„ 5— He;— “ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird p 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Wer— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ n„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6: Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kus lalhe ert. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. l Waverley Schottland vor ſechszig Jahren Hiſtoriſch⸗humoriſtiſcher Roman von. Walter Scecott Aus dem Engliſchen nach der vierten Original⸗Ausgabe uberſetzt von W. L8**. Erſter Theil ———ö—-——— Leipzig, 1822 b e y Wilhelm Lauffer —— —— * ſt e s Kax teee t. Finteitang. Der Titel dieſes Buches iſt. erſt 1 einem langen— tiefen Nachdenken gewaͤhlt worden, wie ſolches bey einer wichtigen Sache jeder kluge und weiſe Menſch thun ſollte. 1435 Ich haͤtte, nach dem Beyſpiele von nzehreren meiner Vorgaͤnger, die muͤhſamen Nachforſchun⸗ gen permeiden koͤnnen, haͤtte ich mich damit be⸗ friedigt, in der Geſchichte Engtands, oder ſeiner henachbarten Voͤlker, einen wohllautenden, wohl⸗ klingenden Namen fuͤr meinen Helden aufzuſu⸗ chen. Aber, ach!, welches 3 Zutrguen haͤtten mei⸗ nen Leſern die ritterlichen Namen eines Mor⸗ gan, Latimore, Stanley, oder die fuͤßlichen eines Belmour, Belpille, Belgrape eingefloͤßt? Haͤtten ſie nicht Urſache, nach ſolchen, ſeit einem halben Jahrhunderte, ſo allgemein gewordenen * Titeln, ſich zu fuͤrchten, man werde ihnen nur I. A — — 2— etwas Kindiſches und Abgeſchmacktes vorlegen? Aufrichtig bekenne ich, daß ich von der Unzu⸗ laͤnglichkeit meiner Talente zu uͤberzeugt bin, als daß ich mich unterſtanden haͤtte, zu dem Titel meines Werks ein pomphaftes Anshaͤnge⸗ ſchild zu fuͤgen. Wie die jungen 8 die zum erſtenmal auf dem Kampfplatze erſchlenen, keinen Wahlſpruch auf ihrem Schilde trugen, habe ich mich begnuͤgt, meinem ate den ein⸗ fachen, beſcheidnen Titel: Waverley, zu ge⸗ ben. Dieſer Name hat weder etwas Anziehendes, noch Abſchreckendes fuͤr den Leſer, und beſticht das Urtheil uͤber ſeine Fehler und Wendienſis nicht im geringſten. Was häͤtte ich nicht fuͤr Schwierigkeiten bey einem andern Titel gefunden? Welche Verlegen⸗ heit haͤtte ich mir nicht zugezogen? Wuͤrde ich mich nicht gewiſſermaßen gegen das Publikum verpflichtet haben, meinen Gegenſtand ſo oder ſo zu behandeln: mich nur dieſer oder jener Mit⸗ tel zur Schuͤrzung oder Loͤſung des Knotens zu be⸗ dienen? Wenn ich z. B. mein Buch: Waver⸗ ley, wahre Geſchichte des ſechszehn⸗ ten Sekulums, betitelt haͤtte: wo ware der Leſer, der, wenn auch nur wenig mit unſern an der Tagesordnung ſich befindenden Romanen bekannt, nicht in der Folge geſagt haͤben wuͤrde:„Wir wer⸗⸗ , — 3— den ein zweytes Schloß Udolphs ſinden; einer der Fluͤgel deſſelben wird ſeit funfzig Jahren unbe⸗ wohnt, und die Schluͤſſel der Caſtellaninn oder dem Kellner anvertraut ſeyn; kaum werden ſie ſich auf ihren fleiſchloſen Beinen erhalten koͤn⸗ nen, wenn ſie den Helden oder die Heldinn herum⸗ fuͤhren; wir werden das Trauergeſchrey des Kaͤutz⸗ leins und des Meeradlers hoͤren.“ Haͤtte ich mir dann nicht die Verbindlichkeit aufgelegt, meine Erzaͤhlung nur durch den Scherz eines albernen Großknechts zu erheitern, der weder leſen noch ſchreiben kann, aben die ehrlichſte Haut iſt, oder durch die Vertraulichkeiten einer Kammerfrau, die allen Ankommenden die Blut⸗ und Schauergeſchichten erzaͤhlt, welche ſie im Vorzimmer erfahren hat? Haͤtte ich nun hin⸗ zugefuͤgt: Hiſtoriſcher Gegenſtand, aus Deutſchen Chroniken gezogen, wo gaͤbe es einen Leſer, der nicht ſcharfſinnig genug ſeyn wuͤrde, um ſich einen regierenden Abt ohne Sitten und ohne Religion, einen herrſchenden Herzog voll Un⸗ gerechtigkeit und Leidenſchaft, aine geheime Ver⸗ bindung zwiſchen Roſenkreutzern und Illumina⸗ ten, Leichentuͤcher, blutige Schatten, Gewoͤlbe, Elektriſirmaſchinen, Fallthuͤren, Blendlaternen u. ſ. w. dabey vorzuſtellen? Waͤre mir eingefallen, den andern Titel: Gefuͤhlsproben, zu waͤh⸗ A 2 — 4— len, wuͤrde man nicht gleich errathen haben, daß die Heldinn kaſtanienbraune Haare haͤtte? Daß nur ihre Harfe ſie in ihrer Einſamkeit zer⸗ ſtreue? Daß ſie dieſe mit ſich nehme in Schloß und Huͤtten, wenn ſie, ſtets von einer jungen Baͤuerinn begleiter, zu Fuße reiſe? Haͤtte ich mein Buch: Geſchichte des Tages, genannt, wo waͤre der Leſer, der ſich nicht beeilt haben wuͤrde, von mir zu verlangen, daß ich ihn ein⸗ fuͤhren moͤchte in die glaͤnzenden Zirkel der gro⸗ ßen Welt; ihm ihre aͤrgerlichen Geſchichten entdecken, und mich nur eines durchſichtigen Schleyers dabei bedienen, um die unbekleideten Bilder zu verbergen, jedoch ohne etwas an der Aehnlichkeit zu vernachlaͤſſigen, damit jeder⸗ mann, der ſie erblickt, ſagen koͤnne: das iſt der, und das iſt die! Roch koͤnnte ich dieſe Zergliederung weiter fuͤhren, um darzuthun, wie ſchwer es iſt, den Titel eines Buchs gut zu waͤhlen, und um zu gleicher Zeit mit meiner ausgebreiteten Gelehr⸗ ſamkeit hinſichtlich uͤber die Art und Weiſe, Romane zu ſchreiben, zu prahlen; aber ich habe genug geſagt. Ich werde nicht ſo unbe⸗ ſcheiden ſeyn, dem Leſer laͤnger Langweile zu verurſachen, vermuthlich iſt er ungeduldig, zu erfahren, wie und auf welche Art ein ſo kunſt⸗ „ — — — — — gerechter Autor in dem Laufe ſeiner Arbeit fuͤr ſie einzunehmen weiß. Indem ich die Epoche dieſer Geſchichte ſechzig Jahre vor derjenigen beſtimme, in der ſie geſchrie⸗ ben iſt(den erſten November 1805), ſo wuͤnſch⸗ ich dem Leſer zu erkennen zu geben, daß ich ihm weder die Thaten eines irrenden Ritters, noch die Anmuth unſrer Elegants zu ſchildern denke. Mein Held wird keine Naͤgel an ſeinen Schuhen tragen, wie es vor verſchiednen Jahr⸗ bweefe⸗ war, noch, wie heut zu Tage, die Stiefeln mit Eiſen beſchlagen. Die Damen werden nicht Gefahr laufen, unter weiten Schar⸗ lachmaͤnteln zu erſticken, noch ſo leicht ange⸗ zogen ſeyn, daß man nicht zu unterſcheiden wagt, ob ſie ſich nicht im Stande der Natur befinden. Die Epoche, die ich angegeben habe, zeigt, daß mir es angelegener ſeyn wird, die Sitten als die Kleidungen zu mahlen. Eine Beſchrei⸗ bung des Coſtuͤme kann dem Leſer nur in ſo fern gefallen, als ſie das Alterthum ehrwuͤrdig macht, oder die Sonderbarkeit bemerkenswerth. Auf dieſe Weiſe koͤnnen die Harniſche unſrer Voreltern und die ſiebenkragigen Carrik's un⸗ ſrer Zierlinge allen Romanhelden auf gleiche Art zukommen. Eben das gilt auch von den Zimmern. Die unermeßlichen, vom ſchwachen Tageslicht durch enge Fenſterlein erleuchteten Saͤle Gothiſcher Schloſſer; die raͤuchrichte Kuͤche, in deren Mitte ſich ein entſetzlicher Tiſch von Eichenholz erhob, den wilde Schweinskoͤpfe, Faſanen, Pfauen, Kraniche, Schwane bedeck⸗ ten, koͤnnten Stoff zu den angenehmſten Be⸗ ſchreibungen geben. Groͤßre Wirkung duͤrfte noch die Schilderung unſrer galas.... hervor⸗ bringen. Uebrigens kann man dieſe bezaubern⸗ den Beſchreibungen in einem unſrer Jou der Spiegel der Mode betitelt, nachleſen. Man wird leicht begreifen, daß die Erzaͤh⸗ lungen von den Baͤllen und Feſten in unſern Tagen mehr gefallen werden, als diejenigen jener großen Familienvereine und Hoͤflichkeits⸗ verſammlungen, die vor 50 Jahren Statt fan⸗ den. Von dieſer Wahrheit uͤberzeugt, habe ich die Beſchreibungen aufgegeben, um nur die Lei⸗ denſchaften des menſchlichen Herzens auf den Schauplatz zu bringen. In jedem Stande der Geſellſchaft bleiben dieſe dieſelben: man findet ſie unter der Ruͤſtung von Stahl des ſechzehn⸗ ten Jahrhunderts, wie unter dem einfachen Frack und der weißen Weſte unſrer Elegants. Man kann nicht in Abrede ſeyn, daß die Geſetze, die Sitten, die Gewohnheiten unſrer Zeiten, die Leidenſchaften nicht unter verſchiedner Geſtalt erſcheinen laſſen; aber das Wappen bleibt im 1 Grunde daſſelbe, obgleich die Farben geaͤndert 3 ſind. Der furchtbare Zorn unſrer Vaͤter war ſehr wohl durch einen Rachen auf dem Schilde 3 vorgeſtellt; er fuͤhrte uns die blutige Rache vor 8 die Augen. Heut zu Tage kann man ihren . Nepoten Sand auf's Schild ſtreuen, ihren lang⸗ ſamen, betaͤubenden, geheimnißvollen Gang an⸗ zudeuten, mit dem ſie ſich geſchickt von ihren Feinden zu befreyen wiſſen!... aber es ſind dieſelben Geſinnungen, dieſelben Leidenſchaften. Der ſtolze Pair, der ſich in unſern Tagen be⸗ gnuͤgt, ſich ſeines Credits, ſeiner Gewalt und ſeiner Reichthuͤmer zu bedienen, um ſeinem Nachbar einen verderblichen Prozeß zuzuziehn, iſt der wuͤrdige Nepote des Barons, der ſich nicht ſcheute, die Burg ſeines Zeitgenoſſen an⸗ 3 zuſtecken, und ihn mit eigner Hand zu erwuͤr⸗ gen, wenn er den Flammen zu entrinnen ſuchte. Ich nahm den Gegenſtand meines Werks aus dem großen Buche der Natur, das, nach 1 den zahlloſen, davon gemachten Auflagen, doch immer neu bleibt. Ich war ſo gluͤcklich, in einem Theile des noͤrdlichen Schottlands Con⸗ traſte aufzufinden⸗ die mir dazu dienten, Ab⸗ wechslung in meine Erzaͤhlung zu bringen, um meine moraliſchen Vorſchriften dadurch ange⸗ nehmer zu machen. Ich weiß, daß man keine Frucht von dieſen Lectionen erwarten muß, wenn man nicht das Geheimniß findet, ſie gern gehoͤrt zu ſehen, und dieſe Aufgabe iſt heut zu Tage ſcgwarer 3u erre chene als vor ſechzig Jahten. Zweytes Kapitel. Das tadelloſe Schloß Waverley. E⸗ ſind ſechszig Jahre, daß Eduard Waver⸗ leh, der Held dieſer Geſchichte, Abſchied von ſeiner Familie nahm, um ſich zu dem Regiment zu verfuͤgen, in welchem er zum Capitain ernennet war. Es war ein trauriger Tag fuͤr das ganze Schloß, als unſer junger Krieger ſich von Sir Eberhard, ſeinem Oheim trennte, der ihn wie ſeinen Sohn liebte, und als ſei⸗ nen rechtmaͤßigen Erben betrachtete. Eine Ver⸗ ſchiedenheit der Meinungen in politiſchen Sachen hatte den Baron in ſeiner Jugend mit ſeinem Bruder Richard, dem Vater unſers Helden, entzweyt. Sir Eberhard hatte von ſeinen Vor⸗ — eltern eine grenzenloſe Anhanglichkeit an alle Grundſaͤtze der Torys geerbt, deren allereif⸗ rigſte Verfechter jedes Mitglied des Geſchlechts Waverley geweſen war, ſeit der Epoche des großen buͤrgerlichen Krieges. Richard fand ſich aber, da er zehn Jahr juͤnger war, und nur die demuͤthigen Gluͤcksumſtaͤnde eines juͤngſten Sohnes beſaß, genoͤthigt, weder den Geſinnun⸗ gen der Seinen beyzupflichten, noch ſie zu un⸗ terſtuͤtzen. Er bemerkte bey Zeiten, daß, um ſeinen Weg in der Welt fortzuſetzen, und ein Amt zu erlangen, er ſich nur mit wenig Gepaͤck beladen muͤſſe. Wenn die Mahler verlegen ſind, verſchiedne Leidenſchaften unter einer Ge⸗ ſtalt vorſtellen zu ſollen, ſo wuͤrden es die Mora⸗ liſten noch ſchwieriger finden, den Beweggrund unſrer meiſten Handlungen zu entſcheiden. Ri⸗ chard Waverley nahm zur Regel ſeines Beneh⸗ mens die Schlußworte eines alten Liedes: Lernt gehorchen, lernet ſchweigen Widerſtand iſt Thoren eigen. 0 1 72 Indeſſen duͤrfte ohne Zweifel dieſe Betrach⸗ tung nicht hinreichend geweſen ſeyn, die Grund⸗ ſaͤtze, die er mit der Milch eingeſogen hatte, ganz in Kopf und Herzen zu zerſtoͤren, wenn Richard haͤtte vorausſehen koͤnnen, daß ſich ſein R4 — 10— Bruder, wegen einiger Unannehmlichkeiten in ſeinen erſten Neigungen, entſchließen werde, ehelos zu bleiben. Die, wiewohl entfernte Hoffnung einer glaͤnzenden Erbſchaft haͤtte ihn wahrſcheinlich beſtimmt, ſich zu gedulden, und ſich einſtweilen mit dem beſcheidenen Namen Richard Waverleys von Pachthoff in der ſchmei⸗ chelhaften Hoffnung zu begnuͤgen, eines Tags den Titel eines Barons annehmen, und den erſten Rang unter allen benachbarten Edelleuten einnehmen zu koͤnnen, um ihnen zum Magnet in ihren politiſchen Meinungen zu dienen. Waͤh⸗ rend ſein Bruder noch in der Bluͤthe der Jahre ſtand, und ſich ſchmeicheln durfte, daß ſich die erſten Haͤuſer der Grafſchaft ſelbſt dann von ſeiner Wahl geehrt ſinden wuͤrden, wenn er Glanz der Geburt mit Reichthum vereint bey dem Gegenſtande ſeiner Wahl verlangen ſollte: ſo konnte jene unwahrſcheinliche Ausſicht nur wenig Eindruck auf Richard machen. Sir Eberhard beſchaͤftigte ſich auch in der That mit dieſer wichtigen Angelegenheit;, und länger als ein Jahr gab die Art und Weiſe, wie er ſie betrieb, Stoff zu vielen Scherzen und Unterhaltungen. Richard ſah kein andres Mittel, um ſich ein unabhaͤngiges Gluͤck zu verſchaffen, als mit ſeinem Gewiſſen zu unter⸗ 3 — —— — 11— handeln und ſich ſelbſt Gewalt anzuthun, um Grundſaͤtze anzunehmen, die den Umſtaͤnden angemeßner, und ſeinem eignen Vortheil er⸗ ſprießlicher waren, als diejenigen ſeines Bruders, der ein geſchworner Feind der Reform und der Veraͤnderung der Dynaſtie war; ſo ſchlug er denn den entgegengeſetzten Weg ein. Als er ſeine öͤffentliche Laufbahn antrat, bekannte er ſich zu den Grundſaͤtzen der Whigs, und er⸗ klaͤrte ſich laut fuͤr einen Freund und Anhaͤnger des Hauſes Hannover. Zu dieſer Zeit beſchaͤftigte ſich das Miniſte⸗ rium mit der groͤßten Aufmerkſamkeit den furcht⸗ baren Phalanx der Oppoſition durch jedes Mit⸗ tel zu entkraͤften. Der Adel von der Partey der Torys, der dem Hofe den groͤßten Theil ſeines Glanzes zu danken hatte, gewoͤhnte ſich nach und nach daran, ſich mit der neuen Dyna⸗ ſtie auszuſoͤhnen; aber die reichen Grundeigen⸗ thuͤmer in den Provinzen, die in ihren Sitten und Gewohnheiten die alte Einfalt ihrer Vaͤter bewahrten, behielten auch alle alte Vorurtheile und verwarfen jede Veraͤnderung mit Abſcheu. Sie rechneten ſich's zur Ehre, ihre Geſinnungen zu beweiſen, ſcheuten ſich nicht ihre Klagen und ihr Mißvergnuͤgen laut auszuſprechen, und kuͤn⸗ digten es mit Stolz an, daß ſie keine andre —— —— — Huͤlfe hofften, als von Bois le Duc, Avignon und Italien. Wenn es der Gegenpartey gelang ſich einige Haͤuptlinge unter den Torys zu eigen zu machen, ſo hegte ſie die gegruͤndete Hoff⸗ nung, daß dieſes Beyſpiel zahlreiche Nachahmer finden wuͤrde. 5 Richard Waverley ward von dem Miniſterio weit uͤber ſeine Talente und moͤgliche Dienſt⸗ leiſtungen aufgenommen. Konnte er gleich der Diplomatie nur in wenigen nuͤtzlich werden, ſo wußte man doch, daß er mit Erfolg an der Umſtimmung des Volksgeiſtes gearbeitet hatte, und man belohnte ihn dadurch, daß man ihn auf's geſchwindeſte zu den ehrenvollſten und ein⸗ traͤglichſten Aemtern ſteigen ließ. Sir Eberhard erfuhr durch die oͤffentlichen Papiere 1) das Richard Waverley Esquire die miniſterielle Partey angenommen, 2) das Ri⸗ chard Waverley, in den Debatten wegen der Unterſtuͤtzung des Gouvernements, die Partie der Miniſter aufs heftigſte ergriffen, 3) das Richard Waverley zu einer der bedentenden Stel⸗ len ernannt worden waͤre, wo die Zufriedenheit dem Vaterlande nuͤtzlich zu werden, mit den be⸗ traͤchtlichen Gratificationen verbunden iſt, die. regelmaͤßig alle drey Monathe anlangen. Dieſe Begebenheiten folgten ſo raſch auf einander -— ——— — — 13— daß ein in etwas aufgeklaͤrter Novelliſt die bei⸗ den letzten zugleich mit der erſtern haͤtte an⸗ kuͤndigen koͤnnen; jedoch kamen ſie hinter ein⸗ ander zu Sir Eberhards Kenntniß, oder ſo 34 ſagen tropfenweiſe. Wir machen hier den Leſer bemerklich, daß anſtatt der Felleiſen, die jetzt taͤglich anlangen, und die den geringſten Arbeitsmann in Stand ſetzen, zwanzig verſchiedne Zeitungen zu ver⸗ gleichen, um ſich von allen wahren und falſchen Anekdoten des vorigen Tages, bey einer halben Pinte einfachen Biers, in der Schenke, zu un⸗ terrichten, damals die Poſt nur einmal in der Woche nach Waverleys Schloß kam; daß die Zeitung, die ſie mitbrachte, zuerſt die Wißbegier des Barons befriedigte, dann in die Haͤnde ſeiner achtbaren Schweſter und des Kellners uͤberging; in den Vorzimmern und bey dem Haushofmeiſter liegen blieb, ehe ſie durchis Kirchſpiel ging, und endlich bey dem Amtmann Lſͤeweiſe und beſu⸗ delt liegen blieb. Die lange Zeit welche verging, che die oͤffent⸗ lichen Nachrichten zu ihrer Beſtimmung gelang⸗ ten, war nicht unguͤnſtig fuͤr Sir Richard: denn wenn ſein Bruder alle dieſe Pflichtver⸗ geſſenheiten und niedrigen Verraͤthereyen auf einmal erfahren haͤtte, ſo wuͤrde er ohne Zwei⸗ „ „ — 14— fel ſogleich auf Mittel gedacht haben, ihm ſei⸗ nen Zorn fuͤhlbar zu machen. Denn obſchon von ſanftmuͤthiger Gemuͤthsart, war er doch keineswegs ſelbſt bey einer gewiſſen Apathie, gleichgiltig gegen Beleidigungen, ja ſelbſt gegen Mangel an Achtung. So verletzte ihn denn ein ſolches Benehmen aufs lebhafteſte. Seine Baronie war mit keiner Erbfolge belaſtet, weil es keinem Baron von Waverley in Sinn ge⸗ kommen war, daß ſich eines Tages einer ihrer Abkoͤmmlinge, ſo wie Richard es that, betra⸗ gen werde, und haͤtte ſie ſtatt gefunden, ſo konnte eine Heyrath des Eigenthuͤmers die Hoff⸗ nung der Lehnsvettern taͤuſchen. Sir Eberhard ſtand lange an, bevor er einen Entſchluß faßte. Er unterſuchte ſeinen mit Wappenſchildern be⸗ ladnen Statambaum, freute ſich der Sinnbilder und Wahlſpruͤche, und ſah mit immer neuer, wiewohl oft ſchon empfundener Zufriedenheit, daß er von Sir Hildebrand Waver ley durch Alfred, deſſen aͤlteſten Sohn, abſtammte. Er fand auch in dem Archiv ſeiner Familie, daß er zufolge eines 1670 ſtattgehabten Prozeſſes, ſich nicht als Mitglied der Waverleys von Ho⸗ henpark betrachten durfte, ob ſie gleich von Einem Stamme waren. Dieſer Zweig hatte ſich naͤmlich in ſeinen Angen erniedrigt und herabge⸗ * 3 6 4 — 4. —— —. ———— — ““ “ ——— —— —— —— — wuͤrdigt, weil er ſich mit den Oliviers von Hohenpark verband, welche, da ſie das Wap⸗ pen von Bradshawe, des Königmoͤrders fuͤhr⸗ ten, ſich unterfangen hatten, es den der Waver⸗ leys zuzugeſellen. Aber alles dieſes war ſetzt aus Sir Eber⸗ hards Gedaͤchtniſſe gaͤnzlich vertilgt, und er nur mit dem Stande der Verworfenheit und Knecht⸗ ſchaft beſchaͤftigt, in welchen ſein Bruder ver⸗ fallen war. Wenn ſein Notar, Herr Clippurſe, den er zu ſich beſchieden hatte, eine Stunde fruͤher gekommen waͤre, ſo haͤtte er keinen An⸗ ſtand genommen, eine Erbfolge in der ſchoͤnen Beſitzung Waverley und ihren Domainen feſt⸗ zuſetzen; aber eine Stunde Ueberlegung bringt ſehr oft große Veraͤnderung in die Plaͤne, die man im erſten Zorne gefaßt und entworfen hat. Herr Clippurſe traf Se. Herrlichkeit im tiefſten Nachdenken; er huͤthete ſich wohl, ſie zu ſtoͤren, ſondern nahm nur ſein Schreibzeug aus der Taſche, machte die Federn zurecht und erwartete nun mit ehrfurchtvollem Schweigen die Befehle ſeines Goͤnners. Dieſes kleine, un⸗ ſchuldige Mandver mißfiel dieſem, der darin einen verborgnen Vorwurf ſeiner Unentſchloſſenheit zu ennee glaubte. Er wandte ſich zu dem Rechts⸗ gelehrten, mit dem Vorſatz, ihn zu ſagen, daß — 16— er ihn nicht laͤnger werde warten laſſen, aber die Sonne, die ſo eben ein finſtres Gewoͤlk durchbrochen hatte, warf ſchnell die ſtegenden Strahlen in das Innere des Gemachs, und fiel glaͤnzend auf das Wappenſchild des Geſchlechts Waverley, drey ſilbernen Hermeline in azurnem Felde, mit dem Wahlſpruche: Tadellos. NRoͤge eher der Name Waverley erloͤſchen!“ ſagte Sir Eberhard zu ſich ſelbſt,„als daß die⸗ ſes rechtliche Ehrenſchild durch das entſetzliche Bild eines blutigen Hauptes befleckt wuͤrde!“ Dieſe Betrachtung war zum Theil die Wir⸗ kung der Betriebſamkeit, mit welcher Herr Clippurſe den Sonnenblick benutzte, um ſeine Federn zu ſchneiden; aber ſeine Muͤhe war ver⸗ gebens. Man entließ ihn mit der Einladung, ſich zu den Befehlen bereit zu halten, die man ihn zuſenden wuͤrde. Herrn Clippurſe's Er bernung auf dem Schloſſe Waverley gab zu tauſend Muthmaßun⸗ gen in der Nachbarſchaft Anlaß; aber alle ſtimm⸗ ten darin uͤberein, daß Sir Richard unge⸗ ſaͤumt eine gerechte Zuͤchtigung wegen ſeines Abfalls empfangen werde. Dieſe Meinung ward dadurch beſtaͤtigt, daß der Baron in einer Staats⸗ 1 kutſche mit ſechs Pferden, von vier Bedienten in Staatslivree, begleitet, ausfuhr, um einem — I 7— edlen Pair am andern Ende der Grafſchaft einen Beſuch abzuſtatten, der als ein eifriger Anhaͤnger der Torys bekannt, und Vater von ſechs!reizenden, mannbaren Toͤchtern war. Man kann leicht denken, daß Sir Eberhard gut aufgenommen ward, aber ungluͤcklicherweiſe fiel ſeine Wahl auf Miß Emilie, die juͤngſte der Schweſtern. Sie empfing ſeine Huldigungen mit einer Verlegenheit, die zu gleicher Zeit zu erkennen gab, daß ſie dieſelben nicht abzuweiſen wagte, und daß ſie ſich von dem ihr gewordnen Vorzuge eben nicht ſehr geſchmeichelt fuͤhlte. Sir Eberhard konnte ſich nicht entbrechen, dieſen unerwarteten Empfang zu bemerken, aber die Graͤfinn ſchob, als eine kluge Mutter, dieſe Verlegenheit auf das einſame Leben, das ſie immer gefuͤhrt haͤtten. Vielleicht haͤtte Emilie ſich aufgeopfert, um ihren Aettern nicht zu miß⸗ fallen, aber ihre aͤlteſte Schweſter kam ihr zu Huͤlfe, und belehrte den edlen Bewerber, daß ihrer Schweſter Wahl auf einen jungen Gluͤcks⸗ ritter, den vertrauteſten Freund ihres eignen Geliebten, gefallen ſey, und als Emilie Sir Eberharden dieſes in einer Zuſar ienkunft, die er mit ihr hatte, beſtaͤtigte, ſeh er ſehr dar⸗ ber geruͤhrt. Das arme Maͤdchen legte ihm 1. B — 18— dieſes Geſtaͤndniß nur zitternd ab, ſo ſehr fuͤrch⸗ tete ſie den Zorn ihrer Eltern. Ehre und Großmuth waren erbliche Tugen⸗ den in dem Geſchlecht Waverley; ſo eilte denn 8 auch jetzt Sir Eberhard, die junge Miß mit einer Anmuth, mit einem Zartgefuͤhle zu be⸗ ruhigen, die eines Romanhelden wuͤrdig gewe⸗ ſen waͤre. Eh' er das Schloß Vandewille ver⸗ ließ, gelang es ſeiner Sorgfalt und Geſchicklich⸗ keit, Miß Emilie mit dem Gegenſtande ihrer Wahl zu vereinen. Welcher Argumente er ſich dazu bediente, wiſſen wir nicht, aber alles, was wir davon wiſſen, und nicht in Zweifel zu ziehen iſt, das iſt: daß nach dieſem Verloͤbniß der junge Offizier mit einer beiſpielloſen Schnellig⸗ keit avancirte, die ſeinen perſoͤnlichen Verdien⸗ . 488 dien ſes zugeſchrieben wurde. . Die Sch bey dem ſter hatte, waren von unangenehmen Einfluß auf —.— men haͤtte. Sein Heirathsproject war die Wirkung einer erſten Regung ieon Erbitterung geweſen; die Bemuͤhung eines Freyers ſtimmte ſchlecht mi A — 19— ſeiner natuͤrlichen Indolenz uͤberein; gleichwohl fand ſich ſeine Eigenliebe von der Art und Weiſe gedemuͤthigt, mit der ſich ſein Liebes⸗ handel ſo ſchnell geendet hatte, und die Be⸗ ruhigung, dem Ungluͤck entronnen zu ſeyn, eine Frau zu heirathen, die ihn nie geliebt haben würde, war nicht hinreichend, ihm ſeine natuͤrli kuhe wieder zu geben. Er kehrte Iloſe Schloß Waverley zu⸗ andre Wahl zu treffen. weder buch die Seußzer der B werrahn Sanftmuth f Tö tter ertheilte, hinreißen. ze ie ſchlecht der erſte Schritt fuͤr ihn ausg een war, erlaubte ihm nicht, ſich der Schmach einer neuen abſchlaͤglichen Antwort auszuſetzen, und Zeit und Muͤhe deßhalb zu verlieren. Ihm war Beſchwerlichkeit und Kraͤn⸗ kung gleich zuwider;; ſo nahm er ſich denn vor in ſeinem Schloſſe Waverley als ein, durch das Alterthum ſiines Geſchlechts und unermeßliche B 2 öIöIöͤſͤſͤſͤſͤſͤſ Reichthuͤmer, empfehlungswerther Landedelmann zu leben. Seine Schweſter, Miß Rahela Wa⸗ verley, vertrat die Ehrenſtelle der Dame vom Hauſe; und endlich laſtete das Gewicht der Jahre auf allen beiden. Sir Eberhard nahm es nicht uͤbel, daß man ihn einen alten Jung⸗ geſellen hieß, aber ſeine; Schweſter be⸗ hauptete, aus Neigu ben zu ſeyn, und daß Tage thigt ſinde⸗ Brey beiber abzuft. 8 2 und Bruder ſchwaͤcher ſehr empfindlich gung er auch g Guͤnſtlinge der 9 doch nie entſch nem Bruder haͤtte ſchat fort, ſich gegen ihn benehmen. Ein gluͤckl alte Freundſchaf junge Perſon aus einer ſehr großen Fan heirathet; er hoffte, dieſe Heirath wuͤrde zu ſeiner Befoͤrderung nicht uͤberfluͤſſig ſeyn, auch brachte ſie ihm ein ſchoͤnes Eigenthum 18 Mit⸗ gift, das nur wenige Meilen vom Schloſſe Waverley entfernt war. Der kleine Eduard, der Held die 8 Werks, ——— hatte eben das vierte Jahr erreicht, als er ſich zufaͤllig auf einem Spaziergange mit ſeiner Waͤr⸗ terinn, uͤber eine Meike weit von Beerwald, wo ſeine Familie wohnte, entfernt. Seine Auf⸗ merkſamkeit ward durch eine vergoldete Kutſche, mit ſechs großen Rappen in koſtbares Zeug ge⸗ ſpannt, auf's lebhafteſte aufgeregt; ſie war ſo reich, als die des Lordmajor in London an gro⸗ ßen Ceremonientagen. Dieſe Kutſche wartete auf Sir Eberhard, bis er ſeine Anordnungen wegen einem Pachthofe, den er bauen ließ, vollzogen hatte. Ob das Kind eine Schottiſche oder Waliſiſche Amme gehabt, koͤnnen wir nicht ſagen, eben ſo wenig, durch welches außerge⸗ woͤhnliche Mittel es die Idee eines mit drey Hermelinen gezierten Wapenſchildes beybehal⸗ ten, und als ſein Eigenthum zu betrachten ge⸗ lernt hatte: wir wiſſen nur, daß, da es ſel⸗ biges kaum bemerkte, es mit Leibeskraͤften da⸗ nach langte. Die Vorſtellung der Waͤrterinn war vergebens, der Kleine wollte durchaus in die Kutſche ſteigen, und der Streit dauerte ſo lange fort, bis der Baron dazu kam. Nichts Gluͤcklichers konnte dem Kinde wiederfahren: denn ſein Oheim hatte ſich bey dem Anblicke der dicken, fetten Kinder ſeiner Paͤchter nicht entbrechen koͤnnen, zu ſeufzen, und er nahte — 22— ſich traurig und nachdenkend dem Wagen. Wie groß war ſeine Ueberraſchung, ein munteres, roſenwangiges Kind vor ſich zu ſehn, welches ſeinen Namen trug, und dereinſt den Ruhm ſeiner erlauchten Familie fortfuͤhren konnte. Er ſtand keinen Augenblick an zu glauben, daß es von der Vorſehung geſandt ſey, und deß⸗ halb machte er es ſeitdem zu dem Gegenſtande brachte den Kleinen und ſeine Begleiterinn nach Beerwald, und Sir Richard ward in das tadel⸗ loſe Schloß Waverley eingeladen. Der Bothe, der ihm dieſe Nachricht uͤberbringen mußte, war beauftragt, ihn zu verſichern, daß ihn ſein Bruder mit Vergnuͤgen bey ſich ſehen wuͤrde. Lange war in ihren Zuſammenkuͤnften mehr Hoͤflichkeit und Ceremoniel vorwaltend, als Her⸗ zenserguß; aber dieſe Lage der Sache ging in den Geſichtspunet beider Bruͤder ein. Sir Eberhard fand in den Beſuchen ſeines Neffen immer groͤßeres und neues Vergnuͤgen; in⸗ dem er den vor ſich ſah, der einſt ſeinen Namen tragen ſollte, genoß er die glaͤnzende Ausſicht mit Entzuͤcken. Sir Richard fand in der ſtets zu⸗ nehmenden Anhaͤnglichkeit des Oheims an den Neffen das Mittel, ſeines Sohnes Gluͤck zu be⸗ gruͤnden; er pries ſich gluͤcklich, daß ein Mann ſeiner Zuneigung und Hoffnungen. Die Kutſche —= 3 — 23— von der Gemuͤthsart ſeines Bruders die Stimme des Blutes hoͤrte, und ſeine verwundete Eigen⸗ liebe beherrſchte. Durch eine Art ſtillſchweigen⸗ der Uebereinkunft brachte der junge Ednard ab⸗ wechſelnd vierzehn Tage bey ſeinem Oheim auf dem Schloſſe und vierzehn Tage in Beerwald zu, aber in der Zwiſchenzeit kam oft die Staats⸗ kutſche, ihn mit großem Ceremoniel abzuholen; Vater und Oheim beſorgten auf gleiche Weiſe ſeine Erziehung, wie wir im naͤchſten Kapitel naͤher ſehen werden. Drittes Kapitel. Erziehung. Die Erziehung unſers Helden erlitt viel Ver⸗ aͤnderungen. In ſeiner Kindheit ſchadete ihm die Luft von London an ſeiner Geſundheit oder ſchien ihm zu ſchaden. Wenn nun Sir Richard zu den Parlementsſitzungen, oder wegen eigner Geſchaͤfte, nach London reiſte, brachte man den jungen Eduard ins Schloß Waverley, wo er andre Lehrer und andre Unterrichtsarten fand, als bey ſeinem Vater. Man haͤtte dieſem Uebel V —— —— — 24— durch einen Hofmeiſter abhelfen koͤnnen; aber Sir Richard wagte es nicht, die Wahl eines ſolchen zu treffen, aus Furcht ſeinem Bruder zu mißfallen, und Sir Eberhard lag dieſer Auftrag keineswegs am Herzen, aus Furcht, einen Auf⸗ laurer des Gouvernements, oder wenigſtens einen unangenehmen Tiſchgenoſſen, in ſein Haus zu bringen. Bey dieſer Lage der Sachen wurde der junge Eduard, wenn er in Beerwald war, von dem Secretair ſeines Vaters, einem geiſt⸗ und geſchmackvollen jungen Manne unterrichtet, und der Schloßkapellan bereicherte ſeinen Geiſt mit allen Schäͤtzen der Literatur. In vieler Hinſicht war auch dieſer geeignet ſeinem Auftrag mit Ehren vorzuſtehen. Er hatte ſein Kloſter verlaſſen, weil man einen Eid von ihm ver⸗ langte, der gegen ſein Gewiſſen war. Er ver⸗ ſtand nicht nur die alten Sprachen ſehr gruͤnd⸗ lich, ſondern beſaß auch ausgebreitete Kenntniß der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, er ſprach die lebendigen Sprachen und war von einfachem, beſcheidnen, rechtlichen Gemuͤth. Das Intereſſe ſeiner Gewalt uͤber Eduard, ließ ihm aber die Gewohnheit verlieren, davon Gebrauch zu ma⸗ chen, ſo daß, wenn alſo ſein Zoͤgling zu ſeiner Aufſicht zuruͤckkehrte, er ihn faſt die Freyheit 1 ließ zu ſtudiren, was und wenn er wollte. Dieſer Fehler der Ordnung und Methode waͤre fuͤr ein Kind von ſchweren und langſamen Be⸗ griffen nachtheilig geweſen; Muͤhe und Lang⸗ weile haͤtten es abgeſchreckt, und es wuͤrde ſich wohl gehuͤthet haben, mehr zu thun, als was ſein Mentor verlangte. Eben ſo gefaͤhrlich waͤre auch die Nachſicht des Lehrers fuͤr einen Schuͤler von natuͤrlich unruhiger Einbildungs⸗ kraft, welche nichts maͤßigen und feſthalten kann, oder fuͤr einen gluͤhenden beweglichen Charakter geworden. Gluͤcklicherweiſe fuͤr unſern Helden hatte er eine ganz andre Gemuͤthsart von Na⸗ tur erhalten. Er beſaß einen ſo ſcharfſinnigen Verſtand, war ſo klar und offnen Kopfes, daß ſich ihm die abſtracteſten Ideen mit Ordnung und Genauigkeit eindruͤcklich machten, und ſein Lehrer bey ihm weiter nichts zu thun hatte, als ſeinen Eifer zu maͤßigen und ihn zum lang⸗ ſamern Gang auf der Bahn der Wiſſenſchaften zu ermahnen, damit mehr Gewicht und Ge⸗ halt in ſein Studium kaͤme. Auch mußte er ihn vor einem noch gefaͤhrlichern Fehler zu be⸗ wahren ſuchen, vor jener apathiſchen Gleich⸗ giltigkeit, die ſich nur allzu oft mit der lebhaf⸗ ſten Einbildungskraft und dem ſcharfſinnigſten Verſtande vereint findet, und die man nicht anders als durch einen immer maͤchtigen Ge⸗ ¹ — 326— genreitz uͤberwinden kann. Welche Muͤhe muß man ſich nicht geben, um gemaͤchliche Charaktere immer in Athem zu erhalten durch die Anwen⸗ dung einer Neuheit, die ihre Nengier einige Zeit anſpornt, aber endlich doch ſich abſtumpft, wenn man nicht Sorge trägt, ſie jeden Augen⸗ blick zu wechſeln, um die Saͤttigung zu ver⸗ meiden?— Oft legte Eduard ein claſſiſches Buch nicht eher aus der Hand, als bis er es geleſen hatte; aber wenn ihm ſein Lehrer kritiſche Bemerkungen machen mußte uͤber den Plan, uͤber den Stylt, uͤber die Schoͤnheit des Werks, uͤber die gluͤckliche Wahl der Ausdruͤcke und Bilder, uͤber die Richtigkeit der Verglei⸗ chungen, ſo ſagte unſer junger Doctor eben ſo zuverſichtlich, wie der beruͤhmte Scaliger oder Bentley wuͤrde geſagt haben:„Ich brauche von Niemanden Huͤlfe, um einen Lateiniſchen Schrift⸗ ſteller zu leſen oder zu verſtehen.“ Ach! er ſtellte ſich nicht vor, daß, indem man es ihm vergönnte, nur zu ſeiner Beluſtigung zu leſen, er ohne Ruͤckkehr die Gelegenheit verlor, ſich aus Gewohnheit nützlich mit Studiren zu be⸗ ſchaͤftigen, und ſeine Beurtheilungskraft ſo durch Nachdenken zu ſchärfen, daß er einſt ſelbſt im Stande ſeyn wuͤrde, neue Enideckungen in der Analyſe zu machen, einer Wiſſenſchaft, die koͤſt⸗ — 2 7— licher iſt, als die Gelehrſamkeit. Ohne Zwei⸗ fel wird man mir hier einwenden: daß man das Studium angenehm zu machen wiſſen muͤſſe, wenn es von Nutzen ſeyn ſolle, und dasjenige nie aus den Augen verlieren duͤrfe, was Taſſo geſagt hat: „Wir reiben den Rand des Kelchs mit Honig, wenn wir ihn einem kranken Kinde reichen. Getaͤuſcht durch dieſe unſchuldige Hin⸗ terliſt verſchlingt es den unangenehmen, aber heilſamen Trank, und die wieder erlangte Ge⸗ ſundheit iſt die ſuͤße Frucht ſeines Irrthums.“ Man wird nicht ermangeln, mich zu erin⸗ nern, daß man heutiges Tages die abſtracteſten Wiſſenſchaften ſpielend lehrt. Mit Kartenſpiel lernt das Kind Geſchichte und Mathematik. Hoffentlich wird es nicht bey dieſem erſten Ver⸗ ſuch bleiben, und man ſich kuͤnftig keiner an⸗ dern Methode bedienen, um Moral und Reli⸗ gion zu lehren; auch duͤrfte dieſe Sorge nicht mehr den ernſthaften, durch Alter und Wuͤrde Furcht und Ehrerbietung einfloͤßenden Perſonen anvertraut werden, ſondern den liebenswerthen Bewohnern des Cirkels der großen Welt. Darf ich aber ſo frey ſeyn, ſie meinerſeits zu fragen, ob nicht zu befuͤrchten ſteht, daß die jungen Leute, die nur ſpielend ſtudirten, 8 — 28— und das Lernen zur Beluſtigung machten, als Maͤnner unfaͤhig ſeyn werden, ein ernſthaftes Studium zu treiben, ſich an Etwas mit Eifer anzuſchließen, und weit eher geneigt, die Pflich⸗ ten, welche ſie der Geſellſchaft ſchuldig ſind, als ein Spiel zu betrachten, und daß Zoͤglinge, die den Unterricht der Religion nur in leichter, gefaͤlliger Form erhalten haben, ſie einſt zum Gegenſtand ihres Spottes, ihrer Sarkasmen machen moͤchten? Die Erlaubniß, die man un⸗ ſern Helden gegeben hatte, in ſeinen Studien ſeinem Geſchmack und ſeiner Laune zu folgen, hatte auf ſeinen Character einen traurigen Ein⸗ fluß, und bereitete ihm viel Unannehlichkeiten, viel Kummer zu. Das Verlangen, ſich zu un⸗ terrichten, die Liebe zu den Wiſſenſchaften dien⸗ ten nur, ſeine natuͤrlich ſtuͤrmiſche Einbildungs⸗ kraft unbezwingbar zu machen. Die Bibliothek des Schloſſes Waverley ſtand in einer unermeßlichen gothiſchen Halle, die eine Galerie umgab. Hier war es, wo man ſeit Jahrhunderten eine wundervolle Menge aller Arten von Buͤcher ohne Wahl und Geſchmack aufſtellte, nicht zum Nutzen der Bewohner, ſondern als Zeichen ihrer Reichthuͤmer und Pracht. Eduard konnte nach Belieben aus die⸗ ſem großen Behaͤlter ſchoͤpfen, denn unterdeſſen 29— beſchaͤftigte ſich ſein Lehrer mit ſeinen beſondern Studien der Kirchenſtreitigkeiten, Theologie und Politik. Die Fortſchritte des Erben ſeines Pa⸗ trons waren ihm keineswegs gleichgiltig; aber er brachte allerhand Gruͤnde vor, um ihm nicht zum Fuͤhrer in dieſem Labyrinth dienen zu duͤrfen. Sir Eberhard hatte die Studien nie ge⸗ liebt. Er hielt dafuͤr, das Studiren und Leſen ſchade der Geſundheit, indem es die Ruhe der Seele ſtoͤre; Miß Rahela war gleicher Mei⸗ nung. Beide waren uͤberzeugt, es waͤre hin⸗ reichend, ein Buch mit den Augen zu durchlau⸗ fen, ohne den Ideengang des Schriftſtellers zu folgen. So befand ſich denn der junge Waverley mitten in dieſer Buͤcherſammlung uͤberſaͤttigt und ermuͤdet vom Leſen, ſtatt daß ein geſchickter Mentor in ihm das Verlangen ſich zu unter⸗ richten genaͤhrt und unterhalten haͤtte. Er war wie ein Schiff ohne Steuermann und Ruder auf dem weiten Oceane; ohne irgend einen Theil eines Werks zu vollenden, durchblaͤtterte er es nur. Ich glaube es iſt eine der Urſachen, daß man im erſten Rang der Geſellſchaft ſo wenig wahrhafte unterrichtete Perſonen antrifft, daß ſie mit ſo vieler Leichtigkeit, das oder jenes Werk nehmen und hinwerfen koͤnnen, wie es ihnen gefaͤllt; da hingegen der Arme, dem nur — 30— eine geringe Anzahl von Buͤchern zu Gebothe ſteht, ſich bemuͤhet Vortheil aus ihnen zu ziehen, und ſie aus Furcht, ihrer durch einen ungluͤck⸗ lichen Zufall beraubt zu werden, mit fortgeſetz⸗ ter Anſtrengung ſeinem Gedaͤchtniß einverleibt. Eduard glich dem Leckermaͤulern, deren Gaumen verdorben iſt, und die endlich mit veraͤchtlichem Zahne die leckerſten und ausgeſuchteſten Speiſen nur benaſchen. Weil er nur las, um ſich zu zerſtreuen oder zu beluſtigen, ward er von Tag zu Tage kritiſcher, und endlich ekelte ihm vor aller Lectuͤre. Ehe er jedoch zu dieſen allgemei⸗ nen Ekel fuͤr jede Lectuͤre gelangte, war ſein Gedaͤchtniß bereichert mit einen verworrenen Ge⸗ miſch und mehrern weder gruͤndlichen noch nuͤtz⸗ lichen Wiſſenſchaften. In der Engliſchen Lite⸗ ratur war ihm Shakespear und Milton wie alle neue dramatiſche Autoren gemein wor⸗ den. Er hatte die Chroniken unſerer alten Schriftſteller entziffert, vorzuͤglich der Spen⸗ cer, der Drayton und vieler andern Schrift⸗ ſteller, die ſich einen Namen in der Bahn poetiſcher Dichtungen gemacht haben. Dieſe Arbeiten ſtimmten weit mehr zu ſeiner gluͤhen⸗ den Einbildungskraft, ob ſie gleich den Trieb heftiger Leidenſchaften noch nicht gefuͤhlt hatte, und noch keiner andern Nahrung beduffte, als Lanoue hatten ihm gelehrt, den Schein von der jene lebendigen Schilderungen, die das Feuer der Dichtkunſt beſeelt. 4 Die Italieniſche Literatur both ihm ein noch weitlaͤuftigeres Feld dar. Er hatte die zahlreichen Gedichte geleſen, ja vielmehr verſchlungen, die nach denen von Pulei, Italien ſo viel Ehre brachten. Er war bekannt mit allen Neuigkei⸗ ten, die ſeit dem Decameron mit ſo vieler Schnelligkeit auf einander folgten, und uns viel⸗ leicht bis zum Uebermaß ſo viel Erfindung, Zier⸗ lichkeit und Witzfunken darbiethen. Er hatte alle gute claſſiſche Autoren gele⸗ ſen, er war ſogar faͤhig uͤber ſie zu urtheilen und ihnen den Rang anzuweiſen, den ſie be⸗ ſchaͤftigen ſollten. Er hatte in der Franzoͤſiſchen Literatur eine unerſchoͤpfliche Sammlung von Memoiren gefunden, die nicht wahrhafter ſind als Romane, und eine endloſe Menge von die⸗ ſen, die mit einer Zierlichkeit und Richtigkeit geſchrieben wurden, wie man ſie immer von den beßten Memoiren verlangen kann. Fol⸗ lard's kluge Blaͤtter, ſeine eben ſo kuͤhnen als verfeinerten Begriffe uͤber die Kriegskunſt, und die Turniere, die eine Nachahmung von die⸗ ſer ſind, hatten ſeine Aufmerkſamkeit auf eine ganz eigene Weiſe gefeſſelt. Brantome und — —; — 32— Wirklichkeit zu unterſcheiden, und den offnen, rechtlichen, wiewohl etwas aberglaͤubiſchen Cha⸗ rakter der Beguͤnſtigten der Ligue mit der Strenge, der wilden Derbheit und dem unruhigen Geiſt der Hugenotten zu vergleichen. Die Spaniſchen Schriftſteller hatten ſeinen Kopf mit allen Groß⸗ thaten der Waffen, und vorzuͤglich mit der lie⸗ benswuͤrdigen Galanterie der Ritter angefuͤllt. Die modiſchen Producte der Nordiſchen konnten einem Juͤnglinge nicht gleichgiltig bleiben, der bey'm Leſen mehr den Zweck hatte, ſeine Ein⸗ bildungskraft aufzuregen, als nuͤtzliche Kennt⸗ lſſe zu erwerben: kurz Eduard war weit ehr unterrichtet, als es junge Leute ſeines Alters und Standes gewoͤhnlich zu ſeyn pfle⸗ gen; und dennoch konnte man ihn, ohne ihm zu nahe zu treten, als einen Unwiſſenden be⸗ trachten weil er nichts von alle dem gelernt hatte, was die Wuͤrde des Menſchen vermehrt, und ihn in Stand ſetzt mit Ehren einer glaͤn⸗ zenden Anſtellung in der Geſellſchaft vorzuſtehen. Die geringſte Aufſicht ſeiner Verwandten konnte ihn vor dieſer unnuͤtzen, ja gefaͤhrlichen Leſerey bewahren; aber er war ſieben Jahr alt als ſeine Mutter, nach der Ausſoͤhnung der bei⸗ den Bruͤder, ſtarb, und da ſein Vater hernach faſt immer in London blieb, ſich allein mit ſeinen 4 4 ——— — 33— Befoͤrderungs⸗Speculationen eigennuͤtzig zu be⸗ ſchaͤftigen, ſo hielt ſich dieſer an den ihm abge⸗ ſtatteten Bericht:„Eduard liebe die Buͤcher,“ und ſchloß daraus, daß er einmal ein Biſchof werden koͤnne. Haͤtte er in dem Herzen ſeines Sohnes leſen, und ſeine keimenden Neigungen zergliedern koͤnnen, ſo wuͤrde er waht ganz an⸗ ders Heſchloſſm haben. Viertes Kapitel. Luftſchboͤffer. Wir haben bereits der Gleichgiltigkeit und Ueberſaͤttigung Erwaͤhnung gethan, die Eduard durch ſeine uͤbel geleitete Beleſenheit in ſich zuſammengezogen hatte; er war nicht nur un⸗ fähig geworden, Etwas mit Qednung und Me⸗ thode zu leſen, es war auch ſo weit gediehen, daß ihn alle Beluſtigungen ſeines Alters an⸗ ekelten. Er war erſt ſechszehn Jahr, als ſich ſein Geſchmack an der Einſamkeit, ſeine ſchwer⸗ muͤthige, menſchenſcheue Gemuͤthsart zu beſtaͤ⸗ tigen, und ſeinen ihn zaͤrtlich liebenden Oheim zu beunruhigen anſing. Sir Eberhard verſuchte ihn ſeiner Apathie zu entziehn, indem er ihn einlud, Theil an ſeinen Jagduͤbungen zu neh⸗ men, die er ſelbſt als Juͤngling geliebt hatte. Eduard fand anfangs Vergnuͤgen, mit Geweh⸗ ren umzugehen, als er aber gelernt hatte, ſich ihrer mit Geſchicklichkeit zu bedienen, hoͤrte dieſe Beluſtigung auf, eine fuͤr ihn zu ſeyn. Iſaak Walters Schriften machten das Ver⸗ langen in ihm rege, die Freymaurerey kennen zu lernen; aber alle dieſe, nur fuͤr muͤßige Leute erfundenen Zerſtreuungen machten nicht den mindeſten Eindruck auf den Geiſt unſers Helden, deſſen Charakter eine ſonderbare Mi⸗ ſchung von Gemaͤchlichkeit und Ungeduld hatte. Im Schooß der Geſellſchaft haͤtten ſeine Leiden⸗ ſchaften erwachen koͤnnen, und zwar beſonders durch die Beyſpiele der jungen Leute ſeines Alters; aber es war niemand in der Nachbarſchaft, mit dem er umgehen mochte, und die jungen Edel⸗ leute, die ihm vorkamen, hatten weder die Sitten, noch die Kenntniſſe, die ihm ihren Umgang haͤtten angenehm machen koͤnnen; er fuͤhlte nicht die geringſte Neigung, ihre Lebens⸗ art annehmen zu wollen, und ſich den Be⸗ ſchaͤftigungen zu uͤberlaſſen, in welchen ſie ihr Vergnuͤgen ſuchten. Seit dem Tode der Koͤniginn Anna hatte — 35— ſich Sir Eberhard von ſeiner Stelle im Parla⸗ ment los gemacht, und befand ſich, als die Zeit den groͤßern Theil ſeiner Freunde und Be⸗ kannten hinweg gerafft hatte, faſt gaͤnzlich von der Geſellſchaft ausgeſchloſſen, ſo daß Eduard, wenn er mit Juͤnglingen ſeines Standes, deren Erziehung ſorgfaͤltig geweſen war, ſich zuſammen ſah, ſich ihnen untergeordnet fuͤhlte, nicht aus Mangel an Kenntniſſen, aber weil er die, ſo er beſaß, nicht geltend zu machen verſtand; ſeine gedemuͤthigte Eigenliebe ließ ihm bald eine voͤllige Abneigung gegen die Geſelligkeit faſſen. Die gegruͤndete oder wahre Idee, gegen irgend eine Regel der Hoͤflichkeit oder des An⸗ ſtandes einen Verſtoß begangen zu haben, fol⸗ terte ihn; und wenn er wirklich ſchuldig gewe⸗ ſen waͤre, wie er es ſich nur einbildete, ſo haͤtte er keine aͤrgere Qual empfinden koͤnnen. Seine Unerfahrenheit, ſeine Schuͤchternheit ſtell⸗ ten ihm die Fehler, ſo er gegen die Etiquette und den Gebrauch oder Ton der großen Welt, und daß er ſich unausſprechlich laͤcherlich dadurch gemacht haͤtte, ſtets vor Augen. Unmöglich kann man ſich gluͤcklich fuͤhlen, oder ſich da gefallen, wo man ſich nicht an ſei⸗ nem Platze glaubt: alſo darf man ſich nicht wun⸗ dern, daß Sir Eduard Abneigung gegen die C 2 — 36— Geſellſchaft faßte, da er noch nicht gewohnt war, ſich dort mit Anmuth zu benehmen, und ihm jene edle, zuverſichtliche, beſcheidene Wuͤrde fehlte, mit der man ſich angenehm und nuͤtz⸗ lich macht.. Die Zeit, die er bey Onkel und Tante zu⸗ brachte, ward mit den Erzaͤhlungen alter Ge⸗ ſchichten erfuͤllt, die er hundertmal gehoͤrt hatte, dennoch entflammten ſie ſeine thaͤtige Einbil⸗ dungskraft ſehr oft. Die wunderbaren Begeben⸗ heiten des Hauſes Waverley, die Sir Eberhard durch Tradition erfahren hatte, und unaufhoͤr⸗ lich wiederholte, konnten unter verſchiedner Be⸗ ziehung mit Ambra verglichen werden. Dieſes an ſich ſelbſt koͤſtliche Mineral enthaͤlt zuweilen Stroh und Erdtheile, und die Erzaͤhlungen des Barons, wiewohl hoͤchſt unbedeutend, anmuthig, und geſchmacklos, dienten deſſen ungeachtet dazu, das Andenken bewundernswerther Groß⸗ thaten zu erhalten, und wimmelten von ein⸗ zelnen Berichten, die man in den Chroniken dieſer Zeit vergebens geſucht haben wuͤrde. Gaͤhnte auch oft Junker Eduard bey der langen Geſchichte der verſchiedenartigen Verbindung ſei⸗ ner Ureltern; fluchte er im Stillen uͤber die langen, pathetiſchen Geſpraͤche ſeines Onkels, die Heira⸗ then betreffend, welche die Mitglieder der Fa⸗ 4 4 1 8⁴ milie Waverley mit maͤchtigen Edlen und hohen Prinzen vereinten; verwuͤnſchte er dann aus voller Seele die drey Hermelinſchwaͤnzchen, trotz allen Vorzuͤgen, die er ihnen verdankte, die emphatiſchen Ausdruͤcke der Heraldik, als Greiffe, gefluͤgelte Drachen, zweykoͤpfige Adler u. ſ. w., ſo nahm er doch auch nicht ſelten lebhaften An⸗ theil an dieſen Geſchichten, und hoͤrte ſie mit Aufmerkſamkeit an. Die hohen Waffenthaten eines Gilberts von Waverley im gelobten Lande, ſeine lange Abweſenheit, die zahlloſen Gefahren, die ihm begegneten, ſeine Ruͤckkehr in ſein Vaterland, ſeine unerwartete Erſcheinung in ſeinem Schloß an dem Tage, wo ſeine geliebte Gemahlinn ſich zum zweytenmal mit dem Hel⸗ den vermaͤhlen wollte, der ſie die ganze Zeit uͤber beſchuͤtzt hatte, die Großmuth, mit wel⸗ cher der edelmuͤthige Kreutzfahrer ſeiner Rechte entſagt hatte, um ſich in's Kloſter zu begeben, ſeine Ergebung, ſeine Geduld; dieſe und aͤhn⸗ liche Erzaͤhlungen machten auf unſern Juͤngling den lebhaftigſten Eindruck: ſein Herz ſchwoll, ſein Athem ſtockte, und Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen. Nicht weniger war er bewegt, wenn ſeine Tante, Miß Rahela, die Leiden und den Muth der Lady Alix Waverley, zu Zei⸗ ten des großen Buͤrgerkrieges, ihm zum Beſten — 38— gab. Ein Ausdruck von Guͤte, Empfindung, und Groͤße herrſchte dann auf den Geſichtszuͤgen der ehrwuͤrdigen Jungfrau, wenn ſie erzaͤhlte, wie Karl der erſte, nach der ungluͤcklichen Schlacht von Worceſter, einen Augenblick Zuflucht im Schloß Waverley zu ſuchen kam, welches bald von einem großen Reiterhaufen der Feinde um⸗ ſchloſſen ward, wie Mylady ſich entſchloß, ihren Sohn mit einigen Dienern herauszuſenden, und ihnen befahl, ſich eher bey dem kraͤftigſten Wiederſtande toͤdten zu laſſen, damit wenigſtens der Koͤnig eine Stunde Zeit gewoͤnne, ſich zu retten!„Gott lohne ihr nach Verdienſt!“ rief dann Miß Rahela, ihre Blicke feſthaltend auf dem Gemaͤlde der Heldinn,„Gott belohne die unvergleichliche Frau, die nicht anſtand, des Sohnes Leben fuͤr dasjenige ihres Koͤnigs zu opfern! Bald brachte man,“ ſetzte ſie hinzu, „einen Gefangenen toͤdtlich verwundet ins Schloß. Die Blutſpuren ſind noch auf der großen Stiege und im großen Saale zu ſehn; er verſchied zu den Fuͤßen ſeiner Mutter, und zuvor fand noch zwiſchen ihr und dem Sohn ein Austauſch der edelſten, großmuͤthigſten Geſinnungen ſtatt. Der Sterbende erfuhr durch einen Blick, daß ſein Unternehmen gelungen ſey; ich erinnere mich ſehr wohl, eine Perſon geſehen und ge⸗ 3 ——— 39— * kannt zu haben, die dieſen edlen, tapfern Juͤng⸗ ling zaͤrtlich liebte. Miß Lucy Saint⸗Au⸗ bin hat nie geheirathet, um ſich ganz ihrem * Schmerze zu uͤberlaſſen. Ihre Schoͤnheit, ihre 4 Geburt, ihre Gluͤcksumſtaͤnde gaben ihr An⸗ ſpruͤche auf die glaͤnzendſten Partien; aber ſie ſchlug jedes Anerbiethen aus, und trauerte bis an ihren Tod um ihren armen William, deſ⸗ ſen Verlobte ſie geweſen war. Ihr Tod er⸗ folgte.... ich weiß den Datum nicht genau, aber mich duͤnkt, es ſey im Novembermond geweſen, wo ſie ſich ſehr krank fuͤhlte, und dringend verlangte, noch einmal nach Schloß Waverley gebracht zu werden. Sie durchging alle Orte, wo ſie mit meinem Großonkel ge⸗ weſen war, ſie ließ den Teppich aufheben, um zum letztenmal die Spuren ſeines Blutes zu ſehen. Ach! haͤtten Thraͤnen ſie vertilgen koͤn⸗ nen, ſo wuͤrden ſie jetzt nicht mehr zu ſehen ſeyn, ſie uͤberſchwemmten das Schloß! Ja, lieber Eduard, ſelbſt die Baͤume ſchienen den allgemeinen Schmerz zu theilen, denn ohne irgend einen Windſtoß ſielen alle Blaͤtter von ihnen ab, und— ſeitdem kamen ſie nicht wie⸗ der zu vorigem Gruͤn.“ 4 Hatte Eduard die Erzaͤhlung dieſer merk⸗ * wuͤrdigen Thatſachen gehoͤrt, ſo zog er ſich zu⸗ — — 40— ruͤck, um ſich den Gefuͤhlen hinzugeben, die ſie in ihm entſtehen ließen. In einem Winkel des Buͤcherſaales befand ſich ein mit einer ein⸗ zigen Lampe erleuchtetes Gemach; in dieſes eilte unſer Held, ſich einzuſchließen, um eine Art luͤgenhafter Phantasmagorie zu genießen; ſtufen⸗ weiſe erhitzte ſich ſeine Einbildungskraft, und am Ende umgaben ihn die Gegenſtaͤnde, mit denen er ſich beſchaͤftigte. Er ſah die reichen Vermaͤhlungsanſtalten in dem tadelloſen Schloß Waverley. Die hohe, majeſtaͤtiſche Geſtalt Mylords, vom Kopf bis zum Fuß geharniſcht, wie auf ſeinem langen Kreuzzug; er ſah ſein Erſtaunen, als er den Nebenbuhler, der an ſeine Stelle treten wollte, erblickte; die gezwungene Faſſung der handeln⸗ den und zuſchauenden Perſonen bey dieſem au⸗ ßerordentlichen Auftritte; die dumpfe Beſtuͤrzung des Bewerbers; die Verlegenheit der ungluͤck⸗ lichen Gattinn; die ſtumme, gehaltene Verzweif⸗ lung Sir Gilberts; ſein edles, wuͤrdevolles Ausſehn, als er das halb gezogene Schwert auf den getaͤfelten Boden warf, und ſich fliehend aus dem Schloſſe ſeiner Ahnen ſtuͤrzte! Dann zeigte ihm ſeine Phantaſie eine andere Scene, nach Miß Rahela's Tableau. Er ſah Mylady Waverley auf ihrer Texraſſe ſitzen, den 4 — 41— Roſſeshufſchlaͤgen aufmerkſam lauſchend, um den von des fliehenden Koͤnigs Roſſe zu unter⸗ ſcheiden, mit den Augen ihren Sohn erſpaͤhend! — Er las auf ihren Zuͤgen Furcht und Hoff⸗ nung, fuͤr den Liebling, fuͤr den Koͤnig, Waf⸗ fenklang im leiſeſten Blaͤttergeraͤuſch ahnend. Er vernahm den dumpfen Laͤrm aus der Ferne, der erſt einem ſtuͤrmiſchen Waldbache glich, dann naͤher ſich unterſchied. Endlich hoͤrte er Roß⸗ getrappel, Fechtergeſchrey, Kanonendonner; er ſah einen Landmann in den Schloßhof eilen, und die Trauerbothſchaft bringen, daß... wir wollen dieſe Beſchreibung nicht weiter fuͤhren. Leichtlich wird man einſehen, daß ſich Eduard, vermoͤge des romanhaften Schwunges ſeiner Ideen, in dieſer Art von Beſchauung gefiel, und daß es ihm hoͤchſt verdrießlich war, wenn man ihn derſelben entriß. Man nannte die Lehen, mit denen das Schloß umgeben war, Waverleys Jagden, weil ſie geräumiger waren, als der weitlaͤuftigſte Park; erſt beſtanden ſie in wuͤſten Waldungen, die, obſchon in große Holzſchlaͤge eingetheilt, doch dem Wilde zum Aufenthalt dienten, und immer die Spuren nuralter Einſamkeit beybe⸗ hielten. Ueberall waren ſie mit breiten Zu⸗ gaͤngen durchſchnitten, wo ſich in gewiſſen Fer⸗ — 42— nen eine Art gekrönter buſchiger Saͤle, oder hochſtaͤmmige Baͤume dicht beyſammen fanden. Hier war in entfernten Zeiten der Sammel⸗ platz der Schoͤnen bey den Hirſchjagden, hier ſahen ſie ihn von den Hunden zerreißen, oder durchbohrten ſelbſt ſeine ſchlagende Bruſt mit moͤrderiſchen Pfeilen. Noch war daſelbſt eine Baracke in Gothiſcher Form zu ſehen, die mit dichtem Raſen belegt war, und„Halt der Koͤniginn Anna“ hieß. Man erzaͤhlte, daß die Koͤniginn Eliſabeth hier mit eigener Hand einen Rebock erlegt habe. Auf dieſe Stelle waren Eduards Spaziergaͤnge ge⸗ richtet. Zuweilen verfolgte er, die Flinte auf dem Ruͤcken, den Hund hinter ſich, ein Buch in der Taſche, dieſe langen Gaͤnge, die nach vielen Meilen ſich immer dichter ſchloſſen, und endlich nur einen ſchmalen Durchgang zwiſchen ſteilen Felſen bildeten, den das Gehoͤlz dom⸗ artig uͤberwoͤlbte. Man befand ſich dann auf einmal, ganz unerwartet, auf dem Ufer eines kleinen, tiefen Sees, der ſtill, klar und ruhig da lag, und deßhalb der Waldſpiegel genannt wurde. In fernſten Zeiten hatte man einen Thurm auf einem ganz mit Waſſer umgebenen Felſen gebaut, und die Cidatelle von Waverley geheißen, weil dieſe Halbinſel der Familie in 4 1 — 43— den furchtbaren Kriegen der Haͤuſer York und Lancaſter zu verſchiedenen malen einen ſichern Zufluchtsort gewaͤhrte. In dieſem einſamen 4 Thurme errichteten die Anhaͤnger der weißen Roſe ihre Magazine, und konnten dadurch ihre Anſpruͤche unterſtuͤtzen, bis der beruͤhmte Ri⸗ chard von Gloceſter ſich ihrer bemaͤchtigte: und auch dann erhielt ſich noch hier lange Zeit ein Reiterhaufen unter Niger Waverley, dem juͤngſten Bruder jenes William's; deſſen heroi⸗ ſche That Miß Rahela ſo gern erzaͤhlte. In dieſen einſamen, ſtillen Orten uͤberließ ſich Eduard dem Fluge ſeiner Phantaſien, dem Kinde gleich, das ſich ganz allein mit der Sorge beſchaͤftigt, ₰ ſein Kartenhaus zu verſchoͤnern; er ſtellte ſich jene Scenen merkwuͤrdiger und glaͤnzender vor, als alle die, von denen er erzaͤhlen hoͤrte. Im folgenden Kapitel werden wir ſehen, welch' Reſultat ſeine Gewohnheit hervorbrachte, ſich den Traͤumen ſeiner Einbildung ohne Maaß und Ziel uͤberlaſſen zu haben. *—— — — 44 Fuanftes Kapieel. Wahl eines Standes. Nach allem, was wir uͤber die Gewohnheiten, den Charakter und das Benehmen des jungen Eduard geſagt haben, wird ſich der Leſer viel⸗ leicht einbilden, daß man ihm eine Reihe von Donquixottiaden anbiethen will. Gott behuͤthe mich vor der thoͤrichten Anmaaßung, und dem Wagſtuͤck, in die Fußtapfen des unnachahmlichen Cervantes treten zu wollen! Sein Held hatte eine Art Narrheit, die ihm nicht erlaubte⸗ die Gegenſtände in ihrer wahren Geſtalt zu ſehen, ſondern ſie nach Gefallen ſeiner Einbil⸗ dungskraft umzauberte; von einer einzigen Idee ganz beſchaͤftigt, wollte ſie Don Quixotte gern der ganzen Welt mittheilen; Eduard war hin⸗ gegen ſo wenig mittheilend in ſeinen Geſin⸗ nungen, ſuchte ſo ganz und gar nicht, ſie an⸗ nehmlich zu machen, daß er es nicht einmal zu hoffen wagte, die ſchmeichleriſchen Taͤuſchun⸗ gen verwirklicht zu ſehen, denen er ſich mit ſo vielem Vergnuͤgen hingab, und keine groͤßere Furcht kannte, als die, man moͤchte ſeine Sin⸗ nes⸗ und Denkart ergruͤnden. Nie fiel ihm ein, einen Vertrauten ſeiner Traͤume zu ſuchen; 1 er fuͤhlte zu gut, daß ſie ihn laͤcherlich machen muͤßten, und haͤtte er unter einer ſchmerzlichen Strafe, und der Schande, ſelbſt zu entdecken, was im Innern ſeiner Seele vorging, waͤhlen muͤſſen, ſo wuͤrde er keinen Anſtand genommen haben, ſich der ſtrengſten Zuͤchtigung zu unter⸗ werfen. Dieſes Einſamſtehen mußte ihm, als die Leidenſchaften im Grunde ſeines Herzens zu reifen anfingen, noch mehr gefallen. Die ver⸗ fuͤhreriſchen Geſtalten vollkommner Weiblichkeit ſchilderten ſich oft ſeinem Geiſt, und folgten ihm auf ſeinen einſamen Wanderungen. Err ſtand nicht an, um ſich hier die Modele zu dieſen idealiſchen Schoͤnheiten zu ſuchen. Die Liſte der Schoͤnen, welche jeden Sonntag ihre Reitze in der Kirche zu Waverley ausſtellten, war nicht zahlreich; inzwiſchen unterſchied man Miß Cecilia Stubbs, die Tochter des In⸗ tendanten der Herrſchaft. Ich kann nicht ſagen, ob es die Wirkung des groͤßten Ungefaͤhrs von der Welt— wie ſich taͤglich unſre Da⸗ men auszudruͤcken pflegen, ohne Zweifel ohne es boͤſe zu meinen— oder Sympathie ſeyn mochte, daß auch Miß Cecilie die Zugaͤnge, welche Eduard zu ſeinen einſamen Spatzier⸗ gaͤngen waͤhlte, ſo oft durchkreutzte. Er hatte noch nicht den Muth gehabt, ſich ihr zu nahen, — 46— und ſie anzureden; allein dieſes wiederholte Be⸗ gegnen verfehlte nicht, ſein Herz in Bewegung zu ſetzen. Ein ſo romanhafter Liebhaber iſt ein Goͤtzendiener von ganz außerordentlicher Natur; manchmal feſſeln ihn nicht einmal die moraliſchen oder phyſiſchen Eigenſchaften des Gegenſtandes, den er verabgoͤtttert; aber ſelbſt wenn ihn die Natur ſehr unguͤnſtig mit ihren Geſchenken bedacht haͤtte, wuͤrde er die Rolle des Juweliers und des Derwiſch's in Happ⸗ ners Orientaliſchen Maͤrchen von den ſechs Liebhabern ſehr wohl ausfuͤllen. Seine Einbildungskraft, die eben ſo reich als groß⸗ muͤthig iſt, wird ihm Geiſt, Schoͤnheit und Anmuth verleihen, wuͤrdig, die Huldignng einer ganzen Welt zu erhalten. Miß Cecilie Stubbs ward bald von dem enthuſiaſtiſchen Eduard zum Rang einer Goͤttinn, zum wenigſten einer Hei⸗ ligen erhoͤht; ſie war ſo ſchoͤn ſo empfindſam, wie ſeine himmliſche Patroninn. Miß Rahela glaubte, nach einigen ihr zu Ohren gekommenen Geruͤchten, daß es Zeit ſey, auf Mittel zu Unterbrechung dieſer Apotheoſe zu denken. Gott ſey Dant, in dergleichen An⸗ gelegenheiten beſitzt die ſchlichteſte, einfachſte, aufrichtigſte Frau eine Scharfſicht, eine Beur⸗ theilung, die wohl manchmal Dinge vermuthen — —— ————— Mitßß Rahela war klug genug, die Gefahr zu Buͤcher liebe, aber er hatte ja immer ſagen= —— ‿ 7 laͤßt, die gar nicht da ſind, aber die ihr auch die Gegenſtaͤnde unter jeder Geſtalt enthuͤllet. entfernen, ſtatt ſie zu bekaͤmpfen. Sie machte ihrem Bruder begreiflich, daß es ſich doch noͤthig mache, daß ſein wahrſcheinlicher Erbe die Welt durch Reiſen kennen lerne, und ſich nicht ganz im Schloſſe Waverley einſperre. Anfangs achtete Sir Eberhard nicht ſonderlich auf dieſen Plan, der ſeinen Neffen von ihm entfernen mußte. Er gab zu, daß Eduard zu leidenſchaftlich die hoͤren, in der Jugend muͤſſe man ſich am mei⸗ ſten zu unterrichten ſuchen.— AA A⁴ „Sey verſichert,“ ſprach er zu ſeiner Schwe⸗ ſter,„daß, wenn er ſeine Leidenſchaft fuͤr die Buͤcher befriedigt haben wird, er ſich den laͤnd⸗ lichen Vergnuͤgungen mit Freuden hingeben, und ſich auf eine, ſeiner wuͤrdige, nuͤtzliche Weiſe zu beſchaͤftigen ſuchen wird. Ich habe oft bedauert,“ ſetzte er hinzu,„daß ich mich in der Jugend nicht mehr mit Buͤchern beſchaͤf⸗ tigt habe; ich haͤtte deßhalb nicht weniger gut jagen und geſchickt reiten lernen, und das Ver⸗ gnuͤgen gehabt, die Miniſter laͤcherlich zu machen bey der boͤſen Chriſtbeſcherung, die dreiſt die Irri: thuͤmer und Fehler des Gouvernements heraus⸗ —— — 43— hebt.“ Miß Rahela's lebhafte Beſorgniſſe gaben ihm Mittel an die Hand, zu ſeinem Endzwecke zu gelangen. „Alle unſre Vorfahren,“ ſprach ſie,„haben erſt mit Reiſen angefangen, bevor ſie ſich im Schloſſe Waverley haͤuslich niederließen;“ und um ihrer Behauptung mehr Gewicht zu geben, entrollte ſie den Stammbaum des Geſchlechts. Dieſer Ausſpruch war unwiderruflich bey Sir Eberhard. Man benachrichtigte demnach Sir Richard, daß man Willens ſey, ſeinen Sohn, unter der Aufſicht von Herrn Pembrocke, ſeinem Lehrer, auf Reiſen gehen zu laſſen, und ihm alle Unterſtuͤtzung geben wolle, ſich edel und großmuͤthig zu zeigen. Dieſer hatte dagegen keinen Einwurf, aber er gab dem erſten Mi⸗ niſter Nachricht davon, und der war andrer Meinung. Oeffentlich begnuͤgte er ſich, kalt und ernſthaft dabey auszuſehn; aber insgeheim ſagte er zu ihm:„Nach Sir Eberhard's reli⸗ gioſen und politiſchen Meinungen waͤre es ganz unvorſichtig, wo nicht noch mehr, einen Juͤng⸗ ling, der ſo ſchoͤne Hoffnungen gibt, unter der Aufſicht eines Mannes auf den Continent zu ſenden, deſſen Grundſaͤtze uns verdaͤchtig, we⸗ „iaſtana ꝛweifelhaft erſcheinen. Was fuͤr Ge⸗ ſelſſchaften wuͤrde Ihr Sohn in Paris, in — 49— Rouen, wo der Praͤdentent und ſeine Familie tauſend Fallſtricke fuͤr Engliſche Reiſende bereit halten, beſuchen? Dieſes Alles muß erwogen werden. Bemerken Sie zugleich, daß Se. Majeſtaͤt, die Dienſte, welche Sie geleiſtet haben, erkennet, und auf die kuͤnftigen rech⸗ net, ſo daß Ihr Sohn in Kurzem eine Capi⸗ tainſtelle in einem der Dragonerregimenter er⸗ halten kann, welche aus den Niederlanden zu⸗ ruͤckkommen.“ Ohne allen Convenienzen, ſelbſt ſeiner Pflicht zuwider zu handeln, konnte Sir Richard nicht umhin, auf dieſe Eroͤffnung zu achten; aber er befuͤrchtete, wegen der Vorurtheile ſeines Bru⸗ ders anzuſtoßen. Er mußte folglich ſeinen Plan uach den Proben der lebhaften Zuneigung ſeines Bruders zu dem Juͤngling einrichten, und an beide ſchreiben. Seinem Sohne meldete er ganz lakoniſch, er waͤre zum Capitain ernannt wor⸗ den, und haͤtte Anſtalt zu treffen, um ſich zu ſeinem Regimente zu verfuͤgen. Der Brief an ſeinen Bruder war dagegen mit der groͤßten Ueberlegung geſchrieben. Er gab geſchickter⸗ weiſe zu, wie noͤthig es ſey, ſeinen Sohn auf Reiſen zu ſchicken; bekannte, ſich vom lebhafte⸗ ſten Danke durchdrungen, daß er die Koſten haͤtte auf ſich nehmen wollen, und bedauerte 1. d8 “ — ——— — — 50— herzlich, daß es nicht in Eduards Gewalt ſtuͤnde, ſeine Huld zu benutzen, und die großmuͤthigen Anerbiethungen ſeines beßten Freundes und Wohlthaͤters anzunehmen.—„Es wird Euch gewiß eben ſo ſchmerzlich fallen, als mir, 7 fuͤgte er hinzu,„einen jungen Mann in Un⸗ thaͤtigkeit ſchmachten zu ſehen, in einem Alter, in welchem alle ſeine Vorfahren die Waffen trugen. Se. Majeſtaͤt geruhten ſelbſt, ſich zu erkundigen, ob der junge Waverley nicht in den Niederlanden waͤre, und zu bemerken, daß ſein Großvater ſchon ſein Blut im großen Buͤrgerkriege vergoſſen habe, da er ſo alt ge⸗ weſen ſey, als er; dann hatten ſie die Gnade mir ein Patent fuͤr Eduard zu ſenden. Was ſollte ich thun? Ich hatte nicht Zeit, Euer weisliches Gutachten einzuziehen, und Euch zu fragen, ob Ihr es gern genehmigen wuͤrdet. So wage ich denn zu hoffen, daß Ihr ihn mit Vergnuͤgen in die glaͤnzende Laufbahn tre⸗ ten ſehen werdet, die ſeine Vaͤter ſo ruhmvoll durchlaufen haben.“ Sir Eberhard ward bey'm Leſen dieſes Briefs von den entgegengeſetzteſten Geſinnungen be⸗ ſtuͤrmt. Als Englands Krone an das Haus Hannover kam, wohnte er den Sitzungen des Parlaments nicht mehr bey, und im Kriege — — 51— von 1715 war ſein Benehmen nicht geeignet, unbeargwohnt zu ſeyn. Man ſprach von Revuͤen der Landleute, die, bey Mondenſchein, in dem Gehege von Waverley, Stätt haͤtten; mehrere Kiſten mit Gewehren kamen aus Holland unter ſeiner Adreſſe, und wurden von einem Zollbe⸗ amten aufgefangen, der hernach in ſeinem Bette erſtickt gefunden ward; man ſagte ſogar, daß, als Sir W... W it h als Haͤuptling der Tory's gefangen ward, man einen Brief von Sir Eberhard bey ihm gefunden habe, der jedoch nichts enthielt, was ihn als Rebellen verdaͤchtig gemacht haͤtte. Die Regierung be⸗ gnuͤgte ſich, die Empoͤrung verhindert zu haben, und glaubte, Klugheit und Sicherheit geboͤthen, nur die zu beſtrafen, welche wirklich die Waf⸗ fen ergriffen haͤtten, und die Nachforſchungen nicht weiter zu treiben. Sir Eberhard war eben nicht wegen ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit beſorgt, obgleich die Whigs einen Gefallen daran fanden, deßhalb allerhand Geruͤchte zu verbrei⸗ ten. Man wußte auf's Zuverlaͤſſigſte, er habe mehrere Schottiſche und Northumberlaͤndiſche Adelige, zu Preſton gefangen genommen, und zu Newgate eingeſperrt, mit Geld unterſtuͤtzt; allein ſein Advocat wußte ihn zu vertheidigen. Allgemein glaubte man, daß, wenn die D 2 — 52— diniſter wahre Beweiſe gehabt haͤtten, daß Sir Eberhard die Rebellion zu befoͤrdern ge⸗ wagt, und die Regierung beleidigt haͤtte, er dieſes nicht ungeahndet ſich unterfangen konnte. Sein Benehmen, zu der Zeit, konnte ſeiner Unerfahrenheit, ſeiner Jugend, und den un⸗ gluͤcklichen Umſtaͤnden zugeſchrieben werden, die alle Koͤpfe in Gaͤhrung ſetzten. Sein Eifer fuͤr die Jacobiten verringerte ſich endlich, wie ein ungenaͤhrtes Feuer. Seine Anhaͤnglichkeit an die Privilegien der Torys erwachte zuweilen bey den Wahlen; aber er gewoͤhnte ſich nach und nach an die neue Ordnung. Zwar empfand er ſtets dabey einen geheimen Widerwillen, und ſo auch jetzt, als er vernahm, daß ſein Neſſe die Waffen fuͤr die Braunſchweigiſche Dynaſtie ergreifen ſollte; allein da er wohl einſah, daß er der vaͤterlichen Gewalt auf keine Weiſe Ein⸗ trag thun koͤnne, ſo fand er wohl, daß jeder Widerſtand, jede Gegenvorſtellung wenigſtens eben ſo unklug, als vergeblich ſeyn wuͤrde. Dieſe Widerſpruͤche ſeines innern Menſchen that er durch haͤufiges Gaͤhnen kund, welches gewoͤhnlich ſeinen Anfall von Podagra anzu⸗ kuͤndigen pflegte; aber als er ſich die Controlle der Armee hatte bringen laſſen, und er in die⸗ ſer die Namen der beruͤchtigſten Torys fand, 2* 2 0— ☛ — ſo wie der Moredurent's, der Grandville's, der Stanley's, ſo troͤſtete er ſich. Die Abkoͤmmlinge dieſer edlen, alten Geſchlechter ſtanden im Dienſt: ſo mußte er denn eingeſtehen, daß, wenn zu Anfang eines entſtandnen Krieges die Ehre beſiehlt, die einzige Partey, die dann beſteht, zu ergreifen, es deunvch in der Folge ſchimpf⸗ licher waͤre, unthaͤtig zu bleiben, als einer Partey zu folgen, die man mißbilligt. Was Miß Rahela betraf, ſo waren zwar die Sachen nicht gerade ſo gekommen, wie ſie gedacht hatte; allein ſie wußte ſich darein zu ergeben, und den Umſtaͤnden zu fuͤgen. Ueber⸗ dieß zerſtreute es ihren Kummer und ihre Lang⸗ weile, ſich mit dem Feldgeraͤth ihres Neffen zu beſchaͤftigen, denn ſie war voll Ungeduld, ihn in der Staatsuniform zu ſehen. Eduarden ſelbſt verſetzte der Brief ſeines Vaters in die lebhafteſte Bewegung, in das groͤßte Erſtaunen. Sein Herz— um mich des Ausdrucks eines unſrer aͤlteſten Dichter zu be⸗ dienen, glich denen mit Erde und Raſen be⸗ deckten Brandhaufen, die, nachdem ſie lange Zeit nur geraucht haben, ſich doch zuletzt ent⸗ zuͤnden, und eine lodernde Flamme erzeugen. Sein Lehrer, Herr Pembrocke, denn bald mußte er nun nur dieſen letzten Namen behalten, traf — 4 in Eduard's Zimmer ein poetiſches Fragment, welches in den erſten Augenblicken ſeiner Un⸗ ruhe und Beſtuͤrzung gedichtet zu ſeyn ſchien. Er, der ſich Etwas darauf zu Gute that, ein Kenner von ſolchen geſellſchaftlichen Dichtungen zu ſeyn, deren Zeilen durch einen maͤnnlichen Reim anfangen, und nicht weiter gehen, theilte dieſen koſtbaren Schatz Miß Rahela mit, die ihn unter ſtroͤmenden Thraͤnen las und wieder las, und in ihrem Wochengebethbuche zu Re⸗ cepten, Verordnungen, Schriftteyten, Liebes⸗ liedern, Oden und Stanzen zu Ehren Koͤnig Jacob's, aufbewahrend niederlegte. Dieſes Fragment ward daraus genommen, als dieſes Manuſcript und mehrere authentiſche Nachrichten von dem Geſchlechte Waverley dem ungluͤcklichen Buchhaͤndler anvertraut wurden, der es auf ſich lud, die Erzaͤhlung drucken zu laſſen, mit welcher ich mich hier beſchaͤftige. Wenn auch dieſe Verſe fuͤr den Leſer kein großes In⸗ tereſſe haben, ſo werden ſie wenigſtens, mehr als unſre Geſpraͤche, ihm die Unruhe und Bewegung darthun, die in dem Geiſt unſers Helden herrſchte. Bey des ſchoͤnen Herbſttags Neigen Hing mein Auge thraͤnenſchwer Auf des Sees reinen Flaͤchen— An der regen Baͤume Heer, ₰ — 59— um Verzeihung, daß ich ſie ſo oft von den po⸗ litiſchen Haͤndeln der Torys und der Whigs, und den Streitigkeiten zwiſchen den Jacobiten und den Anhaͤngern des Hauſes Hannover un⸗ terhalte; aber um verſtaͤndlich zu werden, muß ich mich darauf einlaſſen. Der Plan, den ich mir gemacht habe, verlangt, daß ich die Urſa⸗ chen der Handlung von dieſer Arbeit aus ein⸗ ander ſetze und ſie haben alle in den politi⸗ ſchen Syſtemen, Vorurtheilen und dem Glauben dieſer Epoche ihren Grund. Den Schoͤnen, die dieſes leſen werden, wage ich, trotz der lebhaf⸗ ten Ungeduld, die ich an ihnen kenne, nicht zu verſprechen, daß ich ſie eben auf einem Flugwa⸗ gen von gefluͤgelten Drachen gezogen, erheben will, denn ich reiſe mit gewoͤhnlichem Fuhrwerke, und folge der Straße. Wem die Zeit bey mir lang wird, kann ſich bey dem erſten Halt von mir verabſchieden, und Reiſende aufſuchen, die eben ſo geſchwind und ſchnell ſind, wie unſre Huffein Weavers. Diejenigen, ſo mich ge⸗ duldig mit ihrer Geſellſchaft zu beehren denken, die den Muth haben, die durch ſchlechte Wege verurſachte Langſamkeit zu uͤberdauern, koͤnnen vielleicht, wenn ich gute Pferde und einen er⸗ fahrnen Fuͤhrer habe, einige Entſchaͤdigung fuͤr ihre Hoͤflichkeit ſinden, wenn ſie Gelegenheit ————— — 60— haben, die maleriſchen und romantiſchen Gegen⸗ den zu bemerken..... ſo moͤgen ſie denn die Kraft haben, uͤber die Laͤnge dieſer erſten Tagereiſen nicht ungeduldig zu werden! 12 Sechſtes Kapitel. —; Lebe wohl Schloß Waverley! Den Abend des nemlichen Sonntags, von dem wir eben geſprochen haben, trat Sir Eberhard in die Bibliothek, und ſetzte ſeinen Neffen in die hoͤchſte Beſtuͤrzung, indem er ſich mit dem Schwert und Dolche Sir Hildebrands bewaff⸗ net, ſeinem Augen darſtellte. Dieſe ſeiner Fa⸗ milie ſo koͤſtlichen Monumente, waren ſtets uͤber dem Kamin aufgehangen geweſen, und zwar unter einem Gemaͤlde, welches den Ritter zu Pferde zeigte; ſein außerordentlicher Haarwuchs verbarg ſein Geſicht faſt gaͤnzlich, und ſein Bu⸗ cephalus ſteckte unter den weiten Mantel des Bath⸗Ritters, mit dem ſein Herr geſchmuͤckt war. Sir Eberhard heftete bey'm Eintreten erſt ſeine Blicke auf das Bild, dann auf Eduard. Er fing ſodann die erſten Phraſen einer ſorg⸗ 4 — 61— faͤltig dazu bereiteten Rede an, aber bald un⸗ terbrach er ſie, um den Empfindungen ſeines Herzens zu folgen.— „Neffe!“ ſprach er,„geliebter Neffe!“ dann ſich ermannend ſetzte er hinzu:„ Mein lieber Eduard, der Wille des Himmels, der Wille Deines Vaters, die Du beide ehren mußt, fuͤ⸗ gen, daß du die kriegeriſche Laufbahn betrittſt, wo ſo viele deiner Vorfahren ſich mit unſterb⸗ lichem Ruhme bedeckt haben. Ich habe alle noͤthige Einrichtungen getroffen, damit Du des Namens wuͤrdig, den Du traͤgſt, auftreten kannſt. Sir, ich wage die Hoffnung, daß Ihr Euch aauf dem Felde der Ehre ſtets erinnern werdet, daß Waverley's edles Blut in euern Adern fließt, und Ihr beſtimmt ſeyd, dieſen ruhmvol⸗ len Namen fortzufuͤhren. Eduard! mein lie⸗ ber Sohn! denke, daß Du der letzte Abkoͤmm⸗ ling eines edlen Geſchlechtes biſt; daß nur in Dir meine theuerſten, ſuͤßeſten Hoffnungen be⸗ gründet ſind. Vermeide denn alle Gefahren in ſo weit Ehre und Pflicht es dir erlauben wer⸗ den; ſetze Dich keiner ohne Noth aus; fliehe die Geſellſchaft der Wuͤſtlinge, der Unglaͤubigen, die ſich, ach! nur in zu großer Anzahl, bey Dir befinden werden! Durch ſichere Nachrichten weiß ich, daß Dein Obriſter ein vortrefflicher — 62— Mann, wiewohl Presbyterianer iſt. Ich wage zu hoffen, daß du es nie vergeſſen wirſt, was Du Gott, Deiner Religion, und Deinen Vor⸗ fahren ſchuldig biſt“— Er wollte hinzuſetzen: „und Deinem Koͤnige;“ aber da er deren zwey anerkannte, einen in der That, den andern in der Wahrheit, ſo bediente er ſich einer Pe⸗ riphraſe—„und was die conſtituirten Gewalten von Dir zu fordern haben.“ Ohne ſich in eine groͤßere Ermahnung im Einzelnen einzulaſſen, beeilte er ſich jetzt Eduar⸗ den in ſeinen Marſtall zu fuͤhren, um ihm die ihm beſtimmten Roſſe zu zeigen. 3 Zwey waren weiß, wie die Uniform ſeines Regiments; und das waren koſtbare Escadrons⸗ Pferde; drey andere, vom tiefſten Dunkel 7 ſchwarz, wie Ebenholz, waren fuͤr ſeine Bedien⸗ ten beſtimmt, wovon zwey ihn im Hoffe erwar⸗ teten; daß dritte ſollte er ſelbſt in der Canto⸗ nirung waͤhlen.„Du wirſt Dich mit einer ſehr einfachen Begleitung auf den Weg bege⸗ ben,“ fuͤgte Sir Eberhard hinzu,„beſonders im Vergleich mit dem Geſchwader, das Sir Hildebrand einſt vor den Thoren dieſes Schloſ⸗ ſes die Revue paſſiren ließ... es war zahlrei⸗ cher als dein ganzes Regiment! Wohl haͤtte ich gewuͤnſcht, daß die dreyßig Juͤnglinge, die man unter meinen Lehnsleuten geworben hat das Corps vollzaͤhlig zu machen, mit Dir haͤt⸗ ten reiſen koͤnnen, das waͤre eine Entſchaͤdigung geweſen; aber man ſagt, daß liefe gegen die jetzt eingefuͤhrte Ordnung... Ach! durch alle nur erſinnliche Mittel ſucht man das Band der Unterwirfigkeit und Abhaͤngigkeit der Vaſallen von den Lehnsherren zu zerbrechen! Sir Eberhard hatte nichts unterlaſſen, was dieſe Neuerung ausgleichen konnte. Er hatte geglaubt die Verbindung der Rekruten mit dem jungen Capitain feſter zu ſchließen, wenn er ih⸗ nen uͤberfluͤſſige Spenden von Fleiſch, Bier, ſelbſt an Geld, geben licß. Er ſah nicht ein, daß er durch das Entſteh'n eines gewiſſen Ge⸗ meinmachens alle Ketten des Gehorſams und der Mannszucht zerbrach. Nachdem man die Pferde ſeines Neſſen in Augenſchein genommen hatte, fuͤhrte er ihn in den Buͤcherſaal zuruͤck, und uͤbergab ihm einen ſorgfaͤltig zuſammen⸗ gebrochnen Brief, nach damaliger Sitte, mit einen ſeidenen Band geknuͤpft, an deſſen Ende ein Stuͤck Wachs mit dem Wappen des Ge⸗ ſchlechts Waverley hing. Mit großen zierlichen Buchſtaben war darauf geſchrieben; An Cos⸗ mus⸗Comines Bradwardine, Esqui⸗ re auf ſeinem Schloſſe Tulli„Weolan — — — q-ä’cy— — 64— in Partſhire.eingehaͤndigt von Eduard Waverley, Neffen Sir Eber⸗ hards u. ſ. w. Der Edelmann, an dem dieſes ungeheuere Paket gerichtet war, und von dem oͤfterer in der Folge die Rede ſeyn wird, hatte 1715 zu den Waffen gegriffen, um die Stuarts wieder auf den Thron zu ſetzen, ward aber zu Pres⸗ ton in Lancashire gefangen genommen. Er ſtammte aus ſehr altem Geſchlechte, und ſein Vermoͤgen war mehr als mittelmaͤßig. Nach der Sitte der Schottlaͤnder war er ein Gelehrter, er hatte viel geleſen, aber ohne Methode und Ordnung; er verdiente eher den Namen eines Bibliomanen als eines Littera⸗ tors. Von ſeiner Vorliebe fuͤr die Claſſiker fuͤhrt man ein ſehr ſeltſames Beyſpiel an. Auf dem Wege von Preston nach London, gelang es ihm die Wachſamkeit ſeiner Wachen zu taͤuſchen; man fand ihn aber des andern Morgens unweit des Nachtlagers; und ſo ward er erkannt und gefangen. Als ſeine Camme⸗ raden, ſelbſt die Leute ſeiner Bedeckung, ihn ihr Erſtaunen bezeigten daß er ſeine Freyheit nicht benutzt habe, ſich au einen ſichern Ort zu begeben, antwortete er ganz ehrlich:„Ja! das war ich in Willens; aber ich mußte doch mei⸗ 2 5 — 65— nen Titus Livius holen, den ich vergeſſen hatte. „Dieſe Antwort fiel dem Baron auf, der, wie man ſagt, von Sir Eberhard und mehreren bezahlt war, um die ungluͤcklichen Gefangenen zu vertheidigen. Dieſer Rechtsgelehrte war ein großer Bewunderer des Hiſtorikers, deſſen Wiege geweſen zu ſeyn, Padua ſich ruͤhmt, und es ge⸗ fiel ihm, ihn den Fuͤrſten der Geſchichtſchreiber zu nennen. Dennoch iſt es wahrſcheinlich, daß er trotz dieſer Vorliebe an Sir Bradwardine s Stelle, nicht wie er gehandelt haben duͤrfte, und wenn von der ſchoͤnſten Ausgabe des Ti⸗ tus Livius in ganz Europa, die Rede geweſen waͤre; indeſſen nahm er nun an dem Schick⸗ ſal dieſes Gefangenen den lebhafteſten Antheil, und ungeachtet der vielen Beweiſe gegen ihn, gelang es ihn, mit Kunſt und Muͤhe vor dem Gerichtshofe von Weſtminſter zu beweiſen, daß Cosmus Comines von Bradwardine, nicht im Sinne gehabt haͤtte, ſeinem Monarchen zu ſcha⸗ den; und ſo hatte er denn die Zufriedenheit, ihn frey zu machen⸗ Der Baron von Bradwardine, wie er allge⸗ mein in Schottland hieß,(ſeine Freunde nannten ihn gewoͤhnlich Tully⸗Weolan, und noch oͤfterer nur Tully) hatte kaum ſeine Freyheit wieder erlangt, als er ſich beeilte, nach Schloß Wa⸗ J. E — 66— verley zu gehen, um Sir Eberhard ſeine Er⸗ kenntlichkeit zu bezeigen. Gleicher Geſchmack an laͤndlichen Ergetzlichkeiten, und beſonders gleiche politiſche Grundſaͤtze ließen zwiſchen ih⸗ nen, trotz dem Unterſchied ihrer Gewohnheiten und Beſchaͤftigungen, eine unerſchuͤtterliche Freundſchaft entſtehen. Nach einem mehrere Wochen langen Aufenthalt, empfohl ſich Sir Bradwardine, verſprach Sir Eberhard eine im⸗ merwaͤhrende Ergebenheit in allen Ereigniſſen, und lud ihn dringend zu den Jagden in Tully⸗ Weolan's Suͤmpfen ein. Bald darauf ſandte der Baron den Betrag der Summe ſeines fuͤr ihn bezahlten Loͤſegeldes nach Schottland. Und ob ſie gleich nach Engliſchem Muͤnzfuße weniger ſtark zu ſeyn ſchien, als nach Schottiſchen, ſo fand ſie dennoch der Amtmann, und Geſchaͤfts⸗ traͤger des Barons, Macvheeble ſo entſetzlich, daß er verſchiedne Anfaͤlle von Colik daruͤber bekam, denn er ſagte, es ſchmerze ihn zu ſehr, daß ſo viel ſchoͤnes Geld aus dem Koͤnigreiche gehen, und in die Haͤnde der verfluchten Eng⸗ laͤnder kommen zu ſehen. Iſt der Patriotis⸗ mus die ſchoͤnſte Geſinnung, ſo iſt er doch nicht allemal rein von allem Zuſatze; Viele, die den Herrn Amtmann genau kennen wollten, waren uͤberzeigt, daß ſein Schmerz weniger lebhaft — — — geweſen ſeyn duͤrfte, wenn dieſe Summe nicht aus Sir Bradwardine's Kaſten haͤtte gehen duͤr⸗ fen, den er als ſein Eigenthum zu betrachten pflegte; aber der ehrliche Maevheeble behaup⸗ tete ſtets, daß er dabey ganz uneigennuͤtzig denke und hoͤrte nicht auf zu wiederholen: „Fuͤr Schottland jammere, nicht meinet⸗ halber!“ Der Baronet freute ſich, die Summen er⸗ ſtattet zu haben, welche Sir Eberhard fuͤr ihn gezahlt hatte; er haͤtte geglaubt, die Ehre ſei⸗ nes Hauſes zu beleidigen, wie den Ruhm ſei⸗ nes Vaterlandes, wenn er den mindeſten An⸗ ſtand genommen haͤtte, eine ſo heilige Schuld abzutragen. Sir Eberhard, der die Gewohnheit hatte, ſich nur mit Gleichgiltigkeit mit den bedeuten⸗ ſten Geldangelegenheiten zu beſchaͤftigen, em⸗ pfing alſo 297 Pfd. 13 Sh. 6 Penny, ohne im Geringſten zu ahnen, daß die Ehre der beiden Nationen zu der ſchleunigen Ruͤckkehr Anlaß ge⸗ geben hatte, die von dem Gelde in ſelne Caſſe erfolgte; wahrſcheinlich haͤtte er die ganze Schuld vergeſſen, wenn der Amtmann Mac⸗ vheeble fuͤr dienlich erachtet haͤtte, ſie zur Hei⸗ lung ſeiner Coliken zuruͤck zu behalten. Nun entſtand ein jaͤhrlicher Austauſch von Produeten E 2 — — 68— zwiſchen beiden Schloͤſſern. Von Waverley ſchickte man auserleſene Butter, ſtarkes Bier, Kaͤſe, Wildpret von allen Sorten; aus Tully⸗ Weolan kamen weiße Haſen, geſalzner Lachs, Kaſten mit Scuback. Alle dieſe Geſchenke wur⸗ den gegenſeitig, als Pfaͤnder einer ewigen Freund⸗ ſchaft zwiſchen beiden Haͤuſern an⸗ und aufge⸗ nommen: ſo war es denn natuͤrlich, daß kein Familienglied der Waverleys nach Schottland reiſen konnte, ohne mit Empfehlungs⸗ und Cre⸗ dit⸗Briefen an den Baron von Bradwardine werſehen zu ſeyn. Als dieſe Geſchaͤfte eingarichtet und abgethan waren, bezeigte Sir Pembrocke Luſt, eine be⸗ ſondere Unterhaltung mit ſeinem Zoͤglinge zu haben. Man kann wohl glauben, daß dieſer brave wuͤrdige Geiſtliche nichts vergaß, was den Juͤngling zur Reinheit der Sitten und Grund⸗ ſaͤtze verpflichten konnte; um ihn ſowohl vor 8 den politiſchen als religioͤſen Neuerungen zu ſichern, beſchwor er ihn: die Geſellſchaft der Wuͤſtlinge zu fliehen, und die vorgeblichen ſtar⸗ ken Geiſter zu vermeiden, welche alle in ſeinem Regiment nicht fehlen wuͤrden.— „Der Himmel,“ ſagte er zu ihm,„hat in ſeitem unergruͤndlichem Rathe beſchloſſen— ohne Zweifel um vergangne Verbrechen zu beſtrafen — 69— Schottland noch laͤnger in dem nemlichen Zu⸗ ſtande der Jerthuͤmer und der Finſtéerniß zu er⸗ halten, in welchem ſich das ungluͤckliche Eng⸗ land befindet. Hier wenigſtens herrſcht und beſteht noch, trotz aller ſchismatiſchen Neuerun⸗ gen, trotz der Vergeſſenheit jener heiligen Vor⸗ ſchriften unſerer Kirchenvaͤter, trotz der Wider⸗ ſpenſtigkeit mit der man das Licht der Wahr⸗ heit zuruͤckſtoͤßt, um es mit dem triegeriſchen Phosphorus der Luͤgen zu erſetzen— wenigſtens eine Liturgie, ob ſie gleich verfaͤlſcht, erſchuͤttert und ausgetauſcht iſt; allein Schottland ſteckt in einem fuͤrchterlichen Chaos, und ſein in's bewegte Meer geſchleudertes Schiff hat weder Compaß noch Steuerruder. Wenn man einige wenige Rechtglaͤubige ausnimmt, die ihren Schmerz in der Tiefe ihrer Seelen zuſammen z iehen, iſt die Geſammtmaſſe des Volks in den falſchen Grund⸗ ſaͤtzen der Presbyterianer und aller Arten von Neuerern verſunken. 1 Er hielt es alſo fuͤr Pflicht durch ſeinen Rath den Geiſt und das Herz ſeines Zoͤglings vor dieſer peſtartigen Epidemie zu ſichern, die ſich in der Kirche und im Staat uͤberall zeigtes Eduard verſchluckte die Langweile, die er bey ſo langen Reden empfand. Sir Pembrocke reichte ihm zwey ungeheute Manuſcripte von * 4 1n n — 70— klarer, enger Schrift dar, wovon jedes mehre⸗ re Buch Papier ſtark war. Es waren die Fruͤchte ſeiner lebenslaͤnglichen Nachtwachen; er konnte ſeine Zeit weder nutzloſer noch unau⸗ genehmer hinbringen. Verſchiedene Jahre zu⸗ vor war er nach London gereiſt, in dem Vorha⸗ ben, das Publikum ſeine weiſen Bemuͤhungen genießen zu laſſen, und hatte ſich an einen Buch⸗ haͤndler ſolcher Verlagsartikel gewendet. Man hatte ihm einen Empfehlungsbrief mitgegeben, der ſo abgefaßt war, daß er ohne Unterſuchung in die Geſellſchaft der eifrigſten Jacobiten Ein⸗ gang erhalten konnte. Als Sir Pembrocke dieſes neue Shibboleth geſprochen, die uͤbli⸗ chen Zeichen gegeben, und den Brief eingehaͤn⸗ digt hatte, beehrte ihn der Buchhaͤndler mit den Doctortitel, und fuͤhrte ihn ſchleunig in den verſteckteſten Winkel ſeines Ladens.— „Nun mein lieber Doctor,“ ſagte er und rieb ſich die Haͤnde,„Alles geht gut... Unſer Roͤslein gedeiht... iſt mit zahlreichen Sproͤß⸗ lingen umgeben... bald werden die Hannoͤ⸗ veriſchen Ratten nicht mehr ein einziges Loch finden ſich zu verbergen.... Bringt Ihr gute Nachricht von unſern Freunden druͤben uͤber'm Meer?... was macht der fromme Koͤnig von Frankreich?... Kommt Ihr wohl geraden Wegs von Rom? Dort ſind unſre vor⸗ zuͤglichſten Hoffnungen. Der alte Leucht⸗ thurm ſoll unſre nur noch glimmende Fackel wieder anzuͤnden!. Nun, Doctor, warum antwortet Ihr denn nicht? Ihr ſeyd auf Euerer Huth!... Euere Zuruͤckhaltung gefaͤllt mir!... ich achte Euch um ſo hoͤher; aber Ihr koͤnnt ohne Furcht ſprechen.“. Sir Pembrocke hatte alle erſinnliche Muͤhe, den Strom dieſer Fragen aufzuhalten; endlich gelang es ihm mit Huͤlfe von Zeichen, Win⸗ ken, Verdrehungrn, und er machte ihm begreif⸗ lich, daß er ihm zu viel Ehre erzeige, ihn fuͤr einen Emiſſair des Praͤtendenten zu halten, und erklaͤrte ihm die Urſache ſeines Beſuchs. Der Buchhaͤndler nahm jetzt ein ernſtes, gehaltenes Anſehn an, um die Unterſuchung des Manuſcripts zu beginnen. Das erſte war be⸗ titelt„Die unmoͤgliche Annaͤherung; in dieſem bewies er, durch die heiligen Buͤcher und die Gewalt der heiligen Kirchenvaͤter und der beruͤhmteſten Gegner, daß keine Art der Annaͤherung zwiſchen den Puritanern und Pres⸗ byterianern moͤglich ſey. Der Buchhaͤndler ſagte trocken, als er den Titel geleſen hatte:„Ich bin uͤberzeigt, daß dieſes Manuſcript voller Gelehrſamkeit iſt; aber Sie haben Ihre Zeit 7 ſorgen. Ihr koͤnnt in irgend einem Win⸗ — 72— uͤbel gewaͤhlt, es an Tag zu geben.. die Zeit iſt vorbey... Klein gedruckt wuͤrde es wenigſtens 1200 Seiten betragen, und Gott weiß, ob ich in zehn Jahren Ein Exemplar ver⸗ kaufte. Entſchuldigen ſie alſo guͤtigſt, wenn... ich achte und liebe die reine Lehre... waͤr's eine Predigt uͤber einen Maͤrtyrer... eine kleine Gelegenheitsſchrift, ſo machte ich mir ein Vergnuͤgen, etwas dabey zu wagen.— Aber wir wollen das andre anſehen.— Un⸗ wiederlegliche Rechte der Erbfolge des Throns.— Ho ho!— Der Titel verſpricht Etwas, aber, was fuͤr beſchriebenes Papier! welche kleine Schrift!— Da moͤgen wohl ganze Stellen Griechiſch und Latein vor⸗ kommen; aber ſchlimm genug!— Nun, ich bin niemals Willens geweſen, die Schriftſteller zu kraͤnken durch Zuruͤckſtoßen; ich habe Drake und Charlwood Lawton gedruckt. Was ich ge⸗ litten habe, als ich den armen Coleb ſah! Er kam regelmaͤßig einmal in der Woche zu mir zu Tiſche; aber was iſt eine Mahlzeit, wenn man nicht weiß, ob man die uͤbrigen ſechs Tage etwas zu eſſen hat? Doctor, ich werde Euer Manuſcript dem jungen Unterhaͤndler Olibi zei⸗ gen, er hat alle meine Handelsgeſchaͤfte zu be⸗ — 7 5— kelchen mit ihm ſprechen... Denn die Leute ſind im Gemeinhauſe eben nicht beſonders hoͤf⸗ lich.. Was fuͤr langhaͤlſige Whias gibt's dort nicht! Die Hannoͤveriſchen Ratten ſchleichen allenthalben umher.“ Des andern Tages kehrte Sir Pembrocke wieder zu dem Publiciſten zuruͤck, der ihm ganz aufrichtig ſagte: ſein Geſchaͤftsmann habe ihm nicht zu dieſem Erwerb gerathen.„Glaubt gewiß,“ ſagte er,„daß ich entzuͤckt geweſen waͤre, etwas fuͤr den Dienſt der Kirche zu thun, und im Weinberge des Herrn zu arbeiten, aber, lieber Doctor, ich habe Frau und Kinder zu ernaͤhren... Wartet, ich will Eure Sachen dem Trimmel, meinem Nachbar, empfehlen; er iſt jung, arbeitluſtig, hat Muth, und wuͤrde ſich vor der Landesverweiſung nicht fuͤrchten. Pembrocke fand auch dieſen ſo unzugaͤnglich, wie jenen, und vielleicht war es ſein Gluͤck, daß er gezwungen war, in's tadelloſe Schloß Waverley zuruͤck zu kehren. Er hatte ſein Manuſcript in der Reiſetaſche, und im Herzen die Bitterkeit, weder Kirche noch Staat raͤchen zu koͤnnen. Da nun alles dieſes bewies, daß das Pu⸗ blikum ſchwerlich die koſtbaren Fruͤchte ſeiner gelehrten Unterſuchungen ſchmecken wuͤrde, weil — 7 4— entweder die Buchhaͤndler zur Unzeit ſchuͤchtern, oder zu ſtrafbar geitzig waren, ſo begann er dieſe Manuſcripte fuͤr ſeinen Zoͤgling umzuar⸗ beiten. Er ſah, daß er zu nachlaͤſſig bey der Aufſicht desſelben, und der Leitung ſeiner Stu⸗ dien geweſen war, und bedauerte es nun. Sein Gewiſſen warf ihm vor, daß er ſo ſchwach geweſen war, Sir Richards Einladungen, ſei⸗ nem Sohne nicht allzusantiroyaliſtiſche Grund⸗ ſatze eigen zu machen, Gehoͤr zu geben. „Jetzt,“ ſagte er ſich,„da er nicht mehr unter meiner Aufſicht ſteht, kann ich, ohne mein Verſprechen zu verletzen, ihm die Mittel an die Hand geben, ſich nach ſichern Regeln zu betragen. Wenn ich mir Vorwuͤrfe zu machen, oder zu befuͤrchten habe, ſo iſt's, daß ich ſo lange das Licht der Wahrheit unter den Scheffel geſtellt habe.“ Waͤhrend er ſich als Schriftſteller und Politiker ſo ſchmeichleriſchen Einbildungen hingab, begnuͤgte ſich ſein Schuͤ⸗ ler, da er in den Titeln dieſer Manuſcripte eben nicht viel Anziehendes fand, ſie mit ſei⸗ nem uͤbrigen Gepaͤck einpacken zu laſſen. Miß Rahela nahm endlich mit wenig Wor⸗ ten, aber vieler Herzlichkeit von ihm Abſchied. Sie begnuͤgte ſich, ihren Junker Eduard zu ermahnen, gegen die verfuͤhreriſchen Reitze der Schottiſchen Schoͤnen auf der Huth zu ſeyn. .„Ich weiß,“ ſprach ſie,„daß in dem Nord⸗ land einige alte Geſchlechter wohnen; aber ach! . ſie ſind faſt alle Anhänger der Whigs und der Presbyterianer, die Hochlaͤnder ausgenommen. Ich muß Dir ſogar ſagen, daß ich eben keine ſonderliche Vorſtellung von dem Zartſinne der Damen dieſer Gegend habe: denn man hat mir verſichert, daß ſie den Maͤnnern eine ſehr ſon⸗ derbare und unanſtaͤndige Kleidung verſtatten.“ Sie beſchloß dieſe Ermahnung, indem ſie ihm mit lebhafter Zaͤrtlichkeit und großer Ruͤhrung ihren Segen gab. Zugleich ſtellte ſie dem jungen Offizier einen reichen Brilliantring, und einen mit Gold geſpickten Beutel zu, Sachen, die damals weit gewoͤhnlicher waren, als ſie es heut zu Tage ſind. n Siebentes Kapitrel. — Garniſon in Schottland. Am andern Morgen, ſehr fruͤh, verließ Eduard, von tauſend verworrenen Gefuͤhlen bewegt, und vorzuͤglich voll Unruhe, ſich ſelbſt uͤberlaſſen zu — ſeyn, mitten unter den Segnungen und Thraͤnen aller alten Bedienungen und aller Dorfbewoh⸗ ner, das Schloß Waverley; er war mit Bitt⸗ ſchriften aller Art beladen, die auf's Sorgfaͤl⸗ tigſte abgefaßt waren, um Militair⸗ und Haus⸗ hofmeiſterſtellen zu erhalten. Alle Unterzeich⸗ neten betheuerten, daß ſie nie in die Abreiſe ihrer Soͤhne gewilligt haben wuͤrden, ineluſive der Bruͤder und Vettern, wenn ſie nicht ge⸗ glaubt haͤtten, dieſes Opfer ihrem Lehnsherrn ſchuldig zu ſeyn. Eduard machte ſich ohne große Verſprechungen von ihnen los; er benahm ſich mit einer Klugheit und Vorſicht, die man von ſeiner unerfahrnen Jugend zu erwarten nicht berechtigt war. Nachdem er ſich kurze Zeit in London aufgehalten hatte, ſetzte er, nach der Sitte der Zeit, ſeinen Weg zu Pferde weiter fort, begab ſich nach Edinburg, und von da aus in einen kleinen Seehaven auf der Kuͤſte von Laugueſhire, wo ſein Reziment in Garni⸗ ſon ſtand. Er trat in eine andere Welt, wo ihm, wegen der Neuheit, anfangs Alles reizend war. Sein Obriſter hatte einen durchaus romanhaf⸗ ten Geiſt, mit aller Lebendigkeit, und Wißbe⸗ gier der Jugend beybehalten. Er war groß, wohlgebaut, und trotz ſeines betraͤchtlichen Al⸗ — 77— ters ſehr thaͤtig; es hieß, er habe eine ſehr ſtuͤrmiſche Jugend gehabt, und viele Erzaͤhlun⸗ gen von den Urſachen ſeiner ſchnellen Bekehrung und außerordentlichen Veraͤnderung ſeines Ge⸗ muͤths gingen umher. Man ſagte ſich in's Ohr, ihm ſey eine uͤbernatuͤrliche Entdeckung zu Theil worden, und ein Himmelsbothe er⸗ ſchienen; er galt durchgaͤngig fuͤr einen Enthu⸗ ſiaſten, aber niemand wagte ihn der Heucheley zu beargwohnen. Dieſer außerordentliche Umſtand machte auf Eduard's Gemuͤth einen tiefen Eindruck, er fuͤhlte ſich von Ehrfurcht und Bewunderung gegen ſeinen Commandanten durchdrungen. Man kann leicht denken, daß die Officiere unter einem ſolchen Oberhaupt eine ruhigere, bedaͤchtlichere Geſellſchaft bildeten, als ſonſt die jungen Krie⸗ ger thun, und daß Waverley vor tauſend Ge⸗ fahren, denen er in einer andern Garniſon be⸗ gegnet haben wuͤrde, hier geſichert war. Er beſchaͤftigte ſich, die Pflichten ſeiner Stelle zu lernen; ſchon lange kannte er die Geſetze der Meßkunſt, jetzt nahm er Reitbahn, der man bey erreichter Vollkommenheit die Fabel des Centaurs wahr macht, weil die Bewegungen des Roſſes mehr die willkuͤrliche Wirkung des Leiters, als die der Peitſche und der Spornen — — — — 78— zu ſeyn ſcheinen. Er ließ ſich ſeine Obliegen⸗ heiten auf's Genaueſte anweiſen: aber als ſeine erſte Hitze verraucht war, fand er, daß er ſich von ſeinem Stand eine zu hohe Idee gemacht hatte. Die Pflichten eines Officiers ſcheinen denen, die ſie nicht kennen, aͤußerſt wichtig; der Pomp und die Pracht erheben das Ver⸗ dienſt und den Glanz; aber eigentlich iſt es nichts, als eine trockene, ſproͤde Gewohnheit, eine Art mechaniſcher Berechnung, die nur Auf⸗ merkſamkeit fordert, Kaltbluͤtigkeit und Geduld verlangt. Unſer Held beging verſchiedene Toͤl⸗ peleyen, die ſeine Kameraden auf ſeine Koſten beluſtigten, und ihm von ſeinen Obern Ver⸗ weiſe zuzogen⸗ Das Gefuͤhl ſeiner Niedrigkeit war fuͤr ſeine verletzte Eigenliebe ſehr ſchmerze lich. Er fragte ſich mehr als hundertmal, warum er die Fernen nicht ſo mit den Augen meſſen koͤnne, wie die andern? Warum es ihm nicht gluͤcke, die Bewegung der verſchiednen Evolutionen in anberaumter Zeit eben ſo gut zu berechnen? Weßhalb ſein ſonſt ſo treues Gedaͤchtniß nicht die techniſchen Ausdruͤcke, und die Einzelheiten des Befehls und der Manns⸗ zucht zu behalten vermoͤge? Eduard war be⸗ ſcheiden, folglich hatte er die thoͤrichte Anma⸗ ßung nicht, dieſe kleinlichen Vereinzelungen — 7 9— ſeiner Unwerth zu glauben, und ſich etwa ein⸗ zubilden, daß er, zum General geboren, ſich nicht dem Gehorſam fuͤgen koͤnne. Die Wahr⸗ heit iſt, daß die leere, regelloſe, unmethodiſche Art, womit ſeine Studien eingerichtet waren, ſeine natuͤrliche Zerſtreuung vermehrt, und ihn zu einer ernſten und gehaltenen Anſtrengung unfaͤhig gemacht hatte. Indeß ging die Zeit ſchnell voruͤber, aber ohne Vergnuͤgen und Nu⸗ tzen. Die Officiere waren bey den Landbewoh⸗ nern, die ſich wenig darum kuͤmmerten, ſie in ihre Geſellſchaften zu ziehen, ungern geſehen; und die nur mit Gewinn beſchaͤftigten Buͤrger fuͤhrten eine fuͤr Waverley eben nicht einladen⸗ de Lebensart. Die Naͤhe der ſchoͤnen Jahreszeit und das Verlangen, andere Gegenden Schottlands ken⸗ nen zu lernen, ließen ihn um Erlaubniß an⸗ ſuchen, ſich einige Wochen entfernen zu duͤrfen. Er beſchloß, mit einem Beſuche bey dem alten Freunde ſeines Oheims den Anfang zu machen, und nahm ſich vor, ſeinen Aufenthalt in der Familie desſelben nach den Umſtaͤnden einzu⸗ richten. Er reiſte zu Pferde, von einem ein⸗ zigen Bedienten begleitet; die Nacht brachte er in einem ſchlechten Gaſthofe zu, wo die Wir⸗ thinn barfuß ging, und der Wirth, der ein — 80— Edelmann ſeyn wollte, hatte es ſo uͤbel genom⸗ men, daß ihn der Officier, nicht einlud, mit ihm zu Abend zu eſſen, daß er ſeine Unzufrie⸗ denheit daruͤber faſt an den Tag legte. Des andern Morgens durchkreutzte unſer Rei⸗ ſender ein ganz flaches Land, und naͤherte ſich unvermerkt den Hochgebirgen von Pertſhire, welche von fern geſehen, nur als Punkt am Horizont erſcheinen, und ſich in der Naͤhe mit ihren geſchlaͤngelten Gipfeln ſtolz und drohend mitten in der Gegend erheben. Im Mittel⸗ punkte dieſes erſtaunlichen und majeſtaͤtiſchen Schlagbaumes, aber noch auf dem Flachlande befand ſich das Schloß von Cosmus Comines Bradwardine von Bradwardine, und, wenn man den Berichten der Greiſe dieſer Gegend glauben darf, ſo hatten hier ſeine Ahnen beſtaͤndig, ſeit Dunkans Regierung, hochſeligen Andenkens, ihre Wohnung aufgeſchlagen. — 81— Achtes Kapitel. Ein Schottiſches Schloß vor ſechs⸗ zig Jahren. Es war um die Mittagsſtunde, als der Capi⸗ tain Waverley in's Dorf, oder vielmehr den einſamen Flecken von Tully⸗Weolan kam, neben welchem ſich die herrſchaftliche Wohnung befand. Die Haͤuſer gewaͤhrten einen elenden Anblick, beſonders fuͤr ſolche, die an das An⸗ ſehen der Wohlhabenheit und Reinlichkeit der Engliſchen Doͤrfer gewoͤhnt waren. Sie ſtanden ohne Ordnung, von allen Seiten an einem breiten, ungepflaſterten Wege, in dem halb nackende Kinder auf der Erde lagen, ſo daß ſie Gefahr liefen, von den voruͤber kommenden Pferden getreten zu werden. Wenn ſie aber zufaͤllig davon bedroht wurden, ſo traten meh⸗ rere Sybillen, die ſie im Auge hatten, mit ihren Rocken und Spindeln aus den Hutten, liefen durch den Koth, nahmen jede einen kleinen, von der Sonne verbrannten Balg, und trugen Sorge, ihn mit einer Maulſchelle zu bedenken, bevor ſie ihn in die Huͤtten ſchlepp⸗ ten. Waͤhrend dem antworteten die kleinen Un⸗ glüͤcklichen auf alle ihre ruͤhrenden Vorſtellungen .. F — 82— nur mit dem aller uͤbelklingendſten, lauteſten Gekreiſche. Dieſes Concert begleitete dann das anhaltende Gebell mehrerer Doggen, die ihren Duͤngerhaufen verließen, um die Pferde anzu⸗ fallen, und in die Beine zu beißen. Man war ſonſt, wenn man durch Schott⸗ land reiſte, ſo an dieſe Unannehmlichkeit ge⸗ woͤhnt, daß ein Franzoſe, der die Tour von Europa machte, als etwas Sonderbares von Caledonien bemerkte, daß man in jedem Dorfe eine Riederlage von Hunden halte, welche ſchwarz waͤren, und dazu beſtimmt, die Poſten zu necken, deren Pferde ſo mager und fleiſchlos waͤren, daß ſie ohne dieſen maͤchtigen Antrieb nicht in Gang zu bringen ſeyn duͤrften. Die Sachen haben ſich nicht geaͤndert, man empfin⸗ det noch dieſelben Unannehmlichkeiten; indeß geht dieſe Epiſode unſrer Geſchichte nichts an; ich habe ſie nur fuͤr Herrn Dent erwaͤhnt, der mit ſo viel Wachſamkeit die Abgaben fuͤr die Hunde ſeitet. Je weiter Waverley kam, je mehr Greiſe traf er an, die faſt erblindet, und gekruͤmmt, unter der Laſt der Jahre und der Beſchwerden, mehr vom Rauche, als vom Alter gelitten hatten. Sie kamen mit wankenden Schritten an ihre Huͤttenthuͤren, um die reiche Kleidung 5 5 des Fremden, und die ſchoͤne Aufzaͤumung ſei⸗ ner Pferde zu betrachten. Endlich vereinigten ſie ſich vor der Hufſchmiede, um ſich ihr Er⸗ ſtaunen, und ihre Muthmaßungen uͤber den Zweck der Reiſe des fremden Edelmanns mit⸗ zutheilen. Drey oder viet junge Maͤdchen, die vom Brunnen oder Bache zuruͤckkehrten, tru⸗ gen Kruͤge und Eymer auf den Haͤuptern, und gewaͤhrten einen angenehmern Anblick. Sah man ſie mit ihren leichten, kurzen Roͤcken, Arme, Beine und Fuͤße blos, ohne andern Kopfputz, als ein langes, lockiges Haar, ſo hielt man ſie fuͤr eine der reizenden Gruppen, die man ſo haͤufig in Italien ſieht. Vielleicht, daß ein Liebhaber der Mahlerey unſchließig worden waͤre, welches Coſtuͤme den Vorzug verdiene, wegen der Formen, oder der Zierlichkeit. Ohne Zweifel wuͤrde ein Englaͤnder gewuͤnſcht haben, daß, damit ſie com fortables wuͤrden, ihre Kleider weniger kurz und eng, ihre Beine und Fuͤße nicht ſo ſehr der Kaͤlte ausgeſetzt, und ihr Ge⸗ ſicht und Hals etwas minder von der Sonne verbrannt geweſen waͤre; er wuͤrde nicht er⸗ mangelt haben, die Vernachlaͤſſigung ihrer Toi⸗ lette zu bedauern, und daß dieſe fangen Baͤue⸗ rinnen nicht einen beſſern Gebrauch von Waſſer und Seife gemacht haͤtten. F 2 — 84— Alles, was ſich Waverley's Augen darſtellte, ſchien ihm traurig und unangenehm zu ſeyn, weil ein gaͤnzlicher Mangel an Induſtrie und Erfindung vorherrſchend war. Selbſt die ſonſt bey muͤßigen Perſonen ſo gewoͤhnliche, lebhafte Neugier ſchien aus dem Dorfe Tully⸗Weolan verbannt; dagegen waren die mehr erwaͤhnten Hunde in groͤßter Thaͤtigkeit, und bewieſen, daß ſie deren fuͤr ſich und fuͤr ihre Herren be⸗ ſaßen. Zwar begafften letztere den Gebiether und den Diener, aber auf ihren ruhigen Zuͤ⸗ gen erſchien kein Zeichen des Neides uͤber das Gluͤck der Reiſenden, oder eines Wunſches nach einer Veraͤnderung in ihrer Lebensart. Wenn man indeß die Phyſiognomie dieſer guten Leute naͤher unterſuchte, ſo fand man weder den Aus⸗ druck der Gleichgiltigkeit, noch der Dummheit; man koͤnnte ſogar behaupten, daß ein Kuͤnſtler in den Geſtalten und Zuͤgen mehrerer jungen Frauen, Aehnlichkeit mit Minerven gefunden haͤtte. Selbſt die kleinen, ſonnenverbrannten Kinder ſahen ſo friſch und geſund aus, und ihr Blick war ſo ausdrucksvoll und anziehend, daß man wohl ſahe, daß, wenn Armuth und Traͤgheit, die ſich oft genug zuſammen geſellen, auch hier vereint waren, den moraliſchen Cha⸗ . racter dieſer Landleute herabzuwuͤrdigen, dennoch die Natur dieſe Angriffe beſiegte. Waverley uͤberließ ſich allen dieſen Betrachtungen, indem er dem mit Kieſeln erfuͤllten Wege folgte; er ward oft durch die Seitenſpruͤnge, die ſein Pferd machte, wenn es die Hunde anſielen, in ſeinen Betrachtungen geſtoͤrt. Das Dorf war eine Viertelmeile lang, weil die rechts nnd links unordentlich am Wege verſtreuten Huͤtten durch Gaͤrten, oder Hoͤfe, wie man ſie in der Landesſprache nennte, und welche ver⸗ ſchiedentlich ausſahen, geſchieden waren. Zu dieſer Zeit haͤtte man dort die heut zu Tage ſo gewoͤhnliche Kartoffel vergeblich geſucht, aber man bewunderte die großen Krauthaͤupter, wel⸗ che ein doppelter Kreis von Neſſeln einſchließt. Diſteln von allerley Art erfuͤllten den groͤßten Theil der Umzaͤunungen. Auch war man nie bedacht geweſen, das Erdreich, wo das Dorf erbaut war, auszugleichen, ſo daß man auf und abſteigend hindurch kann. Die Kalkmauern, die es umgaben, oder richtiger geſagt, zu um⸗ geben ſchienen, leiteten aus den elenden Gaͤr⸗ ten kleine Fußpfade zu einem Gemeindeplatze. Hier ſaͤeten die Bewohner von Tully⸗Weolan abwechſelnd Roggen, Gerſte und Hafer. Jedes Eigenthum war von ſo geringem Umfange und ſo vervielfacht, daß dieſe Flaͤche von der Ferne — 386— das Bild einer Muſtercharte darboth, wie ſie die Schneider ihren Kunden bringen. Hin und her ſah man hinter den Huͤtten elende Staͤlle von Moͤrtel, Kieſel und Stroh gebaut, die einigen magern Kuͤhen und wundgedruͤckten Pferden zum Schutze dienten. Den Eingang zu dieſen Huͤtten perzierten zwey ungeheuere Duͤnger⸗ oder Kothhaufen. Einen Piſtolenſchuß vom Dorfe entfernt erblickte man die Beſitzung, oder um mich des Prachtausdruckes zu hedienen, den man ihr beylegte, den Park von Tully⸗Weolan, der in verſchiedenen, mit einer ſechs Fnß hohen Mauer umgebenen Vierecken beſtand. Im Mit⸗ telpuncte eines dieſer Schlagbaͤume erhob ſich, ein mit Thuͤrmen beſetzter Schwihhogen, der ſich auf zwey ungeheuere Felſenmaſſen lehnte, welche die Zeit mit Mooſe bedeckt und unter⸗ graben hatte. Darf man der allgemein ange⸗ nommenen Meinung der Dorfbewohner bey⸗ pflichten, ſo ſtellten dieſe Bloͤcke ſonſt zwey liegende Baͤren vor. Dieſes waren die Wappen⸗ bilder des Hauſes Bradwardine. Der Eingang lief in geyader Linie und mittelmaͤßiger Strecke zwiſchen zwey Reihen von Kaſtanien⸗ und Fei⸗ genbaͤumen hin, die abwechſelnd gepflanzt, und ſo dicht zuſammengewachſen waren, daß ſie ein 2 — 87— dunkles Gewoͤlbe von Blaͤttern und Bluͤthen aͤber dieſer Allee bildeten. Hinter dieſen ehr⸗ wuͤrdigen und gleichlaufenden Linien erhoben ſich zwey ſehr hohe Mauern, mit Gras und Pflanzen, als unverwerflichen Zeugen ihres Alterthums, voͤllig uͤberdeckt. Dieſer Eingang war wenig betreten, und Alles bewies, daß hier eben nicht viel Neugierige herkamen. Da „er ſehr breit und ſchattig war, wuchs hier ein ſehr hohes Gras im Ueberfluſſe, den Mittel⸗ punct ausgenommen, wo ein enger, von den Fußgaͤngern angelegter Steg zu ſehen war, der zum erſten Thore fuͤhrte, und durch dieſes bis in den Schloßhof brachte, wo ſich das zweyte Thor befand. Dieſes zweyte, wie das erſte, war mitten in der thurmartigen Mauer angebracht, und mit roher Bildnerey verziert, welche die Baͤume faſt gaͤnzlich verbargen, durch die man indeß hin und wieder die Daͤcher der Behauſung bemerkte. Ein Thorfluͤgel ſtand auf, und da die Sonnenſtrahlen horizontal auf s Pflaſter fielen, glaͤnzte daraus ein breiter Licht⸗ ſtrom bis in die Allee. Es war eine der Aus⸗ ſichten, welche die Mahler ſo gern haben und vorzuſtellen ſuchen, wenn ſich durch die magi⸗ ſchen Geheimniſſe ihrer Kunſt der Blick des Zuſchauers in die geheimnißvolle Ferne einer⸗ — 38— alten Kirche, oder in die langen Corridors Gothiſcher Schloͤſſer verliert. Ganz mahleriſch erleuchtete dieſe Lichtmaſſe dieſen langen, dun⸗ kelgruͤnen Schwibbogen. Die hier waltende Stille und Einſamkeit ſchien die Naͤhe eines Kloſters anzuzeigen, und Waverley, der am erſten Thore abgeſtiegen war, verfolgte ſeinen Weg, ſich mit Vergnuͤgen der anmuthigen Kuͤhle hingebend, die er in dieſem friedlichen Orte genoß. Den Anblick des Elends und der Unreinlichkeit im Dorfe hatte er jetzt vergeſſen. Das Innere des Hofes kam mit dem Außenwerke vollkommen uͤberein. Das Haus ſchien aus verſchiednen Srockwerken von Ziegelſteinen zuſammengeſetzt, die ſehr hoch aber voͤllig ungleich waren, und dem Anſchein nach ohne die mindeſte Gleichfoͤrmigkeit und Eben⸗ maaß. Dieſe Gebaͤude waren zu einer Zeit errichtet, wo man ein Schloß eben nicht un⸗ umgaͤnglich noͤthig fand, und die Architekten in Schortland kaum die erſten Elemente des Fachwerks kannten. An der Vorderſeite befan⸗ den ſich eine große Menge kleiner Fenſterchen; jeder Vorſprung der Mauer war mit einer Art von Erkern uͤberbaut, die Laternen oder Pfef⸗ ferbuͤchſen glichen. Obgleich die vorzuͤglichſte Vorderſeite auch mit Schießſcharten u. ſ. w. — 89— verſehen war, gab es doch keinen fuͤrchterlichen Anblick, wiewohl die untern Fenſter mit Eiſen⸗ ſtaͤben beſetzt waren, ohne Zweifel um den un⸗ vorauszuſehenden Anfaͤllen der Zigeuner, oder be⸗ nachbarten Bergraͤuber zu widerſtehn. Auf der andern Seite des Hofes befanden ſich die Staͤlle und Scheunen. Erſtere beſtanden aus niedri⸗ gen Gewoͤlben ohne Fenſter, die nur durch kleine Lucken in der Mauer das noͤthige Licht erhielten, deßhalb ſie das Anſehn eines fuͤr Moͤrder und Raͤuber beſtimmten Gefaͤngniſſes hatten, eher als daß ſie der Behauſung von Thieren, die chriſtlichen Leuten gehoͤrten, gleich ſahen, wie naͤmlich Waverley's Diener bemerkte. Zu den Scheunen gelangte man nur uͤber tiefe Graͤben, auf einer ſehr engen, von außen an⸗ gebrachten, ſteinernen Treppe, und in einiger Entfernung, am Ende des Hofes, ſtand der runde, ſehr dickleibige Taubenſchlag. Er war ſeinem Beſitzer auf vielerley Weiſe erſprießlich, denn ſeine Einkuͤnfte waren faſt gaͤnzlich durch die außergewoͤhnlichen Contributionen und Re⸗ quiſitionen aller Art aufgerieben. Dem Columbarium,— um mich des Aus⸗ drucks des Eigenthuͤmers zu bedienen,— gegen⸗ aͤber ſprang ein Brunnen aus dem Rachen eines ſteinernen Baͤren, von coloſſaler Geſtalt. Die⸗ ſes Meiſterſtuͤck der Baukunſt war ein Gegen⸗ ſtand der Bewunderung aller Kunſtliebhaber im Umkgeiſe von zehn Meilen. Wir duͤrfen nicht vergeſſen, daß Baͤren von allerley Groͤße und in allen moͤglichen Stellungen oben uͤber den Thuͤren und Fenſtern prangten mit dem Wahl⸗ ſpruche: Nehmt Euch vor dem Baͤren in Acht!(Bewape the Bear.) Der Hof war ſehr geraͤumig, gepflaſtert, und reinlich; dieß zeigte, daß ein Hinterthor zu den Stallen fuͤhren mußte, Das tiefe Schweigen. in dieſer Einſamkeit war nur durch das Geraͤuſch des Springbrun⸗ nens unterbrochen, und Waverley's Phantaſie ſah fortwaͤhrend ein verlaßnes Kloſter. Mit des Leſers Erlaubniß wollen wir das folgende Kapitel erwarten, um ihn zu enttaͤuſchen. Neunt 6,6. K a p ite I. —— Fortſetzung der Beſchreibung des Schloſſes und feiner Umgeoungen. Als I Waverley ſeine Wißbegier durch einige Mi⸗ nuten lang anhaltende Beobachtung dieſer Um⸗ gebungen befriedigt hatte, ergriff er den unge⸗ —y —— — — 91— heuern Klopfer des großen Thores, und ſchlug daran. Als er die Augen auf den Bau derſel⸗ ben richtete, ſah er, daß das Haus 1594 er⸗ baut war. Da er keine Antwort erhielt, klopfte er aus Leibeskräften, ſo daß die Schlaͤge im Innern der Saͤle wiederhallten, und ihr dum⸗ pfer Lerm von dem Echo des Gartens wieder⸗ holt wurde. Erſchrocken flogen die Tauben aus ihrer ehrwuͤrdigen Rotunde auf, und ſelbſt die Aufmerkſamkeit aller Dorfhunde ward rege, die auf dem Duͤnger vor den Huͤtten ihrer Herren muͤde und matt hingeſtreckt lagen. Des frucht⸗ loſen Lermens uͤberdrießig, den er verurſachte, fing er an zu glauben, daß er ſich wie Arthur vor dem Schloſſe von Orgolio befaͤnde, wo ₰ „Er mit der Sentorſtimme fruchtlos Die ſtummen, alten Mauern ſtoͤrt, Wo Alles ſchweigt; er wieder ruft Und— ach!— ihn Niemand hoͤrt.“ In der Hoffnung getaͤuſcht auch hier irgend einen Greis mit ehrwuͤrdigem Bart, und ſchnee⸗ weißen Haaren zu begegnen, der ihm Etwas uͤber dieſe wuͤſte Behauſung haͤtte ſagen koͤnnen, nahte ſich unſer Held einer kleinen Thuͤre von wurm⸗ ſtichigem Eichenholze, mit großen eiſernen Naͤ⸗ geln beſchlagen, und hinter einem Vorſprunge der Vorderſeite verſteckt, die trotz ihres wichti⸗ —— 2— 92*— gen Anſcheins nur mit einem Vorſtecker zuge⸗ macht war. Eduard oͤffnete ſie, und— trat in einen recht angenehmen Garten. Die Mau⸗ ern auf der Mittagsſeite waren mit Fruchtbaͤu⸗ men ſpalierartig laͤngſt einer gepflaſterten Ter⸗ raſſe bedeckt, und mit Beeten von Gebuͤſch und Blumen eingefaßt. Drey ſteinerne Treppen fuͤhrten in gleichen Zwiſchenraͤumen in einen artig angelegten Garten, uͤber welchen eine Be⸗ dachung herrſchte, die hie und da mit groben Thiergeſtalten, ſitzend dargeſtellt, geziert war, und unter denen die Baͤren nicht vergeſſen wa⸗ ren. Einer, der Schloßthuͤre und der Mittel⸗ treppe gegenuͤber auf der Terraſſe, hielt mit ſei⸗ ner Schnautze und einer Pfote ein ungeheueres Zifferblatt einer Sonnenuhr, auf dem ſo viele mathematiſche Figuren angebracht, wie Eduard nie dergleichen vorgekommen, und ihm alſo nicht zu entziffern moͤglich waren. Der Garten, der auf's Sorgfaͤltigſte unter⸗ halten zu werden ſchien, war wohl angepflanzt, mit Blumen und auf groteske Art zugeſtutzten Strauchwerk angefuͤllt. Von der untern Ter⸗ raſſe ſtieg man auf einem ſanften Abhang bis zu einem ruhigen Bache nieder, der den Garten begrenzte; etwas entfernter ſtuͤrzte er ſich ge⸗ raͤnſchvoll von der Hoͤhe des Damms, der ihn — 9³— beſchraͤnkte und bildete, hinter einem achteckigten Treibhauſe, deſſen vergoldete Wetterfahnen einen liegenden Baͤr vorſtellten, einen Waſſerfall. Als Sieger uͤber die ihm im Weg geſtellten Hinder⸗ niſſe, eilte nun der Bach mit Schnelligkeit in ein enges Thal, in welchem man aus der Ferne die Ruinen eines Thurms bemerken konnte, den die erſten Barone von Bradwardine bewohnt hatten. Von der andern Seite des Baches befand ſich ein Raſenplatz am Ufer, der mit Gebuͤſchen und Straͤußern alter Baͤume uͤber⸗ ſaͤet war. So angenehm auch immer dieſe Gaͤrten und Ausſichten waren, konnte man ſie doch nicht mit denen des Aleinous vergleichen, ob man ſie gleich nicht beklagen durfte nicht due donzelle garrule daſelbſt zu finden. Auf dem erwaͤhnten Raſenplatze ſtanden zwey junge, barfuße Maͤdchen in zweyen an den bey⸗ den aͤußerſten Ecken feſtgemachten, großen Koͤr⸗ ben, und bildeten eine Art Schaukel aus einer hydrauliſchen Maſchine. Nicht nach dem Bey⸗ ſpiele der Nymphen der Armide verſuchten ſie den Fremden durch die Harmonie ihrer Stimme zu verfuͤhren, ſondern uͤber die unerwartete Er⸗ ſcheinung erſchrocken, ließen ſie geſchwind ihre Roͤcke herunter, oder vielmehr ihre Kleidungs⸗ ſtaͤcke, um ihre Beine zu bedecken, welche ſich durch die Bewegung, die ſie gemacht hatten, nicht aufs anſtaͤndigſte gezeigt haben konnten. Mit dem kreiſchenden Geſchrey:„Ach Herr Gott! Lords!“ auf gleiche Weiſe Schaam und Coquetterie zu erkennen gebend, entflohen ſie mit der Schnelligkeit junger Hirſchkaälber. Waver⸗ ley fing an zu zweifeln, daß er in's Innere dieſer Art bezauberten Schloſſes eindringen koͤn⸗ ne, als er vom andern Ende des Baumgangs, in dem er ſich befand, einen Menſchen auf ſich zu kommen ſah, den er ſogleich fuͤr den Gaͤrt⸗ ner, oder einen Hausbedienten hielt. In dieſer Ueberzeigung ging er auf ihn zu; aber ehe er nahe genug kam, um die Geſichtszuͤge deſſelben betrachten zu koͤnnen, ſielen ihin die groteske Form ſeiner Kleidung und ſeine Gebeiden hoͤchlich auf. Manchmal kreutzte er ſeine Haͤnde uͤber den Kopf, wie ein Seiltaͤnzer oder Zielwerfer; manchmal ließ er die Arme perpendicular her⸗ abfallen, die Bewegungen einer Schlaguhr nach⸗ machend, oder ſchlug ſich, nach Art der Matroſen oder der Fuhrleute, wenn ſie nach langer Station viel Froſt haben, unter die Schultern. Sein Gang war nicht weniger ſelrſam; bald ging er auf einem Fuße, bald huͤpfte er mit verſchraͤnk⸗ ten Beinen; ſeine Tracht war aber noch abge: 8 ſchmackter und naͤrriſcher. Er trug eine graue Weſte mit ſcharlachrothen Kragen und Auf⸗ ſchlaͤgen; durch die aufgeſchlitzten Aermel ſah man das Unterfutter von der nemlichen Farbe. Selbſt die Schuhe waren ſcharlachroth und auf ſeinem Helme prangte ein großer Knoten mit gruͤnem Bande. Als Eduard die Zuͤge dieſer he⸗ teroclitiſchen Geſtalt bemerken kannte, beſtaͤtiate er ſich in ſeiner vorgefaßten Meinung. Nichts an ihr verkuͤndigte heftige Narrheit, noch gaͤnz⸗ lichen Stumpfſinn; auf dem immer noch ſchoͤ⸗ nen Geſicht war eine Miſchung von Einfalt, Gutmuͤthigkeit und lebhaft bewegter Einbildung. Er begann jetzt mit vielen Geſchmack und Pra⸗ ciſion, aber ſehr geſchmuͤckt das Fragment einer alten Schottiſchen Romanze zu ſignen: Grauſame Liebe, du Thraͤnenquell, Im Lenze ſang ich dir ſo hell Deinem Reitz zu der J ahtzeit der Bluͤthe! Noch huldigt dir mein inn'res Gemuth, O du, deren Name vom Munde mir ſlieht, Erſcheine mit himmliſcher Guͤte! Sonſt koͤnnt' ich wohl enden den Liebeſinn. Weil ſchoͤn ich dem Ftemdling erſchienen bin.. Bey dieſem Geſange haftete ſein Blick n ſeinem Fuße, mit dem er den Takt ſchl ug; e eipoh ihn, um den Fremden zu betrachten, uat 8* 4 er riß hurtig ſeinen Helm vom Kopf, um ihn mit tauſend Verrenkungen und Grimaſſen, ſein Erſtaunen und ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Ob⸗ gleich Waverley ſehr uͤberzeigt war, auf ſeine Fragen keine befriedigende Antwort erhalten zu koͤnnen, fragte er dennoch, ob der Baron zu Hauſe waͤre, oder ob er mit den Bedienten ſpre⸗ chen koͤnne? Aber wie die Hexe von Thalaha antwortete er ſingend: Unſre Ritter auf den Bergen Fuhren Hunde, leiten Jaͤger, Unſre Schoͤnen auf dem Felde, Pfluͤcen Blumen, winden Kraͤnze, Zu Mittag werden ſie wieder kommen, Und es werden ihre Ritter, Schon von weitem ſie vernehmen.—— Durch dieſe Antwort ward Eduard nicht kluͤger, wiewohl er noch vielerley fragte. End⸗ lich glaubte er in der Ferne den Kellermeiſter rufen zu hoͤren. Er bat, ihn zu dieſem Schloß⸗ beamten zu bringen. Unſer Original betrach⸗ tete ihn auf eine liſtige, ausdrucksvolle Weiſe und winkte ihm zu folgen; ſodann tanzte er laͤngſt dem Baumgange hin, in dem ſie ſich be⸗ fanden. „Da habe ich einen allerliebſten Fuͤhrer!“ ſagte unſer junger Krieger bey ſich ſelbſt,„ er 9z gleicht den groben Toͤlpeln des Shakespear: ich thue wohl Unrecht ihm zu folgen; aber wie viele Weiſe in der Welt treten nicht in die Fußtapfen der Narren!“ ſie gelangten an's Ende des Ganges und nach einem kleinen Um⸗ weg auf einen Vorplatz, den eine dichte Hecke von Weiden gegen die Nordwinde ſchuͤtzte. Eduard fand einen Alten dort, der beſchaͤftigt war, die Erde umzugraben; er hatte den Rock ausgezo⸗ gen, und ſein Anzug, wie ſein Benehmen, mach⸗ te nicht klar, ob er ein Sochlohbennuer⸗ oder nur ein Gaͤrtner waͤtre. Sein braunes, von der Sonne verbtanntes Geſicht bezeigte, daß er beſtaͤndig in freyer Luft arbeitete, aber ſeine kupferne und mit Rubinen beſaͤete Naſe, deutete auf andre Geſchaͤfte; doch zeigte ſein abgenutztes Schurzfell, Daß er, als wuͤrdiger Sohn Adams, umgrub und baute das Feld. Der Haushofmeiſter, denn er war es ſelbſt, und zwar der Unterbeamte der ganzen Baronie Tully⸗Weolan— ja er ſtand ſogar als Ver⸗ walter des Innern hinſichtlich der Kuͤche und des Kellers uͤber dem Amtmann— der Haushof⸗ meiſter alſo, warf das Grabſcheit von ſich, fuhr geſchwind in den Rock, und ſchoß wuͤthende 1. G Blicke auf den Begleiter des Fremden, ver⸗ muthlich weil es ihn verdroß, daß ihn dieſer in einem ſeinen Rang ſo unwuͤrdigen Geſchaͤft an⸗ traf.— „Was ſteht zu Dero Befehl?“ fragte er den Reiſenden auf's Hoͤflichſte. Waverley beeilte ſich, ihm ſeinen Namen zu ſagen, und daß er ſeinen Gebieter aufwar⸗ ten zu wuͤnſche. Mit vieler Gravitaͤt und Ehr⸗ erbiethung antwortete der Alte: „Ich kann Ew. Gnaden verſichern, daß der Laird erfreut ſeyn wird Sie zu ſehn. Befehlen Ew. Gnaden einige Herzſtaͤrkungen? Der Laird beſucht ſo eben ſeine Arbeiter, die die ſchwarze Hexe umwerfen. Die beiden Gartenpurſchen ſind bey ihm—(er betonte das Wort: beiden) Waͤhrenddem ich hier auf ſeine Ruͤckkunft war⸗ tete, beluſtigte ich mich, die Blumen und Ge⸗ buͤſche der Miß Roſa zu ordnen. Weit wollt ich nicht geh'n, da man mich aller Augenblicke in der Officin braucht, und rufen koͤnnte: denn der Herr Baron haben nicht Zeit ſich mit der Oberaufſicht der Gaͤrten zu beſchaͤftigen, da er⸗ ſetz ich zuweilen ſeine Stelle. „J er arbeitet alle Tage hier!“ ſagte Eduards ſeltſamer Fuͤhrer,„aber deßhalb geht's nicht beſſer vom Flecke.“ . —— —— * Ein ſtrenger, drohender Blick beſtrafte die Unverſchaͤmtheit des unberufnen Auslegers.— „David Gellatley,“ rief er mit einer Stim⸗ me, die keine Einwendung annahm,„lauf' den Augenblick zur ſchwarzen Hexe, und melde Sr. Gnaden, daß ihn ein Engliſcher Edelmann im Schloß erwarte!“. „Kann ich dem armen Menſchen einen Brlef anvertrauen?“ fragte Eduard. — Daß koͤnnen Sie ganz ſicher thun. Er richtet die Auftraͤge geehrter Perſonen ſehr ge⸗ nau aus, indeß wuͤrde es bey muͤndlichen ſchwie⸗ riger ſeyn... wiewohl mehr Faulheit als Narrheit in ihm ſteckt... Waverlch ſtellte den Gellatley ſein Beglau⸗ bigungsſchreiben zu, der des Kellermeiſters Be⸗ merkung zu beſtaͤtigen ſchien: denn, waͤhrend dieſer ſich umwendete, ſah ihn jener mit aufge⸗ blaſenen Bausbacken nach, riß die Augen weit auf, um die Zerrbilder, die man auf den Deut⸗ ſchen Tabackspfeiſenkoͤpfen abgebildet findet, nach⸗ zuahmen; gruͤßte den Officier, und tanzte fort.— „S'is ein Unſchuldiger!“ ſagte der Kel⸗ lermeiſter,„wir haben deren in allen Staͤdten des Cantons, aber unſrer hat ſich einen Namen ge⸗ macht. Er war gewohnt das Feld zu bauen; aber ſeit er ſo gluͤcklich geweſen iſt, Miß Roſa von ei⸗ . G 2 — 100— nem Stier des Sir Killancureit zu retten, der ſie verfolgte, hat man ihn Sankt Feigherz genannt, und ſeitdem traͤgt er auch ſein laͤcherliches Coſtu⸗ me— nemlich dem Herrn Baron und der jungen Herrſchaft zu Ehren... die auch ihren Eigenduͤn⸗ kel und ihre Einfaͤlle haben, wie alle andre— macht auch gar nichts mehr, als daß er alle Winkel und Gegenwinkel der Stadt durchtanzt, ohne ein Grabſcheit mehr anzuruͤhren. Manchmal faͤllt es ihm ein, Sr. Gnaden Jagd⸗ und Fi⸗ ſchergeraͤth auszuſchmuͤcken, oder Forellen zu fangen.. Doch hier kommt Miß Roſa; ich ſtehe fuͤr ſie, daß ſie ſehr erfreut ſeyn wird, ein Mitglied der Familie Waverley auf dem Schloſſe Tully⸗Weolan zu ſehen.“ Ar Wir bemerken, daß Waverley in dieſem Ge⸗ ſpraͤch erfahren hatte, daß in Schottland ein Dorf eine Stadt, und ein Narr ein Un⸗ ſchuldiger genant wird. ——y——— Zehntes Kapitel. Roſa Bradward Miß Roſa ſtand im ſechszehnten Jahr; auf ihrem Haupte ruhte die Hoffnung des Hauſes ine und ihr VBater. — 101— Tully⸗Weolan, deſſen alleiniger Zweig ſie war. Als einſt ihr zu Ehren ein Toaſt in dem Club einer Geſellſchaft zu Bautherwillerey vorgeſchla⸗ gen ward, begnuͤgte ſich Sir Bumperquaigh, der beſtaͤndige Praͤſident dieſes Vereins, nicht mit der Aeußerung, man köͤnne nur in Bordeauxer Miß Roſa's Geſundheit trinken, ſondern er fuͤgte hinzu: von Tully Weolan.*) In dieſer denk⸗ wuͤrdigen Sitzung ward dieſer Toaſt dreymal von der kleinen Anzahl der verehrten Mitglieder ausgebracht, welche die Kraft hatten, dieſe furcht⸗ bare Probe zu beſtehen. Aus ſichrer Hand weiß ich, daß ſelbſt die Schlafenden mit Schnarchen ihren Beyfall gaben, und daß die, ſo unter den Tiſch gefallen waren, noch ihre ſtammelnden Ausrufungen zu denen der Sieger geſellten, die ſich aufzuſtehen bemuͤhten, um dieſen geliebten Toaſt hoch leben zu laſſen. Ein ſo allgemeiner Beyfall konnte nur ein anerkanntes Verdienſt zum Grunde haben; und nicht nur war Miß Roſa deſſelben wuͤrdig, ſon⸗ dern enthaltſamere und aufgeklaͤrtere Kenner, als die, woraus jene Geſellſchaft beſtand, gaben ihr den Preiß. *) Man trinkt ſo viele Zuͤge als Buchſtaben in den Namen ſind. 3 m⅓⅓ 3 — 102— Nach Schottiſchem Geſchmacke war ſie eine uͤberaus huͤbſche Perſon, das heißt, ſie hatte ſehr ſchoͤne, kaſtanienbraune Haare und eine ſchneeweiße Haut. Dennoch war ſie weder bleich noch melancholiſch, und die Zuͤge ihres Geſichts bezeichneten die Lebendigkeit ihres Characters. Ihre Geſichtsfarbe war wenig colorirt, aber durch die zarte, weiße Haut ſchimmerte das Ader⸗ geflecht, und die mindeſte Bewegung war hin⸗ reichend, ſie his in's Weiße der Augen roth zu machen. Ihr Wuchs war von mittlerer Groͤße, aber ſehr ſchlank, voll Ebenmaaß und Zierlich⸗ keit: in allem, was ſie that, war natuͤrliche An⸗ muth und in jeder Bewegung ihres Koͤrpers, eine leichte Gewandheit ſichtbar. Sie kam von der andern Seite des Gartens den Hauptmann Waverley zu empfangen; trat erroͤthend naͤher, und gruͤßte ihn auf das Verbindlichſte. Nach den erſten Complimenten der Hoͤflich⸗ keit und des Herkommens, belehrte ſie den jun⸗ gen Officier, daß die ſchwarze Hexe, zu der ihr Vater gegangen ſey, weder eine ſchwarze Katze, noch einen Zauberſtab haͤtte, und nichts anders als der Theil eines alten Gehaͤges ſey, das ge⸗ faͤllet wuͤrde. Mit Artigkeit, aber nicht ohne alle Verlegenheit, erboth ſie ſich, ihm den Weg dahin zu zeigen. Aber Waverley hatte nicht — 103— Zeit, ihr Erbiethen anzunehmen, denn mit gro⸗ ßen Schritten kam der Baron von Bradwardine herbeygeeilt, und ſtand jetzt vor ihm. Kaum hatte Gellatley ſeine Botſchaft ausgerichtet, ſo hatte er ſich in Athem geſetzt, um die heiligen Geſetze der Gaſtfreundſchaft zu erfuͤllen. Wenn man ihn ſo die große Flaͤche mit Sturmſchrit⸗ ten durchſeegeln ſah, ſo haͤtte man ſagen moͤ⸗ gen, er habe die Siebenmeilen⸗Stiefeln geerbt, von denen die Ammen erzaͤhlen. Er war groß,⸗ duͤrre, nervicht, ſein Haar begann zu grauen, aber alle Muskeln ſeines Geſichts waren ela⸗ ſtiſch, wie Harfenſaiten. Er war ſehr einfach ge⸗ kleidet, man konnte ſagen nachlaͤſſig; ſein Co⸗ ſtume aͤhnelte mehr dem der Franzoſen als dem unſrer jetzigen Englaͤnder. Nach ſeinen ſtark ausgeſprochenen Zuͤgen, nach ſeinem Gange, haͤtte man ihn eher fuͤr einen Officier der hundert Schweizer gehalten, die, nachdem ſie ſo lange Zeit unter den Pariſern gewohnt, ſich ihr Coſtume angeeignet hatten, aber vergebens nach der Leichtigkeit ihres Benehmens trachteten. Seine Sprache war nicht weniger ſonderbar als ſeine Kleidung. Nach dem Geſchmacke, den er an den Wiſſen⸗ ſchaften bezeigt hatte, oder vielmehr nach einer fͤr die jungen Leute von Stande in Schottland all⸗ — 104— gemein angenommenen Erziehungsmethode hatte man ſeine Studien zu den Schreibereyen geleitet; allein die politiſchen Abſichten ſeines Geſchlechts erlaubten ihm nicht auf dieſer Bahn beruͤhmt zu werden, und ſo hatte er mehrere Jahre auf Reiſen zugebracht; er hatte ſich einen großen Ruf erworben, und ſogar auf einigen Feldzuͤ⸗ gen im Dienſt einer auslaͤndiſchen Macht mitge⸗ fochten. Nach den ſtaͤndiſchen Haͤndeln, von 1717, wo man ihn des Hochverraths zieh, hatte er ſich entſchloſſen, ſich auf's Land zuruͤckzuziehen, wo er keinen andern Umgang hatte, als mit den ihm gleichgeſinnten Edelleuten der Nach⸗ barſchaft. Das Anſehen von Pedanterie, das ſie auf den Baͤnken angenommen hacten, war durch die Waffenuͤbung nicht ganz verloͤſcht, und dieſe Miſchung von Stolz und Gelehrſamkeit erin⸗ nerte an die Epoche, wo die buͤrgerliche Militz in allen Claſſen der Geſellſchaft, fuͤr ſich warb, und oft das lange Schleppkleid des Rechtgelehr⸗ ten von der zierlichen Militaͤirkleidung erſetzt wurde. Es kamen die Vorurtheile einer alten Familie dazu die den Stuarts wahrhaft an⸗ hing, und die Gewohnheit ſich in ſeiner Zu⸗ ruͤckgezogenheit fuͤr unabhaͤngig anzuſehen, und ohne Einwurf alle Gewalt in dem Umfange ſei⸗ —õ— — 4*½ — 105— ner halbwuͤſten Guͤter auszuuͤben. Zwar war dieſe Gerichtsbarkeit eigentlich nicht die ausge⸗ breiteſte, aber von eben ſo unſtreitbarem als un⸗ beſtrittnem Rechte: denn, wie er oft ſagte, ſo waren die Laͤndereyen von Bradwardine, Tully⸗ Weolan und Pertinenzien als Freyherrſchaften 5. 2. anerkannt durch David den Erſten, cum libe- rali potestate habendi curias et justitias, cum fossa et furca etc.... mit dem Recht der obern und niedern Gerechtigkeitspflege. Nach dem Beyſpiele Jacob des Erſten, war es dem Baron lieber von ſeiner Gewalt zu ſprechen, als ſich ihrer zu bedienen; und die einzigen be⸗ ſtrittenen Acte ſind die Gefangennehmung zweyer Wilddiebe im alten Thurm, wo ſie nicht weni⸗ ger von Geſpenſtern erſchreckt, als von den Rat⸗ ten gequaͤlt wurden, und die Sperrung einer alten Frau in's Halseiſen, die ſich zu ſagen un⸗ terfangen hatte: Gellatley ſey nicht der Ein⸗ zige Narr, der im Schloſſe ſey. Indeſſen be⸗ fliß er ſich bey ſo ausgebreiteten Rechten, in Wort und That, der aller groͤßten Gravitaͤt. An der Art und Weiſe, wie der Baron Waverley bewillkommte, ſah man, daß das Vergnuͤgen, den Neffen ſeines Freundes zu ſehen, ihm die Etiquette vergeſſen ließ, die er ſonſe ſtets mit der ernſtlichſten Aufmerkſamkeit be⸗ —-— — 106— folgte. Nachdem er damit den Anfang gemacht hatte, ihm nach Engliſcher Sitte derb die Hand zu druͤcken, kuͤßte er ihn, nach Franzoͤſiſcher, auf beyde Backen, und Thraͤnen glaͤnzten dabey in ſeinen Augen. Der tapfere Haͤndedruck, und die Menge von Taback, die Eduarden anflog, als er ihn in die Arme ſchloß, hatten auf die Augen desſelben eben die Wirkung, die das Entzuͤcken auf die des Barons gehabt hatte.— „Bey meiner Rittertreu,“ rief er,„ich ver⸗ juͤnge mich bey Euerem Anblick. In Euch er⸗ blicke ich einen wuͤrdigen Abkoͤmmling des alten Stammes Waverley, spem alteram— wie Virgil ſagt— in Euch, Capitain, erkenn' ich die Zuͤge Eures edlen Geſchlechts; zwar habt ihr noch nicht das majeſtatiſche Anſehen meines wuͤrdigen Freundes, doch das kommt mit der Zeit, wie ſich einer meiner Hollaͤndiſchen Bekannten, der Baron von Kikkibroech, aus⸗ druͤckte, wenn er von der Klugheit ſeiner Frau Gemahlinn ſprach. Ihr habt alſo die Cocarde gewaͤhlt?— daß iſt ſchoͤn— recht ſchön!.. Zwar haͤtt' ich ſie von anderer Farbe gewuͤnſcht, und gewiß waͤre es auch meinem Freunde Sir Eberhard lieber geweſen; doch davon wollen wir nicht ſprechen; ich bin alt, und die Zeiten haben ſich geaͤndert.. Nun, 4 — 107— wie befindet ſich der liebe Baron, und die ſchoͤne Lady Rahela?... Ihr lacht, junger Herr? Ja, ja, es war die ſchoͤne Lady Rahela, in dem Jahr der Chriſtenheit 1717, aber die Zeit verfließt und verſchonet nichts: singula praedantur anni; das iſt eine unbeſtrittne Wahrheit. Na, ich wiederhole es, ſeyd will⸗ kommen, herzlichſt willkommen zu Tully⸗Weo⸗ lan. Meine liebe Roſa, eile in's Schloß, und ſorge, daß uns Alexander Saunderſon von dem alten Bordeauxer herauf bringe, den ich 1713 expedbirte. Roſa entfernte ſich, ſo lange man ſie ſehen konnte, mit gemeſſenen Schritten; aber kaum war ſie um den Winkel des Baumganges, ſo ſing ſie an zu laufen, oder um wahrer zu ſpre⸗ chen, zu fliegen, wie eine Fee, und zwar um, nach Erfuͤllung ihres Auftrages, ſich mit ihrem Putze zu beſchaͤftigen, denn die Naͤhe der Eſſens⸗ zeit ließ ihr nicht viel Zeit dazu uͤbrig.— „Capitain,“ ſagte der Baron,„Ihr werdet hier keinen Luxus der Engliſchen Vereine, noch die Feſte des Schloſſes Waverley finden; ich ſage Feſte, nicht Mahtzeiten, weil letztere nur fuͤr's Volk ſind. Sueton hat geſagt: Epu- lae ad senatum, prandium vero ad populum attinet; aber ich hoffe, Ihr werdet mit mei⸗ ———— — 108— nem Bourdeauxer zufrieden ſeyn; er iſt von erſtem Gehalte, vinum primae notae, wie ihn der Prior von St. André getauft hat. Ich bin ſehr erfreut, Capitain Waverley, Euch das Beſte vorzuſetzen, was mein Keller ver⸗ mag.“ 1 Unter dieſen Reden waren ſie bis an die Schloßthuͤre gelangt, wo fuͤnf oder ſechs Be⸗ dienten in alten Livreen ſich befanden. Ale⸗ rander Saunderſon ſtand an der Spitze, und zwar im groͤßten Staat; er fuͤhrte ſie in einen unermeßlichen Saal, der mit allen Arten von Trophaͤen und Waffen geziert war. Ohne ſich in den mittlern Gemaͤchern aufzuhalten, fuͤhr⸗ te der Baron Eduarden, mit dem groͤßten Cere⸗ moniel und den zaͤrtlichſten Freundſchafesverſiche⸗ rungen, in einen großen Speiſeſaal von ſchwar⸗ zem Eichenholz, mit Familienbildern geſchmuͤckt. Es war fuͤr ſechs Perſonen hier gedeckt, und 3 der Gothiſche Trinktiſch mir dem alten maſſiven Silbergeſchirr des Hauſes Bradwardine bela⸗ den. Man hoͤrte den Laut einer Glocke von der Seite des Einganges her, weil ein Greis, der bey Gallatagen den Schweizer vorſtellte, als er den Lerm hoͤrte, der durch Waverley's Er⸗ ſcheinung im Schloſſe verurſacht ward, an ſei⸗ ne Stelle geeilt war, und in dieſem Augenblick ——— die Ankunft verſchiedener — 109— neuen Gaͤſte verkuͤn⸗ digte. „Wir werden die Geſellſchaft ſehr achtbarer Perſonen haben,“ ſprach der Baron,„erſt die des jungen Lords von Balmahapple, genannt der Falkenjaͤger; er ſtammt aus dem Geſchlecht von Glenfarquhar, iſt ein großer Liebhaber der Jagd, gaudet equis éet canibus, uͤbrigens voll Geiſt und Ehrgefuͤhl; dann den Lord von Killancureit, gaͤnzlich mit theoretiſchem und pra⸗ ctiſchen Ackerban beſchaͤftigt; er beſitzt eine Kuh von unvergleichlicher Schoͤnheit; ſie kam aus Devonſhire, der Damnonie der Römer, wenn man Robert von Cirenceſter glauben darf; man kann nach ſeinem gewoͤhnlichen Geſchmack ſchlie⸗ ßen, daß er von einem reichen Pachter ab⸗ ſtamme. Ihr kennt das Lateiniſche Sprichwork: Servabit odorem testa diu, und unter uns geſagt, ſein Großvater war von boͤſer Partey... man nannte ihn Bullſegg. Er kam in dieſen Canton, um Haushofmeiſter, Amtmann, Treib⸗ jaͤger, oder ſo was aͤhnliches zu werden, nach dem Girnigo von Killancureit am Schlagfluß geſtor⸗ ben war. Aber mein lieber Waverley, nach dem Tode ſeines Herrn— kaum werdet Ihr ſo einen Scandal fuͤr moͤglich halten!— hey⸗ rathete der junge, huͤbſche Bullſegg die Wittwe. — 10— Dieſe war die Eigenthuͤmerinn der ganzen Herr⸗ ſchaft, die ihr ihr Mann thoͤrichter Weiſe zum Nachtheil einer faſt gaͤnzlich vergeßnen Erbfoge uͤberlaſſen hatte, und zwar bey Lebenszeit durch 5 eine Donation zum groͤßten Nachtheile ſeiner Familie, und Girnigo von Tipperhewit. Seine Familie war ſo ganz durch einen Prozeß ruinirt, daß ſich einer ſeiner Nachkommen zu einem Zollamt herab ließ. Demungeachtet beweiſt dieſer Bull⸗ ſegg von Killancureit, daß das edle Blut ſeiner Mutter und ſeines Großvaters in ſeinen Adern fließt, denn beide ſind aus dem Geſchlechte von Pikkletillim, auch iſt er allgemein geliebt und geſchäͤtzt im ganzen Canton. Bewahr uns Gott, lieber Waverley, uns, deren Geſchlechter tadel⸗ los ſind, Gott bewahr uns, ſie demuͤthigen zu wollen! Es kann ja kommen, daß in zehn, zwanzig, dreißig Generationen ſeine Neffen mit den Abkoͤmmlingen der durch Rang und Alterthum ausgezeichnetſten Geſchlechter gleichen Schritt halten. Dieſe beiden Worte ſollten ſich ſelten in dem Munde ſolcher Leute, wie wir ſind, befinden, die, wie wir, von reinem Ge⸗ bluͤte und unbefleckter Verwandſchaft ſind: vix ea nostra voco, hat Ovid geſagt. Auch haben wir einen alten Geiſtlichen vom alten Felſen. Er war Almoſenier zur guten Zeit von 1716; — — 111— eine Bande Whigs verheerte ſeine Beſitzungen, entfuͤhrte ſeine Zierrathen, Silberwerk, Vor⸗ raͤthe von Oel, Branntwein, und zerſtoͤrte ſein Presbyterium. Herr Ducan Macvheeble, mein Amtmann und mein Factotum, wird der vierte Gaſt ſeyn. Man iſt nicht einſtimmig uͤber die Etymologie ſeines Namens, ob er Geſchicklich⸗ keit, ob er Verſchlagenheit bedeute?.... Kaum hatte er dieſe Zeichnungen vollendet, ſo traten die Originale ein. Eilftes Kapitel. Das Gaſtmahl. Nach der Sitte der Zeit war die Tafel mit einer ungeheuern Menge ſorgfaͤltig zubereiteter Speiſen beſetzt. Der Baron aß wie ein hung⸗ riger Soldat; Lord Balmahapple wie ein Jaͤger; Bullſegg von Killancureit wie ein Pachter; Wa⸗ verley wie ein Reiſender, und der Amtmann Macheeble wie alle viere zuſammen. Um die Ehrfurcht anzuzeigen, die ihm die Gegenwart ſeines Herrn einfioͤßte, ſaß er nur auf dem Rande ſeines drey Fuß weit vom Tiſch entfernt 4 —————————— 112— ſtehenden Stuhls; um zu ſeinem Teller zu ge⸗ langen, bildete ſein Koͤrper einen Schwibbogen, ſo daß der gegenuͤberſitzende Gaſt nur das Ober⸗ theil ſeiner Peruque ſah. Dieſe Stellung waͤre fuͤr jeden andern peinlich geweſen; er aber war, ſitzend, oder ſpazieren gehend, daran gewoͤhnt, ſo daß ſie nichts Peinliches fuͤr ihn hatte. Auf den Spatziergaͤngen geſchah es ihm oft, daß er durch den Vorſprung ſeines Koͤrpers ſich an die nachfolgende Perſon ſtieß, aber das verſchlug ihm wenig, weil er aͤußerſt aufmerkſam war, Vornehmeren den Vortritt zu laſſen, und ſich nicht darum kuͤmmerte, Geringere zu belaͤſtigen. Wenn es vorkam, daß er auf ſeine graue Stute ſtieg, zeigte er eine noch groteskere Carricatur. Der unbeſtaͤtigte Geiſtliche hatte ein nach⸗ denkendes, ſchwermuͤthiges Anſehen; und ſchien leidend, nicht weil er ſein reiches Beneficium bedauerte, ſondern weil er uͤber das Ungluͤck der Zeit ſeufzte. Dem Amtmann machte es Spaß, tauſend Scherze an ihn zu richten— wenn er naͤmlich uͤberzeigt war, daß es der Baron nicht hoͤrte,— und er lachte uͤber die Einfalt und leeren Scrupel des rechtlichen Sir Rublick. Wir muͤſſen geſtehen, daß, wiewohl Nacvheeble die vertriebene Familie herzlich bedauerte, er ſeinen Entſchluß zu faſſen, und — 113— ſich nach dem, was zutraͤglich war, zu richten gewußt hatte. Dieß veranlaßte David Gellat⸗ ley, zu ſagen: Der Herr Amtmann waͤre ein Ehrenmann von ſanfter Gemuͤthsart, aber ſein Gewiſſen waͤre noch ſanfter, und haͤtte ihn nie geſtochen. Als man abgeraͤum hatte, ſchlug der Ba⸗ ron einen Toaſt auf den Namen des Koͤnigs vor, und uͤberließ hoͤflicherweiſe ſeinen Gaͤſten die Wahl zwiſchen dem wirklichen und dem rechtmaͤßigen Monarchen. Die Unterhaltung ward angenehm, und Miß Roſa, die die Haus⸗ wirthinn mit vieler Anmuth und Sittſamkeit vorgeſtellt hatte, eilte, ſich jetzt zuruͤck zu ziehn; auch folgte der Geiſtliche dieſem Beyſpiele. Die uͤbrige Geſellſchaft machte dem Bourdeauxer des Barons die groͤßte Ehre; die Flaſchen kreiſten ſchnell umher, und nur Waverley'n ward zu⸗ weilen ein Glas aus Gnaden erlaſſen. Wie es endlich anfing, ſpaͤt zu werden, winkte der Baron Herrn Saunderſon, Alexander ab Alexandro, wie er ihn ſcherzweiſe nannte; die⸗ ſer antwortete mit bedeutendem Augenwink, und ging hinaus. Aber bald kam er mit zufriedenem, geheimnißvollen Anſehn, und mit gemeſſenen Schritten zuruͤck; er ſetzte ein Kiſtchen von Eichenholz vor ſeinem Herren nieder, das mit H — 114— Kupferzierrathen geſchmuͤckt war, die mit viel Geſchicklichkeit und Geſchmack gearbeitet waren. Der Baron zog einen kleinen Schluͤſſrl hervor, den er immer bey ſich trug, oͤffnete das Kiſt⸗ chen, und nahm einen goldenen Kelch heraus, der durch Form und Alterthum gleich merkwuͤr⸗ dig war, und einen liegenden Baͤr vorſtellte. Der Baron betrachtete ihn mit Ehrfurcht, Vergnuͤgen und Stolz ſtrahlenden Blicken, in⸗ dem er ſich laͤchelnd zu Waverley kehrte, bevor er die vielen Sinnbilder dieſes koſtbaren Ge⸗ faͤßes erklaͤrte.„Betrachtet,“ ſprach er,„die⸗ ſes ſchoͤne Monument des Alterthums, das die ausdrucksvollen Wappenbilder unſers Geſchlechts daſtellt. Der Bar kriecht, weil man nach dem Geſetz der Wappenkunde das Thier allezeit in ſeiner edelſten Stellung darſtellt: iſt's ein Roß, ſo gallopirt's, ein Windſpiel, ſo laͤuft's, iſt's ein Raubthier, ſo ſtellt man es ſeine Beute zerreißend vor. Ihr muͤßt wiſſen, Capitain, daß Kaiſer Barbaroſſa dieſes Wappen einem meiner Ahnen, Godmundo Bradwardine, ver⸗ ehrte. Es erhob ſich auf dem Helmſtutz eines Daͤnen, in koloſſaliſcher Form, mein Ahnherr erlegte ihn im gelobten Lande im Zweykampf, um ihn zu ſtrafen, weil er von des Kaiſers Gemahlinn und Tochter unehrerbiethig geſprochen — 115— hatte; er bekam die Ruͤſtung des Ueberwundenen zum Geſchenk, mit den vom Kaiſer ſelbſt be⸗ ſtimmten Wahlſpruͤchen, und wie Virgil ſagt: Mutemus clypeos, Danaumque insignia nobis Aptemus. Was den Kelch betrifft, Capitain, ſo it er auf Befehl des Sanct⸗Duthac, Abt von Aber⸗ brothock, aus Dankhbarkeit fuͤr Dienſte, die ihm ein andrer Baron von Bradwardine ge⸗ leiſtet hatte, gemacht. Dieſer vertheidigte die Rechte des Kloſters gegen die ungerechten An⸗ ſpruͤche einiger benachbarten Adeligen: daher heißt er mit Recht„der heilige Baͤr von Bradwar⸗ dine; obgleich der alte Doctor Doubleit ihn gern; die große Baͤrinn nannte. In den Zei⸗ ten, wo die Religion bluͤhete, ſchrieb man dieſem Kelche uͤbernatuͤrliche Tugenden zu. Ob ich gleich dieſen alten Weiberglauben nicht theile, habe ich doch dieſe koſtbare Reliquie ſtets als das ſchoͤnſte Erbe von meinen Vatern betrachtet. Ich bediene mich dieſes Kelchs nur an außer⸗ ordentlichen Feſttagen, und es iſt einer fuͤr mich, den Erben Sir Eberhard's in meinem Hauſe zu beſitzen. So bringe ich denn den Toaſt der fortdauernden Nachkommenſchaft des alten, maͤchtigen und ſtets geehrten Geſchlechts Wa⸗ verley aus. Waͤhrend dieſer langen Erklarung H 2 — 116— hatte er ſehr ſorgfaͤltig eine mit Staub und Spinnengewebe bedeckte Flaſche aufgemacht, die aͤber ein Maaß alten Bordeauxer enthielt, und doch den Kelch nicht voll machte. Der Baron gab dem Kellermeiſter gravitaͤtiſch die leere Flaſche, um ſie zu der zahlteichen Geſellſchaft ihrer Schwe⸗ ſtern zu ſtellen, und ſchluckte andaͤchtig den In⸗ halt des heiligen Baͤren von Bradwardine hinab. Ebuard entſetzte ſich nicht wenig, als er die geheiligte Beſtie die Runde um den Tiſch machen ſah, wiewohl ihr Wahlſpruch einlud, ſie in Ruhe zu laſſen. Er ſah wohl, daß, wenn er dem gegebenen Beyſpiele nicht folge, er auf eine unvermeidliche Weiſe den Gaͤſten mißfallen werde, die ihm einen ſo hohen Beweis der größten Hochſchaͤtzung gegeben haͤtten; er ent⸗ ſchloß ſich alſo, ſich dieſer neuen Art Strafe zu unterwerfen, und dann aufzuſtehen, wenn's möͤglich waͤre. So ergriff er den heiligen Baͤr mit feſter Hand, und erwiederte kuͤhnlich den Toaſt; Dank ſeiner feſten Conſtitution, fand er ſich weniger davon belaͤſtigt, als er erwartet hatte. Die andern Gaͤſte, die zuvor die Zeit thaͤtiger angewendet hatten, gaben haͤuſige Be⸗ weiſe der mit ihnen vorgegangenen Veraͤnderung; der Wein wirkte. Man entſagte allem Cere⸗ —, — 117— moniel, aller Etiquette; man vergaß die Ver⸗ ſchiedenheit des Ranges, um ſich nur der Be⸗ geiſterung und den Gefuͤhlen der Freundſchaft hinzugeben, welche die Beruͤhrung des Baͤren hervorgebracht hatte. Man nannte ſich kurz weg Tully, Bully, Killy, ſtatt den ganzen Namen und Titel auszuſprechen. Als der Kelch einigemal herum gegangen war, baten einige ſehr demuͤthig, der Baron von Bradwardine moͤge erlauben, daß der heilige Baͤr wieder hinter ſein Gitter ſpatziere, ein Vorſchlag, der Eduarden das groͤßte Vergnuͤgen verurſachte, weil er nun dieſe Orgien geendet glaubte. Aber er irrte ſich ſehr. ſor. Die Gaͤſte hatten ihre Pferde in dem klei⸗ nen Dorfe ſtehen laſſen, deſſen Gaſthof die Umkehr hieß. Der Baronet wuͤrde geglaubt haben, die Geſetze der Hoͤflichkeit zu verfehlen, wenn er ſie nicht bis zum Eingang begleitet haͤtte. Waverley folgte entweder aus gleicher Urſach', oder weil er die freye Luft noͤthig hatte. Als ſie zu der Art Gaſthof gelangt waren, den Lucia Macleary beſaß, erklaͤrten die Lords Balmahapple und Killancureit, daß ſie ihre Erkenntlichkeit wegen der zu Tully⸗ Weolan erhaltenen Gaſtfreundſchaft beweiſen wollten, und daß ſie hofften, Sir Bradwarf — 118— dine und ſein junger Freund wuͤrden ihnen die Ehre erzeigen, den Sattelſchluck anzunehmen. Wir muͤſſen bemerken, daß der Amtmann, der aus Erfahrung wußte, wie dieſes auf Koſten ſeines Gebiethers angefangene Feſt ſich auf ſeine eigenen endigen werde, geeilt hatte, auf ſeine duͤrre Stute zu ſteigen, deren Seiten er mit Spornſtichen zerriß, um ſie endlich in Trott zu bringen. Sein Herz war eben ſo ſehr von der Hoffnung bewegt, dieſer Gefahr zu ent⸗ wiſchen, als von der Furcht erfuͤllt, der frohen Bande zu begegnen, bevor ſie aus dem Dorfe war. Endlich gelang es ihm doch, trotz der Antipathie ſeiner Roſinante, ſich aus dem Staube zu machen. Eduard mußte ſeinen Wirth zur Umkehr begleiten, weil er ihm in's Ohr geſagt hatte, er wuͤrde ganz gegen das Herkommen verſtoßen, gegen die leges convi- viales, wenn er dieſe Einladung nicht annehme. Es ſchien, als habe die Wittwe Maeleary ſich der Ehre dieſes Beſuchs verſehen, denn gewoͤhnlich endigten ſich die großen Mahlzeiten, nicht nur in Tully⸗Weolan, ſondern auch faſt in ganz Schottland, vor ſechzig Jahren auf dieſe Weiſe. 148 14 Sir Bradwardine's Gaͤſte erneuerten, nach tauſend Dankſagungen fuͤr erzeigte Ehre, die — 119— dringendſten Einladungen, ſie in's Gaſthaus zu begleiten, um ein Stuͤndchen daſelbſt zuzubringen, waͤhrend die Pferde ihren Hafer fraͤßen.„Falſtaff hat wohl Recht,“ ſagten ſie,„nichts gleicht der angenehmen Freyheit, die im Gaſthauſe iſt, das iſt die Wuͤrze der Abendzeit.“ Mißtreß Macleary, die, wie ſchon erwaͤhnt, ſich des Beſuches ſo erhabener Gaͤſte verſah, war bedacht geweſen, das Haus zu fegen, und zwar ſeit vierzehn Tagen zum erſtenmal, auch ihr Kohlenfeuer dem Grade von Feuchtigkeit ge⸗ maͤß einzurichten, der immer in ihrer Huͤtte gleich regierte. Ihr Tannentiſch war mit hei⸗ ßem Waſſer geſcheuert, und ſtand feſt mit Huͤlfe einer untergelegten, großen Kohle; ſie hatte ihn mit fuͤnf oder ſechs grob geſchnitzten Schemeln umſtellt, die ſich nach der Ungleichheit der Diele rechts und links wiegten, und ſtatt des Teppichs eine Hanfmatte darauf gelegt. Sie ſelbſt hatte nicht vergeſſen, weiße Waͤſche und einen Schar⸗ lachmantel anzulegen; ſie wußte ſchon, daß ſie wegen dieſer ungewoͤhnlichen Ausgaben voͤllkom⸗ men entſchaͤdigt werden wuͤrde, und erwarxrtete geduldig die Ankunft ihrer Gaͤſte. Kaum ſaßen ſie um den Tiſch herum, als nach der vom Lord Balmahapple durch Zeichen gegebenen Loſung Lucia Marleary einen ungeheuern zinnernen — 120— Krug, ganz zum uͤberlaufen mit Bordeauxer an⸗ gefuͤllt, hereinbrachte, und neben einem Kelche von Delfter Porcellan, in Geſtalt einer Henne, nieder⸗ ſetzte. Es war nicht ſchwer, voraus zu ſehen, daß der geringe Grad von Vernunft, den der Baͤr ihnen uͤbrig gelaſſen hatte, bald von den Fluͤgeln der Henne erſtickt werden wuͤrde. Waͤhrend des Tumultes und der Verwirrung, die bereits herrſchten, gelang es Eduarden, den gefuͤrchte⸗ ten Kelch bey ſich vorbey kreiſen zu laſſen, ohne ihm die vorgeſchriebene Ehre anzuthun. Alle redeten nun mit ſtarker, erregter Stimme auf einmal; niemand dachte an das, was ſein Nach⸗ bar ſagte, und wollte nur allein gehoͤrt ſeyn. Baron von Bradwardine ſang Franzoͤſiſche Trinklieder, und citirte bey jeder Gelegenheit Stellen aus Lateiniſchen Schriftſtellern. Lord Killancureit ruͤhmte ſeine Kuͤhe, Schoͤpſe, Klee, Luzerne, Ruͤben und lebendige Hecken. Lord Balmahapple lobte mit einer Stentorſtimme ſeine Pferde, Jagdhunde und Falken. Mitten unter dieſem Lerm bat der Baron um einige Augenblicke Gehoͤr, und als er es erlangt hatte, ſprach er:„Ich will Euch das Leibliedchen vom Marſchall des Herzogs von Berwick ſingen, und indem er Ton und Stellung eines Franzoͤſiſchen Musketiers annahm, ſing er alſo an: Mein fluͤchtig Herz, ſprach ſie, Iſt nicht fuͤr dich, du Knabe! S'is fuͤr den baͤrt'gen Soldaten, Lon Lon Laridon. Der traͤgt'n Federhuth, Roth' Abſaͤtze an Schuhen, Und ſpielt die Violine Und Floͤte. Laridon. Balmahapple konnte nicht laͤnger an ſich halten.—„Der Teufel hole Euer Kauder⸗ waͤlſch⸗Franzoͤſiſch,“ rief er mit donnernder Stimme!„Hoͤrt mal ein ſchoͤnes Jagdlied, das einer der hieſigen Dorfmuſikanten geſetzt hat: Wenn der Faſan mit ſchnellem Fluͤgel Durchſeegelt jenen blauen Raum, 8 Und ſchneller als der Blitz am Huͤgel, 2. Des ſichern Jaͤgers Bley ihn kaum 3 Beruͤhrt: ſo faͤllt er— Freude ſtrahlend Betrachtet ihn des Jaͤgers Herz; Und ſeine Hunde theilen, fallend Auf ihre Beute, Luſt und Scherz..... Der Baron, deſſen heiſchere Stimme gaͤnz⸗ lich durch dieſen donnernden Baß uͤberſchrieen ward, fuhr lebhaft geſticulirend mit ſeinem Lon Lon Laridon fort. Balmahapple, der das Wort Reim zu dem Worte Triumph nicht — 122— finden konnte, fing wieder mit neuer Kraftan⸗ ſtrengung an. Als ſein Triumph vollendet war, ſagte er mit freudeglaͤnzendem Geſicht zu dem Baron:„In dieſen wenigen Verſen iſt mehr Sinn, als in allen Eueren Fraͤnkiſchen Lari⸗ dons.“ Dieſer ſah ihn mitleidig an, und nahm langſam eine Priſe Taback. Die außergewoͤhn⸗ liche Vermaͤhlung des Baͤren mit der Henne hatte den jungen Lord aus den Grenzen der Ehrfurcht und Achtung gebracht, in denen er ſich ſonſt gegen den Baron zu erhalten wußte⸗ „Der Wein iſt ſchlecht, es iſt nur Tropf⸗ wein,“ ſchrie er,„ bringt Branntwein her!“ Man gehorchte. Der Teufel der Politik kam bald dazu, um die Unruhe und Unordnung zu vermehren. Der Lord Balmahapple ſtieß alle Umſchweife und Umſtaͤnde uͤber den Haufen, deren ſich der Baron beſtaͤndig in Anſehung Edaurd's bedient hatte, brachte laut ſeinen Toaſt aus, und rief:„Dem tapfern Juͤngling in weißem Sammet, der uns 1702 ſo große Dienſte geleiſtet hatte. Moͤge ſich der Schimmel auf ſeinem eigenen Miſte den Hals brechen!“ Eduard war in dieſem Augenblicke weder kalt⸗ bluͤtig noch aufmerkſam genug, um daran zu denken, daß Koͤnig Wilhelm in Folge eines Falles, den ſein Pferd uͤber einen Maulwurfs⸗ —— — — 123— 4 haufen gethan hatte, geſtorben war; er fuͤhl⸗ te ſich von der herausfordernden Art gereitzt, mit der ihm der Ausrufer dieſes Toaſtes an⸗ ſah. Aber der Baron ließ ihm nicht Zeit, ſein Mißvergnuͤgen zur Sprache zu bringen. „Sir Balmahapple,“ ſagte er,„was ich auch fuͤr politiſche Grundſaͤtze insbeſondere haben moͤchte, ſo erklaͤre ich Euch, daß ich Euch nicht verſtatten werde, die mindeſte Bemerkung, die geringſte Anſpielung zu machen, welche die Ge⸗ ſinnungen des verehrten Edelmannes, den ich das Gluͤck habe, als Gaſt zu beſitzen, verletzen koͤnnten. Wenn Ihr fuͤr die Geſetze der Hoͤf⸗ keit keine Ruͤckſichten habt, ſo achtet wenigſtens den Eyd des Kriegers, der immer heilig gehal⸗ ten wurde. Seht nach im Titus Livius, was er von den Soldaten ſagt, die das Ungluͤck hatten, ihren Eyd zu vergeſſen: Exuere sacra- mentum militare Aber Euch iſt die alte Geſchichte ſo fremd, wie die Vorſchriften des Wohlſtandes es ſind.“— „O ich bin nicht ſo unwiſſend, wie Ihr da ſagt. Ich weiß ſchon, daß Ihr bald der Ligue, bald dem Koͤnige, Euer Vivat bringt; aber die Hoͤlle ſoll ſie bis zum lehten⸗ der Whigs ver⸗ ſchlingen!“... Eduard und der Baron fuhren jetzt zu glei⸗ * — 124— cher Zeit auf, aber der letzte ſprach mit lauter Stimme: 1 „Lord Balmahapple, Ihr beweiſt nicht nur En're Unwiſſenheit vor einen Fremden.. vor einem Englaͤnder, ſondern.. Warverley unterbrach ihn, um Erlaubniß bittend, ihn die Erwiederung einer perſoͤnlichen Beleidigung zu erlauben; aber der Kopf des des Barons war von Wein und Zorn und Be⸗ ſchaͤmung drehend und erhitzt. „Capitain Waverley,“ ſprach er,„ich bitte Euch, laßt mich ſprechen. Ueberall anders wo habt Ihr ohne Zweifel ein Recht, Euch uͤber eine perſoͤnliche Beleidigung und Schmaͤhung zu vertheidigen, aber hier, auf meinem Grund und Boden, in dieſer armen Herrſchaft, deren Eigenthuͤmer ich mich zu nennen wage, erlaubt mir, daß ich Euern Vater vorſtelle, da ich durch die Geſetze der Gaſtfreundſchaft dazu verpflich⸗ tet bin, und daß ich Euch unter dieſem Titel, jede unangenehme und ſchwere Unterſuchung er⸗ ſpare. Was Euch betrifft, Herr Falkenjäͤger Balmahapple, ſo hoff ich, daß Ihr weder den Ton noch den Anſtand vergeſſen werdet, der einem Manne Eutres Ranges zukommt.— „Herr Cosmus Comines von Bradmardine Bradwardine und Tully⸗Weolan,“ erwiederte der 1 3 46 4 4 — 125— Falkenjaͤger,„ich wiederhole Euch, daß wer ſich weigert meinen Toaſt zu erwiedern, mir keiner Ruͤckſicht wuͤrdig ſcheinen wird, und daß ich, trotz ſeiner Krauſe und ſeines Federſtutzes, ihn ſo wie nen Waldhahn auf der Haide behandeln wuͤrde, ja daß ich es eben ſo mit allen denen machen wuͤr⸗ de, welche ihre Freunde verlaſſen, um mit den Hanndveriſchen Ratten Geſellſchaft zu machen.“.. Im Augenblicke waren die Degen gezogen, und von jeder Seite fuͤrchterliche Ausfaͤlle ge⸗ than. Balmahapple war jung, gelenk, und tapfer; aber der Baron fuͤhrte die Waffen mit groͤßter Geſchicklichkeit, und ohne Zweiſel wuͤrde er ſeinen Gegner durchſtoßen haben, wenn er nicht unter dem Einfluſſe der großen Baͤrinn geſtanden haͤtte. Eduard ſtuͤrzte zwiſchen beide Kaͤmpfer, aber der Koͤrper des Lord Killancureit hinderte ihn, der auf der Erde lag. Wie er ſich in die⸗ ſem kritiſchen Augenblickin dieſer Lage beſinden konnte, das konnte nie genau ergruͤndet werden. Einige glaubten, er habe ſich unter dem Tiſche verbergen wollen; aber er behauptete, ausgeglit⸗ ten zu ſeyn, als er ſich mit einen Schemel be⸗ waffnet hatte, um auf Balmahapple einen Ausfall zu thun. Wie dem auch ſey, waͤre nie⸗ mand ſchneller geweſen als er und Waverley die Streitenden aus einander zu bringen, ſo waͤre ge⸗ ———— — 126— wiß Blut gefloſſen. Allein das Degengeklirr kam der Frau Macleary zu Ohren, die vor der Thuͤr beſchaͤftigt war, die Zeche an den Fingern abzuzaͤhlen. Da ſie einen ſolchen Lerm nicht zum erſtenmal hoͤrte, ſtuͤrzte ſie herein und ſchrie: „Was, Ihr Herren, Ihr wollt Euch hier die Haͤlſe brechen, um das Haus einer armen Witt⸗ we in uͤblen Ruf zu bringen! Koͤnnt Ihr denn nicht einen andern Kampfplatz waͤhlen?— Mit dieſen Worten warf ſie mit vieler Ge⸗ wandheit ihren Plaird uͤber beide Degen. Die Diener, welche gluͤcklicherweiſe nuͤchtern waren, kamen gleichſalls herbey, und mit Huͤlfe Ednards und Killancureits gelang es ihnen, die beiden zornſchaͤumenden Kaͤmpfer zu trennen. Man ſchleppte Balmahapplen fort, der ſich in Laͤe ſterungen ergoß, und Flüche und Drohungen in Menge gegen alle Whigs und Presbyteria⸗ ner von England und Schottland ausſtieß. Waverley brachte, mit Saunderſons Huͤlfe, den Baron von Bradwardine in ſeine Behau⸗ ſung zuruͤck; er hatte nicht eher Erlaubniß ſich von ihm zu entfernen, bis er eine Apologie alles deſſen, was ſich zugetragen mit angehoͤrt hatte, wovon Eduard weiter nichts verſtand, als daß ſehr oft dabey von den Centauern und La⸗ pithen die Rede war. — 127— Zwoͤlftes Kapitel. Reue. Verſoͤhnung.* Waverley war nur an Wein mit groͤßter Maͤ⸗ ßigkeit gewoͤhnt, auch erwachte er aͤußerſt ſpaͤt, und als er ſich der Abend⸗Scenen erinnerte, ſo fuͤhlte ſein Herz einen ſchmerzlichen und muͤh'⸗ vollen Eindruck. Er empfand eine perſoͤnliche Beleidigung!— Er, Edelmann, Officier, den Namen Waverley tragend!—„Es iſt wohl wahr,“ ſagte er ſich,„daß mein Beleidiger in einem Zuſtande war, wo er von der wenigen Vernunft, die ihm der Himmel verliehen hat, keinen Gebrauch machen konnte, und eben ſo gewiß iſt's, daß, wenn ich deßhalb Genugthu⸗ ung von ihm fordere, ich die goͤttlichen und menſchlichen Geſetze verletze. Ich kann einem Juͤngling das Leben nehmen, der ſeinem Va⸗ terlande noch große Dienſte leiſten kann, ich kann Zerſtoͤrung in dem Schooß einer Familie bringen. Ich ſelbſt kann fallen.“ So tapfer er war, ſo war ihm dieſe moͤgliche Alternative, bey kaltem Blut unterſucht, nicht anders als hoͤchſt unangenehm. Alle Vorſtellungen dieſer Art kreutzten ſich in ſeinem Geiſte; aber die empfang'ne Belei⸗ — 128— digung hatte einen ſo tiefen Eindruck auf ihm gemacht, daß endlich alle andere Ruͤckſichten ſchwiegen. „Ich bin Officier,“ ſagte er,„ich bin be⸗ leidigt worden, es bleibt kein Zaudern uͤbrig.“ Er kam herunter in Fruͤhſtücksſaal, entſchloſ⸗ ſen, Abſchied von der Familie zu nehmen, um an einen ſeiner Cameraden zu ſchreiben, daß er ihn in dem Gaſthof, auf der Haͤlfte von Tully⸗ Weolan und ihrer Garniſon, treffen, und die Herausforderung den Lord Balmahapple uͤber⸗ bringen ſollte. Miß Roſa war beſchaͤftigt Thee und Kaffeh zu bereiten. Der Tiſch war mit Tellern mit geröͤſtetem Weißbrode von Weitzen und Gerſte, wie Kuchen geformt, mit Zwieback, Eyern, Hirſchruͤcken, Rindfleiſchſcheiben, eingeſalz⸗ nen Lachs, Marmeladen, und andern Leckereyen beſetzt, welche den Schottiſchen Fruͤhſtuͤcken ei⸗ nen ſo großen Ruf erworben haben, daß ſelbſt Johnſon ihr Lob geprieſen hat. Eine große Bowle voll Gerſtenſchleim, mit Butter und Sahne zubereitet, ſtand vor dem Lehnſtuhle des Baronets, als ſein gewoͤhnliches Fruͤhſtuͤck. Miß Noſa ſagte, ihr Vater ſey ſehr fruͤh aus⸗ gegangen, und habe befohlen ſeinen Gaſt ja nicht zu wecken. — 129— Eduard ſetzte ſich nachdenkend und ſchwei⸗ gend nieder, und war mit ſeinen Gedanken ſo beſchaͤftigt, daß er nicht geeignet war, eine gute Meinung von ſeinem Unterhaltungstalente zu erregen. Er antwortete auf zwey oder drey an ihn gerichtere Fragen, die verſchiedene gleichgil⸗ tige Gegenſtaͤnde betrafen, was ihm der Zufall eingab; ſie aͤrgerte ſich aus Hoͤflichkeit, ihn ſei⸗ nem Tiefſinn entreißen zu wollen verſucht zu haben, und gab ihren Vorſatz auf. Sie konn⸗ te nicht begreifen, daß ein Menſch, der ein ſcharlachnes Kleid truͤge, nicht mehr Verſtand habe, ließ ihn nach Gefallen traͤumen, bey ſich ſelbſt die große Baͤrinn verwuͤnſchen ſammt den Zank, welchen ſie verurſacht hatte, und allen Ungluͤck, welches daraus entſtehen koͤnne. Eduard konnte nicht umhin zu zittern, als er durch's Fenſter den Baron und den jungen Balmahapple, ſich fuͤhrend, in großer Unter⸗ haltung erblickte. „Hat der Herr Falkenier denn hier ge⸗ ſchlafen?“ fragte Waverley Miß Roſa. Die⸗ ſe, wenig von dieſer heftigen Frage erbaut, antwortete ein kaltes:„Nein!“ und von neuem war die Unterhaltung wieder aus. Herr Saunderſon trat ein, um dem Capitain anzukuͤndigen, daß ſein Gebiether den Capitain I. J ——— — 130— im Nebenzimmer erwarte. Eduard ſtand ſo⸗ gleich unter gewaltigem Herzpochen auf, welches man ohne Ungerechtigkeit nicht der Furcht zu⸗ ſchreiben konnte; aber welches der Ungewißheit uͤber die Erklaͤrung, der er entgegen ſah, zuge⸗ hoͤrte. Er fand beide Edelleute ſtehend. Ein wuͤr— devolles, zufriedenes Anſehen herrſchte auf dem Geſicht des Barons; aber die Blaͤſſe, welche Balmahapples anmaaßende Zuͤge jetzt bedeckte, gab zu erkennen, daß er ein Naub der Be⸗ ſchaͤmung, des Verdruſſes und der Aergerlichkeit war. Der Baron nahm ihn unter den Arm⸗ und ging auf Eduarden zu; es war als mar⸗ ſchire er gerade aus mit ihm, aber eigentlich ſchleppte er ihn mit ſich fort. Mitten im Zim⸗ mer blieb er aber ſtehen, und ſprach mit vieler Gravitaͤt; „Capitain Waverley, mein junger, ſchaͤtzbarer Freund, Herr Falkenier Balmahapple, hat mir, hinſichtlich der Achtung, die er fuͤr mein Alter, Ehrgefuͤhl, meine Erfahrung, und fuͤr Alles, was Zweykaͤmpfe u. dgl. betrifft, beſitzt, aufgetragen, ſein Dollmetſcher bey Euch zu werden, und Euch ſein Bedauern uͤber gewiſſe Ausdruͤcke zu er⸗ kennen zu geben, die ihm geſtern Abend ent⸗ wiſcht, und die Euch, der Ihr unter den Fahnen — 131— der jetzigen Regierung dient, ohne Zweifel ſehr unangenehm geweſen ſind. Mein Freuud er⸗ ſucht Euch, dieſe Verletzung der Geſetze der Hoͤflichkeit, als Wirkung einer Aufwallung an⸗ zuſehen, die er bey kaltem Blute jetzt ganz wiederruft und biethet Euch ſeine Hand zum Zeichen der Freundſchaft. Ich kann Euch ver⸗ ſichern, Capitain Waverley, daß nur die Ue⸗ berzeigung: d' etre dans son tort, wie die Fran⸗ zoſen ſagen, und ſeine Achtung fuͤr Euer per⸗ ſoͤnliches Verdienſt, meinen Freund haben bewe⸗ gen koͤnnen, dieſen Schritt zu thun: denn er iſt aus einem Geſchlecht, wo ſeit undenklichen Zei⸗ ten, die Tapferkeit erblich iſt, oder: mavortia pe- ctora, mich Buchanan's Ausdruck zu be⸗ dienen.“ 3 Eduard beeilte ſich hoͤflicher Weiſe Lord Bal⸗ mahapples dargebothene, oder, um wahrer zu ſpre⸗ chen, durch den Friedensſtifter dargereichte Hand anzunehmen.—„Ich erinnere mich nicht,“ ſagte er„der Ausdruͤcke, die dieſer Edelmann ſich bedient zu haben bereut; und glaube, daß ſie nur dem Luxus des Feſtes zuzuſchreiben ſind, daß uns geſtern gegeben ward.“ —„Gut geantwortet,“ rief der Baron, nes kann wohl Einer an dem Tag einer Er⸗ getzlichkeit einen Rauſch haben, und deßhalb 6 2 “ — 132— doch ein ehrlicher Mann bleiben, wenn er nuͤch⸗ tern wiederruft, was er unter dem Einſluſſe des Weines geſagt haben kann, und ſpricht: vinum locutum est. Aber ich wuͤrde mich wohl huͤ⸗ then, dieſe Entſuͤndigung auf gewoͤhnliche Trun⸗ kenbolde zu erſtrecken, die, ſo zu ſagen, ihr gan⸗ zes Leben in einer Geiſteszerruͤttung zubringen, die ihnen nicht erlaubt, die Vorſchriften der Hoͤflichkeit und die Geſetze der Geſellſchaft zu ſchaͤtzen: die moͤgen wenigſtens Ueberwindung, Maͤßigung lernen, wenn Bachus ſie ſtempelt; doch wir wollen nicht mehr von dem Vergan⸗ genen ſprechen, laßt uns zum Fruͤhſtuͤck gehen.“ Was man auch immer aus dem Geſtaͤnd⸗ niſſe, welches ich jetzt thun werde, fuͤr eine Schlußfolge ziehen moͤchte: ſo muß ich zur Steuer der Wahrheit bekennen, daß Eduard, nach dieſer Erklaͤrung, Miß Roſa's Fruͤhſtuͤcke weit mehr Ehre machte, als er geglaubt hatte. Balmahapple war dagegen voͤllig verlegen und niedergeſchlagen. Waverley bemerkte, daß er den rechten Arm in der Binde trug, welches die gezwungne Weiſe erklaͤrlich machte, mit der er ihm die Hand reichte. Auf Miß Roſa's 3 Fragen deßhalb, antwortete er, er waͤre mit dem Pferde geſtuͤrzt, und habe ſich die Hand verrenkt. Da er ſich nicht wohl zu befinden * 33 — 139— ſchien, ſtand er gleich nach dem Fruͤhſtuͤck auf, und nahm Abſchied, trotz der dringenden Ein⸗ ladungen, die ihn der Baron zum Mittagseſ⸗ ſen machte. Waverley gab ſein Vorhaben, nunmehr bald Tully⸗Weolan zu verlaſſen, jetzt zu erkennen; er wollte auf der erſten Poſtſtation uͤbernach⸗ ten, aber den ſchmerzlichen Eindruck bemerkend, den dieſe unerwartete Neuigkeit auf den alten Edelmann machte, war er nicht faͤhig darauf zu beſtehen. Kaum hatte der Baron von Wa⸗ verley das Verſprechen verlangt, ſeinen Beſuch zu verlaͤngern, ſo dachte er auch ſchon auf Mit⸗ tel die Zeit ſeiner Abreiſe zu verzoͤgern, indem er die Urſachen, welche ihn dazu beſtimmen konnten, zu verſchieben ſuchte. „Capitain Waverley,“ ſagte er,„es ſollte mir ſehr leid thun, wenn Ihr Euch einbildetet, daß ich durch meine Beyſpiele und Reden die Unmaͤßigkeit in Schutz naͤhme. Ich leugne nicht, daß bey dem Feſte, daß geſtern ſtatt gefunden hat, einige meiner Freunde, wo nicht voͤllig betrunken: ebrii, doch meiſtens ein klein wenig: ebrioli, waren; Epitheten, womit die Alten diejenigen bezeichneten, die den Verſtand verloren hatten, oder die, wie Ihr methapho⸗ riſch in England ſagt, auf den Boden ſind. — 134— Denkt nicht etwa, daß ich von Euch ſpreche, Capitain, Gott behuͤthe! ich habe mit Vergnuͤ⸗ gen bemerkt, daß Ihr Euch als ein kluger, zu⸗ ruͤckhaltender Juͤngling betragen und den Trunk verweigert habt. Auch mich kann dieſer Vor⸗ wurf eben ſo wenig angehen; ich bin an der Tafel manches großen Generals geweſen; ich habe immer den Wein vertragen koͤnnen, und Ihr ſeyd Zeuge, daß ich mich geſtern Abend nicht einen Augenblick von dem Anſtande einer liebenswuͤrdigen Luſt entfernt habe.“ Einer ſo foͤrmlich ausgeſprochenen Entſchei⸗ dung war nichts entgegen zu ſtellen, obgleich Waverley bemerkt hatte, daß der Baron nicht nur im Zuge war, ebriolus, ſondern, daß er anfing betrunken zu werden, oder, um die Wahrheit zu ſagen, daß er es von allen in der Geſellſchaft am meiſten war, wenn man ſeinen Gegner, den Lord Balmahapple, davon ausnahm. Er konnte nicht umhin, ſeinem ſo deutlich ausge⸗ ſprochenen Verlangen beyzupflichten, und ſeine Maͤßigkeit zu becomplimentiren.— „Nein, Capitain,“ fuͤgte der Baron hinzu, „ob ich gleich viel vertragen kann, ſo mag ich doch die Trunkenbolde nicht leiden; ich verab⸗ ſcheue diejenigen, die nur aus Luſt trinken, gulae causa, und aus ihrem Schlund ein Spundloch — — — 135— machen. Ob ich gleich nicht der Meinung des Pittacus von Mitylene bin, welcher die un⸗ ter Bacchus Einfluſſe begangenen Verbrechen doppelt beſtraft wiſſen wollte; ob ich gleich die Vorwuͤrfe nicht billige, welche der juͤngere Plinius den Trinkern, im vier und dreyßigſten Buche ſeiner vortrefflichen Naturgeſchichte, macht: ſo weiß ich doch Ort und Zeit zu unterſcheiden, um zu verdammen, oder zu entſchuldigen. Ich billige die Heiterkeit, welche der Wein hervor bringt, und Horaz ſagt: Es iſt erlaubt ſich einen Augenblick zu vergeſſen, wenn man einen Freund wieder ſieht.“ Der Baron ſchloß dieſe Apologie, die er fuͤr noͤthig hielt, um den Ueberſchwang ſeiner Groß⸗ muth bey ſeinem Gaſte zu entſchuldigen; und man wird leicht glauben, daß ſich Eduard wohl huͤthete, ihn zu unterbrechen oder zu widerſpre⸗ chen. Er lud ſeinen Gaſt auf den andern Tag zu einer Jagdpartie ein, und befahl dem David Gellatley, ſie des Morgens fruͤh mit den Lauf⸗ hunden auf dem einſamen Fußſteige erwarten.— „Ob es gleich außer der Jagdzeit iſt,“ ſetzte er hinzu,„will ich Euch doch einen Begriff von unſrer Art zu jagen geben, und ich hoffe, daß wir nicht in's Schloß zuruͤckkehren wer⸗ den, ohne einigen Rehböcken zu begegnen. Dieſe — 136— Jagd, Capitain, haben wir zu jeder Jahrszeit, weil dieſes Wild keine beſtimmte Zeit hat, in der es vollkommen fett iſt; auch kommt ſein Wild⸗ pret nie dem des Rothwilds gleich. Ihr wer⸗ det wenigſtens die Geſchicklichkeit meiner Kup⸗ peljadhunde kennen lernen, die uns David Gel⸗ latley voraus fuͤhren wird.“ Waverley bezeigte ſein Erſtaunen, daß man den armen Gellatley einen ſolchen Auftrag gaͤ⸗ be; aber der Barxon beeilte ſich ihn zu be⸗ lehren, daß dieſer Unſchuldige kein Verruͤckter ſey, ſondern nur ein wenig dickes Hirn habe, und daher ſorglos und faul waͤre.—„Was man ihm auftraͤgt, richtet er gut aus, wenn's ſeiner Laune und ſeinem Geſchmacke nicht entge⸗ gen laͤuft;“ ſagte er,„es iſt ihm lieb, daß man ihn zu Etwas braucht, und wir intereſſiren uns ſehr fuͤr ihn, ſeitdem er ſein Leben ausſetzte, Roſa aus einer großen Gefahr zu erretten. Seitdem ißt und trinkt er im Schloſſe, und, wenn man den, oft unſtatthaften Berichten des Amtmanns und Kellermeiſters trauen darf, ſo arbeitet er auch wenn's ihm beliebt⸗ und die Sache ihm anſteht.“ Miß Roſa etzaͤhlte jetzt Wanerly, daß der arme Unſchuldige von Natur ein ganz eignes Talent zur Muſik habe; daß traurige Geſaͤnge „ —-— ihn tief ruͤhrten, und er bey lebhaften und heitern Liedern ausſchweifend luſtig ſey. „In dieſer Hinſicht,“ fuͤgte ſie hinzu,„iſt er mit einem erſtaunlichen Gedaͤchtniſſe begabt, er erinnert ſich aller Muſikſtuͤcke und Geſaͤnge von verſchiedener Art, und richtet ſie mit vieler Geſchicklichkeit an Perſonen und Begebenheiten, entweder ſich uͤber ſie luſtig zu machen, oder ihnen irgend eine Anwendung zu geben. Er iſt denen, die ihm Gute bezeigen, ſehr treu; allein auch eben ſo empfindlich uͤber Schmaͤ⸗ hungen, und uͤbele Behandlung, nnd wenn er Gelegenheit hat, ſich zu raͤchen, ſo weiß er ſie gut zu benutzen. Die Bauern, die ſich, trotz ihrer Roheit, gut unter einander zu ſchaͤtzen verſtehen, achteten den armen Unſchuldigen nicht ſehr, als er von Thuͤre zu Thuͤre betteln ging; aber ſeit ſie ihn nett gekleidet, mit allem verſorgt, im Schloß ſehen, haben ſie mir ver⸗ ſchiedene aͤußerſt witzige Einfaͤlle von ihm mit⸗ getheilt. Sie ſchließen, milderweiſe, daß er kein Narr mehr iſt, und daß man ihn zur Arbeit zwingen ſolle. Aber ihre Meinung hat keinen beſſern Grund, als die der Neger, die behaup⸗ ten, daß die Affen aus keiner andern Urſache nicht reden, als weil ſie befuͤrchteten, ſonſt zur Arbeit gezwungen zu werden. — 138— David Gellatley war wirklich das, was er zu ſeyn ſchien, ein Verruͤckter. Aber fuͤr einen Narren hatte er zu viel Urtheilskraft, fuͤr einen Dummkopf zu viel Scharfſichtigkeit. Seine oft bewieſene, ausgezeichnete Geſchicklichkeit zur Jagd, ſeine Neigung zu allen Thieren, ſein außeror⸗ dentliches Gedaͤchtniß, ſein Geſchmack an der Muſik, machten ihn bemerkbar und beliebt. Im Hofe hoͤrte man Pferde; Gellatley hielt zwey gekoppelte, ungeheuere Jagdhunde am Stricke, kam naͤher, und fing an zu ſingen: Ihr, dem Flug des Zephirs gleich— Neue Bucephalen,* Eilt durch Kluͤfte, Berg und Flur, Ebenen und Thalen! Brecht die Siegespalmen dort, Theilt die edlen Muͤhen Eures guten Herrn und Hort. Sonne faͤngt zu gluͤhen Von den Huͤgelgipfeln an! Thau iſt ſchon zerfloſſen, Unter Blattgeweben huͤpft Rehbock und Genoſſen, Springt, in ungewiſſem Lauf, Und bleibt ſchuͤchtern ſtehen. Der Faſan, aus dichtem Gras 4 Flattert zu den Hoͤhen,/ Aufgeſchreckt aus ſichern Ort, — Flieht er jetzt geſcheuchet, Bis in ſchuellem Winkelzug Jaͤger ihn erreichet. Blut bedeckt den Raſen nun, Doch entfernt, der Haſe Schuͤchtern ſich in Roͤhrigt birgt, Raſchelnd in dem Graſe. Nah' bey ihm Melampus gibt Es dem Herrn zu wiſſen, Hand und Auge iſt gewiß, Und— vom Bley zerriſſen, Das im langſam Nahen fliegt, Dem er nicht entrinnen Kann, ſo ſtuͤrzet er beſiegt. Doch ihr eilt von hinnen, 4 Odemlos durch's Thal dahin Eilt ihr, wie zunm Tanze. Horch! die Hoͤrner in dem Wald, Fuͤhlſt ſchon Hirſch die Lanze?.. Hoͤrt! Halloh, halloh, halloh, Auf..... „Sind dieſe Reime alte Schottiſche Dich⸗ tung!“ fragte Waverley Miß Roſa. „Ich glaube nicht,“ antwortete ſie,„der arme Menſch hatte einen Bruder, dem der Himmel viel Talent, ohne Zweifel zur Ent⸗ ſchaͤdigung fuͤr die außerordentliche Armuth ſei⸗ ner Familie, verliehen hatte. Sein Oheim ließ ihn zum Geiſtlichen erziehen, aber der Tod erlaubte ihm die Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens — 140— nicht. Der junge Menſch kam aus dem Colle⸗ gium zuruͤck, war ohne Stuͤtze, ohne Mittel, graͤmte ſich daruͤber allzuheftig, und fiel in eine toͤdtliche Auszehrung. Mein Vater nahm ſich ſeiner an, bis zu ſeinem Tode, welcher vor dem zwanzigſten Jahre erfolgte. Er blies die Floͤte ſehr ſchoͤn, und man ſagt, er habe gro⸗ ßes Dichtertalent beſeſſen. Seinen Bruder liebte er ſehr, der ihn ſo wenig veeließ, wie ſein Schatten, und wir halten dafuͤr, daß David die Fragmente ſeiner Lieder, die denen dieſes Cantons nicht im Geringſten gleichen, von ihm hat. 5 Wenn er ſie jemand lehren ſoll, ſo bricht er in ein lautes Gelaͤchter aus, vergießt dabey Thraͤnenſtroͤme, und fängt erbaͤrmlich an zu ſchreyen. Nie aber erklaͤrt er ſich anders dar⸗ uͤber, und nie hat man ihn den Namen des Bruders mehr ausſprechen hoͤren, den er das Ungluͤck hatte zu verlieren.“ 4 Dieſe Erzaͤhlung, die mit Eduard's roman⸗ tiſchen Vorſtellungen uͤbereintraf, intereſſirte ihn auf's Lebhafteſte. „Vielleicht,“ ſprach er,„vielleicht gelaͤnge es, andere Erklaͤrungen aus ihm zu bringen, wenn man ihn ſanft und geſchickt befragte.“ „Wohl moͤglich,“ erwiederte Miß Roſa, — 141— aber mein Vater hat niemanden erlauben wol⸗ len, deßhalb in ihn zu dringen.“ Mit Saunderſon's Huͤlfe war jetzt der Baron in ein paar ungeheuere Jagdſtiefeln gefahren; rief unſern Helden, und ſtieg, mit ſtarkem Tritt die Abſatze, und indem er auf der Rampe mit Peitſchenſchlaͤgen ſpielte, die Treppe herunter⸗ mit lauter Stimme das Jagdlied intonirend, das er am Hofe Ludwigs XIV. gelernt hatte: Pour la chasse ordonnée il faut préparer tout Holà! ho! ho! vite! vite! debout!*). Dreyzehntes Kapitel. Ein vernuͤnftiger als der vorige hingebrachter Tag⸗ Der Baron ritt ein aͤußerſt hitziges, jedoch gut zugerittenes Pferd. So wie er da, auf den mit den Farben ſeiner Livree reich verzierten Decken, im Sattel ſaß, haͤtte man geglaubt, eine alte Bereiterſchule zu ſehen. Sein gruͤnes, *) Zur anberaumten Jagd macht Alles nun bereit! Halloh, hoho! Auf, auf, geſchwind, auf, auf! — 142— betreßtes Kleid, ſeine reich geſtickte, ſeidene Weſte, ſein kleiner Huth, mit goldenen Treſſen, gaben ihm ein fremdartiges Ausſehn; zwey Reit⸗ knechte zu Pferde, mit Piſtolen im Sattel, folg⸗ ten ihm. Alle Paͤchter der Gegend ſtaunten ihn an, wenn er des Weges daher trottirt kam. Sie kamen endlich in einen angenehmen Thal⸗ grund, wo Gellatley ſchon mit zwey ungeheueren Huͤhnerhunden, und einem halben Dutzend an⸗ derer auf ſie wartete. Er war von einer Menge kleiner Jungen barfuß und barhaupt umgeben, die, um zu der Ehre, ihn begleiten zu duͤrfen, zu gelangen, betacht geweſen waren, Gellatley's Ohren mit dem Titel Herr zu kitzeln, wiewohl ſie ihn unter ſich nur den Dummkopf nannten. Nicht nur im Dorfe Tully⸗Weolan bedient man ſich der Schmei⸗ cheley bey angeſtellten Perſonen, es war dieſes ein vor ſechszig Jahren allgemein angenomme⸗ ner Gebrauch; er beſteht noch, er wird ohne Zweifel noch in zweyhundert Jahren beſtehen, wenn das ſo laͤcherliche Gemiſch von Narrheit und Niedertraͤchtigkeit, wie man die Welt nennt, noch zu dieſer Zeit da iſt. Dieſe kleinen Barfuͤßer waren zum Buſch⸗ klopfen beſtimmt; ſie richteten ihren Auftrag ſo gut aus, daß nach Verlanf einer halben — 143— 3 1 Stunde ſchon ein Rehbock auf's Korn genom⸗ men, verfolgt und getoͤdtet war. Der Baron ſprengte aus Leibeskraͤften mit ſeinem Schimmel herbey, er zog ſein mit ſeinem Wappen gezier⸗ tes Jagdmeſſer, weidete majeſtaͤtiſch das Thier, und ließ Waverley bemerken, daß die Franzoͤ⸗ ſiſchen Jaͤger dieſes faire la curèe nennen. Nachdem er dieſe Ceremonie beendet hatte, fuͤhrte er ſeinen Gaſt auf einem ſchlaͤngelnden Pfade in's Schloß zuruͤck, der ſehr angenehm war; er war durch den Gipfel eines Holzab⸗ hanges gehauen, von dem man in der Entfer⸗ nung eine große Menge Berge und Doͤrfer ent⸗ deckte. Von jedem wußte er eine hiſtoriſche oder genealogiſche Anekdote; aber zuweilen be⸗ wies er viel geſunde Vernunft dabey, und zeigte die edelſten, großmuͤthigſten Geſinnungen, und wenn ſie auch nicht immer ſo intereſſant waren, ſo hoͤrten ſie doch nicht auf, die Neugier zu reitzen. Der Spatziergang geſiel einem wie den an⸗ dern, wiewohl ihre Gemuͤthsarten und Ge⸗ wohnheiten ganz entgegengeſetzt waren. Der Leſer weiß ſchon, daß Eduard mit einer unge⸗ woͤhnlichen Empfindſamkeit begabt war, mit ei⸗ ner lebhaften, ſchwaͤrmeriſchen Einbildungskraft, mit einem romantiſchen Geiſtesſchwung, und — 144— daß er die Dichtkunſt leidenſchaftlich liebte. Der Baron war ihm hierin auf keine Weiſe aͤhn⸗ lich; er ruͤhmte ſich ſeines Stoicismus, der ihn außer den Angriffen des Gluͤcks und der Menſchen ſetze. Was die Literatur betrifft, ſo konnte man nicht leugnen, daß er die Claſſiker genau kannte. Er hatte die Ueberſetzung der Pſalmen von Johnston, die Deliciae poeta- rum, verſchiedene Geſchichten und Reiſebeſchrei⸗ bungen, Schaͤfergedichte, Memoiren und Ab⸗ handlungen uͤber politiſche und religioͤſe Dinge geleſen. Ob er gleich von Zeit zu Zeit allen Muſen huldigte, ſo muß man ſagen, um der Wahrheit die Ehre zu geben, daß er ein ſon⸗ derbares Vergnuͤgen daran fand, ſein Gedaͤcht⸗ niß mit Sentenzen, Apophthegmen u. ſ. w. zu bereichern, die ihm in wenig Worten einen Auszug der ungeheuerſten Subſtanz im Ganzen gewaͤhrten. Er konnte ſich zuweilen nicht ent⸗ halten, ſeine Verachtung uͤber die unnuͤtze Kunſt, Gedichte zu machen, zu erkennen zu geben:— Der einzige Autor, der ſich in dieſer Gattung ausgezeichnet habe, ſey Alain Ramſay ge⸗ weſen, ſagte er. Obgleich Eduard von ihm unermeßlich weit entfernt war,— toto coelo, haͤtte der Baron geſagt— ſo gewaͤhrte ihnen dennoch die Geſchichte — 145— einen ihrem Geſchmacke angemeßnen Genuß. Der Baron liebte nur große Begebenheiten, ſtarke Erſchuͤtterungen, wie ſie die Geſchichte ganz einfach vortraͤgt, ohne Schminke, ohne Zierrath; Eduard zog im Gegentheile die Ge⸗ maͤhlde und Beſchreibungen vor, welche die Einbildungskraft mit ihren glaͤnzenden Farben verſchoͤnert; er konnte nichts leiden, als jene Feuerzuͤge, die Geiſt und Leben denen geben, welche die Geſchichte aufſtellt. Trotz dieſem entgegengeſetzten Geſchmacke geſielen ſie ſich doch einander. Die Einzelheiten, die der Baron in ſeiner Erinnerung fand, bothen Waverley zum Spiele fuͤr ſeine Einbildung Arbeit dar, und oͤffneten ihm eine neue Laufbahn von Zu⸗ faͤllen und Characteren; von ſeiner Seite er⸗ wiederte er die Genuͤſſe, die er ihm gewaͤhrte, weil er mit groͤßter Aufmerkſamkeit zuhoͤrte. Es gibt keinen Erzaͤhler, der fuͤr dieſe Hoͤflich⸗ keit nicht erkenntlich waͤre; aber der Baron ſah dieſen Beweis von Achtung mit dem groͤßtan Vergnuͤgen. Eduard fand Geſchmack an ſeinen klugen Bemerkungen, an ſeinen empfindungs⸗ vollen Betrachtungen, die ſeinen Anekdoten mehr Gewicht und Glanz ertheilten. Der Baron redete ſehr gern von den Abentheuern ſeiner Ingend, die er mit Feldzuͤgen in fremden I. K — 146— Laͤndern zugebracht hatte; er kannte die anzie⸗ hendſten Particularitaͤten, von den Generalen, unter denen er gedient hatte. Unſere beiden Jaͤger kamen nach Tully⸗ Weolan zuruͤck, einer mit dem andern zufrieden. Waverley faßte den Entſchluß, neit groͤßter Sorgfalt den Charakter des Barons zu erfor⸗ ſchen, den er fuͤr originell, aber fuͤr intereſſant hielt. Er betrachtete dieſen Ritter, wie ein koſtbares Repertorium von alten und neuen Geſchichten; ſeiner Seits ſah Sir Bradwardine den Juͤngling als einen an, der die ſchoͤnſten Hoffnungen von ſich ahnden laͤßt, als juvenem bonae spei„Es iſt, als ob er ganz anders waͤre,“ ſagte er,„als die jungen Unbeſonnenen, die die Vorſchnelligkeit ihres Alters nicht be⸗ zwingen koͤnnen, und ſich oft erlauben, die Neinung kluͤgerer Leute, die ſie nur mit Un⸗ geduld anhoͤren, laͤcherlich zu machen.“ Er ſagte mit Vergnuͤgen dieſem jungen Krieger den glaͤnzendſten Erfolg voraus. Es war kein frem⸗ der Gaſt da, als Herr Rubrick, und ſeine Un⸗ terhaltung, als Geiſtlicher und Gelehrter, war voͤllig mit der des Barons und ſeines Gaſtes uͤbereinſtimmend. Einige Minuten nach Tiſche, um zu bewei⸗ ſen, daß er ſich nicht nur der Maͤßigkeit geruͤhmt — 14,— habe, ſondern ſie auch auszuuͤben wiſſe, ſchlug der Baron vor, Miß Roſa einen Beſuch abzu⸗ ſtatten, oder, um uns ſeines Ausdruckes zu bedienen, in das dritte Stockwerk zu ſteigen. Er fuͤhrte alſo Waverley durch zwey bis drey enge, finſtere Corridors, nach den Geſetzen der alten Schottiſchen Baukunſt, und ſie gelangten an eine ſteinerne Wendeltreppe. Der Baron nahm zwey Stufen auf einmal, und kam Wa⸗ verley und Herrn Rubrick zuvor, um ſeiner Tochter den Beſuch anzukuͤndigen, den ſie er⸗ halten ſollte Nachdem ſie zum ſchwindlich werden ſich auf dieſer Treppe herum gedreht hatten, kamen ſie endlich an eine kleine viereckige Thuͤre, mit Teppichen umgeben, den sanctum sanctorum von Miß Roſa's Vorzimmern. Sie gelangten in einen kleinen, aber angenehm nach der Mit⸗ tagsſeite zugekehrten Saal; zwey Gemaͤhlde be⸗ fanden ſich an der Tapetenwand, wovon das eine Miß Roſa's Mutter im Schaͤferkleide, den Schaͤferſtab in der Hand, vorſtellte; das andre war der Baron im dreyßigſten Jahre, in einem blauen Kleide, geſtickter Weſte, betreßtem Hu⸗ the, einer Beutelperuͤcke, einen Bogen in der Hand haltend. Eduard konnte ſich des Lächelns nicht enthalten, als er dieſes Coſtuͤme und die K 2 — 148— geringe Aehnlichkeit ſah, die zwiſchen der run⸗ den, rothen, friſchen Geſtalt des Bildes, und dem bleichen, magern, langen und runzelvollen Geſicht Sir Bradwardine's, als Folge der Be⸗ ſchwerden, die er erlitten, und des Gewichts der Jahre, ſtatt fand. Auch der Baron laͤ⸗ chelte.— „Ich mußte mich bey dieſem Gemaͤlde nach der Phantaſie meiner verehrten Mutter richten; ſie war Lord Tulliellum's Tochter; ſein Schloß habe ich Euch gezeigt, als wir von der Jagd kamen; es ward 1715 durch die Hollaͤnder ab⸗ gebrannt, die als Huͤlfstruppen erſchienen wa⸗ ren. 8 haͤtte nie daran gedacht, mich mahlen zu laſſen, wenn ich nicht gleichſam durch die wiederholten Einladungen des Marſchalls von Berwick dazu gezwungen worden waͤre.“ Deer tapfere Ritter fuͤgte nicht hinzu, was Herr Rubrick Eduarden in der Folge ſagte: daß ihm der Marſchall dieſe Ehre erzeigte, um ihn fuͤr die Tapferkeit zu belohnen, die er be⸗ wieſen hatte, als er zuerſt durch die Breſche ſtieg, als, 1709, bey der Belagerung einer Veſte in Savoyen, er ſich mit halber Lanze zehn Minuten lang vertheidigte, damit die Verſtaͤrkung Zeit gewann, nach zu kommen. Man muß dem Baron Gerechtigkeit wiederfah⸗ — 1 4—„.— ren laſſen, wiewohl er die Wuͤrde ſeines Ge⸗ ſchlechts gern aͤbertrieb, ſo war er wirklich zu tapfer fuͤr ſeine Perſon, um dieſes Umſtandes zu erwaͤhnen. Miß Roſa kam aus ihren Zimmern, um ihren Vater und ſeine Freunde zu empfangen. Die Beſchaͤftigungen und Arbeiten, denen man ſie uͤberlaſſen ſah, gereichten ihren gluͤcklichen Naturanlagen zur Ehre, die nicht einmal der Pflege bedurften. Ihr Vater hatte ihr Fran⸗ zoͤſiſch und Italieniſch gelehrt; ſie wußte in dieſen Sprachen mehreres auswendig. Er hatte es auch in der Muſik mit ihr verſucht, aber er fing mit den aller ſchwierigſten Auseinander⸗ ſetzungen an, oder war vielleicht nicht im Stande, in dieſer Wiſſenſchaft Unterricht zu ertheilen; wie es auch ſey, Miß Roſa's Faͤhigkeit beſtand nur im Harfenſpiel, das zu der Zeit ſehr ſelten in Schottland war. Sie ſang mit Geſchmack und Richtigkeit, ſie wußte ihre Toͤne nach den verſchiedenen Gefuͤhlen einzurichten, welche die Wopyte ausdruͤckten; es waͤre nicht uͤberfluͤſſig, daß ſich mehrere unſerer beruͤhmteſten Virtuo⸗ ſinnen nach dieſem Beyſpiele bildeten! Ihr ein⸗ facher, richtiger Sinn hatte ſie belehrt, daß, wenn die Muſik, wie Sachverſtaͤndige es ſtets behauptet haben, ſich nicht mit der ſchoͤnen — 150— Poeſie vereint, es nur allzu oft geſchiehet, daß die erſte ſich auf aͤrgerliche Weiſe von ihr ſchei⸗ det. Vielleicht waren Miß Roſa's Geſchmack an Dichtung, und die Muͤhe, welche ſie ſich gab, durch die Noten ihre Geſinnungen auszu⸗ druͤcken, die Urſachen, daß ihr Geſang den groͤßten Virtuoſen und denen gleich gefiel, wel⸗ che nicht das Mindeſte von der Muſik verſtan⸗ den; ſo zog man auch ihre Stimme ſchoͤneren vor, welche von glaͤnzenderer Ausfuͤhrung wa⸗ ren, wenn ſie nicht von ihrem Jartgefuͤhle geleitet wurden. † Ein weiter Balcon, der unter den Fenſtern hinging, gab eine andere Beſchaͤftigung von Miß Roſa zu erkennen. Er war mit allerley Blumen beſetzt, die ſie mit groͤßter Sorgfalt pflegte. Durch einen Thurm gelangte man auf dieſen Gothiſchen Balcon, von dem man eine bezauberende Ausſicht hatte. Der Garten, der ſich gerade darunter befand, ſchien von dieſer Hoͤhe herab geſehen, nur ein einfaches, mit hohen Mauern umgebenes Blumenbeet zu ſeyn. In einiger Ferne erblickte man Wieſen und Gehoͤlz von einem Bache durchzogen, den man nur hier und da erkannte, waͤhrend ihn an mehreren Stellen die Baͤume gaͤnzlich verbargen. Mit Entzuͤcken verweilte das Auge auf den .— — 151— Berggipfeln, die ſich mit ihren koloſſaliſchen Pyramiden aus den dicken Waͤldern empor hoben, und blieb vorzuͤglich auf die edlen Rui⸗ nen des alterthuͤmlichen Thurmes geheftet, die auf dem Felſenvorſprung, der als Vorgebirge uͤber dem Waldbache hing, ſich zeigten. Zur Linken ſah man einige Dorfhuͤtten, das Uebrige verſteckten die Kluͤfte. Die Wieſe begrenzte eine Art Teich, welchen man den See Weolan nannte; in ihn floß der Bach, der in die⸗ ſem Augenblick die Strahlen der untergehenden Sonne auf eine mahleriſche Weiſe ſpiegelte. Im weiten Hintergrunde war eine ganz ebene Ferne, und endlich begrenzte eine blaue Kette von Felsgebirgen nach der Mittagsſeite die Ausſicht dieſes Thals. Miß Roſa hatte auf dieſem reitzenden Belvedere den Kaffeh auftra⸗ gen laſſen. Der alte Thurm und die Veſte veranlaßte den Baron, mit großer Begeiſterung verſchie⸗ dene Anekdoten aus der Ritterzeit zu erzaͤhlen. Die Spitze eines bogenartigen Felſens, dem Thurme gegenuͤber, nannte man: Sanct Swithin's Kanzel. Der Aberglaube und die Leichtglaͤubigkeit hatten ſie zum Schauplatze vieler wunderbaren Begebenheiten gemacht, die Herr Rubrick erzaͤhlte. diß Roſa ward ge⸗ — 152— beten, eine Romanze zu ſingen, die einige laͤnd⸗ liche Dichter nach dieſer Legende des Landes gedichtet hatten. Die Sanftheit ihrer Stimme, der Reitz der einfachen, natuͤrlichen Muſik, gaben dieſem Geſange alle Anmuth, die man wuͤnſchen konnte, und deſſen die Poeſie bend⸗ thigt war. Ich fuͤrchte, daß, da die Leſer die⸗ ſes Vortheils beraubt ſind, dieſe Scene die Geduld derſelben ermuͤden koͤnne, obgleich es ſcheint, als ſey die Copie, die ich ihnen hier gebe, von Waverley verbeſſert worden. Die Kanzel des heiligen Swithin. Wuͤnſchet Ihr, daß Friedenstage, Gatten! Euren Lebenslauf Stets erhellen, ſonder Klage, Geht nie die Gebete auf! Suchet nie die Schlummerſtaͤtte, r Ohne zu der Jungfrau Thron Keiß zu ſenden die Gebete— Sonſt ſpricht Euch die Herxe Hohn! DOefters ihre Rabenſchwingen Spreitend, zieht ſie durch die Nacht; Und in Schloß und Huͤtte dringen Schreckniſſe von ihrer Macht. Eilt, zu Sanct Swithin zu beten, Wittw' und Waiſe fanden ihn Stets bereit, ſie zu vertreten, Darum neigt Euch tief vor ihm!— . — 133— Vor geweihter Kanzel beuget Eure Kniee, Euer Herz; Bleibet, bis der Tag verſcheuchet Naͤchtlich Grauen hinterwaͤrts. Einſt, zu kalter, truͤber Zeiten Daͤmmrung, ging Sir Bradwardin's Hausfrau traurig aus dem weiten, Schloſſe, einſam und allein. Durch dir Locken ſpielten Luͤfte, Blaß und bleich die Schoͤne war; Neigend ſich zum Schlund der Grufte, Both ein muthlos Bild ſie dar. Auf der Kanzel ſitzt ſie nieder, Ihre Stimme zitternd fleht: „Schnelle Antwort gib mir wieder, Gio der Gatkrinn Angſtr Gebet: Ach, es ſind bereits vier Jahre, Daß mein Mann zu Felde zog! Liegt er wohl längſt auf der Bahre? Oder— kommt er wieder noch?— „Ich bedau're die Erwartung der Geſellſchaft, insbeſondere die des Capitain Waverley, der ſo aufmerkſam zugehoͤrt hat, getaͤuſcht zu ha⸗ ben,“ ſagte Miß Roſa,„aber ich habe dieſes Fragment nicht zu ergänzen vermocht. Ich haͤtte gewuͤnſcht, die Ruͤckkehr des Laird's aus langen Feldzuͤgen, und die Art und Weiſe be⸗ ſchreiben zu koͤnnen, wie Milady, in eine thoͤ⸗ nernde Statue verwandelt, gefunden ward.— „Daß iſt eine der Dichtungen,“ ſprach der Baron,„die in den Zeiten des Aberglaubens, die Chroniken der edelſten Geſchlechter verunſtal⸗ ten. Roma hatte ihre Wunder, ſo wie viele Nationen des Alterthums, wie man daruͤber in der alten Geſchichte ſich belehren kann.“ „Mein Vater hat kein großes Vertrauen zu allen dieſen wunderbaren Ereigniſſen,“ ſagte Niß Roſa,„er vermochte einſt kaltbluͤtig dabey zu bleiben, als eine Presbyterianiſche Synode bey der Erſcheinung eines Geiſtes entrann.“ Waverley druͤckte durch ſein Erſtaunen das Verlangen aus, dieſe Scene naͤher kennen zu lernen. „Wuͤnſcht Ihr, daß ich Euch dieſe Geſchichte der Laͤnge nach erzaͤhle, wie ich Euch die Ro⸗ manze geſungen habe?“— „Es wuͤrde mir das groͤßte Vergnuͤgen ver⸗ arſochen. 74 „Es war einmal eine alte Frau hier, mit Namen Hanna Gellatley, die man fuͤr eine Hexe hielt, und zwar ohne Zweifel aus trifftigen Gruͤnden: ſie war ſehr alt, ſehr gar⸗ ſtig, und ſehr arm. Sie hatte zwey Soͤhne, davon einer ein Dichter, der andere faſt gaͤnz⸗ V V V „— lich des Verſtandes beraubt war; man glaubte hier zu Lande, daß dieſe entartete Mutter einen Zauber auf dieſen ungluͤcklichen Sohn gewor⸗ fen habe. Sie ward als Hexe verhaftet, und in den Kirchthurm des Kirchſpiels gefangen ge⸗ ſetzt. Hier, wo man ihr nur wenig Nahrung gab, ohne ihr den Schlaf zu erlauben, ward ihr Kopf ſo verwirrt, daß ſie wirklich eine Hexe zu ſeyn glaubte, wie ihre Anklaͤger behaupteten; waͤhrend ſie ſich in dieſem Zuſtande befand, er⸗ hielt ſie Befehl, vor allen Whigs und Presby⸗ terianern des Cantons, eine allgemeine Beichte abzulegen, da ſie dieſelbe nicht zu exorciſtren ſich getraueten. Da die Beklagte in meines Vaters Herrſchaft geboren war, ſo begab er ſich in die Verſammlung, um den Ausgang dieſes ſchoͤnen Proceſſes zu ſehen, der zwiſchen einer Hexe und der Geiſtlichkeit entſtanden war. Waͤhrend die arme Frau beichtete, daß ihr der Teufel in Ge⸗ ſtalt eines ſchoͤnen, ſchwarzen Juͤnglings erſchiene, und alle Anweſende ſtumm vor Erſtannen ihr aufmerkſam zuhoͤrten, der Schreiber aber mit zitternder Hand dieſe ſeltſame Erklaͤrung nieder⸗ ſchrieb, aͤnderte die Buͤßende den Ton, ſing hef⸗ tig an zu ſchreyen und rief:„Seht, ſeht ſelbſt⸗ ich ſehe den Teufel mitten unter uns ¹, Die Furcht bemaͤchtigte ſich der ganzen Verſammlung; — 156— jedes lief eilig davon; die der Thuͤre zunaͤchſt ſtanden, waren die Gluͤcklichſten. Welche Ver⸗ wirrung, welche Unordnung herrſcht unter den Kaputzen, unter den Huͤthen und Peruͤcken, ehe die Kirche leer wird! Nur der Praͤlat bleibt darin, entſchieden die Hexe und ihren Verthei⸗ diger zu beſchaͤmen.“ Man konnte ſich nicht enthalten zu lachen. „Risu solvuntur tabulae,“ ſagte der Baron. „Als man ſich von dem paniſchen Schrecken er⸗ holt hatte, verhinderte ſie die Schande dieſe Procedur fortzuſetzen. Dieſe Geſchichte machte großes Aufſehen, und jedermann erzaͤhlte ſie auf ſeine Manier.“ So beſchloß man den zweyten Abend, den unſer Held in Tully⸗Weolon zubrachte. * „ Vierzehntes Kapitel. Entdeckung. Waverley wird Haus⸗ genoſſe in Tully⸗Weolan. Des andern Tages ſtand Eduard fruͤhzeitig auf, und ging in den Umgebungen des Schloſſes ſpatzieren. Auf dem Ruͤckwege kam er durch .— 15,;— deinen Hof, wo Gellatley* Sorge fuͤr die vierfuͤßigen Thiere, die ſei r Aufſicht anvertraut waren, beſchaͤftigt war. . Er erkannte Eduarden ſogleich, that aber icht als ob er ihn ſaͤhe, und fing an zu ſingen; 8 . Myrtha! gluͤcklich hauszuhalten Waͤhl' den jungen Gatten dir; Ppoglein ſingt dir's aus den Zweigen: Graubart iſt zu ſtreng mit dir, Eiferſuͤchtelt.. doch vom Zorne Kommt dein jung Gemahl zuruͤck, Lächelſt du!— des Graubarts Wuͤthen Kuͤhlt nur Blut in grimmer Tuͤck! Eines jungen Gatten Liebe Sucht zu feſſeln Myrtha's Herz; Doch der Graubart, voller Haͤrte, Peinigt mit des Siegers Schmerz: Seiner Schoͤne leichte Maͤngel Rechnet nicht der Juͤngling an, Deren noch bis an das Ende Graubart wohl gedenken kann. — Waverley fand daß Davids Liedchen eine bittre Satyre enthielt: er naͤherte ſich ihm, und ſuchte mit Geſchicklichkeit ihn abzufragen, wem 6 ſein Geſang wohl angegangen ſey? aber alle Fragen blieben vergeblich: Gellatley war nicht gelaunt, ſein Geheimniß zu verrathen, und hatte Verſtand genug, um ſeine Bosheit unter der 3 —————— 4— 158— Larve der dennseg verbergen. Als EduardGeibert nichts aus ihm brachte, als daß Lord Balma⸗ happle mit blutigen Stiefeln auf das Schloß gekommen ſey, wandte er ſich an den alten Kellermeiſter, der ſich beeilte, ihm zu ſagen, daß, da er auf dem Lande erzogen worden waͤ⸗ re, er den Gartenbau gewohnt worden, und ſich jetzt mit Einrichtung der Beete beſchaͤftige, um Milord und Miß Roſen Vergnuͤgen zu ma⸗ chen. Nach vielen Fragen, erfuhr endlich EduardSeißert nicht ohne heftigen Verdruß und großes Er⸗ ſtaunen, daß die Reue, die ihm Lord Balma⸗ happle bezeigt habe, daher kaͤme, daß der Baron einen Gang mit ihm gemacht haͤtte, waͤhrend er ſelbſt noch ſchlief; ſie hatten ſich geſchla⸗ gen; der junge Mann ward am linken Arm verwundet und entwaffnet. Dieſe Entdeckung machte Waverley viel Kummer; er begab ſich ſogleich zu ſeinem Wirthe, und machte ihm zaͤrt⸗ liche Vorwuͤrfe, daß er ihm nicht erlaubt habe, ſich mit den jungen Balmahapple zu meſſen.— „Ich bin jung,“ ſagte er,„ich trete erſt in die militairiſche Laufbahn, dieſe Umſtaͤnde koͤn⸗ 1 nen mir in der oͤffentlichen Meinung großen Schaden thun.“— Die Apologie des Barons uͤber ſein Benehmen war ſo lang, daß wir uns nicht verſucht fuͤhlen, ſie mitzutheilen. Er be⸗ ſtand darauf, daß da die Beleidigung gemein⸗ ſchaftlich geweſen ſey, Lord Balmahapple nach den Geſetzen der Ehre ſich nicht entbrechen konn⸗ te, einen oder den andern Genugthuung zu ge⸗ ben.„Er hat es gethan,“ fuͤgte er hinzu,„in⸗ dem er gegen mich den Degen fuͤhrte, und Euch um Vergebung bat; Ihr habt es gelten laſſen, und ſo iſt die Sache aus.“— Da Waverley gegen dieſe Auslegung nichts eipzuwenden hatte, mußte er dadurch zufrieden geſtellt ſcheinen; aber er konnte ſich nicht ent⸗ brechen, den heiligen Baͤr zu verfluchen, der dieſen Zank entſtehen ließ, und zu bezei⸗ gen, daß dieſer Kelch nicht den Ehrentitel⸗ mit dem man ihn auszeichne, verdiene, weil, obgleich das Schild den Baͤr als ein ſanftes unterwuͤrſiges Thier darſtelle, man doch einraͤu⸗ men muͤſſe, daß er etwas hartes, wildes und wuͤthendes in ſeiner Natur habe, ſo wie der Paſtor Archibald in ſeiner Abhandlung uͤber die Hieroglyphen der Thiere gezeigt habe.— „Dieſer unbezwingbare Charakter,“ fuͤgte der Baron hinzu,„hat viel Streitigkeiten in der Familie Bradwardine verurſacht. Eine, die mich perſoͤnlich anging, kann ich anfuͤhren, ſie — 4180— hatte ungluͤcklicherweiſe mit einer meiner Vet⸗ tern muͤtterlicher Seite Statt, der ſo uͤbel ge⸗ ſinnt war, das Sinnbild meines Geſchlechts laͤ⸗ cherlich zu machen, und zu behaupten, es be⸗ deute: Baͤrenfuͤhrer. Das war ein ſehr unhoͤflicher Spaß, denn nicht nur bewies er, daß der Begruͤnder unſers Geſchlechts eine nie⸗ dere Anſtellung, die nur den Poͤbel zukommt, hat, ſondern er gab auch zu verſtehen, daß un⸗ ſer Wappen nicht der Preis hoher Kriegstha⸗ ten ſey, und nur einen Geſchlechtsnamen aus⸗ druͤcke, welches die Franzoſen redende Wappen nennen, und die Lateiner, arma cantantia. Naach dieſer Auslegung konnten auch Charlata⸗ ne, Zigeuner, Quackſalber, u. a. die Wap⸗ penkunde beſitzen, und ſie mußte aufhoͤren eine nuͤtzliche und ehrenvolle Wiſſenſchaft zu ſeyn, die durch ſprechende Bilder ſchoͤne Thaten in An⸗ denken erhaͤlt, ohne ſich mit leeren Quodlibets und ſchaalem Scherze zu beluſtigen.“— 6 Der Baron ſagte nichts weiter, hinſichtlich ſeines Streites mit Sir Hewhallert, ſeinem Vet⸗ ter, als daß er durch den Zweykampf geendet worden ſey. 18 32. Nachdem er nun in das kleinfuͤgigſte Ver⸗ einzeln der Freunde und Bewohner von Tully⸗ Weolan, bis zu Eduards Ankunft uͤbergegangen — 161— war, ſo glauben wir einer eben ſo großen Ge⸗ nauigkeit des Berichts alles bis dahin Vorge⸗ gang'nen entuͤbrigt zu ſeyn. Es laͤßt ſich den⸗ ken, daß ein junger Mann, der gewohnt war, mit ſehr luſtigen Leuten zu leben, bald in den ernſten und weitſchweifigen Unterhaltungen des Barons Langweile empfunden haben muͤſſe; allein er fand eine angenehme Schadloshaltung in Miß Roſa's Geſpraͤchen; ſie hoͤrte mit ſtets erneuetem Vergnuͤgen ſeinen Betrachtungen uͤber die Literatur zu, und zeigte durch ihre Antwor⸗ ten den reinſten Geſchmack und die richtigſte Beurtheilung. Ihre Sanftmuth und Folgſam⸗ keit hatten ihr den Gehorſam gegen die Befehle ihres Vaters hinſichtlich deſſen, was ſie leſen ſollte, leicht und angenehm gemacht; wiewohl ſie nach denſelben nicht nur ungeheuere Folio⸗ baͤnde der Geſchichte, ſondern auch baͤnderreiche Abhandlungen uͤber die Kirchengeſchichte zu durch⸗ blaͤttern gehabt hatte. Was die Wappenkunde betraf, ſo hatte er ſich begnuͤgt, ihr einen leich⸗ ten Begriff davon beyzubringen, indem er ihr taͤglich einige Artikel aus Nisbeltss heral⸗ diſchem Woͤrterbuche leſen ließ. Ohne Ueber⸗ treibung kann man ſagen, daß der Baron ſeine Tochter wie ſeinen Augapfel liebte; ihre uner⸗ ſchuͤtterliche Sanftheit, ihre beſtaͤndige Betrieb⸗ J. 1 L — —õõ——C—B— — 162— ſamkeit jedermann ſich zu verpflichten, Jedes Verlangen zuvorzukommen, und jene kleine Ge⸗ faͤlligkeiten zu leiſten, die man ſo gern empfaͤngt, ihre Schoͤnheit, die ihm die Zuͤge einer ange⸗ 4 heteten Gattinn zuruͤckrief, ihre aufrichtige Froͤm⸗ migkeit, ihre Großmuth und Uneigennaͤtzigkeit: Alles trug dazu bey, ſeine Zaͤrtlichkeit gegen ſie, oder vielmehr ſeinen vaͤterlichen Enthuſiasmus, zu rechtfertigen. Aber trotz dieſer herzlichen Zuneigung gegen ſeine Tochter hatte der Baron noch nicht ernſt⸗ lich daran gedacht einen ihrer wuͤrdigen Ge⸗ mahl aufzufinden, der ſie durch Geburt, Reich⸗ thum und perſoͤnliche Eigenſchaften verdiene. Kraft einer alten Stiftung fiel die Baronie 6 4 mit allen ihren Lehnen an einen Seitenverwand: 3. ten, und es ſchien, als wuͤrde Miß Roſen nur eine ſehr kleine Mitgift zu Theil werden. Die Verwaltung ſeiner vaͤterlichen Guͤter hatte der Bavon dem Amtmann Macoheeble uͤberlaſſen, und ſo ſtand keine große Erſparniß zu erwar⸗ ten. Zwar konnte man nicht leugnen, daß die⸗ ſer ſeiner Herrſchaft aufrichtig ergeben war; allein er war es noch weit mehr ſeinem Vortheile. Er hatte ſich in Kopf geſetzt, daß es nicht unmoͤg⸗ lich ſeyn wuͤrde, die Erbfolge⸗Aete zu vernich⸗ ten, und den Fall mehreren geſchickten Rechts⸗ dem Koͤnige die Stiefeln auszuziehen und daß — 163— gelehrten nebſt ſeiner Meinung vorgetragen. Nach der ihrigen beſchloß er eine Berathſchlagung in Edinburg zu halten, wohin ihm perſoͤnliche An⸗ gelegenheiten riefen. Der Baron wollte auf keine Weiſe davon ſprechen hoͤren; im Gegen⸗ theile geſiel er ſich oft mit den boshafteſten Vergnuͤgen zu wiederholen, daß Bradwardine ein Mannlehen ſey, und daß die Charte, die es begruͤndete, von den fernen Zeiten herſtam⸗ me, wo die Frauen als untauglich zu Verwal⸗ tung aͤhnlicher Lehne betrachtet wurden, weil suivant les coustusmes de Normandie, o'est p homme ki se bat, et ki conseille Cnach dem Gebrauche der Normandie der Mann ſtrei⸗ tet und rathet) oder, wie andere Autoren, we: niger artig ſich ausdruͤcklich alſo vernehmen laſſen— weil die Frauen ihren Lehnsherren aus Zucht und Wohlſtand nicht im Felde die⸗ nen koͤnnen; ihn im Rathe vermoͤge ihrer be⸗ ſchraͤnkten Kenntniſſe, Urtheilskraft, und Ge⸗ ſundheitsſchwaͤche nicht beyzuſtehen vermoͤgen. —„Sagt mir,“ fragte er mit triumphi⸗ render Miene,„ob es nicht ſehr zutraͤglich waͤre, daß eine Dame aus dem Geſchlecht der Brad⸗ wardine den Auftrag hatte, am Tag einer Schlacht dieſes gerade eine Verpflichtung der Barone un⸗ L 2 — 164— ſeres Geſchlechts ſey: exuendi seu detrahendi caligas regis post battaliam".... — „Nein, Herr Amtmann, das iſt nicht moͤg⸗ lich.. Ich glaube wohl, daß verſchiedene eben ſo verdienſtvolle Perſonen, wie meine Tochter, von der Erbfolge der Herrſchaft ausgeſchloſſen worden ſind, die ich eigenthuͤmlich beſitze; aber behuͤthe mich der Himmel anders zu verfuͤgen, als meine Ahnen, oder die Rechte meines Vetters Malcolm Bradwardine von Inchgrabit zu verletzen! ob er gleich ſich ſehr verworfen hat, ſo betrachte ich ihn doch gern als ein ehrenwerthes Mitglied der Fami⸗ lie. Der Amtmann hatte, als erſter Miniſter, dieſen unwiederruflichen Beſcheid von ſeinem SHerrn empfangen, und hielt es fuͤr kluͤger nicht anger darauf zu beſtehen. Wenn er Saunder⸗ ſon fand, jammerten—⸗l zuſammen uͤber die Sorgloſigkeit ihres Gebiethers. Eines Tags unterhielten ſie ſich uͤber den Entwurf Miß Roſa mit dem jungen Lord Balmahapple zu verbinden.“ „Der hat ein ſchoͤnes, wenig beſteuertes Gut,“ ſagte der Amtmann,“ iſt ein Menſch ohne Tadel, maͤßig, wie ein Goͤtzenbild: wenn man den Branntwein ausnimmt, kann man, ihm nichts vorwerfen, als, daß er mit jungen — 4 1 — Leuten ohne Rang und Stand zuſammenhalt, allein er wird ſich beſſern.“— „Ja, wie ſaures Bier im Monath Auguſt!“ rief Gellatley, der ihnen naͤher war als ſie dachten. 1 Wie wir Miß Roſen geſchildert haben, be⸗ ſaß ſie alle Einfalt und alle Neugier, einer Nonne; ſie ergriff mit Eifer die Gelegenheit, welche ihr Eduards Beſuch darboth, den Kreis ihrer Kenntniſſe in der Litteratur zu vergroͤßern. Waverley verſchrieb aus der Stadt ſeiner Gar⸗ niſon Buͤcher, die Miß Roſen Genuͤſſe darbo⸗ then, von denen ſie noch keine Vorſtellung hatte. Die groͤßten Dichter jeder Art und die vorzuͤg⸗ 8 lichſten Lehrbuͤcher der ſchoͤnen Wiſſenſchaften 1 machten den Beſtand der Schiffsladung aus, die nach Tully⸗ Weolan kam... Jetzt ver⸗ gaß Miß Roſa die Muſik und die Blumen faſt ganz; Saunderſon kraͤnkte ſich nicht nur dar⸗ uͤber, ſondern er ward auch der Arbeit uͤber⸗ drießig, die ihn nicht einmal einen Dank mehr eintrug. Dieſe neuen Vergnuͤgungen wurden taͤglich ſuͤßer und tiefgefuͤhlter von Roſen, ſo wie ihr Geiſt und Geſchmack ſich ausbildete. Die Schnelligkeit, mit der ihr Waverley eine ſchwierige Stelle erklaͤrte, und dieſe Schwierig⸗ keit hob, war von bezaubernder Huͤlfe fuͤr ſie; „ — 166— allein er war zu jung und zu eingenommen von ſeinen romanhaften Begriffen. Wenn der Ge⸗ genſtand ihn intereſſirte, und ſein Geiſt ruhig war, beſaß er jene natuͤrliche Beredſamkeit, oder, um es richtiger auszudruͤcken, die Ueberre⸗ dungskunſt des Gefuͤhls, welche auf das weibli⸗ che Herz einen tiefern Eindruck macht als Schoͤ⸗ heit, Geburt und Gluͤck; es ſtand alſo ſehr zu befuͤrchten, daß dieſe taͤglichen Unterhaltungen die Seelenruhe der armen Roſa endlich unter⸗ graben wuͤrden. Ihr Vater war zu ſehr mit ſeinen abſtra⸗ eten Studien beſchaͤftigt, er hatte eine zu große Idee von ſeiner Wuͤrde, um Gefahr fuͤr ſeine Tochter zu fuͤrchten. Nach ihm, waren alle Frauen und Jungfrauen des Geſchlechts Brad⸗ wardine, denen des Hauſes Bourbon gleich. Wie dieſe ſchwammen ſie in einer glaͤnzenden Atmoſphaͤre, welche nie vom Gewoͤlke der Lei⸗ denſchaft verdunkelt wurde; er glaubte ſie † die menſchlichen Schwachheiten erhaben: kun er verhinderte die Herzlichkeit, die zwiſchen Wa⸗ verley und ſeiner Tochter entſtanden war, ſo we⸗ nig, daß die Nachbarſchaft daraus ſchloß, er mache die Augen zu, um die Vortheile zu ſichern, die Roſen durch die Verbindung mit einem reichen Englaͤnder zu Theil werden wuͤrden. — 16⸗— „Wenigſtens,“ ſetzte man hinzu,„iſt er darin nicht ſo dumm, wie er ſonſt immer in Geldſa⸗ chen geweſen iſt!“ Haͤtte der Baron wirklich den Gedanken die⸗ ſer Heirath gehabt, ſo wuͤrde er in Waverley 8 Gleichgiltigkeit ein unuͤberſteigliches Hinderniß gefunden haben. Seit unſer Held der Geſell⸗ ſchaft naͤher getreten war, ſo wagte er nicht mehr ſich ſeinen Betrachtungen uͤber die Legende von der heiligen Cecilia zu uͤberlaſſen; dieſer Widerſpruch diente eine Zeit zum Gegengewicht ſeiner lebhaften Einbildungskraft. Uebrigens war Miß Roſa, wiewohl ſehr ſchoͤn und ſehr liebenswerth, nicht in der Art verdienſtvoll wie ein ſo unerfahrner, abenteuerlich geſinnter Juͤng⸗ ling verlangte, um gefeſſelt zu werden. Sie war zu offen, zu zutraulich, zu gefuͤhlvoll; ſchaͤtzbar ſind dieſe Eigenſchaften ohne Zweifel, aber ſie zerſtoͤren das Wunderbare einer phan⸗ taſtiſchen Einbildung, womit der Juͤngling ſich gern umgibt. War's wohl Eduarden moͤglich bey einem jungen Maͤdchen zu ſeufzen, zu jammern, zu zittern, daß zwar ſchuͤchtern, aber auch auf⸗ geweckt war; die ihm bald bat, ihr eine Feder zu ſchneiden, bald ihr den Zuſammenhang einer Stanze des Taſſo zu erklaͤren, bald ihr ein Bindewort richtig ausſprechen zu helfen. Alle A— 168— dieſe Vorfaͤlle bezaubern in einer gewiſſen Epoche des Daſeyns Geiſt und Herz, aber nicht bey dem erſten Eintritt in die Welt, wo ſich der Juͤnaling nur mit idealiſchen Schoͤnheiten be⸗ ſchaͤftigt, und ſich aͤrgert, ihr Model nicht in ſeinen Umgebungen anzutreffen... Wiewohl man uͤber eine ſo eigenſinnige Empfindung keine 1 ſichere Regel annehmen kann, da ſie ſo beweg⸗ lich iſt, wie die Liebe: ſo kann man wenigſtens annehmen, daß ein junger Liebhaber in ſeiner erſten Wahl gewoͤhnlich durch Ehrgeitz geleitet wird; oder, was auf das naͤmliche zuruͤckkommt, daß er ſie ſorgfaͤltis weit von allem entfernt, was ſein ſchoͤnes Ideal, ſein Muſter der Voll⸗ kommenheit, erſchuͤttern kann. Ich habe einen hoͤchſt talentvollen, mit außerordentlicher Em⸗ 8 pfindſamkeit begabten Juͤngling gekannt, der eine ſchoͤne Frau leidenſchaftlich liebte, obgleich ihr Geiſt nicht mit ihrer Geſtalt uͤberein kam, aber er ward, durch einige Stunden der Unterhaltung mit ſeiner Schoͤnen voͤllig von ſeiner Leidenſchaft geheilt. Ich bin uͤberzeigt, daß, wenn Waver⸗ ley Gelegenheit gehabt haͤtte, ſich nicht Miß Stubbs zu unterhalten, Miß Rahela nicht ſo vieler Vorſicht bedurft haben wuͤrde. Obgleich Miß Roſa's Gemuͤthsart von der jener Miß ſehr verſchieden, und ſie gebildet war⸗ — — 169— andere Gefuͤhle einzufloͤßen, ſo iſt es doch wahr⸗ ſcheinlich, daß die unter ihnen beſtehende Herz⸗ lichkeit Waverley'n nicht erlaubt haben wuͤrde, ein anderes Gefuͤhl, als dasjenige einer bruͤder⸗ lichen Zuneigung fuͤr eine ſo liebenswerthe, mit allen Tugenden gezierte Schweſter zu fuͤhlen, waͤhrend ohne Zweifel die arme Roſa eine Empfindung kennen lernte, die taͤglich an neuer Kraft gewann.* Ich haͤtte dem Leſer andeuten ſollen, daß Eduard die Erlaubniß erhalten hatte, ſeine Abweſenheit zu verlaͤngern. Sein Obriſter fuͤgte dem Erlaubnißſchreiben eine ſehr freund⸗ ſchaftliche Ermahnung bey, die darin be⸗ ſtand, ſich nicht ganz ausſchließlich der Ge⸗ ſellſchaft dieſer Edelleute hinzugeben, die, wie⸗ wohl im uͤbrigen ſchaͤtzbar, in dem Rufe ſtan⸗ den, die Regierung nicht zu lieben, und ihr den Vaſalleneyd verweigerten. Er machte ihm mit vieler Zartheit und Gewandheit fuͤhlbar, daß die Familienverhaͤltniſſe und Verbindungen ihn noͤthigen koͤnnten, ſolche Perſonen haͤuſig zu ſehen, die das Ungluͤck haͤtten, verdaͤchtig zu ſcheinen; er haͤtte indeß ſtets zu beachten, daß in der Stellung, in der ſich ſein Vater befände, dieſer nichts anders eifrig wuͤnſchen koͤnne, als daß ſein Sohn keine innige Ver⸗ bindung mit ihnen errichte. Er fuͤgte hinzu, wie er fuͤrchte, daß die Meinungen, die er von den Strudelkoͤpfen, ſowohl hinſichtlich der Regierung, als der Religion, ausſprechen hoͤre, ſeine Grundſaͤtze erſchuͤttern moͤchten. Dieſe letzte Bemerkung war Schuld, dasßs Waverley den Brief ſeines Obr’ den wenig ach⸗ tete. Er hatte bemerkt, daß der Baron ſo zartfuͤhlend geweſen war, mit der groͤßten Sorg⸗ falt jedes Wort zu vermeiden, welches die Re⸗ gierung angehen konnte; und daß er nie ſeine Grundſätze zu erkennen gegeben hatte, ob er gleich einer der eifrigſten Anhaͤnger der ver⸗ triebenen Königsfamilie, und mit wichtigen Auftraͤgen an ſie beladen geweſen war. Dem⸗ nach voͤllig uͤberzeigt, daß nicht zu fuͤrchten — — ſtand, der Baron werde zu Erſchuͤtterung ſei⸗ ner Treue nicht den gerineſten Verſuch machen,. glaubte er ſich des Undanks ſchuldig zu machen, wenn er ohne Urſache das Haus eines alten Freundes ſeines Oheims verließe, und daß er ein Thor ſeyn wuͤrde, wenn er ſich des Zeit⸗ vertreibes, den man ihm zu verſchaffen ſtets bereit war, zu berauben ſuchte, um ſich leeren Vorurtheilen und grundloſem Argwohne zu fuͤgen. Er begnuͤgte ſich mit unbedeutender Antwort, und verſicherte dem Obriſten, er koͤnne ruhig 7 171 feyn, wegen der Geſellſchaften, die er beſuche, die Treue, die er der Regierung geſchworen habe, liefe nicht die gerinaſte Gefahr: folglich fuhr er fort, ſich in Tully⸗Weolan als einen Freund vom Hauſe zu betrachten. Funfzehntes Kapitel. Ein Diebſt ahl und deſſen Folgen. Etwa ſechs Wochen darauf, als Eduard ſeine Reſidenz in Tully⸗Weolan aufgeſchlagen hatte, und er eben ſeinen gewoͤhnlichen Spatziergang vor dem Fruͤhſtuͤcke vornehmen wollte, befrem⸗ dete ihn eine große Beſtuͤrzung im Hauſe. Drey oder vier Melkerinnen ſtuͤrzten, barfuß, mit lee⸗ ren Milcheymern in den Haͤnden, und mit dem Ausdrucke des Schmerzes und der Verzweiflung, aus den Viehſtaͤllen, und erfuͤllten die Luft mit Geſchrey und Wehklagen. In den Zeiten des Heidenthums haͤtte man ſie fuͤr Bacchantinnen halten koͤnnen.—„Ach Herr Gott! Ach My⸗ lord!“ ſchrieen ſie in Thraͤnen ſchwimmend⸗ Vergeblich forſchte Waverley nach der Urſache ihres Kummers, er ging alſo in den erſten — 172— Hof; dort bemerkte er mitten im Eingange den Amtmann Maevheeble, der ſich alle Muͤhe gab, die Schritte ſeiner Stute zu verdoppeln. Man ſahe an ſeiner Unruhe, daß er eine ſehr drin⸗ gende Botſchaft erhalten haben mußte. Ein Dutzend Bauern begleitete ihn, die ihm ohne große Muͤhe folgen konnten. Er war zu be⸗ ſchaͤftigt, um ſich mit Erklaͤrungen aufzuhalten; die Botſchaft, die er erhalten hatte, kam von Sannderſon, der ihn feyerlich empfing, wie⸗ wohl er ſehr betruͤht zu ſeyn ſchien; ſie gingen dann zu einer geheimen Berathſchlagung uͤber. Wie Diogenes in dem Sitze zu Synope, zeich⸗ nete Gellatley unter dieſer Gruppe ſich aus. Die geringſte, gluͤckliche oder ungluͤckliche Be⸗ gebenheit war hinreichend, ſeinen poetiſchen Fluß und ſeine Laune aufzuregen. Er ſprang, tanzte und ſang die Endreime einer alten Bal⸗ lade: Dahin iſt ſie Meine ſchoͤne Nanny! Als er bey dem Amtmanne vorbey huͤpfte, erhielt er von der Peitſche desſelben ein Nota⸗ bene, welches ſeinen Freudengeſang in ſchmerz liches Jammern verwandelte. Waverley ging jetzt in den Garten; aber hier bemerkte er den Baron, der die Terraſſe. — — 175— mit eiligen Schritten die Laͤnge und die Quere maß; ſein duͤſteres und bekuͤmmertes Geſicht ver⸗ kuͤndigte eine empfangene Beleidigung, die ſeine Eigenliebe todtlich verwundet haben mußte. Er. hielt nicht fuͤr ſchicklich, ihn nach der Urſache ſeiner Unruhe zu fragen, leicht konnte er ihn kraͤnken, oder wohl gar beleidigen; ohne ihn anzureden, zog er ſich daher zuruͤck, und ging in den Fruͤhſtuͤcksſaal, wo er Miß Roſa, ſeine junge Freundinn, fand, die mit ihren gewoͤhn⸗ lichen Vorkehrungen beſchaͤftigt war. Ob ſie gleich weder die heftige Erbitterung ihres Va⸗ ters, noch die Verzweiflung der Melkerinnen, noch die wichtige Unruhe des Amtmanns empfand, ſo war ſie doch nicht, wie immer, und ſchien betruͤbt und geſtoͤrt. Mit Einem Worte erfuhr Eduard jetzt Alles.— „Capitain Waverley,“ ſagte ſie,„Ihr wer⸗ det ein ſchlechtes Fruͤhſtuͤck haben. Eine Bande unſerer Freybeuter hat dieſe Nacht einen Ausfall gethan, und uns alle unſere Kuͤhe entfuͤhrt!“ „Eine Bande Freybeuter?“— barten Gebirge. Ein gewiſſer Zins, den mein Vater an Fergus Mac⸗Jvor⸗Vich⸗Jan⸗Vohr zahlte, bewahrte uns bisher vor ihren Belei⸗ digungen; allein er hielt dafuͤr, daß es eines „Ja, Capitain, Raͤuber aus dem benach⸗ — — 174— Mannes von Rang und Stand unwuͤrdig ſey, laͤnger einen ſolchen Tribut zu entrichten; und das iſt die Urſache unſers heutigen Mißgeſchicks. Capitain, wenn Ihr mich betruͤbt ſehet, ſo iſt’s nicht uͤber den erlittenen Verluſt, ſondern, daß mein Vater uͤber dieſe Beleidigung erzuͤrnt iſt. Seine Gemuͤthsart iſt ſo lebhaft und heftig, daß ich fuͤrchte, er wird ſeine Kuͤhe mit Ge⸗ walt wieder auffinden wollen. Wenn ihm auch wirklich ſelbſt kein Ungluͤck wiederfuͤhre, und er ſelbſt nicht verwundet wuͤrde, ſo koͤnnte er doch einen der Banditen verwunden, wohl auch toͤdten, und dann waͤre zwiſchen uns und ihnen weder Friede, noch Vertrag mehr. Wir haben keine Mittel mehr, wie ſonſt, um uns zu ver⸗ theidigen; die Regierung hat uns alle Waffen abnehmen laſſen; mein Vater iſt ſo unvorſich⸗ tig— ach, mein Gott! wie wird das Alles enden?“— Die arme Roſa konnte nicht weiter ſprechen, denn Thraͤnen entſtroͤmten ihren Augen. Der Baron trat herein, und zankte heftig mit ihr, noch hatte ihn Waverley nicht ſo ſtreng gegen ſie geſehn. „Schaͤmſt Du Dich nicht,“ ſprach er,„um uͤber ſo eine Sache vor einem Edelmanne zu wei⸗ nen? Biſt Du eines Pachters Tochter, daß Dir der — Verluſt Deiner Kuͤhe ſo nahe geht? Capitain Waverley, ich bitte fuͤr ſie um Entſchuldigung, es iſt moͤglich, und ich will wohl glauben, daß ihr Schmerz einzig daher kommt, daß ſie ihren Vater von ſo niedertraͤchtigen Schurken beleidigt und gekraͤnkt ſieht, die nun wohl bald ſeine Guͤter pluͤndern werden, ohne daß er ein halb Dutzend Flinten uͤbrig behalten hat, um ſich zu vertheidigen, und in Reſpect zu ſetzen. In dieſem Augenblicke trat der Amtmann herein, und beſtaͤtigte durch den Bericht uͤber die Waffen und Munition, die ſich im Schloſſe vorfanden, die Wahrheit dieſer Ausſage. Mit jaͤmmerlichem Tone ſtellte er vor, daß, ob⸗ gleich alle Vaſallen ſehr erboͤthig waͤren, zu ge⸗ horſamen, man dennoch auf ihre Huͤlfe keine große Hoffnung ſetzen koͤnne.—„Nur die Bedienten,“ ſetzte er hinzu,„haben Piſtolen und Degen, und die Raͤuber, mehr als zwoͤlf Mann ſtark, ſind nach Art der Hochlaͤnder bi6 an die Zaͤhne bewaffnet!— Nach dieſen weiſen, wiewohl nicht tuſe lichen Bemerkungen ließ er den Kopf traurig auf die Bruſt fallen, wackelte langſam damit hin und her, als ahme er den ſchwachen Schlag einer Wanduhr nach, die eben ſtehen bleiben will, und endete damit, daß er unbeweglich, — 176— und tief ſchweigend in einer groͤßern, bogenar⸗ tigen Stellung, durch den Vorſprung, den ſein Koͤrper bildete, ſtehen blieb. Noch immer rannte der Baron voll Wuth mit großen Schritten umher, ohne eine Sylbe zu ſprechen; endlich blieb er vor dem Bilde eines durchaus gewappenten Edlen ſtehn, deſſen Geſicht faſt gäͤnzlich durch einen Wald von Haa⸗ ren verborgen war, die auf Bruſt und Lenden herab fielen. „Capitain Waverley,“ ſagte er,„das iſ das Bild meines Großvaters, der mit zwey⸗ hundert, auf ſeinen Guͤtern erhobenen Reitern einen ſechshundert ſtarken Haufen dieſer Hoch⸗ laͤnder ſchlug und verjagte. Stets waren ſie ein Stein des Anſtoßes und Aergerniſſes fuͤr die Bewohner der Flächen: Lapis offensionis et petra scandali; er ſchlug ſie voͤllig, ſag ich, und zwar zu einer Zeit, wo ſie die Ver⸗ wegenheit hatten, ihre Schlupfwinkel zu ver⸗ laſſen, um dieſe Gegend in Contribution zu ſetzen, näͤmlich zur Zeit des s Buͤrgerkriegs 1612. Und ſeinem Enkel wagt man eine ſolche Be⸗ leidigung anzuthun?“.... Er verſank in truͤbes Sinnen. Jedes Mit⸗ glied der kleinen Verſammlung beeilte ſich jetzt, einen andern Rath zu geben, wie dieſes oft — 177— bey ſolchen Umſtaͤnden ſich zutraͤgt. Saunder⸗ ſon ſchlug vor, einen Unterhaͤndler abzuſenden. „Ich bin verſichert,“ ſagte er,„die Hochlaͤnder werden uns unſere Kuͤhe eiligſt wiedergeben, wenn man ihnen einen Dollar gibt.—. Der Amtmann bemerkte dagegen haſtig, es hieße ihre Raͤuberey beſtaͤrken, wenn man eine ſolche Ausgleichung mache. Er war der Mei⸗ nung, insgeheim einen Kundſchafter auszuſen⸗ den, und ihm alle erforderliche Vollmacht mit zu geben, die Sache auf's Beßte abzuthun, als wenn es ſein Eigenthum waͤre.— „Auf dieſe Weiſe,“ ſprach er,„wird My⸗ lord's Ehre ungefaͤhrdet ſeyn, weil man ſeinen Namen nicht dabey nennen wird.“ Eduard rieth, in die naͤchſte Garniſon zu ſchicken, um Militair holen zu laſſen, und zum Friedensrichter, um die Erlaubniß dazu auszuwirken. Selbſt Roſa ſagte mit leiſer Stimme:„Es waͤre wohl am Beßten, den ruͤckſtaͤndigen Tri⸗ but an Fergus Mac⸗Ivor⸗Vich⸗Jan⸗ Vohr zu bezahlen, weil, wenn es gelaͤnge, ſich ſeines Schutzes zu verſichern, nichts leichter ſeyn werde, als das verlorene Vieh wieder zu erhalten.“ Aber keiner von dieſen Vorſchlaͤgen befrie⸗ I. M digte den Baron. Die Vorſtellung jeder dire: eken oder indirecten Ausgleichung mit ſolchen Leuten ſchien ihm ehrenruͤhrig, und Waverley's Rath bewies, daß er nicht die geringſte Kennt⸗ niß von den Sitten und politiſchen Spaltungen des Landes hatte.— „Was unſer Abkommen mit Fergus Mac⸗ Ivor⸗Vich⸗Jan⸗Vohr betrifft,“ ſprach der Baron, ſo werde ich ihm keinen Obol bewilligen, und ſollte er alles von mir fordern, was ſein Stamm ſeit Malcolm⸗Canmore's Zeiten mei⸗ nem Hauſe geſtohlen hat.“ Er war nur zur Gewalt entſchloſſen. „Man benachrichtige,“ rief er,„die Lords Balmahapple, Killancureit, Tulliellum und alle benachbarte Edle, die gleicher Beleidigung aus⸗ geſetzt ſind. Sie moͤgen ihre Lehnsleute be⸗ waffnen, ſo gut ſie koͤnnen! Wir wollen dieſen elenden Dieben nachſetzen, ſie ſollen das Ge⸗ ſchick des Cacus, ihres Schutzpatrons, erfah⸗ ren; bald werden wir ſie ſehen: Elisos oculos, et siccoum sanguine guttur. Der Amtmann, der nichts mehr fuͤrchtete, als den Krieg, zog eine Uhr hervor, die n Groͤße und Farbe einem Waſchbecken glich, und bemerkte, daß der Mittag voruͤber ſey, daß man die Raͤuber vor Tagesanbruch ſchon —— ͤ — 1 7 9— bey dem Paß von Ballybrough geſehen habe, und daß demnach, ehe die Verbuͤndeten ihre Streitkraͤfte geſammelt haben wuͤrden, der Feind mitten in ſeinen Felſenwuͤſteneyen in Sicherheit ſeyn wuͤrde, wo es eben ſo unnuͤtz, als gefaͤhr⸗ lich ſeyn wuͤrde, ihn aufzuſuchen. Gegen dieſe kluge Bemerkung war nichts einzuwenden, und— wie oft in Begebenheiten von groͤßter Wichtigkeit zu geſchehen pflegt— die Verſammlung ging auseinander, ohne Et⸗ was entſchieden zu haben. Indeſſen beſchloß man, daß der Amtmann einige Kuͤhe von ſich in die herrſchaftlichen Staͤlle zum Hausbedarf geben, er ſich aber durch eine Portion einfachen Bieres fuͤr die Milch entſchaͤdigen ſolle. Saun⸗ derſon hatte dieſe Einrichtung getroffen, und der Amtmann ſich beeilt, ſie vorzuſchlagen, theils aus Ehrfurcht fuͤr das Haus Bradwar⸗ dine, theils weil ſich darauf rechnen ließ, daß dieſer kleine Dienſt hundertfach verguͤtet wuͤrde. Der Baron ging, um einige. Befehle zu ertheilen, und Waverley bediente ſich dieſer Gelegenheit, Miß Roſa zu fragen, ob denn dieſer Fergus, deſſen Namen auszuſprechen eine Unmoͤglichkeit ſey, ein in der Nachbarſchaft herr⸗ ſchender Raͤuberhaͤuptling waͤre. M 2 — 180— „Ein Naͤuberhaͤuptling,“ lachte Roſa,„ein Edelmann iſt er, voll Ehrgefuͤhl, Haͤuptling eines ſehr maͤchtigen Stammes, auf gleiche Weiſe von ſeinen Lehnsleuten, Freunden und Verbuͤndeten geachtet!— Was hat er denn gemein mit Raͤubern? Iſt er denn mit der Magiſtratur bekleidet, oder iſt er Friedensrichter? „Eher iſt er Kriegsrath.— Ein boͤſer Nachbar iſt er fuͤr die, welche nicht ſeine Freunde ſind; er hat mehr Leute zu ſeinem Befehle, als an⸗ dere Lehnsherren, die dreymal reicher ſind, als er. Was ſeine Gemeinſchaft mit den Raͤubern betrifft, ſo kann ich Euch daruͤber nichts Ge⸗ wiſſes ſagen; ich weiß nur ſo viel, daß man nicht das Geringſte von ihnen zu fuͤrchten hat, wenn man den ſchwarzen Pfennig an Vich⸗Jan⸗Vohr entrichtet.“— „Den ſchwarzen Pfennig, ſagt Ihr?— „Ja, das iſt eine Art Auflage, welche die Edlen der Flaͤche gewiſſen Haͤuptlingen der Hochlaͤndiſchen Staͤmme bezahlen, damit ſie ihnen nichts zu Leide thun, und ſie gegen die Unternehmungen ihrer Lehnsleute beſchuͤtzen. Wenn man Euch Euer Vieh nimmt, ſo duͤrft Ihr es, nach dieſem Abkommen, nur dem Haͤuptling melden, und es wird Euch auf der Stelle wieder gegeben, oder er ſchickt auch wohl * 1 4 6 — 181— wo anders hin in eine entferntere Gegend, und erſetzt Euere Kuͤhe durch andere.“— „Und dieſer Beduinenhauptmann,“ ſagte Waverley,„hat einen Platz in der Geſellſchaft? Man erroͤthet nicht, ihm den Namen eines Edelmannes beyzulegen?“— „Ganz im Gegentheile kommt der Streit meines Vaters mit Fergus Mac⸗Jvor von einer Cantonverſammlung her. Dieſer Hoch⸗ laͤnder wollte den Rang uͤber alle Edle der Flaͤchen haben, und nur mein Vater wagte es, ihm dieſes Recht ſtreitig zu machen. Einige Zeit darauf ließ ihm Mac⸗Jvor andeuten, er waͤre ſein Vaſall, und muͤſſe ihm Tribut zah⸗ len. Ich gebe Euch zu uͤberlegen, Capitain, wie groß meines Vaters Zorn ſeyn mußte, als er das Abkommen fuhr, welches der Amt⸗ mann ohne ſein Wiſſen deßhalb getroffen hatte? Ein Zweykampf hätte ſtatt gefunden, allein Mac⸗Jvor ſagte höͤflicherweiſe: Er wuͤrd ſeine Hand nie gegen ein ſo ehrwuͤrdiges, allgemein geliebtes Haupt erheben.— Ach wollte Gott! daß ſie fortwaͤhrend in Eintracht gelebt haͤt⸗ ten!“— „Sagt mir, Miß Bradwardine, habt Ihr je den Herrn Mac⸗Jvor geſehen, und iſt die⸗ ſes ſein wahrer Name?“ 3 — 182— „Nein Capitain, er iſt es nicht. Er wuͤrde ſich geſchmaͤht glauben, wenn Ihr ihn Herr nenntet; aber als Fremder wuͤrde er Euch ent⸗ ſchuldigen, weil Euch die Titel und Gebraͤuche des Landes fremd ſind. Die Edlen der Flaͤchen nennen ihn gewoͤhnlich, nach ſeiner Beſitzung: Glennaquoich, aber die Hochlaͤnder nennen ihn Vich⸗Jan⸗Jvor, das heißt: Sohn Johanns des Großen. Wir heißen ihn hier bald ſo, bald ſo.“ Ich fuͤrchte ſehr, daß meine Zunge nie biegſam genug werden wird, um dieſe bar⸗ bariſchen Namen auszuſprechen.„Was ihn be⸗ trifft,“ ſetzte. Miß Roſa hinzu,„ſo iſt er ein ſehr ſchoͤner, gut erzogener Mann; ſeine Schwe⸗ ſter Flora gehoͤrt, wegen ihrer Schoͤnheit und Talente, zu den Vollkommenſten unſersGeſchlechts. Sie iſt in einem Kloſter ½ Frankreich erzogen, und war vor dieſem unſeligen Zwieſpalte meine beßte Freundinn. Lieber Capitain Waverley, ſucht meinen Vater zu bewegen, daß er dieſe Sache guͤtlich beylegt. Ich bin voͤllig uͤberzeigt, daß wir nur erſt den Anfang der Streitigkeiten geſehen haben, die Tully⸗Weolan zu leiden haben wird. Kaum ging ich in's zehnte Jahr — denn nie, wenn wir die Hochlaͤnder zu Feinden hatten, genoſſen wir Einen Augenblick Ruhe!— ſo entſtand hinter unſern Staͤllen ein Kampf zwiſchen dreißig dieſer Banditen und den Dienern des Hauſes, die mein Vater an⸗ fuͤhrte. Mehrere Kugeln fielen von der Nord⸗ ſeite in unſere Fenſterſcheiben: da koͤnnt ihr wohl glauben, daß ſie uns nahe genug waren. Drey Hochlaͤnder blieben, ihre Cameraden wickel⸗ ten ſie in ihre Maͤntel, und legten ſie in den, Vorhof. Des andern Tages kamen ihre Wei⸗ ber und Toͤchter, rangen die Haͤnde, und ſchrieen entſetzlich, indem ſie Abſchied von ihnen nahmen; ſie wickelten die Leichname ein, und hatten einen Schallmeyblaͤſer beſorgt, vor ihnen herzugehen. Sechs Wochen lang war mir's nicht moͤglich, zu ſchlafen; immer ſchallte dieſes Schmerzge⸗ ſchrey in meine Ohren; ſtets hatte ich dieſe auf's Pflaſter hingeſtreckten, in ihre groben Maͤntel eingehuͤllten Leichen vor Augen. Einige Zeit darauf kam ein Haufen Militair, mit dem Befehle, uns alle Waffen abzunehmen. Wie koͤnnten wir jetzt die Hochlaͤnder zuruͤck werfen, wenn ſie wieder kaͤmen, uns anzugreifen?“ Waverley konnte ſich des Schauders bey Erzaͤhlung dieſer Ereigniſſe nicht erwehren, die denen in ſeinen Traͤumereyen ſo aͤhnlich waren. Ein junges, kaum ſechszehnjaͤhriges Maͤdchen, durch Anmuth, Talente, und die liebenswuͤr⸗ digſten Eigenſchaften ausgezeichnet, ſtand vor — 184— 3 ihm, das von außerordentlichern Auftritten, als ſeine Einbildungskraft ihm beym Durchwuͤhlen der aͤlteſten Zeiten vorgeſtellt hatte, Zeuginn geweſen war. Er fuͤhlte jetzt den Stachel der Neugier, den die Gefahren ſchaͤrfen„ und haͤtte mit Malvolio ſagen koͤnnen: „Nicht ſoll man mich mehr der Thorheit und des Betruges meiner Einbildungskraft be⸗ ſchuldigen! Hier bin ich im Lande der kriege⸗ riſchen und romantiſchen Abenteuer, um ſie recht kennen zu lernen, fehlt nichts, als daß ich an ihnen Theil nehme!“ Alles, was man Waverley uͤber die Sitten, Gewohnheiten und Gebraͤuche des Landes, in welchem er ſich befand, geſagt hatte, ſchien ihm eben ſo neu, als außerordentlich. Er hatte wohl von den Gebirgsraͤubern reden hoͤren, aber er hatte nicht den mindeſten Begriff von den Regeln dieſer Raͤubereyen. Nie haͤtte er geglaubt, daß ihre Haͤuptlinge ihre Mitſchul⸗ digen waͤren, und ihre Auffuͤhrung billigten, weil ſie bey ſolchen Unternehmungen Gelegen⸗ heit fanden, ihre Unterthanen an das Waffen⸗ handwerk zu gewoͤhnen, und ſich bey den Be⸗ wohnern der Flaͤchen in Furcht zu ſetzen. Sie verlangten, wie ſchon erwaͤhnt, von ihnen einen beſtimmten Tribut(unter dem Vorwande, ihnen 8 ihren Schutz angedeihen zu laͤſſer ter dem Namen einer Zuſam hellung allge⸗ meiner Vertheidigung verbargen.— Der Amt⸗ mann, der dazu kam, fing an, Alles weitlaͤufig auseinander zu ſetzen. Seine Unterhaltung ſchmeckte ſo ſehr nach der Handthierung, die er trieb, daß Gellatley einmal von ihm ſagte: ſeine Reden glichen einem Eimer mit Dinte. Er beſtaͤtigte unſerm Helden, daß ſeit undenk⸗ lichen Zeiten alle Geſetzgeber, Rechtsgelehrte, ohne Glauben und Treue, wahre Spuͤrhunde, ſich zu den Hochlaͤndern geſellt haͤtten, und daß ihre Zunamen von Paſchern, Maraudeurs, zur Genuͤge bewieſen, daß ſie zu allen Zeiten nichts als Unbilden und Uebelthaten gegen die ehr⸗ cchen Landleute ausgehen ließen, und ihnen ihre Feldfruͤchte, Kuͤhe, Pferde, Schafe, Ziegen, bey Tag und Nacht, entfuͤhrten; daß ſie ſogar die Unverſchaͤmtheit gehabt haͤtten, ſie zu Gefan⸗ genen zu machen, zu ranzionniren, Cautionen von ihnen zu verlangen, Geißeln zu erheben u. ſ. w.—„Indeſſen,“ fuͤgte er hinzu,„ſind dieſe Gewaltthaten ausdruͤcklich durch Geſetze, Charte und hauptſaͤchlich durch die Anordnung von 1566 verbothen. Die ſtrafbaren Unternehmungen aller dieſer Spuͤrhunde, Vagabunden und Leute ohne Heimath haben die Heiligkeit der Geſetze den ſie un⸗ — — 1 beſchimpft. Sie haben eine boshafte Vereini⸗ gung gebildet, um zu ſengen, zu brennen, zu verheeren, zu morden, und Frauen und Jung⸗ frauen zu entfuͤhren.“ Alles, was Waverley gehoͤrt hatte, kam ihm wie ein Traum vor; er konnte nicht faſſen, daß Gewaltthaten ſo haͤufig waͤren, daß man von ihnen wie von einer gleichgiltigen Sache ſprechen koͤnne, daß um die Orte zu ſehen, wo ſie vor⸗ gingen, man nicht uͤber's Meer zu reiſen brauche; ſondern daß es hinreichend ſey, daß man einige Meilen zuruͤck lege, und daß dieſes Land ein Theil von Großbrittannien ſey. Sechszehntes Kapitel. Unerwartete Ankunft eines Bundes⸗ genoſſen. Der Baron kam zur Eſſenszeit zuruͤck, und hatte faſt ſeine ganze gute Laune und Heiter⸗ keit wieder. Er beſtaͤtigte nicht allein die Wahr⸗ heit der Ausſage von Miß Roſa und dem Amt⸗ mann, er ergaͤnzte ſie noch mit mehrern Ane⸗ ctoden von den Hochlaͤndern, von denen er Zeuge 4 * — 1 8 9— geweſen war. Er erzaͤhlte, daß uͤberhaupt die Haͤuptlinge dieſer Staͤmme von hoher Geburt und edelem Anſehen waͤren. Daß ihre Verſpre⸗ chungen ſo heilig waͤren als der gerichtlichſte, authentiſche Actus, vorzuͤglich unter ihren Lehns⸗ leuten.—„Aber alles dieſes,“ ſetzte er hinzu, „bevollmaͤchtigt ſie keineswegs zu glauben, daß ihre Gencalogien, die nur durch alte Balladen bewieſen ſind und durch einige Fragmente von Barden, mit den wohl begruͤndeten Titeln und vom Thron ausgehenden Edieten und Verord⸗ nungen zu vergleichen waͤren, und ſie es wagen duͤrften, ſich denen gleich zu ſchaͤtzen— was ſag ich, ſich uͤber diejenigen zu ſtellen, welche recht⸗ maͤßige Beſitzer ihrer ehrwuͤrdigen Titel ſind.“ Der Baron ergriff dieſe Gelegenheit um Waverley die Urſache ſeines Streites mit ſeinem alten Verbuͤndeten Fergus Mac⸗Ivor bekannt zu machen. Er begann eine ſehr ſonderbare und intereſſante Zergliederung ihrer Sitten, Ge⸗ wohnheiten und Gebraͤuche; auch entflammte ſich Eduards Wißbegier immer mehr, und er fragte den Baron eifrigſt, ob es nicht anginge, dieſes patriarchaliſche Geſchlecht der Hochlaͤnder in ihren Bergen zu beſuchen, ohne ſich großen Gefahren auszuſetzen.— „Es iſt ſchon ſeit langer Zeit her,“ ſetzte 8 — 138— er hinzu,„daß ich das Project mit mir herum⸗ trage, die majeſtaͤtiſchen Schlagbaͤume dieſer Bergketten zu uͤberſteigen.“— „Nichts leichter als das,“ antwortete Sir Bradwardine,„wenn wir den entſtandenen Streit beygelegt haben werden, kann ich Euch Empfeh⸗ lungsſchreiben an die vorzuͤglichſten Haͤuptlinge dieſer Staͤmme mitgeben. Sie werden ſich's zur Pflicht machen, Euch auf's Freundſchaftlichſte zu empfangen.“ Kaum hatte der Baron ſeine Rede geendet, als Saunderſon die Thuͤr oͤffnete, um einen vom Kopf bis zum Fuß gewappneten Hoch⸗ laͤnder herein zu laſſen. Wenn der Kellermei⸗ ſter nicht bey dieſer Gelegenheit die Stelle des Ceretnonienmeiſters erfuͤllt, und beſonders die Ruhe des Barons und Miß Roſa's Waverley nicht beruhigt haͤtte, wuͤrde er geglaubt haben, das Schloß ſey in Feindes Hand; aber er konn⸗ te ſich nicht enthalten zu zittern, da es das er⸗ ſtemal war, daß er einen Bergſchotten in ſei⸗ nem Nationalcoſtume ſah. Der Eintretende war voon mittlerer Geſtalt, aber ſeine Sehnen und Muskeln kündigten ihn als ſehr ſtark und kraft⸗ voll an. Ein ſehr kurzes Schurzfell, oder ei⸗ gentlich eine Art Ueberwurf ließ ſeine nervich⸗ ten Beine unbedeckt, und erhob ihre Weiße; ein lederner Gaͤrtel hielt zwey lange Piſtolen 4— — — 189— feſt, die er vor ſich trug; ſeine Muͤtze war mit einer ſeinen Rang bezeichnenden Feder geziert; ein breites Schwert(Claymore) hing ihm an der Seite, ein Schild war auf ſeiner Schulter befeſtigt; mit der einen Hand hielt er eine lan⸗ ge Spaniſche Jagdflinte, und mit der andern nahm er ſeine Muͤtze ab. Der Baron, an dieſe Beſuche gewoͤhnt, redete ihn mit vieler Wuͤrde an; allein ohne ſeinen Sitz zu verlaſſen, ſo daß Eduard einen Monarchen zu ſehen glaubte, der einen Geſandten empfing. „Seyd willkommen, Evan Dhu⸗Mac⸗ Combich! was bringt Ihr mir fuͤr Nachricht von Fergus Mac⸗Jvor⸗Vich⸗Jan⸗Vohr? „Fergus Mac⸗Jvor⸗Vich⸗Vohr,“ erwie⸗ derte der Abgeſandte auf gut Engliſch, laͤßt ſich dem Baron von Bradwardine auf Tully⸗ Weolan empfehlen. Es thut ihm leid, daß ſich ein Streit zwiſchen Euch und ihm entſponnen hat, und nicht mehr die alte Freundſchaft unter Euch beſteht, die ſonſt Eure Haͤuſer verband. Es waͤre ihm lieb, wenn ſich dieſes Gewoͤlk zer⸗ theilte, und die Gemeinſchaft des Stammes von Mac⸗Jvor und der Herrſchaft von Brad⸗ wardine wiederhergeſtellt wuͤrde, alſo daß un⸗ ter beiden Haͤuptlingen ein Schutz⸗ und Trutz⸗ ———— — 190— Buͤndniß beſtaͤnd. Er hofft, daß Ihr gleichfalls zu erkennen geben werdet, daß dieſe Zwietracht Euch leid thut, und daß die Gemeinſchaft des Gebirgs mit der Flaͤche, und der Flaͤche mit dem Gebirge unterbrochen ward. Wehe dem, der ohne Bedauern einen Freund verliehrt! Die Fruͤhlingsnebel verfinſtern wohl einige Stunden des Morgens die Luft; aber bald zerſtreut ſie die Sonne.“ Der Baron erwiederte mit aller Wuͤrde, welche die Umſtaͤnde verlangten:„Ich weiß, daß der Haͤuptling des Stammes Mac⸗Jvor des Koͤnigs wahrhafter Freund iſt, und ich be⸗ dauere, daß ſich zwiſchen ihn und den gleichge⸗ ſinnten Edlen das kleinſte Woͤlkchen lagern konnte, weil in den Zeiten der Unruhe derje⸗ nige allemal der ſchwaͤchſte iſt, der keine Freun⸗ de hat.“ Dieſe Antwort ſchien geeignet den Frieden zwiſchen den beiden hohen Feinden ſehr ſchnell wieder herzuſtellen. Der Baron ließ einen Krug Soeuback brin⸗ gen, fuͤllte ein Glas und trank auf die Geſund⸗ heit und das Wohlergehen von Mac⸗Jvor von Glennaquoich. Der Geſandte beeilte ſich dieſes Freundſchafts⸗ und Hoͤfliccheitszeichen zu beant⸗ worten: er fuͤllte ſeinerſeits ein Glas mit — 191— dieſen großmuͤthigen Liquor, und trank auf be⸗ ſtändiges Wohl der Familie von Bradwardine. Nach dieſen Praͤliminarien des großen Friedens⸗ vertrags, und der Ratiſication derſelben, begab ſich der Abgeſandte zu Macvheeble, um uͤber ge⸗ wiſſe Artikel zu unterhandeln. Wahrſcheinlich betrafen ſie die Unterbrechung der Subſidien⸗ Zahlung, und der Amtmann kam damit zu Stande, ohne daß ſein Herr den geringſten Arg⸗ wohn von Beeintraͤchtigung ſeiner Wuͤrde ſchoͤ⸗ pfen konnte. Wenigſtens iſt ſoviel gewiß, daß, nachdem die Bevollmaͤchtigten eine Flaſche Brannt⸗ wein langſam getrunken hatten, die eben ſo wenig Einfluß auf ſie hatte, als ſie auf die beiden Baͤren vor der Thuͤr des Eingangs ge⸗ habt haͤtte, Evan Dhu⸗Mac⸗ Combich ſich von allen Umſtaͤnden, im Betreff der Ent⸗ fuͤhrung der Kuͤhe Bericht abſtatten ließ, und verſprach, auf der Stelle Befehl zu geben, daß man Nachforſchungen zu Wiederauffindung der armen Thiere mache, welche, meinte er, noch nicht weit ſeyn koͤnnten.„Sie haben,“ fuͤgte er hinzu,„den Knochen aufgeſchlagen, aber nicht Zeit gehabt das Mark herauszuſaugen.“ Unſer Held, der Evan⸗Dhu ſehr aufmerk⸗ ſam zugehoͤrt hatte, war uͤber die Aufrichtigkeit, die er zeigte, uͤber ſein ſchnelles Nachforſchen — und den gluͤcklichen Erfolg, den er verſprach, ganz verwundert. Seinerſeits fand ſich Evan⸗ Dhu ſehr von der Aufmerkſamkeit geſchmeichelt, mit welcher Waverley ihm zuhoͤrte, und von dem Verlangen, das er bezeigte, die Sitten und Woh⸗ nungen der Bergſchotten kennen zu lernen. Ohne weitere Ceremonie fragte er Eduarden, ob er ihn auf einem kleinen Spaziergange von zwoͤlf bis funfzehn Meilen begleiten wolle in's Ge⸗ birge, um den Ort aufzufinden, wo, ohne Zwei⸗ fel, die Kuͤhe waͤren hingetrieben worden? Er ſetzte hinzu:„Ich bin uͤberzeugt, daß ihr, ſo lange ihr auf der Welt ſeyd, keinen aͤhnlichen Ort geſehen habt, und zeitlebens keinen ſolchen mehr ſehen werdet.“ Unſer Held fuͤhlte ſich von den heftigſten Verlangen entflammt die Hoͤhle dieſes neuen Cacus zu beſuchen, indeſſen unterließ er nicht ſich zu erkundigen, ob er ſich dieſem Fuͤhrer an⸗ vertrauen koͤnne. Der Baron ſagte, daß man ihm dieſe Einladung nicht gethan haben wuͤrde, wenn er im mindeſten dabey Gefahr liefe, und daß er nnr Ermuͤdung zu fuͤrchten habe. Als Evan hinzufuͤgte, daß er auf der Ruͤckreiſe ſich ein oder zwey Tage bey Mac,Jvor aufhalten koͤnne, der ihn mit den groͤßten Vergnuͤgen em⸗ pfangen wuͤrde: ſo ſing Eduard an dieſe Reiſe * — — 193— nur als einen Spatziergang anzuſehen; allein Miß Roſa ward bleich und zitterte. Der Baron, der die Lebendigkeit und Neugier ſeines jungen Freundes mit Vergnuͤgen ſah, huͤthete ſich ihn abzukuͤhlen, und von Gefahren zu ſprechen, die nicht vorhanden waren. Ein Mantelſack ward mit allem Nöthigen zu dieſem kurzen Un⸗ ternehmen gefuͤllt, den ein Jaͤger trug, der den Abgeſandten begleitete. Unſer Held, eine Jagd⸗ flinte in der Hand, folgte den Fußtapfen ſei⸗ nes neuen Freundes Evan⸗Dhu. Der erwaͤhnte Jaͤger, und noch zwey andere Hochlaͤnder, die Evan bedienten, von denen der Eine eine Axt, und der andere einen langen Carabiner trug, gin⸗ gen hinter her.. Evan beeilte ſich, Eduarden zu belehren, daß dieſe kriegeriſche Bedeckung zur Sicherſtel⸗ lung ſeiner Perſon uͤberfluͤſſig ſey; aber daß ſie beabſichtigte ihm ein wuͤrdevolles, anſtaͤndiges Anſehen zu geben, wegen der nach Tully⸗Weo⸗ lan zu uͤberbringenden Bothſchaft, wie ſolches von Vich⸗Jan⸗Vohr's Milchbruder zu erwarten ſtaͤnde. „Ach ich wuͤnſchte Eure Lords ſaͤhen unſern Haͤupt⸗ ling mit den Gefolge ſeines Hofs!“— „Seines Hofs?“ fragte Eduard erſtaunt. „Ja.. das heißt, wenn er ſeine Officiere zu einem Staatsbeſuche bey ſich hat. Da ſind J. N — 194— fuͤr's erſte— ſagte er, indem er ſtehen blieb, und ſtolz den Kopf aufhob, um an den Fingern zu zaͤhlen—: 1. ſein Rechtsgelehrter 1), 2. ſein Dichter ²), 3. ſein Redner 3), 4. ſein Genealogiſt 4), 5. ſein Stallmeiſter 5), 6. ſein Traͤger, der ihn durch Stroͤme und Moraͤſte auf den Schultern traͤgt 6), 7. ſeine Mund⸗ beamten 7), 8. ſeine Kaͤmmerlinge, 9. ſeine Muſikanten und ihr Gefolge u. ſ. w. Und er hat noch eine große Anzahl, die kein beſtimm⸗ tes Amt haben, und nur zu Vergroͤßerung ſei⸗ nes Gefolges dienen.“ „Unterhaͤlt denn Euer Herr alle dieſe Men⸗ ſchen im Dienſt?“— „Alle dieſe Menſchen!“ ſagt Ihr?„das iſt gar nichts gegen die Volksmenge, die keinen andern Aufenthalt hat, als das Schloß Glen⸗ naquoich.“ Unterwegs fuhr Evan fort, Eduarden von der Pracht und Groͤße ſeines Gebiethers zu 2) Hanchmann. 2) Bhaird. 3) Bladier. 4) Gilly-More. 5) Gilly-Casfluc. 6) Gilly-Camstruine. 7) Gillie-Trusharniks. unterhalten, ſowohl in Kriegs⸗ als Friedens⸗ zeiten. Endlich kamen ſie an den Fuß der Fel⸗ ſenkette, die Eduard nur von weitem geſehen hatte. Die Nacht war nahe, als ſie einen der fuͤrchterlichſten Fußpfade einſchlugen, die das Ge⸗ birge und die Ebene vereinigen; er ging außeror⸗ dentlich ſteil, war ſteinig, und uͤber dem Rande der Abgruͤnde angebracht. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten einen Strom, den bald ungeheuere Felſenſtuͤcke in ſeinem Laufe hinder⸗ ten, und der ſich bald mit großem Geraͤuſche aͤber ſie hinabſtuͤrzte; unter dem Fußpfade war der Felſen voͤllig ſpitz. Hier und da konnte man einige Spitzen von Granit bemerken, in deren Spalten Gebuͤſche Wurzel gefaßt hatten. Rechter Hand, wo ſich die Felſen lothrecht erhoben, waren ſie nicht weniger unzugaͤnglich; aber die Gipfel der gegenuͤberſtehenden auf der andern Seite des Stromes waren mit dickem Verhau bedeckt, in dem man einige Fichten erblickte. „Hier iſt,“ ſagte Evan,„die Schlucht von von Bally⸗Brough. Hier ſchlugen vor Zeiten zehn Hochlaͤnder aus dem Stamme von Donnoc⸗ hil einen Haufen von hundert Thaltoͤlpeln zu⸗ ruͤck. Noch kann man den Ort ſehen, wo die Todten begraben wurden. Es iſt auf der klei⸗ 3 N 2 nen Huͤgelflaͤche jenſeits des Waſſers, wenn Ihr ſcharf genug ſeht, um ſie zu unterſchei⸗ den. Da— ſeht'mal!— da kommt ein Vogel, den Euer Mittagsvolk einen Adler nennt. Dieſe Art habt Ihr nicht in England. Er will ſein Abendbrod in der Herrſchaft von Bradwar⸗ dine holen, und ich werde ihm einen Auftrag mitgeben.“ Mit dieſen Worten ſchoß er ſeine Jagdflinte ab, verfehlte aber den ſtolzen Monarchen der geſiederten Staͤmme, der, ohne die geringſte Furcht zu zeigen, ruhig ſeine Bahn fortſetzte. Ein Schwarm von Raubvoͤgeln, Falken, Habichte, Geier, Eulen, Fledermaͤuſe, Raben u. ſ. w. verließen von der Exploſton, die das Echo fern hin wiederhallte, aufgeſchreckt, eiligſt ihre Schlupfwinkel, die ſie zur Nacht gewaͤhlt hatten, und erfuͤllten die Luft mit heiſern, vom Lerm der Waſſerfaͤlle uͤbertaͤubten Geſchrey. Evan, ein wenig uͤber ſeinen Fehlſchuß beſchaͤmt, da er eine Probe ſeiner Geſchicklichkeit zu geben dachte, fing jetzt an zu pfeifen, und lud ſein Gewehr, ohne ſtill zu ſtehn.. Sie kamen an einen kleinen Raſenplatz zwiſchen zwey ſehr hohen, mit Haide bedeckten Bergen, und naͤherten ſich dem Urſprunge des Stromes, der ihnen bisher zur Linken geblieben — — 197— war, und den ſie jetzt zu durchwaten hatten. Evan both ohne. Umſtaͤnde Eduarden die Huͤlfe ſeiner Diener an, um ihn auf die Schultern zu laden, aber dieſer, der ſtets ein guter Fuß⸗ gaͤnger geweſen war, ſchlug das Anerbiethen aus. Er war nicht boͤſe daruͤber, ſeinem Begleiter beweiſen zu koͤnnen, daß es ihm weder an Ge⸗ ſchicklichkeit, noch an Muthe fehle, und daß er in gar nichts den weibiſchen Stutzern aͤhnlich ſey, die man ſo haͤufig in England findet. Am Ende dieſer Kluft fand ſich ein Abgrund von erſchrecklicher Tiefe, durch zahlreiche Felſen⸗ ſpalten getrennt, die man nicht ohne die groͤßte Gefahr und Muͤhe uͤberſpringen konnte. Die⸗ ſer faſt unzugaͤngliche Fußſteig war nur den Hochlaͤndern zu beſteigen moͤglich, und oft ſahen ſie ſich genoͤthigt, ihre Fuͤße fortgleiten zu laſſen, ſo ſteil und ſenkrecht ging er; an andern Orten war er moraſtig, und dann muß⸗ ten ſie ſich an die Felsſpitzen anklammern. Dennoch war dieſes fuͤr ſie nur ein Spiel, fuͤr Eduarden aber nicht, der keine Eiſenſchuhe zu dieſem Gebrauche hatte, und an dieſes Mand⸗ ver nicht gewoͤhnt war; er fand ſich muͤder, als er erwartet hatte, und kaum ſah man ſo⸗ viel, daß man die Gegenſtaͤnde unterſcheiden konnte. — 198— Die Nacht war voͤllig eingebrochen, als ſie zu einer ungeheuern Waldebene kamen, die hohe Felſen umgaben; ſie hatten nur noch die⸗ ſen Berg zu erklimmen, die Finſterniß war nicht zu dicht und das Wetter ſchoͤn. Wa⸗ verley waffnete ſich mit Muth, und fuhr fort, mit feſtem Schritte weiter zu gehen, aber ins⸗ geheim beneidete er die geſchickte Staͤrke dieſer Bergbewohner, die nicht das geringſte Merk⸗ mal von Ermuͤdung blicken ließen, und eben ſo gewiß und ſicher fortſchritten, wie zu An⸗ fange. Unſer Held berechnete, daß ſie bereits wohl funfzehn(Engliſche) Meilen zuruͤckgelegt haͤtten. Die Ruͤckſeite des erſtiegenen Berges war mit dichten Baͤumen beſetzt. Hier hielt der Anfuͤhrer der Caravane eine Unterredung mit ſeinem Haufen, nach welcher der Waldhuͤ⸗ ther Eduard's Mantelſack ablegte, und einem von Evan’s Dienern gab, darauf aber mit einem der Hochlaͤnder ſich auf einem dem Wege ganz entgegengeſetzten Pfade, den die drey Rei⸗ ſenden nun einſchlugen, davon machte. Waver⸗ ley erkundigte ſich nach der Urſache ſeiner Tren⸗ nung, und Evan antwortete, daß der Wald⸗ huͤther zu einem ungefaͤhr drey Meilen weit entfernten Flecken verſendet ſey.— „Alles beſtaͤtigt mir,“ ſetzte er hinzu,„daß es bey dem ehrlichen Donald⸗Bean⸗Lean iſt, wo ſich die Kuͤhe befinden; ich habe geglaubt, daß es kluͤger waͤre, jemand von ſeinen Freun⸗ den voraus zu ſenden: denn er moͤchte vielleicht ſcheel geſehen haben, wenn ihm Fremde, ſo zu ſagen, in ſeiner Zuruͤckgezogenheit uͤber den Hals kaͤmen. Eduard hatte keine Einwendung gegen ſo weiſe ſcheinende Bemerkungen, und fuͤhlte ſich ſogar uͤber die Zweifel beruhigt, die bey des Waldhuͤthers Verſchwinden in ihm aufgeſtiegen waren, da er ſich in der Willkuͤhr der Bergbewoh⸗ ner, in einer Wuͤſte, und mitten in der Nacht befand.—„Ich meine, ich wuͤrde wohl thun,“ fuͤgte Evan hinzu,„wenn ich ſelbſt ginge, den Beſuch eines Reiſenden in ſcharlachrother Uni⸗ form anzuſagen: dieſe Farbe koͤnnte Donald⸗ Bean⸗Lean einigermaßen befremden.“ Und ohne Antwort abzuwarten, machte auch er ſich pfeilſchnell davon. Waverley ſah ſich jetzt gaͤnzlich ſeinem Nach⸗ denken uͤberlaſſen, weil ſein neuer Fuͤhrer, der mit der Axt Bewaffente, kaum einige Worte Engliſch verſtand. Er befand ſich mitten in einem dichten Tannengehoͤlz, und wegen der tiefen Finſterniß war es unmoͤglich, den Weg zu erkennen; aber die Hochlaͤnder ſchienen ihn — 200— inſtinctartig zu treffen, und gingen ſehr ſchnell; Eduard folgte ſo nahe als moͤglich. Nach einem ſehr langen Schweigen konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, zu fragen, ob ſie bald an einen bewohnten Ort kommen wuͤrden. „Bleiben drey, vier Meilen; aber Donald, Gerr, ſchicken Transport.“— Dieſe Antwort machte Eduarden um nicht viel kluͤger. „Was denn fuͤr Transport? ein Pferd? einen Wagen? eine Poſt?“— Er konnte dieſe Fragen wiederholen, ſo oft er wollte, er erhielt keine andere Antwort, als: bald Transport. Eduard warid ruhiger, als er ſich bey dem Ausgange des Holzes an einem Stromufer ſah, wo ihm ſein Begleiter zum Niederſitzen winkte. Der eben aufgehende Mond entdeckte ihm den weiten Umfang des Fluſſes vor ihm, und die phantaſtiſchen Formen der Gebirge, die ihn umgaben. Mit Entzuͤcken athmete er die reine, friſche Luft, die ſo zu ſagen von Birkenbluͤthen durchbalſamt war; dieſer Ruheplatz gab ihm ſeine faſt erſchoͤpften Kraͤfte in etwas wieder. Er hatte Zeit, uͤber ſeine abenteuerliche Lage nachzudenken. An den Ufern eines unbekann⸗ ten Stromes befand er ſich unter Leitung eines Kerls, deſſen Sprache er nicht verſtand; aus — 201— Luſt die Hoͤhle eines Raͤuberhaͤuptlings zu be⸗ ſuchen, hatte er die Reiſe unternommen; die Nacht war vorgeſchritten; ſein Bedienter von ihm entfernt worden.— Welche Menge von Umſtaͤnden, die eine von Natur mit dem Wun⸗ derbaren ſo befreundete Einbildungskraft in Thaͤ⸗ tigkeit bringen konnten! Wenn er auch fuͤr ſein Leben nichts befuͤrchten zu duͤrfen glaubte, ſo wußte er doch nicht, was aus ihm werden ſollte. Was mit ſeinen hohen Romanbegriffen ſchlecht uͤbereinſtimmte, war der Endzweck die⸗ ſer gefahr⸗ und muͤhvollen Fußreiſe. Ach! um die Kuͤhe des Barons wieder aufzuſinden.— Welch ein Abſtand! Er ließ traurig den Kopf ſinken, ward aber bald durch ſeinen Gefaͤhrten aus ſeinen Traͤumereyen gezogen, der ihn leiſe mit dem Finger anſtieß, und bedeutete, ſich umzuſehn:„Da! da! Haven!“ ſagte er. Eduard ſah ein ſchwaches Licht in der Ferne, das bald an Glanz und Umfang zunahm, und am Horizonte hin zu gleiten ſchien. Als er dieſes Phaͤnomen betrachtet hatte, glaubte er das Geraͤuſch von Rudern zu vernehmen. Dieſer Lerm nahm mit jedem Augenblicke zu, bis er ganz empfindlich ward; er hoͤrte zugleich ein ſtarkes Pfeifen, welchem der Arttraͤger ſogleich — 202— gellend antwortete; und bald erſchien ein mit fuͤnf bis ſechs Hochlaͤndern beſetzter Kahn, der ſich dem Orte naͤherte, wo unſer Held ſich be⸗ fand. Er ſtand auf, ſeinen neuen Gefaͤhrten entgegen zu gehen; zwey davon nahmen ihn in ihre Arme, und trugen ihn in den Kahn, der nicht zoͤgerte, ſich mit großer Schnellgkeit zu entfernen. Siebenzehntes Kapitel. Aufenthalt eines Haͤuptlings der Gebirgsraͤuber. Das in dem Kahne herrſchende tiefe Schwei⸗ gen wurbe nur von Zeit zu Zeit durch die End⸗ reime eines Galiſchen Geſanges unterbrochen, den der Bothsmann mit leiſer Stimme ſang; um die Bewegungen der Ruder zu regieren, welche die Oberflaͤche des Waſſers nach einer Art Takt beruͤhrten. Das Licht, dem ſie ſich allgemach naͤherten, zeigte einen großen Heeud, und ward immer groͤßer und heller; man ſah jetzt deutlich, daß es ein großes Feuer war; von dem Eduard jedoch nicht unterſcheiden konn⸗ - ——-— — 203— ke, ob es auf einer Inſel oder auf dem feſten Lande ſey. Indem er den Wiederſchein dieſer Lichtmaſſe mitten in den Fluthen erblickte, glaubte er den Flammewagen vor ſich zu ſe⸗ hen, in welchem, nach einem Orientaliſchen Maͤrchen, der Geiſt des Boͤſen die weiten Strecken des Meeres durchzieht. Endlich ſah unſer Held im Glanze des immer heller und naͤher ſtrahlenden Lichts, auf's genaueſte, daß ſich dieſes Feuer auf einer Felſenhoͤhe be⸗ fand, welche eine Art Vorgebirge uͤber dem See bildete, den er erſt fuͤr einen Strom gehalten hatte. Die durch dieſen gluͤhenden Flammen⸗ heerd erleuchteten Theile der Kuͤſte, bildeten einen mahleriſchen, ja majeſtaͤtiſchen und erhabe⸗ nen Contraſt mit denen, welche nur von Zeit zu Zeit von dem bleichen Mondſtrahl erhellt wurden. Der Kahn beruͤhrte faſt das Ufer, als Wa⸗ verley zwey Leute bemerkte, die beſchaͤftigt wa⸗ ren das Feuer mit Anlegen von Fichtenreis zu unterhalten. Der Wiederſchein des Lichts gab ihnen das Anſehen von zwey Soͤhnen der Hoͤlle; ſie waren nur einige Schritte von dem Ein⸗ gang einer Hoͤhle, und er zweifelte nicht, daß man dieſes Feuer angezuͤndet hatte, um den Fuͤhrern des Nachens zum Pharus zu dienen; ſie feheer dieſen jetzt zur Rechten des Ein⸗ gangs; hoͤrten auf zu rudern und ließen ihn frey der gegebnen Richtung folgen; ſie umſchifften auf dieſe Weiſe die Platform des erwaͤhnten Vorgebirgs, und nachdem ſie zwey andre feſtge⸗ machte Nachen mit fortgenommen hatten, hiel⸗ ten ſie unter dem Bogen ſtill, der den Eingang in die Hoͤhle bildete, zu der man auf fuͤnf oder ſechs regelmaͤßigen Stiegen kam, die M enſchen⸗ werk zu ſeyn ſchienen; aber dennoch nur durch Erderſchuͤtterung uͤbereinander geſchichtete Felſen waren. Im Augenblick ſtuͤrzte man eine große Waſſerfluth uͤber den Scheiterhaufen, der unter lange ausdanerndem Geziſche verloſch. Fuͤnf bis ſechs kraͤftige Arme zogen Waperley aus dem Kahn und trugen ihn in den Eingang der Hoͤhle. Er that einige Schritte in tiefſter Finſterniß, und vernahm dabey den verworrenen Lerm mehrerer Stimmen, die aus einem unter⸗ irdiſchen Gewoͤlbe zu kommen ſchienen, aber nach einem kleinen Umweg, fand er ſich gerade vor Donald⸗Bean⸗Leans Angeſicht. Das Innere der Hoͤhle, die hier ſehr hoch war, war mit Fichtenbraͤnden erleuchtet, deren Harz ein lebhaftes und ſehr feuriges Licht, von dickem Rauche begleitet, ausſtroͤmte, und deſſen ſtarker Geruch nichts Unangenehmes hatte; auch — 205— war ein großes Feuer von Torf angezuͤndet, um welches fuͤnf oder ſechs bewaffnete Hochlaͤn⸗ der ſaßen; in einiger Entfernung lagen andere auf ihre Maͤntel hingeſtreckt, und in ihre Plairds gewickelt. In einer Vertiefung des Felſens, welche der Beſitzer dieſer Grotte emphatiſcher Weiſe ſeine Officin, oder Speiſekammer, nann⸗ te, hingen verſchiedne Schoͤps⸗ und Schaafkeu⸗ len und zwey abgezogene Kuͤhe. Neben dem Haͤuptlinge befand ſich Evan⸗Dhu, als Cere⸗ monienmeiſter; er kam, um den Gaſt zu empfan⸗ gen, und dieſer fand den Haͤuptling ganz anders als er ſich ihn gedacht hatte. Nach ſeiner Hand⸗ thierung, den wuͤſten, wilden Orten, wo er wohn⸗ te, und dem kriegeriſchen Anſehen aller ſeiner Umgebungen, mußte alles auf Schrecken deu⸗ ten. Er vermuthete alſo einen Mann von co⸗ loſſaler Geſtalt und abſchreckendem Geſichte zu ſehen, deſſen haͤßliche, furchtbare Zuͤge dem Sal⸗ vator zum Model haͤtten dienen koͤnnen, wenn er eine Gruppe Banditen mahlte. Donald⸗Bean⸗Lean glich dieſem Bilde nicht im mindeſten. Er war klein von Geſtalt; ſein rothes Haar vermehrte die Blaͤſſe ſeines Geſichts und hatte ihm den Namen Bean (Weiß) zugezogen. Wiewohl ſeine Zuͤge Thaͤ⸗ tigkeit und Scharfſinn ankuͤndigten; konnte man —— — 206— ihn doch nur fuͤr einen ſehr gewoͤhnlichen Men⸗ ſchen halten. Er hatte lange in einem niedern Grad in Frankreich gedient, und um unſern Reiſenden im groͤßten Staat zu empfangen, hatte er die Kleiduug der Hochlaͤnder abgelegt; und ſich in eine alte Uniform geworfen, und ſeinen Federhuth aufgeſetzt, der ihm nichts weni⸗ ger als ein kuͤhnes Anſehen gab; ſein Anſtand aber war ſo abſchreckend und laͤcherlich von al⸗ len ſeinen Umgebungen verſchieden, daß Eduard laut aufgelacht haben wuͤrde, wenn er geglaubt haͤtte, es ohne Nachtheil thun zu koͤnnen. Er ward mit den groͤßten Verſicherungen Fran⸗ zoͤſiſcher Artigkeit, und Brittiſcher Gaſtfreund⸗ ſchaft empfangen. Sein Name, ſeine Verbin⸗ dungen und die politiſchen Grundſaͤtze ſeines Oheims waren ſeinem neuen Wirthe wohl bekannt, der ihm deßhalb tauſend Complimente machte, welche Waverley, der Klugheit gemaͤß, nur ober⸗ flaͤchlich beantwortete. Eduard ſetzte ſich weit genug vom Feuer, um nicht durch ſeine außerordentliche Hitze bey der warmen Jahreszeit beſchwert zu werden. Eine große Virago brachte ihm eine ungeheuere hoͤl⸗ zerne Mulde, mit einer Art Speiſe von Rind⸗ fleiſch mit Wurzeln(Imrigh) angefuͤllt; ein aleiches wiederfuhr Donald und Evan. Nach dieſem erſten Gange, der, obaleich ziem⸗ lich ſtark, dennoch trefflich befunden ward, trug man auf Kohlen gebratne Cottelets im Ueber⸗ fluß auf, die mit einer ſolchen Geſchwindigkeit von Seiten jener Beiden verſchwanden, daß Wa⸗ verley ſeinen Augen kaum traute, und ihre Ge⸗ fraͤßigkeit nicht mit dem, was er von ihrer Ent⸗ haltſamkeit gehoͤrt hatte, zuſammenreimen konnte. Er wußte nicht, daß dieſe nur ſcheinbar und gezwungen war: denn die Hochlaͤnder verſtehen, wenn’s Noth iſt, zu faſten, und behalten ſich die Schadloshaltung dagegen bey vorkommender Gelegenheit vor. Um das Feſt vollſtaͤndig zu machen, wurde Whisky oder(Haferbrannt⸗ wein) im Uberfluß herumgegeben, wovon die Hoch⸗ laͤnder viel, und allezeit unvermiſcht trinken, Eduard miſchte ein wenig Waſſer hinzu, trank einen Schluck, und fuͤhlte ſich nicht geneigt, es zu wiederholen. Sein Wirth bezeigte ein leb⸗ haftes Bedauern ihm keinen Wein vorſetzen zu koͤnnen.— „Haͤtte ich Euern Beſuch 24 Stunden zuvor gewußt,“ ſagte er,„ſo haͤtte ich das Land zehn Meiten im Umkreiſe durchſuchen laſſen; aber was kann ein Edelmann, den ein anderer Edel⸗ mann beſucht, mehr thun, als ihm das vor⸗ ſetzen, was er im Hauſe hat? Man ſoll keine J. 3 — 208— Haſelnuͤſſe ſuchen, wo keine Haſelnußſtraͤucher ſtehen.“ Donald wandte ſich ſodann zu Evan, um den Tod eines alten Wahrſagers zu be⸗ dauern, der wenn er einen Menſchen in ein Haus kommen ſah, gleich wußte, ob er ein Freund oder Feind ſey oder ein Spion. „Heißt ſein Sohn nicht Malcolm der Pro⸗ phet?“ fragte Evan. „Man hat nie ſo einen Menſchen geſehen, wie ſeinen Vater,“ erwiederte Donald,„neu⸗ lich hat er uns prophezeihet, daß wir den Beſuch eines zu Pferde reiſenden Edelmanns erhalten wuͤrden, und wir ſahen niemand, ausgenommen den alten, blinden Beg, den Harfenſpieler, den ſein Hund fuͤhrt. Ein andermal kuͤndigte er uns die Einladung zu einer Hochzeit an, und es war zu einem Leichenbegaͤngniſſe. Bey einer Unternehmung verſicherte er uns, daß wir uͤber 100 Stuͤck Hornvieh zuruͤckbringen wuͤr⸗ den, und wir fingen nichts als einen alten Voigt.“ 3 Endlich fiel die Unterhaltung auf die mili⸗ tairiſchen und politiſchen Angelegenheiten des Landes. Waverley erſtaunte und erſchrak, einen ſolchen Mann, vollkommen von der Staͤrke ver⸗ ſchiedener Regimenter, die in Norden vom Tay garniſonirten, unterrichtet zu ſehen.—„S' ſind huͤbſche Jungen!“ fuͤgte er hinzu,„eben keine ſchoͤnen Maͤnner, ſie ſchlagen ſich aber gut! Er erinnerte Waverley an einige Umſtaͤnde, die bey der allgemeinen Heerſchau ſtattgefunden hatten, und uͤberzeigte ihn, daß er Zeuge davon geweſen ſey. Evan⸗Dhu hatte ſich zur Ruhe begeben; Donald fragte Eduarden ganz ausdruͤcklich, ob er ihm nichts im geheimen zu ſagen habe? Dieſer, uͤber dieſe unerwartete Frage etwas verlegen, antwortete, daß ſein Beſuch keinen an⸗ dern Grund habe, als die Wißbegier eine ſo ſeltſame Behauſung zu ſehen. Donald betrachtete ihn eine Weile, und ſagte dann freundlichſt: Ihr haͤttet Euch mir entde⸗ cken koͤnnen; ich bin Eures Vertrauens eben ſo wuͤrdig als der Baron von Bradwardine, oder Vich⸗Jan⸗Vohr; aber Ihr ſeyd mir nichts deſto weniger willkommen.“ Waverley konnte ſich nicht des Grauſens uͤber die geheimnißvolle Sprache des Naͤuberhaͤuptlings erwehren, und hatte nicht den Muth weiter zu forſchen. Ein Lager von Haidektaut, mit Blumenſtie⸗ len vermiſcht, war ihm in einem Winkel der Hoͤhle zubereitet. Er deckte ſich mit einigen al⸗ ten Maͤnteln ſo gut er konnte, und betrachtete noch eine Weile die Bewohner dieſer Kluft. 9 2 — 210— Verſchiedentlich ſah er mehrere kommen und ge⸗ hen, ohne eine andere Ceremonie, als daß ſie dem Haͤuptling, oder, wenn er ſchlief, ſeinem Lieu⸗ tenant, einige Worte ſagten. Die Kommenden ſchienen bey einer Unternehmung geweſen zu ſeyn: ſie nahten ſich den Vorraͤthen ohne Um⸗ ſtaͤnde, und bedienten ſich ihrer Dolche das Fleiſch in Stuͤcken zu ſchneiden, daß ſie hernach roͤſte⸗ ten. Aber das Getraͤnk war ihnen weniger uͤber⸗ laſſen; Donald, der Lieutnant oder die oben er⸗ waͤhnte Amazone, die hier das einzige Weib war, theilten es aus. Indeß waͤren dieſe Portio⸗ nen fuͤr Andere als Hochlaͤnder unerhoͤrt gewe⸗ ſen; allein die Gewohnheit in freyer Luft zu le⸗ ben, und unter einem feuchten Himmelsſtriche machte ſie faͤhig eine große Menge der ſtaͤrkſten Liquoͤre zu trinken, ohne die furchtbaren Wir⸗ kungen zu erfahren, die dieſe auf den Verſtand und die Geſundheit ſonſt hervorbringen. Nach und nach verſchwanden dieſe beweglichen Gruppen vor den Augen unſers Helden, der end⸗ lich einſchlief, und erſt am andern Morgen er⸗ wachte als ſchon die Sonne uͤber den See auf⸗ ging; gleichwohl verbreiteten ihre Strahlen nur ein ſchwaches Licht in der Hoͤhle, die Donald mit dem Namen der koͤniglichen beehrte. — —— — — Empfehlenswerthe Roömane. Fr. Krug von Nidda, Erzaͤhlungen und Romanzen. 8. 1821 1 thl. 16 gr. Gersdorf, Wilhelmine v., Eternelle oder die Blind⸗ geborne, ein romantiſches Gemaͤlde. 2 Bde. mit Kupfern. 8. 1820 athl. 18 gr. Bonde, K., Kaͤthchen von Hubenſtein oder der Stroh⸗ hut. Eine Familiengeſchichte. 8. 1820 1thl. 4 gr. —— die Koͤnigsſcheibe oder die Ahnungen. Eine Familiengeſchichte aus dem deutſchen Vefreiuos. kriege. 8. 1819 thl. 4gr. Gersdorf, Wilhelmine v., Erzaͤhlungen. 2 Bde. mit 1 Kupfer. 8. 1821 2 thl. 3 gr. Fajfdre, D., Gemaͤlde des menſchlichen Herzens. . 1820 3 —— Gi und Iſidora oder die Flucht aus den Kerkern endiglione 8. 18 gr. In 4 Wochen erſcheinen: Der Kreuzesritter oder Don Sebaſtian, Koͤnig von Portugal. Ein hiſtoriſcher Rikterroman von Miß Anna Maria Porter, berſetzt von„Wilhelmint von Gersdorf. 2 Bde. u. t Kupfern. 8. Gersdorf, Wilhelmine d Mirabilis oder der Alte uͤberall und nirgends. 8 Fr. Seag de von Nidda, Erzaͤhlungen und Romanzen. 2r Bd. —— Bey dem Verleger dieſes ſind folgende Zeichen⸗ buͤcher, Jugendſchriften und Spiele ſo eben erſchienen: 4 Zeichenbuͤcher im Steindruck fuͤr freye Handzeichnung. Fricke, F. A., der Zeichnenſchuler oder Voruͤbungen Zeichnen. 2 Lieferungen mit 56 Vorlegeblaͤter in Etuis 1thl. 4 gr. —— Sammlung architectoniſcher Verzierungen nach antiquen Blaͤrtern in 20 Vorlegebl. in Etuis 20 gr. —— Unterricht in der Thlerzelihnenkunſt⸗ in 56 — 8 theils nach der Natur, theils nach den beſten Meiſtern auf Stein gezeichneten Vorlegeblaͤttern in Etruis 3 uthl. 8 gr. Fricke, F A, Unterricht in der Blumenzeichnenkunnſt zur Uebung fuͤr Schatten und Licht in 24 Vor⸗ legebl, ate verb. und verm. Aufl. in Etuis athl. —— der Landſchaftszeichner. 3 Lieferungen in 54 Vorlegeblaͤttern 5 thl. 3 Kinderbuͤcher. Funke, F. C., das haͤusliche Gluͤck in Ruhethal, ein Familienbilderbuch mit 12 colorirten Kupfern. gebd. 1«. —— Reiſen der Familie von Adelwerth oder lehr⸗ reiche Darſtellungen von der Oberflaͤ mit 12 colorirten Abbildungen. ge —.— Naturhiſtoriſches Etuis, oder I 1 Beſchreibung des Thierreichs. ꝛſte Liefer., Saͤug⸗ thiere, mit 136 treu nach der Natur auf Stein gezeichneten Darſtellungen 1 thl. Sopiele. Ariel und Urian oder der Teufel iſt los, ein be⸗ luſtigendes Geſellſchaftsſpiel mit Geſang, Tanz 3 und Pfaͤndern fuͤr alle Jahreszeiten, mit 18 colo⸗ rirten Spieltafeln in Etuis 15 gr. Vehmgericht, das heimliche, ein unterhaltendes Pfaͤn⸗ derſpiel fuͤr frohe Geſellſchaften, mit 18 Spielta⸗ feln in Etuis 12 gr. Der Gluͤcksritter oder wer das Gluͤck hat, fuͤhrt die Braut heim, ein großes, unterhaltendes Spiel fuͤr Alt und Jung, colorirt thl. Dasſelbe auch unter dem Titel und beſonders fuͤr die Jugend bearbeiter:. Das Vaterhaus oder der Eintritt in die Welt, ein⸗ foch colorirt. 18gr. 3 Spiele fuͤr die Kinderwelt, enth.: 1¹) der Wolf in der Schaafheerde, ²) die Veränderlichen oder das Hochzeirgeſchenk, 3) das ſinnreiche Puzzleſpiel, colorirt in Futteral 18 gr. — 4 —— 1 —— X Tſnſſinfinſnfnſnnnſinſnſiſſnſnſnſn ſſnnnn 8 9 11 12 13 14 10 15 16 17 18 9 Meen 9 v L N eeleLeenel- 85 1anechrle 11lu 1 — 2