deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 1 Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Leih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em.)— 2 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens pf“ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 141 — 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſe eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ) d beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1. Mer.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 3 ] ſ * 3. Auswuärtige Aponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Er brachte transatlantiſche Reiſeſkizzen, Bilder, die mit glühen⸗ den, ja brennenden Farben dem Beſchauer entgegen⸗ leuchteten, Naturmalerei in des Wortes höchſter Be⸗ deutung, vor der Humboldt's Schilderung jener Gegen⸗ den wie eine blaſſe Aquarellmalerei zurücktrat. Dieſen Skizzen folgten Romane, gewaltige Geſellſchaftsbilder, Schilderungen politiſcher Zuſtände, wo Völker aus primitiver Form heraus im großartigen Kampf nach höherer politiſcher Geſtaltung ringen. Die Länder ſeiner Vorliebe waren die Südſtaaten Amerikas, Texas, Louiſiana, Mexico. Die Felseinöden der Cor⸗ Sealsfield, Die Grabesſchuld. 1 . 2 dilleren, über die, wenn die Sonne geſunken, das Sternbild des Kreuzes aufgeht, die Steppen von Texas, in deren Unermeßlichkeit ſich der Schritt verliert, die Urwälder mit ihren Niederlaſſungen, das von finſtern Geiſtern bewohnte Paradies von Mexico, ſchön und furchtbar zugleich, das Alles ſtand mit den Farben des lebendigſten Realismus vor unſern Augen. Der Au⸗ tor war aber auch in den Salons der engliſchen Welt⸗ ſtadt ebenſo zu Hauſe wie in den Schiffervierteln von Newyork, wo er uns die Zuſtände deutſcher Auswande⸗ rer ſehen ließ. Niemand vor ihm hatte das gemalt oder ſo gemalt. Vor allem war Cooper, der vielge⸗ leſene, überboten und einer Zeit, die ſo gern aus der einengenden Umgebung und dem Druck des patriarchalen Abſolutismus nach Amerika als einer neuen Welt hin⸗ überblickte, eine weite, unendlich feſſelnde Perſpective eröffnet. Doch gehörte dieſer Schriftſteller, deſſen Werke in deutſcher Sprache erſchienen, wirklich Deutſchland an? Seine Signatur blieb, auch als er 1845 in der neuen Ausgabe ſeiner geſammelten Werke mit dem Namen Charles Sealsfield hervortrat, eine räthſelhafte. War er ein Engländer oder ein Amerikaner? Waren dieſe deutſchen Bücher Originale oder Ueberſetzungen — * — — 3 aus dem Engliſchen? Man wußte gar nichts über des Autors Abſtammung. Als St. René Taillandier ihn in der„Revue des deux Mondes“ beſprach, ſagte er: „Ich weiß nicht, ob Herr Sealsfield aus den Nord⸗ oder Südſtaaten Amerikas ſtammt, einige ſeiner Er⸗ zählungen ſpielen in Newyork und in Philadel phia, andere in Louiſiana und Arkanſas. Ich möchte zu der Anſicht hinneigen, daß er in den Südſtaaten und zwar in dem ſchönen Louiſiana geboren ſei, welches er mit ſolcher Vorliebe beſchreibt, nicht fern vom Miſſiſſippi, welcher ihm ſo viel bewunderungswürdige Gemälde geliefert.“ Wirklich ſchien er weder ſeiner Bildung noch Abſtammung nach ein Deutſcher. Solche Be⸗ herrſchung des fremdartigſten Stoffes, ſolcher Einblick in wirre, chaotiſche, bisher faſt unbekannte Verhältniſſe ſchienen gegen die Annahme zu ſprechen, daß Seals⸗ field als Eingewanderter oder gar nur als Touriſt an das Werk ſeiner Schilderungen gegangen. Immer leuchtete ein Stolz auf Amerika durch, überall ſchien ein Bürger des amerikaniſchen Staatenbun⸗ des zu reden, der ſeine Nation für die erſte der Welt hält, der nur Amerikaner, Briten und höchſtens noch Franzoſen als Völker gelten läßt, deren Geſchichte werth iſt, daß freie Männer ſie leſen. Warum aber 1* ſtarkem Geſicht, etwas hervorſtehenden Backenknochen, 4 miſchte ſich immer ein ſo bitterer, herber, ſchmerzlicher Ton ein, wenn er von Deutſchland ſprach, der Nation, „die aller Welt Schmerzen und Nöthen kennt und fühlt, nur nicht die eigenen“? Wie konnte er unſere Zuſtände ſo genau kennen, wenn er wirklich aus ame⸗ rikaniſchen Zuſtänden hervorgegangen war? Warum ſchilderte er die Erniedrigung deutſcher Einwanderer und ihren Knechtsſinn,„der ſich mit Füßen treten läßt, wie er es daheim gewohnt“, mit einer ſo eigenthüm⸗ lichen Ergriffenheit? Indeſſen lebte der Autor, den man vordem, ſo⸗ lange ſeine Bücher noch anonym erſchienen, den großen Unbekannten nannte und jenſeits des Oceans ſeßhaft wähnte und der, ſeitdem er ſich jetzt als Charles Sealsfield enthüllt hatte, auch nur einem kleinen Kreiſe von Menſchen bekannt war, die längſte Zeit in der Nähe Deutſchlands, in der nördlichen Schweiz. Er war, nachdem er zuerſt einige Jahre in Tägersweilen im Kanton Thurgau, dann in Feuerthalen bei Schaff⸗ hauſen faſt unbekannt gelebt, im Jahre 1833 nach Zürich gekommen, wo er ſich bei einem Gemeindebe⸗ amten in Unterſtraß bei Zürich einquartierte. Er war ein Mann von militäriſchem Ausſehen mit breitem, — — 7 mit Schnurr⸗ und Backenbart, der deutſch ohne jeden Dialekt ſprach und keinem Amerikaner gleich ſah. Er hatte im höchſten Grade einſiedleriſche Gewohnheiten, beſuchte nie öffentliche Orte, liebte es, einſame Spa⸗ ziergänge zu machen und den Abend zu Hauſe zuzu⸗ bringen. Herkunft und frühere Laufbahn pflegte er nie zu berühren. Alles, was er denjenigen Perſonen, zu denen er in näherer Beziehung ſtand, ſagte, war, daß er einige Jahre Redacteur eines großen politiſchen Blattes in Newyork geweſen und Grundeigenthümer in Louiſiana ſei. Hier in Zürich, wo er mehrere Jahre lebte, hatte er den„Legitimen und die Repu⸗ blikaner“, den„Virey“ und die erſten Bände der„Le⸗ bensbilder aus beiden Hemiſphären“ herausgegeben, von hier aus leitete er auch die Geſammtausgabe ſeiner Werke. Er war nur mit vieler Mühe zu bewegen ge⸗ weſen, dieſer Publication ſeinen Namen beizuſetzen. Dreimal unterbrach er ſeine ſchweizer Zurück⸗ gezogenheit durch Reiſen nach Amerika— 1837, 1850, 1859— um ſeine Plantage in Louiſiana zu beſuchen, deren Werth ſich ſeit dem Ankauf, wie er gelegentlich einmal äußerte, verzehnfacht hatte. Dreimal kehrte er zurück. Willens, ſein Leben auf ſchweizer Boden zu beſchließen, hatte er ſich jetzt unweit Solothurn ein 6 Bauernhaus, unter den Tannen genannt, ge⸗ kauft. Hier arbeitete er noch mehrere Werke zum Drucke aus, aber ſie erſchienen nicht, denn er wurde von keiner Seite mehr darum angegangen. Er war ſeit dem Jahre achtundvierzig dem Publikum aus den Augen gekommen. Die Ereigniſſe hatten die Aufmerk⸗ ſamkeit ganz von ihm abgelenkt, man bekümmerte ſich nicht mehr um ihn. Ohne literariſche Freunde, außer⸗ halb jeder Coterie ſtehend, außer Zuſammenhang mit tonangebenden Blättern, kam er allmälig in Vergeſſen⸗ heit. Andere Schilderer Amerikas traten auf und drängten ihn in den Hintergrund, obgleich ſie, mit ihm verglichen, nur Schüler und ſeine Nachahmer waren. Der erſten Geſammtausgabe war keine weitere nachgefolgt. Die Zurückgezogenheit und Abgeſchiedenheit des alten Hageſtolzen war, ſeitdem er im Bauernhaus „unter den Tannen“ wohnte, eine noch tiefere und vollſtändigere als ehedem, kaum daß er dann und wann mit einem der angeſeheneren Männer von Solo⸗ thurn zuſammenkam. Doch war er keineswegs ein Menſchenfeind, wofür man ihn hielt, weil er, ſeiner leidenden Augen wegen, die Fenſterladen geſchloſſen * 7 7 ließ, als ob er die Menſchen nicht ſehen wollte. Im Gegentheil, die wenigen Perſonen, die ihn beſuchten, fanden eine freundliche Aufnahme in ſchlichten, beinahe patriarchaliſchen Formen. Er machte jetzt noch mehr als ſonſt den Eindruck eines quiescirten Militärs. Das ergraute Kopfhaar war kurz geſchnitten, der Schnurr⸗ bart mit der Scheere kurz zugeſtutzt, die tiefliegenden, ſcharfblickenden Augen ſchauten hinter einer goldenen Brille hervor. Er wohnte beinahe einſiedleriſch im Hauſe und hatte manche Eigenthümlichkeit. So konnte er ſich nicht entſchließen, ſein Portrait in die Welt zu ſchicken, wiewohl er darum öfter von Zeichnern ange⸗ gangen worden war. Er ärgerte ſich über das Glocken⸗ geläute der in der Nähe ſeines Häuschens gelegenen Klöſter und wich auf ſeinen Spaziergängen katholiſchen Geiſtlichen ſorgfältig aus. Er arbeitete noch an einem Roman„Oſt und Weſt“, den er als Seitenſtück zu ſeinem großartigen Werke„Süden und Norden“ bezeichnete; der Buch⸗ handlung, welche ſeine Geſammtausgabe herausge⸗ geben, kündigte er das Buch als dreibändig und be⸗ reits fertig an; man bekam es aber nicht zu ſehen. Gegen Ende 1863 hatte er zu kränkeln begonnen; er hatte nun ſchon die Siebzig überſchritten. Ein Unter⸗ 24 8 leibsleiden warf ihn aufs Krankenlager; nach langen und ſchmerzlichen Leiden ſtirbt er unter fremder Hände Pflege am 28. Mai 1864. Sein Tod hatte eigentlich erſt wieder auf ihn aufmerkſam gemacht. Er war den Zeitgenoſſen ſo aus den Augen gerückt geweſen, daß die meiſten der Anſicht waren, der Verfaſſer der„Lebens⸗ bilder aus beiden Hemiſphären“, Charles Sealsfield, ſei längſt in ſeine Heimat jenſeits des Oceans zurückge⸗ kehrt und dort verſchollen. Sein Leichnam war auf dem Nikolaikirchhof bei Solothurn bereits beigeſetzt, als ſein Teſtament eröff⸗ net wurde. Es fanden ſich darin folgende merkwür⸗ dige und überraſchende Beſtimmungen: „Ich, Charles Sealsfield, Bürger der Vereinigten Staaten, bezeichne als meine Haupterben die ehelichen Nachkommen des Anton Poſtl und ſeiner Ehefrau Juli⸗ ana, geborenen Rabel, wohn⸗ und ſeßhaft zu Poppitz im Markgrafenthum Mähren, Znaymer Kreiſes, Herr⸗ ſchaft Pöltenberg, im Kaiſerthum Oeſterreich, der in den Jahren 1810 und früher bis 1820 und ſpäter im benannten Orte eine bedeutende Landökonomie beſaß, Ortsrichter und Vorſtand der Gemeinde und Vater von ſieben Kindern war, darunter fünf Söhne und zwei Töchter. 9 Die Söhne und Töchter dieſer beiden Eheleute erben nun jeder und jede einen Haupttheil der Erbſchaft. Sollte jedoch einer dieſer fünf Söhne oder zwei Töch⸗ ter mit Tod abgegangen oder ſonſt abhanden gekom⸗ men ſein, ſo fällt ſein Hauptantheil ſeinen Kindern zu, und ſollten auch keine Kinder vorhanden ſein, den üb⸗ rigen Söhnen und Töchtern der Familie und ihren Kindern, mit Ausnahme jedoch zweier Jünglinge, die zwar in dieſe Erbſchaft eingeſchloſſen, zu deren Gun⸗ ſten aber Verfügungen getroffen ſind, die ſofort be⸗ kannt gemacht werden ſollen. Beſagte zwei Jünglinge haben folgende Eigenſchaften zu beſitzen: ſie müſſen eheliche Nachkommen des Anton und der Juliana Poſtl, dürfen nicht über zwanzig und nicht unter fünf⸗ zehn Jahre alt, müſſen geſund, mäßig und unverdorben ſein. Dieſelben erhalten, ſowie ihre Luſt und Taug⸗ lichkeit conſtatirt iſt, nach den Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern und ſich dort eine neue Exiſtenz zu gründen, behufs dieſer Auswanderung und der erſten Aufenthaltskoſten die nöthigen Summen aus dem teſtamentariſchen Nachlaſſe durch den Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker Nationalrath Peyer in Hoff bei Schaffhauſen, welcher ihnen überdies die nöthigen Auswanderungs⸗ anweiſungen ertheilen wird“ u. ſ. w. 10 So das Teſtament. Und da wir ſo weit gekom⸗ men, wollen wir uns in Poppitz umſehen und ältere Leute fragen, was ſie von Anton Poſtl und ſeiner Ehefrau Juliana, geborenen Rabel, wiſſen; dann wird ſich von ſelbſt erklären, wer Charles Sealsfield ge⸗ weſen. II. Das Dorf Poppitz, eine Stunde von Znaym ent⸗ fernt, liegt beinahe verborgen in einem Thalkeſſel, von Obſtbäumen und Weinbergen umgeben, inmitten rei⸗ cher Saatfelder. Die Häuſer ſind ſauber gehalten und machen auf den Beſchauer einen freundlichen Eindruck. Die Bevölkerung iſt deutſch. Der Pfarrkirche gegenüber liegt ein ebenerdiges, ziegelgedecktes Wohnhaus, vor welchem ſich ein Blu⸗ mengärtchen befindet. Das Innere des Gebäudes, das die Nummer 56 trägt, unterſcheidet ſich in nichts von der Bauart eines gewöhnlichen Bauernhauſes. Ein ſchmaler Gang zieht ſich durch daſſelbe, zu deſſen beiden Seiten ſich niedere Stuben befinden. Rückwärts ſchließt ſich ein mit Wirthſchaftsgeräthen bedeckter Hof 42 dem Vordergebäude an, im Hintergrunde ſteht das Preßhaus. Alles befindet ſich ganz in demſelben Zuſtande, in welchem es vor fünfzig Jahren ge⸗ weſen. In dieſem Hauſe lebte der Mann, deſſen das Teſtament Sealsfield's erwähnt, der Ortsrichter und Ge⸗ meindevorſtand Anton Poſtl. Er war ein Bauern⸗ ariſtokrat, der in ſeinem kleinen Bauernbeſitzthum ein ſtrenges Regiment führte. Aeltere Leute erinnern ſich noch ſeiner als einer ziemlich großen Geſtalt mit ſcharf ausgeprägten Zügen, corpulent, meiſt in einem dunk⸗ len Bauernrock, Sammtmancheſterhoſen, Schnallen⸗ ſchuhen. Er war ein jähzorniger Charakter, der lieber gefürchtet als geliebt ſein wollte. Wenn er ſeinen Weg durchs Dorf nahm, grüßte Alt und Jung ehrer⸗ bietig, denn man hatte Beiſpiele, daß der geſtrenge Herr Ortsrichter den Haslinger gern ſchwang. Selbſt die eigene Familie fühlte nicht ſelten die ſchwere Hand des grimmen Haustyrannen. Der alte Ortsrichter hatte, wie das Teſtament ganz richtig ſagt, fünf Söhne und zwei Töchter. Der älteſte Sohn Karl war am 3. März 1793 geboren und kam auf das Gymnaſium nach Znaym. Er war ein ehrgeiziger Knabe, den die Ferien nicht freuten, 13 weil die tyranniſche Zucht, die im Vaterhauſe herrſchte, ihm dort den Aufenthalt verleidete. Das einzige Ereigniß, das der Gymnaſiaſt in der kleinen mähriſchen Kreisſtadt an der Thaja er⸗ lebt haben muß, iſt ein Bild der Napoleoniſchen Zeit. Am 17. November 1805 rückten die Chaſſeurs dort ein, die Garde du corps folgte und lagerte ſich auf dem obern Platze. Nachmittags um vier Uhr langte Na⸗ poleon an, enthuſiaſtiſch begrüßt von den Seinigen. Sicherlich trieb ſich damals das Studentlein unter den Kriegsleuten umher, ſicherlich fühlte es ſich da von den Schauern einer geſchichtlichen Epoche zuerſt erfaßt. Als der Knabe alle Klaſſen des Znaymer Gymna⸗ ſiums abſolvirt hatte, kam er ins Elternhaus zurück, trat vor die Mutter und fragte:„Mutter, was ſoll ich nun werden?“ Die Mutter erwiderte in großer Bewegung:„Müßt ich glauben, daß Du jetzt noch zweifelſt, was aus Dir werden ſoll, ſo würde mich jeder Kreuzer reuen, den wir an Dich wandten, und jede Entbehrung, welche wir uns auferlegten, Deine Studien möglich zu machen.“ Das war Antwort ge⸗ nug. Die Pfarrei Poppitz und die nahegelegene Propſtei Pöltenberg gehörten dem Orden der Kreuzherren, der, urſprünglich(1217), gleich dem der Templer und 44 Johanniter, zum Schutze der Pilgrime ins heilige Land geſtiftet, ſich ſpäter in einen Mönchsorden mit ziemlich freien Ordensregeln verwandelt hat. In dieſen ſollte Karl Poſtl, genügender Protection gewiß, eintreten. Es war, wie es ſo oft bei Müttern aus dem Bauern⸗ ſtande der Fall iſt, der ſehnlichſte Wunſch der Juliana Poſtl, ihren älteſten Sohn als geiſtlichen Herrn zu ſehen, in dieſem Falle als Kreuzherrn, im ſchwarzen Ta⸗ lar, das rothſeidene Kreuz auf der Bruſt. Der Sohn gab dem Willen ſeiner Mutter nach und trat 1813 als Novize in das Prager Ordens⸗ haus. Es iſt dies das ſchöne Kloſtergebäude in der Altſtadt zunächſt der Brücke, aus deſſen Fenſtern man die herrliche Ausſicht auf den Strom und den Hrad⸗ ſchin hat. Daran anſtoßend erhebt ſich die ſchöne Kuppelkirche zu St.⸗Franz, in welcher bei großen Feſten der Generalgroßmeiſter, mit dem Schwerte umgürtet, die Meſſe lieſt. Das Leben der Convents⸗ mitglieder iſt ein behäbiges und behagliches und ſcheint aller Aſkeſe und religiöſen Beſchaulichkeit fern zu liegen. Damit den Statuten genügt werde, die vom Orden die Pflege und Heilung der aus dem heiligen Lande kommenden Pilgrime fordern, hält das Kloſter als Pfleglinge einige alte Männer feſt, die ſich in rothe 15 Kittel kleiden müſſen und gleichſam als Exemplare einer ausſterbenden Menagerie im Kloſterhof auf und ab gehen. Im Uebrigen liefern großes Eigenthum an Grund und Boden, zahlreiche Bierbrauereien und der Beſitz der dem Stifte Tepel gehörigen Marienbader Quellen die Mittel und Unterlage einer bequemen und ſattſam materiellen Exiſtenz. So war und iſt noch heute das Kloſter, in wel— ches Karl Poſtl eintrat. Ein paar Jahre ſpäter wurde er zum Prieſter geweiht und hieß Secretariatsadjunct, bis ihn der Großmeiſter Köhler zum Ordensſecretär ernannte.. In dieſer Eigenſchaft wurde er eines Tages nach Poppitz geſchickt, um die dem Kreuzherrenſtift Pölten⸗ berg gehörigen und dort befindlichen Weinkeller zu vi⸗ ſitiren. Sein Auftreten dem Vater gegenüber, der als herrſchaftlicher Kellermeiſter ihm die Rechnungen vor⸗ zulegen hatte, war ein brüskes und herausforderndes. Er gerirte ſich als Befehlshaber und Vollmachtbeſitzer. Auf ſeinen Ausſpruch, er ſei als Obrigkeit gekommen, ſein Vater müſſe ihm Folge leiſten, gerieth dieſer in die größte Wuth. Seiner Sinne nicht mehr mächtig, ergriff er eine ſchwere Stange und verfolgte ſeinen Sohn, der ſich nur durch eilige Flucht rettete. 16 Es war dies eine der ernſteſten Begegnungen zwiſchen Vater und Sohn, aber auch die letzte. Der Ordensſecretär wurde in ſeinem Heimatsdorfe nie mehr geſehen. Ein jüngerer Bruder, Joſef, ſtudirte ſeit 1817 in Prag. Einmal, im April 1822, erhielt er den Beſuch ſeines Bruders, des Prieſters. Dieſer war in heftig⸗ ſter Aufregung. Er ſchilderte dem ängſtlich Zuhören⸗ den die innern Kämpfe, denen er erliegen müſſe, wenn er noch länger im Kloſter bleibe; ſein Geiſt habe längſt mit den Dogmen der katholiſchen Kirche gebrochen; er liebe übrigens ein Fräulein von Adel, das in Wien lebe, und werde wieder geliebt. Er werde das Kloſter für im⸗ mer verlaſſen.„Willſt Du von mir Abſchied nehmen“, ſagte er,„ſo komme morgen früh um acht Uhr ans Kloſter; dort wirſt Du mich in einen Wagen ſteigen ſehen. Ich geleite einen Ordensbruder zur Brunnen⸗ kur nach Karlsbad. Aber ich kehre nicht mehr heim, Du ſiehſt mich nie wieder.“ Joſef Poſtl fand ſich am andern Morgen vor dem Kloſter ein. Da ſtand wirklich der Wagen, der die Reiſenden aufnahm. Der junge Geiſtliche drückte ſeinem Bruder unter Thränen die Hand. Dieſer konnte nicht glauben, daß es wirklich ein Abſchied fürs Leben 17 ſein ſolle. Und doch war es ſo. Er ſah ihn nie mehr. Karl Poſtl ging von Karlsbad nach Wien, wo ihm ein Gönner die eben erledigte Stelle eines Hofkaplans zugeſagt haben ſollte. Es war ein Vorwand, um weg⸗ zukommen. Nach einem Beſuch bei jener hochgeſtellten Dame, die er von Prag aus kannte, verſchwand er für immer, man hörte nie mehr eine Silbe von ihm. So erſchütternd und niederſchlagend die Nachricht dieſer Flucht und das ſpätere Verſchollenſein Karl Poſtl's auf die übrige Familie wirkte, beſonders auf die Mutter, deren Liebling er geweſen, ſo kalt ließ es den Vater. Er ſchien ſich nicht über den Verluſt zu härmen, ſprach nie von dem verlorenen Sohn und ſelbſt dann nicht, als er am Ende der dreißiger Jahre ſchwer erkrankte und an die Abfaſſung ſeines Teſtaments ging. Der Alte hatte übrigens noch einen Schlag er⸗ litten. Ein jüngerer Sohn wurde ein Trunkenbold und nahm ein frühzeitiges Ende. Man traf ihn eines Morgens vom Schlag getroffen todt im Bette, neben welchem ſich noch ein Maßkrug Wein befand. Sealsfield, Die Grabesſchuld. 2 III. Schon nach dem Bekanntwerden des Teſtaments mußte es im höchſten Grade wahrſcheinlich ſcheinen, daß Charles Sealsfield der verſchwundene Karl Poſtl ſei; denn wie ſollte ein Amerikaner dazu gekommen ſein, ſein Vermögen den Kindern eines Bauers in Mähren zu vermachen? Nun erklärte ſich ſein lebens⸗ längliches Cölibat, die Scheu, ſein Bildniß unter die Leute zu bringen, ſein Ausweichen vor katholiſchen Geiſtlichen, die Ungeduld über das Glockengeläute der Klöſter, die ſich in der Nähe ſeiner Wohnung unter den Tannen befanden. Aber es ſollten die Indicien der Identität immer ſchärfer hervortreten. Karl Poſtl war 1793 geboren, nun ergab es ſich aus den Liſten der ſchweizer Volkszählung von 1860, daß Sealsfield 19 daſſelbe Jahr 1793 als ſein Geburtsjahr angegeben hatte. Ferner hatte er verordnet, auf ſeinen Grabſtein ein S zu ſetzen und ein C mit der innern Wölbung ſenkrecht darüber zu ſtellen, was zuſammen ein latei⸗ niſches P ergab. Der wirkliche Nachweis der Identi⸗ tät ſollte aber erſt geliefert werden, als ſein Bruder Joſef wegen Uebernahme der Erbſchaft nach Solo⸗ thurn kam. Die Aehnlichkeit der Geſichtszüge des Erben mit denen des Verſtorbenen war gleich anfangs von allen anerkannt worden, nun zeigte es ſich, daß die Handſchrift Sealsfield's im eigenhändig geſchriebenen Teſtamente der des verſchollenen Bruders noch immer ähnlich ſei. 3 Die Thatſache, daß Charles Sealsfield identiſch mit Poſtl, mußte nun Jeden, den pſychologiſche Vor⸗ gänge intereſſiren, in das höchſte Erſtaunen verſetzen. Wie hatte der Kloſterzögling, der nur die mangelhafte Vorbildung damaliger öſterreichiſcher Schulen erhalten, der Schüler Metternichiſch⸗klerikaler Inſtitute, ſo raſch ſich alle jene Eigenſchaften männlicher Reife und um⸗ faſſender Weltkunde zu erringen gewußt, welche ſeine Bücher in den Augen der ganzen zeitgenöſſiſchen Kritik als echte Produkte eines durch Erfahrung geſchulten, mit allen Klaſſen der Geſellſchaft vertrauten, im höchſten 9* 2 20 Sinne geiſtig freien Bürgers der Vereinigten Staaten erſcheinen ließen? Während er Amerika unter allen Breitengraden ſchilderte, kam Niemand auf den Ein⸗ fall, der Schilderer könne ein Anderer als ein Vollblut⸗ Amerikaner ſein, und doch hatte man ſich ihn jetzt als einen Eingewanderten zu denken, der wenige Jahre zuvor im ſchwarzen Gewande der Kreuzherren durch die Gaſſen Prags gewandelt. Wie er jetzt die Berg⸗ lande Mexicos, die Savannen und Urwälder des fer⸗ nen Weſtens im Bilde aufrollte, da ſchien Alles auf Selbſterlebniß zurückgeführt werden zu müſſen. Man meinte, ein Menſchenleben ſei kaum hinreichend, ſo viel fremdartige Verhältniſſe kennen zu lernen und in ſich aufzunehmen. Schloß man von den Hauptfiguren auf den Autor ſelbſt zurück, ſo mochte man ſich ihn am liebſten als einen quiescirten Seekapitän oder einen ehemaligen Militär denken, der, nach all den tauſend überſtandenen halsbrecheriſchen Abenteuern ausruhend, am Abend ſeines Lebens zur Feder greift. Da erfuhr man, daß er bis zu ſeinem neunundzwanzigſten Jahre Kloſtergeiſtlicher in Böhmen geweſen. Das Befremden mußte außerordentlich ſein, daß wenige Jahre ſo viel Früchte gereift, ſo viel Figuren und Situationen dem ſchildernden Pinſel geliefert, den Mann im Norden wie 21 im Süden eines andern Welttheils heimiſch machen konnten. Wirklich, dies raſche Erfaſſen des total Frem⸗ den kann gar nicht genug bewundert werden. Zugleich muß uns der mit eiſerner Conſequenz feſtgehaltene Standpunkt auffallen, ſein Leben erſt von ſeiner Ankunft in Amerika zu datiren und das, was davor liegt, gar nicht vorhanden ſein zu laſſen. Gehen wir alle ſpäter mit Sealsfield's Namen publicirten Bücher durch, nichts, gar nichts, nicht die leiſeſte, wider Willen ſich einſchleichende Reminiscenz, kein un⸗ willkürlich entſchlüpftes Wort gemahnt an ſeine Ab⸗ ſtammung und an die verlebte Jugend, ſodaß, wenn man ſich lediglich an ſeine Bücher hielte, die Palin⸗ geneſie, die Seelenwandlung, die completeſte wäre, die je vorgekommen. Wohin begab ſich aber Karl Poſtl, möchte man fragen, nachdem er, gewiß nur höchſt nothdürftig mit Geld verſehen, das Kloſter verlaſſen hatte, um in der Welt ſein Glück zu machen? Wie lange blieb er in England? Wann kam er nach Amerika? In welche Stellung trat er ein? Welche Bekanntſchaften machte er? Alle dieſe Fragen bleiben ohne Antwort. Niemand, der ihn als Poſtl oder Sealsfield in England oder in der neuen Welt gekannt, hat über ihn berichtet. 22 Er ſelbſt bringt höchſt ſelten ein Datum oder eine An⸗ gabe des Aufenthalts und wir finden ſogar, daß er uns zuweilen irreführt. Ein intereſſantes Beiſpiel ſolcher Irreführung werden wir ſpäter beibringen; hier wollen wir nur erwähnen, daß er einmal, in der Vorrede zu„Morton“, ſchreibt:„Ich habe England zu verſchiedenen Zeiten beſucht, und obwohl damals noch ſehr jung, ſteht mir doch John Bull vom Jahre 1846 und 1817 noch lebhaft vor Augen.“ Wir wiſſen jetzt, daß er erſt im Jahre 1822 den Boden Englands betreten. Nur einmal führt er uns auf die Spur perſön⸗ licher Beziehungen, wenn er die Bände des Kajüten⸗ buches dem Hon. Joel R. Poinſelet, ehemaligen Kriegs⸗ miniſter der Vereinigten Staaten, widmet; über die Natur dieſer Beziehungen wiſſen wir nichts. Für mich iſt kein Zweifel, daß Poſtl Kaufmann geworden war, daß Geſchäftsreiſen ihn weit und breit herumführten und daß endlich glückliche Speculationen auf eigene Fauſt ihm raſch ein bedeutendes Vermögen verſchafften. Schon 1827 wendet er ſich der Schriftſtellerlaufbahn zu, doch ohne ſich ihr ausſchließlich zu widmen; er ſchreibt zuerſt in engliſcher Sprache. In dieſem Jahre bringt 23 ein Newyorker Blatt:„The mirror“ die Skizze, A night on the bank of the Tenessee“, die wir in den„Trans⸗ atlantiſchen Reiſebildern“ finden; im folgenden Jahre erſcheint von ihm bei Bentley in London:„Austria as it is“ und bei Carrey und Lea in Philadelphia: „Tokeah, or the white rose.“ Er ſelbſt lernt in dieſem ſelben Jahre 1828 Mexico kennen. Dem Roman„Der Virey“ iſt eine Skizze vorangeſtellt, in welcher er ſeine Empfindungen beſchreibt, wie das Bild der Küſte von Veracruz vor ihm auftaucht; ſie iſt, wie er am Schluſſe bemerkt, ſei⸗ nem Tagebuche von 1828 entnommen. Auch noch bei dieſer Reiſe nehmen wir kaufmän⸗ niſche Geſchäfte als Veranlaſſung an. Das Wunderreich, von welchem Alexander von Humboldt kurz zuvor den Schleier weggezogen, konnte wohl den Freund großar⸗ tiger Landſchaftsbilder reizen, aber das eben aus der Kriſe furchtbarer Bürgerkriege getretene Land war da⸗ mals am wenigſten für bloßen Touriſtenbeſuch beſchaffen. Nun erſt kommen wir zu einer Periode, über die Sealsfield ſelbſt einige Aufklärung gegeben. Er hat nämlich, von der Brockhaus'ſchen Verlagshandlung auf⸗ gefordert, für die neue Auflage ihres Converſations⸗ lexikons(die zehnte) eine Selbſtbiographie niederzu⸗ 24 ſchreiben, über ſein weiteres Leben Folgendes be⸗ richtet: Von ſeiner Reiſe aus Mexico zurückgekehrt, habe er ſich in die ſüdweſtlichen Staaten der Union begeben, mit der Abſicht, ſich an einem paſſenden Orte nieder⸗ zulaſſen. Er habe Ländereien in Louiſiana erworben und Baumwollpflanzer werden wollen. Um Neger zu kaufen, ſei er nach New⸗Orleans gekommen, ſei, um ſeine Wechſel zu erheben, zum Banquier gegangen und von dieſem glänzend empfangen und bewirthet worden. Drei Tage danach und zwar noch vor Auszahlung der Anweiſungen habe der Mann ſeinen Bankrott er⸗ klärt. Sealsfield habe ſo den größten Theil deſſen verloren, was er binnen Jahren zuſammengebracht. Er habe den Kauf rückgängig machen und ſich auf den kleinſten Theil davon beſchränken müſſen. Welchem Leſer fällt hier nicht die Geſtalt des jugendlichen hoch⸗ ſinnigen Morton ein, der durch den Untergang eines Schiffes ſein ganzes Vermögen verliert! Wer möchte nicht darauf ſchwören, daß der Autor bei dieſer Ge⸗ legenheit ſeine eigene Kataſtrophe vor Augen gehabt? Er bleibt nun nicht in Louiſiana, kehrt nach New⸗ vork zurück und begibt ſich ganz aufs literariſche Ge⸗ biet, und zwar zunächſt auf das der Publiciſtik. Er 25 wird aufgefordert, die Leitung des Hauptorgans der franzöſiſch⸗ amerikaniſchen Bevölkerung, des„Courrier des états-unis zu übernehmen, und wird Redacteur. Sein Sprachtalent muß groß geweſen ſein. Erſt vor kurzem ein engliſcher Autor geworden, wird er jetzt franzöſiſcher Publiciſt. So kommt das Jahr 1830 heran, die Julirevolution wirft den Thron der Bour⸗ bonen über den Haufen. Der Exkönig von Spanien, Joſef Bonaparte, der im Staate New⸗Jerſey und zwar zu Bodantown am Delaware bisher als Privat⸗ mann gelebt, reich und angeſehen, doch ebenſo wenig wie andere Mitglieder ſeiner Familie ohne Reſtau⸗ rationsgedanken geblieben, kauft den„Courrier“ und will ihn in ein Organ für Napoleoniſche Tendenzen ver⸗ wandeln Er verſtändigt ſich mit Sealsfield, dem er in Gemeinſchaft mit ſeinem Privatſecretär und Haus⸗ freund Felix Lacoſte, ſpätern franzöſiſchen General⸗ conſul, die weitere Redaction übergibt. Wir haben uns jetzt Sealsfield als bonapartiſtiſchen Parteigänger zu denken, der übers Meer hinweg dem Julikönigthnm den Krieg erklärt. Vermuthlich hält er die Orleans für einen bloßen Ableger und vielleicht noch einen ſchlechten Ableger der Bourbonen, was ſie allerdings ſein mögen. Doch er führt die Redaction 26 oht eht nach London, wie es heißt, mit nicht lange. Er g ſeßs, mit welchem er in brieflichem Ver⸗ Aufträgen Joſe kehr bleibt. Es liegt der Gedanke nahe, daß der von New⸗ york im Jahre 1832 abreiſende Sealsfield im Hafen vorübergegangen ſein könne an ſeinem Landsmann Nikolaus Lenau, der eben ausgeſtiegen war, um ſich in den Urwäldern eine Heimſtätte zu ſuchen. Ein Roman ſchriftſteller würde es unbedingt annehmen, würde ſie über das Metternich'ſche Oeſterreich plaudern, den von Amerika begeiſterten Sealsſield dem melancholiſchen Lenau Muth zuſprechen und Ausſichten eröffnen laſſen. Der ſtrenge Biograph weiß allerdings nichts davon. Es heißt, in London habe Sealsfield mit Lord Weugham⸗ Aberdeen und Palmerſton verkehrt. Auch nach Paris ſei er gekommen, wo er, wie früher in London, Correſpondenzartikel für den„Morning Cou⸗ rier“ und„Enquirer“ geſchrieben. Bald darauf ſiedelte er zur Herſtellung ſeiner zer⸗ rütteten Geſundheit in die Schweiz über und zwar nach Tägersweilen bei Schaffhauſen. Daß den Mann, der dem Exkönig Joſef nahe ge⸗ ſtanden, der Umſtand zu dieſer Wahl bewog, daß in dem benachbarten Arenenberg die Exkönigin Hortenſe mit 27 H ihren Söhnen lebte, iſt denkbar, aber nicht conſtatirt. Hingegen iſt es ausgemacht, daß Sealsſield in dieſer Zeit öfter ins Arenenberger Schlößchen kam und noch ſpäter mit der Königin correſpondirte. Wahrlich, dieſe Partie ſeines Lebens iſt wieder ſehr dunkel und es iſt fraglich, ob ſie jemals aufgehellt wird. Nun aber beginnt Sealsfield's eigentliche lite⸗ rariſche Epoche. Der bereits vierzigjährige Mann geht ganz zum Roman über, den er mit voller, gereifter Kraft aus der bisherigen Sphäre des blos provin⸗ ziellen Lebens, des geſchichtlichen oder des Familien⸗ bildes heraushebt und erweitert zum Doppelbilde alter und neuer Welt, und zwar einem ſolchen, in welchem uns die nordamerikaniſche Union als ein Muſter groß⸗ artiger Lebensthätigkeit hingeſtellt wird, um die zurück⸗ gebliebene alte Welt zur Anſpannung ihrer Kräfte und zur Nachbildung jener Zuſtände zu reizen. Doch hier angelangt, wollen wir in der biogra⸗ phiſchen Erzählung innehalten, um die beſonders cha⸗ rakteriſtiſchen Werke des Mannes in kurzer Ueberſchau an uns vorübergehen zu laſſen. IV. Die Notiz, daß Sealsfield zuerſt anonym mit einem Buche„AKustria as it is“, hervorgetreten, verdanken wir einem Zufall.. Einer der wenigen Literaten, die in den fünfziger Jahren den alten Einſiedler in ſeinem Hauſe unter den Tannen bei Solothurn aufgeſucht, der Deutſch⸗Ungar Kertbeny, findet auf ſeinem Tiſch ein älteres engliſches Buch mit obigem Titel. Sealsfield fragt ſeinen Gaſt, ob es ihm je zu Geſicht gekommen, worauf dieſer äußert, es ſei dies ein Werk, das einſt die deutſche Bundes⸗ polizei mit vollem Nachdruck verfolgt habe; der Autor, ein zweiter Junius, ſei unbekannt. Nun habe Sealsfield geantwortet:„Es iſt mein Erſtlingswerk.“ Als der Beſucher hierauf fragte, ob er die Mit⸗ 29 theilung als eine vertrauliche zu bewahren habe, er⸗ hielt er die Antwort, dies ſei nicht nöthig. Er hat infolge davon die Notiz ſeinen„Erinnerungen an Seals⸗ field“ einverleibt. Seit ich dieſe Stelle in Kertbeny's Broſchüre ge⸗ leſen, war es mein Wunſch, dieſes Buches habhaft zu werden. Erſtlich war es denkbar, daß es einen neuen Beweis zur Jdentitätsfeſtſtellung des Autors liefere, andererſeits war es mir intereſſant zu erfahren, wie Sealsfield ſich über Oeſterreich ausgeſprochen. Wo aber das Buch auftreiben? Anfragen bei An⸗ tiquaren blieben vergeblich, ebenſo Nachforſchungen in Bibliotheken. Es blieb ſchließlich nichts übrig, als es in der Bibliothek des Britiſh⸗Muſeum zu verlangen. Dort mußte es ſein. Einer alten Anordnung zufolge muß von jedem in England erſcheinenden Werke ein Exemplar bei dieſem großen nationalen Inſtitut hinterlegt werden. Und in der That, es fand ſich: „Austria as it is, or Sketches of the continental courts“(London, Bentley 1828).* Es iſt mir vergönnt geweſen, Einſicht davon zu nehmen, und ſeitdem iſt 9) Mit dem Motto:. And yet it's surcly neither shame nor sin To learn the world and those who dwell theirin. Goethe. 30 es für mich zweifellos, daß es wirklich von Sealsfield ſtamme. Die erſten Zeilen befremden.„Der Verfaſſer“, beginnt der anonyme Autor ſeine Vorrede,„iſt ein geborener Oeſterreicher, der nach fünfjähriger Abweſen⸗ heit ſein Vaterland wieder beſucht und die Zuſtände dort vorgefunden hat, wie er ſie in den nachfolgen⸗ den Blättern ſchildert.“ Was, fragen wir, wäre Sealsfield von Mexico und der Union wieder nach Oeſterreich zurückgekehrt und Niemand wüßte etwas davon? Die Angabe: nach fünfjähriger Abweſenheit, paßt. 1822 hat er, wie wir wiſſen, das Kloſter ver⸗ laſſen, das Buch aber, welches die Jahrzahl 1828 auf dem Titel trägt, iſt ſicher ſchon 1827 geſchrieben. Doch holen wir uns aus dem Buche ſelbſt unſere Ueber⸗ zeugung. Der Autor iſt in Havre gelandet, reiſt über Karls⸗ ruhe und Kaſſel nach Dresden und betritt bei Peters⸗ walde öſterreichiſches Gebiet. Man will ſeine Koffer reviſitiren, fragt, ob er Bücher bei ſich führe, aber die Eigenſchaft der Perſon, mit welcher er reiſt, ſichert ihre Effecten vor Durchſuchung; man könnte denken, daß er ein Mitglied einer Geſandſchaft iſt, vielleicht den amerikaniſchen Geſanden ſelbſt begleitet. Er kommt 31 nach Prag, das er als eine der maleriſchſten und edel⸗ ſten Städte Europas bezeichnet; die Ortskenntniß, die er an den Tag legt, zeigt, daß er dort zu Hauſe iſt. Beim Grafen Clam⸗Gallas zu zwei Darſtel⸗ lungen ſeines Haustheaters geladen, ſieht er„Maria Stuart“ und„Taſſo“ aufführen und nennt eine Gräfin Schlick eine vorzügliche Darſtellerin. Er ſpricht vom Stadttheater, auf welchem man Schiller nicht auf⸗ führen darf, wenngleich deſſen Werke zu leſen erlaubt ſind, ſpricht vom muſikaliſchen Sinne des Publikums, dem Mozart zuerſt ſeinen„Don Juan“ vorgeführt, und im Gegenſatz vom Prager Conſervatorium, das ſeine weltberühmte Schülerin, die Sontag, für talentlos erklärte und entließ. Nun kommt er auf den Polizei⸗ druck, unter welchem das Land verkümmert, zu ſprechen. Das Spionirſyſtem, das die Dienſtboten gegen ihre Herrſchaft in Sold nimmt, die Enthebung des nicht ganz ſtreng kirchlich geſinnten Profeſſors Bolzano von der philoſophiſchen Lehrkanzel, die Miſere des öſterrei⸗ chiſchen Studienplans finden ihre Schilderung. Er ſpricht von dem in Ketten gelegten Schätzen böhmiſcher Literatur aus den vierzehnten und fünfzehnten Jahr⸗ hundert, deren Veröffentlichung verboten, während andrerſeits eine einzige unter der Controlle des Oberſt⸗ 32 burggrafen ſtehende Zeitung für das geiſtige Bedürf⸗ niß des Landes ſorgt. Schließlich meint er, die Stimmung in den niederen Klaſſen ſei eine ſolche, daß ein Hampden, der zu den Böhmen in ihrer eigenen Sprache ſpräche und ſie anriefe, als ein neuer Ziska bald eine Million Anhänger um ſich geſchaart ſähe. Auf der Wieterreiſe ſieht er Kolin,„wo Friedrich der Große den Ruhm der Unbeſiegbarkeit verlor“, und bekommt bald die Fluren ſeiner Heimat zu Geſicht. Er gibt in Umriſſen die Geſchichte des alten groß⸗ mähriſchen Reiches. Die Dörfer ſcheinen ihm eine Heiterkeit und einen Wohlſtand der Bewohner anzu⸗ kündigen, die nicht ein zweites Mal auf dem Con⸗ tinent zu finden. Die Kirchweihen, die Trachten und Tänze des Landvolks werden beſchrieben. Ein⸗ mal, bei geringfügigem Anlaß, bricht ſich das zurück⸗ gehaltene Heimgefühl gewaltſam Bahn. Das alte Ti⸗ rolerlied„Wenn ich in der Früh aufſteh'“, das er, als Gaſt zu einem Adligen in einem Schloß an der Do⸗ nau geladen, in einem Parke ſingen hört, verſetzt ihn in Entzücken und entlockt ihm Thränen. Die Weine erhalten ihr eigenes Kapitel, er erzählt, wie 1783 und 1794 die Franzoſen in den öſterreichiſchen Kellern gehauſt. In Bezug auf öſterreichiſche Abteien, zum Beiſpiel Kloſterneuburg, geht er in Einzelnheiten ein. So kommt er nach Wien, und hier erſt gewinnt das Buch ſeine politiſche Bedeutung. Zuvörderſt gibt er ein Portrait vom Kaiſer Franz, deſſen Phlegma immer mehr überhand genommen, ſeitdem er ſich ganz in Metternich's Hand gegeben hat und Siegelwachs ver⸗ fertigen, Taubenzucht und Violinſpiel ſeine Lieblings⸗ beſchäftigungen geworden; eine ganze Reihe kleiner Hof⸗ geſchichten vervollſtändigt die Charakteriſtik des patri⸗ archaliſchen Abſolutismus. Nun kommt Metternich ſelbſt an die Reihe, der„große Intriguant, der den Völkern Oeſterreichs ein ſchleichendes Gift, eine wahre geiſtige Aqua Tofana zu miſchen verſtand“. Sealsfield geht ſeine Politik durch von ſeinem erſten Erſcheinen beim Congreß zu Raſtatt bis auf die neueſte Zeit(1827) und ſtellt den Koblenzer Cavalier als einen Gegenſatz hin zur wirklichen öſterreichiſchen Ariſtokratie. Dieſe kommt bei Sealsfield gut weg; ſie ſtehe im Großen und Ganzen der engliſchen nicht nach, ſie habe das Herz auf dem rechten Flecke und ſei mit wenig Aus⸗ nahmen von tadelloſer Ehrenhaftigkeit. Metternich dagegen ſei ganz corrupt, ein habſüchtiger, verlogener Parvenu. Sealsfield charakteriſirt ſein Syſtem, die Jugend ſyſtematiſch in„Idiotismus hineinzuzwängen“, Seolafidd, Die Grabesſchuld. 3 34 ſeine bodenloſe Immoralität die nie zaudert, ein Volk zu Grunde zu richten, wenn dabei ein Vortheil für ſeine Taſche erwüchſt. Er brandmarkt das durch Metternich eingeführte und bis zum äußerſten Grade ausgebildete Spionirſyſtem, das eine Armee von zehn⸗ tauſend Delatoren, hier zu Lande Naderer oder Spitzl genannt, mit einem Wochenlohn von einem Dukaten per Mann auf den Beinen hält; dies Spionirſyſtem vergifte und zerſtöre das ganze geſellige Leben Wiens und der großen Provinzſtädte. Dann ſpricht er von Metternich's Kunſt, die Hofleute Napoleon's in Sold kanzler, von Rußland, dem erbittertſten Feinde Oeſter⸗ reichs, in Sold genommen ſei und zwar mit noch höherer Gage, als ſie ſein Fürſt ihm zahlte. Vom Kaiſer Franz hat Sealsfield die ſchlimmſte Meinung. Die Völker ſind dem braven Franzl ledig⸗ lich ein Material, ſeine Provinzen zu vertheidigen. Selbſt Niederlagen ſeiner Armeen mißfallen ihm nicht ganz und gar, wenn ſeine Brüder, die er ſämmt⸗ lich haßt, dabei als Heerführer figurirt und ſich bla⸗ mirt haben.„Gerade wie ein großer Herr, dem der Kellermeiſter ein Dutzend Flaſchen Champagner auf der Treppe zerſchlagen hat, ausruft: Nun magſt Du. 35 zuſehen, wo Du ein anderes Dutzend herkriegſt, ſo ſagt der Kaiſer nach einer verlornen Schlacht oder der Gefangennahme einer Armee: Nun mögt Ihr zuſehen, wo Ihr eine neue herkriegt. Und wirklich, die Armee wird zur Stelle geſchafft, wie dort der Champagner.“ Sealsfield ſucht nun nachzuweiſen, wie der biedere Franz ſeit 1809 mindeſtens zwanzigmal ſein kaiſer⸗ liches Wort gebrochen. Die Rücknahme der feierlichſt gegebenen Zuſagen, das ſchonungsloſe Gebaren mit dem Vermögen und dem Blut der Bürger entlockt ihm die wildeſten Rufe der Anklage. So malt er die Zu⸗ ſtände jener Zeit weiter in den ſchwärzeſten, leider aber nicht in übertriebenen Farben, ſchildert das Grauen Metternich's und ſeines Herrn vor jeder Mitbetheili⸗ gung der Völker an der Regierung, jeder„Conſtitution“, ſchildert die Herculesarbeit der Eindämmung der noch immer vorhandenen Volkskräfte. Die darauf bezüg⸗ lichen Kapitel ſind die wichtigſten im Buche. Endlich kommt er auf das ſpecielle Wienerthum. Das Leben des Hochadels, ſeine Jagden, Bälle, petites soirées werden wie aus genauer Kenntniß heraus charakteriſirt. Dabei wird behauptet, daß der öſter⸗ reichiſche Adel ſehr viel, der Kaiſer gar nichts für Kunſt und Wiſſenſchaft thue. Die Aufführung einer 3* 36 neuen Oper— ein ſo wichtiges Ereigniß wie in Lon⸗ don eine Parlamentseröffnung— wird geſchildert, ſo⸗ dann der„Sonntag“ in Wien— morgens der Zudrang zu den zwei faſhionablen Kirchen der Auguſtiner und Michaeler, nachmittags das Leben im Prater. Nun kommen die Zeitungen daran— es ſind ihrer in der ganzen Monarchie fünfundzwanzig, ſämmtlich von kaiſerlichen Beamten geleitet. Der„Beobachter“ unter der Redaction des Kanzleiſecretärs von Pilat ſei das ein⸗ zige Blatt von Bedeutung, das heißt für Oeſterreich, denn eigentlich ſei auch das aller politiſchen und finan⸗ ziellen Nachrichten bar. Das Verbot fremder Blätter, die nur erga schedam zu beziehen, die Ueberwachung der Perſonen, die ſie halten oder leſen, wird beſprochen. Schließlich meint Sealsfield, daß es wohl kein geplag⸗ teres und mehr angebundenes Geſchöpf gebe als einen öſterreichiſchen Schriftſteller. Dabei wird Grill⸗ parzer genannt, deſſen„Sappho“ neben Goethe's„Iphi⸗ genia“ ſtehe, während ſeine„Medea“ flau und langweilig ſei. Der Kaiſer habe es abgeſchlagen, den Gehalt dieſes ſo patriotiſch geſinnten Poeten auf hundert Pfund Sterling zu erhöhen, und ertheile ihm nur Fußtritte für ſeine Loyalitätsverſicherungen. Im Allgemeinen erſcheint Wien dem Verfaſſer als 37 die Stadt der Gegenſätze: abject dissoluteness, un- deviating steadyness, high degree of learning, grossest ignorance, most contemplible servility, und noble, independent spirit ſeien bei einander. So Austria as it is oder vielmehr as it was 1828. Auffallend iſt, daß der Verfaſſer der„Erinne⸗ rungen“, der das Buch zu kennen vorgibt, nun noch, nachdem ſich Sealsfield ihm gegenüber zur Autorſchaft bekannt hat, Unterſuchungen darüber anſtellt, ob Seals⸗ field ein Amerikaner oder ein Deutſcher und zwar ein Nord⸗ oder Süddeutſcher ſei. Nach dem er einen Blick auf die erſte Zeile der Vorrede geworfen, hätte er bereits rufen können: Alſo Sie ſind ein Oeſterreicher! Ihr Eingeſtändniß, daß Sie der Verfaſſer, beſagt es. Aber es iſt eben Sitte der Bibliographen, von den Büchern nur Titel und Druckort, weniger den Inhalt im Kopfe zu haben. Doch dies nur nebenbei. Wichtiger iſt es, feſtzu⸗ ſtellen, ob wirklich anzunehmen ſei, daß Sealsfield nach fünfjähriger Abweſenheit ſein Vaterland wieder beſucht habe. Ich meinestheils glaube nach gehöriger Prüfung nicht daran. Wie? Karl Poſtl wäre wieder durch die Gaſſen Prags gewandert und wäre auf Nie⸗ mand geſtoßen, der ihn erkannt hätte? Er hätte Thea⸗ 38 tervorſtellungen in einem Palais beigewohnt, das ſei⸗ nem Kloſter ſo nahe gelegen? Er wäre knapp an ſei⸗ nem Heimatsdorfe vorübergekommen und hätte es nicht beſucht, keinen Bruder, keinen Verwandten von ſeiner Durchreiſe in Kennmiß geſetzt? Lieſt man die Stelle, wo er im Schloßpark an der Donau das Tirolerlied hört und darüber in Thränen ausbricht, möchte man ſie auf den erſten Blick für ein klares Zeugniß halten, daß er wirklich nach langer Abweſenheit wieder ein⸗ mal auf dem Heimatboden geſtanden. Doch eben das Lied iſt verdächtig. Es iſt ein Jodler, bei fahrenden Tirolern ſehr beliebt oder mindeſtens beliebt geweſen. Sealsfield konnte es weit eher in London oder Newyork von reiſenden tiroler Volksſängern gehört haben. Schließlich ſcheint mir auffällig, daß das Buch, das uns nach Wien geleitet, uns nicht auf anderen Wege 6 I wieder aus Oeſterreich hinausführt. Es iſt, als beſchriebe Sealsfielb nur einen Weg, weil er in der That nur einen gemacht, nämlich den Weg hinaus. Ich denke mir die Sache ſo: ein Werk über öſterreichiſche Zu⸗ ſtände war dazumal ein gewünſchter Artikel und Ge⸗ genſtand buchhändleriſcher Nachfrage. Sealsfield war ſich bewußt, eine Summe von Erfahrungen und Beob⸗ achtungen zu beſitzen, und brannte vor Begierde, was 39 faul und pervers in ſeiner Heimat, aufzudecken. Ueber⸗ zeugt, daß ſich inzwiſchen dort nichts verändert habe, was auch wirklich der Fall war, fingirte er eine Reiſe in neueſter Zeit, während er doch nur Erinnerungen aus einer früheren bot. Das mein Eindruck von der Sache, der freilich auch nicht der richtige ſein kann. Entſchieden könnte die Frage nur werden, wenn man — etwa durch Tagebücher oder Rechnungen— be⸗ wieſe, daß wirklich im Palais Clam⸗Gallas 1827 „Maria Stuart“ und Goethe's„Taſſo“ aufgeführt wor⸗ den. Aber ich möchte jede Summe wetten, daß die Auf⸗ findung ſolcher Papiere den Entſcheid zu meinen Gun⸗ ſten lieferte. Hat übrigens Sealsſield wirklich die Reiſe nach Oeſterreich ſo unternommen, wie er ſie beſchrieben, ſo hat er einen ſeltenen Muth bewieſen. Eine Flucht aus dem Kloſter war nichts Geringes in jenen Tagen. Trotz Paß und möglicher Naturaliſation als Nord⸗ amerikaner hätte er, wenn erkannt, eine Reihe der ärgſten Fatalitäten erleben können. Das brachium seculare war damals in Oeſterreich nur allzu bereit, der geiſtlichen Behörde zu Hülfe zu kommen, und Fürſt Metternich hätte ſich keinen Augenblick bedacht, dem Kloſter den Flüchtling zurückzuliefern. V. Es kann nicht unſere Abſicht ſein, Sealsfield's Werke nun einzeln durchzugehen und zu beſprechen; das überlaſſen wir der Fachkritik. Wir wollen uns auch nicht verbergen, daß Indianer und Hinterwäldler, Pflanzer und Neger dem Kreiſe unſeres Intereſſes gar ſehr entrückt ſind, ſo zwar, daß ein Roman im Cooper'⸗ ſchen Genre wie„der Legitime und der Republikaner“ kaum noch auf Leſer rechnen dürfte. Auch„Der Virey“, ſo trefflich er uns auch die Gegenſätze einer harten, verſchlagenen ſpaniſchen Despotie und eines in wil⸗ der Aufregung begriffenen Volkes malt, wird nur noch von jenen gewürdigt werden, die ſich ſpeciell für die ſpa⸗ niſchen Creolenländer und für Mexico intereſſiren. Es ſind dies Alles Bücher, welche eine Theilnahme für den 3 41 ſpeciellen, aparten Gegenſtand, nicht die allgemein menſchliche Theilnahme des großen Leſerkreiſes vor⸗ ausſetzen. Dennoch möchten wir gern von Sealsfield's Art und Weiſe einen Begriff geben. Wir wählen hierzu ein paar ſeiner kleineren Erzählungen und zwar ſolche, bei denen es ihm gelungen, die ſeiner Compoſitions⸗ weiſe anhaftenden Mängel möglichſt zu überwinden, ſeine Vorzüge aber, die beſonders in der Darſtellung heißer, betäubender Leidenſchaften und auf die Spitze getriebener Zuſtände liegen, ins beſte Licht zu ſtellen. Der gedrängte Aufriß der Handlung ſoll den Büchern Leſer zu gewinnen ſuchen und uns ſelbſt Gelegenheit geben, den Charakter des merkwürdigen Autors näher zu beleuchten. „Morton, oder die große Tour“ zeigt uns Seals⸗ field auf der vollen Höhe ſeines Schaffens. Die Fabel des Romanfragments iſt in Kurzem die: Ein junger Seekapitän, Morton aus Philadelphia, Abkömmling eines berühmten Kämpfers im nordamerikaniſchen Be⸗ freiungskriege, wird, während er der Aufführung„Ri⸗ chards III. beiwohnt, plötzlich von der Ahnung ergriffen, daß ſein ganzes Vermögen, das auf einem nicht aſſe⸗ curirten Schiffe, der Mary, ſchwimmt, zu Grunde ge⸗ 42 an die Ufer des Delaware. Rohe Matroſen halten den Mann auf, der ohne Hut zum Waſſer rennt, die Geliebte iſt ihm nachgeeilt, wendet ſich aber mit Ab⸗ ſcheu von dem— Ruinirten ab. Mit Mühe von ſei⸗ nen Freunden nach Hauſe gebracht, wirft ſich Morton aufs Pferd und fliegt, nachdem er die Beſtätigung des geahnten Unglücks erhalten, auf die Straße nach Harrysburg, um den Tod im Susquehannah zu ſuchen. Zum zweiten Male wird er an der Ausführung ſeines Vorhabens gehindert. Dem Manne, der in der Kraft und Fülle der Jugend ſterben will, ſtellt ſich eine deutſche Auswandererfamilie entgegen, die im tiefften Abgrund des Elends noch am Leben hängt. Ein alter Freund ſeines Großvaters, Oberſt Isling, nimmt ſich ſeiner an, richtet ihn geiſtig auf, indem er ihn auf die Thaten ſeiner Vorfahren, die herrliche Ver⸗ gangenheit ſeines Vaterlandes, die hohen Aufgaben der Neuzeit hinweiſt, und vermittelt ſeine Stellung zu ſei⸗ nem gefährlichſten Gläubiger, dem reichen Banquier Girard in Philadelphia. Die Art, wie nun Morton Schritt für Schritt zum Leben zurückgeführt wird, iſt bewunderungswürdig. Der alte Stephy, Repräſentant eines der reichſten Häuſer Amerikas, ſchickt ihn ſchließlich gangen. Er ſtürzt verzweifelnd, mit Selbſtmordgedanken 43 da er die Thatkräftigkeit des jungen Mannes erkannt hat, als ſeinen Agenten nach England. Dort trifft Morton in Lomond, dem Correſpon⸗ denten Stephy's, einen Geldmann von widrigſtem und unheimlichſtem Ausfehen. Der Wucherer hauſt in einem der ärmſten Quartiere der City; verwundert ſieht der junge Amerikaner, daß ihn dort Diplomaten, Staats⸗ ſecretäre, Perſonen der höchſten Ariſtokratie beſuchen, als bewohne er ein Hotel im Weſtend. Parlamentsmit⸗ glieder bitten um ſeine Gunſt, Diplomaten machen ihm Vorſchläge wichtiger Unternehmungen. Er ſelbſt, Mor⸗ ton, iſt eine viel bedeutendere Perſönlichkeit geworden und weiß nicht wie er dazu kommt. Er dankt es Stephy und— Lomond. Sie ſind Vertreter einer ungeheuren Geldmacht. Was find ihre Pläne? Wozu benutzen ſie ihre Gewalt? Wir erfahren es endlich. Die Revolution von 1830 bereitet ſich vor; um als ihr Agent zu wirken, hat ihn Stephy ausgeſchickt— die Verſchwörer bedurften eines Emiſſärs, der in den Sa⸗ lons des Weſtend und des Faubourg St.⸗Germain Eingang fände: der Abkömmling eines nordamerikani⸗ ſchen Generals und Freundes Waſhington's ſoll die Revolution der Bürgerklaſſen vorbereiten. Immer neue Züge gewinnt die unheimliche Phyſiognomie Lomond's. 44 Er zeigt Morton die Poeſie ſeiner Exiſtenz, die ſo bar, ärmlich und elend ſcheint: ſeine Luſt iſt's, irdiſchem Hochmuth den Fuß auf den Nacken zu ſetzen und über Reichthum und Schönheit zu triumphiren. Ein revolutionärer Banquier ſcheint ein Unding; Sealsfield's Kunſt macht uns dennoch daran glauben. Die Träger der Idee des Buches werden von Lomond ſo geſchildert(II, 105): „Zehn ſind wir, über die ganze Welt zerſtreut und doch täglich, ja ſtündlich beiſammen, durch keine Bande und doch wieder durch die innigſten Bande ver⸗ ſchlungen, die des gemeinſchaftlichen Intereſſes, das der Welt eine neue Geſtalt geben ſoll, früher oder ſpä⸗ ter geben wird, muß. In London ſind wir fünf. Alle Wochen verſammeln wir uns, vergleichen Noten und beſtimmen den Gang der Weltverhältniſſe. Die Myſte⸗ rien der Finanzen dieſes und aller Reiche und ihrer Exiſtenz liegen klar vor unſern Augen. Kein Reich, keine Familie, kein Stand, der je mit uns in Berüh⸗ rung gekommen, iſt unſerem anatomiſchen Meſſer ent⸗ gangen. Wir halten die Bildungsfäden der Exiſtenz jedes Staates, jeder Familie, von der allerhöchſten bis zur niedrigſten, in unſerer Hand. In unſerer Vollmacht 45 ſtehen Milliarden, ſtehen Staaten und Familien, Kö⸗ nige und Kaiſer; es ſind Noten wie im Buche des ewigen Richters. Der öffentliche Credit und das häus⸗ liche Wohl, die Wohlfahrt der drei Königreiche und aller Reiche der civiliſirten, das heißt der ſchuldenden Welt, des Handels und des Wandels hängen von un⸗ ſerem Wink und Willen ab. Was iſt die erbärmliche geheime Polizei des ganzen Continents gegen die un⸗ ſere, die wir bezahlen, die Herren der Welt, denn das werden wir ſein, früher oder ſpäter!“ Früher ſchon hat Morton von Girard Folgendes gehört: „Der Großhändler iſt eine ſouveräne Macht, in gewiſſer Beziehung ſo ſouverän wie der Monarch, der im Lande regiert. Es iſt nicht das Land, das die Macht verleiht, es ſind die Menſchen, und der Groß⸗ händler hat ſo gut ſeine Unterthanen, ſeine Regierungs⸗ beamten, ſein Reich, ſeine Allianzen, ſelbſt ſeine hei⸗ lige Allianz, wie die großen Mächte Europas.“ Und dann:„Wir kämpfen gegen die Ariſtokratie der Geburt oder: wir kämpfen für uns. Immer aber gewinnt die Menſchheit dabei, denn aus dieſer manus mortua der Ariſtokratie, dem todten Meere, in dem alle Flüſſe und Fiſche ſterben, zu gelangen, iſt ſchon 46 ein Gewinn für die Welt, mit dem ſie einſtweilen zu⸗ frieden ſein kann.“ So Bangier Girard; er hätte, wenn er heute ge⸗ lebt, hinzufügen können, daß dem Gelde der Unterſchied zu löſen gelungen zwiſchen Standesherren und Kauf⸗ leuten, Chriſten und Juden, und daß ſie nöthigenfalls alle Brüder werden— in einem Conſortium! Mit dem Abgang Morton's nach Paris bricht der Roman ab, er iſt ein Torſo geblieben und mußte das bleiben. Nimmt doch das Buch wahrlich einen Anlauf zu einem Sprunge— über ein Weltmeer! Ja, dies Buch war nicht weiter componirbar. Nicht blos, daß die Vorausſetzungen zu gewagt, die Spannung zu hoch * getrieben, die Situationen, ſchon im Anfange grandios entworfen und in ſteter Progreſſion begriffen, nicht mehr zu überbieten waren, nein, der Roman wollte ja anticipiren, was für keine Phantaſie anticipirbar war! Nicht mit der Revolution von 1830, nicht mit der von 1848, auch nicht mit unſerer ganzen Entwicke⸗ lung bis zum heutigen Tage iſt der Gegenſtand dieſes Romans erledigt; wir ſtehen noch mitten in der hier geſchilderten Entwickelung des modernen Kapitalbeſitzes, deren Ausgang unüberſehbar. Die Girards, Lomonds, Stephys ſind gleichſam die vorgebildeten Typen unſe⸗ 47 rer heutigen„Gründer“. Durch welche Figuren ihre Weltanſchauung, die doch nicht haltbar iſt, widerlegen? Denn widerlegt muß ſie doch werden. Mit welchen Pfeilen dieſe neuen Götter in ihrer ſcheinbaren Unver⸗ wundbarkeit treffen? Die Löſung des„Morton“ finden, heißt beinahe ſo viel, als ſagen, worauf unſere ganze moderne Culturentwickelung hinauslaufen wird. Unendlich luſtig iſt's und verdient hier erwähnt zu werden, daß der flachſte aller flachen Kritiker, der Franzoſe St. René Taillandier in ſeiner Kritik des „Morton“, den er übrigens indigne de M. Sealsfield nennt, die Aeußerung thut, er habe im Geiſte dieſen Torſo weitergedichtet und dem herrlichſten Schluſſe zugeführt. Inspiré par M. Sealsfield, ſagt er, je me construisais tout un poème. Je me laissais aller à mon réve et j'imaginais la suite du roman. Der Mann vermaß ſich weiter zu dichten, wo auch heute der größte Geiſt befangen ſtill ſtände! Doch es iſt ja bekannt, daß eben die ſchlechteſten Reiter die kühnſten ſind. Sie ſetzen über Hinderniſſe hinweg, die jeden andern ſchrecken, und liegen dann auf der andern Seite des Grabes auf der Naſe. Ein anderer Roman Sealsfield's, welcher Torſo geblieben, nennt ſich„Deutſchamerikaniſche Wahl⸗ 48 verwandſchaften“.*) Er ſollte das Ineinanderſpielen der beiden Welthälften poetiſch darſtellen. Der ur⸗ ſprüngliche Zug des Amerikaners nach Deutſchland, des Deutſchen nach Amerika ſollte veranſchaulicht werden. Wir befinden uns zu Anfang des Buches an den Ufern des Züricherſees, wo Rambleton, ein Sohn des jungen Amerika, ſtolz, ſpröde, leidenſchaft⸗ lich in amerikaniſchen Vorurtheilen befangen, mit einer deutſchen Familie, von Schochſtein, zuſammentrifft. Er verliebt ſich in Luitgarde, eine harmlos mädchenhafte, unendlich anſprechende Natur, muß aber nach Amerika heim. Wir kommen aufs Verdeck eines Paquet⸗ boots, das von Havre nach Newyork fährt, und hier erhalten wir das klarſte, treueſte, anſchaulichſte Bild einer großen Seefahrt, das je ein deutſcher Maler zu entwerfen wußte. Sealsfield hat uns hier eine ins Gebiet des Seeromans fallende Arbeit geliefert, die die vorangegangenen Schilderungen Cooper's und Mar⸗ ryat's weit hinter ſich läßt.„Es iſt“, ſagt ein geiſtvoller Kritiker,„an Treue und Ausführung ein niederländi⸗ ſches Bild und in Kraft und Adel der Conception eine großartige Dichtung. Nachdem wir dieſe Ueber⸗ *) Zürich 1834. 49 fahrt von zweiundſechzig Tagen gemacht, die Alles darbietet, was eine Seereiſe gewähren kann, Sturm und Windſtille, Einſchiffung und Landung, höchſten Genuß des Naturlebens und äußerſtes Elend geiſtiger Abgeſtorbenheit, Jubel und Noth, wie ſie ſich in den heterogenſten Charakeren malen, haben wir ſelbſt eine Seereiſe nach Amerika gemacht. Unſere eigene Seele hat alle dieſe Wechſelzuſtände von der erhabenen Los⸗ ſöſung alles Irdiſchen bis zur Verzweiflung durchge⸗ macht, vom Göttlichen bis zum Thieriſchen haben wir Alles an uns ſelbſt erfahren. Die Kunſt der Darſtel⸗ lung kann nicht weiter gehen, ſie kann uns nicht mehr, als hier geſchieht, von innen heraus in fremde Zu⸗ ſtände verſetzen, indem ſie dieſe an den verſchieden⸗ artigſten Charakteren erläutert.“ Doch es drängt uns, nun zur„Prairie am Jacinto“ zu kommen, die wir für die Perle aller Sealsfield'⸗ ſchen Erzählungen halten. Ihre Handlung iſt in Kürze folgende: In einer Tabagie irgendwo in den Südſtaaten hat ſich eine Geſellſchaft zuſammengefunden. Man trinkt, raucht, discutirt über Tagesfragen, Coton⸗ und Negerpreiſe. Es iſt im Jahre 1840, die Annexion von Texas kommt aufs Tapet, und wie ſo ein Wort Sealsfield, Die Grabesſchuld. 4 50 das andere gibt, gedenkt der anweſende Oberſt Cracker der Leute in Texas mit wenig ſchmeichelhaften Aus⸗ drücken, nennt ſie Geſindel, einen Haufen Abenteurer und Banditen, die den Strick verdienten. Ein junger Mann erhebt ſich und fordert höflich und entſchieden den Sprecher auf, dieſe Ausdrücke zurückzunehmen. Es iſt ein Texaner, der Oberſt Morſe, ein Häuptling aus dem Kriege von 1835. Wie dieſer berühmte Name genannt wird, verbeugt ſich Cracker und er⸗ kennt an, daß der Sieger von San Antonio der beſte Gentleman ſei, den er kenne. Aber Morſe beſteht darauf, daß Cracker auch in Bezug auf die Soldaten, die mit ihm waren, die beleidigenden Ausdrücke zurück⸗ nehme. Cracker thut es, indem er ſich in die Lippe beißt. Und nun geſteht Morſe ein, daß der Auswurf nicht gefehlt in Texas, und behauptet zugleich, daß er das Heil des Landes war. Wie aber ward Morſe Texaner? Warum verließ der Sohn einer der beſten Fami⸗ lien Marylands ſeine Heimat, um ſich Abenteurern anzuſchließen? Die Erzählung des Oberſten führt uns in die Epiſode der Geſchichte von Texas ein. Dieſe Prairie des Jacinto iſt eine der ausge⸗ dehnteſten und dichteſten der neuen Welt. Wehe dem, der ſich verirrt in dieſer Graswüſte, er wird vergeb⸗ 51 liche Verſuche machen, hinauszukommen, und wie ein Schiffbrüchiger im Grasocean verſchwinden. Eines Tages hat ſich Morſe während einer Reiſe in der Prairie des Jacinto verloren. Verließ er ſich zu ſehr auf die Klugheit ſeines Pferdes? Kannte er die Ge⸗ fahr nicht? Vier Tage irrt er durch die Savanne, ſucht vergeblich den Ausgang; von Müdigkeit und Durſt verzehrt, gebrochen, taumelt er mit ſeinem Pferd in das Rinnſal eines Stroms. Ein plötzlich empor⸗ tauchender Mann hält das Roß an und belebt mit ein paar Tropfen Whisky die Kräfte des Sterbenden. Dieſer Retter iſt ein finſterer Menſch von unheimlicher Miene, der Mörder Bob, ein Bewohner der Prairie, dort hingebannt durch ein Verhängniß. Eben dort, wo er Morſe gerettet, unter einem ungeheuren Baum, der Patriarch genannt, hat er einen Reiſenden beraubt und getödtet. Seit dieſer Stunde fühlt er unaufhör⸗ lich den Stachel des Gewiſſens und muß immer wie⸗ der auf die Stelle zurückkehren, wo er den Mord ver⸗ übt. Er büßt ſein Verbrechen in jeder Stunde, in jeder Minute. Elend, ein zu Grunde gerichteter Menſch, fühlt er das Bedürfniß, das Geſtändniß ſeiner That zu machen, ſich ſeiner Bürde zu entledigen und ſeine Strafe zu leiden. Er geſteht ſeine That dem Oberſten 4* 52 Morſe und bittet ihn, ihn vor Gericht zu bringen. Am andern Tage erzählt er vor dem Alcalde die Geſchichte ſeines Mordes und ſeine Gewiſſensbiſſe.„Mein Weib, meine Kinder!“ hatte das Opfer unter den Todes⸗ ſtreichen ausgerufen, und dieſe Ausrufe haben Bob das Ungeheure ſeiner That enthüllt. Die Einſamkeit, das Schweigen, die Nothwendigkeit, mit ſeiner Reue allein zu ſein, haben das außerordentliche Phänomen zu Wege gebracht, daß er durchaus gerichtet ſein will. Die Scene, die nun folgt, iſt bewunderungswür⸗ dig. Der Richter, an Geſtändniſſe ſolcher Art gewöhnt, hört kalt, ja zerſtreut zu und beſtellt Bob auf den andern Tag, bis wohin er die Geſchwornen, die den Spruch ſprechen werden, einberufen will. Sobald der Mörder zur Thür hinaus iſt, beginnt der Richter Morſe ſeine Gedanken über gut und böſe, über Schuld und Strafe darzulegen. Er iſt, um es kurz heraus zu ſagen, der Ueberzeugung, gegen die eigentlich nicht viel einzuwenden, daß ſich mit einem heruntergeſchla⸗ genen Kopfe herzlich wenig anfangen läßt, daß aber in unfertigen Verhältniſſen einer jungen Colonie die unreinen Elemente gar wohl verwendbar ſind. Was für wilde Teufel waren die Normannen, die, von einem Baſtard geführt, das größte Königreich der Erde 53 gründeten! Iſt es Schuld der Kinder, wenn ſich das Blut der Vorfahren noch in ihnen regt? Hätten ſie, wenn ſie ſtets die Pfade der Tugend gewandelt, beide Indien in die Taſche ſtecken können? Wie viele Bobs unter dieſen Eroberern! Dieſe ſeltſamen Theorien überraſchen den Ober⸗ ſten. Es folgt eine brillante Vergleichung der unrei⸗ nen Elemente in der Union mit denen Mexicos. Hier ſogar Verbrecher von der Idee des Vaterlandes ge⸗ hoben, Verirrte, die ſich emporringen; dort Verworfen⸗ heit mit Heuchelei verbündet, Schurken, welche nach erhaltener Abſolution ſtracks zu neuen Verbrechen aus⸗ ziehen. Ein Verbrecher jener erſten Kategorie iſt Bob, und darum will ihn der Alcalde nicht verurtheilt ſehen Er braucht ſolche Blöcke zum Bau des neuen Te⸗ xas 0 Deſſenungeachtet wird Bob verurtheilt, an den Aeſten des„Patriarchen“ gehenkt zu werden, der Alcalde rettet ihn trotz ſeines Widerſtandes. Inzwiſchen hat ſich dieſer als einer der Männer enthüllt, welche die Annectirung von Texas vorbereiteten. Morſe ſtellt ſich unter ſeinen Befehl. Der Krieg bricht los. Mit⸗ ten in einem mörderiſchen Kampfe ſpricht Bob daſ⸗ ſelbe Gebet weiter, welches abgebrochen wurde, als 54 man ihn zur Hinrichtung führte. Durch ſeine Reue und ſeinen Muth rehabilitirt und wiedergewonnen, fällt er und ſtirbt in den Armen des Oberſten Morſe und des Alcalden. Wie wunderbar das Colorit dieſes Bildes der Prairien auch iſt, ein ſpäteres Buch mexicaniſcher Schilderungen:„Süd und Nord“, wird es an Far⸗ benzauber noch übertreffen. Wenn nur der Dichter nicht oft zu weit ginge, ähnlich den Malern der Co⸗ loriſtenſchule, die Umriſſe der Geſtalten allzuſehr zu⸗ rücktreten, dagegen die Farben wie im Wirbel an un⸗ ſern Augen vorübertanzen ließe, bis ſich unſer Den⸗ ken ſelbſt verwirrt! Wahrlich, in dieſem und mehre⸗ ren andern Büchern gleicht Sealsfield einem Manne, der in den Trunk, den er uns vorſetzt, einen geheimen Taumelſaft, ein Narkoticum der Tropen miſcht, deſſen bloßes Arom ſchon Betäubung bringt. Der Roman„Süd und Nord“ hat übrigens, wie kein anderes Buch von Sealsfield, unverkennbar autobiographiſche Elemente in ſich und mag beinahe für eine Verarbeitung jenes Tagebuchs vom Jahr 1828, gelten, deſſen wir zu Anfang unſerer Skizze Erwähnung gethan. Der Schauplatz iſt Mexico im Jahre 1825, zur Zeit, als die Nationalregierung ihre 55 Bundesacte publicirte und die Reſte der Spanier aus dem Lande verjagt wurden. Eine Gruppe junger Nordamerikaner abſchweift um dieſe Zeit in den Bergen umher, ein junger Kauf⸗ mann Namens Hardy iſt unter ihnen. Ein paar Mi⸗ litärs, die den jungen Leuten vom Gouverneur der Provinz als Escorte mitgegeben worden waren, ver⸗ folgen heimlich den Nebenzweck, einen mächtigen Guts⸗ herrn und Gegner der jetzigen Regierung aufzuheben; und nicht genug, daß dieſes die jungen Leute in aller⸗ hand Fährlichkeiten hineinreißt, einer derſelben, Gour⸗ ney, der ſich in Mariquita, die himnliſchſchöne Tochter des Don verliebt hat, begeht das Verbrechen gegen das mexicaniſche Geſetz, ſich als Ausländer und Ketzer mit ihr heimlich trauen zu laſſen. Die jungen Leute werden nun aus dem Zauberlande des Cordil⸗ lerenthals tückiſch in Mosquitoſümpfe geführt, damit ſie in ihnen umkommen; kaum aus dieſen gerettet, ſehen ſie ſich wieder der wilden Naturmacht wälderumreißen⸗ der Wolkenbrüche gegenübergeſtellt. Endlich gelangen ſie in die biſchöfliche Stadt Oxaka. Das eigen⸗ thümliche Verbrechen Gourney's kommt an den Tag. Mariquita wird von ihrem Vater ins Kloſter gebracht und aus dieſem wieder befreit. Irrſinnig 56 geworden, folgt ſie dem Geliebten, ſtürzt ſich bei Vera⸗ cruz ins Meer, wird wieder gerettet und geht ſchließ⸗ lich mit dem Schiff, das ſie nach Louiſiana bringen ſollte, zu Grunde. Hardy, der Freund Gourney's, hat alle Peripetien mit durchgemacht, er beingt eine große Ladung koſtbaren Farbſtoffes mit, aber wie ſieht es in ſeinem Gemüthe aus!„Sind dieſe wilden, zerriſ⸗ ſenen Bilder“, ruft er am Schluſſe,„Wahrheit, ſind ſie Dichtung, Träume einer krankhaften Phantaſie, die ihre ausſchweifenden Geſtaltungen bis zur Verzerrung, bis zum Wahnſinn auseinander drängt?“ Es werden nicht blos Träume ſein, ſolche Träume ſind blos geſteigerte Abbilder des Erlebten. Hardy iſt offenbar Sealsfield ſelbſt. Es iſt gewiß auch zu beachten, daß dieſer Hardy über die Preiſe aller Kauf⸗ mannswaaren in Mexico ums Jahr 1824 ſo genau Beſcheid weiß und ſo viel mit der Cochenille zu thun hat. Wo Sealsfield auch früher gelebt haben mag, um das Jahr 1824 haben wir ihn uns in Mexico als reiſenden Kaufmann zu denken. Vielleicht hat jenes Cochenillegeſchäft, das er Hardy in Oxaka unter den ſeltſamſten Umſtänden abſchließen läßt, den Grund zu einem Vermögen gelegt, ohne welches wir ihn uns nicht denken können, da er ſchon ein Jahr ſpäter die 57 Abſicht zeigt, eine größere Plantage in Louiſiana zu kaufen. Dieſe Geſtändniſſe gibt er ſelbſt ſo viele Jahre ſpäter, am Abende ſeines Lebens, indem er die Tragödie ſeiner Freunde halb als Mitbetheiligter, halb als Zuſchauer ſchildert, für Jeden, der zwiſchen den Zeilen leſen kann, beredt genug. ** * Und hier wären wir mit der curſoriſchen Durchſicht der Sealsfield'ſchen Schriften zu Ende. Wir wollten ja keine Kritik derſelben liefern. Unſere Aufgabe ging dahin, den Lebenslauf des merkwürdigen Mannes zu verfolgen und, indem wir den Leſer dafür zu intereſ⸗ ſiren ſuchten, ihn auf ſeine Werke hinzuleiten. Und über dies Leben haben wir jetzt nur wenig noch zu berichten. Wie es einſt in wilden Stromſchnellen hintoſte, ſo ſchleicht es jetzt hin; es entzieht ſich nicht mehr den Blicken, es iſt aber auch nicht mehr poetiſch. Während ſeiner langen Anweſenheit in Zürich lebte Sealsſield ganz zurückgezogen, trat nur dann und wann mit zwei kleinen Kreiſen von Perſonen in Be⸗ rührung. Zu dem einen gehörte unter andern der Bürgermeiſter Heß, Leonhard Ziegler und der berühmte Kliniker Profeſſor Schönlein, zu dem andern Dr. Bluntſchli, W. Meyer und Fr. Schultheß, der Verleger 58 der„Neuen Land⸗ und Seebilder“ und des„Kajüten⸗ buchs“. Man fand Sealsfield im perſönlichen Umgang ſehr von der Stimmung abhängig; ungemein anziehend und intereſſant, wenn er von ſeinen Reiſen erzählte und Land und Leute ſchilderte, dann wieder amerika⸗ niſch ſchroff, wenn er auf Widerſpruch ſtieß oder wenn er meinte, man erweiſe ihm nicht die gebührende Aufmerk⸗ ſamkeit. Mit dem letztgenannten Kreiſe von Männern kam er anderthalb Jahre lang allmonatlich mindeſtens einmal zuſammen, man war meiſt vergnügt und auf⸗ geräumt. Da kommt einmal die Rede auf die Schwar⸗ zen und die Sklaverei. Alle ſind für Sklavenemanci⸗ pation. Sealsfield dagegen behauptet, die Neger ſeien eine inferiore Raſſe, die dem Affen und dem Thierreich näher als dem Menſchen ſtände, es fehle ihnen eigent⸗ liche menſchliche Vernunft und Intelligenz. Der Wi⸗ derſpruch aller verletzte ihn ſo ſehr, daß er von da ab die Geſellſchaft mied. In den Jahren 1838 bis 1846 hatten ihn die Verleger wegen einer Sammlung ſeiner Schriften förmlich mit Offerten beſtürmt und boten ihm große Honorare. Er ging lange nicht darauf ein, bis ihm das Anerbieten der Metzler'ſchen Buchhandlung in Stuttgart zukam. Dieſe hatte ſich erboten, zwei Ge⸗ 59 ſammtauflagen zu veranſtalten, eine von zweitauſend Exemplaren in Octav, eine von achttauſend Exempla⸗ ren in Duodez. Sealsfield nahm dieſen Antrag an, die Reſte wurden dem bisherigen Verleger abgekauft, die neuen Auflagen traten ans Licht. Doch kaum er⸗ ſchienen, lenkten die Zeitverhältniſſe die Aufmerkſam⸗ keit von ihnen ab. Die Revolution von 1848 ſchnitt den Abſatz aller Bücher auf längere Zeit ab, und als die Flut vorübergerauſcht, da war es, als ſei Seals⸗ field ganz vergeſſen. Mit der Metzler'ſchen Buchhandlung war Seals⸗ field noch weiterhin in perſönlichem wie ſchriftlichem Verkehr, doch behielt dieſer einen rein geſchäftlichen Charakter. Sealsfield beobachtete ein faſt auffälliges Schweigen über ſeine Vergangenheit. Schließlich ſchien es dem Verleger, als habe der Autor triftige Gründe, frühere Partien ſeines Lebens im Dunkel zu laſſen. Der einzige Schluß, den Metzler während ſeines lang⸗ jährigen Verkehrs mit Sealsfield zog, war der, daß er es mit einem Mann von großer praktiſcher Umſicht zu thun habe, der ſich wahrſcheinlich vormals in kauf⸗ männiſcher Branche bewegt habe. Um das Jahr 1853 vertauſchte Sealsfield Zürich mit dem noch weit ſtilleren Solothurn; was ihn zu 60 dieſem Ortswechſel bewogen, iſt unbekannt; es war wirklich, als wolle er ſich immer tiefer in die Einſamkeit zurückziehen. Seine Legitimationspapiere beſtanden aus einem amerikaniſchen Paß, in welchem Sealsfield als Bürger der Vereinigten Staaten anerkannt war. Ein Mehre⸗ res wurde von der Solothurniſchen Polizei nicht verlangt; es wäre lächerlich geweſen, hätte man dem berühmten Schriftſteller die Vorweiſung eines Leumund⸗ zeugniſſes, von irgend einem obſcuren Dorfvorgeſetzten ausgeſtellt, zumuthen wollen. Uebrigens lebte der alte fremde Herr, welchem eine Wirthſchafterin in kanoni⸗ ſchem Alter die Haushaltung beſorgte, in größter Zu⸗ rückgezogenheit. Während der ſchönen Jahreszeit durch⸗ ſtreifte er häufig die ausgedehnten Wälder, an deren Saum ſein Landhaus, von ihm unter den Tannen zubenannt, gelegen war. Er vermied es, Bekanntſchaf⸗ ten anzuknüpfen, lehnte jede Einladung zu geſelligen Zuſammenkünften ab, verſchmähte jedoch nicht, hier und da einen kleinen Kreis von Bekannten unter den Tannen zu verſammeln, bei welchen Gelegenheiten er ſich ſtets als zuvorkommender und ſplendider Wirth er⸗ wies. Die Converſation wurde bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſtets deutſch geführt, welches von Sealsfield 6¹ ſehr correct geſprochen wurde; des Franzöſiſchen war er ebenfalls mächtig, doch war es ihm weniger ge⸗ läufig; das Engliſche ſoll er mit unverkennbarem ame⸗ rikaniſchem Accent geſprochen haben; auch Italieniſch und Spaniſch waren ihm nicht fremd. Er lenkte das Geſpräch mit Vorliebe auf Politik und machte aus ſeinen liberalen Anſichten kein Hehl. Mit Vorliebe ſprach er ſich über amerikaniſche Zuſtände aus und ließ errathen, daß er mit den hervorragendſten poli⸗ tiſchen Perſönlichkeiten der Union bekannt ſei. Ueber ſeine perſönlichen Erlebniſſe war er ſehr zurückhaltend. Zwar ließ er ſich hier und da vom Augenblick hin⸗ reißen, einige abgeriſſene Epiſoden aus ſeinem Leben mit markantem Erzählertalent zum Beſten zu geben, dabei hütete er ſich jedoch auf das vorſichtigſte, ſeine Jugendgeſchichte, ſeinen Urſprung und ſein Vaterland errathen zu laſſen. Selbſt denjenigen gegenüber, die er ſeine beſten Freunde nannte, hielt er an dieſer Zu⸗ rückhaltung feſt. Doch äußerte er gelegentlich einmal gegen Herrn Peyer in Hof, daß er ein Oeſterreicher ſei. Auch ſagte er dieſem plötzlich einmal im Jahre 1859:„Aus der heutigen Zeitung erſehe ich, daß ein Namensvetter von mir verwundet worden iſt.“ Dies bezog ſich auf einen 62 Verwandten, den damals bei Euſtoppa verwundeten Lieutenant Heinrich Poſt. Daß er ſo das Geheimniß ſeiner Abkunft wahrte, iſt allerdings ſeltſam, doch aber wieder ganz erklärlich. Welchen Grund hätte er gehabt, ſich zu nennen? Er hatte ſich daran gewöhnt, Charles Sealsfield zu ſein, ſein Blut hatte gewiſſermaßen einen Filtrirungsproceß in ein anderes Individuum hinüber gemacht. Was konnten ihm Heimat und Verwandte noch ſein? Auch Scheu vor Senſation, Erklärungen, Publicität, Erör⸗ terung von Familienſachen vor dem Forum der Oef⸗ fentlichkeit mußte ihn ſchon zu dieſer Zurückhaltung beſtimmen. Er war aber auch alt und das Alter läßt die Sachen am liebſten, wie ſie eben liegen. So ſplendid nun Sealsfield ſein konnte, wenn er Gäſte hatte, ſo einfach, ja ſogar ärmlich war ſeine gewöhnliche Lebensweiſe. Er lebte beinahe ausſchließ⸗ lich von Rindfleiſch und Kartoffeln. Wegen einiger Suppenkräuter oder eines Eies, welche ſeine Wirth⸗ ſchafterin zu viel vom Markte brachte, konnte er ner⸗ geln und ſchelten; eine weiße Suppenſchüſſel, die zu ſeinem Gebrauch gekauft worden war, ſchickte er als zu luxuriös in den Laden zurück und ließ ſie gegen eine andere von ordinärer brauner Töpfererde austau⸗ 63 ſchen. Der pſychologiſche Entwickelungsgang dieſer über⸗ triebenen Sparſamkeit iſt nicht ſchwer zu verfolgen. Schon in früheren Jahren, in den Zeiten ſeiner beſten Manneskraft, liebte er es, was materielle Genüſſe be⸗ trifft, ſich in grellen unvermittelten Gegenſätzen zit bewegen. Zuweilen kam es ihn an, in fürſtlichen Luxus zu ſchwelgen, um ſich unmittelbar darauf die ſtrengſten Entbehrungen freiwillig aufzuerlegen und gleich einem Hinterwäldler zu leben. Da geſchah es, daß Seals⸗ field bei einer der häufig ſich wiederholenden Bank⸗ und Finanzkriſen der amerikaniſchen Union einen großen Theil ſeines Vermögens verlor. Zwar blieb ihm im⸗ merhin noch ſo viel, um auf das anſtändigſte leben zu können, aber das Alter war da, die Arbeits⸗ kraft begann zu verſiegen. Nun kam gar noch der amerikaniſche Bürgerkrieg. Von ſeinem Grundbeſitz in Louiſiana mußte er an die ſeceſſioniſtiſche Regierung enorme Kriegsſteuern bezahlen und kein Pachtzins war mehr zu erhalten. Die nordſtaatlichen Eiſenbahn⸗ und Bankvaluten erlitten eine troſtloſe Entwerthung. Das Vermögen, welches er nach Europa, nach der Schweiz gerettet hatte, war nur von geringem Belang. Da überkam den alternden Mann ein paniſcher Schreck, die Angſt, gänzlich zu verarmen. Es iſt be⸗ 64 greiflich, daß die Ausſicht, ökonomiſch abhängig zu werden, irgend Jemand zur Laſt zu fallen, dem ſtolzen, ſchroffen Charakter Sealsſield's unerträglich ſein mußte. Deshalb trachtete er ſeine wenigen nach der Schweiz herübergebrachten Vermögenstheile zu einem Nothpfen⸗ nig zu ſparen, deshalb wurde er zuerſt ſparſam und dann geizig. Nun, da wir etwas Näheres über ſeine Familienverhältniſſe wiſſen, dürfen wir uns am we⸗ nigſten darüber wundern. Wie hätte es der ſtolze Mann, der einſt die Mönchskutte ausgezogen und weit von ſich geworfen und ſich aus eigener Kraft einen berühmten Namen in der Welt geſchaffen hatte, je über ſich bringen können, bei der beſchränkten, vielleicht bi⸗ gotten Bauernfamilie in Mähren, der er einſt angehört hatte, um ein Almoſen anzuhalten! Die Furcht vor Verarmung, die Angſt, jene Unabhängigkeit zu verlieren, die ſich auf den Beſitz irdiſcher Güter ſtützt, das war es, nebſt dem Ge⸗ fühl der allmälig ſchwindenden Körperkräfte, was ſeine alternden Tage quälte. Und dann der nimmer enden wollende amerikaniſche Bürgerkrieg!„Nichts Neues von drüben?“ war ſtets die erſte Frage, die er an ſeine Beſucher richtete.„Nichts Neues von drüben?“ waren die letzten vernehmlichen Worte, die er ſprach. 65 Sein Herz neigte ſich den Südländern zu, den Son⸗ derbundsſtaaten, wo er ſelber Landbeſitzer war. Die Bewohner des Südens— ſo pflegte er zu ſagen— ſind trotz ihrer Wildheit, ihrer Rauheit, ihrer Aus⸗ ſchweifungen ritterliche, noble Naturen von hundertmal edlerem Metall als die Geldſeelen des Nordens. Aber ſein Verſtand hielt es dennoch mit dem Norden. Die Macht der Union, das endliche Uebergewicht Amerikas über die alte Welt, welches ſein politiſcher Traum war, die Regeneration der Menſchheit durch die amerika⸗ niſche Demokratie konnte nur dann kommen, wenn die Union unzertheilt blieb. Deshalb wünſchte er und be⸗ zweifelte auch keinen Augenblick den endlichen Sieg der bundesgetreuen Staaten des Nordens. Indeſſen vergin⸗ gen Jahre, Monate und Wochen. Jeder Morgen brachte ſeine Zeitungen, aber keine wollte die gewünſchte Ent⸗ ſcheidung bringen. Und ſtets düſterer wurde der Blick, den der grauköpfige Greis mit der eckigen Stirn und den tiefen Runzeln in die verſchleierte Zukunft warf. Eine offene Wunde am Fuß hinderte ihn zuweilen Wochen und Monate lang, ſeine Streifereien durch die grünen Jurawälder vorzunehmen. Zugleich nahm ſeine Sehkraft ab und machte ihm Leſen und Schreiben erſt beſchwerlich, nach und nach unmöglich. Uad noch ſo Sealsftad, Die Grabesſchuld. 66 Manches hätte er ändern, fertig machen, zum Abſchluß bringen ſollen. Er ſah ſich nach einem Privatſecretär um. Es hätte ein Mann von wiſſenſchaftlicher Bil⸗ dung ſein ſollen, mit einiger ſchriftſtelleriſchen Fertig⸗ keit, von erprobtem Charakter und unbedingter Hin⸗ gebung. Wo findet man ſolche Leute, die ſich gegen einen Jähreslohn von einigen hundert Franken zum Schreiberdienſt hergeben? Die unvollendeten Arbeiten blieben, wie ſie waren— die letzten abſchließenden Kapitel des breitangelegten Werkes oſtweſtticher Wahl⸗ verwandtſchaften und Wechſelwirkungen kamen nicht zu Stande. Da kam die Plage einer zuerſt vernachläſſig⸗ ten, nun aber langſam, doch unaufhaltſam zerſtören⸗ den Unterleibskrankheit. Einſt war Schönlein in Zü⸗ rich Sealsfield's Freund und Arzt gemeſen. Seit die⸗ ſer ihm nicht mehr rathen konnte, hatte er zu keinem andern Arzt ein rechtes Zutrauen mehr. Er fing an als Selbſtarzt an ſich herumzudoctern, keineswegs mit gutem Erfolg. Eine Badereiſe nach Schwalbach brachte keine Linderung, ſondern die Ueberzeugung, daß es dem Ende entgegengehe. Bei der allgemeinen ſchweizeriſchen Volkszählung von 1860, wo auch nach dem religiöſen Bekenntniß officiell geforſcht wurde, ſchrieb ſich Sealsfield unter 67 die Rubrik:„einer andern chriſtlichen Confeſſion an⸗ gehörig“, welche den beiden Landesconfeſſionen„katho⸗ liſch“ und„reformirt“ gegenübergeſtellt war. Er ging ſelten zur Kirche. Der Anblick der Klöſter, das häu⸗ fige Läuten der Kirchenglocken, das Zuſammentreffen mit katholiſchen Geiſtlichen war ihm unangenehm. Als er ſein Ende herannahen fühlte, ließ er den reformir⸗ ten Ortsgeiſtlichen H. Herrmann zu ſich berufen; er erbat ſich deſſen häufige Beſuche und unterhielt ſich mit Vorliebe mit demſelben über die Frage der Un⸗ ſterblichkeit und verwandte religiöſe Gegenſtände. Um Weihnachten 1863 erhielt er— auf ſeinen dringenden Wunſch— das Abendmahl in ſeiner Krankenſtube.*) Noch Monate lang widerſtand ſeine eiſerne Conſtitution den zerſtörenden Verheerungen ſeiner Krankheit; erſt im Monat Mai, als alle Knospen ſprangen und alle Bäume in Blüte ſtanden, hauchte er ſeinen letzten Seufzer aus. Vorher verbrannte er ſeine ſämmtlichen *) Daß er zu dem Bau der reformirten Kirche in Solothurn, für den er ſchon früher 300 Frauken ſubſcribirt, in ſeinem Teſtamente noch 300 Franken zeichnete und ſich das Abendmahl von dem reformirten Geiſtlichen reichen ließ, iſt noch kein Be⸗ weis, daß er zur helvetiſchen Kirche übergetreten, ſondern wohl nur ein Beweis, daß ſie ihm unter denen, die er in der Nähe hatte, am meiſten entſprach. 5* 68 Schriften und Manuſcripte. Drei ganz oder beinahe vollendete Werke gingen in Flammen auf; eins der⸗ ſelben:„Ein Mann aus dem Volke“, ſoll in der Form eines Romans das eigene Leben des Verfaſſers zum Inhalt gehabt haben. Die Werthpapiere, die ſein Ver⸗ mögen ausmachten, ſchickte er an einen Freund in Schaffhauſen. Die werthloſe Schachtel, in welche ſie verpackt waren, erbat er ſich ausdrücklich zurück! Auch in dieſem Actenſtück geſtand er, wie wir ge⸗ ſehen haben, ſeinen wahren Namen nicht ein und legte vor ſeinen Brüdern kein Geſtändniß ſeiner Identität mit Karl Poſtl ab. Ja man könnte ſagen, daß er ſich ſelbſt darin als Miterben eingeſetzt, da er von den fünf Söhnen des Poppitzer Gemeindevorſtandes Anton Poſtl ſprach, allerdings mit dem Beiſatze:„Sollte einer derſelben mit Tod abgegangen oder ſonſt abhan⸗ den gekommen ſein“ u. ſ. w. Auch im Tode lüftete er die Maske noch nicht. Das Alles, mit der Thatſache des Teſtaments zuſammengehalten, iſt pſychologiſch ſehr ſeltſam und eigenthümlich. Was geht in einem Menſchen vor, der während zweiundvierzig Jahren nie nach ſeinen Angehö⸗ rigen fragte, ihnen nie eine Kunde ſeiner Exiſtenz zu⸗ kommen ließ und ſie ſchließlich doch zu ſeinen Erben 69 einſetzte? Gewiß liegt da ein höchſt melancholiſches Geſtändniß: Ihr wart mir nichts als eine Erinnerung und ich konnte Euch entbehren! Ich bin aber durchs Leben gegangen, ohne mich an ein zweites Leben zu ketten, und da ſeht nun, jetzt ſeid Ihr mir doch noch die Theuerſten! Wahrlich, ein Blick in ein tief umnachtetes Ge⸗ müth iſt uns geöffnet. Erſt durch die Aufdeckung ſeines Lebensromans hat ſich die öffentliche Aufmerkſamkeit wieder einem Schriftſteller zugewendet, dem wir Aelteren in unſerer Jugend ſo ſtarke und mächtige Eindrücke verdankten. Wir würden ſehr bedauern, wenn dieſe Aufmerkſamkeit nur eine flüchtige bliebe. Es iſt ſo viel in Sealsfield's Werken, das erhebt und aufrichtet, ſo viel, das unver⸗ gänglich ſchön und herrlich iſt. Er hat den exotiſchen Roman geſchaffen, einen Roman, der für Deutſchland wie für England und Amerika geſchrieben war und neue Typen, Begriffe, Bilder in verſchwenderiſcher Fülle uns zuführte. Sein Name wird der deutſchen Literaturgeſchichte für immer einverleibt bleiben. Vor allen aber ſollte der Oeſterreicher es feſthal⸗ ten, daß Sealsfield ſein Landsmann, ein Autox, der Oeſterreichs übrige Poſaiker hoch und ſeltſam eigen⸗ 70 artig überragt, wie ein Baum des amerikaniſchen Ur⸗ walds den Waldwuchs. Wenn dieſe Arbeit dazu hilft, daß ſeine Bücher wieder hervorgezogen, geleſen, ſtudirt werden, wie ſie es in ſo hohem Maße verdienen, ſo hat ſie ihren Zweck erfüllt. VI. Es war an einem herrlichen Auguſt⸗Abend des vorigen Jahres, als ich auf der Plattform des pracht⸗ vollen Schweizerhofes, dem Rheinfall gegenüber ſtehend, in den Anblick dieſes außerordentlichen Naturſchau⸗ ſpiels ganz verſank. So oft man auch da geſtanden, das Bild erſcheint bei jedem Wiederſehen als ein noch nie geſchautes, weil die Einbildungskraft das Uebergroße gar nicht feſtzuhalten vermag. Die Sonne war im Un⸗ tergehen, die Sonne eines wunderbar klaren Tages, wie das Jahr nur wenige gehabt, und die ganze ungeheure Gebirgskette vom Säntis bis zur Berner Oberlandskette und weiter bis zum Montblanc ſtand, Gipfel um Gipfel ſichtbar, in roſiger Beleuchtung am Horizonte. Allmälig Sinn und Seele freimachend, ſah ich, daß ich zwiſchen 72 zwei übergroßen Figuren ſtehe, die einen köcherbewehrten Indianerhäuptling und ſeine Gefährtin vorſtellten und immerfort auf die drüben toſende Schlacht der Ge⸗ wäſſer blickten, als wäre der Rheinfall der Niagara. Ich weiß nicht, durch welche Ideenaſſociation mir zu⸗ erſt Figuren von Indianern aus Romanen einfielen, dann, daß Charles Sealsfield das gegenüberliegende Dorf Feuerthalen zum jahrelangen Wohnſitz gewählt, als ob auch er an den Niagara gemahnt ſein wolle, und ſchließlich, daß Solothurn nicht allzufern ſei, wo der merkwürdige Mann die letzten zehn Jahre ſeines Lebens gewohnt habe und auf dem Nikolaikirchhof begra⸗ ben liege. Und plötzlich hatte ich den Entſchluß gefaßt, nach Solothurn zu fahren, um mir ſein Grab und ſein Wohnhaus anzuſehen. Am andern Tage war ich über Olten und Aarburg nach Aarau gegangen und bei einer pechſchwarzen Nacht, deren Wolkenmaſſen von zuckenden Blitzen und einem fernen Brande erhellt wurden, in Solothurn eingefahren. Das Gewitter hatte ſich ſchließlich ausgetobt. Die Ruhe eines entzückenden Morgens lag noch über der Welt, als ich hinaustrat und mich umſah. Eine alte Stadt, noch zu Anfang dieſes Jahrhunderts mit Feſtungsmauern, Wällen und Bruſtwehren umgeben, 73 die jedoch jetzt bis auf ein Stück alte Mauer oder einen pfefferbüchſenähnlichen Thurm abgetragen ſind! Was einſt Graben war, iſt jetzt Promenade, mit Lin⸗ den und Ahornen bepflanzt. Am Ende der Hauptſtraße ſteht die Merkwürdig⸗ keit Solothurns, ein Bauwerk im italieniſchen Stil des vorigen Jahrhunderts mit einer Façade von ko⸗ rinthiſchen Säulen, die St.⸗Urſuskirche. Sie ſteht ziemlich hoch, die Fronte gegen die Hauptſtraße gekehrt; eine prächtige Treppenflucht führt hinan, wie zur Mah⸗ nung, daß ſich das Gemüth erſt aufraffen müſſe, um da einzutreten. Der Bau iſt von zwei ſchönen Fon⸗ tainen flankirt, rund herum ein Platz mit Grabſteinen belegt; ſie decken ebenſo viel Grüfte, als es zur Zeit der Erbauung„bürgerliche“ Familien in Solothurn gab. Aus der Stadt heraustretend, gelangt man auf eine breite, wohlgepflegte, von zwei Reihen rieſiger Platanen eingeſäumte Landſtraße. Allenthalben liegen Villen mit Gärten, Springbrunnen, Lauben, ſaubere Oekonomiegebäude; die neue Generation flüchtet ſich mit ihren Neubauten ins Freie und Weite. Ueberall tritt uns der Charakter des Wohlſtandes und der Sauberkeit entgegen, die den Fremden in einer Schwei⸗ 74 zerſtadt ſo wohlthuend anmuthet. Doch ſchon hebt ſich der Duft des Morgens, und herrlich, wie eine Feſtungs⸗ ſchanze der Titanen, ſteigt bleigrau, tannwaldgekrönt der Weißenſtein mit ſeinen jähabſtürzenden Wänden vor uns empor. Er bildet den großen, mächtigen Hin⸗ tergrund der freundlich lachenden Decoration. Der Nikolaikirchhof, dem mein erſter Weg galt, iſt kaum ein halbes Stündchen von der Stadt ent⸗ fernt. Eine ſchöne Allee von ſchattenden Bäumen führt hin. Ein altes Kirchlein unter rieſigen Baumwipfeln iſt ſchon von fern ſichtbar. Ich trete in die Einfriedigung und frage die Kinder des Todtengräbers, die dort ſpielen, ob ſie mich zu Herrn Sealsfields Grab füh⸗ ren können. Der ungefähr zehnjährige Knabe verſteht mein Deutſch nicht, ebenſo wenig, als ich ſein rauhes Alemanniſch verſtehe, die ältere Schweſter aber weiß gleich Beſcheid. Sie führt mich an die nördliche Wand des Kirchleins, wo ein paar bevorzugte Gräber ſtehen. Das erſte, wenn man um die Ecke biegt, iſt das des Dichters. Charles Sealsfield hatte, wie bereits bemerkt, ver⸗ ordnet, daß man ihm auf ſeinen Grabſtein eine Chiffre ſetze, eine nur hieroglyphiſche Andeutung ſeines wah⸗ ren Namens, wie ſie zu ſeinem vom Geheimniß um⸗ 75 gebenen Daſein ſtimmte. Ein C und S in lateiniſcher Curſivſchrift ſollten ſo geſtellt werden, daß das Ganze ein P ergäbe; es ſollte nämlich das C, mit ſeiner Wöl⸗ bung auf dem S liegend, dieſes umſchlingen. Dies iſt nicht ganz treu ausgeführt worden. C und P ſtehen nicht über, ſondern neben einander. Darunter lieſt man auf dem aufrechtſtehenden Monument: Charles Sealsfield, geboren den 3. März 1793, geſtorben den 26. Mai 1864. Pſalm 143. And enter not into judgement with thy servant, for in thy sight shall no man living be justified. Pſalm 31. Have mercy upon me, my God, according to thy loving kindness, according to thy tender mercies blot out my transgressions.*) Auf dem liegenden Steine lieſt man wieder: Charles Sealsfield, Bürger von Nordamerika. 1 *) 143. Und gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir iſt noch kein Lebender gerecht erfunden worden. 31. Habe Erbarmen mit mir, mein Gott, nach Maß deiner liebenden Güte, nach Maß deiner Gnade löſche aus meine Vergehungen. So hat er Alles angeordnet, und da liegt er alſo, der, neunundzwanzig Jahre alt, für Alles, was er liebte, verſchwand, den Namen wechſelte und nie mehr der ſein wollte, der er war! Als obſeurer Prieſter ausgegangen, kam er als ein berühmter Schriftſteller zurück, aber er mied nicht nur, er floh die Menſchen, lebte einſam bis an ſein Ende, ein hochbetagter Greis, und geſtand ſelbſt auf dem Todtenbette nicht, wer er ſei. Nicht einmal einen Gruß ſendete er ſeinen Ver⸗ wandten, nur ſeine Habe ſollte ihnen gehören, denn er hatte doch Niemand gefunden im mehr als ſiebzig⸗ jährigen Leben, der ihm näher ſtand als ſie! Deutſch und Engliſch auf ſeiner Grabſchrift beiſammen, wie ſich in ihm ſelbſt beide Elemente verſchmolzen hatten, und der Beiſatz: Bürger von Nordamerika, als ſei es ſein einziger Stolz, einem freien und in der Freiheit unwiderſtehlichen Staatsweſen angehört und deſſen Grundſätze wie eine Fahne vertheidigt zu haben! Dazu Sprüche, nicht aus dem neuen Teſtament, ſondern aus dem alten, Seufzer Eines, der ſich Vergehungen an⸗ klagt und dem Vergebung noththut! Tief ergriffen ſtand ich vor dem Grabſtein. Langſamen Schrittes verlaſſe ich den Kirchhof zu St.⸗Niklas. Da winken mir unfern ernſthaft ſchwarze 67 Tannen entgegen, ſanft aufſteigend gelange ich an ei⸗ nen Wegweiſer und leſe: Weg zur Eremitage. Zwei Reihen Felſen, durch wilde Naturkräfte auseinander ge⸗ riſſen, jetzt mit Moos und Farrnkraut bewachſen, bil⸗ den eine lange, kühle Klamm, ein entzückendes Thal, in welchem Buchen und Tannen eine grüne Dämme⸗ rung weben. Ein kleiner Murmelbach durchſtrömt es, ein ſorgfältig gekieſter Weg geht an deſſen Saum hin, kleine Brücken führen dahin und dorthin. Allenthal⸗ ben in den jähemporſteigenden Felswänden ſieht man Höhlen, theils natürliche, theils künſtliche, als habe vor Zeiten eine ganze Geſellſchaft frommer Troglody— ten hier gewohnt. Welcher Vorzug einer Stadt, ſolch einen Fleck Erde in der Nähe zu haben! Selbſt an den ſchwülſten Tagen muß es hier kühl und ſchattig ſein, und welche Ruhe hier, welche Poeſie! Man ſetzt ſich auf eine Bank, ſieht dem Bache zu, wie er über die Kieſel glitzernd hineilt. Alles iſt ſtill, nur daß ein Vogel, ein Specht oder Buchfink, einen Ton hören läßt, nur daß es oben in den Wipfeln rauſcht, wenn ein genä⸗ ſchiges Eichkätzchen an einem Tannenzapfen knuspert. Wie oft, dachte ich, iſt er hier gegangen! Gegangen in der tiefſten Einſamkeit, nachdem er das bewegteſte 78 Leben von London oder Newyork genoſſen, wie ſeine Bücher es ſchildern. Welchen rückblickenden Gedanken, wie viel melancholiſcher Träumerei mag er hier in der Einſiedelei von St.⸗Verena nachgehangen haben! Ich bin langſam weitergegangen und ſtehe plötz⸗ lich hoch überraſcht ſtill. Die Klamm hat ſich mit einem Male zu einem Thälchen eröffnet, einem freund⸗ lich lachenden Grund, an dem rechts und links glatte Felswände emporſteigen. Zwiſchendurch läßt ſich in der Höhe der Weißenſtein ſehen, bleigrau, geiſterhaft. Man denke ſich die ſchöne Felswand des Salz⸗ burger Kirchhofs von St.⸗Peter verdoppelt, und man wird von der Eremitage von Solothurn ein Bild ha⸗ ben. Wie dort in der Nagelflue, ſind hier in der Kalkwand kleine Kapellen und Eremitenwohnungen ausgehauen worden, man iſt von allen Seiten von chriſtlichen Symbolen und Abzeichen umgeben. Mitten darin aber liegt kein Kirchhof, ſondern ſteht, an einen ſchützenden Felſen angelehnt, ein Miniaturhaus, von einem Miniaturgärtchen umſchloſſen, in welchem ein ſogenanntes Kapuzinerkreuz aus den Blumen empor⸗ ragt. Und ſchon tritt mir ein wirklicher, authentiſcher Waldbruder entgegen, das Schlüſſelbund in der Hand, mir die Wunder ſeiner Reſidenz zu zeigen. 79 Die Einſiedler ſind ſelten geworden in unſerer Zeit; nicht ohne einige Verwunderung ſehe ich mir den alten Mann im ſchwarzen Habit an, mit dem unbedeckten, kurz geſchorenen Kopf, deſſen kohlſchwarzes Haar ſich bereits mit weißen Fäden miſcht, mit ſeinem langen Bart, dem breiten Ledergurt um den Leib, von dem Crucifix und Roſenkranz herabhängen, und den nackten, ſandalenbeſchuhten Füßen. Er iſt ein die⸗ nender Bruder des Eremitenordens. Dieſer ungewöhn⸗ liche Orden hat ſein Mutterhaus in Luzern, iſt aber auch über die Kantone Schwyz, Uri und Unterwalden vertheilt. Der Eremit ſteigt die in die Felswand gehauenen Stufen empor und zeigt mir die verſchiedenen Grotten. In einer derſelben hat die heilige Verena gehauſt, die Schutzpatronin der unzähligen alten und jungen Vre⸗ nelis, von denen die Schweiz wimmelt, in einer an⸗ dern ihr Verehrer, der heilige Eremit Orſenius. Eine Kapelle, wohl an zwanzig Fuß tief und fünfzehn Fuß hoch, von dieſem frommen Manne aus dem Fels heraus⸗ gehauen, zeigt uns den Oelberg, die Figuren Magda⸗ la's und der beiden Marien und ein heiliges Grab. Dabei erzählt mir der Waldbruder, daß er den wirk⸗ lichen Oelberg und das wirkliche Golgatha geſehen, 80 indem er vor Jahren die Pilgerfahrt nach Jeruſalem mitgemacht. Sonſt iſt er wenig mittheilſam; viel Re⸗ den würde allerdings einem Einſiedler übel anſtehen. Vom Bruder Klausner Abſchied nehmend, ſteige ch durch einen Wald hochſtämmiger Tannen hinan. Ich weiß nur ſo ungefähr die Richtung, in der ich gehen ſoll, und freue mich, als mir der ferne Schlag von Hämmern und Meißel die Nähe von Menſchen verräth. Da ſehe ich ausgedehnte Steinbrüche vor mir, Männer in Leinwandblouſen führen ihre Schub⸗ karren hin und her, andere behauen gewaltige Steine. Hier wird der wunderſchöne, politurfähige, weiße und bläuliche Marmor gebrochen, aus welchem die St.⸗ Urſuskirche erbaut iſt. Und da ich weiß, daß hier die ſchönſten Juraverſteinerungen, darunter an zwanzig Arten Schildkröten und Saurier vorkommen, trete ich in eine der Breterhütten und ſtecke ein paar Pfund vorweltlicher Schildkröten in die Taſche, mit denen ich mir allerdings keine Turtleſuppe kochen laſſen, wohl aber einſt einem petrefactenkundigen Freunde eine Freude machen kann. Als ich aus dem Walde heraustrete, ſehe ich, daß ich in einem ziemlichen Rundbogen herumgegan⸗ gen. Ich ſtand auf einer ſanften Anhöhe, ein zaube⸗ 81 riſch ſchönes Panorama lag vor mir. Hinter mir die mächtige Maſſe des Weißenſteins, vor mir im Mor⸗ genlichte eine faſt unendliche Ausdehnung herrlicher Matten, freundlicher Thalgebiete, ſanfter Hügelzüge, eine gewellte Ebene, aus welcher hin und her verſtreut zahlloſe Menſchenanſiedelungen hervorſchauen. Zunächſt verſchiedene Klöſter mit alten Thürmen und weithin gedehnten Kloſtergärten, weiterhin die alte Stadt mit ihrer Umgebung lieblicher Villen, das aufgerollte Sil⸗ berband der Aar, die hier dreimal ſo breit wie bei Bern ſein mag. Alle Tinten des Grüns waren hier verſchwenderiſch ausgeſtreut und eine eigenthümliche Harmonie und Lieblichkeit übergoß das große Ge⸗ mälde, das in der fernſten Ferne die hundert⸗ und hundertzinkige Alpenkette blaß wie eine zarte Wolkenwand abſchloß. Kein lebendes Weſen war weit und breit zu ſehen, aber ein unendliches Geklingel und Geläute ſchwirrte in der Luft, denn es war Kirchenzeit und es war, als ob alle Glocken des ultrakatholiſchen, an Kirchen und Klöſtern überreichen Solothurn bald freundlich miteinander plauderten, bald die eine die andere zu überbieten ſuchte. Immer hinabſteigend war ich auf halbſtündige Sealsfieid, Die Grabesſchuld. 6 82 Entfernung von der Stadt gekommen. Da ſtehen an der Landſtraße drei niedere beſcheidene Häuſer hart nebeneinander; das unterſte derſelben, das die ſchmale Fronte gegen den Weißenſtein, die Längenſeite gegen die Straße kehrt, iſt das, welches Sealsfield ſo lange bewohnte. Es hat noch über der Eingangsthür die Inſchrift: Unter den Tannen. Auf ſeiner der Stadt entgegenſehenden Seite lieſt man den Namen des jetzi⸗ gen Beſitzers: A. Gritz, Gerber. Als ich näher komme, erhebt ein großer ſchwarzer Spitz ein fanatiſches Gebell und gibt höchſt feindſelige Abſichten gegen meine Waden kund, denn er weiß, daß das Haus leer ſteht; doch ſchon tritt eine Frau in den mittlern Jahren aus dem Nachbarhauſe und beſchwichtigt das Thier. Es iſt die Gattin des Ci⸗ genthümers. Ich bringe mein Anliegen vor, das Haus zu ſehen, was mir auf das freundlichſte gewährt wird. Das Haus unter den Tannen iſt eigentlich nur ein hohes Erdgeſchoß mit darunter liegenden Wirthſchafts⸗ räumen. Ein Gang geht mitten durch, rechts und links liegt Kammer an Kammer. Sie ſind alle dämme⸗ rig, die grün bemalten Ialouſien ſind geſchloſſen, wie damals, als er hier lebte. Zuerſt wird mir das Zim⸗ mer gezeigt, in welchem er geſtorben. 83 „Er hat ſchrecklich viel gelitten“, ſagte meine freundliche Führerin.„Es war eine Unterleibskrank⸗ heit, an der er litt, und ſie dauerte viele Monate lang. Wir nahmen Theil an Allem, wir waren ſeine Nach⸗ barn. Er wußte, daß ſein Leiden unheilbar, aber er war ſehr gefaßt und ſprach mit größter Ruhe von ſeinem Tode. Er bereitete Alles dazu vor. Sie ha⸗ ben doch die Sprüche geleſen, die auf ſeinem Grab⸗ ſtein ſtehen? Die hat er ſelbſt ausgewählt.“ „Las er oft in der Bibel?“ „Oft, in einer engliſchen Bibel. Eine Kirche aber beſuchte er nie.“ „Und Sie haben jetzt keine Zweifel mehr darüber, daß er kein geborener Amerikaner, ſondern wirklich Herr Poſtl war?“ „O, da iſt kein Zweifel möglich. Als einen Mo⸗ nat nach ſeinem Tode ſein Bruder hier eintrat, da hatten wir alle ordentlich einen Schreck, denn es war, als ſei Herr Sealsfield wieder da, die ganze Aehn⸗ lichkeit, daſſelbe Geſicht, dieſelben klugen Augen, der⸗ ſelbe Schritt, derſelbe Gang. Nie waren zwei Brüder einander ähnlicher.“ „Und er ließ es nie merken, daß er ein Oeſter⸗ reicher?“— 6*½ 84 „Wer dachte damals daran? Aber er ſprach oft von Wien, wußte viele Geſchichten vom Hofe und Anekdoten aus den Kreiſen des Adels. Er muß dort längere Zeit geweſen ſein und dort in der Jugend angenehme Tage verbracht haben.“ „Beſitzen Sie kein Blatt von ſeiner Hand? Ich möchte nur einmal ſeine Handſchrift ſehen.“ „Es thut mir leid, von Schriften iſt nichts mehr da, was ihm gehört hat. Soviel früher da war, es hat ſich nach ſeinem Tode nichts mehr vorgefunden, er muß Alles verbrannt haben. Ja, die Papiere! Nur ein einziges engbeſchriebenes Heft von einigen Foliobogen iſt zurückgeblieben, es wurde von Herrn Poſtl mitge⸗ nommen. Auch der Stock, den er jahrelang getragen, war in der Ecke geblieben, auch den haben wir ſeinem Herrn Bruder mitgegeben. Nun aber muß ich Ihnen noch den Salon zeigen, der iſt mit allen Möbeln noch gerade ſo, wie er war.“ Der Salon war einfach jene hintere Stube der ſchweizer Bauernhöfe, aufs einfachſte möblirt mit ein paar Stühlen, einem Kanapee, einer Schwarzwälder⸗ uhr. Ueberall in der Schweiz iſt es das„hintere Stübli“, in das man die Gäſte führt, denen man eine Ehre anthun will. 85 „Es iſt doch wunderbar“, ſagte ich, noch an der Schwelle verweilend,„wie er ſein Lebtag ſeinen Na⸗ men und ſeine Herkunft verhehlte! Joſef Poſtl lebte jahrelang in Galling bei Salzburg, erfuhr nie mit einem Worte, daß ſein verſchollener Bruder noch lebe, und hielt ihn für todt. Er hatte doch nichts gethan, als daß er dem Kloſter den Rücken gewendet. Wie ſoll man ſoviel Verheimlichung erklären?“ Die Frau ſchwieg eine Weile, dann ſagte ſie: „Er wird gemeint haben, daß man ihn weniger äſtimiren und daß er weniger Achtung bei den Leuten haben werde, wenn ſie wüßten, daß er ein Geiſtlicher war, der das Kloſter verlaſſen.“ Und ſo wird es auch ſein. Ich verließ das Haus und wanderte an den ver⸗ ſchiedenen Klöſtern der Soeurs de la visitation, der Nonnen vom Herzen Jeſu und der Kapuziner der Stadt entgegen. Der lange Spaziergang hatte mich durſtig und hungrig gemacht, ich trat in das zunächſt gelegene Wirthshaus ein. Es gehörte zu den beſcheidenen. Die Wirthin trug die Landestracht, den ſchwarzen Göller mit dem ſilbernen Kettenbehänge, die blüten⸗ weißen Aermel und das Vorhemdchen, und ſetzte mir 86 einen Teller mit Schinken und eine Flaſche Veltliner vor. Das Lokalblatt zur Hand nehmend, las ich die Ankündigungen darin, viele in jenem wunderbaren Deutſch, das für uns ſchier unverſtändlich iſt, etwa: daß„eine alte Gygerbank“ zu verkaufen ſei, oder daß bei dem Unterzeichneten am ſo und ſo vielten zur Cröffnung ſeiner Wirthſchaft ein„Antrinket“, verbun⸗ den mit einem„Sackgumpet“ abgehalten werde. Wäh⸗ rend ich ſo daſaß, erzählten Gäſte nebenan von einem Streite, der vor einigen Tagen zwiſchen Bauern und Solothurner Grenznachbarn eines Storchneſtes wegen ſtattgefunden und der bis zur wilden Rauferei aus⸗ geartet war. Man ſieht ſie oft in dieſen Theilen der Weſtſchweiz, jene ſchwarz und weißen friedlichen Vögel, die in eigenthümlicher Melancholie mit ihren rothen Beinen über die Wieſen wandeln; ſie genießen freund⸗ lichen Schutz, und ihnen etwas Böſes anzuthun, gilt beinahe für ein Verbrechen. Nun wurde manche Anek⸗ dote von Störchen erzählt, darunter eine von zwei alten Storchmännchen, die ſich nahe zuſammengethan und miteinander hauſten. Der eine hatte den Flü⸗ gel gebrochen und konnte faſt nicht von der Stelle, wurde aber von dem andern liebreich gepflegt. Und als er ſtarb, da konnte es der andere nicht mehr im 87 Neſte aushalten, und er, den alle im Dorfe ſeit Jahren kannten, flog davon und wurde nicht mehr geſehen. ls die Gäſte fortgegangen waren, ſetzte ſich die Wirthin zu mir, wie es denn ſolche Leute für gute Sitte halten, den Gaſt nicht allein zu laſſen. Ich ſprach meine Verwunderung aus, daß kein Fremder in Solothurn bleibe und daß es hier keine einzige Penſion gebe, wo doch die Umgebung ſo ſchön, das Leben ſo wohlfeil ſei.„Alles zieht auf den Weißen⸗ ſtein hinauf“, war die Antwort.„Es ſind gewiß an handertfünfzig Gäſte oben.“ „Haben Sie Herrn Sealsfield gekannt, der ſo lange hier gelebt?“ fragte ich. „O gar gut, das heißt vom Sehen. Er ging immer allein und hieß in der ganzen Stadt nur der wunderliche Amerikaner. Er hat in den zehn Jahren, die er hier lebte, mit Niemand verkehrt, außer mit Herrn Zeltner.“ „Wer iſt dieſer Herr?“ „Er war ein ehemaliger Kaufmann, der lange in Amerika gelebt hatte. Als Herr Sealsfield geſtorben war, iſt er wieder über das Meer gegangen.“ Das war Alles, was die Frau wußte. Ich aber 88 mußte wieder jener beiden alten Störche gedenken, die einſt vielleicht miteinander hin und wieder übers Meer geflogen waren und bei denen der überlebende auch nicht mehr im Orte bleiben wollte, nachdem ſein Ka⸗ merad geſtorben war. * —— burg, hatte das Heft zu ſich genommen und machte es VII. Dieſe Blätter waren längſt geſchrieben, als mir unerwartet eine Sendung zukam, die mit ihnen im Znſammenhang ſtand und ſie ergänzte. Ich hatte ein Paquet erhalten, aus dem mir beim Oeffnen ein Heft dichtbeſchriebener, vergilbter, zerſchnittener und tinten⸗ beklexter Blätter entgegenſah. Dieſe Blätter waren das Einzige, was von Sealsfield als literariſcher Nach⸗ laß zurückgeblieben, jenes Heft, das im Winkel einer Schublade unbeachtet gelegen, als der Dichter in einer Stimmung tiefſten Unmuths ſeine ſämmtlichen Papiere, darunter ſeine drei druckfertigen Romane, den Flammen übergab, und das ſolcherweiſe gerettet worden war.. Sealsfield's Bruder, Herr Joſef Poſtl in Salz⸗ 90 mir, den er als Verehrer des Dichters kannte, zum Geſchenk. Nun war mir allerdings der Beſitz des Autographs ſehr werthvoll, das Heft an ſich aber konnte vorerſt für mich nur die Bedeutung einer Re⸗ liquie haben, die man mit Verehrung anſieht, mit der man aber eigentlich nichts anzufangen weiß. Es ſchien mir unmöglich, aus dieſem Ameiſengewirre von Zeilen irgend etwas herauszuleſen. Die betreffenden Blätter, hier mit lateiniſchen, dort mit deutſchen Buchſtaben, hier mit Tinte, dort mit Bleiſtift, hier in engliſcher, dort in deutſcher Sprache geſchrieben, gehörten nämlich einem Notiz⸗ und Entwurfbuch an und waren ſo geſchrieben, wie man ſchreibt, wenn man ſich ſelbſt als Leſer voraus⸗ ſetzt und von Andern nicht geleſen ſein will. Da verwandelt ſich ſelbſt der Kalligraph in einen Hiero⸗ glyphenſchreiber, aber um wie viel mehr als jeder An⸗ dere leiſtet da erſt ein Schriftſteller, deſſen Handſchrift von vornherein die Spuren einer übergroßen Thätigkeit an ſich trägt! Hier ſtanden wirr durcheinander Brief⸗ concepte, Notizen über häusliche Vorkommniſſe, Re⸗ flerionen über Tagespolitik, Andeutungen von Dialogen, offenbar nur als mnemotechniſche Hülfe hingeworfen, um ſpäter anderswo, vermuthlich in einem Romane, 91 ausgearbeitet zu werden; doch ſiehe da, fünf große und dichtgedrängte Blätter hatten einen Charakter der Con⸗ tinuität und ſtellten offenbar eine Erzählung dar. Aber man denke ſich, daß der Autor, der dieſe Blätter vor⸗ erſt nur für ſich ſelbſt hieroglyphirte, obendrein noch zu jenen gehörte, die jedes Wort nachträglich prüfen und in jeder Zeile mindeſtens eins ausſtreichen und ändern, und man wird die Rathloſigkeit ermeſſen, mit welcher ich, nicht ungleich dem Storch in der Fabel, vor der offen vor mir daliegenden Schüſſel ſtand. Und doch kam, je länger ich die Blätter betrach⸗ zete, deſto mehr Klarheit in das Chaos; ich konnte bald ganze Worte und ganze Sätze leſen. 3 Groß und freudig war meine Ueberraſchung, als ich nach fortgeſetzter Champollion'ſcher Thätigkeit ſchließ⸗ lich gewahr wurde, daß die in Rede ſtehenden Blätter eine vollſtändig fertige und abgeſchloſſene Novelle ent⸗ hielten, ein Capriccio originellſter Gattung, eine Bam⸗ bocciade von jenem grotesken Humor, der auch neben⸗ bei eine Seite in Sealsfield's Weſen darſtellt. Der⸗ jenige, welcher nur dieſe Probe kennen würde, wäre allerdings in der Lage deſſen, dem von Shakſpeare etwa blos„Die luſtigen Weiber von Windſor“ in die 92 Hände gefallen. Doch iſt das auch bei größeren Com⸗ poſitionen weſentlich anders? Wahrlich, diejenigen fordern zu viel, die in jedem Kleinſten den ganzen Dichter in nuce haben möchten. Wenn wir auch hier eine ſtarke Seite ſeines Weſens klar und mächtig aus⸗ gedrückt finden, was wollen wir mehr? Jene herrliche Gabe des Dichters Sealsfield, höchſte Anſchaulichkeit, tritt uns wahrlich hier ebenſo entgegen, wie in ſeinen größten Werken. Daß die Geſchichte vermuthlich be⸗ ſtimmt war, eine Epiſode in einem Romane zu bilden, daß ſie mit einem Fragezeichen ſchließt und das letzte Wort des Räthſels der Conjectur überlaſſen bleibt, während der Roman vermuthlich dieſe Erklärung ge⸗ bracht hätte, auch das kann mich nicht zur Meinung bekehren, daß ſie beſſer ungedruckt bliebe.. Als es einmal für mich ausgemacht war, daß die Novelle, wiewohl als Epiſode gedacht, fertig, in ſich geſchloſſen und in ihrer Art meiſterhaft ſei, galt es nur, die geduldige Hand zu finden, die mir im langſamen Werke der Entzifferung, Wort für Wort folgend, das Ganze zu Papier bringe. Das iſt ge⸗ ſchehen. Es war eine Arbeit wie die eines Kunſt⸗ freundes, der, nachdem er auf einer alten, verſtaubten, verſchrumpften Leinwand die Linien eines Meiſters 93 erkannt, Schwamm und Bürſte anſetzt, bis endlich das Bild wieder zum Vorſchein kommt. Da ſteht ſie nun, die wunderliche„Grabesſchuld“, und gemahne wieder einmal an den Dichter des„Virey“, des„Morton“, der„Prairie am Jacinto“ und ſo vieler anderer mächtiger und unvergeßlicher Schöpfungen. Die Grabesſchuld. „Aber kennen Sie denn auch die entſetzliche Ge⸗ ſchichte?“ fragte der Marquis. „Welche entſetzliche Geſchichte?“ „Nun, die Geiſtergeſchichte des Mr. Lean—“ „Vergebung, Mr. Spawn wollen Sie ſagen, Mr. Amaziah Jedediah Spawn, von der Firma Lean Lank Spawn, of Pearlstreet, shipping goods. Gutes, gedeihliches Haus; in Speck und Schinken und derlei Artikeln großen Gewinn realiſirt. Spawn erſt vor zwölf Monaten eingetreten oder vielmehr aufgenom⸗ men worden. Sehr hoffnunungsvoller junger Mann, Mr. Spawn!“. „Verheirathet?“ fragte hier die ganz anmuthige, dreißigjährige Iſabella. 95 „Zwei Kinder“, verſetzte der Berichterſtatter,„zwei Kinder. Mrs. Spawn eine ſehr reſpectable Dame— etwas zu groß für Mr. Spawn, der eher klein iſt, aber ſehr artige Frau.“ „Alſo lang und mager?“ „Eher ſo als anders, etwas länglich und mager, aber von einer guten Familie. Gute Familie die Touchys!“ „Touchys und Spawn“, bemerkte ein Dritter. „Sehr reſpectabler, hoffnungsvoller junger Mann, der es weit bringen kann; erſt in den Dreißigen; ge⸗ regelte Lebensweiſe, ſehr geregelte Phantaſie.“ „Geregelte Phantaſie?“ „Geregelte Phantaſie, die nicht ausſchweift bei ihrem Geſchäfte, bei ihrem Hauptbuch bleibt“, verſetzte mit halb verweiſendem und ganz bedeutſamem Blicke der Major. „Sehr geregelte Phantaſie und Ordnungsliebe, Ausdauer, ſeltene Eigenſchaften das bei jungen Kauf⸗ leuten, mit denen man es weit bringen muß.“ „Was aber hat dieſe geregelte Phantaſie mit der Geſchichte zu thun?“ „Ja“, fielen Mehrere ein,„die Geiſtergeſchichte, die Geiſtergeſchichte!“ 96 „Sie trug ſich am ſelben Tage zu, an dem ſeine Firma die dreißigtauſend Dollars realiſirte“, bemerkte der Major. „An demſelben Tage?“ „Vielmehr abends, war bereits Abend, als er aus ſeinem Office Corner of Pearlſtreet heimkehrte; nicht zwar heim, wollte blos vorbei an ſeinem Hauſe.“ „Vorbei an ſeinem Hauſe?“ „Vorbei an ſeinem Hauſe— oder finden Sie das ſo ſonderbar?“ Mr. Sprady ſah den Fragenden mit einem curioſen Blicke an. „Gar nicht ſonderbar!“ „Aber ich finde es ſonderbar, daß Sie mich zehn⸗ mal unterbrechen“, bemerkte mit einem ſardoniſchen Lächeln Mr. Sprady. „Wir wollen nicht mehr unterbrechen.“ Sprady lächelte und hob an: „Mr. Spawn war alſo im Begriffe, an ſeiner Wohnung vorbeizugehen. Lag aber dieſe Wohnung in einem Seitengäßchen, das in die Canal⸗Street und gegen Bovery hinauf ausmündet. Schreitet zwar nach dieſem Seitengäßchen, ſein Sinn aber war auf die Bovery gerichtet, wo Mrs. Spawn mit den lieben Kleinen bei 97 einer Freundin Thee trank. Ließ ſich aber die weni⸗ gen Schritte nicht reuen, da er ein ſehr fürſichtiger, be⸗ dächtiger junger Familienvater iſt, der ſich überzeu⸗ gen wollte, ob ſein Haus auch noch am alten Flecke ſtehe, das heißt, ob es nicht unterdeſſen durch eine der dreihundertneunundneunzig Feuersbrünſte, die uns das Jahr hindurch heimſuchten, oder einen der fünfhundert Corporationsbeſchlüſſe, die dazumal Straßen und Ei⸗ ſenbahnen durch unſere Stuben hindurchführten, in Rauch auf⸗ oder in Trümmern untergegangen. Er wandte alſo ſeine Schritte nach Canal⸗Street, willens, wenn er da Alles richtig befunden, nach Bo⸗ very zu ſteuern. Wie er ſo nach der Canalſtraße einbog, wurde ſein Schritt, er wußte ſelbſt nicht wa⸗ rum, eiliger. Vielleicht war aber auch das Wetter daran ſchuld— war ſehr trübes Wetter an dieſem Abend. War ſehr trübe und regneriſch, und wie er an ſeiner Thür anlandete, war es, was wir zu ſagen pflegen, pretty dark, recht artig finſter. Doch ſah er trotz Finſter⸗ niß oder vielmehr Dunkelheit noch Thür und Fenſter, ſowie die gelb angeſtrichenen Backſteinmauern ſeines Hauſes. Und nachdem er alles dieſes geſehen, wollte er wieder weiter ziehen. Da er aber, wie bereits be⸗ merkt, von Hauſe aus ſehr bedächtig, ſo ſchaute er, Sealsfield, Die Grabesſchuld. 7 98 ehe er ging, nochmals, und wie er ſo nochmals ſchaute, ſah er durch das Fenſter einen röthlichen Widerſchein, der aus dem Parlour kam. Wie der Blitz ſchoß es ihm durch das Gehirn, daß ſicher die Nelly, die Haus⸗ negerin und Köchin, darinnen ſei; denn die Kalypſo, die Stubenmagd, war ja mit ihrer Herrſchaft in der Bovery. Nun war das freilich in der Ordnung, daß die Nelly zu Hauſe, aber nicht, daß ſie im Parlour war. Was hatte ſie im Parlour zu thun? Ihre Negerſippſchaft zu tractiren, ſeinen Boheathee zu vergeuden, dazu vielleicht ſeine Spermacetilichter zu brennen? Dieſe Gedanken ſtürmten ſo plötzlich auf ihn los, daß er mit mehr als gewöhnlicher Heftigkeit an die Thür ſtieß und klopfte. Keine Thür that ſich jedoch auf. Er klopfte noch ſtärker, wer ſich aber nicht auf⸗ that, das war abermals die Thür. Ganz ärgerlich war jetzt Mr. Spawn und ſchon im Begriffe, ſich dem gegenüberliegenden Laden zuzuwenden, wo in der Regel der Hausſchlüſſel gelaſſen zu werden pflegte, wenn alle ausgeflogen, verdrießlich aber über die Verſchwendung des Bohea und der Spermaceti gab er der Klinke— gerade als wäre dieſe die Nelly — einen und noch einen Puff, und ſiehe da, die 99 Thür ging auf und Amaziah Jedediah Spawn konnte hinein. Nicht ohne gemüthliche Verwünſchung der ſchwar⸗ zen Hexe, die ihn unterdeſſen im kalten Novemberge⸗ rieſel ſtehen gelaſſen, während ſie ſich beim warmen Kaminfeuer gütlich that, aber auch zugleich mit jener bangen Haſt, die etwas zu finden fürchtet, wie es nicht ſein ſoll, ſteuerte er dem Parlour zu. Aber wer malt ſein Staunen, ja ſeinen Schrecken, als er, nach ſorgfältigem Zumachen der Hausthür vorwärts eilend, einen Blick ins Innere warf und im Kamine ein Feuer brennen ſah, ein helleres, gemüth⸗ licheres, wohlthuenderes Feuer, als es je unter Miß Spawu's Regiment ſeine etwas froſtigen Lebensgeiſter erwärmte. Zwei Spermacctilichter, ſeit Monaten die Zierde des Kamingeſimſes, verbreiteten, in den ſilber⸗ plattirten Leuchtern ſtehend, ein helles und viel zu helles Licht, und vor dem Kamine ſaß mit ihm zuge⸗ kehrtem Rücken eine Geſtalt oder vielmehr Mißgeſtalt, ſo antediluvianiſch, wie ſie der gute Amaziah Jedediah in ſeinem ganzen Leben nicht geſchaut. Sie ſaß auf einem Kiſſen, das, dem Familienbette angehörig, aus dem Schlafzimmer im obern Stockwerke gebracht wor⸗ den ſein mußte. Ein zweiter Blick, der ihm beinahe 7* 100 das Terzianfſieber ins Fell brachte, belehrte ihn, daß das Phantom ſich nicht nur dieſes ſeines Polſters, ſondern auch einer chineſiſchen Vaſe, die ſchon der Stolz ſeiner Vorfahren geweſen, zu einem Behufe be⸗ diente— beſagte chineſiſche Porzellanvaſe war näm⸗ lich wohl einen Fuß hoch und mit gar curioſem, ſelt⸗ ſamem Gethiere, zweibeinigem und vierfüßigem, bemalt, auch ſtets mit Blumen, die im Sommer aus der Hand der Natur, im Winter aus der kunſtreichen der Mrs. Spawn hervorgegangen, verziert und, wie ge⸗ ſagt, der Stolz des Kamingeſimſes— aber jetzt ſtand ſie auf dem Fußboden zunächſt dem Phantome, und es war klar, daß dieſes ſich derſelben— affreux!— als Spucknapfes bediente. Doch das war noch nicht Alles. Beſagtes Kamingeſimſe verunzierten überdies noch ganz horribel kothige Ueberſchuhe, die ganz füg⸗ lich einem Elefanten als Fußbekleidung gedient ha⸗ ben konnten und jetzt zu beiden Seiten bei den ſchönen Meſſingzierrathen herabhingen, während ein Wechſel⸗ balg von einem einſtmaligen Hute mit einer Krone von der Größe eines Waſchkübels von demſelben Nagel ge⸗ halten wurde, der das Conterfei von Ebenezer Peter Spawn, dem Großvater unſeres Amaziah Jedediah, trug. Noch andere Etnweihungen waren im ſtillen 101 Tempel der Spawu'ſchen Häuslichkeit perpetrirt wor⸗ den, die aber der von gerechtem Staunen, Unwillen und Entſetzen halb außer ſich gebrachte Partner der Firma Lean Lank Spawn und Comp. nicht ſogleich zu bemerken im Stande war, da ſeine leiblichen und geiſtigen Augen einzig und allein auf das Ungeheuer gerichtet waren, das ſich mit einer in den Annalen von Canal⸗Street und Bovery unerhörten Gewaltthä⸗ tigkeit eingedrängt und nun wie ein oſt⸗ oder auch weſtindiſches Idol ſtier und ſtarr im Armſeſſel thronte. In der That war Amaziah bereits auf dem Rückzuge begriffen, um ſo ſchnell als möglich die Nachtwächter herbeizurufen, aber ſeine Nerven waren gar zu ſehr erſchüttert— war doch etwas Zauberei im Spiele— der Thürknopf wollte abſolut ſeinem Drucke und Drucke nicht gehorchen. Je mehr er daran herumdrehte, deſto mehr widerſtand er. Aber, ihr himmliſchen Mächte, wer beſchreibt ſein Entſetzen, als das Ungeheuer vor dem Feuer ſich finſter und drohend wandte, ſeine dolchartig ſtechenden Augen auf ihn heftend, ja ihn gewiſſermaßen durchbohrend. Zwar fiel er nicht gerade in Ohnmacht, der Drücker, an dem er mit beiden Händen gearbeitet, hielt ihn; hätte er aber auch nur ein Haar nachgegeben, er wäre 102 ſicher und gewiß geſunken. Ein kalter, dicker, zäher Schweiß drang ihm aus den Poren, trat ihm in dicken Tropfen auf Stirn und Schläfe, er zitterte an allen Gliedern, ſeine Kniee ſchlotterten, die Augen traten ihm aus den Höhlen— um alle die dreißigtauſend Dollars ſeiner Firma, an der er als jüngſter Partner mit ſeiner Einlage von ſiebentauſend Dollars vierzehn und ein halbes Procent hatte, wäre er nicht im Stande geweſen, ein Sterbenswörtchen hervorzubringen. Jetzt ließ ſich auch eine Stimme hören, die wie aus dem Grabe hervortönte: „Amaziah!“ Der Ton war ſchrecklich, wie die Stimme des Engels mit der Poſaune. Sehen und Hören, Sinn und Bewußtſein vergingen ihm, dem jüngſten Partner, der doch ſonſt das Hauptbuch ſo kräftig führte. Er drückte die Augen zu. „Amaziah“, wiederholte das Phantom,„Amaziah, ſetze Dich, ich habe Dir etwas zu offenbaren.“ In ſo kaltem, hohlem Grabeston waren abermals die Worte geſprochen, daß ſie unſerem guten Amaziah, der einigermaßen dünnleibig iſt, gewiß den letzten Le⸗ bensfunken ausgeblaſen haben müßten, wenn ihm nicht die gütige Natur mit etwas von deutſcher Philoſophie 103 und Dämonologie zu Hülfe gekommen wäre. Glück⸗ licherweiſe hatte nämlich die Firma an dem Tage eine Waarenſendung aus Deutſchland erhalten, der eines der neueſten Werke über Dämonologie in Maculatur beigegeben war, und noch glücklicher war im Augen⸗ blicke, wo die Waarenſendung ankam, gerade einer unſerer deutſchen Importeure zugegen geweſen, der ihm als Curioſum einige Blätter überſetzte und ihm ſo einen Blick ins Geiſterreich öffnete. Ohne dieſen glücklichen Zufall wäre er ſicherlich Todes verblichen. So erinnerte er ſich nun, gehört zu haben, daß Geiſter nie zuerſt reden, und obwohl er nicht ganz ſicher, ja immer noch zweifelhaft war, ſo wirkte doch ſelbſt der Zweifel beruhigender und er ſchwankte vor, und ehe er ſich's verſah, ſaß er im Seſſel in einem entfernten Winkel des Parlour mit ſtarren Gliedern, ſtieren, glanzloſen Augen, von Grabesdüften umweht und, um uns eines paſſenden Simile zu bedienen, wie Tim in John Pudding's ſchreckenvoller Höhle. „Dir iſt kalt, Amaziah“, ſprach das Ungethüm, „nähere Deinen Leib dem Feuer.“ Mehr ſprach es nicht, aber es ſtarrte mit ſeinen ſtechenden Augen den armen Amaziah ſo ſchauderhaft an, daß dieſer, von dem Blicke bezaubert, hervorkroch, 104 wie das Vöglein zur Klapperſchlange kriecht. Es war furchtbar, ja gräßlich zu ſchauen, wahrhaft bemitlei⸗ denswerth, wie ſein Leib und ſeine Gebeine jetzt zu⸗ ſammenſchlotterten, jetzt in Bewegung kamen. Offen⸗ bar war dieſe Bewegung keine ſpontane, keine aus eigener, ſondern gänzlich fremder Willenskraft hervor⸗ gehende anziehende und wieder abſtoßende Bewegung. Auch konnte er ſich mit aller Mühe nicht näher als beiläufig bis vier Fuß zum Phantom heranbringen. „Ich ſage Dir, nähere Deinen Leib dem Feuer, auf daß ich Dir, was Du zu hören haſt, offenbare“, heulte abermals das Phantom. Abermals ſchwankte Amaziah vor, nicht mehr halb, ſondern drei Viertel todt, denn das Ungethüm gab einen Geruch von ſich, einen wahren Leichen⸗ und Modergeruch. Und ſeine Stimme dröhnte ſo furcht⸗ bar, als hätte es, mit den Worten unſeres großen Miſſouri⸗Staatsmannes zu reden, ſeine ineffective Effectivität zur eventuellen Kraftäußerung ſteigern wollen.. Das Phantom hatte mitterweile durch einen Geſtus, der ganz dem eines Oger glich, ſeinen Arm⸗ ſeſſel aus der Mitte des Feuerplatzes etwas auf die Seite geſchafft. Wie? das ſah weder, noch hörte der 105⁵ arme Amaziah— eine unſichtbare Gewalt war es zweifelsohne, die ihn in die gefährliche Nähe brachte. Es erhellt aus den zwar nicht ganz klaren, aber doch ſeltſam conſtatirten Berichten Mr. Spawn's, daß das Monſtrum wirklich etwas Unnatürlich⸗Uebermenſchliches an ſich hatte, mehr einem Vampyr, einem Oger, aber auch einem hindoſtaniſchen oder mexicaniſchen Idole glich. Seine Geſichtszüge, gab Mr. Spawn zu Protokoll, waren ganz antediluvianiſch, hatten etwas Unclaſſificirt⸗Unciviliſirtes, etwas namenlos Schreck⸗ liches. Seine Augen, beſagt er, ſollen von der Größe von Büffelaugen, das eine ſeegrün, das andere coque⸗ liquotroth geweſen ſein, die Wangen verwittert, eine Art verſteinerter Maſſe. Die Zähne, darauf wollte er einen Eid ablegen, ſtanden ihm wie einem alten Eber zwiſchen den ſcheußlichen Lippen hervor und die Haare glichen mehr Borſten als Haaren. Und wie es ange⸗ than war, das Monſtrum! Ueber dieſen Punkt gab Mr. Spawn auch einige berichtigende Aufſchlüſſe. Es ſtak in einem mißfarbenen Ueberrocke, der aus Pferde⸗ haaren gewebt ſein mußte, ſo bezottelt war er; eine rothe Weſte, die ihm bis auf die Mittelſchenkel herab⸗ ging, ein Paar Wollſtrümpfe, die ebenſo weit herauf reichten. Seine Füße ſtaken in beſagten naſſen Ueber⸗ 106 ſchuhen, denen er aber gegenwärtig ein Paar pelzver⸗ brämter, von der Hand Mrs. Spawu's geſtickter und Amaziah an ſeinem letzten Geburtstage dargebrachter Pantoffel ſubſtituirt. Um ſeinen Hals war geſchlun⸗ gen, was ein Sacktuch, aber auch ein Strick ſein konnte, und in der Nachtmütze erkannte unſer Amaziah einen andern Beſtandtheil ſeines Eigenthums. Aus ihm ſproßte ein wohl ſchuhlanger, in Aalhaut einge⸗ thaner Haarzopf. Das Monſtrum kaute Virginiakraut und ſpritzte die ausgeſogenen Säfte mit ebenſo viel Impartialität als Energie über den Fußteppich hin, der dieſe belle partie des Staatszimmers— ein Drawing room erlaubten die vierzehn und ein halb Procent doch noch nicht— bereits in einen flutenden Zuſtand verſetzt hatte. Jetzt ſchaute das Phantom auf und ſprach mit entſetzlicher Stimme: „Amaziah, Dir iſt kalt, Du haſt Fieber, Deine Kehle iſt trocken. Du bedarfſt der Wärme und Stär⸗ kung und Befeuchtung. So ſtehe denn auf und ſorge für etwas Trinkables. Laſſe es Cognac mit Waſſer ſein. Freſſalia ſind für diesmal nicht nöthig.“ In dieſen Worten lag wenigſtens der Troſt, daß das Ungethüm irdiſche Bedürfniſſe kannte, denn der 107 geheime Wunſch, an den Comforts der Creatur Theil zu nehmen, ſchimmerte denn doch ziemlich klar aus ſei⸗ ner entſetzlich rohen Sprache hervor. Das war, wie geſagt, Troſt, aber dieſer Troſt war wieder, wie wir zu ſagen pflegen, ſehr qualificirt. Es hatte zwar etwas Trinkables anbefohlen, aber würde es wohl davon ge— nießen? Ein leiſer, nur ganz leiſer Verdacht begann in ſeinem Pericranium aufzudämmern, eine confuſe Vorſtellung, daß ſein ungebetener Gaſt doch leiblicher Natur, aus Fleiſch und Blut zuſammengeſetzt— ob⸗ wohl eine eigene Species unverſchämten Grobians, wagte er nicht einmal zu denken— ſein könnte. Dieſe indiſtincte Vorſtellung zuckte freilich nur ganz flüchtig und confus durch ſein Gehirn, aber ſie gab ihm doch wenigſtens für einen Augenblick ſo viel Muth, daß er ſich das Herz nahm, einen etwas mißtrauiſch ſcharfen Blick auf den Anonymus zu werfen. Aber dieſer Blick brachte wieder Herz und Muth zwiſchen die Beine. Es konnte kein vom Weibe geborenes Weſen ſein, un⸗ möglich! Dieſe entſetzlichen Züge, dieſe horrible Miß⸗ geſtalt mit den ungeheuren Tatzen— ein einziger Griff dieſes Mammuths war ja genügend, ihm das Seelchen gerade ſo auszudrücken, wie die Katze dem Mäuschen das Leben ausdrückt, ein einziger Druck der maſſi⸗ 108 ven, wie ein Pferdefuß behaarten Hand konnte ihn ja in die andere Welt ſenden. Mit Zittern und Zagen erhob er ſich daher, griff in die Taſche, zog aus dieſer einen Schlüſſel und näherte ſich dem Sideboard, das zum Glücke nicht mehr als drei Schritte von ihm ſtand, fand nach eini⸗ gem Suchen und Tappen das Schlüſſelloch und holte ſofort aus dem Schranke das ſogenannte Trinkable hervor, eine geſchliffene Flaſche mit einem dunklen Fluidum, Cognac genannt, die ihm aber, ehe er ſie auslieferte, in der Hand auf eine ſeltſame Weiſe hin und her zuckte. Das Ungethüm, es nicht der Mühe werth hal⸗ tend, unſern armen Amaziah Jededi ah eines weitern Blickes zu würdigen, hatte ſich unterdeſſen in eine etwas bequemere Lage gebracht. Es ſtreckte nämlich einen ſeiner gewaltigen Schenkel ſo, daß der Fuß auf den erzenen Roſthaken des Kamins zu liegen kam, den andern legte es auf das Arbeitstiſchchen der Mrs. Spawn, während es zugleich ein zweites Tiſchlein, das in Armlänge vor ihm ſtand, dahin zog und einen abermaligen Strom brauner Tal baksjauche aus dem Munde ſpritzte, der den ſeidenen Feuerſchirm, ditto von der Hand der Mrs. Spawn geſtickt, ſo gewaltig 109 traf, daß Blumen und Vaſen, Liebesgötter und Schä⸗ fer für immer verblichen. Hierauf die Bouteille mit ſeinen gewaltigen Tatzen ergreifend, ſprach es: „Amaziah! Auf dem Schenktiſche ſtehen, ich weiß es, zwei Bier⸗ oder Cidergläſer, nimm ſie herab und ſtelle ſie hierher!“. Amaziah that mechaniſch, was ihm geheißen wurde. Das Ungethüm füllte die Gläſer zur Hälfte mit dem braunen Concoct, Cognac genannt, aber in einer ſo plumpen, unmodiſchen Manier und mit einem ſo diaboliſchen Hohnlachen, daß Amaziah bis in ſeine innerſte Seele hinein ſchauderte. Dann goß es einige wenige Tropfen Waſſer ins Glas und ſprach aber⸗ mals: „Amaziah, mein Sohn, trinke, und recht herzhaft, es wird die Creatur in Dir laben! Meines Verwei⸗ lens auf dieſer Erde iſt nicht lange und bald muß ich wieder ſcheiden.“ Und nachdem das Ungeheuer die Worte in wah⸗ rem Grabestone halb geſprochen, halb geheult, nahm es den Kautabak aus dem Munde und warf ihn mit ſolcher Energie gegen den äußerſt zierlich geſtickten Feuerſchirm, daß auch die letzte Roſe deſſelben ganz 110 bemakelt wurde. Hierauf, das Glas erfaſſend, ſtierte es Amaziah mit einem Blicke an, der allein ſchon fähig geweſen wäre, ihn zu verſteinern. Das Glas in der Hand, ſtand dieſer ſchwankend, ja ſchaudernd. Die Portion war ja ſo ungeheuer! In ſeinem Leben— und er zählte der Luſtren beinahe ſechs— hatte er nicht den vierten Theil auf einmal über ſeine Lippen gebracht. Und obwohl ihn jetzt der Schrecken mit ſeiner Allgewalt erfaßt, dachte er doch an Mrs. Spawn, die ihm ſeine Doſis immer gewiſſer⸗ maßen karg zugemeſſen, und was die wohl ſagen würde? Aber war es der hölliſche, flammenſprühende Blick, hoffte er, daß ihm die halbe Pinte— ſo viel war es ſicher und gewiß— Courage einflößen werde, genug, er ſetzte an und trank, bis die ganze Maſſe aus dem Glaſe in ſeinen Leib transferirt war. Das Ungethüm hatte indeſſen das zweite Glas gefaßt und dieſes mit einer Kaltblütigkeit geleert, als ob es ein Glas friſches Brunnenwaſſer geweſen wäre. „Steif, ſag' ich Dir, ſteif, aber gut auf den Weg, auf den Weg nach unſerem Tartarus— muß durch den Tartarus auf meinem Wege nach dem Elyſium. Wohne nämlich im Elyſium, Amaziah!“ 111 Der Elyſäer hielt eine Weile inne, und dann, wie aus einem Grabesſchlafe erwachend, ſagte er: „Amaziah, höre, was ich Dir zu ſagen habe. Hebe Deine Füße auf das Ding da, denn mein Ge⸗ ſchäft iſt ein ernſtes.“ Und ſo ſagend, ergriff das Ungethüm einen Arm⸗ ſeſſel, der ein gar koſtbares Familienſtück war, die⸗ weil er von der Großmutter der Mrs. Spawn, der ſeligen Mrs. Twaddle, herrührte. Die Stickerei ſtellte auf einer Wieſe ſpringende Lämmer dar, welche ſich die ſelige Mrs. Twaddle ein ganzes Jahr geplagt zu weben und zu ſticken, und ſie hatte auch ſeinen beiden Sprößlingen bereits manches Kopfſtück zugezo⸗ gen, wenn ſie, unvorſichtigerweiſe ihre Butterbemme darauf fallen laſſend, es bemakelt. Amaziah zitterte wie Espenlaub, wenn er an Mrs. Spawn dachte und was ſie wohl zu alledem ſagen werde. Ach, ſie, die jetzt bei ihrer Couſine Twaddle den Thee trank, ſie hatte keine Idee von der entſetzlich kritiſchen Lage, in der ſich ihr armer Ehe⸗ krüppel befand. Jawohl, Ehekrüppel, dachte der arme Amaziah, als ſich abermals die Grabesſtimme hören ließ: „Schau' mich an, Amaziah!“ 112 „Ich“, ſtammelte dieſer,„ich möchte gern wiſſen 8“ „Höre mich an, junger Mann, wenn es Dir be⸗ liebt, Du trägſt die Unkoſten der Feuerung, des Lich⸗ tes und des Brandy da, der nicht beſſer iſt, als er ſein ſollte. Will Dir nicht mehr aufbürden, will die Unkoſten der Unterhaltung ſelbſt tragen. Halt's Maul, Amaziah. Ich war ein Freund Deines Großvaters. Bin expreß dem Elyſium entſtiegen. Willſt Du ihn ſehen?“ Amaziah warf einen furchtſam verſtohlenen Blick auf den alten Wechſelbalg von Hut, der jetzt das Portrait ſeines Großvaters verhing. „Nicht das miſerable Geſchmiere da“, ſprach der Grobian von einem Geſpenſte, indem er aufſtand und, den Hut von dem Gemälde weghebend, das Conterfei des Großvaters unſeres jüngſten Partners der Firma Lean Lank Spawn und Comp. aufdeckte. „Glaubſt Du, das ſei Dein Großvater? Pooh, will Dir ihn zeigen.“ Und ſo ſagend, nahm das Ungethüm eine Kohle aus dem Kamine, zog einen dicken ſchwarzen Strich über und unter dem Munde des Großvaters hin, tupfte einen Punkt in das linke, einen andern in das rechte Auge und ſprach dann mit hoher Ent⸗ rüſtung: — 113 „Da ſieh nun, Amaziah, das ſchaut gewiſſerma⸗ ßen aus wie Ebenezer Spawn. Aber er iſt's doch noch nicht recht, nicht ganz und gar! Soll ich Dir lieber Deinen Großvater ſelbſt heraufrufen? Sage, ſoll ich? Nur ein Wort, und er kommt. Muß kom⸗ men, muß pariren. Mordelement!“ „Nie, nie!“ ſtotterte Amaziah. „Wohl! Wie Du willtt! Weiß nicht, iſt vielleicht beſſer, auch nicht von nöthen, den armen Ebenezer zu tribuliren. Wäre eine verfluchte Tribulation, Ama⸗ ziah“, ſprach er, das zweite Glas leerend und ein drittes einſchenkend.„Große Tribulation“, fuhr das Ungethüm fort,„ſage Dir, große. Wäre das Ge⸗ ſchäft nicht gar ſo wichtig, hätte mich nichts aus dem Lühſee hergebracht. Bürge Dir dafür. Ein wichti⸗ Geſchäft, ſehr wichtig. Die Rube, das Seelenheil, 3 ewige Seligkeit Deines C Großvaters auf dem Spiele. Halte Deine Füße auf dem Seſſel. Verſtehſt Du, Amaziah? Waren Kameraden, Dein Großvater und ich, verſtehſt Du, Amaziah, Kameraden im großen Re⸗ volutionskriege, das heißt Kameraden, inwiefern wir Kameraden ſein konnten, aber Kameraden waren wir, und hatte große Egards für ihn, obwohl er im Range tief unter mir. Hatte viele Freundſchaft und Herab⸗ Sealsfield, Die Grabesſchuld. 8 114 laſſung für ihn, obwohl er ein großer Narr und dem Stehlen und Lügen heillos ergeben— Dein Groß⸗ vater!“ „Nie, nie!“ ſtammelte heulend Amaziah. „Es iſt nicht manierlich von Dir, ſo zu heulen, zu ſtottern und zu ſtammeln!“ brüllte das Ungethüm zornerglühend.„Sehe ſchon, muß Deinen Goßvater aus ſeinem morſchen Hauſe hervorrufen, Dich mores zu lehren.“ Und plötzlich aufſpringend, riß es das glühende Feuereiſen aus den Kohlen, beſchrieb mit der einen Hand einen Kreis um das Haupt des entſetzten Ama⸗ ziah, mit der andern warf es ein Schächtelchen Phos⸗ phor⸗Zündhölzchen in das Feuer und ſchrie dazu mit brüllender Stimme: „Bordorem, Chomiborosun Hororrorum Bonesso bonum Csombovomonen!“ „Um Gottes Chriſti willen!“ ſchrie Amaziah, die Augen zudrückend.„Um Gottes Chriſti willen!“ heulte er, vor Schrecken und Entſetzen vom Seſſel zu Boden ſinkend. Der Schwefeldampf war in der That ſo betäu⸗ bend, daß wohl auch ſtärkere Nerven unterlegen wären. Das ganze Zimmer war mit Rauch und Dampf gefüllt. —— — 115 „Willſt Du pariren, Amaziah?“ brüllte das Ge⸗ ſpenſt. „ Ich will, ich will!“ ſtöhnte Amaziah. „Wohl“, brüllte das Geſpenſt, das Eiſen noch⸗ mals über dem Haupte ſchwingend,„ſo Du pariren willſt, will ich Deiner ſchonen und Deines Groß⸗ vaters!“. „Ich will!“ ſtöhnte abermals Amaziah, ſich auf dem Fußboden krümmend. „Höre mich an“, ſprach das Geſpenſt,„und halt's Maul— kannſt Du nicht?“ „Ich halte es ja!“ ſtöhnte Amaziah. „Halte es hier, wo einer zu Dir ſpricht, dem Du die Schuhriemen nicht aufzulöſen werth biſt, der ein Verſtorbener iſt! Iſt jetzt im Elyſium meine Hei⸗ mat, komme geraden Weges von da her. Iſt aber die Zeit meines Aufenthalts auf dieſer Eurer Erde ſehr gemeſſen. Darum höre! Waren ich und Dein Großvater gute Freunde. War zwar nur Gemeiner, ich Adjutant, er in der Muſikbande, was man Trommelſchläger nennt, ich Offizier, als unſere Armee zu Valley⸗Forge lag. Auf! Sieh mir ins Angeſicht, wie ein wahrer Sprößling eines tapfern Revolutionshelden, der, obgleich nur 116 Trommler, doch mehr Rumor in ſeinem Leben verur⸗ ſachte, als ihm ſelbſt oft lieb war; bürge Dir dafür. Hatte aber große Egards für ihn und wird Dir das einleuchten, wenn ich Dir das Verhältniß offenbare,* das zwiſchen uns obgewaltet, dem Trommelſchläger Ebenezer Spawn und mir, und welches Verhältniß bisher tief verſchleiertes Geheimniß geweſen, da wir es beide mit ins Grab genommen, wo es gewiß auch ruhen geblieben wäre, wenn nicht ein Höherer mir aufgetragen und zu mir geſagt hätte: Jeremia Cobb— mein Name, als ich noch auf dieſer Erde wandelte— alſo: Jeremia Cobb, erhebe Dich und ſtehe auf, um⸗ 4 gürte Deine Lenden nnd gehe zu dem Krämer und Handelsmanne Amaziah Spawn, wohnhaft zwiſchen der Bovery und Canal⸗Street, und offenbare ihm Alles, auf daß die Schuld von ſeinem Großvater genommen und er eingehen möge zur ewigen Ruhe. Und, gehorchend dieſer Stimme, erhob ich mich demnach von meinem Ruheſitze im Elyſium, durchflog ſeine weiten Räume, ſowie den abſcheulichen Tartarus 6 und ſtieg dann hinauf in die Oberwelt. Bin vor kei⸗* ner halben Stunde unweit Hellgate gelandet und her⸗ geeilt zu Dir, Amaziah. Höre denn und vernimm: Als die Armee, unſere unſterbliche Armee, in * — 117 Valley⸗Forge lag— war neunzehn Minuten nach zwei, eine ſtürmiſche Nacht und der Wind blies wie Donner und Wetter— da ſandte der General nach mir. Wenn ich General ſage, ſo verſtehe ich darunter nicht den General Putnam oder den General Green oder den General Steuben oder Kalb, ſondern den General par fexcellence, den großen General der Generale, den General Waſhington ſelbſt, verſtehſt Du? Sandte nach mir und hatte eine intereſſante Con⸗ verſation. Was in dieſer Converſation verhandelt wurde, geht Dich nichts an, gehört auch nicht zur Sache. Halt's Maul, Amaziah! Kein Wort davon, genug, daß ich mich dazu verſtand, die Linien unſeres Lagers zu verlaſſen, um einen äußerſt wichtigen Auf⸗ trag auszurichten, wozu ich blos einen einzigen ver⸗ trauten Mann mit mir nahm, um mir bei dieſer äußerſt wichtigen Miſſion, ſiehſt Du, Amaziah, zur Hand zu ſein. Ich wählte Deinen Großvater, obwohl ich Adju⸗ tant und er blos Mitglied der Bande, vulgo Trom⸗ melſchläger war, war aber doch immerhin Soldat und ein buen camarado, wie der Spanier ſagt, im gro⸗ ßen Revolutionskriege, der auch oft erſtaunlich viel Lärm machte, und ſo ließ ich denn allen Rangunter⸗ 118 ſchied fahren, und obwohl er oft ein ganzer Narr und, traurig zu ſagen, dem Lügen und Stehlen gar zu arg ergeben, wo ſich nur eine Gelegenheit dazu fand, ſo“— hier leerte der Elyſiumsbewohner ſein Glas—„nahm ich ihn doch mit, da er immer gehörigen Reſpekt vor mir hatte, und ließ den obwaltenden Rangunterſchied aus den Augen. Doch ſäubere Deine Naſe, Amaziah, ſäubere Deine Naſe, ſie hat es wahrlich nöthig. In derſelben ſtürmiſchen Nacht— der Wind heulte, wie ich Dir ſagte, von allen Weltgegenden her— gingen alſo ich und Dein ehrwürdiger Großvater, der Trommler, auf eine geheime Sendung aus, über welche zwar ein gewiſſer Cooper viel gefaſelt und geſchrieben, aber Alles Humbug, ſag' ich Dir, Humbug, blauer Dunſt. Nein, das Geheimniß ſoll ſterben und iſt geſtorben mit mir und Sr. Excellenz dem General en chef. Sagt ſie zu mir, die Excellenz: Jeremia Cobb, ſagt ſie— war mein Name, als ich auf Erden wan⸗ delte— hab' ein verteufelt unbegrenztes Vertrauen in Dich, in Deinen Muth, Deine Tapferkeit, Rechtſchaffen⸗ heit, Tugend und Vaterlandsliebe, auch in Deine Anſtändigkeit, Keuſchheit, Frömmigkeit und Fürſichtig⸗ keit, ſagt ſie, die Excellenz. 2 2* 1¹9 Und wohl mochte die Excellenz das ſagen, Mord⸗ element, doch es wäre Perlen vor die Säue geworfen, hier mehr zu ſagen. Sei Dir genug, Amaziah, daß mir Excellenz ihr Vertrauen auch dadurch bewies, daß ſie mir ein Paar Waſſerſtiefel lieh und Deinem Groß⸗ vater ein Paar alte Pantoffeln, denn ich ſowohl als Dein Großvater waren barfüßig, maßen jene Tage Männerſeelen nicht nur, auch ihre Sohlen hart prüf⸗ ten, ſodaß ſchier mehr Ueberfluß an ſtarken Seelen als Sohlen vorhanden. Waren froh, wenn wir ſolche Schuhe hatten, wie Du ſie da ſiehſt, ſind noch aus dem Revolutionskriege, dieſe Ueberſchuhe.“ Hier zeigte das Ungethüm auf die abſcheulichen Ueberſchuhe und fuhr dann fort: „Doch höre und halt's Maul, verſtehſt du? Kannſt Du's nicht? Ja, was ich ſagen wollte, wir ver⸗ ließen das Lager um drei nach Mitternacht, wo Alles ſtill und im Schlafe begraben, und gingen ſelban⸗ der durch die Wachen, für welche uns der General en chef das Paßwort gegeben, und ſo gingen wir ſelbander in der Richtung, die ich für die geeignetſte hielt, und Dein Großvater trollte hinterdrein in den abgetragenen Pantoffeln Sr. Excellenz und in ehr⸗ 120 ſurchtsvoller Diſtanz, da er blos ein Trommelſchläger war. Mochten ſo eine Weile fortgegangen ſein, als wir an einer Farm oder Meierei ankamen, aus der wir das Gackern der Hennen und das Krähen der Hähne hörten, was mich fürſichtig umſchauen machte. Als ich ſo fürſichtig mich umſchaue, ſehe ich Deinen Gr vater Ebenezer Spawn, wie er ſich von mir wegſtiehlt und auf allen Vieren der Hühnerſteige zutrachtet. Sehe es und ſpringe ſogleich zurück, auf ihn zu, ergreife ihn beim Schopfe und ſchleppe ihn wohl an die hundert Schritte vom Farmerhauſe weg unter einen Eichen⸗ baum, wo uns Niemand ſehen noch hören konnte Und ſage zu ihm: Ebenezer, Peter— war ſein zweiter Name, weißt Du— Peter, by Jove! ich blaſe Dir das Lebenslicht mit dieſer da in der Piſtole enthaltenen Kugel aus, wenn Du Deine Kniffe nicht läſſeſt! Pfui Teufel, ſag' ich, ſchämſt Du Dich nicht? Ein Revo⸗ lutionsmann willſt Du ſein, ein halber quaſi Abge⸗ ſandter vom großen Waſßhington, ſeine Pantoffeln haſt Du an und keine Hühnerſteige im ganzen Lande iſt vor Dir ſicher? Haſt Du denn gar keine Ehre im Leibe? Alles bon ton neur verloren, während wir eine ſo höchſt wichtige Sendung ausführen, ich als 121 das Alterego des Commandanten en chef und Du gleichſam als das Alterego Deines Oberoffiziers und dermaligen Chefs? Pfui, ſchäme Dich, ſag' ich, ſo miſerablen, eines für tägliche six pence gemietheten Heſſen, aber keines braven Revolulionsmannes und Trommlers würdigen Einfall zu haben. So ſage ich, auf Ehre! War beſchämt, der Amaziah, verſprach ſich zu beſſern, und gingen alſo weiter. Ja, wir gingen, ich voran und Dein Großvater hinterdrein, in reſpektvoller Entfernung. So kamen wir nun zu einem Paſſe mit Hügeln, links und rechts und in der Mitte der Weg, den wir fürſichtig, ſehr fürſichtig vorwärts ſchreiten. Wie wir ſo vorwärts ſchreiten und immer weiter ſchreiten, ſteht mit einem Male etwas vor uns auf dem Wege, keine zwanzig Schritte vor mir. Sah geſpenſtig aus, in ein Leichentuch gehüllt, ſtand hoch und geiſter⸗ bleich vor mir. Hatte etwas in der Hand, das es drohend gegen mich erhob und ſchüttelte! War ganz curios zu ſchauen, das Ding, in ſeinem Nebelge⸗ wande, das es doch wieder ſo hell und luftig umfloß, und wie es auf⸗ und niederſchwebte, die Rechte wie drohend gegen mich ſchüttelnd, wußte ich nicht gleich, was ich davon zu halten. Wurde nämlich immer drohender und heftiger die Erſcheinung. Denke mir: Was ſoll das? Muß doch recognosci⸗ ren laſſen! Beordere daher meine Ordonnanz, das heißt Deinen Großvater Ebenezer Peter Spawn, die Avantgarde zu formiren und auf die Erſcheinung loszurücken, um auszukundſchaften, was es wohl wäre. Nicht als ob ich dieſes nicht gewußt hätte, aber in der allimpor⸗ tanten Lage und Sendung, in der ich mich befand, und beauftragt von Sr. Excellenz dem General en chef, war meine Perſon viel zu wichtig, um ſie nicht gehörig zu decken. Das war die eigentliche Urſache, warum ich ihn vorwärts beorderte, um dann meine Dispoſitionen beſſer treffen zu können. Der alte Narr aber, Dein Großvater, meinte, daß es der Mondſchein wäre, obwohl die Nacht ſo finſter war und die Nebel ſo dick thaten, daß man ſie in Säcke hätte verpacken können; dann ſagte der alte Eſel, es wäre ein Waſſer⸗ fall oder irgendwelcher Rauch. Auf Ehre, Amaziah, ſagte es. War zuweilen ein rechter alter Eſel, Dein Großvater, und der Schafskopf zitterte dabei an allen Gliedern und hielt ſich an meinem Rockzipfel. Und wie er ſich ſo hielt, verſchwand auf einmal das Ding. Ich aber marſchire tapfer vorwärts, ihn veordernd, V 8* 123 mir zu folgen, und ſo kommen wir an den Ausgang des Paſſes, wo das Geſper ſt geſtanden. Sage ihm hierauf: Ebenezer Peter Spawn, ſage ich, weißt Du, daß wir ein Geſpenſt geſehen haben? Einen Geiſt, und zwar einen heſſiſchen Geiſt aus Bockenheim. Ich habe ihn ſelbſt vor ſechs Monateu aus ſeinem Leibe getrieben, indem ich ihm ſeinen dicken Schädel bis auf den Nackenwirbel ſpaltete. Cr aber, in ſeiner gemei⸗ nen Trommelſchläger⸗Ignoranz und Impertinenz, un⸗ terſtand ſich, mir ins Geſicht zu lachen, worüber mich ſtarke Luſt anwandelte, ihn tüchtig durchzufuchteln von wegen ſeiner Unverſchämtheit; doch erwägend, daß er ein alter Narr, wettete ich fünfzig Dollars mit ihm, in Continentalmünze, verſtehſt Du, Amaziah, daß wir einen Geiſt geſehen und daß ich ihm dieſes beweiſen würde. Er nahm mich beim Worte, wir trugen die Wette in unſere Wettbücher ein, worauf ich ihm be⸗ fahl, mir zu folgen und das Maul zu halten, in Anbetracht, daß wir auf einer geheimen Expedition waren. Dieſe Miſſion vollbrachte ich denn auch glücklich und erhielt dafür den Dank Sr. Excellenz in Aus⸗ drücken, die zu ſchmeichelhaſt, als daß meine angebo⸗ rene Beſcheidenheit es zuließe, ſie zu wiederholen. 124 Wenige Tage nachher trug es ſich jedoch zu, daß Dein Großvater, Amaziah, während er durch den Back⸗ ofen eines Farmhauſes in die Küche einzukriechen be⸗ müht war, um verſchiedene Freſſalia und Trinkabilia herauszuholen, von der jungen alarmirten Farmerin— der alte Narr polterte und rumorte aber auch danach im Backofen und der Küche herum— mit der Ofengabel attakirt und mit dieſer in denſelben Theil ſeines Leibes geſtochen wurde, für welchen die Freſſalia be⸗ ſtimmt waren. Hatte ein Loch in dem Bauch, ſchier ſo groß, daß man den Schinken durchſtecken konnte, den er erbeutet. War ſehr betrübt von wegen dieſer Wunde, die eine Stunde darauf ſein ſeliges Ende nach ſich zog. War ſehr betrübt geſtorben, obwohl der Schinken glücklich gerettet war, denn ich ſtand unter⸗ deſſen vor dem Backofen und hatte mir ihn zugeſteckt, ehe er das Loch in den Bauch erhielt. Auch ich war untröſtlich über ſeinen ſchmerzlichen Tod; der alte Eſel hatte den Whisky, den ich ihm zuerſt zu nehmen be⸗ fohlen, vergeſſen, und über das Gepolter waren die Farmerin und ihr Mann aufgewacht, und ich mußte ſchimpflich mit halbleeren Händen Reißaus nehmen, was mir nie zuvor paſſirt, denn war immer ſehr re⸗ ſolut, Amaziah, ſehr reſolut. 125 Aber nun, nun, Amaziah, auf den Punkt zu kom⸗ men, der eigentlich der Knoten iſt, den Du zu löſen haſt, ſo habe ich das Geſpenſt nach meinem Ableben geſehen und geſprochen. War richtig, wie geſagt, der heſſiſche Lieutenant von Bockenheim, dem ich den Kopf bei einem Fourragir⸗Scharmützel bis auf den Nacken⸗ wirbel geſpalten, weil er ſich in einer Rumkneipe über⸗ fallen ließ, und halb betrunken, gerade wie er die volle Bouteille zum Munde führte. Und war das ſein größter Zorn, daß ich ihn von der Bouteille trennte, und ſchnitt er mir deshalb ſo grimmige Grimaſſen, nicht deshalb, daß ich ihm den Schädel bis auf den Wirbel geſpalten, ſondern weil ich ſeine Bouteille ſelbſt geleert. Treffe ihn im Tartarus, wo er vor ſeinem Land⸗ grafen heſſiſche Rekruten für die Briten einexercirt. Kannte ihn auf der Stelle an dem langen Zopfe. Stand auch ſein Landgraf dabei. War ſeine Strafe, mmer und ewig einzuexerciren, und der Landgraf commandirte:„Linker Fuß, rechter Fuß!“ Schaute ihm eine Weile zu und fuhr dann weiter nach meiner Sta⸗ tion im Elyſium, wo ich alle unſere Revolutionshelden in höchſter Glorie vorfand. Sah mich ſogleich nach Deinem Großvater um, 126 konnt' ihn aber nicht finden, ſtöberte ihm ſelbſt in den Ausgedinghäuschen nach, die in einer Art Vorhalle ſtehen und wo die hingethan werden, die zu gut für die Hölle oder den Tartarus, aber nicht gut genug für das Elyſium ſind, fand ihn aber auch da nicht. War ſehr betrübt, dachte ſchon, der Teufel hätte ihn geholt, bis ich endlich nach langem Fragen erfahre, daß er noch immer in ſeinem Grabe ſchmachte, in ſein mor⸗ ſches Häuschen gebannt, nur alle Jahre einmal die Erlaubniß erhalte, heraufzukommen, um Geld für eine verlorene und nicht eingelöſte Wette einzuſammeln. Iſt das bon ton neur im Elyſium ſehr ſtark und darf Keiner ein, der ſein Ehrenwort gebrochen. Erkundigte mich weiter und erfuhr, es ſei dieſelbe Wette, die ich mit ihm eingegangen und die man bei ihm in ſeinem Wettbuche verzeichnet gefunden. Betrübte mich das gewaltig, denn ich hatte ihn immer gern, Deinen Großvater, obwohl er, wie ge⸗ ſagt, ein großer Narr und dem Lügen und Stehlen ſtark ergeben. Betrübte mich, auf Ehre, Amaziah. Ließ mich alſo gleich beim Chef unſeres Elyſiums⸗ Generalſtabes anmelden und eine Audienz nachſuchen, um womöglich die Sache zu vermitteln. Wollte auch, die Wahrheit zu geſtehen, einmal wieder nachſchauen, * 6 wie es bei Euch hier oben ausſieht, was Ihr treibt und wie das Land, das wir frei gemacht haben, ge— deiht. Kurz, entſchloß mich, Urlaub zu nehmen und eine kleine Excurſion herauf zu machen. Will Dir ein andermal erzählen, wie ich die Dinge gefunden, habe jetzt nicht die Zeit dazu. Muß zurück, wartet das unterirdiſche Dampfſchiff, das ein gewiſſer Fulton, den Ihr hier verhungern ließet, eingerichtet. Hat ein Pri⸗ vilegium in der Unterwelt für Dampfſchiffahrt erhal⸗ ten, weil ihr da oben ſchäbige Kerle wart. Seid zu⸗ weilen recht ſchäbige Kerle, ſchämt Euch! Bin alſo gekommen, um Dich aufzufordern, den Geiſt Deines Großvaters aus ſeinem engen, morſchen Hauſe zu erlöſen und ihn in das Elyſium bringen zu helfen, wo er zwar kein Palais, aber doch eine recht anſtändige Wohnung finden ſoll. Muß Dich zu dem Zwecke bemühen, die von ihm eingegangene und ver⸗ lorene Wette zu ſaldiren. Beträgt aber dieſe fünfzig Dollars Continentalmünze, die Dein Großvater ver⸗ loren, zwei Dollars Silbergeld, die mit Intereſſen ſich auf neun Dollars, drei Schillinge und Sirxpence belau⸗ fen, welche neun Dollars, drei Schillinge und Sixpence Du mir für Rechnung Deines Großvaters Ebenezer Peter Spawn zu bezahlen haſt. Und im Falle Du 128 zweifelſt, will ich Deinen Großvater heraufrufen, und das auf eine Weiſe, Donner und Wetter, daß Canal⸗ Street und die Bovery noch nach Jahren daran denken ſollen. Ja, das will ich, Mordelement, und wenn Dir Deine Baracke über dem Kopfe zuſammenkrachen „Nein, nein, um Gotteswillen nein!“ ſchrie der arme, von Brandy, Schwefeldampf und Gebrüll ganz betäubte Amaziah. „Du willſt alſo zahlen?“ brüllte der verſtorbene Revolutionsadjutant.„Du willſt, hoffe auch, Du wirſt! Haſt heute einen guten Tag gehabt, eine nette Summe eingeſtrichen. Wohl, will es dem alten Ebe⸗ nezer ſagen. Will, will. Wiſſen im Elyſium Alles, was hier vorgeht. Freut mich, daß Du doch noch ſo viel Pietät gegen Deinen Großvater hegſt und zahlen willſt.“ Und ſo ſagend, bog ſich das Ungethüm herüber zu dem armen Amaziah, den es nun mit ſeinen flam⸗ menden Büffelaugen, das eine ſeegrün, das andere coquelicotroth, ſo verzweifelt anſtierte, daß dieſer ent⸗ ſetzt und mit einer Haſt, die er ſein ganzes Leben lang noch nicht an den Tag gelegt, in die Hoſentaſche fuhr. Wie aber die Hand mit der Brieftaſche wieder heraus⸗ fuhr, zögerte ſie, trotz Schrecken, Bewußtloſigkeit, 129 Betäubung und Trunkenheit, wieder ganz in Lang Spawn's Manier. Vom Gelde ſich zu trennen, war doch gar zu hart. Das Ungethüm mußte ihm einen zweiten glühen⸗ den, wüthenden Blick zuſchicken. Da erſt öffnete Amaziah die Brieftaſche, und nahm mit zitternder Hand eine Zehn⸗Dollars⸗Banknote— er beſchwört, es ſei eine jener Banknoten geweſen, die al pari ſtehen— und hielt ſie dem Monſtrum bebend hin. Dieſes ſtreckte ſeine Tatze aus, ergriff die Note, beſah ſie von allen Seiten und ſchob ſie dann in das ſchmuzige Wettbuch. Hierauf nahm er aus einer ebenſo ſchmuzigen Ledertaſche einige Silbermünzen heraus und ſprach: „Hier iſt die Herausgabe auf die zehn Dollars, drei Schillinge, Sixpence, und hier der Empfangsſchein im Elyſium mit unſterblicher, unauslöſchlicher Tinte ge⸗ ſchrieben, und bin froh, Amaziah, daß Dir Deines Großvaters Seligkeit doch noch neun Dollars, drei Schillinge und Sirpence werth iſt. Wird ihn freuen. Will Dir dafür ein andermal meinen Beſuch ab⸗ ſtatten, wenn Du abermals einen Gewinn gehabt. Sealsfield Die Grabesſchuld. 9 130 Will Dir dann ſagen, wie mir Eure Newyorker Zu⸗ ſtände gefallen— auf Ehre, Amaziah.“ „Nein, nein“, verſetzte Amaziah,„um Gottes⸗ willen nicht!“ „Halt's Maul, Amaziah“, drohte das Geſpenſt, ſich den Reſt der Bouteille einſchenkend,„und verdirb mir den Valettrunk mit Deinem Geplärre nicht. Iſt ohnedem kein Nektar, aber auf den langen Weg und durch den kalten, feuchten Tartarus mag er's immer⸗ hin thun. Kannſt mir jetzt durch den Gang leuchten.“ Und ſo ſagend, ſtieß der verſtorbene Revolutions⸗ adjutant das leere Glas auf den Tiſch, warf die Pantoffeln von ſich, ſtülpte den monſtröſen Hut auf den Kopf, ſtieß die Füße in die Ueberſchuhe und er⸗ hob ſich. „Kannſt Du nicht beide Lichter nehmen, Spawn, wenn Du einem Helden wie mir vorleuchteſt?“ brüllte er dem bebenden Amaziah zu, der nur einen Leuchter ergriffen hatte. Halb todt vor Schrecken gehorchte der Arme und nahm beide Leuchter, aber ſie waren zu ſchwer für ihn. Er war noch nicht drei Schritte in den ſchmalen Corridor eingeſchwenkt, als ihn Sinn und Bewußtſein verließen und er ohnmächtig zuſammenſtürzte. 131 In demſelben Augenblicke ging die Hausthür auf und eine lange, hagere Frauengeſtalt trat mit einer Magd, die eine Laterne trug, ein; nebenher trippelten zwei etwa drei⸗ und vierjährige Kinder. „Martha Spawn“, brüllte das Monſtrum,„Mar⸗ tha Spawn, geborene Twaddle, ſei mir gegrüßt im Namen Deines Großvaters Ebenezer Peter Spawn, dem heute Heil widerfahren und den ich jetzt ins Ely⸗ ſium mit mir nehme!“ „Was iſt, was ſoll das?“ kreiſchte die reſolute Martha.„Nachtwächter, Conſtabler, zu Hülfe!“ kreiſchte ſie ſtärker. „Martha Spawn, o Martha Spawn!“ brüllte der Verſtorbene;„mein Name iſt Jeremia Cobb, bin der Freund und Vorgeſetzte Deines Großvaters, ge⸗ kommen aus der Unterwelt von wegen einer alten Schuld; aber jetzt iſt meine Zeit um.“ Und ſo ſagend, ſauſte und brauſte das Geſpenſt an oder vielmehr über die Miſtreß Spawn hinweg, denn er hatte ſie umgeworfen, der Grobian, brauſte der Hausthür zu und verſchwand. Ob durch die Hausthür oder den Kamin, iſt bis heute noch nicht conſtant. Drinnen aber waren Ohnmachten über Ohnmach⸗ 9* 132 ten und hölliſcher Schwefeldampf, und Nachbarn und Nachtwächter und Conſtabler, die ſchaudernd die Märe hörten. Nicht allein an dieſem Abende aber ſtanden ſie und hörten, ſondern auch die folgenden und nach⸗ folgenden Tage und Abende, und kamen viele Hun⸗ derte, ja Tauſende nach Canal⸗Street und Bovery⸗Ecke, das Haus und den Kamin zu ſchauen, durch den der leibhaftige Gottſeibeiuns nach ſeinem Beſuche bei Je⸗ dediah Spawn davongefahren, an den Schornſteinen, wie Berichterſtatter eidlich erhärten, deutliche Spuren hinterlaſſend. So die„Grabesſchuld“, in welcher wir die Be⸗ kanntſchaft eines in ſeiner Art einzigen Geſpenſtes gemacht haben. Wir ſind nämlich in Trauerſpielen und Romanen bisher immer nur feierlich⸗pathetiſchen, elegiſchen oder auch zärtlich ſchmachtenden Revenants begegnet; das klotzige und klobige, das urmaſſive Ge⸗ ſpenſt, die geſpenſtige Hausknechtsnatur iſt eine neue Species und meines Wiſſens noch von keinem Forſcher beobachtet worden. Was in den vorhandenen Blättern ſonſt noch zu entziffern, ſind einzelne Reflexionen, wie ſie der Tag 433 gebracht. Da faſt keine davon unbedeutend, laſſe ich ſie hier folgen: Die Hoffnung iſt das Manna dem Leidenden, vom Himmel geſandt, von dem er lebt. * Die Initiation in das Leben iſt Leiden. 34* Wir treten zwar die Erde mit Füßen, aber nicht ungeſtraft, und je höher wir uns gen Himmel ſchwin⸗ gen und ihr entrücken, deſto mehr rächt ſie ſich an uns. X* * In Monarchien liegt der Despotismus in den Geſetzen oder dem Eigenwillen des Monarchen, in Republiken, wie der Schweiz, in den Sitten(wie's der Brauch iſt). ** * Was die Atmoſphäre dem Körper, das iſt der Zeitgeiſt dem Geiſte; der Aether, in welchem ſich die Geiſter bewegen, der ſie treibt, ſo und ſo zu handeln, der auch Epidemien erzeugt, die ganze Welttheile um⸗ faſſen. ** * Euren abſoluten Herrſchern ergeht es wie Hoch⸗ 134 wächtern auf Leuchtthürmen, die bei einbrechender Nacht, die Leuchte anzündend, plötzlich in einem Licht⸗ ſtrome erglänzen und weit umher geſehen werden, ſelbſt aber weder ſehen, noch gewahren, was zu ihren Füßen in der Tiefe vorgeht. Das iſt eben der Fluch des Abſolutismus, daß er in ſeinem blendenden Glanze und von ſeiner Höhe herab nicht ſieht, was draußen in der finſtern Nacht der Völker vorgeht, nicht fühlt die Bedürfniſſe, die Leiden und Freuden. Die Verächter der Menſchheit ſind zweifacher Art: erſtlich die, welche ihre Verdienſte und Vorzüge nicht hinlänglich beachtet glauben, oder zweitens die, welche von der Welt vergöttert werden, während ſie ſich ihrer Werthloſigkeit bewußt ſind. ** Wie ich an Königsfelden vorbeifuhr, traten Al⸗ brecht II,, ſein Neffe Johann von Schwaben und ſeine Ritter vor meine Phantaſie. Und ich hätte dieſen Johann von Schwaben und ſeine dummen Ritter ſelbſt maulſchellen können, daß ſie den einzigen Habsburger, der nicht nur großer Ideen fähig war, ſondern auch Feſtigkeit des Charakters hatte, dieſen Ideen Aus⸗ führung zu geben, ſo dummer Weiſe wegräumten. Was 135 wäre aus den deutſchen Duodezfürſten geworden, wenn dieſer durch keine Rückſichten ſich bindende Fürſt nur zwanzig Jahre noch regiert hätte! Aber die Rache kam; derſelbe Adel, der ſo dummer Weiſe ſeine Haupt⸗ ſtütze beſeitigt, war in zwei Jahrhunderten darauf ſelbſt beſeitigt. * Schaut mit klaren Augen Gottes Natur an, dringt mit unbefangenem Verſtande in die Tiefen derſelben und bringt es zur höchſtmöglichen Erkenntniß ihrer Geſetze und Ordnung; dieſe Geſetze, auf Euch ſelbſt in Anwendung gebracht, geben Euch als Reſultate die wahren Moralgeſetze. * 5 * Endlich finden wir, mit rother Tinte eingefaßt, einen lateiniſchen Vers, den er— ſich ſelbſt täuſchend — als ſeinen Wahlſpruch gedacht haben mag: Omne solum forti patria est, ut piscibus aequor! Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romae aus dem Verlage von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifa⸗“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. die Ogilvies oder: Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. . 4 — ——— ——— —— 2————— Vnnnmmc MunnnmrrnrrnnnnmnmmmmnrnnnnnnnEnrnanau 7 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18 4 9 9 v 8 v““