deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 von—. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 1½ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von B — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatzet wird. 1 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus⸗ bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — „ 3„„„ 3„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 6. Schadenersatz. Für beſchmutzse, zerriſſene, verlorene und ſ. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, deichenüßte⸗ ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — ena, lanettett, hotourn. Watmnneen, liu. me f Shi,, Sche Sawene — 2 eefte,: are,e. er Ih. u berrt Rrliereeeren. zWualladmor. Frei nach dem Engliſchen des zualter Srott. - 4 Zweite, verbeſſerte Auflage Herxausgegeben und mit einem weswer 8 von Miillibald Ale ris. — grſter Ban d. Berlin,* Herbig. 8 bei Friedrich Auguſt 1825. 2,— v pdo ot adrens, 00 eUgure roe Gres ³οραάααεν ειιο. Soph. Ajas. V. 1250. dene pas la raillerie, on the contrary, We Patronize even hoa- Werip, this is the boldest hoax of our times!— Bubbled Ger- many laughed, because it knew not that it was a bubble: and bubbling Germany laughed, because it knew full well that it was. The laugh of welcome was before it: the cachinnus of triumph was behind it. They had made a false Florimel of snow, and the false Florimel went wandering from the Danube to the Rhine, aud won all hearts it is said, from the true Florimel. And now at length is the false Florimel come over 10 England and here are we to welcome her— We are in the hands of a fine scenical artist for arranging grand Situ ations— and the reeder sees without our telling him, that there is great life and stir in the movement of the story; much dramatical skill in devising situations and an interest gi- ven to some of the characters, beyond the mere interest of the action, by the passions, which move them— errors of manners are not at all greater than in many of our own noyvels of high credit. But now dear German hoaxer, a worcl or two to yon at par- ting. Mistake us not for any of those dull people: qui mwenten- xing and quizzing when they are witty and half as g00d ar yours; IV— hbut all this within certain gternal limits.—— Mr. Malbourne!— A second point which we could wish him to amend in his next hoax is the keenness of his satirical hints at us, the good peo- ple of this island.— Let this be reformed, good hoaxer! Do not put quite so much acid into your Wit. Come over to Lon- don, and we will all shake hands with you. Over a pipe of wine, wrhich we shall imbibe together, you will take quite a new view of our character: and we in particular will introduce you to some dear friend of ours, Scoth, hish, and English, who will any of hem be glad to take a sixteenth in your next hoax or even to subscribe to a series of hoaxes, which we shall assist to ma- ke so witty, that they shall„draw three souls of ne weaver“ and shall extort laughter from old Rhees ap Meredith in Tar- tarus⸗ (Aus dem London Magaaine.) Vorrede. D. ich mich fuͤr den jungen Mann, welcher dieſe, wie er ſie nennt, ungewoͤhnliche Ueberſetzung geliefert hat, ſo inte⸗ reſſire, als wenn ich es ſelbſt waͤre, habe ich mich auch leicht dazu verſtanden auf ſeine Bitte eine Vorrede zur zweiten Auflage zu ſchreiben, und die Herausgabe dieſer letztern zu beſorgen. Was die Vorrede anbelangt, weiß ich aber in der That nicht, was ich darin ſagen ſoll, als etwa, daß der dem Ueberſetzer hie und da gemachte Vorwurf, er habe nie das Meer geſehen, voͤllig unbegruͤndet iſt, denn er hat mir nach⸗ gewieſen, und ich bin davon ſo uͤberzeugt worden als waͤre ich es ſelbſt geweſen, daß er das erſte Kapitel des erſten Theiles den Tag nach einem auf der See wirklich erlebten nicht un⸗ bedentenden Sturm niedergeſchrieben hat. Haͤufig pflegte er in meinem Zimmer heftig bewegt auf und ab zu gehn und auszurufen: wer behaupten kann, daß dieſe Seene(er meints S — vI— Bertrams Tonnenfahrt) unnatuͤrlich iſt, muß ein Binnen⸗ menſch ſein, der nie einen See⸗Sturm erlebt hat“ Ich laſſe dies auf ſich beruhen, da der junge Mann von derglei⸗ chen Anſchuldigungen faſt wie der alte Roͤmer in Tieks„Ge⸗ ſellſchaft auf dem Lande“ beim geringſten Zweifel an ſeiner Qualitaͤt als Ziethenſcher Huſar, in ſo heftige Gemuͤthsbewe⸗ gung gerieth, daß ich es nicht fuͤr gerathen fand das Thema weiter zu verfolgen. Ueber die Penibilitaͤt einiger zaghaften Buchſtabenmen⸗ ſchen, welche die ungeheure, die Ehrlichkeit des Deutſchen Buchhandels in Gefahr bringende Kuͤhnheit of che gay prince of all hoaxers(wie ihn der Engliſche Recenſent betitelt) nicht faſſen konnten, hat er ſich ſelbſt in ſeinem Sendſchreiben an einige ſchwache Seelen(Abendzeitung) luſtig ge⸗ macht. Im uͤbrigen iſt er durch die allerſeits von den hoͤchſten, und hochverehrten Maͤnnern geaͤußerte lebhafte Theilnahme reichlich fuͤr die ſcheelen Blicke einiger duͤrftigen Seelen, be⸗ lohnt worden. In ſeinem Namen danke ich allen Bekann⸗ ten und Unbekannten, die ihm mittelbar oder unmittelbar ihr lebendiges Intereße fuͤr die Erſcheinung des Walladmor verſicherten. Ein lebhaftes Vergnuͤgen verurſachte ihm die ausfuͤhrliche Engliſche Kritik des Walladmor im London Magazin, wo der Roman als Sir Walter Scotts Deutſche Novelle eben ſo pomphaft als witzig angekuͤndigt wurde. Er hat auch deshalb dem Rerenſenten, in welchem Einige den großen Unbekann⸗ —— — — — VII— ten ſelbſt erkennen wollen, dieſe Auflage dedicirt. Die echte Wuͤrdigung ſeiner Ueberſetzung von Seiten eines Englaͤnders hat, wie er mich verſichert, ihn um ſo mehr erfreut, als auch viele guͤnſtige Beurtheiler unter den Deutſchen dem Autor ganz falſche Abſichten unterſchoben. Nie, ſagt er, ſei es ihm eingefallen ein Pasquill gegen den von ihm als Dichter innig verehrten Mann zu ſchreiben, wie es etwa der, Washington Irving von andern dem Amertkaner Paulding zugeſchrie⸗ benen Noman Koͤnigsmark enthalte, und wie einige Deut⸗ ſche ganz ſchlechte Anbeller des Großen dergleichen verſucht haͤtten. Wenn er auch einige Schwaͤchen des Dichters be⸗ laͤchelt, und verſucht habe die Deutſche Sotto⸗Manie durch Copirung unweſentlicher Eigenheiten hinters Licht zu fuͤhren, ſo bleibe die Achtung vor dem ſchaffenden Genius des Dich⸗ ters unwandelbar beſtehen. Leid thut es ihm und mir noch nicht die Engliſche und Franzoͤſiſche Ueberſetzung des Romanes zum Gebrkauch bei der zweiten Auflage dieſer Ueberſetzung zur Hand zu haben. Ueber⸗ haupt muß ich bekennen, daß ich bei der Verbeſſerung im Blinden umhergetappt bin. Waͤre es nach meinem Willen gegangen, haͤtte ich ganze Seiten ausſtreichen und dafuͤr zwei Zeilen herſetzen moͤgen, mein junger Freund aber meinte, dann verliere die ganze Arbeit ihr eigenthuͤmliches Colorit und der Noman ſolle nun einmal ein Walter Scottiſcher ſein und kein W. Alexiſcher werden. Daher darf der geneig⸗ te Leſer wenn ihm in der Conſtruction im Kleinen und Berlin im Januar 1825. — VIII— Großen manches nicht zuſagt, dies ni nung ſchreiben, der ich mich uͤbri ſere Interpunction mit einem mentlich bei dem dritten Theil ſcht auf meine Rech⸗ gens bemuͤht habe eine beſ⸗ moͤglichſt kuͤrzeren Stil na⸗ bineinzubringen. W. Alexis. Walter Scott, Baronet, widmeto) dieſe Ueberſetzung ſeines neueſten Werkes ehrfurcht svol! der Ueberſetzer. *) Die Dedication zur erſten Auflage. W. A. An den Recenſenten des Walladmor im London Magazin. Ihre guͤnſtige Kritik meiner Ueberſetzung kam mir ſo unerwartet als die von Ihnen vorausverkuͤndete zweite Auflage derſelben; Sie verzeihen daher, wenn ich nur einige fluͤchtige Worte, welche die Eil mir nicht einmal in ein ſcherzhaftes Gewand zu kleiden vergoͤnnt, dieſer, Ihnen hiermit dedicirten, Auflage beifuͤge. Fuͤr einen Autor, behaupte ich, giebt es keine groͤßere Freude, als die verſtanden zu werden. Und doch, o Schmerz es zu bekennen! nichts iſt grade ſeltener in Deutſchland. Einer unſerer erſten, in Eng⸗ land noch wenig gekannten Humoriſten, Jean Panl, behauptet, alles ironiſch Geſagte muͤße man unſerm Publikum in Haͤckchen vorfuͤhren; und dennoch darf man zweifeln, daß damit dem Misverſtaͤndniß ab⸗ geholfen werde, da ſo viele gute Leute zu haͤufig nicht verſtehen wollen. Die qui mentendent pas la raillerie thun ſich gewißermaßen etwas darauf zu gute, indem ſie ihren deutſchen Ernſt als neun⸗ haͤutigen Stierſchild gegen Anſchuldigungen empfind⸗ licher Art gar zu gern vorhalten. Deshalb mußte Ihre Kritik, eine der erſten, welche in das Weſen des Romanes einging, mir ſo große Freude verurſachen, daß ich es gern er⸗ tragen haͤtte, waͤren Sie auch ſo bitter geworden als Sie launig gegen den gay hoaxer auftraten. Zugleich druͤcke ich longa mann Ihre uͤber den Ka⸗ nal mir traulich hingereichte Hand; gern wuͤrde ich hinuͤber fliegen um Ihr Erbieten, beim frohen Wein⸗ tiſche zu einem zweiten luſtigen hoax die Charactere zu ſammeln, anzunehmen, und im voraus ſtatte ich meinen innigſten Dank den edlen Gentlemen aller Brittiſchen Staͤmme ab, welche im zweiten Wallad⸗ mor außzutreten nicht verſchmaͤhen wuͤrden; allein — die Poeſie eines Poeten hat wohl Fluͤgel, ſeinen — —— —— ſterblichen Leib darf er ihnen aber nicht anvertrauen, zumal da ſchon der alte Horaz ſagt: Pindarum quisquis studet aemulari Jule ccratis ope Daedalea Nititur pennis, vitreo daturus Nomina ponto ⁹) Meine waͤchſerne Fluͤgel moͤchten mich leicht ſchon zwiſchen Dover und Calais abſetzen, ohne daß den Saͤnger Brittiſche Delphine, oder die Tonne meines Bertrams aus den Fluthen retteten, NB ich kann nicht ſchwimmen. Noch giebt es außer den waͤchſer⸗ nen heut zu Tage Fluͤgel von haͤrterer Maſſe, die Sturm urd Sonnenſtrahlen aushalten, und uͤberall hintragen, naͤhmlich goldene. Publikum und Buch⸗ haͤndler in Deutſchland ſind aber bis dato noch der Neinung, daß dieſer Schmuck fuͤr Deutſche Poeten nichts tauge, und ſo ſind wir noch immer reducirt auf unſere leichten Fluͤgel aus dem Gaͤnſeruͤcken, und viele von uns, ſpottweiſe genannt, die Herren von der ſchnellen Feder fliegen auch wirklich * *) Verlaͤumder ſagen, das vitreum pontus haͤtte mir ſelbſt den Namen gegeben. 4 — XII— damit ſo ſchnell, daß man es ihnen anſteht, ſie wuͤr⸗ den, haͤtten ſie goldene Fluͤgel, ſich nicht von der Stelle bewegen. Fuͤhrt mir aber einſt der Zufall goldene zu, wird mein erßer Flug nach den Kuͤſten des goldenen Albion gerichtet ſein. Nun werther Recenſent,— moͤgen Sie identiſch oder nicht identiſch mit jenem großen Manne ſein, den wir in Ihnen vermuthen,— zur Schlußbeant⸗ wortung eines Ihrer ſpeciellen Monita. Dem Ueberſetzer und Autor iſt es nie eingefallen den Großen Unbekannten weder im ganzen Romane, noch im Maſter Malburne klein erſcheinen zu laſſen. Hat dies den Anſchein gewonnen, ſo liegt der Fehler nicht im Willen des Autors, ſondern in der ihm man⸗ gelnden Kraft der Ausfuͤhrung. Wir Deutſche ſind ge⸗ wohnt uns den Waverley⸗Autor als geiſtig und koͤr⸗ perlich verwandt mit ſeinem Maſter Plydel im Guy Mannering zu denken. Dieſen humoriſtiſchen ſcharf⸗ blickenden Rechtsgelehrten hat der Autor in die neue Zeit uͤberſetzen wollen, und er gibt gern zu, daß ihm dies mislungen und aus dem gemuͤthlichen Hu⸗ moriſten ein kalter Satiriker geworden iſt, allein — III— er proteſtirt, daß darin irgend ein Harm gegen den großen Dichter ruht, den er aus ganzem Herzen ach⸗ tet und liebt, und uͤber deſſen Erſcheinung in Deutſch⸗ land er ſich nur ſo luſtig gemacht hat, als er gern wuͤnſchte, daß auch ſeine Freunde mit ihm ſelbſt ver⸗ fuͤhren. Der Vorwurf des Cynismus beruht wohl nur in den Engliſchen Begriffen von Reinlichkeit, da Tabackrauchen und Schnupfen bei uns zwar ſehr un⸗ angenehme aber nicht unanſtaͤndige Gewohnheiten ſind. Er konnte daher unmoͤglich, ohne das Ganze zu zerſtoͤren, die Erſcheinung des Malburne am Ende weglaſſen. Er glaubt in dieſer Beziehung eben ſo offen mit ſeinem Walladmor vor den großen Dich⸗ ter hintreten zu koͤnnen, als es der geiſtreiche Ver⸗ faſſer des Koͤnigsmark nicht kann. Auch verſchiedene andere Ruͤgen finden Sie in den Anmerkungen beruͤckſichtigt. Da, wie ich mit Leidweſen erfahren, ſo viele Englaͤnder das Kloſter Griffith ap Gauvon noch gar nicht kennen, andere mich verſicherten, es trotz aller Anſtrengung in Nord Wales nicht aufgefunden zu haben, beſchloß ich kei⸗ ne Koſten zu ſparen, und ſandte einen jungen Kuͤnſt⸗ — XIV— ler hinuͤber, der es an Ort und Stelle, wie Sie es vor dem Titelblatt ſehen, aufgenommen hat. Es iſt ganz naturgetreu, und Ihre Landsleute werden hoffentlich jetzt nicht mehr vergebens danach ſuchen. Indem ich zum Schluß noch bemerke, daß der boͤſe Laͤumund kein Gelehrter ſondern nichts mehr und nichts weniger als die gewoͤhnliche Verlaͤum⸗ dung iſt, ſchließt mit dem herzlichſten Danke fuͤr eine Recenſion, der auch der boͤſe Laͤumund nach⸗ ruͤhmen muß, daß ſie witzig und herzlich iſt, ſeine zweite Dedication „ der Ueberſetzer des Walladmor. 1— Aus der Vorrede zur erſten Auflage*) Viele verſtändige Männer haben ſchon längſt gemeint und ſind noch der Meinung, die Engliſche Verfaſſung, als ein morſches Gebäude, ein Compoſitum barbariſcher Gewohnheiten, drückender Ariſtokratie, verbunden mit dem Scheine von Liberalismus, untergraben durch die immerwachſende Nationalſchuld, nähere ſich ihrem Zuſammenſturze, und könne ſich nur dadurch halten, daß ſie die überflüſſigen und zerſtören⸗ den Kräfte von innen nach außen ſchaffe. Namentlich ſoll der Krieg, indem er theils dies bewirkt, theils die öffentliche Aufmerkſamkeit feſ⸗ felt, den Sturz Engkands aufhalten. So viel iſt gewiß, daß erſt nach Beendigung des großen Befreiungskrieges, als ein überaus großer Theil der Engliſchen Bevölkerung müßig und brodlos war, die furchtbare Gahrung unter der hungernden niedern Volksclaſſe entſiand, welche erſt *) Da mir dieſe gange Vorrede gewiſſermaßen eine Parodie auf Vorre⸗ den ſchien, habe ich nur den Theil Pier mit abdrucken laſſen, welcher zum Verſtändniß der hiſtoriſchen Thatſachen im Romane nöthig iſt. die Meinung der„vielen verſtaͤndigen Maͤnner“ ſcheint mir auch nicht meines Freundes Herzensmeinung zu ſein. W. A. — XVvI— jetzt allmälig in etwas beſchwichtigt iſt. Waͤhrend früher von einzel⸗ nen Parteihäuptern der Whigs, auch zum Theil von Torys, die Vor⸗ ſchläge zur mehreren oder minderen Reform des Parlaments ausgingen, 2 lebte dieſer Vorſchlag von jetzt an nur nuter der geringern Claſſe, wel⸗ che nur wenige und bedingte Stim men im Parlamente für ſich hatte, dagegen ihre Kehlen in den aller Orten gehaltenen Volksverſammlun⸗ gen laut werden ließ. Während im Parlamente Sir Francis Bur, det verlangte, daß jeder einundzwanzigjähriger Britte eine Stimme bei der Wahl der Volksrepräſentanten haben ſolle, wollte der Volksredner Hunt, daß ſchon jedem achtzehnjährigen Britten dies Recht zuſtehe. Es würde ermüden und unſerm Autor vorgreifen heißen„ wollten wir bier alle überſpannte, thörige, zum Theil aber auch vernünftige Grund⸗ ſätze der Reformer aufführen, welche von ihren Rednern überall gepre⸗ digt wurden. So viel ſcheint gewiß, daß der immer größer werdende Anhang dieſer Reformer, welche auch Radicalreformer, oder bloß Radicale ge⸗ nannt wurden, die Miniſter— obgleich verſchiedene Oppoſitionsmän-⸗ ner, und wie es ſcheint, nicht ganz grundlos, ihnen vorwarfen, ſie bätten ſelbſt durch niedrige Unterhändler das Volk angereizt, um nach⸗ her deſto ſchärfere Maaßregeln nehmen zu können,— in Schrecken ſetzte. Theilweiſe ſogar von Whigs unterſtitzt, gingen deshalb im Parla⸗ mente mehrere ſehr drückende Reſtrictivmaaßregeln, von ihnen in An⸗ trag gebracht, durch, als: Verbot aller Volksverſammlungen ohne Er⸗ laubniß des Sberif, eine Stempeltaxe auf Volkszeitungen, der Befehl, gewiſſe Waffen einzuliefern, Aufhebung der habeas corpus-Acte und ſo weiter, meiſtens auf fünf Jahr. — XVII— Ehe jedoch dieſe Verbote in Kraft traten, wurde eine der gedach⸗ ten Volksverſammlungen zu Mancheſter durch Huſaren, und vermuth⸗ lich auch ohne andere Beobachtung der geſetzlichen Förmlichkeiten, als ohne lautes Vorleſen der riot-Acte(Aufruhr⸗Acte) auseinandergejagt, und verſchiedene Individuen kamen unter den Säbeln und Hufen der Huſaren um. Obgleich dieſe Verletzung der Geſetze in England allge⸗ meine und laute Mißbilligung fand, war doch die Furcht vor den Re⸗ formern zu groß, und die Unterſuchung gegen die Uebertreter des Ge⸗ ſetzes wurde niedergeſchlagen.. Dies empörte immer mehr die Gemüther der Reformer, und ei⸗ nige der heftigſten Radicalen ſtifteten eine förmliche Verſchwörung zum Untergange der Miniſter an, deren angebliche Ungerechtigkeiten ſie auf anderm Wege nicht hintertreiben zu können meinten. Sie mietheten, — gegen dreißig,— in der abgelegenen Catoſtraße eine leexe Scheune, brachten dort ihre Waffenvorräthe hin und lauerten auf den Tag, wo die Miniſter vereinigt ſein wuͤrden. Endlich erſchzen er. Von Abend bis Mitternacht verſammelten ſich die Verſchwörer, jedermann hatte ſeinen beſtimmten Mann unter den Schlachtopfern; aber unter den Ver⸗ räthern wachte der Verräther. Als ſie, mit Feuer⸗und Seitengewehr bewaffnet, in die Wohnung des Lord Harxowby aufbrechen wollten, wurde die Wohnung von einem Detachement Soldaten und Conſtabler umzingelt, und trotz verzweifelter Gegenwehl nahm man die Rädels⸗ führer gefangen, während ein großer Theil der Verſchwörer, begünſtigt durch die Dunkelheit, entkam. Von den letztern hat man nichts wieder gehört. Arthur Thiſtlewood aber, ein ehemahliger Lieutenant, Preſton, ein Schuhmacher, und einige andere, wurden nach vorgängi — XVIII— gem Prozeſſe unter den in England herkömmlichen furchtbaren Ceremo⸗ nien gehängt, dann geköpft, und ihre Köpfe auf Spieße geſteckt. Kei⸗ ner zeigte Reue, nur einer der, Mitſchuldigen verlangte nach einem Geiſtlichen. Seit dieſer Execution hat man wenig oder gar nichts von den Reformern gehört. Hunt ſoll in Armuth gerathen ſein. Sir Fran⸗ cis Burdet mußte lange Zeit wegen eines freimüthigen Briefes über di⸗ Gräuel zu Mancheſter an die Wahlherren von Weſtminſter, gefangen ſitzen, aber auch Lord Caſtlereagh, den die meiſte Erbitterung traf, hat ein hartes Loos hinfort gerafft. Malladmor. VANTNAAMAAVATTNTNN Erſter Band. Ungewöhnlich mag es zwar ſein, aber doch nicht unerhört, daß der Ueberſetzer dem Yutor des Originals die Ueberſetzung dedicirt; und da vorliegende Ueberſetzung, wie er ſich ſchmeichelt, nicht zu den gewöhn⸗ lichen gehört, ſo nimmt auch der Ueberſetzer des Walladmor ſich dieſe ungewöhnliche Freiheit. Ach, Sir! wüßten Sie, welcher Noth ein armer Ueberſetzer Wal⸗ ter Scottiſcher Romane in Deutſchland ausgeſetzt iſt, würden Sie auch noch größere Freiheiten verzeihen. Der Buchhändler feilſcht umher nach dem wohlfeilſten, der die Ueberſetzung dann auch zugleich am beſten liefern ſoll. Demnächſt müſſen die naß aus der Edinburger Preſſe Poſt um Poſt kommenden Bogen ohne Sinn und Zuſammenhang über⸗ ſetzt werden, ja es trifft ſich oft, daß wir, wenn der Originalbogen mit zwei Sylben ſchließt, ein unvollendetes Wort überſetzen müſſen, und wenn der nächſte Bogen ankommt, erſt einſehen, auf welche Holz⸗ wege wir im Rathen gerathen ſind. Nomina sunt odiosa, aber ich erinnere nur an den Gaſtwirth zum guten Braunbier in der Ueberſetzung des Kenilworth. Ein ander Mal ſchloß unglücklicher Weiſe der Bogen mit dem Satze: to save himself from those disasters, he became an agent of Smieh- und wir überſetzten auf gutes Glück: Um ſich aus dieſen Trübſeligkeiten zu erretten, wurde er Agent bei einem Schmiedemeiſter. Unglücklicher — xxII— Weiſe begann aber der nächſte Bogen mit der Fortſetzung des letzten Wortes Aeld-Matches, und der ganze Satz hätte nun eine kleine Veränderung, etwa dahin erleiden müſſen: Er negocirte, um ſich aufzuhelfen, die ſogenannten Smithfieldsh eirathen oder Ehen, welche des Gewinſtes wegen geſchloſſen wer⸗ deu, wenn— es nicht ſchon zu ſpät geweſen wäre! Sie ſehen, Sir, in welche Trübſeligkeiten wir armen Ueber⸗ ſetzer gerathen, und in welche Trübſal wir Ihre eigene Ehre mit hin⸗ ein zu ziehen verführt werden. Aber es iſt nur ein kleiner Theil der altgemeinen Leiden. Hören Sie in Deutſchen Buchläden die ſtehenden Klagen über das kaufunluſtige Publikum, über bie Gewinn entziehen⸗ den Leſebibliotheken, kurz alle Gründe des geringen Abſatzes, und zu⸗ nächſt dem die Präpentionsſucht der ſich überbietenden Ueberſetzer, wer ſeine Waare quam citissime zu Markte bringt; dann werden Sie ſe⸗ hen, daß unſer altes Deutſches Sprüchwort: Eile mit Weile, hier, wo Eile die beſte Eigenſchaft des Ueberſetzers iſt, durch die reellere Tendens der andern Redensart: Wer zuerſt kommt, mahlt zuerſt, ganz in den Hintergrund gedrängt iſt. Ich ſchlug, um nicht dieſem Despoten, der Eile, ganz zu unter⸗ liegen, einen andern Weg ein, und Sie verweigerten mir nicht Ihre gütige Unterſtützung. Aber welche Noth enlſpringt daraus für den un⸗ glücklichen Ueberſetzer? Mau zweifelt, ob der Roman von Ihnen her⸗ rühre; man nennt Ihren Freund Waſhington Irving, Coleridg e, und Gott weiß, wen ſonſt, als Verfaſſer! Als ob irgend ein Menſch, — geſchweige denn ein Dichter— eine ſo mühſame Selbſtverleugnung iben könnte, einen Roman von drei Bänden im Namen eines Freun⸗ — xIII— 5 des zu ſchreiben:*)— Heißt das nicht, uns jeden Muth benehmen? Aber ich rufe mir in meiner Dachſtube zu: Odi profanum— wenn ich auch nicht et arceo hinzu zu ſetzen vermag. Ich hoffe, von Jhrer Gewogenheit mit Nächſtem einige Zeilen der Anerkenntniß zu erhalten. Sollten ſie auch nicht coram notario duobusque testibus ausgeſtellt fein, ſo wird, wenn Sie mir dieſelben nur gefälligſt durch die Ge⸗ ſandtſchaft zukommen laſſen, dieſer Weg allein ſchon ihre Echtheit be⸗ zunden. Dennoch fürchte ich, daß mir die Eile einige Streiche geſpielt hat, denn von drei Buchhandlungen fürchteten wir zugleich die Andro⸗ hung dreier Ueberſetzungen des Walladmor; und Sie können nicht glauben, wie die Angſt, daß ein Anderer uns zuvorkomme, auch das feſteſte unſerer Ueberſetzer⸗Herzen erſchüttern kann. Die Namen Lin⸗ dau, Methuſalem Müller, Dr. Spieker, von Halem, Lotz, küngen für uns von der Profeſſion— mit Ausnahme deſſen, der etwa mit einem dieſer Namen identiſch iſt,— fürchterlich. Und jetzt drängt ſich leider noch ſo mancher, in dieſes Quinquevirat. Sollte Ihnen nun meine Uebertragung im Gegenſatz zu den *) O Kritik! In welchen Refultaten führt dein neueſtes Beſtreben, alle Heroen des Alterthums, einen 2ud, Romulus, Numa, zu allegoxiſirten Begriffen zu machem Ein gelehrter Freund erbot ſich, in⸗ nerhalb funfzig Jahren nach den Grundſatzen der heutigen Kritik dar⸗ uzthun, daß nie ein Vanquier Rothſchild gelebt habe, und der Name nur das Symbol der Geldanlethen unſerer Zeit ſei, worauf auch das Wort, auf ſeine Wurzeln zurückgeführt, ſelbſt hindeute.— Sollte es vielleicht auch Jemanden gekallen, dereinſt zu beweiſen, daß nie ein Dichter Walter Scott exiſtirt habe, wie man ſchon jetzt die myſtiſche Perſon des Waverley⸗Autors zu einer Congregation der ver⸗ ſchiedenartigſten Poeten und Hiſtoriker macht? — xXIV— freien Bearbeitungen zugeſagt haben, ſo würde ich mich ſehr geſchmei⸗ chelt fühlen, wenn Sie etwa von Ihrem nächſten Romane wiederum eine Abſchrift des Manuſcripytes mir durch dieſe Buchhandlung zuſen⸗ deten, für welchen Fall ich hier vor männiglich in beſter Form Rech⸗ tens bekenne, und miich verpflichte: 1) die Copialien pünktlich zu erſtatten; 2) nach beſter Kraft Proſa und Poeſie zu überſetzen, daß Ihr gro⸗ ßer Name nicht durch den tieberſetzer in Unehre gerathe; 3) zu aller möglichen Liebe, Freundſchaft oder Hochachtung, inſo⸗ fern oder je nachdem Sie felbige anzunehmen würdigen . von dem Ueberſetzer des Walladmor. Erſtes Kapitel Was brauſt du, alte Zauberin, in dem Meergrund, - Daß ziſchend an des Keſſels Rand der Schaum ſteigt Und höher als des Felſens Spitz' am Strande, Ja bis zur Wolke ſelbſt das Schifflein hebts— Schweig, arme Hexe! Sturm und Gluth im Herzen Sind fuͤrchterlicher als dein furchtbar Wüthen. Coopers Diamant III. Akt. — Wieleicht erinnett ſich der Leſer noch folgenden Artitels aus den Times, welcher vor einigen Jahren lebhaftes In⸗ tereſſe in unſerer ſuͤdlichen Hauptſtadt erregte: „Briſtol. Geſtern ſahen die Bewohner dieſer Stadt ein furchtbar ſchoͤnes Schauſpiel von den hochgelegenen Strand⸗ gegenden aus. Das Dampfboot Halcyon, von der Inſel Wight nach der noͤrdlichen Kuͤſte von Wales ſteuernd, ward Raläblich auf der hohen See, ohne das ein Windſioß deu 1. 89. 17 3 Meeresſpiegel truͤbte, in unſern Buſen getrieben. Kaum aber hatte es die Spitze von Cardowa erreicht, als wir eine Nauch⸗ wolke an der Stelle des Schiffes erblickten. Bald verkuͤndete uns ein von den Bergen wiederhallender Knall, daß die Dampf⸗ roͤhre geſprengt und die Pulverkammer aufgeflogen ſei. Die von allen Seiten herbeieilenden Barken fanden nur Schiffs⸗ truͤmmer, und ſahen ſich, da ein heftiges Gewitter heran⸗ nahte, bald genoͤthigt umzukehren. Weder vom Schiffsvolke noch den ſechszig Paſſagieren, meiſt aus Frankreich heimkeh⸗ renden Englaͤndern, iſt Jemand gerettet. Auch ſoll ein ge⸗ faͤhrlicher Verbrecher an Bord geweſen ſein. Wir erwarten die naͤhern Nachrichten uͤber dieſen traurigen Vorfall.“ Zum Schmerz der edelſten Familien des Landes beſtaͤtig⸗ ten ſich: nur zu fuͤrchterlich dieſe Nachrichten. Auf den Klip⸗ pen fand man nach einigen Tagen die Leichen eines Lord W*rr, eines Sir O⸗“, ſo lange die Zierde des Hauſes der Gemei⸗ nen. Kaum waren ſie in ihrem zerſchmetterten Zuſtande zu erkennen So hatte ſich Englands Meer an Englands Soͤh⸗ nen geraͤcht fuͤr die lange und freiwillige Verbannung aus der Heimath. Am Bord des Halcyon ſtand an jenem Tage ein junger Menſch, und blickte, wie es⸗ ſchien, ſehr bewegt, nach den fer⸗ nen Kuͤſten von Wales. Aus dieſem traͤumenden Hinſtar⸗ ven wurde er ploͤtzlich erweckt, als das Schiff mit einem furcht⸗ baren Ruck ſich umkehrte. Er blickte mit den Matroſen und Paſſagieren, welche der ſchoͤne Abend auf das Verdeck gelockt hatte, nach dem Steuermann hin. Dieſer aber ſtreckte ſprach⸗ los ſeinen Arm nach der Mitte des Schiffs aus, wo der Dampf aus der Roͤhre in dicken Wolken empor qualmte. Die Reiſenden wurden bleich, die Matroſen fluchten: Der alte Niklas greift uns*). Kein Pardon von Oben. Holla luſtig ſo lang' es geht! Unter verworrenem Geſchrei ſtuͤrzte die Mehrzahl hinun⸗ ter, zerſchlug die Brandweinfaͤſſer, trank und genoß, was zu finden war, nnd hoͤrte nur in ſo weit auf den Zuruf der Paſſagiere:„Rettet! Rettet!“ als einzelne Stimmen antwor teten: S giebt keine Rettung. Der alte Niklas ſchluͤrft uns Alle, und nun wollen wir's zuerſt thun. Der Capitain, am beſonnenſten von Allen, eilte nicht zu retten, ſondern ſprang mit gezogenem Saͤbel nach dem Boote, um das Seil zu kappen. Der junge Mann, als er die erſten Symptome des naßfenden Untergangs wahrgenommen, hatte ein kleines Felleiſen ſich umgeſchnallt, und ſtand bereit in den Nachen zu ſpringen, als der vorbeicilende Capitain ihn mit der Fauſt uͤber Bord ſtieß. Nur dieſem Umſtande ver⸗ dankte er ſeine Rettung. Kaum hatte eine Welle den Herab⸗ geſtoßenen einige Schritte vom Schiffe fortgeſchleudert, als dieſes mit furchtbarem Krachen zerſprang und in die Luft 9) Old Nick, der Name des Teufels in der gemeinen, beſonder der Schifferſprache. A. d. ü. flog. Die Truͤmmern aber wurden weit uͤber den Ohnmaͤch⸗ tigen fortgeſchleudert, ſo daß, als er ſeine Beſinnung wieder erhielt, er auf der unruhigen Waſſerflaͤche kein Schiff mehr, und nur in weiter Entfernung einiges Bretterwerk, als Spiel der Wellen, erblickte. Die Noth fuͤhrt allemal den Menſchen zur Natur zuruͤck. Wer von unſern weit hinausblickenden Reformern wuͤrde, wenn ſein Dampfſchiff geſprungen, noch ferner an die radi⸗ kale Ausbeſſerung des Staatsſchiffes gedacht haben, ſondern nicht viel lieber auf ſein eigen Heil bedacht geweſen ſein! Auch der junge Mann vergaß die truͤben oder lockenden Aus⸗ ſichten, welche ihm am Bord des Schiffes vorgeſchwebt hat⸗ ten, und ſtrengte jetzt alle Kraͤfte an, durch die hohen Wel⸗ len nach einer Tonne zu ſchwimmen, welche in geringer Ent⸗ fernung von ihm bald aus dem Waſſer hervorblickte, bald verſchwand, jenachdem ſie die Welle mit ſich in die Hoͤhe trug, oder beim Sturze mit ſich hinunter riß. Endlich gelang es dem bereits Erſchoͤpften, die Tonne zu erreichen. Kaum aber hatte er den aͤußerſten Rand mit beiden Haͤnden gefaßt, als auch von der andern Seite die Tonne niedergezogen wurde. Ein Schiffbruͤchiger, deſſen naſſe lange Haare uͤber ſein Ge⸗ ſicht ſchlaff herabhingen, krallte ſich, wie der Adler auf Schott⸗ lands Klippen das Laͤmmchen faßt, an den Reifen der Tonne an, und es ſchien aus ſeiner Gewaltanſtrengung, als haͤtte zer in das Holz ſelbſt hineingreifen wollen. Als er den Ne⸗ benbuhler bemerkte, ſchuͤttelte er wild ſeinen Kopf, um die — 5— Haare aus den Augen zu ſchleudern, und oͤffnete den Mund, indem er dem Mitbewerber die zuſammengepreßten Zaͤhne wies. Waͤrſt Du Old Nick ſelber, Du mußt ins Meer, denn uns Beide traͤgt ſie nicht. Er ruͤttelte dabei ſo gewaltig, daß der juͤngere Mann, wenn er nicht auch mit dem Tode gekaͤmpft haͤtte, wuͤrde herabgeſtoßen ſein. So zerrten Beide mehrere Minuten an der Tonne, ohne daß ſich Einer hinaufſchwingen konnte. Beim weitern Kampfe geriethen ſie in Gefahr herabzufallen oder mit dem Gefaͤße unterzugehn. Deshalb vereinigten ſie ſich zu einem Waffnſtillſtande. Jeder von ihnen hielt ſich mit der rechten Hand feſt, die linke aber hoben Beide in die Hoͤhe und riefen nach Rettung. Ihr Huͤlfsgeſchrei blieb indeſſen fruchtlos, denn das Ungewitter zog, wie von der gewaltigen Erſchuͤtterung gerufen, heran, der Himmel wurde ſchwarz, Donner rollten uͤber ihnen, und die Wogen, welche von der Erploſion nur momentan konnten bewegt ſein, hoben ſich mit weißem Schaum bedeckt immer hoͤher und unruhiger./ Es iſt umſonſt— ſagte der zweite Schiffbruͤchige,— Menſchen und Himmel hoͤren uns nicht; der unten ruft— Einen— oder Beide. Willſt Du mitgehn, Bruͤderchen? Der wilde Menſch ließ hier mit einem Male von der Tonne los, wodurch der andere, welcher dieſe Wendung nicht vorausgeſehn, das Gleichgewicht verlor, und niederſank. Die⸗ ſen Moment benutzte ſein Gegner. Er packte nach ſeinem Kragen, um ihn voͤllig niederzuziehn, riß aber nur das Hals⸗ tuch herunter. Der Angegriffene fand nun, auf einen Au⸗ genblick befreit, Gelegenheit ſich auf die Tonne hinaufzu⸗ ſchwingen, und als der Andere einen neuen Angriff wagte, ſchlug er, im Todeskampf, ihn mit der Fauſt auf die Bruſt, daß jener zuruͤckſank und die Welle ihn verſchlang. Sollte ein Bewohner unſeres gluͤcklichen Eilandes noch nicht das Schauſpiel eines Sturmes auf offener See geſehen, und noch nicht das Huͤlfsgeſchrei der Ungluͤcklichen, welche auf Brettern und Maſten nach Rettung ſchwimmen, gehoͤrt haben, der wird doch mindeſtens aus Reiſebeſchreibungen die furchtbare Angſt und die Hoffnung kennen, welche abwech⸗ ſelnd Herrſchaft uͤber den Geiſt der Gefaͤhrdeten ausuͤben. Wer haͤtte nie in dem Firth von Forth oder der Themſe vom reich beladenen Kauffarteiſchiffe Menſchen herabſtuͤrzen und dann vom ufer aus ihre Anſtrengungen geſehen, uͤber den Tod den Sieg zu gewinnen? Als neulich im Gedraͤnge der Knabe von der Waterloo⸗Bruͤcke herab in die Themſe fiel, und Tauſende von allen Seiten ihm zuriefen, wie er ſich ret⸗ ten moͤge, ihm aber Niemand, durch die Umſtaͤnde verhindert, thaͤtig zu Huͤlfe eilte, wer bemerkte da nicht mit Bewunde⸗ rung, wie der Knabe, taub gegen den Rath der Menge, im⸗ mer die Mittel ergriff, welche ihn fuͤr den Augenblick uͤber dem Waſſer erhielten, bis er den, von mitleidiger Hund ihm zugeworfenen, Korb mit den Haͤnden faßte?— Waͤhrend die ſchwarzen Gewitterwolken ſich immer tiefer herabſenkten und die Wogen ihren Schaum an den Himmel warfen, klammerte ſich der junge Mann, ſo feſt er vermochte, an die Tonne, ſprach ein kurzes Stoßgebet und uͤberließ ſich den Elementen. Im Augenblicke der Todesnoth hoͤren die menſchlichen Geſetze auf, da die Strafen ihre Schrecken verloren haben; auch die hoͤhern Geſetze koͤnnen alsdann ſchweigen; wenn aber die Ruhe zuruͤckgekehrt iſt, wird auch die Stimme des Gewiſſens wieder laut. Als der Schiffbruͤchige, erſtarrt am Leibe, und ſtarr im Geiſte, bald unter bald hoch uͤber dem Waſſer fortgetrieben wurde, als Alles um ihn grauſe Nacht war, und die unterweilen niederſchlagenden Blitze ihm nur noch graͤßlicher die Todesſeene zeigten, da ſchwieg die innere Stimme doch nicht ſoweit, daß es ihm nicht waͤre leid ge⸗ worden, ſeinen Ungluͤcksgefaͤhrten ermordet zu haben. Es mochten nur wenige Minuten vergangen ſein, als der Schwimmende ein Stoͤhnen neben ſich vernahm. Gluͤck⸗ licher Weiſe erhellte ein Blitz in dem Augenblicke die Ge⸗ gend, und er konnte ſehen, wie ſein Gegner noch immer mit den Wellen kaͤmpfte, indem er ſich an einem ſchwachen Brette feſthielt. Das Brett konnte ihn indeſſen nicht tragen, ſon⸗ dern diente allein ihn beim Schwimmen zu unterſtuͤtzen. Die Kraͤfte ſchienen ihm auszugehn, als auch er ſeinen beguͤnſtig⸗ ten Gegner erblickte. Er ſtreckte die Hand nach ihm aus: Habe Barmherzigkeit! Mit mir iſtes aus— gleich aus— nimm, wenn's Dir beſſer geht, aus meiner Brieftaſche— den Brief und bringe ihn der Lady— wenn Du ſelbſt jemals geliebt haſt, beſchwoͤre ich Dich, thu' es, und ſag ihr, ich — 8— haͤtte beſtaͤndig an ſie gedacht— treu gedacht, und es waͤr' vielleicht das einzige Gute an mir geweſen.— Wenn's eine Hoͤlle oder'nen Himmel giebt, ſehn wir uns wieder. Mit großer Anſtrengung ſuchte hierauf der Mann mit der einen Hand ſeine Bruſttaſche aufzuknoͤpfen, welches ihm indeſſen nicht gelang. Der junge Menſch wurde wunderbar geruͤhrt von dem bleichen Todesantlitz des Mannes, in deſſen Zuͤgen man doch zugleich eine freche Wildheit auf den erſten Blick erkennen mußte. Er ſagte zu ihm: Du da unten! Geht's mir beſſer, ſo beſtell' ich Deinen Auftrag. Aber ich kann ſchwimmen und habe mich jetzt aus⸗ geruht. Gieb mir Deine Hand. Du magſt nun auf die Tonne ſteigen, und ich will indeſſen ſchwimmen, bis ich wie⸗ der muͤde bin. So retten wir uns vielleicht Beide. Biſt Du wahnwitzig— rief der Andere— oder giebt's Menſchen auf Erden, wie ſie in Buͤchern ſtehn ſollen?— Kein Geſetz verwehrt dem Schiffbruͤchigen, den andern vom letzten Brett runter zu ſtoßen, aber Du— ich glaube ich traͤume, oder bin ſchon in einer andern Welt. Einerlei.— Gieb mir die Hand. Steig herauf. Ich halte mich feſt an der Tonne, wenn ich ſchwach werde. Der Andere faßte die ihm dargebotene Hand und ſtemmte ſich mit beiden Armen auf den andern Nand der Tonne. Dann blickte er ſeinen edelmuͤthigen Gegner groß an, ſchuͤt⸗ telte den Kopf und fagte: Entweder biſt Du Satan ſelber, und waͤhrend Du mir erlaubſt, auf einer Tonne meinen elenden Leib fortzutragen — kommt hinter mir ein Boot, um mich gewiß zu retten; oder Du biſt Einer, der Gnade bringen ſoll von oben, und Erhaltung dem Suͤnder, um ihn der Strafe auszuliefern. Keines von Beiden. Bin auch nicht ſo edelmuͤthig, um fuͤr dich ertrinken zu wollen. Aber nimm Du mein kleines Felleiſen, damit ich beſſer ſchwimmen kann, und nun— Gluͤck zu. Er ließ die Hand los und verſank tief in die Welle. Eine andere aber brachte ihn wieder in die Hoͤhe, und ein guͤnſti⸗ ges Geſchick ließ ihn meiſtentheils die Oberflaͤche des Waſ⸗ ſers halten. Indeſſen hatte der Sturm fortgewaͤhrt und die natuͤrliche Dunkelheit ſich mit der Gewitternacht vereinigt. Nur die Blitze, welche das Meer bis auf den Grund zu ſpal⸗ ten ſchienen, gaben auf Augenblicke Licht, um im naͤchſten die fuͤrchterliche Nacht dem Ungluͤcklichen noch ſchrecklicher zu machen. Nach mehreren Minuten fragte der Mann, wel⸗ cher jetzt im Beſitz der Tonne war: Lebſt Du noch, Du Thor, da unten? Ja, aber ich werde ſchwach, und will die Tonne wieder anfaſſen. Faß' zu. Kennſt Du das Meer hier? Rein— es war das erſte Mal, daß ich zu Schiffe das Meer befuhr. Der Andere lachte: Nun ſteh! Wozu quaͤlen wir uns, und ſtrengen das letzte — 10— bischen Kraft an, uns flott zu erhalten. Ich kenne das Meer hier wie mein Vaterland, und weiß, daß gar keine Rettung moͤglich iſt. An kein Fleckchen Erde, nicht einmal an eine Klippe koͤnnen wir treiben, ſondern in die offene See, und's kommt nur drauf an, ob wir lebendig oder todt den Fiſchen in den Nachen fallen. Noch iſt's moͤglich, ſagte der Andere, daß uns Mitbruͤder zu Huͤlfe kommen. Menſchen? Mitbruͤder? lachte der andere. Du biſt wohl noch ein junges Blut und kennſt ſie wenig? In dieſer Nacht wagt ſich keine Seele heraus. Kein Menſch ſetzt ſein Leben daran, um ein Paar Lumpenhunde wie wir. Und wenn ſie uns einholen, wer weiß, waͤr' es ſchlimmer als Rettung. Aber ich weiß was Beſſeres. So ſprich. Laß uns keine Narren laͤnger ſein. In dem Faß, worauf ich liege, iſt Rum oder Arrak. Wir koͤnnen's wohl eindruͤk⸗ ken. Dann trinken wir uns draus noch einmal luſtig, um⸗ armen uns, und fallen zuſammen unten hinunter, von wo Niemand herauf kommt. Abſcheulich, das waͤre Selbſtmord. Haſt Du ſo ein feines Gewiſſen? Meinethalben, ſo mag ein Seehund thun, was wir ſelber gut haͤtten thun oͤn⸗ nen. Komm herauf, Du zartes Herrchen, auf die Tonne. Ich will noch ein Pnar Minuten ſchwimmen, ſo lang es geht, und dich dann unten erwarten. — 11— Beide tauſchten ihre Plaͤtze. Aber ſelbſt auf der Tonne fehlten bald dem jungen Mann die Kraͤfte Er krallte ſich darauf feſt. Der Sturm wurde immer furchtbarer, und mehr⸗ mals vergingen ihm die Sinne, als er von der haͤuſerhohen Welle in den tiefen Abgrund geſchleudert wurde, bis er end⸗ lich mitten im ſtillen Gebet bei einem furchtbaren Stoße die Beſinnung verlor. Die Natur iſt guͤtig auch in ihren Schreckniſſen. Wenn ſich das ihm Furchtbare ſo anhaͤuft, daß des Menſchen Kraft es nicht mehr zu faſſen vermag, ſo lindert eine Betaͤubung ſeinen Schmerz. Beim Erwachen treten alsdann zwar alle die ſchrecklichen Erſcheinungen ihm wieder vor Augen, er hat aber neue Kraft geſammelt, und es iſt ja die ſchoͤne Beſtim⸗ mung des Menſchen, im Zuſtande der Beſonnenheit durch den Geiſt uͤber die Schrecken der Natur zu ſiegen. Als der Schiffbruͤchige aus der Betaͤubung erwachte, hoͤrte er nicht mehr die See um ſich toben, und fuͤhlte ſich nicht mehr von ihren Wellen geſchaukelt. Es war noch fin⸗ ſter um ihn, aber nicht jene große Nacht, welche die ſtuͤr⸗ menden Elemente gebildet hatten, ſondern die Dunkelheit einer niedrigen Huͤtte begegnete zuerſt ſeinem Auge. Lange Zeit blickte er ſtumpf und ſtarr auf das Gebaͤlk der Decke, an welchem einige Lumpen und Fiſche, vermuthlich um zu trocknen, aufgehaͤngt waren, und von der Zugluft beſtaͤndig geſchaukelt wurden. Dieſe einfoͤrmige Bewegung, welche fuͤr Andere, gleich dem Ticken einer Wanduhr, zum Schlaflied — 12— haͤtte werden koͤnnen, brachte ihn allmaͤlig zu ſich ſelbſt zu⸗ ruͤck. Er verglich das traurige Schauſpiel dicht uͤber ihm mit dem ſchoͤnen Momente auf dem Haleyon, wo er zu⸗ erſt die Kuͤſten von Wales im Sonnenſcheine vor ſich er⸗ blickt hatte; und bald ordneten ſich ihm die Gedanken, ob⸗ gleich der Zuſammenhang zwiſchen der ſchwankenden Tonne, auf welcher er im Ocean geſchwommen, und dem feuchten jetzt ſeine Lagerſtaͤtte bildenden Lehmboden, ſo wie der furcht⸗ baren Elementarnacht mit den trocknenden Heringen und ge⸗ flickten Schuͤrzen uͤber ihm, fehlte. Bald erwachte die Sorge fuͤr ſein Felleiſen. Zu ſeiner Freude entdeckte er indeſſen, daß er mit dem Kopfe auf demſelben ruhe, und jetzt erſt wandte er ſein Auge zur Betrachtung der andern ihn umgebenden Gegenſtaͤnde. Es war eine ſo aͤrmliche, niedrige Huͤtte, wie man ſie in dieſem Koͤnigreiche nur noch auf den aͤußerſten Spitzen der hochſchottiſchen Halbinſel, deren Bewohner kuͤmmerlich ſich vom Strand⸗Fiſchfang naͤhren, vorfindet. Von kaum behauenen Fichtenſtaͤmmen war das Geſtell der Huͤtte unre⸗ gelmaͤßig zuſammen gezimmert, und ohne Zwiſchengebaͤlk jede der vier Waͤnde mit Lehm, Torf, Seegras, Muſcheln und Feuerſteinen ausgeſtopft. Zwar bildeten einige Balken das Grundgeſtell der Zimmerdecke, ſie waren aber nicht mit Bret⸗ tern belegt, ſo daß man die Ausſicht bis an die Spitze des Daches hatte, durch deſſen Schilf und Moos der Luft und dem Regen der außergewoͤhnliche Eintritt in die Huͤtte nicht — 13— verwehrt war. In dem kleinen innern Raume hing zwar man⸗ cherlei Geraͤth, alles aber ſo bunt durcheinander und in ſo unge⸗ wiſſem Lichte, daß der Fremde das Wenigſte davon zu erkennen vermochte. Das einzige Licht in der Huͤtte ging von dem etwas erhoͤhten Kaminfeuer im Winkel der Stube aus. Es war aber ſo ſpaͤrlich unterhalten, daß ſelten eine Flamme aus den glim⸗ menden Kohlen emporloderte, und auch dieſe nur dann dun⸗ kelroth gluͤhten, wenn die Zugluft durch die Waͤnde ſtrich, was indeſſen, bei der erwaͤhnten Beſchaffenheit derſelben, haͤu⸗ ſig genug geſchah. Ueber dem Brande hing uͤberdies ein großer, ſchwarzer Keſſel, aus welchem ein nicht grade unangenehmer, aber doch die Sinne einnehmender Rauch ausſtroͤmte, und den Ausweg aus der Huͤtte ſeltener durch den Schornſtein als durch die Ritzen in der Lehmwand ſuchte, zuvor aber alle Gegenſtaͤnde, und auch den Dahingeſtreckten ſchwarz um⸗ zog, ſo daß die Nacht oft noch dunkler wurde. Es war ganz ſtill in der Huͤtte, nur daß zuweilen mehrere Katzen ihre trau⸗ rig langweiligen Stimmen hoͤren ließen. Auch ſchien Nie⸗ mand in der Huͤtte zu leben; nur wenn die Kohlen heller aufglimmten, ſah der Fremde ein ſcharf markirtes altes Wei⸗ bergeſicht aus dem Rauche hervor, und mit den dunkelgrauen, aber großen Augen unverwandten Blickes auf den Keſſel hin⸗ blicken. Zuweilen, wenn der Rauch aus dem Keſſel hinauf⸗ ſtieg, und in beſondern Bildungen ſich in die Winkel ver⸗ zog, folgte ſie ihm mit den Augen, und es ſchwebte guch wohl ein Laͤcheln auf ihren duͤrren Wangen. Wenn ſie ihm — 14— aber dringend bis in den aͤußerſten Winkel des Zimmers ge⸗ folgt war, und er ſich hier⸗ entweder verfluͤchtigte, oder durch die Ritzen hinausdrang, hoͤrte man ein dumpfes Geheul oder ein tiefes Stoͤhnen, und der Blick der alten Frau kehrte auf die neu aufſteigenden Nauchſaͤulen zuruͤck. Sie hatte, wie der Fremde beim Auflodern des Feuers bemerkte, zwiſchen den Fuͤßen eine Spindel ſtehu; ſo mechaniſch geſchaͤftig aber auch ihre Haͤnde dabei erſchienen, ſo war doch nicht zu ver⸗ kennen, daß ſie eigentlich nichts, oder doch nur ſehr wenig that. Wenn dagegen der Keſſel uͤberzulaufen drohte, ſprang ſie heftig empor, ließ die Spindel fallen, und ruͤhrte ſorg⸗ ſam mit mebreren Kochloͤffeln in dem dunkeln Gefaͤße. Auch ſang ſie mitunter, doch glich der Geſang mehr einem rhyth⸗ miſchen Brummen, als einem beſtimmten Liede, wenigſtens verſtand der Fremde kein einziges Wort, wenn es Worte wa⸗ ren, welche ihrer Zunge entſchluͤpften. Wie jenem dabei zu Muthe geweſen, vermoͤgen wir nicht zu ſagen, da er ſelbſt, halb betaͤubt, halb geiſtig ſchlummernd, ſich noch zu keinen beſtimmten Gedanken und Vorſtellungen uͤber ſeinen neuen unheimlichen Zuſtand erheben konnte. Auch befand er ſich fuͤr den Augenblick koͤrperlich nicht unwohl, und fuͤhlte ſich in dieſer Apathie nicht gedraͤngt/ eine Aufflaͤrung zu ſuchen, welche ihn vielleicht neuen Unannehmlichkeiten ausſetzen konnte. Dennoch ſollte er bald auf's neue gepruͤft werden. Nach einem laͤngern Geſange erhob ſich ploͤtzlich die Alte von ihrem Seſſel ſie rang die Haͤnde uͤber ihrem Kopfe/ — 15— zog dann mit beiden ſeltſame Kreiſe in der Luft, und ſtreute endlich eine Subſtanz in das Kohlenfeuer, wodurch dieſes zu einer hellen Flamme aufloderte, welche, uͤber dem Keſſel zuſammenſchlagend, die ganze Huͤtte auf einige Momente er⸗ hellte, und dann flackernd durch den Schornſtein verſchwand, um die Huͤtte in noch groͤßerer Finſterniß als vorher zuruͤck⸗ zulaſſen. In dieſem Momente hatte aber der Fremde Gelegen⸗ heit die ganze furchtbarr Geſtalt der Alten genau zu betrach⸗ ten. Sie mochte ſo groß wie ein ausgewachſener Mann ſein, ihre Glieder aber waren zu einer außerordentlichen Duͤrre zuſam⸗ mengeſchrumpft, ſo daß der rothe Friesrock in tauſend Falten auf ihrem Leibe zuſammen fiel. Ihre ſcharfen Knochenzuͤge, ihr brennendes Auge und die loſe umherfliegenden grauen Haare haͤtten auch auf einem ſonnenhellen Marktplatz er⸗ ſchrecken oͤnnem Sie hob ihre Knochenarme wie flehend nach der Stelle, wo der Schiffbruͤchige ſchlief; leicht aber konnte dieſer bemerken, daß nicht er, ſondern ein Gegenſtand in ſei⸗ ner Raͤhe ihre Aufmerkſamkeit reize. Bald erblickte er auch dicht neben ſich einen Stuhl, den einzigen in der Huͤtte, und darauf ſitzend ein Todtengerippe in der Stellung eines lebenden Menſchen. Sie ſtreckte die Haͤnde immer weiter nach ihm aus, als erwarte ſie ein Zeichen von demſelben; als aber der Todte ruhig ſitzen blieb, ſchlug ſie zuerſt die Haͤnde uͤber dem Koͤpfe zuſammen, warf danm voll Ingrimm den Spinnrocken um, und ſiel auf ihren Moosſeſſel zuruͤck. Wenn der junge Mann zuerſt Mitleiden bei dem Ausdrucke des — 16— Schmerzes und der bangen Erwartung empfunden, ſo wurde dieſes Gefuͤhl bald ganz verſcheucht durch den darauf folgen⸗ den Ausbruch des furchtbarſten Zornes. Er fuͤhlte ſich ſo beaͤngſtigt, daß er nicht reden mochte, aber er wollte verſu⸗ chen, unbemerkt aus der Huͤtte zu entkommen, um ſeine voͤl⸗ lige Beſinnung in der freien Luft wieder zu gewinnen und dann das weitere zu beſchließen. Wie aber ein neuer Schreck ihn uͤbermannte, kann nur der empfinden, welcher ſich jemals in einem aͤhnlichen Zuſtande von Starrſucht befand. Er konnte weder den Arm noch den Fuß ruͤhren, und auch nicht den Kopf frei bewegen. Nur das Auge war in ſeiner Macht geblieben, um ihn durch den Anblick dieſer Schreckniſſe noch mehr zu aͤngſtigen. Faſt haͤtte er gewuͤnſcht, wieder der Macht der wuͤthenden Elemente uͤbergeben zu ſein, um aus dieſer unheimlichen Lage zu entkommen. Welcher Spoͤtter moͤchte es dem jungen Mann verdenken, wenn er momentan an eine meduſenartige Bezauberung durch das alte Weib dachte?— Er haͤtte gewuͤnſcht, ſchlafen zu koͤnnen; es war ihm aber unmoglich, bis es nach Verlauf zweier langen Stunden an die Thuͤr der Huͤtte pochte. Zwei⸗ —-—- 451 2²2’”— ⏑——— Q ͤ— ₰— * Zweiltes Kapilel. Wann kommen wir drei uns wieder entgegen, Beim Donner, Blitzen, oder beim Regen? Shakeſpear, Macbeth. —— Oaleich das Pochen immer ſtaͤrker wurde, antwortete doch die Alte nicht darauf, ſondern ſchien im Gegentheil durch dieſe Stoͤrung bewogen zu werden, noch emſiger an ihrem Spinnrocken zu arbeiten. Endlich hoͤrte man ein Gepolter in der Gegend des Einganges, und, vermuthlich mittelſt ei⸗ nes verborgenen Handgriffs, ward die von innen verriegelte Thuͤr eroͤffnet, und es trat jemand in die Huͤtte. Auch jetzt ruͤckte ſich die Frau nicht von ihrem Seſſel, und der Eintre⸗ tende, indem er eine Laſt von altem Bretterwerk zu Boden warf, war gendthigt, ſelbſt das Geſpraͤch anzufangen, welches folgendermaßen in breitem Engliſch und mit einem langſa⸗ men Tone geſchah: Yas machſt Du nicht die Thuͤre auf, alte Mutter?— Hab' lang' gepocht.— I. Bd. 121 — 418— Ohne das Geſicht von der Spindel abzuwenden, entgeg⸗ nete die Alte: Haͤtte viel zu thun, wollt ich allen, die's ver⸗ ſiehn, die Thuͤr aufmachen.— Aber Mutter!'s war kalt drauſſen.— Es fror mir wohl noch ein lieberer Sohn.— Aber ich hab' aufgerafft am Strand viel gut Zeug.— Lumpige Bretter! ˙s ſchwimmt mancherlei in der Welt.— Mancher, der Lumpen anhat, kann davon warm werden.— Aber der im Grabe liegt, wird's nicht davon.— Hier fuhr die Alte wieder fort in unverſtaͤndlichen Lauten zu ſingen. Munkelt's wieder? ſagte der Eingetretene, mehr fuͤr ſich, als zur alten Frau.— Aber im Keſſel ſtinkts auch wieder. Ich hab''nen guten Geruch. Wo das nicht Seehundsohren ſind und Mondauſtern, und was von Kroͤtengeſchlingen und allerhand Aaswuͤrmern— laſſ' ich mich haͤngen.— Hier heulte die Alte laut auf. Er fuhr gelaſſen fort: Mutter wird noch ſich ſelbſt und uns alle zu Grunde rich⸗ ten; ſie treibt's ſo lange und denkt an nichts, bis die Stadt⸗ ratzen kommen, und's mit uns aus iſt— und wir alle an's Holz muͤſſen.— nnnd ihr ͤoͤnnt auch alle an's Holz, an's trockne, duͤrre Holz, und ich will auch an's Holz, denn Ihr ſeid Alle zuſammen nicht ſo viel werth, als der Eine war. Kommt's mal ſoweit, daß ſie vor der Thuͤre ſtehn und pochen, und wir ſtehn Alle drin und zittern,— und die ſo ſtolz ſind, ſchlottern mit — 19— den Knieen,— und es wird einmal die Zeit kommen, wo ich lache,— dann will ich ſelbſt die Thuͤre aufreißen und ſagen: Hier ſind ſie!— Der junge Burſch, denn fuͤr ſolchen erkannte der Schiff⸗ bruͤchige den Eingetretenen, brummte etwas fuͤr ſich, als achte er der Drohung der Alten nicht, oder habe doch das Ver⸗ trauen, derſelben zuvorzukommen, und ging an's Feuer, wo er mit weniger Behutſamkeit den Keſſel bei Seite ſchob und duͤrres Reisholz und einige der mitgebrachten Bretter auf⸗ legte, ſo daß die aͤrmliche Huͤtte bald hell erleuchtet war. Die Alte brummte: Der Junge wird noch ein Wachtfeuer fuͤr die Conſtables anſtecken!—. Beſſer iſt Haͤngen als Erfrieren!— Aber Mutter, was liegt denn der Seehund noch da mit kalten Ohren?— Mut⸗ ter, was haſt Du dein alt Schari⸗Wari⸗Gebraͤu gekocht, ſtatt warmen Kraͤutertranks fuͤr die Waſſerſeele? Soll ich hinkauern— fuhr die Alte zornig auf— und ſoll ihn reiben, wie meinen eigenen Sohn? ſoll ich die Lum⸗ pen mir vom Leibe reißen, fuͤr die fremde Waſſerſeele? Als ich mir die Augen ausrieb um meinen Sohn, um meinen eigenen Sohn, lachten ſie mich aus— hu, hu, da war' recht kalt und warm, und ich laſſ' mich nicht mehr auslachen, und will immerfort nur die andern Narren auslachen.— Aber Niklas hat ihn dir auf die Seele gebunden.— Niklas ſeine Seele iſt auch feſtgebunden. Old Nick hatte — 20— ihn ſchon beim Schopf gefaßt und hat ihn noch einmal los⸗ gelaſſen, aber er iſt feſtgebunden, und's giebt keine Scheere, die den Strick entzweiſchneidet. Ohne weiter auf die Reden der Alten zu achten, ſetzte der junge Burſch eine Kanne mit Waſſer an's Feuer, faßte nun den Arm des Weibes, und, indem er ſie wie ein Kind, welchem man etwas ins Gedaͤchtniß reden will, ſchuͤttelte, ſprach er zu ihr mit Nachdruck und in abgebrochenen Worten⸗ „Mutter Gillie kocht jetzt den Brei von Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer, Honig und Brandtewein und was ſonſt zukommt, wie ſie weiß, und wie ſichs fuͤr Fiſcherleute ſchickt, die ins Waſſer gefallen ſind, und das muß ſie der Waſſerſeele da eingeben, Stund um Stunde, wiess befohlen iſt, und wenn ſie nicht wieder an's Leben kommt, ſteht Mut⸗ ter Gillie dafuͤr ein.“— , Die Alte ſagte auf dieſe eindringliche Vorſchrift, wie ein Kind, welchem man unter Drohungen etwas aufgegeben hat; Ja, ja, ja, Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer— und ging nun an das Geſchaͤft des Kochens. Der Burſche aber naͤherte ſich dem Fremden und aͤußerte, nachdem er ihm die Glieder befuͤhlt hatte: Die Seele wird wohl nie mehr warm werden, das Waß ſer iſt hart druͤber gegangen, aber es thut nichts, Mutter Gillie muß doch kochen, und wenn er auch ſchon todt waͤre/ denn Riklas hat's befohlen. Nu Mutter, Gott befohlen, und ein andermal, wenn eine Chriſtenſcele und Unſereiner an die —, — 21— Thuͤr klopfet, ſo rufe herein. und wenn er hungrig iſt, ſo gieb ihm Kaͤſe und Brod, und wenn's kalt iſt und er Durſt hat, ſchließ ihm den Schrank auf und gieß Brandtewein ein, und denke, daß Einer, der lebt, nicht bloße Knochen hat, ſondern auch Fleiſch. Gott befohlen, Mutter.— Wo gehſt Du hin, Toms? Etwa wieder zur Almy, der Dirne, die Dich beſtrickt, und Dich ablockt von Deinen Freun⸗ den und Deiner Sippſchaſt? 4 Nein, Mutter Gillie, die Almy ſeh' ich erſt uͤbermorgen beim gnaͤdigen Fraͤulein? aber ich muß auf's Schloß zum Squire, auf die Jagd mit ihm zu reiten, und muß dem Fraͤn⸗ lein den Falken tragen.— Toms, ſie binden Dich an, der Squire und das Fraͤulein, und Deine Mutter verlaͤſſeſt Du um des Squires und des Fraͤuleins und der Dirne willen. Sie bauen Dir Haͤuſer⸗ aber der Mutter Fluch reißt ſie nieder.— Mutter, der Squire iſt mein guter Herr, und des Squi⸗ res Vater hat meinem Vater das Haferfeld am Strande ge⸗ ſchenkt, und deſſen Vater rettete meinem Großvater in Ame⸗ rika das Leben, und die Squires waren immer gute Herren, und wir immer treu ihnen, und wenn ſie auch ſtreng ſind, ſo thun wir auch nicht immer recht und nach Gottes Gebot, und helfen, wo wir nicht ſollten; und dafuͤr hab' ich's immer fuͤx gut gehalten, was auch die Leute mit den weißen Huͤten, 4 6 .— 22— die von den Vornehmen Schurken*) genannt werden, was die auch ſagen moͤgen von der Freiheit und von Knechtſchaft, und werd's immer fuͤr recht halten, daß die Leute's immer mit ihrer alten Herrſchaft halten und ihnen treu ſind.— Steig' in deinen Kahn, falſcher Thomas, und die Schlan⸗ gen werden aus dem See raus ziſchen, und den faſſen, der Vater und Bruder nicht ehrt.— Toms ging, ohne im geringſten durch den Zorn der Al⸗ ten aufgebracht zu werden, zur Thuͤre hinaus, und die Frau beſchaͤftigte ſich nunmehr ernſtlich damit, einen warmen ſtaͤr⸗ kenden Brei fuͤr den jungen Menſchen zuzubereiten. Dieſer hatte allmaͤlig ſeine voͤllige Beſinnung wiedergewonnen, und indem er aus dem Geſpraͤche zwiſchen Mutter und Sohn, welches er, mit Ausnahme weniger Stellen, ganz verſtanden hatte, fuͤr ſich die aͤngſtlichſten Folgerungen zog, wurde der Zuſtand der Starrheit fuͤr ihn immer peinlicher. Bei den Aeußerungen der Alten, welche eine— wenigſtens gegen ihn— gaͤnzliche Theilnahmloſigkeit bekundeten, glaubte er nichts weniger, als daß ſie ſorgſam bemuͤht ſein wuͤrde, ihn ins Leben zuruͤckzurufen, ſondern fuͤrchtete im Gegentheil, ſie moͤchte ihn, den Scheintodten, als einen wirklichen behan⸗ deln. Aber er hatte ſich geirrt. Sie kam den Befehlen ih⸗ res Sohnes auf das puͤnktlichſte nach. Als der Brei fertig *) rascals für radicals, ein unüberſetzbares Wortſpiel. A. d. fl. 5. I. A. — ½——————— 8— 8 — — 23— war und einen angenehmen Geruch in der Huͤtte verbreitete, naͤherte ſich die Alte dem Erſtarrten, ſchuͤttelte und rieb ihn, beſonders auf der Bruſt, und legte ihm dann den Brei wie ein Pflaſter auf dieſelbe. Bald fuͤhlte er auch die wohlthaͤ⸗ tige Wirkung, er athmete freier und vermochte es, den Mund zu oͤffnen. Kaum hatte dies die Alte bemerkt, als ſie auch dahin ihren Brei fuͤhrte Sie richtete ihn auf, und goß ihm die waͤrmende Staͤrkung, vermittelſt eines hoͤlzernen Loͤffels, in den Hals, worauf ſie ihn ganz und gar in Matten wik⸗ kelte und mit einer Kraft, welche eher einem ruͤſtigen Manne, als der alten Frau, zukam, in die Naͤhe des Feuers trug und niederlegte. Hier uͤbte der Trank, mehr vielleicht aber noch die fruͤhere Ermattung, und das neue, kaum gemilderte Ent⸗ ſetzen, ſchlafbringende Kraft uͤber ihn aus. Er ſchlief, waͤh⸗ rend die Alte an ihrer Spindel die unverſtaͤndlichen Lieder brummte, gleich einem von der Amme gewiegten Wickel⸗ kinde, ſanft ein, und hoͤrte wohl noch im Traume die wun⸗ derbaren Geſaͤnge fortdauern; ſie hatten aber auf ihn ihre Schrecken bringende Zauberkraft verloren. Er mochte mehrere Stunden geſchlafen haben, als er zum voͤlligen Bewußtſein ſeiner ſelbſt, und, zu ſeiner noch groͤßern Freude, auch zum freien Gebrauche ſeiner Glieder erwachte. Noch lag er zwar in ſeinen Matten eingewickelt; was aber dem Kinde unmoglich iſt, wird dem Manne leicht, er ſtreifte ſich aus ſeinen Banden hinaus, und empfand ein ſeltenes Gefuͤhl der Freiheit, als er, auf dem feſten Boden — à4— ſtehend, ſeine Arme und Fuͤße frei ausſtrecken konnte. Er haͤtte in dieſem Augenblicke gewuͤnſcht, daß die Schrecken des ſtuͤrmenden Oceans, oder die geheimnißvolle Scheu der kurz vergangenen Stunden wiederkehren moͤchten, um ihnen als Mann die Stirne bieten zu koͤnnen. Ehe er die letzten Begebenheiten ſeines Lebens uͤberdachte, muſterte er mit dem Auge die Bilder, welche ſich ihm zunaͤchſt darboten, wie es ja uͤberhaupt das charakteriſtiſche Kennzeichen der menſchli⸗ chen Natur iſt, cher das bildlich Zunaͤchſtliegende, als das Entferntere, wenn es auch fuͤr den Betrachtenden von groͤ⸗ ßerer Wichtigkeit iſt, aufzufaſſen. Das Feuer und die Koh⸗ len auf dem Heerde waren ausgeglimmt, und es ſchien Tag geworden zu ſein, obgleich durch kein Fenſter, ſondern nur durch unregelmaͤßig hie und da angebrachte laͤngliche, vier⸗ eckige oder runde, aber immer kleine, Oeffnungen ein matter, grauer Strahl in die Huͤtte drang. Dieſe gewann indeſſen hier⸗ durch keinesweges an Freundlichkeit. Im Gegentheil gab die roͤthliche Beleuchtung des Kohlenfeuers dem Ganzen eher ein wohnliches, wenn auch ein wunderbares Anſehn, als dieſes Einbrechen eines fremdartigen Lichtes in ein ſo gefliſſentlich, wie es ſchien, der Sonne verſchloſſenes Behaͤltniß. Man denke an die Tafel aus Hogarths Rakewell, wo, am daͤm⸗ mernden Morgen, die Conſtables in die Moͤrderhoͤhle grade in dem Momente dringen, wo auf der einen Seite die trun kenen Boͤſewichter jeder Ausſchweifung unbeſorgt ſich uͤber laſſen, auf der andern aber zwei oder drei den entkleideten .. 1 5 1 — 25— Leichnam eines von ihnen in dieſer Nacht Beraubten in ein tiefes Loch verſenken! Wen, der dieſes Meiſterſtuͤck betrach⸗ tete, ergriff nicht ein heimliches Grauen?— Als der Juͤng⸗ ling weiter umherblickte, bemerkte er, daß die Alte eingeſchlafen ſei; er naͤherte ſich ihr und beruͤhrte ſie mit den Fingern, aber ſie erwachte ſelbſt auf ſtaͤrkern Druck nicht, ſondern mur⸗ melte nur ihre Lieder im Schlafe fort. Es giebt noch außer dem Gewiſſen, welches dem Men⸗ ſchen den Spiegel der moraliſchen Wahrheit vorhaͤlt, ein an⸗ deres Gefuͤhl, welches ihm die Wahrheit der aͤußern Erſchei⸗ nungen zu Gemuͤth fuͤhrt, ohne daß er im Stande waͤre, logiſch oder gar mathematiſch die ihm ſo eingegebenen Fol⸗ gerungen aus eben den Erſcheinungen ſich zu bilden. Dieſes Gefuͤhl ſagte dem Fremden jetzt, daß er ein Gefangener ſei, daß man ihn freiwillig gar nicht, oder wenigſtens nicht ohne Schwierigkeiten freilaſſen werde, und daß es aus dieſen Gruͤn⸗ den fuͤr ihn gerathener ſein duͤrfte, waͤhrend des Schlafes der Alten ſich aus der Huͤtte zu ſtehlen und ſein Heil zu verſuchen. Woher dieſe Vorſtellung ihm gekommen ſei, dies zu ergruͤnden, kam ihm jetzt gar nicht in den Sinn, ſondern er war darauf bedacht, den Vorſatz, ſo ſchnell es ginge, ins Werk zu ſetzen. Deshalb ergriff er ohne Zaudern ſein klei⸗ nes Felleiſen, und naͤherte ſich der Thuͤre, durch welche der Burſche in voriger Nacht eingedrungen war. Es köſtete ihm nicht viel Scharfſinn, die Riegel und ſchlecht gearbeiteten Schloͤſſer aufzufinden und ohne Geraͤuſch zu oͤffnen. Als er — 26— aber die Thuͤre auf und wieder hinter ſich zugemacht hatte, ſah er ſich in neuer Verlegenheit; denn von allen Seiten umgab ihn eine ſteile Erdwand, und uͤber ihm drang des Tages Licht nur ganz matt, wie durch eine zerloͤcherte Decke, hindurch. Indeſſen entdeckte er bald an der einen Seite der Wand verſchiedene Hoͤlungen, vermittelſt deren, und mehre⸗ rer Wurzeln er auf ſehr unebener Treppe in die Hoͤhe ſtieg, und nun bemerkte, daß das Dach dieſer Grube aus uͤbereinan⸗ der gewachſenen Dornſtraͤuchern, Hambutten und anderm Ge⸗ ſtruͤpp beſtand, deſſen welkes Laub groͤßtentheils noch an den Zweigen hing. Auch hierdurch ſtreifte er ſich bald, war aber, als er die Hoͤhe gewonnen hatte, noch immer nicht im Freien; denn uͤber ihm woͤlbten ſich mehrere ſtarke, wilde Birnbaͤume, welche ihm weder das Tageslicht, noch die Gegend umher zu bemerken erlaubten. Jedoch waren jetzt die unmittelbaren Schwierigkeiten uͤberwunden, und er konnte ſo viel bemer⸗ ken, als die Huͤtte ploͤtzlich verſchwunden ſchien, daß ſie mit⸗ ten in einer kleinen, engen Felsſpalte in der Art aufgerichtet war, daß ihr unterer Theil in der Spalte verborgen, ihr Dach aber von dem Geſtruͤpp und den um die Spalte zu beiden Seiten ſtehenden hohen Baͤumen verdeckt bleiben ſollte. Der Zweck der Erbauer war auch ziemlich erreicht; denn wenn das mit Moos unregelmaͤßig bekleidete Dach ſchan an ſich einem Huͤgel glich, ſo wurde es durch die auf demſelben wurzelnden Geſtraͤuche einem ſolchen immer aͤhnlicher. Hiezu kam jetzt noch eine leichte Schneebedeckung; die Baͤume, 1 1 8 — &— N— —-—— na— — 27— welche ihre blaͤtterloſen Kronen daruͤber beugten, verbargen den Abſtand des Erdreichs, und die wohl mit Fleiß ange⸗ pflanzten Reſſeln und Dornſtraͤuche mochten ſchon zur Som⸗ merzeit ſo leicht keinen unbefugten Wanderer die Natur des Huͤgels zu erforſchen anlocken. Durch das umſtehende Gebuͤſch zu dringen, wurde dem Entronnenen nicht ſchwer, und ſeine Muͤhe belohnt; denn nach wenigen Schritten lag vor ihm ausgebreitet das graͤn⸗ zenloſe Meer. Er ſtand an einem Abhange von Kalkſchiefer, welchen der mit dem Sturm verbundene Wolkenbruch ſchluͤpf⸗ rig gemacht, und viele tiefe Rinnen hinein geriſſen hatte, ſo daß der junge Mann behutſam gehen und ſich an den Straͤuchern halten mußte, um nicht von dem ziemlich hohen Ufer hinabzugleiten. Noch war das Meer in Bewegung, wie ſich auch dem Leidenſchaftlichen lange nachdem der Zorn aus⸗ gewuͤthet die Bruſt noch hebt. Doch ſchlugen die Wellen nicht bis an den Nand des erhoͤhten Ufers. Der Himmel war mit zerriſſenem Gewoͤlk bedeckt, und am fernen öſtlichen Rande des Meeres ging eben die Sonne auf, aber nicht in ihrer maieſtaͤtiſchen Klarheit, ſondern bluthroth, von Wolken getheilt, und es ſchien, als zittere auch ſie; aber es waren nur die Wellen, auf denen ſie ſcheinbar ſtand, und welche von derſelben auf ihrer dunkelen Stahlfarbe den roͤthlichen Schimmer entlehnt hatten. Wenn die Sonne blutroth aufgeht— ſagte der junge Menſch — deutet es auf neue Stuͤrme. Habe ich nicht ſchon genug Stuͤrme — 28=— im Leben erduldet?— Er ſah auf das Meer, und bemerkte, wie die, langſam daher rollenden, langen Wellen Bretterwerk, Seile und andere Schiffstruͤmmer an's Ufer brachten und hier an der ſteiken Kalkwand zerſchellten, um die Splitter mit ſich in den Abgrund hinab zu reißen. Seltſam! rigf er aus.— Was kaum dem Meere entron⸗ nen iſt, wird, nach langem fruchtloſen Kampfe um Erhal⸗ tung, im Augenblicke fuͤr immer zerſtoͤrt. Gleicht nicht das Schickſal dieſer Schiffstrummer meinem eigenen? Mit wel⸗ cher, mir ſelbſt unbegreiflichen, Sehnſucht verlangte ich nach England! Ich uͤberwand alle Stuͤrme, welche mir auf dem Continent den Untergang drohten, und hier, dicht an Eng⸗ lands Kuͤſten, mußte mich der Orkan uͤberfallen, ich mußte mit dem Tode ringen, mußte ſehen„ wie ſeine Naͤhe alle Geſetze unter den Menſchen aufloͤſt und ſie den Thieren der Wuͤſte gleich ſtellt; ich mußte alles dies ſehen, um huͤlflos an den Strand geworfen zu werden und vielleicht von nenem dem Tode entgegen zu gehn? Zerbrechliches Kunſtwerk der Schoͤpfung! Welches Spielwerk der Elemente! Ein Trop⸗ fen Waſſer— denn was iſt die Welle anders, gegen den gro⸗ ßen Ocean gehalten,— ein Tropfen Waſſer reißt den Men⸗ ſchen mit ſich hinab, und ein Tropfen Waſſer hebt ihn wie⸗ der empor! Und welche Hebel ſtrengt unſer Verſtand an zur Erhaltung dieſes duͤrftigen Daſeins! Scheint es nicht, wenn unſere Philoſophen denken, wenn unſere Erfinder auf neue Maſchinen ſinnen, als gehe es auf nichts Geringeres hinaus⸗ — 20— als das Weltmeer auszutrocknen, Berge zu verſetzen und die Erde umzukehren? Und was bewirken ſie hoͤchſtens?— Sie ſchlagen die Spitze eines Felſens ein, welche dem Untenſte⸗ henden, ſo klein erſcheint, daß er die Aenderung kaum be⸗ merkt; ſie bauen zwei Zoll tief ins Meer hinein; aber ein Stein, der von der Spitze des Urgebirgs hinunterrollt, zer⸗ ſchmettert Hunderte dieſer Weltverbeſſerer, und ein Balken, der aus ihrem Damm abgleitet, vernichtet das Werk der Jahrhunderte!— 3 Dieſer Gedanke geſiel ihm dergeſtalt, daß er, ſeine Lage vergeſſend, Bleifeder und Pergament herauszog, um ihn nie⸗ derzuſchreiben. Noch fuͤhlte er Muͤdigkeit und ſetzte ſich des⸗ halb auf einen großen Stein, warf noch einmal den Blick hinaus uͤber die, jetzt ſilbern gefaͤrbte, Meeresflaͤche zur Sonne, welche nach Shakeſpeare eben auf den Zehen auf dem Meeresrande ſchwebte, und fing darauf an zu ſchreiben. Kaum mochte er einige Minuten ſo beſchaͤftigt dageſeen haben, als der Gedanke ihn noͤthigte, noch ein Mal auf das große Bild. der Sonne hinzuſchauen. Er blickte in die Hoͤhe, ſein Auge traf aber nicht die Himmelskoͤnigin, ſondern wenige Schritte vor ihm ſtand das alte Weib aus der Huͤtte, in ihrer aufge⸗ richteten furchtbaren Geſtalt. Das Morgenroth beleuchtete, indem ſie dem Betroffenen mit ihrem Leibe die Sonne ver⸗ barg, wunderbar ihren rothen Friesrock und die grauen Hanre, welche im Winde ſlatterten. Da die ſcharfen Ecken ihrer ganzen Geſtalt die Meeresflaͤche beruͤhrten, und nun der — 30— Glanz der Sonne von allen Seiten um ſie ſtrahlte, mußte ſie auch einen uͤberirdiſchen Anſchein fuͤr den Unbefangenſten gewinnen. Der Juͤngling aber, der ſie noch mehr zu ſcheuen Urſach, und ſie vor Kurzem in einer noch unheimlichern Si⸗ tuation geſehn hatte, durfte vor dieſem Anblicke, wie vor einem daͤmoniſchen Weſen, zittern. Kommt noch hinzu, daß er neben ihr zwei große Bullenbeißer, zwar ganz ſtill, aber in drohender Stellung, als erwarteten ſie nur einen Wink, auf ihn los zu fahren, bemerkte, und ſich geſtehen mußte, daß er waͤhrend ſeiner Anweſenheit in der Huͤtte nicht das Ge⸗ ringſte von deren Naͤhe erfahren hatte: ſo laͤßt es ſich erklaͤ⸗ ren, wenn die mit dem Tone einer Gebieterin geſprochenen Worte der Alten, ſolchen Eindruck fanden, daß er ihnen wil⸗ lig und ohne auch nur ein Wort des Widerſpruchs zu wa⸗ gen, Folge leiſtete. Unverſchimter! Wer eine Waſſeerſeele gerettet hat, der huͤte ſich, ſagt der alte Spruch, denn die Waſſergeiſter ſind in ſie gefahren, und pochen und treiben ſo lang', bis ſie ihren Retter verdirbt. Aber ich habe Macht, und kann den Un⸗ dank bezwingen. Steh auf, Du verraͤtheriſcher Hund, und gehorche mir, oder ich rufe meinen Sohn, und der kann faſ⸗ ſen mit duͤrren, duͤrren Armen, und Dir das Herz aus dem Leibe preſſen, wenn er Dich umarmt; denn er kommt alle Nacht und umarmt den Sauire, bis er ihm das Herz hat ausgepreßt, und dann lacht ſeine Mutter laut auf, und um⸗ — 31— armt auch ihren Sohn. Hu, Hu, Waſſerſeele, ins Haus zuruͤck!— Wir ſagten ſchon, daß der junge Mann ſich nicht lange noͤthigen ließ, dieſer Weiſung zu folgen. Schneller als er herausgekommen war, kehrte er in die tiefe Huͤtte zuruͤck, wo⸗ hin ihm die hoͤfliche Wirthin mit ihren Hunden folgte. Nicht genug, daß ſie ihn zur Ruͤckkehr hierher gezwungen, er mußte ſich auch auf ihren Befehl in einen Winkel auf die kaum verlaſſenen Matten niederlegen, und dann reichte ſie ihm noch die Kanne mit dem warmen Zaubergetraͤnk, welches ſo wohlthaͤtig auf ihn gewirkt hatte, ohne jedoch weiter ein Wort zu verlieren. Obgleich er nun in dieſem Augenblicke die gerechteſte Furcht hatte, daß dies ihm dargereichte Ge⸗ traͤnk mindeſtens die Kraft eines Schlaftrunks ausuͤben ſolle, ſo wagte er doch, theils aus den angefuͤhrten Gruͤnden, nicht, zu widerſprechen, theils waren Geruch und Waͤrme fuͤr den Augenblick ihm ſo erfreulich, daß er, ſeinem Schickſal ſich ergebend, trank und ſich darauf in den Winkel niederlegte. Den⸗ noch widerſtand er der Neugier nicht ganz, und fing, aus ſei⸗ nen Matten heraus, ein Geſpraͤch an. Aber, gute Mutter, Ihr habt doch wohl viel fuͤr meine Rettung gethan, und dafuͤr muß ich Euch den herzlichſten Dank ſagen. Sie murmelte trocken vor ſich hin: Dank iſt unnuͤtze Waare. Undank der wiegt was aus, aber gut nachtragen und gedenken iſt das Beſte.— — 32— Aber, gute Mutter, wer hat mich eigentlich gerettet! Ich lag auf einer Tonne, und war ein Spiel der Wellen. Da verlor ich die Beſinnung, und finde mich nun hier bei Euch, ohne zu wiſſen wie ich hergekommen bin?— Und wenn Dus auch wuͤßteſt, wuͤrdeſt Du darum nicht trockner.— Aber ich ſchwamm mit einem andern Ungluͤcklichen zu⸗ ſammen. Sagt mir nur das, ob auch er gerettet iſt, oder ob ihn die Wellen auf immer von mir getrennt haben? Kannſt ja froh ſein, daß Du aus dem Waſſer raus biſt Ein Thor, wer ſich um die Welt ſchiert und nicht um ſich allein und was ihm das Liebſte iſt.— Es waͤre ſehr traurig, wenn der Mann ertrunken waͤre!— Gut waͤr's fuͤr ihn. Waͤr' er ertrunken, braucht er nicht mehr zu haͤngen.— Es waͤre entſetzlich, wenn Alle umgekommen waͤren! Hier lachte die Alte hoͤhniſch auf, und ſang ein Liedchen in verdorbuer Engliſcher Mundart, deſſen Refrain war: Hoch iſt der Galgen und tief iſt die See, Einer ſchläft unten, und Einer in der Höh'! Der Gaſt merkte nun wohl, daß ſie nicht antworten wolle, und da er kein Mittel beſaß, ſie irgendwie dazu zu bewegen⸗ befahl er ſich dem Schutze des Himmels, und widerſtand nicht laͤnger der einſchlaͤfernden Kraft des Trankes oder ſei⸗ ner eigenen Ermattung. 8* Aus dieſem feſten Schlafe wurde er durch eine leiſe Be⸗: ruͤhrnng ö—2— — 33— ruͤhrung am Arme erweckt. Er ſchlug wie verdroſſen ſeine Augen nur wenig auf, wurde aber gezwungen, ſie ſogleich wieder zu ſchließen, indem ein blendendes, flackerndes Licht und ein qualmender Dampf ſeinen Koͤrper umgab. Lange konnte er jedoch dieſe Ungewißheit nicht ertragen, beſonders da er fuͤhlte, daß ſeine Glieder hie und da fortwaͤhrend leiſe mit dem Finger, als pruͤfe man ihre Beſchaffenheit, betaſtet wurden. Dennoch wagte er in ſeinem Zuſtande nichts zu unternehmen, ſondern ließ vielmehr mit ſich gewaͤhren und begnuͤgte ſich, verſtohlen das Auge aufzuſchlagen, um die Na⸗ tur der mit ihm vorgenommenen Operation kennen zu ler⸗ nen: das alte Weib knieete neben ſeinem Lager, und indem ſie in ihrer Linken einen großen Kienenbrand, vermuthlich in der Abſicht ihn zu beleuchten, feſthielt, hatte ſie mit der Rech⸗ ten die Strohmatten aufgehoben, und fuͤhlte bald hier bald dort an ſeinem Koͤrper umher. Vornehmlich ſchien ſein linker Arm ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Sie hatte das Hemde bis uͤber den Ellenbogen ihm abgeſtreift, und ſchien mit der Fackel und den Augen zugleich einen beſtimmten Flecken ſen⸗ gen zu wollen; dergleichen ließ ſich wenigſtens aus der aͤngſtli chen Stellung ſchließen, ſo wie aus ihren Augen, die aus den tiefen Hoͤhlungen hervorquollen, und drohten, bei fort⸗ geſetzter Anſtrengung, ſich von dem Koͤrper los zu machen 5 und herauszuſpringen, ſo wie endlich aus ihrem Zittern, einen Bewegung, von welcher der Juͤngling nicht das Geringſte bisher wahrgenommen hatte, indem ſie im Gegentheil eine I. Bd. 131 — 34— Feſtigkeit bewieſen, die ſonſt dem weiblichen Geſchlechte, be⸗ ſonders aber ihrem Alter fremd iſt. Im Glauben, daß ihr unfreiwilliger Gaſt noch ſchlafe, bemuͤhte ſie ſich jetzt ſeinen rechten Arm, auf welchem der Kopf noch immer in ſchlafen⸗ der Stellung lag, hervorzuziehn; da ihr dieß Erperiment in⸗ deſſen nicht gelingen wollte, verſuchte ſie den ſchlummernden Gaſt ganz umzudrehn. Dieſer aber, obgleich er wohl nicht im Stande geweſen waͤre, ſich Rechenſchaft zu geben: wes⸗ halb, machte ſich ſo ſchwer und unbehuͤlflich als moͤglich, ſo daß die alte Frau, wenn ſie ihn nicht erwecken wollte, was allem Anſcheine nach nicht in ihrer Abſicht lag, trotz der gro⸗ ßen, fruͤher bewieſenen Kraft, von ihrem Vorhaben abſtehen mußte. Dieß geſchah jedoch nur in Beziehung auf die an⸗ gegebene Art, vermittelſt welcher ſie den Schlafenden umdre⸗ hen wollte. Der Vorſatz ſelbſt ſchien allzufeſt in ihr gewur⸗ zelt. Sie nahm noch einen Fichtenbrand vom Feuer, ſo daß ſie jetzt in jeder Hand einen dergleichen hielt, trat ſo be⸗ waffnet in die Mitte des Gemaches und begann unter ſelt⸗ ſamen Schwingungen dieſer rauchenden Fackeln einen noch merkwuͤrdigern Geſang. Zuerſt waren es kaum vernehmbare Laute, die nur im Geiſte der Saͤngerin einen Rhythmus ha⸗ ben mochten; dann ſtiegen die Toͤne, und es wurden Worte in einer fremden Sprache. Anfangs ſprach ſie auch dieſe nur mit gedaͤmpfter Stimme; allmaͤlig wurden ſie aber immer ſchneller und ſchneller hervorgeſtoßen, bis endlich die Strophe in wildes Geſchrei ausging. Dieſe Strophe wiederholte ſich N Q ðNA RN — 35— zwei⸗, dreimal, und jedesmal nach dem Schluſſe des refrain⸗ artigen Geſchreies blickte die Alte auf den Schlummernden hin, um zu ſehn, ob ihr Zaubergeſang auf ihn die gewuͤnſchte Wirkung hervorgebracht habe. Sie wuͤrde vermuthlich, da ſie ſich immer getaͤuſcht ſah, in ihrem Liede fortgefahren, oder vielleicht noch ſtaͤrkere Zau⸗ berſpruͤche gewaͤhlt haben, wenn nicht mehrere Stimmen vor der Thuͤre ſie unterbrochen haͤtten. Es war ein wildes Ge⸗ toͤſe, ein Durcheinanderreden und Stoßen und vielfaches Po⸗ chen, welches man von der Seite hoͤrte, wo der junge Mann fruͤher entſchluͤpfen wollen. Die Alte, ihrer fruͤhern Rolle getreu, legte die Feuerbraͤnde in den Kamin, und ſetzte ſich, nachdem ſie die Matten wieder uͤber den Juͤngling gedeckt hatte, auf ihren Seſſel nieder, ohne im Geringſten auf die Pochenden zu hoͤren. Sie murmelte nur, indem ſie die Spin⸗ del fortdrehte, einige Worte, deren Sinn kein anderer zu ſein ſchien, als der, welchen ſie fruͤher gegen ihren Sohn gusgeſprochen hatte: Pocht Ihr nur ſo lange Ihr wollt! und der Gaſt fuͤhlte eben ſo wenig als ſie ſelbſt Beruf, etwas zu Gunſten der Eintritt Fordernden vorzunehmen, ſondern hielt es fuͤr das Gerathenſte, die Rolle des Schlummernden fortzuſpielen. Die Maͤnner draußen fanden indeſſen bald den Eingang, eben ſo, als fruͤher der junge Burſche; jedoch betrugen ſie ſich nicht auf dieſelbe phlegmatiſch beſcheidene Weiſe. Es waren fuͤnf oder ſechs ſtaͤmmige Maͤnner, nach deren Ausſehn zu ſchließen, ein Fremder ungern mit ihnen am einſamen Orte zuſammen getroffen waͤre. Der Zuſchnitt ihrer Kleider glich dem aller Schiffer. Kurze, knapp anſchließende Jacken, weite, lange Beinkleider, große Schuhe, und um den Hals ein buntes Tuch, welches in zwei Zipfeln bis uͤber die Bruſt hing. Der kleine Schifferhut mit unaufgekrempten Seiten war tief in ihr finſteres Geſicht gedruͤckt, und alle hatten an der Seite ein kurzes, aber breites Meſſer hangen. Einige von ihnen trugen auch Piſtolen im Guͤrtel. Wenn wir ſag⸗ ten, daß ihre Kleider denen des Schiffsvolks glichen, ſo ver⸗ ſtanden wir dies nur Hinſichts des Zuſchnittes. Die Farbe dieſer Kleider verrieth keine Nation, welcher ſie angehoͤrten, indem ſie meiſtens aus grauer, grober Sackleinewand zuge⸗ ſchnitten waren, auf welcher der Schmutz,— denn die Klei⸗ der mochten nie gewaſchen ſeyn, bis etwa auf die gelegentli⸗ chen Faͤlle, wo Regen und Meerwaſſer theilweiſe ſie beſpuͤlt hatte,— jedwede Farbe zu errathen erlaubte. Es zeichnete unter dieſen Maͤnnern keiner ſich eben beſonders aus, ſon⸗ dern alle gingen neben dem ſcheinbar Schlummernden vor⸗ uͤber, nicht ohne bedeutende Blicke aus ihren ſcharfen Augen auf ihn herabzuſchießen, und begannen dann, indem ſie auf die Alte zugingen, ſie zu ſchelten. Fuͤr jenen blieb dies jedoch nur eine Vermuthung, welche er aus ihren Blicken, Bewe⸗ gungen und ihrer heftigen Stimme ſchloß; denn es war eine fuͤr ihn ganz fremde Sprache, in welcher ſie die Alte anre⸗ deten. Dieſe ſchien indeſſen an den finſtern Anblick der Maͤn⸗ — 37— ner gewoͤhnt, und ſtellte ihre Antworten nicht im geringſten betroffen, ja ſogar ohne ſie eines Blickes zu wuͤrdigen, indem ſie ununterbrochen bei der Spindel beſchaͤftigt blieb. Es war auch nicht zu verkennen, daß die Frau merkwuͤrdigen Einfluß und eine gewiſſe Gewalt auf die rohen Maͤnner ausuͤbe. Sie ließ ſie erſt ihren Zorn oder Unmuth ausreden, ſtand dann mit einer gebieteriſchen Miene auf und ſprach Worte, welche dem Tauben ſogar als Befehle wuͤrden gegolten haben. Die Maͤnner murrten, fluchten, ſetzten ſich aber bald hier und dort, wo jeder Platz fand, nieder, und begannen ein Mahl zu bereiten, wie es die Gelegenheit darbot. Es ward eine Suppe am Feuer gekocht; aus verſchiedenen Koͤrben brachte man Kaͤſe, Brod, Schiffszwieback und vor allem Branntweinflaſchen zum Vorſchein. Die am Balken und im Schornſtein roͤſtenden Pomocheln und andere Seefiſche nebſt friſchen Heringen wurden abgenommen, und es waͤhrte nicht lange, ſo ſchien der ganze Reichthum der Huͤtte, ſo wie der, welchen die Fremden in ihre Aermlichkeit eingefuͤhrt hatten, voͤllig aufgezehrt. Neben der Beſorgniß, welche, wie wir wiſſen, bei dem jungen Mann eine gerechte und nicht geringe war, machte ihm dieſe zechende Geſellſchaft auch nicht ge⸗ ringe Sorge. Es war die zweite Nacht ſeit dem Schiff⸗ bruche herangekommen, und noch hatte er außer der ſtaͤrken⸗ den Suppe keine Nahrung weiter zu ſich genommen, ſo daß es natuͤrlich war, daß der Hunger jetzt eine nicht bloß con⸗ ſultative Stimme bei der Nathsverſammlung ſeiner Sinne — 38— und Seelenkraͤfte uͤberkommen hatte. Indeſſen wurde ſeine Motion: Aus dem Scheinſchlafe aufzuwachen, und ſich eiligſt und ſchleunigſt bei der Schiffermahlzeit zu melden,— uͤber⸗ ſtimmt, und er mußte mit derſelben bis auf die naͤchſte Seſ⸗ ſion warten. Sehr richtig fuͤhrten die Gegner der Motion, die Redner: Furcht, Liebe zur Selbſterhaltung, Unentſchloſ⸗ ſeuheit, Hoffnung, daß einſt beſſere Gelegenheit kommen werde, u. ſ. w., an, daß der gegenwaͤrtige Zeitpunkt der allerunange⸗ meſſenſte zum Durchgehen einer ſolchen Bill ſey, indem der Gegenſtand des Geſpraͤchs der Schiffer eben Niemand anders als der Schlafende waͤre. Wirklich ſchien aus den Blicken und Bewegungen der Schiffer hervorzugehn, daß ſie ſich uͤber ihn beriethen, ohne deshalb im Verſchlingen der Speiſen ſich ſtoͤren zu laſſen. Die Alte ſprach zuweilen ein Wort hinein, und bald hoͤrte er haͤufig den Namen Niklas von beiden Sei⸗ ten nennen. Oft fluchte Einer oder der Andere von den See⸗ maͤnnern Engliſch oder Hollaͤndiſch, und ſchien Willens, in dieſen Sprachen die Nede fortzuſetzen, worauf ihm die Alte dies aber in der fremden Sprache oder durch Zeichen, ver⸗ muthlich in Beziehung auf den Schlafenden, verwies, ſo daß dieſer von der ganzen Unterhaltung nicht das Geringſte erfuhr. Nach Verlauf einer Stunde ungefaͤhr entfernten ſich die Maͤnner, und die Huͤtte wurde ſo einſam und ſtill, wie ſ e es vor ihrer Ankunft geweſen war. ſeine Wirthin: Drittes Kapitel. Königin Ellinor war ein krankes Weib Und zitterte ſchon vor'm Tod: Holt zwei Betbrüder aus Frankreich mir, Sie ihren Dienern gebot. 1 Königin Ellinors Bekenniniß. Alte Ballade. — ʒ;———— Nachdem die Huͤtte leer geworden, und auch der Nachhall der Tritte von denen, welche ſie eben verlaſſen hatten, ver⸗ ſchwunden war, wagte der Gaſt ſich vom Lager emporzuhe⸗ ben, und indem er die Rolle eines eben Erwachenden ſpielte, forderte er gaͤhnend einen Trunk und Speiſe. Die Alte brummte, brachte ihm auch den Reſt einer Kanne Whisky⸗ ſo wie eine Flunder und etwas Schiffszwieback, ohne ſich weiter um ſeinen Appetit oder die Wuͤrze des Mahls, eine angenehme Unterhaltung, zu bekuͤmmern. Der Gaſt aß und trank, wie es von einem wiedererwachten Schiffbruͤchigen zu erwarten war, und wagte, ſo geſtaͤrkt, eine neue Frage an 4 5 — 40— Muͤtterchen, ich weiß nicht, ob mir traͤumte, oder ich die Leute halb wachend wirklich ſah— aber ich glaube, es waren hier Fiſcher in der Huͤtte, und was ich eben verzehre, ſcheint von ihnen zuruͤckgelaſſen zu ſein. Die Alte erwiderte ganz trocken: Man traͤumt viel, man ſieht viel und man glaubt viel, aber man thut doch wenig.— Er fuhr fort: Gern wuͤrde ich viel thun, wenn ich es nur koͤnnte. Ein armer Schiffbruͤchiger muß aber ſehn, wo es fuͤr ihn Arbeit giebt. Kann man hier bei Euch, Muͤtter⸗ chen, Beſchaͤftigung bekommen? Die Alte ſchuͤttelte den Kopf, ohne zu ſprechen. Nun, wenn hier nichts iſt, ſo verſchafft Ihr mir wol Ge⸗ legenheit, dahin zu kommen, wo ich vor meinem Ungluͤck hin wollte. Wohin? Nach England, nach der Kuͤſte von Wales.— Es laufen da ſchon viele ſchlechte Menſchen umher.— Deshalb wird man mir doch nicht verwehren, nach Wa⸗ les zu reiſen?— Die Alte ſah ſich bei dieſen Worten langſam nach dem Sprecher um, betrachtetete ihn angeſtrengt, und ſchuͤttelte dann den Kopf. War't Ihr ſchon fruͤher in Wales? Niemals? So moͤgt Ihr Euch huͤten. — 41— Weshalb?. 4 Die Galgen ſind hoch, und's werden nicht viel um⸗ ſtaͤnde gemacht.— Haltet Ihr mich denn fuͤr einen Dieb, Raͤuber, Beutel⸗ ſchneider?— Habt viel Aehnlichkeit mit Einem, dem der Galgen be⸗ ſtimmt iſt.— Die Alte blieb eiuſilbig, wie immer, und da der Fremde keine Hoffnung hatte, mehrere Auskunft ihr zu entlocken, das Geſpraͤch auch eben nicht zu ſeiner Zufriedenheit ſich zu wen⸗ den ſchien, brach er ab, und begnuͤgte ſich, ſeine Wirthin zu bitten, ſobald eine Gelegenheit ſich zeige, ihm Nachricht von derſelben zu geben. Sie brummte einige Worte vor ſich hin, welche man aber ſo gut als abſchlaͤgige wie als zuſagende betrachten konnte; und der Fremde ergab ſich ſeinem Schick⸗ ſal, das Beſte was er beginnen konnte, wickelte ſich in ſeine Matten und uͤberließ ſich der Betrachtung uͤber ſein fruͤhe⸗ res Leben und die moͤgliche Ausſicht der Zukunft. Aber wie es zu gehen pflegt, wenn ein Philoſoph oder,— um aus der eigenen Zunft das Bild zu entnehmen,— ein Novelliſt*), kurz ein Schriftſteller uͤber ſein Thema nach⸗ denkt, und das Silberfiſchlein ſeiner Wahrnehmung und Er⸗ fahrung mit dem Goldfiſchlein ſeiner Phantaſie zu verbinden 5 So wird der Autor, auch dickleibiger Romane, in England genannt. A. d. U. z. I. A. — 2— ſucht, wenn er, mit ſchlichten Worten geſprochen, den logi⸗ ſchen Zuſammenhang ſeiner in ihm lebendigen Bilder mit Anſtrengung aufzuſuchen bemuͤht iſt; dann fliegennihm zu⸗ weilen alle dieſe lieblichen Kinder ſeiner Phantaſie, wie dem Vogelſteller die bunten Voͤgel aus dem Kaͤfig, auf und davon, und, indem er nacheilt, ſie in den verſchiedenen Regionen ih⸗ rer Heimath wieder zu haſchen, ſtoͤßt er auf andere Gegen⸗ ſtaͤnde und Bilder, welche ihn fuͤr den Augenblick intereſſi⸗ ren, ſo daß er, bei dieſen verweilend, ſeine eigentliche Jagd ganz vergißt, und ſich nur mit den momentanen Erſcheinun⸗ gen beſchaͤftigt. So ging es auch unſerm Helden,— denn daß der junge, dem Waſſertode kaum entronnene, Mann die⸗ ſen Charakter fuͤhren werde, hat der geneigte Leſer wol ſchon ſelbſt errathen.—*) Indem er ernſtlich uͤber ſein ganzes unſichtbares Leben nachdenken wollte, blieb ſein Auge an den ſichtbaren Bildern der Gegenwart haften: er ſah die zerbrechliche Huͤtte, er ſah das alte Weib an, er lachte, da der Whisky ſeinem erſchoͤpften Koͤrper neue Kraft gegeben hatte, uͤber ſeine fruͤhere Furcht, und dachte nach, ob ein Entkom⸗ *) Der Engliſche Recenſent macht hier die Bemerkung, daß Herrn Bertrams Perſon wohl nach Deutſchen, nicht aber nach Engliſchen Begriffen der eigentliche Held des Romanes fei.— Der Herausgeber muß dagegen anführen, daß auch dem Deutſchen der Uunterſchied zwi⸗ ſchen dem figurirenden und dem wirklichen Helden, nicht ſo ganz unbekannt geblieben iſt, und verweiſet deshalb auf eine Kritik der Walter Scottiſchen Romane in den Wiener Jahrbüchern der Litte⸗ ratur 1823, Bd. XXII. W. A. — 43— men aus dieſem gefaͤhrlichen Orte nicht allenfalls durch Ge⸗ walt zu bewerkſtelligen ſei? Er traute ſich jetzt vollkommene Kraft zu, die alte Frau niederzuwerfen; er ſah ſich nach einer Waffe um, die beiden Packans, und im Nothfall den verſteck⸗ ten Hinterhalt der ſtaͤmmigen Seeleute von ſich abzuhalten. Aber wie ſehr er ſeinen Geiſt auch wappnete mit dem Ge⸗ danken an die Geſetze Alt⸗Englands, welche die phyſiſche Freiheit jedes Eingebornen ſo wuͤrdig vertheidigen, ſo blieb der Hinterhalt der ſtaͤmmigen Sceleute/— welche, bevor noch ein neu zu erwerbender Freund dem Fremden ein habeas cor- pus auswirken duͤrfte, ihn uͤber Hals und Kopf ins offene Meer ſtoßen koͤnnten, wo ihm alsdann im Reich der See⸗ hunde und Haifiſche, wenn auch innerhalb Englands See⸗ territorium, die Habeas Corpus-Akte wenig Dienſte leiſten moͤchte,— ihm demnach ein ſolcher Stein des Anſtoßes, daß er, wenn ihm dazu noch die Unbekanntſchaft des Landes und die Moͤglichkeit, daß er auf irgend eine Pirateninſel verſchla⸗ gen ſei, einſtel, fuͤr den Augenblick die Ausfuͤhrung des Vor⸗ ſatzes hinaus, und den Vorſatz ſelbſt pei Seite ſchob. Wer aber mit geſchloſſenen Augen uͤber unausfuͤhrbare Dinge bruͤ⸗ ret, geraͤth bald, wenn ſonſt nichts dazwiſchen kommt, nicht allein in einen geiſtigen, ſondern auch in einen phyſiſchen Schlaf; und daher kam es denn, daß ihn nach einigen Stun⸗ den wiederum Jemand, und zwar die Alte, aus demſelben wecken konnte. — 44— Sie ſtand vor ſeinem Lager und ruͤttelte den Verdroſ⸗ ſenen. Steh auf, ſonſt geht die Zeit voruͤber. Draußen liegt ein Franzoͤſiſcher Seecapitain, und ladet Trinkwaſſer. Er wird Dich mitnehmen und abſetzen. Der Juͤngling ſprang im Augenblick in die Hoͤhe, und ſtand fertig zum Aufbruch da. Schlaftrunkene und ploͤtzlich Ueberraſchte ſpringen gern uͤber alle Vorbereitungen zur Hand⸗ lung ſelbſt, von der ſie geiſtig oder phyſiſch traͤumten, hin⸗ uͤber. So wollte auch der junge Mann ſogleich in das Schiff ſteigen und abſegeln. Er rief: Wo iſt es? Wo? Ich komme gleich, und eilte nach der Thuͤre, an welchem Vorhaben ihn aber die Alte hinderte, indem ſie ihn zuruͤckzog. Ho ho! So eilig iſt's nicht. In's Verderben rennt Je⸗ dermann nicht ſchnell genug, und aus der Schenke, eh' er die Zeche bezahlt hat. Aber die Rechnung kommt nach, hat man ſie ohne den Wirth gemacht, und an jedem Kreuzweg lauert der Scherge. Erſt bezahlt das Herrchen, dann wird's gefuͤhrt, aber erſt in's Boot, und dann in's Schiff, und dann in den Wind,— huſſa luſtig, da flattert ſo Manches. Der Gaſt bezahlte die kleine Zeche, aber in dem Augen⸗ blicke des Rechnens, wo ja der trockenſte Verſtand alle farbigen Traumbilder verſcheucht, erwachte in ihm ein neuer und nicht kleiner Grund der Beſorgniß. Er fragte ſich: Wer iſt dieſer Capitain? Wer ſind die Leute, welche fuͤr mich mit ihm un⸗ terhandeln? Waren nicht noch vor Kurzem in Antwerpen — 45— jene furchtbaren Seelenverkaͤufer, welche am hellen Tage auf offenem Markte angeſehene Perſonen aus dieſer großen Stadt in die Sklaverei fuͤhrten? Giebt es nicht noch jetzt in den volkreichen Staͤdten Englands Matroſenpreſſen? Wer ſchuͤtzt, wer rettet hier den ganz Fremden, Verlaſſenen? Es waren in der That begruͤndete Zweifel, wo aber keine andere Ausſicht iſt, folgt der verirrte Wanderer in der Nacht auch dem Irrlichte, weil es moͤglich iſt, daß es eine Laterne ſei, welche ihn auf den rechten, oder doch wenigſtens auf ei⸗ nen Weg fuͤhre. Er hatte nicht lange Zeit ſich zu beſinnen, denn, nachdem kaum die Zeche bezahlt war, traten zwei Schif⸗ fer an die Huͤttenthuͤr mit der Aufforderung, ihnen zu fol⸗ gen, indem die Ladung bereit ſei. Da er keinen erheblichen Grund wußte, weshalb er die Aufforderung oͤffentlich haͤtte ablehnen ſollen, befahl er ſeine Seele dem, welcher ihn ſchon aus ſo manchen Faͤhrlichkeiten errettet hatte, und trat beherzt den Fuͤhrern entgegen. Er ſagte ſeiner Wirthin mit wenigen Worten Dank, worauf ſie indeſſen nur mit Murmeln unverſtaͤndlicher Worte ant⸗ wortete, und ohne ſich um ihn zu bekuͤmmern, in ihre gewohnte Stellung zuruͤckkehrte. Es war noch tiefe Nacht, als er aus dem Geſtruͤpp ſich hinausgearbeitet und, geſtuͤtzt von zwei Matroſen, den Strand des Meeres erreicht hatte. Das Wetter ſchien ruhig, hie und da blickten die Sterne durch die Wolken, und die See zu ſeinen Fuͤßen rauſchte nur wie gewoͤhnlich. Mit Huͤlfe der geuͤbten Seemaͤnner — 46— war er bald die Lehm⸗ und Kalkwand an einer niedrigen Stelle hinabgerutſcht, und beſtieg nun das mit ſechs Rude⸗ rern und einigen andern Leuten bemannte Boot. Es lagen noch mehrere Tonnen und Paquete in demſelben; merkwuͤr⸗ diger war aber die tiefe Stille, welche auf ihm herrſchte, in⸗ dem gewoͤhnlich ein vom Lande ſtoßendes Boot unter lautem Jauchzen der am Strande ſtehenden Zuſchauer und frohen Geſaͤngen der Schiffsleute zum Schiffe ſtoͤßt. Waͤhrend nur der einfoͤrmige Ruderſchlag die Ruhe der Nacht unterbrach, und das Boot die an das Ufer treibenden Wogen durchſchnitt, hatte der Juͤngling Zeit und Muße⸗ die Betrachtungen uͤber ſeine Zukunft fortzuſetzen. Wie aber ein geringfuͤgiger Umſtand dem phantaſtereichen Sinne Furcht und Beſorgniß weit hinaus erregen kann, ſo wirkt umgekehrt die unbedeutendſte Gunſt des Zufalls oft als Balſam fuͤr den tief und gerecht Betruͤbten. Es rauſchte ein kalter Nacht⸗ wind uͤber das Meer, und unſer Held hatte aus ſeinem Schiffbruche nur den leichten Ueberrock mitgebracht, welchen er im Augenblicke der Exploſion auf dem Leibe trug. Es war daher natuͤrlich, daß er die ganze Gewalt der Kaͤlte em⸗ pfand, welche, in Vereinigung mit der truͤben Ausſicht, ein Froſtſchaudern erzeugte. Sobald die zu ſeinen Seiten ſitzen⸗ den Matroſen dieſe Symptome bemerkten, holte der Eine un⸗ aufgefordert eine wollene Decke und umhuͤllte den Frierenden dergeſtalt, daß man, wenn er auch nicht gaͤnzlich hierdurch vor dem Nachtfroſte geſchuͤtzt blieb, doch die wohlwollende — 47— Abſicht des Schiffsmannes erkennen mußte. Es war dies eine Handlung, deren auch wohl ein Seelenverkaͤufer und Sklavenhaͤndler faͤhig geweſen waͤre, ja die ſich aus der, fuͤr ihn ſelbſt vortheilhafteſten Erhaltung des erkauften Sklaven am beſten erklaͤrt haͤtte; dennoch wirkte ſie ſo wohlthuend auf den jungen Mann, daß er aus dieſem wohlwollenden Benehmen des Einzelnen auf die gute Geſinnung der uͤbri⸗ gen Leute im Boote, ja endlich der ganzen Schiffsmannſchaft ſchloß, und ſogar die freundlichſten Hoffnungen fuͤr die Zu⸗ kunft baute. Laßt uns nicht mit Verachtung oder Bedauern auf dieſen Wankelmuth im menſchlichen Sinne herabſehen: der Schoͤpfer hat ihn den Sterblichen geſchenkt, damit unſer Pyg⸗ maͤengeſchlecht im Kampfe mit den Elementen und Natur⸗ kraͤften, noch mehr aber mit den Hinderniſſen, welche wir ſelbſt in unſern Beſtrebungen einander entgegenſetzen, nicht unterliege, und immer einen Quell finde, aus welchem es im heißen Mittage nach der gaͤnzlichen Ermattung neue Kraft ſchoͤpfen koͤnne. Die Biene findet in jedem Blumenkelche Nahrung, der menſchliche Geiſt aber hat ſtaͤrkere Fluͤgel, als der Koͤrper des Biene, er kann Nahrung, Erholung, Freude, ja Taumel und Entzuͤcken aus Bluͤthenkelchen trinken, welche ſo fern ſind, daß nicht einmal ſein leibliches Auge ſie je er⸗ reichen kann. Obgleich das Boot durch die Kraft der Ruderer ſchnell weiter getrieben wurde, dauerte es doch faſt eine Stunde, ehe ſie das große Schiff erreichten. Es ſteckte nur eine einzige — 43— ſchwache Laterne aus, und als ſie herangekommen waren, rief auch die Schiffswacht nur mit gedaͤmpfter Stimme ihnen das Werda? zu. Auf das in gleichem Tone zuruͤckſchallende Loſungswort: pécheurs du roi et de la sainte vierge! wurden die Strickleitern vom Bord herabgelaſſen, und die Matroſen fingen an das Schiff zu beſteigen. Ehe man jedoch den Paſ⸗ ſagier dazu ließ, wurden die fuͤr das Schiff nothwendigern Sachen durch Seile emporgehoben. Der junge Mann fand hier Gelegenheit, die Geſchicklichkeit der Bootsleute zu be⸗ wundern. Mit einer Schnelligkeit und Umſicht, wie er ſie ſelten oder nie fruͤher bemerkt, holten ſie Faͤſſer und Kiſten aus dem Grunde des Bootes, ohne auch nur mit dem einen an das andere zu ſtoßen, vielweniger etwas zu beſchaͤdigen oder zu zerſchlagen, was bei ſolchen Gelegenheiten ſo haͤufig unter den rohen Haͤnden der Matroſen geſchieht; ſie banden die Seile darum und wanden die Faͤſſer in die Hoͤhe, ohne daß nur einziges Mal beim Wege vom Bording bis an Bord die Laſt in's Schwanken gerathen, und au das Hauptſchiff angeſchlagen waͤre. Aber trotz der Schnelligkeit und Umſicht dauerte das Ausladen uͤber eine Stunde, und die hinaufge⸗ wundenen Kiſten und Kaſten, alle ſauber emhallirt, verrie⸗ then, daß nicht bloß Trinkwaſſers halber das Schiff hier ge⸗ ankert habe. Endlich ward es auch dem Paſſagier vergoͤnnt, die ſchwankende Leiter zu beſteigen. Es gehoͤrt zu den Belu⸗ ſtigungen jedes Schiffsvolkes, einen Nichtſeemann die ſchwan⸗ kende Strickleiter des immer ſchaukelnden Schiffes hinauf⸗ klet⸗ — 49— klettern und mit den ungewohnten Elementen kaͤmpfen zu ſehn. Iſt er aͤngſtlich und verraͤth durch Zittern, Langſam⸗ keit und vielfaches Pruͤfen der Sproſſen in der Leiter, ehe er Fuß und Hand ihnen zu vertrauen wagt, ſeine Beſorg⸗ niß, ſo iſt er auch ſchon verloren, denn jeder Schiffsjunge thut alsdann das Seinige, ihm den Weg noch unangeneh⸗ mer zu machen; man zerrt von oben und unten die Leiter, man hebt ſie in die Hoͤhe, anſcheinbar dem Kletternden den Weg abzukuͤrzen, laͤßt ſie dann aber ploͤtzlich niederfallen; man zwingt ihn zu tanzen und zu ſchaukeln in der Luft, und wer endlich nicht an die Strickleiter ſelbſt kann, gießt doch ein Glas Waſſer von oben herab auf den in ſeinem Schweiße ſchon Gebadeten. Von alle dem hatte unſer Held nichts zu leiden. Als Schiffbruͤchiger ſchon mit groͤßeren Gefahren vertraut, kletterte er beherzt dem ihm mit einer Laterne vor⸗ leuchtenden Matroſen nach. Schon auf dem Wege wurde hier ſein Herz von der Furcht vor einem Seelenverkauf er⸗ leichtert, denn uͤberall erblickte er am aͤußern Schnitzwerk und den Zierrathen des Schiffes die Koͤniglichen Lilien Frank⸗ reichs eingegraben, und obgleich der Steuermann ihn Eng⸗ liſch anredete, ſo erfnhr er doch bald, daß er auf der Fran⸗ zoͤſiſchen Corvette les trois fleurs de lys ſich befinde. Nach einigen Minuten erſcholl es: der Wind iſt guͤnſtig! Alles war Thaͤtigkeit geworden, die Segel wurden geſpannt, eingezogen, Matroſen und Schiffsiungen ffogen die Maſte auf und nieder, und nur der Steuermann faß feſt und mit I. Bd. 1 4 umſichtigem Blicke am Steuerruder. Es war Tag geworden und das Schiff in vollem Segeln begriffen, als der junge Mann ſich bemuͤhte, den Ort im Meere zu entdecken, von welchem aus er auf das Schiff moͤchte gekommen ſein. Im weiten Meere bemerkte er nur eine Landſpitze mit erhoͤhtem weißen Ufer, von der ſich bei dem gegenwaͤrtigen Winde das Fahrzeug entfernte. Er fragte einen voruͤbereilenden Matro⸗ ſen: Wie dies Land heiße, und erhielt die fuͤr ihn ſehr un⸗ befriedigende Antwort: es heiße der Kreidevorbug, wor⸗ auf der Matroſe, ohne weiter Luſt zu bezeigen ihm irgend⸗ wie Rede zu ſtehn, davon eilte. Er hatte auch nicht Zeit ihm zu folgen, denn eben wackelte eine breite Geſtalt auf dem Verdecke heran und rief, ohne irgend ein Zeichen auch nur des oberflaͤchlichen Grußes zu machen, ihm zu: Iſt das der Burſch, der mit will? In dem herriſchen Schritt und Blicke war der Schiffs⸗ apitain nicht zu verkennen, aber auch ohne dieſe Wuͤrde hatte er fuͤr den Fremden als ein der Aufmerkſamkeit wer⸗ cher Gegenſtand erſcheinen muͤſſen, obgleich weder ſein Aeu⸗ res noch ſeine Sprache im geringſten den Franzoſen ver⸗ ieth. Seine Geſtalt war klein, ſein Koͤrperbau unterſetzt, ſeine Glieder gedraͤngt, dabei war er auch fuͤr einen See⸗ mann ſtark beleibt. Naͤher den Siebzigern als den Sechzi⸗ gern, verrieth er noch eine ungemeine, durch Abhaͤrtung und Anſtrengung geſtaͤhlte Kraft. Sein Haar ſchien weiß gewee ſen, aber wieder grau und ſchmutzig geworden zu ſein, ſo — 51— daß, beſonders im Gegenſatze zu dem dicken, kochen Geſichte mit ſtarken Augenbraunen und einer Bardolphsnaſe, nichts Ehrwuͤrdiges in ihm lag. Das graue Auge blickte ſcharf aus der Fleiſchmaſſe hervor, und auch dieſe verrieth, daß ſie in Zeiten der Gefahr charakteriſtiſcher werden koͤnne, und eines Mienenſpiels faͤhig ſei, welches jetzt im Zuſtande behag⸗ licher Traͤgheit und auch wol dem einer gelinden Trunken⸗ heit, der Ruheſtunden pflegte. Der Capitain trug weite, lange Hoſen von geſtreifter Leinewand und dickbeſohlte Schnal⸗ lenſchuhe auf ſeinen großen Fuͤßen. Wir ſagten vorhin, daß er herangewackelt ſei; dies that aber ſeinem Gange, den wir deſſenungeachtet einen feſten nennen muͤſſen, keinen Eintrag denn wo ſein Fuß hintrat, haͤtte man ſchwoͤren moͤgen, das Bein ſei eingewurzelt wie eine junge Eiche; zugleich aber konnte ſeine breite Geſtalt, in Verbindung mit dem Schau⸗ keln des Schiffes, nur wackelnd ſich fortbewegen. Seiner Wuͤrde ungeachtet trug er nur eine blaue, kurze Jacke, ohne beſondere Auszeichnung, uͤber der rothen Weſte, auf welcher letztern ein breiter Ledergurt geſchnallt war mit Doppelpiſto⸗ len und, kur; daran haͤngend, einem ſehr krummen tuͤrkiſchen Saͤbel in ſilberner Scheide. Nur auf dem Kopfe trug er die Auszeichnung, welche ihn als Capitain oder ſonſt als Beam⸗ teten ankuͤndigte, einen etwas hoͤhern runden Hut als die uͤbrigen Schiffsleute, gleichfalls heruntergekraͤmpt; aber ſtolz ohben, ſtatt des Federbuſches, eine weiße Lilie. Dieſe Geſtalt war es, welche auf den jungen Mann zu⸗ ging, oder aiermehr von der Seite ihn beruͤhrte, und nun mit ihrer Stentorſtimme: Iſt das der Burſch, der mit will? ihn zu ſich heran zu rufen ſchien. Unſer Held naͤherte dem⸗ Zufolge ſich dem Capitain, machte ſeine Verbeugung und be⸗ jahte beſcheiden die unhoͤfliche Frage. Ohne ſeine Stellung zu veraͤndern, muſterte ihn der Capitgin mit einem fluͤchtigen Blicke, und ſagte darauf: Mort de ma vie! Wohin ſoll's mit ihm gehn? Ich wuͤnſche entweder in Briſtol, ober irgendwo an der Kuͤſte von Nord⸗Wales abgeſetzt zu werden!— Was wuͤnſchen abgeſetzt zu werden?— Was Briſtol und Nord⸗Wales?— Wo es mir beliebt.— Capitain Le Harnois wird ſeine trois fieurs de lys nicht um jeden Landſtreicher an⸗ kern und lichten. Aber ich dachte— ſagte der junge Mann— die Cor⸗ vette ſei beſtimmt, an den Kuͤſten von Wales zu kreuzen.— Was denken! Ich denke's laͤuft viel Geſindel an den Kuͤſten umher, und die Polizei iſt ſchlecht, ſonſt denk ich wuͤrde Mancher nicht laufen, ſondern haͤngen. Wer iſt Er denn? Der junge Mann wollte ihm antworten, der Capitain aber, welchem es nicht um die Antwort, ſondern darum zu thun ſchien, ſich ſelbſt ausreden zu koͤnnen, ſiel ihm in's Wort: Gewiß ſo ein Vagabunde, der ſich hiuten auf die Kut⸗ ſchen ſetzt, und die Koffer abſchneidet, Nachts in die Haͤuſer — A RN 8—BDe— — 53— ſchleicht, am Wege lagert, die Leute umdreht um ſie zu pluͤn⸗ dern, denn zum ordentlichen Highwayman oder Gurgelſchnei⸗ der ſcheint Er kein Herz zu haben. Oder iſt Er ein falſcher Spieler und Seiltaͤnzer und treibt Er als Taſchenſpieler ſein Hokuspokus?— Auf's tiefſte gekraͤnkt, riß der junge Mann ſeine Brief⸗ taſche heraus, zog einige Papiere vor und uͤberreichte ſie mit allem Stolze, deſſen er faͤhig war, dem Capitain: Wenn Herr Capitain meinen Paß und meine Atteſte wer⸗ den durchgeſehen haben, glaube ich nicht weiter noͤthig zu haben, mich wegen eines ſo entehrenden Verdachtes zu recht⸗ fertigen. Der Schiffshauptmann griff laͤſſig nach den Papieren, faltete ſie, ohne ſich Muͤhe zu geben, auf, zerriß aber dabei die Dokumente an mehreren Seiten und warf dann einige ſtuͤchtige Blicke, weniger auf ihren Inhalt als auf das Papier und die Schrift; ja es kam dem jungen Mann vor, als he⸗ ſaͤhe er einige Atteſte von der Ruͤckſeite und umgekehrt. Wie dem aber auch ſei, der Capitain warf nach wenigen Secun⸗ den ein Papier nach dem andern zerknittert oder zerriſſen auf die Erde, blies. die Luft und ſagte: Pah, pah! Alles falſche Papiere! Nachgemacht. Einen Andern betrogen, aber nicht Capitain Le Harnois! Der Juͤngling war auf's aͤußerſte durch die voͤllig grund⸗ loſe und, wie es ſchien, nur aus Uebermuth vorgebrachte Be⸗ ſchuldigung entruͤſtet. Ungeachtet ſeiner noch immer zweifel⸗ — 34— haften und precairen Lage, wuͤrde er nicht laͤnger im Stande geweſen ſein ſich zu halten, ſondern auf den Capitain mit Vorwuͤrfen, welche in jedem Stande und Verhaͤltniſſe der ganz ungerecht gekraͤnkten Unſchuld erlaubt ſind, los gefah⸗ ren ſein, wenn ihm nicht der Hochbootsmann von hinten auf die Schulter geklopft und zugefluͤſtert haͤtte: Nur ruhig, Patron, es iſt nicht ſo arg gemeint. Er ſieht wohl, daß der Capitain ſein ſtarkes Fruͤhſtuͤck ſchon einge⸗ nommen hat. Kurz vor Mittag, und kurz vor'm Fruͤhſtuͤch geht's beſſer, und— wenn Gefahr los iſt.— Der Juͤngling begnuͤgte ſich, die zerſtreuten Papiere auf⸗ zuleſen, in Ordnung zu bringen und wieder einzuſtecken, und ſagte weiter nichts als, daß er hoffe am Lande dereinſt Obrig⸗ keiten zu ſinden, welche ordentliche Dokumente b eſſer zu wuͤr⸗ digen verſtaͤnden. Mort de ma vie! Beim vierfach verwetterten Sadras! Wer iß ordentliche Obrigkeit? Am Lande oder auf der See? Ich bin patentirter und documentirter See⸗Capitain. Vier Miniſter haben's unterſchrieben, und es iſt contraſignirt, und wir ſind alle reſtaurirt, und ehrlich und rechtlich geworden jetzt in beſter Form. Aber mort de ma vie, iſt Er denn gut bourboniſch geſinnt? Herr Capitain, ich bin weder geborner Franzoſe, noch irgendwie der franzoͤſiſchen Regierung unterthaͤnig oder ver⸗ pflichtet. Ich glaube deshalb auch auf keinen Fall verbun⸗ t — 55— den zu ſein, meine Geſinnungen, im Betreff dieſes Regenten⸗ ſtammes, auszuſprechen.— Was? Nicht Bourboniſch?— Auf jeden Fall iſt Jeder⸗ mant verpflichtet Bourboniſch zu ſein, und wer nicht Bour⸗ boniſch iſt, duld' ich nicht auf meinem Schiffe. Mein Schiff iſt gut Bourboniſch, und mein Schiffsvolk iſt Bourboniſch, und ich bin auch Bourboniſch.— 1 Ich freue mich,— ſagte der junge Mann,— auf dem Schiffe eines ſo loyalen Unterthanen des allerchriſtlichſten Koͤnigs meine Ueberfahrt nach Wales machen zu koͤnnen. Wilbs meinen. Aber iſt der Burſch auch nicht liberal?— Meine traurigen Umſtaͤnde verbieten es mir gegenwaͤrtig zu ſein.— Das iſt brav, das iſt gut. Denn eher— nen Betru⸗ ger, nen Landſtreicher,'nen Wegelagerer auf meinem Schiffe aufgenommen,— als'nen Liberalen, oder gar'nen Conſti tutionellen. Mort de ma vie, ich halte auf Reputation. Hier gilt nichts von Liberalitaͤt und Conſtitution, beim ehrlichen Namen Le Harnois! 1 Es giebt verſchiedene Arten von Liberalitaͤt, und wenn ich, durch die Noth gedruͤckt, der einen nicht huldigen kann, ſo muß ich geſtehn, daß, was man jetzt darunter verſteht— Der Capitain fiel ihm in's Wort: Ich dulde keine Art von Liberalitaͤt,— keine, nichts Li⸗ berales; und dazu hab“ ich mein Patent.— Iſt denn der Paſſagier gut katholiſch?— 3 — 56— Ich glaube nicht, daß, wenn es auf Rettung eines Schiff⸗ bruͤchigen ankommt, der Mann, welcher ihm das Seil zu⸗ wirft, erſt nach ſeinem Glauben zu fragen berechtigt iſt.— Wie?— Nicht berechtigt?— Zu Allem bin ich berech⸗ tigt, was nicht gegen ſeine allerchriſtlichſte Majeſtaͤt iſt, und gegen den katholiſchen Glauben und die heilige Jungfrau.— Jedermann kann ich fragen, ob er katholiſch iſt, und wenn er am Seile zappelt und ſagt: Nein!— kann ich's Seil los laſſen und zu ihm ſagen: Laß Dich erſt taufen, und dann komm wieder. Das kann ich, beim vierfachen— gebenedeit ſei die Jungfrau Maria!— So ſteht's in meinem Patent.— Wenn ich auch durch meine Erziehung, Herr Capitain, einem andern Cultus ſollte zugethan ſein, ſo hege ich doch volle Achtung vor der roͤmiſchen Kirche und ihren Bekennern.— Wir wollen keine Achtung haben. Das iſt Lauigkeit, und Lauigkeit ſoll ich nicht dulden, ſondern nichts als Glauben und puren Glauben.— Meine Paſſagiere ſollen katholiſch ſein, und mein Schiffsvolk auch, und, mort de ma vie, ich ich bin's auch; und wer nicht fromm iſt, den laſſ⸗ ich wie Ballaſt und Pumpwaſſer uͤber Bord werfen; denn es ſteht in meinem Patent geſchrieben: ich ſoll nur fromme Leute an Bord haben.— Heda! Iſt Einer hier nicht gut katholiſch? — Ich werde ſchon revidiren laſſen.— Mit dieſen Worten, und ohne ſich weiter in der That mit der Pruͤfung des Glaubens, weder des neuen Paſſagiers, noch ſeiner Leute zu befaſſen, drehte der Capitain jenem den — — 57— Ruͤcken, oder ging vielmehr, ohne weitere Beruͤckſichtigung ſeiner, bei ihm voruͤber, der Cajuͤte zu, vermuthlich um ein Schlaͤſchen zur Verdauung des Fruͤhſtuͤcks zu machen. Ehe er hinabſtieg, wandte er ſich indeſſen noch einmal um, indem er unſerm Paſſagier zurief: 'S mag nun diesmal paſſiren, und der Burſch kann auf'm Verdeck oder unten im Schiffsraum bleiben, bis wir's faule Waſſer ausſchuͤtten; denn bei unſerer lieben Jungfran ſollen wir aus purer Mildthaͤtigkeit, und um der Lilien wil⸗ len, armem Schiffsvolk unter die Beine greifen; aus purer Mildthaͤtigkeit mag der Burſch bleiben, und unſrer lieben Jungfrau danken.—. Daß der Befehlshaber der Corvette: les trois fleurs de Vys, es in der That nicht ſo ſtrenge mit der Orthodorie ſei⸗ nes Schiffsvolkes nehmen mochte, als ſeine Reden anzukuͤn⸗ digen ſchienen, dies zu bemerken koſtete keinen beſondern Scharfſinn. Die Matroſen lachten nach ſeinem Verſchwin⸗ den aus vollen Kraͤften, und der Kenner der verſchiedenen Volkslieder und deren Melodieen durfte wohl in dem von Einigen hergebrummten Geſange, deſſen Worte man nicht verſtand, die Weiſen von Spottliedern entdecken, deren In⸗ halt nichts weniger als kirchlich war. Auch trugen die Ge⸗ ſichter der meiſten Bootsleute unverkennbare Zuͤge einer ein⸗ gewurzelten Rohheit an ſich, und waͤhrend jedem unter ihnen ſeine Branntweinflaſche um den Hals hing, bemerkte man nur bei ſehr wenigen ſelbſt das aͤußere, von echten Katholi⸗ — 58— ken ſonſt fuͤr ſo heilig gehaltene Zeichen ihres Glaubens, den Roſenkranz. Es war zu bewundern, daß bei dem Zu⸗ ſtande des Capitains doch im Weſentlichen eine muſterhafte Zucht unter dem Schiffsvolke herrſchte und jeder Dienſt ſo wohl verſehen wurde, wie der junge Mann, obgleich er ſchon die Schiffe von vielen Nationen beſtiegen, es noch nie ge⸗ funden hatte. Auch ohne die Anordnungen des Steuerman⸗ nes, welcher koͤrperlich ſeinen Poſten und mit den Augen das Schiff nie verließ, that jeder ſeine Schuldigkeit. Die Ma⸗ troſen kletterten auf die Maſten, man zog die Seile, die Koͤrbe, drehte die Segel, ohne deshalb einen Befehl zu erwarten oder ein Wort zu verlieren, und gleich als waͤre Jedermann aus dem Volke Capitain des Schiffes, und wohl unterrichtet mit allen Planen. Der Paſſagier konnte ſich nicht enthalten, ſeine Verwunderung dem Hochbootsmann zu aͤußern, und er⸗ hielt die laͤchelnde Antwort⸗ Es ſind alles gute Jungen und koͤnnte jeder Capitain ſein.— Heute zu Tage iſt's nur Spielerei, aber wenn Sturm iſt oder Angriff,— dann ſollteſt Du's ſehn, Paſſagier! Jeder nimmt drei auf ſich.— Auch der Capitain war ein tuͤchtiger Mann, der tuͤchtigſte von uns allen, als wir noch nicht ſo ehrlich waren und patentirt und reſtaurirt, wie ſie's nennen. — Aber das iſt dem Capitain in die Krone gefahren, und wird ihm wohl ſchlecht bekommen.— Sonſt war anderes Le⸗ ben, aber jetzt iſt wenig los, und zwiſchen ordentlich und ehrlich und— luſtig und frei zu fahren iſt grade ſo, als — — 59— wenn Wind und Welle von der Seite kommt. Da lob⸗ ich mir's, wenn es grad' entgegenblaͤſt; denn beim Laviren zeigt ſich der gute Seemann.— Auf dem Verdecke hingelagert, bekuͤmmerte ſich der Paſſa⸗ gier weniger um das, was in dem Schiffe vorging, als um das Schauſpiel, welches außer demſelben ſeinen Augen ſich darbot. Der Himmel war ganz heiter und das Meer ſo ru⸗ hig geworden, daß es nur da fuͤr wenige Momente in Auf⸗ ruhr ſchien, wo das Schift es eben durchſchnitten hatte. Der Punkt— vermuthlich der Vorbug einer Inſel— an welchen der Juͤngling aller Wayrſcheinlichkeit nach beim Scheitern von den Wellen ausgeſpuͤlt worden, verſchwand allmaͤlig aus ſeinen Blicken; wogegen zur Linken des Schifs, welches, ſo viel er nach dem Luufe der Sonne bemerkte, ſuͤdwaͤrts ſegelte, in weiter Ferne eine ausgebreitete Kuͤſte daͤmmerte. Je wei⸗ ter die Corvette beim guͤnſtigen Winde ſegelte, um ſo naͤher trat dieſe hervor. Ein ſteiles Felsufer leuchtete dem Juͤng⸗ linge immer deutlicher entgegen, und ſein Herz ſagte ihm, dies muͤſſe die erſehnte Kuͤſte ſein. Wer theilt nicht mit ihm das Gefuͤhl, der ſich auf dem ſchaukelnden Meere, oder auch nur in der ſchnell dahin rollenden Diligence, dem fernen, nie geſehenen Orte, den aber Erwartung und Phantaſie ſchon lebendig ihm vorgemahlt haben, naͤhert? Auch ohne daß uns hier ein geliebter Gegenſtand erwartet, ſchlaͤgt das Herz in ſchnellern Pulſen, und Wagen und Schiff fahren uns zu langſam, und doch auch wieder zu ſchnell, weil wir uns fuͤr 8 6 4 8 — 360— den ploͤtzlichen Genuß, deſſen Erwartung uns ſo lange ſchon unterhielt, noch nicht wuͤrdig vorbereitet duͤnken. Der Wind wurde immer guͤnſtiger, und das Schiff ging ſo ſchnell, daß man jetzt mit dem bloßen Auge die groͤßeren Gegenſtaͤnde am ufer erkennen mußte. Beſonders trat eine hohe Landſpitze mit einem alten Schloſſe auf ihrem Gipfel, indem ſie weit uͤber das andere Ufer in's Meer hinausragte, auch dem Auge lebendiger entgegen. Es war ein wunderbar gebautes Schloß. Seine Mauern waren theils in den Ufer⸗ fels eingehauen, theils von Feldſteinen ſo dicht an den ſteilen Abhang, ohne alle architectoniſche Kunſt, und ohne Beruͤck⸗ ſichtigung der wahren Regeln der Vertheidigungskunſt, ge⸗ mauert, daß ſie eins mit demſelben wuͤrden geſchienen haben, wenn nicht das am Zwiſchenraume uͤppig herausſprießende Geſtruͤpp den Unterſchied der Kunſt und Natur gezeigt haͤtte. Auf gleiche Weiſe waren die Gebaͤude und Thuͤren kunſtlos angelegt. Das Hauptgebaͤude ſtand etwas hoͤher als die Ufer⸗ mauern, aber mehr landeinwaͤrts innerhalb der Waͤlle, und ſchoß, halb rund, halb viereckig, unverhaͤltnißmaͤßig in die Hoͤhe, ſo daß, wenn man es von fern mit bloͤdem Auge be⸗ trachtete, es wie ein Naturſpiel, ein aus dem Felsufer her⸗ ausgeſproſſener Pfeiler, erſchien, da es ebenfalls aus Fels⸗ ſtuͤcken groͤßtentheils erbaut war, und ſomit dieſelbe Farbe mit dem ufer trug. In der Naͤhe betrachtet glich es aber eher einem großen Thurme, als dem eigentlichen Wohnhauſe eines Schloſſes. Zu dem letztern ſtempelte es nur das, ver⸗ — 61— muthlich vor ganz kurzer Zeit erſt darauf angebrachte Dach von brennend rothen Ziegeln, wogegen aber wieder die vier Thuͤrmchen, an den obern Ecken des Hauſes wunderbar ab⸗ ſtachen. Die Bauart ſchien weder eine aus dem modernen Italiaͤniſch des Mittelalters entſprungene, noch moͤchten wir ſie Gothiſch nennen, um nicht etwa bei unſerm Leſer die Vorſtellung zu erregen, als ſei das alte geflickte Gebaͤude aͤhnlich einem Inverary⸗Caſtle, in welchem der geſchickte Bau⸗ meiſter alles aufgenommen hat, was die alten Gothiſchen Meiſter Freundliches und Schoͤnes in den nach den Regeln ihrer Kunſt erbauten Schloͤſſern aufgeſtellt haben. Die Grund⸗ form dieſes Gebaͤudes ſchien vielmehr einem rohen Voralter anzugehoͤren, welches mit den Materialien, die rund umher die Natur ihm darbot, und mit Benutzung der Loealitaͤt, das Schloß moͤglichſt impoſant und ſicher, beides nur nach den Begriffen jener Zeit, hatte auffuͤhren wollen. Außer dem, mit vier bis fuͤnf Etagen und einer ganz unregelmaͤßigen Reihe von Fenſtern gezierten Hauptgebaͤude, befanden ſich um daſſelbe herum, zum Theil auch daran gebaut, verſchie⸗ dene kleinere, von denen mehrere nur von Holz zu ſein ſchie⸗ nen. Der gelaͤuterte Geſchmack unſerer Zeit, der, um die alten Banwerke in ihrer kindlichen Einfalt wieder rein zu erblicken, ſo geſchaͤftig iſt, die hoͤlzernen Flickwerke und Ne⸗ benhaͤuschen niederzureißen, welche die letzten Jahrhundarte zwiſchen die Pfeiler und Ecken der Kirchen und andere coloſ⸗ ſale Bauten gleich Schwalbenneſtern angeneſtelt haben, ſchien bei den Beſitzern dieſer Meeresburg noch keinen Ein⸗ gang gefunden zu haben. Im Gegentheil verriethen einige dieſer Anbauten eine ſehr neue Zeit, ſo daß das Hauptge⸗ baͤude, trotz der impoſanten und halb ehrwuͤrdigen Lage, doch auch bei naͤherer Betrachtung ein wunderliches Anſehn ge⸗ wann. Noch muͤſſen wir der vielen Thuͤrmchen gedenken, welche, bald rund, bald viereckig, uͤberall an den Mauern und aͤltern Hofgebaͤuden angeklebt waren, und mit dem ehr⸗ wuͤrdigen Grau ihrer quadrirten Gemaͤuer und den ganz neuen rothen Ziegeldaͤchern ein luſtig buntes Schauſpiel dar⸗ boten. Von dem groͤßern Vorgebirge, auf welchem das ganze Schloß lag, traten zwei kleinere Spitzen zu beiden Seiten des letztern, gleich Außenwerken deſſelben, beſonders in das Meer hinaus. Die eine, zur Linken des Zuſchauers vom Meere aus, war laͤnger, aber niedriger als die andere, und glich dem ausgeſtreckten Arme eines Armleuchters. Sie war ſchmal und lang, endete aber mit einer groͤßern und ganz runden Platteform, auf welcher ein runder ſtarker Feſtungs⸗ thurm, ganz genau der Groͤße des Felſens, auf welchem er baſirt war, angepaſſ't, wie unmittelbar aus dem Meere er⸗ wachſen, daſtand. Es war ein merkwuͤrdiger Anblick, indem der Thurm an mehreren Stellen, wo das Meer oder fruͤhere Naturſtuͤrme den Felſen unten ausgeſpuͤlt hatten, uͤber die Brandung hinausragte, und wenn das unruhige Meer gegen die Felſen anſchlug, in Gefahr ſcheinen mußte, von demſelben in den Abgrund geriſſen zu werden. Die andere Felſenzunge — 63— hatte eine aͤhnliche Geſtalt, jedoch war die Platteform hoͤher, aber kleiner; welcher Umſtand allein wol die fruͤhern Be⸗ wohner der Burg verhindert hatte, auf dieſem Punkte, der gewiß die weiteſte Ausſicht uͤber das Meer darbot, eine zweite Warte anzulegen. Als der junge Mann dies Schloß immer deutlicher und deutlicher erblickte, als die heitere Morgenſonne die hellro⸗ then Daͤcher erleuchtete und uͤber die hinter dem Schloſſe tiefer in's Land ſteigende, wenn aach winterliche Flur ein freundliches Licht ausgoß, fuͤhlte er eine unbeſchreibliche Sehnſucht, und die Luſt, hier zu landen, uͤberwog alle Zwei⸗ fel. Eine Stimme ſagte ihm zu deutlich, dies ſei die Kuͤſte von Wales, und er trat an den Hochbootsmann, ihm ſeinen Wunſch vorzutragen. Dieſer aber lachte laut auf, und ſagte: Wenn Du, Paſſagier, dem Capitain Deinen Wunſch hier ſagſt, ſo moͤchte Dich Jaeſon, wenn er nicht ſehr nuͤchtern waͤre, wohl ohne Umſtaͤnde, Kopf uͤber Kopf unter, uͤber Bord werfen laſſen, und dann koͤnnteſt Du ſehn, ob Du bis an den Strand ſchwimmen moͤchteſt. Laß das gut ſein, Junge.— Dieſes Schloß iſt die gefaͤhrlichſte Klippe, und keiner unſerer guten Jungen wuͤrde Dir um tauſend Dublo⸗ nen hier eine Landung verſuchen. Aber warte nur bis Abend. — Da kommen wir an eine gute Stelle, und's werden Leute mit ſichern Kaͤhnen vom Ufer aus zu uns heran rudern, wo Du und wer mit mag, an's Land geſetzt wird.— Bis da — 64— kannſt Du ſicher mit uns fahren, denn heut paſſirt kein Sturm und Ungewitter.—— „Bei verſchloſſ'nen Kammern vergeht der Hunger“ ſagt das alte Sprichwort, und der junge Mann konnte, auf dem Verdeck lang ausgeſtreckt, ſeinen Gedanken und Phantaſieen ungeſtoͤrt leben, indem uͤber ihm der blaue heitere Himmel, zu ſeiner Seite die ſchoͤne Kuͤſte, unter ihm aber der blaue Meeresſpiegel ihn anlachten. * Viertes Kapitel. Wer war es⸗ Yoriks empfindſame Reiſen. ——çqł—xé—— Die Sonne ſenkte ſich dem Meere zu, und ein anderer Theil der oſtlichen Kuͤſte trat wieder deutlicher hervor, als das Schiff merklich langſamer ging und endlich ſcheinbar ganz ſtille ſtand. Der Paſſagier hoͤrte in der Abendſtille unter ſich in einiger Entfernung Rudergeplaͤtſcher, und als er den Bord des Schiffes beſtiegen hatte, ſah er unter demſelben eine Barke eben im Anlegen begriffen... Es war ziemlich munteres Leben auf dem Schiffe; die herangeruderten Bootsleute ſtiegen herauf und andere hinab; man trug Waaren aufwaͤrts und hinunter, jedoch nur in ge⸗ ringer Zahl. In dem Augenblicke, wo unſer Held mit den Bootsleuten reden und ſich einen Platz in ihrer Barke aus⸗ bedingen wollte, wurde er zum Cnpitain an das entgegenge⸗ ſetzte Ende des Schiffes gerufen. Er fand den beleibten Mann 1. Od. 15 auf einer Kanone ſitzend und im Begriff ſein Vesperbrod zu verzehren, d. h., es ſtanden zwei noch volle Burgunderflaſchen zu ſeinen beiden Seiten. Ziemlich froͤhlich redete er den jun⸗ gen Mann an⸗ Ging's ſo, Patron, auf Deinem Dampfboote zu, wie auf meinen trois fleurs de lys?— Mort de ma vie, ich kenne meine Jungen beſſer als Dein verdammter Capitain ſeinen Dampf. Meine Jungen ſpringen, wenn ich will, Old Nick zum Trotz und der— gebenedeit ſei die Jungfrau— aber ſolch eine verwetterte Maſchine ſpringt, und eine ehrliche Seele fliegt auf, eh' man ſich's verſieht, in's vierfach verwetterte Hoͤl⸗ lenbad.— 3 Ich muß geſtehn, Herr Capitain, ſelten eine ſolche Ord⸗ nung und Geſchicklichkeit auf Schiffen bemerkt zu haben.— Will der Burſch Schiffsiunge werden, kann er hier bleiben.— Mein Koͤrper wuͤrde ſich nicht fuͤr die ſchwere dirleſt ſchicken.— Drei Tage in den Maſtkorb gehaͤngt, und Zwieback und Rum, iſt er perfeet qualificirt.— Herr Capitain, meinen Dank fuͤr die menſchenfteunde liche Aufnahme— Der Seemann unterbrach ihn:— Keinen Dank, brauch nichts dergleichen.— Sechzig Franken auf's Brett gezahlt fuͤr Ration, Wohnung, Fracht, und dann marſch 44⸗ und dem Galgen, oder ſonſt wo, zu.— — 67— Herr Capitain, ich glaubte, es waͤre der ſtrengſte Befehl Ihrer Admiralitaͤt, Schiffbruͤchige ohne Koſtenrechnung zu retten.—— Will der Lumpenhund nicht bezahlen?— Iſt das fuͤr die Mildthaͤtigkeit?— Sie ſelbſt erwaͤhnten, Herr Capitain, daß ſie Verun⸗ gluͤckte nur aus Mildthaͤtigkeit, der Jungfrau Maria willen in Ihrem Schiffe aufnaͤhmen.— Will die Jungfrau Maria fuͤr Ihn bezahlen, iſt's gut, aber baar muß es geſchehn,— Buͤrgſchaft und Aſſignation auf den Himmel nehm ich nicht an,— ſonſt zahlt der Paſſa⸗ gier ſechzig Franken, oder ich weiſe Ihm oben am Maſtbaum ein Plaͤtzchen an.— Sechzig Franken, Herr Capitain?— Kaum eine Tage⸗ fahrt, ich lag oben auf dem Verdecke, und erhielt den gan⸗ zen Tag nur einen Zwieback und eine Erbſenration!— Sechzig Franken, oder den Maſtbaum!— Mit ſeiner eiſernen Miene wandte ſich der Capitain vom Paſſagiere zur Burgunderflaſche, that einen tuͤchtigen Zug und trillerte ſich ein Liedchen. Der junge Mann ſah wohl ein, daß bei einem ſolchen Manne weder Verhandlung, Trotz noch Bitte fruchten koͤnne, er zahlte das verlangte Geld und ſtieg von den trois leurs de lys hinab in die kleine Barke, welche, bereits zum Abſtoßen fertig, nur auf ihn noch zu warten ſchien. Obgleich es ein Wintertag war, hatte doch die Sonne, — 68— belet. vom Morgen bis Abend aus dem wolkenloſen Blau es Himmels auf den glatten Meeresſpiegel geſchienen, die zuf und das Waſſer ſo erwaͤrmt, daß es ein Vergnuͤgen war, auf einem Kahne uͤber die ruhige Flaͤche dahin zu fahren. Da, wie wir ſahen, der junge Mann gern mit ſich ſelbſt Be⸗ trachtungen anſtellte, konnte er heut' von Gluͤck ſagen, indem ihn weder hier, noch auf ſeiner fruͤhern Ueberfahrt, der Aus⸗ bruch des frohen Uebermuthes der Schiffer in denſelben ſtoͤrte. Mit großem Vergnuͤgen horchte er dagegen der Muſik des Ruderſchlages zu, indem er ſelbſt in die aͤußerſte Spitze des Kahnes ſich geſetzt harte. Das Waſſer war ſo ſtill und klar/ daß er den Ringeln des von den Rudern aufgeruͤhrten Waſſers his in die weiteſte Ferne mit dem Auge folgen und dem bun⸗ ten Spiel der Fiſche bis in eine betraͤchtliche Tiefe zuſehn konnte. Seine Gedanken fuͤhrten ihn wieder auf die Be⸗ trachtungen an jenem ſchrecklichen Morgen vor der Huͤtte; doch wurden ſie heute durch den Einfluß der fremdliihen Seenerie auch milder: Spiegelglatt liegt der große, furchtbare Dernn da, und ein armſeliger Ruderſchlag vermag ihm eine veraͤnderte Ge⸗ ſtalt zu geben, izm, der, vom Sturme bewegt, in we nigen Minuten vielleicht himmelhoch ſeine Wogen erhebt, der die Grundfeſten der Ufer erſchuͤttert, und auf ſeinem Ruͤcken den Reichthum und das Wohl und Weh von Millionen traͤgt. Das Meer, welches in der grauen Urwelt vielleicht unſern Erdhall geſtaltet hat, welches ihn noch umgiebt und tief in —— 2— ³— N — 65— die Buſen der Laͤnder dringt, daß es ſcheint, als wolle es ſie mit ſeinen Krallen zerreißen oder feſthalten, daſſelbe Meer iſt unterthaͤnig geworden dem Menſchen! Iſt nicht die ſpiegel⸗ glatte Fluth, iſt nicht das wogende Meer ein Bild unſeres Schickſals? Truͤgeriſch iſt die ſpiegelglatte Flaͤche, denn drun⸗ ter iſt die unbegraͤnzte Tiefe, welche beim Sturmeshauche ſich aufthut, um uns mit ihrem gaͤhnenden Nachen zu ver⸗ ſchlingen. Wenn der Weg unſeres Lebens im Sonnenſcheine lacht, ziehn ſich ſchon hinter den Bergen die Gewitter zu⸗ ſammen. Gleichen nicht auch die Stuͤrme auf der See un⸗ ſerm Schickſal?— Zerriſſen iſt Leben, Zukunft, Vergangen⸗ heit, ja die Bruſt ſelbſt; aber einmal kehrt die Hoffnung, der Friede, ſo wie das wogende Meer, zur Ruhe zuruͤck.— Seine Schiffsgenoſſen gaben dem jungen Manne eben keinen beſondern Stoff zur Betrachtung. Vier Ruderer ſchlu⸗ gen ohne Aufhalt in das Meer und rauchten dabei ihre kur⸗ zen Pfeifen; der Steuermann ſprach kein Wort, ein Arbeits⸗ mann lag in einen ſchlechten Mantel eingehuͤllt auf dem Boden des Kahns, und ſchlief ſo feſt, daß ſein Schnarchen zuweilen mit dem Ruderſchlage Takt hielt; und einige Wei⸗ ber und Maͤkler ſaßen bei ihren Kiſten und Kaſten, und ſchie⸗ nen auch mehr zum Schlaf als zu einer Unterhaltung ge⸗ neigt. Dagegen traten dem Juͤnglinge immer deutlicher die Ufer, denen ſie zuſteuerten, entgegen. Die ſteilen, hohen Porphyrwaͤnde, aus deren Spalten ſelten ein Dornbuſch oder das Geſtruͤpp des wilden Birnbaumes hervorblickte und mit - — 70— den Wurzeln kuͤmmerlich Haltung und Nahrung ſuchte, wa⸗ ren nur von Meerſchwalben und Seemoͤven beſucht, welche letztere in dichten Schwaͤrmen aus den tieferen Buchten auf⸗ ſtiegen, dem Kahne entgegenflogen und ihn, wie Bienen ihren Stock, umſchwaͤrmten. Gewohnt, daß die fiſchenden Anwohner der Kuͤſte von Wales aus ihren Kaͤhnen die tod⸗ ten und ſchlechtern Fiſche auswerfen, umſchwaͤrmen ſie, wie ein zahmes Gefolge der Menſchen, die Boͤte und ſcheinen um ihren Antheil zu bitten, wenn der Auswurf nicht erfolgt. Die Fiſcher haben ein guͤnſtiges Vorurtheil fuͤr die friedli⸗ chen Thiere, und halten es fuͤr Ungluͤck bringend, ſie durch Schuͤſſe vom Kahne aus zu erlegen. Der iunge Mann aber ſah unverwandten Blickes durch die Schwaͤrme dieſer begeh⸗ renden Voͤgel hindurch nach den hohen Ufern. Die letzten Strahlen der Sonne roͤtheten die ſteilen Felſen, deren Por⸗ phyradern ſchon an ſich einen roͤthlichen Schein von ſich warfen. Er ſprach bei ſich ſelbſt: Wie friedlich ſtehn heute noch dieſe Felſenmauern, welche einſt die Stuͤrme gewaltiger Zeiten ſahen! Die Geſchlechter, ſelbſt die Voͤlker ſind hingegangen im Sturme der Zeiten, und die Granitpfeiler der Erde ſtehen ſo feſt und unveraͤndert als je.— Hier oben haben die alten Brittiſchen Staͤmme in grauer Urwelt um kindliches Beſitzthum ſich geſchlagen; von dieſen Mauern mochte die Fauſt Roͤmiſcher Legionarien den eingebornen Inſulaner herabſtoßen; von dieſen Felſenwaͤn den floß das Blut der Britten und Sachſen zwei Jahrhun⸗ derte lang wie Gebirgsbaͤche in das Meer hinab; mancher kuͤhne Daͤne mochte hier ſeinen Tod finden, mancher zu kuͤhn in die Gebirgsſchluchten vorgedrungene Norman von den ergrimmten Welſchen in's Meer geſtuͤrzt werden: und von alle dem traͤgt die Natur auch nicht die leiſeſte Spur; das Meer iſt nicht geroͤthet, und an den Felſen ward jeder Flek⸗ ken Blutes durch den Regen der Jahrtauſende verloͤſcht. Nur die Erinnerung lebt, nur geiſtig waͤchſt die Natur.— Ein aͤltlicher Mann unter den Schiffern, welcher dem Juͤnglinge grade gegenuͤber ſaß, betrachtete ihn ſehr auf⸗ merkſam, laͤchelte zuweilen, legte endlich ſeine Pfeife beiſeite, und redete ihn in ſchlechtem Engliſch endlich ſo an: Maſter Waſſerhoſe*) ſcheint ſein Zeug unten bei Old Nick gelaſſen zu haben, aber ſeinen Witz hat Old Nick nicht gemocht, Mein Lebtag ſah ich keinen Pfarrer und keinen Advocaten, die ſo viel in einem Tage zuſammen geſchrieben haͤtten, als der Herr in der einen Stunde, daß wir zuſam⸗ men fahren. Scheint's doch beinahe wahr, was alte Leute ſagen, daß Zauberer Merlin hier an die Felſen mit großen Buchſtaben vor Alters die Geſchichte von Alt⸗England ge⸗ ſchrieben haͤtte, und, wer's nur verſtuͤnde, leſen koͤnnte, wie's kommen wuͤrde bis an's juͤngſte Gericht; denn der Maſter Der Spottname für einen in's Waſſer Gefallenen, vorzüglich aber für den erretteten Schiffbrüchigen. A. d. ü. z. I. Aufl. — 4— 72— ſieht immer nach den Felſen rauf, als waͤr' er ein Schmug⸗ gler und ſaͤh' auf's Signal, und ſchreibt dann immer ſo emſig in ſeine Tafel, als ging's ſonſt verloren.— Ein Anderer erwiderte: Wer das leſen will, muß erſt das Moos von den Stei⸗ nen abreißen; denn da ſteht's eingeſchrieben. Der alte Mer⸗ lin hat's bloß mit dem Zeigefinger geſchrieben, aber's iſt tief eingedruͤckt, als waͤr's mit Hammer und Meißel einge⸗ hauen. Bei Mondenſchein aber nur, und nur vom Sonn⸗ tagskinde, kann's geleſen werden.— Wer's glaubt!— ſagte der Erſte.— Ich halte nicht viel vom Schreiben. Was hat man da zu ſchreiben, wenn man's Meer und'nen Stein anſieht?— Ich fuͤhrte oft ſchon Rei⸗ ſende von Briſtol und Bath aus in unſern Bergen umher, und mußte jedesmal lachen, wenn Herr und Frau, wo nur ein Tropfen Waſſer vom Felſen herunterſikert, ſtill ſtanden, und die Haͤnde uͤber'n Kopf zuſammenſchlugen, und dann ſchrieben und ſchrieben ſo lange, daß ſie waͤhrend der Zeit eine Meile haͤtten geh'n koͤnnen.— Sie meinen, was ſie ge⸗ ſchrieben haben, koͤnnten ſie nicht vergeſſen; aber was hilft's ihnen denn, wenn ſie s doch nicht mehr vor Augen ſeh'n. Aus'nem Brunnen, wenn er mir auch noch ſo gut beſchrie⸗ ben iſt, kann ich nicht trinken, und auf'nem Meer von Pa⸗ pier weder fiſchen noch fahren.— Es taugt auch uͤberhaupt fuͤr uns nichts, ſagte der An⸗ dere,— das Schreiben. Waͤre das Schreiben nicht erfun⸗ — — 23— den, und das Papier da wo der Pfeffer waͤchſt, ging's uns wohl beſſer vor Gericht. Wenn ſie erſt damit anfangen und die Geſchwornen auch ſchreiben laſſen, wie die Richter, dann iſts mit der Ehrlichkeit aus und die Gerechtigkeit nicht mehr in der Welt. 3 Als ſie merkten, daß der Fremde lebhaften Antheil an ihrer Unterhaltung nahm, miſchten ſich auch die andern bei⸗ den Ruderer in dieſelbe; man vertauſchte aber die Engliſche Sprache mit einer ganz fremd klingenden, wohl ohne Zwei⸗ fel der uralten Cymriſchen, welche einſt von allen Britten, jetzt nur noch in den Winkeln von Kornwallis und hier und dort oberhalb des Briſtoler Kanales in Rord⸗Wales geſpro⸗ chen wird. Hierdurch nur aufmerkſamer gemacht, horchte der junge Mann begierig dem Geſpraͤche zu. Wiewohl er ſich in⸗ deſſen fruͤher ſchon mit der Cymriſchen Sprache beſchaͤftigt und dieſelbe aus Buͤchern zu ſtudiren bemuͤht hatte, ſo konnte er aus dem ganzen eifrigen Geſpraͤche doch kein anderes als das Wort Gavelkind verſtehen, deſſen Echtheit üͤberdies der gelehrte William Sumner aus nicht unwahrſcheinli⸗ chen Gruͤnden bezweifelt, indem er ſeine Wurzeln in der An⸗ gelſaͤchſiſchen Sprache auffinden will, was wir, als unge⸗ lehrte Rovelliſten, aber dahingeſtellt ſein laſſen⸗). So viel *) Der Deutſche Urſprung des Wortes ſcheint wohl keinem Zwei⸗ fel unterworfen, wenn man bedenkt, daß in Nieder⸗Deutſchland Cavel eine abgetheilte Wieſe iſt; und Kind haͤunger für den Sohn als für — 74— jedoch iſt gewiß, daß als der Kahn ans Land ſtieß der junge Mann auch nicht das Mindeſte von der ganzen Unterhaltung errathen, geſchweige denn verſtanden hatte. Die Schiffer landeten in einer verſteckten Bucht, welche ein aus dem Lande ſeewaͤrts fließendes Baͤchlein gebildet hatte. Sein Weiterfluß war ſo unbetraͤchtlich, daß er ſich kaum bemerkbar durch den Uferſand bis in's Meer hinſchlaͤngelte, und dennoch hatte derſelbe Bach ſich durch Porphyr⸗ und Kieswaͤnde ein ſo tiefes und langes Bette gearbeitet, daß der Wanderer erſchrak, wenn er durch die geſpaltenen Felſen in die unabſehbare Schlucht hinaufblickte. Der junge Mann war ſo in die Betrachtung der Wunder dieſer Natur vertieft/ und von einer langen Erwartung ergriffen, daß er nicht be⸗ merkt hatte, wie allmaͤlig alle ſeine Schiffsgefaͤhrten aus⸗ geſtiegen, rechts und links ihren Weg eingeſchlagen hatten, und ſchon ſo weit entfernt waren, daß ſein Auge ſie nicht mehr erreichen konnte. Aus dieſem Starrſinn wurde er durch die Anrede eines Schiffers erweckt: Beliebt dem Herrn auszuſteigen, oder will Er wieder mit uns in See ſtechen?— Sogleich, aber wo iſt mein Felleiſen?— für die Tochter gebraucht wird, das Inſtitut das Gad elkind aber nichts weiter bedeutet, als daß die männliche Deſcendenz ſich in den Grundbeſitz des Vaters theilte. A. d. ü z3. I. A. Auch ich ſtimme dem Ueberſetzer bei. W. A. — 75— Schon herausgetragen, und liegt dort auf dem großen Stein.—. Wie heißt, ihr guten Leute, die naͤchſte Stadt?— denn Ihr muͤßt wiſſen, ich bin ganz fremd hier— wo liegt ſie, wie weit iſt ſie von hier, und wo fuͤhrt der naͤchſte Weg hin?— Das ſind mit einem Male vier Fragen, alles Landfra⸗ gen, und's war accordirt, wir ſollten bloß auf der See zu⸗ recht fuͤhren.— Ich bitte Euch. Es iſt wohl jetzt nicht Zeit zum Scher⸗ zen.— Nun, ſo wollen wir auf kurze Antworten uns ein an⸗ dermal beſinnen; bis dahin iſt Me⸗r die naͤchſte Stadt, liegt im Thale, drei Meilen von hier, und der naͤchſte Weg geht durch die Schlucht.— Ich danke Euch. Aber kann mich, da es dunkel wird, Niemand durch die Schlucht fuͤhren, und mir mein Felleiſen tragen?— 1 O ia! Wer den Weg weiß und will, der kann. Wir wiſſen das Eine, aber wollen das Andere nicht, und koͤnnen darum nicht.— Der Reiſende ſtieg aus, und druͤckte ein Silberſtuͤck dem einen Schiffer in die Hand, um ſich nach der Stelle zu be⸗ geben, wo ſein Felleiſen lag. Er wurde aber noch ein Mal durch die abſichtlich komiſche Stellung des Schiffers 138* halten. Dieſer wog langſam das Geldſtuͤck, anfaͤnglich mit einer ſcheinbaren Anſtrengung an's Werk gehend; dann, als er zu fuͤhlen ſchien, daß es nur leicht ſei, hob er immer ſchneller den Arm in die Hoͤhe, und ſchnellte ihn endlich uͤber den Kopf mit dem Ausdruck: Leichte Waare!— Werden dadurch nicht reicher werden, Cameraden! Dann muſterte er den Reiſenden mit einigen komiſchen Blicken und ſagte: Iſt denn der Herr ehrlich? Das will ich meinen— entgegnete dieſer entruͤſtet. Ja, das iſt eine andere Sache— fuhr kaltbluͤtig der Schiffer fort;— haͤtte der Herr das vorausgeſagt,— haͤtten wir Ihn nicht mitgenommen. Ehrlich zahlt ordinatr, das iſt wahr, aber wir fahren nur extraordinair; und wer haͤtte denken moͤgen, daß Einer, der von Jackſons Schiff kommt, ehrlich und ordinair waͤre. Na Gott befohlen! Wir wuͤn⸗ ſchen gute Geſchaͤfte und gute Verrichtung; und ein ander⸗ mal, wenn's Gluͤck gut iſt, und der Herr nicht mehr ehrlich, wollen wir ihn wieder zum dicken Jackſon rudern. Damit ſtießen ſie vom Lande ab, und der Reiſende ſah ſich in die traurige Verlegenheit geſetzt, allein, bei einbrechender Nacht in einem ganz fremden Lande und durch einen Weg, der in mehr als einer Beziehung gefaͤhrlich ſchien⸗ weiter zu wandern, um ein Unterkommen in der Nacht zu ſinden, wel⸗ ches ihm nach den Sitten dieſes Landes ſchon um deshalb ſchwer werden durfte, weil er zu Fuß ankam und nicht einmal einen Traͤger ſeines Felleiſens mit ſich brachte. Er trat den muͤh⸗ ſeligen Weg an. Kaum aber war er einige Schritte auf dem Pfade, der ſich neben dem Bache, oft dem Auge kaum bemerk⸗ bar, hinſchlaͤngelte, fortgegangen, als er beinahe die Hoff⸗ nung aufgab, ſein Ende zu finden. Denn da es ſchon am Strande, bei der weiten Ausſicht auf das offene Meer, an⸗ fing dunkel zu werden, hatte ſich in der tiefen und nicht breiten Schlucht, deren Waͤnde den Eintritt des Lichtes hin⸗ derten, bereits voͤllige Nacht gelagert. Wenn auch der Bach nicht reißend war, ſo zeigten ſich doch uͤberall gefaͤhrliche Abgruͤnde, und ein Fehltritt von den großen, an mehreren Stellen allein den Weg bildenden, Feldſteinen konnte lebens⸗ gefaͤhrlich werden. Der Wanderer ſah ſich noch ein Mal, aber vergebens, nach einem menſchlichen Weſen um, welches ihm hier die Dienſte eines Fuͤhrers haͤtte leiſten koͤnnen; und da auch ſein lautes Rufen unbeantwortet blieb, mußte er ſich ſelbſt, ſo gut er vermochte, dieſen Dienſt leiſten, und ſchritt mit Behutſamkeit auf den Steinen weiter. Er mochte indeſſen kaum hundert Schritte gegangen ſein, als ihn duͤnkte, es riefe hinter ihm her:„Pſt!“ Da er jedoch Niemand zu ſeinen Seiten beim Wandern ſtehen geſehn, und ihm wohl Niemand bei ſeiner Eile nachkommen konnte, hielt er es fuͤr Tauſchung der aufgeregten Sinne, und ſetzte den Weg fort. Da⸗ Geraͤuſch hoͤrte indeſſen nicht auf, ſondern er glaubte jetzt die Tritte eines Laufenden hinter ſich zu vernehmen; und ehe er noch den Entſchluß faßte, ſich umzublicken, faßte ihn etwas am Rockſchoß, mit jenem verſtaͤrkten Ausruf:„Pſt ³ — 78— — Es galt jetzt keine Wahl, er ſtand ſtille, ſah ſich um, und erblickte dicht hinter ſich noch einen im Mantel eingehuͤllten Fußgaͤnger, von aͤrmlichem Anſehn, und mit einem ſtarken Knuͤttel bewaffnet. So erwuͤnſcht ihm vor einigen Minuten die Ankunft eines zuverlaͤſſigen Fuͤhrers geweſen waͤre, ſo un⸗ freundlich war ihm jetzt dieſe unerwartete Erſcheinung. Sind doch die großen Landſtraßen,— freilich jetzt mehr dem Rufe als der Wirklichkeit nach— in unſerm Vaterlande mit einer ehrenwerthen Claſſe von Fauſtrittern beſetzt; um wie viel eher laſſen ſich verwandte Gentlemen in finſtern Uferſchluch⸗ ten bei naͤchtlicher Weile vermuthen! Aus Furcht vor der Beſorgniß wird oft der Menſch ſo keck, gradezu auf dasijenige loszugehn, welches die Beſorgniß erregt, und meiſtentheils traͤgt hier die Unerſchrockenheit den Sieg davon. Der Wan⸗ derer ſtand ſtill, und ſchrie mit moͤglichſt feſter und lauter Stimme dem Andern entgegen: Warum habt Ihr nicht geantwortet, als ich vor weni⸗ gen Minuten rief? Ihr muͤßt es gehoͤrt haben.— Gleich als waͤre er ſchon durch die Stimme bezwungen, trat jener einen Schritt zuruͤck, und antwortete dann mit leiſer, aber doch ganz feſter Stimme: Ich hab's ganz gut gehoͤrt, denn ich ſtand nur ſechs Schritte von Euch ſeitwaͤrts; aber wer ſchreit denn Nachts an der Graͤnze, als wollt er Hunde und Menſchen wecken?— Wer ein gut Gewiſſen hat, braucht weder bei Tage noch bei Nacht die Menſchen zu fuͤrchten.— — 79— Wer's hat!— Wollt'⸗ Ihm aber doch lieber rathen, wenn Er aus Jackſons Schiff kommt, ganz ſtill zu gehn und nicht auf die Ehrlichkeit zu pochen. Hier zu Lande geben ſie we⸗ nig drauf, wenn man's ſagt; man muß es beweiſen; und weil's ehrlichen Leuten an den Zeugen haperte, hat ſchon Man⸗ cher den Strick gekoſtet, wie laut er auch auf der letzten Staffel ſchrie und proteſtirte. Man muß mir beweiſen,— ſagte der junge Mann— daß ich ein Verbrechen begangen, und ſo lange dies nicht geſchehen, ſpricht doch wohl bei allen Richtern fuͤr Jeder⸗ mann die Vermuthung, daß er ehrlich ſei.— Mag ſo wohl in Buͤchern ſtehn; wenn ſie aber'nen ehr⸗ lichen Mann vor ihrem Meſſer haben, und die Kreuz⸗ und Querfragen aus den Peruͤcken kommen, und man warm und roth wird, man weiß nicht wie, dann heißt's anders.— Wer ſich vor jeder Verfuͤhrung huͤtet, wird auch hier durchkommen.— Mag ſein, auch nicht. Freilich, wer ſich in den Groß⸗ vaterſtuhl legen kann und mag, und bei Pudding und Port⸗ wein den Schlagfluß oder ſein ſelig Ende abwartet, kommt nicht in Verſuchung; wer ſich aber durch die Welt durcharbei⸗ tet, ſtoͤßt uͤberall auf Klippen. Ihr kennt ja die Schiffahrt. Auch den geſchickten Schiffer faßt der Sturm und fuͤhrt ihn auf Klippen, und ſeine Arbeit iſts ſich durchzuſchlagen und abzubringen, dazu hat er Segel und Ruder, Verſtand und Kraft: und ſo mag's auch ſonſt im Leben ſein. Die Klippen — 80— ſtehn uͤberall im Wege, und's moͤchte wenige geben, die ſich durchgearbeitet haben, ohne auf Conſtables, Friedensrichter, Advocaten und Geſchworne zu ſtoßen. Ihr ſprecht beſſer, als Euer Anzug iſt. Wer ſich ſchon viel durch die Welt durchreiben muͤſſen, und hier und da eine Ecke ſitzen laſſen, bringt auch was mit nach Haus.— Woher wißt Ihr, daß ich von dem Schiffe dort komme? Wenn Ihr's nicht geſehn habt, braucht' ich's nicht zu verrathen, daß ich im Kahne lag, waͤhrend der Herr aller⸗ hand in ſein Portefeuille ſchrieb.— Still da— Er hielt ploͤtzlich inne, ſtand ſtille und ſah ſich uͤberall um, dann fuhr er fort: Es war nichts. Wir koͤnnen weiter gehn, muͤſſen aber leiſer ſprechen, denn in dieſen boͤſen Zeiten hat jeder Stein Ohren.— Jetzt geht's uͤber den Bach, dann links um den Felſen.— Er ließ den Juͤngling voraufgehn, und fragte, einige Schritte zuruͤckbleibend: Ihr ſeht doch Niemand?— Erſt als zener dies verneinte, ging auch er um den Vorbug, und hub hier wieder an: Ihr wollt nach M**r und beduͤrft einen Fuͤhrer, der Euch den Weg zeigt und das Felleiſen traͤgt. An mir ſollt Ihr einen wohlfeilen haben, denn fuͤr beide Dienſte will ich nicht mehr fordern, als daß Ihr bis in's Nachtquartier Euch fuͤr meinen Herrn, und mich fuͤr Euren Diener ausgebt, den 4e Wyr — 31— Ihr uͤber's Meer gebracht habt. Gefaͤllt Euch der Han⸗ del?— Eure Moral, guter Freund, ſcheint nach dem, was Ihr eben ſagtet, ziemlich locker zu ſein, und Ihr muͤßt ſelbſt ge⸗ ſtehn, bei aller Achtung vor Eurer Ehrlichkeit, daß es gewagt waͤre, Euch mein Felleiſen anzuvertrauen, da ich Euch nicht kenne, und Ihr in jedem Momente hier mit meiner ganzen Koͤnnt Ihr mich uͤberzeugen, oder Buͤrgſchaft ſtellen, wohlan! 5 Eine von beſonderer Art, guter Herr!— Seht mich ein Mal genau an, ſo viel das Sternenlicht erlaubt. Haltet Ihr mich nicht fuͤr einen ſtarken Mann, fuͤr ſtaͤrker als Ihr ſeyd? Ohne Zweifel.— Seht Ihr ferner dieſen ſtarken Knuͤttel? Koͤnnte ich Euch, der Ihr ohne Waffe ſeid, nicht leicht damit zu Boden ſchlagen, hinterwaͤrts oder von vorn, koͤnnte ich dann nicht mit dem Felleiſen uͤber alle Berge laufen, ohne daß ein Hahn darum kraͤhte?— Ich muß es zugeben, wiewohl— Der Mann ſchlug ſeinen Mantel auseinander, und zeigte auf einen verborgenen, an ſeiner Seite ſteckenden, Hirſch anger:— I. Bd.* 161 * — 82— Und hier habe ich ein ſcharfes Meſſer, mit dem es mir bei meiner Moral ein Leichtes werden duͤrfte, Euch, wenn's mir drauf ankaͤme, zu durchſtoßen, und in irgend eine dieſer vielen Schluchten zu werfen, wo keine Seele ſich drum kuͤm⸗ mern wuͤrde, wenn man nach Wochen den vermoderten Leich⸗ nam eines fremden Menſchen herauszoͤge.—. Gznuͤgt Euch der Beweis?—..B. Alerdinas alan bei dieſen umſtaͤnden nichts zu wa⸗ gen; aber erlaubt mis Moch eine Frage: Was liegt Euch dar⸗ an, ohne Fuͤhrerlohn mich und mein Felleiſen nach Mr zu bringen?— Ein ſo billiges Anerbieten muß immer Ver⸗. dacht erregen.— Es iſt nicht ſo billig, als Ihr gkänbt.— Denkt Euch, ich wuͤrde Schulden⸗Kalber verfolgt und duͤrfte nicht in mein Vaterland kommen. Wenn ich nun keinen Paß haͤtte, und fuͤr dieſe Nacht kein Unterkommen wuͤßte⸗ ſo koͤnnte ein ſol⸗ cher Dienſt fuͤr mich ja ſehr wichtig ſein. Ihr koͤnnt Euch aber auch denken, was Ihr wollt, das iſt mäͤr gand gleich⸗ guͤltig; nur huͤtet Euch es laut auszuſprechen/ weil es nie⸗ mals Heil bringt, ſich in anderer Leute Geſchaͤtte zu miſchen.. Run wohl, mein Freund! Nur ſo viel erlaubt mir zu glauben, daß Ihr eben nicht aus Menſchenfreundlichkeit oder beſonderer Liebe fuͤr mich, mein Felleiſen tragt. Hier habt Ihr's. Aber nehmt es ſorgſam um und laßt nicht die Pa piere in der Seitentaſche herausfallen!— Der Mann ſchwang das Felleiſen leicht um die Schul⸗ — 83— ter, murmelte etwas, das wie:„Es koͤnnte doch ſein, daß ich's aus Freundſchaft thaͤte!“ klang, vor ſich hin, ſprang jetzt als Fuͤhrer ſeinem Herrn vor, und ſtieg mit ſicherm Schrifte die Felsſchlucht hinauf. Waͤhrend auf dieſe Art beide ſchweigend mit einander gingen, und die Nacht ſo ſtumm war, daß des Baches Nieſeln als ein ſehr lautes Ge⸗ raͤuſch erſchien, beſchaͤftigten mancherlei Gedanken den jun⸗ gen Mann. Zwaͤhatte er die Furcht uͤberwunden, dennoch konnte er ſich der Beſorgniß nicht erwehren, daß, wenn ſein Fuͤhrer ſchneller als gewoͤhnlich ging, er die Abſicht habe, ihm mit ſeiner Habe durchzugehn, und wenn er ſitll ſtand um friſchen Athem zu fchoͤpfen, ſich bereite, ihn moͤrderiſch anzufallen. Schon nach ſeinem eigenen Zugeſlaͤndniß war es kein unverdaͤchtiger Charakter; was ihn aber in den Augen ſeines Begleiters noch weit verdaͤchtiger machte, war ſeine abwechſelnde Cundhe Er ſchien den gewoͤhnlichen breiten DMalekt des gemeinen Volkes, gewuͤrzt mit der halb derben, halb humoriſtiſchen Darſtellungsart der Schiffer, auch als ſeine eigene gewoͤhnliche Sorache wollen gelten zu laſſen; dennoch blitzten mitten in der Rede, beſonders wenn er in eine Art von Affect gerieth, oder einen gewiſſen Ingrimm gegen die Anordnungen und Verhaͤltniſſe in der beſtehenden Ordnung ausließ, edlere Ausdruͤcke, eine gehildetere Sprache und eine mehr ſinſtere als launige Auffaſſungsart hervor, und verriethen, daß der Mann vielleicht eine andere Bildung genoſſen, als ſie der Umgang mit dem Auswurf des Volkes aller Laͤnder ihm geben konnte — 4— Es leuchtete daher ein, daß er, entweder wenn er gemein ſprach, ſich verſtelle, oder wenn er in Leidenſchaft gerieth, als Schauſpieler Ausdruͤcke gebrauche, welche weit uͤber ſei⸗ nen Bildungskreis lagen, ein Betrug, der feiner war, aber, auch zugleich auf ſtraͤfliche Abſichten deutete. Demungeach⸗ tet miſchte ſich in ſeine Beſorgniß vor dem Manne ein wohl⸗ wollendes Gefuͤhl fuͤr denſelben, mochte es nun im Mitlei⸗ den, da auch er uͤbel verfolgt vom Schickſale ſchien, oder ſonſt wo ſeinen Grund haben. Als der Weg ſich uͤber eine Hoͤhe wand, rief der Fuͤhrer ſeinen Gefaͤhrten zu ſich, und zeigte ihm links in der Ferne einige Lichter, welche aus der weiten Dunkelheit hervor⸗ blickten: Dort iſt M**-, wenn wir dahin wollen. Geht aber der Weg des Herrn weiter, ſo bin ich bereit, ihn um den Flecken herumzufuͤhren. Mein Auge iſt ſcharf, und ich kann auch in der Nacht die Stege und Wege finden. Es iſt ſchon ſpaͤt und wird ſehr kalt, weshalb ſollte ich nicht in Merr bleiben wollen?— Es hat ſo jeder ſeine Gedanken, und es iſt ſehr recht⸗ wenn Niemand dem Anderen, den er nicht kennt, mehr ſagt, als gerade noͤthig iſt.— Ich kann es auch nicht billigen, wenn Einer den Anderen ausfragt nach Namen, Stand, den Ort, wo er hingeht, die Abſicht ſeiner Reiſe, und dergleichen mehr⸗ denn das ſind druͤckende Kenntniſſe, und es iſt gut, wenn kein Menſch mehr weiß, als er gerade noͤthig hat. Denn ſ 2 1 4 — 85— hilft's, wenn man vor Gericht ſteht, und nun auf die Bibel gegen eine arme Seele ausſagen muß, die einem nie etwas ge⸗ than hat.— Auch fuͤr den Reiſenden iſt's nicht raͤthlich— fuhr der junge Mann fort,— Jedermann, der ihm in den Weg laͤuft, Abſicht und Richtung ſeiner Neiſe zu entdecken; denn er kann nicht vorausſehen, in welchem Hohlwege er den unbe⸗ kannten Freund wieder antrifft.— Obgleich fuͤr einen Mann mit ſo wenig Gepaͤck, wie ich, eine ſolche Vorſicht unndthig waͤre.— Der Fuͤhrer laͤchelte und ſagte: Der Herr ſcheint auch die Sache zu verſtehn.— Aber eben deshalb, da doch die Reiſe wohl weiter fuͤhrt, wuͤrde ich nicht rathen, zuerſt nach Mrr zu gehn.— Weshalb nicht?— Iſt die Stadt unſicher, ein Reſt fuͤr Diebsgeſindel? Bewahre; lauter ehrliche Leute, die von ihrer Ehrlichkeit andern armen Schluckern noch abgeben koͤnnten: Quaͤker, Methodiſten, Leute, die zum Himmel blicken und ſich kreuzi⸗ gen, wenn ſie mehr als funfzig Prozent nehmen, die alle Sonntag in die Kirche gehn und einen Sirpenee Almoſen geben, Leute, die ſehr wenig ſprechen, viel beten, viel arbei⸗ ten und viel gewinnen. 1 Nun, und weshalb ſollen wir dieſe ehrliche Stadt mei⸗ en den? 1 Weil in der Naͤhe ein gewaltig ſtrenger Friedensrichter — 86— wohnt, der ſo fuͤr den Frieden, die Ordnung und die Geſetze iſt, daß er jaͤhrlich wenigſtens zwoͤlf Burſchen, die heißeres Blut als er haben, an den Galgen bringt. Er hat Hunde zum Stoͤbern, Spione zum Horchen, und die alten Weiber ſagen, er koͤnne in den Sternen und im Kaffee leſen, wo verbotene Waare ankommt.— Mein Freund, wofuͤr haltet Ihr mich denn? Der Fuͤhrer wendete ſich um, druͤckte ſeinem Begleiter langſam die Hand, und als er ſeinen Druck nicht erwidert fand, laͤchelte er und begann mit ausholender Stimme: Ich halte den Herrn fuͤr einen ſo ehrlichen Mann, als je einer in dieſem Koͤnigreiche auf den Straßen Nachts um⸗ hergereiſt iſt.— Ihr kommt aus der Fremde, ſeid auf Schu⸗ len geweſen, und habt von dieſem Lande und ſeinen Bewoh⸗ nern viel Gutes— Ruͤhmliches,— Lockendes geleſen; das wollt Ihr nun mal in der Wirklichkeit betrachten, und habt deshalb den weiten Weg nicht geſcheut; was fuͤr einen jun⸗ gen Mann ſehr lobenswerth iſt. Weiter, weiter! Euer ſehr gefuͤllter Beutel iſt aber kurz vor der Abreiſe im Bade durch falſche Spieler, oder wer weiß ſonſt wie,— da es in der Welt viele Arten giebt ſein Geld zu verlieren, — ausgeleert worden, und nun wollt Ihr in dem reichen England zuſehn, wie Ihr ihn wieder fuͤllen koͤnnt.— Das iſt recht: wer etwas im Spiel verloren hat, wagt wieder ein Spiel.— ˙S giebt mancherlei Arten hier.— Einige machen — — 87— reiche Heirathen, laſſen ſich adoptiren; Einer eurirt zum Tode, Einer erſchleicht Erbſchaften, Einer handelt, wird ban⸗ kerott und— ein reicher Mann— Ihr haltet mich alſo fuͤr einen Avanturier, einen Gluͤcks⸗ ritter?— Ich halte Niemanden fuͤr etwas, was ihm nicht lieb iſt: aber's geht Jedermann in dieſer Welt ſeinem Gluͤcke nach. Einer ſucht ſolche friedliche Wege, wo wenig Gefahr und viel Gewinnſt iſt; Andere— hier warf ſich der Mann in die Bruſt und verließ ſeinen bisherigen ruhigen Ton— Andere ſuchen auch um Wenig die Gefahr auf, weil's ihnen lieber iſt zu wagen, als ſchleichen und kriechen; und ſie wagen wohl zuletzt auch da, wo nichts zu gewinnen iſt, wo es vielleicht blos gilt, ſolche laͤchelnde, freundliche Boͤſewichter, die geſetz⸗ lich ſuͤndigen, und von den Geſetzen geſchuͤtzt werden, ſolche Boͤſewichter zu— Er ſchwieg hier, machte aber mit der Fauſt eine ziemlich deutliche Bewegung nach vorn, welche als ſymboliſcher Ge⸗ dankenſtrich dem Zuſchauer das fehlende Wort erſetzte. Die⸗ ſer hatte keine Luſt, ein ſolches Geſpraͤch fortzuſetzen, und lenkte daher auf ein fruͤheres Thema ein. Ich komme beſonders nach Wales, um alle die Merkwuͤr⸗ digkeiten aufzuſuchen, welche dieſes Land aus ſeiner Ge⸗ ſchichte uns uberliefert. Die Truͤmmer des alten Volks⸗ ſtammes, der gegen ſo viele Unterdruͤcker ſich heldenmuͤthig vertheidigte, bis er mit ſeiner Poeſie zugleich faſt ausgerot⸗ s tet wurde; die Rieſenbauten der Vorzeit, das ungeheure Klo⸗ ſter Bangor,“) die Ruheſtaͤtte der Rieſenglieder des mythi⸗ ſchen Arthur, alle die Plaͤtze, welche ſein Name, vielleicht ſeine Gegenwart einſt verherrlichte.— Der Andere laͤchelte: Ich kenne ſie alle, und koͤnnte einen guten Wegweiſer abgeben. Da iſt Arthurs Schanze in Cairwarnak— Arthurs Tafel,— der Kiesbach bei Drumwaller, wo er durchwadete, ohne naß zu werden; alle die Hoͤhlen und die Schluchten, uͤber welche ſeine Nitter ſprangen. Auch den Baum zeige ich neugierigen Reiſenden, unter welchem der Koͤnig verblu⸗ tete und dann auf immer verſchwand.— So lebtet Ihr fruͤher als Fuͤhrer fuͤr die Reiſenden in dieſem Lande?— Ich habe manchen hier im Lande herumgefuͤhrt, herge⸗ fuͤhrt, kurz auf alle Weiſe— gefuͤhrt, und mit luſtigen Leu⸗ ten in den tiefſten Hoͤhlen bei Mitternacht geſchlafen, gezecht und gelacht, ohne daß uns der alte Merlin, oder einer von *) Der Engliſche Recenſent bemerkt, daß die Ruinen des gedach⸗ ten Kloſters Bangor(in Flintſhire und nicht in Carnarvon) keines⸗ weges jetzt noch ungeheuer wären; ein Umſtand, der ihm um deswillen ſehr bekannt ſey, weil er in ſeinem dreizehnten Jahre ſchon eine Tra⸗ gödie geſchrieben, in welcher ein dortiger Abt alle ſeine Mönche um⸗ bringt. 3 1. W. A. — 89— den Drachen und baͤrbeißigen Rittern erſchienen waͤre. Sie mochten wohl ihre Leute kennen. Beide gingen ſchweigend eine Weile neben einander, dann hub der Eingeborne wieder an: Liebt Ihr vielleicht alte Kirchen im Mondenſchein zu ſehn,— ſo altes Gemaͤuer?— Gewiß, und ich habe von mehreren Ruinen gehoͤrt, und verſchiedene aus dieſem Lande bei⸗ einer ſolchen Beleuchtung gemahlt geſehen.— Aber ſicher nicht das Kloſter Griffith ap Gauvon. Es liegt verſteckt in den ͤſtlichen Schluchten des Snow⸗ dons, und weil's gefaͤhrlich iſt, Klipp' auf⸗ Klipp' ab zu ſtei⸗ gen, und man die Haͤnde ſich ritzen kann beim Wegbahnen durch Hecken und Dornen, und weil ſo mancherlei in den Weg laufen kann, als: Zigeuner, liederlich Geſindel— nun da fuͤrchten denn ſolche zartſinnige Herrchen die Nachtluft, die Dornen und was weiter.— Aber Ihr ſolltet ſehen, wie die Ruinen auf nackten Felsſaͤulen majeſtaͤtiſch ſich erheben und die ſpitzen Bogen uͤber den tiefſten Schluͤnden hoch oben in der blauen Luft ſich vereinigen. Wenn man da von un⸗ ten hinauf ſchaut und die mondweißen Pfeiler ſo kerzengrade oben in der blauen Nachtluft ſtolz emporragen ſieht, muß der kuͤhnſte Sinn ſchwindeln, oder er denkt auch daran, ein Mal ſo der Gefahr zu trotzen und ſich ſo ſchroff an den Rand eines Abgrundes, mit ausgebreiteten Armen nach dem Himmel zu, hinzuſtellen. — 90— Ihr macht mich ſelbſt durch Eure Beſchreibung ſchwin⸗ deln. Aber jetzt ſchwindelt nicht, denn es geht uͤber einen ſchmalen Steg, und drunter iſts tief.— Gebt mir Eure Hand— ſo— tretet jetzt rechts, nun ein Paar Stufen hinauf.— Nun um die Mauer herum, es iſt ſo dunkel zwi⸗ ſchen den hohen Waͤnden, daß Ihr mich anfaſſen muͤßt, wenn Ihr nicht ſtoßen oder fallen wollt.— Beide gingen auf dieſe Weiſe noch einige hundert Schritte, als ploͤtzlich der Fuͤhrer ſtille ſtand, und ſagte: Beliebt dem Herrn noch ſonſt etwas? Hier bin ich mei⸗ nes Wortes ledig. Wir ſtehn vor dem gewiß beſten Gaſthofe der Stadt, weil es der einzige iſt.— Wenn vielleicht einer von den geneigten Leſern in der Bluͤthenzeit ſeines Lebens, und in der des Jahres, zu Fuß eine Wanderung durch unſere noͤrdlichen oder weſtlichen Ge⸗ birgslaͤnder unternommen und ausgefuͤhrt hat, ſo wird er wiſſen, welche Freude es gewaͤhrt, wenn nach einem heißen und ermuͤdenden Tagmarſche der Fuͤhrer am Abende an die Thuͤre eines Hauſes klopft und ſpricht: Hier ſind wir am Ziele. Dieſes Gefuͤhl der Luſt und Befriedigung kann aber nur gering gegen dasjenige ſein, welches ein Fußgaͤnger, wie unſer Held, empfindet, wenn er an einem Wintertage, unter mancherlei Beſorgniſſen, und nach ſolchen Unfaͤllen, als wir ſie erfahren haben, ſeine Reiſe unerwartet beendet ſieht. Es miſchte ſich indeſſen noch ein anderes Gefuͤhl der Beſorgniß —— in dieſe Freude. Der junge Mann war in dem Lande, wel⸗ ches er als Ziel und als Belohnung ſeiner Beſchwerden an⸗ ſah, ganz fremd, und Reiſebeſchreiber des Continents werfen ihm vor,— ob mit Recht oder Unrecht? wollen wir dahin⸗ geſtellt ſein laſſen,— es uͤbe gegen Fremde, als ſolche, we⸗ nig Gaſtlichkeit aus. Mit einer gewiſſen bangen Erwartung ergriff er daher die Thuͤrklinke und betrat die Schwelle des Hauſes. Vielleicht mochte ſein Begleiter, beim Schein der großen Laterne auf dem Hausflur, dieſes Gefuͤhl im Geſichte ſeines Gaſtes leſen, oder er ahnete es, vermoͤge der Men⸗ ſchenkenntniß, welche der Umgang mit der Welt und man⸗ nigfache Erfahrungen ihm verliehen hatten. Er zog deshalb ſeinen Herrn noch einige Schritte zuruͤck und ſagte ihm: Noch einen Rath auf den Weg; auch einer aus dem Munde des Dieners kann dem Herrn nicht ſchaden. Der Wirth drinnen gehoͤrt nicht zu denen, welche man hoͤflich nennt, und der Herr, mit Erlaubniß zu ſagen, nicht zu de⸗ nen, welche mit vier Pferden, ja nicht einmal mit der Land⸗ kutſche ankommen. Reiſende zu Fuß,— beſonders im Win⸗ ter— werden hier wenig geachtet. Darum, wenn Ihr ſo⸗ gleich ein Nachtquartier fordert, wette ich zehn gegen eins— es wird kein Platz mehr vorhanden ſein, auch wenn's drin⸗ nen ſo maͤuschen ſtill waͤre, als es jetzt laut iſt. Aber for⸗ dert Euch erſt Ale oder Porter, oder Wein. Je hoͤher die Forderung des Gaſtes ſteigt, und jemehr das Getraͤnk Euren erfrornen Koͤrper erwaͤrmt, um ſo mehr weicht guch der Froſt aus dem Herzen des Wirthes. Macht Ihr's anders, ſo ſtehe ich Euch nicht dafuͤr, daß wir irgendwo unter einer Straßen⸗ laterne ein Bette ſuchen muͤſſen. Achtſam auf dieſen Rath ergriff der Reiſende nochmals die Klinke und oͤffnete die Thuͤr, durch welche ſchon fruͤher ein ſtarker Laͤrm gedrungen war, aus welcher aber jetzt Dampf⸗ wolken ihm entgegen quollen. Fuͤnftes Kapitel. Ein Adlicher aus Wales und ein Ritter aus Cales Und aus dem Norden ein Laird, Doch die jährliche Rent' eines Bauern aus Kent Iſt mehr als alle drei werth. Volksſpruch⸗) —ʒ—— Un dies fuͤnfte Kapitel unſerer wahrhaftigen Geſchichte zu Papier zu bringen, wuͤnſchte der Autor, ſtatt ſeiner Novelli⸗ ſtenfeder, den Pinſel eines Hogarth fuͤhren zu koͤnnen. Wenn wir ſagen, daß in dem geraͤumigen Wirthszimmer rine Geſellſchaft Schauſpieler verſammelt und im Begriff war, die Kleider zu tauſchen, wer denkt dabei nicht unwill⸗ kuͤhrlich an des Meiſters ausgezeichnete: Strolling players. Wenn es auch in unſerer Schenkſtube nicht ſo bunt herging — * Der Graf von Eſſex ſchlug nach der Eroberung von Cadir viele Soldaten, welche ſich ausgezeichnet hatten, zu Rittern. Die Edel⸗ leute aus Wales und Schottland galten bekanntlich⸗ für, arm 8 Cadiy heißt in dem corrumpirten Volksdiatekt Cales. — 904— als dort in der Scheune, wenn auch Jupiters Adler keine ſaͤugenden Kleinen mit dem Papploͤffel fuͤtterte, wenn ſich auch Juno kein Schminkpflaͤſterchen auflegen ließ, und Nie⸗ mand des Menſchenblutes wegen die Katze um den Schwanz verkuͤrzte,— denn das Phantaſtiſche ſollte nicht erſt erſchaf⸗ fen werden, ſondern wurde abgethan, und die Elementar⸗ und magiſchen Werkzeuge lagen in den Winkeln aufgethuͤrmt, — ſo gab doch eben dieſe Zerſtoͤrungsſcene ein lebendiges und eigenthuͤmliches Gemaͤhlde. Ueberdies waren die Schau⸗ ſpieler, obgleich der Wirth ihnen die Schenkſtube zu ihrem gemeinſchaftlichen Schlaf⸗, Wohn⸗ und Garderobe⸗Zimmer angewieſen hatte, doch nicht die alleinigen Bewohner deſſel⸗ ben geworden, ſondern verſchiedene Buͤrger, und, wie es ſchien, auch Fremde, benutzten es als Unterhaltungs⸗, Speiſe⸗ und Wohn⸗Zimmer, ſo daß die bunteſten Gruppen ſich gebil⸗ det hatten, welche durch den Tabacksdampf, den beſonders die am Kaminfeuer ſitzenden Fremden verurſachten, theilweiſe ganz verhuͤllt wurden. Auf dem Tiſche und an der Thuͤre konnte man zerriſſene Komoͤdienzettel leſen, deren Inhalt dahin lautete: „Heute—— wird mit Licenz des Friedensrichters hie⸗ ſiger Grafſchaft, ſo wie einer ehrenwerthen Stadtbehoͤrde⸗ von der Walter Lolliſchen Geſellſchaft zum letzten Male, vor Eintritt des Verbotes, das errettete Vene⸗ dig, Trauerſpiel von Otway, gegeben u. ſ. w.“ Nur noch zum Theil ſah man die Kleidung der Venctiani⸗ V — zufuͤhren. — 95— ſchen Nobili; die meiſten Herren und Damen hatten bereits das edle Schwarz, um es vor Staub und Tabacksdampf zu ſchuͤtzen, in die großen Schubſaͤcke in den Winkeln eingepackt, und aus den ſtolzen Damen und Edlen waren Paſſagiere von der Art geworden, welche die Landkutſchen gemeiniglich erſt, wenn ſie aus den Thoren ausgefahren ſind, auf freiem Felde beſteigen, in den Wirthshaͤuſern aber ſich in die Ecken mit ihrem Buͤndelchen druͤcken und nach dem Preiſe der Ale fragen, ehe ſie ſich bedenken, ob ſie eine Kanne fordern ſol⸗ len. Wie der Tyrann und Koͤnig ſich in einen Schemel geworfen, oder, mit beiden Armen auf den Tiſch geſtuͤtzt, da er kein Zeichen ſeiner Wuͤrde weiter an ſich trug, dieſe zu erkennen geben wollen; wie die erſte Liebhaberin, ohne Flit⸗ tergold und Liebreiz, doch mit zerriſſenen Zuͤgen beide erheu⸗ cheln wollen; wie der luſtige Clown hier zu einem gemeinen vierſchroͤtigen Kaͤrrner herabgeſunken: alles dies, ſo wie die Beſchreibung etwa verfaͤnglicher Blicke der Theater⸗Prinzes⸗ ſinnen mit anweſenden Kunſtfreunden, Haͤndedruͤcke des erſten Liebhabers mit der beleibten Wirthin, uͤbergehen wir, da wir uns theils nicht fuͤr berechtigt halten, das ſchon von ſo vie⸗ len ehrenwerthen Vorgaͤngern Aufgezaͤhlte zu wiederholen, etwas Neues aufzufinden unmoͤglich iſt, und wir nichts mehr als Uebertreibung fuͤrchten, theils aber auch die Phantaſie unſerer Leſer wohl reich und geuͤbt genug iſt, um das Ge⸗ maͤhlde nach den von uns entworfenen Skizzen weiter aus⸗ — 6— Den gewichtigſten Mittelpunkt bildete der Direktor der Truppe, welcher mit einer Brille auf der Naſe und im Schweiß ſeines Angeſichts, die heutige Einnahme auf dem Tiſche zaͤhlte. Die Rechnung ſchien nicht zu ſtimmen, und er fing immer wieder von neuem an zu zaͤhlen, und die Schillinge in Pfund Sterlinge zu verwandeln; eine Arbeit, welche indeſſen bas Ausſehen hatte, als mache er ſie mehr fuͤr eine hinter und neben ihm ſtehende Perſon, oder wenig⸗ ſtens unter deren Controlle, als fuͤr ſich ſelbſt. Dieſe Per⸗ ſon war Niemand anders als der Wirth, der ſich hinter den Stuhl des ungluͤcklichen Direktors in der Art poſtirt hatte, daß er mit ſeinen beiden, vermittelſt zwei gewaltiger Faͤuſte auf den Tiſch geſtemmten, Armen ihn ſo umſchloß, daß we⸗ der an ein Entkommen, noch an ein Unterſchlagen zu den⸗ ken war. Man konnte auf den erſten Blick bemerken, daß der Wirth ohne Beille bei weitem beſſer, feſter und ſicherer ſah, als der Direktor, und auch keinen Pence aus dem Auge verlor. Es war eine jener feſten Geſtalten, von denen einer unſerer aͤlteren Dichter ſagt: Von Kieſel war ſein Leib, und ſeine Glieder Erz, Sein Auge, das war Blei, und von Asbeſt ſein Herz; Ich kann nicht ſagen, was die Seele mochte ſein, Doch war der ganze Mann, das weiß ich, nur ein Stein. Er machte auch nicht die geringſte Bewegung, den Di⸗ 1 rektor aus ſeinen Noͤthen zu helfen, ſelbſt wenn dieſer in ſeiner Beſtuͤrzung nur einen offenbaren Rechenfehler gemacht hatte. 4 — 97— hatte. Iſt es noͤthig, ſeine aͤußere Erſcheinung genauer zu ſchildern, wenn wir wiſſen, daß er ein Gaſtwirth iſt?— Mahlt ihn nicht Jeder unſerer geneigten Leſer ſich als einen corpulenten, ziemlich großen Mann mit einer kahlen Glatze, wenn es der Anſtand erlaubt in einer Weſte und Hemdsaͤr⸗ meln, ſonſt in einer kurzen braunen Jacke oder dergleichen ſen wir bemerken, weniger zur Charakteriſirung unſeres Gaſt⸗ wirthes, als zur Berichtigung der Generalcharakteriſtik die⸗ ſer ehrenwerthen Claſſe. Es iſt die Sitte von unſern aͤltern Novelliſten auf die unſerer Tage uͤbergekommen, die Gaſt⸗ wirthe als die zuvorkommenſten, freundlichſten, knechtiſch⸗ kriechende Weſen, welche ihre Waaren mehr als der Markt⸗ ſchreier ausbieten, zu ſchildern,— wo aber findet man noch dergleichen Geſchoͤpfe? Treten uns nicht im Gegentheil haͤu⸗ figer ſehr grobe Maͤnner an den Thuͤren entgegen, als hoͤf⸗ liche? Der Autor hat bei ſeinen Reiſen, in den erſten Ho⸗ tels, wie in den ſchlechten Dorfſchenken, im Durchſchnitt mehr geldſtolze, aͤrgerliche, als ſolche Wirthe gefunden, wie er verlangt und als Muſter aufſtellen moͤchte, die naͤmlich nichts anbieten, nichts anpreiſen, aber auf jeden Wink des Reiſenden, deſſen Beduͤrfniſſen entgegen kommen; ſolche Wirthe dagegen, welche ſich an den Wagen draͤngen, den Pferden den Vorrang ablaufen moͤchten, ihren Ruͤcken als I. Bd. 74 — 98— Wagentritt anbieten, hat er kaum ein oder zwei Mal gefun⸗ den. Fragt man nach der Urſach dieſer Veraͤnderung,— denn daß auch die Wirthe ehemals in der letzten Art aufge⸗ treten ſind, verbuͤrgt uns die bekannte Wahrheitsliebe unſe⸗ rer elaſſiſchen Novelliſten,— ſo geben Einige vor, der Stand der caupones, der zu der Roͤmer Zeiten, als halb unehrlicher, mit einem geſetzlichen Makel behaftet geweſen und noch von Cervantes und Le Sage als. ſehr anruͤchtig*) aufge⸗ fuͤhrt wird, habe ſich mit der allgemeinen Civiliſation auch gehoben, und mit der Niedrigkeit und Verachtung ſei auch die knechtiſche Demuth verſchwunden. Andere behaupten, die Franzoͤſiſche Revolution habe durch die Aufſtellung der Idee einer allgemeinen Gleichheit auch anf die Gaſtwirthe gewirkt; welcher Meinung wir indeſſen nicht beiſtimmen koͤn⸗ nen, da wir aus eigener Erfahrung uns nicht erinnern, daß die Wirthe vor dieſer Umwaͤlzung weder auf dem Continent noch unſerer Inſel hoͤflicher geweſen als jetzt. Weiter nach dem Grunde dieſer Veraͤnderung zu forſchen, liegt uns nicht ob; ja wir wuͤrden vielleicht ſcheele Blicke von unſern Leſern, noch mehr aber von unſern Leſerinnen einerndten, ließen wir uns weiter aus uͤber dergleichen fuͤr ſie verlegene Dinge; es — *) suspicious. A. 3. I. Aufl. Auch bei uns in Deutſchland hat ſich dieſe Veränderung zugetragen. Wirthe wie der in Minna von Barnhelm dürften wir mit der Laterne ſuchen müſſen. W. A. at war aber unſere Pflicht,— welche jedem wahrheitliebenden Novelliſten obliegt,— die zeitgemaͤße Veraͤnderung auszu⸗ ſprechen, beſonders da unſer Wirth in keiner Art zu den hoͤf⸗ lichen der guten alten Zeit zu rechnen iſt. Noch muͤſſen wir bemerken, daß, wenn auch die Sitte der demuͤthigen Zuvor⸗ kommenheit laͤngſt aufgehoͤrt hat, die des Schreibens der Rechnung mit doppelter Kreide,— eine uralte— uͤberall, trotz Revolution und Reſtauration, geblieben iſt. Den Gegenſatz zu dem gepeinigten Direktor bildete ein Hollaͤnder— wer koͤnnte einen ſolchen auch nur auf den er⸗ ſten Blick verkennen,— welcher dicht am Kaminfeuer ſeine Pfeife ſchweigend rauchte, und wie laut auch hier die Schau⸗ ſpieler uͤber die Trefflichkeit der heutigen Vorſtellung, dort einige Liebhaber uͤber den Vorzug des Spieles zweier Hel⸗ dinnen, am Fenſter ein Paar Buͤrger uͤber das Sinken der Stocks und den Sinkingfond ſtritten, wie hoch auch die Angſt des Direktors und die boshafte Kaͤlte des Wirthes ſtieg, nicht einmal den Kopf wendete, oder die Ohren ſpitzte, und in jeder Muskelbewegung, oder, richtiger zu ſprechen, jeder Muskelruhe ſeine gaͤnzliche Theilnahmloſigkeit bekun⸗ dete. Wem, der ein Gemaͤhlde, ſei es von Tenier, Net⸗ ſcher, Mieris, Gerard Dow, oder fonſt einem Nieder⸗ laͤnder, geſehn hat, ſteht nicht in lebendiger Erinnerung ein ſolcher am Feuer bedaͤchtig rauchender Min-—heer vor Au⸗ gen, dem die ganze Welt uͤber die eine Pfeife verſchwunden ſcheint. Die Pfeife bedeutet aber doch mehr als— eine — 1⁰0— Pfeife. In dem aufſteigenden Qualme erblickt der Min—heer die ſchoͤnſten Zahlenbildungen, Rechenexempel, Aoditionen, Multiplicationen, Geſellſchaftsrechnungen. Vor Allem aber ſieht der betriebſame Mann mit innigem Wohlbehagen in dem langſam und breit aufſteigenden Dampfe ſeine Specu⸗ lationen, und niemals wird man einen Hollaͤnder bemerkt haben, ſeine Dampfwolken wegblaſen. Nichts ſtoͤrt ſeinen ruhigen ſcharfen Blick, und ſollte ein Zufall ihm die ſchoͤnen Rauchbildungen wegſcheuchen, ſchmaucht er von neuem ſeine Gluͤcksbilder ſich empor. Dem Hollaͤnder gegenuͤber ſaß ein aͤltlicher Mann, von unterſetzter Figur, eher ſtark als mager. Er trug einen hell⸗ grauen ſchlechten Ueberrock, Stiefeln uͤber den Hoſen und auf dem Kopfe einen weißen Hut. In ſeinem, ſonſt durch keinen charakteriſtiſchen Zug markirten Geſichte, trat nur eine Leidenſchaft recht lebendig hervor, und wer ihm gegenuͤber ſitzend einen Tag lang den Mann beobachtet haͤtte, wuͤrde wenig mehr aus ihm entziffert haben, als daß er ſich uͤber Alles, was irgend vorgefallen, aͤrgere. Auch er ſchien, gleich dem Hollaͤnder, keinen Antheil am Treiben der Geſellſchaft zu nehmen; denn er hatte ſeinen Stuhl ſo geruͤckt, daß er allen Anweſenden den Ruͤcken kehrte und nur das Feuer an⸗ ſah. Dieſe Theilnahmloſigkeit war aber deutlich eine mehr affectirte als wirkliche, und ganz das Gegentheil von der⸗ welche den Hollaͤnder beherrſchte. Waͤhrend der Min—heer auf ſeinem Seſſel mit unverwandtem Geſichte auch dann — 101— ſitzen blieb, wenn ihm Jemand zu nahe kam, ohne in ſeiner Ruhe geſtoͤrt zu werden, wurde der Andere von jeder Bewe⸗ gung belaͤſtigt. Es war unmoͤglich, daß er in einem ſo vol⸗ len Zimmer ganz ohne Beruͤhrung mit den uͤbrigen Anwe⸗ ſenden haͤtte bleiben koͤnnen; ſobald aber Jemand ſich ihm naͤherte, oder von einer Seite lauter als bisher geſprochen wurde, wandte er ſich mit dem Anzeichen des hoͤchſten Aer⸗ gers auf die andere Seite, und blieb auf dieſe Art,— um entweder ſich ſelbſt oder den Andern ſeine Nichttheilnahme an ihrem Treiben zu zeigen,— in beſtaͤndiger Bewegung, bewies aber dadurch, daß er auf Alles, was vorging, mehr als Jedermann im Zimmer Acht gebe. Auch er ſchien ſeine Abſonderung von der ihn umgebenden keinen Welt durch Rauchen ausdruͤcken zu wollen; aber wie die ruhigen Dampf⸗ wolken des Hollaͤnders, deſſen Leidenſchaftloſigkeit ausdruͤck⸗ ten, ſo zeigte das ploͤtzliche und heftige Aufqualmen, das oͤftere Ausgehn der Pfeife, wenn jener ſie minutenlang aus dem Munde genommen, um einem Geſpraͤche zuzuhoͤren, von dem Affecte ihres Herrn. In der einen Hand hielt er ein Zeitungsblatt, in welchem er eifrig zu leſen ſchien; denn bald knitterte er es zuſammen, ließ es fallen, hob es dann wieder auf, ſchien einige Stellen zu durchfliegen, andere zu buchſta⸗ biren, murmelte auch wohl zuweilen ein Liedchen zwiſchen den Zaͤhnen, und gab ſich dennoch alle Muͤhe zu erkennen zu geben, daß er gar keinen Antheil an demienigen naͤhme, was in der Zeitung enthalten ſei⸗ — 10⁰2— Nicht weit vom Kamine, aber in einem dunkleren Win⸗ kel des Zimmers, ſaß ein Mann, ſcheinbar etwas uͤber ſeine beſten Jahre hinaus. Er war nicht grade nach der neuſten Mode elegant, aber doch ſo gekleidet, daß ſich Wohlhaben⸗ heit in ſeinem Anzuge ausſprach.— Seine Stellung war von der Art, daß er weniger bemerkt werden konnte, dafuͤr ſelbſt eine deſto beſſere Ausſicht auf die Anweſeuden hatte. Da er gerade im Augenblicke, wo unſer Reiſender in's Zim⸗ mer trat, aufſtand, um eine Kohle vom Feuer zu holen, konnte ihn dieſer genauer betrachten. Er war von mittlerer Groͤße, nicht grade ſchoͤn gewachſen, hinkte etwas, und doch lag eine gewiſſe Wuͤrde in ſeinem Auftritt. Er hatte einen ſchwarzen Leibrock an und daruͤber einen ziemlich weiten Ueberrock gezogen, welcher bis uͤber die Knie gehend, ſeinen ganzen Koͤrper bedeckte und nur erkennen ließ, daß er hohe Stiefeln trug. Aus dieſer dunkeln Kleidung blickte aber die feinſte Waͤſche hervor, und ein feiner Caſtorhut lag auf dem Seitentiſche, an welchem der Mann ſaß.(1) Sein Geſicht war keinesweges ausgezeichnet, und ein fluͤchtiger Beobachter haͤtte in den verwiſchten, fleiſchigen Zuͤgen nur freundliche Einfalt oder gar Dummheit leſen moͤgen. Wer aber genauer die Zuͤge betrachtete, und auf die ironiſche Zuſammenziehung der Lachmuskeln und die charakteriſtiſche Bewegung des Mun⸗ des, ſo wie die dunkeln Augenbrauen, achtete, mußte ſchon einen beſſern Begriff von dem Manne bekommen. Wollte aber ein Phyſiognomiker ſich noch genauer mit ihm beſchaͤf⸗ — 103— tigen, und ihn ſtundenlang nicht aus dem Auge laſſent, ſo wuͤrde er zuweilen die unter den Brauen gewoͤhnlich zuſam⸗ mengepreßten Augen weit offen, und Blicke aus denſelben vorſchießen geſehn haben, welche ein innewohnendes Feuer und zugleich den Willen und die Kraft verriethen, alles was ſichtbar um ihn her vorging, in ſeiner ſchaͤrfſten Skizzirung aufzufaſſen. Sonſt war eben keine in der Geſellſchaft beſonders her⸗ vortretende Figur, als unſer Held, mit ſeinem Fuͤhrer hinter ſich, in das Gaſtzimmer trat. Er begruͤßte den Wirth und die Verſammelten, ohne jedoch weder von jenem noch dieſen beſonders beachtet zu werden. Der Weißhut wandte ſich nach ihm um, brachte aber ſeinen Kopf eben ſo ſchnell in die vo⸗ rige Poſitur, als wolle er damit ausſprechen, wie leid es ihm thue, des Eintretenden willen ihn im geringſten aus ſeiner Ruhe gebracht zu haben; und der Wirth hob erſt dann ein wenig den ſeinigen, um die Natur des Ankommenden zu er⸗ fahren, als dieſer eine Kanne Porter verlangt hatte. Ein geſchickter Gaſtwirth kann mit wenigen Blicken erkennen, ob ein Gaſt aufzunehmen oder abzuweiſen ſei; unſer ſteinerner Mann verlaͤngerte aber ſeine Bedenkzeit durch eine lang ge⸗ dehnte Frage: 3u Fuß?— Ja, im Augenblicke zu Fuß, und fruͤher zu Schiffe.— Die ganze Equipage,— die der Mann da traͤgt?— Gegenwaͤrtig.— Ich habe Schiffbruch gelitten.— — 104— So, ſo!— Ja, Maſter Lolly, da fehlen zehn Pence am Schilling, und da ſechs Schilling am Pfund.— Ein Glas Porter! Hm, hm!— Der Porter iſt aufgeſchlagen!— Jeanny eine kleine Kanne Porter.— Ohne ſich weiter um den Gaſt zu kuͤmmern, rechnete er mit dem Direktor fort, und der junge Mann ſuchte ander⸗ waͤrts nach einem Platze, welchen er, mit dem einzigen lee⸗ ren Schemmel, ſehr natuͤrlich in der Naͤhe des Feuers, ein⸗ nahm, da das Feuer ihm eine waͤrmere Unterhaltung als die lebendige Geſellſchaft verſprach. Ein Reiſender, welcher lange des Umgangs mit gleichgebildeten Weſen entbehrt hat, pflegt, wenn er zum erſten Male wieder ſolche ſindet, waͤre er auch ſonſt ein Miſanthrop, nicht ſchweigſam zu ſein. Der unſrige ſuchte daher, obgleich ihm der Eintritt in das Zimmer wenig Muth gemacht hatte, alsbald ein Geſpraͤch anzufangen, und wandte ſich deshalb zuerſt an ſeinen Nachbar den Hollaͤnder: Wie ich ſehe, iſt heut hier Schauſpiel geweſen?— Der Minheer, ohne von ſeiner Pfeife aufzublicken, er⸗ wiederte: Wohl moͤglich. Es ſollen Komoͤdianten hier ſein.— Da⸗ mit hoͤrte das Geſpraͤch auf, der junge Mann aber ging, da⸗ von nicht abgeſchreckt, nun ſeinen Nachbar zur Nrchten den Zeitungsleſer und Weißhut, an: Sie, mein Herr, haben vermuthlich das Schauſpiel beſucht 2 Um dergleichen unnuͤtze Kuͤnſte, die das Geld dem Volk aus der Taſche locken, ohne wieder einzubringen, bekuͤmmere — 105— ich mich nicht,— erwiederte der Aergerliche; und die Unter⸗ haltung waͤre abermals abgebrochen worden, wenn er nicht zugleich, etwas unſanft den Arm des Reiſenden beruͤhrend, ihn gegen die Seite, wo die Schauſpieler ſaßen, geſtoßen haͤtte, und zwar mit den Worten: Von denen da kann der Herr Erkundigung einziehn. Ich,— und jeder ehrliche Britte— wird von den brodloſen Geſchichten eher nichts wiſſen, als bis es den erleuchteten Herrlichkeiten im Miniſterium einſt gefaͤllt, in dem unbeſtech⸗ lichen Parlamente eine neue Taxe durchgehn zu laſſen, daß die Armen monatlich ein Pfund zum Vergnuͤgen der Reichen zahlen ſollen. Fuͤr Bibliotheken, Antiquar⸗ und Gemaͤhlde⸗ ſammlungen muͤſſen wir ſchon zahlen, das Theater wird nun zunaͤchſt dran kommen, und dann werden wir auch die Dich⸗ ter zu beſolden haben, welche auf die Oekonomie von Herrn Caſtlereagh und Canning Lohgedichte ſchrieben. Armes Alt⸗England! Noch hatte der Reiſende Muth, und kehrte ſich zu einem Schauſpieler, der ihm zunaͤchſt, obgleich mit dem Ruͤcken zu⸗ gewandt, ſaß:. Es thut mir leid, nicht fruͤher hier angekommen zu ſein. Sie gaben heut das errettete Venedig, mein Herr?— Sie koͤnnen ſich gluͤcklich ſchaͤtzen,— ſagte der Schau⸗ ſpieler, indem er grade nur ſo viel den Kopf umbog, damit der Fragende auch die boͤſe Miene ſehn konnte, mit welcher er die verdrießliche Antwort gab,— denn der da hatte die — 106— Thorheit, noch von Pierre zu geben.(Er zeigte auf den Direktor.) Mich wundert, daß das Publikum bei ſolchem egoiſtiſchen Verkennen wahrer Talente das errettete Venedig nicht ſchon laͤngſt von der Buͤhne verwieſen hat, bis endlich die Polizei der Kritik in's Handwerk greifen mußte. Hier ſtieß der Direktor einen Seufzer aus und blickte aus ſeinem Kaͤfig wehmuͤthig nach der Gegend der Sprecher: Das arme errettete Venedig! Es fing grade in dieſen Zeitlaͤuften an, Epoche zu machen und ein Caſſenſtuͤck zu werden,— und da kommt der geheime Cabinetsbefehl: bin⸗ nen Jahresfriſt es nicht aufzufuͤhren. Ich gaͤbe lieber in fuͤnf Jahren kein Shakeſpearſches Stuͤck, koͤnnt ich noch zwoͤlf Mal mein armes Venedig agiren! Was! ſchrie der Weißhut, ballte die rechte Fauſt und drehte ſich nach dem Direktor zu,— Was?— Verboten? Das errettete Venedig verboten! Durch einen Cabinetsbe⸗ fehl verboten, nicht durch eine Bill, die beide Haͤuſer paſſirt hat, ſogar mit Verletzung der Form?— uUnd haben Sie nicht dagegen proteſtirt?— Armes Alt⸗England, wo begraͤbt man deine gemordeten Freiheiten? Mein armes errettetes Venedig! fuhr der Direktor fort. Der andere aber fragte⸗ Ein ſo treffliches Stuͤck! Aber was hat es begangen? Steht etwa drinnen eine Propoſition zur Dividende des Na⸗ tionalreichthums?— Nicht im geringſten, Herr Dulberry! Ich moͤchte ſi⸗ * — 107— gen, das Stuͤck iſt loyal.— Kein Menſch iſt ungluͤcklicher und gleicht mehr einer Wetterfahne, die auf den leiſeſten Windzug achten muß, als ein ungluͤcklicher Schauſpieldirek⸗ tor. Er muß, wenn der Feind draußen geſchlagen iſt, patrio⸗ tiſche Stuͤcke geben, ſonſt ſchlaͤgt Jan Hagel ihm die Fenſter ein; er muß, wenn das Volk ggitirt iſt, freiheitathmende Dramen ſpielen, ſonſt iſt das Theater leer; er muß aber auch loyal bleiben, ſonſt ſchließt ihm die Polizei die Thore; er muß Caſſenſtuͤcke geben, wenn er claſſiſche geben will, und er wird von allen Zeitungsblaͤttern herunter geriſſen, wenn er Caſſenſtuͤcke giebt. Sonſt war das anders.— Sonſt war's anders, Herr Lolly,— fuhr der Aergerliche fort. Jedes Stuͤck durfte gegeben werden, als noch das fremde Gold nicht in unſers Miniſterii Taſchen gewandert war, und die Tage von 1688 und 1715 und 1745 noch im Gedaͤchtniß lebten. Armes Alt⸗England! Hierbei ergriff der Mann wieder eifrig ſeine Zeitungen, ſchmauchte einige Zuͤge, ſtampfte auf den Boden und gab ſeinen Aerger zu erkennen, ſich in das Geſpraͤch der Wirths⸗ ſtube gemiſcht zu haben. Der Direktor wurde von neuem durch den unbarmherzigen Wirth auf ſeine Rechnung ver⸗ wieſen, und das kaum und mit Muͤhe angeknuͤpfte Geſpraͤch war abermals ausgegangen. Doch entſpann ſich bald ein neues uͤber die ſtreitige Rechnung. Der Wirth hatte ſo viel gegen die Rechnungslegung auszuſetzen, daß der Direktor endlich die Geduld verlor. Er ſprang ploͤtzlich auf, indem — 108— er bei der raſchen Bewegung ſeinen Gefangenwaͤrter beinahe umgeſtoßen haͤtte, ſetzte den Hut auf und trat ihm, aͤhnlich dem eingeſchloſſenen Hirſche, wenn er kehrt gegen den Jaͤger macht, mit den Worten entgegen: Sir! Sie gaben mir Ihre Rechnung und ich mache keine Ausſtellungen dagegen, außer wenn ich bezahlen ſoll, was ich nicht empfangen habe. Dies hier iſt meine Rechnung, die ich fuͤr mich anſtelle, und beim— ich moͤchte wiſſen, wer ſich darum zu bekuͤmmern hat, ob ſie richtig iſt oder nicht!— Der Ihnen und Ihrer Truppe Logis, Speiſe und Trank ſchon ſeit drei Wochen vorgeſchoſſen hat, und wenn naͤchſten Sonnabend nicht die Rechnung abgetragen iſt, Arreſt auf ſaͤmmtliche Habſeligkeiten legen wird.— Der aber,— ſiel der Direktor heftig in's Wort— nicht jeden Abend auf meine Caſſe Beſchlag legen und mich zwin⸗ gen kann, ihm Schilling fuͤr Schilling Eimahme und Aus⸗ lage zu berechnen.— Der aber der Ordnung wegen taͤglich revidirt und ein geſetzliches Pfandrecht auf Alles hat, was in ſein Haus ge⸗ bracht wird, und drum— Das waͤre eine Verſpottung aller Geſetze, des geheiligten Eigenthumsrechtsy meiner Freiheit! Eine ſo thoͤrige Anfor⸗ derung, als wenn jeder lumpige Reformer, weil er etwa fuͤr gelieferte Kraͤmerwaaren eine Forderung an die Krone hat, vom Kanzler der Schatzkammer eine Rechnungslegung aller Einkuͤnfte der vereinigten Koͤnigreiche verlangte.— —x2]— —+—— AM— — 109— Der Schauſpieler hatte ein uͤbles Gleichniß im Eifer der Vertheidigung gewaͤhlt; denn Maßer Dulberry wurde hierdurch abermals aus ſeiner philoſophiſchen Ruhe am Ka⸗ mine erweckt, und wider Willen in das Geſpraͤch gezogen, diesmal aber nicht zur Ver⸗heidigung des Direktors, ſondern um ihn von einer andern Seite anzugreifen. Thoͤrig, Herr Lolly? Wer berechnet uns denn nuſre Ta⸗ ken? wer ſieht nach, daß das Blut, was ſie den armen Leu⸗ ten aus den Adern preſſen, fuͤr das ganze Land verwendet wird? Etwa das Parlament, wo zwanzig feiſte Herren, die ſich Oppoſition, oder Whigs, oder wie's ihnen ſonſt beliebt, nennen, ſo lange gegen ihre Herrlichkeiten ſprechen, bis es denen beliebt, eine Sinecure ihnen an den Hals zu werfen, und andere junge Leute in die Stelle treten, um nach Aem⸗ tern ihre Redejagd anzuſtellen?— Nein, Herr Lolly, wenn's nicht noch ehrliche, rechtliche Leute, von altengliſcher Ein⸗ falt gaͤbe, die den Miniſtern, wo es iſt, entgegen traͤten und die Rechnungen uͤber den Staatshaushalt drucken ließen, dann gaͤbe es bald keinen Staatshaushalt mehr, und wir koͤnnten uns nur alle in die Sclaverei verkaufen, um die Ta⸗ ten zu bezahlen. Jeder Patriot, der rechnen kann, muß dem Staate nachrechnen, und weder Huſarenſaͤbel noch die Schlan⸗ genworte der Schriftgelehrten fuͤrchten. Der erhitzte Direktor fuͤhlte ſich ſtark genug, auch gegen den Reformer die Offenſive zu ergreifen. Ein ausgedoͤrrter Reformer, ſo ein aus Abſtractionen zu⸗ — 110— ſammengeſetztes fleiſch⸗ und ſaftloſes Gerippe, ein ganzer Menſch, welcher nichts weiter als ein Rechenexempel iſt, der, waͤhrend er Ordnung und Freiheit predigt, gegen alle Frei⸗ heit ſtreitet, der kann wohl gegen Staat und Kunſt und ge⸗ gen das Eigenthum losziehen und Narrheit wie die Gewalt⸗ ſtreiche lieben. Die Reformer ſind um kein Haar beſſer, als die verbrannten Schwaͤrmer der Rebellion, die auch den Staat und die Kirche nicht achteten, und— nie das Theater beſuchten. Man haͤtte erwarten ſollen, Herr Dulberry, den fruͤher jeder, ihn auch nicht im entfernteſten betreffende Umſtand aufreizte, werde bei dieſer offenbaren, und nur durch das er⸗ hitzte Gemuͤth des Direktors zu entſchuldigenden, Beleidi⸗ gung in Feuer und Flammen gerathen, und ſeinem Ingrimm vollen Lauf laſſen; im Gegentheil aber blieb er ganz ruhig⸗ denn ihn, der nur in Gedanken lebte, konnte auch nur der Gedanke reizen, waͤhrend er fuͤr peeſoͤnliche Beleidigungen/ Spott und Hohn kalt blieb. Er erwiederte nur wenige Worte und ſetzte dann ruhig hinzu: Immer hab' ich's geſagt, daß Komoͤdianten und alle unnuͤtzen Brodeſſer Torys ſind, und gegen die Nation.— Der Schauſpieldirektor wurde, vielleicht ſchon fruͤher „Wein aufgeregt, durch die kaltbluͤtige Bosheit des Witthes aber aufs außerſte gereizt, immer heftiger; und, wie in gehen pflegt, daß der Zornige ſeine ganze Wuth nicht ₰ — auf den, welcher ſie erregt hat, ſondern auf den Gegenſtand — N 2 S — 111— welcher ſich ihm zuerſt darbietet, auslaͤßt, ſo wandte er auch jetzt ſeinen Ingrimm vom Wirthe ab, und gegen den unſchul⸗ digen Maſter Dulberrv, der doch bei der Unterbrechung des Geſpraͤches nichts weiter bezweckt hatte, als ſeine bekann⸗ ten Grundſaͤtze uͤber Staats⸗Form und Reform, welche er bei jedem Thema anzubringen wußte, auch hier auszukramen. Unnuͤtze Brodeſſer iſt eine Inijurie. Ich habe Zeu⸗ gen und will die Klage gegen einen ſolchen gefaͤhrlichen, ſchaͤdlichen, unnuͤtzen Unterthanen anſtellen. Unnuͤtzer Unterthan iſt eine Injurie. Injurie ge⸗ gen Iniurie hebt ſich. Man ſollte nicht dulden, daß ſolche Landſtreicher welche Unzufriedenheit im Lande erregen, frei umherziehn. Was hin⸗ dert unſern Squire, dieſen gefaͤhrlichen Menſchen uͤber die Graͤnze zu ſchaffen!— Die Geſetze, Maſter Lolly!— ſagte der Reformer, der immer mehr in eine Ruhe verſank, welche den Andern außer ſich brachte. Er fuhr fort⸗ Sie verfuͤhren nicht allein die Jugend, ſondern auch be⸗ jahrte und wohlhabende Maͤnner, ſich nicht mehr den erlaub⸗ ten und geſetzlichen Vergnuͤgungen hinzugeben. Es iſt ein Aergerniß, in den Staͤdten, wo ihre Clubbs regieren, die lee⸗ ren Theater zu ſehen. Verkehr und Induſtrie hoͤren auf.— Deſto beſſer werden ſie einſt wiederkommen, wenn die Noth die Neichen zur Vernunft zwingt. — 11 Reiche ſind ohne Vernunft? Das koͤnnte zum Majeſtaͤts⸗ verbrechen gegen den Vagabunden werden. Dulberry wandte ſich, ohne zu antworten, an den Wirth, und ſagte: Herr Evan, wenn Sie nicht bald den Herrn dort zum Schweigen oder zur Thuͤr hinaus bringen, werde ich gegen Sie bei der naͤchſten Viertel⸗Seſſion Klage anheben: Wegen eulpoſer Zulaſſung gefaͤhrlicher Conſultationen und Stoͤrung des quasi-Hausfriedens. Ich habe gehoͤrt— ſagte der Direktor— einem Refor⸗ mer gingen nie die Gruͤnde aus; aber hier ſcheint es der Fall zu ſeyn, da er zum allerletzten— ihm fremden Mittel greift, zum Geſetze. Ein Freund der Nation redet da, und ſo lange als gu⸗ ter Boden iſt, wenn auch taͤglich die Sperlinge den hinge⸗ ſtreuten Saamen verzehrten; wo aber gar kein Grund und Boden iſt, ſchweigt er, denn es heißt: Vor Narren predigen Narren. Der Wirth war Herr uͤber Aerger und Zorn, und ver⸗ lor ſeinen wahren Vortheil nie aus den Augen. In dieſem Augenblicke waͤre der politiſche Streit beider Ehrenmaͤnner dielleicht weit ſchaͤdlicher geworden, als die unordentliche Rechnung des Dircktors; er ſtand daher von der weitern Verfolgung des letztern ab, und beeiferte ſich nur, die Ein⸗ tracht wieder herzuſtellen: Was, meine Herren? Habe ich meine Wirthsſtuhe als Bor⸗ Borplatz vermiethet?— Wer von Politik ſprechen will, der kann hinaus auf das Feld gehn und dem Winde predigen, oder nach London in die privilegirten Tavernen; hier aber muß Friede und Ordnung ſein, wie ich es dem Squire ver⸗ ſprochen habe. Alles dulde ich hier, Jedermann darf bei mir einkehren, was fuͤr ein Gewerbe er auch treibt, wenn er's bei ſich verantworten mag; denn unſere Stadt iſt ein Markt⸗ und Handels⸗Flecken am Meere, und ich dulde alles hier, alles, nur nicht Politik; denn wo Politik iſt, iſt auch die Polizei, und wenn die Polizei erſt viſitirt, iſt es aus mit Handel und Wandel, und ich will als ein ehrlicher Wirth Handel und Wandel aufrecht halten. Das iſt recht gehandelt!— ſcholl es von allen Seiten, und es ſchien ſelbſt, als bewege der Hollaͤnder freundlich ein⸗ ſtimmend ſeinen Kopf. Dulberry hatte ſchon vorher gezeigt, daß es ihm nicht darauf ankomme, den Kampf fortzuſetzen, und der Direktor war froh, bei dieſem politiſchen Streit ſei⸗ nen oͤkonomiſchen Gegner fuͤr heut vom Halſe geſchafft zu ſehn. Er raͤusperte ſich, nahm den Hut ab und ſetzte ſich nieder; dann aber, bedenkend, daß er durch einige wohlge⸗ faͤllige Worte dem Wirthe zugleich ſeinen Dank abſtatten und ſich ihm geneigt machen koͤnne, begann er von neuem in ru⸗ higerm Tone: Ganz recht, Herr Wirth! Ich wuͤrde an Ihrer Stelle auch niemals Politik dulden.— Solche Streitigkeiten tra⸗ ben keine Fruͤchte, außer heiſere Kehlen den Bünbeen⸗ und I. Bd. 3 — 114— Ihre Wirthſchaft iſt wohl beſſer baſirt, als daß Sie darauf,. wie andere Knauſer von Spekulanten, rechnen, daß heiſere Kehlen mehr trinken als geſunde.— Zudem ſind ja unſere Re⸗ former keine Freunde der Gaſtwirthe, da ſie nicht Wein trin⸗ ken, nicht Kaffee, Thee, nicht Bier, ja nicht einmal gebrann⸗ tes Waſſer, nach welchem doch oft die Begeiſterung ihrer Redner ſchmeckt. Maſter Dulberry verhielt ſich ganz ruhig, als hoͤre er dieſen Angriff nicht, und der Wirth nahm ſeine Partie: Keine Beleidigung gegen irgend Jemand. Jedermann laſſe ich ſeinen Willen, er mag trinken oder nicht. Die Re⸗ former moͤgen auch gute und ehrbare Leute ſein, wie denn Niemandes Gewiſſen einen Andern angeht, am allerwenigſten den Wirth.— Dem Reiſenden war die Unterhaltung nicht erwuͤnſcht. Kaum, daß es ihm gelungen, ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen, ſo erhielt es eine politiſche Wendung und ſchloß mit einer Erbitterung, deren Ausbruch in offenbare Feindſeligkeit nur durch die Umſtaͤnde verhindert zu werden ſchien. Er haͤtte gern ein Geſpraͤch angefangen, welches ihn mit den Merkwuͤrdigkeiten von Wales, und beſonders denen der naͤch⸗ ſten Umgegend, bekannt gemacht haͤtte; bei dieſer Stimmung der Gemuͤther mußte er indeſſen die Hoffnung aufgeben, und wartete beim Porter ruhig die Gelegenheit ab, wo ohne ſein Zuthun das Geſpraͤch eine guͤnſtigere Wendung nehmen duͤrfte. Das Gluͤck beguͤnſtigte ihn gewiſſermaßen, indem er nicht —2—— G GB————. lange zu warten brauchte, bis er ſelbſt die Aufmerkſamkeit der Anweſenden auf ſich zog. Er hatte eben einen Zug Por⸗ ter getrunken, als eine helle hohe Flamme vor ihm aufſtieg, gleich als wuͤrde ploͤtzlich das Zimmer von einem Blitze er⸗ leuchtet. Als er ſich umblickte, ſah er ſeinen reformirenden Nachbar zur Salzſaͤule verwandelt auf dem Stuhle ſitzen. Der Mund war geoffnet, das Auge ſtarrte weit vor ſich hin, die eine Hand war geballt und die andere mit dem Arme niedergeſunken. Ihm war das große Zeitungsblatt entfallen und, von den Kohlen des Kamines angezuͤndet, aufgelodert, ſo daß man nur noch die glimmende Aſche bemerkte. uUms Himmelswillen, Herr Dulberry, was giebt es?— er⸗ toͤnte es von allen Seiten. Der Mann ſchien aber auch fuͤr einige Secunden die Sprache verloren zu haben, denn er mußte erſt aufſtehn, ſeinen Hut haſtig abnehmen und wieder aufſetzen, ehe er einen Laut von ſich geben konnte. Was giebt es, Herr Dulberry? ſchrie ahermals die von allen Seiten ſich erhebende Geſellſchaft.— Iſt die Silber⸗ flotte verſunken? Hat Bolivar die Royaliſten geſchlagen? Wird die Oeſterreichiſche Anleihe gezahlt? Iſt Napoleon ent⸗ ſprungen?— Weit Wichtigeres, weit Himmelſchreienderes, meine Herren! Ein Englaͤnder iſt in Frankreich gefangen und der Regierung ausgeliefert worden. Meine Herren, ein Englaͤnder— ein Englaͤnder!“ Wie, woher, unter welchen Umſtaͤnden? ſchrie es von — 116— allen Seiten.— Die Franzoͤſiſche Regierung hat ihn ge⸗ fangen? Nein, die Engliſche! Das Blutbad von Mancheſter, wo die Huſaren, ohne daß die Aufruhrakte geleſen wurde, in das ruhig verſammelte Volk einhieben, wo Hunderte meiner Mit⸗ buͤrger bluteten unter den Saͤbeln der Rothroͤcke und unter den Hufſchlaͤgen ihrer Pferde, das Blutbad von Mancheſter⸗ meine Mitbuͤrger, iſt, ſage ich, nichts gegen den neuen Fre⸗ vel gegen unſere Geſetze, gegen die Freiheit, gegen die habeas corpus-Akte. Und auf Franzoͤſiſchem Geund und Boden hat ihn un⸗ ſere Regierung ergreifen laſſen, das waͤre ja eine Beleidigung der Franzoͤſiſchen Autoritaͤt?— Ja in Frankreich iſt er ergriffen. Wie aber ging das zu? Als er eben auf der Inſel Wight in den Kahn geſprun⸗ gen, um nach Frankreich uͤberzuſchiffen, packte man ihn von hinten und zog ihn auf's Land zuruͤck. Dann hat man ihn aber nicht in Frankreich, ſondern noch in England ergriffen.— Mit nichten, Ihr Herren, ſobald der Englaͤnder ſeine Abſicht ausdruͤckt, nach Frankreich zu gehn, und ſie in der Art in's Werk geſetzt hat, daß er von der Engliſchen Kuͤſte in's Schiff geſtiegen iſt, ſo iſt er nicht mehr in England, ſondern in Frankreich, es waͤre denn, daß er einen Proteſt dagegen aufnehmen laſſen. — 117— Nicht alſo, Herr Dulberry, ſchrie es von mehreren Sei⸗ ten. So weit die Engliſchen Kanonen reichen, eine Meile in's Meer, iſt Englaͤndiſcher Grund und Boden noch. Mit nichten, Ihr Herren. England iſt nur wo Land iſt⸗ wie der Name beſagt, und wo Meer iſt, iſt kein Grund und Boden. Zum Beſitz gehoͤrt,— wie Blackſtone ſagt— der Wille zu beſitzen und der Beſitz felbſt; ebenſo zum Auf⸗ enthaltsort eines Menſchen der Wille, ſich dort aufzuhal⸗ ten, und der Aufenthalt ſelbſt. Da nun der Englaͤnder ſich in England nicht mehr aufhalten wollte, ſo war Eng⸗ land auch nicht, mehr ſein Aufenthaltsort, und wo Je⸗ mand ſich nicht aufhaͤlt, kann er auch nicht ergriffen wer⸗ den, darum iſt er er mit voͤlligem und himmelſchreiendem unrechte in Wight ergriffen worden. Aber ich kann,— ſagte ein Anderer,— auf den naͤcht⸗ lichen Dieb, auch wenn er ſchon aus meinem Hauſe hinaus iſt, doch ſchießen? Der Gerichtsdiener darf aber nicht in Euer Haus tre⸗ ten um Euch zu verhaften, und ſtaͤnden auch alle Thuͤren offen, wenn Ihr nicht: Herein“ ruft, oder ſonſt Euren Willen, daß er herein komme, zu erkennen gebt; woraus klar erhellet, daß allein in Eurem Willen Euer Hausfrieden und Recht und Euer Aufenthaltsort liegt, und Englands alte Geſetze himmelſchreiend durch die Verhaftung verletzt ſind. Es ging ein Murmeln durch das Zimmer, welches aus⸗ druͤckte, daß die Menge zweifelhaft war, ob ſie dem Vortrage — 118— Dulberrys beiſtimmen ſolle oder nicht. Dieſen guͤnſtigen Augenblick benutzte der letztere, trat ploͤtzlich auf ſeinen Stuhl,⸗ ſchwenkte den Hut und ſprach:. Gentlemen! Es iſt wohl Niemand unter uns, der dieſen neuen unerhoͤrten Eingriff in die Privatrechte Alt⸗Englands nicht aufs hoͤchſte mißbilligt. Ich werfe meine Augen um⸗ her, und erblicke im Zimmer ſo manchen Freund der Regie⸗ rung, ſo manchen unbeſonnenen Vertheidiger ihrer angemaßten Vorrechte; aber auch dieſe Herren ſchlagen ihre Blicke nie⸗ der, im Bewußtſein, daß dieſesmal ihre Vertheidigung ſchlecht ausfallen duͤrfte. Ja, Gentlemen, unſere Miniſter haben durch die Alien⸗Bill England vor den huͤlfsbeduͤrftigen Frem⸗ den verſchloſſen, ſie haben Alt⸗Englands hochgeruͤhmte Gaſt⸗ freiheit,— weil ſie alle Freiheit verfolgen,— durch einen Machtſchlag vernichtet. Sollen wir es dulden, daß ſie auch noch das weite Ausland dem Englaͤnder verſchließen, daß ſie ihre Enterhaken bis in die weite Ferne nach ungluͤcklichem Engliſchen Blute auswerfen? Nein, meine Herren, hier ſteht vor Ihnen ein Engliſches Herz:— Alt⸗England fuͤr immer! rufe ich, auch in meiner Todesſtunde noch— und ich ſtimme dafuͤr, eine Adreſſe an den Regenten hier aufzuſetzen, und Unterſchriften zu ſammeln: daß Se. Koͤnigl. Hoh. geruhen moͤge, wegen der letzten geſetzwidrigen Gewaltthat ihr Miniſterium zu ent⸗ und aus patriotiſchen Maͤnnern ein neues bilden zu laſe ſen.— — 119— Der Redner ſtieg vom Stuhle herunter, und erwartete, daß ein Freund oder Feind ſeinen Platz einnehmen werde; es ſchien aber Niemand Luſt zu haben fuͤr das Vaterlandswohl ſeine Bequemlichkeit aufzuopfern. Man murmelte. Einige waren durchaus abgeneigt, unter denen beſonders der Wirth ſich hervorthat; Andere ſchienen geneigt, wenn auch bloß aus dem Grunde, weil das Stimmenſammeln zu Adreſſen einmal zur Hauptunterhaltung unſerer Tavernengeſellſchaften gehoͤrt; ehe indeſſen etwas geſchah, rief man: Wer denn der Verhaf⸗ tete ſei? Dulberry antwortete: Thut der Name, thut der Stand etwas zur Sache? Iſt es nicht genug, wenn wir hoͤren, daß ein Englaͤnder auf ſolche Weiſe verhaftet worden?— Wie aber— ſprach der dunkle Mann aus der Ecke— wenn der Verhaftete ein Ehrenmann geweſen, der ſeinen Waͤchtern aus dem Tollhauſe entſprungen und in's Meer ge⸗ laufen?— SHat die Regierung kein Recht, ihn wieder zu ergreifen — fiel ihm Dulberry in's Wort. Das allgemeine Gelaͤchter zeigte ihm indeſſen bald, wie er in ſeinem Eifer zu weit ge⸗ gangen ſei. Von allen Seiten rief man jetzt lauter als zu⸗ vor: Wer iſt der Verhaftete? und der Redner ſah ſich gend⸗ thigt, um nicht alle Popularitaͤt zu verlieren, von der Strenge ſeiner Grundſaͤtze und Regeln abzulaſſen. Es iſt Einer der ungluͤcklichen Verfolgten, James Richols, meine Herren, iſt ergriffen. — 120— James Nichols!— ſchrie man von allen Seiten.— Ja⸗ mes Nichols von Catoſtreet! Ja, meine Herren, auch er wird bald das Schickſal Ar⸗ thur Thiſtlewoods und der andern Ungluͤcklichen, die mit ihm ſtarben, erfahren. So lange es ihm gegluͤckt iſt, ſich den Nachforſchungen ſeiner grimmigen Feinde zu entziehn, um ſo bitterer wird der Tod ihm nahen. Ja, meine Freunde, wir werden ihn ſehen mit dem Stricke um den Hals die Lei⸗ ter beſteigen, wir werden den Henker ſehn, den verhuͤllten Henker, das Beil erheben, um mit furchtbarer Grauſamkeit dem hingewuͤrgten Leichnam den Kopf abzuſchneiden.— Er wollte weiter fortfahren, durch eine Rede, welche das Mitleiden erweckte, die Menge zu haranguiren, der beſſere Sinn in derſelben widerſetzte ſich aber dieſen Kuͤnſten, indem Viele dem Redner kurzweg erklaͤrten fuͤr einen Verſchwoͤrer von Catoſtreet keine Adreſſe zu unterſchreiben. Meine Herren! unterbrach Dulberry, die Stimmen aber uͤberſchrieen ihn. Ein Buͤrger ſagte: Es gab viele Wege, die Miniſter fortzuſchaffen. Wer aber, wie die Catoſtreetverſchwoͤrer, beabſichtigte, die Mini⸗ ſter naͤchtlich bei der Abendtafel umzubringen, iſt ein gemei⸗ ner Moͤrder, um den kein Altengliſch Herz eine Adreſſe u un⸗ terſchreibt. Gentlemen! Die Geſetze reden von der Nothwehr, und wie Billingham den Percewal einſt erſchoß, ſo giebt es Faͤlle— — 121— Nichts davon! tobte die Menge.— Moͤrder bleiben Moͤr⸗ der!—— Noch gab der geſchlagene Redner den Muth nicht auf. Er beſtieg von neuem den Stuhl und ſprach mit ſehr freund⸗ licher und gelaſſener Stimme: Gentlemen! Iſt wohl Jemand unter dieſer geehrten Menge, der den hingemordeten Arthur Thiſtlewood, der Pre⸗ ſton, der alle ſeine Gefaͤhrten einer ſolchen Mordabſicht, we⸗ gen welcher ſie angeklagt, verurtheilt und hingerichtet wor⸗ den, fuͤr faͤhig haͤlt?— Iſt wohl Jemand von ſo beſchraͤnk⸗ ten Anſichten, daß er nicht in das Spiel unſeres Miniſte⸗ riums hineinſchaut, daß er nicht klar ſieht, wie die ganze Verſchwoͤrung nirgends anders als in dem Kopfe eines Caſt⸗ lereagh, eines Canning, Liverpool eriſtirt hat, wie nicht die in Catoſtreet Verſammelten das verſammelte Miniſterium an Lord Harrowbys Hauſe uͤberrumpeln, ſondern die bei Lord Harrowby verſammelten Miniſter die unſchuldige Verſamm⸗ lung der Freunde des Volks in der Catoſtraße unverſehens gefangen nehmen wollten, um Suͤndboͤcke ihrer Schuld zu finden? Meine Herren, es iſt ein arges Spiel mit uns ge⸗ ſpielt worden, aber Alt⸗Englands Waͤchter ſind noch nicht eingeſchlafen. Wir ſehn durch die Netze und Blendſpiegel, wir wiſſen, daß die ganze Catoſtreetverſchwoͤrung eine Fic⸗ tion der Miniſter war, um die Freunde des Volks in's Ver⸗ derben zu locken; wir wollen uns nicht in's Verderben locken laſſen; und wer ruft nicht mit mir:— Wir wollen keinen Betrug, wir wollen kein beſtochenes Parlament, wir wol⸗ len— Der Rener ſah ſich um, aber kein Mund war zum Echo ſeiner Wuͤnſche geoͤffnet. Wir wollen Kammerlaquaien des Marquis London derry werden! rief er aͤrgerlich aus, ſetzte den Hut auf und ſprang vom Seſſel herunter. Maſter Dulberry!— ſagte der Wirth zu ihm— ſo geht's nicht. Wer bringt denn Toaſts ohne Porter und Wein aus, und wer ſpricht ſie nuͤchtern nach?— In meiner Jugend war ich zwar auch ein Narr, der ſich in alles miſchte; poli⸗ tiſche Geſundheiten habe ich aber nie getrunken, wenn ich nicht vorher ein wenig betrunken gemacht war. Alſo der Nichols iſt ergriffen? ſagte Maſter Blooding⸗ ſtone, der Schlaͤchter.— Ich glaubte nicht, daß der ſich ſo wuͤrde faſſen laſſen wie ein Lamm. Er kannte, wie die Blind⸗ ſchleich und Feldmaus, jede Ritze und jedes Loch am Ufer, und wenn's zum Stehn kam, war er ein Waͤlſcher Ochs, der vier Reiter umrennt. posito— erwiederte der Alderman Graveſand— indem er in bedeutungsvollem Takte ſeine Tabacksdoſe zu⸗ klopfte— vor den Geſetzen und deren Handhaben wird auch das wilde Schwein zum Kaninchen, wie ich mich deſſen aus den neunziger Jahren erinnere. Wenn der Conſtabel den Stab ſchwingt, posito, das iſt eine Bewegung als wie Joſua der Sonne befahl ſtill zu ſtehn. — 123— Sie ſtand aber nicht ſtille! ſagte Dulberry. Das ſind die verruchten Lehren von Payne und Car⸗ lisle, ſagte die aͤrgerliche Gerichtsperſon— posito ſie waͤre wirklich weiter gegangen, ſo hat ſie doch auf Joſuas Befehl ſcheinbar ſtille geſtanden. So ſteht auch der Poͤbel ſtille, und waͤre er toll wie das Meer, wenn der Conſtabel vortritt, und ſo mußte ſich der Nichols auch wohl ergeben. Ich kann's nur nicht begreifen— ſagte der Wirth— wie ein ſo kluger und gewitzigter Kopf, als Nichols, ſich in die politiſchen Haͤndel gemengt hat, die nichts einbringen als blutige Koͤpfe und ein Bischen Ruf, der auch eine Kirchen⸗ maus nicht ſatt macht. Waͤr' er ehrlich geblieben und haͤtte ſich mit den verfaͤnglichen Dingen nicht abgegeben, konnte er in ein Paar Jahren ein reicher Mann geworden ſein, denn er hatte Credit bei den beſten Kaufleuten in Amſterdam und Antwerpen, und von andern will ich nicht reden. Einige fragten: ob Nichols ein angeſehener Kaufmann in dieſer Gegend geweſen ſei? der Wirth gab zuerſt nur eine ſchweigende Antwort durch Laͤcheln und ſchlaues Kopfſchuͤt⸗ teln, und ſetzte dann hinzu: Angeſeſſen war er wohl weder hier noch ſonſt irgendwo; und die Leute ſagen ſogar von ihm, er haͤtte ſich, ſo lange er am Lande war, niemals hingeſetzt und hingelegt, was ich aber nicht glauben kann, denn in meiner eigenen Stube mag er an zehn Mal geſeſſen haben, und grade auf dem Sche⸗ mel, wo der Herr da ſitzt, ſaß er mehrmals, wie ich nachher — 124— erfuhr als Handwerksburſch, und ſtritt mit mir um Heller und Pfennig fuͤr eine halbe Kanne Ale. Die Anweſenden blickten hierbei neugierig auf den jun⸗ gen Mann, der Wirth aber fuhr fort: 3 Eben ſo wenig als angeſeſſen kann man ihn einen Kauf⸗ mann nennen, denn er hat niemals die geringſten Waaren beſeſſen, ſondern er trieb ſo gewiſſermaßen einen Spe⸗ ditionshandel im Großen, aber einen gefaͤhrlichen; wo's an den Hals ging, wenn's ihm mißlang. Indeſſen er konnte ſicher ſein, denn ſolch einen ſchlauen Kaufmann hats ſeit Owen Owalys Zeiten“) nicht gegeben, und er hat unſer Land mit vieler wohlfeiler Waare verſorgt, weshalb ich ihm nicht die ewige Verdammniß wuͤnſchen will, wenn der Strick ihm umgeſchnuͤrt wird. Ihr habt ihn alſo naͤher gekannt, Gevatter Evan? fragte der Schlaͤchter. Gekannt, Meiſter Bloodingſtone, und nicht gekannt. Zehn Mal hat er in meiner Stube geſeſſen, und nie habe ich es eher gewußt, als wenn er laͤngſt wieder fort war. Einmal als Bettler, der ſich in den Winkel verkriecht; einmal als Handwerksburſch, der den Pfennig dreimal umdreht, che er ihn ausgiebt; dann als Lord, der die Guineen mir um den Kopf warf; und ein Mal als Dragonerofficier, der mich aus⸗ *) Vermuthlich ein Schleichhändler an den Küſten von Wales. Die Geſchichte ſchweigt von ihm. A. 3, I. A. 1 u—*— g 1 uum. So oſt ich ihn unn geſehn habe, würde ich ihn doch — 125— pruͤgeln wollte, weil ich den ſchurkiſchen Nichols fraͤher nicht feſtgehalten haͤtte. Er riß mich an der Gurgel und machte einen Laͤrm, daß alle Nachbarsleute und die Waͤchter in die Stube ſtuͤrzten; derweil hatten ſeine Leute bei hellem Mit⸗ tage die Wagen uͤber den Markt gefahren. Ja, er hat tuͤchtige Leute, ſagte Alderman Grapeſand— ſtarke Kerle, Veraͤchter des Geſetzes, aber ſie bezahlen und eſſen gut. Wetter noch einmal; nach der großen Getreide⸗ expedition Anno 14 waren's reiche Leute! Meinen ganzen Baͤckerladen raͤumten ſie in zehn Minuten aus, und Ihr, Meiſter Wirth, habt auch nicht dabei gelitten. Nicht doch, Alderman Graveſand, ich halte es immer mit ehrlichen Leuten, und bekuͤmutere mich um nichts. Aber der Herr war doch noch kluͤger als ſeine Leute. Wißt Ihr noch, wie er bei mir den Wirth agirte? Ich war damals in Portsmouth. 3 Nun Ihr wißt, ich war aufs Land gegangen. Als ich langſam zuruͤckkehre, ſtuͤrzt ein Menſch athemlos bei mir voruͤber; viele Zoll⸗ und Acciſereiter ihm nach. Waͤhrend ſie mich nach dem Fluͤchtling fragen, iſt der durch Kreuz⸗ und Querwege in meine Wohnung geſtuͤrzt, macht hier meine Schuͤrze um, und ſpielt, als die Reiter eintreten, meine eigene Perſon, ſchenkt Bier und Branntewein, flucht auf den Nichols, und derweil die ihm durch die Gaͤrten nachzogen, geht er uͤber den Markt zum Thore hinaus und auf und da⸗ — 126— nicht wieder erkennen, denn immer iſt es ein fremdes Geſicht und ein fremder Mann⸗ Der Schauſpieldirektor ergriff hier das Wort, und ſagte: Wenn Jedermann hier von dem merkwuͤrdigen Manne zu ſprechen weiß, ſo kann ich vielleicht die beſten Schluͤſſel uͤber ſeine chamaͤleontiſche Natur ertheilen. Nichols war fruͤ⸗ her in meiner Truppe/ und waͤhrend Jedermann ihn zum Tyrannen fuͤr geboren hielt, und er ihn auch recht gut ſpielte, uͤbte er ſich in der Stille ganz im entgegengeſetzten Felde⸗ und trat unverſehens als der beſte Komiker auf. So ſetzte er ſein Studium fort, bis er alle Rollen ſpielte und ſelbſt kaum mehr zu wiſſen ſchien, welches ſeine eigene im Leben ſei. Als aber alles durchgemacht war, hielt er's nicht mehr aus, und fing das gefaͤhrliche Leben wieder an. Seht Ihr, Gevatter Wirth,— ſagte der Schlaͤchter,— das iſt der Grund, weshalb er ſich angeſchloſſen hat an Thiſt⸗ lewood und Preſton. Nehmt mal einen ordentlichen Stier aus Carnarvon und ſpannt ihn in den Pflug: er ſtoͤßt, und reißt und geht Euch durch. Sein heißes Blut macht ihm ſolche gewoͤhnliche Beſchaͤftigung bald zuwider, und er muß ſtuͤrzen und ſtoßen, bis er dem Meiſter mit dem Meſſer in die Hand laͤuft,— dann laͤuft's heiße Blut raus, und mit dem Menſchen iſt's aus. Ich kann mir denken,— ſagte der Schauſpieldircktor— daß ihm das Einſchwaͤrzen von Ballen Leinewand, Getreide und Weinfaͤſſern bald langweilig geworden, und ſein Geiß⸗ — — 1727— wenn er's auch im Großen trieb und viel Gefahr dabei war, doch nach noch groͤßern und gewagtern Unternehmungen ver⸗ langte. Man ſagt— ſiel der Wirth ein— er habe ſich hier auf dem Lande verliebt, und das haͤtte ihn ganz„oll gemacht. Ich habe gehoͤrt, daß ein Antwerpner Kaufmann eine große Expedition, die er ihm uͤbertragen wollen, aus dem Grunde zuruͤckgenommen; denn er ſoll mitunter verkehrtes Zeug daruͤber ſprechen, und unter andern geaͤußert haben:„Ein⸗ mal die Schoͤne zu ſehn, waͤre ihm mehr werth als tauſend Guineen.“ Wenn das wahr iſt, laͤßt ſich's wohl denken, daß der ganze Antwerpner Handelsſtand ſeine Hand von ihm ab⸗ zieht; und wenn das wahr iſt, erklaͤrt ſich's, warum er unter die Rebellen gegangen iſt.— Viele lachten hierbei laut auf, und riefen im Tone des Zweifels und der Verwunderung: Nichols verliebt! Der Re⸗ former aber ſagte: Wenn Nichols ſolche thöͤrige Worte geaͤußert hat, ſo werden ſie noch aus den Zeiten ſeiner Thorheit— dem Schau⸗ ſpielerſtande— ſich herſchreiben.. Maſter Bloodingſtone aber meinte: Richols verliebt, heißt grade ſoviel als wenn Ihr ſagtet, Robin, mein Bullenbei⸗ ßer, habe eine zarte Neigung zu dem Ochſen, den ich heute ans Strawdown eistrieb. Warum hat er denn ſein fruͤheres eintraͤgliches Geſchaͤft— und auch ein ehrenvolles— aufge⸗ geben? Er war gewiß ein Kaperhauptmann wie Einer, und — 128— hat mit ſeinem Kaperbrief von Artigas“) den Spaniern mehr Schaden gethan als Elliot, ſeligen Andenkens. Der Inva⸗ lide, der am Thor die Feuerſteine verkauft, hat unter ihm gedient, und erzaͤhlt gern davon, wie Nichols, oder wie ihn das Spaniſche Geſindel damals nannte, das Spaniſche Sil⸗ berſchiff, die Sennora dos Ricos, geentert und alle Spanier uͤber Bord oder uͤber die Klinge ſpringen laſſen. Wetter noch mal, da gabs noch mehr zu verdienen, als wenn er mit Min⸗ heer van der Vanſen handelt, wieviel Procente er vom Pa⸗ ket Taback erhalten ſoll! Es iſt ein unruhiger Kopf, und das iſt die Loͤſung vom Naͤthſel; und wenn es den Leuten aus Catoſtreet auch gelungen waͤre, Ihro Herrlichkeiten in Gros⸗ venor Square zu fricaſſiren, und Nichols von John Bull und allen Weißhuͤten und Rothmuͤtzen aus der City und Weſtminſter waͤre auf Haͤnden getragen worden, er haͤtte es doch bald ſatt bekommen, und mit Hunt und Watſon von Neuem angebunden.— Nun wird wohl unſer Richard der Dritte, unſer Shewa und Shylock durch den Strick zur ewigen Ruhe gelangen— ſagte der Direktor. . Mel⸗ *) Ein Abenteurer, welcher ſich während der Südamerikaniſchen Bürgerkriege eine bedeutende, unabhängige Macht erworben hatte, und den Portugieſen und der neuen Republik Buenos Ayres gleich furcht⸗ bar war, ſeit einigen Jahren aber verſchollen iſt. A. d. ü. 3. I. A. — 129— Meldet die Zeitung ſchon, mit welchem Schiffe er nach England gebracht wird? fragte der Alderman den Reformer. Mit dem Dampfboot Halcyon. Noͤchte das Meer es verſchlingen oder ein Columbiſcher Corſar es aufbringen, um den armen Nichols aus Henkershaͤnden zu retten!. Jetzt fand der Reiſende Gelegenheit, ſeine eigne Perſon gelten zu laſſen. Welcher meiner juͤngeren Leſer hat nicht ſchon eine aͤhnliche Freude empfunden? Wenn ein dem Kna⸗ ben⸗Alter kaum Entwachſener in der Geſellſchaft aͤlterer Leute zum erſtenmale nach langer ſchweigender Aufmerkſamkeit ein ſchuͤchternes Wort dazwiſchen zu reden wagt, uͤberfliegt ihn dann nicht eine hohe Roͤthe, welche dieſelben Gefuͤhle der Schaam und der Freude ausdruͤckt, die unſern jungen Par⸗ lamentsredner, wenn er ſeine Maidenſpeech*) geſprochen und ſich niederſetzend den Kopf bedeckt, bewegen? Warum tadeln unſere Moraliſten ſo ſehr dieſe Eitelkeit? Iſt es nicht ein unſchuldiges und zugleich erhebendes Gefuͤhl, welches dem jungen Manne ſeinen Werth in dem erſten Siege uͤber die Verhaͤltniſſe zeigt? Dieſes Anſtreben nach Anerkennung des inneren Werthes iſt der menſchlichen Natur angeboren, und nur ein reiner Engel oder der zum Thiere herabgeſunkene Menſch kennt es nicht.— Ihr Wunſch, Herr Dulberry, iſt erfuͤllt. Der Haleyon ———— Jungfernrede. Se nennt man die erſte R ten Partamentsgliedes. 1. Be. ede eines neu erwähl A. d. U. z. I. aI. 3 . 1.9.] — 130— iſt an dem Briſtoler Kanal geſcheitert, und Mann und Maus untergegangen. Woher wiſſen ſie das? rief man von allen Seiten. Weil ich ſelbſt als Paſſagier darauf befand, und nur durch beſondere Fuͤgung dem Wellen⸗Tode entronnen bin.— Man kann leicht denken, wie unſer Held jetzt von allen Seiten mit Fragen beſtuͤrmt wurde. Scheint es doch oft, als wollte das Londoner Publikum, wenn Neuigkeiten in Lloyds Kaffeehauſe angeſchlagen ſind, von dem todten Pfei⸗ ler, an welchem das Papier haftet, Auskunft erpreſſen; um wie viel ſtaͤrker laͤßt ſich ein ſolcher Trieb bei dem neugieri⸗ gen Publikum einer kleinen Graͤnzſtadt erwarten, wenn kein Pfeiler, ſondern ein lebendiger Menſch vor ihm ſteht. Der junge Mann erzaͤhlte, was wir bereits von dem Schiffbruche wiſſen, konnte oder wollte aber eben ſo wenig uͤber die er⸗ trunkenen Paſſagiere, als den in Wight gefangenen Verbre⸗ cher, Auskunft geben. Uns kuͤmmern weniger die verſchie⸗ denartigen Ausbruͤche der Verwunderung, des Mitleids oder anderer Theilnahme der Menge an dem Schickſal des Schif⸗ fes und ſeiner Bemannung, als die neu erweckte Theilnahme fuͤr die Perſon des Erzaͤhlenden. Der Schlachter ſtieß auf ſeine Geſundheit an, der Alderman noͤthigte ihn, ein Glaͤs⸗ chen Lebenswaſſer mitzutrinken, und der Hollaͤnder ſchielte nach ihm hin, als er ſeine Pfeife ausklopfte; am meiſten an⸗ geregt aber fuͤhlte ſich Maſter Dulberry. Er fragte: — 131— Alſo zerſprengt iſt die Dampfroͤhre, und dadurch ſind ſo viele Englaͤnder verungluͤckt? Ja, die Dampfroͤhre ſprang, und vermuthlich mit ihr zu⸗ gleich die Pulverkammer, ſo daß Jeder, der nicht vorher uͤber Bord geſtoßen und geſprungen war, ſchon allein durch das Springen und Auffliegen den Tod finden mußte. Alſo zerſprengt und aufgeflogen,— rief Dulberry aus— ſind unſre Engliſchen Landsleute, und durch weſſen Schuld? Wem, Gentlemen, leuchtet nicht ein, daß allein die Miniſter und das Parlament dieſe tragen? Als vor einem Jahre Herr Bennet den Antrag machte:„kein Dampfſchiff ſolle vom Stapel laufen, ohne vorher durch Ingenieure gepruͤft zu ſein war das Haus nicht gleichguͤltig und lau geſinnt, und lachte nicht Lord Sidmouth und Herr Vanſittart uͤber den Eifer des ehrenwerthen Herrn?— Tauſende ſind geſpendet worden, um die verkohlten Manuſcripte von Pompeji und Hereulanum aufzu⸗ rollen; man hat Deutſche Profeſſoren heruͤber gerufen und fuͤr Engliſche Faullenzer Sinecuren geſtiftet. Iſt in einem der Ma⸗ nuſcripte eine neue Magna Carta, eine neue Bill of Rights enthalten? Nein. Etwa eine neue Anweiſung, die Wolle zu kratzen? Keinesweges. Iſt ſonſt etwas darin zum Nutzen und Vortheil und zur Freiheit des Brittiſchen Volkes? Mit nich⸗ ten. Warum ſchabt man die werthloſen Kalbshaͤute ab, nach⸗ dem man das Brittiſche Volk geſchunden hat? Uum Sinecu⸗ ren zu ſtiften. Gentlemen, man laͤßt das arme Volk darben, um das reiche reicher zu machen; man hoſirt den Europaͤt⸗ — 132— ſchen Hofgelehrten, und laͤßt Englaͤnder wider Recht und Geſetz in die Luft fliegen. Gentlemen, ich ſtimme fuͤr eine Adreſſe an das Parlament— Nichts von Adreſſe— ſchrie die Mehrzahl— keine Adreſſe! 8 Das Abendeſſen iſt fertig, meine Herren! rief der Wirth, und ſchon offnete ſich die Thuͤre, durch welche ein freundli⸗ cher warmer Pudding⸗Roſtbeef⸗ und Fiſch⸗Geruch in die Stube drang, welcher beſonders fuͤr unſern erſtarrten und lange der ſtaͤrkenden und geſunden Koſt entwoͤhnten Reiſen⸗ den willkommen war. Es folgten Aufwaͤrter und Maͤgde, welche die Speiſen hereintrugen und kleine Tiſche fuͤr die verſchiedenen Gruppen der Gaͤſte deckten. Auch unſer Held wollte ſich nach einem Platze umſehen und berechnen, welche Speiſe fuͤr ihn die angemeſſenſte ſei, als er einen freundli⸗ chen Druck auf der Schulter fuͤhlte und beim Umblicken den Herrn aus der Ecke ihm zufluͤſtern hoͤrte: Furchten Sie nicht den Platz im W .* ich/ Sie werden mein Gaſt beim frugalen Nachenahl ſein. Ein wenig Waͤrme nach der Erſtarrung und dann gute Laune wuͤrzt jedes Mahl, Herr Bertram, wenn ich anders Ihren Namen recht gehoͤrt habe. Der junge Mann zoͤgerte nicht, die freundliche Einla⸗ dung anzunehmen. Der Aufwaͤrter hatte bereits einen t ei⸗ nen Tiſch fuͤr zwei Perſonen, in dem Winkel des Herrn gedeckt, aber in der Art, daß die eine Kante des — hn — 133— chens ein rechtwinkliches Dreieck mit dem Winkel des Zim⸗ mers bildete, und in dieſem Winkel ein kleiner Schemmel ein⸗ gezwaͤngt ſtand. Dieſen Platz nahm ohne weitere Kompli⸗ mente der heutige Gaſtgeber ein und noͤthigte den Fremden zu dem ihm gerade gegenuͤberliegenden Couvert. Auf dieſe Weiſe drehte der Gaſt dem ganzen Zimmer den Ruͤcken, und ſah Niemanden von den Anweſenden als den dunklen Herrn dieſer dagegen ſah ſeinen Gaſt, und hatte eine freie Ausſicht auf das ganze Zimmer, und ſeine Blicke verriethen, daß ihm nichts von allem, was vorfiel, vielleicht nicht einmal das Mie⸗ nenſpiel der Gaͤſte entging.. Herr Bertram wundert ſich vielleicht uͤber die Poſitur meiner Tafel. Aber ich liebe es, wenn mein Gaſt mir ganz allein gehoͤrt. Es iſt unter den Rechtslehrern viel Streit, wem die freie Jagd und Fiſcherei zukomme; das aber iſt ge⸗ wiß, hat jemand ſie gepachtet, ſo zieht der Paͤchter allen Nutzen allein darnas und laͤßt Niemanden zum Mitgenuß. So ſtreitig ſind auch die Rechte auf den freien Menſchen: ich meine aber, der Wirth kann ſeinen Gaſt als eine Pach⸗ tung anſehn, und ſo lange die Pacht dauert— das heißt, ſo lange die Tafel daſteht— hat er alleiniges Recht auf ihn; und Sie ſind nun einmal in die Haͤnde eines ſolchen Geiz⸗ halſes gefallen, der aus ſeinem Gaſte alle moͤgliche Nutzung ichen und Niemanden zum Mitgenuß laſſen will.— Aber, aus Ihren Blicken zu ſchließen, haben Sie nicht 8 — 134— mich allein, ſondern anch die ganze ehrenwerthe Verſamm⸗ lung gepachtet.. Nicht doch. So reich bin ich nicht. Ich uͤbe nur ſeit rechtsverjaͤhrter Zeit eine servitus inspiciendi, observandi, oder wie der Roͤmiſche Juriſt ſagen mag, auf alle Geſichter, die mir begegnen, aus; und da ich ein Freund von allem bin, was den Stempel des Alters an ſich traͤgt, ſo werde ich mich dieſes Rechtes ſobald nicht begeben. Sie deſtilliren gleichſam die Geſichter, um daraus ein Normalaquavit zu gewinnen.. Nein, ich liebe eben ſo wenig die Univerſal⸗Curen und Normal⸗Conſtitutionen, als die Normal⸗Geſichter. Ich braue gern aus jedem Geſichte die eigenthuͤmliche Eſſenz und hebe ſie in beſondern Flaſchen auf, bin aber kein ſolcher Geizhals, um die Eſſenz dann fuͤr mich allein zu behalten. Sie bereiten daraus einen Punſch fuͤr froͤhliche Geſell⸗ ſchaften.. Fuͤr die froͤhlichſte, bunteſte, gemiſchteſte von allen, Herr Bertram. Dieſe Wirthsſtube iſt unbezahlbar. Ich erlaube Ihnen, ſich umzuſehen und die Geſichter zu betrachten. Iſft hier ein einziges jener faden, regelrechten Alltagsgeſichter zu erblicken, an denen man voruͤbergeht, ohne daß ſie den ge⸗ ringſten Eindruck zuruͤcklaſſen? Sehen Sie die eiſerne Stirn und den eiſernen Blick des Wirthes, ſein Auge iſt ein Pro⸗ bierſtein fuͤr Gold und Silber. Dort der ehrenwerthe Baͤk⸗ kermeiſter und Alderman, der fuͤglich doppelt bezahlen muͤßte, . — 135— weil ſein uͤberwichtiges Fleiſch außer dem accordirten Kno⸗ chen⸗ und Fleiſch⸗Maaß noch Tiſch und Bank belaͤſtigt. Dort der handfeſte Schlaͤchter, der heute eben ſo geſchickt das große Stuͤck Rindfleiſch zerlegt, als er morgen das Rind ſelbſt zer⸗ legen, und uͤbermorgen, wenn's Rebellion gaͤbe, an die Men⸗ ſchen⸗Schlachtbank gehen wuͤrde. Welche Natur ſpricht ſich nicht in den zerfahrenen Zuͤgen und durch die angelernte Kunſt dieſer Schauſpieler aus? Aber vor Allen ſehe ich auf unſern Redner. Welche Runzeln hat der Aerger auf ſein Geſicht gegraben! Wie raſtlos rollen ſeine todten Augen hin und her, um uͤberall Acht zu haben! und welche Qual ver⸗ urſacht ihm dabei das luͤgenhafte Beſtreben, gleichguͤltig ge⸗ gen Alles zu erſcheinen! Es wuͤrzt mein Eſſen jeden Abend doppelt, wenn ich Maſter Dulberrys magere Koſt und begeh⸗ rende Blicke anſehe. Er ißt harte Eier und Forellen eine Speiſe, welche auch fuͤr den Geſundeſten einen ſtarken Trunk wuͤnſchenswerth macht, und man ſieht es ihm an, wie ſauer fuͤr ihn das Waſſertrinken wird, wie bererr er auch, auf eine Anfrage, den Vortheil deſſelben vertheidigen wuͤrde. Iſt der Mann in ſo ſchlechten Umſtaͤnden, daß er nicht einmal eine Kanne Duͤnnbier erſchwingen kann? Verwundert rief der dunkle Herr: Fuͤhrwar, Sie kennen noch keinen Reformer! Das ſind Leute, welche die furcht⸗ barſte Verſchwoͤrung gegen die Regierung angeſtiftet haben, eine Verſchwoͤrung, die nichts anders bezweckt, als durch Verkuͤrzung der Steuern die Krone in die Noth zu bringen, — 136— ſich ihnen zu Fuͤßen zu werfen. Darum trinken ſie keinen Wein, kein Bier, keinen Liqueur, kurz nichts, was verſteuert iſt, und werden vermuthlich auch noch verdurſten lernen, wenn etwa eine Acciſe auf das Waſſer gelegt wird. Aber be⸗ merken Sie die durſtigen Blicke des ehrlichen Hrn. Dul⸗ berry, welche er uͤber ſein klares geſundes Waſſer auf unſern Portwein heruͤber wirft; doch ich wette, er hat unter ſeinem Bette eine Flaſche beſſerer Herzensſtaͤrkung ſelbſt verſteckt. Aber, Herr Bertram, Sie ſprechen meinem Portwein ſo we⸗ nig zu, als waͤren Sie auch ein Reformer, und kein aus dem Waſſer gezogener Schiffbruͤchiger. Doch es iſt meine Schuld. Ich hatte vergeſſen, daß die Herren vom Feſtlande weniger Freunde dieſes edlen Rebenſaftes ſind, als wir. Herr Wirth! eine Flaſche Madera! Der Gaſtgeber noͤthigte jetzt ſo zum Eſſen und Trinken, daß, waͤre unſer Held auch kein Schiffbruͤchiger, und waͤren die Speiſen auch nicht ſo ſchmackhaft bereitet geweſen, als es der Fall war, er dennoch tuͤchtig haͤtte zuſprechen muͤſſen. Nach einem kraͤftigen Roſtbeef, wurde eine Schuͤſſel Wild⸗ prett⸗Ragont aufgetragen, und als Bertram an dieſer ſeine ganze Kraft aufgewandt zu haben glaubte, kam ein kleiner Pudding, und Forellen beſchloſſen das Mahl. Der dunkle Herr aß weniger, ſchien aber mit wahrer Luſt dem Hunger des Reiſenden zuzuſehen, und ſchenkte Glas um Glas den Madera ein. Haͤtte ein rechtskundiger Mann dem Geſyraͤche der beiden Diſchgenoſſen zugehoͤrt, waͤre ihm bange fuͤr den juͤngern Mann geworden; denn obwohl der Aeltere mit aller Hoͤflichkeit und ſcheinbarer Beſcheidenheit ſeine Fragen an den andern richtete, ſo trugen ſie doch, ihrem Weſen und der Reihefolge nach, ganz die Natur der Kreuz⸗ und Quer⸗Fra⸗ gen an ſich. Bei jedem kleinen Widerſpruche verfolgte der Aeltere die falſche Richtung, ſprang dann zu Fragen uͤber fruͤhere entgegengeſetzte Behauptungen Bertrams zuruͤck, je⸗ doch ſo, daß dieſer, waͤre er auch nicht vom Wein erhitzt ge⸗ weſen, keinen Argwohn haͤtte vermuthen koͤnnen. Kurz, als der Gaſtgeber die Serviette auf den Tiſch warf, und mit einer leichten Verbeugung und verbindlichem Wunſche ſich entfernte, glaubte der junge Mann mit dem freundlichſten, offenſten Wirthe ſich unterhalten zu haben; ein Rechtsgelehr⸗ ter aber wuͤrde der Meinung geweſen ſein, der inquirirende Richter habe gerade ſo viel durch ein hoͤfliches Verhöoͤr er⸗ fahren, um dem jungen Mann einen an den Hals gehenden Prozeß zu machen. Ein Theil der Geſellſchaft war nach beendigtem Abend⸗ brote um den Wirth verſammelt, und rechnete mit ihm ab. uUnter dieſen draͤngte ſich auch Dulberry vor: Herr Evant Herr Evan! meine Rechnung! Ich habe Eil!— Der Wirth laͤchelte und fragte: Reiſen Sie morgen fort, Herr Dulberry?— Ja. 2 3 Wir werden ja morgen fruͤh noch Zeit zum Berechnen haben.. 1 — 138—, Ich werde keine Zeit haben. Nun Sie werden doch wiederkommen. Ich werde nie, nie wiederkommen. Der muͤßte wohl ein Thor ſein, der in Alt⸗England bliebe, um abzuwarten bis er im neuen Blutbade von Mancheſter den Tod faͤnde. Nun Sie wiſſen ja Ihre Rechnung von ſechs Monaten her, Maſter Dulberry! Taͤglich drei Schilling und ſechs Pence.— Ich will ordentliche Rechnungslegung haben— fuhr Dulberry heftig auf— ordentliche Rechnungslegung bei Hel⸗ ler und Pfennig. Gehn Sie in die Kuͤche! Sie ſteht mit Kreide an der Tafel, wie Ihnen bekannt iſt. Alles Betrug! ſchrie der Reformer, ſtuͤlpte den Hut auf, und verließ das Zimmer, ohne Gruß und Wunſch. Die um⸗ ſtehenden laͤchelten und ſahen ihm, aber nur einen Au⸗ genblick, nach, als waͤre fuͤr ſie der Vorfall ein zwar beluſti⸗ gendes, aber ſchon bekanntes Schauſpiel. Jetzt naͤherte ſich auch der Juͤngling dem Wirthe und forderte— denn er hatte gelernt, daß Fordern hier mehr wirke, als Bitten— ein Zim⸗ mer fuͤr die Nacht. Der Wirth muſterte ihn noch einmal von Kopf bis Fuß, ergriff ſein Felleiſen, wog es pruͤfend ei⸗ nige Sekunden, und that dann zum harrenden Aufwaͤrter den Ausſpruch: Oben Nummer 183, wie's liegt und ſteht. — 139— Der Aufwaͤrter ergriff ein Licht und das Felleiſen, und erſt in dieſem Augenblicke ſiel es Bertram ein, daß er ſeinen Fuͤh⸗ rer, ſeit beide in das Zimmer getreten, aus den Augen ver⸗ loren habe. Er konnte ihn auch jetzt nicht entdecken, und einge⸗ denk des von jenem geaͤußerten Wunſches, erkundigte er ſich auch nicht weiter nach demſelben, ſondern folgte dem ſchon ungeduldigen Aufwaͤrter. Sechstes Kapitel. Ich ſag' es dir: ein Kerl, der ſpeculirt, Iſt wie ein Thier auf dürrer Haide, Von einem böſen Geiſt im Kreis herumgeführt, Und rings umher liegt ſchöne grüne Weide. Göthe aus Fauſt, eine Tragödie ¹). Zwei Treppen hoch, und doch ſchon im Boden, war das Stuͤbchen, in welchem der Aufwaͤrter den jungen Mann, ſammt Felleiſen und Licht ſeinen Gedanken uͤberließ. Wir zwei⸗ feln nicht, daß man ihm noch einen hoͤhern Aufenthaltsort an⸗ gewieſen haͤtte, waͤre das Haus nur uͤberhaupt hoͤher geweſen. Ein Bett, zwei Schemmel, ein Tiſch und ein Fenſter,— weiter war im Zimmer nichts zu erblicken; was kuͤmmert aber dieſer Mangel die ruͤſtige Jugend? Bertrant war muͤde, doch aber noch nicht ſo ermattet, um ſogleich ſich dem Schlafe hinzugeben. Waren nicht die letzten Begebenheiten ſo wichtig geweſen, daß ſie jeden denkenden Menſchen zur ernſten Betrachtung haͤtten ſtimmen muſſen? Er warf ein 2) Vor Kurzem iſt eine neberſeßang dieſes deutſchen Dramas in Edinburg erſchienen. A. z. I. A. — 141— Bund Reiſig in den Kamin, und nachdem das Feuer hoch aufgelodert war und die Stube etwas zu waͤrmen angefan⸗ gen hatte, ſetzte er ſich auf das Bette und ſtuͤtzte ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Haͤnden. Er verfolgte ſein ganzes Leben von den erſten Momenten an, wo das Bewußtſein zum Kinde getreten war, die mannigfaltigen Stuͤrme, welche ſchon in der Jugend ſein Leben bedroht hatten, hindurch bis zu den kurz verfloſſenen Begebenheiten. Schon von fruͤhe auf hatte ihn eine Sehnſucht, deren Grund er ſich nicht zu erklaͤren wußte, nach dieſer Inſel getrieben; er war jetzt angelangt, und fand doch alles ganz anders, als er es erwartet hatte. Die Reiſebeſchreibungen hatten von einem gruͤnen ſchoͤnen Lande, einem großen Park geſprochen, in welchem Kunſt und Natur zur Verſchoͤnerung des Lebens ſich die Hand geboten haͤtten, wo Fels und Quelle von uralten heiligen Erinne⸗ rungen geſchwaͤngert und durch die Poeſte geheiligt waͤren, wo ein frohes, ſchoͤnes Menſchengeſchlecht die Luſt zum Da⸗ ſein erweckte. Von allem dem hatte er bis jetzt nichts ge⸗ funden; der Winter trieb ihn an die Kuͤſte, Eigennutz hatte ihm die Hand gereicht, Schelmerei, Thorheit und Gleichguͤltig⸗ keit war ihm in den Weg geteeten, und er ſaß einſam in ſeiner kalten Zelle in einer fremden unbekannten Stadt. Doch hatte ihn eine Freundin nicht verlaſſen,— die Fantaſie. Dieſe auberte ihm alle Bilder der kurz verfloſſenen Zeit ſo leben⸗ iig nor, daß er die einzelnen Geſtalten mit den Haͤnden grei⸗ fen zu koͤnnen glaubte. Er ſah den Monient, wo er am 8 — 142— Bord des Schiffes ſtand, und der Capitain ihn im Angeſicht der ſchoͤnen Kuͤſten von Wales hinabſtieß; er ſah die Tonne und ſich und den fremden Mann um deren alleinigen Beſitz ſtreiten, und der Mann kam ihm jetzt weniger fremd als da⸗ mals vor; er ſah, wie ihn das Muͤtterchen bei den Flammen des Kienbrandes betaſtete; ihm trat der ungeſchlachte Schiffs⸗ capitain entgegen, die Burg am Strande, die dunkle Schlucht, der kaum verlebte Abend in der Wirthsſtube: und ploͤtzlich ſprang er vom Bette auf, ging in der kleinen Stube mit haſtigen Schritten umher, und ſchlug, wie voll Freude, die Haͤnde zuſammen, indem er ſich nicht enthalten konnte laut auszurufen: Was will ich mehr? Konnte ich reichere Bilder wuͤn⸗ ſchen? Konnte meine Einbildungskraft ſich intereſſantere Be⸗ gebenheiten erdenken, als ſie die Wirklichkeit mir darbot?— Wie klein iſt das Leiden gegen die Frucht einer ſolchen Er⸗ fahrung! Mehr durch die Luſt als von der fluͤchtigen Hitze des Kamines erwaͤrmt, fing er an ſeine Kleider abzuwerfen, und ſetzte ſich dann noch ein Mal in voriger Stellung auf das Bette nieder. Aus dieſer Ruhe weckte ihn indeſſen ſehr bald ein anfangs leiſes, bald aber ſtaͤrker werdendes Geraͤuſch. Es klopfte Jemand an eine Fenſterſcheibe. Bertram fuhr auf, und rief:„Werda?“ worauf aber keine Antwort erfolgte und es im Gegentheil ganz ſtille ward. Nach einer kleinen Weile ſing aber, mit gleicher Steigerung wie zuvor, das Klopfen — 143— wieder an, und Bertram ſah, daß Jemand von außen an das einzige Zimmerfenſter klopfe. Ein Dieb konnte dies nicht ſein; er trat daher unbeſorgt an das Fenſter, und als er den Kopf und den Arm eines Menſchen von der Seite heruͤber gebogen draußen zu bemerken glaubte, oͤffnete er be⸗ hutſam den einen Fenſterfluͤgel, und ſah nun einen Mann auf dem Dache des Nachbarhauſes mit den Fuͤßen ſtehen, und indem er ſich an einer altmodiſchen Waſſertraufe mit beiden Armen feſthielt, zum obern Fenſter des Wirthshauſes heruͤberbeugen. Was bedeutet dieſes ſeltſame Klopfen und dieſe Stoͤrung der Nachtruhe?— fragte er im aͤrgerlichen Tone. Der Mann antwortete: Maſter Bertram! Das iſt, glaube ich, nicht die erſte Frage, die man vor Gericht thut. Erſt duͤnkt mich, kommt eine andere, wenn Alles in der Ordnung iſt.— Wer ſeid Ihr? fragte Bertram⸗ Seht Ihr. Erſt muß man in dieſem Lande wiſſen, wer ein Menſch iſt, ehe man ſich in ein Geſpraͤch mit ihm ein⸗ laͤßt. Ich zum Beiſpiel bin— ſachte geſprochen— Euer Fuͤhrer vom Strande her... Weshalb ſeid Ihr unten verſchwunden, und nicht auf dem gewoͤhnlichen Wege in mein Zimmer gekommen, wenn Ihr mir etwas zu ſagen habt? Maſter Bertram! Nicht ſo laut geſprochen. Ihr koͤnnt Euch noch gar nicht an die Sitten im Lande gewoͤhnen.— * — 14— Thut mir den Gefallen und loͤſcht Euer Licht aus, damit Niemand uns hier beim Converſiren bemerkt, denn Ihr wer⸗ det Euch doch hoffentlich nicht fuͤrchten, da Ihr mich mit ei⸗ nem Fauſtſtoß herunterwerfen koͤnnt. So,— nun iſts fin⸗ ſter und huͤbſches Element. Weshalb ich unten verſchwun⸗ den bin, hat keinen andern Grund, als weil's mir unten nicht geſiel, wenigſtens die Phyſtognomieen einiger Leute, die meine Bekannten waren, und ich nichts mehr fuͤrchte, als ſentimentale und alle und jede Wiedererkennungsſcenen. Aus gleichem Grunde bin ich hier auf eben nicht bequemen Wege, herauf geſtiegen um meinem Herrn eine gute Nacht zu wuͤnſchen. Um Gottes Willen, Menſch, deshalb wagt Ihr ſolche halsbrechende Kuͤnſte! Deshalb, mein lieber ehrenwerther Herr, und um Euch den Rath zu geben, wenn Ihr einen neuen Diener ſucht, Euch vor gefaͤhrlichen Menſchen in Acht zu nehmen. Um keinen andern Grund? — Sonſt keinen, als mich zu beurlauben, wie's unter ehr⸗ lichen Herrſchaften und Dienern Sitte iſt; denn uͤber einen Rath, den ich Euch geben wollte, ſeid Ihr weit hinaus. Und in wie fern? Ich brauche Euch nicht vor der ſcharfen Luft, die hoch oben auf den Waͤlſchen Bergen um die dreibeinigen alten Geruͤſte weht, zu warnen, denn Ihr ſeid ſo vorſichtig, als noch nie ein junger Mann von 24 Jahren dieſe Kuͤſte betreten hat. Aber — 145— Aber huͤtet Euch doch: Wer am ſicherſten zu gehen glaubt, fäͤllt am erſten, auch wenn er erſtaunlich ehrlich waͤre. Es wuͤrde mir leid um ſo junges Blut thun.— Ihr ſprecht in Naͤthſeln, welche ich nicht liebe. Wollt Ihr fuͤr Eure Dienſte am Abend nach meinen Kraͤften eine Bezahlung annehmen, ſo bin ich gern bereit.— 3 So war es nicht gemeint, junger Herr! Ich brauche nichts von dergleichen, indem ich hier unerwartet viel Ar⸗ beit gefunden habe. Lebt wohl, und wenn Ihr mich wieder⸗ ſehn wollt, ſo kommt nach Kloſter Griffith ap Gauvon, und wir werden uns ſprechen. 4 Damit ſchwang ſich der Mann auf das Nachbardach zu⸗ ruͤck und verſchwand aus Bertrams Augen, welcher das Fen⸗ ſter ſchloß, und tief ermuͤdet ſich in die Betten vergrub. Wir wiſſen nichts von ſeinen Traͤumen; daß ſie aber freund⸗ lich, oder mindeſtens beruhigend muͤſſen geweſen ſein, laͤßt ſich daraus ſchließen, daß er ununterbrochen bis nach 9 Uhr ſchlief, und friſch und froh, als die Sonne am ziemlich hei⸗ tern Wintertage durch die Scheiben ſchien, aufſprang. Er hatte kaum ſein Fruͤhſtuͤck eingenommen, als ein auf der Straße entſtehender Laͤrm ihn an's Fenſter lockte. Es ſtand ein zweiſpaͤnniger Miethswagen vor der Thuͤr des Gaſt⸗ hofes, und die Aufwaͤrter trugen allerlei Gepaͤck in denſel⸗ ben, zugleich aber hatte dieſes, an ſich in einem Gaſthofe ſehr gewoͤhnliche, Schauſpiel faſt alle Bewohner deſſelben an die Fenſter oder ebenfalls vor die Thuͤre gelockt, und man 1. Bd. 140] 1 — 146— beſah den leeren Wagen, als fahre in demſelben eine Africa⸗ niſche Prinzeſſin oder der Perſiſche Geſandte. Trotz dieſer ſchauluſtigen Theilnahme verhielt ſich die Menge doch ganz ſchweigend. Der junge Mann hatte ſich noch nicht lange Zeit unter der Zahl der Zuſchauer befunden, als er Herrn Dulberry im Reiſerocke aus der Hausthuͤre treten, und dem Wagen zuſchreiten ſah. Er ging ſehr langſam, druͤckte man⸗ chem der Umſtehenden die Hand, ſah ſich, gegen ſeine Ge⸗ wohnheit, gefliſſentlich nach Leuten um, redete ſie an und zwar freundlich, und warf endlich, als er dem Wirthshaus⸗ diener ein Trinkgeld gegeben, noch einen Blick auf die Fronte des Gaſthofes. Als er hier in dem oberſten Fenſter unſern Helden erblickt hatte, gruͤßte er hinauf und fragte ſehr freund⸗ lich, ob er als Fremder, der die Merkwuͤrdigkeiten von Wa⸗ les zu ſehen bezwecke, ihm bei einer Fahrt nach dem intereſ⸗ ſanteſten Punkte des Strandes vielleicht Geſellſchaft leiſten wolle? Bertram, der noch auf keine Beſchaͤftigung fuͤr dieſen Tag geſonnen hatte, nahm das Anerbieten ſehr gern an, und beeilte ſich, nachdem er die Kleider angezogen, dem Reiſe⸗ fertigen zu folgen. Als er ſich im Flure durch die gaffenden und zugleich b laͤchelnden Zuſchauer draͤngte, ſchien auch er zum Gegen⸗ ſtande ihrer beſondern Aufmerkſamkeit zu werden. Beim Hin⸗ austreten faßte der dunkle Herr ſeine Hand/ zog ihn bei Seite und fluͤſterte ihm in's Ohr: — 147— Huͤten Sie ſich, Herr Bertram, Ihr Reiſegefaͤhrte gehoͤrt zu den gefaͤhrlichſten Reformern, den Radicalen, er kann ſehr gefaͤhrliche Abſichten haben und auch Sie in Gefahr bringen. Meinen verbindlichſten Dank,— ſagte der Juͤngling,— indeſſen der Gefahr mit reinem Bewußtſein entgegen zu gehn, iſt die Beſtimmung der Jugend. Aber huͤten Sie ſich vor der Klippe der Politik! waren des freundlichen Mannes letzte Worte, als er die Hand des Juͤnglings fahren ließ, und dieſer in den Wagen ſprang. Dulberry bewillkommte ihn mit herzlichem Haͤ m Fahren, worauf der Wagen durch die ungleichen Straßen des Staͤdtchens fort⸗ und bald im Freien uͤber die gefrornen Felder dahin rollte. Herr Dulberry ſteht im Begriff, eine große Reiſe anzu⸗ treten? fragte Bertram, die Unterhaltung einleitend. Ja wohl, eine große, gewichtige, ernſte Reiſe. Aber der junge Herr wird vielleicht irre an mir, weil ich ſte zu Wa⸗ gen antrete. Bei mir erweckte es gleich ein beſonderes Ver⸗ trauen zu Ihnen, als ich geſtern hoͤrte, Sie wollten Eng⸗ land zu Fuß durchreiſen. Einen ſolchen lobenswerthen Ent⸗ ſchluß ſollten alle Volksfreunde faſſen, und es wuͤrde allein dadurch ein bedeutendes Defieit in der Staatseinnahme ent⸗ ſtehen. Sie brauchen ſich jedoch— fuhr er fort, indem er — 148— dem Reiſegefaͤhrten vertraulich auf die Kniee klopfte,— durch meinen Wagen nicht ſtoͤren zu laſſen,— ich fange damit nur meine Reiſe an, und,— im Vertrauen geſagt— unſere Pferde habe ich vom Scharfrichter geliehen, weil es die einzigen im Flecken ſind, welche keine Steuern bezahlen; und wir werden einige Umwege uͤber geackertes Feld und durch Holzwege ma⸗ chen, und auf dieſe Weiſe als ehrliche Vaterlandsfreunde kei⸗ nen Heller an Chauſſeegeld, oder ſonſt an Zoll und Mauth contribuiren.. uUnd dieſer geringen Abgaben wegen ſetzen Sie ſich ſo vielen Unannehmlichkeiten aus? Geringe Abgaben, junger Menſch!— Ginge Jedermann zu Fuße, oder miethete, wie ich, nur Henkerkarren, ſo fielen monatlich, nach Berechnung meines Freundes Caſhman, allein 26723 Pfund Sterling 3 Schilling und 5 Pence in der Staatseinnahme aus. Wenn ferner jeder Volksfreund ſich uͤber die Vorurtheile wegſetzte und kein ſogenanntes ehrliches Begraͤbniß verlangte, ſondern am Wege ſich einſcharren ließe⸗ ſo wuͤrden jaͤhrlich 99007 Pfund 3 ½ Pence geſpart; verlangte er aber gar kein Begrabniß, ſondern ließe ſich von ſeinen Freunden in's Waſſer werfen, oder thaͤte es ſelber, dann wuͤr⸗ den gewonnen zwiſchen 100 und 200 tauſend Pfund, was ſich nicht ſo genau berechnen laͤßt, da man nicht weiß, wie viel Leichen wieder an's Land getrieben und dann auf Koſten des Kirchſpiels beerdigt werden muͤſſen. Das waͤre ja entſetzlich, unnatuͤrlich, ſowohl gegen alle 2ͤ— 8 — 3 — 149— Moralitaͤt, als gegen das Gefühl, welches bei den roheſten Voͤlkern die menſchliche Ratur bekundet. Die wilden Suͤd⸗ ſeeinſulaner haben Achtung gegen ihre Todten. Die Begraͤb⸗ nißplaͤtze, die Leichenfeierlichkeiten gehoͤren mit zu den ſchwa⸗ chen Baͤndern, welche die Geſchlechter der vergeßlichen Ge⸗ genwart an die Vergangenheit knuͤpfen. Die Denkſteine auf den Kirchhoͤfen ſind die einzigen Saͤulen, welche die dumpf und verdroſſen in's Blane hineinlebenden Familien an ihre dahingegangenen Ahnen und daran erinnern, daß auch ſie dereinſt nur mit in Marmor eingeſchnittenen Namen ihren Enkeln erſcheinen werden. Nutzt das was?— Bringt das was ein?— Marmor iſt uͤberall zu theuer. Der Impoſt betraͤgt allein auf den Ku⸗ bikfuß 5 Schilling mehr als Kaufwerth und Transport.— Was frommen die Begraͤbnißfeierlichkeiten„ wo die Sipp⸗ ſchaften bis in's zehnte Glied und der Leichencondue⸗ teur und der Prediger ſich volltrinken und mit theu⸗ ren Miethskutſchen nach Hauſe auf Koſten der Erbſchaft muͤſſen gefahren werden? Hoͤlzerne Kreuze vermodern, und es iſt ein Anblick zum Bedauern, wenn man große Plaͤtze zu Kirchhoͤfen eingeraͤumt ſieht, wo Taback und die ſchoͤnſten Faͤrbekraͤuter drei Fabrikanten reich machen koͤnnten. Sollen Cadaver beerdigt werden, ſo begrabe ſich Jedermann in ſei⸗ nem Obſtgarten oder auf ſeinem Kartoffelfelde, wo er fuͤr die naͤchſte Erndte dem Erben nuͤtzen kann. Iſt es nicht ein, das Herz erhebender und das Vertrauen — 150— ſtaͤrkender Anblick, wenn wir auf dem gruͤnen Anger des Kirchhofes Raſenhuͤgel dicht an Raſenhuͤgel erblicken, und die dahingegangenen Lieben Arm in Arm in troſtvoller Ge⸗ meinſchaft zu ruhen ſcheinen? Das klingt wie poetiſch⸗ Sind Sie kein Freund der Poeſie, Herr Dulberry? Ja und nein! Sie taugt nicht fuͤr einen guten Staats⸗ burger und Volksfreund. Faſt alle Poeten ſind Torys, und haben Sinecuren von der Regierung. Die Poeſie iſt ein Himmelskind, und wuͤrde auf der Erde ohne guͤtige Unterſtuͤtzung der Großen, da ſie ihr Brod nicht ſelbſt verdienen kann, Hungers ſterben. Dann taugt ſie auch nicht in einen guten Staat. Wer da nicht ſein Brod verdienen kann und bloß von Renten leben will, iſt uͤberfluͤſſig. Aber es giebt auch Poeten in dieſem Lande, welche fuͤr die Grundſaͤtze Ihrer Partei fechten, wie Lord Byron und Shelley.*) Beide ſprechen zwar mitunter gute Lehren aus, wo aber iſt Ordnung, wo irgend Berechnungsgeiſt in einem von Bei⸗ den? Sie fliegen mit der Fackel wild umher, reißen und brennen nieder; aber wenn man von Nutzen ſpricht, lachen ²) Gab! Veide ſind ſeitdem in das Land der ewigen Poeſie ie⸗ gegangen. Shelley ſtarb auf dem Adriatiſchen Meere, Byron, wie be⸗ kannt in Miſzolunghi⸗ W. A. 4 — 151— ſie hoͤhniſch, und werfen mit den Worten Poͤbel, Volk, große, gemeine, ſchlechte Maſſe um ſich. In einem guten Staate giebt's gar keinen Poͤbel und gar keine vornehmen Leute. So verbannen Sie alſo die Poeſie ganz daraus, weil ſie gern die Contraſte und auch die der Staͤnde auffaßt.— Davon verſtehe ich nichts. Aber auch ich habe die Poeſie geliebt, und Doctor James Graingers großes Poem über den Zuckerbau war immer mein Lieblingsgedicht. Auch hat der Dichter William Corner meine neu erfundene Woll⸗ ratzmaſchine vor zwanzig Jahren in einem ſehr ſchoͤnen Ge⸗ ddichte beſungen, wofuͤr ich den Mann mehrere Mal zu Diſche gebeten habe. Der junge Mann fuͤhlte ſich von dieſem Geſpruͤche we⸗ nig angezogen, und ſenkte, ohne zur Fortſetzung deſſelben etwas beizutragen, den Kopf. Der Reformer, welcher in ſei⸗ nen Demonſtrationen fortfuhr, bemerkte dies erſt nach einer Weile und redete ihm Muth zu. Wohl auch ein Verehrer der Poeſte oder ſonſt einer brod⸗ loſen Kunſt, Herr Bertram?— Etwa Muſikus oder Stu⸗ benmahler? Ja, ja, es iſt ſehr traurig, wenn junge Leute mit geſunden Gliedmaßen in den Schulen von unnuͤtzen Din⸗ gen hoͤren, und Bilder in den Kopf bekommen, die nachher in der Welt nicht zu ſinden ſind. Gegen ſo etwas ſollte die Volizei wirken. Aber nur nicht muthlos, Herr Bertram! ich habe manchen ſolchen ſchwaͤrmeriſchen Springinsfeld nach⸗ her noch als tuͤchtigen Comtoirſchreiber oder ſonſt in ordent⸗ — 152— lichen Fabriken placirt gefunden; und bis dahin habe ich nichts dagegen, wenn die Kuͤnſtler von ihrem Hokus Pokus Gebrauch machen, und den aufgeſchwemmten traͤgen Pilzen, den reichen Rentiers, die ſolche Narren ſind, von der Kunſt Fait zu machen, Geld um Geld aus den Taſchen locken.— Laſſen Sie ſich gut bezahlen! Das wirkt zur allgemeinen Gleichheit hin.— Aber ſehn Sie den Mann, Herr Bertram, das iſt ein Patriot!—(Er zeigte auf ein am Wege ſtehen⸗ des Haus)— Er hat zwei Schornſteine verbaut und im gan⸗ zen Hauſe nur zwei Fenſter unvermauert gelaſſen.— Ich begreife nicht, was das mit dei Patriotismus zu ſchaffen hat. Er zahlt nun keine Fenſterſteuer,— keine Schornſtein⸗ ſteuer. Iſt das nichts, mein junger Herr? Weshalb aber dieſer thoͤrige Widerfand gegen die Ge⸗ ſetze, der nur zur Qual des Einzelnen, zum Schaden des Ganzen, und nirgends zur Abhuͤlfe eines Uebels fuͤhren kann? Junger Mann, thͤrig waͤre eine Injurie. Ueber der⸗ gleichen Vorurtheile aber ſind wir hinaus. Ein Vaterlands⸗ freund kann nicht perſoͤnlich beleidigt werden.— Weshalb wir uns kruͤmmen, weshalb wir uns winden?— Weshalb kruͤmmt ſich das Stachelſchwein zur Kugel zuſammen?— Weil es ſeine Nothwehr gegen den Jaͤger iſt, weil es nicht Kraft genug hat, offen ihm zu begegnen. Was hat nicht Pitt gegen das Engliſche Volk gethan, was that ſeitdem — 153— Perceval, Sidmouth, Canning, Liverpool? Wer ſchuͤtzte das arme, friedliche Volk in Mancheſter, als Caſt⸗ lereaghs Huſaren es maſſacrirten? Wir ziehn uns zuſam⸗ men und verkaufen unſere Haut ſo theuer es geht. Ja, Herr Bertram, Englands Ruin iſt beſchloſſen und angefangen ſeit dem Aufkommen der brevia parlamentaria, oder kurzen Parla⸗ mente.— Kurzen Parlamente, Herr Dulberry? brevia parlamentaria bedeutet, ſo viel ich weiß, im Latein des Mittelalters nicht kurze Parlamente, ſondern die Briefe oder Aus⸗ ſchreiben zum Parlamente.—. Meinethalben auch Ausſchreiben zum Parlamente. Ein Volksfreund hat nicht Zeit, ſich um unnütze Gelehrſamkeit zu bekuͤmmern; denn dazu bedarf man nur wenig Verſtan⸗ des, um einzuſehn, wie hoͤchſt ungerecht der Reichthum ver⸗ theilt iſt, wie Einer unter der Laſt von Millionen ſchwelgt, und Tauſende dagegen die Noth druͤckt; wie die Verfaſſung— Englands Verfaſſung wird, ihrer Grundlage nach, als die beſte geprieſen. Englands Verfaſſung! Ich kenne ſie nicht.— Ein Con⸗ volut vertaͤhrter, dunkler, laͤcherlicher Gewohnheiten, von de⸗ nen die eine Haͤlfte unnuͤtz, die andere ſchaͤdlich fuͤr das Ge⸗ meinwohl iſt, mag ein Paraſit der Miniſter ſo benennen das Volk weiß nichts von dieſen Gewohnheiten, als daß ſie ge⸗ macht ſind, um die ungerechteſte Eintheilung des National⸗ vermogens zu beſchuͤtzen! Ein Parlament, zu welchem ein — 154— Drittel der Mitglieder von vermoderten Flecken gewaͤhlt wird. Waͤhlen doch hier in der Naͤhe ein Schweinekoben und Kuhſtall, an welche zur Noth eine Branntweinſchenke gebaut iſt, ihre Abgeordneten. Tauſend bunte Spielereien ſind angeordnet zum Betrug des armen Volkes, und das fleißige Liverpool ſendet kein Parlamentsglied nach Weſt⸗ minſter! Auf dieſe, nur zu bekannte, Weiſe der Reformer fuhr Dulberry noch lange fort, die Ohren ſeines Geſellſchafters zu belaͤuten. Die Schluͤſſe der Reformer, nach den Regeln der Logik betrachtet, an ſich ganz richtig, aber da ſie gleich Rechenexempeln ohne Beachtung der im Leben zuſtoßenden und nicht zu berechnenden Zufaͤlle gebildet werden, oft ſchon im zweiten und dritten Gliede abnorm und laͤcherlich, uͤben, ungeachtet der dazwiſchen geſtreuten donnernden Interjectio⸗ nen uͤber Tyrannei, bittere Armuth u. ſ. w., nur einſchlaͤ⸗ fernde Kraft auf einen geſunden Sinn aus. So war auch Bertrams Gedanke bald, weit uͤber die eracte Berechnung der Staatseinnahme und das Blutbad von Mancheſter hinaus, zu einem fuͤr ihn intereſſanteren Gegenſtande zuruͤckgekehrt. Er dachte an das Geſpraͤch des geſtrigen Abends, deſſen Hauptgegenſtand ein verwegener Abenteurer war, und geſtand ſich ſo eben den Wunſch ein; die gefaͤhrliche Bekanntſchaft dieſes Mannes gemacht zu haben, als der Reformer, welcher vermuthlich die Abweſenheit des Geiſtes bei ſeinem Zuhdͤrer bemerkt hatte, ihm ploͤtzlich auf die Schulter klopfte, um — 155— ſeine Aufmerkſarkeit aufs neue zu erwecken, und ihn ſehr laut fragte⸗ Herr Bertram, wie viel Geld beſitzen Sie? Bertram fuhr zuſammen. Er blickte den fragenden Rei⸗ ſegeſellſchafter an, ſah dann auf die ganz oͤde und von Men⸗ ſchen verlaſſene Gegend hinaus, und im Glauben, ſein ver wegener Wunſch ſei, nachdem er ihn kaum bei ſich geaͤußert, auf eine fuͤr ihn keinesweges erfreuliche Weiſe in Erfuͤlln gegangen, antwortete er ſchnell: Sie ſind der kuͤhne James Nichols?— Der Reformer ſah ihn verwundert an„entgegnete aber bald ſehr ruhig: Nicht doch. Ich bin Sam uel Dulberry, ehemals Fabrikant in Mancheſter, auch ſechs Jahr lang Al⸗ derman und zweiter Vorſitzer der Erdruͤben⸗Cultivations⸗Ge⸗ ſellſchaft, jetzt aber ein ruinirter Mann durch die Kriege im Auslande, durch die Landplage des ſtehenden Heeres, durch ihre Herrlichkeiten die Miniſter, und durch das Blutbad von Mancheſter. Aber noch habe ich immer meinen Verſtand be⸗ halten und kann die Noth meines Vaterlandes berechnen; der Nichols jedoch, wenn ich ihn auch geſtern ſollte gelobt haben, war ein ſo uͤberſpannter Hitzkopf, ein Menſch, der ohne Roth den Kopf wagte, der niemals Alt⸗Englands Wohl berechnete, der ſich ſogar verliebt hatte, daß ich nicht ſagen kann, er habe Verſtand gehabt. Wer Alt⸗England liebt, darf nie verliebt ſein, darf nicht thoͤrige Streiche anfangen, ſondern muß das thun, was gerade von den Freunden des — 156— Vaterlandes als noͤthig berechnet iſt, und nicht ſeinem uͤber⸗ ſpannten Drange folgen.— Ich fragte Sie, Herr Bertram, wie viel Geld ſie haben? Iſt dies vielleicht eine beſondere Engliſche Sitte, Herr Dulberry?— Nicht doch, nicht doch! Ich bin auch kein Zollviſitator. — Aber wer nicht ſagen will, wie reich er iſt, iſt reicher als er ſcheint. Doch beſtimme ich nach dem Augenmaaß, daß Herr Bertram nicht uͤber hundert Pfund werth iſt?— Sie haben recht gerathen. Und wie viel glauben Sie, daß Ihr Theil ſei, wenn Alles rechtmaͤßig getheilt wuͤrde? Was ſoll denn getheilt werden? Der Nationalreichthum Englands.— Ich ſage Ihnen, Herr Bertram, wenn Sie ihre 100 Pfund einwerfen, ſo zie⸗ hen ſie nicht mehr und nicht minder bei der allgemeinen Di⸗ vidende als 959 Pfund 2 Schilling und 33 Pence. Und welches Recht habe ich auf dieſe Summe der Eng⸗ liſchen Ehrenmaͤnner? Sie ſind uͤber 18 Jahre hinaus, mithin, ſobald Sie den Engliſchen Boden, mit dem Willen ihn zu betreten, betreten haben,— ein Englaͤnder; jeder Englaͤnder hat aber eben ſo gut als der andere, ein gleiches Recht auf das gemeinſame Vermoͤgen. Jedermann in einer Societaͤt arbeitet fuͤr die Societaͤt, und kann zu jeder Zeit auf die Dividende antra⸗ gen. Mithin ſind wir, Freunde der Reform, die wir die Di⸗ — 157— vidende verlangen, im Rechte, und die Miniſter, die Torys⸗ die reichen Wighs ſind im Unrechte. Die Reichen ſind ſchlechte Verwalter des ihnen anvertrauten Gemeingutes, in⸗ dem ſie weder Rechnung ablegen noch auszahlen. Wir ſind berechtigt, ſie zu zwingen, aber der Despotismus herrſcht und Caſtlereaghs Huſaren haben zu Mancheſter das arme England umgebracht. Alſo werden wirklich,— ſagte Bertram,— dieſe verdreh⸗ ten Grundſaͤtze ausgeſprochen? Bisher glaubte ich, ſie waͤren den Reformern nur von ihren Feinden, um ſie laͤcherlich zu machen, in den Mund gelegt. Abgeſehn von der Verdrehung des Rechtes, lehrt denn nicht die Geſchichte, daß niemals eine Gleichheit ſtatt gefunden? lehrt ſte denn nicht, daß, bei allem Willen und bei aller Geſchicklichkeit, eine ſo ſchwierige und kritiſche Theilung der Guͤter nie von Dauer ſein kann? daß, wenn wirklich die Theilung in irgend einem Staate zu gewiſſen Zeiten ſtatt gefunden haͤtte, ſie das ſicherſte Mittel geweſen waͤre, alle Energie, alle Thaͤtigkeit und moraliſche Kraft in dem Volke zu toͤdten? Was geht mich die Geſchichte an⸗ Die ſpricht nur von boͤſen, barbariſchen Zeiten, von Despotismus und Ermordun⸗ gen, und Herren und Sklaven. Was findet man ſelbſt in der hochgeprieſenen alten Geſchichte Troͤſtliches? Haben nicht die Perſer ihre wollenen Decken noch von Sklaven kratzen, wirken und ſteppen laſſen; was gegen alle Induſtrie iſt, un⸗ geheure Zeit koſtet und die Waare vertheuert. Alle wahre — 158— Geſchichte faͤngt erſt an mit der Erfindung der Maſchinen, unter denen ich alle zum Wollkratzen erſonnenen, der Erfin⸗ dung des Schießpulvers und ſogar auch der Druckerpreſſe vorziehe. Der aͤrgſte Feind der Reformer, Herr Dulberry, duͤnkt mich, koͤnnte ihnen keine thoͤrigeren Lehren in den Mund legen.— Ich kann nicht beleidigt werden— ſagte der Staatsver⸗ beſſerer— aber dieſe feindlichen Anſichten kommen nicht aus Ihnen ſelbſt, ſondern der gefaͤhrliche, boshafte, immer laͤ⸗ chelnde, hinkende Mann, der Sie geſtern Abend an ſeinen Tiſch zog, hat Sie Ihnen eingeblaſen. Huͤten Sie ſich vor dem Manne, er iſt ein Spion der Regierung— er lockt das friedliche Volk einen nach dem andern an ſeinen Tiſch, giebt ihnen verſetzten Wein zu trinken, und wenn ſie luſtig und guter Dinge ſind, fraͤgt er ſie unter allerlei freundlichen For⸗ men dergeſtalt aus, daß in Ihnen nichts bleibt und er von unten bis oben ſie durchſchaut. So iſt es nach gerade mir, ſo iſt es allen, die im Zimmer waren, ergangen: wir glaub⸗ ten uns mit ihm aus Leibeskraͤften uͤber eine dritte Perſon luſtig zu machen, und ſtatt deſſen waren wir ſelbſt uͤbertoͤl⸗ pelt. Es iſt ein aͤußerſt gefaͤhrlicher Menſch, und wer nicht ſo wie ich in offenem Bruche mit den Miniſtern ſteht und nichts mehr verlieren kann, huͤte ſich— Waͤre dies wirklich der Fall?— fragte Bertram betrof⸗ fen.— In der That, der Mann fragte mich, wie ein Inqui⸗ — 159— fitor, aus— ſollten ſich Ehrenmaͤnner, wie dieſer zu ſein ſchien, zu ſolchen erniedrigenden Beſchaͤftigungen hergeben? Wo wir ſtehn und gehn, Herr Bertram, tritt uns der Spion entgegen, oder ſchleicht uns nach, oder wir fuͤhren ihn am Arm. Die Miniſter haben die todten Waͤnde beſto⸗ chen; ia, was noch mehr ſagt, ſie haben gemacht, daß das Volk dem großen Hunt nicht mehr traut, daß Hunt gegen Watſon und Preſton mißtrauiſch iſt, daß der Bruder ſich vor dem Bruder ſcheuet. Weiß ich doch nicht, ob Sie, Herr Bertram, ein Spion ſind; nicht, ob ich mir ſelbſt trauen kann, und nicht das Geld der Miniſter in meinen Taſchen ſteckt; nicht, ob der dumme Waͤlſche Knecht auf dem Kutſch⸗ bocke ein verkappter Huſar iſt, der, wenn es ihm einfaͤllt, mich ungeſtraft niedermetzeln kann. So weit iſts mit Eng⸗ land gekommen, England iſt ruinirt, und ich will nicht laͤn⸗ ger in England bleiben, nein, nein— Der Wagen hatte jetzt eine Hoͤhe erreicht, von welcher aus man die See in einiger Entfernung ſehen konnte. Dul⸗ berry druͤckte Bertrams Hand und erhob ſich etwas vom Sitze. Sehn Sie, Freund, Amerika?— Nicht doch, nur das offene Meer. Nun aber, uͤber das Meer hinaus liegt Amerika! Erſt kommt Irland.— Aber hinter Irland Amerika. Von da aus wird unſer Heil ausgehn— Hier muͤßte es, im Angeſicht der Hoffnung, ſchoͤn zu ſterben ſein. — 160— Bertram blickte, verwundert uͤber dieſen erſten, an Poeſie graͤnzenden, Ausdruck des Reformers, ſeinen Begleiter an, um zu ſehn, ob auch der Ausdruck des Geſichtes jenem ent⸗ ſpraͤche. Hier war aber nichts von Leben und außergewoͤhn⸗ lichem Feuer zu ſpuͤren; und da er nichts darauf mit Wor⸗ ten zu erwiedern wußte, ſaßen Beide eine Weile ſchweigend, bis der Wagen ziemlich nahe am ſteilen, jedoch hier nicht betraͤchtlich hohen Ufer, auf den Befehl Dulberrys ſtill hielt. Da ſein Fuͤhrer ausſtieg, folgte auch Bertram dem Bei⸗ ſpiele. Es war eine duͤrre Gegend, welche wohl nur durch den Neiz des Fruͤhlings Leben erhalten konnte. Ein unglei⸗ cher Erdboden und verworrenes Geſtruͤpp von Hambutten, wilden Birnbaͤumen und anderm niedern Strauchwerke, trennte den Platz, wo der Wagen hielt, von dem Meeres⸗ ſtrande. Es lagen am Wege einige alte, mit Moos uͤber⸗ wachſene, Feldſteine, und auf dieſe befahl Dulberry dem Kut⸗ ſcher ſein Gepaͤck zu tragen. Nachdem dies geſchehen, zog er die lange gruͤnſeidene Boͤrſe heraus, nahm aus der einen Seite einige Silberſtuͤcke, und bezahlte den Landmann mit einer genauen Berechnung und Abrechnung, welche den Frem⸗ den in Verwunderung ſetzte. Das iſt fuͤr Deinen Herrn, Sus— Calla—mor— mur, oder wie Du heißen magſt, und dies hier fuͤr Dich ſelbſt.— Dreh es nicht ſo viel um, es iſt noch viel mehr als Du mit Deinem ſchlechten Fahren verdient haſt. Und nun fahr nach Haus und lebe luſtig, bis Du gehangen wirſt. 3 24 — 161— Der Menſch ſtand zweifelhaft noch einige Augenblicke bei den Pferden, theils als ſei er unzufrieden mit dem Trink⸗ gelde, theils als erwarte er Contre⸗Ordre. Wirklich hub Dul⸗ verry nach einigen Momenten an: Doch, wenn ich mich recht bedenke, Sus— Calla— min— ſo bleibe noch hier— fahre aber wieder bis ines naͤchſte Dorf zuruͤck, und wenn ich in einer Stunde Dich nicht rufe, ſo fahre nach Haus, oder brich Dir den Hals. *£ Sus-Calla—min gehorchte langſam und ſchweigend, Dulberry aber zog den jungen Mann neben ſich auf einen Stein. Laſſen Sie uns etwas niederſetzen, junger Herr, es iſt kein kalter Tag, und man kann es wohl bei dem, was ich hier im Beutel fuͤhre, aushalten. Nicht wahr— das lacht, und gluͤht im Glaſe.—(Er zog ein kleines Weinflaͤſchchen gus der Manteltaſche und hielt es gegen das Licht.)— Ech⸗ ter Kapwein von 1792, guter Franzoſiſcher Conſtitutionswein. Aber, junger Herr, Sie brauchen nicht beſorgt zu ſein. Der Wein hat keine Acciſe, keine Mauth, keine Steuer entrichtet, und ein Patriot kann ſich einmal das Herz erlaben.(Er ſchenkte zwei Becher voll.) Nun laſſen Sie uns eine Ge⸗ ſundheit trinken, die letzte Geſundheit, und dann wird's aus ſein. Auf Alt⸗Englands alte Freiheit! Aber ganz ſtill, jun⸗ ger Herr, muß die getrunken werden, ſchweigend geniypt, wies Sitte iſt, wenn man die Geſundheit eines Todten aus⸗ 1. Bn. 4 41 — 162— bringt*). So, ſo!— Ja, es iſt eine ſchoͤne Gegend hier rund umher, aber was hilft das?— Nun beſter Herr Ber⸗ tram, den letzten Liebesdienſt mir angethan! Helfen Sie mir die Pakete tragen— es iſt meine ganze Habe— und folgen Sie mir— Sie ſind im Begriff eine Reiſe anzutreten, aber,— darf ich fragen,— mit welcher Gelegenheit? Mit der beſten, ſchnellſten, wohlfeilſten— nach Amerika. Und alle meine Sachen nehme ich mit, und ſollten ſie im Meeresgrund verloren gehn, damit nichts auf dieſer undank⸗ baren Kuͤſte zuruͤckbleibt. Aber, junger Menſch, nicht ſo hart das Paket angefaßt! Es ſind Engliſche, Italiaͤniſche Stroh⸗ huͤte drinnen; hier nehmen Sie lieber den Reſt aus meiner Fabrik, echte Mancheſter Kanten von beſonderm Werthe; und nun marſch auf! Der Reformer ſchritt mit zwei Paketen unter dem Arme durch das Buſchwerk dem Meeresufer zu. Am aͤußerſten Felsrande legte er ſie keuchend nieder und hieß Bertram ein Gleiches thun. Dann befuͤhlte er jedes Pack, um zu ſehn, ob es auch nicht Schaden gelitten, thuͤrmte, als er alles in Ord⸗ nung fand, ſaͤmmtliche Pakete auf einander, und band ſie mit Stricken feſt zuſammen. Nun, mein lieber Herr Bertram!— hub er mit ſanften Stimme an— noch einen Gefallen, den letzten! Ich trete *) So erfordert es die Engliſche Trinkſitte. A. z. L A — 163— im Augenblicke eine große Reiſe an, weil Englands Luft verpeſtet iſt, und Dulberry es unter den Huſaren von Man⸗ cheſter, einem beſtochenen Parlamente, den großen Landhee⸗ ren, den Sinecuren, der Hofhaltung der Miniſter, dem Ge⸗ ſtoͤhn der Weiber und Kinder aller von ihnen Hingemordeten, nicht mehr aushalten kann. Ich ſage dem ehemaligen Eng⸗ land auf immer Lebewohl— Lebewohl. Nun die Bitte: Gehen Sie, beſter Freund, jetzt auf eine Viertelſtunde land⸗ einwaͤrts, ſehen Sie nicht nach mir zuruͤck, uͤberlaſſen Sie Dulberry ſeinem Schickſal und nehmen als Angebinde dieſe zehn Hollaͤndiſchen Ducaten— Bertram weigerte ſich durch mimiſche Gebaͤrden, das Ge⸗ ſchenk anzunehmen; Dulberry drang aber ernſter in ihn. Nur keinen Stolz, junger Mann! In ſolchen ernſten Stunden kann doch wohl der Juͤngere vom Aeltern ein An⸗ denken annehmen. Es ſind unbeſchnittene alte Hollaͤnder mit den ſieben Pfeilen und der concordia res parva crescit, und keine neumodiſche Souverainsd'or, wo der Ritter St. Georg, ſtatt auf den Drachen, auf ſein eigenes gutes Pferd losſticht. und nun, junger Herr, eine ſehr alte, laͤngſt bei uns abgekommene, Sitte erneuert!— Den Bruderkuß. Er packte ſeinen Begleiter herzhaft um die Schulter, breßte ihn an ſeine Bruſt, und gab ihm auf beide Wangen einen derben Kuß. Nun, Bertram, ſage den Leuten in England, Dulberry wuͤrde nicht mehr reden, weil er zu Tauben predigte, ung — 164— Steine ſtatt warmer Herzen fand. Geh mit Gott— aber lieber Junge, Du ſiehſt Dich doch auch gewiß nicht nach mir um? Dulberry ſchob den Reiſenden fort, ehe dieſer Zeit fand, auf die letzte Frage zu antworten; und Bertram befand ſich ſchon jenſeits des kleinen Ufergehoͤlzes, als er ſtille ſtand, um daruͤber uachzudenken, was er in dieſem Augenblicke zu thun habe? Den Kutſcher zuruͤckzurufen, ihn um Auskunft zu bit⸗ ten und mit ihm Rath zu pflegen, dieſen Gedanken verwarf V b er ſogleich wieder, da theils, wenn Huͤlfe ſchnell noͤthig war⸗ dieſes Mittel ſie zu lange wuͤrde verzoͤgert haben, theils der Waͤlſche nur wenige Engliſche Worte verſtand. Er entſchloß ſich daher bald zum ſchnellſten und vielleicht einzigen Aus⸗ wege: dem Befehle Dulberrys nicht nachzukommen, und ſeine Bewegungen im Geheim zu beobachten. Es gelang ihm, ſich durch das Gehoͤlz zu ſchleichen und einen erhoͤhten Punkt zu gewinnen, von welchem aus er eine geraume Strecke des Hochſtrandes uͤberſehn, und ſeinen Reiſegefaͤhrten namentlich nicht aus den Augen verlieren konnte. Dulberry ging mit untergeſchlagenen Armen einige Schritte dicht am Ufer entlang, und warf dabei haͤufige Blicke auf das feſte Land, ſeltener nach dem Meere. Endlich ſtand er⸗ wo ſeine Pakete lagen, ſtille, ſtuͤtzte ſich auf dieſelben und blickte ſo den ſteilen Uferrand hinab. Als die Pakete unter ihm ſchwankten, ſprang er indeſſen eilig zuruͤck und legte ſich in einer ſichern Poſitur der Laͤnge lang auf die Erde, ſo daß — 165— nur der Kopf halb uͤber das Ufer hinaus lag. Er verließ iedoch auch dieſe ſehr bald, indem er den Kopf ſchuͤttelte und ziemlich laut ausrief: Ein Thor, der hier herunterſpringt.— An der ſcharf vor⸗ ſpringenden Ecke kann man ſich den Kopf zerſchlagen, ehe man unten iſt.. Er ſprang auf, und ging weiter, den Strand hinauf, der Stelle zu, wo Bertram verborgen lag. Nach mehrerem Kopfſchuͤtteln und Pruͤfen, rief er aus: Hier wird es gehn, Dulberry!— und eilte nach ſeinen Effekten zuruͤck. Mit großer Muͤhe ſchleppte ſie der alte Mann jetzt allein nach dem beſtimmten Orte, ſtuͤtzte ſich noch ein Mal darauf, rief aus: Hier wird es gehn, hier will ich ſterben, allen London⸗ derrys zum Trotz, im Angeſicht Irlands! und begann ſich langſam zu entkleiden. Sorgſam legte er Mantel, Rock, Weſte auf die Pakete, ſchnuͤrte ein Stuͤck an dem andern feſt, und ſchwenkte ploͤtzlich den Hut mit den Worten: Den Hut behaͤlt Dulberry auf dem Kopfe, um der Frei⸗ heit Alt⸗Englands willen! Der beſorgte Bertram glaubte, jetzt werde Dulberry den kuͤhnen Sprung thun, und ſprang ſelbſt von ſeiner Hoͤhe, im Ruͤcken des Reformers, auf ihn zu. Er kam aber zu ſchnell, denn dieſer ergriff erſt ſeine Uhr und zog ſie langſam auf, nicht ohne dabei pruͤfend und vergleichend nach der Sonne zu ſehn. Dann erſt ſtellte er ſich mit ausgehreiteten Armen dem Meere zugekehrt und rief⸗ — 166— Nun aufgeyaßt, ihr Herren Zollbeamten! Es paſſirt ein Ballen Waare und ein ehrlicher Mann unveracciſt aus dem Lande! Ehe er jedoch noch das ſchwere Paket uͤber Bord werfen konnte, riß ihn Bertram, mit beiden Armen ſeinen Leib um⸗ faſſend, nach hinten zuruͤck. um Gottes Willen, Herr Dulberry! Sie werden ſich doch kein Leides anthun? Der Reformer lag auf dem Boden, gleich als waͤre er beſinnungslos, und fragte erſt nach einigen Minuten: Wo’ bin ich? Gerettet, als Sie eben im Begriff waren einen verwe⸗ genen Sprung zu wagen. Wie— Sie, Herr Bertram?— Junger Menſch! Haͤtte ich gewußt, daß Sie in der Naͤhe waͤren— wer haͤtte das gedacht?— Werden ſo meine Bitten geachtet? Junger Menſch, laſſen Sie los, ich will mich erſaͤufen. Nimmermehr. Bedenken Sie die Folgen Ihres verwe⸗ genen Vorſatzes. Folgen— Folgen?— Welche? Ja, wenn ich an etwas denke, ſo will ich es nicht thun— fuͤr den Augenblick; aber nicht wegen Ihrer Gruͤnde, ſondern weil ich bedenke, daß meine Leibrente mit meinem Tode an einen niedrigen ſpei⸗ chelleckenden Tory zuruͤck faͤllt. Haͤtte ich nicht die Thorheit gehabt, mich bei ihm einzukaufen, ſo— Bloß darum, Herr Bertram. Aber wenn ich mich nicht erſaͤufen ſoll, noch zwe — 167— Bedingungen. Erſtens: Sie ſagen keinem Menſchen ein Wort davon, was hier vorgefallen. Zweitens: Was die zehn Du⸗ caten betrifft, ſo war dies nur eine mortis causa donatio, und da ich nun die Gefahr uͤberſtanden habe,— ſo— Erhalten Sie die Hollaͤnder hiermit ungekraͤnkt zuruͤck, und ich eile unſern Fuhrmann mit Ihrer Bewilligung zuruͤck zu holen.— Sehr gut, wenn es nicht anders ſein kann. Siebentes Kapitel. Catesby. Schön guten Morgen, guten Morgen, Lord: Haſting. Schön guten Morgen, Catesby, Du biſt früh auf, Was giebt es Neues? Shakeſpear. König Nichard III. 4 Dulberry war auf der Ruͤckreiſe ſehr ſchweigſam und in ſich gekehrt. Als aber der Wagen wieder vor dem Gaſthofe vorrollte, ſchien er andern Regungen und Bewegungen Raum zu geben. Die Hausgenoſſenſchaft, durch das Geraͤuſch der Naͤder von der Ankunft des Gaſtes unterrichtet, ſtand aber⸗ mals vor dem Thore verſammelt, oder blickte ihm aus dem Fenſter entgegen. Dulberry zog freundlicher als je den Hut ab, neigte ſich gegen alle, blickte aber ſelten in die Hoͤhe. Man eilte ihm aus den Wagen zu helfen. Er war ſehr hoͤf⸗ lich und wollte die zuvorkommende Huͤlfe der Anweſenden durchaus nicht annehmen. Alles Straͤuben half ihm indeſen wenig. Kaum hatte er den Fußboden betreten, als es an ein 3 — 169— Haͤndedruͤcken ging, ja ſogar der geruͤhrte Mann einigen Freunden um den Hals ſiel. Dieſe Bewillkommnungen, bei welchen man von allen Seiten die lebhaft geaͤußerten Wuͤn⸗ ſche, daß Dulberry nie mehr in ſolche Gefahr gerathen moͤge, vernahm, dauerten geraume Zeit fort, bis jener, ſich dem Haͤn⸗ dedruͤcken entreißend, mit geruͤhrter und leiſer Stimme ſprach: Ja, meine Freunde! Ich war in großer Lebensgefahr, und bin nur durch ernſte Betrachtung gerettet worden. Gern gebe ich mein Leben fuͤr das Engliſche Volk hin, weiß Gott, und ich werde doch nicht lange leben, wenn das ſo fortdauert mit den Bedruͤckungen, und dem Niedermetzeln und Verbie⸗ ten der Volksverſammlungen, und Stempeln und Auflagen auf die Zeitungen fuͤr's Volk. Es giebt nur ein Leben auf dieſer Welt, aber halt' es ein anderer aus, wenn das Pence⸗ brod jetzt einen Sixpence koſtet, und das Arbeitslohn doch um die Haͤlfte ſinkt. Ganz recht, Herr Dulberry— rief man ihm billigend zu— aber das iſt unrecht, wenn auch der Staat leiden muß, daß Sie Ihre Freunde noch mehr leiden laſſen. Bitte recht ſehr. An mir iſt wenig gelegen.— Ob der arme, gedruͤckte Dulberry ſtirbt, macht nichts aus,— der iſt bald vergeſſen, wenn er unter dem kuͤhlen Raſen liegt, denn er hat keine Ahnen gehabt, die bis zu Wilhelm dem Er⸗ oberer reichen, und hat keine Gedichte gemacht, ſondern nur eine Wollkratzmaſchine erfunden, die England mindeſtens um 76093 Pfund jaͤhrlich reicher macht. Aber— das ſind 3— 170— Kleinigkeiten in unſern Zeiten.— Und doch, Maſter Evan, moͤchte ich meinen, Seine Herrlichkeit von Londonderry duͤrf⸗ ten, wenn es hieße: Dulberry iſt todt! eine Flaſche mehr auf die Tafel bringen laſſen; denn es muß doch fuͤr einen gro⸗ ßen Herrn angenehm ſein, wenn von den Tauſenden, die durch ihn ruinirt ſind, Einer nach dem Andern ſtirbt: der unter den Pferden der Huſaren von Mancheſter, der im Ge⸗ faͤngniß durch Hunger, der durch Patriotismus oder ſonſt wie— und dann wird Seine Herrlichkeit wohl wiſſen, daß man mich grade nicht unter die ſchlechteſten Redner von Smithfield rechnete, und Hunt ſelbſt von mir ſagte: Wenn ich eine etwas lautere Stimme haͤtte, wuͤrde ich als Trom⸗ pete den Volksfreunden dienen koͤnnen. Ganz gewiß, ganz gewiß, Herr Dulberry! rief man von allen Seiten dem Reformer zu, und zog ihn in's Haus. Als Bertram eintreten wollte, hielt ihn der Wirth an der Thuͤre mit der Frage auf: Was hat denn heut den Narren abgehalten, ſich zu er⸗ ſaͤufen? Sie wiſſen von ſeinem ſchrecklichen Vorſatze? Freilich, wie jedes Kind im Flecken. Sie wußten ſeine Abſicht, und hielten ihn nicht zuruͤck? Um ein Narr gleich ihm zu werden?— Ich liebe auch nicht ſolche Schauſpiele. Aber war das Waſſer heut etwa zu kalt, oder das Ufer zu hoch oder niedrig oder ging der Wind contrair? — 171— Als der Ungluͤckliche im Begriff ſtand, von dem ſteilen Uferrande ſich hinabzuſtuͤrzen, gelang es mir durch ſchnelles Beiſpringen ihn zu retten. Der Wirth lachte ſo laut auf, als ſein ſteinernes Geſicht dies zuließ. Betroffen und aͤrgerlich ſagte Bertram: Sie ſcheinen meine Worte in Zweifel zu ziehn? Bei Gott, nicht um zu prahlen, ruͤhme ich mich dieſer That. Ich bin nur der Meinung, Herr Bertram, daß Dul⸗ berry auch ohne Ihr Beiſpringen ſein Hinunterſpringen wuͤrde ausgeſetzt haben, ja, daß er nicht bis an den Rand des Mee⸗ res gekommen waͤre, haͤtte er Sie nicht im Hinterhalt ver⸗ muthet. Ihre Rettung wird er uͤbrigens auf keinen Fall ha⸗ ben gelten laſſen, und noch einen andern Grund angegeben haben, weshalb er diesmal den Selbſtmord ausgeſetzt hat? Er ſprach von einer Leibrente. Alſo die alte Leier, weil Sie ein Fremder ſind! Schon mehrere Male hat Dulberry dieſe gefaͤhrlichen Verſuche gemacht? Nicht zu zaͤhlen, ſeitdem er vor beinahe Jahresfriſt in meinem Gaſthofe einkehrte. Nachdem im Parlamente die Unterſuchung wegen des Blutbades zu Mancheſter niederge⸗ ſchlagen worden, kam er hierher mit dem beſtimmten Vorſatze, ſich zu erſaͤufen. Hundertmal hat er Abſchied genommen und iſt an den Strand gelaufen und gefahren; aber im Sommer war das Waſſer zu warm, und er fuͤrchtete, nicht augenblick⸗ lich vom Schlagfluſſe getroffen zu werden; im Herbſt war es — 172— zu ſtuͤrmiſch, und im Winter iſt Eisgang, oder es iſt zu kalt. Schlaͤgt keiner dieſer Gruͤnde an, ſo kommt die Leibrente. So leidet der Ungluͤckliche an gelindem Wahnſinn?— Wollten wir Jedermann im Lande wahnſinnig nennen, der auf aͤhnliche Weiſe denkt und handelt, koͤnnten wir nur Haus um Haus zur Irrenanſtalt einrichten. Dulberry war ein reicher Fabrikant, iſt durch den Krieg herunter gekom⸗ men, aber noch zu rechter Zeit ſo vernuͤnftig geweſen, ſich eine gute Leibrente zu kaufen, welche ihn jetzt vor Mangel ſchuͤtzt und ihm Grund an die Hand giebt, ſich nicht zu er⸗ morden; denn die Rente faͤllt bei ſeinem Ableben einer mi⸗ niſteriellen Societaͤt anheim. Auf dieſe Art lebt er bei mir ſo zufrieden als ſein Temperament es erlaubt, bezahlt alle Abend die Rechnung, um Morgens aufzubrechen, und ver⸗ ſucht etwa jede Woche das Experiment. Uebrigens kraͤnkt er kein Kind, und iſt bis auf die Adreſſen ein ganz guter Gaſt. Der uͤbrige Tag ſchien dem Reiſenden, wie es nach einem ſo merkwuͤrdigen Abenteuer zu geſchehen pflegt, ſehr einfoͤr⸗ mig zu vergehen. Der Spaß, welchen ſich die Gaͤſte am Morgen mit Dulberry gemacht, hatte bald aufgehoͤrt; wie am geſtrigen Abend ſaß Jedermann abgeſondert in ſeinem Winkel, der Reformer las Zeitungen am Kamine, der Hol⸗ laͤnder rauchte, und der dunkle Herr hatte ſich, wie die Schnecke in ihr Haus, in ſeine dunkle Zimmerecke zuruͤck⸗ gezogen. Wenn er uͤbrigens auch zugaͤnglicher geweſen waͤre, wuͤrde Bertram, nach den uͤber ihn eingezogenen Nachrich⸗ — 173— ten, heute doch nicht von neuem ſich in ſeine Gewalt gege⸗ ben haben. Am Abende ſah die eine Haͤlfte der Wirthshaus⸗ geſellſchaft, mit Ausnahme des Reformers, wie die andere die Jane Shore’“) kaum ertraͤglich ſpielte. Die Wirthshaus⸗ geſellſchaft, und unter ihr Bertram, welche eine beſondere Seitenloge gemiethet hatte, ſchlief, da ſie im Gaſthofe an heftigere Dramen gewohnt war, ſammt und ſonders waͤhrend der Vorſtellung ein. Nur der Hollaͤnder, der nie zu wachen ſchien, wachte heut unter ihnen allein, um ſie beim Schluß des Stuͤckes an das Nachhauſegehen erinnern zu koͤnnen. Ein recht erbauliches und moraliſches Stuͤck!— ſagte Alderman Graveſand, als er, durch den Achſelchlag des Hol⸗ laͤnders erweckt, mit dem Kopfe in die Hoͤhe fuhr. Der Hol⸗ laͤnder erwiederte: Weiß nicht, wovon ſichs handelt. Gott verdamm! Haben Sie nicht zugeſehn? O ja. Haben Sie nicht zugehort? O ja. Sie haben wohl an andere Dinge gedacht? O ja. Sir! das iſt unrecht. In guten, erbaulichen und mora⸗ Eine mittelmäßige Tragödie von Th. Rowe, die Geſchichte der berühmten Courtiſane aus den Zeiten der Kämpfe beider Roſen dar⸗ ſtellend.. A. d. U. z. I. Aluf. — 174— liſchen Stuͤcken ſollte man nicht ſpeculiren, ſondern Achtung geben und aufpaſſen. Darauf muß die Stadt⸗Obrigkeit ſehen, auch billigermaßen nur moraliſche Stuͤcke auf den Buͤhnen dulden; denn posito jedermann gaͤbe gehoͤrig darauf Achtung, ſo koͤnnte das wie eine Predigt wirken, und Gottesfurcht und Froͤmmigkeit kaͤmen auf eine angenehme Weiſe, man wuͤßte nicht wie, unter die Leute. O ja, o ja! Aber alles zu ſeiner Zeit. Aber weshalb gehn Sie ins Theater, wenn Sie ſpeculi⸗ ven wollen, Herr van der— der— van, oder wie Sie heißen? Weshalb hoͤren Sie Muſik? Etwa um anders willen, als dabei Ihren Gedanken oder Gefuͤhlen nachzugehen? Ich nun ſpeculire, wenn die Menſchen um mich herum allerlei thoͤri⸗ ges Zeug ſummen, am allerbeſten; und wenn die angeſtriche⸗ nen und bunt behangenen Kerle auf den Brettern ſpringen und agitiren, laͤßt ſichs auch recht gut dabei rechnen, und vernuͤnftig ſein, und man duͤnkt ſich ordentlich mehr als man iſt, wenn man ſich in ſeiner Vernunft unter allen den un⸗ vernuͤnftigen Weſen erblickt. Bertram ging, nachdem er noch bis ſpaͤt in die Nacht hinein geſchrieben und dann ſein Felleiſen geſchnuͤrt hatte, mit dem feſten Vorſatze, am folgenden Tage ſeinen Wander⸗ ſtab weiter ins Land zu ſetzen, zu Bette. Ihm waren die Geſichter der Gaͤſte ſchon zu bekannt, gewoͤhnlich und einfoͤr⸗ mig geworden, und er verlangte nach neuen Erſcheinungen. 8 1 1 — 175— Der Autor dieſer Novelle iſt darin nicht mit ihm gleich ge⸗ ſinnt. Wenn er eine charakteriſtiſche Geſellſchaft einmal auf⸗ gefunden hat— und wo finden ſich ſo verſchiedenartige Cha⸗ raktere eher zuſammen als unter den aus allen Weltgegenden in den Wirthshaͤuſern zuſammengeſtroͤmten Fremden— ſo pflegt er, ſo lange es moͤglich iſt, unter ihr zu verweilen; und, wie der Bildhauer und Mahler ſeine Buͤſte und ſeine Gegend, Geſichter und Menſchen von allen Seiten betrach⸗ ten, nicht um die ſchoͤnſte herauszufinden, ſondern ſie von außen und innen unter allen Verhaͤltniſſen kennen zu ler⸗ nen; wie der Arithmetiker durch Verſtellung der Zahlen oder Buchſtaben ihre moͤglichen Combinationen herausfindet: ſo ſtellt er ſich die Geſellſchaftsglieder in immer veraͤnderter Ordnung, und lernt erſt auf dieſe Art Menſchen kennen. In den Wirthshaͤuſern ſtudirten die Heroen unſerer Romanen⸗ litteratur, Fielding, Smollet; und wo finden wir das meiſte Leben und muskuldſere Charaktere in ihren Romanen, als an der Feuerſeite des Wirthshauſes? Wir beneiden un⸗ ſern Amerikaniſchen Freund Waſhington Irwing*) um nichts mehr, als die ironiſche Compoſition ſeiner Erzaͤhlung vom dicken Herrn;*r) und dennoch zuͤrnen wir mit ihm, *) Schon ans dieſer Anführung erhellt, daß W. Irwing nicht der Verfaſſer des Walladmor ſein kann. W. A. 2) Im Romane Bracebridge⸗Hall oder die Charaktere. A. d. ü, z. I. A,. — 176— daß er in dieſem, mit dem Pinſel eines Franz Mieris, gemahlten Kuͤchen⸗ und Wirthshausſtuͤcke nicht gleichen Fleiß auf die Paſſagiere verwendet hat. Ein noch laͤngerer Aufent⸗ halt in dem verwuͤnſchten Gaſthofe wuͤrde ihn zum Studium der Charaktere gefuͤhrt, und er wuͤrde dann gleiche Beluſti⸗ gung und aͤhnliche Ausbeute mit uns davon getragen haben. Die Jugend, wie der Held unſeres Romans, liebt nur ploͤtz⸗ liche Eindruͤcke, um nicht lange bei den einmal gewonnenen zu verweilen; ſie ſtuͤrzt von einer Erſcheinung zur andern, und ſindet am Ende nur in der Steigerung Intereſſe. Wir glauben den uns gewordenen Beifall einem entgegengeſetz⸗ ten Verfahren zu verdanken. Bei maͤßigem Gebrauche des Neuen und Ueberraſchenden, haften wir feſt bei den Men⸗ ſchen. Wenn wir einen Charakter einmal gefaßt haben, ſo laſſen wir ihn ſobald nicht los, ſondern druͤcken ihn, wie eine einmal angeſchnittene Citrone, bis auf den letzten Tropfen aus, waͤhrend unſere juͤngern Freunde von der Citrone wenig Saft, gleichſam nur koſtend, ausſaugen, und die noch volle Schaale dann fortwerfen, um zu einer neuen, vollen Frucht zu greifen. Da Bertram bis ſpaͤt in die Nacht hinein geſchrieben hatte, verfehlte er ſeinen Zweck, fruͤh auswandern zu koͤnnen. Er erwachte erſt als die bereits hoch am Himmel ſtehende Sonne durch ſeine uͤbereisten Fenſterſcheiben matte Strah⸗ len warf. Die Glocken des Kirchthurms laͤuteten eine ernſte feierliche Weiſe, man hoͤrte einige kleine Glockenſpiele in der Naͤhe ——„ 3— u— B— — 177— Naͤhe; und als er durch die Fenſter auf die gegenuͤberſtehen⸗ den Haͤuſer ſah, ſchien ihm alles eine gewiſſe Reinlichkeit und Feierlichkeit anzudeuten. Indem er, das Felleiſen im Arme, in die Wirthsſtube hinunterſtieg, fand er auch dieſe aufge⸗ raͤumt und mit gruͤnen Tannenzweigen hie und da ausge⸗ ſchmuͤckt. Die Stammgaͤſte ſtanden mit dem Wirthe, wel⸗ cher vorn auf ſeinem Hute eine Lauchſtaude trug, dicht am Fenſter geſchaart. Sie ſchienen, indem ſie dem Eintretenden den Ruͤcken zudrehten, bei der Verfolgung eines Gegenſtan⸗ des auf der Straße ſo beſchaͤftigt, daß es fuͤr Bertram un⸗ möglich blieb, ſeine Neugier Hinſichts der Veranlaſſung die⸗ ſer beſondern Feierlichkett,— da ſein Kalender weder Sonn⸗ noch Feſttag ankuͤndigte,— durch Fragen zu befriedigen. Er ergriff die beſte Partie, ſich aus eigenen Mitteln Kenntniß zu verſchaffen, und ſtieg auf einen Schemel, um uͤber die Kopfe derer, welche bereits die Fenſter oecupirt hatten, auf die Straße hinauszuſehen. Er erblickte indeſſen auf dieſe Weiſe nichts mehr und nichts weniger, als bunt geſchmuͤckte Vaͤliſche Landleute, welche in groͤßern und kleinern Maſſen, die Frauen und Maͤdchen mit allerhand buntfarbigen Baͤn⸗ dern um Hauben und Haar, die Maͤnner mit Lauchbuͤſchen zuf den Huͤten, entlang zogen. Aller Welt iſt bekannt, daß der Graf Marcellus eine Ode auf den Knoblauch, ſeiner Verwandtſchaft mit den Lilien wegen, angefertigt, und die franzoͤſiſche Akademie an ihn da⸗ fuͤr ein Belobungsſchreiben erlaſſen hat. Richt aus gleicher I. Bd. 12] — 178— urſach feiern die wackern Bewohner von Wales den Lauch, auch nicht um ihn mit Salz und Brod, wie Faͤhndrich Pi⸗ ſtol, trotz ſeines Hohnes und Muthes gegen Cadwadwal⸗ ler und alle ſeine Geiſter, bei der unfreiwilligen Mahlzeit zu verzehren. Ihrer Ahnen, der alten Waliſer, großen Sieg — ob fabelhaft oder wirklich, iſt gleichguͤltig, wenn ſein An⸗ gedenken die Geiſter der Enkel erhebt,— uͤber die andrin⸗ genden Saͤchſiſchen Niederlaͤnder feierten unſere ehrlichen Nachbarn und Bruͤder noch vor zwanzig Jahren ſo gewiſſen⸗ haft, als dies vor Jahrhunderten geſchehen mochte. Man ſah keinen Menſchen, welches Amt er auch bekleiden mochte, und wenn ihn das Schickſal ſelbſt bis Seringapatnam gefuͤhrt haͤtte, am Sankt Davidstage ohne ſeinen Lauchzweig am Hute herumgehen, und er glaubte an dieſem Tage jedermann eine Ehre anzuthun, mit dem er ſich in ein Geſpraͤch einließ. Die ſchoͤne alte Sitte hoͤrt allmaͤlig anf. Wir wuͤnſchten wohl, daß ein Nebenmann des Lord O.., als Seine Herrlichkeit am letzten Sankt Davidstage ſo beredt die Grundſaͤtze ihrer jacobiniſchen Freunde vertheidigten, ihm einen Lauchſtengel vorgehalten haͤtte. Wir zweifeln nicht, daß die Scham Sei⸗ ner Herrlichkeit Antlitz wuͤrde ſo roth gemacht haben, als die Muͤtze muß gefaͤrbt ſein, nach welcher ſein ganzes Sinnen und Trachten geht, eine Muͤtze, an welcher freilich nichts weniger als der Lauchzweig, das Symbol der Treue und des Feſthaltens an den bewaͤhrten Grundſaͤtzen der Vaͤter, paſſen mag. — 179— Wird denn das aberglaͤubiſche, dumme, verkehrte Feſt am Davidstage ewig dauern? fragte Dnlberry. Huͤtet Euch— das laut werden zu laſſen— ſagte der Wirth.— Unſere Freunde draußen moͤchten ſonſt mit Eis⸗ ſtuͤcken das Haus und Euren Kopf bombardiren, und Euch ſelbſt unter die Plumpe ziehn.— Oder— ſagte der Direktor— Euch Lauch zu eſſen ge⸗ ben, trotz dem Hauptmann Fluellen, und wahrhaftig nicht auf ſo feine Art, als ich dies von Garrik ſah, dem ich nach dem Urtheile des Londoner Publikums in der Rolle des Flu⸗ ellen gleichen ſoll. Lauter aberglaͤubiſche Gebraͤuche aus den Zeiten der Fin⸗ ſterniß und Barbarei. Daher kommt es auch, daß die ge⸗ ſunden patriotiſchen Grundſaͤtze noch ſo wenig unter dem Volke von Wales Platz greifen. Es giebt ſo ſchon zu viel unnuͤtze Feiertage im Kalender, und hier will der Aberglau⸗ ben noch einen fuͤr die Faullenzer einfuͤhren? Meine Her⸗ ren, ich waͤre nicht abgeneigt, eine Adreſſe zu unterzeichnen, welche die ſtrenge Unterſagung des Glockenlaͤutens und An⸗ ziehens der bunten Kleider und Umherlaufens auf den Gaſſen, bezweckte— eine Adreſſe— Keine Adreſſe! ſchrie man von allen Seiten. Ich glaube— ſagte der Wirth— wer eine ſolche Adreſſe dier anzettelt, den ließe der Squire durch den Buͤttel mit Reſſeln aus der Grafſchaft peitſchen; denn dem geht nichts uͤber den Davidstag,— den Lauch und das Glockengelaͤute. — 180— Er theilt Geld und Almoſen aus, und ſchenkt dem gemeinen Volke Bier und Branntwein, damit ſie nur luſtig ſein mo⸗ gen und den Tag gehdrig feiern. Entſetzlicher Despotismus! Und ſie trinken und tanzen wirklich? Ei freilich, und laſſen es oft nicht beim Trinken be⸗ wenden. Das iſt zu arg, meine Herren. Despotismus, wie man ihn auf den Brittiſchen Inſeln nicht denken kann! Caſtle⸗ reagh hat alle freien Englaͤnder gegen ihren Willen zur Trauer gendthigt; dieſer kleine Despot zwingt aber freie Leute, wenn ſie wollen traurig ſein, luſtig zu ſein. Steht davon etwas in der Magna Charta? Der Sauire iſt ein guter Mann— fiel der Wirth ein— wenn auch etwas wunderlich und ſtreng. Seine Paͤchter und Leute lieben ihn, und ich glaube, wenn er es befdhle, ſie ſtuͤrzten ſich von der ſteilen Uferwand herab, und kletterten wieder herauf, wenn Fraͤulein Genievra ihnen winkte. Und der Sauire— fuhr der eben eintretende Aldermann Graveſand fort— haͤlt auf alte Ordnung und Waͤliſche Sitte, wie dies Herkommen bei uns ſchon tauſend Jahre vor Chriſti Geburt war. und iſt Friedensrichter ſeit vierzig Jahr— ſagte der Wirth— und, wie oft auch das Miniſterium gewechſelt hat, eh immer geblieben, welches beweiſt, daß er ſich in alle Zei⸗ — 181— ten und Sitten ſchicken kann, wie es fuͤr einen guten Wirth, der auch mit vielen Eaͤſten umzugehen hat, ſich ſchickt. Da ſeid Ihr auf falſchen Wegen, Gevatter Evan, ſagte Graveſand.— Kein Friedensrichter ſchickt ſich und buͤckt ſich weniger als unſer Squire. Er iſt ein Whig wie Einer, und ſeit ſeiner Geburt,— wenn er da ſchon im Parlament haͤtte ſitzen koͤnnen,— immer in der Oppoſition; und dennoch kruͤmmen die Miniſter ihm kein Haar. Eslwird keine Rede auf den miniſteriellen Baͤnken geſprochen, ohne daß unſer Squire, in ſeinen fruͤhern Jahren, dagegen opponirt haͤtte; jetzt frei⸗ lich iſt's anders und er kommt ſelten nach London aber po- 3110— Und warum kommt er nicht nach London, warum oppo⸗ nirt er nicht mehr gegen jede miniſterielle Rede? warum iſt er lau geworden, und liegt nun, gleich dem wiederkaͤuenden Stiere, auf ſeinem fruͤhern Patriotismus, und glaubt, es iſt beſſer, bequem und reich ſein, als ein Volksfreund, der Tag und Racht wachen muß?— Warum, Gentlemen? weil er eine Sinecure bekommen hat, weil ſeine Soͤhne, Vettern und RNeffen Aemter bekommen haben, die das Mark des Landes verzehren. Warum, Maſter Dulberry? Das will ich Euch ſagen— rief Graveſand aus, ſtellte ſich vor den Reformer hin, und declamirte ihm mit nachdruͤcklichen Worten und handgreifli⸗ chen Geſtieulationen vor: Nicht darum, Maſter Dulberry, kommt er nicht mehr nach London und ſpricht nicht mehr im Parlamente, um ſeinen Soͤhnen, Vettern und Neffen ein⸗ traͤgliche Aemter zu verſchaffen, denn er hat keine Reffen, Vettern und Soͤhne mehr; nicht darum, um eine Sine⸗ eure zu bekommen, denn er hat ſein Leben hindurch fuͤr den Staat gearbeitet, ohne einen halben Pence zu ziehen; nicht darum, um bequem zu leben und zu ſchlafen, denn der alte Mann lauert oft Naͤchte lang mit den Grenziaͤgern auf die Schleichhaͤndler, und lebt auf ſeinem Schloſſe wie ein Einſiedler; nicht darum, Maſter Dulberry, ſpricht er jetzt nicht mehr im Parlamente fuͤrs Engliſche Volk und Engliſche Freiheit, ſondern darum, Maſter, weil's jetzt in London und anderwaͤrts eine Menge alberner, vorlauter, ungeſchliffener und unwiſſender Narren giebt, welche vorgeben die Freiheit Alt⸗Englands vertheidigen zu muͤſſen, in der That aber nur ungewaſchenes Zeug vorbringen, und Alt⸗Englands Freiheit läͤcherlich machen und alle die edlen Ehrenmaͤnner, welche ſonſt dafuͤr geſprochen haben, jetzt zuruͤckſchrecken, weil ſie ſich ſchaͤmen mit ſolchen ſchmutzigen, laͤcherlichen, zerlumpten Leu⸗ ten einerlei Sache zu haben. Dieſe ſchmutzigen, laͤcherlichen, lum⸗ pigen Leute, Maſter Dulberry, wenn Ihr's nicht wißt, ſind die Reformer; und wenn ich jetzt einen ſolchen Reformer vor mir haͤtte, und der Kerl ſchimpfte gegen unſern guten Friedens⸗ richter, ſo wuͤrde ich ihn, ſo wie Euch, Maſter Dulberry, an beiden Schultern feſt packen, und ihn, ſo wie Euch, dreimal eecht derb auf den Schemel niederſtoßen, und zu ihm ſa⸗ gen: wenn Du, lumpiger, laͤcherlicher Reformer, noch ein⸗ — 183— mal Dich unterſtehſt, ſo gottloſes und ungewaſchenes Zeug zu ſprechen, oder ſonſt Dich unehrerbietig gegen unſern Herrn zu erweiſen, ſo packe ich Dich noch einmal bei den Schul⸗ tern— gute Freunde werden ſchon helfen— und werfe Dich ohne alle Umſtaͤnde zum Fenſter hinaus. Seht, Maſter Dul⸗ berry, ſo wuͤrde ich geſprochen und gehandelt haben, wenn Ihr ein ſolcher Reformer und nicht unſer guter Freund und alter Bekannter Samuel Dulberry waͤret. Der Reformer blieb auf dem Platze,— auf welchen ihn der Alderman ſo unſanft niedergeſtoßen hatte, ruhig ſitzen. Er begnuͤgte ſich, veraͤchtlich ſeinem Gegner mit den Wor⸗ ten den Ruͤcken zuzukehren: Dient nur recht unterthaͤnig Eurem Herrn, Maſter Graveſand, tragt ihm ſeine Schooß⸗ huͤndchen nach, und ſtreichelt ſeine Katze; aber wenn Ihr mir den Rock beim Stoßen haͤttet entzwei geriſſen, wuͤrde Euch der eingelegte Proteſt wenig geholfen haben. Den Zwiſt der beiden Ehrenmaͤnner endete der allge⸗ meine, vom Fenſter herſchallende, Ruf: Still, Still! Sie kommen! Der Sauire, der Squire!— Alles, bis auf den Reformer, draͤngte ſich jetzt nach Thuͤr und Fenſter. Man hoͤrte einige Trompetenſtoͤße, die Glocken der Kirchthuͤrme ſpielten, und aus den entfernteren Gegen⸗ den des Fleckens ertoͤnte Freudengeſchrei. Die buntbewegte Maſſe draͤngte auf der Straße bei dem Wirthshauſe voruͤber nach der Kirche zu; die meiſten im Zuge blickten indeſſen noch oft zuruͤck nach dem eigentlichen Hauptgegenſtande des, —-— 484— wie es ſchien, mehr durch Zufall, als auf beſondere Anord⸗ nung gebildeten Zuges. Unter vielem Zujauchzen der Zu⸗ ſchauer nahten endlich eine Partie Reiter dem Wirthshauſe, und zwar alle im Schritte und mit moͤglicher Langſamkeit und Feierlichkeit. Zuerſt ritten zwei auf zwei, vier Maͤnner, welche wir Waffentraͤger nennen wollen, obgleich ſich dem fremden Zuſchauer die Vermuthung aufdraͤngen moͤchte, es ſeien nur aufgeputzte Stallknechte oder Bediente geweſen. Sie trugen ſchwarze Jockeijacken, enge lederne Beinkleider, große Courierſtiefeln, und auf den kleinen Huͤten Lauchzweige. Zu ihrer linken Seite hingen alterthuͤmliche, lange und gerade Schwerter, und uͤber ihren Beinen,— ob mehr zur Zierde oder zur Abwehrung der Kaͤlte, laſſen wir unentſchieden,— ehemals mit Zierrathen geſchmuͤckte Baͤrenfelle, die aber jetzt durch Alter, Gebrauch und Nichtgebrauch verſchoſſen und auch theil⸗ weiſe ihrer Haare beraubt waren. Sie trugen in aufrechter Stellung Hellebarden der aͤltern Form. Ihnen zunaͤchſt ſchmetterten zwei gleichfalls berittene und mit vielen Baͤn⸗ dern geſchmuͤckte Trompeter Weiſen, welche theils als Tri⸗ umphmaͤrſche, theils als Kirchenhymnen gelten konnten; und hinter dieſen ritt auf einem alten blinden, ſonſt aber noch ganz ſtattlichen und hohen Gaule eine Perſon, wie es ſchien, von groͤßerer Bedeutung. Es war ein ſehr alter Mann, der gekruͤmmt, aber doch noch kraͤftig auf dem Pferde ſaß. Die engen ledernen Beinkleider und ſehr kurzen Halbſtiefeln paß⸗ ten eben ſo wenig, als das große Schwert zur Linken und — 185— der ungeſtaltete alte Dolch zur Rechten, zu der uͤbrigen Ge⸗ ſtalt und dem Alter des Reiters. Sein Rock glich den Uni⸗ formen unſerer Infanteriſten; er ging, nach vorn zu, lang hinunter, waͤhrend die hintern Schoͤße kaum handbreit her⸗ vorragten, dagegen waren aber dieſe Schoͤße, die untern Aermel und vor Allem die Aufſchlaͤge auf der Bruſt, breit und ſtark mit Silber beſtickt: an ſeinem unaufgekraͤmpten Hute ſteckte der Lauchzweig; in beiden Haͤnden aber hielt er, dergeſtalt daß die beiden untern Enden auf den Steigbuͤgeln geſtuͤtzt blieben, zwei hohe Standarten oder Fahnen,— denn ſie waren ſo zerriſſen, geflickt und wunderbar zuſammengeſetzt, daß man ſie weder fuͤr das eine noch fuͤr das andere beſtimmt ausgeben konnte, de⸗ ren Fetzen— aͤhnlicher vermoderten Spinneweben als geſtickten Fahnentuͤchern— hoch in der Luft flatterten. Auch dieſer Fah⸗ nentraͤger war noch nicht die Hauptperſon im Zuge, ſondern alle Blicke richteten ſich auf einen, wenige Schritte hinter dem greiſen Senneſchall kommenden Reiter, deſſen Jahre vielleicht nur um wenig denen ſeines Vorreiters nachſtanden. Auf einem edlen Roſſe ſaß ein langer, hagerer Reiter, deſſen wun⸗ derbare Geſtalt zugleich Ehrfurcht einfloͤßen mußte und das Gelaͤchter erregen konnte. Seine Kleidung mochte dem ſechs⸗ bis ſiebenzigjaͤhrigen, in ſeinen Geſichtszuͤgen noch immer ſchoͤnen Manne vielleicht zur Zeit ſeiner Jugendbluͤthe die Eroberung der Schoͤnen erleichtert, und er dafuͤr aus Dank⸗ barkeit ſie bis an ſein Ende zu tragen gelobt haben; denn der Squire— fuͤr welchen der Leſer unſern Reiſer wohl — 186— ſchon wird erkannt haben;— hatte, trotz der Winterkaͤlte, einen Damaſtſeidnen gruͤnen Frack mit einem Ausſchnitt und ſo vielen ſilbernen und goldenen Borten, Franzen und Stik⸗ kereien an, daß man auf die Vermuthung kam, der Nock muͤſſe noch in den letzten Regierungsjahren Ludwig XIV. oder mindeſtens den erſten der Regentſchaft des Herzogs von Orleans angefertigt ſein. Die dunkelblau ſeidene, mit aͤhn⸗ lichen Stickereien verzierte Weſte reichte bis auf die Haͤlfte der Schenkel, und die mancheſternen ſtahlgrauen Hoſen wur⸗ den von ganz grauen Struͤmpfen begraͤnzt, ſo daß der Leib abwaͤrts bis zu den ſchwarzen Schnallenſchuhen eine regel⸗ rechte Schattirung aller Harniſchfarben bildete, und, waͤre der ſtoͤrende gruͤne Frack nicht da geweſen, der Reiter, was den untern Theil ſeines Koͤrpers betrifft, einem in Stahl gepanzerten Ritter geglichen haͤtte. Der obere Theil ſtoͤrte aber alle Illuſion; denn er trug auf dem Kopfe eine hohe weiß gepuderte Peruͤcke, auf der Peruͤcke einen ſehr kleinen, dreieckigen Treſſenhut, und auf dem Treſſenhute eine uͤber⸗ aus hohe Lauchſtaude. Wer aber von meinen Leſern wuͤrde noch an den Ritter gedacht haben, ſobald er den koſtbaren Muff geſehen haͤtte, in welchem der Squire beide Arme bis zum Ellenbogen verbarg, und aus deſſen Mitte heraus er mittelſt Zaum und Zuͤgel ſein edles Roß lenkte? Und dennoch wuͤrdeſt Du, guͤnſtiger Leſer, in der ganzen Geſtalt des Man⸗ nes, und beſonders in ſeinen ernſten ſchoͤnen Zuͤgen, etwas ent⸗ deckt haben, was ſehr bald Dein unterdruͤcktes Laͤcheln ganz — 187— verſcheucht haͤtte. Die Zuͤge um ſeinen Mund, und ſelbſt die Runzeln der Stirne hatten freilich etwas Komiſches, mindeſtens Seltſames; die tief eingefallenen Augen und der ernſte Blick aus denſelben verkuͤndeten aber, daß die Trauer, und zwar eine tiefe, ſchon bei ihm eingekehrt ſei. Der Squire dankte freundlich, und feierlich zugleich, den ihn halb aus Neugier, halb aus wirklicher Luſt und Wohlgefallen gruͤßen⸗ den Zuſchauern, und ritt dann gemeſſenen Schrittes ſeinem Seneſchall nach. Ihm zur Seite, doch etwas zuruͤck, hing leicht auf einem ſchoͤnen weißen Zelter eine anmuthige, ſchlanke Frauengeſtalt. In den ausdrucksoollen, edlen Zuͤgen und dem ſeelenvollen Auge glich Fraͤulein Ginievra ganz ihrem Verwandten, doch fehlten auf ihrem Geſichte die komiſchen Zuͤge um den Mund und die laͤcherlichen Stirnrunzeln; ein ſtiller Schmerz ſchien aber auch aus ihrem blauen Auge zu ſprechen, und das zarte Blaß des Antlitzes ſtrafte dieſen Ausdruck nicht Luͤgen. Doch war dies kein Schmerz, welcher ſie, jedes fro⸗ hen Eindrucks unfaͤhig, zur hinwelkenden Ungluͤcklichen ge⸗ macht haͤtte. Im Gegentheil ſchien Lebenskraft und Muth aus jeder Muskel des Fraͤuleins zu reden, und ihr Auge konnte klar und ungeſtoͤrt bei jedem Gegenſtande verweilen. Es ſchien nur, als habe ſie einen herben Kelch geleert, deſſen Nachgeſchmack ihr noch jeden Genuß verbittere, und die Ro⸗ ſen, die natuͤrlichen Bewohner ihter Wangen, von denſelben verſcheuche. Es war eine Luſt zu ſehen, wie die ſchlanke Ge⸗ — 1988— ſtalt, welche durch die reiche und geſchmackvolle Pelzkleidung noch um vieles an Reiz gewann, ihren Zelter muthvoll und leicht bewegte; und wo ein Blick oder Gruß von ihr hinſtel, ſchien er die Menge, welche darauf Anſpruch machen konnte, ſo zu begluͤcken, als wenn in katholiſchen Laͤndern der vom Prieſter geſpendete Tropfen Weihwaſſers, oder des Biſchofs ſegnende Hand⸗Bewegung, in gewiſſer Richtung auf den ge⸗ draͤngten Haufen der Andaͤchtigen niederfaͤllt. Sie eilte, nachdem ſie einen fluͤchtigen Gruß nach dem Wirthshauſe geworfen, der vielleicht dort mehr als ein Herz entzuͤndete, dem Squire nach; und Niemand, wie genau er auch zu Anfang des Zuges die Hellebardenreiter betrachtet hatte, mochte jetzt noch den aus vier aͤhnlich bewaffneten jun⸗ gen Bauersleuten beſtehenden Nachtrapp anſehn. Dieſen, wie es ſchien auf beſondern Befehl, uniformirten und be⸗ waffneten Reitern ſchloſſen ſich viele bunt und mit Lauch⸗ ſtauden geſchmuͤckte Landleute zu Pferde an. Erſt hinter ihnen kamen die Fußgaͤnger, und zu dieſen geſellten ſich von allen Seiten die bisher dem Schauſpiel zuſchauenden Buͤrger, und der immer groͤßer werdende Zug eilte unterm Laͤuten der Glocken den geoͤffneten Kirchthuͤren zu. Ohne daß es des Vorſchlags einer Adreſſe oder des Stimmenſammelns bedurft haͤtte, war man im Wirthshauſe einſtimmig entſchloſſen, ſich dem Zuge anzuſchließen und dem Gottesdienſte beizuwohnen. Auch Bertram warf das Felleiſen in den Winkel und fuuͤrzte mit Stock und Hut zur Thuͤr hinaus, ohne eigentlich recht — 189— zu wiſſen, weshalb er es thue und weshalb er ſeinen feſten Entſchluß, ſchon in dieſer Stunde abzureiſen, ſo ploͤtzlich auf⸗ gegeben habe. Beim Hinausſpringen ſtieß er beinahe Dul⸗ berry, welcher ganz allein in der Mitte des Zimmers ſitzen geblieben war, vom Schemel herunter, und der Reformer fand nicht einmal ſo viel Zeit, vor den Ohren eines Zuhdͤ⸗ rers, ſeinem Unwillen Worte zu geben. Eine aberglaͤubiſche, ſchaͤndliche Feierlichkeit! ein Feſt⸗ das allein dazu dient, verjaͤhrte Vorurtheile uͤber verſchiedene Abkunft zu naͤhren und die allgemeine Gleichheit des Britti⸗ ſchen Volkes zu verhindern! Und welche papiſtiſche Proceſſion mit Sing und Sang und Klang!— Als aber alles aus dem Zimmer entfernt war, ſprang Dulberry an's Fenſter, ſah begierig dem Zuge nach, und ſprach bei ſich: Ich moͤchte wohl in der Kirche ſein, um zu hoͤren, was ſie da fuͤr verkehrtes Zeug anfangen. Es wird gewiß nicht zum Ertragen ſein, intolerante Lehren, Aufwiege ngen gegen die Volksfreunde — ich ſtelle mich hinten im Chär, wo mich Niemand ſieht,— und ſpringe unbemerkt nach Hauſe, ehe die Predigt aus iſt. Wen meiner Leſer, der in katholiſchen Laͤndern einer Pro⸗ eeſſion beigewohnt hat, ergriff nicht, auch wenn er einem an⸗ dern Glauben zugethan war, ein feierliches Gefuͤhl, wenn der lange Zug bei ihm voruͤberwallte, wenn der muͤßige Zu⸗ ſchauer, uͤberwaͤltigt von dem ſinnlichen und doch heiligen Eindrucke, durch eine geheime Macht gezwungen, ſich ihm anſchloß? Wurde er nicht ſelbſt mit fortgeriſſen, und befand — 190— ſich halb unbewußt mitten im Zuge der Andaͤchtigen? Mich wenigſtens riß bei einer Proceſſion in Orleans, nicht die phy⸗ ſiſche Kraft der Menge, ſondern ein wunderbares erhebendes, und zugleich niederdruͤckendes Gefuͤhl mit dem Zuge fort. Als die Glocken von dem hohen Dome herab feierlich die Menge luden, als die hohen Portale der Kirche ſich oͤffneten und die gewaltigen Hallen immer mehr von dem unabſehba⸗ ren Zuge verſchlangen, und Alles ſtroͤmte und draͤngte, um gleiche Befriedigung drinnen zu finden, konnte ich mich der Thraͤnen nicht erwehren. Ich weinte, ohne zu wiſſen wes⸗ halb. Erſt nach einigen Momenten kam mir das dunkle Be⸗ wußtſein, daß eben die feierliche Ungewißheit dort in den Hallen Aufſchluß und Befriedigung fuͤr alle Raͤthſel des Le⸗ bens verſpreche. Unter aͤhnlichen unbeſtimmten Gefuͤhlen wurde auch Ber⸗ tram von der Menge mit fortgezogen, und ſtand ploͤtzlich in⸗ nerhalb der alterthuͤmlichen Kirche unter einem hohen Pfei⸗ ler, von wo er das ganze Schiff gut uͤberſehen konnte. Er hatte ſich nicht dieſen Platz gewaͤhlt, ſondern blieb da ſtehen, wo der herandraͤngende Strom, welcher hier in's Stocken gerieth, ihn hingetrieben; und hatte nun von ſeinem ruhigen Standpunkte aus das Schauſpiel, die hinter ihm Kommen⸗ den allmaͤlig Schiff, Chor und Nebengebaͤude fuͤllen zu ſehn. Die Gothiſchen Bogen der Kirche waren noch in ihrem alten ehrwuͤrdigen Grau, und nirgends hatte neuere Kunſt die alten einfachen Pfeiler weder durch Kapitaͤler, noch durch Anſtrei⸗ — 191— chen und Abweißen verbeſſern wollen. Auch bemerkte man wenig des ſogenannten Gothiſchen Schnoͤrkelwerkes, an wel⸗ chen kunſtvollen Blumenzierrathen ſonſt unſere Alt⸗Engliſchen Bauten ſo reich ſind, als die Weſtminſterabtei, die Kathe⸗ drale zu Salesbury*) und die Ruinen des Kloſters Melroſe. Dagegen waren die Bogen und Pfeiler mit andern Zierra⸗ then ausgeſchmuͤckt. In kuͤnſtlicher Anordnung ſah man hier zerbrochene Schilde, dort roſtige Panzer, wunderbar geformte Streitkolben, Keulen, Hellebarden, Panzerhemden, auch Baͤ⸗ ren⸗ und Wolfshaͤute aufgehaͤngt, und mehrere Fahnen weh⸗ ten von den Mauerbruͤſtungen herab. Alle dieſe und noch viele andere Waffen, deren veraltete Namen aufzuzaͤhlen ermuͤ⸗ den wuͤrde, waren vom Staube fingerdick uͤberdeckt, ſo daß man bei vielen ihre Beſtimmung, bei allen aber ihre Farbe nur erra⸗ then konnte. Dieſe Waffen mußten indeſſen als Trophaͤen fruͤ⸗ berer Siege aufgehangen ſein, denn die Blicke des Squire und der ältern Waliſer blieben oft mit Wahlgefallen an dieſen, an ſich wenig Intereſſe habenden Religuten, haͤngen. Es iſt bekannt, daß die Berge von Wales, ſo gern auch im Ganzen das biedere Gebirgsvolk am Alten feſt haͤlt, fuͤr jede neue religioͤſe Sekte einen ergiebigen Spielraum darbie⸗ ten. Sei es, daß die beſtaͤndige Betrachtung der hohen Pfei⸗ *) Von dem Engliſchen Hefte, voll herrlicher Anſichten dieſer ausge⸗ eichneten Kathedrale, haben wir die Hoffnung durch einen jungen Künſtler, Herrn Bertram, naͤchſtens einen lithographirten Nachdruck zu erhalten. W. A. — 192.— ler der Natur, oder die ſtille Arbeitſamkeit der Bewohner der Schluchten ihren Sinn fuͤr jeden neuen religidſen Ein⸗ druck rege erhaͤlt; ſo viel iſt gewiß, daß jede neue Reli⸗ gionsmeinung dort ihre Anhaͤnger findet; woher wir alle in unſern Laͤndern zerſtreuten Seeten, dort in gerin⸗ gem Raume vereinigt antreffen. Es kann aber auch nicht fehlen, daß dieſe verſchiedenen Lichtpunkte verſchiedene Schat⸗ tirungen erhalten. Der Sinn der Bewohner iſt fried⸗ lich; und der Prediger einer Gemeine, welche vielleicht aus zehn verſchiedenen Glaubensanhaͤngern beſteht, findet ſich daher wohl veranlaßt, ſeine Liturgie den zehn verſchiede⸗ nen Meinungen in ſo weit anzupaſſen, daß er keinen allzu⸗ großen Anſtoß bei einer Sekte gaͤbe. Auf dieſe Weiſe kam es denn, daß auch der heutige Siegesprediger, obgleich er den Chorrock der biſchoͤflichen Kirche trug, doch die Kopfbe⸗ deckung eines presbyterianiſchen Geiſtlichen hatte, daß gebe⸗ tet wurde nach der Weiſe der Methodiſten, und die Lieder aus den verſchiedenen Liturgien entnommen waren. Auf gleiche Weiſe war die aͤußere Andacht der Kirchgaͤnger ver⸗ ſchieden. Einige ſtanden betend, andere ſaßen, viele,— viel⸗ leicht Katholiken,— knieeten und kreuzten ſich, und unter allen Gottesverehrern erkannte man die Geſichter der Quaͤ⸗ ker auf den erſten Blick. Zum Ungluͤck fuͤr den Fremden war der Prediger aber noch Einer der wenigen, welcher die alte Waͤliſche Sprache ſoweit verſtand, daß er ſie nach dem Willen des Squire, der allein noch dies verjaͤhrte und oft — 193— oft ſchon uͤbergangene Feſt in der Art aufrecht erhielt, zum Vortrage an dieſem Siegesfeſte auf der Kanzel von Mern gebrauchen konnte. Demungeachtet entging Bertram das Pathetiſche des Vortrages nicht, und er hoͤrte die Worte: Cadwallor, Arthur, Kymmerier, Walladmor be⸗ ſonders hervorheben. Oft zeigte auch der Redner auf die Trophaͤen, wo dann alle Augen nach den Bogen und Pfei⸗ lern flogen; dann auf den Squire, welcher ſein Haupt nie⸗ derſenkte und es erſt wieder aufhob, wenn der Prediger ſeine Haͤnde, wie preiſend, zum Himmel erhob. Die Rede ſchloß er mit beſonders ſtarker Betonung einiger Worte, die wie ein Aufruf klangen, worauf alle verſammelten Maͤnner in ein waͤliſches Lied einſtiiumten, welches mehr wie Siegs⸗ und Kriegsgeſang, als ein dem chriſtlichen Geſangbuche entnom⸗ menes toͤnte. Dies beendete die ganze Ceremonie. Bertram hatte, da er ja nichts verſtand, weniger auf die Predigt gehoͤrt, als auf die Menge geſehn. Beſonders zog ihn der Squire und deſſen Nichte an. Auch hatte er das Gluͤck gehabt, von ſeinem erhoͤhten Standpunkte aus beide, wenigſtens von hinten, genauer betrachten zu koͤnnen. Der Squire war, waͤhrend des ganzen Gottesdienſtes, ungeſtoͤrt andaͤchtig geblieben. Nicht ſo Fraͤulein Ginievra, welche, wenn die Blicke des Oheims die Erde beruͤhrten, die ihrigen umherſchweifen ließ, als ſuche ſie aus dem dichten Gedraͤnge der Andaͤchtigen irgend einen bekannten Gegenſtand heraus. Bertram wollte, als die Kirche beendet war, dem Orte zu⸗ I. Pd.[ 13] — 194— ſpringen, wo der Squire mit ſeinem Gefolge zu Pferde ſtieg; da aber ſehr Viele mit ihm die gleiche Abſicht hatten, war der Ausgang bald ſo gedraͤngt voll, daß es fuͤr ihn unmoͤg⸗ lich war, ſich ſchnell nach den Vorhallen hindurchzuarbeiten. Als noch eine große Menge ſtaͤmmiger Waliſer vor ihm ſtan⸗ den, ſah er ſchon, durch die Koͤpfe ſeiner Vormaͤnner hindurch, das Fraͤulein auf ihren Zelter erhoben und ſammt dem Oheime ſich dem, von neuem gebildeten, Zuge anſchließen. Ehe er nachdenken konnte, was er zu thun habe, faßte ihn Jemand von hinten am Nocke mit den Worten: Herr Bertram! Hier geht's nicht. Das dumme, gaffende Volk verſtopft den Ausgang. Kommen Sie durch die Hin⸗ terpforte, wir ſpringen durch's Schuſtergaͤßchen und ein Paar Gaͤrten, und ſind eher im Gaſthofe als das Scharivari an⸗ kommt, und keine Seele weiß, daß wir in der Kirche waren. Kommen ſie wieder vor dem Gaſthofe vorbei, Maſter Dulberry? Ei darum kuͤmmere ich mich nicht. Glauben Sie denn, daß mir was daran liegt, ſolchen aberglaͤubiſchen dummen Prunk zu ſehen? Was koͤnnten die Pferde, welche ſie zum Zuge gebrauchen, jetzt ackern und pfluͤgen! Es iſt ja Winter, und der Acker ellentief feſt gefroren. Dann doͤnnten ſie Maſchinen treten beim Faͤrben und Lohgerben, was beim Wollratzen ſeit Erfindung meiner Ma⸗ ſchine nicht noͤthig iſt. Lauter Menſchen und lauter Dampf brauche ich, und jeder Arbeitsmann wird da ſo angeſtellt und — 195— braͤparirt, als waͤre er wirklich ſchon eine Maſchine. Es iſt eine Luſt, die Fortſchritte des Geiſtes und der menſchlichen Vollkommenheit zu ſehn.— Beide gingen den vom Reformer vorgeſchlagenen Weg, bei welchem dieſer, trotz ſeines gegen alle Schauluſt geaͤußer⸗ ten Unwillens, ſich einer noch groͤßern Eile als Bertram be⸗ fliß. Demungeachtet konnte er ſich nicht enthalten, ſelbſt beim Ueberſpringen uͤber die Zaͤune, gegen die Feierlichkeit, und die dabei gebrauchte Waͤliſche Sprache zu declamiren. Noch hatte er nicht alles Unheil, welches aus derſelben fuͤr die Brittiſche Freiheit entſpringt, aufgezaͤhlt, als ſie ſchon durch eine Hinterthuͤr die Wirthsſtube erreichten, und der Reformer kaum noch Zeit gewann, ſeinen, zwiſchen der Mitte des Zimmers und dem Kamine befindlichen Stuhl einzuneh⸗ men, ehe die dem Zuge voraneilende Geſellſchaft nebſt meh⸗ reren Buͤrgern in das Zimmer trat und die Ankunft des Squire verkuͤndigte. Bald waren Winkel und Waͤnde gefuͤllt, und mehrere Trompetenſtoͤße verkuͤndeten, daß der Squire abgeſtiegen und in's Haus getreten ſei. Doch dauerte es noch einige Minu⸗ ten, ehe der Wirth die Thuͤre aufriß und der Friedensrichter, mit dem Fraͤulein, ſeinem Seneſchall und zwei der bewaffne⸗ ten Diener eintrat. Zugleich, und, wie es ſchien, mit ihm im Geſpraͤch begriffen, kam auch der Hollaͤnder in das Zim⸗ mer mit einer Gebaͤrde, welche verrieth, daß er als Bitten⸗ der den Squire angegangen war. Jedermann zog ehrerbie⸗ — 196— tig den Hut ab, und wer gerade ſaß, ſtand vor dem alten Manne auf; nur Dulberry blieb halb mit dem Ruͤcken gegen ihn gekehrt, und mit bedecktem Haupte ſitzen, indem er, ohne im geringſten ſich ſtoͤren zu laſſen, die Zeitungen fortlas. Der Squire dankte mit Wuͤrde und Freundlichkeit den Anweſen⸗ den, und wandte ſich an den Hollaͤnder: Alſo, Herr van der Velſen, in Betreff deſſen— was Sie bitten— Daß Dero Hochwohlehrſamen— ſiel dieſer ſchnell und gegen Gewohnheit geſpraͤchig, obwohl breit, um ſein altes Phlegma nicht zu verlaſſen, ein— daß Dero Hochwohlehr⸗ ſamen, weil es unter Chriſten immer Gebrauch geweſen, daß chriſtliche Leichname nicht denen Woͤlfen auf dem Lande, noch denen Seehunden im Waſſer vorgeworfen, ſondern in der Erde und zwar auf Kirchhoͤfen begraben werden,— ge⸗ ruhen moͤgen, den Leichnam eines Chriſten, ſo auf der See verſtorben iſt, in hieſigem Lande auf einem ehrlichen Kirch⸗ hofe beerdigen zu laſſen. Ja— ſiel der Squire ein, indem ex den Hut ruͤckte— chriſtliche Leichen zu beerdigen, iſt von Alters her in dieſem Lande Sitte geweſen,— es iſt eine chriſtliche Sitte, obſchon nicht immer befolgt, wie in dem Falle der Schlacht auf dem Snowdon und mit Zauberer Merlin, wie es denn auch noch immer ſehr ungewiß iſt, ob Koͤnig Arthur je beerdigt wor⸗ den, obgleich ſeine Gebeine als hochwuͤrdige Reliquien gezeigt ſind. Aber wer iſt der auf der See geſtorbene Chriſt? — 197— Dero Hochwohlehrſamen moͤgen vergeben. Er iſt zwar nur Franzos, aber ein Schiffscapitain und ein guter Chriſt — ein Chriſt wie man ſie auf dem Waſſer finden kann, und es war imer ſein hoͤchſter Wunſch im Leben, ein gutes, chriſtliches, anſtaͤndiges, ungeſtoͤrtes Begraͤbniß.— 1 Wie heißt der Capitain? Sein Name klingt wie ein Franzoͤſiſcher Harniſch— aber— Schon gut,— gut. Auf dem Kirchhofe hier liegen manche ehrliche Seeleute, Hollaͤnder, Daͤnen, Spanier und Englaͤnder, da kann der Franzoſe auch ein Plaͤtzchen finden. Demungeachtet, Hochwohlehrſamer Herr Friedensrichter, wage ich zu ſagen, daß beſagter Capitain nicht Dero prote⸗ ſtantiſchen Glaubens, ſondern dem Noͤmiſch⸗Katholiſchen iſt im Leben zugethan geweſen, und im Tode es auch iſt. Dem⸗ gemaͤß Dero Hochwohlehrſamen... Roͤmiſch⸗Katholiſch?— Franzoͤſiſch?— Herr van der Velfen, das iſt viel Fremdes im Lande, und ich will das Fremde nicht in Wales dulden, ſintemal die Waͤliſchen die aͤlteſte, adlichſte und reinſte Nation ſind ſeit Erſchaffung der Welt. Iſt gar nicht zu bezweifeln, und weiß dies, wer in der Hiſtorie verſirt iſt. Was aber beſagten Franzoͤſiſchen Schiffs⸗ capitain anbetrifft, oder anbelangt, ſo iſt ſelbiger zwar katho⸗ liſch, demungeachtet aber, da guch Katholiken im Lande ſind, nicht ganz ſo fremd, als felbiger in Betreff deſſen iſt, daß er — 198— ein Franzoſe iſt, oder vielmehr einer war, welche andere Be⸗ hinderung aber durch Dero Wohlehrſamen fruͤhern Conceß nunmehro bereits aufgehoben iſt. Er ſoll begraben werden. Denn wenn ich bedenke, daß meine Urahnen, als ſehr ſtrenge Chriſten, doch geduldet ha⸗ ben, daß man die Sachſen, wilde Heiden, welche mittlerweile unter ihren Streitaͤrten umgekommen, im Waͤliſchen Lande ordentlich begraben hat, ſo kann ich auch jetzt als Friedens⸗ richter der Supplik angebrachtermaßen nicht entgegen ſein; beſonders in Betrachtung, daß, wenn die Erlaubniß nicht gegeben wird, die Landſtraßen und Felder ſonſt uͤbelriechend werden koͤnnten von den vermodernden Leichen derer, welche anders denkend ſind. Nichts deſto weniger, Hochwohlehrſamer, duͤrfte ich wagen— Schon gut, Herr van der Velſen! Wenn meine Ahnen Gerichtstag hielten, und mit allen ihren Mannen, ſei es in ihrer eignen Burg, oder in den großen mit Holz getaͤfelten Fluren ihrer Unterthanen, auf dem hohen Stuhle am Ka⸗ mine ſaßen, dann durfte Jedermann vor ſie treten, und Alles vorzubringen wagen. Was nicht in den alten Ge⸗ ſetzen von Powisland oder denen von Cornwall ſtand, das entſchieden ſie nach eigener Eingebung, und ich wuͤßte nicht, ob es die Kronrichter ſammt dem Lord Oberrichter jetzt beſſer verſtehn Jetzt, ſeitdem wir Friedensrichter ge⸗ worden ſind, hat ſich das freilich etwas geaͤndert; jedoch ſitze — 199— ich noch immer oben in Walladmor⸗Caſtle vor dem Kamine in dem alten Armſtuhl, den Koͤnigin Eliſabeth hochſeligen Andenkens,— ſie war die letzte aus dem Hauſe Owen Tu⸗ dors— meinem Ururgeegvater ſchenkte. Es war dies zwar keine große Ehre; denn Owen Tudors Ahnen zogen in den Zeiten des Ruhmes immer erſt hinter den Standarten der Walladmors, welchen Namen meine Altvordern eben ſeit der Schucht am Snomdon fuͤhrten, und ſie mußten den Nachhut halten und die gefangenen Stiere forttreiben; wie ich aber ſage, es war dennoch ehrenvoll, da Koͤnigin Eliſabeth aus Waͤliſchem Blute ſtammte und Koͤnigin war. Der Wirth unterbrach hier den Squire, indem er ihn aufmerkſam machte, daß ſeine Vorfahren, wenn ſie in Mer⸗ Gericht gehalten, ſeine eigene Gaſtſtube mit ihrer Gegenwart geehrt und am Kamine praͤſidirt haͤtten. Er bat den Squire, ſich gleichfalls hier niederzuſetzen, und nach althergebrachter Weiſe die Klagen und Bitten der getreuen Waͤlſchen anzu⸗ hoͤren. Der Friedensrichter winkte dem Vorſchlage Beifall zu, und zeigte auf den Platz, welchen er einnehmen muͤſſe⸗ den aber Dulberry gegenwaͤrtig inne hatte. Der Wirth ver⸗ ſtand den Wink, ging an den Reformer heran, und klopfte ihm auf die Schulter: Maſter Dulberry ſteht auf von Eurem Stuhle, der ehren⸗ werthe Sir Morgan Walladmor muß hier ſitzen. Wer? fragte Dulberry, ohne ſich umzuſehen.. Sir Morgan Walladmor Gwinith ap Bangor, 8 — 200— Herr in Carnarvon, Gebieter auf Snowdon, Standherr in Powisland, Wahlherr und Lord Manor von Mer⸗ ſhire— Der Reformer hielt ſich die Ohren zu:— Will der Mann mit allen ſeinen Namen hier ſitzen, ſo bricht er den Stuhl entzwei. Ich heiße Samuel Dulberry, habe Stuhl und Platz bezahlt, bin ein ehrlicher Mann, thue Niemand Scha⸗ den, fuͤrchte Niemanden uno bleibe hier ſitzen. Dulberry! Seid kein Narr, Ihr muͤßt aufſtehn. Der Sauire iſt Herr von Grund und Boden in ganz M⸗rr. Und ich habe meinen Platz am Feuer gemiethet, und zu⸗ vor in Beſitz genommen, ehe ein anderer dazu gekommen iſt, und werde kein Narr ſein aufzuſtehn, ſondern als ein ver⸗ nuͤnftiger Mann ſitzen bleiben. Um Gottes Willen, Dulberry, ſchreit nicht ſo laut. Es iſt ia der Friedensrichter. Hat er vor mir etwa den Platz beinhlt⸗ Nein! aber— Ich bleibe ſitzen. Es iſt Sitte, daß der Friedensrichter— Kann anderwaͤrts richten. Ich brauche ihn nicht, denn ich bin im Frieden und im Beſitz. Dieſer Streit wurde durch die Schuld des Reformers ſo laut verhandelt, daß Niemandem im Zimmer ein Wort entging. Der Squire wurde mehrere Male hochroth, ſtuͤtzte ſich heftig auf ſeinen, mit Silber beſchlagenen, Stab, und — 201— konnte nur mit Muͤhe den Ausbruch ſeines Unwillens unter⸗ druͤcken. Dagegen traten jetzt die aͤltern Buͤrger, welche ihre Entruͤſtung weniger verborgen hatten, mit nicht zweideuti⸗ gen Mienen, den Streit auf andere Art zu Ende zu bringen, an den Stuhl des Reformers. Waͤhrend Ginievra mit aller Freundlichkeit das auf der Stirne des Oheims aufſteigende Gewitter durch die Bemerkung, daß Dulberry ein Fremder in Wales und unkundig der alten Sitten ſei, abzuleiten ſuchte, zeigten ſie dem Reformer in einer, aller Welt ver⸗ ſtaͤndlichen, Sprache, ohne Worte zu gebrauchen, ihre Mei⸗ nung, ſo daß dieſer ploͤtzlich die Rolle der Theilnahmloſigkeit aufgab, ſich ſchnell umkehrte und mit heftiger Bewegung bei⸗ der Arme mehr ſchrie als ſprach: Gentlemen! Keine Hand angeruͤhrt.— Ich proteſtire ge⸗ gen alles Schlagen, Stoßen, Stechen, Werfen, Treten, Knei⸗ pen, Draͤngen mit der Hand, Fauſt, Ellenbogen, Fuß und Knie, oder mit dem ganzen Koͤrper, oder von der Ferne aus, indem ich weder Scherzen, Spaßen, Wetten oder Spielen mit irgend Jemand mag. Ich proteſtire gegen jede der an⸗ gefuͤhrten und aͤhnlichen Beruͤhrungen meines Koͤrpers, und ſehe demnach, wenn mich Einer dennoch mit Hand, Fanſt, Ellenbogen, Fuß oder Knie ſchluͤge, ſtieße, ſtaͤche, wuͤrfe, traͤte, kneipte, draͤngte, es als Friedensbruch, raͤuberiſchen, todtſchlaͤ⸗ geriſchen, moͤrderiſchen, brandſtifteriſchen Angriff gegen Frei⸗ heit, Ehre, Vermoͤgen und Leben an, und rufe alle Freie und Nichtfreie als Zeugen, und vor allem den Feiedensrichtss 7 der Frieden ſtiften ſoll, auf, daß ſie meinen Proteſt hoͤren, und mir beiſtehn, vor Gericht die Friedensſtoͤrer, Raͤuber, Todtſchlaͤger, Moͤrder und Brandſtifter zu verfolgen.— Nun beran, Gentlemen, wer Luſt hat! Ich werde keinen Finger ruͤhren, mich zu vertheidigen, ſondern ſogleich, wenn mich Einer nur beruͤhrt, aufſpringen, aber Gut und Blut dran ſetzen, ihn vor Gericht zu verfolgen. Die Menge hielt inne, als ſie den trotzigen Blick des Reformers und ſeine ruhig erwartende Stellung ſah. Er ſaß, beide Arme in die Seite geſtemmt, einige Secunden da, und durchflog mit den Augen das Zimmer, um zu ſehen, ob der Sieg unbezweifelt ſei. Dies war indeſſen noch keineswegs der Fall; denn Alderman Graveſand ruͤſtete ſich, trotz oder mit dem Geſet, ſeinen Trotz zu beugen. Ihm kam indeſſen der Squire ſelbſt zuvor: Gute Maͤnner von Wales! Das ſei ferne vom Enkel Walladmors von Snowdon, daß er einen niedrig gebornen Englaͤnder, der vielleicht Schutz ſucht in unſern Bergen, und erſtarrt vom Winterfroſt ſich an den Kamin unſeres Wirths⸗ hauſes gefluͤchtet hat, von dem Feuer der Herberge fortdraͤnge. Walladmors Enkel brauchen nicht mit Hauſirern und Bett⸗ lern um einen Platz zu ſtreiten, wo ſie Gericht halten wollen. Keine Gewaltthat, ihr guten Maͤnner von Wales. Es iſt ja ſchon ſo viel Fremdes in Wales eingedrungen, wir koͤnnen auch aus Mildthaͤtigkeit dieſen Fremden dulden.— Auch iſt neben ihm noch Platz genug, unſern Richterſtuhl aufzuſchla⸗ V — 203— gen, und er ſoll hoͤren, wie die uralte Gerechtigkeit in Po⸗ wisland von den Enkeln Derer, denen das ganze Brittiſche Land gehoͤrte, auch gegen die fremden Naͤuber gehandhabt wird. Wirklich ſtellte der Wirth einen großen Armſtuhl dicht neben den Schemel des Reformers, und der Sqauire ſetzte ſich gravitaͤtiſch ſo auf denſelben, daß er faſt den Arm ſeines Nachbars, welcher unbeweglich in's Feuer oder auf ſeine Zei⸗ tungen blickte, beruͤhrte. Auf einen Wink des Richters mußte auch das Fraͤulein neben ihm Platz nehmen, der Seneſchall und zwei Hellebardierer ſich aber ihm zu beiden Seiten ſtel⸗ len; worauf auch die andern Anweſenden ſich im Halbkreiſe anſchloſſen, und einen freien Raum fuͤr die Querulanten lie⸗ ßen. Je mehr ſich die Ehrfurcht in den Blicken und Stel⸗ lungen Aller, welche gleichſam als Trabanten dieſen Halb⸗ kreis bildeten, ausſprach, um ſo drolliger contraſtirte dagegen der gleichfalls noch im Kreiſe, aber mit dem Ruͤcken ihm zu⸗ gewandt und mit bedecktem Kopfe ſitzende Reformer. Der Squire winkte jetzt mit der Hand, und der Hollaͤnder trat abermals hervor, beugte ſich tiefer als zuvor und hub an: Demnaͤchſt alſo von Dero Hochwohlehrſamen dem Frem⸗ den, wie auch dem Franzoſen, und nicht weniger dem Katho⸗ liken eine Ruheſtaͤtte zugeſagt worden, wage ich nichts deſto weniger die Bitte, ſintemal die Familie des beſagten Capi⸗ tains eine ſehr reputable iſt, und ſehr znf alte, uralte Ge⸗ hnäuche h haͤlt— — 204— Eine ehrenwerthe Familie, Herr van der Velſen— Und das Leichenbegaͤngniß gleichſam als die hauptfaͤchliche Staatsaction im Leben anſieht, auf welche der Menſch im ganzen Leben ſich vorbereitet, freut und ſammelt,— denn nachher ſam⸗ melt er nicht mehr, und kann nur noch durch ein recht koſtba⸗ res und feierliches Begraͤbniß das Geſammelte aufzehren— Sehr recht, Herr van der Velſen, der Erbe in Wales gab ſonſt gern die halbe Erbſchaft hin, wenn er dafuͤr den Erblaſſer recht ehrenwerth in die Gruft bringen konnte. Ehrenwerth und ungeſtoͤrt. Das war von je an die groͤßte Beleidigung fuͤr große Familien, wenn Einer ihre Lei⸗ chenbegaͤngniſſe ſtoͤrte. Sehr wahr! Seitdem entſpann ſich der große Zwiſt zwi⸗ ſchen den Walladmors in Cornwall und denen in Powis⸗ land, als Gavin einen Leichentraͤger meines Ururaltervaters erſtach, und die Fehde endete nur mit dem ganzen Unter⸗ gange derer aus Cornwall; woher es auch kommt, daß wir jetzt die aͤlteſte Familie in ganz Wales ſind. Demnaͤchſt alſo, Hochwohlehrſamer, wuͤrde die reputable Familie beſagten Leichnams es als die groͤßte Beleidigung und Ehrenkraͤnkung anſehn, wenn, nach der leidigen Sitte unſerer Tage, die Graͤnzbeamten oder Zollviſttatoren den Lei⸗ chenzug und Wagen anhielten, oder gar den Sarg erdͤffne⸗ ten, ehe er in ſeine Ruheſtaͤtte gekommen. Solchem nach bitte ich im Namen der tiefbetruͤbten Familie, beſagtem Leich⸗ name zu erlauben, vermoͤge eines friedensrichterlichen Lei⸗ — 205— chenpaſſes, unangefochten von allen und jeden Zollviſitatoren ſich mit ſeinen Verwandten und Leichentraͤgern nach einem alten rein Katholiſchen Kirchhofe zu begeben. Wie!— unviſitirt?— rief der Squire auf— das geht ja nicht— iſt wider die Zollordnungen. Am Strande muͤſſen die Graͤnzreiter, an der Barriere die Acciſebeamten nach den ſtricten Worten der Zollordnung viſitiren. Der Hollaͤnder ließ ſich indeſſen nicht irren noch abſchrek⸗ ken, ſondern fuhr fort: Nach der Zollordnung, welche die Fremden gegeben haben. Aber die Enkel der alten Kymme⸗ rier, glaubte ich, wuͤrden die Sitten ihrer Ahnen mehr ach⸗ ten, als ein Polizei⸗Reglement; und Gott, welcher gebietet Laßt die Todten ruhen! mehr ehren, als die Menſchen, welche ſagen: Stoͤrt ihren Frieden! Zudem duͤrften Eure Hochwohl⸗ ehrſamen auch als Grundherr und Friedensrichter zugleich dieſe Macht beſitzen— Nach welchem Kirchhof ſoll es gehn?— In einem uralt katholiſchen in der Naͤhe von Pum⸗ fries wuͤnſchte mein ſeliger Freund, wenn er doch nicht in Frankreich ſeine Ruhe finden koͤnnte, begraben zu werden; weil dort nur Katholiſche liegen und ſonſt eine Religuie ge⸗ weſen von Thomas Morus, den ein Koͤnig von England durch vier Edelleute zu Tode peitſchen laſſen.*) 4*) Eine dreifache Veywechſelung hiſioriſchey Namen und Begeben⸗ heiten. 4 2l. d. II. z. I. 2. — 206— Das kann nur die kleine Kapelle von Utragan ſein, wo ſeit den Kriegen der beiden Roſen Niemand beerdigt ward, und jetzo Kartoffeln ſtehn; oder der verſchuͤttete Kirchhof von Griffith ap Gauvon. Kann Euer Wohlehrſamen in momento nicht mit dem Namen dienen, aber ein alter, ſehr ehrwuͤrdiger Kirchhof war es, und bloß um die Ehre deſſelben, wie auch nicht minder die uralte Waͤliſche Sitte und die Ehre des Franzöſiſchen Hauſes und des chriſtlichen Wohlgefallens und die Freiheit der Waͤliſchen Grundherren wage ich— Der Sauire ſtand auf, und ſagte ploͤtlich: Ich werde den Leichenpaß ausfertigen laſſen. Obwohl ſonſt das Wort eines Walladmor dazu hinreichte, in ganz Wales einen Reiſenden, ſei er todt oder lebendig, frei paſſi⸗ ren zu laſſen, ſo iſt das doch jetzt anders, weil Wales nicht mehr frei iſt, und es braucht erſt der Siegel und Schriften. Aber meine Kanzlei ſoll ihn in beſter Form ſchreiben und ſig⸗ niren.— Doch fuͤr wen, Herr van der Velſen— ſoll er aus⸗ gefertigt werden? Sind Sie Commiſſionair— Nicht Commiſſionair— Hochwohlehrſamer— bloß ein dienender Freund in chriſtlicher Liebe. Ich beſorge nicht das Begraͤbniß, ich bin auch nicht katholiſch, ich hafte auch fuͤr nichts, ich bekomme auch keine Prozente. Bei Batavia ret⸗ tete mich der Selige einſt aus den Haͤnden eines Malayſchen Seeraͤubers, und dafuͤr thue ich ihm ganz umſonſt den letzten Liebesdienſt. ————— — u— — 207— Das iſt ſehr recht— ſprach der Squire— und erinnert mich an Elgen Granors Heldenmuth im Kampfe gegen den grauſamen Engliſchen Eduard, wo er, um ſeinen Feind zu retten, ſich in das Gedraͤnge warf und umkam fuͤr den Owen Sangor, der es doch unſerm Hauſe ſo boͤſe vergalt.— Noch zu rechter Zeit beſann ſich der Squire, daß er ſei⸗ ner Wuͤrde durch eine laͤngere Erzaͤhlung vergebe, und fragte, ploͤtzlich abbrechend: Iſt noch Einer in Powisland, der Recht verlangt, der hebe die Hand auf und trete vor! Als er ſich umblickte, und Niemand vortrat, gab er das Zeichen zum Aufbruch und trat gravitaͤtiſch zur Thuͤre hinaus. Seine Angehoͤrigen folgten ihm, und bald verkuͤndeten die Trompetentoͤne und der Hufſchlag auf der Gaſſe, daß der Friedensrichter von Mrerſhire in ſein Schloß ziehe. Achtes Kapitel. Oben ſummte eine Biene umher, Drunter ein Blümlein, vom Thau ſo naß; Das Blümlein ſchoß aus friſchem Gras, Auf grünem Hügel ſtand das Gras. Unter der Biene, unter der Blume, Unter dem friſchen grünen Gras, nnter dem Hügel in kühler Erde Träumt mein Vater, ich weiß nicht was. Altes Lied. Beutram hatre dem Wirthe ſeine Rechnung bezahlt, und ſich nach dem Wege, welchen er zu nehmen habe, um Bath zu erreichen, erkundigt, als der ſchwarze Herr, welcher ver⸗ muthlich ein Zeuge des Geſpraͤches geweſen war, ihn an⸗ redete: 1— Und warum ſchon nach Bath, junger Mann? Sind Sie bereits uͤberdruͤſſig der Merkwuͤrdigkeiten, welche Merr uns bietet? —————— Bertram antwortete etwas aͤrgerlich, im Gedanken an die nicht ſehr ehrenvolle walteten. Und wenn nun ſolche ſich hier auf— auf einer Reiſe zu verweil es ihm gefaͤllt, ohne jedem aber nicht gerade erwartete. Sie ſprechen in ſeltſam nicht zu nennen weiß— Thomas Malburne lig iſt, und ich meinte nur- ten, und in einen kleinen A es nicht erwartet hatte. Da nicht, wenn die Jugend ſcho wird. I. Bd. — 209— weiß nicht, welche Merkwuͤrdigkeiten einen Reiſenden hier feſſeln ſollten, wenn nicht etwa beſondere Umſtaͤnde vor⸗ Kennen Sie mich, mein Herr?— Wiſſen Sie etwas Nachtheiliges mir nachzuſagen?— Keinesweges— bloß der Wißbegierde wegen halten Sie Und ich glaube— fiel Bertram ein— es ſei jedem Eingebornen und jedem Fremden im freien England erlaubt, ſtraße davon Rechenſchaft zu geben. Der aͤltliche Mann laͤchelte: Ganz gewiß, junger Herr. Und Sie haben ſich ſehr gut benommen, wie ich es hofte, Ungeſtuͤm ſteht jedem jungen Manne gut, wenn er gereizt Eigenſchaft des Fragenden: Ich beſondere Umſtaͤnde vorwalten? en, zu ruhen und zu gehen, wie beliebigen Inquiſitor an der Land⸗ en Naͤthſeln, mein Herr, den ich heiß' ich, wenn es Ihnen gefaͤl⸗ daß Sie etwas heftig aufloder⸗ nfall von Zorn geriethen, wie ich s freute mich nun, denn ich liebe n allzu tolerant iſt. Ein kleiner 14 1 — 210— Es ſcheint, Herr Thomas Malburne, als haͤtte die Obrig⸗ keit hier in England Sittenrichter und Schulmeiſter fuͤr die Fremden beſtellt; und ich ſtatte Ihnen meinen ergebenſten Dank dafuͤr ab, daß Sie mich nicht fuͤr unwerth erachtet haben, von Ihnen ſo genau, um in der Jaͤgerſprache zu re⸗ den, aufs Korn genommen zu werden; es thut mir nur leid, daß ich in dieſem Augenblicke mich Ihrem ſcharfen Beobach⸗ tungsgeiſte entziehen muß. Nicht empfindlich, Herr Bertram! Empfindlichkeit iſt bei weitem ſchlimmer, als ein leichtes Aufwallen. Jene zehrt an uns ſelbſt, dieſes kann ſchlimmſtens fuͤr einen Augenblick den Andern beleidigen. Nicht die Obrigkeit, ſondern mein Alter und meine Laune, haben mich zum Aufſeher, oder Auf⸗ paſſer, oder wie Sie es nennen wollen, beſtellt; und mich duͤnkt, wir Beide ſind darin etwas verwandt. Ihre Roͤthe widerſpricht dem nicht. Wir brauchen uns daruͤber nicht zu expliciren; aber um auf unſer altes Thema und den Sitten⸗ richter zuruͤck zu kommen, ſo frage ich an, ob Sie mir die Jugend etwas zu tadeln erlauben? Wenn Herr Malburne ſo offen ſpricht, kann ich nur gern einwilligen. Sie gehoͤren, Herr Bertram, zu den jugendlichen Rei⸗ ſenden, einer Claſſe, welche Vorik unter ſeiner Rubrieirung der Reiſenden vermuthlich darum nicht aufgenommen hat, weil ſie zu ſeiner Zeit noch nicht eriſtirte. Dieſe jugendlichen Reiſenden, voll Enthuſiasmus fuͤr alles und jedes Reiſen/ — 211— ſtuͤrmen mit jhren kaum vollgepackten Koffern in die weite Welt hinaus, durchfliegen Laͤnder und Staͤdte und indem ihr beſtaͤndiges Loſungswort:„Weiter und weiter!“ heißt, ſehn ſie, aus Begier, Alles zu ſehn, in der That nicht viel mehr als nichts. Ich kenne viele meiner jungen Landsleute, welche auf ihrer Tour durch Europa nicht laͤnger als drei Tage in Paris verweilt haben. Die wenigſten nehmen ſich Zeit in einer bedeutenden Stadt ihren Koffer auszupacken, geſchweige denn die Orte aufzuſuchen, um den Zweck aller Reiſen zu erreichen, d. h. Menſchen und Sitten kennen zu lernen. In Rom iſt es vollends, ſeit Vaſi ſeinen famoͤſen Wegweiſer geſchrieben hat, gar nicht mehr auszuhalten; denn jeder Britte durchfliegt pflicht⸗ und vorſchriftsmaͤßig in jedem der ange⸗ gebenen Tage, die durch das Diviſionserempel auf denſelben fallenden beruͤhmten Punkte; und hat er ſeine Tour abge⸗ laufen und muß zufaͤllig noch laͤnger in der weltberuͤhmten Stadt verweilen, ſo faͤllt es ihm nicht ein, irgend einen der Punkte zum zweiten oder drittenmale, oder gar neue Situa⸗ tionen aufzuſuchen, ſondern er glaubt vor Langerweile in der an Intereſſe reichhaltigſten aller Staͤdte umzukommen. Ich wuͤrde fuͤr dieſe Laͤnderſtuͤrmer, welche den Augenblick nicht genießen, aus Angſt, irgend etwas in der Zukunft zu verlieren, es am zweckmaͤßigſten finden, wenn ſie, ſtatt die Merkwuͤrdigkeiten eines Orts muͤhſam aufzuſuchen, ſich da⸗ mit begnuͤgten, den hoͤchſten Thurm zu erſteigen, und weun ſie die Punkte der umliegenden Gegend von dort herunter beobachtet haben, flugs ſich in den Wagen zu ſetzen, und uͤber die Grenze zu fahren. Auf dieſe Art koͤnnte man wohl am Ende ganz Europa in einer Tour von ſechs Wochen ken⸗ nen lernen. Auch ich, Herr Malburne, ſtimme im Ganzen in Ihren Tadel ein. Bei dem Vertheidiger jugendlicher Aufwallun⸗ gen ſollte aber auch dieſe Art zu reiſen eine Rechtfertigung finden. Sie haben Recht, mein Freund. Ich tadle dieſes Laͤn⸗ derſtuͤrmen nur jetzt mit meinen funfziger Augen, und wuͤrde, waͤre es in meiner Jugend ſchon Mode geweſen, ſelbſt mit⸗ geſtuͤrmt ſein. Der Juͤngling, im Wahn des unendlichen Reichthums der allgemeinen Natur und ſeiner eigenen Kraft und Phantaſie, glaubt ſchon genug gethan zu haben, wenn er jedes Ding gekoſtet hat. Er wirft, in beſtaͤndigem Spie⸗ len und Haſchen nach dem Neuen die Frucht fort, ehe er noch auf den Kern, welcher vielleicht die ſuͤßeſten Theile ent⸗ haͤlt, gekommen iſt, und glaubt, der Vorrath der vollen fri⸗ ſchen Fruͤchte ſei ſo groß, daß er ihn nie erſchoͤpfen koͤnne So ſchont auch der jugendliche Dichter ſelten ſeine Kraͤfte. Troz⸗ zend auf ſeinen innern Fond, verſchleudert er abſichtlos die ſchoͤnſten Gedanken und Bilder zu unbedeutenden Kleinig⸗ keiten, und ſteht oft, wenn er ſpaͤterhin zur Ausarbeitung groͤßerer Werke ſchreitet, duͤrftig und trocken da. Daher verwelkten ſo viele Dichter, welche zu den ſchoͤnſten Erwar⸗ tungen beim erſten Auftreten berechtigten, ehe ſie zur Bluͤthe — 213— gelangten. Anders iſt es mit uns aͤltern Herren. Da uns die Jahre die Fluͤgel gelaͤhmt haben, zwingt uns ſchon die Natur, laͤnger bei jeder Erſcheinung zu verweilen; der gereifte Verſtand laͤßt uns aber bei weitem mehr erblicken, als wir je im Feuer der Jugend darin vermuthen konnten. Um im Gleichniß fortzufahren, wir werfen die einmal ange⸗ biſſene Frucht nicht eher fort, als bis wir allen Saft und alles Fleiſch verzehrt, und vielleicht ſogar den Kern aufge⸗ knackt haben. So, junger Herr, ſitze ich noch immer in Mrrr, obgleich wochenlang vor Ihnen angekommen, und ſtoße noch immer auf Merkwuͤrdiges und Neues unter den Menſchen, und denke auch noch einige Zeit lang Merkwuͤr⸗ diges und Neues zu finden; und auch Sie, junger Herr, koͤnnen hier noch ſehr viel lernen und ſehen, als zum Bei⸗ ſpiel,— um ſich von dieſer langen moraliſchen Vorleſung zu erholen— dort an der Thuͤr das Plakat, welches mir wie eine Einladungskarte zum Laͤngerbleiben vorkommt.— Mit dieſen Worten drehte er den Juͤngling nach der Thuͤr, wo dieſer auf einem angeſchlagenen Bogen folgende Worte las:“ Wer Jefum liebt und die Freiheit des Handels, und an die Auferſtehung chriſtlich beerdigter Todten glaubt, wird im Namen der leidenden Menſchheit und aller derer, welche die Stoͤrung des Handels verabſcheuen, erſucht, zur Beerdigung und Leichenfolge des chriſtlich verſtorbenen e Le Harnois, welcher ein rechtlicher Mann, guter 4 — 214— Chriſt, und Befoͤrderer alles und jedes Handels war, und auch noch im Tode um einen guten Handel ſich freuen wird, ſich mit chriſtlichen Geſinnungen und moͤglichſt ſchwarz am Strande bei Huntingeroß morgen um neun Uhr ein⸗ zufinden, allwo die Seele des verſtorbenen Herrn Capitains auf die Freunde, welche ſie zur Ruhe beſtatten wollen, ſo ergebenſt als hochachtungsvoll wartet.“ Unterſchrift, Datum und Orr fehlten dieſer ſonderbaken Einladung. Bertram wollte ſich um Aufklaͤrung an Malburne wen⸗ den, ſtatt deſſen aber ſtand Dulberry jetzt an ſeiner Seite und fing an ihn zu haranguiren: Ihr werdet doch auch mitgehn, Herr Bertram? Es haͤlt ordentlich Noth, unter den verzagten Affen hier fromme Leute, wie man ſie braucht, aufzuſinden. Vermuthlich, weil der Verſtorbene ein Katholik war. Aber wie kommt es, Maſter Dulberry, daß Sie das Amt eines Leichenbitters uͤbernommen haben, da Sie uͤberhaupt vom chriſtlichen Begraͤbniß nicht viel halten? Das iſt was anders, was extraordinaires, ein Hauptſpaß,⸗ Herr Bertram. Ein ſolches Begraͤbniß iſt ja gegen die Ge⸗ ſetze, und da kann ein ehrlicher Mann ſich ſchon mal ein Vergnuͤgen machen, und ich vermuthe, es wird unverſteuerten Wein zu trinken geben. Sie ſind ja ſo ziemlich ſchwarz an⸗ gezogen, und wenns auch nicht waͤre, thuts ja nichts, denn imn Nothfall haben Sie geſunde Arme und gerad’ gewachſene — 2415— Beine. Uebrigens iſt's beſſer, Sie laſſen ſich nicht merken, daß Sie mit wollen. Solche Begraͤbniſſe feiern wir hier immer mit gehoͤriger Stille und Anſtand. Haben Sie den Capitain gekannt? 4 Nicht mit Augen geſehn, aber was macht das aus, wenn die allgemeine Menſchenliebe und die Geſetze ins Spiel kommen? Ich kannte ihn— fuhr Bertram fort— es war ein wil⸗ der, roher Mann, von deſſen chriſtlich mildthaͤtigen Geſin⸗ nungen ich nicht viel zu ruͤhmen weiß, ob ich gleich einge⸗ ſtehen muß, daß das Chriſtenthum in ſeinem Munde lebte. Er ſtrotzte in Fuͤlle der Geſundheit, und ſein Gedanke ſchien gleich weit vom Tode, der ihn ſo ploͤtzlich hingerafft hat, ent⸗ fernt. Nicht Dulberry's Argumente, ſondern Malburnes wenige Worte, welche dem Juͤnglinge zum ernſten Nachdenken Ge⸗ legenheit gaben, bewogen ihn, auch noch dieſe Nacht in Mrer zuzugeben, um morgen dem fremden Leichenbegaͤng⸗ niſſe beizuwohnen. Der Abend verging ſehr einfoͤrmig und ſtill; man ſprach nirgends von der morgenden Feierlichkeit, und wenn Bertram das Geſpraͤch durch Fragen darauf len⸗ ken wollte, erhielt er nur einſylbige Antworten. Fruͤh eilte er deshalb zu Bette und ſchlief, unter lieblichen Traͤnmen, ſo gut und feſt, daß er erſt erwachte, als die Thurmuhr ſchon die achte Stunde geſchlagen hatte. 4 Als er hinuntereilte, fand er wider Gewohnheit die große — 216— Wirthsſtube ganz leer, und der Wirth wollte auf ſeine Fra⸗ gen eben ſo wenig davon wiſſen, daß die uͤbrigen Gaͤſte zur Leichenfolge gegangen, als daß ſie uͤberhaupt nicht im Gaſt⸗ hofe ſeien. Bertram ſtuͤrzte einige Taſſen Kaffee hinunter, und eilte dann, nachdem er vom Wirthe Erkundigungen uͤber den Weg eingezogen, nach dem Strande, wo er ſchon zu ſpaͤt anzukommen fuͤrchtete. Wirklich ſah er vom Gipfel eines kleinen Berges herab den Leichenzug ſchon in voller Bewegung, obgleich wegen der Laͤnge deſſelben die hinterſten Glieder noch nicht weit vom Strande entfernt gingen. Es war ein feierlicher An⸗ blick, wie der lange, ſchwarze Zug ſich auf dem huͤgligen Terrain den ſchmalen Weg zwiſchen Berg und Thal hin⸗ ſchlaͤngelte, und das tiefe Schweigen mehr die Naͤhe von Geiſtern als Menſchen verkuͤndigte. Die Leidtragenden ſchie⸗ nen ſich eines ganz beſonders leiſen Trittes zu befleißigen, und man haͤtte ſelbſt zum Glauben koͤnnen bewogen werden, daß die ſchwarz behangenen Pferde die Trauer mitfuͤhlten, indem kein Wiehern erſchallte, und ſelbſt das Auftreten ihrer Hufe nicht gehoͤrt wurde. Der letzte Umſtand mochte indeſſen in der Entfernung Bertrams von dem Zuge ſeinen ſehr na⸗ tuͤrlichen Grund haben. So viel dieſer aus derſelben wahr⸗ nehmen konnte, begann der ganze Zug mit einem ſehr gro⸗ ßen, und ganz ſchwarz behangenen Leichenwagen zu deſſen beiden Seiten vier ſtaͤmmige Schiffsſoldaten als Leidtra⸗ gende nebenher gingen. Hinter dem Wagen folgten acht bis zwoͤlf Kutſchen, die indeſſen eher gewoͤhnliche, in der Eile von der naͤchſten Umgegend zu dieſem Behufe requirirten Landkutſchen aͤhnlicher ſchienen, als ordentlichen Leichen⸗ wagen. Neben jeder gingen wieder, gleichſam als Thuͤrhu⸗ ter, zwei mit Seitengewehr bewaffnete Matroſen, welche wahrſcheinlich den Dienſt der alten Laͤufer im Nothfall re⸗ praͤſentiren und ſich auf die Wagentritte ſtellen ſollten; ein Manoͤvre, vor welchem freilich bei der Langſamkeit eines Lei⸗ chenzuges dieſe robuſten Trabanten ziemlich ſicher ſein konn⸗ ten. Erſt hinter allen Wagen folgten zwei auf zwei die frei⸗ willigen Leidtraͤger. Gleich nach dem letzten Wagen ſchienen die naͤchſten Anverwandten in ſtaͤrkern Reihen und einer an⸗ dern Ordnung zu gehen; auch glaubte Bertram aus den ſchwarzen Roͤcken einige Federbuͤſche, buntere Kleider und Waffen hervorblicken zu ſehen, welches alles genauer zu un⸗ terſcheiden ihm aber die Entfernung verbot. Eben ſo wenig konnte er die langen Reihen der uͤbrigen Leidtragenden zaͤhlen. Obgleich die Meiſten unter den Folgenden mit tief auf die Erde gebeugten Koͤpfen einherſchritten, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß Viele den jungen Mann ſchon von Ferne erblickt und aus dem Schnellſchritte, mit welchem er die Hoͤhe hinab auf den Zug zuging, ſeine Abſicht, ihnen ſich anzuſchließen, errathen hatten. Man rief ihm deshalb ſchon aus einiger Entfernung zu, in welcher Gegend des langen Zuges er eintreten moͤge, Als er eben im Begriff war, dem Zuruf Folge zu leiſten, rief es wieder von mehreren Seiten: — 248— Erſt ſchneidet Euch einen Dornſtock ab. Bertram wußte nicht, was dies zu bedeuten habe; da er aber ſah, daß wirklich jeder Leidtragende einen derben und ſtarken Knuͤttel in der Hand trage, ſo ſprang er, ohne wei⸗ ter nach dem Grunde zu fragen, in das naͤchſte Gebuͤſch und ſchnitt ſich den erſten beſten Aſt mit ſeinem Taſchenmeſſer ab, ein Aſt, welcher aber zufaͤllig ſo groß und keulenartig war, daß Bertram ſelbſt jetzt eher einem wilden Manne, wie ihn die Heraldiker abbilden, als einem frommen und fried⸗ lichen Leidtragenden aͤhnlich ſah. Mit dieſem Stocke, wel⸗ cher fuͤr ihn mehr eine Laſt als Stuͤtze war, eilte er dem Zuge nach, und traf gluͤcklich ſeinen angewieſenen Platz und einen ſtumm und ſteif einyerſchreitenden Nebenmann. Auf ſeine ganz leiſe Frage, ob es eine Waͤliſche oder Franzſiſche Ceremonie ſei, nach welcher die Perſonen im Leichengefolge Dornſtioͤcke tragen muͤßten, erhielt er nur die hervorgebrummte Antwort: Das geſchieht, weil viel Hunde in der Naͤhe ſind, und die Hunde ſchlaͤgt man in aller Welt mit Knuͤtteln todt. Bertram mußte ſich mit dieſer duͤrftigen und zweifelhaf⸗ ten Auskunft begnuͤgen, und ſchritt an der Seite ſeines Ne⸗ benmannes, aus deſſen tiefgebeugter Stellung und duͤſterm Weſen er ſchloß, daß es ein naher Verwandter des Todten ſei, ruhig mit dem Zuge fort. So lange man das Meer erblicken konnte, herrſchte in der That eine Todtenſtille in dieſem Tod⸗ tenzuge; als ſie aber ein kleines, von ſanften Anhoͤhen um⸗ ——-—- —— ſchloſſenes Thal erreicht hatten, kam etwas mehr Leben in die todte Maſſe. Man hoͤrte huſten, raͤuspern, und einzelne Leidtragende, welche in einer Entfernung von einander gin⸗ gen, riefen ſich vertrauliche Worte zu. Eine ſehr beleibte Perſon trat ſogar ploͤtzlich aus Reihe und Glied auf einen Stein, knoͤpfte Rock und Weſte auf und rief mit lauter Stimme, nachdem ſie einige Stoßſeufzer, welche das Ver⸗ langen nach Luft bekundeten, ausgeſtoßen hatte, zu den uͤbrigen; Halte den vertenfelten Schnellmarſch eine andere Seele aus. Das Herz kocht ſchon im Leibe, und wenn's hier nicht Erfriſchungen giebt, ſo mag der Capitain allein in ſeine dunkle Wohnung fahren, oder, wenn's ihm beliebt, ſich ſelbſt auf die Beine machen, und mit Conrier⸗ und Sieben⸗Mei⸗ len⸗Stiefeln laufen, denn ich gehe nicht weiter. Eine ver⸗ fluchte Gewohnheit das Fußlaufen! Wenn ein Meuterer nur wagt zuerſt aufzutreten, ſo kann er gewiß ſein, Nachfolger zu finden. Nur den er⸗ ſten Tritt uͤber die Schwelle ſcheut die Menge. Iſt dieſer gethan, folgt ſie blindlinss dem Vortreter. So fand auch hier das Beiſpiel des beleibten Mannes unter Beleibten und minder Beleibten Nachahmung. Man trat aus dem Zuge aus und ſchrie, indem man ſich am Wege niederlagerte oder um den erſten Meuterer ſtellte:— Wir ſind erſchoͤpft. Der Teufel mag marſchiren ohne Num, und Wein und Schinken.— — 220— Ein Anderer: Ich habe mir die neuen Sohlen abgelau⸗ fen und haͤtte drei Schillinge den Tag uͤber verdienen koͤnnen. Ein Dritter ſetzte hinzu: Und dabei iſt kein Spaß. Wir keuchen und ſchleichen wie die Marder, und die Kehlen ſind trocken, weil man anſtaͤndig ſein muß, was eine verflucht ſchlechte Angewohnheit iſt. Da lobe ich mir die letzte Parlamentswahl— ſagte ein ſo roher und ungehobelter Burſche, daß man ihm auf den erſten Blick anſah, er habe nichts mit dem Waͤhlen zu thun — das iſt ein wahres Volksfeſt, wo man nichts von Anſtand und Regeln noͤthig hat, und doch geachtet iſt, und froh, und ſein Wort mitreden kann. Ja— fiel ihm ein Anderer in's Wort— Du haſt Dein Wort recht eindruͤcklich mitgeredet, als Du den Kothkloß dem Major in's Geſicht warfſt— Nicht doch, es war ja ein Kohlſtrunk, ein ſo guter, als man ihn in Powisland findet, und er hatte ihn verdient, denn er hatte das gemeine Volk Poͤbel genannt. Deshalb war's wohl nicht, Dickſon, denn vor ſechs Jah⸗ ren ſchrieſt Du aus Leibeskraͤften auf dem Markte: Oberft Raſſelas fuͤr immer! Tod den Jacobinern! und gabſt un⸗ ſerm Meiſter Kittledrum, der mit der rothen Muͤtze kam, und der Fahne, worauf ſtand:„Das ſouveraine Volk, Gleichheit und Freiheit und die drei Pence Brodte!“— einen ſolchen Schlag auf die Stirne, daß ſich der dicke Schlaͤchter wie ſein Ochſe auf dem Straßenpflaſter umherwaͤlzte. Reulich — 221— aber warſt Du zuerſt in der Bude der Quaͤker geweſen und kamſt wie ein Vollmond heraus, und der Branntwein lief Dir aus Augen und Ohren, und da bruͤllteſt Du: Nieder mit den Tyrannen und Prieſtern— bis Du umfielſt. Was ich geſchrieen habe, weiß ich nicht mehr, aber das war eine andere Luſt als jetzt. Der dicke Advocat aus Bri⸗ ſool hatte ſo viel Branntwein anfahren laſſen, daß ich— als ich meine Pflicht gethan und ausgeſchrieen hatte,— mich binlegte und drei Tage ſchlief. Sie haben mich jaͤmmerlich damals zertreten, als ſie uͤber mich wegſtiegen. Da haſt Du recht— ſiel ein Anderer ein— die guten alten Zeiten ſind voruͤber. Es ſind jetzt alle Knauſer gewor⸗ den. Hat doch der Squire, als wir ihn zuletzt gewaͤhlt ha⸗ ben, nur zwoͤlf Tonnen Korn, und ich glaube nicht ſechzehn Bier auffahren laſſen. Narr, haſt Du ihn denn gewaͤhlt? Es iſt ja ſeit Men⸗ ſchen Gedenken in ganz Me⸗* ihm keine Seele contrair ge⸗ weſen, und da muß er ja gewaͤhlt werden, Aber das gemeine Volk hat fuͤr ihn geſchrieen, und das it uralte Gewohnheit, daß er dafuͤr bezahlt, und wir haben mule Brittannia geſungen, daß man es hat auf dem Meere hoͤ⸗ ren koͤnnen. Wir wollen's auch ſingen, uns zu waͤrmen, bis man Rum ringt, oder lieber: 11 Lieschen ſpring' mix um den Ring! — 222— Wirklich fing die Maſſe an das Volkslied zu ſingen, ſo daß jeder Anſtand aus dem Leichenzuge entwichen ſchien. Doch konnte man an den Stimmen, den Geſichtern, dem Benehmen und Anzuge der Saͤnger bemerken, daß ſie den rohſten Theil der ſogenannten Leidtragenden ausmachten, waͤhrend der bei weitem groͤßere Theil, welcher vermuthlich aus dem gebildetern Stande war, unthaͤtig und unſchluͤſſig ſtehen blieb. Der Leichenwagen, die Kutſchen und die vor⸗ derſten Fußgaͤnger waren ſchon weit voraus und um eine Hoͤhe gebogen, als dieſer unangenehme Vorfall die Ordnung des Zuges unterbrach. Einige Schiſſsleute ſtuͤrzten indeſſen beim Ausbruch des lauten Geſanges ſogleich zuruͤck, und ver⸗ ſuchten ihr Moͤgliches, die Saͤnger zum Stillſchweigen und Wiedereintreten zu bewegen. Es war merkwuͤrdig, daß ſie bei einer Gelegenheit, wo nachdruͤckliche Reden ſehr ange⸗ bracht ſchienen, nicht mit den derben Fluͤchen ihrer Schiffer⸗ ſprache auftraten, ſondern mit hoͤflichen und dringenden Vor⸗ ſtellungen die laͤrmenden Bruͤder angingen. Dieſe aber lie⸗ ßen ſich nicht ſtoͤren, ſondern antworteten ihnen nur, wenn im Liede der Refrain kam, mit dieſem: Ein müder Fuß, der ſpringt nicht recht, Mit trocknem Munde küßt man ſchlecht. Meine Herren— ſagte jetzt ein ſehr anſtaͤndig gekleide⸗ ter Mann, indem er aus dem Zuge hervortrat— bedenken Sie, wir haben kaum ein Drittel des Weges zuruͤckgelegt, wie koͤnnen wir jetzt ſchon ausruhen oder an's Trinken den⸗ ——,—" — 223— ken, wenn wir noch den andern Weg gluͤcklich und dem An⸗ ſtande gemaͤß zuruͤcklagen wollen.— Schweige Er ſtill!— ſchrie der Wildeſte unter den Saͤn⸗ gern— wenn wir einen Schilling geben, muß Er uns den Hanswurſt ſpielen, und nach der Violine tanzen. Wir ſind die Herren und wollen ausruhen und trinken! Bertram erkannte zu ſeiner Verwunderung in dem ſo grob zuruͤck gewieſenen Freunde der Ordnung den Schau⸗ ſpieldirektor aus Mer*r. Indeſſen ließen die andern Freunde ſich nicht abſchrecken, mit der empoͤrten Menge zu unterhan⸗ deln. Man ſtellte auf's Eindringlichſte die ſehr unpaſſende Lage zum Ausruhen, die Unmoͤglichkeit Getraͤnke herbeizu⸗ ſchaffen, vor, erhielt aber nur zur Antwort: Wir ſind muͤde, wir ſind durſtig. Bertram konnte ſich nicht enthalten, ſeinen Begleiter zu fragen: Weshalb man nicht, zur Befriedigung des einen Beduͤrfniſſes, das Ceremoniel fuͤr den Augenblick aufgeben und die Ermuͤdeten in die Kutſchen aufnehmen koͤnne? Sein verdroſſener Nebenmann antwortete aber nur: Das heißt gerade ſo viel, als wenn Ihr fragt, weshalb man die Pferde, wenn ſie muͤde ſind, nicht ausſpannt und in den Wagen ſetzt? Die Unterhaͤndler boten jetzt Jedermann ein doppeltes Maaß Rum am beſtimmten Ruheplatze an, wenn ſie augen⸗ blicklich ſich in Reihe und Glied ſtellen wuͤrden; aber ſelbſt dieſes Anerbieten wuͤrde von den jetzt im Widerſtande neue Ergoͤtzlichkeit findenden Saͤngern nicht unbedingt angenom⸗ — 224— men ſein, wenn nicht ein anderer Umſtand hinzugekommen waͤre. Ein Matroſe, welcher eine der benachbarten Hoͤhen erſtiegen hatte, ſchrie naͤmlich, ploͤtzlich herabſtuͤrzend: Die Graͤnzreiter kommen! Dies ſchien die Meuterer betroffen zu machen. Als die Unterhaͤndler ihre Verſprechungen eindring⸗ licher wiederholten, und die Gefahr bei der Unordnung und Verzoͤgerung des Zuges ſchilderten, wich die Menge endlich den Vernunftgruͤnden, ſo daß in wenigen Minuten der Zug wieder ſeine vorige Ordnung gewonnen hatte. Zwar brumm⸗ ten noch Einige ihr Liedchen hier und dort zu Ende, und der Schauſpieldirektor machte ziemlich vernehmbar die Be⸗ merkung: es ſei auf Erden kein Amt beſchwerlicher als das, eine trotzige Menge zu regieren; aber der Zug fam doch wie⸗ der in ſeinen gemeſſen feierlichen Gang, und man hoͤrte weit ber vom Anfange ein geiſtliches Lied anſtimmen. Schon fuͤrchtete Bertram, daß dies die luſtigen Geſellen in ſeiner Naͤhe reizen moͤchte, ihre obſeoͤneren Gaſſenhauer wieder her⸗ vorzuholen, und daß vielleicht ein ſehr anſtoͤßiger Wettſtreit zwiſchen heiligem und profanem Geſange anheben moͤchte; aber ganz wider ſeine Erwartung ging Jedermann in die Kirchenmelodie und das Kirchenlied ein, als ſei es nur eine Fortſetzung des eben abgebrochenen Gaſſenhauers. Bald er⸗ tönte ein voller, herrlicher Chor, und wer jetzt den ſchwar⸗ zen, langſamen Leichenzug geſehen, und die treffliche Aus⸗ fuͤhrung des Liedes gehoͤrt haͤtte, wuͤrde eine Scene, wie die kurz vorhergehende, fuͤr unmoͤglich gehalten haben. 4 Na ———6— — 23— Nach einigen Minuten ſtockte es, als haͤtten die vorder⸗ ſten Wagen ein Hinderniß im Wege gefunden; es dauerte aber nicht lange, ſo ſchien wieder Luft zu werden, und lang⸗ ſam und feierlich wurde weiter marſchirt. Jetzt ritten einige Reiter an den Fußgaͤngern in entgegengeſetzter Richtung voruͤber, und Bertram brauchte nicht erſt die Uniformliſten des Landes ſtudirt zu haben, um in ihnen Zoll⸗ oder Graͤnz⸗ beamte zu erkennen. Sie ließen ihre duͤrren Klepper im langſamen Schritte einhergehen, und muſterten jeden Einzel⸗ nen im Zuge mit mißtrauiſchen Blicken. Waͤhrend ſeine Be⸗ gleiter wie Pietiſten ihre Haͤupter niederſenkten, und den Choral mit verſtaͤrkter Stimme dabei herſangen, hatte Ber⸗ tram auch ſeiner Seits Gelegenheit und Luſt, dieſe fuͤr alle Strauchdiebe ſo furchtbaren Maͤnner genau zu betrachten. Das Reſultat ſeiner Beobachtungen beſtand indeſſen nur darin, daß ihre reſpektiven Geſichter weniger das Gepraͤge der Ehrlichkeit, als der Verſchmitztheit an ſich trugen. Als die Neiter aus ihrem Geſichtskreiſe verſchwunden waren, wurde der geiſtliche Chor auch allmaͤlig immer ſchwaͤ⸗ cher, bis er endlich ganz verſtummte, und, vermuthlich von einem der vorigen Aufwiegler, ſogar das ſchmutzige Lied ange⸗ ſtimmt wurde, welches man leider jetzt ſo haͤuftg in den Gaſſen unſerer großen Staͤdte hoͤrt, und welches anfaͤngt: Gretli und Betli, zwei liebe Geſchwiſter, Saßen zuſammen im Eckfenſterlein, Paulus und Petrus, zwei große Apoſtel, 3 Standen unterm Fenſter— gehauen in Stein. I. Bd. I 15] 8 — 226— Zum Ruhme der Verſammlung muß aber geſagt werden, daß nur der kleinere Theil in dieſe und aͤhnliche Lieder ein⸗ ſtimmte, und viele ſich ſogar bemuͤhten, beſſere Geſaͤnge auf⸗ kommen zu laſſen. Wenn aber in einer Corporation auch nur die geringere Anzahl von Mitgliedern zu den Verworfe⸗ nen gehoͤrt, ſo koͤnnen ſie doch in der Regel des Sieges uͤber die Beſſergeſtimmten gewiß ſein, indem ſchon der Inſtinkt die Schlechten zur engern Verbuͤndung fuͤhrt, waͤhrend die andern ſich fuͤr ſicher genug durch ihre Verbuͤndung mit der guten Sache ſelbſt achten, und deshalb ſich nicht erſt nach gegenſeitigem Beiſtand und Berathung umſehn. Man denke, welchen Uebeln vielleicht haͤtte vorgebeugt werden koͤnnen, wenn die loyalen Buͤrger in Paris und den groͤßern Staͤd⸗ ten Frankreichs beim Ausbruch der Revolution ſo gut als die Jacobiner in Clubbs zuſammen getreten waͤren! Als nach Beendigung einer der ſchlechten Gaſſenhauer eine kleine Stille entſtand, wurde in der Mitte des Zuges, anfangs nur ſehr ſchwach, bald aber lauter und vernehmlicher, ein Lied von neuer Art angeſtimmt: Wo iſt die Engliſche Freiheit hin? Sie hat ſich ja verloren.— Sie wanderte zum Türkiſchen Kaiſer hin nit abgeſchnittenen Ohren.— Wo hängt die Magna Charta denn? Die hat der Wind zerriſſen. Was iſt der Bill of Rights geſchehn? Ein Hund hat ſie zerbiſſen. . Wer iſt mit der Habeas⸗Corpus⸗Akt“ So arg denn umgeſprungen? Schlächter Pitt hat ſie zum Pudding gehackt, Junker Caſtlereagh ſie verſchlungen. Wo iſt John Bull, das fette Thier? Sein Fett iſt abgelaufen. Bei Mancheſter ward geſchlachtet der Stier, Jetzt kann man Pökelfleiſch kaufen. Wer ſingt denn da politiſche Sachen? donnerte eine Stimme von hinten, und wie der Donner in den Gebirgen, wieder⸗ hallte auch dieſer Donnerruf von mehreren Seiten. Ich werde doch wohl ſingen koͤnnen, als freier Britte⸗ was mir beliebt? antwortete der Saͤnger, und fuhr mit dem Reſte fort: Was habt Ihr nicht vom guten Bull Auch noch verbrannt die Knochen⸗ Das hätte Herrn Canning und Liverpool Wohl allzuſchlecht gerochen. Weiter aber fortzufahren verbot ihm die uberall laut ausge⸗ ſprochene Abneigung. Es ließen ſich ſogar Drohungen von nicht zarter Art vernehmen. Dieſe indeſſen ſchienen den Saͤn⸗ ger nur von neuem zu reizen, und er ſchrie: Gentlemen! Ich bin ein freier Britte und wehre mich meiner Haut ſo gut gegen die Miniſter als gegen Wegelage⸗ rer, und darum ſinge ich unverſchraͤnkt: Wo iſt vom guten, fetten Stier Denn ſeine Haut geblieben? Aber von allen Seiten ſchrie es noch lanter⸗ — 228— Packt ihn, packt ihn, den Ruheſtoͤrer! Stopft ihm ein Tuch in den Mund, der ſelbſt die Todten aufſchreien moͤchte. — Wenn ein Conſtabel in der Naͤhe ſtaͤnde, waͤre er im Stande, die Aufruhrakte zu leſen, und wir koͤnnten uns nur auf die Beine machen und den lieben Todten, wie er ſteht und liegt, im Stiche laſſen, und wahrhaftig der Narr wuͤrde uns den fetten Braten nicht erſetzen. In der That ſchienen die zunaͤchſt dem Schreier gehen⸗ den ſtille zu ſtehen und die Drohung in's Werk zu ſetzen. Waͤhrend jener mit Haͤnden und Fuͤßen ſich wehrte und ſchrie: Ich proteſtire, ich proteſtire! und von vorn und hin⸗ ten die Fußgaͤnger herbeieilten, gerieth auf's neue der ganze Zug in Unordnung, und es drohte ein, dem vorigen aͤhnli⸗ cher, Tumult zu entſtehen. Doch war indieſem Augen⸗ blicke die Thaͤtigkeit der Beſaͤnftiger wirkſamer. Sie ſpra⸗ chen leiſe mit dem aufgebrachten Manne, ſtellten vor, daß das Ziel der Wanderung ſich naͤhere, daß der Sohn des Capitains auf's aͤußerſte durch das Betragen der Leichengaͤſte gekraͤnkt ſei, und kaum ſeine Wuth uͤber die Nichtachtung ſeines Schmerzes und der Leiche ſeines Vaters bemeiſtern könne, ſo daß der Saͤnger zu ſchweigen, und ſeine Begleiter ihn loszulaſſen verſprachen Meine Leſer werden eben ſo wenig als Bertram, in dem politiſchen Saͤnger unſern alten Freund Dulberry verkannt haben, ohne vermuthlich ſeine Freude uͤber dieſe Wiederer⸗ kennung zu theilen. Ein Leichenzug hat an ſich etwas Ge⸗ — no— heimnißvolles, und iſt nicht geeignet, Zutrauen und Behag⸗ lichkeit zu erwecken; die vorgegangenen Scenen aber hatten bekundet, daß er groͤßtentheils aus rohen und zuſammenge⸗ laufenen Menſchen beſtehe: es war daher unſerm Helden nicht zu verdenken, wenn er erfreut war, die zweite bekannte Seele unter den ſchwarzen Geſtalten zu entdecken. Um ſeiner Sache gewiſſer zu ſein, fragte er den Nebenmann, ob der Saͤnger nicht der bekannte Reformer aus Me*r⸗ waͤre, der muͤrriſche Mann fiel aber nicht aus ſeiner Rolle, indem er antwortete: Ich glaube nicht, daß der Mann ſich freuen wuͤrde, wenn Sie auf ſeine Bekanntſchaft pochten. Es iſt Sitte hier zu Lande, ſtill, und nur auf ſich bedacht, bei ſolchem Leichenzuge einherzugehen, und nicht, indem man ſeine vornehme Be⸗ kanntſchaften auskramt, ehrliche Leute in unruhe und Unan⸗ nehmlichkeiten zu verſetzen. Wenn Bertram ſich ſchon fruͤher den Wunſch nicht mehr verborgen, der Einladung zu dieſem Begraͤbniß nicht gefolgt zu ſein, ſo wurde er noch klarer in ihm, als es hieß, der Zug naͤhere ſich der Mauthbarriere, und wiederum das geiſt⸗ liche Lied: 3 Wie blinken alle Sternlein, Wenn einer ſinkt zur Ruh ernſt und feierlich geſungen wurde. Er dachte bei ſich: dieſe Froͤmmigkeit kann Heuchelei ſein, wenn man das Benehmen dieſer zuſammengerafften Leidtragenden betrachtet. Von der einen Seite iſt die Sucht, auf ſo niedrige Weiſe einem Tod⸗ — 2 ten Ehre zu erweiſen, empoͤrend; auf der andern, wo man ſieht, daß dieſe Leidtragenden nicht Achtung, nicht Froͤmmig⸗ keit, ſondern irgend eine eigennuͤtzige Nebenabſicht zuſam⸗ mengefuͤhrt hat, iſt es ein ſtrafbarer Leichtſinn mit ſo heili⸗ gen Dingen getrieben.— Doch er hielt ploͤtzlich in ſeinen moraliſchen Gedanken inne, als er bedachte, daß ihn ſelbſt nur die Neugier in das Leichengefolge gefuͤhrt habe. Der Zug hielt an der Barriere, einem einſam gelegenen Zollhauſe, und bald hoͤrten die Hinterſten einen lauten Wort⸗ wechſel. Wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu gehen pfiegt, wollten dieſe auch Zeugen deſſen ſein, was die Vorderſten betraf, und der Zug loͤſte ſich auf, indem jeder Einzelne nach dem Orte, wo die Wagen ſtanden, zueilte. Nur Bertram ging mit Wenigen langſam dem Schauplatze zu, und fand daher bei ſeiner Ankunft den Wortwechſel ſchon zu einem heftigen Streite uͤbergegangen. Mehrere Zoll⸗Officianten ſtanden an dem niedergelaſſenen Schlagbaume, und es ergab ſich auf den erſten Blick, daß der Gegenſtand des Zankes nichts anders als die verwehrte Paſſage des Leichenzuges war. Ein Sprecher von letzterem ſagte eben mit ſehr gewandter Sprache aber nicht heftigem Tone: Sie wollen alſo, meine Herren, den freien Laufpaß des Friedensrichters dieſer Grafſchaft nicht reſpektiren? Der Friedensrichter kann, nach den neueſten Verordnun⸗ gen aus der Zollkammer und Admiralitaͤt, einen ſolchen nichs gusſtellen! entgegnete ein Beamter. — 231— Sie halten alſo, meine Herren, dieſen Paß fuͤr verfaͤlſcht? Uns fuͤr Betruͤger? Sie aͤußern eine Beleidigung, welche, begruͤndet, uns an den Galgen braͤchte, unbegruͤndet, Sie als Calumnianten der Verfolgung der Geſetze ausſtellte. Mit nichten,— ſagte der Beamte— wir proteſtiren ge⸗ gen jede Beleidigung. Das vorgewieſene Papier mag ſeine Richtigkeit haben, aber wir ſind nicht befugt, die Unterſchrift des ehrenwerthen Squire zu recognosciren, noch viel weniger kann aber deſſen Erlaubniß den Zollgeſetzen etwas vergeben. Mein Herr, wir ſind Fremde. Sollen wir der Autoritaͤt des Friedensrichters, oder der eines Zollviſitators trauen? Der Beamte erroͤthete: Es ſteht in Ihrem Belieben. Zeigen Sie uns das Geſetz, welches dem Friedensrichter unterſagt, eine Erlaubniß zu ertheilen, welche in einem kul⸗ tivirten Staate ſich von ſelbſt verſteht? Der rohe Suͤdſee⸗ Inſulaner achtet die Todten. Auch wir, mein Herr, achten die Todten, und verlangen nichts als die Beobachtung der Form des Geſetzes. Nur die Beſichtigung des Leichenwagens und der Trauerkutſchen brau⸗ chen Sie ſich gefallen zu laſſen, und der Todte kann unge⸗ kraͤnkt weiter. Wenn aber dieſer Verdacht, dieſe Viſitation allein, nach den Sitten der großen Franzoͤſiſchen Nation, ſo kraͤnkend fuͤr den Familienſtolz iſt, daß der edle Sohn des Capitains lieber die Leiche des Vaters in die See verſenkte! Bedenken Sie, daß Frankreich, allein von allen Nationen, nicht die — 232— Viſitation ſeiner Kauffahrteiſchiffe durch Ihre Kriegsſchiffe dul⸗ det. Sehen Sie den edlen jungen Mann, wie er kaum von ſeinen Begleitern zuruͤckgehalten wird, um fuͤr die Ehre des Vaters mitzuſprechen. Die Heftigkeit des Franzoſen in die- ſem Punkte iſt furchtbar. Bertram ſah jetzt mit Mehreren auf den Sohn des Ca⸗ pitains, von dem er waͤhrend ſeines Aufenthaltes im Schiffe nichts gehoͤrt hatte. Wirklich ſprach, nach der Bemerkung des Redners, Unmuth und gekraͤnkter Stolz in jeder Muskel und Bewegung des jungen ſchoͤn gewachſenen Mannes ſich aus. Er trug eine alte Franzoͤſiſche Uniform, einen Treſſen⸗ hut mit weißer Feder und einen langen Degen, ſeine Hal⸗ tung aber gab ihm die meiſte Wuͤrde. Zwei ſchwarze Maͤn⸗ ner, vermuthlich Verwandte oder nah Befreundete, fuͤhrten ihn unter dem Arme, und ſchienen alle Ueberredungskunſt an⸗ zuwenden, ihn vom ploͤtzlichen Aufſpringen abzuhalten. Die Beamten waren dagegen ihrer Sache nicht gewiß, und waͤh⸗ rend ſie leiſe unter einander ſich beſprachen, trat der Wort⸗ fuͤhrer der anderen Partei noch einmal beſtimmt an ſie heran, und ſagte mit noch groͤßerem Nachdruck⸗ Ich frage Sie noch einmal, meine Herren, iſt ein ſolches poſitives Geſetz vorhanden, welches den Friedensrichtern ver⸗ bietet, Lizenzen zu ertheilen, welche das natuͤrliche Recht, welche die Geſetze aller Voͤlker anerkennen?— Iſt kein ſol⸗ ches vorhanden, ſo wollte ich Ihnen nicht gerathen haben, thoͤricht Widerſtand zu leiſten; denn der Einfluß der Familie — 233— Le Harnois, ihr Vermoͤgen iſt bedeutend, und, ich verſichere Sie, es duͤrfte nichts geſpart werden, um eine geſetzwidrige Kraͤnkung an Unterbeamten zu raͤchen, an deren Beibehal⸗ tung vermuthlich dem Engliſchen Miniſterium weniger gele⸗ gen ſein wird, als an dem guten Vernehmen zwiſchen der Krone Krankreich und England. Der Beamte wandte ſich, augenſcheinlich betroffen, zu ſeinen Gehuͤlfen, und ſagte nach wenigen Seeunden: Wir finden uns bewogen, die Viſitation fuͤr diesmal aus⸗ zuſetzen, jedoch, um uns rechtfertigen zu koͤnnen, nur unter der Bedingung, daß wir Namen, Stand und Wohnort ſaͤmmt⸗ licher Herren des Leichengefolges zuvor notiren, und jeder der Herren ſich durch Namensunterſchrift verbuͤrgt, vor den Behoͤrden noͤthigenfalls ſich zu geſtellen. Weshalb dieſer unndthige Zeitaufwand? Nur unſerer Sicherheit wegen. Und genuͤgt nicht der Name Le Harnois?— fragte mit impoſanter Stellung der Wortfuͤhrer. Der Beamte ant⸗ wortete laͤchelnd: In England und bei unſerer Zollſtation nicht⸗ Der Redner erhielt hier Suceurs. Der Sohn des Ca⸗ pitains riß ploͤtzlich den rechten Arm aus dem ſeines Beglei⸗ ters, und den Degen halb entbloͤßend, rief er mit fuͤrchterli⸗ cher Stimme: Bei den Manen meines Vaters! Nicht, nicht?— Der Name Le Harnois genuͤgt nicht, um einem Thorſchreiber — 234— Buͤrgſchaft abzulegen? Bei St. Denis! ein Montmorenei und ein Le Harnois buͤrgten in England einſt,— bloß mit ihrem Worte,— fuͤr ihren gefangenen Koͤnig, und ein Zollſchreiber von Wales verlangt mehr Buͤrgen? Freunde, Mitbuͤrger, Franzoſen! hoͤrt mich an! Begraben will ich mei⸗ nen Vater, nicht ihn preiſen, aber giebt es eine Kraͤnkung, die tiefer ihr geaͤtztes Gift ins Herz, ins wunde Herz gießt? Vetter, lieber Vetter, laß mich los, daß ich dem Maulwurf den Unterſchied einer Leiche, in der ein Blut, verwandt mit dem der Valois, floß, und einem geſchoſſenen Wildprett zeige! Aber der Vetter ließ ihn gluͤcklicherweiſe nicht los. Ber⸗ tram ſtand auf einer Hoͤhe, von welcher er dieſe tragiſche Scene ſehr genau beobachten konnte. Schon laͤngſt war ihm der Sohn des Capitains bekannt vorgekommen; jetzt, als die Geſichtszuͤge im Affect alle moͤgliche Steigerungen durchmach⸗ ten, wurde es ihm klar, der Franzoſe ſei kein anderer als ſein wunderbarer Fuͤhrer aus der Schlucht nach dem Merrſchen Gaſthofe. Indeſſen ließ ihm die raſche Entwickelung der zu⸗ naͤchſtliegenden Begebenheiten keine Zeit, uͤber ihren Zuſam⸗ menhang mit den vorhergehenden nachzudenken. Der Sohn des Capitains fuhr mit den Zeichen der heftigſten Affecte fort zu declamiren: Freunde? Dulden wir die Beſchimpfung meines Vaters⸗ meines Vaters, dem lebend kein Koͤnig zu nahe zu treten ge⸗ wagt haͤtte? Laßt mich los, Vetter! Freunde, ſprecht! ————— — — 235— Das Schiffsvolk, die wirklich Leidtragenden und die ge⸗ dungenen Traͤger, ſchrieen um die Wette:—„Beſchimpfung! Beſchimpfung!“— und draͤngten nach den Barrieren; die bewaffneten Schiffsleute ſprangen auf die Tritte des Leichen⸗ wagens und der Kutſchen, und indem ſie ihre Pallaſche, die anderen Leidtraͤger aber ihre Knotenſtoͤcke ſchwangen, ſchallte es von den Worten:„Freiheit! Ehre den Todten! Nieder mit den Acciſewuͤrmern!“ Die Beamten waren auf dieſen Angriff nicht gefaßt. Waͤhrend ſie ſich beſtuͤrzt zuſammenſtellten, trat der beredte Wortfuͤhrer ihrer Gegner an ſie heran: Zoͤgern Sie noch, meine Herren, ſo ſtehen wir fuͤr keine Gewaltthat. Sie ſehen die gerechte Empoͤrung der Menge. Wir proteſtiren gegen jede Abſicht, die Koͤniglichen Autoritaͤ⸗ ten zu compromittiren. Wer zuerſt Hand angelegt, ſah man nicht, hat es auch niemals nachher erfahren; aber der Schlagbaum wurde auf⸗ geriſſen, mehrere Schiffsleute ſtuͤrzten hindurch und machten Bahn, der Kutſcher des Leichenwagens peitſchte ſeine Pferde an, und Leichenwagen, Kutſchen und alle Leidtragende waren binnen kurzem uͤber die Barriere und von neuem auf der Straße nach dem Inneren des Landes zu geordnet. Neuntes Kapitel. Puddington war mein lieber Freund, Er hatte grüne Haare, Schau, wie oben die Sonne ſcheint Am blauen Himmel ſo klare. Volkslied. ———O— Wagen und Pferde eilten von jetzt an in eben dem Maße, als ſie fruͤher in langſamer Parade vorauffuhren. Demzufolge ſahen ſich auch die Fußgaͤnger ihre Schritte zu vergroͤßern genoͤthigt. Bei dieſem Schnellmarſche ſielen Ordnung und geiſtliche Lieder von ſelbſt fort. In verdoppelten Gliedern, oder einzeln, ſtuͤrmte die Menge der Fußgaͤnger jetzt eine Hoͤhe hinauf, von welcher man eine freie Ausſicht auf die winterlichen Fluren weit umher hatte. Waͤhrend die Vor⸗ derſten im Zuge die Uebrigen zu ſammeln bemuͤht waren, bemerkte man mit Erſtaunen, daß alle Wagen bereits weit voraus ſich dem Fuße eines kleinen Gebirgszuges, hinter dem ein hoͤherer bedeutend hervorragte, genaͤhert hatten. Ob⸗ gleich es, aller Wahrſcheinlichkeit nach, unmoͤglich ſchien, — 237— auch im angeſtrengteſten Laufe die Wagen einzuholen, ſetzte ſich doch alsbald der ganze Zug von neuem in Bewegung. Wer aber haͤtte jetzt in dem wilden Bacchantenzuge, wo die meiſten von der Hoͤhe herab rannten und ſprangen, andere ſich gymnaſtiſch uͤbten, auf ihre Dornſtoͤcke geſtuͤtzt uͤber Steine, Buͤſche, oder auf der ebenen Erde fortzuſpringen, einen Leichenzug erkannt! Zwar hoͤrte man einzelne Stimmen rufen: Wir halten's nicht aus, die Bruſt ſpringt! nichts deſto weniger wurde wie im Wettlaufe ſo lange gerannt, bis die abgehaͤrtetſte Natur ſelbſt einige Secunden Ruhe zum Athemſchoͤpfen verlangte Selbſt der ſtarke Mann, welcher beim langſam feierlichen Marſche vor Ermuͤdung ausgetreten war, ſchleppte ſich keu⸗ chend mit, und uberſcherzte die ſchmerzliche Anſtrengung. Friſch auf, meine Herren!— riefen mehrere Stimmen— nur noch bis hinter jenen Huͤgel, und wir geben dem Todten den Abſchied— ihm ewige Ruhe, und uns zeitliche. Iſt denn ein anſtaͤndiges Begraͤbniß beſtellt— wie es in chriſtlichen Laͤndern Sitte iſt? Ich zweifle, daß man bei der Quantitaͤt unſerer Kehlen ihre Qualitaͤt wird bedacht haben. Macht nichts aus, man hat auch noch einen Schilling, um Ale und Porter zu kaufen, wenn nur in der Gegend ein Wirthshaus iſt; und dann der Spaß vorher blieb dorh die Hauptſache.. — 238— Wenn'’s nur nachher auch Spaß bleibt, und nicht ein recht empfindlicher Ernſt daraus wird. Meint Ihr von wegen des Sprunges uͤber die Barriere? Ich denke nicht. Gar nichts meinen, aber die Roekſchoͤße zuſammenfaſſen und die Stiefeln geſchmiert halten, das iſt das Gerathenſte, wenn man einen dummen oder luſtigen Streich,— was ziem⸗ lich auf eins herauskommt,— einmal gemacht hat. Da halten ſie ſchon, wahrhaftig! Wir ſind in der Arriere⸗ garde geblieben. Auf einem vom Wege abgelegenen, von ziemlich regel⸗ maͤßigen Hoͤhen, welche verfallenen Waͤllen nicht unaͤhnlich ſahen, umſchloſſenen Platze hatte ſich ein Theil des Leichen⸗ gefolges verſammelt; dagegen war von dem Leichenwagen und den andern Kutſchen auch keine einzige zu ſehen. Viele Fußgaͤnger hatten ſich erſchoͤpft, trotzend der Kaͤlte des Bo⸗ dens, niedergeworfen, Bertram aber, geuͤbt in dieſer Bewe⸗ gung, konnte noch voͤllig friſch umhergehen und die verſchie⸗ denen Gruppen mit Muße betrachten. In einer Vertiefung ſtand ein kleines Faß, um welches mehrere der Leidtragen⸗ den ſich gelagert hatten, und beſchaͤftigt waren, den Deckel einzuſchlagen. Auch jetzt glich die Verſammlung weniger einer Zuſammenkunft von Anverwandten und Freunden, welche⸗ zum letzten Male die irdiſche Huͤlle eines lieben Dahinge⸗ ſchiedenen betrachtend, ernſten Gedanken und lieben Erinne⸗ rungen ſich hingehen, als der zuſammengelanfener Abenteu⸗ — 239— rer oder gar gefaͤhrlicher Wegelagerer. Durch den bedeuten⸗ den Marſch war die ſchwarze Kleidung der Meiſten mit Staub bedeckt, in Unordnung gerathen, und die keulenartigen Knuͤttel trugen nicht wenig zur Verwilderung ihrer Erſchei⸗ nung bei. Um das Bild eines Vagabundenlagers vollſtaͤndig zu machen, ſchrie und tobte die rohere Menge, waͤhrend die anſcheinend Gebildetern ſich hier und dort gruppirten. Der Handwerker, welcher vor Kurzem ſeine lebhafte Theilnahme an den Parlamentswahlen dargethan hatte, war durch Huͤlfe einer von Zeit zu Zeit unterweges geleerten Branntweins⸗ flaſche in einen ſolchen Zuſtand verſetzt worden, daß er die allerſchwierigſte Wahl in dieſem Augenblicke durchzuſetzen ge⸗ wagt haͤtte. Er tobte und ſchrie: Wo iſt der Leichenwagen? Wo ſind die Kutſchen?— Ich will die Ariſtokraten zwingen zu ſtehn. Stehn ſollen ſie, ſtehn wo das gemeine Volk ſteht, und bezahlen dafuͤr, daß wir mitgegangen ſind, und ganz ſtill geweſen, und anſtaͤn⸗ dig.— Wo ſind die Wagen? Mehrere Gefaͤhrten ſuchten ihn zu beſchwichtigen, indem ſie ihm leiſe einige Worte in's Ohr ſagten. Statt aber hier⸗ durch beſaͤnftigt zu werden, tobte er immer lauter: Schweigen will ich nicht— zum Schweigen miethet man nicht Leute in England. Zum Schreien, Schreien— und ich habe geſchrieen und will ſchreien, und ſchweige nicht bis ich bezahlt bin, und bekoͤſtigt auf einen Tag, und betrun⸗ ken, daß ich nicht mehr ſtehen kann— 3 Mehreren Anderen ſchien der Vortrag des nuͤchternen Redners einzuleuchten, und ſie vereinigten ihre Stimme mit der ſeinigen: Ja wir wollen bezahlt ſein! bewirthet! In wenigen Minunten war ein neuer Auflauf organiſtrt. Man ſtampfte mit Fuͤßen und Stoͤcken auf den hartgefror⸗ nen Fußboden und ſcheie: Bezahlung! Punſch und Brannte⸗ wein! Einige Wohlgeſinnte ließen ſich zwar vernehmen mit der Vermahnung zum Anſtande, ſie wurden aber ſogleich uͤberſchrieen mit Gruͤnden, welche, da ſie von faſt allen Sei⸗ ten geaͤußert wurden, auch Allen einzuleuchten ſchienen: Anſtand! Ja Anſtand! Wir wollen alle Anſtand, nur An⸗ ſtand, aber Rum und Uskebaugh und Punſchfaͤſſer gehoͤren zum Anſtand bei einer Leichenfeier wie ſie ſein muß. Umſonſt haben wir uns nicht die Sohlen abgelaufen und die Kehlen trocken geſchrieen, was von geiſtlichen Liedern weit eher ge⸗ ſchieht, als von einem verſtaͤndigen, herzſtaͤrkenden Zoten⸗ liede.—. Wo ſind die Gaſtgeber? rief man, und: die Gaſtgeber! wiederholte ſich der Ruf von allen Seiten. Einige bedaͤch⸗ tigere Maͤnner wollten warnend dazwiſchen treten, und be⸗ haupteten: Eine ſo offene Nachfrage und die darauf erfol⸗ gende Kundwerdung derſelben, koͤnne noch immer in einer ſo kitzlichen Angelegenheit, wie dieſes fremde Begraͤbnis⸗ von Gefahr ſein. Aber der Menge leuchteten dieſe Gruͤnde nicht ein. Es hieß: Jetzt ſind wir durch und im Geſetz, und kͤnnen i dem Teu⸗ — 241.— Teufel ein Schnippchen ſchlagen! Wenn man nicht einmal nachher ſoll luſtig ſein, ſo mag ein Anderer ſich anſtrengen! Unter wildem Geſchrei lief man umher und rief nach den Gaſtgebern, nach den Anſtiftern, nach denen, welche die Geſellſchaft eingeladen haben? aber fand nirgends die ver⸗ langten Perſonen. Oft zwar ging man Einzelne unter den Verſammelten, welche ſich beim Zuge, als zu den Eingeweih⸗ ten gehdͤrig, betragen hatten, um weitere Auskunft an, erhielt aber immer die Antwort, daß ſie ſo nnwiſſend uͤber Abſicht und Mittel bei dem ganzen Feſte wie irgend ein Anderer ge⸗ weſen, ſich nur aus allgemeinen Ruͤckſichten angeſchloſſen, und bloß aus Vermuthungen geſprochen haͤtten. Kurz, es er⸗ gab ſich, daß unter der großen Anzahl der Verſammelten kein Verwandter, kein Freund des Geſtorbenen, ja angeblich Nie⸗ mand war, der auch nur mittelbar an der Leichenfeier Theil genommen haͤtte. Der Zufall und jenem Anſchlage in Mer⸗ ſchen Wirthshauſe aͤhnliche allgemeine Einladungen ſchienen lediglich die Menge herbeigefuͤhrt zu haben. Dieſe war aber mit einem ſolchen Ausgange keinesweges zufrieden, ſondern tobte, fluchte immer aͤrger, und drohte endlich dem Wagen nachzuſetzen. Hiervon hielten ſie die Beſonnenern nur mit Muͤhe zuruͤck, indem ſie erkaͤrten, ein ſolches Verfahren koͤnne die uͤbelſten Folgen fuͤr alle Sicher⸗ heit hervorbringen; es war aber noch ſehr zweifelhaft, ob ſie auf dieſen Nath gehoͤrt haͤtten, wenn nicht ploͤtzlich Jemand I. Bd.[ 16.] einen Zettel vorgefunden haͤtte, von welchem er mit vernehm⸗ licher Stimme folgende Worte las: An die ſehr ehrenwerthe und gottesfuͤrchtige Verſamm⸗ lung aller Leidtragenden aus Huntingeroß! Hoͤrt, hoͤrt! ſchrie man, das ſind wir. Eine Affiche an uns: 3 Dieweil es unſerm Heiland gefallen, die Seele unſeres tu⸗ gendhaften Vaters, Verwandten und Freundes, uͤber alle Faͤhrlichkeiten hinweg in ihre ſtille Ruhe und Frecheit durch die anſtaͤndige Vermittelung ſolcher ehrenwerthen und got⸗ tesfuͤrchtigen Leidtragenden, welche Gott mehr fuͤrchten als die leidigen menſchlichen Einrichtungen, zu transpor⸗ tiren; als ſind wir uͤberzeugt, daß auch gedachte Seele un⸗ ſeres reſpectiven Vaters, Verwandten und Freundes in ih⸗ rer ſtillen Zuruͤckgezogenheit mit beſonderer Liebe und ab⸗ ſonderlichem Dank vorerwaͤhnter Dienſte gedenken— Daran iſt uns wenig gelegen— unterbrach Einer den Vor⸗ leſer— wenn uns nicht hier unten was auſgetiſcht wird. Der Vorleſer fuhr fort: Gewiß wuͤrde ſie auch mit dieſem Gedanken ſich nicht begnuͤgen, ſondern alles Ernſtes an eine kleine freundliche Leichenfeier denken; da aber bekanntermaßen in dieſen ſchlechten Zeiten und bei der ungemeinen, das arme Volk druͤckenden Theurung, wie guch dem Druck barbariſcher Geſetze, aller Handel ſtockt, und doch die reichen Brauer in London den Porter aufgeſchlagen haben, ſo kann man — 243— auch bei patriotiſchen Gefuͤhlen nicht immer patriotiſch har. deln, und bittet daher, bei dem Faͤßchen Aquavit auf das Wohl des Hingeſchiedenen zu trinken und von unſern rei⸗ nen und einfachen Gefuͤhlen uͤberzeugt zu ſein. Der Teufel hole die einfachen Gefuͤhle und Getraͤnke! rief der vorige Schreier. Ein alter Waͤlſcher, vermuthlich ein Kraͤmer, der bisher im Tumulte mit ſeiner langſamen Sprache in die Arrieregarde der Schreier gekommen war, meinte: Mit ſo trocknen Kehlen ſind noch keine Leichengaͤſte, und ſo wohlfeil noch keine Leichenbitter davon gekommen ſeit Koͤ⸗ nig Arthurs Tode, wo's freilich noch wohlfeiler herging, weil es gar nichts gab, und der Koͤnig gar nicht begraben wurde. Hat man ſolche Knauſerei gehoͤrt, ſeit Altengland ſteht— ſagte ein anderer— ſind wir doch auf zweihundert Menſchen, und ich glaube nicht ein Fingerhut kommt auf die Kehle. Wenn Lord Caſtlereagh das ganze Volk in die Spinnerei ſchickte; wie es heißt, daß ers will, ich glaube die Ration auf jeden waͤre doch beſſer. Still doch, es ſind viele Gentlemen unter uns. Die haben's bloß aus purem Plaiſir gethan. Sieh doch, wie ſie ſich ſchon jetzt zuruͤckziehn und die Koͤpfe wie die Enten unter⸗ tauchen, um nicht erkannt zu werden. Ehe die Theilung losgeht, ſind die laͤngſt uͤber alle Berge, und der ehrliche Mann kriegt doppelte Portionen. Aber ſolche Knauſer! ſage ich doch und immer doch. Wer — 244— laͤuft denn ein andermal mit, wenn ſie's wieder an die Ecken annageln! Ja, aber es iſt doch fuͤr die Wohlfahrt des Landes, und was fuͤrs oͤffentliche Wohl iſt, ſagte der rothnaſige Redner neulich in Briſtol, als ich Wein holte und mit dem Leiter⸗ wagen durchs Volk kutſchirte und ſtille halten mußte, um ihn anzuhoͤren, wie er von der Tonne auf dem Kellerhalſe runter parlirte, daß man glaubte, er rede einem das Einge⸗ weide zu nichte; und was fuͤrs oͤffentliche Wohl iſt, das iſt fuͤrs oͤffentliche Wohl. Stille, ihr Herren!— ſagte der Vorleſer— es kommt noch eine Nachſchrift. Nachdem er Ruhe erlangt hatte, las er:. Was inſonderheit die zehn Pfund betrifft, welche wir dem ehrenwerthen Vorſteher einer chriſtlichen Theatergeſellſchaft fuͤr ſeine Bemuͤhungen in voraus bezahlt haben, ſo zwei⸗ feln wir nicht, daß er, da das Coſtuͤm nicht verſprochenerma⸗ ßen ganz ſchwarz geweſen, vielmehr etwas ins roͤthliche geſchimmert hat, auch die von ihm mitgebrachten Leidtraͤ⸗ ger nicht die verſprochene Zahl erreicht haben, gedachte zehn Pfund zum allgemeinen Beſten, und um der Seele des Verſtorbenen willen zur Ergoͤtzlichkeit der Gemuͤther verwenden werde. Sobald der Leſer das Wort zehn Pfund ausgeſprochen, hatten alle Blicke ſich erhoben; ſobald des Theaterdireetors Erwaͤhnung geſchah, ſchweiften ſie umher, und man konnte — 245— in jedem leſen, daß er die Frage ausſpreche: Wo iſt der Thea⸗ terdirektor? Bertrams Nebenmann, der bisher immer ſchwei⸗ gend und einſilbig dageſtanden hatte, ſprang, nachdem der Leſer geendet hatte, heftig auf, druͤckte den Hut aus dem Geſichte, ſo daß Bertram jetzt erſt in ihm den Heldenſchau⸗ pieler erkannte, ballte die Fauſt, und rief: Hol der H— den Direktor! Was? verkauft hat er uns? verhandelt freie Leute als Marionetten bei einem Puppen⸗ ſpiele? Wo iſt der Direktor? Zehn Stimmen ſchrien mit ihm, und Bertram erkannte in ihren Eigenthuͤmern ihm wohlbekannte Schauſpieler aus MrXr. Wo iſt der Direktor? Etwas blaͤſſer als gewoͤhnlich trat der Vorſteher der Pe⸗ ter Lollyſchen Geſellſchaft in den Kreis, welcher ſich um das kleine Faͤßchen gebildet hatte, und ſchien die Menge anreden zu wollen. Es gab aber noch zwiſchen ihm und derſelben ein Medium, die erbitterten Schauſpieler. Von hier und dort ſchrie es: Man hat uns betrogen, gemißbraucht. Der Direktor wollte reden, blieb aber bei dem Worte: Meine Herren! ſtehen, und mußte erſt die donnernde Straf⸗ rede des Heldenſpielers aushͤren. Dirrektor! In anderm Verhaͤltniſſe auf anderm Platze, ſtaͤnden Sie mir anders Rede. Hier frage ich Sie, wer wir ſind? Ob freie Kuͤnſtler, hie ſich mit Ihnen frei zur freien Kunſtausuͤbung verbanden, oder Ihre Leibeigenen, die Sie — 246— verkaufen koͤnnen?— War es, daß Sie mich verkauft hat⸗ ten, an dieſem Paradewagen zu ziehen, als Sie mir vorſtell⸗ ten: es gelte einen Scherz, und mir dafuͤr eine Bowle Punſch fuͤr heut Abend verſprachen, entlarvter Heuchler? So wurden auch wir uͤberredet l riefen mehrere Schauſpieler. Maͤßigen Sie⸗Ihre Ausdruͤcke, meine Herren! Wir ſind im Zuſtande der Natur, die kennt keine Geſetze. In der That, meine Herren, betrachtete ich das Ganze als einen Scherz. Wie haͤtte ich auch nur daran denken koͤn⸗ nen, Ihre ſchaͤtzbaren Dienſte etwa um ein Pfund zu erkau⸗ fen? Ich nahm die unbedeutende Summe lediglich als einen Beitrag fuͤr unſere Theaterkaſſe an, um manche vielleicht ver⸗ wandte Requiſite anzuſchaffen, etwa mehr Traueranzuͤge zum Leichenzuge der Ophelia. Haͤtte ich wiſſen koͤnnen, daß Sie mir dies veruͤbeln wuͤrden— Das mindeſte, was Sie thun koͤnnen, Direktor— fiel der Heldenſpieler ein— iſt, daß Sie getreu das fuͤr uns empfangene Geld mit uns theilen. Das iſt das wenigſte— und verſteht ſich von ſelbſt— ſchallte der Chor der Schauſpieler wieder. Der Direktor raͤusperte ſich, und ſtotterte: Der Werth des Geldes iſt gewiß das wenigſte, was hier in Betracht kommt, und ich wuͤrde gern die Kleinigkeit ganz zuruͤckgeben, wenn dies nicht wieder einen ſeltſamen Schein auf unſere Handlungsweiſe wuͤrfe, weshalb ich in der That auch jetzt auf Ihren Vorſchlag einzugehen Bedenken trage. — 247— Uns allen,— erwiderte der Chor,— liegt wenig an dem Werth des Geldes— aber das beſte, und die einzige Ehrenrettung iſt— Sie theilen es unter uns ganz genau. Der gedraͤngte Direktor mußte, keinen Ausweg erblik⸗ kend, ſich dem Anſuchen ſtillſchweigend unterwerfen, als von einer andern Seite ein neuer Angriff gegen die Sieger auf dem letzten Wahlplatze erfolgte. Der betrunkene Wahlherr tobte: Was?— Die Gentlemen wollen ſich bezahlen laſſen, und die rechtlichen Leute ſöllen leer ausgehen!— Jungens, brave Leute, dulden wir das? Nein, nein! war die meßr hervorgebruͤllte, als geſpro⸗ chene Antwort. Fuͤr Alle, fuͤr unſer Aller Ergoͤtzlichkeit hat der brave Leichenconducteur die Summe beſtimmt. Keine Ausnahme, keine Privilegien, auf Heller und Pfennig getheilt. Keine Privilegien! Auf Heller und Pfennig datheilt r. wiederholte eine wohlbekannte Stimme.— Meine Herren, meine ehrlichen Leute— ſagte leiſe und langſam der Direktor— wie gern wuͤrde ich die Summe theilen, ganz hergeben, wenn nicht beſondere Nuͤckſichten, meine ehrlichen Leute— Wir ſind keine ehrlichen Leute— als ob er ſelbſt etwas Apartes waͤre! Das Geld wollen wir haben!— tobte der rohere Theit Die Schauſpieler, aus denen meiſtens, wie es ſich jetzt erge⸗ — 248— ben, der gebildetere Theil der Verſammelten beſtand, zogen ſich dagegen zuruͤck und naͤher aneinander. Der gemeinſame aͤußere Feind hatte die innern Spaltungen ausgeglichen, und der Heldenſpieler trat nunmehr als Verfechter der Corpora⸗ tion auf: Von dem Gelde geben wir nichts heraus, weil es fuͤr unſere Bemuͤhungen uns gegeben iſt, und wir Kuͤnſtler ſind. Ihr habt zur Belohnung das Faͤßchen Rum, wir ſind fuͤr die Ehre mitgezogen und fuͤr die zehn Pfund als Ho⸗ norar. Wer ſind Wir und Ihr? Als ob zwiſchen den Men⸗ ſchen ein Unterſchied waͤre!— ſagte ein Mann von der Ge⸗ genpartei, der ſich nicht als Dulberry verlaͤugnen konnte.— Ich wenigſtens kenne nur einen Unterſchied, und der iſt zwi⸗ ſchen ſolchen Menſchen, die immer die Wahrheit reden, und ſolchen, welche immer Unwahrheit reden und rechtliche Leute zu betruͤgen und ihnen das Geld aus der Taſche zu locken ſuchen: das ſind die Miniſterialredner und die ſchaͤdlichen Komoͤdianten. Ich kenne noch einen andern Unterſchied,— ſagte ein ſtaͤmmiger Kerl von derſelben Partei, indem er dabei den rechten Aermel aufſtreifte und den nervigen Arm mit der ge⸗ ballten Fauſt, wie zum Boxen bereit, ausſtreckte— ich kenne noch einen andern Unterſchied zwiſchen ſolchen Leuten, die losſchlagen, und ſolchen, die Schlaͤge kriegen. Kein Aufruhr— ſagte ein Anderer— alles geſetzlich! — 249— Kurz und gut, das Geld wird ehrlich getheilt zu Ale und Wuͤrſten, oder wir zeigen dem rothnaͤſigen Olealy, dem Graͤnzinſpektor, an, wer mit im Zuge geweſen iſt. Wer's an⸗ zeigt und arm iſt, kommt immer gut weg, aber wer Geld hat und'nen guten Namen, der hat was zu verlieren.— Ja, wenn ſie nicht rausgeben, zeigen wir ant ſchrie die Menge. Die Schauſpieler ſtellten unter einander Berathung an, man bot die Haͤlfte des Geldes; die Tumultuanten aber wollten, als ſie den Feind ſchon auf halber Flucht erblickten, ihren Sieg verfolgen und ſchrieen: Das Ganzel! Keine Theilung! Als nichts half, zog endlich der Direktor ſeine Briefta⸗ ſche heraus, zaͤhlte auf dem Hute zehn einzelne Pfundſcheine ab, und uͤbergab ſie dem von den Gegnern erwaͤhlten Ver⸗ theiler, jedoch nicht ohne erſt eine Proteſtation einzulegen: Zwar nicht aus Furcht oder Beſorgniß vor gerichtlicher Verfolgung, meine Herren, willigen wir in Ihr Begehren, aber um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden und nicht viel⸗ leicht in eigener Sache als Richter aufzutreten genoͤthigt zu ſein,— ſollten wir etwa zu Geſchwornen in dieſer Angele⸗ genheit erwaͤhlt werden. Bertram hatte ſich ſchon vor dieſem Ausgange des Strei⸗ tes aus dem Gewuͤhl zuruͤckgezogen und die wallartige Er⸗ doͤhung auf der einen Seite des Platzes beſtiegen. Mit ver⸗ ſchraͤnkten Armen ging er jetzt um die ganze Umzaͤunung, welche allerdings, jemehr er ſie betrachtete, einer ſehr alten — 250— unfoͤrmlichen Verſchanzung aus der Kindheit der Vertheidi⸗ gungskunſt oder gar aus der grauen Vorzeit aͤhnlich erſchien. Doch feſſelte auch jetzt noch ſeine Aufmerkſamkeit mehr das bunte Treiben im innern Raume. Indem er die wunderba⸗ ren Geſtalten, die rothen Geſichter der Mehrzahl, die Leiden⸗ ſchaften, welche ſich auf faſt allen Geſichtern ſpiegelten, mit den Augen verfolgte, konnte er ſich nicht enthalten, folgende Betrachtungen anzuſtellen: 3 Iſt es moͤglich, daß eine ſo friedliche Handlung, welche, da ſie des Menſchen Gedanken auf ſein eigenes, endliches Schickſal fuͤhrt, unſern ganzen Ernſt erwecken, und die Ge⸗ danken vom Zeitlichen auf das Ewige abziehen ſollte, in einen ſo rohen, erbaͤrmlichen Streit um eine Kleinigkeit ausgeht! Iſt es nicht erniedrigend, wenn man, zur Froͤhnung einer aͤußern Sitte, ſo alle Sittlichkeit verhoͤhnt, und fremde Leute, ja ſogar Schauſpieler dingt, um fuͤr ein geliebtes Haupt zu trauern? Ein Gluͤck, daß die Anverwandten des Geſtorbenen nicht mehr dieſer fuͤrchterlichen Seene beigewohnt haben. Die griechiſchen Klageweiber waren noch immer eine beſſere Einrichtung, da jedermann es voraus wußte, daß ſie nur fuͤr Geld ihr Jammergeſchrei erhoben, und kein veraͤchtlicher Be⸗ trug, wie hier, mitunter lief!— Die Leidenſchaftlichkeit beim Zanke hatte die Maske, mit welcher die meiſten derer, welche mit der Leiche gezogen waren, ſich bedeckt hatten, fallen laſ⸗ ſen, und Bertram bemerkte von ſeinem erhoͤhten Standpunkte aus,— die Natur hatte ihm ein gutes Auge geſchenkt,— — 251— immer mehr bekannte Geſichter unter den Verſammelten; ja er entdeckte ſogar das ganze Wirthshausperſonal aus Mr-, mit Ausnahme des Alderman Graveſand und einiger anderer obrigkeitlicher Perſonen. Freunde in der Wuͤſte ſcheinen— wie wir ſchon oben bemerkten— doppelt ſo viel werth, als Freunde in der Heimath; dennoch fuͤhlte ſich Bertram dies⸗ mal nicht ſo zu ihnen hingezogen, wie es wohl anderwaͤrts der Fall geweſen war. Die ſonderbare Umgebung und ein peinliches Gefuͤhl, deſſen Grund er ſich nicht klar zu machen wußte, hinderten ihn, wie ſehr er auch ſonſt nach allem, was nur den Anſtrich des Sonderbaren trug, Jagd machte, ſich zu ihnen zu geſellen und um Auskunft uͤber die mannigfa⸗ chen Zweifel zu bitten. Er wuͤrde gewiß nicht laͤnger gezoͤ⸗ gert, ſondern den kuͤrzeſten Weg nach Hauſe eingeſchlagen haben, wenn er nicht noch auf die Stimme Maſter Dulber⸗ ry's, welche jetzt wie der Klang einer Silbertrompete unter dem Dudeln verſchiedener Dudelſaͤcke und Brummeiſen un⸗ ter dem Geſumme und Gebrumme der Menge hervortoͤnte, haͤtte hoͤren wollen. Freunde! ſchrie der Reformer— ich habe es genau be⸗ rechnet. Es kommt auf den Mann elf drei und ſechzigſtel Maas Rum, an barem Gelde aber erhaͤlt er dreizehn und neun drei und vierzigſtel Pence. Wer ein alt Engliſch Herz hat, kann damit ſchon zufrieden ſein. Ordnung und Gerech⸗ tigkeit und Gleichheit. Wozu haben wir unſere Dornſtoͤcke? die Gefahr iſt voruͤber, laßt ſie uns zuſammen werfen, einen 252 —— Scheiterhaufen errichten und darauf die Decemberkaͤlte und die boͤſe Laune verbrennen, und dann ein Alt⸗Engliſch Lied anſtimmen! Man ging den Vorſchlag jauchzend ein. Die Dornſtoͤcke bildeten einen ziemlich hohen Haufen, aus welchem bald die Flammen emporſchlugen. Der Wind trieb dieſe und den qualmenden Rauch nach der Gegend hin, wo Bertram ſtand, und noͤthigte ihn ſich ſeitwaͤrts zu wenden. Ploͤtzlich ſtand ein Knabe vor ihm und druͤckte ihm einen Zettel in die Hand. Er fragte: Von wem⸗ Steht drinnen! war die Antwort. Die Aufſchrift war ſchlecht geſchrieben, das Siegel zuſammengeklebtes Wachs, und als er den Zettel eroffnete, ſtießen ihm hier auch orthogra⸗ phiſche Fehler ſogleich zu Geſicht, doch verrieth der Stil einen im Sprechen nicht ungebildeten Mann. Der Inhalt lautete: Wollt Ihr erfahren, junger Freund, weshalb ihr nach Wa⸗ les gekommen ſeid, ſo ſpringt ſtehenden Fußes— laßt aber das andere Geſindel nichts davon merken— uͤber Pum⸗ fries nach den Ruinen von Griffith ap Gouvon. Euer Freund und Fuͤhrer wartet. Ihr moͤgt ihm und er wird Euch nuͤtzlich ſein; auch koͤnnen alte Schulden bezahlt werden. Erſtaunt rief Bertram aus: Ich ſoll erfahren, weshalb ich nach Wales gekommen bin?— Hier iſt eine Verwechſe⸗ lung oder Betrug!— Doch wenn ich es recht uͤberlege, bin — 253— ich ja, um dergleichen zu ſuchen, nach Wales gekommen! Es kommt mir entgegen. Wohlan! Muth! ich habe nichts zu verlieren und will hingehn. Er ſah ſich nach dem Billettraͤger um, dieſer aber war verſchwunden. Ohne ſich lange zu bedenken, da ein weiteres Aufſuchen fruchtlos, ein Anfragen nicht raͤthlich geweſen waͤre, ſchlug er den rechts um die Berge nach Pumfries ſich ſchlaͤngelnden Weg ein, und waͤhrend er auf dem hartgefror⸗ nen Boden ruͤſtig zuſchritt, hoͤrte er noch lange hinter ſich den Geſang der luſtigen Leichenbruͤder am Feuer: Joſua war ein gewaltiger Held, Aber noch größer war Gilderay; Joſua brachte die Sonne zu ſtehn, Gilderay konnte bei Nachtzeit ſehn u. f. w. (Ende des erſten Theil e s.) Berlin, gedruckt bei G. Hayn. In demſelben Verlage iſt kuͤrzlich erſchienen: von Washington Irving. VKoͤnigsmark, der lange Finne, ein Roman gus der neuen Welt. Aus dem Kngliſchen, vom Ueberſetzer der Jungfrau am See. In 9 Buͤchern u. 2 Baͤnden. 2½ Rthlr. Das literariſche Conv. Blatt macht bereits auf dieſen Roman aufmerkſam. Nachdem es den Witz und Humor in ſeiner polemiſchen Tendenz gegen den gefeierten Scott ge⸗ ruͤhmt, zeigt es, wie der geiſtreiche Verfaſſer ein getreuer An⸗ haͤnger alt⸗engliſcher Romane eines Fielding und Smollet, den ſchottiſchen Dichter von Anfang bis zu Ende bekriegt.— In der ſehr einfachen Geſchichte weiß er alle Charakterzuͤge Scott's und jeden ſeiner Lieblingschargktere zu perſifliren, ohne dabei zu caricaturiren, oder die lebendige Moͤglichkeit der Perſonen zu entziehen. Dabei ſind die Hiebe gegen all⸗ gemeinere Modekrankheiten, als die Finanz⸗Speculationen der neuern Zeit, das Unweſen eines pietiſtiſchen Pfaffenthums eben ſo treffend als ergoͤtzlich, und das Leben unter den nordame⸗ rikaniſchen Wilden, die Charakteriſtik der Quaͤker, bekunden den plaſtiſchen Geiſt des Verfaſſers.— Aphanaſia oder der Kampf der Liebe im Norden und Suͤden. Nach wahren Ereigniſſen aus den Jahren 1812 u. 15. mitgerheilt von C. F. W. Bork, ehemaligen Kai⸗ 8 ſerl. rußiſchen Hof⸗Schauſpielers zu St. Petersburg. 1 ½ Rthlr. Der Verfaſſer lernte waͤhrend ſeines Aufenthalts in Mos⸗ kau eine angeſehene graͤfliche Familie kennen, und theilt hier unter Veraͤnderung der Namen, hoͤchſtintereſſante Ereigniſſe aus dem Leben derſelben, und zugleich einzelne Schilderun⸗ gen und Scenen aus dem ketzten Kriege mit, die bis jetzt nicht bekannt wurden, und einen paſſenden Uebergang ge⸗ waͤhren. Dieſe dem Leben entnommenen, raſch aufeinander folgenden Begehenheiten und Verwickelungen ſowohl, als die ſich dabei entfaltende Charaktere, ſind ganz geeignet, den Le⸗ ſer zu feſſeln und ſeine Spannung in dem Grade zu ſteigern, daß es ſich Wenige werden enthalten koͤnnen, das einmal angefangene Buch vor der Beendigung aus der Hand zu legen. Die Schlacht bei Torgau un d der Schatz der Tempelherren. Zwei Novellen von willibald Alexis. 8. 1823. geh. 1 ½ Rthlr. Goͤthe, Cervantes und Tieck erſchienen dem Verfaſſer als nachzuaghmende Meiſter in der Darſtellung. Wie ſehr es ihm damit gelungen, beſtaͤtigen die vortheilhaften Beurtheilungen in der Ztg. f. d. Eleg. Welt, d. Abendztg., der Halleſchen Liter. Ztg. und mehrere Kritiken im Conv. Blatte. In allen ſpricht ſich das Urtheil aus: daß kein gewoͤhnlicher Maaßſtab an dieſe Novellen gelegt werden duͤrfe, daß ſie durchaus mit keinen gemeinen Arbeiten zu vergleichen, vielmehr an Charak⸗ terzuͤgen voll Reuheit, Wahrheit und Haltung, wie ſie neuer⸗ dings nicht oft in unſerer Literatur aufgeſtellt worden, ſo wie an wahrhaft claſſiſchen Scenen reich waͤren.“ Beſonders trifft das Lob die Schlacht bei Torgau. Der Nec. in der H. L. Z. Nr. 63. Maͤrz, 1824, ſagt von ihr, nachdem er die Aufſtellung eines lebendigen anſchaulichen Bildes vom ſiebenjaͤhrigen Kriege und die treue Durchfuͤhrung des Coſtuͤms der Zeit und der Charactere geruͤhmt hat:„die Scene waͤhrend der fuͤrchterlichen, naßkalten Nacht, welche der Schlacht einen Stillſtand gebot, am Feuer, um das ſich Freund und Feind lagern, und vo die genialen Gemuͤthsſpruͤnge des Corporals und beſonders durch das Umkreiſen der zahlreichen Flaſchen Rum, alle zu herzlicher Eintracht vereinigt werden, bis der erſte Kanonenſchuß ſie wieder in die Schlacht ruft, iſt hoͤchſt ergoͤtzlich und poetiſch wahr: ein Phantaſieſtuͤck, das hoͤher ſteht als die meiſten Hoffmannſchen, eines Jean Paul ſelbſt nicht unwuͤrdig“ u. ſ. w. Corinna oder Italien. Aus dem Franzoͤſiſchen der Frau von Stazl uͤberſetzt und herausgegeben von Fr. Schlegel. 8. 4 Theile, geh. 4 Rthlr. auf geglaͤtt. Velinp. 6 Athlr. Ein Roman, der als ein Meiſterwerk zu beruͤhmt iſt, um einer weitern Empfehlung zu beduͤrfen. Er iſt als das vollendetſte, glaͤnzendſte Werk der Frau Staël anerkannt worden; beſonders in Hinſicht auf Darſtellung ein Erzeug⸗ niß des Genius, worin ein Roman und ein reizendes Ge⸗ maͤlde von Italien gluͤcklich verſchmolzen ſind. Anekdoten und Charakterzuͤge aus dem Leben Friedrich des Großen. Fruͤher in 19 Sammlungen erſchienene, von neuem durchgeſehene und geordnete Ausgabe. 3 Theile. Mit dem Bildniß Friedrich des Großen. 3 Athlr. fein Pap. 4 Rthlr. —:ꝛ——— In demſelben Verlage erſchien ſo eben: Die ſechſte ſorgfaͤltig durchgeſehene und im Aeuße⸗ ren, ſowohl durch die Kupfer, als durch papier und Druck, ſehr verſchoͤnerte Griginal⸗Ausgabe von B. P Morit, weil. Mitglied der Akademie der Vuͤnſte ꝛc. Goͤtterlehre oder mythologiſche Dichtungen der Alten. Insbeſondere zum Gebrauch fuͤr Schulen und fuͤr angehende Kuͤnſtler. Mit 65 Abbildungen, nach antiken geſchnittenen Steinen und an deren Denkmaͤlern des Alter⸗ rhums, neu gezeichner von W. Zerbig, geſtochen von L. Meyer, 21 Bogen in 8. Auf feinem Druckp. 1 Kthlr. Auf feinem Schreibdruckp. und gebunden 1 ⅞ Rchlr. Moritz Goͤtterlehre hat ihren ehrenvollen Platz als ein in ſich ſelbſt vollendetes, meiſterhaftes Werk, ſeit Jahren ſo feſt behauptet, daß trotz des Nachdrucks und mancher Nach⸗ ahmungen, fuͤnf ſtarke Auflagen erforderlich wurden. Eine geiſtreiche, lebendige Darſiellung der gelaäufigſten Dichterbil⸗ der, in einem immer anmuthigen, geſchmackvollen Vortrag, verbunden mit Gruͤndlichkeit, ſind die inneren Vorzuͤge dieſes Werkes; denſelben bei der jetzt erſchienenen, neuen öten Aufta⸗ ge ein entſprechendes Aeußere zu geben, war das Beſtreben des Verlegers. Sowohl Druck und Papier des Buches, als insbeſondere die ſorgfaltige Zeichnung und der reine Stich der Abbildungen, werden ſelbſt den Kunſtkenner nicht unbe⸗ friedigt laſſen. Die Rechenkunſt in ihrer Vereinfachung, oder Anweiſung glle, ſelbſt die ſchwierigſten Aufgaben, ſogar oft vier, fuͤnf und mehrere auf einmal, nach ein und derſelben Regel leicht und ſicher auszurechnen. Ins⸗ beſondere fuͤr den Handelsſtand. In zwei Abtheilungen. I. die Vereinfachung aller in der Arithmetik vorkommen⸗ den Aufgaben: Wechſel⸗Intereßen⸗Rabatt⸗Seſellſchafts⸗ Allegations⸗Rechnung. erc. II. die Buchſtahenrechnung, von den Potenzen, den Logarithmen, Progreßionen und Graden der Sleichungen. Mit einer Vorrede vom Dr. Meyer. Hirſch. herausgegeben von J. A. Friedlaͤnder. 8. 1825. 1 Rthlr. Die freie Perſpektive insbeſondere fuͤr Maler und Architekten erlaͤutert durch praktiſche Aufgaben und Beiſpiele von J. G. Summel, Profeſſor an d. k. Akgdemie der Kuͤnſte zu Berlin. 1r. Theil.„Die Linien⸗Perſpektive,. Mit 27 Rupfertafeln 3 ¾ Athlr. Herzensergießungen eines kunſtliebenden Kloſterbruders von Kudw. Tieck und w. Wackenroder. Mit dem Bildniß Raphaels. 8. gehefter 25 ſg. oder 20 gr. Court. — Ferner erſchienen fruͤher: Die Jungfrau von Orleans, eine romantiſche Tragoͤdie von Fr. v. Schiller Recht⸗ maͤßige vom Verfaſſer ſelbſt veranſtaltete Auflage. Mit einem Kupfer. ¾ Kthlr. Mit 11 Kupfer von Jury und in ſaubern Einband mit goldenen Schnitt 1 ½ Rthlr. Collin's, Zeinrich J. v., Trauerſpiele, rechtmaͤßige vom Verfaſſer ſelbſt veranſtaltete Ausgabe. Mit einem ſchoͤnen Kupfer von Jury. 3 Baͤnde. In zwei verſchie⸗ denen Ausgaben. In großem Format, auf weißem Pa⸗ pier 3 ½ Athlr. in kleinem Format, auf ord. Papier 1 5 RKthr. Die Collinſchen Trauerſpiele haben die glaͤnzendſte Auf⸗ nahme gefunden, und nehmen unter dem klaſſiſchen Theater der Deutſchen einen wuͤrdigen Platz ein. Sie erſchienen ein⸗ zeln, und ſind hier unter einem Titel gebracht; wodurch ſie um ſo geeigneter zu einem Geſchenk und zur Aufnahme in jeder Leih⸗ und Irivarbiliothe werden. Wohlfeilheit des Preiſes erleichtert die Anſchaffung, beſonders fuͤr alle, denen nicht an ſeinen ſaͤmmtlichen Werken gelegen iſt. Dieſe ſind nach des Verfaſſers Dode in Wien herausgekommen; enthal⸗ ten nur einige proſaiſche Aufſaͤtze mehr und koſten 20 Rthlr.— Nachricht von dem geben des Koͤuigl. Preuß. Geh⸗Raths und Doktors der Arzneiwiſſenſchaft, Ernſt Ludwig Heim, geſammelt zur Feier ſeines 50 jaͤhrigen Doktor⸗Jubilä⸗ ums. Zweite Auflage gr. 8. 1823. Die erſte Auflage dieſer, Herz und Gemuͤth anſprechen⸗ den Schrift fand einen ſo allgemeinen Beifall, daß ſie bin⸗ nen 3 Monathen vergriffen war. Von den uͤberaus guͤnſti⸗ en Beurtheilungen ſei hier nur einiges aus den deutſchen laͤttern vom 17. Maͤrz 1823 angefuͤhrt.„Es iſt dies keine bloße Gelegenheitsſchrift, heißt es daſelbſt, welche, wenn die Gelegenheit voruͤber iſt, ihren Werth verliert, ſondern eine Lebensheſchreibung, welche, allen Verchrein wahrer Lebensweisheit, Froͤmmigkeit und praktiſcher Tuͤchtigkeit zu empfehlen iſt. Aber anch in literariſcher Hinſicht verdient ſie eine Aufmerkſamkeit, welche ihr bisher noch nicht ſcheint zu Theil geworden zu ſein. Sie zeigt uns ein Stilleben voller Erbaulichkeit und charakteriſtiſcher Zuͤge, daß ſie mitunter an Jean Pauls Fiebel erinnert. In unſeren Tagen, wo der Pie⸗ tismus an der Tagesoroͤnung iſt, zeigen uns die aus Heims Tagebuche entlehnten Stellen, einen recht ſchlagenden und er⸗ bauenden Gegenſatz zwiſchen der auf tuͤchtige Lebensanſicht gegruͤndeten Froͤmmigkeit und der falſchen Froͤmmelei, die mit Worten zufrieden iſt.“. Pleiſt, Kwald Chriſtian von, ſaͤmmtliche werke. 2 Baͤnde. gr. 8. Einzige nach dem Griginal abgedruckte Ausgabe, mit 2 Rupfern von Meno aas und Jury. Au gegl. Velinpapier 4 Athlr. auf Druckpapier 1 Rthlr. 2 gr. 34 Dieſe ſchoͤne Ausgabe der Werke des liebenswuͤrdigen Dichters, enthaͤlt zugleich eine, aus ſeinen Briefen an Gleim ungeſucht hervorgehende Lebensbeſchreibhung und Charakter⸗ ſchilderung Kleiſts, die uns bis an ſeinen Heldentod fuͤhrt. Zu einem gewiß angenehmen Geſchenk, iſt fie beſonders ge⸗ eignet. Tnniſnſfifiniſnſſniſiſſſiſnmnmnfſfffiſnnſnnnſun 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 4. 9 9 v