Leihbibliothet deutſcher, engliſcher lind franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. Deih- und Leſe Aeſebedingungen. Oſtensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Piaſinehne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückguhe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betraga für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 s.—— Pf. 3 „ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Kin. und Aariſendung Bücher auf ihre eigenen Ko fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Richards ſtand noch immer in der Fenſtervertie⸗ fung; ſeine Wangen waren hoch geröthet, ſeine Augen leuchteten, ſein Blick ſchweifte in die Ferne. „Richards!“ ſprach ich,„willſt Du nicht näher?“ Er trat in unſere Mitte. „Gott ſegne Dich!“ murmelte er leiſe, meine Hand erfaſſend;„Gott ſegne Dich! Du haſt kurz und gut gewählt.“ Ich ſah ihn ſcharf an, die momentane Wolke unmuthiger Betroffenheit war verflogen, freudige Theilnahme lachte aus ſeinen Zügen „Richards!“ ſprach ich,„auf unſerer Rückreiſe keh⸗ ren wir bei Dir ein.“ „Mir wie aus der Seele geſprochen— und bleibt einige Tage bei mir.“ „Was ſich ſehr gut fügen wird,“ ſchaltete Menou ein.„Ohnedem haben wir ein paar Tage zur Ein⸗ richtung nöthig. Miſter Richards wiſſen, daß das — 8 2— Haus auch des ordentlichſten Junggeſellen noch immer nicht viel beſſer als ein Augiasſtall iſt.“ „Eins, Richards, profitirſt Du ſicherlich in der Geſell⸗ ſchaft meines liebwerthen Schwiegervaters, ſiel ich la⸗ chend ein;„die Art und Weiſe, auch diederbſten Kompli⸗ mente die Leute recht zuckerſüß verſchlucken zu machen.“ Menou lächelte auf ſeine Weiſe, und Richards nickte beifällig und ſchaute dann wieder Louiſen nach, an der er ſich nicht ſatt ſehen konnte. Während die Damen und Herren uns ihre Glückwünſche darbrach⸗ ten, folgte er jeder ihrer Bewegungen mit einer ſo wahrhaften Yankee⸗Eraminatorsmiene, daß mein liebes Mädchen ordentlich in Verlegenheit gerieth. Bei dem Namen Richards— das gute Kind hatte ihn bei ſeiner Einführung überhört— überflog ihr Geſicht ein ſpitzes, holdes Lächeln, das zu fragen ſchien,„meinſt Du es auch ehrlich?“ „Aber, theurer George,“ ſprach er, als ſie wieder fortgetrippelt war,„Du biſt ja ein wahres Glücks⸗ kind, Deine Braut ein lieber Engel.“ „Nicht wahr?« erwiederte ich,„das ſind andere Nüſſe, als Eure ausgeſtopften, bleich und ſchwindſüch⸗ tigen Newyorkerinnen, von dentn unſer Dichter ſagt: — 9— Thus finished in taste, while on her you gaze, Tou may take the dear charmer for life, But never undress her, for out of her stays You'll find, you have lost half your wife. „Du kennſt meinen Geſchmack, juſt ſo wie ich ſte mir wünſchte. Nicht zu kurz, nicht zu lang. Schlank von Geſtalt, aber nicht gar zu luftig. Taille, was die Franzoſen svelte nennen; die Form leicht, zart, und doch gerundet; haſſe die eckichten Dämchen, die wie Springfedern aufſchnellen. Ein ſeelenvolles Auge vor allem aber Roſen auf den Wangen, Perlenzähne im Mund, und ſüßen Athem in der Lunge,— zum Küſſen. Ah, ein Junggeſelle von achtundzwanzig verſteht ſich auf— Die konfidentielle, aber etwas zu materielle Er⸗ pectoration, die zum Glücke Niemand Anderer hörte, unterbrach Richards durch die proſaiſche Frage, mit proſaiſcher Miene geſprochen: „Aber armer Junge, Du wirſt Geld brauchen?“ „Pah! wer wird am Hochzeittage von Geld reden!. Wir kehren bei Dir ein, und zur ſchuldigen Dank⸗ ſagung geht Ihr wieder mit uns.“ „So ſoll es ſeyn, u ſprach Richards,„aber dann 2. — o 10 6— muß ich ſogleich nach Hauſe, um einige Vorkehrungen zu treffen.“ Mein Schwiegervater begleitete den Freund an die Treppe, und nach Verlauf einer Viertelſtunde ſahen wir ihn auf einem der vierhundert Dampfſchiffe, die wie Lohnkutſchen, freilich in etwas großem Maaß⸗ ſtabe, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht an der Levee*) zu⸗ und abfahren, den Strom hinaufeilen. Louiſe ſchwenkte dem vom Verdeck Herübergrüßenden ihr weißes Tuch durch das Fenſter zu, aber nicht eher, als bis ich ihr die Hand dazu gehoben hatte. Das liebliche Mädchen ſchmollt ihm immer noch im Herzen. Aber, guter Himmell ſo ſüß mir dieſer artige Groll im Grunde auch behagt— wem von uns Menſchen⸗ kindern, beſonders uns, die wir von Uncle Sams Familie ſind, ſpielt nicht die garſtige Selbſtſucht zu⸗ weilen einen Streich, bringt ihn aus der Fahrſtraße auf arge Abwege? Es iſt wahr, Richards, oder viel⸗ mehr Compagnie, hatten mir eine tüchtige Naſe ge⸗ dreht; aber wieder, wenn Ende gut, Alles gut, *) Levee, der eigentliche Werft von Neworleans, der auf der einen Seite die Stadt, auf der andern den Miſſiſippi, bis zu den untern Vorſtädten hinabläuft. — „ — 3 11 G— ſo unvergleichlich ausfällt, und, was nicht zu über⸗ ſehen iſt, das beſſere inwohnende Selbſt des Conſpi⸗ rators ſo ſiegend über die in ihm hauſende Selbſtſucht hervortritt, wer könnte da wohl grollen? In meiner gegenwärtigen Stimmung iſt es mir beinahe, als ob ich ihm Dank ſchuldig wäre für die wohlthuende Empfindung, die mir der in ihm Statt gefundene plötzliche Wechſel verurſacht, die Selbſtachtung, mit welcher ſte mich erfüllt. Er und die beiden Verfüh⸗ rinnen hatten, ſo viel war am Tage, ihr Plänchen mit mir gehabt, die Vereitelung deſſelben hatte ihn augenſcheinlich nichts weniger als angenehm über⸗ raſcht; aber wieder, als er meine Vermählung voll⸗ zogen ſah, war auch aller Unmuth ſo urplötzlich gewichen, und ſein Geſicht ſprach ſo ehrlich und offen die Beiſtimmung aus, daß es meiner Eigenliebe auf eine ungemein delikate Weiſe ſchmeichelte. Es liegt in einer ſolchen Jedeenumſtimmung eines Oritten, und wäre er ſelbſt unſer Feind, für unſer Selbſtgefühl wieder etwas ſo ungemein Erhebendes, eine ſolche Verläugnung egoiſtiſcher Nebenabſichten, Aufopferung perſönlicher Steckenpferde, erfüllt unſer ganzes Weſen mit einem ſo wohlthätigen Behagen, einer ſo heitern — 8 12 G— Sicherheit und Ruhe, die beinahe erquicken; denn man fühlt gewiſſermaßen die Achtung, die zu Grunde liegt; ja die Ehrfurcht vor dem angebornen Rechte des freien Bürgers, unabhängig zu wählen, kann nicht zarter beurkundet werden. Aber von wie vielen geringfügigen Umſtänden hängen oft nicht unſer Glück und unſere Zufriedenheit ab? Ein höhniſches Lächeln, eine ſchiefe Miene wür⸗ den, ich geſtehe es, mich verletzt, ja vielleicht mein Glück, meine Zufriedenheit dauernd getrübt haben, und eine ſolche ſchiefe Miene lag recht ſehr im Reiche der Möglichkeit bei den Anſichten, die Richards von den Franzoſen und ihren Descendenten, den Creolen,*) hatte.— Er iſt in dieſem Punkte ein halber Ran⸗ dolph, der ſie beinahe ſo wohl leiden mag wie Ben Johnſon,**) groben Andenkens, die Shawneys; eine *) Creolen. Unter dieſer Benennung werden in den ver⸗ einigten Staaten ſtets nur Abkömmlinge von Franzoſen und Spaniern, ohne Beimiſchung afrikaniſchen oder indianiſchen Blu⸗ tes, verſtanden. Durch den Abtretungsvertrag von Louiſtana er⸗ hielten ſie bekanntlich die Rechte geborner Bürger. **) Ben Johnſon. Die Antwort, die dieſer berühmte Schriftſteller auf die Frage gab, warum er die Shawneys(die Schotten) ſo wenig leiden möge, iſt bekannt:„Ich kann ſie wohl genug leiden, und ſo kann ich die Fröſche auch leiden, nur müſſen ſte mir nicht in meinem Schlafzimmer umherſpringen.“ — 0 13 6— gute Meinung übrigens, die noch nicht das ſchlimmſte jener vielen Vermächtniſſe iſt, mit denen John Bull ſeine lieben Anverwandten aus der Rumpelkammer ſeiner Vorurtheile bedacht hat; und die wir uns, ob⸗ wohl ſie beſagtem John Bull theuer zu ſtehen ge⸗ kommen, um ſo lieber gefallen laſſen, als ſie unſere etwas dickhäutige Eigenliebe nicht wenig durch die Verſicherung kitzeln, daß auf einen Amerikaner gerade ſieben Johnny Crapaud's*) kommen. Das wollen wir nun einſtweilen dahingeſtellt ſeyn laſſen; auf jeden Fall aber ſind die franzöſiſchen Weine und ihre Bayonner Schinken unvergleichliche Artikel; ich ſehe beide in überraſchender Vollkommenheit im an⸗ ſtoßenden Salon, und ſpare deßhalb meine Meinung bis zu gelegenerer Zeit. Nur ſo viel möchte ich vor⸗ läufig bemerken, daß ich glaube, einige Urſache zu haben, mir Glück zu wünſchen, daß der Fall iſt, wie er iſt. Wäre er umgekehrt, und Richards und Com⸗ pagnie Descendenten der großen Nation, wahrlich der Intriguen gäbe es mehr als in unſerm Kabinete, und der ruhigen Stunden weniger. Dieſe wohlthuenden Empfindungen hielten mich *) Johnny Crapaud, Spottname, den Franzoſen gegeben. 2 — 14— wohl mehrere Stunden in einer Art von Clair⸗obscur⸗ Bildern, oder wie es die Deutſchen nennen, Ge⸗ müthsleben befangen, ein für ſie kurz⸗, für andere langweiliger Zeitvertreib. Wir waren ſogle nach dem Gabelfrühſtück aufgebrochen, da wir von dem würdigen Pater Antoin vernommen, wie unſer all⸗ jährlicher Gaſt, das gelbe Fieber, bereits an mehreren Thüren der Vorſtadt Marigny ſich zum Beſuche an⸗ gemeldet, und ich auch eilte, meine Freunde oberhalb Baton Rouge von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen, und ihr Verdict über meine neue Acquiſition zu hören. In Gedanken, und beſagte ſüß plaudernde Acquiſition im Arme, war ich wie ein Träumender durch die De⸗ tails des Dejeuner, der Abreiſe und ſo fort gegangen, und hatte alles um mich herum ſo rein vergeſſen, daß ich auch kein Sterbenswörtchen von all den Freuden⸗ bezeugungen wußte, die uns bei unſerer Abfahrt er⸗ wieſen worden waren; nichts von den neun Schüſſen, die, als ſich das Dampfſchiff in Bewegung ſetzte, über die leeren Häuſer von New⸗Orleans hingeböllert worden; nichts von den Hurrahs, die ein paar Dutzend Matroſen uns noch im Schwenken zugebrüllt, von den ſternbeſäten Bannern, die auf dem Vorder⸗ und —=e 15 6— Hinterkaſtelle flatterten; kurz nichts von all der Glorie, in der wir den Vater der Ströme hinanfuhren. Arm in Arm ſaßen wir am Sopha, hinter den Flügelthüren des 8 MPnſalons; die Theeſtunde war lange vorüber, und die Lichter in den Salons waren angezündet. Wir plauderten und plauderten, als wir auf einmal aus unſern Träumereien geweckt wurden. „Ein Neger erſchlagen!“ kreiſchte es vom obern Verdecke. „Ein Neger erſchlagen!“ brüllte es nach einander aus zwei, fünf, zehn, zwanzig und endlich hundert Kehlen, und darauf ein Laufen, ein Rennen, ein Ge⸗ polter, Getrampel, ein Sturm im ganzen ungeheuern ſchwimmenden Gaſthauſe, als ob die beiden Dampf⸗ keſſel ſo eben im Begriffe ſtünden, uns mittelſt ihres brühheißen Inhalts in die andere Welt zu befördern. Louiſe ſprang auf und zog mich athemlos längs dem Damenſaal und der Gentlemenskajüte den Treppen zu, die zum Oberdecke führen. „Wer iſt erſchlagen? Wo der arme Neger?“ Statt aller Antwort erſchallte das rauhe Gelächter eines halben Schocks Hinterwäldler. „Viel Lärmen um nichts, liebe Louiſe.“ —=0 16 6— Und wir waren im Begriffe umzukehren, aber die Gruppe wurde mit jedem Augenblicke maleriſcher, ſo 3 wie die Umriſſe der Geſtalten in den ſich nähernden Lichtern, Fackeln, Laternen und Lampen deutlicher hervortraten. Wahrlich das Nachtſtück iſt nicht übel! Auf der Scheidelinie zwiſchen dem Vor⸗ und Hinter⸗ decke, und in gleicher Entfernung von Stern und Stem,*) wie wir ſagen, ſtand ein Knäuel von Men⸗ ſchenkindern, die wohl wieder nur in unſerm Lande in ſo grellem Enſemble zum Vorſchein kommen dürften. I Alle weſtlichen Staaten und Territorien, ſchien es, hatten unſerm Dampfer 3) Contingente geliefert. Suckers von Illinois, und Badgers von den Blei⸗ minen Miſſouris, und Wolverines von Michigan, und Buckeyes von Ohio, untermengt mit Redhorſes vom alten Kentucky,**) und Jägern von Ore⸗ *) Stern und Stem, Schiffsſchnabel und Hintertheil. **) Dampfer. In den vereinigten Staaten werden be⸗ liebter Kürze wegen die Dampſſchiffe ſchlechtweg Steamers, Dampfer, genannt. ***) Sobriquets, den Bewohnern dieſer Staaten und Territo⸗ rien gegeben. Sauger von Illinois, Dachſen von Bleiminen Miſſouris;— Wolfsnaturen von Michigan, Bocksaugen vom Ohio, Rothfüchſe von Kentucky. — 17 8— gon,*) ſtanden in lieblichſter Miſchung vor uns, und in Trachten, die im grellen Fackelſchein den Rieſen⸗ geſtalten etwas Antideluvianiſches verliehen. Der Eine hatte eine Jagdblouſe von blau⸗ und weiß⸗ geſtreiftem Calico, die den Träger, bei ſeiner unge⸗ heuern Rückenbreite, wie eine umherwandelnde Feder⸗ bettdecke ſchauen ließ; ein Anderer zeichnete ſich durch einen Strohhut aus, der dem bronzenen Geſichte eben ſo wohl anſtand, wie unſern Luſthäuſern ihre chineſi⸗ ſchen Dächer. Winebagoiſche Wampumgürtel und cherokeſiſche Mocaſſins, Lederwämſer von gegerbten und ungegerbten Hirſchfellen, mit Newyorker Fräcken, und Roth⸗ und Blaujacken, bildeten eine Muſtercharte unſerer Nationalkoſtüme, die nicht maleriſcher gedacht werden konnte. In der Mitte des Knäuels befand ſich eine Perſonnage, die Meiſter Reinecke, wie er ſo eben aus ſeinem Bau hervorgezerrt, die lebensfrohen tollen Jäger an der Kette vorbei defilirt, nicht übel glich: ein wahrhaft intereſſantes Yankee⸗Exemplar, wie er ſo daſtand, im Gegenſatz zu den Rieſengeſtal⸗ ten, die Miene ſtrafend ernſthaſt, wieder biſſig lauernd *) Oregon, das weſtlichſte und neueſte der Territorien der V. St. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 2 —=0 18 6— die Stirn in unzählige Falten fuchsartig gerunzelt, das rothgraue funkelnde Auge ſcheinbar ruhig und doch ewig umherrollend, nun auf die Hinterwäldler, wieder wie nachdenkend auf die Waarenkiſten ſchielend, die Lippen ſcharf zuſammengepreßt; die ganze dürre, aber knochige Geſtalt in einer Attitüde, von der es ſchwer zu beſtimmen war, ob ſie ſich zum Predigen, zum Singen oder zum Schulmeiſtern anſchicke. Der Mann mochte etwa dreißig Jahre zählen, war aber trocken wie Leder; er hatte eine Rolle Kautabak in der einen Hand, eine Rolle Seidenbänder in der an⸗ dern, die aus einer halbgeöffneten Kiſte genommen waren, aus denen Hauftirartikel in bunter Mannig⸗ faltigkeit herausglänzten. Neben dieſer Kiſte lagen zwei andere, und dicht bei einer derſelben ein heulen⸗ der Neger, die rechte Schulter und den linken Fuß abwechſelnd kratzend, aber aller Wahrſcheinlichkeit nach weit entfernt, den Laufpaß in die Ewigkeit er⸗ halten zu haben. Wie der Yankee⸗Hauſirer nun die Hand hob, und dem heulenden Neger Stillſchweigen gebot, nahm das Geſicht allmälig jenen ernſten, ſtei⸗ fen, und wieder drollig verſchlagenen Ausdruck an, der dieſe doppelt deſtillirten Hebräer unwillkührlich —=9 19 6— und gleichſam wie zur Warnung zeichnet, wenn ſie im Begriffe ſind, ſich auf eine quaſilegale Weiſe in den Beſitz der Dollars ihrer füdlichen Mitbürger gegen nordiſche Aequivalente zu verſetzen; ſeine Be⸗ wegungen, anfangs unſicher, wurden abgemeſſen, allmählig raſcher, ſeine Hände begannen auf⸗ und nie⸗ derzuſchnellen, wie die ominöſen Schwingungen eines Telegraphen; er warf einen langen Blick auf die zwei Kiſten, die, wie es ſchien, von den aufgeſchichteten Kaufmannsgütern herab, und dem Neger auf die Achſel und den Fuß gefallen waren; und während er mit halb ſtrafenden, halb bekümmerten Blicken bald den Schwarzen, dann wieder ſein Eigenthum betrach⸗ tete, öffneten ſich auf einmal die ſcharf zuſammenge⸗ preßten Lippen, und er ſchrie mit ſcharfer, gellender Schulmeiſterſtimme: „Sambo!*) Sambo! was haſt Du gethan?— Sambo, Sambo!“ ſchrie der Mann ſtärker, und ſeine Stimme wurde warnender, und ſeine Hand hob ſich, wie das ewige Gericht verkündend; und ſein Blick fiel ſtrafend auf den Schwarzen, und richtete ſich wieder *) Sambo, die gewöhnliche Benennung, mit der Neger angeredet werden. 2* — o 20 6— empor gen Himmel.„Sambo! Sambo! Unheil! Unheil! Eine Salbe! eine Wunderſalbe!“ ſchrie der Mann zum vierten Male, wie mit heiliger Scheu auf die Kiſte deutend.„Eine Salbe; vergebe Dir der Himmel, Sambo!“ brach er auf einmal mit einer Donnerſtimme aus.„Sambo! eine Salbe haſt Du in Gefahr gebracht, vielleicht geſchädigt, eine Salbe, wogegen Eure Salben von Mecca, Medina, Baſſora, und woher ſie immer kommen mögen, von Algier, Tunis, Tripoli, bloße Stiefelwichſen ſind. Sambo!“ ſchrie der Mann,„und wäreſt Du zwanzig Sambos werth, und könnteſt Du zwanzig Male auf den Auktionstiſch geſtellt werden, Sambo, Du könnteſt nicht das Unheil ausgleichen, das Du wahrſcheinlich angerichtet. Wehe! wehe! wehe Dir! ſo Du dieſe zwei Kiſten geſchädigt; der Schaden, den Du der Menſchheit dadurch zugefügt— 4 „Boe! Boe!*)“ brüllte der Neger darein. „Boe! Boe!“ ſchrie ihm der Yankee nach.„Schrei Du Boe, Boe. Was braucht es Dein Gebrülle? Biſt nicht allein hier. Sind Damen und Gentlemen 3*) Boe, Boe, Negerausſprache; ſtatt Woe, Woe; Wehe, Wehe. —= 21— hier, ſo vornehme Damen und Gentlemen, wie ſie die Wiege unſerer Unabhängigkeit, ich meine Boſton, nur immer aufweiſen kann. Sind hundert gläſerne, ſtei⸗ nerne und blecherne Büchſen und Phiolen im einer Kiſte, und ſind nur zwanzig beſchädigt, ſo kann Deine Haut, Sambo, ſage ich Dir, ſie nicht bezahlen, und wäre ſie zwanzigmal ſo dick, und könnte ſie zwanzig⸗ mal zum Verkaufe ausgeboten werden. Iſt ſie nicht werth, ſage ich Dir, Deine Haut. Ah, Sambo!“ „Boe! Boe!“ brüllte der Neger. „Wozu das Gebrülle?“ brüllten der Badger, und die Rothhaut und die Buckeyes nach.„Oeffne die Kiſte! wollen ſelbſt ſehen.“ „Hörſt Du, Sambo!“ ſchrie der Yankee;„ſollſt's Maul halten, ſagen die Gentlemen,'s Maul halten, ſage ich Dir;“ ſchrie der immer beweglicher werdende Yankee mit dem impaſſablen Ledergeſichte der Nach⸗ kommen der frommen Wanderer von Plymouth. „Halt's Maull ſage ich Dir, Boehu Du, ſo viel Du willſt, hilft Dir nichts; mußt büßen.— Danke Euch für Cuer langes Meſſer, Mister. So recht, das wird's thun. Das öffnet, das greift ein, wie echter Stahl; beſſer ſo, als in's weiche Menſchenfleiſch. —= 22 6— Das gibts; da ſind ſte, ſind⸗ſie— unbeſchädigt, ganz, tadel⸗, makellos. Singe Ehre, Preis dem Herrn! kreiſche! Stimme Loblieder an, Pſalmen;— keine Büchſe zerbrochen, keine Phiole beſchädigt. Preiſe, ſage ich, den Himmel, und wären Dir zehn Achſeln ausgefallen, und zwanzig Schenkelbeine abgeſchlagen. Preiſe den Himmel! denn er wird Zeugniß geben in Deiner Trübſal;— Zeugniß durch den ſchwachen Arm Jared Bundles; Wunder ſollſt Du ſehen! Nieder mit Sambo! Nieder, ſage ich Dir, Sambo; Deiner Achſel, Deiner ſchwarzen Haut ſoll Heil widerfahren; Deinem ſchwarzen Gebein ſoll geholfen werden.“ Kein Zug hatte ſich im Geſichte des Yankee ver⸗ ändert, aber ſeine Beweglichkeit war wirklich eigen⸗ thümlich, wie die eines Mannes, der von der Wich⸗ tigkeit ſeines Berufes auf das tiefſte durchdrungen iſt. Nur zuweilen noch ließ ſich ſein Blick ertappen, wie er über die zahlreich gewordenen Umgebungen hinſchielte. „Nieder, Nieder!“ ſchrie er wieder. „Nieder!“ ſchrieen Kentuckier und Michiganer. „Nieder!“ brüllten Miſſouri⸗ und Ohio⸗Männer. „Mach es kurz!“ der von Illinois;„wollen die — 23 6— Wunderkuren des Nankee ſehen!“ der Jäger von Oregon. Und ſo ſchreiend und brüllend ergriffen ein halbes Dutzend Bärentatzen den armen Sambo, und ſtuackten ihn auf eine Ladung Kaffeeſäcke, wie ein Ferkel, das ſo eben ſein Leben auszuhauchen beſtimmt iſt. „Boe! Boe!“ brüllte der Schwarze aus Leibes⸗ kräften. „Boehu Du ſo viel Du willſt!“ überſchrie ihn der Yankee.„Boehu Du! wirſt bald anders ſingen, wenn Du fühlen wirſt, ſchauen, mit Händen greifen, was ein Connecticut⸗Mann leiſten kann. Boe, Boe, ſehreiſt Du, Sambo! aber was ſagſt Du zu dem, Sambo?« rief der Mann triumphirend, indem er ihm zugleich einen Leinwandfetzen, den er mit Salbe beſtrichen, vor die Naſe hielt, und gleich darauf die Büchſe, die mit einer ſchmierigen dunkelgrünen Subſtanz gefüllt war, und mit verlegener Schuhwichſe viele Aehnlich⸗ keit hatte.. „Was meinſt Du, Sambo? Iſt das der Stoff? Wird der es thun? Glaubſt Du? Wollen ſehen. Gentlemen!“ ſprach er mit dem Gewichte eines Kir⸗ chenälteſten—„Gentlemen! die Arme und Beine — 24 6— des armen Sambo, verſteht Ihr? die Arme müſſen geſtreckt, die Beine gereckt werden, auf daß die Salbe ihre ganze Wirkung äußere. Strecken wollen wir ihn dahen— recken.“ Und ſofort erhoben die Hinterwäldler ihre Arme, und ſie begannen den Neger zu ſtrecken und zu recken, daß der arme Teufel ſchrie, als ob er am Spieße ſtäke. „Boehu Du zu, ſo viel Du willſt!“ ſchrie der Yankee.„Kinder, die Böſes thun, müſſen gezüchtigt werden, ſagt die Schrift; iſt ihnen zum Heile, thut ihnen wohl. Iſt Deine Schulter ausgefallen, iſt Dir das Strecken zum Heile.“ „Boe!“ ſchrie abermals der Neger, der unter den Bärentatzen der Hinterwäldler gezogen wurde, daß ihm alle Glieder knackten. „Boehu Du immer zu!“ gellte der Yankee, der ſeine Stimme in eine höhere Tonleiter brachte, und nun die Leinwandfetzen auf die ſchwarze Haut des Mannes klebte.„Boehu Du immer zu. Halteſt beſſer das Maul, ſage ich Dir, und hätteſt Du den Doktor Brown, Hoſſack, ja Silliman dazu; ihr Verſtand ſtände ſtill; könnten Dir ſo wenig helfen, als eine Schale Erbſenſuppe. Boehu Du— Dein Glück ſage —= 25 6— ich Dir. Halt ſtille, Junge! So recht, Gentlemen; danke Euch im Namen des unvernünftigen Geſchöpfes; danke, das iſt's, genug iſt's. So recht, da liegts, da haſt Du's; keine Zeugſchmiedszange wird es weg⸗ reißen. Boehu Du nur immer zu. Sage Dir,“ ſprach der Mann, indem er ihm ein zweites Pflaſter auf den Fuß klebte,„ſage Dir, was brüllſt Du wie ein unvernünftiges Rind? Was iſt da zu brüllen, Mann! wo Jared Bundle mit ſeiner Palmyra⸗Salbe zugegen iſt? Wer wird da brüllen, wo ihm die Pal⸗ myra⸗Wunderſalbe in die Naſe riecht? Sage Dir, ſchwarzer Gentleman, und wären Dir Deine ſchwar⸗ zen Beine wurzweggebrochen, und ſchwämmen ſie bereits unter Neworleans gegen das Balize*) zu, halb verfault, ja, kämen ſie direkt aus dem Rachen eines Alligators, und Du pflaſterſt zwei Stücke daran, ſo wie ich es jetzt gethan, ſage Dir, Jared Bundle ſagt es, werden heilen Deine ſchwarzen Beine, ſich anſetzen an Deinen ſchwarzen Leib, und wieder Fleiſch werden mit Deinem Fleiſch, Gebein mit Deinem Ge⸗ bein, ſo wahr ich Jared Bundle heiße. Und wahr *) Balize. Die Stockade an den Mündungen des Miſſiſippi, von wo aus die ankommenden Schiffe ſignaliſirt werden. — 26 6— iſt's auch noch— 4 verſicherte er die Umſtehenden mit der treuherzigſten Miene von der Welt. „Hatte Abi Sparks in Penobeſot— wißt, Ladies und Gentlemen— Abi Sparks, der Sohn von Enoch Sparks, der die Peggy Heath heirathete. Gute Fa⸗ milie die Sparks, recht gute Familie, wißt Ladies und Gentlemen!— ſehr achtbare Familie, achtbares Geſchäft, in Schnittwaaren und Materialwaaren, auch gute Hüte, waſſerdicht und patentirt, vorzüglich aber prächtige Thee⸗ und Kaffeekannen, auch Schuhe nach dem neueſten Plane. Meine Damen und Gent⸗ lemen! braucht ihr ganz vortreffliche Thee⸗ und Kaffeekannen? Wohl, Abi Sparks ſagt zu mir, ihr, Jared Bundle, ſagt er, laßt mir ein Dutzend Büchſen oder Phiolen, was ihr wollt, von eurer Palmyra⸗ Salbe zukommen. Wunderbarer Apothekerſtoff, ſagt er. Was? ſage ich. Ich euch von meiner Palmyra⸗ Salbe zukommen laſſen? Meint wohl, es iſt ſo ein vulgärer Apothekerſtoff? ſage ich. Was würden die Gentlemen und Ladies am untern Miſſiſtppi ſagen, wenn ich den Stoff hier verſchleuderte? ſag' ich. Die Ladies und Gentlemen müſſen ihn haben, ſag' ich; das ſind meine beſten Kunden, ſag ich.“ — 27 6— „Schofles Zeug, Jared Bundle;“ brüllte ein Ken⸗ tuckier. „Verdorbene Schuhwichſe mit Hundsfett;“ ein Illinois⸗Mann. „Iſt aus dem Norden,“ lachte ein Dritter,„wo es mehr hölzerne Uhren, als Kühe und Kälber gibt.“ „Wo die Heuſchrecken die Beine brechen, wenn ſie von einem Pataten⸗Haufen auf den andern ſpringen;“ ein Vierter. „Wo die Robbins in der Erndte verhungern, und den Spottvögeln das Spotten vergeht;“ ein Fünfter. „Nichts über Jared Bundles Wunderſalbe!“ über⸗ ſchrie ſte der imperturbable Yankee.„Sage Euch, Ladies und Gentlemen— braucht Ihr eine Salbe gegen Hühneraugen, die beſte Salbe auf der weiten Welt. Und ſäßen Euch die Hühneraugen in den Zehen, wie die Planters im Flußbette des Miſſiſtppi, und wären ſie eingebettet, wie die Felſen in unſern Blaubergen, ſage Euch, Ladies und Gentlemen, Jared Bundle ſagt es— beſtreicht die Hühneraugen ein⸗, zwei⸗, drei⸗, viermal, und heraus müſſen ſie bei Stumpf und Stiel. Nicht zu bezahlen, meine Damen, als Pflaſter gegen Sommerſproſſen. Miß, Miß,“ —" 28— ſchrie er meiner Louiſe herüber,„haben zwar keine Sommerſproſſen, können aber welche bekommen. Zweimal über Nacht ein Pflaſter auf beide Wangen, das herrlichſte Mittel gegen Sommerſproſſen.“ „Zähmt Eure Zunge!“ rief ich dem Marktſchreier zu,„oder ich will Euch bepflaſtern.“ „Sind in einem freien Lande, frei zu kaufen und zu verkaufen;“ war die Antwort.„Gentlemen!“ fuhr er fort.„Unvergleichliche Streichſalbe auf Ab⸗ zugsriemen. Streichet zweimal, zieht das Meſſer hin darüber, legt es an den Bart— anziehende Kraft, Gentlemen, fahrt hin über das Geſicht, wie der Dampfwagen über die Eiſenbahn, wiſſet nicht wie und warum, ſchwindet Euch wie Gras vor der Senſe, der Bart; rundweg, wurzweg. Iſt Tugend in der Salbe, viele Tugend. Maam!“ ſchrie er wieder eine Dame an, die gleich uns in einiger Entfernung dem burlesken Spektakel zugeſehen,„Maam!“*) „Doch, wen ſehen meine Augen! ſo wahr ich lebe! es iſt Mistreß Dobleton und Miſſes, eine unſerer vielen Nachbarinnen vom Miſſiſippi unter Concordia. *) Madame wird Maam geſprochen und auch häufig ge⸗ ſchrieben. 3 —=0 29 6— Sehr erfreut, Sie zu ſehen, Mistreß Dobleton, Miſſes Dobleton, Ihr Diener, habe die Ehre Ihnen meine Frau aufzuführen.“ Aber unſere Begrüßungs⸗ Komplimente wurden von dem Yankee überſchrieen. „Maam!" kreiſchte er, in jeder ſeiner Hände eine Büchſe;„Maam! das probateſte Mittel, geſunde Zähne geſund zu erhalten, kranke geſund zu machen; ſtreichen blos eine Meſſerſpitze voll zwiſchen die Zähne und das Zahnfleiſch. Miſſes! auch ein prachtvolles Mittel gegen Engbrüſtigkeit.“ Die beiden Miſſes wurden grün und blau vor Aerger. „Unvergleichliches Mittel!“ fuhr der Mann fort, „beſtreicht die Theile ein paarmal, und die engſte Bruſt wird ſo weit wie die der Mistreß Broadboſom von Charleston; wiſſen Sie, Charleston in oder bei Boſton? Kein Zweifel, probat, Maam!“ ſchrie er einer Dame Bodwell zu, die eines bedeutenden Rufes hinſichtlich ihrer Zungenfertigkeit genoß,„Maam! ein prachtvolles Mittel gegen Mundſperre, und über⸗ haupt jede Verletzung, beſonders aber Verletzung durch Splitter in die Zehen gerannt. Ah„ die Miß Troloppens, hatte ein ziemlich weites Mundſtück, ein —= 30 6— prächtiges Mundwerk, war verlobt mit Mister Sha⸗ ver, kam aber zu ſpät, um zwei Tage zu ſpät, hatte ſich einen Cederſplitter durch den Prünelleſchuh in den Fuß gerannt, den Lockjaw*) bekommen. Hüätte ſie von meiner Wunderſalbe gehabt, lebte ſie noch— wäre jetzt Mistreß Shaver; nun haben ſie die Land⸗ krebſe**). Ein Kapitalmittel gegen die Mundſperre, Ladies!— Ein anderes Beiſpiel, Ladies! Sally Brags, Miß Sally Brags von Portsmouth— kennen Portsmouth, nicht weit von Providence, wo die hübſchen Mädchen wachſen— ſagen zwar, in Baltimore ſind ſte ſchöner— will nicht das Gegen⸗ theil behaupten,— Sache des Geſchmacks, pure Sache des Geſchmacks; aber Miß Sally Brags, meine ver⸗ ehrten Ladies, hatte die Mundſperre, konnte kein Wort mehr hervorbringen, da nahm ſie eine Büchſe von meiner Palmyraſalbe; Ladies, zwei Dollars per Büchſe, geht ihr jetzt das Maul, Ladies— auf Ehre *) Lockjaw, Mundſperre. **) Landkrebſe. Dieſe Thiere ſind in zahlloſer Menge in Louiſiana, und zernagen alles, was ihnen in den Weg kömmt; oft ſind ſie die Urſache bedeutender Ueberſchwemmungen, indem ſie Löcher in die Uferdämme nagen, durch die dann der Strom einbricht. — 31 6— Ladies, geht ihr jetzt das Maul, klapp, klapp, klapp, wie einer Dampfmühle; unvergleichliches Mittel!⸗ Trotz des nimmer endenden Redefluſſes hatte der Yankee noch Zeit gefunden, ſeinem Handel mit be⸗ wundernswürdig rühriger Beweglichkeit obzuliegen; die Flitterwaaren gingen reißend ab, und je brüllen⸗ der das Gelächter wurde, um ſo häufiger kamen die Dollars der Hinterwäldler aus ihren ledernen Ver⸗ ſtecken zum Vorſchein. Es war ungemein poſſtrlich zu ſchauen, wie ſie abwechſelnd und kopfſchüttelnd die Salbe berochen und dann wieder den Yankee mu⸗ ſterten. „Wunderbarer Stoff,“ bekräftigte der Yankee mit unerſchütterlicher Gravität.„Vortreffliche Kaffeekan⸗ nen;“ raunte er wieder einem Miſſouri⸗Lederwamſe zu, dem er die blecherne Kanne vor die Naſe hielt. „Bürge Euch für ſie.— Wunderbarer Stoff dieſe Palmyraſalbe, kam direkt von Moskau, wohin ſie der Vierfürſt von Abyſſinia brachte, der aber Schulden halber da eingeſteckt ward. Wißt, iſt ein guter See⸗ hafen Moskau, ein vortrefflicher Handelsplatz, kam die Salbe von da in die Hände des Großherzogs von Teheran oder Tombuktou, der irgendwo um das Kap — 3 32 6— der guten Hoffnung herum wohnt, von wo aus ſie in der Sarah Larks nach Boſton gelangte. Ah, war flugs da. Roch blos dazu, wußte ſchon von welcher Seite der Wind blies, wie viel die Glocke geſchlagen. Ladies, Ihnen ſoll Heil widerfahren, und blos für zwei Dollars, zwei Dollars per Büchſe, Ladies und Gentlemen!“ „Ladies und Gentlemen!“ beſchloß der unermüd⸗ liche Yankee im ſententiöſen Pathos.„Bürge Ihnen dafür, daß dieſe Salbe alle Krankheiten heilt, die heilbar ſind; und da, wie der berühmte Doktor Flathead behauptet, es der Krankheiten eigentlich blos zweierlei gibt, nämlich ſolche, an denen die Leute ſterben, und wieder andere, an welchen ſie nicht ſter⸗ ben, ſo werden Sie ſelbſt einſehen, wie es für Sie von äußerſter Wichtigkeit iſt, eine Salbe wie die Pal⸗ myraſalbe zu haben. Unvergleichliche Salbe, Ladies, zwei Dollars per Büchſe, Ladies!“ „Ladies und Gentlemen!“ hob er, nachdem er aus⸗ geſchnaubt, wieder an—„brauchen Sie ſonſt Artikel, Seidenzeuge, Indiennes, Calicos, feine Gewürze, Muskatnüfſe? keine von Wallnußholz, echte Boſtoner Waare aus den vorzüglichſten Niederlagen? Ah, — o 33— Ladies und Gentlemen, Jared Bundle's Thee⸗ und Kaffeekannen— laſſen Sie ſich dieſe empfehlen! der Thee, dieſes köſtliche Blatt von China, wiſſen Sie, es hat eine ölige Subſtanz, und man behauptet, und zwar die größten Aerzte thun es, daß er, im erſten Jahre genoſſen, Gift iſt; aber in meinen Kannen, Ladies und Gentlemen, iſt er nicht Gift. Thäte mir Leid, Ladies und Gentlemen, wenn Sie glaubten, ſchmutzige Gewinnſucht treibe mich an; aber Ihr Heil, Ladies, koſtbare Geſundheit, Gentlemen— hängt ſehr viel von probaten Theekannen ab; zwei ein Viertel⸗ Dollar per Kanne, Ladies!“ „Ah, Maam!“ wandte er ſich zu einer der unter den Bändern umherkrabbelnden Negerinnen,„Bän⸗ der aus der Lyoner⸗Fabrik, und Halstücher aus Bengalen, direkte aus Calkutta; ſind eine herrliche Sache dieſe Halstücher, beſonders aber die Bänder, und insbeſondere die breiten z ein Viertel⸗Dollar per Yard. Halten die Ausdünſtungen offen, wirken vor⸗ theilhaft auf die Transſpiration. Sie wiſſen, Maam, Seidenbänder entſtehen aus Fäden, und dieſe wieder aus den Leibern der Würmer; iſt pure Flüſſigkeit, Lebensbilder a. d. weftl. Hemiſph. II. 3 — 34 6— elaſtiſche Flüſſigkeit; hat viele Tugend dieſe Flüſſig⸗ keit. Vier Yards brauchen Sie, Maam?— Neh⸗ men Sie acht, haben Sie zweimal. Ja, Ladies und Gentlemen, um auf die Theekannen zurückzukom⸗ men=4 „Die Theekannen!“ brüllten mehrere Stimmen von unten herauf—„Hurrah! die Theekannen Jared Bundles! Schaut einmal her! die Theekannen Jared Bundles!“ Und ein Zug von Hinterwäldlern, ſechs Mann ſtark, in ihrer Mitte der Steward*) mit der Kaffee⸗ kanne, die der heilloſe Yankee ſo eben dem Miſſouri⸗ Lederwamſe als waſſerdicht verhandelt, kamen im Fackelſcheine jubelnd die Treppe herauf. Aus der Kanne lief das ſtedendheiße Waſſer ganz gemächlich aus allen Ecken und Enden heraus. Einen Augenblick ſchaute und ſtarrte der Knäuel, aber dann wirkte der vom Nankee geſpielte Betrug auf eine unwiderſtehliche Weiſe auf ihre Zwerchfelle. „Jared Bundle! was ſagt ihr nun zu dieſen Thee⸗ *) Steward, der Oberaufwärter auf Dampfſchiffen und atefe dem die Beſorgung des Schenktiſches, der Tafel u. ſ. f. — 9 35— kannen? Jared Bundles Theekannen! Ein Hurrah den Yankee⸗Theekannen!“ Der Mann hatte jedoch ſeine Faſſung auch nicht im Geringſten verloren. Ernſt und ohne eine Miene zu verziehen, betrachtete er die Kanne von vorne, von hinten, inwendig, auswendig von allen Seiten, ſchüt⸗ telte den Kopf, und hob endlich an: „Ah, Gentlemen! oder vielmehr Ladies und Gent⸗ lemen! Wer wird in unſerem glücklichen Lande der Freiheit und Aufklärung, dem aufgeklärteſten Lande der Welt, wohl Aufklärung über eine ſo ſeltſame Erſcheinung, wie die eben vor Augen liegende, ver⸗ ſchmähen? Wer nicht Verlangen nach ihr tragen, ſie begehren? Will ſie geben, Ladies und Gentlemen, dieſe Aufklärung, wobei ich nur bedauere, es ſagen zu müſſen, daß es Gentlemen gibt, die da Theekannen verhandeln, und zwar für den Süden verhandeln, welche nur für den Norden paſſen, und wieder Thee⸗ kannen für den Norden verhandeln, welche nur im Süden gut thun, was der Fall mit dieſer aus der Niederlage der hochachtbaren Meſſteurs Knockdown an mich gekommenen Theekannen iſt. Sind nämlich für den Norden, dieſe Theekannen, Gentlemen, ohne 3⸗ —= 36 6— Zweifel; denn ihr wiſſet, daß viele Kannen wohl die Kälte des Nordens, aber nicht die Hitze des Südens vertragen, und daß man für ſie bürgt, je nachdem ſte für die warmen oder kalten Klimate gemacht ſind; und ich vermuthe, der Grund davon iſt, daß die Gentlemen des Südens ein mächtig heiß aufſprudeln⸗ des Volk ſind, die ein Gouging*) zum Frühſtück nehmen, wie wir unſere Mackarels. Nun wir, im Norden, haben wieder nicht ſo heiße Temperamente, und das Klima, wohlgemerkt, Ladies und Gentlemen, zieht hier zu Lande von den Leuten an, und die für den Norden gemachten Thee⸗ und Kaffeekannen halten nicht die Hitze aus. Auch mochte ich behaupten, daß Ihr Euer ſiedendes Waſſer zu heiß ſiedet, was über⸗ haupt nordiſche Thee⸗ und Kaffeekannen nicht leicht vertragen.“ „Humbug,“**) brüllten zwanzig Hinterwäldler, und ein halbes Dutzend derſelben begann näher zu *) Gouging. Eine früher in Kentucki häufig Statt ge⸗ fundene Art von Zweikampf oder Rauferei, in welchem es darauf ankam, den Gegner zu Boden zu bringen, und ihm die Augen mit dem Daumen zu verdrehen. **) Humbug, blauer Dunſt. —=0 37— rücken, um ſich des Yankee und ſeiner ſpuriöſen Wagren zu verſichern. „Boe, Boe!“ brüllte der Neger abermals. „Du auch noch hier, ſchwarzer Teufel!“ wandte ſich der Hauſirer erbost zum Neger.„Mußt Du mir auch noch Dein Rabengekrächze in die Ohren gellen! Merkt nicht auf ihn, Ladies und Gentlemen. Achtet nicht des Negers. Wer wird einen Neger beachten? Schreit blos aus Herzensluſt. Nichts als Kniffe— möchte gerne mehr Salbe auf ſeine ſchwarze Haut haben! Wird aber nichts daraus! Fort mit Dir, ſtinkender Neger!“ „Stinkender Neger; Maſſa Yankee ſtinkender Negei ſagen!“ gellte der zähnefletſchende Sambo.„Matto jetzt ſtinkender Neger ſeyn,“ ſchrie er, indem er plötz⸗ lich, zur großen Beluſtigung der Hinterwäldler, auf ſeine Beine ſprang, und wie ein Affe toll und grinſend umher hüpfte;„Matto jetzt ſtinkender Neger ſeyn, aber noch vor einer Stunde lieber Matto ſeyn, und Maſſa Yankee ihm vier Picaillu*) verſprochen, daß er ſich die ſchweren Kiſten mit der ſtinkenden Salbe *) Pieaillu. Pieaillon's werden in Louiſiana die 6 ½ Centſtücke genannt. — 38 c— auf die Achſel und den Fuß fallen laſſen. Boe! Boe! Maſſa Yankee kein guüter Maſſa, ſchlechter Maſſa ſeyn.“ Und ſo war es. Der Erzſchelm hatte wirklich mit Sambo eine Art Vertrag eingegangen, um die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner werthen Mitbürgerinnen und Mit⸗ bürger auf eine recht natürliche Weiſe zur berühmten Palmyraſalbe hinzulenken. Selten aber waren die Lachnerven vierſchrötiger Hinterwäldler bei Entdeckung eines ſogenannten Yankeetricks in ſtärkere Bewegung verſetzt worden, als es nun auf dem Ploughboy der Fall war. Das Gelächter wurde brüllend, betäubend, Ohren zerreißend, und nur die Dazwiſchenkunft des Capitäns, der ihnen im Namen der Damen verkün⸗ dete, wie es Dieſer Wunſch ſey, der Yankee möchte für ſeine Bemühungen, ihre Dollars in die ſeinigen umzuwandeln, nicht allzuhart beſtraft werden— brachte Badgers und Buckeyes, und Wolverines und Redhorſes wieder in einiges Geleiſe. Es war nun recht komiſch zu ſchauen, wie dieſe rohen Söhne des Weſtens ſich auf einmal anſchickten, dem ihnen ge⸗ thanen Anſinnen mit aller Gravität hinterwäldleriſcher Etiquette zu entſprechen. Zuerſt wurde eine Deputa⸗ — 39 6— tion von zwei Gliedern auserkohren, die den Auftrag erhielten, die Damen der allgemeinen Bereitwilligkeit zu verſichern, mit dem Yankee nach Möglichkeit gelind zu verfahren, dann eine Kommiſſion niedergeſetzt, der die Unterſuchung der ſpuriöſen Waaren und ihres Beſitzers anheimfiel. Von den verkauften Artikeln wurde Stück für Stück vorgenommen, geprüft, und entweder kondemnirt oder der Kauf beſtätigt; die Theekannen jedoch, beinahe ohne Ausnahme, ver⸗ worfen, da ſie wohl für eine weite Reiſe auf dem Miſſiſippi, aber nicht für ſiedendes Miſſiſippiwaſſer berechnet waren. Die wunderbare Palmyraſalbe be⸗ währte ſich bei genauer Unterſuchung als ein Kom⸗ poſttum von Schweinsfett, geriebenem Schießpulver, Stiefelwichſe, mit Wallnuß⸗ und Tabackblätter⸗Dekokt gewürzt— unvergleichlichum Wanzen und Compagnie zu vertilgen, aber ſehr problematiſch gegen Sommer⸗ ſproſſen und Mundſperre. Beide Artikel mit den verſchiedenen Gewürzen, unter denen eine bedeutende Sammlung Muskatnüſſe, aus Wallnußholz gedrech⸗ ſelt, wurden, nachdem die Dollars aus der Taſche des Yankee in die der Hinterwäldler zurückgewandert, unter gehöriger Form dem Miſſiſippi übergeben; der Yankee —e 40 6— ſelbſt, in Anſehung der wahrhaft republikaniſchen Stoa, die er bei Vollziehung des Urtheils an Tag gelegt, auf eine feierliche Weiſe zu einem Go the whole hog cocktail*) geladen, eine Ehre, die er vollkommen zu würdigen ſchien, indem er in einer wohlgeſetzten Rede dankte, in welcher er unter Ande⸗ rem auch anfragte, ob ihm die achtbare Geſellſchaft, von der eine Majorität durch ſolennen Beſchluß ſo eben den größten Theil ſeiner Kaufmannsgüter außer Verſchleiß geſetzt, nicht allenfalls zu einer Schul⸗ lehrerſtelle in ihren reſpectiven Heimathen zu ver⸗ helfen wüßte. Mich ſollte es nicht wundern, wenn der Geſelle noch vor dem Schlafengehen, vom Geiſte ergriffen, uns mit einer Methodiſtenpredigt erquickte. Er ſcheint der rechte Mann dazu— ſo ſind ſie aber dieſe Nankees, ganz wie ſie Halleck in ſeinem Connec⸗ ticut ſchildert:— ——— Apostates, who are meddling, With merchandise, pounds, shillings, pence and peddling. Or wandring through southern Climes teaching, *) Go the whole hog cocktail. Ein tüchtiges Zechen. —=44— The ABC from Webster's spelling-book, Gallant and godly, making love and preaching, And gaining by what they call Hook and Crook. And what the moralists call overreaching, A decent living. The Virginians look Upon them with as fas ourable eyes, As Gabriel on the Devil in Paradise. Ein Hurrah der hochachtbaren Mistreß Howard, brüllte es nochmals herauf, als der Knäuel ſich der Gentlemens⸗Kajüte näherte;— und dann wurde es ruhiger.— Ich hatte nämlich die Bären eingeladen, Eines auf die Geſundheit der Mistreß Howard zu leeren, und den Steward angewieſen, den Cocktail auf meine Rechnung zu bringen. Mistreß Dobelton, deren Gatte als Sekretär einer Temperanzgeſellſchaft fungirt, ſchnitt freilich Geſichter, aber mir machte es wahrhaft Vergnügen; für mich hat es immer einen beſondern Reiz, unvermuthet unter dieſe wilden, aber kräftigen Sprößlinge der Natur und unſerer Freiheit geworfen zu werden, die da aufſchießen, ſtolz, kraft⸗ voll, ungebeugt, Väter kräftiger Geſchlechter; dieſe Pioneers des Weſtens, die den Boden für unſere Kinder und Kindeskinder, für kommende Geſchlechter — o 42 6— ebnen, die Wälder lichten und zu Fluren umgeſtal⸗ ten. Ein paar Dollars, liebe Louiſe, auf dieſe Weiſe geopfert, ſind wahrlich nicht weggeworfen, ſte werden zur Kette, die uns an dieſe unſere Mitbürger knüpft. Und wahrlich, ſie ſind nicht die ſchlimmſten. Und ſollen wir ſie nicht zu uns heraufziehen? II. Vachtgedanken. Wir waren mitterweile la Côte des Allemands*) vorbei, raſch der des Acadiens zugefahren. Die Nacht war ſo kühl, ſo erfriſchend; wir hatten einſtimmig beſchloſſen, unſer Souper auf das Verdeck bringen zu laſſen. So ſaßen wir mit einem halben Dutzend beigezogener Gentlemen, unter denen zwei Franzoſen, eine geraume Weile an der mit leichten Erfriſchungen beſetzten Nachttafel;— die traulich leichte Unterhal⸗ *) La côte des Allemands, acht Stunden oberhalb New⸗ orleans, am rechten Miſſiſippi⸗Ufer.— Die Nachkommen dieſer Deutſchen bauen Reis und Gemüſe für den Markt der Haupt⸗ ſtadt. Einige haben bedeutende Zuckerpflanzungen. —=d 43— tung ſchien uns allmählig ſanft zur Ruhe wiegen zu wollen— als unſer ſchwimmendes Haus plötzlich einen Stoß erhielt, der alle Fugen des gewaltigen Baues durchdröhnte, und die Gläſer und Bouteillen wie Kartenhäuſer an einander warf. Die beiden Franzoſen flogen wie Bälle von ihren Sitzen, unſere Damen wechſelten die Farben und lächelten, aber auf eine Weiſe, die verrieth, daß, obwohl vorbereitet auf ſolche Warnungen des Flußgottes, das Herz doch ein wenig zu klopfen begann. Der Scherz war auf ein⸗ mal gewichen, und die Stimmung Aller ſolenn ge⸗ worden. Es iſt immer eine eigene Empfindung, die uns bei ſolchen Gelegenheiten anwandelt; ein Gefühl, deſſen ſich auch der Stärkſte nicht erwehren kann, zwingt ſich ihm wider Willen auf, ſo wie er gewahr wird, daß ſeine Kraft hier ihre Schranken hat, daß er ſich einer unſichtbaren Gewalt anvertraut, die nicht mit ſich ſpielen läßt. Wie wir ſo ſaßen zwanzig Fuß über den grollenden Wogen, die ſchäumend zu uns heraufbrausten, und hinabſchauten in den dreihundert Fuß tiefen Strom, und wieder hinüber in die reichen Gefilde, die ſich in meilenweiter Entfernung von den —e M— Ufern hinabſenken, erſchien uns die Macht des Fluß⸗ gottes, der ſeine gewaltigen Waſſermaſſen hoch über den Schranken der Erde dem alles verſchlingenden Golfe zurollt, wahrhaft furchtbar, und die Stille, die eintrat, hatte einen Anklang vom Schauerlichen. Erſt beim Anblick eines feuerſprühenden Dampfſchiffes, das pfeilſchnell in einiger Entfernung herabſchoß, wurde die Stille unterbrochen und der tief gehobene Athem der Meiſten verrieth die Erleichterung, welche der Anblick des brauſenden Dampfers ihnen gewährte. — Es war wirklich ein wohlthuender Anblick; ein gewiſſes behagliches Gefühl von Sicherheit kehrte allmählig auf die Geſichter zurück, und mehrte ſich, wie abwechſelnd Barken, Flach⸗ und Kielboote in Vorſchein kamen, mit Wachfeuern auf ihren Ver⸗ decken, die ihren rothen Widerſchein recht maleriſch über den endloſen Waſſerſpiegel hinwarfen, um die Feuer herum gruppirt gellende Bootsleute, die ein weſtliches Lied ſangen. Ja, es iſt ein herrlicher Strom dieſer Miſſiſtppi! die Erde ſcheint ſich zu neigen vor dem gewaltigen Rieſen, der ſtolz auf ſie herabblickt, die Gefilde zurück zu weichen und in die Tiefe zu verſtnken. Sie ſind — 0 45 6— herrlich dieſe Gefilde, würdig von einem Meiſterpinſel dargeſtellt zu werden, aber ſie treten in Schatten vor dem Strome ſelbſt. Der Halbmond hat ſein Silber⸗ licht ausgegoſſen über ſie, vielleicht die jüngſten Kinder der ſchaffenden Natur, ein blaßgrauer, zau⸗ berartiger Schleier iſt über die ganze wunderbare Landſchaft hingebreitet, in dem ſich das Himmels⸗ gewölbe zu ſpiegeln ſcheint. Nur hie und da einzelne Punkte, die ſich erheben im gloriöſen Farbenſchmelz des wunderbaren Mondlichtes; dann wieder der Feen⸗ ſchleier, und in weiter Ferne die wie Bronzemauern aufgethürmten Cypreſſenwälder. Einige leichte Flocken von Silber ſind über das Himmelsgewölbe hinge⸗ ſprenkelt, kein Lüftchen bewegt ſie; im Weſten iſt die goldene Röthe in das lichte Apfelgrün verſchmolzen, über uns der Aether in ſein tiefſtes Blau gehüllt— die Sterne zittern wie beſchämt vor der Nachtkönigin, deren Strahlen im Oſten ſo mild und hehr erglänzen. — Nur hie und da ſchimmern uns Lichtpunkte von den Ufern entgegen— wie Irrlichter tanzen ſie an uns vorüber, und hellen auf einige Augenblicke die Gruppen von Orangen⸗ und Citronenbäumen auf. Sie kommen aus den hellen Fenſtern der Pflanzer⸗ —=46 6— wohnungen, die hinter den Baumgruppen verſteckt ſind. Es ſind vielleicht wache Väter oder Mütter, die ihren Kindern oder Enkeln die Schickſale ihrer Groß⸗ oder Urgroßväter erzählen, die von der Ge⸗ fahr, mit welcher der Strom ſie bedroht, auch nicht die leiſeſte Ahnung haben, und die doch ſo leicht, ſo furchtbar über ſie hereinbrechen kann; die Kinder horchen, ſchütteln ungläubig die Köpfe, wie Kleine, die Ammenmährchen hören. Ja, ſie ſind ſchwer zu glauben, ſchwerer zu ſchildern, die Drangſale, die unſere Voreltern auszuſtehen hatten, die erſten Sied⸗ ler dieſes unſeres Landes. Dieſe nun waren ur⸗ ſprünglich Deutſche, die unter der Anführung irgend eines ſchwediſchen oder holländiſchen Barons impor⸗ tirt worden, um dem berüchtigten Law ſein neues Herzogthum am Arkanſas zu bevölkern. Um Zucht und Ordnung unter ihnen handzuhaben, hatte man ihnen auch eine Compagnie Dragoner beigegeben. Das Kartenhaus der Miſſiſippi⸗Geſellſchaft zerſtob gerade, als die tauſend Unglücklichen in den weg⸗ und ſtegloſen Wildniſſen am Arkanſas angekommen waren, und ihrer wurde natürlich mit keiner Silbe weiter gedacht. Neun Zehntheile ſtarben und ver⸗ — 47 8— darben in den Wäldern und auf dem Wege den Miſſiſippi herab; dem elenden Ueberreſte gelang es bis nach New⸗Orleans ſich hinabzuſchleppen, wo ſie endlich die Erlaubniß erhielten, zwanzig Meilen ober⸗ halb der Stadt ihre Hütten zu bauen. Und ſie bauten ſie in Elend und Noth, kämpfend mit Fluthen und Alligatoren und Gewürme; aber ihre Kinder und Kindeskinder genießen die Früchte und leben im Ueber⸗ fluſſe unter der ſegensvollen Aegide der Freiheit. Ah! es mußte vor hundert Jahren furchtbar in dieſer Stromregion ausgeſehen haben! Wir am Red⸗ River und unſere Nachbarn am Mittel⸗Miſſtſtppi, können uns noch eine ſchwache Vorſtellung von dem Chaos bilden, in dem das ganze Nieder⸗Louiſtana damals wie begraben lag; aber es iſt immer nur eine ſchwache Vorſtellung, da der Strom weiter oben, bei aller ſeiner Gewalt doch wieder in der höhern Land⸗ ſchaft ſeinen Meiſter findet, den er nur bei ſehr hoher Fluth auf einige Zeit niederhält. Das untere Loui⸗ ſtana jedoch war ihm beinahe ganz botmäßig; die⸗ ſelben Ufer, die uns nun ſo bezaubernd anlachen, eine Waſſermaſſe von Schlamm und Sumpf, darüber hingeſchichtet Millionen koloſſaler Baumſtämme, die —= 48 e- häufig den Lauf des ungeheuern Stromes ſelbſt hemmten, und ſeine Gewäſſer mit furchtbarem Getöſe über das ganze Land hinrollen machten.— Nur das ſchrille Geſchrei der Millionen Waſſervögel, das Ge⸗ brülle der Bullfröſche und Alligatoren unterbrach das ſchauerliche Toſen der Fluthen.— Ja, auf dieſen entſetzlichen Ufern ſeine Hütte zuerſt hingebaut zu haben; das will etwas bedeuten; dazu gehörte eine eiſerne Seele. Das iſt ein Denkmal von Mannes⸗ kraft, auf welches der Franzoſe ſtolz ſeyn kann. Schlachten zu gewinnen, Reiche über den Haufen zu werfen unter einem allgewaltigen Führer; Länder zu verheeren; Völker in das Joch zu ſchmieden, wahrlich dazu braucht es keinen ſtarken Nationalgeiſt, keine außerordentliche Kraft. Das treffen die Hunnen und Tartaren und Turkomannen eben ſo wohl, noch beſſer. Unter einem Attila, Timur, Soleyman trafen ſie es auch. Aber als ſchaffender Geiſt ſich in die furcht⸗ bare Einöde einer Waſſerwüſte hinſetzen, mit der Natur ringen, mit der Wildniß, Hitze, Kälte, den Fluthen ſtreiten und ausharren im Kampfe, den kein Zeitungslob auf die Nachwelt bringt, das iſt ein Funke Prometheus'ſchen Feuers— das iſt wahre —= 49 6— Manneskraft. Und würden die Franzoſen kein an⸗ deres Denkmal hinterlaſſen, als die Elemente der Kultur in Louiſtana, dieſe allein wären hinreichend, ihre Manneskraft und Ausdauer glänzend zu erhär⸗ ten; denn wohlgemerkt, die Geſchichte der Anſiedelung dieſes weſtlichen Egyptens durch die franzöſtſche Re⸗ gierung weiſet eine Menge von Thorheiten, Mißgriffen und Leichtſinnigkeiten nach, die mehr die Einfälle eines Aberwitzigen, denn Maßregeln einer aufgeklärten Verwaltung zur Begründung einer Kolonie genannt zu werden verdienen; aber zum Glück war der Geiſt der franzöſiſchen Anſiedler ſtärker, als der Leichtſinn ihrer Machthaber, und dieſem Geiſte gelang es end⸗ lich, trotz der unbeſchreiblichen Hinderniſſe, die Natur und Gewaltige ihm in den Weg legten, den Grund zur Civiliſation eines Erdtheiles zu legen, der ſicher⸗ lich in der künftigen Weltgeſchichte eine der größten Rollen zu ſpielen beſtimmt iſt. Nein, der Franzoſe iſt nicht der tanzend leichtfer⸗ tige Johnny Crapaud, als welchen ihn der grobkör⸗ nige John Bull der Welt gern zum Beſten geben möchte, und wenn er nicht ganz das iſt, was Unele Sam und John Bull ſind, und er iſt es nicht, was Lebensbilder a, d. weſtl. Hemiſph. II. 4 —yyyy ᷓDD —— — 50— Kraft des Willens und ſtarre Ausdauer anlangt, ſo hat er doch wieder eine Tugend, die ihr nicht habt, eine Tugend, die eure kalten Quäckertugenden ſo ziemlich alle aufwiegt, und die ein wahrer Götterfunke iſt. Es iſt die Tugend großer, erhabener Empfin⸗ dungen, rein menſchlicher Regungen. Wohl waren es Tage der Wehmuth, die Tage von Achtzig und Einundachtzig, in denen die Väter der neuen Freiheit hinüberſchauten nach Oſten, mit Herzen, die Harren und Hoffen ſchier krank gemacht hatten! Ihre Arme waren beinahe erlahmt, ihre Schwerter ſtumpf ge⸗ worden im fünfjährigen Kampfe. Sie ſtritten wie Männer; aber auch Männer unterliegen endlich der Uebermacht; und ſie war furchtbar, dieſe Uebermacht. Da erhob das edle Frankreich ſeine kräftige Stimme, und reichte brüderlich ſeine Hand dem matten Schwim⸗ mer, dem todesmüden Kämpfer. Daß damals die dreizehn Sterne ſiegreich auf dem umwölkten Himmel hervortraten, mögen wir immerhin, ohne der eigenen Größe im Geringſten Abbruch zu thun, der großen Nation mit danken; ja die Menſchheit mag es ihr mit danken.— Ah wie manche Königs⸗ und Fürſtenenkel, — 0 51 6— vielleicht Söhne, werden ſich einſt in dem Schatten dieſer Freiheit laben, ſie ſegnen, dieſe unſere göttliche Freiheit, die ihren Vätern jetzt ein Gräuel iſt!— Doch der Mond iſt hinter den weſtlichen Wäldern verſchwunden, die Landſchaft iſt bereits im Schlafe begraben; es iſt Zeit zum Aufbruche. Wir ſind la côte des Acadiens*) vorbei. Wie zauberartig ſich der matte Silberſtreifen hinaufzieht gegen Norden! Es ſind die Cypreſſenwälder in den letzten Mondes⸗ ſtrahlen aufgehellt. Eine wunderbare Dunkelhelle; ſie erglänzt wie der Mondregenbogen ſo mild, wie das Auge der Vorſehung, das wir im Weltlaufe erſchauen! Vielleicht derſelbe Silberſtreifen, der einſt *) La côte des Acadiens, zwanzig Stunden oberhalb New⸗ orleans, urſprünglich durch franzöſiſche Canadier oder vielmehr Acadier koloniſirt, die während des Krieges von 1756, ungeach⸗ tet der ausdrücklich im Utrechter Frieden bedungenen Neutralität dieſer von Frankreich an Gsglite agerreenen Provinz, von dem letztern aufgefordert wurden, die Waffen gegen ihre Landsleute zu ergreifen, und als ſie ſich ſtandhaft weigerten, ſofort aus Aeadien (Nova Scotia) vertrieben wurden. Sie irrten mehr als ſechs Jahre in den Wäldern umher, verfolgt von den Britten, und nur ein geringer Ueberreſt entkam nach Louiſiand, das im Frieden von 41763 gleichfalls von Frankreich an Spanien ahgetreten worden. 4* —= 52 6— den armen Acadiern auf ihrer troſtloſen Wanderung geleuchtet, als ſie vor achtzig Jahren dreitauſend Meilen von den Küſten von Nova Scotia ihren dor⸗ nenvollen Pfad herabſuchten. Es waren zwölftauſend Familien, die auf des zweiten George und ſeiner Tories Gebot aus ihrer Heimath, von ihren Herden, aus ihren Hütten geriſſen wurden, weil ſie nicht gegen ihre Väter, ihre Brüder, ihren angebornen König Louis-Quinze ſtreiten wollten. Mitten im Winter wurden ſie aus den Thälern, den Fluren und Feldern vertrieben, die ihre Hände der Wildniß entriſſen hatten. Männer, Weiber, Greiſe, Mädchen und Säuglinge wurden ohne Schonung über die Grenzen ihres eigenen Landes geworfen, mit Bluthunden gehetzt. Tauſende erfroren, verſchmach⸗ teten, wurden von wilden Thieren aufgefreſſen.— Nur elende Ueberreſte waren ſo glücklich, über die Seen und Illinois herab an die Ufer des Miſſtſtppi zu gelangen, den ſie auf elenden Flößen herab⸗ ſchwammen. An ſeinen Ufern und in den Attacapas fanden ſie endlich bei ihren Landsleuten und den Spaniern Hülfe, und ein Plätzchen, um ihre müden Gebeine niederzulegen. — 0 53 6— Wie wunderbar doch die Wege der Weltordnung ſind! Noch vor achtzig Jahren war unſer Land ein vergeſſener Erdwinkel, bewohnt von einigen hundert⸗ tauſend Familien armer Koloniſtten, auf die ſelbſt ihre Landsleute mit Stolz und Verachtung, als eine aus⸗ geartete Race, herabſahen, ein weniger denn Anhäng⸗ ſel des großen europäiſchen Staatenſyſtems, ſelbſt von Britten als Auswurf betrachtet, und nicht viel beſſer behandelt, von der übrigen Welt kaum gekannt. Wer hätte damals, als dieſe armen franzöſiſchen Acadier von Britten aus ihren Hütten getrieben, und amerikaniſch⸗brittiſche Koloniſten zur Hälfte in Thier⸗ felle gekleidet, unter den Webbs gegen den franzöſt⸗ ſchen Montcalm fochten, weil es ihre Herren in Deutſchland thaten— wer hätte damals wohl vor⸗ ausgeſagt, daß dieſelben verachteten Koloniſten einige zwanzig Jahre ſpäter ein Reich gründen würden, das in weniger denn ſechzig der Stolz des Menſchen⸗ geſchlechtes werden, das dem mächtigen Mutterlande die Spitze bieten, ſiegreich zweimal bieten würde, nun den mächtigſten Nationen furchtlos bieten könnte, dürfte? Noch ſechzig Jahre, und dieſes Reich ſteht vielleicht weltbeherrſchend, und als jener heilſame — 51— Gegendruck, den die Weltordnung in ihrer phyſtſchen und moraliſchen Einrichtung zum Prinzip angenom⸗ men hat, gegenüber dem großen nordiſchen Koloſſe, der eben ſo dunkel, nur ungleich rauher und wilder hervorgegangen aus den eiſigen Steppen des Nor⸗ dens, durch Niederlagen und Siege, über Trümmer und Leichen, vorwärts geſchritten iſt, und ſeine Rie⸗ ſenarme nun drohend, nun koſend, aber mit feſter Zuverſicht über das in ſeinen Freiheitswehen zuckende Europa ausſpannt. Ei, ſie ringt, die arme Jungfrau Europa, ſie ringt nach Kräften, nach der neuen Ge⸗ burt; ſie glaubt, ſie wird ſie erringen, die herrliche Tochter, glänzender, ſtrahlender als wir; aber ſie vergißt darüber des furchtbaren Rieſen, und die Sonne geht ihr unter im Weſten, und die ſchwächende Däm⸗ merung überfällt ſie, und die Nacht bricht ihr herein, während bei uns die helle Morgenröthe auftaucht! Doch die Abendlüfte wehen feuchter.— Wie? die Glocke hat zwölf geſchlagen! „Du haſt wunderbare Nachtgedanken, George?“ lispelte Louiſe, wie wir dem Zug der Damen folgten, die ihrem Saale zuſchlichen. „Sage vielmehr kosmopolitiſche. Aber, wer ſie — 08 55— an einem ſolchen Tage, und ſolche Umgebungen vor Augen, nicht hat, liebe Louiſe— weſſen Herz ſich da nicht öffnet, wahrlich, der müßte ein— Jared Bundle ſeyn. „Noch einen Kuß, liebe Louiſe, und gute Nacht! Morgen ſind wir bei Richards.“ III. Irrthum über Irrthum. Ein herrlicher Morgen! Die reichen Ufer von Point⸗Coupé*) ſchimmern uns entgegen, die von Baton⸗Rouge**) ſchwinden rechts an uns vorüber, die Sonne ſteigt glühend roth hinter den bunt be⸗ malten Häuſern des Städtchens herauf, und in ihren Feuerſtrahlen tauchen die wunderbaren Waldpartieen dieſer üppigen Stromregion, abwechſelnd mit Pflan⸗ zungen, nach einander auf, und gleiten an uns vor⸗ *) Point⸗Coupé, eine der reichſten Anſiedelungen am weſtlichen Miſſiſippi⸗Ufer vierzig Stunden von Neworleans. **) Baton⸗Rouge— Stadt am rechten Ufer; fünfund⸗ vierzig Stunden von Neworleans. —"0 56 G— über, ſo hell, ſo glänzend, ſo friſch! wie— wie— meine liebliche Louiſe. Wir fahren in die Strom⸗ krümmung oberhalb Point⸗Coupé ein, und erblicken hier zuerſt eine Partie der üppigen Natur in ihrer ganzen grandioſen Wildheit, ein Chaos von Plata⸗ nen, Magnolien, Liquidambar⸗Cederbäumen, durch ungeheuere Lianen in ein Ganzes verwoben. Die Stämme ſtehend, liegend, im Fallen begriffen, hie und da eine ſchwache Weide mit zerriſſenen Aeſten, ihre langen hängenden Zweige in der Morgenluft wehend, wie die wildflatternden Haare eines zer⸗ zausten alten Weibes; nur der ſchwarze Bohnenbaum mit ſeinen tauſend Dolchen und Dornen, und die glorreiche Livevak mit ihren knotigen Armen ſtehen feſt und kraftvoll da. Ein ſolcher Anblick erhebt, ſtärkt. Man fühlt ſich kräftiger, ſtärker auf Gottes verjüngter Erde.„Siehſt Du, Louiſe, jenen Kranz herrlicher, immergrüner Eichen, der vorgebirgartig in den Ström herausſpringt? Unter ihm iſt der Hafen, dem wir zuſteuern.“ Meine Worte verhallten im Donner eines Ge⸗ ſchützes, das ſo eben losgebrannt wurdez ein zweiter, ein dritter Schuß folgt; der Ploughboy rudert dem 3 3 — d 57 6— Ufer zu. Da iſt ſie, die freundliche Pflanzung, be⸗ ſcheiden wie das Pfarrhaus eines Landpredigers im alten Virginien, und eben ſo wohnlich und bequem. Das Dach iſt wie mit Zangen zwanzig Fuß herab⸗ gezogen, über die Gallerien, die längs dem Hauſe hinlaufen. Die Eckzimmer zu beiden Seiten ſind wunderliebliche Verſtecke, liebe Louiſe!— Recht paſ⸗ ſend ließ er eine der rieſigen Liveoaks am linken Flügel ſtehen, und der rechte iſt durch eine Gruppe von Tulpen, Feigen und Orangebäumen vor den Strahlen der Sonne geſchützt. Das iſt alſo Clara? Das iſt ſie? Louiſe ſixirte das Weibchen meines Freundes ſtreng, examinatoriſch durch ihr Augenglas, ließ dann das Lorgnon ſinken, und ſah mich fragend an. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo ſchien mir die Mistreß gleichfalls ein wenig kalt, ja mehr als kalt, erfroren, wenn ich ſie mit der reizenden Ungeduld verglich, die ſie vor acht Wochen ſo unnachahmlich kleidete. Sie ſchreitet ſo ſtattlich, am Arme Richards, dem Lan⸗ dungsplatze zu, als ob wir mit einer Ladung Mehl oder Wolldecken kämen, behufs ihrer Neger. Sie hebt mit beinahe faſtidiöſer Grazie ihr Lorgnon und —= 58— muſtert uns. Louiſe ſah mich wieder fragend an. Abermals donnern drei Schüſſe, und Richards läßt ein Willkommen hören. Maam iſt aber noch immer ſteif und kalt. Jetzt ſind wir im Hafen; die Lan⸗ dungsbrücke fällt. „Willkommen, liebe Freunde!“ „Willkommen, lieber Landſtreicher!“ lacht mir Clara zu, die ſich kaum Mühe nimmt, unſerer Suite einige aber nicht ſehr tiefe Knickſe darzubringen, und dann auf mich zutrat. Ich hatte kaum noch Zeit, von unſerer Reiſegeſellſchaft Abſchied zu nehmen, und den Schiffsleuten ein kleines Andenken zu hinterlaſſen, als ſte mich bereits mit tauſend Fragen beſtürmte. „Aber ſagen Sie mir, mein lieber Howard, was Richards vor hat. Da kömmt er heute zwei Uhr Morgens wie der Sturm angefahren, und alle Leute müſſen ſogleich auf, und Zimmer müſſen gelüftet, Betten zurecht gerichtet, Geflügel und der Himmel weiß was abgeſchlachtet werden, kurz eine Konfuſion wurde angerichtet, als ob der achte Jännerheld*) bei *) Achte Jännerheld. General Andrew Jackſon; die Schlacht bei Neworleans, in der die Engländer aufs Haupt geſchlagen wurden, wird bekanntlich jährlich an dieſem Tage gefeiert. —= 59 6— uns einkehren ſollte.— Wer ſind denn Ihre Geſell⸗ ſchafter?— Sie kommen ja mit einer ordentlichen Suite. u Mir ſchien es beinahe ſelbſt ſo, und ich ſah erſt jetzt, daß wir wirklich mit einem Gefolge ankamen, das irgend einen inkognito reiſenden Prinzen mit Glanz in der Welt auftreten ließe. Richards hatte den Arm meiner Braut ergriffen, Julie war dem perlhuhnfarbigen Franzoſen oder Creolen, was er war, anheimgefallen, und die Tante Duras hatte ſich einen allerliebſt chauſſirten und kravattirten Fran⸗ zoſen als Lootſen beigelegt. Ich hatte die kleine Schwätzerin, die mich nun am Arme rüttelte. „Aber mein Gott! ſo reden Sie doch, Sie ſind ja ein wahrer Stock.— Wer ſind denn dieſe Damen? Die jüngere iſt ein allerliebſtes Figürchen.“ „So?a fragte ich trocken.—„Gefällt ſte Ihnen? Kennen Sie ſie denn nicht?“ „Wie werde ich auch?“— „Die alte Dame iſt die Madame Duras, die jüngere— Sie ließ mich nicht ausreden. „Sehr bedeutende Creolen⸗Familie. Aber was —= 60 6— wollen die bei uns? Wußte nicht, daß Richards mit ihnen in beſonderer Verbindung ſteht.“ Ich ſah die gute Frau mit großen Augen an, und konnte nicht klug aus ihren Reden werden. Sie war ſo kalt; beinahe verdrießlich empfing ſie ihre Gäſte, und mit einem wahrhaften Yankee⸗Geſicht, als ob ſte die Butterſchnitten berechnete, und die Kaffeetaſſen,— denn unſere Creolen lieben den Thee nicht, am wenig⸗ ſten des Morgens— die ihr das Dejeuner koſten würde.— Kaum hatte ſie ihnen Sitze angeboten, und ihren ſchwarzen Dienſtbefliſſenen einige Wei⸗ ſungen zukommen laſſen, als ſie auch wieder an mich herantrippelte. „Liebe Mistreß Richards,“ ſprach ich etwas drin⸗ gender,„werde Sie bitten— 4 Sie aber ließ mich nicht ausreden, zog mich an der Hand, ohne ſich eben ſehr zu geniren, in das an den Salon anſtoßende Nebengemach, wo ſie begann: „Aber, Sie ewiger Ueberall und Nirgends! Sagen Sie mir nur, ums Himmels Willen, wo Sie geſteckt ſtnd? Wir glaubten alles Ernſtes, Sie haben ſich an eine unſerer Karavanen angeſchloſſen, die mit Maul⸗ thieren hinüber nach Santa⸗Fe handeln. War ja —" 61 c— kein Sterbenswörtchen von Ihnen zu hören oder zu ſehen. Was haben Sie getrieben? Sie verdienen ja gar nicht, daß man Sie berückſichtige.“ „Das geht, das fließt, das iſt eine Strömung!“ Ich wußte nichts beſſeres zu ſagen. Sie fuhr fort.„Ahl Sie verſtummen; die Schuld, das böſe Gewiſſen, die Schaam, Ihre Freunde ſo vergeſſen zu haben. O ihr Männer! Nun ſeyd ihr Feuer und Flammen, und in einer Stunde wieder ſo naß, wie grünes Holz. „Ein rechtes Hinterwäldler⸗Simile;“ bemerkte ich lachend. „Nun, weil Sie ſich ſchuldbewußt finden, will ich Ihnen nur ſagen, daß Ihre Strafe nicht ſehr hart ſeyn ſoll; daß Ihr Loos hoffnungsvoller iſt, als Sie es verdienen; ja hoffnungsvoller— Sie ſehen mich groß an! und ſtaunen— hoffnungsvoller, ſage ich, mehr als Sie es verdienen.“ „Aber, liebe Mistreß Richards! wiſſen Sie denn nicht—* Ich konnte abſolut nicht zu Worte kommen, ſo ſehr ich mich bemühte, ihr Winke zu geben, die nöthig ſchienen! denn Louiſe war im nächſten Salon, und —:= 62 6— konnte jedes Wort hören, und jede Bewegung des agirenden Dämchens ſchauen. „Ich bitte Sie!“ brach ſte wieder aus—„laſſen Sie mich meine Strafpredigt vollenden, und Ihnen nur kurz den Troſt geben, daß Ihr Stern heller zu leuchten beginnt.“ „Heller zu leuchten?— Stern?“ fragte ich noch immer unwiſſend, denn welcher achtundzwanzigjährige Ehemann erinnert ſich wohl der Liebesbagatellen der letzten zehn Jahre, am Tage nach der Hochzeit; oder hat mehr denn eine Idee im Gehirn? „Und Ihr Herz ſagt Ihnen nichts?“¹ verſetzte ſte piquirt. „Kein Sterbenswörtchen.“ „Kein Sterbenswörtchen?“ rief ſie erſtaunt— „Howard, kein Sterbenswörtchen? Sagt Ihnen Ihr Herz wirklich nichts?“ Allein ſte war ſo verblüfft, ſah mich ſo unwillig, mit ſo großen Augen an, daß ich ordentlich in Ver⸗ legenheit gerieth. Endlich kam Richards zu meiner Erlöſung; aber als er ihre Hand ergriff, und ſie der Thüre zuführte, warf ſie mir noch einen langen, un⸗ willigen Blick zu. —= 63— Ich war kaum ihr nach in den Salon eingetreten, wo ſte Richards erſuchte, ihren Gäſten die Zimmer zur allenfalls nöthigen Morgentoilette anzuweiſen, als ſte wieder auf mich zutrippelte, und mir recht böſe in das Ohr flüſterte: „Und Ihr Herz ſagt Ihnen nichts von Emilie Warren?“ „Kein Sterbenswörtchen;“ war wieder meine Antwort. Sie ſtand erſtarrt— ſprachlos, und kam erſt zur Beſinnung, als Richard ſie beinahe ungeduldig mahnte, die Damen nicht länger warten zu laſſen. Nun erſt nahm ſie die Tante und Julien bei der Hand, und führte ſie aus dem Salon, aber ſo bitter⸗ böſe, daß Beide ſicherlich keine ſehr hohe Idee von der Gentilität ihrer neuen Wirthin in dem Augenblick hatten. „Aber Richards,“ fragte ich,„was iſt's doch mit Deiner Frau?— Was gibts? ſo ſage doch!“ „Sogleich, lieber Howard; erlaube mir nur, zuerſt Euch in die Zimmer einzuführen.“ Und ſo ſagend reichte er meiner Hälfte den Arm, und wir betraten die beiden Eckzimmer der Gallerie, — 64 6— in die er nun Louiſe mit aller Galanterie eines echten Virginiers inſtallirte, und ſich dann entfernte. „Recht niedlich, dieſe beiden Zimmerchen— nicht wahr, Louiſe?— Allerliebſt, als wenn das Hell⸗ dunkel mit den Lichtſtreifen, die durch die Jalouſten und erbſengrünen Vorhänge einfallen, für Leutchen wie unſer eins, berechnet wären. Eine ſchwellende Ottomane im zweiten Zimmer, mit zwei allerliebſten Bettſtellen— nur ſind ſie auf zwei verſchiedenen Seiten.“ „Wirklich, allerliebſt!“ bemerkte Louiſe. Meinen Arm um die Holde geſchlungen, beſahen wir uns flüchtig das Enſemble der Einrichtung, die, meinte Louiſe, in etwas durch das pompadourrothe Sopha im erſten Zimmer geſtört würde, und waren im Begriff, uns auf der Ottomane niederzulaſſen. „Aber Richards!“ ließ ſich wieder die Stimme der Mistreß im Sopran hören,„das geht abſolut nicht. Du weißt, dieſe Zimmer ſind der Lieblingsaufenthalt der Tante Houſton. Miß Menoun wird die Güte haben— Und mit dieſen Worten öffnete ſie die Thüre. — d 65— „Bless us!“*) rief ſie, entſetzt auf ihren Ehemann zurückprallend. „Bless us!“ rief ſie nochmals. Ich ſtand mit Louiſen Arm in Arm, und ſchaute ſte verwundert an. „Bless us!“ rief ſte das dritte Mal.„Was iſt das?“ Ich lachte laut auf.— Nicht ſo Louiſe, die ihr Köpfchen an meiner Bruſt barg. Richards hatte ſei⸗ nem feinen Weibchen einen kleinen Streich geſpielt und ihr auch kein Wörtchen von dem, was vorge⸗ fallen war, geſagt.— Sie hielt mich noch immer für den achtundzwanzigjährigen, auf der Mädchenſchau umherziehenden Junggeſellen. „Maam! ſprach ich lachend—„alteriren Sie ſich nicht— ich habe die Ehre, Ihnen Demoiſelle Menou aufzuführen, wie ſie ſich geſtern nannte; heute hat ſie das unausſprechliche Glück, Mistreß Howard titulirt zu werden. „Bless us! Seine Frau!“ rief ſie abermals, den *) Bless us. Gott ſegne uns— ſey bei uns! Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 5 —=0 66— zweifelnd fragenden und ein wenig wüthenden Blick auf den armen Ehemann richtend— das Wort blieb ihr noch halb im Munde ſtecken. Ich führte Louiſen einen Schritt näher der grollenden, aber lieblichen Freundin zu. „Es wird nun wohl nicht anders ſeyn;“ ſchaltete Richards mit einem wahren Protokollgeſichte ein. „Und habe ich nicht gut gewählt, meine vortreffliche Dame?“ fragte ich lachend, während mir Louiſe den Mund zuhielt. „Alſo wirklich Mistreß Howard?“ rief ſie noch⸗ mals mit einem Blick auf den armen Richards, als wollte ſie ihm ſofort den Hals umdrehen. „Es wird nun ſchon nicht anders ſeyn;“ wieder⸗ holte dieſer mit demſelben Faunsgeſicht. „Böſewicht!“ ſchalt Klara. „Sie ſind es Beide, theure Maam!“ bekräftigte Louiſe mit einem ſeelenvollen Blicke, und ihre glocken⸗ helle Silberſtimme ließ ihr Engliſch mit dem leichten franzöſiſchen Anklange ſo wunderlieblich tönen, daß Klara's Augen hell aufleuchteten. Nun erſt richteten ſich ihre Blicke ausſchließend auf ſie, einen Augenblick forſchend, ſpähend, ſcharfdurchdringend; aber wie der — 67 6— Sonnenſtrahl die Nachtſchatten zerſtreut, ſo erglänzte auch das Geſicht des wirklich lieblichen Weibchens, und in auffallender Freude ſchloß ſie die Braut in ihre Arme. „Zur Strafe will ich ſie Ihnen nun entführen, und ſie für mich behalten. Wahrlich, Sie ſind ja den lieben Engel nicht werth.“ „Für welches Entführen ſie Ihnen ſchwerlich Dank wiſſen wird,“ verſetzte ich, dem die Störung einiger⸗ maßen ungelegen kam. Doch die Beiden waren be⸗ reits in der Thüre verſchwunden. Der Scherz war recht artig durchgeführt, und freute mich um ſo mehr, als darin eine leichte Strafe für Klaren lag, die ihr gar nichts ſchaden konnte; denn auf alle Fälle hatte ſte die kleine Verrätherin geſpielt. „Doch wer kommt da? Wen haben wir hier? Bei Jove! Es iſt Doughby, der in ſeinem Tandem ange⸗ rollt kommt, ſo ernſt, ſo feierlich, ſo hausvatermäßig! Wie doch der liebe Eheſtand die Menſchen umwan⸗ delt! Dieſer Doughby, erinnerſt du dich, Richard? er fuhr nie anders als im geſtreckten Galopp mit einer Koppel halbtoller Bullenbeißer, die alle Katzen re⸗ 5* — 9 68 6— belliſch machten. Nun ſtitzt er ſo kleinlaut in ſeiner Gig, als ob der Sheriff*) ſeine Liegenſchaft unter dem Hammer hätte. Ordentlich wehmüthig ſieht er darein.“ Wir waren dem armen Jungen auf die Piazza entgegen gegangen. Er ſprang nicht, wie ſonſt, mit beiden Füßen aus der Curriele, ſondern hob bedächtlich das Spritzleder, und warf halb mürriſch dem herbeieilenden Neger die Zügel ſeines Braunen zu. „Ah, Mister Howard! Sie auch wieder einmal bei uns?“ Die Worte waren nicht im freundlichſten Tone ge⸗ ſprochen. Etwas wie tückiſcher Unmuth lagerte auf dem Geſichte, und ſpielte wie trotzend um ſeine Mund⸗ winkel herum. Ich aber war in der beſten Laune von der Welt. „Doughby!“ rief ich ihm zu,„Ihr ſeyd ja ſo ernſt wie ein Major, der ſich zum Kriegsgericht niederſetzt. *) Sheriff. Bekanntlich liegen dieſem Oberbeamten die Vollziehungen gerichtlicher Urtheile, ſo wie die Verkäufe von gerichtlich feil gebotenen Liegenſchaften ob. — 9 69— Wo fehlt es? Ach, der liebe Eheſtand? Erlaubt mir, Euch meinen Glückswunſch darzubringen.“ Doughby's Brauen zogen ſich zuſammen, und die Stirne runzelte ſich, und die Mundwinkel begannen noch trotziger herabzuhängen. Er glotzte mich mit ſeinen, nichts weniger als lieblichen, halb iriſchen Augen an. Ich fixirte ihn:—„Wahrlich ſeltſam! Der liebe Honigmond, ſcheint es, hat da nicht zweimal ſüß an⸗ geſchlagen.“— Richards winkte mir, zupfte mich. „Wenn Mister Howard mit ſeiner Anſpielung auf mich zielt,“ grollte Doughby, und ſeine Stimme glich nicht übel dem entfernten Rollen des unterirdiſchen Donners,„ſo muß ich mir eine ſolche Anſpielung verbitten.“ „Auf Euch anſpielen, Doughby? Ihr Euch eine Anſpielung verbitten?“ rief ich in demſelben muth⸗ willigen Tone.„Was meint Ihr wohl, mein guter Junge?“ Ich war, wie geſagt, in der herrlichſten Laune. Mistreß Richard trat ſo eben zwiſchen uns. „Einen guten Morgen, Maam!— Aber ſage nur,“ knurrte er mir wieder ſeitwärts zu,„daß ich — 0 70 keine Anſpielung leide, bei G—tt! von wem, und wer er immer ſeyn möge.“ Die Geſchichte wurde mir doch etwas zu rund. Der Plebeier hat, ſcheint es, Luſt, mir ein wenig auf den Puls zu fühlen. Nun, mit dem wollen wir auch noch fertig werden. „Keine Anſpielungen, lieber Doughby!“ lachte ich in demſelben muthwilligen Tone.„Was nennt Ihr denn eigentlich eine Anſpielung? Gebt mir eine Er⸗ klärung, eine Reaſon, wie es Shakespeare hat.— Die Reaſon, guter Junge.“ „G—tt v— e Euern Shakespeare!“ rief der un⸗ äſthetiſche Doughby, der nun ernſtlich wild zu werden Miene machte. „Halt, Doughby!“ rief Richards, indem er dem Tollen die Finger auf den Mund legte;„halt! es gibt hier Mißverſtändniſſe, die zu unangenehmen Erörte⸗ rungen führen dürften.“ „Ich ſage nur,“ wiederkäute Doughby, Iin⸗ ich keine Anſpielungen leide.“ „Mißverſtändniſſe, die zu unangenehmen Erörte⸗ rungen führen— keine Anſpielungen leiden—“ ſprach ich etwas ernſter.„So ſage doch nur, Ri⸗ — o 71 6— chards, was das Ganze ſoll; Du wirſt mir doch nicht zumuthen, daß“— „Halt ein!“ rief Richards nochmals,„was ich Dir hinſichtlich Doughby ſchrieb, war bloßer Scherz.“ „Scherz,“ ſchnaubte Doughby.—„Und wer er⸗ laubt ſich, Scherze über mich zu ſchreiben?“ „Ich, mein Allgewaltiger!“ lachte Clara, die vor den Vierſchrötigen hintrat, und eine ſeiner Rieſen⸗ fäuſte ergriff, die er ihr aber wieder entzog. In dem Augenblick hätte er recht gut einen gereizten Büffel⸗ ſtier vorſtellen können, der noch unſchlüſſig iſt, an welchem ſeiner Gegner er zuerſt ſeinen eiſernen Schä⸗ del probiren ſoll. Clara nahm den Ungezogenen nochmals beim Arme, drehte ihn herum, und hieß ihn ſein angenehmſtes Feiertagsgeſicht anthun, und ſofort Mister Howard ſeine beſten Wünſche zur geſtern vollzogenen Vermählung darbringen. Der Mann warf zuerſt den ſtieren Blick auf die holde Schwätzerin, der es vom Munde ging, als hätte ſie ein Vierteldutzend Büchſen von der berühmten Palmyraſalbe verbraucht; dann maß er mich, ſprach aber kein Wort. Ich lachte. — e 72 6— „Du lieber Himmel!“ rief ſie,„haben Sie denn ganz und gar die Sprache verloren? Seyn Sie doch nicht gar ſo ſehr halb Pferd, halb Alligator!— Können Sie nicht artig ſeyn? Sagen Sie mir nach — werth geſchätzter Mister Howard!— ich gratu⸗ tulire von Herzen mit Schmerzen.“ „Und ſollte es wirklich ſo ſeyn?“ fragte endlich Doughby.„Und Sie wären wirklich?— u „Im Chejoche, lieber Doughby, ſeit geſtern, und zwar in einem ſo angenehmen Joche, als je ein zwei⸗ beiniges Laſtthier getragen. Doch kommt mit in den Saal, wo ich Euch meiner Frau aufführen will.“ Und der Mann wurde auf einmal ſo freundlich, ſchüttelte mir die Hand ſo herzlich, und brach in einen ſolchen Schwall von Glückswünſchen aus, daß es kein Ende mehr zu nehmen ſchien.. „Doughby!“ unterbrach ich ihn.„Wir bleiben heute, morgen und übermorgen hier, und gehen Sam⸗ ſtags frühe auf meine Pflanzung ab, wohin Ihr mit 8 geladen ſeyd. Richards und ſeine Frau gehen gleich⸗ falls. „Topp!“ fiel Doughby ein.„Bin dabei— iſt mir ohnehin ſo wunderlich; ſag' Euch, iſt aus mit — 0 73 6— mir, werde es nicht mehr lange treiben. Wohl; kann nicht ſchaden, Eure Redriver⸗Bottoms*) zu ſehen— war es ſchon lange Willens.“ „Iſt aus mit ihm;“ lachte Richards—„wird es nicht lange mehr treiben— will aber doch noch die Redriver⸗Bottoms ſehen.“ „Und nun kommt mit uns, will Euch meiner Frau aufführen.“ Wir traten in den Saal, der aber leer war, die Damen waren auf ihren Zimmern, wahrſcheinlich mit der Morgentoilette beſchäftigt. Louiſe hatte ſich gleichfalls zurückgezogen, und zog mich natürlich wieder nach. Wie ich in das helldunkle Kabinet eintrat, und ihr reizendes Bild in friſcher Jugendfülle ſüßſchmachten⸗ den Verlangens mir entgegenlächelte; und ſie vor mir ſtand: There stood the maid Silent and motionless, With eyes on the ground Abashed by the reſlection of herseif.**) *) Redriver⸗Bottoms. Flußniederungen, angeſchwemm⸗ tes, fettes Flußland, überhaupt jede fette Niederung. **) The Beggar of Bethnal Green, Luſtſpiel von J. S. Knowles.— —=0 74 6-— Und wie ihr Schwanenhals ſich zu mir herüber⸗ bog, und ihre lebenswarmen, ſchwellenden Arme ſich an die meinigen legten— dankte ich dem lieben Him⸗ mel, daß ich, ungeachtet meiner vierundzwanzig Körbe, mit meinem Kapital ſtrenge hausgehalten, und mit Ehren dem reinen Weſen unter die Augen treten durfte, das ſich mir ſo ganz mit Leib und Seele ergeben hatte. Ah, dieß iſt der eigentliche Punkt, der das Weib an den Mann knüpft, mit ehernen Banden, unverletz⸗ lichen Ketten, treu und für immer knüpft! Wenn ſie ihn auf der weſentlichen Seite, auf der Seite, wo er als Mann ſtark ſeyn ſollte, verächtlich, ſchwach, ſich in ihren ſüßeſten Hofſnungen getäuſcht findet— dann hilft kein Prieſterſegen Wir hatten Doughby, Alles um uns her rein ver⸗ geſſen, und ſaßen Arm in Arm, als ſich abermals die Thüre des erſten Zimmers aufthat, und Damen auf das Kabinet, in dem wir ſaßen, zugingen. Ich ſprang auf, und öffnete die Thüre. Es war Mistreß Houſton, und eine junge Dame, die den Schleier über das Geſicht fallen gelaſſen hatte. Die erſtere warf einen flüchtigen und erſtarrenden Blick auf mich, ſo wie ſie Louiſens etwas altexirte Geſtalt erblickte; die —=9 75 6— andere zog ſich raſch aus dem Kabinette, in die Gal⸗ lerie zurück. Ich ſah die Mistreß an, ein wenig be⸗ troffen, und die Wahrheit zu geſtehen, auch unwillig über die ſonderbare neue Fashion, Beſuche in den Zimmern abzuſtatten. „Bless us!“ rief die Mistreß, indem ſie ſich kerzen⸗ gerade vor mir aufrichtete—„wir ſind unrecht.— Wo iſt doch Mister Richards, wo die Mistreß?“ Sie ſchien mich nicht, ich ſie nicht zu kennen. „Sie werden ſie wahrſcheinlich im Saale ſinden, Maam!“ war meine trockene Antwort. Die Beiden, die unterdeſſen mit der Geſellſchaft eine Morgenpromenade hinter der Pflanzung ange⸗ treten hatten, kamen nun herbeigerannt. „Tante, liebe Tante!“ begann Richards lachend.. „Sie ſehen ja darein, als ob ſie unſern lieben Howard nicht mehr kennten!“ „Bless us!“ rief die gute Tante, mit einem Blicke in das zweite Zimmer. „Ah, Mistreß Houſton!“ hob ich mit verbiſſenem Lachen an—„guten Morgen; es freut mich, Sie ſo wohl, ſo verjüngt, wieder zu ſehen.“ „Mister Howard—“ ſprach die Dame feierlich. —"d 76— „Nimmt ſich die Ehre, der achtungswerthen Mistreß Houſton ſofort ſeine Frau ſeit geſtern auf⸗ zuführen.“ Und ſo ſagend trat ich zurück, und führte Louiſen der alten Dame auf. „Demoiſelle de Menou geſtern, heute Mistreß Howard;“ fiel Richards ein. „Louiſe de Menou, die, ich verſichere Sie, Tant⸗ chen, ein küſſenswerthes, liebes Weibchen iſt;“ be⸗ kräftigte Klara, indem ſie die neue Freundin herzlich umarmte. Einen Augenblick kämpfte das Prinzip des Böſen ſichtlich mit dem Guten in ihr. Man ſah ihr an, daß es ihr Leid that, die herrliche Gelegenheit zu miſſen, uns in ihren Zirkeln zum Nachtiſche aufſetzen und kunſtgemäß zerlegen zu können; aber das Prinzip des Guten trug nach einem kurzen Kampfe den Sieg davon. „Alſo Ihre Frau?“ erwiederte ſie zweifelhaft, wechſelsweiſe Louiſen und wieder mich meſſend. „Gratulire von ganzem Herzen,“ fuhr ſie in ver⸗ bindlicherem Tone fort, der ſich allmählig zum ach⸗ tungsvollen ſteigerte, als ſie die Hand dieſer ergriff. — 77— „Eine ſehr achtbare Familie, eine ſehr gute Fa⸗ milie, die de Menous und die de Duras, habe die Ehre, Madame de Duras zu kennen— eine ſehr be⸗ deutende Familie, die Duras und die Menous— gratulire, Mister Howard— eine ſehr bedeutende Familie.“ Und die gute Dame war auf einmal ganz umge⸗ wandelt, ſo umgewandelt wie es eine alte Ariſtokratin nur immer ſeyn kann, wenn die mit ihr in Berührung gebrachte vermeintliche Plebejerin ſich noch etwas mehr als ebenbürtig erweiſet; denn im Vorübergehen ſey es bemerkt, Mistreß Houſtons Vater war zwar Mitglied der Aſſembly in Anapolis,*) aber ihres Großvaters Stammbaum und Wanderungsbüchlein ſollen nicht die allerreinſten geweſen ſeyn. Wir halten, Gott ſey Dank bereits ziemlich genaue genealogiſche Tabellen. „Doch, wo iſt die andere Dame?“ Sie hatte ſich gewendet, als ich mit Louiſen vorgetreten, und wie abſichtlich den Schleier fallen laſſen. *) Aſſembly von Anapolis. Repräſentantenkammer von Anapolis, wo die Regierung von Maryland ihren Sitz hat. Jeder Staat hat bekanntlich ein Haus der Repräſentanten, Aſſem⸗ bly genannt— ein Senat, und als exekutive Behörde den Gou⸗ verneur. — 78— „Wen meinſt Du?“ fragte Richards.„Miß War⸗ ren?“ „Miß Warren? Iſt ſie denn nicht Mistreß Dough⸗ by? Doch wo iſt Mister Doughby? Wo iſt er?“ Ich ſah mich nach ihm um; er war verſchwunden. „Den wirſt Du ſchwerlich finden.— Er hat Reiß⸗ aus genommen, ſo wie er die Chaiſe der Tante, und Emilien ſah, die nicht Mistreß Doughby iſt.“ „Nicht Mistreß Doughby? Aber Du ſchriebſt mir doch— 4 „Ein Scherz, den ich auf Antrieb meiner Frau und der Tante mir erlaubte, und der auf eine Ueber⸗ raſchung berechnet war. Die Sachen haben ſich jedoch anders geſtaltet, und ich hoffe zum allſeitigen Beſten. Aber was Miß Warren betrifft, ſo iſt ſie noch ledig, die Heirath hat ſich zerſchlagen.“ „Zerſchlagen?“ wiederholte ich ſinnend— und mancherlei Gedanken traten mir vor die wirre Phan⸗ taſte.— In demſelben Augenblick kam auch die Miß Hand in Hand mit Klaren in das Zimmer geſchritten, wo Mistreß Houſton und meine Frau ſaßen. Sie ſchien mir um zehn Jahre älter geworden zu ſeyn, die lebensfriſche Elaſtieität, die ihrem Auftritte etwas —— —=” 79 8— tanzend Schwebendes verliehen, hatte einem matronen⸗ artig ſteifen Weſen Platz gemacht; auf dem Milch⸗ und Blutgeſichte hatte ſich Etwas hingelagert, das wie Apathie ausſah; die ſtarre, intellektuelle Kälte der Nordländerinnen war vorherrſchend. Ich begrüßte ſte, und ſie dankte mir ſo kalt, als wenn zwiſchen uns nie das Mindeſte vorgefallen wäre. Ein wahres Marmorgeſicht. Ich hatte eigene Gedanken, als mich Richards die Gallerie hinabzog. Ich war acht Wochen nicht unter meinen Freunden geweſen, und während dieſer kurzen Zeit hatte ſich ein ganzes Neſt von Mißverſtändniſſen, Zerwürfniſſen und wahrſcheinlich neuen Fäden und Plänen geformt und zuſammengeſponnen, von denen ich nun einen kleinen Vorgeſchmack erhalten ſollte. „Ich würde es recht gerne ſehen,“ hob Richards an,„wenn wir die Tante bewegen könnten, mit Emi⸗ lien zu Dir zu kommen.“ „Wiel jetzt? Und Emilien mitnehmen?“ Der Vorſchlag frappirte mich. „Würde es nicht unzart erſcheinen, lieber Richards, bei den Verhältniſſen, in denen ich zu Emilien ſtand, und die, obwohl bloß momentan—⸗ — e 80— „Verhältniſſe, in denen Du zu Miß Warren ſtan⸗ deſt— Verhältniſſe, George! Du meinſt doch nicht die leichte Aufwallung, in die Du bei Deinem letzten Hierſeyn gerietheſt, und die einem achtzehnjährigen Brauſekopfe zu verzeihen geweſen wäre, aber einem achtundzwanzigjährigen Manne nicht zweimal wohl ſtand?— Tröſte Dich, dieſe ſentimentalen Blitzes⸗ funken haben auf Emilien wahrlich nicht mehr Wir⸗ kung hervorgebracht, als ſie verdienten. Nein, es ſind andere Dinge, die Ihr im Kopfe ſtecken und ich wünſchte, wir könnten dabei etwas thun.“— „Aber wie? was meinſt Du? Sprich! ich weiß wahrhaft nicht, woran ich bin.— Lauter Geheim⸗ niſſe, Zerwürfniſſe.“— „Ein andermal mehr davon; aber ſo wenig Doughby früher Emilien verdiente, ſo ſehr wünſchte ich nun, daß der Bruch ergänzt würde. Und ich glaube, es iſt jetzt möglich, ſeit von Dir aus für Emilien keine Hoffnung vorhanden iſt.“ „Nun, ihr ſeyd wunderbare Matter of fact 4) *) Matter of fact people. Eine ſehr häufig ge⸗ brauchte Redensart; ſo viel als: thatſächliche, poſitive, rückſichts⸗ loſe Leute. — 81 6— Leute. So eben ſagſt Du mir, daß Emilie ſich keinen Strohhalm um mich kümmert, und jetzt— 4 „Sage ich Dir, daß, wäreſt Du frei, Doughby nimmermehr Hoffnung hätte. Emilie iſt ein wackeres Mädchen, ein kluges Mädchen, die, wie alle Mädchen, heirathen will— ſoll— muß, und die über ſenti⸗ mentale Narrheiten erhaben iſt, weil ſie nicht zum Ziele führen.“ „Es ſcheint, wie alle Nordländerinnen.“ „Und der wir jede Gelegenheit geben wollen, daß ſich ihr Doughby mit guter Art nähern darf. Und da dieß vorzüglich bei Dir der Fall ſeyn würde, ſo müſſen wir ſehen, Mistreß Houſton zu bewegen, mit uns zu kommen; was auch in anderer Hinſicht vor⸗ theilhaft iſt, denn es bietet die beſte Gelegenheit dar, Deine Frau auf einmal in unſere beſten Zirkel, und ſomit in die der Union einzuführen. Du weißt, Tante iſt ein Leading Character,*) in Louiſiana unter der höhern Pflanzenwelt ſehr populär, das Orakel Aller, und ihre Billigung verſchafft Dir auf einmal die des County,— des Staates.“ „Die Billigung? das iſt ſonderbar geſprochen, lie⸗ *) Leading Character. Ton angebender Charakter. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. — e 82 6=— ber Richards. Ich glaube doch bei meinen Schritten nicht erſt die Billigung von Mistreß Houſton, oder des County abwarten zu müſſen— um ſo weniger, als weder ich noch meine Frau in den Congreß, nicht einmal in die Aſſembly wollen.“ „Aber doch in gute Geſellſchaft.“ „Aus der ich, hoffe ich, doch nicht geſtoßen wor⸗ den bin.“ „Deine Frau iſt jedoch noch nicht eingeführt, und muß es erſt werden; und Du weißt, obwohl von ſehr guter Familie— 4 „Iſt ſie doch nur eine Franzöſin, willſt Du ſagen, Richards,“ fiel ich ein.„Nur will ich Dir meine Meinung nur kurz und unumwunden auseinander⸗ ſetzen. Ich bin weit entfernt, dieſes, oder ein Vor⸗ urtheil überhaupt, dem das ſouveräne Volk in ſeinem Gehirnkaſten Aufnahme verſtattet, zu bekämpfen, aber eben ſo weit, mich vor demſelben zu beugen, aus neunundneunzig Gründen, von denen der erſte iſt, daß ich den Volksſouverän nicht brauche, nicht brauchen werde, weil ich unabhängig bin, und zu bleiben hoffe. Und wer mir ſeine Geſellſchaft ent⸗ zieht, dem entziehe ich meine.“ —= 83 6— „Das iſt recht ſchön, edel, ſtolz geſprochen, lieber George; aber, verzeihe mir, kindiſch, einſeitig. Willſt Du unter— und mit Deinen Mitbürgern leben, Dich nicht unter Deine halbwilden, faden Creolen zurück⸗ ziehen, von denen nur wenige de Menous ſind, ſo iſt es an Dir, den erſten Schritt zu thun. Dieſen Be⸗ weis von Achtung fordert die bürgerliche Geſellſchaft, und ſie iſt berechtigt, ihn zu fordern, und wird Dir entgegenkommen, ſo wie Du ihn geleiſtet haſt, und Dich Deiner Wege gehen laſſen, ſo Du es nicht thuſt. Wer dabei mehr verliert, Du als Individuum, oder die Geſellſchaft, kannſt Du Dir am beſten beantwor⸗ ten. Und warum willſt Du ihr dieſen Beweis von Achtung nicht geben, wo Du gerade jetzt eine ſo ſchöne Gelegenheit dazu haſt?⸗ „Du haſt Recht;“ war meine Antwort.„Thue was Dir gut dünkt, und was zum Ziele führen kann; mich ſoll es freuen, Miß Warren in irgend etwas dienen zu können.⸗ „Das iſt vernünftig geſprochen.— Jetzt muß ich nach meinen Leuten ſehen.“. Ich mußte ihm Recht geben, obwohl mich dieſe Formalitäten herzlich anekelten. Dieſe Einführungen, 6* — 85 —=2 84 6— Aufführungen, dieſes Etiquettenweſen unter freien Bürgern, Nachbarn, die ſich ſeit Jahren häufig von ihren Kindesbeinen her kennen, dieſe Kotterieen ſind mir unausſtehlich. Ja unſer Geſellſchaftsleben hat einen Haken, einen gewaltigen Haken; alles legt es darauf an, das Netz unſerer Ariſtokratie über unſer ganzes edles Land hinzuſpannen.— Seyd Tage lang, Wochen lang auf einem Dampfſchiffe, in einem Gaſthofe bei Tiſche, neben einander, und habt ihr nicht zufällig eine dritte Mittelperſon, die ſich herbei⸗ läßt, euch mit euern Nachbarn bekannt zu machen, ſo geht ihr ſtumm aneinander vorbei, ſitzt ſtumm neben einander, und nach vierzehn Tagen habt ihr nicht zwei Worte geſprochen. So ein ſteifes Weſen hat doch keine andere Nation, als gerade die unſrige, und gerade unſere guten Familien; denn, Gott ſey Dank! unſere Mittelklaſſe, die eigentliche Nation, kennt nichts davon; aber unſere Ariſtokratie— das iſt, die es gerne ſeyn wollte,— wenn es auf die ankäme, mit unſerer bürgerlichen Unabhängigkeit wäre es bald vorüber. Der X—l weiß, woher dieſe Clubbs, Ab⸗ theilungen und Unterabtheilungen kommen, die von Maine herab, bis an den Golf von Mexiko ſich —=85 6— wie Spinnengewebe anſetzen. Wer hunderttauſend Dollars beſitzt, ſchaut den nicht an, der nur fünfzig⸗ tauſend hat, und wer fünßzigtauſend hat, glaubt arrogant ſeyn zu dürfen gegen den, der nur zehn werth iſt.— Ihr ſeyd gerade reſpektabel, je nachdem ihr ſchwer ſeyd.— Und im Norden, der Herr ſey bei uns! da iſt's wahrhaft heillos. Ei, das iſt auch eines von John Bulls ſaubern Vermächtniſſen, nur auf etwas kleinſtädtiſchem Fuße zugeſchnitten.— Pah! wollen ſehen, was die Zeit bringt— müſſen uns ſchon fügen.— *⁵* * Und wohl war es gethan, daß wir uns fügten. Ci, unſere lieben Mitbürger ſind ſo ſchlimm nicht, und unſere lieben Mitbürgerinnen ſind es noch weni⸗ ger; und es iſt erſt bei Veranlaſſungen wie gegen⸗ wärtige, daß man fühlen lernt, was es iſt, ein geachtetes Glied eines freien, ſich ſelbſt beherrſchenden Volkes zu ſeyn. So ſtark und ſo offen ſpricht ſich doch die Achtung für Bürgerrechte nirgends aus, als bei uns, ſo männlich⸗frei und ſo weiblich⸗zart bei keiner Nation. Es iſt wahr, ſie fordert Achtung unſere bürgerliche Geſellſchaft,— eine Achtung, die — e 86 6— zuweilen in Zwang ausartet, ſie erzwingt ſich dieſe Achtung, wenn ſte nicht geleiſtet wird, aber ſie zollt ſie auch in vollem Maße. Ich war überraſcht. Louiſe, die ſehr fein fühlt, war es noch weit mehr. Es war ein wahrer Kranz von Feſten, die uns unſere Freunde gaben; was ſage ich Freunde, ſelbſt diejenigen, mit denen ich in einer Art Oppoſition gelebt hatte, be⸗ eiferten ſich, uns freudig entgegenzukommen.— Wir gingen aus einer Hand in die andere— von einer Fete zur andern, und ich war beinahe gerührt über das ſichtliche Beſtreben Aller, uns recht ſehr zu ge⸗ fallen, anzuſprechen.— Beſonders benahm ſich Mistreß Houſton mit einer Delikateſſe, gab uns ihre Fote mit einem Aufwande, einem zärtlichen Wohlwollen, deſſen ich dieſe Frau nimmermehr fähig gehalten hätte. Auch kein Zug von jenem Hohne, jenem alten Weiberweſen, das ſte mir früher ſo unausſtehlich gemacht hatte. Sie hatte etwas ſo Zutrauliches, machte die Wirthin auf eine ſo ungezwungene, freundliche Weiſe, zeigte ſich ſo geehrt durch unſere Anweſenheit, als ob ſie es dar⸗ auf angelegt hätte, meinem lieben Weibchen die Acht⸗ barkeit einer amerikaniſchen Geſellſchaft recht anſchau⸗ — e 87 6— lich vor Augen zu bringen. Auch nahm ſie unſere Einladung mit einem wirklich ſo liebreichen Entgegen⸗ kommen an, daß ich es mir kaum vergab, ihr früher ſo viele Hiebe verſetzt zu haben. Ja es iſt eine Freude, Amerikaner zu ſeyn, das Glied einer Kette, deren Ringe, im Ganzen genommen, noch ſo wenig vom Roſte der Selbſtſucht angenagt ſind, in denen, trotz ihrer harten Schale, ein ſo wackerer Kern ſitzt. Freu⸗ diges Wohlwollen lacht uns aus allen Geſichtern an. Nein, Uncle Sam*) iſt nicht der mürriſche alte Egoiſt, als den ihn die Welt gerne haben möchte, der freudenloſe Geizhals, der immer und ewig die Stirne runzelt, brütend, wie er nur recht viele Dollars zuſammen ſcharren möchte. Es thut mir ungemein wohl, Louiſen ſo ſchmeichelhafte Eindrücke von meinen Landsleuten geben zu können, und ſie lä chelt ſo ſeelen⸗ vergnügt über meine Lobpreiſungen; früher drohte ſie mir immer mit dem Finger und nannte mich den Hyperboliker. *) Unele Sam. Onkel Samuel; das Sobriquet, in dem die Eigenthümlichkeiten der amerikaniſchen Nation gewiſſermaßen bezeichnet liegen; der Urſprung deffel ben iſt in den Anfangsbuch⸗ ſtaben von United States, U. S. zu ſuchen. — 3 5 *³ —=0 88 6— Sie hatte ſich kein ſo reizendes Bild von Uncle Sam entworfen, weil ſie ihn nur oberflächlich kannte, und er ſich überhaupt nicht leicht zu erkennen gibt, und ſie gähnte zuweilen, wie es Andere auch thun, wenn wir den Mund etwas voll nehmen; und das thun wir denn doch zuweilen— oder vielmehr recht oft,— lobpreiſen unſer Land, gloriren damit immer und ewig, bei Nacht und bei Tage, ſtehend und gehend, fahrend und reitend, nüchtern und betrunken. Es iſt unſere Braut, mit der wir in Flitterwochen leben, ein ſcheeles Geſtcht, das ihr ein Dritter ſchnei⸗ det, iſt im Stande unſerm Phlegma auf einmal ein Ende zu machen. Der Nichtamerikaner kann dieſes Verliebtſeyn, und es iſt es wirklich, nicht begreifen. Er nennt es Affenliebe; er ärgert ſich darüber, wenn wir unſere Braut andern vorziehen,— lacht und ſpottet, denn die Liebe zu dieſer unſerer Braut, un⸗ ſerm Lande, iſt ganz verſchieden von der Liebe, die er zu dem ſeinigen hat, das, wie er glaubt, doch ein ganz anderes Land iſt. Das wollen wir ihm auch gerne zugeben, denn Uncle Sams Land iſt noch eine neue Beſitzung, hat nicht die bethürmten und bezinn⸗ ten Schlöſſer, die weiten Hallen, die wunderlieblichen —..— —" 89— Parks, Grotten, die gothiſchen Dome des alten Eng⸗ lands, es hat nicht die zweitauſendjährigen epheu⸗ bekleideten Säulentrümmer, Obeliske, Pantheons und Coliſſeen des alten Römerlandes, die köſtlichen Rebengelände des ſchönen Frankreichs; es iſt, wie geſagt, eine neue Beſitzung, mit neuen Gebäuden, neuen Feldern, die vor noch nicht langer Zeit der Waldesnacht abgewonnen worden, wo der Hausherr noch nicht die Zeit gefunden, auf Hallen, Dome und Grotten zu denken, auch wenn er es gekonnt hätte. Aber es iſt dieſe Beſitzung ſchlicht und bauerngutartig, wie ſie im Vergleiche mit älteren ausſieht, eine gedeih⸗ liche Beſitzung, weit gedeihlicher als die alten;— es iſt noch mehr, es iſt unſere eigene Beſitzung, unſere eigene Pflanzung, auf die wir mit dem Stolze, mit der Vorliebe eines Hausvaters, der ſeinen Haushalt gedeihen ſieht, der ſeine Bäume ſelbſt gepflanzt, ſeine Saaten ſelbſt ausgeſtreut— ſchauen; in der wir zu Hauſe ſind, auf der keine Schulden, keine Abgaben, keine Frohnen laſten; ein Freigut in jeder Hinſicht, das nicht großen Herren, Kaiſern, Königen, Herzogen, Grafen, oder wie ſie immer heißen mögen, gehört; wo wir nicht bloße Taglöhner, Miethsleute ſind, die —“= 90— im Dachſtübchen oder im Bedientenzimmer wohnen, aus dem ſie vielleicht die nächſte Woche nach Botany⸗ bay oder in die Conciergerie wandern, falls es ihnen gelüſten ſollte, ein Kaninchen, das auf ihrem Wege ſitzt, mit dem Stocke todt zu werfen, oder Johnny*) einen Gimpel zu taufen. Es iſt unſere eigene Be⸗ ſitzung, und deshalb lieben wir ſie gerade ſo eigen⸗ thümlich, wie ein wackerer Hausvater, der auf ſein ſchlichtes Haus und Hof, die er ſelbſt gebaut, ſtolzer iſt, als der reiche Nachbar auf ſeinen prächtigern Landſitz, in welchem er blos zur Miethe wohnt. Vielleicht mehr über dieſen Punkt, wenn wir einſt ruhiger geſtimmt ſind. IV. Der Kentuckier, wie er leibt und lebt. Herrliche Tage, dieſe drei, die wir im Schooße der Freundſchaft verlebten, um ſo herrlicher, als ſte nicht *) Johnny. John Quiney Adams, damaliger Präſident der vereinigten Staaten, Sohn des durch ſeine ultratoryſtiſchen Grundſätze in ſchlimmem Eredit ſtehenden Präſidenten John Adams.— 3 — 91 6— vier wurden, denn einen vierten hätten wir kaum ausgehalten, ohne eine tüchtige Mahnung, ſage eine Indigeſtion oder ein Fieberchen mitzunehmen, das bei unſerm Thermometerſtande— er wechſelt zwi⸗ ſchen 95 und 100°— leicht in ein biliöſes ausarten könnte. Nein, ſo war es gerade recht, und nach drei ſolchen Tagen iſt eine Miſſiſippi⸗ und Red⸗River⸗ Tour das herrlichſte Ding, das es in der Welt geben kann. Man iſt voll Lebensfriſche, und bringt einen ſo ſprudelnden Geiſt auf den Dampfer mit, daß einem alle Nerven oscilliren. Wir waren alle, wie wir ſagen in high glee,*) unſerer Geſellſchaft zwiſchen der Zahl der Muſen und Grazien. Doch laßt uns ſehen, wie viele Köpfe muſtern wir? Da iſt alſo Mistreß Houſton, aber nicht die Mis⸗ treß Houſton von Olims Zeiten;— ein freundliches Lächeln ſpielt ihr um den Mund, das den einiger⸗ maßen harten ſchottiſchen Zügen etwas ungemein Launig⸗Originelles verleiht, dann Tante Duras, eine eigene Geſtalt, mit einer leichten Perfidie in den licht⸗ blauen franzöſiſchen Augen, aber ganz Delikateſſe *) High glee, muthwillig fröhliche Laune. —"0 92— und Fineſſe, noch aus der alten franzöſiſchen Hof⸗ ſchule Louis-Quinze, deſſen chronique scandaleuse ſie an den Fingern herzählen kann, als ob ſie zugegen geweſen wäre. Die beiden Damen ſind ſo eben auf einer Promenade durch den Damen⸗Saal begriffen, die Amerikanerin ſchreitet einher, feſt, decidirt, wie der Flügelmann im Garderegiment Sr. Majeſtät George IV.; die Franzöſin hat eine gewiſſe Tournure, die ſich beſonders um die Mitteltheile ihres Seyns herum kund gibt. Bei uns kann man das Geburts⸗ land unſerer Damen ſehr leicht an ihrem Gange er⸗ kennen. Hintendrein ſchwebt Louiſe mit Miß Warren, die ſich bereits verſchwiſtert haben; um das Geſicht der Letztern ſpielt zuweilen ein Ausdruck, der ſchwer zu definiren iſt,— er ſteht aus wie Melancholie, und wieder wie Apathie; beſonders preſſen ſtch die Lippen des holden Geſchöpfes ſo feſt zuſammen; Clara und Julie ſitzen auf entgegengeſetzten Seiten, einander muſternd, und ernſt wie dreißigjährige Damen, auch ein wenig ſchläfrig. Die Glocke ſchlägt ſechs, und wir waren zeitlich auf und beiſammen, weil der Alexandria, der ein trefflicher Segler ſeyn ſoll, und der von Pa Menou für uns beſtellt war, bald nach —= 93 6— Fünf vor Richards Pflanzung ankam.— Doch auf Julien zurückzukommen, das arme Kind hat einiger⸗ maßen, was wir die Blue Devils*) nennen. Sie iſt und thut zu Zeiten ſo wohl und wehe, wie eine Paulding'ſche Elegie.**) Sie hat einige Urſache; die Arme iſt zwei Jahre älter als Louiſe, und noch immer keine Ausſicht. Zwar ſind in dem Augenblicke einige Lückenbüßer zum Zeitvertreibe da; aber das ganze will nicht viel bedeuten. Der Eine iſt ein creo⸗ liſcher Couſin, Namens Merveille, ein New⸗Orleaner Advokat und Fashionable von der eigentlichen Elite. Du lieber Himmel! der muß die Quateroonsbälle***) auch fleißiger beſucht haben, als die Gerichtsſitzungen. Seine Geſichtsfarbe iſt ganz das Colorit von Ben⸗ jamin Weſts Tode auf dem Pferde;— das Mädchen wirft zuweilen einen flüchtigen Blick auf des armſeli⸗ *) Blue Devils. Ein leichter Spleen— Vapeurs— üble Laune. **) Paulding'ſche Elegie. Paulding, der bekannte ame⸗ rikaniſche Dichter; ſeine indianiſchen Wehklagen; Geehall— Philipp of Mount Hope etc., ſind ausgezeichnet. *) Quateroonsbälle. Die bekannten Bälle der farbigen und auch feilen Schönheiten von New⸗Orléans, zu denen aber keine farbigen Mannsperſonen Zutritt haben. Sie werden nie von weißen Damen beſucht. — o 94— gen Mannes Geſtelle, und wendet dann das Auge halb ſchaudernd weg. Mehr verſpräche ein zweiter Couſin, der ſich ſo eben aus dem ſchönen Frankreich herüber importirt, eine Art politiſchen Genies, das einen ungeheuren Reichthum freiſtnniger Ideen und republikaniſcher Syſteme beſitzen ſoll— nach dem neueſten Pariſer Schnitte. Mit dieſer Münze wird er ſchwerlich bei uns viel Glück machen; wir lieben die reelle, die klingende, oder wenn ſie von Papier iſt, die endoſſirte.— Der Sprudelkopf war rédacteur en chef, der Himmel weiß, welches Zwerges, des gelben, rothen, blauen oder grünen, der ihm aber, nach Art dieſer maliziöſen Wechſelbälge, einen Streich geſpielt haben mußte, denn der junge Freiheitsheld hatte Reißaus genommen aus dem ſchönen Frank⸗ reich, und zwar ſo ſchleunig, daß er den Miethzins von zweitauſend Franken, den der Procureur du Roi für ein in der Conciergerie beſtelltes Quartierchen an ihn zu fordern hatte, zu bezahlen vergeſſen. Der junge Menſch iſt übrigens gar nicht übel, mit ſeinen funkelnd ſchwarzen Augen und Haaren, und hell⸗ braunem Andaluſiergeſichte, voll Leben und Feuer, deklamirt wie Talma, und iſt mit den beiden Herzogen „ 5 44.—= 3 A von Chartres und Nemours in die Schule gegangen. Von dieſen beiden Helden in embryo weiß er Ge⸗ ſchichten zu erzählen, die einem modernen Plutarch Stoff zu friſchen ſechs Bänden liefern könnten. Was das für allerliebſte Jungens ſeyn müſſen! Wahre Brutuſſe! Welche Achtung für die Rechte ihrer Mit⸗ bürger! und ihr Papa! welcher Feuereifer für die Chre Frankreichs, wie er ſeufzt beim Anblicke der „ Prieſterherrſchaft! Wie der fühlt, tief fühlt!— wie der die goldenen Tage der Freiheit bringen würde, noch eine andere Freiheit, als die wir haben!— Ich hörte die Ergüſſe des jungen Menſchen en passant, und konnte mich nicht enthalten, im Herzen zu lachen. Die Wahrheit zu geſtehen, in der Politik und geſun⸗ dem Menſchenverſtande ſind dieſe Franzoſen wahre Kinder, die in ihrem ganzen Leben nicht zu Männern werden. Faßt ſie einer bei ihrer ſchwachen Seite, ihrer unbegränzten Eitelkeit, ſo kann er ſie reiten wie ſein Steckenpferd. Jetzt ſind ſte wie verſeſſen auf dieſen Papa der artigen Schüler der polytechniſchen Schule, und möchten ihn gerne ſtatt des alten Char⸗ les zum allgemeinen Papa; und bekommen ſie ihn, mag es ihnen wohl auch ergehen, wie dem iriſchen ———— —= 96 6— Schuhmacher in Franklintown, der von ſeiner Ehe⸗ hälfte zu ſagen pflegte:„Mein Weib, mein Weib; bei Jaſus! obwohl ſte keiner haben mochte, hab ich ſie doch gekriegt.“— Der gute Menſch nennt ſich de Vergennes, und iſt der dritte Sohn eines gaskogniſchen Vicomte und Neffe eines Pairs, der eine der wichtigſten Hofchargen und alle acht Tage die Ehre hat, Sr. geheiligten Majeſtät bei ihrem petit-lever, ich weiß nicht mehr, ob in die Strümpfe, oder gar in die Inerpreſſibles zu verhelfen. Als ich ihm meine Verwunderung zu er⸗ kennen gab, wie er, der Sohn eines General⸗Lieu⸗ tenants und Neffe eines Pairs, zur Oppoſition, ja was ſchlimmer, dem fatalen Liberalismus gekommen — meinte er mit wahrhaft franzöſiſcher Naivetät: „Ah mon frère a pris P'autre coté, mais nous autres— Scheinen alſo doch bereits die parlamentariſchen Pfade und Nebenpfade zu kennen, dachte ich. „Ich verſpreche mir recht viel Vergnügen von dem jungen Menſchen, den Papa Menou geladen hat. Unter allen Beſuchern, die uns mit ihrer Gegenwart beehren, ſind die heutigen Franzoſen, ich meine die — 5 97 6— von 1828, gewiß bei weitem die liebenswürdigſten. Mit einer nichts weniger als oberflächlichen, ja tief⸗ gehenden Bildung in praktiſchen, beſonders mathe⸗ matiſchen Fächern, verbinden ſie eine Beſcheidenheit, die ihnen bei ihrem enthuſtaſtiſchen Weſen etwas wahrhaft Jungfräulich⸗Romantiſches verleiht. Wie die Alten zum Tempel Jupiter Ammons wallfahrte⸗ ten, ſo pilgern ſie in unſer Land zu Hunderten, und zwar nicht der Auswurf, wie er aus andern Ländern zu uns kommt, ſondern die Söhne der erſten Fami⸗ lien, um ſich in ihrem politiſchen Glauben und Hoff⸗ nungen zu ſtärken. Eine gewiſſe Wehmuth, ein verbiſſener Grimm, eine Art Schaam über die Er⸗ niedrigung, in der ſie ſich und das bhelle France wähnen, iſt immer auf ihren Geſichtern zu leſen; dabei knirſchen ſie jederzeit mit den Zähnen, wenn ſie von den fremden Bajonetten und Bagagewagen reden, mit und auf denen, wie ſie ſagen, ihre gegenwärtigen Machthaber ihnen zugeführt worden.— Dem mag nun ſeyn, wie ihm wolle, das geht uns nichts an, aber doch möchte ich im Vorbeigehen bemerken, daß, nach meiner unmaßgeblichen Meinung, das belle Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph II. 7 — V —= 98— France, das ſeinen Nachbarn Herren aufgedrungen hat, die zu irgend etwas eher, als Herrſchern taugten und geboren wurden, eben nicht ſo ſehr Urſache hat, darüber zu klagen, daß ihm ſeine Bourbons zurück⸗ gebracht worden, denen es doch, man mag nun ſagen was man will, verdankt, daß es eine, und zwar eine große Nation iſt, und nicht zwanzig Völkerchen; und die, wenn es nun doch einmal einen Herrn haben ſoll, noch immer mehr Rechtstitel beſitzen, als irgend ein Anderer, wer er auch ſeyn möge. Und einen Herrn muß es haben, das belle France, da hilft nichts, und zwar einen ſtarken Herrn. Wo drei bis vier Millionen beinahe Nichts beſitzen, drei andere wenig mehr als Nichts, und nur eine geringe Majorität das Nöthige, und einige glückliche Hunderttauſende das Meberflüſſtge, da mögen die bürgerlichen Inſtitutionen liberal ſeyn, und ſollen es ſeyn, müſſen aber wieder ganz anders lauten, als in einem Lande wo neun Zehntheile Grundeigenthumsbeſitzer, und in ihrem „Haben, und was unmittelbar daraus folgt, ihren politiſchen Meinungen, wenn nicht ganz gleich, doch ſo ziemlich gleich ſind. Hier iſt Vielherrſchaft, Bür⸗ — 0 99— gerherrſchaft möglich, dort iſt ſie Unbeding, lieber Vergennes. Wie ich mir den jungen, während des ganzen Früh⸗ ſtücks fortwährend perorirenden Republikaner anſah, kam mir wieder eine Bemerkung in den Sinn, die ich ſchon oft gemacht hatte, und die ſich mir jedesmal aufdringt, ſo oft ich einen der ſogenannten Republi⸗ kaner der alten Welt— wir verſtehen unter der alten Welt immer Europa— ſeinen nagelneuen, alles über den Haufen werfenden Republikanismus auskramen höre.— Man ſieht es dieſen Leuten ſogleich an, daß ſie eine Rolle ſpielen, die nicht ihre natürliche, daß das republikaniſche Kleid, mit dem ſie ſich behängen, nicht für ſie gemacht, daß ſie es nicht von Kindheit an getragen, daß es ihnen bald zu enge, bald zu weit iſt, ſo daß ſie tauſend Thorheiten und Albernheiten darin begehen.— Selbſt John Bull, wenn er es an⸗ zieht, ſieht ſo ungelenkig aus, daß jeder Vernünftige ihn bemitleiden muß. Es iſt ein gutes Kleid unſer republikaniſches Kleid, ein warmes Kleid, es klei⸗ det uns bequem, aber es taugt nur für uns,— nur dem Amerikaner läßt der Republikanismus wohl. — Sehen wir einen damit angethan, für den es nicht 7* — 0 100 6— gemacht iſt, ekelt er uns nur an,— und das iſt nun ſo ziemlich hier der Fall. Dieſer junge Franzoſe, ſo artig, ſo unterrichtet er ſonſt ſcheint, wenn er auf das Weſen republikaniſcher Einrichtungen zu ſprechen kommt, wird ein wahrer Tollhäusler, der auch nicht die geringſte Idee von der Heiligkeit des Eigenthums, der Baſis unſeres republikaniſchen Gemeindewohls hat. Er ſtände nicht an, ein paar Millionen der edelſten Bürger, auf denen die Kultur eines Reiches, der Menſchheit beruht, abzuſchlachten, um ſeine tolle Ausgeburt von Vermögensgleichheit zu realiſtren, und ein paar Millionen faulblütigen Auswurfes zu ſchlim⸗ mern Peinigern der Menſchheit heraufzuziehen, als es die gehäſſigſten Höchſt⸗ und Hochgebornen je waren. Während ich dem franzöſiſchen Quaſi⸗Republika⸗ ner, der übrigens, wie geſagt, ein recht artiger junger Menſch zu ſeyn ſcheint, ſo ſchonend als möglich einige unſerer amerikaniſchen Anſichten über dieſe Punkte mittheilte, hatten wir den Atchafalaya*) paſſirt, und *) Atchafalaya. Ein bedeutender Strom, oder vielmehr Ausfluß des Miſſiſippi, der wenige Meilen unter dem Einfluſſe des Red⸗River in den Miſſiſippi, auf der weſtlichen Seite durch die Attacapas in den Golf von Mexieo mündet. — o 101— waren auf der Francisville⸗Seite hinaufgefahren, um die gewaltige Strömung, die der Einfluß des Red⸗ River in den Miſſiſippi da verurſacht, zu vermeiden. Ein ſtarker Wind, der ſich erhoben hatte, thürmte die Wellen in der Mitte des Stromes zu einer bedenklichen Höhe empor. Der Hauptſtrom war, obwohl wir bereits Auguſt hatten, zum Ueberfließen voll, und die Mündung des Red⸗River bot, ſo weit das Auge reicht, einen See dar, aus dem Millionen von Baum⸗ ſtämmen emporſtarrten. Wir hatten den Salon ver⸗ laſſen, um den ungeheuern Waſſerſpiegel in ſeiner ganzen grandioſen Ausdehnung zu ſchauen. So eben bogen wir der Mündung des Red⸗River zu, als ein Boot von Woodwille herüber kam, und ſich bereits auf hundert Yards genähert hatte, ehe es von dem wachthabenden Manne auf dem Verdecke entdeckt wurde. Es ſchnitt zwiſchen den zahllos her⸗ abſchwimmenden Rieſenſtämmen im ſcharfen Striche durch die Wogen, mit einer Kühnheit, die auf dieſer Stelle, wir waren beinahe in der Mitte des Stro⸗ mes, wirklich an Raſerei gränzte. „Das iſt ein Raſender, oder ein Verliebter!“ ſchrie —= 102— der Capitän.„Bei meiner Seele, der hat mehr Waſſergeiſt, als zu einem Commodore nöthig wäre.“ „Es iſt Doughby;“ rief Richards.„Capitän, es iſt Mister Doughby. Wendet das Schiff, er iſt es.“— Und er war es. Der tolle Junge ſtand im Boote, das auf den Wellen und zwiſchen den Baumſtämmen auf⸗ und niedertanzte, ſo kerzengerade, kaum daß er ſich zuweilen auf die Seite bog. Die ſechs Neger, die es ruderten, wurden über und über von den Wo⸗ gen beſpritzt. „Das alſo Euer geprieſener Red⸗River!“ ſchrie der Wagehals von weitem herüber.„Herrliches Land für Wildenten und Gänſe, auch Alligatoren. — Hurrah, Boys!“— „Um Gotteswillen, Mister Doughby!“ riefen, ſchrien, baten die Damen, als der Tolle gerade unter dem Stern auf uns zufuhr, ohne die Wendung abzu⸗ warten, und mit einer Haſt das ihm vom Schiff zu⸗ geworfene Seil ergriff, die ihn im nächſten Momente aus dem Boote riß, und wie einen Federball auf die Seite des Dampfers anwarf. Eine mannshohe Welle hatte das Boot zurückgeriſſen, und Doughby hing halb im Waſſer, halb außer dieſem. —=9 103 6— „Zieht an! Hurrah Boys!— Zieht an Jungens! oder Cure verdammten Räder thun es.“— „Zieht an!“ ſchrien wir Alle;„Zieht an, um Got⸗ teswillen!“ „Ei zieht an!“ ſchrie Doughby, der am Geländer heraufgeſprungen, ſich mit einem Satze über daſſelbe warf, und mitten unter den berußten Cyclopen ſtand. Wir eilten ſprachlos hinab— denn das Wageſtück war ein verzweifeltes. „Pah!“ ſchrie Doughby;„Steward, ein Glas Warmes, und Capitän ſchaut zu, daß mein Porte⸗ manteau herauf kommt und meine Neger mit heiler Haut davon kommen;— und einen guten Morgen Gentlemen— in fünf Minuten ſehen wir uns wieder!“ Und ſo ſagend, leerte er das vom Steward gebrachte Glas, machte gegen das Oberdeck zu ein leuchte Ver⸗ beugung, ſprang in den Gentlemansſalon, und von da ins erſte Staatszimmer, das offen ſtand. „Da habt Ihr ihn,“ brummte Richards, kopfſchüt⸗ telnd.„So macht er immer ſeinen Eintritt.— Und Emilie ärgert ſich halb todt.“ Aergern, das könnte ich wohl nicht ſagen, aber jene ruhig⸗ſtille neuengländiſche Antipathie, mit einer — d 104 6— ſtarken Doſts von Apathie ſchien ſich des Mädchens bemeiſtert zu haben, und zu irgend etwas eher Hoff⸗ nung zu geben, als einer Verſöhnung.— Dieſe Yankees können ſo ſtille, ſo ruhig, ſo bitter, ſo gleich⸗ müthig⸗gemüthlich haſſen! ſie glimmen euch wie Lehigh⸗Kohlen. Wir waren wieder in den Damenſalon zurückge⸗ kehrt, wohin ſie geeilt war, ſo wie ſie Doughby nennen gehört hatte. Clara legte den Zeigefinger auf den Mund, und ſah recht ſuperklug darein, als ſie links neben ihr auf dem Sopha Platz nahm; Mistreß Houſton hatte rechts ihren Poſten gefaßt. Beide ſtrichen dem artigen Kinde die Locken von der Stirne, und zupften an ihrer Halskrauſe. Sie hatte zum Reiſekleid einen leichten Reitanzug von Circaſſtenne, der ihr ungemein wohl ſtand Louiſe gab auf jeden Zug acht, wie die aufmerkſamſte Schülerin. „Ach Emilie,“ bat endlich die kleine Schlange, mit ihrem holdeſten Lächeln,„Du mußt mir heute einen Gefallen thun, Du mußt.“— „Ich verſpreche nicht eher, als bis ich weiß— verſetzte die Miß in ziemlich ſcharfem Tone. Ein drohender Blick der Mistreß Houſton ſchien —= 105 G— auf den kleinen Starrkopf auch nicht die mindeſte Wirkung hervorzubringen. „Ein Bemitleidenswerther!“ hob Clara an, nden Dein Zorn aus Deiner Nähe verbannt— und den ein Lächeln von Dir in Entzücken— Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als Emilie todtenbleich wurde. „Clara! ſo Du mich liebſt, um Gotteswillen! ſo—“ ſie endigte nicht, aber mit Ingrimm biß ſie die Lippen zuſammen. „Aber Miß!u ſiel die Mistreß Houſton in wahrem Duenna⸗Tone ein,„aber Miß, ich weiß wirklich nicht, ob der gute Ton Ihr Betragen— 4 Sie ſprach nicht aus, unſere Anweſenheit ſchloß ihr den Mund;— aber ihr Geſicht war ein wahrer kategoriſcher Imperativ. Die Miß ſah die Tante an, ihre Lippen preßten ſich ſtärker zuſammen, eine eiſige Kälte fuhr über das Mädchen hin, ſie ſchauderte, wie von Fieberfroſt ge⸗ rüttelt, zuſammen.— Man ſah, daß es furchtbar in ihr kämpfte, aber keine Thräne floß aus den Augen. — Das Mädchen war ſeltſam, beinahe unweiblich zu ſchauen in ihrem ſtarren Schmerze. Ich ſprang auf, — 0 106 6— und eilte auf ſie zu,— wie ſie mich erblickte, machte ſie eine konvulſtviſche Bewegung. „Ich bin doch recht unglücklich,“ ſtieß ſie endlich heraus, mit einer Gewalt,— einer Stimme, die einen ſeltſam unheimlichen Nachklang hatte. Wehmuth, Schmerz, Wuth, verletzte Weiblichkeit, erklangen in dieſer unnatürlichen Stimme. „Miß Warren!“ rief ich. Sie ſah mich ſtarr an.— Ihr Geſicht war leichen⸗ blaß, die Lippen blau, ſie ein Marmorbild. „Mein Gott!“ rief ſte mit demſelben innerlichen Schauder.„Bin ich denn ſo ganz aller Berückſichti⸗ gung unwerth geworden?“ „Miß Warren, wie können Sie ſo etwas glauben? Bei meiner Seele! ich weiß noch immer nicht, was da vorgeht, was vorging. Richards, ſo ſage doch!“ Mistreß Houſton ſaß ſtarr, Clara lautlos, das ſitzende Mädchen in den Armen haltend. „Mich mit dieſem Halbbarbaren wieder zuſammen⸗ bringen;“ ſtieß ſie grimmig heraus. „Welchen Halbbarbaren?“ Sie ſprach den Namen nicht aus, aber der tiefſte Abſcheu offenbarte ſich in ihrem ganzen Weſen. —= 107— „Es iſt doch nicht Doughby?“ ſprach ich leiſe zu Richards. „Und wer anders?“ ſprach ſie. Ich ſah Richards mit großen, ſie mit vorwurfs⸗ vollen Augen an; dieſer wieder Clara. „Laſſet, laſſet alles gut ſeyn,“ rief dieſe.„Alles wird gut enden. Laßt nur mich ſorgen. Emilie, ich bitte Dich, ſey ruhig. Und Ihr beiden Männer, fort mit Euch. Laßt uns eine Viertelſtunde allein. Hört Ihr? die Damen wollen allein ſeyn!“ Und ſo ſagend ſprang ſie auf die Salonswand zu, nahm die in goldenem Rahmen aufgehängte gedruckte Schiffsordnung vom Haken, und hielt ſie uns vor die Augen. „Ich gehe gerne, nehme aber meinen Theil mit;“ ſprach ich, Louiſens Arm in den meinigen legend. „Nein, nein;“ riefen alle,„Mistreß Howard muß hier bleiben.“ „Sie geht mit mir; nicht wahr, liebe Louiſe?“ Louiſe pauſtrte einen Augenblick, und ſprach dann lachend, und mit ihrem niedlichen Fuße ſtampfend, ein „I won't.“*) *) Ich will nicht— I will not. —=0 108 6— „Prächtig!“ riefen die Damen laut lachend; nur die Miß blieb kalt— ſie ſchien nicht zu hören, nicht zu ſehen. Wir zogen unſerer Wege in den Gentlemansſalon — ich für meinen Theil herzlich froh, dieſer ſtarren Weiblichkeit entrückt zu ſeyn.— So ſind ſie aber dieſe Yankeeinnen, die beſten Mütter, die treueſten Gat⸗ tinnen, aber ſtarr und kalt, wie ihre Eisberge auf den Newfoundland⸗Banken; eher könnt ihr einem Delphin eine Thräne entlocken, als einer dieſer nor⸗ diſchen Republikanerinnen. Vor dem Schenktiſche trafen wir Doughby, der mittlerweile ſeinen Anzug gewechſelt hatte. Im Grunde genommen gerade kein unebener Junge. Der lichtblaue Gingham⸗Frack, mit ſchneeweißen Inex⸗ preſſibles, kleiden ihn gar nicht übel. Ein eleganter Strohhut, ſehr feine Wäſche, und eine Brillant⸗ nadel, die immer ein tauſend Dollars gekoſtet haben mag, geben ihm ein recht pflanzeriſch⸗genteeles Air, obwohl ich derlei Dinge, als Brillantnadeln, Knöpfe und Ringe haſſe,— ſind bloß für Weiber und La⸗ dendiener. — 8 109 6— Als Doughby ſein Glas Toddy*) geleert hatte, brach er los. „Wie iſts? was macht, ſagt, thut ſie? hat ſie mich geſehen? wie ſah ſie aus? böſe oder gut? wie hat ſte meine Luftfahrt aufgenommen? gelacht oder geweint?“ „Sachte! ſachte!“ verſetzte Richards.„Sachte, lieber Doughby. Der Thermometer ſteht unter Zéro!“— „Alſo nichts— abſolut nichts? Sie verharrt in ihrem Entſchluſſe? will nichts von mir wiſſen? will mich nicht einmal ſehen? zum Teufel! warum will ſie nicht? Bin der unglücklichſte Junge auf der weiten Gotteswelt!“ rief er auf einmal mit ganz veränderter, weinerlicher Stimme;„wollte, ich läge dreihundert Fuß tief im Miſſiſippi⸗Bette! ſage Euch Jungens, mit mir iſt's aus— rein aus— ich ſpüre es, fühle es in allen meinen Gliedern!“ Wir brachen in ein lautes Gelächter aus, und wer ſollte nicht lachen, beim Anblick eines ſiebenundzwan⸗ zigjährigen Bengels, mit Backen ſo roth! die Mor⸗ genſonne, die über Fort Adams heraufzieht, hat die *) Toddy. Miſchung gebrannter Waſſer mit Zucker, und mit oder ohne Zitronen. —= 110 G— Bleichſucht im Vergleiche. Schultern hat der Mann, er paßt auf ein Obſervatorium, um den Atlas zu tragen, und dazu die dunkelblaugrauen Augen, ein wenig toddyfeucht, aus denen ein lachender Teufel herausſchaut; und der Mann in Liebeswehen! er mißt fünf Schuh dreizehn Zoll, hat Schenkel, die einen Elephanten tragen, und Fäuſte, die einem Büffel den Garaus machen könnten. Wir lachten wie toll. „B—t ſey Euer Gelächter!“ ſchrie Doughby— „Steward, ein friſches Glas, hört Ihr— v— ter Neger, wo ſteckſt Du wieder? Hörſt Du nicht, wenn Dir ein Gentleman etwas befiehlt? Soll ich Dir Deinen ſchwarzen Gehirnſchädel tatouiren?— Ihr lacht; aber wüßtet Ihr,“ rief er wieder mit weinerlicher Stimme,„wie mir die Mädchen zugeſetzt haben; das iſt nun die Siebente bereits, die mich angeführt, ſitzen gelaſſen.“ „Die ſiebente?“ lachte ich,„Doughby, nichts als ſieben Körbe? Pah! ich ſammelte deren während mei⸗ nes Junggeſellen⸗Lebens nicht weniger als vierund⸗ zwanzig, und bin, wie Ihr wißt, bloß ein Jahr älter als Ihr. — 111— „Vt ſeyen Eure vierundzwanzig Körbe! Ste⸗ ward, der Toddy iſt für alte Weiber zu ſchlecht. Zu diel Waſſer in dieſem Toddy. Kannſt keinen Toddy machen. Sag' Deinem Capitän, er ſoll herauf kom⸗ men, will ihm ſagen, er ſoll Dich zum T—l jagen. — Nein, ſage ich Euch, mir iſt das Herz ſo voll, möchte mir ſchier zerſpringen. Alſo nichts will ſie von mir wiſſen, gar nichts? Will Euch ſagen— kommt Jungens— aber wer ſind denn dieſe da?“ auf die Franzoſen deutend.„Ah Mounshour Ton- son!*) willkommen Mounshour Tonson!— Parle vouh english?“ fragte er de Vergennes—„Prenez un seat et un glas de Madeira— Nous parlerons hans'amble le franseh,— Neger eine Bouteille Madeira, und laſſ' ihn gut ſeyn, ſonſt bekommſt Du die Bouteille auf Deinen ſchwarzen Schädel. Für mich eine Bouteille Iriſchen, hörſt Du? echten iriſchen Whisky, verſtehſt Du? Dummkopf! oder ſo Du ihn nicht haſt, wird's ſchottiſcher thun. Stelle alles her, und packe Dich— nein bleibe am Schenktiſche— hörſt Du, ſchwarzer Böſewicht! am Schenktiſche bleibſt *) Mounshour Tonson. Ein anderer Spott⸗ name, den Franzoſen in den V. St. gegeben. 3 — 0 112— Du, oder doch beſſer, packſt Dich fort. Hörſt Du? packſt Dich fort. Nein, ſage ich Euch, das Herz möchte mir ſchier im Leibe zerſpringen. Alſo gar nichts will ſie von mir mehr wiſſen?“ Und unter dieſen Lamentationen warf ſich der Mann auf das Sopha, daß das Geſtelle zuſammen⸗ krachte; der Steward brachte den Madeira, und die Bouteille mit iriſchem Whisky, und wir ſetzten uns, um den Tröſter bei Doughhy zu machen. Einige Minuten vergingen mit Zubereitung des Toddy, der beim Tröſteramte offenbar die wichtigſte Rolle zu ſpielen berufen war, und als dieſer in gehöriger Miſchung in einem gewaltigen Bierglaſe vor ihm ſtand, begann er mit weinerlicher Stimme: V. Des Kentuckiers Reminiscenzen. „Alſo nichts will ſie von mir hören?— Mich nicht einmal ſehen? Bei Jove! das iſt zu hart. Nun Howard, iſt es nicht? Richards, was ſagt Ihr dazu? Sagt mir, möchte einer da nicht aus der Haut fahren?"¹ — 0 113 6— Um ſeine Verzweiflung recht anſchaulich darzu⸗ ſtellen, nahm er einen Schluck, der ein Drittheil des Glaſes leerte. „Nein, ſage Euch, dieſe Mädchen, ſie treiben mit uns Männern juſt was ſie wollen. Sind juſt überall gleich. Wenn ich noch daran denke, wie ſie mir, als ich noch in meines Vaters Hauſe am Cumberland*) war, mitgeſpielt haben.— Was ſagt Ihr, werdet Ihr es glauben— ein Maͤdchen war es, die mich nach eurem v—ten Louiſtana herabtrieb.“— „Wiel ein Mädchen?“ rief Richards in komiſchem Erſtaunen. „Halt, Doughby! und ſo Ihr nochmals unſer Louiſtana ein v—tes Louiſiana ſcheltet, ſo habt Ihr es mit mir zu thun;“ fiel ich in demſelben Tone ein. „Ich Louiſtana ein v— tes Louiſiana ſchelten!“ ſchrie Doughby.„Wollte den ſehen, der mir Loui⸗ ſiana ſchälte— wollte ihm ſeine Gucker zurecht ſetzen, *) Cumberland. Ein bedeutender Fluß des Staates⸗ Kentucky, der ſich dreizehn Meilen oberhalb dem Tenneſſee in den Ohio ergießt. An ſeiner Mündung liegt das Städtchen gleichen Namens. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 8 —= 114— daß er das Schauen vergäße. Sollte mich freuen, einen auf Louiſtana ſchimpfen zu hören; Jungens, ſage es Euch, herzlich freuen!— Schimpfen! ja laßt ihn kommen. Sag' Euch, der Anblick unſers Loui⸗ ſtana thut einem wohl, zuckt einem durch alle Glie⸗ der.— Schimpfen! Wer wagt es, Louiſtana zu ſchimpfen? Wollte ihn ſtrecken, wie eine geſtreifte Schlange, und juſt ſeinen Schädel wegſchnappen. Sag' Euch, Doughby ſagt es, geht ſo weit als Euch Eure Schuhſohlen tragen; bis hinüber wo die Sonne aufgeht, und darüber hinaus, werdet kein Louiſiana mehr finden, ſage es, und wer es nicht glaubt, den ſoll G—tt v— n. Ein Hurrah unſerem Louiſtana!“ Wir ſtießen an. „Sage Euch aber doch, wäre nicht in dem lieben g—tt—ten Louiſtana, wo es mehr mille-pieds*4) und Skorpionen und Schlangen und Alligatoren und Gewürm aller Art gibt, als den Leuten im alten Kentucky lieb iſt, der Musquitos nicht zu gedenken— *) Mille-pie ds, auch centipeds genannt. Ein gif⸗ tiges Inſekt, von der Länge eines Zolles bis zu zwei Zollen, und der Dicke eines Regenwurmes. Der Stich iſt todtlich, wenn die Wunde vernachläſſigt wird. — 115 6— wäre nicht Peggy geweſen. Könnte Euch ein ganzes Buch ſchreiben; ei, ſo könnte ich auch.« „Das müßte ſchön zu leſen ſeyn, Doughby. „Lacht wie Ihr wollt; bin kein Blauſtrümpfler, der über ſeinen Buchſtaben hockt, hatte nicht Zeit dazu; war ſchon in meinem ſiebzehnten Jahre in den Krie⸗ gen mit dem alten Hickory*), gegen die Rothhäute, wo es mehr Kugeln als Buchſtaben gab. Das iſt mein Mann, der alte Hickory, müſſen ihn im weißen Hauſe haben, und wenn zwanzig Harrys und dreißig Johnnys**.) coaleszirten. Das iſt Euch ein anderer Held, als Euer Ebony⸗ und Topaz⸗Mann, Euer High⸗ ways⸗ und Byways⸗**r) Mann! Ah Polly!“ rief er wieder weinerlich, indem er das Glas an den *) Hickory. General Jackſon legte bekanntlich den Grund zu ſeinem militäriſchen Kriegsruhm in den kleinen Kriegen mit den Indianern, deren Schrecken er wurde. **) Harrys und Johnnys. Henry Clay und John Quincy Adams, beide Rivalen von General Andrew Jackſon, die, wie allgemein behauptet wird, durch gemeinſchaftliches Ein⸗ verſtändniß über die Majorität der Stimmen im Congreſſe und ſo die Präſidentenwahl von 1825 beſtimmten. **s) Highways⸗ und Byways⸗, Ebony⸗ und To⸗ paz⸗Mann. Anſpielung auf die Gewohnheit des damaligen Präſidenten John Quincy Adams, die Früchte ſeiner ſchöngei⸗ ſtigen Lektüre bei öffentlichen Gaſtmälern in Toaſten aufzutiſchen. 8* — 116 6— Mund ſetzte und glücklich leerte.„Ah Polly, hätteſt du mir damals nicht den Streich geſpielt!“ „Welche Polly?“ fragte Richards. „Welche Polly?“ fuhr Doughby auf.„Was geht Euch die Polly an? Was habt Ihr nach der zu fra⸗ gen? Geht Euch nichts an, keinen Strohhalm; habt nichts nach ihr zu fragen; kenne ſie, und das iſt genug. Brauche keinen Dritten.— Ah, Polly, haſt mir aber damals einen garſtigen Streich geſpielt. War einem Bären nach, der mir bereits drei Säue weggefreſſen, und der, wenn ich ihm nicht vierzehn Tage darauf eines auf den Pelz gegeben, uns den ganzen Stall geleert hätte. Sind Euch v—te Bur⸗ ſchen dieſe Büren. Haben ſie einmal ein Schweins⸗ kotelett gekoſtet, wollen ſie nichts mehr anderes freſ⸗ ſen.— Sitzen juſt bei unſerer Abendmahlzeit, Mutter, Brüder, Schweſtern und ich, kommt der alte Caji in die Stube geſprungen, und ſchreit Maſſa Ralph! Maſſa Ralph! der Bär, ſchreit er.— Der Bär, ſchrei ich, und ſchüttete darüber der Mutter glücklich den heißen Thee in den Schooß plumps hinein, daß ſie laut aufſchreit, und beinahe Zuckungen bekommt. Ich aber über die Bank nach der Rifle, laufe, was — 117— mich die Beine tragen, hinaus, und ſehe nach Maſter Brumm, wie er über die Einzäunung ſetzt, aber ohne Schwein, hatte ihn der dumme Caji durch ſein Ge⸗ ſchrei vertrieben. War im Wälſchkornfelde, juſt rechts daran ſteht eine Scheuer, und am äußerſten Ende des Feldes ſteigt er über die Riegel und ſieht ſich die Scheuer ſo recht bedächtig an, wendet ſich dann be⸗ quem, und nimmt Reißaus, wie er mich kommen ſteht. Hätte in meinem Leben nicht geglaubt, daß ein Bär ſo ſpringen kann. Ich ihm nach, ſo toll, ſo hitzig, daß ich Sehen und Hören darüber vergaß. War Cuch eine Stunde ſo im Dickicht, Buſch und Wald auf und ab gerannt; vom Bären hatte ich wohl die Spur, aber hatte die Hunde vergeſſen, die mir ihn feſtgehalten, oder auf einen Baum hinauf geklafft hätten. Am beſten ſind die Baſtard⸗Bullenbeißer, die nicht ſtreng anpacken, mehr bellen. Kurz und gut, ich war ihm nach, hatte ihn aber glücklich im Buſche verloren, und war wohl fünf Meilen von Hauſe, und kratzte mich verdrießlich hinter den Ohren; hatte, wie geſagt, die Hunde vergeſſen, und dachte nun, wie Joe und James mich auslachen würden, und trocken war ich Euch wie eine Cederſchindel —= 118— im Auguſt. Konnte kaum mehr ſchnauben. Wie ich mich ſo hinter den Ohren kratze, raſchelt es auf ein⸗ mal im Buſche, ich ſpringe darauf zu, lege an— aber Bären und Mäuſe! wer war es? wen ſchauen meine Augen? Polly war es, die liebliche Polly. Polly! ſchreie ich, Polly! ſeyd ihr es? Und Ihr mögt mirs glauben, hatte auf Bären, und Hunger und Durſt, nicht zwar Hunger, denn hatte Schinken ein⸗ gelegt— aber Durſt— rein vergeſſen. Oh ſie ſah Euch doch ſo ſüß aus! Polly, ſag' ich, und ſetzte meinen Stutzer ab; Polly, ſag ich, und rückte ihr näher; ſie war juſt fünfzehn Jahre alt, wie Milch und Blut, ich ſechzehn. Polly, ſagte ich, wie kommt denn ihr da her? Und ſie ſah ſo ſchelmiſch darein, und zupfte am Mieder herum, und ich ſpielte an meiner Rifle, und ihre Wangen waren ſo roth! Und Polly, ſagte ich, wo kommt denn ihr da her? und was bringt denn uns ſo zuſammen? und dabei ſchlug Cuch mein Herz, und es klopfte in mir, und hob ſich, wie der Piſton einer Dampfmaſchine, und es krab⸗ belte darinnen herum, wie zwei Millionen Landkrebſe, und mir wurde es bunt vor den Augen; bald hatte ich das Herz ihr näher zu rücken, gleich darauf wieder — 5 119 6— keines; endlich ſetzte ich den Hut auf das linke Ohr, preßte die Lippen zuſammen, drückte die Augen zu— 4 „Was! Ihr drücktet die Augen zu?“ „Drückte die Augen zu, Howard,“ verſicherte Doughby treuherzig— ndrückte die Augen zu.“ Und ſo ſagend, drückte er ſie wirklich zu, fand aber doch die Bouteille mit iriſchem Whisky, aus der er ſein Glas zur Hälfte füllte, und dann die nöthigen Quanta von Zucker⸗ und Waſſerſtoffen beifügte.„Drückte die Augen zu, Jungens;“ verſicherte er, während er das Bierglas zu Munde brachte. Wir lachten, daß uns alle Glieder ſchmerzten. „Und rückte näher,“ fuhr er fort,„und fragte ſie, wie ſie des Weges an den Cumberland⸗Bend*) komme, denn waren nicht hundert Schritte von dem Buſen, den er da, wie Ihr wißt, bildet. Bei dieſer Zeit war ich ſo verliebt, wie eine Lachtaube.“ „Unſere Roſſe und Kühe ſind alle ausgebrochen, und unſere Schwarzen ſind alle in den Feldern, und wir haben keinen Tropfen Milch zu Hauſe, und fürch⸗ *) Cumberland⸗Bend. Ein bedeutender Bogen, den der Fluß, dreißig bis vierzig Meilen oberhalb ſeiner Mündung in den Ohio, bildet. — 0 120 0— ten die Kühe werden ſich vertrocknen, und da mußte ich wohl nach, und haltet euch zwanzig Schritte mir vom Leibe, Ralph, ſagt ſte, denn war ihr ziemlich nahe gerückt, und ſie ſah Euch dabei ſo wild aus, wie eine angeſchoſſene Waldkatze.“ Doughby hielt inne, und ſetzte den Toddy aber⸗ mals an die Lippen. „Ja,“ meinte er,„ſah Euch recht wild aus, zum Freſſen.“ „Sag' Euch,“ fuhr er fort, nbei dieſer Zeit war ich Euch doch ſo ſterblich in die liebliche Polly verliebt, könnt es gar nicht glauben. Ja die Leute ſagen wohl von ſterblich verliebt ſeyn, aber empfunden muß es einer haben. Kein Sterbensmenſch war je ſo von Weibern geplagt wie ich. War Euch verliebt in ſie, wie der Bär in den wilden Honig, und wäre Euch, wenn ſie nur ein Sterbenswörtchen geſagt hätte, in die Prairies von Santa Fé hinübergerannt, um ihr ihre Roſſe ſuchen zu helfen, und ihr ſo viele einzu⸗ fangen, daß ſte eine Cavallerie⸗Compagnie von Vo⸗ lonteers hätte beritten machen können. Schlug mir mein Herz, wie die Flügel einer Wildente im März⸗ monate, und wenn ich es verſuchte zu reden, ſo klebte — 0 121 6— mir jedes Wort auf der Zunge, und mir war es, als ob ich auf der Stelle erſticken müßte, wenn ich es nicht von mir geben könnte. Und ſo verſuchte ich es denn, den Mund aufzuthun, und ſagte ihr, Polly, ſagte ich, ich muß euch haben, oder ich muß verſiegen, wie unſere Quelle hinter der Scheuer letzte Woche verſtegt iſt. Iſt euch euere Quelle verſiegt? ſagte ſie, die unſere iſt es auch. Und wir müſſen unſer Waſſer aus dem Cumberland heraufholen, können es aber bei unſerer Sägmühle leicht haben; Ben hat ein Rad und eine Walze da angebracht. Und dann lachte ſie mir ins Geſicht, und ſagte mir, ich wäre erſt ein Burſche von ſechzehn Jahren; und ich ſagte ihr, ſte wäre ja auch noch nicht dreißig, und hätte doch ſchon Sparkers*) zugelaſſen; da lachte ſie wieder ſo ſchel⸗ miſch, und ſagte, ſollte ein guter Junge ſeyn, und ihr die Gäule und Kühe ſuchen helfen, und dann wollte ſte ſehen. Und nun machten wir uns auf den Weg, die Gäule und Kühe zu ſuchen, und verloren ihn glücklich ganz und gar, was kein Wunder war, da es ein ganz verwickeltes Ding iſt, mit einem fünfzehn⸗ *)Sparkers. Liebhaber, von sparkle, funkeln mit den Augen— glühen— daher spark, zu Nacht beſuchen. —=o 122 6— jährigen Kernmädchen Gäule zu ſuchen, wenn der Vollmond herauf und die Sonne hinabſteigt; verliert den Weg, mögt ihn noch ſo gut kennen; ſah mich auf allen Seiten darnach um, aber juſt wo ich hin⸗ ſah, da war er nicht; ſage Euch, in ſolchen Fällen iſt es eine Regel— juſt wo ihr hingeht, iſt der Weg nicht; ſolltet deßhalb immer den entgegengeſetzten ein⸗ ſchlagen.“ Doughby ſprach dieſes mit allem möglichen Ernſte. „Endlich hörten wir ein Horn. Waren gerade in Marks Wallnuß⸗Niederung, wo uns das Gehen be⸗ ſchwerlich wurde, denn die Nüſſe lagen Euch aufge⸗ ſchichtet, wie das Straßenpflaſter auf unſern Turnpikes im alten Kentuck. Hörten das Horn, antworteten darauf, und wer kam anders, als ihr Bruder Ben mit ein paar Negern. War gleichfalls ausgezogen, die Gäule zu ſuchen. War Euch ein grober, verdrieß⸗ licher Geſelle, der Ben, den Niemand recht leiden mochte, finſter und einſylbig, und brütend wie ſein Yankee; hatte gar nichts vom fröhlichen Weſen eines Kentuckiers. Schaute mich mit großen Augen an, wie er mich bei ſeiner Schweſter Polly ſtehen ſieht. Ralph! ſagt er, Junge, ſagt er, wie kommt ihr denn —= 123 6— da zu unſerer Polly? Solltet auf eurer Matratze liegen, und die Decke über den Ohren haben; die Fledermäuſe ſchwirren, und die Nachteulen treiben ihr Weſen, und ſie könnten euch beim Kopfe kriegen. Und lachte mir dazu recht höhniſch ins Geſicht.“ „Ben! ſagte ich, braucht mich da nicht ſo anzuſtie⸗ ren, wie der Ochſe die Metzger⸗Arxt; bei Jingo nicht! Gebt acht, daß die Eulen nicht euch die Ohren weg⸗ beißen. Will die meinigen wahren, vor allen ſolchen Eulen wie ihr ſeyd, und wären euer zwanzig. „Ralph, mein Junge, ſagt' er, wirſt doch gar zu wespig. Höre Junge, ſagt' er, wenn ich dich, Gelb⸗ ſchnabel, nochmals bei unſerer Polly treffe, ſo will ich dir deine leinenen Hoſen ledern.“ „Frieden! Ruhe! ſchreit Polly— Friede, Buben! Was wollt ihr da von Ledern reden. Stille, ſage ich, ſagt Polly. Und du, Ben, ſollteſt der Geſcheitere ſeyn, biſt um drei Jahre älter, und ihr Ralph auch; und Marco und Cyro kommt und ſtellt euch her, und helft mir die Beiden auseinanderhalten.“ „Damit meinte ſie die Neger. Waren aber bei dieſer Zeit in der Höhe, wie zwei Truthähne, die um die Henne fechten. u —= 124 G— „Braucht da kein ſolches Geſchrei zu erheben, ſag, ich, wenn ich einem Bären auf den Ferſen bin, ſag' ich. „Ihr, Ralph, einem Bären auf den Ferſen? oder der Bär euch, lachte Ben, und dabei ſah er euch ge⸗ rade aus, wie ein Bär.“ „Ordnung, Ruhe!l ſchreit Pollh. ¹ „Halts Maul! ſchreit Ben. Weiß juſt ſo gut Ordnung zu halten, wie du; wüßte aber nicht, was da außer Ordnung wäre, dieſen Burſchen da zu ledern, oder wer mich hindern kann, wenn ich es ſo⸗ gleich thue. Sind in einem freien Lande.“ „Laßt euer Starren bleiben, Ben, ſag' ich, und keines eurer Großmäuler, oder will eure Gucker ſo pfeffern, daß ihr das Starren acht Wochen verlernen ſollt. Bin kein Yankee da, der ſich von euch ins Bockshorn jagen läßt. Könnt kommen, zu welcher Stunde ihr wollt, oder mögt mir es ſagen laſſen, wo ich euch treffen kann,— fordere keine Gunſt— nur freies Feld. Will euch ledern, ſo wahr ich Ralph Doughby heiße.“ „Polly ſprang dazwiſchen und hielt uns ab, ſonſt wäre er auch zur Stelle geledert worden,— und f — 5 125— ſchmeichelte, und zankte, und kratzte. Ich ging für dießmal; aber am dritten Tag darauf war Ben ge⸗ ledert, daß er das Aufſtehen acht Tage vergaß, und Polly ſo böſe, daß ſie acht Wochen darauf, gerade an ihrem ſechzehnten Geburtstage, mit Jenkin Dubs, am Cumberland zum Squire*) ging. Da habt Ihr meine erſte Liebesgeſchichte im alten Kentuck; jetzt mögt Ihr eben ſo wohl meine letzte hören.“ Nach einer Pauſe, die mit einer Quantität Magen⸗ ſtärkung ausgefüllt wurde, hob Doughby wieder an. „War zurückgekommen aus dem Seminole⸗ Kriege,*) war juſt achtzehn Jahre vorbei, als ich Peggy kennen lernte. War Euch ein ſo liebliches Ding, ſo zart, wie friſche Butter, und ſüß, wie fri⸗ ſcher, weißer Honigſeim; kam alle Tage um ihr Haus *) Squire— Esquire. Friedensrichter, die bekanntlich gleichfalls das Recht haben, Trauungen zu verrichten. **) Seminole⸗Krieg. Indianer, die in Florida und Alabama ihre Sitze hatten, begannen, durch brittiſche und ſpa⸗ niſche Einflüſterungen aufgeregt, bald nach dem Friedensſchluſſe von Gent ihre blutigen Einfälle in die amerikaniſchen Grenz⸗ Niederlaſſungen, und wurden von General Jackſon beſiegt. Es war in dieſem Kriege, daß die engliſchen Offiziere und Emiſſäre Armbriſter und Arbuthnot durch ein vom General niedergeſetztes Kriegsgericht zum Tode verurtheilt und hingerichtet wurden. —= 126— herumgeſchlichen. War juſt nach dem erſten Semi⸗ nolekriege, und gleich darauf das Wälſchkornhülſen. Erzählte ihr von den Indianer⸗Kriegen, und wie wir bivouakirt hatten; und ſie hörte mir ſo aufmerkſam zu, und ich faßte mir ein Herz, und in vierzehn Tagen war ich Euch doch wieder ſo verliebt, wie eine Katze. War, wie geſagt, achtzehn Jahre vorbei, ſie ſechzehn. Bei Jingo! hätte ihretwegen ein ganzes Wigwam von Seminole⸗Indianern geſtürmt, das hätte ich. Vergingen ſo mehrere Monate, und ich glaubte näher und näher dem Ziele zu rücken, und ſchlich Euch, ſo wie es Gott gab, alle Tage um Peggy's Haus herum, wie der Wolf um die Schafherde, oder die Nachtwache um den Feuerplatz, wenn wir gegen die Indianer ausſtanden; und ſie ſagte nicht Ja und nicht Nein. Eines Abends aber ſagt' ſte mir, Ralph, ſagt ſie, ihr ſeyd aber auch gar zu wild. Was? ſag' ich, Peggy, ich gar zu wild? Hättet ihr erſt den alten Hickory geſehen, das iſt der Mann, wild zu ſeyn. Ralph, ſagt ſie, ihr ſeyd gar zu wild, rauh wie ein Bär; auch trinkt ihr zu viel Whisky. Monongehala, Peggy, ſag' ich, echten Monongehala, und warum ſollte ich den nicht trinken, wenn ihn Gott wachſen —= 127 6— läßt? Peggy, echten Monongehala, ſag' ich, ehrlich bezahlt, bin keinen Cent ſchuldig; Niemanden etwas ſchuldig; habe ſechs Neger, ſo rüſtige Neger, wie ihr ſie im alten Kentuck nur ſehen könnt, und tauſend Dollars Cash obendrein, vom ſeligen Vater her, und noch etwas darüber, und ſolltet einſchlagen, und wir wollten eins ſeyn. Ralph, ſagt ſie, ſeyd gar zu wild, trinkt gar zu viel, will ſehen in acht Tagen, will ſchauen, und mögt in acht Tagen anfragen, aber nicht eher. Mußt' es verſprechen, und ſaß Euch die acht Tage, als wenn ich ſpaniſchen Pfeffer und Flie⸗ gen auf meinem Sitzfleiſch gehabt hätte, und wartete und ſchmachtete, und als acht Tage vorbei waren, kam ich an das Haus Peggy's, und wen fand ich? Aſa Dumbling, der Arm in Arm mit Peggy vor dem Küchenfeuer ſaß, und mich auslachte, und Peggy lachte dazu. Hatte im Sinne, ihn zum Angebinde zu ledern. Wollte mir lange Zeit nicht aus dem Kopfe; ſagte aber mein Bruder, Ralph, laſſ' das bleiben, iſt Narrheit; wenn dich das Mädchen haben wollte, hätte ſie nicht Aſa zum Sparken zugelaſſen, hält dich nur für einen Narren. Und ich dachte ſo nach, und dachte, Joe hat Recht, und Joe ſagt mir, Ralph ſagt —= 128— er, thäteſt klüger, du zimmerteſt dir mit deinen Negern ein Flachboot zuſammen; haben ein paar⸗ hundert Fäſſer Mehl, und Welſchkorn, und Schinken, und Cider und Aepfel; ſollen gute Preiſe bringen, die Artikel in Louiſtana. Holla, Joe! ſag ich, Holla, Bruderherz, haſt da einen prächtigen Einfall; der Cumberland ſteigt;— wollen daran; das alte Ken⸗ tuck iſt mir verleidet; will den Miſſiſippi hinab, ſehen, was die Leute in Louiſtana treiben. Geſagt, gethan. Bretter hatte ich genug, Balken gleichfalls; gingen daran; in drei Wochen hatten wir ein Flachboot zu⸗ ſammengezimmert, ſo reell, als je eines auf dem Cumberland, dem Ohio und Miſſiſippi hinabſchwamm. War ein tüchtiges Boot. Luden zweihundert Fäſſer Mehl, mehrere hundert Schinken, Wälſchkorn, Cider und alles Mögliche darauf; auch ein paar Gäule hatte ich von Nachbar Snapper in Commiſſion be⸗ kommen; und nahm mir ein halbes Dutzend tüchtiger Burſchen, und fuhren ab, den Cumberland hinab, hinein in den Ohio, und fort ging es in den ſchlam⸗ migen Miſſiſippi, tauſend Meilen hinab. Und auf dem Wege hinab dachte ich, herrlicher Baumſchlag, ſchöne Bottoms, prächtiges Land, aber zu viel Waſſer; — —=0 129 6— zu niedrig für dich, Doughby, liebſt trocken Land. Aber als ich ober Natchez bei den Walnuthills an⸗ kam, und wieder etwas wie Berge ſah, ſchlug mir das Herz lauter, und am lauteſten, als ich in Natchez ankam, wo ich einhundert Fäſſer abſetzte, und eben ſo viele Schinken. Gefiel mir das Land; aber doch nicht ſo wohl, als bei Woodville, wo ich mein Cargo vollends an Mann brachte, und das Boot dazu; ſah mich in der Gegend um, und fand gerade ein Stück Land, das mir wohl gefiel; zweitauſend Acres, fünf Dollars per Acre, beſter Strombottom— fünf Jahre Termin;— Holla, dachte ich, Ralph, da greifſt du zu. Alle Jahre zweitauſend Dollars zu bezahlen,— müßte der Henker dabei ſeyn, wenn du die nicht herausbrächteſt. Und ich griff zu und gab ſogleich tauſend Dollars daran, und kehrte im Louisville⸗ Dampfer zurück an den Cumberland, und als ich zu Hauſe angekommen, nahm ich meine Neger zuſam⸗ men, und baute mir ein zweites Flachboot über Hals und Kopf und packte darauf, was ich hatte, und nahm noch ſo viel Mehl, als ich auftreiben konnte, und Schinken und Wäͤlſchkorn, und ein Dutzend Gäule, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 9 - — 130— die ich ſpäter prächtig verkaufte; und ging hinab nach Woodville, wo ich zu bauen begann, und auszuroden, und zu hauſen, worüber ich die Polly's und Peggy's ſammt und ſonders vergaß. Und bin nun da und ſitze feſt.“ Und der Mann ſaß wirklich da und feſt, ſo feſt als einer am Miſſiſtppi, und die acht Jahre ſeines Treibens und Wirkens gereichten ihm allerdings zur Ehre. Seine ſechs Neger hatten ſich bis auf vierzig vermehrt, ſeine Wildniß war eine reſpektable Pflan⸗ zung geworden, ſeine Gebäude waren im beſten Zu⸗ ſtande, ſeine Baumwolle geſucht, ſeine Aecker nicht nur ſchuldenfrei, er hatte ſchon bedeutende Summen in der Pflanzerbank, und baute bereits über hundert und fünfzig Ballen prime coton. „Da ſitze ich nun,“ rief er abermals mit weiner⸗ licher Stimme, nund Alles geht mir glücklich von ſtatten, bis auf dieſe v— ten— Bei meiner Seele! es iſt die erſte Liebſchaft, die ich in Louiſtanna habe, und wieder ein Korb. Sieht gerade aus, als ob ich Körbe die Hülle und Fülle bekommen ſollte, aber kein Weib mein Leben lang.“ „Doughby! Ihr ſeyd doch ein gewaltiger Haſen⸗ — 3 131— fuß;z“ ſchalt ich. Dem Manne ließ auch die weiner⸗ liche Stimme gar zu drollig.„Wie? ein Mann, wie Ihr, geſund, rüſtig, mit hunderttauſend Dollars wenigſtens obendrein— Ihr fürchtet Euch, keine Frau zu bekommen?— Schämt Euch!“ „Sag' Euch, Mister Howard, kommt mir immer eine Teufelei dazwiſchen. Die Eine haßt das Trin⸗ ken, die Andere das Fechten und Raufen.“ „Freilich keine ſehr liebenswerthen Eigenſchaften, die Wahrheit zu geſtehen.— Alſo des Trinkens we⸗ gen hat Euch Miß Warren den Korb gegeben. Je nun, da möchte ich Euch rathen, ein bischen weniger zu trinken.“ „Weniger trinken?“ fuhr Doughby auf.„Und wer trinkt zu viel? Trinke Euch keinen Tropfen zu viel. Und wer da ſagt, daß ich zu viel trinke, mag v—t ſeyn, bei Jove! Verſtehe mich aufs Trinken, ſag ich Euch, Mister Howard. Trinken und Trinken iſt zweierlei; heißt Alles Trinken, aber Trinken wie ſichs gehört und gebührt, das trifft nicht Jeder. Ich aber verſtehe es. Könnte Euch den Doktor einer Trinkgeſellſchaft abgeben." 9⸗ 25 — 9 132 6G— „Das glauben wir.“ „Seht Ihr, Jungens!“ fuhr Doughby in confi⸗ dentiellem Tone fort,„merkt es Euch! Solltet nie das zweite Glas leeren, bis Ihr nicht verſichert ſeyd, daß das erſte in Eurem Kielraum gehörig gelagert iſt, ſo daß die Ladung, die Ihr nachzuſenden gedenkt, nicht rollt und ſchwankt, ſondern den gehörigen Schwer⸗ punkt findet; darum iſt's immer am beſten, den Rhum zuerſt mehr, ſo was man ſagt, einzuſchlürfen, ſtatt ganze Gläſer voll in Euch hineinzujagen, wie in einen Dampfkeſſel. Ehe ich mich zu einem reellen Trinken niederſetze, habe ich immer Acht, nicht bloß daß mein Schiffsraum in gehöriger Ordnung, ſondern auch das Takelwerk, und wenn es eines von Beiden nicht iſt, flugs ſchiebe ich Euch einen Riegel vor. Daſſelbe thue ich auch, wenn ich in der erſten Stunde ein Knopfloch öffnen muß, ſo wie ich es jetzt thue.“ Wirklich öffnete er ein Knopfloch in ſeiner Weſte. „Dann iſt's Zeit, dem Jubel ein Ende zu machen. Auch thut es nicht gut, im Anfang eines Zechens zu viel zu lachen, verſichere Euch, thut nicht gut, hudelt die Ladung zuſammen in Eurem Schiffsraum, ohne Ordnung, und Eure Segel werden ſchlafſ, und haͤngen — 133 6— wie alte Weiberwangen, und Ihr wiſſet nicht mehr, was Ihr trinkt. Laſſet Ihr aber den Rhum gleichſam ſchichtenweiſe in ſucceſſiver Ordnung auf einander folgen, dann hat er ſeine gehörige Grundlage, und rollt Euch nicht im Kielraume herum, und verurſacht keine unregelmäßige Strömungen, noch tritt er aus ſeinen Ufern, und iſt Euch in der That und Wahr⸗ heit ein recht komfortables Trinken.“ Doughby nickte bekräftigend, und ſchob, nachdem er dieſe Worte im Hausvatertone, mit größtmöglichem Ernſte geſprochen, auch Glas und Bouteille auf die Seite. Wir brüllten beinahe vor Lachen. „Weiß nicht, was da zu lachen iſt;“ bemerkte Doughby.„Aber ſage Euch, dieſe Nordländerinnen und Nordländer ſind Euch wie Eis, kalt wie erfrorne Aepfel im Jänner, haben Euch gar keine Idee von einem guten Glaſe Rhum. Iſt aber auch nicht zu wundern, ein halbes Jahr liegen ſie im Schnee ver⸗ graben, und das andere halbe Jahr kühlen ſie ſich mit ihrem Thee und Makarels ab, daher werden ſie auch ſo dünnleibig.“ —=2 134 G— „Aber Miß Warren iſt doch gar nicht zu dünn⸗ leibig;“ bemerkte ich. „Wollt ihn ſehen,“ fuhr Doughby drohend auf, „der das ſagte. Wollte ihm ſeine Gucker zurecht ſetzen, daß er künftig beſſer ſchaute.— Ah! Emilie! du liebe, ſüße, holde Emilie, du grauſame Emilie!“ Und nach dieſer zärtlichen Ausrufung hob er ſeine beiden Füße auf den Tiſch, und ſtreckte ſie über die⸗ ſen, die Schenkel mit inbegriffen, hin, zum Schrecken des jungen Franzoſen, und unter unſerem lauten Gelächter. „Aber ſagt mir nur, was habt Ihr denn eigent⸗ lich angeſtellt? Müßt doch toll mit Ihr umgeſprungen ſeyn, daß ſie ſo gar nichts von Euch ſehen und hören will? Ich glaubte, Ihr Beide wärt Mann und Weib, und alles längſt in Richtigkeit.— War wie aus den Wolken gefallen, als ich hörte, es habe ſich das Ganze zerſchlagen. Sie hatte doch bereits Eure Geſchenke angenommen?“ Doughby ſchob die Madeira⸗Bouteille mit dem linken Fuße weiter den Tiſch hinab, mit dem rechten die Zuckerbüchſe, Zitronen und die Gläſer, ſah einige Minuten die Decke des Salons an, warf dann die — 0 135— Augen in dem Saal herum, zog zuerſt einen ſeiner Füße vom Tiſche, dann den andern, ſeufzte, und hob wieder an, aber nicht mehr mit weinerlicher Stimme, im Gegentheile, ſein Weſen hatte etwas Finſteres angenommen, und ein zeitweiliges Zähneknirſchen verrieth, daß die Zeit, mit dem Bären zu ſcherzen, vorüber ſey. VI. VDas Wettrennen. „Will reden, will Euch Alles ſagen, treu geſtehen, wie es kam, daß Miß Warren— kurz werdet hören — iſt das erſte Mal, daß ich darüber den Mund aufthue. Soll aber heraus, ſollt hören und urthei⸗ len, und richten zwiſchen mir und ihr.— Kurz ſollt hören, ja, das ſollt Ihr, bei Jove!“ „Wißt alſo, es war im Juni, ſind gerade acht Wochen, drei Tage vorüber. War an einem Frei⸗ tage, daß wir abfuhren. Haſſe die Freitage. Kein Seemann, kein Jäger liebt ſie; ſind v— te Tage! Alles Unglück iſt mir an Freitagen zugekommen. 1 —= 136 6— Munkelte mir ſchon, als wir die Helen Me Gregor beſtiegen; ſagte aber nichts; halte nichts vom Aber⸗ glauben. Schnitt aber ſchon damals Geſichter, die Miß Warren. Und ich war doch ſo vergnügt, als wir die Pflanzung der Mistreß Houſton verließen, die, unter uns ſey es geſagt, auch ihren Theil— aber wollen ſchweigen.— Der ſteife, alte Gentle⸗ man, Mister Warren, war gleichfalls hoch auf; mir hing der Himmel voller Baßgeigen. Ich folgte der Miß auf jedem ihrer Schritte und Tritte, ſo daß ich ihr ein paarmal den Beſatz von ihren petticoats*) abtrat.“ „Das war gefehlt, Doughby. „Pshaw! was hat das zu ſagen? Nichts. Sagte Ihr, ſie ſollte ſich das nicht anfechten laſſen, wollte Ihr einen ganzen Kramladen derlei Zeugs kaufen, wenn wir in Newyork ankämen, oder auch in Cin⸗ einnati, oder Louisville, wo ſie wollte; ſie ſagte nichts dazu; als ich ihr aber den dritten Beſatz wegtrat, meinte ſie, wenn das ſo fortginge, würde ſie mit kei⸗ nem ganzen Kleide in Louisville ankommen. Ganz *) Petticoats. Weiberröckchen, Robe. —— —" 137— oder halb, ſagte ich, Sie ſind immer ein wunderlieb⸗ liches Ding, Miß, zum Freſſen. Das war nun ein ſo artiges Compliment, als Ihr je im alten Kentuck gehört habt; ſte aber ſchien es nicht zu hören.— Am dritten Tage, wir waren gerade bei St. Helena*) angelangt, ſagt mir der alte Warren— Mister Doughby, ſagt er, ganz heimlich; verzeihen Sie, lie⸗ ber, theurer Mister Doughby, aber ſind Sie nicht der Meinung, daß Sie einigermaßen zu viel gebrannte Waſſer zu ſich nehmen, und nicht nur Ihrer Geſund⸗ heit ſchaden, ſondern auch Ihren Mitbürgern ein ſchlimmes Beiſpiel geben? was bei einem reſpektablen Manne, wie Sie ſind, allerdings zu bedauern iſt.“ „Böſes Beiſpiel?“ ſagte ich—„zu bedauern? Mister Warren— zu viel trinken?“ ſagte ich— „Ich, zu viel gebrannte Waſſer zu mir nehmen? Der Meinung bin ich nicht, Mister Warren, und wenn Sie derſelben ſind, ſo ſind Sie irriger Meinung. Sollen mehr ſehen, ſollen ſehen, was ein Alt⸗Ken⸗ tuckier einſchwemmen kann, ohne zu ſinken; keine Taucherente kanns beſſer, ſagt ich. Dachte dem alten *) St. Helena. Beiläufig fünfhundert Meilen oberhalb der Mündungen des Miſſiſippi in den Golf von Meriko. —= 138 6— Yankee zu zeigen, was er für einen Mann vor ſich hat, daß er keinen ſpindelbeinigen, aſ chfarbigen Yankee vor ſich hat, keinen Kopfhänger, der am Sonntage den ganzen Tag in den Kirchen herumhockt, und in ſeiner Stube brütet, und den Kopf hängen läßt, und nur darauf ſinnt, wie er warmblütigen Weſt⸗ und Südländern die Augen auswiſchen möge. Sollen ſehen, ſagte ich— er aber ſchüttelte den Kopf— und ich— ließ ihn gehen und ſchaute ihm nach, und ſchüttelte gleichfalls den Kopf.— Pah!— erfuhr nachher, daß er Präſident einer Temperanz⸗Geſellſchaft iſt, die G—tt alle v— en möge! Temperanz⸗Geſell⸗ ſchaften! wozu iſt denn der Rhum, wenn er nicht zum Trinken iſt?“ Doughby gerieth in Eifer. „Iſt Euch ein wunderbarer alter Geſelle, dieſer Mister Warren. Steif und ſtarr, wie ein Eiszapfen unter einer ſtark rinnenden Dachtraufe. Des Mor⸗ gens war er kaum aufgeſtanden, als er auch ſchon in ſeinem Brocat⸗Schlafrocke an die Ladies⸗Cabin⸗Thüre angeſtiegen kam, und Miß Warren mußte heraus, und ſich zu ihm hinſetzen, und er begann das Mor⸗ gengebet der Episcopalkirche herabzuleiern, und ſie —= 139 6— mußte reſpondiren, und ſo ging es fort, eine gute Stunde lang. Wollten mich auch zum Zeitvertreib dabei haben. Dachte mir aber, da wird nichts daraus. Nimmſt Dein Morgenoffice an der Bar— haſſe die Morgennebel am Miſſiſippi, bei trockener Kehle. Wem wird auch ſo etwas einfallen?“ „Den ganzen geſchlagenen Tag ging er herum, ſo ernſt, wie ein Oberrichter der District Court.*) Mittags verrichtete er an der Tafel das Gebet, und ich verſichere Euch, dauerte jedesmal eine geſchlagene Viertelſtunde, ehe er Amen ſagte. Die Suppe wurde oft kalt, die Speiſen uns oft vor der Naſe wegge⸗ ſchnappt. Oft hatten die Uebrigen abgegeſſen, und ſtanden ſchon wieder draußen vor dem Schenktiſche, und er betete noch immer. Ich mochte oft aus der Haut fahren.“ „Das Beten wäre ſo übel nicht geweſen, nur zu lange mochte es dauern;“ lachten wir. „Pah! haſſe es, ſeinen Mitbürgern da vorleuchten *) Distriet Court of the United States(der Vereinigten Staaten)— die zweite gerichtliche Inſtanz; die erſte iſt die der Quarter Sessions, die dritte und letzte der Gerichtshof zu Was⸗ hington, unter dem Vorſitz des Attorney⸗General. — 2 140— zu wollen. Iſt Euch viel Stolz, und ich ſage es ge⸗ rade heraus, Arroganz darin. Will einer beten, ſo mag er es thun, und ich thue es auch; und will die Geſellſchaft es, ſo wird ſie ſchon einen Vorbeter fin⸗ den. Sage Euch, habe immer Anmaßung hinter einer ſolchen Frömmigkeit gefunden. Glauben die alten Yankees, wir ſind Heiden, wollen uns vorleuch⸗ ten.— Pah! haſſe das Zeug. „So übel raiſonnirt er nicht;“ bemerkte Richards. „Sah bald, daß ich dem Alten auf der Larboards⸗ Seite*) ſaß. Wurde immer einſylbiger, wortkarger; um das hätte ich mich nun nicht ſo viel gekümmert; aber eröffnete mir der Capitän ganz im Vertrauen, wie ihn die Ladies erſucht hätten, mir beizubringen, meine Beſuche in ihrem Salon nicht ſo ſehr zu ver⸗ vielfältigen, und beſonders des Morgens nicht, wo mehrere kaum mit ihrer Toilette fertig wären, und ſollte immer erſt anfragen, und mich anmelden laſſen, wie es in der Ordnung gedruckt wäre.**)— Was? *) Larboard. Die linke Seite des Schiffes. **) Dieſe Ordnung wird bekanntlich ſehr ſtrenge gehandhabt, und ein brittiſcher Seeoffizier von bedeutendem Range, war, wenn die Zeitungen wahr reden, gerade um dieſe Zeit, wegen mehrma⸗ —=0 141 6— mich anmelden laſſen, wenn ich meine Braut ſehen will! ſagte ich; was kümmern mich die übrigen Ladies, mögen angezogen ſeyn oder nicht, das kümmert mich nicht, will nur zu meinem Püppchen, mit den Uebri⸗ gen habe ich nichts zu ſchaffen, nur mit Miß Warren. Miß Warren war es eben, ſagte der Capitän, die dabei ſtand, als die Damen mir den Auftrag gaben, und Mister Warren ſchäͤrfte es mir auch nachdrück⸗ lich ein, und ſie erſuchte mich beſonders, die vorge⸗ ſchriebene Ordnung handzuhaben. Miß Warren? ſagte ich, Capitän da lügt ihr, das hat ſie nicht ge⸗ ſagt. Mister Doughby, ſagt' er, ich lüge nicht, und wenn mir das ein Anderer ſagte, ſchlüge ich ihn nieder, wie einen tollen Hund, und ich muß ſie erſuchen, ihr Wort zurückzunehmen, und ſich zu überzeugen. Und ich rannte wie beſeſſen, und fragte Miß Warren und Mister Warren, und beide ſagten mir daſſelbe ganz trocken. Ich dachte aus der Haut zu fahren. Wurde Euch zornig, wie ein angeſchoſſener Panther, liger Hintanſetzung dieſes Artikels der Schiffsordnung, nahe daran, oberhalb St. Helena, mitten in der Wildniß, ausgeſetzt zu werden, und nur auf die dringenden Bitten ſeiner Gattin wurde der in der Ausführung begriffene Befehl zurückgenommen. —= 142— und trank vielleicht mehr als ich ſollte. Aber was kann man anders thun, auf einer Miſſiſtppifahrt aufwärts? Sage Euch, ſo gerne ich ihn habe, unſern aalten Vater Miſſiſipp, iſt ein verdammtes Waſſer, der Miſſiſipp,— fährt Tage lang, Wochen lang, nichts als fahren, klapp klapp klapp, trapp trapp trapp; geht Euch wie der Wind, ſchnellen Dampfſchiffe und Wälder an Euch vorbei, ſeht aber nichts als die un⸗ geheure Maſſe ſchlammig⸗trüben Waſſers, und Wald und wieder Waſſer— Tag und Nacht Waſſer und Wald.— Werden einem langweilig die ewigen Waſſer und Wälder. Geht wohl hinunter und ſchaut zu, wie ſie das Feuer ſchüren, und ganze Holzla⸗ dungen in den Ofen werfen, daß es praßt und kocht, und ſchaumt und ziſcht, werdet es aber müde, da unter den ſchwarzen Teufeln zu ſtehen. Geht wieder zum Schenktiſche, und trinkt mehr, als Ihr ſollt. Iſt nicht Jedermann ſo ein alter lederner Nankee, wie der Mister Warren, der das Trinken nicht leiden kann.“ „War gerade zwei Uhr Nachmittags am ſtebenten Tage unſerer Abfahrt, als wir die Wolfsinſel im Rücken hatten, die, wie Ihr wißt, oberhalb New⸗ —= 143 6— Madrid*) liegt, unterhalb des Einfluſſes des Ohio in den Miſſiſippi. Iſt ſeitdem aufgeflogen, die arme Helen Me Gregor, wie Ihr wißt, gerade bei New⸗ Madrid, und hat ein halbes hundert Paſſagiere in die andere Welt hinübergebrüht, gerade vor New⸗ Madrid. Kamen alſo bei der Wolfsinſel an wo wir den Ploughboy, die Huntreß, den Louisville, und noch ein paar Dampfſchiffe einholten. War eine artige Flotille. Saßen juſt hinter der Damenkajüte mit Miß Warren und dem alten Gentleman, waren beide ſehr einſylbig— da heißt es, der George Was⸗ hington kömmt. Iſt Euch ein glorreicher Dampfer, dieſer George. Glänzt und funkelt Euch dieſer ſchwimmende Palaſt ſchon von weitem, und fliegt Euch ſo heran, ſo leicht, ſo gelenkig, wie eine Ente! Iſt Euch eine wirkliche Freude, einen ſolchen Rieſen⸗ bau heranſchwimmen zu ſehen. Saß noch immer bei Miß Warren; aber geſtehe es Euch, ſaß wie auf Kohlen. Woher kommt es doch, daß wir Männer vor den petticoats einen ſo gewaltig mächtigen Re⸗ *) New⸗Madrid, das erſte Städtchen unter der Mün⸗ dung des Ohio, am weſtlichen Ufer. Es wurde durch das Erd⸗ beben von 1811 beinahe zerſtört. — d 144— ſpekt haben? Auf einmal heißt es, der Washington kommt uns vor. Ich ſpringe auf,— renne auf das Oberdeck, und richtig da kommt er, einhergezogen mit aller Macht und Pracht, Trarara Trarara! und ſauſend und brauſend, und feuerſpeiend, wie der Kaiſer Nap an der Spitze ſeiner Garden und Reiter und Feuerſchlünden. Prächtig war er anzuſchauen, der George, war mitten unten den fünf Dampfern, der Louisville, Huntreß und den übrigen— hatte ſie bereits eingeholt. Standen da und ſchauten, Alle die wir auf der Helen Me Gregor waren, und ſage Euch, das Herz ſchlug uns Allen ſtärker und ſtärker; ſahet allen Geſichtern die Spannung an. Die Glocke rief zur Mittagstafel, aber kein Fuß bewegte ſich. Capitän, ſchrei ich— wir dürfen den George nicht vorlaſſen, wir können nicht mit Ehren zurückbleiben, ſag' ich. Müſſen zeigen, daß wir Miſſiſtppimänner ſind. Mister Doughby, ſagte er, es iſt der George Washington, ſagt er, zwei hundert und zwanzig Pferdekraft, ſagt er.— Und das andere iſt Münze, ſag' ich, hat keine zweihundert und zwanzig Pferde⸗ kraft, ſag' ich. Sagt es nur, um dem Wettrennen zu entgehen. Und hätte der alte Georg dreihundert — 0 145 6— Pferdekraft, wollte doch meine Steigbügel kürzen, und meinem Renner den Sporn geben.“ „Und dem Kapitän wurde es heiß, wie ich ſo ſage, ſah es ihm an, ſeine Augen hingen ſtarr an dem feindlichen Schiffe, das die fünf andern bereits zurück⸗ gelaſſen hatte, und nun an uns herankam, als wären wir bockslederne, rindshäutige Britten, und ſie friſche, freie Amerikaner, die den Teufel um die Welt fragen. Und wie Euch der Kapitän ſo nach dem George hinabſah, wurde er Euch doch roth und blau und grün, wechſelte, wie der Delphin, alle Farben, ſeine Zähne knirſchten, und er biß ſich in die Lippen, daß das Blut über das Kinn herabrann. Und ſtärker brauste der Washington heran, und ſtärker ziſchte der Dampf, und Hurrahs auf Hurrahs kamen her⸗ über, und gellten uns in den Ohren. Kapitaͤn, ſchrie ich, der Washington kommt uns vor, mit der Ehre der Helen Me Gregor iſt's vorbei. Der Kapitän aber ſtand wie mit Kalk übergoſſen, der Angſtſchweiß auf ſeiner Stirne, das Blut ihm in die Augen ſchießend.— Hatte die fünf Dampfer überfahren, die Hurrahs for Washington nachbrüllten, und bereits mächtig jubelten, die Helen Me Gregor nun ihrerſeits Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 10 — d 146 6— gedemüthigt zu ſehen. Kapitän, rief ich nochmals, wollt ihr euch aus dem Feld ſchlagen laſſen, ohne auch nur das Weiße im Auge gezeigt zu haben? Die Helen Me Gregor iſt ein neues Schiff, laßt auf⸗ krachen! Da rannte er hinab, und ſchrie, legt an, legt an! high pressure, high pressure!— feuert Jungens, ſchrie ich, feuert darauf los. Und die Jun⸗ gen feuerten, und feuerten, daß ihnen der Schweiß herablief wie Waſſerhoſen; und ſchürten Euch mit den Feuerzangen, und aus unſern Röhren begann es nun zu pfeifen, daß es eine Freude war. Wir fuhren gerade in den Ohio ein, der Washington war uns beinahe zur Seite, da kommt der alte Warren und Emilie auf das Verdeck heraufgerannt, und ſchreien, Mister Doughby, ums Himmelswillen! Mister Doughby, Kapitän, um Gotteswillen! Mister Doughby, Kapitän! und ſo ſchreien ſte, Mister Doughby! ich fordere ſie auf! Wollen ſie ſich, das Dampfſchiff, ihre Mitbürger ins Verderben bringen? wollen Sie wettrennen mit dem George Washington? Um Cotteswillen, Mister Doughby! ſchreit die Miß— Mister Doughby! ſchreit der alte Gentleman, ich fordere ſie auf, ihren Einfluß anzu⸗ —" 147-— wenden, daß der Kapitän vom Wettrennen abſteht. Pah, ſag' ich, es iſt nichts, wollen nicht wettrennen mit dem George Washington— wollen blos ſehen, welches Schiff ſchneller geht. Das darf nicht ſeyn, ich proteſtire, die Sicherheit unſerer Mitbürger, unſere eigene— wenn der Keſſel ſpringt? Pah, Sicherheit unſerer Mitbürger, ſag ich, unſere Mitbürger ſind in Sicherheit. Wollen kein Wettrennen, Mister Warren, ſage ich, wollen blos einen Augenblick ſehen, welches Schiff ſchneller geht. Mister Doughby, ſchreit Emilie halb außer ſich, und wirft ſichin meine Arme, und zerrt mich, und will mich zur Maſchine hinab, und hängt ſich an mich, und bittet, und fleht: Mister Doughby, wenn ſie mich auch nur im geringſten lieben, achten, wollte ich ſagen, ſo gebrauchen ſie ihren Einfluß, verhindern Sie;— dann reißt ſie ſich wieder los und läuft auf den Kapitän zu, der neben dem Engeneer*) ſtand. Der Washington war dicht hinter uns;— wir, wie geſagt, fuhren gerade in den Ohio ein. Nun wiſſet ihr aber, daß die Miſſiſippiſtrömung, wie er in gerader Linie von *) Engeneer. Ingenieur. 10* — 148— oben herabkömmt, den Ohio wohl einige Meilen weit gegen Trinity*) zurückdrängt. Einen ſchöneren Waſſerſpiegel zu einem Knall⸗ und Fall⸗Wettrennen gibt es Euch nicht mehr in der weiten Welt. Die beiden Ströme haben juſt die rechte Breite, zuſammen eine vier bis fünf Meilen, und bilden Euch nachgerade einen Waſſercircus, den die Ufer von Illinois, dem alten Kentuck und ihrer Tochter Miſſouri**) ein⸗ faſſen. Die Strömung iſt ganz zu Euern Gunſten, wenn Ihr in den Ohio einfahrt, eben weil ihn der Miſſiſtppi von oben zurückdrängt. Wir waren näher der Illinoisſeite, und hatten daher noch einen Vor⸗ theil vor unſerem Gegner voraus, der ſich auf der Kentuckyſeite hielt, und immer ſtärker brauſend herankam, hinter ihm die anderen fünf Dampfer, die gleichfalls ihre Sporen angelegt hatten. Unſere Helen Me Gregor war aber noch voran. Der Henker hätte *) Trinity, der letzte Ort am Ohio, fünf Meilen oberhalb der Mündung deſſelben in den Miſſiſippi. **) Tochter Miſſouri. Dieſer Staat, der größte nach Virginien, wurde beinahe ausſchließend von Kentuckiern angeſie⸗ delt, weßhalb auch die Sklaverei, ungeachtet des Widerſpruches der nördlichen Staaten, endlich vom Kongreſſe garantirt werden mußte. —= 149 G— da nicht wettrennen ſollen! Die Luft zitterte vor Hitze, Dampf, Geſauſe, Gebrauſe, Gebrüll. Jetzt war der Feind uns hart im Nacken. Das Spiegelbild Vater Georgs in gleicher Linie mit unſerem Stern. Helene Me Gregor halte dich brav, ſchrie ich— hole aus, legt an Burſchen, ſchrei ich, zehn Dollars, ſo ihr brav feuert— Hurrah! ſchreien die hundert Paſſa⸗ giere, Hurrah! der Washington verliert— bleibt zurück. Der Kapitän ſchaute, konnte aber kein Wort hervorbringen, ſeine Lippen waren zuſammen gepreßt, als wären ſie aneinander genagelt; ſtand Euch wie eine Bildſäule. Wir gingen zwanzig Knoten, und mußten nun aushalten, oder hintendrein in den Troß der Huntreß, des Plughboy. Alle Fugen krachten, die Maſchine dröhnte, brüllte, der Dampf heulte, ziſchte. Die Helen Me Gregor, ſchrei ich, iſt ein braves Weib, eine brave Schottin, hat Feuer im Leibe. Und ſie hatte es wirklich! Sie griff aus wie ein Blutrenner, dem in ſeinem Leben zum Erſtenmal der Sporn in die Flanken geſetzt wird. Sie ſchwamm nicht mehr, ſie flog wie ein Vogel, oder wie ein wil⸗ der Panther, ein Elennthier das angeſchoſſen iſt; wie der Sturm, der herausgebraust kommt, flog ſie; die 1 4* 5 4 8 — 150 6— Gewäſſer des milchweißen Ohio ſchoſſen herab, als kämen ſie aus Fultons Dampffregatte herausgeſchoſ⸗ ſen; immer wilder wurde ihr Lauf, die Kentuckyufer rechts mit dem Anfluge von Cottonbäumen ſchoſſen an uns wie raſend vorbei, der Wald flog vorüber, als ob ein paniſcher Schrecken in ihn gefahren wäre; die Illinoisufer links tanzten vor uns hinab; wie wilde Hexen, die auf ihren Beſenſtielen geritten kom⸗ men, tanzten Euch die ungeheuren Baumſtämme vor⸗ über. Hinter uns ſchwanden die hohen Miſſouriufer, mit ihren Wäldern im Hintergrunde und der Pflan⸗ gung des großen Kentuckiers*) im Vordergrunde. Sie wurde kleiner in jeder Sekunde, in einer Minute erſchien ſie noch ſo groß wie ein Taubenhaus. Alles ſchwamm vor, hinter uns, alles eilte, trieb, flog, brauste. Wir hatten Alle Sehen und Hören verloren. Hurrahs zu Tauſenden, ſieben Dampfer, ſauſend, brauſend, dröhnend, kochend, feuerſpeiend, alles ſchwand vor unſern Augen, Sinnen. Der Wald unter Trinity flog uns entgegen, fort *) Colonel Boon. Einer der erſten Anſiedler des Staates Kentncky, bekannt durch ſeine verzweifelten Kämpfe mit den In⸗ dianern. —°⸗ 151 6G— ging es, die Ruder krachten, die Leute heulten; vor uns, hinter uns Hurrah! Hurrah!— Es war eine Galopade, ein Rieſenkampf, Trinity, das Ziel vor uns, wir beinahe Sieger. Auf einmal ſchreit der Kapitän: er iſt uns vor; und dann ſchaut er ſo ſtier, und erfaßt das Geländer ſo ſtarr, und beißt ſich die Lippen ſo blutig zuſammen! Kapitän, ſage ich, er iſt nicht vor. Schaut, Mister Doughby, ſagt er, ſchaut!— Ich ſchaue, und wie ich ſo ſchaue, wurde es mir ſchwirr vor den Augen. Griff Euch wunderbar aus, dieſer Georg Washington. Sah nun wohl, er würde uns in zwei Minuten beim Schooß haben. Und es dauerte nicht zwei Minuten. „Bei meiner Seele, er iſt vor, ſchrei ich. Er iſt vor, wiederholte der Kapitän mit leiſer Stimme; er war todtenbleich. Ich konnte kein Wort reden. Und er, ſo wahr ich lebe, er mußte ſich an das Verdeck⸗ geländer halten, ſonſt wäre er zuſammengeſunken. Half alles nichts, ſein Spiegelbild war jetzt in gleicher Linie mit unſerem Stern, zehn Sekunden ſpäter war ein Drittheil ſeiner Schiffslänge mit der unſrigen in gleicher Linie,— zehn Sekunden ſpäter, zwei, und in weniger denn einer Minute fliegt er ſtolz vor uns 3 1 — — — — 152— her, und brüllte uns ſein Hurrah in die Ohren, und die fünf Dampfer hinter uns fallen ein, und wir hörten nichts als Hurrahs und Hurrahs.— Ah, tauſend Dollars hätte ich im Augenblicke gegeben, wenn wir Trinity zwei Minuten eher erreicht hätten. Auf einmal ſchrie es von unten herauf, der Dampf⸗ keſſel ſpringt! der Dampfkeſſel ſpringt! Und ein Ge⸗ krache, und gleich darauf ein Geſauſe und Gebrauſe. Glückliche Reiſe in die Ewigkeit, ſchrei ich, und dachte, jetzt kommt das heiße Bad. War aber nichts; der Schrei kam von ein paar Negern, die ihn Miß Emilien und Mister Warren und dem alten Weiber⸗ volk in der Ladies⸗Cabin nachſchrieen. Beide waren hinab zum Engeneer, hatten ihn gebeten, beſchworen, und all das Weibervolk zuſammen dem Manne den Kopf ſo heiß gemacht, daß er nachgibt und die Ven⸗ tile öffnet, und wir waren nur noch eine halbe Meile von Trinity.— Glaube alles Ernſtes, hätte der feige Böſewicht das nicht gethan, wir hätten mit dem Washington gleichen Lauf gehalten! denn er kam keine zwei Minuten vor uns an.— Ich fiel über ihn her; war Euch doch ſo toll; wären der Kapitän und noch ein paar gute Bekannte nicht geweſen, hätte — —“= 153 6— ihn zur Stelle geledert, und ſollte es mich tauſend Dollars gekoſtet haben; verdiente es, der ehrloſe Böſewicht. Wir waren nun in Trinity, hatten die fünf Meilen in weniger denn zwölf Minuten zurück⸗ gelegt; aber Miß Warren war ſo böſe, und der alte Gentlemen ſo bitterböſe und ſteif, eine Feuerzange iſt nichts dagegen. Konnt' aber nicht helfen. Ehre geht über Alles.“ „Aber Ihr waret doch zu tollkühn,“ bemerkte Richards. „Tollkühn?“ verſetzte Doughby unwillig.„Toll⸗ kühn, wenn die Ehre eines Schiffes auf den Spiele ſteht?“ „Pah, die Ehre eines Dampfſchiffes!“ „Pah, ſagt Ihr, Richards! Wenn ich Euch nicht als einen tüchtigen Alt⸗Virginier kennte, bei meiner Seele! ſollte faſt glauben, Ihr ſeyd ſo ein ſeifenartiger Creole. Pah ſagt Ihr! die Ehre eines Dampfſchiffes! Ein Dampfer, ſage ich Euch aber, iſt auch ein Schiff, und ein großes dazu, und ein amerkkaniſches, ächt amerikaniſches obendrein! Iſt unſer Schiff; haben wir es erfunden. Die alte Welt hätte lange ſtehen —d —y —= 154 6— können, hätte es doch nicht herausgebracht— wir aber haben es Jungens, ſage ich.“ „Pah, ſagt Ihr,“ fuhr er hitzig fort.„Und hätte Percy Pah geſagt am Erie⸗See, oder Lawrence, am Champlain, oder Rogers, oder Porter;— könnt zu Allem Pah ſagen, zur Ehre eines Dampfers, eines Schiffes, eines Staates. Sage Euch aber, wer Pah ſagt, wenn ſein Schiff überfahren wird, wird auch Pah ſagen, wenn es genommen wird; und wem nicht warm wird, wenn er vor ſeinem Schiffe ein anderes ſtolz vorbeiſegeln ſieht, der— ich ſag es Euch, dieſer Stolz iſt Wetteifer, und dieſer Wetteifer iſt das wahre Ding.“ „Aber das Leben ſo vieler Menſchen?“ „Sage Euch, von den hundert und zwanzig Paſſa⸗ gieren, die wir auf der Helen hatten, waren nicht drei, den alten, ledernen Mister Warren, und das Weibervolk ausgenommen, die ſich einen Strohhalm darum gekümmert hätten, wären ſie mit einer Tonne heißen Waſſers abgebrüht worden; vorausgeſetzt ſte wären zwei Minuten früher in Trinity angelangt.“ Wir mußten über den Kentucky Bull lachen; aber im Grunde genommen— der Wahrheit ſeiner Ver⸗ — d 155— ſicherung Gerechtigkeit widerfahren laſſen. So gleich⸗ müthig⸗kalt ſinnig⸗gelaſſen Uncle Sam ſonſt Dinge zu nehmen pflegt, bei ſolchen Veranlaſſungen verliert er in der Regel ſeine amphibiſche Natur, und im Drange, ſein Schiff das erſte am Ziele zu ſehen, ver⸗ gißt er, was er ſonſt nicht leicht zu thun pflegt, Weib und Kind, Hab und Guty; ſein eigenes Leben kommt gar nicht in Anſchlag. Er iſt ein Raſender, der Alles auf einen Wurf ſetzt. Und die fünfhundert bis tau⸗ ſend Bürgerleben, die ihm das verzweifelte Wettlaufen alljährlich koſtet, ſcheinen ſeine zieiergite nur mehr zu ſteigern. „Sage Euch,“ hob Doughby wieder an,„hätte mir Miß Warren des Wettrennen halber den Lauf⸗ paß gegeben, hätte ihn genommen, ohne ein Wort zu verlieren, aber ſo wie es geſchah— 4 Doughby's Miene verfinſterte ſich auf einmal. „Ei das wurmt, wenn es Einem ſo ins Geſicht ſtarrt, daß man ein Klotz, ein Unempfindlicher gewe⸗ ſen, kein Gentleman; vergeſſen hat, was ein Gentle⸗ man einer Dame ſchuldig iſt,— das ſchmerzt.“ Der Mann fühlte, und fühlte tief; man ſah es ihm an. ⅛⅓¾ 8 4 —= 156 G— „Doughby, dieſe Geſtnnung verräth, daß Ihr ein Gentleman ſeyd. Wer eine einer Dame zugefügte Kränkung ſo tief fühlt, wie Ihr, iſt Gentleman, und wer das Gegentheil behauptet, hat es mit mir zu thun.“ Ich hatte dieſe Worte ohne zu ſchmunzeln geſpro⸗ chen. Doughby warf einen zweifelhaften Blick auf mich, und ſprach dann: „Danke Euch, Howard. Weiß, daß Ihr das Herz auf dem rechten Fleck habt, obwohl Ihr ein Federal*) ſeyd, und wie die Leute ſagen, ein Ariſtokrat. Aber das liegt im Geblüte, und ſage Euch— höre ich nochmals Jemanden Euch einen Ariſtokraten ſchelten, den will ich doch beim Schopfe greifen und ihm ſein loſes Maul ſo lange an die erſte beſte Cederfence an⸗ ſtoßen, bis er widerruft und ſagt, Ihr wäret ein recht gemeiner Mann, wie ſichs für einen wahren Demokraten gebührt und geziemt.“ *) Die Partei der Federals, mit General Hamilton an der Spitze, war bekanntlich für eine ſtarke Central⸗Regierung, im Gegenſatze zu der der Demokraten, die ſich mehr zur Aufrecht⸗ haltung der Unabhängigkeit der einzelnen Staats⸗Regierungen hinneigte. —=0 157 6— „Nein, laßt das bleiben, lieber Doughby,“ lachte ich.„Wollen den Leuten die Freiheit laſſen, zu ſagen was ſte wollen. Leben in einem freien Lande, Doughby.* Doughby ſah mich einigermaßen verwundert an.— Mir war der Mann allmählig, trotz ſeiner kentucki⸗ ſchen Unebenheit, recht intereſſant geworden. „Will Euch alles erzählen,“ fuhr er fort;„juſt ſo klar und deutlich, als ichs ſelbſt weiß und ich es er⸗ fahren habe; und erfahren habe ich es, kann es ſagen, wie kein Anderer es kann. Wollte ihn ſehen, den, der mich einer Lüge zeihte— wollte! wollte!— 4 „Ja, wo bin ich geblieben?— bei Trinity.— Als wir wieder in Trinity einſtiegen, merkte ich wohl, daß der Miß Emilie meine Geſellſchaft ſchier ſo angenehm war, wie unſern Gäulen die Polkatzen, oder unſern Negern die Hetzpeitſche; ſagte aber nichts— nur hörte ich öfter Euern Namen aus ihrem Munde, als mir in meiner Liebhaber⸗Qualität gerade lieb ſeyn konnte, und, die Wahrheit zu geſtehen, wäre ich nicht gute tauſend Meilen und mehr von Euch weggeweſen, hätte es wohl Einem von uns Beiden um den Hals —= 158 6— gehen können. Hatte ein paarmal ſtarke Luſt umzu⸗ kehren, und Euch den Hals umzudrehen. „Danke Euch,“ lachte ich,„aber zum Halsumdrehen gehören Zwei, wie Ihr wißt, Einer der umdreht, und der Andere, der ſich ihn umdrehen läßt. Im Gou⸗ ging, wißt Ihr zudem, bin ich ein Neuling, iſt nicht Mode, weder in Louiſtana noch in Alt⸗Virginien.“ „Und ſo iſt es nicht im alten Kentuck, kein Ken⸗ tuckier von einiger Achtbarkeit thut es mehr; aber eine gute Rifle.“ „Danke Euch nochmals,“ lachte ich ſtärker.„Schieße zwar mit Rifles, aber nur auf Bären, ſonſt nehme ich Piſtolen.“ „Hättet dann Eure Piſtolen genommen, und ich die Rifle.“ Wir brüllten beinahe vor Lachen. Der Mann ſprach das Alles ſo gleichmüthig, daß man wohl ſah, die Punkte dieſes kitzlichen Ehrengeſchäftes hatten ſich einigermaßen verwirrt in ſeinem Pericranium nieder⸗ gelaſſen. „Wohl, ſie ſprach oft und vielmals mit ihrem Vater von Euch, und da war kein Ende des Lobes, und wie genteel der Mister Howard ſey, und wie — 159 6— man ihm den alten Adel Englands an der Stirn anſehe, und wie edel ſein Sinn,— und der Henker weiß was;— und der Vater ſtimmte wieder bei, und leierte ein Lied von Eurer Temperanz herab, und wie Ihr nicht einmal Tabak kautet.— Iſt das wahr, Howard? Ihr, ein Alt⸗Virginier, und kaut nicht?“ „Gewiß nicht.“ Doughby's Staunen war unbeſchreiblich. Er nahm ſo eben eine Rolle Kautaback, und ſchnitt ein daumen⸗ großes Stück ab, das er zwiſchen den rechten Backen ſchob. Kopfſchüttelnd fuhr er fort:„Mir wurde, ſag' es Euch aufrichtig, die Zeit herzlich lange. Unſere Schiffsgeſellſchaft beſtand aus eitel Yankee's und Newyorker Krämern und Damen, die von nichts als gutem Ton und Romanen ſalbaderten. Kamen end⸗ lich in Louisville an, als der Faden meiner Geduld ſchier geriſſen hatte. In Louisville hielten wir vier Stunden an, beſahen uns die Linie des neuen Kanals,*) *) Louisville⸗Kanal. Er beginnt bei Shippingport, und reicht über Louisville und die Fälle hinauf. Durch ihn umfahren Dampfſchiffe die letzteren bei niedrigem Waſſerſtande. ſ —= 160 G— gingen hierauf zu Tiſche im Lafayette⸗Hotel, und ſchifften uns nach Cincinnati ein.“ Hier hielt der Mann inne, ſtreckte ſeinen rechten Fuß abermals über die Tafel hin, ſpritzte einen Strom von braungelber Flüſſigkeit bis zur Thüre des nächſten Staatszimmers, dicht an der Schulter des jungen Franzoſen hinweg; ein Seufzer, der dem Schnarchen des Bullfroſches glich, ſtieg aus ſeiner Bruſt herauf. Er zog ſeinen Fuß wieder von der Tafel, und fuhr fort: VII. Ver Sprung. „Ihr wißt, daß Mister Warren oberhalb Day⸗ ton,*) in der Nähe von Yellow Springs,**) einige tauſend Acker Landes eignet. Dahin ging nun unſere . Reiſe Ich traf die Anſtalten dazu, ſo wie wir in Cincinnati angekommen waren, und wir fuhren am *) Dayton der Hauptort von Montgomery County. **) Yellow Springs. Mineraliſche, eiſenhaltige Quellen zwanzig Meilen von Dayton werden ſtark beſucht. —=0 161— folgenden Morgen hinauf; Mister Warren und Miß Emilie in einer Chaiſe, und ich und Mister Blair von Louisville zu Pferde. Die Bewegung, die friſche Luft brachte uns wieder ein wenig ins Geleiſe. Wir fuhren ſchnell und langten am Abend in Dayton an, gar kein übles Städtchen, ſage ich, recht hübſch. Mister Warren und Miß Emillie ſtiegen bei Lawyer T. ab, ich aber und Blair im Dayton Hotel.“ „Den folgenden Morgen ging es hinauf an den Miami, die Ländereien zu beſehen. Will nicht viel bedeuten das Ganze; Weißeichen⸗ und Buchenland, das beſſer ſeyn könnte, für Ohio aber gut genug iſt; aber bei Germantown ſah ich Euch ſpäter einen Bottom, der ſich gewaſchen hat, Zuckerbottom, ſage ich Euch, wenn das Klima darnach wäre; ein Kapi⸗ talbottom; aber deutſch wie Sauerkraut; alles Deutſche, die da wohnen. Nachdem wir die tauſend Acker und die fünf Lehmhäuſer, die auf dieſen Ackern ſtehen, uns vorne und hinten beſehen hatten, fuhren wir den fol⸗ genden Tag nach Yellow Springs, wo wir Waſſer tranken und badeten. Hatte uns Allen ſehr gut an⸗ geſchlagen das Bad; ſah Euch doch ſo prächtig aus Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 11 —= 162— die Miß; war auch in der beſten Laune, kam aber wieder ein hinkender Teufel nach. Der alte Warren hatte nämlich ſeinen Agenten Lawyer T. mitgenommen, dieſer wieder ſeinen Sohn; und dieſer ſchien große Luſt zu haben, Emilien mitzunehmen. War Euch der Burſche doch ſo glatt und geſchmeidig, und ſchniegelte, und ſchwänzelte, und tänzelte ſo zierlich um die Miß herum; mochte ſchier aus der Haut fahren. Ein einund⸗ zwanzigjähriger Burſche, ſo ein Landshark,*) eine Yankeebrut, die Luſt auf die tauſend Acker hatte— um die ich keinen Strohhalm gegeben hätte; habe Land genug, brauche keines in dem halb yankee'ſchen halb deutſchen Ohio. Wurde wieder fuchsteufels⸗ wild, und in meiner Wildheit trank ich Euch über Tiſch nicht zu viel, aber doch ſo ziemlich viel. Nach⸗ mittags wollten wir hinauf auf die Miami Cliffs,**) die vier Meilen vom Bade ſind, und die ich Zeit mei⸗ *) Landshark. Landhayfiſch werden ſpottweiſe die Ad⸗ vokaten genannt, im Gegenſatze der Hayfiſche, die von den Ma⸗ troſen Sea Lawyers, Seeadvokaten, geheißen werden. **½) Miami Cliffs. Miami⸗Jelſen. Dieſe Klüfte, in welche der nicht unbedeutende Fluß einſtrömt, befinden ſich vier Meilen von Yellow Springs, der Iluß läuft eine bedeutende Strecke in die Felſen eingezwängt, in einer Tiefe von achtzig Fuß. —= 163 6— nes Lebens nicht vergeſſen werde. War juſt drei Uhr Nachmittags, als wir oben ankamen. Sind Euch ſeltſam zu ſchauen— ein gewaltiger Felſenſattel, überall nackte Felſen, und nichts als Felſen, ſpärlich mit verkrüppelten Eichen und Cedern überwachſen; vom Fluſſe, den Ihr oberhalb und unterhalb ſein Gewäſſer fortſchlängeln ſeht, findet Ihr auch keine Spur. Lauft Euch in dieſem Felſenſattel oder Rücken, wie Ihr ihn nennen wollt, und iſt Euch wie mit Zangen zuſammen geklemmt, hat ihn wie verſchlungen, der Felſenſattel, daß es heult und kreiſcht drunten wie ein paar tauſend Ohreulen. Seht nichts vom ganzen Fluſſe, ausgenommen wenn die Sonne hoch ſteht, dann erſchaut Ihr einen Streifen wie Silber, und heult Euch, der Fluß drunten in den Felſen, gerade wie ein paar hundert alte Negerinnen, wenn Ihr ſie auf die Schienbeine ſchlagt. Läuft wohl achtzig Fuß unten in den Klüften, und iſt über achtzig Fuß tief; hat aber prächtige Forellen. Wie ich ſo hinab ſah in die Kluft, heulte es doch ſo raſend herauf, daß ich laut auflachte— kam mir gerade vor, als ob ein Schock Teufel da ihr Weſen treiben. Mister Blair ſtand neben mir, und die Uebrigen kamen in einiger 11* 3 3 —=0 164 G— Entfernung heran, ihre geologiſchen, und was weiß ich, für Bemerkungen machend, wie nämlich der Felſen durch eine Naturrevolution geſprengt worden, und ſo weiter, wobei Euch der junge Gelbſchnabel ſo ge⸗ lehrt that, als ob er die Stadtbibliothek in unſerem Gouvernementshauſe in ſeinem kleinen Finger hätte. Pahl! und zweifle, ob er ein Waizen⸗ von einem Ger⸗ ſtenkorn zu unterſcheiden weiß. War Euch, wie geſagt, fuchsteufelswild. Auf einmal ſagt Blair: Mister Doughby, wißt ihr auch, daß vor einigen Jahren einer der Unſrigen über dieſe Kluft hinüber⸗ geſprungen, aber mit genauer Noth mit dem Leben davon gekommen ſeyn ſoll? Scheint zwar nur vier bis fünf Fuß, dieſer Schlund— iſt aber breiter.“ „Ein Kentuckier hinübergeſprungen? ſag ich; und in dem Augenblick war es mir doch, als ob ein Dutzend böſe Geiſter mir aus dem Abgrund herauf hohnlach⸗ ten. Ein Kentuckier ſoll hinüber geſprungen ſeyn? ſag ich. In der nächſten Minute mögt ihr ſagen, ein Kentuckier iſt hinübergeſprungen, und zwar mit heiler Haut ſag ich. „Das laßt ihr bleiben, Mister Doughby, ſagt er. „Was gilt die Wette, daß ichs thue? ich.—“ —= 165 0— „Was gilts, daß nicht? er.— „Fünfhundert, ſag' ich.⸗ „Bin kein Miſſiſippi⸗Pflanzer, er;— aber hundert.“ „Topp, hundert, ſag' ich. Da iſt eine Hundert⸗ Dollarsnote. Zog die Note aus meinem Notenbuche, warf ſie auf den Boden, er die ſeinige gleichfalls, einen Stein darauf, meinen Rock von mir, maß mir die Diſtanz, nehme den Anlauf, und war darauf und daran, hinüber über den Abgrund auf die Felſenbank zu ſetzen. Auf einmal hangen die Warrens an mir, Vater, Tochter, der Lawyer von Dayton, ſein v— ter Sohn, Alle hingen ſie wie Kletten an mir.“ „Mister Doughby, ſchreit der alte Gentleman, Miſter Doughby, ums Himmelswillen, ſind ſie denn wirklich vom böſen Geiſte beſeſſen? was fällt ihnen nur um Gotteswillen wieder ein?“ „Miß Emilie ſtand ohne ein Wort zu ſagen; aber ihr Buſen hob ſich; ſie zitterte wie Espenlaub. Was wollten ſie thun, Mister Doughby? fragte ſie end⸗ lich im ſtrengen Tone.“ „Was ich thun will? fragte ich, hinüberſpringen will ich, wie ein ächter Kentuckier, und das iſt Alles.⸗ 3 8. 8 — 0 166— „Wiſſen ſte, daß der Schlund mehr als ſieben Fuß breit iſt? ſchreit der alte Lawyer.“ „Und wäre er zwanzig, ſchrei ich. Kein Kentuckier fürchtet die Breite; freies Feld und keine Gunſt.“ „Mister Doughby, ſchreit Mister Warren, Mister Doughby, ich bitte ſte!“ „Ich machte mich los.— Sie ſtürmen neuerdings auf mich ein; Mister Doughby, ruft Emilie, die immer hitziger und hitziger wurde— Mister Doughby, ſte dürfen nicht— wenn ſie nur die geringſte Liebe, die geringſte Achtung vor mir haben, ſie dürfen nicht!— Was darf ich nicht? ſchrei ich, was nicht? Sind in einem freien Lande.— Mister Doughby! bittet, ſchreit, kreiſcht Emilie, auf meinen Knieen beſchwöre ich ſie, um Chriſti willen beſchwöre ich ſie, mir dieſes nicht zu thun, mich nicht zu zwingen, das Entſetzliche zu ſchauen. Erbarmen ſie ſich mei⸗ ner.“— Alle hatten ſich an mich gehangen. „Ich nehme meine Wette zurück, ſchreit Blair. Ein Schelm, der ſeine Wette zurücknimmt, ſchrei ich. Um Gottes Chriſti willen! Mister Doughby, tödten ſte mich, nur zwingen ſie mich nicht zu —— —— — 167 6— ſehen, dieſe raſenden, entſetzlichen, kindiſchen, un⸗ nöthigen— u „Was unnützen, kindiſchen Sprung? ſag' ich— Meine verpfändete Ehre, iſt die nichts? Kentucky⸗ Ehre nichts?“ „Und alle Fünf hingen an mir. Miß Emilie bat, beſchwor. Mister Warren ſchreit, der Lawyer kreiſchte, der Sohn hielt mich beim Arme; das machte mich am meiſten raſend. Blair ſchrie abermals, er wolle nicht wetten; das verſetzte mich in Wuth. Ich warf ſie Alle von mir, daß ſite zu Boden taumelten— rannte ein halbes Dutzend Schritte wie unſinnig zurück, ſprang wie vom Böſen getrieben, vor, und— beim Allmächtigen! da hing ich zwiſchen Himmel und dem Abgrund.“ „Hört, bin in ſo mancher Klemme geſteckt, wo mein Leben an einem Faden hing, aber die zwei Mi⸗ nuten, die ich über dieſem Miami⸗Abgrund hing, die werde ich alle Tage meines Lebens nicht vergeſſen. Ich war auf der jenſeitigen Klippe mit dem rechten Fuße ausgeglitſcht, und fiel Euch wie ein Cottonballen an der ſchroffen Felſenwand herab, kaum daß ich ſo viel Beſtnnung und Kraft behielt, mit der linken Hand —= 168 6— die Klippe zu faſſen, ſo daß ich der ganzen Länge nach an der Felſenmauer hing, nur mit einer Hand am Leben, am Felſen haftend.— Ich hörte noch das Angſtrufen, das Geheul der Männer, das Geſchrei Emiliens, und dann begannen mir die Sinne zu ſchwin⸗ den. Inſtinktartig krallte ich mich mit den Nägeln an den Felſen an, daß das Blut herabrann, wollte die Rechte heben, um mich feſter zu halten, der Leib wurde mir mit jeder Sekunde ſchwerer; aber wenn Ihr mir alle die Staatsländereien Louiſiang's ge⸗ geben hättet, ich vermochte es nicht, ſie zu heben. Hinter mir das ohrenzerreißende Hülferufen der Män⸗ ner, unter mir die toſenden Gewäſſer; es begann mir grün und blau vor den Augen zu werden;— in den Ohren fing es mir an zu ſauſen, unheimliche Geſtal⸗ ten traten mir vor die Augen, die ganze Erde fing an ſich um mich herumzudrehen, die Sonne, der Mond, die Sterne tanzten an mir vorüber, die Eingeweide der Erde glotzten mich an, mit allen ihren vielbeinigen Ungeheuern. Ich fühlte, daß Hülfe unmöglich, Alles mit mir aus ſey;— ein zehn Schuh langes Brett war Fünfzigtauſend werth; aber kein Haus, keine Hütte auf Meilen herum, kein Menſch— als meine —= 169— Gefährten, und die hatten den Kopf alle verloren— nur Emilie Warren nicht.— Auf einmal hörte ich ihre Stimme, ſo ſchrill, ſo gellend, ſo unnatürlich; ſie ſchnitt mir durch die Eingeweide, und weckte mich. Chriſtus ſey gelobt! ſchrie ſie; faſſen ſte das Ende des Shawls, die beiden Enden! Um Gottes Chriſti willen! faſſen ſie die beiden Enden!— Ich ſah nichts, ich hörte nichts weiter, denn in dem Augenblick verſagte mir die linke Hand; mein Körper glitt am Felſen hinab, ich war daran ſechzig oder achtzig Fuß in den tobenden Schlund hinab zu ſtürzen; in der Verzweiflung faßte ich mit der Rechten etwas, das neben mir herabgefallen war, in dem Augenblicke wo die Linke ab⸗ und ich herabfiel. Es war ein Tuch, ein Shawl, den ich erfaßt. Jetzt hing mein Leben an einem Shawl. Ich hielt wie mit Tigerklauen am Shawl, dann faſſe ich ihn mit der Linken; ich probire inſtinktartig ob er halten wird; er hält. Ich ſetze die beiden Kniee an die Felſenwand, und hebe mich. Er hält noch immer. Ich hebe mich höher. Ich rutſche mich weiter hinauf. Mein rechter Ellenbogen hat bereits die Felſenplatte erreicht— ich ſehe wirr und ſtier herum, nicht ſechs Zoll von mir ſteht eine — 170— verkrüppelte Eiche, die kaum drei Zoll im Durchmeſſer hält, um dieſe iſt der Shawl geſchlungen. Ich bringe meinen linken Arm auf die Felſenplatte, faſſe die Eiche, ſie biegt ſich, krümmt ſich— ich ſchnappe mit der rechten darnach, ſie krümmt ſich ſtärker, aber ich ſchwinge, zerre, rutſche, ſchiebe mich mit auf den Fel⸗ ſen, mein rechtes Kniee hat ihn erreicht— ein letzter Ruck, und mein linkes gleichfalls— ich ſinke wie ein zu todtgehetzter Büffel auf den Felſen hin, und kann, ſo wahr ich lebe, nicht aufſtehen. Wie lange ich ſo gelegen bin, weiß ich nicht— muß eine gute Viertel⸗ ſtunde gedauert haben.“ „Ich war zerriſſen, zerſchunden an Händen und Füßen, Ellenbogen, Knieen. Meine Kleider hingen in Fetzen von mir; unter mir war eine Blutlache. Das erſte aber, was ich that, wie ich aufſtand, war, zu ſchauen wie ich gerettet worden. „Es war Emilie, die mich gerettet hatte. Die Männer hatten alle die Köpfe rein verloren, nur ſie nicht. Ah, ſie iſt ein prächtiges Mädchen! Riß Euch, ſo wie ſie ſah, daß ich, wie ein vom Brett Geſchnell⸗ ter in die Ewigkeit hinab zu plumpen im Begriff ſtand, den Männern kurzweg ihre Sacktücher aus den — 0 171 6— Taſchen, knüpfte ſie wie der Blitz zuſammen, dann an ihren Cachemir, den ſie der kühlen Abendluft wegen zum Glücke bei ſich hatte, einen Stein an das End⸗ zipfel, und ſchleudert den Cachemir über den gähnen⸗ den Felſenſchlund, und glücklich um die verkrüppelte Eiche herum, läßt ſchnell das andere Ende mit einem zweiten Stein daran folgen, und bringt ſie beide ge⸗ rade an mir herab. Es war derſelbe Cachemir, den ich ihr zum Geſchenk dargebracht hatte; hängt jetzt zum Andenken über meiner Schlafſtelle. Als ich hinüberſah, waren die Gentlemen mit ihr beſchäftigt, die auf einen Felſen hingeſunken, mehr todt als le⸗ bendig war. Ihr waren, nachdem ſie mich gerettet geſehen, die Sinne geſchwunden, und ſie lag in einer tiefen Ohnmacht.— Keiner ſprach ein Wort. Nur der alte Lawyer T. wiſperte mir mit kaum hörbarer Stimme herüber, daß ich eine Meile weiter den Fluß hinabgehen ſollte, wo ich unter dem Felſenrücken ein Haus, und Gelegenheit mich überſetzen zu laſſen, fin⸗ den würde; dann winkte er mir zu gehen. Ich that es ungerne, ich hatte Schmerzen, aber alle waren ſie im Anblicke Miß Warrens vergeſſen. Scham und Reue peinigten mich ſo entſetzlich, daß ich kaum wußte, — 9 172— ob ich für die Erhaltung meines Lebens danken ſollte. Ich ging endlich, gepeinigt an Leib und Seele, fand das Haus, die Leute ſetzten mich über den Fluß, und jenſeits traf ich den alten Lawyer und Mister Blair, die mit der Chaiſe am Ufer hielten. Wir fuhren lang⸗ ſam nach Yellow Springs zurück, wo ich aber nichts mehr von Emilien ſah. Ich mußte zu Bette, nachdem mir zuvor Umſchläge von Weingeiſt umgelegt worden, die heillos brannten. Konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, ſchrie und trieb es, und phantaſirte Euch, daß die Wirthsleute beinahe in Verzweiflung geriethen. Ließ mich nicht ruhen; fuhr am folgenden Tage nach Dayton, fand keinen Mister Warren mehr, keine Miß, aber ein Schreiben, das mir der Wirth einhändigte. Da habt Ihr es.“— Doughby zog es aus ſeinem Notenbuche, und legte es uns vor. Wir überflogen es. Es war in der Handſchrift Mister Warrens, und in einem Tone abgefaßt, der mild und ſchonend, aber auch entſchieden und feſt war; etwas hatte er auch vom ſteifen Yankeetone an ſich. Der alte Gentleman gab ſich die Ehre, Mister Doughby zu eröffnen, und zwar auf Anſuchen und —=0 173 6— im Einklang mit ſeiner Tochter, wie dieſe zwar, be⸗ reits von Anbeginne des ſeinerſeits eingeleiteten Ver⸗ hältniſſes, Zweifel gefaßt habe, ob wohl bei den beiderſeitig ſo verſchiedenartigen, oder vielmehr gänz⸗ lich entgegengeſetzten Gemüthsſtimmungen, jene Har⸗ monie der Denkungsweiſe erreichbar ſeyn würde, die zur Geſtaltung eines glücklichen Cheverhältniſſes nothwendige Bedingung iſt, daß— Sie jedoch, in der Hoffnung, die einigermaßen ſchroffen Seiten eines ſonſt ſo achtungswerthen jungen Mannes zu mildern, ſich ſeine Bewerbung um ſo lieber gefallen laſſen, als dieſe mit Wünſchen Ihr theurer Herzen überein⸗ ſtimmten. Dieſe Hoffnung jedoch ſey jetzt gänzlich verſchwunden, und feſt überzeugt wie Sie wäre, daß Sie nie und nimmer jenen Einfluß über Mister Doughby gewinnen könne, den doch eine achtbare Gehülfin und Begleiterin des Mannes auf dem Le⸗ benswege nothwendig beſitzen müſſe, gebe Sie Mister Doughby ſein gegebenes Wort zurück; erſuche ihn, ſeinen Bewerbungen um ſie ein Ende zu machen, ihre beſten Wünſche für ſein Wohl anzunehmen, aber zugleich verſichert zu ſeyn, daß nach den vielfachen Beweiſen von Nichtachtung Ihrer Weiblichkeit —= 174— und der grauſamen Verletzung ihres Gefühls, von einem nähern Verhältniſſe auch nicht im mindeſten mehr die Rede ſeyn könne;— eine Ueberzeugung, welche auch Er, Mister Warren, vollkommen theile, gleichermaßen Mister Doughby erſuchend, das bisher zwiſchen Miß Warren und Ihm ſtattge⸗ fundene Verhältniß als aufgelöst zu betrachten. „Ei,“ ſprach Doughby,„das iſt der düſterſte Tag meines Lebens, den ich mir nimmermehr verzeihen kann. Ich war ein Türk, ein Heide, ein Algierer, ein Tuneſer, ein Tripolitaner, ein wahrer Alligator. Sage Euch, es ſchmerzt mich,— thut mir leid von ganzem Herzen. Gäbe zehntauſend Dollars, könnte ich es ungeſchehen machen Sieht aber nicht darnach aus. Hat ihren Yankee⸗Starrſinn, und der vergiebt nie. Iſt nicht wie Unſereiner, der aufſprüht wie kochendes Waſſer, und verbrüht, aber wenn Salz aufgelegt wird, wieder kühle wird. Iſt Euch ein langſames Hickory⸗Kohlenfeuer. Kann nicht helfen, — kann mir den Hals nicht abreißen. Soll ſagen, was ich thun ſoll; will es thun, und ſollte ich darüber zu Grunde gehen; aber dann ſoll ſie mir verzeihen.“ — 9 175 6— „Sie verzeiht Euch ja— ſte ſchreibt es, oder viel⸗ mehr ihr Vater.“ „Wohl, ſo ſoll ſie einſchlagen, und ſagen: da iſt meine Hand.“ „Ich glaube, auch in dieſem Punkt ſpricht ſie klar. Sie will Euch nicht, und ich kann ihr nicht unrecht geben, nach den grauſamen Mißhandlungen, die ihre Weiblichkeit von Euch erfahren, ihre tiefſten zärtlich⸗ ſten Gefühle ſo ſchonungslos verletzt, und die Wahr⸗ heit zu geſtehen, Doughby! ich zweifle, daß irgend eine unſerer jungen Damen, nach ſo halsbrechenden Beweiſen, nicht von Muth und Kraft, ſondern Stier⸗ ſinn, Euren Umgang und eine nähere Verbindung mit Euch beſonders wünſchenswerth finden dürfte.“ „Meiner Seele! Howard, ich glaube, Ihr habt recht. Bin Euch aber ein Kentuckier, in dem es lebt, glüht, ſiedet, brennt. Glaubt mir, zuweilen ſprudelt mein Blut gerade auf, und ſaust Euch durch die Adern, es läuft nicht. Bin aber nicht der Einzige. Kommt nach dem alten Kentuck, werdet Tauſende ſo finden. Howard! ſeyd nicht böſe; aber werdet ſehen, bekomme ich ein Weib, werde ich ein ganz anderer Mann.— Verſchafft mir ein Weib, das iſt die Sache. —”0 176 6— Nur ein Weib, ſag ich Euch; bekomme ich kein Weib, ſo bin ich des Teufels. Die wird alles zurecht ſetzen. — Ein Weib, Richards, Howards!“ ſchrie Doughby. „Ei, ein Weib!“ wiederholte er mit leiſerer Stimme. Und abermals warf er die Füße auf den Tiſch, ſtarrte die Decke des Salons hinauf, verſchränkte die Arme— und blieb in dieſer Stellung ein paar Minu⸗ ten.— Plötzlich riß er die Füße wieder von der Tafel, warf den Blick im Saale herum, ſah zum Salonsfenſter hinaus. „Hollah! das ſind alſo Eure Red⸗River Bottoms! Wollen einmal ſchauen!— wollen hinauf aufs Ver⸗ deck!— Steward räumt weg, hört Ihr Steward? — Bleibt noch hier Steward! aber Ihr Mounshur Tonson, kommt mit! kommt, lieber kleiner Franzoſe! Nous parlons hansamble the french.“ Und ſo ſagend, hob er das lets go to old Kentuck*) an, nahm den Arm des jungen de Vergennes in den ſeinigen, und zerrte ihn durch die Flügelthüren fort auf das Oberdeck. „Der reißt ſich eines Mädchens wegen den Hals *) Lets go to old Kentuck etc. Laßt uns nach dem alten Kentucky u. ſ. f., ein weſtliches Lied. —= 177 8— auch ſchwerlich ab;“ hob ich nach einer Weile an. „Aber wie kommt es, daß Miß Warren wieder mit Eurer Tante herabgekommen?“ Ich hätte mir die Frage erſparen können, aber ſie war heraus. Richards pauſirte einen Augenblick ver⸗ legen, endlich erwiederte er: „Tante Houſton wollte das Paar bei der Hochzeit überraſchen, und fuhr acht Tage nach der Helen Me Gregor nach dem Norden ab. Als ſie die Warrens und Doughby nicht in Saratoga*) fand, ging ſte nach Boſton, und nahm Emilien wieder mit herab.“ „Und was will ſie? was wollt Ihr eigentlich?“ Richards pauſirte abermals, endlich ſprach er im hingeworfenen Tone, der aber allmählig beſtimmter wurde: „Doughby iſt Dir kein ſo übler Mann, und keines⸗ wegs ſo roh, als er erſcheint.“ „Aber doch auf alle Fälle zu roh für ein gebildetes Mädchen wie Emilie, die im erſten Jahre das Opfer ſeiner Gefühlloſigkeit würde. Aufrichtig geſagt, wun⸗ *) Die berühmten Mineralquellen im Staate Newyork, wer⸗ den bekanntlich von der fashionablen Welt häufiger denn ein an⸗ deres Bad beſucht. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 12 —" 178— dert es mich, wie Tante Houſton, die doch ſonſt eine ſcharfſichtige Frau iſt, eine ſolche Verbindung ſo hartnäckig betreiben, und noch mehr, wie ſelbſt Du Dich zu derlei Kuppeleien herbeilaſſen kannſt. Ihr legt ja dem Mädchen eine wahre Tollhäusler⸗Zwangs⸗ jacke an.¹ „Wenn die Tante in dieſem Punkte etwas hart⸗ näckig erſcheint, ſo hat ſie einige Urſache, die aller⸗ dings gewichtig iſt. Fürs erſte iſt Doughby zwar rauh, aber nicht roh; feurig, glühend, aber nicht unempfindlich; im Gegentheil gefühlvoll, wie es die Kentuckier in der Regel ſind, wenn ſie auf dem rechten Flecke getroffen werden. Laß ihn Emilien ein paar Monate zum Weibe haben, und ſie wird ihn zu kirren wiſſen. Er iſt auf alle Fälle ein tüchtiger, achtungs⸗ werther junger Mann. Es will etwas ſagen, in acht Jahren es ſo weit gebracht zu haben, als er es ge⸗ than. Zudem iſt er bei weitem nicht der Tropf oder Bär, der er ſcheint; zwar überſprudelnd heiß, wie die Kentuckier größtentheils, aber voll geſundem Men⸗ ſchenverſtande und richtigem Urtheile; in ſeinem Haus⸗ weſen ſo geregelt, wie Du es nicht häufig bei einem Junggeſellen wieder finden wirſt. Laß ihn eine brave — 179 6— Hausfrau bekommen, und er wird Dir einer unſerer erſten Männer werden. Zudem iſt er nüchtern und mäßig.“ „Nüchtern und mäßig? Du findeſt doch ſeltſame Tugenden an dem Manne!“ „Nüchtern im weſtlichen und ſüdweſtlichen Sinne des Wortes;“ fuhr Richards fort.„Du haſt ihn gewiß noch nie betrunken geſehen, obwohl er tüchtige Quanta zu ſich nehmen kann. Seine Schwarzen, obgleich ſie manchen Puff von ihm erhalten, gehen für ihn in das Feuer; er hält ſte beſſer, als die mei⸗ ſten ſeiner Nachbarn, und hat die ſolideſten Neger⸗ familien in der Umgegend. Auch nicht der leiſeſte Verdacht eines Umgangs mit Schwarzen, Quateroons oder weißen Schönheiten haftet auf ihm; dazu iſt er viel zu beweglich, und ſelbſt ſtolz. Seine Tollheit iſt in der That und Wahrheit nichts als die überſpru⸗ delnde Lebensfülle eines unverdorbenen halben Natur⸗ menſchen, eines Kentuckiers;— und dazu iſt er Dir gerade der Mann, der bei der heutigen politiſchen Stimmung des Volkes eine Rolle zu ſpielen berufen iſt, wie weder Du noch ich ſie je ſpielen werden; kurz, 42* — 180— ein ganzer Gentleman der neuen demokratiſchen Schule, wie ſie Jefferſon geſtiftet.“ „Wofür, die Wahrheit zu geſtehen, wir ihm wenig Dank ſchuldig ſind;“ bemerkte ich kopfſchüttelnd. „Handelte aber dem Zeitgeiſte gemäß, der damals vorherrſchend wurde.— Würde ſelbſt ein Washing⸗ ton haben nachgeben müſſen, der vielleicht noch gerade zur rechten Zeit ſtarb, um ſeine glänzenden Tugenden und Verdienſte nicht mit Undank belohnt zu ſehen.“ „Du bemerkſt richtig,“ ſprach Richards,„der Zeit⸗ geiſt war damals friſch demokratiſch, iſt es noch; aber er beginnt ſich abzunutzen, und wir Federals haben mehr als je Hoffnung, wieder zur Gewalt zu gelan⸗ gen; aber wir dürfen die Hände nicht in den Schooß legen, ſonſt entwiſcht uns der rechte Augenblick. Bleibt der politiſche Einfluß nur zehn Jahre noch in den Händen des eigentlichen Volkes, ſo iſt es mit dem unſrigen auf immer vorüber. Neue Familien kommen in den Beſitz der Gewalt und verdrängen uns gänz⸗ lich. Ohnedem ſind wir wie mit einem Stempel gezeichnet, ſo daß es äußerſt ſchwer für einen aus unſerer Partei hält, nur einigermaßen Einfluß zu gewinnen. Verſuche es einmal.“ —— — 2 181 6— „Pah! mit Eurem politiſchen Einfluß!“ „Du haſt Unrecht, und ſo die meiſten der Unſrigen. Das Volk, die Nation kann uns entbehren, wir ſie nicht.— Es iſt die größte Thorheit, die Ariſtokraten begehen können, zu glauben, ſie könnten mit Erfolg dem Volke trotzen. Unſere Väter, die Federals, ent⸗ warfen die Conſtitution; aber ſieh einmal zu, wie es mit ihr ausſteht. Gleicht fürwahr einem durchlöcher⸗ ten Framehouſe, durch das ein Jeder nach Belieben einſteigt, ohne auf Thüren oder Fenſter Rückſicht zu nehmen; und warum? weil Demokraten die Bewah⸗ rung dieſes Staatsgebäudes übertragen iſt.— Je länger das dauert, deſto ſchlimmer muß es werden.“⸗ „Wer wird ſich aber auch befaſſen, mit Plebejern, Krämern, Schuſtern, Schneidern Whisky zu trinken, oder in den Branntweinläden herumzuliegen?“ „Eben das iſt unſer Fehler. Weil wir zu vornehm ſind, uns mit dem Volke abzugeben, kehrt uns dieſes ſeinerſeits den Rücken, ſobald es darauf ankommt, Stellen zu beſetzen, die Vertrauen erheiſchen. Wir verlieren Grund, und unſere alten Familien, die das Land angeſiedelt, die Unabhängigkeit erkämpft, müſſen den Söhnen eingewanderter iriſcher Trunkenbolde, —= 182 6— ſchottiſcher Bettler und franzöſiſcher Haarkräusler weichen, weil dieſe weniger delikat ſind.“ „Laſſe ſie, wenn das Volk ſte kennen lernt, wird es ſie ſchon jagen.“ „Das bezweifle ich, das Volk ſieht uns mit Miß⸗ trauen an. Dankbarkeit iſt ihm fremd; zudem ſind eben dieſe Menſchen aus dem Volke, und dieſes iſt nur zu geneigt, die Dienſte unſerer Vorfahren in der materiellen Gegenwart zu vergeſſen. Mittlerweile wird die Stimmung immer demokratiſcher, ich möchte ſagen mobokratiſcher; die Centralregierung verliert immer mehr von ihrem Anſehen;— unſere Reprä⸗ ſentantenhäuſer, ſelbſt des Congreſſes, wimmeln von Menſchen ohne Bildung, ohne bürgerliche Stellung, die durch die niedrigſten Schmeicheleien, durch eben ſolche Wege, wie Branntweinzechen und Stumpfreden halten, eingekrochen; unſere Magiſtraturen werden immer mehr bloße Dienſtſtellen— Lohnbedienten⸗ ſtellen.“— „Die Nation wird doch gut regiert, und befand ſtch nie in einem glücklicheren Zuſtande als jetzt. Ich halte überhaupt nichts von Regierungsſyſtemen, die für die Zukunft berechnet, aber für die Gegenwart — 183 6— untauglich ſind. Laß das Volt nur thun— vor populi, vox Dei. Ihr habt noch immer jene engliſchen Notionen im Kopfe.“ „Die aber doch nicht ſo ganz verwerflich ſind.— Sieh die Ariſtokratie Englands an,— wie glänzend ſie daſteht,— auf welchem Punkt nie geſehener Größe das Land! Und warum? Weil dieſe Ariſtokratie achtzig Jahre im Beſitze der Gewalt geweſen, das Recht hatte, Geſetze zu geben, Schranken zu errichten, zu ihrem Beſten, die das Volk nicht überſpringen darf. Wir müſſen uns ja ſchämen, wenn ein Britte von gutem Hauſe zu uns kommt, und das pèle-mele ſieht. Nein, das darf nicht ſeyn; wir müſſen alle Mittel verſuchen, und wenn wir ſelbſt nicht zum Be⸗ ſitze der Gewalt gelangen, wenigſtens Freunde haben, die in unſerem Sinne und Intereſſe handeln.“ „Aber was ſoll Alles dieß, und wie kömmſt Du zu dieſer politiſchen Ausſchweifung.“ „Sehr natürlich, weil eben Doughby der Mann iſt, der dieſe unſere Intereſſen mit zu befördern ganz geeignet iſt.“ „Doughby?“ ſprach ich verwundert. „Sollte mich gar nicht wundern, wenn er nächſtes — 2 184— Jahr im Congreſſe, und zwei darauf im Senate zu Washington ſäße.*) Letzte Woche hatte unſer Re⸗ giment ſeine Stabsoffizierwahlen. Unter den Can⸗ didaten zur zweiten Majorscharge befand ſich Kapitän Wielding, von Nord⸗Carolina, den Du als Gentle⸗ man im ſchönſten Sinne des Wortes kennſt. Auch ein ſehr bedeutendes Vermögen. Gab ſich außer⸗ ordentlich Mühe ſich populär zu machen, und glaubte, es könnte ihm gar nicht fehlen. Die Wahl war auf dem Punkte vor ſich zu gehen, als Doughby in Woodville ankommt. Ihn ſehen und Alle ſchreien zu hören, da iſt Doughby— das ſoll der zweite Major ſeyn! war Eines.— Doughby, Ihr müßt unſer Major ſeyn, ſchrie es von allen Seiten. Topp, ſchrie Doughby mit, topp, Burſchen, will Euer Major ſeyn; wollen aber zuvor Eines trinken. Und Alle zogen ſie dem Gaſthofe zu, wo ſte Eins tranken, und dann ging es zum Cigarrenkaſten, warfen ihre Wahlzettel hinein, und das Reſultat?— der arme Wielding hatte kaum zehn Stimmen. Doughby war *) Bekanntlich iſt das durch die Konſtitution feſtgeſetzte Alter für Mitglieder des Hauſes der Repräſentanten fünfundzwanzig, für die des Senats dreißig Jahre. —= 185— gewählt, und würde gewählt worden ſeyn, hätte es ſich um den Governors⸗Poſten von Louiſiana gehan⸗ delt; und warum? er trinkt, poltert, lärmt, rauſt, raucht, kaut und unterhält ſich mit Pflanzern, Jägern, Squatters, Krämern, weiß ſich bei Allen beliebt zu machen, und doch wieder Allen einen gewiſſen Reſpekt einzuflößen.“ „Und was weiter? ich ſehe noch immer nicht— „Nur ſo viel, daß wenn er Einer der Unſrigen wird, unſere Partei viel gewinnt. Sein Einfluß, beſonders unter den Mittelklaſſen der Pflanzer, vor⸗ züglich der Upland⸗*) Pflanzer, iſt ſehr bedeutend. Auf Eine Stimme für die kommende Präſidentenwahl dürfen wir im Staate rechnen. Die zweite ſchwankt; haben wir ihn, ſo iſt ſte uns beinahe gewiß.“ „Gib alle Hoffnung in dieſer Hinſicht auf. Der alte Hickory hat gewonnen Spiel; Pennſilvanien— obwohl Philadelphia für Adams ſtimmt, iſt ganz für ihn, Newyork zur Hälfte oder zwei Drittheilen; die Ariſtokratie iſt in beiden Staaten aufs Haupt geſchla⸗ *) Upland. Das Hochland, das ſich oberhalb Natchez, dem öſtlichen Ufer entlang, bis Bayou Sarah inalzieht. bekannt wegen ſeiner Cottonpflanzungen. —=0 186 6— gen. Virginien, die beiden Carolina's, Georgien ſind für ihn;*) weder John Quincy, noch Harry, haben die mindeſte Hoffnung. Zudem iſt Doughbg ganz Hickory⸗Mann. „Laß Du dafür Emilie und die Weiber ſorgen. Emilie iſt ein vernünftiges Mädchen, die, wenn die erſten Bitterkeiten getäuſchter Erwartungen ver⸗ ſchmerzt ſeyn werden, ſich ſagen laſſen wird, denn ſie i*ſt für zeitliche Vortheile nicht unempfindlich, und Doughby wirklich ein hübſcher Burſche; hat ſie ihn, wird ſie ihn ſchon zu zügeln wiſſen. Selbſt Löwen werden ja auf dieſe Weiſe gebändigt. Was den alten Hickory betrifft, ſo liegt uns nicht ſo ſehr daran, ſeine Wahl zu hindern, als eine Majorität in's Haus der Repräſentanten und vorzüglich des Senates zu brin⸗ gen, die ihn, mit Hülfe unſerer Staatenbank, von allen Seiten ſo ſchnüren und einengen ſoll, daß der Nation allmälig die Ueberzeugung aufdringt, wie nur *) Zu der Präſidentenwahl von 1829 waren John Quincy Adams und Henry Clay, wie bekannt, abermals Candidaten, beide jedoch erhielten zuſammengenommen kaum ein Drittheil der Stimmen des Volkes, das den General Jackſon durch eine bedentende Majorität erkor. —.,— —= 187 6— von uns Federals Heil zu hoffen. Siehſt Du nun, was die Urſache iſt, warum die Tante Emilien mit herabgenommen?“ „Ich ſehe,“ war meine Antwort. „Wir müſſen ſie Alle zuſammenhalten; eben weil wir Federals haben, die, wie Du, zu vornehm⸗ſtolz ſind, müſſen wir uns, nach dem Beiſpiele der eng⸗ liſchen Tories, mit Leuten begnügen, die weniger delikat ſind;— dieſe Miſchung ſchmeichelt zudem den Demokraten.— Auch iſt der alte Hickory noch nicht gewählt.“ „So gut als gewählt.“ „Sey er es, und werde er es ein zweites Mal. Wir wollen arbeiten, daß unſere Phalanr feſt daſtehe, um bei der dritten Wahl durchzubrechen.— Er iſt der letzte Revolutionsmann, und das hilft ihm in den Augen des Volkes. Wenn er abtritt, ſo iſt kein Volksliebling da, und wir ſetzen mit unſerem Kan⸗ didaten durch.“ „Ich verſtehe,“ ſprach ich, und verſtand wirklich. Es hat doch alles ſeine zwei Seiten, und bei uns mehr als zwei Seiten. Vor einer halben Stunde noch hätte ich geſchworen, es ſey reine Freundſchaft h 4 b 8 6 — 188 6— für Doughby und Emilien und mich und Louiſen, die meine guten Freunde zu mir herauf bringe,— warme, freudige Theilnahme an meinem Glücke, das zu verherrlichen ſte mitkämen.— Du lieber Himmel; wie geſchäftig ſie die Fäden ſpinnen!— Man möchte lachen über dieſe kindiſchen Spinnereien, wenn da zu lachen wäre. Ja wohl Fäden, wunderbare lange Fäden, die vom Golf von Mexiko, bis an den George, Erie und Champlain, und bald über den Huron hin⸗ aufreichen werden; überall hin, wo ſich eine unſerer ſogenannten guten Familien eingeniſtet hat. Ein ungeheures Netz, das zehnmal vom Rieſen, Volks⸗ geiſt genannt, zerriſſen, doch von tauſend und tauſend müßig⸗geſchäftigen Händen wieder angeſponnen wird. Und wie die Spinnen, ziehen ſie ſich finſterer nach jedesmaligem ſolchen Zerreißen zurück, kommen aber, nachdem ſie ſich von dem Schlage erholt, auch ſogleich wieder zum Vorſchein. Das hat alſo die ſuperkluge Mistreß Houſton hinauf, und die arme Emilie herab⸗ gebracht? Ei, unſere Ariſtokratie, oder vielmehr Quaſi⸗Ariſtokratie! Es iſt wirklich unterhaltend, ihr ſo zuweilen in die Karten zu ſchauen; ſie iſt wie jene herumziehenden Muſikanten, die blos ein Stück auf⸗ ————F—ꝛ—x—ꝛ—x— —=189 6— zuſpielen wiſſen, aber dieſes aus dem Grunde: ſchlagt einen Ton an, welchen ihr wollt, nüchtern oder be⸗ trunken, werden ſie einfallen und ihr Spiel durchfüh⸗ ren. Wahre Katzen, dieſe unſere Quaſi⸗Ariſtokraten, die, werft ſie wie ihr wollt, ſtets auf ihre Füße zu ſtehen kommen. Kein Mittel iſt ihnen zu unbedeutend, kein Hebel zu ſchwach,— jeden wiſſen ſte anzubrin⸗ gen, in Alles wiſſen ſie ſich zu fügen, gebt ihnen einen Backenſtreich auf die linke Seite,— ſie lächeln euch ſo vergnügt, und übertölpeln euch zuletzt doch noch; aber dann ſchaut, wie ihr zurecht kommt!— ſie be⸗ zahlen euch in tauſendfacher Münze! Bereits haben ſie von der Bruder⸗ und Yankeeſtadt aus ihre Fäden über die ganze Union geſponnen, die Prieſter ſind ihre General⸗Quartiermeiſter,— ohne Unterſchied der Sekten, denn in dieſem Punkte ſtimmen ſie Alle überein,— die alten Weiber ihr ſchweres Geſchütz, und unſere Jungen und Mädchen die leichte Reiterei, mit der ſte Unele Sam umzingeln, und ihn wie wilde Pferde zu umſtricken ſuchen. Ei, lieber Uncle Sam! du tummelſt dich nun froh und freudig und unge⸗ feſſelt und wacker auf der herrlichen Prairie deiner 4 Frreiheit herum, aber gib acht, der Jäger und Hunde 1 5 — — 0 190 6— werden immer mehr und mehr! Gib acht, daß ſte dir nicht endlich der Schlingen eine über den Kopf ziehen! ſte haben deren viele und mannigfaltige; und ich glaube ſchier, daß wenn der liebe George IV. Geld genug häͤtte, uns einen ſeiner koſtbaren Gebrüdere herüber zu ſpediren, mit einer Civilliſte von ein paar⸗ malhunderttauſend Pfund, zahlbar bei John Bulls Wechsler, unſere preziöſen Boſtoner Blueſtockings und Newyorker Börſen⸗Männer und Philadelphiaer Tarif⸗ und Wiſtar⸗Männer— ließen ſich ſagen, und liefen über Hals und Kopf, um ja nicht das erſte Lever der neuen amerikaniſchen Majeſtät zu verſäu⸗ men. Wäre ein herrliches Ding, ſo ein Lever, ſo etwas Apartes für unſere Ariſtokraten, wo die plebe⸗ jiſchen Demokraten das leere Nachſchauen hätten!— Aber koſten dürfte es nichts; nein, das nicht! Ja, es iſt ein liebes Geſchlecht, das ich meine, ein ſüßes Geſchlecht, ein wenig verbuttet in ſeinen Kram⸗ läden, und bleich und gallſüchtig, und in den Adern weniger reines Blut, als verdorbenes Feuerwaſſer, aber ſonſt beſeelt von den beſten Geſinnungen für dich, lieber Unecle Sam! Doch du kennſt ſie ja, und haſt ihnen eben deßhalb den Laufpaß gegeben. Er⸗ —.,— —"0 191— neuere ihn nur noch dreihundert Jahre hindurch, und du wirſt dich wohl dabei befinden! Wollen nun ſehen, wie es mit unſern Tröſterinnen und Getröſteten ausſteht. Was iſt das wieder? Hurrah's, Hallo's von allen Seiten und Ecken des Dampfſchiffes.— Hurrah! friſch darauf, der Hirſch! gellt es. Hurrah! Hurrah! Was gibt es da wieder? VIII. Die Waſſerjagd. Ein Dammhirſch, der, beiläufig fünfhundert Fuß von unſerm Dampfer, vom rechten Ufer auf das linke überſchwimmt. Die Yolle iſt bereits vom Schiffe herabgelaſſen, und fünf Männer befinden ſich darin, unter denen natürlich Doughby wieder die Hauptrolle ſpielt. „Da habt Ihr ihn abermals!“ ſchrie Richards verdrießlich.„In dem Menſchen muß wahrlich ein böſer Geiſt hauſen. — 0 192— „Hurrah Boys! friſch eingelegt!“ ſchrie Doughby, eine ſechs Schuh lange Rifle ſchwingend. Und die vier Männer legten ihre Ruder ein, und das Boot flog dem Hirſch entgegen, der muthig ſeine Fahrt fortſetzte. Wir hatten die Mündung des Black⸗River*) paſ⸗ ſirt, und waren im Begriffe, in eine jener maleriſchen Flußkrümmungen einzufahren, die kein anderer Strom in ſo grandioſen Verhältniſſen aufweiſen kann. Der dunkle Urwald des linken Ufers überhängt da den Waſſerrand eine bedeutende Strecke, und das Dunkel⸗ grün der Cypreſſen, mit dem Silberweiß der giganti⸗ ſchen Cottonbäume, ſpiegeln ſich bronzeartig in den düſter⸗rothen Fluthen des hier fünfzehnhundert Fuß breiten Waſſers, während das rechte Uſer eine wun⸗ derliebliche Flur des üppigſten Palmettofeldes dar⸗ bietet; hie und da ein Bohnen⸗ oder Tulpenbaum, mit lautſchnatternden Parroquets.— Die Lüfte wehten kühl vom Palmettofelde herüber, der Strom *) Black⸗River. Schwarzer Fluß, ergießt ſich mit dem Tenſaw und Whit⸗River, beiläufig dreißig Meilen oberhalb der Mündung des Red⸗Niver, in den Miſſiſippi. Seine Farbe iſt dunkelblau. — 0 193 6— ſloß aber ruhig, und auf ſeinem breiten Spiegel ſchaukelten ſich wie Porpoiſe gewaltige Baumſtämme ſtärker, ſo wie die durch die Räder aufgefurchten Wogen ſie auf ihren Rücken nahmen. Eben hatte das Dampfſchiff die Spitze des dichtbewaldeten Buſens erreicht, als aus der Tiefe ein zweites Boot heraus brach, das der Szene mit einem Male einen eigen romantiſchen Anſtrich verlieh. Es war ein langes Indianer⸗Canoe, ein ausgehöhlter Cottonbaum⸗ Stamm; am Schnabel ſtak ein Hirſchgeweihe, und gedörrte Hirſchziemer und Läufe lagen im Vorder⸗ theile des Bootes; im Hintertheile ſaß ein Mädchen, das ihre Wolldecke abgelegt und, bis auf den Gürtel entblößt, mit graziöſen Ruderſchlägen das Canoe dem Hirſche entgegentrieb; vor ihr eine gereiftere Squaw, die in demſelben regelmäßigen Takte mit ihrem Ruder einſiel. Zwei Kinder lagen vor dieſer, und weiter vor ein Mann in all der trägen Apathie eines Wil⸗ den, der von der Jagd zurückgekehrt; aber ein junger prachtvoller Indianer ſtand aufrecht im Vordertheile, nachläͤſſig auf ſein Gewehr gelehnt, und offenbar die Gelegenheit abwartend, dem Thiere mit einem Hieb Lehensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 13 — 0 194 6G— oder Schuß beizukommen. So wie die Indianer das Boot und das rudernde Dampfſchiff erblickten, hiel⸗ ten ſie mit den Rudern inne, und hoben ſie nur, als ſie mit lauten Hurrah's wieder ermuntert wurden, doch mit ſichtlichem Beſtreben, ſich möglich ferne vom Feuer⸗ ſchiffe zu halten. Es war ein maleriſcher Anblick, auf dem breiten roth⸗düſtern Strom mit ſeinen bronze⸗ farbigen Rändern die zwei Boote nun den Ring ſchließen zu ſehen, während das rundende Dampfſchiff gewiſſermaßen die Baſis der Operationen bildete, und dem Hirſche den Rückzug abſchnitt. Ein Schuß, der aus Doughby's Boote gefallen war, hatte denſelben auf die Seite der Indianer zu getrieben, die pfeil⸗ ſchnell an dem Thiere vorbeiſchoſſen, während der aufrechtſtehende Wilde ihm einen Hieb verſetzte, der es eine Weile auf dem Waſſer herumtaumeln, und dann wenden machte. In dem Augenblick verſchwand auch der ſtehende Wilde aus dem Canoe. „Da iſt er wieder,“ ſchrie Doughby, luſtig auf den Hirſch deutend, der abermals auf das Boot zu⸗ ſchwamm. „Friſch auf, Vurſchen,“ ſchrie er,„der Indianer —= 195 6— muß vom Kentuckier lernen, einen Hirſchen mit einem Schlage zu fällen. Friſch auf, ſage ich!“ Das edle Thier hatte ſich vom gewaltigen Schlage erholt, und ſchwamm näher dem Dampfſchiffe, auf das es einen durchdringenden, wie flehend⸗wehmü⸗ thigen Blick warf, ſo daß unſere Damen einſtimmig baten: „Mister Doughby, ſchonen Sie das gute Thier! Schonen Sie, ſchonen Sie es!“ „Einen Hirſchen ſchonen, Ladies! Wo haben Sie das gehört? Hurrah Boys!“ ſchrie er, der ſich nun dicht vor dem Hirſche befand, und im ſchwankenden Boote das Thier zwar fehlte, aber die abgeſchoſſene Rifle umkehrend, demſelben mit dem Kolben inen Schlag verſetzte, der den Kolben entzweibrach, und das Thier betäubt an die Bootswand anwarf. Wie der Blitz ſchnappte Doughby mit der einen Hand nach dem Geweihe, mit der andern nach dem Meſſer, das ihm einer der Begleiter gereicht, um es dem Thiere in die Kehle zu ſtoßen. In dieſem Augenblicke warf ſich der Hirſch mit verzweifelter Anſtrengung auf die andere Seite; das Boot ſchwankte, Doughby verlor 13* — 0 196 6— das Gleichgewicht, der Hirſch riß ſich mit ſeiner letzten Kraft zurück, und der Mann lag im Strome, kämp⸗ fend mit dem Hirſche, deſſen Geweihe er mit der Hand, wie der Tiger die Beute, erfaßt hatte. „Hallo! Mister Doughby im Red⸗River.“ Das ganze Schiff war in Aufruhr. Die Damen ſchrieen, heulten, die Männer brüllten. Wir be⸗ gannen wegen des Ausgangs beſorgt zu werden, da ſolche Jagden, obwohl nichts weniger als ungewöhn⸗ lich, doch auch wieder nicht ſelten ein trauriges Ende nehmen. Und das ſtark betäubte, aber nicht getödtete Thier erwehrte ſich mit furchtbarer Anſtrengung des gewaltigen Gegners, und warf ihn in jeder Richtung hin und her. Noch hielt Doughby feſt, aber ſeine Augen begannen wild zu ſtieren, ſeine Kräfte ſichtlich abzunehmen, das raſende Thier ſchien es darauf an⸗ zulegen, ſeinem Gegner die Geweihe in den Leib zu rennen. Vergebens, daß die Vier im Boote ſich ab⸗ mühten, den Beiden beizukommen. Wie zwei rollende Waſſerſchlangen trieben ſich Mann und Hirſch im Waſſer herum. Vom intereſſanten war es auf einmal ein peinlicher Anblick geworden. —,— — 0 197 G— „Schießt Parker! Schießt Rolby!“ ſchrieen Meh⸗ rere vom Verdecke den Männern im Boote zu. „Schlagt ſie todt, die Rothhaut; brüllte es aus dieſem. Der Hirſch hatte Doughby an einen Baumſtamm angetrieben, an den er ihn mit einem letzten Stoße anzuſchmettern verſuchte.— Sein Leben ſtand in augenſcheinlicher Gefahr, und ein allgemeiner Schrei des Entſetzens erhob ſich vom Verdecke,— als man das erſchöpfte Thier auch zugleich ſein Haupt ſenken, — die Augen brechen, und die Glieder im Todes⸗ kampfe zucken ſah;— aber Doughby begann gleich⸗ falls zu ſinken, und ein heller Blutſtreifen, der aus dem Waſſer emporſchoß, und ſich kreisartig um die Kampfſtelle herumzog, ließ befürchten, daß der Wage⸗ hals eine tödtliche Wunde erhalten. Endlich gelang es den Männern im Boote, ſich des Hirſches und Doughbys zu verſichern, der, am Haarſchopfe empor⸗ gezogen, das Geweih mit der krampfartigen Wuth eines Ertrinkenden noch immer feſthielt. Ein gellendes Victoria erſchallte von einem Ende des Dampfſchiffes zum andern. 3 Für uns war der Auftritt ſchmerzhaft, abſpannend — 0 198 6— geworden. Doughby ſaß zuſammengekauert im Boot, und ſchaute ſtier und lautlos um ſich. Erſt als er die Leiter des Dampfſchiffes hinaufſtieg, kam er wieder zur Beſinnung. „Aber ſo ſagt doch ums Himmelswillen, Doughby, ſeyd Ihr denn wirklich vom Satan beſeſſen?“ ſchrie ihm Richards entgegen. „Hol Euch der Henker!“ ſchrie Doughby,„und Euer Redriver⸗Waſſer dazu! Brr, brr— verdamm⸗ tes Waſſer, Euer Redriver⸗Waſſer, ſage ich Euch. Nein, lobe mir unſer Miſſiſippi⸗Waſſer,*) und ſoll es ertrunken ſeyn, will ich es nicht im Red⸗River ſeyn. Iſt ja gerade, als ob man Blauſäure, und Salpeterſäure, und Schwefelſäure, und alle ſchlechten Saäuren der Welt zwiſchen die Backen bekäme. Aber ſagt nun, wer hat ihm den Reſt gegeben?“ ſchrie er, der jetzt mitten unter den Paſſagieren und Schiffs⸗ leuten ſtand—„dem Hirſchen, mein ich; wer hat ihm den Reſt gegeben?“ *) Miſſiſippi⸗Waſſer, obwohl ſchlammig, iſt zum Trinken vortrefflich, es wird helle, wenn es einige Stunden ſteht und der Schlamm ſich ſetzt. Aerzte rühmen ſeine Befruchtungseigen⸗ ſchaften. ———:—3—3—3—:—— —=0 199 6— „Wer anders,“ fragten Alle,„als Ihr, Mister Doughbg?“ „Ich?“ meinte Doughby kopfſchüttelnd.„Kam mir irgend etwas eher bei, als dem Hirſche den Reſt zu geben. Hält Euch auf dem Lande ſchwer genug. Nein, das Meſſer entſank mir, im Augenblicke, als mich die Beſtie aus dem Boote riß. Hollah Jungens, da ſeht Ihr!“ Das Thier, das nun über das Geländer gezogen wurde, hatte einen Waidmannsſtich in den Weichen, und an den Hinterfüßen waren ihm die Sehnen ent⸗ zweigeſchnitten. „Das hat der Indianer gethan.“ „Welcher Indianer?“ fragten Alle. „Der Indianer, dem Rolby die Kugel vor den Kopf ſchießen wollte.“ „Dachte nur,“ meinte Rolby, ver wollt uns den Hirſch wegkapern, ſteckte einmal ſein Schinkengeſicht hinter dem Baumſtamm herfür, dachte anfangs, es wäre ein bloßer Auswuchs, ſah aber bald, daß es eine Rothhaut ſey, und da wollte ich ihm eins ver⸗ ſetzen. Wäre weiter kein Schaden geweſen. Was — — e 200— braucht eine Rothhaut ſich darein zu miſchen, wenn Gentlemen?— „Nicht Schade geweſen?“ fiel ihm Doughby un⸗ geduldig ein.„Der Indianer, ſage ich Euch, ich ſage es, verſteht Ihr, Ralph Doughby ſagt es, hat mehr reelles Blut in ſeinem kleinen Finger, als zehn ſolche Lebergeſichter wie Ihr im ganzen Körper, Eure weiße Farbe und Bürgerthum, die übrigens nicht beſſer ſind, als ſie ſeyn ſollten, in Ehren! Zehnmal mehr, ſage ich Euch, und wenn Ihr es nicht glaubt, will ich es Euch beweiſen.— Sag' Euch, iſt eine ſo edle Roth⸗ haut, als es je eine gegeben. Sah, daß ich in der Klemme war, und kam mir zu Hülfe, und jetzt iſt er wieder in ſeinem Canoe, ſchaut hinüber, dort ſteht er. Nicht Schade geweſen! Hirſchen wegkapern! und wer konnte es ihm wehren, wenn er es gethan hätte? Hatte freies Feld wie wir, der Hirſch iſt in ſeinen und unſern Wäldern aufgewachſen— freies Feld und keine Gunſt, iſt unſer Wahlſpruch im alten Kentuck. Sag' Euch, der Indianer iſt eine brave Rothhaut, der Hirſch iſt ſein— wollen ihn ihm aber abkaufen. Hollah, Capitän! ein Dutzend Bouteillen Rhum in das Boot hinunter! Howard, Richards, laßt mich ein — 0 201— halbes Dutzend Dollars, Silberdollars, verſteht Ihr, haben. Wollen dem Indianer auf ſeinem Canoe einen Beſuch abſtatten, und ihm danken, wie ſichs ge⸗ hört und gebührt.“ Und geſagt, gethan. Der Capitän, ſo ungern er ſich zu einem längeren Halt verſtand, konnte dem Ungeſtüm des im Grunde humanen Wildfanges nicht widerſtehen, der, triefend naß, wie er war, in das Boot ſprang, und in jeder Hand eine Bouteille, den Wilden ein fröhliches Hurrah entgegen rief. Dieſe ſahen ſcheu und wie furchtſam herüber; allein die Friedenszeichen und Aufmunterungen, die ihnen von allen Seiten gegeben und zugerufen wurden, vor allem aber die Bouteillen, brachten ſie bald näher. Eine Minute darauf ſahen wir Doughby in ihrem Canoe, jedem die Hand ſchüttelnd, und eine der Bouteillen an den Mund ſetzen. Es fehlte nicht viel, daß die Wil⸗ den, Männer und Weiber, den Kriegertanz im Canoe begannen, ſo toll waren Alle beim Anblicke der glän⸗ zenden Beſcheerung, und ſie ſchüttelten und rüttelten den triefenden Doughby, daß dieſer endlich ausreißen, und auf ſeinem Boote Schutz vor ihren wilden Lieb⸗ koſungen ſuchen mußte. — o 202— Iſt doch im Grunde genommen kein übler Junge, dieſer Doughby, ſprudelnd heiß, das iſt wahr, und immer richtig dabei, wo eine Tollheit auszuführen iſt, aber das Herz ſitzt ihm unter allen Umſtänden ſtets am rechten Flecke, und bei all ſeinem Ungeſtüme hat er wieder in ſeinem Benehmen etwas ſo natürlich Ungekünſteltes, ſo viel Leichtes, ich möchte ſagen Graziöſes, wenn dieſes Epithet auf einen Doughby anwendbar wäre. Mistreß Houſton hing mit einem wahren Mutterblicke an dem kecken Wagehals, Cla⸗ ra's Augen wandten ſich nicht ab von ihm, Louiſe ſelbſt verrieth geſpannten Antheil; ſolche Theſeus⸗ thaten nehmen die Weiber ſelten übel. Nur Emilie war impaſſable wie immer, ſie ſaß wie ein ſchönes Marmorbild im Hintergrund auf der entgegengeſetzten Seite des Verdeckes. „Warſt Du nicht erſchreckt, theure Louiſe?“ Louiſe ſah mich ſchalkhaft an, und dann ihre Schweſter Julie, die in demſelben Augenblicke in Pur⸗ purröthe erglühte, ein Freudenſtrahl um den andern über das melancholiſche Geſicht hinglänzend. Das Mädchen ſcheint eine ganze neue essdhdülognomie ge⸗ winnen zu wollen. —— —=e 203 c— Louiſe warf einen zweiten, ſchalkhaften Blick auf Julien, und ſah mich dann ſo ſuperklug an. „Was gibt es, theure Louiſe? Du machſt ja ein Geſicht, als ob Du die Mistreß Houſton abkontre⸗ feien wollteſt.“— Sie warf wieder einen verſtohlenen Blick auf Ju⸗ lien, legte den Zeigefinger auf den Mund. Da gibt es abermals etwas à l'improvista. Wir gingen auf dem Verdeck auf und ab, Doughby erwartend, und einigermaßen geſpannt, wie der ſchöne Yankeeſtarrkopf das Erſcheinen des tollen Kentuckiers aufnehmen würde. Er kam nach einer halben Vier⸗ telſtunde frei und keck, wie ein ächter Kentuckier; das Bad ſchien aber als heilſames Soporific auf ihn ge⸗ wirkt zu haben. Ein leichter Stolz ſaß ihm auf der Stirne, wie er ruhig, beinahe prüfend auf die Damen zutrat, und ſich verbeugte, ſichtbar den Eindruck er⸗ forſchend, den ſein Erſcheinen hervorbrachte. Noch war ſein Blick heiter, als die Ladies Houſton und Richards ihn mit Vorwürfen wegen ſeiner Wag⸗ halſigkeit überhäuften; als er aber auf Emilien zu⸗ trat, die, in abſoluter Gleichgültigkeit ihn nicht eines Blickes würdigend, die Fluß⸗ und Uferpartien ab⸗ 1 5 —ÿ—· — 204 6— wechſelnd durch ihr Lorgnon betrachtete, biß er ſich in die Lippen, drehte ſich herum, und die Zähne knirſch⸗ ten ihm vor Wuth. Ich ſtand im Hintergrunde mit den Meinigen. Er ſprang auf mich zu, riß mich mit Ungeſtüm aus der Gruppe, und raunte mir, ſich kaum Zeit nehmend meinen Damen eine Verbeugung zu machen, in die Ohren: „Wißt Ihr, Mister Howard, was ich nun weiß?“ „Und was wißt Ihr, Doughby?“ „Daß aus Miß Emilie Warren und mir nimmer⸗ mehr ein Paar wird, und wenn hundert Mistreſſes Houſton und Richards uns zuſammenkuppelten.“ „Arbeit, Geduld und Zeit machen aus dem Maul⸗ beerblatt das Seidenkleid.“ „Nicht zum Hochzeitsanzuge meiner Braut, wenn es dieſe ſeyn ſoll. Nein, da bleibe ich ledig. Aus, ſage ich, iſts, aus.— Nein, nach einem ſolchen Bade ſo aufgenommen zu werden! Glaube alles Ernſtes, ſie hätte ihren Fingerhut nicht darum gegeben, wenn mich die Fiſche im Red⸗River zum Abendeſſen ver⸗ ſpeisten.“ „Ihr ſeyd unbillig, Doughby— Miß Warren — 205 6— hat Euch, nach Eurem eigenen Geſtändniſſe, das Leben gerettet. Doch erlaubt mir, Euch ſofort meiner Frau aufzuführen.— Liebe Louiſe, Mister Doughby.“ Und der Mann weiß ſich zu benehmen, und wenn er auch ſeine Complimente von keinem franzöſiſchen Tanzmeiſter gelernt hat, ſo beſitzt er einen Takt, eine gewiſſe angeborne Würde, ja wirklich eine Leichtigkeit, die ich nimmermehr bei ihm geſucht hätte; aber ich ſah ihn nie zuvor im Umgange mit jungen Damen, und es iſt gerade da, wo ſich der Gentleman zu er⸗ kennen gibt. Zeigt mir einen jungen Mann in dem Augenblicke, wo er zuerſt einer jungen Dame vorge⸗ ſtellt wird,— wohlgemerkt, ſie muß ihn nicht mit Baſiliskenblicken meſſen, dieſe bringen leicht aus der Faſſung,— und ich will Euch ſagen, ob er zum Gentleman geboren iſt, oder alle Tage ſeines Lebens ein Tölpel bleiben ſoll. Doughby verräth Anlagen; die Antworten, die er meiner Frau gibt, zeugen, wenn nicht von Bildung, doch von ſichtlichem Beſtreben, einen guten Eindruck hervorzubringen; dabei flog jedoch ſein Blick zeitweilig ſcharf und begehrlich in den Hintergrund. Ich wandte mich in die Richtung, wo die Pfeile — — ſſ — . — 0 206 6— hinſchoßen, Julie ſtand neben ihren beiden Couſins, in ihrer Hand eine halb verblühte Roſe, die ſie ſo maleriſch zerzupfte; auch ihr Blick gleitete unvermerkt herüber auf den lebenskräftigen jungen Mann, dem, was nicht zu vergeſſen iſt, der junge de Vergennes bei ſeiner Toilette brüderlich geholfen hatte. Er hatte eine Cravatte und Chauſſure nach dem neueſten Pariſer Schnitte. Ich begann nun die ſuperkluge Schalks⸗ miene meiner Frau zu capiren. „Ums Himmelswillen, lieber, theurer Howard!“ raunte er mir nach der erſten Pauſe, die in der Unter⸗ haltung mit meiner Frau eintrat, zu:„wer iſt denn die wunderliebliche Dame?“ Dabei drückte er mir die Hand, daß ſie blau und ſchwarz wurde. „Erlaubt mir zugleich, Euch meiner Schwägerin, Demoiſelle de Menou aufzuführen.— Theure Julie, mein Freund, Major Doughby.“ Doughby ſtand wie mit Blut übergoſſen vor der abermals in Purpurröthe erglühenden Julie; ſeine Augen fingen an zu leuchten. Ich war ganz erſtaunt, als er ohne weitern Ein⸗ gang anhob— —= 207 6— „Eines weiß ich, daß Demoiſelle de Menou den tollen Waghals nicht verdammen wird, obgleich er befürchten muß, Ihr eine peinliche Empfindung ver⸗ urſacht zu haben.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Julie abermals erglühend, „aber meine Bitten will ich mit denen Ihrer Freunde vereinen, daß Mister Doughby ein Leben, das ſo ſchön und wohlthuend in unſer Bürgerleben einzugreifen verſpricht, nicht gar ſo gering ſchätzen möge.“ Und während ſie ſo ſprach, erröthete ſie wieder über und über; Doughby gleichfalls. Das heißt doch ſchnell gefangen! In der Gruppe, die von Madame de Duras und Mistreß Houſton befehligt wurde, war eine leichte Bewegung zu verſpüren, die verrieth, daß die einiger⸗ maßen ſentimentale Stellung des neugebackenen Ma⸗ jors und alten Tollkopfes Aufmerkſamkeit zu erregen beginne. Die Damen rückten, wie ſchwere Infanterie⸗ Bataillone, näher, und die beiden phosphoriſchen Leutchen mußten, ſo ſchwer es ihnen zu fallen ſchien, abbrechen. Auch der Albinos Dundos, der Creole, ſcheint die Vertraulichkeit nicht ſehr nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke zu finden. — —=d 208 6— Die Unterhaltung wurde wieder allgemein. Dough⸗ by ſtand wie auf Kohlen, und ſchiſſte um mich her, nicht unähnlich einer Ente, die nach den ihr zugewor⸗ fenen, verſinkenden Fleiſchbrocken herumſegelt. Endlich gelang es ihm, mich vom gros du corps abzuſchneiden. „Howard! lieber, theurer, goldener, zuckerſüßeſter Howard!“ raunte er mir in die Ohren, wobei er mir den Arm wie mit Feuerzangen zuſammenpreßte.„Ho⸗ ward! beſter, holdſeligſter Howard! um Gotteswillen, Howard! hören Sie nur, Howard, ſage ich!— „Was gibts, Major Doughby?“ „Gott v— e Ihren Major! Howard! theurer, lie⸗ ber, ſüßer Howard! Jetzt iſt mir ein Licht aufgegangen. Was ſage ich, ein Licht, ein ganzer Waldbrand, theurer Howard!— ein Wort, ums Himmelswillen! ein Wort, lieber, goldener Howard!“ „Aber was iſt? was gibts mit Euch, Doughby?a „Ah, das wäre eine Frau für mich, das wäre Eine! Bei Gott!— im erſten Augenblick ſchon hat ſie mir gefallen. Da braucht es keine Mistreß Houſton oder Richards,— mir vorzupredigen von Tugenden— und weiß der Himmel was.— Das wäre Eine.“ — o 209 ⸗— „Doughby, Ihr faſelt; ich verſtehe Euch nicht.“ „Howard, ein Wort, ſagt nur ein Wort! ein ein⸗ ziges Wort, beim lebendigen Gott! ein Wort, oder ich ſpringe Euch zur Stelle in den Red⸗River, obwohl er alle Säuren hat. Ein Wort, oder ich reiße mir— Euch, Allen den Hals ab.“ „Aber, Doughby, ſo ſeyd doch kein Narr; Alle Leute ſehen Euch, ſchütteln die Köpfe.“ „Kümmere mich nicht darum, um keinen kümmere ich mich, als um ſte.— Ach, das iſt ein Mädchen, wie ich ſte mir wünſchte, nicht zu dick, nicht zu dünn, keine ſolche Spindelgeſtalt. Das iſt eine, um Gottes⸗ willen Howard! iſt ſie? ſagt an, iſt ſie? iſt ſie ledig?“ platzte er heraus.„Ledig oder verſprochen, Miß de Menou? Ja oder nein!“ Der Mann ſchaute mich an, mit wild funkelnden Augen; ſie hingen an meinen Lippen, zitternd vor Angſt und Spannung, ſeine Stirne brannte, ſeine ganze Geſtalt zuckte. Ich glaube, er war in dieſem Augenblick zu Allem fähig.. „Doughby! Ihr ſeyd der außerordentlichſte Menſch, der mir je in meinem Leben vorgekommen. Noch vor einer Stunde heult, kreiſcht er, iſt in Verzweiflung, Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 14 — 4 ——n 5 47 — 210 G— weil ihm Miß Warren einen Korb gegeben. Jetzt iſt er Feuer und Flamme, weil ihm ein hübſches Geſicht in Wurf gekommen. Das iſt nicht die Art des Mannes.. „Um Gottes willen zankt, ſchmäht, thut alles;“ rief Doughby ungeduldig.„Schmäht ſo viel Ihr wollt, nur das Wortw iſt ſie ledig oder vergeben?“ „Sie iſt ledig, ſo viel ich weiß.“ Der Mann that einen Rundſprung, daß das ganze Verdeck erzitterte, und Aller Blicke auf uns ſielen, dann faßte er mich bei der Hand, drückte ſie, daß mir die Gelenke krachten; eine Freudenthräne ſtahl ſich ihm in die Augen, eine zweite folgte; er rannte das Verdeck hinaus, die Stiegen hinab, umarmte wen er auf dem Wege traf. Wieder kam er herauf; wieder riß er mich auf die Seite. „Und ich ſage Euch, ſie wird mein Weib, ich ihr Mann, ihr glücklicher Mann. Will ſie auf den Händen tragen.— Ihr glaubtet, ich wäre in Miß Emilien verliebt? glaubte es ſchier ſelbſt, weil Mis⸗ treß Houſton es mir ſagte.— Jetzt weiß ich, was Verliebtſeyn iſt. Wußte es, als ich den erſten Blick 4 2 —= 211— auf ſte warf. Auch ſie ſchmerzte meine Tollkühnheit, meine Narrheit. Will es nicht mehr thun. Ein Wort von ihr macht mich zum Lamm. Nur Stolz haſſe ich, verabſcheue ich am Weibe; ſage es Euch, ſie muß mein Weib werden, und ſollte ich, wie Jakob, ſieben Jahre dienen.“ „Da würde Euch die Geduld wohl vergehen.“ „Glaubt das nicht; bei uns Kentuckiern fängt das Feuer auf einmal, und verliſcht nicht leicht, nimmer, wenn es genährt wird. Iſt juſt wie die heilige Flamme, von der ich in Caldwells Theater gehört, aber muß auch eine gegenſeitige Flamme ſeyn, nicht Eiszapfen. Nein hört, dieſes Geſicht und jenes! Will von ihr in meinem Leben nichts mehr wiſſen und hören.“ „Mister Doughby!“ ſprach ich ernſter.„Ich muß Euch erſuchen, ein Mann, und zwar ein Gentleman zu ſeyn, und von Damen, wie Miß Warren, mit der gehörigen Ehrfurcht und ohne Bitterkeit zu ſprechen, da ſie dieſe nicht an Euch verſchuldet. Mit Eurem Kentucky⸗Ungeſtüm erwerbt Ihr kein Mädchen von Erziehung. Ihr habt Miß Emilien Euer Wort gegeben, Anträge gemacht; ſie hat Euch verdienter⸗ 14* —= 212 6— maßen zurückgewieſen. Abermals habt Ihr Eure Anträge erneuert, mit der Beiſtimmung ihrer und Eurer Freunde, und ich erkläre Euch frei und offen, daß weder Mister de Menou, noch ich zugeben werden, daß Ihr auch nur der leiſeſten Hoffnung in Bezie⸗ hung auf Miß Menou Raum gekt, bis nicht Euer Verhältniß zu Miß Warren ehrenvoll für ſie und Euch abgethan iſt.“ „Das iſt es,“ ſprach Miß Warren, die wir in der Hitze des Geſprächs überſehen hatten, und die im Hintergrunde, in den Cypreſſenwald ſtarrend, ſaß. Sie ſprach ſitzend, aber mit einem Anſtande, einer Zartheit, die mich in dem Augenblicke wieder mit hoher Achtung für ſie erfüllten.„Das Verhältniß, zwiſchen Mister Doughby und—“ ſie ſtockte,„iſt apbgethan, mit Vorwiſſen und der Billigung meines Vaters abgethan. Und ich erkläre hiermit feierlich, daß ich Mister Doughby aller Verbindlichkeit gegen mich enthebe.“ „Wie Sie es wünſchen,“ verſetzte Doughby mit zitternder, beinahe erſtickter Stimme, aber der ehr⸗ furchtsvollſten Haltung. „Ganz nach Ihrem Gefallen;“ bemerkte Mistreß — 213 6— Houſton, die, ſo wie ſte die Stimme Emiliens ver⸗ nahm, herangetreten war, verbiſſener Ingrimm und bitterer Hohn um ihre Züge ſpielend. Richards und ſeine Frau waren gleichfalls näher gerückt, und ſahen hinüber in die Wälder und Pal⸗ mettofelder. Julie, weiter zurück, erblaßte wechſel⸗ weiſe, und ihr Buſen hob ſich in ſtarken Schlägen. Louiſe ſah aus wie ein Seekapitän, der ſein Schiff glücklich in den Hafen gebracht, und nun behaglich froh von ſeinem Hotelfenſter aus die draußen im Sturm herum taumelnden Drei⸗Maſter beobachtet; nur Emilie war heiter, ihr Weſen hatte etwas heiter⸗ ſtarres, ſüßliebliches. „Nehmen Sie meine Erklärung, Mister Doughby, als das was ſie iſt;“ hob ſie wieder an.„Weit ent⸗ fernt, Ihr raſches Temperament zu verdammen, laſſe ich gerne den edlen Funken, die bei vielen Gelegen⸗ heiten aus der Tiefe Ihres Gemüthes heraufleuchten, Gerechtigkeit widerfahren, und wünſche Ihnen, was Sie verdienen, eine würdige Gattin, die Ihre Raſch⸗ heit zu mildern hinlängliche Sanftmuth beſitzen möge.“ Unſere Yankeeinnen ſpielen wieder zuweilen gerne —“= 214 6— die Schulmeiſter, Prediger, Pedanten, was ihnen oft drollig genug anſteht. Als ich das ſiebzehnjährige Mädchen, ſie hat gerade neun Monate darüber, dem Goliathe die Leviten in dem altklugen Tone leſen hörte, und den armen Sünder Doughby ſo zerknirſcht vor ihr ſtehen ſah, kam ich in ſtarke Verſuchung, Beiden ins Geſicht zu lachen; aber das Mädchen hielt aus, und ſprach ſo angemeſſen, das Bewußtſeyn weiblicher Würde trat ſo ſtark an ihr hervor, daß ſie wirklich imponirte. Dieſe Feſtigkeit, gegenüber einem ſo alten Reibeiſen, wie Mistreß Houſton, die ſelbſt einen Doughby zittern macht, will etwas ſagen. Im Ganzen aber kam mir der plötzliche Riß in den gewaltigen und ſo mühſam zuſammengeſtoppelten Plan, der dazu beitragen ſollte, Unele Sam unter die Herrſchaft, der Himmel weiß von welchen Potentaten zu bringen, recht poſſirlich vor, und die Geſichter, die Richards und ſeine Clara ſchnitten, erinnerten mich lebhaft an die ſauerſüßen Profile unſerer Kapitäne, denen ihre Volunteer⸗Compagnieen den Gehorſam in dem Augenblick aufkünden, wo die Helden gerade unter den Fenſtern ihrer Inamoratas vorbeizudefiliren beginnen, es vorziehend, ſich mit ein paar Gläſern „† „ — 0 215 6— Toddy oder Sling in der nächſten Taverne zu ſtärken. Mistreß Houſton, als kommandirender General, ſchien Miene zu machen, die Quaſi⸗Empörung aus einem ſtrengeren Geſichtspunkte zu nehmen; aber mittlerweile läutete die Mittagsglocke, und der Kapi⸗ tän kam, um die Damen einzuladen, ſich in den Speiſeſaal zu begeben. Dieſes rein materielle Inzi⸗ dent brachte ſelbſt die alte Commandantin ſichtlich auf einen ganz neuen Ideenſchwung, und die ernſte Duennamiene verzog ſich merkbar in die der behag⸗ lichen Erwartung. Iſt doch ſeltſam! wirklich ſeltſam, daß ſich bei uns ſo gar keine ſentimentalen Gemüthsregungen— Er⸗ hebungen— wehen, und wie ſie immer heißen, nichts, was einem tragiſchen Stoffe ähnlich ſähe, ausbilden will. Der Henker weiß, was die Urſache iſt? Sind wir wirklich ein ſo proſaiſch⸗alltägliches, materielles, kaltvernünftiges Volk? Beinahe ſcheint es, denn ſelbſt dieſes Sujet, das mit einem nur ganz geringen Zuſatz von Verzweiflung und einem ſtärkeren von Pathos zu einem halben Dutzend franzöſiſcher Melodramen recht füglich amplifizirt werden könnte, es verſpricht gar nichts dergleichen, abſolut nichts,— denn die —:= 216 6— Verzweiflung— das Pathos fehlt— vom Theatra⸗ liſchen iſt gar nicht die Rede. Mistreß Houſton ſchien die erlittene Niederlage mit Einemmale vergeſſen zu haben. „Bless me!“ bemerkte ſte,„ſchon drei Uhr!“ Die Mittagstafel war nämlich zurückgeſetzt worden. „Schon drei Uhr!“ rief Mistreß Richards beinahe ſchmollend, und mit einem wahrhaften Hungergeſichte. „Tante! wie Sie nur ſo ſagen können! Wiſſen Sie, daß ich recht ſehr Appetit habe?“ „Du lieber Himmell! wie proſaiſch nach der ſchmerz⸗ haften Entſagungsſcene. Eine Deutſche hätte noch nach acht Tagen in einem Thränenbade gejammert, wäre ſie nicht mittlerweile in Gemüthswehen vergan⸗ gen; eine Franzöſin hätte zweifelsohne auf Piſtolen herausgefordert; nicht wahr Louiſe?“ „Warum nicht gar auf Kanonen?“ lachte mein Weibchen.„Du haſt doch einen ſchrecklichen Begriff von unſern Damen.“ „Habe Urſache, Louiſe, volle, gewichtige Urſache. Bin erobert, im Sturmſchritte genommen worden, bei Nacht, im Schrecken und Nachtröckchen?“ —₰ —= 217 6— „Wie! von einem Nachtröckchen?“ lachten die Damen. „Auf Ehre, von einem Nachtröckchen.“ „Glauben Sie ihm nicht, Clara,“ ſchmollte Louiſe, mir den Mund mit ihren winzigen Fingern zuhaltend. „Er iſt ein Böſewicht.“ „Das müſſen Sie uns erzählen, Howard;“ meinte Claraä. „Wenn wir gegeſſen haben. Jetzt laſſen ſie uns gehen. Ich bemerkte zuvor ein Dutzend Pferd⸗ und Alligators⸗Geſichter, die leicht die Tafel abgeräumt haben dürften, ehe wir uns noch an ihrem Anblick geweidet.“ „Wie? Sie werden doch warten, bis die Damen kommen?“ „Zweifle, daß ſie in unſern aufgeklärten Redriver⸗ Regionen ſehr häufig auf Newyorker Manieren ſtoßen werden.“ Wir waren ſo vor der Salonthüre angekommen, wo wir den ſchmerzerfüllten Doughby mit de Ver⸗ gennes hitzig parlirend trafen. Er hatte das engliſch⸗ franzöſiſche Taſchenwörterbuch des letztern in der —= 218 6— Hand, und ſuchte haſtig ein Wortv; jetzt hatte er es glücklich gefunden, und rief: „Venez Monsiheur Vergennes, le diner est déja.“ Der junge Franzoſe ſah den Sprecher ſtarr an— die Aufforderung war ſo neu, ſo peremtoriſch. „Déjà?“ rief er,„watt hour sair? is it late?“*) „No,“ ſchrie Doughby, ihn ungeduldig beim Arme erfaſſend—„but I tell you, le diner est déjaà. Don't you understand your own french?“**) Der Franzoſe ſchaute ihn wieder mit großen Augen an, dann uns der Reihe nach— wir ihn. Doughby wurde ärgerlich. „So ſagt doch nur dem dummen Teufel von Fran⸗ zoſen, daß das Mittageſſen bereit iſt,“ ſchrie er mir in die Ohren. Jetzt wußten wir, was das déjaà zu bedeuten habe. *) Déjà? what hour Sir— is it late? Schon? welche Zeit iſt es— iſt es ſpät? **) No, but J tell you dinner is ready. Don't you understand your own ſrench? Nein, aber ich ſage Ihnen, das Diner iſt bereitet. Verſtehen Sie Ihr eigenes Franzöſiſch nicht. — 219— Er hatte unſer dinner is all ready, glücklich in le diner est déja, transferirt. „Mon cher Vergennes, le diner nous attend“— ſagte ich lachend. „My tir sair Doughby,“ rief der junge Mann— „I undrestan your english bettare, dan your french.“*) „Die bleiben einander nichts ſchuldig. Das heißt doch wirklich die beiden Sprachen radgebrochen,“ lachte Mistreß Houſton, die an der Schwelle des ge⸗ öffneten Salons ſtand, und einen Blick hineinwarf, der eben nicht freudige Ueberraſchung ausdrückte. IX. Ein Biner auf dem Uedriver. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo iſt das Genre der Phyſiognomieen, die ſich unſern Blicken darbieten, nicht das einladendſte; wahre Galgengeſichter gibt es *) Mi dear Mister Doughby, I understand your eng- lish better, then your french. Mein theurer Mister Doughby, ich verſtehe Ihr Engliſch beſſer, als Ihr Franzöſiſch. — o 220 e-— unter ihnen, und man braucht eben nicht ſehr Lavater oder Gall zu ſeyn, um den Mord⸗ und Diebsſinn recht deutlich herauszufinden; und Gerüche verbreiten ſie!— die arme de Duras hält das Riechfläſchchen an die Naſe, ſo feſt, als ob es daran wachſen ſollte. Einige unſerer Tiſchgenoſſen ſehen wirklich desperat aus, und wie um an ihrem guten Willen nicht irre zu werden, ſind ſie jeder mit einem Dolche bewaffnet, deren Hornſchafte ihnen aus den Aermeln und Bruſt⸗ taſchen hervorſtehen Es wäre der Mühe werth, dieſe Curioſitäten⸗Sammlung von Menſchenkindern und ihre Biographien näher kennen zu lernen. Han⸗ delsleute nach Santa Fé*) höre ich; Squatters, vom Arkanſas Territory, Anſiedler von Quachitta,**) Jäger von Sabine,*wr) Emigranten zu Colonel *) Santa Fé. Bekanntlich gehen alljährlich mehrere Caravanen von St. Louis am Miſſiſippi und dem Redriver nach dieſer Stadt, und weiter bis zur Hauptſtadt Mexiko. Ihre La⸗ dungen ſind auf Maulthiere gepackt, die, ſowie dieſe Thiere, guten Abſatz finden. **) Ouachitta, auch Wachitta. Der Name eines County, Fluſſes und See's im nördlichen Louiſiana. **r) Sabine. Der Grenzfluß, der ſüdweſtlich die vereinigten Staaten von Mexiko trennt. — e 221— Auſtin⸗Kolonie,*) in dem neuen Schlaraffenland Texas,— ſtehend, ſitzend, halb liegend, die Füße auf den Seſſeln; einer hat ſie gar auf dem Tiſche, und daneben ſitzt ein anderer’ der ſich's in der Nach⸗ barſchaft dieſer mocaſſinirten Extremitäten recht wohl ſchmecken läßt. Die Mehrzahl, während ſie ſich beim Eintritte un⸗ ſerer Damen erhob, entlud noch ihre Mäuler einer kaffeebraunen Jauche, die, wäre ſie aus ein paar Dutzend Spritzen herausgepreßt worden, nicht ſtrahl⸗ artiger in allen Richtungen kreuzen konnte. „Rolby!“ redete eine der Galgenphyſtognomieen den Mann an, der, bereits im Maſtifikationsgeſchäfte begriffen, ſich nicht im mindeſten ſtören laſſen zu wollen ſchien. „Was 2u ſchnurrte Rolby. „Rolby,“ lachte der Santa⸗Fé⸗Handelskompag⸗ non,„könntet wohl ein wenig luffen.**) Seht, das Weibervolk kommt.“ *) Colonel⸗Auſtin. Mitgründer der amerikaniſchen Colonie in der Provinz Texas, die, ungeachtet des deſperaten Charakters vieler der Coloniſten, als in blühendem Zuſtande be⸗ findlich geſchildert wird.. **) Luffen— to luff. Dem Winde näher gehen, nach⸗ geben, weichen, aufſtehen. —=o 222 e— Der Geſelle, dem die Worte galten, derſelbe, der ſo human gemeint hatte, es wäre kein Schaden ge⸗ weſen, dem Indianer Eins zu verſetzen,— war ein verzerrter, kupfriger, ausgedörrter Wicht, dem ſeine dreißig oder vierzig Jahre einen wahren Galgenſtem⸗ pel eingeprägt hatten, mit Schweinsaugen, rothen Haaren und einem braungrauen furchtbaren Backen⸗ oder vielmehr Geſichtsbarte, denn der Mann hat offenbar Seife und Barbiermeſſer ſeit Monaten nicht in Anwendung gebracht. Er ſaß ohne Rock und Halstuch mit aufgeſtreiften Hemdärmeln wie bei einem Tagwerke; vor ihm ſtand ein Teller, auf dem wohl ſechs verſchiedene Fleiſchſtücke, untermengt mit Kar⸗ toffeln und Pataten aufgehäuft lagen. „Hört Ihr Rolby?“ ſprach ein zweiter Maulthier⸗ händler, ihm ſeine Jacke hinhaltend. Rolby gab keine Antwort, zog aber ſeine Jacke an und fuhr fort zu verſchlingen. „Möchte doch wiſſen, aus welchem Theile der Welt der her iſt?“ fragte ein Dritter. Rolby ſchaute auf, ſchoß einen Dolchblick auf den Fragenden, und fuhr abermals fort zu verſchlingen. Wir gingen ſchweigend an dem Manne vorbei, 81 —= 223 6— und nahmen unſere Plätze ein, die Majorität walten laſſend, die, obwohl nichts weniger als aus den fein⸗ ſten Ingredienzien zuſammengeſetzt, doch Majorität war. Die Tafel bot einen grellen aber pittoresken Anblick dar. Obenan ſaß der Kapitän in ſeiner Eigenſchaft als Vorſchneider; zunächſt die Ladies Duras und Houſton, Louiſe und Clara, und ich und Richards, und Julie und Emilie, und Vergennes und Merveilles, und Doughby; und unter dieſem der Geſelle Namens Rolby; und weiter hinab Maulthierhändler und Squatters, Jäger und Pflanzer, Krämer und Hinterwäldler aller Art, in allen Trachten, die mit der prachtvollen Einrichtung des Speiſeſaals und insbeſondere den eleganten Anzügen unſerer Damen nicht weniger ſcharf kontraſtirten, als das abgeſchabte Fellwamms, Gurt des Schweinshirten und Conſor⸗ ten, mit dem wallenden Seidengewande der ſächſiſchen Rowena und ihrer geiſtlichen Bewunderer contraſtirt haben dürften. Und nach dem Heißhunger zu ſchließen, mit dem nun alle über die Gerichte herfielen, ſchienen die Verdauungswerkzeuge dieſer Belmote, trotz des Abſtandes von mehr als fünfhundert Jahren und fünftauſend Meilen, die ſie von der Zeit und dem —=0 22½ 6— Lande ihrer ſächſiſchen und normanniſchen Vorfahren trennten, nur wenig gelitten zu haben. Vergennes vergaß vor lauter Starren und Staunen ſeine Suppe. Louiſe nippte und ſchaute, aber nicht auf die Hin⸗ terwäldler. Jetzt ruhte ihr Auge neugierig⸗ſchalkhaft auf Julien, die ein eigenthümlich ſüß⸗ſchmachtendes Air ſich beigelegt, wieder auf Doughby, den ich unter Merveille poſtirt hatte, trotz ſeiner Bemühung ſich an Julien hinauf zu bugſtren, was ich aber ernſtlich ver⸗ bat; auch ſah er das Horrible ſeiner Forderung ſelbſt ein. Er iſt aber nun ſchon einmal ein Kentuckier, die zuerſt reden und dann erſt überlegen. Sitzt jedoch ſo devot gekrümmt, könnte füglich den Himmelsboten vor dem Bilde Mariens in der Kathedrale der Haupt⸗ ſtadt vorſtellen. Die Wahrheit zu geſtehen, ſcheint er mir endlich das Schwarze in der Scheibe getroffen zu haben, und wenn eine für ihn paßt, ſo iſt es Julie. Emilie würde ihm ſo wenig zugeſagt haben, als er einer Prinzeſſin aus dem Hauſe der ſpaniſchen Bour⸗ bons. Dieſe Nordländerinnen ſind zu geregelt, zu ſtarr, zu linealmäßig für überſprudelnde Südländer, bei denen wieder die vis inertiae der ſanſteren, — 0 225 G— duldſameren Creolinnen viel wohlthätiger einwirkt. Ein leichter, aber nur ſehr leichter Anflug von Indo⸗ lenz, oder vielmehr laisser aller,— denn Julie iſt thätig, rührig in ihrem häuslichen Kreiſe— wird die wilde Kraft ſicherer zähmen, als irgend etwas anderes. Zudem iſt ſie gerade das Mädchen, wie ſie einem Doughby, der viel auf das Materielle hält, zuſagen muß. Von der Größe Louiſens, iſt ſie, wie geſagt, ſtärker, und zum embonpoint geneigt; ſte hat nicht die Beweglichkeit, die leichte franzöſtſche Grazie Louiſens, aber ein herrlich ſchwarzes Auge; Louiſe hat lichtblaue; einen Buſen etwas voll, aber ganz nach dem Geſchmacke Doughbys, der, wie bemerkt, das Subſtantielle liebt; eine Haut, weiß wie Alaba⸗ ſter, und doch nicht des nöthigen Colorits erman⸗ gelnd; kurz, Doughby hat allem Anſcheine nach den Nagel auf den Kopf getroffen. Wäre er nur nicht gar ſo impetuos; aber die Weiber lieben wieder etwas Keckheit, zwar nicht alle; auf Julien jedoch hat er offenbar einen günſtigen Eindruck hervorgebracht. Es wundert mich nur, wie das Mädchen ſo auf einmal Feuer fangen konnte, und in Gegenwart einer Rivalin — es iſt beinahe unzart; sed trahunt exempla. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 15 —=0 226 6— Wir ſind mit der Suppe fertig, die untere Abthei⸗ lung mit dem Eſſen. Das heiße ich doch aufräumen, und zwar in weniger denn zehn Minuten. Dieſe Tafelhälfte, ſte ſieht bereits wie ein halbes Schlacht⸗ feld aus. Geſchundene Welſchhühner und Hühner, Gerippe von Quails, zerſtümmelte Schinken und Hirſchziemer, mit Fragmenten von Roſtbeef, Cotelets, Schalen von Kartoffeln, Pataten, zerbrochenen Eiern, auf allen Ecken und Enden über die halbe Tafel hin zerſtreut. Es gehört ein ſtarker Magen dazu, hier noch ſeinen Appetit zu behalten. „Nun, Nigger!“ rief ein Squatter im Lederwammſe, mit ſchwarzen, borſtenartig emporſtehenden Haaren — Nigger, will meine Suppe!“ „Nicht Nigger ſeyn, Maſſa;“ brummte der Mu⸗ latto⸗Aufwärter. „Nigger oder Mulatto, gleichviel; bring mir meine Suppe!“ „Was?“ rief der Nachbar des Mannes;„was? nachdem Ihr einen Teller, der eben ſowohl als Mehl⸗ kübel dienen könnte, voll Fleiſch, Fiſche, Kartoffeln eingelegt, und einen zweiten voll Hühner, Welſch⸗ —“= 227— hühner, Wildpret und Pataten, wollt Ihr nochmals mit der Suppe anfangen?“ „Freies Land, Nachbar;“ erwiederte das Leder⸗ wamms;„freies Land; leben in einem freien Lande. Ein Mann mag Suppe eſſen, hoffe ich, wenn und wann er will, und er ſte bezahlen kann. Sage Euch mehr: einer mag Suppe eſſen, wenn er ſonſt nichts mehr eſſen kann; denn die Suppe dringt Euch durch, wo ſubſtantielle Brocken nicht durchdringen, und fin⸗ det Raum, eben weil ſie Suppe iſt, wo Roſtbeef und Schinken vergeblich Eintritt ſuchen. Iſt Euch ein mächtig wunderbares Ding, die Suppe. Bildet gleichſam den Mörtel, die Suppe, der das Roſtbeef mit den Welſchhühnern und Kartoffeln verbindet. Nach meiner Meinung iſt Suppe immer gut, gleich⸗ viel ob vor oder nachgenommen.“ „Möchte doch wiſſen,“ fragte Doughby, dem die Stille, die unter uns während des Suppeneſſens ge⸗ herrſcht, bereits zu lange anhielt,„aus welchem Theile der Welt Ihr her ſeyn möget?“ „Wo es mehr Büffel als zahme Kälber gibt, Mister;“ lachte der Hinterwäldler—„und Ihr, 15* — o 228 e— wahrſcheinlich wo ſie die Rinder mit grünem Cotton⸗ ſamen mäſten?“ „Getroffen;“ ſprach Doughby. „Was ſpricht man bei Euch? wie bläst der Wind? Nordnordweſt oder Nordweſtweſt? Iſts ein Jackſon⸗, oder Harry⸗, oder Johnny⸗Wind?" fragte der Mann weiter. „Blaſen alle drei;“ lachte Doughby, naber der Hickory iſt der ſtärkſte.“ „Es lebe der alte Hickory!“ rief der Hinterwäldler. „Ich ſage Euch ſchon zum zweiten Male,“ hob ein anderer junger Hinterwäldler an,„danke Euch für ein Stück Torte.“ Die Worte waren an ſeinen Gegenfüßler gerichtet, der die Schlüſſel mit dem ſüßen Gebäcke in ſeinen Klauen haltend, bereits den beſten Theil verſchlungen hatte. „Habe ſie auch zweimal für Euch zerſchnitten,“ er⸗ wiederte der Mann, ihm einen Deſertteller mit einem ſehr mäßigen Randſtücke über die Tafel reichend. „Und ſo thatet Ihr,“ lachte der junge Hinter⸗ wäldler;„thatet es aber wie Jack, der auf des Gau⸗ les Rücken in den Sattel ſprang, und Ben und Sam —" 229 6— einlud, ein Gleiches zu thun, nur müßten ſie mit Vorne und Hinten vorlieb nehmen, er wolle ſich ſchon mit der Mitte behelfen.“ „Sind in einem freien Lande;“ war wieder die Antwort. Unſere Madeiragläſer zum Roſtbeef waren mittler⸗ weile gefüllt worden. Wir ſtießen an und tranken wechſelſeitig unſere Geſundheiten. Als wir fertig waren, wandte ich mich zur untern Abtheilung unſerer Tiſchgeſellſchaft. 1 „Gentlemen! wollt Ihr uns das Vergnügen er⸗ weiſen, ein Glas Wein auf das Wohlergehen unſerer Damen zu nehmen?“ „Und insbeſondere auf das der neuvermählten, hochachtbaren Mistreß Howard;“ fügte Mistreß Hou⸗ ſton hinzu. Und nachdem Hinterwäldler und Maulthierhändler jeder ſich eines der vom Steward umhergereichten Gläſer bemächtigt hatten, erhoben ſie ſich, und der junge Mann in der Leinenjacke gab den herrlichen Toaſt unſeres galanten Pinkney:*) *) Pinkney, Marineoffizier der V. St. und Verfaſſer mehrer artigen Gedichte; ſeitdem geſtorben. —= 230 6— I fill this Cup to one, made of lovelines alone, A woman of her gentle sex the seeming paragon; Her health! And would— on earth there stood! some more of such a frame! That life might all be poetry, and weariness a name. „Mann!“ rief ich lachend,„fürwahr Ihr ſeyd ein Muſenfreund, wie ich ihn ſchwerlich hier in unſerem Redriver⸗Reviere geſucht hätte.“ „Leſe zuweilen ſo etwas, wenn es von guten Freun⸗ den kommt.“ „Von guten Freunden? kanntet Ihr den ritterlichen Pinkney?“ „So ziemlich; waren, was man Bekannte im engern Sinne des Wortes nennt.“ „Darf ich nach Eurem Namen fragen?“ „Winfried H.“ „Wie? ein Verwandter des Senators für S— th C— a— 2u „Sein Sohn; jetzt Pflanzer am Red⸗River ſeit ſechs Monaten; gerade hundert Meilen ober Ihnen.“ „Freut mich ſehr, Miſter H., Eure Bekanntſchaft zu machen.“ So berühren ſich bei uns die Endpunkte ſozieller — o 231 8— Stellungen, und runden in ſteter Reibung, in fort⸗ während wie im Kreiſel umherrollender Beweglichkeit ihre wechſelſeitigen Härten und Ecken ab. Der Se⸗ natorsſohn baut ſeine Hütte auf einem Stück Wald⸗ lande, das an die Beſitzung des Sprößlings eines ſchottiſchen Viehtreibers anſtößt; das Weib dieſes war vielleicht die Magd der Senatorstochter, die ſie nun als Nachbarin begrüßt und ihre kleinen Dienſt⸗ leiſtungen mit dankbarfrohem Entgegenkommen an⸗ nimmt. So befördert bei uns gewiſſermaßen die Nothwendigkeit jenes republikaniſche Gleichheitsſyſtem, das im Weſen ſeine Wurzel ausbreitet, tiefer ſchlägt, während es im Oſten, im Gewühle unſerer See⸗ ſtädte, bereits ſtarke Stöße erleidet. „Sollte nichts darum geben,“ hob der mit dem Namen Rolby bezeichnete Geſelle wieder an,„noch ein Glas von Eurem Wein zu nehmen.“ „Und ich ſollte nichts darum geben, ſo Ihr Euch um ein Haus weiter machtet;“ ſiel Doughby mit einem nichts weniger als ſchmeichelhaften Blicke ein. Der Mann ſchaute Doughby mit großen Augen an, dann verzog ſich ſeine Miene in ein wahres Mör⸗ dergrinſen. —=b 232 6— „Wollt Ihr mein Glas nehmen, Mister?“ fragte Mistreß Howard, dem Steward ein Zeichen gebend, es dem Manne zu überreichen. „Bravo, liebe Louiſe!“ flüſterte ich ihr zu;„das heißt wie eine ächt amerikaniſche Dame geſprochen und gehandelt.“ „Danke Ihnen, Maam;“ verſetzte der Mann. „Will es auf Ihre Geſundheit leeren.“ Und er nahm das ihm vom Steward überreichte Glas, leerte es zur Hälfte, füllte es wieder mit Rhum auf, und trank den Inhalt mit einem:„Ihre Geſund⸗ heit Maam, und der alte Hickory ſoll leben,“ aus. „Vermuthe, auch ich könnte noch eines nehmen,“ rief das ſchwarze Lederwamms. „Dann erlaubt, daß ich Euch das meinige ſende;“ verſetzte Mistreß Richards. Der Mann nickte, nahm das Glas, und trank es mit einem Zuge aus. Beide Geſellen erhoben ſich, warfen ihre Strohhüte auf den Kopf und traten zum Schenktiſche, um den Kitzel, wie ſte ſich ausdrückten, mit etwas Reelem zu vertreiben, und ihre Debatten über den alten Hickory fortzuſetzen. Dieſer mit ſeinen beiden Trabanten, Harry und John Quincy, iſt nun — 233 6— der ewige Refrain, der gehört wird auf Dampfſchiffen, in Gaſthäuſern, der Heerſtraße, der Stube, überall, allenthalben. Vergennes kann vor Staunen und Starren weder zum Eſſen noch zum Trinken kommen. Und wohl mögen Fremde, die unſer Land betreten, ob ſolchen Erſcheinungen ſtarren. Bei uns bewirken ſie nicht einmal mehr ein Lächeln; freilich ſind ſie nicht immer die angenehmſten, dieſe Berührungen, in die uns unſer bewegliches, unſtetes, republikaniſches Treiben und Wirken wirſt; die Geſichter, die ſo eben den Speiſeſaal verlaſſen, nichts weniger als anziehend; der Geſelle, der uns den Rücken wendet, er hat in ſeinem kalten Lächeln ein gewiſſes Etwas, das ſich der im Graſe lauernden Congoſchlange vergleichen läßt; ein wahrhaft teufliſches Hohngrinſen; ſo muß der Mörder ausſchauen, der ſeinem Schlachtopfer kalt das kalte Eiſen in den Buſen ſtößt. Aber könnt ihr lauter Washingtons, Jays und Franklins haben? Iſt es nicht vielmehr nothwendige, unerläßliche Be⸗ dingung unſerer Freiheit, daß die bürgerlichen Tu⸗ genden ſowohl als Laſter üppiger aufſchießen, eben weil ihnen frei zu wachſen und zu wuchern geſtattet — e 231 6— iſt? Und wenn jene dieſe überwiegen, iſt der Grund nicht eben in dem Umſtande zu ſuchen, daß das Ver⸗ brechen bei uns den natürlichen Abzugskanal jener Getränke hat, die ihre Unreinigkeiten zum Spundloche hinausſtoßen? daß der Abſchaum von der geſitteten Welt zurückgeſtoßen, an den Gränzſcheiden der Kul⸗ tur ſich ſammelt, im Weſten unſerer Staaten und Territorien, wo das Geſetz noch ſchwach iſt? Es ſieht freilich oft furchtbar aus in dieſen Gränzſtationen, ein wahrer Auswurf treibt ſich da herum, Spieler, Mörder, Diebe, unter denen ein ordentlicher Mann oft ſeines Lebens nicht ſicher iſt; aber das dauert immer nur eine kurze Zeit, beſſere kommen nach, und das Gefindel zieht weiter vor der hereinbrechenden Kultur und Geſittung, dem für ſte zu ſtark werdenden Geſetze. Aber nicht nutzlos iſt ihr Wirken und Trei⸗ ben geweſen. Wider ihren Willen, durch Mangel und Noth gezwungen, haben ſie ein Plätzchen im tiefen Wald gelichtet, Pfade durch die ſteg⸗ und weg⸗ loſe Wildniß gebahnt, den Boden für beſſere Nach⸗ folger gebaut. Großentheils durch ſolche wilde, desperate Charaktere wurden die paradieſtſchen Hügel und Thäler von Kentucky, die prachtvollen Niede⸗ — 0 235 6— rungen vom Ohio, die herrlichen Fluren von Teneſſee erploitirt. Sie ſind weiter gezogen, viele tauſende von Meilen, ihr Wirken iſt zurück geblieben, iſt Grundlage geworden des Glückes von Millionen freier, aufgeklärter und religiöſer Bürger, die den Gott ihrer Väter in tauſend und abermals tauſend Tempeln, an Stätten preiſen, wo zuvor der wilde Indianer gehaust. Wir lieben es, die Kultur unſe⸗ res Landes bis zu den Geſtaden des zweiten Welt⸗ meeres vordringen zu ſehen; es gefällt uns gar wohl, auf prachtvollen, ſchwimmenden Paläſten den Rieſen⸗ ſtrom Tauſende von Meilen hinabzugleiten, und, im Vorbeigehen ſey es geſagt, eine reiche Erndte von Dollars auf den äußerſten Endpunkten unſerer Union einzuſammeln; wir müſſen auch die Menſchen, die uns dieſe Wunder verwirklichen helfen, nicht ganz werthlos, jeder Berührung unwürdig erachten; um ſo weniger, als es wieder recht achtbare Charaktere unter ihnen gibt. Der Mund, der die mephitiſchen Ausdünſtungen des Miſſiſippi⸗ oder der Redriver⸗ Sümpfe auffängt, der kann nicht Roſtnen kauen; die Hand, die unſere Rieſenbäume fällt, Sümpfe aus⸗ trocknet, ſie kann nicht mit glacirten Handſchuhen be⸗ —=0 236 6— deckt ſeyn. Unſer Land iſt das Land der Contraſte, das Land, wo ſich die Geſchichte des Menſchenge⸗ ſchlechtes, wie es vor dreitauſend Jahren war, und heute iſt, in beiden Extremen vor unſern Augen ab⸗ ſpiegelt; in den öſtlichen Staaten die höchſte, in vielen Punkten bereits Europa überflügelnde Kultur, mit vielen der ſchlauen Laſter ſeiner debauchirten Civili⸗ ſation; im äußerſten Weſten jene Anfänge, wie ſie wahrſcheinlich die dafür als Gottheiten verehrten Saturne und Jupiters über das ſchwarze Meer, und ſpäter Cekrops aus Aegypten nach Griechenland brach⸗ ten. Es ſind dieſes Abſtände, die nur der beſchränkte Kopf unnatürlich finden wird; der Humane, wahr⸗ haft Gebildete erfaßt ihre Wechſelwirkung beim erſten Blicke; ihm liegt ihre Nothwendigkeit vor Augen, und er läßt ſich die Unannehmlichkeiten, die mit der Berührung verbunden ſind, um ſo lieber gefallen, als dieſe ihm wieder tiefe Blicke in die Geſtaltung der Menſchheit und ihres geſellſchaftlichen Zuſtandes zu thun erlauben. Unſere Damen ſind gar nicht beſondere Liebhaber dieſer Art philoſophiſcher Erfahrungen, aber es iſt eine Freude zu ſehen, wie ſie, die doch wahrlich nicht — o 237 6— hinter dem Zaune aufgewachſen ſind, das Juſte⸗ Milieu ſo richtig auffaſſen, wie zart ſie das Rein⸗ menſchliche ſelbſt in dieſen verwilderten Charakteren berückſichtigen: wie ſchonend, wie ſo frei von aller fastidiousness, ſie ſich in dieſe Umgebungen zu ſchicken wiſſen. Ein engliſcher Halbſold⸗Oberſter oder Ca⸗ pitän würde in Zuckungen, wenigſtens auf dem Papier, verfallen;— nicht ſie; ſie ſehen mit dem gelaſſenen, milden Blicke duldſamer Weiblichkeit, die wieder auf ſolche wilde Charaktere heilſamer einwirkt, als tau⸗ ſend Knuten eines Deſpoten. Es haben unfehlbar unſere Weiber zur Geſittung des Weſtens mehr bei⸗ getragen, als alles andere. Sie ſind es, die da, wo das Geſetz aufhört, oder nicht ſtark genug iſt, die Schiedsrichterinnen des Anſtandes werden, die ther⸗ mae der Alten; vor ihnen weicht die Rohheit, ſchmilzt die Härte. Sie ſind es, die den dem Erlöſchen nahen Funken des Menſchlichen wieder anfachen, den Ver⸗ wilderten wieder zur Geſittung zurückführen. Sie kennen ganz ihren Beruf, und wiſſen ihn zu verfolgen mit einem ſeltenen Takt; aber dafür gibt es auch wieder kein Land, wo die Frauen ſo ſehr geehrt wer⸗ den, als in dem unſrigen, vielleicht zu viel geehrt — 2 238 6— werden, wenigſtens in den nordöſtlichen Staaten, wo ſie ſich ſo ziemlich eine Art petticoat governement*) errungen haben, und Uncle Sam beinahe läppiſch⸗ ſchwach ihnen gegenüber zu werden beginnt;— im Allgemeinen jedoch verdienen ſte ganz die Ehrerbie⸗ tung, die ihnen gezollt wird, die uns zur Natur ge⸗ worden iſt, zum Bedürfniß, ſo gut wie die Religion. Andere Nationen ſind galanter, ihre Galanterie iſt ein Erbſtück, das ſie aus den Zeiten des Mittelalters herabgeerbt; aber die wahre Achtung fehlt ihnen, jene Achtung, die eben ſo wohl das Reſultat wahrer Tugend und Würde, als des tiefgefühlten Bedürf⸗ niſſes iſt, unſeren ſchroffen republikaniſchen Härten durch dieſe Huldigung ein ſanfteres Relief zu geben. Doch die Zeit naht heran, wo wir das Ende unſe⸗ rer Reiſe zu ſehen hoffen können. Wir ſind eilf Stunden auf dem Waſſer, und unſer Dampfer iſt ein berühmter Schnellſegler. Noch die große Bucht, und wir ſind am Ziele. *) Petitcoat governement, Weiberregierung. — d 239 G— X. Schwarze Freuden, weiße Leiden. Die Uhr ſchlägt ſechs, der Buſen, in dem mein Tusculum gebettet liegt, öffnet ſich unſern Blicken; die Waldesränder erglänzen geröthet von den Strah⸗ len der ſinkenden Sonne. Noch iſt alles Waſſer und Wald, prachtvoller gigantiſcher Urwald, eine rieſige Vegetation von Cotton⸗, Liveoak⸗, Bohnen⸗ und Cy⸗ preſſenbäumen, abwechſelnd mit Palmettofeldern. Der breite, tiefe Strom, der ſeine chokoladebraunen Waſſer⸗ maſſen ernſt und feierlich mitten durch die Waldes⸗ nacht dem mächtigen Miſſiſtppi zuwälzt, verleiht der monoton⸗flachen Landſchaft etwas ungemein Melan⸗ choliſch⸗Großartiges. Man fängt an, ihn allmählig lieb zu gewinnen unſern Red⸗River, der nicht ſo furchtbar, Alles zerreißend, verſchlingend hinrollt, wie der ungeſtüme Miſſiſippi. Bisher haben wir bloß ſchwache Anfänge von Kultur mit einigen wenigen Pflanzungen am nördlichen Ufer getroffen; meiſtens Hütten, aus rohen Baumſtämmen zuſammengezimmert, mit Fleckchen, auf denen Taback, Baumwolle oder — o 240 e— Wälſchkorn gepflanzt ſind; hie und da Hirſche, die beim Anblicke unſeres Dampfers erſchrocken in den Wald zurückprallen; Schwäne, Kraniche, Enten und Gänſe, verſteht ſich wilde, zahllos, mit wilden Tau⸗ ben, Alligatoren und Wälſchhühnern. Vergennes zitterte vor Freude und Verlangen. Wird nicht lange dauern, die Jagdluſt; wo man bloß vor die Thüre hinaus zu gehen braucht, um Wild aller Art, und ſo viel man will, zu finden, ſtumpft ſie ſich bald ab. Jetzt ſind wir am Vorſprung des Buſens— einer weiten Lichtung, die ſich eine halbe Meile längs dem Ufer und zurück gegen den Wald ausdehnt, und die ſich nun öffnet. Ungemein maleriſch fliegen unſerem Dampfer die koloſſalen Immergrün⸗Eichen entgegen, die kranzartig die Pflanzung umgeben; ein freundlich weißgrün bemaltes Haus ſteht in der Mitte, hundert Schritte vom Ufer; vor dieſem befinden ſich umgitterte Raſenplätze, die Orangengärten werden ſollen; eine einzige, mäßige Liveoak mit Knoten, ſo feſt, ſo felſig ausſehend, daß ſie ſeit der Sündfluth verſteinert zu ſeyn ſcheint, breitet ihre knorriggigantiſchen Arme über die Oſtſeite hin; die Gallerien ſind geöffnet, die venetianiſchen Jalouſien aufgezogen. Meine Freunde —“= 241 6— ſehen mich erwartungsvoll an, allen ſchwebt die Frage auf der Zunge.„Was iſt das?“ bricht Mistreß Richards aus; vom Wetterableiter herab weht das Panier unſerer Union, die dreizehn Streifen mit den vierundzwanzig Sternen oben, darunter der weiße amerikaniſche Adler, die Donner Jupiters und die Friedensſymbole in ſeinen Klauen. Das Herz ſchlägt mir höher; ein zweites Panier, das Louiſtang's, weht von einer ungeheuern Stange ſeine breiten Wimpel dem Fluſſe zu; davor ſteht Bangor, wie ein Schild⸗ knappe, Wache. Er hat das Dampfboot ins Auge gefaßt, ſcheint aber noch Zweifel zu hegen. Jetzt ſpringt er dem Hauſe zu, wie unſere Kaninchen es thun. Zehn Schritte ſpringt er, ſchreit dann, als wenn er am Spieße ſtäke, hockt nieder, lacht wie toll, hält ſich den Bauch, läuft wieder eine Strecke, ſpringt in der Runde herum. Wer den Neger, ſo wie ich, aus der Ferne beobachtet, muß nothwendig glauben, er ſey Knall und Fall toll geworden. Ah, nun kom⸗ men Plato und Tully aus dem Hauſe herausgeſprun⸗ gen, der eine mit einem Stocke oder Knittel— was es iſt, kann ich unmöglich ſagen, der andere mit einer Pfanne voll glühender Kohlen. Bangor ſpringt Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 16 —o 242— ihnen entgegen, und das erſte, was er thut, iſt, Tully den Rechtstitel ſeines Beſitzthums ſtreitig zu machen. Tully wehrt ſich, reißt ihm die Pfanne aus der Hand, die Kohlen fliegen in allen Richtungen umher! die verdammten Schelme zünden mir das Haus vor der Naſe an. Im Stande ſind ſie es, oder brennen ſich die Augen aus, und bedenken nicht, daß ſie mir ge⸗ hören. Nun kommt auch Philipp geſprungen, der reißt Plato den Stock aus der Hand, verſetzt ihm einen Hieb, wogegen dieſer die Härte des Stockes an dem Hirnſchädel Philipps verſucht. Der Stock bricht, und— da habt ihr es; Beide rennen, wie Böcke oder Stiere, mit den Hirnſchädeln an einander an, ein Mal, zwei Mal, drei Mal; beim dritten Male ſtürzt Plato der Weltweiſe vor Philipp dem Macedonier.— Verdammte Schurken! Auf dem Dampfboote lachen Alle zum Berſten, und ich möchte ſchier toll werden. Morgen liegen ſie Beide im Krankenzimmer für acht Tage.— Tully hat ſich mit der Pfanne aus dem Staube gemacht, und galoppirt wie raſend der Stange am Ufer zu. Jetzt ſehe ich, was es da gibt. Sie haben die beiden Vierpfünder von Menou's Pflan⸗ zung herabgebracht, die Weſpe und den Skorpion, —= 243 6— wie ſie getauft worden; zwei Kanonen, die dem Schooner eines Porto⸗Rico⸗Piraten angehörten, der letztes Jahr von unſern Kreuzern aufgebracht und,— zur Wiedervergeltung, mit einem Dutzend ſeiner Ge⸗ hülfen gehängt worden; ſein Mobiliarvermögen, worunter ſein Schooner, wurde verſteigert, und mein Schwiegervater hat die zwei Kanonen an ſich gebracht. Bangor erneuert nochmals ſeine Anſprüche auf die Pfanne, wieder fliegen die Kohlen umher, die Kanone geht los, und gleich der Poſaune des Erzengels, weckt ſte meine ganze Bevölkerung, die Guten und die Böſen. Ein Schrei ſchneidet durch die Lüfte, der durchdringendſte, gellendſte, heulendſte Freudenſchrei, der je menſchliche Ohren beleidigt; er übertreibt bei weitem das Sauſen und Brauſen des ausfahrenden Dampfes. In der ganzen Pflanzung Aufruhr. Aus den Feldern, den Hütten, der Kottonpreſſe, überall kommen ſie hervor, alles ſchwarz, rabenſchwarz. Mir fallen ſie beinahe auf, dieſe ſchwarzen Geſichter, was immer der Fall iſt, wenn man einige Tage unter Weißen gelebt hat; die letzten Strahlen der Sonne erleuchten gerade den Vordergrund, die pechſchwarzen Geſichter glänzen und ſchimmern wie ſo viele Lucifers. 16* — e 24 c— Ceres, Venus, Pſyche, Phöbe, wir haben die halbe Mythologie bei der Hand, ſpringen dem Ufer zu, mit Kochlöffeln und Pfannen und Körben und Wälſch⸗ kornkolben, kurz, allem, was ihnen gerade in die Hände kömmt, hinter ihnen her die Kinder und die alte Sibylle, belfernd, und Marius und Sylla heu⸗ lend, und Hunde und Katzen, Hühner und Gänſe, Männer und Weiber, Mädchen und Kinder, umher⸗ ſpringend, tanzend, kapriolend, grinſend, die Zähne fletſchend, daß einer jeden Augenblick glauben ſollte, ihre Mäuler würden von einem Ohr zum andern reißen. Unſer Dampfboot rundet ihnen zu langſam. Sie erheben ihre gellenden Stimmen ſtärker; fünfzig ſchreien auf einmal, in allen Tonleitern: Maſſa, Maſſa, Hurrah, Maſſa! Maſſa kommen, geſchwind Maſſa kommen, Kapitän, geſchwind Maſſa bringen. Warum, Kapitän, nicht geſchwind Maſſa bringen? Kapitän gar zu langſam ſeyn. Warum ihnen nicht Maſſa bringen? Es ihr Maſſa ſeyn— Maſſa Maum ³*) bringen— es ihre Maum ſeyn. Meine virginiſchen Neger ſchrieen am wenigſten, obwohl ſie *) Maum, ſo viel als Maam, Madame(Negerausſprache). — —— — 8 245 6— in meiner Familie geboren und auferzogen worden ſind; aber die Weiber heben ihre Kinder hoch empor. Maſſa ſehen, Picanini*) ſehen, das Maſſa's Pica⸗ nini ſeyn, lieber kleiner Picanini ſeyn, das Maſſa's Picanini ſeyn;— Maſſa Maum bringen; ſchreien ſie nun wieder Alle zuſammen, tanzend, ſpringend, Purzelbäume ſchlagend, Bocksſprünge machend, als ob ein ſchwarzer Asmodi in ſie alle gefahren wäre. In dem Allem iſt viel blauer Dunſt, ohne Zweifel, wie es bei Sklaven nicht anders der Fall ſeyn kann; aber der Dunſt, er riecht doch angenehm in unſere Naſen, er kitzelt unſere Nerven; das Souverainſpielen hat doch auch ſeine angenehme Seite! Und als wir nun an das Land traten, die Männer Maum jubelnd, uns umringend, tanzend, ſpringend, unſere Kleider küſſend, geſtehe ich recht gerne, daß ich mich um einige Zolle höher fühlte, und meine Freunde mit mir. Ich las die Zufriedenheit in ihren Augen; es waren nicht mehr die geſpannten Blicke der Er⸗ wartung; es waren die— herzlicher Achtung, die aus ihren Augen leuchteten. Wir ſind nun ſchon ein⸗ *) Picanini werden in der Negerſprache die kleinſten Kinder beiderlei Geſchlechts genannt. — d 246 6— mal ſo und nicht anders. Unſere Freundſchaft, unſere Liebe, unſere Achtung, und was weiß ich alles, wollen alle gewiſſermaßen baſirt ſeyn, und das ſo ſolid als möglich. Ein reſpektables Haus iſt bei uns dieſe Baſis, auf der Freundſchaft und Liebe fußen. Ohne dieſes, das uns erſt bei unſern Mitbürgern Sitz und Stimme verleiht, gelten Kenntniſſe und Tugenden, Liebenswürdigkeit und Adel, wenig oder gar nichts. Mistreß Houſton ſchaut mich mit ganz andern Augen an; Richards und ſeine Ehehälfte waren beinahe ehr⸗ furchtsvoll geworden. Auf dem halben Wege zum Hauſe kam uns Papa Menou mit Charles, meinem Schwager, entgegen, beide in hochzeitlichen Kleidern. Die Art, wie beſon⸗ ders der Erſtere meine Gäſte empfängt, verräth ganz den gebornen Gentleman. Eine Leichtigkeit, und wieder ein gewiſſes aplomb, das den Franzoſen eigen⸗ thümlich iſt. Wir beſitzen es nicht, obwohl wir wie⸗ der von der Blödigkeit des Britten weit entfernt ſind. Unſere Manier iſt trocken, republikaniſch poſitiv; unſer Gleichmuth läßt ſich nicht leicht, auch durch den An⸗ blick unſerer beſten Freunde, und hätten wir ſie Jahr⸗ zehnte nicht geſehen, aus der Faſſung bringen. — o 247— Jede Bewegung meines lieben Papa drückt Vergnügen aus. Allen weiß er etwas Verbindliches zu ſagen, beſonders ſcheint er ganz charmirt mit Mistreß Hou⸗ ſton zu ſeyn; gegen Richards iſt er liebenswürdig al pari, als ob er ſeit Jahren ſein Nachbar geweſen wäre. Er kam mir in dem Augenblicke vor, wie ein Sou⸗ verain, der bei der Levée zugleich das Oberhofmeiſter⸗ amt übernommen; Jedem ſchien er an den Augen abzuſehen, was ihm zu hören am angenehmſten; ſeine Beweglichkeit iſt wirklich recht anziehend, und doch wieder nicht allzu queckſilberartig. Aber was iſt das?— hat er auf einmal ein Haar gefunden, mein lieber Schwiegerpapa? Sein Blick umwölkt ſich, ſeine Lippen kräuſeln ſich wie die eines Lieutenants unſerer Linientruppen, der unter das Kommando eines Mili⸗ zen⸗Kapitäns geſtellt wird. Was iſt es, das ihn auf einmal aus ſeinem roſenfarbenen Humor gebracht?— Iſt denn der Mann wirklich nur zu Wirren und Tollheiten geboren? Ja, wahrhaſtig, es iſt Doughby, der wieder etwas angeſtellt. Er ſteht mit leuchtenden, flammenſprühenden Blicken hinter Richards; was ſage ich flammenſprühenden, wahrhaft verſchlingend ſind ſeine Blicke, und Julie ließe ſich, wie es ſcheint, —= 248 6— gerne verſchlingen. Sie erblaßt und erröthet ſo hold⸗ ſelig, beklommen, und hebt ihre Augen, und ſchlägt ſie wieder zu Boden, ſo liebesſtech! In demſelben Augenblick tritt Doughby, dem die Empfangsſcene zu lange dünken mochte, vor meinen Schwiegerpapa. „Mister Doughby of New Feliciany County, dear Papal!“ „Habe nicht die Ehre zu kennen,“ erwiedert der Papa trocken und mit einer kurzen Verbeugung, die Doughby jedoch nichts weniger als aus der Faſſung bringt; er ergreift ſeine Hand, und verſichert ihn, daß es ihn herzlich freue, den Schwiegervater ſeines lieben Freundes Mister Howard zu ſehen, der ein ſo präch⸗ tiges Loos in der großen Lotterie gezogen, daß auch er eine Nummer zu nehmen— Der gute Ralph geräth, während er den Wort⸗ ſchwall herausſtößt, in einige Verlegenheit, was mich gar nicht wundert, denn der Papa ſieht ihn mit einem ſo fremden, kalten, beinahe ſpöttiſchen Blicke an, daß er die Hand, die er erfaßt hatte, unwillkürlich fahren läßt. Mir, und uns Allen, war die Scene einigermaßen peinlich; und ſo ſehr die Bocks⸗ und Freudenſprünge — —= 249— meiner Neger mich freuten, die Art, wie meines Freundes voreiliges, das iſt wahr, aber herzlich ge⸗ meintes Entgegenkommen aufgenommen wurde, ver⸗ droß mich ein wenig. Bei ſolchen Charaktern, wie Doughby, ſollte man immer abſtrahiren. Der arme Narr zog ſich zurück, und ſah darein, wie ein bei der Wahl durchgefallener Calldidat für das Conſtable⸗ thum. Sagen läßt ſich jedoch Nichts dazu. Müſſen die Zeit abwarten. Wir traten in das Haus paarweiſe ein, Menou folgend, der ſeinen Arm den Damen Houſton und Duras gereicht hatte. Der Saal iſt ganz eingerichtet, mit Sideboard, Seſſeln und Sophas; die vier Zim⸗ mer, in die er ſich von beiden Seiten öffnet, ſtnd allerliebſt meublirt; die Einrichtung von Akazien⸗ und Citronenholz; die Matten recht elegant; wie lange werden ſte es ſeyn? Unſere Häuſer in Louiſtana ſind wahre Republiken, wo Jeder freien Zutritt hat, bei Tage und ſo ziemlich auch bei Nacht; Wälſchhühner und Hühner, und Enten und Gänſe, wandeln zu jeder Stunde ſo gravitätiſch über die Treppen hinauf, und aus und ein, und auf und ab, wie die alten Senatoren Roms auf dem Forum; die Hitze treibt ſte —= 250— in die Häuſer, wo der Luftzug ihnen erſtaunlich wohl behagt. Meine Gäſte haben flüchtige Blicke in die Zimmer geworfen, und laſſen ſich auf einen Augen⸗ blick auf den Sophas und Seſſeln nieder. Ich mit Louiſe fliege durch das Haus, um mich ein wenig zu orientiren; das liebe Kind hat ſo viel zu ſehen, kennen zu lernen. Sie muß auch einen Augenblick hinaus; die Neger wollen abſolut Maum ſehen.„Maum ſehen— wollen Maum ſehen— warum Maſſa ſei⸗ nen Negern nicht Maum ſehen laſſen?— Es ihre Maum ſeyn.“— Und ſie lacht ihnen zu, und trippelt hinab über die hintere Piazza⸗Treppe.„Und da habt Ihr mich, Euere Maum,“ lacht ſte, und die Neger ſpringen und jubeln und tanzen um ſie herum, und Alt und Jung küſſen ihre Kleider—„Jetzt gerne ſterben, weil Maum geſehen— jetzt kein Picaillu darum geben, gerne ſterben— Gott Maum ſegnen!“ Und ſie lacht von Herzen, und verſpricht ihnen Allen Hochzeitgeſchenke, die ſie für ſie mitgebracht; und ich verſpreche ein Gleiches, und nun geht erſt der Jubel an, als ſie meinen Befehl hören, Jedem eine Portion Rhum mit Salzfiſch und Zubehör zu einem ſubſtan⸗ — 0 251— tiellen Souper zu reichen. Die Scene hat mich ganz meine Gäſte vergeſſen laſſen. Als ich mit Louiſen in den Saal zurückgekehrt, waren die Damen bereits in den Zimmern, die Menou ihnen angewieſen; uns erwartete Phöbe, das Kammerzöſchen Louiſens, vor den unſrigen. Wir waren im Begriffe, ihr in dieſes zu folgen, als Julie athemlos gerannt kam! den Buſen klopfend, bebend; es dauerte eine Weile, ehe ſie ein Wort ſprechen konnte. Sie nahm mich bei der Hand, und zog mich ins Zimmer, ſichtlich bemüht, die Schweſter zu vermeiden. „Mister Howard!“ preßte ſie endlich beklommen heraus—„Mister Howard!l ich ſoll nach Hauſe.“ „Warum ſollen Sie nach Hauſe, liebe Julie?“ „Papa hat es befohlen; ich ſoll ſogleich im Dampf⸗ ſchiffe ab;“ ſchluchzte die Demoiſelle, mit einer Thräne im Auge. „Papa,“ fügte ſte ein wenig trotzig hinzu;„hat auch Mister Doughby kein Zimmer angewieſen, ihn nicht einmal angeſehen, ihm den Rücken gewendet.“ „Er hat ihn wahrſcheinlich im Tumulte des Au⸗ genblickes überſehen.“ Sie ſchüttelte verneinend das Köpfchen, und ich — 252 6— ſah wohl, daß es da wieder einen Haken hatte, einen Haken, der mir recht ungelegen kam. Wenn man ohnedem die Hände ſo voll, und den Kopf ſo wirre hat, daß man beinahe nicht weiß, ob er noch gehörig auf dem Rumpfe ſitzt, kann es doch nichts Verdrieß⸗ licheres geben, als ſolche Zwiſchenſpiele. Und Doughby ſoll der gute Menou nur in Ruhe laſſen; der iſt wahrlich nicht der Mann, von einem Creolen, und hätte er fünfzig Zuckerpflanzungen, irgend etwas ein⸗ zuſtecken; und der Blick, mit dem er ihn maß,— war zu ſtark,— aber die Creolen haben nun ſchon ein⸗ mal die Kentuckier auf der unrechten Seite ihres Herzens. Die Antipathie datirt ſich von der Zeit der Vereinigung Louiſtana's mit der Union her, wo ſte, die Wahrheit zu geſtehen, wie die Hunnen und Van⸗ dalen vor Alters, den Miſſiſtppi herabſtürmten.— Ein Kentuckier iſt in der Louiſiana⸗Pflanzerſprache der Inbegriff aller Rohheit; und das iſt denn doch nicht mehr heut zu Tage der Fall. „Howard,“ bat Julie, die vor mir ſtand, der ich ſinnend überlegte, was wohl am beſten zu thun ſey. „Howard,“ bat ſie wieder,„helfen Sie!“ „Aber mein Gott, Julie, wie kann ich? Was kann — e 253 6— ich thun? Doughby ſoll ein Zimmer haben, verſteht ſich von ſelbſt; aber was kann ich für den Augenblick weiter thun? Auch, Julie, kann ich, die Wahrheit zu geſtehen, nicht begreifen, wie Sie, ein ſo zartfühlen⸗ des Mädchen, ſich ſo urplötzlich von der Leidenſchaft für einen Mann hinreißen laſſen können, den Sie kaum einen Tag lang kennen. Mein Gott, Sie haben Doughby vor vier oder fünf Stunden zum erſten Male geſehen.“ „Bei Mister Richards,“ fiel Julie erröthend ein. „Und wenn auch, ſo iſt das doch nicht lange genug, um bereits lichterloh zu brennen.“ Mir kam wirklich dieſer Liebesſchmerz recht unge⸗ legen. Der Kopf ſchwirrte mir ohnedem; von allen Seiten ſtürmte es auf mich ein, und zum Ueberfluſſe kommt die noch mit ihren Wehen gerade wie mit der Poſt angefahren. „Und dann,“ fuhr ich verweiſend fort,„in Gegen⸗ wart einer verſchmähenden Rivalin, die ihm vor Ihren Augen den Laufpaß gegeben. Wahrlich, liebe Julie, ein wenig mehr Selbſtachtung, Stolz, gegen⸗ über Miß Warren, würde gar nicht überflüſſig ſeyn.“ — o 254— „Howard, um Gottes Willen, Howard! wüßten Sie— 4 „WasN liebe Julie.“ „Ich ſoll Merveille— a „Was mit Merveille?" „Pater Hilaire iſt auf nächſten Dienſtag herauf⸗ beſtellt.“ „Doch nicht, um Sie mit Merveille zu verbinden? Glauben Sie das nicht; Papa hat mir ja kein Wort davon geſagt;— Louiſe weiß gleichfalls nichts davon.“ „Wie konnte er, da er ſeit drei Tagen nicht mit Ihnen geſprochen?“ erwiederte ſte ſtockend— dann verſagte ihr die Stimme, ein Thränenſtrom folgte. „Vorige Woche hatte Merveille um meine Hand an⸗ gehalten, und der Papa ſie ihm zugeſagt. Es kommt der alte Monſieur Merveille morgen; Abends ſoll der Kontrakt unterfertigt werden. Deshalb iſt auch Ma⸗ dame Duras mit,“ ſchluchzte ſte wieder;„der Papa hat es mir angekündigt; die Unterhandlungen haben über ein halbes Jahr gedauert.“ „Iſt doch nicht möglich; Louiſe weiß ja nichts davon.“ — 255— „O dieß iſt Familienſache;“ meinte Julie. „Iſt der Papa närriſch? Was! dieſer halbtodte, verfaulte Creole, der ſich kaum auf den Beinen fort⸗ ſchleppt, der keinen Tropfen geſunden Blutes in den Adern hat?“ „Sein Vater iſt ſehr reich, hat eine der erſten Zuckerpflanzungen, und Sie wiſſen, einen großen Theil der untern Vorſtadt— er will nach Frankreich zurück. u „Glückliche Reiſe, aber was ſollen Sie mit ihm? Würde mir ja Grauſen und Ekel erregen, mich mit einem ſolchen wandelnden Leichnam zu Bette zu legen. Nein, das darf nicht ſeyn. Da iſt Doughby ein anderer Mann, hat zwar keine zwanzig Ahnen, aber auch keinen Tropfen unreinen Blutes, und iſt er nicht reich, ſo kann er doch eine Frau ſtandesmäßig ernähren. Das iſt ein Mann für Sie— ein Ehren⸗ mann.“ „O Howard!“ flehte Julie. „Wild iſt er zwar,“ fuhr ich fort,„aber im Grunde genommen die beſte Seele; und wenn er auch ein bischen viel ſchwört und trinkt, ſo iſt mir ſein G— d d— lieber, als eines Andern bless ye. Er iſt mit —= 256 6— einem Worte ein reeller Burſche, dem man auf alle Weiſe helfen muß. Ich will ſogleich ſehen.“ Julie ging einigermaßen getröſtet; indem kam Louiſe von ihrer Inſpektionsreife mir entgegengehüpft, hinter ihr ihr Kammerzöfchen, die ſie zu einer fernern Erkurſton in Anſpruch nahm. „Aber mein Gott, Louiſe, ſtelle Dir nur vor, Papa hat Doughby vergeſſen, und Julie ſoll fort— 4 „Aber weißt Du auch, George,“ fiel ſie mit einer Miene ein, ſo ſittenrichterlich, daß Mistreß Houſton ſte nicht ſtrenger hätte anlegen können, nſie hat ſich auch abſcheulich blosgegeben— und ſo vor allen Leuten.“ 4. „Ich glaube, liebe Louiſe, wenn Du den ruinirten Merveille heirathen ſollteſt— „Aber Merveille iſt doch von guter Familie, von der Hauptlinie der Vergennes— mit der unſrigen verwandt.“ „Würdeſt Du ihn genommen haben?⸗ „Wie Du nur ſo fragen kannſt, närriſcher Menſch!“ lachte Louiſe, die wieder in das Zimmer zuruͤck⸗ getrippelt war, meinen weiſen Sittenſpruch ganz — o 257 6— überhörend:„was Du nicht willſt, daß Dir geſchehe, das thu' auch Andern nicht.“ Ich hatte jedoch keine übrige Zeit, den Prediger zu ſpielen, und rannte, meinen Schwiegervater auf⸗ zuſuchen. Er war auf dem Dampfſchiffe, die Ausladung der verſchiedenen Einkäufe beſorgend, die er in der Haupt⸗ ſtadt gemacht, und nun zum Theile ans Land ſchaffen ließ. Auf dem Wege zum Ufer kam Doughby wie im Sturme an mich angeprallt. Die Sonne war bereits untergegangen, aber ſo viel ich ſah, war der Mann in der höchſten Wuth. Er knirſchte mit den Zähnen, und faßte mich an, wie zum Kampfe auf Leben und Tod. „Howard!“ rief er, brüllte er;„Howard!“ rief er, mich bei den Schultern erfaſſend;„Howard!“ wenn mir das ein Anderer gethan hätte. Bei meiner Ehre, Howard! ſeine Tage ſollten gezählt ſeyn. Er oder ich, ſage ich.— Howard, was mir in Eurem Hauſe widerfahren!— Wäre es nicht der Vater Juliens, Euer Schwiegervater!“ „Ruhig, Doughby; ich weiß alles— Julie hat mir geſagt“— Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 17 —= 258 6— „Mich ſtehen zu laſſen, mir den Rücken zu wenden, wie einem Neger, mich keines Blickes zu würdigen, Allen Zimmern anzuweiſen“— „Ruhig, Doughby; Ihr ſeyd mein Gaſt. Ich bin der Herr in meinem Hauſe. Jetzt kommt, und ich will Euch ein Zimmer anweiſen. Ihr ſollt eins ha⸗ ben, und wenn ich Euch in das meinige legen ſollte.« „Nein, nein!“ ſchrie Doughby,„will nicht, kann nicht bleiben. Kann nicht bleiben;“ ſchrie er aber⸗ mals, mich mit ſich fortreißend.„Hört!“ rief er mir auf einmal in die Ohren;„hört, wie alt iſt Julie? — Wie alt iſt ſie? Sagt mir, ich bitte Euch um Got⸗ teswillen! wie alt iſt ſie? Sagt, ſagt an!“ „Was Teufel fällt Euch jetzt wieder ein?“ „Wie alt iſt ſie?“ ſchrie er mir abermals in die Ohren;„G—tt v— e Euch! Hört Ihr nicht? Könnt Ihr nicht das Maul aufthun? Wie alt iſt ſie?“ „Aber Doughby, ich glaube alles Ernſtes in Eurem Kopfe ſpuckt es, und in dem meines Schwiegervaters nicht minder. Wie kommt Ihr auf dieſe ſonderbare Frage?“ „Um Gotteswillen! wie alt iſt ſie?“ ſchrie mir der — 259 0— Tollkopf abermals in die Ohren, während er zugleich krampfhaft meine Arme erfaßte. „Neunzehn Jahre!“ Der Mann machte einen Rundſprung, der mich beinahe zu Boden warf. Augenblicklich faßte er mich jedoch wieder bei dem Arme und ſchaute mir ſtarr in die Augen. „Könnt Ihr mir das ſchriftlich geben?“ „Aber Doughby wozu?— was fällt Euch ein?“ „Schriftlich geben wollt Ihr es mir? Ihr thut es, herzensguter, theurer, lieber, ſüßer, goldener Howard. Ihr thut es; nicht wahr Ihr thut es?“ Und mit dieſen Worten zog, zerrte mich der Mann dem Hauſe zu; ich mochte wollen oder nicht, ich mußte ihm folgen. „Gebt mir's,“ raunte er mir leiſer in die Ohren, „gebt mir's geſchwind; gebt, gebt!“ Ich rannte, um den Tollen nur zu beſchwichtigen, über Hals und Kopf meinem Sekretär zu, wo ich das Schreibzeug ſtehen geſehen hatte, riß ein Blatt Papier ab, ſchrieb, was er verlangte, meinen Namen darun⸗ ter, und überreichte ihm das Papier. 17* — 260 6— Er nahm es, überlas es, ſteckte es in ſein Noten⸗ buch, wurde auf einmal wieder nachdenklich. „Kann doch alles nichts helfen;“ ſprach er endlich. Ich ſah den Mann an, und er ſchien mir wirklich total verrückt. „Jetzt kommt, hier iſt Euer Zimmer; der Franzoſe und Creole müſſen ſich anderweitig behelfen. In mei⸗ nem Hauſe ſollen meine Freunde, Amerikaner, nicht Fremden nachſtehen, und wären ſie hundertmal Cou⸗ ſins und Schwäger dazu.“ Doughby ließ mich nicht ausreden, ſondern rannte fort. Das Erzittern der Fenſter verkündete ein an⸗ kommendes Dampfſchiff. Fünfzig Schritte vom Hauſe hielt er; ich rannte auf ihn zu, durch einen Haufen meiner Neger, die glauben mußten, wir Beide ſeyen halb verrückt— Doughby war bereits wie halb raſend dem Ufer zugeſprungen— von dem Menou mir ent⸗ gegenkam. „Haben Sie Mister Doughby nicht geſehen?“ „Nein, ich komme vom Alexandria. Jemand ſprang dreißig Schritte an mir vorüber. Vielleicht iſt es Ihr Freund.“ Die Worte waren ſpitzig, ironiſch geſprochen. —— —= 261 G— „Er iſt ganz toll wegen des Affronts, den Sie ihm zugefügt, und deſſen Grund ich mir wirklich nicht er⸗ klären kann. Wirklich Papa, Sie haben einen am ganzen Mittel⸗Miſſtſtppi hoch geachteten jungen Mann, einen Freund von mir, vor den Kopf auf eine Weiſe geſtoßen— mir ihn aus dem Hauſe getrieben.“ „Ich ihn aus Ihrem Hauſe getrieben?“ fragte Menou. „Je nun, anders kann ich es nicht heißen, wenn Sie ihm den Rücken kehren, und allen Gäſten Zim⸗ mer anweiſen, nur ihm die freie Wahl laſſen, in einer Negerhütte oder der Wälſchkornkrippe ſein Nachtlager zu ſuchen.“ „Da gehört er wahrſcheinlich eher hin, als unter Gentlemen!“ ſprach Menou.„Mister Howard,“ fuhr er ernſter ſort,„ich bin gewohnt, mit Gentlemen als Gentleman umzugehen; aber Barbaren und Bauern als ſolche zu behandeln. Ich werde nie einen Menſchen, der den erſten Grundſätzen der Geſittung ſo ſehr Hohn ſpricht, wie dieſer wilde Kentuckier, als Gentleman behandeln.“ „Aber Mister Doughby hat doch, ſo viel ich weiß, — o 262— der guten Lebensart, in Ihrem Beiſeyn wenigſtens, nicht Hohn geſprochen.“ „Iſt das nicht Hohn geſprochen, im Angeſichte des Vaters mit der Tochter Liebesblicke zu wechſeln? eine Liebelei zu beginnen, ohne Vorwiſſen, ohne Erlaub⸗ niß?2⸗ „Liebelei zu beginnen, ohne Erlaubniß? Davon weiß ich kein Wort, Papa. Mister Doughby ſah Julien zum erſten Male— es iſt nicht länger als vier Stunden. Sie hat Eindruck gemacht auf ihn, und ich geſtehe, ich ſehe daran gar nichts Unrechtes. Er iſt frei, jung, ledig, hat ſich ein ſchönes Vermögen erworben, und iſt in jeder Hinſicht geeignet, eine junge Dame glücklich zu machen.— Daß er ſein Auge mehr ſprechen ließ, als der gute Ton billigt, müſſen Sie ſeiner glühenden, ſprudelnden Kentucky⸗Natur zu gute halten. Auch nicht das mindeſte Anſtößige iſt vor⸗ gegangen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Ich habe genug geſehen, Mister Howard;“ ſprach mein Schwiegervater, der immer empfindlicher werden zu wollen ſchien,„um Urſache zu haben, meine Miß⸗ billigung auf eine eklatante Weiſe an Tag zu legen. Sie ſind Herr in Ihrem Hauſe, und mögen Ihre —"d 263 e— Freunde empfangen, aber ich verbitte mir jede An⸗ näherung von Seite dieſes rauhen, rohen Kentuckiers. „Nun auf Ehre, Papa, das iſt die ſeltſamſte Sprache, die ich in meinem Leben je gehört. Sie ſind beleidigt über etwas, das jeden andern Vater mit Vergnügen erfüllt haben würde, beleidigt darü⸗ ber, daß ein achtbarer Mann ehrenwerthe Abſichten gegen ihre Tochter hegt, und ſtoßen dieſen Mann zu⸗ rück, weil er nicht zuerſt bei Ihnen um Ihre Erlaub⸗ niß nachgeſucht hat. Welches amerikaniſche Mädchen würde den Mann eines Blickes würdigen, der nicht zuerſt ſie, ſondern ihre Eltern befragte? Nach meinen Anſichten hat weder Julie noch Doughby die arge Behandlung verdient, die ihnen ſo eben widerfahren iſt.“ „Ich ſehe,“ brach Menou ab,„Sie haben Ihre amerikaniſchen Anſichten, ich habe meine franzöſiſchen, und— Gott ſey Dank! die Geſetze unſeres Landes ſind für mich.“ „Das mag ſeyn, aber Sie werden ſich doch nicht das Recht anmaßen, die Freiheit Ihrer Tochter in dem wichtigſten Punkte zu verkürzen?“ „Und wer bin ich denn?“ fragte Menou.„Bin ich nicht der Vater meines Kindes?“ —"e 264 3— Ich ſchaute den Mann an, und ſah zugleich, daß ich wirklich einen Franzoſen und keinen Amerikaner vor mir hatte. Dieſe Menſchen ſind eben ſo wohl die Deſpoten ihrer Familien, kommandiren ihre Töch⸗ ter, Söhne und Weiber, als ſie wieder ſelbſt komman⸗ dirt zu werden gewohnt ſind.— Es ſind wunderliche Menſchen dieſe Franzoſen und ihre Abkömmlinge, gebildet, geſittet, civiliſirt, gezähmt ſollte ich ſagen, aber die Elemente zur wahren Freiheit werden ſich bei ihnen nimmermehr anſetzen. Ihre ganze Natur iſt deſpotiſch.. 3 „Sie ſind Vater,“ hob ich nach einer Pauſe wie⸗ der an, denn das Schickſal der guten Julie ging mir nahe;„aber warum nicht Julien die Freiheit laſſen, die das ärmſte amerikaniſche Mädchen beſitzt, und ohne die kein Eheglück beſtehen kann?“ „Mister Howard, obwohl er von einer altadeligen engliſchen Familie ſtammt,“ lächelte Menou ironiſch, „ſcheint doch wenig von den Ideen zu wiſſen, die jede gute Familie bei ihren Verbindungen zum Leitfaden nehmen muß, wenn ſie ſich nicht im großen Haufen verlieren ſoll.— Eben weil das ärmſte Mädchen frei — o 265 iſt, müſſen unſere Töchter eine Freiheit verſchmähen, die ſie dem großen Haufen gleich ſetzt.⸗ „Da halte ich es mit dem großen Haufen, und was Sie ſo eben ſagen, mag alles recht wohl für den Hof von Verſailles paſſen, lieber Papa; aber hier bei uns, glaube ich, kommen Sie mit ſolchen Anſichten zu kurz; und was Mister Doughby betrifft, ſo bitte ich Sie, Ihr Benehmen nach Möglichkeit ſchonend ſeyn zu laſſen. Er iſt nicht der Mann, irgend eine Beleidigung einzuſtecken.“ „Sprechen Sie mir nicht mehr von dem wilden Jackſoniſten, dem Barbaren, dem Kentuckier.“ „Laſſen Sie ihn Jackſon⸗Mann ſeyn, was geht das Sie an? Mistreß Houſton iſt für Adams, Richards gleichfalls, ich bin für keinen der drei Kandidaten; eben ſo lieb möchte ich den Teufel, als einen dieſer drei; aber Doughby iſt mein Freund, Mistreß Hou⸗ ſtons und Richards Freund, der Freund von Tau⸗ ſenden ſeiner politiſchen Antagoniſten. Sie werden doch nicht Alle für Ihre Feinde erklären, die entge⸗ gengeſetzter politiſcher Meinung ſind?“ „Aber auch nicht für meine Freunde, und am wenigſten werde ich erlauben, daß ſie in nähere Be⸗ —=3 266 6— ziehung zu meiner Familie treten. Sie ſind Herr in Ihrem Hauſe, Mister Howard, ich in dem meinigen, und ich will meine Arrangements nicht auf dieſe Weiſe geſtört ſehen. Mit einem Worte, dieſer Menſch iſt mir inconvenant.“ „Alſo wäre es wirklich, wovor Julie zittert, ſie wollten Sie mit dem elenden Merveille— 2“ „Vergebung, Mister Howard, Monſieur de Mer⸗ veille iſt der Sohn eines der erſten Männer im Staate, eines der erſten Zuckerpflanzer, der einen ſehr bedeu⸗ tenden Theil der Hauptſtadt eignet.— Von ſolchen Männern ſind wir gewohnt mit einer gewiſſen Ach⸗ tung zu ſprechen, ſelbſt wenn ſie nicht mit unſerer Familie in ſo nahen blutsverwandtlichen Verhältniſſen ſtünden. Er iſt aus der Hauptbranche der Vergennes, die ſich in Louiſiana niedergelaſſen— ſeine Familie ſehr gut in den Tuilerien angeſchrieben.“ „Aber mein Gott, was gehen uns die Tuilerien an?“ „Die Angelegenheit iſt ſchon ſeit vielen Jahren,“ fuhr Menou fort,„abgemacht. Ich habe einem mei⸗ ner Kinder eine mariage par inclination geſtattet,— es iſt billig, daß das andere den Convenancen des —— —ᷣ—ᷣ—ᷣ—— — 9 267 G— Hauſes ein kleines Opfer bringe, um ſo mehr, als es für dieſes kleine Opfer tauſendfach entſchädigt wird.“ Der Mann war, indem er ſo ſprach, ganz gewand⸗ ter, halbtänzelnder Hofmann geworden. Sie wird in Frankreich leben, elle verra la belle, la glorieuse France— Paris— ah Francel“ rief er die Hände reibend. „Aber mein Gott, ſind Sie denn nicht Amerikaner? in Amerika geboren?“ „Ich bin ein geborner Franzoſe,“ ſprach Menou, ſich in die Bruſt werfend.„Je suis Francais, né en Louisiana quand Louisiana était française. Je suis Francçais.“ Ich wandte mich, und dachte, ein Narr biſt du. Allen Reſpekt vor dem Franzoſenthum; aber in der Wagſchale des amerikaniſchen Bürgerthums— pah! wiegt es federleicht. Ein geborner, freier ameri⸗ kaniſcher Bürger iſt das ſchönſte Attribut, das es für den Mann geben kann, und dieſes Attribut, wie der dumme Eſau ſein Geburtsrecht für ein Linſengericht des Franzoſenthums hinzugeben!— ich kann ſolche Narrheiten nicht ausſtehen. In dieſem Augenblick kam Doughby herangerannt. — 0 268 6— So wie ihn Menou erblickte, wandte er ihm den Rücken. Doughby verbeugte ſich, und wollte fort. „Halt Doughby, Ihr müßt hier bleiben. Keine Narrheiten.“ „Will ein andermal kommen; jetzt muß ich fort.“ „Ihr bleibt, ſage ich." „Will ein anderes Mal kommen.“ „Doughby, Ihr beleidigt mich.“ „Das thut mir leid, Howard; muß aber den Red⸗ river hinab.“ Und fort rannte er, dem Strome zu, ſchrie das Dampfſchiff an, das bereits zu ſehen war, nannte ſeinen Namen, und der bald darauf durch das Ventil ausziſchende Dampf verrieth, daß er gehört worden war. „Doughby,“ ſprach ich, als ich wieder an ſeiner Seite war;„ſo ſeyd doch nur klug!“ „Howard, laßt mich, und wenn Ihr mich liebt, ſo geht. Ich bitte Euch recht ſehr— geht.“ „Doughby, Ihr müßt mit mir.“ „Nicht dieſes Mal, Howard— nicht dieſes Mal.“ Er rannte an das Ufer hinab, und ſchrie ein Hallo. Ich hatte ihn gerade wieder am Rockzipfel erfaßt, —=0 269 6— als er ins Boot ſprang; beinahe hätte er mich in den Strom mit hinabgeriſſen. Ich war halb toll; hier ein wackerer Freund fort, ein Wildfang, das iſt wahr, hat aber ſo viel reelles Blut im Leibe, als ein Dutzend Creolen zu Männern machen könnte. Und zwiſchen mir und meinem Schwiegervater die Span⸗ nung. Ich geſtehe, der letzte Auftritt ekelte mich bei⸗ nahe an. Dieſes theatraliſche„je suis Français!“— Mir iſt ein ſolcher ſaft⸗ und kraftloſer Pathos von ganzem Herzen zuwieder. Dieſe Creolen werden alle Tage ihres Lebens keine Amerikaner. Und dann ihre Convenancen— ſtie ſchließen die Heirathen ihrer Kin⸗ der ab, und fertigen Kontrakte, gerade wie Dynaſten; — Convenance iſt ihr drittes Wort,— Neigung, Freiheit kommen gar nicht zur Sprache. Als ich in den Salon trat, fand ich den Capitän der Alexandria, der einige Erfriſchungen zu ſich nahm; die Schiffsleute hatten ihren Theil auf das Verdeck erhalten. Julie kam aus Papa's Zimmer mit ihrer ſchwarzen Zofe, die Schachteln und Päckchen in den Händen hielt; ſie war bleich und abgeweint. —= 270— „Mister Doughby iſt den Redriver hinab, bemerkte ich. Julie wenigſtens könnte nun bleiben.“ „Mama iſt allein zu Hauſe;“ war die Antwort des Papa. „Ma chère flle,“ wandte er ſich zur Tochter— „tu vas voir maman.“ „Oui papa,“ erwiederte Julie ſchluchzend. „Tu diras, que nous viendrons demain.“ „Oui papa,“ ſchluchzte Julie abermals. „Va, ma petite,“ ſprach der Mann, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab, und ſie umarmte. Das ſah alles recht väterlich aus, lobe mir aber den ehrlichen Händedruck eines echt amerikaniſchen Vaters. Der Capitän hatte ausgetrunken, und nahm Ab⸗ ſchied. Menou empfahl Julien ſeiner Obſorge und die Beiden gingen, von uns zur Schwelle begleitet. Louiſe kam gerade von einem neuen Inſpektions⸗Aus⸗ fluge in den Saal. „Theure Louiſe, die Schweſter iſt ſo eben die Piazza hinab, auf das Dampfſchiff.“ Und hinaus fliegt ſie, hinab, der Schweſter nach, dieſer um den Hals—„Va ma chère Julie, nous —" 271— viendrons bientòt— mille baisers à mamam— ma petite bonne Julie— va, ma petite bonne Julie!“ In zehn Sekunden war ſie wieder zurück.„Mais papa, qu'as-tu-fait? Horrible! Papa, qu'as-tu fait?“ „Mais ma petite chère Louise!“ „Qu'as-tu fait?“ rief Louiſe. Ich dachte, die ſympathetiſche Aufwallung gelte der Schweſter. „Les rideaux— blau und roth ſeidene Vorhänge in Mistreß Houſtons Zimmer— Horrible! blau und roth! 4 „Mais ma chère Louise“— beſchwichtigte ſie der Papa. Sie ließ ſich aber nicht beſchwichtigen. „Im Zimmer der Tante Duras pappelgrün und coquelicotroth! Abominable! Viens voir papa.“ Und fort zog ſie den Papa in die Zimmer, und dieſer rannte mit allen Symptomen des Schreckens, das horrible Ding, hochroth und pappelgrün zu ſchauen, und darüber Julie und alle ihre Wehen zu vergeſſen. „Das nenne ich doch leichtes franzöſiſches Geblüt!“ lachte ich halb toll. —=b 272 6— Als ſie den Papa durch alle Zimmer geſchleppt hatte, zog ſie ihn in die unſrigen, wo bereits mehrere Verſchläge und Kiſten geöffnet, und Blondes, Seiden⸗ ſtoffe, Kinderhäubchen, Strümpfe und Strümpfchen, Peignoirs, Shawls, Indiennes, Gauzes, und der Himmel weiß was, ausgekramt, und alle Seſſel, Kommoden, Betten und Tiſche beladen waren. „Aber mein Gott, Louiſe, dieſe Dinge konnten doch warten— und Papa, wozu einen ſolchen Wuſt von Kleidungsſachen— ſo viel Geld unnütz ausgeben? dieſe Ausſtattung könnte einer franzöſtſchen Prinzeſſin Genüge leiſten.“ Louiſe lachte.—„Ah, Du weißt nichts von der Ausſtattung der Herzogin von Berry.— O prächtig! Ah!“ rief ſie entzückt, in die Hände klatſchend. „Zu der kontribuirten zweiunddreißig Millionen Franzoſen, zu der Deinigen nur fünfzig Neger.“ Sie lacht, und ſpringt in den Saal zurück, wo die Damen erſchienen ſind, und zieht ſie herein, und ſte Alle kommen, und beginnen nun zu ſchauen, zu prü⸗ fen, zu ordnen, zu klaſſtfiziren. Im Ganzen kam mir das Divertiſſement nicht un⸗ gelegen, denn es zerſtreute wenigſtens meine Gäſte, —=0 273 6— und lenkte ihre Aufmerkſamkeit von Doughby ab, der offenbar bei Allen einen Stein im Brette hat. Menoun ſieht bei weitem nicht mehr die freundlichen Geſichter, die ihn beim Empfange anlachten. Mis⸗ treß Houſtons Antworten klingen einſyolbig, beinahe froſtig; und auch Mistreß Richards ſcheint es darauf angelegt zu haben, ihn fühlen zu laſſen, daß der Mann, den ſie ihrer Geſellſchaft würdig erachtet, nicht ungeſtraft gekränkt werden dürfe. Das iſt ganz in der Ordnung, und dieſe Meinungsunabhängigkeit gereicht ihnen zur Ehre, obwohl ſie mich wieder in eine peinliche Lage verſetzt. Ich komme mir vor, wie ein Neutraler zwiſchen zwei kriegführenden, oder die Vorbereitungen zum Kriegführen treffenden Mäch⸗ ten;— beide Parteien ſehen mich an, als wenn mir nicht recht zu trauen wäre. Die Dampfſchiffe ſind abgegangen— die Revue iſt zum Theile vorüber— der Reſt ſoll morgen vorgenommen werden.— Wir gehen zur Abendtafel, aber, obgleich ſie glänzend be⸗ ſtellt iſt(Menou hat ſeine Köchin von oben herab⸗⸗ gebracht, die es immerhin mit den franzöſiſchen Re⸗ ſtaurateurs in der Hauptſtadt aufnehmen könnte), Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 18 —" 274— die wahre Würze fehlt— die Heiterkeit.— Um eilf Uhr waren wir Alle zu Bette. XI. Sehr überraſchend. Taby hat eine Kapital⸗Niederlage erlitten; Zwil⸗ linge, die heute Morgens nach fünf Uhr ans Licht der Welt gezogen wurden. Sibylle kam geſprungen, riß triumphirend die Thüre unſeres Schlafzimmers auf, die Moſchettovorhänge auseinander, und kreiſchte mir in die Ohren:„Maſſa Maum glücklich ſeyn. Zwei Picanini, Taby zwei Picanini, Maſſa Maum zwei Picanini, zwei Picanini Taby haben, Picanini Taby. So ging es fünf Minuten fort. Ich rieb mir die Augen, Louiſe war ſchon aufgeſprungen, hatte ein Peignoir, das ihr die ſchwarze Zofe über⸗ reichte, umgeworfen, und ehe ich noch ganz wußte, wie mir geſchah, war ſie fort.— Ich erhob mich gleichfalls, warf den Schlafrock um, und traf ſie auf der Treppe, bereits auf dem Rückwege, mit dem Papa im heſtigen Wortſchwalle:„Mais papa, was haſt 2 —" 275— Du gemacht, Papa? aber Papa, wie Du nur ſo ſeyn kannſt? Alle Zimmer im Hauſe vergeben, wo wird Taby ihre Wochen halten? ſie kann doch nicht in der Hütte bleiben? Papa, wie Du nur ſo vergeſſen ſeyn kannſt?“ Und der Papa ſchlägt ſich auf die Stirne. „Mon dieu, tu as raison, j'ai oublié.“ Er weiß ſich jedoch zu helfen. Merveille und Vergennes müſſen in die leer ſtehende Wohnung des Aufſehers.„Da bin ja aber ich,“ ſagte Charles,„und die drei andern Zimmer haben unſere Neger.“„Oui, oui.“„Wohl, ſo legt Taby in Charles Zimmer, ihre Neger gehen ohnedem heute ab.“„Was!“ riefen Vater und Tochter.„Was! bei uns iſt es immer Sitte, daß die Wöchnerinnen im Hinterſalon untergebracht werden. Es wäre inhuman— keine Familie von gutem Tone thut es, nicht wahr Merveille, Sie geben Ihr Zim⸗ mer?“ Merveille war auch durch den Lärm aufge⸗ ſtöbert worden.„Von ganzem Herzen,“ ſagt er, „auf unſerer Pflanzung gehen die Wöchnerinnen Allem vor.“ Ich ſah den Mann an, und mußte ob der Zuverſicht, mit der er ſprach, beinahe lachen. Jeden Monat eine Verſchwörung in ſeines Vaters Pflanzung, der ein eingefleiſchter Teufel iſt, und ſeine 18* — e 276 e— Neger mit ſo kaltem Blute bis auf die Beine zerflei⸗ ſchen laſſen kann, daß er unzählige Male bereits in Lebensgefahr war;— und die Neugebornen müſſen im Salon untergebracht werden!!— Sind wahre Metzger dieſe Creolen unter Neworleans, die ihr Menſchenfleiſch aufziehen laſſen, wie jene die Kälber. Doch auch Mistreß Houſton ſtimmt für die Ueber⸗ ſtedelung Tabys in das Haus. Sie kam gleichfalls an, wie ſie hörte, was vorgefallen.„Meine Kinder und Wöchnerinnen,“ ſagt ſte,„ſind immer im hintern Salon, in meiner Nähe, ſo daß jede Art von Hülfs⸗ leiſtung ihnen ſogleich gereicht werden kann, und ſie ſtets unter meinen Augen ſind;— ſo lange ich das nicht that, blieben mir von dreißig Kindern nicht ſechs am Leben. Sie glauben nicht, wie unbeſonnen, leichtſinnig dieſe Negermütter ſind.“„Wohl geſpro⸗ chen;“ bekräftigten Menou und Louiſe mit der Miene von Gerichtspräſidenten. Und ſofort ſetzt ſich der Zug in Bewegung, um der Wöchnerin Beſuche ab⸗ zuſtatten, die der geſtrige Freudentaumel um vierzehn Tage früher, als es berechnet war, ihrer Doppellaſt entbunden hatte; Mistreß Houſton und Madame Duras an der Spitze, ziehen ſte dem Negerdorfe zu. —⸗ ☛ — 277 6— Alle erkundigen ſich freundlich und wohlwollend nach dem Befinden Tabys, die in einem fortplappert.— O Maſſa Maum, zwei Pieanini, Maſſa Maum, das Maſſas Picanini ſeyn.“ Es hilft nichts, daß ihr befohlen wird, das Maul zu halten, ihre Geſundheit würde leiden,— des Maſſa Picanini war kein Ende. Mistreß Houſton war zurück in ihr Zimmer, und kam mit einem rothſeidenen Tuche, das ſie ihr zum Angebinde verehrte; Madame Duras that ein gleiches- mit einem blauen, und Mistreß Richards fügte ein⸗ weißes hinzu; da hat ſie die drei revolutionären Fax⸗ ben beiſammen. Soll einer noch ſagen, daß unſere Neger unmenſchlich behandelt werden; die Geburt. eines Prinzen hätte nicht mehr Jubel und Confuſton— erregen können. Selbſt Doughby iſt rein vergeſſen, unſer Frühſtück muß warten, bis Taby in das Haus herüber transportirt— und in einem Bette gelagert iſt, auf dem ſich die erſte Dame recht behaglich geſtreckt haben würde. Die Glocke ſchlug neun Uhr, ehe wir uns, in einer recht frohen, gemüthlichen Stimmung, zum Dejeuner niederſetzten. Die zwei kleinen Bälge waren wirklich ganz à propos und gleichſam als Vermittler zwiſchen mich und meine Gäſte getreten; —“= 278 6— die Saiten unſeres Mitgefühls leiſe berührend, er⸗ weckten ſie die zarten Töne, und ſie erklangen in Harmonie verſchmelzend. Wir ſaßen, wie geſagt, Alle recht fröhlich und munter beim Frühſtücke, als das Erzittern unſerer Fenſter abermals ein Dampſſchiff verkündete. Ich ſandte Phöbe, zu ſehen, ob es herauf oder herab komme; herab, war die Antwort; worauf ich die Tafel verließ, um einige Beſtellungen in der Haupt⸗ ſtadt zu machen. Es war der Montezouma, der herab kam, und auf meinen Landungsplatz zu rundete. Eine zahlreiche Gruppe von Paſſagieren ſtand am Verdecke, meiſtens Hinterwäldler im Redriver⸗Coſtüm. Ich ging einige Male auf dem Landungsplatze auf und ab, der Ankunft harrend, als ich meinen Namen in vertraulichem Tone rufen hörte—„Howard, Howard! grüße Euch, Howard!“—„Wer iſt das? die Stimme iſt mir bekannt.“„Howard!“ ſchreit es noch einmal; ich ſchaue— wahrhaftig das iſt Doughby. Wie kommt der auf den Montezouma? Er ging doch geſtern auf dem Redriver⸗Dampfer den Fluß hinab, ich dachte mir ihn bei dieſer Zeit nahe an Woodville. Seltſam! Es iſt wirklich Doughby, — — — 279 6— der mit Händen und Füßen antreibt, und die Zeit nicht abwarten kann, bis das Schiff angefahren iſt. Endlich legt es an, die Bretter erreichen das Land, und Doughby ſpringt mit zwei Sätzen darüber, und liegt in meinen Armen. Ja wahrhaftig in meinen Armen, ſo unamerikaniſch dieſes auch klingen mag. „Howard!“ ſchreit er mir in die Ohren, mit vor Freude erſtickter Stimme—„Howard, jetzt bin ich ein Mann!“ „Doughby, herzlich willkommen!— Freut mich, Euch zu ſehen.“ „Ein Mann, ſage ich Cuch, bin ich!“ ſchrie Doughby, mich herzend, drückend.„Ein Mann, ein glücklicher Mann.— Geſtern noch war ich nur ein halber Mann, nur halb. Howard, jetzt bin ich ein ganzer Mann!“ „Freut mich, Doughby. Aber, was Teufel! Ich glaubte, Ihr wäret den Red⸗River hinab, und bei dieſer Zeit zu Hauſe, oder nicht ferne davon.“ „Dachtet Ihr, Howard?“ jubelte Doughby, und ſo dachte ich geſtern auch, fügte ſich aber anders, beſſer, ſage ich Euch, bin ein Mann, ein glücklicher Mann!" rief er wieder frohlockend. —=8 280 6— Ich ſah ihn an und ſchüttelte den Kopf. Der Mann war Jubel und Frohlocken, aber ein Narr. „Doughby, Ihr ſeyd auf alle Fälle willkommen, recht ſehr willkommen. Aber wo waret Ihr? Wo kommt Ihr her?“ „Hoffe es, hoffe es;“ lachte Doughby.„Wo ich war? beim Squire Turnip war ich, Mann.“ „Beim Squire Turnip!⸗ rief ich verwundert.„Gu⸗ ter Gott! was machtet Ihr beim Squire Turnip?“ „Was ich da machte, Mann?“ jubelte Doughby. „Sollt es hören, ſo gut ich es von mir geben kann. Sollt Alles hören, genau hören. Werdet Euch wun⸗ dern. Mich ſelbſt wundert es, weiß jetzt noch nicht, wie mir geſchieht, kommt mir immer noch wie ein Traum vor, will mir nicht recht in den Kopf, und zweifle zuweilen an meinem Glücke; aber läßt ſich nicht mehr zweifeln, Mann; habe es ſchwarz auf weiß.“ „Was habt Ihr ſchwarz auf weiß?“ „Bin Mann und Weib,“ rief Doughby, der ju⸗ belnd ſein Notenbuch aus der Bruſttaſche riß.„Mann und Weib, Howard, ſage es Euch, mit Julie Menou, — 281 6— ſage ich Euch— ſchwarz auf weiß, ſage ich Guch;; da habt Ihrs.“ „Den Teufel ſeyd Ihr! ein Narr ſeyd Ihr!“ ſchrie ich. Der Mann hat überſchnappt, es iſt richtiz. „Mann und Weib mit Julien!“ rief er.„Da habt Ihr es, ſchwarz auf weiß.“ Und bei meiner Seele! es iſt ſo. In meiner Hand hielt ich den Trauungsſchein über das Ehebündniß, geſchloſſen zwiſchen Ralph Doughby Esq. of New- Feliciana, La;— mit der ſehr ſtttſamen, tugend⸗ reichen Demoiselle de Menou Rapides, Cy, of the same state, durch John Absalon Turnip, justice of the peace, etc. und gefertigt von demſelben ehren⸗ werthen Manne. Ich ſtand wie verſteinert. „Aber Mann, ſeyd Ihr denn Beide vom Teufel beſeſſen?“ „Was beſeſſen? Howard? geſcheidt waren wir, pfiffiger, vernünftiger als Ihr und Menou und Alle zuſammen. Das vernünftigſte haben wir gethan, was ſich thun ließ. Werden uns da lange herum⸗ —“= 282 6— zerren, liebſchafteln. Haſſe Euch das lange Girren; kurz und gut, wie wir es in Kentucky thun.“ „Mein Gott, aber Julie, wie konnte ſie ſich nur ſo plötzlich, ſo ſehr vergeſſen!“ rief ich. „Holla Howard! gebt acht auf Eure Zunge; hört Ihr, ſeyd zwar mein Schwager, aber über Julien müßt Ihr nicht ſo ſprechen. Iſt mein Weib, ſage ich Euch. Bin ihr Mann, bin Mann und Weib. Soll kommen, der etwas dawider hat— ſoll, ſoll, will ihn ſehen. Den Teufel hat ſie ſich vergeſſen; recht hat ſie gehabt.“ Doughby war wieder auf. „Hört Ihr!“ rief er, mich bei beiden Armen er⸗ faſſend.„Als ich ſo Menou Geſichter ſchneiden ſah, mag ſonſt ein recht braver Mann ſeyn; aber für einen Mounshour Tonson hat er verdammt wenig Manie⸗ ren, ſonſt hätte er mir den Rücken nicht gewendet. Das vergebe ich ihm ſobald nicht. Iſt der Erſte, der mir es gethan, ſoll auch der Letzte ſeyn. Aber ſah wohl, daß ich, ohne irgend einen Hauptſtreich, wieder mit leerer Hand würde abziehen müſſen. Dachte mir— Er hielt an, um auszuſchnauben. —,— —=h 283 6— „War mir doch ſo wunderlich zu Muthe,“ fuhr er fort, mich wieder mit beiden Händen erfaſſend;„daß ich es Euch ſchier nicht ſagen kann. War des Mannes Glück, daß ich in ſeine Tochter ſo ſchrecklich verliebt war; ſage es auch aufrichtig; wäre ihm ſonſt übel gegangen. War Euch doch ſo toll, in meinem Leben war ich Euch nicht ſo toll; trieb mich auf und ab, vorwärts und rückwärts, rannte Euch herum, wie ein Koller, hatte nicht Ruhe, nicht Raſt, ließ mich nicht in Eurem Hauſe, trieb mich hinaus, wieder zurück, und als ich ſo zurückkam, wen ſehe ich, wen anders, als meine ſüße, liebe, herzige Julie, die, wie vom Himmel geſandt, ſcheu und furchtſam ſich um⸗ ſchaut, ob ſie wohl Jemand ſieht. Ich war mit einem Satze bei ihr; theure Miß, ſage ich, vergeben ſie, daß ich ſie nicht mit dem verdammten Demohſelle anrede, will mir nicht von der Zunge. Miß iſt ſo viel kürzer; theure Miß, ſage ich, und da ſtockt es wieder, kann nicht mehr ſagen, kein Wort mehr her⸗ vorbringen, und wenn ich mehr konnte, will ich Euch wie ein Büffel erſchoſſen ſeyn, oder in Eurem Red⸗ River verſinken, ſo ſchlecht ſein Waſſer auch iſt.“ „Theurer Mister Doughby, ſagt ſie, und drückte — 284 6— mir wieder die Hand, ich hatte ſie ihr nämlich zuerſt gedrückt; drückte ſie mir wieder, aber ſo ſanft, ſo leicht, und doch, Howard, bei Jingo, Howard; zuckte mir durch alle Glieder.“ „Theure Julie, ſagt' ich, ich muß gehen, ihr Papa— und drückte ihr die Hand wieder.“ „Theurer Mister Doughby, ſagt ſte— ach, der Papa— ich muß auch gehen; heute noch muß ich nach Hauſe— und wieder drückte ſte mir die Hand, und eine Thräne perlte ihr aus den Augen.“ „Theure Julie, ich liebe ſie, liebe ſte zum Ster⸗ ben; mein Gott, liebe ſie, wie ich noch nie eine ge⸗ liebt. Sie müſſen mein Weib ſeyn oder Keine.“ „Aber der Papa, ſagte ſte, und drückte mir die Hand, und ſchlägt die Augen zu Boden, und weint. — Ums Himmelswillen, der Papa, flüſtert ſie— wenn Papa uns ſieht; und ſie zieht ihre Hand aus der meinigen, und wendet ſich von mir ab, und ihre Thränen fließen ſtärker, und mir wird ſo bange, als ob es mir das Herz abdrücken wollte.“ „Ich darf nicht, flüſterte ſte, der Papa.— O wüßten ſie Mister Doughby, wie unglücklich ich bin. Sie ſchluchzte laut.“ —= 285 6— „Das ſollen ſie nicht, bei meiner Seele! das ſollen ſie nicht. Gott v— e mich, ſage ich, wenn ſie das ſollen. Glücklich ſollen ſie ſeyn, das glücklichſte Weib, ich der glücklichſte Mann; ich ſchwöre es ihnen. Glücklich ſollen ſie ſeyn.“ „Sie richtet ihre thränenfeuchten Augen auf mich, und ſchaut mich an, ob es mir auch Ernſt ſey. Auf einmal reißt ſte ihre Hand los, wendet ſich; ach der Papa! ſchluchzt ſte, und rennt fort, als ob ein Dutzend wilder Stiere hinter ihr her wären.“ „Aber mein Gott!“ rief ich wieder,„wie konnte nur das Mädchen gar ſo unzart, ſo unweiblich— 4 „Hol Euch der Henker mit Eurem Geſchwätze!“ rief Doughby ungeduldig.„Glaubt Ihr, ein Mäd⸗ chen, das zittert vor Lebensluſt und heißem Blute, iſt von Stein, und nicht Fleiſch und Blut, wie Ihr und ich? Sieht Euch da mit Eurem Weibe koſen, girren, und den trockenen, ledernen Richards auch, und hat die Ausſicht bei dem ausgemergelten, verfaulten Creolen alle Tage ihres Lebens die Krankenwärterin zu ſpielen. Glaubt Ihr, ein Mädchen liebt ſo etwas?“ Das war es. Aufgeregte Sinnlichkeit auf der einen Seite, Furcht und Abſcheu auf der andern; — e 286 0— in dieſem Conflicte tritt Doughby wie ein Deus ex machina dazwiſchen; was Wunder, ſie ergreift die rettende Hand! „Fahrt fort, Doughby.“ „Wie Julie nun ſo ſagt, Doughby, theurer Doughby, und wüßten ſie, wie unglücklich ich bin, da war es mir doch ſo wehe und wohl ums Herz, kann Euch gar nicht ſagen, wie wohl und wehe. Wußte nun, daß ſie mich gerne hatte; ſah aber auch, daß ihr Vater mich ſchier ſo wohl leiden mochte, als unſere Gäule die Polkatzen. Trieb mich wieder aus dem Hauſe, treffe Euch, und auf einmal fährt mir ein Gedanke durchs Gehirn. Ich frage Euch, wie alt Julie iſt, neunzehn Jahr ſagt Ihr.— Könnt Ihr mir das ſchriftlich geben? ſag ich. Ja, ſagt Ihr. Ich nehme das ſchriftlich; warum und weß⸗ wegen weiß ich noch immer nicht; war aus purem Inſtinkt; zu dem kommt Menou, und der Redriver⸗ Dampfer den Fluß herab. Wie ich Euern Schwieger⸗ vater ſehe, war ich Euch doch wieder ſo toll.— Wollte auf der Stelle fort auf den Red⸗River, fort nach Hauſe. Ich ſpringe ans Ufer, rufe den Kapitän —e 287— * an; er ſendet das Boot, ich ſpringe darein, und fort geht es auf den Dampfer.⸗ „Das Ventil ſchließt, und wir fahren am Alexan⸗ dria vorbei. Und wie wir ſo vorbeifahren, war es mir doch, als wenn alle meine Glückſeligkeit hinter mir ſchwände. Ich ſpringe zum Kapitän— Kapi⸗ tän, ſag' ich, ihr müßt mich auf den Alexandria⸗ Dampfer zurückbringen, mir ſchnell ein Boot geben. Mister Doughby, ſagt' er, ich glaubte, wir wür⸗ den das Vergnügen ihrer Geſellſchaft haben.— Habe etwas vergeſſen, ſag' ich, etwas ſehr Wich⸗ tiges vergeſſen; muß zurück, auf der Stelle zurück. Will auf euch warten, ſagt der Kapitän, bis ihr zurückkommt. Braucht nicht zu warten, ſage ich; nur ſchnell das Boot her. Das Boot war zum Glücke noch im Fluſſe, ich ſpringe darein, und in fünf Minuten bin ich wieder auf dem Alexandria. Ich laufe die Schiffsleiter hinan, ſage dem Steward, er ſollte kein Wort ſagen, daß ich auf dem Alexan⸗ dria bin, der ſchwarzen Aufwärterin gebe ich gleich⸗ falls einen Wink, alles getrieben vom Inſtinkt; ſpringe in das Staatskabinet, zunächſt der Ladies⸗ Kajüte, ſchließe es zu, und werfe mich aufs Bett. — 0 288 6— Warum und weßwegen, kann ich Euch nicht ſagen— war Inſtinkt.“ „So gehen zehn bis fünfzehn Minuten vorüber, ich dachte es müßten eben ſo viele Stunden ſeyn, in meinem Leben iſt mir die Zeit nicht ſo lange gewor⸗ den. Auf einmal höre ich weibliche Tritte, Stimmen und dann ein Schluchzen. Ich ſpanne die Ohren, höre aufmerkſamer. Es war Juliens Stimme, Ju⸗ liens Seufzer. Sie ſchluchzte, und Jemand tröſtete ſte. Ach ſie ſeufzte Euch doch ſo rührend, ein Stein hätte ſich ihrer erbarmen mögen. Mir war wohl und wehe dabei.“ „Doughby, wir ſtehen in der Sonne. Kommt, wollen einen ſchattigen Ort ſuchen;“ unterbrach ich ihn. „Gott v— e Eure Sonne und Euren ſchattigen Ort dazu!“ entgegnete Doughby, mich ſtärker erfaſ⸗ ſend.„Laßt die Sonne, wird Euch das Gehirn weniger verbrennen, als mir die Weiber. Als ich Julien ſo ſchluchzen hörte, dachte ich— wenn nur der vertrackte Papa nicht auch mitgeht. Indem hißt und ziſcht der Dampf ſtärker, das Schiff ſetzt ſich in Be⸗ wegung, die Maſchine fängt an zu hämmern und zu poltern— und ſo wie ich merke, daß wir uns vom — 3 289 6— Lande entfernen, hebe ich mich vom Lager wie die Katze, warte aber noch eine lange Minute, öffne leiſe die Thüre des Staatszimmers, ſehe um mich herum, und ſpringe mitten unter die Schiffsgeſellſchaft, die an der Tafel ſpielt; der Capitän ſtand und ſchaute zu. War nicht recht. Iſt aber auf Eurem Red⸗ River noch verdammt ſchlechtes Geſindel.“ „Wie auf Eurem Miſſiſippi. Geht auf vielen Eurer Dampfſchiffe nicht beſſer zu.“ „Iſt juſt wie in Gaſthäuſern, habt zur Auswahl gute und ſchlechte;“ bekräftigte Doughby. Er hielt einen Augenblick inne, und fuhr dann fort: „Herzens⸗Mister Doughby, ſchreien Alle, wie ihr uns erſchreckt habt!“ „Ich euch erſchrecken? da gehört wohl etwas mehr dazu, lache ich. Ihr ſeid mir die Leute, euch erſchrecken zu laſſen. Aber hollah Jungens! ſtille, ſage ich, habe da mit dem Capitän ein Wörtchen im Vertrauen zu reden.“ „Geht Capitän, ſagen Alle; geht mit Mister Doughby; Miſter Doughby, das iſt unſer Mann, ja das ſeyd Ihr, Mister⸗Donghby.“ Lebensbilder g. d. weſtl. Hemiſph. II. 19 —" 290— „Freute mich doch wieder, das aus dem Munde der Geſellen zu hören, die, obgleich nicht beſſer als ſie ſeyn ſollten, doch Mitbürger ſind.“ „Herzens⸗Capitän, ſagt' ich, als wir abſeits auf dem Verdeck oben waren; Herzens⸗Kapitän, ihr müßt mir einen Gefallen thun, und ſo ihr mir ihn thut, will ich es euch in meinem Leben nicht vergeſſen. Seyd ein braver Miſſouri⸗Mann, ſag ich, habt Kentucky⸗ Blut in euch.“ „Das habe ich, ſagt er.⸗ „Habt ein Mädchen, ſag' ich, auf eurem Dampfer, das mein ſeyn, das ich haben muß, Julie Menou, meine ich, Mann.“ „Mann, ſeyd ihr verrückt? ſagt er; es iſt Demoh⸗ ſelle Menou, ſagt er, die Tochter des reichſten Mannes am Red⸗River, ſagt er, eines der erſten Creolen.“ „Und wenn ſie die Tochter des Nap*) wäre, ſo muß ſie mein Weib ſeyn, und ich ihr Mann ſeyn, und wenn ich Sturm laufen ſollte, der Himmel weiß was ſollte, ſag ich.“ *) Nap, abgekürzt Napoleon. — —= 291— „Zum Weibe, ſagt er, wollt ihr ſie? Das iſt etwas anderes, ſagt er.“ „Glaubtet doch nicht, daß Ralph Doughby etwas Schmutziges wollte? Sollte euch Gott v—n, ſo ihr thatet. Wann habt ihr von Ralph Doughby je etwas Schmutziges gehört? ſag' ich. Wer kann ihm ſo etwas nachſagen? Wollte ihn ſehen; wollte, wollte—" „Eben deßwegen, ſagt er; kann aber doch nichts in der Sache thun, Mister Doughby, ſagt er, die Demohſelle iſt mir anvertraut, bin ein Gentleman, iſt meinem Schutze anvertraut; ſoll ſicher ſeyn unter mei⸗ nem Schutze; kein Haar ihr gekrümmt werden— ſoll ſicher nach Hauſe abgeliefert werden.“ „Und ſo ſoll ſie, und wer will ihr etwas anthun? wer? ſage ich euch, Mann. Wollt ihn ſehen, wollte ihn greifen, juſt wie ein Ferkel, wollte ihm den Kitzel vertreiben; wollte, wollte—“ „Ebenſo; ſagt' er, weiß, daß ihr ein Chrenmann ſeyd, Mister Doughby, ſagt' er. „Das freut mich, Capitän, ſag ich; aber beſter, holdſeligſter Capitän, ſag ich, eines müßt ihr mir zu Gefallen thun, juſt eine Kleinigkeit; dazu verhelfen 19 ⁸ — e 292— müßt ihr mir, daß ich der lieben Miß ein paar Worte in's Ohr wiſpern kann.“ „Mister Doughby, ſagt er, ich bin Capitän, ſagt er, und darf mich nicht mit ſolchen Dingen befaſſen, ſagt er; die Ehre meines Schiffes, ſagt er, was wür⸗ den meine Aktionäre ſagen? ſagt er. Mister Doughby, fordert, was ihr wollt; aber das iſt eine pure, platte Unmöglichkeit, ſagt er.“ „Und eure Ehre ſoll kein Haar breit leiden, ſag' ich. Und alle Welt ſoll euch für den Ehrendienſt, den ihr einem Miſſtſippi⸗Pflanzer erwieſen, preiſen; ſag' es ich, Doughby ſagt es, und Doughby iſt der Mann, der ſo etwas ſagen darf, ſag' ich. „Weiß, weiß, Mister Doughby, ſagt er; aber muß zuerſt hören, ehe ich verſprechen kann.“ „Sagt mir vor allem, ob ſie allein iſt, ſag' ich.“ „Sie iſt allein, ſagt er, mit ihrem ſchwarzen Mäd⸗ chen, bloß dieſe iſt im Damenſalon; ſoll aber Niemand ſonſt hinein, außer ſie wünſcht es, iſt gegen alle Regel. Und ſie wird es nicht wünſchen, wenn ſie eine wahre Dame iſt.“ „Nun ſo ſchickt euer ſchwarzes Mäͤdchen hinein, und laßt ihrem Mädchen ins Ohr wiſpern, daß ein — e 293— Gentleman mit ihrer Herrin gerne ſprechen wollte. Nein, noch beſſer, laßt ſie juſt herauskommen, und ich ſelbſt will mit ihr reden.“ „Ich glaube, das könntet ihr am beſten ſelbſt thun, ſagt er. Darf mich nicht in meiner Leute Mund ge⸗ ben, ſagt er.“ „Habt Recht, ſag' ich, und rannte zur Schwarzen, die den Damenſalon in Obſorge hatte. Dolly, Molly, Polly oder wie ihr heißt, ſag' ich. Molly, heiße ich, Mister, ſagt ſte. Alſo Molly, da habt ihr einen Dollar, müßt aber dafür ein gutes Mädchen ſeyn, und die ſchwarze Zofe der Miß in der Ladies Cabin zu mir heraufbringen. Maſſa, ſagt ſte, was denken? Gar nichts Böſes, Molly, ſag' ich, ihr mögt dabei ſeyn, und noch einen Dollar, und mag ſein zwei ver⸗ dienen, wenn alles gut abläuft. Und Molly lacht, und verſpricht und knickſt und läuft fort, und in zehn Minuten kommt ſie mit dem ſchwarzen Mädchen mei⸗ nes lieben Engels, die ſcheu an mich heranſchleicht; aber ſo wie ſie mich erkennt, vor Freude in die Hände klatſcht. Molly, ſage ich; ich heiße Dolly, Maſſa, ſagt ſie; alſo Dolly, ſag' ich, hier habt ihr etwas zu einem ſeidenen Halstuche und Kleide, und ſeidenen —= 294 6— Strümpfen und Schuhen obendrein, aber ihr müßt verſprechen, mir beizuſtehen; und Dolly ſchielt nach der zehn Dollars⸗Note, die ich in der Hand hielt, und verſpricht, wenn ſie könnte. Ihr müßt eure Herrin bewegen, daß ſie erlaube, daß ich ihr meine Aufwar⸗ tung mache. Maſſa, um Gotteswillen! wo hin⸗ denken, ſagt ſie, was Papa ſagen? Papa arme Dolly auspeitſchen laſſen, ſie verkaufen in eine Zuckerpflan⸗ zung, oder unter die Feldneger ſtecken. Wenn Dolly thut, was ich will, ſag' ich, ſo ſoll ſie das Kammer⸗ mädchen Juliens ſeyn und bleiben; und noch eine zehn Dollars⸗Note haben, ſag' ich. Und ſie ſchüttelt den Kopf, ſtreckt aber doch die Hand ſachte nach der Note aus, und verſpricht, ſie wolle alles thun; aber ſie wiſſe nicht.— Und ich ſchiebe ſie fort, und laufe ihr nach, und lege mein Ohr an die Thüre des Sa⸗ lons, und horche, und horche, und erwarte jeden Augenblick die Thüre auf⸗ und mein liebes Püppchen herausfliegen zu ſehen. Wurde aber nichts daraus; hörte wohl das Mädchen bitten, und Julien beſchwö⸗ ren, ſie möchte doch Mister Doughby erlauben, her⸗ einzukommen, der ganz ein anderer Mann wäre, als Mounshur Bearmill, obwohl dieſer eleganter ange⸗ — 22 —-3 295 6— zogen ſey, aber er könne kaum gehen, und rieche ſo furchtbar aus dem Munde, daß man neben ihm nicht aushalten, und ziſche, daß man ihn nicht verſtehen könne. Aber Miß Julie wollte von einer Unterredung nichts wiſſen“ „Und ich krümmte mich auf dem Sopha vor der Thüre, wie ein Wurm, beſonders als ich aus den Worten des ſchwarzen Mädchens abnahm, wie dieſer Bearmill der ihr vom Papa beſtimmte Bräutigam ſey, dem ſie übermorgen angetraut werden ſollte. Mehrmals war mir's doch gerade, als ob ich ohne weiters in den Red⸗River hineinſpringen, und allen meinen Leiden ein Ende machen müßte. Mir ſchlug das Herz, und wieder preßte es mich, als wenn es jeden Augenblick zerſpringen wollte. Julie ſchluchzte ſtärker; aber ſie wollte von meiner Aufwartung nichts wiſſen, ſchicke ſich nicht, befahl Dolly, kein Wort mehr von mir zu reden, oder ſie wolle es Papa ſagen. Und ich mußte dieß Alles anhören, und bloß ein Brett zwiſchen mir und meinem Engel, und ich durfte nicht hinein, und ſie nicht heraus. Ich ſah das ſelbſt ein, daß es ſich nicht wohl ſchicke, und hätte ſie unmöglich hochachten können, hätte ſte es gethan, und doch —= 296 6— hätte ich wieder Tauſende gegeben, ſie einen Augen⸗ blick zu ſehen. „Und ſo dauerte es fort drei geſchlagene Stunden. Der Vollmond ſtand hoch oben, ich ſchaue auf.“ „Auf einmal ſchimmert mir ein Licht von dem rech⸗ ten Ufer des Fluſſes in die Augen. War mir doch ſo ſonderbar, Howard!— ſchimmerte mir wie ein Hoffnungsſtrahl, und flimmerte, war mir ganz ſelt⸗ ſam zu Muthe. Der Capitän war neben mir, und ſchaute auch. Was iſt das für eine Pflanzung da, Kapitän? ſage ich.— Es iſt das Haus des Squire Turnip, ſagt er, nur ſo eine Art von Pflanzung; hält ein paar Neger und einen Store.*) Turnip, ſag ich, Abſalon Turnip? iſt er nicht von Louisville, oder aus der Umgegend? Weiß gerade nicht, ſagt der Capitän; iſt aber ein Kentuckier, ſo brav, wie einer gefunden wird. Iſt Friedensrichter, Gouverneur Johnſon hat ihn dazu gemacht. Habe ein paar Kiſten Waaren abzugeben— halten eine Viertelſtunde an.“ „Und wie er ſo ſprach, Howard, ging mir auf ein⸗ mal ein Licht, ſo was man ſagt, ein Halblicht, eine *) Store.— Kaufmannsladen. — e 297— Morgendämmerung auf. Haltet eine halbe Stunde, Capitän, ſage ich. Kann nicht, ſagt er. Eine halbe Stunde, ich bitte euch darum, Doughby bittet euch. Kann wahrlich nicht, wollen aber ſehen, ſagt er.“ „Und, ſag' ich, Capitän, ihr müßt zu Miß Julien hineingehen, ſag' ich. Das darf ich nicht, Mister Doughby, ſagt er; darf mich nicht in ſolche Sachen miſchen, Mister Doughby.“ „Bei meiner Seele, ſag' ich, ihr ſeyd kein Miſſouri⸗ Mann, habt nicht Kentucky⸗Blut in euch, ſeyd ein kalter makerel⸗blütiger Nankee. Einen ſolchen unge⸗ fälligen Mann habe ich in meinem Leben nicht geſehen. — Nun, nun Mister Doughby, ſagt er; wie das wieder ſtürmt und tobt, ſeyd doch auch gleich in Feuer und Flammen, ſagt er. Der Teufel möͤchte da nicht in Flammen ſeyn, ſag' ich, wenn einer mit einem ſo ungefälligen Manne zu thun hat. War ernſtlich böſe auf ihn.— Nun was kann ich denn aber thun, ſagt er.— Thun, ſag ich, nichts ſollt ihr thun— aber ihr hört ſie ſchluchzen und ſeufzen— nun ſo ſollt ihr juſt hineingehen und ſagen, ihr hörtet ſie wehklagen und lamentiren, und ihr kämet, euch zu erkundigen, ob ihr etwas fehle, und ob ſie nicht ein wenig friſche —= 298 6— Luft ſchöpfen, und ein Glas friſches Waſſer, oder Mandelmilch, oder Limonade, oder etwas anderes beim Squire Turnip nehmen wolle. Friſches Waſſer, lachte er, Squire Turnip hat keinen Tropfen Waſſers, das ſich mit dem auf unſerm Dampfer meſſen könnte; haben Miſſiſippi⸗Waſſer, Mister Doughby, und Mandelmilch!— wo denkt ihr hin? er trinkt ſeinen Toddy. Potz Dummhans und kein Ende! ſage ich. Was, ein Miſſouri⸗Mann ſeyd ihr, und Capitän des Alexandria, und wißt nicht, und ſeht nicht? Hat Squire Turnip kein friſches Waſſer, ſo haben wir es— und Mandelmilch dazu, und Hände und Füße, ſie hinüber zu ſchaffen. Mister Doughby, ſagt er lachend, ihr ſeyd doch verflucht pfiffig. Und ihr wie auf den Kopf gefallen, ſag' ich; ſonſt ein ſo geſcheidter Mann, ſage ich. Er aber ſchüttelte den Kopf wieder, und ſagte, was ich denn eigentlich thun wolle.— V—t ſeyen euere Niceties und Notions*) ſag' ich; was ich thun will?— nun ſie ſprechen will ich, wenn ſie ans Land *) Nireties und Notions.— euere Spitzfindigkeiten und Ideen. Das Wort Notions wird überhaupt in vielfachen Beziehungen gebraucht. I have the notion— ich bin der Mei⸗ nung; Yankee notions— Yankee⸗Spitzbübereien. —“= 299 G— geht; und ich hoffe, ihr werdet das als kein Ver⸗ brechen anſehen, wenn Major Doughby, von New⸗ Feliciana, mit einer Miß ſprechen will. Glaube, meine Reſpektabilität iſt von der Art, daß ich mit einem Mädchen reden kann, ohne daß jemand es außer Ordnung findet.— Das wirkte endlich, denn er ſah ein, mit wem er es zu thun hatte.— Major, ſagt er, habe ganz darauf vergeſſen, daß ihr Major ſeyd; Vergebung, höre es auch zum erſten Male— will aber thun, was ich kann, ſagt er.“ „Und wir waren bei dieſer Zeit an den Landungs⸗ platz herangekommen. Ich ſpringe ans Ufer, dem Hauſe zu, und der Erſte, der mir aufſtößt, iſt Squire Turnip. Squire, ſag' ich, ich bin Major Ralph Doughby, von New⸗Feliciana, und muß mich ſchon ſelbſt aufführen, da der Capitän noch beſchäftigt iſt. Habe das Vergnügen, euch dem Namen nach zu ken⸗ nen, und euere Familie am Cumberland. Freut mich einen Alt⸗Kentuckier zu ſehen. Womit kann ich euch dienen? Glücklich könnt ihr mich machen, Herzens⸗ Squire, ſag' ich, glücklich, ſo ihr wollt; ſteht ganz in eurer Macht, herzenslieber, goldener Squire! Seyd ein Alt⸗Kentuckier, ſage ich, der mehr reelles Blut im — o 300— kleinen Finger hat, als ein Pferd ſchwemmen könnte; mag erſchoſſen ſeyn, wenn's nicht wahr iſt. Dachte, muß es mit der Maurerkelle recht dick auflegen, komme geſchwinder zum Ziele. Er aber lacht und ſagt, kann ich euch in etwas dienen, was nicht gegen das Geſetz iſt, Mister Doughby, ſollt ihr euren Mann an Squire Turnip finden. Das könnt ihr; ſag' ich, Squire, und Gotteslohn dafür haben, und meinen Dank dazu. Will kurz ſeyn, denn die Zeit iſt es auch. Habe ein Püppchen am Dampfſchiffe, das mich gerne hat, und ich ſie, und möchten gerne Eins ſeyn; iſt aber ein vertrackter Papa, ein Creolen⸗Papa, dazwiſchen, der einen vertrockneten, verfaulten Bräutigam für ſeine Tochter lieber hätte; da will ich denn das Prävenire ſpielen, wenn ihr mir beiſteht, ſage ich. Einen Creolen, ſagt er, und eine Creolin; hört ihr Mister Doughby, ein Kentuckier hilft immer am liebſten einem Kentuckier zuerſt, aber mit den Creolen hat es auch ſeinen Haken. Wißt, daß die Creolen⸗ väter ſich erſtaunlich viel über ihre Kinder anmaßen.“ „Das weiß ich, ſage ich, aber mein Püppchen iſt sui juris, und ſie hat mich gerne, und ſie ſoll ge⸗ zwungen werden, einen andern, den ſie haßt wie eine — 301 G— Polkatze, zum Ehemann zu nehmen,— und da wäre es doch recht ſonderbar von euch, wenn ihr nicht helfen wolltet! Und wer iſt denn euer Püppchen? ſagt er; Julie Menou, ſag' ich. Was! die Tochter des reichen Pflanzers ober mir? Nein, Mister Dough⸗ by, ſagt er, da will ich nichts von dem Welſchkornbrei haben. Der wäre im Stande, und hinge mir einen Prozeß an, der mich brechen könnte. Da laßt mich dafür ſorgen, ſag' ich; hängt er euch einen Prozeß an, will ich die Koſten tragen; geb euch's ſchwarz auf weiß— wird ſich aber das Prozeſſtren vergehen laſſen. Habe ich die Einwilligung der Tochter, die sui juris iſt, ſo kümmere ich mich nichts um zehn Vä⸗ ter. Habt ihr auch ihre Einwilligung? ſagt er; und iſt ſie auch sui juris? Glaubt ihr, Squire, Major Doughby würde euch etwas ſagen, das nicht wahr iſt? Hier habt ihrs, ſchwarz auf weiß, ſage ich, und gebe ihm Euere Note; iſt von ihrem Schwager, Mister Howard, ſag' ich, einem Manne, der nicht beſſer in Louiſiana gefunden wird, ſag' ich.“ „Iſt aber zu viel von einem Gentleman, ſagt er. Den Teufel auch, iſt er ein Gentleman, ſag' ich, ein —= 302 6— ſchlichter, gemeiner Bürger iſt er, ein guter Demokrat iſt er, ſag' ich.“ „Und ein Narr ſeyd Ihr,“ ſiel ich lachend ein— „was! bin ich kein Gentleman?“ „So laßt mich nur,“ beſänftigte wieder Doughby; „ſeht Ihr nicht, daß Squire Turnip ein Stock⸗Demo⸗ krat iſt, der von Gentlemen gerade ſo viel hält, als unſere Zuckerpflanzer von den Ratten, die ihnen die Zuckerſtengel verderben, und den Zucker dazu? Als er Euer Papier geſehen hatte, ſagt er, er wolle ſehen, müſſe aber auch zuvor hören, ob das Mädchen wolle, — und ich möge mich um einen ehrenfeſten Zeugen umſehen. Ich ſage ihm, der Capitän könne vielleicht Zeuge ſeyn. Nein Major, ſagt er, den Capitän müßt ihr nicht nehmen; ſieht aus wie ein Komplott; habt ihr Niemanden anders? Da fällt mir H—, der Sohn des Senators ein. Ich nenne ihn. Das iſt der Mann, ſagt er. Wohl, ſag' ich, in fünf Minuten bin ich wieder hier.“ „Springe zurück, renne zum jungen H—, dem ich ſage, er möchte ſogleich mit mir; thue ihm mit weni⸗ gen Worten kund, was ich im Sinne habe, und frage ihn, ob er mein Zeuge ſeyn wolle.— Ja, ſagt er, —= 303 6— und meinen Verlobungsring will ich euch dazu leihen. Dank, ſage ich. Geht zu Squire Turnip, und wartet vor der Hausthüre. Ich muß ſehen, was mein Püpp⸗ chen macht, und ſpringe Euch hin zur Ladies⸗Cabin. Wie ich ſo hinrenne, ſehe ich die Geſtalt meiner herz⸗ liebſten Julie aus der Thüre treten, und, in Beglei⸗ tung des Capitäns und ihres Mädchens, über die Bretter dem Hauſe des Squire zuſchwanken. Der Squire empfing ſie am Ufer, und bat ſie, es ſich in ſeinem Hauſe gefallen zu laſſen; alles ſtehe zu ihren Dienſten. Er führt ſie in ſein Parlour, und trägt ihr einen Sitz an, und ſie ſetzt ſich, und er und der Capitän gehen, und er ſagt, er wolle nur bei der Aus⸗ ladung zugegen ſeyn, und ſogleich wieder kommen; und ſeine Frau würde ſogleich erſcheinen, um ihre Wiünſche zu erfüllen, und ihr die Zeit zu vertreiben.“ „Und wie er heraustritt aus dem Parlour, trete ich hinein, ſpringe auf Julien los, die laut aufſchreit, und werfe mich ihr geradeweg zu Füßen. Herzens⸗ Julie, ſag ich, wir ſind am Ziele.— Ein Wort von ihnen, und ſie machen mich zum glücklichſten Ehe⸗ mann, und ſte ſind das glücklichſte Eheweib, das in ſeinem Leben nicht bedauern ſoll.—— Mister —" 304 6= Doughby, ſagt ſie; was beginnen ſie? Nichts Julie, nichts, gar nichts— Sie ſind im Hauſe des Squire Turnip; des Friedensrichters Turnip, eines ſo reſpek⸗ tablen Mannes, als am Red⸗River gefunden wird. Erſchrecken ſie nicht, ſage ich, der Himmel hat ſie hieher geführt, mich hergeführt, hat uns Beide her⸗ geführt, zuſammengeführt, und wenn ſie jetzt nicht Muth und Entſchloſſenheit haben, ihr, unſer Glück zu wollen, ſo ſind wir Beide zeitlebens unglücklich.“ „Und ſie ſchaut mich an, und ihr Buſen hebt ſich ſchier zum Erſticken, und ſie kann kein Wort hervor⸗ bringen.“ „Ich aber beſchwöre ſie, der Augenblick ſey da, Squire Turnip könne uns vereinen; und wenn ſie ſich jetzt nicht entſchließe, in zehn Minuten ſey es zu ſpät, und ſie ſey mir entriſſen, ich ihr entriſſen, wir Beide uns entriſſen.“ „Und ſie bricht in einen Thränenſtrom aus, und ſchluchzt, und ringt die Hände. Ich bitte ſie, ſich nicht zu fürchten; ſie habe einen Ehrenmann, der als ſol⸗ cher bekannt iſt, vor ſich, und wenn ſie ſich vor mir fürchte, wolle ich gehen, denn ich ſehe wohl, ich werde dem Merbill nachſtehen müſſen.“ — 0 305 6— „Und ſie ſchaudert und ringt die Hände, und ſchluchzt abermals, daß ein Stein ſich hätte erbarmen können.“ „Und, ſagt ſte endlich, wie ich nur an ſo etwas den⸗ ken, ihr ſo etwas vorſchlagen könne;— der Papa— ℳ „Und ich ſage ihr, daß der Papa nicht das Recht habe, ſie zu zwingen, ſich dem Merbill hinzugeben, und daß ſie achtzehn Jahre vorbei, alſo sui juris nach unſern Geſetzen ſey, und daß wenn ſie jetzt einſchlüge, morgen Alles gut, und ich den Papa ſchon zu ver⸗ ſöhnen wiſſen würde; und daß kein Papa in den ganzen vereinten Staaten mir ſeine Tochter verwei⸗ gern würde.“ „Ihr habt eine gute Meinung von Euch,“ lachte ich. „Wenn ich ſie nicht hätte, wer hätte ſie denn?“ erwiederte Doughby.„Aber unterbrecht mich nicht, ſonſt werde ich bis morgen nicht fertig. Bitte ſie alſo, und beſchwöre ſie, und ſage ihr, daß Alles gut ablaufen werde, und wie ich ſo vor ihr liege auf den Knieen, und ſie auf dem Sopha ſitzt, umfange ich ihre Kniee, und ſie neigt ſich wie ein Engel herab, und ich ſpringe auf, und drücke ihr einen Kuß auf Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 20 —= 306— die Lippen— einen langen Kuß— indem tritt der Squire ein.“ „Sie ſchrickt auf und verbirgt ihr Geſicht in einem Tuche.“ „Und der Squire tritt vor mit dem jungen H— und fragt ſie lächelnd, ob ſie geſonnen ſey, den acht⸗ baren Major Doughby, von New⸗Feliciana, als Mann zu nehmen— und ſie ſchaut ihn an, und ſagt: Ach, der Papa!“— „Und der Friedensrichter ſagt, daß ihn der eigent⸗ lich nichts angehe; da ſie aber, wie er aus dem Zeug⸗ niſſe ihres Schwagers Mister Howard, der ein ganzer Gentleman und ein Mann von Ehre iſt, sui juris ſey, und ihre Hand frei vergeben könne, ſo wolle er ſie mit Major Doughby im Bande der Ehe vereini⸗ gen, ſo ſie nichts dagegen habe.“ „Und ſie ſieht mich an mit thränenden Augen, dann den Squire; und der Squire geht und holt ſein Buch und alles Uebrige; und die Lichter werden ge⸗ ſtellt, und die Frau des Squire kommt, und er flüſtert ihr etwas in die Ohren, und ſie rennt und bringt ihren alten Trauring, und H- legt ſeinen auf den Teller dazu, und der Squire ſagt, Major Doughby —“= 307— und Demoiſelle Menou tretet näher, auf daß ich euch, da ihr den Wunſch zu erkennen gebt, im Bande der Ehe vereinigt zu werden, vereinige nach der mir ertheilten Vollmacht! Und Julie ſchwankt näher, wieder zurück, ich ziehe ſie endlich näher, und wir ſtehen vor dem Squire.“ „Und der Squire, nicht träge, beginnt ſeine For⸗ meln, und fragt ſie, ob ſie freiwillig und unge⸗ zwungen Major Doughby von New⸗Feliciana als Ehegemahl nehmen und anerkennen wolle, und ſie ſchluchzt ein Ja— und ich hatte es ſchon früher geſagt; und ehe Miß Julie es ſich verſah, war ſie Mistreß Doughby; und der Squire und ſeine Frau gratulirten ihr, und ich ſchloß ſie in meine Arme; ſie aber ſeufzte— der Papa; ich aber ſagte ihr, der Papa ſolle ſie nicht anfechten, ich wolle ſogleich hinab, Mister Howard werde mir helfen, ihn zu verſöhnen, und alles werde gut gehen. Das beruhigte ſie wieder. Es war auch vorzüglich der Umſtand, daß ihr die Note von Euch gegeben, der ſie bewogen hatte; ſie wurde endlich ruhiger, und der Squire und Alle ver⸗ ließen das Zimmer.“ i „Und ich warf mich nochmals vor ihr nieder, und 20* —= 308 6G— dankte ihr, daß ſte Vertrauen und Muth hatte, und ſie werde finden, daß ich ein Ehemann ſey, der ſie auf den Händen tragen werde, und ſie ſolle ſich nicht fürchten, ich würde den Papa verſöhnen; und ſie neigt ſich abermals mit thränenden Augen, und fällt mir in die Arme, und ich preſſe einen langen Kuß auf ihre Lippen; da klopft der Kapitän an die Thüre und meldet, daß er abgehen müſſe; und aus der Ecke des Parlour kommt ihr ſchwarzes Mädchen hervorgekro⸗ chen, die wir ganz überſehen hatten; und ich hebe ſie in meine Arme auf, und küſſe ſie nochmals, und bitte ſie, ſich zu beruhigen, und mit Gott nach Hauſe zu gehen, und morgen, längſtens übermorgen, wolle ich bei ihr, und wir Beide glücklich ſeyn. Und ſie ging, und ich begleitete ſie auf das Dampfſchiff, dankte H— und den Männern, bat ſie, meine Frau nicht im Schlafe zu ſtören; belohnte, wer zu belohnen war, und kehrte zurück zum Squire Turnip— als Ehe⸗ mann Juliens.“ „Bin der Ehemann Juliens,“ jubelte Doughby, mich abermals bei den Schultern faſſend,„und den will ich ſehen, der mir das Gegentheil ſagt.“ „Aber was wird Menou ſagen, Doughby?— —= 309 6— morgen ſollte der Ehekontrakt zwiſchen Merveille und ſeiner Tochter gefertigt werden.“ „Ich aber habe die Braut— das Glück; wer das Glück hat, führt die Braut nach Hauſe. Ich will ſie nach Hauſe führen, das will ich, und ſollte ich die Pflanzung ſtürmen. Komme deßwegen herab, war über Nacht bei'm Squire Turnip, der mir noch einige gute Rathſchläge gab; ließ ihm dafür die ſchriftliche Verſicherung zurück; daß alle unangenehmen Folgen, die aus dem Schritte entſtehen könnten, ganz von mir getragen werden ſollten. Heute zeitlich beſtieg ich den Dampfer Montezouma, und da bin ich.— Weiß noch immer nicht recht, wie mir geſchieht, ob ich träume oder wache; will aber zum alten Menou.“ „Das laßt nur bleiben, Doughby. Wartet wenig⸗ ſtens, bis ich ihn auf die Hiobspoſt vorbereitet habe.“ „Was Vorbereitung? was Hiobspoſt?— Was iſt das für eine Rede, Hiobspoſt, Howard? Bin doch kein Ausſätziger, daß Ihr mir da von Hiob redet.“ „Aber ein Tollkopf, ein Narr ſeyd Ihr, der mich, Julien, Menou, kurz unſere ganze Familie in einen Aufruhr gebracht hat, deſſen Ende ſich nicht abſehen läßt.“ — b 310 6— „Howard, lieber, beſter, ſüßeſter Howard!— zum Theil habt Ihr Recht; aber helft, ich bitte Euch— helft, daß Alles wieder in Ordnung kommt.— Bin ein Tollkopf, iſt wahr— bin es— war es; war ganz toll— jetzt ſehe ichs ein— will aber geſcheidt werden.“ „Gott gebe es— und jetzt kommt mit mir auf das Dampfſchiff und bleibt da bis zum Augenblicke, wo die Bretter fallen, dann geht an's Land, aber nicht eher. „Aber warum das? warum nicht ſogleich zu Mis⸗ ter Menou?— „Warum? weil Euch ſonſt derſelbe Menou, wenn er erfährt, was geſchehen, und das Dampfſchiff noch in der Nähe iſt, einen Strich durch die Rechnung machen könnte, der;— er iſt im Stande und geht nach Neworleans hinab; und hängt Euch einen Pro⸗ zeß an, der Euch um Eure Braut und Euer halbes Vermögen bringt. Ihr wißt, ſie haben hier den Code Napoléon, der den Vätern mehr Rechte über ihre Töchter einräumt, als es bei uns in den Central⸗ und nördlichen Staaten der Fall iſt.“ —= 311— „Ich glaube, Ihr habt Recht,“ ſprach Doughby, meine Hand drückend.„Will Euch folgen.“ Wir gingen auf das Dampfſchiff, wo ich die nöthigen Beſtellungen durch den Kapitän machte, Doughby nochmals ernſtlich einſchärfte, ja nicht zu frühe an's Land zu kommen, und dann dem Hauſe zuging. XII. Der Sturm. Mir ſchwirrte der Kopf, wie ich über den Streich nachdachte, der meinem Schwiegervater geſpielt wor⸗ den und zu dem ich, obwohl unſchuldig, das Meinige beigetragen hatte. Sich auf ſolche Weiſe nach einer kaum ſechsſtündigen Bekanntſchaft in eine achtbare Familie einzudrängen: wahrlich, es war zu toll! Das Gehirn brannte mir mehr und mehr, je näher ich dem Hauſe kam, aus dem Menon trat, als ich die Piazzaſtufen hinanſtieg. Er hatte vom Fenſter aus mich mit Doughby debattiren geſehen, und war ſicht⸗ lich verſtimmt. 4 —= 312 6— „Wo ſind Sie ſo lange geblieben, Mister Howard? Wir Alle warten auf Sie, um eine Tour durch die Pflanzung anzutreten.“ „Dazu dürfte es nun wohl zu ſpät ſeyn, es iſt zehn Uhr; die Sonne ſteht hoch und brennt heiß.“ „Weil Sie in der Sonne ſtanden; doch Sie ſehen ja ganz verlegen, beinahe möchte ich ſagen, verſtört aus. Was iſts, was gibt es? Sind ſchlimme Nach⸗ richten von Hauſe angelangt? Doch kein Unglück? Vielleicht Julie? Mein Gott! mein liebes Kind!“ „Nichts von all dem; Julie iſt wohl; aber etwas iſt vorgefallen, Papa, das einen beinahe um ben Verſtand bringen könnte.“ In dem Augenblicke ziſchte der Dampf aus der Abzugsröhre einigemal wie raſend herüber, ein Mann lief über die Bretter, die ſogleich vom Lande abgezo⸗ gen wurden. Menou wurde bleich, wie er Doughby auf das Haus zukommen ſah. „Ich ſehe ſchon, Mister Howard, ich muß ein Haus räumen, in dem hinter meinem Rücken um mich geſpielt wird;“ ſprach er gekränkt. „Da thun Sie ſehr unrecht; ſo wie das Urtheil, das Sie ſo eben ausgeſprochen, ungerecht iſt. Ich — 313 6— bin nicht gewohnt, mit irgend Jemand ein Spiel zu treiben; am wenigſten mit einem Manne, dem ich ſo viel verdanke, und wüßten Sie, wie ſehr es mich ſchmerzt— u Doughby war mit ſtarken Schritten herangekom⸗ men. Menou hatte ſich gewandt und war in den Saal getreten. „Muß mit ihm reden,“ rief Doughby,„muß, will mit ihm reden— will wiſſen, wie ich ſtehe, was ich zu erwarten habe.“ Und ſo ſagend, lief er die Stufen hinan, an mir vorüber, und trat in den Saal ein. Alle riefen ihm ein„willkommen Doughby,“ zu; doch Alle hielten in dem Augenblick inne, denn dem Manne war der Sturm auf die Stirne geſchrieben. Ich war gleichfalls eingetreten. Eine Todtenſtille herrſchte, die nur durch den Geſang der Neger und das Geſchrei der Neugeborenen im hinterſten Zimmer unterbrochen wurde. Doughby ſtand wie angewur⸗ zelt vor der Tafel, ſichtlich bemüht zu reden; er vermochte es jedoch nicht. Die plötzliche Stille, die Erwartung auf allen Geſichtern, hatten ihn ſtumm gemacht.“ —= 314— „Theurer Papa!“ hob ich an; netwas iſt vorge⸗ fallen, das Sie leicht erzürnen dürfte, aber ich bitte Sie, die Leidenſchaft des Mannes zu berückſichtigen, der übrigens ein ſehr achtbarer Bürger iſt.“ Menou ſaß ſchweigend, und ſah Louiſen an, die ſeine Hand erfaßt und ſie an ihren Mund drückte. „Papa,“ hob ich wieder an, nes iſt etwas vorge⸗ fallen, das Sie erzürnen wird; da jedoch, wie geſagt, Mister Doughby's Neigung ehrenvoll, und er aner⸗ kannt von tadelloſem Charakter iſt— u „Aber was geht das mich an, Mister Howard?“ ſprach Menou zu Louiſen gewendet.„Ich bezweifle keineswegs, daß Mister Doughby ein tadelloſer Charakter iſt; aber ich habe meine gegründeten Urſa⸗ chen, kein näheres Verhältniß mit Mister Doughby zu wünſchen.“ Der Ton, in dem dieſes geſprochen wurde, war feſt und beſtimmt. Doughby wechſelte die Farbe. „Mister Menou,“ hob er an.„Ich habe mir die Freiheit genommen— ich habe eine Tollheit began⸗ gen, das iſt wahr, eine Tollkühnheit; aber geſchehen iſts nun einmal.“ „Ich habe nichts entgegen, wenn Mister Doughby 4 — — — 315— Tollheiten und Tollkühnheiten begeht, ſo viel er will, nur muß ich wünſchen, er möge mir mit denſelben vom Halſe bleiben; ich wenigſtens will nicht der Ge⸗ genſtand ſeiner Tollheiten und Tollkühnheiten ſeyn.“ „Leider ſind Sie, Mister Menou der Gegenſtand derſelben;“ platzte Doughby in echt Kentuckier Weiſe heraus. „Ich der Gegenſtand Ihrer Tollkühnheiten?“ ſprach Menon, ſich ſtolz erhebend.„Mister oder Major Doughby, ich weiß, daß die Herren Kentuckier ſich Freiheiten herausnehmen, die wir uns nicht her⸗ auszunehmen pflegen, weil die guten Sitten ſie ver⸗ bieten; aber doch glaube ich nicht der Mann zu ſeyn, mit dem ſich irgend ein Kentuckier Freiheiten erlauben wird.“ „Mit Ihnen, Mister Menou, habe ich mir keine Freiheiten genommen, und werde es nicht; aber mit Ihrer Tochter, Demohſell Menou, die es wenigſtens war; jetzt iſt ſie es nicht mehr— mit einem Worte, ſie iſt Mistreß Doughby— ſeit geſtern halb neun Uhr mit mir vermählt, wie Sie aus dem Trauungs⸗ ſchein, ausgeſtellt vom Squire Turnip, eines weitern erſehen werden.“ —= 316— Ein Schrei der Verwunderung erſchallte aus Aller Munde, wie Doughby Menou den Trauungsſchein hinhielt; aber Alle verſtummten auch mit Einem Male. Wäre der Himmel eingeſtürzt, oder der Miſſiſtppi mit allen ſeinen tauſend Flüſſen und Dampfern, und Schiffen und Booten, und Neworleans auf dem Rücken, den Fluß brauſend heraufgekommen, Menou hätte nicht mehr erſtarrt ſeyn können; ſein ganzer Körper ſchien auf einmal wie verſteinert; ſeine Augen waren hervorgetreten, als wollten ſie aus ihren Höhlen brechen; ſein Mund öffnete ſich, ſchloß ſich wieder konvulſtviſch, der Schaum trat ihm auf die Lippen, die ſchwarzgrau wurden; ſeine Geſichtsfarbe war erdfahl, ſein Blick ſtarr geworden. Louiſe ſprang entſetzt auf, ſchrie um Hülfe, meine Gäſte umringten ihn, hielten ihn; er war auf dem Punkte in Ohn⸗ macht zu ſinken. Auf einmal ſchrie er:—„Fort mit dem wilden Kentuckier, fort mit ihm Aus den Augen, mit dem Barbaren! dem Jackſoniſten— fort!“ ſchrie er, indem er ſich los riß, und in die Höhe ſprang, und wie toll im Saale herum lief. Der Mann war wüthend geworden.„Fort!“ ſchrie er den Dienern zu, nfort, ſage ich, treibt ihn fort! Nehmt Meſſer, V — 3 317 6— Aexte, Keulen; fort treibt ihn den Barbaren, fort!“ ſchrie er. Er ſprang zum Fenſter,„fort, ſage ich!— und das Dampfſchiff ſoll ſogleich halten— Halt!“ ſchrie er, die Jalouſten wegreißend.„Halt, Kapi⸗ tän!— Charles, Bangor, Tully, fort, macht das Dampfſchiff halten!“ Wir ſtanden Alle erſtarrt, wie vom kalten See⸗ waſſer in einem Winterſturme überſchüttet. Charles war zum Stalle gelaufen, hatte ein Pferd heraus⸗ geriſſen, ſich auf das ungeſattelte Thier geworfen, und ſprengte vor unſern Augen dem Ufer zu, dem Dampfſchiffe nach, das bereits um den Vorſprung des weiten Buſens, den der Fluß hier bildet, zu runden begann. Das Dampfſchiff holt er auf keinen Fall mehr ein. Der Alte ſprang immer toller umher. „Der Elende muß es büßen!“—„Dieſe Schande,“ fiel Louiſe ein!„dieſe Schande unſerem Hauſe ange⸗ than!“„Dieſe Schande!“ ſchrie der Papa abermals; „der Elende, der Verworfene, der Infame! Dieſe Schande unſerem Hauſe anzuthun!“ Und fort rannte er aus dem Hauſe, durch das Negerdorf, ſchreiend, heulend. Es war Sturm an allen Enden. Seine dreißig Neger kamen mit Aexten, Gabeln, Stöcken, —“= 318— die Schweine grunzten, die Wälſchhühner gackerten; Kinder, Männer, Weiber, alles heulte, ſchrie, tobte. Doughby war ganz betäubt über den Ausbruch des⸗ Ungewitters da geſtanden; aber kaum hatte er die letzten Worte aus dem Munde Menou's gehört, das Infam war kaum ausgeſprochen, als er auch auf⸗ krachte, wie das Pulverfaß, in das ein Haufen glü⸗ hender Kohlen geworfen wird.—„Was!“ ſchrie er, aufſpringend, und zum Hauſe hinaus Menou nach⸗ tobend—„was ſagt er? infam ſagt er? mich, den Major Doughby, heißt er infam? eine Schande, ſagt er, habe ich über ſein Haus gebracht? eine Schande ihm angethan? Was!“ brüllte er, auf Menou zu⸗ ſpringend wie ein Löwe auf die Gazelle. „Was! glaubt Mister Menou einen Neger vor ſich zu haben? Glauben Sie, Sie haben einen Neger, Mister Menou? glauben Sie dieß? Einen Infamen nennen Sie mich?“ Er brüllte ſo laut, daß ein Zug Schwäne, die ſo eben den Fluß heraufkamen, erſchrocken längs abſchwenkten.„Sie nennen mich einen Infamen?“ ſchrie er abermals, indem er Menou beim Arm erfaßte und feſthielt.„Eine Schande habe ich Ihnen angethan?“ Und er faßte ihn beim zweiten; —" 319— und hob ihn vor ſich in die Höhe wie ein Kind von zwölf Monden.„Glauben Sie, Sie haben einen Hund und keinen Bürger vor ſich?— einen Bürger, dem jedes Haus offen ſteht, der es mit hunderttauſend Creolen aufnimmt?“ „Um Gotteswillen, er tödtet Papa!“ ſchrie Louiſe; „George, Merveille, er tödtet den Papa!“ Ich war mit Richards gerannt, um meinen Schwie⸗ gervater aus den Händen des Tollen zu reißen— der ihn vor ſich hielt, und herum ſprang mit ihm, und ihn erſt auf den Boden ſetzte, als wir beide heran⸗ gelaufen kamen. „Thue ihm nichts,“ ſchrie Doughby.„Aber glaubt Euer Schwiegervater, er hat einen Hund vor ſich? Ich bin Major Doughby von New⸗Feliciana, Bürger dieſer vereinten Staaten, und er iſt nichts mehr, und kein Menſch in der Welt iſt mehr; kann mich mit dem Beſten meſſen.— G—tt v—e ihn!— und er nennt mich einen Infamen!“ Doughby ſprang vor Wuth Fuß hoch; er wurde immer raſender. Menou zitterte, keines Wortes mächtig, vor Scham und Verlegenheit. Merveille kam mit ein paar Piſtolen gerannt; ich —= 320 6— riß ſie ihm aus den Händen, und ſchleuderte ſie weit weg.„Ruhe, Merveille! machen Sie das Unheil nicht noch größer.“ „Er muß büßen!“ kreiſchte Merveille. „Ich ſage Ihnen,“ ſchrie Doughby; nich habe Ihre Tochter geehlicht wie ein Mann von Ehre, weil ſte es wollte,— nicht gerade wollte, aber ich wollte es, und ſie willigte endlich ein, und wenn ſie einwil⸗ ligte, wer hat etwas entgegen zu reden? Sie iſt achtzehn Jahre vorüber. Ich habe gebeten, ſie hat eingewilligt. Aber möge ich erſchoſſen ſeyn, wenn ich ſie ſo viel als berührte. Gehen ſie, theuerſte Julie, ſagt ich ihr, als Squire Turnip die Ehe vollzogen hatte, gehen ſie nach Hauſe, ich will zu ihrem Papa, will ihm ſagen, was vorgefallen; und ſie ging. Squire Turnip, der junge H. waren Zeugen. Will ihn ſehen, der da ſagt, ich habe ſie oder ihr Haus geſchändet.— Will, will— 4 „Mister Menou,“ ſprach Richards,„wenn die Sache ſich ſo verhält, ſo hat Doughby ſehr übereilt, unverzeihlich übereilt, toll gehandelt; aber ihrer Fa⸗ milie iſt keine Schande angethan worden.“ „Er hat unſer Haus, unſere Familie geſchändet;“ — 321 6— ſprach Menou mit leiſer Stimme.„Ich kann ihm das nicht vergeben.“ „G—tt v—e mich!“ ſchrie Doughby,„wenn ich Ihr Haus geſchändet habe. Wer das ſagt, hat es mit mir zu thun— Ihr Haus iſt mein Haus, bei G-tt! ſoll kommen, der Ihr Haus ſchänden will, will ihn faſſen wie eine Stierſchlange, und ihm das Genick abdrücken, das will ich, bei Jove! das will ich. Ich habe Demohſelle Julie, die da war Demohſelle Julie, jetzt iſt ſte Mistreß Doughby, ich habe ſte ge⸗ beten, das iſt wahr, beſchworen, ſie möchte mir ihre Hand reichen, ich ſey ein heißer Kentuckier, wolle ſie aber glücklich machen; und ſie in der Angſt ihres Her⸗ zens, um nicht dem ausgemergelten Bearmill in die Hände zu fallen, ſagt ja und der Squire auch— und wen geht das etwas an?“ „Mich, mein Herr,“ ſprach Merveille, der die Pi⸗ ſtolen wieder aufgerafft und, in jeder Hand eine, auf den Mann zutrat. „Sie geht es alſo an? Sie ſind der Bearmill?“ rief Doughby mit einem Blicke auf des Mannes Ge⸗ ſtelle, halb verwundert, halb drollig. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 21 „Mich geht es an;“ ziſchte Merveille,„und ſo Sie ein Gentleman ſind, wollen wir die Sache kurz ab⸗ machen.“ Mit dieſen Worten hielt er ihm beide Piſtolen hin. Ich ſprang dazwiſchen; Doughby war mir jedoch vor⸗ gekommen. „Sie ſind alſo der Merbill, der mir meine Braut ſtreitig machen will? Sie ſind es?“ und bereits hatte er den Schatten von einem Manne mit den drei Fingern ſeiner linken Hand bei ſeinen Rocklappen erfaßt, und ihn in die Höhe gehoben, wie einen Feſton gedörrter Aepfelſchnitten. „Halt Doughby!“ ſchrie ich;—„halt und laßt Mister Merveille— er iſt mein Gaſt, ſonſt habt Ihr es mit mir zu thun.— Das geht zu weit. Wahrlich, Ihr ſeyd ein Wilder.“ In dieſem Augenblicke hob der zappelnde Merveille die Piſtole, und drückte ſie auf Doughby los. Die Kugel ſtreifte ſeinen rechten Arm. Die Damen kamen heulend herbeigerannt. „Fort!“ ſchrie Doughby, uns mit dem verwunde⸗ ten Arme abwehrend—„fort, ſage ich, laßt mich, mag ſeine andere Piſtole auch noch abdrücken— ein —⁹/ —=0 323 G— bischen Aderlaß ſchadet nichts,— laßt mich, theurer Howard, ein Mädchen wie Julie iſt es werth, daß Blut vergoſſen wird. Will ihm nichts thun, dem armen Narren, nur zeigen, mit wem er es zu thun hat. Wer möchte dem armen Narren, auf den die Landkrebſe ohnedem bereits ihre Scheeren ſpitzen, etwas zu leide thun? Schießt zu, Merbill!“ ſchrie er dem vor Galle wie eine Schlange ziſchenden und zappelnden Creolen zu, während er ſelbſt links und rechts ſprang, ſo daß weder Richards noch ich ihm beikommen konnten. „Ihr alſo, Mounshur Tonson, wollt meine Braut?“ ſchrie er mit dem in ohnmächtiger Wuth noch immer zappelnden Creolen umherſpringend und ihn ſo heftig ſchüttelnd, daß er es vergeblich verſuchte, die zweite Piſtole auf ihn anzuſchlagen.„So ſchießt, da iſt meine Bruſt. Halt Howard, halt! thue ihm nichts, dem Schatten von Manne. Wer wird dem lieben Gott vorgreifen! Crapaudchen, Tonſonchen! Wie lange wollt Ihr es noch treiben? Geht nach Hauſe, legt Euch ſchlafen, beſtellt Euer Haus; aber laßt mich und Julie ungeſchoren. Ich habe ſie erobert, 21* —" 324— und will ſie behalten und vertheidigen gegen Euch, und wen immer, bei G—tt! das will ich, gegen hun⸗ derttauſend ſolche Tonſons wie Ihr ſeyd.“ „Und jetzt geht,“ ſchrie er, ihn mit einem Male auf die Erde niederſetzend, daß dem Armen die Kniee zuſammenbrachen;„jetzt geht, und laßt mir nichts mehr von Euch ſehen, ſonſt könnte es Euch ſchlimm ergehen.“ „Gehen Sie, Merveille, gehen Sie, laſſen Sie ihn, und reizen Sie ihn nicht mehr, oder es entſteht Un⸗ glück.“ „Satisfaktion, Satisfaktion will ich haben,“ kreiſchte Merveille. „Die haben Sie, das Blut rennt Ihrem Gegner über die Achſel herab; wollen Sie noch mehr? er wird ſie Ihnen geben.“ Menou war wie verſtarrt über dieſe kentuckiſche Erhibition geſtanden, keines Wortes mächtig. Charles kam zurückgaloppirt, er hatte das Dampfſchiff nicht einholen können. Meine Gäſte ſtanden betäubt, die Neger rißen die Augen und Mäuler auf; nur die einſylbigen Worte„Massa Kentucky Debil be, Massa ᷑ — 325— Toffy the bery Debil!“*) Das Spektakelſtück hatte Alle außer ſich gebracht. Menou ſah wirr um ſich. — Er war, was wir bullied**) nennen, total ins Bockshorn gejagt. „Kommt und laßt Euch verbinden, und dann zum Frühſtücke.“ 8 „Bin bloß gekratzt, wollte es wäre tiefer gegangen, hätte ich doch Julien zeigen können, daß ich mein Blut für ſie gerne vergieße. Aber zu Eurem Frühſtücke, nein da gehe ich nicht; keinen Biſſen eher, als bis ich weiß, woran ich bin, bis mir Euer, mein Schwieger⸗ vater die Hand gereicht, das Wort Infam zurückge⸗ nommen— „Papa,“ bat ich,„an Ihnen iſt es, haben Sie die Güte— es war ein ſtarkes Wort.“ Der Papa wandte ſich weg. „Papa,“ bat ich;„ich bitte Sie.“ „Er mag zum Frühſtücke kommen;“ ſprach Menou abgewandt. *) Massa Kentucky Debil be, Massa Toffy the bery Debil. Negerausſprache ſtatt: The Kentucky Master is the devil. Master Doughby is the very Devil. Der Kentuckier iſt der Teufel. Mister Doughby iſt der eingefleiſchte Teufel. **) Bully— einſchüchtern, ganz verzagt machen. —= 326 6— „Sagen Sie es ihm ſelbſt.“ „Das kann ich nicht, das werde ich nicht.“ „Doughby,u ſprach ich;„an Euch iſt es, die Hand zur Verſöhnung zu reichen, Ihr ſeyd es, der Mister Menou zuerſt beleidigt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Doughby;„und ich will gerne um Vergebung bitten, ſo er nur das verdammte Infamous zurücknimmt.“ „Papa,“ hob er an,„verzeihen Sie mir, ich bin ein Tollkopf, wahr iſts; aber vergeben Sie, und nehmen Sie, ich bitte, das verdammte Infamous 4 zurück.“ „Kommen Sie zum Frühſtücke;“ ſprach Menou. „Nicht eher, als bis Sie mir verziehen und das Wort zurück genommen haben. Dürfte ja meinen Mitbürgern nicht mehr vor das Angeſicht treten.“ „Ich kann nicht eher zurücknehmen, als bis ich weiß—" ſtockte Menou. „Verzeihen Sie ihm,“ bat ich dringender; ver iſt ein Tollkopf, aber das Herz ſitzt ihm am rechten 4 Flecke; ein wahrer Satan, wenn er gereizt wird; aber nicht ohne Seelenadel. Unſerer Familie iſt keine Schande angethan worden.“ — o 327 6— „Verzeihen Sie ihm,“ bat Miß Emilie, was mich ungemein freute; vich bitte dringend für ihn.“ „Auch ich,“ ſprach Mistreß Houſton,„vereinige meine Bitten mit denen Ihrer Freunde, und habe die Ehre zu verſichern, daß Mister Ralph Doughby wirk⸗ lich in Verhältniſſen zu Miß Warren ſtand, die, wie Mister Menou wiſſen dürfte, einer ſehr bedeutenden Familie angehört, maßen ihr Vater, der honourable Mister Warren, Mitglied des Congreſſes, und ihr Großvater mütterlicher Seite einer der Unterzeichner der Unabhängigkeits⸗Erklärung war; auch— 4 „Und,“ unterbrach Richards die detaillirt zu wer⸗ den ſich anſchickende Dame,„da Demoiſelle Julie ſogleich auf das Dampfſchiff zurückgekehrt iſt, ſo zeigt ſich im ganzen Benehmen des Major Doughby wieder eine Delikateſſe, die Ihrer Beachtung werth iſt, Mister Menou.“ Menou hatte den Blick zu Boden gerichtet. Auf einmal ſah er Richards ſtarr an. „Ah, wenn das noch wäre;“ murmelte er. „Seyen Sie verſichert,“ ſiel Mistreß Houſton ein, „daß Major Doughby in jeder Beziehung gegen Ihre Tochter und Sie als Mann von Ehre gehandelt hat. —= 328 6— Er iſt ſeit acht Jahren mein Nachbar, und keine unſe⸗ rer achtbaren Familien würde ihm den Zutritt ver⸗ weigern.“ „Doughby,“ raunte ich dem Wildfange in die Ohren; njetzt iſt der Zeitpunkt da, Ihr habt meinen Schwiegervater auf eine unverantwortliche Weiſe ge⸗ kränkt; mich und alle meine Gäſte beleidigt; aber Alles ſoll verziehen ſeyn, wenn Ihr ſofort geht, und Papa um Verzeihung bittet.“ „Wer hat Mister Menou, wer hat Eure Gäſte beleidigt?“ ſchrie Doughby. Ich glaubte, der Böſe ſey abermals in ihn gefahren; aber es war bloß der lachende Teufel.„Wollte ihn ſehen!“ ſchrie er halb jubelnd;„wollte, wollte ihn ſchauen, der Mister Menou, meinen allerliebſten, füßeſten, holdſeligſten Papa— allzeit vorausgeſetzt, er nimmt das ver⸗ dammte Infamous zurück— beleidigte. Wollte ihm juſt wie einem Oppoſſum eines auf den Spitzkopf geben, daß ihm das Beleidigen alle Tage ſeines Lebens vergehen ſollte.“ „Herzliebſter Papa!— ich Sie beleidigt?“ wandte er ſich mit drollig einſchmeichelnder Stimme und Ge⸗ berde zu Menou;„meiner Seele! weiß kein Wort —=0 329 6— davon— wollte Sie nicht beleidigen; wollte nur mein liebes Püppchen Julie, wollte ein Weib. Habe tauſende von Mädchen geſehen, bin expreß letztes Jahr in New⸗York, Saratoga und Ballſton geweſen, hat mir keine ſo gefallen. Julie hat mir auf den erſten Anblick gefallen, war wie verſeſſen in ſie. Wollte mir ſchier das Herz zerreißen, als ich hörte, der Merbill ſollte ſie haben.— Da griff ich zu; hatte das Glück ihr zu gefallen. Bin ein fröhlicher Kentuckier, der kein Kind beleidigt, dem ſelbſt die kühle Miſſiſtppi⸗ luft das Feuer nicht löſchen kann, wird es aber, hoffe ich, Julie thun. Herzliebſter Papa, Sie verzeihen mir doch, daß ich ſo mit der Thüre ins Haus gefallen bin; nicht wahr, Sie verzeihen, Sie nehmen das In⸗ famous zurück?— herzliebſter, ſüßeſter, goldenſter, allerliebſter Papa!“ Und ſo ſagend, nahm er den Papa in ſeine Arme, und herzte und liebkoste, und bat ſo einſchmeichelnd. „So gehen Sie doch nur, Sie toller Menſch;“ ſprach Menou halb lachend, halb ärgerlich;„Sie ſind ja ein wahrer Bär, ein Wilder.“ „Ich ein Wilder ſeyn?“ ſchrie Doughby—„Ich ein Wilder! Sähen Sie erſt den alten Hickory, oder —=d 330 G— Colonel Benſon, der jetzt in Miſſouri iſt, da würden Sie ſagen, das iſt ein Wilder. Bin Ihnen zahm wie eine Ente. Auf den Händen will ich Sie tragen. Aber Papachen, nicht wahr Sie nehmen das Infamous zurück? Papachen!“ „Nun, ich nehme es zurück,“ ſprach Menou. „Und verzeihen dem tollen Ralph;“ bat dieſer, die Hände Menou's erfaſſend und ſtreichelnd. „Wollen ſehen, wenn er ſich gut aufführt.“ „Hollah, Papa Menou verzeiht mir! Ein Hurrah dem Papa Menou— Hurrah! Hurrah!“ Und nun machte er ein paar Rundſprünge, die unſere Damen auf allen Seiten Ausreiß nehmen machten. Dann lief er wieder auf den Papa zu, hob ihn wie ein Kind von zwei Jahren auf ſeinen Arm, ſchrie:„Papa hat mir verziehen,“ tanzte ein paar⸗ mal im Kreiſe mit ihm herum, und dann, was ihn die Beine tragen mochten, den lieben Papa noch immer auf dem Arme— unter dem lauten, fröhlichen Gelächter Aller— dem Hauſe zu, die Piazza hinan, in den Saal hinein, wo er ihn ſanft auf einem Seſſel niederließ. Es war ſo etwas fröhlich⸗wildes, natürliches in — X △ — o 331— dem Manne, daß man ihm wirklich, ſo böſe man auch anfangs war, zuletzt nicht gram ſeyn konnte. Als wir nachkamen, hatte er Menou's Hand in einer ſeiner gewaltigen Tatzen, mit der andern ſtreichelte er die Stirne, Schläfe und Wangen des von Blut und Schweiß triefenden Papa. „Aber Doughby! Ihr beſudelt ja Papa, uns Alle, mit Eurem Blute.“ „Meiner Seele, wahr iſts! iſt aber gutes Blut, ehrliches Blut,“ ſprach Doughby, der aufſprang, zum Spiegel rannte, und die Wunde anſah.—„Bloßes Gekratze, ging keinen Viertelzoll in das Fleiſch; aber auf alle Fälle muß ich Euch bitten, mir jetzt ein Zim⸗ merchen anzuweiſen, um die Kleider zu wechſeln.“ „Kommen Sie, Major Doughby,“ ſprach nun Menon viel freundlicher,„Ihre Wunde muß verbun⸗ den werden— kommen Sie, ich will dieß thun.“ „Danke ſchönſtens, Papa, danke; kommen Sie, Papa; von Ihrer Hand nehme ich Alles an.— Sie heilen die Schmerzen— Leibes⸗ und Seelenſchmerzen. Kommen Sie.“ Das Blut ſchien Menou plötzlich weich für den Wildfang geſtimmt zu haben. Beinahe ängſtlich nahm —= 332— er ihn bei der Hand, führte ihn aus dem Saale in ſein eigenes Zimmer, rief Charles und die alte Si⸗ bylle, und begann die Wunde zu verbinden. Wir ſaßen höchlich vergnügt über den guten Aus⸗ gang, den der horrible Sturm zu nehmen begann. Auf einmal öffnete ſich die Thüre, und Doughby ſchrie im Schlafrocke meines Schwiegervaters heraus! „Hollaho! einen katholiſchen Pfarrer!— einen katho⸗ liſchen Pfarrer,— tauſend Dollars für einen katho⸗ liſchen Pfarrer! Holla Neger, holt einen katholiſchen Pfarrer!“ rief er zur Salonsthüre ſpringend—„Hört ihr Neger, da habt ihr etwas, einen ſteifen Grog zu trinken.“ „God bless Massa! bless Massa Debil! Kentucky Massa!“ ſchrien meine Neger, die bereits ſich um die von ihm ausgeworfene Silbermünze zu balgen an⸗ fingen. „So halten Sie doch ums Himmelswillen das Maul;“ bat Menou.„Sie werden ſich ein Wund⸗ fieber auf den Hals ziehen, und wir haben eine Wöch⸗ nerin mit Zwillingen im Hauſe.“ „Ein Wundfſieber, Papa, von einer ſolchen Klei⸗ nigkeit, die jetzt dazu noch verbunden iſt? Hatte andere —=d 333 6— Hiebe erhalten, einmal von einem Tomahawk, der gerade auf dieſelbe Stelle einhieb; habe ihn aber ge⸗ ſalzen, den Indianer.— Papa, wie iſts aber nun mit dem katholiſchen Pfarrer?“ „Nun, der wird auch kommen,— nur halten Sie das Maul, und gönnen Sie ſich und unſerer Wöch⸗ nerin Ruhe.“ „Soll leben die Wöchnerin und ihre Zwillinge!— Alles ſoll leben!— Gebt ihr da die Banknote, Ho⸗ ward. Gebt ſie ihr, gebt ſie ihr. Alles ſoll heute leben! Papa Menou hat mir verziehen. Bin Ihnen die beſte Seele, wenn alles nach meinem Kopfe geht. Will ſie auf den Händen tragen, die gute Julie, Alle ſollen ſie auf den Händen tragen. Will ihm juſt den Kopf wegſchnappen, wie einer snapping turtle, wer ihr ein ſchiefes Geſicht zeigt. Möge ich erſchoſſen werden! ſo ich ſie nicht auf den Händen trage, bei Jingo! das will ich. Jubelt, frohlockt! Papa Menou hat mir verziehen.“ „Doughby, hört Ihr nicht, wir haben eine ſchwarze Wöchnerin mit Zwillingen, Ihr ſollt das Maul halten!“ „Wills ja, wills ja— will es gerne halten.— — 0 334— Holla, Howard! lieber Howard, nur ein Glas, ein einziges Glas, aber laßt es nicht gar zu klein ſeyn, mit Toddy, um Gotteswillen! ich verſchmachte ſchier, die Kehle brennt mir, iſt mir ſo trocken, wie unſere Prairies nach einem Waldbrande.“ „Gott behüte!“ rief Menou—„Sibylle bringt die Tiſane, von der ich geſagt.“ „Was iſt das Tiſane?“ fragte Doughby mit drol⸗ liger Miene. „Eine Schale Kaffee wird beſſer thun, Doughby. Phöbe, eine Schale Kaffee!“ „Vielleicht wäre die Tiſane doch beſſer, iſt vielleicht eine Doſis Rhum dabei, oder Monongehala? Iſt's nicht ſo, Papa?“ meinte Doughby. Der Papa lachte zum Zerberſten, und wir gleich⸗ falls. „Habe Euch auf Ehre ſeit geſtern Mittag nichts gegeſſen und getrunken; ich glaube nicht zwei Gläſer kamen mir über die Lippen. Bin wirklich hungrig und durſtig.“ Und ſo ſagend, begann er nachzuholen, und wir uns vom Sturme zu erholen, der über uns hingefah⸗ ren war, nicht unähnlich den Orkanen, die über unſer — 335— Miſſiſippi⸗Thal herabbrauſen, und Alles zerſtörend mit ſich fortreißen.— Zwei Stunden darauf war Alles in Ordnung. Papa Menou hatte Doughby verziehen, und ſeine Einwilligung zum Ehebündniß förmlich gegeben. Uebermorgen ſoll es durch den ehrwürdigen Prieſter Hilaire nach den Gebräuchen der katholiſchen Kirche vollzogen werden. Louiſe hat der Schweſter in Kürze geſchrieben und ihr den glücklichen Ausgang des Un⸗ gewitters gemeldet. Charles, Richards und ich ſind auf einer Tour durch die Pflanzung. Doughby hütet das Sopha, auf den ernſtlichen Befehl Menous, der ihn ſchnell lieb zu gewinnen ſcheint. Er parlirt ab⸗ wechſelnd mit ihm und Vergennes franzöſiſch, und Menou möchte oft platzen vor Lachen. Merveille iſt durch Menou und Vergennes ganz von ſeinen Mord⸗ gedanken zurückgebracht. Morgen wollen wir Alle hinauf auf die Pflanzung Menou's, um das Drama zu beſchließen. Als ich mit Louiſen innerhalb der Moſchetto⸗Vor⸗ hänge die Vorfälle des Tages kurſoriſch durchging, ſiel mir ihre Bemerkung auf, daß wir wohl morgen nicht zum Vermählungsfeſte Doughby's mitgehen —=0 336— könnten, da unſere Haushaltung nun in jeder Hinſicht um das Doppelte vermehrt, wir auch unſere neuen Neger ſo ſchnell als möglich kennen lernen müßten. Aber, meinte ich, Bruder Charles würde ja gewiß noch die Güte haben, dieſe paar Tage der Pflanzung vorzuſtehen. Charles habe ihr aber in die Ohren gewiſpert, meinte ſie, daß er ſehr gerne mit hinauf ginge, er wolle wieder kommen, nur dies Mal möchte er gerne mitgehen. „Und warum ſollte er nicht, er hat mir des Ge⸗ V fälligen ſo viel erwieſen, das es unbeſcheiden wäre, ſeine Güte noch länger in Anſpruch zu nehmen.“ „Es iſt noch etwas anderes dahinter,“ meinte Louiſe lachend.„Haſt Du nichts bemerkt?“ „Nichts,“ war meine Antwort. „Wie Ihr Männer doch ſo blind ſeyd. Sieh ihn morgen genauer an. „Was iſt es?⸗ „Auch ſeine Stunde iſt gekommen.“ „Wie? Miß Warren?“ Louiſe lachte. Das iſt ja doch wirklich außerordentlich. Schlag auf Schlag. Alles fängt wie Zunder. Iſt aber auch — — —= 337 6— kein Wunder bei unſerm ſybaritiſchen Leben! Die Säfte gähren, wie friſch gekelterter Wein, dazu die patriarchaliſche Einſamkeit, die Entfernung von allen abſtumpfenden Einwirkungen der verdorbenen Außen⸗ welt— wie ſollte die Erſcheinung eines ſolchen Prachteremplars, wie Emilie, nicht auch elektriſch wirken? „Alſo glaubſt Du wirklich, Emilie, wie nennſt Du ſie? Wäre ſie nur nicht gar ſo ſteif.“ „Dieſe Steifheit gibt ſich, ſo wie ſte auf den rech⸗ ten Mann trifft. Emilie iſt wirklich ein prächtiges Mädchen— freilich keine Louiſe.“ „Stille, Schmeichler.“ Und es war richtig, ganz wie Louiſe bemerkt hatte. Charles iſt heute ſo ſorgfältig herausgeputzt, wie ich ihn noch nie geſehen. Man hätte ihn ſtatt Doughby für den Bräutigam nehmen können. Dieſer muß noch im Schlafrocke umherwandeln; morgen jedoch erlaubt ihm Menou, ſich in ſeine Majors⸗Uniform zu werfen; doch Charles und Emilie, es iſt eine Freude, die beiden Leutchen zu beobachten, nur Schade, daß Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. II. 22 —“° 338— ich die Zeit dazu nicht habe. Er iſt bald furchtſam, bald wieder keck wie ein Franzoſe. Und die Miß, ſie beginnt wieder zu ſchweben, ihr Gang wird wieder halb tanzend, wogend, in den Hüften wiegend; ihr Blick zuverſichtlicher, verklärende Hoffnung röthet das holde Geſtcht. Ci, die Yankeein iſt klug. Sie weiß, daß der alte Menou eine Million Dollars wiegt. Dem Himmel ſey Dank, daß die Kataſtrophe nicht eher ausbrach, ſonſt Gnade Gott meiner Pflanzung; aber dieſe iſt wirklich in bewundernswerther Ordnung, ſelbſt die Tagwerke— die Penſums, wie wir ſie nennen, ſind für die ſämmtlichen Schwarzen bis zum Anfang des künftigen Monats, wo die Cottonernte beginnen ſoll, eingetheilt; jeder hat eine ſeinen Kräf⸗ ten angemeſſene Aufgabe; blos zwei Mal, erſehe ich aus den Büchern, hat er ſtrafen laſſen, und zwar ein Mädchen, und einen Burſchen, der ein Pferd bei einem nächtlichen Ausfluge, während er die Woche hatte, ſchier todt geritten. Doughby weiß von einem Auf⸗ ſeher, der ſo eben von Tenneſſee herabgekommen, und ein prächtiger junger Menſch ſeyn ſoll. Das Neger⸗ feſt und die Austheilung der Geſchenke, rathen Menou und Alle, zu verſchieben. Dieſer Verſchub ſoll ge⸗ * — — 339 6— wiſſermaßen als gelindes Zwangsmittel mit beitra⸗ gen, meine neuen Unterthanen an die Hausordnung zu gewöhnen. Die Furcht, bei der Austheilung der Geſchenke leer auszugehen, wirkt auf alle Fälle heil⸗ ſamer, als zehn Peitſchen. Ich glaube, ſie haben Recht, um ſo mehr, da ich den Aufſeher vor acht Tagen nicht erwarten kann, und das Dareinſchlagen haſſe. Gott ſey Dank! ſie ſind endlich abgereist. Mir iſt ordentlich wohl, das Herz iſt mir leichter.— Des Getriebes und Getümmels war auch gar zu viel. Um vier Uhr betraten ſie das Verdeck, und mit ihnen die dreißig Neger, die Papa herabkommen laſſen, um ſchneller Haus und Pflanzung in Ordnung zu brin⸗ gen. Die zwei Kanonen ſind gleichfalls abgegangen. Ich ſtellte es Louiſen frei, mitzugehen; aber mein Weibchen legte mir das Köpfchen an die Bruſt, und meinte, es gezieme ſich nicht, ſo allein in der Welt herumzuvagiren, und ſie hofft, das gute Exempel, das ſie ſtatuire, werde in mir nicht verloren gehen. Das ſoll es nicht, theure Louiſe! Merveille bleibt bei 22* — 340— uns, und Vergennes will kommen, ſobald die Ver⸗ mählung ſeines neuen Buſenfreundes Ralph vollzogen iſt. Wollte er ginge, und Vergennes bliebe. Ich kann den Roué nicht leiden, ſein bloßer Anblick erregt mir Ekel. Die Verbindung iſt denn vollzogen— Doughby iſt ein glücklicher Ehemann und Julie ein ſchmachten⸗ des, halbverſchämtes Eheweibchen. So eben ſind ſie in mein Haus getreten. Sie ſind auf ihrer Heimreiſe 3 begriffen, und einen Augenblick mit meinen und ihren Freunden abgeſtiegen, um mir Lebewohl zu ſagen. Alle ſind in der beſten Stimmung, gerührt, was wir ſagen, bis auf die Tante Duras und den alten Merveille. Je nun, man kann es nicht Allen recht machen.“ Doughby ſiel mir auf, er ſchien mir um zwanzig Jahre geſetzter, und ſich in ſeine neue Beſtimmung ganz und gar zu ſchicken.—„Howard,“ raunte er mir unter anderm in die Ohren,„mein Weib iſt ein Engel, aber wißt Ihr, Herzens⸗Howard, dachte mir, nimmſt ſie ſo ſchnell als möglich aus den creoliſchen —— — 341 6— Umgebungen fort, weg von den katholiſchen Prieſtern und Mama's.“—„Ich glaube, Ihr habt Recht, Doughby.“—„Und nun Howard, Freund, Bruder, Schwager, tauſend Dank für Alles! Ihr habt wie ein echter Virginier gehandelt— nicht zu viel, nicht zu wenig gethan! die Dinge, ſo wie die Menſchen gehen laſſen, nur hie und da nachgeholfen. Mag ich erſchoſſen ſeyn, wenn ich Euch das jemals vergeſſe! und ſo Ihr je hört, daß Julie eine einzige trübe Stunde hat, daß nicht jedem ihrer Wünſche zuvorge⸗ kommen wird, ſo hängt mich wie einen ausgeweideten Hirſchen.— Ich ſende Euch den Aufſeher, der aus einem ſoliden Hauſe iſt, und dann kommt Ihr. Jetzt aber noch nicht, müſſen uns noch zuvor einrichten.“ Menon drohte mir mit dem Finger.—„Was iſt's Papa?“„Sie haben das Alters⸗Zeugniß über Julien ausgeſtellt— das vergeſſe ich Ihnen nicht,“ lachte er mir zu, gerade als er an Bord ging. „Und wie ſteht es mit Charles, lieber Papa?“ „Der bleibt bei ſeiner Schweſter auf einige Wochen.“ „Und Miß Emilie?« „Je nun, das wird ſich geben, hoffentlich zu Weih⸗ —= 342— nachten, wo Charles das einundzwanzigſte vollendet. — Gott behüte Euch, liebe Kinder!“ Wir nahmen noch von Madame de Duras, die aber, wie geſagt, nichts weniger als gut geſtimmt ſchien, Houſton, Richards, kurz allen unſern Freun⸗ den Abſchied. Merveille will hinauf zur Mama Menou.— Glückliche Reiſe! ſo ſchließt das Drama Ralph Doughby's Esg. Brautfahrt, recht regelrecht mit Exeunt omnes. Tnſimnſunmnin 8 9 10 11 nſnnhn IIIanannn 12 13 14 15 16 17 18 9 5 r 8 ö 8— 3 1 1— 5