wohnt nämlich in einem der neuen Block⸗ häuſer, auch iſt er zum Vormanne der Feldneger uud interimiſtiſchen Ochſenkutſcher avancirt. „NYis Maum!“ bekräftigte Cäſar, der ſeine gelben Inexpreſſibles wohlgefällig beſchaut, den Kopf einige Male wegwerfend emporſchnellt, und dann recht faſhio⸗ nable ſeine Waden mit dem Rohrſtöckchen beklopft. —= 22— „Nis Maum!“ verſichert er abermals und ungemein wichtig. „Maum she berry bad manners,“*) betheuert Prona. Wenn unſere Neger etwas als recht abominable bezeichnen wollen, heißt es immer: Es hat böſe Ma⸗ nieren. So hat der Pflug, das Rind, die Art oft abominable Manieren. „O ſie horrible Manieren,“ bekräftigte Cäſar. „O Maum Maum, Sie tanzen geſehen? O Maum! Maum!“ ſchreit Prona, und bricht fofort in ein gellendes Gelächter aus, und die übrigen ſtimmen ein, und allgemeines Gelächter, ſo herzinnig, ſo zwerch⸗ fellerſchütternd! Ihr glaubt Euch in irgend einem Dorfparterre, und einen Zögling Liſtons mit ſeiner angebeteten Dora auf den Brettern. Wohl, ſo lacht ihr ſchwarzen Seelen! Wenn ich euch ſo anſehe, mit euren ſchwarzen und weißen Tugenden und Laſtern, wie ihr des Lebens heitere Seite ſo unbekümmert fröh⸗ lich erfaßt, Alles, was Sorge heißt, von euch ab⸗ ſchüttelnd, frage ich mich immer: Wer iſt wohl der *) Statt Maam she has very bad lnanners, Müadam, f. hat ſehr böſe Manieren. — e 23— eigentliche Freie? Du, der Herr, oder dieſe deine Sklaven? Das Gegenſtück habt Ihr an der andern Seite des Wirthſchaftsgebäudes; zwei weiße Erxemplare, Zim⸗ mermann und Schreiner, die einzigen Weißen, die ſich zur Zeit auf der Pflanzung befinden. Was die Neger an Geſelligkeit zu viel haben, haben dieſe zu wenig. Langweilige Subjekte! zweifle, ob ſie den ganzen Nachmittag drei Worte mit einander gewechſelt. Der Eine, ein Plymouth⸗Mann aus dem alten England, mit mattblauen Gänſeaugen und einem langen Profil, hat ſtatt unſerer was*) lauter wäs, und bringt in Cockney⸗***) Manier das H glücklich da an, wo wir es für überflüſſig finden, und ſo im Gegentheile. Er buchſtabirt zu dato aus einem Buche, das der Deckel ermangelt, gähnt regelmäßig alle dreißig Sekunden, legt während dem den Finger auf die Stelle, wo er aufgehört, wahrſcheinlich um zu wiſſen, wo wieder anzufangen, und fährt dann in ſeiner Leſeübung fort. Cine Sylbe klingt wie die andere; das Buch kann *) Bekanntlich wohs ausgeſprochen, wird in einigen Shires Englands wähs prononeirt. **) Londoner Spießbürger. — 0 24 e— unmöglich Pauſen, Commata oder Punkte haben. Frage⸗ und Ausrufungszeichen exiſtiren darinnen nicht. Monoton, ſchleppend, gedehnt, zieht er ein Wort nach dem andern wie aus einem Radbrunnen heraus, oder wie unſere alten Creolinnen das Gebet des Herrn herableiern, wenn ſie Nachmittags in der Cathedrale*) ihre Andacht verrichten. Die Geduld möchte einem ſchier reißen! Muß doch ſehen, welche koſtbare Geiſteseſſenz es iſt, die dieſem brittiſchen Ge⸗ hirne Nahrung zuführen ſoll. Ich trete näher und es lautet: „Ich fühle tauſend menſchliche Regungen in mir nichts Göttliches wenn es nicht gerade das iſt, was ihr verdammet den Drang zu lieben Barmherzigkeit zu üben die Schwächen meines Geſchlechtes zu ver⸗ zeihen das menſchlich iſtznachſichtig gegen die Meini⸗ gen zu ſeyn. Sal.Ach. das Urtheil von Niniveh iſt denn beſiegelt Wehe Wehe der unvergleichlichen Stadt Sard was fürchteſt du Sal du biſt umzingelt von deinen Feinden wenige Stunden und der Sturm mag ausbrechen und dich vernichten und die Deinen und *) Von Neworleans, der Sitz des katholiſchen Biſchofs von Louiſiana. — 25 6— die Meinen noch einen Tag und Belus Geſchlecht iſt geweſen. Sard was haben wir zu fürchten Sal ver⸗ rätheriſchen Ehrgeiz, der dich mit Schlingen beſetzt; noch iſt Hülfe möglich, vertraue mir deinen Siegelring und ich lege dir die Köpfe der Verräther, deiner Feinde, vor die Füße⸗Sard. die Köpfe wie viele Sal. ſoll ich mit Zählen beginnen, wo dein eigener in Gefahr iſt.4*) „Was, der Henker! kann dieß ſeyn?“ Ich ſehe dem Manne, der ſich nicht ſtören läßt, über die Schulter. „Manen Byrons! Wenn euch herabzuſchauen ver⸗ gönnt iſt auf dieſen Verehrer eurer irdiſchen Muſe— euer Frohlocken muß unbegränzt ſeyn!“ „Ihr leſet da ein ſchönes Buch, Mister Wright! nur, ſehe ich, fehlt der Titel.“ „Ja der fehlt, Mister Oward,“ bekräftigte der Zimmermann mit korreſpondirendem Kopfnicken. „H' Und Schade, daß h'er fehlt. H'Iſt h'ein ſchönes h'und h'erbauliches Buch, andelt vom Propheten Jonah h'und Niniveh. Wiſſen, Niniveh, wo der Prophet Jonah gepredigt. Müſſen wiſſen, h'erandelte das Buch von Cajüten⸗Jungen der Martha Glencairn *) I. Akt II. Scene der Tragödie„Sardanapalus.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 3 — o 26— für h'eine Bouteille Rum nebſt noch andern Büchern. H'Ihm war der Rum, mir ſind die Bücher lieber. HyUnteralte mich h'erſtaunlich gerne mit Büchern, Mister Oward, h'an Sonntagen nämlich, wäre Schade h'um die Zeit h'an Werktagen.“ Hier deutete der Mann, die Wahrheit ſeiner Worte zu bekräftigen, auf eine zu ſeinen Füßen ſtehende Schublade, die nebſt ſeinem Raſierzeuge, Schuhbürſten und Wichſe und andern Utenſilien, mitunter ſeine Reiſebibliothek ent⸗ hielt, die Twinsisters, Adventures of Dick Turpin, of the enchanted castle, of a flea,*) und derlei klaſſiſche Werke mehr, ungemein divertirend nach ſei⸗ ner unmaßgeblichen Meinung, nur heute, da Sonn⸗ tag ſey, halte er es für ſchicklicher, etwas Erbauliches zu leſen. Auf meine Frage, ob er den Jonah bereits gefun⸗ den, meint er, noch nicht, werde wohl ſpäter kommen; aber Nimrod und Niniveh und Baal habe er bereits öfter angetroffen; doch könnte er aus dem Ganzen nicht ſo recht klug werden, manche Worte und Namen kämen ihm auch nicht ſo ganz bibliſch vor. 4) Pfenningsunterhaltungsſchriften für die unterſten Volks⸗ klaſſen. 4 —=8 27 6— Und das alles gibt euch der Mann ſo abgemeſſen, ſo poſttiv von ſich, gerade wie der Poſthalter Eure Briefe; und ihr müßt es anhören, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Wie ich fürder ziehe, buchſtabirt er weiter im I. Akt Sardanapals.— Fünfzehn Schritte gegen das Haus zu brütet der Schreiner, ſeine Füße al pari, mit der Naſe an das Hofgeländer geſtemmt— über einem Exemplar des prezioſen Daily Journal*)— In dieſes jungen Men⸗ ſchen Leben kann kein grüner Raſenfleck, alles muß öde Wüſte geweſen— und noch immer ſeyn! Ihr könntet ihn für einen ſchlechten Nachdruck des Ritters von der traurigen Geſtalt nehmen. Genevre und Kautaback und Laſter haben das Geſicht mit jenem Aſchkolorit übertüncht, das in der Regel Abzeichen ausgebrannter Leidenſchaften iſt. Ausgebrannte Lei⸗ denſchaften, du lieber Himmel! Der junge Menſch zählt drei und zwanzig Jahre, und kam vor acht Tagen mit der Frage ans Land, ob ein Carpenter— Cabinetmaker vonnöthen ſey; da es ja hieß, blieb er, und präſentirte ſich mir, als ich von den Feldern —— *) Eines der Hauptorgane der Workies, Handwerksleute in Newyork. 3* — e 28 6— zurückkam, die eine Hand in der linken Hoſentaſche, mit der andern ein Stück Kautaback haltend, von dem er abbiß, und mich während dem gemächlich vom Kopfe zu den Füßen muſternd— ſeinen verſchoſſenen Biberhut mit fußhoher Krone auf dem Kopfe, einen ſchwarzen orfordfarbigen Frack, in dem er die vier letzten Monate geſchlafen haben muß, mit eben ſolchen Pantalons auf dem Leibe, alles ſchlotternd,— ſchmutzige Strümpfe und ausgetretene Schuhe an den Füßen, ein Päckchen mit Cigarren und Zeitungen unterm Arme, wahrſcheinlich ſeine leibliche und geiſt⸗ liche Hauptnahrung— das Ganze ein Bild horribler Apathie.— Ich hielt ihn für eines jener Anhängſel an unſere Gerichtshöfe, die wir im Südoſten Blut⸗ ſauger taufen, fand mich aber im Irrthume, wie ich aus ſeiner Anrede entnahm, die dahin ging, mich zu belehren: Er ſey ein Gentleman, der als Carpenter und Cabinetmaker*) in zeitweilige Verhältniſſe mit mir treten wolle, gegen geſetzliches Aequivalent. Jetzt wußte ich, wer vor mir ſtand, einer unſerer ſoge⸗ nannten Workies, ein Zögling jener neuen demokra⸗ *) Zimmermann und Schreiner. 83 —= 29 6— tiſchen Schule, die, wenn uns ja etwas mit dem Fluche des Sklaventhumes auszuſöhnen im Stande iſt, es vollkommen zu bewirken geeignet wäre.— Hatte im Norden ſo manches von dem Treiben dieſer Men⸗ ſchen geſehen und gehört, dachte es der Mühe werth, die nähere Bekanntſchaft eines Zweiges dieſes weit verbreiteten Giftbaumes zu machen— da ſie auf kei⸗ nen Fall viel koſten kann.— Auf meine Frage, was er unter geſetzlichem Aequivalent verſtehe, ſpritzte er einen Strahl kaffeebrauner Jauche aus dem zahnloſen Munde, und meinte— einen Dollar fünfzig Cents per Tag, mit genteeler Koſt und Wohnung, wie es ſich für einen Bürger und Gentleman gezieme. Ich bedeutete Mister Wright, ihn zur Probe zu nehmen, und den Lohn nach ſeiner erſten Tageslei⸗ ſtung zu beſtimmen. Nach vier und zwanzig Stunden kam er in die Gallerie, wo ich mich mit Mistreß Howard befand; den Biberhut, wie gewöhnlich, auf dem rechten Ohr, die linke Hand in der Hoſentaſche, und ſich in eine Stellung verſetzend, die unſere weſt⸗ lichen Creolen anzunehmen pflegen, wenn ihre Rin⸗ derheerden vor ihnen vorbeigetrieben werden. Ehe er begann, ſpritzte er abermals eine Jauche über die — 30— Matte, worüber Louiſens holdes Geſicht ſich ganz furchtbar verzog; dann meinte er, echt pennſylvaniſch lakoniſch; er zweifle, ob wir lange beiſammen bleiben würden, er vermuthe, ich wiſſe nicht mit Gentlemen umzugehen, er ſey Cabinetmaker und Carpenter, aber Bürger und Gentleman, der, indem er ſeine Arbeit vermiethe, auf genteelle Behandlung nichts weniger als Verzicht leiſte. Und es ſey nicht genteel, ihm und einem Ausländer auf eine Art Katzentiſch ſeine Speiſen früh, Mittags und Abends in den Saal hinſetzen zu laſſen; bei dem Worte Ausländer ſchoß abermals ein Strahl Jauche aus dem zahnloſen Munde— während wir, ich nämlich und Mistreß Howard, abgeſondert in der Gallerie äßen; im Nor⸗ den, Pennſylvanien und Ohio nämlich, habe man mehr Lebensart, da ſäßen die Gentlemen Journey⸗ men*) an der Tafel, während Herr und Frau auf⸗ warteten.—„Hörſt du, liebe Louiſe, wie aufgeklärt genteel die Leute in Pennſylvanien ſind“— lachte ich, bedeutete aber dem Manne des Hobels trocken, er müſſe ſich in die Hausordnung fügen, oder gehen. Er *) Herren Handwerker— Taglöhner. — 31 6— ſpritzte auf dieſes mein Ultimatum abermals über die Matten hin, blieb aber. Und wer ihn ſo ſieht und ſah, den Hut Tag und Nacht auf dem Kopfe, wie die alten Könige in der Bibel ihre Kronen, der muß und mußte nothwendig glauben, er ſey einer der ſouveränen Volkskommiſſäre, auserkohren, um mein Eigenthum nach agrariſchen Prinzipien unter ein Dutzend Zimmerleute, Schuſter und Schneider zu vertheilen. Ein ſchneidender Hohn umſpielt ſeine Mundwinkel voll brauner Jauche, der zu verſtehen gibt: Warte nur, unſere Zeit wird auch noch kommen. Louiſe wurde recht ungeduldig und beinahe böſe, daß ich dem Menſchen nicht ſogleich den Laufpaß gab. Aber Louiſe, ſo wie ihn, haben wir Tauſende, Hunderttauſende im Norden und deſſen großen Seeſtädten. New⸗York, Philadelphia, Bal⸗ timore ſind mit ihnen angefüllt, von ihnen beherrſcht, kann man beinahe ſagen. Sie verfügten über die Wahlen, ihre Werkzeuge ſitzen in den Aſſemblies, dem Kongreſſe. Sie haben ihre Büreaus, ihre Präſiden⸗ ten, Sekretäre, Emiſſäre, ihre vollſtändige Organi⸗ ſation, ihre Zeitungen, die das liebe Volk bearbeiten, ————— — 5 —= 32 6— ihre Pläne verwirklichen ſollen. Dieſe Pläne ſind freilich monſtrös, aber ſte ſind nicht neu. Es iſt das agrariſche Geſetz der Plebejer des alten Roms, was ſie wollen, nur nach modernem, echt demokratiſchem Zuſchnitte umgemodelt. Sie wollen nicht blos da nehmen, wo zu viel, und hinzufügen, wo zu wenig iſt; man müſee, iſt ihre beſtimmte Satzung, dieſen beneidenswerthen Zuſtand des Juſte⸗Milieu auch dauernd machen, alles Mono⸗ pol der Einſichten und Kenntniß aufheben, verpönen. Univerſttäten, Akademieen, ſeyen durch ihre Koſtbar⸗ keit blos Reichen zugänglich, ſeyen die Pflanzbeete müßiger Spekulationen, die Fundgruben ariſtokra⸗ tiſch⸗exeluſiver Meinungen, überwiegende Einſichten durchgängig mit dem demokratiſchen Prinzip unver⸗ träglich; Mediocrität iſt ihr Wahlſpruch, nur durch ſie erhalte ſich dieſes koſtbare Prinzip in unbefleckter Reinheit. Ja ſo ſagen, predigen, lehren ſie, und wollt Ihr's nicht glauben, ſo leſet eine ihrer fünfzig Zeitungen. Ei unſere Demokratie! Sie iſt ein liebes Ding— auf dem Papiere, aber doch zweifle ich, ob ihr großer — 33 6— Apoſtel*) noch im Jahr 1828 derſelbe Zelot iſt, der er im Jahr 1801 geweſen.— Die Krebsſchäden dieſer Art Volksregierung treten furchtbar an die Tageshelle. Unſere bisherige Ordnung der Dinge, unſer Feſthalten am Geſetze, unſere ganze bürgerliche Geſtaltung, geſtehen wir es nur, hat ihre Betonung, ihre Richtung vom alten England empfangen. Unſere Achtung vor dem Geſetze, das Hauptbollwerk unſerer geſellſchaftlichen Ordnung, iſt großentheils Nach⸗ klang von Englands ſtarkem Zügel, mit dem es die Leidenſchaften regiert, der tief eingeprägten Autorität, die es ſeinen großen nationellen Namen zu bewahren gewußt— und die, auf uns übergegangen, auch un⸗ ſerem Staatsſchiffe jene günſtige Richtung gaben, die noch lange nachhielt, nachdem es das Ruder aufge⸗ geben; ſo wie das aufgetakelte Schiff ſeine Richtung noch lange behält, ſelbſt wenn das Ruder verlaſſen iſt.— Allein die T akelung fängt an, gewaltig nach⸗ zulaſſen, das Tauwerk zu reißen, die Autorität von geſchichtlich großen Männern i*ſt geſchwunden; unſere *) Jefferſon, der bekanntlich für das demokratiſche Prinzip mehr gethan, als irgend ein Staatsmann der alten oder neuen Zeiten. —"0 35 6— Schuhmacher, Schneider ſprechen von den Washing⸗ ton's, Franklin's, wie von ihren Lehrburſchen, jeder glaubt ein beſſeres Staatsgebäude aufführen zu kön⸗ nen.— Das ſind traurige Symptome übermüthig verdorbener Säfte! Und wie ich mir den Mann der neuen Schule ſo beſehe, reicht er mir die Zeitung mit einem triumphi⸗ renden Lächeln, das ſchneidend boshaft wird, wie ich ihm ſeine Aufkündigung gebe.— Wie er liegt, wirft er den Kopf auf die linke Achſel, nimmt einen friſchen Biß Kautaback, ſpritzt die Jauche des ausgeſaugten dicht vor mich hin, und frägt mich, ob ich ihm nicht einen Rock und ein Hemd mit ein Paar Beinkleidern leihen wolle, ſeine bedürſten der Ausbeſſerung, er wolle ſie aber als Bürgſchaft zurücklaſſen. Ich wußte nicht, ſollte ich lachen oder mich ärgern. In meinem flüchtigen Junggeſellen⸗Leben wähnte ich, die Welt zu kennen, weil ich den bunt gewirkten Tep⸗ pich ihrer Außenſeite mit fröhlich unbefangenem Auge erſchaut, jetzt ſ ehe ich meinen Irrthum. In den vier Wochen meines Cheſtandes habe ich mehr Schlechtig⸗ keiten unſeres Bürgerlebens erfahren, als in meinen früheren ſieben und zwanzig und drei Vierteljahren — 35 6— zuſammengenommen. Ich wandte dem Menſchen mit Abſcheu den Rücken.— Die Sonne hat ſich mittlerweile geſenkt, des Mon⸗ des Silberſcheibe glänzt durch die Magnolien⸗Kronen vom jenſeitigen Ufer herüber; einzelne Griffe am Pianoforte tönen durch die Jalouſieen; Louiſe ergeht ſich im Reiche der Harmonie; es iſt das zweite Mal ſeit unſerer Verheirathung. Sie war ſonſt eine ziem⸗ lich ſtarke Spielerin, und ſtärkere Tänzerin, allein mit dem Schlüſſelbunde am Gürtel verliert ſich Luſt und Liebe zur Harmonie ſehr bald. Vor dem Hauſe ſind Gruppen unſerer Neger und Negerinnen, wahr⸗ ſcheinlich um den Akkorden zu lauſchen. Sie lauſchen ihnen gerne, den Akkorden; ſo kam neulich Pompey in den Saal, zähnefletſchend, bittend, Maum möchte ihm ein geiſtliches Lied aufſpielen. Maum that es, und der arme Pompey verlor darüber ſchier den Kopf vor Freude. Aber das Geſummſe, Gemurmel iſt zu ſtark, es klingt wie Spannung; aller Augen ſind auf die Fenſter, und jetzt, da ſie mich erblicken, auf mich gerichtet. Wie ich näher zur Piazza ſchreite, bricht Craſſus der ältere auf Craſſus den jüngern los: „Du Rascal, du Jackſon⸗Mann ſeyn, du ſchöner — 36— Jackſon Mann, du Schande der Familie, du Neun*) bekommen.— Du nichtsnützer Rascal ſeyn?“ „Was iſt das?“ „Hat ſich die heilloſe Politik auch in die Köpfe meiner Neger verirrt! Sie macht uns genug zu ſchaf⸗ fen!“ Jetzt drehen und winden ſich Tiber und Vitell näher an mich heran, beide ſich hinter den Ohren kratzend, den Mund aufſperrend, ihre Augen furcht⸗ bar rollend, ſo daß ihr nur das Weiße ſeht, nach Worten haſchend.— Endlich bringt Vitell„Massa, Massa, God bless Massa!“ heraus. Ich ſchaute Vitell ernſthaft an, ohne eine Miene zu verziehen. Sklaven ſind Kinder, die euch die leiſeſte Regung in euren Geſichtsmuskeln ablauſchen, und haben ſie eure ſchwache Seite gefunden, euch zu mei⸗ ſtern verſtehen, trotz einem ſouveränen Meiſter. „O Maſſa, Maſſalu fiel Tiber ein. Ich ſchwieg noch immer. In den Gruppen herrſchte eine athemloſe Stille. „O Maſſa, Maſſa!“ hob wieder Vitell an. „Maum.“ *) Neun Hiebe— Rascal Schurke. —“0 37 e— Jetzt erſt war es meiner patriarchaliſchen Würde gemäß, zu reden. Ich fragte daher:„Was hat Maum?“ „O Maum, Maum, God bless Maum!“ ſchrieen die beiden Neger. „God bless Maum!“ fiel der ganze Haufe im Chorus ein. „O Maſſa! Maum! erlauben— O Maſſa! Maum! erlauben, bit dancing,“*) hob wieder Vitell an. Ich wurde ernſt. „Aber Vitell! was werden die Nachbarn ſagen? vor drei Wochen hattet ihr euer Feſt, vor vierzehn Tagen das Nachfeſt.“ „Heute Nach⸗Nachfeſt haben,“ frohlockt Vitell; „Maſſa! Nach⸗Nachfeſt.“— „Was werden die Nachbarn ſagen? wir haben Baumwollen⸗Erndte.“— „Dam Nachbarn— Dam Baumwollen⸗Erndte!“ ſchreien Vitell und Tiber. Ich wurde wieder ernſt und ging feierlichen Schrit⸗ *) Einen kleinen Tanz. — 38— tes der Piazza zu, um die Stimme meines Parlia⸗ ments und Premierminiſters zu hören. Der Haufe ſtand in athemloſer Spannung, das Reſultat der Konferenz abwartend. Und Louiſe, die nichts lieber als die Neger fröhlich ſieht, meint, daß wir ihnen die Freude gönnen ſollten, Papa thue es immer, es ſey beſſer, ſie tanzen, als grübeln und die Köpfe hängen zu ſehen; ohnedem koſte es nicht mehr als ein Paar Gallons Rum, und einige Schinken und Salzfiſche. Und wie nun die Konferenzglieder, Parliament und Krone einig ſind, gibt letztere ihre Sanktion, und der Jubel iſt im Lande. Kaum haben ſie die Erlaubniß vernommen, ſo iſt auch alles in der tollſten Bewe⸗ gung; Bocksſprünge, Geſchrei, Gebrülle, Geſang,— Alle geberden ſich wie närriſch, Männer, Weiber und Kinder kapriolen wie beſeſſen umher, keine fünfzehn Minuten ſind vergangen, und das ganze Camp iſt wie im hellen Brande. Von jeder der in die Erde ein⸗ gerammelten Stangen flammt eine Kienfackel herab; die zwanzig Leuchter werfen einen grellen, rothen Widerſchein auf die ſchwarzen Geſtalten, die, wie ich jetzt erſehe, ſich zu ihrem Nach⸗Nachfeſte ſchon ſeit einiger Zeit gerüſtet haben; es erſcheinen nämlich —= 39— Fahnen wie beim Hauptfeſte, aber dießmal haben ſie politiſche Farben, weiß und blau.— Jede Fahne einen Bogen weißen oder blauen Papiers, der beinahe ſo kriegeriſch ausſteht, wie unſere Milizen⸗Fahnen.— Und wie dieſe haben ſie Czakos, verſteht ſich, gleich⸗ falls von Papier; und ein Treiben, wie es nicht toller beim Ausmarſche von einem Dutzend Miliz⸗Regi⸗ mentern ſeyn kann. Sie haben ſich in zwei Parteien abgetheilt, die eine mit blau⸗ und goldpapiernen Czakos und ſolchen Fahnen, jede Abtheilung zehn Fahnen, die ſich ſchieflinig wie unſere Milizen auf⸗ ſtellen. Man könnte ſie für zwei ausziehende Regi⸗ menter halten— bis auf die Farbe,— jedes zu dreißig Mann, worunter zehn Fahnenträger, fünf⸗ zehn Offiziere, drei Gemeine und zwei Bandiſten. Die letztern ſind Tiber und Grachus. Tiber mit ſeiner Geige, Grachus mit dem Triangel. Was die Muſik betrifft, ſo iſt die Jackſon⸗Partei offenbar im Vortheile, denn die Adamiten haben blos einen Triangel und zwei Kuhſchellen. Thut aber nichts. Männer, Weiber und Kinder rangiren ſich ſo ſtolz um Fahnen und Kuhſchellen, und heben die Füße —:=40 6— ſo ſchwingend! der Tambour⸗Major eines engliſchen Grenadierregiments iſt ein Holzmann gegen ſte. Tiber gibt mit ſeiner Geige das Signal. Und dreißig Stimmen fallen ein. Hurrah Jackson be a great man, Ho Ho Ho ¹*) Beat dem Brittish blows 10 lo lo! Jackson says black man for eber, Johnny President be neber. Und fort ziehen ſie, dem Tanzplatze zu. Nach ihnen die Adamsparthie in unbeflecktem Weiß, das aber gegen das Blaue offenbar im Nachtheile iſt. Blau bleibt blau, und gar Gold mit Blau! Pſyche, die Kammerzofe Louiſens, die von der Jackſon⸗Parthie iſt, ſpringt triumphirend an Maum, während dieſe ſo eben einen Biſſen gebratenen Huhns zum Munde bringt—„Maum! um Gotteswillen Maum! nur ſchauen die Adamsparthie! Nichts als weiße Fetzen auf den Köpfen, und die Fahnen! Fetzen ſchmutzigen Papiers! und die Muſik! Nichts als ein Triangel und zwei Schellen! Wohl! Wohl! Pſyche *) Jackſon ein großer Mann ſeyn, Ho Ho Ho! Er die Britten blau ſchlagen, Lo Lo Lo! Jackſon ſagt der ſchwarze Mann für immer, John Quinei wird Präſtdent ſeyn nimmer. —= 11 G— nie ſo jämmerlichen Aufzug geſehen! Fy!— Pſyche keinen Adamsmann zum Tänzer haben!“ Und empor ſchnellt Pſyche den Kopf, wirft einen Blick ſouveräner Verachtung auf die weißen Fahnen und Czakos, und wechſelt, was ihr ſchon zweimal be⸗ fohlen iſt— unſere Teller. Wie der Blitz aber— wenn nämlich der Blitz eine alte Ente iſt— kommt Sibylle hereingewackelt, ſie hat im Hinterſaale den beiden Zimmerleuten ihren Rum gebracht, und Pſychen, die ihre Großnichte iſt, gehört. Natürlich muß Alles liegen und ſtehen blei⸗ ben, um die Ehre der Adamsparthie zu retten. Sie iſt Ariſtokratin durch und durch, und hat auf dem grauen Wollkopfe einen Capuchon, den ſie von der ſeligen Baronin Carondolet, die vor einem halben Seculum florirt, geerbt, und den ſie nur bei den allerfeierlichſten Gelegenheiten zu deployiren geruht. „Was,“ ſchreit ſte,„Du nichts nutzes Ding! Du Schande der Familie! Du mit dem Beſen gepeitſcht werden— Du Adamsparthie läſtern! Du Jackſoni⸗ ſtin! Du nicht beſſer als du ſeyn ſollſt! Du Du!l“— und fort trollt ſte abermals, um die Adamsparthie Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 4 — 0 22—. abziehen zu ſehen, die nun gleichfalls ihre Feldmuſik hören läßt, und den Chorus anſtimmt.*) John Quincy Adams be an Old American, Yankee Doodle yankee Dandee- Andrew Jackson son of nasty Irishman. Irishman says black man be a dammée VYankee doodle yankee dandy. Ab zieht die kriegeriſche Schaar, in Reih und Glied, ſo gut es gehen mag, zwei indianiſche Linien, Mann und Weib, mit Fahnen und Muſik, nämlich dem Triangel und den zwei Kuhſchellen. Pſyche rapportirt jede Bewegung der beiden Par⸗ thien, während wir hei Tiſche ſitzen. Auf einmal ſtockt ſte in ihren Berichten. Es erhebt ſich ein Ge⸗ ſchrei und Gekreiſch, das unmöglich das fröhlicher Menſchen ſeyn kann. Bangor und der junge Grachus kommen in den Vorſaal geſprungen, der Lärmen draußen wird immer ärger. Die beiden Jungen *) John Quincy Adams ein Alt⸗Amerikaner ſeyn, Yankee Doodle yankee Dandy. Andreas Jackſon nur der Sohn eines ſchmutzigen Iren. Ire ſagt der ſchwarze Mann ein Dammée, Yankee Doodle yankee Dandee. — 13 6— ſchreien:„Sie abſcheuliche Manieren haben, er horrib⸗ ler Neger ſeyn.“ Der Lärmen draußen wird ein wenig zu arg. Pſyche gellt uns in die Ohren:„ſie bereits fechten.“ Ich ſaß ruhig, nicht ſo Louiſe, aber ich winkte ihr, und ſie verſtand mich. „Sieh, was es gibt,“ befahl ich Bangor. Bangor kommt hereingeſprungen, und ſtammelt und platzt heraus, wie Tiber und Mistreß Tiber Prona vom Tanze weggewieſen, wie Cäſar die Par⸗ tei Prona's ergriffen, nach ihm Achill, Priam, Hector und die halbe Heroen⸗ und Götterwelt, kurz wie der Krieg im Olymp dem Ausbruche nahe ſey. „Ich laſſe ihnen ſagen, ſogleich mit dem Tanze einzuhalten“— bedeutete ich Bangor ruhig. Und Bangor ſpringt, und Grachz„rriugt, und Sybille watſchelt, um den hohen Beſchluß zu verkünden. Ich ſaß ſo feſt wie ein Friedensrichter über einem Zehn⸗Dollars⸗Prozeſſe.— Draußen trat gänzliche Stille ein. Louiſe fuhr einigermaßen ungeduldig auf dem Seſſel hin und her, was ich aber nicht bemerken mochte, denn Bangor und Pſyche bohrten uns in die Augen. Man ſah ihnen die Gier an zu leſen, was 4⸗ — d 4½ 6— in uns vorgeht. Endlich erhoben wir uns, Louiſe und ich, traten gravitätiſch an die Piazza, und von dieſer dem Tanzplatze zu, wo ſämmtliches Tanzpubli⸗ kum verſammelt iſt. Es ergibt ſich aus der gerichtlichen Unterſuchung, daß Tiber oder vielmehr Mistreß Tiber die liebens⸗ würdige Prona vom Tanzplatze weggewieſen, daß dieſe dafür Tiber einen ſchmutzigen Neger aufgeheißen, und er gegenſeitig ſte Eine aufgeheißen, die nicht beſſer iſt, als ſie ſeyn ſollte, worüber der galante Cäſar ſo entrüſtet worden, daß er mit ſeiner ganzen disponibeln Macht— dem Hirnſchädel, gegen Tiber angerückt und ihm eine vollkommene Niederlage bei⸗ gebracht. Deßwegen und von wegen der Störung des Landfriedens, wurde als Urtheil erlaſſen, daß Prona ſogleich in ihre Hütte, Lady Tiber und ihr Geſpons gleichfalls in die ihrige ſich zu verfügen haben. Cäſar erhielt ein paar Lungenhiebe, und ebenfalls Arreſt, und nachdem die Ruhe ſolchergeſtalt hergeſtellt, wurde huldreichſt erlaubt, den eröffneten Ball fortzuführen. Die Geige fehlte nun freilich, aber der Jubel über das Salomoniſche Urtheil war deßhalb nicht geringer. — e 45 G— Das iſt ſo unſere Regierungskunſt und Art und Weiſe. Das qui nescit dissimulare, nescit regnare, liegt, wie bei jeder Regierungskunſt, auch hier zu Grunde. Freilich ſind ihre Fäden nichts weniger als fein geſponnen, aber gerade ſo thun ſie ihre Dienſte — feiner geſponnen würden ſie vielleicht reißen. Die beſten Materialien, aus denen ſie dauernd und feſt gewoben werden, ſind, eine ſich ſtets gleichbleibende Gelaſſenheit und Würde, mit der gehörigen Doſis Humanität, die das Wohl der Schwarzen über dem eigenen nicht vergißt, und eine Zugabe von heilſamer Strenge, die erforderlichenfalls nicht in Zuckungen geräth, wenn ſie einen Hieb und auch zwei geben ſoll. Zu viel Zartgefühl in dieſem letztern Punkte dürft ihr abſolut nicht haben, und habt ihr es, dann taugt ihr nicht zum Herrn von Schwarzen, und dieſe nicht für euch; aber ihr müſſet die Peitſche ſo wie der Vater die Ruthe— der Arzt die Medizin gebrauchen, zur Beſſerung, und nicht, wie der Ruſſe die Knute, oder der brittiſche Trommelſchläger den Stock, als tüicliähen Zeitvertreib. „Du ewiger Peroriſt,“ lachte Louiſe, mir den Mund zuhaltend—„Willſt Du Tiber nicht ſeiner —=46 6— Haft entlaſſen?“„Noch eine halbe Stunde, und dann wollen wir ſehen.“ Louiſe aber meint ſogleich, und daß die Muſik auch gar zu erbärmlich ſey;„aber dann Louiſe, die Geige Tibers hat ja auch nur drei Saiten, und die Harmonie der Töne iſt ſo horribel; und ihn ſogleich freigeben wäre Poſſenſpiel, keine Strafe. Laſſen wir ihn noch eine halbe Stunde ſchmachten, dann werden ihm die vier bis zu Mitternacht um ſo beſſer bekommen.“ Und Louiſe neigt ihr Köpfchen, und meint,„du haſt Recht,“ und wir vollendeten unſer Abendeſſen, und dann erheben wir uns, und begeben uns abermals auf den Tanzplatz, wo es ſo fröhlich hergeht, als hätte das Publikum Wipperts Bande im Orcheſter. Mit gehöriger Würde winke ich dem Dreizacke und den Schellen Stille, und ver⸗ kündige ſofort ſämmtlichen Liege⸗Subjekten, wie ſie auf die Vorbitte von Maum wieder ihre volle Tanz⸗ muſtk haben, und auch Tiberina und Cäſar hüpfen dürfen, Prona nicht ausgenommen, die gleich der Sempronia berüchtigten Andenkens, die Füße zierlicher hebt, als nöthig, auch gebührlich iſt. Und allge⸗ meiner Jubel— und ein allgemeines God bless Maum! und ein Dutzend eilen den Incarcerirten den hohen — 5 47 G— Beſchluß zu verkünden, und Begnadigte erſcheinen, und hören noch eine zweiminutliche Strafpredigt, und dann geht der Jubel erſt recht an. Tiber ſchüttelt und drückt Prona die Hände, Cäſar und Tiberina grinſen vor Freude. Es iſt nicht möglich, fröhlichere Geſichter, als die Eurer Neger zu ſchauen, wenn ſie ſo recht von Herzen überzeugt ſind, daß Ihr es gut mit ihnen meint. Im Norden und auf Euern St. Philippsbällen tanzen die Leute auch, aber was ſind ihre geſchnörkelten verkün⸗ ſtelten Tänze gegen dieſe Naturſprünge und die con amore Tänze unſerer Creolen⸗Negerinnen. Sie neh⸗ men Euch Attitüden an, die feſte Grundſütze erfordern, um kalt zu bleiben. Wolluſt und Sinnlichkeit leuchten aus jeder ihrer Bewegungen. Die Männer ſind Bengel gegen ſie, und verderben ihre zierlichſten pas; dafür erhalten ſie aber auch, beſonders wenn ſie aus dem Tanzkreiſe hopſen, von Craſſus, der zwei Fah⸗ nen, eine weiße und eine blaue in der linken Hand, als Ceremonienmeiſter mitten inne ſteht, Maul⸗ ſchellen, die irgend einem andern, als Negerſchädel, noch nach acht Tagen Ohrenklingen verurſachen müßten. —=0 48— Drinnen im Vorſaal ſitzen die beiden Zimmerleute verdroſſen debattirend, und gerade ſo lange, als die zwei Rumbouteillen währen, die ihnen zur Sonntags⸗ feier hingeſtellt worden. Angefüllt taumeln ſie ihrem Lager zu; hier denkt die Mehrzahl kaum an das Trinken, obwohl ſie es ſonſt nichts weniger als haſſen, aber die Gegenwart ihrer Ladies, auch in dieſem Punkte iſt der Neger Affe. Quadrille folgt auf Cotillon, Ecoſſais auf Wal⸗ zer; dieſen letztern tanzen die Mädchen unvergleichlich. — Man kann nichts Ueppigeres ſchauen! Und wie endlich die Mitternachtsglocke das Zeichen zum Auf⸗ bruche gibt, kommen die Männer mit ihrem humbleſten Kratzfuße, die Weiber knirend, alle God bless Massa, Maum ſchreiend, gellend, brüllend.— Hochvergnügt, und doch nicht überſättigt, trollen ſte, nachdem die Leuchter alle ausgelöſcht ſind, ihren Hütten, die frem⸗ den Neger ihrer Herren Pflanzungen zu. Erſt nach⸗ dem dieſe letztern fort ſind, wird es ruhiger. Einzelne Geſtalten weilen noch vor den Thüren in ihren Gärtchen, plappernd und lachend, allmählig verhuſcht auch die Stimme dieſer, der Bullfroſch läßt ſich dafür lauter hören, das ſtöhnende Gebrülle der — e 49— Alligatoren vom Fluſſe herüber, das ſchrille Ge⸗ ſchnatter einzelner Wildgänſe,— die Nacht hat ihre Flügel über die weſtliche Hemiſphäre ausgebreitet. Ruhet ſanft ihr alle. Uns war kein Schlaf gekommen. Louiſe zog ihren Mantel mehr über die Schulter, und ihren Arm in den meinigen gelegt, ſchlendern wir, von Marius und Sulla umwedelt, durch das Dorf— dem Säuſeln des Nordweſtwindes lauſchend, der von den Palmetto⸗ feldern jenſeits des Fluſſes herüber wunderlieblich un⸗ ſere Wangen fächelt. Es iſt eine wunderliebliche Nacht. Der Mond mit ſeiner blau und grün golden funkelnden Scheibe, ſie leuchtet, als wäre ſie aus Myriaden von Feuer⸗ käfern zuſammengeſetzt, im hellblauen, wolkenloſen Firmamente— lächelt ſo freundlich herab,— der Geiſt, wir empfinden es, erhebt ſich, die Sehnen ſchnellen elaſtiſcher— wir fühlen ſo wohl, ſo ſelig! — wir umſchlingen uns inniger; auf einmal! „Was iſt das?— Sulla was gibt es?“ Sulla wedelt mit dem Schweife, und Marius wendet die Schnauze nach einer Negerhütte, wie um uns auf⸗ merkſam zu machen. — 0 50— Ich ward ärgerlich über dieſes Unterbrechen. Einer dieſer v— ten ſchwarzen fremden Nachtwandler, der zurückkehrt,— dieſe Negerinnen ſind doch ärger. „Es iſt einer der Unſrigen,“ bemerkt Louiſe,„ſonſt würden Sulla und Marins nicht ſo ruhig ſeyn.“ Ihr Geflüſter wird durch eine gellende Stimme unterbrochen: „Pyrrhus ordentlicher Neger ſeyn; Pyrrhus nicht die ganze Nacht von ſeinem Weibe weg bleiben, das nicht Vyrrhus ſeyn.“— „Was Teufel iſt das? Wer iſt da?— Louiſe bleibe hier! Muß doch ſehen! Es iſt die Hütte von Pyrrhus und Venus, ihre Stimme; aber ihr Gezänk klingt ſo originell, und Originalität iſt ſonſt ihr Fehler nicht.“ Louiſe zieht ihren Arm zurück, und ich trete einige Schritte vor, und ſehe Pyrrhus, vor ſeiner Hütte am ganzen Leibe wie Eſpenlaub zitternd. „O ſüße, liebe, gute Venus! Mistreß Venus! Pyrrhus nimmermehr ſpät ausbleiben— Venus um Jeſus willen! Benus Barmherzigkeit haben— auf⸗ machen— es Pyrrhus ſeyn,“ bat Pyrrhus;„Pyrr⸗ hus ſchönes Seidentuch zum Präſent bringen, er alles — 551— bringen. O Venus! Mistreß Venus! Lady Venus! Nur dießmal verzeihen, daß Maſſa Maum nicht hören.“— „Venus, Venus,“ gellte es in der Hütte,„nicht von Pyrrhus venuſirt ſeyn wollen, ſie nichts mit ihm zu thun haben wollen, das nicht Pyrrhus ſeyn, das ein liederlicher Neger ſeyn, der ſagen, er in der Predigt geweſen, und er bei Symmes geweſen.“ „Schöne Venus! Gute Venus!“ bat Pyrrhus vor der Thüre;„Süße Venus! Um Gotteswillen! mich einlaſſen, ſonſt Maſſa hören, es Pyrrhus ſeyn, Pyrrhus in der Predigt geweſen.“— „Nicht wahr ſeyn,“ rief es von innen heraus, „Pyrrhus ein Gentleman ſeyn, er gute Manieren haben, er bei ſeinem Weibe zu Hauſe bleiben, aber der Neger vor der Thüre, Maroon Neger,*) ſchelmiſch liederlich diebiſcher Neger ſeyn.“ Die Szene war gar zu drollig. Von innen heraus eine Hexe von Negerin, die dem armen Pyrrhus ſeine Jeentität abzuſtreiten daran iſt,— und der arme Sünder, vor Angſt mit den Zähnen klappernd und *) Entlaufene, in den Wäldern umherſchweifende Neger. —=d 52 6— immer wieder die holde Göttin beſchwörend, bei Allem, was einem Neger heilig iſt, verſtchernd, daß er Pyrrhus ſey;— ſie entgegenſchreiend, er ſey nicht Pyrrhus, Pyrrhus ſey ein Gentleman, der Pyrrhus aber vor der Thüre ein ſchlechter, liederlicher, böſen Weibern nachlaufender Neger.— Das, fürchte ich, wird auch wenigſtens zur Hälfte der Fall ſeyn.— Pyrrhus wäre ſonſt kein übler Junge, arbeitſam und auch ziemlich treu. Ich habe ſeinetwegen die holde Venus von Bakers Station herab in meine Pflanzung mittelſt vierhundert fünfzig Dollars beſchworen, nur um das ewige Geläufe los zu werden; aber wer ſich dem Dienſte Cytherens er⸗ giebt, hat eine laufig böſe Gewohnheit angenommen, die eine ſtarke Kur braucht. Es ſcheint, er iſt aber⸗ mals auf dem Wechſel, und in ſeinen Excurſionen nach beſagter Station begriffen, die ihm bereits ſo manchen Buckel voll Schläge von den dortigen Auf⸗ ſehern zu wege gebracht. Auch dieſesmal, ſeinem Jucken und Fröſteln nach zu ſchließen, dürfte er nicht leer ausgegangen ſeyn. Es iſt richtig, wie ich vor⸗ trete und ihn bei der Schulter erfaſſe, zuckt er zuſam⸗ men, duckt ſich, wie einem Hiebe auszuweichen, ſchaut —= 53 6— verwildert auf, und fällt, wie er mich erkennt, ſogleich auf die Knie. „Pyrrhus!“ ſprach ich—„ich ſehe, Du biſt zeitlich auf.“ „Zeitlich auf ſeyn, Maſſa;“ wiederholte Pyrrhus in laerymoſem Tone. „Dir iſt kalt.“ „Kalt ſeyn, Maſſa.“ „Aber es iſt doch gar nicht kalt, Pyrrhus.“ „Gar nicht kalt ſeyn, Maſſa,“ ſtammelte der ſchwarze Polonius. „O Maſſa! Maſſa!“ rief es innerhalb der Thüre. „Venus! was gibt es?⸗ „Maſſa! Maſſa!“ rief Venus, die nun die Thüre aufreißt, und im Negerinnen⸗Negligé, das heißt, einem Fragment von Hemde, herausfliegt:„O Maſſa! Pyrrhus abſcheulicher Neger ſeyn. Venus ihn nicht mehr zum Manne haben wollen, er ſagen, er in die Predigt gehen, und er zu Symmes gehen. „Saubere Geſchichten, Pyrrhus, muß ich von dir hören. Geſtern meldeteſt Du Dich zur Predigt, ſchworſt mir, Du würdeſt in die Predigt des ehrwürdigen Roebuck gehen.“ — d 54 G— „Maſſa! Pyrrhus zum Erbürdigen Roebuck gehn.“ „O Maſſa! Pyrrhus abſcheulicher Neger ſeyn. Schauen Maſſa, wie er zum Erbürdigen Roebuck gehn. O Maſſa! Maſſa!“ Und unter dieſen Worten gar nicht träge, beginnt ſie dem wie ein Schlachtopfer zitternden Pyrrhus die Jacke, das Hemd abzuziehen, und im hellen Mond⸗ lichte auf die Geiſelſtriemen zu deuten. Pyrrhus hat nach der abermaligen Niederlage, ſcheint es, ſeinen Muth gänzlich verloren, und läßt geſchehen.„Maſſa mehr ſchauen,“ ſchreit Venus, die in ihrem Kammer⸗ herrndienſte weiter ſchreitet, worin ich aber einſtweilen einzuhalten für gut befand. Während dem geht die Thüre der Pyrrhus zunächſt gelegenen Hütte auf; der Wollkopf, der zum Vor⸗ ſchein kommt, gehört Pompey an, welcher ſich geſtern gleichfalls zur Predigt gemeldet. „Alſo das iſt Deine Andacht, Pyrrhus!“ hob ich in ominöſem Tone an—„das Deine Andacht, zum Meeting meldeſt Du Dich, ſchwörſt, Du wolleſt in die Predigt, und ſtatt in die Predigt zu gehen, läufſt Du allen liederlichen Dirnen nach, und verläßt Dein Weib, dem Du vor vier Wochen angetraut worden.“ — 55— Pompey ſprang mir buchſtäblich in die Rede. Wie er war, im Hemde, hopst er vor mich hin! der Tri⸗ umph lacht aus allen ſeinen Zügen. „Ah Maſſa!“ platzt er heraus;„Pompey in der Predigt geweſen ſeyn.“ 84„Und Pompey das Maul halten, bis die Reihe zu reden an ihn kommt.“ „O Maſſa! Maſſa!“a ſchrie der zerknirſchte Pyrrhus. „Maſſa! ihm nicht glauben, er lügen, er lügen, wie ein ſchwarzer Neger.“ Pyrrhus und Venus ſind Mulatte und Mulattin, das heißt von einem weißen Vater abſtammend, wo⸗ gegen Pompey ein ächter Ebony iſt. Er fährt bitter⸗ böſe auf Venus los:„O Maſſa„Venus Mulattin ſeyn! ſie Mulattin ſeyn! Ha ha!— ſie wie noch in Bakers Station geweſen, alle Männer einlaſſen— ha ha!— ſie nicht beſſer ſeyn, als ſie ſeyn ſollte!“ „Halt das Maul, Pompey, ſag' ich Dir, und Du, Venus, das Deinige auch.“ „Alſo Pyrrhus bei Symmes geweſen, und Peitſchen⸗ hiebe bekommen?“ fragte ich dieſen. Der Neger giebt nie Wahrheit von ſich, ſo lange noch eine Lüge möglich iſt. — 56 G6— „Pyrrhus nicht bei Symmes geweſen,“ heulte Pyrrhus recht unköniglich. Ich hatte Bangor, der meine Stimme gehört und herbeigekommen war, gewinkt. Er brachte die Peitſche, die ich hob. „Alſo Pyrrhus nicht bei Symmes geweſen?“ fragte ich ſchärfer. „Pyrrhus bei Beards geweſen,“ heulte der Neger. „Und nicht bei Symmes?“ fragte ich abermals, während die Peitſche daran war, auf den Rücken des Lügners herabzufallen. „Pyrrhus bei Symmes geweſen,“ jammerte er endlich. „Maſſa!“ ſchrie Venus—„Venus nichts mehr mit Pyrrhus zu thun haben, er lügen wie abſcheulicher Neger, er ſagen, er in der Predigt geweſen.“ „Und Maſſa ſagen, Venus das Maul halten, ſonſt er es ihr ſtopfen.“ „O Maſſa! Maſſa!“ ſchrie Venus unverzagt— ner abſcheulicher Neger ſeyn, er allen Mädchen in Bakers Niederlaſſung nachlaufen.“ Das ſchrille Gezänke hatte nun meine Neger alle — 57— aus ihrer Ruhe aufgeſcheucht. Wie Geſpenſter kamen ſie von allen Ecken und Enden heran. „Schöne Geſchichten,“ fuhr ich im Tone des Cor⸗ porals Uncle Toby fort.„Schöne Geſchichten, die ich von Dir hören muß, Pyrrhus. Haſt nun das dritte Weib, und nie wird des Gelaufes ein Ende.“ „O Maſſa! Maſſa!“ ſchrie Pyrrhus,„ſie böſes Weib ſeyn, ſte ſagen, Pyrrhus kein Gentleman ſeyn, er abominable Manieren haben.“ „Sie hat Recht, Pyrrhus,“ bekräftigte ich. „Maſſa!“ ſchrie der zerknirſchte Neger abermals. „Pyrrhus es nimmermehr thun, er künftig in die Predigt gehen, er es ſchwören bei Jeſus.“ „Er Jeſus ſagen— er bei Jeſus ſchwören, er ver⸗ dammt ſeyn,“ fiel Pompey mit verdrehten Augen ein. „Für dieſes mal,“ ſprach ich, nſey es Dir verziehen, Pyrrhus, da Du bereits vom Aufſeher von Mister Symmes Pflanzung Deinen Theil erhalten. Wäreſt Du zu Hauſe geblieben, wie ein ordentlicher Schwar⸗ zer, ſo hätteſt Du getanzt, und deinen Rum und andere gute Dinge gehabt. Geſchieht es nochmals, ſo wanderſt Du nach Merveille's Zuckerpflanzung. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 5 —=o 58 6— Brauche keine liederlichen Neger, die ihre Weiber zu Hauſe ſitzen laſſen, und andern nachlaufen. Du weißt, ich ſcherze nicht.“ Der Neger ſtürzt wie ein Klotz mir zu Füßen. Venus Herz iſt gleichfalls erweicht, wie ſte von Mer⸗ veille's Zuckerpflanzung hört. „O Maſſa Pyrrhus verzeihen! Venus ihm ver⸗ zeihen, er lieber, lieber Pyrrhus ſeyn.“ Ich winkte ihr Stille. „Und Du Pompey,“ wandte ich mich nun zu dem einigermaßen eingeſchüchterten Rivalen Cäſars, dem aber ein beſſeres Gewiſſen aus den Augen leuchtet; „von Dir werde ich wohl Aehnliches vernehmen müſſen?“ Pompey iſt ein ſtämmig unterſetzter Burſche, mit Achſeln und einem Schulterblatte, die zu einer Her⸗ kulesbüſte als Modell dienen könnten, ſehr brav, treu und fleißig. Er iſt ſeit der Ankunft des Reverend Roebuck ſein unverdroſſenſter Beſucher, und läßt auch bereits den Kopf nach Art und Weiſe der Methodi⸗ ſten hängen; ein Umſtand, im Vorbeigehen geſagt, der Mistreß Howard gar nicht gefallen will. Auch mir nicht. Aber der Neger iſt, ſo wie ich, eine Crea⸗ — 59— tur ſeines Schöpfers, und ſoll Ihn daher verehren nach ſeinem Belieben und Kräften. Und er thut es auf Negerweiſe, wo er geht und ſteht, ſingt er geiſt⸗ liche Lieder. „Maſſa!“ ſchrie Pompey, die Augen rollend und verdrehend—„o Maſſa! Pompey in die Predigt gehen, er gerne gehen. Es ſeine Freude ſeyn— er hören, er ſingen— o Maſſa! ſo ſchöne Lieder ſingen.“ Und ſofort verdreht er abermals die Augen, hebt ſie gen Himmel, und beginnt zu ſingen: O Jesus my hope and joy!*) Pompey be o Jesus thy boy. Aus welchem Geſangbuche er dieſe verzweifelten Reime her hat, weiß ich nicht, aber dieſe Methodiſten⸗ prediger haben wunderliche Weiſen. Ich ſchüttelte den Kopf. „Das iſt kein geiſtlicher Geſang, Pompey; Pom⸗ pey, Du biſt nicht in der Predigt geweſen. Ich fürchte, Du haſt die Predigt wie Pyrrhus gehört;“ ſetzte ich im ſtrengern Tone hinzu. „O Maſſa! Maſſa!“ ſchrie Pompey.„Pompey *) O Jeſus meine Hoffnung und Freude ſeyn— O Jeſus Pompey dein Bube ſeyn. 5* — 0 60 8— in der Predigt geweſen ſeyn, er Alles wiſſen, er Alles hören. Pompey Maſſa Alles ſagen.“ „Ich ſchaute den Neger ernſter an.„Pompey, Du haſt ein gutes Mundwerk, aber—„ „O Maſſa!" ſchrie Pompey;„Rebend Roebuck*) ſchöne Predigt ſagen, Maſſa; o Maſſa! er ſchöne Predigt halten, Maſſa! ſchön predigen,“ ſchrie er immer frohlockender.„Er ſagen, wir Jeſus lieben, wir Jeſus im Herzen tragen.“ „Und was weiter?“ fragte ich ſcharf. „O Maſſal er ſagen, wir Jeſus lieben, und immer lieben.“ „Und weiter?“ „Er ſagen, daß alle die böſe Neger ſeyen, die bei Jeſus ſchwören, ſie verdammt werden.“ Ich ſah den Neger ſchärfer an— „Er ſagen, Jeſus unſer Troſt und unſere Hoff⸗ nung ſeyn, Maſſa! Ja er das ſagen, Maſſa! Troſt und Hoffnung, und unſere Liebe. O er ſchöne Pre⸗ digt ſagen,“ ſtammelte er. „Und was weiter.“ *) Verdorbene Ausſprache ſtatt Reverend Roebuck. —“ 61— Pompey reißt die Augen weit auf— blöckt die Zähne und ſtockt eine Weile. Endlich fährt er heraus: „Weiter Maſſa? Maſſa! er immer ſagen, wir Jeſus lieben, Jeſus unſere Liebe ſeyn.“ „Alles recht gut, und liebe Jeſus, und thue was Jeſus befohlen, und es wird Dein Schaden nicht ſeyn.“ Pompey war hoch erfreut. „O Maſſa!“ rief er,„Pompey Jeſus gerne lieben, immer lieben, im Herzen tragen, aber Pompey— ℳ Hier hielt er inne, fuhr mit beiden Händen hinter die Ohren, und begann ſich zu kratzen. „Was will Pompey?“ fragte ich. „O Maſſa!“ ſchrie Pompey, ſich noch immer hin⸗ ter den Ohren kratzend, und mich ſtier anſchauend, offenbar verlegen, wie ſeine Worte an Mann zu bringen. „O Maſſa!“ ſchrie er abermals. „Und was?“ Eine Weile ſtockt, ſtottert er, endlich ſtammelte er wie verſchämt im leiſen zutraulichen Tone:„O Maſſa! Pompey ſagen, Pompey gerne wiſſen— ob Jeſus weiße oder ſchwarze Liebe geweſen, weißes oder ſchwarzes Mädchen?“ platzte er heraus, den Mund —=d 62— weit aufreißend, und mir in die Augen glotzend, offenbar ſehr geſpannt, über den wichtigen Punkt Aufklärung zu erlangen. Ich bin nun Neger⸗Naivitäten ſo ziemlich gewohnt, aber dieſe brachte mich beinahe aus der Faſſung. „Jeſus iſt Mann geweſen, Pompey,“ verſetzte ich mit allem mir möglichen Ernſte. Der Neger ſchaute mich an, wie aus den Wolken gefallen— beinahe böſe. „Ah Maſſa ſpaßen, Pompey nur zum Narken halten,“ verſetzte er kopfſchüttelnd. „Wenn Jeſus Mann ſeyn, warum Maſſa Roebuck ſagen, wir lieben—* „Jeſus iſt Mann geweſen, der Sohn Gottes, ſo lehrt es unſere Religion,“ verſetzte ich mit geziemen⸗ dem Ernſte. Der Neger ſchüttelte den Kopf ſtärker, und ſchaute mich forſchender an, zweifelhafter; und als ihm end⸗ lich der ernſte Ausdruck meines Geſichtes die Ueber⸗ zeugung aufdrang, ſchrie er ganz toll:„Dam dat Roebuck! Was für er uns da von Jeſus lieben ſagen, wenn Jeſus Mann geweſen; wofür wir ihn — 63— im Herzen tragen? Dam him dat Roebuck!“*) ſchrie er immer giftiger.„Was er das ſagen! wir Jeſus lieben, wenn Jeſus Mann geweſen! Pom⸗ pey ſchon vier Sonntage ſeinen Rum und Salzfiſch und zweimal ſchöne Frolie verloren; er von Roebuck nichts mehr wiſſen wollen, er ſeine Predigt nicht brauchen. Er kein Narr ſeyn. Was er Jeſus lieben, wenn Jeſus Mann geweſen. Dam dat Roebuck!“ „Thue was Dir am beſten ſcheint,“ ſprach ich, über des Negers antireligiöſe Sinnesveränderung nichts weniger als aufgebracht.„Ein ordentlicher Neger iſt Sonntags zu Hauſe, und ſorgt für ſeine Familie und ſein Weib.“ „God bless Massa and Maum!“ ſchreit Pompey und Pyrrhus, und Venus und Alle, küſſen nun die Kleider der vortretenden Maum, und ziehen ſich zurück, nochmals Good night Massa Maum!**) ſchreiend. Mir war es vollkommener Ernſt. Heilig, wie mir Religion iſt, und wie ſie jedem reflektirenden Weſen ſeyn muß, und Achtung, wie ich vor der vollen Ge⸗ *) Verdorben für D=n him that Roebuck— v-t ſey er dieſer Roebuck. 3 **) Gute Nacht Herr. —=0 6⁴ 6— wiſſensfreiheit jedes vernünftigen Geſchöpfes habe, ſo iſt mir dieſe Religionskrämerei, dieſes Oppoſttions⸗ weſen unſerer Methodiſten, Tunker, Presbyterianer, Quäcker, und wie ſie heißen, ein wahrer Gräuel, denn alles wird Euch ſo kaufmänniſch betrieben, ſie ziehen Euch umher, werden ausgeſandt wie Muſter⸗ reiter, dieſe ehrwürdigen Herren; die vielleicht vier Wochen zuvor die Nadel oder den Riemen verlaſſen haben, um die Köpfe unſerer Indianer und Neger mit ihren krüden Ideen zu füllen, und ſie aus halb blödſinnigen Tröpfen zu totalen Narren zu machen. Ich habe noch nie einen Neger oder Indianer durch dieſe Miſſionäre gebeſſert oder bekehrt gefunden, wohl aber Hunderte, die eine noch weit empörendere Sprache führten, als die ich ſo eben gehört. Alle Achtung vor dem wahren geiſtlichen Berufe und den Männern, die ſich in die Wildniß begeben, um unſere Indianer durch ſittigende Beſchäftigung zur religiö⸗ ſen Erziehung vorzubereiten;— mit dieſen Camp⸗ Meeting⸗Predigern aber verſchont mich. Bin nur begierig, was der ehrwürdige Roebuck ſagen wird. Geſtern war er über Mittag bei uns, und näſelte ſehr über den wenigen Eifer unſerer — — —= 65— Neger, und wie er trotz ſeiner vielen Bemühungen im Weinberge des Herrn nur erſt zwanzig Reben anzu⸗ pflanzen vermocht. Dieſe zwanzig Reben, worunter auch Pompey, verurſachten ihm aber wahren Troſt, beſonders Pompey, an dem er vielen Beruf, ja eine Art Zerknirſchung und Verzückung ſpüre. Eine ſau⸗ bere Zerknirſchung, Verzückung! „Louiſe wollen wir nicht ins Haus?“ II. Des Pflanzers Woche. Ein prachtvoller Morgen! Das tiefblaue Himmels⸗ gezelt mit ſeinen erblaſſenden Sternen im Oſten ſich röthend, durch die Magnolien⸗Wipfel am jenſeitigen Ufer wie ungeheure portenteuſe Königskronen her⸗ über blitzend!— Mir kommen zuweilen ſeltſame Einfälle, aber unſer Louiſtana iſt ein halb exotiſches Land, ein wunderliches Land!— Das magiſche Hell⸗ dunkel in der Glorie der Tageshelle aufleuchtend! Von Ferne her der wunderbare Schwanengeſang, das hellgellende Geſchrei der Waſſervögel durch ſeinen 1 — 66 6— nervenerſchütternden Harmonika⸗Ton übertäubend, einzelne Silberglockentöne aus der glorreichen Kehle des Königs aller Sänger, des Nonpareil— das lauter werdende Geſchwätz der Paroquets und der erwachenden Picaninis, Mädchen und Weiber, das wie Wellengemurmel immer ſtärker wird! Und wäh⸗ rend Ihr den verſchiedenen Tönen lauſcht, und die Anklänge von Gottes erwachender Schöpfung Euere Seele mit ſtillem Lob und Preis erfüllen, ein Licht⸗ ſtrom, der, wie auf des Allmächtigen Gebot,„Es werde Licht,“ auf einmal und ſo urplötzlich herein⸗ bricht, daß Euere Augen ſchier geblendet werden. Und mit dieſem Lichtſtrom auch das lauteſte Tagesgewim⸗ mel, Getümmel.— Bei uns kennt man keine Ueber⸗ gänge; in unſerer phyſtſchen, ſo wie in der morali⸗ ſchen Welt, ſchnellt Alles, wie von einer Federkraft geſchnellt, empor— zurück; keine Dämmerung, kein Zwielicht. Winternacktheit und Frühlingsblüthen wechſeln in Tagen, Ihr traut Euern Augen kaum. Cs iſt etwas Phantaſtiſches in dieſen urplötzlichen, dieſen abrupten Uebergängen. Keine Viertelſtunde noch iſt⸗ ſeit meinem Austritte aus dem Hauſe verfloſſen, als Alles in der tiefſten Ruhe begraben lag, nun ſaust — — o 67 6— es, ſchwirrt es an allen Ecken und Enden wie Bienen⸗ ſchwärme. Der Zinkenſchlag hat ertönt, und als wäre er der Trompetenruf einer unſichtbaren Gewalt, ſo prellen auch die ſchwarzen Geſtalten wie Dämone aus ihren Hütten heraus, eine grünbronzene, geſpen⸗ ſtige Bande, deren koboldartiges Treiben Euch für einen Augenblick an die unterirdiſchen Gewalten mahnt. Zugleich ſind die Wälſchhühner und Hühner aus ihren Steigen, die Rinder ziehen ihren Weide⸗ plätzen zu, die Schweine und Ferkel grunzen, die Picaninis gellen, die alte Sibylle und Calypſo keifen, und Alle und Alle beginnen ihr Kauderwälſch, und ſich des neuen Tages zu freuen, und zu ſchreien, und zu plappern, zu ſingen und zu ſpringen; Alles unter einander, zweibeinige und vierbeinige, befiederte und unbefiederte Creaturen. Aus dem geſtrigen Putz, den Seidenſhawls, den goldenen Ohrringen, den geſtreif⸗ ten Pantalons haben ſie ſich herausgeſchält, ſie liegen nun ſicherlich im Staube oder Schmutze, denn Neger ſind Euch die ſorgloſeſten Geſchöpfe, die nicht über den Tag hinausſehen. Wo Ihr hinſchaut, Gurkenbeine, an welchen die Waden ſtatt hinten, vorne wie ange⸗ klert ſitzen, leichte baumwollene Beinkleider, und da — 68— es noch kühler Morgen iſt, Hemden von demſelben Stoffe; aber ſie haben gewonnen im Vergleiche mit geſtern, denn ſie ſind Natur, und Natur iſt immer anziehend. Ihr könnt nichts Pittoreskeres ſehen, als dieſe zwanzig Schwarzen, die nun Tiber mit offenen Mäu⸗ lern anſtieren. Er verkündet ihnen den Tagesbefehl, den er ſo eben von mir empfangen.— Kaum hat er das letzte Wort herausgeſtammelt, als auch Alle bereits ſich wenden,„Maſſa einen guten Morgen wünſchen.“ Das laſſen ſie ſich abſolut nicht nehmen. Tiber iſt über ihr Zögern böſe, er ballt die Fäuſte, er heißt ſie liederliche Neger, iſt ergrimmt, aber ſie ſind es auch.„Was, Tiber ihnen ſagen, ſie nicht Maſſa ſehen, und ihm guten Morgen wünſchen!“— Sie Maſſa ſehen, es ihr Maſſa ſeyn, und heran kapriolen ſie:„O Massa! good Morning Massa! God bless Massa“ heulend, brüllend.„Aber Burſche,“ ſage ich,„der Cotton“—„Dam Cotton Massa!“ „Aber Burſche, Eure Penſa!“—„Dam Pensa! 0 Massa, Massa!“ ſchreien ſie, ſchwenken ihre Körbe, und ziehen ab; abziehen, was ſage ich, abtanzen iſt der paſſende Ausdruck; ihre Körbe theatraliſch auf —= 69 6— den Köpfen balancirend, geſtikuliren ſie, plappern, plaudern unter einander, mit Sulla, Marius, den Ferkeln, den Picaninis, Allem, was ihnen in den Weg kommt, und mit einer nonchalance, als ob es gar keine Penſa gäbe, oder es in ihrer Willkühr ſtünde, zu gehen oder zu bleiben. Der Neger, wenn er guter Laune iſt, und er iſt es immer, wenn ſein Herr es iſt,— geht mit einer Grazie, einem leichten Sinn an ſeine Arbeit, die Ihr an Weißen wieder nicht findet. Ein weißer Arbeiter mit ſeiner verdroſſenen Taglöhnermiene ekelt Euch an gegenüber dem Schwar⸗ zen, der ſeiner Haltung, ſeinem ganzen Weſen auch bei den gemeinſten Verrichtungen eine Tournüre zu verleihen weiß, die etwas Poetiſches hat, und ſich nur durch die ſtete Gegenwart ihrer ſchwarzen Dulcineen erklären läßt, auf die natürlich alle ihre Gedanken, all ihr Dichten und Trachten gerichtet ſind. Gerade als ſie abtanzen, kommt ein Dutzend ſchwarzer Nym⸗ phen ihnen in den Wurf, in der einen Hand die Keſſel mit Homony,*) in der andern die Schinken⸗ oder Salzfleiſchſchnitte, die ihn zu würzen beſtimmt ſind.— *) Der aus Wälſchkorngrütze gekochte Brei— eine Lieb⸗ lingsſpeiſe der Neger. —=0 70 6— Es lohnt der Mühe, alle die verliebten und chevale⸗ resken Bewegungen der beiden Parteien zu ſchauen; wenn ſie ſich zu einem Cotillon rangirten, könnte das Coquettiren und Verliebtthun nicht ärger ſeyn. Sie nehmen Euch Attitüden an, wiegen ſich in den Hüf⸗ ten,— Ihr müßt Euch wegwenden, denn bemerken ſie Euch, iſt das Spiel noch ärger. Und die Zärtlichkeits⸗ bezeugungen werden ſo handgreiflich! Sie, die Weiber nämlich, ſind in kurzen Unterröckchen und bloßem Hemde, am Halſe zugeknöpft;— es brauchte einige Mühe, bis Mistreß Howard es dahin brachte, daß ſte den Buſen bedeckten, obwohl dieſer Artikel in der Regel nichts weniger als delectirend erſcheint,— es gibt aber Ausnahmen.— Wie ſie nun ſchwenken, und manövriren und anlocken!— Sind doch wol⸗ lüſtige Geſchöpfe, dieſe Negerinnen! ſo von Natur aus, inſtinktmäßig wollüſtig, daß es bei ihnen kein Laſter mehr iſt, ſondern blos eine ſchlimme Eigen⸗ ſchaft, die wieder ganz anders beurtheilt werden muß, als die Geilheit weißer Schönen, mit der ſie auch wieder nicht das Ekelerregende gemein hat. Seltſam bleibt es immer, daß ſie, ich ſpreche von unſern Sklavinnen, bei all ihrer thieriſchen Sinnlichkeit, ſich — 8 71— wieder nicht ſo ganz im Schlamme der Wolluſt herum wälzen, wie weiße, oder unter weißen lebende farbige Schönheiten; auch ſie bieten ſich feil, aber es iſt nicht das ekelhafte, ſchamloſe Feilbieten der Weißen. Selbſt in dieſer Erniedrigung läßt ſich noch etwas pikant Natürliches wahrnehmen. Veränderlichkeit, Leicht⸗ ſinn, heißes Blut, der Drang nach einem neuen Bande, Seidentuche, ſind ihre Stimuli, laſſen ſte aber wieder nicht unter das Zero herabſinken; dafür erheben ſie ſich aber auch nicht zur hohen Sittenrein⸗ heit, zur keuſchen Liebe der Weißen. Etwas vom Thiere und ſeinem inſtinktartigen Triebe herrſcht immer vor, und verhindert Extreme. Im Vordergrunde, an den Stufen des Wirth⸗ ſchaftsgebäudes ſeht Ihr eine Gruppe, die eines Wou⸗ vermanns oder Van der Veldes Pinſel würdig wäre. Es iſt ein Dutzend ſchwarzer halb und ganz nackter Wechſelbälge, von zwei bis ſechs Jahren, ſo kugel⸗ rund wie die vierteljährigen Ferkel, die ſie umgrunzen; zwei derſelben ſitzen der alten Sibylle auf den Knieen, zwei andere der alten Calypſo; die übrigen balgen ſich noch mit den Ferkeln, oder drängen ſich an die beiden ſchwarzen Hecaten. Es iſt etwas ungemein — 0 72— mütterlich Zärtliches in den Liebkoſungen der alten Sibylle.„Dou darlint,“*) kreiſcht ſte,„dou lilly lilly Nigger boy be— dou my darlint be— My lilly Nigger boy, Massas Nigger boy“— gellt ſie, ihn auf ihren Arm hebend, und ihre verwelkten Lippen auf ſeine ſchneeweißen Zähnchen drückend, und dann einen Kochlöffel voll Wälſchkornbrei zwiſchen dieſe einſchmierend.„Du Sibyllens liebes, kleines Neger⸗ lein ſeyn, du Maſſas liebes Negerlein ſeyn, du ſein Augapfel ſeyn!“ ſchreit ſie abermals, einen andern Kochlöffel voll nachſendend. Und der Affe rollt die Augen, und die Alte ſchmiert dem zweiten unter ähn⸗ lichen Liebkoſungen einen ähnlichen Klumpen ins Mäulchen;„My lilli lilli Nigger,“ und zwei friſche Wechſelbälge drängen ſich zwiſchen die Kniee, und die Reiter purzeln herab, und die Ferkel heran, und lecken die Ueberreſte des Breies von ihren Mäulern, und Alle rollen, ſchreien, grunzen. Es iſt eine Scene zum Malen! negerarsſprache ſtatt Thou darling, thou little liltie Negro boy, Thou art my darling, my little negro boy, Masters Negro boy. Du Schätzchen, du kleines kleines Neger⸗ lein— du biſt mein Augapfel, mein kleiner Negerbube— deines Herrn Negerbube. — 73 6— Wohl zum Malen haben wir nicht Zeit, die Nege⸗ rinnen ſind mit dem Frühſtücke fertig, und brechen in die Felder auf. Wir müſſen nach.— Wir haben Baumwollenernte. Die Arbeiten der Neger ſind in Penſa abgetheilt. Die Männer haben als tägliche Aufgabe achtzig bis hundert Pfunde roher Baumwolle einzuſammeln, die Weiber von fünfzig bis achtzig. Der Schwarze, der ſeinen Korb voll hat, liefert ihn auf die Bretter vor der Cotton⸗ Gin,*) wo die Baumwolle ausgebreitet bleibt, bis ſie trocken iſt, um in die Gin abzugehen und da vom Samen gereinigt und in Ballen gepreßt zu werden. In der Regel hat der Neger ſein Tagewerk um vier Uhr Nachmittags vollendet; über die übrigen Stun⸗ den bis zu Sonnenuntergang verfügt er nach eigenem Gutdünken, und verdingt ſich für dieſe entweder an ſeinen Herrn, oder beſorgt ſeine kleine Feld⸗ und Hauswirthſchaft. Gewöhnlich thun die Männer das *) Auch ſchlechtweg Gin genannt wird ſowohl das Gebäude, in dem die Baumwolle gepreßt, als die Maſchine, durch die ſie vom Saamen gereinigt wird.— Letztere iſt eine Mühle, gewöhn⸗ lich von Pferden getrieben, mit einer Kamm⸗Maſchine und einem daran angebrachten Werkſtuhle zum Packen der vom Saamen geſonderten Baumwolle. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 6 —e 74— erſtere, und erhalten als Entſchädigung für die Stunde acht, und wenn ſie fleißig ſtnd, bis zwölf Cents.— Die Weiber beſorgen Küche und Felder, in denen ſte Taback und Gemüſe, vorzüglich aber erſtern bauen, der, an unſerem Red⸗River von der feinſten Quali⸗ tät, ihnen ein ſehr artiges Nadelgeld einträgt.— Alle Familien haben ihre Ferkel, Schweine und Ge⸗ flügel, die in der Waldung und Pflanzung ſich auf Koſten der Herrſchaft umhertreiben, und die ſte, wann ſie gemäſtet, gleichfalls an die Dampfſchiffe verhan⸗ deln. Jeder Neger ſo wie Negerin erhält monatlich ein Buſhel*) Wälſchkorn in Kolben, die ſte auf den im Camp aufgeſtellten Handmühlen zu Grütze oder Mehl mahlen, und aus dem ſie ihre Kuchen oder Homony bereiten. Wöchentlich haben ſie ihre Ratio⸗ nen an Fleiſch, Schinken und Salzfiſchen, jährlich zweimal Kleidung für Winter und Sommer.— Für erſtern eine Wolldecke, die die Weiber zu Capotten verarbeiten, mit Stoffen zu Beinkleidern,— für letz⸗ tere Baumwollenzeuge.— Dieſe Ordnung iſt geſetz⸗ lich, und findet ſich auf allen auch nur einigermaßen *) Das bekannte amerikaniſche und engliſche Getreide⸗ und Mehlmaß enthält zwiſchen 90 und 400 Pfund. —=0 75— reſpektabeln Baumwollenpflanzungen. Die Arbeit iſt zudem leicht, der Geſundheit zuträglich, die Plackereien des Düngens und der ſchweren Feldarbeiten ſind un⸗ bekannt, das Loos des Negers in materieller Hinſicht ſo wenig beklagenswerth, daß die meiſten Familien⸗ väter bedeutende Summen zurücklegen, mit denen ſie ſich leicht loskaufen könnten. Sie ziehen es vor, in der Familie zu bleiben, in der ſie geboren, zugleich als Kinder des Hauſes behandelt, und zum geſitteten Leben erzogen werden. Ich halte dieſe bei uns ſtatt⸗ findende Behandlungsweiſe der Schwarzen für die bei weitem geeignetſte, obwohl die Virginiſche den großen Jefferſon*) zum Lobredner hat; bei uns lernen ſte den Werth des Cigenthums durch eigenen Beſitz kennen, das ſicherſte Mittel zu ihrer Geſtttung und Erziehung. Dieſe ſchreitet vorwärts, obwohl lang⸗ ſam, aber doch ſchreitet ſte vorwärts. Die Behand⸗ lung der Sklaven wird beſſer, die Herrſchaft milder, würde bereits um viel milder geworden ſeyn, wenn *) In Virginien und einigen der ältern Sklavenſtaaten leben die Neger auf größeren Pflanzungen häufig in großen Gebäuden, eigens für ſie beſtimmt. Daß dieſes Zuſammenleben die Sittlich⸗ keit des Negers keineswegs befördere, iſt augenſcheinlich. 6* — o 76 6— nicht das Abolitioniſten⸗Unweſen uns in eine retro⸗ grade Richtung gezwungen hätte, und noch immer zwänge. Dieſe heilloſen Abolitioniſten!*) Dienſtag den 23. September. Heute kam der alte Peter mit ſeiner Familie an— Battucca⸗Indianer, die vier und zwanzig Meilen von den Rapides**) ihr Dorf haben, und in der Regel herabkommen, in der Baumwollenernte zu helfen, und ſo für den Winter etwas zurückzulegen. Sie arbeiten, die Familie nämlich, Weib, Schweſter und zwei Mädchen, in einem abgeſonderten Felde. Dem Manne zuzumuthen, auch nur die Hand zu irgend einer knechtiſchen Verrichtung zu heben, gälte für tödtliche Beleidigung. Er ſteht, auf ſeinen treuen Gefährten, ſeine Rifle geſtützt, wie eine coloſſale Bronze⸗Statue, den Weibern und Mädchen zu⸗ ſchauend, und vielleicht ſeines Sohnes gedenkend, der als Opfer der Blutrache vor drei Jahren gefallen. Ein Indianer iſt ein würdevolles Bild männlicher Ruhe; unbeweglich ſteht er ſtundenlange, oder liegt *) Negerfreunde. **) Die Stromſchnellen bei Alerandeia, von denen das County den Namen hat. — 77— maleriſch hingeſtreckt, an Marius, wie er auf den Ruinen Carthagos ſttzt, erinnernd.— Wenn er nur nicht gar ſo viel tränke! Ein betrunkener Marius! Gräßlich! Dieſelbe Ruhe herrſcht auch unter den Weibern. Es kann kaum einen grellern Contraſt geben, als Indianerinnen und Neger in den Feldern arbeiten zu ſehen. Die Indianerinnen wie Automate ſich von einer Baumwollenſtaude zur andern fortbewegend, höchſtens forſchende Blicke mit einander wechſelnd— lautlos— in ihrem ganzen Weſen ſtoiſche Apathie mit einem gewiſſen Stolze, der die hundert fünfzig Schritte von ihnen lachenden Schwarzen auch nicht eines Blickes würdigt. Ddie Neger wieder in ewiger Bewegung, plappernd, lachend, ſcherzend. Hat der Neger Niemanden, der ihm die Zeit vertreibt, ſo wendet er ſich an den erſten beſten Gegenſtand, der ihm in Wurf kommt. Ein Hund, eine Katze, eine Maus, eine Ratte dienen ihm für eine Weile gleich wohl, bis etwas Neues nach⸗ kommt, und erſt wenn dieſes nicht kommt, wird er übellaunig, ungeduldig, und bei längerer Iſolirung ſtumpfſinnig. Der Neger hat dieſes außerordentliche — 8 78 e— Bedürfniß der Geſellſchaft, oder wie es der Franzoſe ſchärfer bezeichnet, amusement, mit dem Letzteren gemein, welcher ſich auch immer amüſiren will, plau⸗ dern, causer, wie er es nennt, und der einzig auf ſich reducirt, bald jenes brillante Weſen verliert, das dieſe Nation ſo geiſtreich macht, aber zugleich ihren Mangel an geiſtiger Selbſtſtändigkeit, an ſchöpferi⸗ ſcher Kraft verräth. Es gibt ſicherlich in der cioiliſir⸗ ten Welt nichts Stupideres, als einen längere Zeit auf ſich ſelbſt reducirten Creolen oder Franzoſen, den Neger allein ausgenommen. Sein Rückſchritt in der Civiliſation iſt auffallend. Er hat auch nicht die mindeſte Empfänglichkeit für geiſtige Genüſſe. Leſen hält er für Zeitverluſt, Narrheit. Er iſt ganz das Gegentheil vom Amerikaner oder Britten, der ſelbſt in der Einſamkeit vorwärts ſchreitet, ja erſt in dieſer eigentlich zum unabhängigen Manne wird— auf ſeiner abgelegenen Pflanzung, mitten in Urwäldern ſeine ganze Charakterſtärke mit allen ihren Hülfs⸗ mitteln entwickelt— mit einem Worte ſelbſtſtändig daſteht. Liegt in dieſen verſchiedenen Grundzügen des engliſchen und amerikaniſchen— und wieder fran⸗ zöſiſchen Nationalcharakters— nicht auch die Grund⸗ — e 79— urſache der großen Ueberlegenheit der erſtern, und ihrer höheren Grade bürgerlicher Freiheit? Ich glaube ja.— Wo das Bedürfniß der Geſellſchaft überwie⸗ gend wird, läßt ſich das Individuum auch die durch dieſe Concentrirung nothwendig werdenden Beſchrän⸗ kungen— die Centraliſtrung der geſellſchaftlichen Gewalten— leichter gefallen, und ſo umgekehrt. 24. September. Einer der Zwillinge Taby's iſt geſtorben— Folge der Unbeſonnenheit der Mutter. Geſtern Abend kehrt dieſe aus den Baumwollenfeldern zurück, in die ſie eigentlich gar nicht gehört, und die ihr ausdrücklich unterſagt worden, ſtellt ihren Korb mit Baumwolle auf die Treppen des Wirthſchaftsgebäudes,— um ſogleich einem halben Dutzend Ferkeln zum Zeitver⸗ treib zu dienen, rennt die Treppen hinan in das Wöchnerinnenzimmer, wo ihre Zwillinge ſchlummern; das eine, in tiefen Schlaf verſunken, erſchreckt ſie; ſie wähnt es todt, zum Unglück iſt Niemand zugegen; ſie reißt es auf, ſchüttelt, rüttelt es, das Kind erwacht, ſchreit; ſie voll Freude ſpringt wie toll herum, reißt die Fenſter auf, ſchreit hinaus:„Kleine Picanini nicht todt, es leben,“ die kühle Abendluft ſchlägt dem — 8 80 6— erhitzten Kinde den Schweiß zurück. Eine Stunde darauf dringt ihm bereits der Schaum zwiſchen die Lippen— die Spaſms werden ſtärker— alle Anzeichen des Lockjaw ſind vorhanden. Mistreß Howard war freilich, als ſte das Geſchrei hörte, herbei gerannt, hat alle Mittel verſucht, das Kind wieder in Schweiß zu bringen,— Aſchenlauge, Bäder, Alles wurde ange⸗ wandt,— die ganze Nacht beinahe gewacht,— ver⸗ geblich! Um ſieben Uhr morgens ſtarb der arme Wurm. Der Schmerz der armen Mutter iſt grenzen⸗ los. Wie eine Niobe ſtand ſie, ihre trüben, blutig unterlaufenen Augen zum Himmel gerichtet, die ſtraffen Arme herabhängend, keines Wortes mächtig. Dann ſetzte ſie ſich auf das Bettchen des entſchlafenen Kindes, die Hände gefaltet, die Zähne zuſammengepreßt.— So kommen immer trübe Regenſchauer in euer heite⸗ res Familienleben. Zugleich iſt ein Sack Kaffee mit einem Hut Zucker aus der Vorrathskammer ver⸗ ſchwunden, Keiner will der Deucalion ſeyn, der ſte in Bewegung geſetzt, und von ſelbſt können ſie doch unmöglich hinter unſerm Rücken lebendig geworden 1 ſeyn. Um neununddreißig Pfunde Kaffee, einen Hut — 81— Zucker und ein Picanini minus, und die Gewißheit, einen ſchwarzen Agrarier im Hauſe zu haben. Man möchte die Geduld verlieren! 25. September. Papa Menou überraſcht uns auf einen Augenblick auf ſeiner Fahrt nach Woodville zu Doughby, um das Ehepaar zum Familienfeſte am fünften abzuholen. Emilie ſoll gleichfalls mitkommen. Mit ihm ſind Meſſieurs Kirkby und Southby, die auf einige Mi⸗ nuten das Dampfſchiff verlaſſen, mir den Ausgang des geſtrigen Meetings in Bakers Station zu berich⸗ ten. Es war zuſammenberufen, um Mittel und Wege in Berathung zu ziehen, dem immer mehr um ſich greifenden Unweſen der Abolitioniſten zu ſteuern,— vor allem aber, nach dem aufgeklärten Beiſpiele Ca⸗ rolina's und meines geliebten Virginiens, die Zweck⸗ dienlichkeit in Erwägung zu nehmen, unſern Negern den Beſuch der Schulen ſo wie den Unterricht im Leſen gänzlich zu unterſagen.— Kirkby war einer der Opponenten, und von mir dahin inſtruirt, das Ganze Uns, den Pflanzern, zu überlaſſen, und durch Aſſociationen, wie die Temperanzgeſellſchaften, ent⸗ — 8 82— gegen zu wirken, wodurch die General⸗Aſſembly*) nicht compromittirt, uns aber die Gewalt in Händen geblieben wäre.— Er wurde aber auf eine Weiſe überſtimmt, die unſern Louiſiana⸗Zeitgeiſt unver⸗ gleichlich charakteriſirt. Alle Creolen waren auf den Vorſchlag des Präſidenten ſogleich einig, die Reprä⸗ ſentanten des County zu ermächtigen, den Geſetzes⸗ entwurf in der General⸗Aſſembly zu unterſtützen, in Folge deſſen unter ſolcher und ſolcher Strafe aller Unterricht den Negern unterſagt werde— paſſiv und activ, wie es recht bezeichnend hieß.„Was leſen lernen!“ ſchrieen ſie Alle in einem Tone, der, wäre der Vorſchlag gethan worden, unſere Rinder leſen zu lehren, nicht naivere Verwunderung hätte ausdrücken können;„dem muß durch ein Staatsgeſetz vorgebeugt werden.“— Mich wundert es nur, daß ſie die Mo⸗ tion nicht als Supplementartikel in die Staats⸗Con⸗ ſtitution aufnehmen laſſen. Dieſe Creolen ſind, wie ihre transatlantiſchen Brüder, die Franzoſen, erſtaun⸗ liche Freunde vom Geſetzgeben, und erinnern mich immer an den Seekapitän Tonſon in der Poſſe glei⸗ *) Wird der geſetzgebende Körper in Louiſiana, nämlich das Haus der Repräſentanten und des Senates, genannt. — 0 83 6— chen Namens(wenn ich nicht irre).— Es entſteht in der Nacht auf dem Schiffe, das er befehligt, Feuer⸗ lärm, ein gewaltiger Rauch dringt durch die Schiffs⸗ lücken; die fünfzehn Schlafhauben der Franzoſen ſind nämlich in Brand gerathen. Kapitän Tonſon ſteuert ſogleich dem Unweſen durch das Geſetz, daß alles Licht und Feuer für immer vom Schiffe verbannt werde; darüber rennt ſich ein Matroſe die nächſte Nachtwache einen Splitter durch den Schuh in die große Zehe; des Morgens erläßt Kapitän Tonſon ein friſches Geſetz, daß alle Matroſen heſſiſche Courier⸗ ſtiefel tragen ſollen; die Courierſtiefel wollen aber nicht die Strickleitern hinauf;— wieder ein neues Geſetz, das die Leitern herabbringt;— darüber fallen freilich die Maſten über Bord, und das Schiff geht zum—— aber Monſteur Tonſon hat geſetzlich regiert.— Während wir unſere Freunde zum Dampfſchiff zurückbegleiten, kommt die Hälfte meiner Neger ge⸗ rannt,„Maſſa Menou zu ſehen.“ Es half nichts, daß ich Mister Wright abſandte, mit dem Befehle, ſie ſollten augenblicklich in die Felder zurück. Sie blökten die Zäͤhne—„Was er ihnen befehlen?— — o 84— Er nichts zu befehlen haben, Maſſa befehlen, Maſſa nichts entgegen haben, wenn Maſſa's Neger Maums Papa ſehen.“ Und nachdem ſie Maums Papa geſe⸗ hen, blöken ſie abermals die Zähne, ſchreien ein„God bless Massa Menou!“ und ziehen wieder ab unter brüllendem Gelächter. Menon ſchüttelt den Kopf, und iſt der Meinung, daß meine Disciplin zu lax ſey. Dem mag ſeyn, wie ihm wolle— ich kann nicht helfen. Man müßte wahrlich, in der gebildeten Sprache des achtbaren Redakteurs des Gridirons*) zu reden, ein ganzes R—h ſeyn, wollte man bei ſolchen Sachen harſch verfahren! 26. September. Es gibt Menſchen, die da feſt glauben, das Leben eines Louiſiana⸗Pflanzers ſey ein fortgeſetztes Syba⸗ riten⸗Schwelgen, ein Liegen auf Roſenbetten, im Palanquin, gefächert von ein paar halbnackten Nege⸗ rinnen, mit loſem Bande um den Buſen, roſenrothem Florröckchen um die wollüſtigen Hüften, Prunell⸗ *) Bekanntlich hatte die wöchentlich erſcheinende Zeitung Cobbets, ſpäter Parlamentsglied für Tonann). einen Roſt als Frontiſpiee. —-6 85 6— ſtiefelchen an den Füßen, und ſo weiter. Und die Wahrheit iſt, daß unſer Pflanzerleben der Bequem⸗ lichkeiten des Lebens, des wahren Comfort, weit weniger darbietet, als das nordiſche Bürgerthum dem weit minder Wohlhabenden. Nehmt nun zum Beiſpiel unſere Tafel. Dieſe be⸗ ſteht nun bereits die ganze Woche in Schinkenſchnitten, Wälſchkornkuchen, gebratenen Kartoffeln, die ein Luxusartikel ſind, da ſie aus Irland eingeführt wer⸗ den, und zur Abwechslung in Makarels, einem Huhne oder Wälſchhuhne, von welchem immer einer oder der andere der ſich unpäßlich befindenden Neger ſeinen Antheil erhält. Freilich läuft uns das Wild vor der Naſe herum, Hirſche, Bären laſſen ſich alle Tage an den Rändern des Waldes blicken, ſchwimmen über den Fluß,— Wildgänſe, Enten ſchwirren Euch zu Tauſenden, Hunderttauſenden über die Köpfe hin, oft könnt Ihr Euer eigenes Wort nicht vor ihrem Geſchrei verſtehen; aber Ihr habt nicht die Zeit an's Schießen zu denken, und ſchießt Ihr ſie, ſo iſt zwei gegen eines zu wetten, daß irgend ein Alligator vor Euch da iſt, die Beute in Empfang zu nehmen. Von dieſen Alli⸗ gatoren und snapping Turtles wimmelt es im Fluſſe — 3 86 6— und dem See im Süden der Pflanzung, ſo wie den Bagyous, die uns umgeben. Hunde und Neger zittern, ſo wie ſie eine der letztern ſehen, ihr Biß iſt ſehr ge⸗ fährlich. So denkt man bei uns gar nicht auf die Jagd, ſelbſt wenn die fieberiſche Hitze ſie erlaubte. Wir haben den ganzen Tag die Hände ſo voll zu thun, daß nur die pünktlichſte Ordnung uns aus dieſem Wuſt, dieſem Treiben bringen kann. Vom frühen Morgen iſt Mistreß Howard in Bewegung. Die Picaninis müſſen verſorgt, den Familien ihre Rationen ausgetheilt, ihnen ſelbſt, wo ſie gehen und ſtehen, nachgeſehen werden. Eine Negerin wirft das Kleid, das ſie am Sonntag Nachts abgelegt, nie in ihre Kiſte; nein, geradezu auf die Erde, die ganze Woche tritt ſie darauf herum, und wundert ſich recht naiv am nächſten Sonntage, daß es ſchmutzig und voll Löcher iſt. Ihre Rationen an Wälſchkorn, wenn nicht jedesmal nachgeſehen wird, könnt Ihr verſichert ſeyn, ſind eine Stunde darauf, nachdem ſie ihnen ausgetheilt worden, eine Beute der Borſtenthiere und Wälſchhühner. Je nachſichtiger Ihr ſeyd, deſto ärger das Uebel. Des Schmollens, Zankens iſt kein Ende, daher haben auch die Creolinnen in der Regel eine —" 87— unlieblich, kreiſchend zänkiſche Stimme; ſelbſt Louiſens Accorde beginnen den ſchrillen Ton anzunehmen. Stets iſt ſie auf den Beinen, hinter ihr her Pſoche mit zehn Schlüſſelbünden, ewig aufſchließend, zuſe ſchließend; läßt ſie die Thüre einer Vorrathskammer auch nur zehn Minuten offen, o iſt ſie zur Hälfte oder ganz geleert. Sie ſtehlen Euch, dieſe Neger, ärger als die Raben, verbergen das Geſtohlene wo ſie können, und werfen, was ſie nicht bergen können, geradezu weg. Kaffee, Zucker, Salzfleiſch, beſonders Gewürze, die ſie zu Kochlöffeln voll in ihre Speiſen werfen, ver⸗ ſchwinden ſo. Der Kaffee und Zucker von geſtern ärgert mich abſcheulich. Die Vorrathskammer blieb keine zehn Minuten offen, der Riegel war aus Ver⸗ ſehen nicht eingefallen,— weg ſind beide.— Keiner will etwas wiſſen. Unterdeſſen haftet auf Hannibal der größte Verdacht. Er iſt ein arger Dieb, und aus ſeinen tückiſchen Tigeraugen leuchtet nichts Gutes heraus. Während Mistreß Howard den Haushalt von fünfzig Negern beſorgt, gewiß keine Kleinigkeit für eine ſiebzehnjährige Dame, liegt mir die Plackerei der Aufſicht über die Felder, die Baumwollen⸗ und b — 0 88— Wälſchkornernte, die Cotton⸗Gin, und tauſend andere Dinge ob. Nur die genaueſte Kenntniß von dem, was jeder zu leiſten im Stande iſt, kann Euch vor Betrug und Ruin ſichern. Zeitungen, Broſchüren, neue Werke kommen täglich an, liegen aber ſeit Wo⸗ chen uneröffnet.— Wo ſollte man die Zeit herneh⸗ men— wo die Luſt! 4 Aber warum gebt ihr eure Neger nicht frei? macht euch dieſer Plage ledig? Das iſt eine Frage, von keinem Sachverſtändigen, nicht einmal Verſtändigen, gethan.— Warum gaben Washington, und Jefferſon, und Henry Patrik, Männer, deren Namen die Zungen aller Zeiten mit Ehrfurcht nennen werden, ihre Sklaven nicht frei? Weil ſie vollkommen überzeugt waren, daß mit dieſer Freiheit nicht einmal den Sklaven, viel weniger un⸗ ſerer bürgerlichen Geſellſchaft, gedient wäre. Eine thieriſche, uns ohne unſere Schuld zugekommene Rage kann nicht in wenigen Jahren zur Geſtttung, zur Ertragung unſerer Freiheit erzogen werden.— Es gehören der Jahre viele, Jahrhunderte dazu. Lernt dieſe Sklaven erſt kennen und dann redet. — e 89— 27. September. Der Wind hat ſich ſeit geſtern gewendet. Wir haben Südoſt bei Süd— der Thermometer ſteht auf 77, die Hitze wäre zu ertragen, aber die Dünſte, die Dämpfe! es iſt zum Erſticken ſchwül.— Unſere größte Wolluſt iſt, täglich ein Dutzend Hemden zu wechſeln. — Ich bin am achten, in das ich mit Hülfe Bangors krieche, und kaum ſo viel Luft erſchnappe, um„Ein Glas Limonade“ heraus zu keuchen. Und Bangor läuft in den Saal: „Maum! Maſſa Glas Limonade.“ „Wo denkt Mister Howard hin!“ höre ich Maum ausrufen, und ſehe ſie ſofort an der Schwelle unſeres Schlafzimmers erſcheinen.— „Wo denkſt Du hin, George? Limonade!— Ein Glas Waſſer mit Madeira oder Bordeaux.“ „Lieber Limonade, Louiſe!“. „Kann nicht ſeyn, George. Du gehſt wieder in die Felder; Limonade iſt ſchweißtreibend, ſchwächt den Magen. Papa, Du weißt.“— „Hörſt Du, Louiſe, Du biſt doch ſo hart— ſo hart wie der Teufel mit Sr. Herrlichkeit dem Groß⸗ kammerherrn.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III.. 7 — 3 90— „Ich ſo hart wie der Teufel mit Sr. Herrlichkeit dem Großkammerherrn!“ verſetzte Louiſe piquirt— „Du haſt doch heute wunderbar artige Gleichniſſe. Und was war denn das für ein—“ Damen tragen den Teufel wohl zuweilen im Her⸗ zen, aber nur ſelten auf der Zunge— „Zuerſt will ich Dir ſagen, wer die Herrlichkeit war. War ein wunderbar feiner Mann, der an einem engliſchen oder ſpaniſchen, ich weiß nicht mehr welchem Hofe, in großen Gnaden ſtand, und zwar vorzüglich deßwegen, weil er Alles charmant fand, was die Ma⸗ jeſtäten thaten, welches Charmantfinden ihn auch in die nächſte Umgebung beſagter Majeſtäten brachte. Es war dieſes Charmantfinden ganz bei ihm zur Ge⸗ wohnheit geworden, und er befand ſich wohl dabei ſein ganzes Leben, bis der Faden ablief, und er ſich übel befand, ſo zwar, daß er nach dieſem Uebelbefin⸗ den in die Hölle reiste, ein zweites aber unterirdiſches Louiſiana. Als er nun dahin gefahren, kam ihm der Teufel, dem ſeine Ankunft durch einen Courrier ge⸗ meldet worden, mit ſeinem Generaladjutanten an die Pforte ſeiner hölliſchen Reſidenz entgegen, ihn ge⸗ bührender Maßen zu empfangen, und ihn in ſein —" 91 e— Appartement einzuführen. Wie gefällt es Eurer Herrlichkeit? fragte der ſchwarze Regent, als ſie in das Portal eingetreten. Sehr wohl, verſetzte der Lord Großkammerherr— ſehr wohl, ſublime Be⸗ leuchtung— vortreffliche Scenerie— wünſchte, ich hätte einen unſerer großen Künſtler hier.— Freut mich, das zu vernehmen, verſetzte der Teufel, der ſich etwas darauf einbildete, es dem Lord in der feinen Lebensart gleich zu thun. Freut mich um ſo mehr, als ich beſorgte, die einigermaßen ſtarke Hitze würde Euere Herrlichkeit ineommodiren. Mit nichten, ver⸗ ſicherte der Großkammerherr— auf Ehre! recht com⸗ fortable— Etwas warm zwar, meinte er, nach ſei⸗ nem Madras⸗Seidentuche greifend, das ihm in der Hand in Flammen aufging— aber ein Glas Limonade wird nicht verfehlen, uns die nöthige Kühlung zu ver⸗ ſchaffen.“ „Limonade, wiederholte die ſchwarze Hoheit— wo denken Eure Herrlichkeit hin? Limonade iſt ſchweiß⸗ treibend, würde Ihren Durſt nur mehren, ja ander⸗ weitige üble Folgen haben; beſitzen aber vortreffliche Fluida in unſerem Hofkeller, hellklares Silber mit einem Zuſatze von Schwefel und Alaun verdünnt, 7* — ꝛ0 92 6— das vortrefflichſte Getränk in unſerem Klima und für Conſtitutionen, wie die Eurer Herrlichkeit! auch nach der neueſten Erfindung in Patentöfen geſchmolzen. Haben eine Auswahl von Getränken für unſere Gäſte und hohen und höchſten Herrſchaften; ſo haben wir groben Schwefel und flüſſtges Gußeiſen für die grobe Canaille, Kupfer und Blei für die ſchwergroben, eckigten Kleinſtädter, Ihnen aber dürfen wir Silber mit einer Zugabe geſchmolzenen Goldes geben; reines Gold, mit dem lauterſten Aqua Tofana gewäſſert, iſt bloß für die höchſten Herrſchaften, die uns mit ihrem Beſuche beehren.“ „Sehr erfreut, verſetzte die Herrlichkeit. Erſehe, daß die Etiquette gehörig beobachtet wird. Hatte wirklich beſorgt, mit dem horriblen ſchweiniſchen Haufen, oder gar den Republikanern in eine Kategorie geworfen zu werden.“ „Befürchten Eure Herrlichkeit nichts dergleichen, entgegnete ihm der Teufel. Letztere befinden ſich Alle in der ſogenannten neuen Welt, tauſend Meilen von dieſer meiner öſtlichen Reſidenz im Weſten, wo es noch ſehr wäſſerig, dämpfig, dunſtig iſt, und ſie Alle, der beliebten Gleichheit wegen, ohne weiteres in den — 93 0— großen Strom— Louiſe! das muß der hölliſche Miſſiſippi ſeyn,— geworfen werden.“ „Du biſt ein gottloſer Spötter!“ drohte Louiſe, die eine ziemlich fromme Katholikin iſt, und mit der Hölle ſich ja nicht zu ſcherzen erlaubt. „Und Du mein Engel, und wenn Du willſt, auch mein Schutzengel— wohl, ſo gieb denn Madeira oder Bordeaux.“ Louiſe iſt beruhigt, als ſie mich trinken ſieht, und legt ihren Arm um meinen heißen Nacken.— Sie iſt eine Creolin, die in diätetiſcher Hinſicht nicht vorſich⸗ tig genug ſeyn zu können glaubt, und darüber oft zur Wärterin wird. Ich öffne Abends, wenn der Luftzug den Mochettoes eine andere Richtung gege⸗ ben, die Fenſter; aber heranſchwebt Louiſe und ſchließt, ohne ein Wort zu ſagen, das Fenſter.„O ſo ſchließe doch das Fenſter nicht!“„Nachtzug, theurer George, Du weißt, Nachtluft und beſonders Zug iſt gefähr⸗ lich,“ und zu geht das Fenſter ohne Gnade und Barm⸗ herzigkeit. Pſyche kommt mit der Limonade, aber herantritt Louiſe, nimmt das Glas, und ſchüttet es in die Kühlpfanne, ſo daß ich oft glaube, ich bin der — 94— Studioſus Lubberhead und Louiſe der Magiſter Pep⸗ perpot im Petticoat. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo iſt euch Louiſtana ganz das Land, das den Mann zum Weibe, und das Weib zum Manne umzuwandeln im Stande iſt. Darum ſind auch die Creolinnen weit mehr Männer, als ihre Geſponſe. Es iſt ein wahres Faulland, für eine von Haus aus ariſtokratiſch träge Natur, zur Noth ins Demokratiſche ſchillernd, nicht übel paſſend, wenn nur die Hitze und Dünſte und Schwüle nicht gar ſo entnervend, und die Atmoſphäre ſo badſtuben⸗ artig, und die Musquitos ſo biſſig wären; aber dieſe zapfen Euch noch das bischen warme reine Blut ab, und laſſen wenig mehr als rothes, laues Salzwaſſer in den Adern, das dann ſalzige Launen und gallige Reizbarkeit und grauſame Leberwehen erzeugt, die Ihr wieder an Euern Negern auslaſſet!— Und wie wir beim Theetiſche ſitzen, Pſyche Louiſen und mir die Ohren voll ſchwatzend, erhebt ſich auf einmal unter den heimgekehrten Negern ein wüſter Lärmen. Ich bemerkte bereits etwas wie Zwieſpalt in den Feldern, und während des Ablieferns der Baumwolle;— nun iſt er, ſcheint es, in vollem Aus⸗ —=d 95 6— bruche, ich ſetze gerade die Taſſe an den Mund, als ein lautes Klatſchen ſich hören läßt;„Hannibal,“ ſchreit Pſyche,„dem Tiber eine Maulſchelle gegeben.“ Noch blieb ich ſitzen, aber Tiber gab jetzt einen ſo un⸗ natürlich gellenden Laut von ſich, daß Louiſe die Taſſe fallen läßt, und erſchreckt zum Fenſter ſprang.„Um Gottes Willen Howard!“ ſchreit ſie,„Hannibal er⸗ würgt Tiber.“ Ich war mit einem Satze auf, mit dem zweiten draußen. Tiber ächzt unter den Händen Hannibals, der wie ein Tiger ihn in ſeinen Klauen hält, und nicht loslaſſen will. Erſt beim zweiten Schlage läßt er ihn fahren, und ſchießt einen Blick auf mich, wie die Tigerkatze auf den Löwen, der ihr die Beute entreißt.— Tiber ſchreit:„Boe, Boe! Kaffeedieb, Kaffeedieb— meine Naſe abgebiſſen! Boe, Boe!“— Tibers Naſe iſt abgebiſſen, und der Böſe⸗ wicht, ihre Reparatur unmöglich zu machen, denn wir hätten ſie doch noch angenäht, hat ſie mit dem Fuße zertreten. Meine Virginiſchen Neger kommen endlich herbei und bringen Ketten. Hannibal wird gefeſſelt, in das Gefängniß abgeführt, Tiber in das Krankenzimmer, um mit Eſſig gewaſchen und ver⸗ bunden zu werden. Ich bin nicht leicht aus der — —" 96— Faſſung zu bringen, aber die tückiſche Bosheit des Buben hat mich ſo furchtbar empört, daß es das ganze Gewicht Louiſens brauchte, mich in Schranken zu halten. Abends 6 Uhr. Das Verhör gibt betrübende Refultate. Es findet ſich, daß Hannibal den Sack mit neun und dreißig Pfunden Kaffee, nebſt Zuckerhut, aus der Vorraths⸗ kammer in das Wöchnerinnen⸗Zimmer, und zwar in ſeinem Korbe getragen, da unter Taby's Bett gewor⸗ fen, und daß dieſe, weit entfernt, Gewiſſensſkruppel zu verſpüren, oder ihres Mannes Dieberei zu miß⸗ billigen, nicht ſäumte, den Diebſtahl zu hehlen. Einen Theil trug ſte in ihren Rockfäcken in ihre Hütte, das Meiſte aber in die Felder, um es in den noch hie und da umherliegenden hohlen Cotton⸗Bäumen zu ver⸗ ſtecken. Das alſo die Urſache ihres Dranges, Cotton zu pflücken, und des Todes ihres armen Picanini! Das ſchlimmſte aber iſt, daß die Eheleute zehn meiner von Menou neu angeſchafften Neger ins Komplott zogen, die ihnen Beiſtand leiſteten. Lange konnte jedoch die Sache nicht verborgen bleiben; meine Vir⸗ ginier merkten Unrath, und zeigten es Tiber an, der —e 97— gerade auf dem Wege in das Haus war, um mir das Ganze zu berichten, als ihn Hannibal anfiel, und ihm die Naſe abbiß. Ich hatte dem Burſchen nie recht getraut, und eben ſo wenig Mistreß Howard, Taby. — An Beiden verſuchten wir jedoch, was Güte und Milde zu bewirken im Stande wären. Sie hat die letzten vier Wochen ganz von unſerer Tafel gelebt, und war mit Liebesbezeugungen überhäuft worden; das der Lohn dafür!— Alles das iſt von einer um ſo übleren Vorbedeu⸗ tung, als es Symptome eines werdenden Komplottes birgt, die nur Zeit brauchten, um in eine recht artige Meuterei auszuarten. Hannibal ſcheint mir ganz der Mann dazu. Wohl, die Nacht bringt Rath.— 28. September. Gerade, wie die Glocke das Zeichen zum Frühſtücke gibt, rudert das Dampfſchiff„The Red-River“ dem Ufer zu und mein Schwiegervater mit zwei Fremden ſteigt ans Land, von denen einer Vergennes iſt, der andere allem Anſcheine nach ſein Landsmann. Louiſe eilt dem Papa mit einem Herzklopfen entgegen, wel⸗ ches dieſen ſtutzen macht. Sie hat— das arme Kind — die ganze Nacht kein Auge zugethan, glaubte, — o 98 6— unſere Neger würden jeden Augenblick losbrechen, ſah Haus und Hof in Brand, mich erwürgt; und jetzt rennt ſte, bewegt, wie ſie iſt, auf den lieben Papa zu, fällt ihm in die Arme,„O Papa!— wie froh ſind wir, daß Du kommſt!“ Und am ganzen Leibe zitternd, fängt ſie ſogleich an, ihm den Vorfall in den ſchwär⸗ zeſten Farben zu malen, und der Papa ſchüttelt den Kopf;„Sie behandeln ihre Neger zu gut, laſſen ihnen zu viele Freiheit— Ueberfluß;— und Ueberfluß er⸗ zeugt Uebermuth, und dieſer traurige Folgen. Sie können leicht zu einer traurigen Kataſtrophe Veran⸗ laſſung geben;“ wiederholt er warnend.„Neger müſſen gut, aber auch ſcharf gehalten werden, ſo daß ſie nicht zur Beſinnung kommen, nicht auf Komplotte denken. Was nun den Sack mit Kaffee betrifft, ſo hat dieſer nicht ſo viel zu bedeuten, Neger ſtehlen wie Füchſe, es iſt Inſtinkt; aber der Umſtand, daß zehn Ihrer neuen Neger ins Komplott gezogen worden, und gerade zehn neue Neger, das zeigt, daß Ihre Neger kombiniren. Schlimmes Zeichen, Mister Ho⸗ ward, ſehr ſchlimmes Zeichen— Grauſamkeit wäre nicht ſchlimmer, denn merken Sie wohl, Grauſamkeit hält die Neger in Zucht, wenn ſie nicht gar zu arg — e 99 G— iſt,“ Und in dieſem Tone geht es fort. Er iſt Va⸗ ter— Pflanzer; ich kann es ihm nicht übel deuten, wenn er über das Wohl ſeines Kindes ängſtlich wird, aber ſolche Präzeptorsvorleſungen klingen Euch ſo mißtönig in Eurem eigenen Hauſe, und beim Bewußt⸗ ſeyn, das Ihr Eure Schuldigkeit als Mann thut. Ich war auf dem Punkte, ihm die Sache nach meiner Anſicht trocken darzuſtellen, als ſich vom Ufer her eine jugend⸗ liche Stimme hören läßt: „Hallo Burſche! ſetzt Eure Vorderſegel ein, und nehmt meine Nolle ins Tau, die Koffer, die am Ufer ſtehen, meine ich,“ rief ein junger Mann meinen gaffenden Negern freundlich ſtolz zu. Ich ſchaue und höre nicht wenig verwundert; ein Jüngling im knap⸗ pen militäriſchen Sommerrocke, mit ſteifem Kragen. „Sehr feine Waͤſche,“ bemerkte Louiſe, trotz dem ge⸗ habten Schrecken, durch die Jalouſten.— Weiber haben doch in dieſem Punkte erſtaunlich feine Augen,— wohlgebaut, er mißt beiläufig fünf Schuh neun bis zehn Zoll, das Geſicht mit einem Ausdruck, der mehr das Befehlen als Gehorchen zu lieben ſcheint. Mit entſchloſſener Haltung ſchreitet er die Treppen der Piazza hinan.— Ich ſchaue meine Gäſte fragend — e 100- an.— Sie ſahen den jungen Mann auf dem Dampf⸗ boote, keiner aber vermag über ihn Auskunft zu geben. Er klopft an die Saalthüre, tritt ein, ſieht ſich die Anweſenden flüchtig an, und indem ſein Auge auf mir haftet, ſchreitet er auf mich zu: „Ich glaube, ich habe die Ehre mit Mister Howard zu ſprechen?“ „Das bin ich; wen habe ich das Vergnügen vor mir zu ſehen?“ „Cinen Freund Mortons.“⸗ „Dann ſind Sie mir willkommen, herzlich will⸗ men.— Wie lebt Morton?“ „In der Erinnerung der glücklichen Jugendtage, die er mit Ihnen genoſſen. Mein Name iſt Granby. Mister Doughby wird Ihnen das Weitere geſagt haben.“ „Nochmals herzlich willkommen!“ „Und der junge Mann überreicht mir mit einem Anſtande ſeine Empfehlungsſchreiben, der ganz den Gentleman verräth.— Er iſt der Sohn Iſaae Gran⸗ by's, eines unſerer humanſten und achtbarſten Pflanzer im Staate Tenneſſee, ſeit den letzten fünf Jahren in der Militärakademie von Weſtpoint, wo er ſeine Er⸗ — 101 G- ziehung vollendet;— alſo ein Jüngling, der, was Kenntniſſe, geregelte Lebensart, gutes Benehmen be⸗ trifft, ohne den leiſeſten Argwohn in jedes Haus auf⸗ genommen werden darf. Er will ſich nach einigen Jahren gleichfalls in Louiſtana niederlaſſen, zuvor aber als Aufſeher auf einer reſpektabeln Pflanzung die Eigenthümlichkeiten unſeres Bürgerlebens ken⸗ nen lernen. So recht! das iſt mein Mann, wir brauchen ſolche Leute, die Humanität, Bildung und Vermögen zugleich beſitzen, um die Zerriſſenheiten unſeres Sklaventhumes, wenn nicht in Harmonie, doch in eine achtbare Haltung zu bringen. Er kommt mir in dem Augenblicke wie vom Himmel geſandt, denn umgeben von ängſtlich herumſchießenden, ewig brauſenden, jetzt übermüthig, wieder haſenherzig klein⸗ lauten, und Alles durch die Peitſche kurirenden, eng⸗ herzigen Creolen wird Euch doch zuweilen das Leben ſo ſauer!— Es gehört wirklich nicht geringe Seelen⸗ ſtärke dazu, bei den ewigen Anfällen nicht den Gleich⸗ muth zu verlieren! Ich kann nicht umhin, ihm, der nun zu meinem Haushalte gehören ſoll, ſogleich einen Beweis meines Vertrauens dadurch zu geben, daß ich den Vorfall von geſtern ins gehörige Licht zu ſetzen —=0 102 beginne. Menou geht mit auf den Rücken gekreuzten Hände im Saale heftig auf und ab;— der junge Mann ſchweigt. Wir ſetzten uns zum Frühſtücke, das durch ſeine und des Franzoſen Gegenwart etwas belebter zu werden beginnt. Nach dem Frühſtücke ſchlug ich eine Tour durch das Camp und die Pflanzung vor, auf der uns die beiden Franzoſen begleiten.— Es iſt Sonntag. Die Neger ſind zum Theile in ihrem Staate, aber als hätten ſie das ſchiefe Urtheil, das mein Schwieger⸗ vater von ihnen gefaßt, Wort für Wort gehört, ſie neigen ihre Häupter ſehr demüthig, als er an ihnen vorübergeht, begrüßen ihn aber mit keiner Sylbe. Nur ein dumpfes Gemurmel läßt ſich hören:„God bless Massa, our beloved Massa! Good Marning Massa!“ Es that mir wohl, dieſes Gemurmel, ungemein wohl, mögt es glauben! „Man ſieht ſogleich,“ bemerkte Granby,„daß Ihre Sklaven nicht mit der Peitſche regiert werden. Das iſt meines Vaters Art und Weiſe auch,“ fährt er fort. „Ernſt mit Gelaſſenheit, Milde aber ohne Sentimen⸗ talität, ein ſtets ſich gleich Bleiben— führen richtig — o 103— zum erwünſchten Ziele, die Peitſche ſo wenig als möglich zu gebrauchen, aber wenn ſte nöthig iſt, ſie auch nicht aus thörichter Philanthropie zu ſchonen; ein Hieb, zur rechten Zeit angebracht, kann unabſeh⸗ barem Unheile abhelfen.“ Der Mann ſpricht mir ganz aus der Seele. Mit den Details einer Pflanzung, den Eigenheiten der Schwarzen ſcheint er genau bekannt, wie kann er auch anders, da er von Jugend auf mit ihrer Behandlung vertraut geworden? Wir treten im Verlaufe der Un⸗ terhaltung in das Gefängniß, wo Hannibal gefeſſelt liegt. Er hockt halb, halb liegt er, ohne aufzublicken. Wie ich ihn anrede, ſchießt er einen tigerähnlichen Blick auf mich, und ſtiert dann wieder auf die Erde. Der junge Mann ſchüttelt den Kopf, wie er das frühere Leben des Sklaven hört. Papa Menou hat ihn mit Taby vor beiläufig acht Wochen von Le Compte für eine Schuldforderung von tauſend Dollars übernommen. Die Cheleute ſind vierzehnhundert werth; aber der Mann beſttzt eine unverbeſſerlich tückiſch ſtörriſche Gemüthsart, und iſt bereits mehr⸗ mals entlaufen. In ſeinen Zügen liegt etwas Furios⸗ Thieriſches.— Granby iſt der Meinung, daß ein —o 104 6 ſolches Individuum bei der Abgelegenheit der Pflan⸗ zung immer mehr oder weniger gefährlich ſey, doch wolle er in einem ſo wichtigen Falle nicht auf der Stelle aburtheilen. Neger, ſie mögen noch ſo milde behandelt werden, ſind, wie alle Unterdrückten, die ſich vom Genuſſe ihrer, wenn auch noch ſo dunkel er⸗ kannten, Rechte ausgeſchloſſen ſehen,— Menou beißt ſich bei dieſen Worten in die Lippen,— von Natur tückiſch, und je dunkler das Bewußtſeyn, deſto größer die Bereitwilligkeit, ſich an denjenigen, die ſie ihre Unterdrücker wähnen, zu rächen.— Dieſes Rache⸗ gefühl ausrotten zu wollen, müßte man die Schwar⸗ zen auf gleichen Fuß mit den Weißen ſtellen; da dieſes unmöglich iſt, ſo haben wir die Folgen dieſer discor⸗ danten Stimmung zu ertragen. Granby räth an, den beiden Eheleuten ihre Verbannung nach Merveilles Zuckerpflanzung zu verkünden, ſie mittlerweile ſcharf zu beobachten, bis auf den Punkt der Einſchiffung zu bringen, und wenn ſich Reue und Zerknirſchung zeigen, ſie auf ſeine— Granby's Vorbitte zu begnadigen. Es würde ihm ſehr erwünſcht ſeyn, ſeine Laufbahn in Louiſiana, und auf meiner Pflanzung mit einem olchen Gn adenakte zu beginnen. -0 105— Wie mir aus dem Herzen geſprochen, und auch Papa Menon iſt der Meinung, obwohl er ihn kopf⸗ ſchüttelnd frägt, ob er glaube, daß Neger auch Rechte haben?— Granby lächelt, ſchaut den Mann forſchend an, und meint:„ſein Vater habe zweihundert Neger, aber nie gezweifelt, daß jeder derſelben Rechte beſitze — Mister Menou iſt zu aufgeklärt, um dieß nicht anzuerkennen.“—„Laſſen wir dieſe Querfragen, Nachmittag kommt der Monteczouma, wir wollen Ihrem Rathe folgen, Mister Granby.“ Nachmittag 4 Uhr. Die Atmoſphäre iſt trübe, zum Erſticken ſchwül. Eine todte Windſtille mit Millionen Milliarden großer und kleiner Musquitos, die Euch durch die Kleider, durch die Haut dringen.— Böſe Vorboten dieſe! Die beiden Franzoſen ſind im Zuſtande der Auflöſung, uns geht es nicht viel beſſer! Wein, Speiſen, Alles ſteht unberührt. Iſt es Wirkung der fieberiſchen Temperatur oder üble Laune, die mich ſo ahnungsvoll düſter umhertreibt, matt und todesmüde, und doch ſo unruhig? Ich fühle, wie vor zwei Jahren an demſel⸗ ben Tage— es war der achtundzwanzigſte Septem⸗ ber, werde ihn in meinem Leben nicht vergeſſen— Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 8 —= 106 6— war auf dem Scipio im Golf von Mexiko; eine ähn⸗ liche todte Windſtille und Schwüle, Hitze, Mattigkeit, die Haut ſo klebrig, als wäre ſie mit Schreinerleim beſtrichen. Um vier Uhr war unſer Scipio ein ſo ſtolzer Dreimaſter, als je auf dem grünen Erbſen⸗ waſſer wogte, eine halbe Stunde ſpäter hatten wir zehn Fuß Waſſer im Kielraume, alle Maſten über Bord, die Schiffsgeländer alle gebrochen, die Boote gleichfalls, das Schiff jede Sekunde daran, in den Abgrund zu verſinken.— Und dieſe iſt gerade die nämliche Orkan⸗Atmosphäre. Meine Neger ſammeln ſich mittlerweile vor dem Hauſe, ihre Blicke ſind unruhig, beſonders herrſcht unter den Schuldigen ein ganz eigenes Gemurmel; Papa Menou, ich und Mister Granby treten auf die Piazza, vor der ſie in Reihe und Glied aufgeſtellt ſind. Ich präſentirte ihnen ihren neuen Aufſeher, dem ſie in allen Stücken zu gehorchen haben. Ein Geflüſter, Gelächter, Geſpötte, ganz in der Manier von Matroſen, die ihren neuen Schiffslieutenant zum erſten Male ſehen, und auch zugleich über den neuen Ankömmling ihre Gloſſen machen, die, wie ſie wohl wiſſen, ſich ſpäter nicht mehr machen laſſen. Sie —=9 107 6— ſtieren ihn einige Augenblicke an, als wollten ſie ihn verſchlingen, blinzeln, nicken ſich zu, ſcheinen die Schwachheiten des neuen Locumtenens aus ſeinen Augen herausleſen zu wollen, murmeln aber ein zu⸗ friedenes:„Dank Massa Dank for us giving Tennesse man— and no Creole or Frenchman.“*) Kein großes Kompliment für Menou und die beiden Fran⸗ zoſen. Die Weiber kichern, und beginnen an ihren Bu⸗ ſentüchern zu zupfen, auf einmal jedoch halten ſie inne, Todesſtille herrſcht.— Ich hatte Pompey und Tully den Wink gegeben, Hannibal und Taby vorzuführen. Der Neger kommt einhergeſchritten ohne aufzu⸗ blicken, ſtellt ſich vor uns hin, und hört mich an ohne eine Miene zu verziehen.— Taby jedoch beginnt zu heulen, wie ich den Beiden ihre Undankbarkeit und grobe Falſchheit vorhalte; von eigentlicher Reue iſt aber auch an ihr nichts zu finden. Wir ſtanden eine Weile, die beiden Eheleute betrachtend.— Menou zuckt die Achſeln, Granby ſchüttelt den Kopf, und ich ſpreche das Urtheil aus, daß ſie als Diebe und Ver⸗ *) Negerausſprache ſtatt Thank you Master, Thank you for giving us a Tennesseeman and not a Frenchman or a Creole— Schönen Dank Herr, ſchönen Dank, daß Sie uns einen Tenneſſeer und keinen Franzoſen oder Creolen geben. 8* — 0 108 G— führer ihrer Mitneger mit dem Dampfſchiffe Montee⸗ zouma in die Zuclernſtanzung Merveilles abgeführt werden ſollen. Bei dem Worte Zuckerpflanzung ſchauderten Alle. — Hannibal ſchoß einen wüthenden Blick auf mich. Taby ſprang vor, und warf ſich mir zu Füßen:„Sie es nicht mehr thun, ſie ſchwören; ſie es nicht mehr thun— ſie Hannibals Weib nicht mehr ſeyn wollen, — er böſer Neger, er ſie angeſtiftet, verführt— ihre Picaninis nicht von ihm, er nicht der Vater,— ſie Maſſa beſchwören, er ſie nicht abzuſenden, ſie brav werden.“— Menou flüſterte mir zu, den letzten Auf⸗ tritt abzuwarten. Granby iſt derſelben Meinung. Eheleute zu trennen iſt grauſam, aber der Verführten gleiche Strafe mit dem Verführer zuzumeſſen, iſt es noch mehr.— Und doch kann Hannibal auf keine Weiſe auf der Pflanzung bleiben. Ich ſtand un⸗ ſchlüſſig. Während dem hatten Pompey und Tiber die Effekten Hannibals und Tabys aus ihrer Hütte gebracht, und trugen ſie dem Ufer zu, wohin wir uns gleichfalls begaben. Das Brauſen des Dampfſchiffes war deutlich zu hören, bald erblickten wir es ſelbſt, und auf das gegebene Zeichen kam es an den Lan⸗ —= 109 6— dungsplatz heran. Ich ging an Bord, um den Ca⸗ pitän von unſerem Vorhaben zu unterrichten. Er verſprach den Neger richtig abzuliefern, und ſandte ein Paar Bootsleute ans Ufer, ihn in Empfang zu nehmen. Einige Worte richtete ich nochmals an ihn, ihn all die Weile ſcharf fixirend, und dann winkte ich den Matroſen, ihn fortzunehmen. Er ſchritt ent⸗ ſchloſſen zwiſchen den beiden Bootsleuten den Bret⸗ tern zu, die ihn an Bord des Dampfſchiffes bringen ſollten; da angekommen ſtutzt er einen Augenblick, ſtiert wild um ſich, die Hände waren ihm frei gegeben, nur die Füße waren leicht gefeſſelt;— ehe es ſich die beiden Matroſen verſehen, wirft er den einen mit einem Stoße auf die rechte, den andern auf die linke Seite, ſpringt mit beiden Füßen zugleich vor, fällt aber, wälzt ſich, rollt ſich wie eine Schlange mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit und dem Rufe:„Hannibal nicht in die Zuckerpflanzung gehen!“ an den ab⸗ ſchüſſigen Uferrand, und wirft ſich mit einem plöͤtzlichen Rucke in den Fluß, der, wenigſtens dreißig Fuß tief, ihn ſogleich in ſeine verſchlingende Arme reißt. Lautes, rohes, viehiſches Geſchrei, Gebrülle, Ge⸗ lächter am Verdeck. — 110 6— „Fünfhundert Dollars beim T— l.“ „Holla, die Alligatoren und Snapping Turtles haben ein Barbecue.“ „Zehn Dollars, er ſinkt— „Iſt geſunken.“— Weiter hörte ich nichts, ſah nur des Negers Hand nochmals aus dem Waſſer emporgeſtreckt; der ſchrille, Nerven zerreißende Schrei der Todesangſt gellte mir bereits aus den Fluthen in die Ohren.— Ich war von der einen Seite in den Fluß geſprungen, hatte ſeine Hand erfaßt, Granby von der andern den Woll⸗ ſchopf des Negers ergriffen. Ein Seil, das eben ſo ſchnell uns zugeworfen wurde, brachte uns ans ſteile Lehmufer, an dem wir wie drei Gehängte emporge⸗ gewunden wurden. Ich eile zu Louiſen, die ihrem Vater ohnmächtig in die Arme geſunken— noch mit ihr beſchäftigt, höre ich die gurgelnde Kehlenſtimme Hannibals:„Maſſa Hannibal todtſchlagen, aber nicht in die Zuckerpflanzung verkaufen.“ „Das ſollſt Du nicht— wenigſtens nicht für dies Mal— ich hoffe, Du wirſt Dirs zur Warnung ſeyn laſſen.“¹ Da habt ihr eine unſerer Sonntagsfreuden.— — 111 6— Der Tag iſt Unglückstag— das größte Uebel kommt, fürchte ich, noch nach. Wollen die Kleider wechſeln.— Fünf Uhr. Es wird mit jeder Minute unheimlicher. Vom Himmel iſt ſeit zwei Stunden nichts mehr zu ſehen. Die Luft, die uns umgibt, iſt keine Luft mehr, es iſt dicker ſtinkender Dampf, ſo ſchwer, daß Euch die Lungen das Spielen verſagen. Es iſt, als ob alle unſere tauſend Sümpfe, Seen und Bayous ihre giftigen Miasmata uns zugeſandt hätten, um die ganze Wuth der Elemente auf uns herabzuziehen. Eine unbe⸗ ſchreibliche Müdigkeit, Mattigkeit, Bangigkeit hat alles Lebendige ergriffen; ſelbſt der Bullfroſch und Alligator ſind verſtummt, nur die Stimmen unſerer Neger ſind zu hören, aber ſo unnatürlich hohl tönen ſie Euch in die Ohren, als kämen ſte aus wäſſerigen Gräbern.— Sie bringen die auf den Brettern zum Trocknen ausgebreitete Baumwolle in die Gin. Mister Granby rennt an mich heran, der ich aus dem Camp komme, und deutet auf einen grellgelben Streifen, der grauſig am ſüdlichen Himmel gegen uns herauf zu ziehen beginnt; und ein Luftzug keucht ſtöhnend nach, ſo giftig, dampfbadheiß, daß Euch alle Glieder und K — 112 G— Knochen Eures Leibes ſchwer, unerträglich werden. „Das iſt ein ominöſer Bote, Mister Granby. Neh⸗ men Sie noch zehn Hände, daß die Baumwolle ſo ſchnell als möglich in die Preſſe kommt.“ Ich ſtoße ins Lärmhorn, die Neger, die noch im Camp ſind, eilen herbei—„Pompey, Cäſar, Tully, bringt die Kähne in Sicherheit, wir dürften ſie brauchen. Plato, Cyrus und Tiber, ſtellt die Feuerſpritze hinter die Cottongin!“— Noch iſt die Sonne am Himmel, aber es iſt ſtock⸗ finſter.— Sie wirkt wunderbar auf uns ein, dieſe Finſterniß bei Tage, dieſe Laternen, die ſich aller Orten kreuzen, und auf zehn Schritte nicht mehr zu ſehen ſind, und das Geſchrei und Geheule, das Euch von allen Seiten in die Ohren ſchlägt; auf einer Fregatte während eines Nordweſtſqualls kann es nicht ärger zugehen.— Die beiden Franzoſen kommen aus der Gallerie herausgetaumelt, und ſinken auf der Piazza vor Müdigkeit nieder. Kein Wunder! die Luft iſt ſo erſtickend geworden, daß die Lichter nicht mehr brennen, bloß flimmern, matt und lebensmüde. Auf einmal ſchreit Vergennes:„Sair Howard!“ „Was gibt es?“ —= 113 6— „Sair Howardl bill you not comm hair?“ ſchreit der Franzoſe abermals. Zu einer andern Zeit würde mir der Jargon mei⸗ nes Agnaten ſehr beluſtigend geſchienen haben, jetzt gellt er mir widerlich in den Ohren. Wat is dat!“ fragte er, auf einen lichten Punkt deutend, der ſich in der chaotiſchen Finſterniß fahlhell ausnahm.— Ich ſchaute— es war Licht, aber kein Laternen⸗ licht, es war eine Flamme— Feuer.„Feuer in einer der Negerhütten; Gott Gnade uns!“ Der Anblick hatte mir meine ganze Kraft wieder⸗ gegeben. Ich ſprang auf die Helle zu, als wäre ich von einem loskrachenden Pulverfaſſe fortgeſchnellt. Die Helle wurde ſtärker, je näher ich zur Flamme kam, die aus einer der Negerhütten brannte.— Wie ich darauf zuſpringe, kommt mir Taby entgegen. „Der Böſewicht,“ heult ſte,„mich gewürgt, mich ge⸗ ſchlagen, er die Hütte angezunden— er fort ſeyn— er entſprungen. O Maſſa, meine Hütte, Taby's Hütte!“ Ich ſtürze der Hütte zu. Das Feuer brennt in ihr, und leckt zur Thüre und zum Fenſter heraus; ſo furchtbar ſchwer iſt aber der Druck der Atmoſphäre, — 0) 114— ſo erſtickend die Dämpfe, daß die Flamme im Kampfe mit dem wäſſerigen Elemente ſichtbar unterliegt. Ich ſchlage die Thüre, die Läden zu, ſchreie nach der Spritze, ſpringe, ihre Ankunft zu beſchleunigen— als ſich auf einmal ein Brauſen hören läßt, ein Brauſen! als wären hunderttauſend Ventile von tauſend Pferdekraft⸗Dampfkeſſeln auf einmal geöffnet, ihre grauſig ſprühenden Dampfmaſſen uns entgegen zu ſpeien. Ich ſehe empor.— Der grellgelbe Strei⸗ fen mit fahlen Rändern iſt zum ungeheuern gähnenden Schlunde geworden, der Himmel, wie inmitten ent⸗ zweigeriſſen, und wie ein endloſer, über das ganze Firmament heraufgelagerter Löwe liegt es über uns, den furchtbaren Rachen öffnend. Ich hatte nur noch die Zeit, dem Hauſe zuzuſprin⸗ gen. Wüſtes Geſchrei, Jammern, Verwirrung aus der Cottongin heraus, wohin Menoun mit Schwarz und Weiß ſich geflüchtet. Ich rufe nach Granby, ſpringe der Thüre zu, in dem Augenblicke öffnet das furchtbare fahle Phantom ſeinen Rachen; abermals das kochend ziſchende giſchende Gebrauſe, und dann ein Pfeifen, Heulen, ein Tanz der Windsbraut, ſo entſetzlich! daß die uns umgebenden Rieſenwälder — o 115 8— krachen und jammern, als flehten ſie um Hülfe bei uns ſchwachen Sterblichen. Die Wogen des Fluſſes rauſchen rückwärts, ihr Schaum giſcht uns in die Geſichter, die Wälder krachen, die ſtärkſten Bäume brechen mit Donnergetöſe zuſammen.— Es vergeht uns Hören und Sehen— die Sinne ſchwinden! Ich ſtand betäubt, keines Wortes mächtig, Granby neben mir, die Richtung des Lichtſtroms erforſchend. Noch iſt das furchtbare Element im Kampfe begriffen, es hatte ſich bisher keine Bahn gebrochen. Weder Donner noch Blitz iſt zu hören oder zu ſehen, aber jetzt kommt ein Luftſtrom, zuerſt in Abſätzen, er dauert eine Minute, hält inne, wie um friſche Kraft zu ſammeln, ein Innehalten, grauſenhaft zu hören, denn die verhaltene Wuth des Elementes ſcheint ſich in den Erdball einwühlen zu wollen, um ihn mit ſei⸗ ner ganzen Kraft zu erfaſſen und mit ſich fortzureißen. „Jetzt iſt es Zeit, Mister Granby! In das Wirth⸗ ſchaftsgebäude mit Allen; folgen Sie mir. Es liegt auf der Leeſide*) des Luftſtromes.“ Ich ſpringe in die Baumwollenpreſſe, rufe nach *) Die dem Winde abgewandte Seite. — d 116 G— Louiſen, Louiſe nach mir, ſie klammert ſich an mich. Ich hebe ſie in meine Arme, und renne mit der lautlos ſich Anſchmiegenden dem Wirthſchaftsgebäude zu; laufe wieder zurück, faſſe den ſich ſträubenden Menou, trage ihn halb, halb ſchleppe ich ihn dem ſichern Hauſe zu, die Neger folgen wie Kinder, jammernd, wim⸗ mernd; von allen Seiten fliegen Aeſte, Zweige, ganze Baumſtämme an uns vorüber.— Wieder erhebt ſich der heulende Luftſtrom, das Gebrülle wird erſchütternd, ein entſetzliches Krachen, der Luftſtrom faßt ſeine Beute, die Grundpfeiler der Cottonpreſſe wanken. „Gott gnade uns!“ ſchreit Menou,„dieſer Wind⸗ ſtoß noch zehn Sekunden!“ Seine Worte ſind noch nicht ausgeſprochen, der Luftſtrom braust ſtärker, dazwiſchen ein entſetzliches Krachen; es iſt furchtbarer als der ſtärkſte Schlachten⸗ donner, tauſendjährige Lebenseichen brechen wie Kar⸗ tenhäuſer zuſammen— Balken fliegen, Fenſter klirren — auf einmal ein erſchütternder Stoß, Riß— das Dach der Cottonpreſſe iſt wie mit einer zehntauſend Pferdekraft abgeriſſen.—„Rettet Euch!“ ſchreien zwanzig Stimmen, verhuſchen aber in dem Augenblick in ein klägliches Wimmern, denn nun beginnt ein — 117 G Toſen, ein Sauſen, Brauſen, ein Brüllen des raſen⸗ den Elementes, ſo furchtbar! daß mir wirklich in dieſem Augenblicke bangte, Land, Häuſer, Felder, Wälder und Hütten würden von dem furchtbaren Organe gehoben und in alle vier Enden der Erde geriſſen werden. So dauert es zehn gräßliche Minuten.— Auf einmal ſchlagen Flammen in das mit Laternen matt erleuchtete Haus. Neues Jammern, Geheul der Neger, die ſich wie Schaafe zur Thüre drängen, „Maſſa, um Gotteswillen uns hinauslaſſen, wir verbrennen.“ „Ruhig!“ ſchreie ich—„Stille“— Ich öffne die Thüre— Balken, Bäume, Pfoſten kommen noch immer wie ein Kartätſchenhagel während einer Schlacht angeflogen.— Aber ich muß hinaus, „Louiſe halte mich nicht, die Feuerbrände fliegen in allen Richtungen. Granby, kommen Sie.“ Wir ſpringen zur Thüre hinaus. Feuerbrände leuchten vom Ufer her, aber es iſt keine helle Flamme— angebrannte rauchende Stämme, die, vom Luftſtrome fortgeriſſen, an das Ufer in den Strom geſchleudert worden. Mein Haus, ſehe ich, ——0 118 6— ſteht unverſehrt. Und wie ich darauf zugehe, ruft eine freundlich ſanfte Stimme Gottes Segen aus dem Sturme herab. „Wer iſt es, der hier ſpricht?“ „Der Herr prüft, die er liebt;“ antwortete die Stimme. „Sind Sie es, ehrwürdiger Herr, in dieſem ent⸗ ſetzlichen Sturme?“ „Ich bin es,“ ſprach der Diener des Evangeliums, der während des gräßlichen Orkanes in meinem Hauſe Schutz geſucht und gefunden hatte.„Ich bin es, der Pere Hyacinth iſt es.“ „Sehen Sie das Feuer?“ „Der Herr prüft, aber vernichtet nicht. Das Feuer iſt dem Fluſſe zugetrieben. Es iſt eine Ihrer Neger⸗ hütten.“ Es war mir ſeltſam zu Muthe, wie ich den Mann des Wortes Gottes ſo ruhig daſtehen ſah, im Kampfe dder Elemente, gleichſam als lauſchte er der Gottes⸗ ſtimme, die aus den Wolken ſprach. Und als hätte er ihre Stimme verſtanden, und fühlte ſich gedrängt, wiederzugeben, was ihm verkündet worden, begann er aus tiefer Bruſt Worte zu reden, ſo ſalhungsvoll, —= 119— ſo erſchütternd, daß ich Sturm und Ungewitter ver⸗ gaß, und horchte, wie ich früher nie gehorcht. Und während der Mann⸗Gottes ſprach, war es, als ob der Sturm, von ſeinen Worten gleichfalls durchdrungen, ſeiner Wuth ſich ſchämend, die Flucht ergriffe; das Geheul der tobenden Windsbraut wurde ſchwächer, die Stöße des Luftſtroms kürzer, das Nerven erſchütternde Geheul, Gepfeife weniger durch⸗ dringend. Einzelne Lichtpunkte am dunkelfarbigen Himmel begannen hervorzuſchimmern, die Friedens⸗ boten ſich zu zeigen. Die Thüre des Aſyls, wo die Meinigen Zuflucht genommen, öffnete ſich; ich höre Louiſen und ihren Vater ängſtlich meinen Namen rufen. „Hier, theure Louiſe, bin ich, dem Worte Gottes horchend;“ ſprach ich ſeltſam bewegt.„Pére Hya⸗ einth, haben Sie noch ein paar Worte zu ſpenden? thun Sie es. Streuen Sie den Saamen des Guten aus; nun das Erdreich aufgelockert iſt, wird die Saat ſproſſen und keimen.“ Und der Mann des Evangeliums ſprach, und was er ſprach, gab er mit einer Salbung, einer Rührung, die ergriff, erſchütterte. Louiſe und ihr Vater hören — 9, 120 6— mit gefalteten Händen, mit thränenden Augen den frommen Prediger, der uns im Sturme den ewig barmherzigen Gott und ſeinen erlöſenden Sohn zeigt, und ſelbſt die beiden Franzoſen ſind erſchüttert, und geſtehen, wie das erſtemal in ihrem Leben ſie eine Predigt erſchüttert. Mir war nicht bald ſo religiös fromm zu Muthe geweſen, aber nach den Schreckniſſen eines mexikani⸗ ſchen Golfſturmes, denn ein ſolcher war es, der uns heimgeſucht, lernt Ihr Gott kennen, lernt ihn ſicherlich und gewiß kennen, wenn Euer Gemüth auch nur des kleinſten Funkens von Empfänglichkeit fähig iſt.— Daß wir nicht Alle zerriſſen oder verſtümmelt von der Windsbraut fortgeſchleudert worden, hatten wir nur ſeiner verſchonenden Barmherzigkeit und ſeinen Urwäldern zu danken, die er hingepflanzt, zum Schutze für uns ſchwache Creaturen. Schön war auch, was der begeiſterte Prediger in dieſer Hinſicht mahnte, wie er uns beſchwor, auch dieſe Creaturen Gottes, die Bäume, nach Möglichkeit zu ſchonen, ſie nicht in thörichter, leichtſinniger Kurzſichtigkeit zu zerſtören. Auch der Baum empfinde, und ſey vom Allmächtigen gleich andern lebendigen Creaturen zu unſerem Beſten 1 —=0 121 6— und ſeiner Verherrlichung geſchaffen,— daher ſolle ihn der Menſch nicht in ſeinem Uebermuthe und ohne Noth zerſtören. III. Ein Nachtſtück am Red-Niver. Der Orkan hat noch weit verheerender ober uns gewüthet— leider beſucht uns dieſer ſchreckliche Gaſt in regelmäßigen Zwiſchenräumen von zwei bis fünf Jahren. Dießmal kam er von den Attacapas*) und Opelouſas*) herauf und ging in nordweſtlicher Richtung über Quachitta*em) County in einer Breite von nicht mehr als einer— aber einer Länge von weit über zweihundert Meilen bis in die Wälder und *) Dieſes County, vom Atchafalaya und dem Teche bewäſ⸗ ſert, ſtößt ſüdlich an die Atchafalaya⸗Bay, und durch dieſe an den Meerbuſen von Mexiko, nördlich an die Opelouſas, und iſt einer der herrlichſten Landſtriche von Louiſiana, aber fieberiſch, da es in allen Richtungen von Flüſſen, Bayous und Seen durchſchnit⸗ ten iſt. *²) Hat paradieſiſche Gegenden und iſt, obwohl nicht ganz ſo fruchtbar, wie erſteres, doch ungleich geſünder. *ss) Nördlich vom Red⸗River gelegen. Lebensbilder a, d. weſtl. Hemiſph. III. 9 —= 122 6— Prairies des füdweſtlichen Arkanſas*), wo er ſeine Wuth vollends ausblies. Ganze Strecken Wälder ſind niedergeriſſen, Pflanzungen zerſtört, Menſchen und Thiere verſtümmelt, zerriſſen, zerſchmettert; Häuſer, Hütten, Pflanzerwohnungen wurden wie Baumwollenflocken emporgehoben, abgeriſſen und unglaubliche Strecken weit fortgeführt. Auf der an⸗ dern Seite wahre hairbreadth escapes**), wie wir ſagen. So wurde in Coles Niederlaſſung das Wohn⸗ haus eines Pflanzers vom Luftſtrome gehoben, an die dreißig Schritte weit fortgeführt, und ganz wie es ſtand, ohne beſonderen Schaden wieder zur Erde nie⸗ dergelaſſen, dem Pflanzer der rechte Arm gebrochen, während ſein Weib und zwei kleine Kinder unbe⸗ ſchädigt davon kamen. Durch eine ſeltſame Fügung traf es ſich, daß dieſer Mann gerade mit ſeiner rechten Hand geſündigt. Er iſt im Rufe eines unmenſchlichen Tyrannen. Wir können uns noch glücklich ſchätzen, ſo wohlfeilen Kaufes davon gekommen zu ſeyn. Zwar *) Das große Territory(jetzt Staat), das im Süden an Louiſi ſana, im Norden an den Staat Miſſouri, im Weſten an die Büffel⸗Prairies gränzt, die wieder in den Jelſengebirgen endigen. ***) Zur Noth entronnen. — 0 123 6— liegt das Dach der Cottonpreſſe, fünfzehn Schritte von dieſer, zertrümmert; es iſt abgeriſſen von dem aus Cypreſſenſtämmen aufgezimmerten Blockgebäude, wie der Kopf vom Rumpfe; ſieben Negerhütten, die aus der Linie des Camps hinaus, dem Luftſtrome ausgeſetzt ſtanden, ſind gleichfalls verſchwunden; die ganze Pflanzung überdieß mit Baumſtämmen, Aeſten, Zweigen, Zaunriegeln wie beſäet; kein Menſchen⸗ leben jedoch iſt verloren, Beulen und Quetſchungen die Menge, aber Weingeiſt und Rum werden ſie hei⸗ len. Die noch außen ſtehende Baumwolle hat auch nur wenig oder gar nicht gelitten, da die bereits ver⸗ trockneten Stauden zwar gebrochen, aber doch nicht vom Luftſtrome mit fortgeriſſen werden konnten. Ein Glück für uns, daß es ein trockener ſogenannter pfei⸗ fender Orkan war; ein naſſer hätte unfehlbar Alles zu Grunde gerichtet. Geſtern räumten wir auf, heute fuhren wir wieder mit dem Einſammeln weiter. Mein Schwiegervater hat verſprochen, einige ſeiner ſchwar⸗ zen Handwerker zu ſenden, die uns helfen ſollen, das Beſchädigte zuſammenzufügen, Hannibal iſt aber fort; fürchtete er eine arrière-pensée, oder traute er ſonſt dem Landfrieden nicht, genug er iſt ausgebrochen, und 9⸗ — 124 6— ich bin noch unſchlüſſig über die Mittel und Wege, ſeiner habhaft zu werden. Einſtweilen können wir uns darauf gefaßt machen, jede Woche ein paar Fer⸗ kel oder Wälſchhühner weniger zu zählen. Dieſe Art Freibeuterei iſt die gewöhnliche Rache, die unſere ent⸗ laufenen Neger an uns nehmen, bis ſie eingefangen oder, von Noth getrieben, in ihre vorige Dienſtbar⸗ keit zurückkehren. Eigentliche Maroon⸗Neger, wie in Jamaika, oder früher in St. Domingo, die ſich un⸗ abhängig in den Wäldern umhertreiben, und eine Flibuſtier⸗Republik bilden, haben wir zum Glück bei uns nicht, werden ſie auch nicht leicht haben, da un⸗ ſere Hinterwäldler das Land in allen Richtungen durchkreuzen. Ohne dieſen glücklichen Umſtand wäre unſere Exiſtenz eine ſchwankende. 1. Oktober. Papa Menou iſt mit meinen beiden franzöſiſchen Gäſten auf ſeine Pflanzung abgegangen, mir nichts weniger als unlieb, was die Letzteren betrifft. Sind unruhige Leute dieſe Franzoſen, wahre Haſenfüße.— Während des Sturmes waren ſie doch ſo verzagt, verloren die Beſinnung ſo gänzlich, daß ſie hinter den Negerinnen Zuflucht ſuchten, die jetzt ſich nicht wenig —= 125— auf ihre Koſten erluſtigen; Tages darauf waren ſie wieder ganze Helden, die Napoleons italieniſche Feld⸗ züge beſſer gemacht hätten. Während wir alle Hände voll zu thun hatten, ſpracheu ſie von Politik, und wieder von Politik, und abermals Politik; und das mit einer Beſtimmtheit, die dem erſten Lord der eng⸗ liſchen Schatzkammer in ſeinen Finanzdebatten Ehre gemacht hätte. Das wäre noch zu ertragen geweſen, aber das ewige Geſtikuliren, Manövriren mit Händen und Füßen, Pariren, das Zucken der Brauen wäh⸗ rend dieſer Debatten: Ihr mußtet jeden Augenblick glauben, eine Revolution von 89 ſey ſofort im An⸗ zuge, oder ein paar mexikaniſche Banditen wollen euch geradezu an die Gurgel; ihre Augen funkelten, ihre Hände waren jetzt theatraliſch in die Seite ge⸗ ſtemmt, wieder geballt, ihre Attitüden heroiſch, ſie ſtampften, deklamirten.— Unausſtehlich iſt das, un⸗ ſern Begriffen von Gentleman ſchnurſtraks zuwider. Und doch ſind Beide von ſehr guten Häuſern; d'Er⸗ monvalle, der Sohn eines Marquis, Beide Spröß⸗ linge hiſtoriſcher Familien; aber die gentlemaniſche Würde, der das Bewußtſeyn zu Grunde liegt, daß ſie in der bürgerlichen Geſellſchaft eine Potenz iſt, das —=0 126 6— Gefühl der Unabhängigkeit, fehlt. Der wahre Gentle⸗ man ſoll ſich ſtets gleich bleiben, ſeine Beſonnenheit nie verlieren; dem Sturm die Stirne eben ſo unver⸗ zagt bieten, wie dem ſanften Fächeln des Nordweſt⸗ windes; den Sheriff, der mit dem Verhaftsbefehle vor der Thüre ſteht, mit eben dem gelaſſenen An⸗ ſtande empfangen, wie den nachbarlichen Bekannten. Freilich gehört dazu eine geſicherte politiſche und geſellſchaftliche Stellung, die der Franzoſe noch nicht errungen hat, ſchwerlich je erringen wird; ſeine Ha⸗ beas⸗Corpusakte hat nur die gebrochene Baſtille verlaſſen, um in die Conciergerie und la Force zu überſiedeln; und eben dieſes Bewußtſeyn ſeiner pre⸗ kären Stellung gibt ihm das unzufriedene, turbulente, widerwärtige Weſen.— Was folgt aber aus allem dieſem anders, als daß der wahre Gentleman nur bei einem ganz freien Volke, und in monarchiſch⸗ariſto⸗ kratiſchen Staaten nur in den höchſten Ständen ge⸗ deihen könne. „Du ſollteſt ein Buch über gute Lebensart ſchrei⸗ ben, ſo einen Pendant zu Cheſterfield,“ lachte Louiſe. Und ich muß über mich ſelbſt lachen. Das ewige Hofmeiſtern, Kommandiren, Reprimandiren gibt mir — e 127 e— einen Schulmeiſterton, der meinen achtundzwanzig Jahren zuweilen recht poſſirlich läßt. Aber auf einer Pflanzung, umgeben von lauter ſchwarzen Geſichtern, die Eure Weisheit bald eben ſo anſtaunen, wie die Hebräer die ihres Königs— wie kann es anders ſeyn? Man legt allmählig das Gewand der Unfehl⸗ barkeit an.— Bin nur begierig, wie Doughby der Eheſtand anſchlägt.— 3. Oktober. Vierzig Ballen Baumwolle geſtern mit dem Red⸗ River, fünf und vierzig mit dem Montezouma heute nach der City*) in Relieux Preſſe) abgeſandt. Die Hälfte der Ernte wäre in Sicherheit.— Ein Stein iſt mir vom Herzen. Abends 7 Uhr. „Dieſer Taby iſt ſicherlich nicht ganz zu trauenz“ wisperte mir nach dem heißen Tagwerke Mister *) Werden in der Regel die Hauptſtädte der Staaten genannt, ſonſt erhält jede Stadt, deren Einwohnerzahl auf zehntauſend geſtiegen, von der Staatslegislatur die Vorrechte einer City. **) Sind von Cottongins, wo die rohe Baumwolle von dem Saamen gereinigt und in Ballen gepreßt wird, zu unterſcheiden. Letztere finden ſich auf jeder reſpektablen Baumwollenpflanzung, erſtere bloß in New⸗Orleans; in dieſen Preſſen werden die Bal⸗ len nochmals in den kleinſtmöglichen Umfang zuſammengepreßt. — 128— Granby zu, als wir an der Hütte Tibers vorüber⸗ gingen, in die ſte einſtweilen ſeit dem Brande der ihrigen einquartiert worden. „Wenigſtens gefällt mir die brutale Unempfind⸗ lichkeit nicht, mit der ſie ihr Kind vernachläſſigt, und die ſo grell gegen ihre frühere Zärtlichkeit abſticht. Sibylle klagt, daß ſie dem Kleinen ſeit vier Tagen keine Milch gereicht. Haben Sie ſonſt etwas be⸗ merkt?“ „Sie verkehrt viel mit Prona, die mir gleichfalls verdächtig vorkommt. Während wir die fünf und vierzig Ballen an den Montezouma ablieferten, es war bereits ziemlich dunkel, wie Sie wiſſen, bemerkte ich die Letztere hinter dem Holzſtoße mit einem Mu⸗ latten, den ich als den Steward des Dampfſchiffes erkannte. Sie gab ihm drei Buncheons*) Taback⸗ blätter, wofür er ihr drei Bouteillen, wahrſcheinlich mit Rum, in die Hände ſchob. Iſt ſte eine ſo ſtarke Trinkerin?“ „Nicht daß ich wüßte, da muß etwas anderes da⸗ hinter ſtecken. Des Stewards Rumhandel iſt auf *) Ein Pack, Bündel. —= 129— alle Fälle geſetzwidrig, und muß ſogleich gehörigen Ortes angezeigt werden. Haben Sie Prona zur Rede geſtellt, Mister Granby?“ „Nein, ich wollte es Ihnen zuvor melden, Mister Howard. Die Bouteillen trug ſie in die Hütte Tibers.“ „Sie thaten wohl. Wir müſſen ſogleich Vorkeh⸗ rungen treffen, um den eigentlichen Rum⸗Liebhaber ausfindig zu machen. Iſt der alte Peter noch nüch⸗ tern?“ 3 „Ich glaube, er iſt es.⸗ „Laſſen Sie ihm merken, daß wir ihn heute Nachts brauchen dürften, das wird ihn nüchtern und wach⸗ ſam erhalten. Unſere heutigen Indianer haben wenig⸗ ſtens eines gelernt, nämlich ſich einen halben Rauſch zu verſagen, wenn ihnen die Hoffnung eines ganzen leuchtet. Jetzt wollen wir zum Souper.“ Wir gingen zur Abendtafel, und als die Haus⸗ neger ſich entfernt, theilte ich Mistreß Howard die gemachte Entdeckung mit. Es iſt Grundſatz bei mir, meiner Frau von allem— Gutem ſo wie Böſem ihre gebührende Hälfte zuzutheilen. Sie ſinnt eine Weile nach, legt den Zeigefinger auf den Mund, ſieht mich — 130 6— mit einem ſo ſuperklugen Geſichte an— daß ich nach dem Handſpiegel laufe, ihr dieſes Geſicht vor Augen zu halten.— „Aber George!“ lacht ſie,„ſey doch nur nicht gar ſo närriſch.“— „Und was weiter, meine Gnädige. Ich habe Sie, ſehe ich, aus dem Concepte gebracht— 4 „Das nicht,“ meint ſie ſehr poſttiv,— und ſpricht wie die Prieſterin auf dem Dreifuße, das Wort „Hannibal— 4 „Hannibal!“ ruft Mister Granby, den wir ganz vergeſſen hatten—„das iſt es?u „Du magſt Recht haben, Louiſe, aber was hat Prona dabei zu thun?“— „Das wird ſich zeigen,“ meint Louiſe, die nun ihr liebliches ſpitziges Mäulchen ungemein wichtig und ernſt ſchließt.— Mister Granby zieht ſich in ſeine Zimmer zurück, und wir löſchen zur gewöhnlichen Stunde die Lichter, mit Ausnahme der Nachtlampe.— Ich ſetze mich, in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollen, aufs Sopha, Louiſe neben mir.— Mit verſchlungenen Armen ſitzen wir, ſie plaudert eine Weile, dann wer⸗ — 131 6— den ihre Worte Geflüſter— Gelispel— das holde Weib iſt den ganzen Tag ſo herumgezappelt— end⸗ lich verhuſcht ihre Stimme, mein zweites beſſeres, edleres, ſüßeres Ich iſt mir im Arme entſchlummert, die füßeſte aller meiner Laſten,— gerade wie ich den leiſen Fußtritt des Indianers im Vorſaale höre und das eben ſo leiſe Tappen an der Thüre des Gallerie⸗ Kabinetes. Ich lege meines Engels Haupt auf das Kiſſen des Sopha, drücke einen Kuß auf ihre roſigen Lippen und verlaſſe das Gemach. Wie ich in den Vorſaal eintrete, ſteht der Indianer in ganzer Länge vor mir. Er flüſtert das Wort Salzlick, und reicht mir Mocaſſins, die ich mit meinen Schuhen ver⸗ tauſche. Zwei der Piſtolen, die immer geladen für ertreme Fälle bereit ſind, in der Hand, folgte ich Peter, der wie eine wackelnde Bronzeſtatue, ſeine Wolldecke maleriſch um den halbnackten Leib geſchlun⸗ gen, vor mir dem Immergrün⸗Eichenwalde zuſchreitet, der ſüdweſtlich an die Pflanzung ſtößt, weſt⸗weſt von einem Palmettofeld begränzt, zwiſchen welchem und den ſchroffen zackichten Stämmen eine natürliche Gaſſe ſich längs Wald und Feld hinabzieht. Wie wir die Umzäunung des letzten Baumwollenfeldes überſtiegen, — o 132— ſchloß ſich Mister Granby, der Sulla mit Marius gekoppelt hielt, an uns an. Ich löste den Hunden die Koppeln und gab ihnen das Loſungszeichen, das ſie mit Hunde⸗Inſtinkt anhörten, und zum Zeichen des Verſtehens mit einem ganz eigenthümlichen, ver⸗ ächtlichen Aufwerfen des Kopfes begleiteten. Sulla folgte dem Indianer, der bereits die Gaſſe zwiſchen dem Palmettofelde und Urwalde eingeſchlagen hatte; Marius blieb bei uns, keiner aber gab den mindeſten Laut von ſich. Es iſt ein ſeltſamer Zug unſerer Hunde, ihre Apathie gegen Neger— und wieder die Zuneigung der Schweine für dieſelben Geſchöpfe— und ſo vice versa. Seht die Picaninis mit Sulla ſpielen, es ſteht aus wie Herablaſſung von Seite deſ⸗ ſelben Hundes, der ſich von dem weißen Kinde wie ein Lamm ſcheeren und plagen läßt.— Ich hatte einen Augenblick nachdenklich geſtanden— um uns herum war Grabesſtille— über der Pflanzung lag ein ſilberweiß⸗grünlichter Schleier ausgegoſſen, der Häuſer und Hütten wunderbar verklärte. Ich ſchaute hin nach dem Dache, unter dem mein Alles ſchlum⸗ merte.— O wenn Ihr aufrichtig, herzlich liebt, wie ſchwer wird Euch doch zu Zeiten der Schritt, der Euch — 8 133 6— von dem geliebten Gegenſtande entfernt!—„Granby, lachen Sie nicht, eheliche Liebe hat den Stempel der göttlichen! Wenn Sie eine zarte Liebe ehelich an Ihren Buſen drücken werden, dann werden Sie fühlen, was ich jetzt fühle.“ Granby drückt mir warm die Hand, und wir ſchreiten weiter.— Ich war ſo weich ge⸗ ſtimmt;— nur das ſchauerliche Geheul der weißen Nachteule war zu hören, als wir in die Naturgaſſe einſchritten,— zitternde Mondesſtrahlen, die uns einige Minuten noch ihr blaſſes Silberlicht nachſand⸗ ten, dann nahm uns düſteres Waldesdunkel auf.— Wir krochen und ſtiegen über Aeſte und Zweige und Baumſtämme, die der Sturm entwurzelt, Marius als Wegweiſer vor uns. Eine halbe Meile mochten wir ſo in weſtlicher Richtung vorgedrungen ſeyn, als eine Helle uns entgegen dämmerte.— Wir traten leiſe— behutſam auf dieſe zu.— In der Entfernung von hundert Schritten hielten wir, wie feſtgebannt. Ein koloſſaler Immergrün⸗Eichenbaum, in deſſen hundert Fuß hoher ungeheurer Krone die Lichtſtrahlen des abnehmenden Mondes ſo ſeltſam mit den empor⸗ kräuſelnden Rauchwolken eines ſtarken Wachtfeuers ſich umhertrieben, als ob hunderte von Gnomen und —=5 134 6— Luftgeiſtern ihr mitternächtliches Beilager hielten. Kein Lüftchen regte ſich, und die roth und grell empor⸗ leckenden Feuerzungen flogen wie zur Umarmung den Rauch⸗ und Luftbildern entgegen, die ſich wölbten zum Thronhimmel um die Rieſenkrone des ungeheuern Baumes, in dem Silberlichte des Nachtgeſtirnes eine Weile ihre phantaſtiſchen Tänze wirbelten, und dann ſchwanden, in die höheren Regionen ſo ſehnſüchtig aber ſich neigten und umarmten und umfingen, ehe ſte ſchieden!— Weder ich noch Granby ſind Träu⸗ mer, aber wir ſtanden im Anblicke dieſer Nachtbilder verſunken, als ſchauten wir den Abſchied lebender Weſen.— Gottes Natur iſt unerforſchlich, kann man wohl ſagen, ohne Pantheiſt zu ſeyn. Jetzt richteten wir unſere Blicke auf die Gruppen unter dem Baume⸗ 3 Vor einem Cypreſſenholzfeuer ſaßen und hockten vier Geſtalten, von denen ich erſt nach einem zweiten und ſchärferen Blicke Taby und Prona erkannte; die beiden anderen waren Männer, dem Baue der Schul⸗ terblätter nach zu ſchließen, obwohl nackt, ſo wie ſie Mutter Natur erſchaffen hatte, und über und über mit Koth beſchmiert. Sie hockten vor dem Feuer, an —)ſ135 6— dem ein Ferkel briet, von dem ſie Stücke abſchnitten und mit Heißgier verſchlangen. Eine Bouteille, die zwiſchen ihnen ſtand, ging regelmäßig aus einer Hand in die andere. Das ekelhafte Mahl mußte ſchon vor unſerer Ankunft begonnen haben, denn vom Ferkel ſahen wir bald nur das bloße Gerippe übrig. Keiner und Keine hatten bisher ein Wort geſprochen. Jetzt aber rückte Prona dem Feuer näher, ſtieß das Ge⸗ rippe, das an einem hölzernen, auf zwei kurzen OQueerpfählen gelegten, Spieße ſtak, in den brennen⸗ den Holzhaufen, und zog den einen der beiden Hocker mit beiden Händen bei den Schultern zurück.— Er fiel ihr in den Schooß. „Milo genug getrunken, gegeſſen, er betrunken ſeyn,“ ſtammelte ſie, den Neger liebkoſend. „Milo nicht genug getrunken haben;“ gellte Milo, der ſich aufrichtete, und nach einer zweiten Bouteille langte, die zwiſchen Prona und ihm ſtand. Prona ſchnappte nach der Bouteille, aber der nach Rum lechzende Neger ergriff ſie am Halſe, riß ihr die Bouteille aus der Hand, und ſchleuderte ſie zu Boden. Nachdem er einen langen Zug gethan, reichte er —=0 136 6— ſie dem zweiten Neger, der noch immer vor dem Feuer hockte. „Hannibal,“ ſchrie Taby,„nicht zu viel trinken— nicht zu viel trinken, Hannibal!“— Das alſo iſt Hannibal. Hannibal ſetzte die Bouteille an den Mund. „Hannibal zu viel trinken,“ ſchrie Taby, ver nicht gehen können, er Maſſa in die Hände fallen.“ „Dam Massa, dam dat Tyrant!*) Hannibal und Milo Maſſa todt machen.“ „Er Tyrann ſeyn,“ fiel Prona ein—„Er und Maum Tyrann ſeyn— er Prona aus dem Hauſe ſtoßen.“ „Er Tyrann ſeyn,“ lallt der betrunkene Neger, abermals die Bouteille an den Mund ſetzend, die ihm aber Milo zuletzt von den Lippen reißt, der ſie mit einem langen Zuge leert und in das Feuer ſchleudert. „Maſſa Tyrann ſeyn,— Hannibal und Milo ihn todt machen— 4 ſchrie der Neger abermals. Ich wurde aufmerkſamer.— Die Worte waren mit einer ſeltſamen Wuth, mit der Wuth glühender *) Verdammt ſey der Herr, der Tyrann. —"0 137 8— nachhaltender Rache ausgeſtoßen. Der Schwarze führt ohne Zweifel Arges im Schilde, der unwider⸗ ſtehliche Rum hindert ihn an der Ausführung ſeines deſperaten Planes. Was kann dem Tropfe dieſe ver⸗ zweifelte Rachſucht eingeflößt haben! Er wurde ſtets mit Güte behandelt. Die beiden Neger begannen die Liebkoſungen der Weiber auf eine Weiſe zu erwiedern, die uns zwang, die Augen abzuwenden. „Hannibal Maſſa todt ſchlagen,“ ſtöhnte der Ne⸗ ger,„aber nicht Maum todtſchlagen. Maum für Hannibal ſeyn.“ Taby ſtieß ihn in die Seite. „Maum Tyrann ſeyn, Hannibal Maum todt machen.“ „Milo,“ fiel Prona ein,„Maum todt machen, oder Prona Milo keinen Rum mehr bringen.“ „Taby Hannibal keinen Rum mehr bringen, wenn er nicht Maum todt machen, Maum Tyrann ſeyn,“ heulte dieſe darein. „Hannibal Maſſa todt machen, aber nicht Maum; Maum für Hannibal ſeyn;“ ſtammelte dieſer. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 10 —= 138 3— Und die Augen des Negers rollen, und ſeine Fäuſte ballen ſich, und er hebt ſich auf die Kniee und verſucht es, aufzuſtehen, taumelt aber wieder nieder. „Hannibal Maſſa todt machen, aber nicht Naum;“ ſtammelt er abermals. „Hannibal auch Taby und ihr Picanini todt ma⸗ chen, ſo ſie nicht mehr Rum bringen, aber nicht Maum,“ brüllte er mit dumpfer Stimme. Und unter dieſem Gebrülle erhebt er ſich auf die Kniee, auf die Füße, taumelt auf Taby los, die auf die Seite geſprungen war, er ihr nach, lallend:„Er Maſſa todt machen, aber nicht Maum.“ Die Empfindungen, die mich durchzuckten, während ich dieſes anhören mußte, waren ſo herb widerwärtig, daß ich in bewußtloſer Selbſtvergeſſenheit eine der Piſtolen hob. In dieſem Augenblicke ſiel ein Schuß, die vier Neger ſtürzten wie Klötze, von der Art in der Lebens⸗ wurzel getroffen, zu Boden. „Mister Granby, haben Sie geſchoſſen?“ „Nicht, wie Sie ſehen, Mister Howard, ich ſtehe keine zwanzig Schritte von Ihnen“. „Woher der Schuß? wer that ihn? Ich habe doch —= 139— nicht geſchoſſen— beim Himmel, ich weiß nicht, habe ich oder nicht!“ Wir gingen auf die Neger zu, ich im halben Tau⸗ mel, denn die empörend beſtialiſchen Worte hatten mich in eine kochend ſtille Wuth verſetzt, die mich bei⸗ nahe beſtnnungslos machte. „Maſſa!u heulten Männer und Weiber;—„wir todt ſeyn, wir erſchoſſen ſeyn! Barmherzigkeit Maſſa!“ „Wir Alle erſchoſſen ſeyn;“ ſtöhnten ſie abermals, ihre Geſichter in die Erde einwühlend. Granby zog die Handſchellen aus ſeiner Rocktaſche; bei ihrem Geklirre ſchauen ſie verwildert auf, ſtieren uns einen Augenblick an, fallen nieder zur Erde. „Maſſa Barmherzigkeit! wir erſchoſſen ſeyn, wir mauſetodt ſeyn.“. „Macht es kurz,“ ſprach ich im ſtrengen Tone— „Hannibal ſteh auf.“ Hannibal erhob ſich. „Massal’ lallt er,„God bless Massa, Good Massa, Hannibal Massa Nigger, dat here Nigger bad Nigger— Taby bad woman.“*) *) Gott ſegne den Herrn, Guter Herr, Hannibal iſt Ihr Neger, dieſer Neger da ein böſer Schwarzer, Taby ein böſes Weib. 10* —= 140 6— Granby hat dem fremden Neger die Handfeſſeln angelegt, ich Hannibal. „He Obeah man,“ ſchreien Hannibal und Taby, mit Thränen in den Augen;„He bad Nigger.“*) „Mister Granby, die Weiber mögen ungffeſſelt bleiben. Wo iſt nur der alte Peter? u Ich that einen Stoß ins Horn, des Indianers gellender Pfiff antwortete mir. „Peter, wo ſeyd Ihr? warum kommt Ihr nicht? Waret Ihr es, der geſchoſſen?“ „Der rothe Mann iſt auf ſeinen Väter⸗Jagdgrün⸗ den;“ antwortete Peter. Deer Indianer hat ſich das Wachtfeuer zu Nutzen gemacht, und einen Hirſch erlauert. Wir müſſen nach ihm ſehen.— Ich ging der Richtung nach, in der ſeine Stimme zu hören geweſen, und fand ihn etwa zweihundert Schritte von dem Wachfeuer beſchäftigt, einem Hirſch⸗ bocke den Kopf vom Rumpfe abzuſchneiden; wie er damit fertig iſt, ſtiert er mich einen Augenblick an, *) Hexenmeiſter, Zauberer, werden ſehr gefürchtet, beſonders von den afrikaniſchen Sklaven und ihren unmittelbaren Abkömm⸗ lingen. — 141— murmelt: Peter beſſere Jagd machen, als weißer Maſter, und ſteckt dann das blutige Meſſer zwiſchen die Zähne. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, faßt er das Thier an den Vorderläufern, hebt es ſich zwiſchen die Schultern, und mir andeutend, ein Gleiches mit den Hinterfüßen zu thun, ſetzt er ſich in Bewegung auf das Wachtfeuer zu, an dem wir ziemlich müde— der Hirſch wog ſeine dreihundert Pfunde— an⸗ kamen.— So wie unſere Neger mich und den In⸗ dianer erblicken, iſt alle Angſt, aller Schrecken auch mit einem Male vergeſſen.„Look Massa deer shot!“ ſchreien Männer und Weiber jubelnd—„Schau Maſter Hirſch ſchießen,“ jubeln ſie abermals—„er ihn ſelbſt tragen— Maſſa Hirſch geſchoſſen“ lachen ſte, während ihnen die Thränen über die Wangen träufeln. Sind doch wunderliche Geſchöpfe dieſe Neger, über den Anblick eines friſch geſchoſſenen Hirſches vergeſſen ſie Angſt und Schrecken. Der alte Peter weiß, ſcheint es, die Gelegenheit zu benutzen. Er wirft Hannibal den Vordertheil auf die Schulter, winkt mir, Milo den Hintertheil zu überlaſſen, die beiden Weiber häckelt er mit ſeiner Schlinge zuſam⸗ men, und mit einem dumpfen„Hon“ gibt er das —=3 142 6— Zeichen zum Aufbruche— zu beiden Seiten Marius und Sulla, die einigemal ihre klaffende Stimme er⸗ heben, die Neger, wie Metzgerhunde das Rind, um⸗ kreiſen, und den Zug in Bewegung ſetzen. Eine volle Stunde hatten wir zu thun, ehe wir über die Baumſtämme, Aeſte und das Palmetto in die Pflanzung zurück gelangten. Als wir vor dem Wirthſchaftsgebäude ankamen, ſchlug die Glocke drei. Louiſe ſchlummert noch immer auf dem Sopha. Ich nehme die Lampe und beleuchte das ſüße Weib— und es durchzuckt mich wie Dolchſtiche— mir gellen die Worte des wüſten thieriſchen Schwarzen in den Ohren:„Maum nicht todtſchlagen, Maum für Han⸗ nibal ſeyn.“ Die Lichtſtrahlen fallen auf ihr verklär⸗ tes kindlich ruhiges Geſicht— ſie ſchlägt die Augen auf, und mit dem holdeſten Lächeln ruft ſie:„George, Du noch auf— George, wo biſt Du geweſen? Du ſiehſt ſo furchtbar ernſt aus— George was iſts? Doch kein Unglück?“ Und ſie wird ſo ängſtlich; ſchlaftrunken wie ſte iſt, haſcht ſie nach dem Lichte und beleuchtet mich. „Nein Louiſe, Alles iſt gut abgelaufen, wir können ruhig zu Bette gehen— komm theures Weib!“ Aber —=143— ſie wird immer ängſtlicher, immer beklommener— „George, ſage mir ums Himmels willen was iſts 2ℳ „Nichts, Liebe— wir haben Hannibal mit einem fremden Neger eingefangen.— 4 „Und kein Unglück?“ „Keines.— Sie ſchaute mich noch immer zweifelhaft an, be⸗ klommen, als ob ſie die empörenden Worte gehört hätte.— Nein, ſie ſoll ſie nie hören, ſie würden ſie in ihren innerſten Fibern verletzen; für ihre reine Seele müßte der bloße Gedanke, die thieriſche Luſt eines Negers gereizt zu haben, ſchmerzhaft, erſchüt⸗ ternd, gräßlich ſeyn! Morgens den 4. Oktober. Es ergibt ſich, daß der geſtern von uns eingefan⸗ gene Neger jener Milo iſt, auf deſſen Feſtnehmung ſeit mehreren Monaten ein Preis von hundert und fünſzig Dollars geſetzt iſt. Er iſt der Sklave Le Comptes und kam urſprünglich aus Nord⸗Carolina, wo er wegen Widerſetzlichkeit gegen ſeinen Herrn zum Tode verurtheilt, aber ſchließlich nach Louiſiana exportirt wurde;— die gewöhnliche ſaubere Weiſe, in der ſich unſere öſtlichen und nördlichen Pflanzer —= 144— ihrer ſchlechten ſchwarzen Sujets entledigen. Begeht ein ſolcher ſchwarzer Teufel ein todeswürdiges Ver⸗ brechen, ſo ſäumt man nicht, ihm das Urtheil zu ver⸗ künden, ſtatt ihn aber aufzuknüpfen, zum warnenden Beiſpiele, ſteht es ſeinem Herrn frei, ihn in einen andern Staat auszuführen. So machen wir aus unſerem eigenen Lande ein ſchwarzes Botanybay, und das ohnehin verheerend in unſern Eingeweiden zehrende Uebel noch furchtbarer, Alles der lieben Dollars wegen, Ah! Quid mortalia peotoran non cogis † Auri sacra fames!— 3 3 Bei uns iſt dieſer Durſt nur gar zu heftig. Will doch ſehen, was Le Compte mit dem Maroon anfangen wird. Eine Stunde ſpäter. Hannibal, Taby und Prona ſind nach der Zucker⸗ pflanzung Merveilles eingeſchifft. Sie hörten das Urtheil, das Mister Granby verkündete und vollzog, über alle Erwartung ruhig an, ohne Zweifel, weil ihnen ihr Gewiſſen ſagte, daß die Strafe eine ſehr gelinde ſey. Taby erbat ſich als die letzte Gnade, Maum zu ſehen, was ihr dieſe auch gewährte. Der —= 145 6— Thränen floßen viele, auch bat ſie recht dringend, ihr Picanini zurücklaſſen zu dürfen, da Hannibal es nicht leiden könne. Auch dieß wurde ihr gewährt, da es Grauſamkeit geweſen wäre, der fühlloſen, und wie wir nun überzeugt ſind, grundfalſchen Negerinn den armen Wurm zu überlaſſen.— Meine Schwarzen ſind von Herzen froh, dieſes böſen Kleeblattes los zu ſeyn.— Alle drei ſind Creolen⸗Neger, und haben ſich einer Menge Diebſtähle ſchuldig gemacht, die erſt jetzt an Tag kommen. Keine Familie, die nicht be⸗ ſtohlen worden wäre; Salzfleiſch, Fiſche, Wälſchkorn, Bänder, eine Menge Dinge wurden in ihrer Kiſte gefunden.— Männer und Weiber jubeln, wie ihnen ihr Eigenthum zurückgeſtellt wird:„Sie nichts ſagen, Maſſa Maum keinen Verdruß machen;“ iſt der Re⸗ frain Aller. Aber auch mir iſt ein Stein vom Herzen, ſeit dieſe ſchwarze Brut fort iſt; die letzten Tage konnte ich beinahe kein Auge zudrücken, Louiſen ging es nicht beſſer. Feind wie ich der Peitſche bin, nagt jede Strafe, die ich diktiren muß, krebsartig an mir, und trifft mich ſtärker als den Geſtraſten.— Und das iſt gerade der Weg, Eure Sklaven nie zur Ord⸗ nung zu bringen.— Es iſt eine traurige Wahrheit, — 146— daß unſere größten Tyrannen am beſten bedient ſind. Ich wünſche aufrichtig das Beſte meiner Schwarzen, ich habe den Weg eingeſchlagen, der nach meiner innigſten Ueberzeugung der einzig richtige iſt, ſie all⸗ mählig zur Geſittung heranzuziehen.— Ich will nach Kräften beitragen, um ein beſtehendes Uebel in unſerer bürgerlichen Geſellſchaft zum Guten zu wen⸗ den;— allein die Schwierigkeiten werden größer und größer, Eure Kräfte, Euer guter Wille erlahmen, zu⸗ letzt werdet Ihr hartherzige Tyrannen wie Andere.— Und wie das Dampfſchiff hinter der Waldesbucht unter der Pflanzung verſchwindet, kommt Louiſe, be⸗ reits im Reiſeanzug, an mich herangetrippelt, deſſen Auge nachdenklich die über die Baumwipfel noch her⸗ überkräuſelnden Rauchwolken anſtarrt. Sie mahnt mich, daß der Alexandria, auf dem unſere Freunde kommen ſollen, im Anzuge, und daß, wenn der wilde Doughby den Fuß ans Land geſetzt, an Vorberei⸗ tungen zur Abreiſe gar nicht zu denken; ſie habe Alles in Ordnung, Wäſche, Kleider, Alles ſey gepackt— und zwar in einem Koffer. Recht gut! wir können unſer Haus nun ruhig verlaſſen, die Neger haben ein Beiſpiel ſtatuirt erhalten, das wenigſtens für einige . — — e 147— Zeit zur Warnung dienen wird. Granby zudem iſt ein Gentleman im vollen Sinne des Wortes. Ich habe ihn während des Orkanes beobachtet, die beiden Franzoſen heulten und wehklagten, und ſchmiegten ſich an die Negerinnen. Granby ſtand wie ein See⸗ held in der Schlacht, im Sturme.— Wir können ruhig ſeyn, Louiſe. Und während ich ſo ſpreche, läßt ſich ein fernes Brauſen hören. Louiſe hüpft an den Seitentiſch, er⸗ greift das Telescop, und richtet es ſofort der Waldes⸗ ſpitze zu. Der Aeolsharfenton, der an den Fenſtern hinaufſeufzt, verkündet ein Dampfſchiff.„Da iſt es, a rufe ich—„Da ſind ſie,“ ſie„Sie ſind es,“ ruft ſie abermals;„Julie ſteht ganz vorne am Anfange des Schiffes.“„Mein Gott, am Anfange des Schiffes,“ ſchmolle ich—„eine Amerikanerin, und nennt das Gallion den Anfang des Schiffes.“—„Alſo am Gallion,“ lacht ſie;„gerade ober dem Bruſtbilde des Alerandria.“„Laß ſchauen, Louiſe!“ aber Louiſe läßt nicht ſchauen, ſie bohrt in das Telescop hinein. „Louiſe, Du wirſt Dir die Augen verderben,“ mahne ich— hilft aber nichts, mein Mahnen.„Da iſt der wilde Doughby!“ ruft ſte vergnügt, ver ſteht mitten — 148— zwiſchen Julien und einer andern Dame— es iſt Emilie und Mistreß Houſton und die Richards.“ Jetzt erſt reicht ſie mir das Telescop, da ich bereits die Gruppen mit freiem Auge erſchauen kann. Wir eilen dem Ufer zu— da iſt Doughby. Schon von weitem ſchreit er: „A Hurrah for Jackson! Am glad to see ye hearty and well.“*) „Und hat Euch der Wind nicht weggeweht?“ lachte er, noch zweihundert Yards**) vom Ufer.— Der Mann hat eine Lunge, ſie könnte einem Hochofen zum Blasbalge dienen. „O glorreicher Jackſon!“ ſchreit er abermals— no glorreicher Jackſon! Hat Euch Alle breit geſchla⸗ gen, das ſauerkraut⸗deutſche Pennſylvanien hat wie ein Mann für ihn gefochten; das holländiſche New⸗ vork, wie zwei Drittel von einem Manne. Ein Hurrah für Jackſon!“„And a Hurrah for Jackson!“ brüllen dreißig Kehlen dem Manne nach, während Andere ziſchen und pfeifen.— Gibt alſo doch noch *) Ein Lebehoch Jackſon!— Bin froh, Ench friſch und wohl zu ſehen. **) Amerikaniſche Elle. — 149— eine Minorität, die ſich ſtark genug fühlt, das Panier John Quincy Adams flatternd zu erhalten. Das Dampfſchiff rundet dem Landungsplatze zu.— Die Bretter fallen vom Bord ans Ufer. Doughby kommt gerannt, Julie mit ſich zerrend, die ihm kaum folgen kann. Man merkt halb und halb, daß er Ehe⸗ mann iſt. Noch vor ſechs Wochen wäre er, ohne die Bretter zu berühren, gerade vom Verdeckgeländer ans Ufer geſprungen, jetzt nimmt er ſeinen Theil recht ſorglich mit, obwohl ſo ziemlich in der Weiſe des halbtollen Petruchio in dem Luſtſpiele:„The Taming of the Shrew.“*) Mistreß Houſton und Emilie mögen ſelbſt für ſich ſorgen, und ſchauen, wie ſie herüber kommen; ſteht doch er vor mir. „Hört Ihr, Howard,“ ſchreit er, meine Hände er⸗ faſſend und ſie drückend, daß mir das Waſſer in die Augen trat.„Gott grüße Euch, ſage ich. Bin ſo froh, Euch zu ſehen; glaubt gar nicht, wie froh ich bin, und Schwägerin Louiſe, meine Herzens⸗Schwä⸗ gerin! Gott ſegne Sie gleichfalls! Wie führt ſich *) Shakſpeare's bekanntes Luſtſpiel:„So zähmt man böſe Weiber.“ — 0 150— Howard auf? Doch nicht beſſer als Doughby? Julie, was ſagſt Du dazu?“ Julie hält Louiſen umſchlungen, findet aber doch noch Zeit, Doughby mit dem Zeigefinger auf den Mund zu ſchlagen. Er fährt fort— „Ah Howard, hab ich Euchs nicht geſagt, der Alt⸗ Virginier da,“ auf Richards deutend,„wollte mir es nicht glauben, wetteten auf Virginien. Virginiens vier und zwanzig Stimmen*), ſagt ich, ſind für den alten Hickory, und nicht für Clay, obwohl Clay ein geborner Virginier iſt, ſeine Politik iſt aber yankeeiſch — er iſt Tarifmann— und Maryland, ſagt' ich Mistreß Houſton, iſt auch für Jackſon, und Mistreß Houſton ſagt Nein— roch aber den Braten— wollte nichts mit Wetten zu thun haben. O glorioſer Burſche, der alte Hickory— 4 Mistreß Houſton hat kaum Gelegenheit, die Worte einzuſchalten:„Wo haben Sie die Art gelernt, Da⸗ men zu Wetten aufzufordern— 1u Er überhört ſte, und fährt fort: *) Im Cenſus von 1830 verlor dieſer Staat eine Wahl⸗ ſtimme, ſo daß er gegenwärtig bloß drei und zwanzig hat. — 5 151— „Holla! was ſehe ich, das Dach Eurer Cottongin hat Reißaus genommen, der Orkan hat ihm Höflich⸗ keit gelehrt. Sind heilloſe Burſche, dieſe Orkane; wurden dießmal verſchont, wird wohl ein andermal nachkommen. War, höre ich, ein trockener Geſelle, kein Tropfen Regen gefallen. Holla, Mister Granby! Gott ſegne Euch, theurer Junge! Hört Ihr, Howard, das iſt ein Tenneſſeer Kernjunge, ſein Vater ein Kernmann, ein Freund, ein supporter*), ein Nach⸗ bar des alten Hickory. Der wird Euch vom alten Hickory Geſchichten erzählen, werdet Augen und Ohren aufreißen. Erzählt'mal, Mister Granby, wie war es mit dem jungen Indianer, den der alte Hickory in der Schlacht am Horse shoe**) von der Bruſt ſeiner todten Mutter aufgeleſen.“ „Ein andermal, Mister Doughby— 4 „Wie Ihr wollt, aber hören müßt Ihr's, Howard, laßt Euch's erzählen, ſage ich. Alſo glücklich, liebe Schwägerin. Ganz glücklich, ſo etwas ſieht man an *) Werden die Anhänger der Candidaten für öffentliche Aem⸗ ter genannt. **) Schauplatz einer Schlacht, in der General Jackſon die In⸗ dianer ſchlug. — d 152 6— den Augen an. Ah, Ihr taugt für einander, und ſo taugen Julie und ich für einander. Stellt Euch nur vor, Howard, ſie lernt reiten, und reitet auch ſchon wie beſeſſen. Wie ich ihr zuerſt ſage, ſie müßte reiten lernen, wie alle unſere Damen, ſagt ſie:„Gott behüte, Doughby, wo denkſt Du hin, Doughby? Ich reiten lernen? Ich aber nicht faul, ſage kein Wort mehr, ſchreibe aber ſogleich hinauf ins alte Kentucky an Uncle Snapper, ſchreibe ihm, er ſolle mir ein paar ſaubere Pacers*) ſchicken, aber ſauber müßten ſie ſeyn und geſund, daß ſich eine Dame mit Ehre und Sicherheit darauf ſetzen kann. In weniger als vier Wochen hatte ich zwei ſo ſchmucke Thiere, als je am Miſſiſippi⸗Levee trotteten. Julie war hoch erfreut, wollte aber doch nicht in den Sattel. Da nehme ich ſie in den Arm, hebe ſie Jumps hinauf, führe das Thierlein ein paarmal im Hofe auf und ab, und laſſe es dann laufen. Sie ſchrie Euch doch anfangs, als ob ſie am Spieße ſtäke, und war wirk⸗ lich ein wenig böſe und voller Angſt, aber bald lernte ſie ſitzen, und ſaß Cuch ſo ruhig, und ich lachte, *) Eine kleine Race von Pferden, die einen kurzen Galopp⸗ trab laufen, werden vorzüglich von Damen geritten. — 0 153— wußte daß es ein gutes zahmes Thier iſt, ſonſt hätte ich Dich ja nicht hinauf gehoben, Julie! Jetzt reitet ſte wie ein Dragoner.“ 1 „Howard, habe zwei Kentuckier kommen laſſen, die ſich ſo ähnlich ſehen, wie ein Ei dem andern, den einen für Julien, den andern für ihr liebes Schweſterchen Louiſe. Liebe Schwägerin Louiſe, Sie nehmen doch das Preſent von ihrem lieben Schwager?“ Louiſen freute die Aufmerkſamkeit des Wildfanges ungemein. Das niedliche Thier, das etwa vierzehn Fäuſte hoch ſeyn mag, wird ſo eben vom Dampfſchiffe ans Ufer gebracht, und tanzt uns munter entgegen. Wir bleiben ſtehen, um es zu beſehen, gerade als ein Trupp meiner Neger mit ihren Weibern aus den Cottonfeldern kommen. Sie werfen die Baumwolle in Eile auf die Bretter, und kommen geſprungen, ſo eilig, ſo ſchnaubend; wie ſie an uns heran kommen, ſchnüffeln ſte wie Ferkel die Luft, ſchauen mich eine Weile an, und wie ſie Doughby erblicken, ſchreien ſie einander zu, und deuten Alle zuſammen mit ihren Fingern wie Affen auf ihn—„Dat Massa Ken- Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 11 —= 154 G— tucky be, Massa Debil, bless Massa Kentucky, Massa Debil!“*) „Grüße Euch, ihr ſchwarzen Seelen!“ ſchreit ihnen Doughby entgegen— deſſen Ideenaſſoziation auch ſogleich eine neue Richtung nimmt.„Aber hört Ihr,“ ſchreit er ſtärker,„hört Ihr, ſo Ihr es wagt, Eure ſchwarzen, ſchmutzigen, thranigen, biſamrüchigen Lei⸗ ber auf dieſen edeln Kentucky⸗CTrotter zu ſetzen, zu legen, zu hängen, zu hocken— was ſage ich Leiber, ein einziges Eurer ſchmutzigen Beine, Schenkel oder was es immer ſey— hört Ihr Burſche, ſo Ihr es wagt, bei Jove! ich meſſe Euch mit dieſer meiner eige⸗ nen Hand, und ſie mißt gut, verſichere Euch, neun und dreißig auf, daß Ihr das Sitzen, Liegen, Hocken, Stehen und Gehen acht Wochen verlernen ſollt.“ Die Neger ſtieren ihn an, reißen Mäuler, Augen und Naſen auf, und ſchreien abermals unter einander, mit den Fingern auf ihn deutend:„Massa Kentucky, Massa Debil, Dat Massa Kentucky be, Massa Debil be.“ „Verſteht Ihr, ſchwarze Burſche, was ich ſage? *) Das iſt der Herr aus Kentucky, der Herr Teufel. Segen über Sie Herr Kentucky, Herr Teufel. — 9 155 6— Beifallen ſollt Ihr es Euch nicht laſſen, dieſen Trot⸗ ter da auf Euren hölliſchen Mitternachtsausflügen zu Euern v— ten Nachtliebhaberbeſuchen zu reiten. Weiß es, ſeyd Alle Gaulſchinder, Roßtödter, Thierabſchläch⸗ ter; aber ſo Ihr Euch vermeſſet, ſage Euch, laßt es beſſer bleiben, ſchlage Euch krumm und lahm, mit der Erlaubniß Eures Herrn nämlich, habe an meinen Negern genug zu dreſchen.“ „Howard,“ wandte er ſich wieder an mich—„Wie ſteht es mit Eurer Baumwollenernte? Habe achtzig Ballen gepreßt, ſechzig hinabgeſandt, denke noch ein achtzig zu preſſen.“ „Und ich hundert gepreßt, und fünf und achtzig hinab geſandt, gedenke noch achtzig bis neunzig zu machen.“ „Wollen ſie ſehen, Eure Baumwolle, hat'nen gu⸗ ten Ruf die Red⸗River Baumwolle; gilt immer einen halben, auch ganzen Cent mehr, als die unſrige. Gebe die meinige für fünfzehn Cents— wollen die Eurige ſehen.“ Und ſo ſagend nahm er den Arm Juliens in den ſeinigen, und zog ſie fort, und wir mußten nach, um die Baumwolle zu beſehen.— 418 — 9 156— „Iſt ſechzehn Cents*) unter Brüdern werth, keinen Liard weniger. Gebt Ihr ſie darunter, ſo ſolltet Ihr mit Schwefelhölzern ſtatt Baumwolle handeln. Sende die meinige Milaudon, iſt ſicher und feſt— ſendet Sie ihm auch. Iſt zwar ein genauer Franzoſe, ſteht aber gehörig in ſeinen Schuhen. 4 „Heda!“ brach er auf einmal wieder aus—„Was hat Menou geſagt? Hattet Gäſte, den luftigen Ver⸗ gennes und einen jungen Grafen, und ein alter ſoll aus den Attacapas herauf kommen, auf den unſer Schwiegervater große Stücke hält, ſoll von gutem Hauſe ſeyn, und Geld ins Land gebracht haben, ein ſeltener Fall bei Franzoſen. Wollte, ſie blieben, wo ſte herkamen, oder gingen— ins Pfefferland, taugen nicht zu uns, dieſe Franzoſen, ſind keck wie Affen, und mengen ſich in Alles. Wollte, Vergennes ſolle uns ein Stück Landes am Ouachitta ausmeſſen, das Papa Menou da hat, und das ſich prächtig zu einer Countyſtadt eignen müßte. Iſt aber nichts mit ihm. Was denkt Ihr, ſchreibt Euch Gedichte und Artikel in eine franzöſiſche Zeitung in der City, ich glaube *) Bekanntlich wird der Preis der Baumwolle nach dem Pfunde berechnet. 1 —= 157 6— 8 die Abeille. Iſt ein kompleter Narr, ſchrieb ein langes Gedicht, das da anfängt: Vous citoyens libres! Voyez les Esclaves Tigres, Par votre eruauté. 8 Las es gerade ſeinem Freunde vor, als Julie mich rief. Sagte ihm trocken, er ſolle derlei Dichtungen bleiben laſſen und ſich nicht mit Dingen befaſſen, die ihn nichts angingen, ſonſt dürfte es ihm leicht zu heiß in unſerem Louiſtana werden. Fanfaronirte mir da ein Langes und Breites von Humanität, Phi⸗ lanthropie. Kenne Eure franzöſiſche Philanthropie, ſagt' ich, unſere Neger kennen euch auch; einen Fran⸗ zoſen zum Herrn zu haben und den eingefleiſchten Satan, iſt eines und daſſelbe, heißt das Negerſprich⸗ wort— Gott behüte Neger und uns vor eurer Phi⸗ lanthropie, ſagt' ich ihm.“ „Doughby, ich glaube Ihr habt Recht, doch ver⸗ geßt nicht, er iſt Gaſt.“ „Wohl,“ fuhr Doughby auf, ndann ſoll er die Geſetze der Gaſtfreundſchaft auch beachten. Höret Howard, ein Ausländer, der ein fremdes Land be⸗ tritt, übernimmt bei dieſem Eintritt Pflichten, die ihm —= 158 6— 4 heilig ſeyn müſſen, und ſind ſie ihm nicht heilig, und miſcht er ſich in die Angelegenheiten eines Landes, das ihn nichts angeht, ſo gibt man ihm den Laufpaß, wie ihn Washington Ginet*) gegeben. Dürfen unſere Würde, unſere Pflichten gegen die bürgerliche Geſellſchaft, der wir angehören, nicht vergeſſen.“ „Bei meiner Seele, Doughby! Ihr redet wie ein Senator dieſer unſerer Vereinten Staaten;“ rief ich, nicht wenig verwundert über des Mannes neue Sprache. „Wißt Ihr,“ fiel Doughby lachend ein,„daß alle meine Nachbarn darauf dringen, ich ſolle mich als Congreß⸗Candidaten für unſern Diſtrikt melden.— Verſprach es zu thun, wenn Ihr Euch für den Euri⸗ gen meldet.“ „Gott behüte! Louiſe und ich machen das nächſte Jahr eine Tour in den Norden, vielleicht die große“—**) „Habt prächtige Leute,“ rhapſodirte er, meine Ne⸗ ger überſchauend, weiter.„Haltet ſie gut, ſehe es. *) Das feſte Benehmen Washingtons als Präſident der Vereinigten Staaten gegen den Geſandten der franzöſiſchen Re⸗ publik, Ginet, iſt bekannt. **) Die Reiſe nach und durch Europa. —,— —= 159 G—. So lieb ichs. Leben und leben laſſen. Sag' Euch, Ihr ſchwarzen Creaturen,“ wandte er ſich an dieſe, „liebt Eure Herrſchaft, tragt ſie auf den Händen; beſſer als hier, habt Ihr es nicht an vielen Orten mehr.“ „Wir das wiſſen, Massa Kentucky, Massa Debil.“ „Und wir gehen jetzt zu Papa Menou, verſteht Ihr, und Ihr bleibt unter Mister Granby's Aufſicht, eines ſo braven Tenneſſeers, als je in Schuhen ſtand, und wenn ich das Mindeſte höre, und Ihr duckmäu⸗ ſeriſch ſeyd, oder träge, oder ſtehlt, oder revoltirt, oder zu viel Rum trinkt, oder ihn von Zwiſchen⸗ händlern und Dampfbooten einhandelt, oder Neger zu Nachts einlaſſet, oder die Gäule Eurer Herrſchaft um Mitternacht aus den Ställen zieht, und über Stock und Stumpf auf Eure v— ten Nachtſchwär⸗ mereien reitet, oder nicht die Lichter auslöſcht, ſo daß Feuer ausbricht, oder Euer Wälſchkorn und Salzfleiſch von den Schweinen freſſen laßt, und die Herrſchaft beſtehlt, oder in die Camp meeling geht, und ſtatt der Religion eine ſchmutzige Krankheit nach Hauſe bringt: hört Ihr, ſo Ihr etwas von dieſem thut, ſage — 9 160 0— Euch, ſchlage Euch mit Erlaubniß Eures Herrn halb⸗ todt, wenn ich das Mindeſte erfahre.“ Meine Neger hörten ihren langen Sünden⸗Catalog mit geſenkten Häuptern und Ohren an. „Maſſa,“ ſchrieen ſte,„we good boys be.“*) „Hoffe, daß ich keine Klagen hören werde, iſt mir vollkommener Ernſt. Nicht wahr, Howard? Jetzt habt Ihr da etwas, Euch einen guten Tag anzuthun. Mister Granby, vertheilen Sie gefällig dieſe Zehn⸗ Dollars⸗Note unter ſie.“ „Habe mich durſtig geſchrieen, Howard, durſtig und hungrig. Etwas zum Imbiß, mit einem Glaſe es hinab zu ſchwemmen, wird auf keine Weiſe ſcha⸗ den, aber zu lange darf es nicht dauern. Seyd doch zur Abreiſe gerüſtet. Howard wißt Ihr, daß Julie meine Ration auf acht Gläſer per Tag henuasſes hat?⸗ „Gott ſey DankV ich glaube, ſte iſt wo⸗ ziemlich liberal,— Louiſe, was ſagſt Du dazu?“ „Horrible,“ lacht Louiſe. Wir traten in den Saal, und jetzt erſt ließ uns die *) Wir wollen gute Burſche ſeyn.. —= 161 6— Suade des Wildfanges Zeit, unſere Gäſte gehörig zu bewillkommen. n Und Mistreß Richards trägt abermals die ſüße Strafe eines ſüßern Vergehens. Das Miſſtſippi⸗ Waſſer bewährt ſeinen Ruf, wie ich ſehe, und Emilie ſchmachtet im Vorgefühle künftiger Wonnen— eine neue Lebensepoche iſt bei ihr eingetreten— die Epoche der Liebe.— Es iſt etwas Glorioſes, etwas Göttli⸗ ches in der Liebe. Erſt jetzt fühle ich es, welchen Zauberreiz ſie über unſer verdrießliches Leben ſpreitet, wie ſie uns dieſes Leben mit allen ſeinen Mühen, Wehen zu verſüßen weiß.— Es müſſen aber noch jugendliche Gemüther ſeyn, die ſich zuſammen finden, ſte müſſen in einander gleichſam verwachſen, wie unſere Reben, unſere Lianen in unſere Magnolien, unſere immergrünen Eichen verwachſen, dann blühen beide kräftig und bringen Früchte, ſonſt nicht. Und Emilie ſcheint glücklich, ganz glücklich, glücklicher als Clara, um deren Stirne ein dunkles Wölkchen ſchauert. Auch Richards iſt ſichtlich magerer geworden. Was iſt es? Die Zeit bringt Roſen, wenigſtens Aufklärung. Jetzt muß ich noch zu meinen Negern. 9 — 0 162 6— Zehn Uhr Morgens. Das Dampfſchiff hat Holz eingenommen. Meine Gaͤſte mit dem Capitän ſind über dem Dejeuner à la fourchette, ich mit Mister Granby bei meinen Negern, denen ich Verhaltungsbefehle ertheile, Abſchiedsworte ſpende: Wachſamkeit wegen Feuer, keiner in der Cot⸗ tonpreſſe rauchen, bei unvermeidlicher ſchwerer Strafe, keinen fremden Neger während meiner Abweſenheit im Camp zu laſſen, ſelbſt während der Tageszeit auf jeden Ankömmling genau Acht zu haben, die Schlüſſel zu den Vorrathskammern ſtets in Ihrer Verwahrung, Mister Granby. Morgen Sonntags mit dem rück⸗ gehenden Alexandria die zehn heute gepreßten Ballen in die City abgeſandt.— Und nun behüte Euch der Herr Alle! Seyd fleißig, treu und gehorſam, und wenn wir zurückkommen, ſollt Ihr ein Ertrafeſt zur Belohnung haben.“ „God bless Massa! our beloved Massa! Him Bless!“ ſchreien Alle mit einer Stimme, die, wenn ſie nicht von Herzen kommt, ein Meiſterſtück ſchwarzer Ton⸗Modulation und Verſtellung genannt werden kann; doch da ſteht ja Doughby auf der Piazza mit dem Shawl Juliens am Arme, er läßt ihm, wie — 0 163 6— Herkules der Spinnrocken;— und Richards und ſo weiter kommen nach. Wir müſſen uns nun trennen, lieber Granby— denn Louiſe wird ſonſt ungeduldig. Doch nein, ſie iſt inmitten einem halben Dutzend ſchwarzer Nymphen, denen ſie gleichfalls Ermahnungen und Troſtſprüche ſpendet, ſo ernſt, ſo matronlich! Da kommt auch Peter mit ſeiner Familie, uns die Hand zum Abſchiede zu reichen. „Peter, trinkt nicht zu viel,“ mahnt ſie ihn,„und denkt auf Eure Familie.“— Und der alte Indianer ſieht ſie an, mit einem Blicke, ſo ſtarr, ſo liebevoll!— man ſollte ſchwören, ſie hat eine Eroberung an ihm gemacht. Von ihr läßt er ſich Alles ſagen. Er faßt ihre Hand, und murmelt leiſe:„Der große Geiſt ſegne ſeine Tochter!“ Die Herrſchaft unſerer Weiber(aber ſchön müfſen ſte ſeyn) über die Indianer iſt wunderbar. Sie beten ſie an,— die Blicke, die ſie kaum zu ihnen zu erheben wagen, ſind wirklich die der Anbetung. Da kommt auch der ſchöngeiſtige Mister Whrigt, h'uns h'eine glückliche Reiſe zu wünſchen. Endlich ſind wir im Abzuge begriffen;„Mister —=3 164 6— Granby Good bye!*) und Ihr Alle Gott behüte Euch, und gedenkt deſſen, was ich geſagt habe, in einigen Tagen ſehen wir uns wieder!“ „God biess Massa, Maum! we good boys be;“ lautet es im Chorus. Wir haben das Verdeck des Alerandria betreten — der Dampf ziſcht durch das Ventil, die Brücke fällt— das Schiff regt, bewegt ſich— meine Neger ſtehen, lautlos ihre ſtarren Blicke auf uns gerichtet, ihre Hände zuſammen gefaltet, ihre Mienen geſpannt; wie das Schiff rundend ſich vom Ufer entfernt, neh⸗ men ſte einen Ausdruck von Schmerz an;„God bless Massa, Maum!“ ſchreien ſie abermals herüber, und ſtarren. Louiſe ſteht, ihren Arm in dem meinigen, ihre Augen unverwandt auf die Neger gerichtet. „Nicht wahr, Liebe! ſie machen uns vielen Ver⸗ druß, dieſe Geſchöpfe, aber auch wieder Freude.— Mit unſerem Vermögen könnten wir im Norden ohne Sorgen leben, ein glänzendes Haus machen, aber die Vorſehung hat uns dieſe ſchwarzen Creaturen— die Kinder thieriſcher Väter, durch geldgierige Unge⸗ *) Abgekürzt: Good be to ye— wünſche Ihnen viel Gutes. „ — o 165 e— heuer aus den Sandwüſten Afrika's in unſer Land herüber geſchleppt—, in die Hände gelegt, ſie uns zur Erziehung überlaſſen. Louiſe! wir wollen Va⸗ ter⸗, Mutterſtelle an ihnen vertreten. Es iſt ein ſchöner Beruf, Vater, Mutter von fünf und zwanzig Familien ſeyn.“ Und wie wir uns von dem Ufer entfernen, über⸗ ſchauen wir nochmals unſere irdiſchen Herrlichkeiten, unſere Hütten und Häuſer, und Felder und Wälder, und Neger und Negerinnen, ein Gefühl inniger Zu⸗ friedenheit leuchtet aus den Zügen Louiſens.— IV. Der Stumpf-Nedner.*) Mir iſt ſo wohl! ich fühle wie das junge Roß, das aus dem Karren ausgeſpannt, auf die friſche duftende Wieſe hinaus kapriolt. Ueber uns der Himmel ſo tiefblau auf goldigem Grunde ruhend, die Lüfte ſo *) Stumporator, von dem Umſtande, daß Volksredner(auf dem Lande) ihre Anreden nicht ſelten von Baumſtöcken oder Stumpfen herab halten. —=0 166 G— elaſtiſch! ſie zittern, flimmern vor Euren Augen, ein ſeintillirendes Schillern, das gleich elektriſchen Funken Euer ganzes Weſen aufregt, Euch mit friſcher Luſt, neuem Leben erfüllt. Wunderbar ſchön ſchimmern und ſpielen die bis zu den Ufern vorſpringenden Pal⸗ mettos und Urwälder in den glühenden, in einander verſchmelzenden Tinten. Jeder Stoß der Maſchine, jede neue Umwälzung der Räder bringt Euch neue Schönheiten. Links ein Peccan⸗Nußwald, deſſen hellgrünes Laub bereits in das Orange⸗ und Pur⸗ purkolorit übergeht,— es iſt die Gränze meiner Beſitzung; rechts ein Anflug von Papaws und Mag⸗ nolien, letztere wie Lords auf ihren Häuptern die Co⸗ ronets, die ſie umgebende Pflanzenwelt überragend, ihre Wipfel erheben ſich kronenartig über die roth und blau und golden in einander ſchillernden Papaws und Catalpas; die in Feſtons geſchlungenen Blätter umwallen wie Draperien die majeſtätiſchen Natur⸗ kronen, und Millionen Blumen ſpielen wie bunte Edelſteine heraus, und verbreiten Düfte, ſo balſamiſch! daß Ihr den Mund weit öffnet, um den friſchen, be⸗ lebenden Odem eines indianiſchen Sommertages in vollen Zügen zu ſchlürfen. Wie der Dampfer dem — 167— Buſen oberhalb des Peccan⸗Nußwaldes zurundet, tanzt Euch fröhlich ein Bruchſtück eines Urwaldes von Cotton⸗ und Immergrün⸗Eichbäumen entgegen, aber ſo zerriſſen, das Ihr beim erſten Anblicke ſchwören möchtet, Ihr nähert Euch einer hundert Fuß hohen mit Epheu bekleideten ſchroffen losgeriſſenen Felſenwand. Die Windungen unſeres Red⸗River, der jetzt ſeear⸗ tig ſich ausbreitet, wieder ſchneckenartig zuſammen⸗ ſchrumpft, ſind ungemein lieblich zu ſchauenz; ſie feſſeln Augen und Gemüth, ziehen beide ſehnſüchtig mit ſich in die Tiefe der Urwälder, die ſäuſelnden Haine der Palmettos, verſetzen Euch ſo unmerklich in einen halb traͤumeriſchen Zuſtand, daß Ihr Euch und Andere vergeßt. So hatte ich im Anſchauen der lieblichen Flußparthien, die wieder zu Zeiten durch die groß⸗ artig ſich heranwälzenden Waldesmaſſen einen ſo ungemein impoſanten Charakter gewannen, ganz meine Umgebungen vergeſſen; Louiſe mahnt, daß wir nicht allein ſind, gerade als Doughby den Mund öffnet, und ſie mit den Worten unterbricht: „Bei Jingo! hätte nicht vermuthet, daß Euer Red⸗ River— † — 99 168 6— „Ein ſo herrlicher Fluß iſt, meint Ihr, nicht wahr, Doughby?“ „Nun herrlich, das wollte ich eben nicht ſagen, aber doch nicht ſo ganz uneben; freilich kein Miſſiſtppi.“ „Gott ſey Dank das iſt er nicht, aber ein ſo lieb⸗ liches Waſſer, als in dieſen unſern Vereinten Staaten gefunden wird, juſt die gehörige Breite, einen Cotton⸗ baum von einer Baumwollenſtaude zu unterſcheiden; freilich hat er nicht das Kühne unſerer virginiſchen und New⸗Yorker Flüſſe, aber—“ „Gebe kein Five penny bit für ein Waſſer, das nicht Winter und Sommer Dampfſchiffe von fünf⸗ hundert Tonnen trägt;“ meint Doughby,„aber Euer Red⸗River trägt ſte ja bis zu den Rapides, höre ich.“—. Ich nickte lachend über die Conceſſton eines Miſſi⸗ ſippi⸗Mannes, unſerem Red⸗River gethan.„Eure Miſſiſippi⸗Männer ſind auf den Ruhm ihres Stromes eiferſüchtiger, als die alten Kaiſergardiſten auf den ihres kleinen Korporals,— ſehen auf alle andern Ströme der Erde mit wegwerfender Geringſchätzung herab, und dieſe in eine Parallele mit ihrem Vater Miſſiſippi zu bringen, iſt nicht jederzeit rathſam.“ — e 169 6— „Gebe kein Five penny bit für einen Fluß,“ raſſelt es hinter uns aus einer Kehle, die mit den Worten zugleich einen ſtarken Toddygeruch von ſich gibt,„der Euch Jahr aus Jahr ein Euer Leben nicht ruhig ge⸗ nießen läßt, und Euch zwingt, Tag und Nacht wie Biber an Euern Dämmen zu ſchaffen und zu wachen,*) auf daß die Landkrebſe kein fauſtgroßes Loch hinein⸗ bohren, Euch ſo eine gute Gelegenheit offeriren, nach Penſacola ⸗*) hinüber gefluthet zu werden.“ Die Perſonage, die uns ſo unzeremoniös in die Rede fällt, iſt angethan mit einem Zwilchkittel, hat einen ſtarken Ledergurt um den Leib, einen Strohhut auf dem Kopfe, dem jedoch die Hälfte des Randes fehlt, und Schuhe an den Füßen, an deren einem ein Sporn angeſchnallt iſt, ein gewaltiger Dolch ſteckt in ſeinem Ledergürtel. Wie er trotzig auf ſeiner ſechs *) Die Pflanzungen am Miſſiſippi ſtoßen durchgängig an das Stromufer, die ſogenannte Levee, und laufen 40 Arpens (Aecker) landeinwärts; dieſe Levee(Stromdamm) muß von den Pflanzern im Stande gehalten werden, und die Vernachläſſigung einer unbedeutenden Oeffnung, durch die ſogenannten Landkrebſe eingebohrt, hat häufig furchtbare Verheerungen angerichtet. **) Seehafen und Arſenal der Vereinigten Staaten in Weſt⸗ Florida. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 12 leuchtenden Eulenaugen die Luſt zu einem Rough und Tumble*) nicht undeutlich herausleſen; bald ſieht er mich an, bald Doughby, ſteht aber unbeweglich. Dieſer richtet einen ſcharfen Seitenblick auf den Hinterwäldler, und wirft ihm dann, ohne ſeine Stel⸗ lung zu verändern, die Worte hin: „Werdet doch nicht ſagen wollen, daß der Mann, der eine Gill Whisky mit einem Zug leert, nicht mehr vermag als das Gill. Euer Rid⸗River iſt juſt das Gill, das unſer Miſſiſippi ſo leicht zu ſich nimmt, wie ich es thue.“ „Gibt's aber wieder von ſich, Mann! iſt ihm zu viel geworden das Gill, Mann! 4**) replizirt der gerade gut gelaunte Hinterwäldler trocken „Pah, Euer Red⸗River! Wäre ſein Waſſer nicht gar ſo ſchlecht, glaube, ich könnte ihn ſelbſt leeren.“ Der Hinterwäldler maß auf dieſe Worte Doughby einige Augenblicke mit verbiſſenen Lippen vom Kopf *) Ein tüchtiges Boxen, Raufen. **) Bekanntlich öffnet ſich, ungefähr eine Lieue unter der Mündung des Red⸗River in den Miſſiſippi, dieſer einen Ausfluß durch das Atchafalaya⸗Bayon in den Golf von Merxiko. Fuß hohen Rifle lehnt, läßt ſich aus den wild launig — 171— zu den Füßen, und ſchrie dann einem weiter zurück⸗ ſtehenden Lederwamſe mit dem eigenthümlich hinter⸗ wäldleriſchen Kopfrucke zu: „Tom hörſt Du? wollen mit dem Manne da kein Pulver mehr verſchießen, ſehe, der trifft das Ziel mit einem Schuſſe zweimal. Der frißt die große See⸗ ſchlange, von der die Yankees ſchwätzen, zum Früh⸗ ſtücke, und ſäuft den Red⸗River dazu aus. Laßt ihn doch laufen, unſern Red⸗River;“ wandte er ſich an Doughby,„könnte Euch ſonſt noch Magenweh ver⸗ urſachen.“ Ein brüllendes Gelächter erſchallt zugleich mit die⸗ ſem hinterwäldleriſchen Erguſſe. „Will es Mann, will ihn laufen laſſen, Euern Red⸗River;“ verſetzt Doughby gravitätiſch, beinahe gnädig,„will ihn laufen laſſen, den armen Teufel von Red⸗River, iſt ohnedem bloß für Alligatoren und snapping Turtles.“— „So wie Euer Miſſiſippi für das gelbe Fieber;“ lacht der Andere. „Holla! was ſagt Ihr? Unſer Miſſiſtppi für das gelbe Fieber— ſage Euch, unſer Miſſiſtppi iſt gut für Alles, nur nicht für ſolche Laternengeſichter, wie 12* — 0 172 6— Ihr ſeyd. Unſer Miſſtſippi iſt ein gutes Waſſer, ein heilſames Waſſer, ein befruchtendes Waſſer, das erſte, beſte Waſſer in der Welt.“ „Doughby!“ mahnte ich;„Keine Eurer wilden Treibjagden— vergeßt nicht, daß Mistreß Doughby und Eure Freunde zugegen ſind, denen eigentlich Eure Aufmerkſamkeit zugewendet ſeyn ſollte.“ „Vergeſſe es nicht, Schwager,“ raunt mir Doughby zu— naber mein Land, unſern Miſſiſippi,“ verbeſſert er ſich,„kann ich doch nicht auf eine ſolche Weiſe ſchmähen laſſen.“ Ich ſchüttelte unwillig den Kopf, während er näher auf den Sporenmann zutritt, um den ſich bereits ein Knäuel brüllender, lachender, halb Pferd⸗ halb Alli⸗ gatorengeſichter gereiht, den Mann zu ſchauen, der den Red⸗River auszutrinken ſich getraut. Jedes Wort, das geſprochen wird, iſt von ſchallendem Roß⸗ lachen begleitet. Auf dem Verdeck ſchwirrt es wie in einem Bienenſchwarme: Pflanzer von Avoyelles⸗, Rapides⸗, Cane⸗River⸗Stationen*), mitihren Frauen *) Die bedeutendſten Niederlaſſungen am Red⸗River werden ſchlechtweg Stationen genannt— als Vakers, Avoyelles, Rapi⸗ des, Gaillards, Cane River, Natchitoches, Bayon Pierre u. ſ. w. — 173— und Töchtern, Amerikaner und Creolen, Franzoſen und Spanier, bekannte und unbekannte Geſichter; der beſſer ausſehende Theil der zeitweiligen Bevölkerung, worunter einige prachtvolle Damen⸗Exemplare, ſcheint befliſſen, die möglichſt große Diſtanz zwiſchen ſich und die Hinterwäldler zu legen. Louiſe beginnt gleichfalls nachzuziehen. Mehrere Creolen, wie ſie uns erken⸗ nen, kommen auf uns zu und begrüßen uns mit creo⸗ liſchem Empreſſement.— Ich ſtand noch zwiſchen Louiſen, die hin⸗, und Julien, die herzog; Le Blanc, Bontemps, Devaux Rilieu vor mir, Alle uns auf einmal beſtürmend, und ganz Freude und Frohlocken, uns ſo wohl zu ſehen, und das Vergnügen unſerer Geſellſchaft zu haben. „Doughby, die Meſſteurs wünſchen Eure Bekannt⸗ ſchaftzu machen, ſind Freunde unſeres Schwiegervaters.“ Doughby hört nicht. „Vermuthe,“ ſchreit er dem Sporenmanne zu;„ſeyd ſo eine Yankeebrut, ein Tarifmann, habe wenigſtens keinen, der dieſſeits Maſons und Dixons Linie*) das *) Eine imaginäre Linie, die die Sklaven haltenden Staaten von denjenigen trennt, in denen die Sklaverei geſetzlich aufgeho⸗ ben iſt; ſie läuft von Virginien den Ohio hinab. — d 174— Licht der Welt erblickt, den Vater der Ströme läſtern gehört.“ Doughby, indem er ſo ſpricht, tritt abermals einen Schritt näher auf den Mann zu, den er halb trotzig, halb launig anſchaut. „Doughby,“ ſage ich,„Meſſteurs Le Blanc, LEſtaing, Rideau, Rilieu, alle die Herren wünſchen das Vergnügen Eurer Bekanntſchaft— „Monsieur Doffby!“ ſchreien die Creylen—„Un petit moment, nous vous saluons“— „Un petit moment,“ giebt Doughby zurück,„nous vous salivons aussi.— Willl es nur zuerſt mit dem Sporenmanne da ausmachen, bin im Augenblick bei Ihnen.“ Der Sporenmann lächelt höhniſch— um ihn herum Squatters, Jäger, Viehhändler, et hoc genus omne. Die Spannung wird immer größer, doch hat Doughby's Weigerung, ihre Geſellſchaft aufzu⸗ geben, und ſich an die der Creolen anzuſchließen, ihn augenſcheinlich um einige Prozente in ihren Augen gehoben. Die ſchneidend und nichts weniger als lieb⸗ lich verzogenen ſcharfen Geſichter beginnen etwas wie Achtung für den Mann auszudrücken, der gute Ge⸗ — * —= 175— ſellſchaft zu ſchätzen weiß, ſelbſt auf die Gefahr hin, einen Rough und Tumble als Zugabe mitzunehmen. Der Sporenmann ſteht noch immer unbeweglich, all der trotzigen Würde eines ſeiner Kraft ſich be⸗ wußten Herausforderers. „Sage Euch,“ ſchreit Doughby,„kein reeller Ame⸗ rikaner läſtert den Vater Miſſiſtppi, ſo wenig als den alten Hickory. „Und wer hat den alten Hickory geläſtert?“ verſetzt der Sporenmann ſcharf.„Wer wird den alten Hickory läſtern? Wollte ihm ſeine Zunge ölen, ihm das Lä⸗ ſtermaul ſtopfen. „Kommt der Wind von dieſer Seite hergepfiffen?u lachte Doughby, den Kopf luſtig aufwerfend.„Wußte es doch gleich, mit wem ich zu thun hatte. Glaubt Ihr, Sporenmann, hätte mich da mit Euch abgegeben, konnte ich auch nur im leiſeſten vermuthen, Ihr habet das ſchmutzige Adamspanier auf Euern Maſt ge⸗ nagelt, hätte Euch erlaubt, Euern Spaß mit mir zu treiben? Will erſchoſſen ſeyn, wenn ich's gethan hätte. Bin ein reeller Demokrat, Mann, bin kein Ariſtokrat, bin ein Spann aus dem alten Kentuck;“ ſchrie er fröhlich —= 176— und wild dem Manne zu, ihm huldreich ſeine Bären⸗ tatze als Friedensunterpfand hinſtreckend. „Von oben oder unter den Fällen?“*) fragt lako⸗ niſch der Hinterwäldler, der nicht minder würdevoll, aber um vieles bedächtlicher ſeine Hand entgegenreicht, und die Doughby's erfaßt, den andern Arm noch immer auf die Rifle geſtützt. „Von Cumberland Bend, von unter den Fällen, Mannzu ſpricht Doughby. „Von Cumberland Bend!“ gellt der Sporenmann, „da müßt Ihr ja den Dick Blows kennen? „Werde doch den Dick Blows kennen, den Nachbar von meiner Mutter Sohne, der keine fünfzehn Meilen von meiner Mutter Dache wohnt. „Da ſeyd Ihr alſo der wilde Ralph, wie Euch die Umgegend auf fünfzig Meilen getauft;“ ſchreit der Sporenmann, die Hand des wilden Ralph ſtärker er⸗ faſſend,—„und erinnert Euch nicht mehr an Ben Blows? „Ben Blows!“ jollt Doughby;„Ben Blows! Und ſeyd Ihr es wirklich? und ſehen meine Augen *) Die Ohiofälle bei Louisville. NE N —= 177—. den Bärentödter Ben Blows? und welcher Nordoſter bringt denn Euch herab nach Louiſiana, Ben Blows? Dachte mir Euch drüben in Colonel Auſtins Nieder⸗ laſſung in Texras. Ei, Ben Blows!“ „Bin ein Louiſiana⸗Mann, Ralph, zwiſchen dem Red⸗River und Monroetown, Ralph!— konntet es merken, Ralph! ſo wie ich die Parthei des Red⸗River nahm. Was ginge mich ſonſt der Red⸗River an, aber als halber Redriver⸗Mann konnte ich ja nicht anders, wäre ja unpatriotiſch geweſen, ſeine Parthei nicht zu nehmen.“ Und der neue patriotiſche Zug iſt ein wahrer Zug, ein ſcharf ausgeprägter Zug in unſerem Nationalcha⸗ rakter. Unſer Patriotismus fängt nämlich richtig nicht ſo ſehr bei uns ſelbſt an, als vielmehr dem Erd⸗ flecke, den wir ſo eben inne haben, über dieſen laſſen wir abſolut nichts kommen, der iſt unſerem Herzen das Theuerſte, das Nächſte auf der lieben Gotteswelt — daneben ſteht in gehöriger Diſtanz das County, das uns ſeinen integrirenden Beſtandtheil zu nennen das Glück hat, in weiterer mäßiger Entfernung der Staat, in dem wir leben, und zuletzt umſchließt das Ganze die weite Union, über die ſich die — 178 6— Wärme unſerer patriotiſchen Gluth oft recht matt hin⸗ Hreitet.— „Und glaubtet Ihr,“ ſchreit nun Ben Blows, ver⸗ kannte Euch nicht, wußte nicht, wen ich vor mir habe? Glaubt, hätte Euch ſo an mich heranprotzen laſſen, und Euer keckes Schwadroniren ſo mir nichts dir nichts eingeſteckt?— Wußte es Ralph, wen ich vor mir hatte— ſoll mich Lynchs Law*) am Halſe faſſen, ſo ich Euch ſonſt durch die Finger geſehen hätte.“ „Sage Euch,“ ſchreit ihm wieder Doughby ſeiner⸗ ſeits zu,„habe Euch, ehe wir an meines Schwagers Pflanzung ausſtiegen, mächtig haarſcharf aufs Korn genommen, ſchienet mir der Mann, und doch wieder nicht, freut mich jedoch, daß Ihr der Mann ſeyd, freut mich, alte Bekannte und Countys⸗Genoſſen zu ſehen, zu hören, wie es geht und ſteht. Ben Blows, bin froh, Euch zu ſehen.“ Die Erkennungsſeene wird jetzt rührend,— zart, — zum Berſten. Ben Blows hält die Hand Dough⸗ by's in der ſeinigen, rollt ſeine Nachteulenaugen *) Standrecht, findet zuweilen in den Hinterwäldern jenſeits des Miſſiſippi ſtatt, wenn Verbrecher auf der That ergriffen werden. — d 179— triumphirend über die Gruppen hin; Doughby, nicht minder ergriffen, hält ihn mit der Linken bei der Schulter— obwohl ein aufmerkſamer Beobachter einen ſtarken Zug kentuckiſcher Ironie um ſeine Lippen ſpielen ſehen kann. Nun geht es über Julien her, ohne Zweifel wird ſie der Ehre theilhaftig, dem horriblen Ben Blows und Compagnie aufgeführt zu werden. Louiſe ſcheint derſelben Beſorgniß Raum zu geben, denn ſie redet angelegentlich mit Bontemps und LEſtaing, Freun⸗ den der Familie, die zugleich hinüberrufen: „Misthere Doughby, einen Augenblick, wenn es beliebt!“ „Sogleich, ſogleich,“ ſchreit ihnen Doughby zu. „Sage Euch,“ fährt er zu Ben Blows gewendet fort, „freut mich Euch zu ſehen, zu hören, wie es ſteht und geht in unſern Landestheilen, was man vom alten Hickory ſagt. u „Und was ſoll man vom alten Hickory ſagen, als Gutes? Wer wird etwas anderes als Gutes ſagen? Wollte ihn ſehen!“ „So ſollte man wenigſtens;“ verſetzt Doughby —=0 180 6— gravitätiſch,„aber daß nicht alle Zungen daſſelbe ſa⸗ gen, Ben Blows, das wißt Ihr ſo gut wie ich.“— „Und was ſagen ſie?“ fragt Ben Blows. „Mehr als ich wieder ſagen kann,“ verſetzte Doughby; nobwohl ihr Geſchwätz das Gerade nicht mehr krumm, das Gleiche nicht mehr ungleich machen kann. Der alte Hickory ſteht in ſeinen eigenen Schuhen, Mann!“ verſichert er ihn mit der Miene eines Gerichtspräſidenten. „Freut mich, das zu hören, Capitän Doughby,“ verſetzt Ben Blows. „Major Doughby, Ben Blows! Major Doughby von New⸗Feliciana⸗County. Es iſt Major Doughby von New⸗Feliciana, der es Euch ſagt, und mögt es wieder ſagen: der alte Hickory ſteht gut, hat einen guten Stand. Wie kann er anders als einen guten Stand haben?— ein guter Stand, ſage ich, ein herr⸗ licher Stand, ein guter prächtiger Stand, den der alte Hickory hat. Sage Euch, der Stand des alten Hickory iſt immer ein guter Stand, ein kernſolider Stand, ſteht immer in ſeinen Schuhen, gleichviel, ob er Roth⸗ röcke oder Rothhäute ſich gegenüber hat, ſchlägt alle aufs Haupt, hat alle in die Pfanne gehauen.“ 3 i 3 — —= 181 6— 3 „Wollen nur ſehen, wo das wieder hinaus will; er fällt bereits in ſeinen weiten und breiten Hinter⸗ wäldler⸗Jargon.“ „Das wirſt Du bald ſehen;“ flüſtert mir Richards zu— niſt dir ein ſchlauer Teufel.“ „Pah! eine ſeiner gewöhnlichen Herzensergießun⸗ gen.“ Richards aber ſchüttelt das Haupt, und ſeine Miene wird bedenklich. Während Ben Blows und Compagnie Victoria brüllen, treten mehrere Pflanzer aus den Mittelſta⸗ tionen, die ſich in einiger Entfernung gehalten hatten, näher. „Alſo entſchieden, Major Doughby?“ fragt Capi⸗ tän Johns. „Grüß Euch, Capitän Johns,“ſchreit ihm Doughby zu; nſehr erfreut Euch zu ſehen, Capitän Johns. Entſchieden, fragt Ihr? Und könnt noch zweifeln— zweifeln, ob der aufgeklärte Weſten, die old Domi- nion,*) Nord⸗ und Süd⸗Carolina, Georgia, Ala⸗ *) Die alte Herrſchaft, eine Benennung, die ſich Virginien als der älteſte Staat, der früher den bedeutendſten Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Geſchäfte übte, beilegte. — d 182— bama und ſo fort, ſich von den erfrornen Yankees länger bei der Naſe herum führen laſſen werden? Sage Euch, der Weſten iſt der Herr der Union, wenn er zuſammenhält; vor ihm muß ſich jedes Panier ſenken. Entſchieden, fragt Ihr?“ fährt Doughby fort, der in ſeine Bruſttaſche nach ſeinem Portefeuille haſcht, es aufreißt, und eine Menge gedruckter Blättchen in Vorſchein bringt.„Entſchieden, fragt Ihr?“u ruft er triumphirend.—„Will Euch's ſagen, ob es ent⸗ ſchieden iſt. New⸗York gibt ihm zwei Drittel, ſage vier und zwanzig, Pennſylvanien ſein ganzes General Ticket,*) acht und zwanzig Stimmen; Virginien *) Die Art und Weiſe der Präſidentenwahl iſt verſchieden in den verſchiedenen Staaten; einige wählen durch General Ticket, wo die Majorität der Stimmen dem Candidaten alle Wahlſtimmen, zu denen der Staat berechtigt iſt, zubringt; andere durch Diſtrikte, wo die Wahlſtimmen des Staates oft zwi⸗ ſchen mehrere Candidaten getheilt ſind. In beiden Fällen wählt das Volk ſeine Mandatäre mit der ausdrücklichen Verpflichtung, dieſem oder jenem ſeine Stimme zu geben. So erhielt bei der Wahl, von der hier die Rede iſt, General Jackſon von New⸗York 24 Stimmen, Adams die übrigen 12; von Pennſylvanien hinge⸗ gen fielen A. Jackſon alle 28 Stimmen zu, obwohl mehrere Di⸗ ſtrikte ſich für Adams erklärten. In einigen Staaten werden die Wahlmänner, die den Präſidenten erwählen, von dem geſetzgeben⸗ den Körper ernannt.. — 0 183—. ſeine vier und zwanzig Stimmen, Nord⸗ und Süd⸗ Carolina, Georgia und Alabama ſind für ihn, ſage Euch, eine glänzende, eine mächtige, eine ungeheure Majorität. Der Feind iſt unſer.“ „Victoria!“ brüllte es abermals aus dreißig Kehlen. „Es iſt entſchieden,“ fährt Doughby mit dem Ge⸗ wichte eines Sprechers des Hauſes der Repräſentan⸗ ten fort;„der alte Hickory hat den Tag gewonnen, der Held des Weſtens den Sieg errungen; aber Män⸗ ner, Mitbürger, Freunde! Der Sieg iſt ſchön, ſage ich, glorreich, ſage ich, ein ſchöner Sieg, ein glor⸗ reicher Sieg, aber was hilft mir ein ſchöner Sieg, ein glorreicher Sieg, und ſey er noch ſo glorreich, wenn ich nicht Antheil daran habe? Was hilft Loui⸗ ſtana der Sieg, ſo Louiſiana zu ſeiner Erringung nichts beigetragen? Kann, frage ich, unſer Louiſiana, wenn es nichts beigetragen zum Siege, auf die Sie⸗ gesbeute Anſpruch machen? Antwortet mir darauf, Männer, Bürger, Freunde!“ Und die Männer, Bürger, Freunde ſchauen den Wildfang mit großen, mit leuchtenden Augen, man ſteht ihnen die Begierde nach der Siegesbeute an, aber ſte ſchweigen. —=0 184 6— Doughby fährt fort:„Soll der Sieg unſer Herz erfreuen, müſſen wir ihn auch erfochten haben, ſollen wir auf die Beute Anſpruch machen können, müſſen wir ſie auch dem Feinde abgenommen haben!“ „Das ſagen wir auch,“ ſchreien zehn Stimmen. „Laßt hören, Major,“ zehn andere. „Wollen vernehmen, wie die Siegesbeute zu ver⸗ dienen iſt,“ eine dritte Schaar. „Geſprochen, wie wahre Demokraten ſollen,“ be⸗ kräftigt Doughby, feierlich die Hand erhebend;„ſage Euch, unſer Louiſiana iſt zur Siegesbeute ſo gut be⸗ rechtigt, als das alte New⸗York und Maſeachuſets und Pennſylvanien, und die alte Dominion obendrein. Kann die Trophäen ſo wohl brauchen, als dieſe. Louiſtana, ſage ich, iſt das Emporium des weſtlichen Handels, die Krone des Weſtens; aber es darf nicht länger am Karren des Federalismus ziehen, muß ſein eigenes Panier, das demokratiſche, das wahre an den Maſt nageln.“ „Sein eigenes Panier, das wahre, das demokra⸗ tiſche an den Maſt nageln;“ ſchrie die Mehrzahl des Haufens. „Keine Federals!“ laſſen ſich Andere hören. —=0 185 6— 1 „Weg mit den Federals, den Blue lights!“*) eine dritte Schaar. „Vt ſeyen die Ariſtokraten, die Federals!“ be⸗ ſchließen Alle. „Geſprochen, wie es aufgeklärten Bürgern des Südweſtens ziemt;“ bekräftigt Doughby.„Sagt mir neulich General Forbes: Major Doughby, ſagt er, gebt Acht, Major, unſer Louiſiana macht einen dummen Streich, wählt unglücklicherweiſe bei Diſtrik⸗ ten, iſt im Stande, unſer Louiſiana, und verſchleudert ſeine fünf Stimmen für nichts und wieder nichts, und wir gehen leer aus, wenn es auf die Vertheilung der Brode und Fiſche ankommt; in den weſtlichen Coun⸗ ties ſpuckt es. Was, ſage ich, General, der Weſten Louiſtana's einen dummen Streich machen, und ſeine Stimmen den Tarifmännern geben, den Koalitions⸗ männern geben; den Männern, die der Nation eine Naſe drehten, und ſchacherten, und die Stimmen des *) Werden die Anhänger des engliſchen Intereſſe von dem Umſtande genannt, daß ſie während der Blokade des Commodore Decatur durch das engliſche Geſchwader(in Conneetieut) blaue Leuchtkugeln aufſteigen ließen, ſo oft Decatur es verſuchte, dem Blokadegeſchwader zu entwiſchen. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 13 — 0 186 6— Volkes zuſammenkneteten in einen Teig, aus dem ſie ſich fette Stellen buken? Glaubt das nicht, General Forbes, ſind zwar meiſtentheils Creolen in den Sta⸗ tionen am Red⸗River, aber auch Amerikaner darunter, die Grundſätze im Leibe haben, und verabſcheuen das Mäckeln mit den ſouveränen Rechten des Volkes, und nimmermehr geſchehen laſſen werden— 4. „Habt Recht, Major Doughby, verabſcheuen die Koalition der Johnnys und Harris, wollen ſie be⸗ ſtrafen,“ fielen die Meiſten ſtrenge ein. „Ganz, wie ich es von den tüchtigen Redriver⸗ Männern erwartet habe,“ fährt Doughby mit einer ſehr tiefen Rundverbeugung fort.„Wie ich es von den Männern des Red⸗River erwartet habe,“ wieder⸗ holt er.„Sagt' es auch dem General. General, ſag⸗ ich ihm, ſind tüchtige Männer, treffliche Spänne, unſere Mitbürger in den Stationen am Red⸗River, und hinauf gegen den Ouachitta; ſind keine Narren, die ſich um ihre angebornen Rechte prellen laſſen; wiſſen, daß der alte Hickory Demokraten braucht, um ſeine Adminiſtration zu bilden; braucht Männer, General Forbes, ſagt' ich, braucht Männer, die die Aemter, die die Federals inne gehabt, tüchtig auszu⸗ — 187 G6— füllen im Stande ſind; braucht tüchtige Geſellen zu Staatsſekretären, zu Kriegsſekretären, zu Marine⸗ ſekretären, zu Finanzſekretären, zu Agenten bei aus⸗ wärtigen Potentaten, bei unſern Indianerſtämmen; zu Poſtmeiſtern, Collectoren, Surveyoren*) in den Seehäfen. Hört Ihr, ſo eine Collectorſtelle mit fünf⸗ tauſend Dollars per annum iſt Euch gar kein übler Biſſen, bürg' Euch dafür; ſo eine Geſandtenſtelle bei einem auswärtigen Potentaten mit neuntauſend per annum, und neuntauſend anderen zur Ausſtattung als Handgeld.— Und laßt Euch nur ſagen, dieſe Stellen hatten unter dem Johny die Federals alle,— alle hatten ſie ſie.“ „B-t ſeyen ſte dafür!“ brüllten Alle mit einer Einmüthigkeit, die ungemein muſtkaliſch klang. „Wüßte nicht, warum ein ächter Demokrat nicht auch ſo eine Geſandtenſtelle haben ſollte,“ meint der Sporenmann Ben Blows, während er ſich vom Kopf zu den Füßen mit nicht geringem Wohlgefallen be⸗ ſteht;„Gäbe nichts darum, ſo eine Stelle zu haben; habe immer viel Luſt verſpürt, die Welt zu ſehen.“ *) Zolleinnehmer— Controleure. 13* — 188 6— „Oder ſo eine Marineſekretärsſtelle, das wäre etwas für Dich, Tom, warſt ja zwei Jahre auf dem Wallfiſchfang in der Südſee, wenn Du nur den Gänſekiel beſſer handhaben könnteſt,“ ſchrie ein zwei⸗ ter Bill oder Jack. „In der Nantucket Polly Trimmings,“ verſichert Tom treuherzig—„In der Polly Trimmings von Nantucket; verſtehe es, einen Knoten zu drehen, kann Euch ein Topſail vom Royalſail unterſcheiden, und was den Gänſekiel betrifft, ſo dürfte ſich ja auch noch Jemand finden— „Der ihn für Euch in Bewegung ſetzt,“ fällt ihm Doughby, ohne eine Miene zu verziehen, ein.— „Wird ſich finden, Mann,“ verſicherte er ihn troſt⸗ reich.„Bürge Euch dafür, findet ſich.“ „Bin gerade nicht ſkrupulös,“ entgegnet Tom zu⸗ vorkommend,„gar nicht ſkrupulös, Major! könnt' es dem alten Hickory geradezu ſagen; wenn es nur der Mühe werth iſt. Sagt an, Major! was Ihr wollt, das zu thun iſt. Wollen unſere Schuldigkeit thun, hoffen aber, der alte Hickory wird ſie auch thun, ſonſt bei G—tt!“ „Wollen wir ihn hickoriſtren, daß er an uns den⸗ —:= 189— ken ſoll, ſein Leben lang;“ fiel ein Dutzend Stim⸗ men ein. „Werdet es nicht nöthig haben, Männer,“ betheuert Doughby zuverſichtlich.„Gar nicht nöthig, Euer Amendement. Thut Eure Schuldigkeit, tragt zum Siege bei, und die Beute iſt Euer. Habt jetzt Gele⸗ genheit dazu, die ſchönſte Gelegenheit, ſage ich. Zwar iſt der Sieg entſchieden, wie geſagt, aber Louiſtana ſoll an dieſem Siege ſeinen Theil haben, auf daß es ſeinen Theil an der Beute habe.“ „Sage Euch,“ fährt er in leiſerem confidentiellen Tone fort,„ſage Euch, läßt ſich vieles thun. Iſt zwar bereits zur eilſten Stunde, aber vieles läßt ſich thun, ſind aber der Ohren zu viele, verſteht Ihr, und nicht für alle Ohren paſſen die Neuigkeiten, die ich Euch mitzutheilen habe, wollen an einen Ort, wo wir unſer Council Wigwam*²) ſicherer aufſchlagen kön⸗ nen,— und glaube, wir thäten eben ſo wohl, wenn wir die Gentlemens⸗Cabin für eine halbe Stunde in Anſpruch nähmen,— wir ſind die Majorität auf *) Die Gemeindehütte, in der die Indianer ihre National⸗ Angelegenheiten berathen. —= 190 6— dem Dampfſchiffe, und wer kann dagegen etwas ein⸗ wenden?“ „Sind die Majorität,“ fielen Mehrere ein,„die Majorität beſchließt, die Minorität gehorcht.— Wollen in die Gentlemens⸗Cabin.“ „Die Gentlemens⸗Cabin,“ bekräftigte Doughby, „die wir hiermit zum Hauptquartier unſerer demo⸗ kratiſchen Verſammlung erklären.“ „Die wir zum Hauptquartier unſerer demokratiſchen Verſammlung erklären;“ fallen Alle feierlich ein.— Und wie die letzten Stimmen verhallen, ordnen ſich auch bereits die der Treppe zunächſt Stehenden in eine Marſchkolonne, einige Worte werden noch ge⸗ murmelt, und die Erſteren ſetzen ſich in Bewegung, eines herablaſſend vornehmen Kopfnickens würdigen ſte noch die Creolen, dann ſteuern ſie der Treppe zu, ihnen nach, was mich wirklich einigermaßen wundert, die Capitäne, Trumbull, Heath, Blount; Doughby, mit einigen Pflanzern aus Rapides⸗ und Coles⸗ Niederlaſſung beſchließt den Zug. Der Embryo⸗ Demagog wirft noch einen launigen verſchmitzten Blick herüber auf uns, flüſtert Julien, die zu ihm — 0 191 6— herangetrippelt, etwas in die Ohren, und verſchwin⸗ det in den Windungen der Treppe. „Statt des Rough und Tumble, ſcheint es, haben wir politiſche Reſolutionen zu erwarten, Richards.“ „Habe es vermuthet,“ entgegnete Richards mit verbiſſenem Grimme; n„der Satan gibt kein Wort umſonſt aus, Alles weiß er zu ſeinem Vortheil zu drehen.“ „Pah, wozu all dieſen Aufwand kentuckiſcher Be⸗ redſamkeit? Das Ganze iſt Thorheit.“— „So glaubſt Du, ich aber nicht, und wenn er nichts weiter gewinnt, ſo zeigt er ſeiner Parthei, daß er keine Gelegenheit verabſäumt, für ſie thätig zu wirken; ich habe aber Grund, zu vermuthen, daß er einen Streich im Schilde führt.“ „Pshaw! Der Mann vergißt über ſeinem ewigen Jackſon, was er der guten Lebensart ſchuldig iſt. Aergert mich, wird den Kentuckier nimmermehr aus⸗ ziehen.“ Richards ſchüttelt den Kopf, ſo wie ſein ganzes Weſen Unruhe verräth. Auch Mistreß Houſton hatte die letzten Vorgänge mit geſpannter Erwartung be⸗ obachtet. Sie trat nun auf uns zu. —= 192— „Ich merke wohl,“ fährt Richards fort,„daß Du Deinen Schwager blos zur Hälfte, von ſeiner tollen Seite nämlich, kennſt. Sey verſichert, daß ſeine Wildheit, obwohl ſie ihm früher natürlich war, es jetzt nicht mehr iſt, daß er ſie aber an⸗ und auszieht, wie ſie nachgerade in ſeinen Kram taugt, und er ſie an Mann bringen kann, um ſeinen Einfluß bei den Dicks und Jacks und Toms geltend zu machen. Sage Dir, iſt Dir ein verſchmitzter, kecker, unverſchämter, ſchlauer Teufel mit einer Doſis Verſtellungsgabe, die ich ihm nimmermehr zugemuthet hatte. Hat uns mehr Schaden zugefügt, als die ganze demokratiſche Comitee zuſammengenommen.“ Ich ſchüttelte ungläubig den Kopf.„Du entwirfſt mir da von meinem lieben Schwager ein Bild— a „Du weißt alſo nicht,“ fuhr Richards fort,„daß er ſeit vier Wochen einer der Delegaten des dirigiren⸗ den demokratiſchen Comitee, mit dem alten Hickory und ſeinen beiden Adjutanten in genaueſter Verbin⸗ dung ſteht, in Verbindung ſteht mit den ſüdlichen und nördlichen Counties, mit den Miſſtſippi⸗, Alabama⸗ Staaten, daß kein Tag vergeht, wo nicht Couriere bei ihm ankommen?“ — 0 193— „Und ſeit wann hat er denn dieſe portenteuſe Wich⸗ tigkeit erlangt?“ „Wichtig war er immer durch ſeine imperturbable Keckheit, Unverſchämtheit, er iſt der Mann für das Volk, die Mittelklaſſen; ſeit ſeiner Heirath hat er aber auch mit den erſten Männern Verbindungen angeknüpft; der weiß errungene Vortheile beſſer gel⸗ tend zu machen, als— ℳ „Beſſer geltend zu machen als?“ wiederholte ich. „Als Mister Howard,“ fiel Mistreß Houſton ein.—„Ja, Mister Howard! geben Sie Acht auf Ihren Schwager.“ Ich ſah die Dame ſcharf an,— ſie hielt aber meinen Blick ruhig aus.— Wir hatten uns allmählig von den Creolen entfernt und der Treppe genähert; Mistreß Houſton ſetzte den Fuß auf die oberſte Stufe.— „Wohin ſollen wir, Mistreß Houſton?“ „Sie fragen wohin, wenn die unten ſich in eine Verſammlung ceonſtituiren, in Ihrem eigenen County, vor Ihren Augen ſich conſtituiren?“— „Was kann er thun?— Ein paar Reſolutionen mehr, wie ſie unſere Meetings jeden Tag zu Tauſen⸗ den in die Welt fördern.“ — 9 194 6— „Er iſt nicht der Mann,“ entgegnete ſie beſtimmt, „ſich mit leeren Reſolutionen zu begnügen,— er führt etwas Wichtiges im Schilde. Ich ſah es ihm an den Augen an. Sind Sie Ihrer Stationen für unſere Parthei verſichert?“ „Die Mehrzahl ſind Creolen, und folglich Anti⸗ Jackſoniſten.“ „Sind Sie der Majorität verſichert?“ wiederholt ſie geſpannter. „Wie kann ich?“ die Wahrheit zu geſtehen, be⸗ kümmerte ich mich die letzten ſechs Wochen nur wenig um öffentliche Angelegenheiten— wie konnte ich auch? Ich hatte die Hände ſo voll mit meinen eigenen— 4 Mistreß Houſton warf einen troſtloſen Blick auf Nichards. „Sehen Sie,“ murmelte ſie halb verdrüßlich,„ganz wie ich befürchtete— mich ſollte es nicht wundern, wenn die Stationen und weſtlichen Counties uns ent⸗ gingen, und er noch zur eilften Stunde ſeine Parthei gewänne, was wir aus purer Fahrläſſigkeit zu con⸗ ſerviren verabſäumten.“ „Das kann ich nicht glauben,“ tröſtete ich ſie. „Seyen Sie verſichert, er kommt mit Vollmachten — 8 195 6— vom General⸗Comitee, und ſpielt uns einen Streich, den unſere Parthei nicht leicht verſchmerzen wird. „Er kommt zum Familienfeſte, das mein Schwie⸗ gervater morgen, am fünften Oktober, ſeit Jahren zu geben pflegt, und Sie thun dem guten Jungen zu viel Ehre an, ihm ſo weit ausſehende Pläne zuzu⸗ muthen.“ „Wir wollen bald ſehen,“ verſetzte ſie, während ſie leiſe die Thüre des Damenſalons öffnet. Dieſer, von dem anſtoßenden Saale der Gentlemen blos durch eine Bretterwand getrennt, ließ jedes Wort, das in dieſem geſprochen wurde, deutlich ver⸗ nehmen. Wider Vermuthen ging es in der demokra⸗ tiſchen Verſammlung ungemein ruhig, ja anſtändig zu. Mehrere Stimmen waren zu hören, unter dieſen die Doughby's, der ſich vernehmen ließ: „Ja, Mitbürger! Demokraten! Die Wahlfreiheit iſt zu jeden Zeiten in unſerer Republik als ein Vor⸗ recht angeſehen worden, das die Prinzipien unſerer Freiheit,— als niedergelegt in dem geſchriebenen Vertrage der Staaten— zu garantiren beſtimmt iſt,— inſofern die Grundſätzeaten der Candid dieſen Prinzipien mehr oder weniger entſprechen. Kaum —= 196 6— glaube ich es daher vonnöthen zu haben, Euch die Wichtigkeit der gegenwärtigen Wahl ans Herz zu legen,— einer Wahl, die die Rechte des Volkes gegen die Selbſtſucht verdorbener Politiker vindiciren ſoll, einer Wahl, die da ſchwebt zwiſchen einem ſelbſt⸗ ſüchtigen, ämterſüchtigen, ränkeſüchtigen, abtrünni⸗ gen, den Mantel nach dem Winde drehenden, mit der Staaten⸗Bank mäckelnden, wortbrüchigen, den Grundſatz, daß der Zweck die Mittel heilige, auf⸗ ſtellenden Federaliſten, John Adams genannt, auf der einen— und dem reinen, für ſein Land glühenden, brennenden, fechtenden, Aufopferungen aller Art er⸗ duldenden, makel⸗, tadelloſen Demokraten, Andrew Jackſon, auf der andern Seite.“— Ich mußte herzlich lachen. Doughby fährt fort: „Mitbürger!— Wir, die wir dieſe Wahl als von größter Wichtigkeit betrachten, haben dieſe achtbare Verſammlung in Kraft der uns delegirten Gewalt zu⸗ ſammenberufen, die Mittel in Anbetracht zu nehmen, beſagte Wahl in jedem Bezirke, jedem Townſhip, jedem County der Union zu befördern— und thun in beſagter Abſicht den Vorſchlag, ſogleich die Sta⸗ — 197— tionen am Red⸗River bis hinauf nach Natchitochas zu bereiſen, bereiſen zu laſſen:—.“ „Verdammter Junge!“ murmelte ich. „Bereiſen, bereiſen zu laſſen,“wiederholt Doughby, „auf daß alle disponiblen Kräfte bis nächſten Mon⸗ tag, dem Wahltage der Delegirten für die Präſiden⸗ ten⸗ und Vicepräſidentenwahl, aufgeboten werden mögen. Iſt die achtbare Verſammlung einverſtanden?“ Sie iſt es. „Capitän Johns, nehmen Sie die Reſolution zu Protokoll.“ Es entſteht eine Pauſe. Doughby unterbricht ſie: „In Folge dieſes Beſchluſſes ſchlage ich, Ralph Doughby, Major und Delegirter der demokratiſchen Comitee, vor, als Abgeordneten nach Bakers Station ſogleich zu ſenden— ℳ „Den Mister Bill Herries,“ ſprachen die Kapitäne Trumbull und Heat „Der Bürger Bill Herries,“ bekräftigte Doughby, niſt vorgeſchlagen, beſagte Station zu bereiſen, und gegenwärtiges Schreiben an James Wrong zu über⸗ geben;— auch zwei Tage, von heute an, zu ſeiner Dispoſition zu ſeyn. Sind die Bürger einverſtanden?“ — 198 6— „Wir ſind es;“ antwortete die Verſammlung. „Habe nur einzuwenden,“ verſetzte Bill Herries, „daß meine Baumwolle⸗ und Tabackernte nicht ein⸗ verſtanden ſeyn dürften.“ „Die geſetzlich verſammelte Majorität repräſentirt die ſouveraine Nation, iſt Geſetz, Mister Bill Herries! der die Minorität, die ſeyd Ihr und Eure Taback⸗ und Baumwollenernte, alle drei, zu gehorchen haben.“ „Zu gehorchen haben;a fielen Alle lachend ein. „Die Majorität erwartet, daß Ihr, Mister Bill Herries, Eure Schuldigkeit thun werdet,“ fuhr Doughby fort;„da Ihr der Comitee verantwortlich ſteht. Für welche Dienſte Euch, Mister Bill Herries, von gegenwärtiger Stunde an gerechnet, drei Dollars als Reiſediäten angewieſen werden, zahlbar auf die⸗ ſen Draft.“ „Kapitän Johns! nehmen Sie die Reſolution zu Protokoll.“ Das geht nicht übel; der gute Herries gewinnt neun Dollars bei ſeiner Excurſton, und verſäumt dreihundert oder mehr.— Doughby verfügt über die Majorität gerade wie ein kleiner Buonaparte über ſeine Conſulargarden. —= 199 6— „Schlage ferner der achtbaren Verſammlung reiner Demokraten vor, einen ſichern thätigen Bürger in die Avoyelles⸗Station, und hinauf gegen den Ouachitta zu ſenden.“ „Mister Noah Wills von Avoyelles;“ riefen Mehrere. „Schlage alſo Mister Noah Wills von Avoyelles vor, ſchlage gleichfalls vor, ihn zu beauftragen, ſich zu den Pflanzern, Bürgern, Anſaſſen, Inſaſſen, weß Namens, Standes, Vermögens ſie ſeyn mögen, zu begeben, allezeit vorausgeſetzt, ſie ſeyen freie Weiße, ſtimmenberechtigte Bürger, und ſie anzuhalten, zu verhalten, bei den nächſten Polls um ſo gewiſſer zu erſcheinen, als der Sieg unſerer Parthei durch eine einzige Stimme entſchieden werden kann.“ „Wohl geſprochen, Major!“ fielen Alle ein. „Vergeßt ja nicht, auf jeden Buſch zu klopfen,“ fügt Doughby hinzu;„hinter den Büſchen liegen Bären und Hirſche. a „Ei und Wölfe und Panther;“ lachte Einer. „Gegen Wölfe und Panther hat er ſeine Rifle,“ fällt ein Zweiter ein. 1 „Stille Gentlemen!“ mahnt Doughby im Praͤ⸗ — e 200 G6— ſidententone.„Stille! ſind nicht zuſammen gekommen, noch haben wir uns verfaſſungsmäßig conſtituirt, um Kurzweil zu treiben. Haben uns verſammelt, das Beſte des Landes für und durch die nächſte Präſiden⸗ tenwahl zu befördern, eine Parthei zu beſtrafen, die den Grundſatz verwirklicht, ins Leben gerufen hat, das Volk müſſe betrogen werden.“ Wahrlich! der Wildfang ſpricht ſo rein praktiſch demokratiſch, als ob er es ſeit Jahrzehenden getrieben hätte. „Sehen Sie, er kommt wirklich als Delegirter der General⸗Comitee; dieſe Stunde kann für unſere Par⸗ thei in den weſtlichen Counties von unberechenbaren Folgen ſeyn.“ Richards, der das Ohr an das Schlüſſelloch hält, winkt mit der Hand Stille, denn abermals iſt die Stimme Doughby's zu hören. „Wir haben ferner auf eine Sendung nach Hol⸗ mes⸗ und Rapides⸗Stationen zu denken.“ „Ich ſchlage Mister Beard vor, der zwiſchen Hol⸗ mes und Rapides wohnt;“ läßt ſich abermals Capi⸗ tän Trumbull vernehmen. „Mister Beard iſt vorgeſchlagen. Sind Alle ein⸗ —= 201 6— verſtanden?— Sie ſind es. Mister Beard, Ihr übernehmt alſo hiermit die wichtige Verpflichtung, als Abgeordneter einer achtbaren demokratiſchen Ver⸗ ſammlung die Holmes⸗ und Rapides⸗Stationen für nächſten Montag in Bewegung zu ſetzen, gegen eine Entſchädigung von drei Dollars per Tag.“ „Mister Beard,“ fährt er fort,„Ihr erhaltet zu⸗ gleich den Auftrag, dieſes Schreiben, ausgefertigt von der dirigirenden Comitee von Louiſtana an Oberſt Downright zu übergeben, in welchem Schreiben— ℳ „Was iſt das für ein Schreiben?“ fällt Ben Blows ein. 4 „Was hat das dirigirende Comitee an einen Fe⸗ deral zu ſchreiben?“ Tom. „Was ſoll das Schreiben?“ Jack. „Dagegen thue ich Einſprache!“ brüllt Ben. „Ich gleichfalls!“ Tom. „Ich nicht minder!“ Jack, John, Ben, Alle zu⸗ ſammen. Die ganze Verſammlung hat an dem Manne einen Stein des Anſtoßes gefunden. Das Geſchrei, Gebrüll gegen das Schreiben wird ſtärker. „Oberſt Downright,“ bemerkt der Erſte, niſt ein Federaliſt.“. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 14 —"° 202— „Ein ſo arger Federaliſt als einer;“ faͤllt der Zweite ein. „Will jetzt eine neue Cocarde aufſtecken,“ lacht ein Dritter;„die alte iſt ſchmutzig geworden.“ „Brauchen ihn nicht, wollen nicht mit Turncoats in Reih und Glied marſchiren.“— Das Gebrüll des demokratiſchen Windſtoßes wird ſtärker, die Eiferſucht über die Zulaſſung eines Fede⸗ raliſten zum Antheil an der Siegesbeute tritt hinter⸗ wäldleriſch rauh hervor. „Sage Euch,“ brummt eine tiefe Baßſtimme— „geht immer ſo; zur eilften Stunde kommen ſie ge⸗ ſchlichen, die Ariſtokraten und Federals, und zur zwölf⸗ ten nehmen ſie den beſten Antheil an den Broden und Fiſchen.“ „Die Brode und Fiſche,“ fällt die Mehrzahl ein, nſollen ſie nicht haben. „Aber die Brode und Fiſche ſättigten fünftauſend, wie Ihr in Eurer Bibel leſen könnt, und hätten fünf⸗ tauſend mehr ſättigen können;“ argumentirt Doughby mit leiſerer, aber eindringlicher Stimme.„Sagt was Ihr wollt, das demokratiſche Comitee weiß was es thut, was es zu thun hat, kennt ſeine Leute. Der — 9 203 6— Mann iſt ein Tory, ein Federal, ein Turncoat,*) behauptet Ihr— wohl, ſey er's; kenne ihn nicht, mag ihn nicht kennen, liebe mir einen rechten reellen Demokraten; aber da wir nicht Alle Demokraten ſind, noch ſeyn können, ſo laſſet uns auch Turncoats haben; leben in einem freien Lande, Männer, und Turncoats ſind vonnöthen, und Wetterhähne ſind vonnöthen.“— „Brauchen keine Turncoats, brauchen keine politi⸗ ſchen Wetterhähne.“ „Geſprochen wie reelle Demokraten,“ verſichert Doughby mit einer Modulation ſeiner Stimme, die ſo ehrlich klingt!„geſprochen wie reelle Demokraten,“ wiederholt er,„aber nicht wie kluge Demokraten ſpre⸗ chen würden. Kluge Demokraten vergeſſen nicht, daß wo der Sieg zweifelhaft iſt, Inſpectoren**) vonnöthen ſind, die allenfalls die Wagſchale herabzudrücken im Stande ſind,“— dieſe Worte ſpricht der Spitzbube leiſe— nes iſt nicht genug, reiner Demokrat zu ſeyn, *) Abtrünniger, der ſeine Parthei für eine andere aufgibt. *) Der Wards oder Wahlbezirke.— Sie ſammeln die Wahkzettel der Stimmenden in die Ballotbüchſe,— öfters finden Mißbräuche dadurch Statt, daß ſie Stimmberechtigte zurückwei⸗ ſen, und Nichtberechtigte zulaſſen. 14* — eo 204 6— ſo wenig als es genügt, ein tapferer General zu ſeyn, man muß auch ein ſchlauer General zuweilen ſeyn, zu manövriren, dem Feind in die Flanke zu fallen wiſſen,— verſteht Ihr! Downright iſt ein Federal, ein Eilfter⸗Stunde⸗Mann, allein ſo wir ihn nicht nehmen, haben wir keinen Inſpector für uns.“ „Habt Recht,“ fallen mehrere Stimmen ein, unter denen wir die Capitäne Johns, Trumbulls, Weathe⸗ rells, Bawlings und Anderer erkennen, Männer vom ſtricteſten point d'honneur, die bei der bloßen Zu⸗ muthung irgend einer Zweideutigkeit Euch die Sporen in die Hüften ſetzen würden, aber Politik, das iſt na⸗ türlich zweierlei. Unſere Mitbürger in der Politik zu betrügen, iſt eine unſerer Bürger⸗Seligkeiten. Im Vorbeigehen ſey es bemerkt, unſere Demokratie mag recht gute Dinge haben, aber die alte hausbackene Tugend, Ehrlichkeit genannt, müßt Ihr nicht bei ihr ſuchen, und ſucht Ihr ſie, ſo iſt zwei gegen eines zu wetten, daß Ihr ſtatt derſelben ihre Gegenfüßlerin ſindet. Sie iſt wie ein waͤlſcher Salat, unſere De⸗ mokratie, mit verſchiedenen Früchten und Gethieren, als da ſind, Neid, Verſtellung, Ehrgeiz, giftige Zungen, Habſucht, die für unſere demokratiſchen Po⸗ —= 205 6— litiker, auch Demagogen genannt, ein treffliches Mahl liefern, und ihnen den Mund füllen, daß ſie beredt werden, wie die falſchen Propheten, und lauter Va⸗ terlandsliebe, Achtbarkeit, Großmuth von ſich geben, den Würdigſten wollen, das Glück und die Gleichheit und die Zufriedenheit Aller, während ſie den beſten Theil für ſich behalten— zum Lohne für ihre pa⸗ triotiſchen Bemühungen. Wäre dieſes Demagogen⸗ getriebe auf die Politik einzig und allein beſchränkt, ſo möchte es hingehen, aber ſo wie ein einziger Zucker⸗ rohrſtengel, von dem Rattenzahne angefreſſen, den ganzen Sud, in den er unachtſamer Weiſe geräth, mit ſeinem ätzenden Gifte anfrißt, ſo durchdringt dieſes Demagogen⸗Unweſen mit ſeiner Liſt und ſeinem Trug alle unſere Lebensverhältniſſe, und wird zum Gifte, das unſer Bürgerleben zuweilen recht ſcharf und ätzend auf uns und Cuch einwirken läßt.— „Unſere Nachrichten,“ fährt Doughby mit gedämpf⸗ ter Stimme fort,„geben uns in Rapides⸗County hundert fünfzig Stimmen, unſern Gegnern zwei⸗ hundert und fünfzig, haben wir aber die Inſpekto⸗ ren— 4 — d 206 G— „So haben wir eine Chance,*) eine v— t gute Chance, frohlockt die Schaar. „Eine v—t gute Chance,“ bekräftigt Doughby; vaber je weniger davon geſprochen wird, deſto beſſer. Freunde! Mitbürger! Demokraten! ich bin ferner ſo frei, Euch die achtbaren Gentlemen Trumbull, Blount, Heath, als Repräſentanten und Delegirte unſerer demo⸗ kratiſchen Intereſſen, mit dem Antrage vorzuſe chlagen, dieſelben unverzüglich in die Stationen Rapides, Gillard, Cane River, mit dem Auftrage abgehen zu laſſen, beſagte Stationen zu durchkreuzen, durchkreuzen zu laſſen, die Pflanzer, Anſaſſen, Inſaſſen aufzufor⸗ dern, auffordern zu laſſen, ſich zu den Polls zu bege⸗ ben, künftigen Montag, den erſten im gegenwärtig laufenden Monat Oktober. Bin ſo frei, Euch in Erinnerung zu bringen, Gentlemen, daß wir es bloß mit Creolen zu thun haben, denen ein Ball lieber iſt, als ein Poll.“ Ein fröhliches Gelächter war die Antwort. „Bemerke ferner der achtbaren Verſammlung,“ fährt Doughby fort,„daß die dirigirende demokratiſche *) Ein Lieblingsausdruck in vielfältigem Sinne gebraucht, be⸗ deutet eine gute Gelegenheit, glücklichen Zufall, Umſtand u. ſ. w. — e 207 6— Comitee zugleich die Vorſorge getroffen hat, das Dampfſchiff, den Monteczouma, für dieſe Wahl in Dienſt zu nehmen, welches beſagte Dampfſchiff morgen und übermorgen zwiſchen beſagten Stationen zu kreu⸗ zen beſtimmt iſt, um einzig und allein die Wahl⸗ männer und nur die Wahlmänner an Ort und Stelle zu bringen.“ „Capitän Johns, haben Sie die Reſolutionen der achtbaren Verſammlung zu Protokoll genommen?“ „Ich habe, Major Doughby.“ „Gentlemen,“ fuhr Dieſer fort;„wir haben eine prachtvolle Chance, eine glorreiche Chance, ſage ich, zwei Drittel der Stimmen gegen uns, ſichern Nach⸗ richten zu folgen— und doch eine unvergleichliche Chance; ſind aber Supporters von Jackſon, verſteht Ihr, von Jackſon, der mit fünftauſend Tenneſſeern und Kentuckiern und Louiſtaner⸗Amerikanern fünf⸗ zehntauſend Britten ſchlug, haben es bloß mit Fran⸗ zoſen und Creolen zu thun.— Der Sieg iſt unſer, ſo Jeder ſeine Schuldigkeit thut. Gentlemen,“ be⸗ ſchließt er im wahren Admiralstone,„die Union er⸗ wartet, daß Jeder ſeine Schuldigkeit thun werde.“ — 0 208— „Werden ſie thun,“ war von mehreren Ecken her⸗ über zu hören.— „Hoffen aber, der alte Hickory werde die ſeinige auch nicht vergeſſen,“ gellten Andere. „Sonſt wollen wir ihn bei G—tt!“— Doughby fällt verweiſend, beinahe zornig ein: „Welch eine Sprache, Mitbürger, Demokraten! Welch eine Sprache hören meine Ohren! Sage Euch, das iſt keine demokratiſche Sprache, iſt eine mercenäre, federaliſtiſche, eine Nankeeſprache, nicht die Sprache warmblütiger Südweſtmänner. Sage Euch, warm⸗ blütige Südländer führen nicht dieſe Sprache „Merkſt Du!“ raunt mir Richards zu,„wie der ſchlaue Böſewicht bereits einlenkt, nun er ſte im Garne hat? „Der Spitzbube hat wirklich eine Anlage zum poli⸗ tiſchen Intriguanten, die etwas Großes, einen zweiten Van Bn verſpricht. Wundert mich nur, wie er dieſe Capitäns Trumbull, Geath, Blount ſo ſchnell in ſein Garn verlocken konnte, ſind drei ſelbſtge⸗ nügſame Nord⸗ und Süd⸗Caroliner, die zweimal ſein Alter und doppelt ſein Vermögen haben, und nun ſich zu ſeinen Botengängen hergeben. Er treibt — 0 209 6— mit dieſer ehrenwerthen Verſammlung, was er will.“ „Sehen Sie, was Sie für einen Schwager haben,“ flüſtert mir Mistreß Houſton im halb verzweifelnden Tone zu. Die gute Dame hatte abwechſelnd mit Richards Ohren und Augen zwiſchen mir und dem Schlüſſelloch der Salonthüre getheilt. „In Deinem eigenen County überflügelt er Dich;a murmelte Richards. „Der rückſichtsloſe Tollkopf;“ ich. „Das nicht,“ hat wieder Mistreß Houſton die Bil⸗ ligkeit einzuwenden,— ner thut bloß, was er als Bürger, als Partheiglied zu thun berechtigt iſt; er nimmt die Intereſſen ſeiner Parthei wahr, wo ſich Ge⸗ legenheit darbietet, während die Unſrigen zu bequem ſind, oder es unter ihrer Würde halten.“ „Aber Mistreß Houſton; was ließ ſich thun? Ich hatte die letzten Wochen den Kopf ſo voll.⸗ „Mister Doughby,“ fällt die Dame beinahe ſpitzig ein, nhatte ihn nicht voll, aber dafür waren ſeine Hände um ſo voller, und er fand noch Zeit, nebſt ſeiner Pflanzung auch das Beſte ſeiner Parthei zu fördern.“ —=0 210 6— Der Hieb verdroß mich ein wenig— ich verſetzte in demſelben Tone: „Kann Sie verſichern, Maam, daß ich mich recht woohl, recht comfortabel in meiner Rückgezogenheit befand.“ „Dürften ſich aber bald recht uncomfortable füh⸗ len,“ verſetzt die Dame bitter.„O ihr jungen Leute, daß Ihr doch den Abgrund nicht ſeht, in den uns unſere heilloſe Demokratie hineinzieht. Ich ſehe das Uebel in ſeiner ganzen Größe, denn ich kann Ver⸗ gleichungen anſtellen zwiſchen der Vergangenheit und Gegenwart. Glauben Sie mir, wir ſind in vielen Punkten zurückgegangen, in weſentlichen Punkten, die mich für die Zukunft unſeres Landes beſorgt machen.“ Die Dame wird, indem ſie ſo ſpricht, ganz warm. „Aber was wollen Sie eigentlich, Maam? Was läßt ſich thun?“ „Noch ließe ſich etwas thun.“ „Und was?u „Sie haben gehört, was ſie mit dem Oberſt Down⸗ right vorhaben, der uns ſein Wort verpfändet, aber wie es ſcheint, in Unterhandlungen mit der ſiegenden — o 211 6— Parthei getreten iſt. Die Wahl dieſes Abtrünnigen zum Ward⸗SInſpector ſollte auf alle Weiſe vereitelt werden, kann ſehr leicht vereitelt werden, wenn Sie mit den Creolen oben ſprechen, ihnen, was Sie ſo eben gehört, mittheilen. Es ſind durchgängig Män⸗ ner von Vermögen, denen Alles daran gelegen ſeyn muß, daß unſere Parthei, wenn auch im Norden be⸗ ſiegt, wenigſtens bei uns die Oberhand behalte. Ver⸗ geſſen Sie nicht, daß die bürgerliche Geſellſchaft aller Sklavenſtaaten ihrer Natur und Weſenheit nach aus federaliſtiſch⸗ariſtokratiſchen Elementen beſteht, be⸗ ſtehen muß, daß demokratiſche Prinzipien nothwen⸗ dig zur Anarchie, endlich zur Monarchie führen müßten.“— Von einem Weibe iſt das wirklich ein tiefer Blick in die Falten unſerer bürgerlichen Verhältniſſe ge⸗ than! Mehrmalen hatten ſich mir ähnliche Gedanken, Beſorgniſſe aufgedrungen, ſo klar hatte ich ſie jedoch nie ausſprechen gehört.— Ich ſchaute ſie verwundert an, ſie kam mir in dem Augenblicke geiſtreich, beinahe ſchön vor.— Aber doch ſchüttelte ich den Kopf. Es läßt ſich nichts thun. Ja, wäre es ein Ball, ein Liebhabertheater, irgend ein Theater, noch ſo ſchlecht, — 0 212— eine Liebesintrigue, irgend eine Intrigue, ein Neger⸗ auspeitſchen, eine Jagd, eine Laſſoparthie auf halb⸗ wilde Rinder oder wilde Pferde; da ließe ſich etwas mit den Creolen anfangen, aber Präſidentenwahl — nein, das wäre Throwing pearls before the swine.*) Mistreß Houſton iſt jedoch von ſchottiſchem Ge⸗ blüte, und das läßt wie die Bluthunde nicht von aufgeſtöbertem Wilde nach.— Richtig nimmt ſie die einmal aufgegriffene Fährte wieder auf.— „Die Criſts, lieber Mister Howard, iſt vor der Thüre, ein Wort, ein feſtes, männliches Wort, und ſie iſt abgewendet— wenn von dieſen zehn Creolen oben jeder in ſeiner Station bekannt macht— „Es wäre unverantwortlich,“ fällt Richards ein, „wenn wir uns von dieſem Tollkopfe einen ſolchen Streich ſpielen ließen.“ „Es iſt unmöglich, abſolut unmöglich,“ ſprach ich zaudernd, aber feſt entſchloſſen,„abſolut unmöglich, Maam, Sie kennen dieſe Creolen nicht, lernen Sie ſie erſt kennen— u *) Die Perlen vor die S—e werfen. —= 213 6— „Ich kenne ſie, die Creolen, die von Point Coupée ſind.“ „Etwas anderes, Maam!— ſind durch eine fünf und zwanzigjährige Berührung, Reibung mit unſern Landsleuten aufgeregt, für unſer politiſches Leben empfänglich gemacht worden, dieſe aber noch immer in den tiefſten Schlamm undurchdringlicher Selbſtſucht verſunken „Mein Gott!u jammert die Dame— „Howard! Du biſt doch wirklich ein indolentes Weſen,“ Richards. Das bin ich nun wirklich einigermaßen, eine gewiſſe Indolenz ſchattirt meinen Charakter, aber immerhin iſt es mehr ein gewiſſes laisser aller, als Indolenz, und die ſechs Wochen einſamer häuslicher Herrſchaft, Selbſtſtändigkeit haben mich Vieles aus einem andern Geſichtspunkte anſchauen gelehrt. Lieben, wie ich mein Land thue, von ganzer Seele, ſo ſehe ich doch das Unglück, daß Mistreß Houſton ſo nahe prophe⸗ zeit, noch nicht ſo ganz vor der Thüre.— In einer ſo energiſchen, ſo ungemein aufgeklärten Nation, wie die unſrige, finden ſich gegen die Gifte unſerer De⸗ mokratie, welcher Art ſie auch ſeyn mogen, immer —= 214 6— wieder von ſelbſt Gegengifte; ich halte es ſelbſt für gut, wenn das aufgezogene Räderwerk ihrer Be⸗ ſtimmung abläuft, und ablaufen muß es. Dann ſehe ich wieder die Nothwendigkeit nicht ein, mich und die Meinigen dem Achſelzucken dieſer böotiſchen Fran⸗ zoſen preis zu geben, oder Principienfragen bornirten Ignoramuſſen, für die bloß ſinnlich mehr oder weni⸗ ger raffinirte Tändelei Reiz hat, aufzutiſchen. Auch ſind die beiden Coalirten offenbar nicht wenig auf Doughby's wachſenden Einfluß eiferſüchtig, wie es nun ſchon unter Nachbarn gäng und gäbe iſt. Daß er, der leichtwiegende Kentuckier, der mit tauſend Dollars und einem halben Dutzend Schwarzer herab⸗ gekommen, ſich emporgeſchwungen zum bedeutenden Manne, in der ehelichen Lotterie ein großes Loos ge⸗ zogen, und nun auch in der politiſchen auf ein großes zu ſpielen ſich erkühnt, das iſt ihnen ein Dorn, ein widerwärtiger Dorn im Auge.— Der Neid läßt ſich, trotz Alles patriotiſchen Schimmers, nicht ganz verbergen.— Und wie mir Alles dieſes durch den Sinn fährt, und ich eben über die Art und Weiſe zu Rathe gehe, die beiden Partheien zufrieden zu ſtellen, eine Geiſtes⸗ —= 215— arbeit, bei der ich unwillkührlich an Shakespeare denke:„der Teufel hole die eine Parthei, und ſeine Großmutter die andere,“ ſpitzen ſich auf einmal die Ohren der werthen Dame,— Richards Züge werden belebter, es läßt ſich etwas wie Töne oder vielmehr Mißtöne hören, ein Geräuſch, ein Geſchleife, wie Rauſchen von Seidenkleidern, ein leiſes Stampfen begleitet ſte. Wir ſchreiten eilig durch den Gang der Treppe zu, die auf das Oberdeck führt, wo wir unſere Frauen bei der Geſellſchaft gelaſſen haben.— 3 V. Vie Creolen. Und wir ſtehen ſprachlos— unſern Sinnen kaum trauend, und die Gruppen anſtarrend, und was wir ſehen, iſt ſo recht creoliſch, franzöſiſch, daß es uns zu jeder andern Zeit ausnehmend divertirt haben müßte, aber in dieſem Momente wird es durch den Kontraſt wirklich ſo unbeſchreiblich widrig für einen Amerikaner! Unten dreißig bis fünf und dreißig Männer jedes —= 216 6— Alters, jeder Beſchäftigung, vom Holzhauer, Jäger, Viehhändler hinauf zum Senator, in geſetzlicher Ver⸗ ſammlung das Wohl des Landes— gleichſam im Fluge berathend; Männer, die den Fluß herauf kom⸗ men, von allen Enden des Staates, der Union, ihren Heimathen, den Ihrigen zueilen, hören die Stimme eines Delegirten, und geben Heimath und Weiber und Kinder, und was ihnen theurer iſt, als beide, money making*) auf, um die Stimme des Vater⸗ landes zu hören, und hier!— „Mein Gott!“ ſeufzt Mistreß Houſton,„ſind wcir denn wirklich in unſerem Lande, in der Union, in Loui⸗ ſtana, auf einem unſerer Flüſſe? Iſt es Traum oder Wirklichkeit!— Kann es ſo unglaubliche?—“ Sie ſpricht den Satz nicht aus, aber Ekel malt ſich in allen ihren Zügen.— „Du haſt Recht,“ brummt Richards ingrimmig; „mit ſolchen Geſchöpfen läßt ſich nichts thun.“— „Nichts thun,“ ſetzt Mistreß Houſton troſtlos hinzu.. „Tra Ia la la la Ia tra la la la Ia la,“ gelt es aus *) Geld ſchneiden— Erwerb. —=0 217 6— den Kehlen der holden Madame Dutang und Mon⸗ ſieur Rideau's und zur Abwechslung wieder:„Ha ha. ha ha ha ha ha! Tidi tidi di!“ Und zu dieſer Muſik, deren Accorde wie die lieb⸗ lichen Töne unſerer Wälſchhühner über das Verdeck hingackern, wirbeln im Kranze verſchlungen, Creolen und Creolinnen, und hüpfen und ſpringen, Entrechats und Pirouetten, und Galopaden und Allemanden, angeſtarrt von Negern, Negerinnen und— uns. Da iſt der fünfundfünfzigjährige Bontemps, nicht durch zierliche Rundung der Formen anziehend, mit Ausnahme eines Bäuchchens, das wie eine mäßige Pauke ihm vorne anhängt, und mit den leichten Schafbeinchen ein recht unartig in die Augen ſprin⸗ gendes Gegenſtück bildet; dieſe Schafbeinchen heben ſich jetzt zum Entrechat, wieder hüpfen ſie in der Galopade mit Elſterſprüngen über die Bretter des Alexandria hin, ſchleifen im Polonais pas ſanft auf dem Eſtriche, die holde Demoiſelle LEſtaing, eine Schönheit von fünfunddreißig Jahren und neun Steinen*), iſt ein wunderlieblicher ſchweißtriefender *) Stones Stein. Ein Stein iſt zwanzig Pfund. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 15 — —= 218— Partner; ſie hat mit Louiſen, ich knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, ſo eben die Aufgabe, der Teufel weiß was— ans Tageslicht zu fördern.— Rideau, der fünfzigjährige gelbbraune Rideau, dem die Schöße ſeines Frackes à Pincroyable, wie der Pennant eines Commodore nachflattern, iſt ihr Partner. Beide 6 drehen ſich einmal, zweimal, dreimal auf den Zehen herum, übertreffen ſich ſelbſt, werden mit einem gellen⸗ den Bravo ermuntert, einem„Divine! superbe!“— Julie mit Demoiſelle Levieur ſchweben hinter Floret⸗ Shawls von blaurothem, Demoiſelles L'Eſtaing, Porlieux hinter den ihrigen von grüngelbem und blauweißem Farbenſchmelze, ſie bilden eine Iris, hin⸗ ter der Bontemps, Le Vieux, Dutang, L'Etaing, die alle vier recht wohl ihre zweihundert zwanzig Jahre auf dem Rücken haben— etwas vorſtellen, was? weiß der Himmel und dieſe Narren am beſten. Figu⸗ ren folgen auf Figuren, Pirouetten auf Entrechats, alles das nach den harmoniſchen Kehlentönen Mon⸗ ſteur Rideau's und Madame Dutang, die, ein Blatt 4 in den Händen haltend, ſingen: Ia ta ti ti Titi ta, Tata titi ta, lala lilli la, lalla lilly la, und abermars zur Abwechslung Ha ha hihi ha, ha ha hihi ha. —“= 219— Als Maitre de danse ſteht Monſteur Dufant, mit dem Sonnenſchirme ſeiner Frau bewaffnet, regierend, mit Händen und Füßen den Takt gebend, encouragi⸗ rend, auch kokettirend, trotz Podagra, Dispepfſie, Hydropſie, ferner Zahnloſigkeit, Haarloſigkeit, Mark⸗ loſigkeit.— Man möchte aus der Haut fahren.— Jetzt erſpäht uns Leblanc, der mit der Miene eines Schiedsrichters bei den olympiſchen Spielen jede Be⸗ wegung der Paare klaſſifizirt, aber ſofort offizios an uns herantrippelt: „Ma foi Misthere de Howard— haben Sie jemals geſehen, dieſe Leichtigkeit von Madame Howard— ah dieſes Port au bras, dieſes graziöſe Halten des Kopfes. Und Madame Doffby! Misthere de Howard belieben Sie zu bemerken, wie unvergleichlich ſie dieſe Galoppade— ah dieſes Chassé en avant— incom- parable! adorable! Bravo! Bravo!— Wirklich in⸗ comparable!“ Oben am Rande ſteht der Steuermann, zuweilen einen Blick der tiefſten Verachtung auf die alten Kin⸗ der herabwerfend, und vom Gallion ſtieren Neger 15* —= 220 6— und Negerinnen herüber, ſo verblüfft über den ex abrupto-Ball! daß ihre Augen rollen und blos das Weiße zu ſehen iſt. Einige der Mädchen heben bereits ihre ſtrumpfloſen Füße, und ſetzen ſich in Poſttur, um die Pas ihrer Gebieter und Gebieterinnen in ähnlicher Vollkommenheit darzuſtellen. Auf einmal erſieht mich Louiſe, gleich darauf Julie— die Beiden kommen fröhlich auf uns heran. „Lieber George— Du ſiehſt, wir haben uns Eure Abweſenheit zu Nutzen gemacht.“ „Sehe es,“ verſetzte ich ein wenig trocken;„das iſt wirklich eine Ueberraſchung.“ Jetzt kommen auch die Uebrigen heran. „Ah Madame Houston, ah Misthere Howards.“ „Messieurs et Mesdames!“ ſchreit Levieur und Madame Dutang, die das Orcheſter bilden.— „Messieurs!“ gellt der Maitre de danse—„il faut finir la ſigure.“ Monſteur Bontemps trippelt eilig an uns heran. „Voici Misthere Howard, eh bien! ſehen, wir haben uns Ihre Abweſenheit zu Nutzen gemacht.“ „Sehe es, ſehe es, habe es ſchon von meiner Frau gehört.“— —= 221 6— „Ah Messieurs les Americains préfèérent la po- litique à toute autre chose, nous la danse.“— „Wiſſen Sie aber auch, theurer Misthere Howard, was die Figuren repräſentiren?“ fragt Bontemps geheimnißvoll;„bis jetzt blos eine ſchwache Nach⸗ ahmung,“ fährt er, mir ins Ohr liſpelnd, mit unge⸗ meiner Wichtigkeit fort,„eine ſchwache Nachahmung für jetzt; ſollen es aber dignement auf unſerem Balle producirt ſehen, das Ballet.“ „Ou ſagſt doch zu, theurer Howard, Papa iſt gleichfalls mit Mama und Charles zugegen. Er ſoll am ſiebenten November ſeyn.“ „Wo Sie, Misthere Howard, das Ballet: die Vermählung Amors mit Pſychen, in ſeiner ganzen Vollendung ſchauen ſollen. Mais,“ flüſterte er, die Finger auf den Mund legend,„mais c'est entre nous, Misthere de Howard, seulement entre nous. Ah,“ fuhr er halb verzückt fort,„hätten Sie ſie ge⸗ ſehen, Mittwoch Abends, die göttliche, die entzückende Latrobe. Sie wiſſen doch die Latrobe, die ſo eben angekommen— 4 „Aus Paris,“ fiel Rideau ein, der bereits ein Dutzend Mal um uns herumgetrippelt. —— — 0 222 6— „War Kammertänzerin der Herzogin von Angou⸗ leme;“ kreiſchte Porlier. „Nicht doch, der Herzogin von Berry;“ verbeſſert ihn Dutang.„Ihre Königliche Hoheit hat den Freuden der Welt entſagt.“ „Arme Dame!“ jammern ſie Alle. „Divine Creatur!“ frohlocken ſte gleich darauf. „Hatten das Glück, ſie in der Soirée M-ys zu ſehen, einen Vorgeſchmackt einen ganz divinen Vor⸗ geſchmack,“ liſpelt der gute Bontemps, mit der Zunge ſchnalzend.— „Ah Misthere Howard!“ ſeufzt er;„O Latrobe!“— „Göttlicher Abend!“ fallen die Uebrigen ein. So ging es fort volle fünf Minuten. Keiner von uns konnte zu Worte kommen, ſie trippeln um uns herum, als wenn ſie einen Ciertanz durchführten, jauchzen, frohlocken, klatſchen in die Hände. Es ſind wunderbare Menſchen dieſe Creolen! „NMais,“ gellt endlich Rideau mit erhobener Stimme, vil faut finir la figure; Madame Houston, Monsieur Howard désireront peut-etre voir.“ „Ganz und gar nicht,“ meint Mistreß Houſton trocken. —= 223— Die Creolen räuſpern ſich, huſten, ſehen ſich mit bedeutſamer Miene an, werfen einen Blick des Mit⸗ leidens auf die arme Mistreß Houſton. Ich unter⸗ breche endlich ihre Pantomimen mit den Worten: „Aber wiſſen Sie, daß auch wir ſo eben unten einen Tanz aufführen geſehen.“ „Einen Tanz aufführen geſehen, Sie einen Tanz aufführen geſehen?“ frägt Bontemps, eine Pirouette hüpfend. „Unten in der Shentelmens Cabin?“ Rideau, der einen Entrechat producirt. „Von den Backwoodsmen?“ brechen Alle mit lau⸗ tem Gelächter aus.— „In der Gentlemens Cabin,“ verſetzte ich trocken, „einen Tanz, der mir gar nicht gefällt.“ „Ah, das glauben wir gerne, Misthere Howard. Ma foi, les Backwoodsmen!“ „Und wirklich haben die Backwoodsmen?“— fragten mich Alle, erſtaunt über die Vermeſſenheit der Backwoodsmen. „Bin ganz im Ernſte, Meſſieurs!— Unſere Mit⸗ bürger, von denen, wie Sie wiſſen, einige ſehr ange⸗ ſehene Pflanzer ſind, führen ſo eben unten einen Tanz — 224 6— auf, nach der Muſtk meines Schwagers Doughby, der mir gar nicht gefällt.“ Die Creolen ſehen mich mit offenem Munde an.— „Mais mon Dieu! Misthere Doughby un musi- eien?“ „Sie halten, ſo wie Sie, die Probe,“ fuhr ich fort,„zu einem gleich großen Ballete, in dem ſie Ihnen ſelbſt den Rang ablaufen dürften, wenn Sie nicht bei Zeiten fürſorgen.“ „Misthere de Howard beliebt zu ſcherzen,“ verſetzt Bontemps halb beleidigt. „Meſſieurs, ich würde es mir nicht erlauben, mit Männern, wie Sie, zu ſcherzen, ich rede im vollen Ernſte, wenn ich Ihnen ſage, daß unſere Mitbürger die Probe zu einem Ballete tanzen, das dem Ihrigen den Rang ablaufen wird, wenn Sie nicht— „Ma foi!“ ſchrieen Creolen und Creolinnen ver⸗ wirrt unter einander. „Mein Schwager iſt ein guter Tänzer, und ein noch beſſerer Muſiker, er theilt ſo eben die Parthieen zu dem großen National⸗Poll aus.“ „National⸗Ball?“ wiederholen die Creolen. „Dem großen National⸗Poll,“ fuhr ich fort,„der ——r —= 225 G nächſten Montag, wie Sie wiſſen, abgehalten werden ſoll— „Großer National⸗Ball, Sie ſagen Poll, theurer Misthere Howard, pardon! wir ſagen Ball.“— „Mesdames!“ kreiſchen Rideau, Bontemps und LEſtaing.„Haben Sie etwas gehört von einem National⸗Ball?“— „Kein Wort, keine Soylbe, nichts, gar nichts,“ er⸗ wiedern dieſe. „Misthere Howard!“ rufen Alle. „Aber doch zum Poll haben Sie, Meſſieurs, eine Einladung erhalten?“ „Scherz bei Seite,“ fragten die Creolen immer ängſtlicher; niſt wirklich die Rede von einen Ball? Haben Sie wirklich gehört?“ „Und Sie wiſſen nicht, daß Montag—„ „Was iſt Montag?“ rufen Alle. Mein Gott! Die ganze Union wiederhallt von einem Ende zum andern, iſt in Aufruhr; Millionen von Bürgern ſind in tödtlicher Spannung; aller Augen ſind nach Norden und Oſten gerichtet, und die guten Menſchen wiſſen, ſehen, hören nichts. — e 226— „Und was iſt Montag?“ fragen abermals die Creolen. „Ahl“ ſchreit Levieux, der unterdeſſen mit Madame Dutang zärtliche Blicke gewechſelt, herüber:„Ah Messieurs, je m'en souviens, savez-vous, écoutez, c'est Paffaire avec ces Polls, l'élection de nos mandataires pour l'élection du Président et Vice- Président.“ „Mais quelle—“ fällt Bontemps ein, höchſt ver⸗ drießlich, ohne jedoch auszuſprechen. „Niaiseries, niaiseries, Misthere Howard;“ ver⸗ ſichert Rideau—„wie Sie uns erſchreckt haben; dachten wirklich, es ſey ein Ball.“ „Ce ne sont que les Polls;“ gellt Porlier darein. „Qu'est-ce que nous importent ces Polls.“— „C'est pour nous tout égal,“ kreiſcht Levieux. „Tout égal si Misthere Ehdems ou Misthere chose, comment s'appelle-t-il? Chose, chose“ Rideau. „Schekson,“ hilft ihm Bontemps aus—„c'est un barbare.“. „„Oui, cCest un barbare;“ bekräftigt Levieur. „Un tyran;“ LEſtaing. Re — o 227 e— „Un Kentuckien;“ Rilieux. „Wer iſt ein Barbar, ein Tyrann, ein Kentuckier?“ ſchreit Doughby, der unbemerkt von uns, an der Spitze ſeiner neu geworbenen demokratiſchen Schaar aufs Verdeck gerückt, die letzten Worte gehört und ſogleich eine Erklärung derſelben zu heiſchen ſich be⸗ rufen findet.„Ah Howard,“ raunt er mir freude⸗ ſtrahlend zu,„ſehe, habt mir eine Gegenmine gelegt, will ſie ſprengen, bei Jove! Will nur ehrlich Spiel. Wer iſt ein Barbar, wer ein Tyrann? Wie kommen dieſe Ehrentitel in Verbindung mit einem Kentuckier?“ Der plötzliche Einbruch des Wildfanges mit ſeiner Compagnie hat unſere Creolen einigermaßen ver⸗ ſchüchtert— ſie ſtieben wie Wälſchhühner, unter die der Turkey Buzzard*) eingebrochen, aus einander, ſammeln ſich jedoch wieder, wie ſie die kalten hohn⸗ ſprechenden Mienen der Hinterwäldler näher ins Auge faſſen, der franzöſiſche Stolz regt ſich. „Ah Misthere de Doughby,“ nimmt Bontemps das Wort;„nous parlons de Misthere chose, chose.“ *) Wälſchhühner⸗Geyer. —= 228— „Misthere Schekson;“ hilft ihm Rideau darein. „Sie parliren von dem Dinge, dem Dinge Mister Shekſen;“ parodirt Doughby die Creolen zu ſeinen Demokraten gewendet, mit einem Blicke, einer Miene, die die ſouveränſte Verachtung ausdrücken.„Hat je Einer ſo etwas in ſeinem Leben erhört?" „Der alte Knabe,“ ſchreien ein Dutzend Stimmen, nſollte getheert— ℳ „Und befiedert*) werden,“ fiel ein anderes ein. „Nein, das nicht,“ mahnt Doughby und mehrere Pflanzer;„ſind in einem freien Lande, Männer, dür⸗ fen nicht vergeſſen, daß der arme Narr nur wieder⸗ gibt, was ihm von andern gegeben worden. Aber Mounſhur,“ wandte er ſich auf einmal mit einer Donnerſtimme zu Bontemps,„muß Euch belehren, daß das Ding, das Ding, das Ihr Shekſon heißt, mehr amerikaniſches Blut unter ſeiner Nagelſpitze hat, als Ihr in Eurem ganzen Körper, daß es Ge⸗ neralmajor in dieſen unſern Vereinten Staaten iſt, Congreßmitglied, Senator geweſen iſt— auch Gou⸗ *) Tarred and feathered, getheert u und befiedert. Ein Zeit⸗ vertreib, den ſich der Pöbel bekanntlich mit jenen unglücklichen Wichten erlaubt, die ſich ihm beſonders verhaßt gemacht haben. —=0 229 6— verneur von Florida, ferner ſeinem Lande einige Dienſte geleiſtet gegen die Indianer, die Engländer, verſteht Ihr, einige weſentliche Dienſte, um mich ja eines recht beſcheidenen Ausdruckes zu bedienen, und daß gewöhnliche gute Sitte eine andere Sprache for⸗ dert.“—. „Mais Misthere de Doffby!“ fällt Dutang ein, der großmüthig ſich Bontemps an die Seite ſtellt, offenbar mit dem Entſchluß, dieſem einen ehrenvollen Rückzug zu ſichern. „Mais Mounshur, freut mich Euch zu ſehen,“ ruft Doughby mit einem ſardoniſchen Lächeln;„grüße Euch und alle Eure Compatrioten und Compatrio⸗ tinnen, aber wie geſagt, ein Ding, Ding ſolltet Ihr den Mann nicht nennen, dem Ihr es verdanket, daß Ihr und die Eurigen, Eure Frauen und Töchter noch am Leben ſeyd, und nicht unter den mörderiſchen Klauen Eurer Neger verblutet.“ „Mais pourtant.“— „Verblutet,“ fährt Doughby fort;„denkt an den Dezember 1814 und die erſten acht Tage im Januar 1815— werden jetzt vierzehn Jahre ſeyn.— Da⸗ mals war er kein Barbar, nicht wahr, als Ihr Alle —= 230 6— heultet und zähneklappertet, und umherliefet wie Küchelchen, wenn die alte Henne in Schrecken verſetzt iſt? Wie der Tory Packenham herüberkam mit ſeinen rothen Söldnern, da wußtet Ihr nicht wo aus noch ein? Habt es aber ſeither vergeſſen, daß die guten Tories in England ein Regiment Schwarzer von Jamaica in rothe Röcke geſteckt, mit dem humanen Auftrage, Eure Neger zu revoltiren, ihnen zum Stützpunkte bei ihren philanthropiſchen Großthaten zu dienen, Euch nämlich die Kehlen abzuſchneiden. Habt es vergeſſen, daß derſelbe Sir Edward Packen⸗ ham ſehr generös dieſen ſeinen Söldnern die Plün⸗ derung der Hauptſtadt verſprochen?— Ah Mes- sieurs! Habt ein kurzes Gedächtniß, aber Eure Damen haben ein beſſeres— verſtehen den Werth des Mannes beſſer zu beurtheilen, die hießen ihn keinen Barbaren, ſondern bekränzten ihn mit Blumen, und küßten ihn trotz ſeines grauen Bartes und ſeiner Borſtenhaare und Runzeln, und führten ihn jubelnd in die Hauptſtadt ein, die er allein befreit von dem furchtbarſten Feinde durch ſeine raſtloſe Thätigkeit, Tapferkeit, Ausdauer, Muth und Entſchloſſenheit. Sage Euch, Ehre den Creolinnen, die das Verdienſt —= 231 6— würdigen, kenne ſie die Creolinnen, habe ſelbſt das Glück, eine mein zu nennen.“ „Ehre, Ehre den Creolinnen!“ rufen ſämmtliche Demokraten.— Die Creolen ſind ſichtlich aus der Faſſung gebracht durch die plötzliche Wendung, die der Wildfang ſeinem Angriffe zu geben weiß, während die Creolinnen ge⸗ ſchmeichelt näher treten, und den Mann durch Lorgnons und Gläſer zu muſtern beginnen.— Feurige Blicke fliegen ihm aus den funkelnden ſchwarzen Augen ent⸗ gegen, und wie er ſo daſteht, ſein Auge in hoher Zufriedenheit ſtrahlend, ſeinen Blick auf Julien gerichtet, gewinnt er im Strome ſeiner kentuckiſchen Beredſamkeit einen ganz eigenen Reiz.— Er ſteht wie ein Sieger; ſeine impoſanten Körperformen, durch den geiſtigen Reiz erhöht, machen ihn nun wirklich zum ſchönen Manne. Und wie ich ihn mir ſo be⸗ trachte, geht mir in dem Manne auch ein neues Licht auf, und ich ſehe die Art und Weiſe, wie ſich unſere großen Autodidakten, die Clay's, die Henry Patrick’s, und ſo viele Andere zu Rednern, zu Staatsmännern gebildet, gewiſſermaßen in Doughby perſonifizirt. Er iſt ein ganz anderer, ein neuer Menſch geworden. — o 232— „Mais Misthere Doughby,“ hebt nun Rideau ſei⸗ nerſeits an—„nous ne voulions pas dire; de grace, nous disions.“— Doughby ſteht erwartend, wie der Richter den ſtotternden Verdächtigen feſt ins Auge nehmend. „Ihr wolltet nichts ſagen, nichts ſagen,“ wieder⸗ holt er,„nicht wahr, nichts, als was die Yankees oben ſagten— nicht wahr?“ „Oui, oui, c'est la chose.“ „So erlaubt mir gefällig, Euch einige erklärende Noten zu dieſem Yankeeterte zu liefern.— Merket wohl, dieſelben Yankees, oder vielmehr die Söhne jener Yankees, die ſich im Revolutionskriege ſo tapfer gegen die Britten geſchlagen, hatten in der Zwiſchen⸗ zeit von anno 83 und 1812 es in der Aufklärung ſo weit gebracht, daß ſie den zweiten Krieg von 1812 auf eine ganz andere, eine neue Weiſe zu führen meinten. Sie wollten die Britten durch ihren Handel, ihre Manufakturen beſiegen, brittiſcher Anmaßung Widerſtand leiſten auf Yankeeweiſe, nicht aber mit den Waffen; deßhalb war ihnen die Kriegserklärung von 1812 ein Dorn im Auge, deßhalb weigerten ſie ſich, Truppen zu ſtellen, deßhalb wurden ſie gewiſſer⸗ —= 233 6— maßen Alliirte der Britten. Während Ihr hier zittertet und zagtet, waren die Blue lights von Con⸗ nectitut, die Evening post men von Newyork, die Webſters, die Dwights die beſten Freunde der Britten, und ließen die blauen Feuerkugeln an der Themſe in Connecticut aufleuchten, Alles in der wohlwollenden Abſicht, dieſe ihre Alliirten aufmerkſam zu machen, wenn der von ihnen blockirte Decatur mit ſeinem Geſchwader auszubrechen verſuchte. Dieſelben heroi⸗ ſchen Männer wollten auch die ſechs New⸗England⸗ Staaten von der Union trennen. Daß dieſen Yankees nun, bei ſolcher patriotiſchen Denkweiſe, der General, der ihre Alliirten, die Britten ſchlug, ein Gräuel iſt, das werdet Ihr jetzt begreifen können, daß dieſelben NYankees keinen Strohhalm darum gegeben hätten, wenn die Jamaica⸗Schwarzen Euer Louiſiana revol⸗ tirt und Eure Neger Euch die Gurgeln abgeſchnitten hätten, mögt Ihr um ſo ſicherer glauben, als dieſe Yankees fromm philanthropiſche Abolitioniſten ſind. — Meſſieurs! Die Yankees haben Urſache, oder glauben ſte zu haben, den General zu haſſen, aber daß Ihr dieſelbe Sprache führt, das hat er um Euch nicht verdient.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 16 — 234 6— „Bravo, Bravo!“ erſchallt es von allen Seiten, und ich ſtimme ſelbſt ein, und, o Wunder! Mistreß Houſton nicht minder.— Unter den Creolen jedoch ſcheint die meiſterhaft bündige Auseinanderſetzung nicht großen Anklang gefunden zu haben— die Ar⸗ men gähnen. „Mais pourtant cette affaire avec les six mi- lices— on rencontre à Nouvelle-Orléans de scan- daleuses— d'horribles...— „Man zeigt,“ ergänzt Doughby den zaudernden Creolen,„ſkandalöſe, horrible Placarde in der Hauptſtadt, nicht wahr? Und Ihr natürlich nehmt dieſe Dinge aufs Wort, weil ſie in Holzſtichen ab⸗ konterfirt, und die Texte darunter gedruckt ſind.“ „Steward!“ ruft er einem horchenden Mulatten zu,„lauft mir in mein Staatszimmer, werdet zwei Päcke mit Papieren auf meinem Nachttiſche finden, bringt ſie mir.“— „Werde ſie Euch zeigen, Meſſteurs, und Gelegen⸗ heit geben, den Mann von ſeiner ſchlimmſten Seite kennen zu lernen.— Ja das wollen wir, Gentle⸗ men;“ wendet er ſich an die Demokraten.„Wer, wie der General, ſein Licht auf den Scheffel ſtellt, und — —= 235 6— nicht unter den Scheffel, der ſoll beleuchtet werden, von allen Seiten beleuchtet werden; das Volk, die Nation ſoll, muß ihn kennen lernen, den erſten ſeiner Beamteten, ſeiner Diener. Wollen ihn beleuchten.“ „Steward, habt Ihr gebracht? Gentlemen, Ihr kennt ſie— Meſſteurs Ihr ſollt ſie kennen lernen die Placarde, die horriblen, die ſkandalöſen, die Carrica⸗ turen, Spott⸗, Schmähbilder, die Euch ſo ſehr er⸗ ſchrecken; Alles was über den Mann geſagt wird, was die giftige Kröte von Eineinnati, der ſchmutzige Soidiſant⸗Demokrat von Philadelphia gegen ihn ausſpie, ſollt Ihr ſehen, hören— leſen, nämlich wenn Ihr leſen könnt,“ ſetzte er leiſer im verächtlichen Tone hinzu.— Und ſo ſagend tritt er in ſtolzer Haltung auf den Steward zu, nimmt ihm eines der Packete ab, reißt die Bindfaden auseinander, und vertheilt die Bilder⸗ bogen, wie der Schullehrer die Bilderbücher unter ſeine freudig und ängſtlich geſpannte Jugend vertheilt. „Sehe wohl,“ ſpricht er im hingeworfenen Tone, „daß Ihr läuten gehört habt! Meſſteurs! aber nicht wißt wo, müſſen Eurem Ortsgedächtniſſe zu Hülfe kommen und Euch Materialien liefern, im Falle Ihr 16* — 0 236 6— eine Volksgeſchichte dieſer unſerer vereinten Staaten ſchreiben wollet.“ Und die Arme verſchränkend, tritt er einen Schritt zurück, und beginnt eine curſoriſche gleichgültige Unterhaltung mit ſeinen Demokraten. Die Creolen ſchauen unterdeſſen und ſtarren die Holzſtichbilder kopfſchüttelnd an, die auf großen löſch⸗ papiernen Bogen abgedruckt der Deviſen mancherlei haben; die größten führen als ſolche: „Account of some of the bloody deeds of Ge- neral Jackson, with the Resolutions of Mr. Sloane of Ohio etc. ete.*) Obenan knieen die ſechs Milizenmänner mit ver⸗ bundenen Geſichtern hinter ihren Särgen; vor ihnen ſtehen neun ihrer Waffengefährten und der die Ere⸗ kution kommandirende Offizier, aus ſeinem Munde eine flammende Zunge das Wort Fire ſprühend; darunter ein anderer armer Tropf, John Woods, wegen Inſubordination in die andere Welt expedirt; rechts Charles Dickenſon Esg., vor ihm Jackſon, die **) Bericht über einige der blutigen Thaten General Jackſons, mit den Reſolutionen Mister Sloanes, Congreßmitglieds von Ohio n. ſ. w. — 237 6— Piſtole abdrückend, und ſchreiend:„P'll have your hearts blood;“*) tiefer unten der wimmernde Neil Cameron, Alle zum Sprechen getroffen, in Holz⸗ ſchnitten dem lieben Volke zur geiſtigen Nahrung und Aufklärung von ſeinen nordiſchen Freunden zugemit⸗ relt. Das Manöver Doughby's wäre unter andern Umſtänden eines der gelungenſten zu nennen: der Kunſtgriff, auf dieſe Weiſe ein aufgeklärtes Volk, dem die Verhandlungen des vielmals aufgeregten Prozeſſes in ihrer ganzen Stufenfolge bekannt ſind, umſtimmen zu wollen, iſt zu grob; ſelbſt Mistreß Houſton fühlt das Unwürdige dieſes Gaukelſpieles, mit einem Manne getrieben, der heldenmüthig für ſein Land gefochten und geblutet, während ſeine Geg⸗ ner ſich gegen daſſelbe mit den Feinden verbunden. Sie und Richards wenden ihre Augen von den ekel⸗ haften Bildern. Doughby ſteht wie ein Verfechter der guten Sache, ſein Auge ſchweift ernſt, forſchend über die Gruppen, nur zuweilen verzieht ſich ſein Mund zum Lächeln.— „Meſſteurs!“ ſpricht er endlich:„Ihr ſeht, wo — *) Ich will euer Herzblut fließen fehen. —=238 6— hinaus die Beſchuldigungen laufen.— Sechs Mili⸗ zenmänner werden während ſeiner Abweſenheit in New⸗Orleans vor ein Kriegsgericht in Mobile.*) geſtellt und von dieſem zum Tode verurtheilt wegen Deſertion und Conſpiration, der General beſtätigt das Urtheil, und ſie werden erſchoſſen. So wird John Woods durch ein Kriegsgericht abgeurtheilt und erſchoſſen, ſo Neil Cameron. Meſſteurs, was würdet Ihr, was würde, ich ſage nicht Euer Napo⸗ leon, nein, unſer großer Waſhington gethan haben— mit Soldaten, die, ſtatt vor den Feind, au diable gehen?“ Bontemps und LEſtaing nehmen Priſen— die Uebrigen murmeln ein:„Ma ſoi, Parbleu, Morbleu, Fistre!“ Doughby hält eine Weile inne, nimmt dann das zweite Packet aus der Hand des harrenden Mulatten, öffnet es, und das Packet in ſeiner Hand wiegend beginnt er abermals: „Meſſteurs! eine andere, eine wo möglich noch *) Die Schmähſchriften, von denen hier die Rede iſt, beziehen ſich auf Thatſachen, die während der Kriegsjahre 1814— 45 ſtatt fanden. — * —= 239— härtere Beſchuldigung enthalten dieſe Placards. Sie beſteht in nichts geringerem dieſe Beſchuldigung, als daß der General einem Bürger ſeine Ehefrau ab⸗ wendig gemacht, ſie von ihm genommen, und zu ſeiner Frau gemacht habe.— Er wird beſchuldigt, die Gattin des Oberſten H—n aus dem Hauſe ihres Mannes verlockt, und ſich mit ihr ehelich verbunden zu haben.“ „Doughby,“ raunte ich ihm zu,„Ihr habt einen deſperaten Caſus zur Hand genommen.“ „Meſſteurs!“ fährt Doughby fort— nein ſchwerer Vorwurf dieſer, denn die Heiligkeit der Ehe, eines bürgerlichen Contraktes, auf dem die Sittlichkeit des ganzen geſellſchaftlichen Verbandes beruht, iſt groß, iſt gewiſſermaßen das Criterion der Sittlichkeit der bürgerlichen Geſellſchaft ſelbſt. Meſſteurs! dieſer Fall verdient nähere Beleuchtung, ſcharfe Beleuch⸗ tung, partheiloſe ſtrenge Unterſuchung. Wir wollen dieſe Unterſuchung anſtellen, denn wir haben die Beſchuldigung mit dem Schmähblatte gedruckt vor uns, wir wollen ſein Vergehen, denn Vergehen iſt es auf alle Fälle, ſtreng richten;— zuerſt wollen wir die beiden Angeklagten vernehmen. Wer ſind ſte? —= 240— Was finden wir Meſſteurs? Wir finden, Meſſteurs, einen jungen kräftigen Mann, in der Blüthe ſeiner Jahre, einen jungen Advokaten, der bereits in ſeinem vierzehnten Jahre ſeinem Vaterlande als Volontair Dienſte dadurch geleiſtet, daß er, von den Britten gefangen genommen, ſich weigerte, ihren Offtzieren Dienſte zu leiſten.“ „Hört! hört!“ rief es von mehreren Seiten. „Als der Befreiungskrieg vorüber, widmet ſich der junge Held— 4 „Der weiß doch die Geſchichte mit dem Stiefel⸗ putzen ins Licht zu ſtellen,“ flüſtert mir Richards zu. „Widmet ſich der junge Held,“ fährt Doughby mit einem Seitenblicke auf uns fort,„den Rechten.— Der Weg des Rechtes iſt ein langer Weg, Meſſteurs, führt nicht ſo ſchnell zum Reichthum, als der des Unrechtes— das wißt Ihr. Jackſon ſchlug den län⸗ geren, mühſameren, aber ehrenvolleren ein, ward Vertheidiger der Unſchuld, der Unterdrückten, die Stütze, der Anker der Wittwen und Waiſen, der Gegenſtand der Bewunderung aller Guten und Recht⸗ ſchaffenen. Der Ruf ſeiner glänzenden Beredtſamkeit dringt zu den Ohren der Miß N., die, ein holdes — e 241— Mädchen, für den Mann, der eine ſo ſchöne Rolle * ſpielt, in Liebe entbrennt. Er empfindet gleichfalls das Süße der Liebe, die Liebe regt ſich in ſeiner Bruſt, ſein Herz kommt der holden Miß entgegen;— aber dazwiſchen treten die Eltern.“— „Ooughby, Ihr werdet auf einmal proſaiſch.“ „Dazwiſchen treten die Eltern, und ſagen zu ihrer Tochter: Mister Jackſon hat keine Mittel, Oberſt H., der dir die Ehe anbietet, hat aber die Mittel— die Tochter läßt ſich ſagen und gibt dem Oberſt H. ihre & Hand.“— „Gut,“ fährt Doughby fort, ſich mit dem Seiden⸗ tuche den Schweiß von der Stirne trocknend, die zarte Liebesepiſode hat ihm warm gemacht, ſcheint es, und viele Mühe—„gut,“ wiederholt er,„die Miß N. zieht in das Haus ihres Gatten, der ſonſt ein reſpek⸗ tabler Mann iſt, aber doch nicht vergeſſen hat, daß ſeine Mistreß, wie ſie noch Miß geweſen, auf Jackſon hinübergeſchielt hat.— Er läßt es ihr fühlen, ſie natürlich in ihrer Unſchuld fühlt ſich gekränkt, leidet das nicht, er wird heftiger, beginnt ſte zu mißhandeln.— Sie, im Bewußtſeyn, dieſes nicht verdient zu haben, verläßt ſein Haus, und entflieht zu ihren Eltern.“— — e 212 6— „Wohl gemerkt, zu ihren Eltern,“ ſpricht Doughby mit ſtarker Stimme.—„Mit Mister Jackſon hat ſte ſeit den Jahren ihres Eheſtandes alle Verbindung abgebrochen, aber Jackſon hat die treue Liebe im Herzen, das Gerücht bringt ihm ihre Flucht zu Ohren, er hört, vernimmt, läßt ſeinen Gaul ſatteln.“— „Doughby,“ raune ich ihm zu, ndas iſt wieder ſehr proſaiſch.. „V-t ſey euer proſaiſch,“ brummt mir Doughby entgegen;„läßt ſeinen Gaul ſatteln und fliegt in das Haus ihrer Eltern.“—— „Da angekommen wirft er ſich zu den Füßen der Mistreß H— n und ſagt ihr, Maam, ſagt er, ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten, gebieten Sie über mich. Und ſie hebt ihn auf und er umarmt ſie, und trägt ihr ſeine Hand an, und ſagt, ſie ſolle ſich den unmenſch⸗ lichen H—n aus dem Sinne ſchlagen, und alte Liebe roſtet nie, wiſſet Ihr, ſie aber— zaudert.“ „Was, ſagt er, die Edelſte, die Beſte ihres Ge⸗ ſchlechtes ſoll ſo behandelt werden, nein, ich will ſie rächen, ich will H—n zur Rechenſchaft fordern. Und ſie, über ſo viele Liebe gerührt, läßt ſich erweichen und er ſagt: meine Arme ſind geöffnet.“ —=d 243 6— Doughby öffnet die Arme wirklich, ſein hölzerner Pathos ſteigert, zum Liebesdichter hat er aber auf alle Fälle keine Anlage. Er fährt fort: „Sie zaudert— komm in meine Arme, ſagt er.“ Und abermals öffnet er die Arme.„Komm in meine Arme, und ſey mein Weib, und ich will dein Mann ſeyn, dein getreuer Ehemann. Wir wollen unſere Liebe gegenſeitig ehelich verbinden laſſen, wollen Mann und Weib ſeyn.“ „Und ſie, von ſo vieler Liebe gerührt, ſagt Ja, und ſie werden ehelich verbunden, ehelich, Meſſteurs, aber nicht geſetzlich, hier liegt der Haken.“— „Zarte, innige Liebe, die erſte Liebe hatte die Bei⸗ den zu einem raſchen Schritte vermocht, den ſie nicht hätten thun ſollen Sie hätten warten ſollen,“ fährt Doughby ſchwer proſaiſch fort,„warten ſollen, bis die Ehe mit Colonel H—n aufgelöst worden, was ſte verſäumt, und worin ſte gefehlt haben. Zwar,“ meint er in einem weniger ſittenrichterlichen Tone, „haben ſte dieſen Fehler verbeſſert, denn kaum waren ſte ehelich verbunden, als auch Mister Jackſon bereits Anſtalt machte, die frühere Ehe ſeiner Frau trennen zu laſſen, aber der Mißgriff war geſchehen, und wie — e 244 6— ein Mann von dem beſonnenen umſichtigen Charakter Jackſons den Mißgriff begehen konnte, iſt bis auf den heutigen Tag noch nicht ausgemittelt. Aber, Meſſteurs! Mister Jackſon war ein heißer Südländer, wäre Mister Jackſon ein erfrorner kalter ſalzſaurer Yankee geweſen, wäre ihm dieſer Mißgriff nicht be⸗ gegnet, war aber, wie geſagt, ein warmblütiger, treuherziger Südländer, der kein Unrecht dulden konnte, ein galanter Vertheidiger der Damen, der Unſchuld— das war ſein Verbrechen— das ſeine Sünde.— Meſſieurs! wer ſich rein fühlt, keiner Sünde bewußt, der hebe den Stein auf und ſchleudere ihn auf ihn.“ „Doughby das iſt wieder nicht übel, aber in dieſem Punkte wird es Euch ſchwerlich gelingen, Euern Hel⸗ den weiß zu waſchen.“ Doughby wirft mir einen ſchlauen Blick zu, über⸗ ſchaut die Creolen mit Späherblicken, und fährt fort: „Das iſt ſein Verbrechen, deßhalb wird er von den Nankees ein Ehebrecher, ſie eine Ehebrecherin geſcholten, in allen Zeitungen preisgegeben, in Pla⸗ cards gehöhnt und beſchimpft, das Herz des armen Weibes mit glühenden Zangen zerriſſen.“— —— — 3 245 6—. Und Doughby legt den Pack mit den Holzſchnitten auseinander, und theilt abermals die köſtlichen Bilder unter ſeine Zuhörer. „Ma foi!“ riefen die Creolen.—„Mon Dieu, Parbleu, Morbleu, Diable, Fistre!“ iſt von allen Ecken und Enden zu hören. „Ah Meſſieurs!“ fällt Doughby mit freudeſtrah⸗ lendem Antlitze ein:„Ah Meſſieurs! So haben wir uns doch nicht geirrt, indem wir Eurem ritterlichen humanen Sinne vertrauten, ſehen uns nicht betrogen in unſerer Erwartung, daß Ihr in Entrüſtung auf⸗ lodern werdet über die Bosheit, die ihre Pfeile auf ein ſchwaches Weib abdrückt, die Geheimniſſe einer Familie vor das Publikum bringt? Euer chevaleresker Sinn hebt den Handſchuh auf, den dieſe gemeinen Seelen Hamond und Binns Eurer Ritterlichkeit hin⸗ werfen, Ihr wollt die arme Dulderin rächen? Ich ſehe das Feuer des Unwillens in Euern Augen blitzen, Ihr erhebt Euch wie ein Mann, wie ein gewaltiger Rieſe, wie ein Goliath, mit Eurer Keule die Philiſter zu zerſchmettern!— ℳ „Doughby, es war ein Eſelskinnbacken.“ „Vt ſey Euer Eſelskinnbacken! Meſſteurs, Ihr — e 246— ſollt ſie rächen, es ſteht in Eurer Gewalt, der Rächer der unterdrückten Unſchuld zu werden, den böſen Verläumdungen dieſer Unholde das Siegel Eurer Verdammung aufzudrücken. Eine herrliche Gelegen⸗ heit habt Ihr, Meſſteurs, wenn Ihr am nächſten Montag, dem erſten im gegenwärtig laufenden Mo⸗ nate Oktober, Euch zu den Polls verfügen, und da Jackſon, dem ehelichen Gemahle dieſer unterdrückten Unſchuld, dem Helden unſeres Landes, Jahrhunderts, Eure Stimmen geben wollet. Ihr werdet es thun, ich bin deſſen verſichert. Ja, Ihr werdet Euch zeigen, als Verfechter nicht blos der Unſchuld, ſondern als kräftige Männer des Weſtens, als Bürger dieſes Staates, des Emporiums des weſtlichen Handels— beweiſen, daß Ihr Euch nicht von Yankees am Nar⸗ renſeile herumführen laſſet, Euer eigenes Urtheil habt, keinen Tarifmann wollt, keinen tergiverſtrenden Adams, keinen Topaz und Ebonymann, keinen coa⸗ leszirenden Clay— Schade, daß er ein Kentuckier iſt— ſondern einen Freetrade⸗*) Mann. Und einen Freetrade⸗Mann habt Ihr an Jackſon; Jackſon iſt *) Freier Handel. Dieſe Parthei iſt in den füdlichen Staaten vorherrſchend, während in den nördlichen es die der Tarifs iſt. — e 247— der Grundſtein des Prinzipes, ein Grundpfeiler, ein ſtarker Pfeiler, ſeine Adminiſtration wird eine gute, eine ſolide, eine herrliche Adminiſtration ſeyn.“ Und der Redeſchwall entſtrömt dem Manne, wie der Ouachitta dem See gleichen Namens, ohne Unter⸗ laß; mich wundert es nur, daß er endlich aufhört.— Unter den Creolen iſt eine Bewegung zu verſpüren, keine ſtarke, tumultuariſche, raſche, ſondern eine um⸗ herwedelnde, tänzelnde, halb keifende, zänkiſche, un⸗ zufriedene Bewegung. Bontemps nimmt eine Priſe und reicht ſeine goldene Tabatiere Dutang, Alle nehmen Priſen, ſtopfen ſie in die Naſen, räuſpern, huſten, ſind auf dem Punkte, ditto etwas hören zu laſſen. Wir Alle ſchauen ſie geſpannt an— Mistreß Houſton iſt halb in Verzweiflung, denn ſie glaubt nun Alles verloren, aber es iſt blos ein flimmerndes Flämmchen, keine Flamme, die die Creolen aufgeregt; ihre Beweglichkeit legt ſich, ſie werden ruhiger— Mistreß Houſton und Richards wieder gefaßter. Wir ſind mittlerweile unter Bakers Station ange⸗ kommen. Aus der ſeeartigen Bucht, in die der Fluß ſich erweitert, fahren wir in eine der lieblichſten Krüm⸗ mungen ein; ungeheure Cotton⸗ und Immergrün⸗ —= 248 6— Eichenbäume mit Honigacacien und Bohnenbäumen untermengt, erſcheinen in parkähnlichen Gruppen, wölben ſich zu Domen, durch die der dunſtige ferne Rand des Horizontes magiſch wie die Zukunft durch⸗ ſchimmert. Züge von Paroquets, Spottvögeln, Red⸗ birds beleben die Waldparthien, wilde Enten, Gänſe und Schwäne die mit Thränenweiden und Cypreſſen überhangenen Flußbuchten; ſie prallen wild ſcheu empor, ſo wie wir uns ihren Verſtecken nähern, und ziehen ſich in langen Zügen über unſern Häuptern hin. Im Hintergrund überhängt das Panorama ein blauer, helldurchſichtiger, von den feinſten Dünſten gewobener Schleier, der obere Rand iſt von der Sonne bereits in ſchillerndes Gold und Purpur aufgeleuchtet, die untern Schichten zittern noch gleich ungeheuern Atlasbändern, von leiſen Lüftchen bewegt. Und wie der Dampfer den Strom hinanbraust, heben ſte die ungeheuren Bänder wie der Vorhang eines hehren Tempels, und die Werle der Natur und der Men⸗ ſchenhand, die er verbirgt, treten vor unſern Geſichts⸗ kreis. Das Erſte, das wir zu ſchauen bekommen, iſt eine Embryopflanzung, Tabak⸗ und Wälſchkornfelder ſtarren uns bereits in herbſtlicher Nacktheit entgegen, 1—" 249 6— einzelne Neger und Negerinnen, bis auf den Gürtel nackt, einige Schritte ſeitwärts der alte Grocier zu Pferde, mit einem Strohhut auf dem Kopfe, ein Mittelding zwiſchen Barbierſchüſſel und Chapeaubas⸗ Hütchen; zuweilen läßt er die lange Peitſche knallen, ſie iſt bis zu uns herüber zu hören. Wir lenken in die Windung ein, und es erſcheint das Pflanzer⸗ haus, und wie wir ſo dem Dinge entgegenfliegen, und das Ding uns entgegenkriecht,— denn Haus könnt Ihr es unmöglich tituliren,— braucht es einige Mühe, Euch zu überreden, daß es nicht irgend ein mexikaniſches Idol auf allen vier hockend iſt. Es iſt eine Art chineſiſchen Vogelbauers, nur daß es der grellen Farben ermangelt, aber viereckig iſt es halb und halb, hockt auf acht Pfeilern, wie ein häßliches mexikaniſches Idol, und hat wie dieſes die ſchmutzig⸗ braune Thonfarbe wettergebräunter Cypreſſen. Das Dach hängt auf allen Seiten wie die Flaggen eines alten formloſen Hutes herab, ein wunderliebliches Kind aber ſteht in der linken Gallerie.— Alles ſteht ſo fremd, ſo exotiſch aus, dieſe hölzerne Hütte mit ihren Gittern ſtatt der Fenſter, den braunen Wänden von Cypreſſenſtämmen mit Tillandſea ausgefüttert, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 17 ——— — 250— es iſt kein amerikaniſches— bereits ein mexikaniſches Landſchaftsgemälde.— Louiſe ſteht, ihren Arm in dem meinigen, wie ich, im Anſchauen der Pflanzung verſunken, ihren Gedan⸗ ken Audienz gebend, als die kreiſchende Stimme Ri⸗ deau's uns in die Ohren gelt: „Ah Misthere de Doffby wone firm governement you say we shall haff—“ 2). „Das ſollt Ihr, Meſſteurs,“ verſichert ihn Dough⸗ by: nfeſt wie der Felſen, feſt wie der General ſelbſt, der nie gewichen iſt— nie weichen wird, ſollt Ihr eines haben.“ Es entſteht eine Pauſe, während welcher wir uns umſehen.— Die politiſche Fehde ſcheint noch nicht ausgefochten, die Creolen ſich erſt ermannen zu wollen. — Ihr Champion, Monſteur Rideau, ein Zucker⸗ pflanzer aus Cane⸗River⸗Station, ſteht wie ein Hahn Doughby gegenüber, ihm zur Seite als Sekundanten ſämmtliche Ereolen und Creolinnen, Erſtere Parbleu, Morbleu, Diantre und ſo weiter von ſich gebend— Letztere die Ballet⸗Arie. Er iſt ein klapperdürrer *) ſtatt— a firm governement you say We shall have — Eine feſte Regierung, ſagen Sie, ſollen wir haben. — 0 251 6— zuſammengeſchrumpfter Creole mit kaffeebraunem galligem Geſichte auf bouteillengrünem Grunde, nuß⸗ braunen kleinen Augen, winziger Stirne und einer bitterböſen Miene. Er trippelt ungeduldig vorwärts, rückwärts, ohne jedoch Doughby zu nahe zu kommen, der immer geſpannter wird, aber mit ſeinen Demo⸗ kraten den Mann ruhig erwartend beſchaut. Noch ſcheint dieſer nicht ganz entſchloſſen, aber der Anblick der Pflanzungen von Bakers Station, die vor uns auftauchen, ermuthigt ihn augenſcheinlich. „Ah Misthere Doughby,“ hebt der kleine gallige Creole, halb im franzöſiſchen Creoliſch, halb im Eng⸗ liſchen an;„ah Misthere Doughby, Sie ſagen, ein feſtes Gouvernement ſollen wir haben; Plut au Dieu! Daſſelbe aber haben geſagt Viele vor Ihnen, und doch haben wir nicht gehabt, werden nicht haben, ein feſtes Gouvernement.“ „Parbleu!“ „Diantre!“ „Fistre!“ pfiff es nach einander aus dem zahnloſen Munde der Creolen heraus. „Kein feſtes Gouvernement gehabt? Zum Henker, was verſteht Ihr denn unter einem feſten Gouver⸗ 17* — 252 6— nement?“ ruft ihnen Doughby zu.„Was nennt Ihr ein feſtes Gouvernement? Wenn wir keines haben, welche Nation hat denn eines? Wo habt Ihr die Ruhe, die Ordnung, die Sicherheit der Perſon, des Eigenthums, des Handels, des Wandels wie bei uns?“ Der kleine Creole iſt einigermaßen verblüfft über dieſe Replique; die geſpannt ungeduldigen Blicke ſei⸗ ner Umgebungen ſtacheln ihn jedoch, den Streit fort⸗ zuführen. „Ah Misthere Doughby, ich meine nicht den Han⸗ del, das Eigenthum, aber ich meine, wir meinen— ja wir haben die Ehre Sie auf Parole zu verſichern, daß wir kein feſtes Gouvernement haben werden, ſind ſchon ſo oft getäuſcht worden, daß wir daran ver⸗ zweifeln, ein feſtes Gouvernement, eine feſte Admini⸗ ſtration, wie Sie ſagen, zu haben." Die Wendung, die die politiſche Debatte nimmt, iſt ſo neu, des Creolen Sprünge verrathen eine ſo ſelt⸗ ſame Aufregung!— „Was verſteht er unter feſtem Gouvernement?“ fragen mich Mistreß Houſton und Richards. „Das iſt leichter zu fragen, als zu beantworten. — 253 6— Dieſe Menſchen haben ſo eine eigenthümliche Geiſtes⸗ richtung.“— „Ma foi!“ ſchrie das gallige Männchen, mit Hän⸗ den und Füßen arbeitend, und wie ein Hahn gegen Doughby und ſeine demokratiſche Schaar vor⸗ und zu⸗ rückhopſend;„Ma foi! die amerikaniſchen Shentel⸗ men*) wollen kein feſtes Gouvernement, weil ſie keine Ruhe wollen, ſie können nicht vertragen ein feſtes Gouvernement, müſſen immer Veränderung haben, Parbleu!“ „Was!“ ruft Doughby—„wir kein feſtes Gou⸗ vernement wollen? Wir die Ruhe nicht ertragen kön⸗ nen? Und das ſagt Ihr Creolen⸗Franzoſen uns, Ihr die Abkömmlinge, die Blutsverwandten derſelben Franzoſen Uns, die wir ſeit 89 ein und daſſelbe Gouvernement haben, ein Gouvernement, ſo regel⸗ recht wie das Einmaleins, ohne die mindeſte Unord⸗ nung, Verwirrung, während Eure geprieſenen Fran⸗ zoſen einem Vierteldutzend Königen und Kaiſern den Garaus machten, ſie erſt, wie die alten Heiden ihre Götzen, anbeteten, und dann im Kothe herumſchleif⸗ *) Franzöſiſche Ausſprache ſtatt Gentlemen. —= 254— ten, ihnen die Köpfe abſchlugen, die ihnen geleiſteten Eide brachen, ihre Regierungen wie Kleider wechſel⸗ ten? Bei Jove! das iſt zu knollig!“ wendet er ſich zu uns und den Demokraten. „Mister Doughby, Major Doughby!“ rief es von mehreren Seiten,„wollen dem Manne ſeine Wort⸗ freiheit laſſen— iſt Bürger, wollen ihn anhören.“— Der kleine Kreole ſchaut einen Augenblick die Spre⸗ chenden an, iſt augenſcheinlich verwundert, aber die funkelnden Augen verrathen nur die verſtärkte Galle des durch die ruhige Herausforderung noch mehr auf⸗ gereizten kleinen Männchens.—„Ah Misthere Ho⸗ ward! Misthere Doughby! Shentelmen! Pardon— wir nicht meinen den pauvre Louis seize. weder den grand Empereur— non, non, wir nicht von ihm ſprechen— was wir meinen,“ſ chreit er ſtärker, vetwas ganz Anderes ſeyn, eine andere Ruhe wir wollen, ein anderes feſtes Gouvernement.— Ah die Shentelmen in Amerika sont une grande nation, aber ſie geben keine Ruhe, keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht, Alles ſie kehren von unterſt zu oberſt, Alles verbeſſern, immer in Bewegung ſeyn, immer herumziehen, nie auf ihrem Flecke ſitzen bleiben, ſie immer Hurli Burli, —= 255 6— keine Zeit ſich geben zum Eſſen, Trinken, Alles hin⸗ einwerfen, verſchlingen— Fiſche, Braten, Kartoffeln, Hühner, Enten, dann aufſpringen von der Tafel, und wieder Politik und Kanäle, und Dampfſchiffe und Straßen, und Ehedems und Shekſons.“*) „Seyd aus der Ordnung, aus der parlamentariſchen Ordnung;“ bemerkt ein Pflanzer. „Eßt und trinkt, wie Ihr wollt, davon iſt hier nicht die Rede; laßt uns eſſen wie wir wollen, wenn wir es bezahlen, geht es weder Euch noch ſonſt Jemanden an,“ mahnt ein Zweiter. „Haltet Euch an Eure politiſchen Prinzipien;“ ruft Capitän Trumbull den Creolen zu. „Bleibt in der Ordnung, der Debattenordnung,“ ein Vierter.. Das Männchen wird immer toller und gebehrdet ſich ganz wie ein Affe, der ſein Bild im Spiegel er⸗ blickt und herumſpringt, zitternd vor Wuth zu zappeln beginnt an Händen und Füßen; die Galle kocht in ihm und er peitſcht ſie mehr und mehr in ſich hinein. „Ah die amerikaniſchen Shentelmen,“ ſchreit er *) Adams und Jackſon. — 256 6— ſeinen Compatrioten zu,„mögen ſagen was ſie wollen, ſind unruhige Shentelmen, geben keine Ruhe, und wir wollen Ruhe, und können keine haben. Jahr aus Jahr ein keine Ruhe; wird immer ärger, jeden Tag etwas Neues, eine friſche Plage, immer Mühe, Plage, Sorge. Jetzt kommen ſie, und wir müſſen zu einer Meeting. Müſſen eine neue Straße haben, ſagen ſie, eine Straße von Alexandria nach Natchitoches. Wohlan, ſagen wir, wollen Geld hergeben, ihren Willen thun, eine Straße nach Natchitoches machen, unſere Neger ſollen daran arbeiten; obwohl unſere Vorfahren, die auch keine droles waren, ohne Straße nach Natchitoches gethan haben. Wir geben Geld her, unſere Neger her, zum Straßenbau nach Nat⸗ chitoches. Sie iſt noch nicht fertig, und die ameri⸗ kaniſ chen Shentelmen kommen bereits mit einer zweiten Meeting, und ſagen, die Straße muß von Natchitoches an den Sabine. Au diable mit dem Sabine! ſagen wir, was ſollen wir hinauf auf den Sabine, wo bloß Prairie⸗Wölfe und Bären und wilde Indianer hau⸗ ſen? Handel nach Mexiko, ſagen ſie, die Miſſouri⸗ männer ziehen ſonſt den ganzen Caravanenhandel mit Mexiko und Santa⸗Fé an ſich, müſſen hier ent⸗ — — 257— 3 gegen arbeiten, eine Straße an den Sabine haben. Wohl, ſagen wir, ſey es, wollen die Straße bis zum Sabine führen, aber dann laßt uns in Ruhe. Die Straße an den Sabine iſt noch nicht ganz ausgelegt, ſie kommen abermals: die Straße muß hinüber nach Nacogdoches. Peste! ſagen wir, was geht uns Na⸗ cogdoches an, das zu Mexiko gehört? Handel nach Santa⸗Fé, ſagen ſie, was hilft die Straße an den Sabine, ſagen ſie, wenn wir zwiſchen dem Sabine und Nacogdoches ſtecken bleiben? Müßt Aktien neh⸗ men, die Straße nach Nacogdoches vorzubringen. Und wir müſſen Aktien nehmen, um nur Ruhe zu haben. Glauben, wir werden jetzt Ruhe haben. Ruhe? Sacré Fistre! Morbleu! Haben keine Ruhe, Meſſieurs. Iſt kaum vorüber mit der Straße nach Nacogdoches, kommt wieder etwas Anderes, heißt, die Rapides unterbrechen die Schifffahrt auf unſerm Redriver, müſſen einen Kanal haben, ſo wie ihn die Yankees bei Louisville haben. Was, ſagen wir, Shentelmen, einen Kanal haben? Haben Sie doch Raiſon, was Kanal? Wir haben keinen Kanal ge⸗ habt, Gott ſey Dank, dieſe hundert Jahre, und doch gelebt. Wäre ein Kanal vonnöthen, hätte ihn der 8 —=d 258 6— bon Dieu ohnfehlbar gemacht. Parbleu! Sie uns nur auslachen und verſpotten; ſie ſagen, der Kanal muß ſeyn, der Handel leidet, und die Schifffahrt lei⸗ det, und der Himmel weiß was leidet.“— Das Männchen hatte ſich mehr durch die ſeltſamen Sprünge, als durch die Heftigkeit, mit der es die Worte ausſtieß, außer Athem gebracht.— Es keuchte und hielt erſchöpft inne. Neben mir ließ ſich ein leiſes Geſtöhne hören, und Zähneknirſchen. Es waren Mistreß Houſton, die bleich vor Zorn, ihr Geſicht abgewandt, in die magiſche Ferne hinausſchaute, neben ihr der unwillkürlich zähneknirſchende Richards. Die Demokraten mit Doughby ſtanden lautlos wie Mar⸗ morſtatuen, ihre Blicke auf den Boden geheftet. Wir hatten uns dem Mittelpunkte von Bakers Nie⸗ derlaſſung genähert, und das Dampfſchiff begann einer Pflanzung zuzurunden, deren unabſehbare Baum⸗ wollenfelder tief in das Land hinein bis zu einem Le⸗ benseichenwalde liefen. Der Creole fuhr in ſeinem halb engliſch halb fran⸗ zöſiſchen Jargon mit gellenderer Stimme fort: „Wir uns ſagen laſſen, und Aktien nehmen zum Kanale, um doch einmal Ruhe zu haben. Ruhe! r — e —= 259 6— . Diable! wann haben Sie gehört, daß die Shentlemen in Amerika Ruhe geben; ſie neue Dämme am Red⸗ River brauchen, ſie brauchen Reinigung des Flußbettes, ſie brauchen Kirchen, Markthallen, in Alexandria, Natchitoches, der Himmel weiß wo überall, ſte brauchen Geld und wieder Geld zu ihren improvements,*)— ſie brauchen Millionen, wenn ſie ſie hätten, und wir ſollen immer geben und nur geben, und kein Auf⸗ hören, keine Ruhe. Diable! ſagen wir, wir wollen Ruhe, aber die Shentelmen kennen keine Ruhe— Ruhe iſt nicht unter dieſem Gouvernement zu finden,“ ſchreit er, giftig die Fäuſte ballend.„Sind von der Meeting, wo wir die Straße beſchloſſen, die Fluß⸗ reinigung, die Dämme, noch kaum zu Hauſe ange⸗ langt, haben noch nicht unſere Kleider gewechſelt, kommt der Conſtable; Meſſieurs, zur Grande⸗Jury, zur Petite⸗Jury. Au Diable mit der Jury! Wofür bezahlen wir die Richter, wenn wir uns mit den Fripons plagen ſollen? Was gehen uns die Quarter Sessions**) *) Werden alle in Bezug auf die Landeskultur unternommenen Verbeſſerungen genannt, als Straßen, Kanäle, Städte, Pflan⸗ zungen. S. Note im I. Bande der Lebensbilder S. 187. **) Die Aſſiſen, Gerichtsſitzungen, die jedes Vierteljahr in den Counties abgehalten werden, — 0 260— an? Helfen nichts alle unſere Klagen, Einwendungen, 3 müſſen fort in die Jury, oder Strafe bezahlen; müſſen vierundzwanzig Stunden bei einem Kruge Waſſer ſitzen, wenn es einem dickköpfigen Shentelmen einfällt, ſich enteté zu zeigen. Ah, Monſteur Dutang, Sie wiſſen, noch voriges Jahr bei der Dezember⸗Seſſion, wo wir Beide waren, und ſaßen, und darüber den Ball bei Monſteur Leroux verſaßen. Und immer eine neue, friſche Plage, eine neue Sorge, die das v— te Selbſtregieren, das Selfgovernement, wie ſie. es nennen, über uns bringt. V— tes Governement, 4 das weder uns noch die Unſrigen ruhig ſchlafen läßt, — uns zwingt, immer auf der alerte zu ſeyn, unſer Geld wegzugeben für das maudit public good!*) Au Diable mit dem public good! Was geht uns das public good an? Wir wollen für unſer good ſorgen, 2 Andere mögen es für das ihrige, wollen unſer Geld für uns behalten, und nicht für Andere ausgeben, es ausgeben für unſer plaisir, und nicht für das bon plaisir Anderer. Sie lachen nur, wenn wir ſo ſpre⸗ chen!— Ihr bon plaisir iſt das public good, ihre —y *) Gemeinbeſte, öffentliches Wohl. ——— — 261— improvements— dieſe ſtecken ihnen Tag und Nacht im Kopfe. Sie ſind ihr Theater, ihr Ball, ihr Spectacle, ſie haben für nichts Augen, Ohren, als für ihr public good, ihre improvements, dieſe ver⸗ wirren ihnen Tag und Nacht den Kopf. Was ſoll uns das public good? ſagen wir. Gibt uns das public good ein friſches Hemd im Sommer, eine Ca⸗ potte im Winter, unſern Damen eine Robe? Wollte der Diable holte das public good und die impro- vements und das Selfgovernement, die vor lauter Sorgen uns an unſer eigenes good nicht denken laſſen. Ihre ewigen Veränderungen, Verbeſſerungen, immer Unruhe, Unſtätigkeit,— Peste! Wenn ich ein Haus habe, das gut iſt, und in dem ich bequem wohne, warum das Haus niederreißen, wenn mein Nachbar ein bequemeres hat, und ein ganzes Jahr in Sorgen und Arbeit mich abquälen?— ah Meſſieurs!“ wen⸗ det er ſich an ſeine Compatrioten,„on appelle ces Shentelmen non sans raison des àmes damnées“*) Und ein lautes Gekicher erſchallt unter den Creolen, die immer freier, lauter, ungeduldiger werden, ihre *) Les ämes damnées— eine Species Seevögel, die auf den Gewäſſern des Bosphorus nimmer ruhend umherfliegen. —= 262— Bravos immer gellender hören laſſen, und bei dem letzten Bonmot kichernd in die Hände klatſchen, wäh⸗ rend der Blick des Redners forſchend auf den Geſichtern der Demokraten haftet.— Und während dieſer Blick auf den Geſichtern haftet, ſchließt ſich der bereits geöffnete Mund, das Wort erſtirbt, ſchnappt ihm auf der Zunge ab, bloß ein ſchlangenartiges Ziſchen iſt zu hören. Die Hinterwäldler waren ſchweigend ge⸗ ſtanden, vor ihnen Doughby, Trumbull, Heath und Blount, die gleichſam eine Barriere für die Creolen bildeten. An einander gereiht, horchten ſie mit der⸗ ſelben lautloſen Spannung, mit der ſtricte Presby⸗ terianer ihren Prediger von der Gnade Gottes und dem Sündenfalle donnern hören, und die ſeltſamen Glaubensſätze mit ihrer Ideenverbindung in Einklang zu ſetzen vergeblich bemüht— auf einmal ihre for⸗ ſchenden Blicke auf den frommen Verkündiger des göttlichen Zornes richten, um in ſeinen Zügen viel⸗ leicht die Löſung der räthſelhaften Widerſprüche zu entdecken. 4 Es war ein ſolcher oder ähnlicher Gedanke, der ein ſo plötzliches Aufwerfen der ſechsunddreißig Demo⸗ — —=0 263— kratenköpfe zur Folge hatte, das den Redner gänzlich aus ſeiner Faſſung brachte. Und allerdings war dieſes abrupte Kopf in die Höhe der zum Theil ſonn⸗ und wetterverbrannten Phyſtognomien, mit ihren ſcharfen— Kümmere mich den Teufel— Mienen, ihren trotzig zuſammengepreßten und im ſchneidendſten Hohne gekräuſelten Lippen, ihren tief gefurchten Stir⸗ nen— eben nicht zweimal geeignet, einem von Galle und Wuth überſprudelnden Creolen ins Concept zu verhelfen.— Es lag in dieſen bitter ironiſchen Zügen, den finſter aus ihren Höhlen herausleuchtenden Augen bereits etwas von jenem Ingrimme, der ſich dem Wendepunkte nährt, the whole hog zu gehen, ſich nach einem Theer⸗ und Federfaſſe umzuſehen. Sie gaben ſich Mühe, man ſah es deutlich, den Ausbruch dieſes Ingrimmes zu meiſtern, es kam ihnen peinlich, ſie trauten kaum ihren Ohren, und ſchauten auf, recht naiv, verwundert, ſich zu überzeugen, und den Mann von Angeſicht zu ſehen, der es wagte, dasjenige, was ſie pflegten als ihren Augapfel, als das Theuerſte, mit dem Geifer ſeiner verdorbenen Zunge zu beſudeln. Ich und Richards und Mistreß Houſton waren geſpannt, beſorgt näher getreten— Aber wie ſte nun —= 264 6— den Mann anſchauen und ihre Blicke weiter auf ſeine Compatrioten gleiten, kommt eine Veränderung über dieſe Geſichter, ein Wechſel des Ausdruckes der Mie⸗ nen, der uns mit Verwunderung erfüllt.— Zuerſt zeigt ſich ein leicht hingeworfenes Lächeln des Mit⸗ leides, das verächtlich auf den gekräuſelten Lippen ſpielt, wie der Schmelz der Tinten in den Kronen der Papaws und Catalpas einen Augenblick dauert, und dann in andere Farbenſchmelze übergeht; es überzieht dieſe Geſichter ein Ausdruck von Hoheit, von ſo ſelt⸗ ſamer Hoheit, daß unſere Blicke lächelnd auf die Linſeywoolſey⸗Röcke, die Strohhüte, die Lederwämſer herabgleiten, die mit dieſem Ausdrucke von Hoheit ſo ſeltſam contraſtiren. Aber das Lächeln vergeht uns, und etwas wie Scheue überkriecht uns, Ehrfurcht gebietende Scheue. Ehrfurcht gebietende Scheue? vor ſechsunddreißig Hinterwäldlern mit höchſtens einem Dutzend reſpectabler Pflanzer! Etwas derlei iſt es, verſichere Euch, ſo wie ich Euch verſichern kann, daß unſere Demokratie ſich Ehrfurcht zu erringen weiß, möget es glauben oder nicht. Ich liebe ſie nicht be⸗ ſonders dieſe unſere Demokratie, dieſe alles über einen Leiſten ſchlagende, alles gleich machende Demokratie, —= 265 6— aber verachten kann ich ſie auch nicht, denn je mehr ich ſie mir anſchaue, deſto deutlicher wird es mir, daß ſie die nothwendige Bedingung der Größe, des Ge⸗ deihens unſeres Landes iſt, daß ſte es iſt— gerade wie ſie als Bruchſtück vor mir ſteht, hoch und niedrig, rauh und gebildet, hausbacken und genteel, die in unſerer gegenwärtigen Phaſis unſere Ge⸗ ſammtkräfte in ſo verſchiedenen mannigfaltigen Rich⸗ tungen entwickelt, daß ohne ſie jene Wunder der Kultur, der Thatkraft, Chimären wären, nicht ge⸗ denkbar unſere dreihundert ſechzig Meilen lange Kanäle, unſere prachtvollen, kaum ein Viertel⸗Jahr⸗ hundert alten Städte, unſere alle Meere, Seen bedeckenden Flotten, unſere Straßen, die von den Geſtaden des atlantiſchen Ozeans bald hinüber zu denen des ſtillen reichen werden und die Civiliſation bereits tief in das endloſe Thal des Miſſiſtppi ver⸗ pflanzt haben.— Es iſt dieſe Demokratie, ſo miß⸗ verſtanden von Großen und Kleinen, die Ihr für nicht viel beſſer, denn eine vorübergehende Chimäre haltet, bei uns in der That und Wahrheit ein Geſetz der Nothwendigkeit, dieſelbe Demokratie iſt es, die die Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 18 — d 266 6— Bevölkerung unſeres Landes in ein homogenes Ganze vereinigt, die unverdroſſen, durch keine Hinderniſſe, keine Rückſichten abgeſchreckt, an dem public good Tag und Nacht arbeitet, die ſelbſt unſere unerſättliche Geldgier adelt, indem ſie dieſes public good ihr zum Relief unterlegt, zur Folie, die bei aller ſcheinbaren Gemeinheit glänzend hervortritt. Sie iſt es, dieſe Demokratie, die die Kraft eines Erdengottes, aus einer Hand geriſſen, in Millionen Theilchen vertheilt, jeden einen Splitter des Donnerkeiles, einen Funken des Blitzes zugeworfen, ſo zum millionenfältig be⸗ lebenden Elemente im Lande geworden, in unſere Hütten Selbſtachtung, ja Hoheit gebracht, die Euch barock, ja lächerlich dünken mögen, aber wenn es zum Handeln kommt, gar nicht lächerlich ſind.— Denn, merkt es Euch wohl! ſo wie unſer Land dasjenige in der Welt iſt, in dem ſich die Demokratie in ihrem weiteſten Umfange entwickelt, ſo iſt es auch das ein⸗ zige, wo dieſe Demokratie ihre Sendung verſtanden und glänzend erfüllt, die Sendung, den ſchönſten, den reichſten Erdtheil der Kultur zu gewinnen. Und das Geheimniß, durch welches ſie dies bewirkt, iſt, die —= 267—. Zahl der free agencies*) ins Millionenfache zu vermehren, im Gegenſatze von Euch, die Ihr blos durch Maſſen handelt.— In dieſem Geheimniß der Individualiſtrung liegt ihre ungeheure Reproduktions⸗ kraft; in der Selbſtachtung, die ſte jedem Individuum verleiht, indem ſte aus jedem ein für ſich beſtehendes Ganze, ein verantwortliches Ganze bildet, mit aller Freiheit des Handelns und Wirkens, wogegen Ihr bloße Fragmente einer großen Maſſe habt, die auf höheren Antrieb in Bewegung geſetzt werden, wie die Planke eines Schiffes, die keine andere Beſtimmung kennt, als auf ſich herumtreten zu laſſen— und dann weggeworfen zu werden.— Nie noch war mir das Eigenthümliche unſerer Demokratie, ihr Weſen, ihre Natur ſo nahe vor den Geſichtskreis gerückt, als jetzt im Contraſte deſſen, was ich gehört und geſehen, und beiden Partheien, die vor mir ſtanden, die eine die Repräſentantin die⸗ ſer Demokratie, die andere des alten Regime;— die erſtere aus verſchiedenartigen, zum Theil gemeinen, rauhen, ärmlichen Elementen zuſammengeſetzt, vom *) Freier Wirkſamkeiten, Selbſtſtändigkeiten. 18 ³ —= 268 6— Holzhauer, deſſen Hemde auf Urlaub iſt, hinauf zum Pflanzer, der Hunderttauſende beſitzt, aber Alle durch ein und daſſelbe Band verbunden, bei Allen das Bewußtſeyn einer Selbſtſtändigkeit hervorleuchtend, ja Hoheit, die Ihr an den Creolen vergeblich ſucht, denn ſte kommen Euch in dem Augenblick gerade vor wie Schulknaben, die ihrem Pädagogen einen Streich geſpielt haben, wie Affen, herum ſchnoppern, tänzeln, blinzeln.— Ich muß geſtehen, der Anblick iſt für mich tröſtend, er verſöhnt mich wieder mit manchem Schattenriſſe unſerer Demokratie, macht ſie mir wie⸗ der achtungswerther, erträglicher; denn in welchem Lande würde wohl eine ſolche Sprache von ſolchen Menſchen ungeahndet geblieben ſeyn? Meine flüchtigen Gedanken werden abermals durch die gellende Fiſtelſtimme Bontemps unterbrochen, der unter den Creolen umhertänzelt, demonſtrirt, parlirt, geſtikulirt, auf einmal aber ſich zu uns wendet, wahr⸗ ſcheinlich um einen neuen Varianten zu dieſer wirklich einzigen Farce zu liefern. „Ah Shentelmen!“ hebt er an,„Monſteur Rideau hat uns vollkommen aus dem Herzen geſprochen. Vollkommen aus dem Herzen geſprochen,“ wiederholt —= 269 6— er, uns forſchend mit ſeinen ſchwammigen Auſter⸗ äuglein anblinzelnd.— „Ah Shentelmen!“ fährt er fort:„Mögen uns immer ſcheel anſehen, denken, was Sie wollen, ſind ganz im Ernſte— ganz im Ernſte. Plut au Dieu! wit wären unter la belle France! wo wir nicht ver⸗ ſpottet werden, Ruhe haben würden.“ „Seyd in einem freien Lande, Meſſieurs;“ fällt Kapitän Johns ein,„in einem freien Lande, ſo es Euch bei uns nicht gefällt, mögt Ihr Eure Liegen⸗ ſchaften verkaufen und nach belle France überſtedeln.“ „Wer läßt Euch nicht in Ruhe?“ frägt Kapitän Blount.— „Wer uns nicht in Ruhe läßt?“ belfern zehn Creolen und ſpringen untereinander, ganz wie junge Hähne, unter die eine Brodkruſte geworfen wird. „Einer ſpreche, wenn es beliebt;“ mahnt Trumbull. Die Creolen prallen bei dieſer Zurechtweiſung wieder auf, ſpringen vor, zurück, ſchauen ſich an.— Dutang ſchreitet vor, ganz wie ein Tambourmajor, ſchiebt Bontemps mit einer zierlichen Wendung den Damen zu, ſtemmt ſeine Linke theatraliſch in die Seite, und mit der Rechten geſtikulirend fängt er an: — d 270 6— „Wer uns beunruhigt, Shentelmen? Wer uns beunruhigt? Und Sie fragen? Morbleu! Sie können noch fragen? wenn Sie es ſelbſt ſind, die uns täg⸗ lich, ſtündlich beunruhigen. Haben wir nicht täglich, ſtündlich Mühe und Plage mit den v—ten Meetings? Jetzt Meetings, um Straßen anzulegen, wie Monſteur Rideau gezeigt, wieder um Kanäle, Markthallen zu bauen, der diable weiß, Alles wofür, dann Town⸗ und Countrymeetings. Haben wir nicht Meetings, um die Conſtables und Sheriffs und Coroners zu wählen? Meetings, ſie wieder abzuſetzen, und neue an ihre Stellen zu bringen? Parbleu, wie wir noch unter la belle France waren, brauchten wir uns um alle dieſe niaiseries nicht zu bekümmern. Hier ewige Meetings, um das pauvre Gouvernement in Ord⸗ nung zu erhalten— Ordnung! Peste! Es iſt nie in Ordnung, immer außer Ordnung.“ „Wo zum Henker haben dieſe Menſchen ihre Ideen von Ordnung her?“ fragt mich Trumbull. „Und im ganzen Lande,“ fährt Dutang fort, „Meetings, um das pauvre Gouvernement in Ord⸗ nung zu bringen, und Lärmen, Trinken, Raufen und Geſchrei und Zank und Uneinigkeit, Verwirrung in —= 271— . den Familien, und Hurrah's, um den neuen Präͤſiden⸗ ten au diable zu ſenden, und einen neuen zu machen, der die eréme aller perfection ſeyn ſoll; ja, Meſ⸗ ſteurs, creme de perfection ſo heißt es immer. Au diable mit ihrem créême de perfection! Crème de Tartare ſollte es heißen. Der Präſident iſt nicht ſechs Wochen im Fauteuil, und haben ſchon wieder eine Menge, nicht Splitter, ſondern Balken in ſeinen Augen gefunden, muß in allen Zeitungen herhalten, wollen ſchon wieder einen andern, eröffnen ihre Can⸗ vaſſe auf allen Dampfſchiffen, in allen Hotels, der Streit, das Trinken, die Hurrah's beginnen von Neuem. Ah Meſſteurs,“ ſchreit der Creole giftig ſeinen Compatrioten zu:„Sie erinnern ſich noch, wie es hieß Misthere Shefferson*)— Ah c'est un homme de bien, c'est un grand homme, un sage, ein glorreicher Shentelmen, hat Louiſtana von dem großen Napoleon für die Vereinigten Staaten zu erhalten gewußt!— Wie froh waren wir, einen ſo glorreichen Shentelmen zu haben. Pah, in weniger als einem Jahre war er ein maurais sujet, nichts *) Jefferſon. *) Madiſon. —= 272 6— war recht, muß nach vier Jahren weg, um einem Mister Maderſon*) Platz zu machen, und Misthere Maderſon iſt wieder zuerſt la crème of perſection gerade auf ſechs Wochen, dann ſpielen ſte ihm juſt daſſelbe Spiel, kommt weg und Misthere Monroe kommt, und Misthere Monroe erhält ſeinen Laufpaß, und Misthere Ehedems kommt, und jetzt wollen ſie Misthere Shekſon haben, und immer etwas Neues, und nie zufrieden, und immer Andere, Beſſere, und zuletzt zeigt ſich's, daß es pis aller iſt,“ gellt der Creole mit boshafter Freude.„Morbleu! warum nicht behalten, Shefferſon oder Maderſon oder Ehe⸗ dems, wenn er gut iſt? warum immer die Unruhe, Unordnung, Verwirrung im ganzen Lande, wieder von vorne anfangen? Und das nennen ſte Sellgoverner, Selfgovernment!**) Au diable mit ihrem Selfgo⸗ vernement!“ „Parole d'honneur!“ kreiſcht Bontemps,„dieſes Selfgovernment macht uns mehr Plage!“— „Wollte, es wäre au diable!“ fällt Rilieux ein. „Wollen Ruhe haben!“ Letemps. 4 **) Selbſtregierer, Selbſtregierung. —= 273 6— „Wollen Ruhe, Shentelmen!“ ſchreien Alle— „Ruhe, Ruhe— wollen nichts mit dem Sellgovern- ment zu ſchaffen haben, verſchont bleiben mit den Polls!“ „Au diable mit den Polls!" „Au diable mit den Polls!“ ſchreien die Creolen nochmals uns und den von dieſen Auftritten wie ge⸗ lähmten Demokraten zu, hopſen mit einem Entrechat herausfordernd an Doughby und ſeine Schaar heran, prallen wieder zurück, ſchieben ihre Damen zwiſchen ſich und die Demokratie, und indem ſie Arm in Arm werfen, ziehen ſie geſtikulirend im glorioſen Helden⸗ ſchritte über die Bretter ans Ufer— ihnen nach ihre Damen, die die Arrièregarde bilden, Uns, die wir unſern Ohren kaum trauen, das Nachſchauen laſſend. Wie vom Sublimen zum Burlesken nur ein Schritt iſt, ſehen wir an unſern Geſichtern, ſie haben alle Schattirungen dieſer beiden Extreme.— — k 274 8— VI. Uncle Sam*) und ſeine Nemokratie. Wohl eine Minute verging, ehe Einer zu Worten, zur Beſinnung kam. Endlich brach Kapitän Blount aus: „Bei G—tt! Habt Ihr je ſo Etwas in Eurem Leben gehört?“ „Hättet Ihr Euch auch nur träumen laſſen, daß es in unſerer Union ſolche Menſchen geben könne?« ruft Heath. „Aerger als Baſchkiren und Kalmücken!“ Johns. „Und Algierer und Tuneſer!“ Trumbull. „Sie wollen Ruhe,“ lacht Richards. „Unter la belle France zurück,“ Doughby. „Wir hätten unſern Shefferſen, Maderſen, Ehe⸗ dems behalten ſollen,“ ſpotten Beard und Weatherell. „Haben Sie nur Raiſon, Shentelmen, was Straße an den Sabine?“ Brown. *) Bekanntlich das Sobriquet, das die Eigenthümlichkeiten der amerikaniſchen Nation(wie John Bull die der engliſchen) bezeichnen ſoll. Siehe Note im 2. Theil der Lebensbilder, S. 87. —= 275 6— „Was Kanal!“ fällt wieder Blount ein—„was Kanal! Wäre ein Kanal vonnöthen, hätte ihn der bon Dieu ohnfehlbar gemacht!“ Und abermals ſchauen ſte ſich an, ſo verdutzt, ver⸗ blüfft über dieſes creoliſche Spektakelſtück, wie ich in meinem Leben Hinterwäldler nie geſehen. Aber die Bellevue von unſerm Treiben, die uns die guten Leute vor Augen gehalten, iſt auch zum Verblüffen, iſt von einem ſo barocken Standpunkte aus genommen, ſticht ſo grell ab mit den Anſichten, Meinungen, die wir vorgefaßt, gehegt, gepflegt!— Wir hegen nämlich eine ſehr gute Meinung von uns, eine vortreffliche, herrliche, kernſolide Meinung, würde Doughby ſagen, die erſte, die beſte Meinung von der Welt. Schon John Bull hat, wie zur Genüge bekannt, eine gute Meinung von ſich, allein er iſt die Demuth ſelbſt, im Vergleich mit Unele Sam, der ſich noch einen ganz andern Mann erachtet, als ſeinen alternden Vetter John Bull, es frei, geradezu herausgeſagt— denn er hält in dieſem Punkte gar nicht hinter dem Berge, — daß er der erſte, vortrefflichſte, beſte Mann in der Welt iſt, der freieſte zugleich, ſo wie der verſtändigſte, der aufgeklärteſte, der glücklichſte, kurz ein ganz — 276 6— außerordentlicher Mann, deſſen kleiner Finger mehr werth iſt, als bei einem Andern die ganze Hand. Das verſichert er Euch auf Wort und Ehre, und Leben und Seligkeit, und ſie kommt von Herzen dieſe Ver⸗ ſicherung; denn ſie iſt ihm ſo oft gegeben worden, von Groß und Klein, Jung und Alt, Hoch und Niedrig, daß ſie zum ſtehenden Glaubensartikel geworden, dem einzigen ſtehenden Glaubensartikel, den wir haben, und den Ihr in jeder Hütte, auf jedem Platze, jeder Straße, ohne den mindeſten Varianten hört, den in Zweifel zu ziehen Niemanden mehr einfällt, um ſo weniger einfällt, als der Verſuch mit einiger Gefahr für Eure geraden Glieder verbunden wäre. Und eben weil dieſer Glaubensartikel ſo allgemein, ſo einſtimmig bekannt wird, bringt der Variant, den die Creolen zu dato geliefert, eine ſo außerordentliche Erſchütterung auf die ſonſt eben nicht zarten Felle meiner lieben demokratiſchen Mitbürger hervor, ſie laſſen ſich ſchauen, wie die angenehmen Antlitze eben ſo vieler Affen, denen eine ſtarke Portion gepfefferten Wein⸗ eſſtgs eingetrichtert worden. Daß Unele Sam in ſeiner zahlreichen und weit verzweigten Familie Glie⸗ der zähle, die durch unverdiente Gnade des Zufalls — — 277 e— 3 in dieſe aufgenommen, die Ehre und die Segnungen, deren ſie durch dieſe Aufnahmen theilhaftig geworden, auf eine ſo impertinente Weiſe verkennen, und ſich unter das Joch einer abſoluten Regierung zurückſeh⸗ nen, iſt für ſie ein Phänomen, das ihren Ideengang ins Stocken, zum gänzlichen Stillſtande bringt; denn burlesk, wie es iſt, was ſie gehört haben, ſo fühlen doch Alle wieder, daß den Ausbrüchen etwas anſchei⸗ nend Wahres zu Grunde liege— es ſind bedeutende Männer, die ihrem Herzen Luft gemacht, Männer, deren Intereſſen mit dem Beſten des Landes innig verwoben, die ſich im Beſitze bedeutender Reichthümer unbehaglich fühlen, und die nur dem Drange ihrer bitteren Gefühle Luft gemacht, weil ihnen unſere De⸗ mokratie mit ihrem Treiben und ihrer tumultuariſchen Beweglichkeit wirklich unbequem geworden, eben ſo unbequem, wie das Treiben junger toller Burſche dem ermüdeten Reiſenden, der in demſelben Wirthshauſe Ruhe ſucht, in das auch ſie eingebrochen ſind. Denn geſtehen wir es nur, mit dieſem Treiben einer im Wirthshauſe Kirmſe haltenden Schaar hat unſere Demokratie zuweilen recht ſehr viele Aehnlichkeit, und ſo ſehr uns die Sprünge und der wilde Tanz, und .— — 0 278— der Klang der Gläſer, und das Jauchzen und Johlen ergötzen, weil wir jung und lebensfroh an dieſe Sprünge gewöhnt ſind, ſo iſt es doch wieder ſehr unerquicklich für den müden Reiſenden, in ſpäter Nacht ſein Schlaf⸗ kämmerchen erdröhnen zu hören, und aus dem erſten Schlummer in ſo unſanfter Weiſe aufgerüttelt zu werden. Und ſie ſchüttelt zuweilen, unſere Demokratie und rüttelt, wie Ihr wißt, mit einer Sansfagon, die ſtark nach Ruſticität oder Familiarität, wie Ihr es heißen wollt, riecht, und beſonders zarten, parfümir⸗ ten und überpolirten Perſonalitäten nicht zweimal behagen will. Und ſolche parfümirte und überpolirte Perſonalitäten ſind gerade dieſe Creolen, trotz Woll⸗ decken und Capotte, Schmutz und Unwiſſenheit— es iſt dieſe Pſeudopolitur das Einzige, was vom pre⸗ cioſen alten Regime auf ſie herabgekommen und worauf ſte halten, wie auf ein Erbſtück. Es ſind alte Münzen, dieſe Creolen, einige unter Louis quinze, andere unter ſeinem beſſern, aber unglücklichen Nachfolger ausge⸗ prägt, und durch langen Umlauf ſo verſchliffen, daß ſte fürchten, durch die Berührung mit Euch gänzlich vergriffen zu werden, und deßhalb lieber ihre Tage verliegen wollen bis zur gänzlichen großen Umſchmel⸗ — 279— . zung. Sie wollen mit einem Worte Ruhe, mit Eurem Selfgovernement nichts zu thun haben, es greift zu ſehr ihre Fläche an, faßt ſte zu ſcharf; die fünf und zwanzig Jahre,*) die ſie darunter verlebt, haben den anfänglichen Reiz der Neuheit in Widerwillen ver⸗ wandelt. Sie ſind Franzoſen von Geblüte und mit Leib und Seele, die die Freiheit recht gerne hätten, wenn ſie nur keine Arbeit noch Mühe verlangte, ſchmücken würden ſie ſte, wie Kinder ihre Puppen ſchmücken, ſte drei Tage auf den Putztiſch ſtellen, und entzückt um ſie herumtanzen; dann müßt Ihr es ihnen aber nicht übel nehmen, wenn ſtie ſie nach den erſten drei Tagen auf einen Seitentiſch ſchieben, um ſich mit einem wichtigeren Dinge zu befaſſen,— und nach Berlauf der Woche zum Beſchluß in den Kehricht werfen,— das Spielwerk iſt ja ſo alltäglich gewor⸗ den, und erregt ihnen nur Widerwillen, und ſie ſehnen ſich wieder in die bon vieux temps zurück, mit einem wahren Heimwehe. So ſehnt ſich der Meſtizze der *) Bekanntlich wurde Louiſiana im Jahre 1803 von Frank⸗ reich für 15 Mill. Dollars an die Vereinigten Staaten überlaſſen, und eben ſo bekannt iſt es, daß die Antipathie der Creolen gegen ihre neuen Mitbürger noch immer mehr oder weniger in den ver⸗ ſchiedenen Theilen des Staates hervortritt. — 0 280— Tierra Caliente, den eine wohlwollende Hand aus dem mephytiſchen Fieberpfuhle von Veracruz oder Campeche in die reinere Atmoſphäre von Durango oder Santa⸗Fé verpflanzt, zurück in ſeine Rohrhütte, zu ſeiner Calabaſſe und ſeinem Bananen⸗KFleckchen, die ihm verſtatten, dreihundert und ſechzig Tage von den dreihundert und fünfundſechzig des Jahres zwi⸗ ſchen ſeiner Sieſta, dem Monte und der Guitarre zu theilen. So würdet Ihr, unter den glücklichen Scepter eines europäiſchen Monarchen verſetzt, Euch zurück⸗ ſehnen, auf Eure rein natürlichen Höhen geſellſchaft⸗ licher Prinzipien, unfähig, den Druck der dichten Luftſchichten, die Jahrhunderte einer ſtabilen Regie⸗ rung übereinander gelagert, auszuhalten; ſo würden ſich aber auch ſicherlich die Völker dieſer Monarchen, wenn durch irgend einen revolutionären Stoß aus ihrem Gleichgewichte gebracht, zurückſehnen, ja zwängen, in ihre gewohnte Atmoſphäre, weil ſie weder die friſchere, ſchärfere Luft, noch das ungewohnte Clima vertragen könnten; denn vergeßt es nie, die Freiheit ſo wie der paſſive Gehorſam brauchen eigene Lungen, die, um nicht der Schwindſucht zu verfallen, oder Euch das Spielen zu verſagen, von Jugend auf, durch eine — d 281 6— lange Reihe von Jahren für die eine oder andere At⸗ moſphäre gezeigt ſeyn müſſen. Plötzliche Uebergänge mögen einzelnen Conſtitutionen zuſagen, bei ganzen Völkern thun ſie nimmer gut, und bringen nur Con⸗ vulſionen und epileptiſche Zufälle hinterdrein, die ihre Eriſtenz gefährden.— Nein!— das große Buch der Vergangenheit, ſelbſt der Gegenwart, zeigt es Euch auf jedem Blatte, daß die Göttin der Freiheit nicht die leichtfertige, blumen⸗ bekränzte Coquette iſt, mit der Dichter und böswillige Phantaſten Euch die Sinne kitzeln, nicht die wol⸗ lüſtig lächelnde, im lüſternen Reigen einherſchwebende Schöne, die ſich im Sturme der Leidenſchaft, durch einen Coup de main vom erſten beſten Wüſtlinge erobern, oder durch ein ſchaaffellenes Pergament oder eine Charte octroiren läßt.— Sie iſt eine züchtig ernſte, nüchtern gereifte Dame, bereits in Jahren vor⸗ gerückt, mit einem hausmütterlichen, ja ſtrengen Antlitze, einer Kappe auf dem Haupte, die mit einer Seemannskappe viele Aehnlichkeit hat, und weniger auf Grazie und feine Manieren, als unverdroſſene Arbeitſamkeit deutet, eine Spielereien und dem Tande abholde, matronliche, Tag und Nacht wachſame, miß⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 19 — 282— trauiſch ſcharf ihren Blick umherwerfende, ihren Heerd, ihr Haus bewachende, poſitive, ihrer Würde ſtets ſich vollkommen bewußte, gottesfürchtige Dame, die un⸗ aufgefordert von ſelbſt bei Euch einkehrt, ſo wie Ihr dieſe ihre Lieblingstugenden Euch beigelegt, Euch aber auch in demſelben Augenblicke den Rücken wendet, wo Ihr üppig ausgelaſſen ihre warnende Stimme überhört, oder träge die Bürde Eures Haushaltes auf die Schultern verrätheriſcher Miethlinge wälzet. So erſcheint ſie Uns, im Leben und im Bilde, auf jedem Eagle, jedem Dollar, jedem Dime,*) und wir glauben ſie ſo ziemlich genau zu kennen, und wer ſie Euch anders malt— hütet Euch vor ihm! Iſt aber doch zu verwundern, wie trotz dem un⸗ abläſſigen Reiben, Rollen, zu dem unſere Demokratie Unele Sam verdammt, wie die alten Götter den armen Soyſtphus, die urſprünglichen, aus dem alternden Europa herübergebrachten Schlagſchatten noch ſo ſtark in ſeiner weit verzweigten Familie hervortreten! *) Abler, Piaſter, zehn Cent⸗(oder Sous) Stücke; die Mün⸗ zen der Vereinigten Staaten, die bekanntlich auf einer Seite das Wappen, den weißköpfigen amerikaniſchen Adler, auf der andern das Bruſtbild der Göttin der Freiheit als Symbol führen. —“= 283 6— Servabit odorem testa diu— 1. ſagt der römiſche Dichter, und bei uns gilt dies, wie⸗ wohl in einem anderen Sinne, recht eigentlich im großen Maaßſtabe. Seht nur zum Beiſpiele den Yankee, einen der älteſten Söhne beſagten Uncle Sams! ſeht ihn an, mit ſeiner gefurchten Stirne, und den kalten neblich froſtigen Augen, den ſtrenge zuſammengezo⸗ genen Lippen, die ſich nur öffnen, um den Herrn in ſeinem Tabernakel zu preiſen, oder den Zucker, Kaffee und Thee in ſeinem Kramladen;— in unausſtehlich gedehnter Selbſtgenügſamkeit, nicht bloß im Herzen, ſondern laut Gott dankend, daß er nicht iſt wie andere Menſchen, ſondern ein eigener auserwählter Mann;— und Ihr habt ein ziemlich getreues Bild der frommen Wanderer von Plymouth, die, wenn die Chroniken wahr ſprechen, über dem Drang nach dem Himmel der guten Dinge dieſer Erde nicht ver⸗ gaßen; und ihrer Meinungs⸗ und Stammesverwand⸗ ten, der Rundköpfe und Puritaner und Cameronianer und Knoxianer, und wie die liebenswürdigen Leute alle hießen. Aber wieder bergen dieſe ſchroffen ſtocki⸗ ſchen, unlieblichen Züge Tugenden, die Ihr ſchwerlich unter der harten, abſtoßenden, wucheriſchen Außen⸗ 19* — 284 6— ſeite ſuchen würdet, Tugenden, die dieſen ſchwerfälligen Gaſt wie mit Schmetterlingsflügeln in die kalte troſt⸗ loſe Wildniß Neuenglands getrieben, von da über die Alleghanyberge getrieben, und wie die ames damnées des Bosphorus nimmer ruhen gelaſſen, bis er die Wildniſſe des Ohio in fruchtbare Paradieſe umge⸗ ſchaffen. Und wandert Ihr heute durch das Land im Weſten der Alleghanyberge, daſſelbe Land, das vor * weniger denn fünfzig Jahren ſtatt der Menſchen, Bären Wölfe und Elennthiere beherbergte, ſo findet Ihr Millionen ruhiger, friedlicher, thätiger Bürger und Bürgerinnen, in Staaten vereinigt, die manche Eurer europäiſchen Königreiche an Umfang, Wohl⸗ ſtand, und die meiſten an Geſtttung, Aufklärung übertreffen; und Städte, in denen Euch zwar noch Schweine und Rinder den Weg zuweilen vertreten, die Ihr aber ſchöner und lieblicher in keinem Lande der Erde ſindet, und Eiſenbahnen und Straßen, die das Land in jeder Richtung durchſchneiden, und Dampfſchiffe, die alle Flüſſe und Ströme bedecken. Und fragt Ihr, wer dies gethan hat, ſo iſt die Ant⸗ wort, großentheils, wenn nicht ganz, jener Yankee mit der gefurchten Stirne und den kalten neblichten —“ 285— Augen, dem ſelbſt, wie ſeine Nachbaren verſichern, kein gerade ſehr warmfühlendes Herz im Buſen ſchlägt, das überflüſſigen Raum hätte für den Nebenmenſchen; der ihm aber doch in dem ſchönen Ohio einen Wohn⸗ platz bereitet,— ſo daß nun Deutſche und Engländer und Schotten und Franzoſen Saaten einärnten, wo ſie nicht geſäet.— Sagt, woher das Räthſel? Und ſchaut Ihr vom rechten Ufer der belle Rivière*) hinüber auf das linke, ſo findet Ihr wieder einen ganz andern Zweig von Uncle Sams Familie, einen Zweig, vom kalten neblichten Yankee himmelweit verſchieden. — Es iſt ein lebensfroher, noch etwas wilder Geſelle, der ſeine Indianerkämpfe noch im friſchen Gedächt⸗ niſſe führt, Wettrennen liebt und einen Rough und Tumble, auch Karten und Würfel mehr als nöthig, den Kopf emporhält, und ſich ein wenig ſpreizt, ob ſeiner Abſtammung vom alten Virginien, das, wie Ihr wißt, ſeinen Stammbaum von einem jüngern Sohne eines altadelichen engliſchen Geſchlechtes her⸗ leitet, und deshalb etwas vornehm auf die plebeji⸗ ſcheren Geſchwiſter in Unele Sam herabſieht, wie *) Der Ohio, von den Franzoſen bekanntlich der ſchöne Strom genannt.. —= 286 6— jüngere Söhne alter Familien gerne zu thun pflegen; — den Kopf nicht ganz ſo kühl, wie Bruder Yankee, das Herz dafür aber wärmer am rechten Flecke ſitzen hat. Es ſind nun einige ſiebzig Jahre, daß ſeine Vorfahren, eine Schaar dieſer Söhne Virginiens, die heutige weſtliche Gränze*) ihres Staates überſchrit⸗ ten, um nach alter Weiſe auf Entdeckungen und Abenteuer auszuziehen. Es war damals die Nacht des Waldes über die ganze Ohio⸗ und Miſſiſtppi⸗ Region hinabgebreitet, nur am unterſten Rande des endloſen Stromes hatten ſich Franzoſen eingeniſſtet, und an unſerm Redriver;— Oaſen mit einem dürf⸗ tigen Grün und einer ſchwachen Quelle in der grän⸗ zenloſen Wüſte der Barbarei.— Als die kühnen Geſellen tiefer eindrangen in das hehre Dunkel der Urwälder, dem grauenerregenden blutigen Grunde, wie das heutige Kentuck genannt wurde, näher kamen und die wilde Muſik der Caguare und Panther und *) Virginiens urſprüngliche Gränze war, in Folge der von den Königen Englands garantirten Charte, der atlantiſche Ocean öſtlich, und der Miſſiſippi und die Seen weſtlich und nördlich; ſpäter trat es zu verſchiedenen Perioden den größten Theil ſeines Gebietes an die Vereinigten Staaten ab, aus welchem dann die Staaten Ohio, Kentucky u. ſ. w. gebildet wurden. —= 287 6— Bären und Wölfe und Büffel hörten, ward ihnen ein wenig bange, doch drangen ſie noch immer muthig vorwärts, in der freudigen Hoffnung, auf den Ohio zu ſtoßen; aber als ſie ſtatt an dieſen, nur tiefer in das Herz des blutigen Grundes geriethen, und ihnen auf einmal das Geheul der rothen Männer in die Ohren gellte, da verſagte ihnen der Muth, und ſie wandten ſchaudernd den Rücken, und flohen in Schrecken und Entſetzen in ihre Heimath zurück. Das ſind nun ſiebzig Jahre und einige darüber, und führt Euch Euer Weg heut zu Tage durch den blutigen Grund, ſo ſtolpert Ihr, ſo zu ſagen, mitten in denſelben Ur⸗ wäldern, die den erſten Abenteurern Virginiens ſol⸗ ches Grauen verurſachten, auf Städte von fünf⸗ und zehntauſend Einwohnern, und kaum zwanzig Jahren, die Euch ſo friſch und fröhlich ins Auge blicken, als ob ſie vor acht Tagen aus der Werkſtätte des Bau⸗ meiſters gekommen wären, und in denen abermals Irländer und Schottländer, und Deutſche und Fran⸗ zoſen einen Heerd und eine Heimath gefunden, zu denen ſie den Weg auf denſelben Straßen und Canä⸗ len gefunden, die unſern Creolen ſo viele Qual und Pein verurſachen. Und das that der fröhlich ſorgloſe, — o 288— oft unüberlegt ausgelaſſene Kentuckier, trotz Anklang iriſcher Teufelei, und Rough und Tumble, und zeit⸗ weiligen Kopfaufwerfens über ſeine Brüder in Uncle Sam, und vornehmen Herabſehens auf die trans⸗ atlantiſchen Söhne in Adam. Und daſſelbe thaten der als engherzig ausgeſchrieene Quäker Pennſyl⸗ vaniens, der nimmer ruhende geldſtolze Bruder von Manhattan,*) der ſehnſüchtig die Colonialherr⸗ ſchaft Alt⸗Englands zurückwünſchende Caroliner— Alle geſtatten ſie unter ihrem Dache auch Andern zu wohnen, auf ihren Straßen auch Andern zu reiten, zu fahren, geben den Müden, den Armen, den Un⸗ terdrückten, für die Euer Buſen zu enge worden, die Ihr verſtoßen, ein Plätzchen, ſich einzuniſten, einen neuen Heerd zu ſchaffen; nicht als ob ſich ihre Herzen — in der Kälte der Noth zuſammengeſchrumpft— in der Frühlingswärme der Freiheit und des Wohl⸗ ſtandes erweitert hätten,— nein, Unele Sams und ſeiner Söhne Appetit in dieſem Punkte iſt ſo ſcharf, als der einer Anaconda, er wird eher ſchärfer als ſchwächer durch Befriedigung, er baut gerne und ſäet *) Der indianiſche Name von New⸗York. — 8 289 6— und pflanzt leidenſchaftlich, aber er will auch erndten für ſich, was er gebaut, geſäet, nicht für Andere; die ſchönen Träume einer weltumfaſſenden Philanthropie haben in ſeinem nüchternen Gehirne nicht Eingang gefunden, denn er weiß aus Erfahrung, daß die Liebe iſt, wie jene Waſſerkreiſe, die, wenn ſie ſich allzuweit ausbreiten, endlich verflächen und ſpurlos verſchwin⸗ den, auch daß gute Cosmopoliten in der Regel ſchlechte Patrioten ſind. Und er iſt und will guter Patriot ſeyn, glühender Patriot, dem ſein Land, und nur ſein Land, am Herzen liegt; aber doch verſchmäht er nicht, fremde Materialien zu ſeinem Baue zu nehmen, weiſet fremde Geſichter, wenn ſie bei ihm anklopfen, nicht von der Thüre; jene herrliche Folie, die der Römer dem Namen nach kannte, aus Nationalſtolz aber un⸗ terdrücken mußte, die caritas generis humani, durch⸗ ſchimmert wirklich, ohne daß er ſich ihrer eigentlich bewußt wäre, ſein Thun und Treiben.— Und kennt Ihr die wohlthätige Fee, die dieſe herrliche Folie Uncle Sam und ſeinen Söhnen unterbreitet, ſeine harten Züge erweicht, ſie ſegensvoll für das gegenwärtige und zukünftige Geſchlecht gemacht, die Schaale ſeiner Selbſtſucht gewiſſermaßen zerbrochen, und den geſun⸗ —=d 290 6— den von John Bull geerbten Kern zum Keimen ge⸗ bracht hat? denſelben engliſchen Kern, den nur die ſtebenfache Schaale, mit der ihn Eure Tories um⸗ ſchloſſen, am Keimen verhindert?— Es iſt dieſelbe Demokratie, die Ihr in Eurer Engherzigkeit als die Quelle alles Uebels, als die Drachenzähneſaat anſehet. Es iſt ſie, die dieſes bewirkt, die Unele Sam mit allen ſeinen Härten, mit allen ſeinen unliebenswürdigen Eigenſchaften zu einem im Grunde ſo achtbaren, ja dem achtbarſten Manne der neuern Zeit umgeſtaltet, den groß⸗, den weitherzigſten.— Es fällt Euch ſchwer, dieſes zu begreifen, das geſtehen wir gerne ein; wer⸗ den wir doch ſelbſt öfters irre an ihr, da ſie ein wahres Zwitterding iſt, ein wunderbares Amalgama der widerſprechendſten Tugenden und Gebrechen, zuweilen ſo genau, und filzig, daß ſie ihre beſten Freunde, ihre älteſten Diener darben läßt, und wieder den Reichthum ihres Gemüthes ſo ſtrömend ausquellend, daß ſie ganze Landſchaften befruchtet. Sie iſt zu Zeiten ſo unausſtehlich engherzig, daß ſie ihren eigenen Kindern das Brod vom Munde reißt, und wieder wird ihre Menſchenliebe, ihre caritas ſo allgemein, daß ſie die Welt umfaßt. Es iſt Zärtlichkeit in ihrer Rauheit, — 291— Edelmuth in ihrer Familiarität, Wohlwollen in ihrer Härte; kein Adamskind, gleichviel ob Deutſcher oder Franzoſe, Irländer oder Ruſſe, hält ſie ihrer Milde unwerth, ſte behandelt nicht ehrerbietig, aber ehrenfeſt, auf gleichem Fuße, vergißt den erhabenen Standpunkt, zu dem ſie ſich emporgeſchwungen, und reicht ihre hülfreiche Hand dem in der Tiefe ſich krümmenden Erdenwurme. Es iſt ſie, die den ſiebenfachen Panzer unſerer froſtigen Selbſtſucht gebrochen, Millionen mechaniſcher Hände mit einem freien Willen bewaffnet, den Vorhang weggeriſſen, der den Weſten unſeres Landes dem Oſten verborgen, die Alleghanyes über⸗ ſtiegen, und nicht geruht, bis ſie jenſeits dieſer ihr Reich gegründet, das jetzt ſchon an Umfang dem rö⸗ miſchen in ſeiner kaiſerlichen Glanzperiode nicht weicht, das ohne einen Tropfen Blutes, nicht durch das Schwert, ſondern durch die Art gewonnen worden, das in ſieben Jahrzehenden von hundert Millionen freier Bürger bewohnt ſeyn, einen Coloß bilden wird, der mit dem rechten Fuße am Geſtade des atlantiſchen Oceans, mit dem linken am ſtillen Meere halten, unter dem Geſetze Chriſti leben, die Sprache Shakespeares, Miltons reden, ein England, durch ein Solar⸗Mi⸗ — o 292— croſcop geſehen, ſeyn wird, ein England zur zehn⸗ fachen Potenz phyſiſcher und moraliſcher Cultur und Entwicklung erhoben!— Das iſt die Aufgabe, die ſich unſere Demokratie geſetzt, die ſie zur Hälfte bereits gelöst hat.— Und ihr ſchmäht dieſe Demokratie! Daß engherzige Schulgelehrte und furchtſame Große beſorgt ihre Köpfe ſchütteln, ob der Uebel, die ſte über Unele Sam und die Welt bringen wird, das begreifen wir, ihr beengter Geſichtskreis reicht nicht weiter. Sie meſſen ſte, nach dem Maaßſtabe des Staatchens Athen, und der grie⸗ chiſchen Republiken, und der römiſchen Plebejer, und der neuern Sanskülotten, und überſehen, daß, was in einem engen Raume verheerend wirkt, im weiten wohlthätig ſich ausbreitet, daß dieſe Rieſenkraft, die im alten Europa nothwendig in einer Hand concentrirt ſeyn muß, dieſe bei uns wie das Pulver das Faß zerreißen und in die Lüfte ſprengen würde,— daß unſere Demokratie ihrer Weſenheit und Natur nach eine ganz andere iſt, als die der alten vollgepfropften, beengten Welt, wo ſie zerſtörend war, nothwendig ſeyn mußte, während ſie bei uns eine belebend ſchaffende, erhaltende Kraft iſt, die beglückend für uns, ſelbſt —= 293 6— ſegenbringend zertheilend auf die ſturmgeſchwängerte Atmoſphäre jener zurückwirken muß. „Grandiös,“ rufen wir aus, dem wackern Weathe⸗ rell und Trumbull die Hände drückend zum Zeichen unſerer Beiſtimmung, denn was wir gehört, iſt das Reſumé der Raiſonnements dieſer beiden wür⸗ digen Männer, und beſonders des greiſen Weatherell, der— By Discipline of time made wise Has learned to tolerate the infirmities And faults of others.—*) Und unſere Demokraten geben ein neunmaliges Hurrah for Uncle Sam and all true Democrats!**) und das Dampfſchiff hebt ſich, und wie es rundet und den Vorſprung erreicht, brechen ein Dutzend fröhlicher Lebemänner in ein lautes Gelächter aus, das um ſich greiſt, anſteckend wird, und zuletzt die ganze Beſatzung des Dampfſchiffes in Convulſton ſetzt.— Blount lacht und Emilie lacht, und Mistreß Houſton und ³) Der durch Prüfungen weiſe gemacht, gelernt hat, die Schwachheiten und Gebrechen Anderer zu dulden. **) Lebehoch dem Unele Samuel und allen treuen Demokra⸗ ten gebracht. —=o 294 6— Doughby und Weatherell lachen, daß ſie ſchier ſprengen möchten, und angeſteckt lachen Louiſe und Julie, und Keiner weiß warum. Es iſt die ſeltſamſte Comödie, die Ihr je auf einem Dampfer ſpielen ſahet. VII. Vie Creolen. „Aber ſo ſage mir doch nur um's Himmelswillen, was die Leute mit ihrem Lachen wollen;“ fragt mich Louiſe. Und Mistreß Houſton fällt mit einer Katheder⸗ Miene ein: „Es iſt, wie Sie ſehen, theure Maam, ein Aus⸗ bruch, durch Ueberraſchung hervorgebracht, durch ein plötzliches Gewahrwerden, daß etwas nicht an ſeinem Platze iſt, welches Gewahrwerden zweifelsohne mit dem Bewußtſeyn der Abweſenheit aller Gefahr ver⸗ bunden iſt.“ Nun ſpielen unſere nordiſchen Damen, wie Ihr wißt, ſehr gerne die Blue stockings, wozu unſere fünfzig oder ſechzig Pfennig⸗Magazine die wohlfeilen Karten ——y — 0 295 6— liefern, aber noch war mir dieſe nordiſche Liebhaberei nicht an Mistreß Houſton vorgekommen, um ſo mehr fiel ſie mir daher auf, und ich ſah ſie an, nicht wenig frappirt über die Ariſtoteliſche Urſprungserklärung der obwaltenden Hilarität; als aber mein fragender Blick auf Louiſen gleitete, und ich die ſtarren Augen ſchaute, die die gute Dame anſtierten, gerade als ob ſie friſch aus den Wolken gefallen wäre, konnte ich mich nicht mehr enthalten, und Louiſe noch weniger, ihre Lippen barſten wie auseinander geriſſen, und ſie brach mit Julien in ein ſo ſchallendes Gelächter aus, daß Alt und Jung herbeiſprangen. „Bless us!“ ſtockt Mistreß Houſton beleidigt— aber Louiſe und Julie waren bereits entſprungen.— Die närriſchen Weiberchen liefen, als ob ſie gejlagt würden die Treppe hinab in den Damenſalon, um ſich da auszulachen. Und das Lachconcert beginnt von Neuem, in allen Variationen, die ganze Tonleiter hinauf, Schwarz und Weiß, Jung und Alt, Groß und Klein, Alle lachen. An beiden Ufern ſtürzen Creolen und Creo⸗ linnen aus den Gallerien, Neger und Negerinnen aus den Hütten, ſtaunend und ſtarrend. Unſere Demo⸗ —= 296 6— kraten nehmen eine lachende Rache für die Farce, die die Creolen geſpielt; kaum ſind unſere Frauen ver⸗ ſchwunden, ſo beginnt der allgemeine Angriff.— „Nein,“ ſchreit Doughby, auf eine Gruppe von Negerhütten deutend, die wie ſchwarzbraune häßliche . Pilze aus der Erde hervorſtarren:—„Nein, das muß wahr ſeyn, ſaubere Leute habt Ihr hier!— ſagt mir nur ums Himmelswillen, wozu eigentlich dieſe Dinger gut ſeyn ſollen?“ „Wozu? ma foi!“ parodirt Blount die Creolen— nwozu? Peste mit ihren Improvements! Wenn ich ein Haus habe, das gut iſt und in dem ich bequem wohne, warum das Haus niederreißen, wenn mein Nachbar ein bequemeres hat, und ein ganzes Jahr in Sorgen und Arbeit mich abquälen?“ „Au Diable mit ihrem Improvements!“ ſchreit Ca⸗ pitän John. „Was geht uns das public good an?“ Heath. „Aber ſo ſagt mir nur zum X—l, wozu dieſe Be⸗ hälter eigentlich ſollen? zum Stehen ſind ſie zu niedrig, zum Liegen zu hoch.⸗ G Und es dürfte Euch wirklich ſchwer werden, die Be⸗ ſtimmung dieſer cases à negres, Negerbehälter, wie 44 — 0 297 6— ſie recht bezeichnend genannt werden, auszumitteln, ſähet ihr nicht die armen Teufel ſo eben aus⸗ und einſchleichen— es iſt Samſtag.— Sie ſind aus Pfählen von Cypreſſenholz zuſammengeſtoppelt, die zwölf Fuß lang, drei Fuß tief in die Erde eingeram⸗ melt, mit Sparrenwerk belegt und mit Dachdauben, hier pieux genannt, gedeckt werden, keine Fenſter haben, aber der Löcher ſo viele, daß zwei⸗ und vier⸗ beinige Geſchöpfe nach Herzensluſt aus und ein können. „Wißt Ihr, wie mir dieſe Pflanzerhäuſer mit ihren cases à negres hinterdrein, vorkommen?“ ſchreit Trumbull:„wie eine Schaar ſchwäbiſcher Bauern, die ich voriges Jahr mit ihren Jungens, ſich an den Rockſchößen der Alten haltend, in der Rotonda des Capitols zu Washington umherſtarren ſah.“ Das Simile brachte ein lautes Gelächter hervor, und es paßt vollkommen. Das Sublime und Ridi⸗ cule iſt dicht neben einander.— Wir ſind nämlich von der eigentlichen Station, wo das Dampſſchiff angehalten, abgefahren, und in den Buſen einge⸗ rundet, von dem aus wir die Landſchaft zu beideu Seiten des Fluſſes überſehen.— Sie rollt ſich auf wie ein ungeheurer Park von den grandioſeſten Di⸗ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 20 — 298— menſionen, die Natur erſcheint hier titanenartig.— Ihr laſſet Euer Auge eine Minute auf dem rothen Waſſerſpiegel des Red⸗River ruhen, und ſchaut dann auf, und wie Euer Blick auf die Landſchaft fällt, glaubt Ihr in den Vorhof eines Kaiſerpallaſtes zu ſchauen, ſo erglänzen dieſe hehren Waldmauern, die koloſſalen Baumwollen⸗, Immergrün⸗Eichenbäume und Magnolien, und Peccans, und wölben ſich zu Domen und Kuppeln; aber inmitten dieſer prächtigen Dome und Naturmauern hinken und hocken wieder Objekte, die Eure Lachmuskeln unwillkürlich in Zuckun⸗ gen bringen, und die, wenn ſie die ſchneidendſte Ironie hieher poſtirt, ſich nicht barocker ausnehmen könnten. Es ſind die Creolenhäuſer, hinter ihnen die Behälter der Neger, die ſich hier eingeniſtet haben, und ſich gerade ausnehmen, wie Trumbull witzig ſagt, wie ein Dutzend betrunken umhertaumelnder Bauern, die, die breiten Hüte in die Stirne gedrückt, umherſtolpern und verwundert ſtarren und ſtaunen, daß ſie hieher⸗ gekommen ſind; auf ihren Ferſen eine Horde zerlumpter Jungen, die mit der einen Hand ihre Inexpreſſibles, mit der andern die Rockſchöße ihrer Erzeuger halten.— „Bei meiner Seele!“ ſchreit Doughby,„man ſollte 4 * —=0 299 6— die Leute, die dieſe Behäͤlter bauen laſſen, ſelbſt darein einſperren.— Sagt mir nur, was die armen Teufel von Negern thun, wenn es regnet?“ „Dann laufen ſie,“ verſetzt Blount,„unter den erſten beſten Baumwollenbaum; und regnet es ſtärker, ſo kommen wohl die Herrſchaften aus ihren Häuſern nach, denn wie Ihr ſeht, ſo ſind dieſe Bauwerke, mit ihren breiten bis zur Erde herabhängenden Cypreſſen⸗ dächern, recht eigentlich dazu eingerichtet, das Naß aufzunehmen.“ „Und dann könnt Ihr es gar nicht glauben,“ paro⸗ dirt abermals Trumbull,„wie der Regen in unſerem Louiſtana ſo naß thut, und wie er immer nur an Feier⸗ und Heiligentagen kommt. Parole d'honneur!“ verſtchert er,„immer nur an Feiertagen. Voyez vous! käme er an einem Werktage, ſo ließen wir Alles liegen und ſtehen, und würden die Ritzen und Löcher in unſern Cypreſſendächern und Wänden aus⸗ ſtopfen, aber ſo kommt er an Feiertagen, wo wir nicht arbeiten dürfen, ſondern— tanzen müſſen.“ „Kommen mir vor, wie die brittiſchen Rekruten in Montreal und Quebeck, die die Arme und Beine 20* —= 300 6— heben und heben, und vorwärts werfen, und doch nicht vorwärts kommen.“ „Aerger als die Shakers,“ brüllt ein Anderer. Und abermals lautes Gelächter, ſelbſt die armen Shakers müſſen herhalten, um die armen Creolen zu beleuchten.— Und es ſind doch ſo gute harmloſe Leute, dieſe Shakers, ein drolliges Häufchen alter chlibatiſtrender Männerchen und Weiberchen, an denen eine gewiſſe Shoreham oder dam— es gehörte das Gedächtniß Mezzofanti's von Bologna dazu, die be⸗ rühmten Namen alle zu behalten— das große Werk der geiſtlichen Wiedergeburt glücklich vollbracht, die darin beſteht, daß die guten Leutchen tanzen in ihren religiöſen Verſammlungen, oder vielmehr hopſen, zur Ehre Gottes. Wir ſind nun in dieſem Punkte Lati⸗ tudinarianer, die freien Spielraum geben und nehmen, und ſelbſt bei den tollen Sprüngen unſerer feurig devoten Methodiſten und den Spektakelſtücken unſerer Tunker, kaum eine Geſichtsmuskel ſtraffer anziehen; aber dieſe Shakers, ſte bringen uns um den wohl⸗ verdienten Ruhm unſerer Gleichmüthigkeit. Und der Henker möchte nicht darum kommen, wenn er dieſe mehrentheils ſteinalten Leutchen ſieht, in aller Steif⸗ —— ——— — 301— heit ihrer ſchwäbiſchen Trachten und altväteriſchen Manieren, mit unbeſchreiblich devotem Decorum ſich ihrer Röcke entledigend, feierlich die Füße auf das Signal der Geige hebend und zu hopſen beginnend, vorwärts, rückwärts, wieder vorwärts, und ſo fort, bis ihnen der Athem vergeht, und Euch die Geduld, und Ihr in lautes Gelächter ausbrecht über das när⸗ riſche Spektakelſtück, das die guten Leute in jedem andern Lande unfehlbar ins Tollhaus bringen müßte, bei uns aber hingeht; denn eigentlich böſe könnt Ihr den guten redlichen Tröpfen nicht ſeyn, die, abgeſehen davon, daß ſie in der Einfalt ihres Herzens Gott durch Hopſen wohlgefällig zu werden glauben, ſonſt wieder die allerbeſten Tröpfe ſind! gerade wie die Creolen, die, abgerechnet ihr Faulleben und ihre Kleinſtädterei, ſonſt gar nicht uneben wären, im Ge⸗ gentheil ſo drollige Geſchöpfe, als Ihr je ſahet, die ihr Faulleben ſo leicht kleidet, und ſo wohl, ſo naiv umgibt— Ihr ſollt ſie nur einmal hören!— Das Land iſt ſo reich, die Natur hat ihr Füllhorn hier nicht ausgegoſſen, nein ausgeſchüttet; die ſchwarze Dammerde liegt achtzehn Fuß tief, ſte gibt ihren Tribut beinahe ohne alle Mühe hundertfältig, die — 5 302 6— Wälder ſtarren von Papaws, Plaquemines, Trau⸗ benkirſchen, Peccans, die Erde von Erdmandeln, ſo daß, wenn die guten Leute es ſelbſt darauf anlegten, weder ſte noch ihre Neger verhungern könnten, aber ihre Klagen, hört dieſe ihre Klagen! Peste! ſchreien ſie— Peste über die Erdmandeln, die alle Felder durchziehen. Peste über die Papaws, deren Wurzeln all ihr Land durchkriechen,— Peste über die Schling⸗ pflanzen, die höher wachſen, als ihre Baumwollen⸗ ſtauden;— in Belle France, ſagte Grand-Papa, war das Alles nicht; Peste über den Regen, der ihnen in die Häuſer dringt, gerade wenn ſte Ball geben.— Und ihre Bälle! was wären ſie ohne ihre Bälle!— Sie ſind ihr Element, ihr plaisir, ihr public good, ihre improvements, ihr Anfang, ihr Ende, der Triumph ihrer Cioiliſation. Misthere Howard! mußte ich tauſendmal in der erſten Woche meiner Ankunft hören— Sie haben noch keinen Creolen⸗ Ball geſehen— ah Misthere Howard, Sie haben nichts in Louiſtana geſehen! Das konnte ich nun nicht ſagen— ich hatte Vieles geſehen, ſo viel geſehen, daß ich gar keine Luſt bekam, mehr zu ſehen; denn in ihrem Alltagsleben bekommt ihr ſchwerlich eine vor⸗ ———— —=0 303 6— theilhafte Idee von den guten Leutchen. Die Männer ſind friedfertige Leute, trotz ihren hagern Caſſtus⸗ geſichtern, ruhig friedfertige Leute, die ſich um die Welt und ihre Revolutionen ſo wenig kümmern, daß ſie ſte nicht einmal in den Zeitungen leſen mögen, aus neun und neunzig Gründen, weil nämlich aus zwanzig Creolen achtzehn nicht leſen können; die nie aus ihren Pflanzungen gekommen, ihre vertrockneten Caſſiusgeſichter ihren Negerinnen verdanken, und allzugroßer Reizbarkeit. Wird ihnen viel Böſes be⸗ züglich allzugroßer Reizbarkeit für dieſe Negerinnen nachgeſagt, die wieder zur Folge hat, daß ſie im Ehe⸗ ſtande in der Regel eine einigermaßen klägliche Rolle ſpielen. Sind zu bedauern, die armen Creolinnen in dieſem Punkte,— und deßhalb ſtark, was wir Vixen*) nennen, auch haben ſie für unſern Gout ein zu ſchleppend gedehntes languiſſantes Weſen, und eine kreiſchend zänkiſche Stimme, die Euch gar mißtönig in die Ohren klingt. Aber wahre junoniſche Geſtalten, und wie weiland Juno eiferſüchtig.— Es war ein prachtvolles Gebilde, die hehre Euphonie, verſichere *) Zänkerin, Haustenfel. — 304 6— Euch, ein prachtvolles Gebilde; ein paar Augen, die wie zwei kirſchengroße Karfunkel unter der hochge⸗ wölbten Stirne hervorblitzten, mit Brauen und Wim⸗ pern, die einer Zenobia wohl angeſtanden wären.— Sie war etwas blaß, indolent, ſelbſt ſchleppend, über ihr ganzes Weſen war energiſches Schmachten aus⸗ gegoſſen. Ihr konntet nichts Pittoreskeres ſehen, als dieſe volle, üppige Geſtalt, mit den einigermaßen fleiſchlich geſinnten Lippen und Zügen, im weißen Peignoir auf das Sopha hingegoſſen, mit verblichenem Brocat überzogen, die Fragmente von jedem Luftzug, der durch die Gallerie ſtrich, maleriſch wie die zerfetz⸗ ten Fahnen eines tapfern Bataillons emporgehoben, ein Brennpunkt, der alle Eure Strahlen auffing, und Euch die hochlehnigen Seſſel, mit ditto Brocat über⸗ zogen, und ſo alt wie mein Urgroßvater, wäre er noch am Leben, und die Hügelchen von Schmutz, in denen nicht ſelten wie Prairiedogs, Ratten und Mäuſe umherſprangen,— vergeſſen ließ— Es gab Mo⸗ mente, wo es Euch daͤuchte, als ob dieſe Umgebungen zum Enſemble gehörten, und gefliſſentlich zuſammen⸗ geſtellt und gehäuft ſeyen, Euch den Zauberreiz der junoniſchen Geſtalt um ſo maleriſcher vor Augen zu — — — 2 305 6— bringen. Sie war die Königin der Niederlaſſung in geiſtiger, körperlicher und ſonſtiger Beziehung.— Keine warf ſich mit ſo unendlicher Grazie, unter dem gellenden Geſchrei ihrer Geſpielinnen, in's Bayon,— ihr kennt das Bayou oberhalb der Niederlaſſung— keine fiſchte Euch einen Dollar mit mehr Geſchicklich⸗ keit vom Grunde, oder ſpielte Dame Loup und sept et trois mit mehr sans géene. Ich war mehrere Male gekommen, da mir ihr Papa einige ſeiner Neger ver⸗ miethet hatte, und ich als Nachbar in gutem Einver⸗ nehmen mit den etwas barocken Leutchen zu leben wünſchte,— die einiges Empreſſement zeigten, den Cochon Yankee ihrer Familien einzuverleiben.— Doch wollten alle dieſe Zauberreize nicht ſo recht Ein⸗ druck machen.— Nun aber kam die Hauptattaque, der ſchöne Mund mit den etwas fleiſchlich geſinnten Lippen lud mich zum Balle,— und ich, George Ho⸗ ward, verſprach zu kommen. Vieles hatte ich mir nicht von dieſem Balle verſprochen, aber ſchon beim Eintritt in den Saal änderte ich meine vorgefaßte Meinung. Zwar war der Saal noch immer derſelbe, Cypreſſenwände mit Lehm und Tillandſea ausgefüllt, einzelne T alglichter, und aus der Mitte ein hölzerner — 306 6— Luſtre mit ſechs Kerzen;— ein paar Neger, die die Geige ſpielten,— aber die Geſellſchaft war ſuperb, wie ſie ſagen, divine; ein Kranz von Damen, die durch ihre Haltung, ihre Grazie, ihre Leichtigkeit, eben ſo imponirten, wie durch ihre geſchmackvollen Toilet⸗ ten. Die meiſten hohe üppige Geſtalten, zum Em⸗ bonpoint ſich hinneigend, aber die bleichen Wangen waren geröthet, die prachtvollen Rabenhaare mit Roſen und Perlen durchflochten, das ſchmachtende air war zitternde Luſt und Begierde geworden, ſich in den Reihen zu verſchlingen.— Es war viel Reichthum an Perlen, Diamanten zu ſchauen, denn, wie Ihr wißt, ſo bergen dieſe Barracken mit allem ihrem Schmutz oft Hunderttauſende, und auf gebrochenen Tiſchen ſeht Ihr oft Tafelſtlber, hinlänglich, um eine elegante Villa aufzubauen.— Ich war wirklich überraſcht, bezaubert;— ſie er⸗ ſchienen mir wie ein Kranz von Prinzeſſinnen in— einer Bauernhütte.— Euphonie war mir vom Maitre des cérémonies,— denn bekanntlich ſind auf jedem nur einigermaßen reſpektablen Creolenballe zwei derlei Maitres,— als Tänzerin angewieſen.— Bald ward ich in den Strudel hineingeriſſen, auf eine Weiſe ge⸗ — 307 6— riſſen, die mich Alles um mich herum vergeſſen ließ. Man muß dieſe Creolinnen auf Bällen ſehen, dieſe Leidenſchaft, dieſes ſtürmiſche Feuer, wieder ſo zart ge⸗ regelt durch die feinſte Eleganz, dieſes Gewirre der lieb⸗ lichen Geſtalten, in den graziöſeſten Ringen verſchlun⸗ gen!— Sie ertemporiſtren von der Quadrille in den Cotillon, in die Allemande, in die Polonaiſe mit einer Leichtigkeit, einem Gout, einem Aplomb, die Euch nicht zur Beſinnung kommen laſſen, Euch im Strudel mit ſich fortreißen, daß Ihr im Meere von Entzücken ſchier zu Grunde geht. „Vollkommen wahr,“rufen Blount und Weatherell, „Mister Howard— wir danken Ihnen für die Fort⸗ ſetzung:“— denn was anfangs bloß Meditation geweſen, war allmählig in eine wirkliche Erzählung übergegangen.„Vollkommen wahr“— wieder⸗ holen ſie. 24 Aus dieſem Strudel wurden wir plötzlich durch lautes Rauſchen aufgeſchreckt, durch ein ſtarkes Plät⸗ ſchern, das an die Gitter und Jalouſten der Gallerie ſchlug, und uns in den allmählig in den Saal träu⸗ felnden Waſſertropfen einen ſtarken Regenſchauer verkündete.— — 308— „Peste!“ ſchrieen auf einmal alle die herrlichen Geſtalten—„Fistre! Sacre!“ hörtet Ihr von allen Seiten.— Wäre ich im heißeſten Auguſttage aus meinen Cottonfeldern in den Red⸗River geſprungen, meine Abkühlung hätte nicht plötzlicher ſeyn können über die unäſthetiſchen Flüche, die ich den holden Lip⸗ pen der reizenden Schönen entſtrömen hörte.— „Peste!“ fragte mich die Frau des Ballkönigs, näm⸗ lich die Hausfrau.—„Peste! Haben Sie, Misthere Howard, in Virginien auch ſolche verwünſchte Regen, die ſo naß thun?“— Ich verſicherte die Dame, daß ſte bei uns noch mehr naß thun, daß aber unſere Häuſer dafür deſto trockener wären.“ „Mais,“ verſetzte ſte,„mais cela ne vaut pas la peine— Qu'est-ce qu'il y a un peu de pluie!— Nous y sommes accoutumées.“ „Und ich fand es ſo, wir ſetzten uns in den Saal— ein halbes Dutzend zerbrochener Regenſchirme, die die Neger über unſern Köpfen hielten, wehrten den Regen von uns ab, und unter dieſen doppelten Dä⸗ chern begannen Pfänderſpiele, Räthſelſpiele, Bonmots wurden hervorgeſucht— kurz eine Stunde verfloß, —— —— ₰— —.,—— — o 309 c— und während dieſer hörte der Regen auf, und wir arrangirten uns abermals zum Tanze.“— „Vortrefflich!“ riefen Blount und Trumbull— was hatte der Ball für weitere Folgen?“ „Ich ritt am Morgen nach Hauſe, und ſandte Nachmittags einen meiner Neger mit einem Brieflein, in dem ich mich pflichtſchuldigſt nach dem Wohlbefin⸗ den meiner Tänzerin und ihrer liebwerthen Maman und Papas erkundigte.— Am dritten Tage kam ich ſelbſt, um ihr meine Aufwartung zu machen. Ich band mein Pferd an einer der Negerhütten an, und ging durch das Camp auf die Wohnung zu. Als ich mich auf fünfzig Schritte der Gallerie genähert, hörte ich eine gellend kreiſchende Stimme— Sacré, chien— und ſo weiter, und als ich aufſchaute, um die Quelle dieſer unlieblichen Töne zu entdecken, erblickte ich die holde Euphonie, die, eine Peitſche in der Hand, ſich blos, wie ſie meinte, an einer ihrer Negerinnen eine kleine Bewegung machte.— Sie ſchien mein Staunen ganz ſeltſam zu finden. Das kühlte das Feuer, das noch vom Balle her in meiner Bruſt loderte, ſo ziem⸗ lich, und es verlöſchte gänzlich, als ich an der Küche —“= 310— vorbeikam, wo eben das Mittagsmahl angerichtet wurde.— „Ja, da haben Sie recht,“ fallen Weatherell und Blount und Heath ein— veine Creolen⸗Küche zu ſchauen!“— „Ich trat mit der ſchönen Euphonie in den Saal. Auf dem Brocat⸗Sopha lag mein Briefchen, mitten unter zerknitterten Kleidern, Schnürleibchen, und derlei namenloſen Dingen. Ihre Bitte, ihr den Brief vorzuleſen, frappirte mich ein wenig, obwohl ich mir auch nicht träumen ließ, daß dieſer naive Wunſch aus ihrer Unbekanntſchaft mit Cadmus Er⸗ findung herrühre. Als ſie aber, nachdem ich ihn vorgeleſen, den Aufſeher rief, und ihn nochmals zu leſen befahl, um zu hören, wie ſie naiv meinte, ob wirklich alle die ſchönen Sachen darin ſtünden, wurde es mir doch endlich zu rund, und vollends, als ich zu Mittag bleiben mußte. Es war darauf abgeſehen, mir die Würde einer Creolen⸗Familie in vollem Glanze vor Augen zu bringen. Silberteller und Becher in Menge, aber dazwiſchen Bouteillen, die nur einen halben Hals hatten,— Negermädchen und Burſche hinter unſern Seſſeln, deren Oberleiber in ° 311 8— eine Art goldbordirter Jacken eingethan, während die untern Theile leer ausgegangen waren, ſo daß die Armen, wenn ſie ſich bückten, oder eine plötzliche Wendung zu nehmen hatten, point de vues dar⸗ boten, die Euch das Bischen Appetit, das die Küche gelaſſen hatte, vollends nahmen. Dabei konnte ich nicht umhin, das Sans géne zu bewundern, mit dem meine werthen Gaſtgeber ihre ſchwarzen Ganymeden und Heben um ſich herum kapriolen ließen.“ „Und weiter?“ „Mein abſoluter Mangel an Appetit gab Gelegen⸗ heit, meinen baldigen Rückzug zu bewerkſtelligen, und zugleich meine Rechnung mit D. für die mir vermie⸗ theten Neger abzuſchließen, die ich ihm im Verlaufe der nächſten Woche ſandte. Das béte, der Cochon Yankee, der ſo vielen Reizen widerſtehen konnte, ſey der Ehre einer liaison mit einer altadeligen Creolen⸗ Familie gar nicht werth, äußerte er ſich ſpäter.“— „Das heiße ich in wenigen Zügen eine meiſterhafte Skizze der creoliſchen Aimabilität entworfen.“ „Unübertrefflich, ſo was man ſagt im ariſtokratiſch⸗ ſarkaſtiſchen Tone gehalten;“ lacht Weatherell:„ganz wie es zu vermuthen ſtand.— Was würden Sie —=d 312 6— aber erſt ſagen, wenn Sie den großen Marquis ſeiner Zeit geſehen hätten?“ „Den großen Marquis?“ „Und Sie haben nie vom großen Marquis gehört?“ „Von Barons, Grafen und ſo weiter wohl, da mein Schwiegervater mit mehreren verwandt iſt, aber nie von einem großen Marquis, doch nicht Cortez? u „Nein,“ lacht Weatherell;„mein großer Marquis war von einem ganz andern Caliber, wollte zwar auch ein Reich errichten, aber auf friedfertige Weiſe, haßte Krieg und Kriegesthaten, liebte die Künſte des Friedens.“ „So laßt hören vom großen Marquis,“ meinen Blount und Johns. „Laßt hören aus Eurem Erfahrungs⸗Schatzkaſten, Mister Weatherell,“ Heath und Doughby.„Ihr ſeyd nun an die ſechzig Jahre in Louiſtana, müßt ſo Manches erfahren haben.“ „Das habe ich, Freunde,“ erwiedert Weatherell. „Ich habe noch Natchitoches in all ſeinem Glanze, 3 ſeiner Blüthe, ſeinem Flor geſehen, es geſehen in 6 ſeiner Abnahme, ſeinem Fall— nun iſt es wie Troja, und Rinder und Roſſe weiden, wo die Herrlichkeiten G —= 313 6— des ancien régime zu ſchauen waren.— Ich habe mehr als dieſes geſehen, die Gründung eines neuen Reiches, einen Staatswagen, ſo ſchön, ſo groß, wie eines der Pflanzerhäuſer, die Ihr ſehet, und zwar in den Wäldern von Ouachitta; ich habe Farobänke, Theater, eine Hofkapelle, Cour⸗ und Gallatage, Kam⸗ merherren, Bediente, Alles das habe ich geſehen.“ Der Alte, indem er ſo ſprach, lachte in ſeiner eigen⸗ thümlich heimlichen Weiſe.— Wir wurden immer neugieriger, waren in einer recht fröhlichen Stim⸗ mung. Der große Haufe hatte ſich in kleinere debat⸗ tirende Gruppen abgeſondert; wir ſtanden im engern Ausſchuſſe mit Heath, Blount, Trumbull und Ri⸗ chards beiſammen Doughby und Johns ſpielten die Partheigänger, die bald an die Demokraten, wieder an uns heranhorchten. Der Umſtand, daß die Creolen trotzend zurückgeblieben waren, hatte der allgemeinen Fröhlichkeit jenen leicht mediſanten Anklang verliehen, der die herkömmliche gute Sitte, die Abgegangenen näher zu beleuchten, möglichſt zu benutzen ſich ge⸗ drängt fühlt, ſo horchten wir Alle geſpannt dem alten Weatherell, der begann: „Es war eines jener Epoche machenden Ereigniſſe, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 21 —”= 314— gemein aufregte. Wie Ihr wißt, war Natchitoches früher weit bedeutender, als es gegenwärtig iſt, da ſämmtliche Pflanzer ober⸗ und unterhalb in dieſer weitberühmten Stadt wohnten und von derſelben aus ihre Pflanzungen regierten. Anfangs wunderte ich mich über ihren Eigenſinn, der ſie in einer ſchmutzigen, ungepflaſterten Stadt,— Dorf ſollte man ſagen, feſthielt, erfuhr aber bald die Urſache, und ſchaute ſie mit Augen. Sie hatten nämlich jeden Sonntag große 1 Kirchenparade, Cour und Repräſentation, die ſie alle ſ Ungemächlichkeiten und Verluſte einer Stadtreſidenz gerne ertragen ließ. Es würde Euren Augen wohl⸗ gethan haben, einer ſolchen Cour am Sonntage bei⸗ zuwohnen, die alten Ludwigsritter und courfähigen Perſonagen zu ſehen, wie ſie aufzogen, in Schuhen und Strümpfen und Stahldegen mit fiſchbeinernen Klingen, excuses genannt, abgelebten Uniformen, von denen manche an die fünfzig Dienſtjahre zählten, und aus der Zeit des Regenten von Orleans und Laws herabdatirten, und die wie Fahnen, je älter, deſto geſchätzter waren,— in aller Grandezza aus ihren Hotels— ſo nannten ſte die Löcher, die ſte das die friedfertigen Bewohner von Natchitoches un⸗ ſ 5 — 0 315— bewohnten— herausſchreiten, und gefolgt von einem ſchuhe⸗, ſtrumpf⸗, oft hoſenloſen Neger, dem Chateau des Commandanten im feierlichen Schritte zu ſteigen, um ſich dem Zuge des Repräſentanten der Majeſtät in die Kirche anzuſchließen,— während dem die Glocken läutend, das Militär, fünf und ſtebzig Mann, vor dem Chateau des Commandanten, einer elenden Baracke, und der Calebouſe*) paradirend. Wie ſchlug das Herz den Creolen höher! Und dann nach der Meſſe feierlicher Empfang der Courfähigen und ihrer Damen! Wenn Ihr heute noch einen Creolen über jene Zeiten ſprechen hört, wird er Euch mit Thränen in den Augen erzählen. Aber wie geſagt, blos die Courfähigen wurden dieſer Ehre theilhaftig, etwa zwanzig Familien, die von alten Häuſern, den Aktionären der Miſſiſippi⸗Geſellſchaft und frühern Commandanten abſtammten, und Schenkungen von der Krone erhalten hatten,— das Volk, die Ab⸗ kömmlinge der Pariſer und Franzoſen, die auf Koſten der Regierung importirt worden, wurden nur an allgemeinen Audienztagen, und die Acadier und *) Gefängniß. 21* 8 —= 316 6— Illinois⸗Anſiedler gar nie in das ſogenannte Chateau zugelaſſen. Ah Messieurs, alors on connaissait ses gens, et nous autres— nous étions gentils- hommes— notre cour était petite, mais c'étfait pourtant une cour— mais à présent cette maudite Démocratie— „Siehe da!“ lachen wir,„der alte Weatherell weiß den Mimiker gar nicht übel zu ſpielen.“— Er fuhr fort: „Wie geſagt, ſo gab es drei Categorien in Natchi⸗ toches, die Courfähigen— das Volk, nämlich die Pariſer und übrigen Franzoſen und ihre Abkömm⸗ linge— und die Acadier oder den Pöbel, die ganz wie Pöbel behandelt wurden. Ich gehörte natürlich zu keiner der drei Klaſſen, und arbeitete als neunzehn⸗ jähriger Burſche an der erſten Baumwollengin, die damals errichtet wurde, eine Meile unter der Stadt. Es war ſechs Monate nach meiner Herabkunft an einem Sonntage, daß ich durch den Donner von zwei Kanonenſchüſſen— denn auf dem Fort befanden ſich ſechs Kanonen— aus meinen Betrachtungen aufge⸗ ſchreckt wurde. Zwei Kanonenſchüſſe! Die Indianer werden doch nicht?— die Franzoſen lebten ſonſt in „— — —= 317 6— ſo ziemlich gutem Einverſtändniſſe mit den Wilden, doch Indianer ſind Indianer!— Ich fühlte mich un⸗ ruhig, warf meinen Rock über, und eilte der Stadt zu. Ich fand ſie in tumultuariſcher Bewegung. Die ganze diſponible Force war ausgerückt in größter Galla mit der Fahne; ein Trommeln, daß einem ſchier das Gehör verging, alle Courfähigen in größtem Staate, die übrigen Einwohner in ihren beſten Klei⸗ dern— Blumen auf dem Wege von der Landung zur Stadt geſtreut— eine halbe Meile. Ein Trag⸗ himmel ſtand vor der Kirche, die Courfähigen mit dem Commandanten waren im Saale des Chateau in großer geheimer Conferenz verſammelt, von Zeit zu Zeit ſah man einen Kopf mit Perrücke und Haar⸗ beutel ſich herausſtrecken und hinüber auf die Straße ſchauen, auf allen Geſichtern frohe ängſtliche Erwar⸗ tung.— An der Pforte der Kirche ſtand der Prieſter im vollen Ornate mit ſeiner ganzen Kirchenſuite. Ich fragte Einen, Zwei, Drei, konnte jedoch bloß zur Antwort erhalten:„Er iſt gekommen, er wird kom⸗ men, er wird in einer Stunde da ſeyn— in einer halben Stunde, in zwei Stunden.“— „Wer iſt gekommen, wer ſoll kommen?“ —= 318 6— „Der Mann, den ich fragte, wandte mir befremdet den Rücken— béte murmelnd.— Ich verſuchte mein Glück bei einem Zweiten.“— „Der große Marquis, erfuhr ich endlich, der große Marquis, jubelte der Mann, wird in Natchitoches einkehren, ſeine Reſidenz in Natchitoches nehmen, ſeinen Hofſtaat hier aufſchlagen.“— „Jetzt wußte ich, woran ich war. Der große Mar⸗ quis war der von Maiſon Rouge, der vom ſpaniſchen Hofe eine Schenkung am Ouachitta erhalten hatte. Dieſe erſtreckte ſich in einer Länge von dreißig Stun⸗ den und derſelben Breite bis nahe an den Red⸗River herab. Jener Waldſaum, den Ihr am Ende des Palmettofeldes wie ein Dunſtbild herüberhängen ſeht, gehörte noch zu ſeiner Schenkung. Es war ein glän⸗ zendes Beſitzthum von vollen zwei Millionen Ackern, ein kleines Königreich von Naturwieſen und Wal⸗ dungen, den ſchönſten Theil Ober⸗Louiſiang's um⸗ faſſend.“ „Se. Majeſtät haben ihm ſo viele Hunderttauſende aus ihrem Staatsſchatze angewieſen, ſchrie mir ein Anderer in die Ohren.“ „Er wird einen neuen Staat bilden, ein Dritter.“ — 319— „Jede Familie, die ſich in ſeinem Lande anſiedelt, erhält eine Penſion. „Er wird in Louiſtana Epoche machen. u „Natchitoches ein neues Paris werden.“ „Der Jubel wurde immer ſtärker.“— „Ich hörte und hörte, und ſchüttelte den Kopf. Ich hatte von der wahrhaft königlichen Schenkung früher gehört, geleſen, wie der ſpaniſche Hof durch dieſen Marquis eine neue Aera über Louiſtana zu bringen huldreich beſchloſſen;— aber ich konnte mich nicht überreden, daß der große Marquis Natchitoches zu ſeiner Reſidenz wählen, oder es ſelbſt nur beſuchen würde, da es gute hundert Meilen von ſeinem Weg ab lag. Das Ereigniß beſchäftigte unterdeſſen meine jugendliche Einbildungskraft. Von allen Seiten hörte ich Pläne der guten Bewohner von Natchitoches, wie ſie in ſeinem Reiche ſich niederlaſſen, von der Penſion in Jubel und Fülle leben wollten.— Ich wurde nach⸗ denklich. Einem Landsmann, der mit mir auf der Pflanzung arbeitete, theilte ich meine Anſichten mit, wir hatten in Natchitoches nichts zu verlieren, zu gewinnen konnten wir nicht viel hoffen, Lebensmittel zwar im Ueberfluß, aber das Geld war ſelten— — 0 320 6— unſere Contrakte waren auf Wochen abgeſchloſſen. Kurz, den folgenden Tag nahmen wir von Monſteur Mutton Abſchied, zimmerten uns in den nächſten acht Tagen ein Boot zuſammen, und gingen mit einer Familie Acadier, Mann und Weib und einer Tochter, die ſich an uns anſchloſſen, um gleichfalls an dem neuen Jubel Theil zu nehmen, den Red⸗River hinab, den Ouachitta hinauf, trafen mehrere Boote, die mit Effekten und Lebensmitteln für die neue Hauptſtadt beladen waren; an dieſe ſchloſſen wir uns an, und kamen, wie wir vernahmen, gerade recht, um die Feier⸗ lichkeit der Beſttznahme des neuen Reiches durch den künftigen Monarchen zu ſchauen.“ „Meine Erwartungen wurden ſehr geſpannt.“ „Am Ende der dritten Woche langten wir am Orte unſerer Beſtimmung an. Der Punkt der neuen An⸗ ſiedlung war am linken Ufer des Ouachitta nicht übel gewählt, aber der erſte Blick, den ich auf die neu zu gründende Stadt warf, enttäuſchte mich. Ich erwar⸗ tete ein Getriebe zu ſehen, zu hören, wie es bei einer neu anzulegenden Stadt gewöhnlich iſt, Leute ge⸗ ſchäftig, Wälder umzuhauen, Straßen auszulegen, Blockhäuſer zu errichten; ſtatt deſſen fand ich ein paar —= 321— hundert Menſchen in einem Gebäude verſammelt, das einer großen Scheuer glich.— Ich dachte, die Leute hielten Abendgottesdienſt, und wir gingen darauf los;— wirklich hörte ich die Stimme eines Mannes, gleich darauf die eines Weibes, Geigen, Flöten.— Das konnte doch kein Gottesdienſt ſeyn! Es war eine Comödie mit Ballet, die Leute waren au spectacle." „Mein Gott! dachte ich, was für leichtſinnige Men⸗ ſchen— ſie vertändeln ihre Zeit mit Comödienſpielen, ſtatt Blockhäuſer zu bauen.“ „Unſern Acadiern war dies ein herrlicher Zeitver⸗ treib, die franzöſiſche Natur erwachte, ſie horchten, rißen Ohren und Augen auf. Wir beiden Ameri⸗ kaner gingen mit unſern Habſeligkeiten, und errich⸗ teten uns mit unſern Aexten in derſelben Nacht eine Nothhütte aus Baumzweigen, unter der wir ruhig ſchliefen.“— „Am folgenden Morgen beſahen wir uns das neue Paris, wie die Leute ihre acht oder neun Hütten nannten. Alle waren von Holzſtämmen aufgebaut, einige größer als die andern.— Das Hauptgebäude, in dem der große Marquis wohnte, war mit rohen Gallerien und einer Arkade von glatt gehobelten — d 322 6— Baumſtämmen umgeben, und hatte eine Flucht von Treppen, oder beſſer zu ſagen Baumblöcken, zu beiden Seiten; durch die Oeffnungen der Cypreſſenwände ſah man Tapeten, Luſtres, und all die eilfertig zu⸗ ſammengeſtoppelte Pracht, die dem Ganzen mehr Theatraliſches als Wirkliches verlieh. Mir erſchien es, wie das Feldlager unſerer franzöſtſchen Allirten vor York, wo ich, wie Ihr wißt, als ſiebzehnjähriger Volontair mitgeholfen. Es waren, wie geſagt, acht oder neun große und kleine Blockhäuſer, von denen das zweite, dem Chateau, wie es genannt wurde, zunächſt ſtehende, die höhere Suite des neuen Landes⸗ herrn enthielt, Kammerherrn und Pagen, das dritte die Kammerdiener und Laquaien, das vierte Kutſcher und ſo fort; eines war für den Hofkaplan beſtimmt, auch eine Hofkapelle befand ſich etwa fünfzig Schritte gegenüber dem Hauptgebäude, ſte hatte über dem Dache eine Glocke, durch vier Bretter gegen Wind und Regen geſchützt.— Das war die neue Reſidenz Sr. Excellenz des Marquis von Maiſon Rouge, wie er titulirt wurde, des auserkornen Werkzeuges, das über Louiſiana eine neue Aera bringen, und ſo den —,——, —— —= 323 6— revolutionären Staaten, wie wir genannt wurden, das Gleichgewicht halten ſollte.“ „Der Morgen war für die feierliche Beſitznahme des neuen Reiches beſtimmt. Zu dieſem Behufe hatte der große Mann einen eigenen Staatswagen aus Paris herüberkommen laſſen, willens, in beſagtes Territo⸗ rium als Landesherr einzufahren, von welchem Vor⸗ haben der Gouverneur von Louiſtana ihn nur durch die bündige Erklärung abbrachte, daß ſowohl der Miſſiſippi als Redriver, eben ſo wenig als der Ouachitta, fahrbare Landſtraßen wären, auch ſchwer⸗ lich irgend eine zu ſeiner neuen Reſidenz zu finden ſeyn dürfte;— worauf ſich der Marquis, obwohl ungern, entſchloß, den Wagen zerlegt in Booten hinaufſchaffen zu laſſen. Zerlegt war er alſo angekommen, und angekommen hatte man ihn wieder zuſammengeſetzt, und als wir aufſtanden, es war ziemlich ſpät, denn wir hatten bis in die Nacht hinein gearbeitet, ſahen wir ihn vor dem Chaͤteau halten: Er war mit ſechs Pferden, die hohe Kopfbüſche trugen und glänzend angeſchirrt waren, beſpannt— ein ungeheurer Kaſten mit Glasfenſtern, von denen jedoch mehrere gebrochen, vier Liebesgötter, von der Größe zwölfjähriger Knaben — 0 324 6— und Mädchen, ſchienen ihn an den vier Ecken zu tra⸗ gen. Vor dem Geſpanne hielten zwei Läufer mit ſonderbar gefalteten Kappen, und Jacken, Schellen und Stöckchen, ein gewaltiger Kutſcher, trotz des heißen Sommers im Pelze und einer Perrücke, ſaß auf dem Kutſchbocke.— Und ringsum Indianer und Neger und Acadier, halb nackte und ganz nackte, rothe, ſchwarze, wettergebräunte Geſtalten in Woll⸗ decken, Thierfellen, und dazwiſchen das Läuten der Glocken, und Abſchießen der zwei Kanonen, die gleich⸗ falls mitgebracht worden, und die Garde des neuen Landesherrn, dreißig Mann ſtark, in Reihe und Glied aufgeſtellt.— Hört Ihr! es war ein Anblick, der nicht bald wieder am Ouachitta ſo barock zu ſchauen ſeyn wird.“ „Noch waren die Thore des Chaͤteau geſchloſſen, aber jetzt gingen ſte auf, die Garde präſentirte, die Kanonen donnerten, die Glocke läutete, daß der Thurm wackelte, heraus ſtrömten Bediente, Pagen und endlich der große Mann, im geſtickten gallonirten hellblauen Sammetrocke mit breiten ſteifen Schößen, kurzem Kragen mit fleurs de lis beſäet, einer Perrücke, deren Flaggen wie Taubenflügel über das Ohr herabhingen, g —o —= 325 6— über die Bruſt herab ein breites Band, das ſie den großen Cordon hießen, in der Hand ein flaches drei⸗ eckiges Filzding, deſſen Gebrauch ich nie recht aus⸗ mitteln konnte. Der Mann war aber gar nicht ſtolz, er lächelte ſo freundlich links und rechts, aus ſeinen blauen Augen leuchtete viel Gutes, Leichtes, Leicht⸗ ſinniges.— Sein Geſicht war ſchwammig mit einem Doppelkinn, das einige Vorliebe für eine gute Küche verrieth, ſein Schritt leicht, wie tanzend.— Zu ſeiner rechten Seite ging der Commiſſär der Regierung, er war gleichfalls in Uniform, hatte ein Kreuz im Knopf⸗ loche. Kammerdiener in Haarbeuteln halfen den beiden großen Männern in den Staatswagen, ſechs Bediente ſprangen hinten auf, der Zug ſetzte ſich, escortirt von der Garde und dem ſämmtlichen Hofe, in Bewegung, und fort ging es zur Kirche. Der Weg zwiſchen dieſer und dem Chaàteau war ſo viel als möglich geebnet worden, aber doch bedurfte es mehrmalen der Beihülfe der Escorte und Diener, ihn über die Baumſtumpen zu bringen, und der hohe Mann erhielt während der fünfzig Schritte langen Fahrt, Stöße, die ihm, wie der Erfolg zeigte, alle Luſt benahmen, ein zweites Mal in Galla zur Kirche zu fahren, denn im Verlauf —=0 326 3— der nächſten Woche ſahen wir den Staatswagen wie⸗ der auseinander legen, und einpacken, um nach Paris zurück zu wandern, wo er wahrſcheinlich als ein ge⸗ reistes Wunderding theuer losgeſchlagen wurde.“ „Doch zu unſerm Marquis zurückzukehren. An der Kirchthüre angekommen, trat ihm der Prieſter ent⸗ gegen mit Weihwaſſer und einer filbernen Spreng⸗ kapſel, und dann war Meſſe, und nach der Meſſe Verleſung der Schenkungsurkunde, und darauf große Tafel, und darauf Ball, und— ſo endigte der große Tag.“ „Und weiter?“ „Ich fand Arbeit als Zimmermann, und mein Landsmann gleichfalls. Wir bauten uns eine ge⸗ räumige Hütte, in der wir den Hof⸗Zuckerbäcker ein⸗ logirten, der uns dafür die Koſt aus der Hofküche gab; im erſten Jahre waren wir im Stande, Jeder drei⸗ hundert Dollars zurück zu legen, da wir ſchier die Einzigen waren, die arbeiteten.“ „Und die Andern, was thaten die?“ „Die lebten von den Gehalten, die der katholiſche König zahlte, und ſpielten Comödie, Tragödie und Faro und Ohombre und abermals Comödie, tanzten —= 327— Ballette, gaben Bälle.— Es kamen Geſellſchaften aus dem ganzen Lande. Das erſte, was ich zu thun bekam, war ein Caſſino zu bauen. Dieſes Caſſino beſtand aus zwei Sälen, mit großen Spieltiſchen be⸗ ſetzt, der eine für die hohe Nobleſſe, der andere für das Volk. Es hatten ſich nämlich viele Familien eingefunden, aus allen Theilen von Louiſiana, von Frankreich herüber, Sänger, Schauſpieler, Dichter, Muſiker, Zuckerbäcker, Gold⸗, Silberſchmiede, Grou⸗ piers, Alles fandet Ihr in dem Neſtchen, nicht minder Liebesintrigunen;— einige der ſchönſten Quateroons waren von New⸗Orleans herauf beſchieden worden, die aber zu den Courbällen nicht Zutritt hatten; zwar verſuchte der Marquis, die Creolinnen philanthropi⸗ ſcher zu ſtimmen, mußte aber in dieſem Punkte den Kürzern ziehen.“ „Und weiter?“ „Wir hatten natürlich refüſtrt, uns der Zahl der Unterthanen Sr. Excellenz beizugeſellen, oder die Penſion anzunehmen, es vorziehend, unabhängig von unſerer Hände Arbeit zu leben. So wenig uns das Treiben geſiel, beſchloſſen wir ein zweites Jahr aus⸗ zuhalten.— Dieß thaten wir, und brachten unſer —:= 328 6— Capital nahe an die ſtebenhundert Dollars. Einige Wahrzeichen, die ſich mitterweile unſern heller ſehen⸗ den Blicken aufgedrungen, ließen uns vorausſehen, daß die Herrlichkeit nicht lange mehr dauern konnte, auch war uns das wüſte leichtfertige Leben, das wir täglich mit anſehen mußten, zuwider geworden.— Wir verkauften unſere Hütte noch zu rechter Zeit an den Zuckerbäcker, und zogen vor Ende des dritten Jahres wieder an den Red⸗River herab.“— „Und wie ging es mit dem neuen Paris?“ „Ich hatte gerade mein Haus auf meinem neu er⸗ worbenen Lande vollendet, als die Nachricht kam, daß der Marquis verſchwunden, die Garden verſchwunden, Theater, Caſino, kurz alle die Herrlichkeiten, von denen ganz Louiſtana ſo große Dinge erwartet, ver⸗ ſchwunden— bloß einige der Anſtedler zurückgeblie⸗ ben, aber Comödianten, Goldſchmiede, Sänger und all das Volk war verſtoben, nach New⸗Orleans, Paris, in die weite Welt. Der Traum war zu Ende.“ „Das war wirklich ein Traum.*) *) Geſchichtlich. Der Marquis von Maiſon Rouge, früher Schatzmeiſter von Perpignan, erhielt von dem ſpaniſchen Hofe eine Conceſfion von zwei Millionen Ackern. Mit demſelben —“= 329— „Solcher Träume hatte Louiſiana und unſere Creolen die Menge, und daher das ſchmerzhafte Er⸗ wachen Könnte Euch noch ein Dutzend derlei Träume aufzählen, zum Beiſpiel den Traum des Baron Boſtrop,*) der wieder eine andere Seigneurie, von deutſchen Bauern gründen ſollte, auch richtig fünf und zwanzig Familien zuſammen brachte, und in ſeinem Eifer ein Douanenſyſtem einzuführen, das Norm für ganz Amerika werden ſollte, ſo klug rech⸗ nete, daß er über fünfzig Zollbeamte, Direktoren, Controleurs auf die fünf und zwanzig Bauern an⸗ ſtellte, die ihn und ſeinen Partner in drei Jahren glücklich, ſo wie die fünf und zwanzig armen deutſchen Bauern, bis aufs Hemde auszogen.“— Schiffe, das ſein Diplom als Landesherr brachte, kam auch ſein Staatswagen an, der blos ein einziges Mal gebraucht worden. Nach dem Tode des Marquis kam die Schenkung an die Familie Bouligny, die ſie bis zur Vereinigung Loniſiang's mit der Union behielt. *) Baron Boſtrop, ein Holländer, erhielt eine Schenkung von fünfzehntauſend Ackern— zwölf Quadratſtunden— mit der Bedingung, eine Colonie von Deutſchen, und Sägmühlen anzu⸗ legen.— Er hatte ſich zugleich, wie es häͤufig gebränchlich war, für ſein Land das Monopol des ausſchließenden Handels erthei⸗ len laſſen. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 22 —“= 330— „Dieſe Franzoſen ſind wirklich die barockſten Men⸗ ſchen, die je als Coloniſten auftraten. Es muß lächer⸗ liche Scenen gegeben haben.“ „Nur hatten,“ bemerkt Weatherell,„dieſe Lächer⸗ lichkeiten wieder ihre ſchlimmen Seiten. Dieſe adelichen Aventuriers brachten Geld, das iſt wahr, ins Land, aber auch alle Thorheiten eines diſſtpirten Hofes, Hang zum Faulleben, zu gutem Eſſen, Trinken, zum vornehmen Müßiggange, und eine Arroganz, die den redlichen Landbauer über die Achſeln anſah, was Ihr noch heut zu Tage ſtark an unſern Creolen hervor⸗. treten ſeht. Hört ſie nur die guten alten Zeiten prei⸗ ſen, wo die Regierung Geld ins Land ſandte, und feinpolirte Gentilsnommes, die es mit Anſtand ver⸗ zehrten. Freilich können ihnen dann die Cochon- Yankees, die, ſtatt der Harmonie der Töne, die der Aexte aufführen, und unabhängig dem Boden den ſchuldigen Tribut abgewinnen, nicht gefallen.“ „Ihr nehmt die Sache wieder zu ſtreng, Mister Weatherell. Wißt Ihr, daß gerade dieſe Etourderie der franzöſtſchen noblen Coloniſten ihren Nachkom⸗ f men, den Creolen, einen ſo eignen Reiz ertheilt, den wir billig ſchätzen ſollten. Unſere Entwicklung war —— — 2 331 8— ug zwar weit vernünftiger, Freiheit⸗gemäßer, aber wie⸗ der ſo linealmäßig, regulär, daß Ihr in unſerer gan⸗ zen Geſchichte kaum Stoff zu einem Romane findet, und unſere Novelliſten immer nur zu den Indianern ihre Zuflucht nehmen müſſen. Dagegen die der Creo⸗ len und ihrer Vorfahren! denkt nur, was für herrliche Sujets ſie darbieten— welch' prächtigen zweiten Knickerbocker der große Marquis de Maiſon Rouge nicht liefern könnte! Ich glaube, ein Luſtſpiel könnte ich ſelbſt daraus machen.“ „Da ſieht man wieder einmal den Ariſtokraten,“ lachte Weatherell, hält jedoch inne— und ich gleich⸗ falls, denn ich fühle an meinen Augen eine Hand, die Louiſens ſeyn muß. „Was!“ ruft ſie,„der Marquis von Maiſon Rouge Sujet zu einem Knickerbocker?“ Ich drehte mich, ſah ſte an, und Weatherell und Blount und Alle, wir ſchauten wie kleine Kinder, die über dem Naſchen einer verbotenen Frucht ertappt werden. „Nein nein, Madame,“ lacht Weatherell;„wir haben nur leichten Gebrauch von der herkömmlichen Sitte gemacht.“ 22 — d 332 6— „Welchen Gebrauch, welcher herkömmlichen Sitte?“ „Der Sitte, Madame, die Abgegangenen nach chriſtlich gutem Herkommen fein durch die Hechel zu ziehen— aber allen Reſpekt vor Creolinnen, beſon⸗ ders wenn ſie ſind, wie die edlen Töchter Menou's.“ Louiſe droht mit der Hand. „Ihr abſcheulichen Demokraten, wißt Ihr, daß Howard nie ein Demokrat werden darf.“¹ „Dann ſagen wir, Mister Howard ſteht unterm Pantoffel.“— „Er glaubt es nicht— wollte, ich könnte ihn darunter bringen;“ lacht ſte. Und die Tiſchglocke läutet, und macht dem Scherze ein Ende. Einen Augenblick ſtehen Alle erwartend, den Damen den Weg frei zu laſſen, wir aber, die wir erſt vor wenigen Stunden unſer Gabelfrühſtück genommen, ziehen es vor, auf dem Verdeck zu bleiben.— Und ab ziehen ſie, die glorioſen Jackſon⸗Helden! —— gegen die Opelouſas hinab. Das Vaterhaus. Bakers Niederlaſſung liegt weit hinter uns, wir nähern uns dem obern Rande der großen Prairie*), die ſich vom rechten, uns, die wir aufwärts gehen, linken Ufer des Fluſſes, hinab gegen Opelouſas zieht. Unſer Dampfer fährt, die Gegenſtrömung benützend, nahe am Ufer hin, und der Farbenſchmelz dieſer herr⸗ lichen Prairie entfaltet ſich in ſeiner ganzen glorioſen Pracht vor unſern Blicken. Es iſt der herrlichſte Blumenteppich, den das menſchliche Auge je geſchaut, ein Ozean von Blüthen und balſamiſchen Düften, die Gräſer ſich hebend und ſenkend, wie die von einer leichten Briſe gefächelten Meereswogen in den Strah⸗ len der untergehenden Sonne. Wie wir weiter der Prairie entlang fahren, erſcheinen im Hintergrunde, umſpielt von den Strahlen der ſchief einfallenden Sonne, Rinder und Pferde, im hohen Graſe wei⸗ dend— blos die Köpfe der Thiere ſind ſichtbar, in *) Dieſe Prairie oder Naturwieſe beginnt oberhalb Bakers Station und zieht ſich an vierzig Meilen in Länge und Breite — 334— ihren Sprüngen gleichen ſie Porpoiſen und Gram⸗ puſſen, wie ſie an ſtillen Nachmittagen gegen Euch herangewälzt kommen. Weiter gegen Weſten zu be⸗ gränzt dieſe ungeheure Prairie ein Saum ſchwarzer Kiefern, die ungemein maleriſch den Blumenſee in ihren bronzefarbigen Rahmen faſſen. Wie manche Tage irrte ich in den erſten Jahren meiner Nieder⸗ laſſung in dieſer weiten Prairie umher, die, obwohl eine bloße Wieſe im Vergleich mit den weiter weſtlich gelegenen Prairies, mir zuerſt einen deutlichen Begriff von jenen gab. Schade, daß die vorrückende Cultur ihr allmählig den wilden grandios einſamen Charak⸗ ter raubt, der in den Sabine⸗, Arkanſas⸗ und Ore⸗ gon⸗Prairies ſo unbeſchreiblich auf Euch einwirkt. Es ſind nicht die koloſſalen Waldesmaſſen, die in dieſen Prairies imponiren, der Baumſchlag in ihnen iſt in der Regel nicht von jenem gigantiſchen Wuchſe, den er in den Niederungen des Miſſiſippi⸗Gebietes er⸗ reicht;— nur in blauer Ferne erſieht Euer Auge wie einſame Segel auf den rollenden Meereswogen ein⸗ zelne Baumgruppen; aber wenn Ihr nun tiefer ein⸗ dringt in dieſe Graswüſteneien, die ſich vor Euch aufrollen, gleichſam wälzen, wie Meererwogen, mit — —=335 6— hie und da einem Segel am äußerſten Horizonte, und Ihr immer nur Wieſen und Gräſer und im Luftzuge bewegte, gleichſam rollende Hügel ſchaut, und Baum⸗ gruppen, denen Ihr Euch nähert, und aus denen Hirſche, vertraulich neugierig Euch anſchauend, her⸗ auskommen, und ſo wie Ihr die Hände hebt und geſtikulirt, Euch erwartend näher kommen laſſen, gleichſam um zu erfahren, was Ihr ihnen denn bringt! Oft that es mir leid, den Stutzer auf dieſe lieben Thiere anzulegen, die bei Eurem Schuſſe erſt mit einem gewaltigen Satze das ſchützende Dickicht ſuchen. — Wenn Ihr, ſage ich, ſo Tage lang fortzieht— und immer nur Wieſen ſeht, und Baumgruppen in der Ferne, und zur Abwechslung eine Horde Prai⸗ riedogs oder Wölfe, dann beginnt etwas wie Bangen über Euch zu kommen, die Größe, die Unermeßlichkeit der Natur erfüllt Eure Sinne, Euer Gemüth, Euer ganzes Weſen; das Treiben der Menſchen, das Ihr hinter Euch gelaſſen habt, Euer eigenes wird Euch ſo klein, ſo geringfügig, verächtlich! ein unbeſchreibliches Bangen, ein geheimer Schauder beginnt Euch zu überkriechen, beſonders wenn Ihr einige Tage einſam umhergeirrt. In ſolchen Tagen, Stunden durchdringt — 0 336 6— die Unermeßlichkeit, Allgewalt des Schöpfers Euch, die im Weltgetriebe Verſchliffenen, Verſteinerten bis ins Innerſte. Es iſt dieſer Tempel Gottes vielleicht der einzige, der den Ungläubigen zum Glauben an Ihn zurück zu führen vermag. Sendet den Gottes⸗ läugner für einen Monat, aber nur für einen Monat in unſere Prairies, und er wird, er muß an Gott glauben! Wir fahren an Avoyelles Station vorüber— das Dampfſchiff hält einen Augenblick an, um Paſſagiere einzunehmen, Andere abzuſetzen und— die Abge⸗ ordneten des demokratiſchen Comitee;— Doughby und ſeine Schaar laſſen ſich nicht irre machen.— Die erſten Pflanzungen tanzen uns zu beiden Seiten vorüber, Baumwollen⸗ und Tabakfelder und Vieh⸗ zucht, viele Viehzucht. Prairies zu beiden Seiten des Stromes, und Schwarzkiefer⸗Waldungen weiter zu⸗ rück, der Rand des Fluſſes mit Cypreſſen eingefaßt, deren dunkles Grün und vielgezackte Aeſte und Zweige das Auge wohlthätig anſprechen, weniger ſo das Revier ſelbſt, wenn Ihr näher kommt. Wie unſer Dampfer an den Cypreſſen vorüberfährt, plumpen ein paar häßlich braun und ſchmutzig gefleckte Unge⸗ 8 1 — 0 337 8— 8 heuer von den vermoderten Baumſtämmen in den Sumpf hinab, während andere zu träge, ihre Eidech⸗ ſenaugen dumm und unbeweglich auf uns richten. Es ſind Alligatoren, die ihre Sieſta halten. Wie der Dampfer weiter fortgleitet, wechſelt die Land⸗ ſchaft abermals; Weiden und Baumwollenbäume, die einen leichtern Boden andeuten.— Wir nähern uns Holmes Station, dem Herzen der creoliſchen Niederlaſſungen, deſſen freundliche Pflanzer⸗ und Negerhäuſer, mit ihren Cottonfeldern ſchon Andeu⸗ tungen amerikaniſcher Regſamkeit gebend, auf die Anweſenheit von Gliedern von Uncle Sams Familie ſchließen laſſen. Wirklich ſind ein Dutzend amerika⸗ niſcher Familien hier angeſtiedelt, die ſich gleichzeitig mit mir hier niederließen, und wohl gedeihen.— Es hat für mich einen eigenen Reiz, unſer Land in ſeinen verſchiedenen Entwicklungsphaſen zu beob⸗ achten, die Kluft zwiſchen Vergangenheit und Gegen⸗ wart zurück zu rufen. So habe ich dieſe Niederlaſſung, deren Pflanzungen uns nun entgegen kommen, noch ausſchließend von Creolen bewohnt, in einem ſo ärm⸗ lichen Zuſtande geſehen, wie ihn das ärgſte Faulleben nur immer mit ſich bringen kann. Ich erinnere mich —= 338 6G— noch deutlich, wie troſtlos mir zu Muthe ward, als ich dieſe Rip van Winkles Hütten und Häuſer er⸗ blickte, dieſe magern von Unkraut überwachſenen Baumwollen⸗, Tabakfelder, die aller Arbeit zu ſpotten ſchienen— Es war ein wie verdammtes Stück Land, wo keine Arbeit fruchten, die kleine Communität gar nicht gedeihen, vom Flecke kommen wollte. Ein paar Dutzend Amerikaner kamen an, und die haben, ohne es zu wollen, das Ganze vom Flecke gebracht. Anfangs freilich war des Schimpfens, des Nach⸗ redens, der Bonmots kein Ende. Die ganze Com⸗ munität war Eine Stimme in dieſem Punkte— ſie glich einem wohlgemäſteten Schenkewirthe, der in ſeine vier Pfähle, wie die Made in den Käſelaib ein⸗ gewühlt, ſich weder um die Welt, noch um ſeine Gäſte kümmert, wohl wiſſend, daß beide ſeinen abgeſtan⸗ denen Wein doch trinken müſſen, weil kein beſſerer weit und breit zu haben iſt, und der erſt aus ſeiner Trägheit ſich aufrafft, wie er an einem heitern Mor⸗ gen plötzlich einen neuen Schild gegenüber aushängen ſteht, und einen jungen Wirth, der billige Zeche ver⸗ ſpricht, davor.— Freilich fängt der gute Mann nun zu poltern an, und zu lärmen, und ſeine Partei tobt, — — △ —= 339 6— aber der Neugierde wegen verſucht man den Wein des jungen Eindringlings, und findet, daß er beſſer iſt, als der ſaure abgeſtandene des Alten, und die Communität ſchimpft zwar über den Eindringling, zieht aber doch ſeinen Wein dem des Alten vor, beginnt auch einzuſehen, daß ſie gewonnen bei der Rivalität, der Wein gewonnen, der Ort gewonnen, denn der Reiſenden kommen mehrere als zuvor, durch guten Wein und den fröhlichen jungen Wirth ange⸗ zogen. Gerade ſo ging es unſern Creolen in dieſer und allen übrigen Stationen. Ihr Tabak, grob und ſchwer, iſt duftend und fein parfumirt, ihre Baum⸗ wolle, gelb und kurzfädig, lang weiß, die ſchönſte im Staate geworden; ſie wiſſen nicht recht, wie das Alles gekommen, wie ihr kleines Reich einen ſolchen Umſchwung genommen. Es erging ihrem kleinen Reiche in dieſem Punkte gerade wie jenen großen, die ſich recht behaglich in ihrem Faulleben fühlen, fortvegetiren, ſo lange ſie nicht in Berührung mit thätigern Nachbarn kommen, die aber, ſobald ein jugendlicher Rival lebendig ſie zu rütteln beginnt, ſich aus ihrer verdroſſenen Ruhe aufraffen, ihre fünf Sinne zuſammennehmen müſſen, wenn ſie nicht zuletzt —= 340 6— über den Haufen gerannt— überfahren werden wollen.— Die Uhr zeigt fünf, wir nähern uns dem erſehnten Ziele. Abermals einige Abgeordnete von der Cymitee ans Land geſetzt. Der Dampfer geht zwölf Meilen in einer Stunde bei high pressure. Wir fliegen hin⸗ auf, Pflanzung auf Pflanzung. Louiſe iſt zum Kinde geworden, denn jedes Haus, jede Pflanzung iſt ihr bekannt, keine der größern Pflanzungen, wo ſie nicht zum Ball geladen worden, getanzt hätte, ſie erzählt Julien, Julie ihr— es würde ein Buch erfordern, die heitern Relationen alle nieder zu ſchreiben, und in ihrem Munde klingt wieder das Creolen⸗Leben und Treiben ſo lieblich! Wie viele Seiten laſſen ſich doch den Dingen dieſer Welt nicht abgewinnen, und wie wird der Farbenſchmelz, der ſich unſerm Auge wohlthuend oder beleidigend darſtellt, wieder durch das Gemüth bedingt, das ſte uns vor den Geſichts⸗ kreis bringt. Wie lieblich zart dieſe Züge franzöſiſcher Etourderie von ihren Lippen in unſere Ohren tönen! Was ſte alles getrieben, hier getrieben, dort getrieben, wie der alte Großpapa der Grevecourt mit ihr, dem zwölfjährigen Kinde, ſeinen letzten Menuet an ſeiner —— — s 341 6— goldenen Hochzeit getanzt, dann blinde Kuh geſpielt, wie— wie!— doch ſie hat keine Zeit mehr zu erzäh⸗ len, denn vor allen Pflanzungen, vor allen Gallerien Geſichter, die ſie erkennen, ihre Freude durch laute Zurufe, durch Händeklatſchen, durch Schwenken der Sacktücher zu erkennen geben. Die Scene wird immer lebendiger, wie unſer fliegender Gaſthof weiter hin⸗ aufbrauſet. Auf einmal wird Louiſe geſpannt, auch Julie, ihre Blicke haften auf den mit Immergrün⸗ Eichen bekrönten Bluffs, die zwanzig Fuß über den Flußufern die rothen Fluthen überwölben, ſich darin abſpiegeln. „Dort, ja dort—“ ſtockt Louiſe, unfähig ein Wort mehr hervorzubringen. Die beiden Weiberchen ſchauen, und ſchauen, als wollten ſte durch den Waldesvorſprung bohren. Thränen dringen ihnen in die Augen. „Da iſt unſer Hafen,“ flüſtert Louiſe mit vor Wonne und freudigem Erwarten erſtickter Stimme. Ich hatte den Arm um mein Weib gelegt, ihr Körper⸗ chen zitterte vor Verlangen.— Noch eine Pflanzung, von der uns eine Begrüßung herüber zugerufen wird, aber weder Louiſe noch Julie ſehen oder hören. Das —=d 342 6— Vaterhaus, der Drang, es zu ſehen, erfüllt ihre kind⸗ lichen Seelen. 6 „Maman,“ ſchluchzt Julie,„Maman, was wird ſie jetzt thun? „Unſer gedenken,“ erwiedert Louiſe mit Freuden⸗ thränen in den glänzenden Augen. „Und Papa?“— „Ah Papa!“ In dieſem Augenblick kommt Doughby mit ſeiner Schaar aus dem Speiſeſaale herauf. „Doughby!“ ruft ihm Julie mit gebrochener Stimme zu, läuft ihm entgegen. 3 „Sieh nur Doughby!“. „Was Julie? „Der Hafen, das Ziel, hinter dieſer Baumgruppe!“ „Was iſt hinter dieſer Baumgruppe?“ „Das Vaterhaus!“ ruft Julie. „So.— Bei meiner Seele, Kapitän Johns; Eines, glaube ich, haben wir vergeſſen,— einen Abgeord⸗ neten nach Cane River Station abgehen zu laſſen.“ „Nicht vergeſſen,“ ſchreit ihm Kapitän Johns ent⸗ gegen;„nicht vergeſſen Major, wißt ja Meſſieurs Trumbull, Heath und Blount.“ — — —= 343 6— „Ja richtig, wäre aber doch beſſer, wenn Einer expreß die Station auf ſich nähme, beſſer beſſer—„ „Glaube nicht Major, überlaßt das den Gentlemen, würde wie Mißtrauen, Vorſchreiben ausſehen.— 4 „Habt Recht, Kapitän. Alſo hinter dem Vorſprung da, ſind alſo am Ziele, wohl und gut;“ wandte er ſich wieder an Julien. Er erhielt jedoch keine Antwort— Louiſe wirft ihm noch einen ſeltſamen Blick zu, wendet ſich dann von ihm weg— ſchaut einen Augenblick Julien theil⸗ nehmend ſinnend an, und indem ſie ſich näher an mich ſchmiegt, ſcheint es, als ob ſie ſich recht weit von Doughby zurückziehen wollte. Dieſer ſtand einen Augenblick verblüfft— endlich rief er: „Aber was iſt, was ſoll das?“ Beide Weiberchen ſehen ihn abermals an, ihre Lippen zucken, aber kein Wort kommt von ihnen. Ich ſtand ein wenig betroffen; denn ſo wenig der Mangel an Gefühlsanklang bei unſern amerikani⸗ ſchen Mitbürgerinnen geſchmerzt hätte, hier hat er verletzt.— Unſere beiden Weiberchen ſind Franzö⸗ ſinnen dem Geblüte nach, die lebhaſter fühlen, und ich beſorge, ſie haben an Doughby eine Entdeckung — e 344— gemacht, die dem Kentuckier fatal werden kann, die Entdeckung einer gewiſſen Gemeinheit, einer Gemüths⸗ Oede; bereits iſt etwas wie Widerwille auf ihren holden Geſichtern zu leſen.— Woher kommt doch dieſes feine Gefühl bei Wei⸗ bern, das bei weit weniger Scharfblick, als wir Männer haben, wieder um ſo viel tiefer eindringt, lebendiger anſchaut? Liegt es im zarteren organiſchen Baue, im reizbarern Nervenſyſtem, das jeden rauhe⸗ ren Anklang lebhafter in ihnen oseilliren macht, ihre Gemüther ſtärker durchſchauert? Oder im feinern Takt der durch Leidenſchaften nicht getrübten An⸗ ſchauung? Oder dem natürlichen Widerwillen gegen Alles, was gemein, fühllos iſt? Sicher iſt es, daß dieſer zarte Takt, dieſe ſenſitive Reizbarkeit bei Frauen, die reinen unbefleckten Herzens ſind, ſtark hervor⸗ tritt,— daß jeder rauhere Anklang in ihrem ganzen organiſchen Syſtem ſtärker wiederhallt, als bei uns, zwar wieder verklingt, aber doch Spuren zurückläßt. „O George!“ flüſtert mir Louiſe mit ungemein weicher Stimme zu. „Theure Louiſe.“ „Arme Julie.“— — —= 345— „Nicht doch, Louiſe— nicht doch, Julie.— Laſſet keine Regenſchauer den heitern Himmel Eures Ehe⸗ lebens trüben, ſo lange Ihr dieſes vermeiden könnt. Wir eilen dem Vaterhauſe zu.“ Und Doughby ergreift die Hand ſeines Weibes und ſieht ihr feſt fragend in die Augen, und dieſe ſchlägt ihren Blick zu ihm auf, das flüchtige Wölkchen am blauen Horizonte ſcheint ſchwinden zu wollen, anſcheinend ohne eine Spur zurück zu laſſen; aber beachtenswerth dürfte es immer ſeyn dieſes Wölkchen, läßt vielleicht doch einen leichten Dunſt zurück; wie der Hauch, der am blank polirten Stahle hinauf⸗ gleitet, verſchwindet es, aber wenn er öfter kommt, ſetzt er jenen Roſt an, den Roſt des troſtloſen Be⸗ wußtſeyns einer verfehlt angeknüpften Exiſtenz, ge⸗ täuſchter Hoffnung, verdorbenen Lebensglückes.— Ah, da ſind wir ja endlich gegenüber den Bluffs— ſie eilen wie Traumbilder an uns vorüber. „Maman! rufen Beide zugleich, Louiſe und Julie. „Maman,“ rufen ſie, ihre Hände der geliebten Mutter entgegenſtreckend, und dieſe den geliebten Kindern. Unſer Dampfer rundet dem Landungsplatze zu, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. III. 23 —=8 346 6— Alles iſt vergeben, vergeſſen. Louiſe kann kaum die Zeit abwarten, wo die Bretter ans Ufer fallen, ſie ſpringt voran, zieht mich nach— Julie hinterdrein ſchiebt vor, ſo bugſtren ſie mich über die Bretter, da erſt laſſen ſte mich Beide fahren, und fliegen Maman zugleich in die Arme. Wie doch ſo ganz anders das fühlt, als bei uns und unſern Nordländerinnen. Wäre nun das theure Kleeblatt eigentliche Amerikanerinnen von Uncle Sams Familie geweſen, Alles wäre ſo ſchnurgerade vor ſich gegangen! Zuerſt hätten die beiden Weiberchen ihre triumphante Promenade durch die Reihen der durch ihre Gegenwart beglückten Reiſecompagnons beliebt, allenfalls hie und da ein Kopfnicken zum Zeichen ihrer Zufriedenheit geſpendet, dann wären ihre Schritte allmählig anſtändig trippelnder geworden, aber nicht zu trippelnd; denn was würde wohl Madame Che⸗ garray von St. Johns Square ſagen; die Ma hätte ſich ihrerſeits zwanzig Schritte bis zur Landung vor⸗ geſchoben, die zierlich Entgegengetrippelten hätten graziös die Hände vorgeſchnellt, ſie ausgeſtreckt, die der Ma erfaßt, und folgende zärtliche Ergießungen hätten ſich ſo ſicherlich, ſo wie das Einmaſeins aus —— — 347— dem Munde eines Schulknaben, von ihren ſchönen Lippen hören laſſen: „O my dear Ma how glad I am!“*) „Nou make me so very happy, my dear chil- dren, I am so glad indeed!“**) „I am so delighted to see, you look so well Ma.“***) „I feel so well indeed, my dear.“ †) „And how is Pa?“ † †) „Thank you, my dear, he is very well in- deed.“ †◻*⁸) So hätte der Trilog gelautet, Hunderttauſend gegen Eines zu wetten.— Hier flogen ſich Mutter und Töchter in die Arme, preßten ſich, als wollten ſie in einander verwachſen, nimmer ſich trennen, ſo ſtürmiſch, herzinnig! als ob ſie von einer Reiſe um die Welt, oder einer wüſten Felſeninſel, auf der ſie *) O theure Mutter, wie froh ich bin. **) Ihr macht mich ſo glücklich, theure Kinder, ich bin wirk⸗ lich ſo froh. **r) Ich bin ſo entzückt, zu ſehen, daß Sie wohl ſind, Mutter. *) Ich fühle mich wirklich, Theure, ſo wohl. †) Und wie iſt Vater? Trr) Dank Euch, Theure, er iſt wirklich wohlauf. 23* — 348 6— ſchiffbrüchig geworden, kämen.— Freudenthränen entquellen in Strömen,— ſte ſcheinen gar nicht mehr von einander laſſen zu wollen. Doch endlich! Louiſe ſpringt zurück, erfaßt mich beim Arm, und zieht mich mit thränenden Augen der lieben Maman zu, die, hätte ſie die Arme Briareus' alle, ſie nun wohl ge⸗ brauchen könnte, denn in dem Augenblicke kommt auch der Pa, der hinter einem klafterdicken Cotton⸗ baume Verſteckens geſpielt, hervorgerannt.— Louiſe erſteht ihn kaum, ſo ſpringt ſie auf ihn zu:„Méchant que tu es Papa“ rufend, und den guten Mann gleich⸗ falls der lieben Maman zuziehend. Dampfſchiff und Zuſchauer ſind wie gar nicht vorhanden, geniren ſie nicht im Mindeſten, aber warum ſollten ſie auch? Sie ſind auf ihrem Grund und Boden, der Schwelle des Vaterhauſes, und greifen die Freuden, wie ſie kommen, wiſſen dem Leben frohe Seiten da abzuge⸗ winnen— das Herz reden zu laſſen, wo unſer Am⸗ phibienblut kaum ſchneller in unſern Adern kreiſen würde.— Uns bringt ſo gar nichts, oder ſchier gar nichts, aus unſerem Gleichmuthe!— Mittlerweile kommt auch Doughby, der ſich endlich von ſeinen Demokraten losgemacht, mit unſern Gäſten — 0 349— herangezogen. Er ruft den beiden Schwiegereltern auf ihren eigenen Grund und Boden ein Willkommen zu, und drückt ihnen lachend die Hand, daß Beide aufſchreien über den Kentuckier⸗Scherz,— und Ma⸗ man greift zu ihrem Riechfläſchchen, er riecht ſtark nach Toddy, der unglückſelige Doughby. Aber etwas ungemein Grazibſes iſt zugleich in der Art, wie ſich der liebliche Familienknäuel auseinander windet, mit welchem Anſtand, welcher heitern Zuvorkommenheit ſie die Gäſte empfangen! In jeder Bewegung jenes altadeliche Aplomb, das ſich an ſeinem Platze weiß, und der Wortſchwall, ſo leer er im Ganzen an inne⸗ rem Gehalte iſt, zur Abwechslung in unſerem trockenen „How d'ye you do?“*) liebe ich ihn.— Nach den erſten Begrüßungen führt Papa Menou ſeine Gäſte zum Wagen, einer eleganten Berline, mit zwei raſchen Rappen beſpannt, deren Leitung der ganz von uns überſehene Charles auf ſich nimmt, während wir, ſechs Stück, uns in die alte Familien⸗Caroſſe ein⸗ packen, ſammt Nachtſäcken, Koffern und Schachteln. Und Louiſe wird abermals ſo wühlig, muthwillig, fröhlich, bald hätſchelt ſte die Maman, bald wieder *) Wie befinden Sie ſich. —= 350 6— Papa, den wir auf dem Rückſitze in die Mitte genommen haben, bald ſchmollt ſie Cato, der ihr zu langſam fährt, und der Schwarze blöckt vor Freuden die Zähne.— Alle reden zugleich, es iſt ein kleines Babel unſer Ka⸗ ſten während der zehnminutlichen Fahrt. Doch ſiehe da! Louiſe hält auf einmal inne, fährt mit der Hand über die Stirne, ſchaut, wahrhaftig eine Thräne! „Was fällt Dir auf einmal ein, Louiſe?“ Louiſe gibt keine Antwort, deutet mechaniſch mit dem Finger aus dem Wagen hinaus;— ich ſchaue— es iſt das Vaterhaus, das zwiſchen dem Kranze von Akazien und Baumwollenbäumen, die es von mehreren Seiten umringen, hervorſchimmert. Und eine Pauſe entſteht, während welcher Vater, Mutter bewegt— das von ſüßer Wehmuth gedrängte Kind— anſchauen. Und Louiſens Augen haften abermals am Vaterhauſe, ſie werden wieder feucht, Thränen füllen ſie, ihre Lippen zucken, ſie ergreift meine Hand— Vater, Mutter werden immer geſpannter, beinahe ängſtlich ſchauen ſte die Tochter an. „Louiſe!“ rief ich ſie mit ſanfter Stimme an. Louiſe gibt keine Antwort, aber ſie ſtarrt das Va⸗ terhaus an mit ſeinen maleriſchen Giebeln und feinem —= 351 6— architektoniſchen Wirrwar. Ja, es iſt das Vaterhaus, das ſie zum Erſtenmale betritt, ſeit ſte es gegen das meinige vertauſcht hat. Es ſteht abermals vor ihr, wie der Baum der Erkenntniß rückt es ihr die Vergan⸗ genheit vor die Augen, die Gegenwart, die Zukunft; jene Tage, wo ſte heiter und grün, eine unentfaltete Knoſpe, am blumigten Gängelbande älterlicher Für⸗ ſorge umherſchwirrte, roſige Düfte athmend, keine Sorgen kennend, als die, wie der Schmetterling von einem unſchuldigen Genuſſe zum andern zu flattern!— Und nun die Gegenwart mit ihren Plackereien des Alltaglebens und ſeinen Mühen und Laſten, die ſie mir tragen hilft, und die graue Zukunft, im düſtern Nebelvorhange verſchleiert, mit bleiernen Armen im Hintergrunde weilend!— Alles das ſteht vor ihr, und die Erkenntniß, ob ſte gut oder bös gewählt, ſteht auch vor ihr, ſie iſt in dieſem Augenblicke wie ein Schild auf das Vaterhaus geſchrieben.— Ja, es iſt ein für ſie, für mich momentaner Augenblick, denn er ſagt ihr, mir, ob ich ſie, ob ſie mich glücklich gemacht. Ich ſchaute ſie bewegt, ängſtlich an. Ihre in Thränen ſchwimmenden Augen hängen noch immer in ſtiller Wehmuth am Vaterhauſe, an — 352 6— jeder Hütte, jedem Baume, der innerhalb ihres Ge⸗ ſichtskreiſes tritt— jetzt fallen ſte auf mich, ein freu⸗ diges Blitzen durchzuckt ſie, ſie drückt meine Hand— ſinkt mir in die Arme— „George!“ „Louiſe!— Bedauerſt Du, daß Du das Vaterhaus verlaſſen?“ ſprach ich mit weicher leiſer Stimme. „Nein, nein“ liſpelt ſie. „Danke Dir.“— Jetzt fühlte ich, daß ich glücklich war, weil ich glücklich gemacht— Vater und Mutter ſchauen uns ſtarr an; als wir aufblicken, fallen ihre Blicke auf Julien, in der Aehnliches vorgegangen war, die ſich aber ſo feſt an die Mutter anklammerte, als ob ſte nicht mehr von ihr laſſen wollte. „Mes enfans! voilà du monde qui nous altend,“ mahnt der Papa. Und wie der Regenſchauer vor den ſtegenden Strah⸗ len der Sonne ſchwindet, ſo ſchwinden Wölkchen und Thränen auf dieſe Worte.— Zwanzig Stimmen, die uns begrüßen, reißen uns vollends aus den tiefen Gedanken. dqoche— L 4 2Qu8—— 2— T 4 1 2 2„. 7 3 8“ 3 2 4 17ſ1mſ TTIETETIſſ Nnnnnſin 14 15 16 17 18 Rnſiſnn 7 8 9 10 11 12 1 3 4. 9 9 V 8 L Reeeeeeeeeee Mii — .“* 8 ,