deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von Ednard Oklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Met. 50 Pf. 2 Wek.— Pf. ¹5. Auswürtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Geſammelte Werke von Charles Sealsfield. Siebenter Theil. Morton oder die große Tonr. Erſter Theil. -—-O-e— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. ¹ 1846. — Morton oder die große Tour. Von Charles Sealsfield. In zwei Theilen. Erſter Theil. Dritte durchgeſehene Auflage. Stuttgart. Verlag der J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 1846. Zuſchrift des Herausgebers an die Verleger der erſten Auflage. Sie erhalten hiermit ein neues Werk aus derſelben Feder, die, wie Sie in Ihrem letzten Schreiben ſchmeichelhaft be⸗ merken, bereits ſo viele Senſation bei Ihnen und in Dentſchland erregt. Es ſind Bilder des Lebens aus beiden Hemiſphären, die wieder auf eine ganz neue Weiſe darge⸗ ſtellt ſind, weßhalb es nicht überflüſſig ſeyn dürfte, etwas über die Tendenz des Buches vorauszuſchicken, um ſo mehr, da der Herr Verfaſſer ſich hierüber in einem Schreiben aus⸗ geſprochen, und mich ermächtigt hat, Ihnen daſſelbe im Auszuge mitzutheilen. Es bezeichnet dem Leſer den Stand⸗ punkt, aus welchem er die vom Verfaſſer auf ſeiner ſchrift⸗ ſtelleriſchen Laufbahn eingeſchlagene Richtung leicht über⸗ ſehen kann. ————„Bis auf die letzten Jahrzehnte hat die Romanenliteratur, obwohl ſie zur Richtung und Bildung des öffentlichen und häuslichen Lebens der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft nicht wenig beigetragen, nur eine untergeordnete Rolle in ſoferne geſpielt, als ſie weniger, als die übrigen Zweige der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften, von wahr⸗ Morton. I. 2 —=2 6— haft gebildeten und durch ihre ſittliche ſowohl als bürgerliche Stellung ausgezeichneten Charakteren betrieben wurde, und „wenn dieß auch der Fall geweſen, doch nur als Nebenſache betrieben wurde. Sehen Sie die Liſte der Schriftſteller durch, die ſich dieſem Literaturfache widmeten, und Sie werden finden, daß nur Wenige daſſelbe zu ihrem Haupt⸗ ſtudium gemacht, und wenn auch Einige der größeren Geiſter ſich herbeigelaſſen, Romane zu ſchreiben, ſie dieſe mehr als Nebenſache, als eine Art Zeitvertreib, auf das Papier hin⸗ warfen, in einer Weiſe, die einer Herablaſſung nicht unähnlich ſah. Bis auf Sir Walter Scott war Roman⸗ ſchriftſtellerei eine nichts weniger als geachtete Beſchäftigung, und, wie geſagt, nur wenige, durch Geiſt und wiſſenſchaft⸗ liche Vorbildung und politiſche oder bürgerliche Stellung ausgezeichnete Männer ließen ſich herab, dieſen als frivol betrachteten Zweig der Literatur zu kultiviren. Erſt dieſer wahrhaft große Mann erhob ihn dadurch, daß er ihm einen geſchichtlichen Anklang gab, zu dem, was er gegenwärtig iſt, einem Bildungshebel, der ſich mit den mächtigſten der Geſammtliteratur meſſen darf. Wenn heut zu Tage der amerikaniſche und engliſche Staatsmann in ſeinen Congreß⸗ und Parlamentsreden Walter Scott eben ſo zitirt, wie Horaz oder Tacitus, ſo iſt dieſes der geringſte Vortheil; der größere iſt der Umſchwung, den dieſer gewaltige Geiſt der Denk⸗ und Urtheilskraft ſeiner Nation, ja der Welt, dadurch gab, daß er die Geſchichte der Vergangenheit des für die moderne Ziviliſation wichtigſten Reiches der Erde gewiſſer⸗ maſſen in das Bereich der Küche, des Kaminfeuers gebracht hat; daß er die Tauſende und abermals Tauſende von un⸗ züchtigen, albernen, phantaſtiſchen und dummen Büchern 1 — 7— verdrängte, die die Toiletten unſerer Damen bedeckten und ihnen die Köpfe verdrehten. Dieſe geiſtig ſo wohlthätige Revolution, die Walter Scott vorzüglich in den beiden Schweſterreichen bewirkte, kann nur Derjenige einigermaßen würdigen, der das engliſche Volk und beſonders ſeine Mit⸗ telklaſſen vor dem Erſcheinen der Walter Scottiſchen Werke gekannt, und ſie ſo mit dem heutigen zu vergleichen im Stande iſt. Ich habe England zu dieſen verſchiedenen Zei⸗ ten beſucht, und obwohl damals noch ſehr jung, ſteht mir doch John Bull vom Jahre 1816 und 1817 noch lebhaft vor Augen. Er war ganz das Bild, wie es Washington Irwing ſo unübertrefflich in ſeinem Skizzenbuche ſchildert, — eine Schilderung, die auf den heutigen Engländer nicht ganz mehr paſſen würde. Zu ſeiner Umwandlung, und ge⸗ wiß vortheilhaften Umwandlung hat anerkanntermaßen Walter Scott mehr beigetragen, als irgend ein Schriftſteller der neuern Zeit, und die engliſche Nation ehrt ſich nicht weniger als das Schweſterreich dadurch, daß ſie ihn nach Shakespeare für ihren kräftigſten ſchönwiſſenſchaftlichen Geiſt erklärt. In der Mannigfaltigkeit ſeiner Charaktere iſt ihm nur Shakespeare überlegen, in der ruhig klaren Weltanſchauung erreicht ihn nur ſein Zeitgenoſſe, der deutſche Göthe.“ „Es hat dieſer Letztere wieder Etwas, das ihm eigen⸗. thümlich iſt, Etwas, das ihn, wie ächten, zweimal die Linie paſſirten Madeira, zu einem wahren Wolluſtſchlürfen macht. Ich meine natürlich ſeinen Fauſt. Mir kömmt dieſer Torſo vor wie jener Wein, der durch die eigene Laſt der Trauben von der Kelter abſließt, ohne Preſſe, ohne Bemühung. Die klarſte, ruhigſte Weltanſchauung, mit einem Geiſte auf das 2* Papier hingeworfen, ſo zart und wieder ſo kräftig, ſo wild und ſo fein, einem Geiſte, der, möchte ich ſagen, ſo ſpielend ins Göttliche und wieder Teufliſche eingedrungen iſt, als Einem die Welt und ſich ſelbſt vergeſſen macht. Man ſieht, daß die Bruchſtücke, aus denen dieſer genialſte aller Torſos beſteht, zu verſchiedenen Zeiten entſtanden, daß der Autor ſich mit dem eigentlichen Plan nur wenig Mühe gegeben, daß der Faden, der dem Ganzen Einheit verleiht, zart durch daſſelbe ſich hinzieht; aber gerade das iſt das Schöne des Werkes, denn nichts iſt dem Leſer peinlicher, als die zu Tage liegende Mühſeligkeit des Autors. Man glaubt, den Satan Hiobs, Anklänge von Youngs nächtlicher Muſe zu hören, aber ſie ſind es nicht; es ſind die herrlichſten, origi⸗ nellſten Leierklänge, die ie durch Apollos Harfe tönten.— Schade, daß dieſes Meiſterwerk ſo unüberſetzbar iſt; die vier engliſchen Ueberſetzungen, die bisher erſchienen ſind, zeigen nur, wie wenig die Ueberſetzer den durch das Ganze wehenden Geiſt aufgefaßt haben. Es iſt dieſer Fauſt unſtreitig das glänzendſte Geiſtesprodukt, das ſeit Shakespeares und Mil⸗ tons Dichtwerken erſchienen iſt, und Lord Byron hat keines geliefert, das ihm die Palme ſtreitig machen könnte; denn in Byron beleidigt uns der gräßliche Egoismus, der im Zerrblicke aus jedem ſeiner Werke hervorleuchtet, und uns immer und immer wieder ſeine Individualität zu ſchauen bemüſſigt. Von dieſer Individualität merkt man bei Göthe wieder nichts, höchſtens eine gewiſſe epikuräiſche Indolenz, oder einen indolenten Epikuräismus, wie Sie es nehmen, der ihm zuweilen ungemein wohl anſteht, zuweilen beleidigt. Man ſieht, daß er à son aise iſt, ein allſeitig gebildeter, tief in alle Zweige des menſchlichen Wiſſens eingedrungener, — 9— in allen Richtungen hinwirkender, gleichſam Richtung ge⸗ bender Geiſt. Er ſchreibt ganz wie der Premierminiſter, der blos Umriſſe zeichnet, die ſein untergeordnetes Perſonal auszuführen hat. Unter allen Schriftſtellern, die ich kenne, hat er ſeine Stellung als Schriftſteller zu den Großen der Erde mit dem ſcharffinnigſten Egoismus aufgefaßt. Er regiert ſo wie ſie. Er ſchrieb als quasi Alliirter— en 4 souverain. Als ſolcher diktirte er ſeiner Nation— dieß iſt eine Beleidigung, welche die Nation ihm nicht hätte hin⸗ gehen laſſen ſollen. Nirgends Geiſtesanſtrengung in der Anlage ſeiner Werke, eine gewiſſe Herablaſſung— Dilet⸗ tantismus— der aber nicht berechnet iſt, der Nation, für die er ſchreibt, Selbſtachtung beizubringen. Selbſt in ſei⸗ nem beſten Romane, Wilhelm Meiſters Lehrjahren, iſt der Rahmen untergeordnete Sache, ja Flickwerk. Aber wieder gicöt es in dieſem Buche ſo herrliche Sachen, die Mignon iſt ſo originell gezeichnet, dieſes verkrüppelte, durch Schläge und Mißhandlungen aller Art ſo eigenwillig gewordene Geſchöpf iſt bei all ſeiner phyſiſchen und moraliſchen Ver⸗ zerrtheit ein ſo anziehendes, unübertreffliches Bild ihres Landes, wo die Zitronen blühen, daß es wieder viele der Sünden dieſes Buches bedeckt. Wie haarſcharf iſt nicht der Charakter Hamlets, wie klaſſiſch nicht die Zergliederung dieſes Shakespeariſchen Meiſterwerkes? Aber, wie geſagt, das Buch hat der Sünden viele, und wenn in dem ſo eben angeführten Punkte der Deutſche dem Schotten überlegen iſt, ſo ſteht er wieder in andern weit hinter ihm zurück, und unendlich in fittlich⸗patriotiſcher Hinſicht.“ „Es war kurz, nachdem die Rezenſion über dieſes Buch in einem der brittiſchen Reviews 1827 erſchienen, ich weiß — e 10 e— nicht beſtimmt, ob im Quarterly oder Edinburgh, daß ich mit einem der erſten Gelehrten Philadelphias über daſſelbe zu reden kam, und zwar mit R. W—ſh der N—l G—tte, zugleich Redakteur des American Review. Er erzählte mir, er ſey mit dieſem Buche übel angekommen. Er hatte es einer unſerer gebildetſten und achtungswertheſten Damen als ein Buch voller Schönheiten empfohlen, ihr jedoch be⸗ greiflich gemacht, daß es wieder Dinge enthielte, die excep⸗ tionell wären. Die Dame wurde begierig, und er ſandte ihr das Werk. Am folgenden Tage erhielt er es mit einer Note zurück, in der ſie ihr Befremden zu erkennen gab, wie M. W-ſh es über ſich bringen konnte, einer achtbaren Frau ein Buch anzupreiſen, deſſen Verfaſſer ſo ganz aller Achtung Hohn ſpreche, die jeder Gentleman für das weib⸗ liche Geſchlecht haben ſolle. Darauf las ich es; und ich muß geſtehen, daß der Vorwurf nicht ungegründet iſt, und daß der Verfaſſer, ſo groß er als Schriftſteller ſteht, von der Heiligkeit ſeines Berufes nur ſehr gemeine Anſichten hat. Ich habe in keinem Buche alle Klaſſen des weiblichen Geſchlechtes, von der Dienerin bis zu den höchſten Ständen der bürgerlichen Geſellſchaft hinauf, ſo verworfen, ſo leicht⸗ fertig, ſo grundſatzlos dargeſtellt geſehen. Anfangs ſchien es mir, als ob der Verfaſſer dabei eine Satyre gegen ſeine eigene Nation beabſichtigte; allein näher betrachtet, ſtimmte ich der Anſicht der Reviewers bei. Es riecht wirklich, wie in dem Quarterly bemerkt ward, ſo übermäßig nach den Gewürzläden und den weniger einladenden Düften eines zu ſehr zugänglichen Actrice-Boudoir, daß wohl Damen ein eigener Geſchmack zugemuthet werden muß, deſſen nähere Bekanntſchaft zu machen. Die neue engliſche Romanen⸗ — 11 G— literatur beſitzt gleichfalls Werke zu Dutzenden, die im Grunde nicht weuiger unſittlich ſind; aber dieſe Schrift⸗ ſteller, mit aller ihrer Erbärmlichkeit, bergen doch das Laſter, verſchleiern es, und bringen ſo, mit Rochefaucault zu ſprechen, der Tugend die Huldigung des Laſters; die öffentliche Meinung zwingt ſie dazu, und dieß iſt ein wenig⸗ ſtens nicht ganz zu verwerfendes Surrogat. In Amerika oder England würde ein Werk, wie das ſo eben beſprochene, den Autor, und ſtände er noch ſo hoch, proſcribirt haben, und wäre er ſelbſt Byron geweſen; man würde es ihm als eine Nationalentwürdigung ſchwer oder nie verziehen haben.“ „Ich kenne wieder keinen Schriftſteller, der von der Hei⸗ ligkeit ſeines Berufes mehr durchdrungen geweſen wäre, als Walter Scott es in ſeinen erſten dreizehn Romanen war, worunter ich natürlich ſeine ſechs Tales of my Landlord, Ivanhoe, Rob Roy, Waverley, Guy Mannering, the Antiquary, Woodstock, und den herrlichen Roman, in dem die unglückliche Amy Leiceſter ſo unübertrefflich gezeich⸗ net iſt, verſtehe. Welche Selbſtachtung, welche Achtung für das Vaterland weht nicht durch dieſe Werke! Wie meiſter⸗ haft weiß er uns nicht ſelbſt mit ſchottiſcher Engherzigkeit zu verſöhnen! Wie unubertrefflich ſind nicht ſeine weiblichen Charaktere! Welch' eine Zartheit, Reinheit, hohe Sittlich⸗ keit, z. B. in der ältern Deans! Mit welchem Meiſtergriffel iſt nicht eben die Huldigung, die die jüngere Deans der Tugend zu bringen bemüßigt iſt, dargeſtellt! Wie furchtbar zieht ſich nicht die zerfreſſende Heuchelei eines verfehlten weiblichen Daſeyns durch ihr elendes glänzendes Leben hin! Der Verfaſſer der Briefe eines Verſtorbenen ſagt irgendwo, daß Göthe von dem großen Unbekannten eine nichts weniger als hohe Meinung hege, und daß er nicht begreifen könne, wie ein Mann, wie Walter Scott, ein Mann von ſeiner Stellung und Talenten, ſich mit ſo langweiligen Darſtel⸗ lungen befaſſen könnte. Wenn der große Göthe dieß geſagt hat, ſo hat er ein Urtheil ausgeſprochen, das grell gegen die feſtſtehende Meinung der anerkannt am richtigſten beur⸗ theilenden europäiſchen Nation anſtoßt. Nicht bloß die engliſchen und ſchottiſchen gelehrten Autoritäten, die Lon⸗ don⸗ und Edinburgh⸗Quarterlies, die ganze Nation iſt es, die Walter Scott als ihren erſten belletriſtiſchen Schrift⸗ ſteller, nach Shakespeare, anerkennt, und zwar eben wegen ſeiner Romane anerkennt. In ſeinen in gebundener Rede geſchriebenen poetiſchen Werken hatte Walter Scott be⸗ kanntlich nichts weniger als reüſſirt; in ſeinen vermiſchten und geſchichtlichen gleichfalls nicht. Es waren ſeine Wa- verleys, ſeine Tales of my Landlord, ſein Ivanhoe, die die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn lenkten, die ihn zum Liebling der Nation, zum Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit machten, ihm Auszeichnungen verſchafften, die nur den um das Vaterland verdienteſten Männern zu Theil werden. Und das war nichts als billig an dem Manne gehandelt, der ſein Vaterland zum klaſſiſchen Boden erhob, die Jungfrauen deſſelben veredelte, die konſtitutionelle Erziehung deſſelben beförderte. Göthe vermochte viel; aber es iſt leichter geſagt als gethan, Romane von dem Gehalt der Bride of Lamer- moor oder The Heart of Midlothian zu ſchreiben, und ſelbſt der Premierminiſter eines deutſchen Großherzogthums wurde einige Schwierigkeit gefunden haben, in einem Lande, wo die Preßfreiheit auf ſehr zweideutigem Fuße ſteht, mit — — 13— Hülfe literariſcher Schüler klaſſiſch⸗hiſtoriſche Romane zu liefern; denn der Roman kann nur auf ganz freiem Boden gedeihen, weil er die freie Anſchauung, Darſtellung der bürgerlichen und politiſchen Verhältniſſe in allen ihren Be⸗ ziehungen und Wechſelwirkungen bedingt. Aus eben dieſem Grunde haben die Franzoſen erſt in den letzten Jahren Romane erhalten, die klaſſiſch genannt werden können. Vor der Thronbeſteigung Louis Philipps war ein Roman, wie Victor Hugo's„Notre-Dame de Paris,“ kaum gedenk⸗ bar. Das mag parador erſcheinen; aber es iſt doch wahr.“ „Ich habe oben geſagt, daß Sir Walter Scott die kon⸗ ſtitutionelle Erziehung ſeines Landes beförderte, ich hätte ſagen ſollen, mehr als irgend ein anderer Schriftſteller be⸗ förderte, und zwar gerade dadurch, daß er Tory war. Man hat ihm dieß zum Vorwurfe gemacht. Das mindert nicht ſeine Verdienſte. Shakespeare ſchmeichelte in ſeinen Mid- summer night's dreams der unliebenswürdigſten aller Königinnen; und Wer wird ihn deßhalb einen Schmeichler nennen? Als Walter Scott geboren wurde, war ganz Eng⸗ land und Schottland toryſtiſch. Die Whiggery hatte ſich in einige Köpfe gleichſam geflüchtet. Tory ſeyn, war nicht Modebekenntniß; es war Volksglaube, den Walter Scott von ſeinen Voreltern ererbt, den er beibehielt, den ſeine romantiſche Muſe als eine Hauptbedingung forderte. Ihm deßhalb Vorwürfe zu machen, i*ſt nicht blos unbillig, iſt ungerecht. Ich bekenne Ihnen, daß ich früher von Cha⸗ teaubriand keine ſehr günſtige Meinung hatte. Die außer⸗ ordentlichen Hyperbeln, die er ſich auf Koſten der Wahrheit bei jeder Gelegenheit zu Schulden kommen läßt, z. B. in ſeinem Natchez, wo er von Louiſiana und dem Hauptſtrome —= 14— der Vereinigten Staaten eine in jeder Beziehung unrichtige Schilderung gibt, ſchien mir ſelbſt für einen Dichter zu viele Freiheit genommen,— ſeine Urtheile ferner über Shakespeare, der Geiſt, der durch ſeine Martyrs weht, überzeugten mich, daß er ſeine Zeit nicht richtig aufgefaßt, daß er in das Jahrhundert der Madame Maintenon gehöre, für die auch ſein Génie du Christianisme in ihren alten Tagen ein wahrer Troſt geweſen wäre. Es iſt im Chriſten⸗ thume etwas Göttliches, das eine männlichere Beurtheilung und Sprache recht wohl erträgt,— und nur durch dieſe könnte bei ſeiner Nation Gutes geſtiftet werden. Aber der Mann hat bei mir unendlich gewonnen durch ſeine Feſtigkeit gegen Charles X, durch ſeine ritterliche Anhänglichkeit, nachdem dieſer Monarch gefallen war, und die kühne Ver⸗ theidigung der Rechte des königlichen Enkels. Es iſt etwas Theatraliſches dabei, ſelbſt Charlatanerie ohne Zweifel, eine chevaleresque Rache an ſeinem Souverain, der ihn zurück⸗ geſtoßen; aber iſt dieſe kleine Eigenliebe nicht Grundſtoff unſerer ſchönſten und größten Geiſter? begleitet ſie nicht uns ſelbſt auf allen Schritten und Tritten? Nur die niedrig geſinnte Seele wird unnöthiger Weiſe dieſe Ei⸗ genliebe kränken. Conſequenz iſt achtbar, wo ſie ſich immer findet, und wir müſſen ſelbſt Gegnern jenen konſtitu⸗ tionellen Spielraum einräumen, ohne welchen der Begriff der Freiheit zur Abſurdität wird.“ „Eben daß Walter Scott Tory war, gibt ſeinen Werken den gediegenen klaſſiſchen Charakter. They are standard works. Ihre Grenzſteine ſtehen feſt da— ſeine Charaktere find ſcharf nuancirt, haarſcharf gezeichnet. Wir erkennen das Leben des Großen, ſehen das Treiben im Feudal⸗ — o 15 6— Schloſſe, in der Königsburg, als wenn es uns vor Augen gerückt wäre. Durch dieſe beſtimmte Zeichnung hat er frei⸗ lich oft ſein eigenes Urtheil umgeſtoßen, aber zur politiſchen Erziehung, zur Feſtſtellung der Begriffe in allen Klaſſen der Nation beigetragen. Knowledge is power. Und er beförderte das Erſte dadurch, daß er getreu darſtellte, ohne Tendenz den Toryismus zu befeſtigen; ſeine Charaktere ſind wahr, aber nicht übertrieben, wie dieß beim Verfaſſer des last of the Mohicans der Fall iſt. Charaktere, wie die des Caleb, der Douglaſſe, des Guy Mannering, des Anti⸗ quary, finden Sie, with due allowance for the diffe- rence of the times, noch heutigen Tages in England und Schottland, ja alle Nuancen der Ariſtokratie und Oligarchie, wie ſie der Baronet geſchildert; aber Sie finden in den ganzen Vereinigten Staaten keine Tröpfe, die ſich ſo herumzerren laſſen, wie Leatherſtocking, keinen Kentuckier, der ſo, quasi die Kappe in der Hand, vor dem Capitän daſtehen würde, wie es in der Prärie der Fall iſt. Der Verfaſſer, ein Seemann, hatte die Seedisciplin auf das feſte Land übertragen, und darin hat er gefehlt; denn der Amerikaner des feſten Landes iſt ein ganz verſchiedenes Weſen von dem Amerikaner, der auf einem Schiffe einge⸗ zwängt iſt. Ich habe alle Achtung für die Seeromane die⸗ ſes ausgezeichneten Schriftſtellers. Das war ſein Kreis, innerhalb dieſes war er mehr als bloßer Nachahmer Walter Scotts, er war Original,— und hat genützt, ſehr viel genützt, denn er hat den ſeefahrenden Geiſt der Nation ge⸗ kräftigt, und eben durch die neue Richtung, die er einge⸗ ſchlagen, gewiſſermaßen dargelegt, daß die amerikaniſche— die erſte ſeemänniſche Nation iſt. Am wenigſten bin ich mit — 0 16— ſeinem Travelling Bachelor einverſtanden. Ein ſolches Buch fordert eine wiſſenſchaftliche Vorbildung, die deſſen Verfaſſer nicht beſitzt, und deren Mangel er durch eine un⸗ ausſtehlich erxcluſive Tournure nichts weniger als erſetzt. Er iſt hier abſoluter Ariſtokrat, ſtockſteifer Ariſtokrat, und⸗ ſo ſteif unſere Geldariſtokratie iſt, ſo, wie ſie der Autor gerne haben möchte, iſt ſie zum Glücke noch nicht;— ſo ſehr auch im Punkte der Humanität gegen die Schwarzen geſündigt wird, ſo iſt es doch Niemanden, Gott ſey Dank, eingefallen, zu glauben, wie der Travelling Ba- chelor es thut, daß endlich Mühſeligkeiten, Anſtrengung und dergleichen dieſe unglückſelige Race aufreiben werden. Es weht durch dieſe Bücher, wie geſagt, ein ſo ſtarrer, un⸗ liebenswürdiger, ja inhumaner, ercluſiver Geiſt, wie ich ihn ſelten gefunden, und der zur Ehre der Vereinigten Staaten auch durch eine allgemeine kalte Aufnahme des Buches ge⸗ wiſſermaßen mißbilligt wurde.“ „Wie ganz anders tritt wieder der Berfaſſer des liebens⸗ würdigen Pelham auf. Sie ſehen den Gentleman, mit ſeinem hühnergefütterten Bedos oder Bedo, wie er ihn heißt, wie er ſeine glacirten Handſchuhe anzieht, ſo oft er mit einer nicht ganz faſhionabeln Hand in Berührung kommt; wie er den ſchweren Ueberrock überwirft, und ſeine canvassing Tour beginnt, hier lispelnd, dort die perſoni⸗ fieirte Treuherzigkeit ſpielend. Er iſt Ariſtokrat durch und durch, ja Geck; aber man verzeiht ihm das Coquettiren mit der Demokratie gerne, denn im Grunde fühlt er warm für das Volk, für ſein Land. Seine Romane ſind achtbare und in acht⸗ barer Abſicht geſchriebene Bücher, die viel Schoͤnes enthalten.“ „Doch ich werde zu weitläufig für die Grenzen eines — 0 17 6— Schreibens; aber indem ich Ihnen meine, jedoch keines⸗ weges apodiktiſch aufgeſtellten Anſichten über Schriftſteller und Schriftſtellerei gebe, bezeichne ich zugleich die Grund⸗ ſätze, nach denen ich ſelbſt verfahren bin, und trage das Meinige bei, Urtheile feſtzuſtellen oder zu berichtigen, was ich beſonders in Hinſicht auf den eigentlichen Stifter des klaſſiſch⸗geſchichtlichen Romanes für Pflicht halte; denn er iſt es, der den Roman auf die hohe Stufe gehoben, die er gegenwärtig behauptet, der den Beſten, den Aufgeklärteſten, den Erſten des Landes, ſo wie den Mittelklaſſen, den weni⸗ ger Gebildeten, ein Leſebuch zur Erholung und Belehrung an die Hand gegeben; der einem der wichtigſten Zeitbedürf⸗ niſſe abgeholfen hat. Von ſeinen zahlreichen Nachahmern iſt wohl der Verfaſſer des last of the Mohicans der Einzige, der wahrhaft von ſeinem Schriftſtellerberufe durch⸗ drungen war; ſeine Natur iſt größer, als die Walter Scotts, ſeine Seeſtücke unübertrefflich, aber, wie geſagt, man ver⸗ mißt an ihm wiſſenſchaftliche Bildung, und unglückſeliger Weiſe ahmt er Walter Scott auch in der Sünde des Zu⸗ vielſchreibens nach. Ich halte überhaupt wenig von Nach⸗ ahmung. Nach meiner Anſicht muß die Natur des Gegen⸗ ſtandes, den wir behandeln, auch die Form und Weiſe der Behandlung bedingen, die Darſtellung muß naturgemäß, ſo viel als möglich naturlich ſeyn. Und nach dieſem Grund⸗ ſatze bin ich meinen eigenen Weg gegangen. So haben die „Transatlantiſchen Reiſeſt kizzen“*) gewiſſermaßen gar keinen *) Die„Transatlantiſchen Reiſeſkizzen“ enthielten in der erſten Auflage: Theil 1 und 2: George Howards Brautfahrt; Chriſtophorus Bärenhäuter; Theil 3: Ralph Dougbys Braut⸗ —”0 18— Grundplan; ſie ſind leicht hingeworfen, oft an Ort und Stelle hingeworfen, und durch eine wirkliche Begebenheit zur Einheit verbunden. Sie haben richtig bemerkt, daß in dem„Legitimen“ ganz andere Prinzipe gegen einander ſtreiten, als in Walter Scott. Wieder andere im„Virey“; in dieſem letztern iſt das Deſcriptive, die Geſchichte, Hauptſache, ob⸗ wohl der Faden, der vom„Legitimen“ ausgeht, durch den „Virey und die Ariſtokraten“ fortgeführt wird, aber noch nicht bis zu Ende geſponnen iſt. Die Tendenz dieſes Buches iſt eine höhere, als die des eigentlichen Romanes; ſie nähert ſich der geſchichtlichen. Ich wünſche das Meinige beizutra⸗ gen, dem geſchichtlichen Roman jeue höhere Betonung zu geben, durch welche derſelbe wohlthätiger auf die Bildung des Zeitalters einwirken könne; mitzuhelfen, daß die tauſend albernen, ſchädlichen, dummen Bücher, Moderomane ge⸗ nannt, und geſchrieben, um die bereits unnatürlich genug fahrt; Theil 4 und 5: Pflanzerleben; Die Farbigen; Theil 6: Nathan der Squatter⸗Regulator; und zugleich war dem 3 bis 6n Theile der„Transatlantiſchen Reiſeſkizzen“ der weitere Titel: „Lebensbilder aus beiden Hemiſphären, 4— br Theil,“ beigegeben. In der zweiten und der gegenwärtigen dritten Ausgabe ſind dagegen die vorſtehenden Schriften, mit Ausnahme von„Chri⸗ ſtophorus Bärenhäuter,“ unter dem Titel:„Lebensbilder aus der weſtlichen Hemiſphäre“ vereinigt. Den 4n und 2n Theil der„Lebensbilder aus beiden Hemi⸗ ſphären“ bildete in der erſten Auflage„Morton oder die große Tour,“ was in der zweiten und dritten Auflage ohne Collectiv⸗ titel als ſelbſtſtändige Schrift erſchienen iſt. Wir führen dieſe Abänderungen der Titel der erſten Auflage hier an, um mögliche Irrungen zu verhüten. Die Verlagshandlung. — 19— geſpannten, geſellſchaftlichen Verhältniſſe noch unnatürlicher ſtraffer zu ſpannen, durch eine kräftigere Geiſtesnahrung erſetzt, durch ein Gegengift weniger ſchädlich werden. Es verhält ſich mit der bürgerlichen Geſellſchaft wie mit dem einzelnen Individuum, das nur dann vollkommen geſund iſt, wenn es keines ſeiner Glieder fühlt, wenn ihm keines derſelben ſein Daſeyn auf eine unangenehme oder ſchmerz⸗ liche Weiſe zu erkennen gibt, wenn alle Funktionen des Körpers ungehindert und leicht vor ſich gehen. Wenn der Magen durch ſtetes Vollpfropfen ſein Daſeyn durch Schwere zu erkennen gibt, dann i*ſt es Zeit zur Abhülfe; aber dieſe iſt am leichteſten möglich, wenn der Kranke ſelbſt ſeinen ſchlimmen Zuſtand durch und durch erkennt; dann kann er durch leichte Mittel abhelfen. Ihn zur Erkenntniß dieſes Zuſtandes zu bringen, iſt aber wieder keine ganz leichte Sache; denn der Kranke iſt reizbarer als der Geſunde; es muß ihm ſeine mißliche Lage ſo ſchonend als möglich, und doch wahr beigebracht werden, und wird ſte ihm dieß, dann haben wir freundſchaftlich an ihm gehandelt, human, weit humaner, als wenn wir ihn ſich ſelbſt überlaſſen, und er ſo gezwungen wird, bei einem Arzte Zuflucht, ja Hülfe zu ſuchen, die immer precair iſt, da ſie von der Einſicht eben ſowohl als der Rechtſchaffenheit dieſes Letztern abhängt.“ „Dieſes Prinzip der Aufklärung des geiſtigen Fortſchrit⸗ tes habe ich zum Geſichtspunkte genommen und werde ihm treu bleiben. Ich habe deßhalb vorgezogen, Thatſachen, lebende, ja geſchichtliche Perſonen zu zeichnen, nach dem an⸗ erkannten Grundſatze, daß oͤffentliche Charaktere auch offen behandelt werden dürfen. Daß dieſes mit Zartheit von mir geſchieht, muß Ihnen klar ſeyn, wenn Sie auch nur ein — d 20— einziges öffentliches Blatt oder irgend eine Flugſchrift über eben dieſe von mir dargeſtellten Perſonen zur Hand nehmen. Zwei dieſer Lebensbilder ſind zuerſt in einer amerikaniſchen Zeitſchrift erſchienen, und ſpäter in einer Londoner abge⸗ druckt worden, wo ſie, wie ich höre, mit Beifall aufgenom⸗ men wurden. Was den Charakter des merkwürdigen Fran⸗ zoſen betrifft, der lebend eine ſo wichtige Rolle geſpielt, und durch ſeinen letzten Willen einen ſo gewaltigen Einfluß auf die künftige Geiſtesbildung der Union ſich geſichert hat, ſo find ſeine Grundſätze zu ſehr bekannt, als daß ſie auf Rech⸗ nung irgend Jemandes gebracht werden könnten. Welches das Ende ſeyn wird des großen Prinzipien⸗ oder vielmehr Intereſſen⸗Kampfes, der nun vor unſern Augen mit ſo vieler Hartnäckigkeit gekämpft wird, iſt eine Frage, deren Beantwortung nicht in das Bereich der Literatur der ſchö⸗ nen Wiſſenſchaften gehört; aber inſoferne dieſe das geſell⸗ ſchaftliche Leben in allen ſeinen Nuancen darſtellt, und ſo zum großen Hebel ihrer Geſtaltuug wird, iſt es allerdings ihr Geſchäft, das eigenthümliche Weſen der neuen Macht, die in der neuen geſellſchaftlichen Umgeſtaltung eine ſo große Rolle zu ſpielen berufen ſcheint, näher zu betrachten.“—— Nach dieſer Darſtellung des Herrn Verfaſſers Ihnen noch weitere Bemerkungen zu machen, halte ich ganz überflüſſig; denn das Buch ſelbſt ſpricht für ſich. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es Ihr Publikum überraſchen wird. Auch iſt Hoffnung vorhanden, daß wir die Fortſetzung dieſer Lebensbilder erhalten werden. Den 1. Jenner 1835. — I. Ver verlorene Hut. Draußen heulte der Sturm— auf der Bühne donnerte Richard:„Ein Pferd, ein Pferd: mein Königreich für ein Pferd!“ und der raſende König überſchrie den Donner des Sturmes, und die ſchöne Welt von Philadelphia horchte in athemloſer Stille dem großen Zauberer, der ihr den gekrönten Böſe⸗ wicht ihrer Vorwelt mit ſo furchtbarer Wahrheit vor die Sinne rief;— da ließ ſich aus einer der glän⸗ zendſten Mittellogen ein düſteres Geſtöhne vernehmen, und Aller Köpfe wandten ſich in der Richtung, in der die Schmerzenslaute hörbar wurden z eine der Thüren des Corridors flog raſch auf, und ein junger Mann ſtürzte durch dieſelbe, murmelnd:„She is lost, my Mary is lost.“ 4) Die Nacht war, was wir ein galy**) nennen. *) Sie iſt verloren, meine Mary iſt verloren! **) Sehr ſtürmiſch, mit heftigen Windſtößen. Morton. J. 3 — o 22 6— Der Nordoſt heulte in ſo raſenden Stößen von New Jersey herüber, daß die tauſend Schiffe des Hafens wie gepeitſchte Sklaven auf ihren Ankertauen tanzten, und gleich belebten Weſen Klagelaute von ſich gaben, die weit hinauf in die Straßen— wie die zu Tode geängſtigter Thiere erklangen; dazwiſchen krachten die Maſten, klapperten und pfiffen Segel⸗ bäume und Taue, und Regen und Hagel ſchmetterten wie Pelotonfeuer aus hunderttauſend Musketen im kalten Nebelwetter aus dem ſchmutzig grauſchwarzen Himmel herab.— Der junge Mann ſtürzte unauf⸗ haltſam die Wallnutſtreet hinab, dem Strom zu, der Stadt und Land verſchlingen zu wollen ſchien. Es waren nicht Schritte, es waren Rieſenſätze, mit denen er dem Werfte zuſprang, von welchem er nur noch durch eines jener Vorwerke getrennt war, die ſich in und vor die ſogenannte Waterſtreet*) hingeniſtet haben, um die Anſicht einer unſerer ſchönſten Städte zur häßlichſten zu verunſtalten. Ein fahler Lichtſtreifen öffnete ſich am chaotiſchen Himmel, durch den der Mond bleich und geſpenſtiſch *) Waterſtreet, die dem Delaware entlang laufende Straße, in die ſowohl die Wallnut⸗ als C hesnutſtreet auslaufen. —= 23— durchſchaute, wie, um den furchtbaren Abgrund in ſeiner ganzen Gräßlichkeit erſcheinen zu laſſen. Nicht fünf Schritte vor ihm raste der Delaware. Die mannshohen Wogen, vom entſetzlichen Sturme auf⸗ gepeitſcht, ſchienen aus der T iefe der Hölle aufzuziſchen, und ihr Opfer mit ſchrecklichem Lachen anzugrinſen. Der tobende Sturm kochte, heulte und brüllte, und ſandte die tobenden Waſſer mit ſo raſender Gewalt über die Werfte, daß die Framehäuſer dröhnend aus ihren Fugen gehoben wurden.— Ein entſetzliches Lachen entfuhr ihm, als er dieſen Gräuel der Zerſtö⸗ rung ſchaute, und den Fuß zum letzten Sprunge hob. „Herr!“ rief es auf einmal aus der halb geöffneten Thüre der ſchmutzigen Kneipe mit rohem Gelächter, „habt Euern Hut verloren!“— Und ein Dutzend Stimmen fiel mit Roßgewieher ein:„Hat ſeinen Hut verloren.“ Und Köpfe ſtreckten ſich zugleich durch die Thüre und Fenſter, um den merkwürdigen Mann zu ſchauen, der es wagen konnte, in der geregelten Bruderſtadt ohne Hut auf dem Kopfe in den Straßen umherzu⸗ laufen. Wir Philadelphier ſind nämlich ein ſehr ordnungs⸗ 3⸗ — 24— liebendes geregeltes Volk, das ſeinen Hut ſeſt auf dem Kopfe trägt, und es war daher kein Wunder, wenn der Zuruf den Jüngling auf einmal wie feſtbannte. Er ſtand, als wäre er von einer unſichtbaren Zauber⸗ hand berührt; dann zuckte er zuſammen und ſchwankte einen Schritt ſeitwärts. „Feſt Steuerbord, mein Mann! ſeyd einen ganzen Strich aus Eurem Laufe,“ ſchrie der Eine der Knei⸗ pengäſte. „D- n your eyes Jim!“*) ſiel ein Anderer ein; —„geht Südoſt bei Oſt; gerade zur Hölle.“ „Ein Verdeckpaſſagier, dem der Faden ausgegan⸗ gen,“ brüllte ein Dritter. Dieſe laut gebrüllten Worte machten den Jüngling laut aufſchaudern. Er trat wieder einen Schritt zurück. „Pshaw!“ gellte eine friſche Stimme, und ein Kopf ſtreckte ſich abermals aus der Thüre der Rumkneipe. —„SIch wette fünf Smallers, der ſpließt ſich mit der Salzbraut zuſammen.“ „Sauft ein paar Gallons Erbſenwaſſer,“ ſchrie ein Anderer. *) V-t ſeyen Deine Augen, James. —=d 25— „Er ſauft nicht,“ überſchrie ſie ein Dritter, der aus der Thüre und dem Jüngling näher getreten war, dem er, ohne ein Wort zu ſagen, die Hand auf die Schulter legte.„Seyd auf der Leeſeite*), mein 1 Mann! Wollt Euch mit der naſſen Braut zuſammen⸗ ſchließen? May Ibe d-— d to hell if you shall.**) — Und er ſauft nicht,⸗ ſchrie er, indem er dem Jüng⸗ ling beide Hände auf die Schulter legte. Dieſer ſtand, ohne ein Wort zu ſagen; aber ſeine Bruſt hob ſich hörbar, und ein grauſiges Stöhnen verkündete den entſetzlichen Kampf, der in ſeinem In⸗ nern tobte. „Er ſauft nicht,“ rief der Mann wieder.—„Was gilts? zehn Smallers.“ „Es gilt, er ſauft,“ brüllte es aus der Thüre mit raſendem Gelächter. Und die ganze Bande der Matroſen war bei den verſchiedenen Ausrufungen, die gleich Schlagwörtern auf einander gebrüllt wurden, aufgeſprungen und getaumelt, und drängte ſich durch die Thüre an den Jüngling heran, der noch immer wie leblos da ſtand. — *) So viel als links, in falſcher Richtung. **) Mag ich zur Hölle v—t werden, wenn Ihr dürft. —= 26— „Kürzt ſeine Steigbügel,“ rief der Eine. „D- n your eyes, if it aint a gemman,“*) der Andere. Unter dieſen Worten war ein halbes Dutzend an den Jüngling herangekommen. Eine Stimme ſchrie im Tone höchſten Erſtaunens:„D—n your eyes, d'ont you see, it is Captain Morton.“**). „Captain Morton of the Mary,“*es) ſchrie ein Anderer.—„Captain of the Mary, ein ſo ſchönes Schiff, als je im Erbſenwaſſer ſchwamm.“ „Capitän Morton! brauchen Sie ein halbes Dutzend Kernjungens, ſind geſtern von der Aspaſta abbezahlt worden. Aber mit Ihnen, bei G—tt! wollen wir, und ſollten wir unſere Dollars noch heute verſilbern.“ „Gehen wir Alle!“ riefen Alle. Und in demſelben Augenblick hielten auch Alle inne, und die Stimme war ihnen wie abgeſchnitten. Die Matroſen hatten nämlich den Jüngling ſo um⸗ geben, daß die Strahlen der Lichter aus den Knei⸗ *) V=t ſeyen Eure Augen, wenn das nicht ein Gentle⸗ man iſt. **) V—t! ſeht Ihr nicht, daß es Capitän Morton iſt? ***) Capitän Morton von der Marie. —= 27 6— penfenſtern ſich in ſeinem Geſichte brachen. Dieſer Anblick hatte ihnen die Sprache auf einmal benom⸗ men. Es war etwas in dieſem Geſichte, das furchtbar ſprach. Es lag eine Rieſenkraft in dieſem Geſichte, aber auch ein Rieſenſchmerz in dem gräßlichen Hohne, der ſich auf Stirne und um die Lippen hingelagert hatte. In dieſem ſtieren Blicke, dieſen zuſammengepreß⸗ ten bleichen, blauen Lippen und ihrem kalten Hohne ſtand die Reſignation des Todes mit entſetzlicher Deutlichkeit geſchrieben. Die Matroſen ſtierten ihn eine Weile an, ſprach⸗ los, keines Wortes mächtig. „Capitän Morton!“ hob endlich Einer leiſe und wie furchtſam an. „She is lost, the Mary is lost,“ murmelte der Jüngling in ſich hinein. „Capitän Morton, das wiſſen wir nicht,“ ſprach ein Anderer in demſelben dumpfen Tone;„bei G— tt! wir wiſſen es nicht Haben aber unſere Haͤngmatten da bei Beattie aufgeſchlagen, trinken unſern ſteifen Grog, Tom, Jones, Ned, James, Micke und Ben, und da ſchreit Ben etwas von Einem, der ſeinen Hut verloren, und denken, Sie ſind Einer der Verdecks⸗ — 0 28 G6— paſſagiere, oder auch Kajütenabenteurer, die das Paſſagegeld ſchuldig geblieben ſind, und die da kom⸗ men—* „Man weiß nicht woher,“ fiel ein Anderer bekräf⸗ tigend ein. „Und gehen,“ fuhr ein Vierter fort,„man weiß nicht wohin.“ „Und ſo wetteten wir auf eine glückliche Fahrt. Hätten wir aber gewußt, daß Sie es ſind, Capitän Morton! dann freilich—* „Capitän Morton fürchtet nicht's Erbſenwaſſer, ſo es geſoffen ſeyn muß. Iſt ein Seemann, und ein geborener Bürger.“ „Aber kein Bürger ſauft Erbſenwaſſer, ſo lange noch Grog und Toddy zu haben ſind.“ „Haſt Deine zehn Smallers gewonnen, Tom;“ fiel ein Anderer ein.„Wer wird auf einen Bürger wetten?“ „Kein Bürger ſauft Erbſenwaſſer, wenn's nicht ſeyn muß; überläßt das den Franzoſen und den v— ten Britten!“ Und der Jüngling ſah auf einmal verlegen und wie beſchämt die Matroſen an, und der Schauer fing — 29 6— ſtärker an ihn zu faſſen. Es war der Todesſchauer, der mit der Scham und dem Leben kämpfte. „Morton!“ riefen auf einmal mehrere Stimmen. „Morton, um Gotteswillen, Morton!“ jammerte eine Silberſtimme, und zwei der ſchönſten Hände um⸗ faßten des Jünglings Hals, und hingen ſich um ihn, und die Geſtalt umklammerte ihn, wie zum Leben und Sterben. „Morton!“ rief das bildſchöne Mädchen.— „Morton! was thun Sie, um Gotteswillen? Und Morton, Sie wollten?— Morton! Morton! Sie könnten— 24 Und das ätheriſche Weſen, das kaum ſechszehn Jahre zählte, hing, eine ſüße Laſt, am Halſe des ſtierenden Jünglings und ſchien ihn zur Erde ziehen zu wollen, auf daß er ihr nicht von dieſer entfliehe. Eine gewaltige Welle ſchlug über die Werfte heran, und hüllte die Beiden in ihr naſſes, kaltes Kleid. Sie fühlte es nicht— ihr Auge hing an dem ſei⸗ nigen; dann ſchauderte ſie zuſamnen. In der Todes⸗ angſt um den ſchönen Flüchtling hatte ſie Peliſſe, Shawl und Hut vergeſſen, und war im leichten Logen⸗ kleide durch Sturm und Hagel geeilt, ihn zu retten. —= 30— Sie zitterte an allen Gliedern, indem ſie rief:„Mor⸗ ton! um Gotteswillen, Morton!“ „She is lost,“ murmelte Morton—„it is too late, she is lost— all is lost.“*) „Who is lost?“**) rief Einer der Begleiter der jungen Dame. „She is lost,“ murmelte er wieder, indem er mecha⸗ niſch auf den ſchwarzen Strom deutete.—„She 1s lost.“ „Aber mein Gott!“ fiel ein Anderer ein,—„Mor⸗ ton, was ſoll das? Was träumt Dir, was fällt Dir ein? Sie iſt kaum vor vier Tagen unter Segel ge⸗ gangen, Deine Mary; ein funkelnagelneues Schiff, kaum drei Jahre alt. Was träumt Dir um's Him⸗ mels willen? Morton, was ſicht Dich an? Zum Teufel mit Deinen Träumen und Ahnungen!“ „Capitän Morton!“ fiel Einer der ältern Matro⸗ ſen ein,„haben Sie das Seegeſpenſt geſehen?“ „Iſt Ihnen das Seegeſpenſt erſchienen?“ riefen die Matroſen alle. *) Sie iſt verloren.— Es iſt zu ſpät.— Sie iſt verloren— ) Alles iſt verloren. **) Wer iſt verloren. —= 31 6— Der Jüngling murmelte blos:„She is lost. I tell you, she is lost.“ „Morton!“ riefen die drei Freunde;„um's Him⸗ mels willen! Morton ſey ein Mann! Im entſcheiden⸗ den Momente der Vorſtellung läuft er davon, von wegen einer Ahnung, weil ein Gekrach und ein Pfei⸗ fen ſich im Theater hören läßt, und Sturmesgeheul.“ „Was ſich ganz natürlich erklären läßt; denn ſeit Jahren hatten wir keinen ſo entſetzlichen Nordoſter.“ „Iſt Ihnen das Seegeſpenſt erſchienen, Capitän Morton?“ fragte wieder Einer der Matroſen kopf⸗ ſchüttelnd;„das Seegeſpenſt? Und dachten Sie in dem Augenblick an die Mary? Morton ſah den Matroſen ſtarr an, und nickte in ſtummer Verzweiflung. „Ich glaube, Leute, Ihr ſeyd Alle verrückt,“ ſchrie Einer der Freunde. Die Matroſen brummten ein„damn ye!“ und ſahen den Sprecher ſeitswärts an. „Soll mich die Katze kneipen,“ hob Einer an, naber der Landkrebs da, Jungens?“ Und er ballte beide Fäuſte. „Und wenn wir halb über Bord ſind, Sir! damn — d 32— ye, Sir!*) ſo ſind es unſere Dollars, Sir, und wir ſind in einem freien Lande, Sir! „Hoffen wir, Sir!“ fiel ein Dritter ein. „Und ah, die Mary war ein prächtiges Schiff,“ ein Vierter. „Als je im Winde ging,“ bekräftigte der Erſte, „ſchwamm wie eine Ente, war eine Freude am Rade zu ſtehen; konntet ſie juſt mit dem Daumen und Zeige⸗ finger drehen, wohin Ihr wolltet, bei G—tt!“ „Arme Mary!“ „Nun, auf meine Ehre! Ihr ſeyd Alle verrückt,“ rief wieder Einer der Freunde. „Wollen Dich verrücken Du G—tt⸗v— ter Land⸗ krebs,“ ſchrieen Mehrere und ihre Fäuſte ballten ſich; doch Tom und Jim nahmen zum Glück großmüthig die Partei des Mannes. „Halt, Miſter Broadhend!“ brüllte Jim,„glauben Sie, was Sie wollen, aber wollen Ihnen ſagen— 4 „Glauben, ein Schiff iſt juſt ſo ein Ding von Holz und Eiſen, das keine Empfindung hat? Sag’ Ihnen aber,“ ſchrie Tom,„damn ye, es hat mehr Empfin⸗ dung—* *) B.—e Sie G-—tt, Herr. 5 4 — o 33 6— „Als ſo ein v— ter Landkrebs, wie Ihr ſeyd,“ fiel ein Anderer ein. „Und ſo hat es,“ ſchrie ein Dritter;„und laſſen Sie ſich ſagen— 4 „Aber, liebe Männer!“ „D n ihre lieben Männer— Wer ſind liebe Männer? Sie Gott v— ten lieben Männer!« „Pah, könnte Ihnen mehr erzählen: als ich mit der Sarah Tompkins letztes Jahr in der Südſee war. Eine prächtige Fahrt, war zwei Jahre zwei Wochen aus. Mein Antheil betrug fünfhundert Dollars*). He!— 4 „Bei meiner Seele!“ ſchrie der Freund. „Halt Gentlemen!“ überſchrie ihn der Matroſe— „doppelten das Cap Horn. Sahen da der verdamm⸗ ten Mutter Careys Hühner*), und mitten unter dieſen— „Bei meiner Seele!“ riefen die drei Freunde,„da ſtehen wir, Narrheiten anzuhören, und Miß Geor⸗ giana erfriert uns in den Armen.“ —— *) Der Antheil der Matroſen an Südſeewallfiſchfängen be⸗ trägt in der Regel zwiſchen 3— 500 Dollars, öfters auch mehr. **) Mother Careys Chiken— Sturmvögel. —" 34— Es war wirklich hohe Zeit, in die erſtarrten Glie⸗ der des holden Geſchöpfes erwärmende Bewegung zu bringen. Sie hing mehr leblos als lebendig in den Armen des Jünglings, der, noch immer Alles um ſich her vergeſſend, wild auf den tobenden Delaware ſtierte. Die drei Freunde lösten ſie von ſeinem Halſe, hüllten ſte in einen Ueberrock, und ſchlugen dann ſo eilig, als es der leidende Zuſtand der Beiden erlaubte, die Richtung nach Chesnutſtreet ein.. „Miſter Broadhend, Miſter Philipps,— ho! Ihr v— ten Landkrebſe Ihr!“ „Seyd keine Seemänner, keine Seemänner,— wollen Seemänner ſeyn, und glauben nicht an das Seegeſpenſt. Hat Capitän Morton das Seegeſpenſt geſehen, gebe ich ihm keine fünf Smallers für ſeine Mary.“ „War aber doch ein verdammt ſauberes Ding, die Mary.“ „Ging ſo prächtig im Wind.“ „Machte ihre dreizehn Knoten, mir nichts, dir nichts, keine Fuge, kein yard arm wich.“ „Halloo! Polly, Molly, dear chuckies! haben zehn — 0 35— Smallers zu vertrinken. Holla Polly, Molly, dear chuckies! Hurrah! we live in a free country!“*) Die Polly, Molly, dear chuckies ſprangen aus der Kneipe, legten ihre Arme um die Nacken ihres: Beaux, und zogen ſie unter dem Gebrülle:„Tom Taylor hat ſeinen Hut verloren,“ in die Kneipe. Zwiſchen den ſchwarz aufgepeitſchten Fluthen des Delaware, und den liebreizenden Hoffnungen, die ſich in den thränenfeuchten Augen der holden Georgiana ſpiegelten, der glänzenden Chesnutſtreet, deren pracht⸗ volle Marmorpaläſte ihnen nun entgegen traten, und der ekelhaften Kneipe, deren ſchmutzige Ecke das Ziel der irdiſchen Laufbahn des lebenskräftigen Jünglings werden ſollte, lag eine Welt von Abſtand, und doch wieder nur ein kurzer Schritt. War es das Furcht⸗ bare, das in der Idee des Selbſtmordes liegt, das Grauſen, das bei dem Anblick des Selbſtmörders ſelbſt den Starkgeformten ergreift: die Freunde waren mit allen Symptomen unbezwingbaren Schauders und höchſter Aufregung neben dem Jüngling einher⸗ geſchritten; Georgiana hatte ſeinen Arm fahren laſſen, —— *) He da! Polly, Molly, theure Schnäblein's— wir leben in einem freien Lande. —" 36 e— und ſchwankte halb getragen zwiſchen den ſtummen Männern hinauf, Blicke auf ihn heftend, aus denen Abſcheu— Entſetzen zu ſprechen begannen. Sie wa⸗ ren an einem glänzenden palaſtartigen Hauſe in der Mitte der Straße angekommen, als ſte am Fuße der Marmortreppe wie leblos zuſammenſank. Einen Blick der verletzten Weiblichkeit und namenloſen Lei⸗ des warf ſie noch auf ihn, und dann ſchloß ſie die Augen, als fürchte ſie den Selbſtmörder länger zu ſchauen. Er aber lächelte bitter, blickte die beiden Freunde mit ſtieren Augen an, wie ſie die Ohnmäch⸗ tige in das Haus trugen, und ſchritt dann weiter. Einer der Freunde war ihm gefolgt. Am obern Ende der Straße bogen ſie in eine Seitengaſſe ein, und hielten dann vor einem kleinen Hauſe. Der Freund zog die Klingel, und es erſchien ein alter Neger, in der einen Hand ein Licht, in der andern ein verſtegel⸗ tes Billet. „Maſſa*)!“ ſprach der Schwarze,„Maſſa! wo haben Ihren Hut gelaſſen? Maſſa! was werden die Philadelphier ſagen, wenn Maſſa ohne Hut herum⸗ *) Verdorben, ſtatt Miſter oder auch Maſter. — 37— laufen ſehen?— Maſſa Brown aus Merchants Caffeehauſe Ihnen das geſandt.“ Der Jüngling riß das Billet auf, und las:„Lost near Cap Hatteras the fine vessel Mary, bound to Veracruz, men saved*).“ Und ein höhniſch bitteres Lächeln zuckte wieder um ſeinen Mund, als er dem Freunde im wahnſinnigen Triumphe die Zeilen vor die Augen hielt. Dieſer durchlas ſie kalt. „Mache Deinem Herrn ſtarken Thee, und bringe ihn zu Bette;“ ſprach er, und dann wandte er ſich, und verließ das Haus. Der Neger ſchüttelte den Kopf. „Maſſa!“ rief er, indem er den Herrn, der in dumpfer Bewußtloſigkeit auf die Treppe hingeſunken war, aufrichtete.„Maſſa!“ rief er nochmals. Doch Dieſer gab keine Antwort. Auf einmal ſprang er auf, ballte die Fauſt, ſchlug ſich vor die Stirne, und ein gräßliches Lächeln zuckte um ſeinen Mund. „Maſſa!“ ſprach der Neger,„wo haben Ihren Hut gelaſſen? und was da haben für einen Theerhut? *) Ging verloren nahe am Cap Hatteras das ſchöne Schiff Mary, nach Veraeruz beſtimmt. Die Mannſchaft iſt gerettet. Morton. I.— 4 — — — — n — 9 38 6— Meiner Seele, des Tom Taylors Theerhut ſeyn, ſein Zeichen darin ſtehen. Tom Taylors Hut ſeyn, den Maſſa in Havre juſt vor Newyork⸗Hôtel aus dem Waſſer gezogen. Maſſa, ehe acht Tage vergehen, einen Trip*) nach Havre machen. Maſſa der Hut Glück bedeuten; Maſſa friſch auf— nicht Alles ver⸗ loren ſeyn.“ Der Jüngling nahm den Hut mechaniſch vom Kopfe. „Sattle mir den Cyrus!“ „Maſſa, um's Himmels willen! eilf Uhr ſeyn. Was mit Cyrus wollen in dieſem Wetter? Cyrus überritten werden. Wie Cyrus auf dem Longisland Races**) beſtehen?“ „Wir ſind in einem freien Lande; ſattle mir den Cyrus.“ Der Neger ging, den Cyrus zu ſatteln; der Jüng⸗ ling warf einen andern Kut auf den Kopf, den Man⸗ tel über den Rücken, und eine Stunde darauf hatte er die Bruderſtadt zwanzig Meilen hinter ſich. „Pah, wird doch noch irgend einen Fleck in der *) Trip— Ausflug. **) Die berühmten Pferdewettrennen, neun Meilen von Newyork. —=0 39 6— Union geben, wo der Enkel von n ſich ungeſtört erſäufen kann,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. II. Vie deutſchen Emigranten. Die wilde Dezembernacht war einem hellen, klaren Januarstage gewichen. Es war ein herrlicher Nachmittag, der erſte im Jahre tauſend achthundert neunundzwanzig. Die Sonne ruhte bleich und kalt, wie zitternd vor Froſt, nur noch auf dem Rande der Flußberge des Susque⸗ hannah und ihre matten Strahlen verbleichten in den endloſen Schneefeldern des weſtlichen Flußgebie⸗ tes, während die gewaltigen Bergrücken, die hehr und hoch ſich im Norden emporthürmen, mit ihren dunkeln Fichtenwäldern und den wilden Lorbeergebü⸗ ſchen im prachtvollſten Kontraſte das Landſchaftsge⸗ mälde ſchattirten; dazwiſchen der majeſtätiſche Strom, der in nimmer ruhender Beweglichkeit ſeine unge⸗ heuern Waſſermaſſen klar und heiter dem freundlichen Harrisburgh zuſendet. Um die unzähligen Klippen, 4* —= 40— die ſich aus dem meilenweiten Porphyrbette wie Ruinen römiſcher Triumphbögen erheben, hatte der kalte Winter Kränze von Eis gelegt, die ihnen in der Ferne das Anſehen von Hunderten koloſſaler Büſten in Vandyks Manier gaben, und die ſeltſamer Weiſe auch zu reden begannen. So wie die Sonne die Berggipfel des Susquehannah erreicht, erhebt ſich ein Gemurmel, und die Gewäſſer beginnen zu rauſchen und zu reden mit den hundert und hundert Pyramiden und Felſen und Klippen und Büſten in der murmeln⸗ den Wellenſprache, die die Sage veranlaßte, daß die Häuptlinge des rieſigen Volkes der Susquehannahs noch immer trauern und wehklagen über das Ver⸗ ſchwinden ihres Volkes vor den mächtigen weißen Eindringlingen. Es iſt ein herrlicher Strom der Susquehannah, mit ſeinen endloſen unüberſehbaren Waſſermaſſen, und ſeinen Klippen und Riffen, und der ſüß tönenden trauernden Wellenſprache; die Gegend umher eine der romantiſchſten des lieblichen Penſylvaniens. Im Norden fällt der Blick auf prachtvolle waldbekränzte Inſeln, die gleich ungeheuern Waſſervögeln am brei⸗ ten Buſen des Stromes ſich zu ſchaukeln ſcheinen. — o 41— Im Oſten thürmen ſich Berge auf Berge, und Klippen und Abgründe wechſeln mit dunkeln Wäldern, und verleihen der Gegend einen Charakter von Wildheit, wie er in dieſem Staate nicht häufig wieder zu ſinden iſt. Auf der weſtlichen Seite dehnen ſich herrliche Landhäuſer und Höfe in ruhiger Behaglichkeit. Im Südweſten endlich nickt, den Rahmen vollendend, das Capitol der Miniatur⸗Hauptſtadt herüber, einfach und anſpruchlos, wie ſeine zeitweiligen Bewohner*). Der Straße entlang, die ſich am öſtlichen Ufer des genannten Stromes gegen die obere Fähre hinaufwin⸗ det, die das weſtliche Penſylvanien mit dem öſtlichen verbindet und als Anfangspunkt der ſogenannten nördlichen Tumpike betrachtet wird**), ſah man während derſelben Tagſcheide einen prachtvoll gebau⸗ ten, aber todtmatten Blutrenner mit ſeinem Reiter *) Harrisburgh, obwohl Philadelphia und Pittsburgh die größten Städte ſind, iſt bekanntlich der Sitz der Regierung, näm⸗ lich des Gouverneurs und der geſetzgebenden zwei Kammern, des Senates und der Aſſembly; vorzüglich, weil es mehr in der Mitte des Staates liegt. Früher war Laneaſter der Regierungsſitz. **) Sie geht bei Frenchtown über die Alleghanygebirge und theilt ſich jenſeits derſelben in zwei Arme, von denen einer nach Pittsburgh, der andere nach Kittaning Buttler u. ſ. w. führt. — 12 6— langſam und erſchöpft fortſchwanken. Das übel zu⸗ gerichtete Thier war an einem jener Felſenvorſprünge angekommen, die ſich ſo maleriſch von dem rauhen Flußgebirge herab bis in den Strom ſenken, und durch die der eiſerne Fleiß ſeiner Anwohner erſt vor noch nicht langer Zeit einen Weg zu bahnen vermocht hat. Es hielt vor einem dieſer Felſenvorſprünge, und während es ſich längs demſelben fortſchleppte, verſuchte es, die dürren Eichenblätter des Geſtrüppes zu erfaſſen, das aus den Ritzen der Klüfte ſich hervor⸗ gedrängt hatte. Der Reiter, der in jener gänzlichen Geiſtesabweſenheit auf dem Rücken des Thieres hing, die einen Menſchen verräth, dem ein firer Gedanke im wahnſinnigen Kopfe haftet, wurde endlich durch die Bewegung deſſelben aus ſeiner Bewußtloſigkeit aufgerüttelt. Er ſchaute ſtier und verwildert um ſich, und die Zügel anziehend, verſuchte er vergebens, es zum Weiterſchreiten zu bewegen.„Cyrus!“ rief er endlich,„was treibſt du?— Biſt müde? Ich auch — lebensmüde. Wollen ja zuſammen gehen.“— Und wieder ſtierte er um ſich, und ſein trübes Auge ſuchte in der Ferne. Allmälig ſchien er ſich zu beſinnen, zu faſſen, und wie Einer, in dem plötzlich — o 43 6— ein Gedanke aufſteigt, fuhr er empor, ſchaute noch⸗ mals umher und ſtieg raſch vom Pferde. Einen Blick warf er auf das arme, edle Thier, und dann trat er vor an den Rand des Stromes und betrachtete die Gegend. Nicht zehn Schritte vor ihm rauſchte der Strom, deſſen dunkelblaue Gewäſſer hier eine unergründliche Tiefe andeuteten. Gegenüber in meilenweiter Ferne lagen die weſtlichen Ufer des Susquehannah, mit ihren friedlichen Höfen und Landſitzen, wie Lichtpunkte, die allmälig vor den hereinbrechenden Schatten der Nacht erbleichen. Ueber ſeinem Haupte erhoben ſich die Felſen der öſtlichen Flußberge mit ihren knarren⸗ den nackten Eichen und dem Gelächter der weißen Wintereule, die ſich ſo eben aus ihrem Verſtecke her⸗ aus gewagt.— So weit das Auge reichte, war keine Spur von Menſchen zu ſehen. Und als der Jüngling ſo mit ſtierem Blick Eines, der die Welt zu verlaſſen im Begriffe ſteht, um ſich ſchaute, überflog ein bitter ſüßes Lächeln ſeine ſchönen, aber verwilderten und bereits dem Wahnſinn halb verfallenen Züge. „Noch fünf Minuten, theurer Cyrus,“ ſprach er zu ſeinem Roſſe,„dann iſt unſere Reiſe geendigt.“ — o 41— Er hatte die letzteren Worte lauter geſprochen, wie Einer, der ſich in ſeinem Entſchluſſe kräftigen will; das Echo gab ſie ihm zurück. „Wer ſpricht da?“ Und das edle Thier ſchaute ihn mit ſeinen funkeln⸗ den Gazellenaugen ſo treu und traurig an, daß ihm, ergriffen vom ungeheuern Schmerz, eine Thräne ins Auge trat, und er die beiden Arme um den Hals des Cyrus legte. „Fürchte dich nicht, Cyrus; ein einziger Sprung, und wir liegen fo tief— ein Vierundſtebziger würde hier ein ruhiges Grab finden.“ In dem ganzen Weſen des jungen Mannes lag eine entſetzliche Entſchloſſenheit; jede ſeiner Bewe⸗ gungen verrieth, daß er ſeine Rechnung mit der Welt abgethan hatte. Die Sonne war hinter den weſtlichen Berghöhen verſchwunden. Vom Oſten herüber dämmerte die Mondſcheibe am klaren, wolkenloſen Himmel, wie ein milder Tröſter, nach harten Stürmen, ſein Licht ausgießend. Zugleich erhob ſich ein ſcharfer Nordweſtwind, und die Wogen des Stromes fingen an ſtärker zu brauſen, und die „— 45 6— Stimmen der gefallenen und entſchwundenen Sus⸗ quehannahs begannen rauher ihren Klaggeſang. Die Kälte war ſchneidend geworden. Der Jüng⸗ ling ſtand in ſeinen Mantel gehüllt, ſinnend— ver⸗ loren. Die Straße, ſo weit das Auge reichte, war noch immer leer, nur das Toſen der an den Klippen brechenden Gewäſſer und das Gelächter der Eulen und das Knarren der Eichen im ſcharfen Luftzuge war zu hören. Auf einmal warf er ſeinen Mantel ab, und einen der umherliegenden Steinklumpen er⸗ greifend, legte er ihn auf den ausgebreiteten Mantel und ſchlug dieſen darüber. „Pah, ich glaube,“ murmelte er halb lachend zu Cyrus,„wir haben auf Niemanden zu warten.“ Und mit dieſen Worten hob er den Stein und trat über die Straße an den Rand des Stromes und ſtierte in die Tiefe. Jetzt hob er den Stein, um ihn voraus zu ſenden. „Wer Teufel iſt denn das?“ Und er wandte ſich raſch und zornig in der Richtung, in der er kurz zuvor die Straße herauf gekommen. Die Klagetöne des Stromes und das Gelächter der Cule waren auf einmal durch ein widerliches Knarren — e 46 e— auf der eiſig hart gefrornen Straße unterbrochen; dazwiſchen ließen ſich menſchliche Stimmen, und Wimmern und Geſchrei und lautes Geheul hören, das ungemein grell, ja unheimlich in der abgeſchie⸗ denen Stille der Nacht an die Ohren ſchlug. Cyrus, als wüßte er um den Entſchluß ſeines Herrn, gab ein ſchwaches Gewieher von ſich. Der Jüngling ſchaute aufmerkſam die Straße entlang, woher die unharmoniſchen Töne kamen, und trat dann hinter den Felſenvorſprung. Es war ein ſeltſamer Zug, der ſich nun in der Wendung der Straße näherte. Voran rollte ein Schubkarren, der von einem Manne fortgeſchoben wurde, der in der magiſchen Beleuchtung des Mondes einer jener Karrikaturen glich, welche die Meiſterhand Cruikshanks uns geſchenkt, und die uns ſo oft zu einer Art raſenden Hohngelächters über uns ſelbſt hinreißen. Die ſeltſame Bewegung des langen ſpin⸗ delbeinigen Gerippes hatte etwas ſo barrok gräßlich Poſirliches, daß der Jüngling in ein lautes Lachen ausbrach, das wieder in ein Gemurmel des tiefſten Unwillens überging, ſo wie die Gruppe ſich hinläng⸗ lich genähert hatte. — e 47— Es war ein armſeliges Häufchen von Menſchen⸗ kindern, die zum Theil auf den Schubkarren gepackt waren, zum Theil hintendrein krochen und ſchleppten. Der Schubkarrenführer war ein ſehnig knochiger, aber abgemagerter Mann, der beiläufig dreißig Jahre zählen mochte, dem aber die Mühſeligkeiten des Le⸗ bens wenigſtens zwanzig Jahre mehr aufgedrückt hatten. Sein Anzug war im höchſten Grade ärmlich. Ein ſchmutzig ledernes Käppchen, kurze Beinkleider von demſelben Stoff, und deſſen urſprüngliche Farbe eben ſo wenig zu erkennen war, ein Kittel von Zwil⸗ lich und eine mit mannichfaltigen Lappen beſetzte Weſte. Im Fortſchreiten entfuhren ihm grobe, barſche Worte, die Scheltworte ſeyn mochten, und zweifels⸗ ohne den armen Würmern galten, die, vor Froſt zitternd, in noch elendern Lumpen ſtaken, aus denen ſte wie kleine ausgeſtopfte Kobolde herausnippten. Zehn Schritte hintendrein kam eine zweite Geſtalt, in eine Menge zerriſſener und ſchmutziger Unterröcke auf eine ſo widrig lächerliche Weiſe vergraben, die ſchwer beſtimmen ließ, zu welcher Gattung lebender Weſen ſie gehörte. An ihren Röcken ſchleppte ſich ein drittes Kind, während ein viertes an ihrer Bruſt lag, und —=0 48 6— ein fünftes in Fetzen gewickelt auf ihrem Rücken hockte. Die grobe Stimme des Mannes wurde häufig von den gellend kreiſchenden Tönen des Weibes unterbro⸗ chen, das die winſelnden Würmer, die ſte auf allen Seiten umgaben, auf eine nicht minder rohe Weiſe zu beſchwichtigen bemüht war. Beim erſten Anblicke gewahrte man, daß es Kinder des unglücklichen Lan⸗ des waren, die ſeit ſo vielen Jahren die Erde mit ihrem Blute zu düngen, die Welt mit ihrer Nacktheit und ihrem Elende anzuekeln beſtimmt zu ſeyn ſchei⸗ nen; eines jener Bilder ſerviler Unterwürfigkeit, wie wir ſie auf den Werſten unſerer Seeſtädte häufig als Exemplare dieſer Nation zu ſchauen bekommen, und die uns bereits wider Willen gezwungen haben, der unbegränzten Hospitalität unſers Landes Schranken zu ſetzen. Als die Gruppe bei dem Felſenvorſprunge ange⸗ kommen, wurde das Geheul der Kinder ſo laut, daß die beiden Alten hielten, und nach kurzer Berathung den Hunger der armſeligen Geſchöpfe zu beſchwichtigen begannen. Dieſe fielen mit der Gier junger Wölfe über die kalten Kartoffeln und die Knochen und Brod⸗ — 0 49 6— kruſten her, die der Mann aus den ſchmutzigen Lum⸗ pen des Korbes hervorgelangt und vertheilt hatte. Des Jünglings Weſen hatte einen Ausdruck von 4—78⸗ unausſprechlicher Entrüſtung bei dem Anblick dieſer elenden Menſchen angenommen. Er wandte ſich mit allen Symptomen des tiefſten Abſcheues weg. In der entgegengeſetzten Richtung und gerade auf ihn zu kam ein Reiter getrabt, mit breitkrempigem Hute, und darunter eine ſchwarz ſeidene Schlafmütze, ferner einem hirſchfarbigen Ueberrocke und eben ſolchen Leggings. Eine gewiſſe treuherzige Behaglichkeit im Weſen des Mannes, ſo wie die Beleibtheit des Thie⸗ res, eines braunen tüchtigen Kleppers, verriethen den oſtpenſylvaniſchen Farmer, eine Klaſſe, die ſich be⸗ kanntlich als den Kern der reſpektablen Bevölkerung des Staates betrachtet, und die mit Recht als eine der ſolideſten unſerer Union geſchätzt wird. Er war im raſchen Trabe herangekommen und hatte ſich bis auf Sprachweite dem Felſenvorſprunge genähert, an deſſen Rande der junge Mann nachläſſig lehnte, die Hand am Sattelgurt ruhend. „Einen guten Abend,“ ſprach der Mann mit dum⸗ pfer Stimme, die aus einem wollenen, bunt geſtickten — 50 6— Mundtuche hervorkam, das zum Schutze des Halſes noch um Kinn und Nacken gelegt war.„Etwas an Eurem Sattel gebrochen oder geriſſen? Kann ich Euch in irgend etwas nützlich ſeyn?“ „Wenn Ihr Eure Straße zieht,“ war die Antwort. Der Reiter ſchaute den jungen Mann einen Augen⸗ blick an und ſetzte dann ſein Roß in Bewegung, hielt jedoch eben ſo ſchnell wieder inne, denn er war an der entgegengeſetzten Seite des Felſenvorſprunges angekommen, wo die armſelige Familiengruppe ſich gelagert hatte. Eine geraume Weile verſtrich, ohne daß der Reiter ein Wort ſprach. Die beiden Eheleute, die auf den Stangen des Karrens niederhockten, erhoben ſich und kamen näher; der Mann, ſeine Lederkappe in beiden Händen, das Weib, die ihrigen auf der Bruſt gefaltet, Beide in der demüthigſten Stellung. Das unſägliche Elend, das aus ihren Geſichtern und Umgebungen ſprach, ſchien den Reiter feſtzuhalten, obgleich in ſeiner Miene eben nicht beſondere Theilnahme zu ver⸗ ſpüren war. Endlich richtete er eine Frage an den Schubkarren⸗ führer, aber in einem nichts weniger als milden Tone; — 0 51 6— im Gegentheile, ſeine Stimme klang herriſch und ge⸗ bieteriſch, die Antwort furchtſam, bittend, demüthig. Der Mann richtete eine zweite, eine dritte Frage an ihn; er wurde weitſchweifig, die beiden Eheleute immer demüthiger. Auf einmal ließ ſich von der andern Seite des Fel⸗ ſenvorſprunges ein Zähneknirſchen hören; es war ein Zähneknirſchen, das durch Mark und Knochen drang. Die beiden Eheleute ſahen einander an, und ihre ſtupiden Geſichtszüge ſchienen zu ſagen: Auch ein Elender, vielleicht ein Elenderer als wir. Es lag Mitleiden in den Zügen der Beiden.. Der Reiter war aufmerkſam geworden und hielt eine Weile inne; dann ſtieg er von ſeinem Pferde und trat einige Schritte zurück. Erſt jetzt gewahrte man, daß ſein Alter vorgerückt und ſein ganzes Weſen achtunggebietend war; denn im Herabſteigen hatte er den Hut und Kamm verloren, und eine Fülle ſchnee⸗ weißer Locken hatte ſich zu beiden Seiten des vollen, geſunden Geſichtes herabgeringelt. Er ließ ſich den Hut vom Schubkarrenführer reichen und wandte ſich, nachdem er den Kamm auf dem Scheitel befeſtigt, — 0 52 6— zum Jüngling, auf den er einen durchdringenden Blick heftete. Ein Gedanke ſchien in ſeiner Seele aufzudämmern und ſchnell zur Gewißheit zu werden. Es war nicht ſowohl der grelle Contraſt, der ſich hier zu beiden Seiten des Felſenvorſprunges darbot, als der Wider⸗ ſpruch im ganzen Weſen des jungen Mannes, das die Aufmerkſamkeit des Alten in Anſpruch genommen hatte. Dieſe kraftvolle Antinousgeſtalt, mit dem ſtolzen, ariſtokratiſchen Geſichte, deſſen vollblütige Bräune den edlen Virginier verrieth, ſie ſtach gräß⸗ lich mit den erloſchenen und wieder wild funkelnden, tief blauen Augen ab, die in ihrem zeitweiligen Rollen jeden Augenblick einen andern Schmelz annahmen, nun höhniſch auf ihm ruhten, wieder in die weite Ferne ſchoßen, ſo grimmig bitter, daß ſich der Kampf zwiſchen Leben und Tod deutlich in ihnen abſpiegelte. Nur die vollſte, unverdorbenſte Jünglingskraſt, ge⸗ paart mit dem ſtarrſten Stolze, konnte dieſen Kampf kämpfen— mit ſo entſetzlicher Ausdauer kämpfen. Nur ſie vermochten ein ſo furchtbares Bild von Fieber⸗ zerrüttung hervorzubringen, wie dieſe höhniſchen Blicke — e 53— malten— Blicke, in denen ein namenloſer Abſcheu gegen die Welt ſich abſpiegelte. „Ich glaube,“ nahm der junge Mann zornig das Wort,„Ihr habt mich genug beſehen!“ „Und ich,“ erwiederte der Alte,„die Straße ſey frei.“ „Dann will ich ſie Euch laſſen,“ entgegnete der Jüngling, und, die Zügel ſeines Roſſes zuſammen⸗ raffend, ſchickte er ſich an, den Platz zu verlaſſen, hielt aber wieder inne. Sein Auge war auf den Steinklumpen und die Enveloppe gefallen. Der Alte war unbeweglich geſtanden, in der linken Hand den Zügel ſeines Braunen, mit der rechten auf die Einwanderer deutend. „Deutſche Emigranten,“ bemerkte er. Des Jünglings Zähne knirſchten. Seine zuſam⸗ mengepreßten Lippen ſchienen zu fragen: Was haben Die in unſerem Lande zu ſuchen? Die beide Eheleute hatten ſich während des kurzen Wortwechſels ſcheu und furchtſam einen Schritt vor⸗ gewagt, waren wieder zurückgewichen, wieder vorge⸗ treten, und endlich in derſelben demüthigen Stellung dem Jüngling näher gekommen; der Mann, in der Morton. I. 1 5 — 54 6— einen Hand die Kappe, in der andern ein Stück Brod. Cyrus, mit inſtinktartiger Liebe zum Leben, ſtreckte den prachtvollen Hals nach dem Brode aus, und der arme Deutſche reichte es ihm. „Cyrus!“ rief der Jüngling,„ſchämſt du dich nicht?“ Und Cyrus ſah ſeinen Herrn ſo bittend an, und der Deutſche, als verſtünde er die engliſchen Worte, ſchaute den Jüngling an mit einem ſo unbeſchreiblichen Blicke, daß Dieſer wie beſchämt die Augen zu Boden ſchlug. Es war der ſtupideſte und wieder der ſpre⸗ chendſte Blick, ein Blick, in dem ſich die concentrirten Leiden einer ganzen Nation malten, die Schläge und die Verachtung und die Fußtritte von Freunden, Fremden, Gebietern, Allen. Des Mannes Geſtcht war abgezehrt, abgekümmert— ein lebendes Bild der ſtupideſten Geduld, dem die Schläge der Schande und der Härte zahllos eingeprägt waren. Der Jüngling ſchauderte unwillkürlich, wie er in dieſes gräßlich ſtupide, niederträchtige Geſicht aber⸗ mals blickte. Der Alte war aufmerkſam, beobachtend geſtanden. „Ein armer Teufel von Deutſchen,“ hob er endlich — 9 55 68— an,„der dem Elende ſeines Standes in ſeinem Lande entwichen, um ſich eine beſſere Zukunft zu ſuchen.“ Der Jüngling gab keine Antwort. „Ja, ſo kommen ihrer Viele aus dieſem Lande, und leider nur aus dieſem Lande. Kein Engländer oder Franzoſe, und ſelbſt der elende Irländer würde nicht ſo ſchamlos ſeyn, ſein Elend da aufzudringen, wo er nichts zu ſuchen hat— in einem ganz fremden Lande; aber Noth kennt kein Gebot.“ Und nachdem der Alte ſo geſprochen, hielt er inne. „Und was weiter? und was gehen dieſe Elenden mich an?“ fragte der Jüngling, und eine zornige Röthe überflog ſein Geſicht. „Sie ſind,“ fuhr der Alte gleichmüthig fort,„zu uns herübergekommen mit ihrer letzten Habe. u Der Jüngling warf einen Blick auf die beiden zer⸗ lumpten Eheleute, und lachte beinahe laut auf. „Und fahren nun nach Ohio,“ bemerkte wieder der Alte. „Und fahren nun nach Ohio,“ wiederholte Jener im bitterſten Spotte, indem er dem Sprecher den Rücken wandte. „Er ſagt,“ fuhr der Alte fort, ohne ſich durch die * 5 —= 56— verächtliche Bewegung irre machen zu laſſen,„daß es draußen nicht mehr auszuhalten ſey, und deßhalb verkaufte er Haus und Hof, und kam mit Noth nach Philadelphia, keinen Cent in der Taſche. Endlich fand er mitleidige Aufnahme im Jackſon⸗Hotel, Fourthſtreet, wo man ihm und ſeiner Familie ver⸗ gönnte— im Pferdeſtalle zu wohnen.“ Die beiden Eheleute ſtanden noch immer mit ge⸗ falteten Händen; der Alte fuhr fort: „Sie bekamen zwar Eſſen im Ueberfluſſe von den Abfällen der Tafel; aber die Gäſte ſowohl als die Diener des Hauſes mochten ſie nicht mehr im Stalle leiden. Kein Wunder! ſie ſind auch gar zu unfläthig.“ Und ſein Auge richtete ſich auf das gränzenloſe Elend und den Schmutz, in dem die Familie gleichſam ſtarrte. „Man rieth ihm endlich,“ fuhr der Alte fort, der abwechſelnd den Jüngling, wieder das Ehepaar im Auge behalten hatte,„ſich an die German aurxiliary Society*) zu wenden, was er auch that, und von *) Eine Stiftung zur Unterſtützung hülfsbedürftiger deutſcher Einwanderer. Ihre Vorſteher ſind größtentheils geborene Ameri⸗ kaner. Doch tragen auch in Philadelphia anſäßige Deutſche bei. — 57— welcher er fünf Dollars empfing, mit denen er den Schubkarren kaufte und ſeine Familie nach Ohio zu fahren beſchloß.“ „Kann man ſo leben und nicht lieber ſterben!“ entfuhr dem Jüngling unwillkürlich. „Gott behüte!“ fiel der Alte ein;„der Mann denkt, erſt jetzt als Menſch zu leben; bisher lebte er bloß ein Hundeleben. Auf den hundert Meilen von Philadelphia bis hieher, nach Harrisburgh, bekam er, ſagt er, Lebensmittel im Ueberfluß und Nachtlager umſonſt, und Almoſen, die ſich über dreißig Dollars in baarem Gelde belaufen, und die er noch alle bei⸗ ſammen hat. Wenn er ſo fortfährt, ſo hat er, bis er nach Pittsburgh kommt, an die hundert Dollars, und mit dieſen kann er ſich fünfzig Acker Waldlandes kaufen und hat noch etwas zur nothdürftigſten Ein⸗ richtung übrig.“ „Viele ſeiner Landsleute waren ſchlimmer daran,“ fuhr der Alte nach einer Pauſe fort;„denn ſie wurden früher als zeitweilige Sklaven oder Redemtioniſten verkauft; aber ich glaube, dem Lande war mit den damaligen Deutſchen mehr gedient als mit den heu⸗ tigen. Betteln erinnere ich mich wenigſtens nie Einen — 58 6— von den alten Deutſchen geſehen zu haben. Sie ver⸗ dienten ſich ihre bürgerliche Erxiſtenz durch hartes Schaffen, wogegen die Heutigen ihre Schande und ihre Blöße aller Welt aufdringen. Es iſt wirklich ſchlimm; was würde das deutſche Volk ſagen, wenn aus den vereinten Staaten derlei Elende zu ihnen kämen?“ Der Jüngling ſchwieg noch immer. „Aber die Wege der Vorſehung,“ fuhr der Alte fort,„ſind wunderbar, und wohl mag ſich's einſt fügen, daß der Erdengott, deſſen Pracht dieſer arme Mann länger zu fröhnen nicht mehr auszuhalten ver⸗ mochte, oder ſeine Kinder, einſt in demſelben Aufzuge vor ſeine Thüre kommen. Looſe folcher Art ſind im Glücksrade unſerer verhängnißvollen Zeit nicht ſelten den Erdengroßen gefallen.“ Der kühne Gedankenflug des Alten machte den Jüngling höhniſch lächeln.„Sie verdienen es, die Hunde!“ murmelte er. „Gott behüte!“ verſetzte der Alte wieder.„Jeder Menſch iſt frei und als Ebenbild Gottes geboren; die bürgerliche Erziehung und Geſellſchaft allein machen ihn zum Sklaven oder freien Weltbürger —=0 59— Wieder eine Pauſe. „In jener Welt,“ fuhr der Alte in demſelben gleich⸗ müthig freundlichen Tone fort, nheißt es ja in der heiligen Schrift, werden die Erſten die Letzten und die Letzten die Erſten ſeyn. Und unſere Union iſt ja zu Europa jenſeits. Doch zieht Eurer Wege,“ ſprach er zu den Deutſchen gewendet in ihrer Sprache, indem er einen halben Dollar in die Kappe des Mannes fallen ließ.„Vier Meilen von hier trefft Ihr auf Crockers Tavern, und Der wird Euch für eine Nacht Unterkommen geben.“ Die beiden Eheleute dankten, indem ſie die Kleider des Alten küßten, der ſich ihnen aber unwillig ent⸗ riß; dann näherten ſie ſich dem Jüngling. Dieſer griff mechaniſch in ſeine Rocktaſche, die er mit einem Dollarſtücke auf eine Weiſe herauszog, die wahrneh⸗ men ließ, daß es ſein letztes war. Er warf den Bei⸗ den das Geldſtück vor die Füße, und kehrte ihnen, ohne ihren Dank abzuwarten, den Rücken. Der Alte hatte dieſe verſchiedenen Bewegungen ſcharf beobachtet. Eine Weile ſchaute er den abzie⸗ henden Deutſchen nach, und dann wandte er ſich an —“ 60— den Zurückgebliebenen.„Ihr habt hier ein ſehr edles Thier. Ein reeller Blutrenner. Welche Zucht?" „Sehr leicht möglich,“ verſetzte der Jüngling auf die erſte Bemerkung, ohne die Frage einer Antwort zu würdigen. „Wo wollt Ihr noch hin?“ fragte wieder der Alte. „Dahin, wohin Ihr mir wahrſcheinlich nicht folgen werdet,“ war die bittere Antwort. „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ihr kommt von Harrisburgh?“¹ „Und wenn ich komme?“ „In der Richtung, die Ihr geht, trefft Ihr vier Meilen kein Einkehrhaus.“ Ein Strahl düſterer Zufriedenheit zuckte, wie der unheilſchwangere Blitz am nächtlichen Firmamente, durch das Geſicht des Jünglings hin. Sein Fuß ſtand noch immer auf dem in den Mantel gewickelten Steinklumpen. Auf einmal ergriff er die Zügel und zog das Pferd mit ſich fort. „Halt!“ ſprach der Alte, einen Schritt vortretend. „Ich ſage Euch, Euer Pferd iſt überritten, zu Schan⸗ den geritten, muthwillig zu Schanden geritten. Es i*ſt, man ſieht es ihm an den Augen an, dieſe vier⸗ 3 4 1 4 b V — — —" 61— undzwanzig Stunden kein Haberkorn über ſeine Zunge gekommen. Auf der Straße, die Ihr geht, findet Ihr vier Meilen kein Einkehrhaus, und doch wollt Ihr mit Eurem halbtodten Gaule weiter. Ihr habt die Akte, erlaſſen behufs der Beſchützung der Thiere und inſonderheit der Laſtthiere, und gegen barbariſche Be⸗ handlung beſagter Laſtthiere, übertreten. Ich büße Euch fünf Dollars.“ 3 Der Jüngling ſchlug eine entſetzliche Lache auf, eine kurze, aber empörte und empörende Lache; einen Augenblick ſtand er ſprachlos vor Zorn. „Hört Ihr!“ brach er endlich mit einer Stimme aus, deren hohler, tiefer Ton durch die ganze Ton⸗ leiter zum grauſtgen Gellen hinanlief—„Ihr ſeyd ein Deutſcher!“ „Das bin ich,“ erwiederte der Alte ruhig. „Dann geßt Eure Wege, oder bei G—tt! ich ver⸗ geſſe Eure weißen Haare, und daß Ihr ein Fremd⸗ ling, ein alter Mann ſeyd.“ Und ſeine Fäuſte ballend, holte er zum Anfalle aus, wie der raſende Boxer zum Angriffe gegen ſeinen Widerpart ausholt. Der Alte ſtand ruhig. — d 62 6— „Ich fordere Euch nochmals im Namen des Ge⸗ ſetzes auf, mir zu folgen,“ ſprach er ernſt. „Und kraft welcher Autorität?“ brüllte der Jüng⸗ ling mit einer Roßlache. „Als Friedensrichter dieſes County, commiſſionirt ſeit tauſend achthundert und neunzehn.“ „Und wenn ich nicht folge?“ Der Alte war nun ſeinerſeits außer ſich.„Wie? Ihr, ein geborener Bürger?“ fragte er mit erhobener, ſtarker Stimme,„und Ihr wollt dem Aufrufe des Geſetzes nicht gehorchen?“ Er ſah den erblaſſenden Jüngling ſtarr an.„Freilich,“ fuhr er in leiſerem Tone fort,„wenn man die Geſetze des Höchſten mit Füßen zu treten im Begriffe ſteht, wie ſollte man ſich da um die— ſeiner Mitkreaturen kümmern, oder um ihre gute Meinung? Aber ich ſage Euch, junger Mann,“ hob er wieder mit ſtärkerer Stimme an, „das Geſetz wird für Euch zu ſtark ſeyn.“ Der Jüngling zuckte mit einem dumpf gemurmelten „Sir!“ zuſammen. 8 Während der Alte die Zügel des Cyrus ergriff, ſtieß ſein Fuß auf den um den Steinklumpen gewun⸗ denen Mantel, und indem er ſich zur Erde bückte und — 0 63 G ihn befühlte, leuchtete ihm die gräßliche Wahrheit in ihrem ganzen Umfange ein. Einen Blick des ſchmerz⸗ lichſten Vorwurfs ſchoß er auf den Unglücklichen, und dann, den Stein aus dem Mantel löſend, überreichte er ihm das Kleidungsſtück. Beide ſchlugen nun die Richtung nach Harrisburgh ein. Sie waren eine geraume Weile gegangen, ohne ein Wort zu reden. Endlich hob der Alte in einem Tone an, von dem es ſchwer geweſen ſeyn würde zu ſagen, ob er vertraulich, ernſt oder abſtoßend ſey. „Man muß übrigens dieſen Deutſchen bei ihrem Vorgeben von Armuth und Blöße nicht immer trauen; denn Sklaven lügen.“ Keine Antwort. „Iſt mir ſelbſt vor mehreren Jahren ein derlei Fall mit einem ſolchen Menſchen paſſirt; war gerade vor dem Thorſchluſſe des Redemtioniſten⸗Unweſens.“ Der Jüngling blieb ſtumm. „War in Philadelphia, wo eine ganze Schiffs⸗ ladung ſolcher Leute vom Capitän losgeſchlagen wurde; unter andern eine Familie, die aus zwei er⸗ wachſenen Knaben, einem Mädchen und den zwei Alten beſtand. Ich kaufte den Alten, Mister Howth, —= 64— einen Nachbar, der ſechs Meilen von mir wohnt; ein recht braver Mann, das Weib und die Tochter; die Söhne wurden gleichfalls im County erſteigert. War übrigens eine nüchterne, arbeitſame Familie; man ſah es ihr an den Augen an.“ Der Alte hielt inne, und fuhr nach einer Weile fort:„Wie geſagt, ich nahm den alten Simon Martin, der mir für die an ſeinen Capitän bezahlte Ueberfahrt fünf Jahre dienen ſollte. Als ich meinen Wagen beſtieg, um nach Hauſe zu fahren, kam der Mann mit einem gewaltigen Bündel Lumpen auf dem Rücken, das einen ſo unerträglichen Geſtank von ſich gab, daß ich ihm ſofort befahl, es entweder ſeinem Weibe zu überlaſſen, oder es, noch beſſer, in den Delaware zu werfen. Er bat aber ſo dringend, de⸗ müthig, ſeine Habe, wie er es nannte, behalten zu dürfen, daß ich endlich nachgab, und ihm erlaubte, den Bündel mitzunehmen, vorausgeſetzt, daß er mit dem Sitze neben einem meiner Neger ſich begnügen wolle. Er war hoch erfreut.“ „Als ich zu Hauſe angekommen, wies ich ihm eine meiner verlaſſenen Negerhütten an; denn der Akt für die Emanzipirung unſerer Schwarzen war bereits — 65 6— mehrere Jahre in Wirkſamkeit, und ein halbes Dutzend derſelben hatte mein Haus verlaſſen, um ihrer neuen Freiheit ſo ſchnell als möglich zu genießen. Kamen aber nach einigen Wochen wieder Alle zurück, aber in einem Zuſtande, dem man es wohl anſah, daß er nur durch die zügelloſeſten Ausſchweifungen herbeigeführt worden ſeyn konnte. Nahm ſie nicht mehr; war froh, daß ſte fort waren. Die etwas werth waren, ſind geblieben und ſind noch im Hauſe. In dieſer verlaſſenen Hütte nun, die ich dem alten Simon Mar⸗ tin angewieſen hatte, deponirte er ſeinen ſchmutzigen Bündel, und, die Wahrheit zu geſtehen, ſoſdiente ihm dieſer wirklich ſtatt eines Vorhängſchloſſes; denn alle meine Leute wichen der Thüre auf zwanzig Schritte aus; zum Hineintreten war Keiner zu bewegen.“ „Alle ſchmutzige alte Wäſche, die das Anſehen nicht mehr werth ſhar, alle alten Lumpen, Kleider und Strümpfe, abgetragene Hoſen, kurz Alles, deſſen er habhaft werden konnte, ſammelte er wie toll zuſam⸗ men, um ſie in ſeinem Lumpendepot niederzulegen.“ Der Alte hielt wieder inne. „War übrigens mit dem alten Simon Martin wohl zufrieden, arbeitete fleißig und umſichtig, ver⸗ — 0 66— ſtand die Landwirthſchaft aus dem Grunde, und zeigte ſich langſam, aber beſonnen, ſo daß ich ihn wohl brauchen konnte. Seine Begriffe von häuslicher Oekonomie erlaubten ihm nie, ſich von Hauſe zu ent⸗ fernen, obgleich ich ihn öfters aufmunterte, ſein Weib zu beſuchen. Wozu die Schuhe zerreißen? war immer ſeine Antwort; und einmal, als ſeine Alte nach Ver⸗ lauf von mehreren Jahren mit ihrer zwanzigjährigen Tochter gekommen war, um ihn zu ſehen, fuhr er ſie ſehr hart an, weil ſte, wie er ſagte, unnöthiger Weiſe die Schuhe zerriſſen.“ Der Age hielt abermals inne, und fuhr in herz⸗ licherem Tone fort. „Dieſen Uebelſtand ausgenommen hatten wir uns an den alten Simon Martin allmälig ſo ſehr ge⸗ wöhnt, daß Mistreß Isling und ich beſchloſſen, ihn auch nach Verlauf ſeiner Dienſtzeit bei uns zu behal⸗ ten, und ihm ein fünfzig Ackers zu verlehnen, und ein Häuschen, das zu derſelben Zeit leer werden ſollte.“ „Als die Zeit bis auf acht Tage herum war— es war gerade Abends vor Martini 1820, kam der Alte zu mir auf meine Office*) und fragte mich: Squire, *) Schreibſtube. — 67 6— wollen Sie mir wohl erlauben, morgen hinüber auf die Auktion nach Harrisburgh zu gehen?“ „Auf die Auktion hinüber nach Harrisburgh gehen? gab ich zur Antwort. Auf die Auktion, Simon Martin? Was wollt Ihr denn auf der Auktion? Es werden, ſo viel ich aus der Zeitung erſehe, zwei Sheriff sales*) über zwei Farms morgen abgehalten, deren jede dreihundert Acker Landes, und Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäude hat, die wenigſtens auf fünf⸗ tauſend Dollars zu ſtehen kommen. Ihr werdet ſte doch nicht erſteigern wollen?“ „Juſt um einmal eine Auktion zu ſehen, Zeitver⸗ treibs wegen,“ erwiederte Simon Martin. „Wohl, ſo geht in Gottes Namen! ſagte ich.— Nehmt den alten Rappen, und hier iſt ein Dollar als Zehrungsgeld für Euch und das Thier; aber daß Ihr Nachts wieder zu Hauſe ſeyd.“ Und wieder hielt der Alte inne; der Ton ſeiner Stimme war allmälig freundlicher, zutraulicher ge⸗ worden, wie der eines Mannes, dem Wohlwollen die Worte auf die Zunge legt. *) Gerichtliche Verſteigerungen von liegenden Gründen wer⸗ den durch den Sherif abgehalten —= 68— „Der alte Simon Martin,“ fuhr er fort,„kam richtig Abends zurück, hatte aber, außer einigen Pfunden Brodes, die er von Hauſe für den alten Rappen mitgenommen, dieſem auch nicht einen Hal⸗ men Heu zu freſſen gegeben, was ich aus dem Heiß⸗ hunger des Thieres ſehr wohl entnahm; denn ich ſelbſt bin, wenn mich nicht wichtigere Geſchäfte ab⸗ halten, bei der Fütterung des Viehes zugegen. Er erhielt einen ſcharfen Verweis deshalb. Das Thier kann nicht reden, und es wegen eines Vierteldollars Hunger leiden zu laſſen, iſt unmenſchlich und nicht wirthſchaftlich, ſagte ich. „Der alte Simon hörte mich an wie ein Block, und ging, ohne ein Wort zu ſagen.“ „Am folgenden Morgen kam Miſter Gordon, der damalige Sherif, zu mir, und gratulirte mir von wegen des guten Kaufes, den ich mit der Hawkes Farm gethan, wobei er ſich nicht wenig wunderte, wie ich in meinen alten Tagen noch mehr Land an⸗ kaufe, da ich doch mein eigenes nicht überſehen kann.“ „Ich die Hawkes Farm gekauft? verſetzte ich voll Verwunderung. Miſter Gordon, Ihr träumt.“ „Er ſchaute mich zweifelhaft an, wie als ob er — e 69 6— fragen wollte, ob es in meinem Kopfe auch richtig ſey, und zeigte mir dann das Verſteigerungsprotokoll; und Wen ſahen meine Augen als Käufer? Wen an⸗ ders, als den alten Simon Martin. Ich traute meinen Sinnen kaum und wußte nicht, was dazu ſagen. Noch habe ich zu bemerken, daß der Alte den Tag nach ſeiner Ankunft in meinem Hauſe ſich um die Einbürgerung beim Protonotary*) bewarb, wozu er von mir die zwei Dollars Gebühr entlehnte, ſo daß er den Tag nach ſeiner Emanzipation auch als Bürger naturaliſirt wurde. Natürlich glaubten der Sherif und die anweſenden Bürger, er erſteigerte die Farm für mich, da ich ihn bereits öfter in nicht ganz unwichtigen Geſchäften wegen ſeiner Treue und Um⸗ ſichtigkeit gebraucht;— ein Umſtand, verſicherte mir Miſter Gordon, auf den gewiß von den Bürgern Rückſicht genommen worden war; denn mehrere Kauf⸗ luſtige waren abgetreten.“ „Ich ließ den Alten rufen, und fuhr ihn hart an *) Gerichtsſchreiber der Grafſchaft, der die Grundbücher führt und bei dem ſich die Fremden zur Naturaliſation melden; werden in einigen Staaten auch County Clerks genannt. Morton. 1. 6 — 0 70 G— wegen des Scherzes, denn dafür hielt ich das Ganze, den er ſich mit einer Behörde erlaubt.“ „Als Simon Martin in die Office trat, und den Sherif erblickte, lächelte er auf ſeine eigene Weiſe, und antwortete mir auf meinen barſchen Verweis, daß die Sache eigentlich ihn anginge, er jedoch um Vergebung bitte, daß er ſich die Freiheit genommen, die Farm gleichſam tacite auf meinen Namen zu kaufen; was jedoch unumgänglich nöthig geweſen wäre, da er als Redemtioniſt nicht sui juris, und ihm die Farm beſonders gefallen.— 4 „Aber, Ihr verdammter alter Narr! ſagte ich, Wer wird denn die Farm bezahlen?“ „Und wieder lächelte der alte Kauz, und ſtatt aller Antwort ſtolperte er in ſeine Hütte, wo er den Sack mit den ſtinkenden Lumpen und Abfällen auf den Fußboden auszuſchütteln begann.“ „Ich war ihm gefolgt, und ſah ſeinem Treiben durch die halb geöffnete Thüre zu mit verhaltener Naſe.“ „Es war ein Sack, der wohl an die hundert Pfund wiegen mochte, wie geſagt, Abfälle und Fragmente von allen möglichen Stoffen und Zeugen, durchge⸗ —= 71— ſchwitzte Hemden und Strümpfe, und Fetzen von Flanellleibchen und Weſten und Wolldecken unter einander, dazwiſchen Stücke von altem Eiſen, gebro⸗ chene Hufeiſen, Nägel, Stücke Zinn, Blei, Kupfer; Alles. dieß fiel aus dem Sacke. Nachdem er ihn ge⸗ leert, kehrte er ihn um und nahm ſein Taſchenmeſſer, worauf er den Sack über einen hölzernen Trog hielt, und die Nähte öffnete. Und es fiel ein Louisd'or heraus, dann ein zweiter, dann drei, vier, fünf, zehn, hundert; kurz, es kamen tauſend und einhundert Louisd'or, Friedrichsd'or und Carolins aus dieſem ſchmutzigen Verſtecke hervor.“ „Ich ſtand ſprachlos.“ „Sehen Sie meine Schatzkammer, ſprach der Alte — eine ſo ſchöne Schatzkammer, als die Bank der vereinigten Staaten nur ſeyn kann. Ah, ſehen Sie, hätte ich gleich bei meiner Ankunft im Lande etwas gekauft, ſicherlich hätte ich mich betrogen, oder wäre betrogen worden. Sind verdammt pfiffig die Ameri⸗ kaner; aber ein Deutſcher kann es auch ſeyn. Habe die Ueberfahrt und Erfahrung umſonſt, und mein Haus und Hof, wo ich mich mit meinen Kindern ruhig auf meine alten Tage niederſetzen kann. Und 6* — 72— dabei blinzelte der alte Schurke ſo niederträchtig ver⸗ ſchlagen!“ „Schändlicher Kerl!“ murmelte der Jüngling. „Das war er in hohem Grade bei all ſeiner Ver⸗ ſchmitztheit,“ fiel der Alte ein.„Ein Mann und Familienvater, der ſich auf eine ſolche Weiſe in ein Land einſchleicht, ſich und die Seinigen wegen elender hundert Dollars zur Sklaverei erniedrigt, und unter ſolchen Umſtänden erniedrigt, iſt der Freiheit gar nicht werth, nicht würdig, Bürger eines freien Lan⸗ des zu werden. Auch mochte ich ihn von dieſer Stunde nicht mehr leiden, und er iſt mir ſeit dieſer Zeit zu⸗ wider, obwohl er nicht weit von mir wohnt. So ſind aber die heutigen Ankömmlinge aus dieſem Lande— ein ſeltſames Gemiſch von Chrlichkeit und Niederträchtigkeit, geſundem Menſchenverſtand und abſoluter Verworfenheit.“ Die Beiden waren unter dieſen Worten vor einem Hauſe angekommen, deſſen knarrender Schild eine Schenke bezeichnete, und in di der Alte, nachdem er ſein Pferd an den Pfoſten 8 dem Hauſe angebun⸗ den hatte, eintrat. Er kam nach einigen Sekunden in Begleitung des Wirthes zurück, dem er bedeutete, 4 — 73— eine Bouteille Madeira mit Brod und geräuchertem Fleiſch zu bringen. Der Letztere war ſeinem Gaſte, die Kappe in der Hand, gefolgt; eine Aufmerkſamkeit, die unſern Jüngling zu frappiren ſchien, und die ihn veranlaßte, einen aufmerkſamern Blick auf ſeinen ſeltſamen Begleiter zu werfen, als er bisher, im Wahnſinn ſeines zerriſſenen Gemüthes, vermocht hatte. Dieſer konnte die Sechzig überſchritten haben, war aber in jeder Hinſicht noch ein ſchöner, lebens⸗ kräftiger, alter Mann, von behaglichen, aber aus⸗ gezeichnet edlen Geſichtszügen. Er ſprach mit dem Wirthe freundlich, gefällig, in einem Tone, der eben ſo weit von Herablaſſung als Vertraulichkeit entfernt war. Als Dieſer ſich entfernte, um die beſtellten Er⸗ friſchungen herbeizuſchaffen, wandte er ſich wieder mit der Ungezwungenheit eines Mannes aus den höheren Ständen zum Jüngling.„Mir recht lieb,“ ſprach er, „daß unſere Farmers den Madeira dem heilloſen Whisky ſo ſehr vorziehen; es iſt ein unvergleichliches Mittel in Fällen, wie der mit Ihrem Cyrus.“ „Der aber beiſpiellos mitgenommen iſt, wenn dieß der Name des Lhieres da iſt,“ verſetzte der Wirth, der mit der Bouteille Madeira gekommen war, hinter —e— ihm drein ſein Weib mit einem Teller, auf dem Schin⸗ kenſchnitten und Brod lagen. „Der Gentleman hatte eine Reiſe vor,“ bemerkte der Alte,„yhat ſich aber in der Richtung geirrt, und ich fürchte, das edle Thier iſt überritten!“ Der Wirth überreichte kopfſchüttelnd den Wein, die Wirthin den Teller. Der Alte nahm vom Brode, ſchnitt es in dünne Scheiben, und legte dazwiſchen Schinkenſchnitten, die er ſammt den beiden Brod⸗ Enveloppen ſtark mit Madeira anfeuchtete, und ſie dann dem Thiere reichte. Dieſes verſchlang die leckere Speiſe mit Heißhunger. Eine Magd war mit Woll⸗ decken angekommen, die er mit Hülfe des Wirthes um den Rücken deſſelben ſchnallte, und erſt, als Cyrus verſorgt, ſchenkte er zwei Gläſer voll und ſtieß auf ſein baldiges Wohlbefinden an. Morton hatte das Glas ergriffen, und hielt einen Augenblick an; dann trank er, ohne ein Wort zu erwiedern. Es war etwas ſo human Zudringliches in dem Benehmen des Alten; die Weiſe, in der er das Thier behandelte, verrieth ſo ganz den Gentleman— die verworrenen Geſichtszüge des Jünglings nahmen un⸗ — e 75 6— willkürlich einen Ausdruck von achtungsvoller Auf⸗ merkſamkeit an. Der Alte hatte einen forſchenden Blick auf ihn ge⸗ worfen, und knüpfte dann eine kurze Unterhaltung mit dem Wirthe und ſeinem Weibe an. Während dieſer waren zwei Bootsmänner gekommen, die Cyrus und ſeinen Begleiter in die Fähre brachten, in welche bald darauf ihre Herren, nach einem freundlichen Ab⸗ ſchied von den Wirthsleuten und unter wiederholten Wünſchen einer glücklichen Nachhauſekunft, gleichfalls traten. Der Mond war nun voll über die öſtlichen Berg⸗ rücken heraufgeſtiegen. Vor ihnen lag der meilenbreite Susquehannah in ſeiner ganzen Majeſtät; rechts ſtiegen die ſchroffen Flußgebirge finſter und drohend empor, hie und da mit einem glänzenden Lichtſaume aufgehellt, der in den vertikalen Strahlen des Mondes aufdämmerte und ſich allmälig erweiterte und in endloſen Räumen verlor, ſo wie ſie tiefer in den Fluß hinein kamen. Von jenſeits funkelten die heiteren Gefilde und die lieblichen Lanſſiitze mit ihren hell erleuchteten Fenſtern wie Sterne ſo friedlich und freundlich herüber! Das —= 76— magiſche Helldunkel der öſtlichen Felſenrücken wurde, als ſie tiefer in den Strom einfuhren, ſo wunderbar verklärt! Die ſilberne Glorie, in die die ganze Land⸗ ſchaft gehüllt war, lächelte den Verzweifelnden ſo verſöhnend an! Ein tiefer Seufzer entquoll ſeiner Bruſt. Augenblicklich fuhr er jedoch auf, und ſchaute den alten Mann mißtrauiſch forſchend an. Dieſer war ſchweigend geſtanden, den Blick auf das pracht⸗ volle Nachtgemälde und den Himmel gerichtet. Auf einmal heftete er ſein Auge lang und langſam auf den Jüngling. Es war ein Blick, in dem ſich eine hundertjährige Erfahrung ſpiegelte, der Blick eines Seelenarztes, der mit Bangigkeit die Kriſe an ſeinem Patienten herannahen ſieht. Sein Blick ſchien ihm zu ſagen: in Dir, Unglücklicher, kämpft noch der Stolz des welt⸗ und gottverachtenden Selbſtmörders mit dem des Gentleman!— Welcher wird ſiegen? Der junge Mann wandte ſich betroffen. „Mein Thier,“ ſprach er endlich, niſt nicht das erſte, das Sie unter Ihren Händen gehabt.“ Das Geſicht des Alten leuchtete vor Freude auf bei dieſer Frage, den erſten Worten, die ſäin junger Be⸗ gleiter aus eigenem Drange geſprochen hatte. —= 77— „Einem alten Cavallerieoffizier, wie mir,“ verſetzte er,„iſt es zweite Natur.“ „Sie waren Cavallerieoffizier? Im Dienſte irgend eines europäiſchen Fürſten,“ ſprach er nachläſſig und in einem Tone, der ſich Mühe gab, artig zu klingen. „Unter Putnam, Lee und Greene*).“ „Putnam, Lee und Greene? Sie waren Revolu⸗ tionsoffizier?“ fragte der Jüngling zweifelhaft, und eine Stellung annehmend, die in achtungsvolle Auf⸗ merkſamkeit übergehen zu wollen ſchien. Wieder fiel er jedoch in ſeine vorige Haltung, und ein unglaubliches Lächeln unſchwebte ſeine Lippen. „Früher unter Lee,“ fuhr der Alte fort,„dem ich zugetheilt wurde. Ich kam in der erſten heſſiſchen Diviſion An. 76 als Lieutenant herüber, wurde bei Trenton, unter Rall, gefangen und nahm während meiner Gefangenſchaft die Entlaſſung; erhielt ein Offizierspatent vom General en chef und trat als Lieutenant in amerikaniſche Dienſte; wurde Capitän, *) Drei ausgezeichnete Generale im Revolutionskriege, von denen der Zweite wegen der Gefangennehmung der engliſchen Armee unter Bourgoigne, der Dritte wegen ſeiner in den Caro⸗ linas erfochtenen Siege berühmt iſt. — e 78— Major, Oberſter und natürlich, fügte er lächelnd hinzu, auch geborner Bürger der Union, da ich vor der Erklärung der Unabhängigkeit auf ihrem Boden war. Mein Name iſt Isling, Oberſter in der Armee der Vereinigten Staaten.“ Der Jüngling verbeugte ſich ſo tief und ehrfurchts⸗ voll, wie er es vor keinem Monarchen gethan haben würde. 3 Der Oberſt war wieder in Nachſinnen verſunken, den Blick auf Cyrus gerichtet, der ſehr lebhaft zu werden begann. Die Stille der Nacht wurde blos von den Ruderſchlägen der beiden Bootsmänner und dem Gemurmel der an den Felſen ſich brechenden Ge⸗ wäſſer unterbrochen. „Sehen Sie,“ hob der Alte nach einer Weile wie⸗ der an,„ſo habe ich den Poſſen, den mir das Schickſal geſpielt, wieder verbeſſert. Nur Thoren beugen ſich unter dem, was ſie Schläge des Schickſals nennen. Männer, und vor Allem freie Männer, lachen dieſer Schläge.“ Der Jüngling wurde wieder düſter. „Ahl!“ ſprach der Alte,„wo ſind dieſe Zeiten? An die ſechzig Jahre ſind es nun.“ — 2— — 0 79 6— „Sechzig Jahre!“ rief der Jüngling;„ich hielt Sie höchſtens für ſechzig.“ „Und zwanzig darüber. Ich bin achtzig Jahre alt,“ lächelte der herrliche, ſtämmige Deutſche.„Und dieſe achtzig Jahre ſind mir eben ſo viele Uebergänge aus dem Dunkel in die Helle; denn jedes Jahr entwickelt ſich die Eriſtenz meines Adoptivlandes glorreicher, herrlicher und großartiger. Wollte doch nach fünfzig Jahren wiederkehren, um zu ſehen, auf welcher Stufe dieſes mein Land iſt. Gott ſegne es! und behüte es vor allem Uebel; inſonderheitlich aber vor der Selbſt⸗ ſucht, die da verzehrt, wie Roſt das Eiſen verzehrt. Ach, die erſten Tage, die ich im Dienſte der Union verbrachte, die waren trübe.“ Der Alte hielt in tiefer Rührung inne, und ſetzte ſich dann auf das Bootbret, ſeine Hände im Schooße gefaltet. Der junge Mann ließ ſich gleichfalls nieder. „Ja, trübe ſah es damals aus, als ich in die Reihe amerikaniſcher Kämpfer eintrat, dieſer Kämpfer im heiligen Kriege. Ah, unſere Leiden waren furchtbar! Wenn ich noch an dieſe Schlacht von Brandywine denke!— es war ein herzzerreißender Anblick. Die ganze Straße von Brandywine hinauf nach German⸗ —0 80— town, hinüber nach Narristown— ein ungeheures Blutfeld.— Blut, nicht von Gebliebenen, Verwun⸗ deten— nein, von Geſunden, Friſch⸗ und Geſunden. Es fror, wie heute, eine furchtbare Kälte, und in der ganzen Armee waren nicht tauſend paar Schuhe; die Leute mußten fort, ohne Schuhe, Strümpfe, auf der hart gefrornen Straße, die erſt durch ihr Blut weich wurde. Und die Leute, ſie murrten nicht. Ja, wir litten furchtbar damals; aber wir litten gerne; denn unſere Leiden waren mit hohen, mit großen Gefühlen verwoben. Was ſind die heutigen Kriege, die Kriege Napoleons, gegen dieſen heiligen Krieg! gegen dieſen Krieg, der, gleich der Krippe von Bethlehem, eine ſchönere Zukunft über die Menſchheit für tauſend⸗ jährige Leiden bringen wird!“ Und bei dieſen Worten wandte der Oberſte ſeinen Blick wieder zum Himmel. „Und die Männer, die dieſen Krieg führten! Ah, lieber, junger Mann, dieſe Männer, was ſind die Helden des Alterthums gegen dieſe ſo großartigen, und wieder ſo einfachen Charaktere? Es waren gött⸗ liche Stunden!“ „Ja, göttliche Stunden, junger Mann!“ fuhr der — —᷑—H HH⏑Q⏑ę⏑Q—᷑—ÿꝛ—⸗:—⸗—:—x:—ñ —= 81(— Oberſte fort;„Washington“— er nahm den Hut ab, und während er ihn in der Hand hielt, ſchien ſein Blick in die Himmel dringen zu wollen. Der Jüng⸗ ling war ſeinem Beiſpiele gefolgt, und ſelbſt die Ruderer hielten mit gebückten Leibern inne. „Washington und Greene, und Lafayette, dieſer prachtvolle Franzoſe! und Steuben, dieſer herrliche Preuße! und Kalb, der gute, gemüthliche Kalb! Es waren Männer, unſchuldig wie Kinder; und Mor⸗ ton“— „Morton!“ rief der Jüngling,„General Morton, mein Großonkel,“ wiederholte er mit leiſer verhallen⸗ der Stimme. Der Alte nahm die Hand des Jünglings und hielt ſie in der ſeinigen gepreßt.„Seyen Sie mir gegrüßt, Enkel eines meiner erſten und theuerſten Freunde,“ ſprach er eben ſo leiſe.„Sehen Sie,“ ſprach er kaum hörbar, auf einen ſernen Lichtpunkt am weſtlichen Ufer deutend,„ſehen Sie, das war eine der Beſitzun⸗ gen Ihres Großonkels, der Stammſitz Ihrer Familie, die ſich ſpäter nach Virginien gezogen.“ Der Jüngling ſchauderte unwillkürlich zuſammen; denn der Lichtpunkt lag in gerader Linie dem Felſen⸗ — 0 82 6— vorſprunge gegenüber, der Zeuge des Endes ſeiner irdiſchen Eriſtenz ſeyn ſollte. Eine Weile herrſchte tiefe Stille. Der Blick des Alten war wieder gen Himmel gerichtet. „Ah, dieſe Zeiten!“ fuhr der achtzigjährige Seelen⸗ kenner fort,„dieſe Zeiten, reich an Gefahren und an großen Thaten! Wenn ich mir ihn vorſtelle, den löwenkühnen Morton, dieſen Percy unſerer Armee. Er war acht⸗, ich ſechsundzwanzig Jahre, als wir uns kennen lernten. Ah, Morton!“ und wieder hielt er inne. 5 „Ich war im Hauptquartier, das in Rockland County*) ſtand,“ fuhr der Oberſte, die Hände auf den Knien zuſammengefaltet, nach einer Pauſe fort: „Aber unter Hauptquartier dürfen Sie ſich kein glän⸗ zendes Lager mit goldſtrotzenden Generalen, Stabs⸗ offizieren und all dem Lurus einer übermüthigen Soldateska irgend eines Monarchen denken, oder ein Lager, wie zu Boulogne, wo dieſer große Schauſpie⸗ ler Bonaparte ſeine Ehrenlegion austheilte, und den Grund zu ſeiner Tyrannei legte.— Eine Scheuer, *) Am Hudſon, ſechsundzwanzig Meilen oberhalb Newyork, auf der linken oder New Jerſey Seite. -—— —=83 G— mit ein paar Fuder Heu, Breter ſtatt des Tiſches, Stalllaternen ſtatt der Candelaber, Heubündel ſtatt der Sitze,— und auf einem dieſer Sitze der große, der göttliche Washington.“ „Mein Gott!“ hob der alte Krieger mit gefalteten Händen an.—„In meinen jüngern Jahren, wenn mir ſo Zweifel über unſere künftige Eriſtenz, über die Unſterblichkeit unſerer Seele, und unſere künftige Belohnung oder Beſtrafung aufſtiegen, ſo beſchwich⸗ tigten ſich meine Zweifel immer in meinem Gemüthe durch den Gedanken, der mir unwillkürlich und jedes⸗ mal aufſtieg: wenn es keinen Himmel, keinen Ort für Auserwählte gäbe, wo ſollte denn Washington würdig aufgehoben ſeyn!— Hören Sie, wenn man ſo achtzig Jahre in der Welt gelebt hat, denkt man gern an einen Himmel, und noch viel früher bei man⸗ chen Gelegenheiten.— Ja, dachte ich mir, wo wäre Washington würdig aufgehoben? Einen ſolchen Mann hervorgebracht zu haben, wahrlich es gereicht ſeinem Schöpfer zur Ehre. Jeder wurde in ſeiner Nähe würdiger, göttlicher, ſelbſt im rauhen Kriegs⸗ handwerk. Laſſen Sie ſich nur einen Fall erzählen, — 0 84 6— lieber Morton, nur einen einzigen kleinen Zug vom großen Washington. Es iſt gerade aus kleinen, ſo zu ſagen, häuslichen Zügen, daß man den Menſchen erkennt. Im Paradezuſtand weiß Jeder den Großen zu ſpielen.“ „Wir waren, wie geſagt, zuſammen, Morton und ich, zwei junge Leute, nach einander abgeſandt als Courriere vom General Lee. Im Hauptquartier, das heißt der Scheuer, war der. General en chef und der General⸗Quartiermeiſter, Baron Steuben, wie Sie wiſſen.“ „Standen ſo vor der Scheuer, und biſſen in unſern Kautabak— das Einzige, was wir zu beißen hatten — und rauchten zur Abwechslung eine Pfeife— denn Cigarren waren damals noch wenig Mode— und promenirten auf und ab, unſerer Erledigung harrend, die, wie angedeutet worden war, nicht vor einigen Stunden uns werden würde. Auf einmal zupft mich Morton am Rockſchoße und ſpäht aufmerk⸗ ſam in eine Waldesſchlucht hinein, die einige zwanzig Schritte von der Scheuer ſich gegen den Hudſon hinabdehnt. Steht keine Meile, dieſe Scheuer, von — 0 85 6— der Anhöhe, wo der unglückliche André*) ſein Schick⸗ ſal fand. Iſt eine traurige, öde Anhöhe, kein Baum rings herum; einige verkrüppelte Cedern ſind Alles. Doch, zu unſerm Abenteuer zurückzukommen. Wie Morton ſo einige Sekunden in die Waldſchlucht hineinſpäht, ſpringt er auf einmal, ohne ein Wort zu ſagen, von meiner Seite den ſteilen Abhang hinab, und verſchwindet im Dickicht. Ich ſchaue und ſchaue; und was ſehe ich? meinen lieben Morton und hinter ihm einen Bauernburſchen mit ein paar fetten Enten, die ihm Morton bereits abgenommen. Ich dachte anfangs, der Junge ſey ein Spion, überzeugte mich jedoch bald, daß er ein ſchlichter Abkömmling der Holländer war, denen unſer ſpaßhafte Irwing übri⸗ gens ein Bischen zu wehe gethan. Schickt ſich nicht, Menſchen, die ſich die erſten Tage ihrer Anſiedlung *) Mayor André, der Generaladjutant Clintons, des kom⸗ mandirenden Generals der brittiſchen Geſammtmacht, wurde bekanntlich als Spion durch ein Kriegsgericht verurtheilt, ge⸗ hängt zu werden; welches Urtheil auch, ungeachtet aller Dro⸗ hungen des brittiſchen Kommandanten, vollzogen wurde. Die Ueberreſte dieſes unglücklichen jungen Mannes wurden vor ei⸗ nigen Jahren, mit Bewilligung der amerikaniſchen Regierung, ausgegraben, nach England transportirt, und in Weſtminſter beigeſetzt. Morton. I. 7 — 86— ſo ſauer werden laſſen mußten, auf eine ſo leichtfertige Weiſe vor die Augen der Welt zu bringen. Iſt wenig⸗ ſtens nicht patriotiſch. Sollte Arnold Irwing heißen, ſtatt Washington Irwing. Auch flattirt er mit den Engländern zu viel, dieſer junge Herr, auf Unkoſten ſeiner Landsleute, die er bei jeder Gelegenheit lächer⸗ lich macht. Iſt auch eine Art Verrath, lieber Morton, mag ihn nicht leiden, den glattzüngigen, ſpaßhaften, leerköpfigen, geſchmeidigen Newyorker. Doch, wie ich über einen unwürdigen Federhelden den wahren Hel⸗ den vergeſſen kann!“ verbeſſerte ſich der Alte. „Als wir den Bauernjungen in unſere Mitte be⸗ kamen, war natürlich das Erſte, was wir thaten, ihm die Enten abzunehmen. Kaum war dieß in's Werk geſetzt, obwohl ſich der Junge zehnmal hinter den Ohren kratzte, machten wir auch Anſtalt, ſie ge⸗ braten zu ſehen. In weniger denn fünf Minuten waren die Enten geköpft, gerupft, ausgeweidet und am hölzernen Bratſpieße, der luſtig hinter der Scheuer zwiſchen zwei Felsblöcken ſich drehte. Den Bauern⸗ jungen hatten wir, in der freudigen Hoffnung, uns trefflich zu regaliren, ganz und gar vergeſſen; er aber uns nicht. u —= 87 6— „Auf einmal wurden wir von unſerem herrlichen point de vue abgerufen, und zwar in das Haupt⸗ quartier— die Scheuer, vor den General en chef— mit einem Worte, Washington ſelbſt.“ „Anfangs dachten wir, unſere Erledigung ſey parat; ein Blick auf den Bauernjungen jedoch, der dicht an der Scheuerthüre ſtand, ſeinen Hut im Munde kauend, belehrte uns eines andern.“ „Sie haben ihn nicht geſehen, Mister Morton, den großen Washington,“ fuhr der Oberſt mit einem Seufzer fort,„denn er ſtarb, ehe Sie geboren wurden; aber ihn zu ſehen und nicht von inniger Ehrfurcht unwiderſtehlich ergriffen zu werden, war, behaupte ich, unmöglich. Eine hohe, königliche Geſtalt; eine hohe, königliche, breite Stirn; ein Auge, das in die innerſten Falten der Seele drang; eine Miene, die der Tod, und ich glaube, die Hölle, mit allen ihren Schrecken, nicht zum Zucken bringen konnten; ein Gott ähnliches, allerforſchendes Antlitz, mit der ganzen Würde, der vollen Kraft, der reinſten Tugend, der ſtärkſten Vaterlandsliebe; ſo war Washington ſtets, überall, zu allen Zeiten, ſtegend, wenn geſchlagen, im Kabinete, vor der Armee— ſtets ſich gleich. u 7* — 88 6— „Er ſaß auf einem Heubündel, vor ihm lag ein höheres, auf dieſem ein Brett und darauf Mappen und Pläne. Neben ihm ſtand General Steuben; an der Thüre der holländiſche Bauernjunge.“ „Wir waren, wie geſagt, einigermaßen verlegen eingetreten, und dieſe Verlegenheit wurde nicht ge⸗ mindert, als wir den Bauernjungen erſahen. Es iſt für den Offizier nicht wenig demüthigend, wegen zweier Enten von einem holländiſchen Bauernjungen zur Rechenſchaft vorgefordert zu werden. Washing⸗ ton hatte ſich bei unſerm Eintritte erhoben und trat einen Schritt vor, und ſprach, mit jener unnachahm⸗ lichen Miſchung von väterlichem Ernſte und freund⸗ licher Milde, im ſanfteſten Tone:„Gentlemen! Sie haben die Begriffe von Mein und Dein über den Enten vergeſſen. Sie ſehen, man iſt gekommen, ſie Ihnen in Erinnerung zu bringen. Ich erſuche Sie, künftighin nicht zu überſehen, daß wir nicht nur für die uns angeborne Freiheit, ſondern auch das Prinzip des Eigenthums kämpfen.“ „Und mit dieſen Worten entließ er uns wieder. Hätte er uns aber todtgeſchlagen, wir hätten keine zwei Dollars aus unſern Taſchen gebracht. General 5 — e 89 0— Steuben hatte unſere Verlegenheit bemerkt, und war uns nachgegangen. Der holländiſche Bauernjunge wollte ſeine zwei Dollars, und nichts als ſeine zwei Dollars, und wir hatten keinen halben, den General mit eingeſchloſſen. Endlich ſandte Washington ſelbſt die Summe. Die Enten ſchmeckten uns trefflich; aber von dieſem Tage an machten wir keinen ſolchen Han⸗ del mehr, wenn wir ihn in der Nähe wußten.“ „Ja es waren oft knappe Tage;— dieſer herrliche Baron Steuben! dieſe edle, kräftige, gemüthliche und wieder ſo ſtolze, kühne Seele!“ „Er leibte und lebte ganz in Amerika. Er hatte einen glänzenden Dienſt, die Nähe des großen Friedrich, deſſen General⸗Adjutant er geweſen, das berühmteſte Heer Europas, die ausgezeichnetſten Ge⸗ nerale, die glänzendſte Zukunft aufgegeben, um in unſern Wäldern mit Mangel und Noth aller Art zu kämpfen, ſein Blut für die heilige Angelegenheit der Menſchheit zu verſpritzen. Immer jedoch war er hei⸗ ter, immer ruhig; nur als er den Culminationspunkt ſeiner Wünſche erreicht, als die brittiſche Armee bei York ihre Gewehre ſtreckte, und endlich der Friede die Unabhängigkeit der Staaten ſicherte, da erſt ſah 4 „ —"0 90— man ihn Thränen der Freude vergießen. Es war, ſo ſagte er uns oft, der herrlichſte Moment ſeines Lebens, der ihn ſelbſt die Noth, in welcher er mit der ganzen Armee ſich befand, vergeſſen ließ.“ „Wir ſtanden damals in und um Newyork. Die engliſchen und franzöſiſchen Generale gaben ſich Féten über Feten; alle Tage Féten, zu denen natürlich auch wir geladen wurden, zu unſerm bittern Schmerze ge⸗ laden wurden, obwohl wir gerne refüſirt hätten; denn wir hatten kein Geld. Nie empfanden die Offi⸗ ziere einer Armee den Mangel des Geldes ſchärfer, bitterer, lieber Mister Morton! Wir, die Sieger, die Befehlshaber des amerikaniſchen Heeres, die Ge⸗ nerale, die Stabsoffiziere, hatten kein Geld; keine tauſend Dollars waren in unſerm ganzen Lager. Unſer Sold war ſeit Jahren rückſtändig; die Regie⸗ rung voller Schulden, ohne Kredit; auf die ſogenann⸗- ten Kongreßnoten gab Keiner etwas. Es waren die drückendſten Bankette, zu denen je Männer von Ehr⸗ gefühl geladen wurden; und erſcheinen mußten wir — wie Schlachtopfer. Wir knirſchten vor Wuth, aber keine Hülfe. Unſere Scham, Verlegenheit und Verzweiflung wuchs mit jedem Tage; das Hohn⸗ — e 91— lächeln der geldſtolzen Britten war nicht mehr aus⸗ zuhalten. Es war darauf angelegt, uns recht zu demüthigen, und die leichtſinnigen Franzoſen, unſere Alliirten, gingen nur zu gerne in die Abſichten der hohnlachenden Engländer ein; denn obwohl ſie mit uns gegen dieſe gekämpft hatten: nach dem Frieden ſtanden ſie uns gegenüber;— es vereinigte ſie ein Band, das wir zerriſſen hatten— ſie waren Beide Royaliſten. Der edle Steuben endlich konnte es nicht länger mehr aushalten. Dieſe geldſtolzen Britten, ſprach er, und dieſe leichtſinnigen Franzoſen, ſie ver⸗ höhnen uns offenbar mit ihrem Aufwande, ihrer Verſchwendung, weil ſie wiſſen, daß wir es ihnen nicht gleich thun können, wiſſen, daß wir gar nichts thun können. Und wir müſſen etwas thun, uns glänzend revangiren, oder unſere Ehre leidet. Alle fühlten die Wahrheit, und waren bereit. Aber wir — wir hatten kein Geld, und zum Bankettgeben ge⸗ hört, wie zum Kriegführen, Geld und wieder Geld. Baron Steuben half endlich. Er hatte noch einiges Silbergeſchirr, Familienſtücke, einige Pretioſen, ein paar herrliche Reitpferde und ein reich mit Brillanten beſetztes Medaillon ſeiner einſtmaligen Liebe. Er — 0 92 6— opferte Alles— Alles opferte er, junger Mann; ſein Letztes, um die Ehre eines Landes, eines Offi⸗ zierskorps zu retten, von denen Manche ihm im Ver⸗ mögen hundertfach überlegen waren; denen es nur ein Wort gekoſtet hätte, um einen Kredit von Tau⸗ ſenden zu eröffnen. Ach, junger Mann— er opferte für das Land, für das er ſein Blut verſpritzt, ſechs Jahre verſpritzt, und das ihm nicht den zehnten Theil ſeiner Gage bezahlt hatte, das ſein Schuldner war — ſein Letztes. Ah, die Féte war glänzend, aber das Miniaturbild preßte ihm doch noch manchen Seufzer aus. Herrlicher Steuben!— und er ſtarb — und das Land blieb ſein Schuldner!“ Der alte Oberſt wurde plötzlich von tiefer Rüh⸗ rung ſo ſehr ergriffen, daß ihm für längere Zeit die Sprache fehlte. Jedes Wort hatte er mit dem eigen⸗ thümlichen Gefühle eines greiſen Kriegers geſprochen, vor deſſen ermattender Phantaſte ſich die Bilder ſeiner Jugend noch einmal mit der ganzen Stärke ihres urſprünglichen Eindrucks abſpiegelten. Offenbar hatte die Gegenwart des Sproſſen ſeines Freundes und Waffengefährten ihn ſchmerzlich bewegt. 4 —= 93 G— Sie waren in der langen Pauſe, die eingetreten war, am jenſeitigen Ufer angekommen. „Wir haben noch einen halbſtündigen Ritt vor uns, der Ihrem Cyrus ſehr willkommen ſeyn wird,“ ſprach er, nachdem ſie die Fähre verlaſſen hatten. Und wirklich hatte Cyrus, allem Anſcheine nach, ſein volles angloarabiſches Feuer wieder gewonnen, und tanzte mit einer Leichtigkeit die Anhöhe hinan, ſo fröhlich, ſo wild, daß ſein Herr mit fortgeriſſen wurde von der wilden Freude ſeines Thieres, und vom fröhlichen Aufſchwunge ſeines Geiſtes erſt er⸗ wachte, als er mit ſeinem Begleiter vor dem Gitter⸗ thor eines hell erleuchteten Landſitzes hielt. Die Glocke weckte eine Koppel Jagdhunde, die mit freudigem Gebelle die Ankunft des Herrn begrüßten. Mehrere Neger kamen und ſprangen heran, und unter dem herzlichſten Willkommen von Menſchen und Thieren zogen die Beiden in die Behauſung des alten Oberſten ein. III. Das Machtquartier. „Maſſa!“ brummte ein eisgrauer Neger, der unter der Schar herbeigehinkt war, um dem Oberſten vom Pferde zu helfen—„Maſſa lange ausgeblieben. Mistreß angſt geworden; glauben, Maſſa wieder einmal auf die Britten Jagd gemacht.“ „Das nicht, alter Kauz; aber Deinen Renard habe ich Dir tüchtig eingeſchweißt. Ueberlaß ihn aber für heute dem Tom, und Du ſorge, daß dieſes edle Blut⸗ pferd ſogleich als überritten behandelt wird. Sieh' zu, daß es am ganzen Leibe abgerieben, und zwar trocken abgerieben wird, bis es in einen leichten Schweiß geräth; dann in dicke Wolldecken gehüllt, die Füße mit warmem Waſſer gewaſchen, und gleich⸗ falls in Decken gehüllt. Um die Medizin kommſt Du auf die Office. Sey ſorgfältig; es iſt ein prachtvolles Thier. Es heißt Cyrus." „Und der Reiter ein erbärmlicher— 4 brummte der alte Wollkopf.„Der kein Gemman ſeyn.“ „Halt's Maul, Du alter Narr!“ bedeutete ihm der —= 95 6— Oberſt.„Vergeben Sie, theurer Morton, der alte Cato war mein Reitknecht ſeit Ao. 76, und da ſind wir natürlich ſo eine Art alter Kameraden. Ihr Cyrus iſt aber in den Händen eines wahren Pferde⸗ narren.“ „Sollte auf einem hölzernen reiten, mit einem Rücken, nicht dicker, als eine recht dicke Säge; dann 9 wiſſen der Gemman, was ſeyn, ein Pferd ſo zu trak⸗ tiren. Armer Cyrus!“ brummte der alte Neger im Abgehen;„armer Cyrus!“ Die Beiden hatten dem Neger und ſeinen Gehülfen eine Weile nachgeſehen, und gingen dann durch den Vorhof auf das Haus zu, vor deſſen Fronte eine Colonnade doriſcher Ordnung hinlief, mit einer Re⸗ verbère⸗Lampe in der Mitte, deren blendendes Licht eine freundlich ariſtokratiſche Helle über den Hof und ſeine Umgebungen verbreitete. Die Hausthüre öffnete ſich, und zwei Mädchen hüpften heraus, um den alten Herrn zu begrüßen. Er nahm ſie bei der Hand und ſchritt in den Corridor ein. Dieſer war, wie es in Häuſern unſerer wohlhabenden Bürger der Fall iſt, durch ein Kamin geſchützt, deſſen hell loderndes Feuer die Gänge und Treppen des ganzen Hauſes erwärmte. —“= 96— Beide waren mit eleganten Fußteppichen belegt, mit Eichenholz getäfert, und in ihren Wendungen mit Lampen erleuchtet. Man gewahrte beim erſten Ein⸗ tritte, daß der Beſitzer ſich eines ſoliden Wohlſtandes erfreue, und dieſen auf eine liberale, zweckmäßige Weiſe genieße. Als ſie in das Beſuchzimmer traten, kam ihnen eine Dame entgegen, die der Jahre ſieben⸗ zig zählen mochte, und von einer ſeltenen Schönheit war— jener grau gewordenen Schönheit, die ſelbſt mehr und wohlthuender anſpricht, als jugendliche Reize, indem ſie das untrügliche Bild eines heiter und tugendhaft verlebten Daſeyns iſt; ein helles, freund⸗ liches Auge, ſanft leuchtend, aus dem der Friede eines glücklichen Gemüthes ſchaute, die Stirne und Wangen nur wenig gerunzelt, leicht eingetrocknet, eine liebliche Röthe auf den noch immer weißen, zarten Wangen, um den Mund das angenehme Lächeln, im ganzen Weſen jene ehrbare Matronen⸗Würde, die ſich be⸗ wußt iſt, daß ſte einen guten Kampf gekämpft hat. In der Weiſe, wie ſich die beiden Eheleute begrüßten, lag etwas ungemein Zartes, Rührendes— gegen⸗ ſeitig Achtungsvolles. Sie ſahen ſich in die Augen, wie zwei Menſchen, die da fühlen, daß ihres Bleibens —— —=97 6— auf dieſer Erde nicht mehr lange— und die daher am Vorabende ihrer Trennung zur weitern Reiſe ungemein weich geſtimmt ſind. „Du biſt lange ausgeblieben, theurer Adolph!“ ſprach die Dame, mit einem ſanften Vorwurfe, als ſte der Gatte, herzlich küſſend, in ſeinen Armen hielt. „Wohl, theure Eliſabeth!“ erwiederte Dieſer;„ich habe Dir aber dafür einen lieben Gaſt mitgebracht, einen ſehr lieben Gaſt— den Enkel unſers theuern, unvergeßlichen Mortons und Großneffen unſers ver⸗ ehrten—ns, wie Du weißt.“ „Seyen Sie mir vielmals willkommen, theurer Morton!“ ſprach die Dame,„recht ſehr willkommen! Oft haben wir von unſern lieben Freunden geſpro⸗ chen; Ihre Großmutter war eine liebe, liebe Jugend⸗ freundin von mir!“ Und indem ſie ſo ſprach, heftete ſich ihr Blick, gut⸗ müthig forſchend, auf die Geſichtszüge des jungen Mannes. Dieſer wurde verlegen. „Auch Dir, liebe Adele! wird Mister Morton willkommen ſeyn, hoffe ich,“ unterbrach die Beiden der zart fühlende Oberſt, mit einer Bewegung, die —"0 98 6— den Weltmann verrieth, der ſeinem Gaſte jede Ver⸗ legenheit zu erſparen wünſcht. „Und Du, Emma, kleiner Schelm! willſt Du ver⸗ ſprechen, recht artig zu ſeyn? dann bleibt Mister Morton recht lange bei uns.“ Adele war ein Mädchen, das zwiſchen fünfzehn und ſechszehn Jahren zählen mochte; ein zartes, herr⸗ liches Geſchöpf, in deſſen regelmäßig ſchönem Geſichte altengliſcher Adel, deutſche Gemüthlichkeit und ameri⸗ kaniſcher Verſtand in ſeltener Harmonie gepaart erſchienen. Neben ihr wiegte ſich Emma, das acht⸗ jährige Schalksköpfchen, das abwechſelnd bald die Schweſter, bald den Großvater, wieder die Groß⸗ mutter durch ihr Getändel in Bewegung ſetzte. „Kennen Sie unſere Adele?“ fragte der Oberſt den Jüngling, der bereits mit ſeiner Enkelin die Unter⸗ haltung angeknüpft hatte. „Ich hatte die Ehre in Washington— 4 „Ja, ja, ſie war da mit ihrem Vater, dem Kon⸗ greßmitgliede.— Jetzt aber, liebe Adele, vor Allem eine Taſſe Thee. u Es umgibt unſer Landleben ein gewiſſes Etwas, das ſchwer zu definiren iſt, und dieſem einen eigenen —= 99 6— Reiz verleiht. Die wirklich königliche Unabhängigkeit, die Abweſenheit von Allem, was wir gemeinhin Kleinſtädterei nennen, das unbeſchränkte Mitwirken an den großen Angelegenheiten der Nation, und durch dieſe an den Weltereigniſſen, das jeden Tag in dem Verhältniſſe großartiger wird, als die Macht und der Einfluß unſerer Republik nach außenhin mehr gefühlt werden, verleihen unſerm Landleben, bei der Abwe⸗ ſenheit aller beengenden Rückſichten, eine gewiſſe Würde, ja Hoheit, die etwas Souverainartiges hat. Es hat etwas ungemein Anziehendes, einen wahren Zauber, dieſes Landleben, ſchattirt, wie es iſt, durch feinen Weltton, und wieder jene Selbſtachtung, die, Gott und dem Geſetze allein huldigend, auf Bewußt⸗ ſeyn unveräußerlicher Rechte gegründet iſt. Es iſt dieſes Landleben die wahre Grundlage, der Stütz⸗ punkt amerikaniſcher Freiheit, ſo wie in ihm allein der Bürger dieſer Union groß und wahrhaft frei er⸗ ſcheint. Im Getümmel der Städte verſchwindet ſeine angeborne Unabhängigkeit in jenem ſteifen, ſtarren, linkiſch ariſtokratiſchen Weſen, das, die Sitten und Gebräuche anderer Länder nachäffend, der Natürlich⸗ —=d 100 G— keit ermangelt, und Bruder Jonathan nicht ganz mit Unrecht ſeinen hölzernen Bibelnamen erworben hat. Hier vereinigte ſich der feinſte Weltton mit der anſpruchloſeſten Heiterkeit, die klarſte, ruhigſte Men⸗ ſchen⸗ und Weltkenntniß mit dem gemüthlichſten Frohſinne, um Morton den Abend zu einem der an⸗ genehmſten ſeines Lebens zu machen. Unwillkürlich ward er in die heitere Stimmung der guten Menſchen mit hineingezogen, und erſt nachdem die Mitternachts⸗ ſtunde geſchlagen, trennte ſich die Geſellſchaft, um der nöthigen Ruhe zu genießen. Der Oberſt begleitete ſeinen Gaſt einige Schritte und trennte ſich von ihm mit den Worten:„Sie werden in der blauen Stube das Nöthige zu Ihrer morgigen Toilette finden, und mir einen Gefallen thun, wenn Sie ohne Weiteres davon Gebrauch machen.“ WV. Der Abſchied. Als Morton am nächſten Morgen aufwachte, um⸗ ſchwirrten ihn die Ereigniſſe der letzten zwei Tage wie — 101 6— Traumbilder, die das Erſcheinen eines alten Negers, der mit ſeinen Kleidern in das Gemach trat, noch immer nicht verſcheuchte. Der Alte breitete dieſe und friſche Wäſche ſorgfältig auf dem Toilettentiſche aus, und verließ das Zimmer mit den Worten:„Maſſa wird in einer halben Stunde die Glocke zum Morgen⸗ gebet hören.“ Der Jüngling erhob ſich. Er war geſtern buch⸗ ſtäblich dem Schlafe in die Arme geſunken, ſo ſchnell geſunken, daß auch kein Gedanke, weder ein heiterer, noch ein trüber, den inſtinktartigen Zuſtand unter⸗ brochen hatte, von dem er ſeit ſeinem verzweifelten Aufbruche aus der Bruderſtadt befangen war. Aber mit ſolchen Zauberfäden hatte der alte Deutſche ihn wieder an's Leben zu ketten gewußt, ſo unvermerkt hatte der greiſe Seelenkenner den düſtern Wahnſinn weggeſcheucht, daß er jetzt umherging in ſeinem Ka⸗ binete, ungewiß, ob er wirklich derſelbe Menſch ſey, Hughes Morton of Mortonhall, und raſch vor den Spiegel trat, um ſich ſeiner Identität recht deutlich zu vergewiſſern. „Aber, Morton!“ murmelte er ſich zu,„wollteſt Du denn nicht?“——— Morton. I. 8 — d 102 6— Er ſchüttelte das Haupt, und trat zum Fenſter. Dieſes ging auf den Susquehannah, den man durch mehrere Baumgruppen erblickte, die am Ab⸗ hange des Hügelrückens parkähnlich zerſtreut waren, und ſo rechts und links eine ungemein maleriſche Anſicht des Stromes darboten, deſſen ungeheure Waſſermaſſen gebrochen und ſeenartig erſchienen. Weiter hinauf war die Anhöhe in Gärten, Wieſen und Felder eingetheilt, die, ſtatt der gewöhnlichen hölzernen Einfriedungen, mit lebendigen Zäunen ein⸗ gefaßt waren. Der ungewöhnlich harte Froſt der letzten zwei Tage hatte die aus dem Fluſſe aufſteigen⸗ den Dünſte auf die Zweige der Bäume und Gebüſche gefeſſelt, die nun, mit Myriaden von Kryſtallen ge⸗ ſchmückt, von der öſtlich herüberſteigenden Sonne erleuchtet, gleich ungeheuren Brillantenkronen er⸗ glänzten. Blau⸗ und Grünmeiſen und Robbins hingen auf den Zweigen und zwitſcherten ihren ſchril⸗ len Morgengeſang herüber. Das Ganze bot ein ungemein heiteres Bild ländlicher Winterruhe. Der Jüngling wurde nachdenkend, wie ſein Blick auf die prachtvollen Waſſer⸗ und Landpartieen und wieder auf die häusliche Behaglichkeit des reichen — 103 6— Landſitzes fiel.„So,“ murmelte er ſich zu,„ſo, ja, ſo könnte auch ich noch glücklich ſeyn. Und Wer hin⸗ dert mich, es zu ſeyn? Der— alte Stephy, der iſt es!“ rief er mit hohler Stimme.„Ah, Georgiana!“ Er ſeufzte tief.—„Die Buchten des Miſſiſippi ſind ſchön,“ fuhr er gedankenvoll fort,„ſchöner als die des Susquehannah. Und Georgiana! Ah, Stephy! — Ah! Wollen es verſuchen, unſerem Schickſal noch eine Weile zu trotzen. Ah, Georgiana! Adele!“ murmelte er kaum hörbar. „Maſſa wird erwartet,“ ſprach der grauköpfige Neger zur Thüre herein. Er folgte. In einem mäßig großen Kabinete, das an das Tafelzimmer anſtieß, und in dem ſich mehrere gepol⸗ ſterte Fußſchemel mit Sitzen befanden, harrte die Familie, mit einigen männlichen und weiblichen Ne⸗ gern, des Eintretenden, den ſie mit freundlichem Kopfnicken bewillkommte. Der Oberſte ſtand vor einem Pulte, auf dem eine Bibel mit dem Gebetbuche der biſchöflich engliſchen Kirche aufgeſchlagen war. Er winkte ſeinem Gaſte, auf einem der leeren Sitze Platz zu nehmen, und begann dann das Morgengebet 8* — 0 104— nach dem Ritus der Hochkirche. Alle ſtimmten mit ruhiger Andacht ein, und das Morgengebet wurde, zwar ohne auffallende Symptome von Devotion, aber mit jener würdevollen Gelaſſenheit vollendet, die da bezeugte, daß es ein weſentlicher Theil der täglichen Familienbeſchäftigung war. Nachdem der Oberſte ſeinen erhabenen Standpunkt verlaſſen hatte, nahm er den Arm Adelens und folgte Morton, der den ſeinigen der Dame des Hauſes angeboten hatte, in das Tafelzimmer, wo bereits das Frühſtück auf⸗ getragen war. Immer derſelbe anſpruchsloſe, würde⸗ volle Ton; nur ſchienen die Blicke der ehrwürdigen Matrone und Miß Adelens wehmuthsvoll auf ihrem Gaſte zu ruhen. Auch der Oberſte war weniger hei⸗ ter, und die Damen entfernten ſich, ſo wie das Mahl aufgehoben war. „Oberſt Isling, um Gotteswillen!“ rief der Jüng⸗ ling, plöͤtzlich auf Dieſen losgehend,„ſagen Sie mir, wiſſen die damen— 2“ Seine Lippen waren konvulſtviſch zuſammenge⸗ preßt; er zitterte. „Und wenn ſie wiſſen, lieber Morton! Iſt es nicht beſſer, ſie hören es aus dem Munde eines —= 105— Freundes Ihrer Familie, dem an Ihrer Chre gelegen iſt, als— a Der Jüngling knirſchte mit den Zähnen. „Alles zu ungeſtüm, zu wild, zu zerriſſen, lieber Morton! Wir ſind nun mit Mistreß Isling einund⸗ fünfzig Jahre bereits vereinigt, in Freud und Leid vereinigt. Keine Falte in dem Gemüthe des Einen iſt dem Andern verborgen. Meine Eliſabeth hat Schmerzen und Wonnen mit mir getheilt. Können Sie ſich es auch nur möglich denken, daß der alte Oberſt Isling hier ein Geheimniß vor ſeinem Weibe haben, ſie ſo das erſtemal in ſeinem Leben ſeines Vertrauens unwürdig erklären ſollte? Doch, wäre dieß auch möglich geweſen? Hier leſen Sie.“— Er nahm bei dieſen Worten einen Pack Philadel⸗ phier Zeitungen vom verfloſſenen Tage. „Mister Morton!“ begann er wieder, und ſeine Bruſt hob ſich beklommen.„Sie haben Ihren Freun⸗ den trübe Stunden verurſacht.“ „Meinen Freunden?“ lachte Morton mit Bitterkeit. „Der Arme hat keine Freunde, Oberſt!“ „Nicht ſo ganz, als Sie glauben. Ihre Vorfah⸗ ren haben ein Kapital niedergelegt, das für Sie hohe — 106 6— Intereſſen trägt, bereits getragen hat. Sie waren Midſhipman in ihrem einundzwanzigſten, Schiffs⸗ lieutenant im dreiundzwanzigſten Jahre. Als ſolcher wiſſen Sie, daß verlorene Maſten noch kein Schiff zu Grunde richten. Don’t give up the ship, ſchrie Commodore Percy*), als ihm der Arm weggeſchoſ⸗ ſen wurde. Ihrem Großvater wurde vom Feinde Haus und Hof weggebrannt— er geächtet— das Todesurtheil war über ihn ausgeſprochen, und er verzagte nicht und triumphirte. Der Jüngling ſchwieg. „Ihre nächtliche Flucht hat alle Ihre Freunde mit Enrtſetzen erfüllt. Der Artikel hier in der Zeitung iſt ſo ſchonend als möglich abgefaßt. Natürlich; man will Ihrer Familie nicht wehe thun. Es iſt National⸗ ſache; denn Ihre Familie iſt Nationalgut, möchte ich jagen, mit der Nationalehre verſchwiſtert. Sie dürfen dieſe Ehre nicht beflecken, und die Weiſe, in der Sie dieß thaten, iſt entſetzlich für einen Amerikaner. Ja, lieber Morton! entſetzlich, zweifeln Sie nicht daran; *) In der berühmten Seeſchlacht auf dem Erie⸗See, wo die engliſche Flotille von der amerikaniſchen unter Commodore Perey beſiegt und gefangen genommen wurde. — 107— denn unter allen Dingen verabſcheut der Amerikaner am meiſten Feigheit; und Feigheit iſt es, in einem Lande, das ſeinen Bürgern königliche Reſſourcen dar⸗ bietet— zu verzweifeln, wenn eine dieſer Reſſourcen verſagt hat.“ „Sie müſſen—“ Der Jüngling fuhr auf. Der Oberſte, ohne es zu bemerken, fuhr fort:„Ja, lieber Morton, Sie müſſen ſogleich handeln, um ein Gerücht zu widerlegen, das gewiſſermaßen als Atten⸗ tat gegen die Nationalehre betrachtet werden wird.“ „Aber wie?“ fragte Dieſer kaum hörbar. „Ich ſelbſt will ſchreiben, daß Sie blos verſchwunden ſind, um mich zu beſuchen, bei einem alten Freunde Ihres Großvaters Hülfe zu ſuchen.u Der Oberſte hielt inne. „Alſo Ihr ganzes Vermögen haben Sie auf die Mary geſetzt?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ja.¹ „Und ſie nicht aſſecurirt?“ „Sie war ein neues Schiff. Meine Partners ſelbſt widerriethen es. Aber mein armer Großonkel— 4 „Das iſt ſchlimm, Ihr Großonkel Bürge, das iſt —= 108 6— ſehr ſchlimm. Seine Beſitzungen ſind freilich zweimal hunderttauſend Dollars unter Brüdern werth; aber fünfzigtauſend Dollars Bürgſchaft haben ſchon oft bedeutendere Realitäten verſchlungen.“ Der Alte hielt wieder inne und ging, in tiefes Nachdenken verſunken, auf und ab. „Und Wer iſt Gläubiger?“ „Stephy,“ ſprach der Jüngling. Der Oberſte ſeufzte und ſchüttelte mißmuthig das Haupt. „Hart,“ ſprach er nach einer Weile,„für einen der Hauptgründer amerikaniſcher Freiheit— den Mann, der einer halben Welt Geſetze gab, ſehr hart, in ſeinem Alter, ſeinem achtzigjährigen Alter, einem reich gewordenen, entlaufenen Franzoſen zu Gnaden kommen zu müſſen.— Hart, ſehr hart!“ „Vielleicht im Schuldenthurme!“ ſtieß der Jüng⸗ ling heraus. „Nein, das nicht; das würde die Nation nicht zu⸗ geben. „Die Nation,“ lachte der Jüngling—„dieſe Na⸗ tion! die den herrlichen M—e ſchon ſeit Jahren ſchmachten läßt, um ſeine gerechten Forderungen —,— = = — e 109— ſchmachten läßt— die Nation!“ lachte er bitter,„die für! die bankerott gewordene Familie Fultons gleich wie wie für Bettler blecherne Armenbüchſen an Bord der Dampfſchiffe ſetzen läßt, auf daß Jeder einen Cent beiſteure! Wiſſen Sie, daß dieſelbe Nation— ahl!“ „Ah, und was?“ „In Philadelphia wieſen ſie die Schriften ſeiner Correſpondenz aus ihrer öffentlichen Bibliothek weg.“ „Wirklich?“ ſprach der Oberſte mit einem bittern Lächeln.„Dann ſcheint alſo ihren ſchwachen Roſinen⸗ mägen die Koſt, an der ſich ihre Väter ſatt und kräf⸗ tig aßen, nicht mehr zu munden. Machen Sie ſich jedoch nichts daraus, lieber Morton! Philadelphia iſt nicht die Union, nicht einmal Penſylvanien; aber erbärmliche Wichte ſind und bleiben ſie. Alſo wirklich haben ſie die Schriften— u Der Oberſte ſchwieg. Es war ein Kapitel, das, gegenüber dem pompöſen Empfang Lafayettes, einen erbärmlichen Kontraſt bildete, einen wahren Yankee⸗ Kontraſt. Er war einige Male im Saale ungeduldig auf⸗ und abgegangen, und wandte ſich dann kurz an Morton: — 0 110 6— „Bleiben Sie, theurer Freund; ich will ſehen, was ſich thun läßt. Und wieder drängten ſich chaotiſch neblichte Bilder vor die Phantaſie des Jünglings, wie der dem Alten nachſtarrte, und ſein Auge dann halb ſchloß, wie um den ſchrecklichen Abgrund, der ſich vor ſeinem Blicke öffnete, nicht zu ſehen. Der alte Deutſche war zurück gekommen, und hielt einen offenen Brief in der einen Hand, in der andern einen verſiegelten. Er ſetzte ſich zu dem Jüngling und las Dieſem vor: „Wenn mit dem Gentleman, bezeichnet auf der vierten Colonne der N— G— vom 31. Dezember v. J. der achtungswerthe junge Mann bezeichnet iſt, der Nachts eilf Uhr Philadelphia verließ, und die Straße über Germantown, Norristown, Reading, Betlehem, nach Harrisburgh einſchlug, ſo mögen ſeine Freunde ſich beruhigen; denn er befindet ſich wohl in der Familie eines alten Freundes ſeines Großvaters.“ Der Jüngling drückte die Hand des herrlichen Alten. „Ich ſende,“ fuhr dieſer fort,„dieſen Artikel ſo⸗ gleich mit meiner Unterſchriſt an die kleine Kreuzſpinne 4 —=111 6— — den Redakteur der N— Gazette, mit der Bitte, ihn unverzüglich einzurücken. Morgen wird er bereits erſchienen ſeyn.“ Und wieder verließ er den Speiſeſaal. „Sie haben aber noch Land von Ihrer mütterlichen Seite?“ fragte er in der Thüre. „Noch zehntauſend Acker am untern Miſſſſſippi, oberhalb Point-coupé, die aber gleichfalls in der Bürgſchaft eingeſchloſſen ſind.“ „Das iſt böſe, ſehr böſe, und leicht hätten Sie bei dieſer Gelegenheit um Ihr ganzes Vermögen wegen fünfzigtauſend Dollars kommen können. Mein Gott, wie ſich nur der weiſe J—n zu ſo etwas hergeben konnte!“ Und mißmuthig warf er die Thüre zu, ſo daß Emma laut ſchreiend in den Saal ſtürzte, zu ſehen, was Großonkel ſo außerordentlich in Bewegung geſetzt. „Der alte Stephy,“ mit dieſen Worten trat er wieder in den Saal,„iſt ein ganz eigenthümlicher Menſch, ein Franzoſe, und zwar ein Original. Groß⸗ müthig, großartig, wenn es ihm gerade in den Sinn kommt, iſt er wiederum ein wahrer Teufel, ein Filz, der hartherzigſte Wucherer, wenn ihm etwas quer —" 112 8— durch den Weg läuft. Er iſt im Stande, und zieht Sie und Ihren Großonkel rein aus, und nimmt für ſeine fünfzigtauſend Dollars den Werth von dreimal⸗ hunderttauſend an Ländereien. Unſere Geſetze ſind in dieſem Punkte wie alle Geſetze, die gegeben wurden von Denen, welche Haben, und nicht von Leuten, die Sollen. Am beſten iſt es immer, man braucht ſie ſo wenig, als Advokaten, deren Apotheken ſie ſind.— Wollen jedoch ſehen—* Und wieder entfernte ſich der nun ſehr unruhig gewordene Alte, und kam erſt nach Verlauf einer Viertelſtunde zurück. „Sie laſſen,“ ſprach er,„Ihren Cyrus zurück; denn er kann vor vierzehn Tagen nicht aus dem Stalle, ohne für immer zu Grunde gerichtet zu wer⸗ den. Er iſt zweitauſend Dollars werth, die ich Ihnen entweder gebe, oder Ihnen das Thier wieder ſende. Schreiben Sie mir deßhalb. Einen dritten Vorſchlag werden Sie in dem Briefe an den alten Stephy fin⸗ den. Ich hoffe, dieſer wird alle Schwierigkeiten löſen. Stephy wird Ihnen das Weitere ſagen. An Ihren Großonkel will ich ſelbſt ſchreiben.“ — 0 113— Der Oberſte hielt eine Weile inne, und fuhr in ernſtem Tone fort: „Von Ihren düſtern Todesgedanken, junger Mann, ſind Sie nun einſtweilen geheilt— aber nicht für im⸗ mer. Ein Antidotum will ich Ihnen jedoch dagegen rathen: Es iſt Vertrauen auf Ihren Schöpfer und die Ihnen von ihm verliehenen Kräfte. Ich werde Sie bis Betlehem begleiten.“ „Und jetzt zum Abſchiede von meiner Familie.“ Dieſer Abſchied war ſtille, aber ergreifend. Die alte Dame nahm die beiden Hände des Jünglings zwiſchen die ihrigen, ſchaute ihm mit ihren klaren, frommen Augen in das Geſicht, und wandte dann den Blick himmelwärts. Sie betete leiſe und brünſtig. Dann legte ſie ihre Hände auf ſein Haupt, und ſeg⸗ nete ihn, und Adele und Emma waren die Cherubim, die um Erfüllung des Segens zum Höchſten flehten. „Gott,“ ſprach die fromme Dame,„wird unſer Gebet erhören, und den Sproſſen einer Familie, die den Grundſtein zum Glücke von Millionen und Millionen legen half, nicht zu Schanden werden laſſen.“ Der Jüngling drückte mit Ehrfurcht die Hand der Dame an ſeine Lippen, und als er ſein ſchönes Antlitz —= 114 6— hob, ſtanden Thränen in ſeinen Augen. Der alte Oberſte ergriff ſeinen Arm und führte ihn der Thüre zu. Draußen ſtand die Reiſekaleſche, in welche Beide ſtiegen. Ein Neger in Livree ſchwang ſich auf den Kutſchbock, und im ſchnellſten Trabe ging es der end⸗ loſen*) Brücke über den Susquehannah zu. V. Penſylvanien. Ein freudiges Lächeln überflog die ſchönen Züge des herrlichen alten Deutſchen, als der Wagen die letzte Bergeshöhe hinab rollte, welche die prachtvolle Niederung, in der Betlehem liegt, von dem hügeligen Dauphin⸗County trennt. Es iſt dieſe Landſchaft— der Garten Penſylva⸗ niens— für den deutſchen Amerikaner ein erhebender Anblick. Eine wellenförmige Ebene, oder wie wir ſie nennen— Niederung— ſo weit ſie das Auge faſſen kann, mit zahlloſen Landhäͤuſern beſprenkelt, die aus *) Sie iſt bekanntlich eine Meile lang. — 115— Hainen von Fruchtbäumen empor ſteigen, ſo friedlich, ſo ruhig, ſo wohnlich! als ob der menſchenbeglückende Geiſt des edelſten aller Sektirer*) noch immer über ihnen ſchwebte, ſie zum Frieden und zur Eintracht ermahnend. Noch haben— die häusliche Betrieb⸗ ſamkeit zerſtörende Spinnmaſchine und die Bürger⸗ habe freſſende Feuereſſe nicht vermocht, ſich Bahn in dieſen beglückten Fluren zu brechen. Das Spinnrad und der Webſtuhl herrſchen noch immer unbeſchränkt, abwechſelnd mit dem Pfluge und der Egge. Ueberall trifft das Auge auf Spuren des raſtloſeſten Fleißes, der unverdroſſenſten Thätigkeit. Herrliche Triften von friſch grünenden Weizenfeldern, die im heitern Kin⸗ derkleide aus dem verhüllenden Schleier der Schnee⸗ decke hervorlachten; ſanft anſteigende Bergrücken mit üppigen Waldungen gekrönt, die ſich parkähnlich auf den nördlichen Abhängen erhoben und der Landſchaft durch ihr dunkles Grün den nördlich ſtarken, kräftigen Relief gaben; überall Spuren der regſten Selbſtthä⸗ tigkeit, und doch der übereinſtimmendſten Harmonie. Es iſt dieſe ganze Landſchaft— und wir verſtehen *) William Penn, der Gründer von Philadelphia. —= 116 6— darunter den Landſtrich, der ſich von Harrisburgh über Betlehem und Reading nord⸗, und Carlisle und Lancaſter ſüdöſtlich gegen Philadelphia inz ei⸗ ner Strecke von hundert Meilen hinzieht,— eine der herrlichſten Partien im großen Tableau unſeres Volkslebens. Es hat dieſe Partie einen Anſtrich von republikaniſcher Gleichheit, wie er ſelbſt inz dieſem unſerem Lande der Freiheit nicht häufig wieder zu finden iſt. Man gewahrt beim erſten Anblicke, daß es nicht blos dem Namen nach, ſondern in der That ein freies Bürgerland iſt, bei deſſen Entwicklung und Kultur auch nicht der mindeſte Zwang von oben vor⸗ geherrſcht hat/ Keine Burgen und Schlöſſer, deren Zinnen ſtolz und weit ins Land hinein funkeln, aber auch keine Hütten, die unter ihrem Schutze ſeufzen—) nicht einmal die höhnende Villa des ſteifen, frommen Yankee, der da in ſeinem Herzen Gott dankt, daß er nicht iſt, wie ſein ſüdlicher Nachbar; einfach wohn⸗ liche Neomensſitze,*) die zu Hunderten, ja Tauſenden, gleich Gliedern einer unermeßlichen Kette an einander gereiht, das Auge um ſo wohlthuender anſprechen, *) Freigüter. — 5 117 6— als ſie in der Regel durch Felder, Wieſen und häufig kleine Waldpartien unterbrochen, einem ungeheuern Park ähneln, in dem Hunderttaufende von Menſchen⸗ kindern ſich ihres Daſeyns freuen. In Zwiſchenräu⸗ men von je zehn zu zwölf Meilen begegnet der Blick Städten und Städtchen; kkeine Städte, aus denen Regierungs⸗ oder Ariſtokratenpaläſte empor ſtarren;! einfache ſchlichte Bürgerhäuſer, die, gleich auf ihren 437 Putz eiferſüchtigen Dorfſchönen, nur darauf bedacht ſind, recht friſch und roth in ihrem Backſtein⸗Kolorit in die Augen zu fallen.) Es iſt dieſe Partie die Proſa, die gediegene, lebens⸗ kräftige Proſa unſerer Union. „Ah, theurer Morton!“ ſprach der Oberſte, und ſeine Bruſt hob ſich auf eine Weiſe, die wahrnehmen ließ, daß der Anblick dieſer, ſelbſt in ihrer winterlichen Nacktheit noch immer herrlichen Landſchaft ihm einen ſeltenen Genuß gewähre.—„Ah, theurer Morton!“ wiederholte er,„Sie handelten da wie ein Eroberer, der Alles auf einen Wurf ſetzt; ſo eine Art Waterloo⸗ Wurfv; iſt er verloren, ſo iſt Alles verloren. Ei, das alte Sprichwort ſagt: Festina lente.“ „Und Sie hatten ja nichts zu verlieren, wenn Sie Morton. I. 9 —= 118— ſestina lente gingen,“ ſetzte er nach einer Weile hinzu.„Sind ja erſt dreiundzwanzig, nicht wahr?⸗ „Ja. u „Und welch eine Carrière! Mit ſechzehn in der Akademie von Weſtpoint, mit einundzwanzig Mid⸗ ſhipman, mit dreiundzwanzig Lieutenant auf einem Kriegsſchiffe. Hätte das nicht gethan, eine Lieutenants⸗ ſtelle in unſerer Seemacht aufzugeben, um Capitän auf einem Packetſchiffe zu werden, obwohl dieſe An⸗ ſtellungen ſehr einträglich ſeyn ſollen. Und warum auch dieß wieder ſo plötzlich aufgeben, kaum nachdem Sie Eine Fahrt nach Havre gethan? Und dann ein Packetſchiff auf eigene Rechnung zu kaufen, das war ein Fehler; aber der allergrößte, es in die See ſtechen zu laſſen, ohne es zu aſſekuriren. Die Prime war doch nicht ſo ſehr hoch?“ „Zwei Procent.“ „Aber Sie wollten ſchnell reich werden. Ci, und das iſt ein Nationalfehler, Alles rennt wie wahn⸗ ſinnig dem Gelde nach; und die da reich werden wollen fallen in die Verſuchungen und Fallſtricke des Teufels.— Und Ihr Land,“ fuhr er im gutmüthig ſchmollenden Tone fort,„hat Ihnen doch ein ſo herr⸗ — 119— liches Beiſpiel des langſamen Wirkens und Voll⸗ bringens gegeben. Rom ward nicht in Einem Tage erbaut, und die Vereinigten Staaten ſind nicht in Einem Jahre geworden, was ſie ſind.“ Der Jüngling gähnte. Kein Wunder! Er hatte die letzten ſechs Monate abwechſelnd in Philadelphia und Newyork gelebt, die Bachelorsbälle, die M—g⸗ bälle, die Wiſtarpartien beſucht, und ſeinen Tilbury und Racer als erſter Fashionable gehalten. „Langſam, ſehr langſam ging es mit uns,“ fuhr der Oberſte in der etwas geſchwätzigen Manier des Alters fort.„Wir waren nach der Revolution wie ein Schiff ohne Ruder, ohne Kompaß, ohne Maſten und ohne Segel. Ueberall fehlte es; die Offtziere über Bord geworfen; die neuen, wenn auch des nö⸗ thigen Anſehens nicht ermangelnd, doch ohne den ſogenannten Regierungstakt. Und es iſt ein großes Ding um den Regierungstakt.— Weil ihn die Whigs von England nicht haben, kommen ſie nicht in den Beſitz der Gewalt; und kommen ſie dazu, ſo ſind ſie nicht lange in derſelben.— Wir waren damals wahre Whigs; hatten die Torries zum Weichen ge⸗ bracht, das heißt, England; aber bald war es wieder . 9* — e 120 6— im Beſitz ſeiner verjährten Gewalt. Wir waren frei de jure, aber de facto mehr als je in den Schlingen Englands;— und das volle zwanzig Jahre nach der Anerkennung unſerer Unabhängigkeit.“ Der Jüngling ſchüttelte das Haupt. „Ah, Mister Morton! die Nachwehen unſerer Re⸗ volution waren eine wahre Seekrankheit— beſonders ſchrecklich für Neulinge, wie wir waren; ſchrecklicher, als die Kriſis, der Kampf ſelbſt. Keine Achtung von Außen, kein Gehorſam von Innen; eine meuteriſche Armee, die Bürgerkrieg drohte, weil man ihr die Zahlungen nicht leiſten konnte; die wirklich den Kon⸗ greß im Staatshauſe zu Philadelphia blokirte, dieſen Kongreß ohne Geld, und was ſchlimmer iſt, ohne Kredit; und was am ſchlimmſten iſt, ein durch einen ſiebenjährigen Krieg verwildertes Volk, das von In⸗ duſtrie keinen Begriff hatte. Mister Morton, wir mußten bis vor fünfzehn Jahren nicht blos unſere Hüte, unſere Meſſer und Gabeln und Röcke, wir mußten ſelbſt unſere Beſen von England kaufen— von demſelben England, das ſeine Kriegsſchiffe höh⸗ nend an unſere Küſte ſandte, unſere Kauffahrer ohne weiteres konfiszirte und, wenn darüber Klagen ent⸗ —= 121 6— ſtanden, unſere Bürger, unſere Obrigkeiten zwang, am Bord ihrer Kriegsſchiffe Gerechtigkeit zu ſuchen. — Die Ausländer ſchüttelten die Köpfe, ſo oft ſie unſer Land betraten. Wiſſen Sie, was Talleyrand, der in den Neunziger Jahren bei uns war, ſeinem Herrn ſagte, als Dieſer ihn über uns befragte?“ „Und?“ „Ce sont des cochons fiers et des fiers cochons, antwortete er Bonaparte; und im Grunde hatte er ſo unrecht nicht; denn es war ein Gräuel.“ „Ah, ſehen Sie dieſen Landſtrich,“— er wies auf die Niederung hin, aus deren Mitte Betlehem mit ſeinem eleganten Courthouſe hervor ſchimmerte;— „er iſt ein Paradies. Aber ich kannte ihn, als er noch eine Wildniß war; als noch keine Straße, kein Haus, kein Weg, kein Steg, höchſtens Karrengeleiſe und Fußwege ſich durch die dichten Wälder hindurch ſchlängelten. Als ich mir meine Hütte auf meiner Schenkung erbaute, die ich von der Regierung, zur Belohnung meiner Dienſte während des Krieges, erhielt, ſo wie alle übrigen Ofſiziere, und auch Ge⸗ meine— zweitauſend Acker, die noch in meiner Familie ſind, denn ich habe den größten Theil meinen —= 122 6— Söhnen und Schwiegerſöhnen abgetreten;— als wir mit dem alten Cato zuſammen eine Hütte auf dieſer meiner Schenkung bauten, kamen täglich Rudeln von fünfzig bis ſechzig Hirſchen vor meine Thür. Es war eine wahre Wildniß. Alles Wald und wieder Wald; nur hie und da ein Lichtpunkt, das heißt, ein paar hundert geringelte Eichenſtämme, die nackt und ver⸗ dorrt da ſtanden, und unter welchen ein paar Buſhel Weizen oder Welſchkorn angepflanzt waren. Aber die Wohnung der Menſchen ſelbſt zu finden, würde Ihnen ſchwer geweſen ſeyn;— Höhlen, nicht einmal Hütten, ohne Thüren und Fenſter, von rohen Baum⸗ ſtämmen aufgezimmert, den Kamin durch ein paar auf und über einander gelegte Steine gebildet, von Menſchen bewohnt, die Wilden ähnlicher ſahen, als Bürgern einer großen Republik, die ſich ſo eben von dem mächtigſten Reiche der Welt frei gemacht;— im Winter in Thierfelle gehüllt, von Rauch und Ruß angeſchwärzt, im Sommer halb nackend. Alles fand ſich da zuſammen, Amerikaner, Engländer, Schott⸗ länder, Irländer; vorzüglich aber Deutſche.“ „Dank ſey es unſerem übel verſtandenen Cosmo⸗ — e 123 e— politismus, der allem Auswurfe Europas Thüren und Thore öffnet,“ entgegnete Morton. „Geduld!“ verſetzte der Oberſt.„Unſer Penſyl⸗ vanien kam mir wirklich vor wie ein Kramladen, wo Alles ſich findet, Schwefelhölzer, Stiefel, Schuhe, Butter, Nankin, Kaffee, Zucker, mit Speck und Käſe; kurz, wie jener Franzoſe ſagt, wir hatten de rebus omnibus et quibusdam aliis. Wir nahmen, wie Krämer, Alles in unſerem Laden auf, die Zeit ab⸗ wartend, es wieder an Mann zu bringen. Und Mister Morton, dieſe Krämerpolitik war ſo ſchlecht nicht, als Sie glauben mögen; gar nicht. War eine geſunde Krämerpolitik, und ein Glück für uns, daß wir ſie nicht für das Großhandlungsſyſtem aufgaben.“ „Wie verſtehen Sie dieß, Oberſter?“ fragte Morton. „Sehen Sie, die Adams, die Hamiltons und Kom⸗ pagnie wollten eine Großhandluug etabliren, das heißt, eine Centralregierung. Washington, der von einer ſehr angeſehenen Familie abſtammte und ſich be⸗ reits vor dem Ausbruche des Krieges unter Bradock*) *) Bei Pittsburgh, wo der engliſche General Bradock mit ſeinem ganzen Korps von den vereinigten Indianern und Fran⸗ zoſen erſchlagen worden. Washington, der als Oberſter die —=0 124— ausgezeichnet hatte, deſſen Erziehung und Neigungen daher gleichfalls ariſtokratiſch waren, lehnte ſich ſtark auf dieſe Seite, die, wie geſagt, eine ſtarke Regierung wollte, die fähig wäre, dem Auslande zu imponiren und im Innern mit dem nöthigen Anſehen aufzu⸗ treten.“ „Ein Wunſch, den auch ich— „Geduld!“ ſprach wieder der Oberſte.„Sie woll⸗ ten ſtark ſeyn die Adams, Hamiltons und ſo fort;— nicht umſonſt ihr Gut und Blut aufgeopfert haben, verſtehen Sie, ſondern ihre Verdienſte um das Land auch auf ihre Nachkommenſchaft zu vererben Gelegen⸗ heit haben. Dazu bot natürlich eine ſtarke Regierung die beſte Gelegenheit dar; denn durch ſie konnte man Aemter begründen, feſten Fuß in der Gewalt faſſen, allmälig eine Ariſtokratie des ſogenannten Verdien⸗ ſtes gründen, aus der ſich die Ariſtokratie der Geburt hernach von ſelbſt ergab.“ Der Jüngling ſchüttelte ungläubig das Haupt. „Ich hatte Gelegenheit, ihr Spiel zu beobachten, Arrièregarde kommandirte, und gegen deſſen Rath Bradock in das heute ſo genannte Bradocksfeld hinabgezogen war— rettete ſeine Abtheilung durch einen geſchickten Rückzug. —= 125 6— beſonders das von Hamilton, der, ſo wie der Krieg vorbei war, auf einmal zu einem außerordentlichen Anſehen gelangt war. Das war ihr Held— war eine Importation von England, ein verkappter Tory und Liebling der ſogenannten guten Familien; ſein erſtes und letztes Wort war: Eine ſtarke Regie⸗ rung, oder wie wir es jetzt nennen, Centralität. Nun iſt aber eine Centralregierung eine, wo die Leute thun müſſen und laſſen müſſen, nicht was ſie wollen, ſondern was die Regenten wollen, und eine demokra⸗ tiſche hinwiederum, wo die Regenten thun müſſen und laſſen müſſen, was den Regierten, dem Volke, der Nation gefällig iſt. Sehen Sie, in dieſen zwei Par⸗ ticipien, das eine aktiv und das andere paſſiv, und ihrem wechſelſeitigen Thun und Wollen, liegt der ganze Unterſchied der verſchiedenen Regierungen. Glücklicherweiſe hat das Aktiv im Volke den Sieg errungen. Wäre dieß nicht der Fall, glauben Sie, die Vereinigten Staaten, und Penſylvanien inſonder⸗ heitlich, würden ſeyn, was ſie ſind. Pah, es würde ſeyn, was die innern Steppen Rußlands noch heut zu Tage ſind, und würde es bleiben; denn merken Sie wohl, wenn ich zwiſchen Regenten zu wählen —= 126 6— habe, dann will ich lieber Einen, und zwar einen ſtarken, nicht aber dreihundert; will lieber Ruſſe, als Irländer ſeyn.“ Der Oberſte hielt inne. „Unter einer Regierung nach dem Plane Adams und Hamiltons würden die großen Familien größer geworden ſeyn, das iſt wahr; aber auf Unkoſten von tauſend, von Millionen kleinern. Es würden Paläſte, Regierungsſitze erſtanden ſeyn; aber von lauter Froh⸗ nen würden die Leute nicht Zeit gehabt haben an ihr eigenes Haus zu denken. Dieſer Hamilton wurde erſchoſſen,*) freilich von einem ſchlechten Manne; aber um das Volk hat er nichts Beſſeres verdient; war ein engliſcher Tory; und von England kommt für Amerika nichts Gutes. Dieſe Herren wollten die Vereinigten Staaten zu einer Art Domäne erheben, die ſie und ihre ſogenannten guten Familien ausbeuten möchten; da kam aber Ihr Großonkel und der große Franklin und ſeine verbündeten großen Geiſter,— und die Kartenhäuſer zerſtoben, und Amerika wurde, was es ſeyn ſollte, ein Land der *) Im Duell, vom Oberſten Burr, ſpäter Vicepräſidenten der Vereinigten Staaten, und des Hochverraths angeklagt. —= 127— Freien, das frei zu machen die ganze civiliſirte Welt mitgeholfen hatte, und das nun zu ſehen eine wahre Wolluſt für den Menſchenfreund iſt.“ „Ja, lieber Morton!“ fuhr der Oberſte fort.„Eine Freude iſt unſer Land für den Menſchenfreund, für den denkenden Beobachter jeder Nation, ohne Unter⸗ ſchied— ein Triumphbogen— eine fortlaufende Kette von Triumphbögen, gegen welche die der alten Römer, die der gekrönten Häupter in Schatten ver⸗ ſinken.“ Der Jüngling ſah den alten Deutſchen ſtarr an; denn ſeine Miene hatte einen Anflug von Begeiſte⸗ rung angenommen. „Ja, lieber Morton,“ fuhr der Oberſte in demſel⸗ ben Tone fort;„Tauſende von Amerikanern ziehen, fahren, reiten auf dieſer— und der ſüdlichen Straße durch Penſylvanien, ohne daran zu denken, daß ſie auf einer Triumphſtraße wandeln, auf einer Straße, auf die ſie ſtolzer ſeyn mögen, als der alte Römer auf ſein Pantheon und Colloſſeum, der Franzoſe auf ſein Louvre und Muſeum.“ Und abermals ſah der Jüngling den Alten befrem⸗ —" 128— det an. Die ex tempore Extaſe ſtand dem Manne mit ſeinen ſchneeweißen Locken ſo ſeltſam. „Sehen Sie,“ nahm der Oberſte wieder das Wort; „dieſe Tauſende von Landhäuſern, dieſe Städte und Moomenſttze kannte ich wie ſie noch Wald und Wild⸗ niß waren, in die ſich hie und da eine Hütte hingeni⸗ ſtet hatte. Dieſe Hütten waren von armen deutſchen Redemtioniſten bewohnt, die ihre Dienſtzeit ausge⸗ halten, und ſich nun ein Stück Landes auf eigene Rechnung anbauten. Es waren blutarme Leute, die ihre Paſſage nicht bezahlen konnten, und deßhalb ver⸗ kauft worden waren; die großentheils in demſelben entblößten Zuſtande herüber kamen, in dem Sie geſtern die armſelige Bettlerfamilie ſahen. Ihre Herren, denen ſie treu gedient, unterſtützten ſie, als ihre Dienſtzeit vorüber war; und ſofort begannen ſte eigene Wirthſchaft. Aber wären ſie auch noch tau⸗ ſendmal mehr unterſtützt worden, es würde nichts in einem centralen Lande geholfen haben. Nur in einem Lande, wo Jeder gänzlich frei, die Früchte ſeiner Ar⸗ beit auch ganz zu eigenem Gebrauche verwenden kann, nur da arbeitet es ſich mit Freuden. Und mit Freuden arbeiteten dieſe Deutſchen. Ich ſah es. Sie arbeiteten —=9 129 6— wie die Thiere; und die Früchte ihres Fleißes wurden ſichtlich geſegnet. Aber doch würde ihnen dieß nicht zum amerikaniſchen Bürgerthume verholfen haben; denn auch in den Ländern des alten Europa gibt es Koloniſten, die reich und deren Kolonie blühend ge⸗ worden, die aber deſſen ungeachtet Koloniſten bleiben, Unterthanen bleiben, an der Staatsgewalt keinen Antheil haben. So würden dieſe armen Deutſchen in jedem andern Lande der Welt, ſelbſt der ſogenannten freien Schweiz, geblieben ſeyn, als was ſie ankamen: Koloniſten, Unterthanen, die ſich nie zur Gleichheit mit angeſehenen Staatsbürgern, den Großen— Ba⸗ ronen des Reiches aufſchwingen können. Hier aber, Mister Morton, konnten die armen deutſchen Redem⸗ tioniſten dieß; hier wurden ſie freie Bürger der Staa⸗ ten; nicht nur Bürger, ſondern Mittheilhaber an der ſouveränen Gewalt des Staates; nicht nur Mittheil⸗ haber, ſondern wirkliche Staatslenker und Regenten. Der Großvater meines Schwiegerſohnes, eines Mit⸗ gliedes des Kongreſſes, war ein ſolcher Redemtioniſt, und ſein Enkel hat die Tochter eines deutſchen Frei⸗ herrn zur Ehe, die ſich geehrt in dieſem Verhältniſſe —= 130 6— fühlt. Hundert ähnliche Beiſpiele könnte ich Ihnen anführen.“ Wieder eine Pauſe.— „Dieſe lieblichen Landſitze, mit allen Benurmüic⸗ keiten des Lebens ausgerüſtet, die Sie zu Tauſenden hier ſehen, dieſe gehören Amerikanern, deren Väter und Großväter arme deutſche Redemtioniſten waren, und die heute aus ihrer Mitte den Gouverneur, die Senatoren und Repräſentanten eines Staates wählen, der an Macht und Reichthum mit vielen europäiſchen Königreichen wetteifert. Wohlverſtanden, Mister Morton, ſie, die Abkömmlinge dieſer Redemtioniſten, wählen und geben nach dem Principe der Majorität den Ausſchlag, während die Söhne derſelben ameri⸗ kaniſchen Väter, denen die ihrigen als Sklaven dien⸗ ten, ihrem Ausſpruche und den von ihnen gegebenen Geſetzen gehorchen. Junger Mann! in dieſem Wechſel liegt etwas Großes, etwas Erhabenes, etwas, das die Geſchichtsblätter der Menſchheit nicht zweimal aufweiſen können! Es iſt dieß der Triumph der amerikaniſchen Staatsphiloſophie, der wahren und einzigen Staatspolitik, ächter amerikaniſcher Staats⸗ politik, gegen welche die gerühmte Politik der Alten — 131— Tyrannei iſt. Und das war die Politik eines Frank⸗ lin, eines J— n, Ihres Großonkels, ihre Schöpfung dieſes prachtvolle Land, durch ſie zur Triumphſtraße erhoben, auf welcher die Humanität über die in uns inwohnende Selbſtſucht den Sieg davon getragen hat.“ „Ja wohl mag Amerika auf ſein Penſylvanien ſtolz ſeyn. Das iſt ein anderes Verſailles, als das von dem prunkliebenden, eiteln grand monarque gebaute. Der Oberſte hielt inne und faßte während der Pauſe die Hand des Jünglings. „Sehen Sie, lieber Morton— und wegen dieſer Verläugnung der uns ſo tief ins Herz gegrabenen Selbſtſucht— dieſer Verläugnung zum Beſten der Menſchheit— wegen dieſer großherzigen Politik des Großonkels iſt mir der Großneffe auch dann noch theuer— wenn er— ſtrauchelte.“ „Aus dem Chaos hat ſich die Harmonie des Welt⸗ alls entwickelt, und aus dem Chaos unſerer urſprüng⸗ lichen bunten Bevölkerung erſtand die glorreiche Har⸗ monie, die wir nun ſchauen. Wehe uns aber, wenn wir in erſtarrender Selbſtſucht unſere Geſtaltung ver⸗ geſſen! Wehe unſern Kindern, wenn ſie von dieſer —= 132— großartig humanen, wahrhaft chriſtlichen Staats⸗ politik ſich entfernen!“ Sie fuhren jetzt in Betlehem ein, und ſtiegen vor dem Hotel gleichen Namens ab. „Nehmen Sie dieß,“ ſprach der Oberſte.„Der Brief iſt an den alten Stephy. Er wird Ihnen nütz⸗ lich ſeyn. Dieſes kleine Andenken von Mistriß Isling wird Ihnen Reiſegeld liefern. Und nun leben Sie wohl! Sie ſehen, die Mail für Philadelphia iſt vor dem Poſthotel. Und wenn Sie wieder einem armen Einwanderer begegnen, wie dem ge⸗ ſtern, ſo ſchenken Sie ihm einen freundli⸗ chen Blick um des alten Oberſten Isling wil⸗ len.“— Und ehe der Jüngling ein Wort erwiedern konnte, war der alte Deutſche wieder im Wagen, der raſch wandte und auf der Straße nach Harrisburgh zurück⸗ rollte. — 133 6— VI. Das Lever des alten Stephy oder WE ARE IN A FREE COUNTRV. „Das ſoll alſo der Talisman ſeyn, der uns mit dem Leben wieder verſöhnt?“ murmelte Morton, als er den folgenden Tag um neun Uhr Morgens halb gerädert von der Mail ſtieg, und ſeinen Reiſegefähr⸗ ten— zwei Freunden*), einer Freundin, drei Far⸗ mers und eben ſo vielen Farmerinnen— mit ver⸗ biſſenen Lippen ſeinen Abſchiedsgruß zunickte, und dann das Sendſchreiben aus der Taſche zog, das den griesgramigen alten Stephy freundlich umſtimmen ſollte. „Pah, wollen ſehen— wird uns doch nicht freſ⸗ ſen? leben ja in einem freien Lande!“ Und ſo ſagend, ſchlenderte er, den Hut tief in die Stirn gedrückt, beide Hände an den Rocktaſchen hal⸗ tend, wie Failliten zu thun pflegen, der Bank zu. Er *) Quäker— nennen ſich ſelbſt friends, Freunde. Morton. I. 10 — 134— hatte Marketſtreet durchgeſchnitten und bog nun in Chesnutſtreet ein. „Georgiana!“ rief er auf einmal, und beide Hände ausbreitend, ſtürzte er auf die holdſelige Geſtalt zu, die in purpurfarbiger Robe, Prunelleſchuhen und Hermelin⸗Peliſſe vor ihm hinaufſchwebte, und bei ſeinem Anblicke mit einem lauten Schrei in dem Eck⸗ hauſe verſchwand. Er ihr nach. „Aber Mister! was iſt nur gleich Ihr Name?“ kreiſchte ihm eine klapperdürre, ſogenannte Help*) entgegen, die einen Korb mit Gemüſe und Fleiſch in der einen Hand, einen mit Fiſchen in der andern, den letztern auf dem Corridorteppiche niederließ, und ſich mit wahrer Philadelphia⸗Grazie den Spitzenſchleier aus dem Geſichte ſchlug. „Was mein Name iſt? Ihr alte Närrin!“ „Alte Närrin! ſeht einmal— da den Mister Morton. Alte Närrin!“ ſchrie die Help, indem ſie des zweiten Korbes ſich gleichfalls entledigte, und nachdem ſie den Schleier nochmals über den Hut *) Help— Aushelferin, wie ſich die amerikaniſchen Dienſt⸗ mägde ſelbſt nennen. —= 135— geworfen, beide Hände in die Seite geſtemmt, dem unglücklichen Morton zu Leibe rückte.„Alte Närrin! und das von Einem, der ſich im Delaware— 4 Der laute Wortwechſel hatte die Dame vom Hauſe aus ihrem drawing-room gezogen. Sie erſchien, mit einer ſchwarzſeidenen Schürze angethan, in der einen Hand die Sticknadel, in der andern ein Kinderhäub⸗ chen für die benevolent Society*) haltend. „Aber mein Gott! welcher Lärm, Sir oder Mister! wie ſoll ich Ihr Benehmen verſtehen? finde dieß wirk⸗ lich ſehr ſonderbar, außerordentlich ſonderbar, Sir oder Mister!“ ſprach Mistreß M—gh. Der Jüngling ſtand wie verſteinert; ohne eine Wort hervorzubringen, glotzte er die Mistreß an, ſchlug dann die geballte Fauſt vor den Kopf, trat einen Schritt zurück, und die Mistreß warf ihm mit milder Gelaſſenheit und den ſanften Worten:„Miß Georgiana iſt für Sie nicht ferner zu Hauſe,“ die Thüre vor der Naſe zu. Er lachte ſo laut, daß die Vorübergehenden vor dem Hauſe ſtehen blieben. *) Damen⸗Comité zur Unterſtützung Hülfsbedürftiger. 10* —= 136 6— „Habe ja vergeſſen, daß ich arm bin!“ murmelte er ſich zu. Und es wurde ihm ſo trübe und ſo weh vor den Augen und in der Seele, und Sehnſucht und Schmerz zerriſſen ſo wüthend ſein Inneres, daß er beſinnungslos an die Ecke des Hauſes hinfiel. „Morton, Du noch am Leben. Alle T—ll dachte, wäreſt bei dieſer Zeit von einem Dutzend Porpoiſen in Beſitz genommen, oder einem Seeadvokaten!“*) ſchrie es auf einmal ihm zur Seite, und der prächtige John Smith ſtand vor ihm, ihm in das Geſicht la⸗ chend, einen Pack Banknoten in der Hand, die er, der Sohn des ſteinreichen Schuhmachermeiſters Samuel Smith, ſo eben aus der Bank gelöſet hatte.„Höre Morton!“ rief der Abkömmling des Leiſten,„ſind heute bei Blackſtones, prächtige Geſellſchaft, die ganze Wiſtarpartie mit ihren Familien. Schadel! verteufelt ſchade! daß Du nicht mit kannſt. Sind ſo verdammt religiöſe Leute, die Blackſtones; Deine Delaware⸗ Geſchichte— ſie degoutirt ſehr, auf Ehre! Deine Delaware⸗Geſchichte— ſehr.“ *) Haifiſche werden in der Seemannsſprache sealawyers, Seeadvokaten, genannt. —= 137— „Geh' zur Hölle mit Deinen Blackſtones, ver⸗ dammter Schuſterjunge!“ ſchrie Morton. „Beim Teufel, Der hat Feuer im Leibe! Iſt aber arm, bettelarm; wäre nicht der Mühe werth, ihn zu fordern,“ meinte Smith, der ſich ſchneller zurückzog, als er gekommen war. „Morton!“ rief es abermals von Unitedstates- Hotel herauf,„Morton! willſt Du Deinen Cyrus verkaufen? Gebe Dir zweihundert Dollars Cash*), auf Ehre. Armer Junge, brauchſt ohnedem Geld. Zweihundert Dollars, willſt Du? Cash!“ „G— d d- n ye to hell?“ murmelte Morton, und ohne den Anbietenden eines Blickes zu würdigen, rannte er wie wahnſinnig die Straße hinab. Er war an der Ecke von Secondſtreet angekommen, als ein ſchallendes Gelächter, das nur einige Schritte von ihm zu hören war, ihn abermals feſtbannte. „Und was treibt denn Ihr da Beide? Gentlemen! Gentlemen! Tagdiebe, ſollte ich ſagen,“ trompetete eine ſchrille, barſche Stimme mit franzöſiſchem Ac⸗ cente zwei confiszirten iriſchen Phyſtognomien zu, *) Baares Geld. — 138 6— die ſich dem beliebten Farniente vor einer der beſuch⸗ teſten Whiskyſchenken in beſagter Secondſtreet über⸗ ließen. Die ſonderbare Anrede mit dem ausländiſch pikan⸗ ten Accente, der ſich nicht einmal die Mühe geben zu wollen ſchien, ſeinen exotiſchen Urſprung zu verhehlen, hatte die Emeraldsſöhne recht poſſierlich aus ihren iriſchen Träumen aufgerüttelt. Sie ſahen den Mann mit einem Blicke an, der in Zweifel ließ, ob er von einem bloßen Fauſtkniffe, oder einem regulären Aus⸗ falle begleitet werden würde. Der Mann ſah ſonderbar aus. Ein kaſtanien⸗ braunes, olivengrünes Ledergeſicht, mit einer ſcharfen, einigermaßen gerötheten Naſe, und einem Paar Au⸗ gen, die dem leibhaften Gottſeybeiuns anzugehören ſchienen; denn ſie bohrten Euch in das Mark und die Knochen hinein. Ein alter Mann, aber rührig, in einem blauen Mitteldinge zwiſchen Seemannsjacke und Rock, ein Paar Matroſen⸗Inerpreſſibles, einem vielſeitigen Hute; die ganze Garderobe wie eine Windfahne um ſein Ich ſpielend, und nichts weniger als zierlich oder ſorgfältig gehalten, ſonſt aber von den feinſten Stoffen, und für einen Schiffsmäkler —= 139— nicht übel paſſend. Er hielt mehrere offene Briefe in der Hand, die er wechſelsweiſe las, und wieder die beiden Iren anſchaute. „Wird's werden mit der Antwort?“ fragte das Original die beiden Iren, die ſich um die Wette hin⸗ ter den Ohren kratzten. „Nathing Master— Nathing Master to ye;“*) knarrte der Eine und dann der Andere der beiden Erinsſöhne, in barſchem Dialekte von Kildare. „Hein! Notting?“ wiederholte der Mann im fran⸗ zöſiſchen;„Notting? ſagt Ihr?“ ſchrie er ein drittes Mal, und ſeine barſchen, ſchwarz braunen und oliven⸗ grünen Geſichtszüge nahmen einen Ausdruck von Laune an, der ſchwer zu beſchreiben wäre.„Notting?“ wiederholte er,„wißt Ihr aber auch, daß Notting weniger als wenig, gar nichts iſt, und daß aus Nichts wieder Nichts wird? Wißt Ihr, daß Ihr für Nichts hier auch wieder Nichts erntet, nicht einmal eine Gill Whisky? und daß Ihr folglich ſtehlen müßt, und daß wir— obwohl wir keinen Galgen für Diebe— doch eine neue und eine alte Penitentiary, oder vielmehr *) Im iriſchen Aecente ſtatt Nothing Master— Nichts, Meiſter. Nichts, das Euch anginge. — 140 6— eine Staatspriſon*) haben, die, im Vorbeigehen ſey es geſagt, uns mehr Geld gekoſtet, als alle ſolche Taugenichtſe in der Welt, wie Ihr ſeyd, werth ſind. Mein Gott! der alte Lafayette hatte ganz recht, als er ſagte, unſere Galgenvögel ſind koſtſpieliger logirt, als die Fürſten des alten Europa. Hein, Sirs! Und wißt Ihr, daß wir Nichtsthuer nicht brauchen können, und daß Ihr zu Hauſe geblieben ſeyn ſolltet, wenn Ihr ſtehlen und Nichts thun und gehängt werden wollet? Hein?“ „Now by Jasus!**) rief der eine Ire,„by all the powers!“ der Andere, indem ſie ihre Arme in die Seite ſtemmten und drohend gegen den Alten anrück⸗ ten.„Now by Jasus!“ ſchrieen ſie ſtärker, und ihre Augen begannen auf iriſch trunkene Weiſe zu glotzen, und ſie ſtierten den Mann an mit einer Miene, die Dieſen laut auflachen machte.„Now by Jasusle- riefen die Beiden zum dritten Male.„Now we are in a free country.“ *) Das ſchloßartige Staatsgefängniß eine Viertelmeile ober⸗ halb der Shuilkill⸗Waſſerwerke. **) Nun bei Jeſus und allen Mächten!— ein gewöhnlicher iriſcher Ausruf —= 141 6— Und der Alte brach bei dieſen Worten in ein un⸗ bändiges Gelächter aus. Wohl an die zwanzig Perſonen hatten ſich um den ſonderbaren Alten geſammelt; ſte waren nicht mit der Haſt gekommen, mit der müßige Gaffer von den Ecken der Straße herbeieilen, um lieben Zeitvertreib um⸗ ſonſt zu haben; im Gegentheil, es waren meiſtentheils ſogenannte geſetzte Männer, die ſchmunzelnd ſich ge⸗ nähert hatten, mit all dem gelaſſenen Anſtande, den wir an Bewohnern der Bruderſtadt kennen. Auch hatte ſich Keiner dem Geſichtskreiſe des unruhigen Alten genähert, ohne dem ſeltſamen Manne ſeine ſteife Begrüßung darzubringen, die Dieſer annahm, wie ein Souverän die Huldigungen ſeiner lieben Ge⸗ treuen annimmt. „In a free country?“ lachte der Alte fort.„In a free country? Free to starve I say.*) Ich ſage — ah, Mister Morton!— Capitän Morton ſollte ich ſagen, haben noch ein⸗ bis zweihundert Dollars bei uns. Ein Haben, verſtehen Sie— in unſern Büchern, von ein⸗ bis zweihundert Dollars; dagegen *) In einem freien Lande? In einem freien Lande? Frei vor Hunger zu ſterben, ſage ich Euch. —= 142 6— iſt ein fatales Soll auf der andern Seite, ſo ein Fünfzigtauſend. Hein!“ Dieſe Worte ſprach der Alte im reinſten Fran⸗ zöſiſch. „Thut mir leid, ſehr leid,“ hob er wieder an; „kann aber nichts weiter thun— nichts weiter thun, haben nichts mehr in unſerer Bank. Thut mir ſehr leid, ſehr leid.“ Und während der Mann ſo ſprach, glänzten und funkelten die nußbraunen Augen in ſo hölliſcher Freude, und ein dämoniſches Lächeln überflog ſo grauſig die bleichblauen Lippen, daß der Jüngling das dargereichte Schreiben ſcheu zurückzog und den Mann entſetzt anſchaute. Es kam ihm vor, als ob ihn die Dämone der Hölle aus dieſem dämoniſch lachenden Geſichte angrinzten. Der Alte hatte ihn feſt im rollenden Auge behal⸗ ten, und jede ſeiner Zuckungen ſchien ſeinen hölliſchen Triumph zu ſteigern. Auf einmal haſchte er nach dem Briefe, warf einen Blick auf die Adreſſe und riß ihn auf. Wie Blitze durchzuckte es das Geſicht des Alten, als er das Schreiben überflog.„Halt, Mister — 143— Morton!“ raunte er dem Jünglinge in franzöſiſcher Sprache zu.„Wir haben ein Wort mit einander zu reden.“ Dieſer antwortete durch eine mechaniſch zuſtim⸗ mende Verbeugung. „Haben ein Wort mit einander zu reden,“ raunte ihm der Mann nochmals zu.„Vielleicht läßt ſich etwas für Sie thun, wenn Sie nämlich ſelbſt thun wollen. Zweifle nicht— iſt Thätigkeit, Thatkraft in dieſem Geſichte; verſpricht viel, ſehr viel; zwar raſch, waghalſig, lordmäßig, Alles auf einen Wurf geſetzt; aber vielleicht läßt ſich irgend etwas ausfindig machen, wo ein ſolches Temperament gerade taugt— viel⸗ leicht, vielleicht. Hein! Wollen ſehen, wollen ſehen!“ Und indem der alte Franzoſe die Worte ſo mehr herausſtieß als redete, ruhte das pfeilartige Dämons⸗ auge wieder mit einem Ausdrucke von Wohlwollen auf dem jungen Manne, der ſelbſt den Umſtehenden nicht entging.„Ah, Mister Morton!“ flüſterten ihm der Eine und der Andere zu, nder alte Stephy iſt in guter Laune, in guter Laune der alte Stephy. Iſt ein Teufelskerl der alte Stephy, wenn er in guter Laune iſt. Hämmern Sie das Eiſen, ſo lange es — 144— glühend iſt. Schneiden Sie Pfeifen, ſo lange ſte im Rohre ſitzen. Er kann Einen aus dem Schlamme ziehen.“ Und wieder bohrten des Alten Augen in das Schrei⸗ ben, und dann muſterte er mit einer Art Wolluſt im Blicke die herrlichen Formen des Jünglings. „Pah,“ und er wandte ſich auf einmal zu den bei⸗ den Irländern,„wollt Ihr arbeiten?“ Die Bewegung war ſo abrupt ächt franzöſiſch, daß die Irländer mit offenen Mäulern vergebens Worte ſuchten. „Wenn wir etwas zu arbeiten bekommen, Your anar!“*) ſchnarrte endlich der Vorderſte, indem er die eine Hand an den Hut legte, und ſich mit der an⸗ dern wieder hinter den Ohren kratzte. „Wie lange ſeyd Ihr im Lande?“ fragte der Alte barſch und mit herriſcher Stimme. Die freundliche Laune hatte einer finſtern Wolke Platz gemacht. „Nicht lange genug, um verhungert zu ſeyn, wohl aber, uns einen tüchtigen Schnupfen auf nüchternen Magen zugezogen zu haben,“ knarrte der eine Irländer. *) Your honour— Euer Wohlehren. — 0 145 6— „Nüchterne Magen, Ihr verſoffenen Schweine!“ entgegnete der Alte, indem er mit einer Tournure, die einem Tanzmeiſter Ehre gemacht haben würde, ſich dem nächſten der beiden Iren unter die Naſe drehte, augenblicklich aber wieder mit allen Abzeichen von Eckel zurückprallte.„Pah, mit Dir wird nicht viel werden, das ſehe ich ſchon; mit Deinem Kameraden vielleicht. Nun— wollen es verſuchen.“ „Davy!“ ſprach der halb über Bord ſchwebende Irländer,„Davy!“ wiederholte er, wie träumend ſich bald hinter dem rechten, wieder hinter dem linken Ohr kratzend.„By Jasus, Davy, and arr we rially in a free cahntry?“*) Und der Alte lachte wieder laut, und winkte dann den Beiden, ihm zu folgen. Er ſelbſt ſchritt voran, bald im Doppelſchritte, bald wieder ſtille haltend, und wechſelsweiſe eines der Schreiben leſend, ihm zur Seite Morton, hintendrein die Irländer, einer am Schlepptaue des Andern, verblüfft die Grüße der Vorübergehenden links und rechts erwiedernd und laut ſchreiend: ») Bei Jeſus, David! und ſind wir wirklich in einem freien Lande? —=0 146 6— „By Jasus! if them Philadelphians arnt the civillest, gentillest people? Thank ye, gentlemen! Many thanks to ye!“*) Es war ein drolliger Zug. Der Alte hielt endlich vor einem anſehnlichen Hauſe, das, nahe am Werfte gelegen, mit dieſem ſelbſt in Verbindung ſtand. Auf der einen Seite war eine ſtarke Bootsladung Backſteine aufgeſchichtet, auf der andern Ballen und Fäſſer, Campeachy⸗Holz und Kolonialwaaren aus allen ſüdlichen Weltgegenden. Er ſetzte ſeinen Fuß auf die Backſteine und ſtand einige Zeit in Nachdenken verſunken. Auf einmal wandte er ſich rum zu den beiden Irländern. „Pah, Ihr wollt arbeiten? Hein! Wollen ſehen. Tragt dieſe Backſteine hier auf die andere Seite des Hauſes; berührt mir aber die Ballen und Fäſſer nicht.“ 3 Die beiden Iren ſahen ſich einander verdutzt an. „Und iſt das Alles?“ fragte endlich der Eine kopf⸗ ſchüttelnd. „Tragt dieſe Backſteine hier auf die andere Seite *) Bei Jeſus! wenn die Philadelphier nicht die höflichſten, artigſten Leute ſind! Dank Ihnen, Herren! Vielen Dank!* 8 — 147— des Hauſes, berührt mir aber die Ballen und Fäſſer nicht,“ wiederholte der Alte, und, als hätte er den beiden Irländern nun bereits zu viel von ſeiner Zeit gewidmet, wandte er ſich von ihnen, ohne ſie eines fernern Blickes zu würdigen. Sie zogen die Fragmente ihrer Röcke vom Leibe, und begannen ihre Arbeit. Der Alte war raſch in das Haus eingetreten, in deſſen Vorhalle und Corridor Kiſten, Päcke und Päckchen, Fäſſer und Fäßchen in Unzahl lagen und ſtanden; dazwiſchen Commis und Handlungsdiener von allen Farben und Größen, die wie in einem Bienenſchwarm zu⸗ und abliefen. Er warf einen flüchtigen Blick in einen geräumigen Saal, in dem mehrere Schreiber ſaßen, in einen zweiten und dritten, rannte wieder zurück, und trat in eine Thüre auf die entgegengeſetzte Seite des Corridors. Sie führte in ein geſchmackvoll ſolid— aber nichts weniger als reich ausmeublirtes Parlour, mit türkiſchen Teppichen, Acajou⸗Meublen, mehrern Sophas und Tiſchen, auf denen wohl an die vierzig Zeitungen, Broſchüren, Courantzettel und andere Papiere lagen. Mehrere Perſonen ſaßen und ſtanden um den Tiſch herum und — b 148 6— in den Fenſterbrüſtungen, leſend und ſich unterhal⸗ tend. Alle unterbrachen jedoch ihre Unterhaltung bei dem Eintritte des Alten, den ſie auf eine geſpannt achtungsvolle Weiſe begrüßten. Er ſelbſt hatte auf ſeine Gäſte kaum einen flüchtigen Blick geworfen, als ſich ſein ganzes Weſen auch auf einmal veränderte. Seine beweglichen Züge, aus denen franzöſiſche Raſchheit nicht ganz undeutlich herausgeleuchtet, hat⸗ ten etwas ernſt Stolzes, ja Steifes, etwas Höfiſches angenommen, und die wenigen Schritte die er durch den Saal machte, geſchahen ganz mit der Bewegung eines Mannes, der ſich außerordentlicher Gewalt be⸗ wußt iſt. Er warf den Kopf leicht in die Höhe, als er an die Thüre eines Kabinetes kam, und, mit einer kurzen Verbeugung an ſeine Gäſte, öffnete er die Thüre, machte Morton ein Zeichen, einzutreten, und winkte ihm auf einem Fauteuil vor dem Kamin Platz zu nehmen. „Auf meinem Fauteuil, Mister Morton!“ ſprach er in das Kabinet hinein;„verſtehen Sie— nicht auf dieſem da; der iſt für andere Leute.“ „Und Sie, Gentlemen!“ wandte er ſich an die — e 149 6— Gäſte,„treten Sie ein, in der Ordnung, in der Sie angekommen ſind.“ Und mit einer nochmaligen Verbeugung in den Salon hinein, ließ er die Thüre offen und trat in das Kabinet an die Seite Mortons. Ihm folgte ein Mann, in den ſogenannten geſetzten Jahren; ein ſonn⸗ und wetterverbranntes Geſicht, mit der ſchwe⸗ ren, aber freien Seemannsphyſiognomie, voll von jener Kraft, Stärke und Härte, wie wir ſie auf un⸗ ſern Werften ſehen. „Ah, Capitän Bullock! Seyen Sie mir willkom⸗ men!“ begrüßte ihn der Alte. Der Capitän trat feſten, zuverſichtlichen Schrittes an ihn heran, und verneigte ſich mit einem„guten Morgen, Mister G— d!“ „Guten Morgen, Capitän Bullock! guten Mor⸗ gen! Alles abgemacht in dem Cuſtomhouſe*)— haben Sie, Capitän?“ fragte der Alte freundlich. „Ah, Capitän!“ fuhr er in demſelben zutraulich⸗ ſchmeichelhaften Tone fort;„ſind ſechs Jahre in mei⸗ nen Dienſten— Anſtellung, ſollte ich ſagen; vergeben *) Zollhaus....... Morton. I. 11 —=0 150— Sie; ſind wohl zu gebrauchen geweſen. War zufrie⸗ den. Waren Einer meiner beſten Oſtindienfahrer, Einer meiner beſten Oſtindienfahrer; haben mir in fünf Fahrten nicht mehr als drei Maſte und ein Ru⸗ der ruinirt, und das will viel ſagen. Iſt ſehr ſtür⸗ miſch die See um das Cap der guten Hoffnung.“ „Und böſe Winde,“ fiel der Capitän ein. „Böſe Winde, richtig Capitän. Waren, wie ge⸗ ſagt, Einer meiner beſten Oſtindienfahrer.“ Und indem er ſo ſprach, zog er an der Klingel. Es trat ein Buchhalter ein, die Feder zwiſchen den Ohren. „Ah, Mister Cartwright!“ ſprach er zu dem Ein⸗ tretenden.„Bringen Sie mir Etwas für den Capi⸗ tän Bullock?“ Und ſo ſagend, kreuzte er die Hände, und ging raſch einige Male im Kabinete auf und ab. Der Buchhalter war wieder gekommen, ein offenes Papier in der Hand. „Ah, Mister Cartwright! da bringen Sie alſo Etwas für Capitän Bullock.“ „Mich freut es,“ erwiederte der Seemann,»wenn Mister G— d wohl zufrieden iſt.⸗ — 151— „Ganz zufrieden, wohl zufrieden, bis auf Einen Punkt. Wohl, Buchhalter, Sie haben gebracht— haben Sie? Nehmen Sie, Mister Bullock; nehmen Sie, es iſt Ihre Abfertigung. War mit Ihnen zu⸗ frieden, ſehr zufrieden, bis auf Einen Punkt. Sie waren in meinem Dienſte.“ Dieſe Worte waren betont geſprochen. Der Capi⸗ tän ſchaute hoch auf. „Kann Sie nicht mehr brauchen, Mister Bullock. Brauche Leute, die meinen Ordres und Inſtruktionen pünktlich nachleben, die Raiſon gelernt haben, und nicht thun, was ſie wollen. We are in a free coun- try, aber meine Schiffe ſind nicht a fcee country; und wären ſie es, würde ich ſie heute noch alle zwan⸗ zig verbrennen laſſen.“ „Aber, mein Gott, Mister!“— „Pah, Mister— Jeder Teufel iſt hier Mister.— Ich bin aber Meiſter— Meiſter meiner zwanzig Schiffe. Hein! Können ſich um eine andere Anſtel⸗ lung umſehen. Hier iſt Ihre Abfertigung auf Cent und Dollar.“* „Aber, Maſter!“ ſchrie der vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben geängſtigte Seemann. 11* — 0 152 6— „Pah, Maſter und wieder Maſter— Wer hat Ihnen erlaubt, mir da einen Schwarm Nichten und Neveus und Baſen, und wie all das Geſindel heißt, von Bordeaux herüber zu bringen? Hein! Glauben dieſe bourboniſchen sujets, ich hauſe für ſie, und habe mich für ſie geplagt? Hein! Ich glaube, ganz Bor⸗ deaux und die Gascogne dazu würde kommen, und das Vendéer Geſindel obendrein. Paſſagiere mochten Sie annehmen, wenn ſie ihre Paſſage bezahlen; dann gehörte Ihnen die Hälfte, mir, als Schiffsherrn, die andere;— aber, wo ſind die Paſſagiere? Mußte den Pack auf meine Koſten wieder zurückſpediren. Müßte mich ihrer ja ſchämen hier, in Philadelphia.“ „Aber, Mister— bei Gott! ich dachte Ihnen eine Freude zu machen.“. „Freude zu machen mit Niecen und Neveus, la⸗ chenden Erben?— Sie, verdammter!— bald hätte ich etwas geſagt— Freude wollten Sie einem alten Manne machen, der ſich ſein Bischen Geld und Gut ſauer erworben hat— dadurch wollten Sie ihm Freude machen, daß Sie ihm lachende Erben zuführ⸗ ten? daß ſie nach ächter Gascogner Weiſe ſein Bis⸗ chen Habe durch die Gurgel jagen; pour manger sa — 9 153— ſortune, wie es in unſerer Sprache recht paſſend heißt, Mister Morton.— Nein, Mister Bullock, das iſt wahrlich zu arg. Adieu, Mister Bullock!“ Der arme Capitän ſtockte und ſuchte Worte; der Alte hatte ihm aber den Rücken gewendet. „Ah, Mister Morton!“ ſprach er, heftig geſtiku⸗ lirend, und ungeduldig im Kabinete auf und ab lau⸗ fend,„ah, lieber Morton! Merken Sie ſich das, einen Punkt muß man im Auge haben, ein Ziel; obwohl die Wege darnach verſchieden ſind. Ver⸗ ſchreiben Sie ſich dem T— l und dienen Sie ihm, aber nicht dem T— l und G-—tt zugleich, ſonſt ſind Sie von Beiden verlaſſen;— entſteht nichts als Pfuſch⸗ werk. Hein!“ Der Buchhalter hatte unterdeſſen den widerſtreben⸗ den Capitän zur Thüre hinaus bugſirt. An ſeine Stelle war ein anſehnlicher Mann getreten, in ſchwarz ſeidenem Amtskleide der Geiſtlichen der biſchöflichen Kirche, eine milde Phyſiognomie, mit dem vornehm gelaſſenen Schmunzeln, wie es Damen beliebte Pre⸗ diger dieſer quasi herrſchenden Kirche gerne zur Schau tragen. „Mister G— d!“ ſprach der Eingetretene mit einer —= 154 6— anſtandsvollen, aber nichts weniger als tiefen Ver⸗ beugung, und dem ſo eben bezeichneten ſanften Schmunzeln—„wir hoffen, Sie werden etwas bei⸗ ſteuern zum Baue unſers Gotteshauſes.“ So ſagend, überreichte er zwei Papiere, deren eines den Plan einer gothiſchen Kirche, das andere die Subſcriptionsbeiträge der Gläubigen zum Baue enthielt. Der Alte hatte das Geſuch mit zu Boden gerich⸗ teten Augen angehört. Jetzt warf er ſeinen funkelnd durchbohrenden Blick auf einmal auf den Prediger, der ſtand, im Geſichte jene Zuverſicht, die die Diener dieſer Kirche bei ſolchen Gelegenheiten ſo geſchickt anzunehmen wiſſen, und die bekanntlich zum Empor⸗ kommen derſelben in den höhern Zirkeln weit mehr beigetragen, als das kriechende, zudringliche Weſen der übrigen Sekten. „Ihr Name?" ſprach der Alte. „James R— n, Rektor der— kirche, das heißt, die gebaut werden ſoll, wenn der Eifer unſerer guten und achtungswerthen Familien ihrem Wollen gleicht.“ „Sind alſo Prediger der guten und achtungswer⸗ then Familien?“ fragte der Alte.„Haben Recht, —0 155 6G— ehrwürdiger Mister R-n, ſie bezahlen auch am beſten, und das iſt denn doch bei Ihnen, ſo wie überall, die Hauptſache.“ „Wir ſollten glauben, die Verbreitung des Reiches Gottes— ℳ „Ci, und ſeiner Diener auf Erden verſteht ſich von ſelbſt— nicht wahr?“ Der Prediger ſandte einen Blick gen Himmel. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, trat der Alte zum Schreibtiſche, nahm eines der Papiere, ſchrieb einige Zeilen darauf, und überreichte es dem Prediger mit einer anſtändigen Verbeugung, aber einer Miene, die eigenthümlich genannt werden konnte. Es lag Spott und Hohn in dieſer Miene, und wieder etwas, wie Bedauern— Verachtung. Er wandte ſich plötzlich vom Prediger, der lächelnd den Cheque in ſein Porte⸗ feuille geſteckt hatte, und ſich eben ſo entfernte. „Pah!“ raunte der Alte dem Jünglinge in die Ohren,„Pah, mit ihrem freien Lande, das ſich Zwanghäuſer baut für Geiſt und Körper! Hol' ſie der Henker! Käme es auf mich an, Alle müßten ſie auf die Newfoundlandsbänke, oder in die Südſee, Stockfiſche und Seerobben zu fangen.“ — 156 6— „Aber es muß doch eine Religion ſeyn, Mister G— d!“ bemerkte Morton. „Und Wer hat etwas dagegen? und haben die Quäker, oder, wie ſie ſich nennen, die Freunde, nicht auch ihre Religion? Haben ſie aber Prieſter? Hein! Und ſind ſie nicht die ruhigſten, ordentlichſten, ſolide⸗ ſten Leute der Union? die reichſten noch dazu?— Ich kenne nichts Dümmeres, als in ſeiner Unterhal⸗ tung mit dem Schöpfer einer Mittelsperſon zu bedür⸗ fen, die uns da alte Geſchichten von einem Volke vorliest, das jüdiſch von Anbeginn ſeiner Tage war. Wenn ich zu Gott bete, brauche ich keinen Prieſter; noch brauche ich ihn, um Gott kennen zu lernen. Ich ſchaue in den Himmel, und da erſteht mir ſein Bild ſo groß, ſo hehr, wie alle Bildhauer und Maler der Welt mir ihn nicht vor die Augen bringen können. — Ah, die Stockfiſche!“ „Ah, Meſſteurs Maclure, Macdonough, Villiers, Broadwell und Shadewell! Seyen Sie mir willkom⸗ men! Bitte um Vergebung, daß Sie ſo lange warten mußten. Was verdanken wir die Ehre eines ſo vor⸗ nehm guten Beſuches?“ Und indem er ſo ſprach, hatte er auf einmal wieder —= 157— ſeine feinſte ariſtokratiſch ſardoniſche Laune aus der Tiefe ſeines unergründlichen Innern heraufbeſchworen. Die fünf eingetretenen Perſonen waren Gentlemen im vollen Sinne des Wortes; ſehr elegant gekleidet, mit ſpitzigen Naſen, grau blauen ſcharfen Augen, wie wir ſie in Philadelphia lieben, ein Bischen ins Schot⸗ tiſche ſchillernd, und eingetrockneten Geſichtern, in denen die tiefen Forſchungen der Menſchen beglückenden Wiſtarpartien mit leſerlichen Zügen geſchrieben wa⸗ ren. Sie hatten mit einer Art Herablaſſung dem Alten ihre flachen Rechten gereicht, der ihnen ſeiner⸗ ſeits die Palme der ſeinigen gleich flach entgegenſtreckte, ſo daß die Hände zwei Steinplatten ähnlich, auf ein⸗ ander zu liegen kamen. Während dieſes ſonderbaren Händereichens ſchwebte ein boshafter Zug um die Lippen des Alten. „Mister G— d,“ ſprach der Vorderſte der Fünf, einen Seſſel nehmend,„macht ſich ſo ſelten, und gibt uns die Ehre ſeines Beſuches ſo wenig, daß wir ſchon ſelbſt kommen müſſen, auf die Gefahr hin, läſtig zu werden.“ „Läſtig zu werden?“ erwiederte der Alte.„Sie ſcherzen, Mister Maclure. Was kann für einen ſo — 158 6— ſimpeln, unbedeutenden Mann, wie wir ſind, ange⸗ nehmer ſeyn, als der Beſuch von Männern von ſo gutem Hauſe, wie wir ſagen, die die gute Geſellſchaft von Philadelphia par éminence konſtituiren?“ „Wir wiſſen, Mister G— d,“ hob der Zweite an, „daß Ihre Zeit koſtbar iſt, ſo wie auch die unſrige beſchränkt iſt, und glauben daher, Ihnen ſo kurz als möglich die Veranlaſſung dieſes unſers Beſuches aus⸗ einander ſetzen zu müſſen.“ „Bin ganz Ohr, Gentlemen— ganz Ohr,“ ver⸗ ſetzte der Alte, der, mit einem Seitenblick auf Mor⸗ ton, gleichfalls einen Sitz nahm. „Sehr ſchönes Wetter,“ fing Mister Macdonough an. „Unvergleichlich,“ bekräftigte Mister Villiers. „Haben aber doch ſehr ſtürmiſche Nächte letzthin gehabt,“ bemerkte Mister Shadewell mit einem Blinzeln auf Morton hin.„Haben Sie alle Schiffe zur See, Mister G— d?“ „Bis auf den Ocean, nach Canton beſtimmt, und Swiftfoot, nach Havre.“ Und der Alte warf den Kopf auf vor Ungeduld. „Ihr letzter Oſtindienfahrer, die Philadelphia, hat — 5 159— eine prächtige Ladung heimgebracht;“ bemerkte Mis⸗ ter Broadwell. „So ziemlich,“ verſetzte der Alte ungeduldig. „Vorzüglich Nanking und Thee,“ meinte Mister Villiers;„nicht wahr? Glauben Sie, der Artikel wird Preiſe halten?“ „Wollen ihn Preiſe halten machen,“ erwiederte der Alte, der ſich vor Ungeduld auf ſeinem Seſſel vor⸗ wärts und rückwärts ſchob.„Brauchen Sie ein paar hundert Kiſten?“ „Gott behüte!“ „Wiſſen Sie, Mister G— d!“ hob Mister Maclure wieder an,„daß mir alle meine Rebſtöcke im Garten erfroren ſind. Ich fürchte, die Ihrigen hatten gleiches Schickſal.“ „Sie ſind gütig,“ verſetzte der Alte.„Ich habe ſie eingewintert.“ „Sind vorübergekommen vor Ihrem neuen Hauſe in Archſtreet; wird mit dem Theater eine Zierde der Straße werden,“ ſprach Mister Shadewell. „Wir haben jetzt drei Theater, Mister Girard!“ ſetzte Mister Macdonough hinzu. „Weiß es,“ verſetzte der Alte, vor Ungeduld zap⸗ — 0 160— pelnd;„eines in Archſtreet, das andere in Chesnut⸗ ſtreet, das dritte in Wallnutſtreet.“ „Eben ſo,“ bekräftigten Alle im emphatiſch gedehn⸗ ten Tone. „Und da Mister G— d,“ meinte Mister Maclure mit derſelben Emphaſis,„zur Verſchönerung dieſes unſers Philadelphia ſo Vieles bereits beigetragen; ſo ſind wir gekommen, anzufragen— Der Alte ſtutzte auf einmal. „Der Plan iſt nicht übel, Mister G—d!“ ver⸗ ſicherte Mister Broadwell. „Und da ohnehin Mister Stephy— Vergebung! wollte ſagen Mister G— d, den Fleck Landes nich zu benutzen geſonnen ſcheint—* Des Alten Geſicht überflog ein ſardoniſches Lächeln. „So würden wir gerne die Kaufſumme, die Sie nämlich Major N bezahlt haben, erlegen, wenn nämlich Mister G— d—* „Ihn uns überlaſſen wollte,“ ſetzte Mister Shade⸗ well hinzu. „Für den Kaufſchilling von?“ fragte der Alte ge⸗ ſpannt. — 0 161 e— „Je nun, von ſiebzigtauſend Dollars, die Sie Major N. dafür gegeben haben.“ „Ah, nun verſteh' ich Sie,“ brach der Alte auf einmal in der fröhlichſten Stimmung aus.„Sie möchten gerne das Square zwiſchen Tenth⸗ und Ele⸗ venſtreet haben, mein ſogenanntes Pennſquare*). Und was möchten Sie denn thun mit dieſem Square? Hein!“ fragte er mit einem Geſichte, das einen Satyr nicht übel vorſtellen konnte. Die fünf Ariſtokraten hatten ihr freundlichſtes Lä⸗ cheln heraufbeſchworen. „Maßen, Mister G— d, wie weltbekannt, für die *) Dieſes Viereck— Philadelphia iſt bekanntlich in Vierecke eingetheilt— wurde von der Regierung von Penſylvanien den Erben Penns(mit mehrern andern Landſtrecken, z. B. der Halb⸗ inſel, auf der Pittsburg ſteht) als Entſchädigung für ihre An⸗ ſprüche auf Penſylvanien gegeben. Von dieſen ging es an Major N über, und endlich auf den außerordentlichen Mann— der in einem Zeitraume von weniger als fünfzig Jahren wahrſchein⸗ lich das größte Vermögen erwarb, das je von einem Privatmanne geſammelt wurde. Gegenwärtig erhebt ſich auf demſelben das große Stiftungsgebäude nach dem bekannten teſtamentariſchen Willen des Erblaſſers, demzufolge nie und unter keiner Bedingung irgend ein Geiſtlicher, welcher Confeſſion er auch ſeyn möge, die Schwelle dieſer Stiftung betreten darf. Das derſelben ungennis⸗ ſene Kapital beträgt zwei Millionen Dollars. — 162 6—* Verſchönerung dieſer unſerer Stadt Philadelphia ſo ſehr paſſionirt ſind,“ hob wieder Macdonoughian. „So, ſo,“ meinte der Alte. „So hatten wir im Sinne, anſererſeits auch nicht zurückzubleiben, und— „Dieſes Square anzukaufen,“ ergänzte der Alte, mit der Miene einer Katze, die nun mit der gefange⸗ nen Maus ihr Spiel beginnt. „Anzukaufen,“ fiel Mister Broadwell ein,„um daſſelbe in einen Park umzugeſtalten, oder vielmehr, da es bereits Park iſt, nachzuhelfen.“ „Ja, ja, gar nicht übel,“ verſicherte der Alte. „Chesnutſtreet auf der einen Seite, Marketſtreet auf der andern; für das Publikum wäre dieſes gar nicht übel.“ „Nicht ſo ganz für das Publikum,“ meinte Mister Villiers.„Wir würden vielmehr wünſchen, es— 4 „Ja, ja,“ fiel der Alte ein,„der Baumſchlag iſt gar nicht übel. Buchen, Ulmen, Akazien, Ahorn, Hickory, lauter herrliche Waldbäume, ächt amerikani⸗ ſcher Schlag; nur wenige Pappeln. Und Sie würden Alleen anlegen?“ „Eben, eben— Alleen, eine Art geſchloſſenen — 163— Park oder Garten, mehr für unſere Familien und die reſpektable Nachbarſchaft, die Bewohner von Chesnutſtreet, und einige von Arch und Wallnutſtreet — lauter gute Familien.“ „Mit Lauben und Grotten, und einem eiſernen Geländer,“ bemerkte der Alte kopfnickend. „Was noch immer auf die dreißigtauſend Dollars kommen würde; aber zur Verſchönerung der Stadt würde uns keine Auslage— 4 „Zu viel dünken,“ lächelte der Alte.„Natürlich! natürlich!“ ſetzte er immer freundlicher hinzu. „Wir ſehen, Mister G— d verſteht uns,“ bemerkte Mister Villiers. „Ganz, ganz; das heißt, fange an zu begreifen; ſo reſpektable Meſſieurs laſſen ſich nicht auf einmal durchblicken,“ meinte er wieder lächelnd.„Und da wollten Sie alſo für Ihre Familien eine Art Mor⸗ gen⸗ und Abend⸗Promenade, für Ihre Fräulein Töch⸗ terchen und Herren Söhne— damit ſie nicht mit dem gemeinen Volke, der Canaille, in Berührung kämen?“ „Etwas dergleichen,“ bemerkte Mister Broadwell. „Und der alte Stephy G—d ſollte ſeinen Theil —=164— beſteuern, daß Ihre Herren Söhne und Fräulein Töchterchen— 2“ „Da Sie denn für die Verſchönerung dieſer unſerer Stadt ſo ſehr portirt ſind,“ meinten Alle. „Und ſo wollten Sie, weil wir für die Verſchöne⸗ rung dieſer Ihrer Stadt Philadelphia, wie Sie ſie nennen, ſo ſehr portirt ſind,“ fuhr der Alte mit der⸗ ſelben ſpielenden Katzenmiene fort,„unſer Eigen⸗ thum,“ hob er plötzlich laut lachend an, nin das Ihrige convertiren, um Ihre Herren Söhnchen und Fräulein Töchterchen ein paar Jahre in den Alleen und Grotten und Lauben dieſes Pennſquare girren und koſen und ſchnäbeln zu laſſen, und nach ein paar Jahren Zeitvertreibes es in reelle Dollars umzuſetzen? Proſit die Mahlzeit! Wie Sie geſcheit ſind! Pah! Hein!“ Und ſofort erhob ſich der Alte und brach in ein unbändiges Gelächter aus.„Pah, Gentlemen! Und Sie konnten wirklich glauben, der alte Stephy würde ein ſolcher Narr ſeyn, und ein Square, für das ihm dreimalhundertſechzigtauſend Dollars angeboten wor⸗ den, und das unter Brüdern fünfmalhunderttauſend werth iſt, um ſtebzigtauſend hergeben, auf daß Ihre — 9 165 6— Söhnchen und Töchterchen ſich da ſchnäbeln mögen, und koſen und girren, wie Turteltäubchen?“ Und wieder lachte der Alte aus vollem Halſe. „Und Sie konnten dieß glauben? Hein! Pah! Haben die Rechnung ohne Wirth gemacht.“ „Aber, Mister G— d!“ ſchrieen wie aus den Wol⸗ ken gefallen die fünf Ariſtokraten.„Aber, Mister G-— d!“ „Gentlemen!“ ſchloß der Alte, noch immer laut lachend,„wir kennen uns ganz und gar, Gentlemen. Wird nichts daraus! Hein! Hein! Sind Alle herzlich willkommen zu einem déjeùner à la fourchette, wenn Sie bleiben wollen; aber aus Ihrem Vorſchlage wird nichts;— Jeben in einem freien Lande.“ Das Philadelphia⸗Ariſtokratentemperament iſt be⸗ kanntlich eines der zäheſten, das es wohl geben kann; aber dieſem Ausbruche von toller Laune und Geläch⸗ ter konnte es nicht widerſtehen, und unſern fünf Gentlemen war der Faden der Gelaſſenheit ganz und auf einmal geriſſen. Mit den Worten,„dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten,“ retirirten alle Fünf ſo eilig, daß Morton ſelbſt das Lachen nicht verbeißen konnte. Morton. I. 3 12 8 L 2 — d 166 6— Der Alte lachte noch immer; auf einmal horchte er. Draußen im Beſuchſaale waren laute Verwün⸗ ſchungen zu hören; Mister Shadewell ſchrie:„Wer hätte das von dem alten Tagdiebe geglaubt!“ „Pah!“ wandte er ſich zu Morton, deſſen Miene hohe Zufriedenheit über die ſo eben ſtattgefundene Niederlage und den Rückzug der ſogenannten Ariſto⸗ kraten ausdrückte.„Pah, Mister Morton! Sehen Sie, dieſe Wouldbe⸗Ariſtokraten*) ſind bei alle dem doch bloß niedrig aufgeſchoſſene Glückspilze, Mush- room-Ariſtokraten**), wie ſie in Newyork die Gran- dees von Bowlingreen nennen. Erbärmlicher Stoff! Söhne entlaufener Irländer und Schotten, die Schu⸗ ſter waren und Schneider. Ein virginiſcher, engliſcher oder franzöſiſcher Ariſtokrat wäre ſchon ſo leicht nicht in die Falle gegangen, und das in die Falle eines Mannes, den ſie vor noch nicht zehn Jahren in allem Ernſte ruiniren wollten. Ah, wie prächtig iſt es, in einem freien Lande zu leben! Hein!“ *) Wouldbe⸗Ariſtokraten. Gerne Ariſtokraten Seynwol⸗ lende. **) Mushroom-Ariſtokraten, wie Schwämme aufgeſchoſſene Ariſtokraten. —= 167 6G— „Hören Sie, war das eine Geſchichte, als dieſe Meſſieurs, drei von ihnen ſind Präſidenten von be⸗ deutenden Banken, wie Sie wiſſen,— alle meine Banknoten refüſirten, um mich— doch ich bekam ſie in die Klemme— mußten zum Kreuze kriechen. Ich konnte zum Glücke damals bereits über ein zehn Millionen eigenes Vermögen diſponiren. Ah, die Schleicher!“ Und während der Alte ſich ſeelenvergnügt die Hände rieb und lachend im Kabinete auf⸗ und abſchritt, war ein friſcher Beſuch eingetreten. Dieſe Perſonnage war zäh und ledern, und wan⸗ delte in das Kabinet ein, abgemeſſen, im ſchwarzen, oxfordfarbigen Rocke, mit langen Schößen, kurz und ſteifem Kragen, einem Hute mit niedriger Krone und breiter Krempe, ſilbernen Schnallen an den glänzend gewichsten Schuhen; zu dieſen eine ſpitze Naſe, die Geſichtsfarbe ein ſogenanntes Fallkolorit, mit den im winterlichen Froſte gefallenen Eichenblättern harmo⸗ nirend, dünnen, langen, grau grünen Augen, und einem de⸗ und wehmuthsvollen Blicke, der aber wie⸗ der zu Zeiten einen ungemein lauernden Ausdruck annahm. 12*⁶ — 0 168 6— „Mister Wainscott?“ fragte der Alte. Der Eingetretene verbeugte ſich bejahend. „Droguiſt,“ fuhr der Alte fort,„und Apotheker in G— gh.“ „Derzeit unwürdiger Biſchof der heiligen biſchöf⸗ lichen Methodiſtenkirche,“ näſelte der Mann mit demüthig ſtolzen, gen Himmel erhobenen Augen, die jedoch erſchrocken in demſelben Augenblicke wieder zu Boden ſchlugen. Der Alte hatte den andächtigen Schauder im Ge⸗ ſichte des frommen Methodiſten⸗Biſchofs bemerkt, und ſprach, an den Plafond deutend, im hingeworfenen Tone:„Scandaliſiren Sie ſich nicht, ehrwürdiger Herr. Es iſt blos die Venus, wie ſie aus dem Ocean ſteigt. Iſt von Carter gemalt, einem recht tüchtigen jungen Künſtler, den man auf alle Weiſe patroniſiren muß! Iſt gar nicht übel.“ Der biſchöfliche Apotheker ſeufzte. „Freut mich übrigens Euer Hochehrwürden zu ſehen,“ fuhr Jener fort in einem Tone, der nichts weniger als Freude verrieth. „Haben beſchloſſen, ein Verſammlungshaus für die frommen Gläubigen zu bauen, und ſind mit Hülfe — 169 6— des Allerhöchſten, und der Unterſtützung ſeiner from⸗ men Heiligen in dieſem Thränenthale, dahin gelangt, den Grundſtein zu legen,“ verſetzte der Methodiſten⸗ Biſchof, während ſeine Arme regelmäßig ſtiegen und fielen, ähnlich den aufſchwellenden Bewegungen eines Telegraphen. „Sind jedoch im erbaulichen Werke ſtecken geblie⸗ ben,“ fiel ihm der Alte ein,„und deßhalb gekommen, allenfalls unſere unwürdige Nachhülfe in Anſpruch zu nehmen?“ Der Biſchof lächelte fromm und mild, und warf einen demuthsvollen Blick auf den Alten, und dann wieder gen Himmel; dann überreichte er ſein Beglau⸗ bigungsſchreiben. „Pahlu verſetzte der Alte, i indem er einen flüchti⸗ gen Blick auf dieſe warf, und mit einem zweiten der tiefſten Verachtung zum Schreibtiſche trat, von dem er ein Papier nahm, einige Zeilen niederſchrieb, und ſie dem Biſchof⸗Apotheker überreichte.„Pah, da iſt etwas für Sie.“ Dieſer nahm die Note, und ſah ſie einige Augen⸗ blicke mit geſenktem Haupte wehmüthig an; dann richtete er ſeinen Blick wieder gen Himmel. —° 170— „Nun, Mister Wainscott! ich wollte ſagen, hoch⸗ ehrwürdiger Biſchof. Hein! fehlt etwas?“ fuhr ihn der Alte ungeduldig an. „Dachte nur,“ bemerkte Mister Wainscott, und ſein Haupt ſenkte ſich wieder ſchmerzensvoll auf die Bruſt,„was wir wohl verſchuldet haben mögen, daß wir aus der Gnade und dem Wohlwollen Mister G— ds ſo ſehr gekommen?“ „Gnade, Wohlwollen? Mister Wainscott. Was meinen, was faſeln Sie? Hein!“ „Maßen Mister G.—d dem ehrwürdigen Mister R=n von der—fkirche fünfhundert Dollars ſub⸗ ſcribirt, und wir mit bloßen vierhundert abgefertigt werden.“ „Sieh' da, das habe ich vergeſſen,“ rief der Alte recht fröhlich.„Dank' Ihnen für Ihre Aufmerkſam⸗ keit, ſehr ehrwürdiger Herr. Danke ſehr,“ wiederholte er mit einem ominöſen, ſardoniſchen Lächeln.„Wollen unſern Fehler verbeſſern; wollen, wollen—„ Und mit dieſen Worten langte er nach dem Cheque*), den ihm der Apotheker⸗Biſchof mit ſeinem demüthigſt verſchlagenſten Lächeln darreichte. *) Anweiſung auf die Bank. — 171 6— „Iſt richtig,“ fuhr er fort, indem er einen Schritt zurück trat, die Note in zwanzig Stücke zerriß, und dieſe in das helllodernde Kaminfeuer warf. Und der Mann wandte ſich jetzt mit ſeiner kälteſten Miene zum Apotheker, der erwartend vor ihm ſtand, ein verklärtes Lächeln auf dem Ledergeſichte ſpielend. „Wollen Sie noch etwas, hochehrwürdiger Herr?“ fragte er nach einer Weile. Der Apotheker ſah ihn mit großen Augen an. „Sie waren, wie ich ſah, nicht zufrieden mit vier⸗ hundert Dollars? Sie ſehen, ich habe meinen Fehler verbeſſert.“ „Aber— a ſtockte der Apotheker. „Meinen Fehler verbeſſert,“ wiederholte der Alte. „Nun bekommen Sie gar nichts. Adieu, hochehr⸗ würdiger Herr Wainscott!“ „Aber, Mister G— d!“ ſprach Dieſer mit einem drollig verlegenen Lächeln. „Aber, Mister Wainscott!“ entgegnete der Alte. „Wer das Wenige nicht ehrt, iſt mehr nicht werth.“ Und der Mann wurde auf einmal ſo ernſt, und ſah ſo ſcharf darein, daß dem Apotheker⸗Biſchof ſichtlich der Muth ſank, ſein Anbringen nochmals zu erneuern. —= 172 6— Das lächerlich weinerliche Geſicht hatte einen Aus⸗ druck angenommen, den wir an Kindern bemerken, welchen die Mama das Butterbrod genommen. Erſt als ihn der eintretende Buchhalter verſicherte, daß für ihn gar nichts mehr zu erwarten ſtehe, zog er ſich ſchneckenartig zurück. „Ah, Mister Morton!“ ſprach der Alte.„Sehen Sie, wie die giftigen Spinnen das herrliche Werk Ihres Großonkels vergiften, verderben? wie ſie um alle Klaſſen dieſer bürgerlichen Geſellſchaft, die ſich freie Männer nennen, ihre Fäden ſpinnen? wie ſie ihnen alles Selbſtdenken nach und nach verlernen machen, indem ſte ewig und ewig ihr Gewäſch von der Gnade und dem Sündenfalle und der Unzuläng⸗ lichkeit der Werke wiederkauen. Ja, ja, lieber Mor⸗ ton! es iſt ein wunderbares Ding um das ſogenannte Menſchengeſchlecht; ein ſehr wunderbares Ding! ein verächtliches Ding, ſollte ich ſagen. Napoleon hatte Recht in dieſem Punkte; aber auch wieder Unrecht. Ja, ja, ſehr Unrecht. Es gibt göttliche Funken in dieſem Geſchlechte. Ah, die Duckmäuſer. Laſſen Sie fünfzig Jahre ohne Krieg hingehen, und Sie ſind— Doch halt—* — 0 173— Und während er die letzten Worte leiſe und bedeut⸗ ſam mehr zu ſich als zu ſeinem Zuhörer geſprochen, war er in der Thüre des anſtoßenden Parlours ver⸗ ſchwunden. Der Jüngling aber überließ ſich ſeltſamen Gedan⸗ ken. Es kamen Phantaſien über ihn, die, wie Träume, ſeine Augen halb ſchloſſen. Ihm kam es vor, als ob plötzlich eine unſichtbare überirdiſche Macht ihn er⸗ 9 grifſe und fortſchleuderte in die fernſten Sphären; und als wenn ſeine Proportionen, durch Zeit und Raum in's Ungeheure geſteigert, zu einem feurig dro⸗ henden Meteore würden, das auf einmal mit einem entſetzlichen Knalle zerplatzte. Aus dieſen Phantaſten wurde er durch ein unheim⸗ liches Geflüſter im anſtoßenden Parlour aufgerüttelt, das ſich zeitweilig hören ließ und durch die gellend kreiſchende Stimme des Alten unterbrochen wurde, worauf eine eben ſo unheimliche Stille eintrat. Das Geflüſter ließ ſich abermals hören; es war im bitten⸗ den Tone, ſtockend, ſtotternd an den Alten gerichtet. Jetzt ließ es ſich in einer eigenthümlichen Tonleiter ſtärker hören. Auf einmal brach der Alte mit ſtarker, gellender Stimme aus. — o 174— „Zulage? Mister Cartwright! Zulage wollen Sie? Zulage zu ſechszehnhundert Dollars Gehalt, die Sie jährlich von mir haben! Wiſſen Sie, daß der dritte Clerk von der Treaſoury*) nicht ſechszehnhun⸗ dert Dollars hat?“ „Wenn Mister G— d, in Anbetracht meiner ſechs⸗ zehnjährigen Dienſte, und bei dem Umſtande, daß ich auf dem Punkte ſtehe— 4 „Daß Sie auf dem Punkte ſtehen, Mister Cart⸗ wright, auf dem Punkte ſtehen zu heirathen? Hein! Aber Ihr Heirathen, was geht das mich an? Hein! — Heirathen? Hein! Kinder zeugen? Hein! Wiſſen Sie aber, daß unter allen möglichen Zeugen und Fabrikaten dieſe Art Zeuge am wenigſten gelten, am ſchlechteſten bezahlt werden, und doch die koſtſpielig⸗ ſten ſind? Hein! Heirathen, ſagt der Apoſtel Paulus, iſt gut, aber ledig bleiben iſt beſſer. Und, glauben Sie, Paulus war ein geſcheidter Kerl, war ein ge⸗ taufter Jude, ein doppelt deſtilirter Jude. Pah!“ Vom Buchhalter war kein Wort mehr zu hören. „Und als lediger Buchhalter— Hein! Wo Sie *) Dritte Finanzſekretär. —=0 175— mir mehr werth waren, mehr arbeiteten als zwei Verheirathete, wo Sie alle fünf Sinne bei meinem Geſchäfte hatten und nicht bei Ihrem Weibe, da gab ich Ihnen ſechszehnhundert Dollars; und nun Sie Tag und Nacht bei Ihrem Weibe ſtecken werden, ſoll ich Ihnen Zulage geben? Da wird nichts daraus. Wenn Sie mit den ſechszehnhundert Dollars nicht zufrieden ſind, ſo— we are in a free country. Zulage gebe ich ein für allemal keine.“ Ein hörbarer Seufzer entſtieg der Bruſt des Buch⸗ halters; dann ward es wieder ſtille. Auf einmal ging die Thüre auf, und der Alte trat raſch auf Morton zu. „Pah, Mister Morton! wollten Sie wohl ſo gut ſeyn, und mir für eine Stunde die Schlüſſel Ihrer Koffer anvertrauen?“ „Die Schlüſſel meiner Koffer anvertrauen?“ fragte Dieſer befremdet. „Das heißt, wenn Sie Vertrauen genug in mich ſetzen, wenn nicht— ſo nicht.“ „Gerne; aber wozu, Mister G— d?“ „Werden es ſehen, werden es ſehen. Reſpektire — 176 G— Ihr Eigenthum; kommt mir aber juſt ſo die Laune. Wollen Sie? kurz— Ja oder Nein?“ Und bereits hatte er die dargereichten Schlüſſel ergriffen, mit denen er zur Thüre hinaus rannte, ſogleich aber in Begleitung eines ſeiner fünfzig Hand⸗ lungsdiener zurückkam, der unter Anderem anmeldete, daß die beiden Irländer ſo eben die Bootsladung Backſteine auf die andere Ecke des Hauſes über⸗ getragen. „Sagt ihnen,“ unterbrach ihn der Alte,„ſie ſollen ſie auf der Stelle wieder an denſelben Ort zurück⸗ bringen, woher ſie ſelbe genommen.“ Und der Diener wandte ſich und lief, um den bei⸗ den Irländern die Weiſung zu überbringen, die Backſteine an ihren vorigen Ort zurückzutragen. Jetzt rannte der Alte zur Klingelſchnur, und zog dieſe dreimal heftig. Eine wohl ausſehende Frau trat ein. „Mistreß Coulter!“ ſprach der Alte.„Iſt das déjeùner à la fourchette fertig?“ „Ja. 9 „Eine Bouteille Sherry, zwei Chambertin und La⸗ fitte, eine East India Madeira und eine Champagner.“ „Wohl und gut.“ „Vier Couverts.“ „Richtig.“ „Alles in Bereitſchaft?“ „Ja. u „Mister Morton! laſſen Sie uns zu Tiſche,“ und, die Thüre öffnend, rief er,„Mister Cartwright! Kommen Sie gleichfalls, einen Biſſen Vormittag zu eſſen! können petite bouche machen, wie Sie wollen.“ Der Buchhalter hob ſein bekümmertes Antlitz, und ſah den Alten forſchend an. Nichts war jedoch auf dieſem impaſſablen Geſichte zu leſen. Die vier Couverts waren richtig auf dem Tiſche, der, mit dem feinſten Tafelzeuge gedeckt, ein ſehr elegantes coup-d'oeil darbot. Das Geſchirr war Sevre⸗Porzellan von der feinſten Qualität; Alles reich und geſchmackvoll. Den Anfang machten zwei Suppennäpfe, der eine mit Schildkrötenſuppe, der andere mit Bouillon, der vor dem Gedecke des Alten ſtand. „Nicht wahr, Mister Morton,“ hob Dieſer an, „Sie finden mein déjeuner etwas hors de facon? Es iſt aber ſo meine Art, mit der Suppe zu be⸗ —" 178 6— ginnen; auch bei déjeuners kann ich die Unart nicht laſſen. Wir Franzoſen lieben die Suppe, wie Sie wiſſen; ſind wahre Suppennarren; die Wahrheit zu geſtehen, haben wir es aber in dieſem Punkte weit gebracht,“ fuhr er beinahe geſchwätzig fort.„Nehmen Sie, lieber Morton; nehmen Sie eine tüchtige Por⸗ tion— ſie wärmt den Magen, und iſt eine vortreff⸗ liche Stärkung gegen Seedünſte.“ „Die jedoch eben nicht ſehr in Philadelphia fühlbar ſind,“ bemerkte Morton, indem er der deliziöſen Turtle⸗ ſuppe Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen begann. Der Alte aß mit außerordentlicher Schnelligkeit, und ſein Teller war bereits gewechſelt, während der Buchhalter noch immer an ſeiner Serviette zupfte, die er kaum vom Teller bringen zu können ſchien. Jetzt hob er dieſe endlich, und ein verſiegeltes Papier fiel heraus. Der Mann wurde todtenbleich, und ſah den Alten ſprachlos an. „Meinen Abſchied alſo,“ wiſperte er mit einer Stimme, die keinem Lebenden anzugehören ſchien. Des Jünglings Wangen hatten ſich vor Zorn gerö⸗ thet; dieſe zweckloſe Härte, dieſe Ertödtung, Ver⸗ höhnung einer der edelſten Tugenden des geſelligen — e 179 6— Lebens, dieß verruchte Spiel am gaſtlichen Tiſche! Es war empörend! Er legte raſch den Löffel weg, und ſeine beiden Hände auf den Tiſch, wie Einer, der im Begriffe ſteht, dieſen zu verlaſſen. Der Alte ſaß ganz ruhig und verſuchte von der Turtleſuppe. Jetzt öffnete Mister Cartwright mit zitternden Händen das Papier. Es fiel ein zweites kleineres heraus, und die Ecke fiel in den Teller, und wurde von der Suppe benetzt. „So geben Sie doch acht, Mister Cartwright,“ grollte der Alte.„Sie werden doch nicht eine Sechzig⸗ tauſend⸗Dollarsſuppe eſſen wollen?“ Der Buchhalter warf einen Blick auf das Papier, und konnte blos ſtammeln.„Mein Gott! mein Gott! es ſind wirklich ſechzigtauſend Dollars! Sechzigtau⸗ ſend Dollars Hochzeitgeſchenk!“ las er kaum hörbar, „für Mister Cartwright. Mein Gott! mein Gott! wofür habe ich dieß verdient?“ „Für Ihre getreuen Dienſte, Mister Cartwright,“ verſetzte der Alte.„Ich halte mein Wort. Zulage gebe ich keine. Sie verdienen ſie nicht; denn Sie können mir nicht mehr arbeiten, als Sie gethan. — 0 180 e— Aber ein Hochzeitgeſchenk, das iſt etwas anderes. Jetzt aber eſſen Sie Ihre Turtleſuppe; denn kalt iſt ſie Gift, wie Sie wiſſen, und Mister Morton will Ihretwegen nicht hungrig vom Tiſche aufſtehen.“ „Mein Gott! Mister G— d— dieſe Güte!“ Und Thränen quollen aus den Augen des über⸗ raſchten Mannes. „Wenn's beliebt, Mister Cartwright, ſo halten Sie jetzt das Maul, und eſſen Sie, oder laſſen Sie es bleiben, wie Sie wollen.“ Eine Viertelſtunde herrſchte Stille. Die Schild⸗ krötenpaſtete, die Fiſche waren vortrefflich. Zwei Neger kamen und räumten die erſte Tracht ab. Zwei Andere brachten die zweite. „Die Baltimore Ducks*) tragt zurück und tranchirt ſie über dem Feuer; ſo wie ſie tranchirt ſind, ſo bringt ſie; müſſen warm gegeſſen werden,“ bedeutete er den beiden Negern, auf eine bedeckte Schüſſel weiſend. „Mister G d,“ ſprach Morton,„Ihre déjeu- ners—4 „Nicht wahr, ſind diners? aber auch nicht immer. *) Baltimore Ducks. Eine Gattung Enten, die in der Cheſepeak⸗Bay gefangen und erlegt werden. — 2 181 6— Heute iſt jedoch eine Ausnahme, und zwar wegen Ihnen, Mister Morton. Eilen Sie aber mit dem Eſſen; denn Sie—* Es trat ein zweiter Buchhalter ein, der dem Alten etwas in die Ohren wiſperte. „Sehr gut,“ bedeutete ihm Dieſer.„Freut mich ſehr,“ fuhr er, zu Morton gewendet, fort,„daß Ihre Papiere in Richtigkeit ſind. Warten Sie, Mister Banks. Müſſen auf alle Fälle noch mit Mister Morton ein paar Worte ſprechen, ehe wir decifiv handeln können.“ Mister Banks, ein eleganter junger Mann, der gegenüber dem Alten ſich ausnahm, beiläufig wie der brittiſche Herzogsſohn ſich neben ſeinem Unterpächter ausnehmen würde, ſtellte ſich in ehrfurchtsvoller Ferne auf, der Befehle ſeines Herrn harrend. „Ihre Papiere, Mister Morton,“ fuhr Dieſer fort, „ſind, wie geſagt, in Richtigkeit. Sie ſind in dieſer Hinſicht ein ganz zuverläſſig junger Mann, obwohl, wie bereits bemerkt, zu raſch und waghalſig. Iſt aber der Fehler von mehreren großen Männern. Werden ſchon beſonnen werden. Kommt Alles mit der Zeit. Morton. I. 13 — 0 182— Das altadelige Blut wird ſich ſchon abkühlen, wenn nur der Geiſt bleibt.“ „Ich weiß eigentlich nicht— u bemerkte Morton mit Befremdung. „Pah!u und er wandte ſich wieder zum Buchhal⸗ ter, der wechſelweiſe den Cheque, wieder die Figuren auf ſeinem Porzellanteller anſtarrte.„Sie mögen alſo Miß Helen zur Frau nehmen; habe natürlich nichts dagegen einzuwenden. Das— auf die An⸗ weiſung deutend— iſt ein kleiner Beitrag zur Haus⸗ einrichtung und Verſorgung der Dinge, die da kommen werden; aber verſtehen Sie, Mister Cartwright, ſo Sie mir ein einziges Mal Ihre Officeſtunden verſäu⸗ men, ſo wiſſen Sie, wo der Zimmermann das Loch offen gelaſſen hat. Verſteht ſich von ſelbſt— Krank⸗ heitsfälle ausgenommen.“ Der Alte hielt inne; denn es waren zwei Neger eingetreten, von denen Einer die Baltimore Ducks, der Andere einen Hirſchziemer brachte. „Und nun, Mister Morton, greifen Sie zu, dieſe Ducks, wiſſen Sie, ſind ein Leckerbiſſen, um den uns die Monarchen der alten Welt beneiden würden, — 2 183— kennten ſte ſie. Sind wirklich einzig. Nur ſchade, daß ſie den Transport ſo gar wenig vertragen.“ „Wann klärt der Swiftfoot, Mister Banks?“ wandte er ſich auf einmal an Dieſen. „Schlag fünf Uhr.“ „Der Wind iſt günſtig,“ bemerkte der Alte.„Nord⸗ weſt bei Weſt. Die Koffer des Gentleman ſind auf dem Dampfſchiffe?“ „Alles richtig,“ antwortete der Buchhalter. Morton beſchäftigte ſich, trotz ſeiner Verzweiflung, ſehr ernſtlich mit den deliziöſen Baltimore Ducks, ſo ernſtlich, daß er die Worte des Alten überhörte, und ſeinen Seitenblick überſah. „Mister Morton!“ wandte ſich nun Dieſer an ihn. „Sie haben noch achtundfünfzig Minuten Zeit, wenn Sie in meinem Swiftfoot nach Hayre mitfahren wollen? Habe zum Unglück kein größeres Schiff, das in dieſer Richtung abgeht.“ „Ich mit dem Swiftfoot nach Havre gehen?“ fragte der Jüngling, im höchſten Grade erſtaunt. „Und von da nach Paris, wo Sie weitere Ver⸗ haltungsbefehle empfangen werden; und von Paris nach London, wo Ihnen Ihr Quartier angewieſen 13* —=0 184 6— werden wird, und Sie wieder das Weitere erfahren werden.“ „Nach London?“ rief der Jüngling, wie außer ſich. „Zuvor, wie geſagt, nach Havre im Schooner Swiftfoot, dann nach Paris. Daſelbſt werden Sie die nöthigen Inſtruktionen erhalten.“ Des Jünglings Miene nahm einen Ausdruck an, der Zweifel zu verrathen ſchien, ob der Alte auch bei Sinnen ſey. Er ſah wechſelweiſe Dieſen, wieder die beiden Buchhalter an. Beide waren ungemein ernſt, geſpannt, feierlich. „Eſſen Sie, lieber Mister Morton!“ „Aber Mister G— d!“ „Sie haben noch fünfundfünfzig Minuten Zeit. Gehen im Baltimore⸗Dampfſchiffe bis Cheſter, und von da im Swiftfoot nach Havre. Aber wir leben in einem freien Lande.“ „Unmöglich!“ „Ah wenn das der Fall iſt, dann iſt's freilich etwas Anderes. Wenn es unmöglich iſt, dann bitte ich um Vergebung, von wegen der Freiheit, die ich mir mit Ihren Koffern und Papieren und Ihrem alten Neger genommen. Werden aber Alles in Ord⸗ — 0 185— nung finden; iſt Alles auf dem Dampfſchiffe, das nach Baltimore geht, und Sie in Cheſter abſetzen ſollte, wo nämlich der Swiftfoot vor Anker liegt, zur Abfahrt bereit. Aber da es dem Gentleman unmög⸗ lich iſt, ſo geben Sie Ordre, Mister Banks, daß ſeine Sachen vom Maryland wieder in ſeine Wohnung zurückgebracht werden. Gegen Unmöglichkeiten läßt ſich nicht ankämpfen; und wir leben in einem freien Lande.“ „Und Sie haben?“ fragte der Jüngling. „Ihre Sachen bereits auf den Maryland bringen laſſen. Beſorgen Sie aber nichts; auch kein Stäub⸗ chen ſoll Ihnen von Ihrem Eigenthum verloren gehen. Und eſſen Sie, lieber Morton, obwohl Sie, wenn es unmöglich iſt, den ganzen Tag Zeit haben, ſo lange Sie nur immer wollen.— Steh'n zu Dienſten. Wir leben in einem freien Lande.“ Mister Banks ſtand an der Thüre, den Drücker in der Hand. „Dieſe Baltimore Ducks ſind unvergleichlich, lieber Mister Morton. Mit Extrapoſt angekommen. Sie müſſen aber warm gegeſſen werden; warum eſſen Sie nicht?“ — d 186— „Mister G— dl ich ſoll nach London?“ „Wenn Sie nämlich wollen. Wir leben in einem freien Lande. In dieſem Falle haben Sie noch zwei⸗ undfünfzig Minuten Zeit.⸗ Und mit dieſen Worten ſchoß der Alte einen fun⸗ kelnden Blick in das hochrothe Geſicht des jungen Mannes. Es war ein Blick, der in die Seele bohrte und die verſchloſſenſten Falten des undurchdringlich⸗ ſten Gemüthes zu enthüllen im Stande geweſen wäre. Und dann mit einem zweiten, in dem ſich die Erfah⸗ rung von zehn Menſchenaltern abſpiegelte, legte er bedeutungsvoll den Zeigefinger auf den Tiſch, gegen das kaiſerliche Geſchenk gerichtet, das er ſo eben dem treuen Vollbringer ſeines Willens in den Schooß ge⸗ worfen. Der beiden Buchhalter Augen fielen auf den Jüng⸗ ling, wie bittend. „Werden auf dem Schooner Swiftfoot ein wenig knapp ſeyn; der Capitän hat aber Befehle, ſeine Ca⸗ jüte mit Ihnen zu theilen. Ein wenig knapp; thut aber nichts; dafür geht es ſchnell. Werden ſchon mehr Ellbogenraum in der Folge erhalten, Mister Morton. Sind noch jung, Mister Morton. Wird —”d 187— ſchon beſſer werden; freilich iſt es kein United-States Kriegsſchiff. u Und ſo ſagend, winkte er dem zweiten Buchhalter, der ein offenes Papier vor Morton hinbreitete. „Sie erhalten einſtweilen für Ihre Tour nach Havre und Paris zehntauſend Franken, und zwar vorzüglich für Ihren Aufenthalt in Paris. Sie ſind mein Reiſeagent, und haben ferner als ſolcher an freiem Gehalte zweitauſend Dollars, ereluſive die Reiſegebühren, verſteht ſich, wenn Sie wollen. Eſſen Sie, Sie haben noch fünfundvierzig Minuten Zeit.“ Der Jüngling aß kräftig. „Treten Sie ab, Mister Banks, und Sie, Mister Cartwright, gleichfalls, bis ich Sie rufe.“ „Sie ſchreiben,“ bemerkte der Alte, nachdem die beiden Buchhalter ſich entfernt hatten,„regelmäßig Alles, was auf Politik und merkantile Geſchäfte, be⸗ ſonders auf Staatspapiere Bezug hat. Mittelſt der Schreib⸗ und Preßmaſchine ſenden Sie eine Copie an mich perſönlich ein, die andere an einen gewiſſen Lomond in London, wo Sie Quartier nehmen werden. Alles ſchreiben Sie kurz, beſtimmt und deutlich. Da Sie durch Ihre Familie und meine eigenen Bemü⸗ —= 188 6— hungen in den guten Zirkeln und— ſetzte er lächelnd hinzu— auch in den beſten und höchſten, Zutritt erhalten dürften, ſo werden Sie dieſes auf eine Weiſe benützen, die Ihnen ſpäter angegeben werden wird. Mister Lomond wird Ihnen hierüber die nöthigen Winke geben. Derſelbe Lomond wird auch die nöthi⸗ gen Kapitale zu Ihrer Verfügung ſtellen, im Falle ſich ein annehmliches Geſchäft thun läßt.“ „Sobald Sie in den hohen Zirkeln Englands und Frankreichs eingeführt ſind, wird Ihr Gehalt ſo ver⸗ mehrt werden, daß Sie auf eine ſtandesmäßige Weiſe leben können. Merken Sie ſich, daß Sie Geſandter des alten Stephy ſind, und daß Sie in gewiſſen Punkten keinem Ambaſſadeur des erſten Ranges weichen dürfen.“ Der Alte klopfte dreimal auf den Tiſch. Wieder erſchienen zwei Neger; die zweite Tracht wurde weggeräumt und das Deſert in goldenen Ge⸗ ſchirren aufgeſtellt. Der Alte befahl, Champagner zu bringen. „ Es lebe die Union und ihre Stifter!“ rief er. „Es lebe Ihr Großonkel lange und froh, um das Große, das ſein Enkel leiſten ſoll, zu ſehen! Denn —= 189— nicht Kleines iſt's, zu dem ich Sie beſtimme, Mister Morton!“ ſprach der Alte ungemein ernſt.„Nicht Zeitvertreibs wegen, daß ich Sie ſende. Genießen Sie aber das Leben, genießen Sie es bis auf die Hefe,— betrinken Sie ſich aber nicht darin, verſtehen Sie. Haben Sie ſtets ein Auge auf den alten Stephy gerichtet, der Ihnen klein erſcheinen mag, der aber in ſeinem Kopfe Ideen und Pläne hat, die, wollte ihm ſein Schöpfer nur fünfzig Jahre länger gönnen, den Erdkreis umgeſtalten ſollten— ja, junger Mann! den Erdkreis umgeſtalten ſollten. Pah!“ wandte er ſich auf einmal wieder, indem er abermals auf die Tafel klopfte. „Sagt Mister Cartwright, ich erſuche ihn, einzu⸗ treten.“ Dieſer kam, und mit ihm ein ſchmächtig zartes Weſen von etwa vierundzwanzig Jahren, das furcht⸗ ſam bei den Flügelthüren ſtehen blieb. Der Alte erhob ſich, bot ihr galant ſeinen Arm an und führte ſie zum vierten und leeren Sitz„Miß Helen Lovely! ich wünſche Glück, und trinke Ihre Geſundheit!“ Die beiden Brautleute wechſelten Blicke, und Freu⸗ —= 190— denthränen begannen über ihre Wangen herabzu⸗ perlen. „Trinken Sie, Mister Morton, Sie haben noch vierzig Minuten Zeit. Doch, kommen Sie, wir wol⸗ len die beiden Brautleute nicht länger im Genuſſe der Süßigkeiten ſtören; ohnedem thun Sie dem Magen zur Seereiſe nicht zweimal wohl.“ Und mit dieſen Worten erhob ſich der Alte, haſchte nach ſeinem Hute, warf ihn auf den Kopf, und ſchritt ins anſtoßende Beſuchzimmer. „Nicht wahr, Mister Morton, Sie werden wunder⸗ liche Dinge von mir denken? Nicht wahr? Hein!“ „Die Wahrheit zu geſtehen, Mister G— d— u „Mich ſo für eine espèce eiſernen kaufmänniſchen Napoleon halten, der Alles in's Feuer jagt, und zu Maſchinen zieht?“ „Sie werden am Beſten wiſſen—“ „Nun, wir wollen das dahingeſtellt ſeyn laſſen. Verſtehen Sie, ſehen Sie! die Menſchen ſind wirklich nur größtentheils Puppen, lebendige Puppen, die durch eine Menge Fäden geleitet und am Gängelbande geführt, das heißt, regiert werden. Je dümmer die Menſchen, deſto leichter ſind ſie am Gängelbande zu —= 191— führen; darum ſind die Koſacken und Ruſſen die aller⸗ beſten Unterthanen; und an dieſe ſchließen ſich dann ſtufenweiſe die andern Völker und Nationen an. Ver⸗ dammt ſchwer hält es mit den Franzoſen; aber für einige Zeit pariren ſie ſo gut als Andere, nur muß man recht theatraliſch ihrer Citelkeit zu ſchmeicheln wiſſen. Noch ſchwerer iſt John Bull zu regieren, weil er urtheilt. Eine urtheilende Nation iſt ſchwer zu regieren, oder, was daſſelbe ſagen will, zu bezäh⸗ men. Am allerſchwerſten die Amerikaner. Und doch würde Einer, der die Fäden alle, oder wenigſtens die meiſten, in ſeiner Hand zu vereinigen wüßte— weiß nicht— ich glaube, er würde auch die Amerikaner zähmen— darüber wahrſcheinlich zu Grunde gehen; aber doch zähmen, wenigſtens, wie Cäſar, den Grund legen, auf dem dann ein kalter Auguſtus fortbauen könnte. Habe viel erfahren; aber wollte es doch nicht mit Gewißheit behaupten. Seyd verdammt geſcheidte ſtarre Leute, Ihr Amerikaner. Als Republikaner waren die Griechen und Römer bloße Haſenfüße gegen Euch; denn ſie erkannten die Prinzipe des Eigenthumsrechtes und der perſönlichen Freiheit nicht ſo richtig, wie Ihr ſie kennt. Aber doch die —= 192— Fäden, ſehen Sie, lieber Morton, dieſe Fäden, ſie ſind verſchiedenartig. Sie ſind der blinde Glaube, Dummheit, Mangel an Nachdenken, Gewohnheit, Leidenſchaft, vorzüglich aber das liebe Geld. Haben Sie dieſe Fäden geſponnen, und mit den Menſchen ſelbſt in Verbindung geſetzt, und ſie an ihre Leiden⸗ ſchaften und Bedürfniſſe gekettet, dann können Sie ſie hinziehen, wohin Sie wollen. Es iſt eine eigene Sache um dieſe Fäden, und die Bedürfniſſe, an die man ſie knüpfen, oder die man mit ihnen erzeugen kann. Ihr Amerikaner nun werdet durch Bedürfniſſe regiert, die wieder ganz das Gegentheil von den der barbariſchen Koſacken ſind; je mehr Ihr Bedürfniſſe habt, deſto weniger ſeyd Ihr frei, deſto mehr werdet Ihr Unterthanen. Sehen Sie, merken Sie, das iſt beiläufig, was ich Regierungskunſt nenne. Wir haben die Fäden oder vielmehr den Hauptfaden in der Hand, wiſſen ſte und ihn mit den Menſchen in Verbindung zu bringen, regieren ſo auf unſere eigene Weiſe. Doch wir haben keine Zeit zu philoſophiſchen Erörterungen. Müſſen jedoch Alles hören, Alles wiſſen. Pah! haben mir da einen Brief vom wackern Oberſten Isling gebracht, einem alten Freunde von mir, und — d 193 6— herrlichen Deutſchen. Allen Reſpeckt vor alten Deut⸗ ſchen, ſind wie ihre alten Weine; ſind aber, höre ich, alle von den Franzoſen ausgetrunken worden, ihre alten Weine, und die jungen taugen nichts, oder nicht viel. Aber ein alter Franzoſe— Hein!“ Er lächelte und hielt inne. „Wird einem alten Deutſchen doch noch den Rang ablaufen. Hein!“ Morton ſah ihn geſpannt an. Des Alten Geſicht hatte etwas Leuchtendes, Phantaſtiſches angenommen. „Hat Ihnen da, der alte Isling, einen Wechſel von zehntauſend Dollars mitgegeben, zum Anfang Ihrer Pflanzung am Miſſiſippi, mit der Bedingung jedoch, daß Sie ſogleich in den Weſten gehen. Will ferner die Bürgſchaft ſtatt Ihres Großonkels für die fünf⸗ zigtauſend Dollars übernehmen, und dafür ſoll ich ihm die Realitätenurkunden ausliefern. Für die zehntauſend Dollars nimmt er blos vier Prozent. Ein Spottgeld; denn er kann zehn im Dauphin County haben.“ „Wie?“ fragte der Jüngling im höchſten Erſtau⸗ nen.„Oberſt Isling ſollte das gethan haben?“ „Da, leſen Sie,“ ſprach der Alte;„wiſſen Sie das nicht? Ah, Oberſt Isling iſt ein prächtiger Deutſcher. —=0 194 G— Und die alten Deutſchen waren immer brav, ſchon von den Römerzeiten her— wenn ſie nämlich nicht ſchlecht waren. Dachte wahrſcheinlich, der alte Isling, würde da über Ihren Großonkel herfallen, den edel⸗ ſten Staatsmann, der je gelebt, und der eigentlich Urſache it, daß wir Ausländer, wie Ihr uns nennt, es in Euerm Lande aushalten können vor Euerm ſchmutzigen Hochmuthe und Euerer ſchäbigen Selbſt⸗ ſucht. Er konnte glauben, ich würde einen ſolchen Mann drängen! Pfui, alter Isling! Glaubteſt Du denn, ich ſey ein Yankee, ein derlei doppelt deſtilirter Jude, oder ein hypokritiſcher Presbyterianer, oder ein winſelnder Methodiſt? Hein!“ Der Alte war, während er ſo ſprach, einige Male ſcharf im Salon auf⸗ und abgelaufen. Morton ſtand, den Wechſelbrief des Oberſten in der Hand haltend, und ſeine Bruſt hob ſich in dem Gedanken an die herrliche, fromme Familie und die entzückende Adele, deren verklärte Holdſeligkeit ihm nun im vollen Zau⸗ berlichte der reinſten Jungfräulichkeit vor Augen ſtand. Eine unnennbare Sehnſucht zog ihn zurück zu den Ufern des Susquehannah. „Sie haben alſo die Wahl,“ unterbrach ihn der —= 195— Alte in ſeinen Träumereien,„ob Sie ſich Oberſt Isling anvertrauen wollen, oder mir. Er iſt ein Ehrenmann. Sie gehen ganz ſicher. Vier Jahre läßt er Ihnen die zehntauſend Dollars zu vier Pro⸗ zent, die bereits bezahlt ſind; denn er nimmt den Cyrus zu zweitauſend Dollars an.“ „Gerade das koſtete er mich auch,“ bemerkte Mor⸗ ton gedankenſchwer. „Mit Ihrem Großonkel würde er großmüthig ver⸗ fahren, darauf können Sie ſich gleichfalls verlaſſen. In vier Jahren können Sie Ihre Pflanzung einge⸗ richtet haben, und ein wohlhabender Mann ſeyn. Bei mir ſind Sie Reiſeagent— werden, ſo ich ſehe, daß Sie zu gebrauchen ſind, bevollmächtigter Agent — mein Abgeſandter— aber ſind mein Werkzeug. Wählen Sie. Ihre Mitbürger wenden ſich von Ihnen; zwei Ausländer, wie ſte uns nennen, bieten Ihnen ihre hülfreiche Hand an; was wählen Sie?“ Noch ſtand Morton unentſchloſſen. „Sie haben noch fünfundzwanzig⸗Minuten Zeit, Mister Morton. Vor vier Tagen wollten Sie in den Delaware ſpringen, vor dreien in den Susque⸗ hannah,“ ſprach der Alte mit durchbohrendem Blicke — d 196— und einem dämoniſchen Lächeln.„Glauben Sie, es mit Ihren biſſigen Landsleuten aushalten, ihr from⸗ mes Hohnlächeln ertragen zu können?“ Der Jüngling lächelte bitter. „Auch ich bin mit Füßen getreten worden, von Vater, Mutter, Brüdern, buchſtäblich mit Füßen getreten worden; mit meinem Mädchen, das ich wie ein fünfzehnjähriger Narr liebte— denn wir Gas⸗ cogner fangen zeitlich an, und hören ſpät auf,— machte ſich ein alter Vicomte einen Zeitvertreib, der ſie in's Lazareth brachte. Darüber bekam ich la belle France ſatt, bis zum Halſe. Starke Seelen krümmen ſich nicht, ſie brechen lieber, und die ſtärkſten biegen ſich wie Damaszenerklingen, und ſchnellen auf und ſchneiden. Ah, die Zeit meiner Rache iſt gekommen. Könige müſſen vor mir zittern.“ Der junge Mann lächelte nicht mehr. „Ich habe mehr als hundert Millionen im Gelde meines Geburtslandes. Mehr als hundert Millionen ſtehen mir zu.Gebote. Ich brauche keine Hundert⸗ tauſend für mich; aber ich brauche die hundert Mil⸗ lionen zu meinen Endzwecken. Wollen Sie dieſe för⸗ dern? Wollen Sie der Meinige werden?“ „Und dieſe Endzwecke?“ fragte der Jüngling. „Fragen Sie nicht, junger Mann!“ verſetzte der Alte mit ſtarker Stimme.„Wollen Sie mir gehören? Antworten Sie. Sie ſollen Großes wirken, groß werden.“ „Ich will.“ „Sie wollen alſo die Bombe ſeyn, die ſich erhebt in dunkler Nacht, und hinüber ſteigt auf die ſichere Feſtung, und niederſtürzt auf das Pulvermagazin, und es aufſchnellt, daß eine Welt erbebt? Ah— Sie wollen ſich alſo franzöſtſcher Großmuth anver⸗ trauen?“ „Das will ich.“ „Ah, ſie glauben drüben, der alte Stephy ſitzt im phlegmatiſch⸗quäkeriſchen Philadelphia! Ah, und er ſieht nichts und hört nichts auf ſeinen Gold⸗ und Silberſäcken. Ah, Sie ſollen ſehen und hören, daß ich ſie nicht vergeſſen habe, nichts vergeſſen habe. Ah, Ihr Amerikaner habt Großes bewirkt, aber der Lichtſtrahl, die Exploſton, die auffuhr, war mit fran⸗ zöſiſchem Credite endoſſirt. Verſtehen Sie mich? So endoſſirt ſollen Sie in die alte Welt. Verſtehen Sie?“ Morton. I. 14 „Ja. u „Ihren Cyrus nimmt alſo der Oberſt für zwei⸗ tauſend Dollars, die Ihnen bei mir in's Haben ge⸗ ſchrieben ſind,“ ſprach der Alte mit einem ſeltſamen Gedankenſprunge.„Ah, junger Mann! wo wären Sie, ohne Oberſt Isling oder den alten Stephy? Ah, der alte Stephy,“ murmelte er mit leuchtenden Augen;„Isling iſt doch nur ein Deutſcher; wir aber ſind ein Franzoſe. Der Teufel ſind wir. Wollen Sie dem Teufel angehören, Morton? Hein! Dann unter⸗ ſchreiben Sie.“ Und es leuchtete ein wirklich teufliſches Feuer aus des Alten glühenden Augen, als er dem Jüngling das Papier zur Unterſchrift vorlegte. Dieſer überſah es, und ſchrieb, wie es ſchien, freudig überraſcht, ſeinen Namen darunter. „Und nun kommen Sie, Sie haben noch fünfzehn Minuten Zeit.“ So ſagend, legte er den Arm Mortons in den ſeinigen und zog ihn raſch durch den Corridor der Hausthüre zu. Einer der beiden Irländer kam wie toll an ihn heran geſprungen. — N —= 199— „Ah, Maſter!“ rief der Ire,„treiben Ihre Tricks*) mit uns, verdammte Tricks; wollen Ihnen aber zei⸗ gen, daß Phelim keine Tricks mit ſich ſpielen läßt. Sind in einem freien Lande. Laſſen uns da Ziegel hin und her tragen, vorwärts und rückwärts, wie Narren. Eine Schande und ein Spott. Meinen Sie, wir ſind Juden, und in Egypten— damn ye! Sind in einem freien Lande, Sar. Und verſtehen Sie, Sar! Und damn ye, Sahr! you old tyrant, Sahr! And we are in a free cahntry, Sahr!“**) „Ah, Jungens, Ihr ſeyd fertig? Recht ſchön,“ lachte der Alte—„recht ſchön. Nun, ſo tragt ſie nur wieder auf ihren vorigen Platz, von dem Ihr ſie ſo eben weggetragen, zurück auf die linke Ecke; ver⸗ ſteht Ihr mich? „Master! you anar!“ ſchrie der Irländer, und die Unterlippe des Mannes ſtreckte ſich ſo weit in der ausbrechenden Wuth, daß er kein Wort hervorzu⸗ bringen i im Stande war. „Wie ich ſage,“ bedeutete ihm der Alte gelaſſen. *) Poſſen. **) Und v-t ſeyen Sie, Herr— Sie alter Tyrann; und wir leben in einem freien Lande. 14* —=0 200 6— „Ihr tragt die Ziegel wieder an den Ort, von dem Ihr ſie genommen.“ „Now by saint Patrick and Jasus! und möge ich ——— werden, wenn ich dem alten Tyrannen da nicht den Hals umdrehe. Davy, my darling!“*) rief er ſeinem Gefährten mit drollig einſchmeichelnder Stimme zu,„komm', und laß uns dem alten Tyran⸗ nen da das Genick umdrehen!“ Und der tolle Irländer war auch vollkommen wil⸗ lig, ſeine Worte in Erfüllung zu bringen, und mit einem Satze ſprang er an den Alten heran, der kaum Zeit gehabt hatte, dem Anfall durch eine geſchickte Wendung zu entgehen. Morton erfaßte jedoch den Irländer, eben als er ſeinen Fehlſprung durch einen zweiten verbeſſern wollte, und ſchleuderte ihn zu Boden. „Möge Sie G—tt v n, alter Tyrann!“ ſchrie der Irländer wieder dem Alten zu.„Glauben Sie, wir ſind Ihre Narren— Ihre verdammten Narren? O weh, Davy, der Gentleman, glaube ich, hat mir ein paar Rippen gebrochen, oder wenigſtens das *) David, mein Schätzchen. — e 201 6— Genick. Davy, my darling! komm, mir aufzuhelfen, um dem alten Tyrannen eines zu verſetzen. O weh! Ah, Sahr, als Gentleman hätten Sie auch ein wenig genteeler ſeyn können;“ ſchrie er drollig maulend Morton an. Und wieder ballte er auf den Alten die Fäuſte und fletſchte die Zähne; und als er endlich mit Hülfe Davys auf die Beine gebracht worden, hinkte er abermals heran, um dem alten Tyrannen, wie er ſich ausdrückte, das Genick umzudrehen. „Sehen Sie,“ ſprach der Alte ruhig zu Morton, „ſehen Sie, was man mit den Leuten für eine Plage hat, ehe man ſie abrichten kann. Zehnmal möchte man vor Zorn und Ungeduld aus der Haut fahren. Iſt ſchwer, lieber Morton, dieſe Maſchinen in Gang zu bringen, ſehr ſchwer, gehört viele Seelenſtärke und Ausdauer dazu. Man darf Contenance abſolut nicht verlieren. Pah!“ wandte er ſich auf einmal zu dem tollen zähnefletſchenden Irländer:„Du willſt alſo nicht länger Ziegel tragen, Paddy?“ „Möge mich G—tt v— n, wenn ich's thue, Du alter Tyrann!“ ſchrie ihn der Ire an—„By Jasus, ich will nicht!“ * — 0 202 c— „Ah, biſt ein braver, und wie ich ſehe, ein ſtudirter Kerl, dem es freilich zu gering ſeyn muß, wie die Juden in Egypten Ziegel hin und her zu tragen. Wo dachte ich nur hin, einem ſolchen Burſchen, wie Du, dergleichen zuzumuthen? Hein! wollen unſern Fehler verbeſſern. Hein! haſt netto einen halben Tag ge⸗ arbeitet— Hein!“ Der Irländer gab keine Antwort. „Zwar nicht ganz einen halben Tag, blos drei Stunden; aber ſollſt für einen halben Tag bezahlt ſeyn. Halt, da iſt ein halber Dollar.“ Der Ire ſtutzte und langte nach dem Silberſtücke. „Und Du?“ wandte ſich der Alte zu dem zweiten Irländer, der ſich vergebens bemüht hatte, ſeinen tollen Kameraden zur Ruhe zu bringen. „Ah, by Jaſus!“ lachte Dieſer,„meinethalben trage ich Backſteine bis an's Ende der Welt, wenn mich Euer Wohlehren bezahlen.“. „Und es Whisky gibt, nicht wahr? Mister Bell!“ — er wandte ſich zu einem ſeiner Commis, der auf der Marmortreppe der Hausthüre dem ſeltſamen Auftritte zugeſehen hatte—„Mister Bell! ſagen Sie Mister Banks, er möge dieſen Mann für den — —.— —— — 203 6— nächſten Monat in Dienſt nehmen. Mag ihn am Werfte einſtweilen anſtellen; dreißig Dollars per Monat. Biſt Du zufrieden, Paddy?“ Der Irländer warf vor Freuden ſeinen Hut in die Höhe, und tanzte wie närriſch um den Alten herum. „Und nach Verlauf dieſer Zeit,“ fuhr der Alte fort,„mag mir Mister Banks über das Betragen des Mannes Bericht abſtatten; vorzüglich im Punkte ſeiner Nüchternheit.“ „Und Du,“ wandte er ſich zu Phelim, der, den Hut in der Hand, da ſtand, nicht unähnlich dem Hunde, der den Knochen ſo eben ins Waſſer verſtnken geſehen;„ſo Du Dich noch einmal in meiner N tähe blicken znreſe 3 laſſe ich Dich von wegen assault and battery*) verhaften. Merke Dir das! Ah, Mister Morton koſtet viele Mühe, die Leute zu zie⸗ hen;“ ſeufzte der Alte.„In dieſem Punkte iſt es ein wahres Elend in Ihrer Republik; zum Glücke ſind noch Irländer, Deutſche und Engländer genug auf der Welt; aber mit Euch Amerikanern iſt es eine gar ſchwere Sache.— Man muß jedoch Gutes mit Böſem *) Augriff und Schlägerei. —:= 204 6— nehmen. Eine Kapitalſache iſt die Sicherheit des Eigenthums bei Ihnen.— Jetzt ſehen Sie, die Schlingel da haben uns ſo lange aufgehalten, daß wir die Zeit zur Abfahrt beinahe verſäumten. Wir haben noch eine Minute Zeit.“ Und während der Alte ſo ſprach, tönte auch die Schiffsglocke vom Chesnutwerft herüber, und die kurz abgebrochenen Dampfſtöße ächzten und ziſchten wie raſend vor Ungeduld, die nahe Abfahrt verkün⸗ dend. Er ging in tiefes Sinnen verloren. Als ſie in Marketſtreet ankamen, hörten ſie die Schiffsglocke ein zweites Mal. Wieder hielt er inne: „Ja, ja, lieber Morton, in London werden Sie etwas von meinem Geiſte kennen lernen. Iſt ein eigenes Leben in London. Iſt da gewiſſermaßen deponirt mein Geiſt.— Sind ganze Kaufleute, die Engländer!“— „Ihr Geiſt in London deponirt?“ fragte Morton. „Ich glaubte, er ſey ganz in Philadelphia, Mister G— d. Aber das Dampfſchiff, Mister G— d? Wir verſpäten uns.“ „Da irren Sie. Der Geiſt eines Großhändlers muß die Welt umfaſſen. Er iſt eine ſouveräne Macht, — o 205 6— dieſer Großhändler, der unabhängig vom Staate nur gehörig gedeiht, ſo wie einſt die Kirche nur gedieh, als ſte unabhängig vom Staate war— und bei Ihnen jetzt gedeiht, weil der Staat gar nichts mit ihr zu thun hat. Der Großhändler iſt eine ſouveräne Macht, merken Sie ſich das, Mister Morton— in gewiſſer Beziehung ſo ſouverän, wie der Monarch, der ein Land regiert. Pah! es iſt nicht das Land, das die Macht verleiht, es ſind die Menſchen— ver⸗ ſtehen Sie; und der Großhändler hat ſo gut ſeine Unterthanen, ſeine Regierungsbeamten, ſein Reich, ſeine Allianzen— ſelbſt ſeine heilige Allianz— wie die großen Mächte Europas. Ah, in London beim alten Lomond werden Sie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, Ihr examen rigorosum beſtehen müſſen.“ „Ah, da ſind wir ja,“ ſprach er, auf das Dampf⸗ ſchiff deutend, von welchem die Schiffsbrücke ſo eben abgezogen wurde. Man hörte den Ruf des Capi⸗ täns:„All hands on board,“ und das„Nes sir“ des Oberbootsmanns, worauf ſich das Schiff in Be⸗ wegung ſetzte. Der Alte ſchien Dampfſchiff und Reiſe vergeſſen zu haben; die Hand des Jünglings feſt in die ſeinige — 0 206— gepreßt, ſchweiften ſeine Augen in die Ferne, während er murmelte:„Sollte am zwanzigſten Januar nach Paris abgehen, heute haben wir den dritten; Lo⸗ monds Brief datirt vom neunzehnten Dezember. Dieſe Baltimore⸗Schooner ſind nicht mit Geld zu bezahlen; fliegen wie die Schwalben. Ah, Mister Morton! am zwanzigſten müſſen Sie in Havre ſeyn. Am fünfzehnten künftigen Monats in London.“ „Haben Sie nur die Gefälligkeit, den Winden zu befehlen.“ „Sie gehen mit dem⸗Glücke des alten Stephy; das iſt der beſte Wind,“ verſetzte er ernſt, die Hand des Jünglings noch immer in der ſeinigen haltend. „Capitün Morton, adieu!“ ſchrie es vom Dampf⸗ ſchiffe herüber. „Master!“ heulte Pompey, der vor Ungeduld wie toll auf der Quarterdecke umherſprang. Der Alte ſchien nichts zu bemerken.„Ah, der Geiſt Ihres Großonkels,“ hob er wieder an, nendoſſtrt vom alten Stephy— er geht in Ihnen ab, junger Mann. Vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihren Geiſt in Anſpruch nehme, daß ich keine Maſchine brauche, daß Sie der Repräſentant des alten Stephy werden —" 207— ſollen, der raſch handeln muß, wenn es Zeit und Umſtände erfordern. Ah, da haben Sie noch etwas. Es iſt Ihr Creditiv für Mister Lomond.“ Das Creditiv war eine kleine, ſchmutzige Karte, zuſammengefaltet und verſiegelt. „Master!“ ſchrie Pompey nochmals aus der Ferne herüber. „Und nun, Freund! es iſt ſelten, daß der alte Stephy Jemanden Freund nennt; leben Sie wohl! und wenn Sie ſich nicht an Ihrem Schickſal rächen, ſo iſt es Ihr Fehler. Wenn Sie nicht mit einer Million franzöſiſchen Geldes wiederkehren, es iſt mehr als Fehler.“ „Tom, John, Mike und Ben! bringt den Gentle⸗ man ſogleich an Bord des Maryland. Jedem von Euch einen Dollar.“ Den vier Bootsmännern war ein„Damn“ ent⸗ fahren, dem jedoch, als ſie den Nachſatz hörten, ein Hurrah folgte. Mit einem Satze waren ſie Alle im nächſten Boot, das wie durch einen Zauberſchlag an den Werft und mit dem Jüngling davonflog. Der Alte warf ihm Kußhändchen zu. A Das Dampfſchiff war hundertundfünfzig Yards im —= 208 6— Strome und holte nun mit ſeiner hundertundzwanzig Pferdekraft zum gewaltigen Zuge aus. Die unge⸗ heuern Wellen, die es auffurchte, warfen das ſo eben vom Lande geſtoßene winzige Fahrzeug bei jedem Ruderſchlage in die Höhe, und wieder in die Tiefe, während gewaltige Maſſen Treibeiſes krachend ſich heranwälzten, und es jeden Augenblick in tauſend Stücke zu zertrümmern drohten. „Greift aus, Ihr Jungens, und zeigt, daß Ihr den Whitehall⸗Buben*) nichts nachgebt. Zehn Dollars für Euch!“ ſchrie der Alte hinüber. „Hurrah, für den alten Stephy!“ brüllten die vier Bootsmänner, und durch die ſechs Dollarskraft ver⸗ ſtärkt, flog das Boot durch die ſich nach einander kräuſelnd aufthürmenden Wogen des Rieſenſtromes, wie der Delphin durch die blaue Tiefe fliegt. Das intereſſant gefährliche Wageſtück hatte Hunderte von Zuſchauern auf das Werft gezogen, der Capitän des *) Whitehall, der Standpunkt der Bootsleute im Hafen von Rewyork, von wo die Boote bei Wetten in der Regel aus⸗ laufen; dieſe finden beinahe ſtets zwiſchen amerikaniſchen und engliſchen Matroſen Statt, wenn Kriegsſchiffe der erſten Nation ſich im Hafen befinden. Hohe Summen werden bei dieſen ge⸗ wonnen und verloren. 2 — o 209— Dampfſchiffes in ſeiner Fahrt eingehalten und ein zweitesmal gerundet, um dem Boote Zeit zu ſeiner Annäherung zu geben; dieſes war bis auf fünfzig Yards an das Schiff herangekommen. Während deſſen kam ein Schooner mit vollen Segeln den Strom herab, das Boot in die Mitte nehmend. „To leeward! to leeward!“ rief es aus hundert Kehlen. Und in demſelben Augenblicke riß eine gewaltige Woge das leichte Fahrzeug mehrere Klafter hoch empor und warf es mit derſelben Schnelligkeit in die Tiefe, und während es hinabgleitete, kam eine zweite Woge, und auf dieſer reitend, ein ungeheurer Klum⸗ pen Treibeiſes, der über das Schiffchen hinfuhr und es mit ſeinem eiſigen Schilde bedeckte, wie das Leichen⸗ tuch den Sarg bedeckt. Das Boot war verſchwunden. Ein Schrei des Entſetzens ſtieg von dem Werfte und dem Quarterdecke des Maryland und von hun⸗ dert Schiffen in die Lüfte, und tauſend Stimmen ſchrieen, und dann verſagte ihnen die Sprache, und ſie ſtarrten ſprachlos auf den Fleck hin, in den ſich be⸗ reits friſche Eisklumpen und Wogen getheilt hatten. —= 210 6— Der Alte hatte eine Cigarre aus ſeiner Rocktaſche genommen und ganz gemächlich Feuer geſchlagen. Nachdem er ſeine Cigarre in Rauch gebracht, warf er wieder einen Blick auf den Strom. Jetzt hob ſich ein Kopf, dann ein zweiter, ein dritter, zuletzt ein vierter. Es waren die Köpfe der Matroſen. Der Alte ſah ſchärfer hinüber. Die Hand eines Fünften wurde nun ſichtbar, dann der Kopf. Es war Morton, der ſich an der Bootswand des wieder aufgetauchten Fahrzeuges hielt, an der nun die fünf Schwimmer, wie Blutigel am menſchlichen Halſe, hingen. Das Boot des Maryland hatte ſich mittlerweile Bahn bis zu den fünf um ihr Leben Kämpfenden gebrochen. Der Alte ſchrie mit einer Donnerſtimme hinüber:„Tom, John, Micke und Ben! Jedem von Euch fünfundzwanzig Dollars. Habt Acht auf Mister Morton.“ „Ein Hurrah dem alten Stephy!“ brüllte es wie⸗ der zurück, und mit einem Schwunge waren ſie in der Nawl des Maryland. Morton hielt ſich noch mit der einen Hand an der Bootswand, mit der andern ergriff er ein vom Dampfſchiffe ihm zugeworfenes Seil. „Ahlu lachte der Alte, während der Jüngling die Schiffswand hinankletterte.„Hat noch ein Bad vor ſeiner Abfahrt genommen. Der erſäuft nicht mehr. Der iſt ſicher.“ Einige der Zuſchauer ſchauderten, Andere ſtießen Verwünſchungen aus; die Mehrzahl aber meinte— Ah, old Stephy! has plenty of money.“*) Bei uns vertritt nämlich money die Stelle der Liebe; ſie bedeckt der Sünden viele, oder vielmehr alle. *) Ah, der alte Stephy hat die Fülle Geldes. — eo— ffffffnfeeffffffffff fiffe 5 9 11 12 14 4. 9 v 8 1 1 1iLe