7 Uhr hin wir deutſcher, 3 P d25 5 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei En eines Buches, eine dem Werthe deſſelb 4. Abonnement. Daſſelbe muß vora beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 25. Auswärtige Adonnenten haben für Hin⸗- u zder Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefah defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— dorene oder defecte von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. engliſcher und franzöſiſcher Literatur v.— Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß 5 und Aeſebedingungen. Rückgabe der Bücher jeden bis Abends 8 Uühr offen. en entſprechende Summe terlegen, welche bei deſſen Zurückgab d.. tgegennahme ag von Morgens e von mir zuruͤckerſtattet zus bezahlt werden und 6 Bücher: 2 Mk.— Pf. 1 nd Zurückſ endung r ſelbſt zu ſorgen. eſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Iſt das erriſſene, beſe mutzte, ver⸗ e Buch ein Shein eer größeren Wmuht ſo iſt eſetzt und wird „Weiterverleihen igen, welche die⸗ ¹ 1. Offensein der Bibliothek. Die Mülrothen ſteht zur Em⸗ 3 3 pfangnahme und Rück⸗ — —— ,„,f–“ Walladmor. Frei nach dem Engliſchen des Malter Scott. Zweite, verbeſſerte Auflage. Herausgegeben und mit einem Vorwort von WMillibald Ale xis. z weiter Ban d Berlin,— bei Friedrich Augu ſt Herbis. 1825. Walladmo r. SNVTMHTUAAMNWF AN AMM F Zweiter Band. — — Er ſtes Kapit el. Gluth, dörre mein Gehirn! Ihr ſalzgen Thränen, Brennt alle Sehkraft meiner Augen aus!— Bei Gott, es ſoll gerächt dein Wahnſinn werden, Bis unſ're Wagſchaal' überſchlägt, Mairoſe! Lieb Mädchen, gute Schweſter, ſüße Ophelia! Shakeſpear. Hamlet. Der Morgen des Wintertages war ungewoͤhnlich klar und heiter geweſen; und erſt jetzt, als Bertram ſich vom luſtigen Trauergelage entfernte, bemerkte er, daß nicht allein ein duͤ⸗ ſterer Nebelflor den Himmel umlagert habe, ſondern auch ein mattgraues Gewoͤlk ihn immer dichter und dichter umziehe. Doch war er ohne Beſorgniß, da die Bewegung und Friſche der Luft ihm das Blut erwaͤrmt und den Muth verſtaͤrkt hatte; nur als ein Beduͤrfniß, der Hunger, bei ihm anſprach, kehrte er in eine einſame Schenke ein, und ſtaͤrkte ſich zum vorhabenden Marſche mit einem, fuͤr ſolchen Ort gut gennug bereiteten, Stuͤcke Roſtbeef. Hier ſogleich nach dem Wege, welcher ihn gen Kloſter Griffith ap Gauvon fuͤhre, zu fra⸗ gen, hielt er nicht fuͤr gerathen, und erkundigte ſich deshalb beim Abſchiede nur nach dem Wege nach Pumfries und ge⸗ legentlich nach den irre fuͤhrenden Abwegen ins Gebirge, ob der Weg ſicher ſei, und welche Ortſchaften in der Naͤhe laͤgen? Der Wirth erwiederte: Um Pumfries herum, nach dem Snowdon zu, liegen wohl nur einzelne Meierhoͤfe, und es fuͤhren keine Straßen in die unwegſamen Gebirgsſchluchten, ſondern nur Holzwege, auf denen man leicht verirren kann, zumal im Winter, wenn Schnee liegt. Es kommen auch ſelten Herrſchaften— beſonders im Winter— hin, und außer den Paͤchtern und Haͤuslern verirrt ſich jetzt wohl nur eine arme Seele hin, die ſonſt keine Ruhe findet, etwa muntere Geſellen mit abgetriebenen Pferden, oder Spekulanten beſonderer Art. Doch das geht Niemand was an, und wer in der Naͤhe von dem alten verfallenen Raubneſt wohnt, dem kruͤmmen ſie kein Haar, und wer ſich drein miſchen wollte und angeben, muͤßte wohl ein Narr ſein. Ich wenigſtens habe keine Luſt, mein huͤbſches Haus und die gefuͤllten Scheunen Nachts uͤber dem Kopf mir bren⸗ nen zu laſſen, und ſeh' es darum ruhig mit an, wenn's im Dunkel in der alten Scheune rumpelt und rollt. Es ſind ein Paar muͤde Leute, ſag' ich zur Frau, wenn ſie ſich zit⸗ ternd in den Winkel am Feuer druͤckt, die ſuchen eine Schlaf⸗ ſtelle und haben keinen Paß. Wenn ſie mir dann ſagt: Aber die Maͤgde fuͤrchten ſich, und wollen nicht uͤbern Hof gehn, weil ſie meinen, es ſei nicht geheuer, dann ſprech' ich zu ihr: — ,— Laß die Maͤgde glauben was ſie wollen, uns ſchadet es nichts. Und wirklich iſt mir noch nie etwas geſtohlen worden, ſon⸗ dern ich fand nur am andern Morgen das Stroh ein wenig einge⸗ druͤckt, und ſie hatten wohl obenein'ne Flaſche fremden Wein zu⸗ ruͤckgelaſſen, den keine Seele von mir nachher zuruͤckgefordert hat. Wie heißt das verfallene Raubneſt? Es mag nicht grade ein Raubneſt ſein, aber es iſt doch ſolch ein altes verwuͤnſchtes Mauerwerk in den wildeſten Ge⸗ birgsſchluchten, wo die Jungen ſelbſt nicht gern das Vieh hintreiben. Griffith ap Gauvon nennen's die Leute. Wohnt vielleicht darin ein Paͤchter oder Foͤrſter? Keine Seele bis auf die Eulen, und die Adler vom Snowdon moͤgen auch ihre Beſuche machen. Man findet alſo auch keine Aufnahme dort als Reiſender? Der Wirth ſah den Fragenden groß an, und ſagte dann mit zweifelhaftem und bedenklichem Tone: Nun— das wird der Herr ja wohl am beſten wiſſen. Ich war nie da— weiß auch nicht, wer da einkehrt, bekuͤmmere mich auch nicht darum, habe auch ein ſchwaches Gedaͤchtniß, ſo daß Jeder⸗ mann vor mir ganz ſicher ſein kann; jetzt mag's auch wohl ziemlich beſucht ſein, wie ich habe munkeln hoͤren; mein Spruͤchwort aber iſt: Handel und Wandel hat Jedermann frei. Wie weit iſt die Ruine von Pumfries entfernt? Wenn Ihr dahin wollt und von Arthurs Schanze her⸗ kommt, ſo ſeid Ihr Euch ſehr umgegangen. Wer den Weg weiß, geht grade durchs Gebirge, freilich klippauf, klippab, ☛ 2 » — —,— 3 3— — 6— aber um den Gewinnſt thut man's ſchon und wadet durch die Baͤche. Wenn Ihr von hier aus Pumfries rechts liegen laſſet, koͤnnt Ihr hinter der rothen Heide am alten Stein⸗ galgen in weiter Ferne einen blauen ſpitzen Berg uͤber der hohen Kette vorragen ſehen, darunter liegt es in einer tiefen Schlucht. In ſo einſamer Gegend ſteht ein Galgen? Iſt jetzt eigentlich nur noch zur Zierde da, und thut we⸗ nig Dienſte mehr. Vor alten Zeiten aber haben viele dran gebaumelt, und ſie ſagen, der Engliſche Koͤnig Eduard habe ihn expreß erbaut, als er das Land ganz unterjochte, um die alten Waͤlſchen Barden dran haͤngen zu laſſen. Zwoͤlf, ſagt man, haͤtten mit einem Mal gebaumelt. Meinethalben vier⸗ undzwanzig, daran iſt uns beiden wenig gelegen, und jetzt haͤngt nur hin und wieder ein armer Schelm, den ſie erwi⸗ ſchen. Kann Euch aber verſichern, daß es nur ſelten ge⸗ ſchieht. 3 Obgleich ſtatt des Sonnenſcheins ein truͤbes Grau den ganzen Horizont bedeckte, war doch der Nachmittag bedeu⸗ tend milder als der Vormittag, wie wenn nach kalten klaren Wintertagen ein Schneewetter eintreten will. Mancherlei Bedenken gingen in Bertrams Kopfe um, als er, von der Huͤtte aus, den ſehr einſamen Weg weiter ſchritt. Bald ſchien— etwas Seltenes im fuͤdlichen England— alle Kul⸗ tur von beiden Seiten des Weges verſchwunden, und das roͤthliche Haidekraut war nur hier und dort von einigen Ha⸗ —— —— ——— —2 G— ferfeldern unterbrochen, als wanderte er durch ein Hochſchot⸗ tiſches Thal. Der Grund lag wohl ebenfalls in der Naͤhe der hohen Kette des Snowdon, welche das an ſich wenig fruchtbare Land nicht vor den ſuͤdweſtlichen Seeſtuͤrmen ſchuͤtzen konnte. Wie der Schweizer ſich f wenn er in dem fremden Lande Berge findet, welche ihn an die ge⸗ liebte Heimath erinnern, ſo ergreift auch den Schotten ein wehmuͤthig freudiges Gefuͤhl, wenn er auf einße amen mude rungen in der Fremde lange Flaͤchen mit den rothen B ſcheln ſeines vaterlaͤndiſchen Haidekrantes bedeckt ſieht. Einem, der nicht zwiſchen unſern Bergen geboren und auferzogen iſt, mag bei dieſem Ze ienen eines uncultivirten Zuſtandes und einer traurigen Natur weniger froh zu Muthe werden; und Bertram uͤberdachte, wie wir bereits angefuͤhrt haben, die Gefahr der Unternehmung, in welche er ſich ſcheinbar ohne erheblichen Grund einlaſſen wollte. Eine anonyme Einla⸗ dung zu einem ſehr verdaͤchtigen Menſchen, zu einer Jahres⸗ zeit, in welcher man auch bei aller Bequemlichkeit zu reiſen vermeidet, in eine unwegſame Gegend— wuͤrde Jedermann, der nicht am Rande der Verzweiflung und vor der ſchroffen Felswand der Hoffnung ſteht, von ſich gewieſen haben. Was vermoͤgen indeſſen alle dieſe Gruͤnde gegen einen von roman⸗ tiſchen Ideen geleiteten Juͤngling?— Ohne einem menſchlichen Weſen zu begegnen, war er be reits uͤber eine Stunde gegangen, als die Haide ſich in einen Moorgrund verwandelte, welcher theilweiſe zwar noch mit Haidekraut bewachſen, mehrentheils aber mit den runden und abgeſonderten Raſen⸗ und Mooshuͤgeln, oder vielmehr Kluͤmp⸗ chen, bedeckt war, auf welchen die geſchickten Bewohner ſol⸗ cher Gegenden den Uebergang auch uͤber ausgebreitete und tiefe Moraͤſte finden. Wer aber, unkundig der Gegend, und nicht geuͤbt im ſchnellen Auffinden der feſteſten Punkte, ſo wie im tanzartigen Springen, auf dieſe Weiſe ſein Heil ver⸗ ſucht, findet leicht den Untergang, indem die meiſten dieſer gruͤn uͤberwachſenen Moorklumpen noch ihre ſchluͤpfrige Na⸗ tur, beſonders bei regnigtem Wetter, beibehalten haben und den unſichern Fuß abgleiten laſſen, oder mit ihm in die ſchlammige Tiefe verſinken. Das vorliegende Moor wies ver⸗ ſchiedene Stellen, wo fruͤher Torf gegraben war und offenes Waſſer jetzt die tiefen Graͤben fuͤllte. Das ſchlimmſte fuͤr den Wanderer war, daß ſich mehrere Wege durch das Moor zeigten, von denen die meiſten vermuthlich von den Torfſte⸗ chern durch den Gebrauch ſeit Jahrhunderten entſtanden wa⸗ ren, vielleicht aber nicht weiter als bis in einen der Graͤben oder Waſſertuͤmpel fuͤhrten. Bertrams Uhr zeigte ſchon auf drei, eine Stunde, wo es mißlich iſt zur Winterzeit unbe⸗ ſtimmte Fußwanderungen zu unternehmen. Der bezogene Himmel und das gefaͤhrliche Terrain haͤtten ſelbſt kuͤhne Han⸗ delsleute, die jenſeits des Moores einen reichen Gewinn er⸗ warteten, abgeſchreckt, und auch Bertram ſtand wirklich zwei⸗ felnd ſtille. Er ſah ſich pruͤfend nach allen Seiten um, ent⸗ deckte aber, ſo weit ihm der Rebel und die dicke Luft die Gegenſtaͤnde zu erkennen erlaubte, und hinter ſich und an der einen Seite nur Haidekraut, Moor und einzelne Wei⸗ den, welche mit ihren duͤrren Aeſten die Trauer der ganzen Natur nur vermehrten. Auf der andern Seite, zur linken, zog ſich die Kette des Snowdon entlang, deſſen Ruͤcken groͤß⸗ tentheils von Rebel und Wolken bedeckt war; an dem Fuße des Gebirges ſtand ein Wald entlaubter Baͤume, unter de⸗ nen man auch aus der weiten Entfernung die grauen Wei⸗ den hervorſchimmern ſah. Als Bertram aber die Ausſicht nach vorn muſterte, glaubte er den Schornſtein einer Huͤtte zu entdecken, und als er die vor ihm nach verſchiedenen Rich⸗ tungen durch das Moor fuͤhrenden Wege genauer betrachtete, bemerkte er, daß der eine in gerader Richtung nach jenem Gegenſtande fuͤhre. Um ſich indeſſen zu vergewiſſern, ſprang er ſeitwaͤrts nach einem Huͤgel, und ſeine Freude war nicht gering, als er von dem hoͤchſten Punkte deſſelben deutlich den ihn vom Wirthe beſchriebenen Steingalgen zu erkennen glaubte. Er mußte ſehr groß ſein, denn obgleich Bertram auf den Zehen ſtand, ſah er, daß uͤber eine nicht unbeden⸗ tende Erhoͤhung, hinter welcher das Strafgeruͤſt gelegen war, nur der oberſte Theil des Dreigeruͤſtes hervorragte. Als er ſich bedachte, daß nach Mrer noch heut zuruͤckzukehren un⸗ moͤglich ſei, und er kein anderes Nachtquartier, als bei dem nach ſeinen Reden nicht unverdaͤchtigen Schenkwirthe finden moͤchte, war ſein Entſchluß gefaßt, und nachdem er — 10— ſich nur die Beinkleider aufgekraͤmpt hatte, machte er ſich auf den Weg durch den Moraſt. Die letztere Vorſicht waͤre indeſſen nicht noͤthig geweſen, da das Moor auf allen Stellen feſt gefroren war, und nur, wenn der Wanderer ſtark im Springen auftrat, die ganze harte Decke etwas unter ſeinen Fuͤßen wankte. Er ſchritt und ſprang ſehr beherzt vorwaͤrts, nicht ohne zuweilen uͤber ſich ſelbſt zu laͤcheln, wenn er bei ebneren Stellen daran dachte, daß der Anblick eines Galgens ſeinen Muth erfriſcht habe, und ein Galgen das vorlaͤufige Ziel ſeiner Wanderung ſei. Indeſſen hatte er dieſen, ſobald er das tiefere Moor be⸗ treten, ganz aus den Augen verloren, und folgte nur unver⸗ ruͤckt der Wegſpur, welche er von der Hoͤhe aus, als die ein⸗ zig richtige, ſich gemerkt hatte. Es war aber ſehr ſchwer, ſie immer zu halten, denn ſelten kam ein im rechten Winkel ſie durchſchneidender Seitenweg, welcher als Merkmal haͤtte die⸗ nen koͤnnen, wogegen vielfach mehr oder minder parallel lau⸗ fende Fußpfade, oft breiter als der vom Wanderer betretene, ihn irrten. Merkmale bildeten nur Torfgraͤben, einzelne Waſ⸗ ſertuͤmpel, ein Baumſtamm dder eine kleine Erderhoͤhung; wer aber weiß, wie Alles, von der Ferne betrachtet, anders ausſieht, als wenn man es vor Augen hat, und die ungewiſſe und generelle Eigenſchaft der erwaͤhlten Merkmale bedenkt, wird leicht erachten, daß Bertram darum nicht ſicher gehen konnte; wer aber, gleich unſerm Helden, einmal bei ſpaͤter Jahres⸗ und Tageszeit eine durchſchnittene Haide allein —— — — 11— durchwandert iſt, wird die Beſorgniß kennen, welche bei einem ſolchen Marſche jeden Gedanken und Wunſch als den nach dem richtigen Wege verdraͤngt. Der Moorgrund bildete, wie wir ſchon bemerkten, keine fortdauernde Flaͤche, ſondern hie und da trat das Erdreich huͤgelartig hervor. Als Bertram einen ſolchen Huͤgel beſtie⸗ gen, glaubte er in einiger Entfernung vor ſich einen Schwarm wilder und geſelliger Sumpfooͤgel niedergekauert ſitzen zu ſehen. Auf einem trockenen Fleck zeigten ſich wenigſtens meh⸗ rere ſchwarze und weiße Punkte, welche unterweilen ſich langſam regten und bewegten; als er aber leiſen Schrittes weiter ging, wurden dieſe Punkte immer groͤßer, ſo daß es keine Voͤgel mehr ſein konnten. In der Entfernung von un⸗ gefaͤhr hundert Schritten blieb er endlich ſtehen, und bemerkte mit Verwunderung ein ſeltſames Stoͤhnen, Murmeln und Kraͤchzen. Er ſtrengte ſeine Augen an, um zu erfahren, od es menſchliche Weſen ſeien; die Tageshelle erlaubte ihm in⸗ deſſen nicht, von dieſer Weite aus es zu entdecken. Er ſchlich demnach, gebuͤckt wie der Entenjaͤger, um nicht verrathen zu werden, dem Punkte zu, und waͤhrend er, halb aus eigener Beſorgniß, den Blick auf die Erde gerichtet trug, ſah er nichts von der ſeltſamen Erſcheinung, hoͤrte dagegen das Murmeln und Stoͤhnen immer deutlicher. Anfaͤnglich glich es dem Grunzen wiederkaͤuender Schweine, bald aber ſchie⸗ nen kraͤchzende menſchliche Stimmen hervorzutoͤnen, wie bei dem halblauten Beten der Juden in der Synagoge hin und wieder einzelne Sylben oder ganze Worte verſtaͤndlich wer⸗ den. Bertram richtete jetzt den Kopf in die Hoͤhe, um mit einem Male der Erſcheinung auf den Grund zu kommen, da er, der Entfernung der Stimme nach, dicht vor dem Platze ſtehen mußte; er ſah aber vor ſich noch einen mannshohen Erdwall, welcher ihn von den Stimmgebern trennte. Unter dem Gemurmel hoͤrte er jetzt folgende Reden, welche mit aͤußerſt verdrießlicher und kraͤchzender Stimme ausgeſtoßen wurden:. Iſt er wiedergekehrt? Du haſt's ja gehoͤrt, alte Liſe. Und treibt wieder's Handwerk? Verſteht ſich. Sind denn ſeine Knochen noch gar nicht muͤrbe? Jedermann hat ſeine Zeit. Was fragſt Du ſo viel? Ich bin heiſer. Deine Knochen haͤtten laͤngſt ſchon verdient, da oben zu liegen: Deine werden ſchon noch rauf kommen. Hier blickte Bertram unwillkuͤhrlich in die Hoͤhe, nnd ſah rechts das hohe graue Geruͤſt voll ernſter Schauer vor ſich ſtehen. Er konnte ſich eines Zuſammenzuckens nicht ent⸗ halten, hoͤrte aber doch mit verhaltenem Athem auf die Fort⸗ ſetzung des Geſpraͤches: Wenn ich nur nicht das Zipperlein haͤtte, dein Dach waͤre laͤngſt aufgelodert. — 13— Dich muͤßte man lebendig verbrennen! ſagte die Andere. Wird alles geſchehn, wie's geſchehen muß— verſicherte eine Dritte— erſt werden die Beine ſchwer, dann kruͤmmt ſich der Ruͤcken, dann faͤhrt's in die Arme, dann ſauſt's in den Ohren, dann geht's mit den Augen aus, und dann muß Nr Teufel, wenn er uns haben will, auf dem Ruͤcken uns forttragen. Du haſt wohl lange keinen Liebſten gehabt? fragte die Zweite. Vor vierzig Jahren lief mir der letzte weg— aber Du haſt wohl noch einen, alte Hexe? Hierauf huſtete, ſtoͤhnte und grunzte der ganze Chor wieder ſo aͤngſtlich, daß Bertram ſich weit fort wuͤnſchte. Die Erſte fragte wieder: Ganz alte Weiber haͤngen ſie wohl nicht mehr? Wie's kommt und die Geſchwornen Appetit haben. Die Dritte ſagte: Sonſt war' große Luſt all dem Volke, wenn Eine von uns haͤngen oder brennen konnte; jetzt peitſchen ſie uns aus. Wem ich's Haͤngen prophezeihe— ſagte die Zweite— das iſt der tollen Gillie, die legt's gradezu drauf an, und all ihr Kochen und Brauen hilft nichts, ſie hat's aber auch ver⸗ dient. Warum kommt das Weibsſtuͤck auch mit ins Kloſter ge⸗ zogen? Wie ſtark ſie auch iſt, vertraͤgt ſie doch nie ins Land einen Ballen Waare. Ich moͤchte ihr oft— kraͤchzte die Zweite— einen Stoß von hinten geben, wenn ich mit meinem krummen Ruͤcken unter dem großen Korbe ſtoͤhne, und ſie geht ſo grad aufge⸗ richtet wie eine vornehme Frau und traͤgt nichts. Warum kommt ſie aber mit ins Gebirge? Weil ſie auf den Niklas verſeſſen iſt. 2 Sie meints doch nicht rechtſchaffen mit ihm— ſagte die Dritte— und ſie bringt ihn noch mal au's Geruͤſt. Waͤr' ich ſoen ſchmucker Kerl als der Niklas, ich huͤtete mich vor dem Weibe⸗ Du moͤchteſt ihn wohl ſelbſt zum Liebſten haben, alte Eva? Ich wuͤnſchte, Dir wuͤchſen Haͤnde und Fuͤße zuſammen, wie'nem Stachelſchwein, dann fingen ſie Dich doch mal, wie Du's verdient haſt. Vor Dir liefen ſie weg, weil Du zu haͤßlich biſt. Ich glaube, daß Dich nicht mal der hinkende ſchwarze Satan, den wir vorhin im Moore ſahen, auf ſein ſchwarz Pferd neh⸗ men moͤchte.. An den Schwanz vom Pferde baͤnd' er Dich wohl ſchon, wenn er uͤber's Steinpflaſter reitet. Schau— rief die erſte— da kreiſcht und tanzt die tolle Gillie um den alten Galgen rum. Der ſchwarze Satan wird wohl mit ihr zu ſchaffen ha⸗ ben, denn ich hoͤrte hinter dem Galgenberge ſein Pferd wie⸗ hern. 1 1 Unſerm Freunde war ſo unbehaglich bei dieſem dem Chor⸗ geſang widriger Geiſter aͤhnlichen Geſpraͤche zu Muthe, daß er bei der Unmoͤglichkeit eines andern Auswegs, lieber dem Ungethuͤm ſogleich entgegen ging. Er ſprang ploͤtzlich auf den Erdwall hinauf, und ſah jetzt zu ſeinen Fuͤßen fuͤnf oder ſechs uralte, haͤßliche, in Lumpen eingehuͤllte Weiber neben einander gekauert auf dem Boden ſitzen. Sie ſchienen ſich von einem weiten Marſche auszurnhen, und ſaßen mit dem Kopfe auf die Arme oder in den Schooß geſtuͤtzt. Sobald aber der ſtarke Auftritt Bertrams in ihr Ohr gedrungen war, ſprangen ſie alle zugleich unter rauhem, mißtoͤnendem Geſchrei in die Hoͤhe, und, gleich traͤgen Seemdoven, welche verdroſſen bei der Annaͤherung des Menſchen ſich von ihrem Sammel⸗ platz erheben und davon fliegen, ſchickten ſie ſich an, davon zu laufen. Berrtam hatte jetzt Gelegenheit, auch ihre widrigen, alten, gelbgrauen Geſichter zu ſehn, welche ohne andern Aus⸗ druck, als den eines Mißvergnuͤgens uͤber alles und Jedes waren. Sie murmelten unverſtaͤndliche Worte, gleich als zankten ſie mit der Welt, ſich ſelbſt und ihrem Schickſal. Bertram, obgleich er des Gedankens an uͤberirdiſche Weſen ſich nicht erwehren konnte, rief ihnen doch zu: Wer ſeid Ihr?— Was wollt Ihr?— Kaum aber hatte er dieſe Frage wiederholt, als alle Weiber mit, fuͤr ihr Alter, zu ſchneller Bewegung ſich auf und davon machten, und wie boͤſe Gei⸗ ſter, vom Zeichen des Kreuzes geſchreckt⸗ uͤber Moor und Haide davon gingen, indem ſie, ſo weit er ihnen auf ihrem watſchelnden Gange folgen konnte, fortwaͤhrend murrten und kraͤchzten. Seine Aufmerkſamkeit wurde aber bald auf's neue ge⸗ ſpannt, denn vom Galgen her toͤnte ein ſeltſamer wilder Ge⸗ ſang, und er glaubte auch hier eine Geſtalt um das graue Geruͤſte herumſpringen zu ſehn. Als er einige Schritte ſich genaͤhert hatte, erkannte er ein Weib, welches bald mit wun⸗ derbar pathetiſchem Schritte auf⸗ und niederſchritt, bald in wilden Spruͤngen um die Steinpfeiler tanzend ſich bewegte. Er blieb ſtehen, wie von einer Ahnung, daß er das Weib kennen muͤſſe, ergriffen. Bisher ſchien die Stimmung der Ungluͤcklichen eine uͤberſchwellende Luſt, ihr Geſang war ein Triumph. Mit einem Male aber ſchien der Taumel vor⸗ uͤber, ihre Kraft zu ſinken, und als ſie hinter dem Geruͤſte verſchwunden war, hoͤrte Bertram ſie mit ſanfterer Stimme ſingen, und verſtand folgende Worte: Was fingeſt Du, Kind, um den Rabenſtein? Zerlumpt mit loſem Haar?— Juchheißa, Herr Reiter, ich tanze den Reihn Als Braut am Traualtar; Was ſollt' ich mich nicht freun? Hier hielt ſie inne. Bertram, in der Meinung, durch Zu⸗ fall den Anfang einer alten Volksballade gehoͤrt zu haben, und in der Hoffnung, bei ſtillem Verweilen vielleicht noch mehr zu hoͤren, zog ſeine Brieftaſche heraus, und ver⸗ ſuchte, den eben geſungenen Vers aus dem Gedaͤchtniß nie⸗ derzuſchreiben. Waͤhrend er ſich aber noch beſann, fing die Saͤngerin von neuem an; ihre Stimme nar jedoch jetzt wil⸗ der der geworden, die Lußt des Wahnſinnes und der Verzweiflung miſchte ſich hinein, und halb lachend halb weinend ſtieß ſte folgende Verſe hinaus, indem ſie beſonders den Refrain auf ine fuͤr den Zuhrer furchtbare Weiſe hervorhob und die Strophe darauf mit einem ſchallenden Gelaͤchter ſchloß: Meine Mutter hing hier am Rabenſtein, Noch flattern die Lumpen im Wind. Mein Vater ſtarb im hohen Thurm, Juchheißa ich bin ſein Kind. Was ſollt' ich mich nicht freu'n:⸗ Nein Bruder ſtand auch am Rabenſtein, Und muß jetzt Karren ſchieben; Meine Schweſter ward dran ausgepeitſcht, Iſt ehrlich doch geblieben. Was ſollt' ich mich nicht freun? Drei Burſchen hingen am Rabenſtein An ein und ſelbem Tag, Es waren meine Liebſten allzumal, Das war ein luſt'ger Tag! Was ſollt' ich mich nicht freun? Wer niemals denkt an den Rabenſtein, Der mir auch nicht gefällt! 4 Sprach ich zum erſten Liebſten mein, Und er ging in die Welt. Was ſollt ich mich nicht freun? Juchheißa wer am Rabenſtein, Der ſtirbt in freier Luft. Die Glocken klingen vom Thurm ihm zu, II. Bd. Weiß nichts von Grab und Gruft. Was ſollt' ich mich nicht freun? 12] Mein Kind, zu hoch iſt der Rabenſtein Für Dich noch alleweil, Komm mit auf's Pferd in die weite Welt, Das Hängen hat nicht Eil. Was ſoll Dich das nicht freun?— Herr Reiter, mian fieht den Rabenſtein Als Merkmal überall. Wer ohn' das Ziel in die Weite ſprengt, Verirrt und kommt zu Fall. Kaun mich mit Euch nicht freun.— Lieb Mädchen, ich reite zum Rabenſtein Wohl hin auf graden Wegen, Ich reite wie ein Rittersmann Den Reiſenden entgegen. Kann Dich das nicht erfreun? Lieb Mädchen, ich ſah am Rabenſtein. 8 Dich wohl vor ſieben Jahr, Nun hab' ich in der Welt mich beſſer bedacht⸗ Er ſei unſer Traualtar. Soll das uns nicht erfreun? Er küßt die Liebſte am Rabenſtein Und hebt auf's Pferd ſie geſchwind, Dann ſprengt er mit ihr in die weite Well, Die Leichen ſtattern im Wind. Soll das ſie nicht erfreun? Dem jungen Manne rieſelte es kalt, nach Beendigung dieſes furchtbaren Geſanges, uͤber die Haut. Die Bleifeder ſteckte in ſeiner Hand wie angefroren, und er hatte keinen einzigen Vers aufgezeichnet. Die Alte ſprang bald nach — 19— dem Schluſſe auf und tanzte von neuem um das Geruüͤſt, immer fort den Refrain ſingend: Soll das ſte nicht erfreun? Lauſchend ob ſie nicht die ganze wunderbare Ballade wie⸗ derholen moͤchte, konnte er ſich nicht enthalten, halb laut vor ſich hin ſein Urtheil zu aͤußern: Ein ſeltſames Lied! der Ausdruck der, allerfurchtbarſten Verzweiflung eines zerſtoͤrten Gemuͤthes, welches aber in dem Uebermaße des Schreckens eine gewiſſe Feſtigkeit und Ruhe gefunden hat. Es, kann nur eine alte Schottiſche Ballade ſein— Das moͤchte ich doch bezweifeln,— fluͤſterte eine Stimme hinter ihm,— denn obgleich die ganze Anlage das Schotti⸗ ſche Vaterland verraͤth, und die Melodie ſo einfach und fuͤrchter⸗ lich iſt, als wir ſie nur in den Winkeln des Hochlandes hoͤren, ſo deutet doch die Anſpielung auf die Hygwaymen im Verſe: Ich reite wie ein Rittersmann Den Reiſenden entgegen auf ſuͤdlichern Urſprung, da bekanntlich die Hygwaymen ſich kaum bis in die Graͤnzlaͤnder nordwaͤrts verirren. Bertram blickte ſich um, und erſtaunte, hinter ſich Herrn Malbrune zu ſehen mit einer kleinen Schreibtafel, welche er eben beſchaͤftigt war, in ihr Futteral zu ſtecken. Bei Gott! wie kommen Sie in dieſe Gegend? fragte er betroffen, und doch erfreut uͤber die Gegenwart eines gebil⸗ deten Mannes und Bekannten. Wie kommen Sie hierher, Herr Bertram? koͤnnte ich ⸗ben — 20— ſo fragen; aber ich bin ein offener Mann und ſage grad her⸗ gus: zu Pferde! ohne dafuͤr als Belohnung die Art und Weiſe zu erfahren, wie mein innger Freund in die Suͤmpfe von Merioneth gerathen iſt. Aber, wie geſagt, der verwuͤnſchte Vers quaͤlt mich ſchon lange. Man koͤnnte ihn fuͤr einge⸗ ſchoben halten, ſein melodiſcher Rhythmus zeugt indeſſen fuͤr die Echtheit. Das ganze Lied iſt unſtreitig alt, und es iſt gut, daß wir's zu Papier haben, ehe die alte Here gehan⸗ gen wird. Wiſſen Sie, wer dies alte Weib iſt? Nun, ein altes verruͤcktes Weib.— Wer ſich um die Ge⸗ ſchichte und Stammtafeln aller alten Weiber aus Wales be⸗ kuͤmmern wollte, moͤchte auf viele Heren, verbrannte und un⸗ verbrannte, ſtoßen; was mich aber nichts angeht, da ich keine Zeit zu verlieren habe, will ich anders heut noch in Mee* eintreffen. Die Ironie, welche in Malburnes Tone lag, hatte in dieſem Augenblicke fuͤr Bertram, wo er dem geheimnißvollen Reiche koͤrperlsſer Geiſter naͤher zu ſein glaubte, etwas ſehr Empſindliches. Ich wuͤnſche Ihnen eine gluͤckliche Reiſe— ſprach er daher ſchnell heraus, und drehte Malburne halb den Ruͤcken. Was ihn noch mehr reizte, war eine laͤchelnde Muskelbewe⸗ gung, welche der ſchwarze Mann, als Bertram ſeine Empfind⸗ lichkeit ſo vorſchnell kund gab, nicht unterdruͤcken konnte. Und ſoll ich Ihnen ein troſtreiches Verweilen wuͤn⸗ — 21— ſchen?— ſagte Malburne im Fortgehn— Sollte Ihnen das aber hier unter freiem Himmel in ſo angenehmer Geſellſchaft wider Erwarten nicht gefallen, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ſuͤdweſtlich von hier das Wirthshaus bei Aber⸗ kilvie das naͤchſte von hier ſein wird, welches Fremde auf⸗ nimmt. Vielen Dank fuͤr die große Gefaͤlligkeit. Der Mann ging nach einer leichten Verbeugung fort, und nachdem er in langſamem Schritte hinter einer Anhoͤhe verſchwunden war, kam ein ſchwarzer Reiter zum Vorſchein, zog in der Entfernung den Hut ab und ſetzte dann im Trab uͤber das Moor nach der Gegend von Mer*r zu. Bertram ſah ihm lange nach, und aͤußerte endlich bei ſich: Seltſam! mir iſt es unlieb, daß der Mann mich hier in der Wildniß allein laͤßt, und doch habe ich eine innere Be⸗ ſorgniß vor ihm, zu welcher allerdings ſein verdaͤchtiger Stand im Leben allzuſehr berechtigt. Ich muß aber ſehn, was aus der ungluͤcklichen Frau geworden iſt, deren Anblick bei dem launigen Egoiſten nicht das geringſte Mitgefuͤhl erweckte.— Die Alte, welche vermuthlich nichts von beiden Frem⸗ den gemerkt hatte, ſaß niedergekauert am Fuß des Steinge⸗ ruͤſtes und verbarg ihr Geſicht mit den Haͤnden. Bertram naͤherte ſich ihr bis auf wenige Schritte, und redete ſie mit ſanfter Stimme an: Gutes Muͤtterchen, was weinſt Du hier? Es iſt kalt und wird Abend, willſt Du nicht heim gehn zu Deinen Kindern? . Ohne ihre Stellung zu veraͤndern, oder aufzublicken, lachte die Alte hoͤhniſch und murmelte: Ha! ha! ha! Kinder die flattern im Wind, Die Kinder flattern im Wind! . Soll das ſie nicht erfreun? Bertram nahm ſich ein Herz, ging dicht an die Frau heran, und indem er ihren Arm faßte, um ſie ſanft aufzuhe⸗ ben, ermunterte er ſie nochmals zur Folgſamkeit. Wirklich erhob ſich die Alte; aber kein ſchwaches Muͤtterchen, ſondern ein großes, duͤrres Weib ſtand neben ihm, Laut lachend faßte ſie ſeinen Arm und riß ihn ſingend⸗ Juchheißa, Herr Reiter, ich bin die Braut, Wir tanzen am Traualtar mit ſich im Kreiſe herum. Es koſtete ihm Mühe, ſich von der Alten loszureißen; und er erkannte dabei ſeine ſeltſame Wirthin in der Huͤtte an der unbekannten Kuͤſte, Mutter Gillie! wie kommſt Du hier in dieſe Wuͤſte? re⸗ dete er ſie an. Sie lachte und hielt wie verſchaͤmt die Schuͤrze vor die Augen: Hier haͤngt ja mein Liebſter— und verſtel ſogleich in den Geſang: Drei Burſchen hingen am Rabenſtein An ein und ſelbem Tag, Es warxen meine Liebſten allzumal, Das war ein luſt'ger Tag! Plötzlich, als beſinne ſie ſich, rieb ſie ihre Stirn, und fuhr ſchnell fort⸗. — 23— Ach nein, es waren nicht meine Liebſten— meine Soͤhne waren's— der eine haͤngt noch nicht, er wird aber auch haͤn⸗ gen— haͤngen werden Viele, und dann werden wir alle tan⸗ zen und luſtig ſein. Bertram, als er ſah, daß der Wahnſinn der Alten durch irgend eine Erinnerung oder ſonſtigen Einfluß wilder und ſaͤrker geworden, als er ſich in der Huͤtte zeigte, ſuchte durch eine Frage ſie weiter zu pruͤfen: Mutter Gillie! kennſt Dn mich nicht mehr? Sie zogen mich aus dem Waſſer, und Du riebſt mir die Bruſt mit warmen Tuͤchern und gabſt mir warme Getraͤnke. Die Alte hielt die Hand vor das Geſicht und ſagte nach einer Weile ruhigen Anſchauens, gleichfalls ruhig⸗ Ich kenne Dich, ich kenne Dich von Alters her.— Was kommſt Du hierher? Was willſt Du?— Der Niklas muß doch ſterben— hoch, hoch oben! Sahſt Du's nicht, wie ihm das Feuer auf dem Schiffe nichts anhaben konnte, wie das Meer ihn nicht mochte und ausſpie— Niklas muß ſterben, ſage ich Dir, wie mein Sohn geſtorben iſt. Das habe ich gelobt, gelobt als die Stuͤrme wuͤtheten, und von Wallad⸗ mors Thuͤrmen die Ziegel hinab in das brauſende Meer war⸗ fen, als der Geiſt Modrebs unten an der alten Eiche ſchuͤt⸗ telte, daß er herauskaͤme, als die tauſend Geiſter in den Hoͤh⸗ len heulten, und die Baͤche austraten, als Walladmors Mauern in ihren Grundfeſten zitterten, und der Mond blut⸗ roth aus dem Meere tauchte, da hab' ichs geſchworen— Das Weib hatte bei dieſer ſchildernden Declamation die Haͤnde geballt, und glich einer Zaubrerin, welche die Geiſter herauf beſchwoͤrt. Aber angegriffen von dem ſteigenden Affeete ſank ſie ploͤtzlich wieder zuſammen und bedeckte ihr Geſicht, ohne zu ſprechen und ohne zu weinen. In Bertram ſtritten Mitleid und Furcht; che er ſich jedoch entſchließen konnte, was er thun ſolle, erhob ſie ſich wieder und ſprach mit pathe⸗ tiſchem Tone: Die Sterne haben meinen Fluch mit Flammenſchrift am Himmel geſchrieben, da kann kein Menſch hinauf an den blauen Aether langen und nur einen Buchſtaben herausrei⸗ Fen. Sie wollten ihn neulich in London auf's Geruͤſt brin⸗ gen, er aber entſprang, denn in Powisland ſoll er haͤngen, an dem Steine, an dem Eiſen, wo mein Sohn hing. Ich habe Perlen, eine Perlenſchnur, wie ſie kein Koͤnig bezahlen kann, denn mein Sohn trug ſie um den Hals da oben: die Perlen⸗ ſchnur bewahre ich und trage ſie auch um den Hals, bis ich ſie dem Niklas gebe. Das wird ihn recht zieren und ſchmuͤk⸗ ken, juchheißa! Bertram, um den ſteigenden Wahnſinn des Weibes in einer Richtung, welche ihm furchtbar war, zu ſtoͤren, fragte ſie ſchnell: Kannſt Du mir den Weg nach Kloſter Griffith ap Gauvon zeigen? Ungluͤckskind! rief ſie, wie von einem Gedanken bewegt und zum Mitleiden geneigt, aus— was willſt Du in Dein Verderben gehn? Dir hab' ich ja nicht den Untergang ge⸗ ſchworen, und doch fuhrſt Du mit ihm auf einem Schiffe, und klammerteſt Dich an ein Brett mit ihm an, und willſt nun mit ihm ins Verderben gehn. Auf einem Brette ſteht Ihr auch zuletzt, bis der Henker es fortzieht, und Ihr zwi⸗ ſchen Himmel und Erde ſchwebt. * Wenn Ihr, Mutter Gillie, von dem Ungluͤcklichen redet, mit dem ich mich im Meere auf einer Tonne umhertrieb, ſo kann ich ſagen, daß ich ihn gerettet habe. Vielleicht bin ich auch beſtimmt, dem Menſchen, von delchen Ihr ſprecht, be⸗ huͤlflich zu ſein. Nein, nein! ſchrie das Weib und ſtampfte heftig auf den Boden,— auf ſeiner Stirne ſtehts geſchrieben und in ſeinen Arm iſt's gebrannt. Niemand kann ihn retten, ich ſelbſt nicht, und wenn ich mich niederwuͤrfe vor allen finſtern Geiſtern. Die gaben nie ein Wort zuruͤck, was wir ihnen gaben. Auch der alte Zauberer Morgan kann es nicht oben auf ſeinem Habichtneſt, von wo er die unſchuldigen Laͤmmlein ſieht. Er iſt blind, ſein Zauber iſt weit ſchwaͤcher als meiner, aber er iſt blutduͤrſtig, ſehr blutduͤrſtig— aber ich bin viel blutduͤrſti⸗ ger. In die Ohren will ich's ihm ſchreien, wenn's geſchehen iſt: Morgan Walladmor! ſchau auf, ſchau auf, ich kann die Sterne beſſer lenken als Du. Die Mohren kommen nie nach Powisland, und nie wird der alte Spruch eintreten: Wenn die M ohren ſtürmen das Außenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor. — 26— Nicht wahr, die Mohren ſtuͤrmen nie, nie? Freude kommt nie nach Walladmor— So fuhr die Alte noch eine Weile in Ausſtoßung ſinn⸗ verkehrter Phraſen fort, bis ihre Kraft erſchoͤpft war, und ſie wieder zuſammenſank. Als ſie ſich etwas zu erholen ſchien, fragte Bertram⸗ Glaubſt Du, alte Mutter, daß mir wirklich Gefahr in dem Kloſter droht? Du haſt recht,— erwiederte ſie— das Kloſter iſt weit, und wir muͤſſen eilen— heut eilen— ſonſt hat's noch Zeit — Zeit— viel Zeit,— aber die rechte Zeit kommt dennoch. Ich fragte Dich, ob ich ohne Gefahr nach Griffith ap Gauvon gehen koͤnne? O Niklas iſt ein Laͤmmchen, wenn man ihn nicht reizt, ein weißes Laͤmmchen, und doch ſo ſchuldvoll. Komm, komm mit mir.— Sie ſprang haſtig auf und mit unglaublicher Schnelle holte ſie ſich einen langen Wanderſtab und ihren Mantel, warf den letztern uͤber den Kopf und ging mit großen Schrit⸗ ten dem Gebirge zu. Bertram hielt, da er keinen beſſern Ausgang wußte, es fuͤr das Angemeſſenſte, ihr zu folgen, mußte aber alle Kraͤfte anſtrengen, um nichs hinter ihr zu bleiben. Zweites Kapitel, Nicht blöde, junger Herr, drückt auf die Klinke, Es ſind nur Junggeſellen, die Ihr ſeht, Bewehrte Raufer, für ein Spottgeld ſchlagen Sie ſich für Euch; heut erſt das zehnte Faß Das ſie zerſchlugen, wen'ge ſeht Ihr wanken. Dort tugendſame Jungfern, die in ſchlechte Geſellſchaft nie den keuſchen Fußtritt ſetzten: Kurz, alles Tugend, geht man auf den Grund. Altes Schauſpiel. Je naͤher beide Wanderer dem Gebirge kamen, um ſo dunk⸗ ler wurde der Weg von dem Schatten deſſelben. Indeſſen bemerkte Bertram, daß er ſich keinem beſſern Fuͤhrer haͤtte anvertrauen koͤnnen: denn ungeachtet ihres Wahnſinnes, und obgleich ſie nichts weniger als auf den Weg zu achten, ſon⸗ dern mit tiefern Gedanken beſchaͤftigt ſchien, fuͤhrte ſie ihn durch das weite und zum Theil ſehr tiefe Moor⸗ ohne daß er auch nur ein einzig Mal untergeſunken waͤre. An eine freund⸗ liche Unterhaltung, welche bei naͤchtlichen Wanderungen, allen Standesunterſchied ausgleichend, dem verſpaͤtete n Wanderer ſo angenehm konimt— waͤre auch ſein Fuͤhrer der roheſte Sacktraͤger— war indeſſen hier nicht zu denken. Die Alte ſprang zuweilen, wie ein d Szuler in alter Zeit mag geſprun⸗ gen ſein, und ſchlich dann auf Momente, grade wie der Sturm der Phantaſie und der Gedanken ſie mehr oder min⸗ der ſtark bewegen mochte. Mitunter ſang ſie auch ein Lied⸗ chen, meiſt aber in der unverſtaͤndlichen Syrache, welche Ber⸗ trams Neugier einſt erregt hatte, und die keine andere als die Waͤliſche ſein konnte. Das Moor war laͤngſt uͤberſchritten, als ihr Weg huͤgel⸗ auf, huͤgelab, ein Zeichen des Gebirgsanfanges, ging. Mit den immer bedeutender werdenden Hoͤhen, ward auch der Weg beſchwerlicher, und fuͤhrte oft laͤngs kleinen Gebirgsbaͤ⸗ chen, die durch harte Felſen eine Bahn ſich gebrochen hat⸗ ten, oft in denſelben fort. Wenn auch laublos, ſo verbarg doch das dichte Strauchwerk ſelbſt den letzten Tagesſchim⸗ mer; und Bertram glaubte mehr als einmal ſeine Fuͤhrerin, welche ſich ganz und gar nicht um ihn bekuͤmmerte, ja ver⸗ geſſen zu haben ſchien, daß er ihr folge, und mit ihr zugleich den Weg verloren zu haben. Indeſſen gewannen ſie bald, nach einigem anſtrengenden Steigen, eine hoͤhere Gebirgs⸗ flaͤche; Bertram bemerkte aber zu ſeinem Schrechen, daß auch hier die Dunkelheit ſchon weit vorgeſchritten ſei, und es ihm — ohne die zufaͤllig aufgefundene Wahnſinnige— wuͤrde un⸗ moͤglich geweſen ſein, nach dem Orte ſeiner Beſtimmung zu — 29— gelangen. Zwar glaubte er in weiter Entfernung zwiſchen einer Spalte im Ruͤcken des Gebirgszuges eine hohe einzelne Warte zu bemerken; wer haͤtte ihm aber in dieſer Einſamkeit Auskunft gegeben, ob dies das zerſtoͤrte Kloſter, oder irgend eine andere Ruine ſei; und in einem ſolchen Gebirge in der Nacht ſich zurecht zu finden, gehoͤrt, geneigter Leſer, wenn Du nicht ſelbſt Aehnliches erfahren, zu den unmoͤglichen Din⸗ gen. Bertram, um ſich fuͤr den Fall, daß er die Alte aus den Augen verlieren ſollte, wenigſtens uͤber die zu ergreifende Richtung zu vergewiſſern, wagte es ſie zu fragen, ob der vor⸗ ragende Thurm zu Grifſith ap Gauvon gehoͤre? ſiatt einer Antwort wandte ſie ſich nur wie erzuͤrnt nach ihm um, hob die duͤrre Hand in die Hoͤhe und rief mit dumpfer Stimme: „Schweig!“ In der That fand er auch bald Beweiſe, daß in dieſer Gegend die Vorſchrift des allgemeinen Schweigens ſtrenger als in Kloͤſtern, wo ſie Ordensregel iſt, beobachtet wurde: denn aus dem Dunkel der naͤchſten Umgegend traten ihnen bald einige Geſtalten, wie aus der Erde entwachſen, entge⸗ gen. Erſt als ſie dicht vor ihm ſtanden, erkannte er in ihnen Weiher, welche große Laſten auf ihrem gebeugten Ruͤcken tru⸗ gen, und mit kurzen und ſtarken Staͤben ſich und jene zugleich bei dem beſchwerlichen Gange ſtuͤtzten. Ohne ein Wort des Grußes zu ſprechen, oder auch nur ein Zeichen der Bekannt⸗ ſchaft, Freude oder Verwunderung von ſich zu geben, hum⸗ pelten ſie voruͤber; als aber die Eine einen Augenblick, von — 35— der Laſt zu ſehr erſchoͤpft, ſtille ſtand, um ausruhend friſchen Athem zu ſchoͤpfen, und dabei huſtete, glaubte Bertram das Kraͤchzen einer der widrigen alten Frauen zu vernehmen, welche vor einigen Stunden ihre empoͤrenden Geſpraͤche am Galgen gefuͤhrt hatten. Indeſſen blieb ihm nicht Zeit, naͤ⸗ here Erkundigung ſich daruͤber einzuziehen, denn die Alte ſetzte ihren Wanderſtab nach der faſt ganz entgegengeſetzten Richtung, als in welcher Bertram ging, weiter fort, und es waͤre ſo thoͤrig als mißlich geweſen, dem haͤßlichen Weſen nicht nachzugehen. Welcher Schrecken aber traf ihn, als er ſeine Fuͤhrerin nicht mehr erblickte. Waͤhrend des momenta⸗ nen Umblickens nach den Laſtfrauen war ſie ihm verſchwun⸗ den. Seinen Verluſt einzuholen, ſtrengte er die Kraͤfte an, ſtuͤrzte aber beim Springen uͤber einen duͤrren, auf der Haide quer uͤber den Fußweg liegenden, Baum, und mußte, nachdem er ſich muͤhſam aufgerafft hatte, die Hoffnung fahren laſſen, die Alte, in den Buſch⸗ und Felsparticen mit manigfaltigen Kreuzwegen, am nachtaͤhnlichen Abende aufzufinden. Nur noch einmal, ehe er das verſchlungnere Dickicht und tiefere Hohlwege betrat, blickte er ſich nach allen Seiten in der Runde um, entweder noch auf Menſchen zu ſtoßen, welche ihm mit Rath an die Hand gehen moͤchten, oder durch Auffaſſung beſtimmter charakteriſtiſcher Punkte ſich Merkmale zu verſchaf⸗ fen, unter deren Vermittelung er ſich im Dunkel orientiren koͤnne. Zwar ſah er einige Laſttraͤger,— ob es Weiber oder Maͤnner waren, ließ ihn die Entfernung nicht erkennen— A auf einer felſigen Hoͤhe fortſchreiten; theils war aber ihr Weg von dem ſeinigen zu entfernt, als daß ſeine Stimme bis dahin reichen konnte, theils fuͤrchtete er ſie hier laut werden zu laſſen; und felbſt zu den Geſtalten hinzuſpringen, erlaubte ihm das Terrain nicht, wahrſcheinlich wuͤrde er ſie auch nach Ueberwindung dieſer Schwierigkeit nicht mehr an⸗ getroffen haben. Dagegen ſah er jetzt ſchaͤrfer und deutlicher als zuvor den hohen, runden Thurm vor ſich aus den umge⸗ benden Gebirgsmaſſen hervorragen. Waͤhrend er ihn eine Weile ſtillſtehend betrachtete, brach der Mond an einer Stelle durch die dichte Umhuͤllung des Horizontes, und ſein Strahl ſiel grade auf die Spitze des Thurmes. Die innere Stimme ſagte ihm, dies muͤſſe Griffith ap Gauvon ſein, und beherzt ſetzte er ſeinen Wanderſtab in das Dunkel hinein⸗ Dennoch geſtand er ſich den Wunſch, der ſeltſamen Ein⸗ ladung nicht gefolgt zu ſein. Er dachte bei ſich: Kann ich mich uͤber ein Ungluͤck mit Recht beklagen, was mir auf die⸗ fer naͤchtlichen Irrfahrt zuſtoßt?— Ohne allen Grund, als den Kitzel der Neugier, ſetze ich mich der Gefahr aus, in die Haͤnde ſehr verdaͤchtiger Menſchen zu fallen.— Doch— wes⸗ halb ſollte jener Menſch es grade auf mich abgeſehen haben, da ich ſchon einmal in ſeiner Gewalt war, und er keine Schaͤtze bei mir erwarten darf?— Ueberdies ſpricht in mir etwas zu ſeinen Gunſten; und endlich muß man gute Mie⸗ nen zu boͤſem Spiele machen und muthig vorwaͤrts ſchreiten, wo der Ruͤckweg abgeſchnitten iſt. Der Thurm verſchwand oft aus dem Geſicht im Dun⸗ kel des Dickichts und hinter den großen Felsvorbauten, er⸗ ſchien ihm aber auch oft ploͤtzlich deſto wunderbarer wieder. Bertram glaubte, nach muͤhſamem Steigen uͤber Stock und Block, nach Klettern auf jaͤhe Hoͤhen und lebensgefaͤhrlichen Spruͤngen, nahe dem Ziele zu ſein, als der Mond verſchwand und mit ihm der Thurm. Der hohe Ruͤcken des Snowdon ſchien ihn von allen Seiten zu umgeben, ſo daß das Gebaͤude ſich nicht mehr durch den Abſtand gegen die freie Luft praͤ⸗ ſentiren konnte, und vor eimem eben ſo dunklen Hintergrunde ſtehend, ſeinen Augen verborgen blieb. Dagegen glaubte er zur Rechten und Linken altes Gemaͤuer zu erblicken, und föhlte auch bald unter ſeinen Fuͤßen quadrirte Steine und zerbrochene Mauerziegel; dennoch mußte er ſich noch immer nach allen Seiten zu durch verworrenes Geſtraͤuch muͤhſam hindurch arbeiten, ohne auch nur die Spur eines Weges zu entdecken. Endlich, nachdem er durch mehrere ausgetrocknete Graͤben gedrungen, verbot eine ſteil vor ihm aufſteigende Wand den weitern Weg. Er tappte an derſelben entlang, und entdeckte zwar zu ſeiner Freude, daß es nur die aͤußere Mauer einer Gothiſchen Kirche ſein koͤnne, ſonſt aber nichts von menſchlicher Spur. Er legte ſich auf's Horchen, fand Ausbeute. Erſt nachdem er, der Kaͤlte⸗ er unter ſich ein dumpfes Geraͤuſch u rang er auf, und ſchlich die ganze 3 Mauer⸗ Mauerſeite entlang, ohne auf etwas anderes als zwei an den beiden Enden vorſpringende Thuͤrme zu ſtoßen. Da er jedoch an dieſer Seite, ohne der Gefahr zu erfrieren ſich auszuſetzen, nicht bleiben konnte, und in dem einen Thuͤrm⸗ chen eine die Wand deſſelben von oben bis unten ſpaltende Ritze bemerkte, ſo verſuchte er, ſich durch dieſelbe hindurch zu preſſen. Nach einiger Anſtrengung gelang dies, und er befand ſich im innern Raume des runden Thurmes, deſſen Boden aber ganz und gar mit wildem Geſtruͤpp bewachſen war. Zu ſeiner Verwunderung und Freude drang aber ein matter Lichtſtrahl von unten durch das entlaubte Geſtruͤpp. Nachdem Bertram feſten Fuß im Innern gewonnen, verſuchte er das Geſtruͤpp fortzubiegen, und entdeckte bald, daß der Lichtſchein zwar von unten, aber nicht aus dem Fußboden, ſondern aus einer Seitenoͤffnung hervorbrach. Er buͤckte ſich hinab, und nachdem er einige Spinneweben und verfaultes Holz fortgenommen, ſah er, daß dieſe Oeffnung als Fenſter dereinſt einem unterirdiſchen großen Gewoͤlbe gedient haben muͤſſe. Ein ungewiſſer Lichtſchein erhellte die weit ausge⸗ dehnte Halle, und als der Beobachter den Kopf tiefer in die Oeffnung geſteckt hatte, konnte er auch das auf dem Boden angezuͤndete Feuer bemerken, von welchem dieſes Licht aus⸗ ging. Doch blieb die Beleuchtung noch immer ungewiß, und bei der Entfernung von ſeinem Standpunkte bis zum Boden der Halle— die Fenſteroͤffnung ging ſchießſcharten⸗ artig durch eine ſehr dicke Mauer— war es ihm unmdglich, II. Bd. 13] ſowohl die innere Einrichtung des unterirdiſchen Gewoͤlbes zu erforſchen, als auch die darin umherwandelnden Geſtalten zu erkennen. Nur an der jenſeitigen Wand ſah er Schatten um Schatten voruͤberſtreifen, hoͤrte dann Kiſten und Tonnen aufladen und rollen, ohne daß dabei geſprochen wurde. Ver⸗ muthlich wurden jene Behaͤlter fortgeſchafft, denn allmaͤlig hoͤrte das Geraͤuſch auf, und weniger Schatten erſchienen und draͤngten ſich an der andern Wand. Endlich toͤnten einzelne Fragmente eines Geſpraͤches zu ihm herauf, das von zwei unſichtbaren, vermuthlich dicht unter ſeinem Lauſchfenſter ſitzenden Perſonen gefuͤhrt wurde. Sie ſchienen aber auch fuͤr ſich betrachtet nur mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme zu ſprechen: Der Kapwein iſt feurig! Es macht, weil wir lange keinen tranken,— ſagte der Zweite. Es ſchien ordentlich oͤde und wuͤſte hier, ſo lange Nik⸗ las fort war, und jetzt, als ob der einzige Menſch Handel und Wandel ſchaffen koͤnnte, kommt mit einem Mal'ne ſo reiche Ladung und ſo viel Gewinnſt, als ich mein Lebtag nicht erfahren. Das macht ſein Genie. Aber weißt Du, es gefaͤllt mir was nicht!—— Was denn? 3. Daß es duckmaͤuſerig zugeht.— Sonſt gab's ein ande⸗ res Leben nach ſolchem Streiche. Ein Paar Tonnen mußten die Minheers dran ſpendiren, und dann wurde hier in der alten Kirche ſolcher Jubel und ſolche Luſt aufgeſtellt, daß die Leichen ſich haͤtten umdrehen moͤgen. Das geht jetzt nicht, ſeit die Miniſter ihre Spuͤrhunde uͤberall haben. Wir koͤnnten nicht einmal hier ſicher ſein, wollten wir uns luſtig machen. Daher bin ich immer fuͤr's Ehrbare. Meinſt Du, daß Niklas ſich fuͤrchtet vor den Spuͤrhun⸗ den? Niklas hat's Fuͤrchten verlernt, wenn er's je gekannt hat. Aber er iſt ſchwermuͤthig jetzt, und deshalb duldet er's nicht—. Still doch, er kommt— ſagte der Andere. Ein Wind⸗ ſtoß heulte aber jetzt durch die Fenſteroͤffnungen der Gewoͤlbe, welcher alle Toͤne in ſich aufnahm und den Lauſcher wenig oder nichts verſtehen ließ. Begierig, den Gegenſtand des Geſpraͤches der beiden Maͤnner zu ſehn, um zu entdecken, ob es ein Bekannter ſei, legte er ſich der Laͤnge lang nieder und kroch nur mit dem obern Theile des Koͤrpers, ſo weit es anging, in die Fenſterroͤhre. In dieſer peinlichen Stel⸗ lung gelang es ihm auch wirklich, die ganze Halle zu uͤber⸗ ſehen; und er erſtaunte nicht wenig, ſtatt eines geraͤumigen Kellers das Innere einer, freilich zerſtoͤrten, Gothiſchen Kirche zu erblicken, welche— wie wir dies zuweilen finden— un⸗ ter der Erde und unter dem Boden des Schiffes der ſichtba⸗ ren Kirche erbaut war. Das tonnenrunde Bogengewoͤlbe, noch ziemlich erhalten, wurde von mehreren ſtarken Pfeilern getragen, und Blenden zeigten rings an den Waͤnden, daß auch die Kunſt der Vorzeit einſt dieſen heiligen Ort geziert hatte. Jetzt war freilich nichts von Geraͤth im ganzen Raume mehr zu erblicken, dagegen konnte man ſich wundern, auch nichts von Schutt, Mauerſteinen und andern Kennzeichen der Verwuͤſtung zu erblicken. Das Licht mochte dieſe unter⸗ irdiſche Kirche zu den Zeiten ihrer Weihe— wenn wirklich am Tage und ohne Kerzenſchein darin Gottesdienſt gehalten wurde,— durch die am obern Seitengewoͤlbe befindlichen Fenſteroͤffnungen, deren eine unſer Held jetzt als Loge zu ſeinen Beobachtungen gebrauchte, erhalten haben. Gegen⸗ waͤrtig wurde ſie nur durch ein auf dem ſteinernen Quader⸗ boden angezuͤndetes Feuer erhellt. Zwei in Maͤntel gehuͤllte Maͤnner ſaßen und waͤrmten ſich an demſelben. Zu ihnen trat jetzt ein Dritter, gleichfalls in einen Mantel gehuͤllt, und mit einem runden großen Hute bedeckt. Ohne ein Wort zu ſagen, ſetzte er ſich am Feuer nieder, und ſtuͤtzte den Kopf mit den Haͤnden, indem er die Arme auf den Knieen ruhen ließ. Die andern beiden ſchienen eine gewiſſe Ehr⸗ furcht ihm zu bezeigen, ohne deshalb den Geſetzen der eon⸗ ventionellen Hoͤflichkeit zu folgen, denn ſie redeten von nun an nur ſehr leiſe miteinander, zogen aber weder die Huͤte vor dem Reuhinzugetretenen ab, noch ruͤckten ſie, um ihm Platz zu machen, zuſammen. Bertram glaubte einen tiefen Seufzer agus der Bruſt des letztern aufſteigen zu hoͤren; Alles aber —-— 37— blieb eine Weile ſtill. Endlich fragte der Dritte, inhem er die eine Hand ſinken ließ, mit einer klangloſen Stimme: Iſt die alte Gillie noch nicht gekommen? Die aus Angleſea?— fragte der Eine. Es iſt jg nur die Eine aus Gallozeen auf der Inſel. Ja ſie iſt da. Und Du ſagſt es mir nicht? Ich habe ſie draußen in die Sakriſtei abseſtvet Biſt Du toll? Niklas, ich habe Dir's ſchon immer geſagt,— aber Du willſt nicht darauf hoͤren,— ſie meint's nicht aufrichtig mit Dir, ſie bringt Dich ins Ungluͤck. Menſch— wenn Du es aufrichtig meinſt, wie ichs nicht anders von Dir glaube— denkſt Du, ich ſoll mich fuͤrchten vor einem alten tollen Weibe? Ich moͤchte denken, meine Feinde wuͤrden mehr Achtung vor mir haben, als meine Freunde. Niklas, Du brauchſt ſie auch nicht zu fuͤrchten, wenn Du ihr nur nicht willſt Dinge anvertrauen, die Dich in ihre Gewalt geben. Sie mag ein gutes Geſicht haben, und doch ſieht ſie mir zuweilen aus, als waͤre es meine Mutter. Wer keine Mutter gekannt hat, und von keinem Vater gewußt, muß wohl zufrieden ſein, wenn er auch nur ein verwandtes Ge⸗ ſicht findet. Ueberdies iſt ſie mir nothwendig— und ich will ſie ſehn. Niklas will uns verlaſſen— ſagte der Andere— und will ein honetter Menſch werden. Gieb uns an, Niklas, ſo bekommſt Du einen Schilling obenein.* Haͤtteſt Du mir ſo etwas vor Jahren geſagt— ich waͤre im Stande geweſen, Dir mit dem Faͤnger ein Liebesmal uͤber die Stirne zu zeichnen; jetzt vertrage ich Schmaͤhungen. Niklas,— Du geſtehſt es ſelbſt— Du willſt uns ver⸗ laſſen.— Thoren— bin ich denn an Euch gefeſſelt? habe ich mich mit Euch verſchworen?— Mit Euch habe ich nichts gemein, als Theilung von Gefahr und Vortheil,— weiter nichts, und daß wir uns beiſpringen, wenn ein betrunkner Conſtab⸗ ler den Einen am Kragen gefaßt hat.— Ja⸗ in London war's anders, da ſtanden wir feſt verbunden, Mann fuͤr Mann, ohne Schwur; die aber leben nicht mehr, und ich bin frei. Und glaubſt Du, Niklas, ſie werden Dir einen aparten Galgen bauen, wenn Du unſer profitables Gewerbe auf⸗ giebſt?— Schnell verjaͤhren bei uns politiſche Verbrechen, wenn ein Suͤndenbock geſchlachtet iſt— aber ſollen wir, gleich al⸗ ten Weibern, klatſchen— ich will die alte Gillie ſehn. Der Andere ſprang auf und kam bald mit Bertrams Fuͤhrerin zuruͤck. Sie ſang ein Lied, ohne auf die Anweſen⸗ den zu achten, bis Niklas ſie mit ſtrengem Tone fragte: — 39— Schweig ſtill Hexe! Wo kommſt Du her? Sie ſah ihn eine Weile ſchweigend an, dann ſchrie ſie mit bedeutendem Mienenſpiele: Am Mittag iſt's hell, und am Abend iſt's dunkel, Heißa ich freu' mich, wenn's Abend wird. Heut haſt Du mich eingeſperrt— wenns Abend wird, ſperre ich Dich ein. Ja, Niklas, es werden Thuͤrme gebaut wer⸗ den in Carnarvon und Merioneth, hoch wie der Himmel; aber ich weiß einen andern Thurm, der hoͤher iſt, der wird fertig ſein wann's Zeit iſt, und wann's Zeit ſein wird, werde ich luſtig ſein. Biſt Du in der Burg geweſen?— fragte der Mann mit ernſter Simme, nicht laut, aber ſo ſcharf und beſtimmt accentuirt, daß die Frage wie die Ruͤge und der Befehl ei⸗ nes Vornehmen klang, und doch war der Fragende, wie Ber⸗ tram jetzt ganz gewiß uͤberzeugt war, kein Anderer als ſein Fuͤhrer aus der Meerſchlucht nach Merr und zugleich der Sohn des Schiffeapitains. Es lag in ſeinem Geſichte ein Ernſt und ein Adel, welche er in den theils komiſchen, theils wilden Zuͤgen des Mannes, ſo viel ihm damals die Dun⸗ elheit zu bemerken erlaubte, nicht gefunden hatte. Die Alte entgegnete: Ich bin oben geweſen. Und der Brief iſt in ihren Haͤnden? Freilich, freilich, der alte Squire wollte mich ja peitſchen laſſen, peitſchen, er will immer peitſchen bis das Blut kommt, d was eine haͤßliche Gewohnheit iſt— aber ich lief uͤber den Kies den Burgweg herunter, auf und davon, und lachte den alten Graubart aus— ich habe ihn recht ausgelacht. Und die Lady empfing den Brief? Sie ſagte Juchheißa, juchheißa— Faſt rauh unterbrach ſie Niklas mit dem Befehle: Schweige ſtill mit Deinem Wahnſinn, oder beim— ich trete in die Nolle des Squire. Wie gabſt Du ihr den Brief?— Die Alte fuhr zuſammen, ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen, und ſang dann: Es trippelte heran ein Edelknab' Und gab der Lady den Brief, Darauf ihr Vater, ein ſtolzer Graf, Zum ſchönen Töchterlein rief: Was drückte der Tochter des Grafen von Breſt 8 Ein ſchlechter Knecht in die Hand? Juchheißa, ſchrie laut, juchheißa larum Die Blume aus Devons Land. Laß ſie nur laufen— ſagte einer der Maͤnner— ihre Tollheit hat die ſchlimme Periode. Es iſt Vollmond. Heut bringſt Du ni bes Kluges aus ihr heraus.* Niklas gab ſtillſchweigend das Zeichen, ſie zu entfernen, huͤllte ſich feſter in ſeinen Mantel und legte ſich neben das Feuer nieder, indem er ſeinen Kopf auf den linken Ellenbo⸗ gen ſtuͤtzte. Die Flamme erleuchtete dergeſtalt ſein Geſicht, daß Bertrams geuͤbtes Auge jede Muskelbewegung erblicken onnte. Er ſah eine Thraͤne aus dem Auge des wilden Man⸗ nes hervorperlen, eine Erſcheinung, welche, je unerwarteter ſie fuͤr ihn kam, um ſo mehr ihn erfreute, und die ſteigende Beſorgniß uͤber den Ausgang des Abentheuers ſehr vermin⸗ derte. Noch immer unentſchloſſen, was er zu thun habe, ſah er indeſſen aus ſeinem unbequemen Schlupf⸗ und Lauſch⸗ winkel auf die Salvator Roſaſche Scene zu ſeinen Fuͤßen herab, als der Zufall ihn in eine Lage verſetzte, wo es nicht mehr des Entſchluſſes bedurfte. Da die, in der ſtarken Mauer angebrachte Fenſteroͤffnung, der unterirdiſchen Lage der Kirche gemaͤß, von unten nach oben ging, um das Licht zu empfangen, ſo mußte Bertram, welcher ſtatt des Sonnenlichtes in die obere Oeffnung mit dem Kopfe eingedrungen war, eine ſehr unbequeme und in der Art ſchraͤge Lage haben, daß ihm das Blut aus dem ganzen Koͤrper in den Kopf ſtieg. Als er, dieſen Andrang nicht mehr aushaltend, ſich zuruͤckziehen oder wenigſtens in eine andere Lage bringen wollte, glitt er auf der ſchraͤgen Abdachung aus, und rutſchte wider Willen ſo weit vorwaͤrts, daß der Kopf und ein Theil des Oberleibes zur Oeffnung binausfuhr, und er ſich kaum noch zur rechten Zeit mit bei⸗ den Haͤnden am innern Rande feſthalten konnte, um nicht durch einen gefaͤhrlichen Schuß auf das harte Pflaſter des Fußbodens der Kapelle oder in das Feuer zu fallen. Es konnte nicht fehlen, daß er bei ſeinem eigenen Hindurchfah⸗ ren auch noch Schutt und Steine wegfegte, welche mit Ge⸗ volter auf den Steinboden niederſtelen. Augenblicklich ſpran⸗ — 42— gen die beiden Maͤnner— der eine hatte ſich mit der Wahn⸗ ſinnigen entfernt— von ihren Ruheplaͤtzen auf. Derienige, welcher ſcheinbar der Untergebene war, eilte hinter einen Pfeiler, der Andere aber riß unter dem Mantel eine Piſtole hervor, und, indem er ihre Muͤndung nach dem Orte zu hielt, von welchem das Geraͤuſch gekommen, ſchrie er dem Andern zu; Valentin! nimm einen Feuerbrand und leuchte! Valentin gehorchte, und ſuchte mit einem großen Kien⸗ brande an der Mauer entlang, und bald entdeckten beide den Kopf des erſchrockenen Bertrams. Ein Verraͤther!— ſchrie der Andere— gieb Feuer, Niklas! Thor— erwiederte dieſer ihm— wenn kein Hinterhalt da iſt, ſoll der gefangene Maulwurf uns nicht erſchrecken. Rufe die Andern, viſitirt die Mauern und befragt die Wachen! Bertram hielt es fuͤr das Beſte, ſich zu erkennen zu ge⸗ ben: Macht Euch keine unndthigen Sorgen— ich bin nur ein Reiſender, der, im Begriff, die romantiſchen Gegenden von Wales aufzuſuchen, ſich in dieſe Ruinen verirrt hat. Auch ſollte ich glauben, Euch nicht unbekannt zu ſein. Leuchte naͤher, Valentin— bleibe hier!— Bei des großen Merlin Zauberſtab, das iſt unſer romantiſcher Freund aus Mre*! Bei Deinen Heiligen und Deinen Goͤttern! wer hieß Dich dieſen Eingang in die Kirche, oder eine Hoͤhle braver Leute waͤhlen? Helft mir nur jetzt aus der Klemme, ſonſt lieg' ich in wenigen Augenblicken ſo ſtumm vor Euch da, daß keine Spaniſche Folter mir eine Antwort auspreſſen ſoll. Valentin, die Leiter her— ſchnell— daß dich— bei der Flucht neulich ging's ſchneller.— Der ſogenannte Niklas warf ſeinen Mantel auf den Boden, die beiden Piſtolen und eine kleine Pulverflaſche dar⸗ auf, ſtieß mit den Fuͤßen das Feuer fort, ſprang auf ein Geſimſe, und als Valentin die Leiter auch heran gebracht hatte, gelang es beiden Maͤnnern, Bertram aus ſeiner ge⸗ faͤhrlichen Lage zu befreien, und mit geſunden Gliedmaßen herunter zu bringen. Ihr ſeid erſtarrt von Eurer romantiſchen Wanderung, Freund Bertram, ſagte der Obere— lagert Euch hier am Feuer auf dem weichſten Kanapee, was ſo heilige Oerter bieten koͤnnen; und Du, Valentin, hol aus der Sakriſtei die beiden Flaͤſchchen Claret, um auch von innen ein Feuer an⸗ zuzuͤnden. Er ſelbſt breitete dem Gaſte eine Decke hin, auf der Bertram, von der Waͤrme der Kohlen und dem herbeige⸗ brachten Weine ermuthigt, bald der Beſchwerden des vorher⸗ gehenden Abends, ſo wie der noch groͤßern Beſorgniß— ver⸗ gaß. Niklas, als ein in den Pflichten der Gaſtfreundſchaft geuͤbter Wirth, richtete keine andere Frage an den Gaſt, als ſolche, welche die Abſtellung augenblicklicher Beſchwerden be⸗ zweckten, und ruͤckte ſelbſt mit der natuͤrlichen Erkundigung, wie Bertram auf dieſe ſeltſame Weiſe ihn aufgeſucht habe: erſt dann heraus, als an einigen von Valentin herbeigebrach⸗ ten Speiſen der Gaſt auch ſeinen Hunger geſtillt hatte. Nach⸗ dem Bertram ſeinen Bericht geendet, und Flaſchen und Schuͤſ⸗ ſeln geleert waren, befahl ſein Wirth dem Begleiter beides fortzuraͤumen und fragte: Es iſt doch Alles vertheilt? nichts zuruͤckgeblieben? Natzenkahl Kuͤche, Gewoͤlbe, Sakriſtei. und die Weiber und das andere Geſindel ſind auf und davon? Ueber Kanonenſchußweite. Dann laß ſie Alle auseinandergehn. Auch die Wachen? Alle, es iſt ja nichts weiter zu thun. Und Ihr geht auch. Aber bedenke, Du willſt allein hier bleiben. Iſt's das erſte Mal?— Ich gebe nicht gern zwei Mal meine Befehle, Valentin.— Noch immer Bedenken? Einige Packtraͤger haben ausgeſagt, in Walladmor und M⸗** wuͤßten ſie ſchon von Deiner Ruͤckkunft, und die Schnuͤffler waͤren ſchon in alle Ecken ausgeſandt. Hierbei fuhr Bertrams ehemaliger Fuͤhrer aus ſeiner ru⸗ higen Lage empor, und ſeine Augen funkelten, als er den andern mit heftiger Stimme fragte: Wer hat den Verraͤther geſpielt, Valentin?— Ich dachte der alte Kaperhauptmann koͤnnte in den Wellen begraben bleiben, und ein neuer Menſch aufſtehn.— Doch es ſei, es iſt einmal das Schickſal, wenn ein Menſch beruͤhmt wird, daß er ſich nicht mehr wie die Spinne in ihrem Gewebe verkriechen kann. Haſt Du Dich anders bedacht, Niklas? Hat man etwas erfahren von den verruͤckten Leichengaͤ⸗ ſten auf Arthurs Schanze? Nichts, ſo viel mir bewußt iſt. Dann bleibt es bei dem, was ich ſagte. Ich wuͤnſche Dir guten Mondſchein bis Aberkilvie, und ein freundlich Geſicht von Deiner Ehehaͤlfte, wenn Du ſo ſpaͤt in Hof und Bette trittſt. Verlangt ſie ein Atteſt, daß Du ihr treu ge⸗ blieben, ſo laß ich Dir eins vom Friedensrichter ausſtellen. Niklas, Du biſt wieder der alte, trotz des koſtbaren Hals⸗ bandes, das Du kaum verloren, und der tiefen Taufe zum neuen Menſchen. Ich wuͤnſche Dir keinen Mondenſchein, ſondern dunkle Nacht hier im alten Neſte, wo's mir ſelbſt unter zwanzig verwegenen Geſellen bei der ordentlichen Zeche unheimlich war, geſchweige denn jetzt allein, kalt— leb wohl! Valentin, Du ſtehſt unter der Zuchtruthe Deines Weibes. Noch lange Zeit, nachdem dieſer gegangen, blieb Ber⸗ trams Gefaͤhrte ſchweigend liegen, und ſtarrte ins Feuer, und auch Bertram fuͤhlte ſich nicht berufen, dieſes Schweigen zu unterbrechen. Endlich begann er, gleich als habe er ſich in jener Paufe gefammelt, um aus der ernſten Stimmung, welche ſeine Aeußerungen verriethen, ſich in die trocken humoriſtiſche — 46— hineinzuarbeiten, in welcher er fruͤherhin vor unſerm Helden aufgetreten war: Nun, junger Herr, darf ich fragen, wie die romantiſchen Particen unſeres Vaterlandes Ew. Ehrlichkeit behagen? Ich verſtehe die Frage nicht, und erlaube mir im Ge⸗ gentheil zuvor an Euch die andere zu richten, weshalb Ihr mich, abgeſondert von den andern Leichengaͤſten, hierher ge⸗ laden? 4 Weil die andern— ehrlichen— chriſtlichen— ſchwarz⸗ gekleideten Leute nicht ſo romantiſche Paſſion wie Euer Ehr⸗ lichkeit haben, nicht alle reinen Mund zu halten verſtehn, und keine ſo lautere Liebe fuͤr den verſtorbenen, gottſeli⸗ gen Capitain Le Harnois,— namentlich aber kein ſo rech⸗ tes Verlangen nach ſeiner friedlichen Beſtattung empfinden. Glaubt nicht mich laͤnger taͤuſchen zu koͤnnen. Ihr ſeid eben ſo wenig der Sohn jenes Capitains der Franzoͤſiſchen Corvette, als ich vermuthe, daß dieſer Ehrenmann heut zur Erde beſtattet iſt. O erſtaunliche Klugheit! Mein Blick war alſo nicht ſtumpf, als er den Deinigen fuͤr ſcharf hielt! Und was bedeutet der Leichenzug, zu welchem man Jung und Alt geworben hat? Du biſt wohl eines Advocaten Sohn, denn ſo haarklein hat mich noch kein kunſtgeuͤbter Bruder nach dem Metier — — —— ausgefragt, um nicht zu verrathen, daß er ſelbſt ein Lehrling werden wolle. Iſt der Leichenwaͤgen hier abgeſetzt? Abgeſetzt wohl, mein ehrlicher Bruder, aber weder von Sarg noch Fleiſch und Bein wirſt Du mehr ein viertel Loth in dieſen alten Kellern, oder wenn Du willſt, heiligen Hal⸗ len, finden, denn meine ehrlichen alten Weiber, meine Ve⸗ nuslegion, ſo liebreizend, daß der roheſte Wuͤſtling vor ihnen Reißaus nimmt, riecht ſchon von zehn Meilen weit, wenn ich„hm“ ſage, und watſchelt dann heran, um die duftenden Gebeine in Empfang zu nehmen, und ſie wie Reliquien durch's Land zu tragen. Sie haben ſich diesmal ſchnell in Bewegung geſetzt, und im Umſehn alle Brabanter Kanten, den ſchoͤnen Capwein und Keres, die Orangen und Gott weiß was noch im Leichenwagen, auf ihren geraden Ruͤcken gelegt und vertragen. Und wenn die Schatzkammer eine Million als Belohnung ſetzte, holt kein Dragonerregiment in unſerm lieben vereinigten Koͤnigreiche dieſe Charitinnen auf ihren zerſtreuten Wegen ein. England iſt um ein Billi⸗ ges wohlhabender, und unſer Beutel gefuͤllt worden. Alſo der Schleichhandel iſt Eure ehrenwerthe Handthie⸗ rung, und das ganze Poſſenſpiel des Leichenzuges diente nur dazu, die Aufmerkſamkeit der Graͤnzbeamten abzuleiten? Der Wirth lachte unmaͤßig auf, und ſah dabei forſchend in Bertrams Geſicht. Dieſer fuhr fort: Zwar ſtieg ſchon lange in mir eine ſolche Vermuthung auf, indeſſen wagte ich nicht ihr Raum zu geben, da immer in mir eine Stimme zu Gunſten Eurer Redlichkeit ſprach. Der Andere ſtand jetzt auf, lehnte ſich mit dem Nuͤcken an einen der Treppenpfeiler, und, indem er mit uͤbereinander⸗ geſchlagenen Armen noch eine Weile ſcharf und laͤchelnd Bertram betrachtet hatte, brach er mit halb lachender Rede hervor⸗ Vermuthlich bin ich aͤlter als Du, habe Laͤnder, Staͤdte und Menſchen geſehn, Menſchen namentlich, wie ſie vielleicht in Jahrhunderten nur einmal auftreten, habe die abgefeim⸗ teſten Schurken auf den naͤchtlichen Kreuzwegen und die in den Pallaͤſten kennen gelernt; aber auf einen ſo vorſichtigen Spitzbuben, als Du biſt, bin ich noch nie geſtoßen.— Ich koͤnnte es Dir uͤbel nehmen, daß Du mich nicht fuͤr ehrlich haͤltſt, aber daruͤber bin ich hinaus; und Du erlaubſt mir nur, recht weidlich zu lachen, weil mir ſelten mehr etwas Laͤch er⸗ liches im Leben vorkommt, denn ich habe all' dergleichen auf den hoͤlzernen und andern Brettern zur Genuͤge geſehn. Bertram ſprange ntruͤſtet auf, und trat wie Jemand, der, im Wortwechſel durch eine harte Schmaͤhung gekraͤnkt, den Beleidiger auf Tod und Leben angehen will, dem Schleich⸗ haͤndler entgegen: Ihr haltet mich doch nicht fuͤr— ich kann nach dieſer Kraͤnkung fordern, daß Ihr meiner Ehre genugthut und un⸗ umwunden erklaͤrt, wofuͤr Ihr mich haltet.. Mit dem vollen Gefuͤhle der Ueberlegenheit, welche rei — fere ü —-— 49— fere Kenntniß, tieferer Verſtand, Alter, Meberlegung und end⸗ lich mehrere Koͤrperkraft und Mittel, den Gegner auf jede Weiſe zu uͤberwaͤltigen, dem Schleichhaͤndler uͤber ſeinen an⸗ ſcheinend juͤngern, und vom Weine erhitzten Gaſt, verliehen, erwiederte er ihm ruhig und gelaſſen, ohne ſich aus ſeiner Stellung zu bewegen: Ich halte Euch, Herr Bertram, fuͤr einen Abenteurer— in vollem, baarem Ernſte geſprochen— der im Lande nach Gelegenheit ſucht, ſeine Kenntniſſe an den Mann zu brin⸗ gen, und dafuͤr andere bewegliche Waare einzutauſchen, ſei es nun Geld, oder wer weiß, wonach des Menſchen beweg⸗ licher Sinn ſtrebt. Euch mit irgend einem Schimpfnamen, als: Wegelagerer, Spitzbuben, Taſchenleerer, Gauner, oder ſonſt wie, zu belegen, faͤllt mir nicht in den Sinn, weil ich weiß, daß alle dergleichen nur eitel Modewaare iſt, und es bei keiner Sache auf den Namen, ſondern nur auf die Sache ſelbſt ankommt. Jeder Menſch iſt der beſte Richter uͤber ſich, und kann allein wiſſen, ob ſeine Thaten mit ſeinen Geſetzen und Grundſaͤtzen uͤbereinſtimmen. Handelt er in Ueberein⸗ ſtimmung mit dieſen, ſo handelt er recht; und ſo nehmt es mir auch nicht uͤbel, wenn ich Euch nun im Sinne der argen Welt einen Spitzbuben nenne. Ueberwaͤltigt von der Beſtimmtheit, mit welcher Niklas ſprach, ſo wie von dem durchbohrenden Blicke des verwege⸗ nen Mannes, fuhr Bertram zuruͤck, und ſeine veraͤnderte II. Bd. 141 — 50— Geſichtsfarbe gab Zeugniß von der innern Bewegung. Mit ungewiſſem Tone fragte er: Und was berechtigt Sie zu einer ſolchen Vermuthung? Niklas, dem die Bewegung nicht entging, und der in derſelben den Sieg ſeiner Beredſamkeit las, gleichwie der geſchickte Richter beim endlichen Bekenntniß des verſtockten Boͤſewichtes einer triumphirenden Freude ſich nicht enthal⸗ ten kann, fuhr mit demſelben gelaſſenen Tone, wie vorher, zu reden fort, und ging nur zuletzt in ſeinen gewoͤhnlichen humoriſtiſchern uͤber: Ihr moͤgt lieber fragen: wie wohl ein kluger Menſch zu anderen Vermuthungen uͤber Euch bewogen werden koͤnne. Ihr ſegelt nach England mit einem Gepaͤck, das man unter dem Arme tragen kann, und mit einem Beutel, der vermuth⸗ lich damit in Proportion ſteht. Daß Ihr auf Jackſons Schiff geweſen, mag ich Euch nicht einmal als Beweis an⸗ rechnen. Ihr ſchleicht Euch mit mir— daß ich Euer Fuͤh⸗ rer durch die Schafſchlucht geweſen, will ich geſtehen— nach Me** bei Nachtzeit, bleibt dort in dem Gaſthofe, dem bekannten Geſchaͤftshauſe fuͤr alle Schleicherpeditionen, un⸗ ter verdaͤchtigen Leuten mehrere Tage, ohne eine beſtimmte Abſicht Eures Aufenthaltes auf dieſer Inſel; Ihr ſtreift in der Nachbarſchaft am Meeresſtrande umher, und endlich folgt Ihr unſerer Einladung zur Leichenfolge, in welcher ſolch ein geſchaͤrftes Auge, wie das Eure, doch auf den erſten Blick die verborgene Abſicht entdecken mußte. Und wußten alle im Zuge von dem Betruge? In Englands Geſetzen mußt Du doch noch nicht gehb⸗ rig erfahren ſein. Nach Abſicht, Wiſſen und Gedanken darfſt Du und kein Richter fragen. Was jeder thut, muß er vor dem Geſetze verantworten, und da laß Du die ehrenwerthe Ge⸗ ſellſchaft, die ihr Gewiſſen nach gehoͤriger Berathung der Geſetze nicht wird beſchwert haben, allein ſorgen. Unter uns geſagt, zogen die Meiſten fuͤr Geld, Rum, Bier und Spaß mit, Du aber um Dir Kundſchaft im Lande zu ver⸗ ſchaffen, denn in der Fremde, wo er die Loͤcher nicht kennt, iſt auch der ſchlaue Fuchs verloren. und glaubſt Du, daß Jedermann daſſelbe Urtheil uͤber mich faͤllen wuͤrde? Wo nicht ein ſchaͤrferes. Weißt Du aber, daß ich gleich auf den erſten Blick aus Deinem Geſichte Deine Profeſſion erkannte, und wozu Du geboren waͤrſt. Und welche ungluͤckliche Zuͤge geben dies ungluͤckliche Zeugniß? Ungluͤcklich ſind ſte gewiß— ſagte der Andere ſchmerz⸗ lich laͤchelnd— denn ich trage ſie an mir. Ich halte etwas auf Vorbedeutungen, und bin aberglaͤubiſch, wie alle, die ſich auf der See verſuchten, und ihre ganze Habe auf den truͤge⸗ riſchen Wogen mit ſich fuͤhren. Wie Sturm, Sonne, Leiden⸗ ſchaft und Strapatzen auch mein Geſicht moͤgen verbrannt und zerriſſen haben, dennoch gleicht es noch jetzt Deinem ſanften, mit Locken umſchatteten, milchweißen Frauengeſichte; — 52— und wenn ich an das todte Bild denke, was ein muͤßiger Mahler in meinem ſechzehnten Jahre nach meinem lebendi⸗ gen conterfeite, ſo war es ein und daſſelbe Geſicht mit dem Deinigen. Verwandte Geſichter deuten immer auf verwandte timmungen und Geiſter. Als ich Dich zum erſten Male ganz genau am Abende, wo Du vertieft in Gedanken nach dem feſten Lande fuhrſt, betrachtete,— Du glaubteſt, wenn Du uͤberhaupt etwas von mir glaubteſt, ich ſchliefe,— da ſah ich in Deinem Auge das meinige, ich ſah auf Deiner Stirne alle die Stuͤrme, welche Dein Schiffchen mochten hin und hergetrieben haben, ſah weite Entwuͤrfe, wenig Ru⸗ he, Zweifel uͤber das Ziel, wohin Du Dich wenden ſollteſt⸗ und— kuͤhne Entſchluͤſſe, ohne viel Hoffnung. Menſch, Du verſtehſt, weit uͤber Deine Bildung, in der Seele Anderer zu leſen. Der Schleichhaͤndler laͤchelte: Ich habe auch etwas Bildung genoſſen— o Bildung iſt ſehr viel werth, um nicht als wildes Thier unter den ge⸗ bildeten Menſchen einherzulaufen und die guten frommen Laͤmmer durch Rohheit zu erſchrecken— Bildung iſt erſtaun⸗ lich viel werth— wie der Wolf im Schaafpelz kann man ſich mit wildem Treiben, mit einer furchtbaren Natur, ein⸗ huͤllen in die vortreffliche Bildung, und iſt dann wohl em⸗ pfangen bei allen den vollendeten Geſchoͤpfen, welche die Ra⸗ tur nicht in einer rauchigen Huͤtte, ſondern in tapezirten Zimmern ließ geboren werden. Ich habe mir mein bischen — 33— Bildung geſtohlen unter einer Schauſpielerbande; und wenn dann die Rohheit zuweilen vorblickt, liegt's nicht an mir, ſondern an der Armuth der Beſtohlnen.— Aber wenn der Koch aus der vornehmen Kuͤche einem ſchmutzigen Bu⸗ ben einen Leckerbiſſen zu koſten giebt, erwacht der Appetit nach Mehr. So giebt's Stunden, wo ich wie ein ſchwan⸗ geres Weib nach dem Umgange mit Menſchen verlange, mit denen ich ſprechen kann, was mir die Bruſt bewegt, und die mich verſtehn, die mir antworten koͤnnen und nicht den ſchmutzigen Buben von der Gaſſe mit Verachtung fortweiſen. Habt Ihr mich nun vielleicht zu einem ſolchen humanen Spißgeſellen erwaͤhlt? Was Du ſein willſt, ſteht Dir frei. Aber, Bertram, ich freue mich, Jemand unter meines Gleichen zu finden, der nicht wie das andere Geſindel nur der Luſt des Tages lebt, der das Leben wagt, und dabei weiß, daß er lebt, der Augen hat, um zu ſehen, Gedanken, um zu denken, der fuͤhlt,— doch ein ſo verſtellter Heuchler, als Du, wird lachen, wenn er einen gefaͤhrlichen Abentheurer, wie ich, vom Gefuͤhl re⸗ den hoͤrt. Ihr wuͤnſcht einen unterrichteten Spießgeſellen zu fin⸗ den, der, wenn das Gewiſſen erwacht, von der leichten Seite Eure Verbrechen Euch vorſtellt, der die Suͤnde vom Laſter wegraiſonirt, und der boͤſen That einen edlen Anſtrich giebt? Niklas runzelte die Stirn und ſagte ſchnell mit rauher Stimme: —— ł er———— — ₰4— Was ich gethan, werde ich nie verleugnen, weder hier noch da oben oder unten— wenn es ein Oben oder Unten giebt. Brauche auch keinen ſchoͤnen Namen dafuͤr, weder vor der Ausfuͤhrung, noch wenn s geſchehen. Denn ich habe nie vorher gezittert oder gezweifelt, und nie nachher Reue empfunden— nein— fuhr er heftiger fort— nie habe ich Reue empfunden, und will auch nie Reue empfinden. Aber ich brauchte einen Freund, einen, dem ich mich anvertrauen könnte, ohne wie vor dem Beichtiger zu knieen oder vor dem Richter zu bekennen, einen, der mit mir wild ins Leben hin⸗ einſtuͤrmt, bis wir Beide kalt ſind, oder auch einen, der feſt⸗ ſteht im Leben, und an den zuweilen der wilde Stuͤrmer ſich feſthalten und an ſeiner Bruſt ausruhen koͤnnte. Bertram ſah ihn groß an: Du verwunderſt Dich uͤber meinen Pathos, ſagte Niklas, aber Du mußt nicht vergeſſen, daß ich Schauſpieler war. Kluge Leute ſollen zwar behaup⸗ ten, es ſei Jedermann ein Sthauſpieler, und aller Pathos nicht viel beſſer als ein Blendwerk fuͤr den andern oder den Redner ſelbſt; ich habe aber keinen Umgang mit dieſen klugen Leuten. Sprechet klar, was Ihr von mir wollt? Wohlan! Willſt Du es mit mir wagen, und verſuchen, was fuͤr Gluͤck Dir in dieſem Lande bluͤht, oder Deine eige⸗ nen Wege wandern und mir nur dann und wann erlauben, wenn das Herz zu ſchwer wird, es durch ein Bekenntniß zu erleichtern, oder Dich vielleicht zu bitten/ mir beizuſtehn? — 55— Ein fuͤr allemal erklaͤre ich, daß ich mich in keine wider⸗ geſetzlichen Verbindungen einlaſſe— Gut, das Wort genuͤgt. Du willſt kein kuͤhner Aben⸗ teurer ſein?— ich frage nicht weiter nach dem Grund, und Dein Wille ſei fuͤr mich Geſetz. Kannſt Du aber mein Freund in dem andern Sinne ſein? Tollkuͤhner! woher dies graͤnzenloſe Vertrauen zu mir? Niklas trat dem jungen Manne naͤher als zuvor, ſah ihm ſcharf, aber freundlich ins Auge, als ſuche er irgend eine Erinnerung in ihm zu erwecken; dann druͤckte er ihm die Hand und ſagte;. Gedenkſt Du Dich nicht mehr des Ungluͤcklichen in den Wellen? Ich bin tief in Deiner Schuld, und will ſie noch vergroͤßern. Wirklich?— Seid Ihr es?— Ja die Naſe, auch die Augen— die Stirne wurde damals von den naſſen Haaren bedeckt, und unter dem krampfhaft breitgezerrten Munde ver⸗ ſtellte Euch der lange Bart. Ich bin es, und laͤge ohne Dich ſchon im Bauche eines Hayfiſches, oder geſpießt auf einer Klippe tief im Meere— aber glaube mir, habe ich auch keine Guͤter zum Pfand zu geben, werde ich doch die Schuld nicht vergeſſen. Was ich mit ſchwachen Kraͤften thun kann, Ungluͤckli⸗ cher, Deine Seele aus dem moraliſchen Verderben zu retten, ſoll geſchehen, und ich wuͤnſche, es moͤge ſo gelingen, wie Deinen Leib im Waſſer zu erhalten. — 56— Der Andere laͤchelte: Jetzt erſt moͤchte ich glauben, Du ſeiſt ſo unſchuldig als Du vorgabſt, und erſt aus der Schule gekommen, nach der noch Deine Vorſtellungen ſchmecken. Du— Knabe— mich aus dem Verderben herausziehn, Du, der Du in Ohnmacht fallen wuͤrdeſt, erzaͤhlte ich Dir nur die Haͤlfte aller der Graͤuel, die ich angeſtiftet! Einen Mann mit einer Fauſt, die ſich im Blute gebadet, mit einem Geiſte, der in Mordgedanken ſeine Nahrung fand, einen Mann, der im Unflath des geſelligen Lebens ſich umhergewaͤlzt hat, ſo daß er roth werden muß, in einer Geſellſchaft gebildeter Weſen nur daran zu denken— bei ſolchem Manne ſchlagen die ſanften Beſſerungsmittel nicht an. Zertruͤmmern muß er, was ihn umgiebt, die Welt, die ſeine Schande kennt, ver⸗ nichten. Anf den Truͤmmern kann er ſich erſt ein Schloß erbauen, was keck und ſtolz auf die neue Welt rund um⸗ her blickt, und zu Haͤuſern und Menſchen ſpricht: Im ſel⸗ ben Schooße wurden wir geboren. Wir haben eine Mutter, die Zerſtoͤrung— und was hinter der liegt, iſt Nacht. — Doch, Bertram, komm heraus ins Freie; hier im Keller wird's mir zu dumpf und enge. —— Drittes Kapitel. Blick auf den kühnen Bau der Pyramide, Und ſtaune wie der Erdwurm ſich hinauf Ins freie Element geſchwungen,— blicke Noch etwas höher,— den geſtirnten Himmel, „Das ſaulenlos durch ſich getragene Dach,— Die Pyramide wird zum ſpitzen Steine, Und auf der Erde kreucht der Menſch— ein Wurm. Tibbertons. Morgenländiſche Gedichte. Er goß etwas Waſſer in die Flamme, und waͤhrend das Feuer ziſchend ausging, und auch die Kohlen allmaͤlig ſich mit Schwarz uͤberzogen, faßte er Bertram bei der Hand,⸗ und fuͤhrte ihn durch die tiefe Nacht des unterirdiſchen Gewoͤlbes eine Wendeltreppe in die Hoͤhe. Wie ein verfallenes Gothi⸗ ſches Kloſter ausſieht, wie Kreuzgang an Kreuzgang ſich rei⸗ het, verdaͤchtige Mauerblenden, Heiligenbilder mit verborge⸗ nen Thuͤren unſer Auge erſchrecken, wie der Zugwind durch die Ritzen weht, und Fallthuͤren den Wanderer zu verſchlin⸗ gen drohen, wird der geneigte Leſer aus Miß Radkliffs — 58— Romanen zur Genuͤge wiſſen, und beſſer als ein Novelliſt es mahlen kann, welcher in den Gebirgen und Thaͤlern unſeres, weniger mit ſolchen Schreckensgebaͤuden, die von Graudüſtrem Aeußern, ſo das Schrecken drinnen Andeutet, wie ein ſchlechtes Wirthshausſchild Die ſchlechte Zeche und den ſchlechten Wirth geſegneten, Schottlandes bisher ſein Weſen getrieben hat. Kommt noch hinzu, daß, wie es ſcheint, eine Schleichhaͤnd⸗ lerbande in den Ruinen ihr Waarenlager aufgeſchlagen hat, ſo kann man ſich die gewoͤhnlichen Unnatuͤrlichkeiten noch weit monſtroͤſer denken, ohne deshalb von der Natuͤrlichkeit ſich zu entfernen. Wenn auch die Ruinen des weltberuͤhm⸗ ten Kloſters Bangor weitlaͤufiger ſein moͤgen, ſo waren doch allerdings auch die Hallen und Gaͤnge in dem von unſerm Helden beſuchten, nicht unbedeutend. Da das Dach gaͤnzlich zerſtört, und auch die Gewoͤlbe an einzelnen Stellen durch⸗ brochen waren, konnte Bertram bald den freien Himmel er⸗ blicken, und ſah, daß der Mond zum Theil wieder die Herr⸗ ſchaft uͤber die Schneewolken davon getragen. Eulen flat⸗ terten, von den Tritten der beiden Nachtgeſtalten erweckt, in die Hoͤhe, und andere in ihrem Aſyl geſtorte Nachtvoͤgel, flo⸗ gen um die hohen Zinnen. Nach mehreren Minuten traten beide durch eine kleine enge ſpitzgewoͤlbte Pforte auf eine freie, hohe Mauerbruͤſtung hinaus. Niklas faßte Bertrams Hand, gleich als wolle er ihn feſthalten bei einem gefaͤhrli⸗ chen Punkte, und indem er eine Bewegung machte, welche 4 —— ſo viel hieß, als: Blicke vor Dich! fuͤhrte er ihn bis dicht an den aͤußerſten Rand der Mauer. In dieſem Augenblicke brach der Vollmond in vollem Glanze hinter einer dunklen Wolke hervor, und beleuchtete eine Gegend, wie ſie der junge Mann kaum aus Beſchreibungen kannte. Schwindelnd ſah er zu ſeinen Fuͤßen einen bodenloſen Abgrund. Die aus ur⸗ alten Quaderſteinen mit gigantiſcher Kunſt gebaute Mauer war nur die Fortſetzung einer ſteilen ungeheuren Felswand, weiche aus der Tiefe, in der ſein Auge noch keinen feſten Punkt gewinnen konnte, emporſtieg. Jenſeits dieſer uner⸗ meßlichen Schlucht lagen ſchwarze, gewaltige Maſſen vor ihm, der Hauptzug des Snowdon, deſſen untere Theile mit dichtem Walde mochten bedeckt ſein, deſſen vom Monde be⸗ leuchteter Ruͤcken aber eine traus rige Oede zeigte. Bertram, geblendet von der Geoße des Schauſpiels, wollte ſein Auge ausruhen, indem er ſich umdrehte; aber die neue Scene war, wo nicht großartiger, doch noch ergreifender fuͤr ſeinen Sinn. Von einem erhabenen Standpunkte aͤberſah er die weitlaͤu⸗ figen Truͤmmer des ganzen Kloſters, wie ihre hoͤchſten Spiz⸗ zen, vom Mondenſchein uͤberſilbert, aus der unermeßlichen Nacht der Schluchten und Gebirgskuppen, welche ſich an den hohen Ruͤcken des Snowdon lehnen, hervortauchten. Es war, wenn man die Stille der Mitternacht dazu nimmt, ein Feenſchauſpiel, und das geblendete Auge vermochte nur den Totaleindruck aufzufaſſen, nicht aber die einzelnen Erſchei⸗ nungen und den natuͤrlichen Zuſammenhang der verſchiede⸗ — 60— nen Punkte zu begreifen. So viel indeſſen ließ ſich bald aus den naheliegenden Mauerwerken auf die in der weiten Ferne glaͤnzenden ſchließen, daß die Thuͤrme und Gebaͤude des Klo⸗ ſters meiſtentheils auf vorragenden Felskuppen erbaut waren Nue dieſe hatten der Zeit getrotzt, waͤhrend das, Felskuppen und Thuͤrme verbindende Mauerwerk heruntergeſtuͤrzt war. Vor allem großartig ragte aber, blendendweiß vom Monde beſchienen, der Hauptthurm uͤber alle Kapellen und Thuͤrm⸗ chen. Auf einer einzeln ſchroff aus der Tiefe hervorſchießen⸗ den Klippe ſtand er ſo keck, als wolle er den Trotz und den Sieg des menſchlichen Geiſtes uͤber alle Hinderniſſe der Na⸗ tur ausſprechen. Ringsum war alles verbindende Mauer⸗ werk abgebrochen, und in die Tiefe als Schutt herabgeſun⸗ ken, ſo daß alle Moͤglichkeit, ihn zu beſteigen, verloren ſchien. Aber auch außer dieſem Thurme ſprangen uͤberall hohe Go⸗ thiſche Bogen aus den Felſen hervor, und an mehreren Stel⸗ len ſah man von zweien getrennten Felskegeln Pfeiler hoͤher und hoͤher emporſtreben, und endlich in ſtolzen Bogen ſich gegeneinander neigen; aber das Mittelſtuͤck des ungeheuern Thores fehlte, und die Pfeiler ſtanden nun wie zwei Liebende da, welche reine Neigung und die Natur fuͤr einander be⸗ ſtimmte, ein feindliches Mißgeſchick aber fuͤr immer ge⸗ trennt hat. Bertram hielt ſich, geblendet vom Schauſpiele, die Au⸗ gen zu; als er ſie wieder aufſchlug, ſagte ſein Fuͤhrer mit ruhi⸗ ger Stimme, in welcher dennoch aber ein gewiſſer Triumph lag: — 61— Das iſt Griffith ap Gauvon, von dem ich Dir zuͤngſt ſprach. Eine Lobpreiſung wuͤrde nur den gewaltigen Eindruck der Seenerie in ihm geſchwaͤcht haben, Bertram antwortete daher nichts; der Andere aber fuhr nach einer Weile fort: Hier, Bertram, ſtehe ich oft an dem ſchwindelnden Ab⸗ grunde, und ſehe im Mondenſchein das große ruhige Schau⸗ ſpiel an, und dann iſt's mir oft, als beduͤrfe ich keines Freun⸗ des, als ſei die große Natur ein Freund, wie ich ihn nur verlangen kann, weit beſſer und verſtaͤndiger, als alles das, was Ihr gebildete Welt nennt.— Doch, Bertram, komm noch etwas weiter! Er fuͤhrte ihn, abwaͤrts von dem Theile des Gebaͤudes, aus welchem ſie durch die kleine Pforte die Mauer betreten hatten, auf der aͤußerſten Hoͤhe derſelben ungefaͤhr ein hun⸗ dert Schritte weiter. Die Mauer, kaum drei Fuß breit, ſtand hier ganz iſolirt, und wurde auf der einen Seite von dem vorhin beſchriebenen Abgrunde, auf der andern, vermuth⸗ lich von einem innern Hofraume, der aber mindeſtens haͤu⸗ ſertief unten lag, begraͤnzt. Nur eine Seitenmauer, welche uͤber den Hofraum nach einem kleinen Thurme zu fuͤhrte, be⸗ ruͤhrte dieſe Hauptmauer. Am aͤußerſten Ende der letztern, wo ſie jaͤhlings abbricht, blieben Beide ſtehen. Kaum vierzig Schritte von ihnen entfernt, erhob ſich der erwaͤhnte hohe Thurm, welcher, aller Wahrſcheinlichkeit nach, in der Vorzeit 4 mit der Mauer zuſammenhing, den jetzt aber ein ſo tiefer — 62— Abgrund als der nach der aͤußern Mauer von ihr zu tren⸗ nen ſchien. Weiter geht's nicht,— ſagte der Fuͤhrer— Oft ſchon bin ich bis hierher gekommen, und habe gedacht, einen Schritt weiter zu thun, um keine Schritte auf dieſer Erde mehr noͤ⸗ thig zu haben. ungluͤcklicher Verirrter! Haſt Du Religion? glaubſt Du an einen Gott? Willſt Du mich, wie der Schwarzrock den Schuljungen, examiniren? Aus dem Tone, in welchem Du die Antwort giebſt⸗ ſchließe ich, wie ſchwer es Dir wird, ſie hervorzupreſſen. Die Allmacht der Natur hat auch Dich hier uͤberwaͤltigt. Du haſt Recht. Sieh jetzt hinunter in den Abgrund— tief, tief unten rieſelt zwiſchen Stein und Moos und Fels⸗ truͤmmer ein kleiner Bach, jetzt iſt er vom Monde etwas er⸗ leuchtet— ſcheint mir's doch even, als ſpraͤnge etwas druͤber weg, doch nein, es iſt Taͤuſchung— Oft, wenn ich hier ſin⸗ nend ſtand, und nicht begreifen konnte, was mich hinderte, einen kuͤhnen Sprung zu thun⸗ trat mir unten der Vollmond entgegen, und dann raffte ich mich wie beſchaͤmt auf, und ſchlich fort. 4 Menſch! glaubſt Du an einen Gott und eine Vorſehung? Willſt Du es durchaus wiſſen?— Neulich lernte ich dran glauben. Welcher gluͤckliche Vorfall war dies? 4A„ Gluͤcklich?— der Fuͤhrer lachte bitter auf— Mit ver⸗ wegenen und verzweifelten Maͤnnern harrte ich, ſeit Mona⸗ ten verbunden, eine Sippſchaft Blutigel aus der Welt zu ſchaffen, auf den Moment, wo das Gezuͤcht ſich verſammeln werde, um mit Einem Schlage die ganze Brut zu vernichten. Wenn Du das beten nennen willſt, ſo haben wir taͤglich gebetet, daß der Augenblick kommen moͤge; aber Monate ver⸗ gingen, und wir verzweifelten. Endlich ſtuͤrzte Mittags un⸗ ſer Kundſchafter herein, und ſchrie:„Gluͤck uns! heut Abend verſammeln ſich die Miniſter in Lord Harrowbys Hauſe!“ Da ſtuͤrzten viele der harten Seelen auf ihre Kniee nieder, andere falteten die Haͤnde, ſo ungefuͤgſam ſie waren; ich aber mochte Beides nicht, ich rief aus:„Es giebt doch eine Vor⸗ ſehung 17*) Fuͤrchterlich! Nun, Du brauchſt Dich nicht zu entſetzen, die Vorſe⸗ hung hat es anders gewollt. Die rechtlichen Maͤnner, auf die wir's gemuͤnzt hatten, bluͤhen in Gluͤck und Ehre, aber meine Freunde modern unter dem Galgen. Und Dein Glaube an eine Vorſehung? Iſt deshalb noch nicht wankend geworden. Meine Meſſer⸗ ſpitze war fuͤr Lord Caſtlereagh beſtimmt, und wenn er auch meiner Rache entging, ſo weiß ich doch, als ob ein Fluch in ,) Eine wirkliche Begebenheit, wie uns die öffentlichen Verhandlun⸗ gen über jene entſetzliche Verſchwörung berichten, meiner Waffe laͤge, daß, auf wen ich einmal das Meſſer mit feſtem Vorſatze zuͤckte,— daß den eine Meſſerſpitze zuletzt einmal toͤdtlich traf. Bertram ſchauderte zuſammen: Einem Verſchwoͤrer aus Catoſtreet rettete ich alſo das Leben? Stoß ihn herunter, wenn's Dich gereut. Menſch, wer fuͤhrte Dich unter dieſe entſetzliche Bande? Was konnte Dir die Ermordung der Miniſter einbringen, da kein Kaufmann aus Amſterdam mit dem vollen Beutel im Hinterhalt ſtand?. Zerſioͤren wollte ich. Wenn wir mit den dreißig bluti⸗ gen Dolchen hinausgeſtuͤrzt waͤren, wenn die Flamme, aus dem Dache emporlodernd, London erweckt haͤtte, glaubſt Du, daß der Poͤbel ruhig geblieben waͤre? Wie neulich das plaz⸗ zende Porterfaß die Straßen uͤberſchwemmte, haͤtte die wil⸗ lenloſe Maſſe bald die Ordnung todt geſchlagen, und wenn dieſer Todfeind meiner Hoffnungen dahin war, dann— Dann? Du haͤltſt inne.— 4 Ein Schritt foͤrdert den andern, und die Wuth der ord⸗ nungsloſen Maſſe laͤßt ſich nicht eher aufhalten, als bis ſie ſich ſelbſt zerfleiſcht. Auf den rauchenden Aſchenhaufen der alten Pallaͤſte, zwiſchen den beſchwerten Galgen und den Lei⸗ chenbergen, aus denen ringsum die Blutquellen in die ſchluͤp⸗ frigen Straßen fließen, gilt der Werth des Menſchen nicht nach ſeiner feinen Rede, und vielem Wiſſen und blankem Ge⸗ ſichte,— da gilt der Arm und da der Kopf. —— und thenden Poͤbelhaufens? und was haͤtteſt Du erreicht an der Spitze eines wuͤ⸗ Du glaubſt, ich wuͤrde die reichen Landhaͤuſer der Gen⸗ try gepluͤndert haben, in die Speiſekammern und Keller ge⸗ ſtuͤrmt ſein, bis das letzte Faß zerſchlagen waͤre, und meine ſaubere Rotte im ſchwimmenden Keller gelegen haͤtte. Jahre lang hinaus zu hedenken, das uͤberlaſſ' ich den Gelehrten und Miniſtern, im Augenblicke den noͤthigen Entſchluß zu faſſen und auszufuͤhren, iſt meine Sache. So trieb Dich allein die Wuth zu zerſtoͤren? Dazu ſcheint mir Dein Menſchenhaß noch nicht groß genug. Nenn' es Ingrimm, nenne es Haß, aber es war noch etwas anderes, das mir im Hintergrunde ſtand. Es war ein ſchoͤnes Bild, wenn ich mir alle die großen Haͤupter kopflos dachte und darin aͤhnlich und gleich den armen Suͤndern. Dann ſollte kein Squire und Lord ſtolz vor uns voruͤberrei⸗ ten, kein Schloß uͤbermuͤthig auf die Huͤtte oder den Schlupf⸗ winkel des Verfolgten herabblicken, nur der Werth ſollte gel⸗ ten— Welcher Werth? fragte Bertram. Du meinſt, ein Bluthund hat keinen Werth— ſagte Niklas mit funkelnden Augen— aber er kann ihn erwerben. Himmel! wer ſolches Mark, wer ſolches Blut in den Adern hat, wer ſolchen Willen, der kann doch ein neues Leben, anfangen. Bertram, lache mich nicht aus— die Liebe hat mich toll gemacht. Sieh, hier habe ich ein Tuch von ihr II. Bd. 15 1. — 66— derentwillen ich mein voriges Leben verwuͤnſche, um die ich ſein Angedenken ins Meer verſenken, und nackend wie ein Kind und ohne Alles herauskommen moͤchte. Als ich in der furchtbaren Nacht— doch ſtill— was war das?— Horteſt Du nicht ein Fluͤſtern aus der Tiefe?— Als ich in der furchtbaren Racht— Tritte— ſtill! Bertrams Fuͤhrer riß hier ploͤtzlich ſeinen Mantel von den Schultern, warf ihn ſchnell gehallt unter den Arm, faßte die beiden Rockſchoͤße unter beiden Armen zuſammen, und ſtand nun mit vorgebeugtem Leibe und Kopfe, indem ſeine Augen unverwandt nach der dunkleren Maſſe der Kloſterge⸗ baͤnde, von wo ſie ausgegangen waren, hinblickte. Er glich dem Hirſch, welcher mit geſpitzten Ohren und aufgehobenen Laͤufen nach der Gegend blickt, von wo ein Geraͤuſch ihn ſutzig machte. Auch Bertram ſah fber die mondweiße Ober⸗ flaͤche der Mauer, ſo weit er konnte, nach dem untern Theile der Ruinen, und machte die Bemerkung, daß, wenn ein feindlicher Angriff erfolgte, ſie ohne Rettung verloren ſeien, indem kein Seitenweg von der hohen Mauer hinunterfuͤhrte, und dem Eingeſchloſſenen kein Ausweg uͤbrig blieb, als von der Hoͤhe hinabzuſpringen, um noch vielleicht, ehe er den Boden des Abgrundes erreichte, von den vorragenden Klip⸗ pen zerſchellt zu werden. Ich habe mich doch geirrt— fuͤſterte Niklas, als Ber⸗ tram den Schatten, welcher von der kleinen Pforte am Ende der Mauer auf dieſelbe geworfen wurde, glaubte in Bewe⸗ 6 — 67— gung zu ſehen. Er wollte ſeine Bemerkung dem Andern mit⸗ theilen, als ein Schuß ſiel. In demſelben Augenblicke hatte auch Niklas bereits ſeinen Mantel in den Abgrund gewor⸗ fen, und war, ohne ein Wort zu ſprechen, mit einer Behen⸗ digkeit und Schnelle, die Bertram in Erſtaunen ſetzte, gerade der Pforte zugerannt, aus welcher dieſer jetzt deutlich meh⸗ rere bewaffnete Geſtalten hervortreten ſah, vermuthlich um dem Rennenden den Weg zu verſperren. Schon glaubte Bertram ein Handgemenge zu ſehn, indem Niklas grade auf die Gefahr losging. Aber mitten im ſchnellen Laufe drehte es linksum, ſprang mit einer Gewandtheit, die an der Alpen⸗ gemſen Inſtinkt erinnerte, auf die niedrige Mauer herab,— welche, wie wir oben berichteten, den innern Hofraum durch⸗ ſchneidend, die Haupt⸗ und Außenmauer beruͤhrte,— und lief auf dem ſchmalen, und mit Luͤcken und lockern Steinen unterbrochenen Ruͤcken jener innern Mauer weiter fort. Jeden Augenblick glaubte ihn Bertram fallen zu ſehen, um nie wie⸗ der aufzuſtehn. Aber die Gefahr kam von einer andern Seite. Die Verfolger mußten auf die unerſchrockenheit und Behen⸗ digkeit des Mannes gerechnet haben, und es traten ihm auch auf der andern Seite der Mauer Bewaffnete entgegen. Dem Fliehenden blieb keine Wahl, als ſich ergeben, oder hinab⸗ ſpringen. Ploͤtzlich ſtand er ſtille, zog aus dem Guͤrtel zwei Piſtolen hervor, feuerte ſie mit beiden Haͤnden auf die ihm zunaͤchſt ſtehenden Gegner, und waͤhrend dieſe betroffen zuruͤck⸗ ſtarrten— verwundet ſchien keiner,— ſah Bertram ihn mit unglaublicher Geſchicklichkeit und Schnelligkeit ſich auf die Mauer niederſetzen und— verſchwinden. Gleich darauf glaubte er unten im Dunkel des Hofraums ein Geraͤuſch zu hoͤren, als falle eine Laſt hoch herabgeworfen in duͤrres Rei⸗ ſig. Sonſt blieb alles ſtille. Die Bewaffneten oben auf beiden Enden der Mauer ſchrieen, ſobald ſie aus ihrer Beſtuͤrzung zu ſich gekommen waren: Greift ihn! Fangt ihn! Schießt! Man ſchoß mit Piſtolen— auch glaubte Bertram einen Flintenſchuß darunter zu hoͤren— von der Mauer herab nach dem dunklen Hofraume, ohne daß jedoch von der Wir⸗ kung der Schuͤſſe etwas laut wurde. Einer iſt durch die Netze gegangen!— ſchrie man ſich zu— aber da oben ſteht noch der Andere. Wenn's der rechte iſt, mag der Andere ſich die Fuͤße ab⸗ laufen! antwortete man von der andern Seite, und beide Partieen ſchritten langſam auf einander zu, um ſich Ber⸗ trams zu bemaͤchtigen, Dieſer hielt es jetzt fuͤr das Gera⸗ thenſte, gerade auf die Beamten loszugehen. Er trat ihnen guf der großen Mauer entgegen und ſagte: Wenn Sie mich ſuchen, oder mir einen Vorwurf zu ma⸗ chen glauben, ſtehe ich Ihnen bereit. Ja, allerliebſter Schatz! ſagte ein ſtaͤmmiger Conſtabler, — Deine Bekanntſchaft wollen wir machen, und damit Du nicht ſo unhoͤflich, wie Dein Freund, davon laͤufſt, ehe un⸗ — 69— ſere Freundſchaft dick geworden, wollen wir Dir einen leiſen Haͤndedruck geben, als Zeichen, daß wir's treu mit Dir meinen. Sie hatten ihn waͤhrend deſſen von der Mauer herab und wieder durch die enge Pforte in die Halle geſchleppt, in welche das Mondenlicht keinen Eingang fand. Man reichte Stricke herbei, ihn zu binden, aber Bertram ſtraͤubte ſich und rief aus: Meine Herren, ich bin unſchuldig! Das wiſſen wir wohl, Herzensſeele, aber eben darum wol⸗ len wir Dich nicht fortlaſſen! ſagte der Conſtabler. Aber Sampſon— redete ihm ein Anderer zu, Mac Kil⸗ mary muß uns erſt ſagen, ob er's iſt? Sonſt ſo einen huͤb⸗ ſchen jungen Flachskopf binden— wuͤrde ſich nicht ſchicken. Haſt recht. Mae Kilmary, daß dich der— Mae Kilmary, ein rothhaariger Irlaͤnder, kam heran. Man hielt dem jungen Mann eine Fackel ins Geſicht, und Mae Kilmary that den Ausſpruch: Er iſt es, ſowahr ich ich bin. So drehe zu, braver Junge! ſagte der Conſtabler, und man ſchnuͤrte Bertrams Haͤnde auf ſeinem Ruͤcken zuſammen. Viertes Kapitel. Wandle, wandle am Meeresſtrande, Wandle unten am tiefen Moor, Wandle drunten am ſikernden Bächlein, Wo ich und mein Liebſter gingen zuvor. Ich lehnte mich an eine hohe Eiche Und glaubte es wäre ein feſter Stamm; Erſt beugte er ſich und, ach, dann brach er, Und ſo that auch mein Bräutigam. Schottiſches Lied. Laßt uns bald aus dem graͤulichen Moͤnchskuttenneſt fort⸗ ziehn, wo die Fledermaͤuſe ehrliche Perruͤcken zernagen, und in jedem Winkel geſchrieben ſteht: Hier iſts nicht geheuer! und, Sampſon,— ſagte der Irlaͤnder— die Kerle in den Winkeln verſteckt ſein koͤnnten, um unverſehens uͤber uns herzufallen. Hm! was das betrifft— meinte der Conſtabler— ſo haben wir keine Furcht; aber Fledermaͤuſe und boͤſe Geiſter — 71—— und ich traue nicht den alten Waͤlſchen Moͤnchskutten, die das Abracadabra und die Cabalen wußten. Still doch— fiel der Irlaͤnder ein— der Squire weiß ja auch in des alten Merlin Buͤchern zu leſen. Aber— ſagte ein Dritter— wir frieren von dem Nacht⸗ marſche und Lauern, und ſind hungrig und durſtig. So zuͤnden wir, mein Sohn, draußen ein Feuer an, und gießen den Kapwein in die Kehle, welchen wir unter⸗ wegs der alten Galgenhexe abiagten. Der kleine Trupp ſtieg nun die verſchiedenen Treppen, den Gefangenen in der Mitte, hinunter, ging mit gehoriger Vorſicht durch die verſchiedenen, meiſt mit hohem Schutt uͤberdeckten, Hoͤfe, und gelangte endlich durch ein noch ziem⸗ lich erhaltenes hohes Gothiſches Thor auf eine erhoͤhete Platteform, welche vor dem Eingange ins Kloſter lag. Hier wurde Halt gemacht. Nur zwei Mann blieben zur Bewa⸗ chung des Gefangenen, waͤhrend die Andern Holz herbei⸗ ſchleppten und ein maͤchtiges Feuer anzuͤndeten, um das die Geſellſchaft ſich traulich lagerte. Warum ſo troſtlos, Du wackeres Blut?— ſagte Con⸗ ſtabler Sampſon zu ſeinem Gefangenen.— Die Welt iſt weit, und die Schlinge eng, Drum niemals an die Schlinge denk“, Sondern friſch in der weiten Welt runſpringe, Denn nach kommt Dir von ſelbſt die Schlinge. — 72— ſo heißt's im alten Liede, und ſo dacht' ich auch, als ich noch jung und ein Springinsfeld war. Mit der Zeit kommt Rath und Tugend und was man ſonſt von Soliditaͤt braucht. Aber Sampſon— ſagte der Irlaͤnder— bei ihm wird's mit dem Springen bald aus ſeyn, die Welt iſt fuͤr ihn nicht mehr ſehr weit; denn bis an die Haͤnde iſt die Schlinge ſchon gekommen, und lange wird's nicht dauern, ſo ſitzt ſie feſt am Halſe, und dann kommt der letzte Sprung, wo einen der Himmel gleich oben behaͤlt. Halt's Maul, rothkoͤpfiger Mac Kilmary, und mach' mir den Jungen nicht troſtlos. In meiner Jugend ſtand ich wohl ſchon weiter als der, und bin doch noch zur Tugend, zum langen Leben gekommen, und bin ein Mann im Staate. Ja, ich erinnere mich, Du ſtandſt ſchon auf der Leiter! und Du, Mae Kilmary, haſt ſchon in den neunziger Jahren in Tiperary gebaumelt, ward'ſt aber noch bei Zeiten abgeſchnitten. Weil's dazumal in Irland viel Arbeit gab und wenig tuͤchtige Meiſter, ſo wurden pure Dilettanten dazu genommen, wo's denn manchmal ſehr ſchlecht gerieth. Du traͤgſt auch noch von der Zeit ein Halstuch unentgeld⸗ lich um den duͤrren Hals. und Du, Sampſon, kriegteſt die rothe Naſe vor Schreck. Still, ich habe mich nie erſchrocken, außer vor'm— Gott ſei bei uns.— Und ſo ſah doch wahrhaftig der huͤbſche, gute, drelle Teufelskerl, der damals Himmelskommiſſiongir und Spediteur war, nicht aus! Aber, was ich ſagen wollte, im⸗ mer euragoͤſe, mein vortrefflicher Freund. Ich an Deiner Stelle wuͤrde mich freun, daß ich in die Gefellſchaft ehrlicher Leute gerathen waͤre, und fort von ſolchem ſchuftigen Freunde, welcher in der Noth fortlief und mich allein ließ. Pfui, daß es ſo ſchlechte Kameraden giebt! Da ſiehſt Du, wie man ſich auf gottloſe Buben verlaſſen kann, wie die Straͤnge in der Noth reißen, und wie Tugend allein zu einem gott⸗ ſeligen Ende fuͤhrt. O ich koͤnnte Dir noch vielerlei Er⸗ bauliches ſagen, aber ich denke immer: wozu?— Haͤngſt Du, ſo erfaͤhrſt Du's doch noch zeitig im Himmel, und haͤngſt Du nicht, ſo vergiſſeſt Du es doch wieder. Die Conſtabler und Schergen ſetzten ſich jetzt um's Feuer und holten aus einem Tragekorbe, den ſie vermuthlich einem, der die Contrebande ins Land vertragenden Weiber abgenommen, einige Flaſchen heraus, und ließen ſie in der Reihe umhergehn. Auch dem Gefangenen hatte Sampſon die Freundlichkeit einen Trunk anzubieten, und hielt ihm ſogar, da er, ſeiner gebundenen Arme wegen, nicht ſelbſt zu⸗ greifen konnte, die Flaſche an den Mund. Es war dies aber nur ein oberflaͤchlicher Zug des Mitleidens, wie man ihn haͤufig bei rohen Naturen findet. Als die Flaſche in be⸗ ſtaͤndigem Kreiſen blieb, wurde die Gefaͤlligkeit unſerm Ge⸗ fangenwaͤrter zu laͤſtig, und er begnuͤgte ſich damit, ſelbſt fuͤr Bertram zu trinken. Maͤchtig feſſelte dieſen, trotz ſeiner gefaͤhrlichen Lage, die wunderbare Scenerie ringsum. Der Snowdon umgab in einem Halbkreiſe die Gegend, und — 24— ſchien bei der Dunkelheit der Nacht alle die kleinen Huͤgel unnd Vorberge in ſeine ſchwarze Maſſe aufzunehmen. Vor ihm aber lag das Kloſter, deſſen Spitzen der Mond ſilber⸗ weiß beſchien, deſſen Thor und aͤußern Mauern aber das Wachtfeuer roͤthete. Die Partie an dem letztern, in welcher Bertram eine paſſive Rolle mitſpielte, gab der grauenvollen und doch ſchoͤnen Mondgegend den letzten romantiſchen An⸗ ſtrich, daß man haͤtte wuͤnſchen moͤgen, ein Waͤliſcher Zau⸗ berer haͤtte den alten Salvator Roſa aus ſeiner Gruft heraufgezaubert, um ſie mit dem Pinſel zu verewigen. Die rohen Schergen dagegen beſchaͤftigten ſich eifrig und allein mit einem wichtigern Gegenſtande. Es war die Rede von der Theilung des Gewinnſtes fuͤr die Gefangen⸗ nahme unſeres Helden, und ſchon war der Streit in ein lautes Toben ausgeartet, als Bertram die Worte hoͤrte: Daß Dich— es verſteht ſich, daß hier kein Rang und Unterſchied gilt, und wir alle nun zu gleichen Theilen kriegen. Gott ver— ſchrie Sampſon— Ordnung gilt uͤberall. Klar wie Sonnenſchein im October iſtes, daß ich, als Anfuͤh⸗ rer und Genie 300 Pfund bekomme, und Ihr theilt Euch in die uͤbrigen 200 Pfund.. Was? Acht Mann 200 Pfund! ſchrie der Irlaͤnder. Du kriegſt gar nichts, Mac Kilmary— denn Du bliebſt hinten zuruͤck und trauteſt Dich nicht mit auf die Mauer. Nein, rothes Haar ſcheidet aus!— ſchrieen Alle, ohne deshalb im Uebrigen mit der Beſtimmung des Conſtablers = 75— zufrieden zu ſcheinen. Der Irlaͤnder appellirte aber mit kreiſchender Stimme dagegen. Ich bekomme eigentlich die Haͤlfte, denn ich habe ihn erkannt. Keinen Farthing mehr, als Du werth biſt, und dann mußt Du noch herausgeben. Mac Kilmary ſprang auf und ballte die Fauſt: Daß Euch Alle— Er hatte aber kaum ein Wort ausgeſtoßen, als ein Schuß ſiel, gleich darauf folgte der zweite, dritte, vierte, und ein wildes Geſchrei erhob ſich in einiger Entfernung: Haut ſie nieder! Der Conſtabler war getroffen ruͤcklings uͤbergefallen. Voll Geiſtesgegenwart rief er indeſſen noch dem Irlaͤnder zu: Pack ihn, Mae Kilmary, daß er uns nicht entlaͤuft!— Mae Kilmary war aber der erſte geweſen, wel⸗ cher Reißaus genommen hatte, einige Andere waren ihm ge⸗ folgt; zwei Beherztere wollten den Befehl des Conſtablers ausfuͤhren, ſie erhielten aber ploͤtzlich ſo furchtbare Stoͤße in die Seiten und ins Genick, daß der Eine ins Feuer tau⸗ melte, der Andere auf den verwundeten Conſtabler ſtuͤrzte. Alles ſchrie und fluchte, und in dieſer Verwirrung fuͤhlte Bertram ſich von zwei ſtaͤmmigen Kerlen unter die Arme gegeifen, welche ihn, ehe er nur daran denken konnte, was er zu thun habe, mit ſich fortriſſen und ins Dunkel des naͤch⸗ ſten Dickichts ſchleppten. Hier, wo Niemand von der Helle des Feuers aus ſie entdecken konnte, machten ſie auf — 76— einen Augenblick Halt und ſchnitten dem Gebundenen die Stricke entzwei. 3 Verpuſte Dich einen Augenblick— ſagte der Eine— und dann mit uns durch Dick und Duͤnn, wenn wir den Hun⸗ den entlaufen.— Andere. Ein gluͤcklicher Schuß! erwiderte Niklas.— Er traf das dicke Schwein, den Sampſon, in den Arm. Wir wer⸗ den nun wohl einige Wochen vor ihm Ruhe haben. Bertram ſah das bunte Schauſpiel am Feuer von ſei⸗ nem ſichern Standpunkte aus. Noch waͤlzten ſich drei Leute am Boden umher, drei waren noch auf der Flucht begriffen, und die drei Uebrigen, in der Meinung, der Hauptangriff werde erſt jetzt erfolgen, ſtellten ſich in Poſitur zur Verthei⸗ digung. Ob wir den Kerlen noch eine Salve geben, Niklas!— fragte der Zweite— ſie ſtehn gar zu poſſirlich da, und es waͤre doch Ruhm fuͤr uns, wenn wir nicht allein, zwei Mann unſere Artillerie hat gut ſalvirt, Niklas!— ſagte der ſtark, neun Conſtablern einen Gefangenen abgenommen, ſon⸗ dern ſie auch noch angegriffen haͤtten. Nicht doch Toms! Ehre genug. Du haſt Dein Mand⸗ ore trefflich ausgefuͤhrt. Sie mußten glauben, von vier Sei⸗ ten kaͤmen die Schuͤſſe. Aber ſchießen wir jetzt, ſo verrathen wir die Richtung unſerer Flucht, und diesmal— ſagt mit 5— ——774— mein kleiner Finger— iſt mit der Hetze nicht zu ſpaßen. Sie haben einen Hinterhalt. Wie Du meinſt, Niklas. Ich verſtehe das nicht. Ueberhaupt iſt's am beſten, Du ſchleichſt Dich allein nach Hauſe. Jemehr wir ſind, um ſo gefaͤhrlicher iſt's. Auch gut, Niklas! ſagte der junge Menſch, und war, ehe ſich Bertram verſah, im Gebuͤſch verſchwunden. Toms iſt der geſchickteſte Bergkletterer in Wales— ſagte Riklas— er klettert Dir bei Nachtzeit uͤber den hohen Ruͤ⸗ cken des Snowdon, da wo ich's nicht wage bei Tagezeit zu ſteigen. Er iſt ſicher, nach Hauſe zu kommen, aber wir,— die wir das nicht nachthun koͤnnen, muͤſſen ſchon ſehn, wie wir uns am Fuß der Berge durchſtehlen. Nimm Deine Fuͤße zuſammen, und folge mir ſo leiſe Du kannſt, und wenn's geht, halte ſelbſt den Athem an. Ueber Berg und Buſch, durch Hohlwege und tiefe Kies⸗ baͤche ging die Flucht. Sie ſtiegen mit Anſtrengung und Gefahr die jaͤhe Wand einer tiefen Schlucht hinab, und von unten ſah Bertram hoch uͤber ſich, aber in kleinerem Verhaͤltniß, die mondweißen Ruinen des Kloſters. Ein un⸗ bedeutendes Baͤchlein rieſelte tief unten in der Schlucht, welche nur ein furchtbarer Strom einſt in der Vorzeit konnte gebildet haben. Niklas ſuchte und fand hier ſeinen herab⸗ geworfenen Mantel, und dann eilten beide auf dem uneben⸗ ſten Wege von der Welt laͤngs dem Bache auf wild durch⸗ einander geworfenen Steinen dem flachen Lande zu. Oft — 78— ſtrauchelte Bertram, und Niklas, welcher, bekannter mit dem Wege und geuͤbter im Springen, ſchon weiter vorgeruͤckt war, mußte zuruͤckkehren, um dem jungen Manne anf die Beine zu helfen. Endlich betraten ſie einen geebnetern Fuß⸗ ſteig, welcher ſich durch gewaltige Felsſtuͤkke und wildes Strauchwerk hindurchwand, jedoch einen ſehr bewanderten Ortskundigen verlangte, num nicht uͤberſehen und verfehlt zu werden. 4 Erſt, als auch auf dieſem Bertrams letzte Kraft darauf gegangen ſchien, erblickte er durch das dicke Geſtruͤpp vor ſich eine weite, vom Monde erhellte, Ebene. Er fand ſeinen Begleiter ungefaͤhr im letzten Buſchwerk ſtillſtehend, und auch er lehnte ſich ausruhend gern au einen verdorrten Weiden⸗ ſtamm.— Du freuſt Dich wohl auf die kreideweiße Mondausſicht, Herr Bertram? Ich moͤchte dieſen unnuͤtzen Illuminanten, der eigentlich fuͤr Niemand auf der Welt iſt, als fuͤr ganze und halbe Kranke, naͤmlich Mondſuͤchtige und Poeten, un⸗ ter die Erde wuͤnſchen; denn ein betriebſamer Mann ver⸗ ſteht auch im Dunkeln ſeine Wege zu ſinden,⸗ und der unge⸗ rufene Vermittler oben dient nur den Leuten, die ehrlichen Leuten auf die Finger ſehn, ihr ungebetenes Amt zu er⸗ leichtern. 8 Du biſt noch munter, Niklas! 4 1 Sprich leiſer!— Das denk ich uͤbrigens bis an die letzte Staffel zu bleiben. Eine melancholiſche oder empfind⸗ ſame Seele wuͤrde ſchlecht zu meinem Metier paſſen. Niklas! Um Gottes Willen nenne mich nicht ſo haͤufrg bei Na⸗ men. Es taugt uͤberhaupt nicht, daß Du den Namen weißt; denn Namen koͤnnen gefaͤhrlich vor Gerichte werden, und es genuͤgt ja unter braven Leuten, den Werth des Freundes zu kennen. Sonſt iſt mir der Name Nicolao, den ich in den Mexiceaniſchen Gewaͤſſern fuͤhrte, auch lieber. Nun worauf ſinneſt Du, Nicolao Ich bedenke, daß ein laͤngerer Verzug immer gefaͤhrli⸗ cher wird, und ich bis dahin noch keinen beſſern Rath habe ausfindig machen koͤnnen, als daß wir uns trennen. Glaube nicht, daß ich Dich verrathen will, ab ber, bei den Gebeinen aller Heiligen in Wales! Du kannſt nicht mit mir die ge⸗ fahrvollen Wege kriechen, ſpringen und ſchleichen. Lieber haͤtte ich Dich mit dem Toms uͤber die B erge geſchickt. Ich glaube den Toms zu kennen. Er iſt der Sohn der verruͤckten Gillie, und ſo treu mir, wie die Alte toll jſt.— Bertram, es gilt Eile. Siehſt Du dort auf der weiten Haide den ſchwarzen Punkt?— Es iſt ein alter Stein. Von dort wendeſt Du Dich links, dann beim Torfgraben rechts, und wenn Du auf der Hoͤhe biſt, ſichſt Du etwa eine Meile von Die ein kleines Gehoft. Da wohnt Valentin Skimbleſkamble. Der nimmt Dich fuͤr dieſe Nacht auf⸗ Lebewohl— ich kann Dir nichts Beſſeres rathen. Nicolao! ich will lieber mich den Haͤſchern uͤbergeben. Man kann mir ja nichts beweiſen. Willſt Du ein Narr ſein?— fuhr dieſer auf— Schon mit mir Umgang gepflogen zu haben, ſpedirt Dich an den Galgen, und Du kannſt Deine Suͤnden apart in der Taſche behalten. Thue, wie ich Dir ſagte, und— nun, in Kurzem ſeh ich Dich wieder, und dann ſprechen wir mehr— ich finde Dich uͤberall auf. Eile, ehe das Schneewetter gufkommt und Deine Tritte verraͤth.. 3 Kaum hatte Nicolao dieſe Worte ausgeſprochen, als er auch ſchon aus Bertrams Augen verſchwunden war. Bei der Berathung, die der letztere mit ſich ſelbſt daruͤber an⸗ ſtellte, welchen Weg er einzuſchlagen habe, wurde bald, durch die augenblickliche Furcht vor der Wiederergreifung, der Rath der vernunftigern Ueberlegung: ſich ſelhſt zu uͤberlie⸗ fern, uͤberſtimmt, und er ſchlug den ihm bezeichneten Weg uͤber die weiße Haide ein. Obgleich ermuͤdet und erſchoͤpft/ rannte er doch mehr als daß er ging, denn Kaͤlte und Furcht hatten ſein Blut erſtarrt, und gaben ihm doch zugleich mo⸗ mentane Kraft. Ueberdies zogen Schneewolken drohend am Himmel herauf, und wenn er auch weniger, als ſein Fuͤhrer⸗ wegen des moͤglichen Verrathes beſorgt war, ſo erſchienen ſie doch dem naͤchtlich Verirrten auf einer graͤnzenloſen Haide furchtbar genug. Noch erhellte zwar der Mond han T —— derſelben, aber immer naͤher und naͤher zog die ſchwarze um⸗ huͤllung am Himmel, und verdunkelte demzufolge auch den groͤßeren ſichtbaren Halbkreis der Erde. Bertram war nicht ohne Aberglauben, er hatte viel von den Elfenkreiſen beim Mondſchein auf gruͤnen Wieſen und rothen Haiden gehoͤrt: der Gedanke an dieſe lieblichen Schoͤpfungen der Volksphan⸗ taſte machte aber hier der Ahnung finſterer Daͤmonen Platz, und er geſtand ſich den Wunſch zu: einen Begleiter zu fin⸗ den, waͤre es auch ein der Gegend nicht mehr Kundiger als er ſelbſt. Indeſſen fand er den bezeichneten ſchwarzen Stein auf, und wandte ſich von hier aus links, der Anweiſung Ni⸗ colgos zufolge. In der Nacht wird dem Wanderer die halbe Meile zur ganzen. Auch Bertram glaubte, daß, wenn er ſich nicht verirrt haͤtte, er ſchon laͤngſt an dem bezeichneten Torf⸗ graben angelangt ſein muͤſſe, ohne mit aller Anſtrengung des Auges auch in der weiteſten Ferne einen zu entdecken. Im Unmuthe, welcher an Verzweiflung graͤnzte, blickte er noch einmal zuruͤck, und ſah, daß der hochhervorragende Thurm des Kloſters roͤthlich erleuchtet war, ein Zeichen, daß die Haͤſcher, noch in ſeiner Naͤhe gelagert, die Wiedereinbringung ihres Gefangenen nicht aufgegeben hatten. Dieſer Umſtand beſchlennigte ſeine Schritte, Halb blindlings rannte er ge⸗ vade zu, und als er auf einen Torfgraben ſtieß,— ob es der rechte war, wiſſen wir ſelbſt nicht— wandte er ſich rechts um, und glaubte, nachdem er eine kleine Hoͤhe gewonnen, wirklich in einer gewiſſen Entfernung das zadedelein Gehoͤft II. Bd 0 6 1 zu erblicken. Der Himmel war indeſſen ietzt ſo bewoͤlkt, daß kein Mondenlicht ihm den Weg zeigen konnte; er beeilte des⸗ halb immer mehr ſeine Schritte, um die Richtung bei der zunehmenden Dunkelheit und dem zu befuͤrchtenden Schnee⸗ geſtoͤber nicht ganz zu verlieren. Athemlos ſtieß er, als die erſten Schneeflocken herabſielen, an das Gebaͤude, ehe ſein Auge es wieder entdeckt hatte. Er taſtete umher, eine Thuͤr zu finden. Statt deren entdeckte er aber eine ſteinerne Treppe, und ſtieg eilends hinauf. Oben angelangt bemerkte er aber zu ſeinem Erſtaunen, daß weder Thuͤr noch Haus vor ihm ſtehe, ſondern er ſelbſt ſich auf einer freien Platforme be⸗ finde, auf welcher nur einige Pfeiler aufgerichtet erſchienen. Es war, wie er ſich bald uͤberzeugen mußte, der Gal⸗ gen*). Aber nicht das Schrecken dieſes furchtbaren Ortes allein uͤberkam den Verirrten, ſondern es richtete ſich auch aus dem Schatten des mittelſten der drei Pfeiler eine lange Geſtalt auf, und ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus. Schon die vorhergehenden Ereigniſſe hatten Bertrams Muth unter⸗ graben. Einen Fluͤchtigen kann das Niederfallen des welken Laubes erſchrecken, und wen die Verfolgung von Menſchen *) Der engliſche Recenſent bemerkt, die Vorſtellung des Gal⸗ gens ſcheine wegen der Treppe eine Deutſche zu ſein. Wir bemerken dagegen, daß Deutſche, Sachſen und Normannen ja Eines Stammes waren, und in den Grundzügen dieſer Völker eine Verwandtſchaft auch wohl bis König Eduard I. Zeiten ſich annehmen läßt. 4 — — 83— in Angſt ſetzt, fuͤr den wird aus der Furcht ein Geſpenſt. Ein ſolches glaubte auch Bertram in der ſich erhebenden Ge⸗ ſtalt zu erblicken, als er ploͤtzlich ſich umwendete und die Treppe des Geruͤſtes wieder hinunter eilen wollte. Aber die Geſtalt war eben ſo ſchnell als er, und faßte ihn am Rock⸗ ſchoß, indem ſie mit herzerſchuͤtterndem Tone die Worte ausſtieß: Kommſt Du mein Sohn?— Juchheißa, juchheißa! Ich bin ja Deine Mutter.— Ich habe Dich ſo lange gerufen— ich habe Deinen Strick gerungen und gewunden und alle Worte geſprochen— aber Du hoͤrteſt nicht, oder der Boͤſe mußte Dich feſthalten. Komm Gregory, freu Dich einmal mit der Mutter. Alle Jahr, ſeitdem ſie Dich hingen, bin ich am Tage hergekommen, und habe dem Sauire geflucht und Dich ſo laut gerufen, und alle Geiſter in Wales habe ich beſchworen, Dich einmal heraufzulaſſen, daß Deine Mut⸗ ter Dich herzen koͤnnte, und fragen, wie es Dir geht? Sie zog, mit zitternden Haͤnden zwar, aber mit gewal⸗ tiger Anſtrengung den von Fieberfroſt uͤberſchuͤtteten Ber⸗ tram zuruͤck: Gregory, mein Sohn! Bleib doch noch einen Augen⸗ blick. Der Hahn kraͤht ja noch lange nicht. Ich will Dir Alles erzaͤhlen, wie ich Dich raͤchen will, und Pflaſter auf Deinen rothen, wundgeriebenen Hals legen. Das wollte ich Dir ſchon ſo lange erzaͤhlen, und Du biſt nie gekommen. O ich bin eine treue Mutter⸗ 4 Bei Schnee und Regen, bei Wind und Wetter, Hab' ich immer an Dich gedacht; Bei kaltem Nebel ſiand ich am Fenſter Und habe das Feuer für Dich angefacht. Aber Du kamſt nicht, Gregory! und ich bat doch ſo ſehr, ſo ſehr, ſo ſehr. Dein Bruder Toms iſt ein ſchlechter Menſch— Das wollte ich Dir auch ſagen— der dient dem Sauire, und dem Boͤſen auch— aber ich ſage Dir ganz gewiß, es wird dem Sauire nicht helfen, und dem Toms nicht helfen, — er wird doch haͤngen, wo Gregory hing,— haͤngen, dem ich's geſchworen habe. Komm doch an mein Herz, Gre⸗ gory!— Waͤhrend das Weib ſeinen Rock fahren ließ, um ihn mit ihren duͤrren Armen zu umfaſſen, riß er ſich los, ſprang mit zwei Schritten die Treppe vom Galgen hinab, und rannte, von entſetzlichem Grauen befluͤgelt, auerfeldein, nur um dem Schreckensbilde zu enteilen. Hinter ihm her rief das wahnſinnige Weib vom Geruͤſte herab: Gregory! lieber Gregory! komm wieder!— Ach Du biſt nur ein Nebelbild.— Der Wind wird Dich zerſtieben, und die Schneeſlocken treiben— treiben— treiben. Gre⸗ gory! Gregory! 4 Noch lange hoͤrte Bertram den klaͤglichen Ruf Gregory! Gregory! hinter ſich herſchallen, bis die Entfernung und das immer ſtaͤrker werdende Schneegeſtoͤber jeden Laut er⸗ ſtickte. Es war finſtere Nacht, und nur das blendende Weiß — 8— des Schnees, welcher ſchon das ganze Moorland bedeckt hatte, gab eine Art von Erleuchtung. Dennoch war fuͤr ihn weder die Spur eines Weges vorhanden, noch wußte er auch nur im Allgemeinen die Richtung, welche er zu nehmen habe. Der Schnee ſchien bereits ſtellenweiſe die Eisdecke des Noor⸗ landes erweicht zu haben, denn mehrere Male verſank er bis an die Kniee, und arbeitete ſich nur mit Muͤhe wieder heraus. Kaͤlte, Hunger, Durſt, auch gaͤnzliche Erſchoͤpfung, lie⸗ ßen ihn ſchon den verzweiflungsvollen Entſchluß faſſen, da er nirgends einen Ausweg ſah, und vielleicht bis weit nach Anbruch des Wintertages im Schnee haͤtte waten koͤnnen, ſich irgendwo niederzulegen, und in den Schnee ſelbſt, wel⸗ cher ja nach den Auſſagen der Nordlandsreiſenden die Eigen⸗ ſchaft zu waͤrmen beſitzen ſoll, zu vergraben. Es war aber ein ſcheinbar noch empfindlicherer Unfall, welcher dieſes ver⸗ zweiflungsvolle Vorhaben ihm wieder aus dem Sinne jagte, und eher neuen Muth zur Ausdauer lieh. Er ſtuͤrzte ploͤtzlich beim Weiterſchreiten in einen Torfgraben. Waͤhrend er an⸗ fangs nur bis uͤber das Knie im Waſſer ſtand, ſank er, bei dem Verſuche auf der Seite, wo er hineingefallen war, her⸗ auszuſteigen, bis an die Bruſt hinein, und gelangte nur nach großer Anſtrengung auf der entgegengeſetzten wieder an's Trockene. Er gelobte ſich, nie wieder freiwillig eine Tour in der Nacht zu unternehmen, ja bei der erſten Gelegenheit ein Land zu verlaſſen, in welchem ihn die abenteuerlichen Be⸗ gebenheiten mehr als einmal in Lebensgefahr gebracht hatten. — 86— Jedoch hatte der Unfall die erſtarrten Lebenskraͤfte wieder ge⸗ reizt, und da er bei der Naͤſſe des ganzen Koͤrpers fuͤr den Augenblick nicht daran denken konnte, ſich ruhig niederzule⸗ gen, ſo ſtrengte er ſich an, nicht allein weiter zu gehen, ſon⸗ dern ſogar zu laufen, um durch Reibung die laͤngſt entflo⸗ hene Waͤrme wieder zu gewinnen. Bei dieſer ſchnellen Be⸗ wegung, welche jede Vorſichtsmaßregel ausſchloß, ſtieß er abermals mit dem Kopfe an einen Gegenſtand. Diesmal aber erweckte ihm dieſer Umſtand ſtatt des Schreckens nur Hoffnung. Es war eine hohe Stange, wie man dergleichen in weiten Moorgegenden und auf Gebirgen zur Bezeichnung des Weges fuͤr den Fall des hohen Schnees aufzuſtecken pflegt. Seine Erwartung taͤuſchte ihn nicht. In einiger Entfernung fand er die zweite Stange, bald die dritte, vierte u. ſ. w., bis er endlich auf einen wahrſcheinlich bewohnten Fleck ſtieß. Zwar ſah er weder Haus, noch Baum, noch Zaun vor ſich, aber ſelbſt ein ganzes Dorf wuͤrde in dieſem Augenblicke mit ſeinen, vom Sehnee bedeckten, Daͤchern un⸗ ſichtbar geweſen ſein; jedoch hoͤrte er das Bloͤken von Scha⸗ fen. Selten hatte ihm ſo das Herz vor Freude geklopft, als jetzt bei dieſem Tone. Er eilte auf den Ort zu, und fand bald einen nicht hohen Zaun, uͤber welchen er ohne Beden⸗ ken ſtieg; auch fuͤhlte er die aͤußere Mauer eines Hauſes, ohne jedoch eine Thuͤre entdecken zu koͤnnen. Dagegen ſtieß dicht an das gemauerte Haus ein hoͤlzerner Stall, aus welchem der fuͤr den Verirrten ſo angenehme Ton der Schafe kam. Mancher geneigte Leſer wird, wenn er an ſeinem, mit trefflichen Steinkohlen gefuͤllten, Kamine, oder gar im Som⸗ mer dieſes Kapitel lieſt, ſich des Laͤchelns nicht enthalten koͤnnen. Wer aber, aus Luſt oder Noth, im Winter eine Hoch⸗ ſchottiſche Haide durchwandert und ſich im Nebel verirrt hat, weiß, welche Seligkeit fuͤr den Ermuͤdeten und Erſtarrten ein dampfender Schafſtall gewaͤhrt. Der Novelliſt ſpricht hier aus eigener Erfahrung. Auf einer romantiſchen Fußpar⸗ tie von Edinburg aus nach den nordweſtlichen Theilen von Strathnavern verirrte er ſich mit ſeinem, ſeit zehn Jahren verſchiedenen, in ſeinem Angedenken aber immerfort leben⸗ den Freunde Thomas Vanley, Esg. Nachdem ſie mehrere Stunden auf der Novemberhaide durch die dickſten Nebel ge⸗ wandert, und von dem Moorgrunde und der feuchten Luft durchnaͤßt und erſtarrt waren, entdeckten ſie am Abhange eines der kahlen Patrik⸗Huͤgel eine einſame Huͤrde. Sie ſtand ganz abgeſondert von allen menſchlichen Wohnungen, und ſelbſt der Hirt hatte ſich in dieſer Nacht, vielleicht einer Lieb⸗ ſchaft wegen, fortgeſtohlen; doch fanden wir etwa funfzig Schafe in dem eben erſt mit reinlichem Stroh verſorgten Stalle. Unverdroſſen kletterten wir uͤber die Thorleitern, und ſuchten unſer warmes Lager zwiſchen den friedlichen Thieren. Noch oft verſicherte ſpaͤterhin Thomas Vanley, daß, obgleich er bekanntlich in Indien alle Genuͤſſe eines Nabobs, waͤhrend ſeines dortigen Dienſtes unter Lord Wel⸗ lington, gehabt, doch kein Indiſches Lager ihm ſo erquickend — 88— geweſen, als jenes Strohlager unter den Schafen am Pay trik⸗Huͤgel. Zu feiner Freude fand Bertram die große Stallthuͤre nur angelehnt.*) Ohne Geraͤuſch oͤffnete er ſie gerade ſo weit, um mit ſeinem Koͤrper ſich durchdraͤngen zu koͤnnen, ſchloß ſie dann wieder behutſam und ſtieg uͤber die große Leiter, welche den Eingang verſperrte. Nun tappte er in gebuͤckter Stellung, indem er mit den Haͤnden zuvor den Bo⸗ den ſondiete, weiter; konnte, dieſer Vorſicht ungeachtet, es aber nicht verhindern, daß nicht die erweckten Schafe, wie es gewoͤhnlich iſt, wenn ein Fremder in den Schafſtall dringt, aͤngſtlich bloͤkend vor ihm flohen, und ſich in den entferntern Theil des Stalles draͤngten. Groͤßer aber war ſein Schreck, als er ploͤtzlich mit den Haͤnden auf einen Gegenſtand ande⸗ rer Art ſtieß, einen lang ausgeſtreckten menſchlichen Koͤrper. Er zog ſchnell die Haͤnde zuruͤck, und verhielt ſich maͤusche⸗ ſtill. Als er aber am Schnarchen bemerkte, daß es ein in tiefem Schlafe begriffener Menſch ſei, ſtieg er vorſichtig uͤber ihn weg, und ſuchte ſich im entfernteſten Winkel des Stal⸗ les ein weiches und warmes Lager. Er verſtand zu ſeinem Gluͤcke die urſpruͤnglichen Bewohner des Stalles ſich zu be⸗ *) Der Engliſche Recenſent erzählt ein ſehr intereſſantes Reiſe⸗ abentheuer, welches er ſelbſt zu Fuß, am Fuß des Snowdon und im AWinter erlebte, und das big auf die Schafe mit dem unſers Bertrams verwandt iſt. — 89— freunden, und bald lagerten ſich zu ſeinen beiden⸗Seiten zwei wollige und reinliche Laͤmmer, und er mußte ſich geſtehen, daß nach den Strapatzen dieſer Nacht kein Unterkommen fuͤr ihn haͤtte erfreulicher ſein koͤnnen. Waͤhrend aber ſeine er⸗ ſtarrten Glieder die wohlthaͤtige Waͤrme empfanden und ſeine Augen ſich ſchloſſen, war der Geiſt noch wach. Er rief ſich alle Gefahren, alle wunderbare Begebenheiten, welche ihm in ſo kurzer Zeit zugeſtoßen waren, zuruͤck, und faßte den feſten Entſchluß, wenn ihn der Himmel aus dieſer Gefahr gluͤcklich loskommen laſſe, ſich Morgen fruͤh nach M»*r zu ſchleichen, ſein Felleiſen abzuholen, und, ſo groß auch die Sehnſucht geweſen, welche ihn nach England getrieben, und eine wie angenehme Erſcheinung noch vor Kurzem ihm hier geworden, doch England mit der naͤchſten Gelegenheit zu verlaſſen. Als er erwachte, fuͤhlte er ſich voͤllig geſtaͤrkt, ein Zei⸗ chen, daß ſein Schlaf ein erquickender und langer geweſen. Nur mit Muͤhe konnte er ſich alle die Umſtaͤnde zuruͤckrufen, welche ihn in dieſe ſonderbare Lage gefuͤhrt hatten. Noch mehr betroffen war er, als ſich um ſein Lager eine ganze ruͤſtige Bauerfamilie verſammelt hatte, welche ihn mit Blik⸗ ken der Verwunderung und zugleich der Furcht betrachtete. Ohne indeſſen zu fragen, wie er hierher gekommen, luden ſie ihn ſogleich ein, ihnen in die Stube zu folgen, um ein Fruͤhſtuͤck einzunehmen. Bertram nahm die Einladung dank⸗ bar an, und ging mit der Familie, deren Furcht ſich leicht daraus erklaͤren ließ, daß ſie groͤßtentheils aus Frauen und — 99— Kindern beſtand, und nur einen Greis und einen hagern Mann zaͤhlte, aus dem Stalle. Unterweges fanden ſie auf dem Hofe einen erwuͤrgten Kettenhund. Ein kleines Maͤd⸗ chen ging an ihn heran, ſtreichelte ihn weinend, und ſprach einige Fluͤche gegen den Moͤrder aus. Der Greis aber ver⸗ wies ihr dies mit halb drohender, halb aͤngſtlicher Stimme, und fuͤhrte den Gaſt in das große Wohnzimmer und hinter einen, in der Ecke ſtehenden, großen Tiſch. Es war ſeltſam, daß, waͤhrend die Familie ihn dringend zum Eſſen und Trin⸗ ken noͤthigte, und ſich Muͤhe gab, ſeine Aufmerkſamkeit in einem fortwaͤhrenden Geſpraͤche zu feſſeln, doch Niemand mit ihm etwas genoß, und alle Mitglieder, bis auf den Vater, ſich ſcheu um die einzige Thuͤre der Stube geſetzt hatten. Dieſer aber ging allein, mit auf dem Ruͤcken gefalteten Haͤn⸗ den, im Zimmer umher, und warf zuweilen verſtohlne Blicke auf Bertram. Da unſer Held deutlich merkte, daß er die Ruhe der Familie irgendwie ſtoͤre, ruͤſtete er ſich zum Aufbruch, und fing mit Abſtattung ſeines herzlichen Dankes an Abſchied zu nehmen. Wie erſchrocken uͤber dieſes Vornehmen, verſuchte der Alte alle moͤgliche Gruͤnde, ihm abzurathen: er habe ſich noch nicht gehoͤrig erholt, es ſolle ihm erſt ein warmer Trank bereitet werden, das Wetter ſei ſchlecht u. ſ. w. Als Ber⸗ tram ſie aber ſaͤmmtlich mit dem ſchlagenden Grunde, daß er keine Zeit zu verlieren habe, und daß es ſchoͤnes und kla⸗ res Winterwetter ſei, widerlegt hatte, trat der Alte, gleich⸗ — 91— ſam als muͤſſe er ſich entſchuldigen, an den langen, hagern Kerl heran, zuckte die Achſeln, und Bertram glaubte die Worte zu hoͤren: Mit Gewalt koͤnnen wir ihn nicht halten. Um ſo ſchneller ergriff Bertram ſeinen Hut, fragte, ob er fuͤr die Bewirthung etwas zahlen duͤrfe? und wollte, als der Alte dies verneint hatte, nach Haͤndedruck und Gruß hinaustreten. Der Familienvater fragte ihn aber noch ein⸗ mal, wo er denn eigentlich hinwolle? und als er antwortete, nach Me*r, entgegnete er: Dahin geht der da auch— er zeigte auf den hagern Mann, welcher eine Pelzmuͤtze weit uͤber die Ohren gezogen hatte,— der kann Euch den Weg zeigen. Der Kerl ſtotterte einige Worte von„ſehr gern,“ und ehe noch Bertram ſeinen Entſchluß kundgegeben, ob er den Mann zum Begleiter haben wolle, oder nicht, war dieſer ſchon zur Thuͤre hinaus, und der Alte ſchob Bertram hin⸗ terher. So ſchoͤn der Wintertag auch erſchien, ſo war doch der Weg ſehr beſchwerlich, indem der Froſt den hochgefallenen Schnee mit einer Eiskruſte uͤberzogen hatte, daß der Fuß⸗ wenn er dieſe durchbrochen hatte, tief unterſank, ehe er auf feſten Boden kam. Beide Fußgaͤnger ſchritten demnach nur langſam vor, und Bertrams Begleiter blieb meiſtens noch hinter ihm zuruͤck. Als dieſer ſich einmal nach ihm umſah, glaubte er zu bemerken, daß der Menſch in gebuͤckter Stel⸗ lung Bertrams Fußtapfen im Schnee ausmeſſe. Sonſt zeigte — 92— er ſich als einen ſehr gefaͤlligen Fuͤhrer, und unterhielt ſich auch mit zuvorkommender Hingebung mit Bertram; nur daß er, gleich einem, welcher ein boͤſes Gewiſſen hat, die Augen beſtaͤndig niederſchlug, und auch mit niedergebeugtem Kopfe einherging. 3 Sie mochten kaum eine Stunde gegangen ſein, als Ber⸗ tram ſich mit einemmale allein ſah. Er kehrte ſich um, und erblickte den Fuͤhrer ungefaͤhr funfzig Schritte hinter ſich auf einer kleinen Anhoͤhe, den Hals weit hinausreckend, und ploͤtzlich mit einem Tuche Zeichen gebend. Schurke, was beginneſt Du? rief Bertram ihm zu. Statt aber zu antworten, ſchwang er ſein Tuch immer höher und pfiff dazu aus allen Kraͤften. Bertram wollte zuruͤckrennen, um ihn zu einem Geſtaͤndniß ſeines Verrathes zu zwingen; ehe er indeſſen den Entſchluß ins Werk ſetzte, hoͤrte er vor ſich Pferdegetrappel, und bald ſprengte ein Trupp Reiter hinter einer Anhoͤhe hervor, auf ihn zu. Haͤtte er auch entfliehen wollen, ſo waͤre es ihm doch nicht moͤglich geweſen, da der Trupp, eine ſolche Abſicht bei ihm voraus⸗ ſetzend, ſich nach allen Seiten zu vertheilen ſchien, um ihn noͤthigenfalls zu umzingeln. Als ſie indeſſen ſahen, daß er ſtille ſtehen blieb, ritten die Vorderſten in gemeſſenem Trabe ihm entgegen. Ein ſtarker Mann, welcher den Arm in der Binde trug, lachte ſchon aus der Ferne ihm entgegen: Hat Dich gereut Deine Freiheit, mein braver Held? — 93— Kommſt Du ſelbſt, gegen meinen Rath, der Schlinge ent⸗ gegen? Bertram erkannte in ihm den Conſtabler Sampſon. Als dieſer naͤher mit ſeiner Schaar herangekommen war antwor⸗ tete er ihm mit ruhiger und feſter Stimme: Ich uͤbergebe mich Euch freiwillig, in der Hoffnung, daß ſich Alles zu mei⸗ nen Gunſten aufklaͤren wird, und es thut mir von Herzen leid, daß meinetwegen Jemand unndthigerweiſe verwundet iſt. Die Haͤſcher lachten laut auf, indem ſie von den Pfer⸗ den abſtiegen: Seht mal— ſagte der Conſtabler— das iſt ein chriſtlicher Schurke. Wir, die wir ehrliche Leute ſind, ſind, glaube ich, nicht halb ſo gute Chriſten. Ja, mein treff⸗ licher Chriſt, Du wirſt rein wie die Sonne daſtehn, unſchul⸗ dig wie die Luft, Gott wohlgefaͤllig wie Gans und Schaf, aber erſt ein Bischen haͤngen.— Aber Mae Kilmary! daß Du moͤgeſt im Waſſer verbrennen— wer hieß Dich mit ihm fortgehn, ehe wir ankamen? Er wollte nicht laͤnger warten— ſagte der rothhaarige Irlaͤnder, als welchen Bertram jetzt erſt ſeinen Fuͤhrer er⸗ kannte— und anyacken mochten die Paͤchtersleute nicht mit. Sie fuͤrchteten ſich ſo ſchon gewaltig, und haͤtten mir ihn auch nicht verrathen, wenn er nicht geſtern Nacht ihren alten Packan beim Einſteigen todtgeſchlagen, und ich ihnen viel von den Geſetzen und der Strafe vorgeſchwatzt haͤtte. An ihrer Stelle, Mac Kilmary, haͤtte ich auch die Ge⸗ ſetze und alle Rothkoͤpfe laufen laſſen; denn einen ſo ehrli⸗ — M— chen Chriſten, wie unſern Freund hier, zum Feinde zu haben, iſt fuͤr einen einſamen Haidewaͤrter etwas ſehr Kitzliches. Bindet ihn nur feſter, ſonſt rieche ich ihn Euch nicht zum drittenmale aus. Es ward mir ſchon ſchwer genug, ſeine Fußtapfen im Schnee auf der Haide zu entdecken, da es wieder drauf geſchneiet hatte. Ja, Du biſt durch und durch Hund, Mac Kilmary. Aber keiner, der fuͤr andere Leute apportirt; denn dies⸗ mal ſollt Ihr, beim gruͤnen Erin, keinen Pence von der Be⸗ lohnung kriegen. Hunde muͤſſen den Schinken fuͤr ihren Herrn im Maule tragen, und kriegen, wenn's hoch kommt, den Knochen,— ſonſt die Peitſche. Der Irlaͤnder brummte einige unverſtaͤndliche Worte vor ſich hin, waͤhrend die Haͤſcher Bertrams Haͤnde auf ſeinem Ruͤcken feſt zuſammenſchnuͤrten, und dann einen Strick um ſeinen Hals banden, deſſen anderes Ende an des Conſtablers Sattelknopf befeſtigt wurde. So an die Reiter auf eine ſichere, aber keinesweges angenehme, Art gefeſſelt, mußte Ber⸗ tram hinter dem Pferde des Conſtablers wie ein geſchleifter Gefangener einhertraben. Zu ſeinem Gluͤcke hinderte jenen die Verwundung am ſchnellen Reiten, und zu einigem Troſte ging der Irlaͤnder neben ihm her. Als ſie auf dieſe Weiſe eine ziemliche Strecke fortgezogen, und die Reiter in einem lauten, den Gefangenen wenig intereſſirenden, Geſpraͤche be⸗ Nun, nun! Ihr moͤgt es noch nicht vergeſſen, daß ich kluͤger — 95— griffen waren, draͤngte ſich Mac Kilmary naͤher an dieſen heran, und fluͤſterte ihm ins Ohr: Ihr muͤßt nicht denken, weil ich Euch aufgepaßt habe, ich ſei ein ſo tuͤckiſcher Kerl.— Nein, ich diene wer mir Brod giebt, und waͤre manchmal, wenn ich luſtige Leute in den Thurm brachte, lieber ſelbſt mit ihnen davon gelaufen. Ich habe mich auch viel in der Welt verſucht, und kenne alle die Kuͤſten von Waterford herauf bis Dublin, und die Schlupfwinkel in Carnarvon, Cardigan und Pembroke.— Lieber Gott! Ehrlichkeit hat viele Seiten, und ein zerriſſe⸗ ner Rock muß uͤberall geflickt werden. Ich bin Euch auch gar nicht gram, und habe mit rechter Luſt von Eurem letz⸗ ten Streich an der Zollbarriere gehoͤrt. Eſel muß man be⸗ truͤgen, anders iſt es einmal nicht in der Welt. Diesmal hab' ich Euch nun fuͤr die Belohnung gefangen, aber Gott ver— ich bin lange genug ehrlich geweſen, und habe Waſſer⸗ ſuppe und Knochen dabei gegeſſen; wenn Ihr mir ein gutes Handgeld verſprecht, ſo helfe ich Euch wieder loskommen, und gehe mit Euch auf die See oder in die Waͤlder, wo Ihr mich brauchen koͤnnt. Mir iſt's nur um einen tuͤchtigen Kerl zu thun, unter dem es eine Ehre iſt, zu dienen, und der nicht ein ſo verſoffener Conſtabler, wie der Sampſon, iſt.— Was meint Ihr? Bertram zuckte die Achſeln und wuͤrdigte ihn keiner Antwort. Der Menſch aber fuhr in demſelben Tone fort: als Ihr war, was ich Euch auch nicht verdenken mag; aber bedenkt Euch noch bei Zeiten, denn von der Leiter aus iſt nicht mehr gut appelliren. Als Bertram beim Schweigen verharrte, verſtummte auch der Irlaͤnder und pfiff ſich ein Liedchen. Nach dem Marſche von einigen Stunden betraten ſie eine Anhoͤhe, von welcher man in der Entfernung einen Thurm ſah, den Bertram als der Mrerſchen Kirche zugehoͤrig erkannte. Alſo dorthin geht der Zug! dachte der Gefangene bei ſich, als der Trupp an⸗ hielt, und ein Leiterwagen mit vier Pferden ihnen im ge⸗ ſtreckten Gallop entgegen kam. Er hielt bei der Anhoͤhe gleichfalls ſtille, und die Reiter fuͤhrten den Gefangenen ihm entgegen. Eine wohlbeleibte Perſon, die neben dem Kutſcher ſaß, erhob ſich gravitaͤtiſch und ſchrie ihnen entgegen: Alſo pro gloria patriae erwiſcht! Da hat ſich das alte gute Sprichwort bewaͤhrt: Wer haͤngen ſoll, der ertrinkt nicht. Aber wiederum auch der Grundſatz: Trau keinem ehrlichen Geſichte! denn wer haͤtte es dem Menſchen ange⸗ ſehn, als er triefend von Waſſer bei uns auf dem Schemel am Feuer ſaß, daß eine ſo gottloſe Seele in einem ſo ſchmuk⸗ ken Geſichte ſitzen wuͤrde. Der Redner war kein Anderer als Alderman Graveſand aus M***, welcher dem Gefangenen entgegen gefahren war⸗ um ihn in Empfang zu nehmen. Bertram redete ihn kuͤhn an; Bei unſerer alten Bekanntſchaft, Herr Graveſand, be⸗ ſchwoͤre ich Sie, das Mißverſtaͤndniß dieſer guten Leute auf⸗ zuklaͤ⸗ —;—OCOCOVby’— 8 — — 97— zuklaͤren, und mich augenblicklich in Freiheit zu ſetzen, damit ich nicht zum oͤffentlichen Aergerniß in Ihre ehrenwerthe Vaterſtadt einziehen muß. Der Alderman ſah ihn eine Weile ſchweigend und mit großen Augen an, dann brach er heraus: Loslaſſen alte Be⸗ kanntſchaft?— Wollt Ihr mir nicht lieber die Propoſition machen, mich bei Euch anzuwerben? Posito— ſeh einmal Einer— er will eine hohe Obrigkeitsperſon foppen. Ja, wir ſind eine ſehr alte Bekanntſchaft. Aber posito— ich wollte ſie nicht wieder anerkennen, wie Ihr— Sir Nicolado de la spada, oder wie Ihr heißen moͤgt— neulich in der Wirths⸗ ſtube ſie nicht anerkennen wolltet,— was meint Ihr? und posito, nein, ich will ſie auch nicht anerkennen, und will bloß Obrigkeit ſein.— Schafft nur den Menſchen, Conſtabler, auf den Wagen, und ſetzt Euch ſelbſt rauf, weil Ihr verwun⸗ det ſeid. Soll es denn durch die Stadt, oder um die Stadt gehn? fragte Sampſon. Durch die Stadt, guter Conſtabler. Das Volk wird zwar rebelliſch werden, aber doch durch, durch, um posito zu zeigen, daß wir Obrigkeiten ſind. Auf einem von Stroh in der Mitte des Wagens errich⸗ teten Sitze ward Bertram feſtgebunden. Der Aldermanbe hielt ſeinen Platz vorn, und der Irlaͤnder beſtieg Sampſons Pferd, waͤhrend dieſer halb neben, halb hinter dem Gefangenen ſei⸗ nen Sitz nahm. Fuͤr Bertram war dieſe Art des Transpor⸗ II. Bd. 1.7 — 98— tes noch beſchwerlicher, als die vorige. Feſtgebunden auf ſei⸗ nem, vermuthlich mit Fleiß hoch aufgethuͤrmten, Sitze, konnte er keiner Erſchuͤtterung des Wagens ausweichen, und fuͤhlte ſeinen Koͤrper, noch ehe ſie die Thore der Stadt er⸗ reichten, durch und durch zerſchlagen. Conſtabler Sampſon ſuchte ihm indeſſen Muth einzuſprechen, und begann alsbald leiſe ihm folgende Propoſitionen, jedoch nur allmaͤlig, zu machen. Muthig, mein Held! Simſon war gebunden wie Du, und noch obenein die ganze Wache der Philiſter. Aber das laſſe Dir nicht etwa einfallen nachzuthun; denn ich ſtehe hier mit ein Paar guten Faͤuſten neben Dir, und wenn Du un⸗ ſern Wagen zerbrechen ſollteſt, ſo ließe ich Dich an den Schwanz meines Pferdes binden, und lebendig nach Mir* ſchleifen.— Aber, ſo viel wirſt Du wiſſen,— wann hat man lieber kluge Spitzbuben gehangen, als ſie zu ſeinem Nutzen gebraucht?— Dumme Diebe haͤngt man, die klugen braucht man zur Polizei.— Sieh einmal, der dumme Streich von Staatsaktion iſt laͤngſt vergeſſen. Ihr wolltet dazumal ein großes Trauerſpiel auffuͤhren, worin die Miniſter die Haupt⸗ rolle ſpielen ſollten, die Miniſter kamen Euch zuvor, und ſpielten mit Euch das Trauerſpiel. Damit war die Sache abgemacht und iſt jetzt laͤngſt vergeſſen. Wenn Du ſchlau biſt, ſo preſſeſt Du Kopf und Ohren ſo ſpitz zuſammen, daß Du aus der Schlinge durch, und am Ende noch zu Ehren und Reichthum kommſt. In London brauchen ſie Leute wie — 99— Dich. Du kannſt Dich verſtellen wie Einer, weißt zu parli⸗ ren wie ein Parlamentsglied und Komdͤdiant, verſtehſt die Klinge zu fuͤhren und Deine Fuͤße zu brauchen; hundert ge⸗ gen eins, Du wirſt ein Spion, wie ſie ihn brauchen, ein Schnuͤffler, der durch die Waͤnde ſteht und die Reformer be⸗ lauſcht, wenn ſie— denken.— Was meinſt Du?— Du biſt tuͤckiſch, und willſt nicht antworten.— Auch gut— meine Pfeife ſoll mir darum nicht ſchlechter ſchmecken, wenn ein Erzſchelm, der ein beſſer Schickſal verdient haͤtte, aus Eigen⸗ ſinn baumelt. Als ſie ziemlich nahe am Thore der Stadt waren, und eine nicht unbedeutende Volksmenge ihnen entgegen kam, befahl der Alderman den Haͤſchern, naͤher an den Wagen zu reiten und den Gefangenen ja nicht aus den Augen zu ver⸗ lieren, zum Conſtabler aber ſagte er beſonders: und, Conſtabler Sampſon, posito, der Poͤbel will ihn los⸗ machen, ſo gilt keine Gnade, Ihr ſtoßt Ihn nieder, denn Alles mag eher geſchehen, nur muß die Obrigkeit reſpektirt werden, wie leid mir's auch thut. Nun bete zu Gott, oder zu wem Dir's ſonſt bequem iſt, daß die guten Leute es mit Deiner Ehrlichkeit nicht ehrlich meinen! ſagte Sampſon zu Bertram, welcher in banger Er⸗ wartung der kommenden Dinge ſchweigend auf dem hohen Platze ſaß, welcher ihn gefliſſentlich Aller Augen ausſetzte. Doch bat er noch einmal den Alderman, wenn er doch nicht — 100— in der Stadt zu bleiben beſtimmt ſei, ihn um die Mauern herumzufahren. Graveſand lehnte dies aber, im Gefuͤhle ſei⸗ ner Wichtigkeit, voͤllig ab, und der Wagen rollte alsbald durch ein, zur Kleinheit des Staͤdtchens nicht im Verhaͤltniß ſtehendes, großes Thor in daſſelbe ein. Vor der Stadt hatte der Poͤbel nur ſchweigend den Transport angegafft, es ſchien aber, als gebe das Gefuͤhl einer eingebildeten Herrſchaft in ſeinen Mauern ihm den Muth zu ſeiner gewoͤhnlichen Aus⸗ gelaſſenheit. Waͤhrend die ehrbareren Buͤrger nebſt Frauen und Angehoͤrigen aus ihren Fenſtern ruhig dem Schauſpiele zuſahen, erhob ſich unter den Gaſſenbuben, Lehrlingen, den friſtenden Arbeitsleuten, und auch wohl allerhand fremdem und verdaͤchtigem Geſindel ein dumpfes Gemurmel, welches bald in lautes Schreien ausartete:„Ein braver Kerl, ein ehrlicher Menſch, ein Freund von Handel und Wandel!— Sie ſchleppen ihn fort— in den Thurm. Nieder mit den Dummrkopfen, nieder mit den Rothroͤcken“— Indeſſen ge⸗ ſchah fuͤr's erſte nichts weiter, als daß das lumpige Geſin⸗ del ſeine zerfetzten Huͤte ſchwang, in die Hohe warf, und hier und dort einen Kohlſtrunk, Schneeball, oder faulen Apfel auf die Conſtabler ſchleuderte, welcher jedoch mitunter den Un⸗ gluͤcklichen ſelbſt traf, zu deſſen Gunſten der ungeſchickte Schuͤtze ihn abgeſandt hatte. Der Andrang der Menſchen wurde aber immer groͤßer, das Geſchrei lauter; endlich mußte der Wagen mit ſeiner Escorte vor dem Wirthshauſe ſtille halten, da ein betrunkener Menſch ſich der Laͤnge lang vor — 101— den Pferden niedergeworfen hatte. Indem er eine leere Flaſche mit der rechten Hand ſchwang, ſchrie er: Unterſteht Euch, und fahrt uͤber mich fort, ihr langohri⸗ gen, rothroͤckigen Dummkoͤpfe! Unterſteht es Euch! ſchrie einſtimmig der umſtehende Poͤbel. Bertram hatte Zeit und Muße, an der Fronte des Wirthshauſes alle Fenſter mit den ihm bekannten Gaͤſten voll⸗ geſtopft zu ſehn, aber kein Einziger zeigte die geringſte Theil⸗ nahme an ſeinem Schickſale. Man betrachtete ihn nicht an⸗ ders als wie ein wildes Thier, welches der Franzͤſiſche Fuͤh⸗ rer fuͤr Geld umherzeigt. Der in der Hausthuͤr ſtehende Wirth ſprach ruhig zu den Gaͤſten hinauf: Von der erſten Minute, wo er ins Zimmer trat, ſah ich es ihm an, weß Gelichters er ſei, aber ein Wirth muß ſich nicht um das Gewiſſen ſeiner Gaͤſte bekuͤmmern. Der Reformer nagelte ſeine todten Blicke aus einem Fenſter des erſten Stockwerkes auf den Wagen und den vor dem Wagen liegenden Menſchen, in welchem Bertram den Betrunkenen erkannte, der auf dem Leichenzuge ſo vielen Un⸗ fug begangen. Alderman Graveſand war abgeſtiegen, und hatte mit Guͤte verſucht, den Menſchen zum Aufſtehen zu bewegen; da dies aber nicht fruchtete, winkte er einigen Haͤ⸗ ſchern, ihn fortzuziehn. Kaum aber hatte dies Dulberry be⸗ merkt— er ſchien eigentlich nur darauf zu warten,— als mit der Fauſt auf das Fenſterbrett ſchlug, und herunter hrie: — 102— Nichts davon! nichts davon! Er darf nicht fortgezogen werden, jeder Englaͤnder hat das Recht, im Koth zu liegen. Gentlemen! Dulden wir den Erceß?— Laß Dich nicht fort⸗ ziehn, Dummkopf, denn davon ſteht nichts in der Bill of Rights, und ſelbſt die Miniſter muͤßten, wenn ſie es verbie⸗ ten wollten, erſt eine Bill durch beide Parlamenter gehn und vom Regenten beſtaͤtigen laſſen:„daß es keinem Englaͤnder vergoͤnnt ſei, der Laͤnge lang auf der Straße zu liegen.“ Ehe eine ſolche Bill nicht ſanktionirt iſt, heißt es in die heilig⸗ ſten Rechte Brittiſcher unterthanen eingreifen, wenn man ſie bei den Beinen oder beim Kopf ihrer ſelbſt erwaͤhlten Lage im Kothe entziehen will. Demungeachtet zogen zwei ſtaͤmmige Gerichtsdiener den fluchenden Kerl vom Straßendamm fort, und,— vermuth⸗ lich nicht ohne Muthwillen— bis in den Rinnſtein. Hier⸗ durch empoͤrt, ſtuͤrmte aber die Maſſe auf beide Executoren ein, und ſie konnten nur unter Beiſtand ihrer Gefaͤhrten ſich wieder auf ihre Gaͤule ſchwingen. Indeſſen entſtand hier⸗ durch ein foͤrmliches Handgemenge. Man vertrat den Rei⸗ tern den Weg, einige griffen nach den Zuͤgeln der Pferde, und Kohlſtruͤnke, Fluchworte, ja ſogar Kieſelſteine flogen in den Luͤften, und klirrten hier und dort an den Fenſterſchri⸗ ben. Immer mehr Poͤbel, unter dem ſich die Matroſen aus⸗ zeichneten, draͤngte ſich um den Wagen; das Jubelgeſchrei: „Hoch der brave Waſſertreter! Nieder mit den Dummkoͤp⸗ fen’ ſcholl von allen Seiten, und der bange Alderman ſchrie — 103— nach ſeinen Amtscollegen. Waͤhrend Einige ſich beeilten, die Aufruhrakte verleſen zu laſſen, und wirklich ein Beamter von dem Fenſter eines oͤffentlichen Gebaͤudes aus, zu leſen anfing, ſchrie von dem Wirthshausfenſter Dulberry herunter: Recht ſo, brave Leute! Legt Euch alle in den Koth. Sie duͤrfen nicht uͤber Euch wegfahren. Das iſt gegen Englands Geſetze. Alt⸗England fuͤr immer!— Schnell Ihr verdamm⸗ ten Faullenzer! Werft Euch alle nieder, ehe die Aufruhrakte abgeleſen iſt, dann koͤnnen ſie Euch nichts thun, wenn Ihr ruhig daliegt. Schnell in des— Namen, noch kommen drei Saͤtze, und dann das Punktum, und dann ſeid Ihr Rebel⸗ len!— Man hoͤrte aber weder auf den, welcher die Akte verlas, noch auf den Volksredner, ſondern griff, wider des letztern Nath, die Conſtabler in der Art thaͤtig an, daß man ſich be⸗ muͤhte, den Gefangenen vom Wagen herunterzureißen. Samp⸗ ſon ſah mit gezogenem Seitengewehr fragend nach dem Al⸗ derman. Dieſer indeſſen, ſeinen fruͤhern Befehl nicht wa⸗ gend zu wiederholen, ſuchte ſehr thoͤriger Weiſe jetzt die Guͤte hervor; er wollte eine tobende Menge uͤberreden, welche kei⸗ nen Laut ſeiner Rede vernahm. Von einer andern Seite kam jedoch die Unterſtuͤtzung. Man hoͤrte Pferdegetrampel und einige militairiſche Commandoworte durch den Laͤrm hindurch, und unter dem Rufe der Menge: die Rothroͤcke! die Rothroͤcke! ſprengte eine Abtheilung Dragoner die Straße entlang. Die Maſſe zertheilte ſich augenblicklich und ver⸗ .„— 104— ſchwand in den Haͤuſern und Nebengaſſen. Gerade in dem Augenblicke, wo ein verwegener Kerl, nachdem er dem ver⸗ wundeten Conſtabler einen ſolchen Stoß gegeben, daß er ruͤcklings im Wagen niedergefallen war, auch Bertram gepackt hatte, um ihn herabzureißen, ſprengte der Anfuͤhrer der Dra⸗ goner heran und gab ihm mit dem Pallaſch einen, vermuth⸗ lich flachen, Hieb uͤber Kopf und Schulter, daß er taumelnd herunterfuhr, jedoch noch ſo viel Beſinnung behielt, ſich ſchnell in den Haufen zu ſtuͤrzen. In wenigen Augenblicken war es den beſonnenen Anord⸗ nungen des Officiers gelungen, die Ordnung wieder herzu⸗ ſtellen. Er verwies dem Alderman das gewagte Unterneh⸗ men, den Gefangenen durch die Stadt oͤffentlich zu fuͤhren, und ließ den letztern vom Wagen ab, und hinten guf dem Pferde eines Dragoners aufſitzen. Seine fruͤher auf dem Nuͤcken zuſammengebundenen Haͤnde wurden ihm jetzt, indem er die Arme um den Leib des Dragoners legen mußte, vor deſſen Bruſt zuſammengeſchnuͤrt, und noch außerdem befe⸗ ſtigte man ſeinen Kdrper, vermittelſt eines Strickes, an den Sattel des ſchwerfaͤlligen Roſſes. Nachdem dies geſchehen, trabte der Zug, nur von zwei Conſtablern begleitet, ſchleu⸗ nigſt zum Thore hinaus⸗ Bertram erfuhr jetzt eine dritte Art ſeines ſchmaͤhlichen Transportes, und empfand bald, daß dieſer unfreiwillige Ritt fuͤr ſeinen Koͤrper eben ſo ſchmerz⸗ haft als ermuͤdend war. Ohne anzuhalten und ohne zu ſpre⸗ chen, trabte die Reiterſchaar auf einem feſten Wege wohl — 105— zwei Stunden fort. In einer ſchlechten Kneipe, wo die Wirthsleute eben ſo verdaͤchtig als ſchmutzig ausſahen, zwang endlich die Nothwendigkeit die ſchon von dem Tumulte in Myr ermuͤdeten Reiter, anzuhalten und Erfriſchungen, wie ſie der Ort darbot, zu nehmen. Bertram mußte zufeieden ſein, als ihm ein mitleidiger Dragoner einen Schnaps reichte, und er ſich eine kleine Stunde auf dem ungedielten Boden niederſtrecken, und ſchlafen konnte. Bald indeſſen klirrten wie⸗ der um ſein Ohr die Sporen der Reiter, man ruͤttelte ihn auf⸗ und band ihn auf die vorige Weiſe hinter dem Dragoner feſt. Es war ſchon finſter geworden, und ein naͤchtlicher Sturm fing eben zu toben an, auch ſchien es dem Gefangenen, als naͤhere ſich der Weg dem Meere, indem, wer die Seeluft auf offenem Meere einmal kennen gelernt hat, die Naͤhe deſſelben in der Folge bei dem leiſeſten Windzuge, ia ſogar bei voͤlliger Wind⸗ ſtille ſpuͤrt. Immer kaͤlter wurde die Luft, und immer ſchnei⸗ dender der Wind, ſo daß Bertram, dem ſeine Lage jede Be⸗ wegung unmoͤglich machte, diesmal nicht glaubte, der Ge⸗ fahr, zu erfrieren, lange widerſtehen zu koͤnnen. Der Froſt uͤbermannte ihn dergeſtalt, daß er nicht umhin konnte, ſeine Schmerzen in unartikulirten Toͤnen laut werden zu laſſen. Dies erbarmte den Reiter, deſſen Pferd er unfreiwillig bela⸗ ſtete, und er ließ ihn aus ſeiner Rumflaſche einen Zug zur Staͤrkung thun. Bekanntlich erwaͤrmen ſtaͤrkende Getraͤnke beim Froſt nur momentan, und ſetzen denjenigen, welcher ſeine Zuflucht zu ihnen genommen, nur noch mehr der Ge⸗ — 106— fahr zu erfrieren aus. So fuͤhlte auch Bertram⸗ obgleich ein angenehmes Gefuͤhl ſeinen Koͤrper durchzog, doch bald ein Glied nach dem andern erſtarren, und ſein Geiſt war nicht kraͤftig genug, dieſem Einſchlafen zu widerſtehen. Ein Zufall rettete ihn. Der Zug hielt ploͤtzlich an, indem zugleich ein kreiſchendes Huͤlfsgeſchrei, und ein heftiges Roßſtampfen ihm ins Ohr toͤnte. Ein Reiter mußte mit dem Pferde vom Wege ausgeglitten und in Gefahr geweſen ſein, zu ſtuͤrzen. Gott ſei gelobt! rief eine Stimme,— ſiehſt Du, wie gut es war, daß Du dem Pferde heut die Vorderfuͤße be⸗ ſchlagen ließeſt? Ja! ſagte ein Anderer— mit den Hinterfuͤßen ſtuͤrzte es ſchon die ſchroffe Steinwand herab, und haͤtte keinen Vor⸗ ſprung gefunden um feſtzuſtehn, als unten die Riffe, welche aus dem Waſſer vorragen. Mit den Vorderfuͤßen krallte es aber ſo feſt in den nackten Stein, bis wir kamen und halfen. Ich danke Euch!— ſagte eine matte Stimme, deren Ton zu erkennen gab, in welcher Gefahr ihr Sprecher muͤſſe geſchwebt haben. Bertram ward jetzt inne, daß der Weg dicht am aͤußerſten Rande des felſigen Mecresufers gehe; er ſah in der ſchwarzgrauen Tiefe einzelne Lichter umhergeſchau⸗ kelt, vermuthlich Schiffe, welche von Wind und Wetter ge⸗ trieben wurden, und Furcht vor der Gefahr, beim geringſten Fehltritt des Pferdes herabgeſtuͤrzt und zerſchmettert zu wer⸗ den, erregte von neuem ſeine Lebenskraͤfte. Der Sturm uͤbte jetzt auch am Horizonte ſeine Macht — 107— aus. Die Wolken theilten ſich von ſeinem Toben, und ein blaſſer Mondenſtrahl zeigte dem Gefangenen das aufgeregte Meer, die Felsmaſſen des Strandes, und endlich in einiger Entfernung die Gothiſchen Thuͤrme und wunderbaren Mauer⸗ zinnen eines alten, am jaͤhen und hohen Strande faſt uͤber das Meer hinaus gebauten, Schloſſes. Die ſcharfen Linien der hohen, ſeltſam geformten, Gebaͤude traten deutlich gegen den, im Mondenſchein ſich aufklaͤrenden, Himmel hervor. Sichtbar war dies Schloß das Ziel ihrer Reiſe. Doch droh⸗ ten noch Gefahren, denn nur ein ſchmaler und ziemlich ſtei⸗ ler Weg fuͤhrte nach der alten Burg, und der Wind drohte noch immer, Mann und Roß in den Abgrund zu werfen. Doch uͤberwanden ihre geſchickten Thiere alle Beſchwerden, und der vorderſte Dragoner ergriff den ungeheuren, eiſernen Thorkloͤpfel, und ſchlug drei bis viermal ſo ſtark an das mit Stahl beſchlagene Thor, daß der Widerhall in der ſiillen Winternacht zwei Meilen weit*) die Voͤgel aus ihrer Ruhe aufſchrecken mochte. *) Engliſche Meilen. Fuͤnftes Kapitel. und Eure Namen, ſprach unſer König, Sagt mir, wie heißen die? Sie ſagten: Adam Bell und Clym von Elough und Wilhelm von Cloudesly. Seid Ihr die Diebe, ſprach unſer König, Von denen ſo viel Geſchrei? So ſchwöre ich Euch denn, bei Gott im Himmel, Ihr ſollt mir hängen alle drei. Ihr ſollt mir ſterben ganz ohne Gnade, So wahr ich bin König im Lande! Und er befabl ſeinen Dienern allen Sie zu legen in Ketten und Bande. Die Ballade von Ad am Bell, Clym of the Clough und William von Cloudesly. Erſ nach zweimaliger Wiederholung des Klopfens ſteckte ein Pfoͤrtner den Kopf aus der Luke eines kleines Seiten⸗ thurmes. Er fragte: Werda? und warf zugleich den Strahl — 169— einer Blendlaterne auf den Reitertrupp. Der Dragoner antwortete, der Wind aber verwehte fuͤr den noch weit zu⸗ ruͤckgebliebenen Bertram den Schall; indeſſen wurde bald darauf an den Schloͤſſern und Eiſenriegeln geſchoben, das Thor ging auf, und die Reiter ſprengten durch den ge⸗ woͤlbten Thorweg in einen kleinen, von den Laternen einiger herbeigeeilten alten Diener erhellten, Hofraum. Abgeſeſſen! kommandirte der Offizier, das erſte Wort, welches Bertram ſeit Mrer aus dem Munde dieſes ſchweig⸗ ſamen Beamten hoͤrte.— Loͤſt dem Gefangenen aber noch nicht die Haͤnde, ehe die Ketten fuͤr ihn hereit ſind. Ein ſilberweißer Hausbeamte ſchlich gebeugt mit einer Laterne, einem Bund Schluͤſſel und einem eiſernen, ſpitz un⸗ ten zugehenden, Stabe, welcher zugleich als Stuͤtze und als Waffe dienen konnte, heran und ſagte: Hochwohlgeborner Herr Hauptmann! So lange nicht das große Erdbeben kommt, und die Eichen auf Kalmorum aus der Erde geriſſen werden, oder,— was denn Gott ſonſt verhuͤte— geſchieht, kommt kein Gefangener aus dieſem Schloſſe, aus dieſen Verließen, aus dieſen Thuͤrmen, und wenn er alle die Geiſter im Meere und der Erde beſchwoͤre⸗ denn, was Zauber betrifft, ſind andere Anſtalten, die, ſich dagegen concentrirend, wirken, als da— doch beſſeer iſt's, ich laſſe das lieber unberuͤhrt; aber wie geſagt— entweder be⸗ gnadigt und zur Freiheit— was nicht geſchehen wird⸗— — 110—. oder zum Galgen, was wahrſcheinlich geſchieht, ſonſt kommt der Gefangene nicht aus dieſen Mauern heraus— Guter Marwell— ſagte der Officier— morgen wollen wir weiter ſprechen— jetzt ſchaffe ihn in ſichere Haft, denn Du hafteſt dem Staate mit Deinem Kopfe. Hochwohlgeborner Sir Davenant, ſagte der alte Nann,— der Squire, mein hoher Herr, hat mir es befohlen, und darum ſoll er nie entkommen, bis die alten Mauern ſinken, und die Eichen auf Kalmorum entwurzelt werden; aber um des Staates willen geſchieht es nicht. Zwei Mann bleiben am Thore, zwei begleiten den Ge⸗ fangenen, befahl der Officier, und ging nach dem hintern Theile des Hofraumes zu. Maxwell ſah ihm ruhig nach. Erſt als der Officier vergebens an einer verſchloſſenen Thuͤre ruͤttelte, und in etwas aͤrgerlichem Tone zuruͤckrief; Max⸗ well! die Thuͤre zum Innern iſt ja verſchloſſen! antwortete auch er ſehr ruhig: Ja, Sir Davenant! Aber warum oͤffnet Ihr ſie nicht, da Ihr ſeht, daß ich hinein will? Sir Davenant! ich bin im Dienſte des Staates. Der Militair laͤchelte und wartete bis Maxwell, welchem zwei Conſtabler und zwei Dragoner, in ihrer Mitte den Ge⸗ fangenen, folgten, langſam Becheikame und die leine Pforte eines großen Thores aufſchloß: — 111— Ehrlicher Matwell! Deine grauen Haare verdienten ei⸗ nen beſſern Dienſt, als den eines Gefangenwaͤrters. Bin ich denn Gefangenwaͤrter? ſagte der alte Mann, indem er ſtolz den Nuͤcken emporzuheben bemuͤht war. Schon gut, ſiel ihm der Offtcier laͤchelnd in die Rede,— ich kenne alle Deine Titel: Bailif, Seneſchall, Vorſchneider,— doch ich bin gewiß, Du biſt auch ein pflichtgetreuer Gefan⸗ genwaͤrter— Bloß aus Vergnuͤgen, Sir Davenant, als Dilettant; aber ich glaube, ich verſorge meine Gefangenen wie Wenige. Stroh, reinliches Stroh, acht Bund ſind in den Thurm ge⸗ worfen, damit der Gefangene warm liegt; auch liegen zwei alte Matten da und der rothe Friesrock von der Eva Gluc⸗ lotter, die wir gern als Hexe verbrannt haͤtten, was aber die Herren in London uͤbel aufnahmen, und den ſie zuruͤckließ, als ſie zu ihrem ewigen Verderben in Freiheit kam. Es iſt gut— ſagte der Officier, und deutete abermals dem armen Haushofmeiſter an, daß er genug von ſeiner Vor⸗ ſorge wiſſe. Statt in das eigentliche Schloß zu kommen, ſtanden ſie, nachdem ſie durch einen langen und gekruͤmm⸗ ten Thorweg, der von zwei Laternen nur kuͤmmerlich erhellt wurde, gegangen waren, an einem tiefen Abgrunde. Es ſchien eine Felsſpalte zu ſein, welche hier von dem alten Er⸗ bauer des Schloſſes als Graben genutzt war; denn jenſeits derſelben erhob ſich, gleich einer Fortſetzung der Felswand, eine hohe, mit Schießſcharten und mehreren Thuͤrmen be⸗ — 112— ſetzte Mauer, welche das ganze Außenwerk, durch welches ſie gekommen waren, nothwendig beherrſchen und uͤberſehen mußte. Der Greis gab ein Zeichen, und knarrend ſenkte eine Zugbruͤcke von druͤben her ſich uͤber die Spalte. Sie betraten einen engen, von eben ſo großen, als unfoͤrmlichen Gebaͤuden umgebenen, Hof, deſſen Aeußeres aber einen we⸗ nig lebendigen Verkehr verrieth: auch ſah man an den ſchma⸗ len und hohen, unſymmetriſch eingehauenen, Fenſtern nur hier und dort ein mattes Licht. So viel Bertram beim La⸗ ternenſcheine ſehen konnte, glaubte er auch zu bemerken, daß alle Geraͤthſchaften ein ſtaubiges Alter verriethen. Der Of⸗ ficier trennte ſich hier von dem Trupp, nachdem er den bei⸗ den Dragonern einige Befehle leiſe gegeben hatte. Noch war das Ziel nicht erreicht. Der Haushofmeiſter ſchloß im aͤußerſten Hofraum eine kleine Thurmpforte auf,⸗ und durch einen engen gewoͤlbten Gang, durch welchen die beiden Dragoner nur mit gebuͤckten Haͤuptern gehen konn⸗ ten, gelangten ſie endlich in eine Art Wachtſtube, die mit⸗ telſt zweier, hoch oben in der Mauer eingehauener, Luken einiges Licht erhielt, welches diesmal von dem Monde nur ſpaͤrlich geſchenkt wurde. Die Stube mußte nahe am Mee⸗ resufer liegen, denn der Wind draußen ſchien nicht allein die Mauer zu erſchuͤttern, ſondern auch das Fundament der⸗ ſelben erbeben zu machen. Der Greis ſuchte lange und aͤngſtlich im Schluͤſſelbunde, und drehte einen verroſteten al⸗ ten Schluͤſſel endlich im Schloſſe der Thuͤre umher. Nicht ohne — 113— ohne Zeichen von Beſorgniß klinkte er alsdann die Thuͤre auf. Kaum aber hatte er dies mit ſchwachen Kraͤften halb gethan, als ihm der Sturm die andere Haͤlfte der Muͤhe er⸗ ſparte, indem er, von außen gegen die Thuͤre ſich werfend, ſte auf⸗ und den ſchwachen Greis zu Boden riß. Vor ihnen lag das tobende Meer, vom Monde, welcher durch die zerriſſenen Sturmwolken hervorblickte, ſchauerlich erhellt. Die Brandung toͤnte furchtbar herauf, obgleich des Sturmes Brauſen ſie uͤberſchreien zu wollen ſchien. Jeden Augenblick haͤtte man glauben moͤgen, die von den anſchla⸗ genden Wellen zerbrochenen Felſenwaͤnde wuͤrden mit den Mauern hinab in die Flut ſtuͤrzen, denn mit einem Schritte konnte man, von der Schwelle der Wachtſtube, den Abgrund hinab ins Meer treten. Jedoch war dieſe Pforte nicht allein fuͤr den Ungluͤcklichen in die Mauer gehauen, welcher, freiwillig, oder nicht, durch einen Schritt oder Stoß auf immer aus dieſer Burg treten ſollte, ſondern ſie fuͤhrte auch nach einer menſchlichen Behauſung, welche man aber heute, nicht mit Unrecht, ein Haus des Todes nennen konnte. Aus der Felswand, auf welcher die Wachtſtube ſtand, trat eine Klippe von ſeltſamer Geſtalt weit ins Meer hinaus. So ſchmal, daß ihre weiteſte Breite kaum fuͤnf Fuß betrug, glich ſie einem kuͤnſtlichen Mauergange, welchen die Beſitzer des Schloſſes uͤber den tiefen Abgrund kuͤhn hinaus nach einem groͤßern, im Meere ſtehenden, Felspfeiler erbaut hatten. Etwa hundert Fuß um Ufer endete dieſer Felspfad in emen Fetßern Punkte, I. Bd. — 114— auf welchem ein runder Thurm erbaut war, der, wenn die verbindende Bruͤcke weggefallen waͤre, wie ein, aus dem Mee⸗ resgrunde entſtandener, Zauberthurm wuͤrde ausgeſehen ha⸗ ben. Noch furchtbarer erſchien die ſchmale Felſenbkuͤcke da⸗ durch, daß es dem wuͤthenden Elemente gelungen war, ei⸗ nen Durchgang durch den untern Theil des Felſens ſich zu brechen. Indem er alljaͤhrlich in den Herbſtſtuͤrmen mehr und mehr abſpuͤlte, und der Felſen oberhalb nunmehr ſich in freier Luft zu woͤlben ſchien, verdiente der ſchmale Felſen⸗ weg jetzt die Benennung einer Meerbruͤcke. Die rauhen Kriegsmaͤnner, und die vielleicht noch ver⸗ derbtern Haͤſcher, ſahen mit ſtummem Entſetzen auf das furchtbare Schauſpiel hinaus. Der hingeworfene Greis be⸗ tete auf der Erde. Das iſt ein Teufelswetter! fluchte end⸗ lich einer der Dragoner. Keiner unter ſeinen Begleitern fuͤhlte ſich aber aufgelegt zu antworten; nur den Alten hoͤrte man mit klappernden Zaͤhnen ein Gebet murmeln, in welchem die Ausdruͤcke vernehmlich waren: 3 Modreb und Morfang, und alle doͤſe Geiſter, die im Meere wohnen und in der Wye und in der Severn— moͤ⸗ gen Dir gehorchen, und die Unholde, die verſchloſſen ſind in den Zinkminen und unter den Wurzeln der Eichen, mdͤ⸗ gen noch lange geduckt liegen bleiben, bis Deine Gnade Alle erldͤſet, und das neue Reich kommt, von dem Merlin und der gute Koͤnig Arthur, und unſere heilige Religion geſagt haben.— Binſig iſt die Seyern, langſam die Wye, — 115— Nadnors Thuͤrme ſtanden ſchon vor Erſchaffung der Welt, und in Carnarvon wurde Chriſtus zuerſt angebetet. Ein Dragoner trat mit untergeſchlagenet, Armen an den Thuͤrpfeiler, ſah eine Weile ſchweigend hinaus, und ſagte dann kopfſchuͤttelnd: Dorthin in den Thurm ſoll er gebracht werden? Ja— antwortete der Greis, welcher ſich muͤhſam wieder aufgerichtet hatte— darin werden die gefaͤhrlichſten Ver⸗ brecher eingeſperrt. Bei Vittoria— ſagte der Dragoner— ritt ich der Laͤnge lang bei einem Franzoͤſiſchen Bataillon, das Peloton⸗ feuer gab, voruͤber. Wenn ich in dem Sturme auf dem ſchmalen Streifen gehen muß, wird's nicht um ein Haar an⸗ ders ſein, und nur ein Wunder kann retten. Was? ſagte der Andere,— der Kerl iſt zum Tode be⸗ ſtimmt. Sollen wir unſer Leben dran ſetzen, um ihn ins Priſon hinuͤberzubringen? Ich bin nicht furchtſam, aber ohne Noth ſetze ich nicht mein Leben der Gefahr aus. Kein Menſch kann ſich auf dem Felſen, da er kein Ge⸗ laͤnder hat, gegen den Wind halten, ſagte der erſte Conſtabler⸗ Plumpen wir ihn herunter? fragte der Zweite. Ich habe nichts dagegen, ſagte der erſte Dragoner. Man muß nur nicht ſchwatzen, meinte der Zweite. Wir ſagen— fiel der erſte Conſtabler ein— der Wind haͤtte ihn heruntergeworfen, und dann kraͤht kein Hahn darnach. — 116— und, Kinder! es iſt keine Suͤnde— meinte der Zweite— denn haͤngen muß er durchaus, da er ein grauſamer Boͤſe⸗ wicht iſt, und fuͤr den Fall iſt es noch eine Wohlthat, wenn wir ihn ins Waſſer ſtoßen. Obgleich alle Vier im Vorſatz einig waren, ſo waren ſie es doch nicht uͤber die Ausfuͤhrung, denn keiner wollte zuerſt anfaſſen. Noch zu guter Zeit trat im Haushofmeiſter ein ei⸗ friger Vertheidiger Bertrams auf. Er erklaͤrte, da ihm der Gefangene uͤbergeben ſei, ſo koͤnne er einen ſolchen unerlaub⸗ ten Prozeß auf keinen Fall dulden, und werde und muͤſſe davon Anzeige machen, wenn ſie ihn nicht etwa ſelbſt mit hinabwuͤrfen. Da hierzu Allen der Muth, und ſogar der Vorſatz fehlte, entſchloſſen ſie ſich lieber noch einmal die Schlacht bei Vittoria zu wagen. Man holte große Stricke herbei, und befeſtigte ſich mit denſelben untereinander und an den Pfoſten der Wachtſtube. Dann ſchritten die Con⸗ ſtabler, in der Mitte der Greis, vorauf, ihnen folgten beide Dragoner, welche den Gefangenen feſt unter den Armen fuͤhrten. Einige Windſtoͤße waren furchtbar. Bertram em⸗ pfand, als er zu beiden Seiten tief unter ſich das tobende Meer erblickte, einen Schwindel, die Dragoner riſſen ihn aber mit ſich hinuͤber. Der Greis hatte den Thurm erdff⸗ net, und ſchon hoͤrte Bertram Ketten klirren. Man zog ihn einige Stufen hinunter, ſchnitt hier ſeine Bande entzwei⸗ legte aber dafuͤr an die Fuͤße und wunden Haͤnde eine ſchwere verroſtete Kette. Dann ſtiegen die fuͤnf hartherzigen — 17— Schergen wieder hinaus, die Thuͤre wurde zugeſchlagen, und als ſie die Riegel draußen vorſchoben, und die Schloͤſſer vorlegten, klang dieſer Ton fuͤr den Gefangenen wie der Fall der Guillotine auf das Haupt des Vormannes fuͤr die ungluͤcklichen Schlachtopfer der Franzöſiſchen Revolution. Bertram warf ſich nieder in das reichlich am Boden aufgehaͤufte Stroh und weinte bitterlich. Nachdem er eine Weile ſo gelegen, raffte er ſich etwas auf, ſtuͤtzte den Kopf auf den, von der Kette beſchwerten, Arm, und ſchaͤmte ſich bei ernſterm Nachdenken, daß er ſeinen Gefuͤhlen uͤber die ihm widerfahrne grauſame Behandlung ſo weit nachgegeben habe. Wie die Sachen ſtehen— ſagte er fuͤr ſich— ſo wider⸗ faͤhrt mir ein himmelſchreiendes Unrecht. Noch iſt nichts ge⸗ gen mich erwieſen. Wollte ich Reue empfinden, dann paß⸗ ten die Thraͤnen; jetzt iſt es meine Rolle, als freier Mann gegen die mir widerfahrne Schmach zu proteſtiren, und den Schutz der Geſetze anzurufen, die nicht durch Thraͤnen er⸗ weicht werden. Als er aber mit der Hand ſeine Augen trocknen wollte, und die ſchwere Kette klirrte und die Hand wieder herun⸗ terzog, verging der kaum angeregte Muth, und er verſank in neue truͤbe Gedanken. Eijzn ungluͤckſeliger Einfall, der mich nach dieſem Lande trieb! Eine kindiſche Luſt, nach intereſſanten Abenteuern ja⸗ gen zu wollen, als ob ich ſie mir nicht eben ſo gut haͤtte — 118— ausdenken koͤnnen, als ſie mich hier zu meinem Elend be⸗ troffen haben!— In der traulich erwaͤrmten Winterſtube, am freundlichen Abende haͤtte ich mir die Peinlichkeiten ei⸗ nes naͤchtlichen Gefaͤngniſſes eben ſo gut vorſtellen koͤnnen, als ich ſie jetzt empfinde. Und war dieſe unausſprechliche Sehnſucht nicht vielleicht eine bloße Taͤuſchung, wie ſie wohl oft im aufgeregten Zuſtande einem mit Phantaſie begabten Sinne kommt?—. 1 . Je laͤnger er moraliſirte, um ſo mehr empfand er die Peinlichkeit ſeiner Lage. Die Winterkaͤlte war auf dem ein⸗ ſamen Meerthurme, durch deſſen Mauern hie und da wohl der Wind einen Eingang fand, nicht gering, und auf Feu⸗ rung war man fuͤr den Gefangenen nicht bedacht geweſen. Dazu kam die Furcht, vielleicht lange Zeit in dieſer furcht⸗ baren Feſtung gefangen zu bleiben, vielleicht gar der Strenge der Geſetze dieſes Landes zu verfallen. Doch peinigte ihn in dieſem Augenblicke am meiſten das koͤrperliche Uebel: die Kaͤlte. Er hatte bei der Laterne des Haushofmeiſters gerade ſo viel Zeit gehabt, um das Ameublement ſeines Gefaͤngniſſes zu beſehen. Dies beſtand aber in nichts anderm, als dem am Boden ausgeſtreuten Strohe. In einem Winkel lagen einige alte Decken, und daneben ſtand ein Krug mit Waſſer, auf welchen ein runder Schiffszwieback gelegt war. Auch jetzt war es nicht ganz ſinſter im Thurme, denn durch drei, an den obern Theilen der Maner angebrachte kleine Luken, drang der Mondenſchein in das Gemach. Bertram konnte 3. 5 h — — 119— daher den Krug finden, einen Trunk zur Nacht nehmen und mit den Decken ſich, ſo gut es ging, umhuͤllen. Aber ehe er ſich niederlegte, trieh ihn die Neugier— wann verlaͤßt uns dieſe?— noch wo moͤglich durch eine der Luken hinaus⸗ zublicken, um uͤber die Lage ſeines Gefaͤngniſſes etwas zu erfahren. Mit beinahe lebensgefaͤhrlicher Anſtrengung klet⸗ terte er an ausgebrochenen Mauerſteinen und einigen in der Wand, vermuthlich zur Anſchließung der Gefangenen, be⸗ findlichen Eiſen⸗RNingen, ſo weit in die Hoͤhe, daß er den Kopf zu der einen Luke hinausſtecken, und— das weite Meer, aber auch weiter nichts erblicken konnte. Noch war es in wilder Gaͤhrung, und Bertram glaubte ein Schiff nicht weit von dem Schloſſe zu erblicken, wie es, halb ein Spiel der Wellen, mit aller Anſtrengung kaͤmpfte, um nicht gegen die Klippe geworfen zu werden. Er wollte von der hoͤchſt unangenehmen Lage herunterſteigen, ſtrengte aber noch ſeine letzten Kraͤfte an, um durch eine Seitenluke nach dem Strande zuruͤckzuſehn. Es gelang ihm, und er erblickte auf der ſteilen Uferwand einen Theil des thurmreichen Schloſſes liegen. Alsbald ſtieg in ihm die Erinnerung des Uferſchloſſes auf, welches er von dem Franzoͤſiſchen Schiffe her geſehen, und das ihn damals ſo unbeſchreiblich angezogen hatte; und als es ihm klar war, daß er in dieſem ſelben Schloſſe als Gefangener ſitze, verließ ihn ſeine Kraft, und er ſprang auf ſein Nachtlager zuruͤck, daß die Ketten um ihn klirrten. Er verhuͤllte ſich in die Decken, raffte das Stroh zuſas en, — 120— um ſich darin zu vergraben, und fuͤhlte auch bald die Fruͤchte dieſer Vorkehrungen in einer angenehmen Waͤrme. Es dauerte indeſſen noch lange, ehe der Schlaf ihm ſeine Leiden fuͤr den Augenblick verbarg; denn der furchtbar eintoͤnige Schall, wenn das Meer am Felſen brach, und das Geſchrei der Meervoͤgel, welche um den einſamen Thurm niſten muß⸗ ten, toͤnte ihm noch lange, ihn an die Schrecken ſeiner Lage erinnernd, ins Ohr. Zwar leſen wir haͤufig in den Dichtern, daß den gefeſ⸗ ſelten Gefangenen fuͤße Traͤume von Errettung vorſchweben, und die Kette dem Ungluͤcklichen beim Erwachen aus dieſer ſuͤßen Taͤuſchung deſto furchtbarer klirrt, weil mit ihr die ſchoͤnen Glaspallaͤſte zerbrechen. Dagegen verſichern uns die Pſychologen, ſelten traͤume ein Ungluͤcklicher von Troſt und Hoffnung, ſondern den Gefangenen ſchwebe das Bild des Kerkers, der Ketten, ja der Hinrichtung noch furchtbarer im Schlafe vor, als ſie ihm im Wachen drohten. Pſychologen ſind gewiegte Maͤnner, und den Dichtern iſt nicht viel zu trauen; deshalb wuͤrden auch wir im vorliegenden Falle ge⸗ wiß annehmen, und auf Novelliſtenehre verſichern, Bertram habe ſchreckliche Geſichter von Molchen und Todtengerippen, von Stricken und Gulllotinen gehabt; aber da uns der Held ſelbſt das Gegentheil verſichert hat, ſo muͤſſen wir nothge⸗ drungen berichten, daß ihm ſehr liebliche Erſcheinungen im Traume vorſchwebten. Der Winter verwandelte ſich in Krfrhlie Errhüns, dir Vögel ſangen, aus ſeinem Thurme wurde eine —,— — 121—. gruͤne, dunkle Laube, ploͤtzlich oͤffnete ſich die Thuͤre, Ketten und Riegel raſſelten, und als er die Augen aufſchlug, ſtand vor ihm, in wunderbarem Lichtglanze, eine ſchoͤne weibliche Geſtalt. Schmerzlich blickte ſie zu ihm herab, und eine Thraͤne perlte in ihren Augen. Dann hoͤrte er eine ſanfte metallreiche Stimme leiſe zu ihm ſprechen: Ungluͤckſeliger! Bertram richtete den Kopf auf, ſank jedoch vor Mattig⸗ keit ſogleich wieder zuruͤck. Er rieb ſein Auge, und noch im⸗ mer ſtand vor ihm die ſchlanke Geſtalt. In der Bluͤthe der Jahre, von ſchoͤner, edler Bildung, mit Augen, welche Sece⸗ lenadel und tiefen Schmerz ausdruͤckten, und dabei in einer eleganten, aber einfachen Kleidung, ſchien ſie eher in fuͤrſt⸗ liche Prunkgemaͤcher, als in einen naͤchtlichen Kerker zu ge⸗ hoͤren. Bei naͤherer Betrachtung konnte man ſehen, daß der Wind in ihren reichen Haaren gewuͤthet hatte; denn der Kamm war heraus geriſſen, und die Fuͤlle des blonden Hin⸗ terhaares wallte uͤber die eine Schulter, waͤhrend die reichen Seitenlocken in reizender Unordnung umherflogen. Sie trug einen reichbeſetzten Pelz, um ſich in ihrer leichten Kleidung vor der Kaͤlte zu ſchuͤtzen; aber der Sturm hatte auch dieſen aus ſeiner gehoͤrigen Ordnung gebracht, nicht ohne durch die Enthuͤllung der ſchoͤnen Geſtalt neuen Reiz zu verleihen. Bei naͤherer Betrachtung ſah Bertram, daß ſie nicht allein in ſeinen Kerker gedrungen ſei, ſondern hinter ihr noch eine zofenartige Geſtalt, mit einer Blendlaterne, auf die Winke —— 122— der Gebieterin harrend, ſtand; die Thuͤre des Thurmes war wieder verſchloſſen. Ungluͤckſeliger!— ſagte die ſchoͤne Erſcheinung— mit einer Stimme, welche, ſo leiſe das Wort auch geſprochen war, doch mit Wehmnth und Schmerz ihn durchbohrte,— Ungluͤckſeliger! welcher Wahnſinn hat Sie getrieben?— Sie ſind ungluͤcklich— dies verbietet jeden Vorwurf. Aber taͤu⸗ ſchen Sie ſich nicht, weil ich Ihren Kerker beſuche, mit thoͤ⸗ riger Hoffnung,— ich hielt es fuͤr meine Pfticht, ſo wie ich leichtſinnig Ihnen fruͤher entgegen kam, jetzt, auch mit Ueber⸗ windung weiblicher Scheu, offen mit Ihnen zu brechen— zu ſcheiden. Sdiie verbarg ihr Geſicht auf einen Augenblick am Bu⸗ ſen der Vertrauten. Bertram ſtarrte auf, und wußte nicht, was er beginnen ſollte. Dann erhob ſie ſich wieder und ſprach:. Verworfner! Was verblendete Sie, zu glauben, durch jenen graͤßlichen Schritt, welcher Ihnen den Weg zu meinem Be⸗ ſitz oͤffnen ſollte, meine Liebe, meine Achtung zu behalten?— — Einen wilden Mann, der, ausgeſtoßen durch Verhaͤltniſſe, ſich ſeine eigne Bahn— wenn auch eine furchtbare— ge⸗ brochen, den konnte ein ſchwaches Weib lieben:— aber einen gemeinen Moͤrder, der ſich verbunden hat mit dem Abſchaum der menſchlichen Geſellſchaft— darf es nur— haſſen. Ich komme, Ihnen auf immer Lebewohl zu ſagen.— Das Bit⸗ terſte bei dieſer Trennung iſt, daß ich Sie meinctwillen hier in Ketten ſehe. Gott aber gebe, daß Sie die furchtbare Schuld, welche Ihr Gewiſſen druͤckt, ſo leicht abſtreifen koͤnn⸗ ten, als dieſe Feſſeln. Alle meine Kraͤfte werde ich anſtren⸗ gen, Ihnen Befreiung zu bewirken. Bertram ſchwieg noch immer. Die Sprecherin entnahm aus den Haͤnden ihrer Vertrauten einen Beutel und warf ihn in einen Winkel auf das Stroh. 4 James!— Ihr Schweigen ſagt mir deutlich, Sie fuͤh⸗ len, daß wir ſchon geſchieden ſind.— Aber noch eine Bitte bei unſerer fruͤheren Freundſchaft: Verlaſſen Sie dieſe Ge⸗ gend auf— immer. Sie werden mich nicht falſch verſtehn — in jenem Beutel ſind die erſten Mittel zur Flucht— bei der Tollkuͤhnheit Ihrer Freunde wird es Ihnen nicht ſchwer fallen, auch aus dieſem Kerker zu brechen,— die Unſern wer⸗ den nicht immer wachſam ſein. Iſt in Ihnen noch ein Fun⸗ ken Edelmuth, ſo erſparen Sie mir die Bitterkeit, Jeman⸗ den, dem ich fruͤher mein Herz ſchenkte, als geaͤchteten Boͤ⸗ ſewicht umherſchleichen zu ſehn, und zittern zu muͤſſen, wenn man einen Verbrecher eingefangen hat. Nylady!— ſagte Bertram und erhob ſeine Hand. Ehe er aber ein Wort weiter ſprechen konnte, ergriff ſie haſtig dieſe, druͤckte ſie einmal, und ſagte: Ich habe Ihr Verſprechen— Fliehn Sie, ungluͤckſeliger, beten will ich fuͤr Sie, mehr als fuͤr mich, denn ich trage ſchuldlos mit an Ihrer Schuld— aber nie, nie wiederſehn, und alles zwiſchen uns Geſchehene ſei vergeſſen.— — 124— Sie ließ ſeine Hand los, warf ein Papier ihm zu und eilte, indem ſie ihren Pelzmantel um ſich ſchlug, die Stufen zur Gefaͤngnißthuͤre hinauf. Schnell oͤffnete ſich dieſe, und Bertram ſah, wie ein Officier/ deſſen rothe Uniform aus dem rauen Mantel hervorblickte, ſie draußen empfing, die Thuͤre zuwarf und die Riegel wieder vorſchob. Von Bertrams Wor⸗ ten: Mylady, beim Himmel, was bedeutet dies? hoͤrte die Fliehende keinen Laut mehr, oder wollte ihn nicht hoͤren; er dagegen hoͤrte, wie der Sturm draußen fuͤrchterlicher als zu⸗ vor toſte. Er glaubte einen Angſtſchrei zu vernehmen, und ſprang in die Hoͤhe, von dem entſetzlichen Gedanken gepei⸗ nigt, daß ein Windſtoß ſie von dem ſchmalen Felsſtreifen in die Wellen hinabſchleudere. Alles vergeſſend, wollte er nach⸗ ſpringen, und wurde erſt aus ſeinem Traume erweckt, als die Ketten an ſeinen Armen und Fuͤßen klirrten, und die eiſerne Thuͤre, trotz ſeines Ruͤttelns, feſt verſchloſſen blieb. Auf ſein Lager zuruͤckgeſunken, uͤberlegte er, ob nicht die ganze Er⸗ ſcheinung ein Traum ſei, aber zu deutlich ſprach Alles in ihm, daß es Wirklichkeit geweſen. Er rief im Fiebermuth aus: Es muß Wahrheit ſein, ein ſolches liebliches Weſen muß leben. Verſchwaͤnden auch mit dem Traume dieſe Ketten, der kalte Thurm, und ſtaͤnde ich frei auf den heimathlichen Fluren— gern alle dieſe Schrecken zuruͤck, wenn nur mit ihnen die Erſcheinung lebt! Es wurde ihm aber auch bei ernſtem Nachdenken immer klarer, daß keine Viſion, ſondern ein wirkliches lebendes We⸗ — 125— ſen ihn in ſeinem Kerker heimgeſucht habe, denn in den Haͤn⸗ den hielt er das Papier, welches ſie ihm zugeworfen, und er wußte, daß ihre Zuͤge die der ſchoͤnen Ginievra ſeien, welche er in Merry am Sankt Davidstage geſehn. Ueber den Zu⸗ ſammenhang dieſer Erſcheinungen und Begebenheiten kuͤm⸗ merte er ſich nicht, ihm genuͤgte, daß er ſie erlebt. Dagegen dachte er mit Angſt daran, wie das liebliche Maͤdchen ſich im Sturme uͤber jene Meeresbruͤcke mit Lebensgefahr zu ihm ge⸗ wagt, und einer gleichen Gefahr beim Ruͤckwege ausgeſetzt habe, und ihn quaͤlte bitter die Ungeduld, das zuruͤckgelaſſene Zeichen ihrer Erſcheinung, den Brief, zu entziffern. Eine lange, furchtbare Nacht lag vor ihm, bis der Morgen ihm jene Moͤglichkeit gewaͤhren koͤnnte; unruhig warf er ſich auf ſeinem Strohlager umher, ſann auf Mittel, den Tag fruͤher herbeizurufen und— ſchlief doch endlich ein, und bis tief in den folgenden Tag hinein. Als das Licht eines truͤben Wintertages durch die ver⸗ gitterten Fenſterluken in den Thurm fiel, erwachte Bertram; und abermals wuͤrden ihn die Zweifel, ob es ein Traum ſei, oder nicht, gepeinigt haben, waͤre nicht das erſte, worauf ſeine Augen fielen, das von der Lady zuruͤckgelaſſene Papier gewe⸗ ſen. Es war ein geoͤffneter Brief, und ex las in einer, ihm nicht unbekannt ſcheinenden, Handſchrift Folgendes: „Wenn die Sonne den Wurm, welcher aus dem Kloak bervorkriecht, ſo gut erwaͤrmt als das edlere Thier, das ſich in ihren Strahlen baden will; wenn ſie auf den Raͤu⸗ — 126— ber im Hohlwege ſcheint, wie auf die heiligen Maͤnner in den Pallaͤſten, dann mußt auch Du, Ginievra, noch einmal auf die Stimme meiner Verzweiflung hoͤren. Ich lag im welken Laube verſteckt, als Du durch den Herbſtwald auf Deinem leichten Roſſe einherſprengteſt, und Du jagteſt da⸗ mals ein edleres Wild als Du glaubteſt, wenn Du— einen, der nicht beſſer war als ein Raubthier, dafuͤr willſt gelten laſſen. Damals ſahen Deine großen, ſchoͤnen Augen auf mich herab, wie die Sonne auf den Wurm, der aus dem Kloak kriecht. Ginievra! von dem Augenblicke an dachte ich nur daran, wie ich Deiner Liebe koͤnne wuͤrdig werden? Mir gelang es Dich zu taͤuſchen, und als Du entdeckteſt, daß der, welchem Du Dein Herz geſchenkt,— ein verwor⸗ fener, niedriger Boͤſewicht ſei; da ſchauderteſt Du zuruͤck, aber Du reichteſt mir doch mit abgewandtem Geſicht Deine Hand und ſprachſt:„Waſche ab Deine Schmach, mein Herz denkt nur des Ungluͤcklichen!“ Ginievra! damals erſchien mir, zwiſchen Dir und mir ſtehend, ein Geſpenſt, ein furchtbares Geſpenſt, fratzenhaft ausgeſchmuͤckt aus Despotismus, Verkennung der Men⸗ ſchenrechte, Unterſchied des Standes,— laͤchle nur— auch unterſchied der Dugend und des Laſters!— Um die Schmach meiner niedrigen Geburt, meines entehrenden Gewerbes, abzuwaſchen, um die Kluft zwiſchen Deiner Hoheit und meiner Erbaͤrmlichkeit, Deiner Bildung und meiner Roh⸗ heit auszufullen,— Ginieyra! allein um Dich zu erwer⸗ ben, verſchwor ich mich gegen das Geſpenſt, und wurde der eifrigſte unter den Moͤrdern der Catoſtraße. Ginievra, verachte mich nicht darum! Es gelang nicht, und doch mußte ich entkommen aus den Haͤnden der allergerechteſten Moͤrder. Der Himmel ſelbſt ſprengte das Schiff, welches mich gefangen fortfuͤhrte, er riß mich aus den Wellen, die mich zu verſchlingen drohten, er gab mir Kraft, den Ver⸗ folgungen zu entgehen— um Dich, Dich zu lieben. Du meinſt, ich war ein Schauſpieler. Meine Worte moͤgen auswendig gelernte Phraſen ſein, aber bei Allem, was mir heilig iſt, beſchwoͤre ich Dich— meine Gefuͤhle ſind wahr. Ginievra! ich muß Dich ſehen, muß Dich ſprechen, um Verzweiflung oder Hoffnung aus Deinem Munde zu ſchoͤpfen, denn ich traue keinem falſchen Papiere, keinem treuloſen Hinterbringer. Ich werde mich in das Schloß einſchleichen, und kann ich nicht hinein, ſo laſſ' ich mich gefangen nehmen— denn ich muß Dich ſehen. Erſchrick nicht, wenn Du mich unter irgend einer Huͤlle erblickſt; aber wenn Du mich los ſein willſt— ſo entdecke den Ver⸗ brecher Deinem Oheim. Ich kann darum nicht aufhoͤren Dich zu lieben. Befiehl mir, was Du willſt. Es giebt keinen Sklaven, der feſter an die Kette ſeines eigenwilligen Herrn geſchmiedet waͤre, als Dein — James. — 128— So pathetiſch als der Inhalt des Briefes klang, eben ſo grammatikaliſch und orthographiſch unrichtig war die Schrift, und Bertram erkannte in den Zuͤgen diejenigen wieder, welche er in dem namenloſen, ihn bei der Leichenfeier nach dem alten Kloſter einladenden Zettel geſehen. Es daͤmmerte in ihm eine Ahnung, und mannigfaltige Gedanken beſchaͤftigten ihn waͤh⸗ rend des kurzen Tages, bis ſich, als es dunkel wurde, die Kerkerthuͤre oͤffnete. Diesmal trat jedoch keine Schoͤne, ſon⸗ dern ein muͤrriſcher Conſtabler herein. Er hieß den Gefan⸗ genen aufſtehn, und ihm folgen. Bertram verlangte zu wiſ⸗ ſen, wohin? der unhoͤfliche Beamte verſicherte aber, daß ihn dies nichts angehe, und er weiter nichts zu beobachten habe, als ſich zu huͤten, daß er und ſein Gefaͤhrte ihn nicht hole. Bertram verbarg den Brief und naͤherte ſich der Kerkerthuͤre, ſprang aber ſchnell zuruͤck, als er den andern Diener mit einem grauen Tuchſack ihm entgegentreten, und im Begriffe ſah, denſelben ihm uͤber den Kopf zu werfen. um Gottes Willen, was wollt Ihr mit mir anfangen? Ohne ſich darum zu kuͤmmern, packten ihn aber die bei⸗ den handfeſten Leute, und ehe er es ſich verſah, war ihm der Sack uͤber den Kopf geworfen und bis uͤber den Leib gezo⸗ gen, ſo daß er nichts ſehen und, da die Ketten ihn druͤckten, ſich nicht mehr frei bewegen konnte. Es hieß:„Marſch zu und er erwartete, im Gedanken an den geſtrigen Mordver⸗ ſuch der Dragoner, nichts mehr, als daß ſie ihn von der Klippe hinabſtoßen wuͤrden. Mit einem Stoßgebet trat er zur — 129— zur Kerkerthuͤre hinaus. Die beiden Leute nahmen ihn zwi⸗ ſchen ſich, und er ging zitternd den Felſenweg entlang. In jedem Augenblicke fuͤhlte er die Fauſt des einen in ſeiner Seite, und ſeine Beſorgniß wurde erſt wieder gehoben, als er die Stufen zum feſten Schloſſe betreten mußte. Man fuͤhrte ihn jetzt durch viele Gaͤnge, krumme und gerade, Stu⸗ fen auf und ab, ohne daß er irgend etwas ſehen konnte. End⸗ lich hieß man, nachdem er, wie es ſchien, zwei hohe und ſteile Treppen erſtiegen hatte, ihn ſtille ſtehen. Er hoͤrte in ſeiner Naͤhe das Geſpraͤch zweier Maͤnner. Sir Davenant will alſo, der uͤblichen Form wegen, zu⸗ hoͤren, und als echter Tory, mir, als echtem Whig, bezeugen, daß bei mir ſtrenges Recht gehandhabt wird?— Ich werde beim Verhoͤre als ſtummer Zeuge zugegen ſein— fiel der junge Mann ein— olgleich ich Ihre ſtrenge Gerechtigkeit im voraus beeiden wollte. Das wuͤrde nicht gelten, Sir Davenant, bei uns, wo nach Koͤnig Hoel Dha's Geſetzbuch— welcher auch der guͤtige Koͤnig heißt— Eideshelfer nur in neun Faͤllen zuge⸗ laſſen werden. Freilich nach Ihren Saͤchſiſchen Geſetzen— Die Davenants ſtammen von Normaͤnniſchem Blute— Ich ſagte, Sir Dayenant, nach Ihren Saͤchſiſchen Ge⸗ ſetzen waren freilich ſiehen— dreiunddreißig— ja ſiebenund⸗ ſiebzig Eideshelfer erlaudt, wogegen Koͤnig Hoel Dha, hoch⸗ ſeligen Andenkens,— bei welchem mein Urahn Gosdepur war,— was ſo viel heißt als Silentiarius, oder der an der II. Bd. 191 — 130— Koͤnige Hoͤfen und Gelagen Schweigen gebietet, wenn der Koͤnig reden will, und ſelbſt ſolchen in die Rede faͤllt, welche erſt mitten drin ſind im Erzaͤhlen, wie es denn ſelbſt mal unſerm Vetter Madoe ap Meredith ſo erging, daß er mitten im Worte Thaließin, nachdem er Thalie— geſprochen, unterbrochen wurde, und nicht mehr das—ßin ausſprechen konnte, was ihn dermaßen erzuͤrnte, daß Todtfeindſchaft ent⸗ ſtand, und wegen der einzelnen Sylbe ßin die Blutrache funfzig Jahr zwiſchen den Familien der Madoc ap Meredith und der Conans von Meredith wuͤthete, und neunzig Haͤup⸗ ter, ohne die kleinen zu rechnen, bluten mußten. Der Gefangene ſteht, ſo viel ich bemerke, ſchon im Winkel. Nichtig, im Winkel mußten die Verbrecher nach dem Herkommen in Powisland ſtehen, nach denen von Montgo⸗ meryſhire ſtanden ſie aber an den Pfeilern zwiſchen den Fen⸗ ſtern, wie es in dem Geſang Thaließins heißt: In der Königsburg ſtand in Mathyxafel Am Mitttelpfeiler ein' arme Seel', Neben ihm, zur rechten und linken Hand, Recht und Gnade an beiden Fenſtern ſtand. Ich ſehe, Sir Morgan, daß der Verbrecher,⸗ gleichviel ob er am Pfeiler oder im Winkel ſtaͤnde, hent nicht entkom⸗ men moͤchte.. Das kann er auch nicht, Sir Davenant, denn nach der alten, Ihnten bekannten, Sage, daß Redwald von Weſſex in Walladmor gefangen ſaß— Und dort ſo lange ſitzen mußte, bis ſeine Haare weiß wurden, und als er gegen Lsſegeld befreit werden ſollte, einen Schwindel bekam, und von der Mauer hinab ins Meer ſtuͤrzte — das iſt mir Alles ſehr wohl bekannt,— ſagte ſchnell und laͤchelnd der juͤngere Mann— aber diesmal hindert den Ver⸗ brecher einen Schwindel zu bekommen der graue Sack, in welchen er vor der Zeit der Reue und Aſche geſteckt iſt. Lachen Sie nicht, Sir Davenant! Wenn der Verbrecher vor den Penteulu,— was ſo viel iſt als bei Ihnen Ma⸗ jor Domus— gefuͤhrt wurde, ſo trug er ſo lange einen grauen Sack uͤber den ganzen Leib, bis der Koͤnig oder der Oberjaͤgermeiſter— wer nun gerade richtete— das hing da⸗ von ab, wie bei Ihnen, ob das Haus der Lords, welches uͤber die Pairs richtet, oder die Geſchwornen, welche das gemeine Volk beſorgen, ſprechen ſoll, naͤmlich wie der Stand des Verbrechers war? Bis denn der Richter rief:„Die Sonne ſcheint am Himmel, und des Koͤnigs Licht auf Erden! Wirf ab, Verbrecher, die Nacht Deiner Suͤnde und bekenne!“ Dann wurde ihm vom Croeſan, oder Hofnarren, der Sack abgezogen, und dieſer behielt den Sack⸗ Aber was wurde mit dem Angeſchuldigten? Gehangen, oder gekoͤpft, oder geſpießt⸗ Aber wenn er unſchuldig war? — 132— Ein Unſchuldiger wurde nie vor das Gericht eines Kym⸗ meriſchen Fuͤrſten gezogen. und woher verſtanden dieſe die Kunſt, im voraus Schuld und Unſchuld zu kennen? Aus den Sternen und dem Vaͤliſchen Inſtinkt, Sir Da⸗ venant. Sie laͤcheln, aber Sie werden ſehen, der Inſtinkt luͤgt nicht. 1 Diesmal glaube ich Ihnen in der That. Wohlan denn, Marwell, zieh ihm die Kappe ab— dann ſagte er etwas leiſer, jedoch ſo, daß es der Gefangene ver⸗ ſtand— ſpringe aber dann ſchnell wieder zuruͤck, und ſetze Dich zu meinen Fuͤßen als Troedjany, und Du mußt auch, da die andern zu dumm zu dem Dienſte ſind, als Can⸗ whyllid auf die Lichter ſehn, alles gehoͤrig abzumeſſen.— Mit lauter Stimme rief er dann aus⸗„Die Sonne ſcheint am Himmel, und des Koͤnigs Licht auf Erden. Wirf ab⸗ Verbrecher, die Nacht Deiner Suͤnde und bekenne!“ Der Sack wurde dem Gefangenen uͤber den Kopf und abgezogen. Verblendet vom Lichtſcheine, erkannte er erſt nach einer Weile die Gegenſtaͤnde. Er ſtand in einem gro⸗ ßen, hohen und gewoͤlbten Sgale mit fremdartigen Verzie⸗ rungen. Zwiſchen dem hoͤlzernen Taͤfelwerk hingen Tepviche mit grotesken Stickereien; auf den Simſen wechſelten alte Hirſchgeweihe, Stierkoͤpfe von unfoͤrmlicher Groͤße, Wolfs⸗ haͤute und ⸗Haͤupter, mit alten Streitkolben, Hellebarden und ſeltſamen Schilden, wie Bertram ſie nur im Staube I — 133— der Mrerſchen Kirche geſehen. Einzig und allein haͤtten mit dem großartigen Eindruck des ganzen Saales die kleinen Fenſter contraſtirt; man bemerkte dieſe indeſſen weniger, da es Abend war, und die ganze Beleuchtung vom Feuer des großen Kamines und zweien Fackeln, welche von zwei baum⸗ großen, wunderbar aufgeputzten, Dienern in dem Hinter⸗ grunde des Saales gehalten wurden, ausging. Außerdem brannten zwar drei Armleuchter auf einem runden, in der Mitte des Saales ſtehenden, ſchwarzen Tiſche; gegen den Fackel⸗ und Feuerſchein, und im Verhaͤltniß zu der Groͤße des Zimmers erſchienen die Lichtflammen jedoch nur wie Tod⸗ tenlampen. An dem Tiſche ſaß ein junger Officier und ſchien Feder und Papier in Bereitſchaft zu halten. Vor dem Ka⸗ mine aber war die Hauptgruppe. Auf einem altvaͤterſchen Lehnſeſſel ſaß ein Greis mit kahlem Haupte, welches Ehr⸗ furcht einfloͤßen mußte. Aber die Zugabe zum Geſicht, die Koͤrperſtellung und der wunderbare Anzug haͤtten, wenn nicht ſo ſchreckenerregende Attribute umhergeſtanden, und ein an⸗ derer als ein Criminalgefangener der Zuſchauer geweſen waͤre, nur zum Lachen gereizt. Der Mann hatte einen rothſeide⸗ nen, engen und kurzen Schlafrock an, welcher uͤberall mit Gold reichlich geſtickt war, und von einem ſchwarz nnd ſil⸗ bernen breiten Gurt zuſammengehalten wurde. Manchetten blickten aus den Aermeln hervor, und grauſeidene Fuͤße mit Schnallenſchuhen aus dem Schlafrocke. Dieſe Fuͤße hatte er auf einen breiten Fußſchemel von Ebenholz geſetzt, auf welchen zu gleicher Zeit der greiſe Marwell ſich demuͤthig mit gebuͤcktem Haupte niedergelaſſen. Es ſchien, als warte dieſer eigentlich, daß ſein Herr die Fuͤße auf ihn ſelbſt nie⸗ derſetzen werde, Ungeachtet ein Wolfsfell mit verſilberten Klanen und ſilbern beſchlagenem Kopfe uͤber der Ruͤcklehne ſeines Stuh⸗ les hing, und ein unfoͤrmlich großes Schwert von dem die⸗ nenden Hausmeiſter zu ſeinen Fuͤßen gehalten wurde, ſo glich doch die Geſtalt mehr einer chineſiſchen Pagode, als einem Richter unſerer Zeiten; und auch der wuͤſte ungeheure Cha⸗ rakter des Sagles paßte zu der phantaſtiſchen Geſtalt eines chineſiſchen Zauberers. Wenn aber auch Bertram eine der⸗ gleichen Vorſtellung in den Sinn kam, ſo uͤberwanden ganz andere Gefuhle ſeine Luſt zur komiſchen Beobachtung. Der alte Mann richtete ſich etwas von ſeinem Seſſel auf, und gab ein Zeichen, daß der Gefangene ſich naͤhern moͤge. Dieſer folgte dem Befehle, ſchlug aber, ſtatt, wie der Friedensrichter zu erwarten ſchien, zu ſprechen, die Arme ubereinander und blickte ſo feſt und ſtrenge auf dieſen, als dieſer ſelbſt vielleicht gewillt war, zu erſcheinen. Entruͤſtet ſprach der Greis⸗ Wie kommſt Du zu dieſer Frechheit? An Bertrams Haͤnden hatten aber die Ketten, waͤ der Gefangenſchaft im Thurme, nur das bittere Gefuͤhl einer vermeinten Kraͤnkung erweckt, und ihn, wenigſtens fuͤr den 7 Augenblick, nicht muͤrbe gemacht. In heftigem Trotze hrend — 135— trat er einige Schritte vor, raſſelte mit den Ketten, und rief aus: Ich frage: wer, gegen Geſetz und Recht, mich wie einen Boͤſewicht gefangen haͤlt? wer mir Ketten angelegt hat? wer ſich berechtigt glaubt, mich als einen Verbrecher verhoͤren zu wollen?— Wenn Bertram geglaubt hatte, durch dieſen Ungeſtuͤm den Richter zu erſchrecken, ſo befand er ſich im Irrthum. Trotz ſeines Alters, trotz der Gebrechlichkeit und der Ausſtaffirung mit laͤcherlichen Attributen ſeiner Wuͤrde, wohnte ein feſter Geiſt in dem alten Manne, und ohne ſeine Stellung zu veraͤndern, oder auch nur die Augen groͤßer zu machen, ant⸗ wortete er:. Ich Morgan Walladmor, Baronet, Friedensrichter dieſer Grafſchaft. Iſt es Recht und Sitte in England, einen Fremden auf der Straße zu ergreifen, ihn furchtbar zu mißhandeln, ihn in einen Kerker zu werfen?— Ich verlange meinen Anklaͤ⸗ ger zu ſehn, wie es nach Engliſchen Geſetzen der freie Mann verlangen kann— es muͤſſen bereits vierundzwanzig Stun⸗ den ſeit meiner Gefangennahme verfloſſen ſein. Der Sauire wendete ſich laͤchelnd zum Officier, und ſagte: Er ſcheint vergeſſen zu haben, daß Ihre Miniſter die Habeas-corpus-Akte, das Palladium dieſer Leute, haben ſus⸗ pendiren laſſen! — 136— und ich will nicht glauben— erwiederte der Officier — daß Sir Morgan es fuͤr dieſe Leute wuͤrde vertheidigt haben! Wer iſt mein Anklaͤger?— rief Bertram erhitzt aus, und trat, vom Aerger uͤbermannt, an den Tiſch in der Mitte des Zimmers, ſchlug auf denſelben, daß die Ketten laut ge⸗ gen das Ebenholz klirrten, indem er die Worte wiederholte: Wer iſt mein Anklaͤger? Der Officier ſprang entruͤſtet auf, und rief: Gewalt! Ohne von ſeinem Platze ſich zu bewegen, befahl der Frie⸗ densrichter den Conſtablern: Schließt ihn feſter zuſammen, und fuͤhrt ihn in den Thurm! Bertrams Proteſtiren half ihm nichts, man legte die Ketten feſter um ſeinen Arm, warf den ungluͤcklichen Sack ihm uͤber den Kopf, und fuͤhrte ihn ab. Als er fort war, ſagte der Squire⸗ Sir Davenant! Wir koͤnnen doch auf Ihre zehn Drago⸗ ner rechnen? Sie bleiben ſo lange im Schloß, als Sie es fuͤr gut achten. Nur auf ſichern Hinterhalt geſtuͤtzt, konnte der Verbre⸗ cher ſich gegen einen Walladmor ſolchen Trotz erlauben, als ſelbſt Heinrich Perey gegen den großen Glandower nicht zu zeigen wagte. Duͤrfte ich Sie erinnern, Sir Morgan, daß es raͤthlicher ſcheinen moͤchte, gegen einen ſo verwegenen, und der Geſetze — 137— kundigen, Boͤſewicht lieber die Gerichtsformen Ihrer glor⸗ wuͤrdigen Ahnen zu verlaſſen, und die einfachen, im verei⸗ nigten Koͤnigreiche uͤblichen, zu gebrauchen? Sie ſind ein Mann von Verſtande, Sir Davenant, und verſtaͤndige Maͤnner achte ich. Sie kennen meine Schwaͤche, die ſchoͤnen Zeiten unſerer Herrlichkeit zuruͤckfuͤhren zu wol⸗ len; aber die Walladmors koͤnnen auch Schwaͤchen uͤberwin⸗ den, und Sie haben Recht. Zu Gunſten ſo niedriger Ver⸗ raͤther waͤre uralte Kymriſche Trefflichkeit gemißbraucht. Sechstes Kapitel. Ein Kloſter? So muß ich ein Pilger werden, Die Welt durchſtreifen, ſeinen Ruhm zu preiſen. Nach jahrelanger Wandrung kehr’ ich heim Und klopfe zitternd an die Pforte. Noch,— Wie auch mein Leib nach ew'ger Ruh ſich ſehnt,— Steht lebensfrifch dein Vildniß vor der Seele. Ans Fenſter tritt die Pförtnerin. Ein Weſen, Das aus dem Reich ber Grufte aufgeſtiegen, Blaß, abgehärmt, farbloſe Lippen; um Die tiefen Augen, eingefallnen Wangen Haucht Moderluft der Gräber und ſie ſpricht: „Was willſt Du?“ und es iſt Angelika. Ganz neue Komödie. Sir Morgan Walladmor, aus einem alten, wie die Stamm⸗ buͤcher und Familien⸗Traditionen beſagten aber dem aͤlte⸗ ſten, Geſchlechte in Wales ſtammend, zeichnete ſich ſchon von 3 Jugend auf unter den benachbarten Adlichen durch ſonder⸗ bares Feſthalten an laͤngſt veralteten Gewohnheiten aus. Er begnuͤgte ſich aber nicht allein damit, ſondern ſuchte all⸗ — 139— maͤlig auch ſolche wieder einzufuͤhren, welche ſchon ſeit Jahr⸗ hunderten geſchlummert hatten, Da bekanntlich in keinem Lande die Cultur in den letzten Jahren ſo ſchnelle Fortſchritte gemacht hatte, als gerade in den gebirgigen Diſtrikten von Wales, ſo war es natuͤrlich, daß ſeine Sonderbarkeit immer mehr auffiel, und er hinwiederum, wo er unter ſeinen Stamm⸗ und Standesgenoſſen Lauigkeit gegen die alten Sitten be⸗ merkte, oder gar mit Spott betrachtet wurde, ſich immer mehr von ihnen zuruͤckzog, und bald auf ſeinem uralten Meeresſchloſſe ein Einſiedlerleben fuͤhrte. Vor allem ſchmerzte es ihn, daß die alte Sprache der eingebornen Britten auch in ihrem letzten Zufluchtsorte, den Waͤliſchen und Kornwal⸗ liſchen Gebirgen, immer mehr und mehr verſchwand; und ſein hauptſaͤchliches Beſtreben ging dahin, ſie in einzelnen Kirchen aufrecht zu erhalten, und ſie mitunter in ſeinem Hauſe ſprechen zu laſſen, was ihm indeſſen hauptſaͤchlich um deshalb nicht recht gelang, weil er ſelbſt ſie nicht verſtand, und erſt in ſpaͤtern Jahren das Studium angefangen hatte. Dagegen unterſtuͤtzte er alle Unternehmungen, welche in den letzten Decennien von gelehrten, oder bloß aufgeblaſenen Waͤlſchen Litteratoren zur Illuſtrirung ihres Alterthums ge⸗ macht worden, und in ſeiner Bibliothek nahmen die Werke Waͤliſcher Barden, mit allen ihren Commentatoren, die Ge⸗ ſchichten des Gottfried von Monmouth nebſt ſaͤmmtlichen, aus dieſem fabelreichen Hiſtoriker entſtandenen Rittergedich⸗ ten und Romanen von Koͤnig Arthur und den Helden ſeiner — 140— Tafelrunde, eine ganze große Wand ein. Die Gedichte des zweifelhaften Barden Lowarch hen Thaließin prangten be⸗ ſonders in einem koͤſtlichen Einbande. Auch hatte die Bib⸗ liothek einen Schatz von Schriften uͤber die Entdeckung Amerikas; wenige meiner Leſer werden aber wiſſen, daß der Grund dieſer Auszeichnung nur darin lag, weil die Waͤlſchen behaupten, ihr Fuͤrſt Madoer ap Owen Gwyneth habe im zwoͤlften Jahrhundert dieſen Welttheil entdeckt; und die Chronik Caraduos von Llancarven, ſo wie das Buch des ehrlichen Pfarrers Ewan Theophilus uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand, ſchloſſen, als authentiſche Zeugen fuͤr den Waͤlſchen Ruhm, die Buͤcherreihe uͤber dieſen Gegenſtand. Als Frie⸗ densrichter hatte Sir Morgan bei jedem Gerichtstage— es kam ſehr ſelten— das zuſammengeſtoppelte Buch alter Waͤ⸗ liſcher Gewohnheiten, welchem ruhmredige Eingeborne den Namen des Geſetzbuches Koͤnig Hoel Dha's gegeben haben, aufgeſchlagen vor ſich liegen, obgleich auch kein einziger Fall mehr gegenwaͤrtig Anwendung finden mochte. Die menſchliche Natur iſt unendlich gelehrig, und es iſt eine, leider nur zu erprobte, Wahrheit, daß ſich eine Natur der andern einimpfen laͤßt. Der Betruͤger glaubt am Ende ſelbſt an ſeinen Betrug, und der Phantaſt, wenn er auch ſonſt ein ganz geſcheuter Mann iſt, wird von der einen ver⸗ kehrten Idee, zu welcher ihn ſein einſeitig ſtudirtes Streben hingefuͤhrt hat, zu tauſend thoͤrigen Gedanken verleitet. Als Morgan ſich endlich zu einem nralten Waͤlſchen Haͤuptling — 141— in Gedanken zuruͤck gezaubert hatte, als er ſich alterthuͤm⸗ lich kleidete, alte Gewohnheiten in ſeinem Schloſſe einfuͤhrte, waͤlſch⸗rechtlich zu denken und zu fuͤhlen ſich beſtrebte— erſchien ihm auch allmaͤlig die Außenwelt um ein Jahrtau⸗ ſend zuruͤckgeruͤckt. Da das Spiel ſeiner Phantaſicen, bei ſeinem geringen Umgange, von wenigen, welche ihm an Range gleichgeſtellt waren, unterbrochen wurde, und die Ge⸗ ringern in verehrender Entfernung von ihm blieben, oder ſich gar nach ihm fuͤgten; ſo war nichts natuͤrlicher, als daß er von der Wirklichkeit immer mehr abſtrahirte. Trotz der langen und friedlichen Einigkeit zwiſchen Wales und Eng⸗ land, und obgleich ſo viele Miniſter aus den großen Fa⸗ milien des erſtern Landes das vereinigte Koͤnigreich regiert hatten, ſtanden ihm doch noch immer Sachſen— unter dieſe zaͤhlte er auch die Normannen— uund Waͤlſche ſchroff ein⸗ ander gegenuͤber. Die Sachſen waren eingedrungene, ſieg⸗ reiche Fremde, die Waͤlſchen, in die Gebirge zuruͤckgedraͤngte Ureinwohner. Er ſelbſt hielt ſich auf ſeinem Meeresſchloſſe fuͤr einen unuͤberwundenen alten Brittiſchen Haͤuptling, deſ⸗ ſen Pflicht es ſei, allen Waͤlſchen Schutz gegen die druͤcken⸗ den Fremden zu gewaͤhren, und jeden ehrlichen Gutsbeſitzer jenſeits der Severn fuͤr einen Saͤchſiſchen oder Normaͤnni⸗ ſchen Baron, der in dem armen Wales auf Eroberungen ausgehe. Seltſam zeigte ſich dieſe Anſicht beſonders in ſei⸗ nem Standpunkt zum oͤffentlichen Lehen. — 12— MNan konnte den Flecken Merr, deſſen Grundherr er groͤßtentheils war, als einen vermoderten*) anſehen. We⸗ nigſtens waren die Squires auf Walladmor ſchon ſeit hun⸗ dert Jahren gewiß, in dem ehemals bedeutendern, und im Parlamente vertretenen Staͤdtchen jetzt ohne Widerſpruch er⸗ waͤhlt zu werden. Sir Morgan ſaß auch ſeit ſeinem zwei⸗ undzwanzigſten Jahre im Parlamente, aber immer auf den Oppoſttionsbaͤnken. Wenn wir in den Verhandlungen we⸗ nig von ſeinen Reden finden, ſo liegt der Grund nur darin, daß Sir Morgan fuͤrchtete, wegen ſeiner Waͤlſchen breiten Ausſprache verhoͤhnt zu werden, und er nichts mehr als Spott, nicht fuͤr ſeine Perſon, ſondern das Anſehn ſeines Vaterlandes, fuͤrchtete. Mehr aber duͤrfte man ſich wun⸗ dern uͤber ſeinen Platz, wenn man weiß, daß er durchaus von treuen, alten und loyalen Geſinnungen erfuͤllt war. Aber er ging ganz conſequent. Er hatte noch immer den Krieg zwiſchen Angelſachſen und Waͤlſchen vor Augen; die⸗ ſer aber hatte ſich aus einem Waffenkrieg in ein Mundge⸗ fecht verwandelt: die herrſchende Partei, die miniſterielle, mußte die der Angelſachſen ſein,— die ſchwaͤchere, die Op⸗ poſition, war alſo keine andere, als die der unterdruͤckten Brittiſchen Ureinwohner. So focht der ruͤſtige Degen uner⸗ muͤdet fuͤr die Rechte eines imaginairen Volkes, denn zufaͤl⸗ lig war in der ganzen Oppoſition, außer ihm, nur Ein Par⸗ *) rotten borough- — 143— lamentsglied, welches auf Waͤlſche Abkunft Anſpruch machen konnte. Als die Franzoͤſiſche Revolution ausbrach, befand er ſich anfaͤnglich in einer unangenehmen Verlegenheit, in⸗ dem er den neuen Grundſaͤtzen, nach denen ſeiner Vorfah⸗ ren, nicht beipflichten konnte. Als aber in Frankreich die Theorie aufkam: daß der tiers etat aus den unterdruͤckten alten Galliern beſtehe, der Adel aber Nachkomme der einge⸗ drungenen Fraͤnkiſchen Sieger ſei, wurde er einer der eifrig⸗ ſten Vertheidiger der Revolution, und blieb es auch, als ſelbſt For ſchon de tacto das Feld geraͤumt und ſich auf ſein Landgut zuruͤckgezogen hatte. Indeſſen verſcheuchte ihn ein anderer Mann, und zwar Einer, der ehemals zu den heftig⸗ ſten ſeiner Partei gehoͤrt hatte. Sheridan, deſſen Witz weder Feind noch Freund ſchonte, gab, als er die Oppoſition ver⸗ laſſen, oder wenigſtens gegen den Bonapartismus mit den Miniſtern focht, dem ehrlichen Waͤlſchen Vertheidiger der alten Gallier oft bittere und ſatyriſche Seitenhiebe, daß der gekraͤnkte Ehrenmann von dieſer Zeit an das Parlament ver⸗ ließ, und nur jedesmal in der erſten Sitzung erſchien, um ſein Votum gegen die vorgeſchlagene Adreſſe an den Thron abzugeben. Wenn er dann ſeinen Namen unter der langen Liſte derer ſah, welche hier zuerſt ihre Oppoſttionsgeſinnun⸗ gen dargelegt hatten, zog er ſich, zufrieden mit dieſem, in Proteſten beſtehenden Kampfe, auf ſein Schloß zuruͤck. Man denke aber nicht, daß er bei dieſer Strenge in den Grundſaͤtzen auch ſtrenge in der Handhabung derſelben ge⸗ weſen, und namentlich gegen anders denkende, und mehr noch gegen von Andern als Waͤlſchen Voraͤltern Entſproſſene ſich hart gezeigt habe. Sein freundliches Herz verbot ihm jede Haͤrte, wenn ſie nicht aus den Geſetzen und ſeinen ſtreng rechtlichen Geſinnungen hervorging. Er war milde gegen ſeine Untergebenen, vorzuͤglich guͤtig gegen die Armen,⸗ und deshalb allgemein geliebt. Nur gegen die Uebertreter des Geſetzes erſchien er, eingedenk der grauſam ſtrengen Rechts⸗ pflege der Waͤlſchen Fuͤrſten, unerbittlich. Obgleich er im rechtlichen Kriege mit der Regierung zu leben glaubte, ſo unterſtuͤtzte er doch auf einer Seite deren Rechte, und mehr als je ein Geſetz es ihm zur Pflcht machen konnte. Er vaßte den Schleichhandel, und da die ganze Waͤlſche Kuͤſte zu Importationen geeignet iſt⸗ und die Anwohner denſelben nicht abgeneigt ſind, ſo befand er ſich immerwaͤhrend beſchaͤf⸗ tigt. Dieſer Wachſamkeit und Treue verdankte er wohl mit, daß er, trotz allem Wechſel im Miniſterium, immer Friedens⸗ riccter blieb⸗ Die ihm als ſolchem obliegenden Pflichten erfuͤllte er mit großer Geſchicklichkeit, und man wuͤrde ſehr irren, wenn man aus der Thorheit ſeiner Beſtrebungen auf der einen Seite ſchließen wollte, daß jene ihn durch und durch regiert habe. Er war im Gegentheil ein ſehr verſtaͤndiger Mann, uberall wo nicht die altwaͤlſche Hofſitte ins Spiel kam, und ſelbſt hier ſiegte oft uͤber das erlernte Naturell der natuͤrliche Verſtand, wenn er einſah, daß der Baͤlſche Haͤuptling etwas verderben — 145— verderben koͤnne. So ſahen wir ihn am Schluß des vori⸗ gen Kapitels auf die hingeworfene Bemerkung Sir Dave⸗ nants ſogleich eingehen. Er fuͤhlte, daß, einem abgefeimten Verbrecher gegenuͤber, der alt⸗waͤlſche Rechtsgang den Kuͤr⸗ zern ziehen muͤſſe, und heſchloß, das friedensrichterliche Ver⸗ boͤr auf gewoͤhnlich hergebrachte Weiſe am folgenden Tage abzuhalten. Es iſt oben geſagt, ſein Aeußeres habe die komiſche und tragiſche Maske zugleich an ſich getragen. Die ihn naͤher kannten, bemerkten nur noch die letztere. Sir Morgan hatte viele Leiden in ſeinem langen Leben erfahren; kinderlos, und ohne maͤnnliche Stammverwandte, wohnte er allein auf ſei⸗ nem Schloſſe, nur von einer Nichte in ſeiner Einſamkeit ge⸗ troͤſtet. Wenn nicht ſchon dieſes Alleinſtehn fuͤr einen Geiſt, wie den ſeinen, ein Leiden war, ſo mußte die Art, wie er es geworden, es noch mehr ſein. Er hatte Gattin und Kinder durch Ungluͤcksfaͤlle verloren. Waͤhrend ſich die Trauer in ſeinen Zuͤgen theilweiſe offenbarte, uͤberſahen die, welche ſeine Geſchichte kannten, auch die andern des ſeltſamen Mannes Eigenheiten verrathenden Zuͤge. Bei hellem Tage ſaß er am Morgen in ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Kleidung, ungefaͤhr wie wir ihn in Me⸗s ſahen, mit dem Officier, an einem gruͤn behangenen Tiſche, und nur zwei Conſtabler fuͤhrten den Gefangenen, welchem man heut nicht allein den grauen Sack erlaſſen, ſondern auch die Ket⸗ ten abgenommen hatte, in den Saal. Die Fuͤhrer traten II. Bd. 101 * — 146— gleich wieder ab, ſo daß bei dem Verhoͤre nur die drei ge⸗ nannten und bendthigten Perſonen zugegen waren. Mit einem komiſchen Blicke den Gefangenen firirend, ſagte der Squire: Nun, mein ehrlicher Freund! erzaͤhlt mir die Geſchichte Eurer Ehrlichkeit, und wie gottlos man Euch gefangen und eingeſperrt hat! Bertram ſchwieg einen Augenblick, dann antwortete er mit ruhiger Stimme, und ohne ſich von ſeinem Platze zu be⸗ wegen: da ich vermuthen kann, daß man mich hier nicht fuͤr ehrlich haͤlt, ſo muß ich dieſe Fragen nur fuͤr einen Scherz anſehen, der eben ſo ungeziemend im Munde des ernſten Richters klingt, als er fuͤr den tief Gekraͤnkten beleidigend iſt. Der Friedensrichter, welcher geſtern beim Trotze des Verbrechers ruhig geblieben, fuhr bei dieſer Antwort ſichtlich betroffen zuruͤck. Wirklich lag in der Faſſung und Ruhe des zjungen Menſchen, auf deſſen Geſichte ſich Stolz und das Gefüͤhl der Kraͤnkung ausſprach, etwas Impoſantes. Es kam dazu, daß er ohne Feſſeln vor ihm ſtand, und ſeine gute Korperbildung in der freien Stellung ſich zeigen konnte. Niemand erkannte williger das fremde Verdienſt— unbe⸗ ſchadet dem alt Waͤliſchen— an, als Sir Morgan, und er hatte von dem Augenblicke an beſchloſſen, den Gefangenen auf andere Weiſe zu behandeln, ſo daß er zu Sir Davenant, welcher ihm fluͤſternd eine ſolche Veraͤnderung der Maßre⸗ geln anempfehlen zu wollen ſchien, ſagen konnte: ——— u — 147— Auch in Powisland, Sir Davenant, weiß man einen Unterſchied zwiſchen Verbrechern zu machen. Einige wurden in Radnor an die Wand gekettet beim Verhoͤr, Andere zu den Zeiten Cedwallas nagelte man an den Boden, und wo nur eine feſtgeſtampfte Lehmtenne war, legte man Bretter unter; indeſſen wurde, wie auch in der Irrfahrt des Livius Diseonius vom Zauberthurme Cadwaundur erwaͤhnt wird,— welcher nur in Powisland ſtehn konnte— doch wir kommen ab von dem Gegenſtande, und wollen heut nach Tiſche, wenn es Sir Davenant angenehm iſt, das Geſpraͤch erneuern. Sir Davenant verbeugte ſich, und ſchrieb, waͤhrend der Richter fragte, die gegebenen Antworten nieder. Wie heißen Sie? Edmund Bertram⸗ uUnd ſind gebuͤrtig von wo, Herr Edmund Bertram? Aus Merſeburg, der Hauptſtadt des Harzes*). Alſo ein Deutſcher, und ſprechen Engliſch wie ein Ein⸗ geborner. Ich habe es in der Jugend gelernt. Wer waren Ihre Eltern? Ich bin ein Waiſenkind. Und weſſen Standes ſind Sie ſelbſt? Ich— ich— bin auf Schulen geweſen. *) ¹1 A. d. R. z. I. u¹ — 148— Auf guten Schulen!— bemerkte der Offäcier. Der Squire aber fluͤſterte ihm zu: und iſt doch ſchon gefangen, trotz der Schulgelehrtheit. Dann fragte er weiter: 3 Wie kamen Sie nach England? Ich ſchiffte mich in Frankreich ein. In welcher Abſicht gingen Sie nach England? Ich wollte— ich— ich glaube nicht, daß ich uͤber meine Gedanken Auskunft zu geben brauche. Der Sauire laͤchelte und bemerkte leiſe zum Officier: Er kennt wenigſtens, trotz ſeines kurzen Aufenthaltes, unſere Geſetze.— Wie lange wollten Sie in England ſich auf⸗ halten? Den Winter und naͤchſten Sommer uͤber. Wie viel Baarſchaft beſaßen Sie auf Ihrer Ueberfahrt, um waͤhrend dieſer Zeit in England zu leben?. Etwa fuͤnfhundert Pfund. und konnten vermuthlich noch groͤßere Summen ſich nachſenden laſſen? Allerdings. Beſitzen Sie jene Summe noch gegenwaͤrtig? Ich habe faſt alles, ſo wie meine uͤbrigen Effecten, beim Schiffbruch verloren. Auf welchem Schiffe erlitten Sie dieſen? Auf dem Engliſchen Dampfboot Halcyon. — 149— Sie retteten ſich alſo vermuthlich, und was begannen Sie auf unſerer Kuͤſte? Ich ſtreifte umher, und beſah mir die merkwuͤrdigen ro⸗ mantiſchen Punkte in der Umgegend. Wo hielten Sie ſich auf waͤhrend dieſer Zeit? Im Gaſthofe zu M**. Waren ſie auf dem Wege von Huntingeroß nach der Ar⸗ thurſchanze? Ich erinnere mich nicht. Wo wurden Sie ergriffen? Zuerſt in einem alten Kloſter in den hohen Bergen, wenn ich nicht irre, bei Merioneth. Wie waren Sie dorthin gekommen? Auf die Einladung eines Bekannten. Wer war dieſer Bekannte? Ich darf ihn nicht nennen. Was bezweckte Ihre Zuſammenkunft dort mit dem Un⸗ bekannten? Wir wollten die romantiſchen Schoͤnheiten der Gegend betrachten. Der Offccier laͤchelte hierbert. Der Squire aber fuhr fort, indem er eine aͤhnliche Muskelbewegung in der neuen Frage unterdruͤckte: Es war eine kalte Winternacht? So war es. Wer befreite Sie aus den Haͤnden der Haͤſcher? — 15⁰0— Der— der— ich weiß es nicht. Was fing der Unbekannte mit Ihnen an? Man ließ mich los unten am Gebirge. Fuͤrchteten Sie ſich vor den Geſetzen? Nein. Weshalb uͤbergaben Sie ſich denn nicht ſelbſt den Rich⸗ tern, ſondern entliefen? Ich kann Ihnen den Grund nicht angeben. Kennen Sie einen gewiſſen James Nichols, oder Nico⸗ lao, oder Niklas? Bertram errdthete, und ſagte endlich ſcharf heraus: Ich kenne ihn nicht.— Der Sauire und ſein Begleiter ſahen ſich wechſelſeitig bedeutſam an, endlich fuhr jener fort: Mein Herr! Die Engliſchen Geſetze koͤnnen zwar, wie Ihnen bekannt iſt, keinen Angeſchuldigten zum Bekenntniß zwingen. Ein gewitzigter Mann indeſſen, wie Sie, empfiehlt ſich lieber, ehe er es auf den Spruch der Geſchwornen an⸗ kommen laͤßt, wo der Beweis ſo vollſtaͤndig, wie hier, gefuͤhrt iſt, durch ein offenes Bekenntniß der Gnade. Ich frage Sie daher nochmals ernſtlich, ob Sie ein ſolches Bekenntniß nicht vorziehn? Herr Friedensrichter: ich bitte um die Beweiſe meiner Schuld. Wohlan denn— ſagte der Squire— blaͤtterte in eini⸗ gen Papieren, und fuhr dann fort, indem er beim Schluß jeder Periode feſt auf den Gefangenen blickte: — 151— Amtliche Berichte melden, daß der Staatsverbrecher Ja⸗ mes Nichols, wegen vielfachen Schleichhandels auf dieſer Kuͤſte beruͤchtigt, im Begriff nach Frankreich zu fluͤchten, auf der Inſel Wight ergriffen worden. Auf dem Dampfboot Halcyon wurde er nach Wales geſchifft.— Der Halcyon zer⸗ ſprang. Die ganze Equipage kam um, nur Sie haben ſich gerettet— und bald nach dem ungluͤck des Schiffes iſt der gedachte Niklas wieder an unſerer Kuͤſte lebendig erſchienen; dann, wie durch dieſes Papier erwieſen iſt, hat der Hollaͤn⸗ der van der Velſen mit genanntem Niklas einen Vertrag abgeſchloſſen, welchem zufolge Niklas ſich verbunden, die La⸗ dung eines Franzoͤſiſchen Schiffes allhier einzuſchwaͤrzen.— Unter der Maske eines Leichenzuges transportirten Schmuggler die Waaren vom Meeresſtrande aus in die Gebirge; und im Zuge wurden Sie von drei Graͤnzreitern, mit einem ſtarken Knuͤttel bewaffnet, unter den am meiſten Thaͤtigen erkannt. — In den Ruinen des Kloſters Griffith ap Gauvon, dem allbekannten Schlupfwinkel der Schleichhaͤndler, wurden die Waaren vertheilt. Hier, einem ganz unbewohnten Orte, traf man Sie, einen angeblich Fremden, in der Nacht— in der Winternacht.— Es wurde hier der erſte moͤrderiſche Angriff gemacht, Sie zu befreien— Sie ſchlichen ſich hierauf Nachts in den Stall eines Freiſaſſen und toͤdteten den Hund, um nicht verrathen zu werden. Ihre Fußtapfen im Schnee ver⸗ riethen Ihren Aufenthalt. Als Sie zum zweitenmale gefan⸗ gen waren, wurde zu Ihrer Befreiung in Mi** ein Volks⸗ — 15⁵52— tumult erregt, und als Sie in der erſten Nacht hier gefan⸗ gen ſaßen, wagte ſich ein Schleichhaͤndlerſchiff bis unter die Mauern des Schloſſes. Bertram wollte antworten, der Squire winkte aber und fuhr fort:. Kann ein Fremder, welcher, ohne Bekanntſchaft, ohne beſtimmten Zweck, nach Wales zur Winterzeit kommt, ſolchen Anhang finden? Sie wollen kein Englaͤnder ſein, und ſpre⸗ chen wie ein geborner Englaͤnder. Ihre Anweſenheit auf die⸗ ſem Punkte der Kuͤſte iſt hoͤchſt verdaͤchtig— Sie koͤnnen ſich mit nichts legitimiren; Sie haben angegeben, fuͤnfhundert Pfund beſeſſen zu haben; aus dieſen in Ihrem Felleiſen ge⸗ fundenen Papieren geht aber hervor, daß Sie nicht mehr als hoͤchſtens hundert Pfund beſaßen und keine Hoffnung hatten, irgendwoher mehr zu erhalten— Der Verhoͤrte erroͤthete, als er ſich auf dieſe Weiſe ge⸗ fangen ſah. Seine Verlegenheit zu verbergen, rief er aus: Und man hat gewagt, mein Felleiſen zu erbrechen? Ohne auf dieſen Schreckſchuß zu achten, fuhr der Squire fort: Schon von Anfang an fſiel der junge, wenig bemittelte, Mann, welcher ohne Grund in M**r lange Zeit ſich ver⸗ weilte, auf. Mehrere Perſonen ahneten indeſſen bald, wer es ſei? Der Alderman Graveſand erinnert ſich genau der Geſichtszuͤge, und der Haͤſcher Mae Kilmary will es beeiden, daß Sie— wollen Sie nicht freiwillig geſtehen, wer Sie ſind? ſetzte er langſam und laͤchelnd hinzu. — 153— In meinem Felleiſen ſind die Beweiſe meiner Geburt. Hier ſteht es zu Ihrer Disvpoſition. Bertram ſuchte, gluͤhend vor Unwillen, darin umher, und rief endlich mit allen Zeichen des Schreckens aus: Man hat mir meine Papiere entwendet. James Nichols! Wozu ſpielen Sie laͤnger dieſe Komoͤdie? fuhr der Squire jetzt ſehr ernſt in die Hoͤhe. Bei Gott!, Sie ſind im Irrthum. Man verwechſelt mich.— Meine Pflicht habe ich gethan, verwegener junger Mann! deſſen Kraft zu einem edlern Ziele, als dem Geruͤſte, haͤtte fuͤhren ſollen. Das Uebrige, und ob Sie verwechſelt ſind, werden die Geſchwornen bei der naͤchſten Sitzung entſchei⸗ den. Doch darf ich Ihnen ſoviel ſagen: die Miniſter wollen gegen ſie die Anklage des Hochverrathes fahren laſſen, und Sie werden nur als Schleichhaͤndler und Moͤrder den Ge⸗ ſetzen von Powisland verfallen. Bertram ſchwieg wie vernichtet. Der Squire glaubte ſein Verſtummen ſich auslegen zu koͤnnen, und redete ihn an: Auf Ihren Wunſch ſoll ein Geiſtlicher ſchon jetzt Sie in Ihrem Thurme beſuchen. Ich bin mir nicht bewußt, eines geiſtlichen Zuſpruchs zu beduͤrfen. Nehmen Sie ihn an! Viele verlangen nach ihm zu ſpaͤt, — 154— und auf der Staffel laͤßt ſich nicht mehr das Reich Gottes predigen*). Bertram ſchwieg trotzig, und die Haͤſcher brachten ihn in den Thurm zuruͤck. *) Um nicht zu ermüden, habe ich die Reden des Wälſchen Edel⸗ mannes in ſchlichtem Hochdeutſch wiedergegeben; obgleich A1. W. v. Schlegel in ſeiner claſſiſchen Ueberſetzung Heinrich V. die Wälſchen Reden auch durch ein abweichendes Deutſches Idiom trefklich charakte⸗ riſirt hat. A. d. nI. 3. J. A. Siebentes Kapitel. über Meereswellen, über Felſenklüfte, Unter ſchäumenden Quellen, Durch Todtengrüfte, Im Sturmeswehn, über ſchwindelnden Steg, Auf Felſenhöhn— Findet Liebe den Weg. Lady Ginievra ſtand am Fenſter ihres nach dem Meere ge⸗ legenen Zimmers. Der truͤbe Wintertag, kalt und ſtuͤrmiſch, trieb jedes Weſen in die warmen Gemaͤcher zuruͤck, und doch preßte ſie ihre Stirn an die alterthuͤmlich gerundeten Schei⸗ ben, als verlange Ihr Sinn hinaus in die Schrecken der Ratur. Sie ſah den in einen großen Mantel eingehuͤllten Gefangenen uͤber den gefaͤhrlichen Pfad hinweg nach dem Thurme fuͤhren. Die Thuͤre raſſelte wieder zu, die Riegel davor, und als die Gefangenwaͤrter in das Schloß zuruͤckge⸗ kehrt waren, und der ungluͤckliche in ſeiner Einſamkeit der Macht des Sturmes und der Kaͤlte preis gegeben war, perl⸗ ten helle Thraͤnen aus ihren ſchoͤnen Augen, welche ſie in⸗ deſſen ſchnell wieder trocknen zu wollen ſchien, als ſie im Innern der Burg Tritte eines geſpornten Fußes naͤher kom⸗ men hoͤrte. Die Gemaͤcher eines großen Theiles dieſes Schloſſes waren aber ſo wenig ſymmetriſch als ſchoͤn gebaut, ſondern nach Bequemlichkeit an einander geflickt, daß auch die Communicationsgaͤnge ſich krumm und ſchief, ſtufenauf, ſtufen⸗ ab, bald mit hochgewoͤlbter Decke, bald unter niedrig mit Bal⸗ ken und Brettern verſchlagenem Geſims, einherſchlaͤngelten. Ginievra konnte daher ihre ganze Faſſung wieder gewinnen, als ſte dem erſt nach einer Weile die Thuͤre oͤffnenden Sir Davenant entgegen trat, und ihn haſtig anredete: Sir Davenant!— Hoffnung? Keine, Mylady!— ſagte er, die Achſeln zuckend.— Es ſtehn zu viel Zeugen gegen ihn, ſelbſt Ihr Oheim erinnert ſich dunkel ſeiner Zuͤge aus einem fruͤhern Zuſammentreffen. Ueberdies hat er im Verhoͤre ſich mehr als einmal gefangen; kurz, die Unterſuchung iſt ſo vollſtaͤndig, daß Sie von den Geſchwornen keinen andern Ausſpruch, als:„Schuldig! er⸗ warten koͤnnen. Wie benahm er ſich? Maͤnnlich feſt. Ich hatte von dem tollkuͤhnen Manne einen keckern Auftritt vermuthet; er hielt ſich indeſſen in allen Graͤnzen des Anſtandes, ſo daß der milde Einfluß einer zartern Verbindung nicht zu verkennen war. — 157— Ginievra konnte ſich der Thraͤnen nicht erwehren, ſie ſetzte ſich auf ein Ruhebett und bedeckte die Augen mit ihrem Tuche. Der Officier blieb ehrerbietig vor ihr ſtehen, und fragte endlich mit gedaͤmpfter Stimme: Mylady! Ich glaubte Sie nicht zu beleidigen. Beleidigen?— rief ſie aus, und reichte ihm die Hand. — Edler Mann, koͤnnen Sie mich, Ihre groͤßte Schuldnerin, beleidigen? Sie ſind ein kalter, verſtaͤndiger Mann, Sir Da⸗ venant, eine Schwaͤrmerin iſt Ihnen nur eine Thoͤrin; und doch haben Sie ſich uͤberwunden, als ich Sie zum Vertrau⸗ ten einer Leidenſchaft machte, die nach allen Geſetzen der Klugheit und Sitte thrig iſt,— meiner nicht zu ſpotten, ſondern ritterlich mir zu helfen. Dieſe Enthaltſamkeit, Sir Davenant, ſteht bei weitem hoͤher als der Edelmuth, mit wel⸗ chem Sie nicht weiter in mich drangen, als ich Ihre Liebe nicht erwiedern konnte. Wenn mir auch das Gebot der Schdoͤnheit heilig iſt, ſo bin ich doch bei meinem kalten Verſtande nicht faͤhig, die kuͤhnen Entſchluͤſſe einer ſchoͤnen Schwaͤrmerin zu errathen; und bitte daher, Mylady, Ihren Ritter Ihren Willen we⸗ nigſtens ahnen zu laſſen. Ginievra lehnte ſich nachdenkend einen Augenblick an ihr Sophakiſſen. Der Officier unterbrach ſie: Darf ich durch Fragen Ihren Willen entlocken? Die Lady winkte ihm ſtumm eine bejahende Antwort zu Er fuhr fort: Ginievra! War es die Aufwallung Ihres edlen — 158— Unmuthes, oder war es Ihr ernſtgefaßter Entſchluß, den gluͤcklichen Verbrecher auf immer aus Ihrem Herzen zu ver⸗ bannen?. Sir Davenant! ſprach ſie mit gebietender Stimme, in⸗ dem ſie ſich gerade aufrichtete— Und wenn James Nichols mit ſeiner blutigen Hand das entſetzliche Verbrechen vollen⸗ det, wenn er gekroͤnt an der Spitze ſeiner Rotte auf Eng⸗ lands altem Throne geſeſſen, und die Schloͤſſer der Edlen um⸗ her geraucht haͤtten, wenn ich ſelbſt barfuß mit dem beraub⸗ ten Oheim bettelnd durch das Land gezogen waͤre, und Ja⸗ mes haͤtte mir Herz und Hand geboten, meine Hand wuͤrde ich eher in die eines ſchmutzigen Tageloͤhners, als in ſeine von Blut rauchende, gelegt haben. Sie geben ihn fuͤr immer auf? Ich will ihn nie wiederſehen, nie von ihm hoͤren. Dann bleibt nur die Aufgabe, ihn aus dieſer Haft zu befreien? Ginievra ſprang auf, und wollte dem Officier zu Fuͤßen fallen; erſchrocken hielt er ſie noch zeitig auf, ihre Worte waren aber im Tone einer Fußfaͤlligen geſprochen: Menſch! retten Sie ihn, ſprengen Sie den Thurm. Rehmen Sie mein Alles.— Wenn der, den ich liebte, auf dem Schaffotte vor meinen Augen hingewuͤrgt wuͤrde, glauben Sie nicht, daß ich ſelbſt zehnfach den graͤßlichen Tod erlitte? Mylady! Ich haͤtte mehr zu ſprengen als den Thurm— meine Pflicht als Diener des Koͤnigs, des Landes! Und doch — 159— wollte ich ſie zerreißen, ſchenkten Sie mir nur einen Theil von dem, was Sie Ihr Eigenthum nennen.— Doch ein Schandbube, wer hier Bedingungen ſetzte.— Wie aber— Sie wiſſen, daß das wahnſinnige Weib, die alte Gillie, ihn ſelbſt verrathen hat. Wer ſchuͤtzt ihn, wenn er auf freien Fuͤßen iſt, daß die Frau, welche ungeſtraft Verbrechen bege⸗ hen kann, und vom albernen Poͤbel wie eine Zauberin ge⸗ fuͤrchtet wird, ihn nicht von neuem dem Gefaͤngniß uͤber⸗ liefert? Er liebt mich, er hoͤrt auf meine Worte; ich will zum letztenmale den Verbrecher ſehen, um auf meinen Knieen ihn zu bitten, Europa zu verlaſſen. Er liebt Sie, Mylady.— Wie, wenn ſeine Leidenſchaft ſo furchtbar waͤre, daß er nicht fliehen wollte? Dann— Sir Davenant,— was quaͤlen Sie mich? Dann fliehe ich.— Aber Mann, Sie kalter, kalter Ritter, uͤberlegen Sie alle moͤglichen Faͤlle, ehe. Sie handeln! Sir Davenant errothete, Ginievra trat an's Fenſter. Er folgte ihr. Sehn Sie, Sir Davenant, den Raben, der auf dem Dache des einſamen Meeresthurmes ſein Neſt ſeit Jahrhun⸗ derten erbaut hat?— Er ſteigt auf und fliegt weit uͤber das weite aufgeregte Meer. Ich habe ein altes Daͤniſches Lied geleſen, wo die Prinzeſſin in Engelland im Thurme ſitzt, und hinausſieht uͤber das weite Meer nach Daͤnemark, wo ihr Geliebter, ein Koͤnigsſohn, in einer Burg gefangen ſitzt. Da = 4160— fliegt ein Rabe uͤber das Meer zu ihr in den Thurm, und verwandelt ſich in den Koͤnigsſohn. Er umſchließt die Prin⸗ zeſſin, und Beide fliegen, weit uͤber das Meer, nach Daͤne⸗ mark. So wuͤnſchte ich, waͤre der Rabe der Gefangene, und floͤge fort, um nie wieder zu kehren.. Der Officier verzog etwas den Mund. Ginievra mußte es bemerken, ſie ſchauderte, wie ſchwachnervige Perſonen auch bei geringem Anſtoß zu thun pflegen, zuſammen, und ſagte mit halb laͤchelndem, halb wehmuͤthigem Tone: Sie fuͤhlen, glauben, ſehen nichts— was uns aus dieſer Welt in eine geiſtigere hinausfuͤhrt. Ich ſehe nur, Mylady, daß wir fuͤr's erſte aus dieſem irdiſchen Schloſſe den Gefangenen hinaus zu bringen wenig Hoffnung haben. Die Burg iſt, gleich einer belagerten Fe⸗ ſtung, uͤberall mit Wachen beſetzt, und ſelbſt auf jenen Fels⸗ vorbug, auf dem kein Thurm ſteht, hat der Squire einen Poſten geſtellt, ſo daß es den Freunden des Gefangenen un⸗ moͤglich wird, unbemerkt unten am Felſen zu landen. Ginievra blickte hinaus, und ſah wirklich auf der Fel⸗ ſenſpitze, welche parallel mit der, auf welcher der Kerkerthurm ſtand, ins Meer hinausgeht, jedoch hoͤher und in geraͤumi⸗ germ Umfange endet, eine in ihren Mantel verhuͤllte Wache auf und abgehn. Sir Davenant fuhr fort: Allein von die⸗ ſem Punkte aus kann man bemerken, wenn ein Nachen un⸗ ter dem Felſen des Thurmes anlandet*). Hat *) Theil I. S. 62. — 161— Hat man ſchon Verſuche bemerkt? fragte haſtig Gi⸗ nievra. In der vorigen Nacht hat ſich, trotz der Brandung, ein Kahn mit bewaffneten Leuten bis in das durch die Felſenſpitze geſpuͤlte Loch gewagt. Sind ſie hinaufgeklettert— was beabſichtigten ſie? Mylady, ich bin nicht der Vertraute jener Bande. Aber ſo viel iſt gewiß, daß jener Verfuch den Squire zu der neuen Vorſicht bewogen hat, welche um ſo noͤthiger wird, als das Schleichhaͤndlerſchiff noch immer in der Naͤhe des Schloſſes kreuzt, und in der Nacht bis auf Buͤchſenſchußweite ſich heranwagt. Sind die Schleichhaͤndler ſo ank, daß ſie das Schloß einnehmen koͤnnten? Wuͤnſcht Mylady vielleicht einen Sturm, Flammen, und was dahin gehoͤrt und in alten Geſchichten zu finden iſt?— Ich glaube nicht, daß die Schufte ſo treue Spießgeſellen ſind, um des einen Mannes wegen die groͤßte Thorheit zu bege⸗ hen. Ueberdies wird in einigen Tagen ein Detachement In⸗ fanterie die Beſatzung des Schloſſes verſtaͤrken. Davenant, ſchaffen Sie die Schildwache von der Todes⸗ ſpitze fort! Es iſt kein Dragoner, welcher meinen Befehlen unter⸗ worfen waͤre; doch will ich, was ich vermag, dazu thun, daß nur einfaͤltige Leute hingeſtellt werden. Ginievra, ich will die Augen zudruͤcken, ſobald Freunde des Verbrechers auftre⸗ II. Bd. 1.11 = 162— ten. Sie werden gewiß— vielleicht mehr als wir wuͤnſchen, thaͤtig ſein; nur, bitte ich Sie, Mylady, wagen Sie ſelbſt nicht zu viel. Bedenken Sie die grauen Haare, das Ungluͤck ihres Oheims, wenn er auch nur eine Ahnung Ihrer— Nei⸗ gung zum Verbrecher erhielte.— Sie ſind eine Heldin, aber etwas darf auch eine Heldin nicht wagen— ihren Ruf— Sir Davenant, was ich hingebrn kann, weiß allein mein Gefuͤhl— Ginievra, und wenn der, deſſen Angedenken Sie ver⸗ bannt haben, auch kein Gegenſtand Ihres Mitleids mehr iſt, darf dann der Fremde wieder hervortreten und fragen, ob er hoffen kann? Sir Davenant, Sie ſind ein Vertheidiger der ſtreng ari⸗ ſtokratiſchen Grundſaͤtze, und dulden nicht einmal die Liehes⸗ bande, welche uͤber die Staͤnde ſcheidenden Mauern hinuͤber verbinden wollen. Sie ſind ein aͤußerſt kluger, verſtaͤndiger Ritter, ich bin eine thoͤrige Schwaͤrmerin, die ſelbſt, nachdem ſie den Verbrecher aus ihrem Herzen auf ewig geriſſen, doch ſein Bild noch in ſich traͤgt. Sir Davenants Verbindung mit einer ſolchen Thoͤrin waͤre mindeſtens eine Mißheirath — Leben Sie wohl.. Sie reichte ihm ihre Hand, er druͤckte ſie feierlich an ſeine Lippen, und beurlaubte ſich mit ritterlichem Anſtande. Giniebra ſchellte an einer Schnur,⸗ und bald darauf trat ihre Zofe ein. Sie nahm das freundliche, von ihr ſelbſt auf⸗ erzogene— einige Leute behaupteten ſogar verzogene, Maͤd⸗ — 163— chen— vor ſich auf einen hoͤheren Fußſchemel, uͤberhaͤufte es mit Schmeichelworten und ſchloß damit, daß ſie doch end⸗ lich einſaͤhe, Toms ſei eine treue Seele, die Liebe zwiſchen ihm und ihr treu und gut, und ſie gaͤbe, was ſie betreffe, ihre Einwilligung. Das Maͤdchen wurde ſo geruͤhrt von die⸗ ſer ploͤtzlichen Herablaſſung ihrer Gebieterin, daß ſie ihr die Haͤnde mit Thraͤnen kuͤßte, tauſend Verſicherungen von Toms Rechtſchaffenheit, inniger Liebe und Anhaͤnglichkeit fuͤr den alten Squire, und die Lady, und alles, was das Haus an⸗ ginge, ausſtieß, und endlich im Uebermaß ihrer Freude, als Ginievra, um ſie ganz traulich zu machen, ſich zu ihr herab⸗ neigte, dieſer um den Hals ſiel. Ginieyra kuͤßte ſie herzlich und ſtand dann ſchnell mit den Worten auf: Wenn Toms es doch ſo treu mit allem, was uns angeht, meint, will ich ihn auf die Probe ſtellen⸗ O thut das, gnaͤdiges Fraͤulein, gleich, gleich! rief Almy entzuͤckt aus, und vermuthete in ihrer unſchuldigen Seele nicht, daß Ginievrns Abneigung gegen ihre Liebe zum plum⸗ pen Toms aus ſelbſtſuͤchtigen Abſichten ploͤtzlich verſchwun⸗ den, und es in dieſem Augenblicke ihr eigener Wunſch ſei⸗ die Probe mit Toms anzuſtellen⸗ Gieb mir Shawl und warmen Mantel, Maͤdchen, wir wollen ihn aufſuchen. 1 Gnaͤdiges Fraulein, aufſuchen? rief Almh verwundert aus.— Ich rufe den Toms, er ſoll herkommen⸗ Nicht doch: Das wuͤrde Auffehett erregen Ich wil — 164— Dir, liebe Almy, zeigen, daß ich Dich ganz liebe, drum komm! Wir thun, als gingen wir auf den Mauern ſpazie⸗ ren, und ſprechen ihn dann gelegentlich. Du weißt doch, wo er iſt? neberwaͤltigt von ſo viel Guͤte, ſiel Almy ihrer Gebie⸗ terin zu Fuͤßen, und ſtammelte ihren Dank; dann raffte ſie ſich auf, half Ginievra ſich winterlich einhuͤllen, und verſi⸗ cherte, ihren Toms uͤberall finden zu koͤnnen. Als indeſſen beide aus dem Seitengebaͤude hinaustraten und uͤber den Hof nach dem entfernteren winklichen Fluͤgel des Schloſſes, wo Almy ihren Geliebten vermuthete, gehn wollten, wurden ſie durch einen Auftritt eigener Art, der aber in der ſtillen Burg noch ſeltſamer erſchien, aufgehalten, und traten eilig hinter den Pfeiler eines Altans zuruͤck, von wo aus ſie zwar dem Schauſpiele zuſehen konnten, aber ſelbſt nicht in Gefahr geriethen, geſehen zu werden. Von der Meeresſeite des Schloſſes, und zwar von dem Punkte, wo die unbedeutende Felsſpitze ins Meer auslaͤuft, her, ſtuͤrzte ein aͤltlicher Mann im hoͤchſten Aerger auf den Hof. Sein grauer neberrock war aufgeknoͤpft, den Hut ſchien er im Laufe verloren zu haben. In der Mitte des Hofes hielt er ploͤtzlich inne und ſchrie⸗ Rein! ich will es mir nicht verbieten laſſen! Er machte Miene mit allen Gebaͤrden des hoͤchſten Aer⸗ gers zuruͤck zu rennen, ſtemmte den linken Arm in die Seite⸗ ballte die rechte Fauſt und ſchritt nun mit feuerrothem Ge⸗ — 165— ſichte, und ungeheuren Schritten, indem er dabei mit ſeinen Hacken das Pfaſter zertreten zu wollen ſchien, nach der Pforte, durch welche er eben auf der Hofſcene erſchienen war, zuruͤck. Kaum hatte er aber den auf dem Hofe Verſammel⸗ ten den Ruͤcken gewieſen, als die Schildwacht draußen ihm laut und vernehmlich entgegen ſchrie: Kommſt Du rauf, ſo ſchieß ich Dich nieder. Was? niederſchießen?— Mord! Huͤlfe! Diebe! Ich ſtuͤrme doch, Du Hallunke, und kruͤmmſt Du mir ein Haar, ſo renne ich Dich, wie ein toller Ochſe uͤber und uͤber, und werfe Dich ins Meer. Statt aber zu ſtuͤrmen, trat er ſogar ſeitwaͤrts aus der Schußweite. Es ſammelten ſich alle moͤgliche Einwohner des Schloſſes, Knechte, Bediente, Conſtabler und Dragoner um den aufgebrachten Mann, und fingen, anſtatt ihm beizuſtehn, auf alle Weiſe an, ihn zu verlachen. Er wurde hierdurch na⸗ tuͤrlich nur aufgebrachter und ſtieß Schmaͤhworte aus: Iſt das Gerechtigkeit?— Iſt das Engliſche Sitte?— Meinen Hut hat er mir heruntergeworfen ins Waſſer.— Das iſt ein Mordverſuch der zweiten Klaſſe, weils mit dem Kopfe zuſammenhaͤngt. .Alle lachten. Er fuhr fort: Das iſt eine Moͤrdergrube, eine Raͤuberhoͤle hier, ein altes Neſt, worin der Despotis⸗ mus herrſcht, und der Feudalismus und Verließe und aller⸗ lei Schaͤndlichkeiten, wo freie Englaͤnder gefangen gehalten werden, wo ein Friedensrichter ſich verkejecht— — 166— Ehe der Derlamator es ſich verſah, erhielt er von einem der hinter ihm Stehenden einen Stoß, welcher ihn mit ſeiner Wucht zugleich auf einen vor ihm ſtehenden Dragoner un⸗ ſanft hinfuͤhrte. Dieſer unwillig uͤber ſeine Laſt, ſchleuderte ihn einem zweiten zu; der zweite ſtieß ihn auf den dritten, der dritte auf den vierten, fuͤnften, bis allmaͤlig Alle, welche bisher als ruhige Zuſchauer geſtanden/ in Activitaͤt geriethen, und der ungluͤckliche Mann allein in beſtaͤndiger Paſſivitaͤt blieb. Das Spiel nahm jedoch bald eine regelmaͤßigere Form an, indem die Stoßenden ſich in einen Kreis auf dem ganzen kleinen Hofe vertheilten, und den grauen Mann wie einen Fangeball einander zuwarfen. Ohne einen Augenblick in Ruhe zu kommen, und doch ohne auf die Erde zu fallen,— denn geſchickt fing ihn der zunaͤchſt ſtehende mit einem neuen Stoße auf, weun er von der Kraft des fruͤhern im Begriffe niederzuſinken war,— machte er keine andere Bewegung zur Vertheidigung, als daß er ſchrie: Ich proteſtire, ich proteſtire. Man hoͤrte dies aber nicht, bei dem ſpottenden Gelaͤch⸗ ter der Menge. Als dieſe Luſtbarkeit einige Minuten fortge⸗ dauert hatte, erweckte das Geraͤuſch auch die andern Bewoh⸗ ner der Burg, und der Sauire öoͤffnete das Saalfenſter und gebot von oden Ruhe⸗ Wie das Meer nach einem Sturme noch lange Zeit brauſt, ehe es zur Ruhe kommt, ließ auch nicht mit einem Male das Gelaͤchter ab. Waͤhrend es ſchwaͤ⸗ cher und ſchwaͤcher im Kreiſe wurde, taumelte der erhitzte graue Mann, gleich als empfaͤnde er noch immer die Stoͤße, noch geraume Zeit von einer Seite auf die andere, ehe er einen feſten Standpunkt gewann. Wer erſt in dieſem Augen⸗ blicke herzugetreten waͤre, haͤtte den Mann fuͤr wahnfinnig, oder mindeſtens betrunken gehalten; und ſelbſt die wohlun⸗ terrichteten und ernſten Zuſchauer konnten ſich des Lachens uͤber das komiſche Schauſpiel nicht enthalten. Auch Sir Da⸗ venant, welcher in den Kreis getreten war, laͤchelte, und der Squire mußte ſich ſammeln, ehe er zum Reformer— denn kein anderer als dieſer war der Ehrenmann— reden konnte: Maſter Dulberry, was wollt Ihr in Walladmor⸗Caſtle? Morgan Walladmor, Friedensr ichter hieſiger Grafſchaft! — ſchrie der Reformer, indam er in die Hoͤhe blickte— Recht, Gerechtigkeit, Engliſche Freiheit! Bei der naͤchſten Viertel⸗Seſſion erhebe ich Klage gegen Dich wegen Mord⸗ anfalls zweiter Kläſſe, und Haltung und Bekſtigung diebi⸗ ſchen und raͤuberiſchen Anhangs, ſo einem friedlichen Buͤr⸗ ger, der in friedlicher Abſicht gekommen, den Hut, als Re⸗ praͤſentanten des Menſchen, in den Abgrund geſtoßen, ihn ſelbſt aber hat zerquetſchen wollen. Das wird ſich abmachen laſſen durch doppelten Erſatz des weißen Hutes, Maſter Dulberry, und Ehrenerklaͤrung⸗ Aber wie mit dem Zerquetſchen, Morgan Walladmor, Friedensrichter hieſiger Grafſchaft? Werde ich Caution don funfzig Pfund, wenn es verlangt wird, fuͤr meine Leute ſtellen,„daß ſie den Samuel Dul⸗ — 168— berry, wo ſie ihn treffen, auf Stegen und Wegen, ſitzend oder liegend, oder ſtehend, nicht zerquetſchen wollen.“ Morgan Walladmor, das hilft Dir alles nichts, wenn auch die Kronjuriſten das Recht verdrehen; denn ich will mein Recht hier haben, und meine Brittiſche Freiheit. Ich verlange, daß Du die Schildwacht dort von der Felſenſpitze fortziehſt, die in die Engliſche Freiheit eingreift. Weshalb? Ich will mich erſaͤufen. Gentlemen! ich wollte mich er⸗ ſaͤufen,— von der Spitze herunterſtuͤrzen, weil ich es nicht laͤnger mehr aushalten kann vor dem Ruin des Landes, der Armentare, dem großen Landheere, dem Mancheſterſchen Blut⸗ bade,— Gentlemen! und die Schildwache ſtieß mich zuruͤck. Iſt das Brittiſche Freiheit, frage ich?— Soll ein armer ruinirter Mann ſich nicht mehr erſaͤufen duͤrfen? Gott ver— es iſt arg mit uns gekommen. Samuel Dulberry, ſagte der Sguire ruhig zu ihm herab, ich hindere keinen Narren am Erſaͤufen. Aber von der To⸗ desſpitze, wo meine Ahnen hochgeborne Saͤchſiſche Fuͤrſten und Normanniſche Edle herabſtießen, und wo Redwald von Weſſer einen Schwindel bekam und herunterſtel, da ſoll kein lumpiger Reformer den Fleck beſudeln. Lumpig waͤre eine praͤchtige Injurie, aber wir ſind uͤber die Injurien hinaus, da Du, Morgan Walladmor,⸗ eine Tod⸗ fuͤnde begangen haſt, denn es heißt im Statute„uͤber die Glau⸗ bensfreiheit“ vom zweiten Parlamente der Koͤnigin Eliſabeth: — 169— „Und ſo Jemand vom ſogenannten alten Glauben einen Reformirten verhindert im freien Denken und Handeln in ſeinem Hauſe, ſo begeht er eine Todfuͤnde, und ſoll gerich⸗ tet werden wie ein Hochverraͤther.“ Morgan Walladmor! Du biſt vom alten Glauben, und haſt mich, einen Reformirten oder Reformer, verhindert am freien Denken und Handeln in Deinem Hauſe; daher haſt Du eine Todſuͤnde begangen und biſt ein Hochverraͤther, und ich will Dich noch am Galgen ſehn, wenn Gerechtigkeit in Eng⸗ land iſt. Dieſer Ausfall auf ihren geliebten Herrn empoͤrte die Menge auf das aͤußerſte. Mochte nun der Squire ihm groß⸗ muͤthig beiſtehen wollen oder nicht, man wuͤrde in der ge⸗ rechten Wuth nicht auf ihn geachtet haben. Dulberry hatte ſich aber auf einen ſichern Helfer bedacht. Vorſichtig, und eingedenk der Dinge, die da kommen wuͤrden, hatte er ſich in die Naͤhe des offenen Thores geſtellt. Kaum war das letzte Wort ausgeſprochen, als er die Rockſchoͤße zuſammen nahm, Kehrt machte, und in einer ſchnellen Biegung um einige Leute rannte, uͤber die niedergelaſſene Zugbruͤcke in das Außenwerk ſprang, und in wenigen Momenten auch durch das offene Pfoͤrtchen des aͤußern Thores hinausgeſetzt war. Die Menge rannte ihm zwar nach, konnte ihn aber nicht mehr ergreifen. Dagegen eilte Jeder, wer Haͤnde und Fuͤße hatte, auf die hohen Mauern des Schloſſes. Hier wurde der Schnee zu Kugeln geknetet, und waͤhrend ſich der Reformer — 170— auf dem mannigfach geſchlaͤngelten Wege nuͤr ſehr langſam vom Schloſſe entfernen konnte, erhielt er auf Kopf, Ruͤcken und Beine noch eine betraͤchtliche Ladung Schneebaͤlle. Der Anblick, wenn Dulberry, einen Schneeball vermuthend, ſich niederduckte, die Arme uͤber dem Kopfe zuſammenhielt, und dann hinauf ſchrie:„Ich proteſtire,“ war allzu komiſch, als daß ſelbſt der ernſte Sir Davenant in den Chor der Lacher nicht haͤtte mit einſtimmen ſollen. Noch fern hinunter ver⸗ ſuchten geuͤbte Schleuderer ihr Gluͤck, und der unglͤckliche Dulberry wurde erſt frei, als er aus den Augen der Schloß⸗ beſatzung verſchwunden war⸗ Ginievrn eilte jetzt mit ihrer Vertrauten uͤber den lee⸗ ren Hof, und dem Theile des Gebaͤudes zu, welcher dem Au⸗ ßenwerke, wohin die Einwohner ſich gezogen, ganz entgegen⸗ geſetzt lag. Beide durchſchritten die tiefen Gaͤnge an den Mauern und die untern Saͤle, welche als Durchgaͤnge mit offenen Thuͤren daſtanden, ohne auch nur ein einziges leben⸗ des Wefen zu treffen. Endlich rief das Kammermaͤdchen aus: Da ſteht er!— und Ginievra ſah wirklich am aͤußerſten Vorſprunge der Mauer, bei einem kleinen, ſonſt gewoͤhnlich verſchloſſenen, Hinterpfoͤrtchen einen Menſchen, welcher Toms aͤhnlich ſchien. Da er indeſſen, ſobald er die Kommenden erblickte, wie erſchrocken ſich umdrehte und die Thuͤre, welche, wie Ginievra jetzt bemerkte, offen ſtand, zudruͤckte, war fie ihrer Sache nicht gewiß⸗ Ihr Kammermaͤdchen aber ſyrang dreiſt auf den Burſchen los und ſchrie ihn an⸗ — 171— Toms, Toms! Was machſt Du da? Kennſt Du uns nicht mehr? Kennſt Du nicht mehr das gnaͤdige Fraͤulein? Ich glaube wahrhaftig, der Menſch kennt mich ſelbſt nicht mehr. Toms, Toms, Du erſchrockener Haſenfuß, er ſteht da wie eine Steinpuppe mit offenem Maule, und iſt verlegen, wie ich ihn nie geſehn. Toms, Toms, was iſt Dir? Schrei doch nicht ſo laut, Almy! war alles, was er ant⸗ wortete, Ich glaube Toms iſt aus ſeiner eigenen Haut gefahren, gnaͤdiges Fraͤunlein. Warum ſtehſt Du hier und biſt nicht mit hingelaufen, um Schneebaͤlle zu werfen, und den Narren zu ſeha J man trift uͤberall auf Narren. Er will witzig ſein, Mylady! O kommen Sie doch und ſehn ihn an, ob er denn wirklich werth iſt, daß ich's ihm ſage, wie Sie ihn gluͤcklich machen wollen? Ginieyra trat naͤher und ſuchte die innere Bewegung zu verbergen. Toms, Du biſt ein ſehr treuer Menſch, und das habe ich immer an Dir geſchaͤtzt, wenn ich auch mit Recht viel gegen Dich einzuwenden hatte. Toms ſah die Lady groß gn, und antwortete keine Sylbs. Sie mußte fortfahren:— Toms, ich weiß, Du wuͤrdeſt fuͤr meinen Oheim Blut und Leben opfern; aber ich weiß auch, daß Du oft gegen ſeine Verbote handelſt, Nachts aus dem Schloſſe heraus⸗ ſchleichſt und unten in den Fiſcherhuͤtten Dich ſehen laͤſſeſt, wo gefaͤhrliche Leute zuſammenkommen. Du wirſt roth— ich weiß alles, aber Du kannſt auch auf meine Verſchwiegen⸗ heit rechnen, wenn Du in Deiner Treue fortfaͤhrſt. Toms ſuchte ein Schluͤſſelbund zu verbergen, und ſah wo moͤglich noch duͤmmer als vorher ſeine Herrin an. Du dienſt noch einem Herrn— fuhr Ginievra fort— einem gefaͤhrlichen Manne, und dienſt ihm ſo treu, wie mei⸗ nem Oheim. Dn wirſt auch fuͤr ihn Gut und Blut op⸗ fern?— Ach Gott ja, Mylady! Der Menſch kommt gar zu ſehr ins Gedraͤnge, wenn er zweien Herren dient, und doch nur ein Menſch iſt. Hier haſt Du Geld, thue alles was Du kannſt, um ihn ungehindert aus dem Schloſſe zu ſchaffen. Ja das will ich ja eben,— fuhr er, zum erſtenmale leb⸗ hafter erregt, auf,— darum ſtehe ich ja hier. Ich wußte nur nicht, daß die Lady es auch wußte. Guter Toms— aber ſo ſchnell Du kannſt, diene Deinem zweiten Herrn— bei Deinem erſten will ich, wenn Gefahr droht, es ſchon verantworten.— Sind die Wachten am Seethurm und auf der Todesſpitze beſtechlich? Die?— J warum nicht— Jedermann nimmt Geld. So beſtich ſie auf meine Rechnung, oͤffne den Thurm,— ſchaffe ihm fremde Kleidung, und bitte ihn in meinem Na⸗ — 173— men dringend, ſo dringend Du kannſt aus England mit dem erſten Schiffe zu fliehn. Wen denn? Den Gefangenen im Thurme. Dem ſoll ich Kleider ſchaffen? Dummer Toms— ſiel Almy ein— Du ſollſt ihn be⸗ freien, beſtehlt Dir die Lady, ihn befreien durch Geld oder Gewalt, oder Liſt, und ſpornſtreichs mit ihm davon laufen, daß Dich Niemand einholt, und Du kannſt ſelbſt mit ihm auf und davon gehn, weil an einem ſo ungeſchickten Diener nicht viel zu verlieren iſt. Den alſo im Thurme will die Lady los⸗ haben? Warum denn den? Unverſchaͤmter! ſiel Almy ihm ins Wort.— Fraͤgſt Du noch einmal nach der urſach, ſo laͤßt Dich die Lady ſelbſt ſtatt ſeiner einſperren, und deinetwegen werden ſich gewiſſe Leute nicht viel Muͤhe geben, ob Du erfrierſt, oder haͤngſt. Alſo den bloß?— Das iſt was anders.— Es wird ſich jg auch ſchon finden, und ich glaube, mein Herr denkt auch daran. Menſch, was meinſt Du damit? fragte Ginievra, indem ſte, ihre ſcheinbare Ruhe verlaſſend, auf den traͤgen Antwor⸗ ter heftig zutrat. Statt aber ein Wort zu verlieren, ſprang dieſer ploͤtzlich zuruͤck, und riß die kleine Hinterpforte auf. Man hoͤrte haſtig Jemanden eine ſteinerne Nebentreppe herun⸗ terrennen, und nach wenigen Momenten ſprang ein Mann, — 174— in Mantel gehuͤllt und mit einer Pelzmuͤtze auf dem Kopfe⸗ auf den kleinen vor dem Pfoͤrtchen belegenen Hofraum. Seine Muͤtze verbarg indeſſen nicht ſo weit ſein Geſicht, daß Gi⸗ nievra, als ſie es erblickte, nicht laut haͤtte aufſchreien und halb ohnmaͤchtig an die Mauer zuruͤck ſinken koͤnnen. Auch der Mann war hetroffen, fiel aber nicht in Ohnmacht, ſon⸗ dern half dem Kammermaͤdchen in ihrem Bemuͤhen, Ginie⸗ vra von der kalten Wand aufzurichten. Als ſie, halb in Al⸗ mys Armen ruhend, die Augen aufſchlug und den Mann er⸗ blickte, ſchrie ſie nochmals laut auf/ und ſagte, mit der Hand ihn abwehrend: 3 Fort, Ungluͤcklicher, fort! Zum Verſtaͤndniß dieſes Auftrittes muͤſſen wir jedoch zu einem fruͤhern zuruͤckkehren, welchen wir, ordnungswidrig, erſt im folgenden Kapitel aufgezeichnet finden. Achtes Kapitel. Aumerle. Erlaube mir den Schlüſſel umzudrehn; Daß Niemand eintritt, bis ich Dir erzählt. Bolingb. Es ſei!(Aumerle verſchließt die Thür). Yorck.(draußen) Mein Lehnsherr, Achtung! Sieh Dich vor, mein Herr, 3 Denn ein Verräther ſteht bei Dir im Zim⸗ mer. Shakeſpear. König Richard II. Als der Squire den ungeſtuͤmen Reformer reißausnehmen und die erbitterte Hausgenoſſenſchaft hinter ihm herſtuͤrmen geſehen, verſchloß er wieder ruhig das Saalfenſter, indem er bei ſich ſprach: Der verdrießliche Narr hat mich zwar ſchon oft durch ſeine hartnaͤckige Oppoſition geaͤrgert, und ſcheint nur zu meinem Aerger in unſere Grafſchaft gekommen zu ſein; bis jetzt hat er ſich indeſſen noch nie in mein Schloß gewagt, und der heut angriffsweiſe erfolgten Beleidigung ſcheint eine gefaͤhrliche Abſicht zum Grunde zu liegen. II. Bd. 112 — 176— Sir Morgan glaubte nicht allein, als Alt⸗Waͤlſcher Ur⸗ einwohner, an die Exiſtenz von Geiſtern, ſondern auch daran, daß menſchliche Kraͤfte ſie aus ihren unterirdiſchen Wohnun⸗ gen, oder den Wildniſſen, in welchen ſie raſtlos umherirren, heraufeitiren koͤnnten. Wie weit er ſelbſt in dieſer Kunſt fortgeſchritten, gehoͤrte zu den Geheimniſſen, welche er ſelbſt ſeiner geliebten Ginievra nicht mittheilte, und woruͤber er nur mit einem benachbarten Geiſtlichen, der, gleich ihm, ein Verehrer des Waͤlſchen Ruhmes und Alterthums war, zuwei⸗ len tiefgeheime Unterredungen pflog. Es iſt bekannt, daß die Geiſter nicht allein um Mitternacht, ſondern auch in der heißen Mittagsſtunde Macht haben zu erſcheinen, gleichwie die Italiaͤniſchen Straßen zur Nacht⸗ und druͤckenden Mit⸗ tagszeit von den Raͤubern heimgeſucht zu werden pflegen. Demnach braucht man ſich nicht uͤber den folgenden Auftritt zu verwundern. Als Sir Morgan alle im Schloſſe lebende Weſen nach dem Außenthor uͤber die Zugbruͤcke hatte eilen ſehen, und jetzt das Fenſter zuſchlug, erblickte er am aͤußerſten Ende des großen leeren Saales eine graue, hohe Geſtalt. Auf beiden Seiten des Saales hingen Bilder ſeiner wirklichen und ima⸗ ginairen Vorfahren. Die graue Geſtalt ſchien am aͤußerſten Ende ihre beiden Reihen zu ſchließen und zu vereinigen. Regungslos, in einen grauen, langen Mantel eingehuͤllt, das Haupt bedeckt mit einer gleichfarbigen alterthuͤmlichen, mit Pelz bebraͤmten, Muͤtze, fiand ſie da und blickte auf den — 177— Squire mit unverwandtem, großen Auge. Der Squire ſtand gleichfalls betroffen ſtill, aber er fuͤrchtete ſich nicht. Nach⸗ dem er eine Weile auf die Erſcheinung geſehen, rief er, im Tone banger Verwunderung, mit aufgehobenen Armen ihr entgegen: Bei den Gebeinen des großen Arthur, biſt Du der Geiſt Rhees von Merediths, biſt Du der Geiſt meines Ahnherrn, aus den Gruͤften Griffith ap Gauvons ſteigend, um den letz⸗ ten Enkel Deines Stammes zu ſehn, ihn zu ſehn, bis mit ſeinem morſchen Gebeine Dein uralt Wappen in die Gruft getragen wird, und alle Geiſter, die auf dem Snowdon von der Kraft der Walladmors gefeſſelt liegen, frei werden, und in Arthurs Jagd die Luͤfte durchſauſen, und Walladmors Schloß vom Felſen losreißen und die Thuͤrme in den Ab⸗ grund ſchleudern? Die Geſtalt machte eine leiſe Bewegung mit der Hand, ohne zu ſprechen, oder aus ihrer Stellung ſi ſich zu entjernen. Der Sauire fuhr fort: Ja, ich kenne Deine Zuͤge, Rhees von eredith, es ſind die Zuͤge meines Geſchlechtes, und ich ſah Dich ſchon an jenem Ungluͤckstage, wo ich ein waiſer Vater ward, und die boͤſen Geiſter, die lang gefeſſelten, unten an den Grnndſtei⸗ nen meiner Burg ruͤttelten, und hohnlachten; Du ſtandeſt an jenem Tage im Nebelgewande rieſengroß auf dem Haupt⸗ thurm Walladmors, und winkteſt wie jetzt, und riefeſt: Wehe! 3 So erſchienſt Du an jenem Tage auch meinen Ahnen auf *— 178— dem Ruͤcken des Snowdon, und fuͤhrteſt Deine Schaaren Ingrimm hauchender Geiſter ins Feld den Templern entge⸗ gegen; mein Ahne ſiegte, aber ſeitdem ruͤtteln die Geiſter furchtbar an den Felſenwurzeln Walladmors, und bald wer⸗ den ſie das Geſchlecht geſtuͤrzt haben, deſſen Macht auf Hoͤl⸗ lentrug gegruͤndet iſt. Rhees von Meredith, biſt Du es? Kommſt Du meines Hauſes Ende zu verkuͤnden? Die graue Geſtalt trat feſten Tritts einige Schritte weiter vor, ohne ſich aus ihrer Richtung zu bringen, und ſprach jetzt mit feſtem Tone: Morgan Walladmor! Biſt Du's?— rief der Squire erſchrocken aus, und doch ſiegte in demſelben Augenblicke ſeine angeborne Vernunft üͤber den erſtarrten Aberglauben, und er uͤberſetzte jene Frage in die Worte: Wer ſeid Ihr?— Morgan Walladmor— ſagte der Graue, ohne die Muͤtze zu ruͤcken, oder den Mantel aufzuſchlagen, mit ſehr ruhigem und feſtem Tone,— darauf kommt nichts an. Ich komme nach Walladmor, um Dich zu unterrichten, daß ein Unſchul⸗ diger in Deinen Kerkern ſchmachtet. Das iſt unmoͤglich, Geiſt oder Menſch, in Walladmor wird nur der Schuldige ergriffen. Morgan Walladmor, ich ſage Dir, jener Mann, den die Haͤſcher in Griffith ap Gauvon fingen, iſt ganz unſchul⸗ dig aller der Verbrechen, welcher Du ihn bezuͤchtigſt. Deshalb kommt Ihr in mein Schloß? Deshalb. So koͤnnt Ihr vor den Geſchwornen als Zeuge fuͤr Ja⸗ mes Nichols, oder wenn es Euch verlangt, als ſein Verthei⸗ diger auftreten. Es iſt nicht James Nichols, den Du gefangen haͤltſt. Wen halte ich gefangen? Es kann Dir genuͤgen zu wiſſen, daß es nicht James Richols iſt. Verwegener, wer gab Dir das Recht, in meine Burg zu dringen, und das Weſen eines Gebieters anzunehmen? Gehoͤrſt Du zur Bande des Verwegenen? denn bis auf dieſe wenigen Veraͤchter des Geſetzes zittert der Verbrecher, wenn er vor Walladmors Herrn erſcheint? Bin ich denn ein Verbrecher? Trotz Deiner hohen Stirn, trotz Deiner kuͤhnen Blicke, leſe ich auf Deinem Geſichte, Du biſt ein Verbrecher. Der graue Mann laͤchelte etwas, aber im Laͤcheln ſeiner Zuͤge lag ein furchtbarer Ernſt. Er fuhr fort⸗ Morgan Walladmor! ich habe wenig Zeit. Ich ſage Dir, Dein Gefangener iſt unſchuldig, und fordere Dich auf, ihn frei zu laſſen. Womit wollt Ihr fuͤr ihn buͤrgen? Der Fremde trat einige Schritte naͤher, immer jedoch ſo, daß er in der Mitte des Saales blieb, und, indem er ge⸗ — 180— wiſſermaßen den Sauire draͤngte, den Ruͤckweg nach der Thuͤre frei behielt. Er ſagte: Buͤrgſchaft willſt Du haben?— Ich will ſie Dir ge⸗ ben.— Weißt Du noch— Drei Jahre ſind's her,— als das große Hollaͤndiſche Schiff vor dieſen Kuͤſten kreuzte, und man taͤglich die Landung des Schleichhaͤndlers fuͤrchtete? Wohl weiß ich's, denn mit treuen Leuten hatte ich die Kuͤſte beſetzt, und lauerte ſelbſt oft Naͤchte lang auf die Ver⸗ wegenen. Am Loſten September— fuhr der Andere fort— lagſt Du hinter dem alten Felſen, Arthurs Kegel genannt, auf die Buͤchſe gelehnt. Damals trat ein Graͤnzjaͤger zu Dir, und ſprach viel mit Dir von den Sternen und Kometen und uralter Zeit, und wie es kommen werde in aller Ewig⸗ keit. Nicht? Haͤtte Sir Morgan zittern koͤnnen, er wuͤrde in dieſem Augenblicke gezittert haben, darauf deutete wenigſtens ſeine Bewegung, als er mit weit aufgeriſſenen Augen und vorge⸗ ſtrecktem Arme ſprachlos den Fremden anhoͤrte. Dieſer fuhr fort: Ihr ſpracht Beide zuſammen die lange halbe Nacht, bis der Mond uͤber den Himmel gezogen war, und die Schmuggler durch die Uferſchlucht. Da ſiel ein Schuß, und in dem Augenblicke ſprang der Graͤnzjaͤger, ſo wie ich, auf einen Stein, und rief Dir, ſo wie ich jetzt, zu:„Fahr wohl, Morgan Walladmor!“ — — — 481— Dabei riß er den Mantel auf, nnter welchem ein langer Dolch und Doppelpiſtolen zum Vorſchein kamen, und machte eine ausdrucksvolle Attituͤde, indem er dazu noch die Muͤtze in die Hoͤhe ſchob. Der Squire rief aus: Nichols! Zu dienen, Sir Morgan Walladmor, Friedensrichter hie⸗ ſiger Grafſchaft. Glaubſt Du es nun, daß Dein Gefange⸗ ner nicht James Nichols iſt? Was willſt Du, Verbrecher, in meinem Schloſſe? Nichts mehr und nichts weniger, als mit meinem ehrli⸗ chen Namen Buͤrgſchaft leiſten. Verwegener, verweilſt Du laͤnger, ſo ergreife ich Dich. Ich ſtehe deshalb ſchon auf dem Sprunge. Ergieb Dich der Gerechtigkeit! Du biſt umzingelt. Alter Herr, um ein ſo junges Buͤrſchchen zu retten, giebt ein ſo alter Fuchs ſich nicht gefangen. Deine ſaͤmmtlichen Schloßbewohner ſtehen am Außenthor und werfen, wie ich ſehe, Schneebaͤlle. Alter Herr, ſiehſt Du meine wohlge⸗ ſtopfte Katze und meine ruͤſtigen Arme? Ich ſchone graues Haar, und habe wahrhaftig gegen Dich keinen Groll, wenn Du auch oft mir Froſt und Hitze gemacht, und das Blut aus den Adern gepreßt haſt. Er ſchlug ſeinen Mantel zuſammen, ſah noch einmal mit einem Blicke, in welchem neben frechem Trotz eine tiefe Wehmuth nicht zu verkennen war, auf den Squire, und wen⸗ dete ſich dann mit den Worten langſam um: Lebe wohl! Ich moͤchte Dir gern die Hand bieten duͤrfen, aber das iſt un⸗ — 182— moͤglich, daß ein Walladmor einem Geaͤchteten die Hand reicht. 3 Der Sauire war verſtummt. Er ſah und ließ es geſche⸗ hen, daß der Verbrecher mit ruhigen Schritten den Saal entlang ging, die Fluͤgelthuͤre oͤffnete und verſchwand. Er zaͤhlte jeden Tritt des Herabgehenden auf den ſteinernen Wendeltreppen, und als der letzte Klang bei der Entfernung und Kruͤmmung der Gemaͤcher verhallt war, wußte er noch immer nicht, was er beginnen ſolle; doch verrieth die That ſeinen Entſchluß, denn ruhig ſtehend traf er keine Anſtalten, dem verwegenen Verbrecher nachzuſetzen. Nichols war es, welcher aus dem Seitengebaͤude vortre⸗ tend, und im Begriff, durch die von Toms offen gehaltene Hinterpforte das Schloß zu verlaſſen, durch ſeine ploͤtzliche Erſcheinung die Lady erſchreckt hatte. Jetzt, als ſie wieder zum Bewußtſein zuruͤckgekehrt war, und, mit ihrem Geſichte an dem Buſen der Vertrauten ruhend, ihn mit der Hand abwehrte, rief er mit dringender Stimme aus⸗ Ginievra! blicke mich an! Ich verlaſſe Dich nicht. Ich ſchwoͤre es Dir zu, ich verlaſſe Dich nicht.— Der Himmel ſelbſt fuͤhrt Dich mir in den Weg.— Du weißt, meine Liebe iſt kein Kinderſpiel, es iſt eine Leidenſchaft, die wie ein Lavaſtrom Kluͤfte fuͤllt und Haͤuſer mit ſich reißt. Ginieyra, Du liebſt mich, Du liebteſt mich, Du mußt mich lieben. Wir ſahen uns ein Jahr nicht, aber in jedem Tage des Jah⸗ — 183— res wuchs meine Leidenſchaft um ein ganzes Jahr. Befiehl mir, beſiehl mir Unmdͤgliches, ich will's erfuͤllen— Entflieh! ſagte ſie, ſich ermannend. Fliehen kann ich, will ich nicht, fliehen iſt mehr als un⸗ moͤglich. Ginievra, ich habe Dir viel geſchrieben, aber es war nichts gegen das, was in mir brennt, und was ich fuͤrchte auszuſprechen, aus Furcht, daß die Worte wie Feuer Deine Seele brennen. Ginievra, ſprich nicht mehr von allen den Kluͤften, die uns trennen, nicht mehr von dem Blute der Walladmors und dem Blute eines Landſtreichers; uͤber ſolche Kluͤfte lache ich, denn ich ſtand auf einer entſetzlichen Hoͤhe, von der herab mir alle Dinge ſo klein vorkamen. Laut lachte ich auf, als die Kluft zwiſchen uns, mir wie ein Sommer⸗ bach, uͤber den ein Kind ſpringt, erſchien. Ginieyra, ich will Dich auf die Hoͤhe fuͤhren. Meuchelmoͤrder! rief ſie aus, indem ſie ihren Kopf em⸗ vorhob, und ihn mit ſtrafendem Blicke anſah— auch die Kluft?— Entfliehe Moͤrder! Ha! Um Dich, um Dich, Ginievra! 3 Wild ergriff er den Arm, welchen ſie ausgeſtreckt hatte, um ihn fortzuweiſen; ſie ſtraͤubte ſich umſonſt ihn loszuma⸗ chen.— Komm mit, Ginievra! Fliehe mit mir! Einſt mußt Du mein werden, mußt— was gilt Dir einſt oder jetzt?— das Schiff, auf dem ich den Seedienſt lernte, kreuzt vor den Kuͤſten— wir fliehen in einen fremden Welttheil. Du haſt nichts zu fuͤrchten und nichts zu verlieren, als den Ruf und — 184— einen alten Oheim; den Ruf verachte ich, und ein Oheim.— was iſt ein Oheim gegen Liebe? Menſch, ich verabſcheue Dich. Und haßteſt Du mich, wie ich Dich liebe, ſo ließe ich doch nicht von Dir. Heftiger faßte er ihren Arm, Almy ſprang ihrer Gebie⸗ terin zu Huͤlfe, Toms ſtand zweifelhaft, was er beginnen ſolle; in dem Augenblicke hoͤrte man das Jauchzen der zu⸗ ruͤckkehrenden Dragoner. Ginieyra rief mit verzweiflungs⸗ voller Stimme: Menſch, fliehe— James, die einzige Bitte, die letzte, fliehe, ehe ſie Dich ſehn. Er ließ ſie los. Alſo einer Bitte haͤltſt du mich doch werth?— Ich fliehe, aber mein Gedanke bleibt hier. Mein biſt Du, und mein ſollſt Du bleiben. Er druͤckte einmal ihren Arm an ſeine Bruſt und ſprang dann durch das Hinterpfoͤrtchen, welches Toms eilig hinter ihm verſchloß. Ginievra trat mit Almy auf eine Mauer, und ſah, wie der kuͤhne Mann ſich in den trocknen Burg⸗ graben hinunter ließ, auf der andern Seite hinauf kletterte, und dann den Huͤgel hinab einem Buſche zulief. Erſt als er in dieſem verſchwunden⸗ verließ ſie, freier athmend, den Platz. Langſam ſtieg ſie durch die gekruͤmmten Wege und Wen⸗ deltreppen, um die verlorne Faſſung wieder zu gewinnen, nach dem Sagle, wo ſich eine groͤßere Menſchenmenge jetzt verſammelt hatte. Außer Sir Davenant, dem Seneſchall und andern obern Bedienten, war noch ein Fremder ange⸗ langt. Es war kein anderer, als der uns bekannte Herr Malburne, welcher eben eine Neuigkeit dem Squire mitge⸗ theilt zu haben ſchien, die aber dieſen in keine Laune ver⸗ ſetzt hatte: Und weshalb— rief Sir Morgan, unruhig im Saale auf und abſchreitend, aus— kamen Sie nicht fruͤher mit dieſer Entdeckung? Entdeckung, Sir Morgan,— erwiederte Malburne— es war ja nur Vermuthung, und duͤrfte auch bis jetzt nur Vermuthung bleiben. Nein, Sir, es iſt Wahrheit, Wahrheit, und Sie bringen nur nachſchleppend die traurige Beſtaͤtigung einer Wahrheit, velche eben ein Geſpenſt mir verkuͤndete: daß ein Unſchuldi⸗ ger in Walladmor⸗Caſtle verhaftet iſt, im Schloſſe meiner Ahnen, wo ſeit Ercombert von Mercien nur Frevler und Verbrecher ſaßen. Wenn er unſchuldig iſt, duͤnkt mich, muͤßte die Freude uͤberwiegend ſein, einen Unſchuldigen von boͤſem Verdacht gereinigt zu erblicken, und ihm ſeine Befreiung ankuͤndigen zu koͤnnen. 3 Sir! wer in der Welt umherſtreift, oder ein Kaufmann iſt, der mit ſeinen Waaren handelt, womit ich Niemanden zunahe treten will, der hat Freude und Luſt vom Augenblick; wer aber nicht fuͤr ſich, gleich dem aus der Erde geſchoſſe⸗ nen Pilze, daſteht, ſondern auf alten Zeiten und Geſchlech⸗ — 186— tern wurzelt, wer der Stammhalter großer Namen der Vor⸗ zeit iſt, wer fuͤr die vergangenen Zeiten lebt und fuͤr die kommenden, der kann gekraͤnkt werden, nicht fuͤr den einen, den er beleidigt hat, ſondern fuͤr die lange Reihe von Ah⸗ nen und Enkeln, die durch ſeine Ungerechtigkeit gekraͤnkt ſind. Gerichtlich verfolgen kann Sie der junge Menſch nicht— ſagte Sir Davenant— da die Habeas-corpus-Akte aufgehy⸗ ben, und die Indemnity⸗Bill auch auf Friedensrichter An⸗ wendung findet. Statt aber den Friedensrichter hierdurch zu beſaͤnftigen, hatte er deſſen empfindliche Seite getroffen.— Sir Daye⸗ nant, ſo arm und duͤrftig ſind— Gott ſei's gelobt und ih⸗ rem Muthe— Walladmor von Snowdons Enkel noch nicht geworden, daß ſie des Troſtes und der Huͤlfe beduͤrften, ſo ihnen durch eine groͤßere Ungerechtigkeit gewaͤhrt werden ſoll, als je ein echter Waͤlſcher begangen hat. Waͤhrend er, keinem Rathe Gehoͤr gebend, im Saale auf⸗ und abging, hatte Ginievra den Officier in eine Fenſter⸗ niſche gezogen, und er konnte ſich leicht vorſtellen, was der Gegenſtand ihrer dringenden Bitte war. Sie hatte ihre Liebe in der Taͤuſchung einem Fremden verrathen, und wußte nicht, wer der Fremde ſei, und ob er Mißbrauch von einer Kenntniß machen werde, deren Bekanntmachung ſie ſelbſt ins Verderben ziehen mußte. Seltſam— ſagte Ginievra— ſpielt mit mir das Schick⸗ ſal. Eine Thorheit, uͤber die ich in einſamer Zelle erroͤthe, — 7 — —— — 187—— muß ich zweien fremden Maͤnnern anvertrauen, und auf ihre Großmuth rechnen! Mylady,— ſagte der Offieier— es heißt, wenn ich nicht irre, im Gedichte vom Schwanenritter, daß der kuͤhne Paladin den Moͤnch, der ſeiner Herrin Geheimniß in der Beichte hoͤrte, vom Felſen hinabſtieß. Nach romantiſchen Begriffen wuͤrde ich den Incarcerirten ins Meer zu ſtoßen haben? Ich uͤberlaſſe Ihnen die Mittel, und erlaube dafuͤr, uͤber mich nach Luſt zu ſpotten. Ich ſelbſt wuͤrde bittend zu dem Manne treten, wenn— Hier fragte der Squire, ploͤtzlich im bewegten Spazier⸗ gange inne haltend, mit lauter Stimme: Und wer iſt denn der Ungluͤckſelige, deſſen Aehnlichkeit mit dem Verbrecher uns taͤuſchte? Seine Papiere ſind in Uuordnung— ſagte Malburne— und es ließe ſich bei weiterm Nachfragen vielleicht noch mehr entziffern, jedoch habe ich einige Sonette auf Papierſtreifen in ſeiner Stube gefunden— Ein Dichter!— rief Sir Davenant aus— und wandte ſich dann leiſe zur Lady.— Mylady, ein Dichter, eine gleichgeſtimmte Seele! wem konnten Sie beſſer Ihr Geheim⸗ niß anvertrauen? Er bewahrt es vor irdiſch gemeinen See⸗ len, damit es in Monatsfriſt, dem Himmel naͤher, in Grub⸗ ſtreets Daͤchern noch einmal fuͤr himmliſch Geweihte, durch die Druckerpreſſe geboren wird. — 188— Malburne empfahl abermals die Freilaſſung des Gefan⸗ genen als eine Handlung, welche allen Berathungen voran⸗ gehen muͤſſe, der Squire war aber nicht derſelben Meinung: Das unrecht, wenn es ein Unrecht war, iſt begangen, und es macht keinen Unterſchied, ob der Fremde einen Tag, oder einen Monat ungerecht in Walladmor⸗Caſtle geſeſſen. Es kommt darauf an, ob das Wehrgeld, das die Geſetze von Powisland vorſchreiben, ihm fuͤr die Schmach genuͤgt? So viel ich geleſen,— ſiel der Officier ein,— verord⸗ net das Geſetzbuch Koͤnig Hoel Dhas beſondere Suͤhne fuͤr einen beleidigten Dichter. 3 Es erweiſt ihnen gebuͤhrende Ehre— ſiel Sir Morgan ein— denn Leibeigne durften weder zu Grobſchmieden, noch zu Geiſtlichen, noch Dichtern gemacht werden. Malburne lachte. Sir Davenant fuhr fort, obgleich ihn der Squire nicht gern zu Worte kommen zu laſſen ſchien: Wenn ein Spielmann oder Dichter beleidigt worden, ſo muß der Beleidiger eine Kuh hergeben, deren mit Oel beſtriche⸗ nen Schwanz der Dichter mit beiden Haͤnden anfaßt. Ver⸗ mag er es, waͤhrend der Eigenthuͤmer mit ſeiner Sippſchaft auf die Kuh mit ſpitzen Stecken lospruͤgelt, ſie feſt zu hal⸗ ten, ſo gehoͤrt ſie ihm als Schmerzensgeld, laͤuft ſie ihm durch, ſo— behaͤlt er nur das Oel und die Haare, die ihm in der Hand ſtecken geblieben*). *) So lautet wirklich, geneigter Leſer, ein altes Wälſches Geſetz. Ob es je zur Ausführung gekommen, ſteht dahin. Wenigſtens, glaube — 189— Alle, ſelbſt der Squire, konnten ſich des Lachens nicht enthalten. Nur Malburne verwies dem Spoͤtter die Rede: Sir Davenant, ein Enkel des großen William Davenant“), des ritterlichen Dichters, der ſelbſt aus Shakeſpeares Munde die goldnen Lehren ſeiner Weisheit ſog, verſpottet die Poeſie! Mit nichten, Herr Malburne! Echt honorable Poeten zu verſpotten, ſei fern von mir. Das alte Geſetz ſpricht auch nur von den herumziehenden Fiedlern. Echte ſeßhafte, breite Poeten, die Heldengedichte und Romane, oder Lexica ſchrei⸗ ben,— alle Achtung vor denen! Meine Kritik geht nur ge⸗ gen die herumziehenden poetiſchen Gemuͤther, die Sonett⸗ verfertiger, und die mit Schnitzeln Papier nach dem Son⸗ nenuntergang laufenden Poeten, um bruͤhwarm die eben halbgar gekochten Emyfndungen⸗ ehe das Feuer ausgeht, niederzuſchreiben. Nach dem Thurme!— ſagte ploͤtzlich der Squire.— Wir ſetzen ihn in Freiheit, mag es kommen, wie es will. Und dennoch bin ich uͤberzeugt, daß er ein Verbrecher iſt, denn ohne Grund ward noch kein Menſch in Walladmor⸗ Caſtles Gefaͤngniſſe gebracht. ich, kam kein Novelliſt in die Verſuchung, es zur Erhaltung ſeines Rechtes zu gebrauchen. D. A. .*) Enkel heißt im Deutſchen nicht bloß Kindes⸗Sohn, ſondern vornehmlich in der poetiſchen Sprache— auch eder Nachkomme. A. für den engl. Recenſenten. A. * 21 — 190— Zwar mit mehreren Bequemlichkeiten, doch aber noch in dem kalten unfreundlichen Thurme, hatte Bertram nun ſchon zwei Naͤchte und zwei Tage geſeſſen. Wenn er an die wun⸗ derbaren Vorfaͤlle der letzten Tage dachte, wurde ihm zuwei⸗ len wuͤſt und wirr im Kopfe. Es giebt eine alte Italiaͤniſche Rovelle, wo mehrere luſtige Geſellen ſich bereden, einen an⸗ dern glauben zu machen, er ſei nicht er ſelaſt. Durch die kuͤnſtlichſten Veranſtaltungen, und unter Beguͤnſtigungen des Zufalls, wird der Arme auch an ſich ſelbſt irre, und wan⸗ dert, da Freunde, Verwandte, ja die eigene Mutter, ihn nicht wieder erkennen, im Glauben, daß er nicht er, ſon⸗ dern ein fremder Menſch ſei, aus den Thoren ſeiner Vater⸗ ſtadt in die Fremde. Aehnliche Gefuͤhle und Gedanken be⸗ ſchaͤftigten im Schlafen und im Wachen— denn was iſt das Wachen eines, ſeinen Sorgen uͤberlaſſenen, Gefangenen an⸗ ders, als ein Traͤumen— unſern Helden. Wenn er die lange Kette der Beweiſe, daß er nicht er, ſondern der ver⸗ meinte Verbrecher ſei, uͤberdachte, mußte er ſich eingeſtehn, daß, wenn er ſelber als Richter in Eid und Pflicht genom⸗ men waͤre, er keinen andern Ausſpruch wuͤrde thun koͤnnen, als: ich ſelbſt bin der Verbrecher. Dann miſchte ſich in ſeine Traͤume auch wohl noch ein anderes Gefuͤhl. Von al⸗ len bunten Erſcheinungen der vor und auf dieſem Eiland verlebten Tage, war ihm keine ſo lebendig in der Erinnerung geblieben, als die der ſchoͤnen Ginievra, welche, gleich einer Himmelsbotin, vor ihn getreten war. Wenn ſie auch ziht mehr —+——————— — 191— mehr und nicht weniger als ein anmuthiges Maͤdchen war, ſo zeugte der Muth, mit welchem ſie, den Tod nicht ſcheuend, ſich in den Kerker gewagt hatte, von einer großen Seele, und ihre Liebe zu einem Geaͤchteten, daß ſie ſich uͤber die Verhaͤltniſſe der Convenienz hinweg geſetzt habe. Er wuͤnſchte faſt der Verbrecher zu ſein, um von ihr geliebt zu werden. Trotz dieſer Traͤume wurde ihm aber die Zeit nicht we⸗ nig lang. Da man ihm jetzt nur eine leichtere Kette ange⸗ legt hatte, konnte er mit etwas weniger Beſchwerde nach der Luke des Thurmes hinaufklettern. Aber der Anblick, den er hier gewann, war kein erfreulicher. Ein truͤber bedeckter Himmel oben, das kalte graue Meer unten. Es war ein Wetter, in welchem der Menſch nach haͤuslicher Geſelligkeit verlangt, und gern am lodernden Kamine der Strenge einer winterli⸗ chen Natur Trotz bietet. Bertram ſah bei guͤnſtigem Winde Schiffe den Kanal entlang, oder nach Irlands daͤmmernder Kuͤſte hinuͤber fliegen, ihn verlangte aber, obgleich er ſich ſo oft gelobt, Wales zu verlaſſen, nicht nach der Heimath; ſein groͤßter Wunſch war, daß die Thuͤr des Kerkers ſich oͤffnen, und ihm die ſchoͤne Geſtalt Freiheit verkuͤnden, und zum Verweilen in den wohnlichen Gemaͤchern der Burg einladen moͤge. Er horchte deshalb auf jede Bewegung, es war aber nur der Wind, welcher ihn taͤuſchte. Als der Schlummer ei⸗ nesmals ihn ſanft eingewiegt hatte, glaubte er uͤber ſich ein Schwingen in der Luft zu hoͤren, und eine leiſe Beruͤhrung zu empfenden. Hoffend, die ſchoͤne Geſſute alt Verkuͤnderin II. B d . aber Heil mir, Du biſt unſchuldig an der Blutſchuld, und .— 192— der Freiheit, oder gar ein Engel ſonſt, ſtehe vor ihm, ſchlug er die Augen auf. Aber es war nur einer der auf ſeinem Thurme niſtenden Raben, welcher durch die Thurmluke ſich in das Gefaͤngniß verirrt hatte. Bertram war aberglaͤubig, oder wollte es doch ſein. Waͤhrend der geaͤngſtigte Vogel an den rauhen Waͤnden um⸗ herflatterte, und den Ausgang nicht finden konnte, glaubte er eine Vorbedeutung ſeines eigenen Schickſals zu haben. Er vertiefte ſich ſo in ſeine mitleidige Anſchauung des Ra⸗ ben, daß er von dem Schließen der Riegel, welches jetzt wirklich erfolgte, nicht eher etwas hoͤrte, als bis die Thuͤr weit aufflog und der Squire, mit ſeinem Gefolge, unter welchem auch in der Ferne Ginievra zu ſehen war, an der Schwelle ſich zeigte: Kind des ungluͤcks— redete er feierlich den Gefangenen an— welchem feindlichen Zauberer biſt Du in die Haͤnde gefallen, daß er Dein Antlitz mit der Larve der Schuld be⸗ deckt, und Dich hat treten laſſen auf die Faͤhrten der Ver⸗ brecher? Ich bin unſchuldig. Nicht? rief Bertram triumphirend aus. unſchuldig in ſo fern, als— nein, Fremdling, unſchul⸗ dig nicht, denn kein boͤſer Geiſt hat ſo viel Macht, die Kerkerſchwelle Walladmors von dem alten Segen einer Fey zu entzaubern, daß ein Unſchuldiger koͤnnte hinuͤber geſtoßen werden. Du biſt ſchuldig, denn Du ſprangſt uͤber die Bar⸗ riere beim Leichenzuge, und begingſt dadurch ein Verbrechen; — 193— gleich beim erſten Anſehn ſtieg in mir der Gedanke Deiner Unſchuld auf. Ein Diener hatte ihm indeſſen die Feſſel abgemacht. Er ſprang mit Freudensbezeugungen eines Kindes empor: Alſo frei? Frei! ſagte der Squire, und erhob ſeinen Arm, vermuth⸗ lich um durch eine Geſticulation, dem Gefangenen den Be⸗ griff der Freiheit aus Koͤnig Hoel Dha's Geſetzbuche zu er⸗ laͤutern; Bertram aber verſtand in ſeiner uͤberwallenden Freude die Gebaͤrde anders, und ſtuͤrzte ſich in des Greiſes Arme. Der Sauire war uͤberraſcht, es war indeſſen keine unangenehme Ueberraſchung. Sein mit Eitelkeit vermiſchter Stolz war uͤberwunden; er fuͤhlte ſich Menſch und Vater, und die Erinnerungen truͤber Zeiten ſtiegen in ihm ploͤtzlich auf. Als Bertram ſich aufrichtete, faßte er ihn mit beiden Armen und ſagte, ihn aufmerkſam betrachtend: O waͤrſt Du mein Sohn!— Mein Sohn muß kommen; — kommen wird Edwin, oder wie ihn die Elemente getauft haben, denn in den Sternen ſteht es geſchrieben, und ſollte das auch erſt ſein nach dem alten Spruche: Wenn die Mohren ſtürmen das Außenthor Wird Freude kommen nach Walladmor. Ihr habt einen Sohn verloren? Verloren, ehe ich ihn geſehn.— In den Windeln trug ihn das Weib fort, und die feindlichen Geiſter nahmen ihn auf, und naͤhren ihn, ſei's in den Moorgruͤnden Carnarvons⸗ oder auf den kahlen Hoͤhen des Snowdon, oder im gluͤhen⸗ — 194— den Sande der lybiſchen Wuͤſte. Aber wiederkommen muß er, ſonſt luͤgen die Sterne. Wie Du, wird er als Fremd⸗ ling, unbekannt, vielleicht als Bettler, an Walladmors Thore klopfen, oder ſtuͤrmend als Sieger an die Pforte ſchlagen. Bis dahin nehme ich jeden Fremdling willig auf, wenn er die Schwelle betritt; und ſei auch Du mir willkommen, der Du doppeltes Anrecht mitbringſt. Im Triumph wurde Bertram uͤber die ſchmale Land⸗ zunge ins Schloß zuruͤckgefuͤhrt. Seine Wuͤnſche gingen in Erfuͤllung noch am ſelben Tage, wo er ſie geaͤußert hatte. Als gefeierter Gaſt ſaß er in wenigen Minuten im Kreiſe wohlwollender Menſchen, am freundlich lodernden Kamin⸗ feuer, und konnte die Schrecken des Winterſturmes draußen verlachen. Durch Zuvorkommenheit ſuchte Jedermann ihm das angethane Unrecht zu verguͤten, und es waren nur zwei Perſonen, die weniger mit ihm in Beruͤhrung kamen: die eine, weil ſie ſich ſelbſt zuruͤckzog,— Ginieyra, die Andere, weil Bertram ſich von ihr gefliſſentlich zuruͤckzog, Herr Mal⸗ burne, welcher dafuͤr mit einem laͤchelnden Blicke die ganze Gruppe betrachtete. Trotz der Behaglichkeit, welche geiſtig und koͤrperlich unſern Helden durchſtroͤmte, konnte er ſeinen Widerwillen gegen den Mann, welchem er ſein fruͤheres Un⸗ gluͤck— zuſchrieb, nicht verbergen. Malburne merkte laͤchelnd ſehr wohl, welche Gefuͤhle in Bertram die Oberhand gewan⸗ nen, und befreite ihn bald von ſeinem Mißbehagen, indem er ſich beurlaubte und nach M⸗*“ ritt. 3 Der Reſt des Abends verging traulich und heiter. Der — 195— Squire unterrichtete Bertram, auf ſeine Frage: wer dieſer Herr Thomas Malburne ſei? daß er es eigentlich ſelbſt nicht wiſſe; und Bertram bemerkte in der Art der Antwort des wuͤrdigen Mannes, daß dieſer ebenfalls mißtrauiſch, und nicht ganz mit den Beſuchen des ſchwarzen Mannes zufrieden war. Er ſei ihm aus London durch ſehr angeſehene Maͤnner auf' s dringendſte anempfohlen; ſo lange er ſich indeſſen ſchon in der Umgegend aufgehalten, und obgleich er oft wochenlang in Walladmor⸗Caſtle zubringe, habe man doch bis jetzt nicht mehr aus ihm herausgebracht, als daß er ein geſchickter Ju⸗ riſt ſei; noch aber waͤren die Meinungen getheilt, ob er als Svion des Miniſterii, oder um im Großen zu eyntrebandi⸗ ren, dieſe Gegend beſuche. Als Bertram Abſchied nahm, um ſich zur Ruhe zu begeben, ſtand bereits der ſogenannte Se⸗ neſchal, Herr Maxwell, mit zwei Armleuchtern bereit, ihm in ſein Zimmer zu leuchten, und der Squire ſelbſt geleitete ihn bis an die Schwelle, weil dies uralte Sitte in Cumrey ſei-). Hinter ihm her ging ein Knabe— es war indeſſen ſchon ein ziemlich erwachſener Burſche— welcher eine Kanne Doppel⸗ bier trug. An der Schwelle nahm Sir Morgan von Ber⸗ tram durch einen Haͤndedruck Abſchied: So nehmt denn, mein Gaſt, nach guter alter Sitte, vor dem Zubettgehn einen Trunk von unſerm Bragad, welches, wenn Ihr es nicht wiſſet, gewuͤrztes Bier iſt, ſo vom Koͤnig⸗ -») Cumrey, Cambria, Kymren, alles Namen der Ureindohner Brittanniens. — 196— lichen Maoͤdyd, oder Methbrauer, eigends fuͤr die Tafel un⸗ ſerer alten Koͤnige gebraut und eben nur den Koͤnigen, an Feſttagen den Hofbeamten, ſonſt aber jedem geehrten Frem⸗ den, wenn er die Schwelle betrat, gereicht wurde, als Zeichen der Hochachtung, welche Hochachtung ganz beſonders dem Disdain, oder Truchſes zu Theil wurde, der jeden Sonn⸗ tag Abend die Erlaubniß hatte, ſo weit aus dem Bierfaſſe zu ſchoͤpfen, als er mit dem kleinen Finger, ſo daß die Hand trocken blieb, abreichen konnte, die Hefen nicht zu rechnen, die er außerdem bekam; wie denn meine Vaͤter ſchon tauſend Jahr vor Chriſti und Merlins Geburt Disdaine bei den Kymriſchen Koͤnigen geweſen, und ſogar ſchon Koͤnig Caſſi⸗ velaun, hochſeligen Andenkens, von dem Sie, Herr Bertram, im Tacitus einige falſche Nachrichten werden gefunden ha⸗ ben, wie denn uͤberhaupt Tacitus, was Brittannien betrifft, aus verfaͤlſchten Quellen geſchoͤpft hat, wo er im Gegentheil Ihr Vaterland, Germanien, allzuſchmeichelhaft behandelt hat, welches bei einem Geſchichtſchreiber das groͤßte Verſehen iſt. — Wahrheit, nichts als Wahrheit, und keine kleinliche Vor⸗ liebe fuͤr ſein Volk, wodurch unſere Waͤliſchen Geſchicht⸗ ſchreiber ſich vor andern durch ihre Unpartheilichkeit ſo aus⸗ zeichnen— Doch, Herr Bertram, ich ſehe, Sie ſind muͤde, auf Wiederſehn, morgen und noch recht lange. 1 Das gewuͤrzte Bier gewaͤhrte wenigſtens den Vortheil⸗ daß es den noch immer vom Winterfroſt geſchuͤttelten Ber⸗ tram durchwaͤrmt: znd, als er auf ſein thurmhohes Bette geſtiegen, um klaftertief hinabzuſinken, ihn in einen feſten — 497— und erquickenden Schlaf einwiegte. Er traͤumte nichts, als er aber erwachte, ſchienen ihm alle Begebenheiten ein Traum. Er ſprang aus dem Bette, und ſah wirklich zum gewoͤlbten Fenſter hinaus das unruhige Meer zu ſeinen Fuͤßen, er ſah ſeinen Kerkerthurm, und die wunderbar uͤberall hervorſprin⸗ genden Mauern und Monumente einer Befeſtigungskunſt, welche die Gothiſche ihre Tochter, wo nicht ihre Enkelin nennen konnte. Daß er in dem romantiſch gelegenen Waͤli⸗ ſchen Meeresſchloſſe Walladmor ſich wirklich befinde, ſetzte endlich der eintretende Officier außer allem Zweifel. Er ver⸗ ſicherte, vom Squire den Auftrag zu haben: den Wirth beim Fruͤhſtuͤck zu vertreten, und Bertram als Geſellſchafter in den Morgenſtunden zu begleiten. Dieſer folgte ihm bereitwillig in einen großen Saal mit offenen Thuͤren, wo auf einem ſteinernen Tiſche Maſſen von Fleiſch und Fruͤchten, Schin⸗ ken, Poͤkelfleiſch, geraͤucherte Schoͤpſenkeulen, Aale, gedoͤrrte Fiſche, Hering, Gaͤnſebruͤſte, Eier, ſammt allem, was nur ein leckerer und ein grober Gaumen an Getraͤnken verlangen konnte, aufgeſtellt ſich fanden. An dieſer großen Fruͤhſtuͤcks⸗ tafel ſchien, vom Hausherrn herab bis zum unterſten Stall⸗ knecht, Jedermann Zutritt zu haben, ohne daß genaue Auf⸗ ſicht auf das, was jeder verzehrte, gefuͤhrt wurde. Ab und zu kamen Hoͤhere und Niedere, und verließen ohne Ceremo⸗ nie wieder bie oſſene Halle. Um einen Begriff von der Menge und dem Appetit derer, welchen der Zutritt vergoͤnnt war, zu machen, ſage ich nur, daß ein ganzer Eimer mit Butter und zwei desgleichen mit geſottenen Eiern beim heutigen ——— — r — — 198— Fruͤhſtuͤcke verzehrt wurden. Sir Davenant ſetzte ſich mit Bertram am obern Ende des Tiſches bei einem Flaͤſchchen Capwein, welcher an einem kalten Wintermorgen in der Naͤhe der See beſonders wohlſchmeckend war, nieder; und nach einigen allgemeinen Geſpraͤchen, in welchen der Officier mit zuvorkommender Hoͤflichkeit ſeinen Antheil an der, unſern Helden ungerechter Weiſe betroffenen, Kraͤnkung entſchuldigte, brachte er Sir Morgans dringende Einladung, daß Bertram wenigſtens den ganzen Winter uͤber in Walladmor⸗Caſtle aus⸗ ruhen, und Leiden und Freuden der Bewohner theilen moͤge, hervor. Auch ohne Phyſiognomiker zu ſein, konnte der Offi⸗ eier in Bertrams Augen den Strahl der Freude entdecken. Er ſtand jetzt auf, und lud den Gaſt ein, mit ihm einen Spaziergang auf den Mauern des Schloſſes, von welchen man die reizendſten und romantiſchſten Ausſichten habe, zu unternehmen. Willig folgte Bertram der Einladung, und Beide gingen auf den intereſſanteſten Punkten, welche nur durch ein noch intereſſanteres Geſpraͤch der alleinigen Auf⸗ merkſamkeit unſeres Helden konnten entzogen werden, ge⸗ raume Zeit umher. Bertram, als neuer Bewohner des Schloſſes, glaubte das Recht zu haben, ſich nach deſſen Be⸗ wohnern und Verhaͤltniſſen erkundigen zu duͤrfen, und er fand in Sir Davenant einen wohl unterrichteten Mann, wel⸗ cher ihm uͤber alles bereitwillige Auskunft gab, dabei aber den gleichguͤltigen Weltmann, der mit ironiſchem Nebenblicke die Dinge betrachtete, nicht verleugnen konnte. Was wir bereits vom Sanire wiſſen, erfuhr Bertram „ 7 — 199— hier durch Sir Davenant. Er fragte: Aber vermochte den wuͤrdigen Greis, deſſen erſter Anblick mich mit Wehmuth und Ehrfurcht zugleich erfuͤllte, nichts ſtaͤrker zu feſſeln, als die wunderliche Spielerei mit erloſchenen Gebraͤuchen? Der Officier ſah den Fragenden bedenklich an: Sie wiſſen vielleicht von der furchtbaren Begebenheit, welche Sir Mor⸗ gans Lebensgluͤck vernichtete, welche ihn dem Wahnſinn nahe brachte, ſo daß ſeine Freunde es fuͤr Gluͤck hielten, als die verderbliche Geiſtesrichtung ſich in eine thoͤrige verwandelte? Ginievra?— fragte haſtig Bertram. Sie meinen die junge Lady Walladmor?— entgegnete Davenant, indem ſeine Mundwinkel ſich etwas verzogen, und der Blick ſchaͤrfer auf Bertram gerichtet war. Nun ja, Lady Ginievra— um Gotteswillen, ich bin in Zweifel verwickelt, und muß endlich doch zur Loͤſung kom⸗ men. Sie wiſſen etwas von ihr— Die Lady iſt eine wohlgewachſene, ſchoͤne Dame. Aber mehr. Auch tugendhaft und edlen Sinnes— Aber in welchem Verhaͤltniß ſteht ſie zum Oheim? Ach! dahinaus?— Nun, die Lady iſt eben ſo empfind⸗ ſam, als Sir Morgan, ohne ihn zu beleidigen, wunderlich. Wie er den Gottfried von Monmouth und die fabelhaften Chroniker, ſo liebt ſie die Rittergedichte von den Helden der Tafelrunde, und— wer kennt alle romantiſche Helden⸗ und Liebesgedichte, die muͤßige Koͤpfe einſt ausheckten, und eben ſo muͤßige jetzt wieder ausſtoͤberten? Aber ihr Verhaͤltniß zum Oheim? Er liebt ſie wie ein Kind, und ſie ihn wie einen Vater. Aber ſie hat das Gluͤck ſeines Lebens vernichtet— Wie? Durch eine ungluͤckliche Leidenſchaft. Sprechen Sie weiter! Mit einem Geaͤchteten— einem Verworfenen— ſcheuen Sie ſich nicht, Sir Davenant— durch Zufall erfuhr ich mehr von dem traurigen Geheimniß, als ein Fremder, uͤberhaupt ein Mann, wiſſen durfte. Ach ſo, Herr Bertram!— O, das iſt nicht von Bedeu⸗ tung. Es iſt zwar gegruͤndet, daß die Lady ſich in einen Landſtreicher, oder vielleicht nur in ſeine romantiſche Ver⸗ huͤllung irgendwo in einer kleinen Stadt verliebte; aber ich fuͤrchte weder fuͤr Lady Ginievra, noch Sir Morgan. Eine ſolche romantiſche Liebe erledigt ſich mit wenigen Phraſen, Seufzern, einſamen Spaziergaͤngen am rauſchenden Bache, oder aͤhnlichem; und Maͤnner, wie wir, Herr Bertram, die wir keine Verſe machen, und ſtatt in Buͤchern in der Welt leben, ſtellen uns dergleichen viel zu ernſthaft vor. Es ſind jetzt wieder Romane in der Mode, wo wir aus dem freund⸗ lich heitern Leben in London und unſerm geſegneten Eng⸗ land hinausgefuͤhrt werden in die ſtinkenden Moraͤſte und die Rebelgegenden der Schottiſchen Gebirge. Dergleichen iſt nicht meine Partie, und gewiß auch nicht die Ihrige, Herr Bertram? Bertram ließ ſeine Blicke auf der Erde ſchweifen. Sir Davenant fuhr fort: Da gehͤren ſolche romantiſche Aben⸗ — 201— teuer hin. Und ſie koͤnnen verſichert ſein, Herr Bertram, daß, wenn wir Zeugen auch noch einer zweiten Leidenſchaft der Art werden ſollten, ganz und gar keine Gefahr dabei iſt. Bertram war auf' tiefſte durch die feine, aber ſchnei⸗ dende Rede des Officiers verwundet. Er dachte daran, als Ginievras Ritter aufzutreten, die Klugheit ſiegte aber ſogleich uͤber das gereizte Gefuͤhl. Er konnte den Officier keiner Be⸗ leidigung zeihen, und dem uͤberlegenen Weltmanne nur neuen Stoff zum Spott geboten haben. Davenant lenkte ſelbſt wieder zum vorigen Gegenſtande das Geſpraͤch ein⸗ Aber doch— ſo wunderbar will es das Schickſal— iſt jedem Erdenkinde die Hoffnung auf den Beſitz der Lady ge⸗ nommen, denn eben, weil er ſie zaͤrtlicher als ſein Kind liebt, will ſie der alte Squire auch Niemandem goͤnnen. Der Greis will ſie doch nicht ſelbſt heirathen? Das nicht, er will ſie aber einem Phantom bewahren. Und wem? Seinem Sohne. Ich glaubte er waͤre kinderlos⸗ Sie ſcheinen wirklich die furchtbare Begebenheit, welche jedes Kind in der Grafſchaft kennt, nicht zu wiſſen. Ich verſichere es. Die Geſchichte gehoͤrt eigentlich fuͤr einen Poeten, um ein Maͤhrchen daraus zu ſchreiben, indeſſen duͤrfen auch wir Profane, Herr Bertram) uns dafuͤr intereſſiren, weil ſie zu furchtbar das Gluͤck einer Familie vernichtet hat. Ich er⸗ zaͤhlte Ihnen, mit welcher unerbittlichen Strenge der Squire, als Friedensrichter, die Schleichhaͤndler verfolgt, obgleich es ihm nicht gegluͤckt iſt, ihre gefaͤhrlichen Verbindungen auf dieſer Kuͤſte zu ſtoͤren. Er fing einſt⸗— es moͤgen fuͤnfund⸗ zwanzig Jahre her ſein,— einen jungen Burſchen von kaum ſiebenzehn Jahr, den Sohn einer Fiſcherin aus dem Dorfe, welches ſie dort in der Uferſpalte liegen ſehen. Des Flehens ſeiner Mutter ungeachtet, uͤberlieferte er ihn unbarmherzig dem Geſetze, und der Burſch endete am Galgen ſein Leben. Die Mutter— ſo hieß es allgemein,— habe unverſoͤhnlichen Haß dem Squire geſchworen; der Poͤbel glaubt ſogar, ſie habe mit den boͤſen Geiſtern einen Bund geſchloſſen, ihm das tiefſte Weh zu bereiten. Sir Morgan iſt zu groß ge⸗ ſinnt, um, auf dieſen Verdacht, ein dem Wahnſinn nahes Weib zu verfolgen. Leider verſaͤumte er auch die erſten Re⸗ geln der Vorſicht. Als ſeine Gattin ihre Niederkunft erwar⸗ tete, gelang es der Unheil Bruͤtenden, als Waͤrterin ſich ein⸗ zudraͤngen⸗ Noch iſt es unbekannt, ob es ihrer Liſt gelungen, oder welcher Zufall ſie beguͤnſtigt, daß kurz vor der Nieder⸗ kunft die andern wartenden Frauen ſich entfernten. Dieſen Augenblick nimmt das Weib wahr, und weiß durch irgend einen Spuk Sir Morgans Gattin ſo zu erſchrecken, daß eine ſchnelle Entbindung erfolgt. Die Tolle ergreift das neuge⸗ borne Kind, und ehe noch Jemand von dem Vorfalle Kunde erhaͤlt, iſt ſie zur Rebenpforte hinaus in dis Nacht hinein geflohen. Als die Wartefrauen in das Zimmer zuruͤckkehren, finden ſie die Woͤchnerin in den letzten Zuͤgen.„Erbarmen, Erbarmen! Mein Kind!“ waren die letzten Worte, welche — 203— man von der Lady hoͤrte. Eeſt geraume Zeit nach dieſem ſchrecklichen Tage erfuhr man aus einzelnen Reden der, jetzt in den tiefſten Wahnſinn verſunkenen, Frau den Zuſammen⸗ hang; aber weder Drohungen noch Verſprechungen haben ſte vermocht, uͤber das Schickſal des gergubten Kindes Aus⸗ kunft zu geben. Sie gerichtlich wegen des Kinderraubes zu verfolgen, verbot ihr Wahnſinn, und insbeſondere dem Squire die Hoffnung, ſie, welche die einzige Kenntniß beſitzt, wo ſein Kind, wenn es noch lebt, verborgen iſt, einſt zum Geſtaͤnd⸗ niß zu bewegen. Als Wahnſinnige durchſtreift ſie jetzt, ge⸗ fuͤrchtet und wie eine Hexe geehrt, das Land; nur der Squire hofft noch immer auf die Sterne, oder, ich weiß nicht welche, Verſicherung des alten Merlins, daß ſein Sohn und Erbe⸗ wiederkehren werde. Fuͤr dieſen bleibt Lady Ginievra aufgeſpart. Entſetzlich! rief Bertram aus, und vertiefte ſich in Ge⸗ danken, als der Officier, um Dienſtgeſchaͤfte abzumachen, ſich auf kurze Zeit von ihm beurlaubt hatte. Er ſtarrte die ſchnee⸗ bedeckten Abhaͤnge hinab bis ins Meer, er blickte um ſich, und ſah den hohen Thurm, das uralte Quader⸗Gebaͤnde, und ſchneidend durchfuhr es ihm das Herz, als ein Ziegel durch den Wind vom Dache eines Uferthurmes herabgeriſſen wurde, und, von Abhang zu Abhang ſpringend, endlich ins Meer fiel. Er rief aus: Alle todten Werke der Natur und des Menſchen, auch die Granitmauern, gehen einſt unter, nur was Leben in ſich hat und Zeugungskraft, trotzt der Zeit. Die Erde wird im⸗ mer gruͤnen, und der Gedanke leben, denn der Gedanke er⸗ — 204— zeugt den Gedanken. Aber wehe, wenn ein Geſchlecht ſo alt geworden iſt, daß es gar keine Knospen mehr ſchießt! Dann faulen die Wurzeln, der Stamm ſteht zwar noch eine Weile in ſtarrem Trotz/ der naͤchſte Sturm aber wirft ihn zu Boden. Es muß ſchrecklich ſein, als der letzte eines großen, thatenreichen Hauſes an der Erbgruft zu ſtehn, mit den Schluͤſſeln in der Hand, um ſie fuͤr immer zu verſchließen! Ein widriges Gelaͤchter in der Raͤhe weckte ihn aus ſei⸗ nen Betrachtungen. Er ſah auf, die tolle Gillie ſtand vor ihm. Ein Schauder uͤberlief ihn, ſo ſehr er jetzt auch ſchon an ihre Erſcheinung gewohnt ſein konnte. Sie ſprang zu⸗ weilen hoch auf, und kicherte dabei, als wollte ſie Bertram,⸗ oder ſonſt Jemand, auslachen. Menſch! Sie nennen mich eine Tolle, und ich bin's doch nicht, iſt das nicht laͤcherlich? Und den alten Morgan mit den blutigen Fingern und den Augen, die auch Blut ſaugen können, den nennen ſie einen klugen Mann!— Sind die Menſchen nicht alle naͤrriſch, vie keinen Sohn am Galgen haͤngen haben?— Ha, ha, ha, ſie nennen ihn einen klugen Mann, und er ließ Dich packen und den Niklas laufen. Iſt das nicht laͤcherlich? Und Niklas war in ſeinem Schloſſe und er ließ ihn laufen, iſt der nicht ein Narr? Mutter Gillie! was miſcheſt Du dich in Dinge, die Dich nichts angehn? Hier haſt Du etwas Silbergeld. Geh nach Hauſe und waͤrme Dich. Nichts angehn?— Du bartloſe Waſſerſeele— was geht Dich der Riklas an?— Sie warf die Geldſtuͤcke ins Meer.— —-— 205— Niklas iſt mein, und wie der Pfennig ins Waſſer faͤllt, werde ich ihn bei den Haaren greifen,— greifen, o, ſo feſt wie kein Habicht greift, und hinunter reißen, und ich werde ſelbſt mit untergehn, und den Modreb und alle boͤſen Geiſter be⸗ ſchwoͤren, daß ſie die Seele feſthalten— Entſetzliches Weib, weiche von mir! Nein, nicht doch, den Niklas, den laß ich dem Winde— hui, der puſtet und pfeift auf Merioneth, wie die wilden Gaͤnſe um Martinimeſſe, und auf dem alten Galgen waͤchſt nur bitteres Moos— Niklas, dem ſchenk ich nur die Per⸗ lenſchnur,— aber der alte Zauberer Morgan, der mit dem Habichtauge oben vom Thurme herab die unſchuldigen Laͤmm⸗ lein ſieht— hu, den will ich packen mit den Naͤgeln und zerreißen die Augen— nein, die muß er ſich ſelbſt zerkratzen— Bertram uͤbermannte das Grauen vor der Tollen. Er ſtampfte auf den Boden, und ſchrie, um ſich Muth zu ma⸗ chen, ſie heftig an⸗ Weib, was willſt Du von mir? Von Dir?— Das weiß ich nicht. Dich haben die Sterne wunderbar gezeichnet, aber das iſt alles Betrug, glaube mir— auch die Sterne luͤgen, denn die Mohren kommen nie nach Walladmor.— Von Dir?— Nein, von Dir will ich nichts— aber es iſt wahr— Dir will ich was bringen. Da, da, da, mein liebes Kind— brate es Dir mit Honig, und nimm alle Stunden davon einen Eßloͤffel, dann wirſt Du in den Himmel kommen. Sie gab ihm einen Brief und ging ſingend fort. Ber⸗ 4 — 3 8 1 1 — 206— tram oͤffnete ihn und las folgende Zeilen von wohlbekannter Hand. 8 Wir ſind quitt. Doch, wenn ich's recht bedenke, nicht ganz, denn mein Kunſtſtuͤck in Walladmor war ein Spaß gegen Deine Aufopferung im Ocean. Aber das Schickſal wirft uns uͤberall zuſammen. Im Stalle des Haidewaͤrters ſchliefen wir unter Einem Dache, ohne es zu wiſſen.— Bertram! fuͤr einen Freund kann ich Alles thun, aber ein Freund iſt nichts, wenn er meiner Leidenſchaft im Wege ſteht. Ich liebe Ginievra, und ich verkaufte dem Satan— haͤtte ich daran noch ein Eigenthum— meine Seele, um ſie zu beſitzen. Ich will, ich muß, ich werde ſie beſitzen, hu magſt es ihr ſagen, oder verſchweigen— ich ſtehe allein fuͤr mich und verlange keinen unterhaͤndler, oder ſonſt et⸗ was. Das magſt Du Dir merken, und ſollte uns das Schickſal noch einmal zuſammenwerfen, dann,— Himmel und Hoͤlle— koͤnnten wir uns auch reiben, wie Stahl und Feuerſtein! Unruhig ſteckte Bertram den Brief in die Taſche, und deſchloß bei der erſten Gelegenheit um ein Geſpraͤch mit Ginievra zu bitten.. (Ende des zweiten Theiles.) . Berlin, gedruckt bei G. Hayn. HnnanmmmrmmmmEEEEnrrmrmEEnnqnrnmnrmnnmnmmmmVuudll 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 7. 9 L 12 L ö 8 —