———⸗-— 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 7 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 5 auf 1 Monat: 1 Mr.— Tf. 1 M. 50 Pf. 2 Nk. pf . 5 3 „— u 2—„ 1— uI 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 3 7. Iu jenezerie Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8—j—— N —— 2—— — 1 Waverley Schottland vor ſechszig Jahren Hiſtoriſch⸗humoriſtiſcher Roman . ¹ von Walter Scott — Aus dem Engliſchen nach der vierten h. Original⸗Ausgabe à berſeht von. Theil — ʒ—— Leipzig, 1822 bey Wilhelm Lauffer ten. Seit rnehreren Tagen beſchaͤftigte ſich Miß Roſa. In duͤſtere Schwermuth verſunken, lichen Unternehmung, deren ungerechte Urſache Erſtes Kapitel. Ein edler Mann im Schmerz. Sollten meine ſchoͤnen Leſerinnen die Unbeſtaͤn⸗ digkeit meines Helden in der Liebe, unverzeih⸗ lich finden, ſo bemerke ich ihnen, daß das Un⸗ recht, deſſen ſie ihn zeihen, nicht allein aus dieſer Quelle herkam. Der lyriſche Dichter, der ein treues Gemaͤlde von den Leiden der Liebe ent⸗ wirft, vergißt nicht in ſeinen erhabenen Stro⸗ phen anzufuͤhren, daß Hunger und Glaͤubiger den Kummer ſeines Helden viel bitterer mach⸗ Waverley weder mit Miß Flora, noch mit machte er tauſend Muthmaßungen uͤber ſeine Familie, ſo wie uͤber das Reſultat ſeiner miß⸗ ihm der Obriſte Talbot beſtaͤndig auseinander zu ſetzen ſuchte. IV. A „Inzwiſchen,“ ſagte er,„bin ich weit ent⸗ fernt, Euch zu rathen, ſie ſogleich wieder zu verlaſſen: denn was auch geſchehen mag, Ihr muͤßt das Verſprechen halten, das Ihr ſo un⸗ klug und leichtſinnig thauet. Waͤret Ihr doch nur erſt uͤberzeugt, gegen den Nutzen Eueres Va⸗ terlandes zu handeln, und wie Alles Euch ver⸗ pflichtet, die a guͤnſtige Gelegenheit zu er⸗ greifen, um dieſe ungluͤckliche Unternehmung wieder zu verlaſſen, ehe die Bombe platzt.“ Waverley ſetzte dieſen Gruͤnden, die allgemei⸗ nen Argumente entgegen, deren ſich alle Anhaͤn⸗ ger der vertriebenen Familie bedienten; und die hier anzufuͤhren unnuͤtz waͤre. Als ihm aber der Obriſte den Vergleich ihrer Kraͤfte mit de⸗ nen der Regierung aufſtellte, wußte er nicht, was er ſagen ſollte, und brach das Geſpraͤch ab. Als einſt Waverley, uͤber eine ſolche Unter⸗ redung, die ſie abends gehalten hatten, noch in ſeinem Bette nachdachte, glaubte er Seufzen zu hoͤren, und als er aufmerkſam darauf achtete, vernahm er ganz deutlich, daß es aus dem Zim⸗ mer des Obriſten kaͤme, welches, von dem ſei⸗ nigen, nur durch einen duͤnnen Verſchlag mit einer Thuͤre, getrennt war. Da er ſich ihr naͤ⸗ herte, hoͤrte er tiefe Seufzer.„Was mag dem Obriſten fehlen?“ fragte er ſich ſelbſt.„Ich ver⸗ — 3— ließ ihn doch ſo ruhig; aber ohne Zweifel ward er krank.“ Er oͤffnete in dieſer Meinung die Thuͤre ganz leiſe, und traf den Obriſten im Schlafrocke am Tiſche ſitzen, mit einem Portrait in der Hand und einem offenen Briefe vor ſich. Er ſah ſich um, und Eduard wußte nicht, ob er vorwaͤrts oder zuruͤck gehen ſollte, denn er ſah das Geſicht ſeines Freundes in Thraͤnen. Beſchaͤmt in dieſer Lage uͤberraſcht worden zu ſeyn, ſtand der Obriſte kummervoll mit den Worten auf: „Sir Waverley, um dieſe Zeit glaubte ich,— wiewohl gefangen—; doch allein in meinem Zimmer ſeyn zu koͤnnen.“ „Ich beſchwoͤre Euch, nennt mich nicht un⸗ beſcheiden! ich hoͤrte Euch tief ſeufzen, ich fuͤrch⸗ tete, Ihr waͤret krank, ſonſt haͤtte ich mir dieſe Freyheit gewiß nicht genommen.“ „Ich beſinde mich wohl!“ „Aber habt Kummer; iſt's nicht moͤglich ihn zu lindern?“ „Nein, Sir Waverley, ich dachte an mein Vaterland,— an gewiſſe, nicht angenehme Nachrichten, die ich erhielt.“— „O Gott, wenn mein Oheim 1...“ „Es iſt nicht wegen ihm, es iſt eigener Kummer.— Es thut mir leid, daß Ihr mich in einer ſo lebhaften Bewegung geſehen habt.— A 2 4 — 4— Ein Anderer haͤtte vielleicht ſein Geſchick mit groͤßerer Wuͤrde ertragen; ich glaube aber der Natur nicht entgegen handeln zu muͤſſen.— Ich wollte es Euch verhehlen, weil ich weiß, daß es Euch unruhig machen wird, und Ihr mir doch nicht helfen koͤnnt. Ich liebe die Ge⸗ heimniſſe nicht.— Leſet dieſen Brief von meiner Schweſter!“ Er lautet folgender Maaßen: „Ich habe, liebſter Bruder, das mit Hodges geſchickte Paquet erhalten. Sir Eberhard und Miß Rahela genießen noch ihrer Freiheit; aber man hat ihnen nicht erlaubt, London zu ver⸗ laſſen. Ich wollte es ſtuͤnde in meiner Macht, Dir beßre Nachrichten von unſerm Canton zu ge⸗ ben; aber die ungluͤckliche Schlacht von Preston, und vorzuͤglich das Geruͤcht daß Du geblieben waͤ⸗ reſt, hat Alles mit Beſtuͤrzung erfuͤllt. Du weißt, in welchem Zuſtande die Geſundheit der Lady Emilie war, als Dich Deine Freundſchaft ver⸗ pflichtete, ſich von ihr zu trennen. Als ſie den Ausbruch der Rebellion vernahm, ward ſie fuͤrchterlich ergriffen, allein ſte waffnete ſich mit Muth Dir, wie ſie ſagte, die Gattinn und den laͤngſt gewuͤnſchten Erben zu erhalten. Aber, trotz aller Vorſichtsmaaßregeln, traf ſie die Nach⸗ richt des zerſtoͤrenden Tages von Preston un⸗ — — 3— vorbereitet. Das unſchuldige Weſen das ſie zur Welt brachte, uͤberlebte uur wenige Stun⸗ den ſeine zu zeitige Geburt, und wollte Gott, ich haͤtte Dir nicht noch mehr Ungluͤck zu ver⸗ kuͤndigen.— Wiewohl Dein letzter Brief den entſetzlichen Bericht, den wir erhalten hatten, ganz entkraͤftete, und die Kranke neu belebte, ſo glaube ich doch, daß ernſtliche— und ich kann Dir's nicht verbergen!— gefaͤhrliche Fol⸗ gen fuͤr ſie zu fuͤrchten ſind, weil der erſte Ein⸗ druck der Geſundheit der lieben Emilie außer⸗ ordentlich geſchadet hat, und ſie Dich in der Ge⸗ walt wilder und barbariſcher Feinde weiß. Ich be⸗ ſchwoͤre Dich, geliebter Bruder, verſaͤume nichts, um deine Freyheit zu erlangen, ſey es auf Dein Ehrenwort, durch Geld, oder durch Auswechs⸗ lung. Eile ſchnell zuruͤck, ich bitte Dich! Ich uͤbertreibe nichts, aber ich glaubte, Dir den wahren Zuſtand Deiner Emilie ſagen zu muͤſſen. Komm, lieber Philipp, und erfuͤlle die herzli⸗ chen Wuͤnſche Deiner treuen Schweſter! Lucy Talbot.“ „Dieſer Brief verſteinerte Waverleyn.„Ach!“ rief er,“ waͤret Ihr nicht mich aufzuſuchen, gereiſ't, ſo geſchah dieſes entſetzliche Unheil nicht! Ich habe Ench des ſehnlich gewuͤnſchten ——— —y— — 6— Erben beraubt, wer weiß, ob nicht auch der ge⸗ liebten Gattinn?— Gott! wie vermag ich die⸗ ſes Ungluͤck zu verbeſſern!“ „Es iſt eine Frau,“ ſagte der Obriſte,„mein junger Freund, um die zu weinen ſich auch der Soldat nicht ſchaͤmen darf. Betrachtet dieſes Gemaͤhlde, es ſtellt nur ſchwach die Reitze des Originals dar.— Ich Ungluͤcklicher! ich ſollte wohl ſagen ihre vergangenen Reitze!— Num, Herr! Dein Wille geſchehe!“ „Reiſt ab, Obriſter! Fliegt ihr zu Hulſe, verſaͤumt keinen Augenblick.“ „Kann ich denn? Gab ich nicht mein Eh⸗ renwort?“ „Ich bin Euer Buͤrge!— Ich gebe Euch Euer Wort zuruͤck, und ſtehe fuͤr Alles!“ „Ihr wuͤrdet an Eurer Pflicht und ich an meiner Ehre fehlen, wenn ich es annaͤhme.“ „Alles falle auf meinen Kopf! Reiſet ab, Obriſter, reiſet!— Ich bin Schuld an dem Tode Eures Kindes; ach! macht mich nicht auch zum Moͤrder Eurer Gemahlinn!“ „Lieber Eduard!“ ſagte der Obriſte, indem er ihm freundſchaftlich die Hand druͤckte,“Ihr ſeyd zu ſtreng gegen Euch ſelbſt. Ihr habt Euch nichts vorzuwerfen. Habe ich Euch mei⸗ nen Kummer zwey Tage lang verſchwiegen, ſo war es nur um Enerer Empfindſamkeit zu ſcho⸗ nen. Als ich England verließ, Euch aufzuſu⸗ chen, ſo geſchah es ohne daß Ihr es wußtet, Ihr kenntet mich ja kaum; kann man Begebenhei⸗ ten verantworten, die man weder kennt, noch vorausſehen kann? Nur Gott ließt in der Zukunft, es hieße ihn beleidigen, zu glauben, daß er ſeine ſchwachen Geſchoͤpfe mit ſolcher Ver⸗ antwortlichkeit belaſtet habe. Beruhigt Euch, mein junger Freund! Ich that meine Pflicht, es reuet mich auch nicht. Wenn der Pfad, der zum Tempel der Erkenntlichkeit fuͤhrt, immer voll Blumen und lachend waͤre, ſo wuͤrde er be⸗ ſuchter ſeyn. Oft geſchieht's, daß man ſich einer heiligen Schuld nicht entledigen kann, ohne ſeine liebſten Neigungen aufzuopfern.— Es gibt ſchreckliche Pruͤfungen im Leben; ich habe deren mehrere ertragen, aber ich geſtehe, daß dieſe letztere“... Thraͤnen erſtickten ſeine Stim⸗ me.„Mein lieber Eduard,“ ſagte er, als er ſich wieder geſammelt hatte,„wir wollen mor⸗ gen mehr davon ſprechen. Ich muß morgen bey Zeiten aufſtehen, alſo— gute Nacht!“— Eduard ging ohne ihm antworten zu koͤnnen. Zweytes Kapitel. Großmuͤthiges Unternehmen. Als des andern Morgens der Obriſte in den Fruͤhſtuͤcksſaal kam, vernahm er, daß Eduard ſehr zeitig ausgegangen, und noch nicht zuruͤck ſey; ja er ließ viele Stunden auf ſich warten. Endlich ſtuͤrzte er außer Athem, mit Zeende glaͤnzendem Geſicht herein. „Hier iſt eine Morgenarbeit!“ rief er, ein Pappier auf den Tiſch werfend. „Der Obriſte oͤffnete es, und erſtaunte nicht wenig, darin einen Freypaß fuͤr ſich, von der Hand des Prinzen unterzeichnet, zu ſinden, um ſich nach Leith oder jeden andern Hafen zur Einſchiffung nach England begeben zu koͤn⸗ nen, oder wo er ſonſt hin wollte, unter der Be⸗ dingung, daß er ſein Ehrenwort gaͤbe, von die⸗ ſem Tage an, nicht mehr gegen das Haus Stuart zu dienen.— „Um's Himmels Willen!“ rief er,„durch was fuͤr Mittel habt Ihr Euch dieſen Paß ver⸗ ſchafft?“ „ Ich fand mich zeitig bey dem Lever des Prinzen ein; er war ausgegangen das Lager von Uddington zu beſuchen, ich begab mich da⸗, 1 4 — 9— hin, erhielt eine Audienz— und nun ſag ich Euch kein Wort weiter bis ich Euch Anſtalten zu Euerer Reiſe machen ſehe.“ „Eher nicht, bis ich weiß was Ihr fuͤr Wege einſchlugt.“ „Fragt doch darnach nicht! Die Zeit iſt edel. Es iſt hinreichend, Euch zu ſagen, daß, als ich Eueren Namen ausgeſprochen hatte, die Augen des Prinzen zwey Minuten lang, eben ſo glänzten wie jetzt die Eurigen! Hat er ſich fuͤr die Sache, die er vertheidigt, guͤnſtig aus⸗ geſprochen?“ fragte er lebhaft.„Nein, mein Prinz!“ gab ich zur Antwort,„uͤber ſolchen Verdacht glaubte ich mich erhaben. Ich bitte um ſeine Freiheit!...“„Das iſt unmoͤglich!“ erwiederte er,„Ihr koͤnnt wohl wiſſen, wie wichtig es fuͤr mich iſt, ihn zu behalten. Da habe ich mich nicht geſcheut ihm unſere Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen. Beurtheilen ihm Ew. koͤ⸗ nigl. Hoheit nach ſeinem und meinem Herzen!“⸗ ſprach ich. 1 „Obriſt Talbot, denkt was Ihr wollt, aber der Prinz iſt wahrlich gefuͤhlvoll, wohlthaͤtig und edel! Ich will die Sache meinem Kriegs⸗ rathe nicht vorlegen,“ ſagte er zu mir,„er wuͤr⸗ de meiner Neigung entgegen, und es würde mir ſchmerzlich ſeyn, einen Freund wie Euch, laͤnger — 10— in der Angſt zu laſſen.— Auch thaͤte mir es leid, einen Mann, wie der Obriſte Talbot iſt, unter dieſen Umſtaͤnden laͤnger gefangen zu hal⸗ ten. Die altengliſchen Geſchlechter ſollen ſehen, daß Tugend und Edelſinn, in dem Heer iſt, das ſie feindlich nennen!— „Seine Politik zeigt ſich uͤberall!“ „Wenn er die Pfiichten eines großmuͤthigen Buͤrgers erfuͤllt, ſoll er ſein Recht an den Thron vergeſſen? Mißfaͤllt die Bedingung die ich auf den Freypaß geſetzt habe, dem Obriſten,“ ſetzte er hinzu, ſo mag er, ohne ſein Ehrenwort aus⸗ zuſtellen, abreiſen; ich bin hieher gekommen, um mit den Maͤnnern zu fechten, nicht um die Weiber zu kraͤnken.“ „Sehr ſchoͤn! ich danke ihm. Nie haͤtte ich geglaubt dem Praͤtendenten einen Dank ſchul⸗ dig zu werden.“ „Dem Prinzen?“ lachte Eduard. „Dem Ritter!“ antwortete der Obriſte: „dieſer Name kommt ihm wohl bey ſeinem Rei⸗ ſen zu, er hat Euch ſonſt nichts geſagt?“— „Er fragte, ob er mir ſonſt Etwas zu Ge⸗ fallen thun koͤnnte, und auf meine verneinende Auntwort druͤckte er mir herzlich die Hand und ſetzte hinzu: Wollte Gott, daß alle meine Offi⸗ ciere ſo uneigennuͤtzig waͤren wie Ihr! Es gibt deren aber unter Eueren Freunden, die nicht nur alles, was in meinem Kraͤften ſteht, von mir verlangen, ſondern auch mehr noch, als der groͤßte Potentat zu gewaͤhren vermoͤchte; ſie muͤſſen mich fuͤr allmaͤchtig halten!—— „Er iſt in Wahrheit zu beklagen,“ ſagte der Obriſte, und faͤngt an die Unannehmlichkeiten ſeiner Lage zu fuͤhlen. Gegen mich iſt ſein Be⸗ tragen edel und großmüthig; Philipp Talbot wird dieß nie vergeſſen, ſo lange ihm ein Herz in der Bruſt ſchlaͤgt. Was Euch betrifft, lieb⸗ ſter Waverley, ſo verſuche ich nicht Euch mei⸗ nem Danck zu ſchildern, ich werde dieſes mei⸗ ner Emilie uͤberlaſſen. Sie iſt es werth.— Hier iſt mein Ehrenworr, die Umſtaͤnde ver⸗ langen es, jetzt— auf welche Weiſe kann ich abreiſen?“— „Es iſt Alles bereit,“ ſagte Waverley, „Euer Gepaͤck iſt fertig, meine Pferde erwar⸗ ten uns: der Prinz hat mir erlaubt ein Schiff zu behalten, welches Euch am Bord der Eng⸗ liſchen Fregatte fuͤhren ſoll, und ich habe deß⸗ halb ſchon nach Leith geſendet.“ „Vortrefflich! Capitain Beaver iſt einer meiner beßten Freunde, er wird mich nach Ber⸗ wick bringen, wo ich die Poſt nach London neh⸗ men werde. Ihr wuͤrdet wohl thun, mir da „ — 12— Briefpaquet, das Miß Bean⸗Lean Euch in die Haͤnde geſpielt hat, mit zu geben. Es iſt moͤg⸗ lich, daß mir es dazu hilft, Euch einen Dienſt zu erzeigen... Aber ich ſehe Euern Freund Glen... Glar.. wie ſprecht Ihr dieſen ent⸗ ſetzlichen Namen aus?— Ein Ordonanzoffi⸗ eier begleitet ihn oder, ſo zu ſagen, ein Beu⸗ telſchneider. Sollte man nicht glauben, die ganze Erde waͤre ſein? Seht Ihr wie er ſich ſpreitet, die Muͤtze auf dem Ohre, und den antel drapirt uͤber die Schulter?— Unver⸗ ſchaͤmter Windbeutel, waͤren mir nicht jetzt die Haͤnde gebunden, ich wuͤrde bald deinen Stolz niederſchlagen, oder mich von der unausſtehli⸗ ſor M chen Qual, ein Zeuge davon zu ſeyn, befreyen!“ „Wahrhaftig, Obriſt Talbot, Ihr kennt Euch gar nicht wenn ihr ein Panzerhemd erblickt; es macht Euch wuͤthend. Ihr ſeyd ſo unge⸗ recht in Eueren Vorurtheilen wie Fergus in den ſeinigen.“— Als Fergus ankam, ſah er den Obriſten ſtolz, und dieſer ihn uͤber die Achſel an, man hatte gedach tt, es waͤren zwey Nebenbuhler be⸗ it die Hand an's Schwert zu legen. . „Ich verſichere Euch,“ ſprach Waverley, „als ſie in einiger Entfernung von ihm waren, — 13— daß Ihr die armen Hochlaͤnder zu ſtreng beur⸗ theilt.“ 3 „Ganz und gar nicht, ich erzeige ihnen Ge⸗ rechtigkeit. Sie moͤgen in ihren Wuͤſteneyen bleiben, und mit den Baͤren wetteifern, wer fuͤrchterlicher heulen kann; aber was wollen ſie in einem Lande, wo man ſich anſtaͤndig kleidet und eine verſtaͤndliche Sprache redet? Wie, Teu⸗ fel! ſoll man ihr haͤßliches Kauderwaͤlſch verſte⸗ hen? Sie reden ja Engliſch, wie die Neger auf Jamaika.“ „Ich beklage aufrichtig den Pre.... den Ritter, wollt ich ſagen, daß er gezwungen iſt mitten unter ſolchen Banditen zu leben! Die lernen ihr Handwerk bey Zeiten, ich ſtehe Euch dafuͤr. Einer dieſer Teufenchen, den ich kenne, gehoͤrt Euern Freund Glerna— Glerramunk, oder wie er heißt; dieſer Banditenlehrling ſcheine etwa ſiebzehn Jahr alt, hat aber alle Nieder⸗ traͤchtigkeiten eines Banditenhauptmanns. Er ſpielte neulich Werfſtein auf dem Hof, ein gut gekleideter Mann ging voruͤber, der, als er ei⸗ nen Wurf an's Bein erhielt, den Stock gegen ihn aufhob; mein Bube aber that einen Flinten⸗ ſchuß nach ihm, und wenn zum Gluͤck nicht von ohen eine Frau: Kopf weg! herunter geſchrieen haͤtte, ſo waͤre dieſer arme Edelmann unter — 14— den Haͤnden, dieſes kleinen Satans ums Leben gekommen.—„Ach Obriſter!“ rief Waverley, „ihr werdet ein Häbſcho⸗ Bild von Schottland machen!“ „Mit vier Worten: Wuͤſteneyen, Bett⸗ Tar- Raͤuber, Meuchelmoͤrder.“ „Vortrefflich, aber wartet wenigſtens bis Ihr zu Hauſe ſeyd!“ Sie kamen nach Leith, wo ſich Talbot Berwick einſchiffen ſollte. „Lebt wohl, Obriſter!“ ſagte Waverley. Möoͤchtet Ihr Euere Familie ſo wiederfinden, wie Ihr wuͤnſcht!— Wenn wir bald nach England marſchiren, ſehen wir uns wieder!“ „Dann waͤr's an mir vor Euch zu erroͤ⸗ then!“— „Nun ſo lebt wohl, Obriſter, empfehlt mich Sir Eberharden und der guten Tante auf's ehr⸗ erbietigſte. Denkt manchmal an mich, aber ohne Unruhe. Erlaubt mir um Euere Nach⸗ ſicht zu bitten, wenn von meinem Benehmen die Rede ſeyn wird. Lebt nochmals wohl!“ „Lebt wohl, liebſter Waverley! Tauſend Dank fuͤr Alles, was Ihr fuͤr mich gethan habt, ich werde es nie vergeſſen, und die einzige Be⸗ urtheilung, die ich mich gegen Euch bedienen werde, wird ſeyn, daß ich ſage: * maͤchtigen. Dieſe Stadt ward in wenig Tagen — 15— Oue diable alloit- il faire Dauns cette maudite Galbre? Sucht moͤglichſt bald heraus zu kommen!— Lebt wohl, liebſter Waverley!“ Drittes Kapitel. — Mar’ſ ch. 8 Da ich nicht geſonnen bin, die Geſchichte dieſes denkwuͤrdigen Krieges zu ſchreiben, melde ich mei⸗ nen Leſern nur, daß ſich der Prinz, in den er⸗ ſten Tagen des Rovembers, an der Spitze eines Heeers von hoͤchſtens ſechs tauſend Mann in Be⸗ wegung ſetzte, um in's Innere von England vorzudringen, ob ihm gleich die ungeheuern Vertheidigungsanſtalten daſelbſt bekannt waren. Er begann dieſe Unternehmung zu einer Jahrs⸗ zeit, wo keine andere Armee einen Marſch un⸗ ternehmen konnte, die aber dieſen unerſchrocke⸗ nen Bergbewohnern einen großen Vortheil uͤber ihre Feinde gab. Da er auf den rechten Fluͤ⸗ gel beunruhigt zu werden fuͤrchtete, beauftragte er den Feldmarſchall Wade ſich Carllisle zu be⸗ — 16— eingenommen, und das Heer ſetzte ſeinen Marſch nach der Mittagsſeite fort. Da das Regiment Mac⸗Jvor den Vor⸗ trab bildete, ſo marſchirte Waverley, der die Be⸗ ſchwerden des Feldzugs wie ein Hochlaͤnder er⸗ trug, an der Spitze des Corps neben dem Haͤupt⸗ linge. Beide ſahen auf dieſe Weiſe die Fort⸗ ſchritte des Heers, aber mit ſehr verſchiedenen Gefuͤhlen. Fergus voll Muth und Kuͤhnheit, glaubte, mit den Waffen in der Hand, der gan⸗ zen Welt widerſtehen zu koͤnnen; er dachte an nichts, als daß er London mit jedem Schritte naͤher kaͤme. Er verlangte und wuͤnſchte kei⸗ nen andern Beyſtand, als den der Staͤmme, um die Stuarts wieder auf den Thron zu ſetzen. Wenn ſich daher neue Anhaͤnger, unter der Fahne des Prinzen einfanden, ſah er ſie, wie ſolche an, die ſich zum Lohne des küͤnftigen Mo⸗ narchen einſchlichen, ihn fuͤr ſie zu verringern. Eduards Bemerkungen waren ganz anders.— Er hatte bemerkt, daß in allen Staͤdten, wo Jacob der III. zum Koͤnig ausgerufen wor⸗ den war, das Volk nicht viel Enthuſiasmus be⸗ zeigte, und daß die maͤchtigen Edelleute und rei⸗ chen Paͤchter, die man beruͤhrte, ſie eben nicht, wie man gedacht hatte, ihnen ihren Arm und ihre Beutel anbothen. Einige hatten ihre — 1)— Wohnungen verlaſſen, andere ſtellten ſich krank, der Ueberreſt ſah dieſe Bergbewohner mit Ekel und Abſcheu an, deren Sprache und Tracht ſo ungewoͤhnlich war. Die Scharfſichtigſten konn⸗ ten nicht begreiſen, wie dieſe uͤbel equipirte, ſchlecht bewaffnete, ſchlecht geordnete Armee, zum Zweck ihrer Unternehmung kommen ſollte; auch vermehrte ſie ſich nur mit einigen Schwin⸗ delkoͤpfen, die nichts zu verlieren hatten. Nan fragte den Baron von Bradwardine, was er von den Recruten daͤchte? Langſam und kopfſchuͤttelnd nahm er Taback, und ſagte: „Ich muß ja wohl eine gute Meinung von ihnen haben, weil ſie den Kriegern gleichen, die ſich in der Hoͤhle von Adullah zum Koͤnige David geſellten; videlicet, es iſt eine Samm⸗ lung von Landſtreichern, Muͤßiggaͤngern und Schuldnern.“ Aber das ruͤhrte den Fergus nicht. Mit Entzuͤcken uͤberblickte er das fruchtbare Land. „Das Schloß Waverley,“ ſagte er zu unſrem Helden,„iſt wohl eben ſo groß, als das hier zur Rechten?“ „Es iſt noch zweymal groͤßer.“ „Der Park iſt wohl auch bedeutender?“ „Er iſt zehnmal ſo weit.“ IV. B — 18— „ Flora kann nicht anders als gluͤcklich ſeyn, wenn ſie den Namen Waverley tragen wird.“ „Miß Mac⸗Jvor iſt in dem Beſitze zu vieler Mittel, um gluͤcklich zu ſeyn, als daß ſie das Schloß Waverley dazu bedarf.“ „Ich weiß es wohl; aber der Beſitz eines ſolchen Eigenthums verdient wohl in nſclon⸗ gebracht zu werden.“ „Das wuͤrde Miß Jot leicht erſetzen koͤnnen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, lieber Wa⸗ verley?“— fragte Fergus ein wenig verle⸗ gen—„redet Ihr im Ernſt?“— „Im groͤßten Ernſt, lieber Fergus!“ „Ihr ſucht mir zu verſtehn zu geben, daß Euch an der Verbindung mit mir und an der Hand meiner Schweſter nichts mehr gelegen iſt?“ „Euere Schweſter hat mein Anerbiethen, ſey es gaͤnzlich, oder durch diejenigen Mittel ausgeſchlagen, welche die Frauen ſo gut anzu⸗ wenden wiſſen, Anbeter zu entfernen, die ihnen mißfallen; nie habe ich gehoͤrt, daß ſie einen Beguͤnſtigten verhindern, ſich um die Einivili gung der Ihrigen zu bewerben.“ „Ich denke doch, meine Schweſte wird ſich nicht dem erſten, dem beßten an den Hals — 1 9— werfen ſollen— Ihr werdet es ihr doch nicht zur Laſt legen, daß ſie ſich Bedenkzeit nahm?“ „Obriſter! ich kenne die Gebraͤuche durchaus nicht, mit denen Euere Damen ihre Verehrer verabſchieden; ich bin dieſen hier ganz fremd, aber ich glaube nicht das mindeſte Recht zur Appellation gegen Miß Mac⸗Jvors geſproche⸗ nes Endurtheil zu haben. Ich geſtehe Euch ohne Umſchweife, daß ich mich entſchloſſen habe, trotz aller Bewunderung ihrer Schoͤnheit und Talente, nie ihre Hand anzunehmen, waͤre ſie auch ein Engel, und braͤchte mir ein Koͤ⸗ nigreich zur Mitgift, wenn ich ihre Einwilligung nur der Gewalt oder Ueberredung ihrer Vorge⸗ ſetzten dankte!— Nur die wird meine Gat⸗ tinn werden, die mich mit ihrer freyen Wahl beehren wird. „Ein Engel mit einem Koͤnigreiche zur Mit⸗ gift,“ ſagte Fergus mit ſarkaſtiſchem Laͤcheln, „der Engliſche Edelmann verlangt ein wenig viel!— Mein lieber Waverley,“ ſetzte er den Ton peraͤndernd hinzu,„wenn Euch auch Miß Flora Mac⸗Jvor kein Koͤnigreich mitbringt, ſo iſt ſie doch meine Schweſter, und dieſer Titel laͤßt mich erwarten, daß ſie niemand mit Un⸗ achtſamkeit behandeln wird.“ „Wenn ich im Stande ſeyn koͤnnte, mich B 2 zu zeigen. Nachdem ſie ſo weit gegen Damen zu vergeſſen, ſo kann ich Euch verſichern, daß ich eine Ausnahme bey Miß Jvor machen wuͤrde.“. Fergus runzelte die Stirne, ſo daß ein furchtbarer Ausbruch zu beſorgen war. Eduard bemerkte es, war aber uͤber den Ton, den er angenommen hatte, zu entruͤſtet, als daß er verſucht haͤtte, das Ungewitter abzuleiten. Beide zwangen ſich, ruhig zu ſcheinen; aber Fergus ſchien nicht laͤnger Herr ſeiner ſelbſt ſeyn zu koͤnnen, ſeine Muskeln zogen ſich zuſammen, ſein ganzes Geſicht war entſtellt; indeß hielt er doch an ſich, wandte den Kopf weg, und ſetzte ſeinen Weg im tiefſten Stillſchweigen fort. Da man gewohnt war, ſie immer beyſammen zu ſehn, einen an der Seite des andern: ſo nahm Waverley nicht die mindeſte Veraͤnderung, weder in ſeiner Stellung, noch in ſeinem Zuge, vor. Er erwartete gelaſſen die Ruͤckkehr der guten Laune ſeines Gefaͤhrten; war aber feſt entſchloſſen, ihm nicht im mindeſten zuvorzu⸗ kommen, oder ihm die geringſte Unterwuͤrfigkeit ne Viertelſtunde hartnaͤckig geſchwiegen begann Fergus in einem ganz veraͤnderten. one:„Ich fuͤrchte hitzig geweſen zu ſeyn, lieber Eduard, aber geſteht, Ihr wollt mich dadurch aufbringen, — — 21— daß Ihr vorgebt, die Gebraͤuche der Welt ſo wenig zu kennen. In Kopf iſt's Euch gefah⸗ ren, daß Euch Flora zu viele Zuruͤckhaltung und Enthuſiasmus fuͤr die politiſchen Dinge bewieſen hat, da ſeyd Ihr trotzig, wie ein Kind, geworden; entſagt dem, was Ihr lebhaft wuͤnſcht, macht's Euerem Freunde zum Verbrechen, daß ſein Arm nicht lang genug iſt, bis nach Edin⸗ burg zu reichen, um Euch den Gegenſtand Euerer Wuͤnſche ſogleich zufuͤhren zu koͤnnen. Raͤumt mir ein, daß, wenn ich weniger Klugheit und Beſonnenheit haͤtte, mich das Mißvergnuͤgen, umſonſt und um nichts eine Verbindung růck⸗ gaͤngig werden zu ſehen, welche die Hochlaͤnder, wie die Bewohner der Halde als gewiß betrach⸗ ten— daß mich eine ſolche Kraͤnkung— ſag' ich!— und wohl ſogar einen kaͤltern, gedul⸗ digern Menſchen entflammen koͤnnte. Ich will nach Edinburg ſchreiben, um die wahre Lage der Sache zu ergruͤnden, doch nicht eher, als bis ich weiß, ob dieſes Euch angenehm iſt.— Ich kann nicht glauben, daß Ihr gegen Floren noch ſo geſinnt ſeyd, wie Ihr mir's tauſend⸗ mal bezeigt habt!“ „Obriſter Mac⸗Jvor,“ erwiderte Eduard, dem es gleichgiltig war, ſich in Erneuerung einer Sache einzulaſſen, die er fuͤr abgethan — 22— annahm,„ich erkenne den Werth des Dienſtes, den Ihr mir leiſten wollt, und finde mich von Euerem Eifer zu ſehr geehrt; aber da Miß Mac⸗Jvor ſich nach ihrem eigenen Willen ent⸗ ſchloſſen hat, mein Anerbiethen zu verwerfen: ſo darf ich mir nicht noch einmal erlauben, ſie zu belaͤſtigen. Laͤngſt wollte ich Euch dieſes umſtaͤndlich bekannt machen, allein ich konnte den Augenblick dazu nicht ſinden. Immer vor⸗ waͤrts marſchirend, war dieſe Erlaͤuterung vor ſo vielen Zeugen nicht paſſend; auch geſtehe ich Euch, daß ich die groͤßte Abneigung hatte, ein Geſpraͤch auf die Bahn zu bringen, daß uns beiden auf gleiche Weiſe unangenehm ſeyn muß.“ „Sehr wohl, Sir Waverley, dieſe Sache iſt geendet! Ich glaube nicht meine Schweſter zu irgend etwas auf der We— duͤr⸗ fen. 7 „ Eben ſo wenig glaube ich mich eines aber⸗ maligen Korbes ausſetzen zu muͤſſen!“ „Ich werde aber,“ ſagte Fergus, als haͤtte er es nicht gehoͤrt,„ſolche Maaßregeln ergrei⸗ fen— ſolche Erkundigungen eherne Schwe⸗ en, daß daraus erhellen wird, wie ſie ſi „Handelt nach Gefalle Ihr beduͤrft keines Rathgebers; ich weiß, daß es ganz unmoͤglich iſt, daß Miß Mae⸗Jvor anders denken lernt; und wenn, gegen alle Wahrſcheinlichkeit, dieſe Veraͤnderung ſtatt finden koͤnnte, wuͤrde ich doch derſelbe bleiben; ich bemerke Euch das, jedem andern Mißverſtaͤndniſſe vorzubeugen.“ Mac⸗Jvor hatte Luſt, dieſen Streit ſo⸗ gleich durch die Waffen zu entſcheiden; er ſah Waverley'n mit zornentflammten Augen an, die den Platz an ihm fuͤr das toͤdtliche Eiſen zu ſuchen ſchienen. Man haͤtte ihn fuͤr eine von Caranza's oder Saviola's Figuren gehal⸗ ten; indeſſen wußte er ſich zu bemeiſtern, weil niemand beſſer als er, den Vorwand zu einem anſtaͤndigen Zweykampf kannte. Er wußte nem⸗ lich, daß es erlaubt iſt, den herauszufordern, der uns mit dem Ellenbogen geſtoßen, oder im Theater unſern Platz eingenommen hat; aber daß der Codex der modiſchen Hoͤflichkeit nicht erlaubt, von dem Genugthuung zu fordern, der aufhoͤrt, einer Schoͤnen zu huldigen, die ihm einen Korb gab. So war er denn genö⸗ thigt, ſeinen Ingrimm fuͤr die Beleidigung, die er erhalten zu haben glaubte, im Herzen zu behalten, und die Gelegenheit, ſich zu raͤchen, auf andere Weiſe herbeyzufuͤhren. Waverley's Bedienter war immer bey der Bagage mit ei⸗ nem geſattelten Pferde fuͤr ſeinen Herrn, der — 24— ſich deſſen aber nur ſelten bediente; allein in dieſem Moment, wo er uͤber Fergus Unver⸗ ſchaͤmtheit aufgebracht war, beſtieg er es, um ſich zu dem Baron von Bradwardine zu bege⸗ ben, den er um die Erlaubniß bitten wollte, als Freywilliger unter ſeinem Commando zu dienen.„Da waͤr' ich ſchoͤn angekommen,“ dachte er unterwegs,„wenn ich dieſem zornigen, ſtolzen Menſchen verwandt geworden waͤre!... er iſt Obriſter 1... und waͤr er General, ſo iſt er doch nur Haͤuptling von drey, vierhundert Mann. Ich bin uͤberzeugt, daß der Chan der Tartarey, der Großſultan und der große Mogol ſich nicht fuͤr wichtiger halten, als dieſer Hoch⸗ laͤnder ſich ſelbſt! Waͤre Flora ein Engel, Gott ſollte mich behuͤthen, dieſen zweyten Lueifer je Bruder nennen zu muͤſſen.“ 8 Der Baron, deſſen Gelehrſamkeit, wie bey Sancho in der Sierra⸗Morena die Sprichwoͤr⸗ ter, aus Mangel der Uebung eintrocknete, war uͤber Waverley's Vorſchlag entzuͤckt, nahm ihn lebhaft an, und hoffte ſich nun fuͤr ſein langes Schweigen zu entſchaͤdigen, Doch that der ehrliche, gefuͤhlvolle Alte alles Moͤgliche, um die beiden Freunde wieder mit einander auszuſoͤhnen. Fergus hoͤrte ſeine Vorſtellungen mit großem Kaltſinn an; Waver⸗ — 25— ley aber wollte nicht der erſte ſeyn, ein auf ſo ungerechte, unvernuͤnftige Weiſe aufgeloͤſtes Band wieder anzuknuͤpfens Der Baron, um allen Zank in dem kleinen Heere vorzubeugen, meldete es dem Prinzen, der Mac⸗Jvor ſeine unanſtaͤndige Auffuͤhrung zu Gemuͤthe zu fuͤh⸗ ren verſprach, aber die Verwirrungen des Mar⸗ ſches verurſachten, daß daruͤber zwey Tage ver⸗ gingen. Waverley gebrauchte ſeine, bey ſeinem Re⸗ gimente erlangten Kenntniſſe, und ward Adju⸗ dant bey dem Baron. Unter den Blinden ſind die Einaͤugigen Koͤnige, ſagt das Sprichwort. Das Regiment, welches aus lauter Edel⸗ leuten von der Flaͤche, mit ihren Vaſallen und Dienern beſtand, bekam von Waverley's Ta⸗ lenten die hoͤchſte Meinung, und fuͤr ſeine Perſon die groͤßte Zuneigung. Sie fanden ſich ſehr geehrt, daß ein Engliſcher Edelmann, von ſo großen Verdienſten, die Hochlaͤnder verlaſſen hatte, um zu den Dragonern als Freywilliger uͤberzugehn. Unter dem Fußvolk und der Rei⸗ terey herrſchte die groͤßte Feindſchaft, nicht nur wegen Vorzuͤgen im Dienſt, ſondern auch weil die meiſten Bewohner der Halde, die in der Nachbarſchaft der Hochlaͤnder waren, mit dieſen ſonſt Streit gehabt hatten, und dazu ſehr ſcheel ſahen, daß dieſe dem Prinzen beſſer zu bienen glaubten, als ſie. Viertes Kapitel. —— Im Lager reißt Verwirrung ein. Wasverley hatte die Gewohnheit, ſich zuweilen in Begleituag ſeines Dieners vom Regimente zu entfernen, um die Denkmaͤler zu beſuchen, die er in geringer Entfernung bemerkte. In Lancaſhire verließ er die Escadron, um den Entwurf einer alten mit Thuͤrmen und Mauern beſetzten Veſte aufzunehmen, die ſich auf einer, eine halbe Meile entfernten Anhoͤhe, befand. Er folgte einem Wege, der ihn wieder zu dem Regimente fuͤhrte, und begegnete Maccombich. Dieſer Menſch hatte eine Vorliebe fuͤr ihn ge⸗ faßt, ſeitdem er ihn in Tully⸗Weolan fand, und zu den Hochlaͤndern gebracht hatte. Jetzt ſchien er ihn vermeiden zu wollen, da er aber doch bey ihm vorbey mußte, ſprach er:„Seyd auf Euerer Huth!“ und entfernte ſich eiligſt, um alle Erklaͤrungen zu vermeiden. Eduard, 8 — uͤber dieſe Warnung etwas betroffen, ſah ihm nach, und hinter den Baͤumen verſchwinden. Sein Diener ſtellte ſich ſchnell neben ihn, und ſagte:„Der Teufel ſoll mich holen, wenn Ihr unter dieſem Strauchdieben ſicher ſeyd.“ „Was willſt Du damit ſagen?“— „Gnaͤdiger Herr! die Ivorianer haben es ſich in den Kopf geſetzt, Ihr haͤttet ihrer jungen Herrinn einen Schimpf angethan, ich habe ſie drohen hoͤren, daß ſie Euch den Hals umdrehen wollten, wie einem Waldhahn. Ihr wißt ja, ſie machten ſich kein Gewiſſen daraus, ſelbſt auf den Prinzen zu ſchießen, wenn ihnen ihr Haͤuptling nur ein Zeichen, nicht einmal den Befehl dazu, gäbe.“ Ob nun gleich Waverley, Fergus einer ſol⸗ chen Treuloſigkeit nicht faͤhig glaubte, ſo ſah er doch, daß er von der Willkuͤr ſeiner Horde Alles zu befuͤrchten hatte. Er wußte, daß, wenn die Ehre des Haͤuptlings, oder eines Mitglieds ſeiner Familie, angegriffen iſt, alle im Stamme nach dem Gluͤcke ſtreben, ihn zu räͤchen. Er kannte ihr Sprichwort: Die ſicherſte, ſchnellſte Rache iſt die beßte. Er gab daher ſei⸗ nem Pferde die Sporen, um ſich ſchnell wieder zu ſeiner Escadron zu verfuͤgen. Aber ehe er aus dem Gehoͤlze war, pfiff ihm eine Kugel am Ohre vorbey.„Das iſt der Satansjunge der Callum⸗Beg!“ ſagte Polwart,„ich ſah ihn hinter den Baͤumen davon fliehen.“ Em⸗ poͤrt uͤber dieſe Verraͤtherey, verließ Eduard in geſtrecktem Gallopp das Gebuͤſch. In eini⸗ ger Entfernung erblickte er das Bataillon Ivor, und einen Menſchen, der aus Leibeskraͤften wieder in ſeine Reihe lief. Er konnte nicht daran zweifeln, daß es ein uͤberlegter Meuchel⸗ mord war, weil der Fußgaͤnger, der ſich einen Weg durch's Geſtraͤuch bahnte, ſchneller als der Reiter, wieder zu ſeinem Corps kommen konnte. Außer Faſſung befahl er Polwart, den Baron von Bradwardine aufzuſuchen, deſ⸗ ſen Regiment in geringer Ferne war, und ihm von allem, was geſchehen war, Nachricht zu geben. Er ſelbſt ritt, ſo ſchnell ſein Pferd laufen konnte, zum Stamme Jvor. Der Haͤuptling, der eben vom Prinzen kam, war nur einige Schritte von ihm, kaum hatte er ihn bemerkt, ſo wendete er ſein Plerd auf ihn zu. „Obriſt Mae⸗Jvor, ſagte Eduard ohne weiteren Eingang,„ich muß Euch benachrichti⸗ gen, daß einer Euerer Leute auf mich aus einem Hinterhalt geſchoſſen hat.“ „Da ich mir dieſen Spaß eben ſelbſt machen ——-ᷓ;;;;— — 29— will, wiewohl ohne Hinterhalt, ſo moͤchte ich doch den meines Stammes gern kennen lernen, der ſich erlaubt hat, mir zuvorzukommen?“ „Ich ſtehe Euch zu Dienſten hier oder wo Ihr ſonſt wollt. Der Edelmann, der Euch zu⸗ vorkam, iſt Euer Page Callum⸗Beg.“ „Callum!“ rief Fergus,„tritt aus der Reihe! Haſt Du auf Sir Waverley geſchoſſen?“ „Nein!“ antwortete Callum ohne die min⸗ deſte Bewegung und Unruhe. „Du ſelbſt,“ ſprach Polwart,— der ſogleich zuruͤckgeeilt war, nachdem er ſeinen Auftrag ei⸗ nem Dragoner von des Barons Regiment uͤber⸗ geben hatte— Du ſelbſt, ich ſah Dich ſo ge⸗ nau, wie das alte Schloß von Holy⸗Rood.”“ „Du luͤgſt!“ ſagte der gleichmuͤthige Cal⸗ lum. „Du luͤgſt ſelbſt,“ verſetzte Polwart. Dem Kampfe der Ritter waͤre ohnſtreitig, wie zur Ritterzeit, der ihrer Stallmeiſter vor⸗ hergegangen. Polwart war ſtark und kraͤftig und fuͤrchtete die kleinen, kurzen Schwerter (Claymores) der Hochlaͤnder ſo wenig wie Cu⸗ pido’'s Pfeile; aber der Haͤuptling verlangte Callum's Piſtole mit dem Tone, den er bey ſei⸗ nen Befehlen anzunehmen pflegte. Die offene Zuͤndpfanne und das mit Rauche bedeckte Schloß 2 — 0— zeigten an, daß die Waffe abgeſchoſſen war „Da,“ ſprach Fergus, ihn aus voller Kraft mit der ſchweren Piſtole auf den Scheitel ſchlagend, „ich will Dir lehren ohne meine Befehle han⸗ deln und durch Luͤgen Dich entſuͤndigen zu wollen!“ Callum empfing den Schlag, ohne auszu⸗ weichen, und ſtuͤrzte nieder. „Seht Euch vor!“ ſprach Fergus zu ſeinem Stamm,„es geht Euch an's Leben! Ich ſchieße den vor den Kopf, der ſich un⸗ terfaͤngt ſich zwiſchen mich und Sir Waverley zu miſchen.“ Alle ſtanden regungslos, Evan⸗Dhu war der Einzige, der einige Zeichen von Ungeduld und Betruͤbniß gab. Callum lag auf den Bo⸗ den hingeſtreckt, und verlor viel Blut, aber kein Menſch wagte ihn anzuruͤhren, er ſchien den Todesſchlag empfangen zu haben. „Was Euch betrifft, Herr Waverley, ſo ſeyd ſo gut mir zu folgen!“ ſprach Fergus. Wa⸗ verley folgte der Einladung. Kaum waren ſie einige Klaftern weit ent⸗ fernt, als der Haͤuptling mit graͤßlicher Kaͤlte ſprach:„Ich habe alle Urſache, mein Herr, mich uͤber die geheimnißvolle Zuruͤckhaltung zu ver⸗ wundern, mit der Ihr mich ſeit zwey Tagen 4 — 31 er Euch nicht ein Koͤnigreich zur Mitgift braͤchte. Ueber dieſen Text habe ich mir einen herrli⸗ chen Commentar zu verſchaffen gewußt, ſo dun⸗ kel er mir auch erſt vorkam.“ „Ich kann nicht errathen, was Ihr damit ſagen wollt, wenn Ihr nicht den Vorſatz gefaßt habt, Streit zu ſuchen.“ „Thut nicht, als wuͤßtet Ihr von nichts, dieſe Liſt kann Euch zu nichts helfen— der Prinz— der Prinz ſelbſt— hat mich mit Eue⸗ ren Manoever bekannt gemacht. Ich dachte nicht, daß Euer Umgang mit Miß Bradwardine ein zureichender Grund ſeyn koͤnnte, die Verbindung mit meiner Schweſter zu brechen. Jetzt ſah ich, daß es nur ſeit der Zeit iſt, als Ihr hoͤrtet, wie der Baron ſich uͤber die Erbfolge ſeiner Beſitzung geaͤndert ha⸗ be, daß Ihr Euch entſchieden habt, die Schwe⸗ ſter Eueres Freundes zu verwerfen, um ihm ſeine Geliebte zu entfuͤhren.“— „Der Prinz hat Euch geſagt, daß ich Ver⸗ bindungen mit Miß Bradwardine haͤtte? Das iſt nicht moͤglich!“— „Er hat es geſagt Zieht Euer Somer d behandelt. Ein Engel, wie Ihr ſehr richtig be⸗ merktet, haͤtte Euch nicht gefallen koͤnnen, wenn „ — 52— und vertheidigt Euch, wenn Ihr nicht lieber allen Eueren Anſpruͤchen entſagen wollt.“ „Das iſt Unſinn oder Mißverſtaͤndniß. „Keine Ausfluͤchte! Zieht!“ ſchrie Fergus, außer ſich, das Schwert aus der Scheide rei⸗ ßend.— 3 warum?“ „Entſagt fuͤr immer allen Euern Anſpruͤ⸗ chen auf Miß Bradwardinens Hand!“— „Mit welchem Recht,“ ſchrie Waverley, „aus welchem Grunde ſprecht Ihr ſo mit mir? Welcher Menſch auf Erden kann mir ſolche Be⸗ dingungen vorſchreiben?“— Und jetzt zog auch Waverley ſein Schwert. Sie wollten eben ihre Waffen kreutzen als der Baron mit einer großen Menge Dragoner ankam. Alle ſpreng⸗ ten, was die Pferde laufen konnten, theils aus Neugier, theils um Theil an dem Streite zu nehmen. Bey ihrer Annaͤherung hielten ſich die Hochlaͤnder bereit, ihren Haͤuptling zu ver⸗ theidigen, und es ſchien, als wuͤrde dieſer ver⸗ worrene Auftritt blutig werden. Der Baron perorite, Fergus wuͤthete, die Hochlaͤnder und die Dragoner ſluchten und laͤſterten, jedes in ſei⸗ ner Sprache. Ballenkeiroch frohlockte, daß endlich Gelegenheit zur Rache gekommen ſey, 7 „Soll ich mich ſchlagen, ohne zu wiſſen . . 1 — 33— die Unruhe wuchs immer mehr, da rief der Ba⸗ ron mit ſtarker, majeſtaͤtiſcher Stimme. „Dragoner von Bradwardine! Den Saͤbel in die Hand! ſchließt die Reihen rechts in Schlachtordnung! ruͤhrt Euch nicht! Jvorianer? ich ſag es Euch, ich laß Euch niederſaͤbeln, wenn Ihr nicht ſogleich Euere Reihen verlaßt!“ „Als er aber ſah, daß die Hochlaͤnder, Be⸗ wegungen zum Angriffe machten, wandte er ſich zu den Seinen: „Kinder!“ ſagte er, die Geſetze der Gaſt⸗ freundſchaft ſind verletzt! Laßt uns ſie raͤchen? Umzingelt dieſe Wilden!— Vorwaͤrts!— Halt! Halt! Hier kommt der Prinz!“ Er kam in der That mit einer Abtheilung des fremden Regiments Fitz⸗James Dragoner, welches ſeine Leibwache war. Seine Dazwi⸗ ſchenkunft ſtellte nach und nach die Ordnung wieder her; die Dragoner ſteckten ihre Saͤbel in die Scheide; die Hochlander nahmen ihre erſte Stellung wieder ein, und Waverley und Fergus ſchwiegen voͤllig ſtill. Der Prinz rufte beide. Als er erfahren hatte, daß der Streit durch Callumbegs Nie⸗ dertraͤchtigkeit entſtanden waͤre, befahl er, ihm ſogleich den Generalprofos zu uͤbergeben. Fer⸗ gus bat mit einem befehlshaberiſchen Tone, IV. C 8 daß ihm vergunnet werde, ihn ſelbſt zu richten, und da der Peinz dem patriarchaliſchen Rechte keinen Eintrag thun wollte: ſo bewilligte er es, mit der Bedingung, daß ihn ſein Stamm be⸗ ſtrafe. Dann fragte er nach der Urſache des Streites zwiſchen Fergus und Waverley; aber beide ſchwiegen, und ſahen auf den Boden, da keiner in des Barons Anweſenheit ſeine Toch⸗ ter nennen mochte; ſie ſchienen verlegen und in Furcht zu ſeyn. Der Prinz, unter Mißver⸗ gnuͤgten aller Art am Hofe von Saint⸗Ger⸗ main erzogen, hatte das Handwerk der Koͤnige ausgelernt, wie der große Friedrich ſagt. Er fuͤhlte, wie wichtig es ſey, jetzt Friede unter ſeiner Parthey zu erhalten, und nahm ſogleich andere zweckdienliche Maaßregeln. Er rief: Monsieur de Beaujeu!“ „Monseigneur!“ antwortete ein junger Franzoͤſiſcher Officier, der ſein Generaladjudant war und ſehr gut ausſah. „Seyd ſo gut die Hochlaͤnder und die Dra⸗ goner zuſammen in Marſch zu ſetzen. Das wird Euch nicht ſchwer fallen, Ihr koͤnnt ja Engliſch.“ „Monseigneur geruhen mir zu ſchmeicheln, aber auf Ew. koͤnigl. Hoheit Beſehl will ich's verſuchen.“ 05: nun gleich Herr von Beaujen nicht ein 2 — 8 — 35— Wort von der Galiſchen, und hoͤchſt wenig von der Engliſchen Sprache verſtand, ſo ließ er doch ſogleich ſein Pferd ſtolz vor die Fronte des Re⸗ giments Jvor traben: Jantelemens salvages of the Eccosse, have the Goodness d'arran- ger vous.“(Ihr wilden Edelleute von Schott⸗ land habt die Guͤte und richtet Euch.) Die Hochlaͤnder, die ſein Commando mehr durch Zeichen als durch Worte verſtanden, ſtellten ſich. Very comfortable, very bien! Jantelemens salvages have the goodness to make de sace of the right, par files, that is by files! très bien, Messieurs les sauvages very well... Maish:“(Sehr vortrefflich, ſehr gut. Wilde Edelleute ſeyd ſo gut, zu machen rechts um, reihen⸗ weiſe, reihenweiſe! ſehr gut, ihr Herren Wilden, ſehr gut! Halt.) Darauf ging's zu den Dragonern auf dieſelbe Weiſe;„Jantelemens Cavallerie, have the goodness... Ach da kommt ja der Kriegs⸗Commiſſair, der uns zuerſt Nachricht von dieſem verdammten Lerm brachte!“ rief der Prinz.„Will er auch die Revue paſſtren?7 Der arme Macwheeble, welcher die Stelle des Kriegscommiſſairs verwaltete, trug ein maͤch⸗ tiges Schwert an der Seite und eine weiße, eine halbe Elle in Umkreiſe große Cocarde am Huthe. Er hatte geglaubt, den Baron beglei⸗ C 2 — 36— ten zu muͤſſen, huͤthete ſich aber wohl ſeiner Roſinante die Sporen zu geben, da es ihm ſchon Muͤhe und Verlegenheit genug koſtete, ſich nur im Sattel zu halten, wenn ſie trabte. Er kam ganz außer Athem an, und ſeine Figur erregte ein allgemeines Gelaͤchter. Beaujeu commandirte auf ſeine Art weiter, war aber bald mit ſeinem Engliſchen zu Ende, und wandte ſich an den Baron, indem er ihm zurief:„Ah! Monsieur de Bradwardine ha⸗ ben Sie die Guͤte, ſich an die Spitze ihres Regi⸗ ments zu ſtellen; ich ſchwitze Blut und Waſſer!“ Der Baron war gendoͤthigt, das Commando zu uͤbernehmen, und dadurch ward der doppelte Zweck des Prinzen erreicht, der Allen etwas zu lachen geben wollte, indem er ihnen das Com— mando eines Fremdlings hoͤren ließ, und dann den Baron entfernte. „Ihr Herren!“ ſprach er jetzt zu Fergus und zu Waverley,„wenn ich Euerer uneigen⸗ nuͤtzigen Freundſchaft weniger verpflichtet waͤre, ſo wuͤrde ich Euch meine Unzufriedenheit über Eueren thoͤrichten Streit bezeigen, der es um ſo mehr zu einer Zeit iſt, u ir Dienſt mei⸗ nes Vaters die vollkommenſte Eintracht fordert. Das Schmerzlichſte fuͤr mich iſt, zu ſehen, daß dieſe, welche ich vorzugsweiſe ſchaͤtzte und liebte, 1 ſich's zum Spiele machen, meine Hoffnungen zu vernichten.“ Beide Juͤnglinge erwiederten ihm, daß al les auf ſeinen Ausſpruch ankommen ſolle. „Ich geſtehe,“ ſagte Waverley,„daß ich zwar nicht weiß, weſſen man mich beſchuldigt.“ „Ich habe den Obriſten nur aufgeſucht, um ihm zu ſagen, daß ich bald von einem ſeiner Leute ermordet waͤre. Die Urſache ſeines Strei⸗ tes mit mir, iſt, wie er vorgibt, daß ich An⸗ ſpruͤche auf die Hand einer jungen Dame mit ihm theilte, die er liebt.“ „Irre ich mich,“ ſagte Fergus,„ſo entſtand dieſes aus der Unterhaltung, die ich heute fruͤh die Ehre hatte, mit Ew. koͤnigl. Hoheit zu ha⸗ ben.“ „Aus unſerer Unterhaltung? fragte der Prinz. Iſt's moͤglich, daß mich Mae⸗Jvor ſo wenig verſtand?“— Er zog ihn hier bey Seite, und nach eini⸗ gen Minuten der lebhafteſten Unterredung, kam er zu Eduard zuruͤck. „Es iſt moͤglich!“ ſprach er, Obriſter, cre⸗ tet naͤher, ich habe nicht gern Geheimniſſe! Es iſt moͤglich, Sir Waverley, daß ich mich irrte, Euch fuͤr Miß Bradwardinens geliebten Liebhaber zu halten. Ob ihr mir gleich nie — 38— bavon Etwas geſagt habt, war ich meiner Sache ſo gewiß, daß ich es dieſen Morgen zum Obri⸗ ſten Vich⸗Jan⸗Vohr ſagte, damit er einen Grund haͤtte, ſich nicht beleidigt zu finden, wenn ihr aufhoͤrtet eine Verbindung zu wuͤnſchen, die jeden, der nicht andere Abſichten dabey haͤtte, eine abſchlaͤgliche Antwort vergeſſen laſſen wuͤrde.“ „Ew. koͤnigl. Hoheit,“ antwortete Waver⸗ ley,„hatten Ihre Muthmaßungen auf Dinge gegruͤndet, die mir voͤllig unbekannt ſind, als Sie mir die Ehre erzeigten, mich fuͤr Miß Bradwardines Geliebten zu halten. Erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich mein geringes Verdienſt zu genau kenne, um meine Wuͤnſche ſo hoch zu ſteigern, und daß Alles mich in Furcht ſetzt, einen zweyten Korb zu erhalten!“ Der Prinz ſchwieg, und ſah von einem zum andern; endlich ſprach er:„Sir Waverley, ich ſehe deutlich, daß ſie weniger gluͤcklich ſind, als ich glaubte, und Urſache dazu hatte. Erlaubt mir, Ihr Herren, Vermittler zwiſchen Euch zu werden, nicht als Prinzregent, ſondern als Euer Freund und Waffenbruder. Vergeßt fuͤr den Augenblick alle Euere Anſpruͤche, wie ſie immer heißen moͤgen; denkt nur an die Ehre und an die geheiligte Sache, fuͤr welche Ihr die Waf⸗ fen ergriffen habt. Welch ein Scandal fuͤr — 359— unſere Freunde, welch ein Triumph fuͤr die Han⸗ noveraner, wenn in unſerem kleinen Heere noch Zwietracht herrſchte! Auch vergoͤnnt mir Euch zu ſagen, daß die liebenswuͤrdigen Damen, die in Euern Streit ſiguriren, mehr Achtung und Schonung unſererſeits verdienen, als Ihr hier „ beweißt!“ Der Prinz zog Fergus nochmals bey Seite, redete ihm lebhaft zu, verſicherte dann Waver⸗ ley'n er habe ihn uͤberzeugt, der Streit waͤre aus einem Mißverſtaͤndniß entſtanden, und er hielte ihn fuͤr zu großmuͤthig, um ihn laͤnger fortzuſetzen. Der Obriſte werde dieſes ſeinen Stamme zu Verhuͤthung jeder andern Unord⸗ nung bekannt machen, und— ſo mußten ſich beide die Haͤnde geben, welches, wiewohl kalt, doch auf ſeinem Befehl geſchah, worauf ſie ſich ehrerbietig von ihm beurlaubten. Als der Prinz an der Spitze der Jvorianer ankam, ſtieg er ab, um aus der Feldflaſche des alten Ballenkeiroch zu trinken. Er marſchirte uͤber eine halbe Meile mit ihm, fragte ihm allerley uͤber das Alterthum des Geſchlechts von Jpor, brachte mit vieler Geſchicklichkeit ei⸗ nige Galiſche Worte, die er wußte, dabey an, und bezeigte ein großes Verlangen ſich in dieſer Sprache zu unterrichten. Er beſtieg hierauf 7. — 40— wieder ſein Pferd, und erreichte das Regiment des Barons; ließ halt machen; zeichnete die vornehmſten Officiere und mehrere Cadets auf; unterſuchte die Aufzaͤumung mit Sorgfalt; ritt eine Stunde weit mit dem Baron und ertrug geduldig die Erzaͤhlung dreyer, langen Anecdoten vom Herzog von Berwick.“—„Ach, liebſter Beaujeu,“ ſagte er, als er in's Hauptquartier kam,„wie langweilig iſt zuweilen mein Hand⸗ werk als irrender Prinz; aber Muth, es gilt einem entſcheidenden Schlag!“ Fuͤnftes Kapitel. Scharmutzel. Nach dem zu Derby gehaltenem Kriegsrathe entſagten die Hochlaͤnder dem Plane weiter ins Innere von England vorzudringen, und zogen ſich nach Norden zu zuruͤck, welches ſie ſogleich begannen, und vermoͤge dieſer ſchnellen Bewe⸗ gung den Herzog von Cumberland entkamen, der ſie mit einem zahlreichen Reiterheere ver⸗ folgte. Dieſen Weg zu ergreifen, und den glaͤn⸗ zenden Hoffnungen zu entſagen, mit denen ſie ——Vʒ—ʃ O:——:—. ———— — 41— ſich berauſcht hatten, hatte ihnen viel gekoſtet, und niemanden ſchmerzte es mehr als Fergus. Er hatte im Kriegsrathe lebhafte Gegenvorſtel⸗ lungen deßhalb gethan, und konnten ſich nicht enthalten fuͤr Schmerz und Wuth zu weinen. Von der Zeit an ging eine ſo große Veraͤnde⸗ rung mit ihm vor, daß es faſt unmoͤglich war, den ſtuͤrmiſchen gluͤhenden Juͤngling, der er we⸗ nig Tage zuvor war, wieder zu erkennen. Der Ruͤckzug fand ſeit mehreren Tagen ſtatt, als Waverley nicht wenig erſtaunte, einen Be⸗ ſuch von Fergus in ſeinem Quartier, in einem Dorfe, zwiſchen Shap und Penrith zu erhalten. Da er ihn ſeit ihrem Beuche nicht wieder geſehen hatte, erwartete Eduard den Grund dieſes un⸗ erwarteten Beſuchs mit Ungeduld. Er ſah mit Beſtuͤrzung die Zerruͤttung ſeiner Zuͤge; ſein Blick war finſter, ſeine Wangen bleich und ein⸗ gefallen, ſein Stimme ſchwach und ſchmachtend, ſein Gang ſchwankte. Seine ſonſt ſtets ſo ſorg⸗ faͤltig angelegte Kleidung, hing unordentlich uͤber ihm; er bat Waverley ihn bis an's Ufer eines kleinen Fluſſes zu begleiten, daß er mit dem Finger bezeichnete. Ein trauriges Laͤcheln zuckte um ſeine Lippen als Eduard ſein Schwert mitnahm, ſie gingen ſchweigend bis zu einem einſamen, bedeckten Ort. „Nun, Waverley, begann jetzt Fergus,„un⸗ ſere ſchoͤne Unternehmung iſt voͤllig geſcheitert!— Ich moͤchte gern Euerm Plan wiſſen. Kommt hnaͤher, mein Freund, fuͤrchtet nichts! Ich habe geſtern einen Brief von meiner Schweſter er⸗ halten; haͤtte ich eher gewußt, was ſie mir ſchreibt, ſo haͤtte ich einen Streit vermieden, der mich jetzt ſchmerzt. Sie berichtet mir, daß ſie Euere Hoffnungen nie angereitzt, ſondern Eueren Antrag beſtaͤndig ausgeſchlagen habe; ſo muß ich denn geſtehen, daß ich mich wie ein Narr betrug! Arme Flora! Welche Veraͤnde⸗ rung wird in Deinem Gemuͤthe vorgehen, wenn du die entſetzliche Nachricht unſeres widrigen Nuͤckzugs erhalten wirſt! Du genießeſt noch jetzt unſere Siege, arme Flora!“ Waverley ward durch Fergus tiefe Schwer⸗ muth ſehr ergriffen. Er vergaß Alles, was zwiſchen ihnen vorgefallen war; nahm ihn bey der Hand, und druͤckte ſie auf's herzlichſte.— „Was wollt Ihr jetzt thun?“ fragte Fer⸗ gus nochmals.„Thaͤtet Ihr nicht wohl, unſer ungluͤckliches Heer zu verlaſſen, in ſchnellen Ta⸗ gereiſen nach den Norden von Schottland Euch zu begeben, und Euch in einem der Seehafen einzuſchiffen, die noch in unſerer Gewalt ſtehen. Wenn Ihr den Continent erreicht habt, wird ——— — 45— es Eueren Freunden leicht werden, Euch Gnade auszuwirken.— Mir wuͤrde es lieb ſeyn, wenn Ihr Miß Roſen als Gattinn, und die arme Flora unter Eueren Schutz mit nehmet. Roſa liebt Euch, und ich glaube auch Ihr liebt ſie, ohne daß Ihr es wißt: denn mit Eueren Ver⸗ ſtellungskunſt iſt es nicht weit her.“ „Mein Freund!“ verſetzte Eduard,„wie koͤnnt Ihr mir vorſchlagen, Euch zu verlaſſen? Ich bin ſchon eingeſchifft— ja eingeſchifft, und das Schiff wird bald verſchlungen werden!“— „So iſt's Zeit, daß Ihr Euch auf einen Nachen rettet!“ „Lieber Fergus, waͤre unſer Rückzug ſo ver⸗ zweifelt, ſo wuͤrden unſre Anfuͤhrer nicht darein gewilligt haben!“ „Sie ſind uͤberzeugt, daß, wie bey dem erſten Aufſtande, die Regierung ihre Rache nur auf die Inſurgenten vom flachen Lande werfen, und ſie ruhig in ihren Einoͤden laſſen wird, wo ſie, nach ihrem Sprichwort, von der Spitze des Felſens das Meer betrachten koͤnnen, bis ſich ſeine Wellen gelegt haben; aber ſie taͤuſchen ſich.— John Bull iſt zu ſehr er⸗ ſchreckt worden, um ſogleich wieder ruhig wer⸗ den zu koͤnnen. Wenn je die Hannoͤveriſchen Miniſter die Gewalt in Haͤnden haben(wel lches — 44— bald geſchehen wird, weil England ſich nicht rührt, und Frankreich keine Huͤlfe ſendet): ſo verdienten ſie Alle aufgeknuͤpft zu werden, wenn ſie einen einzigen Stamm im Stande ließen, die Regierung zu beunruhigen; ſie werden ſich nicht begnuͤgen, die Aeſte zu verſchneiden, ſon⸗ dern den Baum entwurzeln.“ „Darf ich Euch fragen, was Ihr fuͤr Plaͤne gemacht habt? Werdet Ihr Euch des Rathes bedienen, den Ihr mir gabt?“— „Meine Einrichtungen ſind getroffen. Mor⸗ gem bin ich todt oder gefangen.“ „Wus wollt Ihr damit ſagen, lieber Fer⸗ gus? Der Feind iſt ja noch mehrere Tagereiſen den und wir ſarr genug, ihn zuruͤck zu werfen.“ „Glaubt! Ich ſage Euch gewiß die Wahr⸗ heit uͤber Alles, was mich betrifft.“ „Auf was wollt Ihr denn dieſe traurige Prophezeihung gruͤnden?“ „Auf eine Gewalt, die nie ein Mitglied meines Stammes getaͤuſcht hat. Ich ſah.. ich ſah“— ſetzte er, mit erſtickter Stimme, hinzu—„den Bodach⸗Glas. „Den Bodach⸗Glas?“ „Ja, mein Freund! Habt Ihr, da Ihr 8 ſo lange in Glennaquoich waret, niemals von dem grauen Geſpenſte reden hoͤren?“ „Nie.“— „Mir grauet, die Unterhaltung auf ennen ſolchen Gegenſtand zu bringen!— Aus dem Munde meiner armen Flora waͤre er intereſſan⸗ ter, bey dem Waſſerfalle, mitten unter ſtetlen, wuͤſten Felſen.— Laßt uns auf dieſen Raſen⸗ ſitz niederſetzen, denn dieſe Stellung iſt dem, was ich Euch ſagen will, angemeſſener, als lebendige Hecken und dickes Gemaͤuer, das(ng⸗ lands Pachthoͤfe umgibt! Hoͤrt mir zu, lieber Waverley!“ „Ich hoͤre. 2. „Als mein Aeltervater Jan⸗Nan⸗Chaiſtel Northumberland verheerte, hatte er ſich dazu mit einem Adeligen im mittaͤgigen Schortland verbunden, der Halbert⸗Hall hieß. Als ſie nach Hauſe kamen, wurden ſie der Beute we⸗ gen uneins, und geriethen in’s Handgemenge. Halbert's Horde ward vertilgt; und er ſelbſt fiel unter meines Ahnherrn Schlaͤgen. Seit⸗ dem hat ſich ſein Geiſt allemal den Vich⸗Jan⸗ Vohr's gezeigt, wenn ſie ein großes Ungluͤck oder der Tod bedrohete. Zweymal ſah ihn mein Vater: am Abende vor der Schlacht, in der er gefangen ward, und am Tage ſeines Todes.“ „Mein liebſter Fergus, wie koͤnnt Ihr mir im Ernſte von ſolchen Kinderpoſſen ſprechen?“ „ Ich verlange ja nicht, daß Ihr ſie glaubt, aber die Wahrheit deſſen, was ich Euch ſage, iſt hurch dreyhundertjaͤhrige Erfahrung meiner Vorfahren, und durch meine eigene in dieſer Nacht beſtaͤtigt.“ „Um's Himmels Willen, erklaͤrt Euch deut⸗ licher!“— „Ich will es thun, aber mit der Bedingung, daß Ihr nicht daruͤber ſcherzt. Hoͤrt alſo! Seit dem Tage, wo unſer unſeliger Ruͤckzug anſing, hat der Schlaf meine Augen nur ſel⸗ ten beruͤhrt, ſo ſehr war ich mit dem Geſchicke des ungluͤcklichen Prinzen beſchaͤftigt, den man mit gebundenen Haͤnden und Fuͤßen verlaͤßt; mit dem Schickſale, das meinen Stamm erwar⸗ tet; mit dem voͤlligen Ruin meines Geſchlechts. Dieſe Nacht, vom gluͤhendſten Fieber ergriffen, verließ ich mein Quartier, in der Hoffnung, daß mich die kuͤhle Luft erquicken werde, da— ich wage kaum fortzufahren: ich weiß, Ihr werdet mir nicht glauben; dem ſey wie ihm wolle!— ging ich durch einen kleinen Bach, uͤber dem ſich eine Art Breterbruͤcke woͤlbte, ſetzte mich auf die Stufe zur Rechten, ohne eine beſtimmte Richtung, und bemerkte im — 47—* Mondenſchein, einige Klafterlaͤngen von mir, die Figur eines ſehr großen Mannes, in einen Plaid gehuͤllt, wie ihn die Schaͤfer in Schott⸗ land tragen. Ich mochte gehn, wohin ich wollte, er blieb immer in gleicher Weite von mir.“ „Das war wohl ein Bauer aus Cumber⸗ land?“ „Nein, erſt glaubte ich es auch, und wun⸗ derte mich uͤber ſeine Unverſchaͤmtheit, mir auf dem Fuße zu folgen. Ich rufte ihn mehrmals an, um Antwort zu erhalten, aber umſonſt. Da fuͤhlte ich mein Herz ſchlagen, und um mich von der Wahrheit deſſen zu uͤberzeugen, was ich befuͤrchtete, kehrte ich mich dahin um, woher ich gekommen war. Eduard, das Ge⸗ ſpenſt befand ſich vor mir. Ich konnte nicht zweifeln.— Es war Bodach⸗Glas.— Meine Haare ſtraͤubten ſich; kalter Schweiß rieſelte von meinen Gliedern; ich that mir Gewalt an; ich verdoppelte meine Schritte, um in mein Quartier zu gelangen; das Geſpenſt ſchwebte— denn ich kann nicht ſagen, daß es ging— immer in gleicher Ferne vor mir hin.— Ich mußte, als ich durch den Bach ging, ſo nahe an ihm vorbey gehen, wie hier vor Euch. An der Bruͤcke blieb es ſtehen, und kehrte ſich gegen mich. Verzweiflung und Gewißheit meines nahen Todes belebten mei⸗ nen Muth; ich zog mein Schwert, und nach⸗ dem ich das Zeichen des Kreutzes gemacht hatte, rief ich: Weiche boͤſer Geiſt!— Das Geſpenſt antwortete mir: Vich⸗Jan⸗Vohr, nimm dich in Acht! Morgen!— Mit dieſen Worten ver⸗ ſchwand es. Ich kam nach Hauſe, warf mich auf's Lager, und konnte, wie Ihr wohl glauben werdet, nicht ſchlafen. Dieſen Morgen warf ich mich auf's Pferd, Euch zu ſagen, was mir geſchehn iſt.— Es waͤre zu hart fuͤr mich geweſen, zu ſterben, eh' ich mich mit meinem beßten Freunde, den ich beleidigt hatte, wieder verſoͤhnte. Eduard zweifelte keineswegs, daß das Ge⸗ ſpenſt von Fergus erhitzter Einbildung entſtan⸗ den ſey, die durch Kummer und Aberglauben, wie er bey den Hochlaͤndern gewoͤhnlich iſt, erregt ward; aber ſeine Lage ſchmerzte ihn ſehr. Um ihn von ſeinen betruͤbten Betrachtungen zu zerſtreuen, ſchlug er ihm vor, bey ihm zu bleiben, bis der ganze Stamm ankaͤme, und mit ihm zu marſchiren.„Ich weiß gewiß,“ ſagte er,„der Baron wird mir beeſe Ganſt nicht abſchlagen.“ „Ich erkenne dieſen neuen Geanatdaſte * — 49— beweis; aber darf ich ihn annehmen, lieber Waverley? Wir haben den Nachtrab, welcher bey dem Ruͤckzuge der gefaͤhrlichſte Poſten iſt.“ „Und der ehrenvollſte!“ „Es ſey! ſagt Polwart, Euer Pferd bereit zu halten. Es wird mir ſehr lieb ſeyn, Eure Geſellſchaft zu genießen.“ Der Nachtrab blieb lange aus, und war durch verſchiedene Zufaͤlle, und hauptſaͤchlich durch den boͤſen Weg aufgehalten worden. Als er ankam, erſchien Fergus Hand in Hand mit Waverley, woruͤber die alte Anhaͤnglichkeit der Hochlaͤnder an unſern Helden wieder erwachte, Evan⸗Dhu ſchrie laut vor Freuden, und ſelbſt Callum⸗Beg, der noch ſeinen Kopf verbunden trug, blaß und entſtellt ausſah, aber wieder an ſeinen Verrichtungen war, ſchien hoͤchſt zu⸗ frieden. „Der kleine Schlingel,“ ſagte Fergus, muß einen Kopf haben, der haͤrter iſt, als Stahl, das hundsvoͤttiſche Piſtol ging auf ihm entzwey!“ „Es thut mir leid, das Ihr ihn, wegen mir, ſo heftig geſchlagen habt.“ „Wenn dieſe Schurken nicht zuweilen einen ſolchen Verweis bekaͤmen, wuͤrden ſie ſich end⸗ lich ganz und gar vergeſſen.“ IV. 82 Man begab ſich nun auf den Marſch, nach⸗ dem man ſich vor allem Ueberfalle moͤglichſt geſichert hatte. Das Regiment Fergus und das von Macpherſon, eines der ſchoͤnſten im Heere, bildeten den Nachtrab. Man ging uͤber eine weite, ſumpfige Ebene, und gelangte hin⸗ ter die Mauern eines kleinen Dorfs, Clifton genannt; die Sonne war im Begriff unterzu⸗ gehn, und Waverley fing an, Fergus mit dem paniſchen Schrecken aufzuziehen, den ihm das graue Geſpenſt verurſacht hatte.„Die Idus des Mars ſind angekommen,“ ſprach Fergus, aber noch nicht voruͤber.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſagt, 3 erblickte er in einem Sumpfe einen großen Trupp feindlicher Reiterey. Man eilte die der Halde und Heerſtraße gegenuͤber ſtehenden Mauern zu befeſtigen, wodurch der Feind in's Dorf eindringen konnte. Als die Arbeit been⸗ digt, war es voͤllig Nacht, und der Mond ging auf, von dichtem Gewoͤlk umgeben, wel⸗ ches ſein Strahl zuweilen durchbrach. Bald ſahen ſich die Hochlaͤnder in ihrer Stellung beunruhigt. Von der Finſterniß beguͤnſtigt, wollte eine Abtheilung von Dragonern uͤber die Barrieren klettern, die man aufgefuͤhrt hatte, ward aber durch ein ſo wohl unterhalt⸗ ——— Be—— nes Feuern genoͤthigt, ſich zuruͤckzuziehen, daß Fergus, nicht mit dieſem Vortheil zufrieden, im Eifer ſeiner wieder gewonnenen Kraft bey der Naͤhe der Gefahr, die Seinigen durch Stimme und Beyſpiel zu reitzen ſich gedrungen fand. Er erhob ſein Schwert, ſchrie aus allen Kraͤften: Claymore! und ſtuͤrzte den Fliehen⸗ den nach, ſie mit dem Schwert im Nacken zu verfolgen, Alles niederhauend, was ihm begeg⸗ nete: ſo daß ein fuͤrchterliches Blutbad entſtand. Der Mond brach aus den Wolken, und die Englaͤnder erblickten die geringe Zahl, die ſie verfolgte, in hoͤchſter Unordnung. Zwey Es⸗ kadrons kamen ihren Cameraden zu Huͤlfe, und die Hochlaͤnder eilten in ihren Verhau zuruͤck. Mehrere, unter denen auch der tapfere Haͤupt⸗ ling war, wurden umringt, ehe ſie ihr Vor⸗ haben auszufuͤhren vermochten. Waverley ward im Gewuͤhle von dem zuruͤckkehrenden Corps getrennt; er ſah einige Schritte von ſich ſeinen Freund, nebſt Evan und Callum ſich verzwei⸗ felt wehren, und gegen ein Dutzend Dragoner, die auf ſie einhieben, vertheidigen. Der Mond bedeckte ſich wieder mit Wolken, und unſer Held konnte ihnen weder zu Huͤlfe kommen, noch den Weg unterſcheiden, den er zum Zu⸗ ruͤckkommen zu waͤhlen hatte. Nachdem er 4—D+ 5 — 2 faſt dreymal bald niedergemacht, bald gefangen genommen worden waͤre, kam er an den Ver⸗ hau; er eilte, hinauf zu klimmen, glaubte außer Gefahr, und im Begriffe, das Haupt⸗ quartier der Hochlaͤnder zu erreichen, deren Dudelſack er in der Ferne hoͤrte. Er dachte, Fergus iſt gefangen, und der Bodach⸗Glas kam ihm jetzt ſelbſt ſchmerzlich in den Sinn. Sechstes Kapite l. Z u f Aà k. e. Eduard befand ſich in einer beſchwerlichen Stel⸗ lung. Bald hoͤrte er nichts mehr von dem Dudelſack und Pfeifen, und kam nach vielen mißgegluͤckten Verſuchen, nachdem er mehrere Mauern uͤberklettert hatte, auf die Heerſtraße; aber der Lerm der Zimbeln und Trommeln zeigte, daß er in einem von der Engliſchen Reiterey beſetzten Dorfe war, das ihm den Weg zu den Hochlaͤndern abſchnitt. In der Hoffnung, zu den Seinigen zu gelangen, ſah er ſich genoͤthigt, einen Umweg links einzu⸗ ſchlagen, indem er einem engen Fußpfade folgte. ——— —— Er marſchirte in Koth, mitten in der kalten Nacht, und mußte das groͤßere Uebel befuͤrchten, in die Haͤnde der Engliſchen Soldaten zu fallen. Nach drey Stunden gelangte er in ein Dorf, von dem er wußte, daß die Einwohner der Sache, die er ergriffen hatte, nicht zugethan waren; indeß nahte er ſich dem Gaſthauſe, in Hoffnung, ſich ein Pferd bis Penrith zu ver⸗ ſchaffen, wo er den Nachtrab des prinzlichen Heeres zu finden hoffte. Großer Lerm kam ihm aber dort zu Ohren; er hoͤrte genau, daß man drinnen auf Engliſch ſluchte und Kriegslieder ſang, konnte daher nicht zweifeln, daß Cumberlands Truppen hier ſtaͤn⸗ den. Er verſuchte ſich ohne Geraͤuſch davon zu machen, und ſegnete die naͤchtliche Finſterniß, gegen die er gemurrt hatte. Hinter einem Gartenzaune ſchleichend, ſuchte er tappend nach der Thuͤr, und— fuͤhlte ſich von der Hand eines Weibes ergriffen.„Eduard,“ ſagte ſie, „biſt Du's?“ „Die irrt ſich wohl,“ dachte Waverley und wollte ſeine Hand zuruͤckziehn. „Mach' keinen Lerm,“ ſetzte ſie hinzu, „die Rothroͤcke koͤnnten's hoͤren; wen ſie krie⸗ gen, den nehmen ſie mit fort, ihre Wagen zu fuͤhren; komm zum Vater, bis ſie fort ſind!“ „Das iſt ein guter Rath,“ dachte Eduard. Er ging mit dem Maͤdchen durch einen klei⸗ nen Garten, und kam an eine mit Ziegel⸗ ſteinen gepflaſterte Kuͤche; ſie buͤckte ſich, das Licht an einem faſt verloſchenen Kohlenhaufen anzuzuͤnden; aber kaum brannte es, ſo ließ ſie es wieder fallen, und ſchrie aus Leibeskraͤften: „Vater! Vater!“ Ein dicker Pachter erſchien ſogleich, baarfuß, in einer Hand ein Licht, in der andern einen mit Eiſen beſchlagnen Stock, er hatte nichts an, als die Unterkleider und eine Weſte.„ Spitzbuͤbinn!“ rief er mit einer Stentorſtimme,„was bedeutet der Spectakel?“ „ Ach!“ antwortete das arme Maͤdchen faſt erſtickend,„ich glaubte,'s waͤre Eduard Wil⸗ liams, und's'is aͤ Plaid!“ „Na! was hatteſt denn Du zu der Stunde mit Eduard Williams abzuhandeln?“ Das arme Maͤdchen gab keine Antwort, ſo oft er auch dieſe Frage wiederholte, und fuhr fort die Haͤnde zu ringen und zu ſchluchzen. „Und Du Burſche?“ ſagte er zu Eduarden, „weißt Du denn nicht, daß die Dragoner hier ſind, und daß ſie Dir den Hals umdrehen, wenn ſie Dir begegnen?“ „Ja, ich weiß, daß mein Leben in der groͤßten Gefahr iſt, wenn Ihr nicht ſo gut —— NX η — 55— ſeyd, mir zu Huͤlfe zu kommen; ich werde Ench reichlich belohnen, ich bin kein Schotte, ich bin ein Engliſcher Edelmann.“ „Was ſchiert's mich, ob Ihr ein Schotte ſeyd oder nicht,“ antwortete der ehrliche Pach⸗ ter.„Ich wollte, Ihr haͤttet Euch anderswo ein Schlupfloch geſucht; aber da Euch der liebe Gott nun einmal hergefuͤhrt hat, ſo ſeyd un⸗ beſorgt; Jacob Jobſon wird nie Menſchenblut verkaufen. Gewiß ſeyd Ihr hungrig und dur⸗ ſtig?“— Er ſchuͤrte hier das Feuer wieder an, nach⸗ dem er das Fenſter ſorgſam verſetzt hatte, um das Licht zu verbergen; dann ſchnitt er ein großes Stuͤck Schinken ab, das Caͤcilie zu kochen beauftragt ward, und trug zugleich ei⸗ nen Krug vortreffliches Bier auf. Man verabredete, daß Eduard den Abmarſch der Truppen erwarten, dann ein Pferd und einen Fuͤhrer erhalten ſollte, um zu verſuchen, ob er ſeine Freunde wieder erreichen koͤnnte. Dann fuͤhrte man ihn in ein kleines Kaͤmmer⸗ chen, und bereitete ihm ein reinliches Lager. Des andern Tages erfuhr man, daß die Hoch⸗ laͤnder Penrith geraͤumt haͤtten, und ſich nach Carllisle zoͤgen, daß das Heer des Herzogs von Cumberland aber alle Wege in dieſer Richtung 8 — 56— beſetzte. Den Durchgang verſuchen zu wollen, waͤre Tollheit geweſen. Der wahre Eduard Williams wurde mit in den Rath gezogen, den Caͤcilie mit ihrem Vater hielt. Da ih ohnſtreitig wenig daran gelegen war, daß ſein ſchoͤner, junger Namensvetter ſeinen Aufenthalt hier verlaͤngerte, wo ſeine Geliebte war— aus Furcht eines neuen Jrrthums: ſo ſchlug er Eduarden vor, ſeine Uniſorm abzulegen, und die Landestracht anzuziehn. „Ich will Euch zu meinem Vater bringen,“ ſagte er,„da koͤnnt Ihr ohne Furcht warten, bis Alles vorbey iſt.“ Man ward uͤber den Preis der Koſt bey dem Pachter einig, bis er ſich ſicher auf den Weg machen koͤnnte, und dieſe guten Menſchen waren weit entfernt, von dem Ungluͤcke Nutzen zu ziehen und große Summen zu fordern. Die Kleider waren bald herbeygeſchafft, und der junge Pachter machte ihm Hoffnung, daß, wenn er Seitenwege einſchlage, die er genau kenne, ſie ohne Schaden bis zum Pachthofe 6 kommen wuͤrden. Der alte Jobſon und ſeine Tochter, friſch wie eine Waldroſe, ſchlugen alle Bezahlung fuͤr ihre Gaſtfreundſchaft aus. Al⸗ les, was ſie annahmen, war ein Kuß, den er Caͤcilien, und ein Haͤndedruck, den er ihrem — 32— Vater gab. Beide bezeigten ihm die herzlichſte Cheilnahme, und wuͤnſchten ihm die gluͤcklich ſte Reiſe. 4 Eduard's Fuͤhrer brachte ihn uͤber die Ebe ne, wo das Scharmützel ſtatt gefunden hatte; die Luft war rein und klar; die Sonne beleuchtete mehrere Leichname, die unweit der Mauer hes Parks von Lonsdale ausgeſtreckt lagen.— „Hier alſo,“ dachte Eduard,„hat der letzte Vich⸗Jan⸗Vohr ſeinen Lauf ohne Ruhm und ohne Zeugen vollendet. Im Finſtern ſiel der edle Juͤngling, der ſich Kraft und Muth genug zutraute, ſeinen Koͤnig wieder auf Englands Thron zu ſetzen! Was wird nun aus ſeiner un⸗ gluͤcklichen Schweſter werden, die ſeine Grund⸗ ſaͤtze und ſeine Begeiſterung theilte?— Dieß iſt das Ende ſo glaͤnzender Hoffnungen!“— Vom Schmerz ergriffen, beſchloß er jetzt, das Schlachtfeld zu durchſuchen, in der Hoff⸗ nung, den Ueberreſt ſeines Freundes zu ſinden und ihm die letzte Pflicht zu erzeigen. Ver⸗ gebens ſtellte ihm ſein Fuͤhrer das Gefahrvolle dieſes Unternehmens vor; Eduard blieb bey ſeinem Vorſatze. Er erkannte Callum⸗Beg, deſſen Schaͤdel durch einen Saͤbelhieb geſpalten war; aber den Leichnam des Fergus konnte er nicht entdecken; er glaubte, daß ihn vielleicht „ ſeine Leute mitgenommen haͤtten, oder daß es ihrn doch gelungen ſey, ſich zu retten.— Dieſe letzte Muthmaßung ſchien ihm die wahrſchein⸗ lichſte, weil er auch Evan⸗Dhu's Koͤrper nicht fand, und wohl wußte, daß er ſeinen Haͤupt⸗ ling nicht verlaſſen hatte.„Sollte er gefangen ſeyn?“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ein Theil der Prophezeihung von Bodach⸗Glas waͤre dann eingetroffen.“— Eduard ward gezwungen, ſich zu entfernen, weil man Dragoner bemerkte, welche von Bauern die Todten begraben ließen; er erreichte ſeinen Fuͤhrer, der ihn in groͤßter Angſt unter einem Baumgange erwartete, und ſo kamen ſie endlich, ohne irgend ein Ungluͤck, in dem Pachthofe an.. Dort gab man Eduarden fuͤr einen jungen Seminariſten aus, der ſich wegen der Unruhen auf's Land begeben hätte. Dieſes gab nicht zu dem mindeſten Argwohn Anlaß, da die Bauern in Cumberland einfaͤltig und leicht⸗ glaͤubig ſind. Auch ſtimmte der Ernſt unſers Helden mit dieſem Titel uͤberein. Je laͤnger er dort blieb, je mehr kam ihm dieſe Vorſicht zu ſtatten. Der haͤufig fallende Schnee erlaubte ihm unter vierzehn Tagen nicht zu reiſen. Als die Wege wieder gangbar wurden, erfuhr er nach und nach, daß ſich der Prinz nach Nord⸗ 4= ſchottland, Glasgow zu, gezogen habe, und der Herzog von Cumberland Carlisle belagere: es war alſo auf dieſer Richtung unmoͤglich, nach Schottland zu kommen. Von der oͤſtlichen Seite marſchirte der Marſchall Wade an der Spitze eines ſtarken Heeres nach Edinburg. Alle Grenzgegenden Schottlands waren mit Buͤrgermiliz beſetzt, und mit Freywilligen und Parteygaͤngern, die ſich bewaffnet hatten, um die Empoͤrung zu tilgen; ſie hielten alle Nachzuͤgler an, welche zu dem Heere der Hoch⸗ laͤnder zuruͤck wollten. Carlisle hatte ſich er⸗ geben, und die Strenge, mit der man die Garniſon behandelte, war ein neues Mittel, alle Luſt zum Aufbruche zu vertreiben, beſon⸗ ders da Eduard allein durch die feindlichen Heere haͤtte reiſen muͤſſen, um auf's neue einer verzweifelten Sache zu dienen. Er dachte in ſeiner einſamen Abgeſchiedenheit und des Gluͤcks beraubt, ſich mit gebildeten Perſonen zu unter⸗ halten, oft an das, was ihm der Obriſte Tal⸗ bot geſagt hatte; und die Blicke ſeines ſterben⸗ den Obriſten ſchwebten ihm vor Augen. Er faßte den Vorſatz, nicht zum zweytenmal ſein Schwert im Buͤrgerkriege zu ziehen. Er dachte an die Verzweiflung, die in Glennaquoich und in Tully⸗Weolan heerſchen wuͤrde; er ſah Miß — — 60— Flora und die liebenswerthe Roſa huͤlflos und ohne Stuͤtze, da ſie nicht einmal, wie ihre Freundinn, Troſt in ihrem Enthuſiasmus fand. Niemand ſtoͤrte ihn in ſeinen Traͤumereyen. Er ſpatzierte einſam in den Schneegefilden her⸗ um, und behielt Zeit, ſeine Einbildungskraft zu zuͤgeln. Wie oft ſeufzte er nicht:„Der Roman meines Lebens iſt geendet! Ich will die Geſchichte desſelben anfangen! Die Zeit iſt gekommen, die Philoſophie zu Huͤlfe zu rufen, und mich als Mann betr ngen!“ Siebentes Kapitel. Neiſe mMach London. Alle Bewohner des Pocht hofs gewannen Eduar⸗ den bald lieb, denn er beſaß jene Liebenswuͤr⸗ digkeit und Hoͤflichkeit, welche ſtets Achtung und Freundſchaft gewinnt. Seine Gelehrſamkeit machte, daß ihn dieſe guten Landleute hochſchaͤtz⸗ ten, und ſein ſchwermuͤthiges Anſehen floͤßte ih⸗ nen einen zaͤrtlichen Antheil ein. Er hatte ih⸗ nen, als Grund ſeiner Traurigkeit, den Verluſt eines in dem Scharmuͤtzel bey Clifton getoͤde⸗ — — 61— ten Bruders angegeben. In dieſer Claſſe der Geſellſchaft, wo man noch auf die Bande des Büuts alles haͤlt, erſchien ſeine Niedergeſchla⸗ genheit daher nicht ungewoͤhnlich; und man dachte nur daran, ſeinen Schmerz zu heilen. Gegen die letzten Tage des Jaͤnners ward er aber gezwungen ſich heiter zu ſtellen und ſeine Talente zu zeigen: denn er mußte die Hochzeit Eduard Wihiams mit Caͤcilia Jobſon feyern helfen. Er that ſich alſo alle Gewalt an, um zwey Perſonen, denen er ſo viel Dank ſchuldig war, nicht zu betruͤben; er tanzte ſang, ſpielte und zeigte ſich als der Vergnuͤgteſte in der Ge⸗ ſellſchaft; aber des andern Tages bekam er ganz andere Urſache zum Nachdenken. Der Geiſtliche, der das Brautpaar einge⸗ ſegnet hatte, war von der Unterhaltung mit dem ſogenannten Theologen entzuͤckt, und be⸗ ſuchte ihn Tags darauf. Unſer Held waͤre in nehtezenh gerathen, wenn die Unterhaltung auf theologiſche Materjen gefallen waͤre; aber gluͤcklicher Weiſe ſprach er lieber von politiſchen. Er hatte mehrere Nummern von oͤffentlichen Blaͤttern mitgebracht, und nichts Angelegentli⸗ cheres zu thun, als ſie ſeinem jungen Freund mitzutheilen. Eduard durchſah ſie, und warb — 62— wie vom Blitze getroffen als er folgenden Pa⸗ ragraph fand: Den zehnten dieſes Monaths verſtarb in ſeinem Hauſe, in Berkeley Square, Sir Ri⸗ chard Waverley Esquire, zweyter Sohn des Sir Giles von Waverley, ohne Ta⸗ del; an den Folgen einer Abzehrung. Die Ver⸗ pflichtung, Caution wegen des Hochverraths, deſ⸗ ſen er beſchuldigt war, zu leiſten, beſchleunigte ſeinen Tod. Auf ſeinem aͤlteren Bruder, Sir Eberhard, laſtet eine aͤhnliche Anklage. Man ſagt, daß dieſer im naͤchſtfolgenden Monath vor Gericht gezogen werden wird, wenn der Sohn des verſtorbenen Richards, und praͤſumtiver Erbe des Barons, Eduard Waverley, ſich nicht als Gefangener ſtellt. Man ſagt der Juͤngling habe das Ungluͤck gehabt, die Waffen fuͤr den Praͤtendenten zu ergreifen und in der Reihe der Hochlaͤnder zu Felde zu ziehen, aber ſeit dem Gefechte bey Clifton, am 18. December, hat man nichts mehr von ihm gehoͤrt. „Großer Gott,“ dachte Eduard als er dieſen Artikel las,„ſo bin ich denn ein Vatermoͤrder;— Urſache daß das Leben meines edlen, geoßmü⸗ thigen Onkels gefaͤhrdet iſt!“ . Dieſe Betrachtungen drangen, wie Dolch⸗ ſtiche, in ſein Herz; der Geiſtliche ſah ihn blaß — 65— werden und einer Ohnmacht nahe. Gluͤckliche⸗ rerweiſe trat eben die Neuvermaͤhlte hereit, und ob ſie gleich nicht die Scharfſichtigſte wal, ſo bemerkte ſie doch, daß Eduard etwas Angreli⸗ fendes in den Zeitungen mußte geleſen haben: ſie ſuchte die Aufmerkſamkeit des Geiſtlichen, bis er fort mußte, mit andern Dingen zu be⸗ ſchaͤftigen. Waverley eilte, ſeinen Wirthsleuten: anzukuͤndigen, daß er ſogleich nach London ab⸗ reiſen muͤſſe. Aber eine Verlegenheit, die er noch nie gekannt hatte, fuͤhlte er jetzt. Seit! Beutel, der bey der Reiſe nach Tully⸗Weolan! ſehr gut geſpickt war, ließ ihm, wenn er ſein nen Wirth bezahlt hatte, nicht genug uͤbrig, um Extrapoſt zu nehmen; es blieb ihm alſo nichts uͤbrig als einen Platz in einer der un⸗ geheuern Deligencen zu beſtellen, die, mit Gottes Huͤlfe, wie auf den Anſchlagszettel ſteht, die Reiſe von Edimburg nach London in drey Wochen machen. Er nahm Abſchied von ſeinen Cumberlaͤndiſchen Freunden, und gelobte ſich ſelbſt eines Tages ihre Dienſte zu beloh⸗ nen, die ſie ihn thaͤtiger bewieſen hatten, als durch leere Freundſchaftsverheißungen. Er fand einen Platz in der Ditigence einer Mißtriß Noſebag gegenuͤber, der Wittwe eines Qaartiermeiſters von dem Dragonerregiment, 64— in welchem er gedient hatte, die von luſtiger Luune und, trotz ihrer funfzig Jahre, noch ſehr lebhaft war. Man durfte ſie nicht zur Unter⸗ haltung veranlaſſen; ſie erzaͤhlte ſehr umſtaͤnd⸗ lich, wie ihr Regiment die Weiberroͤcke zu Falkirch zuſammengehauen hatte.„Habt Ihr unter den Dragonern gedient?“ fragte ſie Edu⸗ arden ſo ſchnell, daß dieſer uͤberraſcht bejahend antwortete. „Ich hab's an Euerer Haltung geſehen,“ ſagte die Amazone, daß Ihr Soldat ſeyd, und daß Ihr nicht zu den Strauchdieben gehoͤrt, roie ſie mein Noſebag nannte.— Wie heißt (Euer Regiment, ich bitte Euch?“ Waverley, der befuͤrchtete, daß ſeine Rei⸗ fende alle Regimenter auswendig wiſſen moͤchte, nannte das Wahre, fuͤgte aber hinzu er habe, es ſeit einiger Zeit verlaſſen. „Waret Ihr bey der Schlacht bey Preſton? „Ach Madam ich hatte das Ungluͤck Zeuge von dieſer Schlacht zu ſeyn!“ erzaͤhlen koͤnnen!— Nehmt's nicht uͤbel Herr, das Maul.“ 4⁴ „welcher boͤſe Geiſt hat mich denn zu dieſer Al⸗ „'S war ein Ungluͤck, von dem wenig Brave wir Soldatenweiber nehmen kein Blatt vor „Hohl Dich der Geyer!“ dachte Waverley, 3 — 65— ten von der Inqguiſition gebracht?“— Zum Gluͤcke ſprach ſie bald von etwas andern. „Wir werden bald nach Feribrydge kommen,“ ſagte ſie,„da werden wir welche von unſeren Dragonern finden, die die Paͤſſe mit durchſu⸗ chen und Gewalt dabey brauchen muͤſſen, wo's noͤthig iſt.“. Kaum hatte ſie es ſich in dem Gaſthofe be⸗ quem gemacht, ſo trat ſie an's Fenſter, und ſchrie aus Leibeskraͤften:„J da iſt der Corpo⸗ ral Bridoon, er kommt mit dem Commiſſair! Er iſt ſanft, wie ein Lamm, der arme Bridoon und ein huͤbſcher Kerl, ſeht mal Herr A.. A.. nun wie heißt Ihr denn?“ 4 „Butler!“ erwiederte Waverley, der ſich mit einem im Regiment unbekannten Namen nicht der Gefahr ausſetzen wollte, verrathen zu werden.„Ihr ſeyd Hauptmann worden, als der Schurke, der Waverley uͤberging! Haͤtte doch der alte Crump ein Gleiches gethan, ſo waͤr' mein Naſebag auch avancirt.— Bridoon der Schlingel kommt nicht, ich weiß nicht was ihn abhalten mag? Ich wette er hat ſchon ei⸗ nen Nebel, wie mein Naſebag ſagte. Kommt mit, Herr, wir ſind vom Regimente, wir woß⸗ len dem Schlingel ſeine Schuldigkeit thun lehren. In welche Verlegenheit mußte unſeren Helr IV. E den dieſe Einladung verſetzen!— Er konnte nicht umhin, er mußte der unerſchrockenen Ama⸗ zone folgen. Der Corporal ſechs Fuß hoch, mit aufgedun⸗ ſenem Geſicht und kleinen krummen Beinen, war leidlich betrunken; die Dame eroͤffnete das Ge⸗ ſpraͤch durch einige ſluchaͤhnliche Worte, und be⸗ fahl ihm auf der Stelle ſeine Pflicht zu thun.— Bridoon fluchte— als er aber Mißtriß Naſe⸗ bag erkannte, hielt er die Ehrentitel zuruͤck, die er ihr geben wollte und ſtammelte. Im— ja ich irre mich nicht!'s is' die ſchoͤne Mißtriß Naſebag, Gott ſteh ihr bey! Ihr ſeyd ſo gut und lieb, Mißtriß Naſebag, und wenn s gekommen waͤr daß ich'n Schluͤckchen zuviel getrunken haͤtte, ſo wuͤrdet Ihr mir keine Mal⸗ laſt machen.— Ich kenne Euer gutes Herz.“ „Sis gut—'ſis gut! Thue Deine Pflicht, Maulaffe! Der Edelmann iſt von unſerem Re⸗ giment. Ich rathe Dir gib Acht auf den al⸗ ten Mauſekopf in heruntergeſchlagenem Huth, der im Wagen hinten ſitzt, ich bin's gewiß, das iſt ein verkleideter Rebell.“ „Hohl der Teufel den alten Haubenſtock!“ ſagte der Corporal, als er wußte, daß ſie ihn nicht mehr hoͤren konnte.„ Dieſe Lady, Ich will, mit den kleinen ſcharlachraͤndrigen Au⸗ — 67— gen, iſt ſchlimmer fuͤr's Regiment als der Obriſte die Officiere und ſelber der Großprofos. Die haͤßliche Maͤhre! Herr Commiſſair,“ fuͤgte er ſtammelnd hinzu,„wollen wir die Diligence unterſuchen, und ſehen, ob uns der Mann mit dem großen Huthe gutmuͤth'gerweiſe was zu einer Branntweinſuppe gibt, Euer Yorksſchi⸗ riſches Bier iſt zu kalt fuͤr meinen Magen.“ 8 — Der vorgebliche Rebell war ein ehrlicher Quaͤker, der ſich wegen des Rechts Krieg zu fuͤhren, die Freyheit genommen hatte, Mißtriß Naſebag zu widerſprechen. Der Muthwille der Mißtriß Naſebag ver⸗ 4 ſetzte unſern Reiſenden in mehrere aͤhnliche Ver⸗ legenheiten. In allen Staͤdten, wo die Dili⸗ gence anhielt, mußte er ſie auf die Hauptwache begleiten. Eines Tages wollte ſie ihn zu dem auf Werbung angeſtellten Unterofficier bringen; und nie vergaß ſte zu kechter Zeit, Herr Capi⸗ gern erlaſſen haͤtte. Wie vergnuͤgt war er als die Diligence endlich in London ankam, und er ſich von Mißtriß Naſebag's liſtiger Hoͤflichkeit ſefreyt fuͤhlte. tkain Butler zu ſagen, welches ihr Waverley — 869— Achtes Kapitel. Was wird er thun? 1 Die Reiſenden kamen, mit Einbruche der Nacht, nach London; Waverley nahm von ſei⸗ nen Reiſebegkeitern Abſchied, und entfernte ſich, ſorgfaͤltig die Straßen wechſelnd, um die Neu⸗ gierigen irre zu machen. Dann nahm er eine Niethkutſche, und ließ ſich in s Hotel des Obri⸗ ſten Talbot bringen, das in einer der lebhafte⸗ ſten Straßen lag. Seit dieſer geheirathet hatte, war ihm ein ſo reiches Erbe zugefallen, daß er einen glaͤnzenden Haushalt fuͤhren konnte. Nicht ohne Muͤhe gelang es ihm ſich in den Speiſe⸗ ſaal zu draͤngen, wo der Obriſte mit ſeiner rei⸗ tzenden Gemahlinn, die noch etwas blaß aus⸗ ſah, bey der Tafel ſaß. Kaum erblickte er Wa⸗ verley'n, als er aufſprang und ihn umarmte. „Wie geht Dir's lieber Stanley?“ rief er, ſey willkommen, lieber Junge! Gute Emilie, hier iſt mein Neffe Stanley, von dem ich oft mit Dir geſprochen habe. Sie zitterte als ſie ihn willkommen hieß, und ihre Stimme kuͤndigte ihre heftige Bewegung an, Waverley ſetzte ſich zu ihnen, und der Obriſte fuhr fort:„Ich glaubte nicht Dich hier zu ſehen, mein lieber — 69— Franz; die Aerzte verſicherten mir, die Luft von London ſey Deiner Krankheit ganz entgegen, es iſt eine Unklugheit lieber Freund. Deine Tante und ich ſind erfreut uͤber Deinen Be⸗ ſuch, ob wir gleich nicht hoffen duͤrfen, daß er von langer Dauer ſeyn wird!“— „Dringende Geſchaͤfte,“ ſprach Waverley, „haben mich dieſe Reiſe unternehmen laſſen.“ „Ich dachte es wohl; aber, um Deiner Ge⸗ ſundheit willen, rath' ich Dir, ſie bald abzu⸗ thun. Spootow,“ ſagte er zu einem Bedienten, deſſen Anſehen und Haltung einen alten Sol⸗ daten zu erkennen gab,„Spootow, wenn ich klingle, ſo komme Du; laß niemand herein, ich habe mit meinem Neffen zu reden.“ „Um Gottes Willen, liebſter Waverley,“ ſagte er als die Bedienten weg waren,„ſagt mir, was fuͤr eine Sache Euch nach London bringt? Iſt Euch denn das Leben feil?“ „Lieber Herr Waverley,“ ſetzte die ſchoͤne Emilie hinzu,„Sie, dem ich nie genug meinen Dank werde zu erkennen geben koͤnnen, wie konnten Sie eine ſolche Unvorſichtigkeit bege⸗ hen?“„ „Mein Vater— mein Onkel! leſen Sie dieſen Paragraph!“ „Ich wollte doch,“ rief der Obriſte,“ daß — 7— dieſe infamen Schurken vor ihren Preſſen erſchla⸗ gen wuͤrden! Es ſoll jetzt uͤber ein Dutzend Jour⸗ naliſten in London geben; ſo iſt's kein Wunder, wenn ſolche Familiennachrichten fabrieirt werden, um ihre Blaͤtter zu fuͤllen, und die Nengier ih⸗ rer Abonennten zu befriedigen. Was verſchlaͤgt's ihnen zu luͤgen, wenn ſich ihre Kiſten mit Gui⸗ neen fuͤllen? Indeß iſt's wohl wahr, mein gu⸗ ter Eduard, daß Ihr Euern Vater verloren habt. Aber ſein Tod war, wie es dieſe Romandichter verlangen, nicht die Folge des Kummers oder der Unruhe uͤber die Verfolgungungen ſeiner Familie, ſondern er glaubte vielmehr immer, es ſey am beſten nur fuͤr ſich zu arbeiten, und bezeigte mir dieſes als ich bey ihm war, wel⸗ ches ich Euch zu Euerer Beruhigung ſagen muß.“ „Aber mein Onkel— mein theurer On⸗ kel?“— — „Hat nicht das Geringſte zu befuͤrchten. Zwar gab es einige Geruͤchte zu der Zeit, als dieſer Artikel in's Journal kam, aber ſie waren ohne Grund. Sir Eberhard iſt nach dem untadeli⸗ chen Schloſſe Waverley abgereiſt, und hat keine andere Unruhe als die, welche Ihr ihm macht. Ihr aber lauft Gefahr, mein Freund; Euer Name ſteht auf der Liſte der Straffaͤlligen, Steckbriefe ſind gegen Euch erlaſſen worden. . 2☛ 28 — 71— 7 Seit wie lange ſeit Ihr hier, und wie kamt Ihr her?“ Eduard ſtattete treuen Bericht von allem, was ihm wiederfahren war, ab, ausgenommen von ſeinen Streit mit Fergus; er wollte die Anti⸗ pathie des Obriſten gegen die Hochlaͤnder nicht noch vermehren.— „Habt Ihr auch ganz gewiß in den Moraͤ⸗ ſten von Clifton den Leichnam des Pagen von Euern Freund Glen.. Glan?.. geſehen?“ „Ich kann nicht daran zweifeln.“—— „Nun ſo hat der kleine Galgendieb auch noch den Scharfrichter betrogen, unter deſſen Haͤnden er haͤtte ſterben ſollen. Was Euch be⸗ trifft, Eduard, ſo wollt ich Ihr gingt wieder nach Weſtmoreland, und wollte Gott! Ihr haͤt⸗ tet es nie verlaſſen! Man hat auf alle Schiffe Beſchlag gelegt, und ſucht die Freunde des Praͤ⸗ tendenten mit großer Strenge auf. Das ver⸗ dammte Weib wird plaudern, bis man heraus bekommt, daß ihr den Namen Butler ange⸗ nommen habt.“ „Kennt Ihr ſie, Obriſter?“ „Ihr Mann hat unter mir als erſter Cor⸗ poral gedient; ſie hatte etwas in Vermoͤgen, und war ſehr aufgeraͤumt; Naſehag war ein junger, huͤbſcher Kerl, und die Heirath kam bald zu Stande. Spootow ſoll ihre Wohnung er⸗ fragen, er wird ſie wohl bey alten Regiments⸗ bekanntſchaften finden, und von ihm habt ihr nichts zu beſorgen.— Klagt jetzt uͤber heftiges Kopfweh, und Du, liebe Emilie, gib Befehl, ein Bette fuͤr Franz Stanley zuzubereiten, und ihm alle Aufmerkſamkeit zu erweiſen, die ſeine Geneſung verlangt.“ Des andern Morgens beſuchte er ſeinen Gaſt.—„FIch bringe Euch gute Nachrichten,“ ſagte er,„Ihr ſeyd voͤllig von dem Verdachte gerechtfertigt, Empoͤrung im Regiment verbrei⸗ tet, und Euere Pflichten verabſaͤumt zu haben. Ich habe mir von einem Euerer aufrichtigſten Freunde, dem Prediger Morton ſehr umſtaͤnd⸗ liche Nachrichten verſchafft. Sein erſter Brief war an Sir Eberhard gerichtet, der mir die Antwort auftrug, und ſo ſind wir in Brief⸗ wechſel gerathen. Ihr muͤßt wiſſen, daß Do⸗ nald, Euer Wirth in der Koͤnigshoͤhle, in die Haͤnde der Philiſter ſiel, als er das Vieh eines reichen Grundeigenthuͤmers Kullan... Ker⸗ lan.„Killancureit vielleicht?“ fragte Eduard.„Ja, ja! Es ſcheint, als haͤtte der viel auf ſein Vieh, und wenig auf ſeinen Muth gehalten, denn er hatte Militair ſich zugelegt. Donald ſteckte ſo zu ſagen ſeinen Kopf in den — 75— Rachen des Loͤwen, ſeine Horde ward geſchlagen, und er ſelbſt Gefangener. Zwey Geiſtliche, wo⸗ von einer Sir Morton, und der andere ein katho⸗ liſcher Prieſter war, ſollten ihn, nach empfangenem Urtheile, zum Tode bereiten; aber ſie machten nichts mit ihm. Indeſſen bekannte er vor dem Friedensrichter(dem Major Melville glaube ich), daß er Hongton betrogen, ſich Eueres Namens dabey bedient, Euch aus Gilfillans Haͤnden ge⸗ zogen, und auf Befehl des Praͤ des Rit⸗ ters als Gefangener nach Schloß Doune ge⸗ bracht, von da aus man Euch kriegsgefangen nach Edinburg geſchafft; er habe Auftrag ge⸗ habt, Euch zu befreyen, zu beſchuͤtzen, und eine große Belohnung dafuͤr empfangen, aber die Perſon, die ihm dieſen Auftrag gegeben, wollte er unter dem Vorwande nicht nennen, er habe auf ſeine Dolchſpitze geſchworen, ver⸗ ſchwiegen zu ſeyn; und nichts auf der Welt waͤre im Stande, ihn meineidig zu machen.“ „Was iſt aus ihm geworden?“ „Er und ſein Lieutnant, nebſt vieren von ſeiner Bande wurden in der Veſte Sterling gehangen, nachdem die Rebellen die Belagerung aufgehoben hatten.“ „Ich habe weder Urſach, ihn zu bedauern, noch mich daruͤber zu freuen.“ „Seine Erklaͤrung kann Euch heilſam ſeyn, da Euch jene Anklagen, von denen ſie Euch befreyt, in eine ganz andere Kategorie ſetzt, als jene ungluͤcklichen Edelleute, welche die Waffen gegen die Regierung ergriffen. Ihre, wiewohl ſtrafbare Empoͤrung iſt ein tugendhaf⸗ ter Jrrthum, aber keine Schande, und die große Anzahl macht Erbarmung noͤthig. Ich hoffe gewiß, Euere Verzeihung zu erhalten, wenn Ihr nicht in die Klauen des Tribunals fallt, ehe ſie ihre Opfer gewaͤhlt haben; Ihr kennt das Sprichwort: Wer erſt kommt, mahlt „erſt. Auch muß die Regierung den Jacobiten, die ſich noch in England befinden, Furcht ein⸗ floͤßen; dieſe ſtrenge Maaßregel kann nicht von langer Dauer ſeyn, aber eben jetzt haͤttet Ihr Alles zu befuͤrchten, ſucht ein Obdach, bis das Unwetter vorbey iſt.“ Spootow trat unruhig und bekuͤmmert ein. „Ich habe das Beeſt gefunden,“ ſagte er, „ich kann gar nicht ſagen, was ſie fuͤr Dro⸗ hungen gegen den Unverſchaͤmten ausgeſtoßen, der ſie mit einem angenommenen Namen be⸗ trogen hat. Sie wollte eben gehen und die Anzeige thun, daß ein Spion des Praͤtendenten unter dem Namen Butler, Dragonercapitain, nach London gekommen ſey; ich bin ſo gluͤcklich 75 7 geweſen, ſie von der Ausfuͤhrung dieſes Plans abzuhalten, und Dank ſey es dem Rum, den wir zuſammen getrunken haben, ſie wird die Luſt dazu verſchlafen.“ „Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte der Obriſte, als Spootow fort war.„Dieſe Elſter kann Euch als Waverley bezeichnen, und zu gefaͤhrlich waͤre jetzt die Entdeckung fuͤr uns Alle. Entſchließt Euch daher, wohin Ihr Euch zuruͤckziehen wollt.“ „Nach Schottland.“ „Nach Schottland, und weßhalb? Ich hoffe, Ihr werdet nicht zum Zweytenmal unter die Rebellen gehen?“ „Nein Obriſter! Ich ſehe meine Verpflich⸗ tungen als beendigt an, weil alle meine Muͤhe vergeblich war, die Hochlaͤnder wieder zu errei⸗ chen; auch wuͤrde ich bey dem Feldzuge im Winter ihnen in ihren Gebirgen zur Laſt fal⸗ len. Ich glaube, ſie ziehen den Krieg nur in die Laͤnge, um dem Prinzen Gelegenheit zu geben, zu entkommen, dann werden ſie fuͤr ſich einen Vergleich einzuleiten ſuchen; ſie haben in Carlisle alle Englaͤnder zuruͤck gelaſſen, die ſie bey ihrem Heere hatten, weil ſie ihnen be⸗ ſchwerlich fielen. Auch denkt von mir, was — 76— Ihr wollt, Obriſter, ich bin den Krieg ganz fatt und der Schlachten muͤde.“ „Armes Kind! Was habt Ihr denn davon geſehen? Einige Vorpoſtenſcharmuͤtzel! Was wuͤrdet Ihr zu einer ordentlichen Schlacht ſagen, wenn auf jeder Seite vierzigtauſend Mann ſich ſchluͤgen?“. „Darauf bin ich gar nicht neugierig. Ich ſchließe vom Rand auf's Tuch, wie das gemeine Sprichwort ſagt. Die Heerzuͤge und die Kriegs⸗ ordnung entzuͤckte mich, nach der Vorſtellung unſrer aͤltern Dichter; aber die Erfahrung hat meine Einbildung davon zerſtoͤrt. Die Nacht⸗ wachen, Bivonacks, Nachtmaͤrſche und tauſend andere, aͤhnliche Dinge verſuchen mich nicht mehr; das Bild der militairiſch Laufbahn will von der Ferne geſehen ſeyn, wenn man ihm naͤher kommt, veraͤndert ſich ſeine Natur und ſeine Form. Ich geſtehe Euch, Obriſter, ich habe keine Luſt, einen zweyten Tag von Preſton zu ſehen. Zwanzigmal bin ich, wie durch ein Wunder, dem Tode entronnen, und auch Ihr..“ „Auch ich war nahe daran? Wollt Ihr das nicht ſagen?“ antwortete lachend der Obriſte; „aber was wollt Ihr denn? Iſt es nicht mein Beruf?“ — 7 7— „Der meinige iſt es nicht; da ich, als ich nur noch Freywilliger war, das Gluͤck hatte, mich ehrenvoll meines Schwertes zu bedienen, ſo iſt mein Ehrgeitz völlig befriedigt; ich entſage dem Kriegesruhme.“ „Und mir iſt's angenehm, Euch ſo geſinnt zu finden; aber ſagt mir, was hofft Ihr von Schottland?“ „Wenn ich in einen Seehaven gelangen kann, der dem Prinzen noch zugehoͤrt, wird mir's nicht ſchwer ſeyn, mich nach dem Conti⸗ nent einzuſchiffen; uͤberdieß— damit ich Euch nichts verſchweige, iſt eine Perſon daſelbſt, von der das Gluͤck meines Lebens abhaͤngt; ihre jetzige Lage beunruhigt mich.“ „Emilie hat ſich nicht geirrt: die Liebe iſt im Spiel! Es iſt wohl eine von den beiden ſchoͤnen Schottinnen, die ich durchaus bewun⸗ dern ſollte, welche Euch in das reitzende Clima zuruͤck ruft? Ich hoffe, es iſt nicht Miß Glen?„y.. „Nein Obriſter!“ „Gut, gut! Etwas linkiſches Weſen laͤßt ſich entſchuldigen, aber nie der Trotz und der Hochmuth. Ich kann Euch im Vertrauen ſagen, daß dieſes Projekt den Beyfall Eueres Onkels haben wird, mit dem ich Gelegenheit nahm, — 736— im Scherze daruͤber zu ſprechen. Ich benke doch, ſagte er, daß ſich der liebe Papa damit begnuͤgen wird, ſeine Zuhoͤrer mit ſeinen langen Geſchichten vom Herzoge von Berwick zu lang⸗ weilen, und aller Augenblicke einen Lateiniſchen Autor zu citiren, ohne ſeiner Tochter zu ver⸗ weigern, daß ſie ein fremdes Land bewohnt? Ihr koͤnntet leichtlich in England eine ſehr gute Heirath thun, wenn Ihr aber dieſe Wald⸗ roſe ernſtlich liebt, und Euer Onkel von dem Baron von Bradwardine die beßte Meinung hat, auch Euch wegen Eueres eigenen Gluͤcks, und um der Fortdauer der drey Hermelin⸗ ſchwaͤnzchen willen herzlich wuͤnſcht, Euch ver⸗ heirathet zu ſehen, ſo rathe ich Euch, die Nei⸗ gung Eueres Herzens zu befolgen. Uebrigens werde ich Euch die Meinung Sir Eberhard's gewiß mittheilen koͤnnen, da ich bald ſelbſt nach Schottland komme.“ „Sprecht Ihr im Ernſt? Was haͤttet Ihr fuͤr Urſache, nach Schottland zuruͤckzukehren Wollt Ihr dem Prinzen den Ruͤckzug abſchnei⸗ den, und ihn am Einſchiffen hindern?“ „Nein, lieber Eduard, dem Himmel ſey Dank, meine Emilie iſt voͤllig wieder hergeſtellt, und ich hoffe die Sache, die ich anſing, durch eine Zuſammenkunft mit dem Commandanten des Prinzen, der mir ſtets eine Freundſchaft bezeigte, deren mein Herz ſich nicht ganz un⸗ wuͤrdig fuͤhlt, gluͤcklich zu beenden. Ich gehe, mich mit Vorkehrungen zu Euerer Abreiſe zu beſchaͤftigen; waͤhrend meiner Abweſenheit, die wenig Stunden dauern wird, habt Ihr die Freyheit, Euch bis in's naͤchſte Zimmer zu be⸗ geben; wo Ihr meine Emilie finden werdet, und Euch unterhalten, leſen oder Muſik machen koͤnnt, wie es Euch beliebt, niemand wird Euch unterbrechen, Spootow ausgenommen, deſſen Herz rein iſt, wie ein Diamant.“ Der Obriſte kam in zwey Stunden wieder, und fand ſeinen jungen Freund bey ſeiner Gemah⸗ linn, die von ſeinem Benehmen, ſeiner Denk⸗ art und Gelehrſamkeit ſehr erfreut war, aber auch er erkannte das Gluͤck, ſich endlich in der Geſellſchaft von Perſonen ſeines Standes zu befinden, welche er ſo lange entbehrt hatte. „Mein Freund Eduard,“ ſprach der Obriſte, „hoͤrt meine Maßregeln, Ihr habt keine Zeit zu verlieren. Eduard Waverley, jetzt Williams, jetzt Butler, faͤhrt gegenwaͤrtig fort, Franz Stanley zu heißen, und unter dem Namen dieſes meines Neffen bringt ihn Morgen bey fruͤher Tageszeit mein Wagen bis an den Schlagbaum. Dort erwartet ihn Spootow 5 — 30— mit einer Courrierchaiſe, und da jedermann weiß, daß der in meinen Dienſten ſteht, entgeht er allem Argwohne. In Huntingdon findet Ihr den wahren Franz Stanley als Student auf der Univerſität von Cambridge. Weil ich we⸗ gen dem Beſinden meiner Emilie in Ungewiß⸗ heit war, beauftragte ich meinen Neffen, an meiner Stelle nach Schottland zu reiſen, und wirkte ihm einen Paß aus. Da dieſe Reiſe keinen andern Zweck hatte, als Euch nuͤtzlich zu werden, wird ſie jetzt uͤberfluͤſſig. Stanley weiß Euere ganze Geſchichte; ihr eßt zuſammen, und findet vielleicht in Eueren klugen Koͤpfen einen Plan, die Gefahren der Reiſe zu ver⸗ ringern. Jetzt muͤſſen wir uns mit den Finan⸗ zen beſchaͤftigen,“ ſetzte er hinzu, eine Cha⸗ tulle oͤffnend. „In Wahrheit, lieber Obriſter! ich bin beſchaͤmt!“— „Ihr irrt Euch; zwar ſtuͤnde Euch zu jeder Zeit mein Beutel offen, aber das Geld, was ich Euch eben zuſtellen will, iſt das Eurige⸗ Euer Vater hat mir als Fidei⸗commis eine Summe von 15,000 Pfund Sterling aͤbergeben, ganz unabhaͤngig von dem ſchuldenfreyen Beer⸗ wood. Hier habt Ihr 400 Pfund in Banko⸗ —— zetteln. Braucht Ihr mehr, ſo duͤrft Ihr mir's nur melden.“ Das Erſte, was Eduard mit dieſer Verbeſſe⸗ rung ſeines Vermoͤgens that, war, dem ehr⸗ lichen Pachter Jobſon eine Summe Geld zu ſenden, dem er zugleich nochmals fuͤr ſeine un⸗ vergeßlichen Dienſte in jener Nacht dankte, und ihn bat, ſeine Hochlaͤndiſche Waffenklei⸗ dung und vorzuͤglich ſeine Waffen aufzubewah⸗ ren, denen er wegen des Gebers großen Werth beylegte; fuͤr die neuvermaͤhlte Caͤcilie bat er Lady Emilie, ein recht artiges Geſchenk zu kaufen. Die ihm ertheilten Anweiſungen befolgend, gelangte er ohne Hinderniß zu Franz Stanley, mit dem er bald bekannt ward, da dieſer das Raͤthſel ſeines Oheims leicht errieth. Er gab ihm ſeinen nun unnoͤthig gewordenen Paß, und verwandelte ihn alſo in Franz Stanley. Beide Juͤnglinge brachten den Tag heiter zuſammen hin, und Franz fragte ſeinen neuen Freund viel nach ſeinem Feldzuge, den Sitten und Gewohnheiten der Hochlaͤnder. Des an⸗ dern Tags begleitete er ihn einige Meilen, bis ihn Spootow, der die Befehle ſeines Gebiethers buchſtaͤblich befolgte, wieder zuruͤckwies. IV. 8 — 82— Neuntes Kapitel. Auftritte der Zerſtorung. Unſer Held reiſte mit der Poſt, ohne aus den Buͤgeln zu kommen, wie es zu der Zeit Ge⸗ brauch war; er ward nur zwey oder dreymal an der Schottiſchen Grenze angehalten, allein ſein Paß zog ihn leicht aus aller Verlegenheit, er konnte keinen guͤnſtigern Talisman haben. Bald vernahm er, daß zu Culloden eine ent⸗ ſcheidende Schlacht geweſen ſey, in welcher die Armee der Regierung geſiegt habe. Lange ver⸗ muthete er dieſes, obgleich die Waffen des Prin⸗ zen in Falkirk einigen Vortheil gehabt hatten. „So iſt denn auf dieſen ſo liebenswerthen, ſo hochherzigen, ſo großmuͤthigen Prinzen,“ dachte er,„ein Preis geſetzt? Er muß fliehn, und ſich verbergen!— Seine Freunde, die ihm ſo rechtſchaffen dienten, ſind gefangen, todt und er verbannt!— Was iſt's jetzt mit dem ſtolzen Fergus, wenn er auch die Schlacht von Clifton uͤberlebt hat? In welcher entſetz⸗ lichen Lage muß ſich die liebenswuͤrdige Roſa, die reitzende Flora beſinden? Ach! ſie ſind ihrer Beſchuͤtzer beraubt!“ Wenn Waverley jetzt an Flora dachte, war es mit dem Gefuͤhl eines — *₰ — — 33— Bruders, ſein ganzes Herz beſchaͤftigte aber Miß Roſa. Ery entſchloß ſich, die beiden Wai⸗ ſen zu beſchuͤtzen, und ihnen nach Kraͤften die⸗ jenigen zu erſetzen, die ſie verloren hatten. Kaum war er in Edinburg und wollte ſeine Nachforſchungen anfangen, ſo fanden ſich neue Schwierigkeiten. Die meiſten Bewohner dieſer Stadt kannten ihn als Eduard Waverley, wie konnte er ſich jeßzt eines andern Paſſes unter dem Namen Franz Stanley bedienen? Die Klugheit befahl ihm, alle Geſellſchaften zu ver⸗ meiden, und eiligſt nach Nordſchottland abzu⸗ reiſen, aber er mußte zuvor noch Briefe vom Obriſten Talbot erwarten, auch ſeine Adreſſe, unter ſeinem neuen Namen an dem Orte, uͤber dem ſie einig geworden waren, zuruͤck laſſen. In dieſer Verrichtung ging er aus, und begeg⸗ nete Mißtriß Flockhard. Sie ſchrie:„Gott ſteh mir bey, Sir Waverley! von mir habt Ihr nichts zu beſorgen, ich bin nicht im Stande Euch zu verrathen. Ach! was da fuͤr Veraͤn⸗ derungen vorgegangen ſind,“ ſagte ſie weinend, „ſeit Ihr, mit dem lieben, luſtigen Obriſten Mac⸗Jvor, bey mir gewohnt habt!“ Waverley begruͤßte ſie freundſchaftlich, ſah aber, welchen gefaͤhrlichen Folgen er ſich dabey ausſetzte. 9. „ — 84.— „Die Nacht iſt da,“ ſagte ſie,„trinkt eine Taſſe Thee bey mir! Wollt Ihr in dem Cabinet ſchla⸗ fen, ſo werd ich ſorgen, daß Euch niemand ſtoͤrt. Niemand kennt Euch, denn meine beiden Maͤg⸗ de, Kitty und Marthe, ſind mit dem Dragener⸗ regiment gegangen.“ 3 Dieſe Einladung nahm Waverley an, und behandelte das Quartier fuͤr einige Naͤchte, weil er uͤberzeugt war, bey dieſer guten Frau am ſicherſten zu ſeyn. Sein Herz ſchlug gewaltig als er eintrat und Fergus Muͤtze, noch mit der weißen Cockarde geziert, am Spiegel haͤngen ſah. Seine Wirthinn, bemerkte es:„Ach! ſeufzte ſie,„der arme Herr kaufte abends vor ſeiner Abreiſe eine neue; aber die laß ich nicht ver⸗ derben, ich buͤrſte ſie alle Morgen aus. Waͤh⸗ rend ich mich damit beſchaͤftige, iſt mir's immer als hoͤrt ich den Obriſten ſeine Muͤtze von Cal⸗ lum fordern; ich mache ſeine Stimme nach ſo gut es geht, und rufe auch Callum!... ſ is eine Thorheit, alle Nachbarinnen heißen mich eine Jacobitinn; aber— ſie mögen ſagen was ſie wollen— ich weiß nicht, bin ich's oder bin ich's nicht, aber der Oberſte hatte ſo ein gutes Herz... war ſo ſchoͤn... ol wenn Ihr wuͤßtet, Herr Waverley was er leidet!“ „Was er leidet, ſagt Ihr? Wo iſt er?“— * 5 — 85— „J, Gottes Barmherzigkeit! daß wuͤßtet Ihr nicht? Erinnert Ihr Euch wohl Dugold Ma⸗ hHony, des Arttraͤgers? Der arme Kerl kam hie⸗ her, hatte einen Arm verloren, und den Kopf geſpalten; er bat um Etwas zu eſſen.. der ſagte mir der Obriſte und der Faͤhndrich Mac⸗ combich, den ihr kennt, waͤren in einer der En⸗ gliſchen Grenzveſtungen gefangen. Callumbeg, der kleine buͤbſche Page, der ſo gottlos war, waͤre todt, mehrere Brave des Stammes auch. Jetzt ſage man, der Obriſte wuͤrde mit mehr Officieren in Carlisle vor Gericht geſtellt.“ „Was macht ſeine Schweſter?“ „Die ſchoͤne Miß, die Flora hieß?— Sie iſt jetzt in der Gegend von Carlisle mit einer Nonne vom Roͤmiſchen Hofe.“— „Wißt Ihr was aus der andern Miß ge⸗ worden iſt?“ „Ich weiß nicht, daß der Obriſte noch eine Schweſter hat?“ „Ich ſpreche von Miß Bradwardine.“ „Von der Tochter des armen Barons? die hatte ein recht gutes Gemuͤth! ſie war gar nicht ſo ſtolz wie Miß Flora.“ „Um Gottes Willen, ſagt nur wo ſie it“ „Ja wer kann das wiſſen? Das arme Kind wird wohl mit dhrer weißen Roſe und Schleiſe — 386— verhaftet worden ſeyn.— Vielleicht iſt ſie auch mit dem Vater nach Portsſhire gegangen. Sie verließ unſere Stadt, wie ſie erfuhr, daß die Truppen der Regierung ſich naͤherten. Ich mußte einen Major Whaker, einen recht huͤb⸗ ſchen hoͤflichen Mann logiren, aber ſo war er doch nicht, wie der arme Obriſt.“ „Wißt Ihr denn gar nicht, was aus dem Vater der Miß Bradwardine geworden iſt?“— „Nein, daß weiß niemand; man ſagt er habe ſich in der Schlacht von Inverneß wie ein Loͤwe geſchlagen, und die Regierung habe einen Preiß auf ihm geſetzt, weil er zum zwei⸗ tenmal gegen ſie zum Waffen griff... er hat freilich Unrecht... der arme Obriſter hat es nur ein einzigesmal gethan.“— Waverley konnte nichts anders von der gu⸗ ten Wittwe erfahren, aber er entſchloß ſich auf gut Gluͤck nach Tully⸗Weolan zu gehen, in der Hoffnung etwas Sicheres von dem Schick⸗ ſale des Barons und ſeiner Tochter zu verneh⸗ men. Er ließ einen Brief fuͤr den Obriſten Talbot an dem beſtimmten Ort, und gab ihm ſeine Adreſſe in der an den Schloß Tully⸗Weo⸗ lan zunaͤchſt gelegenen Stadt. Er ging mit der Poſt nur bis Perth, weil er den Reſt der Reiſe zu Fuß machen wollte, 8 um ſich leichter von der Heerſtraße entfernen zu koͤnnen, wenn er Soldaten ſaͤhe; auf dem Feldzuge war er an Beſchwerlichkeiten gewoͤhnt worden; er gab alſo ſein Gepaͤck auf Wagen, und machte ſich auf den Weg; je naͤher er nach Norden kam, je bemerkbarer wurden die Spu⸗ ren des Krieges. Mit jedem Schritte ſtieß er auf zerbrochnes Fuhrwerk, auf Gerippe von Pferden, umgeſtuͤrzte Baͤume, abgetragne Bruͤ⸗ cken, veroͤdete Pachtungen: Alles deutete auf einen feindlichen Heerzug. In den Doͤrfern, deren Einwohner jacobitiſch geſinnt waren, wa⸗ ren die Wohnungen abgedeckt und verwuͤſtet; er ſah die ungluͤcklichen Bauern zitternd und beſtuͤrzt in den Feldern herum irren. Erſt Abends kam er nach Tully⸗ Weolan. Wie verſchieden waren ſeine jetzigen Gefuͤhle von denen, die ihn das Erſtemal, als er hier war ſo ſuͤß bewegten? Damals war er ein Neuling auf der Bahn des Lebens; ein Tag der Langenweile ſchien ihm das groͤßte Ungluͤck, daß er befuͤrchten konnte, und er hielt es fuͤr ſein Hauptgeſchaͤft, ſich der Lectuͤre, oder einer angenehmen Geſellſchaft zu weihen. Wie ſehr hatte ſich ſein Character ſeit einigen Monathen geaͤndert! wie ſehr ſeine Phantaſie ſich abge⸗ kuͤhlt! ach! wie geſchwind geht der Unterricht in der Schule der Widerwaͤrtigkeit von ſtatten! die thoͤrichte Luſt hatte der kalten Vernunft, der phantaſtiſche Traum dem ernſthaften und weiſen Nachdenken Platz gemacht. Mit Verwunderung ſah er ein ziemlich ſtar⸗ kes Detaſchement bey dem Dorf auf den Ge⸗ meinplatz gelagert; da er ſich nicht durch das⸗ ſelbe, aus Furcht erkannt zu werden, wagen woll⸗ te, machte er einen großen Bogen, um an die Thuͤr des Eingangs zu gelangen. Welch ein Bild ſtellte ſich hier ſeinem Blicken dar! Die Thuͤr war eingeſchlagen und zertrümmert; die Ueberreſte waren zu dem ſaͤulenartig aufgeſchich⸗ teten Brennholz gekommen; die Thuͤrme ab⸗ getragen, die ſo viele Jahrhunderte in ihrer Stellung erhaltenen Baͤren lagen in Ruinen. Der Ort ſelbſt gab ein eben ſo auffallendes Ge⸗ maͤlde der Zerſtoͤrung; mehrere Baͤume waren umgehauen und lagen im Wege. Als er in den Hof trat, ward ſeine Befuͤrchtung voͤllig beſtaͤ⸗ tigt. Das Haus war gepluͤndert, und man hatte ſchon augefangen es anzuzuͤnden. Aber obgleich dieſes feſte Gemaͤuer den Flammen wi⸗ derſtanden hatte, war doch viel Schaden dadurch geſchehen. Die Staͤlle waren eingeaͤſchert; die Thuͤrme vom Rauche geſchwaͤrzt; das Pfla⸗ ſter auf dem Hofe aufgeriſſen und zerbrochen, die Thuͤren eingeriſſen, oder noch an einer An⸗ gel haͤngend; die Laden der Fenſter herunter⸗ geworfen: kurz Alles zeigte, daß die ſchwerſte Hand der Verwuͤſtung auf dem ungluͤcklichen Schloſſe gelegen hatte. Das Wappen, welches der Baron ſo werth hielt, von dem er mit ſo vieler Ehrfurcht ſprach, war mit allerley Schmaͤhworten und Zeichen der Verachtung beſudelt. Der Springbrunnen war abgetragen, das Baſſin diente zur Traͤnke. Die großen und kleinen Baͤren, hatten mit dem am Eingange gleiches Schickſal erlitten; die Famizienbilder, die Waffen und Trophaͤen: alles lag zerſtreut und verſtuͤmmelt. Eduarden wurde die Bruſt zu enge, bey die⸗ ſen Greueln der Verwuͤſtung; er ward noch un⸗ ruhiger über das Schickſal des Barons und ſei⸗ ner Tochter. Noch both ihm die Terraſſe ei⸗ nen eben ſo traurigen, als ſchmerzensvollen An⸗ blick dar, auch dort war das Oberſte zu unterſt gekehrt, und zeigte von Pluͤnderung und Ver⸗ heerung. Mehrere ſeiner eigenen Buͤcher lagen unter den Blumentoͤpfen, die man von Miß Roſa's Balcon geſtuͤrzt hatte. Waͤhrend er ſo ſeine Blicke traurig umher warf, um vielleicht irgend jemand zu erblicken, der ihm Nachricht von den Eigenthuͤmern dieſer Ruinen geben — 99— koͤnnte, kam ihn unter dieſen hervor eine Stimme zu Ohren, und er erkannte die Melodie einer alten ſchottiſchen Ballade: So boshaft wie die Otter, kamen Sie bey der Nacht! Verbrannten Alles, raubten, nahmen In Zornesmacht! Den guten Herrn ſo fromm ſo bieder Ein Varer mir! Die ſchoͤne Tochter deren Lieder Lieb mir und Dir, Mit Augen voller Liebesſtralen—— Sie ſind dahin! Wie uͤbergroß ſind meine Qualen: Sie mußten flieh'n! „Biſt Du's, armer Ungluͤcklicher!“ ſprach Waverley,„Du hier allein, ohne Stuͤtze! Du laͤßt Deine Seufzer, Deine Klagen in dieſen veroͤdeten Hallen ertoͤnen? Hier, wo du ſonſt ſo gluͤcklich wareſt? David Gellatley!“ rief er jetzt verſchiedentlich mit ſtarker Stimme. Der arme uUnſchuldige kam mitten aus ei⸗ nem verfallenen Kioſk von Raſen, der am Ende der Terraſſe war, zum Vorſchein; bey dem An⸗ blick eines Fremden, verkroch er ſich wieder aus Furcht. Waverley, ſeiner Gewohnheit kundig, pfiiff ein ihm bekanntes Stuͤckchen, da ſteckte er auf's Neue den Kopf heraus, und ſchien ſehr — 91— zufrieden; Ohne Zweifel glich die Muſik un⸗ ſers Helden Blondel's, ſo wenig als Da⸗ vid, Richard Loͤwenherz, aber ſie hatte denſelben Erfolg, und machte ihn kenntlich⸗ David kam, wiewohl ſchuͤchtern, aus ſeinem Verſteck. Waverley ermuthigte ihn durch tau⸗ ſend Freundſchaftszeichen.— „Es iſt ein Freund!“ murmelte David in Bart, und kam naͤher und naͤher. Aber der arme Ungluͤckliche war ſelbſt kaum kenntlich; er hatte nicht mehr jene runde, volle Geſtalt, wo ſich Sorgloſigkeit und Ruhe zeigte: ſeine Augen waren eingefallen, ſeine Wangen feucht und bleich, ſein Koͤrper mager und abgefallen. Die Kleidung, die er in gluͤcklichern Tagen trug, hing in Lumpen um ihn herum, und war an zwanzig Orten mit alten Tapetenſtuͤcken, Vorhaͤngen und Leinwand von Gemaͤlden aus⸗ geflickt. Nach langem Zaudern, naͤherte er ſich Waverley'n, unterſuchte ſeine Zuͤge mit groͤßter Aufmerkſamkeit, und ſtoͤhnte:„Fort ſind ſie!— todt!“— „Wer iſt todt?“ fragte Waverley, vergeſ⸗ ſend, daß der arme Unſchuldige nie beſtimmt antworten konnte. „Der Baron.. der Amtmann... San⸗ — 92— ders„Sandersſon— Miß Roſa mit der ſuͤßen Stimme— todt— verreiſt“— Waverley blieb verſteinert ſtehen; aber Da⸗ vid fing an lebhaft und deutlich zu ſingen: Komm lieber Ritter folge mir! Dein Mißgeſchick verſuͤß' ich Dir, Ich fuͤhr' Dich in die Huͤtte: Wo der, den Du haſt todt gewaͤhnt, Im Frieden wohnt, und ſtill ſich ſehnt Nach ſeiner Lieben Mitte!— Komnm tapfrer Ritter! folge mir! Mit Freuden ſieht er Dich allhier!— Und damit winkte ihn David, und lief mit ſchnellen Schritten voraus nach der Seite des Baches zu, der den Garten auf der Oſtſeite be⸗ grenzte. Eduard folgte ihm, er rannte aus dem Gar⸗ tenbezirk, klomm uͤber eine Mauer, die ihn von dem Grasplatze trennte, wo der Thurm ſtand, ſprang in's Flußbett, und lief, uͤber ungeheure Felsbloͤcke ſpringend, und ſich durch's Geſtraͤuch windend, immer mit gleicher Geſchwindigkeit fort, ſo daß ihn Eduard in der Daͤmmerung nur mit Muͤhe folgen konnte. Nachdem er ſich auf dieſe Weiſe etwa zehn Minuten mit Herumtap⸗ pen nachgeholfen hatte, ſah er ein nicht weit entferntes Licht hinter den Baͤumen ſchimmern, daß ihm als Pharus diente. Bald darauf ge⸗ langten ſie an eine elende Huͤtte; ein furchtba⸗ res Hundegebelle, daß ſie ſchon von weitem ge⸗ hoͤrt hatten, nahm ſtufenweiſe ab; er hoͤrte eine rauhe Stimme, und hielt fuͤr beſſer ſtehen zu bleiben, und zu horchen. „Toͤlpel! wen bringſt Du denn mit?“ ſagte eine alte Frau, hoͤchſt erbittert. David fing an, ein Lieblingslied zu pfeifen, und Waverley ſtand nicht langer an, an die Thuͤre zu klopfen. Darauf herrſchte eine tiefe Stille in der Hütte; aber die Hunde begonnen ihr Gebelle von neuem; er hoͤrte, daß man ſich der Thuͤre nahete, um ſie zu verſchließen: er eilte ſie zu oͤffnen, ein altes mit Lumpen bedecktes Weib ſah ihn zornigen Blickes an, und rief mit drohender Stimme:„Was ſucht Ihr in dieſer Stunde bey uns armen Leuten? Packt Euch fort!“ Die beiden ganz athemloſen Hunde ſchwie⸗ gen und beſchnopperten unſern Helden. Halb hinter der Thuͤr verſteckt, ſah er einen langen Mann in der Nachtmuͤtze, mit einem Barte von drey Wochen, in einer alten Uniform, mit Piſtolen bewaffnet.— Es war der Baron.— Er warf ſeine Waffen hin, und ſchloß Waver⸗ ley'n in ſeine Arme. —— ———ęBB—B—B—B—:’——— — 94— Zehntes Kapitel. Erklaͤrungen. Die Erzaͤhlung des Barons war nicht lang, weil er die Lateiniſchen Citate, die Engliſchen und Schottiſchen Sprichwoͤrter, mit denen er ſonſt ſeine Gelehrſamkeit zeigte, wegließ. Er erwaͤhnte vorzuͤglich ſeines Kummers, als er Eduard und Glennaquoich verloren habe, und erzaͤhlte die Schlachten von Falkirk und Cullo⸗ den mit Umſtaͤndlichkeit.„Nach dieſem un⸗ ſeligen Tage,“ ſprach er,„entſchloß ich mich, da ich Alles verloren ſah, auf meine Guͤter zu gehen, weil ich mich, unter meinen Vaſallen, am ſicherſten glaubte. Aber ich erfuhr, daß man einen Haufen Soldaten hingeſchickt hatte, mein Beſitzthum zu pluͤndern, und ſchloß alſo daß Schonung nicht an der Tagesordnung der Regierung ſey. Den Verheerungen wurde vom koͤniglichen Hofe Einhalt gethan; er ſtellte vor, daß die Herrſchaft nicht als Kronlehn eingezo⸗ gen werden koͤnne, da ſie eine Erbfolge ſey; und daß Malcolm Bradwardine von Inch Grabbit, der rechtmaͤßige Erbe, nicht durch meine Vergehungen leiden, ſondern ſogleich in Beſitz treten ſollte. Der neue Eigenthuͤmer — 92— bewies mir bald, daß er mich aller Huͤlfe aus der Herrſchaft berauben wolle. Er benahm ſich hoͤchſt ungroßmuͤthig: denn jedermann weiß, daß ich aus Achtung fuͤr die Rechte dieſes Men⸗ ſchen es immer ausſchlug, ſie meiner Tochter, als Donation, zu geben, weil ich meinte, mich von den Grundſaͤtzen der Bradwardine's zu ent⸗ fernen. Die Sachen fielen aber nicht ganz nach ſeinem Gefallen aus; die Paͤchter waren taub, wenn ſie ihm zahlen ſollten; und ant⸗ worteten ſeinem Factotum Jaeob Howre eben nicht hoͤflich, denn ſie ſchoſſen hinter ihm, wor⸗ uͤber er ſo erſchrak, daß man von ihm, was Ci⸗ cero von dem Catilina ſagte, haͤtte ſagen koͤnnen: Abtit, evasit, excessit, erupit. Man hat mir erzaͤhlt, daß mein Vetter darauf ſogleich nach Stirling abreiſte, und die Herrſchaft als ſubſtituirter Erbfolger zum Verkauf ausboth. Koͤnnte mich jetzt noch Etwas kraͤnken, ſo waͤr es dieſes Benehmen. Warum hat er ſich denn nicht gedulden koͤnnen, bis ich todt war? Was haͤtte er denn gegen einen Banditen, Strauch⸗ dieb, Meuchelmoͤrder und Raͤuber thun wollen? Die Soldaten, die in Tully⸗Weolan cantoni⸗ ren, haben den Befehl, auf mich zu ſchießen, wie auf ein Wild, wie man es auf unſeren tapfern Wallace gethan hat, mit dem ich mich — 36— nicht vergleichen will, oder wie die Schrift vom guten Koͤnig David ſagt.— Als Ihr anklopftet, dacht' ich, ſie haͤtten die Grube des alten Hirſches entdeckt, und erwartete den Tod! — Jetzt, meine arme Hanna, haſt Du nichts zum Abendbrod?“„Seyd ruhig, Herr Baron,“ ſagte die Alte,„ich will die Waldſchnepfe auf die Kohlen thun, die Ihr heute fruͤh gebracht habt; David wird Euch Eyer unter der Aſche kochen, Ihr wißt, wie geſchickt er darin iſt. Ich kann Euch ſagen, Sir Waverley, niemand kann in ganz Schottland ſo gut die Eyer kochen, als mein armes Davidchen.“ Dieſer machte ſich ſogleich an's Werk, und ſuchte ſeinem Ruf Ehre zu machen, und das Sprichwort: Es gehoͤrt Verſtand dazu, ein Ey gehoͤrig zu kochen, Luͤgen zu ſtrafen. „Mein armer Junge,“ ſagte die Alte, „iſt nicht ſo dumm, wie man denkt. Er haͤtte Euch nicht hergebracht, Sir Waverley, haͤtte er nicht gewußt, daß Ihr ein Freund von Sr. Herrlichkeit waͤret. Ein jedes liebt Euch hier, Menſchen und Vieh! Ihr ſeyd ſo gut! Mit Sr. Gnaden Erlaubniß will ich Euch ein huͤb⸗ ſches Stuͤckchen von meinem armen David er⸗ zaͤhlen. Ihr muͤßt naͤmlich wiſſen, der Herr Baron muß ſich doch verſteckt halten... ach 1 lieber Gott, ſo ein Herr!..„s'is Suͤnd' und Schande!... Des Nachts kommt er hieher, aber den Tag bringt er in ſeiner Hoͤhle zu. Ob wir nun gleich Sorge getragen haben, ſie recht huͤbſch mit Stroh und Blaͤttern auszu⸗ fuͤttern, ſo iſt Sr. Herrlichkeit bey feuchtem Wetter doch manchmal kalt, da kommt er zeitig, ſich hier zu waͤrmen und zu ſchlafen. Einmal nun ging er ein bischen ſpaͤt wieder fort nach dem Verſteck, da fiſchten zwey Rothroͤcke, und kaum ſahen ſie ihn, ſo legten ſie auf ihn an. Ich ſchrie wie toll und thoͤricht: Was wollt Ihr denn dem armen Unſchuldigen thun?'s'is ja mein Kind!„Du luͤgſt,'s'is ein Rebell!“⸗ gab mir der Eine zur Antwort. David war im Holze; kletterte ſogleich auf einen Felſen mit dem Baron ſeinem Mantel, den er umgenom⸗ men hatte, und ſchrie aus Leibeskraͤften: Ihr Schurken, wollt Ihr den armen Narren erſchie⸗ ßen? Da dachten die Rothroͤcke,'s waͤr' wirk⸗ lich Se. Gnaden, waren ganz erſchrocken, ſag⸗ ten, ich ſollte ſchweigen, und gaben mir drey Schillinge und drey ſchoͤne Lachsforellen.— Ja gewiß, mein armes Davidchen iſt nicht ſo dumm, wie man denkt! was thaͤte er nicht fuͤr ſeinen guten Herrn? Ach! nie koͤnnen wir mehr thun, als er verdient? Unſere Vaͤter lebten zweyhun⸗ IV. G — 98— dert Jahr auf ſeiner Herrſchaft. Se. Herrlich⸗ keit ließen meinen armen Jack ſtudiren, und verſorgten ihn bis an ſein Ende. Er, der Herr Baron, hat er nicht auch meinen David ver⸗ ſorgt? War er's nicht, der ſie verhinderte, mich als eine Hexe einzuſperren?— Verdammt waͤre der Boͤſewicht, der ſich's unterſtehen wollte, ſolch ehrwuͤrdigen Herrn ein Leid zu thun!“ Waverley unterbrach ſie jetzt, um nach Miß Roſa zu fragen. „Die iſt wohl, Gott ſey Dank! ſie iſt in Duchram,“ ſagte der Baron.„Obgleich der Beſitzer ein Whig iſt, ſo iſt er doch ein weit⸗ laͤuftiger Vetter von mir, der mit dem Kapel⸗ lan, Herrn Rubrick, in Verbindung ſteht, und in dieſer ungluͤcklichen Zeit unſerer Verbindungen nicht vergeſſen hat; er eilte, meinem Kinde einen Zufluchtsort anzubiethen. Mein Amt⸗ mann thut alles Moͤgliche, meiner armen Roſa einige Truͤmmern meines Gluͤcks zu erhalten. Ach! ich fuͤrchte ſehr, daß ich nie ſo gluͤcklich bin, ſie wiederzuſehn. Liebſter Eduard! dieſer Gedanke iſt herzzerreißend!“ „ Wie koͤnnen doch Ew. Gnaden ſo was befuͤrchten?“ ſagte Hanna.„Sie ſind ja kaum ſechzig Jahre.— Die Eyer und die Schnepfe ſind fertig; hier iſt geſalzener Lachs, — 39— Weißbrod und ein Krug mit gutem Brannt⸗ wein.— Ihr habt ſo viele Freunde, daß Euch niemals was fehlen wird.— Kommt Herr Baron! ſetzt Euch zu Tiſche! Ihr werdet zur Nacht ſpeiſen wie ein Prinz.“ „Ich wuͤnſche herzlich,“ ſagte der Baron zu Waverley'n,„daß unſer Prinz nicht ſchlech⸗ ter daran iſt, als wir. So wollen wir denn auf ſeine Geſundheit trinken!“ „Von Herzen gern!“ Die Unterhaltung ſiel nun auf ihre Plaͤne und Entwuͤrfe; die des Barons waren ganz einfach; er hoffte durch den Credit ſeiner Freunde die Erlaubniß zu erlangen, ſich nach Frankreich zu begeben, und er lud Waverley'n ein, ſeinem Beyſpiele zu folgen.— Dieſer ſagte: wenn ſolches nicht den Projekten des Obriſten Talbot, der an ſeiner Begnadigung arbeite, zuwider ſey, waͤre er es zufrieden. Dann fragte der Baron nach Fergus, und verglich ihn mit dem Achilles, von dem Horaz ſagte: Iapiger, iracundus, inexorabilis, acer.„Gott weiß,“ fuͤgte er hinzu,„was aus der ſchoͤnen Flora geworden iſt, die mitten in unſern Bergen, wie eine Roſe im Dornengeſtraͤuche, glaͤnzte.“ Es war ſchon ſpaͤt; die alte Hanna ruhte auf einer Schuͤtte Stroh; David ſchlief zwiſchen den . G. 2 — 100— beiden Hunden; der Baron bequemte ſich auf ſein gewoͤhnliches Lager, und Waverley nahm in einem alten Großvaterſtuhle Platz, der aus dem Schloſſe war, deſſen Geraͤthe im Dorfe verſtreut waren. Alles ſchlief ſo gut und fried⸗ lich, als haͤtten ſie auf Eiderdaunen geruht. Eilftes Kapieke l. — Neuigkeiten. Mit Tagesanbruche kehrte die alte Hanna ihre armſelige Huͤtte, und weckte den Baron, der gewoͤhnlich ſehr ſeſt ſchlief. „Ich muß in meinen Fuchsbau zuruͤck keh⸗ ren!“ ſagte er zu Waverley'n.„Wollt Ihr Euch einen Spatziergang mit dahin machen? Es wird Euch zerſtreuen.“ Sie gingen auf einen engen Fußpfad hin, den die Fiſcher und Holz⸗ hacker uͤber dem Flußbette angelegt hatten. „Mein Freund,“ ſagte der Baron,„Ihr koͤnnt einige Tage in Tully⸗Weolan bleiben: Ihr duͤrft nur ſagen, daß Ihr ein Englaͤnder ſeyd, der die Herrſchaft kaufen will. Geht zum Amtmanne, er wohnt in Klein⸗Tully⸗Weolan, zwey Mei⸗ len von hier. Der Paß von Franz Stanley wird leicht auf alle Fragen antworten, und von meinen Vaſallen, wenn ſie Euch kennen ſollten, habt Ihr auf mein Ehrenwort nichts zu befuͤrchten „Sie zegwohnen wohl,“ ſetzte er hinzu, daß ich in der Gegend bin, denn ich ſehe, daß die Kinder nicht mehr hier Voͤgel aus dem Neſte nehmen a, woran ich ſie ſonſt nie⸗ mals habe hindern koͤnnen, als ich volle Macht als Baron uͤber ſie hatte!.. oft finde ich ein Stuͤck Wildpret auf meinem Wege!... Gott ſegne und beſchuͤtze die ehrlichen Leute! Mag ihr neuer Gebiether mehr Klugheit beweiſen, zaͤrtlicher als ich kann er ſie doch nicht lieben!“ Seufzend ſagte er dieſe letzten Worte, aber die Seelenruhe, die Ergebung, der feſte, edle Sinn, den er in ſeinem Ungluͤck zeigte, hatte etwas gehaltvolles, erhabnes⸗ Er gab ſich nicht leerem Bedauern hin, er ließ ſich burch Schwer⸗ muths nicht niederſchlagen, er ertrug ruhig, ſogar heiter das Eiſenjoch, das ſeinen Nacken belaſtete. Keine Klagen, kein Murren uͤber die herrſchende Partey entſchluͤpfte ſeinen Lip⸗ pen, er wußte zu leiden und zu ſchweigen. „Ich glaube meine Pflicht gethan zu haben!“ ſprach er,„und meine Verfolger glauben ohne 8 — 102— Zweifel die ihrige zu thun... Manchmal ſchmerzt mich's wohl, wenn ich einen Blick auf die Behauſung meiner Vaͤter werfe... Ich bilde mir lieber ein, die Officiere ſind nicht faͤhig geweſen, die Wuth des Soldatenvolks zu zuͤgeln... Man muß ſich unterwerfen, und mit Virgil ſagen: Fuimus Troes! Un⸗ ſere Rolle iſt aus. Eine Familie hat ſtets lange genug gedauert, wenn ihre Glieder mit Ehren ihre Bahn zuruͤcklegten. 8 Sie gelangten an den Fuß eines ſteilen Felſens; der Baron betrachtete ihn:„Die ar⸗ men Jacobiten,“ ſagte er,„ſind jetzt das vertriebene Geſchlecht, von dem die Schrift redet: ſie muͤſſen ſich im Geſtraͤuche verbergen, und in der Felſenkluft, wie das gejagte Wild. — Lebt wohl, mein lieber Eduard! auf den Abend ſehen wir uns bey der guten Hanna wieder, jetzt veiſenk ich mich in mein Pat⸗ mos.“ Mit dieſen Worten kroch er den Felſen, mit Haͤnd' und Knieen nachhelfend, hinan, entfernte ein Dorngehaͤge, das eine Grotte ver⸗ barg, deren Eingang einem Backofen glich, ſteckte Kopf und Schultern zuerſt hinein, und zwaͤngte ſich auf dieſe Weiſe nach und nach hindurch. Eduard hatte die Neugier, ihm zu — 103— folgen. Die Hoͤhle war nicht ſehr geraͤumig, und das Gewoͤlbe ſo niedrig, daß man darin weder aufrecht ſtehen, noch ſitzen konnte. Der Baron hatte keine andere Zerſtreuung, kein anderes Vergnuͤgen, als in ſeinem lieben Ti⸗ tus Livius zu leſen, und mit ſeinem Feder⸗ meſſer einige Sentenzen aus alten Claſſikern oder Schriftſtellern in den Felſen zu graben. Aber da die Hoͤhle trocken und mit Stroh und Farrnkraut ausgelegt war, ſo hielt ſie der Baron fuͤr eine ſehr bequeme und gute Herberge fuͤr einen alten Soldaten.—„Hier entdeckt man mich wohl ſchwerlich,“ ſagte er,„denn die gute Hanna und ihr Sohn ſind immer auf der Huth. Ihr koͤnnt nicht glauben, wie viele Geiſtesgegenwart der arme Unſchuldige bezeigt, ader vielmehr wie viel Inſtinct er hat, wenn’s auf meine Sicherheit ankommt. Eduard hatte nun auch eine Erklaͤrung mit Hanna, die er fuͤr ſeine Waͤrterinn in der Krankheit erkannt hatte, als er Gilſillans Haͤn⸗ den entriſſen war. Er bemerkte, daß dieſe, wiewohl etwas ausgebeſſerte, und mit einigem neuem Geraͤthe verſehene Huͤtte der Ort ſeiner Verhaftung geweſen ſey; er hatte noch nicht zu fragen gewagt, endlich ſing er an ſich zu erkundigen, wer die junge Perſon geweſen waͤre, — 104— die ihn in ſeiner Krankheit beſuchte? Hanna⸗ dachte eine Weile nach, und ſchien ihr Gewiſſen zu befragen, ob ſie reden duͤrfe, und ſagte end⸗ lich:„Das war eine junge Perſon, die auf der Welt ihres Gleichen nicht hat, das war— Miß Roſa.“ Ach!“ rief der uͤber dieſe Entdeckung ent⸗ zuͤckte Waverley,„ſo iſt ſie es wohl, die mir meine Freiheit verſchaffte? Ich kann nicht daran zweifeln!“ „Ihr irrt Euch nicht, Herr Junker, aber mein Gott, wie wuͤrde ſie es ſchmerzen, wenn ſie erfuͤhre, daß Ihr es wuͤßtet; ich ſollte ja immer Galiſch reden, damit Ihr glauben ſolltet, bey den Hochlaͤndern zu ſeyn, da meine Mut⸗ ter eine Hochlaͤnderinn war, und ich dieſe Sprache kann.“ Jetzt vernahm Eduard die ganze Geſchichte. Nie klang eine Muſik ſo angenehm in den Oh⸗ ren eines Liebhabers derſelben, als die Erzaͤh⸗ lung der Alten in Waverley's Herzen, da es aber dem Leſer nicht eben ſo gehen duͤrfte, thei⸗ len wir ihm nur einen Auszug davon mit. Als Fergus von Waverley den Inhalt von Roſens damals an ihn gerichtetem Schreiben erfuhr, beſchloß er es zu benuͤtzen. Er wollte den in Tully⸗Weolan befindlichen Feind von — 105— Glennaquoich abhalten, und dem Baron, auf deſſen Tochter er mehrmals ſchon Abſichten gehabt hatte, ſich verbindlich machen. Deß⸗ wegen ſandte er einige ſeiner Leute aus, die Rothroͤcke zu vertreiben, und Miß Roſa zu holen. Er haͤtte Maccombich damit beauf⸗ tragt, mußte aber zu dem Heere des Prinzen ſtoßen, und ſich an die Spitze ſeines Stammes ſtellen, alſo gab er dem Donald⸗Bean⸗Lean dieſen Auftrag, befahl ihm, das Schloß zu vertheidigen, Miß Roſa mit der ihr zukommen⸗ den Achtung zu behandeln, und die Rothroͤcke aus der Gegend zu vertreiben. Anfangs entzog ſich Donald dieſes Auftrags unter mancherley Vorwand, endlich beſchloß er, den vortheilhaf⸗ teſten Weg fuͤr ſich dabey einzuſchlagen; er dachte das Land in Contribution zu ſetzen, ſteckte die weiße Cocarde auf; that Miß Roſen einige Dienſte, hinſichtlich der heiligen Sache, wie er ſagte, die ihr Vater ergriffen habe, und bedauerte dabey, daß er fuͤr ie Beduͤrf⸗ niſſe ſeiner Horde zu ſorgen habe. Zu dieſer Zeit nun erfuhr Roſa, durch das hundertzuͤngige Geruͤcht, daß Eduard auf den Schmidt zu Cairnvreckan geſchoſſen habe, daß man ihn auf Befehl des Major Melville in's Gefaͤngniß geworfen haͤtte, und daß er in wenig — 106— Tagen vor das Kriegsgericht geſtellt werden follte. Ihrem Schmerz erliegend, bat ſie Do⸗ nalden, den Gefangenen zu befreyen. Donald uͤbernahm es, ihr durch dieſen wichtigen Dienſt ſeine kleinen Suͤnden vergeſſend zu machen, ent⸗ lockte aber dabey der armen Roſa das Geſchmeide ihrer Mutter. Er hatte lange in Frankreich gedient, und verſtand ſich auf ſolche Zierra⸗ then. Um ſie von der Furcht zu befreyen, daß man es erfahren koͤnnte, ihre Diamanten zu Wayerley's Befreyung hingegeben zu haben, ſchwor er, wie er ſagte, bey ſich ſelbſt, und auf die Spitze ſeines Dolches, ihr Geheimniß weder durch Stimme, noch durch Zeichen und Geberden, zu verrathen. . Vielleicht nahm er auch dabey darauf Ruͤck⸗ ſicht, daß Miß Roſa ſeiner Tochter Alix ſtets eine Auszeichnung bewies, die ihm ſehr ſchmei⸗ chelhaft war; Alix, die ſich ſehr gern theil⸗ nehmend bezeigte, ſteckte ihrer Beſchuͤtzerinn alle Papiere zu, die ihr Vater bey Waverley's Sachen fand;„er braucht ja dieſe Schnitzel nicht,“ dachte ſie,„und der ſchoͤne Junker und die liebe Miß koͤnnen ſie brauchen.“ So kamen ſie auf Roſa's Bitte auch wieder durch ſie in Waverley's Mantelſack. Waͤhrend Donald auf Gilfillan's Fußtapfen — — 107— war, ſandte die Regierung ein anſehnliches Detaſchement, die Ruhe im Lande zu erhalten. Der Commandant war ein Puritaner, er kam weder zu Miß Roſa, noch ließ er das mindeſte verderben, ſein kleines Lager war auf der An⸗ hoͤhe ohnweit des Schloſſes, ſeine Wachen rings umher; Donald mußte alſo ſeinen Gefangenen in die Huͤtte der alten Hanna bringen, welche faſt niemand kannte, noch ohne Fuͤhrer in ihrer Abgelegenheit ſtand. Waverley war von Tul⸗ ly⸗Weolan aus, nie dahin gekommen, ſeine Krankheit verwirrte Donald's geſammte Plaͤne; aber hinderte ihn nicht an dem Empfange der verſprochenen Belohnung. Er ſah ſich gezwun⸗ gen mit ſeiner Horde das Land zu raumen, und ſich auf einem andern Theater zu verſuchen. Auf Roſens Bitten ließ er einen alten Kraͤu⸗ termann in der Huͤtte, und trug ihm die Pflege des Kranken auf.. 8 Roſa's Herz ward bald von tauſend Angſt zerriſſen. Sie erfuhr von der alten Hanna, daß demjenigen, der Waverley'n ausliefere, eine anſehnliche Belohnung verſprochen waͤre; wuͤrde Donald dieſer Verſuchung wiederſtehen?— In dieſer Verlegenheit glaubte ſie, daß ihr nichts aͤbrig bliebe, als dem Prinzen von der Gefahr, die Waverley lief, zu benachrichtigen, uͤberzeugt — 108— daß Ehre und Politik es ihm zur Pflicht ma⸗ chen wuͤrden, das Geheimniß zu bewahren; zit⸗ ternd unterſchrieb ſie ihren Namen, da ſie von der Anonymitat keinen guͤnſtigen Erfolg hoffte, und gab den Brief einem Pachtersſohne, dem die Gelegenheit an den Prinzen zu gelangen, will⸗ kommen war. Der Prinz erhielt dieſes Schrei⸗ ben auf dem Marſch in's flache Land; ſah wie wichtig es ihm ſey, einen jungen Mann in ſeine Gewalt zu bekommen, den er mit den Jacobi⸗ ten in England vereint glaubte, und gab dem Donald die gemeſſenſten Befehle die Perſon und die Sachen ſeines Gefangenen zu ehren und zu ſchonen, und ihn zu dem Commandanten der Veſtung Doune zu bringen. Donald mußte gehorchen, weil ihm das Heer des Fuͤrſten, auf dem Nacken war, machte alſo aus der Noth eine Tugend, und ließ Eduarden durch ſeinen Lieu⸗ tenant nach Doune bringen. Der Commandant in Doune hatte Befehl Waverley'n nach Edim⸗ burg, als Kriegsgefangenen zu begleiten, weil der Prinz fuͤrchtete, er moͤchte ſonſt nach Eng⸗ land zuruͤckkehren. Er that es aber beſonders auf Fergus Bitte, jedoch ohne Miß Roſa's Zu⸗ trauen zu verrathen, in derem Schreiben er, ſo ſehr ſie ſich auch in Acht genommen, doch die zaͤrtlichen Beſorgniſſe der Liebe erkannt hatte. —— — b 10 9— Er ſchrieb, als Waverley ſich Miß Floren und Miß Roſen auf dem Ball zu Holy⸗ Rood ſo unruhig nahte, und ſo zerſtoͤrt ſchien, dieſes auf Rechnung der Widerſpruͤche ihrer gegenſeitigen Liebe, und ſelbſt das allgemeine Geruͤcht, daß er Miß Flora heirathen wolle, brachte ihn nicht auf andere Gedanken, er hielt es fuͤr eine Taͤu⸗ ſchung, und um dem liebenden Paare, wie er dafuͤr hielt, zu dienen, und Eduarden an ſeinen Dienſt zu feſſeln, beſtimmte er den Baron ſei⸗ ner Tochter die Donation ſeiner Herrſchaft zu geben, welches den Fergus zu der Doppelbitte um ihre Hand und den Grafentitel veranlaßte. Die zahlreichen Geſchaͤffte verhinderten eine Er⸗ klärung mit Fergus; endlich glaubte der Prinz neutral bleiben zu muͤſſen, bis ihn Feraus Er⸗ klaͤrung, Waverley habe ſeine Verbindung mit Floren brechen wollen, veranlaßte, ihm zu er⸗ oöͤffnen, daß dieſer wahrſcheinlich nur an Miß Bradwardine denke. Die folgenden Umſtaͤnde werden das Weitere deutlich machen. Als die alte Hanna ihre Erzaͤhlung geen⸗ digt hatte, gelobte Waverley im Herzen, Miß Roſa's Gluͤcke das Leben zu weihen, das ſie ihm gerettet hatte. Es gereichte ihm zum un⸗ beſchreiblichſten Entzuͤcken einem Ehrenmanne, wie dem edlen, tugendhaften Baron, den ſüßen — 110— Vaternamen zu geben, da ihn noch uͤberdleß Sir Eberhard ſo hoch ſchaͤtzte. Voll von dfe⸗ ſen ſchmeichleriſchen Hoffnungen, begab er ſich nach Klein⸗Tully⸗Weolan, wo der Amtmann Nacheeble ſeine Reſidenz aufgeſchlagen hatte. 4 Zwoͤlftes Kapitel. Der Amtmann. Herr Duncan Macheeble, der weder Kriegs⸗ commiſſair noch Amtmann mehr war, haͤtte beide Titel beyzubehalten kein Bedenken getra⸗ gen, mußte ſich aber mit dem letzteren begnuͤ⸗ gen; auch war er durch ſeine Nullitaͤt der Ver⸗ bannung entgangen. Eduard traf ihn in ſei⸗ nem Gemach unter Actenſtoͤßen vergraben. Vor ihm ſtand eine ungeheure Schuͤſſel mit Gruͤtz⸗ ſuppe, zu ſeiner Linken eine Kanne einfaches Bier. Seine Augen hafteten auf einem alten Pergament, und von Zeit zu Zeit fuͤhrte er den hoͤlzernen Loͤffel an den Mund, den die naͤh⸗ rende Koſt haͤufig fuͤllte. Zu ſeiner Rechten ſtand eine Flaſche mit Hollaͤndiſchen Wachhol⸗ der, der ohne Zweifel zu ſeiner Verdauung be⸗ foͤrderlich ſeyn ſollte. Nachtmuͤtze und Schlaf⸗ rock waren aus einem Plaid gemacht; aber kluͤg⸗ licher Weiſe ſchwarz gefaͤrbt, damit nicht etwa ihre Farbe an den ungluͤcklichen Feldzug erin⸗ nern moͤchte, den er gethan hatte. Als er Waverley'n ſich dem hoͤlzernen Ver⸗ ſchlage naͤhern ſah, der die Profanen von ihm ſchied, ward er unruhig: er glaubte, er wolle ſeinen Schutz verlangen, und nichts war weni⸗ ger nach ſeinem Geſchmack als Etwas zu Gun⸗ ſten der ungluͤcklichen Edellente zu thun⸗ die zu Folge der Zeitereigniſſen in Verlegenheit gekom⸗ men waren. Sehr bald erkannte er den rei⸗ chen Engliſchen Edelmann.„Wer weiß wie's jetzt mit ihm ſteht?“ dachte er,„er iſt ein Freund des Barons:; was ſoll ich fuͤr ihn thun?“ Dieſe Ueberlegungen gaben ſeinen Zuͤgen eine zwangvolle Verlegenheit, er runzelte die Stir⸗ ne; Waverley konnte ſich nicht enthalten zu la⸗ chen. Der Amtmann nahm dieſes fuͤr ein gu⸗ tes Zeichen; hieß ihn zu Klein⸗Tully⸗Weolan willkommen; fragte, was er fruͤhſtuͤcken wollte; bat ihn ſich niederzuſetzen, und als er vernahm, daß er in einer wichtigen Sache ſprechen wolle, riegelte er ſorgfaͤltig die Thuͤre zu. Sduard wußte, daß man ihm mit Geldan⸗ gelegenheiten am beßten beykam, er theilte ihm — 112— ſeine Projecte mit. Ein neues Schrecken uͤber⸗ fiel ihm, als er hoͤrte, daß er noch im Zuſtande der Verbannung ſey, indeſſen erholte er ſich, als er den Paß ſah, rieb ſich ſtark die Haͤnde, ſprach von der Erbſchaft, die er gethan habe, und noch zu thun haͤtte, und als ihm unſer Held begreiflich machte, daß er geſonnen ſey, dieſes Gluck mit Miß Bradwardine zu theilen, da er⸗ ſtickte faſt der arme Amtmann vor Erſtaunen und Freude, und bewegte ſich auf ſeinem Sche⸗ melchen, wie einſt die Pythoniſſinn auf dem Dreyfuß. In ſeiner Unruhe warf er da Bier in die Gruͤtze, dieſe und den Wachholder auf den Tiſch, und wiſchte denſelben in der Zer⸗ ſtreuung mit ſeiner beßten Peruͤque ab. Dann ſing er an zu ſingen und Cabriolen zu machen, bis ihm der Athem fehlte:„Milady Waverley!“ rief er ganz außer ſich,„zwoͤlf tauſend Pfund jaͤhrlicher Renten! ach Gott Gott! ich ver⸗ liere den Verſtand!“ „Ey Gott bewahre! laſſen ſie ihn uns zum Abhandeln dieſer Sache anwenden!“ Dieſe Bemerkung beſaͤnftigte ihn; er ſchnitt ſeine Feder, legte ein halbes Duzend Foliobo⸗ gen zurecht, machte einen ungeheuern Folianten auf, ſchlug die Artikel Donation, und Heiraths⸗ Contract auf und ſagte:„Wir wollen anſangen, — 113— und einer Aenderung Euerer Geſinnungen vor⸗ beugen.“—— Nicht ohne Muͤhe machte er ihm begreiflich, daß jetzt ganz andere Dinge noͤthig waͤren, daß er zu dem Commandanten der Dragoner, die in Tully⸗Weolan cantoniren, zu ſchicken habe, um den Paß von Sir Stanley, einen Engli⸗ ſchen Edelmann und Neffen des Obriſten Tal⸗ bots, der bey ihm zu Beſuch waͤre, viſtren zu laſſen. Herr Macvheeble fand dieſes ſelbſt von Noͤthen, und der Commandant ließ Herrn Stanley in hoͤflicher Antwort zu Tiſche laden; Herr Stanley hatte aber natuͤrlich zu viele Ge⸗ ſchaͤfte, um dieſe guͤtige Einladung anzuneh⸗ men.— Dann bat Eduard, ſogleich einen Bo⸗ then zu Pferde auf die naͤchſte Briefpoſt zu ſchi⸗ eken, und die Briefe abholen zu laſſen, welche der Obriſte Talbot an Hrn. Stanley zu ſenden verſprochen hatte.— Der Amtmann rief ſeinen Schreiber oder ſeinen Jungen, wie es abwechſelnd vor ſechszig Jahren hieß.„Jack,“ ſagte er, nimm meine Stute gut in Acht. Das arme Thier hat in dem Feldzuge viel gelitten! Man koͤnnte ſagen, ſie haͤtte an dem Tage Fluͤgel bekommen, als ich die Gewaltthaͤtigkeit des Vich⸗Jan⸗Vohr gegen Se. Gnaden in Schranken ſetzte! Hun⸗ IV. H — 114— dertmal konnte ich den Hals brechen; aber es kam auch auf nichts Geringeres an, als Sir Waverley'n das Lieben zu retten! Zwoͤlftauſend jaͤhrlicher Renten! Gott's Barmherzigkeit!“— „Lieber Herr Macheeble, Sie vergeſſen, daß wir des Barons Einwilligung haben muſſen.“ „Er gibt ſie, dafuͤr ſteh' ich!— Zwoͤlftau⸗ ſend Pfund Einkuͤnſte! Das iſt wohl was an⸗ ders als mit dem Windbeutel, den Balmaw⸗ happle; mit einer Rente von einem halben Jahre kauft Ihr ſeine ganzen Guͤter!“* um ihn auf etwas Anderes zu bringen, fragte nun Eduard nach Fergus. „Alles was ich von ihm weiß,“ antwortete er,„iſt, daß er noch immer in Carlisle iſt, und bald vor das Kriegsgericht kommen wird. Ich wuͤnſche ihm gerade nichts Boͤſes, aber ich hoffe ſie werden ihn feſt halten, und nicht er⸗ lauben, daß er uns zum ſchwarzen Pfennig zwingen, unſer Vieh forttreiben, und uns ent⸗ weder ſelbſt, oder durch ſeine Agenten, tauſend Unheil ſtiften darf. Ich wuͤnſche keinen Groß⸗ mantel mehr auf dem flachen Lande zu ſehen. Da kann man klagen, Recht erhalten, ſie ha⸗ ben einen nur zum Narren. Welcher Haͤſcher moͤchte wohl ihnen das Urtheil uͤberbringen? und was ſollte man ihnen nehmen? Sie haben — 113— ja nichts! Gott behuͤthe einen vor dem Beſu⸗ che ſolcher Menſchen!“ Die Eßſtunde kam, und der Amtmann ließ ſeinem Gaſte Hoffnung in's Schloß Duchram gelangen zu koͤnnen, wo Roſa, vor der Hand, ſich aufhielt.„Leicht,“ ſprach er, wird es zwar nicht ſeyn, allen Verdacht zu entfernen, da Sir Duchram ein warmer Anhaͤnger der Regierung ſey, indeſſen...— „Der Huͤhnerſtall, der Taubenſchlag und der Hof waren in Contribution geſetzt wor⸗ den, um fuͤr Sir Waverley, dem praͤſumtiven Erben von zwoͤlf tauſend Pfund Einkuͤnften ein Mittagsmahl zu bereiten. Der Amtmann war im Begriff eine Flaſche Bordeauxer zu ent⸗ ſtöpſeln, die vielleicht aus den Kellern von Tul⸗ ly⸗Weolan herſtammte, als er ſeine Stute wiehernd und in ſtaͤrkſten Trott wieder kommen hoͤrte, er ſetzte jene alſo kluͤglich bey Seite. Der Schreiber trat ein, und brachte Herrn Stanley ein Paͤktchen. Eduard erkannte die Schrift des Obriſten Talbot, und erbrach es zit⸗ ternd. Es enthielt zwey Acten der Regierung in beſter Form; in der einen gewaͤhrten Se. koͤnigl. Hoheit, der Herzog von Cumberland, dem Cosmus Comines von Bradwardine, ehemali⸗ gen Baron von Bradwardine, wegen Theilnahme H 2 8 — 11656— an der Empoͤrung, jetzt ſeiner Herrſchaft beraubt, Schutz und Sicherheit; in der andern gewaͤhrte er gleicherweiſe dem Eduard Waverley, Esquire, ſeinen Schutz. Der Brief des Obriſten lautete folgendermaßen:— Nein lieber Eduard! Nur ſeit wenig Tagen bin ich hier Vnge⸗ langt, und erſt ſeit einigen Stunden ſo gluͤcklich geweſen, die Sache zu Stande zu bringen, die der Zweck meiner Reiſe war. Freylich ſtieß ich auf viele ganz unerwartete Schwierigkeiten. Ich fand Se. koͤnigl. Hoheit, in einer fuͤr meine Abſicht ſehr unguͤnſtigen Stimmung, da er eben drey bis vier Engliſchen Edelleuten Audienz er⸗ theilt hatte.„Obriſt Talbot,“ ſagte er zu mir, mit jener ihm ſo eignen Huld,„koͤnnt ihr den⸗ ken, daß mehrere, durch ihre aufrichtige Anhaͤng⸗ lichkeit an die Regierung ausgezeichnete Edel⸗ leute, wie die Melville, Rubricks u. a. m. es mit ihren anhaltenden Bitten ſo weit gebracht haben, mir einen Schutzbrief, und das Verſpre⸗ chen der Verzeihung fuͤr den alten Raͤdelsfuͤh⸗ rer, den ſie den Baron von Bradwardine nen⸗ nen, zu entreißen? ſie haben mir ſeinen Ruf von Rechtlichkeit und Uneigennuͤtzigkeit, und die großmuͤthige Weiſe angefuͤhrt, mit der er die — — 117— Gefangenen behandelt hat, die das Waffenge⸗ ſchick in die Haͤnde der Inſurgenten fallen ließ⸗ auch, daß er durch die Confisration ſeiner Herr⸗ ſchaft beraubt, hinlaͤnglich beſtraft waͤre. Herr Rubrick will ihm Zuflucht geben, bis Alles ge⸗ ordnet iſt. Ihr ſehet es iſt ſehr hart, einen ſo großen Widerſacher des Hauſes Braunſchweig, wie dieſen Bradwardine, in die allgemeine Amneſtie einſchließen zu muͤſſent“ Der Au⸗ genblick war eben nicht guͤnſtig, mein Anſu⸗ chen vorzubringen, indeſſen verſuchte ich zu ſa⸗ gen: Ich waͤre hoͤchſt erfreut, Se. koͤnigl. Ho⸗ heit in ſo milder Stimmung zu finden, und dadurch zu einer Bitte erdreuſtet. Der Prinz ſchien daruͤber ſehr unzufrieden; ich beharrte dabey, machte die Achtung, mit der Se. Hoheit mich ſtets fuͤr meine Anhaͤnglichkeit an ſeine Perſon, und fuͤr die geringen Dienſte, die ich zu leiſten das Gluͤck gehabt, beehrt habe, gel⸗ tend, und da ich ihn verlegen werden ſah, ob er gleich bey ſeiner Weigerung blieb, ſo ſprach ich von dem Vortheile, welchen die Regierung erhalten wuͤrde, wenn ſie ſich fuͤr immer den Erben des Hauſes Waverley zueigne, aber ich ſah wohl, daß meine Bemerkung keinen Ein⸗ druck machte. Da fuͤhrte ich die Wohlthaten an, welche mich Sir Eberharden verflichteten, — — 118— und den unſchaͤtzbaren Dienſt, den Ihr mir ge⸗ leiſtet habt.„Ew. koͤnigl. Hoheit allein, ſagte ich,„koͤnnen mich des Mittels wuͤrdigen, die Schuld meiner Erkenntlichkeit abzutragen, und dadurch zum Gluͤcklichſten machen.“ Allein immer noch las ich eine abſchlaͤgliche Antwort auf ſeinem Geſicht; nun glaubte ich zum Aeu⸗ ßerſten ſchreiten zu muͤſſen.„Da Ew. koͤnigl. Hoheit,“ ſagte ich,„mich jener Huld nicht wuͤr⸗ dig finden, die ſie mehreren Edelleuten zu er⸗ zeigen geruheten, deren Dienſte vielleicht den meinigen nicht gleichkommen, ſo bitte ich ganz unterthaͤnigſt meinen Abſchied zu genehmigen, und mich aus dem Dienſte zu entlaſſen;“ mit dieſen Worten legte ich mein Patent auf den Tiſch. Einen ſolchen Angriff hatte der Prinz nicht vermuthet, und ich will Euch die verbindlichen und freundſchaftsvollen Ausdruͤcke nicht wiederholen, mit der er mich einlud, meine Stelle zu behalten. Ihr ſeyd alſo frey, liebſter Eduard, und ich hoffe, Ihr werdet das Verſpre⸗ chen halten, daß ich an Euerer Statt der Re⸗ gierung gethan habe, weder den geringſten An⸗ laß zur Klage gegen Euch zu geben, noch dieſe milde Handlungsweiſe zu vergeſſen. Ihr ſeht, daß mein Prinz nicht weniger großmuͤthig iſt⸗ als der Eurige. Es iſt moͤglich, daß er we⸗ b niger Anmuth und Artigkeit mit der Gewaͤh⸗ rung meiner Bitte verband, als Euer Ritter gethan haben wuͤrde, aber ich fuͤhle mich ihm deßhalb nur noch verpflichteter, da er ſeine Ab⸗ neigung uͤberwand.— Einer meiner Freunde hat mir die Abſchrift des Schutzbriefes fuͤr den Baron verſchafft; das Original hat Major Mel⸗ ville. Da ich glaubte, es wuͤrde Euch Freude ver⸗ unſachen, ihm dieſen Brief zuerſt zu zeigen, ſo füge ich ihn bey. Er ſoll ſogleich nach Duch⸗ ram gehen, und dort ſeine Quarantaine halten, Ihr koͤnnt ihn begleiten, und etwan acht Tage dort bleiben, ich weiß daß eine gewiſſe Schoͤne da reſidirt. Erfreulich wird es ſeyn, zu ver⸗ nehmen: daß, ſo ſchnell auch immer die Fort⸗ ſchritte ſeyn werden, die Ihr in ihrem Herzen thut, es doch immer noch zu langſam fuͤr Sir Eberhards Wuͤnſche, und fuͤr das Verlangen der lieben Tante Rahela ſeyn wird, die nicht ehr uͤber das Loos der drey Hermeline beruhigt ſeyn werden, als bis Ihr ihnen Lady Waverley vor⸗ ſtellen könnt. Benuͤtzt alſo die Zeit, denn wenn Ihr acht Tage in Duchram geweſen ſeyd, muͤßt Ihr nach London kommen, Euere Begnadigung bey dem koͤnigl. Hofe zu verlangen. Lebt wohl, mein lieber Waverley, ganz der Eurige. Philipp Talbot. —— Dreyzehntes Kapitel. r Entzuͤck un ge n. 8 Als Eduard ſich ein wenig von der Freude uͤber ſo unerwartete Nachrichten erholt hatte, lud er Herrn Macvheeble zu einem heimlichen Beſuche bey dem Baron ein. Aber der allezeit bedenk⸗ liche, kluge Amtmann bemerkte, daß wenn die⸗ ſer ſich hernach oͤffentlich zeigen werde, ſeine Un⸗ terthanen in ein Freudengeſchrey ausbrechen, und die Vorgeſetzten dadurch auf's Neue beleidi⸗ gen moͤchten. 4 hr thut beſſer,“ ſprach er,„allein in die Huͤtte der alten Hanna zu gehen, und den Baron, mit einbrechender Nacht, nach Klein⸗ Tully⸗Weolan zu bringen; er wird gern ein⸗ mal in einem guten Bette ſchlafen. Ich werde ſelbſt zu den Commandanten des Poſtens gehen, der hier ſteht, ihm den Schutzbrief des Barons zeigen, und ihn um Erlaubniß bitten, ihn dieſe Nacht beherbergen, und morgen mit Herrn Stanley mit der Poſt nach Duchram be⸗ foͤrdern zu duͤrfen: denn ich rathe Euch den Namen Stanley zu behalten.“ „Ich werde Eueren Rath befolgen, Herr — 121— Macvheeble, aber wollt Ihr denn Eueren Goͤn⸗ ner nicht in ſeiner Einſamkeit beſuchen?“ „Das wurde ich mit dem groͤßten Vergnuͤ⸗ gen thun, Ihr koͤnnt's glauben, und ich danke Euch, mich an meine Schuldigkeit erinnert zu haben; aber ich komme vor Sonnenuntergang nicht von dem Commandanten zuruͤck, und Ihr wißt, der Grasplatz ſteht zu der Zeit nicht im heßten Rufe.— Man ſpricht vielerley von der alten Hauna Gellatley; der Baron glaubt nichts: er iſt ſo verwegen.— Ich glaube, der Teufel koͤnnte ihn nicht in Furcht ſetzen; aber er mag ſagen, was er will, man ſoll nicht an Hexerey zweifeln, weil ſelbſt die Bibel die Zauberer am Leben zu laſſen, verbiethet, und unſere Geſetze ſie zum Tode verurtheilen. Folglich gibt's, nach goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen, Zauberer, indeß will ich der alten Hanna ſagen laſſen, daß ſie auf den Abend mit ihrem Herren herkomme. Ich mag das uͤbele Gerücht von ihr nicht beſtaͤtigen, und ich brauche den David, den Bratſpieß zu wen⸗ den.“ Nach Sonnenuntergange begab ſich Waver⸗ ley in die Huͤtte. „Kein Wunder iſt's nicht,“ ſagte er bey ſich ſelbſt, daß der Aberglaube dieſen Ort zu ſeiner Schreckensbuͤhne gewaͤhlt hat; die Hexen koͤnnten keinen guͤnſtigern Platz zu ihrem Sab⸗ bath finden, als dieſe entlegene Huͤtte.“— Er fand die arme Hanna mit Auskehren beſchaͤftigt, um dem ſchluͤpfrigen Boden, der ihrer Huͤtte als Diele diente, einen Anſtrich von Sauberkeit zu geben; das Geraͤuſch, mit dem er eintrat, machte, daß ſie am ganzen Leibe zitterte; em hatte alle Muͤhe, ihr begreif⸗ lich zu machen, daß der Baron fuͤr ſeine Per⸗ ſon nichts mehr zu fuͤrchten habe; daß aber die Beſitzung verloren ſey.„Ach waͤr’ ich doch eine Hexe, wie ſie ſagen,“ rief ſie,„der neue Herr ſollte wohl dem Schloſſe nicht nahe kom⸗ men!— Sie ſagen, ſie haͤtten ihm vergeben, und rauben ihm doch ſein Gut!'siis ſchaͤndlich! ſind wahre Knicker! Gott's Barmherzigkeit! iſt das ein Unrecht!!“ Eduard gab ihr einige Geldſtuͤcken, um ihren Schmerz zu beſaͤnftigen, und das Ver⸗ ſprechen, daß ihre Treue nicht unbelohnt blei⸗ ben, und ſie zufrieden ſeyn wuͤrde. „Wie ſoll ich denn,“ erwiederte ſie,„wenn mein alter Herr und ſein liebes Kind in Elend bleiben ſollen?“— Waverley nahm Abſchied von ihr, und eilte dem Patmos des Barons zu. Kaum hatte er — 123— ein paarmal gepfiffen, ſo ſteckte der Alte den Kopf aus ſeinem Dachsbau, um zu recognos⸗ ciren. „Ihr kommt ſehr zeitig, mein Kind!“ ſagte er im Herauskriechen.„Haben Euch die Rothröcke beunruhigt? Muͤſſen wir unſre Penaten etwa wo anders hin verlegen?“ „Gute Nachricht kann nie zu fruͤh kom⸗ men!“ antwortete Waverley, und eilte, ihn von allem, was geſchehn war, zu benachrichtigen. „Gott der Gnade!“ ſagte er mit gefalte⸗ nen Haͤnden, den Blick zum Himmel gerichtet, „Gott der Gnade! ich werde alſo das Gluͤck haben, meine Tochter wiederzuſehen!“ „Um ſie nie mehr zu verlaſſen,“ fuͤgte der geruͤhrte Juͤngling hinzu. „Ich wage es zu hoffen... wenigſtens wenn's nicht anders ſeyn muß— ihren Unter⸗ halt durch Arbeit zu gewinnen!“ „Wenn Miß Bradwardine,“ ſagte Eduard faſt zitternd,„geſichert vor den Muͤhſeligkeiten des Lebens, ihren Rang in der Geſellſchaft wieder einnehmen koͤnnte, wuͤrdet Ihr, mein verehrter Baron, etwas dagegen haben, wenn ſie einen Euerer Freunde zum gluͤcklichſten Sterblichen machte?“ — 124— Der Baron wendete ſich ſchnell nach ihm um, als have er nicht recht gehört.— „Ja, mein lieber Baron,“ fuhr er fort, „ich wuͤrde mein Verbannungsedict erſt dann als wahrhaft wiederrufen anſehen, wenn Ihr mir erlaubt, Euch nach Duchran zu begleiten⸗ um.. Der Baron hatte jetzt gern eige Wuͤrde wieder angenommen, um auf gehoͤrige Weiſe von dem zu ſprechen, was er ſonſt einen Allianz⸗ tractat zwiſchen dem Hauſe Bradwardine und dem Hauſe Waverley genannt haͤtte, aber aller Etiquette vergeſſend, rief er uit mitzdartn, indem er Waverley'n umarmte:„Mein Sohn, mein lieber Sohn! koͤnnte ich in der ganzen Welt waͤhlen, ſo und nicht anders haͤtte ich gewaͤhlt!“— Eduard erwiederte ſeine Umarmungen; beide ſchwiegen einen Augenblick, dann fragte dieſer mit geruͤhrter Stimme:„Wird aber Miß Roſa mich ihrer Einwilligung wuͤrdigen?“ „Sie hat nie einen andern Willen gehabt, als den ihres Vaters: uͤberdieß vereint Ihr ja Alles, was einem wohlerzogenen Maͤdchen lieb ſeyn kann. In den Tagen meines Gluͤcks haͤtte ich meine Tochter keinen andern zum Gemahle gewuͤnſcht, als den wuͤrdigen Neffen — 125— meines vortrefflichen Freundes Sir Eberhard! Ich denke doch, junger Herr, Ihr habt keine Unklugheit begangen, und Euch zuvor des Bey⸗ falls Euerer Verwandten und Freunde, vor⸗ naͤmlich des ehrwuͤrdigen Sir Eberhard's, ver⸗ ſichert, der Euch Vater geweſen iſt: loco pa- rentis; mit dem mußtet Ihr anfangen, liebes Kind!“ „Seyd verſichert, daß meinem guten Oheim die herzliche Aufnahme, die mir meine Bitte gewaͤhrt hat, hoͤchlichſt erfreuen wird; da er uͤber meine Wahl das groͤ Pßte vunüg empfin⸗ der; um Euch deſſen zu verſichern, ſo leſ't die⸗ ſen Brief des Obriſten T To Der Baron las den Biief mi groͤßter Auf⸗ merkſamkeit. 3 „Sir Eberhard,“ ſagte er,„hat die Ehre ſtets dem Reichthume vorgezogen, nie hat er dem Plutus gehuldigt. Da ſich Malrolm des Vatermords nun einmal ſchuldig gemacht hat, denn anders kann ich ſeine Vernichtung des Erbes ſeiner Vaͤter nicht nennen: ſo bedaure ich ſehr, daß ich nicht fruͤher eine Donation fuͤr meine arme Roſa daraus gemacht habe; doch“— ſetzte er nach einiger Ueberlegung hinzu—„es war vielleicht doch beſſer, daß ich nur der Pflicht Gehoͤr gab. Ich haͤtte auf — 126— einer Stelle in Eusrem Schilde fuͤr die Wap⸗ pen der Bradwardine beharren muͤſſen, waͤh⸗ rend dem, da ich nicht einen Daum breit Land, mein Kind keinen Schilling zur Mitgift beſitzt... nein! ich bin nicht zu tadeln, wenn ich von dieſen Dingen jetzt abgehe!“— „Gott ſey Dank,“ dachte Eduard,„daß das mein Onkel nicht hört, faſt moͤcht' ich fuͤrchten, der Baͤr und die drey Hermeline moͤchten ſich nicht zuſammen vertragen! ich bitte Euch,“ ſagte er lebhaft,„uͤberzeugt zu ſeyn: daß ich mein Gluͤck nur in das Herz Euerer liebenswuͤrdigen Sochter ſetze, und daß ich eben ſo gluͤcklich 88* erre Einwilligung bin, als haͤtte ich die ie Grafſchaft von England zur Mitgift erhe ten.“ Als ſie zum Amtmann kamen, ſtanden zwey gebratene Gaͤnſe auf den Tiſche, und er hatte ſchon das Vorlegemeſſer in der Hand. Seine Gaͤſte wurden mit allen Verſicherungen der Ehrfurcht und Freundſchaft empfangen. Die alte Hanna ſaß unten am Tiſche, Davidchen erhielt das groͤßte Lob, wie gut er den Bratſpieß gedreht habe, und ſelbſt die Hunde des Barons hielten ſich fuͤr ihre ſo lange Enthaltſamkeit ſchadlos. Des andern Tages reiſte der Baron und ſein junger Freund nach Duchram. Der Erſte war erwartet, da man von dem Schritte der Edelleute zu ſeinen Gunſten unterrichtet war, man glaubte allgemein, er haͤtte auch ſeine Guͤter erhalten, wenn ſein unwuͤrdiger Vetter ſich ihrer nicht ſo ſchleunig bemaͤchtigt haͤtte. Der immer heitere, immer ruhige Alte wieder⸗ holte, es waͤre ihm hundertmal lieber, die Achtung ſeiner geehrten Nachbarn zu beſitzen, als im Vollgenuß ſeiner ganzen Herrſchaft zu⸗ ruͤck zu kehren. Ich wage es nicht, die Zuſammenkunft des Barons mit ſeiner Tochter zu ſchildern, die einander ſo zaͤrtlich liebten, und ſich, nach ſol⸗ chen Gefahren, wiederfanden; eben ſo wenig die liebenswuͤrdige Roͤthe, die Noſa's Wangen faͤrbte, ais ſie Waverley's Beſuch empfing. Es genuͤgt mir, anzufuͤhren, daß der Baron, als ſtrenger Beobachter des Ceremoniels, bey dieſer feyerlichen Gelegenheit nicht vergaß, ſich nach allen Regeln der Etiquette und der Konvenienz zu benehmen, um ſeine Tochter mit der Urſache von Eduard's Reiſe bekannt zu machen. Man behauptet aber, unſer Held ſey ihm zuvorge⸗ gekommen, und habe Miß Roſen insgeheim davon zu unterrichten gewußt, waͤhrend die Geſellſchaft einen Springbrunnen von drey zuſammen geflochtenen Schlangen betrachtete. — 128— Meine ſchoͤnen Leſerinnen moͤgen entſcheiden, ob ſo Etwas moͤglich iſt, ich meines Theils begreife nicht, wie er in einigen Minuten eine ſo wich⸗ tige Sache zu Stande bringen konnte,zu der der Baron wirklich mehr als eine Stunde brauchte. Jetzt ward Eduard als ein beguͤnſtigter Be⸗ werber angeſehen. Er fuͤhrte Miß Roſen beym Spatzierengehen; er ſaß neben ihr bey Tiſche, er war ihr Partner im Spiel, und ward von dem Hausherrn mit vielem Scherze aufgezogen, auch der Baron geſellte ſich dazu, machte aber, zum Gluͤck fuͤr die arme Roſa, ſeine Anſpie⸗ lungen ſtets auf Lateiniſch. Die Diener fluͤ⸗ ſterten ſich in's Ohr, und ſahen ihn mit ver⸗ ſtohlnen Blicken einverſtanden an. Alix, das huͤbſche Maͤdchen aus der Hoͤhle, die, ſeit ihrem Vater ein Ungluͤck wiederfahren war, wie ſie ſich ausdruͤckte, Miß Roſa's Kammer⸗ zofe vorſtellte, Alix laͤchelte anmuthig, wenn ſte ihre Gebietherinn mit dem ſchoͤnen Engli⸗ ſchen Edelmanne ſah. Man fand einmuͤthig fuͤr gut, daß Eduard in's Schloß Waverley zuruͤckkehren ſollte, um alle Vorkehrungen zu treffen; daß er nach London gehen, und ſich begnadigen laſſen muͤßte, und daß er dann zu⸗ ruͤck kommen moͤchte, die Hand ſeiner geliebten Braut zu empfangen. Waverley benutzte dieſe Friſt, um den Obri⸗ ſten Talbot, und vorzuͤglich Fergus zu beſuchen, theils um zu verſuchen, ob die Strafe des Haͤupt⸗ lings zu mindern waͤre, theils um der ungluͤcklichen Flora bey Miß Roſa eine Zuflucht anzubiethen, in jedem Falle aber alles Moͤgliche fuͤr beide zu thun. Es ſchien ihm freylich ſchwer, den Fergus zu retten; vergebens hatte er den Obriſten Tal⸗ bot fuͤr dieſen Haͤuptling zu intereſſiren geſucht, ſeine Antwort gab ihm keine Hoffnung, indeß begab er ſich zu ihm nach Edinburg, wo er mit wichtigen Auftraͤgen des Herzogs von Cum⸗ berland beſchaͤftigt war, und ſeine Gemahlinn erwartete, der die Aerzte nur kleine Tagereiſen erlaubten, und die ſein Neffe Stanley begleiten ſollte. Der Obriſte empfig ihn wie einen Sohn, aber in Hinſicht Fergus blieb er unerbittlich. „Außerdem, daß meine Unternehmungen ver⸗ gebens ſeyn wuͤrden,“ ſprach er,„ſo geſtehe ich Euch, daß mir mein Gewiſſen nicht ver⸗ ſtattet, etwas fuͤr ihn zu thun, ob ich ihn gleich von Herzen bedaure. Die Gerechtigkeit, welche die Nation, wegen des empfangenen Schimpfs zu raͤchen hat, konnte zum Beyſpiele anderer kein beſſeres Opfer waͤhlen. Er kann nicht anfuͤhren, verfuͤhrt oder betrogen zu ſeyn; ſeine Unternehmung war lange uͤberlegt; mit IV. J — 130— aller Kenntniß der Sache hat er die Fahne des Aufruhrs erhoben. Das Geſchick ſeines Vaters hat ihn nicht abzuhalten vermocht, noch die Milde der Regierung ſeine Grundſaͤtze umaͤn⸗ dern gekonnt. Er iſt tapfer, großmuͤthig, vol⸗ ler Verſtand; und deßhalb noch gefaͤhrlicher. Seine Begeiſterung muß ihm den Tod zur Pflicht machen, er ſtirbr fuͤr die Sache, die er führte; ſein Titel des vornehmſten Agenten der Empoͤrung, macht ihn dieſer Ehre wuͤrdig. Ich ſag' es Euch noch einmal, er iſt nicht zu entſchuldigen, denn er kannte die Natur der Unternehmung. Er hat gewuͤrfelt, darf er ſich mit Recht beklagen, daß ihm der Wuͤrfel un⸗ guͤnſtig gefallen iſt?“— So dachten vor ſechszig Jahren Maͤnner, die ſonſt tapfer und zugleich menſchlich waren, von ihren uͤberwundenen Feinden; wir wollen hoffen, nie etwas Aehnliches zu erleben. Vierzehntes Kapitel. Muth und Standhaftigkeit. Warverley begab ſich in Polwarts Begleitung, den er wieder in ſeine Dienſte genommen hatte, — 131— nach Carlisle, wo der Gerichtshof noch ver⸗ ſammelt war, uͤber die des Hochverraths An⸗ geklagten zu urtheilen. Er eilte, ſo ſchnell er konnte, nicht in der Hoffnung, ſeinen Freund zu retten, ſondern nur um ihn noch einmal zu ſehen! Er hatte freygebig die Mittel dazu hergegeben, ihm die beßten Vertheidiger zu verſchaffen; allein hier glichen ſie den beruͤhm⸗ ten Aerzten, die ſich um einen Menſchen ver⸗ einen, der im Sterben liegt. Eduard fand den Gerichtsſaal mit einer un⸗ geheuern Menge angefuͤllt; aber ſeine Unruhe, ſeine Bewegung n chten ihm Platz, weil man ihn fuͤr einen nahen Verwandten der Beklagten hielt. Das Gericht ſchloß ſeine dritte Sitzung; der Schreiber gab den beiden Beklagten, die ſich innerhalb der Schranken befanden, das Urtheil zu leſen. Eduard erkannte Fergus ſo⸗ gleich an ſeinem edlen, majeſtaͤtiſchen Anſehen, obgleich, wegen ſeiner langen Verhaftung, ſeine Kleidung in ſchlechtem Zuſtande und ſeine Wan⸗ gen bleich und eingefallen waren; Evan war bey ihm. Eduarden wandelte eine Ohnmacht an, er ermunterte ſich aber, als der Schrei⸗ ber das Urtheil las. „Fergus⸗Mae⸗Jvor von Glennaquoich, auch genannt Vich⸗Jan⸗Vohr, und Macrom⸗ J 2 ₰ — 132— bich, ſonſt genannt Evan⸗Dhu, hier anwe⸗ ſend, ſind des Hochverraths angeklagt und uͤber⸗ wieſen. Haben ſie einen Einwand zu thun, woddurch das Gericht von der Vollziehung des Geſetzes abgehalten werden koͤnnte?!“ Stolz erhob ſich Fergus, druͤckte die Muͤtze auf den Kopf, wandte ſich zu dem Praͤſidenten und ſprach mit ſtarker Stimme:„Milord'’s und Sir's! Ich darf dieſe zahlreiche Verſamm⸗ lung nicht in dem Wahne laſſen, als koͤnnte ich der an mich ergangenen Aufforderung nicht antworten. Allein, was ich zu ſagen haͤtte, braͤchte Euch Schande; meine Vertheidigung wuͤrde Euere Verdammung ſeyn, uͤbet demnach Euer Recht, ich beſchwoͤre Euch bey dem Him⸗ mel! Seit zwey Tagen beliebt es Euch, das edelſte, das reinſte Gebluͤt wie Waſſer zu ver⸗ gießen; ſchonet das meinige nicht: ſo lange ein Tropfen in meinen Adern fließt, werde ich nach der Ehre geitzen, es fuͤr die Sache des Rechts zu vergießen, und in die Fußtapfen meiner Ahnen zu treten!“ Damit ſetzte er ſich ruhig wieder nieder. Maccombich ſah ihn, wie verwildert, an, und ſtand auf, um etwas zu ſagen; aber die Majeſtaͤt des Gerichtshofes, die Schwierigkeit, ſich in einer fremden Spra⸗ che auszudruͤcken, machten einen ſolchen Ein⸗ 1 druck auf ihn, daß er keine Sylbe hervorbringen konnte, und ſich traurig wieder niederſetzte. Ein mitleidiges Murmeln lief durch die Zu⸗ ſchauer, die nicht anders glaubten, der arme Menſch habe zur Entſchuldigung ſeines Beneh⸗ mens anzufuͤhren, daß er ſeinem Haͤuptling habe gehorchen wollen. Der Praͤſident geboth Ruhe, und ermuthigte Maccombich zu reden. „Milords!“— ſprach er ganz betreten— „Alles, was ich von Ew. Herrlichkeiten bitten will, iſt: daß Ihr Vich⸗Jan⸗Vohr erlaubt, ſich nach Frankreich zu verfuͤgen, wenn er Euch gelobt haben wird, die Regierung nicht mehr zu ſtoͤren, und an ſeiner ſtatt ſechs der vor⸗ nehmſten Mitglieder ſeines Stammes hinzu⸗ richten. Wenn Ihr mir erlaubt, nach Glenna⸗ quoich zu gehen, ſo will ich Euch fuͤnf meiner Freunde bringen, und mit mir koͤnnt Ihr den Anfang machen.“ Trotz der Feyerlichkeit des Ortes, erregte doch dieſer ſonderbare Vorſchlag das Gelaͤchter der Verſammlung. Der Praͤſident verwies dieſe Unſchicklichkeit, und Maccombich ſagte veraͤcht⸗ lich, indem er rings umher ſah;„Wenn die Herren Sachſen lachen, daß ein armer Schelm ſich einbilden kann, daß das Leben von ſechs ſeines gleichen beſſer waͤre, als das ihres tapfern — 134— Haͤuptlings: ſo moͤgen ſie mit Recht lachen; aber wenn ſie lachen, weil ſie glauben, daß ich nicht mein Wort halten, und nicht wieder⸗ kommen wuͤrde, da wiſſen ſie nicht wie ein ehrlicher Mann ſein Wort haͤlt.“ Niemand fuͤhlte ſich jetzt zum lachen ge⸗ ſtimmt; das tiefſte Schweigen herrſchte in der Verſammlung. Der Praͤſident ſprach die To⸗ desſtrafe gegen beide Verhaftete aus, und be⸗ ſtimmte die Stunde der Execution des andern Morgens. „Fergus⸗Mae⸗Jvor,“ ſetzte er hinzu, Ihr habt alle Hoffnung, Gnade zu erhalten, auf⸗ zugeben, bereitet Euch vor, vor dem oberſten Richter zu erſcheinen.“ „Das iſt noch mein Wünſchte verſetzte Fergus mit Ruhe. Maccombich's Augen fuͤllten Thraͤnen.— „Was Dich betrifft, armer Unwiſſender!“ fuhr der Richter fort,„der Du uns bewieſen haſt, daß Du nach Deinen Anſichten von pa⸗ triarchaliſcher Gewalt, ein Recht zu haben glaubſt, dem Befehle der Regierung zu wider⸗ ſtehen, und daß Du, nach den ungluͤcklichen Grundſaͤtzen, in denen Du erzogen biſt, und denen Du Folge geleiſtet haſt, niemanden als Dein Oberhaupt betrachteſt, als jenen Ehr⸗ — 135— geitzigen, der ſich Deiner als eines ſchlechten Werkzeugs bediente, was Dich betrifft— ſo kann ich nicht umhin, ich muß Dich beklagen, ſuche eine Bittſchrift einzureichen, um Gnade zu erhalten. Ich wage es zu hoffen.“ „ndb Gnade fuͤr mich?“ rief Evan, „ich mag ja keine haben, da Ihr Vich⸗Jan⸗ Vohr's Blut vergießen wollt; ich habe nichts zu wuͤnſchen, als etwa, daß Ihr mir meine Ketten abnehmt, mir mein Claymore(Schwert) wiedergebt, und mir erlaubt, daß ich Euch zwey Minuten nahe treten darf.“ „Sein Blut komme uͤber ihn!“ rief der Praͤſident.„Fuͤhrt die Gefangenen fort!“ Waverley ward, ohne es zu merken, mit der Menge fortgeriſſen, und kam erſt auf der Gaſſe wieder zu ſich. Er wollte zu Fergus, ward aber abgewieſen, da der oberſte Sheriff den Befehl er⸗ theilt hatte, niemand zu ihm zu laſſen, als den Beichtiger und die Schweſter des Gefangenen. Er erfuhr, daß ſich Miß Mae⸗Jvor bey einer alten katholiſchen Familie, ohnweit Carlisle, aufhalte. Er begab ſich zu dem Defenſor ſei⸗ nes Freundes, der ihm ſagte, man habe einen uͤbelen Eindruck auf's Publikum befuͤrchtet, wenn man es in den letzten Augenblicken zu dieſen Freunden des Praͤtendenten ließe, ihm — 136— aber Hoffnung machte, Fergus des andern Mor⸗ gens zu ſehen, wenn man ihm ſeinen Feſſeln abnaͤhme. „Iſt's ein Traum!“ dachte Waverley. „War das der tapfere, der herrliche Fergus? Der hitzige, im Streite ſo furchtbete, bey den Schoͤnen ſo beliebte, von den Barden ſo be⸗ ſungene Haͤuptling! mit Ketten beladen, wie ein Moͤrder; im Begriff, auf die Schleife ge⸗ ſetzt zu werden, um das Hochgericht zu beſtei⸗ gen?“ Er bat den Defenſor, mit zitternder Stim⸗ me, Fergus auf ſeinen Beſuch vorzuberei⸗ ten, und kehrte betruͤbt in ſeinen Gaſthof zu⸗ ruͤck. Dort ſchrieb er ſogleich ein Billet an Miß Flora, das kaum leſerlich war, und in dem er ſie um die Erlaubniß bat, ihr dieſen Abend aufwarten zu duͤrfen. Sein Beauftrag⸗ ter brachte bald folgende Antwort zuruͤck: „So ſchrecklich auch die Lage von Miß Flora Mac⸗Jvor iſt, ſo kann ſie doch dem beßten Freunde ihres Bruders ſein Verlangen nicht verſagen.“ Eduard durfte nur ſeinen Namen nennen, um in Flora's jetzige Wohnung eingelaſſen zu werden. Er fand ſie in einem alterthuͤm⸗ lichen Saale, bey einem vergitterten Fenſter — 33,— ſitzend, beſchaͤftigt, eine Art Gewand von wei⸗ ßem Flanell zu naͤhen. In einiger Entfernung ſaß eine Franzoͤſiſche Nonne, aus einem Gebet⸗ buche vorleſend, ſie legte, als ſie ihn eintreten ſah, ihr Buch auf den Tiſch, und ging hinaus. Flora ſtand auf, um ihn zu empfangen, und reichte ihm die Hand; beide ſchwiegen einige Augenblicke. Das Geſicht dieſer reitzenden Miß hatte ſeine herrlichen Farben verloren, ſie ſchien vernichtet. Ihre ſchwarze Kleidung erhob die krankhafte Weiße ihrer Haͤnde auf's auffallendſte; ſie ſchienen vom reinſten Alabaſter zu ſeyn. In ihrem Anzuge ſchien nichts vernachlaͤſſigt; ihr Haar war zierlich und ſorgſam geordnet, wie immer, aber ohne Schmuck. „Habt Ihr ihn geſehn?“ fragte ſie mit dumpfer Stimme. „Ach nein! man hat mir's verweigert.“ „Sie weichen nicht von ihren Grundſaͤtzen... unterwerfen wir uns.. denkt Ihr morgen dieſe Erlaubniß zu erhalten?“ 36, Vielleicht!“— „Ach! Morgen oder niel ich hoffe,“ fuͤgte ſie hinzu, einen ſchoͤnen Blick gen Him⸗ mel ſendend,„ich hoffe auf's Wiederſehn in einem beſſeren Vaterlande!—— Es waͤre mir lieb geweſen, wenn Ihr ihn in dieſem — 138— Jammerthale noch einmal geſehen haͤttet. Er hat Euch ſtets ſo zaͤrtlich geliebt, wiewohl— es iſt ja unnuͤtz, von der Vergangenheit zu ſprechen— ſelbſt von der Zukunft! wie oft habe ich mir nicht dieſe entſetzliche Cataſtrophe vorgeſtellt, wie oft mich gefragt, ob ich ſie er⸗ tragen koͤnnte?— Ach! und noch war ich weit von der Ahnung dieſer Schreckniſſe ent⸗ fernt!“—— „Liebſte Flora! Euere Seelenſtaͤrke“—— „Iſt Schuld an allem Ungluͤck! o Waver⸗ ley! ein unerſaͤttlicher Geier nagt an meinem Herzen... Tag und Nacht hoͤr' ich eine Don⸗ nerſtimme, die mir ſagt: Unſelige, dieſe See⸗ lenſtärke, auf die du ſo ſtolz wareſt, brachte deinen Bruder auf's Schaffot.. deine gottloſe Hand, ehrgeitzige Schweſter, zerſchnitt den Fa⸗ . den ſeines Lebens!“ „Liebe Flora! beſchaͤftigt Euch doch nicht mit ſo traurigen, leeren grundloſen Gedan⸗ ken?“— „Ihr irrt Euch!.. ſtatt meines Bruders gluͤhende Phantaſie abzukuͤhlen, reichte ich ihr unablaͤſſig neue Nahrung dar; ſein heftiges, ſtuͤrmiſches Gemuͤth haͤtten Zerſtreuungen be⸗ ſaͤnftiget, und ich that Alles, um ihn beſtaͤn⸗ dig nur mit Einer Idee zu beſchaͤftigen. In 4 — — 139— einem Gluthofen ſammelte ich alle Feuerſtralen ſeiner Seele; mit eigenen Haͤnden bereitete ich ihm den Scheiterhaufen, der ihn lebendig verzehrt! Warum ſagt' ich ihm nicht: Bru⸗ der! Wer das Schwert ziehet, wird durch das Schwert umkommen? Warum ſuchte ich ihn nicht mit ſeinem Eigenthume, ſeinen Arbeiten, und einem friedlichen, ſanften Leben zu beſchaͤf⸗ tigen? ich habe ja nicht aufgehoͤrt, ihn anzu⸗ ſpornen, ich habe ſiedendes Oel in eine ver⸗ nichtende Glut gegoſſen.. ich, Waverley, ich bin die Moͤrderinn meines Bruders!“ „Beſte Flora! Ihr ſeyd ungerecht gegen Euch ſelbſt! Denkt, in welchen Grundſaͤtzen man Euch erzogen hat.“ „Ich werde ſie nie vergeſſen!“ verſetzte ſie lebhaft.„Ich beklage mich nicht uͤber den ungluͤcklichen Erfolg ſeines edlen Unternehmens; aber daß ich ihn nicht vorausſah, und meinem Bruder begreiflich machte, daß es ſo, und nicht anders werden mußte.“— „Ihr haͤttet ſeinen Entſchluß nicht aͤndern koͤnnen, durch Euch hat er Alles, was er that, kraftvoller— wuͤrdiger gethan!“ Flora hatte ihre Nadel wieder ergriffen, und ſchien nicht mehr auf ihn zu hoͤren. „Sir Waverley,“ fing ſie nach einer Weile — 140— mit einem fuͤrchterlichen Laͤcheln an,„Ihr erinnert mich, daß Ihr mich eines Tages mit ſeinen Hochzeitgeſchenken beſchaͤftigt glaubtet, heute fertige ich ſein Leichenkleid.— Einer unſerer Freunde wird die Guͤte haben, in ſei⸗ ner Kapelle die blutigen Ueberreſte des letzten Bihe an⸗Vohr beyzuſetzen!— Ach! nur einen Theil!— Nicht einmal die traurige Zufriedenheit wird mir werden, meine Lippen auf die farbenloſe Stirne meines deliehttn Fer⸗ gus zu druͤcken!“ Die ungluͤckliche Flora warf ſich hier in einen Seſſel, und that einen klaͤglichen Schrey. Jetzt trat die Nonne, die im Vorzimmer wartete, wieder ein, und bat Waverley das Zim⸗ mer auf einige Minuten zu verlaſſen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde ward er gerufen, und Miß Flora ſchien ruhiger. Jetzt glaubte 8 daß der Augenblick da ſey, mit ihr von Miß Roſa's Hoffnung zu reden, daß ſie ihre theure Flora als Schweſter betrachten werde. „Meine gute, geliebte Roſa hat mir ſelbſt deßhalb geſchrieben,“ gab ſie zur Antwort,„ich danke Euch beiden innigſt fur Euer freundliches Anerbieten. Ich wollte ihr danken, und ſchrei⸗ ben, daß ich in meiner ſchrecklichen Lage Einen Strahl der Freude gefuͤhlt haͤtte, als ich ihre 8 — 141— giaͤnzenden Ausſichten, und die Freyheit ihres ehrwuͤrdigen Vaters erfuhr. Seyd jetzt mein Dollmetſcher, Sir Waverley, und habt die Guͤte ihr von mir dieſen Diamantſchmuck zu geben, den ich von der Prinzeſſinn empſing. Fuͤr mich ſind dieſe Zierrathen uͤberfluͤſſig. Meine Freun⸗ de haben meine Aufnahme in ein Kloſter der Benedictinerinnen von Schottland zu Paris be⸗ wirkt. Morgen wenn ich da noch unter den Lebendigen bin!— Morgen reiſe ich ab un⸗ ter dem Schutze dieſer ehrwuͤrdigen Schweſter. „Lebt wohl, Sir Waverley, moͤchtet Ihr in Euerer Verbindung mit Miß Roſa das Gluͤck finden, deſſen Ihr beide ſo wuͤrdig ſeyd. Ich hoffe, Ihr werdet Euch zuweilen der Freun⸗ de erinnern, die Ihr verloren habt. So lebt denn wohl, ich darf Euch nicht ſagen, daß jeder wiederholte Beſuch uͤberfluͤſſig ſeyn wuͤrde.“ Hier reichte ſie ihm die Hand, die Waver⸗ ley mit Thraͤnen benetzte; ſchwankenden Schritts ging er zuruͤck nach Carlisle. Sein Gaſtwirth haͤndigte ihm einen Brief des Inhalts ein: er koͤnne morgen fruͤh den Fergus ſehen, ſobald die Thore der Veſtung geoͤffnet waͤren, und bey ihm bleiben, bis der Sheriff das Zeichen zum letz⸗ ten Abmarſch geben werde. ——— — 142— Funfzehntes Kapitel. — Letzter Abſchied. Nachdem Waverley eine traurige, ſchlafloſe Nacht hingebracht hatte, befand er ſich bey gu⸗ ter Zeit auf der Esplanade vor der Gothiſchen Cittadelle von Carlisle. Lange wartete er auf das Oeffnen der Thore, auf die niedergelaſſene Zugbruͤcke und den aufgezogenen Schlagbaum. Er wurde in's Gefaͤngniß des ungluͤcklichen Fer⸗ gus gebracht, welches in einem alten, von Hein⸗ rich VIII erbauten Thurme befindlich war. Als man die Riegel und Schloͤſſer oͤffnete, hoͤrte Eduard das Kettengeklirr, und nur mit Muͤhe bewegte ſich ſein Freund, um in ſeine Arme zu fallen. „Lieber Waverley!“ ſagte er mit ſtandhaf⸗ ter Stimme zu ihm,„wie erkenne ich dieſen Beweis Euerer Freundſchaft! Der gluͤckliche Au⸗ genblick, der ſich fuͤr Euch bereitet, hat mir das groͤßte Vergnuͤgen gemacht! Wie beſindet ſich die liebenswerthe Roſa? Was macht unſer Ori⸗ ginal der Baron? Wird es Euch gelingen den Baͤr, die drey Hermeline und den Stiefelknecht auf ſchickliche Weiſe zu plagiren?“— „O lieber Fergus, wie koͤnnt Ihr in Eue⸗ rer Lage an ſolche Armſeligkeiten denken?“— — 143— „Es iſt freylich wahr, daß wir unter guͤn⸗ ſtigern Zeichen nach Carlisle zogen, den letzt⸗ vergangenen 16ten November, wie ich die weiße Fahne auf dieſe alten Thuͤrme pflanzte; aber ſoll ich denn weinen wie ein Kind, weil mich das Schickſal verrieth? Ich kannte ja die Ge⸗ fahr, der ich mich ausſetzte; ich habe geſpielt, wie man ſagt: Wagen gewinnt, wagen verliert! Soll ich klagen, daß ich verlor? Aber da mir nur wenig Augenblicke uͤbrig bleiben, ſo ſagt mir, iſt der Prinz gerettet? Was iſt aus ihm geworden? Hat er das Gluͤck gehabt den Dol⸗ chen zu entkommen?“ „Gott ſey Dank! er iſt in Sicherheit!“ „Ach! Ihr kuͤhlt mir das Blut! erzaͤhlt, ich beſchwoͤre Euch!“ Waverley erzaͤhlte ihm dieſe unglanbliche Geſchichte, wie man ſie ihm erzaͤhlt hatte; Fer⸗ gus verlohr keine Sylbe, er fragte nach ſeinem Freunden, nach ſeinem Stamme. „Er hat weniger gelitten, als die uͤbrigen,“ ſagte Eduard,„weil er ſich ſobald er ſeinem Haͤuptling verloren hatte, zerſtreute, und alſo nicht unter den Waffen war, als die Inſurre⸗ ction unterlag.“ „Ihr koͤnnt Euch nicht vorſtellen, welche Freude Ihr mir macht,“ ſagte Fergus;„ lieb⸗ 4 — 144— ſter Waverley! Ihr ſeyd reich und großmuͤthig; wenn Ihr je hoͤren ſolltet, daß einer der armen Ivorianer aus ſeiner Huͤtte, durch dieſe Han⸗ noͤveriſchen Haͤſcher verjagt wuͤrde: ſo erinnert Euch, daß auch Ihr einſt das Panzerhemd tru⸗ get, und daß Ihr ſein adoptirter Bruder ſeyd. Der Baron, der ihre Sitten und Gebraͤuche kennt, der nahe bey ihnen wohnt, wird Euch ſagen, auf welche Weiſe Ihr ihnen dienen koͤnnt. Verſprecht den letzten Vich⸗Jan⸗Vohr ihr Be⸗ ſchuͤtzer zu ſeyn.“ Waverley verſprach die Bitte ſeines Freun⸗ des zu erfuͤllen. Er hielt in der Folge ſein Verſprechen ſo gut, daß ſein Gedaͤchtniß noch jetzt in Glennaquoich unter den Namen des Freundes der Kinder Jvor im Andenken iſt.— „Warum ſteht es nicht in meiner Macht,“ ſagte Fergus,„Euch meine Anſpruͤche auf die Liebe und Treue dieſes alten und tapfern Ge⸗ ſchlechts zu vermachen! Warum kann ich mei⸗ nen armen Evan nicht dazu bringen das Aner⸗ biethen nicht auszuſchlagen, das er erhielt. Koͤnn⸗ te er Euch ſeyn, was er mir war, der zaͤrtlichſte, der tapferſte, der aller ergebenſte Freund!“— Die Thraͤnen hinderten ihn fortzufahren.— „Ach,“ ſagte er, indem er ſie trocknete,„Ihr koͤnnt nicht Vich⸗Jan⸗Vohr fuͤr ſie ſeyn! Dieſe t drey magiſchen Worte ſind die Quelle ihrer un⸗ verletzlichen Anhaͤnglichkeit. Der arme Evan wird ſeinen Milchbruder eben ſo heiter auf's Schaffot begleiten als zu einer Luſt⸗Parthie!— „Ich kann Euch verſichern,“ ſprach Maecom⸗ bich indem er ſich von der Erde aufrichtete, wo er ſich hingelegt hatte, aus Furcht ihre Unter⸗ haltung zu unterbrechen;„ich kann Euch ſchwoͤ⸗ ren, daß ich nie etwas anders gewuͤnſcht ha⸗ be, als bey meinem Haͤuptlinge zu ſterben.“ „Weil wir von den Staͤmmen ſprechen,“ ſagte Fergus,„wollt Ihr mir ſagen, was Ihr von der Prophezeihung des Bodch⸗Glas denkt? Dieſe Nacht im ſchwachen Schimmer des Mon⸗ des habe ich ihn wieder geſehen; ohne Zweifel war es ſein letzter Beſuch auf Erden. Was denkt Ihr zu dem allen Waverley? Ich habe meinem Beichtvater, der ein ſehr gefuͤhlvoller aufgeklaͤrter Mann iſt, dieſelbe Fra⸗ ge gethan; er hat mir geantwortet, daß die Kirche die Moͤglichkeit der Erſcheinungen nicht verwuͤrfe, aber er meint, daß mich meine Ein⸗ bildung koͤnne getaͤuſcht haben.“ „Das ſind auch meine Gedanken,“ ſagte Eduard der ſich nicht weiter darauf einlaſſen wollte. IV. r K „ — 126— Der Gelſtliche trat ein, um dem Gefange⸗ nen den Beyſtand der Religion zu geben; Eduard ward nach einer halben Stunde gerufen; ein ſtarkes Detaſchement trat von einem Schloſſer begleitet ein, der die Ketten den beiden Ungluͤck⸗ lichen abnahm. „Mein Freund!“ ſagte Fergus laͤchelnd, „Ihr ſeht, daß man die Kraft und den Muth der Bergleute zu ehren weiß; nicht nur daß man uns wie wilde Thiere in Ketten ſchlug, man ließ uns auch noch von ſechs Mann mit geladenem Gewehre bewachen, aus Furcht daß wir nicht die Cidatelle mit Sturm einnaͤh⸗ men. Hoͤrt Ihr die Trommelſchlaͤge? daß iſt das letzte militairiſche Signal, dem ich gehor⸗ chen werde!... ach! dieſer Name zerreißt meine Seele!“ „Ich verlaſſe Euch nicht,“ ſagte Waverley. Ihr muͤßt, Ihr koͤnnt mich nicht weiter 77 87 begleiten, nicht daß ich meiner nicht gewiß waͤ⸗ re,“ ſetzte er lebhaft hinzu,„aber, liebſter Wa⸗ verley, die Natur hat ihre Qualen wie die Kunſt.... Es iſt nicht ſchwer den Muth und die Kaltbluͤtigkeit eines beherzten Mannes, eine halbe Stunde lang zu erhalten, aber glaubt mir, dieſes Schauſpiel iſt einem Freund uner⸗ traͤglich.— Hoͤrt Ihr die Schritte der Pferde, 8 14⁷ den Lerm des Fuhrwerks? Sie kuͤndigen mir an, daß mir nur wenige Zeit mehr uͤbrig bleibt; in welchem Zuſtande habt Ihr die arme Flora gefunden?“ 4 Waverley ſtattete ihm die genaueſte Nach⸗ richt ab.„Arme Flora!“ rief Fergus,„Dich haͤtte dein Tod nicht erſchreckt, aber der Tod deines Bruders! Eduard Ihr werdet das Gluͤck kennen lernen zu lieben, und gelieht zu ſeyn! Moͤchtet Ihr es lange mit der liebenswuͤrdi⸗ gen Roſa genießen; aber nie werdet Ihr jenes unausloͤſchliche Gefuͤhl kennen, daß zwey un⸗ gluͤckiiche Waiſen vereinigt.. die.. allein auf der Erde einander Alles waren, nur Eine Seele hatten. Ich hoffe, daß meine arme Roſa ſich mit dem Gedanken, daß ich meine Pflicht that, und fuͤr meinen rechtmaͤßigen Koͤnig ſtarb, troͤ⸗ ſten wird; ja! ich weiß es! ſie wird mich unter die Zahl derer aufnehmen von denen ſie ſo gern ſpricht, in die Zahl unſerer Vorfahren.“— „Werdet Ihr ſie nicht ſehen?“ „Mein Freund! ich habe ſie taͤuſchen muͤſ⸗ ſen. Wie haͤtte ich ohne zu weinen von ihr Abſchied nehmen koͤnnen? Ich waͤre in Ver⸗ zweiflung, wenn die Hannoveraner glaubten, es waͤre ihnen gelungen mir Thraͤnen zu entreißen. Wenn Alles vorbey iſt, wird mein Beichtvater . K 2 — 143— die Guͤte haben, ihr dieſen Brief von mir zu⸗ zuſtellen.“ Ein Officier kam, um den oberſten Sheriff anzukuͤndigen, der die Verurtheilten an dem Thore der Cittadelle erwartete. „Ich folge Euch!“ ſprach Fergus, den Arm ſeines Freundes ergreifend. Er ging, mit feſtem Schritte, von dem Beicht⸗ vater und Maccombich begleitet. Der Hof war mit einer Escadron Dragoner, und einem Ba⸗ taillon Infanterie beſetzt. In der Mitte ſtand der fatale, ſchwarz gemalte Karren, mit zwey Schimmeln beſpannt. Ruͤckwaͤrts ſaß der Scharfrichter mit dem Beil auf der Schulter. Vor den Gothiſchen Bogen der Zugbruͤcke, be⸗ fand ſich der oberſte Sheriff und ſein Gefolge, weil ihm das Herkommen nicht erlaubte weiter zu gehen, ohne die Rechte der Militairgewalt zu beeintraͤchtigen. „Iſt Alles in Ordnung?“ fragte Fergus mit veraͤchtlichem Laͤcheln. „Das ſind die ſchoͤnen Kerls!“ rief Mac⸗ combich lebhaft,„die ſo gut auf der Halde ga⸗ loppirten; wie drohend und fuͤrchterlich ſie aus⸗ ſehn! ich haͤtte Luſt deren ein Dutzend zu er⸗ wuͤrgen!“ Der Geiſtliche verwies ihn zu friedli⸗ chern Geſinnungen. Er ſprach:„Vergebet Euern — 149— Feinden, wenn Ihr wollt, daß Euch der Vater im Himmel vergeben ſoll!“ „Nu ja ich vergebe den feigen Schurken! Ach! haͤtt' ich nur mein Schwerd!“ Der Karren nahte ſich; Fergus kuͤßte ſeinen Freund auf's Zaͤrtlichſte und ſtieg leicht hinauf⸗ eben ſo geſchwind ſet te Evan ſich neben ihn. Der Geiſtliche ſtieg in den Wagen eines Edelmanns, bey dem Flora jetzt wohnte. Fergus reichte Wa⸗ verley'n die Hand; die Reihe ſchloß ſich und das Gefolge ſetzte ſich in Marſch. An dem Thore der Cittadelle wurde angehalten, weil der Com⸗ mandant und der Sheriff eine Cerimonie abzu⸗ thun hatten: die Militaͤrgewalt mußte nemlich die Verurtheilten der buͤrgerlichen Gewalt uͤber⸗ geben.—„Es lebe der Koͤnig Georg!“ rief der oberſte Sheriff. Fergus erhob ſich, legte die Hand auf's Herz und ſchrie mit ſtarker Stimme:„Es lebe der Koͤnig Jacob! unſer rechtmaͤßiger Monarch!“— Dieſes waren die letzten Worte die Eduard ſeinem Freunde ſpre⸗ chen hoͤrte.— Der Zug ſetzte ſich wieder in Marſch, und verſchwand ſogleich. Eduard blieb allein im Hofe, und ſchien verſteinert. Eine Magd des Commandanten hieß ihn voll Milei⸗ den, ſich zu ihren Herren begeben und niederſetzen. Sie wiederholte mehreremal ihre Einladung, — 150— ohne Antwort zu erhalten. Endlich kam er zu ſich, dankte dem guten Maͤdchen ſchweigend; druͤckte den Huth tief in die Augen und ſtuͤrzte fort. Er kam in ſeinen Gaſthof, ſchloß ſich in ſein Zimmer und verboth alle Stoͤhrung. Nach Verlauf einer Stunde, die ihm ein Jahrhun⸗ dert ſchien, hoͤrte er den Lerm der Trommeln und Pfeifen und der Stimmen der Menge, die vom Richtplatze zuruͤckkam, verkuͤndigte ihm, daß nun Alles vorbey ſey. Ich wage es nicht, ſeine Gefuͤhle zu ſchildern. Den Abend meldete ihn der Geiſtliche, daß Fergus ihm beauftragt habe zu ſagen, daß er ihn bis zu ſeinem letzten Seufzer zaͤrtlich geliebt habe. Er ſagte auch, daß er Floren ge⸗ ſehen, und ſeit ſie wiſſe, daß Alles beendet ſey, ruhiger gefunden haͤtte, daß ſie morgen mit Schweſter Thereſen abzureiſen hoffe, um ſich in den naͤchſten Seehafen zu begeben, und nach Frankreich einzuſchiffen. Eduard gab dieſem wuͤrdigen Geiſtlichen einen Ring von Werth, und eine ſtarke Summe, die jaͤhrlich zu guten Werken angewendet werden ſollte; er dachte mit Recht Flora wuͤrde ihm dafuͤr Dank wiſſen. Mit Anbruch des andern Tages verließ Eduard Carlisle und gelobte nie wieder den Fuß hin⸗ ein zu ſetzen. — 151— Sechszehntes Kapitel. Wie ſüß iſt es das Vaterhaus wie⸗ derzuſehen! Der Eindruck des Schreckens, welchen der Auf⸗ enthalt zu Carlisle auf Eduarden gemacht hatte, verwandelte ſich nach und nach in tiefe Schwer⸗ muth. Sein Brief, den er an Miß Roſa zu ſchreiben hatte, zeigte davon, und weit entfernt ſeine ſchmerzlichen Gefuͤhle ihr zu verbergen, ſuchte er ſte nur in milderndem Lichte darzu⸗ ſtellen. Er ſchrieb indeß immer beruhigter an ſie. Allein, wenig geſtimmt, auf die Schoͤn⸗ heit der Natur wie ſonſt bey ſeinem Reiſen zu achten, kam er, ſo zu ſagen, nach Hauſe, ohne es zu bemerken. Der Anblick ſeiner fruchtba⸗ ren, mit reichen und gemaͤchlichen Wohnungen bedeckten Felder zerſtreute ſein truͤbſinniges Nach⸗ denken. Seine Seelenkraͤfte wurden neu be⸗ lebt, als er auf die Beſitzungen ſeiner Ahnen kam, und ſich den alten Eichen von Waverley s Gehaͤge naͤherte. Mit welchen Entzuͤcken zeigte ihm ſeine Ein⸗ bildungskraft die angenehmen Spaziergaͤnge, die er hier mit Roſen machen wuͤrde! Die Thuͤrme des Schloſſes ſtellten ſich ſeinem Augen dar, — 152— und bald befand er ſich in den Armen ſeiner zaͤrtlichen Verwandten. Das Gluͤck dieſes Vereins wurde durch keine Vorwuͤrfe getruͤbt. Trotz aller Unannehmlich⸗ keiten, die Sir Eberhard und Miß Rahela wegen ihm erduldet hatten, ſo ſtimmte doch ſein Entſchluß, ſich in Dienſt des Prinzen zu bege⸗ ben, zu genau mit ihren eignen Grundſaͤtzen uͤberein, als daß ſie ihn haͤtten tadeln ſollen. Der Obriſte Talbot hatte den Weg gebahnt, indem er ſeinen Muth, ſeine Tapferkeit, und ſeine bey Preſton erwieſene Großmuth erhob. Sir Eberhard und ſeine Schweſter waren ent⸗ zuͤckt, wenn ſie ſich ihren Neffen ſtreitend gegen einen ſo beruͤhmten tapfern Officier dachten, wie er ihn gefangen nahm, und das Leben rettete und in ihren Enthuſiasmus ſetzten ſie ihn den Wilbarts, Hildebrande, und Nigel, jener vor⸗ zuͤglichen Helden ihres Geſchlechts zur Seite. Die Strapatzen hatten ſein Geſicht gebraͤunt, und ihm einen ſtaͤrkern, maͤnnlichern Ausdruck gegeben; ſein Wuchs hatte ſich vollendet; Alles an ihm kuͤndigte Kraft und Geſundheit an. Die Bewohner von Waverley konnten ſich nicht ſatt an ihm ſehen. Herr Pembrocke wuͤnſchte ihm Gluͤck, daß er das Gluͤck gehabt habe fuͤr die Vertheidigung der Engliſchen Kirche zu ſtrei⸗ — 153— ten, und warf ihm ſanftmuͤthiger Weiſe die we⸗ nige Sorgfalt vor, die er fuͤr ſeine koͤſtlichen Manuſcripte gehabt habe.—„Euere Unvor⸗ ſichtigkeit,“ ſagte er,„hat mir viel Unannehm⸗ lichkeit zugezogen. Als Sir Eberhard auf Be⸗ fehl der Regierung verhaftet ward, ward ich genoͤthigt mich in der heiligen Grotte zu ver⸗ bergen, die ſtets die Zuflucht der Schloßkapel⸗ lane geweſen iſt. Der Kellermeiſter wagte ſich des Tages nur einmal hin, und oft mußte ich meine Mahlzeit kalt einnehmen, und mein Bette war wohl drey Tage nicht gemacht. „Ach!“ ſagte Eduard bey ſich ſelbſt,„der Baron von Bradwardine war nicht ſo gluͤcklich in ſeinen Patmos. Er lag auf Stroh, aß grobe Speiſen mit der alten Hanna, und hat ſich nie beklagt.“ Er enthielt ſich aber jeder unange⸗ nehmen Bemerkung gegen den alten Lehrer. Alles war im Schloß wegen den Hochzeit⸗ anſtalten in Bewegung. Herr Clippurſe ward hinberufen, und kam in glücklicherer Zeit als damals, wovon wir zu Anfang unſrer Geſchichte geſprochen haben. Da er ſchon alt war, hatte er ſich— um mit dem Nachahmern Juve⸗ nal's zu ſprechen, in Herrn Hockem, ſeinen Neffen—„einen jungen Greif zugelegt.“ Sir Eberhard ließ eine Donation mit ſo vieler Frey⸗ „ — 134¾— gebigkeit aufſetzen, als haͤtte ſein Neffe die Toch⸗ ter eines Herzogs oder Pairs geheirathet. Der Brief, den er an den Baron ſchrieb, konnte als ein Muſter der Beredſamkeit gelten, und Miß Rahela ſpielte in dem zartſinnigſten Gluͤckwuͤn⸗ ſchungsbriefe, geſchickter Weiſe darauf an, wie ihre Diamanten in Donalds Hände gekom⸗ men waren, und bat Miß Roſa einen kieinen Schmuck, von geringem Werth anzunehmen; der aber in der Wirklichkeit einer Prinzefſinn rdig war. Auch Job Houngton, der ſich'’s nicht ausre⸗ den ließ, daß ſein Sohn an der Seite ſeines jungen Herrn gefallen ſey, ward reichlich von Sir Eberhards Freygebigkeit bedacht. Es dauerte uͤber einen Monath ehe Wa⸗ verley, trotz aller Betriebſamkeit ſeine Begna⸗ digung erlangen und nach Duchram abreiſen konnte, um die wichtige Sache zu beſchließen, die ihn Tag und Nacht beſchaftigte. Endlich war er ſo gluͤcklich, ſeine geliebte Roſa wieder zu ſehen. Das Vermaͤhlungsfeſt ward in acht Tagen feſtgeſetzt. Der Baxon, für den Trauungen, Taufen und Begraͤbniſſe die hoͤchſten Familienfeyerlichkeiten waren, aͤr⸗ gerte ſich, als er nach Berechnung aller Gaͤſte, deren kaum dreyßig mit den Mitgliedern der 11 —— — — 155— Familie Duchram zuſammen brachte.—„Bey meiner Hochzeit, ſagte er ſeufzend,„ward ich von dreyhundert Edlen zu Roß begleitet, de⸗ nen ihre Diener folgten ohne das Gefolge zwey bis dreyer Haͤuptlinge zu zaͤhlen; was mich aber beruhigt,“ fuͤgte er hinzu,„das iſt daß mein Schwiegerſohn und ich nur eben erſt die Waffen gegen die Regierung trugen; ſie koͤnnte erſchrecken, oder ſich wenigſtens fuͤr beleidigt halten, wenn ſie unſere Freunde vereinigt un⸗ ter den Waffen erblickte. Ach! wie viele der⸗ ſelben, denen dieſer Tag ſo ſchoͤn erſcheinen wuͤr⸗ de, ruhen nicht jetzt in einem gluͤcklichern Auf⸗ enthalt, als unſer ungluͤcklicher Globus iſt, oder ſeufzen fern von ihrem Vaterlande!“ Der ehrwuͤrdige Sir Rubrick, Verwandter des Edlen von Duchram, und Kapellan des Barons, ertheilte zur beſtimmten Zeit dem Brautpaare den Segen der Kirche. Franz Stan⸗ ley ſtellte den Vater ſeines Freundes Waverley vor. Der Obriſte Talbot und ſeine Gemahlinn hatten Willens gehabt dabey zu ſeyn, aber Lady Emiliens Geſundheit erlaubte dieſe Reiſe nicht. Sie ſchrieben aber den Neuvermaͤhlten, um ſie und den Baron zu bitten erſt dann nach Schloß Waverley abzureiſen, wenn ſie ihnen die Freun⸗ ſchaft wuͤrden erzeigt haben, ſie auf einem Land⸗ — 156— gute zu beſuchen, welches der Obriſte in Schott⸗ land gekauft habe.* 4 Siebenzehntes Kapitel. Hhl u ß. Die Neuvermaͤhlten begaben ſich mit einem glaͤnzenden und zahlreichen Gefolge auf den Weg. Sir Eberhard hatte eine Kutſche von hoͤchſter Eleganz mit ſechs Pferden; ihre reichen Zier⸗ rathen verblendeten faſt die Augen der zum Feſte geladene Edelleute. Dann kamen die Kut⸗ ſchen des Herrn Rubrick, einzig fuͤr die Damen beſtimmt, denn die Maͤnner reiſten zu Pferde. Ohne Hungersnoth zu beſorgen, kam der Amt⸗ mann dem Zug entgegen, und bat um die Ehre durch Klein⸗Tully⸗Weolan zu gehen. Der Baron dachte uͤber eine hoͤfliche, abſchlaͤgliche Antwort nach, um den armen Macvheeble ei⸗ nes ſo koſtſpieligen Beſuches zu uͤberheben. „Deß bin ich ſehr froh,“ ſagte er,„daß Euch der neue Beſitzer der Herrſchaft, Euere Stelle gelaſſen hat; es iſt mir ein großer Troſt.“ Tief verbeugte ſich der Amtmann, und erneuerte ſeine — y——— 4— 157— Einladung. Der Baron, obgleich uͤber ſeine Beharrlichkeit verdrießlich, mußte ſie annehmen, um das Feſt nicht zu ſtoͤren. Er flel in ein tiefes Nachdenken, als er ſich dem Eingang nahete. Wie groß war ſein Erſtaunen, die Thuͤrme wieder hergeſtellt, und die beiden Baͤren an ihrem gewoͤhnlichen Platze zu ſinden. „Der neue Beſitzer,“ ſagte er zu ſeinem Schwiegerſohne, muß ein Mann von Geſchmack ſeyn. Er hat mehr in ein paar Monathen ge⸗ than, als der unwuͤrdige Malcolm in zwanzig Jahren gethan haben wuͤrde. Aber, ich irre mich nicht, ich ſehe den armen David, er hat meine beiden Hunde an der Koppel; es waͤre wohl beſſer, man ginge ihm entgegen!“ „Ich glaube der Obriſte Talbot iſt im Schloß,“ ſagte Waverley,„und erwartet die Ehre Eue⸗ res Beſuches.“ Der Baron fuͤhlte daß er in dieſem Augen⸗ blick ſeine Seelenſtaͤrke zu beweiſen habe; allein er ſeufzte, und nahm langſam eine Priſe Ta⸗ back. „Kommt,“ ſagte er,„ich werde erfreut ſeyn, den neuen Herrn meiner alten Lehnsleute ken⸗ nen zu lernen, und ihm dieſe wackern Leute zu empfehlen.“ Er ſtieg ab, und die andern auch; ſeiner — 158— Tochter den Arm gebend, machte er ſich auf den Weg, und konnte nicht begreifen, wie man ſo viele Reparaturen in ſo kurzer Zeit gemacht haben koͤnne. Wirklich bemerkte man nirgends ein Zeichen der Verheerung, und die angebrach⸗ ten Veraͤnderungen konnten nur von den Per⸗ ſonen bemerkt werden, die zuvor hier gewohnt hatten. Gellatley's Kleidung hatte dieſelbe Um⸗ aͤnderung erfahren; er war wieder in altem Koſtuͤm; aber von viel feinerm Zeuche. Er fing an, wie gewoͤhnlich zu tanzen, erſt um den Baron, dann um Roſa, und beſtrebte ſich ihnen ſeinen Anzug zu zeigen:„Davidchen iſt ſchoͤn!“ recht ſchoͤn!“ wiederholte er verſchiedentlich,— aber es ſchien ihn unmoͤglich in ſeinem Kopf ein einziges von den tauſend Liedern zu finden, die er auswendig wußte, ſo freudetrunken war er. Auch die Hunde ſprangen mit unendlichen Liebkoſungen um ihren Herrn. „Auf Ehre!“ ſagte der Baron zu ſeiner Tochter,„die Erkenntlichkeit dieſes armen Un⸗ ſchuldigen und dieſer Thiere entreißt mir Freu⸗ denthraͤnen, und haͤlt mich vollkommen ſchadloß wegen Malcolms groben Undank. Wie viel Dank bin ich dem Obriſten Talbot nicht ſchuldig, daß er die Herrſchaft gekauft, und an allem, was mir werth iſt, ſo viel Antheil genommen hat, aber 7 4 —— liebes Kind wir ſollen ihm nicht lange ſo viel Ungelegenheit machen!“ Kaum war er mit ſeiner Phraſe zu Ende, als Lady Emilie, am Arme ihres Gemahls, erſchien, ſie alle an der erſten Thuͤr unter lebhaften Freudenbezeugungen zu empfangen: „Seyd tauſend⸗tauſendmal willkommen in die⸗ ſer alten Behauſung Euerer Ahnen! Ich hoffe⸗ Ihr werdet mir verzeihen, daß ich mich ſo ungeſchickt benahm, Euch an einen Ort Pn ziehn, der unangenehme Erinnerungen fuͤr Ene S. haben kann; aber da er den Herrn wechſel n ſoll, ſo glaubten wir, der Herr Baron... „Milady!“ rief dieſer lebhaft,„ich bitte— ſagt nur Sir Bradwardine.“ „Wir glaubten,“ fuhr Lady Emilie fort, „daß Sir Bradwardine und Sir Waverley die Art und Weiſe nicht ganz ungern ſehen wuͤrden, wie wir das Schloß ſeiner Voraͤltern wieder herzuſtellen geſucht haben.“ Der Baron verbeugte ſich ehrfur chtsvoll. Als ſie in den Hof kamen, fanden ſie Alles, wie er es verlaſſen hatte, als er einige Mo⸗ nathe zuvor zu Felde zog, ausgenommen die völlig abgebrannten Staͤlle, die durch ein ge⸗ maͤchliches und wohl ausſehendes Gebäude er⸗ ſetzt waren. Der Taubenſchlag war auf's ſorg⸗ — 160— faͤltigſte hergeſtellt; der Springbrunnen gab mit gewoͤhnlichem Ueberfluß Waſſer, und nicht al⸗ lein der Baͤr uͤber dem Waſſerbecken, ſondern auch ſeine zahlreiche Familie war wieder da. Eben ſo wenig waren das Innere des Schloſſes, die Terraſſe und die Gaͤrten vergeſſen. Der Baron verſank in Nachdenken, und konnte ſich von ſeiner Verwunderung gar nicht erholen. „Ich kann Euch nicht genug fuͤr die Guͤte danken,“ ſagte er,„daß Ihr Euch ſo ſorg⸗ ſam mit der Herſtellung meines Geſchlechts⸗ wappens beſchaͤftigt habt; aber erlaubt mir, Euch mein Erſtaunen zu bezeigen, daß Ihr es dem Eurigen vorgezogen habt. Die Sinnbil⸗ der Eueres Wappenſchildes, Obriſter Talbot, ſind zwey Doggen, die Sinnbilder der Staͤrke und der Treue.“ „Ich hoffe,“ erwiederte dieſer,„unſere Hunde jagen gut zuſammen; wenn ſich meine Dogge den mindeſten Vorzug einfallen ließe jagte ich ſie ſogleich fort.“ Der Baron ſchnupfte abermals Taback, eh⸗ er mit allen uͤbrigen in's Schloß trat; ein Theil der Geſellſchaft war auf der Terraſſe ge⸗ blieben, um einen Laubbogen, mit ſeltnen Pflan⸗ zen beſetzt, zu bewundern. 161 Der Baron ſing das Geſpraͤch wieder an: „Es iſt doch wohl eine Phantaſie, Obriſter, daß Ihr mein Wappen dem Eurigen vorgezo⸗ gen habt? Ich habe mehrere Euerer Landsleute, Edle von hoher Geburt und voll Ehrgefuͤhl ge⸗ kannt, die ſich kein Gewiſſen machten das Wap⸗ pen ihrer Vaͤter umzuaͤndern; aber ich wieder⸗ hole es Euch, die Dogge iſt ein hoͤchſt ehrenvol⸗ les Zeichen, ſo wie auch das Wappen meines jungen Freundes Stanley: Ein Adler uͤber ei⸗ nem Kinde ſchwebend.“ „ Ja, ja ich ſeh's!“ rief Stanley, ich ſtam⸗ me von den ſchoͤnen Ganymod ab.“ „Kleiner Boshafter!“ ſagte der Baron, und kniff ihn leicht in's Ohr,„Du wiuſt ge⸗ zuͤchtigt werden!“ Er hatte dieſen Juͤngling ſehr lieb gewon⸗ nen, ohne Zweifel, weil er ihn immer wieder⸗ ſprach. „Dem ſey wie ihm wolle, Obriſter!“ ſetzte er hinzu,„ich wuͤnſche herzlich, daß dieſes Ei⸗ genthum ſo lange bey Euerer Familie bleibe, als es im Beſitze der meinigen geweſen iſt. „Ich danke Euch fuͤr den großmuͤthigen Wunſch.“ „Obriſter, aber erlaubt mir Euch mein Er⸗ ſtaunen zu bezeigen, daß, da Ihr— wie ich mich IV. L — 162— aͤberzeigt habe, als ich die Ehre hatte, Euch in Edinburg zu ſehen!— Euer Vaterland ſo zaͤrtlich liebt, Euch habt entſchließen koͤnnen, Euere Penaten zu verpflanzen; procul à patri- zs finibus Euch freywillig zu verbannen?“— „In der That, lieber Baron, ich weiß ſelbſt nicht wie? Ich weiß nicht wie ich mich von den beiden jungen Thoren, Waverley und Stanley und von meiner Emilie, die faſt nicht vernuͤnf⸗ tiger iſt, wie ſie, habe verleiten laſſen koͤnnen, eine Rolle zu ſpielen, die Euer und meiner un⸗ werth iſt. Ein Krieger ſoll nie ſeinen Kame⸗ raden taͤuſchen. So hoͤrt alſo, daß ich eine ſolche Liebe zu meinem Vaterlande beybehalte, daß die Summe, die ich zu Erlangung dieſer Herrſchaft vorgeſchoſſen habe, auf ein kleines Guͤtchen hypothecirt iſt, das Baͤrenwalde heißt, und deſſen Hauptannehmlichkeit fuͤr mich darin beſteht, daß es nur wenig Meilen vom Schloſſe Waverley entfernt liegt.“. „Um's Himmels Willen, ſagt mir doch wie der Eigenthuͤmer dieſer Herrſchaft heißt?“ „Dieſe Erzaͤhlung kommt Herrn Macvheb⸗ le zu.“ Der Amtman, der waͤhrend dieſes Ge⸗ ſpraͤchs kaum ſeine Faſſung erhalten konnte,, trat mit triumphirenden Blick hervor: und ſagte: — 163— „Ich kann Euch ſogleich zufrieden ſtellen.“ Er zog ein Packet Papier aus ſeiner Taſche, und oͤffnete das Siegel mit zitternder Hand.„Hier,“ ſagte er,„iſt eine gute Acte in beßter Form, unterzeichnet von Bradwardine Malcolm, aus welcher hervorgeht, daß er zu ſeinem Nutzen in Sterlingspfunden veraͤußert, cedirt und ver⸗ kauft hat, die Freyherrſchaft von Bradwardine, Tully⸗Weolan mit allen Gerichtsbarkeiten.“— „Ich bitte Euch, kommt zur Sache, das wiſſen wir auswendig!„rief der Obriſte. „Erwaͤhnter Malcolm hat eine Rechte na⸗ mentlich uͤbertragen,“ fuhr der Amtmann fort, „auf die Perſon des Cosmus⸗Comines Brad⸗ wardine, fuͤr heute und ewige Zeiten, aller Ruͤckforderung entſagend.“ „Macht's kurz Herr Amtmann!“ „Herr Obriſter auf Ehre, ſo kurz als ichs vermag.. hat uͤbertragen und aͤbertraͤgt alle ſeine Rechte— Herrn Herrn conditio ains qua non.“** „Wahrhaftig lieber Macvheeble, ein Ruſ⸗ ſiſcher Winter gehoͤrte dazu che Ihr fertig wuͤr⸗ det. Erlaubt mir, Euch weiter zu helfen:— Herr Bradwardine! Ihr ſeyd von neuem der freye Eigenthuͤmer aller Eurer Familien Guͤter; L 2 — 164— die nur mit der geringen Summe belaſtet ſind, um welche ſie der Verkaͤufer abtrat.... „Ihr ſcherzt, Obriſter!... eine geringe Sum⸗ me!— fragt meine Regiſter.“ „Dieſe Summe kommt von Hr. Waverley, und dem Kaufgelde ſeines mir uͤberlaſſenen vaͤ⸗ terlichen Gutes, ſie conſtituirt die Mitgift Eue⸗ rer Tochter.“— „Und ich habe Sorge getragen,“ ſetzte der Amtmann hinzu,“ die Acte der Donation vor der Ehe zu vollziehen, weil ihr wißt, daß die Donationen inter viram et uxorem Es wuͤrde ſchwer zu entſcheiden ſeyn: ob der gute Baron zufriedener war das Erbe ſei⸗ ner Vaͤter wieder zu erlangen, oder die zartſin⸗ nige Aufmerkſamkeit zu fuͤhlen, mit dem er nun zum Herrn derſelben auch nach ſeinem Tode geworden war. Nachdem ſich der Sturm ſeiner Freude ein wenig gelegt hatte, richtete ſich ſein erſter Gedanke auf den unwuͤrdigen Verwandten der gleich Eſau, das Recht der Erſt⸗ geburt um ein Linſengericht verkaufte. „Wer iſt der Koch deſſelben geweſen?“ rief der Amtmann,„Euer gehorſamſter Diener Ma⸗ cvheeble. Ich war oft bey ihm, trank mit ihm, erzaͤhlte ihm von den entſetzlichen Vexationen, die wir von den Jvorianern zu leiden haͤtten, von ihren Drohungen Alles auszurotten. Eine nur mit Pulver geladene Flinte, zu rechter Zeit losgeſchoſſen, entledigte uns ſeines Geſchaͤfftstraͤ⸗ gers. Ich machte im Namen des Obriſten ei⸗ nen Antrag, ich beharrte auf der Gefahr einen ſo genauen Freund Sr. koͤnigl. Hoheit des Her⸗ zogs von Cumberland abzuweiſen; ich fuͤhrte ihm Leute an, welche die Contributionen ganz ruinirt hatten.— „Als Ihr Kriegs⸗Commiſſair waret,“ ſagte der Obriſte.. „Sprecht doch nicht vom Kriege, die Haut ſchauert mir, und ſelbſt der Herr Baron.—— Dieſer erwachte, wie aus dem Traume, nahm den Amtmann beym Arm, fuͤhrte ihn an's Fen⸗ ſter und gab ihm Pergamente.—„Ew. Gna⸗ den ſollen nicht lange warten, es wird ſogleich ausgefertigt ſeyn!“ ſagte dieſer. „Ja, Herr Macvheeble eine ganz klare, ein⸗ fache Donation fuͤr die beiden Eheleute und de⸗ ren maͤnnliche Erben... wenn Gott ihnen meh⸗ rere Jungen gibt, ſo ſoll der Nachgeborne den Namen Bradwardine tragen, ohne einen andern annehmen zu duͤrfen, und keine andre Wappen führen.“ Der Baron ward jetzt eingeladen dem Feſte fuͤr ſeine neuen Gaͤſte vorzuſtehen, un⸗ ter denen ſich der Major Melville, der ehrwuͤr⸗ dige Sir Morton, und mehrere Edle aus der Nachbarſchaft befanden, welche gekommen wa⸗ ren ihm Gluͤck zu wuͤnſchen.“ Das Freudengeſchrey der Landleute ließ ſich im Hofe hoͤren. Herr Sanderſon, der ſich ſeit mehreren Tagen auf der Tortur befand, das Geheimniß zu bewahren, hatte es jetzt ſchleu⸗ nigſt im Dorfe ausgebreitet. Eduard empfing den Major mit vieler Hoͤflichkeit, Sir Mor⸗ ton aber auf's zaͤrtlichſte. Der Baron ſchien verlegen, wie er ſeine Gaͤſte an einem ſolchen Feſttage bewirthen ſollte, aber Lady Emilie zog ihn aus ſeiner Unruhe. „Ich bin nicht ſo anmaßend,“ ſagte ſie, „Lady Waverley'’s Platz erſetzen zu wollen, in⸗ deſſen hoffe ich, Ihr werdet mit den Anſtalten die ich gemacht habe, zufrieden ſeyn; ich habe mein Moͤglichſtes gethan, daß ſie der durch ihre großmuͤthige Gaſtfreundſchaft ſo beruͤhmten Fa⸗ milie Bradwardine nicht ganz unwuͤrdig ſind. Der Baron war uͤber dieſe gute Nachricht hoch erfreut; er nahm eine Galanterie an, die aus der Offenheit eines Schottiſchen Lehns⸗ herrn und der Zierlichkeit eines Franzoͤſiſchen Officiers beſtand. Er reichte der ſchoͤnen Frau den Arm, die, wie er ſagte, Balſam in ſeine — 167— Wunden goß, um ſie in den Speiſeſaal zu be⸗ gleiten. Mit Sanderſons Huͤlfe war daſelbſt Alles ſo eingerichtet, daß man nicht glauben konnte, es habe eine Veraͤnderung ſtattgefunden. Die neuen Geraͤthe waren alterthuͤmlich eingerich⸗ tet, und verurſachten, daß dem Baron die Au⸗ gen uͤbergingen; ein großes Gemaͤhlde ſtellte Fergus und Waverley in hochlaͤndiſcher Tracht in dem Augenblicke vor, wo der Stamm herun⸗ ter kam ſich in Schlachtordnung auf der Halde von Preston zu ſtellen. Dieſes Gemaͤlde war nach einer Skizze, die ein junger Franzoͤſiſcher Zeichenmeiſter bey'm Heere des Prinzen, an Ort und Seelle entworfen hatte, von einem der er⸗ ſten Mahler in London ausgefuͤhrt, ſo daß es durch die Kuͤhnheit des Entwurfs, die Wahr⸗ heit der Gegend, und den Ausdruck der Per⸗ ſonen, als Meiſterſtuͤck gelten konnte. Der gluͤ⸗ hende, ſtuͤrmiſche Charakter des ungluͤcklichen Haͤuptlings, contraſtirte auffallend mit dem duͤ⸗ ſtern, ſchwermuͤthigen Ausſehn ſeines Freundes. An der Seite dieſes Gemaͤhldes hingen die Waf⸗ fen, welche Eduard in dem ungluͤcklichen Buͤr⸗ gerkriege getragen hatte. Der Baron erſuchte Lady Emilien ſehr ar⸗ tig, die Wirthinn bey der Tafel zu machen, — 168— um der jungen Frau einen Unterricht in der Anmuth zu ertheilen. Herrn Morton bat er, als Fremder, das Tiſchgebet zu ſprechen, und Herrn Rubrick, Gott zu danken, daß er das Gluͤck habe, ſich wieder im Hauſe ſeiner Vãaͤ⸗ ter zu befinden. Das Mahl war vortrefflich; und die Kel⸗ ler des Barons ſo neu belebt, daß er glauben außte, niemand habe ſeinen Vordeauxer von 713 angeruͤhrt. Der Baͤr des Springbrun⸗ nens hatte die Gefaͤlligkeit mehrere Stunden zum Gebrauche der untern Claſſe Branntwein zu ſpenden. Als man abgeraͤumt hatte, ſchien der Baron uͤber den Toaſt, den er auszubrin⸗ gen hatte verlegen, und warf einen betruͤbten Blick auf den Schenktiſch, der nech groͤßten⸗ theils mit ſeinem Silberwerk beladen war. „Ich danke denen aufrichtigſt,“ deren großmuͤ⸗ thige Vorſorge ſo kraͤftig beitrug mir meine Be⸗ 1 1 ſitzungen zu erhalten. Aber indem ich dieſen — 5. 2 3.. Toaſt des Dankes ausbringe, kann ich mich nicht enthalten, ein Familiengeraͤth zu bedauern, vas potatorium... t Man klopfte ihm hier leiſe auf die Schul⸗ ter, er kehrte ſich um, und ſah in den Haͤnden Alexanders ab Alexandro den beruͤhm⸗ — 169— ten Kelch von Sam Dulhat, den geſegneten Baͤr von Bradwardine. Man denke ſich ſein Erſtaunen, ſeine Freu⸗ de!—„Auf Ehre,“ rief er,„nie gab es eine liebenswuͤrdigere, wohlthaͤtigere Fee, als Lady Emilia!“ „Ich bin erfreut,“ ſagte der Obriſte Tal⸗ bot,„daß ich das Gluͤck hatte Euch dieſes ale terthuͤmliche Familiengeraͤth wieder zu verſchaf⸗ fen, um Euch dadurch einen Beweiß geben zu koͤnnen, welchen zaͤrtlichen Antheil ich an der Familie meines jungen Freundes nehme. Da⸗ mit Ihr aber meine Emilie nicht etwa der He⸗ rerey beſchuldigt— was ihr in Schottland ei⸗ nen uͤblen Namen geben koͤnnte— ſo muß ich Euch ſagen: daß Euer Freund Stanley, der nach Eduards wundervollen Erzaͤhlungen von nichts als Waͤmſern, Panzerhemden, Plaids und Clay⸗ mores traͤumte, beſtaͤndig von den Sitten der Hochlaͤnder, und ihren Geraͤthen ſprach, uns eine Beſchreibung von dieſen außerordentlichen Becher machte. Mein Dien. Spootow, der wie alle edle Sold en wenig ſpricht, und viel thut, ſagte mir, d. er dieſen Becher in den Haͤnden der Mißtriß Naſc⸗e geſehen zu ha⸗ ben glaubte, die neuerlich in einer Troͤdelbude angeſtellt, ihren gewonnenen Erwerb in den — 170— Pebten Unruhen zu Gelde machte, und der auch ie Soldaten die koͤſtlichen Dinge braͤchten, die i Beute gemacht hatten. Ihr koͤnnt leicht denken daß der Becher bald gekauft war, und ich werde mich ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn er dadurch und daß der Obriſt Talbot dazu beytrug ihn zu erſetzen, nichts bey Euch verliert.“ Die Thraͤnen des Barons ſtuͤrzten in den Wein, den er in dieſen Familienkelch goß, um den Toaſt des Danks dem Obriſten Talbot zu bringen; dann trank er auf das beſtaͤndige Gluͤck des untadelichen Hauſes Waverley und Brad⸗ wardine. Nie kam ein Wunſch aus aufrichtigerer Seele, nie ward einer vollkommener erhoͤrt! —— Willkuͤhrlicher Nachſatz, der als Vorrede dienen ſollte. Lieber Leſer! nun iſt unſre Reiſe geendet, und wenn Dich waͤhrend der langen Bahn nie die Geduld verließ: ſo muß ich geſtehn, daß Du Deine Verbindlichkeit hoͤchſt treu erfuͤllt haſt. Aber, ſo wie die Poſtillione nicht allein mit großmuͤthiger Bezahlung zufrieden ſind, ſon⸗ dern noch immer ganz demuͤthig ein Trinkgeld fordern, ſo bitte ich Dich auch, Deine Gefaͤl⸗ ligkeit durch Leſung dieſes kleinen Nachſatzes zu kroͤnen. Uebrigens kannſt Du auch, ohne auf meine Bitte zu achten, das Buch zu machen, wie man vor einem unbeſcheidnen Bettler die Thuͤr zumacht. Dieſes Kapitel haͤtte als Vorrede ſtehen ſollen, aber zwey Urſachen veranlaßten mich, ihm dieſen Platz zu geben. Erſtens weiß ich, daß die Romanleſer— ich weiß es aus eigener — 172— Erfahrung!— ſich kein Gewiſſen daraus ma⸗ chen, die Vorrede zu uͤberſchlagen: zweytens iſt mir's nicht unbekannt, daß es zum bon ton gehoͤrt, das Buch mit dem letzten Kapitel au⸗ zufangen, damit alſo meine Vorrede geleſen werden moͤchte, ſetze ich ſie an's Ende meines Werks. Es war im Jahre 1745, als Schottland eine foͤrmliche Reform in ſeiner Regierung an⸗ ſing; dieſe Inſurrektion bereitete die Erlaſfung der Patriarchalgewalt der Haͤuptlinge, und der Feudaljurisdietion der Barone des mittaͤglichen Schottlands vor; wie auch die gaͤnzliche Ver⸗ tilgung einer Partey, die aus Antipathie fuͤr den Engliſchen Namen, ſich's zur Pflicht und Ehre machte: die Sitten, Gebraͤuche und Ge⸗ wohnheiten der alten Schotten beyzubehalten. Die Verbeſſerung des Ackerbaues, die Verbrei⸗ tung der Gewerbe und der Erwerbfleiß, haben einen ſolchen Einfluß auf unſere jetzigen Schott⸗ laͤnder gehabt, daß ſie ihren Altvordern eben ſo wenig gleichen, als unſere jetzigen Englaͤn⸗ der denen zur Zeit der Königinn Eliſabeth. Lord Selkirk hat uns uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand oͤkonomiſche und politiſche Memoiren ge⸗ geben, die mit der groͤßten Deutlichkeit und Richtigkeit verfaßt ſind; und obgleich dieſe Ver⸗ — 173— aͤnderung in ihrer Art ſehr ſchnell ging, iſt ſie doch nur nach und nach geſchehn. Reiſende, welche ſich auf einen tiefen, ruhigen Fluß ein⸗ ſchiffen, bemerken die Ferne, die ſie zu durch⸗ laufen haben, nur, wenn ſtie ihre Blicke ruͤck⸗ waͤrts auf ihren Einſchiffungspunkt werfen. Diejenigen unſrer Zeitgenoſſen, welche ſich deſſen erinnern, was ſie in den letzten fuͤnf und dreißig Jahren des achtzehnten Jahrhun⸗ derts geſehn haben, werden dieſe gluͤckliche Wahl leicht bemerken, beſonders wenn ſie mit den Ge⸗ ſchlechtern des alten Stammes verbunden ſind, die man deshalb ſo nennt, um ihre Anhaͤng⸗ lichkeit an das Haus Stuart zu bezeichnen. Dieſe hatten ohne Zweifel politiſche Vorurtheile, die ſie verdammten; aber welche Beyſpiele von Rechtſchaffenheit und Uneigennuͤtzigkeit haben ſie nicht gegeben! Man koͤnnte ſagen, daß zu der Zeit die Ehre, der Muth, die Gaſtlichkeit, Schottland zu ihrem Zufluchtsorte erwaͤhlten! Ich erklaͤre, daß ich nicht unter den Nor⸗ diſchen Hochlaͤndern von Schottland geboren bin, und in der Galiſchen Sprache gefehlt ha⸗ ben kann, obgleich ich meine Kindheit und den groͤßten Theil meiner Jugend unter ihnen zu⸗ brachte. Es war, um das Andenken ihrer Sitten und Gewohnheiten zu erhalten, die nicht mehr ſind, daß ich in dieſe Dichtungen eine Anzahl Charaktere unter fremden Namen brachte, wie ich ſie beachtet hatte. Die roman⸗ hafteſten Anecdoten ſind gerade die wahrhafte⸗ ſten. Die gegenſeitigen Dienſte des Obriſten Talbot und unſers Helden hatten wirklich zwi⸗ ſchen zwey Officieren ſtatt, davon einer in der königlichen Armee, der andere bey den Inſur⸗ genten diente. Sie legten eben die Thaͤtigkeit, eben den Adel, eben das Zartgefuͤhl in ihr Benehmen, von dem ich ſprach. Die That⸗ ſachen ſind genau dieſelben. Eben ſo verhaͤlt ſich's auch mit der heldenmuͤthigen Antwort, die Miß Flora Mac⸗Jvor ihrem Bruder bey dem unvorſichtigen Flintenſchuß gab. Alle Edle, die ſich nach der Schlacht Culloden verbergen mußten, werden eingeſtehen, daß ich in den um⸗ ſtaͤndlichen Darſtellungen ſich zu fluͤchten, oder dem Nachſuchen zu entziehn, die ich meinen ver⸗ ſchiednen Acteurs zuſchreibe, vorzuͤglich hinſicht⸗ tlich des Prinzen nichts uͤbertrieb und er⸗ dichtete. Alles, was die Schlacht von Preſton und das Scharmuͤtzel von Clifton betrifft, iſt woͤrtlich der Bericht eines Augenzeugen, und auf die Geſchichte der Empoͤrung von dem ehr⸗ wuͤrdigen Verfaſſer des Douglas gegruͤndet. Indem ich die Edlen des mittaͤglichen Schott⸗ V lands und ihre untern Anhaͤnger ſchilderte, war ich nicht Willens Gemaͤlde zu entwerfen, ſon⸗ dern ein allgemeines Bild der Sitten, von denen ich in meiner Jugend einige Ueberbleib⸗ ſel ſah. Ich wollte die Charaktere nicht durch gro⸗ teske Verunſtaltungen des Dialekts, der Sit⸗ ten, Gebraͤuche und Gewohnheiten der Schotten ſchildern, ſondern ein Seitenſtuͤck zu Miß Ed⸗ geworths Irrlaͤndiſchen Schilderungen, die wir ihrem anmuthigen Pinſel verdanken, auſſtel⸗ len; obgleich„die luſtigen Novellen“ zugleich erſchienen, und beide Werke, welche ganz von einander verſchieden ſind, Stoff zu dramatiſchen Gegenſtaͤnden gegeben haben, ſo hat doch das Publikum für Erſteres entſchieden. Ich bin weit entfernt, mit der Art, wie ich meinen Plan befolgt habe, zufrieden zu ſeyn; ich fuͤhlte die Mittelmaͤßigkeit meiner Arbeit ſo ſehr, daß ich ſie wie eine unvoll⸗ kommne bey Seite warf, ſie blieb lange unter meinen Papieren, und ich fand ſie durch einen Zufall. Unterdeſſen erſchienen zwey Werke aus der Feder zweyer beruͤhmten Frauen uͤber die⸗ ſen Gegenſtand. Lady Hamilton nennen, heißt ihr Lob ausſprechen; allein ihre Glen⸗ IV. M — 176— burie giebt nur die Gewohnheiten und Sitten der Landleute zu erkennen, die ſie mit groͤßter Wahrheit ſchildert! Die Abhandlung uͤber den Aberglauben der Schottiſchen Bergbewohner, macht den Talenten und Grundſaͤtzen der Mißtriß Geant außer⸗ ordentliche Ehre, aber dieſe beiden Werke glei⸗ chen den treuen Schilderungen, die ich mir er⸗ laubte, auf keine Weiſe. Ich ſchmeichle mir alſo, daß mein Werk nicht ohne Intreſſe fuͤr den Leſer ſeyn wird. Die Greiſe werden Scenen darin finden, deren Zeuge ſie in ihrer Jugend waren, und das kuͤnftige Geſchlecht wird die Sitte ſeiner Vaͤter daraus erkennen lernen. Ich bedauere, daß der Einzige in Schott⸗ land, der im Stande geweſen waͤre, dieſe Ge⸗ maͤlde zu entwerfen, ſie ſeines Pinſels nicht werth gefunden hat. Welch reitzendes Werk haͤtte uns nicht der zierliche Verfaſſer des ſa⸗ tyriſchen Obriſten und des Umphavella gegeben, welche unter dem leichten Schleyer des feinſten Scherzes, den wahren National⸗ charakter ſchildern! Ich hatte ein groͤßeres Vergnuͤgen empfunden, ſie zu leſen, als ich je bey dem groͤßten Erfolg meiner eignen Ar⸗ beit fuͤhlen werde! Da ich es mir erlaubt habe, mich von der Gewohnheit zu entfernen, und meine Be⸗ merkungen an das Ende meines Buches ſtelle: ſo fuͤrchte ich ebenfalls nicht, die Formen zu * verletzen, wenn ich dieſes ſchwache Werk weihe: Dem Noͤdiſon von Schottland, Heinrich Mackenſie, als ein Denkmal der Hochachtung . 9 2 eines ſeinke Bewunderer. —— —— — 8 ſſſſſ ſnſſiſnſſiſnſinſnſnnſnnſnſennnſnnnſnnſn 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 9 9 V 8. 1ie 1ä