Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 3 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nepchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. d 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— S Se —------—— „ 4 ———— TWalladmor. Frei nach dem Engliſchen des Walter Scott. Zweite, verbeſſerte Anflage. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Millibald Alexis. Dritrer Band. 3 Berlin, b e i Friedrich Augu ſt Herbig. M a III. Bd. lladmor. Dritter Band. Erſtes Kapitel. Die Wälſchen Barden glaubten, daß König Arthur nicht geſtorben, ſondern von den Feen nach irgend einem freundlichen Orte ge⸗ bracht worden, wo er eine Zeit lang bleiben ſolle, um dann wie⸗ der zurückzukehren und mit einer ſo großen Macht, wie je, zu regieren, Holingſhed. B. V. C. 14. Von einer am fruͤhen Morgen unternommenen Jagdpartie kehrte Bertram ſehr froh geſtimmt, obwohl ohne Beute, nach dem Schloſſe zuruͤck. Der Mittag des warmen Fruͤhlingsta⸗ ges naͤherte ſich, und der Jaͤger empfand, daß er die weid⸗ maͤnniſche Wintertracht eines verbraͤmten gruͤnen Rockes und einer hohen Pelzmuͤtze uͤber die Jahreszeit hinaus anbehalten habe. Er eilte deshalb aus dem Walde uͤber das kahle Gla⸗ cis der Burg dieſer zu, welche, naturgetreuer als er, zwiſchen ihren grauen Mauern gruͤnende Holunderſtraͤuche und wilde Roſen hatte hervorſchießen laſſen, waͤhrend aus dem Innern des Schloßraums Kaſtanienbaͤume ihr dunkles uͤppiges Lauh kuͤber die Waͤlle hervorblicken ließen. 8 Das alte Schloß gewann dadurch einen romantiſchen Anblick; lieblicher war indeſſen fuͤr unſern Helden, als er durch die kleine Nebenpforte den Schloßhof betrat, der An⸗ blick der ſchoͤnen Ginievra, welche, aus einem Seitenfenſter gelehnt, die Augen an dem großen, ruhig zu ihren Fuͤßen liegenden Ocean zu weiden ſchien. Ein leichter Wind ſpielte in ihren Locken, und zwei zahme Singvoͤgel faatterten ihr auf Kopf und Hals. Kaum aber gewahrte ſie den haſtig ein⸗ tretenden Bertram, als ſie einen lauten Schrei ausſtieß und⸗ wie ihm ſchien, ohnmaͤchtig zuruͤckſank. Bertram, jetzt voͤllig im Schloſſe bekannt, ſtuͤrzte durch eine Wendeltreppe im Seitengebaͤude hinauf, und trat, da kein lebendes Weſen zugegen war, um ihn melden zu koͤn⸗ nen, auch jeder Verzug haͤtte gefaͤhrlich ſein koͤnnen, in das Zimmer der Lady. Wirklich lag Ginievra auf dem Boden niedergeſunken, nur ihr Haupt war auf einem Polſterſtuhle ruhend geblieben. Die Voͤgel flatterten beſorgt um ihre Ge⸗ bieterin, Bertram ſtuͤrzte auf die Ohnmaͤchtige hinzu, hob ſie in die Hoͤhe, und legte ſie auf ein Ruhebett. Sie ſchlug die Augen auf. Ihr erſter Blick ſiel auf Bertram, dem die Beſtuͤrzung noch nicht erlaubt hatte, ſeine fuͤr das Frauen⸗ gemach wenig ziemende Kleidung abzulegen,— kaum aber hatte ihn ihr Auge getroffen, als ſie das Geſicht in ein Kiſſen druͤckte, und, mit der Hand den Juͤngling zuruͤckſtoßend, aus⸗ rief: Zuruͤck Verworfener! um Gottes willen, Mylady! Noch geſtern beim Son⸗ —n ½ 11 nenuntergang durfte ich mich Ihrer Gewogenheit ruͤhmen. Habe ich in der Nacht ein Verbrechen begangen, ſo geſchah es im Traume. Ginievra blickte noch einmal in die Hoͤhe, erſt zoͤgernd, dann dreiſter, endlich uͤberflog wieder eine leichte Roͤthe ihre bleichen Wangen, und ſie reichte ihm die Hand mit den Wor⸗ ten: Verzeihen Sie, Herr Bertram.— Gott ſei Dank, Sie ſind es, und nicht James Nichols. Warum muß meine ungluͤckſelige Aehnlichkeit mit dem Verbrecher ſo oft hier ſtoͤrend werden? Es war nicht das allein. Hoͤren Sie, Herr Bertram— Sie fuͤhrte ihn an das noch immer offene Fenſter.— Ich ſah hinaus, um Aug' und Sinn an der klaren Fruͤhlingsluft, an dem blauen unermeßlichen Waſſerſpiegel zu ſtaͤrken. Mich duͤnkte, als ſaͤhe ich auf dem Spiegel alle Bilder wieder, die freudig und truͤbend mir je erſchienen waren. So ſah ich den wuͤrdigen Oheim, wie die Falten ſeiner Stirne zu ver⸗ ſchwinden, ſeine grauen Locken ſich wieder zu braͤunen ſchie⸗ nen. Rie geſehene Gaͤſte, Freude und Heiterkeit, waren ſeit Ihrer Naͤhe in dieſe Burg gekommen.— Da erblickte ich am fernen Meere ein Segel.— Sehn Sie— dort— dort — jetzt ſcheint die Sonne drauf.— Ich ſehe— aber iſt die Erſcheinung eines Schiffes hier etwas Außergewoͤhnliches? Leider nein.— Sehn Sie, iſt das nicht ein Schleich⸗ haͤndlerſchiff?— Mags meine Ahnung, mag es Taͤuſchung ſein— in dieſer Richtung, in dieſer Geſtalt erſcheint we⸗ nigſtens immer das Schiff, auf welchem Nichols kam und ging. Als die Ahnung alle Schrecken, welche ſeine Naͤhe mit ſich fuͤhrt, fuͤr mich heraufgerufen hatte— hoͤrte ich unten Fußtritte— aus der Pforte, wo er zum letzten male entfloh, trat er wieder in Jagdtaſche und Pelzmuͤtze, wie er ſo oft vor mir erſchien— und das Entſetzen uͤberwaͤltigte mich.— Mylady, es ſind jetzt fuͤnf Monate, ſeit er ſich nicht ſehen ließ— wer weiß, in welchen fernen Welttheil ihn das Schickſal verſchlagen hat. Heerr Bertram, Sie kennen ihn nicht, wenn Sie glau⸗ ben, daß ſein Wille dem Schickſal unterthan iſt. Laͤcheln Sie uͤber die Aberglaͤubige! Ich ſage, wenn James will, ſo hindert ihn weder der fremde Welttheil, noch das heidniſche und das chriſtliche Schickſal, in den Mauern von Wallad⸗ mor⸗Caſtle zu ſtehen. Und leider weiß ich zu gewiß, daß er will.— Sie ſind der Vertraute des Ungluͤcks unſeres gan⸗ zen Hauſes geworden, ſo brauche ich auch nicht vor Ihnen zu verbergen, daß in jedem Momente, wo ich wie vor einer unſichtbaren Macht zuſammenſchaudere, es ſein Geiſt iſt, der auf mich zutritt und mit blutigen Haͤnden mich angreift. In der That habe ich mehrere Augenblicke eines ſolchen uͤberſpannten Nervenzuſtandes an Mylady bemerkt. Wohl hat mein Oheim recht, wenn er an Geiſtererſchei⸗ nungen glaubt, nur mit dem Unterſchiede, daß die Geiſter „ der Lebenden weit furchtbarer anftreten, weit groͤßere Macht beſitzen, als die Schatten der Todten. Ich muß dies zugeben, aber es iſt dafuͤr der freundliche Einfluß geliebter Weſen auch um ſo wohlthuender. 152 Wohl, Sir— aber wenn ein freundliches Weſen zu mir tritt, wir ſchweigend Blicke wechſeln und die knospenden Gedanken uns mittheilen, dann tritt aus dem Hintergrunde das blutig finſtere Weſen ploͤtzlich vor, ſchleudert die lieb⸗ liche Geſtalt mit eherner Fauſt zuruͤck, und ſteht hoͤhniſch vor mir. Es lacht der ſchoͤnſte Fruͤhling in den Thaͤlern, auf dem Meere; ans der nackten Felswand gruͤnt der Brombeerſtrauch, und ſelbſt dies uralte Schloß zieht das Kleid des Fruͤhlings an: weshalb wollen Sie, Mylady, allein dem milden Einfluß * der Natur widerſtehen? Verſcheuchen Sie die truͤben Gedan⸗ ken, die Erinnerung an den Ungluͤcklichen!— Sie nennen ihn nur ungluͤcklich.— Iſt nicht auch der Verbrecher ungluͤcklich? Ich habe Ihnen vertraut, Herr Bertram, daß die Liebe zwiſchen mir und James Nichols todt iſt, aber es lebt noch ein Mitgefuͤhl in mir fuͤr den ungluͤcklichen Verderbten. Welche Kraͤfte gingen in ihm unter! welche Seelengroͤße leuchtet aus der Nacht ſeiner Laſter! 3 Ein verdorbenes Genie!. Von Ihnen, dem die Poeſte auch eine Goͤttin iſt, erwar⸗ tete ich nicht dies Wort, womit leider unſere kaufmaͤnniſche ——— Alltagswelt Geiſter bezeichnet, die ſich hoch uͤber ihre Ge⸗ meinheit erheben. Mylady, auch ich habe tief bewegt die große Natur in dieſem ihrem ausgearteten Sohne bewundert.— Ich habe, Herr Bertram,— unterbrach ihn Ginievra— dieſe Geiſtesanlagen, die ich anfeuerte, in Gedanken ver⸗ folgt; aus dem Edlen entwickelte ſich das Schoͤne, und eine erhabene Geſtaltung trat vor mich hin, die mich, wenn ich auf den Verdorbenen zuruͤckſah, vor ihm entſetzt ſchaudern ließ, die jede Wurzel der Liebe gewaltſam aus meinem Herzen riß. Trauen Sie meinem Gefuͤhl! Nichols wird nicht wie⸗ der durch ſein verhaßtes Auftreten Ihre Ruhe ſtoͤren. Ihr Geſicht, Herr Bertram, ſpricht nicht immer dieſe Ruhe aus, auch aͤußerten Sie geſtern etwas von einer pei⸗ nigenden Gegenwart.— Die aber verſchiedener Art iſt, Mylady. Ein gewiſſes banges Gefuͤhl ergreift mich, ſo oft ich den laͤſtigen Beſu⸗ cher Ihres Schloſſes, Herrn Malburne erblicke. Er erſcheint wie ein Geiſt, und verſchwindet wie ein Geiſt. Es iſt mir, als wenn er ein boͤſer Daͤmon waͤre, der auf jede meiner Thaten lauert, um vor irgend einem geheimen Gerichtshofe als mein Anklaͤger aufzutreten. Bald quaͤlt mich dann wie⸗ der die Angſt, als ſei er kein finſterer Daͤmon, ſondern ein Geiſt der Wahrheit, der mich der Luͤge und des Betrugs zeihte. In voriger Nacht ging ich im Traume am Meere ſpazieren. Ploͤtzlich ſtand er hinter mir, und ſtieß mich mit 15 den Worten: Hier muß ich ſpazieren, denn ich bin vollbuͤrtig! vom Felſen hinunter, daß ich erwachte. Das ſchwere Bragad, welches Sie mit dem Oheim ge⸗ ſtern Abend auf Urrins Wohl ausleerten, wird Ihnen die boͤſen Traͤume zugezogen haben. Mylady, wir ſcherzen uns beide unſere Ahnungen hinweg. Wolle Gott, die Geſpenſter moͤchten ſo verſchwinden, wie fenes Woͤlkchen, welches die Sonne im vorigen Momente verdunkelte. Sie werden verſchwinden! rief eine Stimme hinter ihnen, und Ginievra war auf dem Punkte, durch einen neuen An⸗ fall ihrer Nervenſchwaͤche die Beſinnung zu verlieren, als beide noch zu rechter Zeit ſich umſahen, und Sir Morgan in feierlicher Stellung hinter ihnen ſtehend erblickten. Sie werden verſchwinden, die Geſpenſter— wiederholte er pathetiſch— Fruͤher als ſeit dreihundert Jahren iſt heuer der Schnee auf dem hoͤchſten Gipfel des Snowdon geſchmol⸗ zen, und ein Avenyſtion— das iſt ein Wahrſager, Herr Ber⸗ tram, wie Sie wiſſen— iſt in Angleſea im Maͤrzmonat auf⸗ geſtanden, nicht zu gedenken, daß der einzige Barde, der noch Cornwallis und Nordwales durchzieht, der wuͤrdige Pencord Parry von Rhivabon, in meinem Schloſſe, Herr Ber⸗ tram, geſungen hat. Es werden die Tage des Glanzes wie⸗ derkommen, der Arctur hat ſich am Himmel geruͤckt, der Wind im Oſten geht los, der halbe Mond wird bleich und roth, und in Amerika geſchehen ungeheure Dinge. Ginievra, erfreut uͤber die von der Hoffnung belebte Stimmung des Greiſes, ſchmiegte ſich ihm vertraulich an und bemerkte, daß mit dem Eintritt des fremden Gaſtes zu⸗ erſt der Frohſinn in die duͤſtern Hallen eingekeht ſei. Sir Morgan ſtimmte nicht ganz mit der Nichte uͤberein: Weer kann es wiſſen, wie die Spinne, welche im dump⸗ fen Keller ihre Gewebe zieht, die ganze Sonne umſtricken werde, und doch werden noch vor dem juͤngſten Tage Dinge geſchehen, von denen Merlin ſagen koͤnnte: ich habe ſie nicht vorausgeſehn. Man braucht nicht die Sterne zu leſen— ob⸗ gleich die Schrift bis an den zuͤngſten Tag fehlerlos iſt— aber wenn man die Hiſtorie betrachtet, geht der Geiſt des Weltalls auf. Lieſt man nicht, daß Ali Paſcha von Aegyp⸗ ten ein Frankenkind ſei? Was im Innern Africas vorgeht, davon hat Niemand Kunde. Aber wie regt es ſich in Grie⸗ chenland! Ich wuͤnſche den Griechen nichts Uebles, aber Grie⸗ chenland iſt gegen die Welt ein unbedeutend Laͤndchen. Die Griechen ermorden die Tuͤrken, das ruft die Perſer und Chi⸗ neſen zur Rache auf, dafuͤr treten den Griechen die Georgier und Ruſſen zu Huͤlfe. Wenn dann in den Ebenen Aſiens das Blut gefloſſen iſt und das Caspiſche Meer geroͤthet hat, dann ſtuͤrzen von beiden Seiten Voͤlker uͤber Voͤlker hinzu, bis die Norweger und Lapplaͤnder aus dem Norden mit den Mohren aus dem heißen Africa handgemein werden. Dann koͤnnte es kommen, daß die Mohren zu Schiffe gehn, um das alte Wales zu ſehn, wo zuerſt das Chriſtenthum gepredigt — ₰+ + wurde, und wenn das wilde ſchwarze Kriegsvolk dort unten mit tauſend Schiffen auf dem Meere liegt und unten auf jener Ebene Schaaren an Schaaren, und ein wilder Mohr, Termagant, ſeinen Saͤbel wetzt und Walladmor⸗Caſtle auf⸗ fordert ſich zu ergeben, und ich Arthurs Banner aufſtecke, dann koͤnnte es kommen, daß der Mohre ſtuͤrmt und an dem Außenthor ruͤttelt und der alte Spruch in Erfuͤllung geht: Wann die Mohyen ſtürmen das Außenthor, Wird Freude kommen nach Walladmoy, wenn dann der Rieſe Termagant ſeinen Saͤbel fortwirft, mir zu Fuͤßen ſtuͤrzt und ausruft: Ich bin dein Sohn! Die Schloßglocke laͤutete zur Mittagstafel. Sir Mor⸗ gan glaubte in dieſen ploͤtzlich einfallenden Toͤnen eine Be⸗ ſaͤtigung ſeiner Ahnung zu finden, und Freude leuchtete auf ſeiner Stirn, als er die Nichte und unſern Helden in den Speiſeſaal hinabfuͤhrte. Jene konnte ſich indeſſen nicht ent⸗ halten, noch auf dem Wege ihrem Begleiter zuzufluͤſtern: Der Ungluͤckliche! Und weshalb ungluͤcklich, Mylady? Weil er, aus ſeinem Traum erwachend, ſo fuͤrchterlich tief hinabſtuͤrzen wird, als ihn ſeine Hoffnungen hoch erheben. Iſt der nicht gluͤcklich, Mylady, deſſen Wahn die Tha⸗ ten und Schickſale von Koͤnigreichen und Elementen an ſein eigenes kleines Ich knuͤpft? Iſt es nicht die Loͤſung des Le⸗ bensraͤthſels, die Verbindung unſer ſelbſt mit dem großen Weltall aufzufinden? Raubt nicht, wenn ſich das Individuum mit den ſtupenden Werken der Natur und den rieſigen Tha⸗ ten groͤßerer Zeiten vergleicht, der Gedanke an die eigene Nichtigkeit allen Lebensmuth? Der Phantaſt, welcher ſich⸗ uͤber alle die irdiſchen Schranken hinaus, hoͤher, als ihr koͤ⸗ niglicher Gebieter, ſtellen kann, iſt er nicht der gluͤcklichſte Menſch? Und was iſt das Leben anders als ein Wahn, ein Schein?— die Wahrheit liegt uͤber dieſen Horizont hinaus Nicht allein im Geſicht, auch im Fluge der Gedanken gleichen Sie dem Fuͤrchterlichen. Die Mittagstafel war bei weitem groͤßer als ſonſt. Theils hatte der Fruͤhling mehrere empfohlene Gaͤſte ins Schloß gelockt, theils war die Stimmung des Greiſes ſeit einiger Zeit weit gefaͤlliger geworden. Daher fand man, außer dem Prediger, welcher ſeit lange taͤglich den Squire peſuchte und mit ihm im geheimen Thurme ſtudirte, einige benachbarte Landedelleute; und es hatten ſich ſelbſt einige Kuͤnſtler eingefunden, welche ſonſt von keiner porta patens in Walladmor empfangen wurden, und unter dieſen auch der ſeit drei Wintermonaten verſchwundene Malburne. Die Tafel war prachtvoll beſetzt, bis auf einige echt Waͤliſche Gerichte, welche ich, da ſie den geneigten Leſern, ſeit Maſter Blunee im vergangenen Jahre eine Waͤlſche Kuͤche in London errichtet hat, gehoͤrig bekannt ſein werden, nicht weiter zu beſchreiben brauche; zumal, da ich uͤberzeugt ſein kann, daß ſie, ſaͤßen ſie ſelbſt als Gaͤſte in Wallad⸗ — 13— mor⸗Caſtle, dieſe Delicateſſen unberuͤhrt wuͤrden vortiberge⸗ hen laſſen. Doch muß ich bemerken, daß außer dem Squire noch der Pfarrer, ein benachbarter Edelmann und Herr Tho⸗ mas Malburne dieſen Gerichten zuſprachen, letzterer auch noch beſonders verſicherte, daß er in jedem Lande ſeinen Na⸗ tional⸗Appetit veraͤndere, und den der Landeseinwohner an⸗ nehme, um auch ſo intenſiv deren Geſchmack kennen zu ler⸗ nen. Der Sauire verſaͤumte nicht, von jedem Brodte nach der alten Sitte das erſte Stuͤck fuͤr die Armen abzuſchneiden und es dem hinter ſeinem Stuhle die Bedienung der Gaͤſte leitenden Seneſchall zu geben. Bis zur Mitte der Mahlzeit hatte ſtatt der Eſſer ein ſchwaches Muſtkchor hinter einem Verſchlage geſprochen. Als jedoch der Nachtiſch anfing auf⸗ getragen zu werden, trat ein aͤltlicher Mann in den Saal, deſſen Kleidung und Attribute ſogleich verriethen, daß er dem Bardenſtamme angehoͤre oder angehoͤren wolle. Er trug ein braunes faltenreiches Gewand, welches zwar den Ober⸗ leib ganz bedeckte, dagegen unten nur bis etwas uͤber die Kniee ging, ſo daß man des alten Mannes bloße Fuͤße, welche nur durch die Riemen der Baſtſchuhe bis unter die Mitte der Waden in eiwas geſchuͤtzt waren, frei erblickte. Um ſei⸗ nen Leib trug er den rothen breiten Corduanriem, von wel⸗ chem Ehrenzeichen der alten Waͤlſchen Dichter und Saͤnger die Hiſtoriker des Volkes ſo viel Weſens machen. Auf ſeinem Haupte hatte das ſchneeweiße Haar burch das Alter und die vermuthlich ſchmutzige Lebensweiſe wieder angefangen grau⸗ gelb zu werden; nur zwei ſpaͤrliche Locken hingen um die Ohren, und leider fehlte dem uralten Geſichte der lang hin⸗ unter wallende Bart. Indeſſen trug der Mann die Haupt⸗ charakteriſtik des Barden— die Harfe, und wie des Befehls gewaͤrtig, ſtellte er ſich an das eine Ende des Saales, indem er die Arme auf der Harfe ruhen ließ. Das Feuer, welches man in den Augen des Barden vermißte, entzuͤndete ſich in denen des Squire beim Eintritt dieſer Erſcheinung. Er ſprang von ſeinem Seſſel auf, und rief: Ehrenwerthe Herren aus echt Waͤlſchem Blute, und edle Gaͤſte an Walladniors Tafel! Heut⸗ iſt der Jahres⸗Tag gro⸗ ßen Ruhmes unſerer Waͤlſchen Ahnen.— Heut' iſt Urrins Siegestag. Nicht unfeierlich darf er bei Kymmeriſchen Nachkommen begangen werden. Seht dieſen Barden an! Erkennt einer von Euch, wer der Greis mit den zitternden Armen, mit den todten Blicken iſt?— Man ſah den Bar⸗ den an und ſchwieg— Es iſt der letzte Barde Kymmeriens, Parry von Rhivabon. Unſre Annalen erwaͤhnen ſeiner vor Decennien. Seitdem war er verſchollen und galt laͤngſt fuͤr todt. Mir iſt es gelungen, von ſeinem Leben zu erfahren, das er in Duͤrftigkeit und Vergeſſenheit fuͤhrte; zum Feſte Flamdewyns habe ich den Todtgeglaubten heraufgerufen. Wohlan denn, Saͤnger, ſtimme Thaließins Lied an! Der alte Mann raͤuſperte ſich noch einmal und fang — — 15— 7 dann mit ſchwacher Stimme, leiſe dabei die Saiten ruͤhrend, die bekannte Reliquie alt Waͤliſcher Poeſte*). Hervor ging die Sonne nach Stürmen der Nacht, Und brachte den Morgen und brachte die Schlacht. Von wannen, von wannen die zahlloſen Speere? Hal ſind es des fliegenden Flamdewyns Heere? Sie waren's!— Von Aufinids Hügeln herab Ergoß ſich der Strom ſchon auf Urrins Geülde. Es klirrten die Schwerter, es raſſelten Schilde, Laut heulte Verheerung und öffnet' ihr Grab: Im Trotze des Sieges trat Flamdewyn her: „d urrin!— ſo rief er— entſage der Wehr, Und zahle— du dämmeſt die Fluten vergebens— Die Löſe des Landes, die Löſe des Lebens!“— Doch ferne war Urrin. Er eilte ſchon früh Nach Hülfe. Da nahte, von Kriegern umgeben, Sich Owen dem Trotzer:„Noch leben wir, leben! Und haben noch Waffen: die löſen uns, die!“ Hinauf ſtieg die Sonne im ſtrahlenden Lauf Iunr Höhe des Himmels. Da ſchauten wir auf, Da ſahn wir, gefolget von Tauſend der Seinen, Im Waffengeſchmeide Held Urrin erſcheinen. Dieſes bekannte Lied gehört in ſeiner gegenwärtigen Geſtalt nicht zu den beſten, welche wir in Edward Jones Relics der Waͤl⸗ ſchen Barden beſitzen, und es iſt zu verwundern, daß der gewandte Dichter der Dichtung keinen romantiſchen Schwung durch eine uUmar⸗ beitung der Engliſchen Ueberſetzung gegeben hat. Da er es aber nicht gethan bhat, ſo hat auch hier der Ueberſetzer nur eine ältere dentſche Ueberſetzung des Liedes eingeſchoben. A. d. ü. z. I. A. — 16— „Auf, Cymbriens Söhne: noch flohen wir nie!“ So rief er:„Mir nach! Ihr Gefährten! wir ſtreben, Zu tilgen die Schande! Noch leben wir, leben: Und baben noch Waffen, die löſen uns, die! Mir nach zu dem Hägel, mir nach in den Tod!“ Rings wurden vom Blute die Gegenden roth. Rings flatterten, ſatt ſich am Blute zu laben, Mit triefenden Schwingen die dürſtenden Raben. Hoch ſchwung ſich die Rache mit wüthendem Blick, und nieder von Hügel zu Hügel getrieben, Erlagen die Trotzenden. Wenige blieben und brachten mit Beben die Kunde zurück. Hinab ſank die Sonne. Nun war es vollbracht. Der Tag war geſchwunden, verhallet die Schlacht. Doch nimmer verhalle der Name des Helden! Geſang, du ſollſt ihn der Folgezeit melden. O ſelig der Barde, dem dieſes gelang! Dann ſagen die Enkel beim Brande der Eiche: 0 Jüngling! ſei würdig der Väter, und gleiche Held Urrin und ihm, der den Helden uns ſang. Alle Maͤnner erhoben ſich, die Glaͤfer klirrten:„Kym⸗ merien!“„Die großen Ahnen!“„Wuͤrdige Geſchlechter!“ toͤnte es, und Ginievra hielt den Moment fuͤr angemeſſen, die Geſellſchaft zu verlaſſen. Die Zungen loͤſten ſich jetzt. Man lobte den Barden, ſo duͤrftig auch ſein Geſang gewe⸗ ſen; der kreiſende Hauspokal wurde ihm gereicht, und es be⸗ durfte erſt einer langen Waͤlſch gelehrten Eroͤrterung des Squire, warum der Tag feierlich begangen werden muͤſſe; und wo die Stelle ſei, an welcher Urrin uͤber Flamdewyn - geſtegt — 12— geſiegt habe? ehe die erregten Geiſter wieder zur Ruhe ka⸗ men und ein nicht enthuſiaſtiſches Geſpraͤch begannen. Reich an Schoͤnheit und reich an Merkwuͤrdigkeiten iſt unſtreitig dieſes Land,— bemerkte einer der Anweſenden, und das Geſpraͤch wandte ſich jetzt auf das graue Alterthum und die ewig jugendliche Natur von Wales, wobei der Squire wohl aufmerkſam zuhoͤrte, aber, ſeiner Gewohnheit entgegen, kein Wort mitſprach. Man muß indeſſen bemerken, daß dies Geſpraͤch faſt nur von den Fremden, und zwar Kuͤnſtlern, unterhalten wurde. Welcher Sachverſtaͤndige in ſeiner Kunſt miſcht ſich aber gern in ein Geſpraͤch, welches von gaͤnzli⸗ chen Laien uͤber die Trefflichkeit und die Vorzuͤge derſelben gefuͤhrt wird, beſonders wenn es nicht der Belehrung wegen geſchieht, ſondern die Laien nichts bezwecken, als ihre Halb⸗ kenntniß vor dem Kenner zum Vorſchein zu bringen. Nach⸗ dem alle Vorzuͤge, breit, poetiſch oder proſaiſch, ans Tages⸗ licht gezogen waren, nahm der Squire das Wort; und man mußte geſtehn, daß der verſtaͤndige Mann und nicht der ein⸗ gebildete Walliſer diesmal ſprach. Meine Landsleute muͤſſen Ihnen dankbar ſein fuͤr eine Rede, in welcher Sie alle Vorzuͤge unſeres Landes entwik⸗ kelt haben; aber Sie vergeſſen eines Nachtheils zu erwaͤhnen, welcher alle dieſe Vorzuͤge vielleicht wieder aufwiegt. Ein treuer Alt⸗Britte— und das ſind auch wir Walliſer— trauert, wenn ſein Kirchſpiel mit den Reformern aus Man⸗ cheſter uͤberſchwemmt wird.— Leider liegt dieſe Stadt an III. Bd. 12 — 18— unſern Graͤnzen; aber weit ſchlimmer iſt fuͤr unſer Volk, daß zwei fremde Stapelplaͤtze im eigenen Lande erbaut ſind. Aus Briſtol und Bath ſtroͤmen Kranke und Geſunde in un⸗ ſere uͤppigen Thaͤler, uͤber unſere Fluͤſſe, uͤber die kahlen Berge bis in die fernſten Schluchten. Was die fremden Er⸗ oberer uns doch erlaubt hatten— ungeſtoͤrt hinter un⸗ ſern Bergen zu ſitzen und Waͤliſch zu denken, wenn ſie uns auch die Sprache nahmen, das wollen uns die Schaa⸗ ren der fahrenden, reitenden, gehenden, hinkenden und ge⸗ tragenen Reiſenden noch entreißen. Jeden Brombeerſtrauch kehren ſie um, jeder Stein wird fortgewaͤlzt, um zu ſehen, was darunter liegt. Damit aber begnuͤgen ſich jetzt nur wenige noch; Brieftaſchen und Bleifedern ſtecken in jeder Taſche, und wo nur ein ertraͤglicher Fleck zu ſitzen iſt, wird es herausgeholt, ſkizzirt, und jedermann traͤgt uns ein Stuͤck⸗ chen vom alten Wales in der Taſche fort. Einige der Anweſenden ſchienen betroffen die Koͤpfe zu ſenken, waͤhrend andere lachten und meinten: eines Landes Ruhm werde durch Bekanntmachung ſeiner Schoͤnheiten auch um ſo groͤßer. Der Squire war nicht der Meinung. Kein Land braucht von einem Fremden anders als der ruͤſtigen Maͤnner wegen, welche es ins Ausland ſendet, be⸗ wundert zu werden. Darum ſtanden unſere erlauchten Ah⸗ nen ſo groß und wuͤrdig da, daß ſie keinen Fremden ins Land ließen. Ihre hohen Berge waren zu den Zeiten der Glendower, wo der Sachſe nur von ferne ſie blau zum 5 — 19— Himmel ragen ſah, nicht weniger gekannt als heut zu Tage, wo jeden Landſtreicher ein Paß in ihre heiligen Schluch⸗ ten fuͤhrt. In dem Augenblicke, wo er dies ausgeſprochen hatte, fuͤhlte aber auch ſchon der Sauire, daß ſein Eifer ihn zu weit gefuͤhrt habe. Gluͤcklicherweiſe wandte Malburne durch eine ſchnelle Wendung das Geſpraͤch zur Verſoͤhnung. Wenigſtens, Sir Morgan, hat ſich darin ihr Wales zum Vortheil fuͤr uns Fremde umgeaͤndert, daß kein Koͤnig von England von ſeinem Gegner in Wales mehr ſagen kann: So mag er auf den kahlen Höhn verſchmachten; denn wir, die wir zur Oppoſition gehoͤren, und ſonſt jeder Gentleman, ſindet, wenn dies hier anders Wales iſt, eine ſolche Aufnahme, daß er eher das Gegentheil zu befuͤrch⸗ ten hat. Man lachte, ließ den Wirth und die alt Waͤlſche Gaſt⸗ freiheit leben, und Sir Morgan hub, um auch ſeiner Seits den Fehler wieder gut zu machen, an: Doch will ich damit Niemand beleidigt haben. Moͤgen ſie ſich damit begnuͤgen, unſre Waͤlder und Felſen und Schloͤſſer fuͤr das Auge jedes Narren an den Londoner Krambuden auszuſtellen, damit er beurtheilen koͤnne, ob unſere wuͤrdigen Vaͤter dieſen Thurm nach den Regeln der Baukunſt und jene Mauern nach denen der Fortifikation aufgerichtet haben. Aber wie ich dies einen Naturdiebſtahl nenne, den die große Natur vergeben kann, da ſie uͤber alle Menſchen reich iſt, ſo hat die neuſte Ver⸗ — 20— derbniß auch Leute erzeugt, die auf den Menſchendiebſtahl ausgehn.. Sie meinen die Matroſenpreſſer? ſagte ein Londoner. Oder ſollten,— fragte beſtuͤrzt ein Franzoſe— wie einſt in Amſterdam, Seelenverkaͤufer auf ſorgloſe Fremde lauern, um die Kolonien zu bevoͤlkern? Sein Sie unbeſorgt! Wo ein Walladmor Friedensrich⸗ ter iſt, wandelt jeder freie Mann ungefaͤhrdet; aber es giebt Diebe, welche nicht den Leib, ſondern die Seele rauben, welchen man ihr Gewerbe nicht anſieht, und denen man, ſaͤhe man es ihnen auch an, doch nicht die Thuͤre bieten darf. Seit der Zeit, wo bei uns wenig gehandelt und viel geſchrieben wird, wo der Heldenthaten wenig und dafuͤr de⸗ rer, welche ſie beſingen wollen, deſto mehr geworden ſind,⸗ muͤſſen die Schriftſteller, wollen ſie einen Gegenſtand finden, auf Diebſtahl ausgehn. Seit die Romane aus den Londo⸗ ner und Edinburger Preſſen das Land uͤberſchwemmen, darf man in keine Geſellſchaft treten, man darf keinen Fremden gaſtlich aufnehmen, ohne zu befuͤrchten, auf eine Viper zu ſtoßen, die bis ins Herz beißt. Freundlich ſchmiegen ſich dieſe hungrigen Laurer an ihr Opfer an, ſie ſind ſelbſt beſcheiden und ſtill, aber dafuͤr deſto aufmerkſamer, wenn Jemand ſpricht. Statt daß ſich Freunde offen ihr Herz ausſchuͤtten, bewegen ſie nur den Andern dazu, und empfangen ohne wiederzuge⸗ ben. Iſt nicht das Gefuͤhl empoͤrend, wenn eine Schoͤne zu = 21— ihrem entzuͤckten Geliebten zu ſprechen und ihn durch ihre Augen zu begluͤcken ſcheint, und dieſer nur ihre Blicke ſaugt, ihre Reden hoͤrt, auf die leiſen Regungen ihrer Seele lauſcht, um mit dem Geſtohlenen die Geliebte ſeiner Phantaſie aus⸗ zuſchmuͤcken? Iſt nicht ein ſolcher Dichter aͤrger als der Vampyr, welcher doch nur das Blut ausſaugt? Mir wird allemal unwohl zu Muthe, wenn ich in der Geſellſchaft ei⸗ nen Menſchen, deſſen Geſicht fuͤr ſeine Klugheit ſpricht, im Winkel ſitzen und nur horchend an den Geſpraͤchen Antheil nehmen ſehe⸗ Die Geſellſchaft hub, durch Malburnes Beiſpiel aufge⸗ muntert, ein lautes Gelaͤchter an, die Flaſchen wuchſen auf dem Tiſche, und eine voͤllige Verſoͤhnung war erfolgt, da ſich Niemand von den Fremden getroffen fuͤhlte.„Ein alt⸗ brittiſch Herz!“„Aufrichtige Freunde!“„Treue Diener!“ Dieſe Toaſte wurden mit allgemeinem Jubel ausgebracht, und Sir Morgan verlangte mit lauter Stimme von dem ſteif und ſtarr daſtehenden Saͤnger ein Lied zum Lobe auf⸗ richtiger Freunde. Zum großen Erſtaunen ließ aber dieſer einige Akkorde des tiefſten Wehlautes hoͤren, und ſang dann mit einer Stimme, welche ſo tief bewegt war, wie das Alter des Saͤngers es erlaubte, folgende abgebrochene Verſe: Und als der König die Ritter Sah todt im Felde umher, Da wurden von bittern Thränen Seine kühnen Augen ſchwer. Ruht wohl, ihr wackern Ritter, In Eurer Treue ſo rein! O daß ſo edle Herzen Dem Staub verfallen ſein! Feſt habt Ihr bis zum Tode Gehalten an Eurem Herrn, Und ach, Euch aufzuwecken, Gäb' ich mein Leben gern! Wie elektriſch durchfuhr es alle Geiſter, als der Saͤnger hier inne hielt. Die meiſten wußten nicht, woher dieſe ein⸗ fachen und doch ſo ergreifenden Toͤne kamen; der Sauire aber redete wie begeiſtert ploͤtzlich den Saͤnger an: Singe uns das ganze Lied, wie Arthur ſtarb, ſinge das Lied der Unſterblichkeit! Der Saͤnger aber gab kopfſchuͤttelnd zu verſtehen, daß ſeine Kraͤfte nicht mehr ausreichten. Malburne fragte, wes⸗ halb ein ſo trauriges Lied wie die Romanze morte Arthur in ſo froher Geſellſchaft geſungen werden ſolle? der Squire aber wandte ſich mit funkelnden Blicken zu ihm: Traurig? Iſt es nicht das herrlichſte Lied, was ſeit Beginn der Welt von der Unſterblichkeit der Seele geſungen wurde? von der Ruͤckkehr des erloſchenen Herrlichen auf Erden?— Arthur lebt! ſagten unſre heiligen Barden, Arthur wird wiederkeh⸗ ren, und der Glanz des Landes; Arthur lebt und auch Wal⸗ ladmors Geſchlecht hofft auf Arthurs Wiederkehr, auf die Wiederkehr des Ruhmes, des Gluͤckes, wann es an's Außen⸗ — 23— thor pochen und heißen wird: Wallabmors Erbe fordert Einkehr! Man fragte von allen Seiten nach dem Grunde dieſer Sage, und da der alte Saͤnger das Lied nicht ſingen konnte, ſo uͤbernahm es Sir Morgan, ſeine vaterlaͤndiſche Tradition den Verſammelten zu erzaͤhlen. Es iſt merkwuͤrdig, daß in Momenten, wo der Becher taumelnder Luſt uͤberſchaͤumt, es oft nur eines einzelnen Accordes bedarf, um die Geiſter des Truͤbſinns herbeizurufen. So rauſchend die Luſt vor weni⸗ gen Momenten in Walladmors Halle geweſen, ſo ſtill wurde es, als der Squire erzaͤhlte; und als er geendet hatte, ſchien eine heilige Ahnung durch die Verſammlung zu gehen, und man trennte ſich ſchweigend, nachdem ſchon fruͤher die Ver⸗ abredung getroffen war, am naͤchſten Tage die Stelle, wo der Held der Walliſer ſollte verſchwunden ſein, gemeinſchaft⸗ lich zu beſuchen. Daß die Erinnerung aber auch auf den Squire einen eingreifenden Eindruck gemacht haben muͤſſe, bewies die Art ſeiner Erzaͤhlung, indem er die Sage in ih⸗ rer einfachen Geſtalt wiedergab, ohne ſich die bei ſeinen Re⸗ den ſonſt gewoͤhnlichen Abſchweifungen zu Schulden kommen zu laſſen. Als Koͤnig Arthur die Sachſen beſiegt, Irland und Schott⸗ land unterworfen hatte, zog er hinaus in die weite Welt und unterwarf ſich Daͤnnemark, Norwegen, Island, Schwe⸗ den; er eroberte Frankreich, toͤdtete manchen ſcheußlichen Rieſen, und ſandte zuletzt den Leichnam des Roͤmiſchen Kai⸗ — 2. ſers Lucius nach Rom. Aber als der große Held der Chri⸗ ſtenheit in Rom von allen Kardinaͤlen feierlich begruͤßt wurde, brachte man ihm die Nachricht, daß zugleich ſein Neffe Mor⸗ dred mit vielen Rittern der Tafelrunde von ihm abgefallen und ſich empoͤrt habe. Augenblicklich ſegelte Koͤnig Arthur nach Brittannien, landete nach einem blutigen Kampfe bei Sandwich, vertrieb den Mordred nach London, von London nach Wincheſter und von da aus nach Wales. Hier trat am Montage Trinitatis beim erſten Hahnenkraͤhen Sir Ga⸗ wein zu ihm, und ſprach zu ihm:„Biſt du mein treuer Oheim und ſchaͤtzeſt dein Leben, ſo geh heut nicht in die Schlacht, denn Sir Lancelot mit vielen Rittern iſt noch in Frankreich und muß in Monatsfriſt zuruͤckkehren.“ Da rief der Koͤnig, noch ehe der Morgen graute, alle ſeine Ritter zuſammen, und erzaͤhlte ihnen, was Sir Gawein ihm geſagt hatte. Seine Ritter riethen, daß er einen Waffenherold an die Feinde ſenden ſolle, um eine freie Unterredung zu pfle⸗ gen. Da waͤhlte Koͤnig Arthur zwoͤlf ſeiner beſten Ritter und ritt mit ihnen dem Feinde entgegen. Seinem ganzen Heere aber befahl er, bereit zu ſtehn, doch ſolle Niemand eine Waffe ruͤhren, außer wenn ſie ein gezogenes Schwert erblickten. Und von der andern Seite ritt aus der Verrä- ther Mordred, und brachte auch zwoͤlf Ritter mit ſich, die beſten von ſeiner Parthei, um mit dem Koͤnige die Unterre⸗ dung zu halten. Und auch Mordred befahl ſeinem Heere bereit zu ſtehn, aber kein Mann ſolle eine Waffe ruͤhren, 2 — 25— außer wenn ſie ein gezogenes Schwert erblickten. Es durfte weder der Oheim dem Neffen trauen, noch der Neffe dem Oheim, das traurigſte Ungluͤck, was je die Chriſtenheit be⸗ fiel. Als ſie aber nun zuſammengekommen waren, und beide uͤber eine Waffenruhe beriethen, daß vor Monatsfriſt keine Schlacht ſollte geliefert werden, da kroch eine Otter aus dem Gebuͤſch und biß einen von des Koͤnigs Rittern ins Knie; und dieſer Biß mußte ungluͤck bringen uͤber die ganze Chriſtenheit. Denn als ſich der Ritter verwundet fand, und die Schlange an ſeinem Fuß erblickte, zog er das Schwert heraus. Kaum aber hatten das beide Heere geſehen, ſo ging die Schlacht los, die ſo heftig wurde, daß auf der einen Seite nur drei Maͤnner am Leben blieben. Es war die blu⸗ tigſte Schlacht, die je in der Chriſtenheit iſt gefochten wor⸗ den. Auf Koͤnig Arthurs Seite entkam nur er ſelbſt, und Lukyn, der Herzog von Gloſter und des Koͤnigs Stallmeiſter Bedevere; und als der Koͤnig alle ſeine Ritter todt erblickte, brach er in die Klagen aus, welche der Barde geſungen hat. Dann aber brach er in die Worte gus:„Sieh, dort lebt noch der Verraͤther, und ſchreitet uͤber die todten Krieger. Aber er ſoll es bitter bereuen, und meine Rache auf ſein Haupt fallen.“ Aber der Herzog hielt ihn zuruͤck, und ſagte: „Mein Lehnsherr ſtehe ſtill um Lieb' und Barmherzigkeit willen. Denk, was das Traumgeſicht zu dir ſprach, und geh heute nicht auf den Feind los!“— Der Koͤnig aber erwie⸗ derte:„Halte mich nicht auf, du wuͤrdiger Vaſall, denn ich ““ — 26— bin es meinen treuen Rittern ſchuldig, und will ſie, trotz Leben oder Tod, an ihrem Feinde raͤchen!“ Darauf griff der Koͤnig nach ſeinem Speere und ſchwang ſich auf ſein Roß. Als ihm ſein Stallmeiſter den Zuͤgel hielt, ſtuͤrz⸗ ten dieſem die Eingeweide aufs Knie.„Ach— ſagte der edle Koͤnig— daß ich ſo etwas erleben muß, und dieſer gute Ritter in meinem Dienſt erſchlagen iſt!“ Dann ſpornte er mit eingelegtem Speere auf Mordred los, und rief:„Huͤte Dich wohl, Verraͤther, denn Dein Tod iſt nahe.“ Mordred ſchwang in wilder Wuth ſein Schwert, aber des Koͤnigs“ Speer bohrte ihn durch und durch. Als Mordred nun ſich zum Tode getroffen fuͤhlte, rannte er noch tiefer in den Speer und verſetzte dem Koͤnige einen toͤdtlichen Schlag⸗ Mordred ſtarb voll Ingrimm auf der Stelle, aber der Koͤnig hatte viel Blut verloren, als er zum Herzog zuruͤckge⸗ kehrt war. Da ſprach er nun zu Lukyn ſo:„Du warſt im⸗ mer mein treuſter Ritter, nimm nun mein Schwert Excali⸗ bar, das an meiner Seite haͤngt; nimm meinen treuen Ex⸗ calibar und wirf ihn dort in den Fluß, denn ich brauche fuͤrder unter dieſem Baume keine Waffen mehr.“ Und dann ſprach er zu ſeinem Schwerte die Worte⸗ Und leb du wohl mein treues Schwert, Kein beſſeres hatte ein Ritter je; Mit dir hab ich mir abgewehyt Manchen Feind in den Schlachten eh. Nit dieſem Schwerte hab' ich oft Gemäht auf blutgem Felde Aehren; — 22— Die Todesſtunde kommt unverhofft, Wo ich dich niemals ſchwinge mehre. Der Herzog trat darauf an den Fluß und warf ſein eige⸗ nes Schwert hinein, aber den Excalibar behielt er heimlich zuruͤck, denn er war ganz von Koͤlniſchem Stahle, und der Griff war von den koſtbarſten Steinen, und es duͤnkte den Ritter ſchade, daß ſolch ein Schwert ſollte verloren gehn!— Als er nun zum Koͤnige zuruͤckkam, fragte der ihn: „Lukyn, was haſt du geſehn?“—„Nichts, mein Koͤnig, antwortete der Herzog, als daß der Wind friſch und frei uͤber das Waſſer ſtrich.“— Da ſagte der Koͤnig:„O guter Lukyn, gehe wieder an den Fluß, und wirf mein Schwert in die Wellen, daß ich nicht laͤnger hier in Angſt und Furcht bleiben darf!“ Der Herzog trat darauf an den Fluß und warf die Scheide von des Koͤnigs Schwerte hinein, aber den Ercali⸗ bar behielt er zuruͤck, und verbarg ihn unter einem Baume. Als er nun zum Koͤnige zuruͤck kam, fragte der ihn mit aͤngſtlichen Blicken, und indem er die Wunden, aus denen das Blut ſtroͤmte, zuſammen hielt:„Lukyn, haſt du was geſehn?“—„Nichts, mein Lehnsherr, antwortete der Herzog, außer daß der Wind mit den unruhigen Wellen kaͤmpfte.“ „O Lukyn, Lukyn, ſprach der Koͤnig, zweimal haſt du mich betrogen. Ach! wem ſollen wir je trauen, wenn ſolch ein Ritter ſo falſch ſein kann! Sprich, willſt du denn, daß — 28— dein Koͤnig ſterben ſoll, um eines Schwertes willen, auf wel⸗ ches du luͤſtern biſt? O gehe ſchwell an's Waſſer und wirf es hinein, ehe mir der Athem vergeht!“ Der Herzog erroͤthete vor Beſchaͤmung, antwortete aber nicht dem Koͤnige. Er nahm das Schwert, ging an den Fluß, und ſchleuderte es- ſo weit er konnte, hinein. Da tauchte aus dem Waſſer eine Hand und ein Arm auf. Die Hand ergriff das Schwert, als es niederfiel, ſchwang es drei⸗ mal in der Luft und verſank dann mit ihm im Strudel, und der Herzog hat es niemals wieder geſehen. Wie verſteinert ſtand der Herzog eine lange Weile am Fluſſe, und eilte dann zuruͤck, um dem Koͤnige die Maͤhre zu hinterbringen; aber der Koͤnig lag nicht mehr unter dem Baume. Wohin er gegangen war, konnte der Herzog nicht berichten, denn er hat ihn ſeitdem nie mehr geſehn. Aber eine Barke ſah er in weiter Entfernung uͤber den Fluß ſchwimmen, und hoͤrte die Nixen ſingen und ſchreien. Ob der Koͤnig in der Barke geſeſſen, hat er nie erfahren, denn ſeit dem ſchrecklichen Tage iſt Koͤnig Arthur nie auf Erden geſehen worden. Aber Merlin hat prophezeiet, daß Koͤnig Arthur wieder⸗ kommen werde in Schoͤnheit und Jugend, und Brittannien begluͤcken. K Zweites Kapitel. Es war in der ſchwarzen Mitternacht, Alle lagen im Schlummer tief, Da ſchwebte in's Zimmer Margarets Geiſt, Stellte ſich hin, wo Wilhelm ſchlief. Margarets Geiſt. E⸗ war einer der heiterſten Fruͤhlingstage, als Bertram, die Flinte uͤber den Nuͤcken, zwiſchen den mit friſchem Gruͤn be⸗ deckten Huͤgeln und Felskuppen, den hoͤhern Gebirgspartieen des Snowdon zuging. Er hatte ſich aus dem Schloſſe ſchon am fruͤhen Morgen geſchlichen, um mit der ganzen Geſell⸗ ſchaft, zu Roß und Wagen am Arthurs⸗Berg zu gleicher Zeit einzutreffen, und doch dabei das Vergnuͤgen einer Fuß⸗ wanderung zu genießen. 3 Ihm war ſehr froh zu Muthe. Er konnte ſich nicht ent⸗ halten, zuweilen die Huͤgel hinauf zu ſpringen, und wo der Weg abwaͤrts fuͤhrte, ſich in vollen Lauf zu ſetzen; und wenn er von ſchoͤnen hochgelegenen Punkten herab eine freie Aus⸗ — 30— F ſicht auf ſonnige Saatfelder, das ferne Meer, und die tiefen ſchattigen Schluchten mit den eben erſt gruͤnendent tiefen Waͤldern gewann, wuͤrde er gedichtet haben, wenn nicht ſein Blut allzu friſch und lebendig ihn durchwallt haͤtte, um den Zwang von Reim und Versmaaß zu dulden. Dieſer Froͤhlichkeit lag indeſſen mehr als die Anmuth des Fruͤhlingsmorgens zum Grunde. Die Fabel vom Tode Koͤnig Arthurs hatte ihn geſtern ſo lebhaft aufgeregt, daß er einen Theil der Nacht nicht ſchlafen koͤnnen, den andern aber von den lieblichſten Traͤumen war heimgeſucht worden. Er konnte ſich nicht enthaltan, laut in folgendes Selbſtgeſpraͤch auszubrechen, indem er Huͤgel auf, Huͤgel ab, ſprang: Wunderbare, romantiſche Welt! Du wurdeſt im Fruͤh⸗ ling geboren, in dem Fruͤhling jener Zeiten, welche naͤher den goldenen lagen, wo die Luft glaͤnzender war, die Sonne heller ſtrahlte, und alle Farben lebendiger ins Auge ſielen; alles war jung und froh, ſelbſt die Greiſe; keine Reflexion truͤbte das Leben. Kindlich und glaͤubig ſprach ſich das Ge⸗ fuͤhl aus; und wie ruͤhrend klingen dennoch jene Stimmen zu uns heruͤber, wenn der Ritter ſein treues Schwert, als der Tod ihn davon trennen ſoll, anredet? Dem Tode wird ſein Stachel genommen, denn uͤberall leuchtet der Himmel, der verklaͤrte Widerſchein aller Fruͤhlingsfarben, auf die Erde⸗ und in allen Elementen leben die vermittelnden Geiſter. Wie unausſprechlich poetiſch und ruͤhrend iſt die Erzaͤhlung von Arthurs Tode! Der Held der Chriſtenheit, den die Hage — 31—. nicht umſonſt als Sieger herrlich ausgeſtattet hat, muß, nach⸗ dem die ganze Welt unterworfen, ſeinem eigenen Neffen, den Rittern ſeines Brittanniens, unterliegen! Der Sieger, dem alle Cardinaͤle in der Weltſtadt Rom als Ueberwinder eines Kaiſers huldigten, muß, von Allen verlaſſen, unter einem duͤrren Baume verſchmachten! Er, vor deſſen Wink eine Welt zitterte/ muß ſeinen treuſten Anhaͤnger bitten, ſein letztes Gebot zu erfuͤllen! Da erbarmen ſich endlich die Gei⸗ ſter des verlaſſenen Koͤnigs. Er verſchwindet, und wie alle große Wohlthaͤter eines rohen Volkes, deren Thaten und Namen ewig leben, laͤßt ihn das Volk noch wirklich leben, und wartet auf ſeine Wiederkehr. Das iſt alles ſehr ſchoͤn und erbaulich— ſagte eine Stimme, und Bertram ſah ſich erſchrocken um. Er war in einem Hohlwege und erblickte kein lebendes Weſen bis auf die Voͤgel, welche, von Buſch zu Buſch fliegend, ihre frohen Morgenlieder ſangen. 4 Ver iſt hier? fragte er aͤrgerlich mit ſehr lauter Stimme. Ich, ich, Herr Bertram! antwortete es von der Seite her, und der Spaziergaͤnger ſah jetzt hinter einem Buſche Jemanden beſchaͤftigt, den Sattelgurt ſeines Pferdes zurecht zu ſchnallen, und ſich auf daſſelbe hinauf zu ſchwingen. Es war Malburne, welcher freundlich unſerm Helden zunickte, und, ohne ſich dadurch in ſeiner Beſchaͤftigung ſtoͤren zu laſſen, weiter redete: Wie geſagt, ſehr ſchoͤn und erbaulich, und wie es ſich bei einem jungen Menſchen von vier und zwanzig Jahren an einem Fruͤhlingsmorgen in einer Gebirgspartie erwarten laͤßt; demohngeachtet wollte ich gehorſamſt rathen, ſich nicht allzuſehr der Begeiſterung hinzugeben. Alle Ehre der Romantik, aber mein Sattelgurt iſt ſchon geplatzt, als ich mit weit beſcheidener fliegenden Gedanken den Gebirgs⸗ weg heruntertrabte. Darum bittet ein alter an die Knuͤppel⸗ und Steindaͤmme dieſer Inſel gewoͤhnter Freund, ein wenig mehr auf die Erde zu ſehn, wenn mein verehrter Freund die⸗ ſelbe noch zu betreten wuͤrdigt. Damit ſchwang er ſich auf ſein Pferd und beugte wie⸗ der in den Weg.— Nicht wahr, Herr Bertram, auch nach dem Orte, wo man den Koͤnig Arthur nicht ſieht? Das iſt auch fuͤr poetiſche Gemuͤther das Beſte. Wo man etwas mit Augen ſehn kann, iſt uͤberhaupt fuͤr einen Poeten wenig Ver⸗ dienſt. Wenn die Leute uns nachweiſen koͤnnen, wo der Dich⸗ ten die handgreifliche Wahrheit verlaſſen hat, iſt es eine ſchlechte Luſt zu dichten. Darum lobe ich die romantiſchen und die Griechiſchen, Tuͤrkiſchen, Idealiſchen und Mamlucki⸗ ſchen Geſchichten. Da kommt kein Leſer hin, und der Dich⸗ ter kann verſichern was ihm irgend gefaͤllt, es muß geglaubt werden.. 3 3 Bertram, erzuͤrnt uͤber die Reden eines Mannes, der es nur darauf anzulegen ſchien, ihn freundlichſt zu perſifliren, und dem er theilweiſe die uͤble Behandlung im vergangenen Winter zuſchreiben durfte, antwortete nicht. Der Reiter laͤchelte, wie gewoͤhnlich, und ritt ſchweigend eine Weil . neben neben ihm her, ehe er wieder das Geſpraͤch erneuerte: Alſo Herrn Bertram hat die romantiſche Seite des geſtrigen Abends am meiſten bezaubert? Haben Sie keine andere Fruͤchte fuͤr Ihr Notizbuͤchelchen uͤber Voͤlker⸗ und Menſchenkunde ge⸗ zogen? Daß ich nicht wuͤßte. 3 Sehn Sie, Verehrter! Sie haben die Lehren des Matt⸗ nes mit den Funfzigen aus dem Wirthshauſe in Mr⸗*⸗ ver⸗ geſſen. Ich habe meine Citrone beſſer ausgepreßt, und wenn es Hochdenſelben gefaͤllig iſt, werde ich aus meinem Notiz⸗ buche einige Notate zur Verkuͤrzung des Weges vorleſen. Bertram verneigte ſich ſchweigend. Malburne zog die Brieftaſche vor und las: „Numero eins: die kraͤchzende, kraͤhende Stimme der alten Eule, welche Urrins Sieg ableierte, hat mir auf Wochen lang die Liebe fuͤr die Romantik verleidet. Man ſollte alte Saͤnger und Dichter penſioniren, oder ein Greenwich⸗Hos⸗ pital fuͤr ſie anlegen, wo ſie zur Erholung, gleichwie die aug⸗ gedienten Matroſen, nicht mehr auf der Wache zu ſtehen brauchen, ſondern im Großvaterſtuhl ſitzend, bequem ihren Poſten verſehn koͤnnen, in Proſa ſprechen duͤrften.. „Numero zwei: den Sauire ſchien die Erinnerung an den Tod Seiner Maieſtaͤt, Koͤnig Arthurs, wirklich in Affeet geſetzt zu haben, denn er vergaß in ſelbigem ſeine wohlſtu⸗ dirte Waͤlſche Rolle und ſprach wie ein anderer vernuͤnfti⸗ ger Menſch. Bd. III. 131 — 34— „Numero drei. Als der Squire von den Poeten ſprach, welche naͤchſt dem Naturdiebſtahl auf Menſchendiebſtahl aus⸗ gehen, leerte Herr Bertram ſehr eilig ein volles Weinglas und war hochroth, als er es auf den Tiſch ſetzte. Daraus iſt der Schluß zu ziehen: Man ſollte, ehe man in Geſellſchaft ein Geſpraͤch entrirt, ſich genau nach den Qualitaͤten der einzelnen Mitglieder erkundigen.“— Um Gottes Willen, Herr Bertram, Sie werden ja blutroth; ich hoffe doch nicht, daß Sie ſich durch meine beſcheidenen Notate getroffen fuͤh⸗ len.— Es iſt moͤglich— es koͤnnte ſein— meine Handſchrift iſt nicht recht deutlich— es kann ein anderer Name ſein, als Bertram— ja gewiß, ſo wird es ſein, denn meinem ver⸗ ehrten Freunde habe ich es ja waͤhrend der ganzen Dauer unſerer intereſſanten Bekanntſchaft nie angeſehn, daß er auf Menſchendiebſtahl ausginge. Sie begnuͤgen ſich mit der Na⸗ tur, Herr Bertram, nicht wahr?—„Singende Voͤglein, la⸗ chender Mai— ſauſender Sturmwind, kraͤchzender Rabe u. ſ. w.“— Aber mit Menſchen anzufangen, iſt es gefaͤhrlicher. Ich kenne ein Beiſpiel, daß ein junger Anfaͤnger in der Die⸗ beskunſt einem alten ehrwuͤrdigen Mann eine Uhr glaubte geſtohlen zu haben; als er ſich aber ſeiner That ruͤhmte, kam es heraus, daß er ſich an den ſchlauſten Merkursdiener in ganz London gemacht und fuͤr den Preis einer bleiernen Kin⸗ deruhr ſeine vollgeſpickte Boͤrſe aus den Taſchen verloren hatte. Was laßt ſich auch bei dem Diebſtahle erbeuten, Herr Bertram? Geſetzt, Sie waͤren darauf ausgegangen, an mir, ———— d—— — ͤ ͤ Ihrem alten treuen Freunde, eine Entwendung zu begehen, — was ich bei Ihrer rechtlichen Geſinnung nie vermuthen darf— was haͤtten Sie gefunden? Einen graͤmlichen Poda⸗ griſten, etwas launig zuweilen, einen gemuͤthlichen Mann, dem man vorwirft, er perſiflire mitunter ſeine Freunde, habe unter ſeinen Haaren ſchon manches graue, aber kein einziges gutes, und der, ums kurz zu machen, zu nichts weniger taugt, fuͤr die Moral eingenommen bin— daß wir, ein hinkender Reiter und ein ruͤſtiger Fußgaͤnger, nicht laͤnger zuſammen⸗ bleiben koͤnnen, und ich,— wie hiemit geſchieht— mich Ih⸗ nen beſtens, noch mehr aber Ihren freundlichen Gedanken, zu empfehlen die Ehre habe. Damit zog er den Hut ſehr tief ab, gab dem Pferde auf dem jetzt ebener gewordenen Wege die Sporen, und war bald „Von allen Maͤnnern, welche ich auf meiner Reiſe in Eng⸗ land kennen lernte, misfaͤllt mir keiner mehr, als der auf⸗ — 36— ſtattete Thomas Malburne, von dem der T— wiſſen mag, 1 ob er eine andere Beſchaͤftigung hat, als mich in meinem geheimſten Treiben zu ſtoͤren.“— Welche unter den Vergnuͤgungen unſerer Tage traͤgt wohl mehr das Gepraͤge jener edlen Einfalt und heitern Luſt an ſich, die einſt die Feſte unſerer Voreltern auszeichneten, als die von Familien und Befreundeten unternommenen Landpartieen, um in einem ſchattigen Walde, auf einer hei⸗ teun Hoͤhe, fern vom Geraͤuſche der Stadt und dem Staube der Landſtraßen, die Natur zu genießen? Der Autor muß geſtehen, daß ihm die meiſten Plane und Bilder zu ſeinen Dichtungen auf ſolchen im traulichen Kreiſe von Edinburgh oder den umliegenden Landſitzen aus unternommenen Fahr⸗ ten entſtanden ſind. Das einfachere Mahl ſchmeckt unter dem blauen Himmelszelte noch einmal ſo gut, die Muſik toͤnt zauberartiger in den großen Hallen der Natur, und unſre bluͤhenden jungen Maͤdchen gleichen, wenn ſie auf dem gruͤ⸗ nen Wieſenplan, von Luſt und Liebe ſtrahlend, Landtaͤnze auffuͤhren, den Waldgoͤttinnen und Waſſernixen, von denen das Volk und die Dichter fabeln, obwohl ich ſie nicht mit den Elfen, den ſonſt geheiligten Bewohnern dieſer heimlichen Seenen, vergleichen mag, da die Roſen auf ihren Wangen jenen aͤtheriſchen Weſen, nach der allgemeinen Vorſtellung⸗ abgehn. Seit zehn Jahren hat man, nach Sweetburns Neiſe⸗ beſchreibung durch Wales und Cornwallis, die Stelle aufge⸗ —— —— ☛ 8 E W — 2 R8 —— funden, an welcher Koͤnig Arthur verblutet iſt, und ſte wird von denjenigen Bathſchen Badegaͤſten, welche beſchwerliche Gebirgspartieen nicht ſcheuen, in den Sommermonaten be⸗ ſucht. In der That konnte man keine geeignetere Stelle im Snowdon ſuchen, um den romantiſchen Auftritt dahin zu verlegen. Zwar iſt aus dem großen Strom, in welchen das Schwert Excalibar vom Herzoge von Gloſter verſenkt wor⸗ den, ein ſprudelnder Forellenbach geworden, welcher ſich an⸗ muthig durch eine Schlucht hinſchlaͤngelt; die Revolutionen der Erde und das Treiben der boͤſen Geiſter moͤgen aber leicht den ehemals maͤchtigen Strom in dieſes duͤrftige Bett zuruͤckgezwaͤngt haben. Aber noch immer rauſcht Schilf, wel⸗ ches ja die Geiſternaͤhe verkuͤndet, zu ſeinen Seiten, und einige alte Weiden ſtehen am Ufer und in einiger Entfer⸗ nung vom Fluſſe. Von einem kleinen, ganz in der Naͤhe gelegenen Huͤgel hat man eine freie Ausſicht, ſowohl auf die Kruͤmmungen des Baches, als auf die herrlichen alten Ei⸗ chenwaͤlder, welche theils die umliegenden Hoͤhen bedecken, theils aus den tiefern Schluchten hervorgruͤnen. Den Hin⸗ tergrund bildet aber zu zweien Seiten die hohe Kette des Snowdon, welcher mit ſeinem kahlen Nuͤcken, mit wenigem Geſtraͤuch, beim Sonnenſcheine in einer wunderbar rothen Beleuchtung glaͤnzt. Auf dieſem Huͤgel war die Tafel der Geſellſchaft im Schatten zweier großen Eichen aufgeſchlagen geweſen, und nachdem das laͤndliche Mahl ſchon fruͤh beendet worden, hat⸗ — 35— ten ſich die frohen Theilnehmer deſſelben hier und dorthin, wie ſie die Luſt trieb, vertheilt. Die meiſten lagen auf dem gruͤnen Raſen, ſich der reizenden Ausſicht und eines ſo hei⸗ tern Tages erfreuend, wie er ſelten in dieſen Gebirgsgegen⸗ den gefunden wird, waͤhrend Andere ſich bei den Wagen und Pferden beſchaͤftigten. Auf der Spitze des Huͤgels ſtand nur der Squire, und neben ihm der vertraute Geiſtliche, beide, wie es ſchien, in tiefem Geſpraͤche, waͤhrend, nicht weit von ihnen, Malburne, ſcheinbar mit ſeinen Gedanken beſchaͤftigt, im Graſe lag, und einen Halm nach dem andern zerkaute. Sir Morgan— ſagte der Geiſtliche— dort ſpringt Ihr fremder Gaſt mit Lady Ginievra den Huͤgel, wie es ſcheint, im Wettlauf hinab.— Und was ſoll dieſe Unterbrechung in unſerm wichtigern Geſpraͤche bedeuten, Maſter Simon?. Es iſt nicht meine Art, die Vertraulichkeit junger Leute mit aͤngſtlichen Augen zu beobachten, zumal wenn ihre Er⸗ ziehung mir nicht anvertraut iſt; denn als Geiſtlicher muß ich an eine goͤttliche Vorſehung glauben, und, eingeweiht in die ſublimeren Wiſſenſchaften, weiß ich, wie Sie, daß der Lauf der Geſtirne unabaͤnderlich iſt, Und doch?— ſagte halb laͤchelnd der Squire. Doch wuͤrde ich als Morgan Walladmor mit der Klug⸗ heit der Welt bedenken, daß auch eine unſchuldige Vertrau⸗ lichkeit unter jungen Leuten, zwiſchen die auf immer tren⸗ nend die Kluft des Standes tritt, Gefahr bringen kann. — 39— Und ſind Sie uͤberzeugt, daß Ginievra nie dem Fremd⸗ linge ihre Hand reichen kann? Nach Ihren Grundſaͤtzen kann nur ein eingeborner Waͤl⸗ ſcher aus alt adlig chriſtlichem Gebluͤte je auf die Hand der Lady Anſpruch machen. und noch mehr fordere ich, Maſter Simon. Ein alt adeliger chriſtlicher Walliſer, aus dem Hauſe Walladmor,— Morgan Walladmors Sohn, Edwin, oder wie ihn die Ele⸗ mente getauft haben, nur dem beſtimme ich Ginievras Hand. Was ſoll ich aus Ihrem Blicke leſen, Sir Morgan? Sehn Sie, Maſter Simon, jetzt wollen Beide uͤber den Bach.— Sind es nicht zwei ſchoͤne Geſtalten?— Er hilft ihr uͤber die großen Steine, die aus dem ufer hervorragen. — Sie haͤlt ſich an den Zweigen der Weide, an die Lukyn von Gloſter ſich lehnte, als er das Meerweib des Koͤnigs Schwert ergreifen ſah. Waͤre es doch Thorheit, wer dieſe Stelle geſehn, noch daran zu zweifeln, daß dieſer Koͤnig Ar⸗ thur gelebt hat?— Wer zweifelt aber auch daran, als die neuern Kritiker, welche ſich nie von ihrem Kamine hinweg auf die kahlen Hoͤhen des Snowdon gewagt haben?— Weil zwei alte Saͤchſiſche unwiſſende Moͤnche, Gildas und Beda, ein Thraͤnodiſt und der Verfaſſer einer trockenen Kirchenge⸗ ſchichte, unſeren glorwuͤrdigen Koͤnig nicht genannt haben, ſoll Arthur nie gelebt haben, als ob, weil Suetonius unſeren Heiland nicht nennet, Chriſtus nicht gelebt haͤtte.— Ganz recht, Sir Morgan, aber wir kommen von Lady — 40— Ginievra ab, die eben von dem jungen Bertram hinuͤber ge⸗ hoben wird.— Nun ſtehen ſie beide am Ufer und ſchuͤtteln das Waſſer von den Schuhen. Sehn Sie ihm gerad' ins Geſicht, Maſter Simon, gleicht er mir nicht? Iſt es nicht das Geſicht eines Walladmor? Die Aehnlichkeit muͤßte aufgeſucht werden, da ſie nicht von ſelbſt in die Augen ſpringt. Ueberdies war noch vor kurzem der Aufſtand im Orient, die Bewegungen in Grie⸗ chenland der Gegenſtand unſeres Geſpraͤches, und der alte Spruch Wenn die Mohren ſtürmen das Außenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor ließ Sie auf einen wunderbaren Zuſammenhang der Dinge hoffen. Und eben weil er wunderbar iſt, koͤnnen die beiden Pole ſich vereinigen, ohne daß wir wiſſen, was ihre widerſtehende Kraft gebeugt hat. Arthurs Geſtirn ſah ich drei Naͤchte feuerroth glaͤnzen, das Bildniß meines Ahnen Rhees ap Me⸗ redith wankte in ſeinem Rahmen und weckte mich dreimal aus dem Schlafe. Sehn Sie die kahlen Hoͤhen des Snow⸗ don blutroth leuchten?— Auf ijenen Hoͤhen war es, wo ſich der Tag entſchied, ob Kymmerien frei bleiben, ob es mit Sprache und Sitte untergehen ſolle?— Mein Ahnherr war es, der ſein Schwert in die Schaale legte, daß der Sieg der unſre ward, und Walladmors Ruhm wuchs. Aber waͤhrend an jenem glorwuͤrdigen Tage die Thuͤrme unſeres Schloſſes — 4— hoch und hoͤher ſtiegen, wurden die Drachen an das Fußge⸗ ſtell gekettet, welche nagen und ruͤtteln an den alten Thuͤrmen. Sie gedenken der Schlacht am Snowdon? Das Geſicht des Squire gluͤhte mehr und mehr in un⸗ gewoͤhnlichem Feuer, als er folgende declamatoriſche Er⸗ zaͤhlung, vielleicht mehr fuͤr ſich, als fuͤr den Geiſtlichen, anhub: Bis hier in die Schluchten des Snowdon, waren die furchtbaren Schaaren der Normannen gedrungen. Die Gra⸗ fen Slop und Cheſter, fruͤher vom großen Natanleod uͤberwaͤltigt, draͤngten wuͤthend unſere ermatteten Krieger, und voran ſtroͤmten die Templer unter dem ſchwarzen Pum⸗ fret von Ardensham, dem gewaltigen Zauberer. Dort auf dem hoͤchſten Ruͤcken des Snowdon ſammelte ſich die letzte Schaar Waͤlſcher Kerntruppen um meinen Ahnen Gwi⸗ dir, waͤhrend das Blut ihrer Bruͤder in den Flußbetten der Winterſtroͤme hinunterrann und den Bach roͤthete. Und als Gwidir ſo den Wolken naͤher ſtand und, ſelbſt verwundet, den kleinen Haufen der Seinen und die wie aus ſich ſelbſt wach⸗ ſenden Schaaren der ſormannen erblickte, da ſchuͤttelte ihn ein Fieberfroſt. Er wußte, daß, wenn die Graͤnzgrafen dies⸗ mal ſiegten, die Kymmerier aus den Graͤbern aufſtehen muͤß⸗ ten, welche ihnen fuͤrder widerſtehen ſollten. Da betete er zu allen den Chriſten, die einſt gegen wilde Heiden gefallen waren, aufzuſtehn und den ureingebornen Britten den Sieg eu verleihen. Als er aber die Augen aufſchlug, ſiel ſein er⸗ — 2— ſter Blick auf den ſchwarzen Pumfret von Ardensham, wie der mit teufliſchen Augen die grimmigen Reihen der Temp⸗ ler durchflog, und wie auf ſeinen Wink Tauſende aus der Erde zu wachſen ſchienen. Es war in aller Welt bekannt,⸗ daß in den Refektorien der Templer die ſchwarze Kunſt ge⸗ trieben wurde, daß ſie eben ſo wohl mit dem Glauben der unglaͤubigen Sarazenen im Morgenlande, wie mit den Gei⸗ ſtern der Finſterniß vertraut waren. Als nun mein Ahnherr die chriſtlichen Geiſter, zu denen er gebetet hatte, nicht kom⸗ men ſah, und dagegen die Tempelherren auch den letzten Berg zu erſteigen anfingen, ſchaͤumte er voll Wuth, ſtieß ſein Schwert tief in den ſteinigen Boden und rief aus:„Wollt Ihr, Geiſter meiner ſeligen Vorfahren, mich, den letzten Kaͤmpfer fuͤr Eure Sache, verlaſſen, ſo rufe ich Euch an, Ihr Geiſter, die Ihr unter mir in den Schluchten der Berge von Eurem Meiſter Merlin gefeſſelt liegt. Ich rufe Euch an, die er an die Wurzeln der Eichen und an die Felsbloͤcke kettete, daß Ihr dienen ſolltet in der Noth den Soͤhnen Kymmeriens, wenn ſie riefen. Ich rufe Euch aus den Ber⸗ gen, aus den Quellen, aus den rauſchenden Waͤldern, tief aus der Erde Gruͤnden, hoch uͤber mir aus den Luͤften, daß Ihr fechtet fuͤr Kymmeriens Freiheit“ Mein Ahnherr war ein gewaltiger Zauberer, und hatte wohl verſtanden die Be⸗ ſchwoͤrungsformeln zu ſetzen. Ehe aber noch die Geiſter ſei⸗ nen Ruf vernommen, erblickte er beim Aufſehn, daß die Templer, ermattet vom Kampfe, ſich zuruͤckgezogen hat⸗ 4 ten, und ihre Schaar duͤnkte ihn jetzt viel kleiner denn zu⸗ vor, daß er ſchon bereuete, die Finſtern zu ſeinem Beiſtant⸗ aufgerufen zu haben, Als er ſich aber jetzt umſah, war ſein Haufe um das Dreifache angeſchwollen, obgleich er nicht wußte, von woher die friſchen Kraͤfte konnten gekommen ſein.— Als er ſich aber wieder umſah nach den Normaͤn⸗ nern, da ritt in ungewoͤhnlicher Groͤße der ſchwarze Pum⸗ fret durch ſeine Reihen, und es ſchien als rollten aus ſeinem Schilde Krieger hervor, und als wuͤchſen andere aus dem Boden, wo ſein Pferd mit dem Hufe ſchluͤge. Er ritt mit ſeinem haͤßlichen kleinen Pferde weit uͤber die Seiten ſeines Heeres hinaus durch Thal und Berg, und Thal und Berg fuͤllten ſich mit wilden Kriegesmaͤnnern. Mein Ahnherr, als er dieſes ſahe, ritt auf derſelben Seite ſeines Heeres uͤber Schlucht und Fels wohl eine Strecke von zwei Meilen; und als er ſich umſah, erblickte er, zu ſeinem großen Erſtaunen, den ganzen Weg, den er gemacht hatte, mit Kymmeriern be⸗ ſetzt. Aber da Pumfret von Ardensham weiter ritt, trabte auch er noch immer zu, und beide Reiter ſahen ſich noch oft an und nickten ſich wilde Kriegesgruͤße zu, Endlich, als beide an einen ſteilen Felſen gekommen, machte der Templer Miene umzukehren, und als dies mein Ahnherr merkte, rief er ihm zu:„Iſts nun des Teufelswerkes genug, wollen wir uns meſſen?“ Aber Pumfret lachte, und ſagte:„Jetzt habe ich meine Flanke erſt zur Linken aufgeſtellt, nun will ich ſie zur Rechten aufſtellen.“ und er ritt nun vor der Fronte — 44— ſeines Heeres zuruͤck, und mein Ahnherr auf dieſer Seite that das Gleiche, indem ſie immer Schritt hielten, und ſich oft zunickten. Als ſie aber auf die andere Seite ihres Hee⸗ res wieder anfingen zu reiten, wurde daraus ein Wettlauf. Sie hielten erſt inne, als beide an den Ufern der Severn ſtanden, und als ſie ſtch umſahen, war hinter ihnen das Heer bis an die Severn aufmarſchirt. Pumfret von Ardensham lachte hoͤhniſch auf, und fing an zuruͤckzureiten, und mein Ahnherr that das Gleiche; und als beide dort auf die Spitze des Snowdon gekommen, hielten ſie beide ſtill und uͤberſahen ihre Heere, und es ergab ſich, daß beide Heere ſie⸗ ben Meilen in der Fronte einnahmen, und ſo viel ſtreitbare Maͤnner in der Schlacht erſchienen, als ganz England und Wales nicht faſſet. Und nun fing die Schlacht an von Mor⸗ gens um zehn Uhr bis Abends um fuͤnf Uhr; und das war die hoͤlliſche Kraft, daß wo einer todt hingefallen war, ein anderer wieder aufſtand, und keiner wich und ſich ruͤhrte. Da geriethen nun der ſchwarze Templer und mein Ahnherr per⸗ ſoͤnlich gegen einander, und zerhackten ſich die Baͤrenhaͤute auf den Harniſchen und die Kleider, und Keiner konnte dem Andern etwas anhaben. Aber ploͤtzlich hoͤrte man einen Horn⸗ ſtoß, es kam ein Bote von Koͤnig Wilhelm, der die Templer eilig zuruͤckberief, dieweil der Graf Mowbray von Northum⸗ berland im Ruͤcken abgefallen war.— Da nun verließ der grimmige Zauberer Pumfret das Schlachtfeld, und mein Ahn⸗ herr ſiegte, und Wales wurde frei— und es war die groͤßte — 45— Schlacht, welche in der Chriſtenheit iſt gefochten worden, wie das, wer die Geſchichte ſtudirt hat, weiß. Ganz gewiß— ſtel der Geiſtliche ein— wenn anders unſern Geſchichtsbuͤchern zu trauen iſt. Aber Ihr Ahnherr, Sir Morgan? Mein Ahnherr ſteckte nicht eher das Schwert in die Scheide, als bis kein Feind mehr zu ſehen war; wobei ſich aber das Sonderbare zutrug, daß, obgleich ſieben Meilen dicht ge⸗ ſchaart die beiden Heere geſtanden hatten, man doch auf Sei⸗ ten der Tempelherren und Normaͤnner uur zweihundert Todte, und auf unſerer Seite einhundert und zwei und neunzig zaͤhlte, was andeutet, daß entweder durch gute Geiſter, oder durch boͤſe, viele von den blutenden Krie ern, gleichwie einſt wahrſcheinlicher iſt, viele Luftbilder mitfochten, und viele Luftſtoͤße und Schlaͤge erfolgt waren— Maſter Simon— ſtille— war es nicht eben, als lachte es unter der Erde?— Es kann ein Gelaͤchter von den Wagen her geweſen ſein. Maſter Simon— die Geiſter lachen noch immer unter der Erde, und rauſchen in den Eichenwaͤldern, und ſtuͤrmen mit den Seeorkanen gegen mein Meeresſchloß, ſeit dem Tage⸗ wo ſie in der Schlacht am Snowdon frei wurden von den Ketten, ſo der große Merlin ihnen angelegt hatte.— Wie ich nun ſagte, Gwidir zog ſich, als der Abend den Snowdon roͤthete, wieder auf die Spitze zuruͤck, bis wohin ihn die Nor⸗ mannen getrieben hatten, dort hinauf, wo Ginieyra mit — 46— ihrem Begleiter eben ſteigt; und ſehn Sie, die Sonne geht jetzt eben hinter der Spitze unter, wie in dei Augenblicke, wo Gwidir ermüͤdet auf einen Stein niederſank und ein⸗ ſchlief. Und als er eingeſchlafen war, traͤumte er, oder viel⸗ mehr er ſchlief nicht ein, ſondern ſtarrte in die untergehende Sonne, die von dem vielen vergoſſenen Blute blutroth war; und ihm war es, als wuͤrde er von den Geiſtern der Erde an die Erde gezogen, und klammerten ſie ſich feſt an ihn, daß er nicht los konnte,— was einige alberne Schuͤler aus Cam⸗ bridge mir ſo erklaͤren wollten, als laͤge der Grund darin, daß er ſich zu erhitzt auf den kalten Boden niedergelegt und nun ſteif geworden waͤre. Kurzum aber, er konnte kein Glied regen, als der Geiſt Rhees ap Merediths, unſers Ahnen, auf jener Bergſpitze vor ihn hintrat und ihn anſtarrte in rieſen⸗ hafter Groͤße,— und den Kopf ſchuͤttelte, wehmuͤthig und ernſt— er war in ein rauhes Baͤrenfell gehuͤllt, und redete zu ihm:„Wehe, wehel die Geiſter ſind nun los und dein Geſchlecht wird lange Jahrhunderte mit ihnen vergeblich rin⸗ gen, bis es untergeht oder— Sie ſehn nicht auf die rechte Stelle, Maſter Simon, dort der große Stein gerade auf der Spitze des Huͤgels, Ginievra und Bertram ſteigen darauf los— Jeſus! und Koͤnig Arthur! er iſts— der Geiſt mei⸗ nes Ahnherrn— da ſteht er,— wie ihn mein Ahne Gwidir ſah.—— Wo?— fragte der Geiſtliche, bedurfte aber keiner Ant⸗ wort; denn er brauchte nur die Augen aufzuſchlagen, um am — 47— dußerſten Nande des Horizontes, auf einem großen flachen Steine, welcher die Spitze eines der Huͤgel bildete, die den Ruͤcken des hoͤhern Gebirgskammes bedecken, eine hohe Ge⸗ nicht, die Geſichtszuͤge genau zu erkennen, doch lag wirklich in der impoſanten Stellung des Mannes und in ſeinem von Maſter Simon— ſagte er mit einer Stimme, welche die innere Bewegung verrieth, und indem er den Arm des Geiſtlichen mit krampfhafter Feſtigkeit ergriff— Maſter Si⸗ mon,„Gwidir!“ ſagte der Geiſt Rhees ap Merediths zu mei⸗ nem Ahnen—„vor jedem großen Ereigniß, ſeis zum Un⸗ gluͤck, ſeis zum Gluͤcke, werde ich deinen Nachkommen er⸗ ſcheinen, mahnen zum Kampfe mit den losgelaſſenen Gei⸗ ſtern, Wehe, wehe.—" Die beiden jungen Leute— ſagte der Geiſtliche— ſehn ihn noch nicht. Sie ſcheinen in emſigem Geſpraͤch begriffen, und ſteigen munter den Berg hinauf.— Wehe, wehe! ſagte der Squire.— Jetzt winkt er.— Sie ſehn ihn und fahren erſchrocken zuruͤck. Ginievra ſchreit.— — 48— um Gottes Willen, Sir Morgan, Ihre Tochter wankt — ſie iſt im Begriff in Ohnmacht zu fallen— koͤnnten wir ihr zu Huͤlfe eilen!— Nicht doch, Geiſt meines Ahn!— Bertram faͤngt ſie in ſeinen Armen und tritt zwiſchen ſie und die Erſcheinung.— Er ſtreckt drohend den Arm gegen die Geſtalt aus, Sir Morgan! Junger Mann! was beginnſt du? Lady Ginieora erholt ſich, blickt erſtarrt uͤber die Schul⸗ ter des Juͤnglings auf die Erſcheinung und draͤngt zur Flucht. Es iſt brav von dem Bertram, daß er nicht fliehen will — darin erkenne ich Alt Waͤliſch Blut— meine Ahnen ſahen auch die Geiſter in allen Schrecken des Ungewitters und der Einſamkeit, und zitterten und wichen nicht, ſondern ſchauten ihnen gerad' ins Angeſicht und redeten mit ihnen. Truͤgen mich meine Augen nicht, ſo lacht die Geſtalt— es mag auch vielleicht fur die Glut des Abendrothes ſein, die ſeine Wangen roͤthet. Jetzt fliehn ſie— Ginievras Furcht hat geſtegt, aber der Juͤngling bleibt hinter ihr, um ſie zu vertheidigen.— Ja⸗ Maſter Simon— Frauen haben ſchwaͤchere Nerven und koͤn⸗ nen den Anblick der Geiſter nicht ertragen. Die Geſtalt ſieht ihnen nach, ohne ſie zu verfolgen u ohne ſich zu ruͤhren.— D — 49— Doch, Maſter Simon, jetzt verſchwindet ſie— Geiſt mei⸗ nes Ahnen, Friede deiner Aſche!— Es entſtand eine Pauſe von einigen Augenblicken im Geſpraͤche der beiden Geiſterſeher. Waͤhrend Bertram und Ginievra mit immer ſchnellern Schritten, je mehr ſie ſich von dem Platze entfernten, auf welchem die Erſcheinung ihnen begegnet war, durch das Thal herbei eilten, blickten beide Maͤnner ſtarr und feſt auf den Stein, als ſtehe noch immer die Geſtalt darauf. Endlich hub der Geiſtliche, wel⸗ chem dies Schweigen peinlich ſein mochte, wieder an: Der Tafelſtein auf dem halbkugelartigen Huͤgel deckt ge⸗ wiß ein heidniſches Grab aus der Vorzeit. Als aber die heiligen Apoſtel in Wales predigten, ſchloß Zau⸗ berer Merlin mit ihnen den Akkord ab, daß alle Walliſer, die ſchon todt waren, und in den Gruͤften ruhten, auch ſelig werden ſollten vermoͤge des Chriſtenthums ihrer Nachkom⸗ men, und zwar in der Art, daß mit jedem Jahre chriſtlicher Zeitrechnung die todten Heiden um ein Jahr vor Chriſti Geburt ſollten ſelig werden, alſo, daß mit unſerm achtzehn⸗ hundert— und zwanzigſten Jahre nach unſeres Heilan⸗ des Jeſu Chriſti Geburt, die Seligkeit bis, zu denen zuruͤck III. Bd.[41 — 50— wirket, welche achtzehnhundert— und zwanzig Jahre vor ſeiner Geburt gelebt haben. Und ſehn Sie, Maſter Si⸗ mon, obgleich wir nun die Gebeine aller unſerer heidniſchen Ahnen in die Gruft des Kloſters Griffith ap Gauvon haben bringen und ſo zur Seligkeit vorbereiten laſſen, ſo iſt doch unſer Geſchlecht ein ſo uraltes, daß unſer Ahne Rhees gy Meredith noch immer nicht an die Reihe zur Seligkeit ge⸗ kommen iſt, alldieweil er uͤber achtzehnhundert— und zwan⸗ zig Jahre vor Chriſti Geburt gelebt hat. Ja, die Walladmors ſind ein altes Geſchlecht, Sir Morgan. 3 Das aͤlteſte, Maſter Simon, denn jetzt ſind die Vorfah⸗ ren von allen Waͤlſchen Geſchlechtern ſelig, nur allein die meinigen noch nicht.— Aber— worin wir vorhin unterbro⸗ chen wurden,— zu meinem Ahnherrn hat der Geiſt dort auf der Spitze des Snowdon geſprochen, ehe er verſchwand: „Bis die Stunde meiner Erldſung naht, werden die entfes⸗ ſelten Geiſter Macht behalten uͤber Walladmor, dann wird ein Sturmwind wuͤthen, Walladmors Mauern werden ber⸗ ſten, wanken: wehe, wehe, wenn ſie ſtuͤrzen, ehe die Sonne der Freude wieder aufgegangen. Ich werde den Tag nicht mehr ſchauen.“— Sehn Sie, Maſter Simon, der Tag iſt noch nicht gekommen, aber er wird kommen, und in dieſer Nacht, und in der vergangenen auch, und heute wieder, iſt mein heidniſcher Vorahn Rhees ap Meredith erſchienen, immer mit aͤngſtlich und mit freudigen Mienen; welches bedeutet, daß er ſel — 51— nicht weiß, woran er iſt, aber gewiß iſt, daß es bald an⸗ ders werden wird 3z und in dieſer Nacht rief er mir dreimal zu: Angleſea! welches nichts anders bedeutet, als daß ich in Angleſea die Aufloͤſung meines Schickſals erfahren ſoll. Und darum habe ich feſt beſchloſſen, morgen nach der alten Inſel, welche zu den Zeiten Hoel Dhas meiner Familie ge⸗ hoͤrte, zu ſchiffen, allwo die Sterne mir meinen Sohn Ed⸗ win zufuͤhren werden, wenn es nicht der Juͤngling mit dem echt Waͤliſch wallenden Haare iſt, der meine Ginieyra jetzt uͤber den Strom hebt. Ich raͤume ein, daß die Anweſenheit des jungen Man⸗ nes zu den ſeltſamſten Vermuthungen den Grund hergeben kann, ſagte der Geiſtliche. Maſter Simon!— erwiederte Sir Morgan— ſo viel ich von der Geſchichte meines Gaſtes geſpraͤchsweiſe erfah⸗ ren, denn Gott behuͤte, daß ein Gaſt in Walladmor⸗Caſtle ſollte ausgefragt werden, habe ich mir zuſammengetragen, und danach, ſo gut es ging, das Horoſkop geſtellt. Sie ſa⸗ hen es geſtern ſelbſt, und verwunderten ſich uͤber die ſeltſa⸗ men Combinationen. — 52— überwindet, und ſein ganzes Leben bis zum Tode gute Hand⸗ lungen uneigennuͤtzig verrichtet— kuͤmmert uns dieſer Be⸗ trug?— Denken Sie an den liebenswuͤrdigen Chatter⸗ ton,“) welcher ſein kurzes Leben hindurch ſein Dichterta⸗ lent benutzte, Geſaͤnge in alt Brittiſchem Geiſte und alter Sprache zu dichten, und Gedichte ans Licht foͤrderte, welche alle Proben der aͤltern Poeſie, nach deren Muſter er arbei⸗ tete, uͤbertreffen. Man bewunderte die Poeſien,— er aber ſtarb unbekannt, und erſt nach ſeinem ergrelfenden Ende ahnte man den wahren Zuſammenhang. Das nenne ich einen Be⸗ trug— und er war ein Waͤlſcher, in Briſtol geboren! Das ganze Leben des ungluͤcklichen Juͤnglings— erwie⸗ derte der Geiſtliche— war eine Luͤge. Waͤhrend er zu Hauſe oft kaum das Brod zum Waſſer hatte, beſuchte er in glaͤn⸗ zenden Kleidern die öffentlichen Vergnuͤgungsorte, um zu glaͤnzen.— *) Chatterton, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebend, opferte ſein großes Dichtertalent ſeltſamerweiſe in Erfindung alt An⸗ gelſächſiſcher Hirten⸗ und Kriegsgedichte, welche er niemals als ſeine Kinder öffentlich anerkannte. Obgleich es ſich bald nach ſeinem Tode (er vergiftete ſich wegen gänzlichen Mangels ſchon in ſeinem 17ten Jahre) ergab, daß die Gedichte nicht aus dem neunten Fahrhunderte herſtammten, ſondern aus eines jungen unbekannten Mannes Feder geſloſſen ſeien, ſo ſah man doch zu jener Zeit— ſeltſamer Weiſe,— nicht auf die Perſon, ſondern auf die Sache, und ſchätzte ſie nichts deſto weniger, was die vielen Auflagen beweiſen. 4 - A, d. U. 3. E ANA. 2———— — 353— Was glaͤnzen, Maſter Simon? Gelten wollte er, die Bahn ſich oͤffnen zur Achtung, deren er ſich werth duͤnkte, denn er war ein Waͤlſcher aus Briſtol.— Und, laͤcheln Sie nicht, wir wiſſen nicht, welchen Schleier mein geheimnißvoller Gaſt ploͤtzlich abwirft. Mir kann ein Geheimniß nicht gefallen, hinter welchem nichts zu ſtecken ſcheint. Er iſt ohne Vermoͤgen, er hat, wie Sie aus ſeinem Munde wiſſen, die Schulen beſucht, und doch weder goͤttliches noch menſchliches Recht ſtudirt, noch endlich den medieiniſchen Wiſſenſchaften obgelegen,— was iſt alſo der junge Mann?— Damit koͤnnte ich dienen,— antwortete eine Stimme hinter Beiden. Etwas betroffen, blickten ſich die Geiſterſe⸗ her um, und hinter ihnen ſtand Herr Thomas Malburne, welcher, wie es ſchien, bereits ſeit einiger Zeit einen unſicht⸗ baren Zuhͤrer ihres ſublimen Geſpraͤches abgegeben hatte. Der Sauire konnte ſeinen Unwillen nicht in ſo weit verber⸗ gen, daß er, waͤhrend Malburne ſprach, den Blick von ihm abwandte und auf die beiden jungen Leute ſah, welche den Huͤgel hinaufſtiegen. Was der junge Mann iſt, wollen die geehrten Herren wiſſen.— Was iſt der Menſch in dieſen Tagen, wenn er nicht Rentier, nicht Handwerker, nicht Medicus, Sachwalter oder Geiſtlicher, kurz kein Gelehrter und kein Nichtgelehrter iſt— er iſt ein Dichter. Von der Zunft, die Natur und Menſchen beſtiehlt und, was ihr in den Weg kommt, auf den — 54— Spieß ſteckt, um den Geſchmack des Ragouts mannigfaltig zu machen; kurz, wenn Sie es Ihrem Gaſte noch nicht an⸗ gemerkt haben, dem ich uͤbrigens nichts Boͤſes nachreden will, was ihn in irgend jemandes Achtung herabſetzen koͤnnte, er iſt nicht mehr und nicht weniger als einer aus der zahlrei⸗ chen Europaͤiſchen Kaſte, welche man,— wenn wir in In⸗ dien lebten— zu den Parias, oder Verworfenſten rechnen wuͤrde, er iſt,— ſo viel ich mit meinen ſchwachen Augen ihm abgemerkt habe— wobei noch immer der Beweis des Gegentheils zulaͤſſig waͤre, er iſt ein— Romanenſchreiber. Indeſſen waren die jungen Leute den ſteilen Huͤgel faſt ganz hinaufgeſtiegen, und der Sauire, ohne den Erzaͤhler einer Antwort oder beſondern Aufmerkſamkeit zu wuͤrdigen, ſtreckte ſeine Arme der ermatteten Ginievra entgegen. Der lange Weg, das ſchnelle Bergauf⸗ und Bergabſteigen mochte Beide angegriffen haben; unverkennbar hatte aber noch ein tieferes Gefuͤhl auf Beider Antlitz einen Eindruck zuruͤckge⸗ laſſen. Die Lady war leichenblaß, ihre Augen irrten noch zmmer unſtaͤt umher, und ein leiſes Zittern durchflog ihre Glieder; Bertram hatte ſeine maͤnnliche Haltung wieder ge⸗ wonnen, und die Anſtrengung des Bergſteigens ihm die hohe Roͤthe der Wangen wiedergegeben, welche ſie ſeiner Gefaͤhr⸗ tin geraubt; ſein Auge und ſein gemeſſenes Weſen verkuͤnde⸗ ten indeſſen deutlich genug, daß auch ihm etwas begegnet ſei, was ſeine Ruhe geſtoͤrt, und ſein ernſthaftes Nachdenken erregt hatte. — — 55— Theure, theure Ginievra, theures Kind!— rief der Sauire und ſchloß die Lady in ſeine Arme. Sie blieb eine Weile ſprachlos an ſeiner Bruſt liegen. Dann, als ſie ſich aufgerichtet, reichte er Bertram die Hand, und druͤckte deſſen mit den Worten: Sie haben ſich wacker genommen, wie es einem kuͤhnen Manne aus reinem Stamme ziemt.— Sir— es thut mir leid, daß mir die Umſtaͤnde nicht erlaubten, kraͤftiger zu handeln.— Kraͤftiger? Herr!— Wiſſen Sie, wer es war, der vor Ihnen dort aus der Erde trat, und in uͤbermenſchlicher Groͤße auf dem Heldengrabe ſtand?— Es war,— es iſt— vermuthlich— oder gewiß einer der freien und verwegenen Gebirgsbewohner, welche gefaͤhr⸗ liche Beſchaͤftigungen treiben, und gegen die man mit Ge⸗ wehr immer ſollte bewaffnet ſein. Junger Mann!— Ginievra wird es Ihnen ſagen— ihr Blick ſpricht zu deutlich, daß ſie es weiß.— Um Gottes Willen, mein Oheim— rief Ginievra voller Entſetzen aus, und ihre Augen hafteten mit Blicken, welche das furchtbarſte Bekenntniß leſen ſollten, an den Lippen des Squire— Sie wiſſen— Geliebte Ginievra, ich bin der letzte Stammhalter der Walladmors, und ich kenne die Geſichter aller meiner Ah⸗ nen, wie ſie in den Gruͤften ſchlafen— du brauchſt nicht zu fuͤrchten, es auszuſprechen— es war der Geiſt unſeres Ah⸗ nen Rhees ap Meredith.— Schaudern Sie nicht zuſammen, — 56— junger Mann— Sie haben einen Geiſt geſehen; aber Sie ſind nicht vor ihm geflohen: has iſt mehr als mancher Walli⸗ ſer vermag. Bertram ſenkte den Kopf und antwortete nicht; Ginie⸗ vra ſchlug, wie beruhigt, die Augen nieder, und ſagte dann mit gedaͤmpfter Stimme: O moͤchte der Geiſt nie wieder⸗ kehren! Kind, was er zu dir geſprochen— man ſoll nicht for⸗ ſchen, was der Mund der Geiſter Andern vertraut hat— aber wem iſt es nicht offenbar, daß Walladmors Herrſcher Umgang haben mit den Weſen, welche nicht den Geſetzen des Staubes gehorſamen.— Mein Oheim,— ich weiß nicht— in der That— ſein Anblick erſchreckte mich dermaßen— daß ich kein Wort— ich glaube nichts gehoͤrt zu haben.— Sein Anblick iſt ſchon genug.— Wir muͤſſen eilen, daß uns die Nacht nicht in den Gebirgsſchluchten uͤberfaͤllt; und wenn dir vielleicht der Traum die ernſte Geſtalt und ſeine Worte wieder vorfuͤhrt, ſo erzaͤhlſt du uns morgen, wenn wir nach Angleſea fahren, auf der ruhigen See, was der Geiſt an Arthurs Bach zu dir geſprochen hat. Nach Angleſea— morgen— mein Oheim? Wie, nannte der Geiſt dir vielleicht die uralte Inſel— ſagte er dir— daß dort die Walladmors in grauer Zeit ge⸗ herrſcht haben, daß die Zeit herannahe, wo die Zweifel ſich löſeſt werden? — 52— Nichts von alle dem, mein Oheim, aber mir iſt bange, ſeit dem furchtbaren Zuſammentreffen ſo weit unſer Schloß zu verlaſſen. Sei unbeſorgt, mein Kind! Schrecken wohl koͤnnen die Geiſter, aber ein feſter Sinn und alt Waͤlſches Blut weiß dem Schrecken zu widerſtehn. Ginievra ſchwieg, aber auf ihren Lippen ſchwebten noch Worte, die eine innere Bewegung verriethen. Sie blickte noch einmal auf die reizende Umgegend, welche durch die dunkeln Maſſen und die Feuergluth des Abendrothes zum Zauberlande der Romantik wurde, und ließ ſich dann vom Squire nach dem unten im Hohlwege vorfahrenden Wagen leiten. Andere Wagen hatten bereits mehrere Gaͤſte aufge⸗ nommen, waͤhrend Einzelne ihre Pferde beſtiegen. Bertram ergoͤtzte ſich noch einmal an dem Feenſchauſpiel des Fruͤh⸗ lingsabends auf dem Plateau des Huͤgels, und rannte dann, geruͤſtet, auf dieſelbe Weiſe wie er hergekommen auch den Ruͤckweg anzutreten, den Berg hinab. Als er aber unten bei der Kutſche des Squire voruͤbergehn wollte und eine gluͤckliche Heimkehr wuͤnſchte, beugte ſich Ginievra, wie ent⸗ ſetzt, uͤber den Wagen und rief ihm zu: Bertram, um Gottes Willen, Herr Bertram, Sie wer⸗ den doch nicht allein, in der Nacht zuruͤck gehn? Bertram wollte laͤchelnd ſeine Furchtloſigkeit betheuern, ehe jedoch der Squire ſeine Einladung noch mit der ſeiner ſchoͤnen Nichte vereinigen konnte, drang dieſe ſo eifrig in — 38— ihn, ſtellte die Gefahr vor, welche ihm beſonders drohe, wenn er einem der verwegenen Veraͤchter des Geſetzes begegne, ſo daß er nichts weiter entgegenſetzen konnte, als daß, ſo viel ihm bewußt, Maſter Malburne erklaͤrt habe, beim Ruͤckwege vom Snowdon ſein Pferd mit einem Sitze im Wagen des Squire vertauſchen zu wollen. Jetzt aber nahm der Squire das Wort: Herr Malburne?— Beſter Herr Bertram, um Malbur⸗ nes willen ſoll der wackere Mann, welcher einer Erſcheinung offen ins Ange geſchaut hat, nicht zuruͤcktreten.— Herein in den Wagen— wenn Malburne uns belauſchen will,— und aus andern Gruͤnden geſellt der ſich zu Niemanden,— wird er es koͤnnen, auch ohne in unſerm Wagen zu ſitzen. Laͤnger ließ ſich der junge Mann nicht noͤthigen zu einer Geſellſchaft, welche ihm ſo willkommen war. Er ſtieg auf⸗ der Wagen rollte fort, und das Geſpraͤch zwiſchen Sir Mor⸗ gan, dem Geiſtlichen, der Lady und unſerm Helden fand an einem Gegenſtande ſo viel Stoff/ daß er beinahe bis ans Schloß ausreichte. Ein Gluͤck, daß der treffliche Malburne diesmal nicht zugehoͤrt, denn darin waren alle Vier einig, daß er ein ironiſcher Beobachter, ein Schleicher, Egaiſt u. ſ. w. ſei; daruͤber aber war keine Stimmeneinheit zu erlangen, ob er ein Spion der Regierung, ein Roͤmiſch⸗Katholiſcher Geiſtlicher aus Ir⸗ land, oder ſonſt ein Kommiſſair oder Proſelytenmacher einer politiſchen oder religioſen Sekte ſei. Drittes Kapitel, Auf freien Meeres dunkelblauem Spiegel Schenkt frei die Seele dem Gedanken Flügel; Weit, wie der Wind, weit, wie die Welle ſchäumt, W Iſt heimathlich das Feld uns eingeräumt. Byron. Der Corſax. —— Unſer brittes Kapitel beginnet mit einem dritten Tage. Eine Regelmaͤßigkeit, welche von manchem Kritiker als ein Verſtoß gegen die Regeln einer ſchoͤnen Compoſition ange⸗ ſehn werden duͤrfte; aber der Autor bittet, mit dem Tabel zu warten, da, nach dem Spruͤchwort, eben ſo wenig ſchon aller Tage Abend, als der des dritten, bereits gekommen iſt! Der Morgen dieſes Tages war, wie ich pflichtmaͤßig verſichern kann, obgleich ich mich nicht ſelbſt mit bei der Spazierfahrt nach Angleſea befand, der heiterſte im ganzen Sommer. Das Meer lag ruhig, ein Spiegel des dunkel⸗ blauen Himmelsgewoͤlbes, ausgebreitet, auch kein Woͤlkchen ſchattirte den Horizont. Es war einer jener ſeltenen Tage, — 60— wo die Luftfaͤrbung den duftig ſanften Farbenſchmelz ath⸗ mete, welcher, ſonſt unſerm noͤrdlichen Nebelelima fremd, den Italiaͤniſchen Gegenden angehoͤrt, und von Claude Lor⸗ rains Pinſel eine beſtimmte Type in der Kunſt erhalten hat. Wer von meinen geneigten Leſern in Cheſter geweſen iſt, wird die neu von Maſter Whiteacre gebauten Seegelkaͤhne kennen, welche unter dem Namen der Chesnuts“) einen Ruf erhalten haben, und jetzt ſchon bis nach Cornwallis herunter und hinauf nach Galloway uͤberall an der Kuͤſte zu ſehen ſind. Wer nicht dahin gekommen iſt, und weder im Mancheſterſchen public intelligencer, noch im Briſtoler friday horseman**) ihr Lob und ihre Beſchreibung geleſen hat, fuͤr den will ich hier,— ſo weit ein Novelliſt das Recht hat, einen ſo erfindungsreichen Kuͤnſtler als Herrn Whiteacre zu loben— mit kurzen Worten ſagen, daß die Chesnuts breit und leicht gebaute Gondeln mit Segelmaſten ſind, um Luſtpartieen auf dem ruhigen Meere zu unternehmen. Von dem leichteſten Holze und mit flachem Kiele erbaut, ſchnei⸗ den ſie faſt gar nicht die Wellen; ſondern ſchwimmen auf denſelben, gleich uͤber eine Eisflaͤche gleitenden Schlitten. Ihre Vorzuͤge ſind ein ſehr wohlgefaͤlliges Aeußere und noch mehr die große Schnelligkeit, mit welcher ſie ſich fortbewe⸗ *) Chesnuts heißen Kaſtanien. Bielleicht der Name von der Aehnlichkeit der Form. A. d. U. z. I. A. **) Vermuthlich zwei Zeitungen oder Journale, welche in den beiden Städten erſcheinen. A. d. ü. z. I. A. — 61— gen, wenn auch nur der leichteſte Wind auf der Meeresflaͤche haucht. Ihre Nachtheile, daß ſie nicht gut mehr als zehn Menſchen faſſen, und nur bei ruhigem Wetter zu gebrauchen ſind. Mit lobenswerthem Eifer bemuͤht ſich uͤbrigens Herr Whiteacre, ihre Einrichtung immer mehr zu vervollkommnen, und es war keine geringe Aufmunterung fuͤr ihn, als Se. Majeſtaͤt der Koͤnig bei der bekannten Reiſe nach Irland, zum Baumeiſter die Worte aͤußerten:„Fahren Sie ſo fort, Herr Whiteaere, man kann es weit bringen in der Schiff⸗ fahrt.“ Auf zwei ſolcher Gondeln fuhr die Geſellſchaft aus Walladmor⸗Caſtle am fruͤhen Morgen nach Angleſea ab. Die Familie mit einem Theile der Bekannten befand ſich guf der einen Gondel, auf der andern folgten mehrere Mu⸗ ſikanten, und der kleinere Theil der Geſellſchaft hatte hieher ſich zuruͤckziehen muͤſſen. Was aber fuͤr alle ſehr angenehm erſchien, war, daß Malburne ſchon am vorigen Abende, an⸗ geblich, weil ihn Geſchaͤfte abriefen, ſich beurlaubt hatte, und heute an der Luſtbarkeit nicht Theil nahm. Dennoch herrſchte keine ganz reine Luſt unter den Verſammelten, wie ſehr ſich auch der Squire bemuͤhte, dieſe herbeizufuͤhren. Bertram, der am außerſten Ende des Schiffes ſaß, Jehnte trachtete die ſchroffen Felsufer, auf deren Spitzen die Thuͤrmo und Mauern des alten Schloſſes ſich maieſtaͤtiſch erhoben Es war ſeit jenem Tage, wo er in der Franzoͤſiſchen Cor⸗ vette voruͤberſegelte, das erſte Mal, daß er ſie wieder vom Meere aus erblickte. Er dachte an alles, was ihm begegnet war, zuruͤck; das Leben ſchien ihm ein Traum, alles ſo fluͤch⸗ tig, wie ſein Bild auf dem Waſſer. Er mochte noch man⸗ chen inneren Kampf zu kaͤmpfen haben, denn das Geſicht unter ihm wurde immer duͤſterer. Er wollte laͤcheln, aber das Geſicht unten verzog keine Miene. Sinnend beugte er ſich tiefer uͤber Bord— als er neben ſich einen Schrei hoͤrte; es flatterte etwas Weißes in das Waſſer, und als er ſich auf⸗ richtete, ſtand in einiger Entfernung von ihm Ginievra, faſt ſo bleich, als ſie geſtern bei der Erſcheinung geweſen. Gott Lob— ſagte ſie nach einer Weile, und ſuchte die Angſt zu verbergen, welche ſich ihrer bemeiſtert hatte— ich glaubte— Sie hatten ſich ſo weit uͤber Bord gelegt— Sie ſtuͤrzten— Sie wiſſen ja, ich habe ſchwache Neryen, und meine Phantagſie iſt leicht gereizt.— Mylady— Vergebung meiner Unbeſonnenheit— ich glaubte ſie ganz vertieft im Zeichnen— ich will nicht hoffen— und doch, dort ſehe ich Ihre Zeichnung ein Spiel der Wellen.— Sie ſank mir aus den Haͤnden— es liegt auch nichts daran.— Schon in dem erſten Umriſſe hatte ich mich ver⸗ zeichnet— meine Hand zitterte, und dann iſt es auch kein guͤnſtiger Ort, wenn man von einem fortſegelnden Schiffe aus die immer kleiner werdende Kuͤſte abzeichnen will. — 63— ſind, iſt es vielleicht der Wendepunkt; gerade dann ſollten wir daran denken, daß wir den Freund verlieren koͤnnen und ſein Angedenken feſthalten, eh⸗ es, wie die Kuͤſte dem Schif⸗ Ginievra ſchwieg und ſeufzte. Bertram fragte weiter: Aber werden Myllady nicht noch einmal anfangen? Sehn Sie ſich um, Herr Bertram, Sie predigten und vergaßen den Text: die Kuͤſte iſt ſchon ſo weit verſchwunden, daß eine Zeichnung von hier aus keinen Eindruck machen wuͤrde.— Ich will wieder anfangen, wenn wir uns Angle⸗ ſea naͤhern, deſſen Kuͤſten einen impoſanten Eindruck machen. tannien ſchickten, und ſie haben tapfere Leute hingeſchickt, und, wie wir ohne RNuhm vermelden koͤnnen, ihre tapferſten, als den Oſtorius, welcher doch endlich in den Suͤmpfen von Merioneth umkam, woraus man ſehn kann, wie alt die Suͤmpfe in Wales ſind. Aber, um auf Suetonius Paulinus zuruͤckzukommen, ſo ſchiffte er mit einer auserleſenen Legion nach Angleſca, ſo damals Mona hieß, und kam, weil die Prieſter in den heiligen Waͤldern viel Noͤmiſche Gefangene — 44— geſchlachtet und Sonne und Mond beſchworen hatten, daß ſte eine Finſterniß eintreten ließen, obgleich es heller Tag war, doch bei dunkler Nacht an die hohe Kuͤſte der Inſel. und oben an dem Nande ſtanden alle Maͤnner nackend und mit nackenden Schwertern und Speeren, und neben ihnen die Weiber mit fliegenden Haaren und die Fackeln in der Hand, und die Prieſter hatten ſich die Haͤute der geſchlach⸗ teten Gefangenen um den Leib gehangen und ſchleuderten Feuerbraͤnde, ſo daß/ wer nicht ſelbſt des Teufels war, gegen ſolche Bezauberung nichts haͤtte thun koͤnnen. Und die Roͤ⸗ mer erſtaunten alle, und es wollte keiner landen. Aber Sue⸗ tontus Paulinus ließ ſich dadurch nicht ſchrecken, ſondern ließ drei Cohorten, von denen er wußte, daß ſie ſich ſchon in den Sandwuͤſten Afrikas, als ſie verdurſten ſollten, dem Teufel verſchrieben hatten, zuerſt ſtuͤrmen; und ſo geſchah es denn, daß die Roͤmer mit dem Degen in der Fauſt die alte Inſel Angleſea zuerſt betraten. Aber ſie muß⸗ ten Schritt um Schritt mit Blut bezahlen, wie das der Roͤmiſche Geſchichtsſchreiber Tacitus uͤbergeht, wogegen er aber wohl beſchreibt, wie die ruchloſen Cohorten die heiligen Eichenwaͤlder umgehauen haben und die ganze Inſel in Brand geſteckt. Aber das ward eine Fackel, die zum Himmel loderte und die Vergeltung heiſchte. Denn als noch die Staͤmme der Eichen glimmten, und die Wurzeln tief in der Erde beaunten, kamen Boten uͤber Boten aus Brittannien und riefen um Huͤlfe, denn ganz Brittannien, wie aller Welt be⸗ 3 kannt kannt iſt, war gegen die Roͤmer aufgeſtanden, achtzig tauſend Roͤmer waren gefallen, und die Koͤnigin Boadicen, mit welcher wir durch die Merediths von Conan nahe verwandt ſind, ſtand an der Spitze von hunderttauſend Britten; und ſo kam es denn, daß ſchon einmal das Schickſal ganz Brit⸗ tanniens von dem der kleinen Inſel Angleſea abgehangen hat. Einige der Gaͤſte, welche nicht auf Brittiſche Abſtam⸗ mung Anſpruch machen konnten, ruͤhmten aus Gefaͤlligkeit die Tapferkeit der alten Eingebornen, und Sir Morgan fand wieder Gelegenheit, das Wort zu nehmen: Sehn Sie, es wird viel gefabelt von dem Urſprunge je⸗ des Volkes, und die unwiſſenden Moͤnche des Mittelalters wußten zur Ehre ihrer Nation nicht genug zu luͤgen— da⸗ von aber ſind die Brittiſchen, d. h. die Waͤliſchen Chronikan⸗ ten frei.— Ich liebe, als Waͤlſcher von altem reinem Ge⸗ Plechte, auch die reine Wahrheit, und will nicht alle die Fabeln nacherzaͤhlen, welche man wohl erdichtet hat, und will auch nicht anfangen von ſo fruͤhen myſtiſchen Zeiten, wo man von der Geſchichte noch gar nichts weiß; ich er⸗ zaͤhle nur, was man gruͤndlich belegen kann, und ob der Name Brittannien von dem Gaͤliſchen Worte Brith, welches das Faͤrbekraut Waid bedeutet, herſtamme, indem ſich damit meine alten Vorfahren im Zuſtande ihrer Nackt⸗ heit gefaͤrbt haben, will ich nicht behaupten, da es ans Fabel⸗ hafte graͤnzt; und eben ſo wenig ſtimme ich denen bei, welche ſagen, daß Brutus, ein Sohn des Sylvius, welche. III. B. 851 — 66— wieder ein Sohn des Aeneas war, als er damals, nachdem er ſeinen Vetter, welchen er auf der Jagd fuͤr ein Schwein hielt, erſchoſſen, aus Italien fliehen mußte und mit einem Haufen Trojaner in Albion landete daß dieſer Brutus die alten Koͤnige Gog und Magog ſo mit ihrem Rieſenge⸗ ſchlecht ausgerottet habe⸗ und daß die Britten von dieſem Brutus herſtammten. Denn, obwohl dies hiſtoriſche Zeiten ſind, ſo laͤßt ſich doch nicht annehmen, daß die alten rieſen⸗ haften Einwohner, von denen wir noch den Teufelswall bei Pumfries ſehen, von einem Haufen Troianer ſollten erlegt ſein, anders als durch Zauberkuͤnſte, was ſich aber wieder nicht annehmen laͤßt/ indem die Trojaner bekanntlich in der ſchwarzen Kunſt ſehr zuruͤck waren, und nicht einmal den Inhalt des großen Pferdes errathen konnten. Ich bin viel⸗ mehr der Meinung, und denke auch daruͤber noch einen Trak⸗ tat zu ſchreiben, daß Brutus ſich friedlich mit dem Koͤnige Gog vertragen und deſſen juͤngſte Tochter in ihrer fruͤhen Jugend geehelicht hat, welchem Beiſpiele die andern Troja⸗ ner folgten, woraus denn das Cumbriſche Geſchlecht ent⸗ ſtanden iſt, welches zwar nicht ſo groß wie die Rieſen, aber doch viel groͤßer als gewoͤhnliche Menſchen war. Was aber den Koͤnig Magog anbetrifft, ſo iſt es ſehr moͤglich, daß er⸗ aufgebracht uͤber dieſe Verbindung, den Gog und Brutus mit Krieg uͤberzogen, und er mit ſeinem ganzen Heere um⸗ gekommen iſt, was indeſſen——— — 67— Hier wurde der Reoner unterbrochen.„Land! Land!“ ertoͤnte es von beiden Sehiffen, die Muſikanten auf der zwei⸗ ten Gondel ſpielten, und man erblickte, als ſich die Schiffe ploͤtzlich um einen Vorbug wendeten, die ſchoͤne Inſel Angle⸗ ſea weit ausgebreitet vor ſich liegen. Von Finſterniſſen und Schrecken war nichts, ſelbſt von den impoſanten Ufern nur wenig zu ſehn. Auf reiche Fluren, uͤppige Saatfelder in mannigfachen Schattirungen und zerſtreute Waldgruppen ſchien die Fruͤhlingsſonne, welche indeſſen, da kein Woͤlk⸗ chen am Himmel ſtand und faſt kein Windeshauch ſich am Vormittage ruͤhrte, ſehr brennend war. Man war zu ge⸗ ſpannt auf das Landen, als daß noch ein Geſpraͤch haͤtte aufkommen, oder der Squire weiter gehoͤrt werden ſollen. Innerhalb einer halben Stunde ſtanden die Gondeln ſtill. Die Bootsleute ſprangen ins Waſſer und trugen die Maͤn⸗ ner auf ihrem Nuͤcken ans Land; Ginievra aber mußte ſich auf einen eigends dazu eingerichteten Stuhl ſetzen, auf wel⸗ chem ſie, wie eine Meeresgoͤttin von den Tritonen, durch vier Schiffer ans Land getragen wurde. Die brennenden Sonnenſtrahlen noͤthigten bald die Ge⸗ ſellſchaft, ſich tiefer in's Land in einen ſchattigen Buchen⸗ wald zuruͤckzuziehen. Die Diener und Schiffer brachten all⸗ maͤhlig den ganzen mitgenommenen Vorrath an Lebensmit⸗ teln und andern Bequemlichkeiten hierher. Das friſcheſte Gruͤn bedeckte wie ein Sammtteppich den Boden, waͤhrend die gruͤnen Buchen ſich zu den ſchoͤnſten Laubenwoͤlbungen — 68— uͤber ihnen formten. Alles war Luſt und Freude, und wil⸗ lig wurde der Vorſchlag des Squire angenommen, fuͤr meh⸗ rere Tage, wenn die Witterung guͤnſtig bliebe, hier eine laͤndliche Colonie zu bilden. Waͤhrend zu dieſem Zwecke drei Zelte aufgeſchlagen und zum Mittag eine lange ſchmale Tafel gedeckt wurde, zerſtreute ſich die Geſellſchaft. Einige gingen ans Ufer und ſammelten Muſcheln, andere lagerten ſich im ſchattigen Gruͤn, und noch andere ſtreiften tiefer in den Wald hinein. Zu den letztern gehoͤrte Ginievra⸗ welche mit ihrer Zofe, die in reichem Maße in den duftigen Gruͤnden wachſenden Erdbeeren ſammelnd, waldeinwaͤrts ging. Bertram glaubte indeſſen in ihren Blicken eine Auf⸗ forderung/ ihr zu folgen, geleſen zu haben, und er zauderte nicht zu gehorchen. Er pfluͤckte, ſo lange ſie im Geſichts⸗ Preiſe der Geſellſchaft blieben, emſig die Fruͤchte der Erde, ohne ſich mehr zu erlauben, als die in der Hand geſammel⸗ ten Beeren von Zeit zu Zeit in das Koͤrbchen ſeiner ſchoͤnen Fuͤhrerin zu ſchuͤtten; ſobald aber alle drei durch eine Hoͤhe geſchuͤtzt wurden, ließen Bertram und Ginievra, wie auf gegenſeitige Verabredung, von ihrer Beſchaͤftigung ab, bei⸗ der Augen waren in demſelben Augenblicke bedeutungsvoll auf einander gerichtet, und Ginievra ſprach: Es wird ein Gewitter kommen, die Luft iſt ſchwuͤl.— Hier in dieſen abgeſchiedenen tiefen Gruͤnden iſt es an⸗ genehm kuͤhl. — 68— Herr Bertram, meine Lage iſt furchtbar.— Noch nie empfand ich ein ſo beaͤngſtigendes Gefuͤhl, ich moͤchte an Ahnungen glauben— es liegt mir centnerſchwer auf dem Herzen, und wenn ich laͤchle, um in die allgemeine Luſt ein⸗ zuſtimmen, iſt mir's, als beginge ich eine Suͤnde.— Faſt haͤtte ich geſtern nach der Ruͤckkehr, jede Scheu uͤberwindend, zu Ihnen hinaufſtuͤrzen und Sie um Nath fragen moͤgen.— Mylady, ich muͤßte luͤgen, ſagte ich, die unerwartete Erſcheinung haͤtte mich nicht betroffen— ich waͤhnte ihn weit hinaus in fernen Zonen jenſeits der Linie, und— Ginievra ſiel ihm ins Wort, als haͤtte ſie auf den Ein⸗ wand gar nicht gehoͤrt: Ganz hingegeben der heitern Luſt, welche der Fruͤhlingshauch und der Anblick der Natur ein⸗ fuͤßten, ſcheuchten wir jeden Truͤbſinn laͤchelnd weg.— Da ſtand er vor uns, rieſengroß auf dem alten Leichenſteine⸗ gleich der Erinnerung aus einer vergangenen furchtbaren Zeit. Seine Geſtalt gluͤhte im Abendrothe, und eine Hoͤllen⸗ freude lachte aus ſeinem Geſichte— nie wird mir der Au⸗ blick verſchwinden.— Doch wozu die ſchrecklichen Bilder noch einmal vorfuͤhren? Sehnfuͤchtig verlangte ich nach dem Augenblicke, Sie allein zu ſprechen. Alle meine Kraͤfte, mein Leben ſteht zu Ihrem Dienſte. Nur Ihren Rath.— Ich fuͤrchte, ich glaube, ich bin es gewiß, daß Nichols Plane bruͤtet,— nein er will ſie aus⸗ fuͤhren,— und was waͤre fuͤr Nichols unausfuͤhrbar?— — 70— Mylady, weshalb haͤtte er den Winter uͤber gezogert?— Er wuͤrde geſprochen haben auf dem Snowdon, als wir ihm begegneten, er ſchwieg aber, vielleicht ſelbſt betroffen, es mag ein bloßer Zufall geweſen ſein.— Bertram! halten Sie mich nicht fuͤr ſo thoͤricht, das zu glauben, was Sie kaum als Ihre Meinung auszuſprechen wagen.— Mylady!— Bertram errdthete und verſtummte. Ein Zufall meinen Sie?— Er ſah uns— er ſchwieg— er ſah mich zittern— er ſchwieg— er ſah wie Sie mich, der Ohnmacht nahe, auffingen, ihm drohend entgegen traten— und ſchwieg; und er lachte uns nach, als wir flohen. Ber⸗ tram, um Gottes Willen, bedarf es mahr⸗ um Alles zu fuͤrchten? Auch Bertram ſchwieg, und Beide gingen eine Zeitlang⸗ znt ein Wort zu ſprechen, in dem Waldgrunde weiter. Auf jeden Fall— ſagte endlich der junge Mann— brau⸗ chen Sie, Mylady, wegen der heutigen Partie uach Angle⸗ ſea nicht beſorgt zu ſein. Der gefaßte Entſchluß wurde ſo ſpaͤt bekannt gemachr und ſo bald ausgefuͤhrt, daß es nicht glaublich wird, James Nichols ſollte davon Kenntniß haben, um uns hier zu beunruhigen. Ginievra laͤchelte wehmuͤthig.— Ihr Troſt iſt leichter Art.— Die ganze Nacht und heut auf dem Waſſer habe ich mit mir gekaͤmpft, dem Oheim meine thoͤrichte Reigung mitzutheilen, um ihren traurigen Folgen zuvorzukommen: * — 77— aber bedenke ich wieder, daß ich ihm nur eine tiefe Kraͤn kung und doch vielleicht keine Huͤlfe bereite— zaudere ich. Ginievra— Mylady, giebt es nicht noch ein Mittel?— Sie ſagen, Nichols iſt großmuͤthig, ich habe es ſelbſt erfah⸗ ren; hohen Sinnes— ich will in Toms dringen, mich zu ihm zu fuͤhren, ich will alle Kuͤnſte der Ueberredung anwen⸗ den, ich will ihm alles bieten als Ihr Unterhaͤndler.— Ungluͤcklicher! Sie kennen ihn noch nicht— ihm bie⸗ ten— was denn?— ihn uͤberreden— womit?— Wie er hohen Sinnes iſt, eben ſo iſt er auch der Rachſucht unter⸗ than.— Vor meinen Augen erſchoß er den treuſten Lieb⸗ lingshund, weil er einmal anſchlug, als er verborgen ſein wollte. Der die Verſammlung der Edelſten unſeres Landes ermorden wollte, der keine Ruͤckſichten kennet, wenn ſeine Leidenſchaft den Gipfel erreicht hat— und ſo weit iſt Ni⸗ chols— er ſchwieg— er ſchwieg,— Bertram, wagen Sie ſich um Gottes Willen nicht in ſeine Naͤhe! Sie blickte, als wolle ſie Athem ſchoͤpfen, nach der mit großer Leidenſchaftlichkeit ausgeſtoßenen Rede, in die Hoͤhe, und rief⸗ Dort ſchluͤpft etwas durchs Gebuͤſch— ſchon iſt es verſchwunden— mich duͤnkt es war die Geſtalt meines Oheims. Bertram blickte auf, ſah aber nichts; er betrat eine wallartige Anhoͤhe, und wider Erwarten lag in geringer Entfernung das offene Meer zu ſeinen Fuͤßen. Die Gegend kam ihm bekannt vor. Auf dem erhoͤheten Kreideboden des — 72— Ufers war eine uͤppige Vegetation von allen Dornſtrauch⸗ arten, und hie und da ſchoß ein wilder Birnbaum in die Hoͤhe, ſo daß es Muͤhe fuͤr einen Fußgaͤnger koſtete, ſich hindurchzuarheiten. Auf Bertrams Erkundigung meinte ſeine Begleiterin, es werde dies eine hervorragende Spitze der Inſel ſein, die gewoͤhnlich den Namen des Kreidevor⸗ bugs fuͤhre, und welche, der Sage nach, zum Stapelplatz der Irlaͤndiſchen, Waͤlſchen und der Schleichhaͤndler diene, die auf der Inſel Man ihre Hauptniederlage haben. Almy, welche in reſpectvoller Entfernung den beiden Spatziergaͤn⸗ gern nachgeſchlichen war, trat jetzt in den Vorgrund und warnte, ſich nicht weiter zu wagen, indem irgend eine ver⸗ ſteckte Wacht der Boͤſewichter, ſie nicht fuͤr harmloſe Spazier⸗ gaͤnger erkennend, auf irgend eine Art ihre Sicherheit gefaͤhr⸗ den koͤnne. Ginieyra, begierig, ihren Oheim zu treffen, wollte nichts davon hoͤren, und auch in Bertram ſiegte die Neugier uͤber die Beſorgniß, indem er ſich wohl erinnerte, daß hier die Huͤtte muͤſſe verborgen ſein, in welcher er nach dem Seeſturm zuerſt die Beſinnung wieder gewonnen und ſo wunderbare Geſichter geſehn hatte. Beide, von der zit⸗ ternden Zofe begleitet, bahnten ſich daher durch das dichte Geſtruͤpp einen Weg, nicht ohne daß faſt bei jedem Schritte Ginieyras Kleid von den Dornen feſtgehalten und nur mit Muͤhe und Zeitverluſt wieder dosgemacht werden konnte. Endlich geriethen ſie in eine kleine Felſenſpalte. Dieſe wand ſich, ſo daß man ihr Ende nicht ſehen konnte, aber pluͤtzlich war ſie, gerade wo man dermuthen durfte, den Ausgang nach dem Meere zu finden, mit Dornen, Moos, Reiſig, Seegras von unten bis oben verſtopft, und von oben herab wucher⸗ ten Epheu, Neſſeln, Stechpalmen, und einige Birnbaͤume neigten von beiden Seiten der Felſenſpalte ihre Kronen ſo dicht verſchlungen an einander, daß der untere Theil der Felſenſpalte ganz verdunkelt wurde. Hier muß die Huͤtte der ungluͤcklichen Gillie ſein! rief Bertram leiſe, zu ſeiner Gefaͤhrtin gekehrt, aus. Der Wahnſinnigen? fragte Ginievra. Ehe aber Ber⸗ tram noch antworten konnte, hoͤrten beide vernehmbar hinter der Verſtopfung einen Geſang, der indeſſen mehr an ein Brummen, als an die melodiſche Recitation eines Liedes erinnerte. Er ſuchte naͤher zu treten und riß behutſam— wie ſehr auch Almy beim Verſuche zitterte— einiges Ge⸗ ſtraͤuch herunter. Eine von weiß getrocknetem Seegras ge⸗ flochtene Wand ward jetzt ſichtbar, und bald fanden ſich auch zwei ſo große Ritzen, daß Bertram und Ginievra, ohne in die Gefahr zu kommen, entdeckt zu werden, den groͤßten Theil des innern Naumes der Huͤtte uͤberſehn konnten. Kein Lichtſtrahl drang von oben oder den Seiten erleuchtend binein, aber auf dem Heerde brannte ein Feuer, deſſen zu⸗ weilen hell auflodernde Flammen die Wohnung der Alten in der ganzen furchtbaren Einſamkeit erblicken ließen, wie ſie Bertram im vorigen Winter beim Erwachen aus der Be⸗ taͤnbung geſehn hatte. Die Alte ſaß beim Spinnrocken in — 74— der Naͤhe des Feuers, und ſah nur zuweilen auf den uͤber den Flammen haͤngenden Keſſel, indem ſie ein Waͤliſches Lied brummte, welches, nach der Melodie zu ſchließen, aͤußerſt truͤben Inhalts ſein mußte. Ihr gegenuͤber ſaß auf dem Schemel, wie ein lebender Menſch, das Gerippe, und man konnte ſich keine troſtloſere Geſellſchaft denken, als die Wahn⸗ ſinnige auf der einen, den Todten auf der andern Seite. Zuweilen, wenn ſie im Liede inne hielt, nickte ſie ihm zu, wenn ſie aber kein beantwortendes Zeichen bemerkte, ließ ſie den Kopf ſinken, und arbeitete dann emſiger als zuvor an der Spindel. Ginieyra wollte jedoch bemerken, daß dieſe Eile mehr zerſtoͤrend als foͤrdernd fuͤr die Arbeit ſei. Nach geraumer Zeit ſprang ſie auf, nahm den Keſſel mit einer bewundernswuͤrdigen Staͤrke vom Feuer ab, und ſetzte ihn mitten in der Stube auf den Boden. Mit einer großen Kelle ruͤhrte ſie nun darin um, daß ein Rauch, deſſen Ge⸗ ſtank die Nerven angriff, aufſtieg und ſich durch die Huͤtte verbreitete. Sie lief und ſprang dann um den Keſſel, indem ſie ein Lied, deſſen allein verſtaͤndlicher Refrain Hoch iſt der Galgen und tief iſt die See, Einer liegt unten und Einer in der Höh, lautete, abſang, und verrichtete alle die Gebaͤrden, welche der Volksaberglaube und der Wahnſinn eines erhitzten Ge⸗ hirns bei einer Geiſterbeſchwoͤrung nur eingeben koͤnnen. Von dem auch durch die Ritzen der Wand dringenden Qualm wurde Ginievra ſo angegriffen, daß ſie, aller Anſtrengung — 75— ungeachtet, das ploͤtzliche Hervorbrechen des Huſtene nicht unterdruͤcken konnte. Statt aber, wie ſie fuͤrchtete, hierdurch verrathen zu werden, griff die Alte dieſe zufaͤllige Erſchei⸗ nung als eine durch ihre Vorbereitungen herbeigefuͤhrte auf: Meckerſt du ſchon?— rief ſie, ohne ſich in ihrem Kreis⸗ lauf um den Keſſel ſtoͤren zu laſſen.— Meckerſt du ſchon nach deinem Braten, du Herr, da unten? Warte nur eine Weile noch! Die Gans ſchlachtet man nicht vor Martini, aber Martini kommt bald— bald— bald.— Gregory! Gregory! mein Sohn, ſteh auf, wach auf, ein wenig nur— dieſe und die folgenden Worte ſprach ſie mit ſehr leiſer Stimme— ein wenig werden ſie dir in wohl erlauben, die Augen aufzuſchlagen, wenn du ſo lange geſchlafen haſt— du ſollſt nur ſehn, wie der Himmel blutroth wird, und der Strick wieder blutroth, den ſie dir um den Hals gebunden batten— ach Gregory, wenn du doch hoͤrteſt, es wird ſo viel Spaß geben, und ſo viel zu lachen, und die Leute, die ſich ſehr klug duͤnkten, die werden am meiſten betrogen ſein. — Ach Gregory, du hoͤrſt ja nicht.— Nachdem ſie eine Weile ſchweigend umhergegangen war, lachte ſie laut auf und rief mit einer kreiſchenden Stimme: Morgan Walladmor! Morgan Walladmor! hoͤre mich, hoͤre mich, komm und hoͤre mich— wenn du ſchlaͤfſt, iſi's ſchlimm, und wenn du wacheſt, iſt's ſchlimm,— Morgan Walladmor! wache jetzt auf zur Stunde und ſei ein Mann.— 1— 76— In dem Augenblicke hoͤrten die Lauſcher auf der andern Seite der Huͤtte ein Geraͤuſch, die Thuͤre klinkte, und Sir Morgan trat in die Huͤtte. Die Alte ſchrak zuſammen, wie der Zauberlehrling, der die Geiſter ruft, aber noch ſo wenig ſeiner Kraft vertraut, daß er nicht an ihre Erſcheinung glaubt. Bald faßte ſie jedoch ſich wieder und redete den Saquire in dem Tone einer Gebieterin an: Kommſt Du, Morgan Walladmor? Ich komme, Gillie Gooͤber, um Dir eine Frage vorzu⸗ legen, die nur eine ſo weiſe Frau gut beantworten kann. Und der vornehme Herr und der geſtrenge Friedensrich⸗ ter kommt zu einer ſo armen Frau, um Rath zu holen, die doch nur einen einzigen Sohn noch fuͤr den Galgen hergeben kann.— Gott gruͤß Dich, Morgan Walladmor, willſt Du den Toms auch haͤngen laſſen?— Immer zu, ich brauche einen Boten, an den Gregory zu ſchicken, dem habe ich wichtige Dinge zu ſagen. Du glaubſt nicht, Morgan Wal⸗ ladmor, was fuͤr wichtige Geſchaͤfte eine alte Frau hat, de⸗ ren Sohn am Galgen hing.— Der feſte Squire ſchauderte, indeſſen nahm er ſich zu⸗ ſammen, und der Ton ſeiner Stimme verrieth keine Be⸗ ſorgniß: Gillie Godber! ich komme Dich zu fragen, wo Du mein Kind Edwin hingetragen haſt? Edwin?— Ach ſeid Ihrs, lieber Herr, Sir Morgan Friedensrichter? Wenn ich den Reſpect vergaß, ſo bitte ich à um Vergebung; ich bin Euch vielen Dank ſchuldig, Ihr* ₰ — 277— hattet ja die Gefaͤlligkeit, Euch meines verirrten Sohnes an⸗ zunehmen, das wird Euch der gute Gregory noch im Him⸗ mel danken. O er iſt eine dankbare Seele, und ſeine Mut⸗ ter iſts auch. Setzt Euch, guter, lieber Sir, da auf den Stuhl in der Ecke— ſetzt Euch doch— warum ſetzt Ihr euch nicht?— Ach da ſitzt der grobe Menſch, der Gregory noch drauf, fort Menſch, auf, auf— der geſtrenge Friedens⸗ richter will da ſitzen.— Ihr muͤßt nicht ungeduldig ſein, er hoͤrt nicht gut, er ſieht auch nicht recht, und mit dem Gefuͤhl gehts auch nicht mehr ſonderlich, alles ſeit dem Tage, wo Euer Herrlichkeit ihn haͤngen ließ. Lieber Gott, was doch fuͤr kleine Umſtaͤnde den Menſchen im Leben verdrießen können. Glauben Sie's wohl, Sir Morgan? Gregory hat ſeit dem Tage kein Wort mit mir geſprochen. Gillie Godber! Was ich an Dir gethan habe, haſt Du reichlich an mir vergolten, denn ſo lange Du Deinen Sohn nicht geſprochen haſt, habe ich auch meinen Sohn nicht ge⸗ ſprochen, habe ſeine Stimme nicht gehoͤrt, habe ihn nicht ge⸗ hoͤrt, habe ihn nicht geſehen. Du wirſt ihn noch ſehen— fuhr die Alte ploͤtzlich heraus, und in ihrem Geſichte ſtrahlte ein Feuer, welches an die Wuth der Griechiſchen Furien und die verſtockte Bos⸗ heit der Hexen, wie ſie unſer nordiſcher Volksglaube aus⸗ mahlt, erinnerte. Er lebt noch, Gillie Godber?— Beim Andenken an Deinen Sohn, ſprich, ſprich, ich will es Dir mit Golde — 6= aufwiegen— mein Sohn lebt— die Sterne luͤgen nicht— aber wo? ſprich!— Du wirſt ihn bald ſehn.— Wohin ſoll ich meine Tritte richten, um ihn aufzuſuchen? Suchen, Du brauchſt ihn nicht zu ſuchen, geſtrenger Friedensrichter! Er wird zu Dir kommen, o er kommt ge⸗ wiß und ſchlaͤgt an's Thor.— Weib, darin ſehe ich, daß Du eine Prophetin biſt, denn ſo heißts im Liede⸗ Wer hebt den Klopfer, wer ſchlägt ans Tho'r? Ihn kann nur heben ein Walladmor. Kannſt Du, alter Mann mit den blutrothen und blut⸗ weißen Haaren noch den ſchweren Klopfer heben?— Wie die Leute doch alle ſchwach werden! Aber wenn Du den Riegel noch feſt vor Dein Thor ſchieben koͤnnteſt, wuͤrde es beſſer fuͤr Dich ſein.— Sieh, das kommt alles vom Alter her, Du brauchteſt Dein Schloß nicht brennen zu ſehn⸗ Deine Perlen wuͤrden Dir nicht geraubt werden, und Du köͤnnteſt wie der Drache auf ſeinem Golde liegen, wenn Du noch ſo ſtark waͤrſt, den Riegel vorzuſchieben. Du armer alter Mann— ſie haben wohl Deinen Sohn gehangen, ſonſt koͤnnte der es thun— oder werden ſie ihn erſt haͤngen?— Weib, Weib! kannſt Du denn nie vergeſſen— Bei dem Worte fuhr die Wahnſinnige in die Hoͤhe, als traͤte ploͤtzlich ein Bild ihr lebendig vor die Seele, und ſie ſprach ſehr ſchnell: Vergeſſen! Ja, ich habe vergeſſen, — 150— vergeſſen— Morgan Walladmor, was füͤhrte Dich hierher in die Wildniß Angleſeas?— Morgan Walladmor, dein Schloß brennt,— ſie ſtuͤrmen Dein Schloß— ſie rauben Dir Perlen und Gold und was Dir am liebſten iſt auf Erden— ich habe es vergeſſen Dir zu ſagen— kehre um, Ungluͤckſeliger— kehre um, denn Du. magſt zu ſpaͤt kom⸗ men— und ſtehſt nichts als die leeren Mauern.— Weib! ſprich— redet der Wahnſinn aus Dir— was iſt es?— Wer ſtuͤrmt mein Schloß, in das nie ein Feind ein⸗ gedrungen? Riklas, Niklas— kennſt Du ihn— der blutige Niklas. Riklas iſt aus Europa fortgeſegelt. Aber er iſt wiedergekommen, und ſtuͤrmt, ſo wahr die Sonne am Himmel leuchtet, heut Nacht Dein uralt Mee⸗ resſchloß. Es ſind furchtbare Leute in ſeiner Bande. Eile, eile, Morgan Walladmor, oder Du findeſt die leeren Mauern, den Aſchenhaufen. Eile, Du gerechter Moͤrder, und richte und henke; die alte Gillie Godber wird jauchzen. Durch die Nacht des Wahnſinns ſtrahlte das Licht der Wahrheit. Waͤhrend die Alte mit immer lauterer Stimme rief: Eile! eile! ergriff ſie auch den Squire. Ohne weiter zu ſprechen, machte er der Alten ein Abſchiedszeichen, riß die Thuͤre auf, und man hoͤrte ihn draußen mit eben ſol⸗ cher Schnelligkeit und Ungeſtuͤm uͤber die den Eingang ver⸗ bergenden Verzaͤunungen hinwegſetzen, als er ſich zuvor be⸗ hutſam und ohne Geraͤuſch mußte bis zum Eingang hin⸗ — 80— durch geſchlichen haben. Die Alte ſiarrte eine Weile unver⸗ wandten Blickes nach dem Ausgange, und brach dann in ein ſo furchtbares Gelaͤchter aus, daß es ihre letzten Kraͤfte zu verzehren ſchien, denn ſie ſank zuletzt auf den Seſſel zu⸗ ruͤck, und es dauerte einige Zeit, ehe ſie zu ihren vorigen Beſchaͤftigungen zuruͤckkehrte. Wenn auch weniger ſtark hinſichts der aͤußern Wirkun⸗ gen, ſo hatte dieſe Scene die Zuhoͤrerin draußen doch nicht minder angegriffen. Ohne ein Wort zu aͤußern, deutete Gi⸗ nievra, nachdem ſie ſich wieder ermannt hatte, ihrem Be⸗ gleiter an, daß ſie eilig fliehen muͤſſe. Er bot ihr ſeinen Arm, und ſchweigend eilten beide aus der Felſenſpalte auf die Hoͤhe hinaus. Hier mußte die zarte Lady einen Augen⸗ blick inne halten, um Athem zu ſchoͤpfen und neue Kraͤfte zu ſammeln. Auf Bertram geſtuͤtzt, blickte ſie hinaus auf das Meer. Der Anblick deſſelben gewaͤhrte aber keine Er⸗ friſchung, denn die Luft war ſehr ſchwuͤl geworden und am fernen Horizont zogen einzelne ſchwarze Woͤlkchen herauf, welche im Waſſer ſich wieder abſpiegelten. Die Wanderer traten, da ihnen kein naͤherer Weg hekannt war, in die Waldſchlucht, durch welche ſie hergekommen waren, hinun⸗ ter, und eilten in deren Schattenwoͤlbungen dem Verſamm⸗ lungsorte zu. Ehe ſie noch die Mitte erreicht hatten, toͤn⸗ ten ihnen ſchon aus der Ferne die rufenden Stimmen: „Ginievra!“—„Herr Bertram!“ entgegen; und als der lichter werdende Wald die Ausſicht aufs Meer erlaubte, ſa⸗ hen . — 381— hen ſie die Tafel und die Zelte abgebrochen, die Segel der beiden Barken aufgeſpannt, und Alt und Jung, Herren und Diener waren beſchaͤftigt, die ausgenommenen Utenſilien ins Schiff zuruͤckzutragen. Der Squire eilte ihnen entgegen, druͤckte ſeine Nichte an die Bruſt, und erzahlte mit wenigen Worten, daß bei laͤnge⸗ rer Abweſenheit von dem heimathlichen Schloſſe ihnen Ge⸗ fahr drohe, ſie daher noch heute Walladmor⸗Caſtle erreichen muͤßten. Ginievra und ihr Begleiter ſpielten nicht die Rolle der Unwiſſenden. Sie halfen, eilten, beſtiegen das von den Schiffern eben losgemachte Boot, und in wenigen Minuten ſtießen beide Gondeln vom Ufer ab, ohne daß diesmal die Spielleute einen luſtigen Tuſch geblaſen haͤtten. Es hatte ſich ein guͤnſtiger Wind eingefunden, der die Seegel voll anſchwellte und die Gondeln bald ins hohe Meer trieb. So ſehr dieſer Umſtand auch die Geſellſchaft erfreute, ſchien er doch auf den Geſtchtern der Schiffer nur Beſorg⸗ niß zu erzeugen. Einer oder der andere ſtand auf, um mit eigenen Sinnen das wahrzunehmen, was er aus allen aͤußern Anzeichen ſchließen konnte. In der That trug auch der Wind die Natur desjenigen an ſich, welcher nach einer großen Ge⸗ witterſchwuͤle dem Ausbruche des Unwetters vorangeht.— Indeſſen blieben die ſchwarzen Wolken noch immer klein und weit entfernt, die Sonne ſtrahlte an dem großen blauen Ho rizonte, und der Wind kuͤhlte angenehm die druͤckende Hitze III. Bd. 161 ſo daß die ſchnelle Waſſerfahrt zu den angenehmſten wuͤrde gehoͤrt haben, wenn nicht andere Beſorgniſſe den groͤßten Theil der Geſellſchaft befangen haͤtten. Es waltete eine un⸗ angenehme Stille in dem herrſchaftlichen Kahne oh, kein Ge⸗ ſpraͤch wollte aufkommen; und der Sauire forderte endlich Ginievren auf, um die Gaͤſte zu zerſtreuen, ein Lied zur Harfe zu ſingen, welche man, um die laͤndliche Luſt auf der Inſel vollſtaͤndig zu machen, mitgenommen hatte. Die junge Dame, welche, wie in Starrſinn verſunken, vor ſich hingeblickt hatte, ergriff die ihr dargebotene Harfe, ohne ein Wort zu ſagen, ſtimmte ſie, und begann folgendes Lied⸗ welches vielleicht nur als Nachklang der Gedanken, welchen ſie ſich uͤberlaſſen hatte, gelten mochte, obgleich es eine alte im Volke bekannte Bal⸗ lade aus den Diſtrikten des Snowdon war. Der Squire be⸗ hauptete, ſie ſtamme aus ſehr alten Zeiten, ihre gegenwaͤrtige Form mochte ſie aber erſt neuerdings erhalten haben, und vielleicht hatte Lady Ginievra ſelbſt einigen Antheil an den zarteren Umbildungen eines Originals, welches ſelbſt Perey, weil es ihn zu rund duͤnkte, in ſeine Relics of ancient poetry nicht aufgenommen hat, wiewohl es ſich ſchon in dem Manuſcript⸗ Folio⸗Bande befindet, aus welchem der gelehrte und gefuͤhl⸗ volle Autiguar die meiſten alten Geſaͤnge, oder wenigſtens deren Leſearten, entnommen hat.*) . 5— ⁰————Q⏑—— ) Es wäre iberhanpt zu wünſchen, daß dieſer Schatz alter Lie⸗ der wortlich al Jerrterd würde, da ſelbſt Percy, trotz ſeiner Vorkſere 3 — 83— Luſtig iſt es im grünen Mai, Weil die Erde ſich kleidet neu; Luſtig iſt’'s dann in Walladmor⸗Haus, Weil die böſen Geiſter weichen hinaus. Vieles iſt durch Zauber gebannt Im uralt Wäͤliſchen Chriſtentand. Aber es giebt kein Zauberthor Feſter als in Schloß Walladmor. Im Winter, Herbſt und Sommers⸗Lauf Hebt Jedermann frei den Klopfer auf; Aber im Frühling will das Eifen Nur des Hauſes Erben Dienſt erweiſen. Nur die adlig, männlich, vein elus Walladmors altem Stamme ſein, Können den ſchweren Klopfer frei Heben und klopfen im Monat Mai. Das hat Walladmors Enkeln verliehn In der grauen Vorzeit einſt Merlin; Und der Zauber wird ewig wahren, Bis am Eiſen der Roſt wird zehren. Sir Urban war mit vielen Chriſten Hinausgezogen nach Judas Küſten; Sechs Jahr war er aus Walladmor, Im ſiehenten ſpreugte er wieder vors Thor. — fur die antike Einfalt, einzelne unverzeihliche Abänderungen ſich er⸗ laubt hat.. A. d. Ii. 5 1. A. Ich glaube gar nicht, daß diefe Baltade im alten Folir⸗Bande ſteht. 3 W. A. Der auszog, war ſtolz, mild und gut⸗ Der wiederkehrte, von ſchwarzem Blut; Der auszog, betete ſpät und früh, Der einzog, trat in die Kirche nir. In Winter⸗, Herbſt⸗ und Sommers⸗Zeiten Thät er oft durchs Schloßthor reiten, Aber im Maimond, ſpät und früh, Ritt er durch Walladmors Pforte nie, Im Maimond einſt um Mitternacht, Als der Mond ſtand leuchtend in heller Pracht, Hob draußen ein Pilger den Klopfer auf, und ließ ihn dröhnend fallen darauf. Er hob ihn noch einmal hoch empor, Unb er fiel dröhnend an's Eiſenthor; Zum drittenmal ſchlug er ihn alſo ſtark, Daß es dröhnte bis zur Sächſiſchen Mark. Wer hebt den Klopſer, wer ſchlägt an's Thor? Ihn kann nur heben ein Walladmor. Die Burgleute öffneten jauchzend das Thor, Eintrat Sir Urban Walladmor. Durchs offene Thor aus Walladmor⸗Haus Kroch ein ſtinkender Kobold hinaus; Sir Urban ſchwang den Klopfer frei,⸗ Und rief, es lebe der Monat Mai! Luſtig iſt es im grünen Mai⸗ Weil die Erde ſich kleidet neu, Luſtig iſt's dann in Walladmors Haus,⸗ Weil die böſen Geiſter weichen hinaus⸗ Als der letzte Ton verklungen, ertoͤnte kein Beifall, wie man es in Geſellſchaften gewohnt iſt, wenn eine Saͤngerin, aufgefordert, ein Lied zum Beſten gegeben hat. Das Still⸗ ſchweigen deutete aber diesmal kein Mißfallen, ſondern eine Theilnahme an, welche ſo innig war, daß ſie nicht in ge⸗ woͤhnlichen hoͤflichen Worten ſich Luft machen wollte. Die Geſellſchaft war mehr oder minder mit dem Familienungluͤck des Squire vertraut; und wenn Alle vor kurzem durch ihn ſelbſt von der drohenden Gefahr unterrichtet waren, und dazu die ernſten Zuͤge der SGaͤngerin anblickten, ſo erklaͤrte ſich ihr Schweigen von ſelbſt. Es ſollte eigentlich ein frohes Lied ſein— ſagte der Sauire— und es wurde ſonſt in den Hallen meiner Burg von den Minſtrels geſungen, wenn eine drohende Gefahr gluͤcklich voruͤbergegangen war; aber heut zu Tage klingt es nur traurig, und erinnert an alles Verlorne— wenn es uns auch Hoffnung giebt fuͤr das Wiedergewinnen— ſetzte er leiſe hinzu. Schon lange hatte man den Steuermann der Gondel am Steuer aufrecht ſtehen und unverwandt hinausblicken ſehn, jetzt trat er an das Schiffszelt, und ſagte: Sir Mor⸗ gan, man kann jetzt mit bloßem Auge die naͤchſte Spitze von Wales entdecken. Segeln wir drauf los, ſo erreichen wir das Land noch bei guter Zeit. Weshalb, Steuermann?— Wir haben von dort noch einen Weg von drei Meilen zu Lande bis zum Schloß, ent⸗ — 86— weder den beſchwerlichen, unten auf den Steinen, wo wir der Flut ausgeſetzt ſind, oder oben am Rande des Felſens, wo Wald und Schlucht uns hindern. Waͤren wir auch ins⸗ geſammt ruͤſtige Fußgaͤnger, koͤnnten wir das Schloß doch nicht vor Mitternacht erreichen. Der Steuermann ſchuͤttelte den Kopf, blickte hinaus und ſagte dann: Nun, mit Gottes Huͤlfe ſegeln wir noch unter den ſchwarzen Gewitterwolken fort und kommen bis zum Schloß, wenns finſter wird; ich bin auch nie gewohnt, furcht⸗ ſamer zu ſein, als die Paſſagiere, die ich fahre, aber— Aber? fragte der Squire. Wenn die Wolken gießen und es blitzt, iſt die Brandung an Walladmor⸗Caſtle furchtbar. Sie hat zu ſolcher Zeit den Felſen, auf welchem der Kerkerthurm ſteht, ausgehoͤhlt, und aus der ſchmalen in die Felſen gehauenen Treppe wird beim Gewitterregen oft ein Wuſſerfall. Dann ſteigen wir durch die Schlucht in die Hoͤhe, eine halbe Stunde jenſeits des Schloſſes. Noch immer ſchien der Steuermann bedenklich, und hob dann noch einmal das Segeltuch an der einen Seite in die Hohe. Nachdem er ſich eine Weile hinaus gelehnt hatte, zog er den Kopf wieder zuruͤck und ſprach, aber mit auf das Meer gerichteten Blicken: Ja, ja, es iſt gewiß ein Schiff— es mag ſchon lange zwiſchen Wales und Irland kreuzen, aber jetzt ſegelt's grade drauf los.— Was ſoll das bedeuten? fragte der Squire. Was es bedeutet, ich weiß es nicht, aber wenn wir gerade auf das Schloß zuſegeln, ſtoßen wir mit dem Schiffe zuſammen. Fuͤrchteſt Du Dich, alter Schiffer, auf dem weiten Meere nicht auslenken zu koͤnnen? Ich— behuͤte,— aber wenn das Schiff nur nicht auf uns los ſtoͤßt. Kannſt Dn unterſcheiden, was es fuͤr ein Schiff iſt— es iſt ja viel zu entfernt. Das nun gerade nicht, Sir Morgan— aber ich glaube es doch zu kennen.— Wenn ich nicht irre, ein Franzoͤſiſches Schiff. Wir find ja mit den Franzoſen in Frieden. Mit den Franzoſen— mit Frankeeich, in— aber mit allen Franzoſen— ich weiß viel, woher ich's weiß— aber ich glaube das Schiff von Alters her zu kennen— und da moͤchte ich ihm nicht viel trauen— zumal wenn ich auf offe⸗ nem Meere dem Capitain begegne. Du biſt ein grauer Suͤnder, Ralph Dainswood, und warſt einmal, wie ich gut weiß, ein gefahrlicher Menſch an der Kuͤſte,— aber jetzt hat Dich Niemand angeklagt, und ich bin hier auf der See nicht Friedensrichter,— jetzt frage ich Dich auf Dein Gewiſſen Iſts gefaͤhrlich, mit dem Schiffe auf einſamer See zuſammen zu treffen? — 88— Geſtrenger Herr— ſagte nach einigem Beſinnen der Steuermann— ich moͤchte Niemand rathen, es auf's Gera⸗ thewohl ankommen zu laſſen. Der Sauire ſchwieg einige Augenblicke nachdenkend und begann alsdann: Meine Herren und werthen Gaͤſte. Gefahren verſchwei⸗ gen, die Jedermann ahnet, iſt gefaͤhrlicher, als ſie offen mit⸗ theilen. Wir wiſſen alle, daß heut Nacht oder Abend von dem verwegenſten Boͤſewichte, welcher je unſere Kuͤſte betrat, ein raͤuberiſcher Angriff auf mein Schloß„welches, unver⸗ theidigt, ſo viele unſerer Lieben und Angehoͤrigen umſchließt⸗ unternommen werden ſoll. Segeln wir, bei guͤnſtigem Winde⸗ ohne die Schrecken des Wetters zu achten, auf Walladmor⸗ Caſtle los, ſo iſt Hoffnung, daß wir mit vereinigter Kraft den Ueberfall abwenden. Es iſt aber nicht zu leugnen, daß eine doppelte Gefahr auf dieſer Seefahrt uns begegnet. Ein Unwetter zieht heran, und ein verdaͤchtiges Schiff, vielleicht in Verbindung mit dem verwegenen Boͤſewicht, kreuzt auf dem Meere und unſerm Wege. Demnach bin ich, meines Theils, der Meinung, zu wagen, da nur auf dieſem Wege den Nachtheil abzuwenden moͤglich wird; in Momenten, wie dieſer, pflegten aber meine Vorfahren mit ihren Verbuͤndeten gemeinſamen Nath zu pflegen⸗ und unterwarfen ſich gern, wenn es den eigenen Vortheil galt, den gefaßten Be⸗ ſchluͤſſen. — 89— Einſtimmig trat man der Meinung des Friedensrichters bei, indem ſich alle bereit erklaͤrten, wenn das verdaͤchtige Schiff ſich Thaͤtlichkeiten erlauben ſollte, mit bewaffneter Hand zu widerſtehen. Der Squire behauptete noch, daß vielleicht auf dieſe Weiſe dem Angriff auf das Schloß ganz vorgebeugt werden koͤnne, wenn, wie ſehr zu vermuthen ſtehe, deſſen ſeltſame Bewegungen mit der gefaͤhrlichen Abſicht des Verbrechers in Verbindung ſtaͤnden. Im gemeinſamen Schiffs⸗ rathe ward nun noch der Vorſchlag gemacht, auf der zwei⸗ ten Gondel Lady Ginievra mit ihrer Zofe nach der genann⸗ ten Landſpitze einzuſchiffen, damit, wenn ein Gefecht erfol⸗ gen ſollte, ſie wenigſtens geſichert waͤre. Der Squire war aber ſelbſt dagegen, indem der Weg von der Landſpitze aus bis nach dem Schloſſe ſo beſchwerlich ſei, daß eine zarte Dame ihn unmdglich unternehmen koͤnne. Ueberdies ſei auch Gefahr, wenn ſie den Weg dennoch antrete, in den Ufer ſchluchten der dort vielleicht verſteckten Rotte in die Haͤnde zu fallen; eine gehoͤrige Bedeckung aus der Geſellſchaft ihr mitzugeben, wuͤrde aber theils wenig fruchten, theils nicht moͤglich ſein, wenn man nicht beide Gondeln von den zur Zeit eines Sturms durchaus noͤthigen Armen entbloͤßen wolle. Auch Ginievra ſelbſt erklaͤrte ſich feſt und entſchloſſen, das Schickſal ihres Oheims, der Freunde und Gaͤſte zu thei⸗ len, und man haͤtte bemerken koͤnnen, daß ſie bei der Vor⸗ ſtellung des Squire, auf dem Uferwege koͤnne ihr der Ver⸗ brecher begegnen, lebhaft zuſammen ſchauderte. ———— zeiſt — 90— Demnach wurde der Steuermann von dem feſten Ent⸗ ſchluſſe unterrichtet. Der Wind blies immer ſtaͤrker, und die bunt geſchmuͤckten Gondeln glitten mit großer Schnelligkeit uͤber das weite Meer, welches jetzt keinem klaren Spiegel mehr glich, indem die Silberwellen immer hoͤher und hoͤher an den Rand der Schiffe ſchlugen. Viertes Kapitel. Wer nennt?— Du Sclav der Wolluſt nicht, Der ſich beim Anblick eines Sturms erbricht; Du, Herr und Knecht von läppiſchem Vergnügen, Dem Schlaf und kein Vergnügen kann genügen— Wer anders nennt— als er, der ſelbſt, umgaukelt Vom Wellenſchlag, ſich auf der Wog' geſchaukelt,— Die hohe Luſt, der Wolluſt höchſten Rauſch—2 Byron. Der Corſar. Wenn die Seemdven ſchreiend an's Land fliegen, iſt es das Zeichen des nahenden Sturmes. Haͤtten die Schiffenden auch dieſe Voͤgel nicht in großen Schaaren uͤber ihre Haͤupter fliegen ſehen, wuͤrden ſie diesmal auch darohne die Naͤhe des Sturmes haben ahnen koͤnnen, denn die unruhigen Wellen waren mit ſilberweißen Naͤndern bedeckt, und der Himmel vor ihnen von den in immer groͤßerer Anzahl herumgezoge⸗ nen ſchwarzen Woͤlkchen jetzt ſo bedeckt, daß er nur licht wurde, wo dann und wann ein Blitz leuchtete. Aber auch außer dieſen ſchreckenden Anzeichen ſind die Voͤgel, wenn ſie —— ſchreiend uͤber die Schiffe landwaͤrts fliehen und ihre Angſt den Menſchen mittheilen, eine peinliche Erſcheinung. Die Gondeln flogen uͤber die hohen Wellen, bald auf dieſer, bald auf jener Seite uͤberliegend; ſchon konnte man in weiter Entfernung die Kuͤſte entdecken, aber die Schiffer waren zweifelhaft, ob ſie noch laͤnger die Segel ſollten auf geſpannt laſſen. Es ward bereits ſchwer, vor dem Toſen und Sauſen die einzelnen Stimmen zu hoͤren, welche ſich indeſſen dafuͤr entſchieden, noch weiterhin den Vortheil des Windes zu benutzen. Indeſſen ſpuͤrte man in der Ge⸗ ſellſchaft ſelbſt ſchon die Wirkungen des Sturmes⸗ Einige an Seefahrten nicht gewoͤhnte Gaͤſte waren gendthigt, ſich mit dem Kopf uͤber Bord zu legen, und verdankten es nur einigen Hausmitteln, daß ſie nicht gang die Beſinnung ver⸗ loren. Indeſſen trat der Squire mit den Beſonneneren auf das Verdeck der luftigen Kazuͤte hinaus, vielleicht um durch ſeine Anſtalten und Berathungen nicht den andern Theil der Geſellſchaft in fruchtloſe Beſorgniß zu ſtuͤrzen. uUm Gottes Willen— ſagte er, nachdem er ſich einige Minuten nach dem helleren Theil des Horizontes und Mee⸗ res, den ſie verlaſſen hatten, umgeblickt hatte— irre ich nicht, ſo ſchifft ein ganz kleiner Kahn von Angleſeg her.— Gewiß,— ſagte ein Anderer,— und wir ſollten jhun muthlos ſein? Sehn Sie jetzt nicht nach dem Kahne hinter uns— rief mi einem male der Steuermann— ſondern auf das Schiff vor uns 3 Man drehte ſich um, und der Squire erblickte zu ſeinem Erſtaunen das Schiff, welches gegen Ende des vorigen Ka vitels ſo manchen Grund zur Beſorgniß gegeben hatte, kaum auf Kanonenſchußweite entfernt. Was bedeuret das? rief er, zum erſten Male ſcheinbar betroffen, aus. Die Maͤnner draͤng⸗ ten ſich hinauf, man rieth, ſprach, der Sturm tobte, Keiner aber faßte einen Entſchluß. In dieſem Augenblicke zeigte ſich die Geiſtesgegenwart des Sauire. Er draͤngte die muͤ⸗ ßigen Zuſchauer in die Kajuͤte zuruͤck, da ſie draußen nur den Platz beengten, es auch hier ſchwerer wurde, ſie anzure⸗ den; drinnen aber ergriff er das Wort, und Alle bewunder⸗ ten die Feſtigkeit des Greiſes, welche ſich in ſeinem Geſichte und ganzen Benehmen ausſprach, das doch ſonſt in ruhigen Zeiten ſo mannigfaltige Gelegenheit zu komiſchen Bemer⸗ kungen gab: Werthe Gaͤſte! die Abſicht des Schiffes ſcheint feindlich. — Wir muͤſſen auf Ailles gefaßt ſein, auch auf unſre Ver⸗ theidigung.— Deshalb iſt es noͤthig, daß wir uns theilen. Ich werde die andere Gondel beſteigen, und wer mit mir es will, den heiß' ich willkommen— in dieſer Gondel ſchifft meine Nichte, und wer ſie beſchuͤtzen will, ohne Verzug an's Land. Wir folgen, aber wir ſind auf einen Angriff gefaßt. Alle ſtimmten ohne Zaudern dem Squire bei. Nur Gi⸗ nievra wollte widerſprechen und auch der Gefahr eines An⸗ griffes trotzen; der Gruͤnde gegen ein ſolches fruchtloſes Wa⸗ Leſtuͤck waren aber ſo viele, daß auch ſchon einige davon hin⸗ — 84— reichten, ſie jetzt, wo es ſchnelle Ausfuͤhrung galt, zu uͤber⸗ zeugen. Die groͤßte Muͤhe verurſachte die Annaͤherung der zweiten Gondel. Sobald dieſe aber bewirkt war, wollte auch die ganze Geſellſchaft hineinſteigen, um das etwanige Aben⸗ theuer mit dem Squire zu beſtehen. Es wurden deshalb alle Geraͤthſchaften und Inſtrumente aus dieſer Gondel in die andere geſchafft, um den ſchlagfertigen Maͤnnern Platz zu ma⸗ chen. Nachdem der Squire faſt alle Freiwillige hatte hin⸗ uͤberſteigen laſſen, ſetzte auch Bertram ſchon den Fuß uͤber Bord. Sir Morgan zog ihn jedoch zuruͤck: Mit Nichten, Herr Bertram, Sie bleiben bei den Frauen. Ihnen vertraue ich meine Ginievra— ich weiß Sie ſind beſonnen, wenn es gilt, und glauben Sie nicht, daß Ihre Partie eine ganz ge⸗ fahrloſe iſt! Bei dieſen Worten ſchwang ſich der alte Mann mit einer bewunderungswuͤrdigen Geſchicklichkeit in den andern Kahn; im naͤchſten Augenblicke trennte eine Welle beide Fahrzeuge, und Bertram fand keine Zeit, ſich zu bedenken, ob er bei freiem Willen der ruͤhmlichern Partie auf jenem Schiffe, oder der anziehendern auf dem, wohin ihn der Wille des Squire verſetzte, den Vorzug geben wuͤrde. Ueberhaupt war wenige Zeit zum Denken und Bemerken, denn waͤhrend der Wind die vollen Segel mit gewaltiger Macht anſchwellte, flog ſeine Gondel ſo ſchnell, daß er von der des Squire nur ſehen konnte, wie die Mannſchaft die zeltartige Kajuͤte herunter riß, die Segel theilweiſe einzog und Ruder auslegte. Bald — 95— aber ſchaukelten die Wellen dergeſtalt, daß er ſeine ganze Kraft anſtrengen mußte, um nur auf das Acht zu geben, was ihn zunaͤchſt anging. In ſeinem Schiffe befanden ſich außer dem Steuermann, zwei Schiffern, und Toms, nur Ginieyra und ihr Kammer⸗ maͤdchen. Dieſe, von Furcht uͤbermannt, lag ihrer Gebiete⸗ rin zu Fuͤßen und umklammerte ihre Kniee, waͤhrend Ginie⸗ vra, faſt unbeweglich, in einen Neiſe⸗Pelzmantel dicht einge⸗ huͤllt, nahe am Bord des Schiffes ſaß. Ihr Geſicht war bleich, verrieth aber keine der krampfhaften Zuckungen der Furcht, welche das ihrer Dienerin chargeteriſirte, wenn dieſe ſich, durch einen ſtaͤrkern Ruck oder einen Donnerſchlag er⸗ ſchreckt, aufrichtete, um die Wirkungen oder den Grund zu erfahren. Der Wind ſpielte in ihren reichen Locken, und Bertram, wie auch die Schrecken der Natur ringsum tob⸗ ten, ſchien in ihren Anblick verloren, und ſprach es bei ſich aus, daß man wuͤnſchen koͤnne, um den Gewinn eines ſol⸗ chen Geſchoͤpfes, auch den Kampf mit den Elementen und allen Verhaͤltniſſen zu wagen. Die Donner rollten, die Blitze zuckten und fuhren in die hoch aufziſchenden Wogen. Es war einer der furchtbar⸗ ſten und zugleich ſchoͤnſten Augenblicke, wenn man bei ihrer magiſchen Erleuchtung den weißen Silberſchaum der unuͤber⸗ ſehbaren Wellen bis in die weite Ferne erblickte. Aber fuͤr die Schiffenden war es nicht zur Luſt geſchaffen; denn da de: Hahn bald hier, bald dort uͤberlag, da der Sturm oft — 96— mit ſo unbaͤndigen Stoͤßen ihn vorwaͤrts und gegen die ho⸗ hen Wellen trieb, daß jeden Augenblick die Gefahr ſtieg, er werde ihn ganz in den Grund ſtoßen, ſo mußte jeder die ganze Aufmerkſamkeit darauf richten, nur feſt auf ſeinem Platze ſich zu erhalten. Waͤren auch nicht die Regenguͤſſe von oben gekommen, ſo haͤtten doch ſchon die von beiden Seiten bei jeder Bewegung uͤberſchaͤumenden Wellen die Schiffenden durchnaͤßt. Wenn aber der Kahn eine der gro⸗ ßen heranwogenden Wellen vermoͤge der Kraft des Windſto⸗ ßes durchbrach, ſo war der ganze Kahn auf Momente unter Waſſer geſetzt. Oft haͤtte Bertram, wenn er die Leiden der ſchoͤnen Ginievra ſah, zu ihr ſpringen und ihr beiſtehn moͤ⸗ gen, und nur die Ueberzeugung, daß er nichts helfen koͤnne ließ ihn ein ruhiger Zuſchauer ihrer Noth ſein. Als der Sturm auf Momente etwas nachgelaſſen, hoͤrte er neben ſich einen Schiffer zum Steuermann fluͤſtern: Lange gehts nicht mehr. Der Sturm wird ſtaͤrker. Ob wir die Segel einziehn? Wozu? war die Antwort. Mit Segel bringen wir viel⸗ leicht den Kahn noch durch, darohne nimmermehr. Wir ſind zu wenig zum Rudern und die naͤchſte Welle begraͤbt uns,— und— brummte er in den Bart— Einer von uns muß doch dran glauben, denn wir ſind unſer ſieben beim Sturme in einem Kahn.„ Wenig getroͤſtet von dieſem Zwiegeſpraͤch, richtete Bertraem ſeinen Blick auf die Lady. Ihr Auge begegnete dem ſeinigen: Ber⸗ Bertram! ſagte ſie, und die Schwaͤche ihrer Stimme verkuͤndete, daß es ſie einen Kampf koſte, ihre Angſt zu ver⸗ bergen,— Bertram, ſehn Sie meinen Oheim?— Sehn Sie die andere Gondel? Es iſt unmoͤglich, durch die Finſterniß der Elemente Gegenſtaͤnde in der Entfernung zu unterſcheiden— doch, duͤnkt mich, ſehe ich eine groͤßere ſchwarze Maſſe im Hinter⸗ grunde, es wird das Schiff ſein. Mylady, ſagte der Steuermann, die Andern kommen durch. Es ſind viel Haͤnde und viel Ruder, aber wir— Hier ſchrie das Kammermaͤdchen laut auf, den Zuſatz shnend. Still, Almy, wir ſtehn in Gottes Hand— und ſind auch gar nicht mehr weit vom Ufer.— Die Schiffer ſchwiegen; in dem Augenblicke aber leuch⸗ tete ein Blitz und zeigte in der Entfernung das hohe Ufer, ein anderer Blitz, noch weiter landeinwaͤrts, ließ auf einen Moment das thurmreiche Schloß deutlich erkennen. Gott Lob! ſagte Bertram. Es iſt noch weithin— rief der Steuermann— drei Buͤch⸗ ſenſchuͤſſe— den andern Theil der Rede uͤbertaͤubte ein rol⸗ lender Donnerſchlag. Mit dieſem zugleich erneute ſich die Wuth des Sturmes, der Kahn ſchoß unter Blitz und Don⸗ ner durch eine berghohe Welle, und als er gluͤcklich hindurch gekommen war, ſank er in eine bodenloſe Tiefe. Almy warf ſich nieder, umpackte ein Segel und kreiſchte aus allen Kraͤf⸗ III. d. 174 — 98— ten; ſelbſt Ginievra verlor ſoweit die Beſinnung, auf⸗ und auf Bertram zuſpringen zu wollen, indem ſie mit bittender Stimme rief: Bertram! Bertram! Im naͤchſten Momente hatte aber die Flut den Kahn thurmhoch auf eine neue Welle hinauf gehoben. Hier faßte ihn der Sturm. Ein Windſtoß warf ſich in die vollen Se⸗ gel und der Kahn ſtuͤrzte um, ein willenloſes Spiel der Wellen. Nur ſo viel hatte Bertram, als er in die Tiefe ſtuͤrzte, noch geſehn, daß Ginievra, welche aufgeſprungen war, um zu ihm zu eilen, weit hinab geſchleudert worden war, noch ehe die ganze Wucht des Kahnes umſtuͤrzte. Ein geuͤbter Schwimmer und leicht gekleidet, arbeitete er ſich bald wieder in die Hoͤhe. Auf der Spitze einer landwaͤrts gehenden Welle liegend, hatte er das Gluͤck, eine weibliche Geſtalt vor ſich/ von einer andern Welle getragen, zu erblicken. Einmal in die Tiefe geſchleudert und wieder empor gehoben, ſah er ſie zum zweitenmal. Obgleich ſie nicht ſchwamm, hielt ſie ſich doch vermoͤge ihrer wallenden Kleider und einiger Anſtren⸗ gung, welche die Natur uns lehrt, uͤber dem Waſſer. Es war Ginievra. Bertram hoͤrte nicht auf das Angſtgeſchrei der Schiffsgenoſſen hinter ihm. Mit mehr als menſchlicher Kraft uͤberfluͤgelte er die Schnelligkeit des Elementes und erreichte die Lady in dem Augenblicke, wo die Beſinnung ſie zu verlaſſen ſchien; denn ohne Anſtrengung ihrer Arme und Glieder, wurde nur der Koͤrper von der Kraft der Wogen — 99— fortgetragen. Wir leſen haͤufig in Romanen, wie irgend ein edelmuͤthiger Menſch einem ins Waſſer Gefallenen nach⸗ ſpringt und ihn ans Land traͤgt, entweder indem er ihn mit dem einen Arme umfaßt und mit dem andern die ſchwimm⸗ artigen Bewegungen macht, oder indem er ihm zuruft, ſich an ſeinen Fuͤßen feſtzuhalten, und ihn ſo herauszieht. Wer aber irgend Kenntniß vom Schwimmen hat, weiß, daß ein ſolches Verfahren ganz unmoͤglich iſt. Auch der ſtaͤrkſte Schwimmer haͤlt es nur minutenlang aus, wenn er einen Koͤrver mit der einen Hand umfaßt, mit der andern beiden zugleich fortzuhelfen. Groͤßer aber iſt die Gefahr, wenn der Verungluͤckte noch bei Beſinnung iſt. Die Todesangſt laͤßt ihn nichts bedenken, ſondern nur das ergreifen, was ihm in⸗ ſtinktartig das Beſte ſcheint. Er packt mit Rieſenkraft ſeinen Erretter an, raubt ihm dadurch alle Kraͤfte und Mittel, und ſtatt ſich zu retten, reißt er oft den Helfer mit ſich in die Tiefe. Es iſt daher die erſte Regel aller Schwimmer, außer dem Bereich des Verungluͤckten im Waſſer zu bleiben, und nur durch einzelne Stoͤße ihn uͤber dem Waſſer zu erhalten zu ſuchen, geht aber dies nicht, ihn bei den Haaren zu ziehen. Als Bertram bis zu Ginievras Seite gekommen war, und die aufgeldſte ſpannungloſe Geſtalt ihm verkuͤndete, daß ſie ohne Beſinnung ſei, waͤre es fuͤr ihn das Leichteſte ge⸗ weſen, ſie bei ihren loſe umherwallenden reichen Haaren zu ergreifen und mit ſich fortzuziehen; er vermochte es aber nicht, das ſchoͤnſte, anmuthvollſte Weſen ſo zu behandeln. Deshalb, ihren Koͤrper mit dem linken Arme umfaſſend, und mit dem rechten und den Fuͤßen rudernd, ſchwamm er, ſo lange es ſeine Kraͤfte vermochten. Er hoͤrte nicht auf das Ungewitter uͤber ihm, nicht auf das Toben des Meeres. Als er ſchwaͤcher wurde, ließ er guf kurze Zeit ſeine ſchoͤne Laſt wieder los; aber er durfte, wenn er beſtaͤndig auf ſie Acht hatte, nicht in Sorgen ſein, denn das Meer trug ſie kraͤfti⸗ ger als ſein Arm. Was brauchen wir ferner zu ſchildern,/ unter welchen Abwechſelungen er die ihm heiligſte Pflicht vollzog? Ihm ward das Gluͤck, daß ſie keine laͤngere An⸗ ſtrengung forderte, als ſeine Kraft ausdauerte. Schneller als er es hoffen konnte, hatten die Wellen ihn getrieben. Auf ſeinen Verſuch fand er unter ſich Grund. Er trat nunmehr auf, und ging, ſo gut die Brandung erlaubte, indem er Gi⸗ nieyren zwar noch immer von den Wellen tragen ließ, ſie aber doch zugleich mit dem Arm umfaßte. Als jedoch das Waſſer immer niedriger wurde, und er befuͤrchten mußte, der zarte Koͤrper koͤnne gegen einen hervorragenden Stein getrie⸗ ven werden, hob er ſie in ſeine beiden Arme, und trug ſie mit aller Anſtrengung uͤber den ſteinigen Grund, bis er einen groͤßern Felsblock erreichte und hier fuͤr den Augenblick ſeine Laſt niederſetzte um Athem zu ſchoͤpfen. Das Toben der Elemente, die ganze furchtbare Scenerie um ihn, die Gefahr, in welcher er ſelbſt auf dieſem Punkte ſich noch befand, trafen an ihm nur einen ſtummen und blin⸗ den Zuſchauer; er druͤckte das liebliche todtenbleiche Geſchoͤpf — 101= an ſeine Bruſt, und fuͤhlte, daß noch Leben in ihm war. Zum Gluͤck hatte Ginievra den Mund geſchloſſen gehabt und ſo nur wenig Seewaſſer verſchluckt. Was ihn im Augenblicke die Noth lehrte, vollbrachte Bertram zur Wiedererweckung der Lebloſen. Er hatte die Freude, ihr Herz immer deutli⸗ cher ſchlagen zu fuͤhlen. Auch durchzog allmaͤlig Lebens⸗ waͤrme die andern Glieder; aber er durfte nicht laͤnger mit ihr auf dieſem Flecke zaudern, wenn nicht bald die vorige Erſtarrung durch den Froſt und die Naͤſſe wieder eintreten ſollte; denn jede heranſchlagende Welle uͤberdeckte nicht allein den Stein, auf welchem er ſeine Gerettete hielt, ſondern warf ihren Guß ihm bis uͤber die Huͤften, ſo daß er mit aller Anſtrengung ſich feſthalten mußte, um nicht herabge⸗ worfen zu werden. In dieſer Noth ward er dann gezwungen, auch auf das zu achten, was ihn umgab. Das Gewitter hatte etwas nach⸗ gelaſſen, die Donner rollten fernhin uͤber das Meer, und die ſparſamer zuckenden Blitze zeigten ihm die Scene in ihrer ganzen Schrecklichkeit. Der Sturm dauerte noch immer fort, die hohen Wellen ſchlugen gegen das vom Zwielicht des Abends und einem Meernebel verdeckte, ihm unbekannte Fel⸗ ſenufer; aber zu ſeinem Schrecken ſah er ſo viel mit Gewiß⸗ heit, daß er nur auf einem Felsblock ſtand, welcher noch weit vom ufer entfernt war und nur durch einzelne kleine aus dem Waſſer hervorragende, halb uͤberſpuͤlte Felsklixpen in Verbindung ſtand. 3 — 102— Die Tiefen zwiſchen dieſen einzelnen Felsbloͤcken moch⸗ ten bodenlos ſein; er konnte, gegen ſpitze Steine fahrend, ſich oder ſeine halb Gerettete zerſchellen; dennoch mußte er wagen, denn auf dem Steine, wo er jetzt ſtand, erwartete ihn und Ginievra der gewiſſe untergang. Er ſchwang ſeine ſchoͤne Laſt noch einmal auf die Schultern und wagte nun den gefaͤhrlichſten Sprung, welchen er je unternommen, nach dem naͤchſten Steine. Er gelang nicht. Der Stein war ab⸗ ſchuͤſſig und durch die Naͤſſe und daran wachſendes Waſſer⸗ moos ſo ſchluͤpfrig, daß der Springer ausglitt, tief ins Waſſer ſiel und mit dem Knie gegen den Stein ſich zerſchellte. Aber er erhielt ſich aufrecht, ließ ſeine ſchoͤne Laſt nicht ſinken/ und waͤhrend ſie nur bis ans Knie wieder ins Waſſer fiel, erwachte durch die heftige Erſchuͤtterung ihre Lebenskraft in ſoweit, daß ſie ihren Arm inſtinktartig um ſeinen Kopf ſchlang. Dies erleichterte ihm das Tragen. Er achtete nicht den Schmerz am Knie, richtete ſich auf, und erſtieg, nach⸗ dem er einige Schritte bis uͤber die Huͤften im Waſſer ge⸗ wadet war, einen andern Stein. Der naͤchſte Sprung ge⸗ lang, denn Ginievras Wiedererwachen erleichterte ihm nicht allein das Tragen, ſondern hatte ihm auch friſchen Muth gebracht. Er ſprang auf mehrere Felsbloͤcke, bis aus dem Rebel ihm die zerriſſene Felswand des Ufers entgegen trat. Er ging noch einen Schritt hoͤher, wo das Waſſer ihm nicht mehr die Fuͤße benetzte, und er ſich an die Felsmauer lehnen konnte. Hier ließ er ſeine Buͤrde ſanft niedergleiten. Noch . — 103— umſchlang ihn aber Ginievra mit krampfhafter Feſtigkeit, und auch er konnte noch nicht die erſt halb Erwachte aus ſeinen Armen laſſen. Wie ſie ſich an ihn ſchmiegte und in ihrer Bewußtloſigkeit ihr Kopf an ſeiner Bruſt ruhte, konnte er ſich nicht enthalten, auf die ſich wieder roͤthenden Lippen einen Kuß zu druͤcken. Er fuͤhlte eine ſanfte Erwiederung. Sie ſchlug die Augen auf, und wie der erſte Blick auf Ber⸗ tram fiel, war auch das erſte Wort, welches ihren geoͤffneten Lippen entfloh: Bertram! Er beantwortete es durch ihren Namen und mehrere feu⸗ rige Kuͤſſe, die er auf Wangen und Lippen der Geretteten druͤckte. Sie wehrte ſie nicht ab, kuͤßte auch ihn noch ein⸗ mal mit Innigkeit, und richtete ſich dann auf, indem ſie jedoch noch immer den rechten Arm zn ihrer Stuͤtze um ſeine Schulter geſchlungen hielt. Bertram, wo ſind wir?— Gerettet— ich kann mich nicht entſinnen— Theure Ginievra! rief er aus— denken wir nicht an das Vergangene, nur an das, was kommt, nur an die Ret⸗ tung im Augenblicke.— Wir muͤſſen eilen, ein Obdach zu ſuchen— ſonſt faßt uns der kalte Tod, dem wir kaum ent⸗ ronnen ſind. Er umfaßte ſie ſtuͤtzend mit dem einen Arm, und wollte, um durch eine der Felſenſpalten einen Weg zu ſuchen, wei⸗ ter gehn, als ihnen in der Entfernung einiger Schritte Je⸗ mand entgegen trat. Bertrams erſte Bewegung— er war — 104— ganz waffenlos— war die, auf die Erde zu greifen, und gluͤck⸗ licher Weiſe fand er ſogleich was er ſuchte, einen Stein. Halt! ſcholl es beiden entgegen⸗ Bertram antwortete nicht, aber Ginievren mit dem lin⸗ ken Arme, als waͤre er ein Schild, umſchlingend, trat er ſelbſt mit ſeinem Koͤrper vor, und ſtreckte den rechten Arm, zur Vertheidigung bereit, dem Stoͤrer entgegen. Ich komme wohl zu ungelegener Zeit? toͤnte es ihnen mit einem wilden Hohngelaͤchter entgegen. Ginievras Zuſammenſchaudern— wie das Jemandes, der von einem elektriſchen Schlage getroffen wird— machte Ber⸗ tram gewiß, wenn ihm ſelbſt der Ton nicht bekannt geweſen waͤre, aus weſſen Munde er herruͤhre. Ohne ſeine Stellung zu aͤndern, blickte er auf, um genauer den furchtbaren Mann zu betrachten. Ein zuͤckender Blitz erleichterte ihm die Ab⸗ ſicht, ließ aber von dem Bilde, welches er ſah, noch einen ſchrecklichern Eindruck zuruͤck. An einem Felspfeiler, unge⸗ faͤhr zehn Schritt von ihnen, und etwas hoͤher als ihr Stand⸗ punkt war, ſtand Niklas. Er trug keinen Mantel, wie ihn Bertram ſonſt geſehn hatte, ſondern gleichwie auf der Lauer, oder jeden Augenblick zum Angriff oder zur Flucht geruͤſtet war er in weite Schifferhoſen und eine eng anſchließende Jacke gekleidet. Piſtolen, ein Fangmeſſer und Dolch hingen am Gurt. In der rechten Hand hielt er einen kurzen Stutz, und die linke ſteckte nachlaͤſſig in der Bruſt. Ohne ſich zu bewegen, ſagte er in dem ſelben Tone, nur etwas kaͤlter: Es thut mir wahrhaftig leid, wenn ich eine ſo intereſſante Zuſammenkunft ſtoͤren muß, ſei's nun eine verabredete oder ſo durch Zufull. Unmenſch!— fuhr Bertram erzuͤrnt auf— Du ſiehſt die Lady eben aus einer Lebensgefahr entkommen und noch in Gefahr, wenn wir nicht ſchleunig das Schloß erreichen.— Niklas lachte, ohne eine Antwort zu geben, finſter in ſich auf. Ich befehle Dir— fuhr Bertram fort— im Namen des Friedensrichters, wenn Du in unerlaubter Abſicht gekommen biſt, Dich augenblicklich von hier fortzubegeben. Ho ho! haſt Du auch ſchon auf der Inſel gelernt wie ein freier Mann ſprechen, das heißt, wie ein kleiner Despot? James Nichols, ich frage Dich, wie es einem Manne ziemt, in welcher Abſicht trittſt Du uns hier in den Weg, uns, der Lady Ginievra Walladmor von Walladmor⸗Caſtle, und mir, der ich ſie in Auftrag ihres Oheims, des Friedens⸗ richters von Meerfhire, nach ſeinem Schloſſe fuͤhre. Kinder ſchreien, wenn ſie ſich fuͤrchten, und Maͤnner dro⸗ hen, wenn ſie beſorgt ſind. Ich habe nichts mit Dir zu re⸗ den, Burſch, nur mit Deiner Begleiterin, und wahrhaftig, ich muß kurz ſein und verlange kurze Antworten. Die Lady ſprach kein Wort, aber Bertram fuͤhlte an dem Schlagen ihrer Pulſe, an dem hoͤrbaren Pochen ihres Her⸗ zens, daß ſie ſich feſt zu ſein vorbereitete. Niklas wandte ſich jetzt an ſie, zwar noch mit derſelben kalten Stimme, aber — 106— doch indem er die Maske des Laͤchelns ablegte, und mehr den darunter verborgenen bittern Ernſt blicken ließ. Ginievra, ich frage Dich hier— Zeugen ſind das wuͤ⸗ thende Element zu unſern Fuͤßen, die grauen Felswaͤnde, an die wir uns lehnen, der donnernde Himmel droben— denkſt Du noch an das Wort, das Du mir in der Stunde gabſt, wo wir auf dem abendlichen Wege von Pumfries nach dem Schloſſe uns begegneten? Ginievra machte ſich mit einer Kraftanſtrengung aus Bertrams Armen los, und antwortete frei auftretend mit einer Stimme, welche den feſten nach einem Kampfe gewon⸗ nenen Entſchluß andeutete: Wohl erinnere ich mich der Stunde und des Wortes; ich verſprach, den ungluͤcklichen, den vom Schickſal verfolgten Jan s Nichols, ſelbſt den nicht zu verlaſſen, der Handlungen begangen, welche unſere Geſetze Verbrechen nennen und mit Schande belegen. und?— fuhr Niklas fort. Ich bekannte ihm, daß die edlen Seiten ſeines Geiſtes auf meine Schwachheit einen Eindruck gemacht haͤtten, daß ich ihn liebte.— Und? Ich gelobte mir und ihm, nicht feige den widrigen Ver⸗ haͤltniſſen zu weichen, ſondern zu verſuchen mit Muth und Kraft ſie zu beugen. Und, Ginievra- Und weiter habe ich nichts gelobt. — 107— Und willſt Du Dein Wort halten? Mein Wort iſt geloͤſt— Du haſt das Band zerriſſen— dem Ungluͤcklichen, nicht dem Meuchelmoͤrder gelobte ich Treue. Ginievra! Dein Schwur, der iſt todt— todt?— Haͤtte ich's doch kaum geglaubt, als ich in Dein Auge damals beim letzten Sonnenſtrahl blickte.— Aber mein Schwur lebt. Willſt Du wiſſen, wie er lautete?— Du mußt mein wer⸗ den, und gaͤlte es den Snowdon in's Meer ſiuͤrzen, mein werden, und packte mich die Hoͤlle um zehn Jahr fruͤher, als ich ihr mag verfallen ſein, mein, mein— mit den Worten wandte ich Dir den Ruͤcken, und als ich in die dunkle Nacht hinein ſpornte, wiederholte ich mir die Worte, bis die Zunge muͤde ward.— Seitdem war's mein Gedanke, wenn ich, wie der Dieb, auf naͤchtlichen Pfaden ſchlich, wenn ich mit blut⸗ befleckter Hand aus dem Strandgemetzel kam,— wenn ich ſchlief, ſtarrte ich auf und nannte Deinen Namen, und wenn ich, geſchaukelt vom Kahne, das Schlagen der Ruder, das Rauſchen der Wogen hoͤrte, war's Dein Name, den ſie mir zufluͤſterten. Ginievra, Du haſt das Band zerriſſen— mit Recht oder Unrecht, das entſcheide der Himmel,— aber an meinen Armen haͤngt noch die Kette, willſt Du ſie abreißen, reißeſt Du das Herz mit heraus. Hoͤre, ich gelobe es noch einmal bei allen den Geiſtern, die hier in den ſtuͤrmenden Elementen hauſen moͤgen, Geſpenſtern oder denen, die an dieſen Klippen zerſchellten: ich laſſe nicht von Dir, ſo lange — 108— ich noch einen Willen habe. Du mußt mein werden, das habe ich ſeit Jahren gelobt; aber heut iſt der Augenblick gekommen, wo ich um Dich freie, nicht wie ein Kind, nicht wie ein verliebter Fant, wie ein Mann, der Ja oder Nein verlangt, und wenn die Braut verſchuͤchtert ein Nein her⸗ auspreſſen will, ſie in ſeine nervigen Arme faßt und fuͤr die Verſchaͤmte ſelbſt das Jawort ſpricht.— Ginievra, ich frage Dich freundſchaftlich jetzt und in Frieden— er ſprach dieſe Worte mit ruhiger Feſtigkeit und faſt leiſer Stimme— willſt Du mir folgen, auf ewig mein zu ſein?— Das Schiff, das uns in einen andern Welttheil fuͤhrt, kreuzt. Ja oder Nein? Ich kann Dir keine Minute Bedenkzeit geben, und bitte Dich, laß den Burſchen los, und komm zu mir freiwil⸗ lig— frei.— Nie, nie! ſchrie Ginievra— Deine Frage, Deine Worte verrathen Dich als das blutige Ungeheuer, wie Du mir im Traume erſchienſt— Du biſt kein Menſch mehr; das Blut, das Du vergoſſen, hat Dich zum Thier der Wuͤſte gemacht, das nur nach neuem Blute lechzt, zur Saͤttigung ſeiner wil⸗ den Begierden. Schrecklich bin ich aus dem Traume er⸗ wacht. Ich liebte Dich nie, Du wußteſt durch Zauberkuͤnſte Deinen edlern Geiſt fuͤr Dich auszugeben. Ewig ungluͤck⸗ lich iſt, wer Dir folgt, denn Deine Liebe verzehrt wie ein Feuer den geliebten Gegenſtand— ich koͤnnte Dich haſſen, wenn ich nicht in der Schwachheit um Dich weinen muͤßte. 3 — 109— Genug, Ginievra!— Wenn Du mich nicht liebſt, ſo liebe ich Dich, willſt Du nicht zu mir kommen, ſo komme ich zu Dir. Entweder am Hochgeruͤſt vor Dir, oder im Hochzeitbett bei Dir— es giebt keinen Mittelweg. Nah muͤſſen wir uns ſein. Er verließ ſeine Stellung und nahm die Buͤchſe auf. Dann, als fiele ihm ploͤtzlich etwas ein, ſetzte er ſie noch ein⸗ mal nieder und fragte: Ginievra! liebſt Du einen Andern? Ich frage, liebſt Du, denn um Liebesgetaͤndel kuͤmmere ich mich nicht. Iſt ein Hinderniß da? Und wenn ich liebte— ſagte Ginievra= und wenn ich liebte, Unmenſch, wollteſt Du meinem Geiſte gebieten— wenn ein ſolches Hinderniß— In dem Augenblick umſchlang Bertram die Sprecherin und ſchrie: Sie iſt mein,— ich habe ſie gerettet; mein iſt Ginievra, wenn Du ſie haben willſt, ich will das Hinder⸗ niß ſein. Es thut mir leid— ſagte mit wilder Stimme Niklas— aber wenn ein Hinderniß zwiſchen meine Liebe tritt— und Du biſt ja nicht der Berg Snowdon— ſolch ein Hinderniß iſt leicht zu heben.— Fort, Ginievra.— Er hob die Buͤchſe und legte mit geuͤbter Hand an. Ginievra, ſtatt fortzugehn, ſprang mit Blitzesſchnelle zwiſchen Beide, und wollte auf den Zielenden zueilen, das Gewehr ihm aus der Hand zu reißen. Bertram riß ſie aber ſelbſt ſchnell mit dem linken Arm zuruͤck, und ſchleuderte im ſel⸗ — 110— ben Augenblicke den Stein mit der Rechten auf den Moͤrder. Der Stein traf die rechte Hand, welche eben den Druͤcker der Buͤchſe gefaßt hielt. Das Gewehr ging los, hatte aber durch den Wurf eine Richtung ſeitwaͤrts genommen, und die Kugel traf Bertram nicht. Aber neben ihm war Ginievra auf die Steine niedergeſunken. Der Moͤrder blickte auf und ſchrie: Getroffen? Getroſſen!— antwortete Bertram,— aber nicht mich; Dein Ziel, und ſtuͤrzte ſich wehklagend auf die Niedergeſun⸗ kene, welche, auf den Arm geſtuͤtzt, ſich mit dem Oberleib wieder aufzurichten bemuͤht war. Sie, ſie getroffen? rief der Moͤrder, und trat mit dem rauchenden Gewehr einige Schritte naͤher, und wer ihn im Dunkel des Abends haͤtte genauer betrachten koͤnnen, wuͤrde geſehn haben, daß er zitterte. Ginievra ſaß jetzt mit dem Oberleib ganz aufgerichtet, und, indem ſie den verzweiflungs⸗ vollen Bertram zuruͤckſtieß, machte ſie eine lebhafte Bewe⸗ gung mit dem rechten Arme gegen Niklas zu, und rief mit dringender Stimme: James, entfliehe! ich hoͤre Stimmeſt. Es iſt nichts.— Entfliehe, um Barmherzigkeit willen! Der Moͤrder ſchwankte, was er zu thun habe. Wirklich aber hoͤrte man in einiger Entfernung Nuderſchlag und ver⸗ worrene Stimmen: Es ſiel ein Schuß— die Raͤuber— ins Waſſer geſprun⸗ gen,— Huͤlfsgeſchrei an den Felſen— Ginieyras Stimme — 111— — zu Huͤlfe, zu Huͤlfe meiner Nichte, meinem Kleinod— wackere Freunde— friſch drauf los, dort ſtehn ſiel— Fußtritte im Waſſer waren deutlich zu unterſcheiden. Niklas hoͤrte ſie, und war im Momente hinter einem Felſen verſchwunden. Kaum war dies geſchehn, als Ginievra auf⸗ ſprang. Bertram glaubte, es ſei dies eine fieberhafte Anſtren⸗ gung der Verwundeten, und rief ihr zu: Theure Ginievra— wir ſind gleich gerettet— ſchone Deine Kraͤfte.— Wo traf der Schuß? Er ſtreifte uͤber meinen Kopf. Ich bin gar nicht ver⸗ wundet. Um mich zuruͤckzuziehen, riſſen Sie mich nieder, uand dieſem Zufall verdanken wir beide unſere Rettung. Ehe die ans Ufer wadenden Maͤnner die beiden Geret⸗ teten erreichten, rief es von oben herab ihnen zu⸗ Triumphire nicht, Ginievra, Du bleibſt mein.— Im Hochzeitbett oder am Hochgeruͤſt Dein! Man konnte ihn nicht ſehen; gleich darauf hoͤrten beide aber ein Pfeifen von fern, und Niklas antwortete eben ſo, worauf er ſich ganz zu entfernen ſchien. Wenige Minuten nachher traten einige Maͤnner an's Land, waͤhrend andere noch im Waſſer hinter ihnen plaͤtſcherten. Wo ſind ſie?— Hier— gerettet?— heil?— ſchrie es verwirrt durch einander. Bertram ſah, daß Jemand Ginie⸗ vra an die Bruſt preßte, es war der Sauire. Ihm ſelbſt nah⸗ ten die befreundeten Maͤnner und druͤckten ihm die Hand: Wackerer junger Mann.— Sie leiſteten viel. — 112— Mein Gott, woher wiſſen Sie?— Ihre Gondel war weit entfernt, als die unſere das ungluͤck traf, und Niemand war Augenzeuge.— Warum hoͤrten Sie nicht auf uns?— ſagte Jemand, an deſſen Stimme Bertram den Steuermann Ralph Dains⸗ wood erkannte.— Wie der Wind unſern Kahn umgeworfen hatte, ſo richtete er ihn im naͤchſten Augenblicke, als eine andere Welle ihn verkehrt warf, auch wieder in die Hoͤhe. Wir ſind alle wieder— bis auf die eine— hineingeklettert, und ich ſchrie noch aus Leibeskraͤften, als der junge Herr der Lady nachſchwamm, er ſollte umkehren.— Das geſchah nicht, und dann ſah ich nichts weiter mehr.— Alſo Alle ſind wir gluͤcklich der Gefahr entronnen? rief Bertram aus, und faltete preiſend die Haͤnde. Ja! ſagte der Squire, indem er ſich aufrichtete, Ber⸗ tram die Hand reichte und die ſeinige druͤckte,— ja, lieber Bertram, wir koͤnnen dem Hoͤchſten danken, der Dir Kraͤfte gab und uns gnaͤdig bewahrte. Das Schiff wich aus, gls wir uns ihm naͤherten, und der Vorſicht, die Segel einzu⸗ ziehn, ſo wie der Anſtrengung aller meiner Freunde und Leute beim Rudern verdanken wir es, daß der Sturm uͤberwunden und wir gluͤcklich das andere Boot erreichten, wo ich Ginie⸗ vren nicht fand.—. Er druͤckte ſie bei dieſen Worten mit erneuter Zaͤrtlich keit an die Bruſt. Sie wies auf Bertram⸗ 3 Ich weiß/ ich weiß/ ſagte er. Dem verdanken wir Ales und —9 l᷑ 2 a8 N 5 — 113— und wir werden ihm noch mehr verdanken— es werden große, gewichtige Stunden kommen— doch Bertram, lieber Bertram, den die Vorſehung zu guter Stunde an unſere Kuͤſte warf, Dank, herzlichen Dank in voraus.— Oheim, Sie wiſſen nicht— unterbrach ihn Ginievra— Bertram that mehr, als den Wellen tratzen, er entriß mich einer groͤßern Gefahr, als dem Waſſertode.— Meine Huͤlfe war unbedeutend, Sir Morgan— fiel Bertram ein— ein verwegener Menſch, vermuthlich von jener Bande, welche Ihr Schloß bedrohen ſoll, uͤberraſchte uns hier am Ufer. Wir koͤnnen der Vorſehung danken, daß der Schuß kein Leidweſen anrichtete. Iſt er entflohen, Bertram? Entflohen. Aber ich muß dringend anrathen, wenn von hier aus ein Weg hinfuͤhrt, nach dem Schloſſe aufzubrechen. Ich fuͤrchte Alles von dem Verwegenen— er verließ uns mit Drohungen.— 4 Es iſt Nichols— fuhr der Squire auf.— Ich glaube— in der Daͤmmerung— Er iſt es, Bertram— darin erkenne ich ihn— er will mein Liebſtes rauben— fort, fort nach dem Schloſſe— Wo ſind wir, Ralph Dainswood? An Arthurs Kegel, gnaͤdiger Herr! Es ſchlaͤngelt ſich ein Weg durch die Felſenſpalten hinauf, und von da mag's noch eine Meile bis Walladmor⸗Caſtle ſein. Arthurs Kegel?— wahrhaftig, er iſt es.— Hier ſtand III. Bd. 181 — 114— ich ſchon einmal mit dem Verwegenen, und er drohte mir, er hatte mich betrogen— weh mir— er hat vielleicht ſchon ausgefuͤhrt, was er im Schilde fuͤhrte.— Auf, auf! ſehnell nach dem Schloſſe! Sir Morgan,— ſagte Bertram— die Lady iſt erſchoͤpft. Unmoͤglich kann ſie, wenn keine Anſtalten zum Tragen da ſind, mit uns eilen. Ueberdies ſind ihr Pflege, warme Klei⸗ dung, warme Getraͤnke durchaus noͤthig. Iſt kein Obdach in der Naͤhe? Das Fiſcherhaus zwiſchen den Felſen, ſagte Dainswood. Die Einwohner ſind verdaͤchtige Leute. Sie koͤnnten mit den Boͤſewichtern in Verbindung ſtehn,— murmelte der Sqauire. Nein, ums Himmels Willen nein, theurer Oheim!— rief Ginievra aus— Verlaſſen Sie mich nicht noch einmal! Ich habe Muth, ich habe Kraͤfte, mehr als ich glaubte. Starke Bewegung bei der naſſen Kaͤlte iſt uͤberdies wohlthaͤtig. Ich will mit Ihnen eilen— nur laſſen Sie mich nirgend allein zuruͤck— ich will, ich kann nicht dem Furchtbaren noch ein⸗ mal begegnen. Da kein anderer Ausweg blieb, war der Squire leicht uͤberredet, in die Bitte ſeiner Nichte einzuwilligen. Man hatte noch eine Flaſche Spaniſchen Weines gerettet⸗ und die⸗ ſer wurde den vom Waſſer Erſtarrten dargereicht. Ginievra erklaͤrte, nachdem ſie ein Glas getrunken, ſich ſtark genug⸗ alles zu wagen, und indem ſie den Sauire und den Geiſtli⸗ —— — 115— chen unterfaßte, machten unter Dainswoods Leitung ſich alle auf den Weg durch die Felſenſpalte. Nur Ginievra wollte noch einmal inne halten, und ſagte: Aber wo iſt Almy? Liebes Kind, ſie iſt— wir duͤrfen nicht auf ſie warten — nach dem Schloß, nach dem Schloß!— Sie iſt vielleicht ſchon in Sicherheit— Dainswood ſchnell vorwaͤrts! Dainswood blieb aber ſtille ſtehn. Was iſt Dir, was horchſt Du?— Der Steuermann brauchte aber nicht zu antworten, denn die ganze Geſellſchaft hoͤrte jetzt in der Entfernung zwei Flintenſchuͤſſe, welchen alsbald mehrere folgten. Ein Gefecht! rief der Squire.— Meine Freunde! wir waren zur See auf einen Ueberfall gefaßt. Wir werden es auf dem Lande auch ſein. Vorwaͤrts! vorwaͤrts! rief die Menge.— Vielleicht Un⸗ gluͤcklichen zu Huͤlfe.— Hier ſind wir weniger ſicher, als wenn wir uns den Boͤſewichtern zeigen. Alles eilte durch die Felſenſpalte hinauf. Bertram, der ſich einen Saͤbel hatte geben laſſen, folgte, ſo ſchnell es ſein verwundeter Fuß erlaubte. Fuͤnftes Kapitel. Gloſter. Sieh) wie der Ring umſchließet Deinen Singer, Umſchließt auch Deine Bruſt mein armes Herz. ſimm Beide hin, denn Beide ſind Dein eigen. Und darf Dein armer, Dir geweihter Knecht Von Deiner Huld nur eine Gunſt erbitten, O ſo befeſtigſt Du ſein Glück für immer. Shakeſpeare. König Richard III. Als man auf einem muͤhſam zu erſteigenden Wege uͤber Felsſtufen und durch Felsſpalten die Hoͤhe erreicht hatte, vernahm man das Gewehrfeuer deutlicher; nur ſchien es, nach der Gegend, woher die Schuͤſſe fielen, zu urtheilen, eher ein Geplaͤnker zwiſchen Strauchwerk und Buͤſchen, als ein ordentliches Gefecht. Das Gewoͤlk hatte ſich groͤßtentheils verzogen, man konnte daher beim Mondenlichte in weiter Entfernung die Burg ſehen; aber dort ſchien Alles ruhig, wenigſtens leuchtete aus den Mauern keine Flamme in die Hoͤhe, was der Sauire, ohne den Gedanken ſich ganz klar zu machen, gefuͤrchtet hatte. Rechts von ihrem Wege nach 8*&☛⏑·—— 2— ) — 117— dem Schloſſe, dem tiefern Walde zu— zur Linken lag das Meer— ſchien das Gefecht vorzufallen. Als die Geſellſchaft kaum einige Schritte auf dem ge⸗ bahntern Wege gegangen war, ſpornte ihr ein Reiter ent⸗ gegen: Werda? ſchrie er vom Pferde herab, und man ſah im Mondenſtrahle einen gezuͤckten Saͤbel blitzen. Er ſchien, in der Erwartung, auf einen Trupp Befeindeter zu ſtoßen, die Antwort nicht abwarten zu wollen, und ſetzte ſich eben in Bereitſchaft, durch die Menge hindurchzuſprengen, als ihn die Stimme des Squire ſtutzig machte: Freunde von Walladmor und der Ordnung! Welche Freunde?— Hoͤr' ich recht?— Wahrhaftig— Sir Morgan. Schreiben Sie die Stunde in Ihren Kalen⸗ der unter die guten! Hoͤr' ich recht?— Conſtabler Sampſon!— Was gilts, ſprich! Zeit zum Expliciren iſt nicht, darum muß ich kurz ſein, und den Reſpekt bei Seite werfen.— Die Smuggler, Nik⸗ las, der wirkliche Niklas, haben das Schloß uͤberrumpeln wollen bei Nacht und Nebel— maſſacriren Weib und Kind, und was ihnen wohlgefaͤllt, fortfuͤhren ins Schiff oder ſonſt wo.— Und was iſt geſchehn? Nichts von Allem— aber Vieles ſoll noch.— Bei Zei⸗ ten witterte Alderman Graveſand— ein tolles Weib hatte ihm einen Zettel geſchickt— den Anſchlag. Er ruͤckte mit — 118— den Graͤnzjaͤgern und Zollbeamten den Kerlen in den Ruͤcken, und jetzt ſchlagen ſie ſich im Walde. Es ſind unſer aber zu wenig, und ich ſoll Suceurs holen, ſonſt entkommen ſie uns. So haͤngts.— Gott erhalte ehrliche Leute und belohne ehrlichen Leuten ihre Dienſte— ich habe keine Zeit Damit ſprengte der Conſtabler den Weg nach der Stadt zu, ohne die Geſellſchaft weiter davon in Kenntniß zu ſetzen, was geſchehen, und ob es raͤthlich ſei, den eingeſchlagenen Steinweg nach dem Schloſſe zu verfolgen? Der Squire aber war nicht zweifelhaft, und die Geſellſchaft von gleichem Muthe befeuert. Alle befluͤgelten ihre Schritte, was indeſſen Bertram unmdͤglich ward, da ſeine Kniewunde heftige Schmer⸗ zen verurſachte, und ihm das Gehen ſehr erſchwerte. Er wollte jedoch die Andern dadurch nicht aufhalten, und trat hinter einen Buſch, waͤhrend jene in ſtuͤrmiſcher Eil, ohne auf jeden Einzelnen Acht zu geben, vorruͤckten. Als er ſie aus den Augen verloren, machte auch er ſich auf den Weg. Es war der naͤmliche, auf welchem er zum erſten Male nach Walladmor⸗Caſtle zog. Aber unter wie verſchiedenen Verhaͤltniſſen! Verdaͤchtig als ein Verbrecher, gefeſſelt, im harten Winter, der Willkuͤhr roher Soldaten preisgegeben, ſah er damals nur eine truͤbe Zukunft vor ſich. Es hatte ſich alles umgeaͤndert Er hatte im Schloſſe mehr gefunden, als je ſeine kuͤhnſte Hoffnung ihn erwarten ließ; und doch ſtand er wieder auf einem Punkte des Zweifels, deſen ungluͤckliche Löſung ihn vielleicht um vieles ungluͤck⸗ — 119— licher machte, als er damals war, wo den Unbefangenen nur aͤußere Leiden druͤckten. Seinen Gedanken nachzuhaͤngen war uͤbrigens nicht die Zeit, denn theils mußte er auf den Weg, welcher nur zu⸗ weilen von dem aus den Wolken hervortretenden Monde be⸗ leuchtet wurde, Acht geben, theils ſtoͤrten die Schuͤſſe zu ſei⸗ ner Rechten ihn oft genug auf. Was die Schmugglerge⸗ fechte, welche ſo oft an unſern Kuͤſten mit der groͤßten Er⸗ bitterung geliefert werden, und faſt jedesmal einigen der treuſten Diener des Vaterlandes das Leben koſten, ohne daß ihnen das Vaterland ein Denkmal ſetzt,— was dieſe ſo furchtbar fuͤr den Zuſchauer, oder wer ſonſt unbefangen in die Naͤhe geraͤth, macht, iſt die große Stille, in welcher gemetzelt und gemordet wird. Der Smuggler ſchreit nicht, tritt nicht offen auf; verſteckt hinter der Hecke, lanert er ſeinen Feinden auf, und erlegt, wer ihm in den Wurf kommt: und ſelbſt wenn er angegriffen wird, vertheidigt er ſich mit verbiſenen Zaͤhnen wie ein Tiger, und faͤllt, wenn es ſein muß, ohne Laut. Aber auch die Beamten haben in dieſem kleinen Kriege die ſchleichende Natur ihrer Gegner angenom⸗ men. Sie uͤberfallen, und feuern ſich ſehr ſelten durch ein Kriegsgeſchrei an, aus Furcht, es moͤchte einen Hinterhalt herbeilocken, oder der Poͤbel aus der umliegenden Gegend, welcher es in der Regel mit den Schleichhaͤndlern haͤlt, konnte, aufgeweckt, ihnen zu Huͤlfe eilen. So war auch das Gefecht, welches in der Naͤhe des Weges vorfiel. Aus den — 120— Buͤſchen in den verſchiedenſten Richtungen blitzte es auf, und hier und dort hoͤrte Bertram auch Schwertergeklirr. Er ging indeſſen ſacht ſeines Weges, und es war erſt, nachdem er eine geraume Strecke zuruͤckgelegt, als er in einiger Ent⸗ fernung ſeitwaͤrts folgende Worte vernahm: Verwuͤnſcht— er iſt verſchwunden— das macht Euer dicker Wanſt, Maſter Bloodingſtone— wir waren ihm auf den Zehen— und entlaufen! Der Teufel laufe ſo ohne Vorſicht ins Dunkle und Wilde hinein, wo aus jedem Strauch ein Buſchklepper vor⸗ ſpringen kann.— Und er war ſchon angeſchoſſen— vorn in die Seiten,— ich ſah's, als er uͤber den mondhellen Platz lief, wie er ſich mit beiden Armen vorn hielt, und nachher fah ich auf dem Sande, wie's pure Blut armdick gefloſſen war. Dann liegt er auch in der Naͤhe, Mae Kilmary, denn wenn ein Schwein in die Weichen geſtochen iſt, laͤuft's nicht hundert Meilen mehr. Er muß hier irgendwo zappeln. Such, ſuch, Mae Kilmary⸗ 3 Maſter Bloodingſtone! von Euch laß ich mich nicht wie ein Hund traktiren. Jeder Menſch kann ſeinen Hund haben, aber wer ſich ſelbſt Hund ſein will, der braucht nicht Jeder⸗ manns Hund zu ſein, Maſter Bloodingſtone. Hund! da laͤuft er auf dem Wege, huſch!— Wie ein Hund, wenn der Jaͤger das Zeichen giebt⸗ ßuͤrzte der Irlaͤnder uͤber Stock und Block, packte, ehe Ber⸗ — 121— tram ſich deſſen verſah, dieſen bei der Kehle und warf ihn zu Boden. Indem er auf ihm knieete und mit beiden Faͤu⸗ ſten ihn feſt hielt, ſchrie er aus Leibeskraͤften: Ich habe ihn, Maſter Bloodingſtone, ich habe ihn. Wenn er fortlaͤuft, pack' ich ihn nicht mehr.— Schnell heran,'s iſt Niklas. Soweit es ſeine Korpulenz zuließ, rannte der dicke Schlaͤchtermeiſter heran, und, indem er ſeine Buͤchſe auf den Niedergeworfenen anlegte, ſchrie er: Muckſt Du nur oder ruͤhrſt Dich, ſo ſchlachte ich Dich wie den großen Och⸗ ſen Anno 1799 aus Carnarvon, zuerſt die Hinterfuͤße ab. Muckſt Du noch einmal, zieh ich Dir am lebendigen Leibe die Haut ab. Daß Dich, ein ehrlicher Mann wird doch end⸗ lich mit Dir fertig werden. Bertram konnte kaum ſo viel Luft bei der Kehlenpreſſe des Irlaͤnders ſchoͤpfen, um die Worte zu ſprechen: Ehrlicher Maſter Bloodingſtone, ich bin ja nicht der Niklas, ich bin ja der falſche Niklas! Ja, falſcher Niklas, ein ehrlicher Mann bin ich, und Du ſollſt es noch am Galgen werden. Lieber Maſter Bloodingſtone, der Kerl erſtickt mich.— Laß ihm die Bruſt los, Mae Kilmary, aber wir wol⸗ len ihm Haͤnde und Fuͤße knebeln und den Mund, und dann kannſt Du ihn tragen. 3 Nicht Euch noch dazu, Maſter Bloodingſtone? Dann truͤge ich Wolf und Schaf zuſammen. Daß Dich! Willſt Du vornehm ſein, ich habe in mei⸗ nem zehnten Jahre ſchon ein Kalb getragen, und jedes Jahr ein ſtaͤrkeres. Davon ſeid Ihr jetzt ſelbſt eins geworden. Maſter Bloodingſtone, kennt Ihr mich denn nicht mehr?— Ich bin ja der Gaſt im Schloſſe, Bertram, und habe neulich bei Euch in Me*» Schinken gefruͤhſtuͤckt. Ja, das kann Jeder ſagen— meinte Mae Kilmary, und in ſeiner traurigen Stimme lag der Beweis, daß er ſelbſt ſeinen Irrthum ahne. Mit dem Schlaͤchtermeiſter verſtaͤn⸗ digte ſich Bertram indeſſen bald, und ſtand unter deſſen Beihuͤlfe wieder auf. Mae Kilmary aber, ſehr unzufrieden daruͤber, kraute ſich im Kopfe, und ſprach: Ich habe nun eine Natur, die immer das Rechte aus⸗ ſpionirt, und der Teufel ſoll mich holen, wenn das nicht der Rechte iſt, denn ich habe ihn nun ſchon zweimal gegriffen, und beide Mal laſſen Sie ihn wieder los, weil Sie kluͤger ſein wollen als ich.— Was das bedeuten ſoll, weiß ich nicht.— Der hat ſo gut einen Hals zum Haͤngen als der andere, wenn's denn doch einmal an's Haͤngen gehen ſoll; und was die Ehrlichkeit anbetrifft, ſo wuͤrden wir Alle ſteh⸗ len, wenn man vom Galgen, ſtatt hinauf in's ewige Leben, wieder herunter in's zeitliche kaͤme. Beide Diener der Gerechtigkeit ſchieden von Bertram, nachdem ihn der Schlaͤchtermeiſter, jetzt bei dieſen unruhigen Zeiten wohlbeſtallter Conſtabler, unterrichtet hatte, daß die — 123— Bande des beruchtigten Schleichhaͤndlers ſo gut als vernich⸗ tet anzuſehen ſei, um den ihnen vermeintlich entgangenen Anfuͤhrer auf ‚dem Wege nach der Stadt hin einzuholen. Bertram wandte ſich weiter in entgegengeſetzter Richtung nach dem Schloſſe. Als er jedoch kaum einige funfzig Schritte gegangen war, hoͤrte er ſeitwaͤrts ein klaͤgliches Wimmern und Stoͤhnen. Er blieb vorſichtig ſtehen, und ſah bald, daß an einem Strauche ſich etwas bewege. Es mußte ein Verwundeter ſein, der keine Rettung mehr zu erwarten hatte, denn Fluͤche uͤber ſein Schickſal wechſelten mit der Ausrufung heiliger Namen und Floskeln aus Kir⸗ chengebeten; die Kraft mußte ihm aber ſchon im Ausgehn ſein, denn es waren lange Pauſen zwiſchen jedem Worte, welche von Stoͤhnen und inartikulirten, nach Geſtaltung rin⸗ genden Lauten ausgefuͤllt wurden. Jeſus Chriſtus meiner armen Seele gnaͤdig— habe nur in der Vertheidigung Menſchenblut vergoſſen— ein verfluch⸗ ter heimtuͤckiſcher Schuß— daß ich dem Kerl nicht laͤngſt das Garaus gab— ich habe mich nie an Kirchengut ver⸗ grifeen, und mit meinem Weibe chriſtlich gelebt— vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigern— warum mußten wir ihm auch zu dem tollen Streich folgen?— Es war voraus zu ſehn— ſo viel wackere Burſchen um eine verruͤckte Liebſchaft.— Nein, es iſt nicht moͤglich! ſagte Bertram, der bisher, im Glauben, der Verwundete ſei Nichols, zweifelhaft, was — 124— er thun ſolle, innegehalten hatte. Es war ſein Gluͤck, daß ein Haſelſtrauch ihn verbarg, denn ſechs bis acht Bewaffnete ſtuͤrzten jetzt hervor. Ihr wildes Anſehn verrieth, daß ſie eben erſt das Gefecht verlaſſen. Sie ſtanden ſtill, als ſie das Gewimmer hoͤrten, und Einer von ihnen trat an den Ver⸗ wundeten heran. Der Mond trat eben aus einer Wolke, es war Niklas, der ausrief: 3 Der— fahre nieder auf die Stadtratzen!— Meine be⸗ ſten Leute.— Valentin, Valentin! Du warſt ja ſonſt ein wackerer Burſch und zagteſt nicht um eine Schramme. Auf, auf, es iſt noch nichts verloren. Die Schramme iſt diesmal zu tief herein gegangen— ſtoͤhnte der Verwundete. Wo denn? Die Kugel fuhr in die Weichen, und mein Lebensblut liegt ſchon auf Moos und Sand.— Es geht zu Ende. Ich wills nicht glauben, Valentin! Deine Frau ſchrie immer, wenn Du beim Springen durch die Hecken den Fin⸗ ger ritzteſt. Es iſt Einbildung.— Steh auf, Du kannſt hier nicht liegen bleiben, die Kerle ſetzen uns nach, und wer weiß, ob uns keine entgegen kommen. Es geht nicht mehr, o weh! Valentin! Valentin!— Ich habe noch Muth, teufliſchen Muth.— All das Bißchen Zaghaftigkeit und Verſchaͤmt⸗ heit, was Ihr mir immer vorwerft, iſt mit dem letzten Fun⸗ ken von gewiſſenhafter Ehrbarkeit in der Nacht drauf gegan⸗ — 125— gen. Ich moͤchte jetzt ruchlos ſein und einen Pulverthurm anſtecken, um mich an dem Knall zu freuen. Der Verwundete ſtoͤhnte und aͤchzte. Niklas fuhr, wie berauſcht von einem frevelhaften Gedanken, fort: Valentin, Du warſt der beſte Spießgeſell, wenn's an's Schießen und Stechen ging. Wir ſind noch genug beherzte Leute zuſam⸗ men. Jeder mißt ſich mit Dreien. Morden und metzeln will ich. Die Liebſte iſt mir untreu worden. Nun gilt's Gewalt; ich ſchleppe ſie fort, und wenn ſie ſich ſtraͤubt, iſt's neue Luſt.— Faullenzer, ſteh auf! Jeſus Chriſtus meiner Seele gnaͤdig! Was? Beteſt Du?— Ja, dann iſts weit gekommen.— Mit mir iſt's anders.— Ich habe Blut vergoſſen, das hat mich luſtig gemacht.— Ich habe Muth zu tauſend Frevel, und wuͤnſchte nur, ich ſtaͤnde andern Leuten entgegen, als einem armen Friedensrichter. Ihr habt doch Muth, Burſche, Vergebung iſt nicht zu hoffen— Blut um Blut, der Gal⸗ gen, wenn wir verlieren, und ein huͤbſches Maͤdchen, wenn wir gewinnen, und alles vollauf, was wir wuͤnſchen, und dann auf Jaeſons Schiff geſtiegen, und der alten Welt ein Ade gerufen. Aus den wilden Bewegungen der Maͤnner ſchloß Ber⸗ tram, daß die Bande noch einen Angriff gegen das Schloß beabſichtige. Deutlicher wurde aber zugleich das Gewimmer des Sterbenden. Er druͤckte Niklas Hand und ſchien ihn zu ſich herabziehn zu wollen. Was er ihm von Ermahnun⸗ — 126— gen zur Bekehrung zufluͤſtern mochte, verſtand Bertram nicht. Niklas ſcheue Blicke und Worte verriethen aber der⸗ gleichen: Nicht doch, Valentin!— Ich habe noch Mark und Kraft in den Sehnen. Heut noch das Schloß— es foll lodern, und ich will mich freuen, noch lange freuen, ehe die auftreten, welche nebſt den Wuͤrmern an meinen Nach⸗ laß Anſpruch machen. Niklas, mit Deinen wenigen Leuten— die Beſten ſind todt! Toms fehlte, als wir zu fruͤh den Streich wagten. Toms dient zweien Herren.— Und gegen den Squire beginnt er nichts. Toms iſt mein. Du haſt die Gedanken eines Pfaffen be⸗ kommen.— Waͤr's deshalb, ich moͤchte mich vor dem Tode fuͤrchten.— In ein Paar Stunden, Valentin, wenn Du von uns ſcheideſt, ſteige ich durch Toms Huͤlfe ins Schloß und ins Brautbett mit der Getreuſten,— oder, wenns fehl⸗ ſchlaͤgt— nun dann ſehn wir uns wieder. Leb wohl! Niklas, mein Weib.— Denke an mein Weib!— Laͤngeres Verweilen haͤtte Bertram vielleicht verrathen, vielleicht unmoͤglich gemacht, ins Schloß Nachricht von dem unternehmen zu bringen, welches, im Gelingen, das Gluͤch des Squire, ja ſein eigenes auf ewig vernichten mußte. Er ſchlich daher, ſo leiſe es ging, aus ſeinem Verſtecke fort und auf den großen Weg, ſo weit dieſer beſchattet war. An mondhellen Stellen druͤckte er ſich ſeitwaͤrts ins Gebuͤſch⸗ bis er, nach einem gewonnenen Vorſprunge, ſicher vor den Verfolgungen zu ſein glaubte, und nun ſo gemaͤchlich gehen konnte, als dies ſeine Verwundung wuͤnſchenswerth machte. Schon ſtieg das Schloß in ſeiner gothiſchen Pracht vor ihm in die Hoͤhe, und er konnte die einzelnen Thuͤrme und ſogar die Zinnen und Schießſcharten, gegen den mondhellen Horizont erkennen, als es hinter ihm laut wurde. Er blieb ſtehen, die Entfernung ließ ihn aber nichts unterſcheiden. Dagegen ſtampfte vielfacher Hufſchlag auf dem Felsboden des Weges, Saͤbel klirrten, und es fielen mehrere Schuͤſſe. Man mußte mit großer Erbitterung ſtreiten, denn lange nachdem kein Schuß mehr fiel, dauerte das Klirren der Saͤbel noch fort. Auch hoͤrte er wildes Gekreiſch, wie es nur in den Gefechten der Amerikaniſchen Staͤmme vernommen wird. Kaum mochte er wiederum fuͤnf Minuten fortgegangen ſein, als das Saͤbelklirren ganz aufhoͤrte und er nur das Pferdegetrampel hoͤrte. Dies kam ihm aber naͤher, und er bemerkte mehrere Reiter auf dem hohen Strandwege hinter ſich her ſprengen. Bald waren ihm die Vorderſten ſo nahe, daß er ihnen nicht mehr entkommen konnte. Dort flieht Einer!— Greift ihn, eh er ins Meer ſoringt— rief vermuthlich ein Anfuͤhrer, und Bertram ließ ſich willig von den vorſprengenden Reitern, ohne einen ſo ge⸗ fährlichen Verſuch zu machen, unſanft am Kragen faſſen. Zu ſeiner Frende erkannte er in ihnen Dragoner deſſelben Negiments, von welchem er fruͤher nach Walladmor⸗Caſile war — 138— transportirt worden. Er fragte bgher Pogleich: Iſt Sir Wil⸗ liam Devenant Euer Anfuͤhrer?— Ihm will ich mich er⸗ geben. Der wird fuͤr die Ehre danken,— ſagte Einer— und wenig Federleſens machen.— Den Riemen durch die Schultern, Anton. In dem Augenblicke ſprengte der Anfuͤhrer heran. Ob es der Naͤdelsfuͤhrer iſt, der Staatsverbrecher, Anton?— Schmuck ſieht er aus, Sir Devenant, Gott weiß, wo der Rock geſtohlen iſt. Sir Devenant, Sir Devenant, befreien Sie michl Was, eine bekannte Stimme? Schon einmal incommodirte ich Sie mit meinem Trans⸗ port nach dem Schloſſe. Diesmal kann ich Zeugen meiner Redlichkeit aufweiſen. Hoͤr' ich recht?— Herr Bertram! Bertram, und kein Smuggler. Der Ritter ſprang vom Pferde, unb bewillkommnete den alten Bekannten. Beide theilten ſich, auf die begierige An⸗ frage des Andern, ihre Wiſſenſchaft von den heutigen Vor⸗ faͤllen mit, und der Officier erzaͤhlte, daß er, in der Naͤhe ſtationirt, auf die Nachricht von dem bedrohten Schloſſe, ſo⸗ gleich habe aufſitzen laſſen. Von der Zerſtreuung der Smugg⸗ ler hatte er unterweges gehoͤrt, war aber doch ungefaͤhr, wo Bertram den Valentin verließ, einen Trupp anſichtig gewor⸗ den. Die Smuggler hatten ſich zur Wehr geſetzt und, hin⸗ e — 129— ter Straͤuchern liegend, nach Sir Davenants Verſicherung, mit einer Erbitterung gefochten, welcher nur die der Spa⸗ nier und Franzoſen in den Gebirgsgefechten des Bonaparte⸗ ſchen Krieges gleichkam. Mehrere Dragoner waren verwun⸗ det worden, zwei Smuggler geblieben. Von den uͤbrigen mochten, nach der Meinung des Officiers, alle verwundet ſein; es war jedoch nicht gelungen, auch nur eines einzigen habhaft zu werden, indem jeder mit dem Saͤbel ſo lange ge⸗ fochten, bis er todt niedergeſunken war, oder im Dickicht eine Zuflucht gefunden, wohin es den Reitern, bei der Un⸗ bekanntſchaft mit den Hinderniſſen des Terrains, unmoͤglich zu folgen war.— Bertram fand jetzt Platz auf einem Drago⸗ nerpferde. Ehe wir jedoch die Ankunft des Trupps im Schloſſe beſchreiben, iſt es noͤthig, in der Geſchichte etwas zuruͤckzu⸗ ſpringen. Die Geſellſchaft war in ſtuͤrmiſcher Eil gluͤcklich dahin gekommen, und hatte bereits den Alderman Graveſand ange⸗ troffen, welcher auf den Lorbeeren ſeines kurzen Feldzuges ruhte. Er wußte in ſeiner Bewillkommnungsrede an den Squire ſehr geſchickt einfließen zu laſſen, daß er der Retter des Schloſſes ſei, und erſt ſehr ſpaͤt erfuhr Sir Morgan, daß die Obrigkeit in Meer durch einen anonymen Zettel von dem Anſchlage des Verbrechers ſei unterrichtet worden. Sie hoͤr⸗ ten, daß die Rotte waͤhrend des Ungewitters den erſten Sturm auf das Schloß gewagt habe, aber theils von dem Seneſhal und zwei alten zuruͤckgehliebenen Dienern durch Flinten⸗ IIl. Ed. 19 — 130— ſchuͤſſe abgewieſen, theils durch den Ueberfall der Zollbeam⸗ ten zum Ruͤckzuge genoͤthigt worden ſei. b Roch aber war die Beſorgniß im Schloſſe nicht beſeitigt. Ginievra war, als ſie die im Vorhofe beim Fackelſchein Ver⸗ ſammelten anblickte, unruhig geworden, und der Sauire, wel⸗ cher ſie zu uͤberreden ſuchte, heut alle Nachfragen zu unter⸗ laſſen, und ſich ruhig zur Erholung niederzulegen, ſchien er⸗ freut, als die Frage, welche ſie nicht unterdruͤcken konnte, niemand weiter betraf, als Bertram. Herr Bertram! Herr Bertram! wurde von allen Seiten gerufen, aber keine Antwort erfolgte. Man fragte, ob Je⸗ mand wiſſe, wo Bertram geblieben ſei? aber Keiner konnte von ihm Auskunft geben. In der That wurde jetzt auch der Squire beſorgt und ging unruhig umher, aber Ginievra ſchien am meiſten von der Angſt gefoltert. Er ſiel und verwundete ſich, als er mich an's Land trug V — Oheim, beſter Oheim— warum wurde nicht uͤr ihn ge⸗ ſorgt— warum keine Saͤnfte herbeigebracht?— Er kann unterweges hingeſunken ſein— vielleicht am ſchwindligen Abgrunde— vielleicht— es wird noch immerwaͤhrend in Walde geſchoſſen— es kann ihn eine Kugel getroffen haben — er faͤllt in die Haͤnde der Raͤuber,— wird denn Niemand hingus, ihm entgegen gehn?— Man lief unter einander, ohne einen Entſchluß zu faſſen; in dem Augenblicke aber pochte es an's Thor. Ginieyra, in — 131— der Aufwallung der Gefuͤhle ihrer ſelbſt nicht maͤchtig, rief:⸗ Er iſt's, er iſt's! und ſtuͤrzte an das Thor, die kleine Pforte zu oͤffnen. Es gelang ihr, ehe der aͤltliche Pfoͤrtner heran humpelte. Sie riß, als ſolle dieſe Bewegung ihre Herzens⸗ frende ausdruͤcken, die Pforte weit auf, aber nicht Bertram ſprang ihr freudig entgegen, ſondern aͤchzend und ſtoͤhnend naͤherte ſich Jemand, mit einer ſchweren Laſt in den Armen. Es war Toms. Halb trug er, halb ſchleppte er eine weib⸗ liche Geſtalt, offenbar eine Todte, durch die Pforte. Mit gebeugtem Kopfe, ohne die Muͤtze abzuziehen und ohne ein Wort zu ſprechen, zog er langſam bis in den Hof, lehnte dort die Leiche auf einen Stein, und ſtuͤrzte ſich weinend neben ihr nieder. Ginievren war es kalt uͤber die Glieder gelaufen. Mit einem Schrei der Ahnung ſtuͤrzte ſie von der offen gelaſſenen Pforte auf die Leiche zu, und brauchte nur einen Blick auf das unverhuͤllte Geſicht zu werfen, um ihre Dienerin Almy zu erkennen. Sie griff inſtinktartig nach dem Puls, nach dem Herzen der Leiche, und rief dann mit ge⸗ dehntem Tone, als koͤnne die Verzoͤgerung der Antwort Hoff⸗ nung, wenigſtens Troſt bringen: Iſt ſie denn wirklich todt?— Sie ſiel ins Waſſer— ſagte Toms, der ſich mit beiden Haͤnden das Geſicht verhuͤllt hatte. Ginievra fand in den Thraͤnen, welche ihr reichlich entſtroͤmten, Linderung fuͤr die verſchiedenartigen, ihre Bruſt beengenden Gefuͤhle, und es war Niemand, der nicht um den Tod des unbefangenen, lebensfrohen Maͤdchens fuͤr einen Augenblick ſchmerzlichen — 132— Gefuͤhlen Raum gegeben haͤtte. Nur Toms ſchien keinem Gefuͤhle Luft machen zu koͤnnen. Ralph Dainswood nahm zuerſt wieder das Wort in der Todtenſtille: Sie hatte ſich ſo feſt an den Maſtbaum geklammert, daß ſie, als das Schiff umkippte, unten wohl erſticken mußte, waͤhrend die andern frei ins Waſſer geſchleudert wurden, und bald oben, bald unten lagen, bis man ſie greifen konnte.— Der Toms ſchwamm ihr nach, und kriegte ſie endlich zu packen— gber das war ein todter Fiſch. Und er hat ſie die ſteile Felswand allein heraufgetragen, — bemerkte ein Anderer. Der Sauire wollte mit beruhigenden Worten die Trau⸗ ernde leiſe aus dem wilden Auftritte fortfuͤhren, und Maſter Simon war ihm behuͤlflich, indem er Ginievren die Troſt⸗ gruͤnde zufluͤſterte, welche die Religion jedem durch das Hin⸗ ſcheiden geliebter Weſen betruͤbten Gemuͤthe eingeben kann. Aber er predigte tauben Ohren, oder ward nur halb verſtan⸗ den, indem ja auch er die Beſorgniß der Lady nur halb ver⸗ ſtand. Als ſie aber uͤber die Zugbruͤcke in den innern Hof gehn wollten, ſtarrte Ginievra ploͤtzlich zuruͤck und fiel dem Geiſtlichen mitten in die Rede: Aber wo iſt Bertram? Wir werden nach ihm ſenden, theures Kind. Er iſt zudem ein ganz Fremder, und die Boͤſewichter haben keinen Grun, wenn er auch in ihre Haͤnde fallen ſollte, feindlich gegen ihn zu verfahren, da er Keinen beleidigt hat und Niemandem feindlich im Wege ſteht. 5 — 133— Ginieyra ſeufzte auf und zitterte. Kind, der Fieberfroſt ſchuͤttelt Dich, willſt Du laͤnger Dich hier verweilen, wird die Gefahr immer groͤßer.— Die Gefahr!— rief Ginievra aus, ohne von der Rede des Squire etwas anders, als das eine Wort gehoͤrt zu haben. — Iſt er in Gefahr? Er ſchont ihn nicht, der Fuͤrchterliche. — Er iſt rachſuͤchtig. Es ſcheinen die Fieberphantaſteen ſchon zum Ausbruch zu kommen— fuuͤſterte der Geiſtliche. Es iſt keine Gefahr vorhanden, liebes Kind, ſage ich Dir, und will Dir das morgen auch naͤher auseinander ſetzen.— Herr Gott!— ſchrie ſie auf— ich hoͤre Laͤrm, Pferde— ganz weit— er iſt es, er iſt es.— Beide Begleiter hielten auch dies fuͤr den Ausbruch einer Phantaſie; als ſie ſich aber umkehrten, vernahm man deutlich den Trapp eines Reitertrupps. Jetzt kam die Reihe des Zitterns an den Squire: Iſt das Thor verſchloſſen? rief er aus, und ſchien doch nicht zu wiſſen, als eine bejahende Antwort erfolgte, ob er dieſe Maaßregel billigen, oder Be⸗ fehl geben ſolle, es zu oͤffnen. Die Reiter pochten indeſſen laut und vernehmlich ans Thor; und als auf den Ruf „Werda!“ die Antwort entgegenſcholl:„Freunde von Wal⸗ ladmor!“ oͤffnete der Pfoͤrtner den großen Thorweg, und die Dragoner ſprengten in den Hof. Sir Davenant ſprang zu⸗ erſt vom Pferde, und dem Squire entgegen. Ginievra, die ſich von ihrem Oheim losgeriſſen, pruͤfte ihn mit aͤngſtlich — 134— forſchenden Augen, und als ſie in ihm nicht den Erwarteten fand, ging ſie, ohne auch nur einen Blick auf ihn zu wer⸗ fen, weiter vor, bis ihr Bertram entgegen trat. Theure Lady!— Um Gottes Willen! noch immer in der naſſen Kleidung— Ihre Geſundheit— Ihr Lehen— beden⸗ ken Sie— Sie ſind ihm nicht in die Haͤnde gefallen? redete ihn Ginievra an, ohne ſelbſt auf ſeine Rede zu achten.— Nicht, nicht?— O das iſt ein großes, ein großes Gluͤck. Aber Sie ſehen blaß aus.— Sind Sie ihm auch nicht begegnet?— Lieber Bertram, aber warum trennten Sie ſich von uns?— Ihr Fuß— ich weiß alles— man haͤtte eine Saͤnfte brin⸗ gen ſollen— die Nacht war ſehr ſchoͤn— und es iſt ſehr warm.— Auch Bertram wurde beſorgt, daß die Erkaͤltung und Anſtrengung auf die Lady uͤbel gewirkt, und ein Fieber er⸗ zeugt haͤtten. Sie verſicherte indeſſen, ſich ſo wohl zu befin⸗ den, daß ſie die ganze Nacht ohne Schaden aufbleiben koͤnne, entfernte ſich jedoch auf aller Andringen, um der Ruhe zu pflegen. Der Sauire dankte hierauf dem Officier fuͤr den ſchnellen Beiſtand, ſagte aber, als Sir Davenant behauptete, die von ihm neuerdings zerſtreuten und verwundeten Boͤſe⸗ wichter koͤnnten unmoͤglich einen neuen Angriff wagen, mit bedeutungsvoller Miene: Junger Mann! in den Sternen ſteht es anders geſchrie⸗ ben. Dinge koͤnnen ſich in dieſer Nacht ereignen, von denen — 135— Zauberer Merlin nichts getraͤumt hat. Sein Sie auf Ihrer Hut, wir haben ruͤſtige Maͤnner im Schloſſe, vielleicht iſt es um Mitternacht Noth. Nun wollen wir jeder einige Stun⸗ den ausruhen, und dann uns alle zu einem ſpaͤten Nachttiſch im Saale verſammeln. Sie, Maſter Simon, werden mich wohl hinaufbegleiten in meinen Thurm. Er machte eine bedeutungsvolle Bewegung zum Geiſtli⸗ chen, welcher ſich ſchweigend verneigte. Dann faßte er ihn unter den Arm, und Jedermann zog ſich in ſein Zimmer zuruͤck. Als Bertram ſich in dem ſeinigen umgekleidet, verbun⸗ den und einige Zeit auf dem Ruhebette von den Anſtrengun⸗ gen des Tages ausgeruht hatte, ſah er zum Fenſter hinaus. Noch uͤbten die Nachzuͤgler des Gewitters ihre Rechte am Horizonte aus. Wolken zogen hin und her, es donnerte, blitzte, und das Meer zeigte ſich noch immer unruhig da, wo der Mondenſtrahl es erleuchtete. Im Schloſſe dagegen ſchien jedes Geſchoͤpf von den Stuͤrmen des Tages auszuruhen. Selbſt die in den alten Geſimſen des Schloſſes niſtenden Eulen und Raubvogel, ſonſt die Waͤchter der Nacht, ließen ſich nicht hoͤren. Dieſe große Stille, verbunden mit dem langſam rollenden Donner, machte aber auf Bertram einen unangenehmen Eindruck. Nach einem ſo gewichtigen Tage⸗ wie der heutige, ſucht der thaͤtige Menſch, auch wenn er ab⸗ gemattet iſt, andere Erholung, als in der Einſamkeit. Zudem lag ihm ſo vieles auf dem Herzen, und er haͤtte ſich uͤber die — 136— Vorfaͤlle noch gern Andern mitgetheilt. Er eilte deshalb aus ſeinem Zimmer, und zuerſt auf den Hof. Hier war es ganz ſtill. Erſt nachdem er ſich eine Weile umgeſehn, hoͤrte er ein klaͤgliches Wimmern, welches eine tiefere Betruͤbniß auszudruͤcken ſchien, als es laut war. Ber⸗ tram erkannte die Stimme des ungluͤcklichen Toms. Es war ſeine Abſicht geweſen, dieſen zu pruͤfen, um zu erfahren, ob, nach Nichols Verſicherung, der Geaͤchtete oder der Squire auf ſeinen Beiſtand rechnen koͤnne. Als er aber jetzt ſeinen Zuſtand ſah, glaubte er ſich dieſer Vorſicht uͤberhoben, denn der ungluͤckliche junge Menſch ſchien vernichtet. Er galt ſchon ſonſt im Schloſſe fuͤr ſtumpfſinnig, und ſeine beſte Ei⸗ genſchaft war die Treue, mit welcher er, ohne zu pruͤfen, die Befehle ſeines Herrn, oder, wie Bertram erfahren hatte, die ſeiner Herren ausfuͤhrte. Gegen Tadel und Lob gleich⸗ guͤltig, ſchienen alle ſeine Handlungen mehr das Gepraͤge des Inſtinktes an ſich zu tragen. Als ein geborner Unter⸗ than des Squire, hielt er deſſen Befehle fuͤr hoͤhere Einge⸗ bungen, und Sir Morgan achtete ihn auch vor andern Die⸗ nern, als ein treu alt Waͤliſch Gemuͤth. Beinahe zur ſelben Zeit, wo er in die Dienſte ſeines Gutsherrn trat, lernte er gaber auch den erſten kleinen Seedienſt, wie die Strand⸗ bewohner jener Gegend die Beihuͤlfe des Smuggelns nen⸗ nen, unter dem beruͤchtigten und gluͤcklichen Anfuͤhrer der Smuggler in dieſer Gegend. Sei es nun, daß die groß⸗ artigen Seiten in Nichols Charakter einen ſolchen Eindruch — 137— auch auf ſeinen Stumpfſinn hervorbrachten, wie auf andere ruͤſtige Burſche der Umgegend, welche ihm blindlings folg⸗ ten; ſei es, daß irgend ein anderes geheimes Band ihn an den kuͤhnen Verbrecher feſſelte; kurz, er wurde bald einer der treuſten Anhaͤnger des Smugglerhauptmanns, was ihn oft in nicht geringe Verlegenheit ſetzte. Indeſſen ſchob man die daraus entſpringenden Verſehen und Unterlaſſungsſuͤnden auf ſein Phlegma, und der Sauire achtete ihn darum nicht we⸗ niger. Toms Liebe zur froͤhlichen Almy war eine der innig⸗ ſten; nichts deſto weniger wußte er ſie nicht von ſich zu ge⸗ ben, und wurde deshalb oft vongſeinen Kameraden verſpot⸗ tet, und das muntere Maͤdchen hatte ſelbſt erſt kurz vor ihrem Tode ihn wegen ſeines Stummſeins aufgezogen und mit ihm geſchmollt. Nach ihrem Tode hatte er ſeine innige Liebe durch die That bewieſen, und es verrieth einen hohen Grad faſt ſchwaͤrmeriſcher Zuneigung, welche ihn getrieben, ihren entſeelten Koͤrper den langen und beſchwerlichen Weg unten am Strande uͤber Klippen und Loͤcher fort und allein die Felswand heraufzutragen. Es mochte indeſſen auch eben der Umſtand, daß Almy vor ihrem Tode auf ihn ſcheinbar ge⸗ zuͤrnt hatte, zu den außerordentlichen Anſtrengungen und dem tiefen Schmerze, welcher ihn uͤberwaͤltigte, beigetragen haben. Er ſaß auf einem niedrigen Steine neben der Leiche, und hielt das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckt, waͤhrend er ſeine Ellenbogen auf die Kniee ſtuͤtzte. Bertram trat leiſe an ihn heran, ohne bemerkt zu werden, und ſah ihn eine — 138— Weile ſchweigend an, bis auch ihm dieſe ſtumme Scene neben der mit offenen Augen daliegenden Leiche peinlich wurde. Toms— redete er ihn mit freundlicher Stimme an— guter, ehrlicher Toms— wir muͤſſen alle ſterben— fruͤh oder ſpaͤt— und die fruͤh ſterben, haben's vielleicht beſſer droben, als wenn ſie veraltert und ſatt am Leben in das neue kommen.— Deine Almy hat ein ſchneller ſchoͤner Tod, mitten auf einer Luſtfahrt, hinweggerafft.— Wir brauchen ſie nicht zu betrauern, ſie braucht kein Mitleid. Kein Mitleid!— fuhr Toms in die Hoͤhe— ſie haben ſie liegen laſſen— und keine Seele hat ſich drum bekuͤm⸗ mert.— Als ſie noch lebte und friſch herum ſprang, waren ihr Alle gut— jetzt haben Alle ſie liegen laſſen, und ein armer todter Menſch iſt recht ſchlimm daran, Der Vorwurf war halb begruͤndet. Die Vernachlaͤſſt⸗ gung ruͤhrte indeſſen wohl nur von der allgemeinen Unruhe her, dennoch konnte ſie das Herz des ungluͤcklichen Gelieb⸗ ten mehr als jede ihm perſoͤnlich widerfahrene Beleidigung verwunden. Bertram, der uͤberdies fuͤrchtete, dies verwun⸗ dete Gefuͤhl moͤchte ihn ſtumpf gegen ſeine Verpflichtung,⸗ und den verbrecheriſchen Eingebungen ſeines zweiten Herrn geneigt machen, ſuchte alle gewoͤl nlichen Troſtfloskeln hervor, welche indeſſen wenig anſchlagen konnten, da Toms nach jeder erbaulichen Periode alle Argumentationen mit dem nicht zu beſtreitenden factiſchen Satze niederſchlug: zWenn ſie nur nicht todt waͤre.“ — 139— Ihn, der nie freiwillig der Thaͤtigkeit huldigte, zur Ue⸗ berwindung des Schmerzes, zu ſelbſtthaͤtigem Handeln anzu⸗ ſpornen, war eben ſo fruchtlos, und er antwortete auf jede Ermunterung und Frage: ja, ja! woraus aber meiſtens her⸗ vorging, daß er nicht im mindeſten Acht gegeben hatte. Da nichts dem Ungluͤcklichen irgend eine Theilnahme, ja nicht einmal die volle Klage ſeines Leidweſens zu erpreſſen vermochte, und immer nur ein tiefer Wehruf das Uebermaaß der Schmerzen im Innern ausdruͤckte, wurde Bertram in ſeiner Gegenwart unheimlich zu Muthe, und er eilte uͤber den Hof in den großen Verſammlungsſaal. Schon war zum Nachtmahl Alles vorbereitet, nur die Gaͤſte fehlten. Als er aber einige Schritte vorging, bemerkte er Ginievren, weiß gekleidet und wie in tiefes Nachdenken verſunken, auf dem Sopha ſitzen. Sie hatte ihn nicht ein⸗ treten ſehn. Als er aber jetzt vor ihr ſtand und ſeine Ge⸗ genwart kund gab, ſah ſie ploͤtzlich in die Hoͤhe, ſprang dann auf, wollte ihm ihre Hand reichen, ſtuͤrzte ihm aber in dem⸗ ſelben Augenblicke, wie uͤbermannt von einem maͤchtigern Ge⸗ fuͤhle, in die Arme. Bertram druͤckte ſie ſanft an die Bruſt und lispelte: Ginievra!— Nach einer Weile:— Ich darf hoffen?— darf auf ein Gluͤck hoffen, deſſen Gedanke allein den Traͤumer an dem Felsrande muͤßte ſchwindeln machen, daß er hinabſtüͤrzte? Sie entgegnete: Wo waͤre Gluͤck, Leben, Jugend, ohne Dich?— In den Wellen, oder mehr todt, als todt.— — 140— Bertram war befangen vom Taumel uͤber eine Ausſicht, wie er ſie kaum in ſeinen gluͤcklichſten Traͤumen ſich vorge⸗ bildet hatte; aber er war zugleich ſo unbefangen, zu bemer⸗ ken, daß Ginievras Worte aus einer heftigen Exaltation her⸗ vorgingen, welche, bei ihren ſchwachen Nerven und nach Vor⸗ gaͤngen wie die des heutigen Abends, ihrem Leben konnten gefaͤhrlich ſein. Er ſuchte daher mit eigener Ueberwindung und zarter Schonung ſie von einem Gegenſtand des Geſpraͤ⸗ ches abzulenken, welcher fuͤr ihn beſeligend ſein mußte. Ginievra! Theures Maͤdchen, es iſt wohl ſchoͤn, in ſeli⸗ gen Traͤumen zu ſchwaͤrmen; wie aber, wenn wir erwachen? — Der ganze Tag erſcheint mir heute wie ein Feentraum. Das Wunderbare in Gluͤck und Ungluͤck uͤberbietet ſich— daß ich faſt an der Wirklichkeit alles deſſen verzweifele, was geſchehen iſt.— O ſprich mein Gluͤck nicht heute, nicht in dieſer Stunde aus: denn ich fuͤrchte, es zieht wieder ein Sturm heran, wie dort am Horizont die finſtere Wolke den Mond uͤberzieht.— Ginievra verſtand ihn falſch und fiel ihm ins Wort Fuͤrchteſt Du, Bertram?— Ich kenne nicht den Gang und die Schrift der Sterne, wie mein Oheim, aber ich vertraue ihnen. Es heißt ja im Liede: Ueber Meereswellen, Ueber Felſenklüfte, Unter ſchäumenden Quellen, Durch Todtengrüfte, — 141— Im Sturmeswehen, Ueber ſchwindelndem Steg, Auf Felſenhöhen, Findet Liebe den Weg. und das ſang ich, als ich Nichols geſehen und der erſte Strahl der Liebe mich entßammte. Ja als ich entdeckte, uͤber welche Kluft hinab ich ſchauen mußte, wuchs mein Muth, und, Bertram,— halte mich nicht fuͤr untreu,— ich liebte den adligen Sinn des wilden Mannes, ſein ſeurig Auge, ſeine hohen Zuͤge. Aber die Sonne verfinſterte ſich, der dunkle Daͤmon blickte aus dem Auge hervor, der adlig wilde Mann wurde zum verwegenen Moͤrder, und Blut und Rach⸗ gier entadelten die hohen Zuͤge. Das glaͤnzende Geſtirn mei⸗ ner Liebe war ganz verfinſtert, als Du, ſein beſſeres Abbild, hervortrateſt. Bei ihm habe ich nur gezittert, auf Dich blickte ich ſeit dem erſten Abend gern, mir war wohl in Deiner Naͤhe— Ginievra,— ſagte Bertram, ſie noch einmal ans Herz druͤckend,— ich will wagen, muthig ſein— Deinen Ster⸗ nen vertrauen. Man hoͤrte jetzt draußen Geraͤuſch, und beide Liebende trennten ſich mit einem feierlichen Haͤndedruck, der Beſiege⸗ lung ihres Bundes. Bertram ging den Eintretenden entge⸗ gen, war aber wenig erfreut, zuerſt die Hand des Bewill⸗ kommens Sir Davenant reichen zu muͤſſen. Indeſſen traten mit ihm noch zwei andere Herren ein, und er hatte fuͤr dies⸗ — 142— mal wenig von der ſarkaſtiſchen Hoͤflichkeit des Officiers zu fuͤrchten, der mit aller ſteifen Feierlichkeit einer ceremoniellen Aſſemblee die Unterhaltung uͤber das Wetter und unumſtoͤß⸗ liche Wahrheiten der Logik eroͤffnete. Auch Ginievra, um welche die Anweſenden im Halbkreiſe ſich niedergeſetzt hat⸗ ten, ſchien ſich in dieſem feierlichen Tone zu gefallen, und fuͤhrte ihn, ohne ihre innere Bewegung merken zu laſſen, fort, bis ſie ploͤtzlich vom Sopha aufſprang und ausrief: Das Licht im Thurme geht aus. Man fragte, was es bedeute, und erhielt zur Antwort, Sir Morgan habe ſeine aſtronomiſchen Studien mit dem Geiſtlichen beendet und komme zur Geſellſchaft. Jetzt laͤu⸗ tete auch die Schloßglocke zur Abendmahlzeit. Der Saal fuͤllte ſich, der Squire kam mit dem Geiſtlichen unter dem Arme, und alle nahmen Platz bei einer Mahlzeit, welche ſo ſtill und feierlich anhob, als man es nach Begebenheiten des heutigen Tages nicht erwarten konnte. Der Sqauire, ſonſt das Muſter eines Wirthes, ſchien alle feinere Regeln der Gaſtfreundſchaft vergeſſen zu haben; denn waͤhrend des gan⸗ zen erſten Theils der Mahlzeit unterhielt er ſich nur leiſe mit ſeinem Tiſchnachbar, dem Geiſtlichen, und uͤberließ es der Sorgfalt des Offieiers, das allgemeine Geſpräch nicht ganz einſchlafen zu laſſen. Ginievra wollte, ihre Ermuͤdung vorſchuͤtzend, den Tiſch verlaſſen. Als der Squire es aber bemerkte, rief er ihr zu: Nicht doch, Ginievra, es iſt jetzt nicht Zeit, wir muͤſſen noch V — 143— bei einander bleiben— jedoch mitten in der Anrede an die Nichte brach er wieder ab, und wandte ſich abermals zum Geiſtlichen:— Was die Aehnlichkeit beider Conſtellationen betrifft, ſo begreifen wir nicht den Zuſammenhang, aber Ma⸗ ſter Simon, er wird klar werden.— Sir Morgan hatte ſich vergeſſen, auch dieſe letzten, nur fuͤr den Geiſtlichen beſtimmten, Worte ſo laut zu ſprechen, als redete er noch zur Nichte; und Sir Davenant benutzte den Umſtand, den Redner ins allgemeine Geſpraͤch mit zu verflechten, und ſeiner eigenen Laune, der er ſo lange Zwang anlegen muͤſſen, Luft zu machen. Meine Conſtellation ſoll die Ehre haben, mit der unſe⸗ rer Lady aͤhnlich zu ſein, Sir Morgan?— Da muͤßte frei⸗ lich ein Zauberer, maͤchtiger als der graubaͤrtige Merlin, im Spiele ſein, denn die Lady iſt geſonnen, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, und ich bin es, noch einige Stunden bei Tiſch, Be⸗ cher und einer ſo launigen Geſellſchaft zu verweilen. Bis Mitternacht, Sir Davenant! nur bis Mitternacht! Warum his zur Geiſterſtunde? Weil die Geiſter dann regieren, die Maͤchtiges, die Un⸗ geheures wirken. Meine werthen Gaͤſte, alt Waͤliſche Herren und edle Fremde! Wenn die Sterne nicht luͤgen, wird, noch ehe der Hahn kraͤht, eine Sonne aufgehn uͤber Walladmor. Laſſen Sie uns— er erhob ſein Glas— auf das Wohl der Stunde leeren, die da kommen wird. Alle ſtanden, dem Beiſpiele des Squire folgend, auf, und — 14— es erklang das Wohl der kommenden Stunde; aber kein Frohſinn, ſondern eine unheimlich feierliche Stimmung hatte ſich der Anweſenden bemaͤchtigt, und ſelbſt auf Sir Dave⸗ nauts Geſicht wurde der angenommene Ernſt zum wahren, waͤhrend der Wirth redete: Wem brauchte ich zu klagen, daß mein Sohn in der Stunde ſeiner Geburt mir von einem tollen, racheſuͤchtigen Weibe entriſſen wurde?— Die Sterne ſagten, er lebt, aber nie habe ich erfahren, in welcher Sprache er auferzogen, in welchem Glauben er aufgewachſen, ob der Erbe Walladmors von den Engeln des Lichts behuͤtet, oder von den Geiſtern der Finſterniß verfuͤhrt worden?— Aber in der Stunde ſeiner Geburt merkte ich den Stand der Geſtirne, ich ſtellte Edwins Horoſkop. So geben mir die Sterne in den begluͤck⸗ ten Momenten Kunde von dem Sohne, den ich nie geſehen. — Truͤbe, wild verworren ſah es am Himmelskreiſe aus, und ohne Ziel liefen die Linien im Kreislauf, bis mit dem Beginn dieſes Jahres die Elemente ſich ordneten. Der Stand des Areturs verkuͤndete mir, daß mein Sohn in meiner Naͤhe weilt, und das alte Wort: Wenn die Mohren ſtürmen das Außenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor, gab dem Greiſe das feſte Vertrauen. Viele Stimmen tohk ten vernehmbar, daß die Stunde nahe; ich hoffte in Angle⸗ ſea Kunde zu finden, und wie ich ſie gefunden und welcher Zuſammenhang zwiſchen den Worten der Wahrſager und den Thaten der Gegenwart waltet, wer wollte ihn enthuͤllen, ehe die ——— 2n ———— — 145— die Stunde gekommen iſt?— Aber als ich jetzt mit dem Ho⸗ roſkop die Sterne verfolge, da ſteht alles in einer Ordnung, wie ſie die Meiſter in den Sternen nicht kennen; Edwins Stern naͤhert ſich der Mitte des Kreiſes, und in der Schei⸗ deſtunde beider Tage muß er im Mittelpunkt ſtehen. Er wird kommen, kommen, ſagt mir Alles, und der alte Spruch wird erfuͤllt werden, der Erbe Walladmors klopfen an's Thor gleich wie damals, wo es im Liede heißt: Wer hebt den Klopfer, wer ſchlägt an's Thor? Ihn kann nur heben ein Walladmor. Und Mai iſt es jetzt uͤberdies, der Mond ſcheint draußen. Stuͤrmend oder bettelnd wird er kommen.— In dem Augenblicke ſchlug es zwoͤlf vom Schloßthurm herab. Alle zaͤhlten ſchweigend die einzelnen Schlaͤge, und kein Laut, kein Geraͤuſch unterbrach die feierliche Stille; ja beim Schein der verglimmenden Wachskerzen zeigten ſich ſehr bleiche, aͤngſtlich geſpannte Geſichter. Als aber auch der letzte Glockenſchlag verklungen war und ſich nichts ruͤhrte, ſiegte die Luſt uͤber den Ernſt in Sir Davenant, und er fluͤ⸗ ſterte ſeinem Nachbar zu: Ich bin neugierig auf die uniform der Mohren. Ehe jedoch dieſer antworten konnte, droͤhnte ein heller ſtarker Metallſchlag herauf, daß die Fenſter klirrten. Er wurde zum zweiten, drittenmale wiederholt— der Squire faltete die Haͤnde und rief: Er klopft! III. Sd. 1 102 Sechstes Kapitel. Vieles iſt durch Zauber gebannt Im uralt Wäliſchen Chriſtenland, Aber es giebt kein Zauberthor Feſter als in Schloß Walladmor. Im Saale herrſchte eine Todtenſtille. Auch vom Hofe her vernahm man keinen Laut. Wer zuerſt von den Gaͤſten auf⸗ ſprang, koͤnnen wir nicht ſagen; aber Bertram war der Erſte, welcher nach einem Degen grif, denn er dachte an die Dro⸗ hung des Verwegenen, und Sir Davenant, befeuert von ritterlichem Muthe, folgte ſeinem Beifpiele, wenn er auch nicht wußte, ob, und von woher Gefahr kam? Alles ſtuͤrzte in den Schloßhof.— Hier war es leer und wuͤſt. Jenſeits der Zugbruͤcke im Vorhofe fragte der Squire mit bebender Stimme die vereinzelt auf der Mauer Stehen⸗ den: Stehen keine geruͤſtete Maͤnner draußen?— Heben ſie nicht die Aerte, Walladmors Thor zu ſprengen? — 142— Niemand ſteht auf dem ganzen mondbeſchienenen Berg⸗ abhange. Nur im Schatten des Thores regt es ſich, wenn wir nicht irren. Indeſſen waren aus allen Gemaͤchern die Schloßleute, Haͤſcher und Soldaten, in Eil bewaffnet herbeigeſtuͤrzt, und der Hof des Außenwerkes gewann das kriegeriſche Anſehen einer belagerten Burg, deren Beſatzung zum Ausfalle bereit ſteht. Die Pechfackeln beleuchteten die alten, mit Schieß⸗ ſcharten und Thuͤrmen beſetzten Mauern und die hohen Por⸗ talzinnen, ein Anblick, der den unbekannten Zuſchauer haͤtte glauden machen koͤnnen, es ſei erſt jetzt die Zeit ihrer laͤngſt vergangenen Herrlichkeit und Bedeutung. Ein peinliches Schweigen herrſchte einige Momente. Dann faßte der Squire ein Herz und rief mit ſo lauter Stimme, daß auch die außerhalb der Mauern Stehenden ſie vernehmen mußten: Wer fordert in dieſer Stunde Eintritt in Walladmors Manuern? Ein Feind ſcholl es von draußen wieder.— Sir Mor⸗ gan, oͤffne furchtlos dein Thor, denn eine ſolche Beute, als wie Dir dieſe Nacht liefert, brachte Dir Dein Lebtag nicht. Zitternd, der Worte nicht maͤchtig, gab der Sqauire einen Wink, und der Pfoͤrtner drehte im ungeheuren Schloſſe den großen eiſernen Schluͤſſel um. Das Thor ging knarrend weit auf, und in einen Mantel gehuͤllt, trat mit trotziger Ge⸗ behrde eine hohe Geſtalt herein. Man leuchtete mit einer — 148— Fackel ihr ins Geſicht. Wer biſt Dur ſcholl es von mehreren Seiten; und der Mann warf den Kopf in die Hoͤhe, ſchlug den Mantel etwas zuruͤck, und ſagte mit einer Stimme, welche zugleich einen hohen Grad der Verzweifelung und fre⸗ chen Hohn ausſprach: Ich ſollte glauben, man kennte mich hier. Alle fuhren zuruͤck. Er iſt's! Er iſt's! murmelte man. Was bedeutet dies? war die zweite Frage, aber Niemand wagte ſie dem Eingetretenen offen entgegen zu halten. Wie ein Sieger ſtand er ſchweigend, und blickte im Kreiſe umher: ließ aber dann, als haͤtte er keinen der Beobachtung wuͤrdi⸗ gen Gegenſtand gefunden, den Kopf niederſinken, und hef⸗ tete den Blick auf die Erde, bis der Squire mit aller Wuͤrde und Feſtigkeit, welche der Moment ihm erlaubte, ihn alſo anredete: Verwegener Mann!— willſt Du mein greiſes Haar ver⸗ hoͤhnen? Weißt Du, wer ich bin; wer Du biſt⸗? Ich bin James Nichols, heiße Niklas, auch Nikolao vin ein Schleichhaͤndler, ein Raͤuber, Moͤrder, das Schre⸗ cen dieſer Gegend, habe den Koͤnig und die Geſetze betro⸗ gen, viel Menſchenblut vergoſſen, obgleich ſehr wenig gegen das, was ich vergießen wollte, und:— ſetzte er mit gedraͤng⸗ ter Stimme hinzu— noch vergießen wuͤrde, wenn ich koͤnnte Und ich bin Friedensrichter/ rief der Squire. Das weiß ich, und darum ſtehe ich hier. Menſch, was iſt deine Abſicht? ½α — — 149— Ueberliefern will ich mich Eurer gerechten Gerechtigkeit. Um es mit einem Wort auszuſprechen, meine Leute ſind todt, mein Muth iſt hin. Mit dem Kapital, das auf meinem Kopfe ſteht, will ich mir einen Braͤutigamsſchmuck kaufen, und da ich keine andre Braut erwerben kann, will ich den Galgen umarmen, die dreibeinige graue Braut wird ihrem Braͤuti⸗ gam doch treu bleiben.— Ein heftiger Schrei aus dem Kreiſe der Umſtehenden un⸗ terbrach ihn. Ginievra wurde vom Geiſtlichen und einer Frau gehalten, um nicht zu Boden zu ſtuͤrzen. Halb trug, halb fuͤhrte man ſie hinweg, indeſſen der Verbrecher unbeweglich daſtand. Der Squire war zum erſten Male wirklich anßer Faſſung, und man ſah in ſeiner getheilten Anfmerkſamkeit, daß ihm der Entſchluß fehle. Der Verbrecher merkte den Sieg, welchen er durch den uͤberraſchenden Auftritt uͤber die Vertreter des Geſetzes gewonnen, und er benutzte ihn zum Triumphe in der folgenden Anrede: Sir Morgan, Friedensrichter des Koͤnigs in Merſhire, wenn Du Dich nicht erinnerſt, welche Pflichten Dir Dein Amt auflegt, ſo will ich ſelbſt ſtatt Deiner den Schergen die Befehle dictiren. Packt mich, tapfre Leute, bindet mich, legt mir Ketten an, damit ich nicht davon laufe, wenn's mir et⸗ wa nachtraͤglich einſtele, der Gerechtigkeit in dieſem freien Lande einen Streich zu ſpielen, und mich auf freie Fuͤße zu ſetzen.— Heran, ihr tapfern Kaͤmpfer fuͤr den Tribut des dreibeinigen Repraͤſentanten von Alt⸗ England! heran, edle — 150— Galgenzoͤllner! legt mir Handſchellen an! Ihr braucht Euch nicht zu fſtrchten. Ich will Euch meine Taſchen umkehren.— Seht, ſeht, es ſteckt kein Heer drin, auch keine Waffe,— ſelbſt das Giftflaͤſchchen— ſeht Ihrs?— ich werf es aufs Pflaſter und zertrete es, Katzen Maͤuſe und Hunde moͤgen ſich daran curiren; ich will hoch ſterben in freier Luft. Der Alderman trat einige Schritte vor und blickte be⸗ deutungsvoll fragend auf den Squire. Dieſer winkte mit der Hand, und der ehrenwerthe Herr Graveſand winkte wiederum zweien Schergen, welche, wie es ſchien, wohl unterrichtet in dieſer Gebaͤrdenſprache, eine Kette herbeibrachten und ſie mit großer Geſchicklichkeit, jedoch nicht ohne dabei die noͤthige Vorſicht wegen etwa zu befuͤrchtender Widerſetzlichkeit anzu⸗ wenden, um die Arme des Schleichhaͤndlers legten. Er ließ es ſich ruhig gefallen, ohne ſie eines Blickes zu wuͤrdigen. Dann nahm der Squire das Wort und ſprach: James Nichols, Niklas, Nikolao, oder wie Du heißen magſt, ich verhafte Dich um Hochverrath, Mord, Dodtſchlag⸗ Brandſtiftung und gefaͤhrlichen Schleichhandels, im Namen des Koͤnigs und der Geſetze. Ihr koͤnnt auch noch hinzuſetzen, um feindlichen Ein⸗ bruchs und Bruch des Landfriedens; denn waͤre es nicht geweſen, daß meine Bande todt oder in den letzten Zuͤgen liegt, wahrhaftig ich haͤtte die rothe Fahne auf dies alte Haus geſteckt, daß man ſie haͤtte druͤben bis Irland ſehn ſollen. V 1— S=ͤ — 151— Der Squire winkte ſchweigend, den Gefangenen abzufuͤh⸗ ren. Doch rief ihm dieſer die Worte nach: Noch eins! Vernehmt mich bald nach allen Euren Re⸗ geln! Heut will ich ein Bekenntniß ablegen, daß Ihr ſchau⸗ dern ſollt, und wie es kein Verbrecher in Großbrittannien je vermochte, und Luſt gehabt hat. Morgen koͤnnte auch mir die Luſt verraucht ſein, und Ihr moͤchtet, ſelbſt wenn Ihr mir den ſpaniſchen Kragen anlegtet, keine Sylbe erpreſſen. Waͤhrend der Gefangene in ein feſtes Zimmer gefuͤhrt wurde, ſchlich der Squire in das ſeinige, und warf ſich er⸗ ſchoͤpft auf das Ruhebett. Er war todtenbleich; und als nach einigen Minuten der Alderman und Sir Davenant einzutre⸗ ten wagten, ſahen ſie den feſten unerſchrockenen Mann mit gefalteten Haͤnden und geſenktem Haupte unbeweglich auf dem Sopha ſitzen. Selbſt als ſie durch ihre Anrede ihn aus ſeinem Starrſinn erweckten, gerieth er nicht in die Verſu⸗ chung, wenigſtens den Schein der Unerſchrockenheit anzuneh⸗ men, ſondern ſtarrte ſie mit zweifelhaft fragendem Blicke an. Der Alderman wagte zuerſt ihn anzureden. Er ſtellte ihm vor, daß es ſehr dienlich ſei, den Verbrecher ſo ſchnell als moͤglich vorlaͤuftg zu vernehmen, da er jetzt im aufgeregten Zuſtande Geſtaͤndniſſe ablegen duͤrfte, welche man ihm ſpaͤ⸗ terhin bei einem ruhigern Zuſtande vergeblich wuͤrde zu ent⸗ locken ſuchen; außerdem aber, wenn die vorlaͤufige Unterſu⸗ chung ſo ſchnell es anginge betrieben werde, es moͤglich ſei, noch in der gegenwaͤrtigen in Mrr gehaltenen Quarter 152— Session den Prozeß vorzunehmen. Sir Morgan hoͤrte die Ma⸗ giſtratsperſon ruhig an, ohne zu antworten. Eine ſolche Er⸗ ſcheinung war allen, welche ihn kannten, durchaus fremd. Der Geiſtliche, der jetzt auch eingedrungen wat, naͤherte ſich dem Friedensrichter, und indem er ihm die Hand druͤckte, ſagte er: Gottes Wille geſchehe! Sir Morgan, und wenn er auch anders waͤre, als wir ihn in den Sternen zu leſen glaubten. Gottes Wille geſchehe! erwiederte der Squire, ſtand dann auf und ſagte: Wir wollen Gericht halten. Noch in derſelben Nacht wurde der Entſchluß des wuͤr⸗ digen Mannes ausgefuͤhrt. Er bat alle ſeine Gaͤſte, dem Ge⸗ richte beizuwohnen. Selbſt von der Dienerſchaft mußten die Ausgezeichnetſten ſich im großen Saale einfinden, damit, wie er ſagte, Alle Zeugen waͤren der Gerechtigkeit, die in Wal⸗ ladmor⸗Caſtle gehandhabt werde. Im Halbkreiſe ſaßen die beamteten Perſonen, hinter ihnen oder an ihrer Seite die uͤbrigen Gaͤſte, und hinter dieſen ſtanden die Diener, Con⸗ ſtabler, Haͤſcher und auch einige Dragoner, theils als Zu⸗ ſchauer, theils mit großen Fackeln, denn nur durch dieſe wurde der Gerichtsſaal erleuchtet. In der Mitte des Halb⸗ kreiſes ſaß der Friedensrichter, und ihm zur Seite der Alder⸗ man, um das Protocoll zu fuͤhren. Wohl fuͤnf bis zehn Mi⸗ nuten vergingen in voͤlligem Schweigen, was den feierlichen Eindruck, den dieſes ſeltſame Gericht auf den unbefange⸗ nen Zuſchauer hervorbringen mußte, noch vermehrte. End⸗ * — 153— lich raſſelte es mit Ketten auf der Treppe, die Thuͤr oͤffnete ſich und, von zwei Schergen gefuͤhrt, trat Nichols mit trotzi⸗ ger Feſtigkeit in die Thuͤr ein, durch welche der Squire im vorigen Winter den verwegenen Schleichhaͤndler zu ſich hatte eindringen ſehen. Wie damals, ging er zwiſchen den beiden Reihen der Ahnenbilder einige Schritte vor, muſterte mit ei⸗ nem Blicke die Verſammlung, und ſchritt dann, auf den Wink des Friedensrichters, ſo weit vor, bis er gleich weit entfernt von jedem der im Halbkreis ſitzenden Herren zu ſtehen kam. Halt! rief der Squire ihm entgegen. Ich wollte auch nicht weiter gehen, Sir Morgan! war die Antwort. Ich kenne den Unterſchied zwiſchen Hunden und Menſchen, Knechten und Herren, zwiſchen einem Ver⸗ brecher und einem edlen Lord. Das Verhoͤr begann ſo feierlich, als vielleicht ſeit Jahr⸗ hunderten keines von einem Friedensrichter abgehalten wor⸗ den. Sir Morgan ſchien jede Frage vorher auf die Wage⸗ ſchaale der Wichtigkeit gelegt zu haben, und man konnte behaupten, es ſei keine Sylbe zu viel geweſen. Waͤhrend er mit abgemeſſenem, jede Theilnahme verlaͤugnendem Ernſte fragte, erſchienen die Antworten des Verbrechers gleich Bro⸗ cken und Truͤmmern, welche ein Aetna im Feuerſtrome aus ſeinem kochenden Innern von Zeit zu Zeit auswirft. Wer waren Eure Eltern? fragte der Squire, nachdem er uͤber die verſchiedenen Namen des Inquiſiten Nachricht eingezogen hatte. — 154— Ich weiß es nicht. Wo iſt Euer Vaterland? Vaterland! ich habe kein Vaterland. Das Meer iſt mein Land, und wo es mir gefiel, da verweilte ich. Aber wo wurdet Ihr geboren? Ich weiß es nicht. 8 James Nichols!— ſagte der Squire— bedenket, vor wem Ihr ſtehet, und daß der Trotz Euch nicht mehr hilft.“ Und wie, wenn ich noch jetzt trotzen wollte, wenn ich kein Wort bekennte? Bedenkt, daß ich nur aus freiem Wil⸗ len hier ſtehe und antworte, nicht, weil man mich fragt, ſondern weil ich antworten will.— Aber noch will ich es— fragt weiter!— Man ſagt, Ihr ſeid an dieſer Kuͤſte geboren? Dann fragt die Leute, die dies ſagen. Denn meine El⸗ tern haben nicht die Guͤte gehabt, mir einen Zettel an den Hals zu haͤngen, als es ihnen geſiel, mich auszuſetzen. Meine Eltern verlangten mich nicht. Ihr ſeid ein Waiſenkind? 3 Ich weiß es nicht. Der erſte Anblick, deſſen ich mich erinnere, war die weite See, aber nicht die ruhige. Es tobte unten, und Kanonenſchuͤſſe donnerten zwiſchen den Elemen⸗ ten. Ich hing in einem Korbe am Maſtbaum, und das erſte, was ich von Menſchen ſah, waren zwei Ungluͤckliche, die man an den Maſtbaum gebunden hatte und todt geißelte. t N te — 155— Auf dem Schleichhaͤndlerſchiff des Turny Dieſon oder Igeſon wurdet Ihr, dem Geruͤchte nach, auferzogen? Kann wohl ſein. Womit beſchaͤftigte ſich der Hauptmann des Schiffes, auf welchem Ihr zuerſt in die See gingt, und wie hieß er? Ich bin dieſer Fragen uͤberdruͤſſig, und ich habe es Euch ſchon geſagt, daß ich nur antworte, weil ich will, und nur was ich will. Angeben will ich nicht. Noch gaͤhrt es ſo thoͤricht in mir, daß ich bekennen, daß ich gerichtet ſein will; noch will ichs. Aber bei Euren kalten Ein Achtel Fragen gerinnt mein Blut. Laßt mich bekennen, eh das Feuer ver⸗ aucht iſt, bekennen Dinge, die groß ſind, waͤhrend es ſcheint, als moͤchtet Ihr nur die Abentheuer eines Taſchendiebs her⸗ auslocken. Schreibt auf, was ich ſage, es iſt Wahrheit, ich will's beeiden, und dann hoͤrt mich nicht mehr, wenn die Zeit der Schwaͤche kommt— ſie kommt Jedermann— Der Sauire winkte dem Alderman zu. Dieſer verſtand den Wink und, ohne daß weiter eine Frage den Inquiſiten unterbrach, als die wir im Laufe dieſes Kapitels erwaͤhnen werden, legte Nichols folgendes Bekenntniß ab. Wir wagen zu geſtehen, daß ſelbſt der Prozeß gegen die letzten Hochver⸗ raͤther, ja ſelbſt der in der Hertfordſchen Mordgeſchichte kein aufmerkſameres Anditorium fand. Ob ich auf dem Waſſer oder dem Lande geboren wurde, ob meine Eltern zu den gluͤcklichen Weſen gehoͤrten, die ihre Mitmenſchen geſetzlich pluͤndern, brandmarken, mit den Fuͤ⸗ — 156— ßen treten koͤnnen, oder zu denen, die, Wuͤrmern gleich, un⸗ ter ihren Fußtritten ſich des Lebens freuen duͤrfen, und der Luft, die ihnen einzuathmen vergoͤnnt iſt, das weiß ich nicht, Ihr edlen Herren. Das aber weiß ich, daß ich unter ſolchen Maͤnnern aufwuchs, die, zum Wurme beſtimmt, ihre Freiheit ſich raubten. Auf dem ſchaukelnden Schiffe verlebte ich meine Kinderjahre. Mein erſter Aufenthalt war das weite Meer. Nichts ſtoͤrte da den freien Blick, alles war gleich, und nur die Leidenſchaft uͤbte ihre Rechte. Nur wenn es im Grunde tobte, hoben ſich Berge, und ſpaltete ſich die Tiefe. Weiber, Ihr Herren, koͤnnen den Pflug am Lande treiben, Weiber koͤnnen große Koͤnigreiche regieren, und Nationen unter ihrem Scepter ſich gluͤcklich duͤnken; auch ſehr weiſe Richter koͤnnen Weiber ſein; aber Maͤnner ſind es, welche in jenem Elemente herrſchen; nicht ſolche, die hinter dem Schirm des Geſetzes ihr Bett aufſchlagen, und in einem Schlafrock, aus Recht⸗ lichkeit gewebt, den Tag verleben; Maͤnner, die nie ſchlafen, nie auf ſchwaͤchere Kraͤfte, als ihre eigene, ſich verlaſſen duͤr⸗ fen, weil ſie's mit einer Kraft zu thun haben, die aller Ge⸗ ſetze lacht.— Doch das verſteht Ihr nicht. Ich kam aufs Land; als Knabe lernte ich das elende Gewerbe, welches der gedruͤckte Menſch erfunden hat, um dem Druck zu begegnen, — ich wurde ein Schleichhaͤndler, ſchreibt es auf, Alderman — ein Schleichhaͤndler, und habe das Land, den Koͤnig, und was noch viel aͤrger iſt, Euer heiliges papiernes Geſetz, ſchon als Knabe von zehn Jahren hintergangen. Blindlings finde — 157— ich mich zurecht von Briſtol hinauf bis Cheſter, und was ich mit offenen Augen gethan, davon denke ich, ſollen die alten Weiber am Winterabend, wenn laͤngſt mein Gebein am Galgen gebleicht iſt, zu erzaͤhlen wiſſen. Es ſind auch Rit⸗ terthaten, wenn ich auch nur ein Ritter bin von niedrem Stamm.*) Fragt mich nicht, was ich eingeſchwaͤrzt, wie viel Pfund Zucker und Taback und Kaffee und Thee; aber wenn Ihr von argen Thaten eines Smugglers durch das Geruͤcht erfahren, ſo ſchreibt es mir zu, ich will es vertreten; denn bei allem, was mir heilig iſt, ich ſchaͤmte mich nach jeder ſolchen That, daß es nichts weiter galt, als einen gauneriſchen Zollbeamten hin⸗ tergehn, mit einigen lahmen Grenzreitern ſich herum balgen, und um nichts anders, als einem Minheer zehn Prozent zu ſparen. Aber um eine große That gereut es mich, daß ſie nichts fuͤr Euch abwirft. Ich ſchwaͤrzte mich ſelbſt ein, aus meiner niedrigen Verworfenheit, in eine Kaſte von Menſchen oder Halbmenſchen. Ich wurde aus einem Schleichhaͤndler ein Schauſpieler Ich lernte Fuͤrſten und Koͤnige kennen, lernte die große Kunſt, rechtlich zu ſcheinen, nie zu erroͤthen, zu reden wie ein Tugendheld, und dabei zu denken, wie es mir gefiel.— Ich lernte die Rolle eines ganz vollkommenen *) Of low degree. Eine gewöhnliche Balladen⸗Formel, tho knighe of low(or high) degrec. A. d. u. 3. 1. A, — 158— Menſchen auswendig, und, Ihr koͤnnt es mir glauben, ich wollte an Eurer Stelle jetzt ſo gut den gewichtigen Richter ſpielen, wie ich hier meine Rolle als bekennender Suͤnder durchfuͤhre.— Doch Ihr wollt den Verbrecher und keinen Menſchen kennen lernen.— Mir geſtel das Leben nicht laͤn⸗ ger. Ich ging zur See— nach Amerika— Dort lernte ich im Buͤrgergemetzel meine kaum erlernte Rolle verachten. Glaubt mir, es kann eine Luſt werden, Blut zu vergießen⸗ und die Hand zu faͤrben in dem Rauch, auf dem die Seele zum Himmel oder anders wohin aufſteigt. Aber wenn ich auch den Menſchen verachtete, ehrte ich doch den Mann, und Maͤnner gabs dort nicht, nur Tiger und Hyaͤnen, die aus ihrem Verſtecke vorſchießen und den Ueberfallenen erdros⸗ ſeln. Ich beſtieg ein Caperſchiff, ich wurde Hauptmann.— Sollte ich Euch meine Thaten, oder meine Verbrechen— Ihr moͤgt ſie nach Wohlgefallen benennen— aufzaͤhlen, ich brauchte drei Naͤchte; die Leichen derer, die ich zum Spiel der Wogen und zur Speiſe der Fiſche machte, wuͤrden in den Mauern dieſes Schloſſes keinen Raum ſinden. Aber es war eine Luſt— und wenn ich auf der letzten Staffel ſtehe, wird es fuͤr mich Luſt bleiben, als ich das Silberſchiff die Sennora de dos ricos enterte, und keinen Mann leben ließ, als der St. Sago in die Luft flog, und ich als Sieger auf dem aufgeruͤhrten Ocean ſegelte. Himmelhoch traͤgt den freien Piraten die Welle, und ſchleudert ihn dann noch tiefer wie⸗ der in den Abgrund; aber es iſt eine Luſt, hoͤher als die, — 159— der vom Poͤbel durch die jubeltoͤnenden Straßen geſchlepp⸗ ten Helden von Weſtminſter, denn hier gilt die Kraft, und die Leidenſchaft kann ſprechen. Der Alderman fluͤſterte dem Squire zu: Sir Morgan! der Menſch ſpricht ſehr viel, was in kein ordentliches Verhoͤr und in ein gerichtlich Protocoll erſt gar uicht gehoͤrt. Ob man ihn durch eine vernuͤnftige Zwiſchen⸗ frage nicht zur Ordnung und zu den Geſetzen zuruͤckfuͤhren wͤnnte? Nicht doch, erwiderte der Squire.— Man muß der Flamme Luft laſſen, ſonſt erſtickt ſie. In dem wilden Auf⸗ fluge kann er noch genug bekennen. Es ſchien, als habe Nichols den Inhalt des Geſpraͤches beider Magiſtratsperſonen verſtanden, denn er brach ploͤtzlich in ſeiner Rede ab, und fing dann wieder folgendermaßen an⸗ Ihyhr verlangt Verbrechen, ich vergaß es, daß ich mit fuͤnfhun⸗ dert gemordeten Spaniern frei ausgehn duͤrfte. O ich kann auch bekennen, daß ich Englaͤnder, ſo freie Englaͤnder, wie ſie je in die⸗ ſem Lande geboren wurden, an den Maſtbaum meines Schiffes aufgeknuͤpft habe. Es waren ſo edle frei geſinnte Leute, daß ſie von Koͤnig Ferdinand von Spanien das Amt eines Spions und Unterhaͤndlers anzunehmen nicht verſchmaͤht hatten. Es iſt eine Luſt zu ſehen, wie ein freier Sinn uͤber alle Schran⸗ ken der Ehrbarkeit ſich wegſetzt, und mir gewaͤhrte es auch eine Luſt, ihre verdrehten Geſichter zu betrachten. James Nichols! Wilſt Du frei bekennen, wie Du vom Kaperſchiff wieder auf dieſe Inſel kamſt, um auf neue unge⸗ heure Verbrechen Deinen ungebaͤndigten Sinn zu wenden? Klingt Euch die alte verjaͤhrte That ſchon ungeheuer, ſo werden Euch jetzt von noch weit Ungeheurerem die Ohren gellen. Keine Mutter kann ſo um ihr Lieblingskind, kein Ge⸗ liebter um die Braut trauern, als ich, der Moͤrder, Verſchwoͤ⸗ rer von Catoſtreet, der Hochverraͤther, traure, daß die große That nicht gelang. Ein feiges Herz, ein Mutterſoͤhnchen, dem das Geſpenſt des Galgens vorſchwebte, als er wie ein Mann handeln ſollte, verrieth uns, Maͤnner, wie ſie nie mehr in England zuſammentreten werden.— Wer warxen die Maͤnner, James Richols, die mit Dir entflohen ſind? Friedensrichter, ich habe mich Euch uͤbergeben, wenns jene angeht, fragt ſie ſelbſt. Der einzige Weg, James Nichols, Euer eigenes Schick⸗ ſal zu mildern, waͤre, wenn Ihr vom Leben und Aufenthalt der bisher den Haͤnden der Gerechtigkeit entgangenen Miſſe⸗ thaͤter Auskunft gaͤbet. Ich danke fuͤr Euer Zutrauen! ſagte hoͤhniſch der Inguiſit und ſchwieg. Und was vermochte Euch, das Kaperhandwerk aufzuge⸗ ben, und unter die politiſchen Verbrecher dieſes Landes Euch zu miſchen? Die Geſetze dieſes Landes, Sir Morgan Walladmor, berech⸗ tigen den Richter nur/ den Inquiſiten nach ſeinen Thaten⸗ bich . na ch — 161— nach ſeinen Gedanken zu fragen— und meine Gedanken win ich bei mir behalten. Aber Ihr bekennt voͤllig und frei— fragte nach einer Pauſe der Squire— in der Verſchwoͤrung Preſtons und Thiſt⸗ lewoods mit begriffen geweſen zu ſein; Ihr bekennt, am Abende des— Euch in Catoſtreet mit bewaffneter Hand verſammelt zu haben, in der Abſicht— Ihre Herrlichkeiten, die regierenden Miniſter,— ſiel Ni⸗ chols ein,— aus dieſer ihrer Herrlichkeit in jene ewige zu befoͤrdern. Ein Schurke, wer ſolche ruͤhmliche That ableug⸗ nen wollte Ich entfloh, und wurde wieder ergriffen auf Wight; das Schiff platzte jedoch, und es gewann allen An⸗ ſchein, als ſollte ich in meinem Elemente umkommen, aber es iſt anders geworden; noch einigemal habe ich die Ge⸗ ſetze und die wuͤrdigen Vertreter derſelben hintergangen. Schreibt nieder, ich habe die Zollbarriere vor Arthurs Schan⸗ ze geſprengt, habe Handel und Wandel im Lande beföoͤrdert, habe einen moͤrderiſchen Anfall auf des Koͤnigs Conſtabler gemacht; und um meine Todesverbrechen mit dem groͤßten, was die andern uͤberwiegen wird, zu ſchließen, in dieſer Nacht ſtaͤnde dieſes Schloß in Flammen; was werthvoll und ſchoͤn iſt, ich haͤtte es herausgeriſſen, und mit mir auf immer fortgeſchleppt; ein Friedensbrecher, Raͤuber, Moͤrder bin ich; und nun glaube ich bekannt zu haben, was mir zehnfach den Strang zuſichert. Er ſchwieg. Auch in der Verſammlung herrſchte die an⸗ III. BdB. 1 111 faͤngliche Todtenſtille fort. Der Squire vermochte, den Ver⸗ brecher anblickend, nicht mehr alle die von den Geſetzen vor⸗ geſchriebenen Fragen an ihn zu richten. Nur zu dieſer Schluß⸗ rede ermannte er ſich: James Nichols, Ihr habt in dem vorlaͤufigen Verhoͤr mehr bekannt, als wir denken konnten, daß ein Mann Ver⸗ brechen veruͤben koͤnne. Euren Richtern wird es obliegen, Euch weiter zu befragen. Ich, als Friedensrichter, richte an Euch nur die Frage noch: Was vermochte Euch, freiwillig Euch der Strenge der Geſetze zu uͤberliefern, ein Umſtand der vielleicht einſt vor dem hoͤhern Richter zur Milderung jener ſprechen duͤrfte? Milderung! Ich will von keinem Menſchen Gnade, ich will Eure Strenge des Geſetzes.— Glaubt Ihr wirklich, es koͤnne mildern?— dann ſchreibt nieder: James Nichols er⸗ gab ſich der Gerechtigkeit, weil er keine Mittel mehr hatte, ihr zu trotzen; er ergab ſich, weil er es verachtete, ſich feige ſelbſt umzubringen, und um den erlauchten Lords und dem hochherzigen Volke Euglands das Vergnuͤgen ſeiner Hinrich⸗ tung zu verſchaffen. Schreibt noch hinzu— waͤren ſeine wa⸗ ckerſten Geſellen nicht bei dem Ueberfall umgekommen, ſo haͤtte er ſich nicht ergeben, ſondern waͤre als Mordraͤuber in dieſe Mauern gebrochen, haͤtte geſtegt, oder waͤre umgekom⸗ men.— Mehr habe ich nicht zu ſagen. Darf ich abtreten?- Der Friedensrichter winkte den Conſtablern. Nichols wandte ſich ſtolz um, ging langſam auf die Waͤchter los und — 163— wurde von ihnen abgefuͤhrt. Noch mehrere Seeunden nach ſeiner Entfernung ruͤhrte ſich keiner aus der Verſammlung. Es ſchien eine Weile, als befaͤnde ſich der kuͤhne Verbrecher noch in der Mitte des Halbkreiſes, denn Aller Augen waren auf den leeren Raum gerichtet, in welchem er geſtanden hatte. Als endlich Leben in die Verſammlung kam, hielt es Ber⸗ tram nicht laͤnger im Saale aus. Die Geiſtesgroͤße des ver⸗ derbten Mannes, der ausgefuͤhrte Entſchluß, welcher eine Selbſtverleugnung, und zugleich, wie er ahnte, das Unterlie⸗ gen des ſtarken Mannes unter einer finſtern Leidenſchaft be⸗ kundete, hatte ihn ſo uͤberwaͤltigt, daß er ſeinen Gefuͤhlen und der Angſt und Unruhe nur im Freien Luft machen zu koͤnnen glaubte. Dennoch war ſein erſter Anblick auf der von ihm erſtie⸗ genen Seemauer derſelbe Mann. Unwillkkuͤrlich richteten ſich ſeine Augen nach dem Kerkerthurme auf dem vorſpringenden Felſen. Er ſah gerade, wie ein Conſtabler den Gefangenen hinabſtieß, hoͤrte die Kerkerthuͤre zuſchlagen, die Riegel vor⸗ ſchieben, die Gefangenwaͤrter unter rohen Fluͤchen in den in⸗ nern Thurm ſich zuruͤckziehn, und dachte ſich dann jene Nacht, in welcher er ſelbſt in dieſen Thurm gebracht worden. Das Gewitter hatte ſich verzogen, es war kuͤhl, der Mond ſchien ziemlich klar, und am fernen Horizonte ſah man es wetterleuchten. Was waͤren, ſagte er bei ſich, jene Stuͤr⸗ me in der lebloſen Natur gegen den Sturm, der in der Seele des ungluͤcklichen Mannes toben muß! Ich fand damals beim — 164— Wuͤthen der Orkane, beim Grimm der Winterkaͤlte Beruhi⸗ gung im ſchuldloſen Bewußtſein; fuͤr den aufgeregten Zu⸗ ſtand dieſes Ungluͤcklichen muß die Ruhe dieſer Nacht nur wie ein bitterer Hohn erſcheinen. Aus ſeinen Gedanken wurde er durch einen Schuß, von der Meerſeite her, aufgeſchreckt. Er blickte auf, und ſah, wie eben der Blitz einer Kanone aufloderte. Der Donner folgte faſt zugleich mit dem dritten Blitze. Dabei aber ver⸗ blieb es, und das Schiff, von deſſen Bord die Schuͤſſe ausge⸗ gangen waren, blieb ſcheinbar ruhig liegen. Bertram glaubte es als dasjenige wieder zu erkennen, welches die Geſellſchaft am vorigen Tage auf der Heimkehr von Angleſea in Unruhe geſetzt hatte. Daß der Befehlshaber deſſelben mit dem gefan— genen Verbrecher in Verbindung ſtehe, unterlag keinem Zwei⸗ fel; die Schuͤſſe waren Signale, und Bertram konnte ſich des Wunſches nicht erwehren, es moͤchte den Gefaͤhrten des ungluͤcklichen gelingen, ihn aus ſeinem Verhaft und von ei⸗ nem ſchmaͤhlichen Tode zu erretten. Wenn er aber wieder daran dachte, daß Niklas ſich freiwillig ſeinen Richtern uͤber⸗ liefert hatte, ſo ſchien ihm jede Ausſicht zur Gewaͤhrung die⸗ ſes Wunſches abgeſchnitten. Seine Aufmerkſamkeit wurde naͤchſtdem durch einen ſchwar⸗ zen Punkt, welchen er auf dem Meere, nicht weit von der Kuͤſte, zu entdecken glaubte, geſpannt. Als er naͤher kam, erkannte er einen kleinen Kahn, welcher aber kaum mehr als einen Menſchen zu faſſen vermochte. Dies konnte keine ge⸗ — 165— waltſame Unternehmung gegen das Schloß ſein; um ſo mehr aber reizte es ſeine Neugier, die Eigenſchaft und Veranlaſ⸗ ſung des naͤchtlichen Abentheuers zu erforſchen. Bald wur⸗ den ihm aber alle Mittel dazu abgeſchnitten, indem der Kahn unter einem Vorbug des Felſens verſchwand, und keine Spitze des Walles ſoweit hinausreichte, um ſeine weitern Bewegungen zu verfolgen. Er beſchloß indeſſen, noch nicht den Wall zu verlaſſen, und bald fand er auf der andern Seite deſſelben, im Innern des Schloſſes, einen neuen Gegenſtand, welcher ſeine Auf⸗ merkſamkeit anzog. Man hatte vorlaͤuftg den Leichnam der ungluͤcklichen Almy auf eine Tragbahre gelegt, und dieſe un⸗ ter einen offenen Schauer, welcher zur Aufbewahrung aller⸗ lei Hof⸗ und Hausgeraͤthſchaften gebraucht wurde, geſtellt. Toms war nicht davon abzubringen geweſen, bei der Todten zu wachen, und ſaß auch jetzt noch in ſeiner oben beſchrie⸗ benen Stellung zu den Fuͤßen des Leichnams, zuweilen un⸗ articulirte Jammertoͤne ausſtoßend. Waͤhrend Bertram auch dieſen Ungluͤcklichen mit innerer Theilnahme betrachtete, rauſchte es bei ihm voruͤber, und ploͤtzlich ſah er die große Geſtalt der wahnſinnigen Gillie neben dem Trauernden ſte⸗ hen. Eine Weile blickte ſie die Leiche und ihren Sohn ſtumm an, dann aber klopfte ſie dem letztern auf die Schultern und redete mit gedaͤmpfter Stimme ſehr haſtig: Toms, Toms! Sie iſt todt— hoͤrſt Dn den letzten Donner voruͤber rollen? — der weckt ſie nicht auf. Was ſollte er ſich auch um ein — 166— Kammermaͤdchen bekuͤmmern, da er meinen Gregory nicht ge⸗ weckt hat. Weißt Du, wer ſie hinunterzog ins Waſſer?— Gregory that es— am Rocke zog er ſie,— weil ſie Deine Liebe von ihm abzog, aber Du mußt es Niemand wieder ſa⸗ gen, ſonſt ſtellen ſie ihn vor Gericht, und zum zweitenmal kann ja Niemand vor Gericht ſtehn, wer ſchou einmal gehan⸗ gen hat. Ach Mutter, wie kommſt Du in dem Sturme aus An⸗ gleſen, da doch in dem Sturme die Almy ertrank. Mit Deinem Bruder, Toms! Er hat mich beſucht, mit⸗ ten auf dem Waſſer, als mein kleiner Kahn von den hohen Wellen umhergeſchleudert wurde. Beim Zucken der Blitze ſaß Gregory vor mir im weißen Leichenkleid, weiß waren ſeine Wangen und ſein Hals war roth. Die Wellen leuchteten und der weiße Schaum ſchlug uͤber mich, und ich war ganz allein mit Gregory auf dem Waſſer. Unten laͤg' ich ſchon tief auf dem Korallenriff, aber ein Todter rudert gut, und die Wel⸗ len konnten dem Kahn nichts anhaben, weil Gregory auf der Spitze ſaß. Mutter, kehre zuruͤck, denn Du freuſt Dich, daß Almy todt iſt. Ja, ich werde zuruͤckkehren— rief die Alte und riß ploͤtz⸗ lich mit gewaltiger Kraft ihren Sohn in die Hoͤhe— aber Du mußt mit, mit, mit mir in den Kahn, nach der Inſel. Was willſt Du von mir? warum kommſt Du her— um Dich, Dich fortzuziehn, aus dem Neſte des Adlers, — 167— mein Kuͤchlein, wenn der Jaͤger kommen wird und es an⸗ zuͤnden. Mutter, ich kann nicht gehn, ich ſage es Dir ein fuͤr alle mal, denn erſtens liegt da die Almy todt— Dir waͤr's wohl lieber, waͤre die Mutter ertrunken und die Liebſte am Leben, und Du ſiehſt lieber Deinen Bruder am Galgen als den furchtbaren Moͤrder. Und dann, Mutter Gillie, iſt der Niklas hier gefangen.— Niklas— und um Niklas willen willſt Du bleiben? und ich ſage Dir, um Niklas willen ſollſt Du fort mit mir. Du ſollſt kommen nach der Inſel, wo Freude ſein wird, große Freude. Wir werden den Maienbaum aufſtecken, und darum tanzen, wie es lange nicht geſchah.— Mutter, wenn ſie alle den Riklas verlaſſen, ſo kann ich ihn doch nicht verlaſſen. Das habe ich ihm immer geſagt und zugeſchworen.. Zugeſchworen— fiel ihm die Mutter ins Wort— ich hab' es ihm zugeſchworen, den Tod, ehe er geboren ward. Die Geiſter haben den Schwur gehoͤrt.— Hoͤrteſt Du die 3 Kanonenſchuͤſſe von Jaeſons Schiffe?— Sie riefen— ſie rie⸗ fen, aber er kann nicht antworten. Unten ſtand der Kahn, der ihn aufnehmen ſollte, aber die boͤſen Geiſter, die mir ge⸗ horchten, waren maͤchtiger in ihm— und er ging in die Falle. Niklas muß fallen; Toms, Du biſt ein ſchwacher Knabe, was willſt Du gegen die Geiſter Dich auflehnen? Mutter, ich will's verſuchen. — 1608— Gegen Dein Fleiſch und Blut, Toms!— Sie ballte ihre Haͤnde. Toms, ich fuͤrchtete nicht den Sturm, um Dich zu holen— komm mit mir, oder willſt du den Fluch der Mutter— Mutter, ich kann nicht anders. So kann ich auch nicht anders. Die Alte trat einige Schritte zuruͤck, hob den rechten Arm noch hoͤher als zuvor, und wollte, wie es ſchien, eben den entſetzlichen Fluch uͤber ihren Sohn ausſprechen, als ein Strahl ihr ins Geſicht ſiel, von dem ſie, wie verblendet, zuruͤckfuhr. Die Nacht war verſtrichen, die Sonne ging auf und ihr Schein roͤthete das graue, welke Geſicht der Wahn⸗ ſinnigen. Wie vernichtet von dieſem Zeichen ſank ſie zuſam⸗ men, ſchrie laut auf, und ſtuͤrzte dann mit dem Ausruf: Zu ſpaͤt! Zu ſpaͤt! von ihrem Sohne fort, bei Bertram, ohne ihn zu ſehen, voruͤher, und vermuthlich wie ſie ins Schloß gedrungen auch wieder hinaus. Bertram fuͤhlte eine leiſe Beruͤhrung ſeiner Schulter, und es war ihm nicht unangenehm, als er Sir Davenant neben ſich ſtehen ſah. Erlauben Sie einem kalten Kinde der Proſa, die Wun⸗ der dieſer romantiſchen Nacht mit Ihnen zu theilen? Bleibe ich uͤbrigens noch einige Zeit in dieſem gefeiten, mit Geiſter⸗ ſehern und allem Romanenapparat verſehenen Schloſſe, ſo verde ich nothgedrungen ein Glaͤnbiger werden. Und dann huͤten Sie ſich! Sie haben zwei Rivale ausgeſtochen, von ganz verſchiedener Naturz tritt aber der eine nach einem klei⸗ — 169— nen Changement wieder auf den Kampfplatz, ſo koͤnnte er ſelbſt Ihre poetiſche Perſon uͤberbieten in einem Wettkampf, wo das Seltſamſte den Sieg davon traͤgt. Sir Davenant druͤckte Bertrams Hand, und beide gin⸗ gen in ihre Zimmer, einer ſpaͤten Ruhe zu pflegen. — * Siebentes Kapitel. Pericles. Durchaus muß ich, geehrter Cleon, fort, Verſtrichen ſind zwölf Monden, Tyrus ſteht, In ſehr ſtreitſücht'gem Frieden. Herzens Dank Euch und der werthen Frau, Die Götter zahlen Euch wohl den Reſt der Rechnung! Shakespear. Pericles Prinz von Tyrus.* Wir kommen wohl ſchon zu ſpaͤt? ſagte ein ſtarker unter⸗ ſetzter Mann, in deſſen Weſen und Gang der Seemann nicht zu verkennen war, zu einem andern aͤltlichen Manne, mit dem er, wie es ſchien, um die Wette durch die Straßen des Staͤbtchens nach dem Gerichtshauſe zuging. Habe keine Zeit zu antworten, Maſter, Sir, oder was Sie ſind! antwortete der Andere.— Ich wette, Sir,— wandte er ſich jedoch ſogleich zu dem beſchwerlich einherken⸗ chenden Schiffer um— ich wette, es ſind wieder Ungeſetz⸗ lichkeiten vorgefallen. Die Leute ſtehn ſchon bis vor den Thuͤren, mein Herr Weishut, oder wer Sie ſind. — ʒß⏑— 1= Ich heiße Samuel Dulberry, ehemals Fabrikant und Alder⸗ man, und proteſtire, wenn darin eine Iniurie liegen ſoll. Hol der— mit Euren Injurien— uͤber Bord gelegt mit dem Burſchen und funfzig mit dem Tau unter die Rock⸗ ſchoͤße, da vergeht meiner Seel die Empfindlichkeit. Beide waren indeſſen an das Haus gekommen, wo, nach der richtigen Vorausſage des Seemanns, das Volk ſo dicht gedraͤngt war, daß Einige außerhalb der Thuͤre auf der Straße ſtanden, Sie ſind ſehr eilig geweſen mit dem Gerichte! meinte der Seemann. Eilig? ſagte Dulberry.— Eilig? Voreilig. Es iſt eine Schande und ein klarer Bruch aller geſetzlichen Ordnungen. — Wann denken Sie, daß er eingefangen wurde? Es koͤnnen noch nicht zwei Wochen her ſein. Mit nichten, Herr, es iſt erſt eine Woche und ſechs Tage. Glauben Sie mir. Es war Alles in voraus abgemacht, abgekartet. O ich durchſchau das Spiel. Der arme Nichols, oder Niklas! Sie ſagen, er haͤtte ſich ſelbſt ergeben.— Wer ergiebt ſich denn ſelbſt? Alles haben die Kronjuriſten erfun⸗ den. Das liegt Wort fuͤr Wort ſchon niedergeſchrieben in den Akten zur Unterdruͤckung des armen Volkes.— Gefangen, gehangen heißt es— und den Weg haben ſie uns auch be⸗ ſetzt, damit ein ehrlicher Mann nicht durch kann, und ibnen auf die Finger ſehn, aber ſie kennen nicht den Samuel Dulherry.. — 172— Ich moͤchte doch gern durch— ſagte der Andere— und zuſehen. Ich kannte den Burſchen in der Jugend, und moͤchte nun auch gern ſehn, ob er ſich vor den Peruͤcken ſo dreiſt nimmt, wie am Steuerruder und,— wills der verma⸗ ledeite— wie er endlich zappelt. Glauben Sie's mir, Sir, einem ehrlichen Freund vom Vaterlande— ich habe ihn auch geliebt, er hat viel ins Land gebracht. Man kann berechnen, daß er den Zoll innerhalb zehn Jahren um 909673 Pfund 3 Schilling und 2 ½ Pence gebracht hat. Aber er war zu wild, hatte Ideen im Kopfe, wollte gar nichts von Gleichheit wiſſen, war ſtolz, kurz ſo ein junger Baronet oder Gardeoffieier von dem Galgen⸗Ba⸗ taillon— perſoͤnlich kann der ihm auch gar nichts ſchaden.— Das iſt die Jugend heut zu Tage, brauſt hinaus und berech⸗ net nichts.— Glauben Sie's mir! Vor vielen Monaten im Winter kam auch auf dieſe Kuͤſte ſo ein junges Blut, mit einem feinen Geſichte und verſprach was zu werden. Ich nahm mich ſeiner an, und gab ihm Unterricht in guten Grundfaͤtzen. Glauben Sie's mir, ich predigte dem Winde— leeres Stroh. Er ſah dem Niklas verdammt aͤhnlich, und da⸗ rum griffen ſie ihn auch und ſchleppten ihn hinauf nach dem Feudalſchloſſe. Er kam wieder los, aber was iſt aus ihm ge⸗ worden?— Ein Hofjunker, ein Page, ein Herrenknecht.— Da ſitzt er oben und bedient den Morgan Walladmor, und traͤgt den Shawl der Lady nach. Iſt das Englands Jugend? — Als wir uns neulich hier auf der Straße begegneten, habe — 173— ich ihn auch nicht angeſehn. Er gruͤßte, ich ging ruhig vor⸗ uͤber. Ja, ja, Herr, es iſt Alles abgekartet Spiel, um das arme Volk zu betruͤgen. Aber ich denke doch, bei gutem Winde kommen wir noch durch. Es hat noch nicht angefangen, und's kommt doch bei dem verwetterten Firlefanz zumeiſt auf die Contenance an. Ein guter Schiffer kann auch wohl aufs Riff beim Sturm gerathen, aber's kommt nur drauf an, daß er mit'nem Proſit dem Sadras oder der gebenedeiten— untergeht. Wollen wir losdringen? Ich muß durch. So ſtellt Euch vor mich. Ihr ſeid klein und habt viel Knochen. Thut Eure Ellenbogen vorn ſpitz zuſammen, die Haͤnde auf die Bruſt geſtuͤtzt, und dann in die erſte Luͤcke rein. Ich ſchiebe mich dicht hinter Euch, und werde ſchon Poſto faſſen, daß Ihr im Ruͤcken frei ſeid, denn mich ſtoͤßt Niemand um. Ihr ſeid der Keil und ich bin die Maſſe. Puͤffe wird's geben, aber das ſchadet nichts.— Ehrliche Jungen ver⸗ tragen was, und ich druͤcke eher todt, als daß ich mich todt druͤcken laſſe. Der Reformer ging den Vorſchlag ein, und mit dem Ausruf:„Fuͤrs Vaterland! ſetzte er ſich in Bewegung und ſeine zuſammengepreßten Ellenbogen zwiſchen zwei Weiber. Sie wichen mit lautem Geſchrei, ſchienen aber zu ihrer noch groͤßern Verwunderung, da ſie hinter dem duͤrren Reformer — 174— wieder zuſammentreten wollten, fuͤr immer getrennt zu wer⸗ den, als die nervige Fleiſchmaſſe des Seefahrers unbewegt und unbeweglich zwiſchen ſie trat. Dulberry verfolgte ſeinen errungenen Vortheil. Er bohrte in die Maffe hinein, und wußte geſchickt zuweilen mit ſeinem Koͤrper halb unterzutau⸗ chen, aus welchem Manveuvre er den doppelten Gewinn zog⸗ mit mehrerer Kraft von unten herauf zu arbeiten, und zugleich den Stoͤßen und Puͤffen zu entgehn, welche dafuͤr in reichem Maße den Seefahrer, fuͤr den er nur als Maſchine zu arbei⸗ ten ſchien, trafen. Endlich war er, trotz aller Fluͤche und Schlaͤge, bis an die Schranken vorgedrungen; ſein maſſiver Rachſolger machte ſich mit beiden Armen Platz und umfaßte an der Barriere den maͤßigen Raum von einer und einer hal⸗ ben Elle, ohne auf das Nothgeſchrei der Unterdruͤckten zu beiden Seiten zu achten. Aber vor ihm, oder vielmehr zu ſeinen Fuͤßen, litt ſein Bundesgenoſſe ſelbſt große Noth. Mehr knieend als ſtehend, war er bis an die Barriere vorgerutſcht, hier aber ganz zu Boden gedruͤckt worden. Einen zweiten Platz fuͤr ihn zu erobern, waͤre theils unmoͤglich geweſen, theils haͤtte Dulberry ihn gegen die gereizten und korpulenten Ge⸗ ſtalten umher nicht behaupten koͤnnen, und der Seefahrer ſah ſich daher genoͤthigt, um ſeinem unterdruͤckten Freunde auf⸗ zuhelfen, mit aller Gewalt ſich wieder zuruͤckzuſtemmen. Auf dieſe Weiſe gelang es endlich Dulberry, aufzuducken, und er nahm nun, wie die Spielpuppe oder das Windelkind des ſtarken Mannes, zwiſchen deſſen beiden aufgeſtemmten Armen . ———— X8— — 175— ſeinen Platz ein, der ihn zum Zeugen des Gerichts uͤber den Verbrecher machte. Nichols ſaß ſchon in ruhiger Haltung auf der Bank, ob⸗ gleich das Gericht noch nicht angefangen hatte. Die wilde Leidenſchaftlichkett und der Trotz waren aus ſeinem Geſichte verſchwunden, ohne daß die Furcht deshalb eingekehrt gewe⸗ ſen waͤre. Mit unterſchlagenen Armen und ruhigen Blicken muſterte er die Verſammlung, ohne von irgend einem Ge⸗ genſtande beſonders angezogen zu werden. Einige ſeiner al⸗ ten Bekannten begingen wohl die Unſchicklichkeit, ihm zuzu⸗ winken, er antwortete aber nicht. Da ſich angeſehene Edel⸗ leute und ſelbſt einige Lords unter der Verſammlung befan⸗ den, ſo wurden die verſchiedenen Behauptungen uͤber ihn bald der Gegenſtand hoher Wetten. Funfzig gegen eins ſtanden einige, daß die Jury das Schuldig ausſprechen werde. Mehr ſchwankte der Satz daruͤ⸗ ber, ob die Execution des Haͤngens werde vollſtreckt werden oder nicht— aber alpari ſtand er, ob Nichols beim Haͤngen werde Furcht bezeugen oder nicht? Wer ſind die Geſchwornen? fragte der Seefahrer ſeine Enclave. Wer wird es ſein? Diener des Miniſterit, aus der Gen⸗ try im Umkreiſe. Das iſt alles abgemachtes Spiel. Es iſt ihnen vorgeſchrieben worden, das Verdiet: ſchuldig zu ſpre⸗ chen, ſonſt— 3— 16— Nun was denn ſonſt? fragte Jemand, der Dulberrys Aus⸗ ſpruch mit angehoͤrt hatte. Sonſt— das ſieht jg wohl jeder Brittiſche Vaterlands⸗ freund ein, daß das ganze Gericht mit den Geſchwornen eine leere Gaukelei iſt. Sonſt, ſonſt— ja ſonſt wars anders. An⸗ no 1715 und 1745, da galten noch die Geſchwornen was; fetzt, ſeitdem das ganze Parlament beſtochen iſt, und ſeitdem die Moͤrder aus dem Blutbade bei Mancheſter von der großen Jury freigeſprochen ſind, jetzt, meine Freunde, ſind wir alle arme Sclaven, und koͤnnen erdruͤckt und maſſacrirt werden, wenn es den Miniſtern gefaͤllt, und kein Hahn kraͤht darum, wenn ein Alt⸗Brittiſch Herz von einem Huſarenſaͤbel zerſpalten wird⸗ Eine ſtramme Geſtalt! rief ein Anderer, dem brauchen ſie keine Steine in die Taſchen zu ſtecken, er wird ſich ſchon ſelbſt feſt zuſchnuͤren. Iſt ſein Leib ſchon verkauft? fragte ein Anderer. Nicht doch, er muß ja hier ſecirt werden. Pah! Danach fragen ſie viel. Zehn gegen eins, er kommt nach London ins Muſaͤum, die Londoner werden ſich das nicht entgehn laſſen, den Nichols auf dem Brette liegen zu ſehn. Hier ſchneiden ſie ſo ein Bißchen in's Fleiſch, aber das will nicht viel bedeuten. Ich hoͤre,— ſagte ein Dritter,— die Geſellſchaft in Edin⸗ burgl, die freſſologiſche, haͤtte ihn gekauft. Nicht doch, die phrenologiſche heißts, wo der Dich⸗ ter Walter Scott Secretair iſt. Meinet⸗ — 1772— Meinethalben freß⸗, phren⸗oder phraſologiſche, aber die wollen aus dem Koͤrper beweiſen, daß Nichols ſchon zum Galgen geboren iſt, denn er ſoll das Schleichhaͤnd⸗ lerorgan im Kopfe ſtecken haben. Das Geſchwaͤtz der Zuſchauer hoͤrte durch das Vorleſen der Anklageacte von Seiten des General Attorney, eines aͤlt⸗ lichen Mannes, auf. Er ſchloß ſeinen Vor⸗ und Antrag mit einer aus dem Herzen kommenden Ermahnung uͤber den wil⸗ den Schwindel, welcher ſich jetzt eines Theils der Jugend bemaͤchtigt habe. Lehren, welche die Religion vergiften und die oͤffentliche Ordnung umzuſtoßen drohten, haͤtten uberall Eingang gefunden. Wenn des Juͤnglings ungebaͤndigte Kraft ſich in fruͤhern Zeiten in nicht zu billigenden Thorheiten Lnft gemacht, ſo haͤtte ſie jetzt den Ausweg gefunden, welcher zum Verbrechen fuͤhre. Wenn die Strafbarkeit des Einzelnen auch in Betrachtung dieſer im Allgemeinen verkehrten Richtung der Zeit, geringer erſcheine, wenn auch der Inquiſit Hand⸗ lungen begangen und Geſinnungen gezeigt habe, welche Fun⸗ ken eines beſſern Geiſtes, als man ihn bei gewoͤhnlichen Miſſethaͤtern finde, verriethen; ſo duͤrfe dies den Richter doch nicht abhalten, das Schuldig uͤber einen Verbrecher aus⸗ zuſprechen, deſſen Beiſpiel fuͤr ſchwaͤchere und ſtarke Geiſter gleich verfuͤhreriſch ſein muͤſſe. Es wurden nur wenige Zeugen abgehoͤrt, jedoch meiſtens ſolche, welche auf das Beſtimmteſte uͤber die einzelnen An⸗ ſchuldigungen Auskunft geben konnten. Aller Augen aber wa⸗ IIE. Bd.[12 — 11— ren auf den jungen und talentvollen Vertheidiger des Ver⸗ brechers gerichtet. Maſter Pritchard vereinigte mit einem ge⸗ faͤlligen, zuweilen feurig werdenden Vortrage eine ſeltene Dialektik, und hatte ſich eine Bildung angeeignet, welche weit uͤber diejenige hinausgeht, die man ſpruͤchwoͤrtlich dem Advokatenſtande zuſchreibt. Waͤhrend mehrere ſeiner Collegen bemuͤht geweſen waren, einem ſo unfruchtbaren Geſchaͤfte, als Nichols Vertheidigung zu ſein ſchien, ſich zu entziehen, hatte er ſich willig erboten; und das Gericht und jeder un⸗ befangene Zuſchauer mußte geſtehen, daß die Vertheidigung ſeinem Verſtande und ſeiner Geſchicklichkeit Ehre machte. Er begann mit den Kreuz⸗und Querfragen, ohne dabei ſo zu verweilen und im Ueberſchweifen zu den irrelevanteſten Nebenumſtaͤnden, Zeugen, Richter und Geſchworene zu er⸗ muͤden, worin leider ſo viele Maͤnner des Geſetzes heut zu Tage ihren ganzen Ruhm ſetzen. Im Gegentheil warf er nur einige ſcharfe Fragen ſchnell hinter einander auf; und als er ſah, daß er die Zeugen zu keinem Widerſpruche fuͤhren konnte, der uͤberdies bei den Geſtaͤndniſſen von geringem Belange zum Ausgange des Prozeſſes haͤtte ſein koͤnnen, verſchwendete er nicht die Zeit mit der geringen Aehrenleſe dieſes Stoppel⸗ feldes ſondern ging zur Widerlegung der Anklageacte uͤber. Scharf und kurz widerlegte er zuerſt die truͤbe Beſchuldi⸗ gung des Anwalds gegen die neueſte Zeit. Er behauptete, die Klagen des graͤmlichen Alters uͤber das Verderbniß der Zeit ſeien vom Uranfang der Welt an vorgekommen, ia ſpruͤch⸗ — — 170— woͤrtlich geworden. Er ſuchte darzuthun, daß, waͤhrend im Allgemeinen die Zeit niemals beſonders ſchlechter geworden, die Anſchuldigungen des Alters gegen Neuerungen in jedem Zeitalter zu finden waͤren. In den Tragoͤdien des Aeſchy⸗ lus— ſagte er— klagen bereits die Furien, als aus dem alten Stamme entſprungene Goͤttinnen, uͤber die Neuerun⸗ gen, welche das neue olympiſche Goͤttergeſchlecht eingefuͤhrt habe, als Apollo Milde und Gnade predigte. Die Juden klag⸗ ten uͤber revolutionairen Schwindel, als der Heiland predig⸗ te; und ſo oft ein Kirchenverbeſſerer auftrat, ſahen die An⸗ haͤnger des alten Syſtems unausbleibliches Verderben herein⸗ brechen. Er ging dann auf Englands Geſchichte uͤber, zeigte wie auch hier vor jeder heilſamen Verbeſſerung des geſelligen Zuſtandes die ſinſtern Katonen aͤngſtlich ihr ceterum ceuses ausgeſprochen haͤtten: Wie toͤnten die Eulenſtimmen der Pres⸗ byterianer zu den Zeiten der Stuarts? Hoͤrte man nicht— rief er aus— vor unſerer glorwuͤrdigen Revolution von 1688 dieſelben politiſchen Wahrſager, welche heut zu Tage den Un⸗ tergang der Religion und des Staates prophezeihen? Als zu John Wilkes Zeiten, zu denen Horn Tooxs das Volk in unſchaͤdlichem Toben die Freiheit zeigte, welche ihm unſere Verfaſſung zugeſteht, toͤnten die miniſteriellen Blaͤtter nicht, grade wie heut zu Tage, von Exelamationen wieder, daß die Poͤbelherrſchaft die Ordnung vernichten, den Staat untergra⸗ ben werde? Als Junius Briefe erſchienen, hieß es: Reli⸗ gion und geſunde Politik ſeien mit Sitte und Recht vergiftet,⸗ — 180— gleich wie man vor zwanzig Jahren den Schriften Thomas Paynes das Geyicht beilegte, jedes religioͤſe Gefuͤhl auss zurotten! Meine Herren, dieſe Deelamationen moͤgen immer erlaubt ſein im Kampfe der Partheien, und ſie werden, ſo weit das menſchliche Auge in die Zukunft blickt, in Procla⸗ mationen und Zeitblaͤttern immer,— nur mit andern Wor⸗ ten— wiederholt werden; aber unrecht iſt es, wenn ſie in den geheiligten Hallen des Rechtes, wo die Politik keinen Zutritt erhalten darf, wiederſchallen; noch groͤßerer Miß⸗ brauch, wenn ſie aus dem Munde des Anklaͤgers toͤnen, und den Richter, indem ſie ihn fuͤr das oͤffentliche Wohl beſorgt machen, gegen das ungluͤckliche Individuum ſtrenger ſtimmen. Dieſer Eingang, wie wenig er auch zur ſpeciellen Ver⸗ theidigung Nichols gehoͤren mochte, fand doch allgemeinen Beifall, und es war auch vielleicht nur dies, welches der un- ſichtige junge Mann beabſichtigte. In ſchwierigen Faͤllen iſt es des geſchickten Advokaten erſte Pflicht, ſtatt, wie viele es machen, mit einem Ungewitter von Ex⸗ und Deklamationen loszufahren, durch eine Rede, welche den Schein der Billig⸗ keit athmet, die gefuͤhlvolle Aufmerkſamkeit der Zuhoͤrer ſich geneigt zu machen. Auch die Brocken aus dem Aeſchylus mochte er nicht ohne Abſicht eingemiſcht haben; denn, wie wahr auch ſeine Anfuͤhrung an ſich war, ſo galt es doch mehr, den Richtern zu imponiren mit: Geſtalten grauer unbekannter Zonen, da, wie der boͤſe Leumund ſagt, in der ehrenwerthen Ver⸗ — 181— ſammlung kein Einziger war, der die Griechiſchen Tragiker geleſen hatte*). Wichtiger fuͤr die Sache war der zweite Theil ſeiner Rede. Er wollte fuͤr die ſaͤmmtlichen Anſchuldigungen einen Grund finden, weshalb die Anklage nicht Platz greife. Namentlich ſtritt er mit großer Geſchicklichkeit dafuͤr, daß die Klage des Hochverraths unzulaͤſſig ſei, da kein ſpe⸗ cieller miniſterieller Befehl, deshalb den Verbrecher zu ver⸗ folgen, vorhanden ſei. Seine aͤltern Vergehen gegen die Graͤnzgeſetze waͤren verjaͤhrt, die dabei vorgefallenen Ermor⸗ dungen nicht erwieſen, da die Leichenſchau fehle, auch Ni⸗ chols Geſtaͤndniſſe verworren waͤren, und er leicht im truͤben Zuſtande ſeines Geiſtes, bei verworrener Erinnerung, mehr bekannt, als er veruͤbt habe. Nur ein Verbrechen erkannte er an, den letzten feindlichen Angriff auf Walladmor⸗Caſtle, aber er laͤugnete die Strafbarkeit deſſelben. Er entwickelte pfychologiſch aus Nichols eigenen Geſtaͤndniſſen und den uͤber dieſes letzte Verbrechen vernommenen Zeugen, daß der Ver⸗ brecher ſich in einem Zuſtande des Wahnſinns befunden, als er den Angriff wagte. ⁴) Geehrter Engliſcher Recenſent, du zürnſt auf dieſe Invective gegen dein England und widerlegſt die Anſichten durch Thartſachen. Ich deprecire, und wünſchte ich könnte daſſelbe, was du von deinen Juriſten ſagſt, auch im Allgemeinen von den unſeren behaupten, aber der ſchwierige Aeſchylus! Doch mit ihm rufe ich aus:„Aber das Gute wird ſiegen!“ A. d. ü⸗. 182— Es geziemt ſich nicht— ſagte er— Privatgeheimniſſe zur oͤffentlichen Kenntniß zu ziehen; die Pflicht des Verthei⸗ digers erfordert es aber, auch ſelbſt gegen den Willen des Vertheidigten, Umſtaͤnde zur Sprache zu bringen. Meine Herren Geſchwornen! es iſt allgemein in der Gegend be⸗ kannt, daß der Schleichhaͤndler Nichols aus Liebe gegen eine Dame hohen Standes, einem ſchwaͤrmeriſchen Truͤbſinn ſich hingegeben hat. Wenn ich nicht auf die Wiſſenſchaft der Herren Geſchwornen rechnen ͤnnte, wuͤrde ich namhafte Kaufleute aus Holland und dieſer Gegend als Zeugen auf⸗ gerufen haben, welche dieſes bekannt gewordenen Wahnſinns wegen dem Schleichhaͤndler Nichols ihre Geſchaͤfte nicht mehr anvertrauen wollten; ich koͤnnte zwei Maͤnner aus dieſem Ort benennen, welche von ihm ſelbſt die Aeußerung gehoͤrt haben: Liebe ſei mehr werth als alles Gut! Wenn ein Mann, deſſen wilde Naturkraft durch keine Bildung gezaͤhmt worden, von der Leidenſchaft der Liebe ergriffen, wenn ſie nicht er⸗ wiedert wird, ſo ſind die Folgen nicht zu berechnen. Die Dame, welche— Schweigen Sie— bei Ihrer Seligkeit— fuhr Nichols, zu ſeinem Vertheidiger gekehrt, auf— ich will nicht, Sie ſollen nicht— die Macht werde ich noch haben, obgleich in Ketten— ich will ſterben. Sie ſehen— fuhr Maſter Pritchard gelaſſen fort— zu welchem Ausbruch der Wuth, zu welchem unngtuͤrlichen Ent⸗ ſchluſſe ihn nur die Erwaͤhnung des Namens treibt. Er — 183— will ſterben, das hat er jetzt mit Worten, das hat er da⸗ mals durch die That ausgedruͤckt. Die Dame hat ihn nicht beguͤnſtigt. Liebhaber, welche durch die Sproͤdigkeit ihrer Geliebten bis zum Selbſtmorde getriehen wurden, gehoͤren, wenn auch ihre Erſcheinung ſelten iſt, nicht der Romanenwelt n. Nichols wollte ſterben, als er uit wenigen Leuten den ſcheinbar unuͤberlegten Angriff auf das Schloß unter⸗ nahm. Er wollte im Gefecht umkommen, kam aber nicht um.— Er lieferte ſich freiwillig aus.— Verlangen Sie mehr Beweiſe, daß er im wahnſinigen Wunſche, zu ſterben, jenen Angriff gewagt? Dieſe Anſicht ſchließt jedes Verbre⸗ chen aus; ſie erklaͤrt, weshalb der Inquiſit ſo viele Verbre⸗ chen, ja mehr Verbrechen, als er je veruͤben konnte, bekannt hat. Sie ſehn einen Wahnſinnigen, der ſterben will, ſterben durch die Hand des Henkers. An ihn haben die, fuͤr freie Weſen gegebenen Geſetze kein Recht. Die Verſammlung war ſtill, die Geſchwornen ſchienen nachdenkend. Der Vertheidiger ſah dies als ein guͤnſtig Zei⸗ chen an, und klagte, daß man ihm Schwierigkeiten in den Weg gelegt, als er Zeugen dieſer Liebe habe aufſtellen wol⸗ len. Er beſchuldigte den Squire Sir Morgan Walladmor, daß er weder ſeine Nichte habe geſtellen wollen, noch ſelbſt beim Gerichte erſchienen ſei, welchem er, vermoͤge ſeines Am⸗ tes, beizuwohnen verpflichtet waͤre. Er trug, da die Aufklaͤ⸗ rung dieſes umſtandes, indem ſie auf die Handlungsweiſe des Verbrechers das hellſte Licht werfe, aͤußerſt wichtig ſei, — 184— darauf an, den Squire ſowohl, als ſeine Nichte, herbeiholen zu laſſen. Der Richter aber verwarf dieſen Antrag, indem, nach amtlicher Anzeige des Friedensrichters Sir Morgan Wallad⸗ mor, deſſen Nichte gegenwaͤrtig krank liege, er ſelbſt aber durch ſeine Gemuͤthsſtimmung verhindert werde, zu erſchei⸗ nen. Ein allgemeines Murren verbreitete ſich durch die Ver⸗ ſammlung, und der Reformer konnte ſeinen Unwillen nicht mehr zuruͤckhalten. Krank ſein! nicht wahr, meine Herren! Des vornehmen Sir Morgan Walladmor Gemuͤth iſt nicht geſtimmt, hie⸗ her zu kommen, um Zeugniß abzulegen fuͤr einen unſchuldi⸗ gen Kerl— wahrhaftig, der arme Nichols, der iſt auch nicht in ſeinem Gemuͤthe geſtimmt, hier vor Gericht zu ſitzen und morgen zu haͤngen. Die Lady muß herkommen und Zeugniß geben; aber wer vornehm iſt, kann krank ſein. Ich moͤchte das Geſicht der Herren geſehn haben, wenn der arme Nichols heut haͤtte krank werden wollen. Seid doch ſtill, Maſter Dulberry, ſagte ſein Hinter⸗ mann,— ſie ſehn uns ja von allen Seiten an. und wenn ſie uns anſehn, ſo ſehn ſie Vaterlandsfreunde, wenigſtens einen, der ſich nicht ohne noch einmal aufzu⸗ ſchreien, unter die Pferdehufen der Huſaren von Mancheſter werfen laͤßt. Ja, Freunde von England— Weiter konnte er nicht ſprechen, denn waͤhrend der praͤ⸗ ſidirende Richter vor ihm mit Worten Ruhe gebot, praͤgte — 185— ſein Hintermann, der Seefahrer, ihm dies Gebot durch die That ein, indem er ſich mit dem Leibe etwas vorbeugte und die Bruſt des ungluͤcklichen Reformers in eine ſo verzwei⸗ felte Preſſe zwiſchen den Stahlknoͤpfen ſeines Rockes und der Barriere brachte, daß es ihm an Luft zu ſprechen fehlte. Erſt als er gelobte ſtill zu ſein, ward der Ungluͤckliche von dieſem Preßzwange losgegeben. Der Vertheidiger ging jetzt auf einen neuen Punkt uͤber. Er fragte, ob ein Verbrecher, welcher von Jugend auf un⸗ ter verbrecheriſchen Eltern erzogen, dem die Grundſaͤtze der Highwaymen und Piraten eingepraͤgt worden, dem nie in den Jahren, in welchen der Menſch koͤrperlich und geiſtig waͤchſt, eine andere Lehre gepredigt worden; ob der nach den Geſetzen der ſittlichen Welt und des Staates beurtheilt wer⸗ den koͤnne? Es iſt bekannt, ſagte er, daß James Nichols auf dem Schiffe des beruͤchtigten Schleichhaͤndlers Jaeſon auferzogen worden iſt. Waͤre es mir moͤglich geweſen, dieſe gefaͤhrliche Perſon ſelbſt als Zeugen vor Gericht zu ſtellen, ſo wuͤrde ich haben Dinge offenbaren koͤnnen, welche ſo guͤn⸗ ſtig fuͤr den Angeklagten ſprechen wuͤrden, daß ſeine voͤllige Freiſprechung unausbleiblich waͤre. So war es mir nur ver⸗ goͤnnt, Vermuthungen aufzuſtellen, welche durch das Zeug⸗ niß dieſes Mannes beſtaͤrkt werden ſollen. Waͤhrend ein, als der invalide Matroſe in Mrer wohl bekannter, greiſer Bettler vortrat, um zu ſprechen, und aller Aufmerkſamkeit auf ihn gerichtet war, ſpuͤrte Dulberry, daß ſeine Ruͤckenpreſſe und zugleich Ruͤckenlehne zuruͤckweiche. Der Seemann war ploͤtzlich entwichen; waͤhrend Dulberry ijedoch auf die Auſſage des Matroſen und die Kreuz und Querfra⸗ gen des Koͤniglichen Anwalds horchte, empfand er nur halb die unangenehmere Ruͤckenlehne der neu vordraͤngenden Zu⸗ ſchauer von mehr Knochen und weniger Fleiſch. Erkennt Ihr dieſen, vielfacher Verbrechen angeſchuldig⸗ ten James Nichols fuͤr denjenigen, welchen Ihr als Knaben auf dem Schiffe des Schleichhaͤndlers Jaeſon geſehn habt⸗ fragte der Koͤnigliche Anwald den Zeugen. ₰ freilich iſt ers, wenn ichs ſagen muß— er ſagts ja auch ſelbſt.. Auf welche Art kam er auf das Schiff? Das habe ich ja ſchon geſagt— als ein kleines neuge⸗ bornes Kind— es war kaum ſo— ſo— groß— hab' ich ihn hingebracht. uUnd wie lange ſeid Ihr, in Dienſt dieſes Nichols oder Niklas, um ſeine Perſon geweſen? Bis ich den Schuß ins Bein bekam— nein, nicht doch,— oben in die Schulter— der Grechorius meinte— ich wuͤrde nicht davon kommen, da ſetzten ſie mich an's Land. und wer gab Euch das kleine Kind, das neugeborne, damit Ihrs auf Jaeſons Schiff bringen ſolltet? Nu die tolle Gillie— ſie war dazumal noch nicht toll.— Ach nein, nein, nein— nicht die tolle Gillie— ich ſollte's — 187— ja Niemand ſagen, daß ich es von ihr haͤtte— nicht die tolle Gillie.— Aber ſie hat Euch doch nicht verboten zu ſagen, wann ſie es Euch gegeben?— Nein, das hat ſie nicht verboten— das weiß ich ganz genau, Es war gerade zur Zeit als die alte Suſe Drillinge kriegte, ſie wurde nachher aus der Grafſchaft gepeiſcht, und dann hat ſie Niemand mehr geſehn.— Es war dunkle Nacht, oder auch ſchon Morgen, da wickelte ſie's in'ne alte Schuͤrze, und ſie hat ihm auch in den Arm gebiſſen, und dann ruderte ichs zum Niklas⸗ Und Jaeſon ſchickte das Kind nach Hamburg, habt Ihr fruͤher geſagt? Ja! nach Hamburg! Mit'nem kleinen Zweimaſter— er hatte Zucker und Kaffee geladen, und es war auch nicht recht richtig mit ihm.. Und er kam nicht wieder? Nein. Aber dieſer Nichols oder Niklas, unter dem Ihr ſpaͤter dientet, iſt daſſelbe Kind, welches Euch die tolle Gillie uͤber⸗ geben. Nein, das ſoll ich ja nicht ſagen— die Gillie wollte es durchaus nicht haben, daß ich's ausplaudern ſollte. Jaeſon aber ſagte: die Gillie waͤre ein dummes, tolles Weib— aber freilich iſt er derſelbe— denn es iſt ja Niklas. Aber Ihr ſagtet, das Kind ſei von Jaeſon einem Ham⸗ burgfahrer uͤbergeben worden. Freilich— das Kind, was ſie hingeſchickt haben, iſt auch nicht Niklas— aber ich bin ein alter Mann— und lebe nur von Almoſen— und weiß nicht alles ſo genau— fragt aber doch Jaeſon, der iſt ja hier.— Alle blickten erſtaunt in die Hoͤhe und ſahen ſich um. Nur der Verbrecher ſchlug die Arme unter einander, ſenkte den finſteru Blick zu Boden und ſagte: Gebt Euch keine Muͤhe!— Er war hier— er iſt wieder fortgegangen. Aus dem altersſchwachen Manne war weiter nichts her⸗ auszubringen; und nachdem Maſter Pritchard dringend dar⸗ auf angetragen hatte, die Umſtaͤnde der Geburt des Verbre⸗ chers einer naͤhern Pruͤfung zu unterwerfen, und deshalb, mit Aufſchub des Gerichtes, die Gillie Godber und andere Zeugen zu verhoͤren, nahm der Koͤnigliche Anwald wieder das Wort. Er zeigte, daß aus den Ausſagen des kindiſchge⸗ wordenen alten Mannes, welcher bei jedem Worte ſich ſelbſt widerſpreche, nichts hervorgehe; und da es uͤberdies wahr⸗ ſcheinlich ſei, daß die Anhaͤnger des zur Unterſuchung gezo⸗ genen Verbrechers ihn zu deſſen Gunſten, und um Verwir⸗ rung in den Prozeß zu bringen, vorgeſchoben haͤtten, ſo trug er darauf an, mit Uebergehung jeder weitern Ausmittelung zum Abſchluß zu ſchreiten. Hiergegen proteſtirte der Vertheidiger. Er ſagte, daß die Kinder mehrerer achtbaren, auch edlen Familien dieſes — 189— Landes in ihrer fruͤhſten Jugend durch die Unachtſamkeit oder Bosheit der Ammen verloren gegangen, oder ausge⸗ tauſcht worden ſeien. Er ſchilderte das Ungluͤck auf dieſe Weiſe beraubter Eltern; er mahlte die Freude des Wieder⸗ ſehns verloren gegangener Kinder, und warnte den Gerichts⸗ hof, nicht unbehutſam in einem jetzt als Verbrecher auftre⸗ tenden Individuum vielleicht den Abkoͤmmling einer beruͤhm⸗ ten Familie zu ermorden. Etwas ſpoͤttiſch entgegnete der Koͤnigliche Anwald: Er zweifle nicht, daß ſein wuͤrdiger College, wenn er vor einem Romanengerichtshofe einen Romanenhelden zu vertheidigen habe, mit ſeinen kraͤftigen gus Romanen entnommenen Ver⸗ theidigungsgruͤnden durchdringen werde. Denn richtig ſei es, daß von den aͤlteſten Rovellen herah bis zu denen der Miß Burney, Opy, Edgeworth, ja denen des neueſten Schot⸗ tiſchen Romanenſchreibers, Vertauſchungen von Kindern in der Wiege das Hauptingredienz ihrer Romane bildeten, und es ſich nicht minder haͤufig ereigene, daß der Held oder die Heldin am Ende des dritten Theiles zu Kindern vornehmer Eltern wuͤrden,— ja werden muͤßten,— im Leben ſelbſt fielen dieſe Ereigniſſe jedoch ſelten vor; Blaeſtone nenne ſie nicht als Gruͤnde, um uͤber einen geſtaͤndigen Verbrecher das Nicht ſchuldig auszuſprechen; und jedenfalls wuͤrde die Freude der vornehmen Eltern nicht allzuheftig ſein, wenn ſie ſtatt des verlorenen Sohnes einen reifen Galgenvogel wie⸗ derfaͤnden. — 190— Der Nichter entſchied ſich dafuͤr, daß jede fernere Aus⸗ mittelung unerheblich ſcheine, indem die ganze Fabel des alten Matroſen an ſich mehr als unwahrſcheinlich laute, uͤber⸗ dies auch nicht abzuſehn waͤre, zu welchem anderen Reſultate jene Nachforſchung fuͤhren koͤnne, als zur Compromittirung irgend einer achtbaren Familie des Landes, oder zur Aufre⸗ gung ſchmerzlicher Gefuͤhle, ohne irgend einen Troſt dafuͤr zu gewaͤhren. Es wurde demnach jetzt dem Verbrecher die Erlaubniß gegeben, zu ſeiner Vertheidigung ſelbſt zu ſprechen. Er erhob ſich mit natuͤrlichem Anſtande und trat an die Barriere, die Verſammlung mit wenigen Blicken muſternd. Dann ſprach er ohne zu zaudern oder zu ſtocken: Gentlemen! Der Himmel bewahre mich, vor den Augen meiner Henker eine andere Rolle ſpielen zu wollen, als in den Tagen meiner Freiheit. Ich habe nie vor dem Tode ge⸗ zittert, ich werde auch— ſoll's geſchehn— auf der letzten Staffel nicht verzagen. Im Leben log ich nie, ich habe auch vor den Richtern keine That verſchwiegen.— Ob? und wie weit? und wie lange? ſie nach den Geſetzen ſtrafbar ſind, das weiß ich nicht. Was der gelehrte, ehrenwerthe Herr ge⸗ ſprochen, um meinen Hals aus der Schlinge herauszuziehn, wird er ſelbſt vertreten; mit den kuͤnſtlichen Erklaͤrungen und Auslegungen der Geſetze habe ich nichts zu ſchaffen.— Aber Wahres ſprach er— ob es zur Vertheidigung dient, weiß ich auch nicht— wenn er ſagte, ich ſei nie in den Lehren und Grundſaͤtzen von Staat und Sitte unterrichtet und in — 191— voͤlliger Wildheit auferzogen worden.— Beim Himmel!— unter den wackern, kraͤftigen Leuten, die vom Sturm und den tobenden Wogen berauſcht wurden, habe ich nur ge⸗ lernt, daß dieſes Land, wo die Geſetze herrſchen ſollen, ein Land des Eigennutzes, des Betruges, der Unterdruͤckung ſei. Meine Herren! In ſpaͤtern Jahren lernte ich Sitte, Geſetz, Verfaſſungen, und wie Ihyr ſonſt die Einrichtungen unter gebildeten Weſen nennen moͤgt, kennen, aber ich lernte ſie, wie ein Schauſpieler ſeine Rollen— um mitzuſpielen. Ich bin ſo thoͤricht und unerfahren geblieben, daß ich nicht begreifen kann, weshalb man die Menſchen, welche auf ho⸗ hen Schloͤſſern oder in Pallaͤſten geboren ſind, hoͤher achtet, als die in Huͤtten gebornen.— Bravo, Bravo! rief eine Stimme. Es war Dulberrys; einige kraͤftige Rippenſtoͤße von ſeinen Nachbaren brachten ihn wieder zur Ordnung. Der ganze Staat— nicht der dieſes Landes allein— Koͤnigreiche und Republiken erſchienen mir wie große Pup⸗ venſpiele, um Alle oder Einen zu amuͤſiren, um Alle oder Einen zu hintergehn. Wenn ich mich zu einer politiſchen Verſchwoͤrung gegen einen ſolchen Staat hinreißen ließ, ſo gereut mich dies jetzt beim Himmel, denn in den vierzehn Tagen meiner einſamen Haft iſt mir das Ding, was Ihr Staat oder geſetzliche Ordnung, oder wie ſonſt nennt, ſo erbaͤrmlich und laͤcherlich vorgekommen, daß ich mich ſchaͤmte, ſo viel von meiner Kraft drangeſetzt zu hahen, um mit daran — 192— zu raͤtteln. Jeder lebt und wirkt fuͤr ſich, das habe ich als die Bedeutung des Lebens uͤberall gefunden, nur mit dem unterſchiede, daß man in einem gebildeten Staate einen Mantel uͤber die Abſicht wirft, und wir freien Leute und Ritter der Kraft frei, auch dem Richter ins Geſicht, unſere Abſicht ausſprechen.— Weiter weiß ich nichts zu meiner Vertheidigung; aber ich habe etwas, das bitterer iſt, als Euer Geſetz, in dieſen Stunden erfahren, daß auch unter den Leuten, welche Euren Goͤtzen verhoͤhnen, feige Schurken ſind. Viele meiner alten Noth⸗ und Drangsgefaͤhrten ſah ich umher ſitzen, und ſobald es ans Zeugniß ablegen ging,⸗ draͤngten ſie ſich ſcheu zuruͤck. Meinethalben! Der Himmel ſtrafe mich, wenn ich je auf ihre Huͤlfe bauen wollte. Iſts gefaͤllig, ihr Herren, ſo bin ich fertig. Es war ſchon ganz finſter geworden, als die Geſchwor⸗ nen abtraten. Trotz des feierlichen Momentes, welcher die⸗ ſem Abtreten fuͤr das Gefuͤhl jedes nachdenkenden Menſchen folgen muß, herrſcht doch ſelten die Stille, welche man er⸗ warten koͤnnte. Ungeachtet des Kerzenlichtes, welches auf den duͤſtern Verbrecher und die feierliche Verſammlung nie⸗ derſtel, trat in wenigen Minuten das Geraͤuſch der Taver⸗ nen ein. Dulberry machte ſich zuerſt Luft: Die Rede hat mir gar nicht gefallen— ſagte er zu dem um ihn ſtehenden Kreiſe.— Anfangs verſprach ſie was. Er fing ordentlich gegen die Miniſter an los zu gehen, aber dann ſchweifte er ins — 193— ins wilde Blaue uͤber, was kein Menſch verſteht. Es waͤre hier ſo gut der Ort geweſen, uͤber den Ruin der Fabriken und den Zolltarif zu ſprechen. Er haͤtte berechnen koͤnnen, daß unter unſerm heutigen Miniſterium 39 Procent Men⸗ ſchen mehr geſtorben ſind, als unter dem von Horace Wal⸗ pole, wovon man 28 ¾ auf Rechnung der Selbſtmorde aus Mißvergnuͤgen, die uͤbrigen 10 auf die Caſtlereaghſchen Huſaren und die armen Leute rechnen kann, welche ſie auf den Continent geſchleppt haben. Er haͤtte nur beweiſen ſol⸗ len, daß er von der Armentaxe nichts abbekommen hat, und daß ſie doch das Land ruinirt, daß er alſo nicht dran ſchuld iſt, und dagegen gearbeitet hat. Aber da redet er von Ko⸗ moͤdianten und Kraft und anderes dummes Zeug.— Hundert gegen hundert Pfund!— rief ein junger Lord, deſſen neue Herrlichkeit eben das Haus der Lords betreten hatte, und hier ſeine Stimme zuerſt laut werden zu laſſen, fuͤr ſchicklich hielt,— hundert gegen hundert, er wird frei geſprochen. Es fanden ſich viele, welche die Wette eingingen, nur wenige aber folgten ſeinem Beiſpiele. Dagegen bot man von allen Seiten: Hundert gegen Eins, Niklas werde keine Furcht bei der Execution zeigen. Er ſelbſt— der Gegen⸗ ſtand ihres Geſpraͤchs— ſaß mit unterſchlagenen Armen und zu Boden geſenktem Haupte, als achte und hoͤre er auf keine ihrer Reden. Es war aber noch keine Stunde verfloſſen, als III. Bd. 1 13] — 194— die Entſcheidung der erſten Wette und zugleich die ſeines Schickſals ſich nahte, indem die Thuͤre aufging und die Ge⸗ ſchwornen eintraten. Todtenſtille herrſchte im Momente. Der Nichter erhob ſich und that die uͤbliche Frage; ehe wir aber das Verdict erfahren, iſt es noͤthig, meine Leſer nach Schloß Walladmor zuruͤckzufuͤhren. Achtes Kapitel. Aflairs of consequence having bronght me to Town, I had the curiosity th'other day to visit Westminster-Hall, and having placed myself in one of the Courts, expected to be most agreeably entertained. Aſter the Court and Counsel were, with due ceremony, scated, up stands a learned Gentleman, and began: When this matter was last stirred before your Lordship; the next humbly moved to quash an Indice- ment, another complained that his Adversary had snap p'd a judgment; the next informed the Court that his Glient Was stripped of his Pofession- another begged leave to acquaint his Lordship they had been saddled with costs. At last up got a grave Serjeant, and told us his Client had been hung up a whole Term by a Writ of Error. At this, I could bear it no longer etc. The Spectator. N. 551. Tuesday, December 2. ——ʃ——— Ihr Geſtirn, lieber Bertram,— ſagte der Squire, als er mit dieſem Abends in dem großen Saale des Schloſſes lang⸗ ſamen Schrittes einherging— Ihr Geſtirn hat eine wunder⸗ bar aͤhnliche Inelination mit dem meines Edwin. So ſchwer mich auch die Taͤuſchung traf, ſo bitter fuͤr mich jede Stunde 7 — 4196— des Verhoͤrs war, ſo habe ich doch noch nicht die Hoffnung verloren, weil meine Wiſſenſchaft den Glauben unterſtuͤtzt. Wir bewunderten die Faſſung des ungluͤcklichen Greiſes in dem eiſernen Richter, ſagte Bertram. Junger lieber Mann, und ſollte die entſetzlichſte Gewiß⸗ heit kommen, deren Ahnung allein ſchon mich zu Boden druͤckt; ſollte es wahr werden, was ich nicht zu denken wage, was in wunderbaren, aͤngſtigenden Schreckbildern meinen naͤchtlichen Schlaf umgaukelt— junger Mann, ſo wuͤrde doch der Enkel Rhees von Merediths, Walladmors Stamm⸗ halter, der Gerechtigkeit gedenken; und wenn es ſein Theuer⸗ ſtes gaͤlte, er wuͤrde es hingeben.— Mein Haupt wuͤrde ich verhuͤllen, ich wuͤrde ihn nicht wiederſehn, bis ich hoͤrte, daß Walladmors Stamm⸗Eiche durch des Henkers Beil gefaͤllt ſei.— Sie ſtarren mich an; o ich habe Kraft, ich muß viel Kraft haben, denn ich habe das Entſetzlichſte geſehen.— Laſſen Sie mich allein, lieber Bertram, die Stunde der Ent⸗ ſcheidung ruͤckt heran.— Ich muß Kraft ſammeln zu einem Geſpraͤch mit meinen Ahnen. Aber Lady Ginievra— Sir Morgan, ſte iſt noch ſehr angegriffen von dem Schrecken, von der Anſtrengung nach dem Schiffbruch.— Ihre Geſundheit, ihr Leben waͤre in Gefahr, wenn man ihr nicht die Vorgaͤnge, welche dieſem ungluͤcklichen Schloſſe noch bevorſtehn, verheimlichte.— Ich uͤberlaſſe das Ihrer Sorgfalt. Sie iſt aus Wallad⸗ mors Stamme und kann Geiſter ſehen⸗ — 197— Waͤre es nicht moͤglich, den Verbrecher außerhalb dieſer Mauern fuͤr ſein trauriges Schickſal aufzubewahren?— Sollte ſie durch Zufall das Geraͤuſch hoͤren, ja ihn ſehen, wenn er abgefuͤhrt wird, um den letzten Gang anzutreten,— ſo koͤnnen wir nicht fuͤr die Folgen ſtehen. Junger Mann! Und wenn es mein Sohn waͤre— ich bin geborner Richter uͤber die meines Blutes und die Be⸗ wohner dieſes Gaues— ich wuͤrde unbeweglich daſtehn, wenn es ausgeſprochen wuͤrde, das entſetzliche Verdammungsurtel uͤber ſein ſchuldiges Haupt; ohne zu zittern, wuͤrde ich ihn abfuͤhren ſehen, dann aber moͤchte ich zuſammenſinken und den Tribut der Menſchlichkeit zahlen.— Auch Ginievra iſt eine Walladmor.— Genug, es iſt uraltes Recht, die Ver⸗ brecher meines Gaues in dieſen Mauern zu bewahren, und ich fuͤhle mich nicht ſo ſchwach, das Recht meiner Ahnen aufzugeben. Leben Sie wohl!— Nachdem Bertram abgetreten war, durchſchritt der un⸗ gluͤckliche Greis langſam den oͤden großen Saal. Es gingen wirklich die Geiſter ſeiner Ahnen, welche umher an den Waͤn⸗ den hingen, vor ſeinem innern Geſichte voruͤber; aber beſon⸗ ders ernſt blickte ihn der mythiſche Ahne Nhees von Mere⸗ dith an. Was willſt Du? fuhr er in die Hoͤhe, und vor ihm ſtand eine der ſchrecklichſten Erſcheinungen, welche ihm in dieſem Leben begegnen konnten, obgleich er ſelbſt oft als Huͤlfe⸗Fle⸗ hender ſie aufſuchte. Gillie Godber, in einem Aufzuge, wie — 198— ihn nur der wildeſte Wahnſinn und gaͤnzliche Vernachlaͤſſi⸗ gung hervorbringen kann, ſtand vor ihm. Ihre grauen Haare flatterten unordentlich um den nackenden Hals und die halb entbloͤßte Schulter. Ohne Mantel, ohne Mieder, trug ſie nur den rothen Unterrock hoch herauf gezogen auf dem duͤrren Leibe, und barfuß, die Arme in ihrer duͤrren Nacktheit ausſtreckend, hielt ſie einen Feuerbrand, vom Ka⸗ mine entnommen, dem Squire entgegen. Furie! Here! Was willſt Du?— rief er entſetzt, Sie antwortete durch ein furchtbares Gelaͤchter, indem ihre Augen aus den tiefen Hoͤhlen heraustraten und mehr gluͤhten als der Brand in ihren Haͤnden. Dann rief ſie mit kreiſchender, Hoͤllenluſt athmender Stimme: Ja Herxe, Herxe, alter Zauberer!— Meine Großmutter aus Man ward in Derbyſhire verbrannt— und von der kommen die rothen Augen in die Familie! Sie drehte ſich wild im Kreiſe herum, und ſchwang da⸗ bei den Brand, daß von den Funken Gefahr fuͤr die Tapiſſe⸗ rie des Zimmers entſtand, Was willſt Du, Gillie Godber?— fragte der Sauire mit einer Stimme, welche die eines Stentors haͤtte ſein koͤn⸗ nen, und doch die gaͤnzliche Kraftloſigkeit des Sprechenden bekundete. Sie antwortete: 'S iſt ja ſo luſtig im Leben, mein Kind, Komm doch, juchheiſſa, und ſpringe geſchwind, Weißt Du denn noch nicht, alter Zauberrr Morgan— Du — 199— biſt doch ſonſt ſo geſcheut,— daß ich heut Hochzeit mache? — Weißt Du mit wem?— Mit dem Gregory— dem haſt Du ein Halsband geſchenkt— ſieh mal— hier iſt es— von Hanf nur— aber es haͤlt feſt und warm— Gregory iſt auf dem Waſſer zu mir gekommen und hat mich beſucht— mit⸗ ten im Sturm— aber heut giebts Hochzeit, und er kommt fuͤr immer wieder— und wird bei dem Schmauſe ſein.— Ach Du weißt noch nicht— weißt Du denn noch nicht, daß ſie heut in der Stadt indiciren?— Nicht wahr— Niklas kommt nicht davon— der muß ſchuldig ſein— denn die Mohren ſitzen nicht am Gerichtstiſch— Morgen Walladmor, Du haſt ſo viel Gutes und Liebes meinem Sohn Gregory gethan, das habe ich immer Dir gedacht, und ich wills Dir wieder vergelten— Morgan Walladmor! weißt Du, wer Nillas iſt⸗ Niklas— Morgan Walladmor, es iſt Dein Sohn. Der Sauire ſchrie auf, dann ſtuͤtzte er ſich auf ſeinen Stab, und ſtand wie eine Bildſaͤule mit auf die Wahnſin⸗ nige gerichtetem Blicke da. Du biſt eine Wahnſinnige! ſprach er endlich mit gedaͤmpfter Stimme. Freilich, freilich bin ichs, Sir Morgan. Wie haͤtte ich auch ſonſt Gregorys Tod aushalten koͤnnen, wenn ich nicht wahnſinnig geworden waͤre.— Aber Du kamſt ja immer zu mir, Morgan Walladmor, und wollteſt wiſſen, wo Dein Sohn geblieben ſei— o ich habe ihn gut erzogen. Was mein lieb⸗ ſter Sohn, mein Gregory gelernt hatt, das Metier habe ich ihn auch lehren laſſen, wie eine rechtſchaffene Mutter. Dem — 200— Jaeſon ſchickte ich das kleine Kind zu und biß ihm vorher in den Arm und hab' es in meine Schuͤrze gelegt, und der Jae⸗ ſon hat das Kind aufgezogen— und Niklas haben ſie es im Meerwaſſer getauft— So freue Dich doch, Morgan Walladmor! Grauſames, rachſuͤchtiges Weib! womit willſt Du's be⸗ weiſen? Als Du meinen lieben Gregory haͤngen ließeſt— da ſchwur ichs Dir zu, auch Dein Sohn ſollte haͤngen— Du ſollteſt ihn ſelber haͤngen. Sei doch luſtig, Morgan Wallad⸗ mor, Du kannſt wieder haͤngen laſſen. Sie that einige wilde Spruͤnge und wollte dann den Saal verlaſſen, blieb aber am Fenſter ſtehen, und ſagte dann: Sie kommen, ſie kommen— mit hellen Lichtern durchs Thal— das wird ein Leichenzug werden.— Leugne es, leugne es, Sir Morgan— glaube nicht, daß es Dein Sohn iſt— aber das macht alles nichts aus. Sie ſtuͤrzte zur Thuͤr hinaus; Sir Morgan aber wankte ans Fenſter, riß es auf und ſtarrte ins Thal. Mehrere Fa⸗ ckeln bewegten ſich den Schloßweg hinauf. Er ſah jetzt deut⸗ lich den Zug, er ſtrengte ſeine Augen an, dem hinter einem Conſtabler auf dem Pferde angebundenen Verbrecher ins Ge⸗ ſicht zu ſehen; dies ging aber nicht an, da er theils von den an⸗ dern Reitern beſchattet wurde, theils ſelbſt den Kopf derge⸗ ſtalt ſenkte, daß es auch dem Naheſtehenden nicht moͤglich wurde. Der traurige Zug ritt in das Schloß. Kein Jauch⸗ zen, kein wilder Freudenruf der Ankommenden oder von Sei⸗ — 201— ten derer, welche ſie bewillkommneten, erfolgte, ſelbſt die Pferde ſchienen weniger muthig als ſonſt zu ſchlagen. Der Sauire hoͤrte jetzt Tritte auf der zum Saale fuͤhrenden Wen⸗ deltreppe. Kaum hatte er die Kraft, das Fenſter zuzuziehen, und dem eintretenden Sir Davenant entgegen zu gehn. Was ſprachen ſie aus, was? Schnell das Wort! Schuldig, Sir Morgan. Allmaͤchtiger Gott! Der Verbrecher benahm ſich mit einer Faſſung, welche fuͤr ihn einen beſſern Tod, als am Geruͤſte wuͤnſchen ließ. Morgen in der Fruͤhe wird er abgeholt werden, er wollte ſelbſt keinen Aufſchub, um den Muth nicht zu verlieren.— Morgen, morgen ſchon ſoll er ſterben?— Sein eigener Wunſch.— Sein Vertheidiger verlangte zwar noch beſondere Ausmittelung der Umſtaͤnde ſeiner Ge⸗ burt, indem es durch Zeugen nicht unwahrſcheinlich gemacht worden, daß der Verbrecher ein Kind dieſes Landes iſt. Und man verwarf den Antrag?— fuhr der Squire in die Hoͤhe. Weil nicht abzuſehen, wie eine ſolche Ausmittelung fuͤr den Verurtheilten von Nutzen ſein koͤnne. Das Maß ſeiner Verbrechen iſt voll, das Urtheil unumſtoͤßlich, Aufſchub der Execution ſchon in voraus von London her verweigert. Ein⸗ ſolche Ausmittelung koͤnnte nur irgend einer Familie tiefe Wunden ſo ploͤtzlich und unerwartet ſchlagen, daß vielleicht ihr Gluͤck vernichtet, ihre Ehre gebeugt waͤre. Ich ſtimmte vollkommen dem Nichter bei, indem ich mir das Bild eines greiſen Vaters vormahlte, wie er niederſank, von dem An⸗ blick des als Sohn zu ihm gefuͤhrten Verbrechers vernichtet⸗ Sir Davenant, ich danke Ihnen— ſprach der Greis, in⸗ dem er ſeine Hand druͤckte— ich bin der letzte Stammhalter meines Geſchlechtes⸗ Wer aus Walladmors Haus iſt echt, Schätzt nichts höher, als ſtrenges Recht, ſo heißt unſer Wahlſpruch, der uͤber dem Thore ſteht— ich werde ihn aufrecht erhalten.— Es iſt die Loͤſung aller der Naͤthſel gekommen, aber eine furchtbare; was noch im Dun⸗ kel liegt, mag darin bleiben.— Fuͤrchten Sie nicht, daß ich ſchwach ſein werde— ich will ihn nicht mehr ſehn, denn Se⸗ hen koͤnnte den Willen beugen.— Entſchuldigen Sie mich heut beim Abendeſſen. Waͤhrend der Squire in ein nahe gelegenes Zimmer wankte, und ſich hier ohne Zeugen den Ausbruͤchen ſeiner Ver⸗ zweiflung uͤberließ, die den greiſen Koͤrper zu vernichten ſchien, ereignete ſich etwas im Schloſſe, woran Niemand gedacht hatte, welches aber der Lage der Dinge eine ganz andere Wendung geben konnte. Sir Davenant ahnete die Verwandt⸗ ſchaft des Verbrechers Nichols mit dem Squire; ſeine Abnei⸗ gung, dem Wunderbaren Glauben beizumeſſen, und die oben angefuͤhrten Gruͤnde, vom Verſtande eingegeben, hielten ihn aber zuruͤck, etwas zur weitern Ausmittelung zu thun; Ber⸗ tram, von ihm mit den Umſtaͤnden des Verhoͤrs nnterrichtet, — 203— glauhte aus denſelben Gruͤnden, aus welchen Sir Davenan: die Moͤglichkeit eines ſolchen Zuſammenhanges beſtritt, an die Wirklichkeit deſſelben; er konnte aber nichts thun, und Sir Morgan war davon, daß Nichols ſein verlorner Sohn ſei, voͤllig uͤberzeugt; ein krankhaftes Streben, gerecht zu ſein, unterdruͤckte aber das maͤchtig auflodernde Vatergefuͤhl. Ein Mann im Schloſſe war dagegen weder uͤberzeugt, noch glaubte oder ahnte er eine ſolche Verwandtſchaft; den⸗ noch aber hatte er den feſten Entſchluß gefaßt, Nichols zu retten. Es war der ſtumpfſinnige Toms. Als treuer Diener des Saquire bekannt, brauchte es nur ſeiner Verſicherung, von dieſem abgeſchickt zu ſein, um uͤberall Zutritt zu finden. Eingehuͤllt in einen, ſtatt Ueberrock dienenden, Kittel, und mit einer tief herab gehenden Nachtmuͤtze auf dem Kopfe, ſchritt er mit einem Flaſchenkorbe auf die vor dem Kerkerthur⸗ me belegene Wachtſtube zu. Auf ſein Klopfen oͤffnete ein Dra⸗ goner mit derbem Fluche die Thuͤre: Welche Nachtratze incommodirt uns noch ſo ſpaͤt!— Es ſoll morgen ſo fruͤh raus! eh die Sonne aufgegangen iſt, und nun wird man noch geſtoͤrt in der kurzen Nacht. Ich bin's nur. Der Sauire ſchickt mich.— Dich, das iſt mir ganz gleichguͤltig—ob eine Nachtmuͤtze mehr oder weniger kommt. Aber was traͤgſt Du da? Fuͤr den Gefangenen— Was, kalte Kuͤche, Wein! Soll der Hallunke, dafuͤr, daß er geſtohlen, gebrannt und gemordet hat, traktirt werden? — 204— Nein— dafür wirb er gehangen, aber weil er gehangen wird, wird er traktirt. Iſt das recht, daß bei ehrlichen Leuten der Krug vorbei und zum Schurken geht, Mae Kflmary? Es geſchieht oft ſo in der Welt, Herr Dragoner, aber man muß untertauchen in der Zeit der Noth, um wieder auftauchen zu koͤnnen, wenn's andre Zeit iſt— ſagte der auf dem Boden liegende Irlaͤnder. Es iſt Sitte hier im Schloß— meinte Toms— daß, ehe Einer haͤngt, er noch eintn letzten Trank kriegt, und darum muß ich es ihm hintragen— laßt mich doch durch, ich bin ſchlaͤfrig. Hund, wir ſind's auch— und durſtig dazu— wir muͤſ⸗ ſen’s mit anſehn, wie er haͤngt und trinkt und kriegen nichts von ab— holla, Burſch, hier iſt ein Zoll. Du mußt Pro⸗ zente geben, ſonſt eonſtsciren wir Deine Waare.— O Herr Jeſns— der Squire— der arme Menſch— nehmt doch nicht das— das Beſte— die drei hier ſind die beſten Flaſchen, gerade fuͤr ihn beſtimmt.— Hund, wir follen wohl ſchlechtes trinken und dem Ma⸗ leficanten das Gute laſſen? Wir muͤſſen Muth trinken, um's morgen mit anzuſehn und fuͤr ein ganzes Leben. Er aber braucht nichts, als ein Bischen ſich die Kehle zuſammenziehn zu laſſen, und dann iſts aus⸗ Der Dragoner und ſein Kamerad bemaͤchtigten ſich der Flaſchen, und waͤhrend ſie die drei als gut von Toms be⸗ 1 = 205— zeichneten, zu leeren anfingen, nahm Mae Kilmary auch eine der beiden noch uͤbrig gebliebenen weg, da er vermuthlich uͤberzeugt war, daß ſeine Freunde von den ihrigen fuͤr ihn nichts uͤbrig laſſen wuͤrden. Toms ſchlug, wie ganz entſetzt, die Arme uͤber einander, und ſing an, leiſe zu weinen, bis die vier Flaſchen faſt bis auf den Reſt geleert waren. Die Dragoner wurden freundlich, klopften dem Burſchen auf den Ruͤcken, und verſicherten, einen ſo ſtarken feurigen Wein ſo⸗ bald nicht getrunken zu haben. Toms nahm darauf, noch im⸗ mer weinend, den Korb mit der letzten, ſchloß das aͤußere Thor auf, und wollte auf dem Felspfade nach dem Kerker⸗ thurme gehn, indem er den Dragoner ihn zu begleiten an⸗ rief, um die Gefaͤngnißthuͤre aufzuſchließen. Narr! laß uns ſchlafen und ausruhn— morgen vor drei Uhr ſolls ſchon im Stillen abgehn, wie der Alderman neuer⸗ dings beſtellt hat— da, ſchließ Dir ſelbſt auf! Toms nahm den Schluͤſſel und ging, nachdem er die Thuͤr der Wachtſtube angelehnt hatte, uͤber den ſchmalen Steg nach dem Thurme. Er ſchloß mit Leichtigkeit die Thuͤre auf⸗ und fand den Gefangenen auf dem Strohlager hingeſtreckt, jedoch, wie es ſchien, nicht ſchlafend, ſondern nur in tiefem Nachdenken vor ſich hinſtarrend. Wer da?— Wer ſtoͤrt mich— es iſt ja noch nicht Zeit — rief er aus, und ſah den Eintretenden, ſo gut es das ſchwache Mondlicht erlaubte, an. Doch, doch, Riklas— es iſt Zeit, bald Mitternacht.— — 206— Biſt Du es, Toms?— Du willſt mich wohl noch ein⸗ mal ſehen, eh es an die Schlachtbank geht. Das haͤtteſt Du beſſer morgen haben koͤnnen— Du wirſt doch mitgehen?— Toms hielt ſich die Hand vor die Augen, und wenn er vor wenigen Augenblicken in Geſellſchaft der Dragoner foͤrm⸗ lich weinte, ſo ſchien dies nur Verſtellung geweſen zu ſein, indem er jetzt die eine Thraͤne, welche ihm entſchluͤpfte, ſo ſorgſam zu verbergen ſuchte. Ehrlicher Burſche, Du weinſt doch um mich. Aber ſei morgen ein Mann, wenn wir hinaus ſpatzieren.— Was iſt es denn Schlimmes?— Ein Druck, der nicht ſo weh thut, als der Schlag, welchen Dir der rothnaſige Graͤnziaͤger bei Pumfries auf den Ellenbogen gab. Ein Zug, und es iſt vor⸗ bei, Leid und Freud, und von der letztern war ſo nichts mehr vorraͤthig.— Dein Bruder hing ja auch.— Haſt Du Be⸗ ſtellungen an ihn? Der alte Jac in Mer ſagte ja immer, alle die gehangen werden, kommen nach dem Tode an einen Ort, eben ſo gut als die, welche im Meer ertrinken. Fuͤr den Bruder Gregory ſorgt ſchon die Mutter. Gruͤße ſie von mir. Im Leben hat ſie mir zwar man⸗ ches Ueble angethan, das will ich ihr aber nicht gedenken.— Toms, noch etwas! Was macht Deine Lady? Sie ſitzt in ihrer Stube, und iſt immer traurig. Traurig?— Ob ſie krank iſt— laͤßt ſie mir denn nichts, kein Sterbens Wort ſagen— giebt ſie mir kein Zeichen?— Sie weiß wohl nichts davon, daß ich morgen ſterben werde? 4 — 207— Sie ſagen, ſie wuͤßte nichts davon, und ſie wollten ihr auch nichts davon ſagen, weil ſie ſich fuͤrchteten, ſie moͤchte ſich zu ſehr erſchrecken. Als Almy ertrunken war, hat ſie ſich nicht ſo ſehr erſchrocken. Er toͤdtet ſie, der Schreck, oder nicht— dann gehts bald voruͤber, und keine Seele denkt mehr an den, deſſen Gebeine modern. Das Lebendige will ſein Recht haben.— Sie haben recht, es war jg auch immer mein Spruch.— Die arme Lady Ginieyra! ſeufzte Toms. Arm?— Weshalb?— Was ſie einmal verſchenkt hat, weiß ſie wieder zuruͤckzunehmen, und wer das verſteht, bleibt nicht arm. Hoͤre, Toms, ich habe noch einen Ring behal⸗ ten. Willſt Du den, wenn ich nicht mehr athmen kann, der Lady bringen?— Sage Ihr dann— nun, was weinſt Du — Du meinſt, ſie wird ihn nicht nehmen? Ach, ſie hat ja nicht um die Almy ſo geweint.— Als Du es wuͤnſchteſt, Burſch? Nun, ſie wird jetzt wohl andern Troſt haben, nicht?— den Bertram? Ja, ſie haͤngt ſich ihm ſehr an. Letzt, als die Almy er⸗ trank, iſt ſie ihr nicht nachgeſprungen. Um mit ihr zu ertrinken, etwa? Toms, mein guter Toms, Du verlangſt zu viel. Als ich ſie zuerſt an Ber⸗ trams Arm, wie ein munteres Kind umherſpringen ſah, glaube mir, das fuhr mir noch tiefer in die Bruſt, als wie Du Deine Almy ertrinken ſaheſt; aber das iſt auch voruͤber, die Furcht vor dem Tode, ſeine Naͤhe hat mich — 208— anders geſtimmt, es zuͤckt mir nicht mehr fieberhaft durch die Glieder, wenn ich mir ſie denke— Alſo Ihr habt doch Furcht vor dem Tode? 1 Furcht!— Schurke— wer ſagt das?— Toms, ehrli⸗ cher Toms— Du hoͤrſt mich ja nur, und Niemand weiter. Die weibiſche Menſchlichkeit hat mich auch uͤberſchlichen in den einſamen Naͤchten in dieſen rohen Mauern. Sag es keiner Seele wieder, daß Niklas, der tauſend Mal aus Luſt dem Tode ins Angeſicht ſah und ihn neckte, jetzt ſich fürchtet. Ja, ich dachte es gleich, daß es ſo kommen wuͤrde, als Ihr voll Wuth letzt Abends ans Thor klopftet und ſo ſtuͤrmiſch eintratet, daß das nicht immer ſo anhalten koͤnnte. Du hielteſt es fuͤr ein Fieber, das mich ſchuͤttelte, es mag auch wohl bei jedem Menſchen ein Fieber ſein, oder ein Trunk uͤbers Maß, wenn er an die Thuͤre des Todes an⸗ pocht und ſich ungebaͤrdig hat, wenn ſie ihm nicht vor der Zeit aufgeſchloſſen wird.— Ich hab Dir mein groͤßtes Ge⸗ heimniß vertraut— ich moͤchte leben bleiben, ja noch mehr— mich ſchuͤttelt zuweilen die Todesfurcht. Aber wo Du nur eine Sylbe davon verraͤthſt, ſo erſcheine ich Dir nach dem Tode als Geſpenſt und zwicke Dich, und laſſe Dir keine Ruhe.— Nur morgen, morgen nicht ſoll die Furcht kommen.— Ich wuͤnſchte wahrhaftig, es waͤre voruͤber.— Wann werden ſie mich abholen? Sie ————— ——— — 200— Sie wollen ſehr fruͤh kommen, Niklas, und in aller Stille. Dann laß mich in Ruhe bis dahin.— Nicht?— Was ſtehſt Du und dreheſt und wendeſt die Hand um?— Du bringſt da eine Flaſche Wein fuͤr mich, ich ſoll mir Muth trinken— das iſt nun etwas, was ich auch nicht will; es waͤre feige, und wuͤrde mir ſchlechten Ruhm bringen, wenn die Doktoren in Magen und Eingeweiden die Urſach von Niklas Todesverachtung faͤnden.— Aber was willſt Du, ſprich?— Ich habe wahrhaftig nicht ſo viel Zeit uͤbrig, Dich auszufragen. Niklas, ich meine nur ſo, Ihr koͤnnt doch unmoͤglich mor⸗ gen ſchon ſterben? Warum nicht, Toms? Siehſt Du die Moglichkeit ein, daß es nicht geſchieht?. Ich kann's mir nicht denken, und mag's mir nicht den⸗ ken. Ihr habt Euch wohl hundert Mal um den Galgen herum geſchlagen, und ich verſchwor's oft gegen unſere Came⸗ raden hoch und theuer, daß Ihr nie dran kommen koͤnntet; und Ihr habt mich auch mehr als einmal aus den Haͤnden der Zollratzen losgemacht; und ich war Euch immer treu, und will das auch bleiben bis— bis— und habe mir vor⸗ genommen, Ihr ſollt nicht haͤngen. 3 Und wie willſt Du den Vorſatz ausfuͤhren? Nun, Ihr moͤgt, wenn es Euch gefaͤllt, aus dem Thurm herausgehn.— Bd. III. 4 † 14 — 210— Und vom Felſen ins Waſſer hinunter ſpringen. Nicht? — Das waͤre Selbſtmord, und der Gedanke daran hat mir nie gefallen. Wenn es denn einmal ſterben gilt, iſt es beſſer, beim Klang der Glocken, und unter den Augen von Tauſen⸗ den abfahren, als ſo unter der Hand, wie das neugeborne Kind einer Jungfer.— Oder haſt Du Fluͤgel, damit ich hinun⸗ ter fliegen kann uͤber das Meer?— Das nicht, Niklas. Aber ich habe meinen Kittel und die alte Muͤtze auf dem Kopfe und den Korb. Das ſollt Ihr alles anziehn und damit kint Ihr ruhig durch die Wache durchgehen— die Kerle find ſchlaͤfrig und betrunken, und ſehen nicht ſo genau hin. Ihr ſeid ja auch beinah ſo groß als ich— und dann— Nun, und dann, Toms? Das Schloßthor iſt zwar verſchloſſen und auch die kleine Pforte; aber Ihr koͤnnt ja auch gut klettern, und ich habe bei dem kleinen Thurm, der aus der Seemauer hinausſpringt, ein Seil an die Fenſterluke gebunden, und damit koͤnnt Ihr Euch gut hinunter laſſen. Meine Mutter, die alte Gillie, klettert auch ohne Strick da herauf, und ich habe die Almy, als ſie nicht mehr gehen konnte, an einer Stelle herauf ge⸗ tragen, wo's nicht ebener ging. Gut, Toms, aber unten, was ſoll ich unten, am einſa⸗ men Meeresſtrande? Nun, da ſeid Ihr frei, und uoͤnnt hingehn, wo Ihr wollt — 211— Es ſteht auch noch immer der Kahn da, mit dem Ihr nach Jaeſons Schiffe fahren koͤnnt, und nach Amerika ſegeln. Nach Amerika? Das konnte ich alles weit bequemer, ehe ich mich ergab. Aber damals waret Ihr im Fieber, und jetzt ſeid Ihr wieder vernuͤnftig. Wenn auch.— Nein, Toms, fliehen will ich nicht. So weit hat mich die Todesfurcht noch nicht durchſchuͤttelt, daß ich feige Reißaus nehmen ſollte, wo ich freiwillig mich er⸗ gab. Haͤtte ich nur ſechs wackere Burſchen noch, ich naͤhme Dein Erbieten an, ich kehrte wieder, und loͤſte mein Wort. Ach Niklas, Ihr habt es Ihnen ja gleich im voraus ge⸗ ſagt, daß ſie Euch ſollten feſtmachen, weil Ihr nachher nicht mehr fuͤr Euch einſtaͤndet; und man hat ja oft davon gehoͤrt, daß Einer, den ein toller Hund gebiſſen, als er noch ver⸗ nuͤnftig geweſen, ſich ſelbſt hat ſchließen laſſen, weil er voraus wußte, daß er nachher ſchlagen und beißen wuͤrde. Alſo die Luſt zur Freiheit, meinſt Du, gleicht der Toll⸗ ſucht? Sie uͤberfaͤllt uns wider unſern Wunſch und Willen. Wahrhaftig, Du haſt recht geſprochen, Burſch. Es uͤber⸗ mannt mich die Luſt, und ich moͤchte meine Ketten zerreißen. Es iſt eine ſchoͤne Sache um die Freiheit. Lieber Herr, und es ſind nur noch wenig Stunden, dann iſt's aus; denn wenn Euch der Reiter aufgeſchnallt hat, koͤnnt Ihr nicht mehr an's Loskommen denken; und oben vom Strick iſt auch noch keiner wieder lebendig herunter gefallen, außer — 212— es muͤßte denn ſein, daß Jae Ketch nicht feſt genug geſchnuͤrt haͤtte; aber unſer, der verſteht es. Toms!— rief Niklas, ſprang auf, und ſchuͤttelte die Ketten— ich moͤchte ſrei ſein. Wackerer Burſch, gieb Mit⸗ tel an die Hand, und mache geſchwind. Mir iſt etwas ein⸗ gefallen. Toms war im Momente aus dem phlegmatiſchen in einen der ruͤhrigſten Burſchen umgewandelt. Muͤtze und Kittel lagen auf dem Boden, und er feilte mit der aͤußerſten Anſtrengung an den Ketten des Gefangenen. Mit Huͤlfe eines Flaͤſchchens Scheidewaſſer konnte man ſehr bald die Ringe zerbrechen. Niklas ſtand frei, ſtreckte die Arme voll Luſt empor, und war dann, unter Beihuͤlfe ſeines getreuen Anhaͤngers, eben ſo ſchnell beſchaͤftigt, ſich als Toms zu kleiden. So, und nun den Korb, Niklas,— die Muͤtze tiefer ins Geſicht, und ſo muͤßt Ihr gehn, und recht ſchlaͤfrig ausſehn, dann merkt's Euch Niemand an, daß Ihr nicht Toms ſeid. Niklas nahm den Korb auf, und wollte eben die Thurm⸗ ſtufen hinauf ſpringen, als er wie von einer— phyſiſchen oder geiſtigen— Erſcheinung erſchreckt, zuruͤckfuhr, und ſich zu ſeinem Befreier umdrehte. Aber Toms, Du, was wird aus Dir? Ich? Nun ich ziehe mir Eure Kleider, die Ihr ausgezo⸗ gen habt, an, und ruͤcke mir Eure Muͤtze tief in's Geſicht, und ſehe nicht auf, dann erkennt mich Niemand. — 213— Du ſagſt, die Kerle in der Wache ſind betrunken; komm mit mir, wir gehen Beide durch. Nein, Niklas, das geht nicht. Sie ſind nur ein Bis⸗ chen angetrunken, und ein Bischen Vernunft bleibt doch im⸗ mer im Menſchen, daß er zwei nicht fuͤr Einen anſieht. Aber beim Himmel, Toms, wenn ſie Dich entdecken? Sie ſollen mich nicht entdecken, das laßt mich nur ma⸗ chen, und Jae Ketch kennt weder Euch noch mich. Wahnſinniger Burſch, was bezweckſt Du? Laßt doch das gehen, Niklas. Ihr werdet mich ja doch nicht verrathen, und ich mache mir nichts daraus— Woraus, Toms? Nu aus dem Haͤngen. Ihr ſagtet ja auch, es waͤre nichts weiter als ein Druck, der nicht ſo weh thaͤte als ein Schlag auf den Ellenbogen. Toms, fuͤr mich ſterben! Waͤr's nicht um Deiner treuen Geſinnung willen, ich moͤchte Dich ſchlagen wegen des thoͤ⸗ rigen Gedankens. Gehts mit Beiden nicht, bleibe ich hier. Um Himmels willen nein, nein, Niklas! Ihr ſeid ja noch munter und friſch, und Ihr weint auch nicht um Almy. Ihr koͤnnt ja immer wieder luſtig werden, aber ich kanns im Le⸗ ben nicht mehr, denn Almy wird nie wieder lebendig. Sie iſt in der Kirche begraben, nicht weit von Pumfries, und in der Naͤhe ſteht der Galgen. Toms, ſei kein Thor! Du biſt ein junges Blut, und der Schmerz verwindet ſich. Gieb Dich zu gehdriger Zeit zu er⸗ — 214— kennen, ſie werden Dich etwas ſtrafen, aber das haͤltſt Du aus— ſonſt, bei Gott, bleibe ich. Ach Niklas, ich will ja ſterben; ich weiß nicht, was ich nun auf der Welt machen ſoll, ſeit Almy todt iſt. Es war mir ſo, ich haͤtte in dem Augenblicke, wo ſie alle kalt vor⸗ uͤbergingen, als die Almy auch kalt und ſtarr im Hofe lag, ich haͤtte moͤgen das ganze Schloß anzuͤnden, damit ſie auch was zum Weinen gehabt haͤtten, da ſie uͤber Almy's Tod nicht weinten. Ich habe es aber nicht gethan, und dachte, es ſei beſſer, wenn ich mich ſelbſt aufhaͤngte. Aber noch beſſer iſes, wenn ſie mich nun ſtatt Eurer haͤngen; da koͤnnen ſie nachher auch weinen, und ein bischen beſtuͤrzt ſein, daß ſie einen Unrechten todt gemacht haben. Du biſt in Deiner Tollheit ein abgefeimter, rachſuͤchtiger Menſch. Niklas, es wird ſpaͤt, da habt Ihr die Schluͤſſel. Schlie⸗ ßet das Thor zu, und die Wachtſtube auch, und geht ſacht heraus. Hier iſt ein Meſſer fuͤr den Nothfall. Wann wollten ſie mich abholen? Wiess anfangs hieß, um fuͤnf oder ſechs Uhr.— Was ſeht Ihr Euch noch um? Wo das Licht brennt, Toms, es iſt doch das Schiff des ſchurkiſchen Jaeſon? J Freilich iſt er's. Er wartet noch immer auf Euch. Toms! Ich nehme dein Anerbieten an. Moͤg's Dir, — 215— wenn ich es nicht mehr kann, ein Anderer vergelten, der ſich um gute Thaten kuͤmmert. Gott ſei gedankt, Niklas, daß Ihr zur Vernunft gekom⸗ men ſeid! Aber nun macht ſchnell, ſchnell! Niklas druͤckte Toms an ſeine Bruſt, und der letztere gloubte eine auf ſeine Wangen herabfallende Thraͤne zu fuͤh⸗ len. Niklas hatte nie geweint, ſeine Gemuͤthsbewegung mußte ſehr groß ſein. Lebewohl! rief er ihm zu, ergriff den Korb, verließ den Thurm und ſchloß hinter ſeinem freiwilli⸗ gen Gefangenen die Thuͤre zu. Dann ſchritt er uͤber den Felſenpfad, und trat auf die ihm von Toms vorgezeigte Weiſe in die Wachtſtube. Er klinkte verdroſſen die Thuͤre zu und ſchlenderte langſam durch das Gemach, indem er ein ſchlaͤf⸗ riges„Gute Nacht“ den Soldaten wuͤnſchte. Mit drohen⸗ der Stimme rief ihm aber der eine zu: Halt, Spitzbube— wie er zuſammenſchrickt— du ver⸗ ſchlafenes boͤſes Gewiſſen.— Umgekehrt, und die Thuͤr zu⸗ geſchloſſn! Niklas nahm ſich zuſammen, gaͤhnte ein„Ach ja ſo“ heraus, kehrte zuruͤck, und indem er zweimal den Schluͤſſel langſam umdrehte, recognoscirte er verſtohlener Weiſe das Zimmer. Die Dragoner lagen halb ſchlummernd auf einer Pritſche; dagegen ſaß der rothhaarige Irlaͤnder neben dem Kaminfeuer auf dem Boden und ſchien, indem er das Ge⸗ ſicht auf beide Haͤnde ſtuͤtzte, entweder zu ſchlafen oder tief nachzuſinnen. 216— 1 Hier iſt keine Gefahr! dachte Niklas bei ſich, und ging wieder langſam bei den Dahingeſtreckten voruͤber nach der Burgthuͤre.„Gute Nacht! ſagte er noch einmal, und einer der Dragoner bruͤllte im Halbſchlaf, als er dieſe Thuͤre mit dem darin ſteckenden Schluͤſſel oͤffnete: Verwuͤnſchter Hunds⸗ fott! Dreh Du und der— an den verroſteten Schloͤſß en, daß eine ehrliche Seele nicht ſchlafen kann. Es waͤre gut, wenn ſie Dich morgen mithingen. Mae Kilmary! rief der andere, ohne ſich zu regen. Schließ hinter ihm zu, und gieb ihm einen Tritt mit dem Fuß, weil der Hund uns geſtoͤrt hat. Mae Kilmary war, wie ein geiagtes Reh, auf den Fuͤ⸗ ßen, und ehe noch der Gefangene aus der offenen Thuͤr her⸗ ausgetreten war, ſtand er ihm zur Seite, und fuuͤſterte ihm ins Ohr: Ihr ſeid Niklas. Es galt kein Beſinnen. Niklas hatte auch nie viel da⸗ vont gehalten. Schon hatte er das Meſſer gefaßt, um es dem Irlaͤnder, ohne einen Laut, in die Seite zu ſtoßen, als die⸗ ſer, ein ſolches Vorhaben ahnend, ihm in die Hand ſiel und mit dringendem Tone zufluͤſterte: Bei Leibe nicht, Niklas.— Ich verrathe Euch nicht, ich will mit Euch fliehen— die Hunde und den Staatsdienſt geb' ich auf— So komm mit mir— fuͤſterte Nichols ihm zu, und zog ihn mit ſich aus dem Gemach. Sie ſchlugen die Thuͤre hin⸗ ter ſich zu. Hier packte der ſtaͤrkere Schleichhaͤndler den Ir⸗ V laͤnder bei der Kehle und ſchrie mit gedaͤmpfter Stimme ihm ins Ohr: Iſt es Dein Ernſt, ſo folge mir.— Sonſt bei der Jung⸗ fran Maria und Deinem heiligen Patrik, ſteche ich Dich nieder, ehe Du es Dich verſiehſt. Mein heiliger Ernſt, bei allen Heiligen— antwortete der Irlaͤnder, und NRichols ließ ihn zwar los, fuͤhrte ihn aber noch immer an der Hand, bis ſie durch verſchiedene, Nichols wohl bekannte Schattenwege auf die Stelle des Walles ka⸗ men, wo das Seil befeſtigt war. Klettere zuerſt hinab, und erwarte mich unten! gebot er mit einer Feldherrnſtimme dem Begleiter, und dieſer ließ ſich mit der Geſchicklichkeit eines Eichhorns hinab. Niklas ver⸗ folgte ihn mit den Augen, ſo weit er konnte, und machte, als ve aus dem Schlaffwerden des Seiles vermuthen konnte, daß jener unten ſei, ſich ſelbſt auf den Weg. Gluͤcklich ge⸗ langte er auf den Kiesſand des Ufers, wo Mae Kilmary ſei⸗ ner wartete. Beide gingen gefluͤgelten Schrittes eine Strecke weiter, bis ſie in einer von kleinen Felsbloͤcken gebildeten Schlucht einen Kahn ſtehen fanden. Er iſt leer, ſagte Niklas, aber die Ruder ſind drinnen, und wir haben kraͤftige Arme. Mae Kilmary! wo Dir Deine Seligkeit, oben im Himmel oder hier auf Erden, lieb iſt, rudre bis Du Blut ſchwitzeſt, denn dieſe Nacht muß noch viel, viel geſchehen.— Es haͤngt an einem Haar, bei Gott. Es wird jetzt Mitternacht ſein. Eh die Sonne aufgeht, wird — 218— Blut gefloſſen ſein, oder ich zerſchelle meinen Kopf an dieſen Felswaͤnden.— Setz Dich nieder, Rothhaar— glaube mir, ich kann Dich koͤniglich belohnen, aber ich kann Dich auch, wenn es nicht gelingt, erwuͤrgen. Beide ſetzten ſich auf die Ruderbaͤnke und ſteuerten dem bei ungewiſſem Mondſcheine in der Ferne ſchwimmenden Schiffe zu. Ihre Anſtrengungen wurden belohnt, denn nach einer Fahrt von wenig mehr als einer Stunde langten ſie am Schiffe an, und kletterten an der Strickleiter, welche ihnen auf ein gegebenes Loſungswort hinabgeworfen wurde, hinauf. Die Schiffsmannſchaft trat, halb bekleidet, allmaͤlig den Ankoͤmmlingen entgegen. Man hielt große Laternen ihnen ins Geſicht, und ploͤtzlich toͤnte aus Aller Munde⸗ Niklas! Niklas iſt freit Auch der Kapitain wankte heran⸗ Biſt Du noch einmal losgekommen, Niklas? der Strick war Dir ſchon ziemlich nahe am Halſe, mort de ma vie. Es freut mich, hols der vierfach verwetterte— wahrhaftig. Er druͤckte ihm die Hand, welches Niklas nur ſehr lau erwiderte. Mich duͤnkt, wenn Euch das gefreut haͤtte, wuͤrdet ihr fruͤher was dafuͤr gethan haben. Was denn, was denn?— Sollte ich etwa eine Ladung Kanonenkugeln aufs Schloß hinaufſchicken? Ich habe nicht Zeit— und wahrhaftig auch nicht den Willen dazu, Euch Eure Feigheit vorzuwerfen. — 249— Mort de ma vie, Burſch, wenn ich juͤnger waͤre— Leugnet es, wenn Ihr Luſt dazu habt, mir iſt es gleich; aber ich ſah Euch, wie Ihr hinter dem Narren von Radi⸗ calen mit Augen, groß und glotzend wie ein Kalb, meinem Verhoͤr gemaͤchlich zuſahet, und als es galt, Zeugniß fuͤr mich abzulegen, Euch hinausdruͤcktet. Denkſt Du, Kapitain Le Harnois ſollte ſich Deinetwe⸗ gen vor ſolch ein Engliſch Shariwari⸗Gericht ſtellen? Viel „praͤtendirt. Vergelte es mir Gott, wenn ich daruͤber mit Euch ha⸗ dern wollte; aber es gilt Eil in einer andern Sache, hoͤchſte Eil, und ich beſchwoͤre Euch, reizt mich nicht durch eine ab⸗ ſchlaͤgliche Antwort, denn ich bin auf dem Punkte toll zu werden. Sprich, ſprich, wir ſind alle vernuͤnftig. Ich ſaß gefangen. Morgen in aller Fruͤhe ſollte es zum Richtplatz gehen. Ich war verloren, wenn nicht der treuſte, der letzte, meiner Freunde ſich in mein Gefaͤngniß geſchlichen, mir ſeine Kleidung aufgedrungen und mich ſo faſt durch Ge⸗ walt gezwungen haͤtte, zu entfliehen. Jetzt ſitzt er; in weni⸗ gen Stunden wird er abgefuͤhrt; er iſt ein Thor und will ſich nicht zu erkennen geben— er ſtirbt aus Eigenſinn fuͤr mich— wenn ich nicht eilig ihn mit Gewalt errette. Alle meine Leute ſind getoͤdtet, oder toͤdtlich verwundet— ich habe Niemand, wenn Ihr mir nicht mit Euren Leuten bei⸗ ſteht. Es gilt nur einen Gewaltſtreich, ſie ahnen im Schloſſe — 220— nichts, wir muͤſſen es erſteigen, der Gefangene iſt gerettet und die reichſte Beute unſer. Was ſagt Ihr⸗ Jacſon lachte laut auf: Ich ſage, daß der Burſch ein Narr war. Und Ihr? Ich waͤre ein Narr dazu, gaͤbe ich Dir zu dem Fieber⸗ ſtreiche meine Leute. Sei klug und froh, daß Du mit hei⸗ ler Haut davon kamſt. Meine Geſchaͤfte ſind bald beendet, und wir ſegeln nach Amerika zuruͤck. Meine Leute kriegſt Du nicht.. Jaeſon! Mein Blut ſiedet. Bitten konnte ich ſelten, heute am wenigſten. Jaeſon! antwortet mir noch einmal, es gilt Himmel und Hoͤlle. Es gilt ein Narr ſein, oder ein vernuͤnftiger Mann. Jacſon, der Verzweifelte hat Tigerkraͤfte. Willſt Du oder nicht? Die Mittel ſind mir gleichguͤltig. Ich brauche nur die Geſetze, die das Parlament gegeben, anzurufen.— Ich weiß, woraus Deine ſchaͤndliche Ladung beſteht. Willſt Du oder nicht, bei Gott, ich mache Deine Gefangenen los, daß ſie auf Dich losſtuͤrzen ſollen. Es gilt Alles, ich wage Alles— Pprreobier' es! ſagte der Kapitain kaltbluͤtig. Nichols hatte aber bereits, trotz ſeiner Leidenſchaft, Vor⸗ bereitungen zu dem getroffen, was er beabſichtigte. Waͤhrend er Mae Kilmary mit den Augen winkte, einen in der Naͤhe liegenden Saͤbel zu ergreifen, ein Wink, welchen der ſchlaue Irlaͤnder ſogleich verſtand, fuhr er ſelbſt auf den Kapitain los, zog deſſen Saͤbel aus der Scheide und ſchleuderte ihn, bei der Kehle den beleibten Mann faſſend, ſo unſanft zu Bo⸗ den, daß er lange Zeit nicht ans Aufſtehen denken konnte. Dann ſtuͤrzte er mit dem Rufe:„Mir nach, Mae Kilmary!“ durch die betroffen ſtehenden Bootsleute nach dem untern Schiffsraum, Ehe wir aber erfahren, was ſich hier zutrug, muͤſſen wir nach Schloß Walladmor zuruͤck. Neuntes Kapitel. Lucius, mein Herr, ich ſtahl mich von dem Heere, Um ein verfallen Kloſter zu beſehn, Und als nachdenkend nun mein Aug' durchlief Die ungeheuren Trümmer, hört' ich plötzlich Ein Kind aufſchreien hinterm Mauerwerk. Ich ſchlich drauf zu; und jetzt vernahm ich deutlich Jemanden ſo das ſchreiende Kind beſchwicht'gen: „Still, albern Balg! Es ſchadet Dir und mir! Verriethe nicht die Farbe Deine Abkunft, Wärſt Du der Mutter gleich an Anſehn nur, Dann, Schuft, hätt'ſt Du noch Kaiſer werden können: Doch da, wo Kuh und Stier ſind beide milchweiß, Erzeugen ſie niemals ein pechſchwarz Kalb. Still, Schofel, ſtill!“— ſo ſprach er zu dem Kinde— Ich bring' Dich nun zu einem treuen Gothen, Der, weiß er, daß Du biſt der Kaiſerin Kind, Dich treulich pflegen wird, der Mutter willen. Titus Andronikus. Urentkleidet hatte ſich der Squire am Spaͤtabend auf ein Ruhebett geworfen, ohne Ruhe zu gewinnen. Fiebertraͤume aͤngſteten ihn, wenn ſeine Augen geſchloſſen waren, und vor — 223— den geoͤffneten draͤngten ſich Bilder um Bilder, wie ſie nur die ausſchweifendſte Phantaſie im Gebiete des Schrecklichen erſinnen kann. Bisher nannte er die Nacht, in welcher er den Tod ſeiner Gattin und den Raub ſeines Kindes erfah⸗ ren, die fuͤrchterlichſte ſeines Lebens; in den Stunden dieſes Selbſtkampfes, mußte er ſich geſtehn, daß die heutige jene an Entſetzen Iberbiete.„Mein Sohn! Mein Sohn!“ rief er mehrere Male im Traͤumen aus; aber eben ſo oft als das Vatergefuͤhl die Geſtalt des Verlornen und Wiedergefunde⸗ nen vor ſich hinzauberte, rang er auch im Fieberwahne da⸗ mit, das Phantom eines gerechten Waͤlſchen Gerichtsherrn vor ſich erſtehn zu laſſen. Was ihm die eigene Geſchichte und Tradition nicht bot, entnahm er aus den morgenlaͤndi⸗ ſchen Erzaͤhlungen, in welchen unerbittliche Vaͤter und Rich⸗ ter dem Buchſtaben des Geſetzes jedes Gefuͤhl aufopfern. Er gelangte in dem unerſprießlichen, ſeine Kraͤfte verzehrenden Ningen nicht zur Ueberzeugung, daß in dieſem Kampfe zwi⸗ ſchen dem menſchlichen Geſetze und menſchlicher Schwachheit gerade das goͤttliche Recht der letztern zum Grunde liegt. Erſt lange nach Mitternacht ſuchte ihn der Schlaf; jedoch ein Traum, natuͤrlich aber um ſo fuͤrchterlicher, benahm ihm auch hier die Ruhe. Er ſah das Geruͤſte, und ſein Sohn beſtieg die Leiter. Er wendete ſich nach ihm um, als er das Halstuch losband, und er glaubte die Worte zu vernehmen: „Vater, hilf mir!““ Er riß die Augen auf, rief:„Ich komme Dir zu Huͤlfe, mein Sohn!“ und ſprang vom Ruhehette empor. Es mußte tief in der Nacht ſein, denn die Kerzen auf ſeinem Armleuchter waren ganz herunter gebrannt. Am Fen⸗ ſter fand er keine Auskunft, denn Wolken hatten den Him⸗ mel bedeckt und ein gelinder Regen ſtroͤmte herab. Von Angſt, Zweifel und Entſchluͤſſen getrieben, eilte er durch die Kreuzgaͤnge nach Bertrams Zimmer. Zu ſeiner Freude fand er ihn noch unentkleidet, und in Geſellſchaft Sir Oavenants. Kinder! Freunde! ſprach der Greis. Um Gottes Barmher⸗ zigkeit willen, iſt es noch Zeit? Es iſt mein Sohn Edwin, mein Sohn Edwin, der ſterben ſoll. Ein pflichtwidriger Rich⸗ ter, ein fluchwuͤrdiger Vater! Was iſt ſchlimmer?— Ein fluchwuͤrdiger Vater.— Retten, retten meinen Sohn, kann ich ihn retten, ſo helft mir, auf welche Weiſe es ſei. Ihr ſenkt die Koͤpfe. Iſt es zu ſpaͤt, zu ſpaͤt?— ihn zu ſchen werden ſie mir doch erlauben. Sie ſollen doch nicht ſagen: er war ein ſolcher Barbar, daß er ſein Kind nicht angeſehn. Ungluͤckſeliger Vater, wenn das Maͤhrchen wahr iſt,— ſagte Sir Davenant— wider Erwarten kamen die Conſtab⸗ ler und Haͤſcher ſchon in der zweiten Stunde nach Mitter⸗ nacht, und James Nichols muß bereits unter ihrer Beglei⸗ tung einen guten Theil des Weges nach der Richtſtaͤtte zuruͤck⸗ gelegt haben. Der Greis ſchlug ſich mit beiden flachen Haͤnden gegen die Stirn und wankte nach einem Seſſel, auf den er halb beſinnungslos niederſank. Der Schmerz, welcher ihn nieder⸗ geworfen, riß ihn aber in wenig Augenblicken in die Höhe Als — 225— Als laͤſe er den ſchwachen Troſt, welchen Sir Davenant ihm zuſprechen wollte, in deſſen Blicken, rief er aus: Leugne nicht! Er war es, mein Sohn; weg mit dem falſchen Troſte. — Ich kannte ſeine Zuͤge, es waren die meiner Ahnen. Was wird man von dem Vater ſagen, der unnatuͤrlich ſeinen Sohn toͤdten ließ. Bertram, Sir Davenant, auf, auf, ich muß ihm nach— o ich habe Kraͤfte in der Jugend geſpart— wir muͤſſen ihn einholen, und waͤre es auch zu weiter nichts— ihn ſterben ſehn— Bertram zeigte in ſeiner Bewegung, daß er bereit ſei; der Offizier ſchien weniger geneigt. Bedenken Sie, wuͤrdiger Mann— was Sie vornehmen. Rettung, ſelbſt Aufſchub iſt nicht moͤglich; eine Scene der Wie⸗ dererkennung wuͤrde nur ein Schauſpiel fuͤr den Poͤbel abgehen. Was ſteht denn auf dem Spiele?— Eine ſtahlblanke Ehre; aber dem ſie angehoͤrt, der gleicht der morſchen, wurm⸗ ſtichigen Eiche.— Sie ſind keine Vaͤter, ſie ſind nie Vaͤter geweſen.— Der Squire hatte im Affect ſehr laut geſprochen. Deſſen ungeachtet glaubte Bertram waͤhrend ſeiner Rede ein undeut⸗ liches Geraͤuſch außerhalb vernommen zu haben. Jetzt droͤhn⸗ ten einige uͤberaus laute und heftige Schlaͤge an's Thor, von welchen alle drei aufgeſchreckt wurden. Er kommt, er kommt zuruͤck! rief der Squire, und ſuüͤrzte an's Fenſter. Ein wildes Geſchrei, von Toͤnen, wie er ſie nie vernommen, ſcholl ihm entgegen; auch lenchtete es roͤth⸗ III. Bd.(151 — 226— lich, wie vom Scheine einiger Fackeln oder Feuerbraͤnde von dem vordern Theile des Schloſſes. Jedoch ergab ſich bald, daß der Schein von einem Feuer herruͤhre, welches noch au⸗ ßerhalb der Schloßmauern brenne. Desgleichen ſcholl daher ein entſetzlich wildes Gejauchze, und zuweilen flogen einzelne Feuerbraͤnde in die Luft. Aus dem Klopfen ans Thor wurde ein ungeſtuͤmes Ruͤtteln an den Angeln deſſelben. Auch klang es von Steinen wieder, die man von außen dagegen warf. Die Burgbewohner ſtreckten ſchuͤchtern die Koͤpfe aus den Fenſtern mit dem aͤngſtlichen Rufe:„Was giebts?“—„Was iſt’—„Brennt es? Andere, Beherztere hatten, halb ent⸗ kleidet, nach der erſten beſten Waffe gegriffen, und liefen, noch ſchlaftrunken, im Hofe umher. Der Sauire war nicht vermoͤgend, ein Wort zu ſprechen: er wankte in den Hof hinaus, und, einen alten im Zimmer ſtehenden Degen ergreifend, rief er zu Davenant und Ber⸗ tram: Kinder! Es gilt.— Was? weiß ich nicht.— Hinun⸗ ter! Gebe der Allmaͤchtige, daß er es iſt, daß ich das Schwert kann in die Scheide ſtecken, und— hinunter! Schon vor der Aufforderung hatten Bertehm und Sit Davenant nach ihren Waffen gegriffen, und alle drei eilten die Treppe hinab in den mittlern Hof, wo ſie vereits eine kleine Schaar von Dienern des Hauſes, einige Dragoner und zwei Haͤſcher bereit fanden, zur Vertheidigung des Schloſſes, nach dem Außenwerke uͤber die Zugbruͤcke zu gehen. Ein Dragoner ſagte:„Der ſchurkiſche Irlaͤnder, der Mae Kil⸗ mary, iſt fortgelaufen. Gewiß hat er Succurs geholt und — —= unterweges den Niklas losgemacht.“ Wollte Gott, es waͤre ſo! ſprach der Squire zu ſeinem Begleiter, und ſie wollten, nachdem ſich zu ihnen ſelbſt der ehrwuͤrdige Maſter Simon, mit einem alten Spieße in der Hand, geſellt hatte, nach dem Vorhof eilen, als der gekruͤmmte Pfoͤrtner ihnen mit allen Aus⸗ bruͤchen der Verzweiflung entgegen geſtuͤrzt kam und ausrief: Die Zugbruͤcke herauf! die Zugbruͤcke herauf! Selten iſt die Beſonnenheit die Gefaͤhrtin des Schreckens. Der Pfoͤrtner aber bewies ſie, indem er zugleich mit dem Ausrufe, trotz Alters und Gebrechlichkeit, ſich an die eine Kette der Zugbruͤcke hing. Der Seneſhal Marxwell folgte ſeinem Beiſpiele, und im naͤchſten Augenblicke war die Schloß⸗ mannſchaft an ihrer Abſicht, ins Außenwerk vorzuruͤcken, ver⸗ hindert. Die Frage des Squire:„Was giebt es?“—„Wes⸗ halb?“ wurde, ſo oft er ſie auch wiederholte, im allgemeinen Getoͤſe uͤberhoͤrt. Es bedurfte aber nicht der Antwort des Pfoͤrtners, um vom Grunde ſeiner Furcht und Angſt unter⸗ richtet zu werden, denn ein gellendes Geſchrei und Getſe unterrichtete Alle, daß der Feind uͤber die Mauern des Au⸗ ßenwerkes muͤſſe geklettert ſein, oder das Thor geſprengt ha⸗ ben, und bald kamen davon deutlichere Beweiſe, indem meh⸗ rere ſchwere Steine gegen die Zugbruͤcke anſchlugen. Der Pfoͤrtner aber ſchrie: Jeſus Chriſtus! Wir ſind verloren.— Wilde Beſtien haben geſtuͤrmt— wilde ſchwarze Maͤnner— ſie ſpringen uͤber die Mauern, wie Katzen, und haben Saͤbel und Flinten. Von der Wahrheit des letztern Umſtandes wurde die — 228— Menge in demſelben Augenblicke unterrichtet, indem mehrere Flintenſchuͤſſe draußen ſielen, ohne daß man eine Wirkung derſelben wahrgenommen haͤtte. Auch flogen unter dem vor⸗ beſchriebenen wilden Geiauchze einige Feuerbraͤnde in den innern Hof. Laßt nieder die Zugbruͤcke, oder es kommt keine Seele lebendig davon! rief es jetzt draußen. Indeſſen hatte der beſonnene Dragoneroffieier die dien⸗ lichſten Anſtalten zur Vertheidigung des Schloſſes getroffen, indem er durch Blicke und handgreifliche Winke ſchweigend die noͤthigen Befehle, hier und dort die Mauern zu beſetzen, ertheilt. Er ſelbſt ſtand hinter einem der beiden kleinen Eck⸗ thuͤrmchen, welche uͤber dem Schloßthor nach dem Außenthor hinaus ſprangen, und, indem er ſeinen geſpannten Karabiner anzulegen im Begriffe war, rief er mit kraͤftiger Stimme hinunter⸗ Schwarze Beſtien, und Du, der Du ihr Anfuͤhrer ſcheinſt, einen Schritt weiter, noch einen Stein gegen die Zugbruͤcke, und ich laſſe auf Euch eine Ladung Flintenkugeln geben, die Eure Wuth abkuͤhlen wird. Sir Davenant, huͤte Dich!— rief der Anfuͤhrer— daß meine ſchwarzen Beſtien Dich nicht zerreißen. Laßt die Zug⸗ bruͤcke nieder— oder bei Gott! ich ſelbſt kann die Wuth meiner entfeſſelten Sklaven nicht mehr baͤndigen. Eben wollte der Officier den Befehl zum Feuern geben, als er unter ſich die Zugbruͤcke niederraſſeln hoͤrte. Er ſchrie: Iſt Verrath im Werke?— und ſuuͤrzte, da er ſich im Augen⸗ — 229— blicke uͤberzeugte, daß ſeine Gegenwart, wenn die Reger un⸗ ter ihm in den innern Hof draͤngen, hier oben von keinem Nutzen mehr ſein wuͤrde, wieder auf den Schloßhof mit den Seinen zuruͤck. Hier hatte ſich die Scene veraͤndert. Der Squire mit ſeinen Leuten, meiſt des Kampfes Unfaͤhigen oder Ungewohn⸗ ten, hatte ſich etwas nach der Mitte des Hofes zu zuruͤckge⸗ zogen, wogegen der Anfuͤhrer der Feinde mit einem kleinen Theile ſeiner mit Feuerbraͤnden, Steinen, Flinten und Saͤ⸗ beln wild bewaffneten nackten Neger uͤber die Zugbruͤcke vor⸗ gedrungen war und den Burgbewohnern gegenuͤber ſtand. Beide Theile hielten aber ihre Waffen geſenkt, und es ſchien zur Unterhandlung zu kommen. Der Sauire hielt in der rechten Hand ſeinen Degen, mit der Linken umſchlang er Ginievren, welche, halb im Nachtgewande, mit geloͤſten Haa⸗ ren, herbeigeeilt war. Der Prediger, Bertram, Maxwell, der Pfoͤrtner ſtanden, wie zu ihrem Schutze, um ſie geſchaart, und die gezuͤckten Waffen blitzten in ihren Haͤnden. Endlich ſprach nach einer Pauſe der Anfuͤhrer⸗ Morgan Walladmor! Dein Haar iſt weiß— gegen greiſe Locken heb' ich nicht den Stahl. Bei Gott, es iſt ein An⸗ blick zum Erbarmen. Du zitterſt, und neben Dir zittert Dein Schweſterkind. Haͤtte ich ſeit ſieben Jahren Dir den Tod geſchworen, ich glaube, der Anblick ſaͤttigte mich. Der Greis ließ den Degen fallen, und hielt ihm den rechten Arm entgegen: James Nichols, Edwin! was willſt Du von mir?— Waͤhrend er, nicht vermoͤgend, weiter zu reden, ver⸗ ſtummte, trat auch Niklas voller Verwunderung ihm naͤher. Bei Gott, traͤume ich, oder ſeid Ihr der maͤchtige, un⸗ erbittlich ſtrenge Friedensrichter Morgan Walladmor? Mein— mein— rief der Squire, noch immer in der⸗ ſelben Stellung, aus, doch er vermochte es nicht, das Wort auszuſprechen. Im naͤmlichen Augenblicke ſtuͤrzte aber die tolle Gillie herbei, entriß einem der Fackeltraͤger ſeine Fak⸗ kel, trat zwiſchen Beide, und hielt ſie auf Niklas Geſicht, wodurch auch ihre eigenen wilden Zuͤge, in denen ſich Zorn und Hoͤllenluſt ausſprach, beleuchtet wurden. Nach wenigen Momenten dieſes ſtummen Spieles kreiſchte ſie: Kennſt Du ihn, Morgan Walladmor?— Es iſt Dein Sohn,— haͤng ihn, hier iſt der Strick, an dem mein Sohn hing— ſei ge⸗ recht, ſei gerecht— Kennſt Du den alten Mann, Niklas?— Es iſt Dein Vater, aber er will Dich haͤngen laſſen, haͤngen laͤßt er Dich gewiß, obgleich er Dir ſo aͤhnlich ſieht, wie mein Gregory ſeinem Vater. Drum ſpalte ihm den Kopf, denn Vaͤter braucht man nicht ſo zu lieben, wie Muͤtter ihre Soͤhne lieben. Die Gewalt des Momentes war groß. Stumm ſah Nichols eine Weile auf den Greis, aber ſeine brennenden Augen ſprachen die Frage aus. In den Augen des Greiſes, in ſeiner zitternden Bewegung las er die Antwort, welche er verlangte. Er ſchleuderte ſein Schwert fort, ſtuͤrzte dem Va⸗ ter zu Fuͤßen, und umfaßte ſeine Kniee. Ein Fieberfroſt ſchien ihn zu ſchuͤtteln, er ſprach keine Sylbe. Der Squire legte ——————— ſeine Haͤnde auf das Haupt des Knieenden, er wagte aber nicht, den Verbrecher auf⸗ und in ſeine Arme zu heben. Alles war ſtill, ſelbſt die rohen Negerſelaven ſchienen fuͤr den Augenblick von der Feierlichkeit des Momentes ergriffen, denn ſie ſtanden unthaͤtig da und blickten ſich verwundert an. End⸗ lich preßte der Squire die Worte hervor: Die Sterne luͤgen nicht, aber der Allmaͤchtige iſt auch guͤtig. Es erfolgte eine neue Pauſe. Nichols wagte nicht auf⸗ zuſtehn, der Vater nicht, ihn an ſeine Bruſt zu druͤcken. Die⸗ ſer aber faltete ſeine Haͤnde, und, nachdem er ein ſtummes Gebet mit gen Himmel gerichtetem Blicke leiſe geſprochen, machte er ſich von dem Knieenden ſanft los, und ſprach die Worte: James!— Edwin! Ich zweifle nicht, daß Du mein Sohn biſt— aber auch ſelbſt in Deiner Zerknirſchung biſt Du noch der Verbrecher, den Walladmors reine Hallen nicht aufnehmen duͤrfen, den ich nicht an mein Herz ſchließen darf. — Gevprieſen ſei der Himmel, daß er Dir Mittel gab, dem ſchmachvollen Ende zu entgehen, aber den neu gefundenen Sohn muß ich wieder verlieren.— Lebe wohl— der Segen des Vaters begleite Dich in ferne Zonen, bis ich hoffen darf, daß der Gereinigte wieder das vaͤterliche Land betreten, an meinem Grabeshuͤgel weinen koͤnne. Lebe wohl.— Morgan Walladmor darf Dich nicht anſehn, darf den Fuß des bluti⸗ gen Verbrechers, auf deſſen Haupte das Schuldig haftet, nicht in ſeinem Schloſſe dulden.— Lebe wohl— was Du hier beginnſt in meinem Hauſe, thuſt Du als Anfuͤhrer — 232— Deiner Schaar. Du haſt das Schloß erſtuͤrmt. Verweile, ſo lange Du ſicher biſt, aber ich darf Dich nicht ſehn.— Lebe wohl, Edwin. Der Sauire druͤckte noch einmal beide Haͤnde auf das Haupt des Niedergebeugten und hoͤrte nur noch die Worte, welche dieſer, ohne den Forteilenden anzublicken, ſprach: Vater! bei Gott, ich ahnte, Dein Silberhaupt muͤſſe mir theurer ſein, als das des Feindes, der mich raſtlos ver⸗ folgte.— Vater! ich bin ein Verworfener.— Ich danke fuͤr Deinen Segen.— Ich will hinaus in ferne Zonen. Von meinen Verbrechen ſollſt Du nicht mehr hoͤren. Die Skla⸗ ven, die ich frei machte, will ich nach Haity fuͤhren, in ihre zweite Heimath, will dann noch einmal in das wild gaͤhrende Suͤdamerika, und Du ſollſt Thaten hoͤren, die keine Schande Deinem Namen bringen, oder eine Nachricht, die mich mit Allen verſoͤhnt. Ginievra verließ mit dem Squire den Hof. Aber ehe ſie mit ihm fortging, beugte ſie ſich uͤber den Verbrecher und lispelte ihm zu: Der Friede kehre in Deine Seele! Nichols hatte die Worte verſtanden, und als er ſich auf⸗ richtete, ſchien wirklich die Morgenroͤthe dieſes Friedens auf den ſonſt wilden Zuͤgen eingekehrt. Wer mag hoͤren, wer be⸗ ſchreiben, nach einem Auftritte von dieſem Gewichte, die fol⸗ genden Eroͤrterungen und Erklaͤrungen! Bertram trat an Nichols heran, reichte ihm die Hand, und verſprach, ihm dienlich zu ſein, wo er es vermoͤge, welches, da er ein Frem⸗ der in England ſei, vielleicht mit weniger Gefahr geſchehen — 233.— koͤnne. Nichols dankte ihm freundlich und druͤckte ihm die Hand, ein Druck, in welchem mehr zu liegen ſchien, als der Dank fuͤr das freundliche Erbieten. Zwiſchen beiden Par⸗ theien— Sir Davenant trat vorzuͤglich als Unterhaͤndler der Schloßbewohner auf— wurde ihre gegenſeitige Lage da⸗ hin verabredet, daß Nichols mit ſeinen Negerſelaven das Au⸗ ßenwerk beſetzen, und ſo lange ſich darin aufhalten ſolle, bis er das Schiff, welches er nach Ueberwaͤltigung des Capitains genommen, mit dem Noͤthigſten zur weiten Reiſe werde ver⸗ ſehen haben. Um der Nuͤge der Geſetze zu entgehen, ſollten die Schloßbewohner das eigentliche Schloß, wie im Bela⸗ gerungszuſtande, beſetzen. Durch die Wegnahme des Außen⸗ werkes wurde es ihnen aber unmoͤglich, nach Huͤlfe auswaͤrts zu ſenden. Wie man bei Gelegenheit dieſer Unterhandlung erfuhr, hatte Nichols den Capitain, nebſt denen ſeiner Leute, welche ihm nicht folgen wollten, bei ſeiner Landung mit den Schwarzen, am ufer ausgeſetzt. Es war aber Hinſichts ſei⸗ ner nichts zu beſorgen, da er in ſein eigenes Verderben ge⸗ laufen waͤre, haͤtte er von der halb geſetzlichen Handlung der Befreiung der Negerſelaven Anzeige gemacht. Nachdem auf dieſe Weiſe die aͤußern Angelegenheiten in Ordnung gebracht ſchienen, ſagte Nichols, im Begriff, ſeinen Leuten über die Zugbruͤcke zuruͤck zu folgen: Doch Eines noch haͤtte ich faſt vergeſſen, weshalb ich ſtuͤr⸗ mend in dieſe Mauern drang. Ihr wißt nicht, wem ich meine Freiheit verdanke, und wen Ihr, waͤre es mir nicht gelungen, die Neger zu befreien, ſchuldlos vielleicht zur Richtſtaͤtte ge⸗ * — 234— ſchleppt haͤttet.— Was ſeht Ihr mich ſtarrend an?— Bei Gott, ich will nicht hoffen, daß ich zu ſpaͤt gekommen.— Toms Godber ſitzt ſtatt meiner im Thurm. Laßt den treue⸗ ſten Diener, den treueſten Freund, los! Hat er Strafe fuͤr ſeinen Betrug verdient, ſo ſchuͤtze ich ihn, und nehme ihn mit in mein Schiff. Alle ſahen ſich erſtaunt an. Man ahnete das Entſetzlichſte. Die tolle Gillie aber erfaßte im Augenblick das ganze Ungluͤck. Sie ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus, ſtuͤrzte auf ihre Kniee und kratzte mit den beiden Haͤnden in den Erdboden, gleich dem Hunde, welcher inſtinktmaͤßig die Erde aufwuͤhlt. Auch den Sohn noch!— Modred, Modred! Du haſt mich betrogen. Komm herauf aus der Erde, von der Eiche Stamm, an dem Du nagſt, Modred— die Mohren ſind ge⸗ kommen, ſie ſind doch gekommen.— Ich habe Dir Seele und Blut gegeben und meine Locken im wilden Sturme, und ſie ſind doch gekommen. Was lachſt Du unten? Mein Sohn Toms,— er war mir nicht ſo lieb, wie Gregory, weil er den Gregory nicht ſo liebte, wie ſeine Mutter Gregoryn liebte.— Mein Sohn Toms haͤngt auch.— Lache nicht, er kommt in den Himmel, und der blutige Zauberer Morgan hat noch einen erwuͤrgt, und ſein Sohn haͤngt nicht, wie ich es auch verſchworen, und alle Nacht zu allen boͤſen Geiſtern ge⸗ betet hatte. Arme Leute moͤgen rufen, auf arme Leute hoͤren die boͤſen Geiſter nicht, aber ſie lauſchen— lauſchen am Schluͤs⸗ ſelloch und unterm Grashalm, wenn die Vornehmen auch nur fluͤſtern. Kichols ſchien durch die Rede der Wahnſinnigen, in welcher ſich ihr ganzer hoͤlliſcher, nun zu ihrem eigenen Ver⸗ derben ausgeſchlagener, Racheplan ausſprach, aufs tiefſte be⸗ wegt. Von Sir Davenant hatte er die traurige Nachricht erhalten, daß der Gefangene bereits vor mehreren Stunden abgefuͤhrt und keine Rettung mehr moͤglich ſei, da es ſich nicht denken laſſe, daß die Hinrichtung ſo lange verzoͤgert bleibe, bis ein Eilbote den Nichtplatz erreiche. Ungluͤckſelige!— rief er aus— ich vergebe Dir, was Du an mir thateſt.— Dein Wahnſinn ſtrafte dich ſelbſt.— Mein Toms, der treuſte Toms— aber Sir Davenant, es iſt des Entſetzlichen zu viel und des Wunderbaren daneben. Fuͤr ein Paar Pfund reiten die ungluͤckſeligen Geſchoͤpfe in den Wett⸗ rennen auf Tod nnd Leben. Fuͤr das Leben eines Unſchuldi⸗ gen laſſen Sie ein Leben wagen— waͤr's nur eine Spanne Zeit— 5 Er brauchte nicht weiter auszuſprechen, denn Bertram hatte, gleich nach der erſten Entdeckung, einem der beſten Reiter des Schloſſes aufzuſteigen befohlen, und eben ſpreng⸗ te dieſer in den Hof, als die Seene ſich veraͤnderte und uͤber die Zugbruͤcke zwei Reiter— ſie waren durch das von den Belagerern offen gelaſſene Thor ohne Anmeldung und Klo⸗ pfen gekommen— in den innern Burghof ritten. Der Teufel und ein armer Suͤnder! rief man von meh⸗ reren Seiten, und in der That glich die Erſcheinung beider Reiter einer folchen Zuſammenſetzung. Der Eine war ganz ſchwarz gekleidet, ritt einen Rappen, und ſein Geſicht— —-— 236— doch davon ziemt mir nicht zu ſprechen. Der andere aber ſaß in einem Armenſuͤnderhabit auf einer fahlgelben Stute, und ſein ganzes Benehmen war ſo niedergebeugt, wie das ei⸗ ner gedruͤckten Seele, welche den letzten Weg zum Richtplatz geht.— Selbſt, als ſein ſchwarzer Begleiter abſaß, wollte man etwas Infernaliſches an ſeinem Gange bemerken. Es waren aber die beiden Reiter Niemand anders, als Sir Thomas Malburne und der arme Toms. Jener hatte, von einer Reiſe zuruͤckkehrend, von dem tragiſchen Ausgange der Angelegen: heiten in Walladmor⸗Caſtle gehoͤrt, und war, um ſeine Ver⸗ mittelung anzubieten, herbeigeeilt, jedoch— zufaͤllig oder ab⸗ ſichtlich(dies zu entſcheiden vermag ich nicht, da Maſter Mal⸗ burnes Charakter, aller Aufklaͤrungen ungeachtet, noch immer ſehr zweifelhaft bleibt)— erſt beim Zuge zum Galgen ange⸗ kangt. Hier hatte ſein ſcharfes Auge augenblicklich den Die⸗ ner ſtatt des Herrn erkannt, ſein ſcharfer Verſtand den edel muͤthigen Zuſammenhang errathen, und ſein juriſtiſcher Scharfke⸗ blick eingeſehen, daß ein error in persona ein ſo weſentlicher ſei, daß er jeden Contrakt, ſelbſt den zwiſchen dem Delinquen⸗ ten und der Schlinge, aufhebe, vorausgeſetzt, daß die letztere noch nicht allzu feſt contrahirt worden.— Nachdem auch der Sherif den Irrthum eingeſehen, entließ er ihn gegen eine Caution, welche Malburne— wobei zu bemerken iſt, daß dieſer in der Gegend fuͤr reich galt— augenblichlich depo⸗ nirt hatte. Die wahnſinnige Mutter wollte anfangs nicht an die Wirklichkeit der Erſcheinung glauben; ſie hielt den im Ster⸗ bekittel zu ihr tretenden Sohn fuͤr einen Geiſt, und wich ſcheu zuruͤck, ehe ſie ſeine Hand ergriff: Toms!— Toms!— Biſt Du es wirklich?— Warum haben ſie Dich nicht auch todt gemacht, wie Deinen Bruder? Auf das Gebet armer Leute hoͤren ſie ja nicht.— Erſchrick mich nlcht, Toms. Ich bin deine Mutter und kann nicht dafuͤr, wenn Du gehangen haſt, denn die boͤſen Geiſter haben Dich ſelbſt verfuͤhrt. Oder haben ſie Dich nicht gehangen?— Du lebſt wohl wirklich noch?— Wirklich, Toms.— Alſo nicht alle Beide? Eine Mutter hatte Kinder zühei Auf jenem grünen Hüget, Und als Lord Percy geritten kam Da hatten ſeine Falken Flügel. Lord Percy's Falken ſlogen in die Höh Und kamen mit Beute herunter, Die Söhne gingen nach Beute ins Thal Vom Galgen hingen Beide herunter. Toms, geh, geh! Du weinſt nicht um Gregory, und die Nache iſt aus, die Mohren ſind ins Haus gekommen. Geh mit Nitlas— und Deine Mutter geht ins ſtille Haus, und graͤbt den Gregory ein, daß er ſie nicht mehr beſuchen kann, und ordentlich ausruhn, 1 In kühler, kühler Erde. Ruht nun Herr Balſamin. Ja. Mutter, ich bin nicht gehangen, aber Almy iſt doch ertrunken. Ich werde mit Niklas zur See gehn, denn wenn Nifklas nicht hier iſt, weiß ich ja nicht, warum ich hier bin, und ich brauche noch nicht bei Bruder Gregory auszuruhn. Mittlerweile war der Tag angebrochen; man loͤſchte die Fackeln aus, und, der Anordnung gemaͤß, zogen ſich die bei⸗ den Parteien in das eigentliche Schloß und das Außenweek zuruͤck, zwiſchen welchen die Zugbruͤcke ſich trennend erhob. Bertram ging in ſein einſames Zimmer, und indem er den wunderbaren Begebenheiten der vergangenen Nacht nachdachte und, mit Brieftaſche und Bleifeder in der Hand, ſie, leicht auf dem Sopha hingeſtreckt, im Kopfe ordnete, um ſie dann aufzunotiren, uͤbermannte ihn die Mattigkeit, und er verfiel in einen Schlaf, aus welchem er erſt erwachte, als die Mor⸗ genſonne bereits ſein Gothiſches Zimmer freundlich erleuch⸗ tete. Es war ein ſchoͤner Fruͤhlingstag. Die umliegenden Hoͤhen nahmen ſich im Fruͤhlicht beſonders reizend aus; und ſchnell wurde von ihm der Gedanke ausgefuͤhrt, eine der nah gelegenen Uferhoͤhen zu beſteigen, um dort, bei der freien und weiten Ausſicht auf Meer, Schloß und den fernen Kuͤ⸗ ſtenſtreif, das niederzuſchreiben, was ihn draͤngte. Durch das Hinterpfoͤrtchen ſchlich er, vermuthlich zu ei⸗ ner Zeit, wo noch alle andre Bewohner des Schloſſes der Ruhe pflegten, aus demſelben, ob es ihn gleich Wunder nahm, daß die kleine, ſonſt mit aller Sorgfalt verſchloſſene und ver⸗ riegelte Thuͤr offen ſtand. Angefaͤchelt von der friſchen Luft, beſtieg er bald einen der hoͤchſten Uferfelſen, von deſſen Spitze man nicht allein das Meer in betraͤchtlicher Weite uͤberſehen konnte, ſonderu auch das thurmreiche Schloß zu ſeinen Fuͤ⸗ zen erblickte. Bertram zog ſeine Brieftaſche abermals henor ſuchte — 239— ſuchte ſich einen bemooſten Stein zum bequemen Sitzen aus und war eben im Begriff, die erſten Worte niederzuſchreiben, aAts hinter einem Buſche Jemand hervortrat, und zu ſeinem groͤßten Aergerniß Herr Malburne herankam, und mit laͤcheln⸗ der Miene ihm ſeine Schnupftabacksdoſe anbot: Kann ich die⸗ nen, Herr Bertram? Ich danke Ihnen ein fuͤr allemal— rief Bertram, indem er ſeinen Unmuth theils nicht uuterdruͤcken konnte, theils durch die Haͤrte ſeines Tones den Laͤſtigen zu vertreiben hoffte. Was dies anbetrifft, hatte er ſich aber getaͤuſcht, denn Mal⸗ burne nahm ganz gelaſſen auf einem gegenuͤber liegenden Steine Platz, und indem er ſo viel und unaufhoͤrlich ſchnupfte, als Bertram es noch nie gechen, begann er, zum Leidweſen unſeres Helden, folgendes Geſpraͤch: Ein recht anmuthiger Morgen. Nach Umſtaͤnden, Herr Malburne. Beſonders, um poetiſch zu ſein. Wenn man nicht in ſeinen Gedanken geſtoͤrt wird⸗ Ganz recht, werther Freund, ſo allein, etwa auf einem Berggipfel, dicht am Meere, Morgens fruͤh zu ſitzen, mit einer Schreibtafel und einem ſympathetiſchen Freunde, ach, was geht uͤber die Luſt!— Kann ich dienen?— Bitte, bitte um Vergebung, ich vergeſſe, daß Sie nicht ſchnupfen,— ja — ja— eine haͤßliche Angewohnheit von mir, glauben Sie mir, ich brauche monatlich zwei Pfund— ja, es geht doch nichts uͤber die Poeſie. III. Bd.[ 16 1 — 240— Stoͤre ich Sie vielleicht hier in Ihren Meditationen— rief Bertram aus, und machte Miene, aufzuſpringen,— ſo will ich gern den Platz einraͤumen. Keinesweges— bitte, beſter Herr Bertram, geniren Sie ſich nicht— thun Sie, als waͤre Thomas Malburne nicht gegenwaͤrtig— ich ſtoͤre Niemanden in ſeinen dichteriſchen Erguͤſſen— wie weit ſind Sie? Bertram ſah ihn errroͤthend groß an, und ſagte darauf mit dringender Stimme: Herr Malburne! Es iſt Zeit, daß wir ernſtlicher mit einander reden. Unaufhoͤrlich verfolgen Sie mich in nieinem geheimſten Treiben. Wiſſen Sie, wer ich bin?— Wofuͤr halten Sie mich? Beſter Herr Bertram! Woher ſo in Affekt? Das ſcha⸗ det, beſonders in der Morgenluft; der Abend, vorm Zubette⸗ gehn, laſſ' ich's paſſiren, da ſchwitzt man es in den Kiſſen wieder aus; aber darum muß ich Sie dringend bitten: Spa⸗ ren Sie die Affekte und Effekte! Ich fordere die Stimme der Wahrheit⸗ Auch die iſt gefaͤhrlich bei unvorſichtigem Gebrauch. Die angeblichen Ritter der Wahrheit ſind gewoͤhnlich Prie⸗ ſter der Goͤttin Grobheit. Junge Dichter und Enthuſiaſten verfallen oft in den Fehler, wenn ſie der nackten Wahrheit nachjagen, alle Wahrheit der Erſcheinung zu ſchanden zu ma⸗ chen; darum waͤre meine unmaßgebliche Meinung, daß mein verehrteſter Freund— Weshalb ich? unterbrach ihn Bertram aͤrgerlich. — 241— Nun, nun— Sie fordern mich wohl heraus— aber in der That, Ihr Sonnet auf den Waſeerfall iſt allerliebſt.— Woher wiſſen Sie davon? Ich las es Niemand vor.— Aber dem Waſſerfalle ſelbſt und Berg und Thal und Wald. Ich ſtand einen guten Buͤchſenſchuß davon und hoͤrte doch alle Endſylben.— Herr Malburne! Wer hat Ihnen das Recht gegeben, als Lauſcher uͤberall zu erſcheinen? Ueberall? Beſter Herr Bertram, uͤberall! Das wuͤrde ſich nicht verlohnen; nur bei intereſſanten Perſonen, Kuͤnſtlern u. ſ. w. Ich hoffe aber doch, beim Himmel, nicht, daß Sie mich in der Qualitaͤt im Romane auffuͤhren werden? In welchem Romane? Nun, den Sie ſchreiben werden, den Sie jetzt ſchreiben, und den Sie zu ſchreiben beabſichtigten, als Sie in dieſes Land kamen,— um Ihnen denn doch in verkehrter Steige⸗ rung aller Zeiten zu antworten. Wer bin ich? Was denken Sie von mir? ſprach Ber⸗ tram, in uͤbergroßer Verwirrung hoch errdthend. Der Ritter der Wahrheit ſcheint einen kleinen Umweg gemacht zu haben. Aber wenn Sie die klapperduͤrre Wahr⸗ heit hoͤren wollen, auf Ihre Gefahr. Mein Freund, Herr Bertram, iſt ein junger, liebenswuͤrdiger Mann, welcher in der Abſicht, Stoff zu ſammeln zu einem Romane, nach Art der in Edinburgh erſcheinenden, welche man gewoͤhnlich, aber ganz faͤlſchlich, meinem wuͤrdigen Freunde, dem Sir Walter ———· Scott, zuſchreibt, in dieſes Land gekommen iſt. Wollen Sie noch mehr wiſſen? Bertram ſprang auf, gleich wie Sterbliche, wenn ſie die unheimliche Gegenwart eines daͤmoniſchen Weſens ahnen: Herr Malburne! Woher wiſſen Sie dies? Woher, junger Freund? genug, ich weiß es. Das iſt auch eine poetiſche Unart junger Anfaͤnger, nach Quelle, Grund, Urſach einer Erſcheinung zu fragen. Genug, ich weiß es, und Ihr Erroͤthen beſtaͤrkt meine Wiſſenſchaft. Sollte ich vielleicht einmal mich vergeſſen, und unvor⸗ ſichtig einige Worte haben fallen laſſen? Einmal, beſter Herr Bertram! Denken Sie, daß ſich ein junger Mann, der einen Roman in petto hat, nicht tau⸗ ſendmal verraͤth? Man ſieht es ihm an der Richtung ſeiner entzuͤckten Augen, am Seufzen, Stoͤhnen, ſelbſt am— Schnup⸗ fen an. Aber es iſt incommode, um den Stoff zu ſammeln, von Merſeburg bis nach Alt⸗England zu reiſen. Giebt es denn keinen Stoff bei Ihnen zu Hauſe? Stoff genug, man ſchaͤtzt aber nur die Steine bei ung, welche in fernen Bruͤchen geſprengt ſind⸗ Aber Sie haͤtten, wenn Ihre Landsleute denn durchaus den Stoff zu ihren Romanen aus Großbrittannien verlangen, aus Reiſebeſchreibungen die noͤthige Waare entnehmen koͤnnen. Man wuͤrde mir nicht geglaubt haben, wenn nicht das Manuſcript ſelbſt aus England gekommen waͤre, und auslaͤn⸗ diſche Luft geathmet haͤtte. Ueberdies heißt es, daß der be⸗ ruͤhmte Verfaſſer jener Romane, welche jetzt allein bei uns —:-f— —-ỹ/—— — 243— geleſen werden, an alle die Orte erſt perſoͤnlich hingereiſt ſei, um nach dem Augenſchein abmahlen zu koͤnnen, und daß ohne dies kein Walter Scottſcher Roman gelingen koͤnne. Daß ich nicht wuͤßte, ich bin— doch entſchuldigen Sie — werden Sie auch die Manier der myſtiſchen Perſon aus Einburgh oder Canada zu imitiren ſuchen? Ich werde mich ſchon bemuͤhen muͤſſen, ſo viel als moͤg⸗ lich, breit zu ſein; und dann hoffe ich, gewiß den Meiſter erreicht zu haben, denn was das Uebrige anbetrifft— So denken Sie au fait zu ſein— ſiel Malburne laͤchelnd ein. Zweifle gar nicht.— Wie aber, weun ich Ihnen einen kleinen Stein— scrupnlum nannten ihn die Alten— in Ihre Tanzſchuhe wuͤrfe. Ich will nicht hoffen. Es kommt drauf an. Der Stoff zum Romane iſt ſo reichhaltig, als man ihn ſelten in den neuſten des beſprochenen Dichters findet. Gar nicht zu leugnen, werther Herr Bertram, denn, was das betrifft, ſo ſind pro primo Schleichhaͤndler da; zweitens eine halb wahnſinnige alte Frau; drittens einige Leute, die vor Anhaͤnglichkeit fuͤr ihren Herrn ſich wollen haͤngen laſſen; dann komiſche Perſonen, wie der Conſtabler Sampſon, Dul⸗ berry und der alte Squire; einige Gegenden, am Galgen und anderwaͤrts, die man portraitiren kann; und dann vor Allem, Sie ſelbſt, Herr Bertram, als ein junger, liebenswuͤr⸗ diger, unſchuldiger Held, der, er weiß ſelbſt nicht wie, in — 244— alle die Avantuͤren hinein geraͤth— was wollen Sie mehr — der Roman iſt fertig. uUnd, Herr Malburne, die Nachtſcenen, der Schleichhaͤnd⸗ ler⸗Hauptmann, die Scene im Wirthshauſe zu Merr. Und, beſter Freund, der Knall, mit dem Sie in die Scene geſetzt werden, das Zerplatzen des Dampfſchiffes. Aber trotz dieſes Effektes bleibt doch noch ein Haͤkchen.— Und welches? Wenn Ihnen ein Anderer zuvorgekommen waͤre, wenn bereits ein anderer Tabuletkraͤmer alle dieſe Bilderchen in ſeinen Guckkaſten aufgenommen haͤtte, und es nun nur darauf ankaͤme, wer dem Andern zuvorkaͤme, nach der juriſtiſchen Regel: res nullius cedit occupanti?— Himmel, ich will nicht hoffen— in Ihnen— die Zunge erſtarrte ihm. Zu dienen, Herr Bertram, in mir ſehn Sie den zweiten Tabuletkraͤmer. .Herr! wer ſind Sie? Meinen Sie mich oder irgend einen Geiſt der Luͤfte, nach dem ihr Auge umherſchweift? Sie! Ich bin der Autor des Waverley. 8 Bertram fuhr zuruͤck, wie von dem furchtbarſten elektri⸗ ſchen Schlage getroffen, und, erſt nach Minuten ſich erman⸗ nend, naͤherte er ſich dem andern Manne wieder; und gleich⸗ „ſam vorſichtig pruͤfend, ob ihm zu trauen ſei, fuhr er in — — 245— zweifelhaftem Tone, und mit feſt auf den Gegner gerichte⸗ ten Blicken fort— Des Guy Mannering, Alterthuͤmlers, Robin des Ro⸗ then, der Erzaͤhlungen meines Wirthes aus der Dorfſchenke?— Ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, fuhr der Fremde, als Ber⸗ tram hier ſtockte, in der Reihe fort: So wie des Jvanhoe, Kloſters, Abtes, Kenilworths, des Piraten, der Nigels Schick⸗ ſale, Peverils vom Gipfel, Quintin Durwards u. ſ. w.— So ſind Sie alſo keine myſtiſche Perſon? Ich eſſe Roſtbeef und trinke Portwein. Wie dem auch ſei, mein Herr, den ich nicht zu nennen weiß, dem ich aber alle, einem ſo beruͤhmten Namen ſchul⸗ dige Achtung zolle, ich hoffe nicht, daß Sie auch unter das Und ſo weiter“ noch einen Roman dereinſt rechnen werden, welchen ich, wie dieſe Proben erweiſen koͤnnen, bereits ſkizzirt und bruchſtuͤckweiſe ausgefuͤhrt habe. Er zog aus ſeiner Brieftaſche mehrere eng geſchriebene Bogen Briefpapier hervor, und las folgende Skizze mit gro⸗ ßer Eil⸗ „In dieſem Augenblicke brach der Vollmond in vollem „Glanze hinter einer dunklen Wolke hervor, und beleuch⸗ „tete eine Gegend, wie ſie der junge Mann kaum aus Be⸗ iſchreibungen kannte. Schwindelnd ſah er zu ſeinen Fuͤßen „einen bodenloſen Abgrund. Die aus uralten Qunderſtei⸗ „nen mit gigantiſcher Kunſt gebaute Mauer war nur die „Fortſetzung einer ſteilen ungeheuren Felswand, welche aus der Tiefe, in der ſein Auge noch keinen feſten Punkt ge⸗ — 246— „winnen konnte, emporſtieg. Jenſeits dieſer unermeßlichen „Schlucht lagen ſchwarze, gewaltige Maſſen vor ihm, der „Hauptzug des Snowdon, deſſen untere Theile mit dich⸗ „tem Walde mochten bedeckt ſein, deſſen vom Monde be⸗ Mleuchteter Ruͤcken aber eine traurige Oede zeigte. Ber⸗ „tram, geblendet von der Groͤße des Schauſpiels, wollte „ſein Auge ausruhen, indem er ſich umdrehte; aber die „meue Scene war, wo nicht großartiger, doch noch ergrei⸗ „fender fuͤr ſeinen Sinn. Von einem erhabenen Stand⸗ „punkte uͤberſah er die weitlaͤufigen Truͤmmer des ganzen „Kloſters, wie ihre hoͤchſten Spitzen, vom Mondenſchein uͤberſilbert, aus der unermeßlichen Nacht der Schluchten „und Gebirgskuppen, welche ſich an den hohen Ruͤcken „des Snowdon lehnen, hervortauchten. Es war, wenn man „die Stille der Mitternacht dazu nimmt, ein Feenſchau⸗ „ſpiel, und das geblendete Auge vermochte nur den To⸗ „taleindruck auſzufaſſen, nicht aber die einzelnen Erſchei⸗ nungen und den natuͤrlichen Zuſammenhang der verſchie⸗ „denen Punkte zu begreifen. So viel indeſſen ließ ſich „bald aus den naheliegenden Mauerwerken auf die in der „weiten Ferne glaͤnzenden ſchließen, daß die Thuͤrme und „Gebaͤude des Kloſters meiſtentheils auf vorragenden Fels⸗ „kupyen erbaut waren. Nur dieſe hatten der Zeit getrotzt, „waͤhrend das Felskuppen und Thuͤrme verbindende Mau⸗ „erwerk herunter geſtuͤrzt war. Vor allem großartig ragte „aber, blendend weiß vom Monde beſchienen, der Haupt⸗ „thurm uͤber alle Kapellen und Thuͤrmchen. Auf einer ein⸗ —— —— — 242— elnen ſchroff aus der Tiefe hervorſchießenden Klippe ſtand wer ſo keck, als wolle er den Trotz und den Sieg des „menſchlichen Geiſtes uͤber alle Hinderniſſe der Natur aus⸗ ſprechen. Ringsum war alles verbindende Mauerwerk abgebrochen, und in die Tiefe als Schutt herabgeſunken, „ſo daß alle Moͤglichkeit, ihn zu beſteigen, verloren ſchien. „Aber auch außer dieſem Thurme ſprangen uͤberall hohe „Gothiſche Bogen aus den Felſen hervor, und an mehre⸗ ren Stellen ſah man von zweien getrennten Felskegeln „Pfeiler hoͤher und hoͤher emporſtreben, und endlich in ſtol⸗ nzen Bogen ſich gegen einander neigen; aber das Mittel⸗ „telſtuͤck des ungeheuren Thores fehlte, und die Pfeilen mſtanden nun wie zwei Liebende da, welche reine Neigung „und die Natur fuͤr einander beſtimmte, ein feindliches „Mißgeſchick aber fuͤr immer getrennt hat. „Bertram hielt ſich, geblendet vom Schauſpiel, die „Augen zu“— Sehr gut, ſehr trefflich— unterbrach ihn die myſtiſche Perſon— aber nun hoͤren Sie auch gefaͤlligſt einige von meinen Bruchſtuͤcken! Malburne hatte bereits waͤhrend der Vorleſung aus ſei⸗ ner Brieftaſche einige Scripturen hervorgezogen und las nun: „Dagegen ſtieß dicht an das gemauerte Haus ein hoͤl⸗ Nzerner Stall, aus welchem der fuͤr den Verirrten ſo an⸗ „genehme Ton der Schafe kam. „Mancher geneigte Leſer wird, wenn er an ſeinem, „mit trefflichen Steinkohlen gefuͤllten, Kamine, oder gar — 248— im Sommer, dieſes Kapitel lieſt, ſich des Laͤchelns nicht venthalten koͤnnen. Wer aber, aus Luſt oder Noth, im „Winter eine Hochſchottiſche Haide durchwandert und ſich im Nebel verirrt hat, weiß, welche Seligkeit fuͤr den Er⸗ muͤdeten und Erſtarrten ein dampfender Schafſtall gewaͤhrt. „Der Novelliſt ſpricht hier aus eigener Erfahrung. Auf „einer romantiſchen Fußpartie von Edinburgh aus nach „den nordweſtlichen Theilen von Strathnavern verirrte er „ſich mit ſeinem, ſeit zehn Jahren verſchiedenen, in ſeinem „Andenken aber immer fortlebenden Freunde Thomas Van⸗ Mey, Esg. Nachdem ſie mehrere Stunden auf der No⸗ emberhaide durch die dickſten Nebel gewandert, und von „dem Moorgrunde und der feuchten Luft durchnaͤßt und „erſtarrt waren, entdeckteu ſie am Abhange eines der kah⸗ len Patrik⸗Huͤgel eine einſame Huͤrde. Sie ſtand ganz „abgeſondert von allen menſchlichen Wohnungen, und ſelbſt „der Hirt hatte ſich in dieſer Nacht, vielleicht einer Lieb⸗ ſchaft wegen, fortgeſtohlen; doch fanden wir etwa funf⸗ zig Schafe in dem eben erſt mit reinlichem Stroh ver⸗ „ſorgten Stalle. Unverdroſſen kletterten wir uͤber die Thor⸗ „leitern, und ſuchten unſer warmes Lager zwiſchen den friedlichen Thieren. Noch oft verſicherte ſpaͤterhin Tho⸗ mas Vanley, daß, obgleich er bekanntlich in Indien alle „Genuͤſſe eines Nabobs, waͤhrend ſeines dortigen Dienſtes „unter Lord Wellington, gehabt, doch kein Indiſches La⸗ „ger ihm ſo erquickend geweſen, als jenes Strohlager un⸗ „ſter den Schafen am Patrik⸗Huͤgel.“ 8 — — 249— Unwillig ſteckte Bertram ſeine Papiere ein: Herr Mal⸗ burne, oder wie ich Sie nennen ſoll— Wie es Ihnen beliebt, beſter Herr Bertram, es kommt auf den Namen nicht an. Sie haben mich belauert. Ei, warum ſo boͤſe Ausdruͤcke? Einen lange gehegten, einen ſchoͤnen Plan zerſtoͤren Sie mir. Aber ich weiche noch nicht. Bedenken Sie, baß Sie nur theilweiſe in dieſer Gegend waren, waͤhrend ich— Ich verſtehe Sie, mein junger Herr; aber wenn ich auch Methuſalems Alter haͤtte, waͤre es mir doch unmoͤglich, vom Ivanhoe an, durch die Geſchichtsperioden aller meiner Ro⸗ mane hindurch gelebt zu haben. Liegt Ihnen dieſer Roman aber ſo wenig am Herzen, daß, waͤhrend es Ihnen moͤglich war, gegenwaͤrtig zu ſein, Sie Monate lang ſich abweſend befanden? Denken Sie, daß dies der einzige Roman iſt, an dem ich arbeite? Mehrere Male mußte ich nach Schottland in der Zwiſchenzeit, um die Lokalitaͤten einer am St. Ronans⸗Brun⸗ nen ſpielenden Erzaͤhlung zu arrangiren; und jetzt ruͤſte ich mich ſogar, nach Judaͤg zu ſegeln, um eine Erzaͤhlung der Belagerung von Ptolemais zu liefern, und wie viele Romane außerdem in meinem Kopfe Knospen ſchießen, z. B. Red Gauntlet, fuͤhle ich mich nicht gedrungen, einem ſo werthen Freunde zu offenbaren, der eines Einbruchs in mein Eigen⸗ thum geſtaͤndig iſt.— Sie ſchweigen.— Ich rathe zum Ver⸗ gleiche, denn, im Vertrauen geſtanden, mit jeder Poſt habe 7 ich bereits nach Edinburgh in die Fabrik meine Notata geſandt, und ich hoffe, daß ſchon zwei Baͤnde werden verarbeitet ſein. Aber die Motto's, Herr Malburne? Zichen meine Freunde aus dem großen Motto⸗Kaſten, wie Lotterienummern heraus, und das iſt das Myſtiſche, daß Kapitel und Motto noch immer ſo ziemlich zuſammen paſſen, wie Sie auch in dieſem Roman ſehen werden. Es duͤrfte denn doch auf die Bearbeitung ankommen. Und auf das Ende, Herr Bertram. Wie werden Sie ſchließen? Ich denke, den Dichter die verſoͤhnende Gerechtigkeit handhaben zu laſſen. Ich dagegen der ſchlichten Wahrheit getreu zu bleiben, und meines Wiſſens, werden Sie, Herr Bertram mir dabei noch behuͤlflich ſein. Duͤrfte ich wiſſen, wie der beruͤhmte Autor des Waver⸗ ley meiner Perſon bedarf? Ich will Ihnen eine Geſchichte erzaͤhlen. Wie aber, wenn ich Sie ſelbſt zu Ehren braͤchte, zu einer beſſern Lage, als der eines Novellenſchreibers, wuͤrden Sie dann allen Anſpruͤ⸗ chen auf dieſen Roman entſagen? 3 Sie foltern mich— Ich bin kein Spaniſcher Inquiſitor. Zur Sachel Vor vielen vielen Jahren ließ der Squire Sir Morgan Walladmor den Sohn einer Fiſcherfrau haͤngen, und die erzuͤrnte Fiſcherfrau— Stahl deshalb— ſiel Bertram aͤrgerlich ein und fuhr ſchnell fort— den neugebornen Sohn des Squire, verkaufte ihn an Schleichhaͤndler— und dieſer wiedergefundene Sohn —— ℳ — 251— iſt der Schleichhaͤndler Nichols. Das iſt eine ſehr neue Er⸗ findung, und ich bin Ihnen außerordentlich fuͤr die Erzaͤh⸗ lung verbunden. Die Citrone, Maſter Bertram! Sie iſt noch nicht ganz ausgedruͤckt— Das Fiſcherweib— wollte ich ſagen— war allein bei der Niederkunft der Lady zugegen, und die Lady gebar Zwillinge, zwei Knaben. Die Fiſcherfrau, beguͤnſtigt durch die Nacht, nahm beide mit ſich fort. Das eine Kind warf ſie, in der Abſicht, es ums Leben zu bringen, von je⸗ nem Felſenvorſprunge der Burg, die Todesſpitze genannt, ins Meer; das andere aber biß ſie in den Arm, und ſandte es dem Schleichhaͤndler Jaeſon, mit der Bitte, es zum Smugg⸗ ler und Seeraͤuber in ſeinem Schiffe auferziehn zu laſſen. Waͤhrend deſſen aber hatte ein Kahn des Schleichhaͤndlers unter dem Schloſſe angelegt, und das von der Frau herabge⸗ worfene Kind war, durch ein halbes Wunder, an einer ſchraͤ⸗ gen, mit Moos und Gras bewachſenen Senkung des Felſens ſanft herunter rollend, lebendig geblieben, als es die Matro⸗ ſen auffingen. Jacſon, der ſich mit der Erziehung zweier Kinder nicht befaſſen wollte, pruͤfte beide, und da ihm das Herabgeſtnuͤrzte ſtaͤrker ſchien, erzog er es ſtatt deſſen, welches die Frau ihm zugeſandt hatte, und ſchickte das in den Arm gebiſſene bei naͤchſter Gelegenheit nach Hamburg. Das Kind, dem der Tod beſtimmt war, wurde Schleichhaͤndler, und es iſt Niklas; und das Kind, welches Schleichhaͤndler werden ſollte, wurde als Waiſenknabe in Deutſchland auferzogen, und Sie, Herr Bertram, ſind ſtatt eines Schleichhaͤndlers — 252— ein Romanenſchreiber geworden, ſind aber nichts deſto weni⸗ ger der leibliche, eheliche, maͤnnliche Sohn des Squire Mor⸗ gan Walladmor. Menſch!— fuhr Bertram auf— ſcherzeſt Du? Mein ſehr trockner Ernſt. Wenn Ihr mich zum Narren haͤttet! Bewahre, dann haͤtte ich ja das Publikum auch zum Narren, was ſich doch am Ende des Romans gar nicht verantworten ließe. Beweiſe fordere ich. Die große Aehnlichkeit, der Biß in Ihrem Arm. Was ſonſt noch fuͤr Beweiſe noͤthig ſind, die liegen in Zeugenaus⸗ ſagen und Doeumenten im Schloſſe, und der wuͤrdige Sir Morgan wird hoffentlich ſchon in dieſem Augenblicke davon uͤberzeugt ſein, daß er, fuͤr den halb verlornen, einen an⸗ dern Sohn ganz gewonnen hat. Herr! Malburne! wollen Sie mich wahnſinnig machen? Nein! Aber dazu bewegen, daß Sie das Romanſchreiben aufgeben. Ich glaube Ihnen! rief Bertram, und ſtuͤrzte, von Hoff⸗ nung und dem Gefuͤhle, daß es wahr ſei, inſtinktartig ge⸗ trieben, den Berg hinab, dem Schloſſe zu. Dennoch konnte er ſich nicht enthalten, noch einmal zuruͤckzublicken, und zu Malburne zu rufen: Aber, Sir, um Gottes Willen, wer ſind Sie eigentlich? Er erhielt keine Antwort, und ſah bald, daß ſein Ge⸗ faͤhrte verſchwunden war. Ohne Anhalt eilte er nun weiter, und, als er dicht an Walladmors Mauern ſtand, trat ihm — — 253— aus der Pforte Nichols, der eben hinabſteigen wollte, um ſich einzuſchiffen, entgegen. Biſt Du— rief Bertram, breitete die Arme aus, ver⸗ mochte aber das Wort nicht auszuſprechen. Dein Bruder— antwortete Richols, und druͤckte ihn an ſeine Bruſt— Dein Bruder. Wir waren Bruͤder auf der Tonne, die uns auf dem ſtuͤrmiſchen Meere erhielt. Bruder, ſei gluͤcklich mit ihr, und denke zuweilen des Bruders, der allein, einſam auf dem weiten Meere umherirrt. Lebe wohl— dann fluͤſterte er ihm ins Ohr:— Er hat mich zu ſich gelaſſen, er hat mich ein⸗ mal ans Herz gedruͤckt— laß mich jetzt fort, ich moͤchte zu weich werden, um meiner Heerde wilder Thiere zu gebieten. Lebe wohl! Er druͤckte ihn noch einmal heftig an die Bruſt und ver⸗ ſchwand alsdann mit Toms hinter dem Geſtraͤuch des Ufer⸗ randes. Im naͤchſten Momente— ob er Zeit gebraucht hatte, bvon dem Ufer bis in den Saal, oder wie er dort hingekom⸗ men, wußte er nachher nicht— lag er in den Armen ſeines Vaters. Als er aus denſelben ſich erhob, ſtand Ginievra, in Freudenthraͤnen ſchwimmend, mit klopfendem Buſen dicht hinter dem Squire. Mit innigem Wohlgefallen ſah dieſer dem naͤchſten Auftritte zu, und fluͤſterte zum ehrwuͤrdigen Maſter Simon: Habe ich es nicht geſagt an Arthurs Bach? Nachdem Nichols Schiff aus dem Geſichtskreiſe verſchwun⸗ den war, wurde ein Dank⸗Gottesdienſt in der Hauskapelle gehalten, welchem alle Anweſende mit ſeltener Ruͤhrung und Erhebung beiwohnten. Den Tag beſchloß ein großes Feſtge⸗ lag in den untern Hallen, des Schloſſes, bei welchem Jeder⸗ mann freien Zutritt erhielt. Malbourne aber blieb verſchwun⸗ den, und ſo oft man nach ihm fragte, laͤchelte Sir Dave⸗ nant. Nur einen Mißklang in den Toͤnen der Luſt verur⸗ ſachte die Erſcheinung Maſter Samuel Dulberrys, welcher dem Squire erklaͤrte, bei der naͤchſten Quartalſeſſion Klage gegen ihn erheben zu wollen, und zwar wegen„feudaliſti⸗ ſcher Beguͤnſtigung eines blutsverwandten Verbrechers, un⸗ erlaubter Naturaliſirung von Auslaͤndern, ſo wie Unterſchub anderer gegen den geſunden Menſchenverſtand aus feudaliſti⸗ „ſchem und romanhaftem Aberglauben entſpringender Verhaͤlt⸗ niſſe und Begebenheiten.“ Was der Sache fuͤr den Sanire vielleicht eine noch ſchlimmere Wendung geben kann, iſt, daß die muthwillige Dienerſchaft den Reformer gezwungen hat, gegen ſeinen Willen ſo lange in Burgunder und Claret auf das Wohl des Hauſes Walladmor und deſſen ferneres Fort⸗ bluͤhen zu trinken, bis er ſelbſt unfaͤhig wurde, unter dem Tiſch das Minus der letzten Staatseinnahme an dem Abende zu berechnen. Er will deshalb, dem Verlauten nach, auch eine Klage wegen eigenmaͤchtiger Beſchrenkung der Freiheit in Privatgefaͤngniſſen— man hatte ihn in eine Burgkam⸗ mer gelegt, wo er ſeinen Rauſch ausſchlafen mußte— gegen den Sauire anſtellen, und erſt, wann dieſe Angelegenheit ab⸗ macht iſt, wegen des ſtehenden Landheers, der Armentare und des Blutbades von Mancheſter, ſich erſaͤufen. (Ende des dritten und letzten Bandes) Berlin, gedruckt bei G. Hayn. EEErEʒUñ ‧ſͥ/ 8 9 11 12 13 14 15 16 17) 1 9 L v 5 ö 1aL1L 1L LeLL LLILIII