— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für achentlich 2 Bücher: 4 Dree 6 Bücher: Anf Monat: 1 Mt.— d 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und zurickſerdung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Gerade drei Monate fünf Tage nach der Abfahrt des Swiftfoot, um vier Uhr zwanzig Minuten Nach⸗ mittags, waren Seine Herrlichkeit Lord Arbuthnot im Begriffe, ein kleines Gäßchen zu durchſegeln, das von Broadſtreet buildings tiefer hinein in das Laby⸗ rinth von— ſtreet führt. Seine Herrlichkeit hatten Ihren Wagen am Ein⸗ gange von Broadſtreet buildings vor einem der ſoge⸗ nannten achtbaren Handlungshäuſer ſtehen gelaſſen, und bemühten ſich ſo eben nach Kräften, das Ziel Ihrer Reiſe zu erreichen; ein Vorhaben, das für Ihre Herrlichkeit mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da Ihre Herrlichkeit bereits drei Male in dieſem fata⸗ len Jahre einen Gewaltangriff vom Zipperlein aus⸗ zuſtehen gehabt hatten; eine Folge der übeln Gewohn⸗ heit, behaupteten Seine Herrlichkeit, die gediegenen —= 6— engliſchen Weine mit allzu viel Cognac zu verſetzen, welche Behauptung aber Seine Herrlichkeit eigentlich von Sir Halford zu entlehnen beliebten, welch' ge⸗ nannter Sir Halford in dieſem, ſo wie in vielen an⸗ dern Punkten Ihre Autorität war. Seine Herrlichkeit beeilten ſich auch um ſo mehr, zu dem Ziele Ihrer Wünſche zu gelangen, als eine unheilſchwangere Wolke ſich über dem Haupte Seiner Herrlichkeit zeigte, die Ihre Herrlichkeit zu durchnetzen drohte. Ein Lackei, mit einem vollkommen zwei und einen halben Yard langen goldbeknopften ſpaniſchen Rohre, hatte Seine Herrlichkeit in's Schlepptau genommen, und es war nicht ohne einige Schwierigkeit, verſicher⸗ ten Sie, daß es Ihnen allmälig gelang, ſich in die Querwindungen dieſes heilloſen Labyrinthes hinein zu finden; ein Umſtand, der um ſo verdrießlicher war, als die ganze hohe Bemühung nur eine Viſite zum Zwecke hatte; eine Angelegenheit, die Seine Herr⸗ lichkeit Ihren Getreuen zu überlaſſen um ſo mehr geſonnen geweſen waren, als der Gegenſtand dieſer Aufmerkſamkeit ein bloßer Amerikaner war; dem aber einige Attention zu bezeugen Seine Herrlichkeit wieder um ſo mehr bewogen wurden, als derſelbe „ —= 7 8— von hoher Familie, mit einigen der älteſten Pairs⸗ geſchlechter in Verbindung, auch bereits mehrere Lords, Viscounts und ſelbſt Marquiſe das Exempel eines ſolchen exceptionnellen Beſuches ſtatuirt, auch Seine Herrlichkeit noch einen beſondern Beweggrund zu dieſem Beſuche hatten. Seine Herrlichkeit waren nämlich von jener großherzigen Partei, die die ſchwere Bürde, das Volk der drei Königreiche zu beglücken, auf Ihre Schultern geladen hatte. Sie waren eigent⸗ lich nicht ſelbſt im geheimen Rathe, aber Sie hatten die Anwartſchaft auf einen der wichtigen Poſten, die, in dieſem glücklichen Lande der Freiheit, Sinecures genannt werden, und Seine Herrlichkeit hatten daher, um Seine Gnaden den regierenden Herzog zu ver⸗ binden, Sich ſehr gerne herbeigelaſſen, dieſem jungen, ſtolzen Republikaner um ſo mehr die Ehre einer Pre⸗ liminar⸗Viſite zu erzeigen, als es hieß, daß derſelbe auf eine ganz beſonders ausgezeichnete Weiſe vom Präſidenten dieſer fatalen Republik berückſichtigt werde; einem wirklich recht fatalen Manne, geruhten Seine Gnaden, der regierende Herzog, und mit ihm, als einer ſehr reſpektablen Autorität, die ganze Peerage zu ſagen; einem recht fatalen Manne, der —=0 8 6— von ſeinen inconvenanten Geſinnungen gegen die Hauptmacht der fünf großen Mächte nur zu eclatante Beweiſe gegeben hatte. Der junge Amerikaner war, ſo hieß es ferner im John Bull und der Morning⸗Poſt, zweien bekanntlich ſehr reſpektablen, zuverläßigen Blättern, in einer der prachtvollſten Fregatten der jungen Republik her⸗ übergekommen, und man wiſperte ſich gleichzeitig in die Ohren— in einer ſehr epineuſen Angelegenheit herübergekommen. Nun hatte es mit der Fregatte zwar ſeine Richtig⸗ keit; nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß es nicht der junge Amerikaner, ſondern von ſeiner Regierung abgeſendete Depeſchen geweſen, die auf dieſe Weiſe in das alte England befördert worden waren. Die Vorausſendung dieſer Umſtände dürfte noth⸗ wendig ſeyn, um dem Leſer die Unwahrſcheinlichkeit wahrſcheinlich zu machen, daß zwei Marquiſe, vier Carls, ſechs Visc ats und ſieben Barone, oder wie ſie ſchlechthin gene it werden, Lords, einem unſerer Mitbürger in London und, was noch weit mehr ſagen will, in einem der entlegenſten Gäßchen der City, — — e 9— nicht ſehr weit von Smithfield, ſelbſt eigene Beſuche abgeſtattet haben ſollten. Seine Herrlichkeit waren nun das Gäßchen durch⸗ geſegelt, und aus dieſem in jenes Chaos troſtloſer Backſteingebäude gelangt, das von Broadſtreet buil⸗ dings nördlich und nordweſtlich hinaufzieht; eine wahre Wüſte von Mauermaſſen, aus denen der be⸗ lebende Geiſt des Menſchen gewichen, und nur das Haben und Soll zurückgeblieben zu ſeyn ſcheint; wo eine ewige Grabesſtille herrſcht, die nur ſelten durch den bedächtigen Tritt eines Bankdieners, oder den ächzenden Keuchhuſten einer lahmen Haushälterin unterbrochen wird. Selbſt der in Gold vergrabene Handelsmann, der hier einen Theil ſeiner Tageszeit verbringt, kommt nicht im raſchen Cabriolet angefah⸗ ren, er ſchleicht mit zur Erde geſenktem Blicke, als wollte er durch dieſe quasi Parade von Oekonomie lauernden Rivalen ſeine Creditwürdigkeit recht an⸗ ſchaulich vor Augen bringen. Der Lackei Seiner Herrlichkeit, Ad Arbuthnots, hatte bereits vor zehn Häuſern geyalten, und an die troſtlos erblindeten Fenſter hinaufgeſtiert, vergebens bemüht, ihre innern Bewohner zu erſpähen. Kein — 10 6— Kopf war zu ſehen in den Fenſtern, keine Stimme zu hören in der Straße; kein Schornſtein, aus dem der Rauch ſich heimiſch in das blaue Himmelsgezelt hin⸗ aufringelte; die Drücker an den Thüren waren vom Grünſpan angefreſſen, die Fenſter gebrochen oder erblindet; dem dienſtbaren Geiſte ſeiner Herrlichkeit ſchhien bei hellem Tage unheimlich zu werden in dieſem gruftartigen Viertel. Er war im Begriffe zu ver⸗ zweifeln, als er auf einmal, wie der Matroſe an dern Spitze des Mittelmaſtes, laut aufſchrie:„wir haben es gefunden, Herrlichkeit!“ Und Seine Herrlichkeit kamen mit einem leiſe ge⸗ murmelten„d n that yankee“ heran, und ſchauten empor zu den Fenſtern, hinter deren hohen Brüſtun⸗ gen, die den Zeiten Karls des II. angehören mußten, weiß und roth ſeidene Vorhänge auf einigermaßen chriſtliche Appartements ſchließen ließen,— bemerkten Seine Herrlichkeit. Fünf bis ſechs raſende Schläge mit dem Klopfer kündigten den vornehmen Beſuch an. Die Hausthüre wurde durch ein ſeltſames Geſicht eröffnet. „Mister Morton of Morton hall zu Hauſe?“ fragte der Lackei. —=911— „Er iſt,“ war die Antwort, und dabei deutete das Weſen, das die Hausthüre geöffnet hatte, auf die erſten Flügelthüren des Corridors, und wandte Herrn und Diener den Rücken. Und während der Lord den Thürſteher mit einem befremdenden Blicke anſchaute, öffnete der Diener die Flügelthüre. Es war ein ſonderbares Geſicht, dieſes Thürſteher⸗ geſicht. Die Farbe war nicht grau, und war nicht grün, und nicht roth und auch gelb nicht; aber es war ein Schmelz von allen Farben, etwas zauberartig Unheimliches war in dieſer Farbe. Am meiſten ähnelte ſie dem drei Jahre im Salzwaſſer gelegenen Häringe, mit deſſen Form auch die des Subjektes viele Aehnlichkeit hatte. Eine ſcharfe, lange Adler⸗ naſe, die ſo ſpitzig auslief, daß man in Verſuchung kam, ſie für nachgemacht zu halten, wenn die roth glänzenden Punkte an der Spitze nicht ihre Verbin⸗ dung mit der übrigen Perſönlichkeit des Mannes dargethan hätten. Ueber dieſer Naſe war eine Stirne, die ſich fuchs⸗ und wieder löwenartig zuſammenzog und ausbreitete, und darunter ein paar Augen, die urſprünglich graugrün geweſen ſeyn mochten, aber nun in’s Röthliche ſchillerten, entſetzlich ſchillerten. — 12— Dieſe Augen ſchienen ruhig in ihren Kreiſen zu lie⸗ gen; aber bei näherer Beſichtigung hatte man Urſache, dieſe Ruhe der des Tigers zu vergleichen, der, zuſam⸗ mengerollt in einen Knäuel, auf die herannahende Beute lauert. Vom Munde war alle Sinnlichkeit gewichen; denn die Lippen waren ein bloſer Strich, höchſtens von der Breite einer Linie. Kinn und Wangen waren ausgetrocknet, von einer ſeltſamen Form. Das ganze Weſen des Mannes hatte etwas eigenthümlich Unheimliches. Er hatte ſich zwiſchen die Thüre in den Corridor hineingeſtellt, offenbar mit der Abſicht, den zurückgebliebenen Diener aus dieſer hinauszuſchieben, und dann die Thüre zu ver⸗ ſchließen; doch Dieſer behauptete ſeinen Poſten mit ächt engliſcher Dickköpfigkeit und ſtand, den Rohrſtock mit dem Goldknopfe vor ſich hingepflanzt, den Alten eine Weile vom Koyf zu den Füßen beſehend, worauf er ihm den Rücken wandte. Dieſer ſchoß einen giftigen Blick auf den dickköpfigen Jungen, und zog ſich dann in die Tiefe des Corridors zurück. „Seyd der Portier? u fragte der goldbordirte Junge nach einer Weile, indem er mit dem Kopfe eine — b 13 6— rückwerfende Bewegung machte, und die Lippen ſchnauzenartig verlängerte, dem Alten jedoch fort⸗ während den Rücken zuwandte. „Jetzt, ja,“ ſprach der Mann. „Muß ein ſonderbarer Kauz ſeyn, der Amerikaner. Man ſagt, er ſey ein Gentleman?— Hier zu woh⸗ nen? Kein Gentleman wohnt in der City; blos das Volk.“ Der Alte gab keine Antwort. „Hat er Geld?“ fragte der Junge. „Beiläufig Vierzigtauſend per annum.“ „Vierzigtauſend? Wißt Ihr auch, was Vierzig⸗ tauſend ſind? Viel Geld iſts, Mann. Mehr als Ihr und ich je zuſammen haben werden,“ ſchnarrte der Junge.„Mein Herr, der Viscount Arbuthnot, hat nur Zehntauſend—* „Schilling,“ verſetzte der Alte.„Seht Ihr, Maul⸗ affe, da den Franzoſen?“ fuhr der quasi Portier in ziſchendem Tone fort, auf einen zweiten Livréebedien⸗ ten deutend, der ſo eben aus der hinterſten Ecke der Straße herauf kam, nder ſteht nicht an der Thüre, und läßt ſich von aller Welt begaffen, während ſein Herr eine diplomatiſche Viſite ablegt.“ — 0 11— Der Alte hatte, während er ſo ſprach, ſich wieder der Thüre genähert. „Wer iſt ſein Herr?⸗ „Der Prinz— a— Und da kommt ein Dritter, der mehr in ſeiner Rocktaſche hat, als Dein Herr in ſeinem ganzen Vermögen.“ Und wirklich kam aus dem Gäßchen herauf ein junger Fashionable, dem man es auf tauſend Schritte abſehen konnte, daß er hochgeboren auf die Welt gekommen. Hohn und Stolz, und die raffinirteſte Selbſtſucht hatten ſich auf dieſem Geſichte in der be⸗ haglichſten Breite hingelagert. Seine Augen blinzel⸗ ten links und rechts an die Häuſer hinan, mit einer ganz eigenthümlich engliſchen ſastidiousness. Als er die Stiege hinan ſchritt, entfuhr ihm ein leiſer Aus⸗ ruf des Ekels, der nicht gemindert wurde, als er den Alten erſah, bei deſſen Anblick er wie erſchrocken zurückprallte, mit unnachahmlicher Unverſchämtheit jedoch ſein Lorgnon hob, ihn einen Augenblick maß und dann mit den Worten: Cut that vilain face*). mit dem Stiele ſeiner Reitgerte auf die Seite ſchob. *) Haſſe dieß niederträchtige Geſicht. —“ 15— „Morton nicht zu Hauſe?“ wisperte er endlich mit einer ſeitwärts ſchnellenden Bewegung des Kopfes, ohne aufzublicken. „Da kommt er ſelbſt.“ Und es traten aus den Flügelthüren eines reich verzierten und meublirten Beſuchzimmers drei einfach, aber nach der letzten Mode gekleidete Gentlemen. „Ah, Morton!“ rief der Fashionable.„My Lord Arbuthnot, and Your Excellency my Prince— a—, ſehr erfreut, Sie zu ſehen. Helfen Sie mir doch un⸗ ſeren lieben Morton aus dieſem heilloſen Schlupf⸗ winkel nach Weſtend hinüber transportiren.“ „Verſuchten Alles, Mylord Flirtdown,“ verſicherte Lord Arbuthnot. „Sind ſehr entétirt von dieſer solitude, wollen nicht laſſen— von ihr,“ fügte diplomatiſch lächelnd der Prinz hinzu. „Pah!“ verſetzte der quasi Portier.„Die Ameri⸗ kaner ziehen es vor, mit kleinen Kugeln, achtund⸗ zwanzig auf das Pfund, ihre Rifles zu laden; treffen dabei eben ſo richtig, und kommen länger mit dem Blei aus.“. „pon honour!“ lächelten die beiden Lords. — 5 16 6— „Ihr Portier, Mister Morton,“ verſicherte der Prinz— Und in demſelben Augenblicke hielt der hochgeborene Mann auch inne, und ſah den Alten mit ſeinem ſtarr⸗ ſten undiplomatiſchſten Blicke ſprachlos an. Einmal holte er noch tiefen Athem, ſtarrte den Mann noch⸗ mals an, als wollte er ſich auch überzeugen, ob keine optiſche Täuſchung ſtatt finde, und dann empfahl er ſich ſo raſch, daß Lord Flirtdown kopfſchüttelnd Mor⸗ ton anſah. „Alle Teufel!“ rief er,„wo iſt Lord Arbuthnot?“ „Bereits gegangen; haben Sie ihn nicht geſehen?“ „pon honour! ſeltſam. Die Welt ganz verkehrt. Mylord nimmt auf franzöſiſche Weiſe Abſchied— und mon Prince auf engliſche. Was ſoll das? Doch kommen Sie, Morton. Haben wichtigere Dinge zu reden.“ „Kommen Sie, Flirtdown,“ rief Morton in ſorg⸗ loſer Heiterkeit, und Beide tanzten fröhlich durch die offenen Flügelthüren in das Beſuchzimmer. Es war Morton— derſelbe Morton, den wir bereits kennen, aber nicht der Morton, der ſich am Werfte der Walnutſtreet in den Delaware, und an — 17 e— der Nordſtraße in den Susquehannah ſtürzen wollte; es war der ariſtokratiſche Sproſſe des alten Virginiens, der, mit dem ganzen Stolze ſeines Mutterſtaates*) bewaffnet, nun im Lande ſeiner Ahnen angekommen, wie Einer, der dem edeln Vaterhauſe einen Beſuch abſtattet. Der kalte Sarcasm des ſelbſtmörderiſchen Wahnſinnes hatte einem fein um die Lippen ſpielen⸗ den Hohne Platz gemacht, durch den der ariſtokratiſche Britte ſo unvergleichlich ſeine Erhabenheit über alle gemeinen Dinge dieſer Welt an Tag zu legen pflegt. Es war eine ungemein geiſtreiche Phyſtognomie, die aber mehr Kraft und altgriechiſche Schlauheit als Geiſt zu bergen ſchien; ſelbſt Härte lag in der voll⸗ kommen griechiſchen Bildung dieſes Geſichtes, den dunkelblauen, ſchwimmenden Augen— die, ſo wie ſie einen Gegenſtand firirten, im eigenthümlichen Feuer aufloderten— der fein geformten Naſe, und der vollblütigen Röthe; es leuchtete eine ungemeine *) Es iſt kaum nöthig zu bemerken, daß in der amerikaniſch⸗ engliſchen Sprache unter Mutterſtaat, native state, ſtets der Geburtsſtaat, hier Virginien, gemeint iſt,— unter Mutterland, mother country, England. Morton. II. 2 — 18 6— Stärke aus dieſem Geſichte, und wieder eine Kälte und ein Feuer, die wechſelweiſe anzogen und abſtießen. Es war eine ganz eigenthümliche Phyſtognomie, noch eigenthümlicher durch die herrlichen Formen der kräf⸗ tig unverdorbenen Geſtalt. „Wiſſen Sie, Morton,“ rief der Lord, der ſich auf einen Sopha geworfen hatte, und, ſein Lorgnon in's Auge gedrückt, die beiden Hände maleriſch in die Seite geſtemmt, ſich wieder erhob, um einen jungen Mann näher zu beſehen, der auf einer gegenüberſtehenden Ottomane in eine Morgenzeitung vertieft ſchien. „Wiſſen Sie, Morton?— doch, was wollte ich ſagen — oh, Morton! mir iſt der Kopf ſo voll. Denken Sie ſich, Dreitauſend, ſage Dreitauſend, geſtern. Pshaw! in einer Viertelſtunde verloren. Verdamm⸗ tes écarté!— Ja, was wollte ich ſagen— ja, jetzt fällt mir's ein. Wiſſen Sie, daß Sie mit mir müſſen. Komme eben von Tatterſalls, ein prächtiges Thier gekauft, lumpige neunzig Sovereigns. Geht herrlich im Curricle. Müſſen mit, wollen ihn im Hydepark probiren.“ „Erlauben Sie mir zuvor, lieber Flirtdown, Ihnen meinen Landsmann Ferrol of Ferrolton aufzufüh⸗ —=319— ren. Auf der großen Tour; Mister Ferrol! Lord Flirtdown.“ Und Mister Ferrol of Ferrolton erhob ſich gravi⸗ tätiſch von der Ottomane, und trat einen Schritt auf den Lord zu, und Dieſer einen Schritt wieder auf ihn zu, und die beiden Jünglinge ſtanden ernſt und ſteif vor einander, und verbeugten ſich eben ſo. „Sehr erfreut, die Ehre zu haben, Mister Ferrol of— wie ſagten Sie lieber Morton— 24 „Ferrolton, my Lord Flirtgown,“ ſprach der junge Amerikaner mit ſtarker Betonung. „Flirtdown, Mister Ferrol of Ferrolton!“ rief der Lord mit drohender Miene. Und die Beiden rückten ſich abermals näher, und ſchauten ſich an, und maßen ſich, wie zwei Vierund⸗ ſtebenziger, die, auf Piſtolenſchußweite ſich nähernd, ihre metallenen Schlünde plötzlich gähnen laſſen. „Alle Teufel! was fällt Euch ein?“ fuhr Morton auf, zwiſchen die beiden Antagoniſten ſpringend. Sie Flirtdown— wiſſen Sie wohl, daß unſer Ferrol von einer unſerer älteſten Carolina⸗Familien iſt, mit Ihren Morvilles verwandt, daß Ihr Urahn wirklich von einem zweiten Sohne der Earls von Morwich 2 8 — o 20— abſtammt, daß ſein Haus ein ſehr gutes Haus iſt? Und Du Ferrol, wirſt doch Deine Entrée nicht mit Kugeln machen wollen?“ „Vergebung! Mister Ferrol of Ferrolton!“ ſprach der beſänftigte Lord,„aber die Specimina Eurer Yankees, die wir hier zu ſchauen bekommen, pon honour! ſie glauben, weil ſie Yankees ſind, können ſie ſich mit unſer Einem meſſen. Pshaw!“ „Pah! habt recht,“ verſetzte Morton.„Wir geben ſelbſt nicht viel um unſre lieben Brüder aus dem Norden. He! wie ſteht es nun mit nuneren lieben W d S—tt?“ „Ja, das laſſen Sie ſich erzählen, lieber Morton,“ lachte der Lord.„Sehr amüſant, pon honour; kam da hinaufgeſchlendert von Crokfords gegen Albemarle⸗ ſtreet; war juſt eine Broſchüre über das Katholiken⸗ weſen erſchienen. Wer kommt mir entgegen? Wer, als Euer General W— d S—tt, der uns in Newyork eine ſo heilloſe Zeche bezahlen ließ.“ „Und ich glaube, alle Keller im City⸗Hotel und bei Niblos geleert haben würde, ſo Ihr länger bezahlt hättet,“ bekräftigte Morton lachend. „Der gute General,“ lachte Flirtdown,„mußte in —e 21 e— der vollen Ueberzeugung herüber gekommen ſeyn, un⸗ ſern Docks auf gleiche Weiſe zuzuſprechen; denn juſt an der Ecke von Albemarleſtreet kommt er, mit ſeiner Reitgerte ſpielend, auf mich zu, ſtreckt mir feine Bärentatzen entgegen, und frägt, ob wir nicht einem Dutzend heute die Hälſe brechen wollten? Pah! und Flirtdown? Flirtdown verbeugt ſich mit ſeiner ari⸗ ſtokratiſchſten Contenance, und ſpricht: ſehr erfreut, General W— d S—tt, Sie zu ſehen. Sehr erfreut, daß Sie unſerem alten England die Ehre erzeigen; hoffe, Sie werden es nach Ihrem Geſchmacke finden, und habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ „Alle Teufel!“ lachte Morton. „Pſt, Morton! Erlauben Sie mir, Ihnen juſt en passant zu ſagen, daß die faſhionable Welt derlei Ausdrücke geſchnitten hat, und ſie nur bei gewiſſen Gelegenheiten erlaubt. Fluchen kann Jeder, verſtehen Sie; es iſt deßhalb gemein. Aber auf Euern Yankee⸗ General zurückzukommen. Wiſſen Sie, Morton— Wer wird ſich da mit jedem Nankee⸗General ein⸗ laſſen? Hat da in irgend einem Boardinghouſe in Backerſtreet oder Regentſauare ſein Hauptquartier aufgeſchlagen.“ — 22— „Pah! iſt von gar keiner Familie,“ bemerkte Morton. „Ich glaube aber doch, ſein Vater war Aſſembly⸗ Mitglied,“ meinte Ferrol. „Was iſt das, Morton?“ fragte Lord Flirtdown. „Die Kammer der Repräſentanten in den einzelnen Staaten.“ „Pah!“ erwiederte der Lord gähnend.„Aber nun, mein theurer Mister Ferrol of Ferrolton, erlauben Sie mir, Ihnen unſern Freund Morton zu entführen.“ „Und Sie erlauben, Flirtdown, daß ich die Motion auf den Tiſch lege,“ erwiederte Morton, ſich lächelnd verbeugend,„für heute wird nichts daraus.“ „Das iſt wieder einmal eine Ihrer ſteifen republi⸗ kaniſchen Repliken; wird nichts daraus; haſſe das Wort. Sie müſſen mit mir; wir eſſen im Clubb, gehen dann zu Crockfords, wo der Herzog Sie kennen zu lernen wünſcht; und— was reden wir weiter, Sie ſind ja zur Reitpartie angezogen.“ Morton lag nachläſſig im Fauteuil, die eine Hand auf die Lehne geſtützt, mit der andern ſich über die Stirne fahrend.„Beſchaͤftigt, lieber Flirtdown, ſehr beſchäftigt.“ — e 23 6— „Beſchäftigt und im Reitkoſtüm! Hören Sie, lieber Morton— wenn Sie das nochmals thun, „pon honour! Sie ſind mein Couſin, aber ich muß Sie beim Board unſerer Exclusives verklagen. Sind verdammt ſtreng in dieſem Punkte, verſichere Sie, pon honour! wette Ihnen Fünfzehn gegen Eins, daß Sie von den Almacks⸗Damen keine Karte zum nächſten Ball erlangen. Iſt nicht zu ſpaſſen, pon honour!“ Und indem der Faſhionable ſo ſprach, drehte er ſich mit ſeiner wichtigſten Miene von Morton weg, der Thüre zu, deren Knopf er mit ſolcher Entſchloſ⸗ ſenheit erfaßte, daß Morton in ein lautes Gelächter ausbrach. „Bei meiner Seele! wären Sie nicht ein ſo pracht⸗ voller Junge, Morton,“ ſchrie der Lord.„Aber ſo ſagen Sie mir nur, warum Sie nicht wollen?“ „Morgen iſt Packettag.*) Eine Menge Briefe. 4 „Der alte Geſang,— Briefe, Packettag, Depe⸗ ſchen. Ihr Miniſter kann nicht mehr Geſchäfte am Halſe haben, als Sie. So möge mich G—tt—— *) Abfahrt eines Packetſchiffes. 7 — 0 24 6— wenn Sie für einen Ableger von Diplomaten nicht wie geboren ſind. Lauter Wichtigkeiten, Geheimniſſe. Man kann aus Ihnen nicht klug werden. Kömmt da herüber, wie ein General⸗Gouverneur von Oſtindien, in der prachtvollſten Fregatte, die Bruder Jonathan je in ſeiner Prahlluſt in die Welt geſandt, mit Em⸗ pfehlungsſchreiben an die halbe engliſche Nobility, was, by the by,*) gar nicht vonnöthen war, da Sie als Zweig unſerer Familie ohnedem von uns einge⸗ führt worden wären;— hat Geld, wenn mich nicht Alles täuſcht, wie Stroh.“ Die letzten Worte waren mit einem lächelnd ſchlauen Seitenblicke begleitet. „Und weiter?“ fragte Morton in derſelben nach⸗ läſſig maleriſchen Attitude, der linke Fuß auf einem Seſſel ruhend. „Und,“ fuhr der junge Lord fort,„verkriecht ſich in den ſchmutzigſten, ſchäbigſten Winkel des verlaſſen⸗ ſten Stadtviertels, in gleichweiter Entfernung von Billingsgate und Smithfield. u „Nicht ganz ſo verlaſſen, wie Sie meinen, Flirt⸗ down,“ entgegnete Morton, mit graziöſer Gedehntheit *) Im Vorbeigehen ſey es bemerkt. —=25— ſich erhebend, und auf ein Trio vagirender Muſikanten deutend, die unterdeſſen ihr ambulirendes Deheſe unter dem Fenſter etablirt hatten. „So ſehen Sie doch nur,“ rief der Ercluſſoe „aber der Henker mag da ſehen; nichts als feuchte, ſchwarz und grün geräucherte Mauern. Ich verſichere Sie auf Ehre, der lieblichſte Morgen, den Sie je über London heraufdämmern geſehen.“ „Ein allerliebſter Morgen, Ferrol,“ lachte Mor⸗ ton.„Es iſt halb nach Vier.“ „Aber bei uns noch immer Morgen, wiſſen Sie? Morgen, ſo lange diner nicht vorüber iſt,“ belehrte ihn der Lord,„und ſollten auch der Lichter vier Stücke auf dem Tiſche ſtehen.“ „Iſt aber Eure hohe Welt doch noch eine Ewigkeit hinter der unſrigen zurück,“ lachte Morton;„denn bei uns iſt es netto acht Uhr Morgens.“ „Pah,“ gähnte der Lord,„haben Sie noch meh⸗ rere derlei philoſophiſche Bemerkungen im Vorrathe, Morton?u Und alle Drei lachten hellauf und unmäßig. Während des ſchallenden Gelächters hatte das Trio ſein Conzert begonnen. Eine invalide Geige, eine — o 26— gichtbrüchige Harfe und eine aſthmatiſche Flöte, die eine Espéèce von kakophoniſchen Omnibus zu Tage förderten, zur großen Beluſtigung einer Heerde Gaſ⸗ ſenbuben, die ihnen auf den Ferſen gefolgt waren, und mit der einen Hand die Fragmente ihrer Inex⸗ preſſtbles hielten, mit der andern ihre Naſen ſäuberten. „Pon honour! Wie kommen Die hieher?“ fragte der Lord. „Das iſt nun bereits das dritte Morgen⸗Conzert, mit dem heute meine Ohren regalirt werden,“ erwie⸗ derte Morton lachend.„Wie ich ſehe, Gentlemen, ſo iſt John Bull ganz muſtikaliſch geworden. Eine deutſche Drehorgel, ein ſchottiſcher Dudelſack gingen voran, und das Schönſte hat auf Sie gewartet. Auch koſtet es höchſtens six pence. Bleiben Sie noch eine halbe Stunde, ſo hören Sie ſicherlich noch ein viertes.“ „Morton, Sie ſind unausſtehlich,“ gähnte der Lord.„Sehe, Sie wollen, daß ich abziehe. Sagen Sie mir nur ums Himmelswillen, was Sie eigentlich feſthält? Erwarten Sie Jemanden, etwas Liebliches zu ſchauen, und Lieblicheres zu betaſten, wie unſere Freunde von ihren Deborahs ſagen?“ „Weit entfernt.“ — 0 27 6— Das Trio hatte ſich mittlerweile durch ein Skeleton von Webers Jagdchor durchgearbeitet und ſchaute nun ſehnſüchtig zu den Fenſtern hinauf. Eine ſchmutzige, einer Seminola squaw vergleichbare Schöne zog ihre Kappe vom Kopfe, und hielt ſie mit lange ausgereck⸗ ten Händen empor— als ein elegantes Cabriolet die enge Gaſſe heraufkam, und mitten durch den Haufen paſſirte. Ein junger Faſhionable ſprang aus dem⸗ ſelben und klopfte dreimal an die Hauspforte. „By Jove! das iſt Sir Edward,“ rief Lord Flirt⸗ down.„Kommt Der zu Ihnen, Morton?“ „Nicht daß ich wüßte.“ „Wohin will Der? Good bye, Morton!*) Da Sie nicht wollen, muß ich ihn haben. Ihr Diener, Mister Ferrol of Ferrolton.“ Und der Lord war aus der Thüre. „Gilt der Beſuch Dir?“ fragte Ferrol. „Ich zweifle.“ „Wem alſo mag er gelten?⸗ „Es gibt mehr Dinge zwiſchen Himmel und Erde, als Deine und meine Philoſophie ermeſſen können.“ *) Wünſche Ihnen viel Gutes, Morton. — 28 6— Jetzt wurden die Stimmen der ſich in dem Corri⸗ dor Begegnenden gehört. Der Baronet weigerte ſich entſchieden, mitzukommen, und ſchützte ein dringendes Geſchäft in dem Hauſe vor, verſprach jedoch den Lord im Hodepark zu treffen, worauf Dieſer kopfſchüttelnd leichtſinnig die Treppen des Hauſes hinablief, der Baronet, mit ſchwerem Herzen, wie es ſchien, die Treppe hinanſtieg. Das Trio hatte eine friſche muſikaliſche Jeremiade begonnen; aber kaum daß ſie angeſchlagen, ſo wurde ein Schrei über die Töne der Muſik gehört, ſo gräß⸗ lich, ſo entſetzlich! daß er Himmel und Hölle durch⸗ dringen zu wollen ſchien, und den Muſikern buch⸗ ſtäblich die Töne in den Händen und Kehlen ſtecken blieben. Der Schrei war furchtbar, unnatürlich; es war der Schrei eines Verdammten, er war gellend, Mark und Knochen durchſchauernd; er erſtarb endlich in einem Geſtöhne, das einen erſchütternden Nach⸗ klang von ſich gab. Dann trat eine Todesſtille ein. Muſtiker und Zuhörer ſtreckten ihre Hälſe empor und ſtierten an die unheilbringenden Fenſter hinauf; dem Weibe fiel die Kappe aus der Hand, und wie ſie ſchaute und ſtierte, ſchien ihr wüſtes, von Elend und —=0 29— Mangel und Lüſten und Laſtern verzerrtes Geſicht zu ſagen: da oben gibt es noch etwas Grauſigeres, als ſelbſt ich erfahren. Die Muſiker ſchlichen ſich alle vom Trottoir und dem Hauſe weg— aus dem Gäßchen. Gleich darauf kam der junge Stutzer, aber nicht mehr raſchen Schrittes— langſam, gebückt, ſchlei⸗ chend, ſchien ein halbes Jahrhundert zwiſchen ſeiner Ankunft und Abfahrt verfloſſen zu ſeyn; ſeine Füße ſchleppten am Boden, er ſchwankte dem Cabriolet zu, ohne Leben, todtenbleich, wie ein Geſpenſt. Er be⸗ durfte der Hülfe des Jockey, um in den Wagen zu gelangen. „Das iſt ſeltſam,“ ſprach Ferrol.„Wo ſind wir, Hughes? Dieſes Haus birgt gräßliche Dinge, däucht mich.“ „Hush,“ wisperte Morton— denn Fußtritte wa⸗ ren zu hören, aber ſo leiſe, die Blindſchleiche hätte nicht mehr Geräuſch auf den Teppichen, mit denen die Treppe bedeckt war, verurſacht. Cine kaum merkbare Bewegung des Druckers ver⸗ rieth, daß Jemand vor der Thüre ſtand. Sie ging auf, und ein Kopf ſtreckte ſich herein. Es war die — 0 30 6— verwitterte, harſche, aber unbeſchreiblich geiſtreiche Phyſiognomie des quasi Portiers. „Ah, Mister Morton!“ wisperte der Alte mit kaum hörbarer Stimme,„Sie haben Geſchäfte, Be⸗ ſuche— dachte, wären Alle fort. Vergebung! ein andermal.“. „Ein Freund und Landsmann, Mister Lomond!“ ſprach Morton, der aufgeſprungen war, einen Pack amerikaniſcher Zeitungen ergriff und dem Alten nach⸗ eilte. „Gerade jetzt, das iſt fünf Uhr, geſchieht das große Werk,“ wisperte er dem Jüngling in die Ohren. „Welches?“ fragte Dieſer. „Es gibt nur eines gegenwärtig,“ verſetzte der Alte verweiſend.„Die Lords paſſiren die Emanzipations⸗ bill mit zweihundertzehn gegen hundertzehn.“ Morton ſchüttelte ungläubig den Kopf.„So eben,“ flüſterte er dem Alten zu,„haben mir Lord Arbuthnot und Prinz—l— geſagt, die Tories ſeyen feſt ent⸗ ſchloſſen— 4 „Pah! werden ſehen, wie feſt ſie entſchloſſen ſind,“ verſetzte Jener, indem er die Treppe hinanſtieg. „Wer iſt der Mann, Hughes?“ fragte Ferrol mit —:= 31— einer Miene und in einem Tone, die Grauen und innern Schauder verriethen.„So oft ich ihn erblicke, rieſelt es mir kalt über den Rücken.“ Morton ſtand in Nachdenken verſunken.„Mein Hausherr,“ war die endliche Antwort. „Das weiß ich; aber was iſt er, was treibt er?« „Stille; ein andermal mehr von ihm. Willſt Du mit in den Regentspark?“ „Gerne.“ „Wohlan, dann laß uns gehen.“ Die Beiden verließen das Haus und bogen um das Gäßchen herum in eine Hinterſtraße ein, unter deren halb öden und verlaſſenen Bauwerken ein ſo⸗ genannter livery stable*) ſich befand. In einigen Minuten waren die Vorbereitungen zur Fahrt ge⸗ troffen, und ſie beſtiegen einen Tillbury von der eleganteſten Bauart, und reich verziert, dem ein prachtvolles Thier vorgeſpannt war. „Aber, ſage mir ums Himmels willen, Morton— bei G-tt! ich habe des alten George Tilbury geſehen, aber das Deinige— u *) Miethſtall, wo Pferde vermiethet und in Pflege genom⸗ men wurden. — 0 32 6— „Ueberbietet ihn, nicht wahr? Zähme Deine Un⸗ geduld noch eine Weile.“ Sie fuhren langſam und ſchweigend die öde Straße hinauf und gegen die Hinterſeite der Bank zu. Am Ende von Cornhill angelangt, ſchlugen ſie die Rich⸗ tung nach Holborn ein. „Morton,“ nahm wieder Ferrol das Wort,„Dein Hausherr iſt ein ſeltſamer Mann. Sollte mir ver⸗ leiden, unter Einem Dache mit ihm zu wohnen.“ „Glaube es gerne.“ „Warum alſo bei dieſem verdammten Seelenver⸗ käufer bleiben?“ „Das iſt eine andere Frage; doch höre:“ Morton zog die Zügel des Pferdes ſtärker an und die Freunde rückten einander näher. „Du haſt gehört von der Kataſtrophe, die mich, und durch mich meine Familie, inſonderheitlich aber meinen Großonkel getroffen. Du weißt, daß der großartige Styl, in dem er die Honneurs der Nation machte, die Grundurſache unſerer Verlegenheit war, welche durch die großen Summen, die er zur Reali⸗ ſirung ſeines Lieblingsprojektes, der Errichtung der neuen Univerſität, darbrachte, noch um ein Bedeutendes —= 33 6— vermehrt wurden. Sie zwangen mich, die Carrière in unſerem Seedienſt aufzugeben und mich im Handel zu verſuchen, um ſo unſeren Verlegenheiten abzuhelfen, und den drohenden Verkauf unſerer Familiengüter zu verhüten.— Ja, lieber Ferrol, eine zweimalige P-r wäre im Stande, das Vermögen eines Cröſus zu erſchöpfen.— Und dann unſere republikaniſche Dankbarkeit!“— Und der Jüngling knirſchte mit den Zähnen, und ſtieß einen ſchrecklichen Fluch aus. „Genug;“ fuhr er fort,„das Erbtheil unſerer Familie, in Ländereien allein dreimalhunderttauſend 8 Dollars werth, war durch die Hoſpitalität eines der Hauptgründer amerikaniſcher Freiheit und des Haupt⸗ gründers der heutigen Demokratie ſo herabgekommen, daß er, um ſeinen Großneffen in das Handlungshaus P-r und Comp. zu bringen, ſich in die Hände des alten Stephy werfen mußte, der mit ſeltener Bereit⸗ willigkeit ſich herbeiließ, fünfzigtauſend Dollars vor⸗ zuſchießen, zu denen ich zehntauſend, die ich eigen⸗ thümlich beſaß, hinzu that. So trat ich als jüngſter Partner in die Firma P-r und Comp. ein. Groß⸗ onkel jedoch mußte für die fünfzigtauſend Dollars Morton. II. 3 — 34— gut ſtehen, und nicht nur ſeine eigenen Beſitzungen in Virginien, ſondern auch ich die mir von meiner Mutter zugefallenen Ländereien am Miſſiſippi in die Bürgſchaft aufnehmen. So war ich, und mit mir meine ganze Familie, in den Händen des reichſten, aber auch des eigenſtnnigſten, despotiſchſten Mannes der Union— der Erde. Dafür war ich Compagnon des Hauſes P-— r, hatte aber den mexikaniſchen Han⸗ del für mich exeluſive.“ „Um das Unglück voll zu machen, übernahm ich die Mary, die als Packetſchiff den Anfang einer Com⸗ munication mit Veracruz machen ſollte, ganz auf eigene Rechnung. Der Teufel, glaube ich, verblen⸗ dete mich.“ „Was weiter geſchah, weißt Du; die Mary mit einem Cargo von mehr als hunderttauſend Dollars im Werthe, von denen dreißigtauſend mir eigenthüm⸗ lich gehörten, das Uebrige mir auf Commiſſton anvertraut war, ging an dem vermaledeiten Cap Hatteras, kaum drei Tage nach ihrem Auslaufen, verloren; und da ſte erſt drei Jahre alt war, ſo hatte ich nichts, gar nichts aſſekurirt. Gelang der Trip, ſo hatte ich fünfzigtauſend Dollars rein gewonnen; ſo —= 35 G6— wie die Sachen ſtanden, war ich ein Bettler,— und hatte meinen Großonkel in die Gewalt eines auslän⸗ diſchen Abenteurers gegeben; eines zwanzigfachen Millionärs, aber doch nur eines Abenteurers.“¹ „Zum Ueberfluſſe hatte ich eine ſentimentale Ver⸗ bindung mit Georgiana M-gh angefangen, dem ſchönſten,— üppigſten und— herzloſeſten Geſchöpfe von Chesnutſtreet. Ah, Ferrol! lache Du; aber die⸗ ſes Mädchen, ſie weiß Dir die Hohe zu ſpielen— ſo herrlich die Hohe zu ſpielen; und Du weißt, das iſt unſere ſchwache Seite. Ich haßte ſte in Momenten, und wieder— doch fort mit ihr!— Es war nicht eigentliche Liebe, es war ein Sinnenkitzel— ein epi⸗ kuräiſch geiſtiger Sinnenkitzel;— aber er trug dazu bei, meinen Seelenzuſtand gräßlich zu machen— er war unbeſchreiblich— meine Leiden entſetzlich. Zwei Tage war ich feſt entſchloſſen, dieſem verdammten Leben ein Ende zu machen. Ich ritt hundert Meilen, um mich auf eine unbemerkte Weiſe aus der Welt zu ſchaffen— Du kennſt das Vorurtheil unſerer Lands⸗ leute in dieſem Punkte. Bei jedem Verſuche wurde ich auf eine Weiſe gehindert, die, ſo empörend ſie für meinen Stolz war, mich wieder den Finger des 3* —= 36— Schickſals oder der Vorſehung, wie Du es nennen willſt, erkennen ließ. Am vierten Tag traf ich auf den alten Stephy, der mich mit dem eiſernen Griffe ſeines furchtbaren Despotismus erfaßte, mich zu dem Seinigen machte, und ſofort in die Welt hinaus ſchleuderte.“ „Was er mit mir vor hat, weiß ich noch immer nicht. Er ſandte mich im Schooner Swiſtfoot ab, wo ich im Angeſichte von Philadelphia, und kaum hundert und fünfzig Yards von ihm, beinahe ertrun⸗ ken wäre; doch Du weißt— „Ich mußte nach Havre, nach Paris, von da nach London.— Noch immer weiß ich nicht, was ich ſoll.— „Als ich hier in London ankam, war ich nicht wenig verwundert, meinen Pompey, der ich in Chester zurücklaſſen mußte, bereits zu treffen. Er war in der B—e angekommen und brachte mir Empfehlungs⸗ ſchreiben an beinahe alle Peers der drei Königreiche, die natürlich den Großneffen J—ns und den Enkel eines Unterzeichners unſerer Unabhängigkeitserklärung mit um ſo größerer Achtung aufnahmen, als er zu⸗ gleich mit den älteſten und erſten Geſchlechtern ihres —"0 37 8— Landes verwandt iſt. Drei Tage blieb ich in der hohen und höchſten Welt. Am vierten mußte ich auf die Change. Ich ging dahin in Begleitung mehrerer Landsleute, und blieb bis zum Schluſſe der großen Geldgeſchäfte da. In meinem Portefeuille herum⸗ ſtöbernd, fiel mir das ſchmutzige, kleine Handbillet des alten Stephy, das er mir als Empfehlungsſchreiben an einen gewiſſen Lomond mitgegeben, in die Augen. Ich beſchloß ſofort, daſſelbe abzuliefern, und bei dieſer Gelegenheit mir den Mann genauer zu beſehen, bei dem ich Quartier nehmen ſollte. Auch war es hohe Zeit, der eigenſinnigen Grille des despotiſchen Alten Genüge zu leiſten. Als ich Einen der Diener in Aoyds Caffeehauſe nach Mister Lomond fragte, ſah mich der Halbmann ſcharf und, wie mir ſchien, mit⸗ leidsvoll, und dann wieder höhniſch an; dann ſandte er einen Aufwärter mit mir. Allein hätte ich den Verſteck des Alten wohl ſchwerlich gefunden;— denn Du mußt wiſſen, daß er blos während der season hier in— ſtreet wohnt;— den Sommer verlebt er auf einer prachtvollen Villa, und kömmt in einem eleganten Cabriolet zur Stadt." „Denke Dir mein Entſetzen, als mich der Mann — 5 38 6— durch eine Unzahl Gaſſen und Gäßchen und Winkel in das horrible kirchhofartige Schreibſtubenviertel brachte, wo ich meine Londoner Reſtdenz aufſchlagen ſollte; mir wurde grün und blau vor den Augen, als wir vor dem Hauſe hielten.“ 4 „Es war gerade ſechs Uhr Abends, als ich die Schwelle ſeines Hauſes betrat, und das verſiegelte Zettelchen abgab. Er kam ſelbſt an die Hausthüre und hatte kaum einen Blick auf die Adreſſe geworfen, als er das ſchmutzige Papier auch mit allen Zeichen tiefer Ehrfurcht öffnete, dann mich bei der Hand nahm, und, ohne ein Wort zu ſagen, in das Appar⸗ tement einführte, das ich gegenwärtig bewohne, und das, aus drei Piecen nebſt einem Zimmer für Pom⸗ pey beſteht, wie Du geſehen haſt, und kein Earl ver⸗ ſchmähen dürfte; immer die Nachbarſchaft abgerechnet. Mit den Worten: dieß iſt Ihre Wohnung; Sie be⸗ zahlen wöchentlich achtzehn Schilling six pence, für ſich und Diener, und haben heißes Waſſer zu Kaffee und Thee,— verließ er mich. Ich ſtand und wußte nicht, wie mir geſchah; aber des Mannes Phyſiogno⸗ mie und ganzes Weſen hatte etwas Eigenes, etwas unbeſchreiblich Eigenes für einen Mann in meiner —0 39 e— Lage. Er kam mir vor wie das Verhängniß, dem mich entziehen zu wollen Thorheit wäre. Ich zog ein. Drei Tage nach meinem Einzuge nahm er mich bei der Hand, führte mich aus dem Hauſe— durch die Straße nach— ſtreet einem livery stable zu, wo er mir dieſen prachtvollen Tilbury, der mit dem Thiere wenigſtens fünfhundert Pfunde koſtete— zu meiner Verfügung ſtellte. Seine Worte waren: ſteht ganz zu Ihrem alleinigen Gebrauche während Ihres Aufent⸗ haltes in London, wofür Sie wöchentlich einen So⸗ vereign bezahlen.“ „Ein Spottgeld. Die Unterhaltung eines Reit⸗ pferdes koſtet fünfundzwanzig Schilling,“ bemerkte Ferrol. „Jeden Samſtag Abends, fünf Uhr, fünf Minuten, fünf Sekunden, kommt er um ſeine achtunddreißig Schillinge, die ich, um ihm alles überflüſſige Reden zu erſparen, in die Ecke meines Schreibtiſches legen ſollte. Wir ſprachen, außer den Good evening to you, noch kein Wort.“ „Merkwürdig! ich war noch nicht acht Tage in meiner abgelegenen Einſamkeit, als auch bereits meine Freunde mich ausfindig gemacht hatten, und doch war —“= 40 6— ich kein einziges Mal hinüber nach Weſtend gekom⸗ men. Bereits waren die Marquiſe von L—e und Ee und die Earls G. und W. mit mehreren Vis⸗ counts und Lords bei mir. Stelle Dir meine Ver⸗ wunderung vor, als mir neulich A— zu verſtehen gab, ich könne ihm recht wohl allenfallſige Eröffnungen machen, da ich denn doch von Seite unſerer Regie⸗ rung beauftragt wäre, den kitzlichen Punkt der noch immer ſchwebenden Differenzen wieder aufzunehmen; er würde ſie als vertrauliche Mittheilungen betrachten, und auf dieſe Weiſe ließe ſich vielleicht die Difficultät am eheſten heben, was er ſelbſt recht ſehr wünſche. Ja, er ſtellte ſich gewiſſermaßen beleidigt, wegen meiner zu weit getriebenen diplomatiſchen Reſerve. Meine Verwunderung minderte ſich nicht, als ich die⸗ ſelben Inſtnuationen in mehreren der erſten Tagblätter las, und ſte ſtieg auf das Höchſte, als mir wirklich vor wenigen Tagen der Auftrag von unſerm Kabinete zukam, in Betreff dieſer Angelegenheit, die nun ſchon über die zwanzig Jahre zwiſchen unſerer und dieſer Regierung ſchwebt, vereint mit unſerm Miniſter, Unterhandlungen anzuknüpfen.“ „Seltſam!u fiel ihm ſein Freund ein. — 1— „Mein Großonkel iſt nicht im Spiele, eben ſo wenig meine Familie,“ fuhr Morton fort. „Was nun den alten Stephy betrifft, ſo hat er, ſowohl bei unſern Mittel⸗ und höhern Klaſſen, als der Regierung, beinahe gar keinen Einfluß; denn der alte Hikory haßt, wie Du weißt, alle Geld⸗ und Bankmänner. Der Umſtand, daß ich Marinelieu⸗ tenant war, und dieſe wirklich kitzliche Angelegenheit vorzüglich unſere Marine angeht, könnte zwar bei⸗ getragen haben; immer jedoch iſt mir das Ganze unerklärlich ,. „Doch um auf meinen Hausherrn zurückzukommen. Jeden Tag ſah ich ihn einmal, nämlich wenn er kam, die Zeitungen abzuholen; jeder Tritt, jeder Schritt, iſt und bleibt bei ihm derſelbe. Jeder Zug bleibt ſich gleich auf dieſem blei⸗ und aſchfarbigen Geſichte mit gelbem Grunde; keines ſeiner ſparſamen weißen Haare legt er anders; Alles an ihm iſt ſo unverän⸗ derlich, ſo unleſerlich, wie die Hieroglyphen Egyptens vor Champollion; der leibhafte Kronos, der ſeine Kinder frißt. Aber dieſe dünnen, blauen Lippen, ſo bleiblau, als ob der Froſt ſie erfroren hätte, dieſe Adlernaſe, ſo ſcharf, ſo ſpitzig, dieſe Augen, ſo durch⸗ 1 8 1 * 1 — o 42— bohrend, daß ſie in die innerſten Tiefen der Seele dringen, dieſer furchtbare, Gott ähnliche Blick, ich geſtehe Dir, ich ſah jeden Tag mit Ungeduld der Stunde entgegen, in der der Mann zu kommen pflegte. Er war mir intereſſant geworden. Sein Auge hat etwas brennend Hölliſches; es iſt hölliſches Feuer darin. So ſtelle ich mir den Blick Satans vor, wenn er die Verdammten ergreift, und hohnlächelnd die Schöpfungen ſeines Gottes zerſtört. Eine verdammte Abſurdität, by the by, lieber Ferrol, iſt ſte's nicht? Aber wieder— wenn ich betrachte, wie jedes geſchaf⸗ fene Werk zu Grunde gehen muß, nachdem es ſeinen Zweck erreicht.— Pah!“ Der Jüngling hielt eine Weile inne, und fuhr dann fort: „Ja, es iſt ein wahrer Herrſcher⸗, ein wahrer Königsblick, der ſeinen übertretenden Sklaven die Vorqualen der Folter fühlen läßt. Du haſt heute die Wirkungen dieſes Blickes geſehen und gehört. Sie ſind Grauſen erregend. Er hat viele Beſuche,— ich ſollte glauben, die Höchſten des Landes. Sie kommen aber immer incognito, allein, häufig zur Nachtzeit, Dandies jedoch auch bei Tage. Du hörſt — o 43 6— auf ihre Bitten, auf ihr Flehen nie eine Antwort; er ſpricht nur durch Blicke, aber dieſe Blicke beſchwich⸗ tigen auch den Zudringlichſten, den Keckſten. Du hörſt oft lautes Geſchrei, Flüche, ſtarke Reden; aber dann folgt immer eine Grabesſtille, die dem erſter⸗ benden, verhallenden Geſtöhne der Wogen gleicht, nachdem ſie ihre Opfer verſchlungen haben. Es iſt der abſoluteſte, aber auch der großartigſte Egoiſt, den ich in der Union oder in England je geſehen, und das iſt, wie Du weißt, ein Metier, in welchem wir Beide excelliren, die Tochter und die Mutter.“ „Ich landete, wie geſagt, in Havre, und ging, in Folge der Inſtruktionen, die mir gegeben worden waren, nach Paris. Natürlich beſuchte ich unſere Freunde, die Söhne des Marſchalls N—, und des Herzogs von O—, und alle die prächtigen Franzoſen, mit denen wir zu Hauſe ſo herrliche Tage verlebt hatten. Höre! es ſind Dir prachtvolle Jungens, dieſe Franzoſen; verglichen mit ihnen, ſind Dir dieſe Lords bloße Puppen und Kälber; aber im vorgerückten Alter gewinnen Dieſe wieder. Iſt ſonderbar! Ein alter Franzoſe iſt Dir ein zähig ſchleimiges, intriguantes Thier, ohne Saft und Kraft. Leben zu geſchwind, —x—xx——————— — o 14— die Franzoſen. Ein alter Engländer iſt wieder wie ſeine Eichen.“ „Und der Amerikaner ſchlägt ſie Beide,“ fügte Ferrol hinzu. „Verſteht ſich von ſelbſt,“ fiel Morton ein— „aber zu unſern jungen Franzoſen zurückzukommen. Sind Dir prachtvolle Jungens, dieſe Franzoſen, be⸗ ſonders die bei uns aufgethaut haben. Und Muth haben ſie Dir. Sie ſchießen ſich mit Dir im brüder⸗ lichſten Zeitvertreib, wenn Du ihnen zum Spaße auf die Zehen trittſt, oder Dich weigerſt, ihnen in eines ihrer B—lle zu folgen. Ich hatte wirklich deßwegen ein Duell, und leider flügelte ich den armen Teufel — ſagte ihm es aber vorher. Alles ging aber in der herzlichſten Freundſchaft ab. Kernjungens! Sie zo⸗ gen mich in— und durch alle Salons, und erſt jetzt habe ich eigentlich eine Idee von dieſem göttlichen Paris. Natürlich ſah ich mich auch ein Bischen weiter um; denn erhaben wie wir ſind über das Getreibe europäiſcher Prinzipfragen, beurtheilen wir ihren Gang kühler, und deßhalb ſchärfer und richtiger. Bei dieſer Gelegenheit lernte ich die finanziell⸗politiſchen Verhältniſſe der dortigen großen Häuſer kennen, den —= 45— Hof ſelbſt genau kennen, dem ich natürlich durch un⸗ ſern Geſandten vorgeſtellt wurde. Der alte Charles iſt Dir ein Gentleman im vollen Sinne des Wortes, aber auch gar nichts weiter, und kennt ſein Volk nicht mehr, als er die Hottentotten kennt. Gefiel mir ſehr, dieſer Hof, ſprach oft mit dem verſoffenen, blöden D=n, der aber ein ſehr geſcheidtes Weib hat. Ueber⸗ haupt herrſcht in der dortigen hohen Welt, ſelbſt die ultra⸗royale nicht ausgenommen, ein frivoler und wieder ſtarker, auch genialer Geiſt, die Folge der Vereinigung und Vermiſchung ſo verſchiedenartiger Berührungen und Intereſſen. Ich kenne nichts An⸗ ziehenderes, als einen Salon beim alten ultra⸗royali⸗ ſtiſchen Herzog von N— oder dem Marquis N—. Die Zirkel bei L—tte ſind zu revolutionär, gemiſcht, Alles beiſammen. Man ahnte bereits damals etwas von der Cataſtrophe, die das Miniſterium M—e jetzt trifft, und über welche Cataſtrophe ich von Herzog von En vor acht Tagen beſtimmte Daten erhielt. Als Abkömmling von einem altadeligen engliſchen Hauſe hatte ich freien Zutritt bei den Royaliſten, als virginiſcher Ariſtokrat bei den großen Landbeſitzern, und als Günſtling des alten Stephy bei den Geld⸗ — 0 46 6— männern; und ich ſage Dir, meine Nachrichten ſind richtiger, als die W-n ſelbſt erhält, zuſammt ſeinem P-e, den Du ſo eben geſehen. Es iſt jetzt darauf und daran, den lieben P—e an die Spitze der Ge⸗ ſchäfte daſelbſt zu bringen. Die Mine iſt ſeit ſechs Monaten gelegt, jetzt ſoll ſie ſpringen, und mich ſollte es gar nicht wundern, wenn der alte Ch—s darüber ſpränge. Würde mir leid thun um ihn; denn was könnte wohl Beſſeres nachfolgen? Aber die Leute haben das Gehirn verloren.“ „Den Tag, nachdem ich das Schreiben des jungen Herzogs von E—n erhalten, kam der alte Lomond zu mir auf das Zimmer, und zwar außer ſeiner ge⸗ wöhnlichen Stunde; das erſte Mal, daß er außer der Zeit zu mir kam. Er komme, ſagte er, um meine amerikaniſchen Zeitungen, die ich kurz zuvor durch den Hannibal erhalten, zu überſehen. Der Brief wurde während: meiner Abweſenheit abgegeben, und lag auf meinem iſche, und ich vermuthe, er hatte in der Adreſſe die Hand eines franzöſtſchen Großen er⸗ kannt. Sie haben eine eigene Hand dieſe ſogenannten franzöſiſchen Großen— obwohl ich in der Größe wieder mit ihnen nicht tauſche. Höre, nach fünfzig — o 47— Jahren wird es etwas ſagen wollen, ein amerikani⸗ ſcher Großer zu ſeyn. Glaube, wenn Einem von uns in dieſem ihrem Frankreich heute etwas geſchähe, die ganze Nation wäre auf.— Würde unſere Flotte ſaubere Geſchichten mit ihren Vierundſiebenzigern und Hundertzwanzigern anrichten. Sind zwar ihre Schiffe brav gebaut, aber ihre Offiziere taugen nichts; haben abſolut keinen Seemannsgeiſt. Unſere zwölf Linien⸗ ſchiffe können es getroſt mit vierundzwanzig der ihri⸗ gen aufnehmen. Höre, es iſt wieder etwas Schönes, ein Dutzend oder mehr Millionen verbündeter Mit⸗ ſouveräne zu haben. Unſere iſt doch die beſte Welt!“ „Doch zu unſerem Lomond zurück zu kehren. Er komme, ſagte er, um unſere Zeitungen zu leſen. Er leſe unſere Zeitungen ungemein gerne. Sie wären der wahre Spiegel unſeres Lebens, und gäben ihm ſo viel Aufſchluß über unſer öffentliches Treiben, wo⸗ gegen die Blätter der übrigen konſtitutionellen Welt bloße elaborirte und von den Machthabern dictirte Artikel enthielten, eine Art Köder und Angelhaken und Netze, in denen die Ariſtokraten und Bureau⸗ kraten die Gimpelvölker, und alle nennt er ſte ſo, bis auf das unſerige— wie Rinder und Robbins ein⸗ b —= 48— fangen, und mittelſt ihrer Trabanten dann treiben und lenken. Bei dieſer Gelegenheit erzählte er mir eine Anekdote vom alten Friedrich dem Großen, die recht charakteriſtiſch iſt. Muß ein verdammt geſcheidter Mann geweſen ſeyn.— Wenn nämlich in einer der vielen Schlachten, die er lieferte, um ein Stück Land von Oeſtreich wegzukapern, auf das er gerade ſo viel Recht hatte, als ich— ſeine Soldaten zum Weichen gebracht wurden, pflegte er ſie immer wieder mit dem Zurufe in's Feuer zurück zu treiben: Ihr Racker, wollt Ihr denn ewig leben!“ Und Beide brachen über dieſen wirklich charakteri⸗ ſtiſchen Zug in ein hell lautes Gelächter aus. „Ich wundere, was unſere Milizen ſagen würden, wenn unſer alter Hikory ihnen eine ſolche Aufmun⸗ terung gäbe,“ bemerkte Ferrol.„ „Alſo der Alte fragte mich wie gelegenheitlich eini⸗ ges über die kommerziellen Verhältniſſe von Newyork, und kam dann auf Paris zu ſprechen. Ich gab ihm Aufſchlüſſe, ſo gut ich vermochte, und ſpielte dann auf den großen Kabinetsſtreich an, der hier noch immer tiefes Geheimniß für Alle iſt, den Herzog von W— und vielleicht die Geſandten der größern euro⸗ — 0 49 e— päiſchen Mächte ausgenommen. Der Mann wurde aufmerkſam, und, wie es mir ſchien, betroffen. Er zuckte ſichtlich zuſammen. Ich ging einen Schritt weiter, gab ihm Beweiſe, zeigte ihm endlich den Brief. Er griff darnach, wie der in der Sandwüſte Verſchmachtende nach dem Waſſerſchlauche greift; und ehe ich noch die Hand zurückgezogen hatte, war er verſchwunden. In einer Viertelſtunde kam er wie⸗ der, und legte den Brief ſchweigend auf den Tiſch. Ohne ein Wort zu ſagen, entfernte er ſich. Endlich vor drei Tagen kam er ungemein heiter auf mein Beſuchzimmer. Sie hatten recht, ziſchte er, ganz Recht. Ihre Nachrichten waren ein prachtvolles Stück Geldes werth, ſind es noch immer werth. Wirth⸗ ſchaften Sie damit, Sie werden dabei nicht verlieren. Können Sie über zehntauſend Pfund disponiren? Meine Antwort war:„könnte ich über zehntauſend Pfund disponiren, wäre ich nicht in London.“ Ah, der alte Stephy, meinte er, hält Sie knapp. Wird aber ſchon beſſer werden. Verlaſſen Sie ſich darauf — iſt ein großer Mann, der alte Stephy, ein wahrer Napoleon. Aber die Aktien werden in einer Woche einige Prozent herunter ſeyn. In einem Monate Morton. II. 4 — 50— wollen wir ſie wieder hinauf heben. Ich ſage Ihnen dieſes, als einem der Unfrigen. Kaufen Sie— aber nein, laſſen Sie mich ſehen. Mein Wort iſt beſſer, als Ihr Geld, und wenn Sie Zweimalhunderttauſend in der Hand hätten, und ich bin Ihnen Dank ſchuldig.“ „Und er erſtattete geſtern dieſen Dank auf eine großartige Weiſe. Er brachte mir ein Transfer von fünfzigtauſend Pfund, mit dem Hauſe D—, das in Zeit von vier Wochen wenigſtens tauſend Pfund ab⸗ werfen muß; ja, er ließ mir die freie Wahl zwiſchen tauſend Pfund baar und vier Wochen Warten. Ich nahm die tauſend Pfund baar, die er mir auch in einer Tratte auf das Haus D— d und Comp. anwies. Aber zugleich nahm er richtig die achtunddreißig Schillinge von der Ecke des Tiſches und geſtand mir lächelnd, daß es abſolut gegen ſein,Syſtem wäre, irgend Jemanden etwas zu ſchenken; es bringe um alles Glück. Seit geſtern iſt ſein Vertrauen gegen mich bereits ſo weit geſtiegen, daß er mich ſelbſt zu einem Beſuche in ſeinem Appartement abholte, das, wie Du weißt, gerade über dem meinigen iſt. Es beſteht aus beinahe dürftig meublirten drei Piecen, mit grünen und aſchgrauen Tapeten, von denen das —" 51— zweite ſein Sitz⸗ und Schreibzimmer, das dritte ſein Schlafgemach iſt. Dieſes iſt mit eiſernen Fenſterladen ſtark verwahrt. Die Einrichtung dieſer drei Zimmer iſt eine wahre Raritätenſammlung. Du findeſt alle Jahrhunderte, alle Zonen, alle Länder, alle Theile der Welt, im einen oder dem andern Stücke repräſen⸗ tirt, die er während ſeines frühern vagabundirenden Lebens geſammelt haben muß, oder die ihm von Geld⸗ bedürftigen zugetragen worden; denn auf Pfänder verleihen war ſein urſprüngliches Geſchäft geweſen, obwohl er es gegenwärtig nicht mehr treibt, beſon⸗ dere Fälle ausgenommen.“ Die Beiden waren nun in Tottenham Courtroad angekommen. „In dieſem Appartement nun lebt und webt er,“ fuhr Morton fort, nobwohl er noch fünf bis ſechs und darunter mehrere prachtvolle Mansions*) in London, nebſt mehreren Landſitzen, beſitzt, auf deren einem, nicht fern von Chelſea, er auch einen großen Theil des Sommers weilt. Hier, wie geſagt, bringt — *) Stadthäuſer der Großen. 4⸗ —"0 52 e— er die eigentliche season, wie der Bär in ſeiner Win⸗ terhöhle, zu.“„ „Möchte doch wiſſen, welches der drei Königreiche dieſer Anomalie Leben und Daſeyn gegeben hat.“ „Nach ſeinen hervorſtehenden Backenknochen zu ſchließen und dem harten Accente, würde ich ihn für einen pfiffigen Nordländer halten; aber die Adlernaſe mit den ſeltſamen Naſenlöchern machen mich zuweilen irre. Zudem herrſcht in ſeiner Ausſprache ein ſtark ausländiſcher Accent vor.“ „Hat er keine Freunde und Verwandte?“ „Nicht, daß ich wüßte.“ „Fahre fort.“ „Sein Leben iſt für die Welt ein abſolutes Ge⸗ heimniß. Sein zweites und drittes Zimmer betritt Niemand. Er ſelbſt reinigt beide, und wirft die Bett⸗ wäſche und Teppiche ohne Umſtände durch die Fenſter auf den Hof hinab, wo ſie die Haushälterin aufzu⸗ heben und zu lüften hat. Sein Beſuchzimmer dient ihm zugleich zum Speiſeſaal, und ſelbſt in dieſes kommt die Haushälterin, die zugleich ſeine Aufwär⸗ terin iſt, blos, um es zu ſäubern. Was aber das Seltſamſte iſt, ſo hat er auf ſeinen Villa's mehrere — 53— Diener, die aber nie in dieſes Haus kommen dürfen, bei Verluſt ihres Dienſtes; ſo wie die Haushälterin wieder nicht aus der City darf.“ „Um acht Uhr macht er ſeinen Caffee, wozu ihm die einzige Perſon, die nebſt mir und meinem Pompey im Hauſe wohnt, heißes Waſſer, Milch, geröſtetes und friſches Brod und Butter bringt. Schlag zehn Uhr überſteht er die Zeitungen, deren Inhalt er mit Falkenaugen durchſpäht. Seine Kenntniß von Allem, was Handel und Kredit betrifft, überſteigt allen Glauben. Schlag eilf Uhr verläßt er das Haus, und kehrt erſt halb nach ſechs Uhr zurück. Heute machte er eine Ausnahme, da kein Börſetag war. Auf dieſer Börſe wird er mit Scheu und mit einer Art von Grauen betrachtet. Selbſt die Excluſtven der Börſe — Du kennſt das Zimmer, aus dem jeder Uneinge⸗ weihte mit zerriſſenem Rocke und einer Tracht Schläge oder dem Inhalte des Dintenfaßes auf dem Geſichte hinausgetrieben wird— ſtehen Dir bei ſeiner An⸗ näherung wie die Grenadiere der Garderegimenter, wenn ſie der alte W—n die Revue paſſiren läßt. Während dieſer verhängnißvollen drei Stunden iſt der Mann ganz Staatspapier, und er lebt in einem —" 54— Zuſtande der Verzückung, die ihn wie die Magnet⸗ nadel blos nach Einem Punkte hinzittern läßt. Alles, was nicht die Conſols und die Cinq betrifft, iſt für ihn in dieſer Zeit nicht vorhanden. Um vier Uhr erſt beginnt er allmälig wieder den Menſchen anzuziehen. Er ſteht wieder Gegenſtände und hört auf Worte, auch wenn ſie ſich nicht auf Stocks und Bills beziehen. Dann kannſt Du ihn zuweilen ſehen, wie er ſich die Hände reibt, aber nicht zu ſtark, als fürchte er, die Haut ſey Papier; und dann zieht ſich ein unheimliches Lächeln über ſeine erſtarrten, verwitterten Grabeszüge, dieſe ſcharf trockenen Minoszüge. Er iſt in ſolchen Augenblicken ein wahrhaft unterirdiſches Weſen, und erſchien' er mir auf einer der Klippen in der Nähe des Urſitzes unſerer Familie, am Ben Lomond, ich hielt' ihn zweifelsohne für eines der Mitternachtgeſpenſter dieſes Sees. ¹ „Schlag ſieben Uhr bringt ihm die Haushälterin ſein Mittageſſen, das ſie auf einen Tiſch vor die Thüre ſetzt, ganz leiſe Schläge an dieſe thut, und endlich den Tiſch in das Zimmer trägt. Ein einziges Mal wagte ſie es, einzutreten, ohne das Walk in! abzuwarten, war aber nahe daran, ihren Dienſt zu —=55 G6— verlieren, der nichts weniger als ſchlecht ſeyn muß; denn bei einer unmenſchlichen Härte, einer über alle Begriffe gehenden Geld⸗ und Selbſtſucht, läßt er ſich wieder Züge von Großmuth entwiſchen, eine Ver⸗ achtung des edlen Metalles, die nur ſeiner Verachtung gegen das Menſchengeſchlecht gleich kommt.“ Der Tilbury rollte nun die Ulſter⸗Terraſſe hinan, die dem Blicke ſo prachtvolle Reihen von palaſtartigen Häuſern zur Linken und Rechten und hinab gegen die St. Katharinenkirche darbietet. Es war einer der lieblichſten Apriltage. Die Sonne lächelte in jugend⸗ licher Frühlingsſchüchternheit ſo verſchämt aus dem ſilbernen Wolkenſchleier hervor, gleich dem ſcheuen fünfzehnjährigen Kinde mit ihrem Schleier ſpielend und ihr Antlitz wieder verhüllend, und Pflanzen und Blüthen brachen hervor aus ihren zarten Gehäuſen, und in der feuchten, duftenden Atmoſphäre erglänzten Stadt und Landſchaft ſo prachtvoll! und wieder ſchaute die Sonne durch ihren Wolkenſchleier ſo ſchmachtend, ſchwellend! wie die Schöne, deren feuch⸗ tes Auge noch in Wolluſt ſchwimmt, in glühend matter, thränender Wolluſt; denn Thränen begleiten die Wolluſt. Es war eine Scene, ein Anblick, der —=56 6— die beiden Amerikaner mit ſtolzem Entzücken erfüllte; denn es war ja das Geburtsland ihrer Väter, die Wiege des ihrigen. Als ſie ſich Clarence⸗Terraſſe näherten, ſchlugen die Thurmuhren fünf. Ein lang und langſam von Südoſt heraufrollender Donner kam wie auf den Fittigen der Windsbraut von Portland⸗Place her⸗ über und Pentonville herauf. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte Ferrol. Morton gab keine Antwort.—„Sollte es ſeyn, wie mein alter Hausherr geſagt? Es ſind Kanonen⸗, und zwar Freudenſchüſſe, entweder die Parkkanonen oder vom Hafen herüber.“ „Und weßwegen?“ „Ich glaube, die Emancipationsbill iſt wirklich paſſirt.“ „Du ſcherzeſt. Haſt Du die Winke des gicht⸗ brüchigen Tory und des grauen Prinzen über die Stimmung der Majorität des Oberhauſes vergeſſen?“ „Nein; aber wir wollen auf alle Fälle hinab.“ Und ſie fuhren um die Ecke von Clarence⸗Terraſſe, Portland⸗Place zu. Verwunderung, Staunen, ja Verwirrung auf allen —= 57— Geſichtern; hinab nach Regentsſtreet wurden ſtarke Volkshaufen bemerkbar, die ſich verdichteten, je näher ſie Whitehall kamen. Es war wirklich, wie der Alte vorhergeſagt hatte. Der Adel Großbrittaniens, der ſtolzeſte und mächtigſte, der je ein Reich regiert, der unbeugſamſte, der einen Kaiſer entthront, und ſeine eigenen Könige Jahrhunderte hindurch unter der drückendſten Obervormundſchaft gehalten;— dieſer Adel hatte ſich gebeugt vor Einem aus ſeiner Mitte — gebeugt auf das Macht⸗ und Commandowort eines Compeers.— Aus tauſend iriſchen Kehlen brüllten wüthende Hurrahs für W—n, und„zwei⸗ hundert dreizehn gegen hundert und neun!“ „Dieſes Oberhaus hat heute ſein und ſeiner Na⸗ tion Todesurtheil geſprochen,“ brach Morton aus, als ſie vor dem Parlamentshauſe ankamen. „Du kommſt doch mit zu Trelauneys?“ fragte Ferrol den Freund.„Finden da ein Kleeblatt Lands⸗ leute beiſammen, wollen eins auf die Geſundheit des alten W-ns trinken.“ „Nicht ich,“ ſprach Morton gedankenvoll.„Ich bin auf ein halbes Dutzend Bälle geladen, und den —=d 58— in D—ehouſe darf ich um keinen Preis verſäumen. Ich führe Dich aber zu Trelauneys.“ Und ſo ſagend lenkte Morton den Tilbury und fuhr raſch hinauf zu Trelauneys. Er ſprach kein Wort auf dem Wege.„Kannſt Du ſchweigen, Fer⸗ rol?“ fragte er, als ſie vor dem Kaffeehauſe ange⸗ kommen waren. „Eine ſonderbare Frage, Hughes!“ „Wohl, ſo ſchweige, denn ſonſt“— er hielt inne — ſetzte den Freund raſch ab, und ohne umzublicken, fuhr er ſchnell der City zu. Ferrol ſah ihm kopfſchüttelnd nach. II. Der Geldmann. Der Kopf des Jünglings war voll von ſeinem Alten. Wo hatte er die Gewißheit von dem Reſultate dieſer in ihren Folgen ſo unendlich wichtigen Maß⸗ regel? einer Maßregel, die die geſchriebene Conſtitu⸗ tion der drei Reiche eben ſo über den Haufen warf, als jenes untoward event, zu dem der präſumtiv * — 59— Thronerbe durch ſein drolliges Poſtſeript*) Ver⸗ anlaſſung geworden, ein Kaiſerreich halb über den Haufen geworfen? Als der Alte mit ſeiner Beſtimmt⸗ heit die Majorität und Minorität der Votirenden angab, wußten Dieſe vielleicht ſelbſt noch nicht ihren endlichen Entſchluß. Der Mann hatte eine ominöſe Wichtigkeit in den Augen Mortons erlangt. Er ſtand wie eine Zaubergeſtalt vor ihm, wie der Wächter an der Pforte, die vielleicht auch ſein Geſchick verſchloß. Es trieb ihn mit Rieſenkraft die City hinauf; die ganze übrige Welt war für ihn in den Hintergrund getreten. Und als er nun den Strand hinan und Ludgatehill hinauf rollte, und Cornhill durchfuhr, und in das Chaos von ſchmutzigbraunen und rothen „Gebäuden einlenkte, aus dem die Vergangenheit mit all ihrer Härte und Rauhheit und Unwiſſenheit und Beengtheit ſo grauſig herausleuchtete, wurde es ihm düſter zu Muthe, und düſterer, als er endlich in die Einöde von Backſteingebäuden gelangte, in deren letztem Verſtecke der Alte gleichſam wie die Spinne lauerte, um in ſeinem Netze den unvorſichtig leicht⸗ *) Des Herzogs von Clarence, als Großadmiral, an Co⸗ drington. 8 2 —0 60 6— ſinnigen Schmetterling des Hochlebens zu umgarnen. Auch keine Seele war in dieſem Grabesviertel zu ſehen. Er ſtellte Pferd und Wagen ein, und ſchlich ſich wie ein Schatten längs den Eiſengittern der Häu⸗ ſer zu ſeiner Wohnung hin. Die Thurmuhr von St. Paul ſchlug ſechs. Zwi⸗ ſchen die nackt und kahl und geſpenſtiſch empor ſtre⸗ benden Häuſer der engen Gaſſe hatten ſich bereits die Schatten der Nacht gelagert. Ihm kam es vor, als ob die Rieſengeiſter jener Männer, die Englands merkantile Herrſchaft gegründet und über alle Theile der Welt verbreitet hatten, nun aus dieſen ihren düſtern, verlaſſenen Wohnungen heraus ſchritten, an ihrer Spitze der alte Lomond, den ſte zum Wächter ihrer Intereſſen erkoren, zum Repräſentanten ihres Wirkens. Er trat die Treppen zur Hausthür hinan, die ſich, wie der Eingang zur Unterwelt, bereits beim erſten Schlage mit dem Klopfer öffnete. „Mister Lomond zu Hauſe?“ fragte er ſeinen alten, ſo eben mit dem Decken des Tiſches beſchäſtig⸗ ten Neger. „Pompey gerne beten, daß alten Lomond Teufel holen möge,“ brummte der Alte, eine jener gedrun⸗ —= 61— genen Figuren, die durch Umfang erſetzen, was ihnen an Höhe abgeht, und in deren comfortabler Leibes⸗ beſchaffenheit und launig keckem Weſen unſere virgi⸗ niſchen Ariſtokraten häufig jenen Zeitvertreib wieder finden, den die Schalksnarren verfloſſener Jahrhun⸗ derte ihren feudalen Gebietern gewährten. Die eis⸗ graue Wolle am Kopfe, die, wie die Haare eines Widders, zapfenartig empor ſtand, die Gußeiſenfarbe des Geſichtes und ein unerſchütterliches laissez aller im ganzen Weſen des Alten verriethen, daß er als ein treues und bewährtes Hausmeuble betrachtet und behandelt wurde. Morton hatte ſich ſchweigend auf das Sopha ge⸗ worfen. Der Neger hatte das Couvert ſeines Herrn auf⸗ geſetzt und ſtellte ſodann einen Suppennapf vor daſ⸗ ſelbe. „Da Engliſchen,“ brummte er,„kommen, und eine ſolche Mockturtleſuppe auftiſchen, koſtet six, nein, koſtet five, nein, koſtet eilf Pence,“ brummte er wei⸗ ter.„Maſſa Hughy, eſſen, und dann fortziehen aus dieſem verdammten Hauſe, Pompey es ſagen.“ „Muß es gleich ſeyn?“ fragte der Herr. — e 62— „Je eher, deſto beſſer ſeyn für Maſſa,a erwiederte Pompey. „Pompey ein Narr ſeyn.“ „Und Pompey nicht von ſeinem Madeira nehmen, obwohl er befohlen; lieber Dünnbier trinken Pompey, und ſo Maſſa thun.“ „Thue, wie Du willſt; ich glaube, in dieſem Punkte haſt Du Recht.“ „Glauben Sie dieß?“ fragte eine dritte Stimme, und das greiſe Haupt des Alten ſtreckte ſich zur Thüre herein, und dann folgte er ſelbſt, und ſchaute abwech⸗ ſelnd Morton, und wieder den Neger an. Der Kontraſt zwiſchen dem bildſchönen, lebens⸗ kräftigen Jüngling und dem in ſeiner Art nicht min⸗ der anziehenden Alten ſchien ihn anzuſprechen. Er lächelte. „Und Sie glauben, das Anerbieten von meinem Madeira nach Belieben annehmen oder von ſich weiſen zu können?“ Morton war überraſcht aufgeſtanden; aber die ſonderbare Frage brachte ihn zu ſich. „Ich glaube;“ ſprach er. „Sie ſind noch jung,“ ſprach der Alte,„ſonſt * — e 63— würden Sie nicht glauben; nur Thoren und Kinder glauben. Uebrigens ſage ich Ihnen, der ſtolzeſte Banquier Englands würde es ſich zur Ehre rechnen, eine Bouteille mit Lomond trinken zu können; doch, ich ſehe, Sie ſtnd im Begriffe, Ihr Mittageſſen ein⸗ zunehmen, und ich habe das Gleiche vor. Wenn Sie fertig ſind, dann kommen Sie, Ihren Wein mit mir zu trinken; aber nicht zu frühe. Sie wiſſen, ich bin ein alter Britte, und die lieben es, ihr Mittagsmahl ungenirt und behaglich zu verzehren. Vergeſſen Sie das Anziehen der Klingel nicht,— nie— nach ſieben Uhr. ¹ „Wein mit ihm trinken?“ brummte der alte Pom⸗ pey, als der Alte kaum den Rücken gewandt hatte; „Der die Peitſche bei einem Creolen, oder dem T—t ſelbſt geführt; Der kein Chriſt ſeyn.“ „Halt das Maul, Pompey!“ ſchrie ihm ſein Herr zu, der ſich am Tiſche niedergelaſſen hatte, den Kopf gedankenvoll in die Hand geſtützt. „Pompey glauben, der Alte Mockturtleſuppe auch haben wollen;— d—n— him!“ „Halt das Maul, Du alter Narr!“ ſchrie Morton, der einen Löffel voll von der Suppe verſuchte. —:= 64— „Pompey es ja halten; nur ſagen, daß gerne beten, wenn der Teufel den Alten holen.“ „Und wenn Du's Maul nicht hältſt, ſo ſollſt Du die Reitpeitſche— bei meinem Worte— 4 „Maſſa Hughy Pompey die Katze geben? Maſſa Hughy Pompey die Katze geben? der Maſſa und Ma auf den Armen getragen?“ heulte der Neger zähne⸗ fletſchend und wie toll umherlaufend. „Biſt doch ein verdammter alter Narr, Pompey; komm her und nimm Deine Mockturtleſuppe;— ich kann nicht eſſen.“ „Alles der G—tt verdammte Alte daran ſchuld ſeyn,“ brummte Pompey wieder. „Pompey, kannſt Du denn das Maul nicht halten?“ „Pompey ja's Maul halten; nur ſagen, daß G—tt den Alten in die Hölle v—n möge, und das ja nichts Uebels ſeyn.“ Morton lachte laut auf, und der alte Pompey brummte kopfſchüttelnd:„Maſſa halb verrückt ſeyn; denn Pompey nicht wiſſen, was da du lachen ſeyn.“ Des Negers bittere Laune gegen den Alten hatte ſeinen Herrn in eine Stimmung verſetzt, die eben nicht die zuvorkommendſte genannt werden konnte. Das —” 65— verächtlich ariſtokratiſche Hohnlächeln hatte ſich wieder um die gekräuſelten Lippen gelegt, als er den Weg zu ſeinem Appartement antrat. Er klopfte an die Thüre. „Halt!“ rief es von innen.„Wer iſts?“ „Morton,“ war die Antwort. „Sie haben meine Erinnerung vergeſſen, das Zei⸗ chen zuvor zu geben. Es iſt ſieben Uhr lange vorüber. Zum Glücke wußte ich, daß Sie kommen; ſonſt hätte es Unglück geben können.“ Und wie der Mann ſo ſprach, drückte er an eine Feder, und ein Knarren und Gerolle wurde hörbar. Darauf trat er mit dem Licht aus der Thüre, und beleuchtete den untern Ge⸗ ſimſepfoſten des Treppengeländers. „Sie haben gute Batterien,“ lächelte Morton, der mit Verwunderung ein Dutzend Piſtolenläufe abge⸗ zählt hatte, die aus dem Holzwerke des Geländers ihre kleinen Schlünde vorſtreckten. „Merken Sie ſich das, damit kein Unglück arrivirt. Ihnen möchte ich es vor Allen am wenigſten gönnen.“* 8 „Sehr verbunden;“ erwiederte Morton lachend. Der Alte ſchien es nicht zu hören und leuchtete ſeinem Gaſt ins zweite Zimmer, wo er auf ein Sopha neben dem Kamin deutete, und ſelbſt auf einem Fau⸗ Morton. II. 4 5 —=0 66 0— teuil vor dieſem Platz nahm, auf den er ſich halb liegend, halb ſitzend hinlagerte, die Füße auf einem gepolſterten Fußſchemel ruhend. Dann heftete er die Augen auf den Kaminbalken, auf dem Bills, Che⸗ ques, Quittungen und andere Papiere zerſtreut lagen, daneben einzelne Prezioſen, untermengt mit Kupfer⸗ und Silbermünze. Ohne Regung, ohne Bewegung ſaß er mehrere Minuten, nicht unähnlich einem mor⸗ genländiſchen Idole. Morton war gleichfalls ſchweigend geſeſſen; endlich ſchaute er ſchärfer in das erdfahle, unheimliche Geſicht des Alten. Es traf ihn ſein durchbohrender Blick, und ſeine Augen leuchteten dabei ſo ſeltſam auf, daß er unwillkürlich zuſammenzuckte. Der Alte lächelte. „Sie ſind nicht vergnügt, Mister Morton,“ hob er endlich an. „Ich weiß nicht, wie ich das ſn koinie— Man hat mich geſandt, aber fürwahr.— „Iſt es Ihrem amerikaniſchen Stolze gerade nicht angenehm, als Ball aus einer Hand in die andere überzugehen, aus der des alten Stephy in die des alten Lomond?“ — 67— „Die Wahrheit zu geſtehen, ja. „Das iſt frei und männlich geſprochen, wie es einem Amerikaner wohl anſteht. Ich achte Sie deß⸗ halb nicht minder. Aber tröſten Sie ſich. Unſer Heiland hatte ſeine Jünger drei Jahre herumgeführt, und doch fand ſich ein Verräther. Das Gebäude, das wir aufführen, iſt nicht von geringerer Wichtig⸗ keit. Und Ihre Prüfung ſoll bald am Ende ſeyn, ich verſpreche es Ihnen.“ „Mister Lomond, dieſe Parallele!“ rief der Jüng⸗ ling innerlich empört. „Ah, Sie ſind ein guter Chriſt, wie Amerikaner von guten Häuſern es gewöhnlich ſind— auch Britten ſind es— das heißt, pro forma, des guten Beiſpiels wegen für den Pöbel, auf daß dieſer ſehe, daß man nicht above that very useful thing, reli- gion, ſeye. Ah, die Religion iſt eine prächtige Sache für reiche Leute, aber, ſo wie ſie wieder iſt, ein ver⸗ dammt unbequemes Ding für Arme. Für alle künf⸗ tigen, ewigen Seligkeiten, die ſie ihnen vorſpiegelt, gebe ich keine six pence; will lieber mit reichen Leuten verdammt, als mit armen ſelig werden. Ei, eine wahrhaft ariſtokratiſche Religion, verſpricht, wie alle 5* — 0 68— die großen Herren thun, das Halten ſteht 4 einem andern Blatte. u. Wieder ward er ſtille. „Haben Sie gehört, Mister Lomond?“ fragte der Jüngling, dem man anſah, daß er der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben wünſchte. „Ich habe, und weiß, was Sie ſagen wollen.“ „Und was ſagen Sie?“. Er zuckte die Achſeln.„Ich wußte es dieſe vier Wochen.“. „Dieſe vier Wochen!“ Der Ton, in dem dieſe Worte geſprochen waren, mochte dem Alten zweifelnd geſchienen haben. Er nahm ein Blatt aus dem Fache eines nahe ſtehenden Pultes heraus und hielt es ſeinem Gaſte hin. Es war ein Aktienverkauf, der ſich auf eine Summe be⸗ lief, die das Geſammtvermögen einer mäßig großen Stadt des europäiſchen Kontinentes überſteigen konnte. Wieder legte er das Papier in das Fach zurück, und ſiel wieder in ſein voriges Sinnen. „Denkt dieſes Weſen gleich andern, gottgeſchaf⸗ fenen Kreaturen mit warmem Blute?“ murmelte der Jüngling ſich ſelbſt zu,„oder iſt ſeine Seele bei ſeinen — o 69 e— stocks, und Verſchreibungen und Urkunden, in den Koffern der Börſe, wo ſein beſſeres Selbſt ſicherlich hauſet?“ 1 „Sie haben ein gutes Geſchäft gemacht, Mister Lomond;“ bemerkte er, auf das Papier deutend. „Beiläufig fünſtauſend,“ erwiederte Dieſer trocken. „Nicht wahr?“ fuhr er mit einem ſeltſamen Hohnlä⸗ cheln fort—„fünftauſend Pfund Sterling in Einer Stunde, vielleicht in fünf Minuten gewonnen, durch bloßen Verkauf— was ſage ich Verkauf? imaginäre Uebergabe— eine Art Wette, bei der ein paarmal hunderttauſend derlei Pfunde die Blutrenner ſind, gewonnen, und zwar von einem Manne gewonnen, für deſſen ganze Garderobe und Einrichtung, wenig⸗ ſtens hier in dieſem Zimmer, kein Schacherjude den tauſendſten Theil der Summe gäbe. Nicht wahr, der Gedanke iſt bewildernd, noch bewildernder dadurch, daß dieſe Summe im Grunde von einem elenden, dar⸗ benden Volke bezahlt wird? Ei, der Gedanke iſt, ſo was man ſagt, gräßlich; denn wie viele hunderttau⸗ ſend⸗Schweißtropfen liebender Ehegatten, wie viele Seufzer und Zähren troſtloſer Wittwen und Waiſen und zärtlicher Eltern mögen nicht an dieſen fünftauſend — o 70— Pfunden hängen? Aber, lieber Morton! die Schlacht iſt gräßlich, das Schlachtfeld mit ſeinen Todten und Verwundeten iſt gräßlich, aber der Sieg iſt herrlich, der Triumph göttlich. Ei, dieſes Gold iſt Ariſtokra⸗ ten⸗Gold, und wir nehmen es einſtweilen in unſere Verwahrung. Aber Ihnen ſollte ich dieß ja nicht ſagen; denn Sie ſind ja ſelbſt ein Ariſtokrat.“ Dieſe letztern Worte waren mit einem unbeſchreib⸗ lich feinen Hohne geſprochen, und während ſie der Schatten von einem Manne geſprochen, durchzuckte es ihn, wie inneres Feuer den Krater durchzuckt und aus demſelben in einzelnen Stößen hervorbricht. „Und doch ſind Sie düſter, Mister Lomond, ſo düſter und gedankenvoll, als am Tage, wo ich Sie warnte.“ „Das haben Sie gethan, junger Mann!“ verſetzte der Alte.„Ihre Warnung iſt mir ſehr zu Statten gekommen. Ich habe eine große, eine ſehr große Summe gerettet, eine mehr als zehnmal ſo große Summe als dieſe— gewonnen. Ich halte es für meine Schuldigkeit— ja, ich bin noch immer Ihr Schuldner. Ich werde aber bezahlen. Laſſen Sie die Intereſſen anwachſen, ja vermehren Sie ſie durch —=8 71 6— ſolche Kapital⸗Warnungen, zu denen Sie in Ihrem Kontrakte mit dem großen Stephy eigentlich nicht verbunden ſind, und Sie werden es nicht bereuen. Sie haben ein ſcharfes Auge, ein amerikaniſches Auge. Ihr Amerikaner beſchäftigt Euch als Kinder mit der Politik, und werdet daher zeitlich Männer, während wir ewig Kinder bleiben. Geht wie mit der Religion, haben Sie die nicht in Ihrer Jugend eingeprägt er⸗ halten— im ſpäten Alter wurzelt ſie nicht mehr. Auch mit den Völkern iſt's ſo; die Narren wollen Republiken, und fallen immer in ärgern Despotismus zurück. Pah! merken Sie ſich das, der alte Stephy und ich wollen keine⸗Republik in Europa; taugt nicht für Europa— ſo wenig als für ein Linienſchiff oder eine Fregatte oder ein Kriegsſchiff— gibt blos Jako⸗ binern, die kein Eigenthum reſpektiren, die Gewalt. — Ah, Sie ſind ein Ariſtokrat; aber der alte Stephy weiß ſeine Leute zu wählen, er iſt ein Gott in Men⸗ ſchenkenntniß. Ja, ich werde bezahlen.“ „Sprechen Sie nicht davon, Mister Lomond, Sie haben überreichlich bezahlt.“ Der Alte ſtreckte ſtatt der Antwort ſeine fleiſchloſe —=9 72 6— Hand herüber und preßte die des Jünglings; ſte lag gleich einem Stücke Eiſes in ſeiner Palme, „Iſt Ihnen vielleicht etwas Unangenehmes zuge⸗ ſtoßen?“ fragte Dieſer; denn der Alte hatte etwas ungemein Düſteres, ſinnend Unheimliches in ſeinem ganzen Weſen. Dieſer ſah den Fragenden einige Augenblicke mit ſeinem durchdringendſten Blicke an, der zu fragen ſchien, was ſoll dieſe eigenthümliche Theilnahme? Dann wurde ſein Blick ſanfter, freundlicher. Noch⸗ mals fuhr er auf, warf wieder einen forſchend miß⸗ trauiſchen, ertappenden Blick auf den jungen Mann und ſprach dann: „Sehen Sie, ich unterhalte mich.“. „Sie unterhalten ſich?“ Etwas wie Verwunderung, wenn nicht Spott, lag in der Betonung, mit der dieſe Worte geſprochen waren. Der Alte zuckte die Achſeln und warf dem Fragen⸗ den einen mitleidsvollen Blick zu. „Glauben Sie, es gibt keine Unterhaltung, als die mit Pfunden und Sovereigns erkaufte?— auf Ihren Almacks und Routs und Bällen, in Ihren —”=973 6— Theatern und Partieen? Keine Lebenspoeſie, als die aus des Tropfes Murray oder des hölzernen Longmanns Großverſtandshandlung gekommen iſt? Was iſt die ganze Poeſie, ja Gelehrſamkeit anders, als Gedanken und Erfahrungen und Träume und Phantaſieen und Raiſonnements oder, wie ſie es heißen, Syſteme Geſcheidter, Alberner und Phan⸗ taſten, kurz, ſogenannter Büchermacher? Und wenn ich nun ſelbſt geſcheidtere Gedanken, größere, edlere Empfindungen, richtigere Raiſonnements, haltbarere Syſteme, höhere Phantaſteſchwünge und Flüge habe, als dieſe Büchermänner, ſoll ich meine Sehkräfte mit dem Geſchreibſel und Druckwerke von Tröpfen, Nar⸗ ren, Phantaſten und gelehrten Kälbern plagen? Und das ſind unter tauſend Bücherſchreibern wenigſtens neunhundert und achtzig. Ei, junger Mann! Poeſie hatte ich im Gemüthe eben jetzt; Poeſte, gegen welche die Lord Byrons bloße Dünſte eines von Genevre⸗ Branntwein beſoffenen Gehirnes ſind.“ Die Miene des jungen Mannes ſchien zu ſagen: Poeſte! dieſes Gerippe und Poeſie! Doch verzog ſich das Hohnlächeln, das um ſeine Lippen ſpielte, ſogleich —=0 74— wieder, und ſein Auge heftete ſich erwartend auf den Alten. „Poeſie;“ fuhr Dieſer fort—„glänzende Poeſte, mein junger Freund! Byron war nie in höherer Verzückung, als ich gerade jetzt bei Ihrem Eintritte war.“ Und wieder glänzten ſeine Augen und erglühten hinter den grünen Gläſern, die er aufgeſetzt hatte; ſeine Lippen waren ſeltſam zuſammengepreßt. „Es thut mir denn ſehr leid, Sie unterbrochen zu haben, Mister Lomond,“ entſchuldigte ſich Morton. „Im Gegentheile, ich bin froh, daß Sie gekommen ſind; Sie ſollen hören und ſelbſt urtheilen. Ich will Ihnen blos die Vorfälle dieſes Morgens erzählen, an dem ich, wie Sie wiſſen, von Bankgeſchäften frei war, und die ich deßhalb auf dieſe Excurſton verwenden konnte. Doch verziehen Sie noch einen Augenblick.“ So ſagend, zog er die Klingel, worauf die ſchwer⸗ fälligen Tritte der Haushälterin auf der Treppe hör⸗ bar wurden. „Eine der Bouteillen mit der Chiffre G—, und zwei Gläſer,“ befahl er zur Thüre hinaus. Es erfolgte eine Pauſe, während welcher das Weib — 0 75— das Geforderte brachte und Beides zur Thüre hinein reichte. „Ziehen Sie den Kork und füllen Sie die Gläſer gefälligſt, Mister Morton,“ ſprach der Alte mit un⸗ gemeiner Artigkeit.„Der König,“ fuhr er fort,„hat keinen Madeira, der es mit dieſem aufnehmen könnte; aber was iſt auch ein König von England für ein König? Jetzt iſt der alte Eiſenfreſſer König. Pah! er hat,“ ſprach er, indem er auf den Wein hinwies, „dreimal die Fahrt um das Cap der guten Hoffnung gemacht, in den Fäſſern eines Mannes, deſſen Ver⸗ mögen hier in dieſem Pulte liegt. Er trinkt jetzt keinen Wein mehr; denn er hat ſich die Gurgel abge⸗ ſchnitten. Trinken Sie! hundert Fäſſer von dieſem Weine liegen noch in den Docks; ſie ſind hundert⸗ tauſend Pfund unter Brüdern werth; gehörten ur⸗ ſprünglich dem herzoglichen Wüſtlinge von OQ— y, dann dem Hauſe G—; nun ſind ſie mein, und ſollen es bleiben.“ „Ich habe des Königs Wein nie verſucht,“ ver⸗ ſetzte lächelnd Morton;„aber dieſer da iſt der beſte, der noch je über meine Lippen gekommen.“ Und die Beiden ſtießen an, und tranken ihre — o 76 e-— Gläſer aus; Morton füllte ſie wieder, und der Alte begann: „Dieſen Morgen,“ er nippte an ſeinem Glaſe, „habe ich mir, wie geſagt, ein Vergnügen gemacht, das ich ſchon ſeit Jahr und Tag nicht mehr genoſſen; denn obwohl ich es früher täglich hatte, ſo gab ich das Geſchäft ſchon deßhalb auf, weil ich mit Größerem zu thun habe, mit Weltgeſchäften. Laſſe es jetzt ge⸗ wöhnlich durch meinen Agenten, Coldheart, beſorgen. Kam mir aber juſt die Luſt, die Bills ſelbſt zu prä⸗ ſentiren, und eine Art Incognito zu ſpielen. Wie geſagt, habe mich von dieſem Geſchäfte zurückgezogen, dem ich jedoch immer noch den ein und andern Tag widme, gleichfalls als Tribut der Dankbarkeit, da ich demſelben eigentlich mein Bischen Gut verdanke. Iſt für Anfänger eine ſehr gute, trefflich abhärtende Schule, beiläufig was Euclids Elemente für den be⸗ ginnenden Mathematiker ſind, der Denkkraft erlangen will. Hatte unter meinen Bills drei, die ich ſelbſt präſentiren wollte.“ Er nippte wieder an dem Glaſe. „Die erſte dieſer Bills war mir von einem An⸗ hängſel unſerer Auserwählten und Exeluſives präſen⸗ —e 77— tirt worden, deſſen Reſtdenz zu Crockfords iſt. Er mag da noch ein paar Monate Unterkunft finden; dann wird Newaate ſein Logis, und das Ende der Strick. Er kam in einem Curricle; der Wechſel war endoſſirt von Seiner Gnaden— of—; eine Kleinig⸗ keit von fünftauſend Pfunden, eine Bagatelle von Spielſchuld, gewonnen und verloren an einem trüben Abend, wie es gerade Mode iſt.“ „Der zweite meiner Wechſel kam durch einen präch⸗ tigen, jungen Schwenkflügel, der ſein Tilbury trieb, einen der zierlichſt eleganteſten Fashionables, und doch ſchien er mir nicht ganz fashionable zu ſeyn. Der Mann aber— er war noch mehr Jüngling als Mann— überreichte mir ſeinen Wechſel mit einem hochariſtokratiſchen Anſtande, ſprach jedoch kein Wort. Das Blättchen war unterkritzelt von einer unſerer prachtvollſten Weiberausgaben, der Lady Mylords—; ein ſchönes Beſitzthum, aber ein wenig verpfändet. Dieſer Wechſel war blos für vierhundert Pfund. Der dritte, für hundert Pfund, ſollte von einer Dame honorirt werden, die ſich Mary L— unterſchrieben hatte. Er war meinem Agenten durch einen Spitzen⸗ händler zugekommen.“ — 78— „Der erſte Gegenſtand meines Beſuches lebt, Sie wiſſen woz der zweite bewohnt ein palaſtartiges Haus in— ſquare, den dritten ſollte ich in einem der verlorenen Vorwerke unſeres überblähten Babylons — dem großen Penſionsquartiere Chelſea finden.“ Der Alte fuhr lächelnd fort.„Wie geſagt, blos zum Vergnügen machte ich die Excurſion; wobei jedoch nichts deſtoweniger ſo manche Conjecturen und Suppoſitionen meinen Kopf durchkreuzten in Betreff des Herzogs, und beſonders der Dame, welch' Letztere mich eigentlich bewogen hatte, das lange Pflaſter zu meſſen.“ Er hielt wieder inne und nippte. „Ah, dieſes Weib! Welche Ouverturen! Welche Verlegenheit, Qualen! Welches Beben und Erzittern! Welch' Herzpochen! Mich freuen nun einmal der⸗ lei Herzpochen; juſt ſo, wie es dem Schulmeiſter zuweilen Freude macht, ſeinem Körper durch ein paar Dutzend Querhiebe einige Bewegung zu verſchaffen.“ Und dabei nippte der Alte ſo behaglich an ſeinem Glaſe, und ſeine Augen leuchteten wirklich ſo ſeelen⸗ vergnügt, daß der Jüngling kaum ſeinen Abſcheu bezwingen konnte. Er fuhr fort: I —”0 79 6— „Hundert und fünfhundert Pfunde ſind eine pure Bagatelle, für mich weniger als eine Bagatelle— und doch, was würde oft, was könnte ein Weib, und ſelbſt eine Lady, nicht für ſie thun, elender fünfhun⸗ dert und hundert Pfunde wegen thun. Ah, Morton, es iſt eine ungeheure Wonne in dieſer Art Rache, die⸗ ſer herrlichen, hölliſch phantaſtiſchen Rache, wenn man gehungert und gedurſtet hat nach dem Blicke eines Weibes, gedurſtet wie der in der Wüſte Ver⸗ ſchmachtende nach einem Tropfen Waſſer— ſo lange man grün war— und ihn doch nicht erbetteln konnte, den Blick— und nun man grau iſt, und veraltet— Ah!“ rief er, und ſein ganzes Weſen zuckte zuſam⸗ men.„Ahl doch zur Sache. Ich habe Achtung vor hoher Geburt; denn ich ſelbſt— 4 Der Alte hielt plötzlich inne. Morton aber ſah ihn ſtarr an; denn die Worte„ich ſelbſt“ waren in einem Tone geſprochen, mit einer Miene, die eines Czaren würdig geweſen wären. „Natürlich,“ unterbrach er den Jüngling mit einem Blicke, der Dieſem ſagte, ſeine Gedanken ſeyen er⸗ rathen;—„war mein erſter Beſuch bei Seiner Gna⸗ den, dem Herzoge of——— 4 —,———— — 80— Wieder hielt der Alte inne. „Ich trat in den eingeſchloſſenen Vorhof des Pala⸗ ſtes, der, en passant ſey es bemerkt, gleichfalls meiner Beihülfe bei ſeiner Renovirung bedurft hatte. Iſt jedoch zurückbezahlt worden. Die Zeiten ſind gerade jetzt ſehr günſtig in dieſem Territorium. Waren es nicht ganz ſo noch vor zwölf Monaten. Das Jagd⸗ revier iſt groß. Sonſt war es anders. Verſtehen Sie, wird wieder anders werden.“ Morton nickte mechaniſch. Der Alte fuhr fort: „Ich paſſirte alſo durch den Vorhof, die Colonade, das Portal, wo mich ein halbes Dutzend grinſender, 8 hohnlächelnder, gähnender, goldbordirter, aufgedun⸗ ſener Taugenichtſe von faulen Lackeien anſchnarchte, und mich einem anderen Halbdutzend eben ſo unnützer Tagdiebe überantwortete— die mich zu einem dritten vorſchoben, Alle hohnlachend und mich vom Kopfe zu den Füßen meſſend. Meine gerade nicht überelegante Garderobe iſt Ihnen nicht mit Gold zu bezahlen, Mister Morton. Für mich war es ſo ein wahrer Seelengenuß, dieſe Spießruthengaſſe im Gefühle zu paſſiren, daß ich wenigſtens noch einmal ſo ſchwer —= 81— wiege, wie Seine Gnaden mit allen ihren Beſitzthů⸗ mern, Orden, Silber⸗ und Porzellan⸗Servicen 2 zu 5 ſammen genommen.“ „Seine Gnaden ſind noch nicht aufgeſtanden,“ bedeutete mir ein bepuderter, wanſtiger Maulaffe mit ungemein großthueriſcher Wichtigkeit. „Wann kann ich ihn ſehen?« fragte ich. „Das iſt ungewiß,“ gähnte der Kammerdiener, oder Kellermeiſter, oder Haushofmeiſter, oder was er war, indem er mir den Rücken wandte. „Hier iſt meine Karte,“ ſprach ich lächelnd, indem ich meine ſchmutzige, in einem ſchmutzigeren Papier verſiegelte Karte ihm reichte, die der Taugenichts nicht eher nahm, als bis er die Handſchuhe angezogen hatte, und dann erſt mit den beiden Fingerſpitzen.„Schlag drei Uhr werde ich hier ſeyn.“ „Halt, Mann!“ rief auf einmal eine zweite Lackeien⸗ ſeele, die vielleicht mit Seiner Gnaden geheimen Sünden mehr vertraut war, und der meine trockene Ankündigung und mein ominöſes Lächeln nicht ganz geheuer ſchienen.„Ich werde ſogleich ſehen.“ Ich wartete und ſah dem Galgenſchwengel durch den Corridor nach. Fünf Minuten darauf kam er Morton. II. 6 —= 82— um vieles geſchmeidiger, ja ängſtlich, freundlich grin⸗ ſend, wie ein Fragezeichen zuſammengekrümmt. „Seine Gnaden haben Muße, und wünſchen ſo⸗ gleich Mister— Mister— zu ſehen, bemühen ſich Mister— darf ich um Ihren Namen bitten?— herauf— 4 „Meinen Namen braucht kein ſolcher Taugenichts, wie Ihr, zu wiſſen,“ gab ich zur Antwort, und ſtieg dann die Treppe hinan, trat in ein prachtvolles drawing room, und wurde aus dieſem in eine Suite von Gemächern geführt, die mit mehr als königlicher Pracht ausmeublirt waren; was ſage ich, königlicher Pracht?“ die Zimmer im St. James⸗ Palaſte ſind bloße Wachſtuben gegen dieſe. Gerade als ich durch dieſe Enfilade ging, ſchwand eine Figur hinter eine Glas⸗ thüre, wie ſie mich mit ihrem Blicke erhaſchte. Sie war mir aber nicht entgangen. Es war der— der — der— deſſen Weib— ei, deſſen Weib mehr Ver⸗ ſtand hat, als unſer Kabinet, und mehr Gewalt als unſer George, ſammt ſeiner dicken Marchioneß; ein Weib, das unſerem alten England ein Zugpflaſter aufgelegt hat, das ihm früher oder ſpäter die Waſſer⸗ ſucht auf den Hals bringen wird. Könnte Ihnen — 0 83 6— mehr ſagen; dieſe letzte Seeſchlacht— eine wahre Sotiſe.— Und dazumal war gerade Ebbe in gewiſſen Stadtvierteln; wir machten die Fluth mit einigen hunderttauſend Pfunden. Ja, ja.“ Er nippte wieder an dem Glaſe, und fuhr dann fort: „Ah, dachte ich mir, als ich den ſtattlichen Mann einer ſtattlicheren Frau erſah, bläst der Wind wieder aus dieſer Himmelsgegend? Oſt⸗Nordoſt; ein trockener Wind. Iſt er's nicht? Es ging aber eine zweite Thüre auf, und Se. Gnaden, der Herzog, in leib⸗ hafter Geſtalt und hoher eigener Perſon traten auf mich zu.“ 8* „Faſſen Sie ſich kurz, Mister Lomond, ſprach der mächtige Mann, meine Zeit iſt koſtbar.“ „Ich that es, und zog, ſtatt aller Antwort, meinen Wechſel aus dem Taſchenbuche, den ich ihm vor ſeine endloſe Naſe hielt.“ „Seine Gnaden, ſagt die öffentliche Stimme, ſind eiſern und erzern, und hart wie Stahl; aber ſie zuck⸗ ten doch zuſammen und entfärbten ſich.“ „Ah, theurer Mister Lomond, meinen Wechſel auf fünftauſend Pfund— geſtern fällig.— Der Spitz⸗ bube hat ihn alſo doch verſilbert.“ 6* — 5 84— „Ich war nun der theure Mister Lomond, ver⸗ ſtehen Sie, lieber Morton.“ „Hoffe doch, meinten Seine Gnaden, ſich verbind⸗ lich leicht verbeugend, Sie werden gefälligſt ein paar Tage Geduld haben.“ „Schlag drei Uhr, drei Minuten, drei Sekunden, erwiederte ich, indem ich meinen Wechſel in ſeinen vorigen ſchmutzigen Behälter ſchob.“ „Bis drei Uhr, murmelten Seine Gnaden— bis drei Uhr. Das iſt kaum noch drei Stunden, theurer Mister Lomond!“ „Genau drei Stunden, war meine Antwort.“ „Sie wollen doch nicht— Sie würden doch nicht? Die eiſerne Geſtalt, das erzerne Geſicht zuckte zu⸗ ſammen.“ „Und wären Euer Gnaden der Bruder des Königs, ſo hülfe nichts. Bis drei Uhr, oder—— Als ich ſo ſprach, ſchlüpfte der Kammerdiener des mächtigen Mannes herein, und wisperte ihm etwas in das Ohr. Es betraf den ſchüchternen Beſuch, den ich erwähnte.“ „Aha, ſehr wohl, ſehr wohl, ſtehe zu ſeinem Be⸗ fehle. Alles recht, Mister Lomond, bedeuteten mir Seine Gnaden mit wieder etwas von ihrer gewöhn⸗ —= 85 6— lichen Trockenheit, und, wie mir ſchien, geheimer Freude. Um drei Uhr werden wir alſo das Vergnü⸗ gen haben.“ „Das eiſerne Antlitz der herzoglichen Gnaden klärte ſich immer mehr in helle, freundliche Zuverſicht auf, als ich ihm den Rücken wandte.“ „Mein zweiter Morgenbeſuch galt der prächtigen Lady E—. Die Thurmuhr von St. Bartholomä ſchlug gerade zwölf, als ich aus dem herzoglichen Palaſte trat. Der Weg war etwas lang; aber ihre Herrlichkeit waren doch noch in den Federn. Es wurde mir bedeutet, ſte wäre abſolut nicht zu ſehen.“ „Wann kann ich kommen? fragte ich.“ „Um zwei Uhr.“ „Hier iſt meine Karte; geben Sie dieſelbe Ihrer Herrlichkeit. Schlag zwei Uhr, zwei Minuten, zwei Sekunden werde ich hier ſeyn.“ „Und ich ging. Mein Weg führte hinab nach Chelſea durch Kingsroad in eines der Gäßchen, wo⸗ hin ein Wagen ſich ſelten oder nie verirrt. Das Landhäuschen, das ich erſt auszuſpähen hatte, lag, wie eine Schnecke in einem Winkel zurückgezogen, ſo beſcheiden unter einer Gruppe von Ulmen und Silber⸗ — 86 e— pappeln und Linden, geſchützt vor Wirbelwinden der Fashion und des Verderbens! allerliebſt lag es. Ich ward von einem friſchen, reinlich gekleideten Mädchen in die hintere Wohnung eingelaſſen, und mir die Thüre zu einem allerliebſten Beſuchzimmer geöffnet. Nichts einladender, nichts heimiſcher, himmliſcher, als dieſe Wohnungen unſerer ſogenannten Mittelklaſſe. Dieſe konnte als Muſter gelten. Nirgends eine Spur von Reichthum oder Ueppigkeit, aber auch nirgends eine von Mangel oder Dürftigkeit. Alles an ſeinem Platze, im ſchönſten Ebenmaße, Einklange;— lieb⸗ lich, füß duſtend, reinlich, wohnlich, bequem. Ich liebe Ordnung und Reinlichkeit, und hier fand ich ſie nach Herzensluſt. Kein Stäubchen; durch das ganze Beſuchzimmer ſchimmerte ein gewiſſer Zug von Jung⸗ fräulichkeit, von edler Einfalt und Tugend— wahre engliſche Tugend ſchimmerte hindurch. Ich ſeufzte un⸗ willkürlich. Wäre ich doch fünfzig Jahre jünger. Auf einem Sopha lag das Gebetbuch unſerer Kirche, in der andern Ecke eine in Maroquin gebundene Bibel, und dazwiſchen Wäſche wie friſch gefallener Schnee, der Ausbeſſerung harrend. Die Thüre ging mir viel zu frühe auf, und ein Mädchen von etwa — 87— achtzehn Jahren kam aus dem Nebenzimmer, aus dem zugleich ein röchelnder Keuchhuſten nachklang.“ „Das Mädchen war ein wunderliebliches Geſchöpf, zart wie Milch und Blut, ſchwellend elaſtiſch. Die ſchönſte Röthe der Geſundheit, die friſcheſte Weiße der reinſten Jungfräulichkeit.— Ah!“ „Stoßen Sie an, Mister Morton!— Auf ihre Geſundheit! Ich gäbe etwas darum, wenn Sie dieſes Mädchen— „Ich?“ fragte Morton verwundert. „Laſſen Sie uns fortfahren. Sie war einfach, aber ungemein nett und geſchmackvoll in einer leichten indienne déshabillé gekleidet. Ihr kaſtanienbraunes Haar zu beiden Seiten à la Marie Stuart hingekämmt, den Knoten à la couronne geſchlungen.“ Morton lächelte bei dieſer Beſchreibung. „Selten habe ich etwas Schöneres, Reineres ge⸗ ſehen,“ fuhr der Mann fort. „Wie wiſſen Sie, daß ſie?“ fragte ſtotternd der Jüngling. „Ei, ich weiß, daß auch Sie, obwohl dreiundzwan⸗ zig vorüber, noch rein und unbefleckt ſind. Erröthen Sie nicht;— das hat Ihnen meine Gunſt gewonnen. — e 88— Es zeigt, daß Sie den wahren Egoismus beſitzen und Kraft; und nur dieſe vereinigt führen bei unge⸗ ſchwächtem Verſtande zum Ziele. Wo Leidenſchaft braust und glüht, ſchmilzt der eiſige Verſtand. Ah, wenn an Einem ſtebzig Jahre vorübergegangen ſind, dann fliehen ſo ziemlich alle Täuſchungen.“ „Siebzig Jahre!“ verſetzte der Jüngling mit einer achtungsvollen Verbeugung. „Siebzig und zwei Jahre,“ bekräftigte der Alte, indem er ſein Glas leerte. „Das Mädchen,“ fuhr der Alte fort,„ſtand eine halbe Minute, und ſah mich erwartungsvoll, und als ich kein Wort ſprach, verlegen an. Meine Mutter iſt krank, und kann daher nicht die Ehre haben.— Darf ich bitten?“ „Ich präſentirte ihr den Wechſel. Sie ging ins Nebenzimmer, und kam bald darauf mit einer An⸗ weiſung auf das Haus Etts zurück.“ „Wenn Sie, Miß, vielleicht— Sie verſtehen mich? ſagte ich. „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr, ſprach das Mädchen etwas ſcheu, und mit einer fragenden Be⸗ tonung.“ — 0 89— „Wenn die Bezahlung Ihnen ſchwer werden ſollte, war meine Antwort, ſo kann ich warten; ich will gerne warten.“ „Sie fiel uns ſchwer, erwiederte ſie mit einem lei⸗ ſen Seufzer; aber die Mutter iſt nun um vieles beſſer. Nein, nein, ſprach ſie ſchnell, und wie erſchreckend, und dabei zog ſie ſich verſchüchtert zurück, als fürchtete ſte meine weitern Anträge. Das Mädchen wurde mir immer intereſſanter.“ „Ich war gerührt, wirklich gerührt. Es kam mir ſogar in den Sinn, als ſollte ich die hundert Pfund zurücklaſſen; aber beim zweiten Ueberlegen fand ich es beſſer, gerathener, vortheilhafter für uns Beide, ſie in mein Taſchenbuch zu legen. Sie arbeitet und es fällt ihr augenſcheinlich ſchwer, ſich und ihre Mutter auf einem halb und halb anſtändigen Fuße zu erhal⸗ ten. Einhundert Pfund auf dieſe Weiſe ihr in den Mund geflogen, gerade wie gebratene Tauben, ei, ſie könnten Unheil ſtiften. Man muß Alles erwägen, ermeſſen. Ei, vielleicht gäbe es mittelſt dieſer hundert Pfund einmal eine Milton⸗ oder Graveſend⸗Waſſer⸗ partie, oder einen Richmond⸗Pikenik; oder die hundert Pfunde fänden ihren Weg in die Oper, oder in das —é-ÜCmdgrr—— —— — 0 90— Drury-lane, oder Coventgarden. Nein, beſſer, ſie laſſen, wie ſie iſt, und ſelbſt wenn die Familie dar⸗ unter ein wenig leidet. Um ſo beſſer; viele kleine Leiden geben ein großes, und je größer das allgemeine Leiden iſt, deſto beſſer für uns, und deſto näher ſind wir am Ziele. Sie iſt die Tochter eines Handels⸗ mannes, der vor einigen Jahren fallirt hat, und deſſen Nachlaß nun in der Chancery des Erlöſungs⸗ tages harret. A propos, dieſe Chancery! Es wäre jammerſchade, wenn es Lord Tenterden gelingen ſollte, eine ſo wunderbar zuſammengeſetzte Gerichtsordnung zu dislociren. Sie hat manches tauſend Pfund in meine Koffer gebracht. Aber das Mädchen würde ein herrliches Weib werden für Sie, lieber Morton. Doch laſſen Sie uns weiter. Sie ſind aus einem republikaniſch ariſtokratiſchen Blute, das ſich der Verwandtſchaft mit Englands älteſten und ſtolzeſten Geſchlechtern rühmt.— Sie warten auf etwas Hohes. Laſſen Sie uns daher weiter.“ „Als ich in Kingsroad einlenkte, ſchlug die Glocke eins. Ich beſah mir die Karrikaturläden in Piccad⸗ dily, wo ich einige recht drollige Stücke auf unſern George und ſeine Marchioneß ſah; und mit Schlag — 91 6— zwei Uhr, zwei Minuten, zwei Sekunden war ich auf der Haustreppe Ihrer Herrlichkeit der Lady C—. u Und nun nippte der Alte an ſeinem Glaſe mit einer eigenen Art Wolluſt im Blicke, hielt eine Weile inne, und fuhr dann fort: „Ich ſtieg die Treppe hinan in das Portierzimmer Ihrer Herrlichkeit, und ſchaute mich vorläufig in die⸗ ſem um. Einer der Lackeien bedeutete mir, zu warten, und ließ mich ſtehen, während er ſich in einen Arm⸗ ſeſſel warf.“ Ihre Herrlichkeit hat gerade zum erſten Male die Klingel gezogen, ſprach das eintretende, blaſſe, ſchmach⸗ tende Kammermädchen mit ihren blauen Ringen um die Augen und ungemeiner Wichtigkeit in ihrer Miene; ich zweifle, daß Sie, Mister— was iſt Ihr Name? vorgelaſſen werden.“ „Sagen Sie Ihrer Herrlichkeit, oder geben Sie ihr die verſtegelte Karte, die ich zurückgelaſſen habe, ver⸗ ſtehen Sie, die ſchmutzige, verſtegelte Karte, bedeutete ich ihr.“ „Die ſchmutzige verſiegelte Karte mußte das Mäd⸗ chen erſchreckt haben; denn ſie ſah mich einen Augen⸗ blick forſchend an, und trippelte dann eilig aus dem 3 —"° 92— Vorzimmer. Nach einigen Augenblicken kam ſie zurück, und, wie es ſchien, in Eile; denn ſie winkte haſtig, und trippelte wieder vor mir her aus dem Vorſaale die Stiege hinan in das obere Geſchoß, wo ſie mich in ein prachtvolles Kabinet einführte. Kaum war ich eingetreten, als die Thüre aufflog, und ein Mädchen — ein Weib ſollte ich ſagen— heraus kam, ein Weib, Mister Morton!— Ah, was war die arme Venus, als ſie dem Meere in ihrem Muſchelwagen entſtieg, gegen dieſes Weib? Eine armſelige See⸗ ſpinne. Hören Sie! ein wunderbares Paar hell glän⸗ zender und wieder in einem Fluidum ſchwimmender Augen, bei denen es ſchwer zu beſtimmen war, ob ſte nußbraun oder dunkelblau waren. Entzückend! Nein Mister Morton, als ich ſie ſah, wurde es mir auf einmal klar, daß ich vor dem ſchönſten Weibe Lon⸗ dons ſtand, dem ſchönſten Weibe Englands— der Welt vielleicht;— kaum noch Weib, denn ihr alter Ehekrüppel von Lord kann nicht viel mehr als ich.⸗ „Und dieſes prachtvolle Weib war in einem Zu⸗ ſtande— in einem déshabillé. Ah, Hunderttauſend, Dreimalhunderttauſend hätte ich gegeben, wäre ich vierzig oder fünfzig Jahre jünger geweſen.“ —= 93 6— „Ueber ihre bloßen Schultern hatte ſie einen Cache⸗ mir geworfen, auf den die kaſtanienbraunen Locken und Flechten des mehr als Venuskopfes zu liegen kamen. In der unverſtellten Angſt, in die ſie mein Name verſetzt, bedeckte dieſer Shawl nur zur Hälfte die prachtvollen Schultern, den Marmorbuſen, dieſes wunderbare Gebilde einer prachtvollen Schöpfung. Ihr Morgenkleid war ſo überworfen, als wäre es berechnet geweſen, die zartgeblümten Gewebe Hoch⸗ aſtens und die zarteren Formen in Contraſt zu brin⸗ gen. Das Farbenſpiel war wirklich entzückend ſchön. Ah, Mister Morton, wenn man ſo etwas ſieht, ſelbſt wenn man ſiebzig Jahre vorüber iſt, dann, auch dann macht man noch Narrenſtreiche. Sehen Sie dieſer alte Eſel Coutts. Ah, Mister Morton, dieſe Geſtalt, dieſer Buſen, dieſe Schultern, dieſe— denn in der Verwirrung, vielleicht auch ad captandam benevo- lentiam, wurden ihr Buſen, Schultern und ſelbſt die Hüften ſo widerſpenſtig, und Shawl und Peignoir ſo enge und heiß! Hören Sie, es zitterte Alles an ihr. Sie war Wolluſt, und nichts als Wolluſt. Und ſo waren es ihre Umgebungen. Alles prächtig, üppig, verführeriſch.— Pah, was iſt Wolluſt in einer — 0 94— Hütte? Nichts als eckelhafte Beſtialität! Ja, dieſe Großen haben den Himmel auf Erden!“ „Ah, ſie,“ fuhr er nach einer Weile fort,„war ein wunderbares, ſchönes Gebilde der Schöpfung, das lieblichſte Bild namenloſer Luſt, fieberiſcher Gluth, zitternden Verlangens und unausſprechlicher Wolluſt, die mit ſanften Armen umfängt und mit Rieſenarmen feſthält, um zu erwachen, ruhe⸗, raſtlos.— Pah! eine wüthende Gallopade— ins Verderben.“ Der Alte war beinahe fieberiſch geworden, als er ſo ſprach. Er nahm das Glas, das Morton wieder gefüllt hatte, und trank. Auf einmal fragte er: „Haben Sie ſie nicht geſehen, dieſe herrliche Lady E? Sie können Sie ſehen; ſie fährt mit awdi ſchneeweißen welſchen Ponies.“ „Ah, dieſe Lady! ſie war es, wie ſie leibte und lebte. Ich hatte bereits von ihr gehört, und mich immer gewundert, wie ihr ihr alter Lord ſo viele Freiheit laſſen kann; doch jetzt wundert es mich nicht mehr. Ein ſolches Weib kann einem alten Manne wohl den Kopf verdrehen, und ſelbſt wenn er Mini⸗ ſter wäre. Machte ſie doch auch auf mich einen tiefen Eindruck, brachte mir das Herz zum Klopfen; werden —”0 95 6— Sie es glauben? Ah, es war mir ein köſtlicher Wolluſtſchauer, eine herrliche Empfindung, die mich in meinen alten Tagen bei ihrem Anblick durchrieſelte — eine der wenigen ſüßen Stunden meines grünen Lebens vor die erſtorbene Phantaſie gebracht“ „Mister Lomond, ſprach ſie mit einer Silberſtimme, wollen Sie gefällig einen Seſſel nehmen? Wollten Sie wohl gefällig einige Geduld— nur wenige Tage Geduld haben?“ „Sie hatte dieſe Worte abgebrochen und etwas weniger beſtimmt dargebracht, als Damen von ihrem Stande zu thun pflegen; denn ich hatte den angebo⸗ tenen Seſſel nicht angenommen.“ „Bis morgen, Madame, antwortete ich, den Wech⸗ ſel zuſammen legend. Bis morgen zwei Uhr, zwei Minuten, zwei Sekunden; und dann wollen wir wei⸗ ter ſehen.“ „Mein Blick mußte ihr geſagt haben, was in meinem Innern vorging. Pah, dachte ich, Deine Lüſte und Zeitvertreibe und Wollüſte mitbezahlen helfen, und zwar wegen eines holdſelig huldreichen ariſtokra⸗ tiſchen Blickes bezahlen helfen? Deine Verſchwendung, Dein Taumel, in dem Du ſchwimmſt? Für den Elenden, — 96 8— den Dein wollüſtig thränendes Auge zu ſchauen ſich nicht herab läßt, gleichſam als wäre er ein Ausſätziger — für ihn ſind Newgate und die Geſchwornengerichte, und Gevatter Ketch und ſein Galgen; und doch ver⸗ fündigt er ſich an ſeines Gottes Schöpfung nicht den zehnten Theil, wie Du mit Deiner Luſt und Ueppigkeit; die Du auf Seiden⸗ und Brüßlerſpitzen Dich wälzeſt, gewoben unter den Thränen von Hunderten, erkauft mit dem Leben von Tauſenden.— Denn merken Sie wohl, ihr Mann iſt der blödeſte, eingefleiſchteſte Tory, und ſie das maliziöſeſte leichtfertigſte Weib, das je einen alten Narren am Gängelbande herum zog. Für Dich, dachte ich, gehört das Hohngelächter der Welt, für Deinen Leib die Skorpionenzangen der Schande und des— Chirurgen.— Und das wird ihr Schick⸗ ſal ſeyn.“ „Laſſen Sie uns anſtoßen, Mister Morton,“ ſprach der Alte. Er trank und fuhr fort: „Ein Proteſt! rief das wunderſchöne Weib.— Mister Lomond, Sie können nicht ſo grauſam ſeyn. Nein, Mister Lomond, und in der Heftigkeit ihrer Angſt glitt ihr der Shawl, und mit dieſem das —=d 97 6— Peignoir von Schultern, Buſen und— ſie ſtand bei⸗ nahe ganz, wie ſie Gott erſchaffen, vor mir.“ Der Alte hielt inne und ſchlürfte abermals von ſeinem Wein; dann fuhr er fort: „Ich aber ſah auf meine Gebeine; denn ſo mag ich wohl meine quondam Schenkel und Waden nennen. Sie fühlte, was dieſes Schauen zu bedeuten habe; denn ſie ſchrak zurück und verhüllte ſich und verſtummte. Es ſagte ihr, was ſte zum erſtenmale erfuhr— daß ſie für Gold bereits feil ſey. Zugleich aber war in dem unſäglich verachtenden Mitleiden, mit dem ſie dieſes mein Gebein einen Augenblick maß, für uns Beide etwas ungemein Troſtloſes.“ „Auf einmal wurde ſtark an die Thüre geklopft.“ „Nicht jetzt, nicht jetzt, rief ſie, ſtieß ſie vielmehr heraus— nicht jetzt, nicht jetzt. Ich bin beſchäftigt. Ich habe nicht Zeit— ich verbiete es.“ „Meine Theure, ich muß Sie ſehen, ſprach eine männliche, durch einen ſtarken Keuchhuſten gebrochene Stimme. Meine Theure, ich muß Sie ſehen.“ „Es war ihr alter Ehekrüppel, was ich ſchon aus dem Epithet, meine Theure entnahm; denn ein junger Ehemann hätte ſie bei ihrem Taufnamen gerufen.“ Morton. II. 7 — 98— „Unmöglich, mein Theurer, erwiederte ſie in einem mildern, aber noch immer ſehr beſtimmten Tone.“ „Das iſt doch ſonderbar und kann unmöglich Ihr Ernſt ſeyn, verſetzte der mißtrauiſche Lord. Mit Wem ſind Sie?“ „Und unter dieſen Worten ging die Thüre auf, und ein Mann, ſtark in den Fünfzigen, trat ein. Armer Lord! Er war zum wenigſten fünfunddreißig Jahre älter, als ſeine medizeiſche Venus. Sie warf mir einen flehenden, verſtohlenen Blick zu, den ich wohl verſtand; denn ich knitterte den Wechſel in meiner Hand zuſammen. Sie war meine Sklavin, ganz meine Sklavin. Aber was hilft es einem zweiund⸗ ſiebzigjährigen Manne, eine zwanzigjährige Sklavin zu haben? Pah, der alte Narr, der Coutts, mit dieſer Perſon! Mich ärgert es nur, daß der alte Eſel das Geld in den Schooß der Ariſtokraten warf. Hätte er nur ein wenig geſunden Menſchenverſtand gehabt, ſo konnte er wohl vorausſehen, daß irgend ein bettel⸗ hafter Lord oder Herzog den ſündhaften Leib dieſer prezioſen Perſonnage als Zugabe zu ihrem Gelde nehmen würde. No Sir! mein Geld iſt zu höhern Dingen beſtimmt.“ — 99— Und indem er ſo ſprach, nippte er wieder an ſeinem Glaſe. 4 „Wer iſt dieſer Mann? ſprach der eintretende alte Lord barſch, indem er mich vom Kopfe zu den Füßen maß.“ „Mein— mein— mein Gott! Du weißt doch, daß wir ein neues Ameublement brauchen.“ „Die Stirne der Dame begann ſich in Falten zu legen. Sie zitterte vor Zorn und Ungeduld.“ „Der Lord maß mich mit einem zweiten Blick; er ſchien ſich meiner dunkel zu erinnern; denn auch er war bereits in meinen vier Pfählen geweſen. Nach einem dritten Meſſen vom Kopfe zu den Füßen trat er zum Fenſter, und dann in's Schlafkabinett der Dame. Der Wechſel war noch in meiner Hand, die arme Lady unbarmherzig anſtarrend. Sie ſtierte ihn wieder ihrerſeits an. Auf einmal haſchte ſie nach Et⸗ was auf ihrer Toilette, rannte auf mich zu, und mit einem unterdrückten Seufzer preßte ſie mir einen So⸗ litair in die Hand. Nehmen und gehen Sie um's Himmelswillen.“ „Ich warf einen Blick auf den Solitair. Er war 7* —=-d 100 6— ſeine fünfhundert Pfunde unter Brüdern werth. Na⸗ türlich ging ich.“ „Als ich vor der Hausthüre angelangt war, fand ich zwei glänzende Equipagen vor derſelben auf die Herrlichkeiten warten, die eine mit den berühmten ſchneeweißen Ponies beſpannt, ein paar breitſchul⸗ terige, gepuderte Faullenzer mit Flachsperrücken und ſpaniſchen Rohren zur Seite und auf den Kutſchböcken, Andere die goldbordirten Livreen ſich ausbürſtend, aber ſo träge, daß ich ordentlich eine Freude daran hatte, Alle lachend und pfiffig einem Paar um die Augen bronzirten Kammerzofen zunickend. Siehſt Du nun, dachte ich ſo bei mir, was den Herzog und den Marquis und die Marchioneß und den Grafen und die Viscounts als Supplikanten vor Deine Thüre bringt; was die Weiber zu Buhlerinnen, und endlich zu—, die Thronbeſitzer zu Landesflüchtigen, die Staatsmänner zu Verräthern ihres Vaterlandes macht! Aber heut zu Tage, lieber Mister Morton, gibt es keine Staatsverräther mehr, weil es kein Vaterland, keine Religion mehr für Große gibt. Dieſe exiſtiren bloß für die Canaille; für Große gibt es nur Intereſſen. Das iſt die Kette, die die Ariſto⸗ — 5 101— kratien der Geburt und des Geldes, nämlich uns, die Herrſcher der Erde, umſchlingt. Nur der Pöbel hat heut zu Tage ein Vaterland, eine Religion. Wir Große haben nur Intereſſen, die uns verbinden und an einander knüpfen, Franzoſen und Britten, und Amerikaner und Deutſche, und ſelbſt die Ruſſen.“ Der Jüngling ſah den Mann erſtaunt an. Seine Miene, ganz verändert, hatte einen Ausdruck von Hoheit angenommen. Er fuhr fort: „Und ſo meditirend, ſchlenderte ich wieder hinab, zum Pallaſte des Herzogs of——— Wieder zog ein halbes Dutzend goldbordirter Lackeien vor mir her, und ich trat in das Sanctuarium Seiner Gna⸗ den ein. Alles prachtvoll, königlich, kaiſerlich; mehr als kaiſerlich, aber ſtrenge, wie der Beſitzer, und bei alle dem ein ſtarker Widerſchein von Verſchwendung, Ausſchweifung.“ „Seine Gnaden blieben dieſes Mal ſitzen, und prä⸗ ſentirten mir einen Cheque auf—. Nein, ich kann es nicht ſagen, aber dieſes Cheque!— Während ſein ſtarres Auge auf mir ruhte, ſah ich dieſes Cheque trocken an.“ „Sie verſtehen, Mister Lomond. Vielleicht bedarf — 0 102— ich Ihrer bald wieder. Seine Gnaden legten den Zeigefinger auf die Lippen. Können Sie ſchweigen?“ „Ich wußte, aus welcher Himmelsgegend der Wind blies. Ich wußte, was paſſtrt war. Was kommen ſollte— mußte. Sie wiſſen es ohnedem, Mister Morton. Die hohen und mächtigen Köpfe auf einer gewiſſen Seite des Canals haben einiges Intereſſe für ein gewiſſes Land. Et, ein ſehr bedeutendes Intereſſe. Zuviel Intereſſe nehmen ſie an dieſem Lande. Sie verſtehen mich ohnedem. Sie ſchießen Böcke zu un⸗ ſerem Vortheile. Und———————— „Mister Lomond!“ unterbrach ihn der Jüngling kopfſchüttelnd. „Sagte ich Ihnen nicht ſo eben,“ verwies ihn der Alte,„daß es heut zu Tage für Große weder eine Religion, noch ein Vaterland gibt; daß der ameri⸗ kaniſche Unitarier und der ruſſiſche Grieche, der bi⸗ ſchöfliche Engländer und der proteſtantiſche Deutſche, der atheiſtiſch materialiſtiſche Franzoſe und der pres⸗ byterianiſche Schotte nur Intereſſen haben, die ſie verbinden?“ — — 103— „Ah, Seine Gnaden waren und ſind noch immer in unſerer Gewalt. Dieſes Cheqgue ſoll Intereſſen tragen. Seine Gnaden ſind hellſehend, tiefblickend. Ich liebe Seine Gnaden. Sie haben mehr für unſer künftiges Reich gethan, als alle Tories ſeit der Thron⸗ beſteigung William des III. Ah, der Bock, den Seine Gnaden ſo eben geſchoſſen, dieſe ſogenannte Katho⸗ liken⸗Emancipation!—“ „Nicht der erſte,“ meinte Morton.„Ich wundere mich nur, wie man ihn N—n zur Seite ſtellen kann, oder ihn gar über ihn erheben.“ „Darüber wundere ich mich nicht,“ verſetzte der Alte. Morton ſchien frappirt. „Der Franzoſe hatte mehr Genie, einen hellern, durchdringendern Verſtand; der nüchterne Britte über⸗ trifft ihn an richtiger Urtheilskraft. Der große Fehler Jenes war, daß er ſeine Zeit nicht richtig beurtheilte, die Menſchen nicht richtig beurtheilte, und daher re⸗ gierte er achtzehn Jahre, und ſchlug doch keine Wur⸗ zeln— ſonſt wäre er nicht gefallen. Bei ihm war alles Ruhm,— Blüthe. Die letzten Bourbone, ſo elendiglich ſie waren, hinterließen Wurzel; die Repu⸗ —= 104 6— blik, ſo jung ſie ſtarb, ſchlug Wurzel; Napoleon keine. Er lebte iſolirt, ſtarb iſolirt. Schade um ihn! er war das größte ſchaffende Genie, das je die Schickſale einer Nation leitete— ein wahrer Nachhall der Römerzeit, und ihrer ungeheuren, großartigen Selbſtſucht. Gegen dieſe Selbſtſucht iſt die des Herzogs kleinlich, aber ſie iſt ſolider— reeller. Beide nehmen eine Priſe Taback, während Hundertauſenden die Gedärme aus dem Leibe geſchoſſen werden; aber der Herzog, ein ſo eng⸗ herziger Egoiſt er auch iſt, arbeitet für ſeinen König, ſeine Mitariſtokratie, er arbeitet in Verbindung mit Beiden; und ſehen Sie, ein Mann, der nicht allein, und für ſich allein, ſondern für und mit Andern ar⸗ heitet, und wären es nur zwei, hat ſchon unendlich viel vor dem iſolirt Stehenden voraus. Darin liegt das Geheimniß des Sieges des Herzogs. Er gilt für einen unſchätzbaren Diener, für einen unſchätzbaren Ariſtokraten; wogegen N—n als Feind des ganzen Menſchengeſchlechts daſtand, als Feind der Republik, die er zerſtörte, als Feind der Monarchie, die er auf⸗ richtete, ohne dafür den Dank eines einzigen ſeiner Mitmonarchen zu gewinnen. Sehen Sie, daß der Herzog Geiſtesſtärke hat, nichts als Diener ſeyn zu — 105 6— wollen, mit und für die Ariſtokratie zu kämpfen, ſtatt ſich über dieſelbe zu erheben, das zeigt, daß er kein gewöhnlicher, ſondern ein feſter, beſonnener Charakter iſt. Uebrigens iſt er, als geborener Ariſtokrat, ver⸗ pflichtet, für die Rechte ſeiner Mitariſtokraten zu kämpfen; ſeine Stellung iſt nicht falſch, ſie iſt natür⸗ lich. Es gibt Narren, die da meinen, er ſollte, um recht groß zu ſeyn, liberal und, weiß der Himmel, was Alles werden; ja, die ſich recht naiv wundern, daß er es nicht iſt, und ihn einen Tyrannen ſchelten, und tauſend derlei Ehrennamen geben, weil er dem Volke nicht ſeine angeborenen Rechte, wie ſie es nen⸗ nen, zurück gibt, ihnen, den raſenden Jakobinern, mit Einem Worte, nicht die Macht in die Hände gibt, auf daß— ſie ihm dafür den Kopf nehmen. Ihr Eſel! wenn Ihr wartet, bis Euch der Herzog oder irgend ein Regent die Macht in die Hände gibt, müßt Ihr lange warten, vorausgeſetzt, er iſt bei vollen Sinnen, und nicht vom Sonnenſtiche irgend einer ge⸗ nialen teutoniſchen Tollhäusler⸗Idee angezapft. Juſt ſo gibt es Menſchen, die da glauben, wir großen Geldleute ſind von Stein oder geſchmolzenem Metalle, weil wir unſer Geld nicht mit vollen Händen unter ſie ———j—— — 0 106 6— auswerfen. Ihr Narren, verdient es Euch, erwerbt es Euch, legt Euere Hände nicht in den Schooß, ſtellt Euer Licht nicht unter den Scheffel. Wir kämpfen für unſer Eigenthum, Andere mögen für das ihrige kämpfen; und ſo thut der Herzog, er kämpft für ſeine und ſeiner Mitariſtokraten Rechte, und hat Recht daran, und nur Kinder und Thoren werden ihn deß⸗ halb tadeln.“ „Die franzöſiſchen Windbeutel,“ fuhr er fort, „plappern das bon mot nach, das ein ſuperkluges altes Weib von ſich gegeben— er habe blos Eine Idee im Kopfe. Ei, die Franzöſin hat ihm da, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ein Kompliment gemacht; denn ich ſchätze einen Mann, der Geiſteskräfte genug hat, Eine Idee feſtzuhalten und ſie durch ſein ganzes Leben zu verfolgen. Sie wird ein Grundſtein, auf dem ſich ein Prachtgebäude aufführen läßt. So hatte die römiſche Kirche bloß eine Idee, ſo hat die Legiti⸗ mität bloß Eine Idee; aber dieſe Ideen haben Jahr⸗ hunderte beſtanden und Wurzeln für Jahrtauſende geſchlagen, die nicht ausgerottet werden können. Es kömmt mir nur lächerlich vor, mit ihrem Republiken⸗ Weſen in Europa. Als die Reformation unter Luther — x —=d 107— ausbrach— hier liegt ein Buch darüber— glaubte die ganze Welt, die römiſche Kirche würde in acht Wochen über den Haufen ſeyn. War ſie es? Iſt ſie es? Und ſind die proteſtantiſchen Völker weiter? Pah, ſie ſind in ſo argen Geiſtesfeſſeln als die Ka⸗ tholiken; dürfen ſo wenig ihrem eigenen Kopfe folgen als dieſe. Wiſſen Sie, was die römiſche Kirche em⸗ porhielt? Die Mönche? Nein, die Dummheit, die Beſchränktheit, der Aberglaube— die unzertrennlich vom Menſchengeſchlecht ſind; denn ſonſt gäbe es keine Aufklärung, keine Weisheit, keine Frei⸗ und Hell⸗ denker. Wiſſen Sie, Wer die Stützen der Monar⸗ chien, der Ariſtokratien ſind? Die Kroaten, die Koſacken, der Londoner Pöbel, die Pariſer Canaille. So lange Sie den ruſſiſchen Leibeigenen nicht zu einem aufgeklärten Amerikaner, die Pariſer Canaille zu rechtlichen Bürgern, den Londoner Pöbel nicht zu Freiſaßen umwandeln können, müſſen ſie ſtarke Re⸗ gierungen haben, zum Schutze guter Bürger; und dieſe guten Bürger werden ihre Regierungen unter⸗ ſtützen, nolentes volentes— denn ihre eigene Exi⸗ ſtenz hängt davon ab. So lange es Menſchen geben wird, die Trüffelpaſteten— Kartoffeln vorziehen, — 108— Eiderdunen einem Brette, und Eaſtindia Madeira ſchlammigem Waſſer, wird es Ariſtokraten, gleichviel ob des Geldes oder der Geburt, geben— Stützen der Monarchien; und wenn ſie ſich um das Ihrige wehren, ſo haben ſie recht. Sehen Sie, dieſes ſind Erfahrungsſätze— ewige Wahrheiten, die ſich zu allen Zeiten, unter allen Völkern, bewährt haben und bewähren werden. Erfahrungsſätze, auf die herabzublicken der Herzog, bei all ſeinem Stolze, nicht ſtolz genug iſt; die aber eben, weil ſie gemein und ſtets ſich bewährt haben, von ſogenannten Univerſal⸗ genies überſehen werden. Glauben Sie mir, nichts Schlimmeres, als ein ſogenanntes Univerſalgenie zum Herrſcher, zum Leiter der Menſchheit zu haben. Es ſieht, wie der Dichter durch eine verklärte Linſe, und erkennt in die Länge weder ſich, noch ſeine Umge⸗ bungen. Napoleon war ein ſolches Univerſalgenie, und was war das Ende? Er iſt auf einem nackten Felſen verdorben, und mit ihm ſein Syſtem.“ Und der Mann hielt nach dieſer ſonderbaren, grob praktiſchen, aber im Tone der beſtimmteſten Zuver⸗ ſicht vorgebrachten Abſchweifung inne, und nahm dann ſein Glas, aus dem er einen langen Zug that. — h 109 6— Bisher hatte er abgebrochen, kurzathmend geſprochen, und bei jeder Periode eine längere oder kürzere Pauſe gemacht, ſichtlich um ſeinen Athem zu ſchonen. Jetzt hob er mit ſtärkerer Stimme an. „Und begreifen Sie nun, mein junger Freund! warum und worüber ich ſann?“ Er ſah Morton ſtarr an, und indem er die grünen Augengläſer auf den Tiſch legte, ſchwollen ſeine mu⸗ mienartigen Züge zuſehends, ſeine ſcharfen, rothgrü⸗ nen Augen funkelten wie phosphoriſche Kugeln; ſein ganzes Weſen begann etwas unnennbar Unheimliches anzunehmen. „Ahnen Sie nun,“ hob er wieder an, netwas von meinem, von unſerem Vergnügen? denn der große Stephy genießt es in demſelben, in noch höherem Grade, weil er der Stützpunkt, das Fundament von uns Allen iſt— unſer Kaiſer. Das iſt der genialſte Franzoſe, den ich kenne.“ „Ahnen Sie etwas?“ fragte er mit bedeutungs⸗ voll betonter Stimme.„Ahnen Sie etwas von der Seelenfreude, die wir ſogenannten Geldleute genießen? Rechnen Sie es für nichts, in das innerſte Heilig⸗ thum, in die tiefſten Winkel des menſchlichen Herzens —° 140 6— zu dringen? die gekrümmten Schleichwege der Staats⸗ männer zu erforſchen, die verborgenſten Falten der bürgerlichen Geſellſchaft zu enthüllen, den Königs⸗ ſohn, den ſtolzen Herzog, den hochadeligen Baron, den Tapfern, den Liſtigen, die Schönſte der Schönen in ihrer ganzen Nacktheit, in ihrer hoffnungsloſen, hülfloſen Ohnmacht, vor ſich auf den Knieen liegend, zu ſchauen? dieſe Scenen immer und immer wech⸗ ſelnd, und immer wieder ſich erneuernd, im hundert⸗ fältigen Kreislaufe ſich erneuernd! dieſe ſchrecklichen Spiele, dieſe verzweiflungsvollen Gelüſte, dieſe raſen⸗ den Freuden, die zum Schaffott führen! dieſe hyſte⸗ riſchen Gelächter der Verzweifelnden, bereits auf dieſer Erde Verdammten! dieſe ſchwelgeriſchen Gelage, die das grünſte Leben in wenigen Jahren, was ſage ich Jahren, Monaten— grau machen! Hier ein Staats⸗ mann, dem ſeine Gurgel zu lange iſt,— dort ein Vater, der nicht länger den gebrochenen Stolz des Failliten ertragen mag; wieder ein Weib, das in der Verzweiflung das einzige Kleinod darbietet— auf⸗ dringt, das ihr ſonſt um keinen Preis feil geweſen wäre! O, dieſe Schauſpiele! dieſe herrlichen Schau⸗ ſpiele!“ 3 o * 0— 5 0— — 3 111 6— Und wie der Alte ſo ſprach, entfuhr ihm ein heiſeres, aber entſetzliches Kichern. „O, dieſe Schauſpiele und Schauſpieler!“ kicherte er wieder,„dieſe unnachahmlichen Schauſpieler! Hier könnten Garrik und Kemble und Kean in die Schule gegangen ſeyn; aber an uns iſt ihre Kunſt verloren. Wenn ſo ein liebekrankes Mädchen, ein alter Han⸗ delsmann, der mit grauen Haaren an den Bettelſtab gebracht worden,— eine Mutter, die ihr unglück⸗ liches Kind vom Verderben retten wollte,— ein edler Lord an der Schwelle der ewigen und zeitlichen Ver⸗ dammniß, wenn ſie kamen, und ihnen die Haare gen Berg ſtanden, wie einem geſchreckten Roſſe die Mähne gen Berg ſteht— da ward mir anfangs wohl ein wenig ſeltſam zu Muthe. Aber Alles iſt vergangen, ſo wie der Geiſt Gottes— des unterirdiſchen Gottes — mich durchdrungen. Jetzt bin ich Einer Derer⸗ die nichts mehr täuſcht, die helle ſehen, die dieſe Scenen recht gemüthlich anſchauen können. Ich kann ſagen, junger Mann, nichts täuſcht mich mehr, nichts kann es. Ich durchdringe Herzen und Nieren, beſitze den Schlüſſel zu Allem. Wir können Armeen und Soldaten kaufen— Staatsgeheimniſſe— und die — e 112 c- Werkzeuge, ſie zu unſern Endzwecken zu lenken. Was die Bourbonen einſt in ihrem Stolze von ſich ſagten: kein Kanonenſchuß dürfe ohne ihre Einſtimmung fallen— das, junger Mann, können wir mit mehr Wahrheit ſagen; denn wir ſind Zehn, die unſichtbaren Decemviri, die nun die Welt regieren.“ „Ja, junger Mann! die ſchönſten Weiber ſinken vor mir auf die Kniee, und beten mich an, brünſtiger, als ſte je die Gottheit anbeteten. Hier in dieſem Zimmer, Morton!“ er deutete auf die Thüre der erſten Pidèce,„hier haben Schönheiten ſich gekrümmt, vor denen Könige ſich auf die Kniee niedergeworfen haben würden; hier haben ſie ihr Theuerſtes, ihr Beſtes angeboten, aufgedrungen, Schönheiten, deren Reize das kälteſte Männerherz hätte raſend machen können. — Und Lomond? Lomond ſtand kalt und unerſchüt⸗ tert, hohnlachend in ſeinem Innern. Dieſe Raſereien haben für ihn längſt ihre Reize verloren. Meine Auf⸗ gabe iſt die der Rache, dieſe iſt meine Chrenſchuld, die ich abtragen muß— habe ich ſie abgetragen, dann gehe ich gerne hinüber. Rache und Gewalt und Herr⸗ ſchaft, das iſt meine, unſere Aufgabe. Ah, dieſe Großen— jetzt ſtoßen ſie mich nicht mehr zurück; ' —= 113 6— aber einſt thaten ſie es— wie auf einem Wurme traten ſie auf mir herum, als ich noch jung war und kräftig— aber hülflos, pfenniglos, ohne Obdach, mich zu ſchützen; ohne Freund, mich zu tröſten; ohne eine mitleidige Seele, mir eine Thräne zu weihen. Wäre das nicht die Rache, beim lebendigen Gott!“ rief der Mann mit entſetzlich funkelnden Augen,„ich würde mein Gold glühend werden laſſen und es in meine eigene Kehle hinabgießen; denn was wäre es mir jetzt nütze, nachdem ich allen Freuden des Lebens abgeſtorben bin? Eine Höllenqual wäre es.“ Der Alte hielt wieder inne und fuhr dann fort: „Ei, ich habe die Milde der chriſtlichen Liebe, die Sanftmuth der hohen Welt empfunden, und ſie ſollen ſie ſicherlich wieder empfinden.“ Wieder hielt er inne, und fuhr nach einer Weile in einem leiſern, aber erſchütternd ſchneidenden Tone fort: „Vom Trödler bin ich zum Mäckler, vom Mäckler zum Wucherer, vom Wucherer zum Großhändler, vom Großhändler zum Staatspapierhändler geſtiegen, und durch alle dieſe Lebenswege hat mich, wie den alten Stephy, nur Ein Gedanke begleitet— der der Rache, der Herrſchaft. Aber die Zeit unſerer Herr⸗ Morton. II. 8 — 114— ſchaft war noch nicht gekommen; die Feſſeln der Ge⸗ burt, des Aberglaubens waren noch nicht gebrochen; für den Reichen gab es in der Welt noch keine ſichere Zufluchtsſtätte, die Willkür konnte ihn ſelbſt in die⸗ ſem Lande erreichen. Nun aber kann ſie es nicht mehr. Auf Eurem Boden, junger Mann, iſt die Citadelle, die den Hafen vertheidigt, in deſſen Buſen die Reichthümer der ganzen Welt in Sicherheit liegen können. Auf Euerem Boden iſt der mächtigſte Selbſt⸗ herrſcher ſchwächer, als der winzigſte Großhändler; dort iſt der Damm, an welchem ſich die Willkür bricht; dort der Focus, wo ſich die Strahlen vereini⸗ gen, und von wo ſie wieder ausgehen; dort der Fels, an welchem ſich alle Herrſcher die Schädel zerſtoßen würden, von wo aus die Freiheit der Welt, die Sicherheit des Eigenthums ausgehen muß. Nicht jene jakobiniſche Freiheit von Narren und Bluthun⸗ den— die Freiheit der Perſon und Sicherheit des Eigenthums; und dieſe ſind die Grundlagen aller wahren Freiheit.“ „Zehn ſind wir,“ ſprach der Mann mit erhabener Stimme; vüber die ganze Welt zerſtreut, und doch täglich, ja ſtündlich beiſammen; durch keine Bande, 4— 115— und doch wieder durch die innigſten Bande verſchlun⸗ gen, die des gemeinſchaftlichen Intereſſe, das der Welt eine neue Geſtaltung geben ſoll, früher oder ſpäter geben ſoll, wird, muß. In London ſind wir fünf. Alle Wochen verſammeln wir uns, vergleichen Noten und beſtimmen den Gang der Weltverhältniſſe. Die Myſterien der Finanzen dieſes und aller Reiche und ihrer Exiſtenz liegen klar vor unſern Augen. Kein Reich, keine Familie, kein Stand, der je mit uns in Berührung gekommen, iſt unſerem anatomiſchen Meſſer entgangen. Wir halten die Bindungsfäden der Exiſtenz jedes Staates, jeder Familie, von der allerhöchſten bis zur niedrigſten, in unſerer Hand. In unſerem Soll ſtehen Milliarden, ſtehen Staaten und Familien, Könige und Kaiſer; es ſind Noten, wie die in dem Buche des ewigen Richters. Der öffentliche Kredit und das häusliche Wohl, die Wohl⸗ fahrt der drei Königreiche und aller Reiche der civili⸗ ſirten, das heißt der ſchuldenden Welt, des Handels und Wandels, hängen von unſerem Winke und Wil⸗ len ab. Was iſt die erbärmliche geheime Polizei des ganzen Continentes gegen die unſerige, die wir be⸗ zahlen, wie die Herren der Welt; denn das werden 8* —= 116 ⸗☛ wir ſeyn, früher oder ſpäter; früher oder ſpäter wer⸗ den wir die Stelle dieſer Ariſtokraten ganz und gar einnehmen, wir die nächſten an den Thronen ſeyn, Mister Morton! und nicht weniger feſt ſollen deß⸗ halb dieſe Throne ſtehen. Und das tanzende und in ſeinen Feſſeln knirſchende Frankreich, und das phleg⸗ matiſch mondſüchtige Deutſchland, und das träg bigotte Spanien, und das elendigliche, an den Knochen ſeines dreitauſendjährigen Ruhmes nagende Italien müſſen ſich beugen und fügen, und alle Länder der Erde müſſen folgen; denn unſere Mineurs ſind thätig. Wir ſenden unſere Botſchafter täglich, ſtündlich; jeder Sack Kaffee, jede Büchſe Thee, jeder Waarenballen, jede Anleihe gründet unſer Reich feſter. Pah! und es gibt Narren, die da ſagen, wir lieben das Gold um des Goldes willen. Ei, wir lieben das Gold, aber die Herrſchaft lieben wir noch mehr, denn ſte iſt ſüßer noch als Gold; an ihr verderbt man ſich den Magen nimmermehr, und wäre er auch noch ſo blöde. Andere meinen gar, wir arbeiten für das Volk, den ſchweiniſchen Haufen— Pah!“ Und der Alte brach wieder in ſein unheimliches Kichern aus. —= 117— „Wir der monied interest*), die moneycracy**) für den ſchweiniſchen Haufen kämpfen! Wir kämpfen gegen die Ariſtokratie der Geburt; aber wir kämpfen für uns. Immer aber gewinnt die Menſchheit dabei, junger Mann! denn aus dieſer manus mortua der Ariſtokratie, dem todten Meere des Bürgerthums, in dem alle Flüſſe und Fiſche erſterben, zu gelangen, iſt für die Welt ein Gewinn, mit dem ſie ſchon einſt⸗ weilen zufrieden ſeyn kann. Es gibt keinen Sprung in der Natur. Alles geht langſam.“ Und wieder hielt er inne, und fuhr erſt nach einer geraumen Weile, rings umher auf die Wände deu⸗ tend, fort:. „Hier,“ ſprach der verwitterte Greis,„innerhalb dieſer armſelig troſtloſen Mauern iſt der größte Held, der Schlachten zu Dutzenden gefochten, weich und ſanft geworden, wie der arme Sünder, der auf dem Punkte ſteht, in die Ewigkeit hinüber geſchnellt zu werden. Hier iſt oft der tollſte Liebhaber, den ein Wort von den Lippen ſeiner Schönen in Entzücken und wieder in Raſerei verſetzt, auf ſeinen Knieen ge⸗ *) Geldintereſſe, Kapitaliſten, Staatspapierhändler. **) Die Ariſtokratie des Geldes. — 118 6— legen; hier hat ſich der hochfahrende Staatsmann, der Millionen auf den Nacken tritt, gekrümmt; hier der Kaufmann, der Millionen gebietet. Hier haben Atheiſten, die den Namen Gottes nie anders als höhnend über ihre Lippen gebracht, zu dem ewigen Gott beten gelernt. Hier werden noch Königsſöhne und Herzoge beten lernen, junger Mann, und das auf das Schönſte; denn hier,“ er fuhr mit der Hand über die Stirne,„iſt die Wagſchale, die das Schickſal von Millionen und abermals Millionen aufwiegt.“ „Und Sie glauben,“ ſprach er lächelnd,„daß wir keine Freuden haben, keine Poeſie, keine hohen Em⸗ pfindungen? daß unter unſern kalten, verſchrumpften Außenſeiten keine großen Herzen ſchlagen, kein war⸗ mes Blut fließe? Sie glauben, daß Byrons Poeſie kühner war, als die meiner, des alten Stephy Phan⸗ taſie— ſeine Ausſichten glänzender? Pah! Er grün⸗ dete bei Narren einen Namen. Wir gründen in der Wirklichkeit ein Reich— eine Kirche, die glänzender als die römiſche Kirche werden ſoll, herrlicher und dauerhafter, als die des römiſchen Vatikans, die die Pforten der Hölle nicht überwältigen ſollen; denn auf ihren Fundamenten iſt ſie ja errichtet.“ —-r —=0 119 6— Und nachdem der Alte ſo geſprochen, erhob er ſich und richtete ſich auf lang und langſam, und legte ſeine Hand auf des Jünglings Schulter, und ſein durchdringendes Auge ruhte einen Augenblick prüfend auf ihm; dann, ohne ein Wort weiter zu ſagen, ver⸗ ſchwand er in ein anſtoßendes Schlafkabinet. Von Mortons Zügen aber war das ironiſch höh⸗ niſche Lächeln ganz gewichen. Seine Augen kreisten ſich, indem er ſich nach dem Bilde des Alten wandte; er taumelte der Thüre zu, wie ein vor dem Böſen Fliehender. Ihm war Hören und Sehen vergangen. Der verwitterte graue Mann war vor ihm aufge⸗ ſchwollen zum Ungeheuer, zum Rieſen, zum irdiſch⸗ hölliſchen Geſpenſt. Er war verwandelt in ein horribles, phantaſtiſches Zerrbild, der eingefleiſchte Repräſentant des Fürſten der Finſterniß, des Gottes der Hölle, der auf die Erde geſtiegen. Eriſtenz, Schönheit, ſelbſt die Freiheit und Zukunft des Menſchengeſchlechtes erſchienen ihm ſchauderhaft ab⸗ ſchreckend; denn Alles war ja, oder ſollte ihm zinsbar werden, dem Höllenfürſten. Indem ſchlug die Glocke eilf. Der Alte erſchien nochmals zwiſchen der Thüre. b b —= 120 6— „Morton, Morton, eilen Sie mit dem Ankleiden; Sie ſind ja noch auf den Ball in D— ehouſe geladen.“ „Dieſen habe ich ganz vergeſſen,“ murmelte der Jüngling in die Thüre. „Aber unſere Nobility nicht; denn die iſt erſt jetzt in ihren lichten Intervallen,“ lächelte der Alte.„Gute Nacht! Sie fahren in Ihrer eigenen neuen Equipage.“ Erſt, als er in ſeinem Ankleidezimmer vor ſeinem Spiegel ſtand, verließ ihn einigermaßen der Taumel, in welchen ihn die unbeſchreiblich ergreifende Nacht⸗ ſcene verſetzt hatte; immer noch ſtand jedoch der ver⸗ witterte, funkelnde Alte vor ſeinem Blicke. „Pah!“ ſprach er, ſich rüttelnd,„haben heute Neumond, und der wirkt immer auf derlei Köpfe. Der— und die alte Ariſtokratie Englands über den Haufen werfen!— ich wenigſtens will nicht die Hand dazu bieten.“ Es wurde das entfernte Raſſeln einer Carroſſe gehört, und bald darauf verkündeten ein halbes Dutzend Schläge, die die Grundveſten des Hauſes erſchütterten, einen ſpäten und hohen Beſuch. —“= 121 6— III. Die drei Lords. „ Morton, ums Himmels willen, wo ſtecken Sie?“ „Mister Morton, was laſſen Sie alle Welt auf ſich warten?“ „Morton, mein Theurer, wo ſind Sie?« Unter dieſen Ausrufungen waren zwei der lieblich⸗ ſten Stutzer, die je engliſches Pflaſter getreten, in das Zimmer geſchlüpft. Mehr Mädchen als Männer, waren ihre Formen zart, ihre Hände klein, ihre Wangen lilienblaß mit einer ſchmachtenden Röthe, ihre Augen blau; zwei Zephyre, wie ſie in der Glas⸗ hausatmoſphäre des engliſchen Hochlebens umher flattern. Der Dritte, der hintendrein kam, war der etwas männlichere Lord Flirtdown. Die beiden Er⸗ ſtern hatten ſich, nach einer kurzen Begrüßung, wie erſchöpft auf das Sopha und die Ottomane geworfen. Lord Flirtdown war vor Morton ſtehen geblieben. „Dem Himmel ſey Dank die Toilette doch wenig⸗ ſtens gemacht, mein Diplomatiker!“ rief Lord Flirt⸗ down, der jedoch erſt jetzt das Lorgnon erhob, um genauer zu prüfen. —— — o 122 e— „Und nennen Sie Das Toilette gemacht, Flirt⸗ down?“ rief Lord Ormond vom Sopha herüber. „Und das Ding da eine Cravate?“ lachte der Dritte, der von der Ottomane aufgeſprungen, und das Lorgnon auf die faſhionabelſte Weiſe in die Augen gedrückt, mit komiſchem Entſetzen die Cravate beſchaute. d „So kommen Sie doch her, Mono, kommen Sie her, Flirtdown.“ Und die drei Herrlichkeiten ſtellten ſich vor Morton hin, und ſchlugen ein lautes Gelächter auf. „Nein, pon honour, Mister Morton,“ rief Lord Ormond mit einer Flötenſtimme,„dieſe Cravate, ſie ſieht aus, als wäre ſie in einer wahren Hänglaune um den Hals gedreht.“ „In wahrer Verzweiflung, lieber Morton, pon honour!“**) bekräftigte der Marquis Mono. „Verſichere Sie, Morton, ſähe man Sie in Weſt⸗ end, alle Welt blieb ſtehen, pon honour!“ „Sie wären inadmiſſible mit dieſer Cravate in D ehouſe, pon honour! Geſtehen Sie es nur, in *) pon honour, ſtatt: upon honour. Auf Chre. —= 123— dieſem ſo wie in vielen andern Punkten ſeyd Ihr Yankees mit Euerer geprieſenen Freiheit noch hundert Jahre zurück.“ „Pompey, friſche Cravaten!“ rief Morton. „Sie geben es alſo ſtillſchweigend zu? Sie thun wohl daran, lieber Morton! Beſehen Sie ſich nur im Spiegel. Ein Ungethüm, verſichere Sie, pon honour! Ich ſage Ihnen, die Cravate iſt der Pro⸗ bierſtein, an dem man den Gentleman erkennt; ſie iſt dem Manne, was der Gürtel, die Coiffüre, den Damen iſt. Zeigen Sie mir eine Cravate auf hun⸗ dert Schritte, und ich will Ihnen ſagen, ob der Kopf, unter dem ſie ſitzt, der eines Gentleman iſt. Keine Täuſchung möglich, pon honour! Aber erlauben Sie, daß ich Ihren valet de chambre mache. Iſt das Ihr— wie heißen Sie das Ding da?“ fragte er mit einem ſpöttiſchen Seitenblicke auf Pompey, den er mit ſeinem Lorgnon firirte—„doch nicht Ihr valet de chambre?““ „Varlet de shame!“*) ſchrie der entrüſtete Pom⸗ pey.„Pompey kein shame varlet ſeyn.“ — y— b —-4 *) Schamloſer Schelm. —= 124— Und die drei Lords ſchlugen ein hell lautes Ge⸗ lächter auf. „Aber wiſſen Sie, Morton,“ rief Lord Flirtdown, „daß Pompey mit muß. Verſichere Sie, Mylords,“ wandte er ſich an den Marquis und Viscount, viſt gar kein übler Alter, hat ein ungemein ariſtokratiſches Air. Man ſieht ihm an, daß er in einem Hauſe das ſeinen Adel nicht vergeſſen, gelebt hat. Morton, nehmen Sie ihn auf alle Fälle mit. Und laſſen Sie die Cravaten ſehen, und erkennen Sie unſere unge⸗ heuchelte Freundſchaft, die wir Crockfords verließen, um Sie hier in dieſem horriblen Erdenwinkel abzu⸗ holen.“ „Seyd liebe Leute,“ verſetzte Morton mit einem froſtigen Lächeln, das die Lords einen Augenblick ſtutzen machte. Sie hatten ihre gelb glacirten Hand⸗ ſchuhe abgezogen, und prüften die von Pompey ge⸗ brachten Cravaten mit Kenneraugen. „Alle, was wir ſagen, raides mortes,“ bemerkte der Marquis Mono,„für einen Gehängten nicht übel paſſend.“ „Raide ginge noch,“ verſicherte Lord Ormond. „Es verräth einen gewiſſen Grad von Beſtimmtheit, —=0 125 G— etwas Poſitives, einen kecken Egoismus, die große Triebfeder, die Potenz der heutigen Civiliſation“ „Dem Piſton,“ fügte Lord Flirtdown bei.„Es liegt etwas Geniales in der Selbſtſucht, etwas Er⸗ habenes— etwas Excluſives—„pon honour!“ „Die Cravate ſteht dann wie wegwerfend, iſolirt,⸗ verſicherte der Marquis Mono. „In gewiſſen, großartigen Verhältniſſen, ſtreng ariſtokratiſch,— ſtarr, wie der Herzog,“ meinte Lord Ormond. „Es iſt eine eigene Kunſt, pon honour!“ fiel der Marquis Mono mit wichtiger Miene ein. „Nicht Kunſt, nichts von Kunſt darf dabei im Spiele ſeyn, lieber Mono,“ belehrte ihn Lord Or⸗ mond.„Takt iſt die Sache; nicht wahr, Morton?“ fragte er Dieſen, mit einem ſpöttiſchen Seitenblick auf ſeine beiden Gefährten. Und die Drei brachen wieder in ein lautes Gelächter aus, und überreichten, noch immer lachend, Morton die ausgeleſene Cravate. Dieſer war ungemein ernſt geblieben. „Nach meinem Gout,“ verſicherte Lord Ormond, viſt ſie noch immer zu raide. Mein Gout iſt der — o 126 6— leichte, naive, ein gewiſſes Air von Naivetät, von Originalität. Meine Cravate ſoll gleichſam wie auf den Hals hingezaubert ſeyn, wie durch Inſpiration. Mir wenigſtens ſcheint ſie noch immer zu ſteif; aber Ihr Nankees liebt das Steife.“ „Flirtdown,“ ſprach Morton, der, die Cravate in der Hand, in die Thüre des anſtoßenden Cabinetes getreten war,„bemerken Sie Lord Ormond, daß ich ein Virginier bin, und Hotſpurs Blut in meinen Adern habe. Einſtweilen, Gentlemen, excüſiren Sie mein Entfernen.“ „Alle Teufel, was iſt das?“ riefen der Marquis Mono und Lord Ormond. „Pompey, was ſoll das?“ fragte Lord Flirtdown. „Hat Dein Maſter die blue devils?“ „Nein, aber die blue fools,“ grinste der Alte. Und die drei Lords ſahen ſich einander an, und brachen wieder in ein lautes Gelächter aus. „Inzwiſchen,“ flüſterte Lord Flirtdown,„muß ich Euch nur im Vorbeigehen bemerken,“ er legte den Zeigefinger auf den Mund,„daß Ihr den Spaß nicht zu weit treiben dürft. Er iſt zwar ein Yankee, aber einer der Unſrigen, und Lieutenant in ihrer Marine, —= 127— und das will etwas bedeuten. Schießt Euch, pon honour! die Schwalbe im Fluge herab.“ „Mit Piſtolen?“ fragte Lord Ormond. „Sah ihn zwanzig, ohne zu fehlen, nach einander herab bringen.“ „Pah! und was kümmert das uns; sans souci iſt mein Wahlſpruch. Wer wird da Rückſichten nehmen? Ich thue, als bemerkte ich nichts. Wird doch Spaß verſtehen.“ „Sagen Sie mir doch zum Teufel, Flirtdown, was er eigentlich hier in London will, und dann in dieſem deteſtabeln Verſtecke?“ „Pah!“ meinte der Marquis,„ſo eine Art Miſſion, wegen ihrer Zwiebel und Whisky⸗ und Mehlfäſſer und Schinken, mit denen ſie unſer Weſtindien zu be⸗ glücken gedenken. Man ſollte ihnen den Bettel gönnen. Sind eine wahre Krämernation, dieſe Yankees. Und, ſagt mein Alter, zankſüchtig und krakeeliſch. Man hat mehr Plage mit ihnen, als mit all den Großmächten zuſammen genommen. Güäbe es nur ein halbes Dutzend ſolcher Republiken in der Welt, ſagt er, möchte der Teufel regieren. Je abſoluter eine Macht, —“= 128 6— deſto angenehmer die diplomatiſchen Verhältniſſe, ſagt er, pon honour!“ Morton war wieder eingetreten. „Hören Sie, Morton, Sie ſind alſo ein slip von einem Diplomaten. Wiſſen Sie die letzte Neuigkeit, mit der man ſich in den exeluſiven Zirkeln herum⸗ trägt?“ fragte der Marquis. Morton gab keine Antwort. „Iſt aber ein prächtiges Mädchen, dieſe Sonntag,“ verſicherte Lord Flirtdown. „Eine Deutſche zwar,“ bemerkte Lord Dennond⸗ „hat aber doch ein wunderſchönes Geſtelle. Mir unbegreiflich, wo ſie die niedlichen Füße her hat.“ „Der einzige Artikel, in dem die deutſchen Schönen groß thun,“ kicherte der Marquis. „Nun wiſſen Sie aber,“ fuhr Lord Ormond fort, „daß unſer Count Paul, wie ihn die damen der——— nennen, ihr ganz raſend die Cour macht; hat ihr einen prächtigen Schmuck von Smaragden präſentirt.“ „Pardon! es waren Saphire,“ berichtete ihn Lord Flirtdown. „Sie wird ſich heute in D— ehouſe mit der Malibran und Paſta hören laſſen,“ bemerkte Lord Ormond. —=0 129 6— „Unſere Alten klubbten*) den ganzen lieben Vor⸗ mittag in Charlesſtreet. Warum kamen Sie nicht, Morton? Lady Warnhall wollte ſie Miß Wieliffe aufführen.“ „Aber der Herzog,“ fiel Lord Ormond ein, nhat den Tippo Saib gekauft; pon honour! ein prächtiges Thier, im Bau ganz die Eclipſe, verſichern die üüeſten Gentlemen vom Turf.**)“ „Wird in D-—ehouſe ſeyn, mit einem ganzen Ge⸗ folge deutſcher Prinzen.“ „Huldreich und bettelarm,“ lachte der Marquis. „Sind ein eminenter Kopf, Seine Gnaden der Herzog— ein Kraftgenie, der erſte Mann des Jahr⸗ hunderts, pon honour!“ verſicherte Lord Flirtdown. „Hat es bewieſen der Herzog, wiſſen Sie?“ be⸗ kräftigte wieder Lord Ormond. „Hat verdammt Haare auf den Zähnen, hat es Winchelſea gezeigt,“ ſetzte wieder Flirtdown hinzu. „Hat Proben abgelegt, bei W— oo und in Spa⸗ nien,“ Lord Ormond. *) Waren im Klubb(Eaffn) verſammelt, berathſchlagten, intriguirten. **) Die Gentlemen vom Klubb der Wettrenner. Morton. II. 9 — 130— „Wenn Der mit Ihrem alten Jackſon anbinden würde, dürfte ihn mores lehren. Iſt ein alter Halb⸗ barbar, Ihr Jackſon.“ „Ja,“ bemerkte Morton trocken,„hat ſich vor Neworleans ſehr barbariſch gegen Euch benommen. Pompey, den Ballhut und Mantel.“ „Pah!“ gähnten die drei Lords, die, nachdem ſie Mortons Toilette nochmals durch ihre Lorgnons ge⸗ prüft, mit einer graziöſen Tournure, die ein Dutzend Zeitungen und Broſchüren von einem Leſeſeſſel zur Erde brachte, das Appartement verließen. Auf der Schwelle der Hausthüre hielten ſie an, lachten noch⸗ mals laut auf, und ſchlugen dann den Weg durch das enge Gäßchen ein, auf dem ihnen der alte Pompey bis zum Wagen vorleuchtete. „Alles erſtorben, wie todt die Cockneys,“ kicherte Lord Ormond, indem er auf die öden Häuſermaſſen deutete;„pon honour! ein ſchönes Ding, das Leben da zu beginnen, wo die Andern aufhören. Nicht wahr, Mister Morton? Eigentlich iſt nur der eng⸗ liſche Gentleman frei, das heißt, er kann thun was ier will— Queensbury! Grandioſer Kerl! Mehr Jungfern ent—t, als er Haare auf dem Haupte hat — 0 131 6— — ſich deſſen vor George ſelbſt gerühmt. Dürften Sie das in Ihrem Philadelphia thun? Pah! Unſere Herrlichkeit war nahe daran, in dieſem verdammten, quäkeriſchen Neſte in einer Ihrer Wachſtuben für eine Nacht Quartier nehmen zu müſſen; und warum? weil wir einer einfältigen Quäkerin einige handgreif⸗ liche Zärtlichkeiten zu Theil werden ließen. Aber der Herzog, theurer Morton!“ „Welcher?“ fragte Dieſer,„der von Queens⸗ bury,*) oder— 24 „Mister Morton weiß vielleicht nicht, daß der Herzog von D-—e ſeinen heutigen Ball vorzüglich zur Feier des Sieges gibt, den der große Herzog in beiden Häuſern erfochten hat,“ bemerkte Lord Ormond wichtig. „Ueber Wen?“ fragte Morton lakoniſch. „Pon honour!“ erwiederten die Lords, mit einem mitleidigen Blicke auf den Virginier. „Ah, meine Lords!“ fiel der Marquis im ſpötti⸗ ſchen Tone ein,„Mister Morton iſt ſelbſt ein Diplo⸗ mat.“ *) Der berüchtigte Wüſtling und Freund Georg des IV. 9* —-d 132 G— „Allen Reſpekt,“ entgegnete Lord Ormond, in dem⸗ ſelben ſpöttiſchen Tone;„ aber man kann ein großer, ein bedeutender Diplomat ſeyn, ohne deßhalb den Geiſt des großen Herzogs zu ergründen. Wiſſen Sie, Mister Morton,“ ſetzte er belehrend hinzu,„das Oberhaus hat heute einen Sieg davon getragen— einen Sieg, der die Gewalt und das Reich für die kommenden ſiebenzig Jahre abermals in unſere Hände gibt. Und dieſen Sieg verdankt das Oberhaus Sei⸗ ner Gnaden dem Herzog of—— n, der ihn erfoch⸗ ten hat für die Peerage.“ „pon honour! Es war eine ſublime Rede, die er vorgeſtern hielt. Wiſſen Sie, Mono, wie er geſagt hat, daß unſere Conſtitution das non plus ultra menſchlicher Weisheit iſt?“ „ in prächtiger, erhabener Gedanke Das— nicht wahr, Mister Morton! Der Herzog! pon honour!“ „Sie werden ihn ſehen, Mister Morton, den großen Herzog, den Beherrſcher der Welt, der Ruß⸗ land mit ſeinem kleinen Finger und Frankreich mit ſeinen Sporen regiert.“ „Wird aber oft abgeworfen; ſah ihn erſt geſtern ir im Regenteircus das Pflaſter küſſen,“ verſetzte Morton. — 133 6— „Pah!“ meinten die Lords gähnend. Und unter dieſer geiſtreichen Unterhaltung waren ſie vor dem Wagen Lord Flirtdowns angekommen, der am Eingange von—ſtreet, einem armſeligen Genèvreladen gegenüber hielt, in deſſen verpeſteter Atmoſphäre ein einſames Talglicht kümmerlich ſchmach⸗ tete, um daſſelbe herum gruppirt, wie Schatten der Unterwelt, einige jener unglücklichen Nachtwandlerin⸗ nen, die die nächtliche Sündfluth in dieſen traurigen Winkel zurückgedrängt hatte. Die drei Lords warfen einen faſtidieuſen Blick auf die geſpenſtigen Dienerin⸗ nen der Wolluſt, und brachen abermals in ein gellen⸗ des Gelächter aus.„Look A-gin-court!— Look A-gin-court!“ riefen ſie mit einer Stimme.„Look Agincourt!“*) ſchrien ſie abermals, die gräulichen Sünderinnen durch ihre Lorgnons beäugelnd. Morton war mit allen Symptomen des Ekels an den Wagen geeilt, und im Begriffe in dieſen einzu⸗ ſteigen. Ein Lackei in reicher Livree hielt ihn am Arme zurück. Neben ihm ſtand ein elegant gekleideter Fremder. *) Wortſpiel, das einen Genèvreladen, und die Schlacht gleichen Namens bedeutet. —= 131— „Mister Morton of Mortonhall!“ „Das iſt mein Name.“ „Iſt dieſer Ihr Wagen,“ ſprach der Fashionable, auf eine elegante Karroſſe mit zwei prachtvollen Pfer⸗ den beſpannt deutend, die hinter der Ecke ſtand. Morton ſtarrte den Fremden und dann die Equi⸗ page an. „Sie iſt aus dem atelier Walkers,“ ſprach der Fashionable,„und ich zweifle, ob Seine Majeſtät eine in Ihren Remiſen haben, die mit ausgeſuchterem Gout gebaut iſt.“ Morton erwiederte kein Wort. „Steht ſammt den Pferden zur Verfügung Mister Mortons, und zwar auf Befehl des ſehr achtbaren Mister Lomonds.“ Morton ſchaute auf den Kutſchenſchlag. Das Wappen ſeiner Familie glänzte ihm in goldener Emallle entgegen. „Ich werde die Ehre haben,“ fuhr der Fremde fort,„Mister Morton of Mortonhall zu begleiten.“ Dieſer ſtand noch immer wie träumend. Mechaniſch, kopfſchüttelnd ſtieg er endlich in den Wagen, deſſen — 135 6— Thüre eben zugeſchlagen wurde, als die drei Lords heranprallten. „Alle Teufel! was iſt das?“ ſchrie Lord Ormond. Die drei Lords ſtanden mit offenen Mäulern. „Ich glaube, der Yankee hat uns eine Naſe gedreht.“ „Der große Herzog ſelbſt hätte es nicht in noblerm Style thun können,“ lachte Lord Ormond. „Ich ſagte Euch ſo,“ ſprach Lord Flirtdown„Ihr habt den Scherz zu weit getrieben. Iſt nicht zu ſpaſſen mit den Amerikanern. Sie werfen Euch ſtatt des Glaſes die ganze Bouteille an den Kopf.“ Morton hörte noch die Lords nachrufen; aber im Schnauben und Brauſen der Pferde und dem Rollen des Wagens verſchallten die Stimmen, und er warf ſich, betäubt von den widerſprechenden Empfindungen, in die Ecke. I. Eine Nacht in Weſtend. Auf den ſchwellend elaſtiſchen Kiſſen gewiegt, be⸗ gannen die Bilder und Entwürfe des Rieſengeiſtes, — 0 136 6— der auf eine ſo entſetzliche Weiſe in das Rad der Weltereigniſſe einzugreifen ſich berufen fühlte, auch wieder vor ſeiner Phantaſie heraufzuſteigen, die ge⸗ ſtaltloſen Umriſſe der gigantiſchen Schöpfung deut⸗ licher hervorzutreten. Das Menſchengeſchlecht ſollte ihr verfallen, der Rieſengewalt dieſer Zehn! Er lächelte und ſchauderte zugleich; denn, war er nicht bereits ganz in ihrer Gewalt? hatte ſie ihn nicht mit ihren Vampyrkrallen erfaßt, dieſe unſichtbare Gewalt? Woher ſtammte ſie? Wie wirkte ſie, dieſe entſetzliche Gewalt, die ihn, den ſtolzeſten der ſtolzen Virginier, von den Ufern des Delaware an die der Seine, der Themſe geworfen, ihm die Paläſte der Könige, der Großen geöffnet, Dieſe vor ſeine Thüre gebracht— ihn in ihre glänzenden Hallen, in ihre prachtvollen Salons eingeführt, ihn, den Selbſtmörder, den noch vor wenigen Monaten die Blackſtones von ſich ge⸗ wieſen! Und wieder traten die Karrikaturbilder der drei geckenhaften Lords dazwiſchen, wie Schatten ſich an die geſtaltloſen Phantome hängend, und mit dieſen kämpfend, und dann ſtieg, wie der Piſton, von der Gewalt des Dampfes gehoben, ein neuer großer — e 137— Gedanke in ſeiner Seele herauf, der Gedanke, eines der furchtbaren Werkzeuge der unſichtbaren Spring⸗ federn dieſer Weltumgeſtaltung zu ſeyn; und in den elaſtiſchen Schwingungen der ariſtokratiſch vornehm dahin rollenden Karroſſe wurde ſein Gedankenflug kühner, die Bilder, die ihm der Rieſengeiſt vorgehal⸗ ten, traten friſcher, deutlicher vor ſeine Phantaſie; der Alte kam ihm vor, wie jener entſetzliche Erzengel, der mit ſeiner Poſaune Alle, die da ſind in den Gräbern, auferwecken ſoll, um ſie der ewigen Herrſchaft ſeines Gottes zu unterwerfen. „Iſt der Mann, murmelte er in ſich hinein, nicht wirklich ein Poet! Eine Hütte bewohnt er, er, der in Paläſten thronen könnte! und wie ein König regiert er aus den dumpfen Mauern ſeines Verſteckes, und Hohe und Niedrige, und Reiche und Arme eilen her⸗ bei, um ſeinen Winken Gehorſam zu leiſten! Und Du, Morton! willſt Du Dich gleichfalls zu ſeinem Werkzeuge hergeben? Du, der Enkel— Er hielt inne. Pah! bin ein Ariſtokrat, ein geborner Ariſtokrat. Will es bleiben. Der Höllenkönig wird unſer Blut nicht verſengen!“ „Ihnen iſt heiß, Mister Morton of Mortonhall!“ — 138 6— ſprach ſein formeller Begleiter, der Fashionable, der in der andern Ecke des Wagens ſaß.„Soll ich eines der Wagenfenſter herablaſſen?“ Morton gab ein„Ja“ zur Antwort, und mit der friſchen Luft, die um ſeine Schläfe zu ſäuſeln begann, verſchwanden auch die Phantome, und die nackte Wirklichkeit trat wieder vor ſeine Augen. Und wahr⸗ lich, es war Wirklichkeit, was er nun ſchaute, pro⸗ ſaiſch ſtarre, und doch wieder poetiſche Wirklichkeit. Er fuhr Cheapſide und Cornhill hinab— nicht Cornhill, in dem Hunderttauſende von Pilgern auf⸗ und abziehen, Alle wandernd, eilend, wogend, raſ⸗ ſelnd, rollend zum großen Schreine des Tempels des Höllengottes, der am Ausgange dieſer großen Puls⸗ ader des rieſigen Londons den Gläubigen entgegen⸗ blinkt, ſo wie das Grabmal des Propheten in der Sandwüſte ſeinen Anhängern.— Das Cornhill, das er durchfuhr, war zur Einöde geworden; die Straße glich einer Königsgruft, in der die Todtenlam⸗ pen brennen, oder dem erlähmten, bereits erkalteten Gliede eines Waſſerſüchtigen, deſſen äußerſte Theile der Erſtarrung anheim gefallen ſind, und denen nur —= 139 6— noch zuweilen die fieberiſche Aufregung des innern Organismus Wärme und Bewegung zuführt. Morton überrann ein heimlicher Schauer beim Anblicke dieſer Abgeſtorbenheit, dieſer finſtern Woh⸗ nungen, die wie die Grüfte der Vorzeit die ungeheure St. Paulskirche umgeben, das letzte Denkmal könig⸗ licher Frömmigkeit. Endloſe Reihen roth und grell ſchillernder, im Nebeldunſte verſchwimmender Gas⸗ lichter, deren Wiederſchein nur ſelten von einem flüchtigen Nachtſchatten gebrochen ward; keine Stimme zu hören, kein lebendiges Weſen zu ſehen; der Wagen vollte und raſſelte dumpf dahin, und mißtönig gellte die Klapper des Polizeimannes dazwiſchen; kein Lichtſtrahl in den Fenſtern, Alles öde und troſtlos in dieſen geſpenſtigen Straßen, durch die der Engel des Todes gezogen zu ſeyn ſchien. Und indem der Jüngling ſo die Straße der alten City hinab rollte, ſtieg die Vergangenheit der mäch⸗ tigen Stadt— die Vorwelt des glänzenden Kaiſer⸗ reiches, vor ſeiner Seele herauf*)— und gleitete an *) Die Geſammtbeſitzungen der Krone werden in der Par⸗ lamentsſprache und in öffentlichen Urkunden bekanntlich empire, Kaiſerreich, ſowie das Parlament das kaiſerliche genannt. —= 140—— ſeinem beſchauenden Blicke vorüber, ſo wie Bäume, Felder und Wälder, Städte und Dörfer vor unſern Augen während der ſchnellen Fahrt vorüber gleiten. Es ſtieg vor ſeiner Phantaſie herauf der unglück⸗ liche Richard, und der tückiſche Heinrich— und neben Beiden ſeine Vorfahren— der kräftige Hotſpur, die hochherrliche Käte, der tolle Welſche, Alle umgarnt vom gleißneriſchen Plantagenet; und es folgte den edeln Percys der wüſte Heinrich, der Sohn, und um ihn herum die Fallſtaffs, die Poins, die Tearsheets, die Quicklys; und darauf kam nach langem Zwi⸗ ſchenraum der entſetzliche buckelige Richard, und die unglückliche verblendete Anna, und der bethörte Buckingham. Und wie er hinab rollte durch Temple⸗ bar dem Strande zu, trat ihm der Metzger Heinrich entgegen, und der pedantiſch alberne James, und der ſchwach ſtarre Charles, und wie er umher blickte, ſah er Whitehall zur Linken, und bedeutſam vor ſich Charles, den letzten Stuart, der mit dem Volke Eng⸗ lands ſein Spiel trieb; und es war ihm auf einmal, als ob er aus der düſtern Vergangenheit in das Bereich der hellen Gegenwart träte— aus den Zeiten des ſtarken Königthums in die der ſtärkern — 0 141— Ariſtokratie. Er blickte auf; er hatte Charingeroß hinter ſich. Er war im ariſtokratiſchen London angekommen. Und Alles war wie durch einen Zauberſchlag ver⸗ ändert. Es war keine Stadt mehr, es war eine un⸗ abſehbare Reihe von Hoflagern, von oligarchiſchen Reſidenzen. Vom gewöhnlichen Leben und Treiben der Städte war auch keine Spur mehr zu ſehen. Vor ihm lagen die prachtvollen Klubbhäuſer des Athenäums und united service; links neigten ſich die Baumgruppen des Jamesparks in magiſchem Helldunkel herüber; gerade vor ihm und rechts öffne⸗ ten ſich die herrlichen Straßen von Pall mall und East, und herüber von Piccadilly ließ ſich ein Toſen vernehmen, wie Gebrülle eines Kataraktes. Der Nebel hing blutroth über den Häuſern. Endloſe Reihen glänzender Equipagen, zahlreiche Gruppen in Gold und Silber ſtarrender Diener, die ſämmtlichen Hotels erleuchtet, die Thore geöffnet, und aus den Veſtibules und Vorhallen eine Pracht heraus ſchim⸗ mernd, ein Luxus, der das Staatsgemach eines orientaliſchen Deſpoten beſchämt haben würde, der die Kräfte ganzer Nationen, die Arbeiten von Menſchen⸗ —= 142 6— altern ſich unterthan gemacht hatte; ein impoſanter Anblick dieſe prachtvoll erleuchteten Straßen mit dem Heere goldbordirter Lackeien, impoſanter durch den Kontraſt mit der erſtorbenen, in Schlaf und Siech⸗ thum begrabenen City. „Mister Morton of Mortonhall ſind ſehr düſter ge⸗ ſtimmt für den glänzendſten Ball, den London dieſes Jahr ſehen dürfte,“ ſprach der fashionable Begleiter. „Iſt es vielleicht gefällig, vorläufig auf eine halbe Stunde bei der Counteß J— y einzukehren, die heute gleichfalls ihren Ball gibt?“ „Ich dachte, die fashionable Welt ſey ganz in D—ehouſe concentrirt.“ „Die Counteß iſt eine Hochtory,“ verſetzte der Gentleman bedeutſam,„und ſo iſt der Earl von L-l ein Hochtory.“— Er deutete auf ein glänzend erleuchtetes Hotel, aus deſſen Innerem Ballmuſik zu hören war.„Lebt zwar noch,“ fuhr er fort,„im alten Style der Graf, zwei Geigen, zwei Clarinette, ein Hautbois und Pianoforte; die Geſellſchaft aber iſt glänzend.“ „Da drüben,“ hob er nach einer Weile wieder an, ngibt der Herzog von N-ee ſeinen Rout.“ — e 143 6— „Weſtend lebt geſchwind,“ bemerkte Morton. „Aber methodiſch,“ verſetzte ſein Begleiter. Der Jüngling überhörte die Worte; denn aber⸗ mals ſtieg vor ſeiner Phantaſie der Alte herauf, mit der Zähigkeit eines Tigers auf Tod und Leben gegen die ungeheure Anaconda— dieſe Ariſtokratie käm⸗ pfend, deren Rieſenmacht und furchtbare Schwung⸗ kraft dieſes Reich ſo großartig umklammert hält, deren unerſchöpfliche Reichthümer ſo ſiegend aus allen Straßenecken hervortraten. Dieſe herrlichen Reihen von Manſtonen, mit ihren einfach anſpruchloſen, und doch wieder ſo ſtolzen Portalen, ihren glänzenden Hallen, aus denen die Blüthen und Blumen und Gewächſe aller Zonen dufteten, und im Hintergrunde links die öden Thürme und Erker des verlaſſenen, erblindeten Königspalaſtes, der unter den glänzenden Wohnungen der hochmüthigen Barone da ſtand, ſin⸗ ſter, troſtlos und verwittert, wie ein tauſendjähriges Gerippe; dieſe Marmortreppen, mit den reichſten orientaliſchen Teppichen belegt und von tauſend Künſt⸗ lerhänden verſchönert! dieſe endloſen Reihen von Dienern— Werkzeugen der abſoluteſten Willkür, die daſtanden wie Automate, regungslos, bewegungs⸗ — e 144— los, der Winke hochmüthiger Gebieter harrend— ſeit Jahrhunderten zur abſoluteſten Selbſtverläugnung herangezogen; ſie waren ſprechende Belege einer Herr⸗ ſchaft, die zur höchſten Potenz geſteigert, die den Thron in den Schatten geſtellt, die die Quellen der Macht in ihr Bereich geleitet, die zum Syſteme ge⸗ worden war. „Pah!“ murmelte ſich Morton zu,„dieſes Reich iſt in ſeiner zweiten Phaſe— es nähert ſich ſeiner dritten; Alles zieht gegen Weſten— im Oſten iſt's Nacht;— Glück zu, mein theures Vaterland!“ „Gare gare! take care! Hallo ho! A hoy!“ ſchrie es auf einmal aus tauſend Kehlen, und eine Scene bot ſich dar, die kein Pinſel zu malen, keine Feder zu beſchreiben im Stande wäre. Der Wagen war, um ungehindert an den Palaſt des herzoglichen Ball⸗ gebers zu gelangen, Pall mall hinab, Jamesſtreet hinauf und rechts in Piccadilly eingefahren, und rollte in demſelben Augenblicke einem Strudel von Menſchen und Thieren, Wagen und Pferden zu, einem Chaos von Licht und Finſterniß, einem Brauſen und Brüllen, Heulen und Wimmern; das Pandämonium der Hölle hatte ſeinen Tummelplatz da aufgeſchlagen; eine —=145 6— Feuerſäule ſtieg vor ihnen auf, die aus den gräulichen Abgründen emporzulodern ſchien, in deren Flammen die Verdammten toben und wüthen. Tauſende von Flambeaux, Tauſende von Wagen und Tauſende von Lampen, die in einem Nebelmeere ſchwammen und in jedem Luftzuge wie feurige Zungen umher⸗ ſchoſſen, und unter dem grauſigen Flammenſchleier Thiere und Menſchen, heulend, ſchreiend, brüllend, ſtoßend, treibend— und dazwiſchen das Krachen der Räder, das Brechen und Klirren der Wagenfenſter, das Geſtöhne der Roſſe, das Geheul der Weiber— alle Teufel ſchienen Piccadilly zu ihrem Sammelplatze erkoren zu haben. Der Wagen war mit einer raſchen Wendung durch eine kaum ſechs Fuß breite Oeffnung durchgebrochen, hatte ein halbes Dutzend Staatskarroſſen aus ihren Fugen und mit ſich fortgeriſſen, und hielt im nächſten Momente vor einer Nebenpforte, durch die Morton in den hell erleuchteten Vorhof der herzoglichen Manſton eintrat. Wahrlich, es iſt etwas Großes um engliſche Herr⸗ lichkeit; denn Alles iſt hier groß— großartig— nichts niedrig, gemein. Alles bezeugt die ſeit Jahr⸗ Morton. II. 10 — 146 6— hunderten feſt ſtehende, unbeſtrittene Herrſchaft— nicht die Herrſchaft des königlichen Leibdieners, dem, wie dem Hunde, der gekrönte Meiſter einen Brocken von der üppig beſetzten Tafel zuwirft— eigene Herr⸗ ſchaft, die auf ſelbſt gelegtem Grundſteine ruht, die wie der göttliche Funke, dem Königsblitze entriſſen, mit der Kraft eines Donnerers feſtgehalten wird; wahre engliſche Herrſchaft, ſchwer laſtend, nimmer den Takt verlierend! Dieſe tauſend dienſtbaren Gei⸗ ſter, dieſe des leiſeſten Winkes harrenden Willensboten, dieſe beſoldeten Wächter der öffentlichen Sicherheit, Befehle von dem letzten Lackeien annehmend;— dieſe ſtolze Ruhe der Herren— dieſe Unbeweglichkeit der marmorkalten Geſichter, aus denen Bewußtſeyn feſt gegründeter Macht hervorleuchtete— ſie ſagten noch mehr, als das ſtolze Portal, die edlere Halle, mit ihrem großartigen Lurus, ihren vergoldeten Cornichen und Täfelwerken, an denen Hunderttauſende ver⸗ ſchwendet worden; Alles war hier großartig— Alles reich, prächtig, würdig in den Tempel der Freude eines Peer des mächtigſten Reiches der Erde einzuführen! Aus dem erſten Salon wirbelte Malibrans Zau⸗ berkehle das Che sento! a chi quel nome! der — 0 147— ſchmerzvollen Desdemona. Morton wurde von dem Aufſchwunge der Töne mit fortgeriſſen. Ein leiſer Seufzer ſtahl ſich aus ſeiner Bruſt herauf. „Dieſe drei Sängerinnen würden dem Feſtmahle eines Kaiſers die Krone aufſetzen; hier ſind ſie blos — bezahlte Muſikantinnen— Nebenſache. Sehen Sie, das iſt ſyſtematiſch rafinirtes Hochleben. Nil admirari!““ Und mit dieſen Worten zog ihn ſein Begleiter weiter durch Säle, Cabinete, Gemächer, die einer Königspracht ſpotteten, alle, wie es hieß, thrown open for the reception of the fashionable world. Jetzt hielten ſie an. Sie waren vor einer unge⸗ heuern Pforte angekommen; noch einen Schritt, und ſie ſtanden am Eingange. Es war eine entzückende Landſchaft, die ſich vor ihren Blicken öffnete, eine ſüdliche Landſchaft, in der die Dattel grünte, die goldgelbe Banane funkelte, die Papageyen auf den Orangebäumen hingen und der ſchweigſame Indianer unter dem Nopalſtrauche mit ſeinem Federwiſche ſaß, wo duftende Blumen im Graſe glänzten und Milliarden von Rubinen und Diamanten aus den Grotten hervorblitzten. Tauſend 10* —= 148 6— Wachskerzen und tauſend bunte Lampen ſpiegelten ſich in den ungeheuern Trumeaux, und tauſend Ge⸗ ſtalten bewegten ſich in dieſem Zaubergarten, der, in weiter Perſpektive durch die Cordilleras begränzt, im Glanze der untergehenden Sonne wie gen Himmel emporgethürmte Silberwogen auftauchte. Dieſe Schöpfung würde die Civilliſte eines kon⸗ tinentalen Monarchen verſchlungen haben, und doch verſchwand ſie gegen die Herrlichkeit der Geſtalten, die unter dem ſeidenen Dache im Tanze verſchlungen auf und nieder wogten, oder in Gruppen unter den duftenden Lauben und Gebüſchen beider Indien ſaßen und ſtanden. Dieſer Kranz von Schönheiten!— er blendete das Auge, ein einziger Blick machte trunken, brachte das Blut in fieberiſche Wallung. Es war ein Wirbel, ein Gewirre der entzückendſten Geſchöpfe, der lieblichſten Formen, die im höchſten Zauberreize der verfüh⸗ reriſchſten Toilette, der üppigſten Jugend, die Sinne berauſchten, die Weisheit eines Gottes in Thorheit verwandeln konnten. Es war ein Anblick, der die Geſchichte eines Jahrhunderts, eines Jahrtauſends, die Endſtufen der Kultur von dreißig Menſchenaltern —“0 149 6— in einem einzigen umfaſſenden Blicke darbot. Der Geiſt der Zeit dieſes mächtigen Reiches lag in dieſer Vereinigung von Pracht und Ueppigkeit, Schönheit und Reichthum, kaltem Hochmuthe und hohnlachender Selbſtſucht und einſchmeichelnder Luſt, umſchleiert vom Nimbus einer gränzenloſen Verſchwendung. Es glänzten Millionen an dieſen prachtvollen Ge⸗ ſtalten, dieſen herrlichen Köpfen, Armen und Buſen; die Einkünfte des mächtigſten Reiches der Welt wür⸗ den nicht den Schmuck bezahlt haben, der auf dieſen ſtolzen Köpfen ſchimmerte, und der nur wieder durch den ſanften Glanz der engliſchen Augen überſtrahlt wurde, dieſer herrlichen engliſchen Augen, die da ſchwammen, wie die Sterne am blauen Firmamente ſchwimmen, und zitterten, wie dieſe Sterne zittern, und glühten, feuriger, durchdringender, je länger man in ſie hinein ſah. Die Poeſte war herabgeſtiegen von ihrem Götterſitze und zur Handwerkerin geworden, um dieſe prachtvollen Köpfe, dieſe üppigen Schultern, dieſe idealen Formen würdig zu ſchmücken. Es waren die eigenthümlichſten Reize— die Schön⸗ heiten aller Länder Europas ſtanden hier gruppirt, 4 —= 150— als Repräſentantinnen, um die ſtolze Ariſtokratie des weltbeherrſchenden Englands. Es lag etwas Bedeutungsvolles in dieſer Grup⸗ pirung. „Nicht wahr, Morton,“ flüſterte Dieſem Lord Or⸗ mond in die Ohren,„das habt Ihr nicht in Euerm Hobokem?“*) Morton gab keine Antwort. Sein Blick haſtete auf den hellblau glänzenden Syrenenaugen einer Franzöſin, die mit graziöſer Impertinenz das Lorgnon gehoben hatte und ihn firirte; ein holdes, zartes Bild, leicht, gefällig, eine unnachahmliche Grazie über die ganze wie durchſichtige Geſtalt ausgegoſſen, lachend, ſchäckernd, herzlos, perfid, mit Leidenſchaften ſpielend, eine Talleyrand in petticoats**). Neben ihr ſtand die hohe Form einer ſtolzen Brittin, mit der Haltung einer Zenobia; die rabenſchwarzen Locken, die ſich auf dem Alabaſternacken wiegten, gaben mit dem koſtbaren Kranze von Brillanten der Geſtalt etwas Königliches; die üppig ſchwellenden Umriſſe *) Ein Beluſtigungsort, gegenüber Newyork, im Staate New⸗Jerſey. **) Im Unterröͤckchen. — 0 151 6— dieſer Formen riſſen unwiderſtehlich hin, berauſchten die Phantaſie. „Pah! ſo ſprich doch nur,“ flüſterte ihm Flirtdown zu, nund ſtehe nicht da wie eine Bildſäule— Lady Arabella, die könnte Todte aufregen und Lebende begraben.“ Und des Jünglings Blick fiel auf ein Paar glühend ſchwarze Augen, mit Brauen, hoch und gebieteriſch gerundet— die Augen bohrten wie Pfeile mit ſüdlicher Gluth in ihn hinein. „Die Prinzeſſin oder Marquiſe L—,“ wisperte ihm der Lord zu.„Iſt aber nichts zu machen. Komm doch weiter.“ Morton blieb ſtehen; denn ſein Blick war auf eine Geſtalt gefallen, eine Geſtalt, bei deren Vollendung die Natur ſich erſchöpft zu haben ſchien. „Ja, dieß muß ſie ſeyn,“ murmelte er ſich zu. Und wahrlich, ſie war ein entzückendes Geſchöpf, ein vollend etes Meiſterſtück. Eine Taille, ſo zart, ſo luftig, ſo svelte; eine Form ſo üppig, begehrend, wollüſtig, und doch wieder ſo holdſelig mit der Friſche der reinſten Jungfräulichkeit angehaucht. Die deliciöſe Creatur ſaß unter dem Schatten eines — 152 6— Orangebaumes, ihren Arm nachläſſig auf die Lehne der prachtvollen Moosbank geſtützt,— ein ältlicher Mann ſtand neben ihr, im Begriffe, eine der goldenen Früchte zu pflücken; ſie, halb ſinnend in graziöſer nonchalance hinſchmachtend, ein unausſprechliches Etwas im idealen Geſichte, der Buſen leicht gehoben — und leiſe erſeufzend, ſo wie ihr Blick wieder auf die halb verwitterte Ehemannsgeſtalt vor ihr ſiel. Wie ſie ſich herumbog, wölbte ſich der herrliche Schwanen⸗ hals, der wunderliebliche Nacken erſchien durch das zarte Brüſſeler Gewebe, die orientaliſchen Perlen an Zartheit, Durchſichtigkeit überglänzend. Ja, ſie war es; denn Leeichtſinn hatte ſeinen Schmetterlingsſchmelz dieſem Geſichte angehaucht, mehr denn Leichtſinn— Leichtfertigkeit. Alles war wahr, was der Alte von dieſer Göttergeſtalt geſagt hatte; aber tauſend Züge, tauſend Schönheiten hatte er überſehen. Wie ſie die Frucht aus der Hand des alten Ehemannes nahm und den Schwanenhals bog, erſah ſie Morton; ihr flüchtiger Blick ſchweifte weiter, kehrte aber wieder auf ihn zurück, die ſchwimmenden Augen firirten ihn, der ſchöne Buſen hob ſich ſtärker — ein unterdrückter Seufzer ließ ſich hörbarer ver⸗ — 153— nehmen; das Lorgnon war ihr entſunken, ihr Blick ſenkte ſich, ſinnend, verloren, zur Erde; Sehnſucht, Verlangen ſpiegelte ſich in dieſem Blicke, dieſem Sinnen. Jetzt hob er ſich wieder— er fiel auf den alten Ehemann, und es überflog das göttergleiche Geſicht ein Ausdruck— ein unnennbarer Ausdruck— die ganze Lebensgeſchichte, die Zukunft dieſes Weibes lag in dieſem Ausdrucke von Verlangen, Ueberſätti⸗ gung, Ekel, unerfüllten Hoffnungen, Wünſchen. Morton lehnte noch immer an der mit bronzefar⸗ biger Seide überkleideten cannelirten Colonne, ſeiner ſelbſt verg ſchöne Sü trachtend. 4 „Sieh' einmal, das herrliche Geſchöpf unter dem Bananenbaum, mit dem Perlenſchmucke in den kaſtanienbraunen Haaren. Haſt Du je etwas Deli⸗ ciöſeres geſchaut? Wer er Lord Flirtdown. „Das weiß ich nicht.“ „Du thuſt mir einen Gefallen, wenn Du mich ihren Namen wiſſen läſſeſt“ eſſend, mit virginiſcher insouciance die erin und die prachtvollen Gruppen be⸗ —= 154 6— „Pah!“ verſetzte Flirtdown,„gibt ihrer noch genug hier— Hundert ſtatt Einer. „Du biſt doch ein— u ſtockte Morton. Und wieder ſchweifte ſein Auge hin über die glän⸗ zende Conſtellation der herrlichen Geſtalten, die ſich wie Blumen aus duftenden Beeten erhoben, in tau⸗ ſendfaltigen Strahlen von Brillanten und Rubinen erglänzend, und den Lichtſtrom der tauſend Wachs⸗ kerzen und Lampen verdunkelnd. „Mister Morton of Mortonhall!“ redete ihn eine wohlklingende Stimme an. Er wandte ſich zum Sprecher— einem Gentleman im mittlern Alter, mit hochariſtokratiſchen Zügen. „Theurer Herzog!“ verſetzte er. Es war der herzogliche Ballgeber; an ſeiner Seite ſtand der ſchwarze Gentleman; der Erſtere ſah den ſtolzen Amerikaner einen Augenblick mit achtungs⸗ voller Aufmerkſamkeit an und verbeugte ſich.— Und es trat ein zweiter Herzog heran— ihn zu begrüßen — ein dritter, ein vierter— und es folgten Mar⸗ quiſe, Carls, Viscounts. Die Bruſt des Virginiers hob ſich ſtolzer. „Man erweist Ihnen Ehren,“ flüſterte ihm der —=-d 155 6— ſchwarze Faſhionable zu,„die keinem königlichen Herzoge heut zu Tage mehr widerfahren. Werden Sie nun noch an der Macht Lomonds zweifeln, Mis⸗ ter Morton?“ fragte er bedeutſam. V. Eine Nacht in Weſtend. Die Glocke im gothiſchen Saale des Earls L—e ſchlug halb nach drei, als Morton, Arm in Arm mit Flirtdown auf eine Ottomane hingeſtreckt, aus einem viertelſtündigen Schlummer aufwachte. „Wo ſind wir, Flirtdown?“ „Pah! beim Earl L— e. Wach' auf, theures Bruderherz,“ lachte der Lord.„Du träumſt Dich noch immer in D-—ehouſe. Wir ſind bereits am dritten Orte.“ „Verdammtes Leben!“ murmelte Morton.„Wol⸗ len zu den Uebrigen.“ Und ſie ſchritten auf einen Saal zu, in dem das Delirium ſeinen Culminationspunkt erreicht, Alle in ſeine berauſchenden Arme genommen hatte. Das —:= 156— Chaos der Stimmen glich dem brüllenden Donner, dem Crescendo des Sturmgeheules; es erhob ſich auf den Fittigen des Champagnerrauſches und riß Alles mit ſich fort im tobenden Sinnenwirbel. Alle ſchwam⸗ men in dem köſtlichen Zuſtande des Halbrauſches, wo der Geiſt, den Lockungen des Weines und der Sinne nachgebend, aller Feſſeln entledigt, im fröh⸗ lichen Aufſchwunge blitzartig Funken ſprüht. Her⸗ zoge und Marquiſe, Whigs und Tories, Ultras und Radikale hatte der Champagner in die ſchönſte Har⸗ monie verſchmolzen. Im Zuſtande der gänzlichen Trunkenheit war höchſtens ein Drittheil der dreißig Gäſte, die ſich im hinterſten Salon der gräflichen Manſion zuſammen gefunden hatten; aber die Zungen der Meiſten begannen zu lallen; ihre Witze ſprudelten nicht ſehr geiſtreich; die Geſetze des Anſtandes wurden mehr und mehr überſprungen; engliſche Laune hatte ſich Bahn gebrochen und feierte eines ihrer bizarren Feſtgelage. Alles drehte ſich im Wirbel. Metaphyſik und Geſchichte, Moralphiloſophie und Poeſie, Politik und Rhetorik wurden naſengeſtübert, gegeneinander — über den Haufen geworfen; ſie bekämpften ſich wie gereizte Boxer. Jeder hatte zehn Stimmen. In —= 157 6— allen Stellungen, Lagen ſah man Ihre Herrlich⸗ keiten; liegend, ſitzend, ſtehend, lehnend, die Füße auf den Tiſchen, Seſſeln, hüpfend, ſpringend. Morton und Flirtdown lachten laut auf, als ſie, an der Schwelle des Saales haltend, die turbulente Gruppe überſahen. „Ein Hurrah den Yankees!“ rief ihnen der junge Fregatten⸗Capitän, Lord Preble, entgegen. „Ein Damn!“ ſchrieen fünf Andere. „Hoch lebe der Herzog!“ überſchrie ſie ein ge⸗ mäßigter Tory, das Madeiraglas erhebend.„Hoch lebe der Geſetzgeber! der— ℳ „Der neue Solon, der Lykurg, der uns Alle zu Spartanern machen will,“ lachte ein Whiglord. „Um ſelbſt als perſiſcher Satrap zu praſſen,“ fiel ein Anderer ein. „Was ſchwatzt Ihr vom neuen großen Geſetz⸗ geber?“ rief ein Radikaler.„Was Geſetz? Es lebe die goldene Freiheit, das goldene Zeitalter, das wir wollen!“ „Wo die Evatöchter nackend gehen; herrliche Zei⸗ ten für die engliſche Peerage und Gentry,“ lachte ein Anderer. —= 158 6— „Ihr predigt Aufruhr, Rebellion, Verbrechen!“ ſchrie ein Dritter. „Was Aufruhr, Rebellion, Verbrechen?“ kreiſchte der Radikale.„Was iſt, was nennt Ihr Verbrechen? Ein Schreckbild, das Deſpoten, Betrüger und winzige Geiſter Narren und Kindern vorhalten, ein Bug⸗ bear, der Einfaltspinſel im Zaume halten ſoll.“ „Verbrechen iſt eine Uebertretung der Schranken, geſetzt von einem höhern Willen, einer höhern Gei⸗ ſtespotenz,“ fiel ein liberaler Lord ein. „Einer Geiſtespotenz, die die Eurige beſchränkt? Pshaw! Alles was beſchränkt, iſt verdammlich,“ brüllte der Radikale.„Freie Britten nennt Ihr Euch, und habt nicht einmal Stärke und Kraft genug, die Schranken niederzureißen, die Euch von Deſpoten vor die Naſe hingepflanzt werden!“ „Deſpoten?“ ſchrie ein High⸗Tory.„Nennt Ihr unſere Väter Deſpoten? Deſpoten die Chathams— die— 2u „Deſpoten. Was für Recht hatten ſie, uns Geſetze zu geben, die wir noch nicht geboren waren? und, was äarger iſt, Schulden zu machen, die wir bezahlen ſollen? Pah! Tyrannen und Deſpoten waren ſie,— —= 159 6— und Punktum. Könnte Weſtminſter und St. Paul anzünden, wenn ihre Aſche brennen wollte; iſt aber lauter Stein ihre Aſche.“ „Ah du adorables Paris!“ ſchrie ein Fashionable am nächſten Tiſche, mit ſeinem Lafitteglas liebäugelnd, ndu Stadt aller Städte und Sitz einer Charte und vieler Karten, der Jeſuiten und Griſetten, der ſchönen Weiber und der Hall⸗Weiber, der Ehrenlegion und der Legion der Ehrloſen und der Ohnehoſen, des guten Weines und der Trüffelpaſteten, und der ſchlechten Beefſteakes und deteſtabeln Fiſche!“ „Mylords,“ hob ein Sechster an, der ſich vom Seſſel erhob, und mit dem allerverlegenſten Geſichte zu ſtammeln begann:„Mylords, allow me to say, that is Mylords! if ever I meant— Mylords! I say, that if ever Ithought— Ah—“*) Und der Lord ſiel ſtammelnd in den Seſſel zurück, und zehn Stimmen ſchnarrten ein lautes Bravo— Braviſſimo!— *) Mylords erlauben Sie mir zu ſagen— das iſt, My⸗ lords— wenn ich jemals meinte— Mylords, ich ſage, daß wenn ich jemals im Sinne hatte— Ah—(Siehe Oberhaus⸗ Debatten vom Jahr 1827.) —" 160— „Ah,“ kicherte ein Siebenter.„Bin ich nicht in meiner Inn und ſoll ich mir in meiner Inn nicht gütlich thun?“*) „Pah stuff, gehört nach Spitalfields.“ „Und ich ſage Ihnen, Mylords, daß England das erſte Volk der Welt iſt— geweſen iſt— ſeyn wird, in alle Ewigkeit, Amen.“ „Pah, und die Juden? Sie ſind das erſte Volk— zur Emancipation.“ „Hoch lebe die Emancipation der Juden!“ „Hoch lebe Lord Enoch, Jeſajas, Jeremias!“ Und Alle brachen in ein lautes Gelächter aus. „Und warum nicht?“ ſchrie der Radikale.„Und Wer war unſer Lord?“ „No my Lord you must come— you must dance,“ flötete eine Stimme von der Schwelle in den Saal hinein—„You must, Lord Windown— only that single quadrille— you must.“**) *) Sir John in Henry IV. **) Nein mein Lord, Sie müſſen kommen— Sie müſſen tanzen— Sie müſſen, Lord Windown; nur die einzige Qua⸗ drille— Sie müſſen. —=0 161 6— „Cut dancing,“*) gähnte Lord Windown, der Garde⸗Capitän. „Then come to a game.“**) „Cut gambling,“***) gähnte die Herrlichkeit wieder. „But You must dance with Miss Harriet!“*) „D= n your Miss Harriet!— Well!, trott her in, let's Iook at her!“ ††) „Go to, go to!“ †*†) ſchrie ein Dutzend Stimmen. „No let's go to East-Indies!“**†) „To East-Indies!“** †) „Nach Oſtindien!“ ſchrie es von allen Ecken und Enden, und Alle taumelten auf⸗ und durcheinander; und Lackeien und Diener flogen herbei mit Mänteln und Hüten und, ihre Herren an das Schlepptau *) Mag nicht tanzen. **) So kommen Sie zu einem Spiele. *s) Mag nicht ſpielen. —) Aber Sie ſollen mit Miß Harriet tanzen. rr) V—t ſey Ihre Miß Harriet! Wohl, traben Sie fie herein— wollen ſie beſchauen. Trr) Gehen Sie zu, gehen Sie zu. * †) Nun laßt uns nach Oſtindien! **.†) Nach Oſtindien! Morton. II. 11 —”d 162— nehmend, bugſirten ſie ſie durch die Hallen dem Por⸗ tale der Manſion zu. Da angekommen, gaben Alle nochmals ein Hurrah let's take a trip to East-Indies! und dann ließ ſich das Geraſſel der Equipagen hören, und die hochherrlichen Nachtſchwärmer rollten Oſtin⸗ dien zu. Oſtindien aber war die Manſion des reichen Nabob M-, der in dieſer morgenländiſchen Goldgrube die Sklavenpeitſche zehn Jahre hindurch geſchwungen, und nun, ſeine Schätze mit Würde genießend, ſich in dieſer Nacht durch einen glänzenden Fancyball verewigte. Die Glocke ſchlug vier, als die Lords vor der hell⸗ erleuchteten Manſion ankamen und in die glänzenden— in Armidas Zaubergärten umgewandelten— Salons eintraten, die alle Oſtindien in Miniatur darſtellten. Der letzte und größte zeigte in grandioſer Perſpektive die Himalayagebirge im Norden, und am Fuße der⸗ ſelben einen durchſichtig klaren See, ſo täuſchend, ſo ſchwellend, daß die Dattel⸗ und Lorbeerbäume an den Ufern ſich koſend in ſeinem Waſſer ſpiegelten, die rieſigen Steppen der Schneeberge mit ihren fliegenden Wolken ſich ſchaukelten. Gegen Weſten zackte der See in viele Buchten aus, die landeinwärts ſich ſanft — o 163 6— erhoben und wieder ſanken, ſo maleriſch mit Laubwerk und Gebüſch beſprenkelt, als wenn ein Zauberer dieſe Schöpfung ſich zum Wohnſttze geſchaffen hätte. In einer der Buchten lag eine zierliche Miniaturfregatte ſchaukelnd vor Anker, und die ſechsunddreißig Schlünde ihrer metallenen Kanonen ſpielten in den Lichtſtrahlen der reichen Beleuchtung anmuthig drohend herüber. Rechts ſah man eine gewaltige Königsburg ihre Zinnen in die Wolken erheben, von deren höchſter das Panier des heiligen Georg ſeinen gewaltigen Wimpel majeſtätiſch über die Thürme und Kaſtelle hinwallen ließ. Einen Augenblick ſtanden die Lords, das herrliche Enſemble mit ihren Lorgnons fixirend, und dann fielen ihre kecken Blicke auf die Anweſenden— nußbraune Braminen und leichte Peones, bronzirte Britten und rabenſchwarze Malayen, leicht gekleidete Sepoys und girrende Parſies, die hie und da unter künſtlichen Laubendächern ſaßen; aber im Ganzen ging das Feſt ſeinem Ende zu, Alle waren mehr oder weniger müde und überſättigt. Die Ankunft der Lords brachte ueues Leben in die Säle. Im wirren Sinnentaumel des Champagnerrauſches ſchienen ſich die Herrlichkeiten 41* —= 164 6— wirklich in dem erſchlafften und erſchlaffenden Oſtindien zu wähnen. „Pah, was jetzt?“ fragten Mehrere. „Einen Palanquin, um nach Hauſe getragen zu werden. Ich fühle meine Leber bereits ſchwellen,“ gähnte Lord Ormond. „Müſſen zuvor etwas thun, das die Leute verdrießt.“ „Etwas, das die Leute verdrießt,“ riefen die Right Honourables. „Alle Teufel!“ ſchrie der Marquis de Mono. „Was gibt es?“ „Eine Entdeckung— der alte Earl Wellbarn mit ſeiner Ehehälfte— vino somnoque sepulti.“ „Mylords! Mylords! Wollen den alten Earl zum Nizzam machen, zum Nizzam machen,“*) lachten Alle. Hinter einem der Mangrovebäume ſaß der ſehr ehrenwerthe Earl Wellbarn in all der trägen Behag⸗ lichkeit eines Gaſtes, der, überzeugt, ſeinem Wirthe eine beſondere Ehre durch ſeine hochgräfliche Gegenwart zu erweiſen, ſich herabläßt recht comfortable zu ſeyn. Der edle Lord war umgeben von mehrern Dienern *) Dieſer Fürſt ſteht bekanntlich unter dem Schutze der⸗ oſtindiſchen Compagnie. — 9 165 6— in reicher Livrée, die ihn ſanft unter den Armen hielten, während er ſich einem leichten Schlummer überließ, der nur zuweilen in ein lautes Schnarchen überging. Ihm zur Seite ſaß die edle Gräfin in licbenswerther Eintracht nickend, und zuweilen die Augen öffnend unnd einen huldreichen Blick auf die Geſellſchaft werfend. Morton und Lord Flirtdown hielten vor der Gruppe. „Aber ſage mir nur,“ ſprach der Erſtere,„iſt das die neueſte Faſhion?“, „Pah, das alte Ledergeſicht, der Nabob, hat halb Aſien ausgeplündert, will nun mit aller Gewalt in fashionable Zirkel, und— glaube, er reüſſirt zuletzt. Er ſpielt hoch, und der Herzog ſelbſt ſoll öfters kommen. Sollte mich nicht wundern, wenn er hier wäre.“ „Pshaw!“ ſchrie der Marquis Mono.„Es gilt hundert Pfunde, ich will den alten Earl Wellbarn zum Nizzam machen.“ „Zum Nizzam machen,“ ſchrie ein Dutzend nach. „Wollen ſehen, wie Mono den alten Wellbarn zum Nizzam macht,“ lallte Lord Flirtdown, indem er ſich mit Morton in eine Ottomane gegenüber dem alten —"e 166— Earl warf, und die von den Dienern präſentirten Gläſer ergriff. „Trink Bruder, trink auf die Geſundheit des alten Nizzam!“ „Pah, ich glaube, er iſt ein alter Heide“ „Aber ſein Madeira iſt chriſtlich— hat die Fahrt dreimal nach Oſtindien gemacht.“ Morton brach in ein lautes Gelächter aus. „Was lachſt Du ſo toll?“ Die Augen Mortons waren auf den alten Earl gerichtet und ſeine fette Counteß. „Bei meiner Seele, der alte Wellbarn iſt voll, und die alte Counteß nicht leer.“ „Wovon? Waſſer oder Wein?“ „Glaube beiden.“ Und wieder lachte er wie toll. „Zum T— l mit dem Roßgewieher. Kannſt Du nicht anſtändig kichern?“ „So wie ein halb Lungenſüchtiger. Geh' zum X— l!“ „Pah! ſchau' den alten Georg und ſeine fette Marchioneß.“ „Du ſiehſt doppelt. Es iſt der Earl Wellbarn und ſeine Counteß.“ —= 167 e— „So ſieh' doch nur, ſieh'!“ Und der Lord hob das Lorgnon, ſank aber über der Anſtrengung, es zu den Augen zu bringen, Morton in die Arme. „Morton, wo biſt Du? Du biſt in Virginien. Schau', Virginia Water. Dort der See, die Fregatte. Windſor, wie ſchön es herüberblinkt—⸗ Mortons Augen waren in Verzückung auf den Plafond gerichtet. „Es iſt wunderbar, lieber Flirtdown; aber die ganze Welt taumelt und ſchwirrt mir vor den Augen herum; mein ganzes Leben, die Vergangenheit, Zukunft, Alles, Alles ſteht vor mir, tanzt vor mir— ein wahrer Hexentanz.“ „Glaube es gerne, wenn man ſo angeſtochen iſt.“ „Du glaubſt mich über Bord. Sage das nicht noch einmal. Verſichere Dich aber, ein wahres Guckkaſtenſpiel, in dem die wunderbarſten Geſtalten zum Vorſchein kommen.“ „Sieh' nur den Lord Wellbarn und Lady Well— ah!“ lallte Flirtdown. „Iſt es aber nicht ſkandalös, daß wir in einem fremden Hauſe— 2 — 0 168 6G— „Pahl wenn wir ihm alle Fenſter einſchlügen und ſeiner Dame alle Bouteillen an den Kopf würfen— würde er es für eine neue Faſhion halten. Sieh’ da, Yankees!— Das geſchieht Dir zu Ehren, Morton. Wollen ihren Spaß mit Dir treiben.“ Und wirklich kamen hinter den Hecken und Gebüſchen hervorgeſprungen und getorkelt ſonderbare Geſtalten. Halb Jäger, halb Seemänner, hatten ſie Theerhüte und Matroſenbeinkleider, über dieſe ſogenannte Hun- ting shirts,*) darüber Jagd⸗ und Patrontaſchen mit Pulverhörnern und langröhrigen Stutzern. Sie ſangen den Yankeedoodle, aber ſo mißtönig, daß die wenigen noch anweſenden Damen ſich die Ohren zuhielten und aus dem Saale liefen. „Bei meiner Seele! nicht übel,“ krächzte Lord Or⸗ mond, als das gräuliche Gekreiſche aufgehört hatte. „Let's have more ofthat precious yankee-song.“**) Der alte Earl rieb ſich die Augen und wachte aus ſeinem Schlummer auf. „Wo ſind wir, mein Theurer?“ ſtöhnte die Dame. *) Hunting shirt— Jagdhemde— Blouse. **) Laßt uns mehr von dieſem preciöſen Yankee⸗Geſang hören. —=0 169 6— „Welch' ein erſchreckliches Getöſe!“ jammerte der Lord. „Guten Abend, Hoheit!“ ſprach Einer der Yankees. „Hoheit!“ wiederholte der alte Earl.„Was ſoll das bedeuten?“ Und es traten die in Yankees traveſtirten Lords vor.„Wollen Eure Herrlichkeit einen kleinen Bargain mit uns machen? juſt einen kleinen Reſt von unſerm Cargo.“ „Ich hoffe, Gentlemen,“ ſchrie der entrüſtete Earl, „man treibt nicht freventlichen Spott mit einem Peer der drei Reiche?“ „Heilloſer Nankee! wie kannſt Du es wagen, dein ſchmutziges Krämergeſicht vor der erhabenen Perſon Seiner Herrlichkeit zu zeigen?“ ſchrie Lord Heyton in komiſcher Wuth. „Braucht Ihr einen Cockswain, einen Boatswain für dieſe Eure Fregatte“ rief der quasi Yankee. Der Lord ſah den Fragenden wie träumend an. „Ich verſtehe ſeine Sprache nicht; ſie klingt engliſch, aber ſo gedehnt.“ „Sehr gedehnt,“ bemerkte Lord Heyton.„Es iſt die Yankeedehnung“ —=0 170— „Barbariſch,“ fiel die alte Counteß ein. „Braucht Ihr eine kräftige Hand, eine Nawl zu rudern? Hört Ihr, habt Ihr nie in Whitehall eins abſtoßen geſehen?“ „Whitehall?“ wiederholte der Earl brummend. 1„Was ſpricht der Junge von Whitehall? eine gefähr⸗ 6 G liche, eine ſehr gefährliche Sprache.“ „Was meinſt Du mit Deinem Whitehall? fragte Lord Heyton. „Wißt nicht, was Whitehall iſt— wißt das nicht?“ ſchrie der quasi Dankee.„Habt Ihr je ſo etwas in Euerm Leben gehört? Wiſſen nicht, was Whitehall iſt. Ah, da wißt Ihr auch nicht, was die Batterie und Caſtelgarden iſt. Whitehall iſt, wo England die Zeche bezahlt hat. Wollt Ihr eine Luſtfahrt von Whitehall nach Hobokem anſtellen? die ganze ſchöne Newyorker Welt ſollt Ihr ſehen.“. Der Earl ſchüttelte ungeduldig das Haupt. „Euer Herrlichkeit,“ ſprach Lord Heyton mit ſehr ernſthafter Miene,„ich halte es für meine Pflicht und Schuldigkeit, Ihnen zu ſagen, daß der Mann, den Sie vor ſich ſehen, und der anf eine ſo unbegreifliche Weiſe bis vor Ihre Herrlichkeit gedrungen iſt, dem —9 171 6— Volke angehört, das halsſtarrig und zänkiſch, weder. vor Gott, noch ſeinem Geſalbten, noch irgend Jemand Reſpekt hat, ſehr verſtockten Herzens iſt, kurz Yankees, die wir nur dadurch beſchwichtigen konnten, daß wir ihnen unſern weſtindiſchen Handel überließen.“ „Nicht unter unſerer Adminiſtration. Ah, Hus⸗ kiſſon, haben Sie geleſen, was er ſagt?“ „Yankees,“ fuhr der Lord fort,„die der Herrſchaft des höchſtſeligen Vaters Sr. gegenwärtig regierenden Majeſtät, Georg des III., zu ſpotten ſich erkühnt, und das ganze Land, welches einſt ihrem beglückenden Zepter unterworfen geweſen, nun auf eigene Rechnung verwalten; daher Ihre Herrlichkeit ſo ſchonend mit ihnen umgehen muß, als nur immer möglich, maßen ſie ſtark von Knochen und noch ſtärkere Zungenhelden ſind.“ „Morton, hörſt Du die Complimente?“ lachte Lord Ormond. Morton ſtierte auf den Plafond. „Alſo Einer der Yankees,“ verſetzte der Earl gähnend,„derſelben Yankees, die Schweinefleiſch dem Roaſtbeef vorziehen, und mit dem Meſſer ſtatt mit der Gabel eſſen, und mit der Gabel die Zähne aus⸗ — 172— ſtochern, ſtatt ihre Zahnſtocher von Miſter Leeds, dem patentirten Zahnſtocherfabrikanten, zu nehmen, die Tabak kauen und auf die Teppiche ſpuken.“ „Aber bei dem Allem ein ſeltſames Geſchlecht lau⸗ niger Hunde ſind,“ verſicherte Lord Ormond. „Ihre Herrlichkeiten,“ wandte er ſich an die Lady, „erinnern ſich, wie unvergleichlich unſer Mathews ſte in ſeinem All's well in Natchitoches*) parodirte; wenn es nun Euer Herrlichkeit gefällig wäre, ſo könnten wir jetzt eine ſehr vergnügte Stunde genießen, und uns bei dieſer Gelegenheit überzeugen, in wiefern Mathews wahr oder outré darſtellt.“ „Laſſen Sie den Yankee näher treten, mein Theu⸗ rer!“ lispelte die Dame dem Earl zu. „Habe juſt noch ein paar Artikel von meinem Cargo übrig,“ lachte der quasi Nankee.„Wollt Ihr kaufen?“ „Morton! Morton! YNankee⸗Waaren,“ lachten Alle;„Morton, wollen Sie nicht kaufen?“ Und der quasi Yankee holte zwei Schnüre Zwiebeln unter ſeiner Blouſe hervor; ein Zweiter brachte einen *) Alles ſteht wohl in Natchitoches; die bekannte Poſſe. — 173— Schinken zum Vorſchein; ein Dritter einen Sack mit Mehl gefüllt. Ein brüllendes Gelächter erhob ſich im Saale. „Alſo Yankee⸗Schinken?“ fragte der Earl. „Aechte virginiſche Schinken, Mann!“ verſicherte der Yankee,„beſonders berühmt.“ „Wollen einen zur Probe verſuchen; John, nehmt dieſen Schinken, und es iſt unſer ausdrücklicher Befehl, daß er morgen auf unſerer Tafel ſervirt werde.“ „Eure Herrlichkeit dürften dabei einige Schwierig⸗ keiten haben,“ bemerkte Lord Ormond. „Werdet verdammt zu beißen haben,“ meinte der Yankee. „Maßen er mehr Kunſt als Natur beſitzt,“ lachte Ormond— nkurz, eine Yankeewaare iſt.“ „Wie ſo?“ fragte der verblüffte Earl. „Maßen dieſer Schinken bloß mit einer geräucherten Schweinshaut überzogen, und übrigens von ächtem Wallnußholze iſt.“ „Mein Gott, der Mann ſollte vor Sir Richard gebracht werden,“ verſtcherte die Counteß. „Dank Eurer Herrlichkeit,“ lachte der Nankee, wäh⸗ rend er das empfangene Goldſtück ſorgfältig auf dem —=ẽ 174— Tiſch probirte.„Dank Euch für den guten Bargain; by Jingo! will Euch dafür eine herrliche story*) von der Seeſchlange zum Beſten geben.“ „Pah!u ſchrie Morton,„wie die Wahnſinnigen in geckenhafter Narrheit ihre Steckenpferdchen für Araber halten! Bei meiner Seele, Ihr ſpielt mit dem Feuer, bis Ihr Euch verbrennt.“ „Was iſt's, was gibt's, was fehlt Ihnen, Mor⸗ ton?“ riefen mehrere Lords laut lachend. „Mir iſt zu Muthe, als wollten Euere adeligen Manſtonen über Euern Häuptern zuſammenſtürzen; ich muß reden.“ Und mit dieſen Worten ſprang er mitten in den Kreis der tollen Lords, zum Entſetzen des alten Earls. „Morton will uns einen reelen Yankee zum Beſten geben,“ ſchrieen die Einen, herumtaumelnd. „Morton, Sie müſſen uns einen Yankee zum Beſten geben,“ ſtammelten die Andern. „Seyd ein verdammt braver Junge, Morton! wollt uns eine Yankeestory zum Beſten geben, etwas von der Seeſchlange.“ *) Geſchichte, Mährchen, Erzählung. 3 — 1f75— „Nur einen Geſang.“ Morton ſah ſie einen Augenblick mit leuchtenden Augen an und ſprach dann:„Will Euch einen Geſang, und eine story zum Beſten geben.“ Die Satyre auf ſeine Landsleute hatte einen Zug ſchneidenden Hohnes um die Lippen des Jünglings gelegt; es war etwas wild Originelles über ihn ge⸗ kommen, etwas bizarr Geiſtreiches ſprach ſich in ſeinen Bewegungen aus. Die Champagnerdünſte waren auf einmal dem luciden Intervalle gewichen, der ſeinem ganzen Weſen etwas Eigenthümliches verlieh, das noch außerordentlich gehoben wurde, als er nun ausholte und aus voller Bruſt den Yankee doodle ſang. Und während die langen Cadenzen heraufſtiegen aus tiefer Bruſt, und die wilden Töne lang und langſam wie Orgeltöne hinſchwellten durch die prachtvollen weiten Säle— kam ein unbeſchreibliches Etwas über den Jüngling; die Begeiſterung eines Sehers funkelte aus ſeinen Augen; dabei ſchwenkte ſeine elaſtiſche Geſtalt mit ſo wunderbarer Schnelligkeit, und ſeine Hände hoben ſich und fielen mit einer ſo ſeltſam ungelenken Grazie, daß die ſämmtlichen Lords in athemloſen Staunen dem ſonderbaren Schauſpiele zuſahen. Ein —= 176 6— einſtimmiges Bravo! Give it a second time*)! er⸗ ſchallte. Morton hatte ſich unterdeſſen in eine Ottomane geworfen, und mit der Hand winkend, begann er: „Wohl, ſo will ich Euch denn eine story zum Beſten geben.“ NI. Die Bauberphiole. „Ihr habt gehört,“ begann er mit leuchtenden Augen,„von der großen Stadt, die auf der andern Seite des Waſſers, Oſt⸗Südoſt, glaube ich, liegt.“ „Bagdad oder Damaskus?“ fragte der Earl. „Weiß nicht genau; in meinem Buche heißt es bloß Oſt⸗Südoſt. Wollen annehmen, Damaskus oder Bagdad; denn die Geſchichte ſpricht von Veziers und Emirs, und Bonzen und Braminen.— Wohl, die Stadt iſt ſo groß und größer als Nantucket und Newyork obendrein. Wenn Ihr da geweſen ſeyd, ſo werdet Ihr wiſſen, daß daſelbſt ein großes, weites ²) Geben Sie es ein zweites Mal. —= 177 6— Haus iſt, mit Flügeln, ſo lange wie die eines Raub⸗ vogels. Sollen gewachſen ſeyn, dieſe langen Flügel, die man Hayfiſch⸗ oder Tigerſchweife nennen könnte, unter den Enkeln und Urenkeln eines Nizzam, der gar kurzweilig mit ſchönen Dirnen zu thun gewußt hat. Dieſes große Haus hat Euch Vorhöfe und Gärten, und Kioske und Statuen, und auf der einen Seite einen Fluß, der nicht ganz ſo breit wie unſer Con⸗ necticut bei Hartford iſt, aber deſto ſchmutziger; habt eine pittoreske Anſicht auf Waſchweiber, Badhäuſer und Kohlſchiffe. Sieht im Ganzen genommen aus, pflegte mein Onkel ſelig zu ſagen, wie Fleetditch*), ehe er unter der Erde vergraben wurde.“ „Was ſpricht er,“ fragte der Earl ſeinen Nachbar, Lord Ormond.„Ich verſtehe ihn und ſeinen Jargon nicht.“ „Auch ich nicht ganz,“ verſicherte Lord Ormond; „weiß mich jedoch zu erinnern, von einem Fleetditch gehört zu haben, der vor nicht ſehr vielen Jahren un⸗ fern einem Stadtviertel, Holborn genannt, ſtagnirte. *) Die Antwort, die Lord Cheſterfield Voltairen gab, iſt bekannt. Von dieſem ſchmutzigen Fleetditch, über dem Holborn ſich hinzieht, iſt heut zu Tage nichts mehr zu ſehen. Morton. II. 12 — 178— Soll ein ſehr gemeines Quartier ſeyn, dieſes Holborn. Hört, Bruder Yankee!“ wandte er ſich an Morton, „Seine Herrlichkeit wünſchen, daß Ihr fortfahrt in Eurer Erzählung, aber Euch klar und deutlich aus⸗ drücket." „Kann Einer ſich klarer und deutlicher ausdrücken, als wenn er von ſeinem eigenen, und dem Lande ſeiner Väter redet? Warum ſeyd Ihr ſo unwiſſend und beſchränkt und blind, daß Ihr nicht einmal wißt, wo der Fleetditch unter Holborn begraben liegt? Nach was kann Einer meſſen, als nach ſeinem eigenen Maße? u „Er ſcheint ein Schneider ſeines Handwerkes zu ſeyn, denn er ſpricht vom Maß,“ bemerkte der Lord. „Sind Alle Schuſter, und Schneider, und Krämer, und Töpfer,“ kicherte der Marquis Mono. „Nur mit dem Unterſchiede,“ verbeſſerte ihn Morton trocken,„daß bei uns aus Schuſtern und Schneidern quasi Gentlemen werden, bei Euch jedoch Herzoge, und ihre Kinder Marquiſe.“ „Hal“ lachte es auf allen Seiten. „Mister Morton!“ ſprach der Marquis drohend. „Marquis Mono!“ Morton. —= 179 6— „Ha!“ ſchrie der Erſtere. „Pah!“ erwiederte der Zweite.„Das alte Haus, von dem ich ſo eben ſagte,“ fuhr er in ruhigem Tone fort,„war bewohnt von einem alten knochig hagern Herrn, mit hängender Unterlippe, der zugleich ein ge⸗ ☛ ½ waltiger Jäger war. Hatte aber auch Diener, jung und alt, groß und klein, und ſeine Familie hatte deren gleichfalls, und Trabanten, und Muftis, und Bonzen, und Braminen aller Art; aber verſchieden von den unſrigen; hatten geſchorne Häupter wie Samſon, als er mit Delila angebunden, und gallſüchtige Geſichter; waren Halbmänner, die weder eigene Felder noch Weiber hatten, es vorziehend, die Zehnten von denen anderer Leute zu nehmen. Auch Veziers hatte der Alte und vieles Volk, das da aß und trank, und mit dem alten Herrn Karten ſpielte, und beſonders mit einer Charte ſpielte, die ſie ſo hin und her riſſen, daß ſie bereits zwei Löcher bekommen hatte, man auch wohl ſehen konnte, ſie werde bald ganz und gar zer⸗ riſſen werden. War ein verzweifelt ſeltſames Spiel, dieſes Chartenſpiel; könnt mirs auf mein Wort glauben.“— „Was war es denn eigentlich für eine Charte? 12* —= 180 6— „Eine wunderbare Charte, die von einem alten, aber ſehr geſcheidten Herrn verfertigt worden war, theils zur eigenen Kurzweil, theils zur Beſchäftigung ſeiner Leute; doch, werdet noch mehr von dieſer Charte hören. War wie geſagt, ein ſehr geſcheidter alter Herr, der da wußte, daß dieſe ſeine Leute wetter⸗ wendiſch, unruhig, immer etwas zum Steckenpferde haben müſſen, und wenn ſie es nicht haben, ſich raufen mit ihren Nachbarn. Da er nun als ein alter friedfertiger Mann ſich nicht mehr aufs Raufen einlaſſen wollte noch konnte, dachte er, ſeine Leute auf dieſe harmloſe Weiſe mit dem Chartenſpiele zu beſchäftigen.“ „Das war recht,“ meinte die Counteß. „Nicht Alle meinten ſo; denn bekanntlich iſt dieſes Chartenſpiel ſehr anſteckend, ſo zwar, daß kaum ein Beiſpiel exiſtirt, wo es nicht zur Leidenſchaft gewor⸗ den wäre.“. „Aber Beſchäftigung mußten die Leute haben, und auf alle Fälle war dieſe beſſer, als das ſtete Raufen und Todtſchlagen unter dem vormaligen Beſitzer des großen Hauſes. Dieſes große Haus nun hatte der alte Herr erhalten, mit noch vielen andern Häuſern — 181— und Landhäuſern, und vielen Trabanten und Söiden, ja das ganze Land und alles Volk, das darin wohnt, von ſeinen Freunden als Eigenthum, wie ſeine Väter es vor ihm beſaßen; und obwohl ihm dieſe ſeine Freunde zu verſtehen gegeben, er ſolle Alles ganz und gar als ſein Eigenthum betrachten, und er brauche Niemanden Rechenſchaft zu geben, als Gott allein, was, by the by, ſo viel als gar keine Rechen⸗ ſchaft iſt— ſo war er doch nicht dieſer Meinung, ſondern dachte hierin ganz anders, und zwar, weil er das Volk kannte und im Grunde voll Mutterwitzes war; ein gar nicht unebener alter Herr, verſichere Euch, der, obwohl er ziemlich dick war, die Welt viel geſehen hatte, auch in Hartwell war, und gerne Trüffelpaſteten buck, die er auch ſelbſt verzehrte.“ „Trüffelpaſteten!“ rief der alte Earl, mit der Zunge ſchnalzend. „Pfui, mein Theurer!“ ſchmollte die Counteß, „Sie vergeſſen ſich.“ „Alle die Herrlichkeiten, Häuſer und Ländereien,“ fuhr Morton unter dem ſchallenden Gelächter der Lords fort,„wurden dem alten Manne wieder zurück⸗ geſtellt von wegen einer Phiole, einer verwitterten — 0 182 6— alten Phiole, die ſchäbig genug ausſah, und roſtig, und vom Zahn der Zeit benagt, und auf welche Phiole ſeine Vorfahren ungemein ſtolz thaten, ſagend, daß in derſelben ein gewaltiger Zauber enthalten ſey; und ſeine Freunde und Gebrüder geſtanden überall und allenthalben dieſes auch öffentlich ein, daß ſie nämlich den alten Herrn in den Beſitz der Schlöſſer und Häu⸗ ſer und Landhäuſer einzig und allein von wegen der alten Phiole geſetzt hätten, die einen myſteriöſen Zauber enthalte, und wegen welches myſteriöſen Zaubers ſie gehalten wären, ihn zu ſchützen in ſeinen Rechten und zu erhalten in ſeiner Gewalt.“ „Der alte dicke Herr war aber auch ein ſehr kluger Mann darin geweſen, daß er der Zauberphiole doch nicht ganz traute, weil ſie bereits bei einer frühern Gelegenheit zerbrochen, und darüber ſo viel Unheil entſtanden war, daß ſein Bruder ganz den Kopf dar⸗ über verloren.“ „Hatte alſo einen ſchwachen Kopf?“ bemerkte der Earl. „So ziemlich, wie Alle, die ſich auf überirdiſche oder Zauberhülfe verlaſſen; deßhalb ließ es ſich ſein jüngerer Bruder, der Trüffelpaſtetenliebhaber, auch — 183— geſagt ſeyn, und traute ſeinen fünf Sinnen mehr als der Zauberphiole, und hatte er in dieſem Vertrauen mit den Aufſehern ſeiner Leute und des ganzen Volkes auch einen Vertrag abgeſchloſſen, nicht eigentlich einen Vertrag— das hätten ſeine Freunde nicht zugelaſſen, aber ſo einen quasi Vertrag, den er auf Pergament ſchrieb, und den er dann Charte nannte.“ „Seltſam!“ gähnte die Counteß. „Hatte ein Pergament ausgeſtellt,“ fuhr der Er⸗ zähler fort,„in welchem geſchrieben ſtand, daß es dem Volke freigeſtellt ſeyn ſolle, ſich vierhundert und fünfzig oder gar ſechzig Seckelmeiſter zu wählen, die eine Art Kontroleurs ſeines Haushaltes ſeyn ſollten.“ „Vierhundert und ſechzig Kontroleurs!“ ſtammelte der alte Carl.„Ihr meint vielleicht Repräſentanten?“ „Waren es nicht ſo ganz,“ meinte der Erzähler, „denn ſie hatten nicht viel zu repräſentiren; waren ſo ziemlich Seckelmeiſter, und wieder nicht ganz Seckel⸗ meiſter, ſo ein Mittelding von allerlei; ſo wie das Volk nicht ganz dem Alten angehörte, obwohl es nichts weniger als ſein eigener Herr war. Wie ge⸗ ſagt, die Freunde und Gebrüder hatten gemeint, er ſolle daſſelbe ganz ſo als ſein unbeſtrittenes Eigen⸗ —= 184— thum betrachten, wie ſie es mit ihren Leuten thäten; aber ſie hatten vergeſſen, daß dieſe ihre Leute wenig⸗ ſtens um hundert Procente dümmer wären. Und ſo folgte er denn ſeinem eigenen Kopfe, und dem Rathe eines gewiſſen John Bull— eines wahren Quer⸗ kopfes, der aber wieder zu Zeiten ganz geſunde Ein⸗ fälle hat, und der ihm ſagte, er ſolle ſeine Wirthſchaft ganz auf dem Fuße einrichten, auf dem er ſelbſt lebe, und es ſey dieß ein ſehr angenehmer Fuß. Iſt aber, die Wahrheit zu geſtehen, dieſer Fuß derſelbe, auf dem der Nizzam in Oſtindien lebt, oder auch der Dechant in Windſor; ſoll zwar ein nach der neueſten Fashion eingerichteter Fuß ſeyn, ſagt John Bull, hat aber vergeſſen der John Bull, daß Seine Heiligkeit der Dalai Lama und die Nachfolger des Harun al Rashid gerade auf demſelben Fuße lebten. Iſt übri⸗ gens ein gar nicht übler Fuß, bei dem es ſich bequem und ohne Sorgen lebt, wo man dick und fett wird, und wo auch das Volk gedeiht, wenn es dabei nämlich nicht verhungert; in welchem Falle es jedoch gewöhn⸗ lich noch Maſchinen und Heuſchober anzündet, wäh⸗ rend die Seckelmeiſter ſein Geld einnehmen und ſich herumbalgen.“ —= 185— „Verdammter Yankee!“ brummte es aus den Ecken des Saales. „Und ſie gaben dem Alten ſo viel Geld als er brauchte?“ fragte die Counteß. „So viel als er brauchte, und mehr als er brauchte. Vertheilte aber ein bedeutendes Quantum wieder unter ſie, ſo daß er mit ihrer Hülfe dem armen Volke die Haut nach Herzensluſt abziehen konnte. Mußte ſo von Brod und Waſſer leben das arme Volk, was dann wieder zur Folge hatte, daß es nicht arbeiten mochte, ſo wie es denn überhaupt langſam zur Ar⸗ beit, aber außerordentlich ſchnell zum Raufen iſt, was der alte Herr verhindern wollte; weßhalb er ſich gar nicht beeilte, den Kitzel ſeiner Leute noch mehr durch Trüffelpaſteten zu vermehren, es vorziehend, dieſe ſelbſt zu verzehren. War in jeder Hinſicht ein ein⸗ ſichtsvoller, kluger Herr, der noch lebte, wäre er nicht an dieſer heilloſen Trüffelpaſtete geſtorben.“ „So ſtarb er?“ fragte die Counteß mit weiner⸗ licher Stimme. „Starb ſich mauſetodt, und nach ihm kam ſein oberwähnter langer, hagerer Bruder an's Ruder— — 186 6— ein tüchtiger Jäger vor den Herren, der aber das Seckelmeiſterweſen gar nicht leiden mochte.“ „War übrigens im Anfang große Freude im Lande; denn neue Beſen kehren gut; war auch ein artiger Mann, dem ſeine Uniform gar nicht übel ſtand, hatte auch einſt ſeinen Trabanten, als ſie ſich grob gegen die Leute anließen, befohlen, höflich zu ſeyn; erlaubte ihnen auch wieder Suppe zu eſſen, was denn verurſachte, daß ſie auch Fleiſch haben wollten. Kam ihm aber theuer zu ſtehen.“ „Was— wie— Suppe und Fleiſch kam ihm theuer zu ſtehen?“ „Ja,“ fuhr Morton bedeutſam fort.„Waren nicht an Roaſtbeef gewöhnt, wie John Bull, und hatten ſich bisher immer mit Waſſerſuppe begnügen müſſen; aber ſobald ſie Suppe, verſteht Ihr geiſtige Suppe, hatten, wollten ſte, wie geſagt, auch Fleiſch haben, anfangs blos ein Stück, beiläufig ſo groß wie eine Roßzehe, aber bei dieſen Leuten heißt es, l'appétit vient en mangeant, das will ſagen, wenn man ihnen den Finger reicht, ſo wollen ſte die ganze Hand; was denn überall mehr oder weniger der Fall iſt.“ „Wie gemein!“ gähnte der Marquis Mono. —= 187 6— „Sehr gemein,“ ſprach Morton, ohne den Lord eines Blickes zu würdigen;„wird noch gemeiner, oder vielmehr allgemeiner werden. Ging einige Zeit recht gut; die Seckelmeiſter gaben dem alten, hagern, ſtatt⸗ lichen Herrn Gold, ſo daß er in Hülle und Fülle lebte, und ſeine Muftis und Bonzen und Braminen gleichfalls; aber es iſt ſchwer Bonzen und Braminen zu ſättigen, weil ſie nie genug haben. Und wie es nun zu gehen pflegt, daß der Sack des Bettlers nim⸗ mer voll wird, weil er nämlich, ſtatt eines Loches, deren zwei hat, eines oben und das andere unten— ſo hatten dieſe Muftis und Bonzen nimmer genug, und wollten immerdar mehr, und ſagten, ſie wollen nicht die Narren ſeyn, umſonſt das Himmelreich auf⸗ zuſchließen. Denn ſeltſam! dieſe Leute glauben in allem Ernſte, ſte könnten das Himmelreich aufſchließen. Die Andern aber lachten dieſer Schlüſſel, und ſagten, ſie wollten nicht hinein in das Himmelreich. Anders aber dachte der alte Herr, der ſie zwingen wollte hin⸗ einzugehen, glaubend, daß er da wieder Haus und Hof, und Trabanten und Diener finden würde. Dar⸗ über nun ſetzte es einen gewaltigen Lärm. Viele ſchrieen, man wolle den Kontrakt brechen, und ſtatt — o 188— der Seckelmeiſter Muftis zu Kontroleurs einſetzen; worüber dann dieſe Erſtern gewaltig rappelköpfiſch wurden.“ „Was für ſeltſame Leute!“ bemerkte der Earl. „Ja wohl ſeltſame Leute!“ bekräftigte, laut lachend, Morton.„Ein ewig unruhiges Weſpenneſt; können nimmer ſtille ſitzen; wurden aber auch, die Wahrheit zu geſtehen, ganz abſcheulich bei der Naſe herum⸗ gezogen von ihren Muftis, die an allen Orten und Enden zu ſehen, auf allen Straßen zu hören waren, und ihnen die Erde zur Hölle machten.“ „Hatte aber, der alte Mann, unter ſeinen Dienern einen Flachkopf, der keiner der Fetteſten war. Nun ſollen zwar die magern Veziere in der Regel nicht gerade auf den Kopf gefallen ſeyn; aber keine Regel ohne Ausnahme, und Dieſer war wirklich auf den Kopf gefallen, und zwar ſo ſehr, daß ihm darüber alle Haare grau und weiß geworden. Glaubte in der Einfalt ſeines Herzens feſt an die Zaubergewalt der Phiole, ſo feſt, daß er darüber ganz vergaß, wie ſie ſchon einmal zerbrochen und nur durch die Beihülfe der Freunde des ſeligen Herrn wieder nothdürftig zuſammengeflickt worden, und ihm bei dieſer traurigen — 189— Veranlaſſung die ſchwarzen Haare grau geworden. Bei dieſer Zuſammenflickung war ein anderer langer hagerer Mann, den John Bull näher kennt, ganz beſonders geſchäftig geweſen, für welche Geſchäftigkeit er auch Geld und Gut in Menge bekam, und Silber⸗ und Porzellan⸗Services; von Einigen, weil er ihre beſchädigte Zauberphiole ausbeſſern geholfen, von den Andern, weil er die ihrigen auf die kunſtvollſte Weiſe zu beſchneiden verſtanden, ohne daß ſie deßhalb ihre magiſche Kraft eingebüßt hätten.“ „Der alte Herr that nun ein für allemal nichts ohne dieſen Vezier, bei dem der Flachkopf in großen Gnaden ſtand, und ſchrieb ihm jeden Vorfall, und fragte ihn um Rath, was denn ſeinen Seckelmeiſtern gar nicht lieb war, da ſie wußten, daß er ſie nicht viel höher halte, als Hunde. Waren auch immer wie Hunde und Katzen die Leute dieſes Veziers und des alten Herrn, obwohl ihr Land durch einen bloßen Meeresarm von einander getrennt war, und lachte der Vezier von ganzem Herzen und ſchlug Schnipp⸗ chen, und mit ihm alle die Seinigen, daß ſie den Seckelmeiſtern einmal einen tuchtigen Poſſen geſpielt und ihnen einen Stein in den Garten geworfen, den —= 190— ſie alle Tage ihres Lebens nicht herausbringen wür⸗ den. Dieſer Stein war aber der Flachkopf, und ein wahrer Stein des Anſtoßes war er und ſeine ganze Sippſchaft für die Seckelmeiſter und das ganze Land, über das er auf den Rath des Veziers ſofort als Oberaufſeher der Wirthſchaft geſetzt wurde.“ „Und weiter?“ fragte der Earl gähnend. „Der Flachkopf wurde Oberaufſeher. Er war es kaum geworden, ſo ſagte er dem alten Manne geradezu ins Geſicht, wie es ſich für einen ſo großen Herrn, wie er wäre, gar nicht wohl ſchicke, ſich von vierhun⸗ dert und ſechzig Seckelmeiſtern die Ohren voll ſchreien zu laſſen, und einen Vertrag zu haben mit Leuten, die, verglichen mit ihm, nicht viel beſſer als das liebe Vieh wären,— zu mäckeln des elenden Geldes we⸗ gen, das ihm von Allahs und Rechts wegen gebühre, ihm, der durch die Gnade des Propheten regiere und die Phiole beſäße, und daß er ſeinen Haushalt ohne die Seckelmeiſter führen müſſe; und wenn er ſie ja haben wolle, ſo möge er ſie beſſer ſelbſt wählen, nicht aber ſie von Andern wählen laſſen.“ „So ſollte ich auch meinen,“ verſetzte der Earl. „Finde es ganz natürlich,“ lachte Morton;„iſt — 191— Geiſtesverwandtſchaft— der alte Herr dachte daſſelbe, hatte auch deßhalb den Flachkopf zum Oberaufſeher genommen— der auch wirklich ſogleich Anſtalten traf, die Seckelmeiſter ſelbſt zu ernennen.“ „Wohl gethan!“ rief der Earl. „Nicht ſo ganz; denn obwohl der Alte Viele dieſer Seckelmeiſter auf ſeiner Seite hatte, ſo hatte er ſie doch nicht Alle, und die Leute gaben keine twopence um ſeine Seckelmeiſter; ja ſie erklärten ihm ſo höflich trocken als möglich, ſie würden ihm nur dann Geld zur Beſtreitung ſeiner Wirthſchaft geben, wenn die Contos von ihren gewählten Seckelmeiſtern unter⸗ ſchrieben wären.“ „So höre doch um's Himmelswillen auf mit Dei⸗ nen Seckelmeiſtern,“ rief Lord Flirtdown von einem gegenüberſtehenden Fauteuil herüber. „Laßt ihn!“ ſchrieen Andere;„er erzählt gar nicht übel,— ſchnurriger Kerl!“ „Truly a longwinded Yankee!“*) lallte ein Dritter. Es war eine ſeltſame Gruppe, die ſich um den erzählenden Morton herum gelagert hatte. In der *) Ein langgewundener, langweiliger Yankee. — e 192— Tiefe ſaß der Carl mit ſeiner Counteß, nun die Au⸗ gen weit aufſtierend, wieder ſchließend, um ſie herum Lords und Gentlemen, ſitzend, ſtehend, lehnend, mit geöffneten Augen, ſchnarchend, den Amerikaner mit jener Leerheit von Ausdruck anſtarrend, die der letzten Phaſe des Rauſches ſo eigenthümlich iſt. Alle ſchienen wie gebannt in den Kreis. „Und die Seckelmeiſter,“ fuhr er fort,„begannen den Mund voller zu nehmen und ihm ziemlich trocken zu verſtehen zu geben, wie er den von ſeinem Bruder gemachten Vertrag nicht brechen und ſich nicht in Dinge miſchen ſolle, die ihn nichts angingen; er ſolle abſolut kein Geld mehr haben, wenn er ſich in ande⸗ rer Leute Geſchäfte miſchen würde“ „Seltſam!“ rief der Earl. „Immerhin möchte die Takelage zuſammengehalten haben; aber wie geſagt, es waren unter Dieſen vier⸗ hundert fünfzig oder ſechzig Seckelmeiſtern ſehr viele, und dieß heilloſe Schreier, die darauf drangen, daß man abſolut nichts geben ſolle, falls der alte Herr nicht den Flachkopf aus dem Haushalte entferne und bei dem Buchſtaben des Vertrages ſtehen bleibe. Dieſer Vertrag nun war, wie Ihr gehört habt, vom — 0 193 6— ſeligen Herrn Trüffelpaſtetenliebhaber abgeſchloſſen und bei Allah beſchworen worden.“ „Wohl, als die Vierhundert ſich ſo herumzankten und für und wider den Vertrag und den Oberaufſeher ſtritten, kamen ſie endlich darin überein, mit dem alten Herrn ſelbſt zu reden und ihm ernſtliche Vorſtellungen zu machen. Sagten ihm auch, daß es übel gethan ſey, dem Elephanten einen Führer zu geben, den er nicht leiden möge, und daß darüber ein Unglück ent⸗ ſtehen könne, nicht nur für den Führer, ſondern auch für den Herrn und alle Welt. So gaben ſie dem alten Herrn zu verſtehen. War aber dieſe alte Herr ein eigenſinnig ſchwacher Mann, der von dem, was in der lieben Gotteswelt vorging, gerade ſo viel wußte, als ihm ſeine Veziere, Emire, Bonzen und Braminen zu ſagen für gut befanden. Hatte auch wirklich die Schwachheit, zu glauben, daß er von Allah eingeſetzt und nur zu wollen brauche, und der Elephant, das Volk, würde ſich geduldig von ſeinem Flachkopfe reiten und lenken laſſen. Als er nun hörte, daß die rappel⸗ köpfiſchen Seckelmeiſter draußen vor der Thüre waren, wollte er ſie anfangs gar nicht ſehen, ließ ſte aber zuletzt doch vor ſich und ſagte ihnen im zierlichſten Morton. II. 13 .= 194— Fränkiſch, daß es ſein Plaiſir wäre, zu thun, wie es ihm gefiele, und nicht wie es dem Elephanten gefiele, und ſie, die Seckelmeiſter, ſollten ſich dieſes wohl zu Gemüthe führen und tanzen nach ſeiner Pfeife, und nicht nach der ihrigen. Und nachdem er ſo geſagt, verbeugte er ſich ganz artig und ließ ſie ziehen des Weges, den ſie gekommen waren.“ „Wohl gethan; denn wenn ich mich nicht irre, ſo liebt dieſes Volk übermäßig den Tanz,“ bemerkte der Earl. „Liebt wohl den Tanz,“ erwiederte Morton,„aber nicht nach fremder Pfeife. Däuchte ihnen ſeltſam, daß ſie nach der Pfeife eines fremden Veziers tanzen ſollten, der es nie gut mit ihnen gemeint, und nicht nach der ihrigen, die ſo gut pfiff als eine, und viel weniger koſtete.“ „Halt!“ rief der Earl,„war der alte Herr nicht, was wir einen Sultan nennen?“ „So eine Art von Sultan allerdings.“ „Und wenn er das war, warum ließ er nicht den ganzen Pack greifen und pfählen?“ „Und ſo würde er gethan haben, wenn er ſich ge⸗ traut hätte; aber Ihr vergeßt, daß die Zauberphiole, — 8 195 0— durch die er es allein hätte thun können, gebrochen und zum Theil ihre Kraft verloren hatte.“ „Aber was hat denn dieſe Zauberphiole mit dem Pfählen zu ſchaffen?“ fragte die Counteß. „Viel, ſehr viel, Mylady, wie Sie hören werden, wenn Sie nur noch eine kleine Weile Geduld haben wollen.“ „Der alte Herr war ſo bitterböſe, daß er wirklich damit umging, einigen der lauteſten Schreier den Mund zu ſtopfen; aber dieſe Schreier waren, wie geſagt, gerade die lauteſten Schreier, und großen Lärm durfte er auf keine Weiſe verurſachen. Wollte in der Stille die Geſchäfte abfertigen; einen Strick, oder eine Doſts, oder noch lieber ein kleines Zimmerchen, ſechs Schuh lang, ſechs breit, wohl mit Riegeln und Vorhängſchlöſſern verſehen, das wäre ihm das Liebſte geweſen. Ging aber nicht, würde noch immer zu vielen Lärm verurſacht haben. So ſandte er denn zu ſeinen Emiren und Veziren rings umher, und ließ ihnen ſagen, er wolle ſich künftighin ganz und allein auf ſeine Phiole verlaſſen; ſandte auch zu gleicher Zeit Boten an ſeine Freunde, die ihn in den Beſitz der vielen Höfe und Güter geſetzt hatten, um ſie zu fragen, 13* 8 — 2 196 6= ob ſie ihn auch im Beſitze derſelben ſchützen und erhalten wollten, falls es zu einem Donnerwetter kommen würde. 4 „Sagten die Meiſten ja.— Einige klatſchten laut vor Freude in die Hände, und riethen ihm auf alle Weiſe zu thun nach ſeinem Plaiſir; Andere ſchüttelten die Köpfe. Und Einer, der weit über die See ge⸗ kommen, raunte ihm in die Ohren, er ſolle ja bei Leibe ſeinen Vertrag nicht brechen, der von ſeinen Freunden garantirt wäre; die Hauptſache wäre, daß er den Vertrag hielte, ſo müßten ihn die Leute, ſie möchten wollen oder nicht, auch halten; die Phiole komme hier gar nicht in Anbetracht; auch möchte er ja den Oberaufſeher weggeben, es ſey kindiſch, einem Elephan⸗ ten einen Führer, der ihm widerwärtig, aufzudringen, da es ihn blos einen Rüſſelſchlag koſte, ſich deſſelben und ſeines Herrn zu entledigen.“ „Schüttelte aber der alte Herr vornehm den Kopf über dieſen Rath, und hielt den Zweifel an der All⸗ macht ſeiner Phiole beinahe für eine Beleidigung, und wurde er in dieſer Halsſtarrigkeit nicht wenig von ſeinen Bonzen und Braminen beſtärkt, die ihm, weiß der Himmel was, von übernatürlicher Hülfe vor⸗ ſchwatzten. Und ſchlug ihm auch der Flachkopf vor, —=9 197 6— ohne weiters einen neuen Bertrag außzuſetzen, nach welchem er die Seckelmeiſter ſelbſt ernennen würde.“ „Und der Alte?“ fragte der Earl. „That es wirklich, zerriß den alten Vertrag, und kündigte aller Welt an, daß er einen neuen gemacht habe, und gab zu verſtehen, es ſey ſo ſein Plaiſir; und wenn es ihnen nicht recht wäre, ſo würde er es höchlich ungnädig nehmen. Und war darüber ein großes Frohlocken unter ſeinen Bonzen und Muftis und Trabanten, die ſich nun den Himmel auf Erden verſprachen, wenn ſie nicht mehr von den Seckelmeiſtern kontrolirt würden.“ „Als die rebelliſchen Seckelmeiſter, wie der alte Herr ſie nannte, hörten, daß der alte Vertrag gebrochen und ein neuer aufgerichtet worden, bei dem ihre Herrlichkeit zu Ende ſeyn würde, ſchrien ſte gewaltig, und ließen ihre Leute rufen, die einen noch größern Lärm erhoben. Aber als es zur Hauptſache kam, ob man dem alten Manne ſeinen Willen laſſen ſollte, oder nicht, da ſteck⸗ ten ſte die Köpfe zuſammen, und wußten nicht, was zu thun; denn ſie dachten an die Phiole.“ „Aber was hat es denn eigentlich mit dieſer Phiole für eine Bewandtniß?“ — e 198— „Es muß auf alle Fälle irgend etwas mit ihr vor⸗ gefallen ſeyn; denn es heißt, daß ihre Beſitzer zu ihrer Zeit durch ſie wunderliche Dinge vollbracht hatten— durch ſie Gewalt über Leben und Tod der Leute, ja des ganzen Volkes hatten, ſo daß ſie hängen, köpfen laſſen konnten, ſo viel es ihnen geftel, und rädern und verbrennen und viertheilen alle Diejenigen, die der Phiole entgegen waren oder ihren Beſitzern. Die⸗ ſes wußten nun die ſchreiſüchtigen Seckelmeiſter, und es fing ſie an zu jucken; dachten, würden zuletzt die Zeche bezahlen müſſen. Einige befühlten ihre Hälſe, ob ſie auch noch am Rumpfe ſäßen, Andere wurden bleich, und wieder Andere gaben das Ferſengeld, an welchem dieſes Volk zu Zeiten einen ungemeinen Vor⸗ rath hat. Viele jedoch hielten aus bei ihren Leuten, die größtentheils waren, was wir den ſchweiniſchen Haufen, die ungewaſchene Menge nennen.“ „Dieſe hatten kaum gehört, daß der alte Mann ſeinen Vertrag gebrochen habe, als ſie auch ganz toll wurden, und ihren Seckelmeiſtern ſagten, ſie möchten nur geradezu gehen, und dem alten Herrn ſagen, er ſolle ſeinen Vertrag nicht brechen, ſonſt würden ſie ihm das Genick brechen.“ —" 199 6— „Sehr unartig,“ bemerkte die Counteß. „Das war es,“ bekräftigte der Erzähler,„und die Seckelmeiſter beeilten ſich deßhalb eben nicht ſehr, ihm die Botſchaft zu hinterbringen, in Anbetracht, daß der alte Herr nichts weniger als zum Scherzen aufgelegt wäre. Sie gingen jedoch, und ſprachen mit ihm ſo höflich als möglich; denn dieſe Leute können die gröbſten Dinge in einer ſehr zierlichen Sprache ſagen; und ſo ſagten ſie ihm ihre Meinung ſehr artig, wie ſie glaub⸗ ten, aber nicht wie Er glaubte; denn er gerieth in eine wahre Wuth, und in einen ſo heftigen Fieberanfall, daß er, ſo ritterlich galant er auch ſonſt war, wie raſend um ſich ſchlug, und in ſeinem Zorne die Phiole ergriff, und ſie den Seckelmeiſtern an den Kopf warf.“ „Und es ließ ſich ein ſchriller, durchdringender Ton hören, anfangs nicht ſtärker und lauter als der einer Saite, die im Luftzuge ſpringt; aber dann erhob ſich der Klageton ſtärker, und drang ſchneidender durch die Lüfte— durch alle Nerven drang er, und durch⸗ ſchauerte die Körper, und der Alte und die Seckelmeiſter und alle Leute ſtanden wie durchſchnitten von dieſen Tönen, und ſchauderten; und es war Ein Schauder, Ein entſetzlicher Schauder: denn die Töne durchfuhren — e 200 6— die Lüfte, und wurden zum Grabes⸗ und Sturmgetöne, und durchfuhren Städte und Dörfer, und Alle ſchau⸗ derten ob den Tönen. Aber es war noch nicht Alles. Der Ton war kaum der Phiole entfahren, ſo ziſchten aus derſelben ſchlängelnd blaue Flammen heraus, die ſpielend und leckend ſich auf die Köpfe der rebelliſchen, und nur der rebelliſchen Seckelmeiſter ſetzten, ſo daß Dieſe entbrannt davon liefen. Und wie ſie zum großen Hauſe hinaus liefen, tanzten die Flammen auf ihren Häuptern, und es lösten ſich Funken von dieſen Flam⸗ men, und dieſe Fünkchen und Flämmchen ſprangen wieder auf die Köpfe der Leute, die ihnen in den Weg kamen; und immer zahlreicher wurden die Flämmchen, ſo daß ſte Zungen bildeten, die zu Tauſenden in allen Richtungen durch Stadt und Land hinfuhren, in alle Städte und Dörfer fuhren, und ſich auf die Köpfe von Männern, Weibern und Kindern ſetzten. Und ſeltſam! Dieſe Männer, Weiber und Kinder, in deren Ohren der Ton gedrungen, und die, berührt von dieſem erſchütternden Tone, noch ſchaudernd geſtanden waren, ſie fingen, ſo wie ſie von den feurigen Zungen beleckt wurden, an zu ſpringen; wie raſend ſprangen ſie, und wie die Seckelmeiſter entbrannten ſie, und in ihren — 0 201 6— Geſichtern loderte wildes Feuer, in ihren Herzen war Mord und Todtſchlag. Und die Flammen tanzten und hüpften weiter in Städte und Dörfer, auf alle Land⸗ ſtraßen und Seitenwege, und ſie breiteten ſich aus, daß das ganze Land von ihnen erfüllt wurde.“ „Das iſt eine ſeltſame Geſchichte,“ ſprach die Counteß.„Dieſe Flamme muß denn in der Phiole geweſen ſeyn. Muß denn alſo doch einen Zauber enthalten haben?“ „Das iſt ſchwer zu beſtimmen. Die Phiole war ganz kugelrund, nicht viel größer als ein Apfel mit einem Kreuze darauf. Ward auch Reichsapfel genannt, dieſe Phiole. Und ſagen Welche, daß ſte einen Zau⸗ bergeiſt enthalte, genannt das göttliche Recht oder die göttliche Gnade; Andere, daß es das legitime Recht ſey. Wieder andere halten dafür, es ſey darin ver⸗ ſchloſſen eine höchſt geiſtige Subſtanz, raffinirt ſeit Jahrhunderten— ein Zaubergeiſt, der ſeinen Beſitzer zum unwiderſtehlichen Meiſter über die dem Zauber Unterworfenen mache; ſo wie er im Gegentheil, wenn er nicht ſorgfältig aufbewahrt wird, die Menge ſucht und Millionen die Köpfe verbrennt, auch ſich ſchwer wieder einfangen läßt. Noch Andere meinen, es ſey — 202 6— der ſogenannte revolutionaire Geiſt, den auch Mehrere den Zeitgeiſt heißen, in die Phiole gebannt. Iſt auch eine vierte Partei, die da behauptet, das Ganze ſey, was wir humbug nennen; aber dieſe Letztern gelten hier zu Lande für wenig beſſer, als Ungläubige. Daß irgend Etwas dahinter ſtecken müſſe, dafür bürgt wohl am meiſten der Umſtand, daß jene alten Herren, die dieſe Phiole noch ganz und ungebrochen beſitzen, eine wahre Zaubergewalt über ihre Völker haben, ſo zwar, daß dieſe ihnen nicht nur Hab und Gut, ſondern auch Leib und Leben, kurz Alles aufopfern— und dabei noch gloriren.“ „Haben wir eine ſolche Zauberphiole?“ fragte der Earl gähnend. „Es iſt wirklich eine bei Euch vorhanden,“ erwie⸗ derte Morton;„aber ſie iſt ſo geflickt und reparirt, daß von ihrer urſprünglichen Form wenig oder gar nichts mehr übrig geblieben iſt. Iſt mehrmal zer⸗ brochen worden und der Zaubergeiſt ausgefahren, iſt aber ſorgfältig von Euren Emiren, Vezieren und Muftis aufgeſammelt worden, die ſich nun damit güt⸗ lich thun; ja, thun, was kein Sultan in ſeinem Lande thun dürfte;— ſagen zwar, ſie bleiben innerhalb des Geſetzes und ſeiner Schranken; bedanke mich aber für Schranken, die Tom ſelbſt gemacht und alſo über⸗ ſpringen kann, während ich mir die Naſe daran zerſtoße. Soll auch über dieſen Zaubergeiſt⸗Diebſtahl Eurer Muftis und Emirs ein blutiger Krieg ausgebrochen ſeyn, der Hunderttauſenden das Leben gekoſtet, der aber, ſagen unſere alten Bücher, zum Heile der Menſch⸗ heit glücklich die Flämmchen der Zauberphiole in Eurer Verwahrung belaſſen hat.“ „So;“ ſagte der Earl. „Haben ſich jedoch ſeit einiger Zeit Roſtflecken an die glänzende Kugel geſetzt, die ungeachtet aller Mühe, die man ſich gibt, nicht wegzubringen ſind, die aber, verſichert der Mufti, leicht durch Rebellenblut wegge⸗ beizt werden.“ „Aber Morton!“ ſchrie Flirtdown,„wie kannſt Du nur ſolchen Unſinn zuſammenſchwatzen?“ „Dann ſollte man,“ meinte der Earl,„bei nächſter Gelegenheit den Verſuch machen. Gibt ſo ſchöne Gelegenheiten, und es iſt von Wichtigkeit, daß dieſe Phiole auch in ihrer ganzen Reinheit erhalten werde. Nicht wahr, meine Theure?“ wandte er ſich an die Counteß.. —=o 204— „Ohne Zweifel, mein Theurer!“ „Aber nun ſagen Sie doch, Beſter,“ ſtammelte der alte Earl,„ob dieſe Flammen und Zungen noch weiteres Unheil unter der ungewaſchenen Menge an⸗ richteten?“ „Ja wohl richteten ſie Unhbeil an,“ lachte Morton. „Entſetzliches Unheil, das mögt Ihr wohl glauben. Wo ſie immer hinkamen, dieſe feurigen Zungen, da wurden die Leute entbrannt und wütheten und tobten. Sie ſchlugen zuerſt, wie Verzweifelnde, laute Lachen auf, und dann erhoben ſie ein Geſchrei, ein Geheul, und ſtürzten umher, und griffen nach dem Erſten, Beſten, was ihnen unter die Hände kam und dann begann der Row in vollem Ernſt.“ „Was iſt ein Row?“ „Je nun, ein Row iſt, wo man ſich die Hälſe und Beine bricht und man mit Prügeln, Knitteln und Pfla⸗ ſterſteinen, auch Bank⸗ und Stuhlfüßen, alten Degen, Musketen ohne Schlöſſer und dergleichen ſicht, bis man eindringlicherer Dinge habhaft werden kann. Iſt recht lieblich zu ſchauen ein derlei Row. In dieſem Falle jedoch war es ein Bischen zu toll; denn die Leute begannen in vollem Ernſte gegen die Trabanten des — o 205— alten Herrn zu fechten, und ſeinen Janitſcharen, Spahis und Söiden ging es übel. Mehrere Tage dauerte dieſer Row, der zur Schlacht geworden war; und als die Schlacht vorüber war, ſah man auch von dem Alten und den Seinigen keine Spur mehr in dem großen Hauſe; war mit allen ſeinen Söiden und Bonzen und Muftis verſchwunden. Ehe er geflohen, hatte er die Fragmente der Phiole ſorgfältig geſammelt und ſie in ſeinem Buſen recht ängſtlich verwahrt;— aber der Geiſt war entwichen, entwichen auf eine Weiſe, die wirklich ſchrecklich für den alten Mann ſeyn mußte; denn die Flammen umkreisten und umtanzten ihn in ſo hölliſcher Bosheit, daß es ſchien, jede derſelben ſey eine Dämonszunge, und ziſchten dieſe Flammen, wie Schlangen ziſchen, und brannten und ſtachelten ihm Löcher in ſeinen Rücken, ſo daß er es ſchier nicht mehr aushalten konnte und von der Stadt weg mußte. „Es war ſeltſam zu ſchauen, glaubt mir— gräß⸗ lich, wie er ſchritt, die tauſend und tauſend Flämmchen ihn umziſchend, und er ſich ihrer erwehrend auf alle Weiſe, und die Scherben ſeiner zerbrochenen Phiole darſtreckend, in der Meinung, daß die Flaͤmmchen ſich ſammeln laſſen werden;— aber nichts dergleichen; — 0 206— verbrannte ſich nur die Finger, ja Hände;— ziſchten ſo teufliſch an ihn heran dieſe Flämmchen und Züngelchen, daß ſie ihm eine Menge Löcher in den Leib brannten. Sie leckten ihn an und umtanzten ihn, und umziſchten ihn, und trieben ihn fort, bis er an den Meeresſtrand gekommen war; da hoffte er Ruhe zu finden. Vergeb⸗ liche Hoffnung! Als er im Angeſichte des erbſengrünen Waſſers angekommen war, rang er die Hände, und daſ⸗ ſelbe that ſeine Familie, und beſonders eine alte Frau, die geſcheidter war, als die ganze Familie zuſammen genommen; und eine junge, die, wie wir ſagen, giddier war. Half aber Alles nicht. Er mußte fort, und ſie mußte fort, über See in ein anderes Land, wo ſie ſchon einmal geweſen, und wo ſie wieder ihr Abſteigequartier nahmenz die Flammen noch, obwohl nicht mehr ſo ſtark, um ſie herum ziſchend; immer aber trieb ſie's noch vor⸗ wärts, ruhelos— raſtlos. Es war erbärmlich zu ſchauen, wie der alte Mann mit ſeinen langen Beinen vorwärts ſchritt— Schritt für Schritt, nimmer ruhend, nimmer raſtend. Er fing nun an ganz und gar melan⸗ choliſch zu werden, was bei Leuten ſeines Standes und Volkes nicht oft der Fall iſt. Ganz traurig war er ge⸗ worden. Seine einzige Hoffnung waren noch die Frag⸗ — — d 207 6— mente der Phiole, mit denen er vor dem alten Herrn, der im Lande herrſchte, und ſeinem fatalen Vezier zu erſcheinen gedachte; denn dieſer Vezier war, wie Ihr nun wohl merken werdet, mit ſeinen guten Rathſchlägen wohl die ganze Urſache des Unglückes geweſen. Und ſo erſchien er wirklich vor dem alten Herrn und dieſem Vezier, und erinnerte ihn an die Freundſchaft, die zwiſchen den Familien beſtanden, und den Beiſtand, den einſt einer ſeiner Vorfahren dem ſeinigen geleiſtet, und wie er die Phiole zerbrochen, und nun hoffe, daß er ihm wieder helfen werde, ſie zu repariren.“ „Und der alte Herr— 2 „Zeigte ſich auch nicht ganz unwillig, und ſo der Vezier, der da glaubte, man müßte ſogleich an's Werk und die Phiole wieder ganz zu Stande bringen, und mit dem Rebellenblute von ein paarmalhunderttauſend Kö⸗ pfen ließe ſich ſchon das Ganze wieder zuſammenklei⸗ ſtern. Rief auch deßhalb die Seckelmeiſter, um zu hören, ob ſie Geld zu dieſer Reparatur hergeben würden.“ „Und?“— fragte der Earl. „Die kratzten ſich aber hinter den Ohren, und ſagten, die vorige Reparatur habe ihnen ſo viel Geld gekoſtet, daß ſie mehr Goldpfunde ſchuldeten, als ſte Alle zuſam⸗ —=b 208— mengenommen Haare auf den Köpfen hätten. Und ſie müßten nun dieſer Reparatur wegen das Volk brum⸗ men hören, und das wollten ſie nicht.“ „Und der Vezier— 24 1 „Schnitt Geſichter, und ſagte ihnen, wenn ſie nicht wollten, ſo ſollten ſie v—t ſeyn, und es bleiben laſſen.“ „Und wurden die Seckelmeiſter über dieſe derbe Ant⸗ wort böſe und ſagten, ſie wollen nicht länger einen ſol⸗ chen Vezier haben, und bedeuteten ihrem alten Herrn, er ſolle ihm ſofort den Dienſt aufkünden, denn ſie woll⸗ ten nichts mehr mit ihm zu thun haben; auf alle Fälle wollten ſie keine twopence zur Reparatur der alten Phiole geben; und ſie dankten ihm gar nicht dafür, daß der Vezier dem Herrn den geſcheidten Rath gegeben.“ „Was ging das ſie an?“ „Je nun, weil ſie Seckelmeiſter waren, aber nicht gewählt von dem Volke, ſondern von den Emirs und Bonzen, und ſo den Seckel ſo ziemlich nach ihrer Will⸗ kür verwalteten, auch ſich dabei ſehr wohl befanden; nun aber die Flämmchen auch ihre Leute rebelliſch zu machen anfingen, ſo zwar, daß ſie andere Seckelmeiſter haben, und nichts mehr von denen der alten Muftis und Emirs wiſſen wollten. Wie geſagt, die Flämmchen — e 209 e-— tanzten immer weiter, Tauſende von Meilen, in alle Länder, und verrückten den Leuten die Köpfe, und richteten unglaubliche Verwirrung an. An einigen Orten trieben die toll gewordenen Leute ihre Seckel⸗ meiſter weg, an andern ihre Veziere, ihre Emire, und ſelbſt ihre alten Herren. Ueberall ward mehr oder weniger Blut vergoſſen, und den Vezier ſelbſt machte die Flamme von ſeinem Vezierſtuhle tanzen.“ „Und der alte Herr— 24 „Hatte weder Ruhe noch Raſt, und die Flammen trieben ihn weiter in ein kaltes troſtloſes Land und ein troſtloſeres altes Schloß, wo einſt eine Familie gehauſet, die gerade daſſelbe Schickſal gehabt und zweimal ihre Phiole zerbrochen, worüber Einer der Ihrigen gleichfalls den Kopf verloren. Da nun ver⸗ barg ſich der alte Herr, der aber kein Herr mehr war; und— ſonderbar, die Flammen lagerten ſich in eini⸗ ger Entfernung, aber im Schloſſe ſelbſt und der Stadt hatte er Ruhe. Iſt nämlich ein ſehr bedächtiges Volk das Volk, das da hauſet, dreht den Schilling zehnmal um, und fürchtet einen Row wie das hölliſche Feuer, nicht von wegen der blutigen Köpfe und zerſchlagenen Glieder, aber von wegen der Schillinge, die es koſtet, Morton. II. 14 —" 210— ſie wieder ganz zu machen, und welche Schillinge der Shawney*) nicht gerne weg gibt.“ „Und die Flamme im Lande des alten Mannes— 24 „Brennt fort und fort lichterloh, und ſetzt ſich auf die Köpfe; und wenn ſie das Gehirn aus dieſen her⸗ aus gebrannt hat, fährt ſie wieder auf andere, und richtet immer mehr und mehr Unheil an. Iſt aber ein Couſin des alten Herrn da, von dem man ſagt, daß er das Gras wachſen hört und weit ſieht, und der einigermaßen an der Halsſtarrigkeit der Seckel⸗ meiſter mit Schuld ſeyn ſoll, ſo wie denn ſchon ſein Vater, ſelig kann man wohl nicht ſagen, an dem Bruche der erſten Phiole mehr Antheil hatte, als— war ein kurioſer Blutsfreund. Auch der Sohn iſt ein ſeltſamer Herr, und ſeine Zunge iſt noch ſeltſamer, ſagt ein alter Fuchs, der bereits dreizehnmal den lie⸗ ben Herrgott en cavalier behandelt.“ „En cavalier behandelt— 2 „Das heißt, ihm etwas verſprochen, und nicht ge⸗ halten hat.“ „Und was iſt das für eine Zunge?“ „Eine Zunge, die ganz das Gegentheil von den *) Spottname der Schottländer. — 211— Zungen anderer Leute iſt, die die ihrigen haben, um, wie Ihr wißt, ihre Gedanken zu offenbaren, während er die ſeinige gebraucht, ſie zu verheimlichen.“ „Und wird,“ fragte die Counteß,„dieſer Brand noch lange währen?“ „Wohl haben Veziere und Muſtis und die Alten von den Bergen und den Thälern Tag und Nacht ſich abgemüht, des Brandes Meiſter zu werden; ob es helfen wird, muß die Zeit lehren. Verbreitet ſich immer mehr und mehr— macht die große Tour. Hoffen zwar die Leute, daß, ſo wie die Flammen wei⸗ ter hinauf gegen Norden kommen, ſie in den eiſtgen Dünſten dieſer Polarländer erlöſchen werden; muß aber die Reihe zuvor an Euch kommen.“ „Cut that longwinded Yankee;“*) ſchnarrte eine Stimme aus der hintern Ecke des Saales heraus. „Glaube gar, er erlaubt ſich Anſpielungen.“ „Bei Jove!“ ſchrie ein Anderer.„Ich glaube, Du haſt Recht Meadville. Wollen'mal den vulgären Burſchen zur Thüre hinaus werfen.“ „Ihr mich zur Thüre hinauswerfen!“ ſchrie Mor⸗ *) Mag nicht länger dieſen langweiligen Yankee. 14* — 212 6— ton.„Mich, der die Phiole hat! Ich habe die Phiole, heda— holla!“ „Wach' auf, Morton!“ ſchrie Flirtdown,„Du ſprichſt im Schlafe— Du träumſt wachend— Du ſiehſt Geiſter. Mit Einem Worte, Du haſt einen kapitalen Rauſch.“ „Rauſch!“ ſchrie Morton,„mind what you say Flirtdown! Ich, einen Rauſch!“ „So halt doch ums Himmels willen das Maul, Du biſt in einem fremden Hauſe.“ „Pah! bin in meiner Inn, und ſoll ich mir in meiner Inn nicht gütlich thun?“ Und ſo ſagend ſprang er auf, und ergriff eine der vollen Bouteillen. „Meine Phiole, meine Phiole!“ Und die Lords ſprangen herbei, um ihm die Bou⸗ teille zu entreißen. „Habe die Phiole,“ ſchrie Morton.„Was iſt das?“ Und plötzlich ſtand er ſtill, und die Augen des Jüng⸗ lings öffneten ſich weit, und drehten ſich im Kreiſe. „Das iſt der Vezier, das iſt der Flachkopf,“ mur⸗ melte er Flirtdown zu. „Zum Teufel mit Deinen Narrheiten.— Der H-g iſt's— der P-r iſt's— der Prinz— a— iſt's— der Marquis von Ce iſt's. Denke doch an Deinen öffentlichen Charakter.“ Und Morton ſtand ſtier und ſtumm, und ſchaute die drei Großen mit einem unbeſchreiblichen Blicke an. „Prachtvoll Mister Morton,“ ſprach der H— g, und das ätzend ſaure Geſicht verzog ſich in ein höhniſches Lächeln,„haben Ihre ganze Story hinüber gehört.“ „Unvergeßlich haben Sie den longwinded Yankee producirt,“ lachte der Marquis von C—e;„habe noch immer eine trübe Erinnerung ſeit meinem Aufenthalte in Newyork.“ „Quel drôle de conte?“ kicherte der Prinz.„Ab, mon cher Morton!“ Morton rieb ſich die Augen, und ſah den drei Großen mit offenem Munde nach „Wo kommen Dieſe her?“ „Pah! ſpielten im Nebenkabinete Ecarté; hörteſt Du ſie nicht? Du kömmſt mir vor, Morton, als ob Du in Deinem Leben noch nie einen Rauſch gehabt hätteſt.“ Und die Sonne brach herein durch die Gardinen, und in ihren Strahlen erbleichte die nächtliche Pracht— die —= 214 6— jugendlichen Geſichter wurden zu gräulichen Larven— die herrlichen Formen zu geſpenſtiſchen Nachtgeſtalten. — Noch einen Blick warfen ſie auf einander— ein grauſig wildes Gelächter ſchallte durch die öden Säle, und dann fuhren Alle, wie gepeitſcht von unſichtbaren Händen, aus den Thüren und Thoren hinaus. ** . Es war unter ſonderbaren Gefühlen, daß Morton den folgenden Abend in das Appartement des Geld⸗ mannes eintrat. Er ſaß in ſeinem Fauteuil. Ein kleiner Tiſch ihm zur Seite, über welchen ein weißes Tuch gebreitet war. Kein Zug war verändert in dem impaſſablen Geſichte. Er winkte dem Jüngling, Platz zu nehmen. „Ah, Sie haben geſtern aus der Tiefe Ihres Ge⸗ müthes koloſſale Geſtalten heraufbeſchworen. Nur im höchſten Sinnestaumel können ſolche Träume ſich geſtalten und in's Leben treten. In vino veritas, Mister Morton, ſagt ein altes Sprichwort.“ Der Jüngling ſchwieg. „Aus Ihnen hat die Stimme Gottes— verſtehn Sie, unſeres Gottes, des Erden⸗ gottes— geſprochen. Sie ſind voll von ihm. —= 215 6— Jetzt noch an Ihrer Tüchtigkeit zur Voll⸗ bringung des großen Werkes zu zweifeln, wäre Sünde. Sie ſind hiermit Einer der Unſrigen.— Ihre Lehrzeit iſt vorüber.“ „Ihre Inſtruktion.“ Und mit dieſen Worten zog er das Tuch von dem Tiſche weg; ein Bogen Seidenpapier lag auf demſelben. Morton warf einen Blick darauf, und ein leichter Schauder durchfuhr ihn, Ein Pinſel, gegen welchen der grell ſcharfe Crayon Cruickshanks ein bloßer Kritzel war, hatte in phantaſtiſcher Laune Karrikaturen dar⸗ auf gezeichnet, die ihn einen Augenblick erſtarren machten. Es war der knochig hagere Alte, wie er ihn geſehen, fortſchreitend mit ungeheuern Schritten, um⸗ tanzt, angeleckt von der Flamme; ihm zur Seite hohnlachend der H— g.— Darunter ſtand Wort für Wort, was er im Nachtrauſche geſprochen. Er ſah den Alten ſprachlos an. „Das iſt Ihre Inſtruktion. Trauen Sie, dem Gott, den Sie in Ihrem Innern tragen, und bauen Sie auf, was Sie aus den Tiefen Ihres Gemüthes heraufbeſchworen.“. —= 216— „Sie gehen morgen nach Paris; Ihre Equipagen werden Sie in Calais treffen.“ „Hier ſind zwei Schreiben für Sie.“ Eines war vom alten Stephy, der ihn zu ſeinem Bevollmächtigten ernannte, das andere vom alten Isling, in welchem der wackere Deutſche ihn benach⸗ richtigte, daß ſein Cyrus nach ſeiner gänzlichen Her⸗ ſtellung auf den Longisland Races ſechzigtauſend Dollars gewonnen, und zwar Eines gegen Zehn ge⸗ wonnen, daß dieſe Summe, nach Abzug von ſechs⸗ tauſend Dollars, zu ſeiner Dispoſttion bereit liege. Einen Augenblick ſtand der Jüngling in tiefes Sinnen verloren.— Weit herüber vom Weſten lä⸗ chelte ihm in den Strahlen der untergehenden Sonne das heitere, tugendhafte Familienpaar mit der reinen, idealiſchen Jungfrau an— Sie, die Hände bittend erhebend. Aber vor ihm ſtand der Höllengott in ſei⸗ ner ganzen Herrlichkeit. e ³„Ich habe mich ihm verſchrieben,“ murmelte er ſich dumpf zu.„Ich will ſein eigen ſeyn. Morgen gehe ich nach Paris.“ Ende. ſſn 10 11 [nnnſnnmmſnn 15 16 17 ſſſſſ 8 Mrammxxm 8 9 [nnnſinnſſſſ 12 13 14 1 v 8 wela ee 9 L EEE 3 4 8* 4 ““ — 2