Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hiuterleden, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für nschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————ñ———pN— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Fff. 6„ 3„„—„„ a„— ⸗ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Bericht des gefuͤhl⸗ vollen Geiſtlichen hatte nicht wenig beygetragen, die Meinung des braven Kriegsmannes zu aͤn⸗ 7 dern, welche er in Anſehung des Aufſtandes in Eduard's Schwadron, deſſen man ihn beſchul⸗ digte, hegte. Auch hatte er von Jemand, der ſein ganzes Vertrauen beſaß, uͤber dieſe Ange⸗ legenheit Nachrichten erhalten, die den vorigen geradezu entgegen waren, und er wuͤnſchte daher herzlich, ſich aus dieſem mißlichen Handel zu ziehn. Die Hochlaͤnder hatten ſich geſammelt, 5 um die Bewegungen des koͤniglichen Heeres zu beobachten. Er konnte dieſes Mandver mit der ſonſtigen Geſchicklichkeit ihrer Staͤmme nicht ver⸗ einigen; aber er theilte die im Lande daruͤber III. A — 2— verbreitete Freude. Er erinnerte ſich, daß fle 1715 dieſelbe Taktik befolgt hatten, und ſchloß daraus, daß der Aufſtand eben ſo, wie damals, endigen werde. Er war ſo froh daruͤber, daß er ohne Schwierigkeiten Herrn Morton's Vor⸗ ſchlag, dem jungen Gefangenen einigen freund⸗ lichen Antheil zu bezeigen, annahm. Er wollte die ganze Sache nur als eine Uebereilung be⸗ trachten, die mit einigen Tagen Verhaftung hinlaͤnglich beſtraft waͤre. Da aber der edle und gefuͤhlvolle Vermittler nicht gewiß verſichert war, ob ſein junger Freund die Einladung annehmen werde, ſo verſchwieg er ihm den wahren Beweggrund ſeiner Hand⸗ lungsweiſe, die darin beſtand, den Major zu einem guͤnſtigen Rapport zu bewegen. Stolz, wie ter unſern Helden kannte, fuͤrchtete er eine Wei⸗ gerung. Herr Morton bemerkte ihm, daß dieſe Einladung die Ueberzeigung von der Falſchheit und Verleumdung der Anklage beweiſe, und er benahm ſich dabey ſo geſchickt, daß er Eduard's Widerwillen gegen die Geſellſchaft eines ſo kal⸗ ten und pointilleuſen Mannes beſiegte. Der Empfang war hoͤflich, aber kalt. Wa⸗ verley, deſſen Ueberſpannung vorbey war, that, was er konnte, um, wo nicht vergnuͤgt, doch zufrieden zu ſcheinen. Der Major war ein —— ,. —— — — 3 Lebemann und ſein Wein vortrefflich. Morton beſaß jene ſanfte, ruhige Heiterkeit, die fuͤr den geſellſchaftlichen Umgang ſo erwuͤnſcht iſt. Eduard wurde bald von allen dreyen am auf⸗ geraͤumteſten. Wenn ſein Geiſt nicht von Schmerzen niedergeſchlagen wurde, war ſeine Unterhaltung von Natur ſehr angenehm; jetzt glaubte er, ſeine Ehre verlange, ſich muthig und uͤber ſein Schickſal erhaben zu zeigen. Es gelang ihm vollkommen; er erhielt den Beyfall ſeiner beiden Geſellſchafter, die ihm mit dem groͤßten Vergnuͤgen zuhoͤrten, und der Major verlangte eben die dritte Flaſche Burgunder, als ſie aus der Ferne Trommelſchlaͤge vernah⸗ men. Der Major, den das Vergnuͤgen, ſeine Kriegsthaten erzaͤhlen zu koͤnnen, den Ernſt des Friedensrichters hatte vergeſſen laſſen, gab ſein Mißvergnuͤgen, ſo zur ungelegenen Zeit an ſein Amt gerufen zu werden, durch einen derben Fluch zu erkennen. Er ſtand auf und trat an ein Fenſter, das auf die Heerſtraße ging. Der Lerm nahm zu. Es waren nicht die Toͤne eines kriegeriſchen Marſches, ſondern vielmehr eine Art von Feuerlerm. Da ich, indem ich dieſe Geſchichte ſchr bibe, mich der Gerechtigkeit gegen Jedermand befleißige, ſo muß ich melden, daß der Tambour, welcher A 2 34 ◻ — 4— der Stadt Auterton angehoͤrte, es verſüchte, gut und ſchlecht einen Engliſchen Marſch zu ſchlagen; aber er ward durch ſeinen Comman⸗ danten unterbrochen.„Soldaten!“ ſchrie die⸗ ſer,„ich verbiethe euch, auch nur Einen Schritt nach dieſer profanen Muſik zu thun. Tam⸗ bour! Schlage die Melodie des neunzehnten Pſalms!“ Da die Befolgung dieſes Befehls groͤßere Talente verlangte, als dem armen Trommelſchlaͤger verliehen waren, ſo ſah er ſich genoͤthigt, ſein voriges Charivari, nur etwas ſtaͤrker, zu widerholen. Kaum hatte der Major die Mißtoͤne des kriegeriſchen In⸗ ſtruments gehoͤrt, als er ſchnell die Glasthuͤre des Balcons aufriß, der ſich an der Vorderſeite des Hauſes, nach der Landſtraße zu, befand⸗ Herr Morton und Eduard folgten ihm wider ſeinen Willen nach. Bald konnten ſie ſehr deutlich in den erſten Reihen den Trommel⸗ ſchlaͤger bemerken, der, aus Leibeskraͤften, ſein altes Inſtrument bearbeitete, dann folgte eine große Fahne, in deren vier Feldern mit großen Buchſtaben die Worte Eintracht, Kirche, Koͤnig und Vaterland ſtanden. Unmit⸗ telbar nach dem Fahnentraͤger ging der Com⸗ mandant, ein großer, hagerer, ernſtblickender Mann von etwa ſechszig Jahren. Der Stolz 5 — — 5— auf dem Geſichte des puritaniſchen Gaſtwirths zum goldnen Leuchter kuͤndigte eine grobe, dum⸗ me Heucheley an, hier zeigte ſie ſich in ver⸗ edelter, hoͤherer, oder, beſſer geſagt, fanatiſcher Geſtalt. Wenn man dieſen Anfuͤhrer ſah, er⸗ innerte man ſich unwillkuͤhrlich der in den Zei⸗ ten der Religionskriege ſo haͤuſigen Ereigniſſe, wo ein Menſch bereit war, ſein Gluͤck, ſeine Freiheit, ſein Leben, fuͤr die Reinheit ſeines Glaubens zu opfern. Dieſe kraft⸗ und muth⸗ vollen Zuͤge erhob eine ernſte, majeſtaͤtiſche Haltung, und eine bis zur Laͤcherlichkeit ge⸗ triebene Art, nachdruͤcklich zu werden. Bey Sir Gilſillan's Anblicke fuͤhlte man abwechſelnd Furcht und Bewunderung, mehr aber noch Luſt zum Lachen. Er ging wie die Abendlaͤndiſchen Bauern, doch war ſein Kleid von etwas feine⸗ rem Zeuge, aber hoͤchſt einfach. Seine Waffen, die vor Jahrhunderten ge⸗ macht zu ſeyn ſchienen, beſtanden in einem langen Schwerte und zwey Piſtolen. Als er nahe an den Altan kam, legte er gravitaͤtiſch ſeine rechte Hand umgedreht auf ſeine ungeheure blaue Muͤtze, um den Gruß des Majors zu erwiedern, welcher fein dreyeckiges, betreßtes Hüͤthchen abgenommen hatte. Ihm folgten dreyßig Mann, deren jeder ſowohl der Farbe, ..— ——————ÿ—————————— als dem Schnitte nach, anders angezogen war, und die auch eben ſo ungleiche Waffen hatten. Dieſer buntſcheckige Zug war uͤberaus laͤcherlich, hauptſaͤchlich fuͤr den, der an die Uniform regel⸗ maͤßiger Truppen gewoͤhnt war. Die Vorder⸗ maͤnner ſchienen die Begeiſterung ihres Anfuͤh⸗ rers zu theilen; die andern warfen die Koͤpfe zurück, um militairiſch auszuſehen. Einige, die der Weg ermuͤdet hatte, ſchleiften die Beine, und verloren ſich in die Schenken. „Sechs Grenadiere meines Regiments,“ dachte der Major,„haͤtten dieſe armen Schlucker verjagt!“ Aber er wandte ſich hoͤflich an Sir Gilfillan, und fragte, ob er den Brief erhal⸗ ten habe, den er die Ehre gehabt, wegen eines in die Feſtung zu geleitenden Gefangenen an ihn zu ſchreiben. „Ja!“ war die einzige Antwort des Haͤupt⸗ lings der Cameronianer. „ Euere Abtheilung,“ fuhr der Major fort, „iſt nicht ſo ſtark, als ich glaubte.“ „Mehrere meiner Leute duͤrſteten nach dem Worte, ich ließ ihnen Zeit, ſich zu erquicken.“ „Es thut mir leid, daß ſie mir nicht die Ehre erzeigt haben, es hier zu thun. Alles, was ich habe, ſteht den Freunden des Koͤnigs zu Dienſten.“ 8 —y—— ——ÿ——— — 7— „Ich ſpreche nicht von irdiſchen Erquickun⸗ gen,“ ſagte Gilfillan mit mitleidigem Laͤcheln, „ich danke Euch. Meine Leute genießen zum Theil des uͤberſchwenglichen Heils, Herrn Ren⸗ towel zuzuhoͤren?“ „Wie, Herr! jetzt, da die Empoͤrer bereit ſind, in's Land zu fallen, ſchickt Ihr Euere Leute in die Predigt?“ Gilfillan ſagte veraͤchtlich laͤchelnd.„Die Kinder der Welt wollen wohl kluͤger ſeyn, als die wahren Kinder des Lichts.“ „Dem ſey wie ihm wolle, da Ihr dieſen Edelmann in's Staatsgefaͤngniß zu bringen, und dem Commandanten zu uͤbergeben habt, ſo bin ich ſo frey, Euch unterwegs zu einigen militairiſchen Sicherheitsmaasregeln aufzufor⸗ dern. Mich duͤnkt, Ihr wuͤrdet wohl thun, Euere Reihen geſchloßner zu halten, und von Eueren Hauptleuten zu verlangen, daß ſie ſich nicht, wie die Gaͤnſe, in alle Straßen⸗ winkel verliefen. Um Ueberfall zu vermei⸗ den, ſolltet Ihr Euch wohl auch eines kleinen Vortrabs bedienen, den Ihr von Eueren beß⸗ ten Leuten auswaͤhlen, und als Vedette aus⸗ ſtellen ſolltet, damit, wenn Ihr ein Dorf oder Gehoͤlz zu paſſiren haͤttet.. aber ſo wie Ihr mich da anſehet, Herr Gilfillan, ſo kann ich —— — 8— mir wohl meinen guten Rath erſparen. Nun ich will nichts mehr ſagen. Seyd ſo gut und behandelt den Herrn Edelmann hier, den ich Euch anvertraue, mit Sanftmuth, und beſchraͤnkt ihn nur in ſo fern es ſeyn muß...“ „Ich habe,“ erwiderte Gilfillan,„des Gra⸗ fen von Glencaire Inſtruction deßhalb hin und her geleſen, und finde mich nicht verbunden, von dem Herrn Major Melville von Cairn⸗ vreckan Befehle anzunehmen.“ Der Major war ein wenig verlegen, beſon⸗ ders als er Herrn Morton laͤcheln ſah. „Sir Gilfillan,“ antwortete er, mit ziem⸗ lich ſtrengem Tone,„ich bitte Euch ſehr um Vergebung, daß ich mich mit einer ſo wichtigen Perſon, als Ihr ſeyd, verglichen habe. Wenn ich mich recht beſinne, ſo ſeyd Ihr lange genug Keſſelflicker geweſen, um zu wiſſen, was unter den Hochlaͤndern und ihren Horden fuͤr Unter⸗ ſchied iſt. Ihr ſolltet Euch nicht erzuͤrnen, wenn Euch ein alter Soldat einen Rath mit⸗ ilt. Uebrigens verſchlaͤgt es nichts, ich bitte Euch nur, dieſen Herrn gut zu behandeln und nicht aus dem Geſicht zu verlieren.— Herr Waverley,“ fuͤgte er hinzu,„es thut mir wirklich leid, Sie mit dieſem Gefolge reiſen zu laſſen, aber die Pflicht gebeut, und ich — hoffe, Sie zu beſſerer Zeit wieder bey mir zu ſehen.“ Hiemit druͤckte er ihm die Hand; Herr Morton that dasſelbe, und Eduard ſetzte ſich auf ſein Pferd, das ein Gemeiner am Zuͤgel hielt. Die Abtheilung bildete zwey Reihen, und ſetzte ſich in Marſch. Als ſie durch's Dorf zogen, hatte Eduard die Kinder ſchreien hoͤren: Siehſt du! das iſt der Eng⸗ länder, den man haͤngen wird, weil er auf den Schmidt geſchoſſen hat! Zweytes Kapirel. —.— Z. u f a I. Vor ſechszig Jahren aß man in Schottland des Mittags um zwey Uhr: es war daher ge⸗ gen vier Uhr an einem ſchoͤnen Herbſttage, als ſich Gilfillan in Marſch ſetzte. Obgleich d das Staatsgefaͤngniß ſieben bis acht Meilen 1 entfernt war, hoffte er doch vor Nachts hin zu kommen. Er marſchirte mit feſtem Schritt an der Spitze; ſah ſich zuweilen nach unſerm Helden um, und es ſchien, als habe er große Luſt, ſich mit ihm zu unterhalten. Auch war — * — 10— es ihm unmoͤglich, der Verſuchung zu wider⸗ ſtehen, er hielt ſein Pferd an, und an der Seite des Gefangenen reitend, hub er mit Heftig⸗ keit an: „Junker! koͤnnt Ihr mir ſagen, wer der lange Schlagtod im ſchwarzen Rocke und auf⸗ geſchlagenen Huthe dort bey'm Major war!— „Ein Presbyterianer.“ „Ein Presbyterianer?.. ein Ketzer.. ein Papiſt.. ein Ablaßkraͤmer! Einer von den ſtummen Hunden, die weder Kraft noch Muth haben zu bellen. Sie ſuchen die Seele des Suͤnders weniger zu ſchrecken, als in ihren Predigten aufzurichten! Die Unklugen! heißt dieſes dem Himmel dienen. Ihr ſeyd wohl auch von der Sekte!“... „Nein, Sir, ich bin von der Anglicani⸗ ſchen Kirche!“ „Kein großer Unterſchied! das Sprichwort ſagt: Gleich und gleich geſellt ſich gern! Haͤt⸗ ten unſre Vaͤter vorausſehen koͤnnen, daß die Schottiſche, im Jahre 1642 gegruͤndete Kirche von Schottland ſobald durch ſo unreine Haͤnde umgeſtuͤrzt werden koͤnne; daß die ſchoͤnen Bil⸗ der des Heiligthums ſobald vertilgt werden wuͤrden!““ Zwey oder drey Mitgefaͤhrten fuͤgten ihre — 11— Seufzer zu dieſer Jeremiade, auf die Waver⸗ ley nicht noͤthig fand zu antworten. Aber Gil⸗ fillan dachte: Er ſoll mich doch wenigſtens an⸗ hoͤren!—„Iſt es nicht abſcheulich,“ ſagte er,„daß ſich die Diener des Altars, ſtatt ihre Pflicht zu thun, tauſend ſchnoͤder Nachſicht ge⸗ gen die Erdenmaͤchte ſchuldig machen?.. daß ſie ſich durch Eyd und Verſprechen binden laſ⸗ ſen? Iſt's nicht erſtaunlich, ſag' ich, daß ſich ſchamloſe Arbeiter finden, die an der Wieder⸗ herſtellung des elenden Thurms von Babel arbeiten!— Ich bin uͤberzeigt, wir ſaͤhen dieſe Graͤuel nicht, wenn nicht die Hoffnung, Stel⸗ len, Reichthuͤmer und Titel zu erhalten, die Augen dieſer ungetreuen Knechte verblendete! Ich kann Euch aus der heiligen Schrift be⸗ weiſen, daß Euere reichen Ornate und Ueber⸗ wuͤrfe von dem Raube derer kommen, die auf⸗ den ſieben Huͤgeln ſaßen, und den Voruͤber⸗ 85 gehenden den Kelch der Entweihung reichten.“ Wer weiß, wenn dieſer Feldprediger das Ende ſeiner Verwuͤnſchungen gefunden haͤtte: denn die Materie war reichhaltig, ſeine Lunge unermuͤdlich, und ſein Gedaͤchtniß nur allzutreu. Er wuͤrde ſo lange, bis ſie das Staatsgefaͤng⸗ niß erreicht haͤtten, fortgepredigt haben, wenn er nicht durch die flehende Stimme eines her⸗ — 12— umziehenden Kraͤmers unterbrochen worden waͤre, der aus einem Seitenwege kam, und ſich als der arme Kraͤmer zu erkennen gab, dem Se. Gnaden verſprochen haͤtten, unter Dero Schutze reiſen zu duͤrfen. Mit weit ſanfterem Tone verſetzte Gilfillan: „Mein Freund! nennt mich doch nicht alſo! ich bin nicht von denen, die da ſind in Schloͤſ⸗ ſern, und ſich zeigen auf dem Markt. Ich liebe ſolche Redensarten nicht, wie der Major Melville; nennt mich weder Hauptmann, noch Euer Gnaden; wiewohl ich ſo gut ein Recht dazu habe, wie jeder andere, will ich es doch nicht leiden. Mich wird die eitle Ehre nie verfuͤhren, und meine Tugenden und Titel, wenn ich deren je beſitze, will ich zu keiner eiteln Ehre mir anrechnen. Ich habe in dem mir gegebenen Auftrage nur meinen Namen von dem Grafen von Glencaire aufzeichnen laſſen, und er hat es mit eigner Hand gethan. Ich werde mich lebenslang nicht anders nennen laſſen, als Habakuk Gilfillan, Ver⸗ theidiger der Schottlaͤndiſchen Kir⸗ che. Nie werde ich meine Kniee beugen vor dem ſtolzen, ruchloſen Haman.„Ich habe Eure Behauſung zu Machlin geſehen,“ ſprach der Kraͤmer,„das iſt ein reizender, hoͤchſt 1 — 15— fruchtbarer und wohl bearbeiteter Ort; ich glaube, es gibt in ganz Schottland keine ſchoͤ⸗ neren Wieſen.“ „Ihr habt Recht, mein Freund! es iſt ein wahres irdiſches Paradies!“ Ich glaube, daß den Leſer die Einzelnheiten ihres langen Geſpraͤchs wenig kuͤmmern werden. Gilfillan ging bald wieder zu ſeinen theologiſchen Unter⸗ ſuchungen uͤber, und der Kraͤmer unterließ nicht, die Reinigkeit ſeiner Lehre zu erheben, und die Gottloſigkeit des Zeitalters zu beſeufzen. Er ſprach:„Wie gluͤcklich waͤre es doch fuͤr alle Laͤnder, die noch unter dem Joche des Aber⸗ glaubens ſchmachten, wenn ihnen der Himmel einen Mann von Euern Verdienſten zuſendete, ihnen den Weg der Wahrheit zu zeigen. Ich habe Rußland, Polen und Deutſchland durch⸗ ßreiſt: ach! was wuͤrden Ew. Gnaden leiden, wenn ſie die Unruhen, die Spaltungen im In⸗ nern der Kirche, und die argerlichen Taͤnze, ſogar am Sonntage, ſehen ſollten!“ 4 Von dieſen Bemerkungen nahm Gilſihan Gelegenheit, von den Indepondenten, Purita⸗ nern, Proteſtanten u. ſ. w. zu reden, und zwar mit einer bey ihm nicht zu erwartenden Ge⸗ lehrſamkeit, welche Waverley’n ſogar aus ſei⸗ 4 ——— 8 1 h ————ͤ——ÿ— — 14— nem tiefen, peinlichen Nachdenken zog, und aufmerkſam zu machen vermochte. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne erleuchteten den Horizont. Obgleich die Ebene hie und da durch Huͤgel und Erhoͤhungen durchſchnitten war, befanden ſie ſich auf einer der groͤßten, welche ein ſehr tiefes Thal be⸗ herrſchte, und von der ſie durch Felſen, Ge⸗ hoͤlz und dickes Geſtraͤuch herab zogen. Schon war der Vortrab uͤber den Gipfel, Gilfillan und zwey Huͤther bey dem Gefangenen, und der Nachtrab in ungleicher Entfernung, als der Kraͤmer ſeinen Hund verloren zu haben bemerkte, und verſchiedene Male pfiff. Gilſil⸗ lan ward von dieſer Geringſchaͤtzung ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit beleidigt.„Freund,“ ſagte er ſtreng, „ denken, wenn von Euerem Seelenheile die Rede iſt?“ „Wenn Euer Gnaden nur an die Geſchichte von Tobia Huͤndlein denken wollten!“ „Die Geſchichte des Tobias?“ ſchrie Gil⸗ fillan,„iſt ja voͤllig apocryphiſch!.. Nur wohl gar einer?“— „Nein, Gott ſer Dank! aber erlaubt mir 3 9 chaͤmt Ihr Euch denn nicht, an ein Vieh zu ein Papiſt koͤnnte daran zweifeln! Waͤr't Ihr nur, mein armes Thier noch einmal zu rufen.“ — 15— Und ohne Antwort zu erwarten, fing er ſaͤrker an zu pfeifen. Dieſes Zeichen ward auf eine ſehr unerwartete Weiſe beantwortet: denn zehn Hochlaͤnder ſtuͤrzten aus dem Ge⸗ ſtraͤuche, und beſetzten den Weg mit gezogenen Schwertern. Gilfillan erſchrak nicht. „Das Schwert des Herrn und Gideon!“ ſchrie er, aber der Kraͤmer ließ ihm nicht Zeit, es zu fuͤhren, er riß das Gewehr ſeines Nach⸗ bars an ſich, und ſtreckte den Cameronianiſchen Prediger zu Boden. Einer der Katechumenen ſtuͤrzte, ohne daß er es wollte, mit einem Schuſſe das Pferd unſers Helden hin, der, indem er unter den armen Dermid fiel, mehr als eine Quetſchung davon trug. Sogleich zogen ihn zwey ſtarke Hochlaͤnder darunter hervor, nahmen ihn jeder unter einen Arm, und fuͤhrten, trugen oder ſchleiften ihn ſchnell von dem Schlachtfelde fort. Noch hoͤrte man von dort her einige Flinten⸗ ſchuͤſſe, und erfuhr hernach daß die Hochlaͤnder geſiegt und ſich des Gepaͤcks bemaͤchtigt, die Cameronianer aber, ohne ſich um ihren Ge⸗ fangenen weiter zu bekuͤmmern, damit begnuͤgt hatten, ihren Hauptmann und die uͤbrigen Ver⸗ Drittes Kapitel. Waverley iſt in neuer Verlegenheit. Die Schnelligkeit, mit der man Waverley'n fortſchleppte, hatte ihn des Athems beraubt, und er war ſo gequetſcht, daß er nicht auftre⸗ ten konnte. Als dieſes ſeine Fuͤhrer ſahen, riefen ſie mehrere ihrer Cameraden. Er ward in ſeinen Mantel eingewickelt, und vier Maͤn⸗ ner luden ihn auf ihre Schultern, indem ſie eben ſo ſchnell, wie zuvor, ihren Weg fortſetz⸗ ten. Sie ſprachen nur einige Worte in Gali⸗ ſcher Sprache, und hielten ihre Schritte erſt an, als ſie etwa zwey Meilen gelaufen waren; dann ſuchten ſie wieder Kraft zu gewinnen. Auf alle Fragen war die Antwort: Niel sas- sen agh, d. i. wir verſtehen kein Engliſch, welches er als gewoͤhnliche Erwiederung der Hochlaͤnder kannte, wenn ſie nicht reden woll⸗ ten. Auch Vich⸗Jan⸗Vohr's Name war von keiner beſſeren Wirkung, ob er gleich dieſes fuͤr einen Streich ſeiner wachſamen Freundſchaft hielt; ſeine Begleiter ſchienen ihn nicht zu verſtehen. Jetzt begann der Mond zu gläͤnzen, und ſie machten Halt an dem jaͤhen Abhange eines b b ſteilen, buſchigen Huͤgels. Zwey der Hochlaͤn⸗ der gingen auf Unterſuchung, auf einem engen Fußſteig voraus; einer kam zuruͤck, ſagte ſeinen Cameladen etwas in's Ohr, ſie nahmen ihre Laſt wieder auf, und ſchritten mit großer Vor⸗ ſicht weiter, die aber nicht hinreichend war, Waverley'n vor ſtarken Verletzungen zu ſchuͤtzen, die ihm die den Weg verdaͤmmenden Baum⸗ wurzeln und Aeſte verurſachten. Als ſie unten ankamen, rauſchte ein Strom; ſie hielten vor einer elenden Huͤtte ſtill; die Thuͤre that ſich auf, und das Innere derſelben war ſo wuͤſt, wie das Aeußere. An vielen Or⸗ ten war das Dach offen, und die von Erde und Steinen gemachten Mauern waren mit Baumzweigen verſtopft. Mitten in dieſer Huͤtte befand ſich der Feuerheerd, der ſie durch⸗ aus mit Rauch erfuͤllte, ob er gleich durch die Spalten und die geoͤffnete Thuͤre zog. Bey dem Scheine des Feuers ſah Waverley, daß ſeine Begleiter nicht von Ivor's Stamme wa⸗ ren, weil Fergus ſorgfaͤltig darauf ſah, daß ſeine Leute Waͤmſer von einer eigenen, ihrem Alterthume und ihrer Geſtalt angemeſſenen Farbe tragen mußten. Dieſer Gewohnheit waren auch die meiſten der andern Haͤuptlinge gefolgt, und Eduard hatte den Unterſchied dieſer III. B — 18— Farben kennen lernen. Da er nun offenbar bemerkte, daß er unter Fremden ſich befinde, ſah er betruͤbt in der Huͤtte umher, worin nur wenige Geraͤthe von Holz waren. In einem Winkel ſtand ein Bette in der Form eines Schrankes; auf das man ihm legte, nachdem er durch Mienen zu erkennen gegeben hatte, daß er nichts zu eſſen verlange. Seine Glieder waren wie zerſchlagen, er ſiel in oͤftere Ohn⸗ machten und hatte ein heftiges Wundfieber. Des andern Tages ſahen die Hochlaͤnder, daß es fuͤr ihren Gefangenen unmoͤglich ſey weiter zu reiſen. 3 Nach einer langen Berathſchlagung verlie⸗ ßen ſechs von ihnen die Huͤtte, nahmen ihre Waffen mit ſich, und ließen einen Jungen und einen Greis zur Pflege des Kranken zuruͤck. Dieſer kleidete ihn, und legte, auf ſeine zahl⸗ reichen braun und blauen Quetſchungen, Um⸗ ſchlaͤge. Sein Mantelſack, den die Hochlaͤnder nicht vergeſſen hatten herbeyzubriñgen, liefer⸗ ten ihm die noͤthige Waͤſche und mit Erſtaunen ſah er, daß man alles, was er enthielt, zu ſei⸗ nem Gebrauche nahm. Die Decken ſeines La⸗ gers ſchienen reinlich zu ſeyn; und da das Bette dieſes Schrankes keine Vorhaͤnge hatte, machte ſein Waͤchter die Thuͤre zu, und hieß ihn ſchlafen. 8⁸☛——— Er folgte dieſer Weiſung; und befand ſich zum zweyten Mal in den Haͤnden eines Aescu-⸗ laps des Gebirges; allein ſeine dermalige Lage kam ihm weit trauriger vor als das Beneh⸗ men des gefuͤhlvollen Tomanrait gegen ihn. Erſt am dritten Tage ließ, Dank der Pflege ſeiner Waͤchter und ſeiner guten Natur, die Heftigkeit des Fiebers nach: es gelang ihm mit ſchmerzhafter Anſtrengung ſich aufzurichten. Er ſah, daß eine alte Frau, die ihm zur Waͤrterinn diente, ſo wie der bejahrte Hochlaͤnder, ſich ſehr ungeneigt zeigte, die Thuͤr des Schrankes offen zu laſſen, wodurch er einige Unterhaltung hatte, weil er ihre Geſten und Bewegungen belau⸗ ſchen konnte. Er oͤffnete ſie mehrmals; jene aber machten ſie ſtets wieder zu, endlich nagelte ſie der Alte mit Huͤlfe eines großen Nagels feſt, ſo daß der Kranke ſie nicht wieder oͤffnen konnte. Waverley konnte ſich dieſe Strenge, bey ſo vieler Sorgfalt und Pflege nicht erklaͤren. Er glaubte waͤhrend ſeiner heftigen Krankheit eine junge Perſon an ſeinem Bette bemerkt zu ha⸗ ben; es war ihm indeß nur ein dunkles von dieſer Erſcheinung verworrenes Bild geblieben; allein er ward darin beſtaͤtigt, weil er mehr⸗ mals des Tages eine weibliche Stimme mit B2. — 20— ſeiner Waͤrterin fluͤſtern hoͤrte.„Wer kann das ſeyn?“ fragte er ſich ſelbſt,„warum ſucht ſie ſich zu verbergen?“ Seine thaͤtige Phantaſie ſtellte ihm ſogleich Miß Mac⸗Jvor vor; aber nachdem er einige Augenblicke ſich eingebildet hatte, Flora erſchiene wie ein ſchmerzenlindern; der Troſtengel an ſeinem Krankenlager, fand er, wie hoͤchſt chimaͤriſch dieſe Vorausſetzung ſey. Wie konnte er annehmen, daß ſie oie Si⸗ cherheit des veſten Schloſſes Glennaquoich ver⸗ laſſen, und ſich mitten auf den Schauplatz des Kriegs in eine elende Huͤtte begeben habe? Und doch ſchlug ſein Herz mit Ungeſtuͤm, wenn er die junge Perſon auf den Fußſpitzen herbey⸗ ſchleichen, und mit der alten Hanna fluͤſtern hoͤrte. Er ſuchte, von Langweile getrieben, ſeine Neugier zu befriedigen, trotz aller Vorſicht ſei⸗ ner Sybille und ſeines hochlaͤndiſchen Janit⸗ ſcharen: denn den jungen Menſchen, welchen man anfangs bey ihm gelaſſen, hatte er nicht weiter geſehn. Er riß einen Nagel aus ſeiner alten, wurmſtichigen Bude; erweiterte damit das entſtandene Loch und ſah eine in ihren Plaid eingewickelte Frau, die eifrigſt mit Han⸗ na ſprach. Seit unſrer erſten Mutter ſindet eine unregelmaͤßige Neugier immer ihre Strafe in der Unmoͤglichkeit ſie zu befriedigen. Dieſe . Frau hatte nichts von Floras Geſtalt, und ſtand ſo daß ihr Geſicht nicht zu ſehen war. Da er mit dem Nagel das Loch zu erweitern ſuchte, machte ſein kleines Geraͤuſch, daß die Schoͤne verſchwand, und dieß brachte den Verdruß des Neugierigen auf den hoͤchſten Punkt.— Seit dem Augenblicke hoͤrten alle Vorſichts⸗ maßregeln auf, die man genommen hatte, da⸗ mit er ſich in der Huͤtte nicht umſehen ſollte; es wurde ihm nicht nur erlaubt aufzuſitzen, ſon⸗ dern man half ihm ſogar ſeinen Kerker— den Namen verdiente das Bette— zu verlaſſen. Aus der Huͤtte durfte er jedoch nicht gehen, und der junge Hochlaͤnder, welcher ſich wieder eingefunden hatte, hielt an der Thuͤre ſtets Wache; und ſo wie nur Waverley ihr ſich naͤ⸗ herte, wies er ihn hoͤflich zuruͤck, und gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß, wegen der Naͤhe des Feindes, es gefaͤhrlich ſeyn wuͤrde, heraus⸗ zugehen. Die alte Hanna ſchien daruͤber ſehr beſtuͤrzt, und theilte die Aufmerkſamkeit der Schildwache. Waverley, noch zu ſchwach es mit beiden aufzunehmen, mußte ſich in Geduld faſſen. Er bekam beſſer zu eſſen, als er erwar⸗ ten konnte, und zu jeder Mahlzeit Geflügel und Wein. Die Hochlaͤnder ſetzten ſich nie mit ihm zu Tiſche, und bewieſen ihm die groͤßte Ehr⸗ — 22— furcht. Er hatte keinen andern Zeitvertreib als durch das Fenſter, oder vielmehr durch eine un⸗ regelmaͤßige Oeffnung zu ſehen, die man ſtatt deſſen angebracht hatte. In einer Entfernung von zehn Schritten entdeckte er einen ſehr brei⸗ ten und ſchnellen Bach, der mit dichten Baͤu⸗ men gekroͤnt war, die der Schaum bedeckte, wenn er ſich von Fels zu Fels ſtuͤrzte. Nach ſechs Tagen war er voͤllig wieder her⸗ geſtellt, und fing nun an, ernſtlich auf Mittel zur Flucht zu denken, weil er ſelbſt die mit ihr verbundenen Gefahren dieſem einfoͤrmigen, un⸗ ertraͤglichen Vegetiren in Hanna's Huͤtte vor⸗ zog. Wenn er in Freyheit ſeyn wuͤrde, wollte er entweder nach Glennaquoich zuruͤkehren, wo ihn Fergus gewiß mit offnen Armen empfan⸗ gen wuͤrde, da er ſich nun, wie man ihn be⸗ handelt hatte, von allem Eyde der Treue ent⸗ bunden glaubte, oder er wollte einen Haven zu erreichen ſuchen, und zu Waſſer nach Eng⸗ land gehen. Beide Entwuͤrfe aber hatten große Schwierigkeiten und viele Gefahren. Sein Geiſt ſchwebte in Ungewißheit, aber wahrſchein⸗ lich wuͤrde er die letzte Partie ergriffen haben, wenn es nicht im Buche des Schickſals geſtan⸗ den haͤtte, daß er nicht die Macht der Wahl haben ſollte.— +—2 B——— ——— — Am Abende des ſiebenten Tags riß man haſtig die Thuͤr der Huͤtte auf, und Waverley ſah zwey von den Hochlaͤndern eintreten, die ihn hieher gebracht hatten. Nach einer kurzen Un⸗ terredung mit ihren beiden Cameraden, wink⸗ ten ſie ihm, ſich bereit zu machen, ihnen zu folgen. Sie konnten ihm keine erfreulichere Nachricht geben, und die Art wie ſie ihn hier behandelt hatten, ließ ihm keine ſchlimme Be⸗ handlung befuͤrchten. Seine lebhafte Einbil⸗ dung, die der Kummer, die Unruhe, und das Leiden jetzt unterdruͤckt hatten, bekam neuen Schwung, und ſeine Vorliebe fuͤr alles Wun⸗ derbare ließ ihm eine Menge außerordentlicher Begebenheiten ſehen. Er ſollte die großmuͤthige Hand deſſen kennen lernen, der ihn von den Haͤ⸗ ſchern befreyte, vielleicht die Zuͤge ſeines Schutz⸗ engels am Krankenlager erblicken, und— ſeine Verlaͤumder durch kuͤnftige Heldenthaten beſchaͤ⸗ men.— Neugier mit Einbildungskraft verbun⸗ den gibt eine ganz eigene Art von Muth, wel⸗ chen man mit den Grubenlichtern vergleichen koͤnnte, die hell genug ſind, zu den ſchwerſten Arbeiten zu leuchten, und ſie beguͤnſtigen, die aber von den Harzduͤnſten dieſer unterirrdiſchen Gewoͤlbe ausgeloͤſcht werden. Der Muth un⸗ ſers Helden, und ſeine Hoffnungen waren neu⸗ * * —————— —— — 24— belebt, wenn er dieſe ruͤſtigen Maͤnner betrach⸗ teete, die jetzt in Eil etwas Speiſe zu ſich nah⸗ men, und ſich zur Abreiſe anſchickten. In eini⸗ ger Entfernung von dem Heerde ſitzend, um den ſich ihre Gruppen verſammelt hatten, fuͤhlte er einen leiſen Druck auf der Schulter. Als er ſich umſah, erblickte er Alix, Donald⸗Bean⸗ Lean's Tochter, die ihm ein Paͤcktchen Schrif⸗ ten verſtohlen zeigte, den Finger auf den Mund legte, und dann ſchweigend der alten Hanna den Mantelſack packen half. Er ſah, daß von ihm ſie nicht gekannt ſeyn wollte; aber ſie kehrte ſich immer nach ihm um, wenn ſie es unbemerkt thun konnte. Als ſie ſah, daß er ihr zuſah, ſteckte ſie das Paͤktchen ſchnell in ein Hemde, das ſie ſorgfaͤltig auf den Grund des Mantelſacks legte. Welcher neue Stoff zu Muthmaßungen! Seine geheimnißvolle Huͤthe⸗ rinn niemand anders als Alix, die Tochter der Wuͤſte! ſie hatte jene Hoͤhle verlaſſen, um ihn zu pflegen.— War er wohl gar in Donalds Haͤnden, und was hatte man mit ihm vor? Aber der Spitzbubenhaͤuptling hatte ihm nichts nehmen laſſen; niemand hatte ſeinen Beutel angeruͤhrt, welches in ſeiner Krankheit ſo leicht geweſen waͤre. Vielleicht enthielt das Paͤkt⸗ chen die Erklaͤrung von dem allen; aber Alix . hatte ihn bedeutet, es nur in geheim aufzu⸗ machen. Als er ſie verſtanden, hatte ſie ihn nicht wieder angeſehen und bald darauf ging ſie aus der Huͤtte, und zog von deren Dunkel⸗ heit den Vortheil, ihn nochmals ausdrucksvoll anzulaͤcheln. 3 Die Hochlaͤnder ſendeten den Juͤngſten von ihnen mehrmals auf Kundſchaft aus, da er zum vierten Male wieder kam, bedenteten ſie Waver⸗ ley'n ihnen zu folgen. Zuvor druͤckte er noch der alten Hanna dankbar und freundlich die Hand, und gab ihr thaͤtige Beweiſe ſeiner Er⸗ kenntlichkeit. „Capitain Waverley,“ ſagte Hanna auf gut Schottiſch,„Gott ſegne und beſchuͤtze Euch!“ Dieſer Ausruf ſetzte ihn um ſo mehr in Erſtaunen, da ſie bisher nichts als Galiſch ge⸗ ſprochen hatte; aber die Ungeduld ſeiner Beglei⸗ ter ließ ihm zum Fragen keine Zeit. Viertes Kapirel. 2 — Naͤchtliches Abenteuer. Die Horde machte einige Schritte von der Huͤtte — 26— Halt. Der Anfuͤhrer⸗ in welchem Eduard, Do⸗ nald's Lieutenant zu erkennen glaubte, empfahl das tiefſte Schweigen. Er gab ihm eine Flinte, zwey Piſtolen, und ein langes Schwert. Um ihm anzuzeigen, daß ſie ſich ihren Weg muthig wuͤrden bahnen muͤſſen, legte er die Hand an’s Schwert und auf ſeine Bruſt, dann ging er an der Spitze ſeiner Leute, die nur einzeln in einer Reihe hintereinander gehen konnten. Waverley folgte ſeinem vorſichtigen Tritt, und auf der Höhe machte man wieder Halt. Jetzt ward ihm dieſe Behutſamkeit klar, denn er hoͤrte die Engliſchen Wachen: Wer da? rufen. Der Wind kam von der Seite, und von Fels zu Felſen klang das Echo, welches ſich wohl noch ſechs Mal, aber immer entfernter, wiederholte. Die Naͤhe eines Feldlagers war nicht zu bezweifeln; aber wie ſie durchkommen wollten, daß konnte nur Raͤu⸗ bern bekannt ſeyn, die gewohnt waren hier des Nachts die ſchwierigſten Wege zuruͤck zu legen. Zu Betrachtungen war indeß keine Zeit, ſie gin⸗ gen bey einem großen Gebaͤude voruͤber, wo in zwey Fenſtern ſchwaches Licht war. Etwas wei⸗ ter ſing der Fuͤhrer an, wie ein Windhund nach der Spur zu wittern, und ließ abermals Halt machen, er huͤllte ſich in ſeinen Mantel, und ging recognosciren. Bald kam er wieder, ließ die Horde, bis auf Einen Mann, fortziehn, und lud Waverleyi'n mit einem Zeichen ein, ſich, wie er und die andern, der Kniee zu bedienen, um auf das vorliegende Raſenſtuͤck hinaufzu⸗ klimmen. Nach einer Stunde dieſes muͤhſeligen Mar⸗ ſches, roch Waverley Rauch, wie ſein Fuͤhrer wohl ſchon fruͤher gethan haben mochte. Sie gelangten zu einer mit Kalkſteinen nach Schot⸗ tiſcher Art, umgebenen Schaͤferey. Der Hoch⸗ laͤnder fuͤhrte ihn bis an die Mauer, und be⸗ deutete ihn hinuͤber zu ſehen; als er gehorchte ſah er ſechs Koͤnigliche neben ihren Waffen lie⸗ gend, die alle bis auf Einen feſt ſchliefen, der das Gewehr geſchultert, und den Mond, der eben aus dunkeln Gewoͤlk trat, beobachtend, auf und abging. Sie mußten ſchlechterdings an der Thuͤre vorbey, und wie ſollten ſie das ohne bemerkt zu werden, da der Mond mit hellem Scheine das ganze Naſenſtuͤck, daß ſie zu erſteigen hatte, erleuchtete? Der Hochlaͤnder wendete ſeinen Blick feſt auf das Himmelsgewoͤlbe, aber weder wie ein Homer, noch wie Pope's verirrter Landmann. Er ſah betruͤbt und unentſchloſſen umher, ließ ſeinen Knecht bey Waverley'n und bedeutete ihm ſich ruhig zu verhalten. Nach einigen, leiſe ertheilten Verhaltungsbefehlen, fing 8½ ————————=—— — 28— er an eben ſo vorſichtig wieder herunter zu krie⸗ chen, als hinauf. Er kam bald zu Gehoͤlzen, weſche die Suͤmpfe bis zu dem Schloß bedeck⸗ ten, wo Waverley ſo lange als Gaſt geweſen war, und bald verlohr man ihm aus den Au⸗ gen; aber bald kam er auf der entgegengeſetzten Seite wieder zum Vorſchein, und ging ſtolz auf der Haide hin, ohne ſeinen Gang verbergen zu wollen. Als er in Schußweite war, ſchoß er auf die Wache, die ſehr unangenehm in ihren gſtronomiſchen Betrachtungen durch einen Schuß in die Schulter unterbrochen ward; ſie feuerte wieder, aber ohne Erfolg. Die andern eilten nach der Seite hin, woher der Schuß kam, aber der Angreifer, deſſen Kriegsliſt voͤllig ge⸗ lungen war, verſchwand mitten im Geſtraͤuche. Waͤhrend ihn die Soldaten verfolgten, eilte Waverley mit dem Fuͤhrer, der bey ihm zuruͤck blieb, an dem erledigten Platze voruͤber, und nach einer Viertelſtunde kamen ſie auf die Spitze des Huͤgels, wo ſie ſich, ohne alle Scheu, entdeckt zu werden, im Gebuͤſche verſteckten, ob ſie gleich rings umher Geſchrey und Trommelu hoͤtten. Nach einem halbſtuͤndigen Marſche uͤber eine weite Ebene gelangten ſie zu einem alten Eichenſtamme von außerordentlicher Groͤße. Im benachbarten Thale fanden ſie einige Hochlaäͤn⸗ der mit drey Pferden, und ſein Begleiter ſtat⸗ tete Bericht von der Urſache ihres Verweilens ab, indem er den Namen Duncan⸗Duroch mehrmals wiederholte, der faſt zugleich, aber athemlos ankam, und anzukuͤndigen ſchien, daß er nur durch ein Wunder dem Tode entgangen ſey; dennoch aber lachte er aus Leibeskraͤften, als er es erzaͤhlte. Waverley begriff leicht, wie ein der Schliche kundiger Hochlaͤnder in ſeiner Geſchwindigkeit andern, die nicht dieſe Vortheile hatten, voraus gekommen war. Aber die Beſtuͤrzung, die Duncan mitbrachte, ver⸗ laͤngerte ſich, denn man hoͤrte in der Ferne ſchießen. Nur Duncan griff vergnuͤgt zu den Waffen, und verſicherte, man ſey außer Gefahr. Waverley ließ ſich nicht bitten, ſich auf eins der Pferde zu ſetzen; nach ſo vieler Anſtrengung und Ermattung nach der Krankheit war dieſer Dienſt ihm angenehm. Ein andres Pferd trug ſeinen Mantelſack, und das dritte nahm Duncan; ſo brachen ſie mit ihrer Bedeckung auf, und kamen, ohne Zufall mit Tagesanbruch an einen ſchnellen, reißenden Strom. Das Land both mit ſeinen ſchoͤnen, fruchtbaren Gefilden einen ergetzlichen Anblick dar, und alles verkuͤn⸗ digte eine reiche, ſchon angegangene Ernte. . Jenſeits des Stroms erhob ſich ein alterthuͤm⸗ liches Schloß von Werkſtuͤcken, mit einem brei⸗ ten Waſſergraben umgeben. Die Wetterfahnen auf den in Ruinen vorfallenden Thuͤrmchen be⸗ gonnenen im jungen Sonnenſtrahle zu glaͤnzen. Auf einem derſelben ſpatzierte eine Hochlaͤndiſche Wache, durch Muͤtze und Anzug kenntlich. Die⸗ ſer Thurm war viereckig und hatte ungeheuere Seitenthuͤrme. Auf einem andern flatterte eine weiße Fahne, und verkuͤndigte, daß die Beſatzung dieſer Feſtung zur Vertheidigung des Prinzen Eduard gehoͤre. Nachdem ſie ſchnell durch eine kleine Stadt gezogen waren, wo ihre Erſcheinung gar nicht beachtet ward, da die Einwohner ſich zu ihren Feldarbeiten anſchickten, gingen ſie uͤber eine alte, enge, nur Einen Bogen bildende Bruͤcke, und dann, zur Linken ſich wendend, in einen mit Feigenbaͤnmen zu beiden Seiten beſchloßnen Eingang, und befanden ſich dem Gothiſchen Schloſſe gegenuͤber, deſſen Anblick Bewunde⸗ rung erregte.. Der eiſerne Schlagbaum ward aufgezogen, und die Zugbruͤcke heruntergelaſſen, eine ſtarke eiſerne Thuͤr mit ungeheueren Naͤgeln beſchla⸗ gen aufgethan, und ein Edler in Hochlaͤndiſcher Tracht, die weiße Cocarde tragend, half Waver⸗ ——-———— 8 3 2 — 341— ley'n vom Pferde, und hieß ihn willkommen. Hierauf beeilte er ſich, ihn in einem halbver⸗ fall'nen Saal zu fuͤhren, wo ein Feldbette ſtand; dann both er ſeinem Gaſt Erfriſchungen an, und ſchickte ſich an ihn allein zu laſſen. „Wollt Ihr wohl Eurer Hoͤflichkeit die Krone aufſetzen,“ ſagte Eduard,„und mir gefaͤlligſt ſa⸗ gen, ob ich mich hier als Gefangner zu betrach⸗ ten habe?“ „Das kommt nicht auf mich an,“ antwor⸗ tete der Gouverneur,„ich kann Euch nur ſa⸗ gen daß Ihr auf dem Schloſſe Donun, im Mentelth'ſchen Gebiethe ſeyd, und nicht das Mindeſte zu befuͤrchten habt?““ „Darf ich wiſſen, wem ich dieſe Eroͤffnung verdanke?“ „Ich heiße Donald Stuart; und bin Com⸗ mendant dieſer Cittadelle und Obriſtlieutenant bey Sr. Koͤnigl. Hoheit dem Prinzen Carl Eduard.“ Bey dieſen Worten eilte er fort, um meh⸗ reren Fragen zu entgehen; unſer Held aber warf ſich erſchoͤpft aufs Lager, und ſchlief bald ein. — 32— Fuͤnftes Kapitel. Verfolg der Reiſe. Als Waverley erwachte, war es ſchon ſehr ſpaͤt, und er uͤberaus hungrig. Aber ſehr bald brachte man ihm ein reichliches Fruͤhſtuͤck, in⸗ deß erſchien der Obriſte nicht dabey, und be⸗ gnuͤgte ſich, ihn durch einen Bedienten gruͤßen und ihm alles, was er zu Fortſetzung ſeiner Reiſe, welche noch dieſen Abend Statt haben werde, beduͤrfen koͤnne, anbiethen zu laſſen. Er konnte fragen, wie er wollte, dieſes war Alles, was er erfuhr. Der Bediente eilte ab⸗ zuraͤumen, und ihn zu verlaſſen. Eben wollte Eduard nach ſeinem Mantelſacke ſehen, und ſich der Papiere von Alix bemaͤchtigen, als dieſer Menſch wieder kam, denſelben abzuholen; vergebens bat er, die Waͤſche wechſeln zu dür⸗ fen; der Herr Obriſte wuͤrde ihm andere geben, ſagte er, und das Gepaͤck muͤßte mit der Ba⸗ gagefuhre fort. Damit lud er das Felleiſen auf, trug es weg, und bald hoͤrte Eduard den Wagen abrollen. Hoͤchſt erbittert, nicht eigen⸗ mäaͤchtig handeln zu koͤnnen, blieb er wohl ſechs Stunden allein. Dann ließ ſich der Tritt meh⸗ verer Pferde vernehmen; der Obriſte kam, und —H˖˖—ꝛ—˖——— ——ÿ—— both ihm an, vor ſeiner Abreiſe noch zu eſſen. Eduard ſetzte ſich mit ihm zu Tiſche, und fand, daß er einen Landjunker vor ſich hatte, der mit kriegeriſchen Benennungen um ſich her warf, aber ſorgſam allen politiſchen Geſpraͤchen und jeder Frage auswich. Nach dem Eſſen berichtete er ſeinem Gaſte, daß ſeine Sachen ſchon voraus waͤren, und daß er ſo frey gewe⸗ ſen ſey, ihm ein kleines Paquet zurecht machen zu laſſen, bis er ſie wieder traͤfe, wuͤnſchte ihm eine gluͤckliche Reiſe, und entfernte ſich. ſer Bediente meldete kurz darauf, daß ihn das Pferd erwarte. Eduard verließ demnach, von einer Menge Reiter umgeben, dieſes Schloß; ſie glichen aber weniger Soldaten, als fuͤr den Nothfall bewaffneten Buͤrgern. Ihre Uniform war eine gezwungene Nachahmung der Fran⸗ zoͤſiſchen Jaͤger, und ihre Unvollkommenheit gab ihnen ein groteskes Anſehen. Eduard, an die Ordnung regelmaͤßiger Truppen gewoͤhnt, ſah wohl, daͤß es ihnen, trotz ihrer Geſchick⸗ lichkeit, mit den Pferden umzugehen, an allen militairiſchen Bewegungen, an der noͤthigen Päͤnktlichkeit und Waffenuͤbung mangele, und daß es eher verkleidete Jaͤger, als Soldaten waͤren. Indeß war ihr Anſehen hoͤchſt mar⸗ tialiſch, und ſie bildeten ein bedeutendes Freyeorps III. C — 34— der leichten Reiterey. Der Commandant dieſer Abtheilung ritt ein praͤchtiges Escadronpferd, und trotz ſeiner militairiſchen Verkleidung er⸗ kannte er ihn ſogleich fuͤr den Sir Balma⸗ happle. 95 nun gleich ſeine erſte Zuſammenkunft mit ihm nicht die freundſchaftlichſte geweſen war, häͤtte er doch jetzt gern mit ihm geſpro⸗ chen, allein der ſtolze Falconier ſchien die Er⸗ innerung des Vergangenen beybehalten zu ha⸗ ben. Er huͤthete ſich wohl, zu thun, als kenne er ſeinen Gefangenen, zog ſtolz voran an der Spitze ſeiner Truppe, die er ſeine Schwadro zu nennen beliebte, und ließ ſich von einem Trompeter, und ſeinem mit dem Titel Faͤhndrich beehrten Bruder, der die Fahne trug, Platz machen. Zum Lieutnant hatte er einen luſti⸗ gen, lebhaften, durch zahlreiche Rubinen von Kupfer auf dem Geſichte ausgezeichneten Alten, der einen kleinen, aufgeſchlagenen Huth auf einem Ohre trug, und ein Trinklied pfiff. Alles beſtaͤtigte an dieſem, daß ihm alles und jedes ganz gleichgiltig, und er ſelbſt der Leitung ſeines Gaules voͤllig uͤberlaſſen war. 3 Waverley hoffte aus dieſem Etwas heraus zu bringen: „Es iſt ein ſchoͤner Abend!“ redete er ihn an. 1 4¾ —— — 35— „Ja! und die Nacht wird nicht garſtig ſeyn.“ „Wir werden gewiß eine ſchoͤne Ernte haben? „Sie wird nicht ſchlecht ſeyn; aber hole der Teufel die Paͤchter und Aufkaͤufer, die werden den Preis des Futters wieder entſetzlich ſteigern, was ſoll man den Pferden zu freſſen geben?“ „Ihr ſeyd wohl Quartiermeiſter?“ „O! ja, und Lieutnant, Caſſirer, Feld⸗ arzt!.. Niemand pflegt die Roſſe beſſer als ich: ich kaufe, ich fuͤttere, ich eurire ſie. 74 „Darf ich Euch fragen, wo wir denn hin⸗ gehen?“— „Hm!— Zu einem uͤblen Auftrag!“— „Ich haͤtte gedacht, eine Perſon von Euerer Wichtigkeit haͤtte ſo etwas nicht uͤbernommen!“ „Da habt Ihr Recht, aber kommt's denn auf mich an? Der junge Lord hat mir um einen annehmlichen Preis aufgetragen, ſeine Truppe beritten zu machen... Er hat zwar keinen Heller, aber er hat mir zu Martint eine Anweiſung an die Haupteaſſe gegeben; zwar ſagt mir mein Gewiſſen, daß ich nicht gegen die Regierung zu Felde ziehen ſollte; aber ich hab's auch nur ungern, und weder aus Nachſucht noch Haß gethan, denn ich will nie⸗ mand uͤbel, ſondern nur um zu Geld zu kommen.“ „Ihr ſeyd alſo nicht Soldat?“ 3 C 2 5— 36— 2 56 „Nein, Gott ſey Dank; ich war nicht zum Satteln geboren, ſondern den Pferden in den Hals zu ſehen. Ich bin ein Roßkamm, und wenn Ihr einmal nach Whiston⸗tryſt kommt, und einen vogelſchnellen Laufer braucht, werd ich Euch auf s Gewiſſen gut bedienen. Jacob Jinker hat niemand betrogen. Ihr ſeyd ein Edelmann, ich weiß, was ich Euerem Range ſchuldig bin, und daß Ihr's ſo gut verſteht, wie der Lord Balmahapple.“ Der edle An⸗ fuͤhrer, der ſich nennen hoͤrte, machte der Un⸗ terredung ſtreng ein Ende, und der Roßkamm hing den Kopf, und blieb zuruͤck, um ſeine Hafers und Heuanſichten zankend auseinander zu ſetzen.— Wasverley mußte ſich alſo auf's neue zum Schweigen bequemen, um den groben, despo⸗ tiſchen Lord nicht aufzubringen. Nach Verlaufe von zwey Stunden erblickten ſie die Thuͤrme der Veſte Stirling, von denen die Fahnen der Union im Sonnenſtrahle glaͤnzten. Um eher oder abenteuerlicher hinzukommen, ſchlug der Lord einen Weg durch der öniglichen Park ein, der die Felſen umgibt, Veſte thront.. Mit ſtillerem Geiſte haͤtte Waverley die romantiſche Lage derſelben bewundert, welche uf deren Gipfel die 5 3 ——— 37 — 37— große Erinnerungen zuruͤck rief. In dieſer Flaͤche hatten in den ſchoͤnen Tagen der Ritter⸗ zeit glaͤnzende Turniere Statt gehabt; von die⸗ ſen Felſenhoͤhen hatten die Schoͤnen den Zwey⸗ kaͤmpfen zugeſehen, und Geluͤbde fuͤr den Sieg ihrer Ritter gethan. Hier ſtanden dieſe Gothi⸗ ſchen Kirchthuͤrme, wo zaͤrtlich Liebende den Preis der Beſtaͤndigkeit und Treue empfingen; in dieſem majeſtaͤtiſchen Palaſte erhielten die Helden den Lohn der Tapferkeit; in dieſen weiten Saͤlen beſchloß man tief in der Nacht unter lauter und freymuͤthiger Freude die glanz⸗ vollſten Feſte! Solche Gedanken ſollten ſich ſei⸗ nem natuͤrlich lebhaften Geiſte aufdringen; aber er war in ganz entgegengeſetzte verſunken, aus denen ihn nur ein Zufall ermunterte. Lord Balmahapple ließ fleudetrunken, ſich an der Spitze eines Reiterhaufens zu ſehn, eine Fanfare blaſen, und die Fahne wehen. Wahr⸗ ſcheinlich vermerkte man das oben uͤbel, denn eine Kugel pfiff ihm um den Kopf, und fiel neben ihm nieder; und nun hatte er nicht noͤ⸗ thig, zum Galopp zu commandiren: denn jeder Reiter ſuchte ſein Heil in der Flucht, und Jinker's Pferde konnten einen Beweis ihrer Schnelligkeit geben. In der Flaͤche verſtreut, kamen ſie erſt, wie der Lieutnant nachher er⸗ 4 — 38— zaͤhlte, in Trott, als ſie weit aus dem Schuſſe der Kanonen waren, die ſie ſo unhoͤſlich begruͤßt hatten. Aber nicht allein blieb der Lord bey dem Nachtrab, ſondern antwortete auch mit einem Piſtolenſchuſſe, als er eine halbe Meile weit von der Veſtung entfernt war. Man durchzog die beruͤhmte Flaͤche von Bannockburn, und begab ſich nach Torwood, das fuͤr die Schottiſchen Bauern ſo fuͤrchterliche und ruhmvolle Erinnerungen hat, als die Veſte von Wallis und die Barbareyen von Grime. Dann gelangten ſie nach dem Staͤdtcheu Falkrik, das auch in dieſem Kriege wieder beruͤhmt wer⸗ den ſollte, und in dem Balmahapple uͤbernachten ließ, welches ohne alle Disciplin und mit vie⸗ ler Gemaͤchlichkeit geſchah. Der wuͤrdige Quar⸗ tiermeiſter verſorgte ſich mit dem beſten Brannt⸗ wein. Man hielt fuͤr uͤberfluͤſſig, Wachen aus⸗ zuſtellen, und beſchaͤftigte ſich nur mit Trinken. Ohne Zweifel haͤtten ſechs entſchloſſene Maͤn⸗ ner dieſe ganze Schwadron in Stuͤcken gehauen; aber man war eines Theils von ihrer Partei, und befuͤrchtete andern Theils mehrere im Hin⸗ terhalt; es ereignete ſich daher dieſe Nacht nichts weiter, als daß Waverley vor ihren Stentorſtimmen, mit denen ſie Loblieder der Stuarte ſangen, nicht ſchlafen konnte. ——————— — 39— Des andern Tages brach man mit Sonnen⸗ aufgange auf, und nahm den Weg nach Edin⸗ burg. Die bleichen Geſicher zeigten von der Nachtwache. In Lintithgow machte man Halt, wo man vor ſechzig Jahren einen koſtbaren Palaſt bewunderte, den man heut zu Tage in Baracken fuͤr die Franzoͤſiſchen Gefangenen um⸗ wandeln wollte. Friede ſey mit der Aſche derer, die dieſe Entweihung nicht geſtatteten! So wie ſie ſich der Hauptſtadt von Schott⸗ land naͤherten, hoͤrten ſie, indem ſie eine frucht⸗ bare Ebene durchzogen, entfernte Kanonenſchuͤſſe. „So hat alſo das Werk der Zerſtoͤrung begon⸗ nen!“ ſagte Waverley ſchmerzlich zu ſich ſelbſt. Balmahapple ließ die Reihen ſchließen und raſch vorwaͤrts eilen. Sie gelangten auf eine Anhoͤhe, von der ſie Edinburg am Fuße der Gebirge erblickten, wo ſich die Citadelle befindet. Sie war von einem Hochlaͤndiſchen Corps blo⸗ kirt, und dieſes ſchon ſeit drey Tagen Herr der Stadt; von oben herab ſchoß man auf alles, was ſich auf der Landſtraße ſehen ließ. Aber das Feuern hatte faſt ganz nachgelaſſen, als man in die Stadt kam. Balmahapple, des Empfangs in Stirling eingedenk, nahm einen Umweg zur Linken, und richtete ſich nach dem alterthuͤmlichen Palaſt von Holy⸗Rood. Als — 40—. er auf die Esplanade dieſes majeſtaͤtiſchen Denk⸗ mals der alten Koͤnige von Schottland gelangt war, gab er ſeinen Gefangenen in die Haͤnde eines Hochlaͤndiſchen Officiers, der ihn ſogleich in's Innere des Palaſtes brachte. Nachdem ſie eine lange, enge Galerie zuruͤck⸗ gelegt hatten, deren Mauern mit Bildniſſen aller Schottiſchen Koͤnige geziert waren, obgleich die meiſten zu einer Zeit gelebt hatten, wo die Mahlerey auf naſſen Kalk nicht bekannt war, kam Waverley mit ſeinem Fuͤhrer in das Vor⸗ zimmer der Gemaͤcher des Prinzen Eduard, der ſich im Beſitze des Schloſſes ſeiner Vaͤter ſah. Officiere von allem Range und mit jeder Art Waffen, kamen und gingen in ein weites Zimmer, wo die Secretaire arbeiteten, Be⸗ ſehle und Reiſeplaͤne entwarfen. Alls deutete auf die Naͤhe einer entſcheidenden Schlacht. Waverley, mit dem niemand ſprach, ließ ſich betruͤbt in einer Fenſtervertiefung nieder, und erwartete, nicht ohne Unruhe, den Ausgang dieſer geheimnißvollen Abenteuer. — 1 1 Sechstes Kapitel. Waverley findet alte und neue Freunde. Als unſer Held ſich ſo dem traurigſten Nach⸗ denken uͤberließ, fuͤhlte er ſich freundſchaftlich auf die Achſel geklopft. „Hat der Prophet vom Gebirge wahr ge⸗ ſprochen?“ ſagte man zu ihm.„Werdet Ihr Euere Augen noch dem Lichte verſchließen?“ Er wandte ſich um, und ſah ſich— in Fergus⸗Mac⸗Jvor's Armen. „Seyd willkommen im Palaſt von Holy⸗ Rood!“ rief er.„Endlich iſt dieſes praͤchtige Schloß ſeinem rechtmaͤßigen Eigenthuͤmer wie⸗ dergegeben. Sagt ich's Euch nicht, es wuͤrde uns gelingen, und Ihr in die Haͤnde der Phi⸗ liſter fallen, als Ihr mich uns cklicherweiſc verließet?“— „Liebſter Fergus, wie ſuͤß iſt mir's, die Stimme eines Freundes zu hoͤren! Was macht Euere Schweſter?“ „Befindet ſich wohl, und theilt unſere Triumphe und unſere Trunkenheit.“ „Iſt ſie hier?“ „Im Schloſſe nicht, aber in der Stadt. Bald werdet Ihr ſie ſehen. Zuvor muͤßt Ihr aber einen Freund ſehen und kennen lernen, der mich oͤfterer nach Euch gefragt hat, ob Ihr gleich wenig nach ihm fragtet; kommt, Un⸗ dankbarer!“ Er nahm ihn bey der Hand⸗ und fuͤhrte ihn in den Saal der Wachen. Ein edler, ſchoͤner, junger Mann von majeſtaͤtiſchem Anſehen trat aus der Gruppe, die ihn umgab, und kam Waverley'n entgegen. Eduard erzaͤhlte in der Folge, daß er den Prinzen, ohne ſeinen Blick auf den Orden des Hoſenbandes und an⸗ dere Abzeichen, womit er geziert war, zu rich⸗ ten, an ſeiner koͤniglichen Geſtalt erkannt habe. „Ew. königliche Hoheit erlauben mir,“ ſporach Fergus, tief ſich verbeugend,„Ihnen den Abkoͤmmling eines der aͤlteſten Geſchlechter Englands vorzuſtellen.“ „ Das ſich ſtets durch Rechtlichkeit auszeich⸗ nete,“ ſagte der Prinz.„ Verzeiht, mein lie⸗ ber Fergus! wenn ich Euch unterbreche, aber bedarf es eines Ceremonienmeiſters, um einen Waverley dem Repraͤſentanten der Stuarte vor⸗ zuſtellen?“ Und damit reichte er ihm mit groͤß⸗ ter Huld die Hand, ſo daß Waverley ſich nicht enthalten konnte, ihm die gebuͤhrende Ehrfurcht zu bezeigen.„Sir Waverley,“ ſagte der Prinz,„ich habe ungern vernommen, daß Ihr Euch uͤber die Behandlungsweiſe in Pert⸗ . 2 ſhire und unterwegs zu beklagen habt. Ich bitte Euch, den Schuldigen zu vergeben. Wir ſtehen in ſo ſchwierigen Verhaͤltniſſen, daß wir kaum Feind und Freund zu unterſcheiden ver⸗ moͤgen Ich ſelbſt weiß nicht, ob ich mir jetzt ſchmeicheln darf, Euch unter meine Freunde zu zaͤhlen... Leſet dieſes Papier, was ſoll ich von dieſer Proclamation des Kurfuͤrſten von Hannover denken, der die Waverley's des Hochverraths ſchuldig erklaͤrt, weil ſie beſtaͤn⸗ dig ihrem rechtmaͤßigen Herrn angehangen haͤt⸗ ten? Ich verlange keine andere Partie, als wahrhafte Freunde... Will ſich Herr Waverley in den Schoos ſeiner Familie, oder anderwaͤrts hin begeben: ſo will ich ihm mit eigener Hand einen Paß ausfertigen. Warum ſteht es nicht in meiner Gewalt, ihn auch vor allen vorkommenden Gefahren dann zu ſichern! Aber koͤnnte er ſich entſchließen, in die Fuß⸗ tapfen ſeines ehrwuͤrdigen Großvaters, Sir Nigel's, zu treten; wollte er einer Sache bey⸗ treten, deren Empfehlung nur ihr gutes Recht iſt; wollte er ſich entſchließen, ſein Schickſal mit dem eines Vertriebenen zu theilen, der ſich in die Arme ſeines Volks wirft, um den Thron ſeiner Vaͤter wieder zu gewinnen: ſo darf ich ſagen, daß er wuͤrdige Mitgefaͤhrten — 44— ſinden waͤrde.— Unaluͤcklich kann mich das blinde Gluͤck machen, nicht aber undankbar.“— Der Haͤuptling vom Stamme Jvor hatte die Vortheile dieſer Zuſammenkunft gut berech⸗ net. Die Rede des Prinzen durchdrang Wa⸗ verley's Herz, der nichts von der Sprache des Hofes wußte; er entſchloß ſich ohne Ueberle⸗ gung. Wie konnte er der Herzlichkeit eines ſo edlen, ihm ſo aͤhnlich geſinnten Prinzen widerſtehen? Konnte er ſich enthalten, ſich zum Vertheidiger der Sache deſſen hinzugeben, den er enterbt und vertrieben ſah, und von Ingend auf achten gelernt hatte? Auch war keine Zeit zum Ueberlegen. Sein Herz riß ihn fort.— „Wuͤrdigen mich Ew. koͤnigliche Hoheit,“ rief er, zu den Fuͤßen des Prinzen ſich ſtuͤr⸗ zend,„den Eyd meiner Treue zu empfangen, ich werde nur leben, um Ihnen Herz und Arm zu weihen.“ Der Prinz eilte ihn aufzuheben, und ihn innigſt zu umarmen. „Was fuͤr Dank bin ich Euch nicht ſchul⸗ dig,“ ſagte er zu Fergus,„mir einen ſo ver⸗ dienſtvollen Freund gegeben zu haben.“ Darauf beeilte er ſich, Waverley'n den ihn umgebenden Officieren vorzuſtellen. — 45— „Meine Herren,“ ſagte er,„die Eroberung, die wir in der Perſon dieſes jungen Edelmanns gemacht haben, iſt ein aluͤckliches Zeichen daß England unſrer gerechten Unternehmung beyſte⸗ hen wird. Die Taͤuſchung wird weichen: alle edle Geſchlechter werden ſich’s zur Pflicht machen, ihre Arme dem Näffen ihrer rechtmaͤßigen Koͤ⸗ nige aufzuſchließen.“ Fergus liebte Waverley'n aufrichtig, weil er Gleichheit der Geſinnungen in ihm fand, und hoffte, er werde der Gemahl ſeiner Schweſter werden, ſo freute es ihm bis zum Entzuͤcken, ihn der Partey gewonnen zu ſehn, der er ſelbſt ſo eifrig diente. Der Leſer erinnert ſich auch, daß er ehrgeizig war; er er⸗ hob ſeinen, dem Prinzen geleiſteten Dienſt, und der Prinz bezeigte das groͤßte Vergnuͤgen daruͤ⸗ ber. Er machte jetzt Waverley mit allen neuen Vorfaͤllen bekannt, die er in ſeiner Abgeſchie⸗ denheit nicht erfahren haben konnte; mit ſeiner Landung mit ſieben Mann in den Bezirk von Moldert, wo ihm hernach die tapfern Haͤupt⸗ linge der Staͤmme ihren Beyſtand angebothen, und bald ein glaͤnzendes Heer verſchafft haͤtten; wie er mit dieſem den Feldmarſchall des Chur⸗ fuͤrſten von Hannover, der ihm eine Schlacht haͤtte liefern wollen, zum Ruͤckzug nach Aber⸗ deen veranlaßt, und die ganze Flaͤche offen und — — 46— ohne Vertheidigung gefunden habe; wie er dann dieſen Umſtand benuͤtzend nach Edinburg marſchirt ſey, zwey Regimenter Reiter in die Flucht gejagt, und ſein Freund Cochill— der Prinz ſchlug da⸗ bey dieſen ſchoͤnen Haͤuptling auf die Schulter— mit ſechs hundert Cameonianern die Thore der Stadt geſprengt und ſie eingenommen haͤtte. Er ſetzte hinzu, Alles ſey ihnen nach dieſem erſten Erfolge gegluͤckt, aber jetzt mache der Feind eine Bewegung nach Dunbar, daß man nicht zweifeln koͤnne, er wolle Edinburg wieder nehmen, und deßhalb ſey der Kriegsrath verſammelt; aber man ſey getheilter Meinung.„Hinſichtlich der Staͤrke des Feindes, und unſers Mangels an Artillerie,“ fuhr der Prinz erlaͤuternd fort,„ra⸗ then einige mich in die Gebirge zuruͤckzuziehen, und den Krieg bis zur Ankunft der mir von Frankreich verſprochenen Huͤlfstruppen in die Laͤnge zu ſpielen. Andere rathen, im Gegentheile, wegen unſrer jetzigen vortheilhaften Stellung zum raſchen Angriff, und meinen jeder Nuͤckzug wuͤrde uns in der Meinung unſrer Freunde ſchaden, und neue Theilnehmer zuruͤckhalten. Auch unſer junger Freund Fergus⸗Mac⸗Jvor iſt dieſer Meinung. Er ſagt: die Hochlaͤnder kennten zwar keine modiſche Taktik, waͤren aber nicht weniger ſchrecklich im Angriffe; man koͤnne . auf ſie und die Ergebenheit ihrer Haͤuptlinge rechnen. Wohl ſollten wir, da wir das Schwert einmal zogen, die Scheide wegwerfen, und un⸗ ſere Hoffnung auf den Gott der Schlachten ſetzen, der die Gerechtigkeit unſerer Anſpruͤche kennt. Wollte Herr Waverley mir gefaͤlligſt wiſſen laſſen, was er fuͤr einer Meinung iſt?“ Beſcheiden und erroͤthend bethenerte dieſer, daß er dazu zu wenig mit der Sache bekannt, al⸗ lemal derjenigen Meinung ſeyn werde, die ihm Gelegenheit gaͤbe, ſeine aufrichtige Ergebenheit fuͤr Sr. Koͤnigl. Hoheit am thaͤtigſten zu be⸗ weiſen. Der Prinz fand dieſe Antwort eines Wa⸗ verléy's wuͤrdig, er erſetzte ſeine Capitainsſtelle durch die ſeines Fluͤgeladjudanten und General⸗ majors, bis er ihm ein Regiment geben koͤnne. Aber Waverley verbat eine ſo große Auszeich⸗ nung zum Nachtheil verdienter Officiere, und begehrte nur als Freywilliger unter Mac⸗ Ivor's Coömmando zu ſtehen. 3 „Zum wenigſten,“ ſagte der Prinz, dem dieſe Beſcheidenheit gefiel,„werdet Ihr mich nicht des Vergnuͤgens berauben, Euch als Hoch⸗ laͤnder zu bewaffnen!“ Mit dieſen Worten machte er ſein Schwert los, und ſagte:„Es iſt ein rechter André Fer⸗ — 48— 2— ra; eine Art Reliquie meines Hauſes, von der ich keinen beſſern Gebrauch machen kann, als ſie Euch zu uͤbergeben. Ich werde ein Paar Piſtolen aus meiner Fabrik hinzufuͤgen!— Obri⸗ ſter Mac⸗Jvor! Ihr habt gewiß viel mit Eu⸗ rem Freunde zu ſprechen, ich will Eure Gefäl⸗ ligkeit nicht laͤnger mißbrauchen. Vergeßt nicht, ich bitte Euch, daß ich Euch dieſen Abend er⸗ warte, vielleicht iſt's das letzte Mal, daß wir das Gluͤck haben in dieſen alterthuͤmlichen Hal⸗ len beyſammen zu ſeyn. Am Abende vor einer Schlacht ſoll man nur an Freunde denken!.. Alſo auf den Abend, meine Freunde 9. Siebentes Kapitel. —— Das Geheimniß faͤngt an ſich auf⸗ zuklaͤren. „Wie gefaͤllt er Euch?“ fragte Fergus ſeinen Freund, als ſie die Treppe herabgingen. „Tauſend Leben fuͤr einen ſolchen Fuͤrſten!“ antwortete der Enthuſiaſt. „Ich wußte wohl daß Ihr ihn Euch nicht an⸗ ders als ſo denken koͤnntet⸗ wenn Ihr das Gluͤck — 49— 8 8 haben wuͤrdet, ihn zu ſehen und zu hoͤren! Er hat wohl auch ſeine ſchwache Seite, oder, beſſer 1 ſagen, er befindet ſich in einer uͤblen La⸗ .Dieſe Menge Irlaͤnder, die ihn nie verlaſ⸗ dr geben ihm manchmal ſonderbaren Rath, und was ſie verlangen iſt noch ſonderbarex... Glaubt Ihr, daß ich aus Klugheit meinen Gra⸗ fentitel nicht nehmen zu duͤrfen glauhte, ob er gleich der Lohn einer zehnjaͤhrigen Arbeit iſt? Die Eiferſucht ſchlaͤft nicht, ich wuͤnſche Euch Gluͤck, mein Freund, die Adjudantenſtelle aus⸗ geſchlagen zu haben; es ſind. zwar zwey erle⸗ digt, allein Clonorald, Lochill, und ffaſt alle Haͤuptlinge verlangen eine fuͤr einen Gänſtling, und die andere die Irlaͤnder.. Ihr haͤttet Euch viel Feinde gemacht. Sch wundre mich daß Euch der Prinz. die General⸗ majorſtelle anboth, wer ihm hundert, und funf⸗ zig Berittene in's Feld ſtellt, wird ſchwerlich mit einer Obriſtenſtelle ſich begnuͤgen.. Geduld mein Freund, die Karten werden anders gemiſcht wer⸗ den. Fuͤr's Erſte muͤßen wir daran denken, Euch zu equipiren: Ihr ſeyd, aufrichtig geſpro⸗ chen, ſo wie Ihr da ſeyd, nicht bey Hofe vor⸗ zuſtellen. Zwar bin ich, ſeit unſrer Trennung, ſelbſt nicht aus meinem Jagdwammes gekommen, ſoviel war zu thun, nicht einmal ſelbſt konnte III. D — 50— * * ich Euch zu Huͤlfe eilen; ich wußte dieſe Sorge andern bertragen; aber eilt, ich bitt’' Euch mir alle Eure Abenteuer mitzutheilen.“. Wasverley that dieſes, Fergus hoͤrte aufmerk⸗ ſam zu, und ſo gelangten ſie in eine entlegene Straße zu einer jungen, ſehr aufgeraͤumten Wittwe, die dem jungen Haͤuptling wegen ſei⸗ ner Perſon, und wegen ſeiner 1 nungen ſehr zugethan ſchien.. „Vich⸗Jan⸗Vohr's Schneider, Jacob von der Nadel, waͤrd jetzt beauftragt ſich in ſeinen ſeltenen Talenten zu bertreffen, und Waverley'i durch ein Wamms wie Fergus trug, einen Plaid, und eine blaue Naͤte, wie der Prinz hatte, in einen wuͤtdigen Sohn des Stammes Ivor umzuſchaffen. Eine gruͤne, reich mit Sil⸗ der beſetzte Weſte fuͤgte Fergus hihzu, und Mac⸗ coibich mußte ihm das ſchönſte Schild dazu Aasleſen..... ls da 2nnce Bi . Nachdem dieſes beſtellt war, ſetzte Fergus das Geſpräch ſo fort:„Sch ſehe wohl daß Euch Do⸗ nald ſequeſtrirt hat,“ ſagte er,„denn als ich mit meinem Stamm zum Prinzen ziehen muß⸗ te, hieß ich ihm einen Umzug auf Werbung thun, und mir die Angetorbenen ſchleunig zu⸗ fͤhren. Statt deſſen hat der waͤrdige Edel⸗ mann, in dem ausgeleerten Lande Krieg auf politiſchen Mei⸗ 4 — 51— 86 ſeine Rechnung gefuͤhrt, das ganze Flachland durchzogen, Griechen und Troyaner, unter dem Vorwande das Schutzgeld zu erheben, gepluͤndert, und ſich wohl gar dazu meines Namens bedient. Auf mein Wort komm' ich gläͤcklich und geſund nach Hauſe: ſo laß ich ihm den Hals umdrehen! Auch erkenne ich ſeine Tactik hch der Art und Weiſe, wie er Euch aus den Klauon des alten, tollen Gilfillan zog.— Er war gewiß der Kraͤmer ſelbſt, nur begreif' ich nicht daß er Euch nicht ausgeſchaͤlt hat, wenigſtens daß er nicht eine ſtarke Summe fuͤr Euere Freiheit verlangte.“ „Von wemt erfuhrt Iht das ich verborgen war?“ fragte Eduard.“ „Von dem Prinzen ſelbſt, der ſich ganz ge⸗ nau nach Euch erkundigt hatte. Et ſagte mit, daß Ihr in der Gewalt unſrer Freybruret wa⸗ ret, mehr durfte ich nicht flagen. Er wollke wiſſen, auf welche Art er Euch beykomtnen ſoll⸗ te? ich bat ihn, Euch als Kriegsgefongenen her⸗ bringen zu laſſen. Ich glaubte nemlich, der Regierung wegen, dieſe Vorſſcht zebtauchen zu muͤſſen, wenn Ihr bey dem Vorſatze behatretet zu den Eurigen zuruck zu kehren. Ich wußte zit der Zeit noch nicht, daß Ihr des Hoͤchver⸗ kaths beſchuldigt waͤret. Man beauftragte das grobe, dumme Vieh, den Baͤlmahaßple Ellch D 2 — 52— von Doune aus, mit ſeiner ſogenannten Schwa⸗ dron zu begleiten. Außer der natuͤrlichen Ab⸗ neigung, die er fuͤr alles Edle und Große hegt, ſcheint mir's als habe ihn ſein Zweykampf mit Bradwardine boshaft genug gemacht, dieſes Ge⸗ ſchichtchen ſo zu Euerem Nachtheile zu erzaͤhlen, wie Ihr gehoͤrt habt, daß es zu dem Regiment kam, das ſonſt das Eurige war. „Ihr habt Recht, liebſter Fergus. Aber Ihr ſagt mir nichts von Eurer Schweſter?“ „Was ſoll ich ſagen? ſie beſindet ſich wohl⸗ und iſt hier bey einer ihrer Freundinnen. Ich glaubte ſie in jeder Hinſicht, hieher kommen laſſen zu muͤſſen. Edinburg wird der Ver⸗ ſammlungsort aller Schoͤnen, die an unſern kriegeriſchen Feſten Theil nehmen werden. Ich verberge Euch nicht, daß die angeſehenſten der Haͤuptlinge und hohen Generalitaͤt mit Zittern nach dem Gluͤck ihrer Hand ſtreben!““ Dieſe letzte Phraſe machte auf Waverley's Geiſt einen ſehr unangenehmen Eindruck. Er fuͤrchtete zwar nicht, daß ſich Flora nach den Geſinnungen ihres Bruders richten wuͤrde, ob ſie gleich in ihren Grundſaͤtzen viel Aehnlichkeit hatten: denn das hätte ihm ein Vergehen an Florens Character geſchienen, aber doch konnte Fergus leicht ſeine Verſtimmung bemerken. — 33— *, „Flora,“ ſagte er troͤſtend, wird ſich dieſen Abend bey dem Ball und Concert des Prinzen einfinden.„Ich zankte mit ihr, daß ſie nicht Abſchied von Euch nahm... Ich habe ſie nicht eingeladen Euch zu empfangen, ihr nicht aufs neue ihr Unrecht vorzuwerfen. Waverley hoͤrte jetzt im Hofe eine bekannte Stimme.. „Ich wiederhole es Euch mein Freund,“ ſprach ſie,„Ihr habt die militairiſche Disciplin durchaus verletzt; und verdientet ernſtliche Vor⸗ wuͤrfe, wenn Euch Euere Unerfahrenheit nicht entſchuldigte. Ein Kriegsgefangner iſt weder mit Feſſeln zu beladen, noch in einem unter⸗ irrdiſchen Gewoͤlbe, in ergastulo, zu verhaften. Was habt Ihr fuͤr Recht einen Edelmann en charte privée zu halten? Iſt er Euer Sclav?“ 3 Bald darauf hoͤrten ſie Balmawhapple's ſcharfe Stimme, der fluchend fortging. Er war eher weg, als Eduard hinunter kam, ſich dem guten Baron von Bradwardine vorzuſtellen, den die Uniform verjuͤngt zu haben ſchien, und ſeiner ernſt gehaltvollen Geſtalt mehr Wuͤrde verlieh. Sein jetziger Rang, das Gefuͤhl ſei⸗ ner millitairiſchen Kenntniſſe machten ſeinen, von Natur edlen und majeſtaͤtiſchen Gang ausdrucks⸗ voller. Er empfing Waverley'n mit den Be⸗ theuerungen der groͤßten Zaͤrtlichkeit, und fragte nach ſeiner Abſetzung, mit der Verſicherung, er habe, als waͤre er ſein eigner Sohn, jene nie⸗ dern Verleumdungen wiederlegt. Fergus gab jetzt dem Baron die genaueſte Nachricht von Eduards Schickſalen, und deſſen glaͤnzendem Empfange bey dem Prinzen. „Ich wuͤnſche Euch aufrichtig Gluͤck, ſagte er, indem er ihm bieder die Hand druͤckte,„im Dienſt Eures rechtmaͤßigen Monarchen zu ſte⸗ hen. Ihr ſeyd durch den empfangenen Abſchied Eueres Eydes der Treue, den ſonſt jedermann für unperletzlich halten wird, entledigt. Ich denke doch Freund, Ihr werdet den Tractat des Sanchez uͤber den Eyd geleſen haben? und ich behaupte, die infamen Schurken, Eure Ver⸗ leumder ſollten nach den Memmonianiſchen Ge⸗ ſetze behandelt werden, das man in Cicero's Rede gegen Verres findet... Ich daͤchte, mein lieber Sohn, Ihr haͤttet Euch vor allem nach dem Rang des Baron von Bradwardine in der Armee des Prinzen erkundigen ſollen, um ihm die Ehre zu erzeigen in ſein Dragonerregiment zu treten?“ Eduard entſchuldigte ſich, daß er dem Prin⸗ zen auf der Stelle habe antworten muͤſſen, und — 55— nicht gewaßt habe, daß ſein werther Freund bey dem Heere ſey. Dann fragte er nach Miß Noſa, und erfuhr, ſi je ſey mit Miß Flora unter einer Eskorte von vn anzahei hier angelegt, weil Tully;, Weolan jetzt im Kriege fuͤr ſie kei⸗ nen ſichern und angenehmen Aufenthalt gewaͤhre. „Ich wollte Euch vorſchlagen,“ ſagte der Baron, „die Werke zu ſehen, die ich habe anlegen laſ⸗ ſen. Meine Redouten, meine verſteckten Bat⸗ terien, Mienen u. ſ. w. Meine arme Roſa verging faſt vor Furcht als ſie die Kanonen des Staatsgefaͤngniſſes hoͤrte, ob ſie gleich vernahm, daß nach Baubans und Cohorns Grund⸗ ſätzen es nur Proheſchuͤſſe wayen... Doch Se. Hoheit ſchicken mich in's Lager zum Aufbruche, copglamarg VAsa.*, 1 Das tird bald geſchehen ſanni⸗ erwiderte Feraus mit Lachen. „Ich hitte den Obriſten Mag⸗ Joar um Ver⸗ zeihung, wenn ich nicht voͤllig ſeiner Meinung bin. Euere Hochlaͤnder, Herr, ſi ſind bedacht, daß ihre Cameraden nicht zu viel Gepaͤck mitneh⸗ men, und ich kann Euch nicht beſchreiben, was ſie Alles unterwegs gekapert haben; ich ſelbſt habe Einen— nehmt's nicht uͤbel— einen Spie⸗ gel tragen ſehen.“ „Und haͤttet Ihr ihn gefragt,“ verſetzte Fer⸗ * gus luſtig,„ſo haͤtte er gewiß geantwortet: Wer gute Augen und gute Fuͤße hat, findet im⸗ mer Etwas. Funfzig Koſacken wuͤrden einem Lande wohl noch mehr thun als mein Spiegel⸗ ritter an der Spitze unſrer Staͤmme.“ „Kann wohl ſeyn, Obriſter, ſie ſind,“ ſagen die Geſchichtſchreiber,„ſchrecklich anzuſehen, aber gemuͤthlicher als man denkt: ferociores in aspectu, mitiores in actu. Aber da ſchwatz ich mit Euch, lieben Kinder, waͤhrend mich meine Pflicht in's koͤnigliche Lager ruft. Lebt wohl ihr jungen Herren!“ „Ich hoffe Ihr eßt mit uns,“ ſagte Fergus, „ich kann mich mit der ſchwarzen Suppe be⸗ gangen, wenn es ſeyn muß, ſonſt eſſe ich gern etwas Gutes. Das lernte ich in Frankreich.“ „Wer Teufel kann daran zweifeln!“ rief der Daron lachend, siet padrono della casa! Um Punkt drey Uhr werd' ich kommen. Lebt wohl, ihr jungen Thoren! Pflicht muß allen andern vorgehen; ich will das Lager beohachten verabſtumt nicht die Kuͤche!—— 1 ,= * Achtes Kapitel. Militairiſche Mahlzeit. Jacob von der Nadel war, wenn der Whisky nicht dazwiſchen kam, ein Mann von Wort, und Callum⸗Beg, der ſich Waverley's Schuld⸗ ner fuͤhlte, weil er ihm ſeine Erkenntlichkeit nicht durch den Todſchlag des Gaſtwirths vom goldenen Leuchter hatte beweiſen koͤnnen, trieb aus Dank den Erbſchneider der Kinder Jvor ſo ſehr, und ſaß ihm ſo lange auf dem Halſe, bis die Arbeit, die drey Lebenslaͤngen haͤtte aus⸗ dauern koͤnnen, ſo feſt war ſie, als ſie fertig war. Als unſer Held mit der alterthuͤmlichen Kleidung der Celten angethan war, deren Form ſeinen natuͤrlich ſchoͤnen Zuͤgen, die mehr Zierlichkeit als Staͤrke ankuͤndigten, mehr Aus⸗ druck gab, beſah er ſich mehr als einmal im Spiegel, und ich hoffe, meine Leſer halten ihm dieſe kleine Regung von Eitelkeit zu gute; denn vielleicht haͤtten ſie an ſeiner Stelle das⸗ ſelbe gethan. Er war in der That nicht mehr derſelbe. Seine ſchwarzen Locken— denn er trug, trotz der Mode, keine Peruͤcke— fielen aauf eine reitzende Weiſe, unter der Muͤtze her⸗ vorſtrebend herab. Sein Wuchs kuͤndigte Kraft und Geſchmeidigkeit an, und die weiten Falten ſeines Wamſes erhoben die Schoͤnheit ſeiner nervigen Geſtalt. Sein Feuerblick, getaucht in Mavdr's Gtath, Verwechſelte ſich nur mit Amors kuͤhnen Muth. Ein etwas ſchuͤchterner Blick gab ſeinem Geſichte eine neue Anmuth, ohne den majeſtaͤ⸗ tiſchen Ausdruck ſeiner Zuͤge zu vermindern.— „Das iſt ein charmanter Junge! ein erz⸗ huͤbſcher Kerl!“ ſagte Epan⸗ Dhu, der Fahnen⸗ traͤger bey Fergus war. 2„Er iſt gut,“ erwiderte die Witfnhe Flo⸗ chart;„aber ſo gut nicht, wie unſer Obriſte, 4 3„Da hab' ich auch keinen Vergleich machen noch die Schoͤnheit Euepes Lieblings herabſetzen wollen, ich ſgge nur, Sir Wayerley gleicht unſern ſchoͤnſten Hochlaͤndern, wie ſich zwey Gerſtenkoͤrner gleichen. Man ſollte meinen, er habe ſtets das Schild getpagen, und ich ſtehe davor, das Schwert kann er quch fuͤhren. Ich habe ihn oft mit Vich⸗ Ian;Vohr zu Glenna⸗ guoich des Sonntags Waffenſpiel treiben ſehen.“ „Waz unterſteht Ihr Euch zu ſagen, Jun⸗ ker! Euer Ohriſter iſt ſolcher Entheiligung un⸗ faͤhig. 2, „Papperleuap.! Mißtriß Flochatt, is n junger Heiliger gnde n alter Hatan! — 59— „Iſt's wahr, Junker! daß Morgen die Schlacht geliefert wird?“ „ Wenn der Obriſte zuruͤck kommt, werd' ich ihm dieſe gluͤcklichr Nachricht geben!“ „Was, Junker Maccombich, Ihr ſolltet den furchtbaren Dragonern gegenuͤber ſtehen?“— „So hoff' ich, Mißtriß Flochart, Schlag fuͤr Schlag, wie Conan zum Trufel ſpricht.“ „Und der Obriſte geht auch mit in's Hand⸗ gemenge?“ „ Wird einer der erſten dort ſeyn, das ver⸗ ſichere ich Euch!“ „Gott's Barmherzigkeit, was ſagt Ihr mir! und wenn ihn nun die Rothroͤcke todt machen?“ „Wenn das geſchehen ſollte, Mißtriß Flo⸗ chart, da kenn’ ich eine Perſon, die ihn zeit⸗ lebens beweinen wird.. heute aber ſucht ihn hoch leben zu laſſen, vergeßt nicht, daß es bald Mittag iſt. Der Obriſte wird mit ſeinem Freunde Waverley zuruͤckkommen, der ſich nur noch im Spiegel beguckte; auch kommt der alte, ſchwerfaͤllige Baron von Bradwardine mit, der den jungen Ronald Ballenkeiroch toͤdtete, und ſein Amtmann Macvheehle, ein Spitzbube, ſo laͤcherlich er auch ausſieht, wenn er auf ſeiner Stute haͤngt, und Euer Diener Evan⸗ Dhu, der ſich vornimmt, Euerer Kochkunſt Ehre zu machen. Geht, putzt Euch, Mißtriß Flochart, Ihr wißt, der Obriſte ſetzt ſich nicht zu Tiſche, wenn Ihr nicht oben an ſitzt, haupt⸗ ſächlich, ſchoͤne Frau, vergeßt den Franzoͤſiſchen Liquoͤr nicht!“ S Die Gaͤſte ließen ſich nicht lange erwarten, und das Eſſen ward aufgetragen. Mißtriß Flochart ſaß mit Freude und Geſundheit ſtralen⸗ dem Geſichte auf der Oberſtelle, innerlich ver⸗ gnuͤgt, daß ihr die Empoͤrung ſo gute Geſell⸗ ſchaft zufuͤhrte, ihr gegenuͤber der Obriſte. Als der Baron und Waverley Platz genommen hatten, ſetzten ſich Macvheeble nnd Maecom⸗ bich, nach vielen Hoͤflichkeitsbezeigungen fuͤr ihre Obern rechts und links zum Obriſten. Man aß vortrefflich, und Fergus war, wegen ſeiner gelungenen Wuͤnſche, ausgelaſſen luſtig, ohne an die bevorſtehende Gefahr zu denken, lud auch ſeine Gaͤſte ein, ſeinem Beyſpiele zu folgen.„Ich bin Euerer Meinung,“ ſagte der Baron.„Nunc est bibendum, nune péde libero pulsanda tellus! Entſchuldigt, wenn mein Schatzmeiſter nicht ſo vergnuͤgt iſt, wie wir; der denkt an Nahrungsmittel fuͤr meine Kaſſe!“ „Ja wahrhaftig,“ erwiederte der Amt⸗ mann,„ich weiß nicht, wo ich den Kopf zu⸗ — 61— erſt haben ſoll? Krieg koſtet freylich Geld, aber wer kann Blut aus einem Steine ziehn?“ „Die ſchoͤnen Louisd'ors, die ich Dir gab,“ ſagte der Baron,„werden doch nicht ſchon fort ſeyn? Sind ſie's? Deſto beſſer! ich darf mir ſchmeicheln, Obriſter, daß niemand thaͤtiger war, als ich, obgleich meine Glaͤubiger taube Ohren haben.“— „Das iſt abſcheulich,“ rief Fergus.„Er⸗ zeigt mir die Ehre, die Gelder mit mir zu theilen, die mir ausgeworfen ſind! Schlaft ruhig dieſe Nacht, morgen werden wir auf eine oder die andre Weiſe verſorgt.“ Waver⸗ ley beeilte ſich, dasſelbe zu thun, und drang auf den Vorzug. 91 „Ich dank' Euch herzlich, lieben Kinder!“ antwortete der Baron.„Aber das werd' ich nicht annehmen. Ich weiß ſchon, Maevhee⸗ ble hat, was ich bedarf.“ Dieſer erbleichte, ſchuͤttelte ſich auf ſeinem Sitze, und ſchien ſich nicht wohl zu befinden, dann fing er an zu ſeufzen, zu huſten, und in einer langen Vor⸗ rede ſeinen Dienſteifer auseinander zu ſetzen, der fuͤr Leben und Tod, fuͤr Tag und Nacht bereit ſey. Dann berichtete er leiſe, wie er den Kaſten mit Wechſelbriefen vergraben habe, weil baares Geld jetzt nuͤtzlicher ſey, und wie — 62— er wohl thun wuͤrde, dieſe großmuͤthigen Er⸗ biethungen anzunehmen. 1 „Was unterſtehſt Du Dich vorzuſchlagen?“ antwortete der Baron mit einer Stimme, vor der der Amtmann verſtummte. Willſt Du in meinem Dienſte bleiben, ſo richte Dich nach den Befehlen, die ich Dir vor Tiſche gegeben habe: das iſt mein letztes Wort., Macvheeble'n haͤtte ein Aderlaß nicht mehr ſchmerzen koͤnnen; allein er hing den Kopf und ſchwieg traurig ſtill. Dann wendete er ſich an Glennaquoich, nicht ohne ſich auf ſeinem Stuhle geſchuͤttelt zu haben, und ſagte, wenn er Geld ſicher auszuleihen habe, ſtuͤnde er zu ſeinem Befehle. Allein Fergus antwortete ihm nur durch ein lautes Gelaͤchter.„ Tauſend Dank, mein lieber Amtmann!“ rief er,„Ihr wißt, daß der Soldat keinen andern Banquier hat, als ſeine Wirthinn. Da, Mißtriß Flochart,“ ſagte er, und nahm ſechs Quadrupel aus dem Beu⸗ tel,„ſeyd ſo guͤtig, mir dieſes hier aufzuheben; ich ernenne Euch zu meinem Banquier und Te⸗ ſtamentsvollſtrecker. Bleibe ich, ſo vergeßt nicht, den cailliachs,(d. i. Leichenſaͤngern, Baͤnkelſaͤn⸗ gern) Etwas darzureichen, damit ſie ihre Lungen zu Vich? Jan⸗Vohr⸗ 8. Abſchiede ein wenig an⸗ ſttengent 41 „Das iſt ein militaitiſches Veemächtniz.“ ſagte der Baron,„bey den Röntern diltig und geſetzlich. 72. Aber das gefuͤhlvofte Herz der Mistei Flochart ward ſchmerzlich von Fergus Worten ergriffen. Mit tauſend Aechzen und Sthluchzen wies ſie die Goldſtuͤcke zurutk, die der Obriſte ruhig wieder in ſeinen Beutel that.„„Nun, wenn Ihr mein Geld nicht haben woͤllt,fprach er,„ſo bleibt es dem Gieſladier, der mir auf den Kopf ſchießt; aber gkeich foll er's itht b⸗ koöommen.“ Macvheeble, der nicht ſchweigen konnte, wenn er von Gelde reden hoͤrte, me einte: Es waͤte wohl beſſer fär Miß Mur⸗ Jvöbr auge⸗ wendet; man koͤnnte ie Kriegsbeyebehheiten nicht vorausſehen, und in Fedetzug boſtee we⸗ nig, er ſey bereit, eine dgüstic mftis Lausa zu enrwerfen. E nei ei „Wenn mir ein us wiederfaͤhrt,“ ſaͤgte Fergus,„wird meine Schweſter anders u thun haben, als ſich um zeintt, Loutsb örs 3 be⸗ kuͤmmern. 1 „Das iſt nnleugbar; abbr Sw. bettichkeſt wiſſen, d ſich der tiefſte Kummer* — 64— „Leichter als der Hunger ertraͤgt, nicht ſo?— Ja, ja, das iſt unleugbar! und ich denke, es gibt Leute, die aus ſo weiſem Grunde ſich uͤber den allgemeinen Verluſt ihrer Ver⸗ wandten, Freunde und Wohlthaͤter zu troͤſten wuͤßten; aber es gibt auch Kummer, der weder Hunger noch Durſt kennt.“— Dieſe Betrachtungen machten einen tiefen Eindruck auf ſeine Freunde. Des Barons Ideen lenkten ſich jetzt auf ſeine Tochter, und die Thraͤnen traten ihm in's Auge.„ Macv⸗ heeble,“ ſagte er mit dumpfer Stimme,„Du haſt alle meine Papiere, Du kennſt alle meine Angelegenheiten, ſterbe ich, ſo ſey billig gegen meine arme Roſa.“ Obgleich ſehr geitzig, war der Amtmann doch nicht ohne Gefuͤhl. Er antwortete tief ſeufzend:„Mein ehrwuͤrdiger Gebiether, ſollt' ich Zeuge dieſes Ungluͤcks ſeyn, ſo glaubt ge⸗ wiß, daß ich, ſo lange ich Einen Heller beſitze, ich ihn Miß Roſa von ganzem Herzen anbie⸗ then wuͤrde. Eher wollt ich ein Copiſt⸗ fuͤr zwey Sous den Bogen, werden, ehe ihr das Geringſte fehlen ſollte. Geſchaͤhe es je, daß die ſchoͤne Herrſchaft von Tully⸗Weolan mit ihren Lehnen,“ und er ſchluchzte laut,„Gaͤr⸗ ten, Umgebungen, Pachtungen, Scheunen, „ —= — 65— Ackerlaͤndern, Wieſen, Suͤmpfen, Waͤldern, Teichen, mit allen Gerechtſamen, Lehnen, Zin⸗ ſen, hoher und niederer Gerichtspflege.. wenn jemals dieſe ſchoͤne, edle Beſitzung,“ hier trocknete er ſich mit dem Zipfel ſeines Hals⸗ tuches die Augen,„zum Nachtheile der Erbinn meines Herrn und Gebiethers, in die Haͤnde des jungen Grabbit uͤberginge, der nur ein wahrer Wigh, ein abſcheulicher Hannoveraner iſt, der kaum leſen kann; wenn der junge Grab⸗ bit mich wieder zum Amtmann ernennte 27... hier haͤtte ihn ſein Schluchzen faſt erſtickt; aber ſo ruͤhrend auch immer der Anfang dieſer Rede klang, ſo brach doch alles beym Schluſſe in ein Gelaͤchter aus. 3 „Seyd ruhig, mein lieber Amtmann,“ ſagte Fergus,„trinkt Eueren Wein mit Freuden. Der Baron wird gluͤcklich und geſund und mit Lorbeern bedeckt, nach Tully⸗Weolan zuruͤck⸗ kehren. Das reiche Gut Killancureit, welches nicht in den Haͤnden eines feigen Pachters blei⸗ ben darf, der Verſteckens ſpielt, ſtatt ſich zu den tapfern Edlen zu geſellen, die fuͤr ihren rechtmaͤßigen Monarchen ſtreiten, wird er mit der Herrſchaft Bradwardine vereinigen.“„Un⸗ ter meiner Aufſicht,“ verſetzte der Amtmann, indem er ſich die Augen trocknete,„wuͤrde die III. E — 66— ganz gewiß nicht verderben, ich wuͤrde fie gut verwalten.“ „Und ich, lieber Amtmann, ich werde Sorge fuͤr meine Perſon tragen,“ ſcherzte Fergus, auch muß ich nur ſagen, daß ich ein gutes Werk zu vollenden habe. Ich muß Mißtriß Flochart in die katholiſche Kirche begleiten, oder wenigſtens den halben Weg. Ich wuͤnſchte, lieber Baron, Ihr, der Ihr Euch ſo gut auf Muſtk verſteht, haͤttet unſre ſchoͤne Wirthinn die Pſalmen ſingen hoͤren!— Welche Stimme! welch ein Aus⸗ druck! die Engel koͤnnen nicht beſſer ſingen!“ „Das iſt uͤbertrieben, Obriſter!“ antwor⸗ tete Mißtriß Flochart.„Aber ich hoffe, die Herren trinken eine Taſſe Thee bey mir, bevor ſie ſich in den Palaſt begeben; und ich gehe ihn ſelbſt zu bereiten. Mit dieſen Worten ver⸗ ließ ſie die Geſellſchaft, die ihre politiſche Un⸗ terhaltung fortſetzte. Ich aber ſchenke ſie dem Leſer, weil ich ſie nur ſehr unvollkommen er⸗ zählen koͤnnte, da man ſo vorſichtig geweſen war, die Bedienung zu entfernen. eu ntes Kapitel. B a l. Der Faͤhndrich Maccombich war in's Hoch⸗ laͤndiſche Lager, und Macvheeble gegangen, um ruhig das Mittagseſſen zu verdauen, und in den Banken, nach Evan⸗Dhu's Auftrag, das Kriegsgeſetz bekannt zu machen. Waverley, Fergus und der Baron begaben ſich in's Schloß Holy⸗Rood. Die beiden letzteren waren ſee⸗ lenvergnuͤgt. Unterwegs ſcherzte der Baron mit unſerm Helden uͤber ſein gutes Ausſehen in der neuen Tracht.„Wollt Ihr irgend einer ſchönen Schottlaͤnderinn an's Herz,“ ſagte er „ſo bitte ich Euch, bey Euerer Liebeserklaͤrung an jene Verſe Virgil's zu denken: Nunc insanus amor duri mne martis in armis, Tela inter media atque adversos detinet hostes. „Hoͤrt lieber mein Liedchen!“ rief Fergus. „Ihm, ſagt ihr offnes Herz: Verzeiht, es iſt kein Scherz! Ich liebe der Berge holden Sohn, Mag nicht Brittinn werden zum Lohn!“ So kamen ſie, ohne die Laͤnge des Weges gewahrt zu haben, auf das Schloß, wo man ſie ſogleich meldete, und zum Prinzen fuͤhrte. E 2 4— 68— Man kann nicht in Abrede ſeyn, daß in dieſet ungluͤcklichen Epoche eine große Menge durch Rang, Geburt und Gluͤck ausgezeichnete Edel⸗ leute ſich dem unbedachtſamen Aufſtande von 1745 hingaben; ſelbſt die Damen beeiferten ſich, die Partey eines jungen, liebenswerthen, tapfern Prinzen zu nehmen, der ſich mehr als Romanheld als wie ein Staatsmann in die Arme ſeiner Unterthanen warf. So war es denn kein Wunder, daß Eduard, der die groͤßte Zeit ſeines Lebens fern von der Welt im Schloſſe Waverley zugebracht hatte, verfuͤhrt, entzuͤckt und hingeriſſen von dem Gemaͤlde ward, das ihm dieſe alterthuͤmlichen, ſo lange veroͤdeten Saͤle darſtellten. Ihre Einrichtung war nicht majeſtaͤtiſch, allein trotz der Unruhe und Ver⸗ legenheit der Zeitverhaͤltniſſe bothen ſie den reitzendſten Anblick dar, und die Verſammlung konnte glaͤnzend genannt werden. Bald ent⸗ deckte er den Gegenſtand aller ſeiner Wuͤnſche. Miß Flora kehrte zu ihrem Sitze an einem andern Ende des Saales zuruͤck, und Miß Roſa begleitete ſie. Obgleich die ſchoͤnſten Frauen der Hauptſtadt Schottlands hier zugegen waren, ſo hatten dennoch die beiden Freundinnen, deren Schoͤnheit ſie in der That auszeichnete, eine große Zahl von Bewunderern. Der Prinz be⸗ ſchaͤftigte ſich ſehr mit ihnen, beſonders mit Flora, welche die Ehre hatte, mit ihm zu tanzen, ohne Zweifel weil ſie in Frankreich erzogen, und die Sprache dieſes Landes, ſo wie die Italieniſche gleich vortrefflich redete. Fergus benuͤtzte das Ende eines Tanzes, um ſich ſeiner Schweſter zu naͤhern, und Waverley folgte maſchienenmaͤßig, ohne weder zu ſehen noch zu hoͤren. Die ſtets genaͤhrte Hoffnung hatte ihn bey dem Anſchauen des Gegenſtandes von den Wuͤnſchen Aller verlaſſen. Kaum konnte er ſich der Urſachen zu einer ſuͤßen Taͤu⸗ ſchung, die ihn jetzt ſpurlos verließ, mehr er⸗ innern. Er folgte Fergus mit geſenktem Haupte, in der Stellung eines Verbrechers, den man zum Richtplatze fuͤhrt, und der nichts von dem Geſchrey und den Bewegungen der neu⸗ gierigen Menge hoͤrt, durch welche er hindurch muß.— Flora ſchien ein wenig ergriffen und unruhig bey Waverley's Nahen.„Meine Schweſter,“ ſagte Fergus,„ich ſtelle Dir einen adoptirten Sohn des Geſchlechts Ivor vor.“ Sie erwiederte:„Es freut mich, einen zweyten Bruder zu beſitzen! Es lag eine ſo feine, leichte Betonung in dieſen letzten Worten, daß ſie jeder andere als unſer von Fieberſchauer ergriffener Held nicht beachtet haͤtte. Er fuͤhlte tief, was ſie damit ſagen wollte, und kehrte ſich bleich, zitternd und verlegen zu ſeinem Freunde, der ſich in die Lippen biß. „Das iſt das Ende meines Traums,“ dachte er,„ich habe keine Hoffnung mehr.“ Und auf's heftiaſte erſchuͤttert ward er immer bleicher. „O Himmel?“— rief Miß Roſa—„Er iſt noch immer krank!“— Sie ſprach dieſes mit ſo ſtarker Bewegung, daß es der Prinz hoͤrte. Lebhaft naͤherte er ſich Waverley'n, nahm ihn bey der Hand, und ſagte ihm, er wuͤnſche mit ihm allein zu ſprechen. Eduard gewann es aͤber ſich ſelbſt, ihm in ein Fenſter zu folgen. Hier fragte er ihn verſchiednes, hinſichtlich der großen Haͤuſer Englands, wel⸗ he Tory's waͤren, uͤber den Credit, in dem ſtuͤnden, und uͤber die Dienſte, welche ſie Stuarts leiſten koͤnnten. Waͤre Waverley auch bey kaltem Blute geweſen, ſo haͤtte er darauf nicht antworten koͤnnen, wie weit weni⸗ ger jetzt! Der Prinz laͤchelte uͤber ſeine leeren Antworten, unterhielt ſich aber fortdauernd mit ihm, bis er ſich erholt hatte. Vielleicht redete er auch nur ſo eifrig mit ihm, um das Ge⸗ ruͤcht einer wichtigen Sendung, das er wegen ihm hatte ausſtreuen laſſen, zu beſtaͤrken; auch handelte er wohl nach dem Einfluſſe ſeines wohlwollenden Gemuͤths, denn zuletzt ſaate er: „Lieber, junger Freund, ich muß Ihnen nur ſagen, daß ich ſtolz darauf bin, der Vertraute einer jungen Dame zu ſeyn. Ich weiß Alles, und nehme den lebhafteſten Theil an der Voll⸗ fuüͤhrung dieſer Sache. Aber ſuchen Sie ſich zu beherrſchen, ich bitte Sie, es gibt hier eben ſo ſcharfſichtige, aber vielleicht nicht ſo ver⸗ ſchwiegene Leute, als ich!“ Mit dieſen Worten nachte er einen Seitenſprung, und geſellte ſich zu den ihn erwartenden, vornehmſten Officieren. Waverley dachte uͤber das Vernommene nach, beſchloß jetzt, auf ſeiner Huth zu ſeyn, und ſich der Achtung ſeines neuen Gebiethers wuͤr⸗ dig zu bezeigen. Er naͤherte ſich Miß Roſa, und fand ſich gegen ſeine Erwartung ruhig ge⸗ nug, um an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Wie einer der ungluͤcklichen Poſtklepper Schottland, der anfangs kaum zu ſchleich vermag, aber von der Peitſche des Treibers einmal erhitzt, endlich von ſelbſt in Lauf kommt, ſo konnte man— obſchon der Vergleich nicht edel iſt— den glaͤnzenden Erfolg, den unſer Held im Laufe dieſes Abends erlangte, betrach⸗ ten. Auch findet immer die Tugend ihren Lohn in ſich ſelbſt. Waverley, um zu zeigen, wie wenig er Miß Flora's kalte Gleichgiltigkeit verdiene, half ſich durch ſeine gereitzte Eigen⸗ liebe durch, die jene Auszeichnung des Prinzen, und das Bewußtſeyn deſſen, was er war, kraͤf⸗ tig anſpornte.„Nein,“ ſagte er bey ſich ſelbſt: „Ich kann, o Schoͤne! Deinem Kaltſinn trotzen, Mein Herz iſt ſtolzer, wie das Deine iſt!“ Sie ſoll mich bedauern, wenn ſie mich wird ſchaͤtzen gelernt haben! Sie ſoll fuͤhlen, daß ich ihr eine Ehre erzeigte— der Prinz ſelbſt ſcheint es zu faſſen!— Nicht heute, den Abend vor der Schlacht, ſoll man mich nieder⸗ geſchlagen ſehen! Man koͤnnte die Urſache ver⸗ kennen, und nie will ich meine Feinde veran⸗ laſſen, meinen Muth, mein Ehrgefuͤhl zu be⸗ zweifeln!“ Voll von dieſen Ideen, von dem Laͤcheln des Prinzen ermuntert, breitete jetzt Waverley ſeine glaͤnzende Phantaſie, ſeine reiche Bered⸗ ſamkeit aus, und erntete durch die Feinheit ſeiner Einfaͤlle, die Richtigkeit ſeiner Bemer⸗ kungen und den Ernſt ſeiner Geſpraͤche den all⸗ gemeinſten Beyfall. Bald war die Geſellſchaft auf einen Ton geſtimmt, wo er ſeine Geiſtes⸗ gaben zeigen konnte; mit liebenswerther Leich⸗ tigkeit ging er vom Scherze zum gelehrten Ernſte uͤber, und geſiel nicht weniger durch die Anmuth ſeines Verſtandes, als durch die — Eigenſchaften ſeines gefuͤhlvollen Herzens. Bald achtete man nur auf ihn. Verſchiedene Damen hoͤrten auf zu tanzen, und gruppirten ſich um ihn, der liebenswuͤrdige Englaͤnder ward ihnen vorgeſtellt, und ſie wurden nicht muͤde, einem Manne zuzuhoͤren, von dem ſie glaubten, daß er zeitlebens am Hofe und in der großen Welt gelebt habe. Nur Flora ſchien dieſe allgemeine Begeiſte⸗ rung nicht zu theilen; ſie blieb zuruͤckhaltend und kalt, ob ihr gleich auffiel, daß ſie ſo ſeltne Talente nicht fruͤher entdeckt hatte. Doch reuete ihr es nicht, dieſen glaͤnzenden Liebhaber abge⸗ wieſen zu haben, unter deſſen Unvollkommen⸗ heiten ſie ſchon fruͤher eine falſche Scham gezaͤhlt hatte. In den glaͤnzenden Kreiſen eines fremden Hofes erzogen, und wenig mit der Zuruͤckhaltung der Englaͤnder bekannt, hatte ſie ihn fuͤr geiſtesflach gehalten. Die Liebens⸗ wuͤrdigkeit, welche er jetzt beurkundete, ſchrieb ſie den Verhaͤltniſſen zu. Und da ein ſolches Gluͤck einem jeden wiederfahren kann, beharrete ſie in ihren Vorſaͤtzen. Miß Roſa hoͤrte dagegen mit ganz andern Empfindungen von ganzer Seele zu. Sie freute es, ihn, eher als alle, nach Verdienſt geſchäͤtzt zu haben. Ohne irgend eine Regung von — 9 4— Eiferſucht, Unruhe oder Furcht, gab ſie ſich“. dem reinen Vergnuͤgen hin, ihn loben zu hoͤ⸗ ren. Kaum athmete ſie, und ihre Zuͤge druͤck⸗ ten Entzuͤcken aus. Nur an dieſem— von tauſend Kummern gefolgtem Abende genoß Roſa des lauterſten, groͤßten Gluͤcks! „Baron von Bradwardine,“ ſagte der Prinz,„meine Geliebte moͤchte ich Euerem jungen Freunde nicht vertrauen; obgleich ein wenig romantiſch, ſo iſt er der verfuͤhreriſchſte und liebenswuͤrdigſte von allen jungen Leuten, die ich kenne!“ 1 „Auf Ehre,“ antwortete dieſer,„manch⸗ mal iſt er geſetzter wie ich, trotz meiner ſechs⸗ zia Jahre. Hatten Ew. koͤnigliche Hoheit ihn bey mir in Tully⸗Weolan geſehen, wie er bald ſe ermuͤthig umherſchlich, bald mehrere Stun⸗ den lang, in einer und derſelben Stellung, gleich einem Automat, blieb, bald, wie ein Beſeſſener herumlief: ſo wuͤrden Sie es faſt fuͤr unmoͤglich halten, wie er in dieſer kurzen Zeit dieß bezaubernde Weſen, die ſanfte Heiter⸗ keit ſich habe verſchaffen koͤnnen. Ich fuͤr mein Theil, weiß wahrlich nicht, wo bey ihm heute alles das herkommt?“ Fergus erwiederte:„Von dem Hochlaͤndiſchen Wammes, das er angelegt hat, glaub' ich, ob er mir gleich ſtets ſehr ehrliebend und verſtändig vorkam, wenn ich ihn auch tiefdenkend und zerſtreut fand.“ Der Prinz ſagte:„Er verdient unſrerſeits deſtomehr Dank, und es iſt um ſo artiger von ihm, uns heute dieſe Eigenſchaften, welche er vor ſeinen Freunden verborgen hatte, zu zeigen. Doch es wird ſpaͤt, wir haben wichtige Vorkehrungen zu Morgen, und ich hoffe, daß man mir die Ehre erzeigen wird, jetzt eine leichte Mahlzeit bey mir einzunehmen.“ Die Geſellſchaft begab ſich in andere Zimmer. Am Ende der Tafel ſaß der Prinz unter einem Baldachin, mit einer ſeiner hohen Abſtammung angemeſſenen Groͤße und Guͤte, die mit ſeiner traurigen Lage im Widerſpruche ſtand. Nach Verlauf einer Stunde gab die Muſik das Zeichen zum Auf⸗ bruche. 9 „Meine ſchoͤnen Damen!“ ſagte der Prinz indem er ſich erhob,„ich bitte Sie meinen er⸗ gebonſten Dank fuͤr die dem armen Verbannten erzeigte Ehre zu empfangen!— Gute Nacht meine vielgetreuen, tapfern Freunde! Moͤge das Gluͤck, welches wir an dieſem frohen Abende genoſſen, eine Vorbedeutung unſrer baldigen, ſiegreichen Ruͤckkehr in dieſen alten Pallaſt mei⸗ ner Vaͤter und des Wiederbeginnens freudiger Feſte ſeyn!“ — 76— Wenn Bradwardine in der Folge dieſes zaͤrtlichen Abſchieds des Prinzen Erwaͤhnung that, wiederholte er allemal mit Trauer: Audiit, et voti Phoebus suecedere partem Mente dedit; partem volueres dispersit in auras. Zehnites Kapitel. Maar ſ ch. Die ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften, und verſchiede⸗ nen Gefuͤhle, welche unſern Helden erſchuͤtter⸗ ten, machten, daß er erſt ſehr ſpaͤt, aber feſt einſchlief. Der Traum verſetzte ihn nach Glennaquoich, wo er jenem Feſte beyzuwoh⸗ nen, und die Muſik der Pfeifen zu hoͤren glaubte. Weniaſtens war dieſes keine Taͤu⸗ ſchung denn der erſte Muſikus des Geſchlechts von Ivor ſpatzierte vor Fergus Thuͤre und machte einen Lerm, als wenn er Todte erwecken woll⸗ te: wie Mißtriß Flochart, die ohne Zweifel die Menſtrel nicht liebte, ſich ausdruͤckte. Von die⸗ ſem ſtarken Klang erwachte endlich Waverley, und Callums Holzſchuhe erinnerten ihn herbey⸗ ſchlorfend, daß es Zeit zum Aufſtehen ſey. Cal⸗ lum machte den Kammerdiener, half ihm ge⸗ ſchwind in die Kleider, und ſagte ihm, daß der Prinz bereit, und mehrere bey ihm auf dem Raſenplatze ſchon verſammelt waͤren; auch daß ſein Gepäck angelangt ſey. Gern haͤtte er jetzt nach dem ihm von der DTochter der Wuͤſte heimlich zugeſteckten Paͤckt⸗ chen geſehen, allein es war dazu eben ſo wenig Zeit, wie zu dem ihm von Mißtriß Flochart angebothenen Morgenſchluck; er war vielleicht im ganzen Heere des Prinzen der Einzige, der ihn ausſchlug. „Wo nehm ich aber ein Pferd her?“ ſagte er zu Callum, ſeinem Fuͤhrer. „Ey! was Teufel ſoll Euch das? Vich⸗Jan⸗ Vohr geht ja zu Fuße vor ſeiner Horde, wollt Ihr's anders machen?“ „Nein, mein Freund, gib mir mein wohl eingerichtetes Schild? Wie bin ich nun?“— „Ihr gleicht dem tapfern Hochlaͤnder, deſſen Abdildung das Schild der Lucia Middlemaß zeigt, Der arme Junge, welcher jenes Wirths⸗ hausſchild fuͤr ein Meiſterſtuͤck hielt, glaubte Waverley'n durch dieſe Antwort ein großes Com⸗ pliment zu machen; dieſer hingegen fand die Vergleichung keineswegs ſchmeichelhaft, und un⸗ terließ ihn ferner zu fragen. hoͤhe, wo aus ihnen der koͤnigliche Park in dem Thale, das zwiſchen dem Berge Arthur und der Fel⸗ ſenkette, die auf der Oſtſeite Edinburg deckt, eine gewaͤhrte. Bey der großen Jagd hatte Eduard bereits einen aͤhnlichen Anblick, aber nach ſehr verjuͤngtem Maßſtabe genoſſen. Der, welchen er jetzt hatte, war weit majeſtoͤtiſcher und an⸗ ziehender. Auf den Felſen, die den Horizont be⸗ grenz nen Staͤmme, deren Pfeifen ebenfalls verſchie⸗ der geformt waren. Die Hochlaͤnder hatten kein und ſchwaͤrmenden Bienen, die rachſuͤchtig aus ihren Koͤrben ſtuͤrzen. Alle Bewegungen dieſer ruͤ⸗ ſtigen Maͤnner kuͤndigten kriegeriſche Geſchmei⸗ digkeit und Geſchwindigkeit an. Zwar waren ſie ein wenig verworren, da ſie keine Wirkung eines Befehls waren, jedoch geſchahen ſie mit Ordnung und Regelmaͤßigkeit. Ein General waͤre Inſtructor. Die Verſchiedenheit ihrer Klei⸗ dung Sie gelangten zu der ſehr bedeutenden An⸗ ſtellten einen anmuthigen, gefaͤlligen Anblick. die man den Berg Leonhard nennt, von der mahleriſchen und belebteſten Anſichten ten, ſtanden die Muſikanten der verſchiede⸗ anderes Lager als den Erdboden gehabt, glichen jetzt bey ihrem eiligen Aufſtehn, mit ihnen zufrieden geweſen, nicht ſo ein gewaͤhrte wie ſie ſich unter ihre Banner Die Colonne ſetzte ſich darauf in Bewegung, Federn, Plaids und Banner weheten in der Luft. Auf Clauronald's Banner ſtand: Ganion cobe- riga, d. h. Niemand wagt mir zu wi⸗ derſtehen; alle hatten ihre Inſchriften und Sinnbilder. Nach und nach zog dieſe Maſſe ſich zuſammen, und bildete eine in einer langen Linie ausgebreiteten Schlachtordnung, welche ihre beiden Flaͤgel an's Thal anlehnte. Im Mit⸗ telpuncte wehte die Fahne des Prinzen, mit ei⸗ nem Kreutz auf weißen Grunde und dem Wahl⸗ ſpruche: Tandem triumphans. Endlich ſiegreich. Das kleine Heer der Reiterey beſtand aus einigen Adeligen der Flaͤche ihren Dienern und Paͤchtern, welche den Vortrab bildeten. Ihre zahlreichen Fahnen entfalteten ſich am Hinter⸗ grunde des Horizonts, und verſchiedne Mitglie⸗ der desſelben, wie Balmahapple und ſein Lieu⸗ tenant Jinker, die auf Befehl des Barons Subalternofficiere geworden waren, vollendeten durch ihren unregelmaͤßigen Marſch die Schoͤn⸗ heit dieſes Gemaͤldes. Sie kamen eilig an ihre Plätze galoppirt, da auf ſie die Libationen der Nacht wie Circe's Zauberey gewirkt hat⸗ ten, und mehrere durchbrachen die Reihen der Fußgaͤnger mit Gefahr ſie niederzuwerfen, um ohne Umweg hin zu gelangen. Die Hochlaͤn⸗ — 30— der fluchten, widerſtanden, und beide gaben ſo ein ergreifendes Bild von ihrer Art Krieg zu fuͤhren. Noch hetrachtete Waverley das Ganze, als er die Kanonen der Citadelle hoͤrte, welche die Hochlaͤndiſchen zu ihrem Heere ſtoßenden Wa⸗ chen beſchoſſen, die in ihrer Naͤhe vorbey muß⸗ ten. Callum erinnerte ihn kalt daß Vich⸗Jan⸗ Vohrs Truppe die Spitze der Colonne ausma⸗ che, und ſchon weit ſey; auch noch ſchneller zie⸗ hen werde, wenn das Zeichen des Aufbruchs gegeben werden wuͤrde, daher man ſich zu ihr geſellen muͤſſe. Unſer Held brach auf, die ihn umgebenden Maſſen immer im Auge behaltend. Von der Naͤhe war der Anblick dieſes Heeres eben ſo gewaltig wie in der Entfernung. Die erſten Reihen jedes Stammes waren mit Schwertern, Schildern, Flinten, Dolchen und Piſtolen bewaffnet. Dann kamen die Edeln und Verwandten der Haͤuptlinge. Kaum haͤtte man in den regelmaͤßigen Truppen von ganz Europa, Wohlgeſtaltetere, Herzhaftere, Kuͤh⸗ nere, Unerſchrocknere, Eifrigere, Entſetzlichere in der Art des Angriffs, des Kampfs, der Fein⸗ desverfolgung finden koͤnnen. Dann kam was Landmann hieß. Sie ließen ſich nicht gern Bauern nennen, und wollten von aͤlteren Ge⸗ ſchlechtern abſtammen als ihre Haͤuptlinge. Ihr Anzug war zwar elend und duͤrftig; ſie waren groͤßtentheils halbnackend oder mit Lumpen be⸗ deckt; wahre Iloten; aber ſie ſtammten von Courhal, Fingals Vater u. ſ. w., ab. Dieſe armen Jloten, die auf Befehl der Obern zum Waffen griffen, weil ſie ihnen Holz und Waſſer goͤnnten, waren ſchlecht unterhal⸗ ten, ſchlecht bewaffnet, und ſchlecht gekleidet; auf Befehl der Regierung hatten ſie die Waf⸗ fen abliefern muͤſſen, und wiewohl man ſie verborgen oder verleugnet hatte, waren doch deßhalb dieſe Leute nicht beſſer damit verſorgt. So vorzuͤglich alſo die erſten Reihen waren, ſo elend waren die letzten, Banditen gleichend. Einer trug eine Axt, oder ein Schwert ohne Scheide, ein anderer eine Flinte ohne Schraube, oder eine Lanze, die Mehrzahl Dolche oder Ei⸗ ſenſtaͤbe. Ihr wilder, finſtrer Blick, ihre lan⸗ gen Baͤrte und unordentlichen Haare machten ſte den Bewohnern der Flaͤche furchtbar. Ihre Lebensweiſe kannte man außer dem Kriege gar nicht, und dann verurſachte ihre Erſcheinung eine Furcht wie eine Horde Wilder oder Neger. Waverley erſtaunte ein Heer von kaum viertau⸗ ſend zum Theil unbewaffneter Leute zu erblicken, die es unternehmen wollten eine Regierung um⸗ III. F — 82— zuſtuͤrzen, ohne mehr als eine einzige Kanone zu haben, die ſo eben das Zeichen des Aufbruchs gab! Der Prinz wollte dieſes alte Stuͤck nicht fortbringen laſſen, aber die Haͤuptlinge beſtan⸗ den darauf, weil ihm die Hochlaͤnder eine große Wichtigkeit beylegten, und den Sieg zuſchrieben. Es wurde alſo vier Franzoͤſiſchen Artilleriſten anvertraut, und zum Signal beſtimmt. Kaum ließ es ſich jetzt vernehmen, ſo antwortete ein Freudengeſchrey und die Pfeifen und Hoͤrner⸗ Der linke Fluͤgel der Reiterey ſtellte ſich in Schlachtordnung, ſchickte auf Unterſuchung aus, und das Fußvolk nahm in zwey Colonnen die⸗ ſelbe Richtung⸗ Waverley mußte ſchnell vor⸗ waͤrts eilen, um die Schlachtreihen des Stam⸗ mes Jvor zu erreichen. Eilftes Kapltel. — Ein Zufall erregt bitteres Nach⸗ denken. Die Hochlaͤnder vom Stamm Ivor ſahen kanm unſeren Helden in ihrer Mitte, als ſie ihn, in⸗ — 83— dem ſie Halt machten, und ein Bataillon carré bildeten, mit Pfeifenton und Freudengeſchrey empfingen. Viele kannten ihn, und alle waren entzuͤckt, ihn in ihrer Nationaltracht zu erbli⸗ cken. „Ihr ſchreit,“ ſagte einer zu Maccombich, „als ob's der Hauptling ſelbſt waͤre!“ „Wenn's der nicht iſt, ſo iſt's doch ſein Bru⸗ der!“ antwortete dieſer. „Ha! ha s iis der ſchoͤne Engliſche Edel⸗ mann, der Miß Florens Gemahl wird werden!“ „S kann ſeyn,'s kann auch nicht ſeyn, lieber Gregor, daß kuͤmmert uns nichts.“ Fer⸗ gus kam jetzt ſeinen Freiwilligen zu umarmen, und zu bewillkommen; er that es mit lebhaf⸗ ten Beweiſen von Freundſchaft, und beeilte ſi ſich ihm Nachricht von der Verminderung ſeiner Truppe zu geben, die ſich kanm auf drey hun⸗ dert Mann belief.„Er haͤtte ſie,“ ſagte er, in wichtigen Auftraͤgen verſchickt. Aber eigent⸗ lich kam ſie von einem Aufſtande von Donald⸗ Bean⸗Lean, der die beſten Leute mit fortgenom⸗ men hatte. Auch hatten ſich mehrere Neuan⸗ geworbene zu ihren Lehnsherrn zuruͤckbegeben muͤſſen, und ein Haͤuptling, der Ivors Neben⸗ buhler war, ſich noch fuͤr keine Partey erklaͤrt. Er troͤſtete ſich aber damit daß das, was er uͤbrig F 2 — 8 4— behielt, das Beſte ſey, und die Haltung der Franzöſiſchen Soldaten habe. Der alte Bal⸗ lenkeiroch diente als Major, und er und die andern Ofſiciere, die ihn kannten, empfingen ihn auf das freundſchaftlichſte, und wuͤnſchten ſich Gluͤck daß er Ehre und Gefahr mit ihnen thei⸗ len woll. Als das Hochlaͤndiſche Heer ſeine Stellung im Dorfe Duddingston verlaſſen hatte, folgte es eine Zeitlang der Landſtraße nach dem Staͤdchen Abington. Dann ging es durch den kleinen Fluß Esk, verließ die Ebene der Meer⸗ ufer, und nahm die beruͤhmten Hoͤhen von Car⸗ berry ein, weil ſich dort die ungluͤckliche Maria ihren Feinden uͤbergab. Man nahm dieſe Stel⸗ lung, weil der Prinz erfahren hatte: daß das koͤnigl. Heer die letzte Nacht weſtlich von Abing⸗ ton bivouackirte, und ſich, das Meer ſeitwaͤrts laſſend, mit ſeiner Geſammtmacht nach Edinburg richtete. Sie nahmen alſo ihre Stellung in der Ebene von Carberry um auszuruhen, und den Feind leicht in die Flanken fallen zu koͤn⸗ nen, wenn es noͤthig waͤre. Ein Adjudant kam jetzt vom Prinzen, den Obriſten Mae⸗JIvor zu ihm zu holen, er berichtete es ſey ein Vorpo⸗ ſtengefecht vorgefallen, und der Baron von Brad⸗ wardine habe einige Gefangene eingeſandt. Waverley verließ die Reihe, ſeine Neugier * zu befriedigen, und erblickte ſechs Dragoner, die mit Staub bedeckt von der Meerſeite her jagten. Sie brachten die Nachricht, das feind⸗ liche Heer ſey in vollem Anmarſche laͤnaſt der Kuͤſte her. Einige Augenblicke darauf vernahm er eine wehklagende Stimme, die einige Worte Engliſch heraus ſeufzte, und aus einer kleinen Grotte kam. Des Ungluͤcks Stimme machte ſtets auf Eduards Herz den tiefſten Eindruck, er eilte hinein, und konnte in der Daͤmmerung kaum einen kleinen rothen Knaul bemerken. Die Hochlaͤnder hatten den armen Verwundeten gepluͤndert, und ihn nichts als ſeinen Dragoner Mantel gelaſſen, ſich ein⸗ zuwickeln, er bat um Gotteswillen um Einen Trunk Waſſer. 2 Waverley trug ihn an den Eingang der Grotte, und traͤnkte ihn aus ſeiner Feldflaſche.„Trink!“ ſagte er zu ihm. „Dieſe Stimme ſollte ich kennen?“ ſtam⸗ melte jener, und ſeine Blicke ſchmerzlich auf ihn heftend, ſetzte er hinzu: Iſt das nicht der junge Herr?“— Mit dieſem Namen bezeichnete man Waver⸗ ley'n ſtets im Schloſſe ſeines Onkels, bey ihm erfuͤllten jetzt tauſend ſchmerzlich Erinnerungen ſeine Seele. — 86— „ Lieber Hongton!“ erwiederte er, nachdem er dieſe von Todesnoth entſtellte Zuͤge betrach⸗ tet hatte,„mein lieber Hongton! biſt du es?“ „Ach! das dachte ich nicht, daß ich noch den Troſt haben ſollte, die Stimme eines mei⸗ ner Landsleute zu hoͤren!— Sie haben mich ſterbend in dieſe Grube geworfen, weil ich nicht ſagen konnte, wie ſtark unſer Regiment ſey. Ach Herr Junker, warum habt Ihr uns denn ſo lange verlaſſen? Warum ließt Ihr uns in die Schlingen des Boͤſewichts, des Ruffin fal⸗ len? Ihr wußtet ja, Euch waͤren wir in die Hoͤlle gefolgt!.“ „Ruffin! ſagſt Du? ich ſchwoͤre Dir's, der hat Euch aufs ſchaͤndlichſte betrogen!“ „Ich habe es manchmal wohl gedacht, wie⸗ wohl er mir Euer Petſchaft vorzeigte... Ich ward degradirt... 1. „Erſchoͤpfe Dich nicht mit Reden, ich will Dir einen Wundarzt holen.“ Eben kam Fergus aus dem Kriegsrathe zuruͤck, der beym Prinzen gehalten worden war. „Ich bringe Euch gute Nachricht,“ ſchrie er,„in zwey Stunden kommen wir in's Hand⸗ gemenge. Der Prinz iſt an der Spitze des Heers. Freunde, hin werf ich dieſe Scheide! 8 ſetzte er hinzu ſein Schwert ziehend. Kommt Waverley fort!“— „Nur noch Einen Augenblick bitte ich. Wo tan ich fuͤr einen armen, ſterbenden Gefangenen einen Wundarzt finden?“ „Auf Ehre ich weiß es nicht. Ihr wißt ja wir haben nur zwey oder drey Franzoͤſiſche Apo⸗ thekerjungen!“ „ Mein armer Gefangener wird aber ſter⸗ ben!“— „Der arme Teufel! das wird heut Abend vielen ſo gehn! Kommt!“ „Ich kann nicht! Dieſer Menſch iſt der Sohn eines Pachters meines Oheims.“ „Wenn's Euer Vaſall iſt, ſo muͤßt Ihr Sorge fuͤr ihn tragen, ich will Euch den Cal⸗ 14 lum⸗Beg ſchicken. Was Teufel denkt aber der Baron, uns ſeine Gefangne auf den Hals zu ſchicken?“ 2 Callum⸗Beg lief ſchnell herbey, und bey den Hochlaͤndern ſtieg Waverley durch ſeine Vorlie⸗ be gegen einen ſeiner Vaſallen ſo im Werth, daß ſie einmuͤthig ſchrieen: Er verdiene Haͤupt⸗ ling eines Stammes und Jan⸗Vohr's Freund zu ſeyn. Eine Viertelſtunde darauf verſchied der arme Humphrey Hongton, nachdem er ſeinen —(;— — 88— Junker gebeten hatte, ſeinen alten Vater und die gute Mutter zu verſorgen, und nicht im Weiberrock gegen die Engliſchen Truppen zu fechten. Waverley fuͤhlte ſich von Schmerz und Ge⸗ wiſſensbiſſen gequaͤlt, und befahl Callum den Leich⸗ nam in die Grotte zu tragen. Dieſer gehorch⸗ te, und vergaß nicht die Taſchen zu durchſuchen, man war ihn aber zuvorgekommen. Er nahm den Mantel, ſteckte ihn wie ein Hund, der ei⸗ nen Knochen verſtecken will, mit Sorgfalt hin⸗ ter einen Buſch, den er ſich genau merkte, um in der Folge einen huͤbſchen Mantel fuͤr ſeine Mutter daraus machen zu laſſen. Dann eilten beide zu der Colonne zuruͤck an ihre Plaͤtze, da dieſe bereits ſchnell vorwaͤrts ging, die Hoͤhen einzunehmen, welche das Dorf Trancat be⸗ herrſchten, auf denen das feindliche Heer vor⸗ uͤber ziehen mußte. Waverley's Gemuͤth war durch jene betruͤbte Zuſammenkunft mit Kummer erfuͤllt. Er ſah deutlich, nach dem Geſtaͤndniſſe des armen Hong⸗ ton, ein, daß die Auffuͤhrung ſeines Obriſten gegen ihn, untadelich geweſen war, und daß man ſich ſeines Namens bedient hatte, die Sol⸗ daten zur Entweichung zu bereden. Er erin⸗ nerte ſich, ſein Petſchaft in Donald's Hoͤhle ver⸗ loren zu haben, und konnte nicht zweifeln, daß der Argliſtige ſich deſſen als ein Mittel bedient habe, Aufruhr im Regiment zu verbreiten, um davon Nutzen zu ziehen. Jetzt glaubte er auch daß die Papiere, die Donald’s Tochter heimlich in ſeinen Mantelſack geſteckt haͤtte, ihm viel⸗ leicht dieſes Geheimniß eroͤffnet haͤtten. Er hoͤrte ſtets den Ausruf ſeines Brigadiers:„Ach Junker warum habt Ihr uns verlaſſen!“— „Ja,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„Ich kann es nicht leugnen, mein Benehmen war grau⸗ ſam und ungerecht; ich machte daß ſie das Va⸗ terhaus verließen; ich entzog ſie den Schutz ei⸗ nes guten, gefuͤhlvollen Herrn, um ſie ins Joch der militairiſchen Diſciplin zu ſtecken, weil ich ihnen die Hoffnung gab, es mit ihnen zu thei⸗ len; ſtatt mein Wort zu halten, habe ich ſie ſchaͤndlich verlaſſen, um ein herumſchweifen⸗ des Leben zu fuͤhren ohne auf ihre Uner⸗ fahrenheit, und meinen eignen guten Ruf be⸗ dacht zu ſeyn; ich habe ſie in die Fallſtricke ei⸗ nes niedern Boͤſewichts fallen laſſen. O ab⸗ ſcheuliche Geiſtestraͤgheit, was fuͤr Uebel haſt du mir zugezogen!“— —— Zwoͤlftes Kapitel. Abend vor einem Schlachttage. Wiewohl das Heer der Hochlaͤnder einen an⸗ geſtrenaten Marſch gemacht hatte, ſo gelangte es doch bey Sonnenuntergang auf die Hoͤhen der weiten Ebene, die ſich von Mitternacht nach Mittag an der Meerſeite hinziehet. Hier liegen die beiden Doͤrfer Scaton und Cokenzie, und entfernter der Flecken Preston. Es gibt keinen andern Weg zur Schottiſchen Hauptſtadt; bis Preston iſt er offen, dann faͤngt das Defſi⸗ jee an. Der Engliſche General hatte dieſen Weg aus zwey Gruͤnden gewaͤhlt, erſtens weil er fuͤr die Reiterey bequemer war, und zweytens, weit er durch dieſes Manoͤver die Hochlaͤnder, welche in derſelben Richtung von Edinburg ka⸗ men, graden Wegs anzugreifen dachte. Er hatte ſich aber in ſeiner Rechnung betrogen, denn die Scharfſicht des Prinzen, oder ſeiner Raͤthe, hatte dieſen Durchgang frey gelaſſen, und es vorgezogen, ſich der Hoͤhen zu bemaͤch⸗ tigen. Die Hochlaͤnder bildeten ſogleich eine Schlacht⸗ linie, und der Vortrab der Englaͤnder warf ſich ins Dorf Scaton, mit dem Vorſatze Poſto in — 91— der Ebene zu faſſen. Waverley ſah die Reite⸗ rey nach einander dem Prinzen ſich entgegen ſtellen, Artillerieſtuͤcke folgten ihr, und wurden gegen die Hoͤhen gerichtet. Dieſes erſte Corps ward von fuͤnf bis ſechs Regimentern Fußvolk begleitet, die in geſchloſſner Colonne mit aufge⸗ pflanztem Bajonnet anruͤckten; ihm folgte ein zweiter Artillerie⸗Train, und ein anderes Ca⸗ valleriecorps beſchloß den JZug. Waͤhrend das Heer der Regierung ſich zur Schlachtlinie ſchwenkte, bewegten ſich die Hoch⸗ aaͤnder eben ſo ſchnell, und waren bald im Stan⸗ de des Angriffs. Sie ſtießen ein furchtbares Geheul aus, welches das Echo der Gebirge lan⸗ ge wiederhallete. Die Englaͤnder erwiederten es mit einem herausfordernden Freudengeſchrey, und thaten einige Kanonenſchuͤſſe auf die Vor⸗ poſten, worauf die Hochlaͤnder ſchnell zum An⸗ griffe ſchritten. „Seht Ihr die Rothröcke?⸗ ſagte Mac⸗ combich zu Fergus.„Sie gleichen den Adler, der uͤber einer Heerde ſchwebt. Die Schur⸗ ken waͤren wohl im Stande uns anzugreifen... vorwaͤrts!“ Der Abhang den die Hochlaͤnder herab zu ſteigen hatten, war nicht ausgebreitet, aber un⸗ zugaͤnglich, mit Mauern und Graben u. ſ. w. durchſchnitten. So konnte ihnen die feindli⸗ che Armee leicht beykommen, daher die Haͤupt⸗ linge ihre Truppen zu zuͤgeln ſuchten und ſich mit Abſendung einiger Abtheilungen der Beſten begnuͤgten, um das Terrain zu unterſuchen. Beide Heere bildeten jetzt einen eben ſo anziehenden als außerordentlichen Anblick. Die Verſchiedenheit der Anzuͤge und der Disciplin ſtach ganz beſonders hervor. In ihren Haͤn⸗ den lag fuͤr den Augenblick Schottlands Geſchick. Sie beobachteten ſich ſtill wie zwey Gladiato⸗ ren auf dem Kampfplatze, die mit ihren Bli⸗ cken den guͤnſtigen Platze zum Angriff ſuchen. Die Officiere jedes Heers beobachteten ſich durch Fernglaͤſer, und ertheilten ihre Befehle; die an den erſten Linien hin galoppirenden Ordonanz⸗ officiere gaben dieſen majeſtaͤtiſchen Gemaͤhlde ei⸗ nen neuen Ausdruck. Hier und da ſahe man die Schuͤtzen ihre Verwundeten fortſchaffen. Die benachbarten Bauern zeigten ſich vor ihren Huͤt⸗ keen, und ſchienen mit einer von Furcht gemiſch⸗ ten Ungeduld, den Ausgang dieſes Kampfes zu erwarten. Entfernter ſpannten zwey Schiffe Engliſcher Flagge, deren Verdecke mit Zuſchauern beſetzt waren, ihre Seegel aus. Fergus, nebſt einem andern Haͤuptlinge er⸗ hielt Befehl, nach dem Flecken Preſton zu X — 93— marſchiren, und den Feind auf der rechten Flanke zu beunruhigen, um ihn aus ſeiner Stellung zu bringen. Dem zufolge beſetzte Fergus den Gottesacker von Tranet.— „Er konnte es fuͤr die nicht beſſer ausſu⸗ chen,“ ſagte Evan⸗Dhu,„welche mit kirchli⸗ chen Ceremonien begraben ſeyn wollen.“ Der General ließ Reiterey und zwey Ka⸗ nonen vorruͤcken, ihn aus dieſem Hinterhalte zu vertreiben. Die Dragoner kamen ſo nahe, daß Waverley den Fluͤgelmann ſeines ehema⸗ ligen Regiments erkennen konnte. Er hoͤrte die Trompeten zum Feuern blaſen, wie er ſo oft nach dieſem Signal gethan hatte; er hoͤrte die Engliſchen Commandoworte ſeines ſonſt ſo geliebten Obriſten.— Wenn er dagegen auf ſeine grob gekleideten Kameraden ſah, ſo kam ihm Alles wie ein ſchwerer, toller Traum vor. „Großer Gott!“ dachte er,„daß ich ein Lan⸗ desverraͤther, ein niedertraͤchtiger Deſerteur bin, wie der Hongton ſagte!“—— Jetzt ſtand ſein Obriſter, um zu recognosciren, nur einige Schritte weit von ihm. „ Dem will ich die Rechnung machen!“ ſagte Callum, vorſichtig ſeine Flinte auf die Mauer ſtuͤtzend, hinter der er verborgen lag.— Eduard ſchanderte wie vor Vatermord: des Grein — 9 4— ſes weißes Haar floͤßte ihm jene Sohnesliebe ein, die alle Anweſende unter den Seinen vor ihm hatten. „Halt!“ ſagte ein alter Hochläͤnder, der bey Callum ſtand.„Thue Dein Gewehr weg, ſeine Stunde iſt noch nicht gekommen, aber morgen kann er auf ſeiner Huth ſeyn.. Ich ſeh' den Tod auf ſeinem Haupte.“— Callum war ſehr aberglaͤubiſch, 3 eilte auf ſeinen Platz zuruͤck. Der Obriſte, der nichts von der Gefahr wußte, welcher er entgangen war, kehrte an die Spitze ſeines Regiments zuruͤck. Indeß nahm das Engliſche Heer eine andre Stellung an, eine ſeiner Flanken lehnte ſich an's Meer, die andere an den Flecken Preſton. Dieſes machte bey dem Angriffe neue Schwierigkeiten, Fergus erhielt Befehl, mit den Seinigen zu⸗ ruͤck zu kommen, wodurch der Engliſche Feld⸗ herr ſich gezwungen ſah, eine Schlachtſtellung den Hochlaͤndern gegenuͤber anzunehmen. Es begann Nacht zu werden, und beide Heere wollten ſie in dieſer Stellung unter den Waffen zubringen. „Heut' Abend wird nichts,“ ſagte Fergus zu Waverley'n,„wir wollen den Baron be⸗ ſuchen, der bey dem Nachtrab iſt. Als ſie den — 9⁵— Poſten dieſes tapfern Officiers ſich naͤherten, ſahen ſie, mit welcher Sorgſamkeit er ſeine großen und kleinen Wachen ausgeſtellt hatte. Er las mit lauter, wohlklingender Stimme ſein Abendgebet, als ſtuͤnde er als Geiſtlicher vor dem Altare. Seine Stellung hatte etwas Komiſches, aber die Verhaͤltniſſe, in denen man ſich befand, die militairiſche Kleidung ſeiner mit Pferden beſchaͤftigten Leute: Alles traf zu⸗ ſammen, ihm ein Anſehen von Groͤße und Ma⸗ jeſtät bey dieſer Handlung der Andacht zu geben. „Ich habe dieſen Morgen gebeichtet, eh' Ihr auf waret,“ ſagte Fergus zu Waverley'n, „ob ich gleich ein guter Catholik bin, werde ich doch gern mein Gebet zu dem dieſes braven Kriegers, dieſes ehrwuͤrdigen Alten fuͤgen“. So warteten ſie ruhig, bis er geendet hatte. „Kinder!“ ſagte er jetzt, ſein Buch zu⸗ machend,„empfehlt Euch dem Gott der Heer⸗ ſchaaren; geht ruhig ſchlafen, und ſucht morgen Euere Pflicht mit Ehren zu thun!“ Hierauf dankte er ihnen zaͤrtlich fuͤr die Ehre ihres Beſuches. „Was denkt Ihr von unſerer Stellung?“ fragte der Haͤuptling. „Meine jungen Freunde!“ erwiderte der Baron,„Ihr kennt die Worte des Tacitus: 3— 96— In rebus bellicis maxime dominatur fortuna. oder wie unſer Sprichwort ſagt, es kommt alles auf Dame Fortuna an, und vorzuͤglich im Kriege. Gott behuͤthe mich, daß ich mit kuͤh⸗ ner Hand den Schleyer luͤften will!.. aber ich habe den armen Jungen unter meinem Commando Muth und Zutrauen gemacht; je mehr ihrer ſind, je kuͤhner muß man ſeyn. Wenn wir gethan haben, was an uns iſt, ſo müſſen wir alles uͤbrige dem oberſten Schieds⸗ richter aller menſchlichen Angelegenheiten uͤber⸗ laſſen.. alſo auf morgen... gute Nacht meine jungen Freunde.. Ich koͤnnte Euch wohl etwas von Unruhe ſagen; aber es iſt ſpaͤt, und Zeit zur Ruhe: alſo auf morgen!“ „Geſteht,“ ſagte Eduard unterwegs,„daß der Baron trotz ſeiner Laͤcherlichkeit das Muſter eines Kriegers iſt?“— 5 „Er hat lange in Frankreich gedient. Man begreift nicht, wie er ſo verſtaͤndig und auch ſo kindiſch ſeyn kann. Ich haͤtte wohl wiſſen moͤgen, was ihm Kummer verurſacht.. ohne Zweifel ſeine Tochter... Hoͤrt Ihr die Eng⸗ liſchen Trompeten und Trommeln. Sie laden uns heute zur Ruhe.“ Von der Weſtſeite glaͤnzte ein heiterer, kla⸗ rer Sternenhimmel, aber von der Oſtſeite er⸗ — ———O—— — . geſchlafen war. hob ſich ein dicker Nebel, der ſich ſtuͤrmiſch uͤber die Flaͤche des Lagers der Englaͤnder aus⸗ breitete. Ihre Vorpoſten kamen bis an die Erhoͤhung, man ſah ſie bey'm bleichen Schim⸗ mer ihrer Wachfeuer, die von Ferne zu Ferne brannten. Alle Hochlaͤnder, die Wachen aus⸗ genommen, lagen im tiefſten Schlafe neben ihren Waffen. „Wie viele dieſer Tapfern werden morgen den ewigen Schlaf ſchlafen,“ ſagte Waverley. „Daran muͤſſen wir nicht denken, ſondern an die heilige Sache, fuͤr welche wir das Schwert ziehn, zu allen uͤbrigen Betrachtungen iſt es zu ſpaͤt.“ 1 Dagegen war nun nichts einzuwenden. Edu⸗ ard mußte ſich dieſer Gruͤnde bedienen, um ſeine Empfindungen zu beſchwichtigen; er geſellte ſich zu ſeinem Freunde, und ſie machten ſich von ihren Maͤnteln ein leidliches Lager. Callum legte ſich zu ihren Haͤnptern, weil es ihm vor⸗ zuͤglich oblag, die Perſon des Haͤuptlings zu bewachen. Er begann mit leiſer, einfoͤrmiger Stimme ein Galiſches Lied, und hoͤrte nicht eher auf, bis er ſah, daß ſein Gebiether ein⸗ III. G — 98⁸— Dreyzehntes Kapitel. Sch T a ch t. Nach einigen Stunden Schlaf erhielten die beiden Freunde Befehl, ſich zu dem Prinzen zu begeben, es ſchlug drey, wie ſie unterwegs waren. Sie fanden ihn mit ſeinen Oberoffi⸗ cieren umgeben, auf einer Garbe von Bohnen⸗ ſtroh ſitzend, die ihm zum Kopfkiſſen gedient hatte. „Muthig, meine braven Freunde!“ ſagte er.„Jeder von Euch begebe ſich an die Spitze ſeiner Truppe! Ein ſicherer Fuͤhrer biethet ſich an, uns zu leiten, er will uns durch die Suͤm⸗ pfe auf einem ſchweren, langen Fußpfade mit⸗ ten in die Haide bringen, wo die Feinde poſtirt ſind. Wenn dieſe Schwierigkeit uͤberſtanden iſt, wird Gott und unſere Schwerter das Uebrige vollfuͤhren.“ Dieſe Neuigkeit verbreitete Frohſinn unter den Umſtehenden; und die Haͤuptlinge ließen ihre Truppen moͤglichſt geräuſchlos ausruͤcken. Das Heer ſchwenkte ſich rechts, befand ſich bald mitten in den Moraͤſten, Und zog ſchwei⸗ gend und ſchnell vorwaͤrts. Das Haupt der Colonne befand ſich im tiefen Thalgrunde am — 329— Ufer des Oceans, und nur die aufſteigenden Nebel und der Schein des Mondes zeigte ihnen den ſchmalen Pfad, als aber der Tag nahte, und die Finſterniß den Weg faſt unzugaͤnglich machte, hatten ſie neue Schwierigkeiten zu be⸗ ſtehn. Sie zogen nur langſam vorwaͤrts, ſich nicht zu vereinzeln, endlich aber konnten ſie mit feſten, ſchnellen Schritten vorwaͤrts eilen. Im Augenblicke, wo der Stamm Jvor ſich der Ebene naͤherte, hoͤrten ſie eine Dragoner⸗ vedette, die ſie wegen Nebel nicht ſehen konn⸗ ten, rufen:„Wer da?“—„Still,“ ſagte Fergus,„wem das Leben lieb iſt, der huͤthe ſich zu antworten.“ Die Wache ſchoß, und eilte dem Corps zu.„Hylas in limine la- trat, ſagte der Baron,„der Schuft wird Lerm machen.“ Der Stamm Fergus war endlich auf der Ebene angekommen, und ſtand auf einem frucht⸗ baren, reichen Erntefelde, das jetzt der Tenne gleich war; der Ueberreſt des Heeres eilte mit ſchnellen Schritten herbey, als man im feind⸗ lichen Lager Generalmarſch ſchlagen hoͤrte. Fer⸗ gus machte ſogleich ſeine Vertheidigungsanſtal⸗ ten, und war im Augenblick ſchlagfertig. Das Heer der Hochlaͤnder erſtreckte ſich in zwey Li⸗ nien von der Berg⸗ bis zur Meerſeite; die erſte G 2 — 100— ſollte chargieen, die andere zum Nuͤckenhalte dienen. Der kleine Haufen der Reiterey, den der Prinz perſoͤnlich anfuͤhrte, bildete das Cen⸗ trum. Man hatte ihn nur durch große Bit⸗ ten und Vorſtellungen abhalten koͤnnen, ſich an die Spitze des angreifenden Heeres zu ſtellen. Beide Linien avancirten im Chargirſchritt. Je⸗ der Stamm bildete eine Art Phalaur winkel⸗ maͤßig geſchieden; die beßt Bewaffnetſten oder die gluͤcklichſten, denn dieſe Worte ſind bey den Hochlaͤndern ſynonim, beſchaͤftigten den erſten Rang; die andern trieben ſie, feuerten ſie an, und vermehrten dadurch ihren Muth und ihre Kraft. „Werft den Mantel ab!“ ſprach Fergus zu Waverley'n,„es wird bald warm werden!“ Alle Hochlaͤnder thaten ein Gleiches, nah⸗ men ihre Muͤtzen ab, bogen ihre Kniee und blickten gen Himmel. Waverley fuͤhlte ſein Herz heftig ſchlagen. War es Furcht? war es Eifer? vielleicht die Miſchung von beiden, welche ein Gefuͤhl hervorbrachte, daß ihn außer ſich ſelbſt ſetzte. Der Lerm der Inſtrumente vermehrte bald ſeine Begeiſterung, und das Geheul der Hochlaͤnder ſiel entſetzlich in jene ein. Da ging die Sonne auf, die Nebel ſchwanden, und flogen nach und nach, wie ein Vorhang empor, ſo daß man beide Heere ſchlag⸗ fertig ſehen konnte. Die Fronte der regulairen Armee erſtreckte ſich gleich der Hochlaͤndiſchen; und ihre Flanken deckte die Reiterey und die Artillerie. Dieſer gewichtige Anblick kuͤhlte den Muth der Angreifenden nicht: „Soͤhne Jvors!“ ſchrie Fergus,„ſollten Euch dieſe Cameronianer den Ruhm des erſten Angriffs rauben?— Vorwaͤrts!“ Mit einem Freudengeſchrey antworteten ihm ſeine Krieger, und ſtuͤrzten ſich mit Loͤwenmuth auf das feindliche Centrum, alle andere Staͤm⸗ me mit ſich fortziehend. Die Engliſche Linie ward durchbrochen, die Hochlaͤnder ſetzten ſich in Ruͤcken, und ſtuͤrzten mit gleicher Heftigkeit auf die Reiterey, die, von paniſchem Schrecken ergriffen, ſich ſogleich zerſtreute. Die nicht mehr unterſtuͤtzten Kanoniere verließen die Stuͤcke nach der erſten Salve, die nur die Verwegen⸗ heit der Staͤmme noch mehr erregte, und eben ſo heftig fielen ſie auf das Fußvolk. In dieſem Augenblicke der Verwirrung und des Entſetzens erblickte Waverley einen Engli⸗ ſchen Stabsofficier, auf einer Kanone liegend, die er auf den vor ihm befindlichen Stamm Ivor abgebrannt hatte. Ergriffen von ſeiner hohen Geſtalt und ſeinem martialiſchen Anſehn, faßte er den Vorſatz ihn dem Tode zu entrei⸗ ßen. Er ſtuͤrzte auf ihm zu, und rief, er ſolle ſich ergeben. Dieſer antwortete durch einem tapfern Schwertſtreich, den Waverley mit dem Schilde auffing, daß die Waffe zerbrach. Du⸗ gald Mahony wollte jetzt den Officier den Kopf abhauen, Eduard ward es gewahr, und parrirte den Schlag. Dieſer, das Vergebliche eines fer⸗ nern Widerſtandes fuͤhlend, gereitzt von der Großmuth des jungen Kriegers, der ihm das Leben rettete, gab ihm den Ueberreſt ſeines Schwertes. „ Dugald,“ ſagte Waverley, ich befehle Dir im Namen des Haͤuptlings bey dieſem Gefan⸗ genen zu bleiben; huͤthe Dich ihm das geringſte Leid zu thun, oder ihn zu blündein; ich werde Dich ſchadlos halten. Indeſſen ging zu Waverley's Rechten der Kampf fort, denn da ſtanden die alten Engli⸗ ſchen Reihen, die dem Feldzug in Flandern bey⸗ gewohnt hatten. Sie vertheidigten ihren Stand mit der groͤßten Unerſchrockenheit; aber da ihre Linie zu ausgedehnt war, um ſtark in der Breite zu ſeyn, ſo ward ſie leicht durchbrochen, weil die Hochländer durch ihren Sturm alle militai⸗ riſche Tactik fruchtlos machten. Bald kamen die Reihen der Englaͤnder in Unordnung; ſie — 103— waren den ſchnellen, ſtaͤrkern Corps unfaͤhig zu widerſtehen, und das Gemetzel ward graͤßlich. Eduard erblickte in dieſer Schreckensſcene ſeinen Obriſten, der ſich vergebens beſtrebte, ſein Negiment zu ſammeln. Als ſich dieſer brave Soldat verlaſſen ſah, lief er an die Spitze ei⸗ nes kleinen Haufens Fußvolks, daß ſich gegen eine Mauer lehnte, er war verwundet, Klei⸗ dung und Sattel mit Blut bedeckt. Waver⸗ ley's erſter Gedanke war, dieſen ehrwuͤrdigen Greis das Leben zu retten, allein er kaͤmpfte mit Verzweiflung, und ſo hatte er den Schmerz ihn fallen zu ſehn.— Kaum konnte er ſich Platz durch die Hochlaͤnder bahnen, die ihn in Hoffnung reicher Beute umringten, und mit Schlaͤgen zudeckten. Als er zu ihm gelangte, war er noch nicht ganz ohne Bewußtſeyn; ſeine Blicke hefteten ſich auf's Schmerzlichſte auf ihn, indem er umſonſt ſich bemuͤhte, mit ihm zu ſprechen; er faltete die Haͤnde, und ſtieß den letzten Seufzer aus. Der Blick, den er auf L Waverley'n warf, ward dieſen bey kaltem Blut erſt recht empfindlich. Das Siegsgeſchrey erſcholl jetzt laͤngſt der Ebene. Die Schlacht war beendet und gewon⸗ nen; das Gepaͤck, das Geſchuͤtz, die Kriegskaſſe: Alles war in der Gewalt der Hochlaͤnder. Nie war ein Sieg vollſtaͤndiger. Nur eine klein Anzahl Fußvolk entkam. Die uͤberall zerſtreute Reiterey verlohr ſich in der Umgegend. Nur Balmahapple der ſich mit einem jungen, hitzi⸗ gen Pferde zu weit bey dem Verfolgen von zehn Dragonern gewagt hatte, ward zum Be⸗ weis, daß er einen Kopf habe, woran mehrere zweifeln wollten, auf dieſen geſchoſſen; allein man bedauerte ihn wenig. Maccombich ſagte es ſey ein Verluſt fuͤr den Friedensrichter, und ſein Lieutenant Jinker ſtrengte ſeine Beredſam⸗ keit an zu beweiſen, daß man der Staͤtigkeit ſeines Gauls ſeinen Tod nicht Schuld zu geben habe, weil er an einem Seidenpfaden zu leiten geweſen waͤre, aber Sir Falconner habe ihm nicht glauben wollen und ſich unrechtmaͤßiger Weiſe der Peitſche und der Sporen bedient. Und das war ſeine ganze Leichenpredigt! 126 kri in 1 Bierzehntes Kapitel. unvorhergeſehene Verlegenh eit. Kaum war die Schlacht beendigt, als der Ba⸗ ron von Bradwardine, nachdem er alle Pflichten d — 105— ſeiner Charge erfuͤllt hatte, zu Glennaquoich und ſeinem Freund eilte. Den erſten fand er mit Schlichtung mehrerer Streitigkeiten ſeiner Va⸗ ſallen beſchaͤftigt, hinſichtlich der ſchoͤnſten Waf⸗ fenthaten, und der Theilung der Beute. Die vorzuͤglichſte betraf eine goldne Uhr, die ohne Zweifel einen Engliſchen Officier gehoͤrte. Ei⸗ ner der abgewieſenen Competenten, troͤſtete ſich mit den Worten:„Wenigſtens wird er das Vieh nicht lebendig haben, es iſt ſchon ſeit zwey Stunden todt.“ Die Uhr, die er fuͤr ein le⸗ bendiges Thier hielt, war nemlich ſtehn geblie⸗ ben, da ſie nicht aufgezogen worden war! Eben kam der Baxon dazu, und trotz dem, daß er ruhig zu ſeyn ſchien, war's doch als habe er eine heimliche Sorge. ſtieg ab, vertraute ſein Schwadron⸗ pferd einem Bedienten des Haͤuptlings, mit der freundlichen Verſicherung, ihm den Hals um⸗ zudrehen, ob er gleich nicht gerade boͤs waͤre, wenn er es nur im Geringſten uͤbei behandelte, und, dem Pferde den ſchlanken Hals klopfend, ſprach er zu dieſen:„Geh mein Junge, gedul⸗ de dich ein wenig, mein Kindchen. du ſahſ nicht lange warten!“ „Nun meine Freun de, ſagte er,„der Sieg iſt voͤllig entſchieden; ich bedauere, daß ihre Rei⸗ — 106— terey nicht laͤnger Stand hielt; ich haͤtte Euch gern alle Einzelnheiten gezeigt, welche eine Ca⸗ vallerie, Charge oder ein eqgueſtriſcher Streit, proelium equestre, darbiethen; aber die Mem⸗ men haben mich dieſes Vergnuͤgens beraubt. Ein Ton unſrer Trompeten war hinreichend dieſe ſtolzen Philiſter zu zerſtreuen. Nun! ſo hab' ich doch noch einmal mein Schwerr fuͤr die gute Sache gezogen. Ich geſtehe, meine Kinder, daß ich nicht ſoviel als ihr zur gewonnenen Schlacht beygetragen habe. Ich mußte ja im Reſerve⸗ corps bleiben. Ein Ritter ſoll bey dem Ruhme ſeiner Waffenbruͤder weder an Verdunkelung noch an Neid denken. Aber hoͤrt mich jetzt an, und kommt mir zu Huͤlfe mit Euern Einſichten in einer Angelegenheit, die fuͤr die Ehre des Hau⸗ ſes Bradwardine ſehr wichtig iſt. Ich bitte Euch um Vergebung, mein lieber Maccombich, und Euch alten Mann! Dieſer Alte war Ballenkiroch, deſſen Sohn der Baron getoͤdtet hatte, und der ihn jetzt ſo drohend anſah, und ſo bittere Erinnerungen zeigte, daß der Haͤuptling ſeine ganze Gewalt anwenden mußte ihn zu entfernen, weil— wie er ſagte— neben ſo vielen Leichnamen noch Platz fuͤr Einem waͤre: fuͤr ſeinem, oder dem des Prahlers Bradwardine. — — 107— „Ach! rief der Baron, die Urſache ſeines Zorns erfahrend,“ er hat ſehr Recht; aber ſchre⸗ cken wird er den Cosmus Comines von Brad⸗ wardine nimmermehr!— Ich ehre das Un⸗ gluͤck! Ach! ich habe keinen Sohn, ich haͤtte den unglücklichen Vater helfen ſollen, den ich ſeines Einzigen beraubte, aber vor allen muß ich auf Familienehre denken: goͤnnet mir auf⸗ merkſames Gehoͤr.“ Die beiden Freunde geriethen in aͤngſtliche Erwartung und der Baronnet hub an:„Meine Kinder nach der ſorgſamen Erziehung, die Euch zu Theil ward, bin ich gewiß, daß ihr mit den Lehnsgebraͤuchen bekannt ſeyd.“— Fergus, eine lange Abhandlung fürchtend, eilte mit dem Kopfe zu winken, und ſtieß Wa⸗ verley'n, ein Gleiches zu thun.—„So werdet Ihr alſo auch wiſſen,“ fuhr der Baron fort, daß die Herrſchaft von Bradwardine ein Manns⸗ lehn iſt; ein Erbe ohne Grundzins, und daß man, als man einem meiner vielgelehrten Vor⸗ feuren den Titel eines Barons beylegte, keine andere Verpflichtung von ihm forderte, als dem Koͤnige, nach der Schlacht, ſeine Halbſtie⸗ feln auszuziehen: pro servitio distrahendi seu exuendi caligas regis post battaliam.“ Fergus kehaus ſich zu ſeinem Freunde, biß — 198— ſich in die Lippen, und zuckte unbemerkt die Achſeln... 5 „Zwey große Schwierigkeiten,„ fuhr der 3 Baxon fort, ſtellten ſich mir dar: erſtens, ob ich wohlgehalten waͤre, dieſe Lehnspflicht jeder an⸗ dern Perſon als dem Koͤnige, zu leiſten. Die Charte ſagt ausdruͤcklich: die Halbſtiefeln des Koͤnigs; caligas regis. Ich bitte Euch, theilt mir Eure Meinung uͤber einem ſo wich⸗ eigen Gegenſtand mit? Hat der Prinz zu dieſer Huldigung das Recht?“ „Daran zweiſle ich keineswegs! ſagte jetzt Mae⸗Svor mit Gravitaͤt;„der. Prinz iſt Re⸗ gent, und Ihr wißt daß man am Franzoͤſiſchen Hofe der Perſon des Regenten, gleiche Ehre, wie der des Koͤniges bezeigt; wenn mir uͤbri⸗ gens zu waͤhlen frey ſtande, ob ich die Stie⸗ 4 feln des Prinzen, oder die Stiefeln des Koͤ⸗ nigs ſeines Vaters, ausziehen ſollte: ſo geſte⸗ he ich, daß ich mich fuͤr das Erſtere beſtimmen wuͤrde.“. 3 „Ihr habt Recht, aber mein Freund, hier kommt's nicht auf die Perſonen an, die Frage iſt allgemein. Ich gebe zu, daß das Herkom⸗ men am Franzoͤſiſchen Hofe von großem Ge⸗ wicht iſt; ich weiß auch daß der Prinz ein Recht hat, dieſe Huldigung von allen Beſitzern zins⸗ 2 5 barer Kronenguͤter zu verlangen, und alſo auch von mir. Jeder treue Unterthan ſoll den Prin⸗ zen, wie den Koͤnig betrachten, und ihm dieſelbe Ehrfurcht, denſelben Gehorſam beweiſen. Gott verhuͤthe, daß mir's einfiele ſeiner Gewalt eine ſolche glaͤnzende Huldigung vor zu enthalten! Ihr wißt, wie ehrenvoll es fuͤr den Obern des Deut⸗ ſchen Reichskoͤrpers iſt, ſich von einem Reichs⸗ Freyherrn die Stiefeln ausziehen zu laſſen. Eure Bemerkung iſt ſehr wichtig, und ich habe in dieſer Hinſicht nicht die geringſte Einwen⸗ dung dagegen zu machen. Aber die zweyte Dor Frage iſt nicht ſo leicht zu entſcheiden. Der Prinz traͤgt keine Seifeln ſondern nur Halb⸗ Kamaſchen.“ „Lieber Baron,“ ſagte Fergus, der ſich auf 8 Neue anſtrengte, nicht laut aufzulachen.„Ihr wißt das Hochlaͤndiſche Sprichwort: Einen Berg⸗ ſchotten die Beinkleider entfuͤhren, iſt das groͤßte Verbrechen. Sollten ſich nicht die Stiefeln in die nemliche Kategorie gehoͤren?“ „Ich weiß,“ ſprach der Baron,“ daß das Wort caligae in unſter Sprache auch San⸗ dalen uͤberſetzt werden kann. Caius Caeſar, der Nachfolger und Neffe des Tiberius wurde bloß Caligula genannt, weil er in ſeiner Kind⸗ heit, bey dem Heere des Germanicus, ſeines — 110— Vaters, leichtere Sandalen trug als die Sol⸗ daten. Ueberdieß fand die Beſchuhung ſchon in den Noͤnchskloͤſtern ſtatt. Ich las in einem alten Gloſſario uͤber die Regeln des heil. Ben⸗ no, fuͤr die Abtey Sankt Amand, daß die San⸗ dalen mit ledernen Riemen befeſtigt waren. „Das ſind wahre Halbkamaſchen!“ erwi⸗ derte Fergus. „Ihr koͤnnt Recht haben, lieber Glenna⸗ quoich; der heil. Gloſſator bedient ſich ſehr kla⸗ rer Ausdruͤcke: Caligae dicta sunt, quia ligan- tur; nam socci non ligantur, sed tantum in- tromittuntur, d. h. man nennt dieſe Fußbeklei⸗ dung Sandalen, weil ſie angebunden werden, welches bey den Halbſtiefeln oder Kamaſchen, in die man nur mit den Fuͤßen hineinfaͤhrt, nicht der Fall iſt. Auch biethen die Woͤrter der Charte zweyerley verſchiedene Bedeutungen an, wegthun und ausziehn; exuere seu detrahere. Das erſte bezieht ſich endlich auf die Halbkamaſchen, das letztere auf die Stiefeln. Ich wuͤrde noch beſtimmtere Erklaͤrungen daruͤber finden, wenn ich mir eine gelehrte Ab⸗ handlung de re vestiarià verſchaffen koͤnnte.“ „ Ich zweifle, daß Ihr eine folche hier ha⸗ ben koͤnntet,“ ſagte Fergus, einen Blick auf ſeine Hochlaͤnder werfend, die beſchaͤftigt waren, die — 11— Todten auszuziehen, obgleich man ſich hier gar ſehr mit den Kleidungsſtuͤcken beſchaͤftigt.“ Der Baron mußte laͤcheln, da er bey guter Laune war, fuhr aber fort: Mein Amtmann Macwheeble iſt der Meinung ich ſolle warten bis dieſe ehrenvolle Huldigung von mir verlangt wuͤrde, und daß man mir nur im Weigerungs⸗ fall ein Pflichtverſaͤumniß vorwerfen koͤnnen.— Von Euch alſo, meine jungen Freunde, will ich mir Rath holen, ob es nicht beſſer ſeyn duͤrfte, dem Prinzen meine desfalſigen Dienſte ſelbſt an⸗ zutragen, und ihm bekannt zu machen, daß ich bereit bin, meine Pflicht zu erfuͤllen? Der Amt⸗ mann hat mir hieruͤber eine tuͤchtige, buͤndige und giltige Urkunde aufſetzen muͤſſen, worin ich naͤmlich Sr. koͤnigl. Hoheit erklaͤre, dafern Sie ihre Halbkamaſchen, Stiefeln oder Halbſtiefeln von andern Haͤnden, als denen des Barons von Buadwardine, wollte ausziehen laſſen, dieſer Actus nicht als nachtheilig fuͤr die Rechte und Titel beſagten Cosmus Comines von Bradwar⸗ dine ſeyn koͤnne, um in Zukunft die Pflichten die⸗ ſer Function zu erfuͤllen; und daß in dieſer Hin⸗ ſicht die Anſpruͤche jedes Kaͤmmerers, Pagen u. a. grundlos, leer und taͤuſchend, und als unzulaͤßig zu betrachten ſeyen, und ſein Recht keineswegs beeintraͤchtigen koͤnnen, maßen er, wie bereite ſchon geſchehen, erklaͤrt, daß er gegenwaͤrtig iſt, die mit der Herrſchaft von Bradwardine Tully⸗ Weolan und Zubehoͤr verknuͤpften Obliegenhei⸗ ten zu erfuͤllen. Hier, meine Freunde, leſet ſelbſt!“ Fergus beeilte ſich ſo weiſen Vorkeh⸗ rungen Beyfall zu geben; und der Baron nahm mit Freude ſtrahlendem Geſicht und laͤchelndem Munde von ihnen Abſchied. „Gott helfe dem armen Baron!“ rief Fer⸗ gus,„ich glaube ein ſeltſameres Original findet ſich nicht in ganz Schottland. Haͤtte ich ihm doch vorgeſchlagen, heute Abend in der Geſell⸗ ſchaft des Prinzen mit einem Stiefelknechte un⸗ ter dem Arm zu erſcheinen. Er haͤtte es ge⸗ wiß gethan, wenn ich mir das Lachen haͤtte verbeißen koͤnnen.“. „Ich begreife nicht, liebſter Fergus!“ ſagte Waverley,„wie Ihr ein Vergnuͤgen daran fin⸗ den koͤnnt, einen ſo ehrwuͤrdigen Mann laͤcher⸗ lich zu machen?“ „Ihr ſeht ja doch, daß er das Ausziehen der Stiefeln fͤr das allerwichtigſte Geſchaͤft haͤlt, vielleicht hat er nur in dieſer Hoffnung die Waffen ergriffen. Haͤtte ich mir's beykom⸗ men laſſen, ihm zu widerſprechen, ſo wuͤrde ich ſchoͤn angekommen ſeyn, und haͤtte vielleicht mich mit ihm ſchlagen muͤſſen. Mehrmals iſt — 113— das von ihm, wegen noch groͤßerer Kleinigkei⸗ ten geſchehen. „Aber, ich muß ungeſaͤumt in's Haupt⸗ quartier, wo ich gewiß bin, wohl empfangen zu werden, denn ich werde alles vorkehren, daß bey der Ceremonie nicht gelacht wird, welches uͤbel angebracht ſeyn duͤrfte. Auf Wiederſehen, lie⸗ ber Waverley!“ . * Funfzehntes Kapitel. Der gefangene Englaͤnder. Sobald Fergus fort war, hatte Waverley nichts angelegentlicheres als ſich zu dem Engliſchen Offi⸗ cier zu begeben, den er gefangen genommen hatte, und der mit mehreren, nicht weit vom Schlacht⸗ felde, im Hauſe eines Adeligen bewacht wurde. Den, welchen er ſuchte, erkannte er ſogleich an ſeiner majeſtaͤtiſchen Haltung, und ſeinem wuͤr⸗ devollen Anſehen, auch an der Schildwache mit der Streitaxt auf der Schulter. Dugald Ma⸗ hony hatte ihn eben ſo wenig wie ſein Schatten verlaſſen, ſeit er ſeiner Aufſicht uͤberliefert war, ſowohl aus Achtung fuͤr die Befehle im Na⸗ 1I. H .— 114— men ſeines Haͤuptlings, als um der ihm ver⸗ ſprochenen, der Wichtigkeit ſeines Gefangenen angemeſſenen Belohnung willen. Er hatte ihn nicht aus dem Geſicht verloren, und keine Schmach anthun laſſen. Auch beeilte er ſich Wa⸗ verley'n zu ſagen, er habe den Rothrock gut be⸗ wacht, und nicht eine Fliege habe ihm, vermoͤge ſeiner Streitaxt ſich nahen duͤrfen, worauf dieſer 4 ihm ſein Verſprechen wiederholte, ſich dem Gefan⸗ genen naͤherte, und ihm bezeigte, wie ſehr er ſeine uͤble Lage zu mildern wuͤnſche.— „Ich bin kein Neuling auf der Waffenbahn,“ antwortete dieſer,„und beklage mich nicht uͤber den Wechſel des Krieges. Mich ſchmerzt nichts landes zu ſehen, ſonſt uͤberall wuͤrden ſie mich weniger ergreifen.“ „Noch Ein Tag wie der heutige,“ ſprach Eduard und die Urſache Euerer Klagen wird der Ordnung und Stille des Friedens weichen.“ Der Gefangene laͤchelte, und ſchuͤttelte den Kopf. 8 8 .„In meiner Lage,“ ſagte er,„wuͤrde mir es ſchlecht anſtehen Euere Meinung zu beſtreiten; doch muß ich Euch ſagen, daß trotz Eueres er⸗ 2 als ſolche Auftritte im Innern meines Vater⸗ langten Erfolgs und dabey gezeigter Kuͤhnheit, Ihr weit davon entfernt ſeyd, mit Euerer Unter⸗ 3 5 3. nehmung zu Stande zu kommen; ſie geht uͤber Euere Kraͤfte.. Fergus trat hier ein.„Kommt Eduard,“ rief er,„der Prinz ſchlaͤft in Pinkichouſe. Wir muͤſſen hin, wenn wir das Vergnuͤgen ha⸗ ben wollen, bey'm Ausziehen der Halbkamaſchen zu ſeyn. Der Baron hat den Amtmann, der bey dem Anblick eines bewaffneten Hochlaͤnders das Zittern bekommt, grauſamerweiſe mit auf's Schlachtfeld geſchleppt. Eben hoͤrt er ſeinen Unterricht wegen der den Prinzen zuzuſtellenden Acte; und einmal uͤbers andere wird er gefragt, ob ſich ein Beamter des Hauſes Bradwardine ſo benehmen ſollte. Folgt meinem Beyſpiel,“ ſagt der Baron,„und wenn zehn Bomben zu meinen Fuͤßen zerplatzten, wuͤrde ich doch keine Phraſe unterbrechen, die zu meiner Familien⸗ Ehre noͤthig iſt.“ „Wie hat er ihn aber mitten in's Feuer bringen koͤnnen?“ „Der Amtmann war bis Muſfelbourg vor⸗ gedrungen, um wie ich denke, Geldgeſchaͤfte zu machen, und iſt nach geendeter Schlacht auf ſeines Herren Geheiß nach Preston gekommen. Er klagt bitterlich uͤber unſre Nachzuͤgler; und iſt bald vor Furcht umgekommen, als er die Müͤndung ihrer Piſeolen geſehen hat, ſie haben H 2 — 116— ſich aber zum Loͤſegeld mit einigen Schillingen begnuͤgt; ich ſinde nicht fuͤr noͤthig deßhalb den Generalprofos zu bemuͤhen.— Kommt lieber Waverley!?“ 1 „Waverley!“ ſchrie der Engliſche Officier, mit dem Ausdrucke der heftigſten Bewegung. „Waͤret Ihr Sir Eberhards Neffe?“ „Ja Sir!“ erwiderte unſer Held nicht ohne Beſtuͤrzung.— „Daß ich Euch antreffe freut— und betruͤbt mich!“— 5 „Ich weiß nicht, Sir! womit ich Beides von Euch verdiene!“ „Hat Euch Euer Oheim niemals etwas von ſeinem Freunde Talbot geſagkt?“ „Sehr oft, und ſtets um dieſen Edelmann zu loben.— Ich glaube er iſt Obriſter, hat Miß Emilie Blandeville geheirathet, und be⸗ findet ſich auf dem Feſtlande.“. „Ich komme dort her, und als ich nach Schottland kam, glaubte ich auf meinem Po⸗ ſten zum Nutzen meines Vaterlandes zu ſeyn. Ja, lieber Sir Waverley, ich bin der Obriſte Talbot: ſtolz bin ich darauf, zu bekennen daß ich der Großmuth Eueres ehrwuͤrdigen Oheims Sir Eberhard's meinen Rang, mein Gluͤck und meinen Wohlſtand verdanke. Grober Gott! — — — S — I1I 7— wer haͤtte mir ſagen ſollen, daß ich ſeinen Nef⸗ fen in dieſen Kleidern— fuͤr dieſe Sache ſtrei⸗ tend— finden wuͤrde!“ 1 „Herr,“ ſagte Fergus ſtolz,„dieſe Kleider, und dieſe Sache ſind ehrenvoll.“— 3 „Wenn mir meine Lage vergoͤnnte, Euch zu widerſprechen, ſo wuͤrde mir's leicht ſeyn Euch zu beweiſen daß weder Herzhaftigkeit, noch Ge⸗ burt, eine ſo ſtrafbare Unternehmung entſchul⸗ digen koͤnnen.“——— 8 „Mit Eurer und Herrn Waverley's Erlaub⸗ niß haͤtte ich ihm etwas hinſichtlich ſeiner Fa⸗ milie zu ſagen.“ „Herr Waverley bedarf meiner Erlaubniß nicht, er iſt völlig Herr ſeiner Handlungen.— Ich verlaſſe Euch, Eduard, und hoffe, daß wenn Ihr Euere Angelegenheiten mit Euern neuen Freunde werdet beendet haben, Ihr nach Pin⸗ kink Houſe kommen werdet.“— „Sehr gern, lieber Fergus!“ Mit dieſen Worten ſchlug Glennaqguoich ſei⸗ nen Plaid mit einer Art Stolz, die er nicht immer hatte, um ſich herum, und ging. Auf Waverley's Anfrage durfte der Obriſte mit ihm in einem weiten Garten herunter gehen, und ſchweigend gingen ſie eine Weile neben einan⸗ der her, bis endlich der Obriſte, nach reiflichem — 118— Nachdenken, die Unterredung folgender Geſtalt begann:„Sir Waverley, ich dank Euch das Leben, aber ich geſtehe Euch, lieber hätte ich es verlieren, als Euch mit dieſer Cocarde, und in dieſer Uniform erblicken moͤgen.“ „Obriſter Talbot! ich entſchuldige Eure Vor⸗ wuͤrfe; Euere Denkart iſt die natuͤrliche Folge Eurer Erziehung und Euerer Vorurtheile; aber ich ſehe nicht ein, die Ihr etwas Außerordent⸗ liches darin finden koͤnnt, daß ein an ſeiner Ehre unrechtmaͤßigerweiſe angegriffener Menſch, die erſte ſich ihm darbietende Gelegenheit ergrif⸗ fen hat, ſich an ſeinen Verläumdern zu rächen? 2ʃ* „Die Partie, die Ihr ergriffen habt, hat die gegen Euch in Umlauf gebrachten Schmaͤh⸗ geruͤchte bloß beſtaͤtigt: Ihr habt bewieſen, daß Ihr planmaͤßig gehandelt habt; ſollte es Euch unbekannt ſeyn, Sir, in welche ſchreckliche Ge⸗ fahr Euer Benehmen Euere Verwandten gzeſärs: hat?“ „In ſchreckliche Gefahr, ſagt Ibran 2 „Ja, Sir! Als ich England verließ, war Euer Oheim und Euer Vater des Hochverraths angeklagt, und gezwungen Caution zu ſtellen, was nur noch von ihren eifrigen Freunden be⸗ wirkt ward. Meine Reiſe nach Schottland hatte nichts anderes zum Grunde, als Euch aus — 11 9— den Fallſtricken zu ziehen, in die Euch Euere Unerfahrenheit geſtuͤrzt hat. 4 Ich ſehe leider, welchen Schaden Euer Zu⸗ tritt zu der Rebellion den Eurigen bringen wird, da ihnen der Argwohn ſchon ſo viel Kummer gemacht hat.“ „Ich weiß in Wahrheit nicht,“ verſetzte Eduard,„warum ſich der Obriſte Talbot, wegen mir ſo viel Unruhe macht.“ „Sir Waverley, Eures Spottes achte ich nicht, ſo ſtechend er auch iſt. Ich laſſe mich nicht abhalten ſo aufrichtig wie ich bisher ge⸗ than habe mit Euch zu reden. Die Wohltha⸗ ten, mit denen Euer Oheim mich uͤberhaͤuft hat, ſind die eines zaͤrtlichen Vaters. Ob ich gleich ſo dankbare und kindliche Geſinnungen gegen ihn hege, als waͤre ich ſein Sohn, fuͤhle ich doch daß ich ihm meine gerechte Erkenntlich⸗ keit nie beweiſen kann. So hielt ich dafuͤr, ihm zu dienen, wenn ich Euch nuͤtzlich wuͤrde. Ich hoffe es zu thun, ob Ihr es zufrieden ſeyd oder nicht. Unleugbar habt Ihr mir auf dem Schlachtfelde einen großen Dienſt gethan, allein dieſe Erinnerung traͤgt nichts zu meinem Eifer bay, Euch zu retten, und Euere Gleichgiltigkeit verringert ihn nicht.“— „Es iſt moͤglich, Sir, daß Euere Abſichten wohlwollend ſind, aber Euere Ausdruͤcke ſind bitter und ſchneidend.“ „Als ich nach England kam, fand ich Eu⸗ eren Oheim, unter der Aufſicht der Staatspoli⸗ zey, wegen des Argwohns den Euer Benehmen verurſachte.— Ich wiederhole es: Er iſt mein beſter Freund, mein Wohlthaͤter; nie hat er ein Wort geſprochen, einen Gedanken gehabt, welcher nicht vom reinſten Wohlwollen der Ausdruck waͤre! Dieſen theuern Freund fand ich im Gefaͤngniß, erbittert durch ſein Ungluͤck, und— erlaubt mir es zu bekennen!— durch die Urſache der Verfolgung, die er erlitt. Ich leugne nicht, Sir, Euer Betragen kam mir barbariſch vor. Vielleicht wißt Ihr, daß mehrere von meinen Verwandten bey der Regierung in An⸗ ſehen ſtehen, ich ließ Ihnen nicht eher Ruhe, bis ich Sir Eberhards Freiheit erlangt hatte, und dann ging ich ſogleich nach Schottland. Ich ſah Eueren Obriſten, deſſen elender Tod al⸗ lein ſchon hinreichend ſeyn ſollte Euch dieſe Em⸗ poͤrung abſcheulich zu machen. „Ich ſah daß nach einigen ſpaͤtern Umſtaͤnden, und neuerlicher Unterſuchung wegen den Raͤdels⸗ fuͤhrern, auch nach der guten Meinung, die der Obriſte von Euern Character hatte, Ihr, ſeiner Anſicht nach, weniger ſchuldig waret, und ich —-—— —— glaube gewiß daß, wenn ich ſo gluͤcklich gewe⸗ ſen waͤre, Euch zu ſinden, dieſe Sache ganz ſicher zu Eueren Beſten geendet worden waͤre, allein dieſer widrige Aufſtand hat alle meine Hoff⸗ nungen vereitelt. Seitdem ich meine lange kriegeriſche Laufbahn begonnen, habe ich zum erſten Mal die Englaͤnder von einem paniſchen Schrecken ergriffen, und ſchimpflich vor waffen⸗ loſen, undisciplinirten Horden fliehen geſehen! Ich finde den Erben, den Adoptiv Sohn mei⸗ nes Freundes einen Triumph theilend, fuͤr dem er erroͤthen ſollte! ſtatt das Schickſal des Obri⸗ ſten zu beklagen, ſollte ich es beneiden!“— Es lag ſo viel Groͤße und Wuͤrde in dieſer Sprache und in dem ganzen Weſen des Obri⸗ ſten, ſeine Geſichtszuͤge druͤckten einen ſo tiefen Schmerz aus, der Ton ſeiner Stimme, wenn er von Sir Eberhard ſprach, war ſo gefuͤhlvoll, daß Eduard ſich wie niedergeſchmettert und ver⸗ ſteinert befand; es war ihm lieb, daß Fergus wieder dazwiſchen kam. „Se. koͤnigl. Hoheit,“ ſagte er,„befehlen dem Sir Waverley ſich in's Hauptquartier zu verfuͤgen.“ Der Obriſte Talbot warf Ebuarden einen Blick voll Vorwuͤrfe zu, der dem Adlerauge des Haͤuptlings nicht entging. * 122 „Waverley ſoll in dem Augenblick kommen,“ ſetzte Fergus mit emphatiſchen Ton hinzu. „Wir werden uns wiederſehen,“ ſprach Wa⸗ verley zum Obriſten,„erlaubt mir indeſſen Euch was Ihr noͤthig haben ſolltet, reichen zu laſſen.“ „Ich habe nichts noͤthig,“ antwortete die⸗ ſer,„warum ſollte es mir an dieſem Ungluͤcks⸗ tage beſſer gehen, wie andern braven Leuten, die Wunden und Gefangenſchaft einer ſchimpf⸗ llichen Flucht vorzogen?— Warum blieb ich nicht, wie ſo viele, auf dem Schlachtfeld? Gluͤcklich wollte ich mich noch ſchaͤtzen, wenn meine Rede auf Euern Geiſt und Herz einigen Einhndruck gemacht haͤtte!“ „Man bewache den Obriſten Talbot ſtreng!“ „ Es iſt der ausdruͤckliche Befehl des Prinzen, und er ein Gefangener von groͤßter Wichtigkeit.“ „ Man laſſe es ihm an nichts fehlen, und gebe ihm die ſeinem Range gebuͤhrende Achtung,“ ſagte Waverley. 8 1„Ja,“ erwiederte Fergus,„in ſo weit dieſes mit der Aufſicht ſich vereinigen laͤßt.“ Der Officier verſprach ſich nach ihren Be⸗ fehlen zu richten. Eduard begleitete den Fer⸗ gus zu Callum der ihrer mit drey Pferden har⸗ rere, noch ſah unſer Held wie ihm der Obriſte ſagte Fergus zu dem Offſicier der Hochlaͤnder. — 123— Talbot den man fortfuͤhrte, mit der Hand winkte. 3 „Unſere Gaͤule,“ ſagte Fergus, indem er ſich in den Sattel ſchwang, haben ausgeruht, laßt ſehen, ob ſie uns ſo ſchnell nach Piklico brin⸗ gen als die Dragoner uͤber die Haide, als ſie ausriſſen!“ Sechszehntes Kapitel. Unwichtige Einzelnheiten. „Der Prinz gab mir einen Auftrag an Euch,“ ſprach Fergus,„aber ich denke ihr wißt, wie wichtig es fuͤr Euch iſt, den Obriſten Talbot ge⸗ fangen zu haben. Man ſagt er ſey einer der beſten Officiere in der rothen Armee. Ein Freund und Guͤn ling des Kurfuͤrſten ſelbſt, und hauptſaͤchlich jenes ſchrecklichen Herzogs von Cumberland, den man zum Lohne der zahl⸗ reichen Lorbeeren, die er zu Fontenai geſammelt, die Verpflichtung auferlegt hat, die Hochlander mit Peitſchenhieben zu ihrer Pflicht zuruͤck zu bringen. Hat er Euch nicht erzaͤhlt, wie die Glocken von Sankt James die allgemeine Freude 8 angekuͤndigt haben? Wird Withington bald kom⸗ men, um uns aufzureiben, wenn wir uns wei⸗ gern, in das alte Joch zuruͤck zu kehren?“ „Lieber Fergus!“ G „Hohl' mich der Teufel! ich weiß nicht was man aus Euch machen ſoll! Ihr ſeyd wie ein Wetterhahn!“ „Fergus!“— „Wir haben einen bedeutenden Sieg davon getragen; ein Jeder erhebt Eueren Muth bis zum Himmel, der Prinz brennt vor Ungeduld, Euch ſelbſt zu danken; alle unſere Schoͤnen von der weißen Roſe halten Kraͤnze fuͤr den tapfern Ritter bereit, und Ihr haͤngt auf Euerem Pfeide wie eine Butterhaͤndlerinn, die zum Markte zieht. Man ſollte glauben, Ihr kaͤmt von einem Begraͤbniß.”“ „Ich geſtehe, daß mich der 2¹ meines Obriſten tief ſchmerzt.“ 8 „Bedauert ihn ſechs Manaten, und ſeyd dann wieder aufgeraͤumt. Morgen kann's uns za eben ſo gehen; ſollen wir daruͤber traurig ſeyn? Das Gluͤck des Sieges ausgenommen, gibt's kein groͤßeres, als wie ein Braver auf dem Schlachtfelde zu ſterben. Doch wollen wir es unſern Feinden lieber wuͤnſchen, als uns. Wacht auf, Waverley!“ „Der Obriſte Talbot hat mir die betruͤbte Nachricht gebracht, das mein Oheim und mein Vater auf Befehl der Regierung verhaftet ſind.“ „Wir wollen ihnen als Caution dienen. Das alte Ferrara wird ſie frey zu machen wiſſen, und ſtuͤnden ſie ſchon im Hofe von Weſtminſter. 5 „Sie ſind's ſchon auf ſanftere Weiſe!“— „Nun warum laͤßt ſich denn alſo der glaͤn⸗ zende Waverley durch Kummer niederſchlagen? Kann er denken, daß die Miniſter des Kurfuͤr⸗ ſten ſo unſinnig ſeyn wuͤrden, ihre Feinde zu einer Zeit loszulaſſen, wenn ſie ſie einſperren und ſtrafen koͤnnten? Seyd verſichert, man hat ihnen nichts vorzuwerfen. Man fuͤrchtet die edlen Ritter, unſere Freunde, die wir noch zahlreich in Altengland haben, aufzubringen. Beruhigt Euch alſo, Ihr habt nichts fuͤr ſie zu fuͤrchten, und wir wollen ſchon Nachrichten von ihnen erhalten.“ Eduard antwortete nichts, er wußte, daß Fergus eben nicht theilnehmend fuͤr ſeine Freunde war, wenn es nicht zugleich ſeine Projekte be⸗ foͤrderte, und daß ſein Herz auch jetzt keine Sympathie fuͤhlte. Jener ſah wohl, daß Wa⸗ verley beleidigt waͤre, aber er war nur mit ſeinen Hoffnungen beſchaͤftigt, und dieſe offen⸗ — 126— bare Gleichgiltigkeit kuͤhlte den Enthuſiasmus ſeines Freywilligen nicht wenig ab. Der Prinz empfing Waverley'n auf die herzlichſte, ausgezeichnetſte Weiſe, und ſagte ihm uͤber ſeine bewieſene Tapferkeit viel Schoͤ⸗ nes. Er fuͤhrte ihn wieder auf die Seite, und fragte ihn nach dem Obriſten Talbot, und ſei⸗ nen Verbindungen mit der Familie Waverley. „Ich kann nicht glauben,“ ſprach er,„daß dieſer Edelmann, der mit unſerm vortreflichen Freunde Sir Eberhard ſo innig verbunden, und in die Familie Blandeville verheirathet iſt, deren Treue fuͤr die gute Sache wir kennen, nicht von unſerer Partey ſeyn ſollte, obgleich die Umſtaͤnde ihm dieſe Maske aufgedrungen haben koͤnnen.“ Wmasverley wagte das Gegentheil zu ver⸗ ſichern, und der Prinz beſtand darauf, ihn zu gewinnen, und dieſen Auftrag Waverley'n, nebſt der Aufſicht uͤber ihn, zu ertheilen. Waverley ſuchte bey mißlungnem Verſuche ſich dieſes Auf⸗ trags entledigen zu duͤrfen, aber der Prinz be⸗ harrete immer feſter darauf.„Wenigſtens,“ ſagte er,„muß es ſcheinen, als wenn Ihr die beßten Freunde waͤret, deßhalb ſoll er bey Euch wohnen, und wenn er ſein Ehrenwort nicht gibt, bewacht werden. Erzeigt mir den Gefal⸗ len, ſogleich zu ihm zuruͤck zu kehren. Mor⸗ — 127— gen gehn wir nach Edinburg.“ Zufolge dieſes Auftrags, ſich in die Umgegend von Preſton zu begeben, konnte unſer Held der großen Ce⸗ remonie des Stiefelausziehens dieſen Abend nicht beywohnen, auch hatte er ſie ganz vergeſſen. Des andern Morgens erſchien ein Kriegsbericht von der Schlacht von Preſton in den oͤffent⸗ lichen Blaͤttern, und zugleich eine umſtaͤndliche Beſchreibung von dieſer, bey dem Nachtlager des Prinzen zu Pinkic in Ausuͤbung gebrachten Lehnsgerechtſame der Herrſchaft von Bradwar⸗ dine, durch deren jetzigen Beſitzer Cosmus Comines von Bradwardine, der durch ſeinen Amtmann Macvheeble Sr. koͤniglichen Hoheit deßfalls ein Schreiben, wegen dieſer ſeinen Vor⸗ aͤltern durch Robert Bruce auferlegten Ver⸗ pflichtungen habe uͤberreichen laſſen. Nach Leſung desſelben habe Se. koͤnigliche Hoheit, nachdem der Großkanzler dieſes Schreiben re⸗ giſtrirt, das Bein auf ein Kiſſen gelegt, und der Baron von Bradwardine das rechte Knie auf die Erde geſetzt, und die Riemen der Hoch⸗ laͤndiſchen Halbſtiefeln losgemacht, die der junge Held als Auszeichnung truͤge. Nach geendeter Ceremonie habe Se. koͤnigliche Hoheit den tapfern Krieger umarmt und geſagt: Herr Ba⸗ ron! ſeyd verſichert, daß ich, ohne den Wunſch, — 128— mich genau nach Robert Bruce's Verordnung zu richten, mich nicht haͤtte entſchließen koͤnnen, einen ſolchen Dienſt von Haͤnden anzunehmen, die das Schwert ſo tapfer fuͤhren, um die Krone wiederum auf das Haupt meines Vaters zu ſetzen. Auch ward erwaͤhnt, wie der Kanz⸗ ler auf des Barons Begehren auf ſein Regiſter eingetragen habe: rite et solemniter, acta et peracta; wie auch, daß dem Baron der Titel eines Markgrafen verliehen, um ihm die Pairſchaft zu erleichtern, und ſein Wappen mit einem bloßen Schwerte uͤber zwey Stiefelknech⸗ ten vermehrt worden ſey.. Wenn Wasverley ſich nicht Fergus uͤblen Scherz uͤber dieſe Sache erinnert haͤtte, wuͤrde er in dieſer Note nichts Auffallendes gefunden haben. Denn er ſagte:„Es hat alles ſeine gute und ſeine ſchwache Seite, auch wuͤßt ich nicht, warum nicht zwey Stiefelknechte in einem Wappen ſtehen koͤnnten, da wir Ackerzeug, Bal⸗ ken, Wagen, Leuchter u. ſ. w. genug in denen der aͤlteſten Geſchlechter ſinden?“— Der Leſer entſchuldige dieſe Epiſode. Als er zum Obriſten Talbot zuruͤckkehrte, fand er ihn voͤllig von allem erholt, was er den Tag uͤber erlitten hatte. Er hatte ſeinen offenen, redlichen Charaeter wieder, wiewohl nicht ganz vorurtheilsfrey gegen die, welche nicht ſeine Landsleute und Theilnehmer ſeiner poli⸗ tiſchen Meinungen waren. Als er hoͤrte, daß er unter Aufſicht unſers Helden ſtehe, begnuͤgte er ſich, ganz kalt zu ſagen:„Ich haͤtte nicht geglaubt, Euerem Praͤtendenten ſo viel Ver⸗ bindlichkeit ſchuldig zu werden.. er hat ver⸗ muthlich ſeine Urſachen dazu; aber ich danke ihm herzlich dafuͤr, und werde Gott bitten, daß er ſeine Wuͤnſche erfuͤlle, ihm aber ſtatt einer irdiſchen eine himmliſche Krone gebe. Gern geb' ich Euch mein Ehrenwort, daß ich nicht den geringſten Verſuch machen wer⸗ de, heimlich zu entweichen, warum ſollte ich auch? meine Reiſe nach Schottland hatte nur den Zweck, Euch zu begegnen? ich habe mir nur Gluͤck zu wuͤnſchen, daß mein Verlangen erfuͤllt iſt, aber mir ahnet, daß wir nicht lange bey einander bleiben werden. Euer Rit⸗ ter— wir koͤnnen ihm dieſen Namen geben, wenn wir unter einander ſind— wird nicht ſaͤumen, ſeine Kreuzfahrer nach der Mittags⸗ ſeite zu fuͤhren.“ „Davon habe ich nichts geßätr. Er wird wohl eher ſeine Stellung behalten, bis Ver⸗ ſtaͤrkung kommt.“ „Oder um ſich der Cittadelle zu bemaͤchti⸗ III. J — 130— gen,“ ſagte der Obriſte mit ſarkaſtiſchem Laͤcheln, „aber, wenn mein alter Camerad, der Gene⸗ ral Gunſt, nicht den Rock umkehrt, oder die Veſte in den See faͤllt, ſo glaube ich, daß wir Zeit haben, bekannt zu werden. Ich wette darauf, daß ſich Euer Ritter in den Kopf geſetzt hat: daß ich ſeine Partey ergreifen werde. Ihr habt mich auf eine ungewöͤhnliche Weiſe ſprechen hoͤren, weil ich den Aufwallun⸗ gen meines Herzens folgte, Ihr koͤnnt alſo wiſſen, daß er ſich irrt, und daß ich Alles an⸗ wenden will, Euch zu den Unſrigen zuruͤckzu⸗ fuͤhren. Ich bitte Euch alſo, nicht mehr von dieſen Sachen zu ſprechen, bis wir einander beſſer kennen!“ Siebenzehntes Kapitel. Verliebte Raͤnke.— Politik. Es wuͤrde ganz uͤberfluͤſſig ſeyn, des Prinzen triumphirenden Einzug in Edinburg nach der entſcheidenden Schlacht bey Preſton zu berichten. Wir erwaͤhnen nur eines einzigen Umſtandes, weil er Miß Flora's Seelengroͤße zu vorzuͤg⸗ licher Ehre gereicht. ——ᷣ—’ꝛöBBääää:ä:ä:ää:—— In der Trunkenheit der Freude loͤſten die Hochlaͤnder, welche den Prinzen begleiteten, ihre zum Theil mit Kugeln geladenen Buͤchſen. Miß Flora, die auf dem Balkon ein Tuch ſchwenkte, ward ungluͤcklicherweiſe durch einen Streifſchuß am Schlafe leicht verwundet. Fergus, der Zeuge dieſes ungluͤcklichen Ereigniſſes war, flog auf ſie zu, und als er ſah, daß nur die Haut geritzt worden war, zog er ſein Schwert, um den Unvorſichtigen zu zuͤchtigen.„Um Gottes willen, liebſter Fergus!“ rief Flora, ihn bey ſeinem Plaid zuruͤckhaltend,„thue ihm nichts! Danke dem Himmel, daß deine Schweſter die⸗ ſen Schlag empfing, wenn's ungluͤcklicherweiſe eine Whig betroffen haͤtte, wuͤrde ſie gewiß behauptet haben, man haätte ſie todt ſchießen wollen.“ Waverley, beauftragt, den Obriſten Talbot zu begleiten, war noch nicht angelangt, da ſich dieſer Vorfall ereignete; ein Gluͤck fuͤr ihn: denn wie viel wuͤrde er ſonſt gelitten haben? Sie reiſten zu Pferde, und da jeder den an⸗ dern auszuforſchen ſuchte, lenkte ſich ihr Ge⸗ ſpraͤch oft auf gleichguͤltige Dinge; endlich brachte es Waverley auf das, was ihn am meiſten in⸗ tereſſirte; auf die ungluͤckliche Lage, in der ſich ſein Vater und ſein Oheim befand. Der Obriſte 2 — 132— ſuchte ihn zu ermuthigen, und machte ihm keine Vorwuͤrfe mehr; ſtatt ſeinen Kummer zu ver⸗ mehren, wandte er vielmehr Alles an, ihn zu lindern. Waverley hatte ihm bereits Alles ver⸗ traut, was ihm wiederfahren war. „Ich weiß,“ ſagte der Obriſte,„Ihr habt nicht aus Bosheit ſo gehandelt, nicht aus Vor⸗ ſatz; aber die Liebkoſungen des Praͤtendenten haben Euch bethoͤrt, ſo wie die Mandver ſeiner Werber. Ihr habt unleugbar eine große Thor⸗ heit begangen, aber Ihr muͤßt jetzt an nichts denken, als wie Ihr dieſe Partey wieder ver⸗ laſſen wollt. Vielleicht wird Euch die hier un⸗ fehlbare innere Zwietracht bald Gelegenheit dazu geben, dieſen unreinen Cloak, in den Euch Eure Unvorſichtigkeit ſtuͤrzte, wieder zu verlaſſen. Wir werden das Zuͤndkraut von der Bombe wegrei⸗ ßen, ehe ſie losplatzt. Habt Ihr dann den erſten Schritt gethan, werd' ich Mittel finden, Euch nach Flandern zu ſchaffen, und ich hoffe Eure Verzeihung zu erhalten, wenn Ihr einige Monathe auf dem Continent geweſen ſeyd.“ „Nie werd' ich zugeben,“ verſetzte Waver⸗ ley lebhaft,„daß man mir anſinnt, die von mir, vielleicht zu ſchnell, doch vorſetzlich ergriffne Partey wieder zu verlaſſen. Obriſter, erſpart Euch das, ich muß angfahren. was ich begann.“ —-— ————— — 133— „Ich hoffe,“ erwiederte Talbot lachend, „ich werde doch reden doͤrfen. Ihr bleibt ja Euer Herr, und mir bleiben meine Anſichten und Hoffnangen. Sagt mir, habt Ihr denn das geheimnißvoll zugeſteckte Paͤcktchen noch nicht unterſucht?“— „Es iſt in meinem Felleiſen, und wir fin⸗ den es in Edimburg, wo wir bald ſeyn werden⸗ Der Prinz hatte Eduard's Wohnung ſelbſt ausgeſucht, ſie befand ſich in dem angenehm⸗ ſten Theile der Stadt. Obriſt Talbot wohnte bey ihm. Jetzt forderte Waverley ſogleich ſei⸗ nen Mantelſack, fand das Paket und eroͤffnete es mit zitternder Hand. Auf dem Umſchlage ſtand ſtatt aller Aufſchrift: An Sir E. Waver⸗ ley Esquire, verſchiedene offene Briefe waren darin. Die beiden erſtern, die er las, waren von dem Obriſten. In dem fruͤheren machte er ihm zaͤrtliche Vorwuͤrfe, ſeinen Rath uͤber die Anwendung ſeiner Urlaubszeit nicht befolgt zu haben; er erinnerte ihn, daß ſie bald um waͤre.„Nach allen Nachrichten,“ fuͤgte er hinzu,„die ſich hinſichtlich der Unruhen ver⸗ breiten, und nach meinen Inſtructionen, werde ich gezwungen ſeyn, Euch zuruͤck zu rufen. In Flandern geſchlagen, befuͤrchten wir einen feindlichen Ueberfall und Aufſtand der Miß⸗ — 134— vergnuͤgten. Ich bitte Euch alſo, baldmoͤglichſt zuruͤck zu kommen: Euere Gegenwart iſt um ſo noͤthiger, da die Inſubordination anfaͤngt, in Euerer Eskadron auszubrechen, und ich Euere Ankunft erwarte, die Strafbaren zu entdecken.“ Der zweyte acht Tage ſpaͤter ge⸗ ſchriebene Brief war ſo, wie der Obriſte ihn ſchreiben mußte, als er keine Antwort auf den erſten empfing. Er erinnerte ihn an ſeine Pflich⸗ ten als Edelmann, Officier und Englaͤnder. Zu⸗ gleich machte er ihn mit dem Geiſte der Em⸗ poͤrung bekannt, der beſonders unter ſeinen mit⸗ gebrachten Leuten herrſche, welche ohne Scheu aͤußerten, ſie handelten nach der Ordre ihres Capitains. Er bezeigte ſein Erſtaunen, nach empfangener Ordre nicht zuruͤckgekommen zu ſeyn, und beſchwor ihn bey der Liebe eines Vaters und der Autoritaͤt eines Chefs, ſich ſogleich einzuſtellen. In der Rachſchrift ſagte er, daß er den Quartiermeiſter Times beauf⸗ tragt haͤtte, ihm dieſen Brief ſelbſt zu uͤber⸗ bringen. Eduard's Herz blutete, als er das las. Er bat dem braven Manne von Herzen ſein ihm angethanes Unrecht ab; er konnte nicht zwei⸗ feln, daß er die Briefe nicht erhalten hatte, und mußte geglaubt haben, er wuͤrdige ihn 1 — — 135— keiner Antwort; eben ſo wenig, daß, als der dritte Brief ihn in Glennaquoich endlich traf⸗ ihm keine Zeit mehr uͤbrig blieb⸗ ſich zu fuͤgen. „Was hat er von mir denken muͤſſen! Wie ſehr habe ich ihn betruͤbt!“ rief er. Ein anderer Brief war von dem Major ſeines Regiments, und gab ihm Nachricht von einem im Publico circulirenden, ſeiner Ehre nachtheiligen Geruͤchte.„ Man behauptet,“ ſchrieb der Major,„daß ein gewiſſer Falkonier Bollihople, oder wie er ſonſt aͤhnlich klin⸗ gend heißt, ſo unverſtaͤndig geweſen waͤre, in Euerer Gegenwart einen empoͤreriſchen Toaſt auszubringen, und daß Ihr die der ⸗oͤniglichen Familie dadurch angethane Beſchimpfung gelit⸗ ten haͤttet. Man fuͤgt hinzu, ein, wegen ſei⸗ ner politiſchen Grundſaͤtze etwas verdaͤchtiger Edelmann, der bey der Geſellſchaft geweſen, ſey bewogen worden, Genugthuung fuͤr die be⸗ leidigte Regierung zu fordern. Capitain Wa⸗ verley haͤtte zugegeben, daß ein Fremder Sa⸗ tisfaction fuͤr dieſe Beleidigung, die er als eine perſönliche häͤtte betrachten ſollen, gefordert habe, Keiner ſeiner Waffenbruͤder habe dieſer ihn nicht weniger, als das Regiment beſchimpfenden Nach⸗ richt Glauben beymeſſen wollen; und ſie war⸗ teten mit Ungeduld auf ſeine Rechtfertigung. — 136— „Was denkt Ihr zu dem allen?“ ſprach der Obriſte Talbot. „Was ſoll ich denken?— es ich hin, mich raſend zu machen.“. „Beruhigt Euch lieber, und ſeht, was auf dieſem ſchmutzigen Papierſchnitzelchen ſteht.“ Es war ein an W. W. Ruffin addreſſirter Brief, ungefaͤhr folgenden Inhalts: Main lipper Haͤr. Ein bar von unsern Sechern wohlen mir nich mer globen, wehn ich ihnen das Bedſchafd von Gunker zeiche. Times wirth eich die Pruͤfe brengen, und eich ſachen, daß der alde Ahden vil gegen mir gedan had ich bleipe aber ſeehds derſelpe Eier underbaͤniger Diener. 9. H. 4 Nagſchrifd. 8 Der Haͤr Gunker dhaͤt beſſer er ſchrib ſelper, der Lundnahnt Botter bewecht Himl und Ehine „Ich glaube,“ ſagte Talbot,„daß dieſer Ruffin kein andrer iſt, als euer Donald⸗ Bean⸗ Lean; er hat Mittel gefunden, Euere riefe aufzufangen, und mit dem armen Teuf Hong⸗ ton zu correſpondiren.“— „Das ſcheint mir ſehr aehrſzenu, aber wer mag der alte Ahden ſeyn?"“, — 137—. „Er hat ſagen wollen Adam; mit dieſem Spottnamen benannten die Soldaten ihren ehrwuͤrdigen Obriſten. 5 Die andern Briefe, die Talbot las, bewie⸗ ſen Donald⸗Bean⸗Lean's teufliſche Raͤnke. Joſeph Hodges, ein Bedienter Waverley's, der bey dem Regimente geblieben, und in Pre⸗ ſton gefangen genommen worden war, hatte die Erlaubniß erhalten, mit ſeinem vorigen Herrn zu ſprechen, und kam ſo eben. Dieſer erzaͤhlte, daß, wie Waverley auf Urlaub ge⸗ weſen ſey, ein Hauſirer, Namens Ruthven, Ruffen oder Rivain, den Soldaten unter dem Namen Schlaukopf bekannt, haͤuſig in die Garniſon gekommen ſey, und immer volle Geld⸗ beutel mitgebracht habe; er haͤtte wohlfeil ver⸗ kauft, die Dragoner oft freygehalten, und mit dem Corporal Hongton eine genaue Freundſchaft geſchloſſen, der den andern im Namen des Ca⸗ pitains mitgetheilt haͤtte, daß er zu den Hoch⸗ laͤndern uͤberginge, und ſich zu ihrem zahlreichen Heere geſellte. Die jungen Leute, welche von Kindheit an die Familie der Stuarte bedauert haͤtten, und Sir Eberhard als ihren treuen Anhaͤnger kennten, waͤren leicht auch in die Falle gegangen.„Wir wußten ja,“ ſagte Hodges,„daß unſer Capitain mitten unter — 138— den Bergbewohnern war, es kam uns nicht heſonders vor, daß er uns Briefe mit dem hauſirendtn Kraͤmer ſchickte, und daß er auch der Gefahr wegen nicht ſelbſt ſchrieb. Aber verſchiedenes Geſchwaͤtz machte, daß es heraus kam, und Schlaukopf war, ſo wie es ruchbar ward, verſchwunden. Als wir die Abſetzung unſers Capitains erfuhren, erhoben wir einen Aufſtand, wurden aber entwaffnet, und Hong⸗ ton und Times von dem Kriegsgerichte zum Tode verurtheilt; man ließ ſie aber looſen, wo Times als Opfer ſiel. Hongton, der auf des Obriſten Ermahnung, welcher ihm ſein Ver⸗ brechen bewies, große Reue zeigte, ſah als⸗ dann ein, daß Schlaukopf ohne des Eapitains Wiſſen gehandelt und uns alle geraͤuſcht hatte. „Ach!“— ſagte er—„der Junker iſt un⸗ faͤhig, etwas Schaͤndliches zu thun: die Wa⸗ verley's haben ſich ſtets durch Rechtlichkeit aus⸗ gezeichnet, und alles, was uns Ruffin geſagt hat, iſt nur ein Geſpinnſt von Luͤgen!“ Durch dieſe Geſtaͤndniſſe ward auch der Obriſte beſaͤnf⸗ tigt; welche Gruͤnde aber Donalden ſo zu han⸗ deln bewogen hatten, iſt nicht leicht zu erklaͤ⸗ ren. Wahrſcheinlich war er als Freywerber mit heimlichen Auftraͤgen von dem Prinzen verſehen, die ſelbſt Fergus nicht kannte. Ge⸗ — — 139— demuͤthigt von der Herrſchaft des Haͤuptlings, haßte er dieſen, dachte nur darauf, ſich durch die Umſtaͤnde und durch Raub, mitten in der Verwirrung, zu bereichern. Er war vorzuͤglich beauftragt, die Staͤrke der Garniſonen in Schott⸗ land, den Charakter der Officiere u. ſ. w. zu erkunden, daher hatte er ſich vornaͤmlich an Waverley's Schwadron geſchloſſen, weil er die⸗ ſen den Stuarts zugethan glaubte, wie ihm der lange Aufenthalt bey dem Baron von Bradwardine nicht anders vermuthen ließ. Als er ihn bey ſich in der Koͤnigshoͤhle ſah, konnte er ſich nicht denken, daß es nicht etwas anders als bloße Neugier ſeyn ſollte, die ihn dahin braͤchte, er hoffte von dieſem reichen Englaͤnder angeſtellt zu werden, aber zu ſeinem großen Erſtaunen blieb Waverley zuruͤckhaltend und ge⸗ heimnißvoll. Daruͤber ward er entruͤſtet, be⸗ ſchloß ſich zu raͤchen, und allein zu handeln, da man ſeinen Beyſtand verſchmaͤhe. Waͤhrend Waverley ſchlief, nahm er ihm ſein Petſchaft, um ſich bey den Dragonern da⸗ mit glaubwuͤrdig zu machen, von denen er wußte, daß ſie ganz vorzuͤglich dem Capitain zugethan waͤren. Er begab ſich in die Stadt, wo das Regiment in Garniſon lag, und arbei⸗ tete eifrigſt an der Ausfuͤhrung ſeines Plans. — 140— Er ſchmeichelte ſich einer großen Belohnung vom Prinzen, wenn er ein ganzes Regiment zum Uebertritte bewegte. Deßwegen ſielen alle dieſe Kabalen vor. Nach des Obriſten Talbots Rath weigerte ſich Waverley jetzt den jungen Dragoner in ſei⸗ nem Dienſt zu behalten, deſſen Erzaͤhlung ein ſo großes Licht uͤber die Sache verbreitet hatte. „Sein Zeugniß, wenns noͤthig iſt,“ ſagte er, „wird von groͤßerem Nutzen fuͤr Euch ſeyn, als Euer Dienſt fuͤr ihn.“— Waverley ſtattete nun ſeinem Vater und Oheim von Allem genauen Bericht ab. Der Obriſte Talbot gab dem jungen Dragoner einen Brief an einen Schiffscapitain mit, der in dem Gewaͤſſer des Firth kreuzte, in welcher er ihn bat, denſelben nach Berwick zu ſchaffen und ihm einen Paß in das Innere von England auszu⸗ fertigen. Waverley verſah ihn mit Reiſegeld, und ließ ihn ſich auf einer Fiſcherbarke einſchif⸗ fen. Zu ſeiner Bedienung, da er ſich Callum Begs, der Fergus beſtaͤndiger Spion war, ent⸗ ledigen wollte, nahm er einen jungen Bauer, der die weiße Cocarde aus Eiferſucht aufgeſteckt hatte, weil ſein Liebchen, Hanna Job, einen gro⸗ ßen Theil der Nacht mit dem Corporal Bul⸗ lock getanzt hatte. 2 — 141— Achtzehntes Kapitel. — „ Raͤnke.— Kabalen. Der Obriſte Talbot bewies Waverley mehr Freundſchaft, ſeitdem er bis auf die kleinſten Umſtaͤnde Alles erzaͤhlt hatte, was ihm ſo⸗ wohl in Tully⸗Weolan, als in Glennaquoich, widerfahren war. Eduard naͤherte ſich immer mehr und mehr dieſem tapfern Krieger, den er achten mußte, wenn er auch zuweilen ſeine Be⸗ merkungen hart, ſeinen Tadel bitter und bei⸗ ßend, und ſeine Entſcheidungen zerreißend fand. Die Gewohnheit zu gebiethen hatte ſeinen in den beſten Geſellſchaften erlangten artigen Ton ein wenig verringert. Als Krieger aber glich er in gar nichts Waverley's Freunden. Er war weder pedantiſch, wie der Baron, noch ſo ſchwatzhaft, wie Melville, noch eigenſuͤchtig und eigennuͤtzig, wie Fergus, der eher einen kleinen Monarchen als einem Soldaten glich. Er war in jeder Hinſicht ein wahrer Krieger, der aus Pflicht und Neigung ſeinem Fuͤrſten und ſei⸗ nem Vaterlande diente, trotz dem Baron die Theorie ſeiner Kunſt kannte, nicht kleinlich war wie Melville, und nicht ſpeculativiſch, wie Mac⸗ Jvor, zu ſeinem Vortheil; auch war er ein wohl — 142— unterrichteter Mann, voll guten Geſchmack aber auch voll von allen Vorurtheilen, die man den Britten beylegt. Eduard hatte Zeit ſeinen Character zu ſtudiren, weil das Heer der Hochlaͤnder mehrere Wochen mit Belagerung der Cittadelle verlor, und dieſe ganze Zeit uͤber nichts zu thun war, als ſich den geſelligen Vergnuͤgen zu uͤberlaſſen. Er wuͤnſchte, ſein neuer Freund moͤchte ihn uͤberall hin begleiten, allein dieſer ſchuͤttelte nach dem erſten Beſuche mit dem Kopfe und ſagte, daß er nicht Luſt habe fortzufahren, indem der Ba⸗ ron ein unertraͤglicher Pedant; der Haͤuptling ein grober Schotte mit nachgeaͤffter franzoͤſiſcher Manier ſey und alle Fehler der Juͤnglinge die⸗ ſer Nation angenommen habe, ohne den Hoch⸗ muth, die Falſchheit und Rachſucht ſeines Lan⸗ des aufzugeben. Wenn der Teufel ſich ſelbſt hier einen Agenten gewaͤhlt haͤtte, das Oberſte zu unterſt zu kehren— meinte er— ſo haͤtte er keinen verſchlagnern, gewandtern und geſchickte⸗ ren Vertrauten erwaͤhlen koͤnnen, als dieſen jun⸗ gen Ehrgeizigen. Auch die Damen verſchonte ſein Tadel nicht. Er gab zu, daß Miß Flora eine ſchoͤne Perſon, und Miß Roſa uͤberaus huͤbſch ſey; allein er behauptete: die Erſte zerſtöre die Macht ihrer . ——— ———— — 1 43— Reize durch die am Hof von Sankt Germain angenommenen Airs, und die Zweyte ſey wohl das einfoͤrmiaſte Weſen, das er je geſehen habe. „Ihre geringe Bildung,“ ſagte er,„ſteht ihrem Geſchlechte und ihrer Jugend nicht vortheilhaf⸗ ter, als ſie ihres Vaters alte Uniform bey ei⸗ nem Bale kleiden wuͤrde. Der Obriſte war durch Nationalvorurtheile und Abneiaung verblendet. Eine weiße Cocar⸗ de auf der Bruſt, eine weiße Roſe im Haar, wirkte auf ihn wie auf einen Waſſerſcheuen der Trank, oder die Scharlachfarbe auf einem Stier. Er bekam Kraͤmpfe, wenn man ihm die Namen, die mit Mac anſingen, vor die Ohren brachte.„Ich ließ Venus ſelbſt abwei⸗ ſen,“ ſagte er lachend,„wenn ſie mir unter dem Namen Mac⸗Jupiter gemeldet wuͤrde.“ Der Leſer glaubt wohl, daß Waverley an⸗ drer Geſinnung war; die ganze Zeit der Bela⸗ gerung uͤber machte er beiden den Hof, ſah aber, daß er damit bey Floren nicht weiter kam. Sie folgte genau ihrem Plane, behandelte ihn als einen Freund ihres Bruders, mit allen Be⸗ weiſen der aufrichtigſten Freundſchaft, und wich ihm, ſelbſt wenn ſie allein mit ihm war, nicht aus. Aber ſie wog ihre Worte ab, richtete ihre Nienen aufs behutſamſte ein, und weder ſeine — 144— I erſhhanenbeie noch die uͤble Laune des kergus, aͤnderten ihr Syſtem. Miß Roſa hatte viel bey unſerem Helden gewonnen. Er hatte bemerkt, daß, wenn ſie dahin gelangte, ihre erſte Schuͤchternheit zu uͤberwinden, ſie viel Verſtand und Geſchmack beſaß. Bey unruhigen Augenblicken zeigte ſie einen feſten, edlen, gefuͤhlvollen Charakter. Mit Vergnuͤgen ſah er, wie eifrig ſie alle Mittel er⸗ griff, ihre Erziehung zu vervollkommnen. Man bemerkte, daß ſie in Eduards Gegenwart nur bemuͤht war, die Talente ihrer Freundinn, wie ihre eignen, glaͤnzen zu laſſen; und doch war auch hierin nicht die leiſeſte Spur von Zie⸗ rerey zu ſinden. Oft ſind die Achtungs⸗ und Freundſchaftsbezeigungen, die ſich zwey huͤbſche junge Weiber gegenſeitig geben, nichts weniger als der Ausdruck ihrer wahren Empfindungen. Aber ſtets benahm ſich Miß Roſa gegen ihre Freundinn mit der zartſinnigſten Großmuth. Auch dieſe blieb ihr darin nichts ſchuldig. Es war, als wollten zwey Schauſpielerinnen die Zuſchauer durch die Wahrheit ihres Spieles er⸗ götzen. Nach dem gegenſeitigen Beyfalle, den ſie einander gaben, war es nicht leicht zu ent⸗ ſcheiden, welche das meiſte Talent im Zartge⸗ fuͤhl fuͤr wahre Freundſchaft beſaß. . — 145— Miß Roſa zeigte ſoviel Aufmerkſamkeit, Zu⸗ vorkommenheit und Sorgfalt fuͤr Waverley, daß es unmoͤglich war nicht alle Mittel aufzuſuchen, um ihr ſeine Erkenntlichkeit zu bezeigen. Sie war zu jung, zu neu in der Welt, um die Fol⸗ gen eines ſolchen Benehmens einzuſehen. Ihr Vater zu vertieft in ſeine litterariſchen Abhand⸗ lungen, und militairiſchen Operationen, hatte keine Zeit ſich um haͤusliche Dinge zu bekuͤm⸗ mern. Flora ließ ihre Freundinn gewaͤhren, denn dieſer Verein gefiel ihr, und gab ihr die gewiſſe Hoffnung, ihn unaufloͤslich werden zu laſſen. Denn ſchon laͤngſt hatte Roſa ihr die Gefuͤhle ihres Herzens entdeckt, die ſie errieth. Seitdem war Flora ernſtlich darauf bedacht, Waverley's Wuͤnſche zuruͤck zu weiſen, und nichts zu vernachlaͤſſigen, was ihr die Achtung beider erhalten konnte; dieß war dabey ihr einziger Eigennutz. Sie hielt es fuͤr Scherz, daß auch ihr Bruder Miß Roſen den Hof machte; Fergus Grundſaͤtze uͤber die Ehe waren ihr als ziem⸗ lich leichtſinnig bekannt, ſie wußte, er wuͤrde nur die ſchoͤnſte, die tugendhafteſte, talendvollſte Frau aus der Urſache waͤhlen, wenn er dadurch ſein Gluͤck machen, ſein Anſehen vergroͤßern koͤnnte. Das tolle Projekt des Barons, ſeiner Tochter die Beſitzung von Tully⸗Weolan, we⸗ III. K — 146— gen eines Agnaten zu rauben, ließ Floren nicht glauben, daß es ihrem Bruder ein Ernſt ſeyn koͤnne, Miß Roſa's Hand zu verlangen. In ſeinem Kopfe gaͤhrten tauſend Befoͤrderungs⸗ plane; er gah ſogleich eine Idee wegen einer andern auf, die eben ſo unbeſtaͤndig war, wie das Gewoge der Wellen. Seine Phantaſie war eine wahre Laterna Magica; er wußte nie was er thun oder laſſen ſollte; ſeine Entwuͤrfe waren ſtets das Reſultat unvorausgeſehener Umſtaͤnde, die blitzſchnell entſtanden, und ſich wieder zerſtreuten. Nichts konnte den Unbe⸗ ſtand dieſes Proteus feſſeln. Wiewohl ihrem Bruder innigſt zugethan, kannte Flora doch alle ſeine Fehler, die mit dem ehelichen Gluͤck unvereinbar waren. Sie fuͤhlte daß eine ſanfte, beſcheidene, gefuͤhlvolle Frau, je⸗ nes Gluͤck bey ihm nicht ſinden koͤnne, daß aus dem Austauſche ſtets wachſender Zuneigung, her⸗ vorgeht. Eduard ſchien ihr, trotz ſeines roman⸗ tiſchen Geiſtes, den er auf der Waffenbahn be⸗ wies, zum haͤuslichen Gluͤcke geboren. Er blieb edel und parteylos, wie immer, und begriff nichts von den Streitigkeiten uͤber thoͤrichte Anſpruͤche. Alles dieſes zeigte ihr in ihm den Mann, der ihre Freundinn, die mit ihr einen ganz gleichen Geſchmack hatte, gluͤcklich machen koͤnne. Sie 147 5 hatte Gelegenheit ſich von der Wahrheit ihrer Beobachtung zu uͤberzeugen. Als ſie einſt ge⸗ gen Miß Roſa aͤußerte, daß ihr Waverley ſo nachdenkend und traͤumeriſch vorkomme, antwor⸗ tete dieſe: Du darfſt Dich daruͤber nicht wun⸗ dern, er iſt zu klug, zu geſchmackvoll, um ſich mit ſo laͤcherlichen Unterſuchungen, wie es hier gibt, abzugeben. Was verſchlaͤgt es ihm zum Peyſpiel, zu wiſſen ob der Haͤuptling eines Stammes, der kaum ſechsz Mann hat, den Titel Obriſter oder Hauptmann annimmt? Willſt Du, daß er, wie andere, um den Vorrang ſich ſtreiten ſoll?“ „Liebe Roſa, wenn Waverley wirklich die Heldeneigenſchaften beſaͤße, die du ihm zuſchreibſt⸗ ſo wuͤrde er ſich eine Ehre daraus machen, an dem allen Theil zu nehmen, nicht allein weil ſie anzie⸗ hend fuͤr ihn waͤren, ſondern weil ſie ihm Gelegen⸗ heit zur Vermittelung darbieten, und er dadurch der allgemeinen Sache einen großen Dienſt er⸗ zeigte. Erinnerſt du dich, als Corrisnachian einen ſo ſtolzen Ton annahm, und die Hand an's Schwert legte, wie Waverley da erſt wie erwachend fragte: Was es gaͤbe?“ „Ich habe es nicht vergeſſen, und weil man daruͤber lachen mußte, war der Streit beſſer und K 2 1 148— ſchneller geendet, als es durch die groͤßte Be⸗ redſamkeit beſchehen waͤre.“ „Zugegeben, liebe Roſa, aber es haͤtte ihm beſſer angeſtanden, ihn durch die Kraft ſeiner Rede zu ſchlichten.“ „Wollteſt Du ihm nicht alle verwirrte Koͤpfe im Heere zurechtruͤcken laſſen; jedoch glaube nicht, liebſte Flora! daß ich etwa von Deinem Bruder ſpreche— der hat zu viel Verſtand, als daß man ihn mit ſolchen Toll⸗ und Schwin⸗ delkoöpfen vergleichen koͤnnte. Denkſt du denn, daß ſie es mit ihrem Geſchrey, mit ihren grau⸗ ſenhaften Verwuͤnſchungen vor den ich vom Kopf bis zum Fuͤßen erbebe, uͤber Sir Waverley da⸗ von tragen?“— „Bewahre der Himmel, meine Roſa, daß ich ihn mit ſo rohen, ungebildeten Menſchen vergleichen ſollte. Ich bedauere nur, daß er den Geiſt und das Talent, das er von der Natur empfing, nicht dazu verwendet einen wichtigen Platz in der Geſellſchaft zu erlangen, den er verdient; und daß er nicht mehr Feuer bey der edlen Sache angewendet, deren Vertheidiger er ward. Warum ahmt er nicht Lochill und meh⸗ reren Haͤuptlingen in ihrer Begeiſterung nach? ich fuͤrchte jener milzſuͤchtige Englaͤnder hat ihn abgekuͤhlt.“— *½ Ach! ſprich nicht von dieſem, nie ſah ich ei⸗ nen unangenehmern Mann. Er ſieht einen ja an, als waͤre er uͤberzeigt, daß es in Schott⸗ land keine Dame gaͤbe, der Ehre werth, ihm eine Taſſe Thee zu reichen; aber Waverley iſt ſo liebenswuͤrdig— ſo gebildet— hat ſo viel Talente!— „Beſonders um die Geſtirne zu betrachten, oder einige Stanzen aus dem Taſſo zu decla⸗ miren! „Du kennſt ſeinen Muth, ſeine Tapferkeit.“— „Ja, auf dem Schlachtfelde, ich denke aber alle Maͤnner folgen darin nur ihrem natuͤr⸗ lichen Hang, und ſind muthig vor Zeugen, aber nie wird Waverley im Stande ſeyn, eine gefahrvolle Unternehmung zu erzeugen, zu leiten, und Alles an ihrem Erfolg zu ſetzen. Er wird fähig ſeyn die Thaten ſeines Ahnherrn Nigel in Verſen zu feyern, aber nie ſeine edle Ergeben⸗ heit nachzuahmen. Er iſt zum haͤuslichen Fa⸗ miliengluͤck geboren, und bedauf keiner andern. Beſchaͤftigung als Wiſſenſchaften. Wenn er nach Schloß Waverley zuruͤckkoͤmmt, wird er die Bibliothek mit ſeltenen Buͤchern und auserleſnen Prachtwerken ausſtatten, Landſchaf⸗ ten und Ausſichten zeichnen, Bruͤcken, Kiosks und Tempel bauen, und Verſe machen. In — 150— 4 den ſchoͤnen Herbſtabenden wird er auf den Ra⸗ ſen ſpatziren gehen um die Hirſche im Monden⸗ ſchein ausziehen zu ſehen; er wird ſich unter eine alte Eiche niederlegen und traͤumen, oder ſeinem zaͤrtlichen, jungen Weibchen, die ſich ſanft auf ihm ſtuͤtzen wird, ſeine Gedichte vorleſen. Er wird nach ſeiner Weiſe gluͤcklich ſeyn!“ „und ſeine Gattinn zur Gluͤcklichſten ma⸗ chen!“ ſeufzte Roſa in ihrem Herzen. Neunzehntes Kapitel. Fergus iſt verliebt. Als Waverley den Hof des Prinzen naͤher kannte, war er mit der Lage, in der er ſich befand, nicht ſehr zufrieden. Er ſah nichts als Raͤnke, Kabalen und Zaͤnkereyen, wie an dem groͤßten Hofe Europa's. Jede nur im geringſten bedeutende Perſon betrieb ih⸗ ren eigenen Vortheil, mit einer Thaͤtigkeit, die ihm die Sache, welche ſie betraf, weit zu uͤbertreffen ſchien. Ein jeder meinte gerechte Urſache zu Klagen zu haben; und die des Ba⸗ rons Bradwardine waren ohnſtreitig die recht⸗ — · maͤßigſten, da ſie nur die allgemeine Sache an⸗ gingen. 3 „Es wird uns ſchwer werden,“ ſprach er ei⸗ nes Tags zu ſeinem jungen Freunde,„die Mauer⸗ krone zu erhalten. Ihr wißt, daß ſie von Pflanzen und Kraͤutern gemacht werden, die man in einem mit Sturm eroberten Platze fand. Man nennte ſie parietariae. Wir wer⸗ den ſie nicht gleich bey der Blocade erlangen.“ Hierauf fuͤhrte er uͤber dieſen Gegenſtand eine Menge alter und neuer Schriftſteller an, mit deren langen, gelehrten Nomenckatur wir den Leſer verſchonen, da ſie ihm eben ſo wenig Ver⸗ gnuͤgen machen duͤrfte als Waverley'n, der ſich, als er den Baron verlaſſen hatte, in Fergus, Wohnung, nach einer von ihm empfangnen Ein⸗ ladung, begab.„Morgen, mein liebſter Wa⸗ verley,“ hatte er zu ihm geſagt, ſoll ich eine Prit vatunterredung mit dem Prinzen haben. Kommt und theilt die Freude, die ich davon erwarte, da ich nicht an dem Gelingen meiner Plaͤne zweifeln kaun.“ Waverley fand Maccombich bey ihm im Zimmer, der dem Haͤuptling Bericht von einer neuen Windungslinie abſtattete, die man un⸗ ter der Cittadelle angebracht hatte, um die Lauf⸗ graͤben zu eroͤffnen. Bald ließ ſich Fergus Stim⸗ — 152— me vernehmen, der wuͤthend nach Callumbeg ſchrie. Er trat ein, wie ein von den heftigſten Leidenſchaften gequäͤlter Menſch; Zorn und Wuth entſtellten ſeine Zuͤge, die Adern in den Schlaͤ⸗ fen ſchlugen zum Zerſpringen; er athmete kaum; ſane Augen ſlammten; ſeine Wangen waren feucht und zitternd, ſeine Naſenloͤcher in furcht⸗ barer Bewegung. Der Anblick war um ſo graͤßlicher, da man ſah, daß er ſich vergebens nach Faſſung bemuͤhte, und daß dieſer heftige, innere Kampf alle ſeine Glieder convulſiviſch, erſchuͤtterte. Er riß ſein Schwert ab, und warf es heftig an die Mauer. „Ich weiß nicht was mich abhaͤlt,“ grinzte er zwiſchen den Zaͤhnen,„den unaufloͤslichſten Schwur zu thun, nie wieder in ſeinem Dienſt zu ſeyn!“ „Callum!— lade meine Piſtolen!— und bringe ſie mir ſogleich!“ 1 Callum, den nichts erſchuͤttern konnte, voll⸗ zog ruhig ſeinen Befehl. Aber Evan⸗ Dhu, uͤberzeigt, daß der Häuptling beleidigt worden ſey, war in entſetzlicher Bewegung; doch war⸗ tete er ſchweigend, was er zu erkennen geben wuͤrde. „Seyd Ihr da Waverley?“ fragte Fergus⸗ nachdem er ſich ein wenig gefaßt hatte,„ich er⸗. 5 8 — 153— innere mich, daß ich Euch einlud, meinen Tri⸗ umph zu theilen. Nun denn, ſeyd Zeuge mei⸗ ner Schmach!“— Evan gab ihm hier ſeinen geſchriebenen Bericht, er riß ihn aus ſeinen Haͤnden, und rief mit groͤßter Heftigkeit. „So wollt ich doch, daß das Donnerwet⸗ ter die Dummkoͤpfe der Belagerer, und die feigen Memmen, die keinen Ausfall wagen, erſchluͤge! „Ihr ſeht mich an, Eduard, als hieltet Ihr mich fuͤr verruͤckt!— Verlaß uns Evan, aber bleib in der Naͤhe!“— „Der Obriſte ſieht krank aus!“ ſagte Miß⸗ triß Flockhart zu Maccombich auf der Treppe. „Ihr haͤttet ihm etwas eingeben ſollen.. er thut mir leid, die Adern ſind ihm ja angelau⸗ fen wie Harfenſaiten.“ „Er muß ein bischen Aderlaſſen,“ ſagte Evan,„das iſt ſein gewoͤhnliches Mittel.“ „Ich weiß Waverley,“ begann Fergus,„daß Euch der Obriſt Talbot zwanzigmahl des Tages veranlaßt, Euere ungluͤckliche Verbindung mit uns zu verwuͤnſchen. Widerlegt mir's nicht, ich bin bereit Euerem Beyſpiele zu folgen. Koͤnnt Ihr glauben, daß ich heute dem Prinzen zwey Bittſchriften uͤberreicht habe, Und daß er ſie abgeſchlagen hat?“ „Ich kann nichts dazu ſagen, bis ich die Beſchaffenheit Eueres Verlangens weiß.“ „Herr! was thut ſeine Beſchaffenheit, Ich habe ſie gethan— dieſe Bitten; das iſt genug! Habe ich ihm nicht mehr Dienſte gethan, als alle Officiere im Heere? Habe ich nicht Alles eingeleitet und bewegt? Denkt Ihr, daß ich, wie die andern, etwas Unvernuͤnftiges begehren werde? Ich habe Euch meine Grafen⸗Patente gezeigt; ſie ſind zehn Jahr alt; ſie ſind der Lohn ſchon geleiſteter Dienſte, jetzt habe ich neue verdient. Glaubt nicht, daß mir ſoviel an dem Titel liegt; ich bin ſo gut ein Philoſoph wie Ihr, ich achte ein Stuͤckchen Pergament auch nicht hoͤher als ein Stuͤckchen Papier. Ich weiß recht gut, daß der Titel eines Haͤuptlings des Stammes Jvor, hundertmal mehr werth iſt als der Grafentitel; aber ich wollte ihn haben. Noch muß ich Euch ſagen, daß der Prinz den alten Baron von Bradwardine, den alten Narren vermocht hat, nicht mehr daran zu denken, ſeine Herrſchaft dereinſt auf einen Vetter im dreyßigſten Grade zu vererben, der in dem Heere des Kurfuͤrſten dient, zum Nach⸗ theil Euerer huͤbſchen kleinen Freundinn. Al⸗ les beſtaͤtigt, daß er den Befehl ſeines Koͤnigs und Herren geyorchen wird.— Hat er nicht — 155— durch's Ausziehen der Stiefeln ihm gehul⸗ digt. „Hohl ihn der Teufel! Miß Roſa wird wohl der Koͤniginn am Kronungstage die Pan⸗ toffeln ausziehen ſollen, oder ſo etwas?— Dem ſey wie ihm wolle, ich fand in Miß Roſa eine anſtaͤndige Partie fuͤr mich in jeder Hin⸗ ſicht, und keine Schwierigkeit weiter dabey— ſeit man den Alten zur Vernunft gebracht hat⸗ te— als daß dieſer, dem Manne ſeiner Tochter den Namen Bradwardine aufdringen wuͤrde; Ihr ſeht wohl, daß ich ihn in meiner Lage nicht annehmen koͤnnte, aber ich wuͤrde ihm ausge⸗ wichen ſeyn, indem ich ſeine Tochter zur Graͤ⸗ ſinn gemacht haͤtte, das verſteht ſich von ſelbſt, und Alles waͤre befriedigt geweſen.“ „Aber, Fergus, ich kann nicht glauben, daß. Ihr das geringſte Gefuͤhl fuͤr Miß Roſa habt, da Ihr nicht aufhoͤrt ihren Vater laͤcherlich zu machen.“ 8 „Mein Freund! ich habe fuͤr Miß Roſa alles Gefuͤhl, welches man fuͤr ſeines Hauſes zweites Oberhaupt, und die kuͤnftige Mutter ſeiner Kinder haben kann. Es iſt ein huͤbſches, kleines Ding, verſtaͤndig und ſcharfſinnig: ſie iſt unleugbar aus einer der aͤlteſten Geſchlechter der Schottiſchen Flaͤche. Wenn ſie Flora noch — 156— ein wenig fuͤr die große Welt wird zugeſtutzt haben, bin ich uͤberzeugt, daß ſie ſich in dieſe lbe finden wird. Was ihren Vater betrifft, ſo weiß ich, vermoͤge der Lection, die er dem verſtorbenen Balmahapple, und mehreren gegeben hat, daß ſich niemand wird einfallen laſſen, uͤber ihm zu ſpotten, zum wenigſten nicht ungeſtraft. Ich wiederhole es Euch, ich ſah bey dieſer Heirath nicht die geringſte Schwierigkeit; ich hatte alles in meinem Kopfe eingerichtet.“— „Aber, Fergus, hattet Ihr denn des Barons und Miß Roſa's Einwilligung?“ „Und warum haͤtte ich die geſucht? Daß mir der Alte, bevor ich den Grafentitel hatte, eine große Abhandlung uͤber die Namensveraͤn⸗ derung gehalten haͤtte, da ich als Graf von Glennaqudich mich nur vorzuſtellen brauchte, um keinen Einwurf zu erhalten.— Ich haͤtte ihn ja nur ſagen duͤrfen, daß ich ſeinen ver⸗ dammten Baͤr und die laͤcherlichen Stiefelknechte in ein Winkelchen meines Wappens aufnehmen wollte, daß ich durch einen Balken trennte; wenn er nicht gar zu anmaßend geweſen waͤre, ſein Wappen zu den meinen zu fuͤgen.— Kurz, ich haͤtte nur dafuͤr zu ſorgen gehabt, daß mein Wappen unentehrt geblieben waͤre. Was Miß Roſa betrifft, ſo wuͤßte ich nicht, was ſie mir — — 157— bey der Einwilligung ihres Vaters zu entgegnen gehabt haͤtte?“ „Vielleicht dasſelbe, was Eure Schweſter mir entgegnete, ob ich gleich Eure Einwilligung hatte.“ Fergus verdroß der Vergleich, aber er war ſo klug die Antwort zu verſchlucken, die ihm auf der Zunge ſaß. „Daß häͤtte ſich ſchon gemacht,“ ſagte er, „ich bat Euch heute hieher, in der Erwartung, mein Hochzeitgaſt zu werden!—— Nun!— ich habe alſo meine Auſpruͤche erklaͤrt. Er hat mir ſie nicht geradezu abgeſchlagen. Er hat ſogar ihre Rechtmaͤßigkeit eingeſehen. Als ich aber um Erlaubniß bat, davon Gebrauch zu machen, bemerkte er, daß ich dadurch die an⸗ dern Haͤuptlinge eiferſuͤchtig machen wuͤrde; als ich dieſen kindiſchen Einwurf aber dadurch ent⸗ kraͤftete, daß ich mich anheiſchig machte, ihre Einwilligung ſchriftlich zu bringen— Ich haͤtte ſie ſchon bey denen, welchen das Alter meiner Ernennung nicht genuͤgt haäͤtte, durch mein Schwert zu erzwingen gewußt— da, war er ge⸗ zwungen ſich ganz auszuſprechen.„Liebſter Fer⸗ gus,“ ſagte er,„Ihr thaͤtet mir einen Gefallen, Eueren Titel jetzt noch nicht anzunehmen, um Eueren Mitbewerber keinen Vorwand zu geben.“ — 158— „Bemerkt, lieber Waverley, daß dieſer feige Tagedieb ſo wenig Recht auf den Titel eines Haͤuptlings hat, als ich auf den eines Kaiſers von China. Er gibt vor, der Prinz gebe mir zu viel Vertrauen, ich wuͤrde geehrter, und alles dieſes um ſeine Feigheit zu beſchoͤnigen. Um dieſen Schlingel allen Vorwand zu nehmen, bat mich der Prinz noch einige Zeit mit Annahme meines Titels zu warten. Nun Waverley, kann man ſich auf eines Prinzen Verſprechen verlaſ⸗ ſen?“ „und damit war Euere Audienz geendigt 27— „O nicht doch. Ich wollte ihm ſeine ganze Ungerechtigkeit gegen mich zu Gemuͤthe fuͤhren; ich that Alles, um meinen gerechten Zorn zu be⸗ meiſtern, denn ich zitterte am ganzen Leibe. So bat ich denn Se. koͤnigl. Hoheit ſo ruhis wie möglich, auf meine Bitte Ruͤckſicht zu neh⸗ men, weil das Gluͤck meines Lebens von ihr abhinge, und um ihm davon zu uͤberzeugen, theilte ich ihn meinen Plan mit, der mich zu Annahme meines Titels zwaͤnge!“ „Und was antwortete der Prinz?“ „Was er antwortete?“ die heilige Schrift ſagt: fluche deinem Koͤnig auch nicht einmal in Gedanken! Was er antwortete?!... Er waͤre uͤber das Zutrauen erfreut, ſo ich ihm be⸗ — 159— wies, weil er mir dadurch viel Unannehmlich⸗ lichkeiten— viel Kummer erſparen koͤnne!“— „Ich gebe Euch mein Ehrenwort, ſagte er, daß Miß Roſa's Herz nicht mehr frey iſt; daß ich ſogar das meine gab, dieſe Neigung zu un⸗ terſtuͤtzen; alſo, liebſter Fergus, ſetzte er auf’s freundſchaftlichſte hinzu, und laͤchelte recht gnaͤ⸗ dig, da von der Heirath nicht mehr die Rede ſeyn kann, hoffe ich, Ihr werdet mit dem Gra⸗ fentitel nicht eilen. Mit dieſen Worten drehte er ſich auf dem Abſatze herum, und ließ mich ſtehen!“. „Was wollt Ihr jetzt thun?“* „Im erſten Augenblicke des Zorns haͤtte ich mich dem Teufel, dem Kurfuͤrſten von Han⸗ nover, einem jeden geweiht, der mir das ſicherſte, ſchnellſte Mittel zur Rache gegeben haͤtte; jetzt ſehet Ihr mich wieder bey kaltem Blute.— Ich bin gewiß, daß er den Plan hat, Roſa an ir⸗ gend einen Iriſchen oder Franzoͤſiſchen Officier zu verheirathen!—— Da werd ich auch dabey ſeyn!... Der Unverſchaͤmte, der mir das Gras unter den Fuͤßen weg tritt, mag ſich in Acht nehmen!... Bisogua comprirsi Signor! Die Unterhaltung dauerte noch einige Au⸗ blicke, dann nahm Waverley von Fergus Ab⸗ ſchied, deſſen Wuth der groͤßten Rachſucht Platz gemacht hatte. Er kam nach Hauſe, ohne ſich die verſchiedenartigen Gefuͤhle erklaͤren zu koͤn⸗ nen, die ihm dieſer Aufſchluß gegeben hatte. f* „ .. 2 .— 160— Zwanzigſtes Kapitel. Unbeſtaͤndigkeit. „Bin ich doch wirklich wie ein Kind!“, ſagte Eduard, als er bey ſich haſtig die Treppe her⸗ auf rannte.„Was geht's denn mir an, daß Fergus Miß Roſa heirathen will?.. Ich liebe ſie ja nicht!—— Moͤglich, daß ſie mich geliebt haͤtte; aber ich habe ihre einfache, na⸗ tuͤrliche Zuneigung verſchmaͤht, um vergebens fuͤr eine Hochmuͤthige zu ſeufzen, die nieman⸗ den lieben wird, wenn nicht etwa der Herzog von Berwick wieder auf die Welt kommt.— Eben ſo ungerecht bin ich auch gegen den Ba⸗ ron geweſen.— Nie haͤtte ich den Gedanken gehabr, ihm in der Baronie zu folgen; er waͤre nicht von der Furcht gequaͤlt worden, ſein Geſchlecht erloͤſchen zu ſehen. Gern haͤtte ich den Moraͤſten von Tully⸗Wedlan und den Stiefelknechten entſagt. Mit dem Geſchmack an haͤuslichem Gluͤcke, mit dem einzigen Be⸗ duͤrfniß zu lieben und von ihren Verwandten und Freunden geliebt zu ſeyn, haͤtte Roſa beſtaͤn⸗ dig jene zarte Sorge und feine Aufmerkſamkeit fuͤr ſie gehabt, die die Wuͤrze des Lebens iſt! Soll denn dieſer ſanfte, guͤtige Engel der Raub eines Fergus werden? Er wird ſie gerade nicht mißhandeln, das bin ich uͤberzeigt. Er iſt un⸗ faͤhig, ihr ſchlecht zu begegnen; allein wenn er einige Monathe mit ihr verhetrathet ſeyn wied, wir der ſie vernachlaͤſſigen, und an nichts mehr denken, als einen ſeiner Mitbewerber der Gewalt, ſey es am Hofe, oder bey den Staͤmmen, zu demuͤthigen oder ſeine Beſitzungen mit einigen Bergen, Seen und die Zahl ſeiner Lehusleute zu vergroͤßern, ohne ſich darum zu bekuͤmmern, wie ſeine ungluͤckliche Gattinn ihre Tage verlebt. Bald werden dann die Freunde der liebenswerthen Roſa ſagen muͤſſen: Ach! der Wurm des Kummers naget An der Bluͤthen reitzendſter, Glanz und Friſche ſind verblichen, Die verwelket ſchmachtender: Auf dem Stengel bluͤht ſie ab, Ach ſie bluͤhte— nur fuͤr's Grab! und ſolch Ungluͤck wuͤrde das liebenswuͤr⸗ digſte Geſchoͤpf von der Welt nicht betroſſen haben, haͤtte Sir Eduard Waverley Augen gehabt! Ich weiß nicht, wie ich mich habe uͤberreden koͤnnen, daß Flora anmuthiger und ſchoͤner ſey, als Roſa! Wahr iſt's, ihr Wuchs iſt ſtaͤrker, ihre Zuͤge ausgedruͤckter, ſie hat leichtere Manieren; aber Roſa iſt viel natuͤr⸗ licher, auch juͤnger; ich zweiſle, ob Flora ihr immer ungleich bleibt. Miß Jvor mag leicht zwey Jahr aͤlter ſeyn, als ich, das muß ich heute Abend zu erfahren ſuchen!“ Nachdem er dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ging Eduard zum Thee(denn auch vor ſechszig Jahren war der in der Mode) zu einer vor⸗ nehmen, der Sache des Peinzen aufrichtig er⸗ gebenen Dame. Er fand dort, ür er es ver⸗ 2 — 162— muthet hatte, die beiden Unzertrennli⸗ chen. Als er eintrat, ſtand Alles auf; aber Flora nahm ſogleich wieder ihren Platz ein, und füͤhrte die Unterhaltung fort. Roſa im im Gegentheil machte eine faſt unmerkliche Bewegung, um ſich nach ihm zu kehren.— „Ihr Benehmen iſt doch weit gefaͤlliger!“ dachte Waverley. Es war eine Unterſuchung entſtanden, ob die Galiſche Sprache fuͤr die Dichtkunſt gelaͤu⸗ figer und geeigneter waͤre, als die Italieniſche? Nirgends waͤre es wohl jemand eingefallen, ſich fuͤr die erſtere zu erklaͤren, aber dieſer Kreis ſtand unter dem Schutze von ſechs Schottiſchen Damen, die wenig bedacht waren, ihre Lungen zu ſchonen, und die ganze Geſell⸗ ſchaft fuͤr taub zu halten ſchienen, ihr alſo ein Proͤbchen von ihrer Celtiſchen Euphonie gaben. Miß Flora bemerkte, daß ihre ſchoͤnen Lands⸗ maͤnninnen uͤber dieſe Frage mitleidig laͤchelten; ſie gab viele wahrſcheinliche Gruͤnde an, um zu zeigen, daß man beide Syſteme ohne laͤcher⸗ lich zu werden, und fuͤr ungerecht zu gelten, vertheidigen koͤnnte. Miß Roſa ward aufge⸗ fordert, ihre Meinung zu ſagen; ſie ſprach ſich lebhaft fuͤr die Italieniſche Sprache aus, die ſie unter Waverley's Anleitung gelernt hatte. „Sie hat ein weit richtigeres Ohr,“ ſagte ſich dieſer,„ob ſie gleich keine ſo gute Virtuoſinn iſt, wie Miß Flora; ich ſehe, die wird uns noch ihren Mac⸗Murrough dem Taſſo und Arioſt gleich ſtellen.“ — 163— Die Geſellſchaft war unſchluͤſſig, ob man Fergus um ſein Floͤtenſpiel, oder Waverley'n um die Vorleſung eines Shakespeariſchen Stuͤcks bitten wollte. Die Wirthinn vom Hauſe, die ſehr heiter und liebenswuͤrdig war, ſchlug vor, durch die Mehrheit der Stimmen zu entſchei⸗ den, und nahm es auf ſich, ſie mit der Be⸗ dingung zu ſammeln, daß derjenige von beiden, deſſen Talent man heute nicht in Anſpruch neh⸗ men werde, verſpraͤche, es den andern Tag der Geſellſchaft zum Beſten zu geben. Das Unge⸗ faͤhr wollte, daß Miß Roſa's Stimme das Uebergewicht herbeyzufuͤhren hatte, da die Stim⸗ men getheilt waren. Miß Flora, die ſich's zur Pflicht gemacht zu haben ſchien, nie ein Wort zu ſprechen, welches Waverley'n einen Strahl von Hoffnung geben koͤnnte, hatte fuͤr die Muſik votirt, mit der Bedingung, daß der Baron die Gefaͤlligkeit haben ſollte, Fergus auf der Geige zu begleiten.„Ich wuͤnſche Euch Gluͤck zu Euerem Geſchmacke, Miß Jvor!“ dachte Eduard,„das war wohl gut genug fuͤr Glennaquoich; aber hier?“— Schon machte Fergus und der Baron die Noten zurecht, als Miß Roſa erroͤthend ſagte: Es wuͤrde ihr lieb ſeyn, den unſterblichen Shakespear kennen zu lernen. Waverley waͤhlte das Trauerſpiel: Romeo und Julia. Er las mit viel Geſchmack und Ausdruck; er brachte ſo viel Feuer und Wahr⸗ heit in die Scene, daß er ſeine Zuhoͤrer ent⸗ zuͤckte. Einige begnuͤgten ſich, in die Haͤnde — 164— zu klatſchen, mehrere vergoſſen Thraͤnen. Flora, die das Stuͤck kannte, war unter den erſtern, aber Roſa, die es zum erſtenmal hoͤrte, konnte ihre Ruͤhrung nicht verbergen.—„Sie iſt weit liebenswerther als ihre Freundinn,“ dachte aber⸗ mals Waverley. 8 Man begann uͤber die Intrigue des Stuͤcks und die Wahrheit der Perſonen zu ſtreiten. Fergus erklaͤrte, daß niemand anziehender darin waͤre, als Mercutio.„Nicht daß ich ſeine Bemerkungen oder ſeine antiken Ma⸗ nieren bewunderte,“ ſagte er; aber es ſcheint mir, daß er zu der Zeit ein huͤbſcher Burſche geweſen ſeyn mag.“ 1 „Es iſt eine Schande,“ ſagte der Faͤhnrich Maccombich, der uͤberall ſeinen Obriſten beglei⸗ ten durfte,„es iſt eine Schande, daß Thibert, Taggard, oder wie er heißen ſoll, ſich auf den Arm ſeines Kameraden ſtuͤtzt, als er ſich zum Zweykampf begeben muß.“ Die Damen erklaͤr⸗ ten ſich foͤrmlich fuͤr den Romeo; doch waren ſie nicht ganz einig; denn manche machten es ihm zum Verbrechen, daß er aufgehoͤrt hatte, Roſalinden zu lieben, um ſich an Julien zu binden. Miß Flora ward verſchiedentlich ein⸗ geladen, ihre Meinung zu ſagen.„Ich denke,“ ſagte ſte,„daß dieſer Wechſel von Zuneigung nicht nur nicht widernatuͤrlich iſt, ſondern daß ſich hier der Dichter auf den hoͤchſten Gipfel ſeiner Kunſt geſchwungen hat. Er ſtellt uns in dem Romeo einen jungen, leicht zu entflam⸗ menden Menſchen vor. Der erſte Gegenſtand — 165— ſeiner Liebe iſt ein Weib, daß ſie durchaus nicht zu erwiedern vermag, ſo wie er ſelbſt ſagt: „Das Gefuͤhl der Liebe iſt in unſern Augen nur eine Kinderey, unwerth, ein Herz zu beſchaͤftigen.“ Sagt mir nur, ob man ver⸗ nuͤnftiger Weiſe von dem Romeo hoffen konnte, daß er lange lieben wuͤrde, ohne die mindeſte Hoffnung der Gegenliebe? Der Dichter hat geſchickterweiſe den Augenblick gewaͤhlt, wo der gluͤhende Juͤngling ſich zur Verzweiflung gebracht ſieht, um ihm ein ſchoͤneres, voll⸗ kommneres Weſen kennen zu lehren, als das was ihn ausſchlug; und dieſes zeigt ihm, daß es nur auf ihn ankommt, gelieht zu ſeyn. Es ſcheint mir unmoͤglich, eine Lage zu finden, die den Romeo mehr fuͤr Julien entflammen koͤnnte, als wenn er ihn durch die ſanften Troͤ⸗ ſtungen ſeiner neuen Freundinn aus ſeiner duͤſtern Schwermuth ziehen, ja der Verzweiflung entrei⸗ ßen laͤßt.“. 9 „Großer Gott!“ ſagte eine junge Dame, „Miß Jvor, wollt Ihr uns denn unſers ſchoͤn⸗ ſten Vorrechts beranben? Wollt Ihr uns uͤber⸗ reden, die Liebe koͤnne nicht ohne Hoffnung beſtehn, und ein Liebhaber koͤnne ſeiner Herrinn untreu werden, wenn ſie ihm zu viel Strenge zeigt? Einer ſolchen Laͤſterung aus Euerem Munde war ich nicht gewaͤrtig!“ 3 „Ich gebe es Euch als unmoͤglich zu, liebe Betty, daß ein Liebhaber in ſeiner Nei⸗ gung beharre, trotz der niederſchlagendſten Um⸗ ſtäͤnde, daß er Gefahren bekaͤmpfen, Kaltſinn — 166— ertragen kann, aber anhaltende Gleichgiltigkeit iſt ein toͤdtliches Gift fuͤr die Liebe. Wie maͤch⸗ tig auch die anziehende Kraft Euerer Reitze ſey: ſo glaubt mir, ſucht nie dieſe Erfahrung bey einem Herzen zu machen, das Euch lieb iſt. Ich wiederhole es Euch: die Liebe erhaͤlt ſich durch die ſchwaͤchſte Hoffnung, aber verliert ſie dieſe, ſo erloͤſcht ſie bald.“ „s geht ihr,“ ſagte Evan,„wie Duncan Macgirdic's Stute, wenn mir Ew. Herrlich⸗ keiten mich dieſes Vergleiches zu bedienen er⸗ lauben. Ihr Herr wollte ſie nach und nach gewoͤhnen, nichts zu freſſen, er gab ihr taͤglich eine kleine Hand voll Stroh, und das arme Thier ging darauf.“ Evan's zarter Vergleich erregte ein großes Gelaͤchter, und man ſprach von andern Dingen. Eduard ging bald nach Hauſe, und dachte unter⸗ wegs uͤber das nach, was Flora geſprochen hatte. „Nun iſt's aus,“ dachte er,„ich werde Roſalinden nicht mehr lieben; ich werde ihren Rathe folgen, den ich wohl verſtanden habe, und ihrem Bruder ſagen, daß ich mein Projekt aufgebe.— Was Iulien anbelangt... Wirk⸗ lich, da machte ich einen ſchoͤnen Schlag, wenn ich auf Fergus Truͤmmern ging!— Ich bin uüͤberzeigt, es wird ihm mißgluͤcken.— Wenn er einen Korb bekommt?— Es ſey dem, wie ihm wolle!“— und damit beruhigte ſich unſer Held. ſinn Nſn d 1 19 1 7 18 19 8