Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. t. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— PFf. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Geſammelte Werke von Charles Sealsfield. Neunter Theil. Lebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre. Erſter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. gebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre. 3 Von Charles Sealsfield. In fünf Theilen. Erſter Theil. George Howard's Esd. Brautfahrt. Dritte durchgeſehene Auflage. — Oe— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1846. Der zum Vewußtſeyn ihrer Kraft und Würde erwachenden deutſchen Nation ſind dieſe Bilder des häuslichen und öffentlichen Lebens freier Vürger eines ſtammverwandten, weltgeſchichtlich groß werdenden Staates als Spiegel zur Selbſtbeſchauung hochachtungsvoll gewidmet vom Verfaſſer. George Howard's Esqg. Brautfahrt. I. Siebzehn, achtundzwanzig und fünßig, oder Scenen in Newyork. „Siſſi! Siſſi!“*) rief ihre Nachtigallkehle, und ihr Engelsköpfchen guckte zur Thüre, und ſte ſelbſt tanzte herein, ſchnitt einen komiſchen Kniks, lachte eine ge⸗ horſamſte Dienerin, und begann:„Nein, es iſt nicht mehr zum Aushalten! Pa tobt, rennt an mir vorüber in die Straße hinaus, als ob es auf der Change*) brennte; Ma gähnt, und will von unſerm Shop⸗ ping*en) nichts wiſſen, und brummt, immer Geld, nur immer Geld. Ach! liebe Siſſt, aus der Laden⸗ Exkurſion wird nun für heute einmal nichts. *) Siſſi, Pa, Ma, Abkürzungen von Siſter(Schweſter), Papa, Mama. **) Change, Abkürzung von Exchange, die Börſe. ***) Shopping, Ladenbeſuchen, eine Lieblingsunterhaltung der jungen Damen von Newyork, beſonders nach der Ankunft voon Packetſchiffen aus Europa. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. J. 2 — 10— Siſſt, an welche die Jeremiade gerichtet war, lag mit ihrer Linken auf die Sophalehne geſtützt, mit der Rechten Paul Clifford haltend. Sie warf einen ſchmachtend wehmüthigen Blick auf die liebliche Schweſter. „Ach, der arme Staunton wird Trübſal blaſen,“ fuhr ſte fort.„Sieh, ſo eben macht er die zehnte Tour gegen die Batterie*) zu. Geſtern war er eine wirkliche Jammergeſtalt. Ich hätte es nicht über's Herz bringen können, ihm zu verſagen. Wie konnteſt Du nur ſo grauſam ſeyn, Margareth?“¹ „Ach!“u lispelte dieſe mit einem ſchmelzenden Blicke, „wie konnte ich anders? war nicht Ma hinter mir, und ſtieß mich ſo unſanft mit ihrem Ellbogen in den Rücken? Ma iſt zuweilen recht gemein.“ Ein tiefer Seufzer entquoll ihrer Bruſt. „Ja,“ bekräftigte die Schweſter,„ich weiß gar nicht ,was ſte gegen den armen Staunton hat; aber aufrichtig geſagt, Margareth, die Galopade hat gar *) Batterie, ein prachtvoller Spaziergang, beinahe an der Mündung des Hudſons in die See, von dem man eine ent⸗ zückende Fernſicht in die Raritanbey, di geegenüberliegenden In⸗ ſeln und New⸗Jerſey genießt. 3 —= 11— nicht durch ſein Wegbleiben verloren. Die erſte, die er getanzt; war er doch ſo ſteif,— wie ein Stroh⸗ mann. Unſer Louiſiana⸗Hinterwäldler da nahm ſich viel mehr zu ſeinem Vortheile aus.“ Dabei blickte das ſchelmiſche Weſen mich mit einem ſo ſchalkhaften Lächeln an, daß ich, trotz des zwei⸗ deutigen Compliments, ihr nicht böſe ſeyn konnte. „Das iſt unedel, Arthurine,“ verſetzte die bitter⸗ böſe Margareth. „Siſſi, Siſſt,“ bat das Schweſterchen, und ſie flog an Margareth heran, und ſchlang ihre Alabaſter⸗ hände um ihren Nacken, und herzte und ſchmeichelte ſo lieblich, daß Margareth mit Thränen im Auge ſie umſchlang. Wer ſo das Mädchen ſah, wie ſie ätheriſch hinflog, mit ihren Füßchen den glänzenden Teppich kaum berührend, der hätte ſchwören ſollen, ſie ſey ein Luft⸗ gebilde. Sie war zum Malen ſchön. Schlank wie ein Rohr und nicht viel dicker, konnte man ſie mit ſeinen zehn Fingern umſpannen; jedes Gliedchen zuckte wie Queckſilber. Händchen und Füßchen im niedlichſten Ebenmaße und ein Geſicht ſo zart, von Lilien und Roſen angehaucht, und das lichtblonde 2* 8 —= 12 6— Köpfchen, und die hellblauen, runden, klaren Schel⸗ menaugen voll reiner Klarheit! Man hätte ſie freſſen mögen. „Ach des Jammers,“ ſeufzte die um zwei Jahre gereiftere Margareth.„Nein, dieſer gemeine Menſch, ſo roh und ſelbſtſüchtig ſich zwiſchen mich und den edeln Staunton einzudrängen! Er wird mir das Herz abdrücken.“ „Nun Siſſi, das weiß ich eben nicht,“ verſetzte Arthurine.„Moreland, Du weißt, iſt volle fünf Mal hunderttauſend Dollars ſchwer, und Staunton iſt federleicht, mit ihm verglichen; kaum zweitauſend per annum.“ „Liebe verſchmäht das ſchnöde Gold,“ lispelte Margareth. „Ah bah,“ meinte Arthurine, vich nehme Silber, wenn es in hinlänglicher Quantität vorhanden iſt. Denke nur an die Partieen, die Bälle. Jeden Som⸗ mer nach Saratoga*), vielleicht nach London, Paris. Viktorine hat mir den Mund ganz wäſſerig mit der königlichen Adelaide gemacht.“ *) Saratoga, die bekannten Mineralquellen des Staates Newyork. — d 13— 8 „Hinweg, hinweg mit ihm!“ rief Margareth. „Er iſt ja noch nicht da, er kömmt erſt zum Thee, und bis dahin haben wir noch ſechs lange Stunden,“ meinte Arthurine mit wahrer chriſtlicher Ergebung. „Ach, Du Grauſame!“ lispelte Margareth,„uns ddiieſes kleine Vergnügen zu verſagen des elenden Gel⸗ des wegen!“ „Ja, wenn wir noch ein Paar Dutzend tüchtige, nagelneue Romane hätten,“ meinte Arthurine.„Ich kann nur nicht begreifen, warum Cooper ſo faul iſt. Das Jahr hindurch nicht mehr als einen Roman! Ich könnte, mein' ich, alle Tage einen ſpielen. Wie wär's, Siſſt, wenn Du zu ſchreiben anfingeſt? Ich glaube, ſo gut wie Mistreß Mitchell triffſt du es auch. Bulwer iſt ein unausſtehlicher Fantaſt, und Walter Scott wird ſo alt und abgedroſchen, als wenn er für Tagelohn ſchriebe.“ „Ach Howard!u ſeufzte Margareth. „Geduld, liebe Margareth!“ erwiederte ich.„Wenn es möglich iſt, ſo helfe ich Ihnen den Alten ausputzen. Wollen es wenigſtens verſuchen.“ Klapp, klapp, klapp erſchallte es an der Hausthüre. — 0 14— Arthurine horchte. Noch zwei Schläge. Ihre Augen leuchteten vor Freude. „Ein Beſuch,“ rief ſie triumphirend, und tanzte zur Thüre und horchte.„Ach, das ſind Damenfuß⸗ tritte!“ Die Thüre öffnete ſich, und herein ſchwebten in's glänzende Drawing⸗room*) die Miſſes Pearce, ſo rauſchend, ſo duftend in den violettfarbigen, offenen Ueberröcken und geſtickten Roben und in Prunell⸗ ſchuhen! Sie ſahen aus, als ob ſte auf den Ball gingen. Wer unſere Mädchen vom ſogenannten haut-ton im Morgenkleide zu ſehen das Glück hat, ich ſage, zu ſehen das Glück hat— denn wir ſind bereits ziemlich ercluſiv geworden,— deſſen Herz muß von Granit oder Quarz geformt ſeyn, wenn es ſo vielem Zauber widerſtehen kann. Dieſe zarten, leichten Weſen mit ihren intellectuellen und doch ſo ſchmachtenden Ge⸗ ſichterchen, ihren ſchwimmend⸗feurigen Augen, ihren zarten Körperchen, die man gerne feſthalten möchte, damit der Wind ſie nicht wegblaſe; dieſe zarten Hände *) Drawing⸗room, Beſuchzimmer. — 0 15 6— und Füßchen, ſie ſind unwiderſtehlich! Die Boſtonerin⸗ nen ſind verſtandreicher, ihre Geſichtszüge regelmäßi⸗ ger, aber ſte haben etwas Yankeeartiges, das mir nicht zuſagt; zudem iſt ihre Taille ein Artikel, an dem ich immer das Wichtigſte vermiſſe, nämlich den Buſen. Es iſt bekanntlich in der Nankee⸗Metropolis Mode, keinen zu haben. Dabei ſind ſie ſo verwünſchte Blueſtockings.*) Die Philadelphierinnen ſind runder, elaſtiſcher. Man trifft unter ihnen herrliche Geſtalten, die ſo angenehm plappern! im Small talk**) ſind ſie unübertrefflich; aber die Newyorkerinnen, beſon⸗ ders wenn ſo ein letzter Mohikan oder Redrover er⸗ ſchienen, ſind ganz unvergleichliche Coras und Alices, zum Malen natürlich! Cooper, ich wette darauf, würde er ſie nur ſehen, zerriſſe ſeine Manuſkripte, und bildete ſeine Damen weniger hölzern. Er muß ihre Bekanntſchaft blos auf der Batterie oder im Broadway gemacht haben, wo ſte ſo entſetzlich im Putze vergraben ſind, daß der eigentliche Menſch gar nicht herauszufinden iſt. Die zwei eintretenden Miſſes geiſter, Literatinnen. **) Small talk, Geplander, gewöhnlicher Converſationston. — 8 16— ſind ſprechende Beweiſe. Die vier täglichen Metamor⸗ phoſen einer faſhionablen Engländerin oder Franzöſin haben ſte mit einem Male auf ſich geladen. Doch mit meinem téte-A-téte iſt es für heute vorbei. Ich bin nun überflüſſig, und für die Langeweile der zwei hol⸗ den Geſchöpfe iſt geſorgt. Ich empfehle mich daher. Als ich vor dem Parlour*³) vorbeikam, öffnete ſich die Thüre, und Mama Bowſends winkte mir hinein. Auch der Papa war zugegen. „So zeitlich verlaſſen Sie uns heute, lieber Ho⸗ ward?“ begann die Erſtere. „Die Miſſes haben Beſuch bekommen.“ „Ach, lieber Howard!“ ſeufzte die Ma. „Die Workies**) haben ihren Canvaß durchge⸗ ſetzt,“ brummte der Pa. *) Parlour, Sprachzimmer, Beſuchzimmer, das von Dra⸗ wing⸗room dadurch unterſchieden iſt, daß es zugleich Speiſeſaal iſt, wogegen das Drawing⸗room Thee⸗ und Damenſaal genannt werden könnte. **) Workies, Handwerksgeſellen, Handwerker, die bekannt⸗ lich in Newyork und Philadelphia eine ſehr bedeutende Klaſſe bilden, ihre eigenen, wohl redigirten Journale beſitzen, ihre Ver⸗ ſammlungen mit Präſidenten, Sekretären haben, und bei den öffentlichen Wahlen eine ſehr einflußreiche Stimme führen. — —=17— „Der fatale Staunton,“ unterbrach ihn ſeine Che⸗ hälfte.„Stellen Sie ſich nur vor... 4 „Dem pfiffigen Iſraeliten,“*) fuhr Mister Bow⸗ ſends fort,„dem hat ſein Buſenfreund einen herrlichen Streich geſpielt. Ha, ha! Alle Tage war er vor der Kirche. Ha, ha! War zum Todtlachen. Nichts davon gehört, Mister Howard?“ Ich wußte nicht, ob ich die Ohren zuerſt hinhalten ſollte. Die beiden Eheleute gönnten einander das Wort nicht. „Ich weiß nicht,“ jammerte die Dame,„aber dieſer Mister Staunton wird mir jeden Tag mehr zuwider. Denken Sie nur, er hat wirklich die Effronterie, von Margareth nicht laſſen zu wollen. Kaum zweitauſend per annum.“ „Er ſoll Anſtalt machen, von der Hermitage**) aufzubrechen; die Bankaktien ſind ein halbes Prozent gefallen,“ ſchnarrte der Herr Gemahl darein. *) Pfiffige Iſraelite, eine Anſpielung auf einen ſehr bedeutenden Politiker der Stadt Newyork, der dieſes Glaubens iſt. **) Hermitage, Einſiedelei, Landſitz und Pflanzung des damaligen(1828) Präſidenten der vereinigten Staaten, Andrew Jackſon. — 18— „Erſtaunlich!“ rief ich.— Das paßte auf den armen Staunton und den neuen Präſidenten. „Er ſollte doch denken, wer er iſt, und wer wir ſind,“ rief ſie, ſich dehnend. „Freilich, freilich!“ bekräftigte ich. „Und die Gouverneurs⸗Wahl geht auch ſo ver⸗ zweifelt ſchlecht,“ meinte hinwieder Mister Bowſends. „Und dann Margareth,— denken Sie ſich nur die Blindheit!— freilich iſt ſie ein ſanftes, gutes Weſen,— aber fünf Mal hunderttauſend Dollars,“ fuhr die Dame fort. „Sind gar nicht zu verwerfen,“ war meine Mei⸗ nung. Die fünf Mal hunderttauſend Dollars hatten endlich die Saite berührt, die im Innern des lieben 3 Mannes einen Ton von ſich gab.„Fünf Mal hun⸗ derttauſend Dollars! ja freilich,“ bekräftigte er.— „Werden da lange fragen. Alles Narrheit; die Mädchen könnten einen Kröſus ruiniren.“ „Ja, Deine Wahlen und die Workies!“ ſchmollte die Mistreß Bowſends. „Das verſtehſt Du wieder nicht,“ verſetzte er hitzig.„Intereſſen im Congreſſe— im Lande— — 5 19 6— müſſen aufrecht erhalten werden. Wer würde das thun, wenn wir... 4 „Nicht wetteten,“ dachte ich. „Bald werden wir keinen Fenſterrahmen mehr ein⸗ ſetzen laſſen können, ſo wachſen ſie uns bereits über die Köpfe. Und dieſe Miß Fanny Wright*)... 4 Die Dame ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus; ſie faßte ſich jedoch wieder, und ſprach: „Nein, Sie ſind doch unſer alter Hausfreund, und ich hoffe, Sie werden... 4 „Apropos,“ unterbrach ſie ihr liebender Gatte. „Wie iſt Ihre Baumwollenernte ausgefallen? Sie könnten ſte an mich ſpediren. Wie viele Ballen?“ „Hundert, und einige Dutzend Fäſſer Taback.“ *) M 8 Fanny Wright, eine ſchottländiſche Dame, ſeit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten angeſiedelt, etwas abenteuerlich in ihrem Lebenslaufe, ſonſt aber achtbar, in ihren Grundſätzen Owenitin und Eucyklopädiſtin; hielt Vorleſungen, in denen die Ariſtokratie, Geiſtlichkeit ꝛc. ſcharf hergenommen, und das agrariſche Syſtem gepredigt wurde, hatte bedeutenden Anhang in Newyork, aber keinen im Lande, aus dem Grunde, der jede gewaltſame Revolution in den Vereinigten Staaten un⸗ möglich macht, weil nämlich neun Zehntheile der amerikaniſchen⸗ Bürger wirkliche Land⸗ und Grundeigenthum⸗Beſitzer ſind.— Uebrigens genoß ſie das Privilegium der Freiheit, d. h. ſie konnte reden und drucken laſſen, was ſie wollte. — 9 20— „Beiläufig ſechstauſend per annum,“ brummte der Papa.—„Hm, hm.⸗ „Was das betrifft, ſo habe ich das Capital in Händen,“ fuhr ich nachläſſig fort,„die hundert Ballen um noch hundert zu vermehren.“ „Zweihundert! zweihundert!“ des Mannes Augen funkelten beifällig.„Das ginge, das wäre nicht übel. Ja, Arthurine iſt ein liebes Mädchen! Nun, theurer Mister Howard! wollen ſehen. Ja, ja! Sie kommen doch jeden Abend— ganz ungenirt— Arthurine, wiſſen Sie, ſieht es gerne.“ „Und Mistreß Bowſends und Mister Bowſends?“ fragte ich. „Sind es ganz zufrieden,“ lächelten die Beiden, „machen Sie nur bald.“ Ich verbeugte mich angenehm überraſcht, und ging. Zwar waren mir die vorletzten Phraſen des Trilogs nicht ganz angenehm in den Ohren verklungen. Der lieb ſeyn ſollende oder wollende Schwiegerpapa, ſcheint es, will ſeine Wettenverluſte mit meiner Baumwolle wieder ausgleichen.— Es muß ein Bischen hapern.— Ekelhafte Menſchen konnte ich mich nicht enthalten aus⸗ zurufen,— ſo ekelhaft ſelbſtſüchtig, daß ſie ſich ſelbſt — o 21 6— nicht zu Worte kommen laſſen. Die ſtupideſte Unver⸗ ſchämtheit, die je in Schneiderſeelen gewohnt, die für nichts Sinn haben, als für ihr eigenes ſaft⸗ und mark⸗ loſes, ſchwammiges, verdorbenes Ich! Selbſt ihre Kin⸗ der ſind ihnen blos— Sachen!— Und dieſe Menſchen gehören nun zum haut-ton. Vor fünf und zwanzig Jah⸗ ren nahm er noch das Maß. Nun iſt er Wortführer auf der Börſe und Mitglied von zwanzig Comité's. Und Arthurine! Sie, ſiebzehn Jahre alt, und du acht und zwanzig;— das koſtſpieligſte Zierpüppchen der Stadt und das will wahrhaftig nicht wenig ſagen; aber auch das eleganteſte, reizendſte, eine wirkliche Sylphide! Geſicht und Hände können nicht zarter ſeyn. Ihr ganzes Weſen ſo bezaubernd! Es war vor eilf Monaten, daß ich ſte kennen gelernt, und angezogen und feſtgehalten wurde, als wäre ich mit Armida's Banden gefeſſelt. Sie war juſt aus der franzöſiſchen Penſtons⸗Anſtalt von St. Johns ins väterliche Haus zurückgekehrt. Dieß iſt nun, im Vorbeigehen ſey es geſagt, die Art und Weiſe, wie ſich unſere Mushroom⸗Ariſtokratie geſtaltet.*) *) Mushroom⸗Ariſtokratie, Pilz⸗Ariſtokratie, ein Spottname, der pilzartig aufgeſchoſſenen Ariſtokratie der See⸗ ſtädte gegeben. — 22— Ein Paar Töchter, in faſhionable Penſtonen geſandt, ziehen bei ihrem Rücktritt ins väterliche Haus mit ihren Geſpielinnen ein paar Dutzend junge Laffen nach, und die Glorie der Töchter ſtrahlt natürlich auf den lieben Papa und die theure Mama zurück. Und die kleine Hexe weiß anzuziehen. Alle Herzen flogen ihr entgegen; doch keiner konnte ſich rühmen, auch nur um einen Blick reicher zu ſeyn denn ſeine zwanzig Mitwerber. Ich war noch der Einzige, der ſich einiger⸗ maßen gewiſſer paſſiver Gunſtbezeugungen rühmen durfte, als da ſind: ſie zu beneinn fus und zu Pferd und im Wagen, ihr den Sha nachzutragen und umzuhängen, ihr beſtimmter Tänzer zu ſeyn, wenn kein beſſerer da war, und derlei beneidenswerthe Dinge mehr. Sie ſcherzte, ſie tändelte, ſie flatterte um mich herum, hing ſich an meinen Arm, und trip⸗ pelte mit mir Broadway hinauf, oder die Batterie hinab. Auch hatte ich das Geſchäft übernommen, ſie mit den neueſten Produkten Walter Scotts, Coopers, Bulwers ꝛc. zu verſorgen, und ſie mit unſern At⸗ lantic⸗Souvenirs und Tokens, ſowie den engliſchen Keepſakes und Amulets zu überraſchen, nicht minder den faſhionablen Bravour⸗Arien der ſehr beliebten — o 23— Madame Veſtris. Alles das hatte mich ſchweres Geld gekoſtet. Der Gedanke jedoch, es gehe zu Han⸗ den des ſchönſten Mädchens von Newyork, hatte mich noch immer getröſtet; einmal mußte ſie ſich doch erge⸗ ben! Wirklich hatte mir auch das Glück ſchon zwei Mal gelächelt; ein Mal nämlich, als wir auf der Niagara⸗Brücke*) ſtanden, und in die tobenden Ge⸗ wäſſer hinabſtarrten, da durfte ich meinen Arm um ihren Leib ſchlingen, um ſie vor dem Schwindeln zu bewahren, und wäre darüber beinahe ſelbſt in den Strom hinabgeſtürzt. Ferner gelang mir daſſelbe Wageſtück bei den Trentonfällen.**) Das war aber auch Alles ſeit den eilf Monaten, die ich in Newyork vergeudet, und die wahrlich meinen Beutel nicht ſchwerer gemacht. Südländer ſind nun ſchon gewiſſer⸗ maßen hier wie die Gimpel oder Robbins***) be⸗ trachtet, die ſo eben fett gemäſtet ankommen, zum Frommen heirathsluſtiger Nordländerinnen, von *) Niagara⸗Brücke, eine Brücke, die von der amerikani⸗ ſchen Seite des Fluſſes zur Inſel führt, welche den Fall in zwei ungleiche Hälften theilt. **) Trentonfälle, Romantiſche Waſſerfälle, unweit Bals⸗ ton, einer mineraliſchen Quelle. **n) Robbins, Rothkehlchen. —= 24 6— denen wir ohne viele Mühe umgarnt und eingefangen werden, verſteht ſich, wenn wir Dollars haben. Es iſt Mode, von einer nordländiſchen Schönheit an unſern Theetiſchen bedient zu werden, der einzige Dienſt, zu dem ſie ſich in der Regel im lieben Ehejoche verſtehen. Und ich war nun zum ſechsten Male bereits in dieſem wichtigen Geſchäfte heraufgekommen. Es war hohe Zeit abzuſchließen; wenn ich nicht als verlegene Waare bald außer Concurrenz geſetzt werden ſollte. Als ich ſo ſinnend um die Trinity⸗Kirche in die Wallſtraße hineinbog, da kam mir mein Leidensge⸗ fährte Staunton entgegen. Das betrübte Geſicht des Yankee hätte mich beinahe zum Lachen gebracht. Auch ſo eine Art Augur, dachte ich, als er herankam, um mir zu verkünden, daß das Wetter ſchön ſey, und zugleich einen Imbiß von ſeinem Kautabake anzubieten. Ich konnte nicht umhin, ihm meine Verwunderung zu erkennen zu geben, wie die äſthetiſche, zartfühlende Margareth ſo etwas vertragen könne. „Ja,“ verſetzte der Gute mit einem ſeltſamen Ge⸗ dankenſprunge,„Moreland kaut ja auch.“ „Ja, aber hat fünf Mal hunderttauſend Dollars, 4 und die verſüßen das Gift.“ — 25— „Ach!“ ſeufzte er. „Den Muth nicht verloren!“ rief ich ihm zu, „Bowſends iſt reich.“ Der Mann ſchüttelte den Kopf.„Zwei Mal hun⸗ derttauſend ſagt die Welt; aber morgen ſind es viel⸗ leicht nicht mehr zwanzig. Du kennſt unſere Newyorker. Der Aufwand iſt groß, und hat er die Töchter los, ſo fallirt er ſicher in acht Tagen.“ „Erſteht aber wieder um deſto glorreicher im näch⸗ ſten Jahre;“ tröſtete ich ihn. „Ja, wenn das noch wäre,“ meinte der Nankee. „Je nun,“ verſetzte ich lachend,„mit Hülfe eines ſo zarten Gewiſſens, wie das Deinige, wird es ihm nicht fehlen. Unterdeſſen nimmſt Du die ſchmachtende Margareth, und theilſt mit Deinen Mitbürgern das beneidenswerthe Loos, mit der blechernen Büchſe oder dem weiß geflochtenen Korbe Dich morgens auf dem Greenwichmarkte zu ergehen, und Deiner unterdeſſen ſanft ſchlummernden Gattin die Kartoffeln und geſal⸗ zenen Mackarels vor den Theetiſch zu legen, wofür Dir dann ihre ſchöne Hand eine Schale Bohea einzu⸗ ſchenken ſich herablaſſen wird; das iſt eine Antidote gegen die Dispepſia.“ Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. l. 3 . — 8 26— „Du biſt boshaft,“ ſprach der arme Staunton. „Und Du nicht klug. Einem jungen Advokaten, wie Dir, ſtehen hundert Häuſer offen.“ „Und ſo Dir. „Ja, da haſt Du Recht.“ „Und dann habe ich den Vortheil, daß mich das Mädchen liebt.“. „Mich lieben der Pa und die Ma und das Mäd⸗ chen.u „Haſt Du fünf Mal hunderttauſend Dollars?u „Nein.“ „Armer Howard!“ lachte er. „Hol Dich der Teufel!“ lachte ich dazu. Wir hatten ſo ein recht angenehmes Viertelſtünd⸗ chen verplaudert, als von der Greenwichſtraße eine Kutſche herauffuhr, in der eine Perſonage ſaß, die ich zu kennen glaubte. So eben war eines der Phi⸗ ladelphia⸗Dampfboote angekommen, ich trat vor. „Halt!u rief es—„Halt!“ rief ich und ſtürzte auf den Wagenſchlag zu. Es war Richard, mein Jugend⸗, Schul⸗ und Collegien⸗Freund und Nachbar oben⸗ drein, zwanzig Meilen von mir geboren, hundert und ſiebenzig von mir wohnend. Ich nahm vom guten —e 27— Staunton Abſchied, ſetzte mich in den Wagen, und wir rollten durch Broadway hinauf dem American⸗ Hotel zu. „Aber um's Himmels willen, George!“ rief mein Freund, als wir uns in dem ihm ſo eben angewieſenen Zimmer befanden,„was machſt Du hier? Haſt Du Deine Freunde, Dein Haus, Deinen Hof ſo ganz vergeſſen? Eilf Monate ſitzt er da.“ „Und macht die Cour, und iſt keinen Schritt wei⸗ ter, als am erſten Tage,“ ſiel ich ein. „Alſo iſt es wahr, was das Gerücht ſagt, daß Du bei Bowſends geangelt biſt? Armer Junge! ſage mir um aller T.... l willen, was Du wohl mit dem Püppchen machen willſt, die nicht einmal Geduld hat, einen Roman von Cooper durchzuleſen, die ſchon in ihrem zwölften Jahre Tom Moore und Byron, Don Juan vielleicht ausgenommen, auswendig wußte, die Geographie und die Globen, Aſtronomie und Cuvier und die Cartons von Raphael bis über den Hals ſtudirt, und, ſo wahr ich lebe, nicht weiß, ob ein Hammels⸗Cotelette vom Rinde oder Schweine her⸗ rührt; die den Thee wie Blumenkohl abſteden, und die Eier im deutſchen Sauerkraut einmachen wird.“ 3⸗ — e 28— „Und vor jeder Nadel Zuckungen bekömmt;— das rührt aber vom Geblüte her,“ ſetzte ich hinzu.„Aber das Kochen und Abſteden wird ſie bleiben laſſen.“ „Die nicht weiß,“ fuhr er fort,„ob die Wäſche gekocht oder gebraten werden muß.“ 4 „Und ſingt wie ein Engel, wenn ſte nämlich nicht den Schnupfen hat, und ſpielt wie der Teufel, und tanzt wie beſeſſen.“ „Ja das wird Dich fett machen,“ meinte er.„Ich kenne die Familie; Vater und Mutter ſind die er⸗ bärmlichſten—„ „Halt ein!“ rief ich,„ſie ſind um kein Haar beſſer, noch ſchlechter, als der Reſt.“ „Ja, da haſt Du Recht.“ „Wohl denn! Um ſechs Uhr habe ich verſprochen, zum Thee zu kommen. Willſt Du mit? Ich führe dich auf.“ „Kenne ſte— kenne ſie. Ich gehe unter der Be⸗ dingung, daß Du nach drei Tagen mit mir Newyork verläßſt.“ „Wenn ich nicht heirathe,“ bemerkte ich. „Verdammter Narr!“ rief er. „Ich muß geſtehen, der Spott meines Freundes, —" 29— ſelbſt mein eigener, hatte mich ein wenig ſtutzig ge⸗ macht, aber nur ein wenig. Wer könnte auch in dem tollen Newyork, dem lebensfrohen, amerikaniſchen Paris, zum Nachdenken kommen, wo es für das liebe Volk, zwar nicht wie in dem transatlantiſchen, heute Wein aus Springbrunnen und Würſte von den Bäumen, und den nächſten Tag Kartätſchen aus Feuerſchlünden regnet; wo es ſich aber eben ſo heiter und froh lebt, nur mit dem Unterſchiede, daß man hier ein bischen mehr auf ſeinen Beutel hält? Das iſt eigentlich unſer großes politiſches Arcanum, das zuverläſſigſte gegen alle Wein⸗ und Kartätſchenregen, die es gibt. Probatum est. Ja, es iſt ein ſanguiniſch⸗ durchgreifendes Völkchen das Newyorker, das lebt⸗ und leben läßt, Geld in Scheffeln gewinnt, und in Büſcheln wieder verthut. Zur Beſtnnung läßt ſich's hier nicht kommen. Selbſt der kalkulirende Yankeeism von Boſton und der Philadelphi⸗Quäckerism arten hier aus, und zwiſchen der flachen, platten, ſchweig⸗ ſamen Bruderſtadt, wo die Nachtwächter Schaffell⸗ ſohlen auf ihren Schuhen tragen müſſen, um die Nachtruhe der lieben Bürger und noch liebern Bür⸗ gerinnen nicht zu ſtören, und dem luſtigen Newyork, —“= 30. 6— ſollte man denken, müſſen ganze Welttheile liegen. Die letzten acht Tage war es nun über die Maßen bunt hergegangen. Bachelors⸗Ball*) und Präſiden⸗ tenwahl und Gouverneurswahl und Sheriffswahl hatten die zwei Mal hunderttauſend Seelen, aus denen die liebe hohe und niedrige Welt zuſammen⸗ geſetzt iſt, in ſolche Bewegung verſetzt, daß es un⸗ möglich war, einen neuen Rock oder Inexpreſſibles**) auf ſeinen Leib zu bekommen, ſo waren die ehrſamen Zünfte vom Gemeinbeſten in Anſpruch genommen. Mein Schuhmacher ſah mich ſo wichtig an; ich dachte nicht anders, als er habe auch die fünf und zwanzig tauſend Dollars*s) im Kopfe, und wirklich etwas hatte der Gute erjagt: er war zum Mitlenker des Staatsruders in Albany erkoren. Selbſt die ſo ſchmählich hintangeſetzte Kunſt hatte zur Verherr⸗ lichung des politiſchen Drama beitragen müſſen, und *) Bachelors⸗Ball, Junggeſellenball. Einer der glän⸗ zendſten Bälle, die in Newyork alljährlich von den Junggeſellen gegeben werden. **) Inexpreſſibles, der amerikaniſche Ausdruck für Bein⸗ kleider. *er) Fünf und zwanzigtauſend Dollars, der Gehalt des Präſidenten der vereinigten Staaten. — 31 6— alle Hauptquartiere der ſiegenden oder beſiegten Par⸗ teien waren mit klafterlangen Transparenten behan⸗ gen, in denen der Sieger von Neworleans mit ſeinem Streithengſte goliathmäßig, und hinwieder beſcheiden als ſchlichter Cincinnatus, hinter dem Pfluge einher⸗ wandelnd, dargeſtellt iſt, allen Adamsmännern zum Trotz, die ihrer Seits zu ſeinem Ruhme nicht ver⸗ ſäumt hatten, ein Gegenſtück in ächter Nürnberger Manier zu liefern, den alten Hickory mit Dolch und Piſtole repräſentirend, wie er ſo eben ein Paar Dutzend freier Bürger in die andere Welt expedirt. Ein kräftiges Hurrah für Jackſon, das ſo eben von der Murrayſtraße heraufſchallt, verkündet etwas Neues. Die Scene iſt wahrlich neu und ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutſchen kommen gegen den Park heraufgezogen, zu beiden Seiten mit der wun⸗ derlichſten Cavalcade flankirt, die je ein menſchliches Auge geſehen. Wettergebräunte, rührige Männer baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall der unbeholfenen Cavaliere wird mit einem Hurrah begrüßt, das die Fenſter zit⸗ tern macht. Alle möglichen Trachten ſind an den fahr⸗ und reitluſtigen Theers zu ſehen; mit Pech ge⸗ 4 —= 32— ſchwängerte Hüte und Hütchen und Jacken und In⸗ expreſſibles. Der Eine iſt mit einem neumodiſchen Fracke angethan, der Andere prangt in einer R⸗ dingote, die ſo eben vom Chatham⸗Place ihren Weg auf ſeinen Leib gefunden, ein Dritter erglänzt in ſei⸗ ner rothflammenden Jacke: der tollſte, buntſcheckigſte Haufe, der je geſehen wurde. Es ſind die Matroſen, die Bemannung der Fregatte Conſtitution, die einbe⸗ rufen und dieſen Morgen ausbezahlt worden, und die nun aus Leibeskräften bemüht iſt, die fünf oder ſechshundert Dollars, die jedem von ihnen während des dreijährigen Kreuzzugs auf den Hals gewachſen, ſo geſchwind wie möglich wieder los zu werden. Wer ſo das luſtige Völkchen hinziehen ſteht, im Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaſchen, jeder eine Schöne neben ſich, und brüllend, daß einem die Ohren gellen, der muß ſich von unſerer polizeilichen Ord⸗ nung einen ſaubern Begriff machen. Thut jedoch nichts. Das ſind Männer, die zwar nicht den Julius Cäſar und Cornelius Nepos geleſen, die aber für ihr Vaterland ſo heiß glühen, als die Helden Plutarchs. Zeigt ihnen eine Fregatte Britaniens, und ſie werden darauf losſtürzen und ſie brechen, wie der feſte, freie —= 33— Mann den Uebermuth des ſtumpfen Herrendieners bricht. Und laßt den Sturm über ſie hereintoben, und ſie werden wie Felſen daſtehen, im Gebrülle des Orkans, und hängen draußen am gefrornen Segel⸗ tuche, ihre Hände und Füße erſtarrend am Taue— werden ſte ſinken unter den krachenden Balken und hereinſtürmenden Wogen in den bodenloſen Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland ge⸗ richtet ſeyn. Solche Männer verdienen, daß man ihnen ihre Luſt nach ihrer eigenen Weiſe gönne. Sie werden ſchon wieder nüchtern werden ohne Polizei, Gensdarmes und Wachhaus. Ihr rohes Treiben iſt nicht den zehnten Theil ſo verderblich für des Volkes Sitten, als euer rafftnirter bon ton. In drei Tagen hat das Drittel dieſer Vierhundert und Fünfzig keinen Cent mehr in der Taſche, in ſechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen ſind ſie ſo ziemlich alle wieder flott, und in der rothen Jacke— und auf der Reiſe nach allen Weltgegenden, die wenigen ausgenommen, die ſich einen eigenen Herd ſuchen, oder ſich in gewiſſen Afſären verſpätet haben. Ein Paar Mal treiben ſie das Weſen mit, und dann werden ſie klüger, nehmen ſich Weiber und ſetzen ſich hin, um tüchtige Haus⸗ —= 34(— wirthe zu werden; anfangs ein wenig quer und ver⸗ ſchroben, wie es Seemännern zu gehen pflegt; aber allmälig lehrt ſie geſunder Menſchenverſtand ſich in die neue Lage fügen. Es iſt in dieſen Männern ein fröhlich freier, ſelbſtſtändiger Sinn, ein tüchtiger und trotziger Muth, der, über die Nation zerſtreut— herrlichen Samen getragen, der im letzten Kriege unſer Vertrauen in uns ſelbſt erkräftigt, und ſo unſern Feind bezwungen hat. Dieſe Männer haben den Neuſeeländer und Chineſen, den Türken und Bra⸗ ſtlianer und Franzoſen kennen— und auf ihn ſtolz herabblicken gelernt, den Seebezwinger Aller— den Britten— haben ſie bezwungen. Der brittiſche Ma⸗ troſe kehrt immer dümmer, als er ausgezogen, unter ſeine Zuchtruthe zurück; der amerikaniſche immer auf⸗ geklärter, weil Knechtſchaft immer zurück, Freiheit immer vorwärts führt. Der Eine weiß, daß Lebens⸗ weisheit für das Ziel ſeiner Laufbahn— das Green⸗ wich⸗Hoſpital— überflüſſig oder gefährlich iſt; der Andere muß ſie ſammeln für's thätige Bürgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John Bull wundert ſich in ſeiner Dummheit, daß wir ihm mit unſern fünf Fregatten zehn genommen, und ihn in zwei — 35— Haupttreffen von unſern Seen verjagt? Er, der ſeine armen Wichte von Matroſen mit fünfzehn Schillingen abfertigt, und wenn ſie ein bischen über die Schnur hauen, auf ein Paar Monate in's Loch ſteckt!— Wir haben ſo manche Fehler, und Engel ſind wir wahrhaftig nicht,— aber eine Tugend haben wir, die der Sünden viele bedeckt: ſie iſt Achtung für Men⸗ ſchenwürde und Bürgerrecht, und dieſe hat uns vom größten Tyrannen das Größte errungen, wornach der Menſch je geſtrebt hat: Freiheit in unſerm Lande und auf unſern Meeren. Es war ſechs Uhr, als ich mit Richard in das Drawingroom meiner künftigen Schwiegermama ein⸗ trat. Die gute Dame hatte mich beinahe erſchreckt in ihrem nagelneuen, ſo eben mit dem Henri IV. ange⸗ kommenen grauen, Gaze⸗Turban, der ihr das An⸗ ſehen einer unſerer Miſſiſtppi⸗Nachteulen gab. Auch Richard ſchrack ſichtlich zurück, und der gute Moreland ſchaute ſo ſtarr nach dem hehren Kopfputze hin, als wäre er ein Zifferblatt geweſen. Miß Margareth im grün ſeidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne hinabgekämmt à la Margarethe, — wir haben eine eigene Modenphraſeologie— war, —“= 36 6— wie die Tochter Jephtas, blaß und reſignirt: ein leichtes Zittern bebte durch die anziehende Geſtalt, und in ihrer Begrüßung war ſüßer Schmerz und ſchmachtende Sehnſucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar. Der Abſtand war allerdings grell zwiſchen dem fünfzigjährigen Moreland, der kalt und zäh und breit und roth da ſaß, und dem windigen Staunton, der von Auſtern und Roſinen lebte, und ſich höchſtens in Bulwer's Novellen betrank. Ich hatte dem zarten, ſo eben beſchriebenen Gebilde die Tales of my Grandfather ²) mitgebracht. „Walter Scott!“ rief ſte mit lieblich verſchmelzen⸗ der Stimme.„Ach! der gemeine Menſch weiß auch nicht ein Wort zu ſagen,“ flüſterte ſie mir nach einer Weile zu. „Warten Sie nur,“ tröſtete ich ſie;„Si wiſſen ja, daß derlei Affären zuerſt immer Jangpartien**) *) Tales ofmy Grandfather, Erzählungen eines Groß⸗ vaters, von Sir Walter Scott. **) Ja aern e, buchſtäblich eine Balkenpartie.— Bekannt⸗ lich ſitzen Geſellſchaften im Winter in einem Halhzirkel um den Feuerplatz, deſſen oberer Marmorbalken Jam genannt wird. Eine /langweilige Geſellſchaft, die daher den Balken anſieht, wird J uuſer genannt. — 0 37— ſind.— Furcht, Beſcheidenheit verſperren ihm den Mund.“ Das Mädchen ſah mich an. Sie war bitterböſe. „Kalter herzloſer Spötter!“ ſagte ſie. Wie konnte ich anders? ſie war ſo empfindſam albern. Richard hatte unterdeſſen mit Bowſends die Con⸗ verſation begonnen. Der arme Junge, der nicht wußte, daß der Theegeber Adamsmann war, und fünftauſend Dollars in Wetten und Beiträgen zur Umſtimmung des ſouveränen Volkswillens verloren, hatte ſich beeilt ihn wiſſen zu laſſen, daß der alte Hickory*) nächſtens die Hermitage verlaſſen werde. „Der blutdürſtige Backwoodsman**.), halb Pferd, halb Alligator**), unterbrach ihn Mister Bow⸗ ſends. *) Hickory, Spitzname General Jackſons, iſt eigentlich ein zäher harter Nußbaum. **) Backwoodsman, Hinterwäldler. Sonſt wurden alle jenſeits der Alleghany⸗Gebirge Wohnenden ſo genannt; gegen⸗ wärtig ſpottweiſe die Kentukier⸗Alabamer, überhaupt Diejenigen, die in großer Entfernung von den Hauptſtädten oder in den neuen Territorien angeſiedelt ſind. ***) Halb Pferd, halb Alligator, Spottname, den Kentukiern gegeben. — 0 38— „Koſtet Sie ſchwer Geld,“ verſetzte Moreland lachend. „Und raucht aus einer Tabakspfeife, wie die vul⸗ gären Deutſchen,“ fügte Mistreß Bowſends hinzu. „Nun das könnte ich eben nicht ſo vulgär nennen; der Tabak hat wirklich einen ganz andern Geſchmack,“ ſprach der unglückſelige Moreland. Ich ſtieß ihn mit dem Ellbogen in den Rücken. „Sie rauchen aus einer Tabakspfeife, Mister Moreland?“ flötete Margareth. Der Mann ſtutzte; die unerwartete Frage hatte ihn aus dem Concepte gebracht; ſein gutes Gewiſſen ließ jedoch keine Prevarication zu, und ſo antwortete er mit einem: „Es ſchmeckt ſo gut!“ Ich hatte die Erſchütterung der empfindſamen Seele vorhergeſehen, und legte meinen Arm über die Seſſellehne, eben als Arthurine eintrat. Sie blickte einen Augenblick umher; es war jedoch zu ſpät, ihn zurückzuziehen. Sie ſchien es nicht zu bemerken, grüßte leicht und fröhlich die Geſellſchaft, tanzte dann auf Moreland zu, bot ihm einen guten Abend, fragte ihn nach ſeinen Wetten, ſeinen Schiffen, ſeinem alten — e 39 3— Tom, plauderte an die zehn Minuten in Einem Athem. Ehe ſich's Moreland verſah, war ſeine Hand in den beiden ihrigen. Freilich waren ſie alte Bekannte, und er konnte füglich ihr Großvater ſeyn. Margareth hatte ſich inmittelſt von ihrem Schrecken erholt. „Er raucht aus einer Pfeife,“ lispelte ſie im dum⸗ pfen Schmerze Athurinen zu. „Der alte Hickory iſt ſehr populär in Pennſylva⸗ nien,“ fing Richard wieder an, ohne von dem Unheil, das er angerichtet, auch nur eine Ahnung zu haben. „So eben hat ihm ein Farmer*) von Bedford⸗ County**) ein Faß Monongehala*sr) zum Ge⸗ ſchenke gemacht. „Um das beneide ich ihn,“ platzte Moreland her⸗ *) Farmer, urſprünglich Pächter; in den Vereinigten Staaten heißt jeder Landwirth und Gutsbeſitzer Farmer. **) Bedford⸗County, Grafſchaft in Pennſylvanien. **r) Monongehala, ein bedeutender Fluß, der in Virgi⸗ nien entſpringt, bei Pittsburg ſich mit dem Alleghany vereinigt, und ſo den Ohio bildet. Er hat bei ſeiner Vereinigung beiläufig 1400 Fuß Breite, der Alleghany 1200 Fuß. An ſeinen Ufern wächst vorzüglicher Roggen und Weizen, aus welchem erſtern der beſte Kornbranntwein in den vereinigten Staaten gebrannt wird, den man daher ſchlechtweg Monongehala nennt. — 40 6— aus.„Ein Glas alter Monongehala iſt nicht mit Geld zu bezahlen.“ Der Stoß war zu heftig; der zarte Nervenbau Margareths konnte ihn nicht aushalten; ſie ſank. Glücklicher Weiſe hatte ich ſie erfaßt. So eben war der Thee angekommen. Mit Hülfe der Dienſtmaͤdchen und Bedienten wankte ſie aus dem Zimmer. „Haben Sie ihr ein Buch gebracht?“ fragte Ar⸗ thurine. „Ja, einen neuen Roman Walter Scott's.“ „Ach dann erholt ſie ſich ſchon,“ meinte das liebe Schweſterchen gleichmüthig. Mit der nervenſchwachen Schönheit war auch un⸗ ſere Schweigſamkeit gewichen. Capitän Moreland war ein fröhlicher Theer, der zehn Reiſen nach China, fünfzehn nach Conſtantinopel, zwanzig nach St. Pe⸗ tersburg und unzählige nach Liverpool gemacht, und ſich ein artiges Vermögen erworben hatte, das er nach Kräften zuſammenhielt und vermehrte. Ein jovialer Lebemann mit geſundem Menſchenverſtande, einen Punkt ausgenommen, die Weiber nämlich, die er gerade ſo gut kannte, wie die Bewohner des Mon⸗ des. Die Aufmerkſamkeit, mit der ihn Arthurine — 0 41 6— behandelte, die mädchenhafte Verſchämtheit, der lieb⸗ liche Reiz, mit dem ſie ſich an ihn anſchmiegte, ſchien dem Gaumen des alten Junggeſellen recht wohl zu behagen. Es lag etwas leicht Fröhliches, Spottendes und zugleich unendlich Anziehendes im Weſen des ſüßen, liebreizenden Mädchens; ſelbſt der kalte Richard hing mit unverhohlener Bewunderung an ihr. „Das iſt wirklich ein bezauberndes Mädchen,“ lispelte er mir zu. „Habe ich Dir es nicht geſagt? Sieh nur, mit welcher Zartheit ſte in die Launen des Alten einzu⸗ gehen weiß.“ Die Stunden waren wie Minuten verflogen. Das Souper war lange abgedeckt, und wir machten Miene zum Aufbruche. Arthurine drückte mir bedeutſam die Hand, und ich war in neun und neunzig Himmeln. „Nun Freunde,“ ſprach der ehrliche Moreland, als wir aus der Thüre waren,„es wäre wirklich ſchade, an dieſem herrlichen Abend uns ſo bald zu trennen. Was meint Ihr, wie wäre es? Ihr geht mit mir, und wir brechen noch einem halben Dutzend die Hälſe.“ „Wohlan! Es iſt ohnedem grimmig kalt, und der Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 4 — 42— Shery und Port*) des alten Bowſends ſind nicht halb ſo geiſtig.... 4— „Wie ſeine Mädchen,“ verſetzte der ſchmunzelnde Moreland, der denn doch ein wenig zu tief in's Glas geguckt zu haben ſchien. Wir nahmen den alten Kumpan in die Mitte, und ſteuerten ſeiner Kajüte zu, wie er ſein wirklich pracht⸗ volles Haus nannte. „Nun iſt das nicht eine herrliche liebe Familie, die Bowſends?“ eröffnete Moreland die Sitzung an der mit Lafitte und Eaſt⸗India Madeira beſetzten Tafel. „Und die Maͤdchen ſind prachtvoll.— Ja, ja habe ich mir gedacht,— Du kömmſt allmälig in die Jahre; — biſt aber doch noch friſch, rührig und munter, geſund wie ein Delphin— Damn!— ich könnte noch ein halbes Dutzend Mädchen.... „Begraben;“ ſetzte ich hinzu. „Ja, das könnte ich bei Jingo; hoffe aber Mar⸗ gareth wird Stich halten. Sie gefällt mir, und ſo habe ich denn.... a *) Shery, Port, Xeres und Oporto⸗Weine, die nebſt Madeira, Teneriffe und Lisbon beinahe ausſchließlich getrunken werden — 43— „Ja, aber lieber Moreland, ob Sie auch ihr ge⸗ fallen?“ „Pah! fünf Mal hunderttauſend Dollars. Hör' einmal, Junge, das findet ſich nicht alle Tage.“ „Fünfzig Jahr!“— ſetzte ich hinzu. „Ja freilich, aber geſund und rüſtig, keiner Eurer Spindeljungen, kein Staunton.... 4 „Ja, der raucht aber Cigarren, und nicht aus deutſchen Pfeifen.“ „Das laſſe ich wohl bleiben; werde mir da wegen der Miß das Maul und die Naſe mit den verdamm⸗ ten Stümpchen verbrennen!“ „Auch trinkt er nicht Whisky. Er iſt Präſident einer Temperanz⸗Geſellſchaft!“ „Hol' ihn der Henker!“ brummte Moreland.„Den Whisky wollte ich um aller Mädchen willen nicht laſſen.“ „Dann werden ſie in Ohnmacht fallen,“ lachte ich. „Und Margareth!“ fuhr er heraus.„Ah! dem Monongehala galten alſo die Achs und Ohs, und das Sinken und Verſchwinden? Iſt es um dieſe Zeit! Nein, meine Miß, da wird nichts daraus. Darauf 4 — 44 6— können Sie ſich gefaßt machen;“ und zur Bekräftigung leerte er ſein Glas, und wir die unſrigen. Wir lachten und jubelten bis nach Mitternacht, und ich hatte mir viel auf meine diplomatiſche Ge⸗ ſchicklichkeit eingebildet; als wir aber nach Hauſe gingen, meinte Richard, daß ich dem alten Jung⸗ geſellen etwas zu hart zugeſetzt hätte.„Habe ich doch die arme Margareth von dem läſtigen Menſchen be⸗ freit,“ war meine Antwort. Der kalte Richard jedoch ſchüttelte den Kopf.„Was daraus werden wird, weiß ich nicht, doch darfſt Du für Deine unberufene Mediation eben keine ſehr glänzende Erkenntlichkeit erwarten.“ Der nächſte Morgen verging in Geſchäften, deren Beſorgung Richards Ankunft nöthig gemacht hatte. Zehn Mal wollte ich Arthurine ſehen; aber immer war ich durch etwas, das dazwiſchen kam, abgehalten. Es war nach der Theezeit, als ich ins Haus trat. Im Drawing⸗room ſaß Margareth, eine friſche No⸗ velle verdauend.„Wo iſt Arthurine?“ fragte ich. „Im Theater mit Mama und Mister Moreland,“ war die Antwort. „Im Theater mit Mama und Mister Moreland!“ — o 45 e— Man gab Tom und Jerry,*) ein horribles Lieblings⸗ ſtück der aufgeklärten Kentukier. Ich hatte die erſte Scene in Caldwells Theater zu New⸗Orleans ge⸗ ſehen, und daran genug gehabt. „Fürwahr! das heißt ſich aufopfern,“ ſprach ich ärgerlich. „Die Edle!“ verſetzte Margareth.„Mister More⸗ land kam zum Thee, und drückte ein ſo lebhaftes Ver⸗ langen aus.... 4 „Daß ſie nicht umhin konnte, mit ihm zu gehen, und ein Paar Stunden ſich zu ärgern und zu gähnen. „Ihrem ſüßen Zauberreize wird es vielleicht gelin⸗ gen, Mister Moreland beizubringen;“— lispelte ſte. Ja, das iſt's, dachte ich. Eine Anwandlung von Eiſerſucht wäre lächerlich geweſen. Er fünfzig Jahre, ſie ſtebzehn. Ich empfahl mich und eilte zu Richard. „So zeitlich?“ frug er lachend. „Sie iſt mit Moreland und Mama im Theater.“ Richard ſchüttelte den Kopf.—„Du haſt dem Alten geſtern ein Weſpenneſt in den Kopf geſetzt.— Sieh' zu!“ *) Tom und Jerry, Burleske oder Poſſe. — d 46— „Ich möchte gerne ſehen, wie ſie ſich an ſeiner Seite ausnimmt,“ ſprach ich. „Wohll ich begleite Dich. Je eher Du geheilt biſt, deſto beſſer. Aber nicht länger als zehn Minuten.“ Wer hätte es auch länger aushalten können in die⸗ ſen Whiskydünſten und Tabaksqualm! Es war im Bowery⸗Theater. Die Lichter ſchwammen, als ob ſie im Nebel hingen, und von der Gallerie regnete es Orange⸗ und Aepfelſchaalen auf uns herab, andere Dinge zu verſchweigen. Der liebe Tom war ſo eben in ſeiner Forcepartie begriffen. Ich blickte auf, da ſaß die liebreizende Arthurine, ſo gemüthlich mit dem alten Moreland plappernd, daß mir Hören und Sehen verging. Eine dreißigjährige Ehefrau hätte nicht anſtändiger ihren Platz einnehmen können. „Das iſt ein geſcheidtes Mädchen,“ verſicherte Ri⸗ chard,„die ſieht auf die Dollars, und würde den alten Hickory nehmen, trotz Tabakspfeife und Whisky, wenn er Luſt und mehr Geld hätte.“ Ich erwiederte kein Wort. „Wenn Du kein ſolcher Haſenfuß wäreſt,“ meinte Richard,„ſo würde ich ſagen: laſſe ſie fahren, und übermorgen gehen wir ab.“ — e 7— „Noch acht Tage,“ verſetzte ich mit ſchwerem Herzen. Wieder betrat ich am folgenden Abend, Schlag ſieben Uhr, mein Elyſtum, das mir allmälig zum Tartarus wurde. Wieder ſaß Margareth einſam über einem Roman. „Und Arthurine?“ fragte ich mit zitternder Stimme. „Iſt mit Mama und Mister Moreland gegangen, Miß Fanny Wright zu hören.“ „Miß Fanny Wright zu hören, die Atheiſtin, die Revolutioniſtin? Das war doch wirklich toll. Wer hätte ſo etwas auch nur träumen ſollen? Dieſe Miß Fanny Wright war geſcheut von unſerer faſhionablen Welt, wie eine Peſtkranke.“ „Mister Moreland,“ lispelte Margareth,„ſprach mit ſo vielem Lobe von ihrem entzückenden Vortrage, daß Arthurine's Neugierde geweckt wurde.“ „Ja, ja;“ verſetzte ich. „O, Sie kennen nicht das edle Mädchen. Für ihre Schweſter würde ſie das Leben aufopfern. Sie iſt meine einzige Hoffnung.“ „Schön, ſchön!“ ſprach ich, indem ich meinen Hut zerkneipte, und mich nach der Thüre umſah. Endlich am folgenden Morgen ließ es mich nicht —= 48 G— mehr ruhen, und kaum hatte die Glocke eilf geſchlagen, ſo ſtand ich vor der Thüre. Beide waren denn doch ein Mal zu Hauſe. Arthurine ſchwebte mir mit holdem Lächeln entgegen. Auf ihrem Antlitz ſaß ein gewiſſes Etwas, das mich ſtutzen machte. Ich drückte ihr die Hand; ſie ſah mich zärtlich an. „Es ſcheint, Sie haben ſich gut unterhalten?“ be⸗ gann ich nach einer Pauſe. „Das Neue hat Reiz für mich. Ich hätte wahr⸗ haftig nicht geglaubt, daß ich noch eine Schülerin der Miß Fanny Wright werden würde,“ ſprach ſie lachend. „Wenigſtens kein großer Sprung von Tom und Jerry,“ ſprach ich. „Reſpect vor Tom und Jerry, die wir patroniſiren, Mister Moreland nämlich und meine Wenigkeit,“ lachte ſie. „Wahrlich dieſe Verſchwörung gegen guten Ge⸗ ſchmack hätte ich meiner Arthurine nicht zugetraut,“ erwiederte ich ziemlich ernſt. „Meiner Arthurine! meiner Arthurine!“ ſchmollte ſte.„Sieh da, welche Rechte ſich der Herr anmaßt.— Wir leben in einem freien Lande.“ —" 49— Es war Scherz und Ernſt in dem lieblichen Ge⸗ ſichte. Ich ſah ſie forſchend an. „Wiſſen Sie,“ ſchäckerte ſie,„daß ich Moreland ganz lieb gewonnen habe.— Er iſt ein ſo gemüth⸗ licher, reeller Charakter, und hat gar nichts von dem Ungeſtümen.“ „Und fünf Mal hunderttauſend Dollars,“ fügte ich hinzu. „Eben das iſt ſeine ſchönſte Seite.— Denken Sie nur an die Bälle, lieber Howard. Sie werden doch hoffentlich auch kommen.— Und dann Saratoga; nächſtes Jahr vielleicht London oder Paris.— O, es wird prächtig ſeyn!“ „Schon ſo weit gediehen?“ fragte ich mit bitterm Spotte.„ „Und Siſſt iſt erlöſet. Nicht wahr Margareth?“ Und ſie flog an den Hals der Schweſter, und die bei⸗ den Mädchen herzten und küßten ſich. Ich wußte nicht, ſollte ich lachen oder weinen. „Dann muß ich gratuliren,“ ſprach ich mit einem Lachen, das mich ziemlich albern kleiden mußte. „Gratuliren Sie!“ ſprach Arthurine, gegen mich zutanzend.—„Heute um zehn Uhr hat Mister — 50— Moreland ſeine Bewerbung von Margareth auf mich feierlichſt übergetragen.“ „Und Sie?“ „Wir haben natürlich, in Anbetracht ſeiner vielen Liebenswürdigkeiten, beſchloſſen, den Antrag für einſtweilen ad protocollum zu nehmen. Sie wiſſen, decorum gebietet, daß man ſich wenigſtens ein Paar Tage ziere.“ „Sind Sie in Scherz oder Ernſt, liebe Arthurine?“ „Ganz im Ernſte, lieber Howard!“ „So leben Sie wohl.“ „Farewell for ever if for ever fare thee well!“ lachte und ſeufzte ſie. Auf der Stiege begegnete mir die geturbante Ma. Sie zog mich geheimnißvoll ins Parlour. „Sie haben Arthurine geſehen? Nicht wahr? ein liebes, treffliches Kind! O, das Mäͤdchen iſt unſere Freude, unſer Troſt. Mister Moreland! der char⸗ mante Mister Moreland!— Nun da es ſich ſo gut gefügt hat, wollen wir auch mit Margareth ein Auge zudrücken.“ „Es iſt alſo wahr?“ „Nun, als Hausfreund kann ich's Ihnen ſchon —= 51 6— zuflüſtern! aber die Welt, natürlich, vor der muß es noch ein Geheimniß bleiben. Mister Moreland hat um ſie förmlich angehalten.“ „Um wen?“ „Je nun, um Arthurine.“ „Schön, ſchön!“ erwiederte ich, mich zur Thüre hinausdrängend, und die Gaſſe hinaufrennend, als wäre ich dem Tollhauſe entſprungen. „Richard!“ rief ich meinem Freunde zu,„wollen wir abreiſen?“ „Gott ſey DankV ſo iſt's denn vorüber das New⸗ vorker Fieber. Nun gehſt Du auf ein Paar Monate mit mir nach Virginien.“ „Ja,“ verſetzte ich. Als wir am folgenden Morgen dem Dampfſchiffe zufuhren, kam Staunton herangerannt. „Wünſche mir Glück, ich habe nun das Jawort!“ „Und ich den Korb!“ verſetzte ich lachend.— „Werde da ein Narr ſeyn, und mir den Hals eines Mädchens wegen abreißen!“ Aber, trotz meiner ſpaß⸗ haften Worte, hätte mir das Herz im Leibe zerſprin⸗ gen mögen. Ich hatte ſie ſo lieb, die kleine Hexe. II. Eine Nacht an den AUfern des Tenneſſee. „Könnt Ihr uns wohl ſagen, ob wir noch weit von Browns⸗Fähre ſind?“ fragte ich einen Mann zu Pferde, der gemächlich in einem engen Karrenpfade auf uns zugetrabt kam.. Es war an den Ufern des Tenneſſee*); die Nacht rückte bereits heran; die Nebel hingen über Wald und Fluß, und verdichteten ſich zuſehends. Die ganze Landſchaft hatte ein verwildertes, chaotiſches Aus⸗ ſehen. Es war unmöglich, fünf Schritte weit zu ſehen. Beinahe ſo lange, wie dieſe Digreſſion, war die Pauſe des Reiters. Endlich erwiederte er in einem Tone, der, ſeiner ſonderbaren Modulation nach zu ſchließen, von einem Kopfſchütteln begleitet ſeyn mußte: *) Tenneſſee, der Hauptfluß des Staates Tenneſſee, er⸗ gießt ſich beiläufig dreißig Meilen oberhalb der Vereinigung des Ohio mit dem Miſſiſippi in erſteren. — d 53— „Der Weg nach Browns⸗Fähre?— Vielleicht meint Ihr Coxes⸗Fähre?“ „Nun denn, Coxes⸗Fähre!“ erwiederte ich ein wenig ungeduldig. „Ja, der alte Brown iſt todt,“ ſprach der gute Mann,„und Betſt hat den jungen Coxe geheirathet, einen verdammt wackern Jungen. Nun, i*ſt ers nicht?“ „Das wiſſen wir nicht,“ erwiederte ich;„aber was wir gerne wiſſen möchten, iſt, ob wir noch weit von ſeiner Fähre, und auf dem rechten Wege ſind.“ „Ah! dem Weg zu ſeiner Fähre— da liegt eben der Haken, Mann; Ihr ſeyd gute fünf Meilen davon entfernt, und mögt eben ſo wohl den Ohren Eures Gaules eine andere Richtung geben. Ich vermuthe, Ihr ſeyd fremd in dieſer Gegend?“ „Alle Teufel,“ wisperte mein Freund Richard. „Gott Gnade uns! wir ſind in den Händen eines Yankee.— Er vermuthet bereits.“*) *) Vermuthet bereits, guesses already.— Die ſchnellſte Weiſe, auf welche ſich der amerikaniſche Bürger der verſchiedenen Staaten zu erkennen gibt, iſt durch den Begriff, ich denke, ich vermuthe. Der Neuengländer vermuthet, guesses; der Virgi⸗ nier und Pennſylvanier thinks, denkt; der Kentukier kalkulirt, calculates; der Alabamer rechnet, berechnet, reckons. — 54 6— Der Reiter hatte ſich mittlerweile näher an uns herangemacht, trotz Dornen und naſſen Zweigen, die ihm von allen Seiten in's Geſicht ſchlugen und ſtand jetzt neben unſerm Pferde. So weit wir ihn in der Dunkelheit beurtheilen konnten, war er noch ziemlich jung, hager, lang und dünnbeinig, mit einem wahren Leichnamsgeſichte auf ſeinem langen Rumpfe und metallenen Knöpfen auf ſeinem Rocke. „Und ſo habt Ihr Euch denn auf Eurem Wege verirrt? u ſprach der Mann nach einer langen Pauſe, während welcher der dichte Nebel ſich ganz gemächlich in einen eben ſo dichten Regen verwandelt hatte.„Eine ſonderbare Verirrung, wo die Fähre nicht fünfzehn Schritte vom Wege abliegt, der breit und ebenen Pfades hinab zum Fluſſe führt. Ein ſonderbarer Jerthum wahrhaftig, aufwärts den Fluß, ſtatt der Naſe und dem Waſſerlaufe nach zu gehen!u „Was meint Ihr damit?⸗ fragten wir beide zugleich. „Daß Ihr den Tenneſſee auf⸗ ſtatt abwärts, und auf dem Wege nach Bainbridge*) ſeyd,“ erwiederte der präſumtive Yankee. *) Bainbridge, ein Städtchen unfern des Tenneſſeefluſſes. — 0 55 6— „Auf dem Wege nach Bainbridge!“ riefen wir mit einer Stimme, in welcher Staunen und Verblüfftheit ſich ſo deutlich ausſprachen, daß unſer Yankee fragte: „Und ihr hattet nicht im Sinne, unch Bainbridge zu gehen?“ „Wie weit iſt das verfluchte Neſt von hier?" fragte ich. „Je, wie weit, wie weit?“ erwiederte der metall⸗ beknöpfte Mann.„Es iſt nicht ſehr weit, doch auch nicht ſo ganz nahe, als Ihr vermuthen möchtet. Viel⸗ leicht kennt Ihr den Squire Dimple?“ „Ich wollte, Euer Squire Dimple wäre beim—, brummte ich, während mein gelaſſener Reiſegefährte mit einem:„Nein, wir kennen ihn nicht,“ antwortete. „Und wohin mag wohl Eure Reiſe gehen?“ fing nun unſer Peiniger an, der waſſerdicht zu ſeyn ſchien. „Nach Florence,“*) war die Antwort,„und von da den Miſſiſippi hinab.“ „Ja, eine hübſche Stadt, wie man ſie nur im Lande finden kann. Nun, iſt ſte's nicht?“ fragte der Yankee ganz naiv.„Und ein guter Markt. Was iſt *) Florence, die Hauptſtadt von Alabama. —= 56— der Mehlpreis im Norden? Ihr kommt doch daher? man ſagt, er ſey ſechs und vier Levies*), und Wälſch⸗ korn fünf und einen Fip**), Butter drei Fips.“ „Seyd⸗ Ihr toll?“ platzte ich halb wüthend vor Aerger heraus, indem ich unwillkürlich die Peitſche hob,„uns da mit Eurem Mehl und Butter und Fips und Levies zu unterhalten, während der Regen in Strömen fällt!“ „Ei,“ war die Antwort des Mannes, der ſich nun erſt recht bequem in ſeinem Sattel poſtirte:„Wenn Ihr Luſt habt, Fäuſte oder den Stiel unſerer Peitſche zu meſſen, ſo kommt! Wollte den Mann ſehen, der Iſaak Shifty ledern könnte.“ „Den Weg, den Weg, Mister Iſaak Shifty!“ unterbrach ihn Freund Richards beſänftigend. Wieder eine lange Pauſe,— endlich fragte er: „Ich vermuthe, Ihr ſeyd Krämer?⸗ „Nein, Mann.“ „Und was dürftet Ihr wohl ſeyn?“ Die Antwort hatte eine neue Eramination zur *) Levies,**) Fips, ſo werden abgekürzt in den weſtlichen Staaten die ſogenannten 12 ½ und 6 ½ Centſtücke genannt. Ein Cent iſt der hundertſte Theil von einem Dollar. — e 57— Folge. Seine Augen hingen ein paar Minuten mu⸗ ſternd an uns; endlich fragte er:„Und ſo habt Ihr denn im Sinne, den Miſſiſippi hinabzugehen?“ „Ja, im Jackſon, der, wie wir ſo eben gehört, morgen abgeht.“ „Ein tüchtiges Dampfboot, das muß wahr ſeyn. Nun, iſt er's nicht? Aber Ihr werdet doch dieß Ding da mit Eurem Gaul nicht mit hinab nehmen?“ fuhr unſer Yankee bedächtig fort, unſere Gig und Be⸗ ſpannung muſternd. „Ja, das haben wir im Sinne.“ „Apropos, habt Ihr nicht zwei Frauen in einem Dearborn geſehen?“ „Nein, das haben wir nicht.“ „Wohl denn,“ fuhr er in demſelben gleichmüthigen Tone fort,„es iſt nun zu ſpät, nach Bainbridge um⸗ zukehren, und vielleicht dürfte es auch gewagt ſeyn. So wendet denn Euren Gaul, und folgt dem Wege, bis Ihr zu einem dicken Wallnußbaum kommt; da theilt er ſich. Nehmet den rechter Hand für eine halbe Meile, bis Ihr zu Dims Zaun kommt, da müßt Ihr durch die Gaſſe, dann rechts durch das Zuckerfeld ein vierzig Ruthen,— ſchlagt dann in den Weg linker Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 5 — 5 58 6— Hand ein, bis Ihr zum Genickbruchfelſen kommt; dort wendet Euch ja wieder rechts, wenn Ihr nicht die Hälſe brechen wollt; wenn Ihr überm Bache ſeyd, links, und das wird Euch geraden Weges nach Coxe⸗ Fähre bringen. Ihr könnt nicht fehlen,“ ſchloß er im zuverſichtlichen Tone, ſeinem Gaule einen Hieb ver⸗ ſetzend, der ihn in Trab— und uns aus den Augen brachte, ſo ſchnell es Koth und Geſtrippe zuließen. Wahrlich, ich mußte während dieſer nimmer enden⸗ den Directionen dem franzöſtſchen Rekruten ähnlich geſehen haben, der zum erſten Male in ſeinem Leben vom Exerciermeiſter der Ehre gewürdigt wird, die Relation von den meilenlangen Schlangen und Kro⸗ cobillen zu hören, die der graubärtige Kaiſergardiſti in Egypten geſehen, wie ſie den Regimentstambour mit Bärenmütze, Backenbart und Commandoſtab ſammt und ſonders verſchlungen. Ich war ſo verblüfft über die Rechts und Links, daß ich ganz vergeſſen hatte, dem metallknöpfernen Manne zu bedeuten, daß es uns ſchlechtweg unmöglich ſey, ſelbſt den großen Wallnuß⸗ baum in der Finſterniß zu erkennen, geſchweige denn die Karrengeleiſe oder den Genickbruchfelſen. Mein Blut iſt eben nicht das kühlſte, und Geduld — 0 59— iſt gerade meine hervorragendſte Tugend nicht; aber des Mannes unerſchütterliches Phlegma inmitten der Ströme, die es goß, wirkte ſo erſchütternd auf mein Zwerchfell, daß ich in ein lautes Gelächter ausbrach. „Kehret Euch rechts, dann links! Habt Acht auf den großen Wallnußbaum, doch bewahrt Euch vor dem großen Genickbruchfelſen!“ rief ich in luſtiger Ver⸗ zweiflung. „Ich wollte, der Nankee wäre beim T.—ll“ ſprach Richards.„Doch ich ſehe wirklich nicht ein, was da zu lachen iſt.“ „Und ich nicht, wie du ſo ernſthaft ſeyn kannſt.“ „Aber wie, bei allen T—ln! konnten wir nur die Fähre verfehlen, und, was das Schlimmſte iſt, den⸗ ſelben Weg zurückgehen, den wir kamen?“ „Je nun,“ erwiederte ich,„dieſe hölliſchen Neben⸗ wege und Viehpfade und Karrenpfade und Scheidewege und der Sumpf: es iſt ja ſchlechterdings unmöglich zu ſehen, in welcher Richtung der Fluß läuft, und dann ſchliefft Du, wie Du weißt, und ich hatte auf Cäſar zu ſehen.“ „Und ganz einzig haſt Du auf ihn geſehen,“ ver⸗ 5* —=5 60— ſetzte Richards ärgerlich.„Denſelben Weg zurückzu⸗ gehen, den wir gekommen ſind; nein, es iſt zu toll—⸗ „Zu ſchlafen;“— brummte ich. Beinahe hätte es verdrießliche Geſichter gegeben; doch da wir uns kannten und herzlich liebten, hatten alle weitern Discuſſionen und Alluſionen ein Ende. Die Wahrheit zu geſtehen, war unſere Berirrung eben kein ſo großes Wunder. Es war in den letzten Tagen Mai's, als wir an den Ufern des Tenneſſee anlangten. Die Gegend rings umher iſt zum Verirren wie eingerichtet. Der Weg ſchlängelt ſich am hügeligen Felſenufer fort; jedoch, kein Berg iſt zu ſehen, außer einem leichten Umriß der Appalachen,*) die aus der blauen Ferne herüberwinken, und dem Grange, der rieſenartig recht als Wächter hinpoſtirt erſcheint. Der dichte Nebel hatte uns dieſe Leitſterne entzogen, gerade als wir ihrer am meiſten bedurften. Wir befanden uns in einer langen Flußniederung, einem ungeheuren Bottom,**) um in der Landesſprache zu reden, das *) Appalachen, die Alleghanygebirge werden im Süden ſo genannt. **) Bottom, Flußanſchwemmung, jede fette Niederung oder Thalweite. — e 61— als Zuckerfeld benutzt wurde, und gerade ſo viel Karrenpfade zählte, als es Eigenthümer hatte. Der Morgen war ungemein heiter geweſen, doch Nachmit⸗ tags hatten ſich die ſüdlichen und ſüdweſtlichen Ränder des Horizonts mit grauen Dunſtwolken überzogen, die ſich allmählig verdichteten und über das Flußbett des Tenneſſee hinlagerten. Den grauen meilenbreiten Streifen über dem Tenneſſee auf der einen Seite, einen mit hundert Seitenwegen durchſchnittenen Sumpf auf der andern, konnten wir noch eine Meile vorwärts gehen, bis der Nebel, der ſich vom Fluſſe allmälig über die Niederung hinzog, ſtatt uns über die Mus⸗ cleſhoals*) hinabzubringen, in den Sumpf brachte. So ſicher war ich, daß wir uns in ihrer Nähe befan⸗ den, daß ich jeden Augenblick auf die Fähre zu ſtoßen vermeinte, bis der unglückſelige Nankee meinen Hoff⸗ nungen ein Ende machte. Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen; eine Nacht, ſo ſtockfinſter, ſo heillos, wie ſie in dieſer Jahreszeit häufig über dieſe ſüdweſtlichen Hinter⸗ *) Musele shoals, Muſchelbänke. Breiter Felſenriff oberhalb Florence, der ſich in meilenweiter Breite und Länge über den ganzen Iluß hinzieht. — 0 62— waldsſünder zur verdienten Strafe ihrer Miſſethaten kommt. Ich wollte eben ſo gerne auf den Newfound⸗ landsbänken als in dieſem Sumpfe geweſen ſeyn, der recht dazu gemacht war, uns mit dem Fieber zu be⸗ ſchenken. Die breitſchweifigen Direktionen des Yankee waren, wie es ſich von ſelbſt verſteht, lange vergeſſen. Es würde Eulenaugen erfordert haben, auch nur einen Baum zu unterſcheiden; ja das Gelächter dieſer lieb⸗ lichen Thiere, der Nachtigallen dieſer Gegend, und der Umſtand, daß ein paar wüthend auf uns angeflogen kamen, überzeugte uns, daß ſie ihren Weg eben ſo verfehlt hatten wie wir. Wir waren jedoch übler daran, und zwar in vieler Hinſicht. Der Karrenpfad ſchlängelte ſich längs dem Waſſer, und häufig ſo nahe an dieſem hin, daß ein Fehltritt uns ganz gemächlich in die Tiefe hinabſtürzen konnte, was uns bei dem augenſcheinlichen Steigen des Fluſſes eine gerade nicht ſehr angenehme Ausſicht auf ein ziemlich wäßriges Nachtlager vor Augen hielt. „Ich glaube, es iſt am beſten, wir ſteigen aus,“ hob ich wieder an,„oder wir mögen unſer Nacht⸗ und vielleicht Sterbelager im Tenneſſee finden.“ —=d 63 6— „Keine Gefahr!“ erwiederte Richards;„Cäſar iſt ein alter Virginier.“ Hiermit war unſer Gaul gemeint; ein Stoß jedoch, der unſere Rippen und Beine krachen machte, und uns bei einem Haare rücklings aus der Gig geworfen hätte, machte dem lakoniſchen Lobe Cäſars, der ſich auf die Hinterfüße geworfen hatte, ein Ende. „Etwas muß im Wege ſeyn!“ rief Richards;„nun iſt es Zeit uns umzuſehen. Wir thaten ſo, ſtiegen aus der Gig, und fanden einen gewaltigen Wallnußbaum über unſerm Wege liegend. Unſere Reiſe war zu Ende. Den ungeheuren Stamm zu paſſtren, oder die Gig darüber zu bringen, ſchien eine abſolute Unmöglichkeit; die Aeſte, die zwanzig Schritte in jeder Richtung vorragten, hatten unſerm Cäſar vorläufig eineziemlich ernſtliche Warnung ertheilt. Das Wagengeleiſe war zudem ſo enge, daß an ein Umwenden der Gig gar nicht zu denken, wir wie die Krebſe zurück mußten; Richards verſuchte es, den Scheideweg zu finden, und ich, die Gig zurückzuſchieben. Wir hatten uns jedoch mehr vorgenommen, als wir leiſten konnten. Kaum war ich mit dem rechten Fuße aus dem Geleiſe, als mein Mantel bereits an — 0 64— einem ellenlangen Dorne hing. Mit heiler Haut durch dieſe undurchdringliche Wildniß zu kommen, war bloß für einen Geharniſchten möglich. Ich entledigte meinen Mantel ſeiner Haft, und tappte mich ſchleunig wieder zum Wagentritt. Freund Richards kam nach einer Weile mit den Worten: „Das iſt die ſchändlichſte Wildniß im ganzen We⸗ ſten; kein Weg, kein Steg, Sumpf über die Ohren, und um mein Mißgeſchick voll zu machen, ſo habe ich meinen Monroeſtiefel*) im Schlamm verloren.“ „Und ich denke, in meinem Mantel gibt es ſo viele Löcher, als Dornen an dieſem verwünſchten Akazien⸗ baume,“ erwiederte ich troſtweiſe. Dies waren die letzten Worte, die noch halb und halb gute Laune athmeten; denn nun waren wir bis zur Haut durchnäßt, und ich glaube wirklich, daß unter allen möglichen Situationen eine naſſe die zum Scherzen am wenigſten geeignete iſt. Den Beweis liefern beide, die Franzoſen und ihre Antipoden, die Holländer. Die erſtern nämlich werden immer nur in heißen Juni⸗ oder Julitagen rappelköpfiſch, und die *) Monroeſtiefel, Halbſtiefel; vom Präſidenten Monroe ſo genannt. — 39 65— letztern ſind bekanntermaßen nichts weniger als ſcherz⸗ hafte oder gutgelaunte Leute, ein Mangel, oder, wie man es nehmen will, eine Tugend, die ohne Zweifel ihrem Vegetiren zwiſchen Dämmen und Moräſten und Kanälen zuzuſchreiben iſt. Was nun mich betrifft, ſo liebe ich ein mäßiges Abenteuer, vorausgeſetzt, es komme nicht gar zu hoch, und verabſcheue eine monotone langweilige Quäckerreiſe, wo Alles zahm und kalt und ſcheu und verſchlagen ſich hinzieht, wie dieſe guten Leute ſelbſt; aber in einem Ahornſumpfe von Nacht und Fluthen überfallen zu werden, und auf der einen Seite nicht drei Schritte den bis zum Rande angeſchwollenen Tenneſſee, auf der andern undurchdringliche Wildniß, vorne einen Coloß von Wallnußbaum zu haben, und nicht rückwärts zu können,— wahrlich! mit all meiner Achtung vor Abenteuern, es war kein Scherz. „Wohl, was iſt nun zu thun?“ fragte Richards, der ſich in eine ächt theatraliſche Stellung verſetzt hatte, den ſtiefelloſen Fuß auf den Wagentritt ſtämmend, während der andere im Kothe ſtack. „Wir ſpannen Cäſar aus, und ziehen die Gig zu⸗ rück,“ verſetzte ich mit meiner gewöhnlichen Kürze. —= 66— Wollte der Himmel, unſere Aufgabe wäre eben ſo kurz geweſen; aber Wünſche gehen ſelten oder nie in Erfüllung. Wir machten uns jedoch daran, und ſchoben und hoben, und trugen mit unſäglicher Mühe unſern Wagen beiläufig zwanzig Schritte zurück, wo ſich ein offenes Plätzchen zeigte. Freund Richards erfreut ſich ſehr geſunder Lungenflügel, und auch die meinigen ſind nicht die ſchwächſten. Hatten wir es nun dieſen zuzuſchreiben oder unſerm günſtigen Geſtirne, kurz, unſere Converſation mit Cäſer wurde plötzlich durch ein lautes Hallo unterbrochen, das dicht vor uns erſchallte. Leſer! haſt Du je einer hitzig beſtrittenen Wahl beigewohnt, und Deine zehn oder hundert Dollars patriotiſch auf Deinen Schützling geſetzt, und haſt Du nun plötzlich und auf einmal im Schweiße Deines Angeſichts, wo Dir bereits alle fünf Sinne im Brannt⸗ wein und Tabacksdampf vergingen, den Ausſpruch gehört, der Dir zu Deinen hundert Dollars mit hundert Prozent verhilft; haſt Du dieſes je erfahren, dann, und nur dann, kannſt Du Dir eine Idee von der freudigen Rührung machen, die unſere kalten Buſen plötzlich erwärmte. Das Hallo war ſo echt Hankeeiſch —— —,— — —= 67— widergegeben, daß die Nebel brechen, und alle rothen Generationen, die in dieſem Sumpfe ſchlummerten, erwachen konnten. „Und nun, Geduld um's Himmelswillen!“ ſprach Richards,„und halte wenigſtens eine Viertelſtunde das Maul, ſonſt verdirbſt Du alles wieder mit dieſem heilloſen Yankee. „Beſorge nichts,“ erwiederte ich, deſſen heißes Blut bereits ziemlich durch das Schauerbad abgekühlt war, nicht zu gedenken der Ausſicht, die ganze Nacht in dieſem jammervollen Loche zuzubringen. Gerne würde ich dem zähen Tagdiebe Auskunft über alle Butter⸗ und Kartoffeln⸗ und Mehlpreiſe in dieſen unſern Staaten gegeben haben, mit der einzigen Bedingung, daß er uns ſo bald als gefällig aus dieſem Fieberpfuhle erlöſe. Er war es, wie er leibt' und lebte. Er hatte in wahrer Connecticutmanier bereits ein paar Minuten vor uns angehalten, ohne eine Sylbe von ſich zu geben. Beinahe ſchien es, als ob er ſich an unſerer Verlegenheit weide, und gerade nicht in großer Eile ſey, uns aus unſerem Drangſale zu erlöſen. Was uns betrifft, ſo hatten wir alle Urſache auf unſerer — e 68— Hut zu ſeyn. Die ſauertöpfiſche Vogelſcheuche ſchien eben nicht Spaß zu verſtehen. Freund Richards brach endlich das Stillſchweigen mit den Worten:„Schlim⸗ mes Wetter!“ „Das könnte ich eben nicht ſagen,“ erwiederte der Yankee. „Ihr habt nicht den zwei Frauen begegnet, denen Ihr entgegen geritten?“ „Nein, ich vermuthe, ſie werden in Florence bei Couſine Kate bleiben.“ „Ihr habt nicht im Sinne, dahin zu gehen?“ fragte wieder Richards.. „Nein, ich will heim. Doch, ich dachte, Ihr wäret bei dieſer Zeit an der Fähre.“ „Das wären wir vielleicht auch, wenn Eure Wege beſſer, und ſtatt Wallnußbäume Steine in den Löchern wären,“ verſetzte Richards lachend. „So habt Ihr alſo heute nicht Luſt zur Fähre?“ „Wir haben wohl das Wollen, aber das Voll⸗ bringen, Freund! Ihr wißt, das iſt die Hauptſache.“ „Ja, ſo iſt es,“ ſprach der Mann mit einer wahren Schulmeiſtermiene.„Nun, wenn Ihr zurück nach Baninbridge wollt, ſo könnt Ihr mit mir; am beſten ——O — — 69(— wäre es, Ihr überließet mir die Zügel, und meine Mähre mag hinten nachlaufen.“ Es dauerte wohl noch gute fünf Minuten, ehe der unausſtehlich langſam pedantiſche Geſelle mit ſeinen Vorbereitungen zu Ende war. Endlich zu unſerer großen Freude ſaßen wir zu Dreien in der Gig. So waren wir denn nach fünfzig Hin⸗ und Herfra⸗ gen, die einem Londoner Protokolliſten Ehre gemacht haben würden, in eine Art von Allianz mit Miſter Iſaak Shifty getreten, und glücklich auf dem Wege nach einer der hundert famöſen Städte Alabama's, die ſammt und ſonders nicht ihres Gleichen in den Vereinten Staaten hatten. Ich weiß nicht wie es kommt, daß ich mich ſtets in meinen Erwartungen getäuſcht finde. Ich hatte gehofft, die Entfernung zwiſchen dem verwünſchten Ahornſumpfe und unſerm zu erreichenden Zufluchtsorte würde in einem billigen Verhältniſſe zur Annehmlich⸗ keit unſers Lootſen, das heißt, nicht ſehr groß ſeyn. Sie ſchien mir jedoch ungeheuer, und Horaz's Un⸗ geduld während ſeines famöſen Spazierganges war ein Kinderſpiel gegen die meinige. Unſer Yankee hatte überflüſſige Muße, gleich dem römiſchen Schwätzer, — 0 70 6— wenigſtens ein Dutzend verſchiedener Subjekte und Objekte zu berühren. Das erſte, an dem er ſich ver⸗ ſuchte, war natürlicher Weiſe ſeine eigene werthe Perſon. Aus der hingeworfenen biographiſchen Notiz war zu erſehen, daß er von Connecticut, und zwar von einem gar nicht unebenen Stamme, entſproſſen, daß ſeine urſprüngliche Laufbahn die eines Schullehrers geweſen, daß er jedoch dieſe Carriere mit einer weniger ehrenvollen, nämlich der eines Hauſirers, vertauſcht, von dieſem zum Krämer und Ladenbeſitzer avancirt, und nun ein gemachter, ja ganz reſpektabler Mann geworden, wie er modeſt uns beizubringen nicht unter⸗ ließ. Zunächſt kamen die Kaufmannsgüter, die er bereits in ſeinem Laden gehabt und noch hatte, mit mehreren Seitenhieben auf einen Miſter Purſecut, der ſich zu ſeinem Rival aufzuwerfen nicht entblödet, und den der Himmel ſelbſt für ſeine Vermeſſenheit durch den Untergang von einem Dutzend Meſſern und Gabeln und Schuhen auf den Muscleſhoals zu beſtrafen nicht verſäumt. Dies gab ſofort wieder Veranlaſſung von den tauſend und einem Mißgeſchicken zu reden, die ſich auf dieſen weit und breit berühmten Muſchelbänken ereignen, und von dieſen mußte er — 71— natürlich auf die verſchiedenen Transportgelegenheiten kommen, deren ſich Alabama's erleuchtete Bewohner zu bedienen für gut erachten, als da ſind: Dampfſchiffe und Kielböte und Barken und Flatboats oder Flach⸗ böte, oder Breithörner oder Archen, wie ſie auch genannt werden; dieſen rückten die bedeckten Schlitten, die Fähren, die gewöhnlichen Böte, die Dugouts, und ſchließlich die Canoes nach. Unſer Yankee überging nun in den Canaliſationsplan, mittelſt welchem die Gewäſſer des Tenneſſee mit, der Himmel weiß welchem Meere verbunden werden ſollten. Es war ein mon⸗ ſtröſer Plan, ſo viel erinnere ich mich noch; ob aber die Vereinigung bloß mit Raritan⸗Bay*) oder weiter herum mit dem Connecticutfluſſe*⸗) ſtatt haben ſollte, iſt mir rein entfallen. Endlich kamen wir, zu unſerer unausſprechlichen Freude, auf die Hiſtorie von Bain⸗ bridge; ein ſicheres Zeichen, bildete ich mir ein, daß wir uns dem Ziele unſerer Reiſe näherten; doch ſelbſt *) Raritan⸗Bay, die Meeresbucht, die ſich gegenüber Newyork gegen Newjerſey hinzieht, und beide Staaten von ein⸗ ander trennt. **) Connecticut, der Hauptfluß des Staates Connectieut, der an Newyork gränzt. Die Entfernung vom Staate Tenneſſee beträgt wenigſtens ſechshundert Meilen in gerader Linie. — 72— dieſer Freudenſtrahl, ſo gemäßigt er war, ſollte, gleich dem langerſehnten Leuchtthurme, noch eine gute Weile unſere Geduld in Anſpruch nehmen, bevor wir in den erwünſchten Hafen einlaufen konnten. Wir hatten zuvor noch die ganze Topographie dieſes berühmten Platzes zu hören, wie er in rechten Winkeln aus⸗ gelegt, und wie blühend und gewerbſam er ſey, und ob wir nicht Luſt hätten uns niederzulaſſen; er, nämlich Miſter Shifty, habe ein Dutzend ganz herr⸗ liche Bauſtellen, und wie die Stadt bereits drei Wirthshäuſer enthalte, juſt die gehörige Proportion zu den zehn Häuſern oder Hütten, die Bainbridge bildeten; zwei dieſer Wirthshäuſer oder Schenken wären jedoch vollgepfropft mit Männern; es ſey ein Canvaß*) zur Wahl von Florence, und die dritte ſey nicht viel von einer Schenke, und eben nicht die wohnlichſte. So lautete der Bericht des Miſter Iſaak Shiſty, als das Wort Canvaß, electioneering,*) demſelben plötzlich ein Ende machte. *) Canvaß, electioneering. Jeder Wahl geht be⸗ kanntlich eine Bewerbung, Candidatur, Canvaß, electioneering voraus. Zuweilen iſt dieſer Canvaß ein wenig ſtürmiſch. „Eine Wahlvorbereitung!“ ſtammelte Richards. „Eine Wahl“— ſtotterte ich. Wahrlich, das Wort erſtarb mir auf der Zunge. Eine Wahl in Alabama, das ſelbſt im kalten Kentuck mit dem Ehrennamen Hinterwäldler bezeichnet iſt.— Lebt wohl, Abendeſſen und Schlaf, und Bette und Stube und friſche Wäſche, nach einer ſo horriblen Tour. Wir hatten nicht Zeit eine Sylbe mehr zu ſagen, denn unſer Cäſar, der ſich ſeit geraumer Zeit durch ein Schlamm⸗Meer hindurchgearbeitet, ſtand plötzlich ſtill. Ein matt erzitterndes, in einer Atmoſphäre von Tabaksrauch ſchmachtendes Talglicht, und das Ge⸗ brülle von zwanzig Kehlen bezeichnete uns den Hafen. Ein Sprung brachte uns auf etwas feſtern Grund. Während Richards ſeinen Cäſar an den Pfoſten band, ſchritt ich der Thüre zu, als ich beim Zipfel meines Mantels gefaßt wurde. „Hier nicht, hier nicht! dieß iſt das Haus wo Ihr einkehren müßt!“ rief Mister Iſaak Shifty, beinahe ängſtlich auf ein naheſtehendes Mittelding zwiſchen Haus und Hütte deutend. Lebensbilder a d. weſtl. Hemiſph. I. — e 74— „Kehre Dich nicht nach ihm,“ wisperte ich Richards zu, froh, des unerträglichen Wichtes endlich einmal ledig zu ſeyn. Richards pauſirte, aber bereits war meine Hand an der Klinke, und ſo traten wir ein. Da ſaßen ſie, die Ferſen auf dem Tiſche, und ſtanden, die nämlich, die noch ſtehen konnten, und taumelten und brüllten. Bei meiner armen Seele! ich wollte, ich wäre irgend anderswo geweſen, ſtatt in dieſer werthen Nachbarſchaft. Richards trat zuerſt in den Haufen. Ich ſtaunte über ſeine Kühnheit, des ſtiefelloſen Fußes gedenkend; die launigen Zecher aber ſchienen Luſt zu haben, uns ihre geſchliffenen Manie⸗ ren zu beweiſen. Sie machten Platz links und rechts, und ließen uns ſo eine Fuß breite Allee von ſechs Fuß und eben ſo viel Zollen hohen Palliſaden paſ⸗ ſtren, während ſte uns vom Kopfe bis zu den Füßen muſterten. Das Mißgeſchick meines Freundes entging jedoch noch immer ihren Luchsaugen, als dieſer recht feierlich an den Schenktiſch herantrat, und, ſich dem Knäuel von halb Roß⸗ halb Alligatorgeſichtern zu⸗ wendend, rief:„Ein Hurrah für Alt⸗Alabama*) und *) Alt⸗Alabama, der Staat Alabama. — 0 75— der Henker ſoll den Wegmeiſter von Bainbridge County holen!“ „Biſt Du toll?“ flüſterte ich ihm zu. „So will ich doch erſchoſſen ſeyn, wenn er nicht das Mal dieſe fünf Knöchel auf ſeinem Leichnam eingedrückt fühlen ſoll,“ brüllte eine Stimme, die aus einem Mammuthsrachen ertönte, der ſich ſo eben anſchickte, ein halbes Pint Monongehala zu ver⸗ ſchlingen. Ehe jedoch der vierſchrötige Goliath ſeine Drohung in Ausführung brachte, leerte er noch ganz gemächlich ſeine halbe Pint Whisky, und ſchritt hierauf vor⸗ wärts, ſeine flache Hand auf die Schulter Richards mit einem Gewichte legend, das dem Armen das Aus⸗ ſehen eines Gehenkten oder Verrenkten gab. Zugleich ſtarrte ihm der Gewaltige mit einem Ausdrucke in's Geſicht, in dem ſich die natürliche Härte ſeiner ſchar⸗ fen Züge und Eulenaugen nichts weniger als lieblich malte. „Und der Henker! ſage ich, hole den Wegmeiſter von Bainbridge!“ rief Richards halb ernſt und halb lachend, indem er zugleich den überkothigen ſtiefelloſen Fuß auf den Stuhl hob.„Da ſeht einmal, Jungens! 6* —= 76 6— er iſt beim 8—l—, mein Stiefel nämlich; der ver⸗ wünſchte Sumpf zwiſchen hier und der Fähre war ſo höflich, ihn mir abzuziehen.“ Ein Gelächter erſchallte, das unfehlbar die Fenſter eingedrückt haben würde, wären Glasſcheiben darin⸗ nen geweſen. Glücklicher Weiſe waren ſie mit Frag⸗ menten alter Inerxpreſſibles und einſtmaliger Röcke und Röckchen ausgeſtopft. „Kommt Jungens!“ rief Richards;„es iſt nicht ſo ſchlimm gemeint; aber ſicherlich, ich verlor meinen Stiefel in dieſem hölliſchen Sumpfe.“ Es war das glücklichſte Impromptu, das je müde Wanderer in eine ähnliche Geſellſchaft eingeführt; Friede, Harmonie und Freundſchaft waren mit einem Male hergeſtellt. „So mag ich wie eine Rothhaut erſchoſſen werden, wenn das nicht Mister Richards von Alt⸗Virginien und nun vom Miſſiſtppi iſt,“ rief unvermuthet der⸗ ſelbe fürchterliche Goliath, der ſo eben ſeine flache Hand auf die Schulter Richards gelegt hatte, wäh⸗ rend ſein halb wilder Blick ſich in ein launiges Grin⸗ ſen umwandelte.„Möge ich nie eine Flaſche echten Monongehala's über meine Lippen bringen, wenn —,— —=77— Ihr nicht ein Pint mit Bob Shags dem Wegmeiſter leeren müßt.“ So war es denn der ſelbſteigene Dignitär, den Freund Richards ſo auf das Haar getroffen, obgleich mit Gefahr ſeines Schulterblattes. „Ein Hurrah für Alt⸗Virginien!“ brüllte der Mei⸗ ſter der Wege, indem er zu gleicher Zeit in ein Stück Kautabak von dieſem unſerm famöſen Staate biß. „Kommt Mister, kommt Doktor!“ ſprach der Mann, während er ihm mit der einen Hand eine Rolle Ta⸗ bak, mit der andern das Pintglas hinhielt. „Doktor!“ wiederholte der vereinte Chorus der Aſſemblee. „Ein Doktor?“ riefen ſie nochmals. Ein Mann, der Gewalt über Gin und Whisky*) hat, deſſen Ausſpruch als ein unantaſtbares Veto ſelbſt gegen einen Smaller**) erachtet wird, iſt keine geringe Perſon in dieſen fieberiſchen Gegenden. In *) Gin, Whisky. In den V. St. wird jeder Kornbrannt⸗ wein Whisky genannt; Gin iſt der aus Holland importirte ſoge⸗ nannte Wachholder⸗Branntwein. **) Smaller, a small one, ein kleineres, ein kleines— nämlich Glas— mit gebranntem Waſſer. — ⸗78 G— unſerm Falle hatte die Doktorſchaft den doppelten Nutzen, von den gewaltigen Pintgläſern zu befreien und zugleich zu privilegirten Beſuchern zu machen; ein Umſtand, der von Bedeutung in einer Wirths⸗ ſtube iſt, die ſich der ausgezeichneten Ehre erfreut, das Hauptquartier einer Wahlpartie zu ſeyn. Cäſar war es zuerſt, der poſitive Vortheile von dieſer Entdeckung erntete. Bob hatte ſich einen Au⸗ genblick aus der Stube verloren, und kehrte nun mit einer wahren Protektorsmiene zurück. „Mister Richards!“ rief er zutraulich,„Mister Richards! Mög ich erſchoſſen werden, wenn Ihr nicht ſtets ein ſenſibler Mann waret, der mehr reelles Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd zu ſchwem⸗ men hinreichen würde. Ei, und ich will Euch bewei⸗ ſen, daß Bob Shags der Mann iſt. Holla Doktor! was iſt Euer Gaul für ein Landsmann?“ „Ein echter Virginier,“ erwiederte Richards. „Deu Tenfel auch iſt er's,“ ſchrie Bob;„aber um Euch meine Freundſchaft zu beweiſen, ſo will ich un⸗ geſehen mit Euch tauſchen. Mög ich erſchoſſen wer⸗ den, wenn ich nicht dabei geprellt bin. Na, ich bin herzlich froh, Euch wieder zu ſehen. Bob Shags .—=79— darf ſich nicht ſcheuen, einem reellen Gemman*) in's Auge zu ſehen. Kommt Jungens! Keinen Jimmaky**) und Slings***) und Poorgun*) und ſolch hündi⸗ ſches Geſäufe, echten Monongehala⸗Whisky! Hurrah für Alt⸗Virginien! Apropos, wollen wir den alten Virginier nicht beſehen?“ „Nein, Bob!“ rief Richards lachend,„Eure Groß⸗ muth iſt ſo echt alabamiſch, daß ich mich unmöglich dazu verſtehen kann, muß für dießmal ſchon meinen Alt⸗Virginier behalten, iſt das Leibpferd meiner Frau.“ „Aber Swiftfoot,“ erwiederte Bob treuherzig und traulich,„iſt ein trefflicher Trotter.“ „Geht nicht,“ war die Antwort,„geht nicht, dürfte mich nicht zu Hauſe blicken laſſen!“ Bob biß ſich in die Lippen; der fehlgeſchlagene Pferdehandel hatte mittlerweile das Gute, daß er uns von den Whiskygläſern befreite. Bob ſchien ganz *) Gemman, verdorben, Gentleman. **) Jimmaky, Jamaika⸗Rum. n) Slings, ein Gemiſch von gebrannten Waaſſem. Zucker und Zitronen. 3 r) Poorgun, Burgundy, Burgunder. — 80—. ſeine Offerte mit dem Pintglaſe vergeſſen zu haben. Er hob es zum Munde und leerte, ſo wahr ich lebe, den Inhalt mit einem Zuge. Meine naſſen Kleider fingen an ſchwer auf mir zu liegen: die Atmoſphäre war ſtark geſchwängert. Bob hatte mich einigemal ſchon angeblickt: nun fragte er: „Und wer mag der Mister ſeyn?“ Mein Name und Stand brachte mir eine Bewill⸗ kommnung zu Wege, die buchſtäblich Thränen in meine Augen preßte. Nach jedem Drucke ſchaute ich, ob nicht das Blut aus den Nägeln ſpritzte. Wahre Bärentatzen, rauh wie franzöſiſche Heerſtraßen. „Recht froh, Jungens!“ fuhr Bob im conſiden⸗ tiellen leiſeren Tone fort,„daß Ihr gekommen ſeyd; bin juſt daran, einen Verſuch für die nächſte Aſſembly⸗*) Wahl zu machen, und Ihr wißt, es iſt allzeit gut, einen reſpektablen Ruf zu haben. Wie lange iſt es, Mister Richards, daß ich von Blairsville weg bin?“ „Acht Jahre,“ war die Antwort. „Nein, Harry!“ wisperte der Wegmeiſter zutrau⸗ lich,„nein, möge ich erſchoſſen werden, wenn es mehr als fünf ſind.“ *) Aſſembly, das geſetzgebende Corps eines Staates. —= 81— „Aber,“ verſetzte Richards,„ich bin ſeit fünf Jah⸗ ren unten am Miſſiſippi, und Ihr wißt— 4 „Ah bah!“ meinte der Mann,„fünf Jahre bei meiner Seele ſind's, keine Stunde mehr, wenn Ihr gefragt werdet: verſteht Ihr?“ ſetzte er bedeutſam hinzu. Der Candidat für öffentliche Aemter hatte nämlich von ſeinem früheren Aufenthaltsorte, dem Geburts⸗ orte Richards, Reißaus genommen, von wegen ge⸗ wiſſer Mißverhältniſſe, in die er mit Sherif und Conſtable*) gerathen, und nachdem er einige Jahre herum vagirt, hatte er ſich endlich in Bainbridge County niedergelaſſen, wo er zu gedeihen ſchien, ſo viel es nämlich Whisky und menſchliche Schwachheit zuließen. Wir konnten nicht umhin, beinahe laut über die Wichtigkeit zu lachen, die uns Bob vor den Seinigen zu geben für räthlich fand. Theophraſtus Paracelſus war ein bloßer Keſſelflicker in Vergleich mit dem weit und breit berühmten Doktor Richards; ſeine fünf und zwanzig Neger wuchſen zu hundert in dieſer hyperboreiſchen Lunge, und meine Wildniß war *) Sherif, Conſtable, der Ober⸗ und Uutergerichtsdiener. — o 82— unter Brüdern fünfmalhunderttauſend Dollars werth. Es wäre gefährlich geweſen, dem gewaltigen und ver⸗ ſchmitzten Windbeutel zu widerſprechen, ſtets bereit, wie er war, ſeine Ausſage mit den Bärentatzen zu unterſtützen. Endlich konnte Richards die Frage in dieſes Ge⸗ brülle einſchalten: „Ihr ſeyd doch nicht Willens, jetzt gleich zu pero⸗ 4 riren?“ „Mag ich erſchoſſen werden, wenn ich's nicht thue. So wahr ich lebe, will darauf und daran.“ „Wohl denn, da könnten wir vielleicht noch Kleider wechſeln und unſer Abendmahl abfertigen?“ fragte Richards leiſer. „Kleider wechſeln?“ erwiederte Bob verächtlich, „und warum dies, Junge? Nicht wegen uns; ſeyd ſauber genug, gut genug für uns, braucht Euch nicht zu geniren. Wenn Ihr aber meint, ſo mögt Ihr's thun. Holla Johnny!“ Und ſofort begann er ſeine Negotiationen mit Johnny dem Wirthe, der zu unſerer großen Freude einen Leuchter ergriff, und uns in eine Art Hinter⸗ Parlour führte, mit der Verſicherung, daß wir auf —,— .—= 83— unſer Nachteſſen nicht ſehr lange zu warten haben würden. „Kein anderes Zimmer, wo wir uns umkleiden könnten?“ fragte ich. „Ja gewiß,“ verſetzte der Publicaner:„da iſt die Dachſtube; nur ſchlafen meine Töchter mit einem Dutzend Mädchen darin: dann iſt noch die Küche.“ Ich ſah betrübt darein; denn das Mädchen ſchickte ſich ſo eben an, den Tiſch zu decken, und unglücklicher Weiſe war das Stübchen durch eine offene Thür mit der Küche in Verbindung, aus welcher ein heilloſer Lärm erſchallte. Ich hätte Vieles für einen viertel⸗ ſtündigen Beſitz des Zimmers gegeben. Mittlerweile ſah ich mich nach unſern Porte⸗manteaux um. „Sechs kleine: es iſt nicht Büffelleder,“ rief ein junger Stentor aus der Küche herüber. „Sechs kleine; es iſt Rindsleder!“ ſchrie ein Zweiter. „Ich müßte mich ſehr irren, wenn dieſe Bengel nicht unſere Porte⸗manteaux ſo eben mit ihrer Unter⸗ ſuchung beehren,“ bemerkte Richards, indem er auf die Küche hinwies. „Das wäre doch zu toll,“ verſetzte ich. Aber es war wirklich ſo. Nicht, daß wir in Beſorgniß ge⸗ —=84— weſen wären, die Porte⸗manteaur zu verlieren oder beſchädigt zu ſehen; aber ſie aus dieſen Bärentatzen mit guter Art zu winden, konnte nicht anders als durch einen gut angebrachten Spaß geſchehen. Und ich fürchte dieſe Späſſe. Man hat immer einen Arm⸗ oder Beinbruch zu riskiren. Die Küche war geſteckt voll; in der Mitte ſtand ein Haufe von Jungen über ſechs Fuß hoch, von denen einer ein brennendes Licht hielt. Eine der ſenoren Stimmen rief:„Nein, ich zahle ſicherlich nicht, wenn ich nicht das Innere ſehe.“ Die jungen Geſellen debattirten ſo eben, ob der Ueberzug von der wilden Büffel⸗ oder Ochſen⸗Species herrühre. Sie hatten ſie bemerkt, als ſie in das Hin⸗ terparlour getragen wurden, und ohne weitere Um⸗ ſtände zu Objekten ihrer Wetten gemacht. „Es gilt ſechzehn kleine!“ rief mein Freund, eſi ſind von Hirſchhaut.“ „Sechszehn, ſie ſind es nicht!“ donnerten zehn Stimmen mit lautem Gelächter zurück. „Wohl denn, es iſt eine Wette,“ ſprach mein Freund;„doch laßt uns zuerſt ſehen, worauf wir ge⸗ wettet haben.“ —— „1. — 0 85 0— „Platz da für den Gemman!“ brüllte die Wette⸗ Geſellſchaft. „Es ſind unſere Porte⸗manteaux,“ verſicherte Richards lachend;„nun freilich, die ſind nicht von Hirſchhaut. Hier iſt meine Wette.“ Der Dollar hatte ein Hurrah zur Folge, das noch in meinen Ohren klingt; aber er hatte auch zugleich den Vortheil, uns in den Beſitz unſerer Porte⸗man⸗ teaur zu verſetzen. Eines war nur noch vonnöthen, nämlich der aus⸗ ſchließliche Beſitz unſerer Stube— für eine Viertel⸗ ſtunde wenigſtens. „Wir wünſchen einen Augenblick allein gelaſſen zu werden,“ ſprach ich zur Dirne, die raſch und paus⸗ bäckig aus⸗ und eintrabte, zwanzig Tellerchen und Teller mit Confituren, Gurken, rothen Rüben, ein⸗ gemachten Früchten auf den Tiſch ſtellend. Ich ſchloß die Thüre, während Richards lächelnd bemerkte:„das iſt gerade das ſicherſte Mittel, ſie wie⸗ der offen zu haben.“ Kaum waren die Worte heraus, als auch die Thüre mit lautem Gelächter aufflog. — 86 6— „Tail!“*) ſchrie nun einer der luſtigen Brüder. „Head!“*) entgegnete ein Zweiter. „Sie haben Luſt zu einem zweiten Dollar,“ be⸗ merkte Richards,„wohl wir müſſen Ihnen ſchon Ihren Willen thun.“ „Head!u rief er. „Verloren!“ fiel der Chorus ein. „Da iſt etwas zu vertrinken für Euch,“ ſprach mein Freund, deſſen bewundernswerther Gleichmuth und gute Laune uns ſo glücklich durch alle Irrwege des rohen Hinterwäldlerlebens mit einer Leichtigkeit zu bringen wußte, die wirklich einen eigenen Reiz hatte. Wir ſchloßen nun die Thüre, und hatten hinläng⸗ liche Zeit, unſere naſſe Kleidungsſtücke mit trockenen zu vertauſchen. Noch waren wir nicht ganz mit un⸗ ſerm Ueberzuge fertig, als ein leiſes Tappen an der einzigen Scheibe, mit der das Fenſter des Stübchens verziert war, unſere Aufmerkſamkeit auf dieſen Punkt hinlenkte. Und wen ſahen unſere Augen? Es war *) Tail und Head, Kopf und Schweif,; ein beliebtes Volks⸗ ſpiel. Eine Münze wird in die Höhe geworfen, und je nachdem ſie auf den Kopf oder den Adler fällt, gewinnt die eine oder die andere Partei. —"0 87— Mister Iſaak Shifty, der bei unſerm Eintritte in die Wirthsſtube uns den Rücken zu kehren für gut be⸗ funden hatte. „Gentlemen!“ flüſterte der Mann, indem er eine zweite Scheibe ihres Inhaltes, nämlich des Frag⸗ mentes einer alten Weſte, entledigte, und dann be⸗ quem ſeinen Mund hindurchſteckte;„Gentlemen! ich war im Irrthume. Ihr ſeyd nicht zur Wahl gekom⸗ men, ſagen unſere Späher, ſondern vom untern Miſſiſippi.“ „Und wenn wir es ſind, was denn?“ erwiederte ich trocken.„Sagten wir Euch nicht ſo?“ „Und ſo thatet Ihr; aber Ihr konntet mir auch einen Bären auf die Naſe gebunden haben. Und wie Ihr ſeht, ſo werben ſie hier zur nächſten Wahl, und wir haben einen Widerpart in dem andern Wirths⸗ hauſe, und da wir wußten, daß ſte zwei Männer von unten herauf erwarteten, ſo dachten wir, Ihr wäret es geweſen.“ „Und weil Ihr uns ſo auf der unrechten Seite Cures Weges glaubtet, ließet Ihr uns im Kothe ſtecken, mit der fröhlichen Ausſtcht, das Genick zu — 0 88— brechen, oder im Tenneſſee zu erſäufen?“ bemerkte Richards laut lachend. „Das gerade nicht,“ verſetzte der Nankee;„wir würden es freilich lieber geſehen haben, wenn Ihr im breiten Moraſte übernachtet hättet, im Falle Ihr die beſagten zwei Männer geweſen wäret; aber jetzt wiſſen wir, woran wir ſind, und bin deshalb gekom⸗ men, Euch mein Haus anzubieten. Hier wird's eine gewaltige Frolic*) geben, und vielleicht auch mehr. In meinem Hauſe mögt Ihr ſo ruhig ſchlafen, wie ſonſt in einem“ „Das geht unmöglich an, Mister Shifty!“u ſprach Richards mit einem Blicke, der, wenn des Yankee's Augen ihre Schuldigkeit thaten, ihm geſagt haben muß, daß wir ihn durchblicken. Die Klinke der Thüre, die in die Küche führte, be⸗ wegte ſich, und ſchloß plötzlich unſere Unterhaltung. Die ſcharfen grauen Augen unſeres Yankee hatten abwechſelnd uns und die Stubenthüre bewacht, und kaum war die Klinke hörbar gehoben, ſo füllte ſich *) Frolie, Luſtbarkeit. —“ 89— die Oeffnung am Fenſter, und der Kopf unſeres hoſpitabeln Yankee verſchwand wieder. „Er braucht uns,“ ſprach Richards,„weil er fürch⸗ tet, unſere protegirende Anweſenheit möchte Bob zu viel Gewicht geben. Du ſiehſt, ſte haben ihre Späher; ſollten Bob und die Seinigen es ausfindig machen, dann gibt es ein reelles Balgen. Allerdings ſind wir in einer wahren Squatter⸗*) Höhle, ſehr unreputir⸗ lich, aber wir müſſen aushalten.“ Die Tafel war nun gedeckt und die Thee⸗ und Kaffeekannen dampften. Es war ein excellentes Souper, echte Alabama⸗Delikateſſen. Faſanen mit Schnepfen, oder, wie ſie genannt werden, Woodcocks, ein herrlicher Hirſchziemer, der, ungeachtet des Jagd⸗ geſetzes, ſeinen Weg in Johnny's Behauſung gefun⸗ den hatte, und Waizen⸗, Buchwaizen⸗ und Wälſch⸗ korn⸗Pfannkuchen. Wir hatten bereits den erſteren Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und waren ſo eben in Prüfung der letzteren begriffen, die, zur Ehre von Bainbridge ſey es geſagt, kein Pariſer Reſtaurateur *) Squatter, buchſtäblich Einer, der ſich breit auf ſeinen Hüften niederläßt; figürlich Anſiedler, die ſich rechtswidrig auf Ländereien niederlaſſen. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 3 7 —”" 90— hätte trefflicher auftiſchen können, als die Stimme 2 Bobs im langen Gebrülle ertönte. Bob hatte ſeine Canvaß⸗ oder Kandidaturrede begonnen. Es war hohe Zeit, unſerm Souper ein Ende zu machen, und in die Reihe der Zuhörer des gewaltigen Wegmeiſters einzutreten, unter deſſen beſchützenden Fittichen wir bisher ſo ziemlich wohl gefahren waren, das heißt, ohne unſere Arme oder Beine gebrochen zu haben. Die Hinterwäldler⸗Etiquette forderte unſere Anweſen⸗ heit diktatoriſch, und wir, ihrem Ausſpruche Genüge zu leiſten, erhoben uns ſofort von unſerm Mahle,„ und traten in die Verſammlung. Am Oberende der Tafel, und zunächſt dem Schenk⸗ tiſche, ſtand Bob Shags als Präſident, Sprecher, Kandidat— Alles in Allem. Ein Dintenfaß, das vor einer vierſchrötigen Perſonnage aufgeſtellt war, bezeichnete den Sekretär. Bobs Geſichtszüge verfin⸗ ſterten ſich, als wir eintraten, zweifelsohne wegen unſeres ſpäten Erſcheinens; doch Cicero ſelbſt hätte kaum eine geſchicktere Wendung gegen den Erz⸗Con⸗ 4 ſpirator Catilina nehmen können, als Bob bei unſerm Eintritte zu eigenen Gunſten einſchlug. „Und dieſe Gemmen,“ fuhr er fort,„könnten Euch — e 91— ſagen, ja, und ſchwarz auf weiß beweiſen, und Be⸗ weiſe geben von meiner Reſpectibilität. Mag ich erſchoſſen ſeyn, wenn ſie nicht die beſte iſt, juſt ſo gut, wie die des beſten Mannes in den Staaten.“ „Nicht beſſer, als ſie ſeyn ſollte!u fiel eine Stimme ein. Bob warf einen finſtern Blick auf den Sprecher; doch das Lächeln deſſelben ſchien gut gemeint, und alle Uebrigen einverſtanden. Bob räuſperte ſich und fuhr fort: „Ei, brauchen Männer, die nicht auf die Köpfe gefallen ſind, ſchwarz von weiß zu unterſcheiden wiſ⸗ ſen, und ſich nicht von der Miniſtration*) einen blauen Dunſt vor Augen machen laſſen, ſondern unſere angebornen Souveränitätsrechte vertheidigen. Mag ich erſchoſſen ſeyn, wenn ich einen Zoll breit weiche, ei, nicht dem Beſten; vorausgeſetzt, Jungens, Ihr beehrt mich mit Eurem Vertrauen und— ja eben das müßt Ihr, ſonſt— 4 Hier unterbrach den Redner ein donnernder Aus⸗ —. *5) Miniſtration, Adminiſtration, die executive Gewalt, der Präſident mit ſeinem Cabinete. 7* — e 92— bruch der ganzen Wahlverſammlung:„Lel's go the whole hog!“*) „The whole hog!“ bekräftigte Bob, ſeine beiden Fäuſte auf den Tiſch auflegend;„das iſt's Wahre! The whole hog!— das Volk— ei ſo habe ichs nimmer gedacht!— Nun, Jungens, glaubt Ihr nicht, daß unſere großen Herren zu viel Geld koſten? Mag mich G—tt verdammen, Jungens! wenn ich's nicht um's Drittel des Geldes eben ſo gut thue. Hört nur! ſechs Geſpänne, jedes von vier Gäulen, hätten vollauf zu ziehen, um nur das Silber wegzuſchleppen, das uns Johnny**) und ſeine Miniſtration gekoſtet haben. Hier, Jungens, iſt es ſchwarz auf weiß.“ Bob hatte einen Bündel Papiere vor ſich, die wir zuerſt für ein ſchmutziges Sacktuch gehalten, die aber die County⸗Zeitungen waren, von denen eine ganz ſinnreich den Gehalt, welchen die eben abgehende erſte Magiſtratsperſon der Union für ihre Dienſtjahre bezogen, auf Wagenladungen reducirt hatte,— das herrlichſte Mittel, die Verſchwendung öffentlicher *) Let's go the whole hogl eine etwas vulgäre Hin⸗ terwäldlerphraſe; will ſo viel ſagen, als: zur Hauptſache! **) Johnny, John Quincy Adams, dam. Präſid. d. V. St. — 93— Gelder recht augenſcheinlich darzuſtellen. Bob hielt inne, während ſein Nachbar ſich die Brille aufſetzte und zu leſen anfing. Doch Alle fielen ein:„Wiſſen es ſchon, haben es ſchon geleſen! Zur Sache!“ „Nein,“ rief Bob,„ſchaut nur einmal! Diploma⸗ tiſche Sendungen. Was ſoll das bedeuten? Wen brauchen ſie da zu ſenden? Da haben ſte einen Ginral Tariff*) angeſtellt, der einer der tollſten Ariſtokraten iſt, der je lebte. Und der hat ein Geſetz paſſirt, in Folge deſſen wir nicht mehr mit den Britten Handel treiben ſollen. Jeden Strumpf, jeden Meſſerſtiel hat der verhenkerte Ariſtokrat mit einem Einfuhrszoll be⸗ legt. Wo ſollen wir nun Flanelle hernehmen?“ „Hört! Hört!“ rief hier einer der Zuhörer, deſſen rothes Flanellhemd wirklich einer zeitigen Fürſorge zu bedürfen ſchien. Serner,“ fuhr Bob fort, haben ſte unſerer Schiff⸗ fahrt einen Schlepper zum Vortheil ihrer Manufak⸗ turen angehängt. Ihrer Manufakturen— Männer! Souveräne, freie Bürger! in den Manufakturen arbeiten!“ *) Ginral Tariff, der allgemeine Tariff; hier von dem Hinterwäldler für einen General, mit Namen Tariff, genommen. — — —"° 94— „Hört! Hört!“ ertönte von mehreren Seiten dro⸗ hender. „Aber das,“ fuhr Bob geheimnißvoll fort,„iſt noch nicht Alles. Nein, Jungens, hört und urtheilt! Ihr, die erleuchteten freien Männer Alabama's, ur⸗ theilt und ſeht zu! Ja, die Miniſtration und die Yankees! Wißt Ihr, was ſie thaten?“ „Hört! Hört!“riefen neuerdings zwanzig Stimmen. „Nichts weniger haben ſte gethan,“ fuhr Bob fort, „als Kleidung, Munition, Gewehre und Mehl und Whisky haben ſie den Creeks*) geſchickt. Zwei volle Schiffsladungen haben ſie geſchickt. Hier iſts!“ ſchrie Bob, eine andere Zeitung auf den Tiſch werfend. Eine athemloſe Stille herrſchte während der furcht⸗ baren Beſchuldigung, die nun Wort für Wort ver⸗ leſen wurde. Wir konnten beinahe das Lachen nicht mehr verhalten; doch Noth gebot. Bob fuhr fort: *) Creeks, Greeks. Die erſteren ſind die bekannten In⸗ dianer im Staate Georgien; die letzteren die Griechen, denen bekanntlich in ihrem damals beendigten Freiheitskampfe be⸗ deutende Unterſtützungen von den Bürgern der V. St. geſandt wurden. — = 95 9— „Und ſie wollen ſie zurück über den Miſſiſippi, und wieder in Georgien, ja— undein Alabama gleich⸗ falls haben; und ſie halten Reden und Verſamm⸗ lungen zu ihren Gunſten, und ſagen, daß wir ihnen, dieſen Creeks, unſere Aufklärung verdanken, und ſte haben bereits Häuptlinge, als da ſind Alexander, den ſie den Großen nennen, und Perikles und Plato, und derlei Namen, wie wir ſte unſern Negern geben. Ja, und dieſe verwünſchten Rothhäute fechten gegen einen andern Häuptling, den ſie Sultan heißen, und der auf der Türksinſel*) irgendwo gegen Oſten hauſet. Wo ſollen wir unſer Salz hernehmen 2u 1 8 Der Sturm, der ſeit geraumer Zeit gebrauſet, brach nun in ein Gebrülle aus, das die Balken des Stammhauſes in ſeinen Grundveſten erſchütterte. Trotz des beinahe unwiderſtehlichen Kitzels hatten wir wacker an uns gehalten; inmitten des tobenden Sturmes jedoch erſcholl auf einmal ein lautes Lachen, das von Bob und ſeinen Getreuen gehört wurde. Der donnernde Ausruf: ein Späher, ein Spion! war *) Turksisland, Türkeninſel; eine kleine Inſel, von welcher die weſtlichen Staaten, Nord⸗ und Süd⸗Carolina, Geor⸗ gien zc. ihr Salz beziehen. — 96— kaum von den Lippen des Gewaltigen ertönt, als der ganze Knäuel gegen die Thüre ſtürmte, durch welche ſich eine Perſonnage geſtohlen hatte, die allerdings zu einem ſolchen Ehrendienſte qualificirt ſchien. Der unglückſelige Wicht wurde gerade noch zu rechter Zeit erſchnappt und vor das hohe Tribunal gezogen. Sein Geheul brachte jedoch bald das ganze Corps ſeiner Freunde, die in der nächſten Taverne in einem ähn⸗ lichen Geſchäft begriffen waren, zu ſeinem Beiſtande. Ein Kampf war nun unvermeidlich, und dieſem zu entwiſchen unſere Hauptſorge. Wir drückten uns ſo ſchnell als möglich durch die Küche und von da in den Hof. „Halt!“¹ ziſchte eine leiſe Stimme,„Ihr ſeyd am Rande einer Pfütze, in der ein Ochs erſäufen könnte. Aha, nun werdet Ihr doch meine Einladung nicht verſchmähen?“ Es war Mister Iſaak Shifty, bei alle dem ein getreuerer Pilote, als wir dachten. Im Wirthshauſe war die Schlacht ſo eben im beſten Zuge. Wir über⸗ legten, was wohl zu thun ſey, als der Sturm ſich plötzlich zu legen begann. —= 97— „Was iſt das?“ riefen wir verwundert, durch die Küche auf den Schlachtplatz eilend. Es war niemand anders als der Conſtable mit ſeinem Amtsſtabe, der in der Hitze der Schlacht ein⸗ getreten. Sein Erſcheinen allein bewirkte, was hun⸗ dert Leibgardiſten eines Deſpoten nicht hätten zu Wege bringen können, augenblicklichen Waffenſtill⸗ ſtand. Der Aufruf zur Ruhe im Namen des Geſetzes hatte Bob und Compagnie wie mit einem Zauber⸗ ſchlage berührt, und Friede und Eintracht waren wieder auf einmal hergeſtellt. Wir hatten eine ruhige Nacht, mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß Bob ſich uns als Beilage an⸗ ſchloß, und wir ſomit drei in eine Bettſtelle zu liegen kamen. Ehe jedoch der Morgen graute, war er von unſerer Seite gewichen. Spät betraten wir die Wirthsſtube; ſie ſtand noch immer am alten Flecke, trug aber furchtbare Male eines verzweifelten Kam⸗ pfes. Bänke, Stühle und Tiſche lagen in Trümmern umher, der Fußboden war mit zerbrochenen Krügen und Gläſern überſäet! und ſelbſt das Heiligthum, der Schenktiſch, war von einer theilweiſen Zerſtörung nicht verſchont geblieben, und als wir uns dem Stalle —= 98— näherten, um Cäſar unſern Beſuch abzuſtatten, fand ich, zu meinem nicht geringen Verdruſſe, meine Gig über und über mit Wahlzetteln und Hurrah's für Bob Shags beklebt, und Richards den Schweif ſeines Cäſars ſo glatt und rein abgeſchoren, als ob die Schelme ihn barbirt hätten. Unſer Frühſtück war jedoch vortrefflich, und unter günſtigeren Auſpizien, als es Tags vorher der Fall geweſen, traten wir unſere Reiſe nach Florence an. III. Der Kindsräuber. Ja, es iſt ein erhabener, ein beinahe furchtbarer Anblick, dieſe endloſen Urwälder, Tauſende und aber⸗ mals Tauſende von Meilen in ihr nächtliches Dunkel hüllend. Wie mancher Klagelaut mag in ihnen un⸗ gehört verſchollen, wie manche Gräuelthat, vor deren bloßen Namen das ſtärkſte Männerherz erzittern würde, von den hehren Wipfeln und ihrem düſtern Schatten bedeckt ſeyn! Scheint es doch, als ob hier die ungeheure Natur auch ungeheure Verbrechen er⸗ — — d 99— zeugen müßte! Noch heute preßt es mir das Herz wie mit Zangen zuſammen, wenn ich an jene Scene denke. Ja, die Wirklichkeit iſt oft grauſamer, als die glühendſte Dichtung— ſchauderhafter als die ſchreckenvollſte Phantaſte— ſie malen kann. Wie kommt es doch, daß der göttliche Funke, der im Men⸗ ſchen wohnt— ſein Verſtand— ſo ſelten zum Herzen zu dringen vermag, während der teufliſche, möchte ich ſagen,— ſeine Bosheit— bis zur innerſten Faſer hineinwühlt? Ich habe oft über den ſeltſamen Cha⸗ rakter nachgedacht, der mir damals aufgeſtoßen; aber mein Verſtand wird verwittert, je länger ich nachdenke. Dieſe Gedanken wurden unwillkürlich zu Worten, als wir, vierzehn Tage nach unſerer famöſen Nacht an den Ufern des Tenneſſee, auf der Höhe von Hope⸗ field im Jackſon den Miſſiſippi hinabſchwammen. Hopefſield iſt ein kleiner Ort am weſtlichen Stromes⸗ ufer, beiläufig ſechshundert Meilen oberhalb New⸗ orleans und fünfhundert unterhalb der Mündung des Ohio in den Miſſiſippi— mit fünfzehn Häuſern, von denen ſich zwei Wirthshäuſer und Kaufläden tituliren, weil ſie Whisky ſchenken, und ein paar Dutzend Meſſer und Gabeln— einige bunte Hals⸗ —= 100 6— tücher— Töpfe— Pulver und Blei und Tabak feil haben. 1 Das Oertchen bietet wenig Intereſſantes dar, aber doch hafteten die Blicke unſerer ſämmtlichen Reiſe⸗ geſellſchaft mit einer ſichtbar peinlichen Beklemmung an den Blockhütten und den weiter zurück empor⸗ ſtarrenden ungeheuren Cottonbäumen. Ich ſtand mit Freund Richards und dem beſſern Theile unſerer Schiffsgeſellſchaft am Taffraill, als eine zarte Frau plötzlich unwillkürlich ihr Kind aus den Armen der hinter ihr ſtehenden Negerin haſchte, 9 und es krampfhaft an den Buſen drückte. „Und lebt er noch, der arme Vater?“" fragte ſchau⸗ dernd eine zweite. Alle ſchwiegen. „Du haſt ihn geſehen?“ hob nach einer Weile Richards an. „Ich habe.“ Die Blicke der Geſellſchaft richteten ſich erwar⸗ tungsvoll auf mich und ſo nahm ich denn das Wort: 8 „Es war im Anfange Decembers im Jahre 1825, als ich gleichfalls den Miſſiſtppi in der Feliciana hinabging. Auf der Höhe eben dieſes Hopefield, — 0 101— Hampſtead County*), wie Sie wiſſen, angekommen, ſtreifte eines unſerer Räder an einem Sawyer**) und ging in Stücke, ein Umſtand, der uns zwang, vor dem Städtchen anzuhalten. Unſere Reiſegeſellſchaft beſtand aus zehn Damen, eben ſo vielen jungen Männern und mehreren alten Herren. Nichts iſt bekanntlich während einer Miſſi⸗ ſippireiſe erwünſchter, als eine Landpartie, und da wir in dem Oertchen gerade nichts weiter zu ſuchen hatten, ſo fand der Vorſchlag einiger unſerer Reiſe⸗ gefährten, eine Excurſion in das Innere des Waldes zu unternehmen, allgemeinen Beifall. „Der Sohn eines der Schenkwirthe hatte ſich zu unſerem Führer angeboten. Wir nahmen jeder nebſt der Jagdflinte eine Bouteille Wein oder Cognac, um die Ausdünſtungen abzuhalten; unſer Pilot**u) wurde mit einem gewaltigen Schinken und einem *) Hopefield, die Countyſtadt der Grafſchaft Hampſtead. **) Sawyers, Säger, große, lange, in den Schlamm ein⸗ geſtauchte Baumſtämme, die unter der Oberfläche des Waſſer⸗ ſpiegels hin⸗ und herſchwanken und den Dampfſchiffen ſehr ge⸗ fährlich ſind. ***) Pilot, Lootſe. Vorrathe Crakers*) beladen, die uns der Capitän als gemeinſchaftliches Eigenthum aus dem Schiffs⸗ vorrathe mitgegeben, und ſo ausgerüſtet, traten wir unſern Ausflug an, begleitet von den guten Wünſchen der Damen, die einige hundert Schritte mit uns in den Wald hinein gingen.“ „Ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß ein tieferes Eindringen in unſere gewaltigen Urwälder auch den munterſten Schwätzer zum Schweigen bringt. Bei dieſer Gelegenheit fand ich meine Bemerkung wieder beſtätigt. War es der tiefe, ergreifende Ernſt, der ſich über das Halbdunkel dieſer üppigen Wildniß hingelagert, die feierliche Ruhe, die blos durch unſere Fußtritte oder durch fallende Blätter unterbrochen ward, oder hatte die ungeheure Wucht der Bäume, die mit ihren coloſſalen Rieſenſtämmen himmelwärts anſtrebten, auf die Phantaſte meiner Geſellſchafter gewirkt, die meiſten derſelben— Nordländer, die nie über Albany oder die Saratoga⸗Quellen hinausge⸗ kommen— waren auf einmal ernſt und beinahe düſter geworden. Das Laub der Cottonbäume, dieſes *) Crakers, kleiner runder Zwieback; der von Boſton iſt vorzüglich gut. — —— —= 103 6— Rieſen der ſüdweſtlichen Waldungen, hatte bereits die fahlen Spätherbſttinten angenommen; nur ein⸗ zelne Sonnenſtrahlen hellten den gelblich grünen Farbenſchmelz zuweilen auf, und wo dieß der Fall war, gaben die Lichtung und der Farben Strahlen dem Dunkel eine ſonderbar magiſche Helle, die unſere Gefährten in ſchweigendes Dahinſtarren verſetzte. Die Wurzeln und Geſträuche, die von den Bäumen zwanzig Fuß lang herabhingen, zeugten zugleich von der Macht des Stromes, der häufig ſeine Fluthen zwanzig bis dreißig Meilen über die Ufer ſchüttet, einem endloſen See dann gleichend. Hie und da funkelte noch eine Magnolia mit ihren ſchneeweißen Blüthen, oder eine Catalpa mit dem ficus indicus und ſeinen langen Blättern und Gurkenfrüchten, an denen glänzende Redbirds oder Peroquets hingen. Während ein paar Commis von Boſton in jedem Strauche ein wildes Thier ſahen, und zehnmal ſchon ihre Flinten auf einen gewaltigen Bären oder Pan⸗ ther angelegt hatten, zum nicht geringen Vergnügen unſerers Führers, der ihre albernen Fragen mit einer wahrhaft vornehmen Hinterwäldlermiene unbeant⸗ wwortet ließ, waren wir nach einem ſtündigen Marſche —= 104— an einem langen und ziemlich breiten Sumpfe ange⸗ langt, der, durch die Ueberſchwemmungen des Stro⸗ mes gebildet, ſich von Norden nach Süden beiläufig * fünf Meilen erſtreckte, und einen hellgrünen, breiten Streifen klaren Waſſers in ſeiner Mitte erblicken ließ, Das weſtliche Ufer war mit einem Anfluge von Pal⸗ metto überwachſen, dem gewöhnlichen Verſtecke von Hirſchen, Bären und ſelbſt Panthern. Dieſes zu durchſtöbern waren wir eigentlich gekommen. Wir theilten uns ſofort in zwei Partien; die erſte mit dem Führer, dem wir die Neuengländer über⸗ ließen, ſollte den nördlichen Bogen des Sumpfes umgehen, während wir den entgegengeſetzten Weg in füdlicher Richtung zu verfolgen gedachten. Beide ſollten in der Mitte hinter dem Sumpfe auf einem Pfade zuſammentreffen, der durch ein dichtes Gehege von wilden Pflaumen und Honigakazien führte. Die Weiſungen waren in Hinterwäldlersmanier ziemlich unbeſtimmt, vieles Fragen jedoch würde unſern Füh⸗ rer wahrſcheinlich nur noch mehr verwirrt haben, und ſo trennten wir uns, unſern geſunden Sinnen und Taſchen⸗Compaſſen vertrauend, die mehrere von uns —= 105 G— bei ſich hatten. Wie geſagt, die ſüdliche Richtung war uns anheim gefallen. Am äußerſten Ende des Sumpfes ſollten wir uns gegen Weſten wenden, und dann die nördliche Rich⸗ tung längs dem Palmetto verfolgen. Bisher hatten wir, einige Züge wilder Tauben oder Eichhörnchen ausgenommen, nichts zu Geſichte bekommen, als Schlangen, die wir noch an den letzten Strahlen der Sonne ſich wärmend fanden; Königs⸗ ſchlangen, mit ihren Regenbogenringen glänzend; Moeaſſinſchlangen, die bei unſerer Annäherung ſich träge in einen Haufen Laubes einwühlten, oder eine Stierſchlange, die ſich langſam mit gebrüllähnlichem Ziſchen aufrichtete, waren hie und da noch zu ſehen; — ein ſicheres Anzeichen, daß der Winter noch ziem⸗ lich ferne war. Nach einer zweiten Stunde waren wir am ſüdlichen Ende des Sees angelangt; wir wendeten uns nördlich, den See zu unſerer Rechten, das Palmettofeld zu unſerer Linken. Der Grund, den wir betraten, war, wie es bei Canebrakeboden*) der Fall iſt, feſter Wie⸗ *) Canebrakeboden, Rohrfeldboden. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 8 —= 106— ſengrund; das Gras reichte bis zu unſern Knöcheln, aber unmittelbar daran gränzte der tiefere Sumpf⸗ boden, ſo daß uns keine Wahl übrig blieb, als durch das Rohrfeld zu brechen, oder im ſumpfigen Boden fortzuwaten. Die Ufer des Sees waren mit hohen Cedern bewachſen, die vier bis fünf Fuß tief im Waſſer ſtanden, und ihre gewaltigen Kronen im ſtillen Spiegel blicken ließen. Eine Weile ſtanden wir, die maleriſche Scene be⸗ trachtend. Der breite Streifen Waſſers dehnte ſich gleich einem ungeheuren Atlasbande hin; die leiſeſte Bewegung der Blätter erglänzte im Spiegel. Zu⸗ weilen erhob ſich ein unmerkbares Lüftchen, das ſäuſelnd durch die Bäume und das Polmettofeld hin⸗ fuhr und ſich in kaum merklichen Wellenſchlägen des Sees verlor. Das Waſſer ſelbſt war vom friſcheſten Grün wie angehaucht, und die Millionen Stämmchen des Palmetto ſpiegelten ſich prachtvoll, gleich Myriaden von Schwertern und Lanzen, in den klaren Fluthen. In den kleinen Buchten ſonnten ſich Schwäne, Pelikane und wilde Gänſe, die ihr Gefieder zum Winterfluge putzten— uns bis auf zwanzig Schritte herankommen 4 —= 107— ließen, und dann mit rauſchendem Getöſe ihr Heil in der Flucht ſuchten. Wir hatten unſere Richtung unverdroſſen eine ge⸗ raume Weile gegen Norden zu verfolgt, als plötzlich ein langſam aber regelmäßig auf einander folgendes Gekrache in dem Palmetto unſere Aufmerkſamkeit rege machte. Es näherte ſich etwas bedächtlichen Schrittes, und wir wandten uns mit Vorſicht und horchten. Es mochte ein Hirſch, ein Panther oder ein Bär ſein— wahrſcheinlich das Letztere. Wir beſahen unſere Ge⸗ wehre, zogen die Hähne, und drangen einige Schritte tiefer ein, hörten ein hohles Brummen, und unmittel⸗ bar darauf einen Sprung und ein Krachen und ein Getöſe, das ſich ſchnell in der uns entgegengeſetzten Richtung verlor. Einer unſerer Gefährten, der noch nie auf einer Bärenjagd geweſen, drang ſo ſchnell, als er vermochte, durch das Palmettofeld, und war bald unſern Augen entſchwunden. Leider hatten wir jedoch keine Hunde, und nach einer halben Stunde fruchtloſen Stöberns, während dem wir noch ein zweites Mal etwas aufgejagt hatten, überzeugten ſich meine Reiſegefährten, daß ſte wohl mit leeren Händen 8* .—=0 108— würden zurückkehren müſſen. Nach unſern Uhren zu ſchließen, war es Zeit, uns dem jenſeits des beiläufig eine halbe Meile breiten Palmettofeldes liegenden Vereinigungspunkte zuzuwenden, das aber, wie uns der zurückgekehrte Bärenverfolger verſicherte, am weſt⸗ lichen Rande mit einem heilloſen Dickichte von wilden Pflaumen⸗, Apfel⸗ und Akazienbäumen begränzt war, und weder Weg noch Steg hatte. Bald überzeugten wir uns auch von der Richtigkeit ſeiner Angabe. Der etwas höhere Canebrakeboden ſenkte ſich nämlich in eine ſumpfige Niederung, die längs der ganzen Ausdehnung des Sees von Norden nach Süden hinlief. Wer je in einer ſolchen Wildniß geweſen iſt, wird leicht unſere Verlegenheit bei dem Umſtande begreifen, daß bereits vier Stunden von den uns gegebenen acht verfloſſen waren. Es ſchien nichts übrig, als den⸗ ſelben Weg zurückzugehen. Ehe wir uns jedoch hiezu verſtanden, verſuchten wir den Pfad aufzufinden. Wir trennten uns demnach in verſchiedenen Richtungen. Beiläufig eine halbe Stunde mochten wir uns durch Dornen und Gezweige hindurchgewunden haben, als ein lautes Hurrah uns ankündigte, daß der Pfad — 109—* gefunden ſey. Wir ſprangen dem Gefährten, der die Entdeckung gemacht, nach, ſtatt des Pfades jedoch fand es ſich, daß es eine— Kuh war. Auch dieſen Fund nahmen wir mit gehörigem Danke, nur war zuerſt die Frage zu entſcheiden, ob es eine Streifkuh, oder eine regelmäßig jeden Abend zu Hauſe ſich ein⸗ ſtellende, ordnungsliebende Kuh ſey. Ein tüchtiger Ohioer löste die Frage und brachte uns die Gewißheit, daß ſie noch dieſen Morgen gemolken worden war. Auch die wichtigere Frage, ſie zum Heimgehen zu bewegen, löste er zu unſerer Zufriedenheit, indem er ſich mit ſeinem Gewehr nahe an das Thier hinſtellte und die Ladung dicht an oder in den Schweif abſchoß Das Thier machte einen gewaltigen Satz, und ſprang dann durch das Dickicht, als ob es von einer Meute toller Hunde verfolgt wäre; wir nach. Des Thieres Bekanntſchaft mit der undurchdringlichen Wildniß hatte uns bald auf einen Weg geleitet, auf dem wir ziemlich ſchnell folgen konnten. So gelangten wir endlich an den Pfad zu dem angedeuteten Rendez-vous. Unſere Schritte wurden nun langſamer, und wir folgten gemächlich der Spur des Thieres. Wir hatten beiläufig eine Meile zurückgelegt, als wir eine ſtarke *— 110— Helle in der Ferne bemerkten, die eine ziemlich große Lichtung vermuthen ließ. Bald darauf ſahen wir Zäune und Wälſchkornfelder, und endlich im Hintergrunde ein Wohnhaus, aus Stämmen aufgeführt, deſſen rauchende Kamine uns der Anweſenheit eines Hinter⸗ wälders verſicherten. Das Haus lag friedlich auf einer ſanften Anhöhe. Es war mit Clapboards oder Dachdauben gedeckt, und hatte im Rücken eine Scheuer mit den nöthigen Wirthſchaftsgebäuden, wie man bei Hinterwäldler⸗Anſiedelungen von einigem Wohlſtande gewöhnlich trifft. Am Hauſe rankten Pfirſichbäume hinan, vor demſelben ſtanden Gruppen von Papaws, und das Ganze gewährte einen ausgeſucht ländlichen Anblick. Als wir die Umzäunung überſtiegen, kamen ein paar Bullenbeißer mit aufgeſperrtem Rachen auf uns herangeſtürzt. Wir wehrten die immer wüthender werdenden Thiere noch von uns ab, als ein Mann aus der Scheune trat und wieder dahin zurückkehrte. Nach wenigen Sekunden kam er ein zweites Mal in Begleitung zweier Neger, die dieſelbe Kuh bei den Hörnern nach ſich zogen, die wir ſo ſchleunig zum Rückzuge genöthigt hatten. Wir grüßten den Mann — 0 111— mit einem: Guten Morgen! Er gab keine Antwort, maß uns mit einem kalten, finſtern Blicke. Er war groß, nervig und breitſe chulterig; ſein Geſicht ausdrucks⸗ voll, aber ungemein düſter, beinahe zurückſtoßend. Es war etwas Unruhiges, Raſtloſes in dem Weſen des Mannes; man gewahrte es beim erſten Anblicke. „Ein ſchöner Morgen!“ ſprach ich, näher an den Mann zutretend. Keine Antwort. Der Mann hielt die Kuh bei beiden Hörnern, und ſein Auge ſtierte auf den Schweif des Thieres, von dem einzelne Blutstropfen herab⸗ fielen. „Wie weit iſt es von hier nach Hopefield?“u fragte ich. „Weit genug, um es nie zu erreichen, wenn Ihr auf meine Kuh Jagd gemacht habt;“ erwiederte er drohend. „Und wenn wir es gethan haben, ſo werdet Ihr hoffentlich nichts Arges dabei denken? Es war bloßer Zufall.“ „Solche Zufälle ereignen ſich nicht oft. Leute ſchießen nicht auf Kühe, wenn ſte nicht im Sinne haben, anderer Leute Fleiſch zu eſſen. u —= 112— „Ihr wähnt doch nicht,“ fiel der ſchuldige Ohio⸗ mann ein,„daß wir Eure Kuh zu unſerer Zielſcheibe gemacht, wir, die nicht mehr im Sinne hatten, als einige Truthühner auf unſer Dampfſchiff zu bringen. Wir ſind Paſſagiere von der Feliciana; eines unſerer Räder iſt an einen Sawyer gelaufen, und das iſt die Urſache, warum unſer Schiff bei Hopefield vor Anker liegt, und wir hier ſind.“ Der Mann hatte mit ächter Ohio⸗Umſtändlichkeit das Argument auseinandergeſetzt; der Hinterwäldler gab jedoch keine Antwort, und wir gingen dem Hauſe zu. In der Stube fanden wir ſein Weib. Auch in ihren Zügen hing etwas Düſtres, doch nicht in dem Grade abſchreckend, wie es bei ihrem Manne der Fall war. Bei ihr ſchien mehr der ſtille Gram vorzu⸗ herrſchen. „Können wir etwas zu eſſen haben?“ fragte ich das Weib. „Wir ſind keine Wirthsleute,“ war die Antwort. „Unſere Partie kann nicht mehr fern ſeyn,“ be⸗ merkte einer unſerer Gefährten.„Wir wollen Ihnen das Vereinigungszeichen geben.“ —=0 113— Mit dieſen Worten entfernte er ſich einige Schritte in der Richtung eines Cottonfeldes. „Halt!u ſprach der Hinterwäldler, vor ihn hin⸗ tretend;„Ihr geht keinen Schritt weiter, bevor Ihr Auskunft gegeben, woher Ihr kommt.“ „Woher ich komme?“ ſprach unſer Gefährte, ein junger Doctor der Medicin aus Tenneſſee;„das braucht weder Ihr, noch irgend ein Mann in der Welt zu wiſſen, der auf eine ſolche Weiſe fragt. Wenn ich mich nicht irre, ſo ſind wir in einem freien Lande.“ Und mit dieſen Worten ſchoß er ſein Gewehr ab. Das Echo ſchlug ſo gewaltig und majeſtätiſch von dem hehren Waldkranze, mit dem die Pflanzung ein⸗ gefaßt war, herüber, daß die zwei Andern ebenfalls ihre Gewehre abzuſchießen Miene machten. Ich winkte ihnen jedoch, und ſie hielten inne. Es ſchien mir nicht überflüſſig, auf alle Fälle vorbereitet zu ſeyn, obwohl wir nicht im mindeſten ernſten Beſorgniſſen Raum gaben. In wenigen Minuten wurde ein Schuß 1 gehört— die Antwort auf unſer Signal. „Macht Euch keine unnöthige Unruhe,“ ſprach ich; „unſere Gefährten haben unſer Signal gehört, und ſie werden ſogleich hier ſeyn Was Eure Kuh betrifft, —= 114 G— ſo könnet Ihr wohl ſo vielen geſunden Menſchenver⸗ ſtand haben, um einzuſehen, daß fünf Reiſende nicht nach etwas jagen werden, das weniger denn werthlos für ſie iſt.“ Während ich noch ſprach, kam unſere zweite Partie mit dem Führer aus dem Walde hervor, der Letztere mit zwei fetten wilden Truthähnen beladen. Er grüßte den Hinterwäldler als einen alten Bekannten, zugleich hatte aber dieſer Gruß etwas ſo Theilnehmendes und Zurückhaltendes, als mit ſeinem ſonſtigen derben und ziemlich rauhen Weſen ſtark kontraſtirte. „Wohl, Miſter Clarke?“ ſprach er.„Noch nichts gehört? Thut mir ſehr leid.“ Der Hinterwäldler gab keine Antwort; aber ſeine trotzige Miene ging plötzlich in ein finſteres Dahin⸗ ſtarren über. Eine Thräne, ſchien es mir, drang ſich in ſeine Augen. „Miſtreß Clarke!“ ſprach der Führer zum Weibe, die von der Vorhalle herabkam;„dieſe Gentlemen hier wünſchen einen Biſſen zum Mittagseſſen. Sie haben genug gejagt, däucht es mich; wir haben Ueberfluß an Allem. Wollt Ihr wohl ſo gefällig ſeyn, uns etwas zu bereiten?“ —=0 115 6— Das Weib ſtand ohne ein Wort zu ſprechen; der Mann ebenfalls. Beide hatten etwas ſo abſchreckend Störriſches, ſo etwas ungewöhnlich Verſtocktes, als mir noch nie bei den Hinterwäldlern vorgekommen. „Wollt Ihr ſo gut ſeyn,“ wiederholte der Führer, nuns einen Truthahn zu braten, mit etwas Schinken und Eiern.“ Keine Antwort. Der Mann hielt die Hörner der Kuh, ſtarr und finſter auf die Erde blickend, und das Weib ſah ihren Mann an. „Wohl denn!“ ſprach der Doctor,„hier läßt ſich nichts erwarten; wir verlieren nur unſere Zeit. Laßt uns auf einen Baumſtamm niederſitzen und unſere Schinken und Crackers koſten.“ Der Führer winkte uns bedeutſam und näherte ſich dem Weibe, mit dem er angelegentlich ſprach. Doch ſie gab keinen Laut von ſich. „Frau!“ ſprach der Doktor,„Etwas muß mit Euch oder in Eurer Familie vorgegangen ſeyn, das Euch ſo verſtimmt hat. Wir ſind fremd, aber nicht gefühllos. Sagt an, was fehlt Euch? Vielleicht läßt ſich ein Mittel finden.“ — 116 6— Der Mann blickte auf, das Weib ſchüttelte das Haupt. „Was iſt es?“ fragte ich ſie, mich ihr nähernd, „das Euch bekümmert? Hülfe kommt oft, wenn es am wenigſten erwartet wird.“ Etwas, das ſahen wir nun wohl ein, war hier vorgefallen, das erſchütternd, ſchmerzlich ſeyn mußte. Kleinigkeiten ſind nicht leicht im Stande, die Nerven dieſer gewaltigen Menſchen ſo fürchterlich zu ſpannen. Das Weib trat, ohne ein Wort zu ſprechen, zum Führer, nahm ihm einen Truthahn und die Schinken ab, und ging dann in das Haus. Wir folgten und traten in die Stube. Nachdem wir uns um die Tafel geſetzt, langten wir nach unſern Bouteillen. Der Mann brachte Gläſer, und ſetzte ſich vor uns hin. Wir ſchenkten ein, und drangen in ihn, ſich an uns anzuſchließen; hartnäckig jedoch wies er unſere wiederholten Einladungen zurück. Wir wurden es endlich müde, gute Worte an ihn zu ver⸗ ſchwenden. Unſere Geſellſchaft beſtand, wie geſagt, aus zehn jungen Männern. Zwei Bouteillen waren bereits geleert, und wir fingen an etwas munter zu werden, als unſer Wirth plötzlich von ſeinem Seſſel — 0 117— vor dem Kaminfeuer aufſtand, und vor den Tiſch hertretend, ſprach: „Gemmen! Ihr müßt nicht denken, daß ich ein grober Mann bin, aber ich muß Euch gerade heraus ſagen, daß ich in meinem Hauſe keinen Lärm leide. Es iſt kein Haus zum Lachen: ich verſichere Euch bei— 4 Und nachdem er ſo geſagt, ſetzte er ſich wieder hin, ſtützte ſeinen Kopf in beide Hände, und verſank in ſein voriges Hinſtarren. „Vergebung!“ ſprachen wir;„aber wirklich, wir haben nicht vermuthet, daß unſere Fröhlichkeit Euch beleidigen könnte.“ Der Mann gab keine Antwort, und ſo verging eine halbe Stunde in Flüſtern und Vermuthungen. Endlich deckte ein Negermädchen die Tafel. Nach vielen und eindringlichen Bitten, Theil an unſerm Mahle zu nehmen, ſetzten ſich Wirth und Wirthin zu uns. Er koſtete nun ein Glas Cognac, und leerte es auf einen Zug. Wir füllten es; wieder trank er es aus, und wieder wurde es gefüllt. Als er das dritte Glas geleert hatte, entſtieg ihm ein ſchwerer Seufzer; dem Manne wurde augenſcheinlich leichter. —= 118 6— „Gemmen!“ ſprach er,„Ihr werdet mich für ſtöckiſch und rauh gehalten haben, als ich Euch traf, wie Ihr meine Kuh gejagt; aber ich ſehe nun, wen ich vor mir habe. Aber möge ich erſchoſſen werden, wenn ich ihn je finde, ſo will ich ihm auch eine Kugel durch den Leib jagen, und ich verbürge mich, er wird kein zweites Mal Buben ſtehlen.“ „Buben ſtehlen?“ ſprach ich.„Iſt Euch einer Eurer Neger geſtohlen worden?“ „Einer meiner Neger, Mann? Mein Sohn! mein einziger Sohn! Mein ehelich gezeugter Sohn! Ihr Kind!“ auf ſein Weib deutend,„unſer Bube iſt ge⸗ ſtohlen! Unſer Bube, der uns allein von fünf Kindern übrig geblieben, die das Fieber uns genommen, die wir begraben haben. Ein Bube, ſo rüſtig, ſo geſcheidt, ſo lieblich ſo flink, als je einer in dieſen Hinterwäl⸗ dern geboren ward. Da haben wir uns nun hieher geſetzt, in die Wildniß, haben Tag und Nacht gear⸗ beitet, haben Mühe und Gefahren ausgeſtanden, Hunger und Durſt, Hitze und Kälte. Und für wen? Hier ſitzen wir allein, verlaſſen, kinderlos, troſtlos, betend und weinend, fluchend und ächzend. Nichts hilft, Alles umſonſt. Nein, ich werde noch wahn⸗ —=9 119— ſinnig! Wenn er todt wäre! Wenn er hinten unterm Hügel an der Seite ſeiner Brüder und Schweſtern läge, ich wollte nichts ſagen. Gott hat ihn gegeben, er hat ihn genommen! Aber Allmächtiger!“ Der Mann ſtieß einen Schrei aus, ſo fürchterlich, ſo grauenerregend! daß Weiber und Kinder der Neger zur Thüre hereinſtürzten, und Gabel und Meſſer unſern Händen entfielen. Wir ſahen ihn ſprachlos an. „Gott allein weiß,“— fuhr er fort, und ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt; plötzlich richtete er ſich jedoch auf, und ſchüttete ein Glas nach dem andern hinab. „Und wie trug ſich dieſer ſchreckliche Diebſtahl zu?⸗ fragten wir. „Das Weib,“ ſprach er,„kanns Euch ſagen.“ Sie war von der Tafel aufgeſtanden und dem Bette zugeſchwankt, auf welches ſie ſich ſchluchzend und heulend ſetzte. Es war wirklich eine erſchütternde Scene. Der Doktor ſprang auf und führte ſie wieder zur Tafel; wir blickten auf ſte, ängſtlich Aufſchluß über das Ungeheure erwartend. „Geſtern waren es vier Wochen:“ begann ſie; „Miſter Clarke war in dem Buſche, ich war im —"e 120 e— Wälſchkornfelde, den Leuten nachzuſehen, die Kolben einſammelten. Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf; der Morgen war aber ſo ſchön, wie er je aufs Miſſiſippithal geſchienen, und Ihr wißt, die Leute arbeiten nicht gern, wenn ſie es anders können, und ſo blieb ich denn. Dachte dann, mußt wohl nach Hauſe gehen, und das Mit⸗ tagsmahl für die Leute kochen, und ſo ging ich denn. Ich weiß nicht, aber als ich ſo durchs Feld dem Hauſe zuging, war es mir, als ob mirs plötzlich zuriefe: Laufe was Du kannſt! und ich lief was ich konnte. Etwas kam über mich, etwas, gleich einer Angſt, einer Furcht. Ich rannte ſo ſchnell ich konnte. Als ich zum Hauſe kam, ſah ich Ceſi,*) unſern ſchwarzen Buben, auf der Hausſtiege ſitzen, und allein ſpielen. Ich hatte aber noch immer keinen Gedanken an das, was kommen ſollte. Ich ging ins Haus und in die Küche, ohne etwas Arges zu denken. Als ich mich ſo umſah um Keſſel und Pfannen, fiel mir mein Dougl**) ein. Ich ließ die Pfanne ſtehen und lief *) Ceſi, Diminutiv von Cäſar, ein gewöhnlicher Name von Sklaven und Pferden.. **) Dougl, Diminutiv von Douglas. — 121 6— zur Thüre, da kam mir Ceſt entgegen.„Miſſt!“ ſagte er,„Dougl iſt weg.“„Dougl iſt weg?“ ſagte ich, „wohin iſt er denn, Ceſt?“„Weiß nicht,“ ſagte Ceſt:„er iſt mit einem Manne weg, der auf einem Pferde gekommen.“„Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen?“ ſagte ich.„Um Gottes⸗ willen, wohin kann er denn gegangen ſeyn? Was iſt denn das?“„Weiß nicht,“ ſagte Ceſt.„Und mit wem iſt er denn gegangen, Ceſi?“ ſag ich.„Ging er freiwillig?“„Nein, er ging nicht freiwillig,“ ſagte Ceſt;„aber der Mann ſprang von ſeinem Pferde, hob Dougl zuerſt darauf, ſetzte ſich dann hinter ihn und ritt weg.“„Ritt weg?“ ſagte ich,„und Du kennſt den Mann nicht?“„Nein Miſſil“ ſagte Ceſt. „Erinnere Dich, Ceſt!“ ſchrie ich,„um Gotteswillen, erinnere Dich, kennſt du den Mann nicht?“„Nein,⸗ ſagte Ceſt,„ich kenne ihn nicht.“„Haſt Du nicht aufgemerkt, wie er ausſah, Ceſi?“ ſagte ich;„war er ſchwarz oder weiß?“„Ich weiß nicht,“ ſagt Ceſt. „Haſt Du ihm nicht in's Geſicht geſchaut, Ceſt?“ fragte ich.„Er hatte ein rothes Flanellhemd vorm Geſicht,“ weinte Ceſt.„Weißt Du denn nicht, wie der Mann ausſah, lieber Ceſi?“„Er hatte einen Lebeſsbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 9 —= 122 6— Rock und ein Pferd,“ ſagte Ceſt.„Weißt Du nicht den Namen des Mannes, Ceſt?— war es Nachbar Symmes, oder Banks, oder Medling, oder Barns?“ —„Nein,“ weinte Ceſt. „Gerechter Gott!“ ſchrie ich,„was iſt das? Was iſt aus meinem armen Kinde geworden!“ Ich lief vorwärts, ich lief zurück; ich lief in den Buſch, ich lief auf die Felder; ich ſchaute, ich rief. Je länger ich rief, deſto größer wurde meine Angſt. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die Mutter des Ceſt. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht ſagen, was aus mei⸗ nem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; ſie fragte den Buben, wie der Mann ausſah. Sie ver⸗ ſprach ihm Pfefferkuchen, neue Hoſen, eine neue Jacke, Alles in der Welt— der Bube weinte, konnte aber nichts mehr ſagen. Dann kam Mister Clarke.“ So weit das Weib. „Als ich hereinkam,“ fuhr der Mann fort,„war der Schrecken des Weibes ſo groß, daß mir auf der Stelle einleuchtete, daß es ein Unglück gegeben. Aber an ſo etwas hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als ſie mir das Ganze erzählt, ſagte ich ihr, um ſie zu tröſten, daß irgend einer unſerer Freunde oder —=0 123— Nachbarn den Buben mit ſich genommen; aber ich ſelbſt glaubte es nicht, denn welcher meiner Nachbarn würde ſich eine ſo dumme Freiheit mit meinem ein⸗ zigen Kinde wohl erlaubt haben? Ich würde ihm wahrlich nicht gedankt haben für ein ſolch einfältiges Weſen. Ich nahm Ceſt noch einmal vor, und fragte ihn, wie der Mann ausgeſchaut; ob er einen blauen oder ſchwarzen Rock angehabt? Er ſagte einen blauen; wie ſein Pferd ausgeſehen? braun, ſagte der Bube; welchen Weg er genommen? dieſen Weg, ſagte der Bube, und deutete auf den großen Sumpf.— Ich ſandte ſogleich alle meine Neger, Männer, Wei⸗ ber und Mädchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben aufzuſuchen, und ihnen zu ſagen was vorgefallen. Ich ſelbſt nahm den Weg längs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufſpuren fand. Ich folgte der Spur bis zur Bayou; dort ver⸗ lor ich ſe. Der Mann war mit ſeinem Gaule und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hatte vielleicht über den Miſſiſtppi geſetzt, war vielleicht längs dem jenſeitigen Ufer hinabgegangen— wo er gelandet, weiß Gott! Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht fünfzig, hundert Meilen unterhalb an's Land gegan⸗ 9* —“= 124— gen ſeyn. Meine Angſt wurde ſchrecklich! Ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem Kinde geſehen oder gehört worden; alle Männer aber ſetzten ſich auf ihre Gäule, um mir mein Söhnchen ſuchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir ſuchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir gefunden. Niemand hatte meinen Buben geſehen, Niemand den Mann, der ihn weggeführt Wir ſtöberten den Wald dreißig Meilen im Umkreiſe meines Hauſes durch, ſetzten über den Miſſiſtppi, gingen hinauf bis nach Memphis und hinab bis nach Helena und dem Yazoofluß— nichts war zu ſehen oder zu hören. Wir kamen zurück, wie wir ausgezogen waren, keine Spur, kein Zeichen. Als ich nach Hauſe kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County vor meinem Hauſe. Neuerdings zogen wir aus, neuerdings durchſuchten wir den Wald. Ich hatte nicht Raſt, noch Ruh. Jeden hohlen Baum unterſuchten wir, jedes Gebüſch;— Hirſche, Bären und Panther fanden wir in Menge, doch nicht meinen Buben. Am ſechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte ich zurück. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdroß — 125 6— mich, Alles ekelte mich an. Ich war zerfleiſcht, meine Knochen geſchunden, aber mein Inneres litt tauſend⸗ mal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage nach meiner Heimkehr einer meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, daß er ſo eben in Hopefield von einem Manne von Müller County gehört, daß ein Fremder auf der Straße von New⸗Madrid geſehen worden, der der Beſchreibung entſpreche, die wir von dem Räuber meines Sohnes hatten. Der Mann ſollte einen blauen Rock und einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich vergaß meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhan⸗ delte mir ſogleich einen friſchen Gaul; ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich ſetzte dem Manne an demſelben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Meilen bis New⸗Madrid, und als ich in New⸗Madrid ankam; ſo ſah ich mit Schmerzen den Mann und den Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann von New⸗Madrid, der von einem Beſuche in Müller County mit ſeinem Sohne zurückgekehrt war. Wie ich heim kam, weiß ich nicht. Nicht weit von Hopefield fanden mich die —”= 126 6— Leute und brachten mich nach Hauſe. Ich war vier⸗ zehn Tage krank, und wußte nicht, was um mich her vorging. Meine Nachbarn hatten unterdeſſen die Anzeige von der gräuelvollen That in die Zeitungen ſetzen laſſen, in alle Zeitungen von Arkanſas, Ten⸗ neſſee, Miſſiſtppi, Miſſouri und Louiſtana; ich war mit meinen Freunden Tauſende von Meilen geritten— Alles vergebens!—— Nein! ſchrie er mit einem herzzerreißenden Stöhnen,„wäre mein Kind mir vom Fieber entriſſen, hätte ihn ein Bär oder Panther zer⸗ riſſen: es würde mich ſchmerzen, bitter ſchmerzen; es war mein letztes Kind. Aber, barmherziger Gott, geſtohlen! Mein Sohn, mein armes Kind geſtoh⸗ len!“— Der Mann ſchrie laut, ſprang auf, rannte in der Stube herum mit gerungenen Händen und wie ein Kind weinend. Selbſt das Weib war nicht ſo ſchrecklich vom Schmerze ergriffen. „Wenn ich an die Arbeit gehe,“ fuhr er ſchluchzend fort,„ſo ſteht mein Dougl vor mir, und meine Hände hängen herab, ſo ſteif, ſo ſchwer, als waͤren ſte von Blei. Ich ſchaue mich um, und ſchaue mich um, aber kein Dougl iſt zu ſehen. Wenn ich zu Bette gehe, ſo ſtelle ich ſein Bett vors unſrige hin, und rufe ihn— —=127— kein Dougl iſt zu ſehen. Dougl ſteht vor mir, ich mag ſchlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wäre ſchon todt! Ich habe geflucht und geläſtert, geſchwo⸗ ren und gebetet, ich habe geweint und geheult,— es i*ſt aber Alles vergebens.“ Ich habe manchen Leidenden geſehen, aber nie ſah ich einen, dem das ſchmerzlichſte Weh ſich ſo tief ins Herz gegraben, wie dieſem Hinterwäldler. Sein Lei⸗ den war wirklich gränzenlos. Wir bemühten uns, ihn zu tröſten, ihm Hoffnungen einzuflößen; des Mannes Blick war ſtarr; ich zweifle, daß er ein einziges unſe⸗ rer Worte vernommen. Uns ſelbſt hatte Mitleiden mit ſeinem Zuſtande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf der Zunge erſtickte. Wir brachen bald hernach auf, ſchüttelten die Hände des unglücklichen Chepaars, und verſprachen, alles Mögliche beizutra⸗ gen, um dieſer räthſelhaften gräuelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen. Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen Freunden mir alle erdenkliche —= 128 6— Mühe gegeben, dieſer Abſcheulichkeit auf die Spur zu kommen; alle unſere Bemühungen jedoch waren ver⸗ gebens. Dieſer Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegeſpräch jeder Familie; Belohnungen waren angeboten, Verhaſtungen gemacht, aber auch nicht die mindeſte Spur war entdeckt worden. Sechs Wochen waren verfloſſen, als Geſchäͤfte mich nach Natchez riefen; wo ich an einem heitern Januar⸗Nachmittage ankam. Ich hatte ſo eben das Dampfſchiff verlaſſen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der untern Stadt den Lehmhügel hinan, der zur obern führt, als ein verworrenes Ge⸗ tümmel an unſere Ohren ſchlug. Auf der Höhe angekommen, ſahen wir einen ſich immer mehrenden Volkshaufen vor dem Hauſe des Friedensrichters B— r. Wir eilten, zu ſehen, was es gebe. Die Menge beſtand aus den beſſern Klaſſen von Natchez, Frauen, Männern, Kindern, aber vorzüg⸗ lich den erſteren. Zugleich war in den Geſichts⸗ zügen eine Aengſtlichkeit zu leſen, eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contraſtirte, der ſonſt bei ſolchen Verſammlungen zu hören iſt. Ich bemerkte Mütter, die ihre Kinder mit einer in⸗ * * — 129— ſtinktartigen Heftigkeit in die Arme preßten, convul⸗ ſiviſch ihre Hälſe umfingen, gleichſam als befürchteten ſie, ſie würden ihnen entriſſen. Auf meine Frage erfuhr ich, daß der Kindsräuber endlich entdeckt, oder vielmehr, daß ein Mann verhaftet worden, der des an Mister Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes ſich ſtark verdächtig gemacht. Von Herzen über eine Nachricht erfreut, welche endlich Aufſchluß über die ſo fürchterliche Verletzung der heiligſten Naturrechte zu geben verſprach, drückte ich mich vor⸗ wärts, aber die Frauen hatten eine ſo ſtarke Stellung genommen, daß alle meine Bemühungen fruchtlos blieben. Es war ein allerdings für Frauen wich⸗ tiger Fall; aber auch jedem andern mußte die gräß⸗ liche Sicherheits⸗ und Eigenthumsverletzung von un⸗ endlicher Wichtigkeit ſeyn. So ſtanden wir nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte ſich, Niemand wich. Alle Fenſter waren mit Köpfen vollgepfropft. End⸗ lich öffnete ſich die Thüre, und der Gefangene in der Mitte von zwei Conſtables, hinter ihm der Sherif, kam aus dem Hauſe, um in das Gefängniß abgeführt zu werden. „Das iſt er,“ murmelten die Frauen mit hohler, — 130 6— heiſerer Stimme und bleichen Geſichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gaſſe hin⸗ durchgeführt wurde, und zugleich hielten ſie ihre Kin⸗ der feſter mit fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das äußere Gepräge den innern Menſchen verräth, ſo mußte dieſes der Kindes⸗ räuber ſeyn. Es war das abſtoßendſte Geſicht, das mir je vorgekommen; eine hündiſch verſtockte, ſtumpf⸗ ſinnig heimtückiſche Phyſiognomie, mit einem finſtern, teufliſch⸗hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt un⸗ willkürlich den Athem an, indem man in dieſes Ge⸗ ſicht blickte. Die grauen Augen waren auf die Erde geheftet; nur zuweilen ſchoß er einen Blick, in dem die Hölle ſich ſpiegelte, auf die Anweſenden, wie ſie ihre Kinder feſt in den Armen hielten. Beim erſten Anblicke ſah man, daß er ein Irländer war. Er war etwas über Mittelgröße, ſeine Geſichtsfarbe ſchmutzig grau, ſeine Wangen hohl, ſeine Lippen ungewöhnlich groß; der ganze Menſch ekelhaft, wild ausſehend. Seine Kleidung beſtand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben ſolchen Beinkleidern, einem hohen runden ſchäbichten Hute und ſehr zerriſſenen Schuhen. Der Eindruck, den ſein Erſcheinen hervorbrachte, —= 131— ſchien ſich in den erblaſſenden Geſichtern der Menge zu malen. Alle ſahen ihm mit einem langen, ver⸗ zweifelnd hoffnungsloſen Blicke nach, als er dem Gefängniſſe zuging.„Wenn dieſer Mann das Kind geſtohlen hat,“ murmelten mehrere,„dann iſt es verloren.“ Ich eilte nun, den Friedensrichter zu ſehen, der mir folgende Aufſchlüſſe gab: Beiläufig vier Wochen nach unſerer Excurſion in der Grafſchaft Hampſtead hatte Mister Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti unterfertigt, das Poſtzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater wurde darin benachrich⸗ tigt, daß ſein Kind am Leben ſey, daß Schreiber des Briefes von ſeinem Aufenthalte wiſſe, und daß, wenn er, Mister Clarke, eine Fünfzig⸗Dollars⸗Banknote in ſeiner Antwort einſchließen wolle, der Verwah⸗ rungsort des Kindes ihm angezeigt werden ſolle. Der Schreiber verlangte ferner, daß Mistreß Clarke allein, ohne Begleitung, an dem zu bezeichnenden Orte erſcheine, daß ſte zweihundert Dollars mehr mit ſich bringe, und daß nach Bezahlung dieſer Summe ihr Söhnchen ausgeliefert werden ſolle. —= 132— Der bejammernswerthe Vater hatte kaum dieſen Hoffnungsſtrahl erhalten, als er auf den Rath ſeiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Poſt⸗ halter zu Natchez abſandte, in welchem dieſer von dem Vorgange unterrichtet und zugleich aufgefordert ward, die Perſon, die um die Antwort anfragen würde, anhalten zu laſſen. Vier Tage nach Erhalt dieſer Aufforderung kam auch wirklich der beſchriebene Irländer an das Poſtbüreau⸗Fenſter, und erkundigte ſich, ob kein Brief unter der Adreſſe„Thomas Tutti“ angekommen wäre. Während der Poſthalter den Mann unter dem Vorwande aufhielt, daß er unter den Briefen nachſehen wolle, ſandte er um den Con⸗ ſtable, der, bereits von dem Falle unterrichtet, ſogleich herbeieilte, und den Anfrager in Verwahrung nahm. Es ergab ſich bei der Examination, daß er ſich einige Zeit in und um Natchez aufgehalten und bemüht hatte, eine Schule zu errichten. Da er jedoch keine Auskunft von ſeinem frühern Thun und Treiben geben konnte, ſein Betragen auch ſonſt höchſt auf⸗ fallend und verdächtig erſchien, ſo war ihm ſein Vor⸗ haben nicht gelungen, und die Wenigen, die ihm ihre Kinder anvertraut, hatten ſie bald wieder zurückge⸗ — 133 6— nommen. Damals nannte er ſich Thomas Tutti. Nichts deſto weniger läugnete er, daß dieſes ſein Name ſey, oder daß er den Brief abgeſandt, der allerdings von einer geübten, wenn auch nicht ſchul⸗ meiſterlichen Hand geſchrieben zu ſeyn ſchien. Aus dem Verhöre erhellte ferner, daß er vollkommen mit den Pfaden und Wegen zwiſchen Natchez und Hope⸗ field, und der von letzterem Orte zu der Wohnung des Vaters führenden Straße, ſo wie den Bayous, Sümpfen und Flüſſen und ihrer Tiefe und Schiff⸗ barkeit bekannt ſey. Es war ſo hinlängliche Evidenz vorhanden, und auf das Factum, daß er um die Ant⸗ wort auf das Geld erpreſſende Schreiben angefragt, wurde er den Gerichten überantwortet, was zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan ward. Nach fünf Tagen kam der unglückliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze Stadt bezeugte dem Tiefgebeugten die innigſte Theilnahme. Man ſchritt zu einem zweiten Verhör; alle Anwälte waren zuge⸗ gen und hatten ihre Dienſte unentgeldlich angeboten. Man nahm die früheren Ausſagen des Irländers zur Grundlage der gegen ihn ſprechenden Evidenz, und 4 8 —= 134— bemühte ſich, etwas Näheres über den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen Fragen ſetzte er ein hartnäckiges Stillſchweigen entgegen. Der Negerknabe erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verſtehen, daß blos die Hoffnung, Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes ver⸗ mocht habe. Kaum war jedoch dieſe Ausſage zu Protokoll genommen, als er ſich mit einem teufliſchen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflüſterte: „Ich will Euch doch noch elender machen, als Ihr mich zu machen im Stande ſeyd.“ Zugleich bedeutete er ihm, daß er an einem gewiſſen Orte die Kleider ſeines Sohnes finden würde. Der Vater reiste mit einem der Conſtables an den bezeichneten Ort, fand richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurück. Der Beſchuldigte wurde neuer⸗ dings vor die Schranken geführt, und verſicherte nach vielen Widerſprüchen, daß das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber länger im Gefängniſſe behalten würde, dem Hungertode ausgeſetzt ſey.— Nichts in der Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe für weitere Aufklärungen von ſich zu geben. Die Quarter⸗Seſſions waren mittlerweile heran⸗ — 0 135— gekommen. Eine ungeheure Menſchenmenge hatte ſich verſammelt. Man hatte Alles aufgeboten; Ver⸗ heißungen, Verſprechungen von Freiheit, ſelbſt die ausgeſetzte Belohnung wurde ihm zugeſichert.— Der Mann ſchwieg. Es waren ſtarke Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis für ſeine Theilnahme am Raube vorhanden. Die aufgeklärteſten Anwälte waren der Meinung, daß der verzweifelte Menſch, von Noth getrieben, Gelderpreſſung durch ſein Schrei⸗ ben beabſichtigte. Für dieſes Verbrechen, und als Vagrant wurde ihm eine mehrmonatliche Gefängniß⸗ ſtrafe zuerkannt. Dieſer Juryſpruch war übrigens weit entfernt, den Richtern ſelbſt oder den Anwälten zu genügen. So milde ſind jedoch die Geſetze, die die freien Bürger dieſes Landes ſich ſelbſt gegeben, ſo human der Geiſt der Auslegung, daß man auch den verzweifelten aus⸗ ländiſchen Böſewicht nicht ihrer Begünſtigung berau⸗ ben konnte oder wollte, ſo ſehr ſich das Innerſte eines Jeden gegen eine ſolche Begünſtigung empörte. Es war wirklich etwas ſo Hölliſches in dem finſtern Hohnlachen dieſes Mannes, die Luſt, die er an den Qualen des Vaters und der Menge zu empfinden —= 136 6— ſchien, ſo wahrhaft teufliſch, daß man ſich eines kalten Schauders bei ſeinem Anblicke nicht erwehren konnte. Die kälteſten Anwälte verſicherten, ihre Bruſt ſey beengt, und ſie fänden weder Worte noch Gedanken. Es war mit einem Worte ein allgemeines Gefühl des Schreckens und Schauders. Die Bewohner von Natchez, beſonders der Oberſtadt, ſind, wie Sie wiſ⸗ ſen, eine ſehr achtbare Klaſſe von Menſchen, mit einem hohen Grade von politiſcher und intellectueller Bildung; allein bei dieſer Gelegenheit riß ihre Ge⸗ duld, und ihr warmes Gefühl verleitete ſte zu einer Handlung, die nur das Scheußliche dieſer Gräuelthat entſchuldigen konnte. Ohne vorläufige Uebereinkunft verſammelten ſie ſich in der Nacht vom 31. Jänner, mit dem feſten Vorſatze, für dieſes Mal die Milde der Geſetze hintan zu ſetzen, und einen wirkſamern Verſuch mit dem Gefangenen zu machen. Einige der angeſehenſten Einwohner nahmen ihn aus ſeiner Zelle, während mehrere ſtarke Neger mit Rindsſehnen verſehen wurden. Dieſe nun wurden auf ihn in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe ſchien die Kraft des Schlagenden zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnäckiges —=d 137 6— Stillſchweigen; der Schmerz jedoch wurde zu groß, und er verſprach ein volles Bekenntniß. „In einem Hauſe, beiläufig fünfzig Meilen ober⸗ halb Natchez am Miſſiſippi,“ ſo lauteten ſeine Worte, „lebte eine Familie, deren Haupt im Stande iſt, den Verwahrungsort des Knaben anzugeben. a Der Sherif war natürlicher Weiſe während dieſer Execution abweſend geweſen und hatte, ohne ſie zu mißbilligen, ignorirt. Kaum erfuhr er jedoch die Wirkung dieſes illegalen Einſchreitens, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daſelbſt am folgenden Mittage an, fand eine ſehr achtungswerthe Familie von Hinter⸗ wäldlern, die wohl von dem begangenen Raube, aber weiter auch nichts wußten. Die bloße Zumuthung der Theilnahme an der Gräuelthat ſchien die ehrlichen Hinterwäldler aufs tiefſte zu verletzen. Der Gefangene hatte, wie es ſchon oft geſchehen, wieder ſein Spiel mit ihnen getrieben. Die geſpannte, ſo oft getäuſchte Hoffnung hatte den armen Vater aufs Krankenlager geworfen. Er lag mehrere Tage im Kampfe zwiſchen Leben und Tod. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 10 —= 138 6— Das Publikum war müde, erſchöpft— der Schmerz erſchlafft. Die Strafzeit des Gefangenen war mittler⸗ weile verlaufen. Es war während dieſer Zeit Alles aufgeboten worden, den Böſewicht zu einer Mitthei⸗ lung zu bewegenz nichts als ſtumpfſinniges Hohnlachen war die Antwort geweſen. Man konnte ihn nicht länger feſthalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde er auf das Noli prosequi freigelaſſen. Dem Vater war gerathen worden, ſich, wo möglich, noch einmal mit ihm ins Vernehmen zu ſetzen.— Beide Eltern warfen ſich dem Ungeheuer zu Füßen, der ver⸗ ſtockt ſein Auge wegwandte, und höhniſch dem Vater zuflüſterte:„Du haſt mich elend machen wollen, ſey Du es nun.“ Der unglückliche Mann ſprang auf und bedeutete dem Entlaſſenen, daß er ihm folgen müſſe. Sie ſetzten über den Miſſiſippi. Hinter Con⸗ cordia angekommen, beſchwor der Vater nochmals den Irländer, ihm um Gotteswillen den Verwahrungsort ſeines Sohnes zu ſagen, ihm drohend, wenn er es nicht thun würde, ſollte er nicht lebend aus ſeinen Händen kommen. Der Irländer fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle.„Sechs und dreißig Stun⸗ den,“ war die Antwort. Eine Weile ging der Elende —= 139 G— neben den Eltern in tiefen Gedanken verſunken, dann, plötzlich auf den Vater zuſtürzend, riß er dieſem eine Piſtole aus dem Gürtel, und drückte ſie ihm auf die Stirne ab. Die Waffe verſagte; da ſprang er auf ein Bayon zu, dem ſie ſich genähert hatten, und kaum war er im Waſſer, als dieſes über ihm zuſammen⸗ ſchlug, und er verſank. Nach einer Stunde wurde ſeine Leiche gefunden. Von dem Soͤhnchen des unglücklichen Vaters wurde nie wieder etwas gehört.*) IV. Zu ſpät gekommen, oder Scenen am Miſſiſippi. Endlich einmal tauchten ſie auf, die heimathlichen *) Ueber die ſo eben angeführte Thatſache, die ſich zu Ende des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen des Miſſiſippi⸗Staates ausführliche Berichte. Der Name des un⸗ glücklichen Vaters iſt beibehalten. 40* „ — 0 140 6— lfer, mit ihren gewaltigen Kränzen von Liveoaks,*) „ ſo hernig umſchlungen von beinahe mannsdicken 3 Reben, in deren Schatten wir uns ſo oft ergangen! Cäſar wird immer unruhiger, und überläßt ſich Freu⸗ denausbrüchen, die die Hälfte unſerer Schiffsgeſellſchaft vom Verdecke wegſcheuchen. Das edle Thier hatte ſich ungemein gut während der erſten acht Tage unſe⸗ rer Fahrt betragen; es war ſo müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florence verließen. Nun hat es ſich wieder erholt, und ſeine Munterkeit fängt an läſtig zu werden. Bereits ſeit einer Stunde hatte ich ihn in ſeinem Verließe zu bewachen und ihm zu ſchmeicheln, ſonſt würde der Tollkopf ſicher durch⸗ gebrochen ſeyn; zum nicht geringen Schrecken zweier Damen, die, bis zum Kinn in ihren Shawls ſteckend, gewaltige Aergerniß zu nehmen ſcheinen. Mit Richards war nun nichts anzufangen, das ſah ich deutlich. Seit dem früheſten Morgen war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen; auf das linke Ufer hinſtarrend, ſchwelgt er bereits im Vorgefühle der Wonne, die *) Livevaks, Immergrün, Eichen; das beſte, dauerhaf⸗ teſte und zäheſte Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausſchließend benutzt. — 141— A ſeine Ankunft verurſachen wird. Ein Beſuch bei ſe nen Eltern hat ihn nun über vier Monate von Hauſe und ſeinem reizenden Weibe entfernt gehalten: und er war noch nicht volle ſechs Monate vermählt, als er abreiste. — Glücklicher Menſch! Welch ein ſüßes Gefühl iſt die Heimath, dieſer Ruheort für den Müden, dies Paradies ſeiner irdiſchen Freuden, wenn ein gleich⸗ geſinntes Weſen unſerer Ankunft entgegenharrt, wenn ein zartfühlender Buſen höher ſchlägt und lauter klopft, ſo wie unſere Fußtritte nahen!— Leider habe ich dieſe Freuden nie gefühlt. Meine Heimath haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Mieth⸗ lingen und Sklaven warten meiner. Das Gefühl meiner Verlaſſenheit ergriff mich nie ſo bitter, ſo wehmuthsvoll, als in dieſem Augenblicke; es war, als ob ſchneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäſar brach neuerdings in ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbſt der hat eine Heimath; er hat ſie nicht vergeſſen, die Eingangslaube von Chinabäu⸗ men mit ihren leichten und glänzenden Blättern und den Tauſenden ihrer Blüthen und Beeren, wie ſie in der Morgenſonne erglänzen, als ob ſie von dem Athem eines Zauberers angehaucht wären. Und “ —= 142 6— ſeine Grüße, ſie werden von einer ganzen Koppel Hunde beantwortet. Es iſt Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerſt gucken ein paar rabenſchwarze Wollköpfe hinter der Orangenlaube hervor und ver⸗ ſchwinden eben ſo ſchnell; dann kömmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu wittern ſcheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei, die ſich ohne weitere Umſtände auf ihre Rücken pflan⸗ zen, und dafür tüchtig heruntergeworfen werden. Dieſen folgen ihre erwachſeneren Brüder und Schwe⸗ ſtern, und endlich die ganze Sippſchaft Chams. Doch nun fliegt eines der lieblichſten Weſen durch die Thür und die Terraſſe herab, dem Laubengange zu, augen⸗ ſcheinlich vom Dampfſchiffe etwas erwartend. Sie ſcheint noch immer im Zweifel: man ſieht es, mit welch reizender Ungeduld ſie dem Boote entgegenſieht, das, zu langſam für das ſüße Weib, ſich nun dem Ufer zuwendet. Wie ſie eilig hin und wieder trippelt, als wollte ſie die Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beſchleunigen, und ihm Schnellkraft geben!— Es iſt Clara, das reizende Weib meines Freundes. Be⸗ neidenswerther Junge! Eine Thräne zittert in ſeinem Auge, als er dieſe reizende Hälfte ſeines Ichs und ihre —=0 143— reizendere Ungeduld erſieht. Dreimal war ſie aus der Laube hervorgekommen; nun erſcheint ſie ein vier⸗ tes Mal, dem Ufer zu⸗ und wieder zurückeilend, und gleichſam ſchmollend über die unansſtehliche Langſam⸗ keit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke iſt geworfen, und Richards rennt— fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerſtehen; ſte eilt aus der Laube; einen Augenblick länger— und ſie liegt in ſeinen Armen; zieht ihn jedoch— des Weibes Zartgefühl iſt ſtets rege— verſchämt ins Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen, und flog dann über meine Reiſegefährten, die ſtill und beinahe ehrfurchtsvoll dem holden Bilde der Vereinigung zugeſehen hatten. Selbſt die rohen Schiffsleute ſchienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämiſches Lächeln entfuhr Ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas ſo rührend Zartes, daß ſelbſt gröbere Seelen ſich ergriffen fühlen. Ich Verlaſſener ſtand wie ein armer Sünder da, ſchüttelte dann dem Capitän und meinen Reiſegefähr⸗ ten die Hände, ordnete Cäſar und die Gig ans Ufer und folgte. Die treuen Hunde ſprangen bellend und tobend um mich herum, gleichſam als erwarteten ſie —= 144— von mir, was ihnen ihr Herr im Drange ſeiner Liebe verſagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechſelbalge bis zum erwachſenen Mädchen. Wie ſie ſich herandrängen, die kleinen Schelme, umher⸗ purzeln vor Freude, und jauchzend aufſpringen, um dann bittend die Hände emporzuhalten. Ich weiß, was ſie wollen: ein Escalin*) iſt das erſehnte Ziel ihrer Wünſche. Sie ſoll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die ſie einige Tage glücklich machen wird. Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt! Und zweimal glücklich, wenn das Schickſal euch erlaubt, in harmloſer Unwiſſenheit dem Tage entgegenzuharren, der auch euch in die Zahl freier Weſen verſetzen wird. Ja, er wird kommen, dieſer Tag, der uns geſtatten wird, das zu verſöhnen, was unſerer Väter Macht⸗ haber an euch verbrochen haben. Sonderbar! der Anblick der fröhlichen Weſen, die um mich herumgaukeln, hat mich ernſt geſtimmt. Es *) Esealin, Schilling, 12 ½ Cents, ſo in Louiſiana ge⸗ nannt. —=0 145— iſt Zeit, meine Freunde zu ſehen; doch die erſten Au⸗ genblicke des Wiederſehens ſind ſo koſtbar, ſo ſüß! ich muß noch warten. Wie Vieles mögen ſie ſich zu ſagen haben, das dem Ohre ſelbſt des Freundes ver⸗ borgen bleiben muß! Ich ſteige die Treppe hinan, und verweile auf der Terraſſe. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Thüre. Beinahe ſcheint es, als ob ich überflüſſig ſey. Wieder halte ich. Endlich fällt meine Hand auf den Drücker, die Thüre geht auf. Ich ſehe ſie beide, Arm in Arm verſchlungen, ohne geſehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich zu⸗ rückziehen. Doch nein— ſolch ein Anblick iſt nicht oft wieder zu ſehen: Wie ſie ſich umſchlungen halten! Es iſt ein herrliches Paar! Er eine wahre Apollo⸗ geſtalt, mit einer Adlernaſe, feurig ſchwarzen Augen, in denen man ſich nicht ſatt ſehen kann, denn mit jedem Blicke ſieht man tiefer in eine freie Seele, die ein wenig ſtolz und ſelbſtbewußt, aber männlich und feſt iſt. Als er ſo da ſtand, ſein Weib in ſeine Arme geſchloſſen, ſeine Lippen an die ihrigen gepreßt.— Sie das Modell einer Hebe, mit den ſanften, weichen und doch ſo begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie ſie ſo da ſtand, oder vielmehr hing in ſeinen Armen, —= 146 6— zu ihm aufblickend mit dem reizend vertrauenden Ge⸗ ſichte, ihr ganzes Weſen zitternd vor Freude und ſüßem Verlangen! Ich wollte, ich hätte ſie nicht unter⸗ brochen. Sie ſahen mich jedoch nicht; ſie hatten zu viel an ſich zu ſehen. Sein Auge ſchien nun etwas zu ſuchen; er blickte im Zimmer umher, und ſie, mit Erröthen ſeine Hand faſſend, führte ihn durch die Flü⸗ gelthüren, durch die Polly ſo eben tanzt, einen kleinen Engel im Arme. Der dreimal Glückliche! Er ſiel über das arme Maädchen gleich einem Raſenden her, und bei einem Haare wäre ihr die ſüße Bürde entwiſcht. Er fing ſte jedoch auf, hob ſie in ſeine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer, ein Tanz, den der trockenſte Quäcker lieblich gefunden haben müßte, vorausgeſetzt, es ſchlage ein Herz an der linken Seite und kein Dollarbeutel. Wieder umſchloß er ſein Weib, und ſofort überhäufte das liebliche Paar den jungen Bür⸗ ger mit ſo ungeſtümen und zahlreichen Beweiſen ihrer älterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lau⸗ teſten Proteſtationen mittelſt Zappelns und Weinens ausbrach. Wenn je eine Scene mich mein Hageſtolzthum 4½ —= 147— bedauern ließ, und die Grundlage zu veränderten Ge⸗ ſinnungen wurde, ſo waren es dieſe fünfzehn Minuten; denn volle fünfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbſt in Betrachtung gezogen wurde. Ich ſchüttelte noch die Hand Clara's, als Mappa, der Leibkutſcher beider Herrſchaften, in die Stube trat. „Die Pferde ſind angeſpannt,“ meldete der ſchwarze Squire. „Du weißt noch nicht,“ liſpelte ſte,„daß ſie heute in der Helen Mc. Gregor*) nach dem Norden auf⸗ bricht. Ich war ſo eben im Begriffe, ihr Lebewohl zu ſagen: doch Deine Ankunft änderte dies, und ſie wird entſchuldigen, wenn ſie hört—“ „Sie wird nicht,“ verſetzte Richards;„nein, wir müſſen ſie ſehen. Sie würde es uns nie verzeihen.“ „Aber Du biſt ſo müde?“ „Wie ſollte ich auch. Ich komme ſo eben vom Dampfſchiffe, und wenn ich's wäre, ſo würde dies mich keineswegs abhalten, die Buſenfreundin meiner Clara zu ſehen, der ich ſo vieles verdanke.“ „Ja, und einen beſorgten Anwalt hatteſt Du,“ *) Name eines Dampſſchiffes. —"0 148— drohte ſie mit ihrem Finger,„und hätte ſie nicht ewig von Dir geſchwatzt, der Himmel weiß, was ge⸗ ſchehen wäre. Doch,“ fügte ſie im leiſern Tone hinzu,„ich habe Gleiches mit Gleichem vergolten: ſie iſt verſprochen.“ „Du ſchriebſt mir von dem Plane der Tante,“ ent⸗ gegnete Richards eben ſo leiſe.„Ich hoffe jedoch, die Sache ſey noch nicht ſo weit gediehen.“ „Sie iſt es,— doch, Du wirſt hören. Ihr habt eine halbe Stunde zum Umkleiden, und eine andere zum Luncheon;*) das Dampfſchiff wird um vier Uhr erwartet.“ „Und was mit Howard thun?“ wisperte er ihr zu;„Du kennſt ſeine Abneigung gegen die Tante. Ich zweifle, daß Du etwas in dieſem Punkte ausrichteſt.“ „Er gegen die Tante aufgebracht?“ wisperte ſie. „Du machſt mich ſtaunen; das iſt etwas ganz Neues. Und ſie iſt doch ſo ganz ſein Bewunderer, beinahe ſollte ich glauben, ſie habe— u „Da ſteckt der Haken.“ *) Luncheon, ein Imbiß, vor dem Mittagseſſen genom⸗ men, beſteht gewöhnlich aus kalten Speiſen. 8 —= 449— Sie ſann eine Weile nach, nickte zuverſichtlich, und lispelte dann:„Er muß mit.“ Und mit dieſen Worten kam ſie auf mich zugetrip⸗ pelt. Ich hatte kein Wort von der Unterredung ver⸗ loren, und dachte: komme nur, Du ſollſt mich ſo ledern finden, als Miſter Shifty naſſen Andenkens. „Sie ſind doch von der Partie zur Tante?“ fragte ſte mit dem einſchmeichelndſten Lächeln, während ſie meine Hand ergriff. „Nicht für diesmal,“ war meine Antwort;„ich bin froh, daß wir im Hafen eingelaufen ſind.“ „Selbſt dann nicht, wenn ich Sie einer Schönheit zuführe, einer Schönheit, die Verſtand hat, Verſtand wie ein gewiſſer Miſter Howard??— „Danke für das Compliment; es iſt ein armſeliges.“ „Es ſind ja bloß vier Meilen.“ „Zuviel, wenn es nur ſo viele Ruthen wären.“ „Wie Sie doch ſo nüchtern und amphibiös ſeyn können. Ein wahrer Hageſtolz. Wollen Sie ſelbſt dann nicht gehen, wenn ich Ihnen ſage, wem ich Sie zuführe?“ „Nein, meine ſchöne Dame.“ —=0 150 6G— „Ihre Hartnäckigkeit iſt wirklich impertinent. Wol⸗ len Sie ſelbſt nicht gehen, um Emilie Warrens zu ſehen? u „Sie gehen, Emilie Warrens zu ſehen?“ fiel ich ziemlich raſch ein.„Wie? ich dachte, ſte wäre in New⸗ Orleans?“ „Der Wind ändert ſich erſtaunlich,“ bemerkte Clara trocken, ihrem Manne ſich zuwendend. Ich ſah darein, als hörte ich ſie nicht; aber die Lockſpeiſe hatte gefangen. Und war es ein Wunder nach den Scenen, die ich ſo eben geſehen? Richards hatte von eben dieſer Emilie ſtets in ſo hoher Be⸗ geiſterung geſprochen; er, der ſo kühl, ſo gemäßigt, ſo geizig in ſeinem Lobe war, wenn es dem zweiten Geſchlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine Neugierde, mein Intereſſe aufgeregt waren? Aber dann die unglückſelige Miſtreß Houſton mit ihrer ver⸗ folgenden— Liebe kann ichs nicht nennen. Dieſes langbeinige Ding, hager, mager mit Armen und Beinen wie ein Hochländer, und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clansgenoſſtn; dabei flach wie unſere Breithörner oder Fachböte. Sie iſt ——ÿ —y — 0 151 G— das unausſtehlichſte Weſen, das je in Petticoats*) geſteckt; das Beſte an ihr ſind noch ihre fünf und vierzig Jahre. Freilich hat ſie einige gute Seiten: ſie iſt ſehr reich, ſehr reſpectabel, wie es ſich von ſelbſt verſteht, und ſehr rationell, einen einzigen Punkt aus⸗ genommen.— Ihre Baumwolle iſt beinahe sea islands,**) aber ihre armen Neger! Potemkin übte nicht größere Zwingherrſchaft über die bärtigen Sub⸗ jekte Ihrer Moskowitiſchen Majeſtät, als der gall⸗ ſüchtige Miſter Twang über die Körper dieſer armen Teufel. Und dann ihre Züge, beſonders wenn ſte ſich in Haß oder Hohn falten, wenn ihr ſo ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt. Ihr ganzes Weſen verräth dann Abſcheu; es iſt häß⸗ lich, beinahe grauſig.— Und in dieſen Händen iſt Emiliie? fragte ich mich zehnmal. Ich war vorzüg⸗ lich ihr zu Liebe nach Hauſe zurückgekehrt: ſie hatte meine Neugierde zu kitzeln angefangen, und nun ich ſie kennen lernen ſollte, iſt ſie wieder auf dem Sprunge, *) Petticoats, Unterröckchen; weibliche Kleidung über⸗ haupt, ſcherzweiſe genannt. *) Sea islands, die berühmte Baumwolle der Inſeln Georgiens. — 0 152 6— in die weite Welt zu ſegeln. Mir war nicht wohl zu Muthe. Mädchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich ſollte zuletzt leer ausgehen. Ich ſann und ſann, ganz vergeſſend, daß Richards und ſeine Frau ſchon fünf Minuten vor mir ſtanden, ſich bedeutſame Blicke zuwerfend. „Ich ſehe wohl,“ ſprach ſie mit einem ſonderbar ſpitzen Lächeln,„daß Sie nicht zu bewegen ſind.“ „Je nun, Sie zu verbinden, will ich mit; doch, auf⸗ richtig geſagt, bloß um Sie zu verbinden.“ „Es wäre wirklich unzart, ein ſo großes Opfer von Ihnen zu verlangen,“ erwiederten die ehelichen Verbündeten mit einem Gelächter, das mich ſo ziemlich als einen Haſenfuß bezeichnete. In einer halben Stunde waren wir mit unſerer Toilette fertig, in einer zweiten war das Luncheon genommen, und dann ſetzten wir uns, beſiegt von der weiblichen Diplomatie, in den Wagen. In einem Wagen mit einem kaum zwölf Monate zuſammengefügten und ſich herzlich liebenden Paare zu ſitzen, das ſich die letzten vier Monate nicht geſehen hat, iſt eben nicht ſehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben ſich ſo viel zu ſagen, ſo viele Geheimniſſe — 0 153 6— zuzuflüſtern, kurz, ſelbſt die philanthropiſchſten ſind ſo haushälteriſch mit jeder Sekunde, ſo ſelbſtſüchtig, daß einem Dritten kaum etwas anderes zu thun übrig bleibt, als— nichts zu thun, und eine ſtumme Rolle zu ſpielen. Ich konnte mich ſelbſt nicht an meinen jungen Mitbürger halten, der in Polly's Armen lag, da er ſo oft hin und wieder paſſirte, daß es vergeb⸗ lich geweſen wäre, mich mit ihm befaſſen zu wollen; ſo war ich denn gezwungen, meine Aufmerkſamkeit in's Weite, nämlich auf den Miſſiſtppi, zu richten. Ja, es iſt ein großartiger Anblick dieſer Miſſiſippi zu allen Zeiten, aber beſonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt iſt! Man behauptet, er ſey hier am tiefſten, und ich bin ſelbſt der Meinung; denn weiter unten ſind die Bayous, die einen bedeutenden Theil ſeiner Gewäſſer abführen. Der Strom iſt bei⸗ läufig zehn Fuß geſtiegen, und die Strömung äußerſt ſchnell. Ich ſehe ihn gerne voll, den majeſtätiſchen Vater der Flüſſe, oder, wie ihn die Indianer nennen, den endloſen Strom,*) und empfinde ſtets ein gewiſſes Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Waſſerſtande *) Dieſen Namen verdient er gewiſſermaßen, da er, den Miſſouri mit eingeſchloſſen, über 4000 Meilen lang iſt. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. 1. 1 11 —= 154— mit ſeinen fünfzig bis ſechzig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze wird jedoch drückend,” und die Moſchettos ſcheinen unſer verdicktes Blut zu wittern: bereits die dritte hat mich geſtochen. Wir haben eine dritte Pflanzung paſſirt. Ein herrlicher Anblick, dieſes Haus mit ſeinen zwanzig Hütten, in einem Walde von China⸗, Tulpen⸗, Orangen⸗, Fei⸗ gen⸗ und Citronen⸗Bäumen begraben; beſonders die erſten ſind ſo lieblich anzuſchauen mit ihren weißen Blüthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baum⸗ krone bedecken, und ſich im Verlaufe weniger Wochen röthen, wo ſie dann Millionen glänzender Rubinen gleichen, den Robbins zum Labſal und Verderben. Tauſende dieſer treuherzigen Thiere ſchwärmen dann und niſten an neblichten Herbſtmorgen in dem Ge⸗ zweige, und ertränken im Saſte der Beeren ihre winzi⸗ gen Sinne, und purzeln umher, und treiben närriſches Zeug,— die lieblichſten Trunkenbolde, die man nur ſehen kann. e Als wir ſo am breiten Uferrande hinrollten, den Miſſtſippi zur Linken, die weißen Zäune mit den unab⸗ ſehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die coloſſalen Cypreſſen⸗ und Cedernwälder, wurde 1 —= 155 G— mir beinahe ſchwindlich vom langen Dahinſtarren, und Landhäuſer, Felder und Wälder ſchienen dem mexikaniſchen Buſen zuzufliehen. Die Stimme Ri⸗ chards weckte mich aus meinen Träumen; wir waren vor der Pflanzung der Miſtreß Houſton. So werden wir denn dieſes Wunder weiblicher Vollkommenheit ſehen, der ſo viele Huldigungen darge⸗ bracht werden? Eine Reihe von wenigſtens zwanzig glänzenden London⸗Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden, halten im Hofe unter den Bäumen. Wir ſteigen ſofort ab, überſehen unſere Anzüge, ſetzen zurecht, was die kurze Fahrt unrecht geſetzt, und ſteigen die Stufen hinan. Die Halle iſt voll von Bedienten, der Saal voller Gäſte, die natürlich gekommen, der nordiſchen Schönheit Lebewohl zu ſagen. Doch weder ſie noch Miſtreß Houſton iſt zugegen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren über die drollige Wich⸗ tigkeit, mit der die Frau meines Freundes nach der Thüre deutet, und dann mit einem herablaſſenden, beifälligen Lächeln hindurchſchlüpft. Zugleich beginnt eine unendliche Ungeduld ſich in mir zu regen. Nichts iſt unausſtehlicher, als auf den Fittichen der Sehn⸗ ſucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu 11* —“= 156 6— zählen, und dann auf Geduld verwieſen zu werden, oder, was noch ärger iſt, auf ein Dutzend alter Ge⸗ ſichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate ent⸗ behrt haben, und denen wir nun recht freudeſtrahlend in die Augen ſehen, und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müſſen, wie ſehr es uns freue, ſte zu ſehen, und wie das Wetter ſo ſchön ſey. Doch es läßt ſich nicht vermeiden, und ſo beginnen wir denn ganz gemächlich unſere Tour in der Runde, zuerſt bei den Damen, wie es ſich von ſelbſt verſteht, und dann bei den Herren, in echter Yankeemanier. Ich hatte ſo das zehnte Individuum abgefertigt, als Richards auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des drawing room ſtand. Unglücklicher Weiſe war die Ceremonie des Aufführens ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß ich den Namen der werthen Perſonnage ganz überhörte. Er war ſo erfreut, lautete ſeine Formula, die Bekanntſchaft eines Mannes zu machen, von dem ſeine Freunde ſo viel Rühmliches erwähnt. Ich verbeugte mich pflichtſchuldigſt; meine Verbeu⸗ gung mußte aber ſehr ſteif ausgefallen ſeyn. Ich ſah mich nach Richards um; er war verſchwunden. Ich — 157— blickte den Gentleman an, er mich, und ſo verwirrt war ich, daß ich kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an die Zunge kleben machte; ſo verwünſcht ſteif und ſtarr und ſtatt⸗ lich und abgemeſſen ſtand er vor mir; ein ſpaniſcher Grande war ein franzöſiſcher Tanzmeiſter im Ver⸗ gleiche. Und dieſe ernſten, trockenen, ſcharfen Geſichts⸗ züge, dieſe ſpitze Naſe, mit den blauen, tiefliegenden, ſtarr fixirenden Augen,— ſie ſcheinen ins Innerſte zu bohren! Es lag etwas Gutmüthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der alten Schule, ganz wie er leibt und lebt.— Ich muß recht erbärmlich vor ihm geſtanden ſeyn, da ich, ſtatt Antwort zu geben, ſein ganzes Geſtelle abmaß, als wollte ich ihn aufnehmen,— auf ſeine gepuderten Haare, den Haarzopf, die ſeidenen kurzen Unterbein⸗ kleider herabſah, die Schuhe mit den goldenen Schnallen muſterte, und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel. Ich wollte bereits um Vergebung bitten, ſeinen Namen überhört zu haben, als Ralph Doughby ſeine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe hätte ich es ihm Dank gewußt, ſo wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel leiden mochte. Ehe ich mich umſah, 4 —= 158 6— hatte der Mann ſeine Verbeugung gemacht, und mich, den Tropf— ſo mußte er nothwendig denken— ſtehen gelaſſen. So geht es acht und zwanzigjährigen Hage⸗ ſtolzen, die auf die Mädchenſchau ausgehen. Ich hatte einige Mühe, den Haſenfuß, ich meine Doughby, aus ſeinem zwölf Zoll hohen Halskragen— und dem Carterſchen Fracke und Pantalons herauszufinden, mit denen er ſich während ſeiner Newyork⸗Tour aus⸗ gerüſtet. Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen ſie mit achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer hätte aber das an unſerm Doughby vermuthen ſollen, als er noch vor zwei Jahren ſteif und bedächtlich mit der Peitſche hinter ſeinen armen Negern einhertrabte? ſelbſt einen Aufſeher zu halten, war er zu knauſerig. Und nun iſt er einer unſerer Faſhionables in echter Unter⸗Miſſiſippi⸗Manier, der ſeine zehn Gläſer Sling oder halb ſo viele Bouteillen Chambertin ausſticht, ſein Ecarté mit Grazie bis Mitternacht ſpielt, und mit derſelben Grazie einen Wollkopf zu Boden ſchlägt. Es ſcheint er hat ſich recht methodiſch zum Lebemann vorbereitet, und phyſtſche und moraliſche Kräfte geſammelt, und nun gilt er für einen unſers — 159 6— Gleichen, denn er hatte die Klugheit, zuſammen zu halten, bis ſeine Batzen vollzählig waren. Möchte nur wiſſen, ob er auch gekommen iſt— Emilien Lebe⸗ wohl zu ſagen. Sollte ſie an ſeiner Bekanntſchaft während ihres Hierſeyns Geſchmack gefunden haben? Das wäre gerade keine beſondere Empfehlung für ihren Sagacitätsſinn. Es muß etwas dergleichen ſeyn; der gute Ralph iſt wie zu Hauſe. Der Gedanke fängt an mich allmählig zu drücken, während ich meinem Nachbar, der jedoch glücklicher Weiſe hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über ſeine vortheilhafte Metamorphoſe mein Kompliment mache. Und der Ignoramus nimmt es für baare Münze, und wirft ſich auf, und geruht beinahe pro⸗ tegirend zu werden. Gott ſey Dank, er geht; doch was nachkömmt, iſt nicht beſſer. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs⸗ und Präſt⸗ dentenwahl die Rechnung verdorben. Die guten Leute ſind ſteif der Meinung, daß unſeres Louiſiana's Ehre dahin iſt, wenn nicht einer aus ihnen das Ruder führt. Auf die armen Creolen ſind ſie ſchlimm zu ſprechen. Ich war eben daran, meine nagelneuen politiſchen — e 160— Entdeckungen den Herren zum Beſten zu geben, als plötzlich die Flügelthüren ſich öffneten, und ein Zug von Damen hereinſchwirrte. Zuerſt eine unbekannte Geſtalt am Arme Clara's, dann Miſtreß Houſton und Compagnie. Doch dieſe Unbekannte, ſie iſt zwei⸗ felsohne Emilie. Was will aber dieſer Doughby bei ihr? Er poltert auf ſie zu, als ob ſie bereits die Seinige wäre. Und ſte? Wahrlich, ich weiß nicht wie mir wird! Iſt es Ueberraſchung, oder Eiferſucht auf Doughby? aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt ſich zur Geſellſchaft und ſpricht mit dem ſteifen Gentleman; jetzt wendet ſie ſich zu mir. Mein Gott! Miſtreß Houſton ſteht dieſe halbe Minute vor mir, und erkundigt ſich nach meinem Be⸗ finden; ich ſtarre auf Emilien, und, was ſchlimmer iſt, brumme der Dame in ihrem eigenen Hauſe zu: „Ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen.“ Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es ſaubere Ge⸗ ſchichten geben; denn auf die Zungenſpitze dieſer perſonificirten chronique scandaleuse zu gerathen, und die Tour unſerer zwölfhundert Zeitungen zu machen, iſt eins und daſſelbe. Und noch dazu ſchiebe ich ſie höflichſt auf die Seite, um mir nicht die Aus⸗ — 161— ſicht auf Emilien zu verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuſchwebt. Ja wohl ſchwebt ſie— ihr Schritt iſt ſo leicht, beinahe tanzend, und doch ſo feſt und beſtimmt! Keine Ziererei, nicht der mindeſte Zwang in ihren Bewegungen, die zarteſte Lebendigkeit und doch die beſcheidenſte Grazie. Ihr Wuchs etwas über die Mittelgröße, die Geſtall ein Modell der Symmetrie, ſo ſchlank und doch ſo abgerundet, ſo elaſtiſch und ſo ätheriſch! Und dieſe prachtvollen, tiefblauen Augen, die einen mit ſolch wunderbarlichem Vertrauen an⸗ blicken, gleichſam als wollten ſie ſagen: ich weiß, du biſt mir gut. Dieſe Augen, die ſo zuverſichtlich und doch wieder ſo prüfend auf Einem ruhen, gerade lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen; der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieſer Augen, der von dem bezauberndſten Glanz ſo unmerklich in ſinnenden Ernſt verſchmilzt— ich werde ſie nie vergeſſen! Und dieſer Teint ſo rein, die Roſen auf Liliengrunde! Es iſt das friſcheſte, lieblichſte, verſtändigſte Geſicht, das mir je vorgekommen iſt. Ja, ſie iſt wirklich ein reizen⸗ des Mädchen, nie ſah ich ein ſo offenes und wieder —= 162— ſo intellektuelles Weſen. Das Geſicht iſt eines Lebens⸗ ſtudiums werth!— Sie ſpricht mit Richards und ſeiner Frau, die Hände in die ihrigen verſchlungen. „Wir haben lange und verlangend auf Sie gewar⸗ tet,“ lispelte ſie, während ihre Augen in ſinnendem Ernſte auf ihn gerichtet waren. „Ich hoffe, ich bin nicht zu ſpät gekommen?“ er⸗ wiederte Richards. 4 Sie gab keine Antwort, aber dieſe funkelnden Au⸗ gen ſchienen feucht zu werden, ſie ſchienen zu ſagen: ja wohl zu ſpät. „Wenn ich zu ſpät gekommen, dann biſt Du Schuld daran,“ ſprach Richards, ſich zu mir wendend. Ich war einem Träumenden gleich dageſtanden. Ich hörte nicht, ich ſah nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium. „George iſt wieder einmal in ſeinen Träumen,“ ſprach Richards, meine Hand mit ſeiner Linken er⸗ greifend und mich näher zu dem Kreiſe ziehend. Ich blickte auf; ſie ſtand vor mir in unausſprech⸗ lichem Reize. „Haſt Du die ſchweren Klagen wohl gehört, die ſo eben gegen Dich erhoben wurden?“ fragte er.„Die —= 163— zweihundert Meilen, die ichzweimalzufahren hatte, Dich von Deinen Wanderungen aufzuleſen und wieder heim⸗ zuführen, dürften leicht Herzenswehen verurſachen.“ „Herzenswehen?“ fragte ich,„und wer fühlt dieſe?“ Das Auge Emiliens ruhte auf mir.„Miſter Ho⸗ ward,“ ſprach ſie,„hat wirklich Urſache, ſtolz auf die Liebe und Achtung ſeiner Freunde zu ſeyn.“ Die erſten Worte, die ſie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche Töne! Was ſind Garcia's Töne gegen dieſe? Und dieſer Mund, wie himmliſch er ſich öffnet! Und dieſe Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht ſatt genug an ihr ſehen. Ich hätte Vieles gegeben— und ich gebe nicht gern— dieſe Zähne noch einmal zu ſehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ ſich nun hören und das Geheul der Neger.„Das Dampfſchiff!“ rief Miſtreß Houſton mit ihrer klaffenden Stimme.„Das Dampfſchiff!“ wiederholte ich in Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhniſch triumphirenden Blick auf mich. —„Emilie!“ ſprach ich, und die Worte erſtarben mir auf der Zunge;„Emilie!“ und zu gleicher Zeit preßte ich wüthend ihre Hand. Sie blickte mich gleichſam verwundert an; ſie mußte in meinem Geſicht geleſen — 0 164— haben, was in meinem Innern vorging. Und nun die verwünſchte Helen Me Gregor, wie eine Anaconda ziſchend; ſie iſt bereits zu hören trotz dem Brüllen der Neger. Und Miſtreß Houſton— wahrſcheinlich, um die Qualen des Abſchiednehmens ſo viel wie möglich zu verkürzen, ſich heißer gellend!— Doch was hat das zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, ſchiebt den alten gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun würde,— wirft das Seidentuch Emilien über die Schulter; er reißt beinahe die Spitzen von ihrem Halſe. Das iſt's alſo— da geht es hinaus? Wohl, nun weiß ich, woran ich bin, und herßzlich froh bin ich. Was iſt mir Emilie Warren? Ein ſchöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch dieſes zu überſtehen; ſie iſt nicht meine erſte und, ich hoffe, auch nicht meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird ſich um ſolche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Trö⸗ ſtungen! Während mir dieſe Maximen grober Liebes⸗ philoſophie durch den Sinn ſchwirren, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun ſeinen Arm anbot, ganz gemüthlich erwürgen können. Ja, er führt ſie wirklich — 9 165 0— auf das Dampfboot, und mir fällt Miſtreß Houſton zu. Anſtatt ihr den Arm anzubieten, faßte ich den ihrigen, und ſo ziehen wir denn fort. Was ich ſagte, weiß ich bis auf dieſen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloſes geweſen ſeyn; ſie ſchrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum Bewußtſeyn, und ihr ſüßlich giftiger Blick kühlte all⸗ mählig meine Leidenſchaft. Wenige Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kiſten, Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts übrig, als die Eigenthümer gleichfalls zu ſpediren. Zuvor mußte jedoch noch Lebewohl geſagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und ſie in den Armen der Frau meines Freundes. Es ſchien, als trenne ſie ſich ungern von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die thrä⸗ nenvollen Augen zeugten deutlich davon. Doch nun kömmt Miſtreß Houſton, ſtattlich, ſteif und froſtig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt. Und dann die übrigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt Richards und ich. Sie nähert ſich uns einen Schritt; ihr Auge ſucht mich, unſere Hände begegnen ſich; ich preſſe die ihrige— —= 166 6— vielleicht das letztemal. Jedoch nicht das leiſeſte Zei⸗ chen der Erwiederung, und doch ruht dieſes prachtvolle Auge auf mir; eine Thräne ſpiegelt ſich darin, eine zweite— ſie wendet ſich, und nun ein zitternder, bei⸗ nahe unmerklicher Druck dieſer lieblichſten aller Hände. Ich murmelte, meiner ſelbſt unbewußt:„Himmel, ſo muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nach⸗ dem ich Sie geſehen!“ Sie blickte mich an, und wen⸗ dete ſich dann mit einem Blicke, der milde und ſchwer⸗ müthig zu ſagen ſcheint: ja, wir müſſen ſcheiden.— Doch wer kommt hier? Ein ganzer Troß von Woll⸗ köpfen, jung und alt, Kinder, Jungens, Mädchen, Greiſe und alte Mütterchen, alle ihr Lebewohl heulend und grinſend, alle nach einem letzten Blicke von dieſem lieblichen Weſen haſchend. Sie muß dieſen Armen herzlich gut geweſen ſeyn; niemand fühlt tiefer als ſie. Selbſt ihre Leiden, ihr hartes Loos, machte ſie um ſo empfänglicher die milde Hand zu küſſen, die ſich ihnen wohlthätig aufthut, die es der Mühe werth hält, einen Tropfen Balſam in ihre ſtets offenen Wunden zu gießen. Es iſt wirklich ein ſchöner Anblick, dieſes herrliche Geſchöpf umringt von den ſchwarzen Ge⸗ ſtalten; die unerwartete Huldigung ſcheint in ihr eine — —2 167— wehmüthig freudige Empfindung zu erregen. Doch Miſtreß Houſton winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinger ſcheuchen zurück. Ihr Blick fällt furcht⸗ ſam auf ihre Herrin, und dieſer Blick ſcheint Alle erſtarren zu machen, gleich Banquo's Geiſte. Noch ein Lebewohl, und ſie ſcheidet, und betritt die Bretter, die ſie uns für immer entziehen ſollen. Ich ſtarre ihr wie verloren nach, überſehe ganz, daß ſie an Doughby's Arme über die Brücke auf das Verdeck ſchreitet, und mit ihm in der Salonthüre verſchwindet. Und nun ſchwingt ſich das Boot herum, der Dampf brauſet, ziſcht ſtärker und ſtärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige Maſchine bewegt ſich; lang⸗ ſam zuerſt, dann ſchwirren die Räder ſchneller und ſchneller. Wird ſie nicht aus dem verwünſchten Salon herauskommen? uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt ſich das abſcheulich ſchnelle Boot; nie ſchien mir eines ſo eilig. Ah, nun öffnet ſich die Thuͤre; es iſt eine weibliche Geſtalt; ſie nähert ſich dem Geländer— ihr Sacktuch in der Hand; ſie ſchwingt es. Der alte Gentleman zunächſt ihr lüftet ſeinen Hut und macht eine abgemeſſene Bewegung, und nun fällt mir der bockſteife Gentleman wieder ein. — 168 6— Ich erinnere mich, daß er noch an der Brücke ſich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt, und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boſton käme, ſein Haus als das meinige zu betrachten.„Wer iſt doch,“ fragte ich Richards,„der Mann, der neben Miß Emilien ſteht, und uns ſo ſteif ſein Adieu zunickt?“ „Fürwahr,“ erwiederte mein Freund,„Du biſt einer der ſonderbarſten Menſchen; da ſteht er, gafft, vergißt Alles neben und um ſich, und bemerkt ſelbſt nicht, wenn man von ihm Abſchied nimmt. Miſter Warrens muß ſonderbare Dinge von Dir denken.“ „Dieſer— Miſter Warrens?“ fragte ich, mich auf die Stirne ſchlagend.— „Wer ſonſt als er? Ich bitte Dich, vermeide alles Auffallende; unſere Tante hat Dich im Auge.“ Das Wort rief mich wieder zurück. Sie ſtand mir gegenüber, ein boshafter, ſchadenfroher Zug ſpielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die Worte zuzuflüſtern:„Sey ein Mann!“ ſo ſtand ſie auch ſchon vor mir, um mich mit aller möglichen Ver⸗ traulichkeit zum Mittageſſen einzuladen. Ich wollte ein beſtimmtes Nein ausſprechen; allein Richards und ſeine Frau traten wieder dazwiſchen, und ſagten zu. — 3 Die alte Dame fixirte mich einen Augenblick, und wandte ſich dann zu der übrigen Geſellſchaft. „Sey nur diesmal ein Mann, und gib Dich dem Spotte der Tante und ihrer tauſend Nebenzungen nicht blos,“ bat Richards.— Was kümmert mich die Tante und ihre tauſend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mußte in meiner Seele geleſen haben, und ſprach ernſt und trocken:„Das ſchroffe, leidenſchaftliche, träumeriſche Weſen taugt fürwahr nur, Dich zum ungenießbaren Sonderling zu ſtempeln. Bedenke, daß Du unter Deinen Nach⸗ barn biſt, denen Du nie eine Blöße geben darfſt.“ „Du haſt wahrlich recht,“ erwiederte ich.— Es war wirklich hohe Zeit, zurückzukommen. Bereits flüſterten meine Nachbarn und ſchönen Nachbarinnen, bereits ſpitzten ſich ihre Näschen, krümmten ſich ihre ſchönen Lippen; eine Stunde länger ſo fortgefahren, und am ganzen Miſſiſippi wäre der zu ſpät gekom⸗ mene Liebhaber zum Theegeſpräch geworden. Nein, das muß nicht ſeyn; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, ſprach ich, und vergeſſe dieſe Lappalien. Vielleicht wäre mir dieſes doch nicht ſo leicht gewor⸗ den; doch als ich ſo mit mir ſelbſt kämpfte, warf mir Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 12 —= 169 G— * K.* Mistreß Houſton einen ihrer gewöhnlichen coups- d'oeil zu, und der entſchied. Mich vor dieſer Frau blos zu geben, wäre Tollheit, Stumpfſtnn geweſen; nein, dieſe Zunge ſoll ihre anatomiſirende Gewandt⸗ heit nicht an mir üben; es ginge mir wahrlich nicht beſſer, als dem armen Eichhörnchen, das von der Mocaſſinſchlange verſchlungen wird, zuerſt der Kopf und dann der Leib, den ſie mit ekeligem Schleime überzieht, um ihre Beute deſto leichter hinabzuwür⸗ gen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen oder einem Wochenblatte figurirt ha⸗ ben, herausgeputzt in einen Wehe⸗ und Entſagungs⸗ helden, zahlbar mit fünf Dollars baaren Geldes oder vier Bänden derlei Potpourri's von Unſinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen. Es kam darauf an, die paar Stunden gehörig zu benützen, um die üblen Eindrücke wieder zu verwiſchen. Schon der feſte Entſchluß, die Löſung dieſes Pro⸗ blems aufzuſtellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich zu ſtatten kam. Allmälig kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und zuletzt in einem Maße, wie ich ſie ſelten hatte. Wie das herging, weiß ich noch heutigen Tages nicht; war der höh⸗ —=170— — 0 171— nende Blick von Mistreß Houſton daran Urſache, oder war es Uebermaß der Verzweiflung, ein Geſchöpf für immer verloren zu haben, das, mein Herz ſagte es mir beim erſten Anblicke, mich namenlos glücklich gemacht haben würde;— genug, ich war plötzlich in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes⸗ und Geiſtesfunken fingen an mit einem Male aus meinem Munde zu ſprühen; jedes Wort athmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Mistreß Hou⸗ ſton ſah mich anfangs zweifelnd, dann verwundert an; zuletzt ſchien ſie ihren Ohren und Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis ſie es nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unſerer Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des achten Jänner gebratenen Barbecu⸗Ochſen, von dem auch uns eine Rippe zu Theil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der ſeine ſelig verſchiedene Ehehälfte einſalzte, und in den Kamin zum Räuchern aufhing, willens, ſie ſo— wohl geräuchert und gedörrt— als eine egyptiſche Mumie, an die Londoner egyptiſche Halle in Piccadilly zu veräußern; indem er aus ſeiner Zeitung vernommen, daß Mumien ein gangbarer 42* —= 172— Artikel wären, und mit ſchwerem Gelde aufgewogen würden—, all der Unſinn, den wir gehört, alle die tauſend Albernheiten, die wir geſehen, wurden nun preisgegeben, mit einer Geläufigkeit preisgegeben, die die Geſellſchaft in vollem Lachen erhielt. Natürlich trug der Umſtand, daß der Erzähler kein gewöhn⸗ licher Luſtigmacher, ſondern ein Mann war, der mehr zu ſeinem eigenen und ſeiner nächſten Freunde Vergnügen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen, erzählte, das Seinige zum Genuſſe bei. Ich fühlte mich ganz froh und heiter, es ſchien mich zu drängen, von dem Ueberfluſſe meines Frohſinnes auch meinen Freunden etwas zukommen zu laſſen. Selbſt der Takt, mit dem ich abbrach, ſollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Mistreß Houſton hatte für ein friſches Dutzend Champagner geſorgt; wir hatten ihn trefflich gefunden, und ich liebe dieſen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn für uns erzeugt; allein ich haſſe gemeines Zechen, und zu meiner großen Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn eben ſo das ſonſt ſo liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichſt verſpro⸗ chen hatten, ſobald als möglich wieder zu kommen. — — 8 173 6— Und wirklich, ſo froh und heiter ſchieden wir, daß ich beinahe glaube, Mistreß Houſton habe lieblicher denn je ausgeſehen. „Du haſt Wunder gethan,“ ſprach Richards, als wir wieder in dem Wagen zuſammengeſchichtet ſeiner Pflanzung zurollten. „Die Tante lachte,“ fiel ſeine Frau ein,„daß ihr die Thränen über die Backen herabliefen. Ich glaube, Sie könnten mit ihr thun, was Ihnen beliebt. Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie hätte ich das erwartet 4 „Dann kennſt Du ihn nur wenig, dieſen launen⸗ haften, wunderlichen Menſchen und dieſen Geiſt des Widerſpruchs, der in ihm hauſet. Danken wir es der ſauren Miene unſerer Tante; wir hatten eine der ver⸗ gnügteſten Stunden.“ „Da ſprichſt Du wieder wie ein behaglicher engli⸗ ſcher Epikuräer von vierzig, der ſein gutes Diner liebt und einen Spaß dazu, vorausgeſetzt, er koſtet nichts und befördert die Verdauung. Du weißt, ich haſſe Egoismus. Doch ſage mir nur, was iſt denn eigent⸗ lich gegenwärtig Herr Warren, was ſeine Umſtände?“ „Ich haſſe Egoismus,“ ſpottete Richards nach, mit —=8 174 6— einer Lache, ſo laut, daß ſie von zwei Bootsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes hingeſtreckt lagen, wiedergegeben wurde.„Ich haſſe Egoismus, und die nächſte Frage, die dieſer Erklärung folgt, beweist die Wahrheit ſeines Ausſpruchs. Oder was iſt es anders, als eine Abart von Egoismus, eine verfeinerte Selbſtſucht, die unter dieſer Frage lauert? Geſtehe es nur, armer George, Emilie iſt Dir nicht gleichgültig.“ „Hol Euch der Henker! Da lauern und lauern, und wispern und wispern ſie, ich wußte nicht weß⸗ halb, bis nun das große Geheimniß heraus iſt.“ „Hony soit qui mal y pense. Wollte der Himmel, ich hätte es ahnen können,“ erwiederte mein Freund, und ſein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir.„Ja, ſie wäre ein Weib für Dich geweſen; ich ſagte Dir's immer; reiste hunderte von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es ſollte aber nicht ſeyn, nun iſt es zu ſpät.“ „Zu ſpät?“ wiederholte ich mechaniſch. „Ja wohl! Sie beſucht Saratoga mit ihrem Vater und Mister Doughby, verweilt einige Wochen zu Hauſe, und kehrt dann als Frau Doughby zurück.“ Ich wußte es; es war mir klar wie die aufgehende —= 175 6— Sonne, ſobald ich Ralph geſehen hatte, wie er ihr das Halstuch umwarf, ſo wie er ſeinem Schecken die Schabracke überwirft. Kein Zweifel konnte vernünf⸗ tiger Weiſe mehr obwalten; aber ich war nun wieder in meiner ſchlimmen, beinahe giftigen Laune. Wer würde es auch nicht ſeyn? „Dann hätteſt Du Dir aber auch Deine freund⸗ ſchaftliche Mühe, mir den Pfeil ins Herz zu drücken und mich mit ihr bekannt zu machen, erſparen kön⸗ nen,“ fuhr ich bitter heraus. „Das hätte ich gewiß unterlaſſen, wenn ich dich erſtens für ſo kindiſch und romanhaft empfänglich gehalten, und dann die wahre Lage der Dinge ge⸗ wußt hätte. „Du haſt ſie nicht gewußt? und doch bin ich bei⸗ nahe mit Haaren herbeigezogen worden.“ „Ich bedaure dieß noch immer nicht,“ ſiel Richards ein;„haben wir doch nun Hoffnung, Dich ſtätig zu ſehen. Fürwahr, dieß Umherziehen dauert zu lange!“ Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewi⸗ chen. Seine Frau jedoch hob den ihm hingeworfenen Handſchuh auf. „Fürwahr, hätten wir nur ahnen können, daß — 0 176 6— Sie, der ewige Jude, Luſt zum Heirathen bekämen! aber wer kann ſich auf Sie verlaſſen? und Sie wiſſen, die Tante iſt nun einmal zum Heirathmachen geboren. Wir haben Emilie von Neworleans abgeholt, und das Uebrige wiſſen oder errathen Sie.“ „Und ſeit wann hat ſich dieſes Geſchäft abgethan?“ „Seit zwei Wochen. „Seit zwei Wochen!“ wiederholte ich ein⸗, zwei⸗, dreimal. Es waren volle vier Wochen ſeit meinem zweiten Zuſammentreffen mit Richards, und wenig⸗ ſtens achtzehn Tage, daß unſere Ankunft ſeiner Frau bekannt ſeyn mußte. Ich glaubte mir ſchmeicheln zu können, daß der Einfluß Clara's auf ihre Freundin dieſe von einer ſo ſchnellen Wahl wenigſtens bis zu meiner Ankunft hätte zurückhalten ſollen. Alles das ſchwindelte mir durchs Gehirn, und trübte nur noch mehr meine Laune. Ich ſah nur zu deutlich, daß die Tante mir einen Streich geſpielt.— „Ja, dieſe glorreiche Tante!“ platzte ich wieder heraus. „Iſt eine ſehr reſpektable Dame, Mister Howard!“ verſetzte Mistreß Richards,„und ſie glaubte für ihre — o 177— Nichte ſehr wohl zu wählen; ich kann ihr gar keinen Vorwurf machen.“ „Freilich nicht,“ entgegnete ich;„ſchade nur, daß ſie ſich nicht zur allein ſeligmachenden Kirche bekennt. Sie hätte dann Ausſicht, einſt, in Glas und Rahmen gefaßt, in der Kathedrale von Neworleans zu pran⸗ gen, allen ihren Negern zum Troſt und Labſal. Das war nun beißig boshaft; aber wer kann ſeiner Geduld immer gebieten. Mir war es unmöglich; ich mußte meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte keine Erwiederung zur Folge. Richards ſah mich ernſt an, ſeine Frau beinahe wüthend. Eine lange Pauſe erfolgte. Ich ſah wieder auf den Miſſiſippi hinaus, den Schiffen und Kielböten zu, von denen der Yankee doddle in nicht unangenehmem Chore herübertönte. „Und Emilie, hat ſie ſich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefügt?“ fragte Richards. Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahr⸗ ſcheinlich antwortete ſie durch ihr Geberdenſpiel. „Es nimmt mich auch nicht Wunder,“ wisperte ſie nach einer Weile;„das feine Weſen fehlt ihm —— —Q— —=0 178 6— gänzlich. Selbſt die Art, wie er ihr ſein erſtes Ge⸗ ſchenk darbot, war ziemlich derbe.“ „Sage vielmehr roh,“ verſetzte eben ſo leiſe ihr Gatte.„Ich wollte ihm gerne den Mangel an Abge⸗ ſchliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele iſt roh, gewaltthätig, für alle ſanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit ihm glücklich ſeyn. Und ſie hat alſo ſein Geſchenk zurückgewieſen?“ „Entſchloſſen und feſt zurückgewieſen,“ erwiederte ſie.„Selbſt meine Bitten vermochten nichts über ſie; ſte kenne ihn nicht hinlänglich; ſie wolle ſich nicht binden, ehe ſte den Rath ihrer Mutter eingeholt.“ „Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es ſo weit treiben konnte.“ „Du weißt, ihr Vermögen, ihr Anſehen macht jeden Wink zum Gebote.“ „Und doch hat ſie dem armen Warren Hülfe ver⸗ ſagt?“ Sie zuckte die Achſeln. Ich blickte auf; fiel jedoch wieder in mein Nach⸗ ſinnen zurück. Alſo halb gezwungen mußte die arme Emilie werden. Wahrlich, ſte verdient es, aus den Händen dieſes Bären gerettet zu ſeyn. —— — 5 179 6— „Ich kann es mir nicht möglich denken, daß ſie ihn nimmtz;“ bemerkte ich, zu Richards gewandt. „Ich bitte Dich, gib nicht Hoffnungen Raum, u verſetzte er, ndie vergeblich ſind. Und hier zu hoffen, iſt mehr als vergeblich.“ „Und würden Sie Emilie geheirathet haben?“ fragte Clara. „Geheirathet?“ erwiederte ich,„geheirathet?“ Das Wort machte mich ſtutzen. Ein alter Junggeſelle von achtundzwanzig Jahren iſt nicht ſehr vorſchnell, wenn es an's Heirathen geht; aber hier war nichts zu be⸗ denken.—„Heirathen?“ wiederholte ich;„ja, das würde ich gethan haben. Von dem erſten Augen⸗ blicke, da ich ſie ſah, war ich dazu entſchloſſen; ſte oder keine ſollte meine Lebensgefährtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, daß ich dieſe ſchöne Seele durchblicke. Ich war unempfindlich gegen ausgezeich⸗ netere Schönheiten, unzugänglich nach längerer Be⸗ kanntſchaft; ſte aber würde mir nach Jahren eben ſo erſcheinen, denn es iſt ein offenes Gemüth, das ihrige. Unſere Augen und Herzen begegneten ſich; ihre Seele lag aufgeſchlagen vor mir, dieſe edle, feſte, reine und ſelbſtſtändige Seele! Vor ihr ein Geheimniß zu haben, —= 180 6— würde mir unmöglich ſeyn; jeden ihrer Gedanken, ihrer Wünſche würde ich errathen haben; offen würde ich mich hingeben. Sieh! würde ich ſagen, ſo bin ich; dies ſind meine Gebrechen, dies meine Tugenden,— willſt Du mich? Wohl! beide ſollen mir helfen, Dich glücklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verſtande würde mich dieſe Sprache füh⸗ ren machen, und ſollte mich durch mein ganzes Leben begleiten. Und auf dieſe Grundlage wollte ich mein und ihr Glück bauen. Sie iſt das erſte Weſen, vor dem ich mich ganz, wie ich bin, zeigen könnte.“ Beide hatten mir in ſichtlicher Spannung zugehört. „Und was ſagte Herr Warren?“ fragte endlich Richards. „Oh, Du kennſt ihn doch,“ erwiederte ſie.„Vor⸗ ausgeſetzt, er kann ſeine Geſchäfte fortführen, und ein reſpectables Haus halten, ſo läßt er das Uebrige ſeinen Gang gehen. Er wünſcht nur einen achtbaren Mann für Emilien, der im Stande iſt, ſie unabhängig zu erhalten, und ohne daß er genöthigt wäre, einen Theil ſeines noch übrigen Vermögens zu ihrer Aus⸗ ſtattung aufzuwenden. Auf keine Weiſe wäre er zu vermögen, mehr zu geben, als einen Theil ſeiner —ᷓnR —=0 181 6— Ländereien am Miſſiſtppi oder dem Miami bei Day⸗ ton, die er eben zu beſuchen Willens iſt.“. „Ja, ſo ſind ſie alle dieſe Dankees,“ brummte ich darein,„wahre doppelt deſtillirte Juden, die ihre Töchter eben ſo, wie ihre Zwiebel⸗, Mehl⸗ und Whiskyfäſſer den Meiſtbietenden überlaſſen.“ Ich hatte ganz vergeſſen, daß meines Freundes liebevolle Hälfte gleichfalls dieſem berühmten Yankee⸗ ſtamme entſproſſen, und verbiß meine Zunge. Zu Richards, einem echten Virginier, ließ ſich ſo etwas ſchon ſagen. „Er iſt der conſequenteſte Feind alles Ausländi⸗ ſchen, den es nur geben kann;“ fuhr dieſer fort, ndoch vorzüglich von Allem, was aus England herrührt; ein Tarifmann durch und durch. Er hat Pamphlete geſchrieben, Reden gehalten, alles nur Mögliche zu Gunſten dieſes ſeines Steckenpferdes gethan, wurde ausgelacht und ausgepfiffen, mit Koth beworfen— nichts konnte ihn ändern. Er iſt nun dieſe fünfzehn Jahre, ſeit ich ihn kenne, immer dieſelbe ſteife, ſtarre, ſtattliche Perſonnage, kerzengerade wie ein Indianer einherwandelnd, einen Schritt gleich dem andern, einen Tag wie den andern. Seinem Haare und —= 182— Haarzopf widmet er eine ſyſtematiſche Sorgfalt, und er hat öfters lieber ſein Mittagseſſen verſäumt, als er ohne dieſe Zierde bei der Tafel erſchienen wäre. Ein großer Theil ſeines Mißgeſchickes ſpringt von derſelben Antipathie für alles Ausländiſche. Seit der Revolution rühmt er ſich, nie auch nur das Min⸗ deſte vom Auslande auf ſeinem Leibe getragen zu haben. Vom Kopf zum Fuße in amerikaniſche Fabri⸗ kate gekleidet, bezahlte er lieber den fünffachen Preis, ſo lange unſere Manufakturen noch in ihrer Kindheit waren, als daß er engliſche Stoffe wählte; ja einſtens verbrannte er wirklich, ein zweiter Napoleon, einen vollſtändigen engliſchen Anzug, den man ihm als amerikaniſch untergeſchoben hatte.“ „Der Mann iſt wirklich intereſſant,“ erwiederte ich.„Ich würde dieſe patriotiſche Aufopferung nicht in ſeinen grauen Spekulationsaugen geſucht haben. Und doch, konnte er der Freiheit ſeiner Tochter ſo nahe treten?“ Wir waren nun vor Richards Hauſe angelangt. Ich zog mich bald auf mein Zimmer zurück. Mehrere Briefe von meinem Aufſeher lagen vor mir. Wahr⸗ lich, es war hohe Zeit, dieſes Wanderleben aufzugeben. —,— —= 183 6— Das Abendeſſen war trefflich, die Weine ausge⸗ ſucht; es wollte jedoch nicht munden. Meine Freunde waren in der beſten herrlichſten Stimmung, beſonders Clara; aber ich wollte nun dieſen Abend elend ſeyn, und zog mich früher mit einem Packet Zeitungen zurück. Ja, der Red⸗River*) kommt morgen zwölf Uhr hier vorbei, auf ſeinem Wege nach Alexandria; ich will mit, und einmal wieder ſehen, was die Meinigen treiben. Es war Morgens neun Uhr, als ich, mit dieſem löblichen Vorſatze ausgerüſtet, in meinem Morgen⸗ anzuge und Pantoffeln die Stiegen herabkam. Ich weiß nicht wie es geſchah, daß ich, ganz gegen meine ſonſtige Gewohnheit, mein Frühſtück nicht aufs Zim⸗ mer beordert hatte. Als ich in den Corridor zum Speiſeſaal hinantrat, hörte ich meinen Namen. Ich ſtand ſtille.„Der Horcher an der Wand,“ fiel mir ein,„hört ſeine eigene Schand;“ doch ich wollte ein⸗ mal meine Schande hören. Es war Clara's Stimme. „Aber mit Emilien geht es nun nimmermehr,“ ſprach ſie ſehr leiſe;„Du weißt, ſie hat keine Aus⸗ ſteuer, und die achttauſend Dollars— ⁴ *) Hier Name eines Dampfſchiffes— ſonſt der rotbe Fluß. —= 184— „Ja, die müßte er uns aufkündigen,“ verſetzte ihr Mann; ndenn er braucht ſie zur erſten Einrichtung und Vermehrung ſeines Sklavenſtandes. Mir käme dies ſehr ungelegen; wir haben gute zwanzigtauſend damit gewonnen.“ „Eben deßwegen dachte ich, Deinen Winken nicht Folge leiſten zu müſſen,“ lispelte ſie. „Aber mit der Tante wird gewiß nichts daraus,“ verſetzte er. „Wohl denn, laß ihn als Hageſtolz vegetiren; ohnedem iſt er ein wunderlicher Kauz. Kaum glaube ich, daß Emilie ſeine Rhapſodien beſonders lieb ge⸗ winnen dürfte.“ „Ja, das bin ich!“ murmelte ich, mich leiſe auf die Stiege zurückziehend.— In meinem Leben, glaube ich, war ich nicht ſchneller mit meiner Toilette fertig. Die Zeitung in der Hand, trat ich vor meine Freunde. „Nein, George!“ baten Richards und Clara,„Du darfſt nicht, Sie dürfen nicht gehen, nicht in dieſem Zuſtande gehen; Sie müſſen bei Ihren Freunden bleiben.“ Ich ſah der Yankeein lächelnd ins Geſicht, nahm — 185 6— lächelnd meinen Thee und entfernte mich mit einer artigen Verbeugung. Schlag zwölf Uhr war ich auf dem Wege zum Red⸗River, der eine halbe Meile weiter unten vor L— s Pflanzung hielt. V. Meine erſte Tonr an den Ved-Niver und Seyn und Wirken an dieſem. Auf dem Wege zum Dampfſchiffe ſiel mir meine erſte Tour an dieſen gleichnamigen berühmten Fluß ein, und dabei wurde mir zu Muthe, wie dem armen Sünder, der ſeinen letzten Gang in Begleitung des Sherifs*) geht; ein unbehagliches Widerſtreben aller Sehnen und Knochen, ein Kampf im Innern und Aeußern. Es war, als ob mich etwas zurückzöge; ein leichter Schauder vor der Zukunft begann mich zu beſchleichen. Und es war doch meine Heimath, mein Haus und Hof, wohin ich ging; aber was für ein *) Bekanntlich geſchehen die Hinrichtungen durch den Sherif. Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 13 — 0 186— Haus und Hof! Es ſind gerade neun Jahre, daß ich dieſes Tusculum mein nenne, und neun Jahre zwei Monate, daß ich im Beſttze dieſes freehold of these united states,*) wie wir es nennen, bin. Fünftau⸗ ſend Dollars hatten mir die Ehre verſchafft, Pflanzer Louiſiana's zu werden; ein„Pappenſtiel“ gratulirten mir ein Dutzend meiner Freunde— Landhändler; das Holz war zehnmal zehntauſend werth; es ſollten zwei⸗ tauſend Acker ſeyn, with due allowance for fences et roads.**) Ein halbes Jahr zuvor hatten die Zeitungen des ganzen Weſtens dieſe Red⸗River⸗Län⸗ dereien herausgeſtrichen: es war ein ſo köſtliches Zucker⸗ und Cottonland! ſechszehn Fuß tiefer Fluß⸗ ſchlamm! Egypten war eine Sand⸗ und Steinwüſte dagegen!— das Clima! nichts als Zephyrlüftchen, wie ſie in Eldorado und Arkadien nur immer wehen können. Ich Haſenfuß, der ich doch die vollen Backen ³) Freehold of these united states, ein Freigut. *r*) Due allowance for fences et roads. Jeder Landkauf hat im Contracte oder der Urkunde dieſe Formel, die ſo viel bedeutet, als daß z. B. nebſt den 2000 hier erwähnten Ackern noch die Beſugniß ertheilt iſt, ein gewiſſes Landmaß behufs der Einzäunungen und Wege anzuſprechen. — e 187— kenne, mit denen meine lieben Mitbürger vom Preß⸗ bengel zu poſaunen pflegen, wenn ein Dutzend Land⸗ ſpekulanten ihnen vorläufig die Zunge mit ein paar Schock Dollars geölt haben, ging in die Falle, und kaufte mich an in dieſem Fieberpfuhle, wo ein wohn⸗ liches Haus mich erwartete, mit zwei Negerhütten; die improvements,*) verſicherte mir der Landſpekulant, unter Brüdern zweitauſend Dollars werth. Es war im Juni, als ich beſagtermaßen ging, und, wie ich mich deutlich erinnere, mit derſelben Antipathie, und getrieben durch die Macht des Schickſals— wie Narren es nennen, und geſcheite Leute— durch die Macht unſerer eigenen, thörichter Weiſe eingegangenen Verhältniſſe. Ich war dazumal in New⸗Orleans, das letzte Segel hinter dem Great Bend**) ver⸗ ſchwunden; meine Freunde waren den Fluß hinunter *) Improvement, buchſtäblich Verbeſſerung. In den V. St. werden improvements vorzüglich die Bauten von Wohnhäuſern und Scheuern, und die Ausrottungen der Wälder genannt. Ein Stück Waldes ohne beurbarten Boden oder ohne Haus heißt Lands, mit Haus und Acker heißt es Improved Lands. *r) Great Bend, der große Buſen, den der Miſſiſippi unter der Hauptſtadt von Louiſiana bildet. 13*G — e 188= oder hinauf, oder über den See;*) in ganz New⸗ Orleans nichts mehr zu ſehen, als hohläugige Ne⸗ gerinnen, hemde⸗ und herrenlos, die wie Schakals heulend durch die Straßen liefen, und um die ver⸗ ſchloſſenen oder zerbrochenen Thüren und Fenſterladen umherſchlichen; beſonders in der obern Vorſtadt, wo bereits ganze Gaſſen leer und verödet ſtanden; die Häuſer offen, die Thüren und Fenſter zerſchlagen, der Samum herüberwehend von Veracruz, durch die ganze Stadt nichts zu hören, als das ſolenne Raſſeln der Leichenwagen, auf denen zwei, drei Särge auf und über einander lagen. Es war hohe Zeit zu gehen; denn das gelbe Fieber hatte ſeinen Triumpheinzug gefeiert und herrſchte wie ein Sieger, ein großer Kriegsheld in einer erſtürmten Stadt. Ich hatte als Bedeckung vier Neger, die alte fünf und ſechzigjährige Sibylle mit eingeſchloſſen, ein Kleinod, wie es ſelten zu finden iſt; denn die fürchtet nicht das gelbe Fieber, wohl aber das gelbe Fieber ſie. Cäſar und Tiber waren die zwei andern, und Vitell der dritte. Wir geben gern unſern Pferden *) Pontchartrain. — o 189— und Negern derlei hochtönende Namen, zum ab⸗ ſchreckenden Beiſpiele, glaube ich, für unſere eigenen Herrſcherlinge; denn ſeyd verſichert, auch bei uns fehlt es nicht an would be Caesars.*) Meine Gig hatte ich weislich zurückgelaſſen, dafür aber einen ungeheueren Leiterwagen meinem Freunde Bankes aus der Remiſe gezogen, auf dem ich mein ganzes Mobiliarvermögen zuſammengepackt, Woll⸗ decken und Aerte, Harken und Pflugſcharen, Cotton⸗ hemden und Töpfe. Ich, der Faſhionable, ſaß oben an, die Mappe meines neuen ſouveränen Beſitzthums in der Taſche, und nicht viel weniger ſtolz als ein derlei Souverain, von denen es einige in der Welt geben ſoll, die nicht einmal ſo viel Landes beſitzen. Wer ſo den Miſter Howard, der noch vier Monate zuvor den Reigen bei H.— und P— angeführt, in⸗ mitten dieſer Welt von Töpfen, Flaſchen, Bündeln, Stricken, Pfannen, ſah, der mußte lachen. Es lachte aber niemand, ſo gern ich es geſehen hätte; noch weinte eine Seele, denn Thränen waren damals in New⸗ Orleans ſelten. Man war ſo an den Tod gewöhnt, *) Would be Caesars, ein häufig gebrauchtes, un⸗ überſetzbares Doppelwort; ſo viel als: Cäſar ſeyn wollende. —= 190— und dieſer hatte alle Gefühle ſo abgeſtumpft, daß ſie ein ganz koſtbarer Artikel wurden. Aber ſelbſt wäre das gelbe Fieber nicht geweſen, ſo herrſcht bei uns wieder ſo viel geſunder Sinn, daß derlei Aufzüge nichts weniger als lächerlich erſcheinen, und die brillanteſte Schöne wird eben ſo willig mit ihrem neuen Bräutigam einen derlei Dearborn beſteigen, als die Landnymphe es in Begleitung ihres geliebten Tom thut. Und wer in unſern Hinterwäldern reiſet, wird oft Ueberraſchungen finden, von denen kaum einem Romanſchreiber träumen dürfte. Ein liebliches Ehepaar, inmitten des lururiöſeſten Ueberfluſſes auf⸗ erzogen, das ſich in die Einſamkeit der Wäͤlder zurück⸗ gezogen, ein ſchönes Stück Urwaldes erkauft, und da für ſich und ihre Kinder eine neue Exiſtenz begrün⸗ det. Man findet ſie häufig, dieſe Hütten, die bloß aus einer Stube und einer kleinen Küche beſtehen— in der Stube an den Wänden die Alltagskleider, ge⸗ wöhnlich von den zarten Händen der Dame gefertigt, daneben Sattel und Pferdegeſchirr, zuweilen eine Harfe, oder ein Pianoforte, aber auf dieſem die neueſten Nummern der American-, North- und — e 191 e— Southern-Rewiews,*) mit den Zeitungen der Con⸗ greßſtadt. So haben unſere Johnſons, unſere Living⸗ ſtons, unſere Ranſelaörs, und Hunderte, ja Tauſende von Familien, unſere Jefferſons und Waſhingtons angefangen, und wohl! wenn die künftige Generation dieſes Verjüngungsmittel der bürgerlichen Geſellſchaft nicht anekelt. Ich beſtieg, wie geſagt, meinen Dear⸗ born, um gleiches zu thun, und ſo geſchwind wie möglich das verpeſtete New⸗Orleans zu verlaſſen, da kein Dampfſchiff mehr zu ſehen und zu hören war. Juſt als ich mich inmitten meines Mobiliars nieder⸗ ließ, kam Cäſar mit einem ſo gut als neuen Mantel, wie er meinte, den er vor einem öden, verlaſſenen Hauſe in der Vorſtadt ſo glücklich zu entdecken ge⸗ weſen. Ich packte den Mantel mit einer Feuerzange und ſchleuderte ihn ſo weit vom Wagen, als ich konnte, zum großen Leidweſen Cäſars, der nicht begreifen konnte, wie man ein zwanzig Dollars werthes Ding ſo unceremoniös behandeln konnte. *) Amercian Rewiew, North-American-Re- wiew, Southern Rewiew, die drei großen Zeitſchriften der V. St.; die eine bekanntlich in Philadelphia, die andere in Boſton und New⸗York, die dritte in Charleſton herausgegeben. —= 192 6— Kein lebendiges Weſen war mehr zu ſehen geweſen, ſo weit das Auge durch die ſchnurgrade Straße reichte; auf der rechten Seite gegen die Vorſtadt Annunciation zu war Alles mit Brettern verpalliſadirt, darauf An⸗ ſchlagezettel, gleich Segeln, mit ellenlangen Buch⸗ ſtaben, die das infected*) einem eine halbe Meile ſchauen ließen, Proklamationen des Maire.— Die Proklamationen waren überflüſſig; New⸗Orleans ſah einem Kirchhofe ähnlicher, als einer Stadt; wir trafen nicht fünf Menſchen, als wir die neu ausgelegte Canalſtraße vorbeifuhren und die Levee hinauftrieben. Vor der erſten Pflanzung, wo wir hielten, um unſern Thieren Futter zu geben, waren uns Thüren und Thore vor der Naſe zugeſchlagen worden, und die menſchenfreundlichen Beſitzer, den lieben Beſuch ge⸗ ſchwinde los zu werden, ließen aus den Jalouſien des Hauſes ein paar Läufe herausblinken, die uns alle Luſt benahmen, die Gaſtfreundſchaft M—s ferner in Anſpruch zu nehmen. Wir kamen jedoch von New⸗ Orleans und durften nichts Beſſeres erwarten.— Cäſar, gleich ſeinem berühmten Namensahn, hatte *) Angeſteckt. —" 193— ſich nicht abſchrecken laſſen, war über das Geländer geſprungen, hatte einigen Dutzend Welſchkornſtängeln die Köpfe abgeriſſen, und ſie unſern Pferden vorge⸗ worfen; ein zerbrochener Krug diente, Waſſer aus dem Miſſiſippi zu holen, und nach einer halben Stunde fuhren wir weiter. Fünfmal, erinnere ich mich, hatten wir auf dieſelbe Weiſe zugeſprochen, und waren auf dieſelbe menſchenfreundliche Weiſe abgewieſen worden, bis wir endlich vor B— 8 Pflanzung kamen, eines Freundes von mir. Wir waren fünfzig Meilen in einer glühenden Atmoſphäre an mehr denn fünfzig Pflanzungen vorbeigefahren, deren jede wie fürſtliche Villa's ausſahen, aber Niemanden hatten wir noch geſehen. Da hoffte ich endlich Unterkunft zu finden, fand mich jedoch betrogen. „From New-Orleans?“*) fragte die Stimme mei⸗ nes Freundes durch die Jalouſien ſeiner Veranda. „To be sure,“*3) war die Antwort. „Then be gone friend and damned to you!“***) *) From New- Orleans? Von New⸗Orleans? *n) To be sure, verſteht ſich von ſelbſt. ns) Then be gone friendand damned to youl! So packen Sie ſich, lieber Freund, und ſeyn Sie verdammt! — 0 19½ 6— war die freundliche Antwort des lieben Miſters B— s8, der jedoch wieder die Artigkeit hatte, einen ungeheuren Schinken mit Zubehör, ſammt einem halben Dutzend Bouteillen vor die Thüre ſtellen zu laſſen, uns ſo, ohne ein Wort weiter zu verlieren, andeutend, daß wir gerne geſehen wären, wenn wir mit einer Cam⸗ pagne unter freiem Himmel fürlieb nähmen. Ich lachte herzlich, aß und trank, hüllte mich in meine Wolldecken und ſchlief, wie es der Präſident im weißen Hauſe ſicherlich nicht käann. Als wir am Morgen aufbra⸗ chen, rief ich ein Thank ye and be damned to you!*) zur Dankſagung, und ſo trabten wir weiter. In Baton⸗Rouge endlich, bei einem ausgepichten Fran⸗ zoſenmagen, dem weder die Moskowiter noch die Mamelucken etwas anhaben konnten, und der über das gelbe Fieber nur lachte, fanden wir am dritten Abende Nachtquartier, und fuhren am folgenden Morgen im Dampfſchiff Clayborne in den Red⸗River ein. Am Abende waren wir in meine Domaine ein⸗ gezogen. Madre santissimal ruft der Spanier in ſeiner Be⸗ *) Thank ye and be damned to you! Danke Ihnen und verdamme Sie— verſteht ſich G—tt! —=d 195 6— drängniß; was ich rief, weiß ich nicht mehr; nur ſo viel weiß ich, daß mir die Haare zu Verge ſtanden, als ich dieſe ſogenannten Improvements beaugen⸗ ſcheinigte. Das wohnliche Haus war eine Art Schweineſtall, nicht einmal aus Balken, ſondern aus Baumäſten zuſammengeflickt, ohne Thüren, Fenſter und Dach, und da ſollte der faſhionable Howard hauſen? und zwar zu einer Zeit, wo der Thermometer zwiſchen 95 und 100 varirte. Doch Noth kennt kein Gebot. Wir machten uns an die Arbeit, und in zwei Tagen ſtanden zwei ſo leidliche Hütten da, als je einen Backwoodsman aufnahmen, mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß, wenn es ſtark regnete, wir unter dem Cottonbaum, der in der Nähe ſtand, Zu⸗ flucht ſuchen mußten. Glücklicherweiſe waren jedoch fünfzig Acker beurbart, und dieß half. Wir pflanzten und hausten, ſo gut es ſich thun ließ; bei Tage ſäete und pflügte ich, bei Nacht beſſerte ich Riemenzeug, auch Löcher in den Inexpreſſibles aus. Von Geſell⸗ ſchaft waren wir wenig geplagt, denn mein nächſter Nachbar wohnte fünf und zwanzig Meilen von mir, und ſo verging der erſte Sommer. Im zweiten ging es beſſer, im dritten noch beſſer, und ſo fort, bis es — 196 G endlich leidlich wurde. Es läßt ſich Alles thun, und wenn der arge Napoleon ein wahres Wort geſprochen, ſo war es, als er ſagte: Impossible— c'est le mot d'un fou. Und dann eine Jagd⸗Excurſion in die Savannen Louiſiang's oder Arkanſa's! Es iſt etwas Eigenes in dieſen endloſen Wieſen⸗ wüſten, das den Geiſt erhebt, ihn, wir möchten ſagen, nervig und ſtark macht, ſo wie den Körper. Da herrſchet das wilde Roß und der Biſon und der Wolf und der Bär, und Schlangen zahllos, und der Trapper,*) alle an Wildheit übertreffend— Nicht der alte Trapper Coopers, der in ſeinem Leben keinen Trapper geſehen, aber der wirkliche Trapper, der Stoff zu Romanen geben könnte, die den pinſelhafteſten Pinſel begeiſtern müßten. *) Trapper, buchſtäblich Fallen⸗, Schlingenſteller, von trap, Falle. Das Weſen dieſer Art Menſchen wird weiter unten erklärt; es mag jedoch nicht überflüſſig ſeyn, beizufügen, daß durch eine neuerliche Congreßakte bloß geborene Amerikaner zum ſoge⸗ nannten Trapping und Hunting zwiſchen dem Miſſiſippi und dem ſtillen Ocean ermäͤchtigt ſind, vorzüglich, um den Britten jede Gelegenheit zum Verkehr mit den auf dem Grund und Boden der V. St. herumſchwärmenden Indianern und zur Aufwieglung der⸗ ſelben abzuſchneiden. — — o 197— Unſere Civiliſation, die edelſte, die ſich je gebildet und ſelbſtthümlich entwickelt, hat wieder eigene Miß⸗ geburten erzeugt, von denen die Civiliſation anderer Länder nichts weiß, und die nur einem Lande ent⸗ ſprießen können, wo die Freiheit unbeſchränkt iſt. Es ſind Auswürflinge, dieſe Trappers, großentheils, oder Geächtete, die dem ſtrafenden Arm des Geſetzes ent⸗ flohen ſind, oder auch unbändige Naturen, denen ſelbſt die rationelle Freiheit der Staaten noch Zwang daͤucht. Vielleicht iſt es ein Glück für eben dieſe Staaten, daß ſie gewiſſermaßen dieſes fogend*) an ihrem Lande beſitzen, wo die wilden Leidenſchaften austoben kön⸗ nen; denn im Buſen der bürgerlichen Geſellſchaft dürften ſie viel Unheil anrichten. Hätte zum Beiſpiel la belle France dieſes fagend während ſeiner großen Kriſen gehabt, wie viele ſeiner großen Krieger würden nicht als Trappers verſtoben ſeyn, und wahrlich! weder Europa, noch die Menſchheit wäre ärmer, wenn *) Fagend. Dieſes unüberſ etzbare Wort dürfte einer nähern Bezeichnung um ſo mehr werth ſeyn, als es häufig gebraucht wird; fagend nennt man das ausgezupfte Ende eines Strickes, das Werthloſe an irgend einer Sache; die Canadas z. B. werden ganz richtig das fagend von Amerika genannt. Hier heißen die Steppen zwiſchen dem Felſengebirge und Miſſiſippi fagend. —"o 198 c— ſie von den großen Werkzeugen des abſoluteſten Deſpotismus, den Maſſena's und Vandamme's und Sebaſtiani's und Davouſt's, und dieſen bordirten Leuten ſammt und ſonders wenig oder gar nichts wüß⸗ ten!— Man findet dieſe Trappers oder Hunters*) von den Quellen des Columbia⸗ und Miſſouriſtromes herab bis zu denen des Arkanſas und Red⸗River, an all den tributären Flüſſen des Miſſiſippi, die be⸗ kanntlich auf dieſer Seite durchgängig in den Rocky mountains entſpringen. Ihre ganze Exiſtenz dreht ſich um die Vertilung der Thiere, die ſich ſeit Jahr⸗ hunderten und Jahrtauſenden in dieſen Steppen und Fluren zuſammengehäuft haben. Sie morden den wilden Büffel, um Felle für ihre Kleidung, Haunches**) für ihr Mahl zu haben, den Bären, um auf ſeiner Haut zu ſchlafen, den Wolf, weil es ihnen Vergnügen macht; und ſie fangen und morden den Biber ſeines Felles und gelegentlich auch des Schwan⸗ zes wegen. Dafür erhalten ſie Pulver, Blei, Flanell⸗ *) Hunters, Jäger. **) Haunch, der Buckel auf dem Rücken des Biſon, der bei weitem beſte, ſchmackhafteſte und nahrhafteſte Theil am ganzen Thiere. b —*r —— —" 199 6— jacken und Hemden und Garne zu ihren Netzen und Whisky, um die Kälte in den Wintertagen abzuhalten. Sie ziehen häufig in Haufen von Hunderten hinüber in dieſe Wüſten, wo ſie öfters mit den Indianern blutige Fehden anfangen; gewöhnlich jedoch thun ſie ſich in Geſellſchaften von acht bis zehn zuſammen, zu gemeinſamem Schutz und Trutz vereinigt, eine Art wilder Guerilla's. Immerhin ſind jedoch dieſe mehr Hunters als Trappers, der wahre Trapper zieht nur in Geſellſchaft eines geſchworenen Freundes, mit dem er Jahr und Tag, öfters Jahre, aushält; denn es erfordert häufig Jahre, ehe ſie mit den Verſtecken der Biber bekannt werden. Stirbt der Gefährte, ſo bleibt der Uebriggebliebene im Beſitze der erworbenen Felle und des Geheimniſſes des Aufenthaltes der Thiere. Was anfangs Furcht vor dem Geſetze bei Vielen be⸗ wirkt, wird bald zum abſoluteſten Bedürfniß, und die ungeregelte, zur wilden Luſt gewordene, unbegränzte Freiheit würden nur Wenige für die glänzendſte Stellung in der bürgerlichen Geſellſchaft vertauſchen. Es leben die Menſchen das ganze Jahr hindurch in den Steppen, Savannen, Wieſen und Wäldern —= 200 G= der Arkanſas⸗, Miſſouri⸗ und Oregon⸗Gebiete,*) die in ihrem Buſen ungeheure Sand⸗ und Steinſteppen und wieder die herrlichſten Gefilde bergen. Schnee und Froſt, Hitze und Kälte, Regen und Sturm, und Entbehrungen aller Art haben ihre Glieder ſo abge⸗ härtet, ihre Haut ſo verdichtet, wie die des Büffels, den ſie jagen; die ſtete Nothwendigkeit, in der ſie ſich befinden, ſich auf ihre Körperkraft zu verlaſſen, er⸗ zeugen in ihnen ein Selbſtvertrauen, das vor keiner Gefahr zurückſcheut; eine Schärfe des Blickes, eine Richtigkeit des Urtheils, von der der Menſch in civi⸗ liſtrter Geſellſchaft ſich keinen Begriff machen kann. Ihre Leiden und Entbehrungen ſind oft gräßlich, und wir haben Trappers geſehen, die Leiden ausgeſtanden hatten, in Vergleich zu welchen die erdichteten Aben⸗ teuer Robinſon Cruſoés bloß Kinderſpiele ſind, und deren Haut ſich in eine Art Leder verdichtet, das mit der gegerbten Büffelshaut mehr Aehnlichkeit, als mit der menſchlichen hatte; nur Stahl und Blei vermoch⸗ ten durchzudringen. Es ſind dieſe Trappers eine *) Arkanſas⸗, Miſſouri⸗ und Oregon⸗Gebiete, die mit den zwei Staaten Loniſiana und Miſſouri beinahe das ganze weſtliche Gebiet der V. St. jenſeits des Miſſiſippi einnehmen. —=d 201 6— pſychologiſch merkwürdige Erſcheinung: in die wilde unbegränzte Natur hinausgeworfen, entwickelt ſich ihr Verſtand häufig auf eine Weiſe, ſo eigenthümlich ſcharfſinnig und ſelbſt großartig, daß wir an Einigen Lichtfunken wahrgenommen haben, deren ſich die größten Philoſophen alter oder neuerer Zeiten nicht geſchämt haben dürften. Die täglichen, ja ſtündlichen Gefahren, ſollte man glauben, müßten die Blicke dieſer verwilderten Men⸗ ſchen zum höchſten Weſen erheben; aber dem iſt nicht ſo. Ihr Gott iſt das Waidmeſſer, ihr Schutzpatron die Rifle,*) ihre feſte Hand ihr Hort. Den Men⸗ ſchen ſcheut der Trapper und der Blick, mit dem er den ihm in der Wüſte Begegnenden mißt, iſt ſeltener der des freundlichen weißen Bruders, als des Mord⸗ gierigen; denn Gewinnſucht wirkt hier— eine eben ſo mächtig ſcheußliche Triebfeder, wie in der civiliſirten Geſellſchaft, und gewöhnlich bezahlt von zwei ſich begegnenden Trappers einer mit dem Leben. Er haßt ſeinen weißen Nebenbuhler um die geſchätzten Biber⸗ felle noch weit mehr, als den Indianer; Letztern ſchießt * Rifle, Stutzer. Lecbensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. J. 14 —:= 202— er ruhig nieder, wie einen Wolf, Büffel oder Bären, Erſterem ſtößt er jedoch ſein Meſſer mit einer ſo wahr⸗ haft teufliſchen Freude in den Buſen, als ob er fühlte, daß er die Menſchheit von einem großen Mitverbre⸗ cher befreie. Viel trägt auch zu dieſer entmenſchten Wildheit bei, daß er die ſtärkſte Nahrung, die es wohl geben kann, das Fleiſch des Biſon, ohne Brod oder ſonſtiges Zubehör, Jahre lang genießt, und ſo gewiſſermaßen zum Raubthiere wird. Wir haben auf einem ſolchen Ausfluge, den wir in Geſellſchaft einiger Bekannten an den obern Red⸗ River unternommen, mehrere dieſer Trappers ange⸗ troffen, unter andern einen wetterverbrannten, von Sturm und Ungewitter und Entbehrungen aller Art ſo durch und durch gegerbten Alten, daß ſeine Haut mehr der Bedeckung einer Schildkröte, als der eines Menſchenkindes glich. Zwei Tage hatten wir in ſeiner Geſellſchaft gejagt, ohne daß uns etwas Beſonderes an dem Manne aufgefallen wäre; er bereitete unſer Mahl, das einmal aus einem Hirſchziemer, das an⸗ deremal aus einem Büffelhaunche beſtand, wußte den Aufenthalt und Zug des Wildes, und witterte beide genauer, als ſein ungeheurer Wolfshund, der ihm —= 203— nie von der Seite kam. Erſt am Morgen des dritten Tages entdeckten wir Einiges, das uns weniger zu⸗ traulich gegen unſern neuen Jagdgefährten machte. Es waren eine Menge Striche und Kreuze an dem Schafte ſeines Stutzers, die die Veranlaſſung zur Wahrnehmung des eigentlichen Charakters dieſes Mannes wurden. Dieſe Striche und Kreuze waren in Rubriken beiläufig auf folgende Weiſe geordnet: Buffaloes(Büffel).— Keine Zahl angegeben, da ſie wahrſcheinlich zu groß war. Bears(Bären) 19. Dieſe waren mit einfachen Strichen bezeichnet. Wolves(Wölfe) 13; mit Doppelſtrichen. Red Underloppers(rothe Zwiſchenläufer 4; wa⸗ ren mit vier Querſtrichen angedeutet. White Underloppers(weiße Zwiſchenläufer) 2; mit Kreuzchen notirt. Als unſer Gefährte den Schaft ſo aufmerkſam be⸗ trachtete, und ſich Mühe gab, den Sinn der Worte Underloppers zu erforſchen, fuhr ein grinſendes Lächelnd über die Züge des Alten hin, das uns auf⸗ merkſam machte. Ohne jedoch ein Wort zu verlieren, machte er ſich an den Büffelshaunch, den er unter dem 14* — 204 6— Raſen hervorzog, aus der Haut, in die er gewickelt war, nahm, und uns auftiſchte. Es war ein Mahl, wie es kein König beſſer haben kann, und das uns ganz den Stutzerſchaft vergeſſen machte. Auf einmal ſprach er mit einem tückiſchen Lächeln, ſein Rifle an ſich ziehend:„Look ye, it's my pocketbook. D'ye think it a sin to kill one of them two legged red — or white underloppers?“*) „Whom do you mean?“**) fragten wir. Der Mann lächelte wieder, und erhob ſich; wir wußten nun, wer die zweibeinigen Zwiſchenläufer waren, die er eben ſo ruhig auf ſeinem Schafte notirt hatte, als wären ſie, die er erſchoſſen, ſtatt Menſchen⸗ kindern wilde Truthühner geweſen. Wir fühlten uns weder berufen noch ermächtigt, an einem Orte, wo die bürgerliche Geſellſchaft und ihr rächender Arm aufgehört, als Richter aufzutreten, und ließen den Mann gehen. Dieſe Trappers kehren jedoch immer nach einem *) Es iſt mein Taſchenbuch. Dentket ihr, es iſt eine Sünde, einen dieſer zweifüßigen rothen oder weißen Zwiſchenläufer zu tödten? ⸗) Wen meint ihr? — —= 205 6— oder mehreren Jahren wenigſtens auf einige Wochen in den Schooß der Geſittung zurück, und zwar wenn ſie eine hinreichende Anzahl von Biberfellen geſam⸗ melt haben. Gewöhnlich fällen ſie einen hohlen Baum in der Nähe oder am Ufer eines ſchiffIbaren Fluſſes, machen ihn waſſerdicht, ziehen ihn in den Strom, packen ihre Felle und wenigen Habſeligkeiten darein, und rudern Tauſende von Meilen den Miſſouri, Arkanſas oder Red⸗River hinab nach Saint⸗Louis, Natchitoches oder Alexandria, wo ſie in Thierhäuten auf den Straßen umherſtarren, Erſcheinungen, die den Fremden nicht ſelten in die Urwelt zurückverſetzen. Doch wir ſind nun vor dem Dampfſchiffe, und es iſt Zeit, daß wir dieſen amüſanten und unamüſanten Betrachtungen ein Ende machen. VI. Die Fahrt am Red-River. Es war ein heiterer, heißer Junimorgen, als ich das Redriver⸗*) Dampfſchiff betrat. Die Sonne brannte *) Red⸗River, der rothe Fluß, der ſich unter Natchez auf — e 206 6— wie ein glühender Hochofen, kein Lüftchen wehte, nur der Strom hauchte erfriſchende Kühle aus ſeinen un⸗ geheuren Waſſermaſſen. Ich blickte noch einmal zurück zum Ufer, wo meine Quaſi⸗Freunde ſtanden, erwiederte ihre Grüße mit einem Hang ye*), und eilte dann in den Salon. Noch immer gellten mir die Worte in den Ohren: „Wohl denn, ſo laßt ihn als Hageſtolz vegetiren; ohnedem iſt er ein wunderlicher Kauz.“ Beinahe hätte mir mein Spleen gleich beim Eintritte in das Staatszimmer Händel mit einem meiner Reiſegefähr⸗ ten zugezogen, der in der Phraſe:„Gemeine tückiſche Seelen!“ die ich wiederholt ausſtieß, eine ehrenrüh⸗ rige Anſpielung auf ſeine werthe Perſon zu hören wähnte. Im Grunde genommen, hatte die pfiffige Boſtonerinn ſo unrecht nicht. Ich war wirklich ein ganzer Narr, achttauſend Dollars ſeit vier Jahren Menſchen hingegeben zu haben, die, um ſie noch an⸗ dere vier Jahre zu behalten, mir den hämiſchſten Streich ſpielten. Ich hätte aus der Hant fahren mö⸗ der weſtlichen Seite in den Miſſiſippi ergießt. Weiter oben bil⸗ det er die Gränze zwiſchen den V. St. und Meriko. *) Hang ye! Häng euch! Hol euch der Henker! —= 207— gen. Mein ganzes Weſen zuckte. Ich hatte weder Raſt noch Ruhe. „Qu'est ce qu'il y a donc, Monsieur Howard?“ ſprach mich plötzlich ein etwas bejahrter, aber ziemlich reſpectabel ausſehender Mann an:„Est-ce que vous etes indisposé? Allons voir du monde.“ Ich ſchaute den ſonderbaren Mann, der ſo ganz sans façon meine werthe Perſon in Anſpruch zu nehmen beliebte, mit großen Augen an, und war ſchon Willens, ihm recht vornehm befremdet den Rücken zu kehren, als er mich bei der Hand nahm, und ganz gemächlich zur Thüre des Damenſaales zog. „Allons voir, Monsieur Howard.“ „Mais que voulez-vous donc?“ fragte ich ziemlich aärgerlich den zudringlichen Menſchen. „Votre connaissance,“ erwiederte er ſardoniſch lächelnd, indem er die Thür auſthat, und mich ſo ins Innere des Salons blicken ließ. „Monsieur Howard!“ redete er zwei Mädchen an, die ſo eben beſchäftigt waren, ein Schock Ananaſſe und Bananen an den Säulen des Staatszimmers aufzuknüpfen, wie ſte in Alt⸗England mit den Söhnen Erins— und im Neuen— mit Zwiebeln zu thun —“= 208 8— pflegten.„Mes filles! voilà notre voisin! Monsieur Howard!“ Und ſie kamen auf mich zu, grüßten mich wie einen alten Bekannten, und boten mir, als hätten wir ſeit Jahren aus einer Schüſſel gegeſſen, von ihren füßen Vorräthen an. Das iſt doch zuvorkommend in der That! Ich könnte zehn Jahre bei meinen lieben Landsmänninnen herumreiſen, ohne in die Gefahr zu kommen, mir den Magen auf eine ſo ſüße Weiſe zu verderben. Ich mußte zugreifen; wir ſetzten uns und die Mädchen fingen an zu plappern und zu lachen, daß ich, ſo wehe es mir im Herzen that, nicht unter⸗ laſſen konnte mit einzuſtimmen. Eine ganz ange⸗ nehme Stunde war vergangen, und eine zweite und dritte würde gefolgt ſeyn, wenn meine angeborene virginiſche ſteife Etiquette mir dieſen Genuß inmitten der fröhlichen Geſchöpfe länger geſtattet hätte. „Wir nehmen unſern Thee hier, Papa!“ riefen die beiden Mädchen, als ich mich vom Seſſel erhob. Und wahrlich, ich habe Urſache dieſe Einladung und meinen Glücksſtern zu ſegnen; denn unſere Reiſe⸗ geſellſchaft iſt nichts weniger als gewählt. Ein ſonderbarer Schlag Menſchen! Beinahe ſollte man glauben, man ſey im alten Kentuck. Viehhändler —= 209 8— und Metzger von New⸗Orleans, die ſich nach den nordweſtlichen Counties ſpediren, halb wilde Jäger und Trappers, die von Begierde brennen, recht bald die Steppen jenſeits Nacogdoches*) zu ſehen, und da die Indianer zu civiliſtren, oder, beſſer zu ſagen, zu prellen, Krämer, in und um Alexandria herum angeſeſſen; dieſe bilden die ſogenannte reſpectable Maſſe unſerer Geſellſchaft, und eine derbe Maſſe iſts, nach der Dicke ihrer Sohlen und behuften Abſätze zu ſchließen.— Das dichte Laubwerk vor uns, ja, das iſt die Mündung des Red⸗Rivers! Sie iſt halb über⸗ wölbt von den ungeheuern Bäumen, die zu beiden Seiten über den Fluß hin hängen. Welch ein Con⸗ traſt mit dem Miſſiſippi, der hinſtrömt, breit, gewal⸗ tig und finſter, das leibhafte Bild eines nordiſchen Eroberers, der mit ſeinen ſtinkenden Horden hervor⸗ bricht aus ſeinen öden Steppen, um eine halbe Welt zu verwüſten, während der Red⸗River— den wir hochtrabend den Nil von Louiſtana mit gerade ſo viel Fug und Recht nennen, als ein Schuhmacher *) Nacogdoches, der erſte mexikaniſche Ort, auf den man ſtößt, wenn man Louiſiana verläßt. —= 210— irgendwo in Maſſachuſets ſeinen Sohn Alexander Cäſar Napoleon taufte— durchs Gebüſch und die Ebene hinſchleicht, wie die verrätheriſch lauernde gif⸗ tige Kupferſchlange,— Cocytus ſollte er heißen. Da ſind wir denn am Eingange des erſten Sumpfes, aus dem dieſer vermaledeite rothe Fluß herausſtrömt. Es iſt ein unheimlicher Anblick dieſer Sumpf, der, durch den Zuſammenfluß des Tenſaw, des White und Red⸗River gebildet, einen ungeheuren Spiegel des üppigſten Grüns dem Auge darbietet, das beim erſten Anblick eine Terra⸗Firma erſcheint, mit Bäumen, von denen Wurzel und graſiger Schlamm in langen Feſtons herabhängen. Eine ungeheure Wieſe, möchte man ſchwören, bis man allmälig die dunkelgrünen Sumpflilien ſich bewegen, und zwiſchen dieſen ſchmutzig⸗ braune häßliche Rachen ſich aufthun ſieht, die Töne ausſtoßen, vor denen der Neuling ſchaudert. Es ſind Hunderte von Alligatoren, die gleich Sechzigpfündern durch die üppig giftige Pflanzenwelt auf ihre Beute hinſchießen. Ihre Brunſtzeit hat begonnen, und das dumpfe ſchauerliche Gebrüll, das rings um uns her ertönt, hat wirklich etwas Grauenerregendes. Man glaubt ſich im Hauptquartier des Todes, der ſeine — 211— Pfeile in den tauſend verſchiedenen Fieberarten aus⸗ ſendet. „Boys a head,“ ſchallt die Stimme des Kapitäns. Wir haben den Sumpf paſſirt, und nähern uns dem Ufer, auf welchem ein ſchwarzbraunes Paar an einen Holzſtoß gelehnt uns erwartet. Wir nehmen Feuerung ein. Mein Auge folgte bewußtlos der Rotte, die ſich über die Bretter drängt, als ein wildes Lachen und die Worte tallow ſace an meine Ohren ſchlugen. So zeitlich ſchon, dachte ich, und ſo ganz in meiner Nachbarſchaft! und ich ſchritt über die Bretter an's Ufer hinan. Ja es war wirklich ſo, und das Opfer ſtand in dem armen Kaiſergardiſten leib⸗ haft vor mir. Seine Haut iſt bereits durchſichtig, aber es iſt dieſes eine Durchſichtigkeit, die ſcheußlich anzuſehen iſt. Die Farbe weder blaß noch gelb, eine Miſchung von Talglicht⸗ und Bronzefarbe, wir nen⸗ nen es tallow face, Unſchlittgeſicht. Um ſeine Augen glänzt bereits der weiße Ring; die Linſe rollt als wäre ſie von einem innerlichen Feind umhergetrieben. Der Neid, ſo fürchterlich vom alten Naſo gezeichnet, iſt Kinderſpiel gegen dieſen Anblick. Und doch ſcheint und iſt er gleichgültig.„Monsieur Devigne,“ rief ich — o 212— ihm zu,„comment ca va-t-il?““ Der Mann ſtarrt mich an, drückt mir die Hand und murmelt ein très⸗ bien, während die häßliche Negerin mich am Rocke zupft, und mir grinſend zuflüſtert:„Ah Massa! tal- low face, soon ague cake.*)“ Ich ſtieß das ekelhafte fühlloſe Weſen unwillig zu⸗ rück, und wollte einige Worte mit dem armen Fran⸗ zoſen ſprechen, als die Stimme des Capitäns wieder erſchallte:„All hands on board! Armer Teufel! dachte ich, als ich über die Brücke hinſchritt. Die Wüſten Egyptens, die Schlachtfelder Marengo's und Waterloo's haben dich verſchont, damit das Ague⸗ Fieber ſein Opfer nicht verliere. Und ſtatt des Be⸗ dauerns ſchallt ein wüſtes rohes Lachen vom Verdeck herüber. Beinahe ſcheint es, als ob ſie Freude über ſeine baldige Auflöſung empfanden. Welch eine Erſcheinung iſt doch der Menſch! Wäre dieſer Elende auf dieſen unheimlichen oder einen ähn⸗ lichen Peſtort von ſeinen Obern geſandt worden, *) Tallow face soon ague cake, ſo viel, als ſein Ge⸗ ſicht hat bereits das Ausſehen eines Talglichtes— bald wir er den Fieberkuchen haben. Dieſer letztere iſt eine Anſchwellung des Unterleibes und der unmittelbare Vorbote gänzlicher Anflöſung. — d 213 6— alles Gold der Erde würde kaum vermocht haben, ihn hier zu halten. Nun aber kam er aus freier Wahl, wahrſcheinlich vertrieben aus beſſerer Geſell⸗ ſchaft durch ſeine Verbindung mit der Schwarzen, und ſo fällt er denn ſeiner Leidenſchaft, ein vielleicht nur zu wohl verdientes Opfer. Das Plätzchen, wor⸗ auf ſeine Hütte ſteht, iſt nicht einmal ſein Eigenthum, aber das kümmert ihn nicht. Er hat einige Morgen Waldes gelichtet, Korn und Tabak hingepflanzt, und dieſe mit dem Verkauf des Holzes, friſten ſein Leben und würden ihn wahrſcheinlich wohlhabend gemacht haben, wenn dieſe häßliche Schwarze nicht ſein Ab⸗ zugskanal geweſen wäre. Einige Schritte rückwärts ſteht ſeine Hütte, und vor der Thüre wühlen ein paar nackte dunkelbraune Ungeheuer im Schlamm herum. Sie ſehen mehr Schweinen, denn menſchlichen Weſen ähnlich, aber ſie ſind geſund und munter, und ſie ſind es, die die Natur zu Bebauern dieſes Landes beſtimmt hat. Ihre Aeltern vegetiren ein paar Jahre, bis die ague cake ihren Leiden ein Ende macht. Sie haben ſich mühſam eine Hütte gebaut, im Schweiße ihres Angeſichts ein Plätzchen urbar gemacht, ihren Kindern kommt ihre Arbeit zu gut. Geboren in dem giftigen — 0 214 6— Qualme, gewöhnt an die peſtilenzialiſchen Ausdün⸗ ſtungen, ſind ſie von Mutterleib an gezeitigt und wachſen heran, ſo wie die Sumpfroſe unter giftigen Thieren und Pflanzen, um Kindern und Kindeskin⸗ dern Leben und Gedeihen zu geben. So entſprang die Bevölkerung Nieder⸗Louiſtanas, und ſo wird ſich der Same hier mehren. Der erſte iſt lange verwittert und vermodert; er kam von allen Weltgegenden, allen Ländern. Schuldner, Revolutionäre, Verbre⸗ cher, Exilirte, und wieder Männer, die ein beſſeres Schickſal verdienten; Alle haben ſie hier ihr Grab ge⸗ funden; aber gerade in dieſen werthloſen Geſchöpfen, wie wir ſie in unſerm Stolze nennen, zeigt die Natur ihre waltende Sorgfalt. Ja, was als der Krebs⸗ ſchaden der Welt betrachtet wird, der Abſchaum, die Hefe der civiliſirten Geſellſchaft, das dient ihr, dieſe Wildniſſe zu bevölkern, und uns— aus dieſer Saat vielleicht eine neue Art Heloten zu bilden, und ſo einen Schaden mit einem ärgern zu verkleiſtern. Ei, die Natur meint es gut, aber unſer froſtiger, kalkulirender, ariſtokratiſcher Geiſt— aber silentium! und kehren wir zu den Demoiſelles zurück, deren Namen ich, ſo wahr ich lebe, vergeſſen habe. Doch —= 215— da kommt mein freundlich zudringlicher Creole ſelbſt, und führt mich den holden Töchterchen zu. Eine derſelben liest den Guillaume Tell, und das andere ſchäkert mit einem ſchwarzen Mädchen ſo familiär, daß es der Mistreß Houſton Vapeurs verurſachen würde. Sie ſind, höre ich, auf ihrer Heimreiſe vom Urſu⸗ linerinnen⸗Kloſter in Neworleans, wo ſie ihre Erzie⸗ hung erhalten haben. Aber wo ſie den muſternden Feldherrnblick her haben, dürfte ſchwer zu errathen ſeyn. Doch nicht von den frommen Schweſtern, hof⸗ fen wir? Die ältere examinirt mein werthes Ich mit wahren Kenneraugen, gleichſam als wollte ſie ſich zuerſt überzeugen, ob der Verſuch ſich auch der Mühe lohne. Sie ſcheint um die Neunzehn herum zu ſeyn, und ſich ein wenig zum Embonpoint zu neigen. Es iſt wirklich amüſant, die comfortable Manier zu beobachten, mit der ſie zuerſt ſich ſelbſt im gegenüber hängenden Spiegel— und dann meine Wenigkeit mißt; ihr Blick gleitet vom Kopf zu den Füßen, der nähern Beaugenſcheinigung wegen, und um ſich zu überzeugen, ob man auch Stand halten könne. Nie⸗ mand wünſcht bei uns in einem ſo wichtigen Geſchäft —= 216— hinters Licht geführt zu werden. Doch ich werde bos⸗ haft, und ich ſollte wirklich meinem guten Geſtirne danken, daß es mich unter ſo liebe Menſchen gebracht. Wirklich liebe Menſchen! trotz des argen Kokettirens der Aeltern. Es würde einen ganzen Katalog füllen, alle die Items aufzuzählen, mit denen ſie das Damen⸗ zimmer vollgepfropft haben. Ein Glück, daß ſie alleinige Beſitzer, und folglich ausſchließende Gewalt in dieſem ihrem zeitweiligen Territorium haben. Sonſt müßte es Krieg geben. Sie führen eine halbe Briggsladung von Citronen, Orangen, Ananaſſen und Bananen mit ſich, und der Alte hat wenigſtens drei Dutzend Kiſten mit Chambertin, Lafitte und Medoc. Er iſt doch kein Weinhändler? Auf alle Fälle zeigt der Mann Geſchmack; er iſt erhaben über die gemeinen Stoffe Hollands, Gin und Whisky, bei deren bloßem Namen einem ſchon übel wird. Todes⸗ und Laſter⸗Eſſenzen ſollte man dieſe grünen und braunen Compoſtitionen nennen, zuſammengekocht von ſpitzbübiſchen Quackſalbern zur Schande und zum Verderben Uncle Sams. Und doch iſt dieſer Uncle Sam von Natur nichts weniger als ein Zecher, ja eher nüchtern und mäßig. Aber die unglückſeligen —= 217— Söhne und Töchter Erins!— Es thut mir leid, aber ich kann es nicht verhehlen, ſie ſind die Verführer. Und was das Schlimmſte iſt, ſie wollen nicht den guten Rath hören, den ihnen unſere Temperanz⸗Ge⸗ ſellſchaften ſo ſalbungsvoll ſpenden, ſie nüchtern und mäßig zu machen. Nein, ſie wollen abſolut nicht, noch wollen ſie die Zeitungen leſen, die zu gleichem Behufe für ſie etablirt ſind, zwei Dollars per annum; das heißt zwei Dollars, wenn voraus bezahlt, und drei, wenn am Ende des Jahres— oder gar nicht. Aber es iſt nicht artig ſo herumzuvagiren, und die lieblichen Demoiſelles allein zu laſſen. Wir haben ſonach beſchloſſen, unſern Thee en famille zu nehmen. Monſteur Menou jedoch hält ſich zu ſeinem Chamber⸗ tin. Und ich gedenke beide zu verſuchen. Sie, ich meine die Demoiſelles, ſind wirklich ganz nette Ge⸗ ſchöpfe, ſo heiter, ſo lebendig! Ihre Zungenfertigkeit iſt ganz einzig, und ihr naives Geplapper möchte einen Miſanthropen zum Lachen bringen. Aber es gibt Momente, wo man nun einmal trüb gelaunt ſeyn muß, Momente, wo das Gemüth von einer Windſtille niedergedrückt iſt, einer Windſtille, ſo lähmend und Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 15 —= 218 6— entnervend wie die, welche im heißen Auguſt nach einem weſtindiſchen Orkane eintritt. Das Bischen Vernunft, umhergetrieben und gelähmt im vorherge⸗ gangenen Sturme, iſt erſchöpft, der Körper ſelbſt hat ſeine Kraft verloren, und die Ruhe, die eintritt, iſt die unleidentlichſte Pauſe, ein ekelhafter Stillſtand. Jedes Objekt berührt dann unſere Sinne unangenehm, und unſer Verſtand erliegt hülflos wie das Schiff, das, auf ſeine Beamsends von den rieſig anſchwellenden Wellen geworfen, ſich nur allmälig oder gar nicht zur Thätigkeit aufrichtet. Ich war juſt in dieſer Lage. Nie hatte es mich— oder vielmehr meine Eigenliebe — ſo Schlag auf Schlag getroffen; erſtens dieſe tolle Liebe, dann die erlauſchte Entdeckung der Falſchheit meines beſten Freundes.— Wir hatten uns ſeit unſerer frühen Kindheit gekannt und geliebt, unſere Herzen und Börſen, und letzteres will viel bei uns ſagen, waren ſich wechſelſeitig offen; die Verſchieden⸗ heit unſerer Charaktere beſtand bloß in gewiſſen leich⸗ ten Schattirungen, in der Hauptſache ſtimmten wir wie zwei Uhren überein, die in ihren Sekundenſchlä⸗ gen abweichen, aber im Ausſchlage zuſammentreffen. Und nun—! Eine halbe Stunde mit dieſer verfüh⸗ —= 219— reriſchen Eva— und Freundſchaft und alles iſt dahin! Und, was das ſchönſte iſt, wäre ich guter Narr mit meinen achttauſend Dollars— nicht ein Deus ex machina erſchienen, ſo wäre Miſtreß Richard noch zu dato Miß Bowſtring. Ich konnte es nicht mehr aushalten; ich mußte hinauf ins Freie. Die Nacht iſt ſternenhell; bloß der Fluß iſt mit einem ſchmalen Nebelſtreifen überhangen. Wie hohle Schläge der Dampfmaſchine ſcheint es aus weiter Ferne herab⸗ zuprallen; es iſt das Gebrülle der Alligatoren; zwi⸗ ſchen dieſen die Klagetöne der Whippoorwill.— Kein einziges Licht am Ufer, aber Milliarden von Feuer⸗ käfern, die über die Cypreſſen und Papaws ein magi⸗ ſches Helldunkel verbreiten. Zuweilen ſtreifen wir ſo nahe am uUfer hin, daß die Zweige der Bäume raſſelnd an unſerm Boote zuſammenbrechen. Morgen denn um dieſe Zeit werde ich in meinem Tusculum ruhen, für heute wollen wir mit unſern winzigen Staats⸗ bettchen vorlieb nehmen! So eben kommt der Capitän mir anzuzeigen, daß endlich unſere lärmenden Reiſe⸗ compagnons zur Ruhe befördert ſind. Die Uhr ſchlägt zwölf. Ja dieſe Nacht; dieſe Träume! Es war mir, als 15* ——— —=0 220 6— ob alle Drangſalen meiner früheren Tage ſich über mich hingelagert, und in einem Vampyre vereinigt, meine Geiſtes⸗ und Körperkraft erdrückt und ausge⸗ ſogen hätten. Und ſo ſchwer wurde die Laſt, daß ich ausrief im Schlafe, und beinahe die ganze Geſellſchaft in Schrecken verſetzte. Ich hatte ihn wirklich abge⸗ ſchüttelt den Vampor, und fühlte mich erleichtert und ſo herzlich froh; denn ſollte dieſer liebenswürdige Spleen noch vierundzwanzig Stunden länger gedauert haben— wahrlich, ich hätte allen Umgang mit Men⸗ ſchen aufgeben mögen. Wohl denn! ein friſcher Windzug hat ſich erhoben, und der wird die anein⸗ ander ſchlagenden Segel ſchon wieder füllen. Das bon jour! des Creolen lautet jedoch ziemlich trocken und prüfend. Es ſcheint, als wollte er in meiner Miene leſen, ob ſeine Höflichkeit nicht wieder mit einer unartigen Steifheit vergolten werden dürfte. Wohl, ich will mir Mühe geben, die üblen Eindrücke zu ver⸗ tilgen. Es ſind gute Menſchen dieſe Creolen, nicht allzu geſcheidt, immer ſind ſie mir aber lieber als die pfiffigen Yankees, trotz ihrer näͤrriſchen Tanzluſt, die ſie ſelbſt nicht bei ihrer erſten Anſiedlung verläugnen konnten. Es muß toll genug ausgeſehen haben, wie —o——õ——— —— — d 221 6— ſie ſo in ihren Wolldecken umher trabten und fran⸗ zöſiſche Menuets aufführten.— Doch, es iſt zwölf Uhr, der Auszugsdampf läßt ſich hören, das Schiff nimmt wieder Feuerung ein. „Monsieur! voilà votre terre!“ ſagte der Creole, auf das Ufer und die Holzſtöße deutend. Ich blickte durch das Fenſter, und wirklich, ich finde, der Creole hat Recht. Wir hatten ſo lange mit den Demoiſelles geplaudert, daß Stunden und Meilen wie Augenblicke dahinflogen. Aber mein Aufſeher hat ſeit meiner Abweſenheit ein Holzlager für Dampfſchiffe errichtet. Wenigſtens eine Verbeſſerung! Und da iſt er ſelbſt, der leibliche Miſter Bleaks. Der Creole ſcheint gute Luſt zu haben, mich nach Hauſe zu begleiten. Ich kann es nicht hindern, hoffe jedoch, er wird nicht gar ſo artig ſeyn. Ich hoffe. Nichts abſchreckender als eine derlei Viſtte, wenn man Jahre lang von Haus und Hof entfernt geweſen; die Laren und Penaten eines Hageſtolzen ſind die ſorgloſeſten aller Götter. „Miſter Bleaks!“ ſprach ich, indem ich an ihn herantrat, der in ſeinem rothen Flanellhemde und Calicot⸗Inerpreſſibles und Strohhute ſich eben nicht ſonderlich um ſeinen Oberherrn zu kümmern ſchien, — o 222— „wollt ihr ſo gut ſeyn, die Gig und Koffer ans Ufer bringen zu laſſen?“ „Ah, Miſter Howard!“ erwiederte der Mann,„ſind Sie es! hatte Sie nicht ſo bald vermuthet.“ „Hoffe doch nicht unwillkommen zu ſeyn?“ erwie⸗ derte ich ein wenig ärgerlich über des Mannes echt pennſylwaniſche Trockenheit. „Sie ſind doch nicht allein gekommen?“ fuhr er in demſelben ſchulmeiſternden Tone fort.„Sind Sie?“ frug er, mich mit einem Seitenblicke meſſend.„Dachte, Sie würden uns ein Dutzend Blakie's mitbringen; wir brauchen ſie.“ „Est-il permis, Monsieur?“ fragte nun der Creole, ſeine Hand in die meinige legend, und auf das Haus hinweiſend. „Und das Dampfſchiff?“ bemerkte ich in einem Tone, ſo gedehnt, der einen nur mittelmäßig in der Phyſiognomik oder Pſychologie Bewanderten belehrt haben müßte, daß er wahrlich überflüſſig ſey. „Oh, das wird warten,“ erwiederte er lächelnd. Was wollte ich machen? ich mußte die Reiſe nach meinem Hauſe mit dem wunderlichen Mann antreten, ſo ſchwer es mir auch fiel. Und wahrlich, es fiel mir — 223 6— ſchwer! Es war ein gräulicher Anblick, ein Gräuel der Verwüſtung. Alles ſah ſo hinfällig, ſo verloren, ſo verdorben aus, daß mir der Ekel aufſtieg. So hatte ichs nicht erwartet.— Von der Einzäumung um den Hausgarten ſtanden bloß einzelne Fragmente; im Garten ſelbſt trieb das liebe Borſtenvieh ſein Weſen. Und das Haus! Gott ſey mir gnädig! Keine Scheibe ganz; alle Fenſterrahmen mit alten Hoſen und Kitteln und zerriſſenen Weiberröcken ausgeſtopft. Ich konnte keine Orangen⸗ und C Citronenlauben er⸗ warten, ich hatte ſie nicht gepflanzt; aber dieß’— nein, es war wirklich zu arg. Jedes Gemälde ſollte ſeine Schattenſeite haben, wenn es nicht ein à la Presco⸗Gemälde iſt; aber hier war Alles Schatten— Nacht. Keine lebendige Seele zu ſehen während unſerer Tour vom Ufer durch die modernden Rieſenſtämme, zwiſchen denen wir uns durchzuwinden hatten. Hier endlich läßt ſich etwas Lebendiges ſehen. Es iſt ein Trio ſchwarzer Unge⸗ thüme, die mit Marius und Sylla ſich im Kothe herumbalgen, ein halbes Hemde am Leibe, und ſchmutzig wie es nur Menſchenkinder ſeyn können. Und die Affen, ſie ſtarren mich mit ihren rollenden — e 224— Augen an, und galopiren dann lachend hinters Haus. Ahl die alte Sybille! Sie ſteht vor einem Keſſel, der von einer Stangenpyramide herabhängt: ein wahres Contrefait der Macbethiſchen Heren. Nun ſtarrt ſie auf, ohne ſich jedoch zu bewegen. Ich muß ihr ſchon ſelbſt meine Aufwartung machen. Ah, nun erkennt ſie mich, und kommt mit ihrem ungeheuren Löffel auf mich zugewackelt. Es wundert mich, daß ſie ihren Truthahnkragen noch nicht umgedreht, der mich fünf und ſtebenzig Thaler koſtete. Nun rennt ſie und ſchreit und weint vor Freuden. Ein Weſen denn wenig⸗ ſtens, das Freude bei meiner Ankunft äußert. Und die Aengſtlichkeit, mit der ſte auf den Keſſel und die drei Pfannen hinſieht, in denen Schinken und getrock⸗ netes Schweinefleiſch kochen; ſte iſt augenſcheinlich noch nicht mit ſich eins, ob ſite Keſſel und Pfannen oder mich im Stiche laſſen ſoll. Doch der Creole ſcheint ihren Jammer aufs höchſte zu ſteigern. Sie erhebt ihre gellend durchdringende Stimme, niemand läßt ſich jedoch blicken.. „Et les chambres,“— heult ſie,„et la maison et tout, tout—“ Ich wußte nicht, was ſie mit ihrer Jeremiade = 225— wollte. Sie deutete auf meinen Begleiter, krächzend: „Mais Arworch en pourrais-je seulement un moment — Tenez-la, Massa!“ bat ſie, indem ſie mir den Löffel hinhielt und eine Bewegung des Umrührens machte, und wieder auf das Haus deutete „Que voulez-vous done!“ rief ich aufgebracht, und nun kam die Aufklärung: die Zimmer waren nicht gereinigt, nicht gelüftet, kurz, in einem Zuſtande, der nicht zuließ, daß ein Fremder ſie betrete. Sie brauchte nichts als eine kleine Viertelſtunde, ſte in Ordnung zu bringen, und während dieſer Zeit würde ich wohl ſo gut ſeyn, der Ehre des Hauſes wegen einſtweilen das Gemüſe und die Fleiſchklumpen im Keſſel umzuwenden, und die Pfannen dabei nicht ver⸗ geſſen. Ich hieß ſie zu allen Teufeln gehen und kehrte mich dem Hauſe zu. Einen Troſt hatte ich, den näm⸗ lich, daß meines Begleiters Reſidenz wahrſcheinlich nicht glänzender, wenn ja noch ſo gut war; dieſe Creolen oberhalb Alexandria leben noch wie die halben Indianer. Auch ſchien Monſieur Menou der horrible Zuſtand meines Hausweſens gar nicht zu befremden. Als wir in den Salon kamen, fand ich, ſtatt der Sopha's und Seſſel, Haufen von grünem — o 226 6— und mexikaniſchem Cotton⸗Samen; in einer Ecke alte Wolldecken, in der andern einen Waſchkübel. Die Zimmer waren noch ärger hergenommen: in meinem Schlafkabinette hatte Bangor ſeine Reſtdenz aufge⸗ ſchlagen, und die Musquittovorhänge waren wahr⸗ ſcheinlich in Miſtreß Bleaks Behauſung gewandert. Ich eilte aus dieſer gräuelvollen Unordnung dem Hofe zu. Mein ganzes Weſen war aufgeregt. „Mais tout cela est bien charmant!“ ſprach der Creole. Ich ſchaute den Mann an; er war ganz ernſthaft. Ich ſchüttelte den Kopf, denn fürwahr ich war nicht in der Laune, Spott zu ertragen. Der creoliſche Plagegeiſt jedoch ergriff wieder meinen Arm und zog mich den Hütten meiner Neger und weiter den Cottonfeldern zu. Es waren die üppigſten Felder trotz der gränzenloſen Nachläſſigkeit; der unglaublich fette Boden hatte die Stauden beinahe mannshoch hinaufgetrieben, und es war im Juni. Der Creole prüfte mit Kenneraugen und ſchüttelte den Kopf. Die Glocke ertönte vom Dampfſchiffe her. Gott ſey Dank, dachte ich. „Monsieur!“ ſprach er,„la plantation est bien — o 227— charmante, mais ce Mistère Bleak ne vaut rien, et vous— vous étes trop gentilhomme.“ Ich verbiß das derbe Compliment, meine Zähne knirſchten jedoch unwillkührlich. „FEcoutez!“ fuhr er fort,„vous irez avec moi.“ „Moil“ ſprach ich. Iſt der Mann toll, mir einen ſolchen Vorſchlag zu thun, kaum zehn Minuten nach⸗ dem ich mein Haus betreten! „Qui, oui Monsieur!“ ſprach er,„vous irez avec moi. J'ai des choses bien importantes à dirc.“ „Mais Monsieur!“ erwiederte ich ziemlich froſtig, „je suis bien étonné d'une proposition si étran- gere—. „Et faite par un étranger,“ fügte der Creole lächelnd hinzu.„Mais vraiment, Monsieur Howard! vous êtes venu sans prendre les précautions néces- saires comme je vois—— et la fièvre. Ahl Mon- sieur, quand on est forcé de s'échapper de ses amis!—“ Ich blickte den Mann ſtaunend an; woher wußte er dies? Die Glocke ertönte ein zweites Mal. „Eh bien!“ fragte er,„plait il ou non?“ Ich ſtand verlegen, ſinnend, ärgerlich.„Jaccepte —— —= 228 6— votre offre,“ ſprach ich endlich meiner ſelbſt nicht bewußt, und eilte ſchnell mit ihm dem Dampfſchiffe zu. Miſter Bleaks ſchüttelte verwundert den Kopf. Ich bedeutete ihm, etwas mehr Acht auf die Pflan⸗ zung zu haben, und wollte eben die auf das Dampf⸗ ſchiff führenden Bretter betreten, als meine fünf und zwanzig Neger heulend hinter dem Hauſe hervorge⸗ rannt kamen. „Maſſa! um Gotteswillen, Maſſa, bleibt beiuns!“ riefen die Männer.„Maſſa, guter, lieber Maſſa, nicht gehen! Miſter Bleaks!“ heulten die Weiber. Ich winkte dem Capitän, eine Weile zu halten. „Was fehlt Euch?“ fragte ich ein wenig betroffen. Einer meiner Sklaven trat vor und entblößte ſeine Schultern, zwei andere folgten ſeinem Beiſpiele. Ich warf einen durchbohrenden Blick auf Miſter Bleaks, der grinſend lächelte. Es war für meine Ehre und mein Gewiſſen ein wahrhaft rettender Mo⸗ ment, der meine armen Neger herbeigeführt hatte. In der Tollheit meines Weſens wäre ich dem Creolen gefolgt, ohne mich auch nur im Mindeſten um das Loos von fünfundzwanzig Menſchen zu erkundigen, die ich unter ſo ſchlechten Händen gelaſſen. Ich ent⸗ —=0 229 9— ſchuldigte mich kurz beim Creolen, verſprach einen baldigen Beſuch, um nähere Aufklärung über ſeine räthſelhaften Worte zu erhalten, und verbeugte mich. Der Mann erwiederte kein Wort, rannte über die Bretter, wisperte dem Capitän etwas in die Ohren und verſchwand in dem Staatsſalon. Ich hatte weder Zeit noch Luſt mich länger mit ihm zu befaſſen, war ſchweigend, umgeben von meiner ſchwarzen Bevölkerung, dem Hauſe zugegangen. Das Dampfſchiff ging ſo eben ab, als mich etwas am Arme anfaßte,— es war der Creole. Nun bei Gott, das i*ſt zu toll! Es fehlte nur noch, daß er ſeine beiden Demoiſelles auch mitbrachte. Der Mann jedoch ſprach ganz trocken:„Vous aurez besoin de moi avec ce coquin-là. Nous nous arrangerons, demain viendra mon fils et après-demain vous irez avec moi.“ Ich ſchwieg und lies den Mann reden, denn wirklich ſeine Zudringlichkeit ſchien an Narrheit zu gränzen. Meine armen Neger und Negerinnen weinten und lachten vor Freude; die Kinder ſchmiegten ſich an ihre Eltern; Alle aber hingen mit erwartendem Blicke an mir. Ich befahl ihnen, in ihre Hütten zu gehen, von woher ich ſie rufen laſſen würde. —=0 230 G— „Damn these blakies!“*) ſprach Miſter Bleak, als ſie den Rücken gewandt hatten:„ſie haben ſchon lange nicht wieder die Peitſche gekoſtet.“ Ich gab dem Manne keine Antwort, bedeutete der alten Sibylle, Beppo und Miza zu rufen, und winkte ihm, ſich zu entfernen. „Das ſoll wohl gar ein Verhör ſeyn?“ höhnte Miſter Bleaks;„da wollen wir auch dabei ſeyn. „Keine eurer Unverſchämtheiten, Miſter Bleaks!“ ſprach ich; verwartet meine Verfügungen und entfernt euch. „Und keine Ihrer Vornehmheiten,“ erwiederte der Miſter.„Wir ſind in einem freien Lande, und Sie haben keine Neger vor ſich. u Der Mann trieb mirs ein wenig zu bunt.„Miſter Bleak,“ ſprach ich mit ſo vieler Faſſung, als ich ver⸗ mochte,„ihr ſeyd hiemit entlaſſen. Eure Anſtellung geht bis 1. Juli; wir haben noch zwanzig Tage, ſie ſollen euch bezahlt werden.“ „Ich ſetze keinen Fuß von der Schwelle, bis ich *) G-tt verdamme dieſe Schwärzlinge, Schwarzköpfe. —= 231 6G— meinen Gehalt und Auslagen und Vorſchüſſe empfan⸗ gen,“ erwiederte der Mann trocken. „Bringt mir eure Rechnungen,“ erwiederte ich. Das Blut fing an in meinen Adern zu kochen. Der Mann hatte durchs Fenſter ſeinem Weibe zu⸗ gerufen, die zur Thüre hereinkam; nachdem ſie einige Worte mit einander gewechſelt hatten, entfernte ſie ſich wieder. Ich hatte unterdeſſen meinen Koffer geöffnet und einige Rechnungen, Briefe, OQuittungen durchgeſehen. Das Weib kam mit den Rechnungsbüchern herein, und ſtellte ſich mit geſpreizten Armen hin. Ihr Mann ging ganz gemächlich in die nächſte Stube, brachte zwei Seſſel, und die beiden Cheleute ſetzten ſich. Wahrlich, unſere liebe Freiheit hat doch auch ver⸗ wünſcht viel Unbequemes! „Den 20. December fünfundzwanzig Ballen Cot⸗ ton, vier Fäſſer Taback in Blättern an Mr. M—n abgeliefert,“ begann er;„den 24. Jänner dito fünf⸗ undzwanzig Ballen und ein Faß Taback in Blättern. „Richtig!“ erwiederte ich. „Das war unſere ganze Ernte,“ fuhr der Mann fort. — d 232 6— „Ein ziemlicher Abſtand vom vorletzten Jahre,“ bemerkte ich,„fünfundneunzig Ballen und fünfzig.“ „Wenns dem Gentleman nicht recht iſt, ſo hätte er nicht in der halben Welt herumvagiren ſollen,“ fuhr Miſter Bleaks heraus. „Und uns da in dieſem Fieberpfuhle verſchmachten laſſen, ohne Geld und Alles,“ bemerkte Miſtreß Bleaks. „Weiter!“ ſprach ich zu ihrem Manne. „Das iſt Alles; davon habe ich von Mr. Men empfangen als Beſoldung ſechshundert Dollars, kom⸗ men mir noch dreihundert Dollars zu.“ „Gut!“ erwiederte ich. „Ferner,“ fuhr der Mann fort,„für Wälſchkorn⸗ mehl und Schinken und geſalzenes Schweinefleiſch und Wolldecken und Cottonzeuge ausgelegt vierhundert Dollars, macht ſiebenhundert; ferner viertauſend Zaunpfoſten zu Fenceriegeln: Summa ſtebenhundert vierzig Dollars.“ Ich rannte um Schreibzeug und Feder nach der Stube, wo die Trümmer meines Sekretärs ſtanden, ſchrieb einen Gutſchein an meinen Banquier, und —=0 233 6— kehrte zurück. Dieſen Menſchen wollte ich um keinen Preis länger im Hauſe haben. „Erlauben Sie,“— ſprach der Creole, der dem Vorgange als ſtummer Zeuge zugeſehen hatte, indem er nach dem Papiere griff. „Vergebung, mein Herr!“ erwiederte ich beinahe aufgebracht über des Mannes Zudringlichkeit; vin dieſen Angelegenheiten wünſche ich mein eigener Herr und Rathgeber zu ſeyn.“ „Halten Sie ein, und erlauben Sie mir einige Fragen an Mister Bleaks,“ fuhr der Mann fort, ohne ſich durch meine Abweiſung irre machen zu laſſen.„Will Herr Bleaks ſeine Rechnung nochmals leſen?“ „Wüßte nicht warum! Kümmert Euch ums Eu⸗ rige!“ war die Antwort. „Dann will ichs für Herrn Bleaks thun,“ ſprach der Creole. „Den 20. December fünfundzwanzig Ballen Cotton und vier Fäſſer Tabaksblätter an Mr. Mn abge⸗ liefert. Iſts nicht ſo?“ Mister Bleaks gab keine Antwort. „Den 23. December zwanzig Ballen Cotton und Lebensbilder a. d. weſtl. Hemiſph. I. 16 —= 234 6— ein Faß Tabak an Mr. G- g abgeliefert. Iſts nicht ſo?u Die beiden Eheleute fingen an die Farbe zu ver⸗ lieren. „Den 24. Januar fünfundzwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak abgeliefert,“ fuhr der Creole fort,„und den 10. Februar wieder zweiundzwanzig Ballen Cotton und zwei Fäſſer Tabak an Mr. G— g abgeliefert. Iſts nicht ſo?“ „Verdammte Lüge!“ platzte der Aufſeher heraus. „Die wir ſehr bald zu beweiſen gedenken,“ fuhr der Creole fort.„Herr Howard, Sie haben an dieſen Mann eine Anforderung von netto zweitauſend fünf⸗ hundert zehn Dollars, um die er Sie ſchändlich be⸗ trogen; fünfhundert Dollars werde ich ſpäter nach⸗ weiſen.“ Das Ehepaar ſchnaubte vor Wuth; ich war wie aus den Wolken gefallen. „Wir müſſen eilig mit dieſen Menſchen ſeyn,“ wis⸗ perte mir der Creole zu,„ſonſt ſind ſie verſchwunden, ehe man es ſich verſteht. Senden Sie ſogleich zum Friedensrichter M. wegen des Verhaftsbefehls, und geben Sie dem Sherif und beiden Conſtables einen —= 235 6— Wink. Unten kann er nicht hinaus; er wird es aber oben verſuchen.“ Ich traf ſogleich die Anſtalten, und ſandte Bangor, meinen gewandteſten Burſchen, ab. Der Junge hüpfte vor Freude. „Und an das Haus G- gs,“ bemerkte der Creole, „muß ſogleich geſchrieben werden.“ In einer Stunde war Alles geſchehen. Der Mon⸗ tezouma kam ſo eben den Fluß herab. Wir riefen den Capitän an's Land, gaben ihm einige Winke wegen des Vorgefallenen, empfahlen ihm unſere Briefe, und waren ſo eben im Begriffe, ihn zu ſeinem Boote zu begleiten, als eine Geſtalt ſich durch die Baumſtämme hinſchob und wand, und längs dem Holzſtoße ſich dem Dampfſchiffe zu ſchlich. Es war Mister Bleaks, ſo eben im Begriffe, eine Excurſion nach New⸗Orleans zu machen. Wir fanden den ehr⸗ lichen Mann unter den Schiffsleuten und bereits zum halben Neger mittelſt Kohlenruß geſchwärzt. Natür⸗ lich unterblieb die Reiſe, und vier handfeſte Geſellen beförderten ihn wieder in ſeine Wohnung. Für ein zweites Reißaus hatten wir geſorgt, und am folgenden Morgen wanderte der Mister in feſteren Gewahrſam. 3 16* —= 236 6— „Aber lieber Monſieur Menou!“ fragte ich den Mann, als wir bei Tiſche ſaßen, und er ſo eben die zweite Bouteille von ſeinem Chambertin öffnete; denn auch dieſen hatte der gute Mann nicht vergeſſen,— „wie kommt es doch, daß Sie ſo viele unverdiente Theilnahme an mir bewieſen?“ „Ci, ei! Ihr gebornen Bürger⸗Ariſtokraten, ſollte ich ſagen,“ verſetzte der Mann halb lächelnd, halb ernſt,„Ihr könnt dieß freilich nicht begreifen in Eurem echt republikaniſchen, ſtarren, ſtolzen Egoismus, der nur auf ſich ſelbſt denkt und vornehm auf uns Creo⸗ len und die übrige Welt herabſchaut, als Weſen einer untergeordneten Race; aber wir vergeſſen uns auch nicht, gedenken jedoch auch unſerer Nachbarn. Ihre Affairen, ſowohl des Herzens— als der zeitlichen Güter— ſind mir ganz genau bekannt, und wie Sie ſehen, weiß ich guten Gebrauch davon zu machen.“ Ich drückte dem Manne herzlich und ſchweigend die Hand. „Wir lieben Euch nordiſche Herren nicht ſi onderlich, aber Sie machen eine Ausnahme; Sie haben etwas von der franzöſiſchen Etourderie im Geblüte, und vieles von unſerer Generoſität.“ — 237— Ich lächelte über den vorgehaltenen Sittenſpiegel. „Sie haben ſich von Ihren Freunden lange zum Beſten halten laſſen, und man amüſirt ſich über den Korb, den Sie für bloſes Beſchauen empfangen.“ Ich ſprang von der Tafel auf.„Bei allen T— n!“ „Ja, ja, mein Herr! laſſen Sie das gut ſeyn; Emilie Warren iſt ein treffliches Mädchen, aber doch eine Yankeein, für Sie zu geſcheit.“ „Danke fürs Compliment.“ „Morgen kommt mein Sohn; Ihre Pflanzung be⸗ darf nur einer feſten Richtung, und eines kleinen Kapitals von acht⸗ oder zehntauſend Dollars, dann kann ſie ſich in ein paar Jahren mit jeder am Miſſi⸗ ſippi meſſen. Mein Sohn wird ihr dieſe Richtung geben, und Sie bleiben einige Monate bei mir. ¹ „Aber Mister Menou!“ „Keine Aber, Herr Howard! Sie haben die nöthi⸗ gen Summen; Sie ſchaffen noch zwanzig Hände her⸗ bei— für gute wollen wir ſorgen. Morgen das Weitere.“ Am Morgen kam der junge Menou, ein ſchlichter, gewandter Jüngling von etwa zwanzig Jahren. Der Tag verging in Beſichtigung der Pflanzung. Der — 0 238 6— junge Menſch hatte mein volles Zutrauen in wenigen Stunden gewonnen. Ich empfahl ihm die Meinigen, und am Abende ſchifften wir uns nach ſeines Vaters Pflanzung in Ploughboy*) ein. VII. Nicht ſehr intereſſant, aber ganz natürlich. Der gute Creole hatte chriſtlich an mir gehandelt. Als wir vor dem Hauſe des Friedensrichters anhiel⸗ ten, und ich ihm— er war bereits im Schlafrocke,— die Urſachen meines Anſuchens um Verhaftung Mister Bleaks eines weitern auseinander ſetzte, kam mir der gute Mann mit dem naiven Geſtändniſſe entgegen: „Wußte Alles, lieber Mister Howard, ſonnenklar; ſah jeden Ballen, um den er Sie beſtahl, oder beſteh⸗ len wollte.“ „Aber ums Himmelswillen, Mann!“ fuhr ich her⸗ aus,„warum ließen Sie dieſes ſo angehen?“ „Weil es mich nichts anging, Lieber!“ verſetzte er mir trocken. *) Ploughboy, der Name eines Dampfbootes. —= 239 6— „Hätten Sie wenigſtens meinen Anwalt benach⸗ richtigt.“ „Ging mich nichts an,“ war wieder die Antwort; doch plötzlich ſeine Augen ſtarr auf mich richtend, fing er ziemlich derb an, mir eine Art Strafpredigt zu halten, auf die ich nichts weniger als gefaßt war. „Ei, ei!“ begann er, die Schlafhaube aufs linke Ohr ſetzend,„da kommt Ihr jungen Herren mit Eurem Dutzend Blakies aus dem Norden, werft dem County ein paar tauſend Dollars zu, glaubt dafür gemächlich den Abſentee⸗Gentleman ſpielen zu können, und uns recht ſehr zu beehren, wenn Ihr uns die Mühe über laſſet, Euch die Dollars und Banknoten zuſammen⸗ zuſcharren und nachzuſchicken, daß Ihr ſie oben oder gar außer Landes verzehren möget. Mir thuts bei⸗ nahe leid, Mister Howard, daß Sie nicht ſechs Mo⸗ nate ſpäter kamen.“ „Und ſo dem Wichte Zeit ließ, ſich mit der Beute davon zu machen?“ „Er hat wenigſtens gearbeitet, und hat Weib und Kind, und iſt dem County und dem Lande nützlich geworden.“ „Ei der Teufel!“ fuhr ich dazwiſchen.„Nun wirk⸗ —= 240— lich, für einen Friedensrichter haben Sie einen ſon⸗ derbaren Codex.“ „Der weder von Boni, noch von Livingſton, aber echt patriotiſch iſt,“ verſetzte der Mann ernſt, auf die Stirne deutend. Ich ſah ihn mit aufgeriſſenen Augen an; aber er mich auch. So unrecht hat er im Grunde nicht. Worin beſtünde auch der Unterſchied zwiſchen einem Louiſtaner oder Virginier, und einem iriſchen oder engliſchen Ariſtokraten? Bei uns iſt jedoch noch nicht viel Gefahr vorhanden. Echt vornehme Reiſeunter⸗ nehmungen gedeihen nun einmal nicht; mich wenig⸗ ſtens hätte mein Verſuch bei einem Haare dreitauſend Dollars gekoſtet So, wie die Sachen ſtanden, waren ſie jedoch gerettet: die Gelder noch in den Händen der Meſſieurs G— 8, die wahrſcheinlich in dieſem Punkte wie Squire Turnips dachten. Ich übergab dem Manne die nöthigen Vollmachten und Papiere, wünſchte ihm eine gute Nacht, und wir ſchüttelten einander herzlich die Hände. Der Morgen graute bereits herauf, als wir das Dampfſchiff zum zweiten⸗ mal verließen, um eine Carroſſe zu beſteigen, die zwar ſchrecklich aus der Mode war, uns aber raſch fort⸗ —“= 241— brachte. Eben hatte ich mich wieder dem lieblichen Morpheus in die Arme geworfen, als eine ſanfte Stimme nicht zehn Schritte von uns rief:„Les voici!“ Ich blickte auf, rieb mir die Augen,— es war Louiſe, die jüngere Tochter des Creolen, die vor der Veranda ſtand, und uns willkommen hieß. Welche von unſern lieben nordiſchen Evatöchtern würde wohl dahin zu bringen geweſen ſeyn, des Papa willen um ſechs Uhr ihr jungfräuliches Lager zu verlaſſen, und für uns ſchwarzen Kaffee bereit zu halten, damit die böſen Ausdünſtungen nicht unſern Appetit verdärben? Monſieur Menou ſchien jedoch in der hingebenden Aufopferung ſeines Töchterleins gar nichts Außerordentliches zu finden, und zögerte nicht, Erkundigungen einzuziehen, ob die Leute bereits ihr Frühſtück im Leibe, und den Pflug und das Grabſcheit in der Hand hätten. Auch über dieſen Punkt wußte Louiſe Auskunft. Zugleich erwies es ſich, daß ſie ſich in den vierundzwanzig Stunden ihres Daheimſeyns ziemlich tief in die Verhältniſſe ihrer ſchwarzen Liege⸗Subjekte einſtudirt habe. Tom hat ſich nämlich einen Splitter in den Fuß gerannt, Pom⸗ pey hatte Augenweh, er ſchielte ſtark nach Sarah, —= 242 6— und Curgy hatte eine neue Eroberung am Cato eines Nachbarn gemacht;— alles Dinge, die zwar für Menou und Louiſen ſehr intereſſant ſeyn mochten, mich aber ſanft zum Gähnen brachten. So ſah ich mich denn unterdeſſen im Speiſeſaal um, deſſen Ameublement mir einen Vorgeſchmack der hier exiſti⸗ renden Civiliſtrung gegen ſollte. Die Matten waren das Neueſte, und ſehr elegant; aber das sideboard war ſchrecklich aus der Mode; Tiſch, Seſſeln und Sopha franzöſiſch, ſtatt amerikaniſch. An den Wän⸗ den hingen ein paar Kupferſtiche; nicht die Schlacht von New⸗Orleans, oder die glänzenden Siege Perry's und Bainbridge's über die Britten auf den Cham⸗ plain⸗ und Erie⸗Seen; nein, ein paar Curioſitäten aus Louis-Quinze und Seize Zeiten. Ueberhaupt hatte das Ganze einen ziemlich ſtarken, oder vielmehr matten Beigeſchmack vom ci-devant Franzoſenthum, nicht dem republikaniſchen, oder kaiſerlichen, oder reſtaurirt⸗jeſuitiſchen, nein, dem verlorenen, verdor⸗ benen alt⸗royaliſtiſchen. Ja, die wahre comfortable Art zu leben und zu ſeyn, findet man nur beim echten Amerikaner oder Engländer, vorausgeſetzt er habe Batzen; der Ueber⸗ — —= 243 6— reſt iſt noch im Barbarenthum verſunken; Prunk und Flitter im Schauzimmer, und Schmutz und Fäulniß im Schlafgemach und auf dem Leibe. Es iſt eine arge Sache um unſern Stolz und Uebermuth und unſer ewiges Kritiſiren; aber wir können es nun ein⸗ mal nicht laſſen. Wir ſchauen ſo gerade zu und tief; der gute Pabſt iſt uns blos ein alter Mann, und ein König ein anderer, wenn er nicht jung iſt, und Men⸗ ſchen und Bücher ſind vor uns aufgeſchlagen, wie unſer offenes Land, und wenn wir ja ein bischen ſpöttiſch unſere armen transatlantiſchen Brüder in Adam durchhecheln, ſo wiſſen wir wohl, daß uns von ihnen auch nichts geſchenkt wird. Wenn wir ſo ein⸗ ander in die Haare geriethen, wie würden ſich die alten Schleimig⸗ſchwammigten Legitimaten und ihre Laquaien freuen,— Doch genugl die ſtündige Rela⸗ tion iſt vorüber, und wir erheben uns, um einen Blick auf das Aeußere zu werfen. Nun, das Haus laßt einmal ſehen! Es lehnt ſich an einen zuckerhut⸗ ähnlichen Maulwurfshügel, den einzigen, den es vier Meilen in der Runde herum geben ſoll. Gegen Süden, Oſten und Weſten iſt es mit einem dichten Rahmen von Akazien⸗ und Cottonbäumen eingefaßt; — o 241— nur die Nordſeite liegt offen für das Flüſtern des Boreas, der bei uns ein wunderlieblicher Gaſt iſt. Ein helles Bächlein(für Louiſtana wenigſtens) ſtrömt ſeine Gewäſſer von der ſanften Anhöhe in einen kleinen See, der, würde ein Yankee ſagen, 180 Fuß lang, 80 breit, einen Fall von 45 Fuß hat, und ſo eine herrliche Gelegenheit zu Maſchinenweſen darbietet, wenigſtens zu einer Gerberei, ein ſicheres Antidote gegen die Cholera. Wir hoffen, der Czar wird uns mit ſeinem Cadeau verſchonen; wir ſind ja ſeine be⸗ ſten Freunde, ſagte die letzte Präſidentenbotſchaft. Ich habe nichts gegen die Freundſchaft des Czars, das iſt ein feiner, artiger Maun; aber mit ſeinen ſtinkenden, loyalen Bojaren, da mag er uns in Ruhe laſſen! Doch, zu Monſteur Menou's Haus zurückzukom⸗ men. Es ſind eigentlich drei Bauwerke, die, zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten von Großvater, Vater und Sohn gebaut, nun in eines vereinet ſind. Die Urſache dieſer Vereinigung gereicht dem Herzen des Creolen zur Ehre:— Meine Kinder ſollen ſich ſtets erinnern, wie ſchwer es ihren Großeltern geworden, welche Müh⸗ ſeligkeiten ſie zu erdulden hatten, um ihren Nachkom⸗ —= 245 6— men bequemere Tage zu verſchaffen.—„Ja, das ſollen ſie,“ erwiederte eine Stimme hinter uns, gerade als wir vor dem Seechen ſtanden.—„Madame Menou, j'ai Phonneur de vous présenter Monsieur Howard, notre voisin.“—„Qui restera chez nous pendant long-temps,“ frohlocken die beiden Mäd⸗ chen.— Ich verbeugte mich pflichtſchuldigſt vor der Dame, und konnte kaum eine Antwort geben, als die beiden Geſchöpfe mich, jede bei einer Hand, ergrif⸗ fen, und mich nolens volens ins Haus und durch ein halbes Dutzend Zickzack⸗Gänge und Gängchen zogen, um mir mein Zimmer zu zeigen, wobei ich nicht wenig Gefahr lief, mir Stirne und Knochen an den mannigfaltigen Ecken und Wendungen zu zer⸗ ſchellen. Glücklich langten wir jedoch in einem acht⸗ eckigen Gemache an, das ſie mir als das wohnlichſte beſtimmt hatten, indem es unmittelbar über dem Waſſer und ſo ſtets kühle ſey. Und wieder zogen ſie mich heraus, und hinunter ging es zu Pa und Ma. Die Ma iſt eine comfortable, behaglich ausſehende, gute Dame, mit einem etwas flachen Geſichte, in dem jedoch ein Ausdruck von Gutmüthigkeit und laisser aller vorherrſchend war, bei dem man ſich recht wohl, — e 246— ja gleichſam zu Hauſe fühlt. Sie nimmt mich ganz als alten Bekannten auf, als wäre ich ihr ſeit Jahren erkohrener Schwiegerſohn; keine Complimente, kein geſchraubter Anſtand; ſelbſt ihre Geſichtszüge nehmen ſich nicht einmal die Mühe, das beim Fremden⸗ empfange gewöhnliche Feiertagskleid anzuziehen.— Doch ſiehe da! was hat dies zu bedeuten? Eine Dame mit zwei Gentlemen— augenſcheinlich ſind es Ausländer. Die Olivenfarbe des Einen verräth einen ſpaniſchen Abkömmling, der Andere iſt jedoch ſchwerer zu definiren. Sie kommen von der Veranda herab, und ſchließen ſich an uns an, wie Hausgenoſ⸗ ſen. Sie werden mir aufgeführt als Signor Silveira und Signor Pablo; die Dame iſt die Gattin des Erſtern. Eine edle Geſtalt, Augen ſchwarz, Naſe römiſch, ſtolz und fein geformt, ein prachtvoller Mund mit herrlichen Reihen von Elfenbeinzähnen, Teint brunett und zart;— das ganze Weſen hat für eine Ausländerin wirklich etwas Anziehendes! Ich habe bisher immer unſere nordiſchen Mädchen für die ſchönſten gehalten, ſelbſt die Brittinnen nicht ausge⸗ nommen— aber dieſe könnte unſern erſten Pracht⸗ ausgaben die Palme ſtreitig machen. Doch softly— — o 247— lieber Howard! Don Silveira, ſcheint es, behält ſeine Frau gerne für ſich, und auch Louiſe iſt ein wenig verſtimmt über meine etwas zu republikaniſchen Blicke. Keine Gefahr! eheliche Galanterien ſind mir verhaßt. Freiheit und Eigenthum! iſt unſer Wahlſpruch, und Eheleute ſind gegenſeitiges Eigenthum. Ich halte mich zur Bouteille, die mir vom Dejeunertiſche her⸗ überblinkt, an dem wir uns, dem Himmel ſey Dank, niederlaſſen, denn es wird mir ganz curios zu Muthe— squeamish, wie wir in Virginien zu ſagen pflegen. Unſere Gäſte jedoch ſind ernſt und ſolenn, eſſen wenig, und die sleaks ſind doch ſo vortrefflich, und die jungen quails unvergleichlich, und der Cham⸗ bertin ſo wahrhaft napoleoniſch! Wohl, was den letztern betrifft, ſo habe ich gar nichts dagegen einzu⸗ wenden; bleibt ja uns deſto mehr übrig. „Wer ſind dieſe Meſſieurs mit der Dame?“ fragte ich meinen Wirth, als ſie von der Tafel ſich erhoben und den Saal verlaſſen hatten. „Mexikaner,“ antwortete Menou;„aber wer ſie ſind, könnte ich Ihnen unmöglich fagen.“ „Wie, Sie kennen ſie nicht?“ fragte ich. „Ich kenne ſie wohl, ſonſt wären ſie nicht in mei⸗ —= 248 6— nem Hauſe; aber ſelbſt meine Familie,“ flüſterte er mir zu,„kennt ſie nicht.“ Arme Teufel! dachte ich; auch Freiheitsopfer, die ihre ſieben letzten Dinge am Altar der Göttin dargebracht, und zur Belohnung von Haus und Heimath vertrieben worden ſind. In dieſem Mexiko ſieht es noch wüſte aus; Buſtamente Santa Anna obenan, und unten eine Race, der man nichts Beſſeres wünſchen könnte, als einen echt moskowitiſchen genia⸗ len Treiber, ſo einen Peter, der ſie ſo lange knutete, bis ſie Raiſon lernen; meint Monſteur Menou— nicht aber ich. Ei die Freiheit! ja, ſie iſt ein göttlicher Funke, der leicht ſprüht, aber nur dann fängt, wenn das erkannte Menſchenrecht und der feſte Wille, es aufrecht zu erhalten, in Millionen wie Stahl und Stein zuſammenſchlägt. Wo der Funke einzeln auf⸗ ſprüht, da fängt er nicht im morſchen Zunder des verjährten Deſpotismus; es müſſen Millionen Funken ſeyn, und dann brennen die morſchen Trümmer luſtig weg, und auf ihnen läßt ſich allenfalls der Altar der Göttin bauen. Es wird lange währen, bis dieſer miſerable Sklavenhaufe ſich aus dem Schlamme ganz erhebt; aber zum Theile hat er es ſchon gethan, und —=0 249— aus dem Chaos bildet ja der göttliche Funke ſeine Wunder! Julie und Louiſe hatten ſich mittlerweile in das anſtoßende Zimmer begeben, um die dritte oder vierte Revue über die tauſend und eine Wichtigkeiten zu halten, die ſie aus der Hauptſtadt mitgebracht. Wer die Mama ſo ſah, wie ſie mit wahrer Herzensfreude den Vorſitz bei der Muſterung führte, welche die Brüßler Spitzen, Gros de Naples, Indiennes, Gauzes und tauſend andere Dinge zu paſſiren hatten, konnte das Bild echt creoliſchen Comforts malen. Kein Schmollen über die endloſen Iltems; Alles war char⸗ mant, Alles hatte ſeine Beſtimmung, und ich wundre mich nur, an welchem Theile dieſer drei Leiber die hunderte von Ellen figuriren ſollen, die auf Tiſchen, Seſſeln, Sopha's und Schränken ausgebreitet und eine ganze Grafſchaft von New⸗Jerſey⸗Schönen in Prachtausgaben umwandeln könnten. Die ganze Familie iſt wahrlich ein Muſter von fröhlich harmlos glücklichen Weſen; eine gewiſſe ungekünſtelte Natur, ein fröhlicher Muthwillen, der ſtets ſeine Gränzen kennt und nie dem Anſtande zu nahe tritt; Jeder und Lebensbilder g. d. weſtl. Hemiſph. I. 17 —” 250 6— Jede verrichten ihre Aufgaben in einem lachenden, fröhlich ſchäkernden Tone, der aber bei all dem ſo wohl— wie unſer ſtattlich ſteifes Weſen— zu ge⸗ deihen ſcheint; wenigſtens iſt die Ordnung im Haus⸗ weſen bewundernswerth, und das Dejeuner war deliciös. Selbſt Miſtreß Houſton, die wegen ihrer Diners und Dejeuners berühmte Miſtreß Houſton könnte hier noch in die Schule gehen,— und ich bin Kenner in dieſem Punkte. Ich habe mich einmal ſterblich, ich glaube, es war meine neunzehnte ernſtliche Liebſchaft, in ein Maſſachuſets⸗Prachtexemplar ver⸗ liebt, deren Lockenköpfchen, ſo wahr ich lebe, bereits drei Novellen entſprungen, ſo ſentimental und phan⸗ taſtiſch albern! ſie hätten einer Deutſchen Ehre ge⸗ macht. Ich war ganz raſend in ſie verſeſſen, bis es ihrer Ma unglückſeliger Weiſe beifiel, mich zu einem diner en famille zu bitten; da ruinirten die ledernen Hammel⸗Cotelettes für zwei Tage meine Zähne, und für immer meine neunzehnte Liebe. Doch, verſparen wir unſere weiteren Lobeserhebungen, bis wir mehr Salz mit den Leutchen gegeſſen haben. Unſer Sprich⸗ wortiſt: Love me a little, but love me the longer. Wir wollen die lieblichen Geſchöpfe der Obhut der —-0 251— Ma überlaſſen, und mit Herrn Menou ſeine Pflanzung beſehen. Sie iſt ſo übel nicht; au contraire, die Lage gegen den Fluß hin, die Bewäſſerung durch Gräben, die Cotton⸗ und Welſchkornfelder, prachtvoll. Der Mann hat über dreihundert Acker in Kultur und eine jährliche Ernte von zweihundert fünfzig Ballen,— ein hübſches Einkommen! Nur drei Kinder, die Pflanzung hat viertauſend Acker— die Partie wäͤre nicht ſo übel. Was würde aber die Welt dazu ſagen? Der ariſtokratiſche Howard mit einer vielleicht half⸗ breed-*) Creolin! Er hat jedoch ſechzig Neger und Negerinnen, und eine ganze Heerde von Nachwuchs, und die Mädchen ſind ſo übel nicht— Milch und Blut — beſonders Louiſe.— Wollen ſehen. „Apropos!“ fragte der Creole, als wir ſo durch die Feldergaſſen hinſtrichen;„Sie haben dreitauſend Dollars bei G— gs?⸗ Ich nickte. „Und achttauſend bei Miſthere Richards?“ *) Half-breed, half-blood, Halbblütige, wird die durch Vermiſchung mit den Negern oder Indianern entſtandene Caſte genannt. 47* —=0 252— „Woher wiſſen Sie dies, lieber Monſieur Menou?“ (Per parenthesin!— Wir lieben es, den Franzoſen und Ausländern, unſern Couſin John Bull ausge⸗ nommen, den Titel Monſieur zu geben. Es iſt ſo ein Mittelding zwiſchen Herrn und Sklaven, während der Miſter oder Maſter— der Meiſter— den freien ſelbſtſtändigen Mann bezeichnet, und deshalb für uns vorbehalten wird.) Monſieur Menou lächelte auf meine Frage.„Wo⸗ her weiß ich,“ ſprach er,„daß Miſthere Howard fünfzehnhundert Meilen gereiſet iſt, um die ſchöne Emilie Warren zu ſehen, die von ſeiner Ankunft wußte, und doch ſich an Miſthere Doughby vergab?“ „Und dabei ein Geſicht ſchnitt, wie eine wahre Iphigenie in Aulis,“ brummte ich. Der Mann nickte.„So etwas weiß man, ſobald man den haut-ton der Hauptſtadt in ſeinen Ohren ſauſen gehört.“ „Siehe da! Monſieur Menou, der ſchlichte Mon⸗ ſieur Menou alſo auch ein haut-ton Mann!“ ſprach ich beinahe ein bischen ſpöttiſch, auf des Mannes ungebleichte Pantalons und Jacke und Strohhut ſchielend. — — e 253 6— „Meine Frau iſt eine geborene M—y, mein Groß⸗ vater war Parlamentspräſident zu Toulouſe,“ war ſeine Antwort. Ich verbeugte mich. Die indianiſche oder ſchwarze Race hat alſo zur Verjüngung des Samens nicht, wie ich argwohnte, beigetragen. „Und wirklich, hat denn,“ fuhr ich fort,„der arme Howard zum Theegeſpräch herhalten müſſen?“ „Ja, u ſprach der Mann,„und wenn ich der Miſter Howard wäre, ſo wollte ich meinen lieben Freunden einen recht herrlichen Spaß ſpielen.“ „Laſſen Sie doch hören.“ Der Mann ſchüttelte den Kopf.„Leuten Rath geben, die ſich klüger denken und auch vornehmer, das thut Menou nicht.“ Ich ſah den Mann betroffen an. Er hat recht! Ein Sterling⸗Charakter, wie er, kann für eine Weile den Hohn Unſereines ertragen; aber die Geduld eines Job hatte auch ihr Ende. Wir gingen eine Weile neben einander her.„Wol⸗ len Sie meinen Vorſchlag hören?“ fing er endlich wieder an. „Sehr gerne.“ —= 254 6— „Und verſprechen, daß mir die Ausführung über⸗ laſſen bleibt?“ Ich bedachte mich, und ſagte dann zu. „So überlaſſen Sie mir von den eilftauſend Dollars, die Sie ſo werthlos liegen gelaſſen, ſiebentauſend zu freiem Schalten und Walten.“ „Und Richards?u fiel ich ein. „Iſt beſſer daran, wie Sie. Seyn Sie groß⸗ müthig, wo es hilft und erkannt wird; aber Güte wegzuwerfen und ſich ſelbſt zu ſchaden, iſt thöricht. Hier haben Sie den Empfangsſchein über die Summe; ich werde Ihnen von der Verwendung Rechnung ab⸗ legen.“ Und mit dieſen Worten überreichte er mir wirklich den ſchon fertig geſchriebenen Empfangsſchein.— Der Mann hat ein kleines Plänchen mit mir, und greift mir ein wenig zu energiſch in mein Seyn und Han⸗ deln. Der Gedanke an Richards will jedoch ein Bischen ſchwer am Herzen liegen. Mein indolentes Weſen mit den albernen Begriffen von Generoſität zc., die ich aus Wagenladungen von Romanen zuſammen⸗ geſchöpft, empört ſich gegen die Idee, dem Freunde — O 255 G— gerade jetzt ſo mitzuſpielen. Doch mein Wort ward gegeben und ich ſagte zu.— Julie und Louiſe ſchienen mich kaum zu bemerken, als wir ins Haus traten. Die Eine hatte mit der Küche und dem Hausweſen alle Hände voll zu thun, die Andere ſchnitt und riß in den Ginghams und Indiennes herum, daß man es auf fünfzig Schritte krachen hörte; beim Souper jedoch ging das tolle Weſen los, das Schäkern nahm kein Ende. Es ſchien, als ob die Mädchen, nachdem ſie die Tageslaſt abge⸗ ſchüttelt, erſt vor dem Schlafengehen zum eigentlichen Leben erwachten. Die drei Fremdlinge mit ihrer Grandezza genirten ſie nicht im mindeſten. Gegen acht Uhr wurde die Ungeduld über das lange Sitzen mehr und mehr rege. Sie wisperten und wisperten, und ehe wir es uns verſahen, hatten ſie die Tafel verlaſſen, und waren in den Salon geſchlüpft. Die Töne eines herrlichen Pianoforte wurden ge⸗ hört. „Wir müſſen eilen,“ ſprach der Creole,„ſonſt ſetzt es verdrießliche Geſichter.“ Und ſo gingen wir denn in den Salon. —= 256 6— Nun, dieſer Salon iſt wirklich elegant. Am pracht⸗ vollen Inſtrumente ſitzt die fremde Dame, die einen Cotillon ſpielt, Julie hat ſich bereits mit dem Papa arrangirt, mir fällt Louiſe zu, und Don Silveira hat die Ehre des Hauſes. Und ſo ging es denn bis zwölf. Der Ball war juſt im beſten Gange, als Menou lächelnd vor mich hintrat. „Voilaà notre manière créole; mais e'en est assez. Das iſt unſere Lebenswürze,“ fuhr er fort;„Alles hat ſeine Zeit: Plappern, Scherzen, Tändeln, Arbei⸗ ten, Beten und T anzen. Der wahrhaft Vernünftige weiß Alles ſo zu vereinigen, daß das Erſte dem Letzten nicht Eintrag thut. Bloß auf dieſe Weiſe kann unſer einſam häusliches Leben erträglich und glücklch wer⸗ den; wir haben nie Langeweile.— Gute Nacht!“ VIIII. Sehr unerwartet. So verliefen acht volle Wochen wie eben ſo viele Stunden. Ich war ganz heimiſch in dem Kreiſe dieſer —=0 257— lieben Menſchen geworden, und ſo häuslich und öko⸗ nomiſch! Beinahe wußte ich nicht mehr, wie unſere Dollars und Banknoten ausſahen. Alles ging wie ſpielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herz⸗ lichkeit und Sympathie zwiſchen den ſiebzig bis achtzig Gliedern dieſes kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht die Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergeſſen konnte. Und ich vergaß ſte wirk⸗ lich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungeleſen; ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens ſchlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monſieur Menou in ſeine Felder und Cottonpreſſe. Der Nachmittag verging im Durchſehen von Rech⸗ nungen oder Colonel Stones und Major Noahs*) Seiten⸗ und Querhieben, und den Abend ſchloß Tag für Tag ein Impromptu⸗Tanz, oder ein raſches, munteres Geplapper. Eines Abends, wir ſetzten uns ſo eben zum Sou⸗ per, machte uns Monſieur Menou den Vorſchlag zu *) Colonel Stone und Major Noah, die Eigen⸗ thümer der bekannten Zeitungen: der Morgen⸗Courier und die commercielle Zeitung.. — o 258 6— einer nächtlichen Hirſchjagd. Ich war deſſen ganz zufrieden, und er erließ ſofort die nöthigen Wei⸗ ſungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Ent⸗ ſetzen dazwiſchen fuhr.„Don Man.—!“ ſtieß ſie heraus, ſchnappte ab; das Wort ſchien ihr auf der Zunge zu erſterben.„Madre de Dios!“ fuhr ſie in ſpaniſcher Sprache fort,„nur diesmal nicht.“ Es war etwas ſo Weiches, Zartes in ihrem edlen, ſcheuen Weſen, daß wir Alle für einen Augenblick hingeriſſen ſtarrten. Ihr Mann bat ſie, ſich zu beruhigen, und verſprach zu bleiben; es ſchien ihm jedoch Mühe zu koſten. Ich verſicherte ſie, es ſey keine Gefahr.— „Keine Gefahr?“ wiederholte ſie in ihrer ſonoren kaſtilianiſchen Sprache,„keine Gefahr?— Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten laſſen?“ wandte ſie ſich an Menou.„Gewiß nicht,“ erwiederte dieſer.— Nun erſt fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute ſich während ihres ganzen langen Hierſeyns auch nicht ein einziges Mal im Freien er⸗ gangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet ſchöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungeſunde Geſichtsfarbe, eine —— —— — d 259 6— hohe Stirne und— die Augen waren beſonders ſchön, es blitzte ein Feuer in dieſen Augen, das wahrlich nicht beſtimmt zu ſeyn ſchien, hier am Red⸗River zu verglühen. Sein ganzes Weſen drückte, ſo viel er ſich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militäriſch Gebietendes aus. Es war eben dieſes gebietende Weſen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig ſeyn mochte, ein wenig kalt zu be⸗ handeln. Wir erlauben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, ſich in unſerm Lande airs zu geben; die Ergebung jedoch in den leiſe ausgeſprochenen Willen ſeines herrlichen Weibes hatte den übeln Ein⸗ druck einigermaßen verwiſcht. Ich achte den Mann, der ſein Weib liebt. 1 „Und iſt wirklich keine Gefahr?“ fragte mich das Engelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich verſicherte ſie, daß keine ſey. Sie flüſterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küſſend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei ſonderbaren Leutchen hatten ſich auch bei Tiſche beinahe ausſchließlich nur mit einander beſchäftigt, und es ſchien ihm gewiſſer⸗ maßen eine Anwandlung von Eiferſucht aufzuſteigen, wenn die Donna ſich mit Julien oder Louiſen länger —=9 260— unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Perſon, die mit einer Art abgöttiſcher Verehrung an dem Paare zu hängen ſchien. Sie hatten ſechs Diener bei ſich. Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, warfen uns in unſere Wolldeckenröcke, nahmen unſere Gewehre, und beſtiegen die für uns bereit gehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Koppel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke ſchlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finſtere, ſchwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden, und verkündete den herannahenden Sturm, unſere tägliche Abendmuſik in dieſer Weltgegend. Die At⸗ moſphäre war in den erſten zehn Minuten unſeres Rittes beinahe zum Erſticken geweſen; dann erhob ſich ein ſäuſelnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte ſtärker vom merikaniſchen Buſen herauf, die ganze Atmoſphäre ſchien ſich wälzend zum gewaltigen Elementenkampfe zu rüſten. Dann und wann ſchoß ein zackigter Blitz aus dem ſchwarzen Fir⸗ mamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauber⸗ flamme auf. Wieder kam ein langer leuchtender Strahl, — —" 261— und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenſchlag iſt. Selbſt unſere Hunde fingen an zu winſeln, und preßten ſich ſo nahe an die Pferde, als ſie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeerge⸗ büſche betreten, und der Leithund war ſtehen geblieben und ſpitzte die Ohren. Sofort ſtiegen wir von den Pferden und ſchlichen an die Hunde heran— zwiſchen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen.— Es waren die Hirſche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schauſpiel anſtarrten. Wir legten an;— der Creole und ich ſollten den erſten, die zwei Mexikaner den zweiten nehmen. Wir ſchoßen auf ein gegebenes Loſungswort, hörten ein raſſelndes Niederſchmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein Sacré! und Damn ye! und Diablo! und por Dios! Die ſechs Pechpfannen waren zu— und auf unſern Füßen; der Creole war zur Seite geſprungen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen. „Santa Vierge!“ rief der Eine;„Maledito!“ der — 0 262 6— Andere.„Maledito Gojo! Por Dios! Santissima Madre que Dios nos guarda!“— wieder der Erſtere. Monſtieur Menou hatte ſich vorſichtig mit ſeinen Negern beim erſten Anſchein von Gefahr zu Boden geworfen; der junge Mexikaner hingegen, weniger erfahren in dieſem zuweilen gefährlichen Nacht⸗Zeit⸗ vertreibe, war ſtehen geblieben, und von den aufge⸗ ſchreckten Hirſchen über den Haufen gerannt worden. Ich zog den heulenden Don Senor Pablo von ſeinem Gefährten, und unterſuchte mit Menou, ob er Scha⸗ den gelitten. Sein Ueberrock war zerriſſen, und aus beiden Schenkeln begann Blut zu fließen; ſie waren durch die Geweihe des Hirſches aufgeſchlitzt. Glück⸗ licher Weiſe war die Wunde nicht tief; ſonſt dürfte ihn ſein Fehlſchuß theuer zu ſtehen gekommen ſeyn. Wir hoben ihn auf den Rücken des Pferdes, und traten wieder den Heimweg an. Es war Mitternacht, als wir mit dem todten Hirſche und dem verwundeten Don vor dem Gitter des Parkes anlangten. Eine weiße Geſtalt im Fen⸗ ſter des Mexikaners verkündete, daß ſeine Gattin ſeiner noch warte. War es Vorgefühl oder gewöhn⸗ liche Weiberangſt, ſie kam die Stiegen herabgeflogen, —— —= 263 6— und mit dem Ausrufe:„Perdito!“ fiel ſie beinahe ohnmächtig vor der Hausthüre nieder. „Um Gotteswillen!“ rief eine zweite weibliche Stimme, vein Unglück! Iſts Howard 2— Es war Louiſe, die athemlos aus ihrem Zimmer ſtürzte, im Schrecken und Nachtröckchen. „Mein Gott, es iſt nur der Mexikaner! Gott ſey Dank!“ lispelte ſte. „Dank, liebe Louiſe, für Ihre Unbarmherzigkeit; ſie macht mich glücklich!“ Mit dieſen Worten ſchloß ich das Mädchen in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. „Böſewicht!“ rief ſie, ins Haus zurückeilend. Ich folgte nun dem Zuge in die Zimmer des Mexi⸗ kaners. Die bleiche Marmorgeſtalt ſeines Weibes hing über dem Verwundeten regungs⸗ und bewußt⸗ los. Es koſtete Menou Mühe, ſie von ihm zu bringen; doch der wohlthätige Creole war ſchnell. Wo er ſeine Chirurgie gelernt hat, weiß ich nicht; aber die Sicherheit, mit der er die Wunden ausſchnitt, ausbrannte und auswuſch, flößte wirklich Vertrauen ein. Sie waren nicht gefährlich, hätten es aber leicht bei der Hitze der Temperatur— der Thermometer — d 26 ½— ſchwankte zwiſchen 85 und 87— und dem Umſtande, daß ſie von Hirſchgeweihen herrührten, werden können. Nach einer halben Stunde trat er vor die bewußtloſe Donna Iſabelle, und verkündete ihr im zuverſichtlich⸗ ſten Tone, daß ihr Mann in wenigen Tagen wieder hergeſtellt ſeyn würde. Ich hatte während der Ope⸗ ration eines der Lichter gehalten und konnte nicht umhin, die ſchöne Geſtalt anzuſchauen. Als ihr nun Menou die tröſtende Nachricht verkündete, richtete ſie ihre Augen mit einem ſo wahrhaft katholiſchen Blicke zum Himmel, daß ich herzlich den Heiligen beneidete, dem ſie dankte. Als ich das Licht auf den Liſch ſtellte, fiel mein Auge auf ein herrliches Miniaturgemälde, das ſie ſelbſt vorſtellte; daneben lagen Briefe an Don Manuel Miery Teran, Mariscal di Campo; zwei oder drei hatten die Aufſchrift: Lieutenant⸗General. „Das war denn der berühmte Heerführer Mexi⸗ ko's, der zweite Würdige unter dem Generalgeſindel dieſer ſeyn wollenden Republik. Ich ging gedanken⸗ voll meinem Schlafzimmer zu. Allmälig drängte ſich Louiſe aus dem Hintergrunde meiner Phantaſie her⸗ vor; das liebliche Mädchen hat denn gewacht, unruhig gewacht! auch ſie hatte nicht ſchlafen können; auf das —=0 265 6— erſte dunkle Gerücht von einem Unglücke hatte ihre beflügelte Furcht den Namen erpreßt, den ſie im Herzen trug. Ich hatte während meines ganzen Hierſeyns gar nicht an Liebe gedacht; Alles war ſo geſchäftig in dieſem Hauſe, ſo rührig, ſo beweglich! man hatte gar nicht Zeit, auf ſentimentale Gedanken zu kommen,— nun kamen ſie aber doch. Es thut einem achtundzwanzigjährigen Hageſtolz, der ſo viele Körbe bekommen hat,⸗daß er damit einen mäßigen Handel treiben könnte, ſo wohl, ſich im Herzen eines ſiebzehnjährigen Kindes gebettet zu wiſſen! Sie konnte mich beim Frühſtücke gar nicht anſehen; aber dafür ſah ich ſie deſto mehr. Wo waren doch meine Augen? Julie war allerdings zu corpulent für meinen goüt; aber Louiſe— ſie iſt ohne Widerrede ein ganz herrliches Mäͤdchen, ſchlank, mit einer lieb⸗ lichen Taille, nicht zu üppig, nicht zu brettern, Milch und Blut im Geſichtchen, aus dem Schalkheit, Wohl⸗ wollen und Häuslichkeit blicken, ganz vorzüglich ſchöne Hände, und ein Geſtelle!— kurz ich wurde nachden⸗ kend. Muß doch ſehen, wie es zu Hauſe ausſieht; murmelte ich. Lebensbilder a d. weſtl. Hemiſph. I. 18 — e 266 e— „Wollen Sie mir gefälligſt Ihren Wagen bis an den Fluß geben?“ fragte ich den Creolen. „Von Herzen gern. Eine bloße Spazierfahrt, wenn ich fragen darf?“ „Nein, ein wenig weiter. Ich will ſehen, was die Meinigen thun.“ „Uns verlaſſen?“ ſchrie Louiſe, und etwas lang⸗ ſamer Julie und die Mama. „Wenn Sie erlauben, ſo will ich in kurzer Zeit wieder ſo frei ſeyn, Sie zu beſuchen; aber für heute muß ich gehen.“ Die Roſen waren von den Wangen Louiſens ge⸗ wichen, ſte wandte ſich, und ich glaube, eine Thräne perlte ihr in den Augen. Wir ſaßen eine Viertelſtunde, ohne daß ein Wort über unſere Lippen gekommen wäre. Der Creole ſprach endlich.„Sie ſchienen doch recht vergnügt bei uns; hat ſich etwas zugetragen?“ „Etwas für mich ſehr Wichtiges; ich wuß wirklich ſogleich fort,“ war meine Antwort. Louiſe war aus dem Saale geeilt; ich folgte ihr, und fand ſie ihrem Zimmer zuſchwankend. —= 267 6— „Louiſe!“ rief ich. Sie weinte. „Ich verlaſſe Sie heute.“ „So habe ich gehört.“ „Um mein Haus zu beſtellen.“ „Mein Bruder thut ja dieſes ohnehin,“ lispelte ſie;„warum uns verlaſſen?“ „Weil ich ſo bald als möglich ein ganz liebliches Zimmerchen brauche für mich und meine Louiſe. Wollen Sie mir in dieſes als mein geliebtes Weib folgen?u „Sprechen Sie den Papa,“ lispelte ſie, mit einem Freudenſtrahle im lieblichen Geſichte, und dann ihren zitternd verſchämten Blick auf den Boden heftend. „Nehmen Sie ſie, lieber Howard,“ ſprach der Papa, der uns auf dem Fuße gefolgt war.„Sie werden ein treffliches Weib haben.“ Louiſe ſank mir in die Arme, und die nächſte Stunde war ich auf dem Wege nach Hauſe. So war ich denn verpfändet, und mein Hageſtolz⸗ thum näherte ſich dem Ende. Die Wahl war ver⸗ nünftig, das fühlte ich; Louiſe iſt eines der trefflichſten 4 18* — d 268 6— Mädchen: züchtig, klug, thätig, reizend und munter; unter ihren Händen gedeiht, wächst Alles; die Nege⸗ rinnen behandelt ſie wie Schweſtern, die Männer wie Brüder. Alle dieſe Gründe jedoch waren mir erſt jetzt klar geworden; noch geſtern dachte ich des Mäd⸗ chens ſo wenig wie des Großſultans; der Gedanke, ſie zur Frau zu nehmen, war wie ein Lichtfunke durch mein Gehirn gefahren. Wird mich dieſer Lichtfunken nie reuen? Ihre erſten Tage werden wahrlich keine Honigmonde in meiner Wildniß ſeyn.— Es war Nachmittags vier Uhr, als ich in dieſer anlangte. Beinahe wäre es mir wieder wie das letzte⸗ mal gegangen; ich kannte meine Pflanzung nicht, wirklich nicht. Die ungeheuern von Sturm entwurzel⸗ ten Stämme, die, acht bis zehn Fuß im Durchmeſſer dick, vor meiner Wohnung chaotiſch gelegen, waren verſchwunden; mein Garten neuerdings, nur ver⸗ größert, mit einer eleganten Umzäunung verſehen; um die Vorderſeite des Hauſes hatte ſich eine Veranda erhoben, an der zwei fremde Schwarze arbeiteten. Ich ſtieg aus; der junge Menou kam mir zufrieden lächelnd entgegen. Ich ſchüttelte ihm die wackere — 269— Hand, und wies mit Verwunderung auf die Re⸗ formen. „Das ſind Kleinigkeiten; aber Ihre Cottonpreſſe koſtete uns Arbeit; ſie war ganz hin. u Aus dieſer tönte der Chorus von vierzig Stimmen im melancholiſchen Talla-i-hoe herüber. „Und wie haben Sie dieſe Wunder alle ausführen können?“ fragte ich erſtaunt. „Nun, Sie haben uns ja fünfzehn Leute geſandt, Vater lieh mir noch zehn der Unſrigen, und ſo konn⸗ ten wir ſchon etwas Tüchtiges leiſten.“ Ich ging mit dankbewegtem Herzen durch die Ge⸗ länder der Umzäunung der Veranda zu. Sie war im eleganteſten Geſchmacke errichtet; die Jalouſien liefen acht Fuß hoch auf der Oſt⸗, Süd⸗ und Weſtſeite des Hauſes herum; die Nordſeite war, wie gewöhnlich, frei geblieben. Der Saal war mit glänzend⸗blaß⸗ gelben Matten belegt; in der Einrichtung, meinte jedoch der junge Mann, hatte Papa nicht vorgreifen wollen; nur was zwei Zimmer betrifft, machten wir eine Ausnahme. Ich näherte mich voll Erwartens meinem Schlafzimmer. Prachtvoll! Ein allerliebſtes — 270 6— Bette, und zwar ein doppeltes, als wenn ſie die Kataſtrophe vorausgeſehen hätten, mit allem Nöthi⸗ gen verſehen; ein fünfzehnjähriges ſchwarzes Mädchen arbeitete noch an den Moſchetto⸗Vorhängen,— das ganze Haus war wie durch einen Zauberſchlag um⸗ gewandelt.— 3 „Und wer hat den Plan zur Einrichtung dieſes Zimmers gegeben?“ „Das Mädchen iſt Louiſens Kammerzöfchen,“ lachte Menou;„ſte wird wohl vom Geiſte ihrer Ge⸗ bieterin inſpirirt ſeyn“ Die alte Sibylle kam mittlerweile an der Spitze meiner Unterthanen, die friſch, munter und jubelnd einhertanzten. Es waren zehn Burſche und fünf Mädchen darunter, die ich noch nicht kannte. Der junge Menon führte ſie mir nun als die meinigen vor; ſein Vater hatte ſie für mich, der ich das Sklavenhandeln verabſcheue, durch einen bewährten Freund einkaufen und hieher überſchiffen laſſen. Sie waren noch ſammt und ſonders, ſo wie die Mädchen, ledig. Ich blickte Menou bedenklich an. Die Creolen er⸗ —= 271— lauben ihren Negern gewiſſe Freiheiten, die unſerm ſtrenge ſittlichen Gefühle ſchnurſtracks entgegen ſind. Jedes meiner Paare war verheirathet, und ſelbſt in meiner tollen Wanderſchaft hatte ich ſtreng auf Zucht und Sitte geſehen. Der junge Mann beſchwichtigte meine Zweifel; die Mädchen waren unterdeſſen in der ehemaligen Wohnung Mister Bleaks untergebracht, und die Burſche in zwei Häuſerchen, die er bereits erbaut; acht andere waren im Baue begriffen.— So waren denn alle meine Wünſche erreicht, und ich ſtand im wohnlichſten Hauſe am Red⸗River. Ich ſegnete den Blitzesfunken. „Ahlu ſprach der junge Mann, nes ſind mehrere Briefe an Sie eingelaufen, die ich im Drange der Geſchäfte ganz vergeſſen habe, Ihnen zu ſenden.“ Ich erbrach ſie. Es waren Briefe von Richards, der mich dringend bat, ihm ſogleich das Vergnügen meines Beſuches zu gewähren. In einem andern war er noch dringlicher, und ſchien ganz verwundert, daß ich ſo häuslich geworden; in einem dritten war mir angekündigt, daß die ſchöne Emilie zurückgekehrt, und als Postscriptum war beigefügt, daß ſie eine der Zierden Boſtons, eine Couſine mit ſich gebracht. — e 272 6— Kein Wort jedoch wegen der aufgekündigten acht⸗ tauſend Dollars; das iſt doch wirklich ſonderbar! Richards iſt doch nicht ſo indifferent für zeitliche Gü⸗ ter, da ſeinen Groll zu verſcherzen, wo es ſeinen Beutel angreift!„Hier iſt ein Punkt,“ ſprach ich zu dem jungen Manne, dem ich nicht gern eine Blöße geben wollte,„der meine augenblickliche Rückkehr in Ihres Vaters Haus erheiſcht.“ „Wirklich?“ rief der junge Creole verwundert aus. „Ja, augenblicklich; ich höre ſo eben ein Dampf⸗ ſchiff herauf kommen; ich will ſogleich fort.“— Er blickte mich verlegen an, Sibylle ſchüttelte den Kopf; aber es lag nun ſchon einmal in meiner ungeduldigen Natur: ſchnell oder gar nicht. Ich winkte mit dem Tuche; es war der nämliche Red⸗River, der mich vor acht Wochen nach Hauſe gebracht. „Mister Howard!“ rief der Kapitän fröhlich, „freut mich, Sie wieder auf meinem Verdecke zu ſehen. Ihre Pflanzung ſieht doch ganz prächtig ſeit acht Wochen aus; Sie ſind ein wahrer Wundermann!“ „So halb und halb,“ verſetzte ich beſcheidentlich. Es liegt in unſerer amerikaniſchen Natur etwas —= 273— gewiſſes rein Praktiſches, das uns vor allen Nationen der Welt auszeichnet, ein gewiſſer gerader, geſunder Menſchenverſtand, der durch allen Flitter hin auf das Reelle ſieht, ein ehrenvoller, unabhängiger Geiſt, der nur dem Achtung zollt, der ſie verdient. Der reichſte Müßiggänger, der Hunderttauſende in ſeinem Porte⸗ feuille mit ſich führt, wird hier vergebens den Tribut erwarten, den ihm die Hälfte ſeines Reichthums in andern Ländern zu Wege bringt. Kalt und ſtolz geht die Mehrzahl an ihm vorüber, um dem minder Bemittelten, der ſeinem Kopfe und ſeinen Händen ſein Emporkommen verdankt, achtungsvoll ihre ächt republikaniſche Huldigung zu zollen. Es iſt dieſer freie männliche Sinn, der in den letzten zehn Jahren die ſo gewaltige Staatsumwälzung zu Stande ge⸗ bracht, das Joch unſerer erbärmlichen Ariſtokratie abgeſchüttelt,— unſerer Freiheit eine gründliche Eriſtenz geſichert hat.— Ich, der reiſende, als reich geltende Pflanzer war kaum bisher beachtet geweſen, mein Aufſeher galt mehr in den Augen meiner Mit⸗ bürger, als ich ſelbſt. Die Metamorphoſe auf mei⸗ nem Beſitzthume hatte eine plötzliche Ideenrevolution — 0 274 6— hervorgebracht, und man drängte ſich um mich herum und horchte jedem meiner Worte, als wäre ich einer unſerer großen Reformatoren oder noch größeren Demagogen geweſen. Es that mir ein bischen wohl, das muß ich geſtehen. Auch diesmal langte ich Morgens bei der lieben Familie an; aber der Wagen war vergeſſen, und ich, der ich die Strecke in raſchem Trabe zurückgelegt, dachte mir meines künftigen Schwiegerpapa's Reſidenz gute zehn Minuten vom Landungsplatze. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich vor dem Hauſe ſchweißtrie⸗ fend zur Verwunderung Aller anlangte.„Und ſo ſchnell und ſo zeitlich zurück? Doch kein Unglück ge⸗ habt?“ fragten Alle. „Nein,“ erwiederte ich trocken;„ich habe etwas vergeſſen. „Und was mag dieß ſeyn?“ „Meine Louiſe! Ja gewiß,“ fuhr ich gerührt fort, nich fand bei meiner Ankunft meine wüſte Einöde in ein ſo liebliches Paradies verwandelt, daß ich nicht umhin konnte, ſogleich zurückzueilen, um mein liebes Mädchen zu bewegen, es mit mir zu theilen. Mor⸗ — 0 275 6— gen, ſo Gott will, gehen wir nach New⸗Orleans, um bei dem alten Pater Antoine und unſerm werthen Rector vorzuſprechen.“ „Aber es iſt noch gar nichts gerüſtet, keine Aus⸗ ſtattung fertig, nichts in der Welt,“ fingen hier die Ma und Pa an;„lieber Howard, ſeyn Sie doch nicht närriſch.“ „Unſere Yankeeinnen,“ lachte ich,„wenn ſie ſechs Hemden und ein und ein halbes Kleid haben, hüpfen ins Brautbette, ohne ſich zu bedenken.“ „Wohl, laßt ihm ſeinen Willen,“ ſprach Menou; „wir wollen ſchon ſorgen, daß er nicht zu kurz kommt.“ 1 „Apropos,“ fragte ich,„wie iſt es doch mit den achttauſend Dollars?“ „Ich habe Sie blos auf die Probe ſtellen wollen, ob Sie auch Feſtigkeit haben, Ihr eigenes Glück zu wollen. Hätten Sie mir dieſes verweigert, wahrlich, Louiſe ſollte nicht die Ihrige geworden ſeyn, und wenn Sie alle Pflanzungen am Miſſiſippi gehabt hätten. Ich habe unterdeſſen das Geld vorgeſtreckt. Der Mann wird mit jeder Minute achtbarer. Die⸗ — 276— ſer Abend verging mir, einer der ſeligſten, die ich noch verlebte. Am Morgen fuhren wir dem Dampfſchiffe zu. Die Mama war zurückgeblieben; Julie, wie es ſich von ſelbſt verſteht, war zur Brautjungfrau auserkohren. Gerne hätte ich als meinen Aſſiſtenten den jungen Menou gebeten; doch der war auf meiner Pflanzung vonnöthen. Wir begrüßten ihn im Vorbeifahren und fuhren dann weiter. Zum erſten Male blickte ich ohne bitteres Gefühl auf das prachtvolle Schauſpiel, das die reichen Ufer des gewaltigen Miſſiſippi dar⸗ bieten; dieſe herrlichen Wohnſitze der Pracht, ſo üppig, ſo friedlich aus den deliciöſen Hainen von Feigen⸗, Orangen⸗ und Citronenbäumen hervor⸗ ragend, den majeſtätiſchen Strom, der, mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt, den entfernteſten Zonen un⸗ ſere Produkte zuführt,— die raſtloſe Thätigkeit von Tauſenden, die ſo friedlich, ſo verträglich unter der göttlichen Freiheit Banner Glück und Segen ſucht und findet! Ja, es iſt ein erhebender Anblick, dieſe Paläſte Hunderte von Meilen ſich aneinander reihen zu ſehen, wenn man an die Zeit zurückdenkt, wo das — e 277— ganze Thal ein endloſer Sumpf geweſen. Und dieſe Zeit habe ich in meinen jungen Tagen geſehen! Es war ein heiterer Morgen, der uns zwanzig Stunden nach unſerer Abfahrt in die Hauptſtadt unſeres Staates brachte. Wir waren bei der Schwe⸗ ſter Menou's abgeſtiegen. Ich eilte ſo eben zu dem wahrhaft ehrwürdigen Pater Antoine und dem nicht minder ehrwürdigen Rector, als ich an der Ecke der Kathedrale mich am Arme ergriffen fühlte. „So eben recht, Richards,“ ſprach ich;„willſt Du mich im Merchants⸗Coffeehouſe erwarten? Ich bin in einer kleinen Viertelſtunde dort.“ „Aber warum dieſe Eile?“ „Frage nicht und warte.“ Wir ſchieden. Vater Antoine lächelte und der gute Rector auch, als ich ſie zu Madame beſchied. Ich eilte, um Richards abzuholen. „Weißt Du, daß Clara ſchrecklich mit Dir zanken wird; Du magſt Dich nur zuſammennehmen. Ar⸗ thurine Macpherſon iſt ein ganz herrliches Geſchöpf, und ſie hält viel auf Clara.“ „Ja, weißt Du, daß ich im Ernſt geſonnen bin, mein Hageſtolzthum aufzugeben?“ — 9 278 6— „Wohl, wollen ſehen; wenn Du Dich gut auf⸗ führſt, ſo— wollen wir Dich ein zweites Mal— 4 „Prellen,“ dachte ich.—— Wir waren an der Thurſchwelle angekommen. Mein alter Freund ſah ein wenig betroffen darein, als er Louiſen erblickte, und Pater Antoine und The Reverend ihre Glückwünſche begannen. Ich lächelte ein wenig boshaft, und in wenig Minuten war ich der glückliche Gatte Louiſens. —½ͤͤͤͤͤ —— 1 eeeeenannanannmnannnnnu 9 11 12 13 14 15 16 9 8 p 8 EEEEE 2 6 1 1* —