Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 en Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: fr wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Verkes, ſo iſt der Leſer unnn Erſatz des Ganzen verpflichtet.. „ 7. Aus beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben vo 3 ——— , —— 7 — e S ————— v⸗⸗⸗..... Ein Engliſch- und Schottländiſches Familiengemälde, nach Walter Scott bearbeitet und ins Deutſche uͤberſetzt, von C. v. S. Zweites Baͤndchen. Mit einem Kupfer. Nuͤrnberg und Leipzig, 3 Verlag von C. H. Zeh. 1826. ——— 65 I. Die vernachlaͤßigte Tochter der Lady Juliane Douglas genoß alle Vortheile die man nur ir⸗ gend von ihrer veraͤnderten Lage erwarten konn⸗ te. Ihre ſorgſame Tante wachte uͤber die Jah⸗ re ihrer Kindheit und erfuͤllte jede Mutterpflicht im ſtrengſten Sinn des Wortes. Miſtriß Dou⸗ glas war zwar keine Freundin von ſogenannten Erziehungsſyſtemen, und noch weniger von vie⸗ len Worten; ſie beſaß aber Nachdenken und ein gutmuͤthiges, wohlwollendes Herz. Die, von ihrer unnatuͤrlichen Mutter verſtoßene Kleine, erregte das innigſte Mitleiden und die waͤrmſte Theilnahme in ihrer Bruſt. Wenn ſie den un⸗ ſchuldigen Saͤugling an ihren Buſen druͤckte, be⸗ klagte ſie zwar oft im Inneren ihrer Seele, daß ihr das Gluͤck verſagt ſei, ein eigenes Kind in ihren Armen zu halten; ohne jedoch deshalb mit dem Schickſale zu hadern. Oft zitterte war eine kummervolle Zaͤhre in ihrem Auge, mir wel⸗ chem ſie aber ſtets dankvoll zum Himmel olickte, daß er ihr Gelegenheit gab, die bisher in ihr ſchlummernden Muttergefuͤhle zu erwecken. A 2 4 Miſtriß Douglas hatte viele gute Erziehungs⸗ theorien geleſen, und noch mehr uͤber die Erziehung nachgedacht. Ihr geſunder Verſtand ließ ſie aber bald einſehen, wie unzweckmaͤßig alle Theo⸗ rien ſind, die ſich nur auf die Weisheit des Verfaſſers gruͤnden, und daß es nicht blos von menſchlicher Kraft abhaͤngt, die Jugend gehoͤrig auf den Pfad der Tugend zu leiten. Deshalb ging das Hauptbeſtreben der weiſen Erzieherin dahin, der Seele des Kindes die reinſten Grund⸗ ſätze der Religion einzupraͤgen. Blos die Furcht vor dem Allerhoͤchſten, ſollte, in Mariens auf⸗ daͤmmernden Verſtande, alles etwa in demſelben aufkeimmende Uebel bekaͤmpfen. Nur aus der heiligen Schrift wurden ihr die Grundſaͤtze der Moral beigebracht. Nicht etwa in der Geſtalt eines trockenen Geſetzbuches, das entweder am Sonntage mit feierlicher Miene geleſen oder mit thraͤnenden Augen in den Wochentagen, mit Verdruß auswendig gelernt wird; ſondern durch erlaͤuternde Erzaͤhlungen und Lehren,— ſo weit ſie dem Kinde faßlich waren,— aus dem Mun⸗ de, den es am meiſten liebte. Mſtrs: Douglas war die Freundin und Vertraute ihres Pflege⸗ kindes. Nur ihr vertraute Maria jede ihrer kleinen Hoffnungen, jede kleine Beſorgniß, jeden kindiſchen Wunſch. Die erſte Wirkung von Mariens aufkeimender Vernunft war, die, daß, wolle ſie ihrer Pflegemutter gefallen, ſie ſich zu⸗ vor beſtreben muͤße, das Wohlgefallen ihres Schoͤpfers zu verdienen. V —— „L'inutilité de la vie des femmes, est la première source de leurs désordres.“*) Die Wahrheit dieſes Satzes leuchtete der klugen Pflegemutter vollkommen ein: auch war ſie uͤberzeugt, daß die bloßen egoiſtiſchen Sorgen und die gemeine Geſchaͤftigkeit des Lebens die unſterbliche Seele zwar beſchaͤftigen, aber nicht befriedigen koͤnnen. Ein Theil von Mariens Zeit wurde deshalb der Ausuͤbung hoͤherer Lebenspflichten gewidmet. Auf eine oder die andere Art, mußte ſie das Ungluͤck ihrer Nebenmenſchen zu lindern ſuchen, ohne deren Verdienſte zu genau pruͤfen zu wol⸗ len, oder auf ewige Dankbarkeit zu rechnen. „Es iſt weit beſſer,“ dachte Mſtrs: Dou⸗ glas,„zuweilen von Andern hintergangen zu werden, als uns ſelbſt zu hintergehen. Die Barmherzigkeit welcher man, aus Mangel an wuͤrdigen Gegenſtaͤnden, geſtattet unthaͤtig zu bleiben, oder die blos nach vollkommen Wuͤrdi⸗ gen trachtet, wird verroſten und unſere beſſere Gefuͤhle vernichten.“ So ſehr Maria ſich beſtrebte, den morali⸗ ſchen und religioͤſen Pflichten zu huldigen und ſie auszuuͤben, ſo vernachlaͤßigte ſie dennoch nicht die Kuͤnſte welche das Leben verſchoͤnern. Die **) Das geſchaͤftloſe Leben der Frauen, iſt die er⸗ ſte Quelle ihrer Untugenden. 6 3399 Natur hatte ſie reichlich begabt und, unter der weiſen Leitung ihrer Tante, entwickelten ſich ihre Talente ſchnell, obgleich geraͤuſchlos. Ohne jemands Unterricht bei einem eigentlichen Tanz⸗ meiſter gehabt zu haben, war dennoch ihr Gang leicht, ihre Haltung gut und ihre Bewegungen anmuthig. Eben ſo wenig war Maria in den hoch verfeinerten Kuͤnſten des Geſangs unter⸗ richtet worden; ihre ſchoͤne Stimme und ihr rei⸗ ner Geſchmack erſetzten aber jenen Mangel. Die neuern Sprachen waren ihr vollkommen gelaͤufig, und obgleich keine Meiſterdand ihren Zeichnungen nachgeholfen hatte, ſo waren ſie dennoch nach den Regeln der Perhrestiöe und dem Studium der Buͤſte gefertiget. Sogenannte boͤhmiſche Doͤrfer waren jedoch dieſe Kunſtuͤbungen fuͤr die Damen von Glenfern, welche viele Bedenklichkeiten und Berathſchla⸗ gungen, uͤber Mariens unrichtig geleitete Er⸗ ziehung untereinander hatten. Nach ihrer Mei⸗ nung gab es nur ein einziges taugliches Erzie⸗ hungsſyſtem, und zwar das, nach welchem man ſie ſelbſt erzogen hatte, und nach dem ſie ihre Nichten wieder erzogen. Jeden Sonntag wurde die Kirche beſucht, der Text fein behalten, und Achtung gegeben, wer in der Kirche war und wer fehlte. Dann mußte am Abend eine der Nichten ſtammelnd und ſtotternd eine Predigt vorleſen,— die ſchlech⸗ teſte Leſerin wurde„der Uebung wegen, jedesmal — 7 ſorgfaͤltig ausgewaͤhlt,— und ſie ganz beſonders an den Laird richten, der laut ſchnarchend in ſeinem Lehnſtuhle lag, aber dennoch bei jeder Pauſe mit einem muͤrriſchen,„Na nur weiter!“ auffuhr. Hierinnen beſtand die ganze Ausuͤbung der religioͤſen Pflichten der Familie von Glenfern. Ihre moraliſchen Tugenden trugen ungefaͤhr das nemliche Gepraͤge. Struͤmpfe ſtricken, mit der Dienerſchaft brummen, zerbrochenes Porzellan kitten, Hauben aufſtecken, die Armen ausſchmaͤ⸗ len und die Lady Maclaughlan verehren, war der Innbegriff ihrer praktiſchen Lebensweisheit. Dieſes waren aber nur die Tugenden der reife⸗ ren Jahre, welche ihre Schuͤlerinnen zwar zu er⸗ langen hoffen, aber noch nicht ausuͤben durften. Die Verdienſte der juͤngeren Fraͤuleins beſtanden darin, eine aufgegebene große Anzahl von Weißzeug zu ſaͤumen; aut die erbaͤrmlichſte Art im Leſen und Schreiben unterrichtet zu werden; die Noten auf dem Spinnet zu lernen, und ge⸗ legentlich ein eiſernes Halsband zu tragen. Waren dieſe Fertigkeiten, die mit vielen Ruͤgen und haͤufigem Tadel eingepraͤgt wurden, im funf⸗ zehnten Jahre erlangt; ſo wurde das junge Fraͤulein in die Koſtſchule einer kleinen Landſtade geſchickt, in der ſie die hoͤchſtmoͤgliche Bildung er⸗ reichen ſollte, und der Meinung der Tanten nach, auch erreichte. Es iſt leicht zu erachten daß die Art des Unterrichts der Mſtrs: Douglas nicht mit den 8 Ideen der Tanten, uͤber dieſen Gegenſtand uͤber⸗ einſtimmte. Sie ſelbſt thaten nichts ohne Ge⸗ raͤuſche. Etwas ruhig und ohne viel Geſchwaͤtze zu unternehmen, war fuͤr ſie eben ſo gut als waͤre es gar nicht geſchehen. Sie glaubten, es koͤnne nicht geſchehen ſeyn, weil ſi e noch nichts davon hoͤrten. Kurz, ihre Ohren waren gleich denen mancher andern wuͤrdigen Leuten, ihr ein⸗ ziges Verſtandesorgan,— ſie glaubten alles, was man ihnen ſagte, glaubten aber nichts, wmas ihnen Andere nicht geſagt hatten.— Da ſie nun Mſtrs: Douglas ſich niemals, uͤber die Wichtigkeit des ihr anvertrauten Pfandes, oder uͤber die Schwierigkeiten der weiblichen Bildung ausbreiten hoͤrten, ſo folgernden ſie, Mſtrs: D uglas habe keine Begriffe von ihren uͤbernom⸗ m nen Pflichten. Waͤhrend den Beſuchen der Tanten bei ihren Nichte fanden ſie ihre Richterſpruͤche noch ge⸗ gyändeter. Miß Johanna verſicherte, daß den ganzen Monat hindurch den ſie bei Miſtrs: Dou⸗ glas zugebracht habe, ſie nie entdecken konnte, wie oder wenn Maria unterrichtet wuͤrde. Gluͤck⸗ lüche zweiſe begreife das Kind ſchnell, und faße lalles wunderſam auf, ohne daß man wiſſe wie, denn es ſei zum Erſtaunen, wie wenig man ſich mit ihm beſchaͤftige. Das alleraͤrgſte ſei aber, daß Mariechen thun koͤnne was ihr beliebe, denn man hoͤre nie daß es getadelt wuͤrde, und Jedermaͤnn wiße doch, daß man junge Leute nie — 9 genng tadeln koͤnne.— Dies wich nun freilich ſehr von ihrem geraͤuſchmachenden Syſtem ab, und verurſachte den drei Schweſtern viele miß⸗ billigende Sorgen. „Ich geſtehe, daß mich alles dieſes ganz und gar verwirrt,“ ſagte Grishelde, als Johanna ihre Mittheilungen geendet hatte.„Es ſcheint, als wuͤrde das arme Mariechen gar nicht erzo⸗ gen, und doch weiß es ſo Vieles. Ich kann's nicht begreifen! Es iſt wahrlich unverantwort⸗ lich von Mſtrs: Douglas, daß ſie das Kind ſo vernachlaͤßiget, denn Mariechen iſt beſtaͤndig bei ihr, was ein ſicheres Zeichen iſt, daß ſie verzo⸗ gen wird. Denn obſchon unſere Maͤdchen uns ſo lieb haben, als ſie wahr und wahrhaftig, nur jemand lieb haben koͤnnen, ſo laufen ſie doch gar zu gerne von uns weg, was auch ganz natuͤrlich iſt.“* „Ich daͤchte, es waͤre hohe Zeit daß Maria endlich einmal etwas geſcheutes von ihrer Arbeit ſehen ließe, ſie iſt bereits ſechzehn Jahre alt und druͤber, ſagte Nicoline. „Die meiſten Maͤdchen von Mariens Alter, mit denen ich zu thun habe,“ erwiederte Johan⸗ na, indem ſie, nach kluger Weiber Weiſe, das Haupt ſchuͤttelte,„konnten ſchon fruͤher etwas von ihren Arbeiten vorzeigen. Bella hatte die Erd⸗ kugel dorten ſchon lange vor ihrem ſechzehnten Jahre geſtickt und Baby ſlocht das Strohkaͤſtchen, 10 im erſten Vierteljahre, das ſie bei Miß Mac⸗ gowk zubrachte.“ Triumphierend deutete ſie nach dem Kaminſims uͤber welchem die erſtere hing, und nach dem letzteren, das, in einem gruͤnen Futteral, auf dem Theetiſche ſtand. „Und ganz gewiß,“ fuͤgte Grishelde hinzu, „obgleich Betſys Feuerſchirm ein ſchweres Geld koſtete,— wie niemand laͤugnen kann, und ob⸗ gleich ihr Vater damals ſehr daruͤber brummte, was ganz ohne Zweifel iſt,— ſo macht er ihr doch große Ehre und uns allen macht es großes Vergnuͤgen, daß wir alle die ſchoͤnen Sachen vorzeigen koͤnnen. Wahr und wahrhaftig, nie⸗ mand wird glauben, daß der Eſel da, von Krepp gemacht ſei, und wie natuͤrlich ſcheint er an der ſchoͤnen Diſtel von Chenille zu freſſen! Wahrlich der Eſel gleicht einem Eſel ſo frappant, als ein Ei dem andern.“— „Und was Mariechens Zeichnungen anbe⸗ langt,“ fuhr die Berichterſtatterin ihrer Maͤngel fort,„ſo iſt keine werth, in Rahmen gefaßt zu werden; es iſt bloßes Geſchmiere mit ſchwarzer Kreide— wie es jedes Kind thun kann.“ „Und obendrein,“ fuͤgte Nicoline mit Un⸗ willen hinzu,„findet Mſtrs: Douglas, die ſchoͤ⸗ nen bunten Landſchaften, die unſere Mädchen bei Miß Macgowk machten, nicht einmal ſchoͤn.“ „ Alle unſere Maͤdchen haben ein vortreffli⸗ ches Talent zum Zeichnen,“ bemerkte Grishelde.— II das kaun nicht gelaͤugnet werden; aber es iſt jammerſchade, daß keins von ihnen ſich dazu be⸗ guemen mag. Sie ſagen,— was auch wahr und wahrhaftig wahr iſt,— ſie koͤnnten kein ſo gutes Papier hier finden, als bei Miß Macgowk. Aber ſie haben doch gezeigt daß ſie es koͤnnen, denn ihre Zeichnungen ſind ganz erſtaunenswuͤr⸗ dig. Neulich hielt ſie Jemand fuͤr des Herrn Touchup eigene Arbeit und groͤßeres Lob konnte man ihnen nicht ertheilen, als dieſes. Ich ſtell⸗ te alles dieſes der Nichte Douglas vor, und drang recht ſtark in ſie Mariechen, wenigſtens ein Vierteljahr zu Miß Magowk zu thun, um ſich fein gerade halten zu lernen, oder wenigſtens ſollte ſie doch das Maͤdchen unſer Halsband tragen laſſen.“ Jetzt hatte Tante Grishelde die empfindlich⸗ ſte Saite beruͤhrt, und die ſaͤmmtlichen Schwe⸗ ſtern brachen in laute, traurige Klagen aus. Dieſes Halsband hatte ihnen laͤngſt ſchwer auf der Seele gelegen; ſeine Stachel war ihnen bis ins innerſte des Herzens gedrungen. Dieſes koſtbare Halsband, war der Familie von Glen⸗ fern, von der weiſeſten, tugendhafteſten, beſten aller Frauen und Großmamas, der guten Lady von Girnachgowl, zum Geſchenk gemacht worden. Jedes weibliche Glied der Familie hatte es der Reihe nach getragen, bis Mſtrs: Douglas ſich freventlich weigerte, Mariens geſchmeidige Ge⸗ ſtalt in dieſes Qualeiſen ſchmieden zu laſſen. So⸗ 12 gar der Laird, dem ſonſt jede Taille die ſeiner Kuͤhe ausgenommen, hoͤchſt gleichguͤllig war, meinte, da das Ding einmal im Hauſe waͤre, ſo ſei es Schade, wenn es verloren ginge.— Der Guͤrtel der Venus verlieh, wie Tanten glaub⸗ ten, nicht ſo viele Reize, als das Halsband der guten Großmama Girnachgowl. 1 „'s iſt recht ungluͤcklich!“ ſagte Grishelde einſt zu ihrer lieben Freundin Maclaughlan, „Mariechens Ruͤcken wird keinen Heller werth ſeyn, und wir waren ſtets beruͤhmt wegen ſchoͤ⸗ nen Ruͤcken.“ „He?!— Deshalb ſehen die Leute ſie auch ſo gern auf dem Ruͤcken, liebes Kind.“ Ueber Mariens Ausſehen ſtimmten die Mei⸗ nungen nicht ſo voͤllig uͤberein. Mſtrs: Douglas hielt ſie fuͤr ein niedliches intereſſantes Geſchoͤpf⸗ chen. Der Laird, wenn er ſie durch die Brille beguckte, entſchied, ſie ſei noch ein wahrer Back⸗ fiſch, doch nicht ſo ganz uͤbel, ob ihr ſeon die Knochen noch hervorſtuͤnden, ſie wuͤrde wohl noch ans Fleiſch ſetzen muͤſſen. Johanna meinte, es wuͤrde etwas ganz Anders aus ihr geworden ſeyn, haͤtte man ſie erzogen wie andere Maͤdchen. Grishelde wußte nicht was ſie davon denken ſoll⸗ te; huͤbſch waͤre ſie, das koͤnne niemand laͤugnen, und doch wuͤrden Viele Bellas Augen vorziehen, und Baby ſei ungewoͤhnlich niedlich.— Nicoline zußerte, es ſei kein Wunder, wenn das arme 13 Ding oft blaß ausſehe. Sie eße Mittags nie gehoͤrig Suppe, und es ſei eine Schande daß ein Maͤdchen, von Mariens Alter, Thee zum Fruͤhſtuͤck trinke, und im Winter weiße Unterroͤcke trage, und noch dazu in ſolchen Wegen!“ Lady Maclaughlan that den Ausſpruch, (der einer hoͤheren Offenbarung gleich geachtet wurde,) das Maͤdchen wuͤrde erſt in ſeinem vierzigſten Jahre huͤbſch werden, und nicht ei⸗ nen Tag fruͤher; auch wuͤrde es geſcheut werden, denn ſeine Mutter ſei eine Naͤrrin, und naͤrri⸗ ſche Muͤtter haͤtten ſtets kluge Kinder, und um⸗ gekehrt.—„Eure Mutter war eine ſehr kluge Frau, Maͤdels— He?!“ So verfloßen die Kinderjahre der beinahe vergeßenen Zwillingstochter unter der Liebe und Sorgfalt der wuͤrdigen Frau, die ihr mehr als Mutter war. Zuweilen wuͤnſchte Mſtrs: Douglas ihr lie⸗ bes Pflegekind in die groͤßere Welt einfuͤhren zu koͤnnen. Wenn ſie aber die Gefahren erwog, welchen Maria in dieſer groͤßern Welt ausge⸗ ſetzt ſeyn koͤnne, und bedachte wie wenig wahres Gluͤck ihre Freuden gewaͤhren, ſo unterdruͤckte ſie den Wunſch und bat, der Himmel moͤge ſie nur bei ihren jetzigen einfachen Freuden erhalten. „Vollkommenes Gluͤck iſt auf dieſem Ende nicht zu finden,“ ſagte ſie ſeufzend zu ſich ſelbſt. „Aber Gott ſchenkt den Tugendhaften Friede und Ruhe in jeder Lage des Lebens und in jeder 14 Pruͤfung. Ich will mich daher beſtreben, Ma⸗ rien auf die Bahn der Tugend zu fuͤhren, und alles Uebrige demjenigen uͤberlaſſen, der allein weiß, was zu unſerem Beſten dient!“ Ann— 4 II. 6 Aber Mariens Nuͤcken und Mariens Teint hoͤrte jetzt auf, die Haußunterhaltung, der Be⸗ wohnerinnen von Glenfern, zu ſeyn; denn zu dem unausſprechlichen Entzuͤcken, aber auch zum hoͤchſten Erſtaunen der drei Schweſtern, gebar Mſtrs: Douglas einen Sohn. Wie dieſe Be⸗ gebenheit ſich, ohne das Zuthun der Lady Mac⸗ laughlan, hatte ereignen koͤnnen, uͤberſtieg das Faßungsvermoͤgen der guten Tante Grishelde. Bis zum letzten Augenblick ſchwebten die alten Jungfrauen in Zweifel, da Lady Maclaughlan, ſo oft des Gegenſtandes erwaͤhnt wurde, das weiſe Haupt ſchuͤttelte, und manche He, He's?! ausſtieß. Mehrere Monate hindurch beharrten ſie deshalb in der groͤßten Ungewißheit zwiſchen ihren eigenen ſehnſuͤchtigen Hoffnungen, und den abſchreckenden Zweifeln ihres Orakels. Selbſt als die Wahrheit ans Licht trat, ergrief eine Art von Furcht ihre ſchwachen Verſtandeskraͤfte, uͤber das, was Lady Maclaughlan wohl von der Sache denken moͤge? 13 „Wahr und wahrhaftig, ich weiß nicht wie ich der guten Lady Maclaughlan dieſes frohe Ereigniß melden ſoll,“ ſagte Grishelde die Fedeer nachdenklich kauend.„Ich weiß, daß es ihr das groͤßte Vergnuͤgen machen wird, das weiß ich gewiß; denn ſie hegt die groͤßte Achtung fuͤr unſere Familie und wuͤrde uns alles zu Gefallen thun. Jedermann muß es jedoch einleuchten, daß es eine ſehr delikate Sache iſt, einer ſo klugen Perſon, wie Lady Maclaughlan iſt, zu ſagen, daß ſie ſich geirrt habe. Wahr und wahr⸗ haftig, ich weiß nicht wie ſie es aufnehmen wird, und doch kann ſie unmoͤglich glauben, wir wuͤrden ſie deshalb weniger hochſchaͤtzen. Sie muß ja uͤberzeugt ſeyn, daß wir ſaͤmmtlich die hoͤchſte Achtung von ihrer Meinung ha⸗ ben.“ „Der Klugſte irrt zuweilen, bemerkte Jo⸗ hanna. Das iſt wahr und wahrhaftig wahr„“ ent⸗ gegnete Grishelde jener, die ſich nicht wenig auf dieſe weiſe Bemerkung zu gut that. „Und beſſer, daß ſie ſich irrte, als wenn Mſtrs: Douglas ſich geirrt haͤtte„“ fuͤgte Ni⸗ coline hinzu. 3 „Ich behaupte, daß du wahr und wahr⸗ haftig recht haſt, Nicoline, und das will ich der Lady Maclaughlan gerade ins Geſicht ſagen., ———————ö 46 Die Saud Grishelde begann alſo oh⸗ ne Weiters ihre Epiſtel. Johanna ſtudirte„die wahren Pflichten des Menſchen“ zum kuͤnftigen Nutzen ihres Großneffen, und Nicoline berech⸗ nete, wer wohl der Taufe beiwohnen wuͤrde, wolle und muͤße, um genau zu wiſſen, wie viet Teig zum Traumkuchen erforderlich ſei. Die jungen Fraͤuleins aber ſtritten ſich uͤber das Recht der Erbfolge zu einem einſt weiß geweſe⸗ nen Negligee von Luſtrin, das von ihrer ver⸗ ſtorbenen Mutter herſtammte, und in welchem drei unter ihnen bei der ze erica zu prunken gedachten. Der alte Herr war der einzige von der Fa⸗ milie, welcher keinen Antheil an dem allgemeinen Jubel nahm. Seit einiger Zeit, hatte er die uͤble Gewohnbeis die er ſelbſt bei dieſer Ge⸗ legenheit beibehielt, angenommen, ſich uͤber jede Kleinigkeit zu aͤrgern. Seine Knickerei hatte ſich gleichfalls ſtark vermehrt, ſo daß er jede Sache nur nach dem Maßſtab, was ſie wohl einbrin⸗ gen konne, ſchaͤtzte. „Der Schinner hol's, ob m'r nit meinen ſollt, wenn m'r Euch hoͤrt,'s waͤr d's erſte Kind, das uf d'Welt kuͤmmet. Was habt Ihr Gaͤnſe vor e'n Specktakel? Das is was rechts was d'n Leuten mehr aus'm Sack holt als neinbringt! Manch' e' gut nuͤtzlich Thier is in d' Welt kommen und niemand ſpricht d'rvon.“ 4 Alles 17 Alles ging nach Wunſch. Lady Maelaugh⸗ lan zeigte ſich nicht boͤſe, Tante Johanna wuß⸗ te„die wahre Pflicht des Menſchen“ hinten und vorne auswendig, und Tante Nicoline war hei⸗ terer als zu erwarten ſtand. In dem geheimen Rathe von Glenfern war entſchieden worden, die Wichtigkeit des kuͤnftigen Stammhalters er⸗ fordert, daß derſelbe nirgends anders getauft werde, als auf dem Sitz ſeiner Ahnen. Herr und Mſtrs: Douglas willigten mit Vergnuͤgen ein, und ſobald letzterer reiſen konnte, nahmen ſie auf einige Zeit ihren Auffenthalt in dem vaͤter⸗ lichen Hauſe.. In der Nacht, welche dem Tauftage vor⸗ anging, umſchwebten beſeligende Geſichte das Lager der gluͤcklichen Tanten, welche ſie den an⸗ dern Morgen, beim Fruͤhſtuͤck, gehoͤrig und um⸗ ſtaͤndlich mittheilten. „Ich weiß, wahr und wahrhaftig, nicht, was ich aus meinem Traume machen ſoll,“ begann die gute Grishelde.„Mir traͤumte, Lady Mar⸗ laughlan liege vor unſerem Bruder auf den Knien, und bitte ihn, ein Vomitiv einzunehmen; und gerade als ſie es recht delicat in unſere ſchwarze Johannisbeer⸗Gelèe gemiſcht hatte, kam der kleine Normann, rieß es ſeinem Groß⸗ papa aus der Hand, und lief auf und davon.“ „Du drehſt einem ſchon d's Herz im Leibe h'rum, mit dim dummen Geſchnacke,“ antwor⸗ tete der Laird muͤrriſch Lheſtand 29 29. B —— „ und ich,“ ſagte Johanna,“traͤumte, ich ſehe dich, Bruder, im blanken Hemde, ſo gera⸗ de wie eine Kerze, vor mir ſtehen, und die gu⸗ te Großmama Girnachgowl knuͤpfte dir ihr ei⸗ ſernes Halsband mit eigenen Haͤnden um.“ „Ich wollt', Ihr ließt mich ungeſchoren mit Eu'rem einfaͤltigen Zeug,“ rief der alte Herr noch aͤrgerlicher, kehrte der ſchoͤnen Traͤumerin dem Ruͤcken zu, und fuhr fort in den Zeitun⸗ gen zu buchſtabiren. „Und mir,“ rief Nicoline, eifrig ihre my⸗ ſtiſche Erzahlung an den Mann zu bringen,“ mir traͤumte, Du, Bruder, haͤtteſt den ganzen praͤchtigen Traumkuchen ins Aſchenloch gewor⸗ fen.“ 3. „Meiner Seel', myr ſollt dich hinterdrein werfen,“ ſchrie der auf's hoͤchſte erbitterte Laird, lief aus dem Zimmer, fuͤr ſich brummend,„har⸗ ter Umſtand,— kann ke'ne Ruh ſinden,— nit'enmal d's Morgenbrod freßen,— Narrn — Schnatterelſtern,— Plaudertaſchen! u. ſ. w.“— „Ich kann, wahr und wahrhaftig nicht be⸗ greifen, warum dem Bruder unſere Traͤume ſo ſehr mißfallen, ſagte Grishelde.„Jedermann weiß doch, daß Traͤume ſtets das Gegentheit beweiſen, und wenn es auch anders waͤre, ſo iſt's doch wahrlich keine Schande, ein Vomitive 4 1 4 19 einzunehmen, zumalen wenn Lady Maclaughlan es ſo delikat einruͤhrt.“ „Und wir Alle trugen das Halsband der guten Großmama Girnachgowl,“ verſicherte Johanna. 4 „Ich traͤumte wohl am ſchlechteſten, denn ich ſah meinen ſchoͤnen Traumkuchen verbrennen,“ fuͤgte Nieoline hinzu. „Nichts konnte wohl natuͤrlicher ſeyn, als Ihre Traͤume,“ bemerkte Mſtrs: Douglas. Be⸗ denken Sie nur, wie ſehr Sie ſich ſeit einigen Tagen mit dieſen Gegenſtaͤnden beſchaͤftigten. Sie, Tante Grishelde, werden ſich entſinnen, wie begierig Sie geſtern waren, meinem Kleinen eins von Lady Maclaughlans Pulvern einzu⸗ geben. Sie, Tante Johanna, wollten Marien bereden, Lad) Girnachgowls Halrdand umzule⸗ gen, nur um zu verſuchen, wie angenehm es ſei. U. d Sie, Tante Nicoline, hatten einen großen Schrecken, weil Sie glaubten, ihr Kuchen ſes im Backen verbrannt. Da nun dieſes die leb⸗ hafteſten Eindruͤcke waren, die Sie waͤhrend der Tageszeit empfanden, ſo ging es ſehr na⸗ tuͤrlich zu, daß dieſe auch auf einen Theil der Nacht Einfluß hatten.“ Dieſe Traumdeutungen wurden jedoch ver⸗ ſchmaͤht. Saͤmmtliche Tanten verſicherten einſtim⸗ mig, ſie haͤtten nie etwas getraͤumt, das gera⸗ dezu eingetroffen waͤre, und folglich muͤßten die 8 3 2 8 20 Erſcheinungen dieſer Nacht, der Familie und ganz beſonders dem kleinen Normann einen außer⸗ ordentlichen Gluͤcksfall prophezeit haben. „Das groͤßte Gluͤck, welches ich ihm und uns Allen fuͤr heute wuͤnſchen kann, iſt, daß er ſich waͤhrend der Taufe fein ruhig halten moͤ⸗ ge,“ erwiederte die Mutter, welche ſich von je⸗ nen Prophezeiungen nicht ſo begeiſtert fuͤhlte, als Lady Macbeth von denen der ſcheußlichen Hexen. 4 3U Eine große Geſellſchaft wohnte der feierti⸗ chen Handlung bei, welche der ehrwuͤrdige Pfarrer Duncan Macdrone gehoͤrig verrichtete. Saͤmmt⸗ liche Damen kuͤßten, der Reihe nach, den kleinen Chriſten. Die Matronen nannten ihn„einen koͤſtlichen kleinen Koͤder!“ die Fraͤuleins, das ſuͤßeſte Lammchen das ihnen je vor Augen kam!“ — Kuchen und Wein wurde umher gereicht.— Alles ſchien gut zu gehen, als der alte Laird, der bisher ruhig in ſeinem Lehnſtuhle ſaß, und dem man eben Wein anbot, ploͤtzlich mit heiſe⸗ rer Stimme ausrief;„He! wozu all das Ge⸗ ſchlampampe?“— Ehe man antworten konnte, ſanken ſeine Kinnbacken, die Augen ſtarrten, und das Lebenslicht des Gebieters von Glen⸗ fern erloſch. 21 III. Alle Verſuche, den lebloſen Koͤrper zu be⸗ ſeelen, blieben fruchtlos. Das Entſetzen, wel⸗ ches im Schloße Glenfern herrſchte, kann ge⸗ fühlt, aber nicht beſchrieben werden. Keine Em⸗ pfindung unſerer Natur iſt vielleicht ſo unbe⸗ ſtimmt, ſo verwickelt und ſo geheimnißvoll, als die, mit welcher wir die kalten Ueberreſte unſe⸗ res Nebenmenſchen betrachten. Die Wuͤrde, welche der Tod ſelbſt dem niedrigſten ſeiner Opfer verleiht, floͤßt uns eine Ehrfurcht ein, die kein lebendes Geſchoͤpf in uns zu erwecken vermag. Der Herrſcher auf ſeinem Throne ſcheint uns weniger erhaben als der Bettler im Sterbekittel. Die verſteinerten Zuͤge,— die kraftloſe Hand, — die ſteifen Glieder— ol wer vermag die Gefuͤhle zu ſchildern, die uns bei ihrem Anblick ergreifen? Hier iſt die Scheidewand unſerer Furcht und Hoffnungen, unſerer zaͤrtlichſten Lie⸗ be, und unſeres bitterſten Haßes. Iſt es moͤg⸗ lich daß wir jetzt vor der nemlichen Hand zu⸗ ruͤckſchaudern, die wir noch geſtern mit Liebe in die unſrige druͤckten 2. Iſt der Mund deſſen letz⸗ ten Toͤne noch in unſern Ohren klingen, auf ewig verſtummet? Sind dieſe Augen die uns ſo freundlich leuchteten, auf immer geſchloßen? Und wohin entfloh der Geiſt, welcher dieſen Erdklumpen beſeelte? Genießt er die hoͤchſte Gluͤckſeligkeit, oder iſt er zum ewigen verdammt? Iſt er Zeuge unſeres Schmerzens und theilt er volle Band, welches ihn an die Sterblichen knuͤpfte, auf immer? oder ſind die Erinnerungen an das irdiſche Leben vielleicht einem Morgen⸗ traum aͤhnlich oder dem Thau auf der fruͤhzei⸗ unſeren Kümmer? oder zerriß das geheimniß⸗ tigen Blume? Betrachtungen, wie dieſe, draͤn⸗ gen ſich jedem Herzen auf. Der Menſch fuͤhlt ihren Einfluß, ohne ihren Werth immer aus⸗ druͤcken zu koͤnnen. Die Grundurſache iſt ſtets die nemliche, obgleich die Wirkung verſchieden. In der Familie, die den unbeſeelten Koͤrper des Mannes, welches der Mittelpunkt ihres haͤus⸗ lichen Kreiſes war, umringten, aͤußerte ſich der Schmerz unter mancherlei Geſtalten. Der ru⸗ hige und maͤnnliche Kummer des Sohnes, die frommen Gefuͤhle ſeiner Gattin, Mariens jugend⸗ liche Erſchuͤtterung, das aberglaͤubiſche Wehkla⸗ gen der Schweſtern und das laute Jammerge⸗ ſchrei der Toͤchter; dieſes alles entſprang aue der nemlichen Quelle, aͤußerte ſich aber nach der Weiſe eines jeden Individuums. Selbſt die hartherzige Lady Maclaughlan empfand eine Art von Theilnahme, und blieben gleich ihre Augen rrocken, ſo ſuchte ſie dennoch ihre Freunde auf die ihr eigene Art zu troͤſten. Die Gaͤſte, welche noch nicht hatten abreiſen koͤnnen, blieben im Geſellſchaftszimmer zuſammen, und zwar in jener unruhigen feierlichen Stim⸗ mung, die demjenigen Mitgefuͤhl eigen iſt, das gern die Empſindungen Anderer erhoͤhen moͤchte, 4 5 45 4 4 — 2 23 und die Lehre von ſich ſelbſt abzuwaͤtzen wuͤnſcht. Sehr verſchieden aͤußerten ſich mithin, die Ver⸗ muthungen und Bemerkungen, uͤber den furcht⸗ baren Vorfall. „Der Laird von Glenfern ſah nit aus, als wenn e'r ſo geſchwind aus der Welt wollte,“ ſagte einer. „Ich weiß nit,“ erwiederte ein anderer,“ der Glenfern*) ſah ſchon e'ne Weile nit gut aus.“ „Das is auch meine Meinung verſetzte ein dritter.„Ich denke der Glenfern fiel ſchon ſeit d'r letzten Kornerndte ab.“ „In Glenferns Alter is's kein Wunder,“ bemerkte ein dritter, der ſich ſicher waͤhnte, weil er funfzehn Jahre juͤnger war. „Glenfern war noch nit ſo gar alt,“ er⸗ wiederte ein fuͤnfter, dem ſein Bewußtſeyn ſag⸗ te, er ſei mehrere Jahre aͤlter. „Aberſt ſeine Familie macht m viele Sorge,“ ſagte ein aͤltlicher Hageſtolz.. „Wer ſieht oft e'n baumſtarken, friſchen Mann, wie unſer armer Freund e'ner war, aus⸗ **) Den ſchott'ſchen Dialekt hier und anderswo wiederzugeben iſt unmoͤglich, daher mußte der Ueberſetzer ſich mit gemeinen deutſchen Redens⸗ arten zu helfen ſuchen. 24 gehn wie eine Lichtſchnuppe,“ huſtete ein ſchwind⸗ ſuͤchtiger Herr. „Ei er war e'n ufgeſchwemmter Koͤrper, ſeit ich m'r'n denken kann, keichte eine aufgedun⸗ ſene eſtmathiſche Geſtalt. „Und dann ſchont'r ſich nit,“ ſagte der Laird⸗ von Pettlechaß.„Seine Diaͤtet war nit wie'r ße haͤtte in dem Alter halten ſollen.“ Und dann lief'r„raus und in, hin und her, im Wind und im Wetter.“ „Glenferns Diaͤt war nit die Urſach ſeines Todes,“ ſprach eine alte Matrone in feierlichem Tone.„Das wißen die nit, die nie das Seher⸗ wort der Familie hoͤrten. 4— In erſiſcher Sprache trug ſie folgende Verſe vor: „Wenn Lochdow wie ein Muͤhlwehr braußt, Danm Glenfern vor dem Lerm ergraußt. Wenn wird geſchaufelt Beumeck Schnee, Dann Glenferns Laub ich fallen ſeh. Der Tannenbaum nimmt Glenfern auf, Geht fremdes G'lei am Benneck auf.“ „Und nu', meine Madam, wollten ſ' wohl ſo gut ſein, und die Meinung der Reimen er⸗ klaͤren,“ ſagte ein unglaͤubiges Glied der Ge⸗ ſellſchaft.„Wie ich heut' Mozgen den Loch⸗ dower See paſſirte, ſah und hoͤrt' ich von ke' nem Waſſerfall und von dem Fenſter da, kann mr den alten Benneck mit der weißen Nacht⸗ 25 mütze recht gut ſehen. Wer'm die runter neh⸗ men will, kriegt was z'thun. „Nit von dem ſtillen Waſſer und auch nit Vvon dem ſteilen Berge ſpricht das Seherwort,“ erwiederte die Matrone, mit veraͤchtlichem Blicke. „Die kuͤmmern ſich nicks um unſer Thun und Treiben. Wißt Ihr aberſt nit, daß der Loch⸗ dower See von e'nem Waſſerfall entſpringt, und is nit heute Leid und Laͤrm genug in Glenfern? Und wie wißt Ihr ob nit der Kopp des alten Berg's geſchoren wird, und ob'm nit die Edin⸗ burger Muͤtze aufgeſetzt wird? Und ich wette, er traͤgt e'ne ſchoͤne friſirte Parucken, wenn der Laird in den Sarg gelegt wird.“ Die Geſellſchaft gab zu, daß die Ausle⸗ gung vollkommen richtig ſei. Allein der obige Zweifler,(der, n Vorbeigehen geſagt, ehedem ein kleiner Landkraͤmer war, und die Wuͤrde ei⸗ nes Lairds erkauft hatte) zuckte die Achſeln, und be⸗ merkte ſpoͤttiſch, daß die Zeiten des zweiten Ge⸗ ſichts und dergleichen Poſſen laͤn ren. Dieſer Spott wurde ſogleich geruͦ beſtritten, und zum Beweis des nachſtehende Geſchichte erzaͤhlt, deren Wahrheit jemand aus der Geſellſchaft verbuͤrgte, da ſie ſich bei ſeinen Lebzeiten, in ſeiner eigenen Fa⸗ milie zugetragen hatte.. 3 „Als Duncan Maccrae Benvoilloich hinunterging, „ eines Abends den ſah er, in dem Thale / 26 zu ſeinen Fuͤßen, einen Leichenzug. Dieſer An⸗ blick uͤberraſchte ihn um ſo mehr, da er von kei⸗ nem Sterbfall in der Gegend gehoͤrt hatte, und er aus dem großen Gefolge vermuthete daß eine Perſon von Wichtigkeit begraben wurde. So ſchnell er es vermochte, eilte er den Berg hin⸗ ab, kam dem Zuge naͤher und erkannte alle Lairds der Gegend, außer meinen Vater, Sir Mur⸗ doch. Anfangs erſtaunt hieruͤber, beſann er ſich end⸗ lich, daß mein Vater in die niedern Theile Schott⸗ lands gereißt ſei, um der Hochzeit eines Ver⸗ wandten beizuwohnen. Duncan Maccrae war neugierig zu wißen, wen man zu Grabe brin⸗ ge. Ein Gefuͤhl von dem er ſich keine Rechen⸗ ſchaft zu geben vermochte, verhinderte ihn jedoch ſich unter das Gefolge zu miſchen. Deshalb blieb er am Rande des Huͤgels, gerade uͤber den Koͤpfen der Leichenbegleiter, nahe genug um ſie reden zu hoͤren. Aber obgleich er ſie deutlich die Lippen bewegen ſah, erreichte dennoch kein Laut ſeine Ohren. So ſchritt er mit der Pro⸗ zeßion fort, bis ſie vor dem Kirchhofe des Schlo⸗ Bes Dochart ſtille ſtand. Der Abend war ſchwuͤl. Ein dichter Nebel erfuͤllte das Thal, waͤhrend die Spitzen der Huͤgel wie Gold funkelten. Kein Luͤftchen regte ſich, und dennoch bogen ſich knarrend, die den Kirchhof umringenden Baͤume, und verwelkte Blaͤtter wirbelten umher, als wie vom Winde getrieben. Die Leichenbegleitung ſtand eine Weile ſtill, gleichſam als ruhe ſie, dann ſchritt ſie fort, um die eiſernen Gitter des „ u g d d 3 22 Todtenhofes zu oͤffnen, aber das Schloß war eingeroſtet und wollte ſich nicht aufthun. Hier⸗ auf fing man an, einen Theil der Mauer nie⸗ derzureißen. Duncan glaubte dies wuͤrde ſeinem Herrn unangenehm ſeyn, und rief deshalb der Prozeßion mit lauter Stimme zu, von ihrem Vorhaben abzuſtehen,— aber vergeblich;— Nie⸗ mand ſchien ihn zu hoͤren. Endlich wurde die Mauer abgetragen„ und der Sarg hinuber ge⸗ hoben. In dem nemiichen Augenblick durchbrach die Sonne den Nebel und beleuchtete ein nen aufgeworfenes Grab, und als nan den Sarg hineinſenkte zerbrach der Deckel und Sir Mur⸗ döch ſelbſt war in ſeinen Sterbekleidern, ſichtbar. Der Nebel wurde aufs neue dichter, Duncan konnte nichts mehr ſehen und kam faſt bewußt⸗ los nach Hauſe. Wie er aber uͤber ſeine Schwel⸗ le trat, fand er ſich von kaltem Schweiß be⸗ deckt und ſo bleich als ein entſeelter Koͤrper. Alles was er zu ſagen vermochte, war, er habe das Begraͤbniß des Gebieters vom Schloß Do⸗ chart geſehen. „Den andern Tag,“ fuhr der Erzaͤhler fort,“ „war Duncan beſonnerer, und erzaͤhlte das, was Sie eben hoͤrten. Drei Tage nachher traf die Todesnachricht meines Vaters ein. Ein Schlag⸗ ſtuß deſiel ihn, als er eben eine zahlr iche Ge⸗ ſellſchaft, zur Feier der Verheirathung ſeines Verwandten, bewirthete. Acht Tage darauf zog ſein Leichenzug durch das Thal Glenvalloch, ge⸗ nau ſo wie Duncan Maccrge ihn beſchrieben * hatte, und gleichfalls mit allen Nebenumſtaͤnden. Die Gitter des Todtenhofes konnten nicht ge⸗ oͤffnet werden, man mußte einen Theil der Mauer abtragen, den Sarg hinuͤber heben; dieſer litt ſnenn und oͤffnete ſich, als man ihn ins Grab elkte.“ Selbſt der unglaͤubige Nieder⸗Schottlaͤnder ſchwieg zu dieſer ernſten Erzaͤhlung. Bald dar⸗ auf zerſtreute ſich die Geſellſchaft, und jedes Mitglied verſelben eilte, ſeinen Nachbarn das ploͤtzliche Ableben des Lairds von Glenfern zu verkuͤndigen. Allein bald,— O, wie bald!— erloͤſchen die Todesgedanken in dem Herzen des Men⸗ ſchengeſchlechtes, Selbſt die kleinen Sorgen, denen die Ueberlebenden ſich bei einem Todesfall unterziehen muͤſſen, tragen dazu bei unſern Ge⸗ danken von der eigentlichen Urſache dieſer Sor⸗ gen abzulenken. Eben ſo bei der Familie zu Glenfern. Sie ließen ihr Licht nicht gerne un⸗ ter dem Scheffel, und nach den erſten lauten Wehklagen waren ſie eifrig darauf bedacht, auch die aͤußeren Trauerzeichen auszuhaͤngen. Herr Douglas fand allerdings viel zu ſchaffen und zu * ordnen. Die Tanten berechneten, wie viele El⸗ len Flor und Pleureuſen man beduͤrfe, und wie viele Gaͤſte man einladen muͤße,— es muͤßten, meinten ſie, zehnmal ſo viele geladen werden als zur Taufe. Die Nichten aber geſielen ſi ch in dem Gedanken, Trauerkleider zu tragen; ein 29 ichnen bisher ganz ungewohnter Putz. Bei Mſtrs: Douglas und Marien brachte der uner⸗ wartete Todesfall verſchiedene Wirkungen her⸗ vor. Religion und Nachdenken hatten die erſtere gelehrt, jete Pruͤfung mit Geduld zu ertragen, und waͤhrend ſie im Inneren ihres Herzens, das Schickſal des alten Mannes beklagte, der ſo pioͤtzlich aus der Welt geriſſen wurde, die ihm Alles war, ſo blieb dennoch ihr aͤußeres Anſehen ruhig und heiter. Maria wurde weit heftiger ergriffen. Fruͤherhin hatte ſie ſchon am Siech⸗ bette geſeſſen, und Kranke gepflegt; aber der Tod— und noch dazu der Tod in einer ſo ſchrecklichen Geſtalt,— war ihr neu. Ruhig ſtand ſie neben ihres Großvaters Stuhl,— ſein Haupt neigte ſich zu ihr,— ſeine Hand ruhte in der ihrigen, als ein heftiges Zucken dieſer Hand ſie aufſchreckte, und der entſeelte Koͤrper vor ihr lag. In einem einzigen Augenblick bedeckten die Schatten des Todes, den Menſchen, der eben gedacht und gehandelt hatte! Umſonſt betete Maria, umſonſt. rief ſie ihre Vernunft zu Huͤlfe, umſonſt bekaͤmpfte ſie ihre ſo maͤchtig aufgereiz⸗ ten Empfindungen. Nur ein Gegenſtand ſchweb⸗ te ihrer Einbildungskraft vor,— das Bild ih⸗ res ſterbenden Großvaters. Seine entſtellten Zuͤge,— ſein grauſenerregender Anblick,— ſein krampfhaftes Zucken, ſtand Tag und Nacht vor ihren Augen. Ihr Verſtand war nicht faͤhig ihre gereizten Nerven zu beruhigen. Mſtrs: Douglas ſuchte vergeblich jedes Mittel hervor, —ö——y ——nunnenEEEE 30 3 Marien zu beſaͤuftigen und zu zerſtreuen; doch ſchmeichelte ſie ſich, die Zeit wuͤrde bald ihre hef⸗ tigen, jugendlichen Empfindungen ſchwaͤchen. Fuͤnfhundert Perſonen, maͤnnliche und weib⸗ liche, zu Fuß und Roß, begleiteten den Laird von Glenfern zum Grabe. Benenck prumbte in der neuen Peruͤcke, und der Herbſt ſtreute ſeine Blaͤtter auf den Sarg, als man ihn langſam durch das Thal trug! —— IV. * „Das menſchliche Leben gleicht einem verwor⸗ nen Zwirnknaͤul.“ Wenige Truͤbſale ohne Mil⸗ derung,— kein Gluͤck ohne eigenen bittern Zu⸗ ſatz. So wie die meiſten heiß und lange erſehn⸗ ten Begebenheiten, auf welche der Menſch ſeine Erwartungen gruͤndet, nur Theilweiſe erfuͤllt wer⸗ den, eben ſo begluͤckte die Geburt des Erben von Glenfern die Familie nicht in dem erwarteten Maße. Der traurige Vorfall, welcher ſeinen Tauf⸗ tag bezeichnete, verſetzte ſeine Augehoͤrigen in tiefe Trauer. Zwar milderte die alles heilende Zeit, die Heftigkeit des Schmerzes und fuͤhrte die Leidtragenden wieder zu ihren gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen; aber auch die Freude uͤber die Geburt des Knaben, verlor ihre Neuheit, und X 31 „ die Gewohnheit ſchwaͤchte die hohe Theilnahme 2 an ihm im Herzen der drei Schweſtern. Die guten Tanten uͤberzeugten ſich ohnehin taͤglich mmaehr und mehr, daß man nicht geneigt ſei, ihre 2 weiſen Rathſchlaͤge hinſichtlich der phyſiſchen und d moraliſchen Bildung des Kindes, zu befolgen; deshalb wendeten ſie, nach manchem Murren e und manchen vergeblichen Kaͤmpfen, ihre Thaͤtig⸗ 1 keit wieder in das gewohnte Geleiſe, und beweg⸗ ten ſich in ihrer alten Sphaͤre. Einige Zeit hindurch ſeufzten und trauerten ſie freilich; l⸗ lein bald fanden ſie Troſt in den kleinen, ihrer Natur angemeſſenen Beſchaͤftigungen des haͤus⸗ lichen Lebens. Sie friſchten Trauerflore auf, faͤrbten alte ſchwarze Seidenwaare neu, verwandel⸗ ten ſchmale Saͤume in Breite u. ſ. w.; kurz, Nie⸗ mand war ſo wichtig geſchaͤftig, als die Da⸗ men von Glenfern. Wie Frau von Stael von Jemand aͤhnlichem ſagt,„ſie erfuͤllten ihre Be⸗ ſtimmung.“ Ihr Lebenskreis drehte ſich um den Naͤhtiſch und die Kuͤche, ihr Weg ging vom Bo⸗ den zur Speiſekammer, und wollten weilen von dieſer Bahn abweichen. angeborner Inſtinkt ſie ſtets wie 2ͤ1A bliccen, noch ſie fuͤr unnuͤtze Ge⸗ 3² ſchoͤpfe halten. Die allweiſe Vorſehung ſchuf nichts Zweckloſes. Jedes Glied der großen Ket⸗ te, welche die Schoͤpfung verbindet, dient dazu das Ganze zuſammen zu halten; und dieſes Ganze bildet die ſchoͤne Stufenleiter, vom krie⸗ chenden Inſekt an, bis zum glorreichen Erz⸗ engel. 4 Wenn geduldiges Hoffen, ſtille Freude, un reine Vorempfindung, welche die Mutterliebe hei⸗ liget, im Stande waͤren das Gluͤck zu ſichern, ſo wuͤrde Mſtrs: Douglas, in dem Laͤcheln ih⸗ res Kindes die ungetruͤbte Wonne gefunden ha⸗ — ben, welche ihre Tugend ſo reichlich verdiente. Leider aber mußte auch ſie den bitterſuͤßen Be⸗ cher leeren, der allen auf Erden Wandelnden ge⸗ reicht wird. Waͤhrend die Flammen der reinſten Liebe ihr Herz erwaͤrmten, wenn ſie den Saͤugling an ihren Buſen druͤckte, wurde ihr jene himmliſche Empfindung durch den Anblick ihrer nicht weni⸗ ger theuern Pflegetochter getruͤbt. Dieſes Kind, das ihre Sorgfalt ſchon ſo reichlich belohnte, in welchem ſie bereits den von ihr ausgeſtreuten Samen zu erndten begann, verlor taͤglich mehr an Kraͤften und Geſundheit. Obſchon Maria ihre Kinderjahre volckommen geſund verlebte, ſo war ihr Koͤrperbau dennoch aͤußerſt zart, und ihr ſchnelles Wachſen hatte ſie ſeit durzem merklich geſchwaͤcht. Der heftige Schrecken uͤber den ſo ploͤtzlichen Tod ihres Großvaiers hatte eine ſo uͤble — 33 üäble Wirkung auf ihr zartes Nervenſyſtem ge⸗ macht, daß das Aergſte zu befuͤrchten ſtand, und ihr Beſtreben, ihre Gefuͤhle zu verbergen, ſchwaͤchten ſie immer mehr und mehr. Maria fuͤhlte nur zu lebhaft, die Sorgſamkeit und Aengſt⸗ lichkeit ihrer trefflichen Pflegemutter, und mach⸗ te ſich bittere Vorwuͤrfe, dieſe nicht beſſer beloh⸗ nen zu koͤnnen. Oft und wiederholt bemuͤhte ſie ſich die traurigen Eindruͤcke, die auf ihrem Herzen laſteten, zu zergliedern und zu verban⸗ nen. „Es iſt nicht Gram, was mich zu Boden druͤckt,“ vernunſelte Maria mit ſich ſelbſt. „Zwar verehrte ich meinen Großvater, aber der Verluſt ſeines Umgangs iſt fuͤr mich beinahe kei⸗ ner. Furcht vor dem Tode kann es eben ſo we⸗ nig ſeyn; denn meine Seele beſchraͤnkt ihre Wuͤn⸗ ſche nicht auf dieſen Erdball. Welch' geheim⸗ nißvolles Bangen bemaͤchtigte ſich denn meiner? Warum dulde ich es, daß meine Phantaſie mir ſtatt Gluͤcksanſichten nur Schreckbilder vorfuͤhrt?. Warum vermag ich nicht wie ehedem, mir das Schoͤne und Herrliche einer Seele, welche die irrdiſche Huͤlle abſtreift, vorzuſtellen? Warum muß das lezte krampfyafte Zucken, das erſtickte Schoͤne, das ſtiere Auge meines ſterbenden Groß⸗ vaters, ſich ſtets zwiſchen mich und den Himmel draͤngen?“ Ach! Maria war unfaͤhig ſich dieſe Fragen zu beantworten.— Ihr Alter war das des Ge⸗ Cheſtand 2r Bd.. C 34— 3 fuͤhls, nicht das des kalten Vernuͤnftlens. Sie war ſich nicht bewußt, daß ihre Einbildungs⸗ kraft mit der Wirklichkeit um den Sieg rang. Sie hatte uͤber den Tod gehoͤrt, geleſen, und nachgedacht; doch nur von dem Tode in ſeiner ſchoͤnſten Geſtalt,— in ſeinem ſanfteſten Hin⸗ uͤberſchweben. Aber ploͤtzlich wurde der Schleier von ihren Augen gerißen,— zaͤhlings erblickte ſie den dunklen Pfad, nicht mit Blumen beſtreut, ſondern in Entſetzen gehuͤllt. Maria war, wie alle fein empfindende Menſchen, geneigt, ſich von jeder Sache ein ſchoͤnes Ideal zu ſchaffen. Ob dieſes eine gluͤckliche oder ungluͤckliche Gabe ſei, iſt ſchwer zu entſcheiden. Waͤhrend die Ver⸗ blendung dauert, ſchafft ſie Vergnuͤgen, aber wie viele tauſend Wehen peinigen das Herz, welches zum Dulden beſtimmt iſt, und dennoch auf die feſte Dauer menſchlicher Gluͤckſeligkeit baut! Allein dem jugendlichen Gemuͤthe bleibt dieſe traurige Wahrheit ſtets verborgen. Nur die Erfahrung vermag uns zu uͤberzeugen, daß reine Gluͤckſe⸗ ligkeit kein irdiſches Gewaͤchs iſt, und daß, wenn gleich manches Auge ſeine Bluͤten erblickte, doch nie eine ſterbliche Hand ſeine Fraͤchte brach. Dies alſo war Mariens erſter Unterricht in dem was man Kenntniß des Lebens nennt; ganz der Ge⸗ genſatz der ſchoͤnen Ideale einer feurigen lebens⸗ luſtigen und ſich im Gluͤck gefallenden, jugend⸗ lichen Einbildungskraft. Auf ein Gemuͤth, wie Mariens, mußte dieſer Gegenſat afs nibtig⸗ ſte wirken. 2 84 35 Die bangen Beſorgniße der Mſtrs: Douglas, wenn ſie die ſchwindende Geſtalt, die ſchnell wechſelnde Farbe, den unbelebten Gang, und das erzwungene Laͤcheln ihrer geliebten Pflegetochter ſah, wurden nicht durch die Vernunft, noch das Mitgefuͤhl ihrer Umgebungen, beſchwichtiget. So lange Maria unter ihrer zarten und ſorgſamen Pflege gedieh, konnte Mſtrs Douglas, die abge⸗ brochenen mißbilligenden Winke, oder die ſpoͤt⸗ tiſchen Gluͤckwuͤnſche, zum Gedeihen ihrer neuen Erziehungsmethode, welche ſie von den Tanten bei jeder Gelegenheit anhoͤren mußte, mit Ruhe und Heiterkeit ertragen, weil ihr inneres Be⸗ wußtſeyn ihr ſagte, ſie habe jede ihrer Pflich⸗ ten nach Kraͤften erfuͤllt. Allein jetzt, da ihre Sorgfalt vereitelt ſchien, durchſtach ſtets ein neu⸗ er Dorn ihr Herz, wenn die beinahe triumphi⸗ renden alten Jungfrauen ihre uͤberweiſen Ge⸗ meinplaͤtze auskramten, und ſich ſelbſt Gluͤck wuͤnſch⸗ ten nicht ſo zu handeln wie andere Leute. Nicht daß die Tanten je den Vorſatz gehegt hatten, die Gefuͤhle ihrer Nichte, die ſie wahr⸗ haft liebten, zu verletzen; ſondern blos weil ſie der Verſuchung nicht zu wiederſtehen vermoch⸗ ten, zu beweiſen, daß das Recht auf ihrer Sei⸗ te, und das Unrecht auf der anderen ſei, und dies um ſo harmaͤckiger, da ſie Mſtrs: Douglas nie davon hatten uͤberzeugen koͤnnen. „Es iſt Unſinn, Mariens Hinſchwinden dem Tod ihres Großvaters zuſchreiben zu wol⸗ len,“ ſagte Tante Johanna.„Wir Alle wa⸗ 82 2 36 ren ihm ja naͤher verwandt als ſie und wir ſind ſaͤmmtlich kerngeſund.“ „und da ſeh' mir Eins ſeine eigenen Toͤch⸗ ter,“ fuͤgte Tante Grishelde hinzu.„Die muͤſ⸗ ſen doch natuͤrlicher Weiſe, weit mehr gefuͤhlt haben, als irgend Jemand— das kann Nie⸗ mand laͤugnen.— So empfindſame Weſen als die ſind, muͤßen tief gefuͤhlt haben, und doch ſind ſie munter und vergnuͤgt.— Iſt das nicht wunderſam? „ Dies beweißt ihren Verſtand und die Fruͤchte einer guten Erziehung,“ ſagte Jo⸗ hanna. „Maͤdchens, die Abends fein ihre Suppe eßen, wißen ſich ſtets gut zu benehmen„“ rief Nicoline. „Wir haben wahr und wahrhaftig, alle Ur⸗ ſache dankbar zu ſeyn, daß unſere Maͤdchens, bei ihrer zarten Empfindſamkeit, mit ſo vortreff⸗ lichen Maͤgen geſegnet ſind,“ bemerkte Grishelde. „Waͤren ſie ſo uͤberzarte Puͤppchen wie Marie⸗ chen, ſo wuͤßte ich, wahr und wahrhaftig, nicht, was wir haͤtten anfangen ſollen, denn die ar⸗ men Dinger, waren ſammt und ſonders uͤber den Tod ihres guten Vaters, ganz erſchrecklich erſchrocken, was auch ganz natuͤrlich iſt. Die arme Babby war gar nicht zu beruhigen, und Bella und Betſy wollen noch immer nicht im Finſtern allein bleiben; die alte Elsbeth muß noch 37 jede Nacht bei ihnen ſchlafen. Und ein bren⸗ nend Licht muͤßen ſie auch haben,— was ihnen Ehre macht,— und ich weiß gewiß, daß ſie nicht dabei leſen. Ich bin gewiß, und wahr und wahrhaftig, ich glaube es kann's Niemand laͤugnen, daß das Leſen jungen Leuten viel ſcha⸗ det. Es ſetzt ihnen allerhand Flirren in den Kopf, die nie hineingerathen waͤren, außer durch die Buͤcher. Ich behaupte daß das Leſen eine ſehr gefaͤhrliche Sache iſt, und ich bin vollkom⸗ men uͤberzeugt, daß Mariechens ganze Kraͤnk⸗ lichkeit, blos vom Leſen herkommt. Ihr wißt daß wir ſtets ſagten, ſie leſe viel zu viel, es muße ihr ſchaden.“ „Vieles haͤngt von der richtigen Wahl der Buͤcher ab,“ ſagte Johanna und gab ſich das Anſehn der tiefſten Gelehrſamkeit. Fordyce's Predigten und die Geſchichte von Schottland, gehoͤren unter die wenigen Buͤcher, die ich jun⸗ gen Perſonen in die Haͤnde geben wuͤrde. Un⸗ ſere Maͤdchen laſen wenig andere Buͤcher.“— Hiebei ſchoß ſie einen Blick auf Mſtrs: Dou⸗ glas, die ruhig fort naͤhte, ohne ſich um die auf ſie gerichteten Zungenpfeile zu kuͤmmern. „Wahr und wahrhaftig,“ verſetzte Gris⸗ helde;“ es iſt Jammer und Schadr„ daß Ma⸗ riechen das alles ſo treiben durfte. Nicht daß ich Sie tadeln wollte, liebe Frau Nichte, denn Sie verſtanden es nicht beſſer und hatten keine Erfahrung, und dazu konnten Sie ja nichts, 338 wahrlich nicht, und ſo war es auch⸗ nicht Ihre Schuld. Niemand kann Sie tadein 7 denn haͤtten Sie es beſſer verſtanden, ſo haͤt⸗ ten Sie es auch beſſer gemacht. Aber wir muͤſſen es beſſer verſtehen, das wird Niemand laͤngnen, denn wir Alle ſind weit aͤlter, und ganz beſonders Lady Maclaughlan, die ausneh⸗ mend in den Krankheiten alter Maͤnner erfah⸗ ren iſt und ich auch in denen der Kinder. Sie hat ſich wahr und wahrhaftig, ihr ganzes Leben hindurch damit beſchaͤftiget, denn Sie wißen daß der arme Sir Simſon immerfort kraͤnkelt, und ich bin gewiß und behaupte ſteif und feſt, daß wenn Mariechen die delikaten Wurmkuͤgelchen einge⸗ nommen haͤtte, die ganz ſicher und gewiß des Duncan Macnabs Frauen Tochter kleines Maͤd⸗ chen von der Gelbſucht kurirten, und dann die ſtaͤrkende Einreibung gebraucht haͤtte, von der Babby ſo fett wurde, wie wir alle wißen, ſo wuͤrde es, wahr und wahrhaftig, nichts mit ihr zu ſagen haben.“ „Maria wurde zu ſehr daran gewoͤhnt ihre Zeit und ihr Geld unter dem Bettelvolk zu zer⸗ ſplittern,“ ſagte Nicoline. „Ich geſtehe, daß ich mich ſtets ger mit beidem haushaͤlteriſch umzugehen,“ fuͤgte Jo⸗ hanna mit demuͤthiger Miene hinzu, und wen⸗ dete ſich von Mſtrs Douglas ab.„Dieſe neu en ſchoͤnen Hauben, die unſere Maͤdchen kurz vor dem Tode ihres armen Vaters bekamen, waren die Fruͤchte ihrer eigenen Erſparungen.“ „Und ich behaupte,“ ſagte Grishelde, die nicht ſehr auf Winke zu merken verſtand,“ ich behaupte meines theils ſteif und feſt,— ob ich gleich voͤllig uͤberzeugt bin, daß es nicht Ihre Abſicht iſt, liebe Frau Nichte,— daß es von irgend Jemand ſehr beleidigend gegen Sir Sim⸗ ſon und Lady Maclaughlan iſt, die noch dazu unſere nahe Nachbarn ſind, mehr Almoſen zu geben als ſie thun. Denn Sie koͤmnen verſi⸗ chert ſeyn, daß ſie ſo viel geben, als ihnen gut duͤnkt, und ſie muͤſſen es am beſten wiſſen, und haben auch die Mittel zu geben was ihnen be⸗ liebt. Sir Simſon koͤnnte uns Alle hundertmal kaufen, wenn es ihm gefaͤllig waͤre. Seit lan⸗ ger Zeit weiß man, daß Lochmarlie ſiebentau⸗ ſend Pfund jaͤhrlich einbringt, und dann beſitzen ſie noch die Guͤter Birkendale und Glenmavis dazu, und ich weiß nicht was noch alles mehr. Ohne Zweifel haben ſie ein unermeßliches Ver⸗ moͤgen.“— Das Unrecht, daß man Marien erlaubte, ihre Zeit und ihr Geld unter den Armen zu ver⸗ geuden, war laͤngſt bekannt und ſchon oft be⸗ ſprochen worden. Statt deſſen haͤtte ſie huͤbſch die praktiſchen Tugenden ausuͤben ſollen, ihre Kleider ſelbſt zu machen, und ihr Taſchengeld zum Vernaſchen zu ſammeln.— Unter aͤhnlichen Geſpraͤchen verſtrich Tag vor Tag, ohne daß Mariens Geſundheit ſich im min⸗ 4 40 ¹ deſten beſſerte. Ihrer beſorgten Pelegemutter zeigte ſich nur noch ein einziges Huͤlfsmittel, und dieſes war, ſie nach dem Suͤden Englands zu ſenden. Sie hofte, daß mildere Luͤfte und eine Veraͤnderung des Schauplatzes ihres Lebens, guͤn⸗ ſtige Wirkungen auf die Leidende hervorbringen wuͤrden. Der beruͤhmte Doctor— den der Laird von Pettlechas zu ſich berufen hatte, und welcher Glenfern im Vorbeireiſen beſuchte, be⸗ ſtaͤrkte ſie in dieſer Meinung. Die Ausfuͤhrung dieſes Plans unterlag jedoch manchen Schwie⸗ rigkeiten. Herr Douglas war, durch den Tod ſeines Vaters in ſo viele Geſchaͤfte verwickelt worden, daß er ſich unmoͤglich lange von Glen⸗ fern entfernen konnte. Miſtriß Douglas ſtillte d ihren Saͤugling ſelbſt, und konnte ſich daher eben ſo wenig abmuͤßigen. 1 In dieſer Verlegenheit blieb das einzige ſich darbietende Huͤlfsmittel, Marien auf einige Mo⸗ nate zu ihrer Mutter zu ſenden. Freilich war es eine peinliche Nothwendigkeit, denn Mſtrs: 8. Douglas vernahm ſelten etwas von ihrer Schwaͤ⸗ gerin, und ſchrieb letztere ja einmal, ſo waren ihre Briefe ſtets kurz und trocken. Zuweilen bat die zaͤrtliche Mutter, ſie moͤge ihr,(der Mſtrs: Douglas,) kleines Maͤdchen kuͤßen, und Buͤſchel von ihren Haaren gelegt hatte, mit der Briefpoſt, fuͤr welches 4 † mehr an Porto bezahlen mußte, als das Ge⸗ ſchenk Werth hatte. Dies war alles was Ma⸗ ria von ihrer Mutter wußte; der uͤbrige Theil ihrer Familie war ihr noch unbekannter. Ihr Vater befand ſich in einem entfernten Theile In⸗ diens und ließ ſelten von ſich hoͤren. Ihr Bru⸗ der war zur See gegangen, und ob'ſie gleich zu⸗ weilen an ihre Schweſter ſchrieb, ſo erhielt ſie dennoch nie Autwort. Unter dieſen Umſtaͤnden ſchien es allerdings hoͤchſt unangenehm, Marien ihren Verwandten aufdringen zu wollen, ja ſelbſt ſie deren Guͤte auch nur auf einige Monate an⸗ zuvertrauen. Allein ihre Geſundheit vielleicht ſogar ihr Leben ſtand auf dem Spiele, und Mſtrs. Douglas fuͤhlte, daß ſie kein Recht habe unſchluͤßig zu bleiben. 5. „Maria blieb vielleicht bereits allzulange ein Fremdling,“ ſagte die treffliche Frau zu ſich ſelbſt. Jetzt wird ſie ihr bekannt werden, und ſie zugleich in den Kreis fuͤhren, in welchem zu leben wahrſcheinlich ihre kuͤnftige Beſtimmung iſt. In dem Hauſe ihres Oheims wird ſie ge⸗ ſichert feyn, und in der Geſellſchaft ihrer Mut⸗ ter und Schweſter wird ſie ſich nicht ungluͤcklich fuͤhlen. Neue Umgeb ungen und neue Auftritte, werden zur Staͤrkung ihres Nervenſyſtems bei⸗ tragen. Die Nothwendigkeit ſich anzuſtrengen wird ihre hinwellenden Seelenkraͤfte ſtarken, und ich hoffe daß ſie, nach einigen kurzen Monaten, geſuͤnder als jemals in meine Arme zuruͤckkeh⸗ 4² ren ſoll. Warum ſollte ich denn zoͤgern da zu thun was mein Gewißen mir gebietet? Ach nur deshalb zoͤgere ich, weil ich den Schmerz der Trennung fuͤrchte, und mich ſcheue, ſelbſt nur auf kurze Zeit eine der vielen Gaben zu mißen, mit denen der guͤtige Himmel mich uͤber⸗ haͤufte.“ Edel und unegoiſtiſch, wie immer, er⸗ hob Mſers Douglas ſich uͤber die Schwaͤche, die ſie in ihrem Inneren fuͤhlte. Maria horch⸗ te, mit pochendem Herzen, und thraͤnenden Au⸗ gen, auf die Mittheilungen ihrer Pflegemutter, von welcher ſie ſich nur mit dem groͤßten Schmerz trennen konnte. Aber die Mutter zu ſehen, der ſie das Leben verdankte, eine Schweſter zu um⸗ armen— und noch dazu eine Schweſter, nach welcher ſie jenes geheimnißvolle Sehnen fuͤhlte, welches, wie man behauptet, Zwillinge ſo oft gegenſeitig empfinden,— ol in dieſer Ausſicht lag wahres Entzuͤcken, und, Mariens ſchwellendes Herz ſchwankte zwiſchen Schmerz⸗ und Wonne. — Die ehrwuͤrdigen Schweſtern ſtaunten ob dieſer Kunde. Sie wußten nicht ſo recht, was ſie eigentlich dazu ſagen ſollten, da ſo Vieles dafuͤr, und dagegen ſchien. Lady Maclaughlan hatte zwar eine hohe Meinung von engliſchen Sitten; ſie aber hatten vernommen, die Mo⸗ ralitaͤt tauge dort nicht recht viel, und man faͤnde, ſo viele fluͤchtige junge Paſſagiere in Eng⸗ land— die mineraliſchen Waſſer waͤren jedoch vortrefflich, das ſei nicht zu laͤugnen. Kurz, 7 „————, 43 der geheime Rath endete damit, daß Tante Gris⸗ helde eine Epiſtel an Lady Maclaughlan ſchmiedete, Tante Johanna Lebensregeln fuͤr junge Frauenzim⸗ mer bei ihrem Eintritt in die Welt, niederzu⸗ ſchreiben anfing, und Tante Nicoline hoffte, Ma⸗ riechen wuͤrde keine hohe engliſchen Ideen mitzu⸗ ruͤckbringen. Die juͤngern Fraͤuleins uͤberlegten, wie viele von ihnen wohl zu Mariens Beglei⸗ tung wuͤrden aufgefordert werden, und ſtritten ſich alsdann uͤber den Beſitz eines Reiſekoffers, deſ⸗ ſen Deckel ein ſchimmerndes meßinges D. zierte. Mitt unterdruͤcktem Schmerz, unternahm Mſtrs Douglas die Vollbringung des Opfers welches ſie ſich auferlegt hatte. Sie ſchrieb alſo an ihre Schwaͤgerin Juliane, und ſuchte in ihrem Schrei⸗ ben, ſo viel immer goͤglich, die Zaͤrtlichkeit der Mutter zu erwecken, ohne ſie zu gleicher Zeit in Angſt zu ſetzen. In der Folge werden wir die Wirkung ihres Beſtrebens kennen lernen. Mittlerweile muͤßen wir aber einen Ruͤckblick. auf die zuletzt verfloßenen ſiebzehn Lebensjahre der gnaͤdigen Lady Juliane Douglas werfen. — V. Unter herzloſen Freuden und langweiligen Vergnuͤgungen rollten Jahre vom Nade der Zeit herunter, ohne daß Juliane, durch Alter und 44 Erfahrung, im Verſtand oder Herzensguͤte zu⸗ nahm. Umſonſt wendete Kronos ſein Stunden⸗ glas vor Augen, die allzuſehr von den glaͤnzen⸗ den Lockungen der großen Welt geblendet waren. Juliane achtete nur auf die Zeit um die Stun⸗ de zu merken, in welcher man zur Oper oder in den Park fahren muͤße, wo ſie ſich oft genug zum Sterben langweilte. Endlich aber fah ſie ſich gezwungen, ihre Jagd nach Gluͤck in der einzigen Sphaͤre, in welcher ſie es zu finden glaubte, aufzugeben. Lord Courtlands ſchwanken⸗ de Geſundheit verbot ihm, ſich laͤnger dem un⸗ ſtaͤten Leben der Hauptſtadt hinzugeben. Auf den Rath ſeines Arztes eutſchloß er ſich, auf einem ſeiner Landſitze, in der Naͤhe von Bath, zu leben. Juliane gerieth in Verzweiflung, daß ſie dem, was ſie das wahre Leben nannte, ploͤtzlich ſollte entrißen werden;— aber keine andere Wahl blieb uͤbrig. Ihr gutmuͤthiger Gatte hatte ihr zwar die ganze Zulage des Ge⸗ nerals Cameron uͤberlaſſen, doch reichte dieſe kaum zu ihrer Garderobe. Ihr Bruder raͤum⸗ te ihr und ihren Kindern recht gerne Zimmer in ſeinem Hauſe ein, wuͤrde es aber eben ſo gleich⸗ guͤltig mit angeſehen haben, haͤtte ſeine Schwe⸗ ſter ihn verlaßen wollen. Juliane hatte hievon eine Art von inſtinktmaͤßigem Bewußtſeyn, das ſie von offenem Wiederſpruch abhielt. Daher be⸗ gnuͤgtete ſie ſich gegen ihre Kinder und Bedie⸗ nung, mehr als jemals, muͤrriſch und gallſuͤch⸗ tig zu ſeyn, und ihren Freunden zu erzaͤhle „ welch' ein großes Opfer ſie ihrem Bruder und ſeiner Familie bringe, und zwar in Ausdruͤcken, nach denen man haͤtte denken ſollen, es ſei von nichts weniger die Rede, als vom Abhacken einer Hand, oder vom Ausreißen eines Auges. Haͤtte Jemand, dem die Hyperbeln der Modewelt unbekannt waren, Julianen reden hoͤren, ſo muͤß⸗ te er geglaubt haben, Botanybai ſei das naͤchſte moͤglichſte Ziel ihrer Reiſe. Sich von ihren Modefreunden treunen zu muͤßen, nannte ſie, „Entrißen von allem was ihr lieb und theuer ſei.“ London verlaßen, war ihr eben ſo viel als der Welt abſterben. Wo ſte hin mußte, ach! da war ja keine Geſellſchaft zu finden, aber, ſagte ſie, ſie ſei dennoch feſt entſchle ſen, ihre Pflicht zu erfuͤllen,— ſie wolle den Luten Bruder und ſeine Kinder nicht verlaſſen! Kurz, nie wur⸗ de ein Maͤrtyrer mit halb dem Heldenmuthe und der Selbſtverlaͤugnung zum Scheiterhaufen gefuͤhrt, als Juliane zu haben glaubt, wie ſie in den Wagen ſtieg„der ſie nach Beechpark bringen ſollte. In der Geſellſchaft pfeifender Gimpel, gelber Canarienvoͤgel, grauer Papchen, Gold⸗ fiſchchen, amerikaniſcher Eichhoͤrnchen, italieni⸗ ſcher Windſpiele und franzoͤſiſcher Seidenpudel⸗ chen, ſuchte ſie eine Schutzwehr gegen ihren Kummer. Allein ſelbſt dieſe bellenden und pfei⸗ fenden Unterhaltungen mißfielen, nach kurzer Zeit. Die Gimpel wurden heiſer, die Canarien⸗ voͤgel wurden grau, die Papchen dumm, die Goldſiſchchen wollten nicht freßen, die Eichhoͤrn⸗ 1 chen wurden wild, die Hunde bißen ſich. Eine Muſchelgrotte wurde erbaut, welche einſtel, ehe ſie fertig war, und ehe das Vogelhaus und das Gewaͤchshaus noch angefuͤllt waren, war Juliane auch ihrer ſchon uͤberdruͤßig. Dann wollte die gnaͤdige Frau ſich* Langeweile mit den Kindern vertreiben. Lord Courtland hatte einen Sohn, der einige Jahre aͤlter, und eine Tochter, die ungefaͤhr in gleichem Alter mit der ihrigen war. Ploͤtzlich ſiel es Julianen ein, die Kinder muͤßten erzogen werden, und ſie ſelbſt wolle die Maͤdchen erziehen. Sogleich nahm ſie zwei Erzieherinnen an, eine Franzoͤſin und eine Italienerin. Alle neue Erziehungsſchrifren wur⸗ den von London verſchrieben, beſehen, bewundert, in praͤchtigen Buͤcherſchraͤnken aufgeſtellt oder auf Sophatiſchen gelegt.— Aber unter dieſer ganzen glaͤnzenden Schauausſtellung des menſch⸗ lichen Wißens, fand das Buch aller Buͤcher keine Staͤtte. Juliane hatte wohl ehedem von der Bibel reden hoͤren, wußte auch ſogar, daß das Buch zum Vorleſen bei dem Gottesdienſte ge⸗ braucht wuͤrde, und daß man es den Armen, nebſt Rumfordſcher Suppe und flannellen Hem⸗ den, ſchenke; daß aber dieſes Buch die hoͤch⸗ ſten Lebensregeln enthalte, daß nur durch dieſes der Weg zu innerer Ruhe der Seele, erlangt werden koͤnne, davon wußte dieſe chriſtliche Mut⸗ 1 ter ſo wenig als ein Hottentotte oder Hindu. Drei ganze Tage dauerten bei Julianen das Entſtehen, die Fortſchritte und die Abnahme jer 4 47 nes trefflichen Erziehungsſyſtems. Gut waͤre es indeſſen fuͤr die Kinder geweſen, haͤtte man ſie geſchickteren Haͤnden anvertraut; aber keine der Er⸗ zieherinnen beſatz wahres Wißen. Signora Ci⸗ cianai war eine aberglaͤubige Katholikin, deren Glaube an ihrem Roſenkranze hing, und Madam Grignon war ein ſtarker Geiſt, der an nichts glaubte, als an die Freuden dieſer Welt. Die Signora ſang jedoch himmliſch, und Madam tauzte goͤttlich,— was bedurfte es mehr? So verfloßen die erſten Jahre jener zur Un⸗ ſterblichkeit beſtimmten Weſen. Unmerklich hoͤr⸗ ten die Kinder auf Kinder zu ſeyn. Juliane wuͤrde den zunehmenden Wachsthum und die ausnehmende Schoͤnheit ihrer Tochter hoͤchſt un⸗ gern geſehen haben, haͤtte nicht eben dieſe Schoͤn⸗ heit ihren Ehrgeitz erweckt und ihre muͤtterliche Zuneigung erregt,— wenn man anders dieſe unbeſtimmte Art von Wohlwollen Zuneigung nennen kann. Juliane war in einen Irrthum verfallen, in welchen ſelbſt Kluͤgere oft fallen,— ſie hielt nemlich die Wirkung fuͤr die Urſa⸗ che. Sie glaubte ihre Verbindung mit Hein⸗ rich Douglas ſei die einzige Quelle ihres Un⸗ gluͤcks. Nie wollte ſie bedenken, daß ihre He i⸗ rath blos die Folge eines fruͤhern unrichtigen Betragens ſei. Sie bedachte nicht die eigenſin⸗ nigen Leidenſchaften welche ſie, um jeden Preiß, zur Selbſtbefriedigung ſpornten. Sie ſah nicht die Vergeßenheit aller Grundſaͤtze ein„ noch den 4383„ Mangel alles Zartgefuͤhls, die ſie verleitetett, ihren Vater zu hintergehen und ſich einem Man⸗ ne in die Arme zu werfen, deſſen Charakter ihr fremd war. Alles dieſes nicht erwaͤgen wollend, laubte Juliane blos ein Opfer der Liebe zu ſeyn; und hoffte, ihr zertruͤmmertes Gluͤck da⸗ durch wieder herſtellen zu koͤnnen, wenn ſie ihre Tochter vor aͤhnlichen Irrthumern bewahre. Dieſer Tochter Grundſaͤtze von Religion und Tu- gend beizubringen, war Juliane unfaͤhig; aber jede reine und edle Neigung, jede uneigennuͤtzige Liebe konnte ſie verſpotten und laͤcherlich machen. Da⸗ gegen malte ſie die Freuden welche Reichthum, Ti⸗ tel, Juwelen und Equipagen verleihen, mit den glaͤn⸗ zendſten Farben:— alles dieſes that ſie in dem Glauben, ſie handle als eine kluge und weiſe Mutter. Der ſorgfaͤltig und ausgeſtreute Sa⸗ men verſprach eine reichliche Ernte. Im ſieb⸗ zehnten Jahre war Adelaide Douglas ſo herz⸗ los und ehrſuͤchtig, als ſchoͤn und talentvoll,— die Oberflaͤche war ja mit Blumen bedeckt, wer wollte da den Boden unterſuchen? Es trug ſich ſchon oͤfters zu, daß die nem⸗ lichen Mittel, welche zur Bildung oder auch Verbildung eines Individuums gebraucht werden, bei einem anderen die ganz entgegengeſetzte Wir⸗ kung hervorbringen. Lady Emilie Lindore wur⸗ de genau ſo erzogen, wie ihre Baſe Adelaide, und wich dennoch in allen Stuͤcken von ihr ab. Feſt widerſtand ſie den Sophiſtereien ihrer E zieh 8 49 dieherinnen und den irrigen Begriffen ihrer Tan⸗ te, ob aus Stolz auf ihre hohe Geburt, oder aus dem Bewußtſeyn ihrer hoͤheren Verſtandes⸗ kraͤfte, kann nicht entſchieden werden. Alleitt ihre Begriffe von Recht und Unrecht waren zu 8 ſcharf, um einen von Natur ſtolzen und heftigen Geiſt in den gewoͤhnlichen Schranken zu halten. Die vereinigten Bemuͤhungen ihrer Erzieherinnen hatte es nicht dahin bringen koͤnnen, Emiliens Charakter den Schein von Nachgiebigkeit, oder Sanftmuth zu geben. Eben ſo wenig konnten ſie, weder durch Lehren noch Beiſpiele, verhin⸗ dern, daß ihr Zoͤgling nicht alles ſagte was er dachte, und nicht alles that was ihm belieb⸗ te. Emilie blieb eben ſo natuͤrlich und aufrich⸗ tig, als ſchoͤn und anziehend. Schon im ſechs⸗ ten Jahre ihres Alters erklaͤrte ſie, keinen an⸗ dern Gemahl haben zu wollen„als ihren Vetter Eduard Douglas, und im achtzehnten ſchien ſie noch nicht anders zu denken. Lord Court⸗ land, der ſich nie von irgend Etwas in ſeiner Ruhe ſtoͤren ließ, fand Spaß an dieſer Kinder⸗ liebſchaft, und Lady Juliane, die ſich wenig um ihren Sohn kuͤmmerte, und noch weniger um ihre Nichte, verwunderte ſich nur, wie Menſchen ſo thoͤricht ſeyn koͤnnten, aus Liebe heirathen zu wollen, nachdem ſie ihnen genug vorgepredigt habe, zu welch' einen großem Elende es ſie fuͤhren wuͤrde. 3 —— Eheſtand 2r Bd. d VI. Ddies waren die Charaktere der weiblichen Glieder der Familie, in welche Maria einge⸗ fuͤhrt werden ſollte. In dem Herzen ihrer Mut⸗ ter war kein Raum fuͤr ſie vorhanden, denn dieſe dachte hoͤchſt ſelten, weder an ihren Gatten, noch an ihre verbannte Tochter;— beider Briefe wurden kaum geleſen und ſelten beantwortet. Sogar das muͤhſam ausgearbeitete Sendſchreiben der guten Tante Grishelde, in welchem ſie den Tod ihres Bruders, die Ge⸗ burt und die Taufe ihres Großneffen, auf die ſeltſamſte Weiſe in einen gordiſchen Knoten ver⸗ ſchlungen hatte, blieb ungeleſen. Haͤtte es Ju⸗ lianen beliebt, nur bis in die Mitte des ſieben⸗ ten Blattes zu leſen, ſo wuͤrde ſie etwas von der Kraͤnklichkeit ihrer Tochter und von den verſchie⸗ denen Meinungen daruͤber, erfahren haben. Aber die arme Grishelde hatte ſich vergebliche Muͤhe gemacht; ihr Brief galt ſo viel als ein leeres Blatt, bis zu dem heutigen Tage. Es war da⸗ her Mſtrs Douglas vorbehalten, die unwill⸗ kommene Nachricht mitzutheilen, und es der un⸗ natuͤrlichen Mutter ans Herz zu legen, das ihre verſtoßene Tochter noch einige Anſpruͤche auf ihre Liebe und Sorgfalt habe. Obgleich die edle Frau ſich alle Muͤhe gab, Julianen dieſe Wahrheiten auf die zarteſte und ſchonendſte Weiſe beizubringen, ſo fand ſich dieſe dennoch auf das Bitterſte dadurch gereizt.,.„ A. Juliane wuͤthete beinahe uͤber den ſchwarz Undank, und die niedrige Heuchelet, wie ſie es zu nennen beliebte.„Nachdem ſie,“ wie ſie ſich ausdruͤckte,„das Opfer gebracht habe, ihrer kinderloſen Schwaͤgerin eins ihrer Kinder zu uͤberlaſſen, und dieſe nunmehr ein eigenes habe. ſo ſei es wahrlich ein feiner Dank von der falſchen Frau, ihr das ihrige ſterbend zuruͤkzu⸗ ſenden. Sie merke aber wohl worauf es abge⸗ ſehen ſei. Sie glaube nicht eine Silbe von dem was ihre Schwaͤgerin uͤber die Kraͤnklichkeit des Maͤdchens ſage; das ſei nur ein Kniff um es los zu werden. Da ſie jetzt ein eigenes Kind habe, ſo beduͤrfe ſie des ihrigen nicht laͤnger; ſie laße ſich aber nicht zum Narren machen„ am wenigſten von ſolchen Leuten.“ „Wenn Mitrs Douglas eine ſo ſchlechte Frau iſt, ſo iſt es ja gut, wenn meine Couſine je eher, je lieber, von ihr wegkommt,“ ſagte die vorwitzige Emilie. „Du verſtehſt dergleichen Dinge nicht,“ er⸗ wiederte ihre Tante ungeduldig. 4 ½ „Welche Dinge?“ „Die Sorge und Plage die mir das Maͤd⸗ chen, gerade in dieſer Zeit, verurſachen wird.“ „Warum in dieſer Zeit mehr als zu einer andern?“ 1 4 „Wie abgeſchmackt, mein Schatz! Wie kannſt du ſo albern fragen? Weißt du nicht, 8. d 2 ihr Beide, du und Adelaide, dieſen Win⸗ vorgeſtellt werden ſollt? Wie kann ich das thun wenn ich ein ſterbendes Maͤdchen im Hau⸗ ſe habe?“ „Ich glaubte, Sie hielten das Ganze fuͤr ei⸗ nen Kniff,“ erwiederte die ſtachelnde Emilie. „Und dafuͤr halte ich es auch. Ich hege nicht den mindeſten Zweifel, daß die ganze un⸗ wahrſcheinliche Geſchichte erlogen iſt.“ „Dann werden Sie ja weniger Sorge ha⸗ ben, als Sie befuͤrchteten.“ „ Aber ich haſſe es, daß man mich zum Narrn machen und auf eine ſo niedrige Art uͤberliſten will. Haͤtte Mſtrs Douglas mir aufrichtig geſagt, ſie wuͤnſche, ich ſolle das Maͤdchen zu mir nehmen, ſo wuͤrde ich es nicht veruͤbelt haben; aber fuͤr eine Naͤrrin laße ich mich nicht halten, das ſage ich nochmals.“ „Ich kann nichts Unſchickliches in dem Be⸗ tragen der Mſtrs Douglas finden. Und dann, was ſoll ich mit einem Maͤd⸗ chen anfangen, das in Schottland erzogen wur⸗ de? Es muß gemein ſeyn,— alle ſchottiſche Frauen ſind es. Sie haben ſaͤmmtlich rothe Haͤnde und rauhe Stimmen; ſie gaͤhnen, ſchneu⸗ zen ſich, ſchwatzen, und lachen, alles uͤberlaut, und thun hundert andere ſcheusliche Dinge. Und 53 dann die platte ſchottiſche Ausſprache hoͤren zu muͤßen!— Ach Himmel, ich werde den Geiſt aufgeben, ſo oft das Maͤdchen den Mund oͤff⸗ net! „Vielleicht ſpricht meine Schweſter nicht ſo ganz platt,“ verſetzte Adelaide in dem ſanfte⸗ ſten Ton. „Du biſt ſehr guͤtig, liebes Kind, dies zu glauben. In dem abſcheulichen Lande kann Nie⸗ mand leben, ohne von der platten gemeinen Aus⸗ ſprache angeſteckt zu werden. Ich ſelbſt konnte kaum der Anſteckung entgehen, und Herr Dou⸗ glas,(er hieß nicht mehr der liebe Heinrich), nahm eine hoͤchſt grobe Sprache an, nachdem er einige Zeit unter ſeinen Verwandten gelebt hatte.“ „Das iſt doch allzu arg,“ rief Emilie im hoͤchſten Unwillen.„Wenn Jemand wahr und vernuͤnftig redet, was bedeutet da die Ausſpra⸗ che? Und Ihnen, gnaͤdige Tante, mag es nun belieben oder nicht, ich werde auf jeden Fall meine Couſine in mein vaͤterliches Haus zu kom⸗ men bitten.“— Schnell ergriff Emilie eine Fe⸗ der und begann, an Marien zu ſchreiben. Juliane erboßte ſich aufs heftigſte uͤber die⸗ ſe Freiheit ihrer Nichte. Da ſie ſich aber vor Emilien fuͤrchtete, ſo ließ ſie ſich endlich, nach langem Wortwechſel bereden, ihre Gefuͤhle zu bezwingen und der Mſtrs Douglas einen ziemlich 4 öflichen Brief zu ſchreiben, in dem ſie einwillig⸗ ihre Tochter auf ein Paar Monate bei ſich zu ſehen. Zu gleicher Zeit beſchloß ſie aber bei ſich ſelbſt, dieſe Tochter vor Jedermann zu verbergen, und ſie im naͤchſten Fruͤhling wieder nach Schottland zu ſenden. Nachdem ſie dieſen loͤblichen Vorſatz gefaßt hatte, wurde ſie wieder heiterer und erwartete Mariens Ankunft mit ſo vieler Standhaftigkeit, als man billiger Weiſe von ihr verlangen konnte. —-——õ— VII. Die guten Tanten in Glenfern ließen es ſich wenig traͤumen, welche unguͤnſtige Aufnahme ihr geliebter Schuͤtzling bei ihrer Mutter finden wuͤrde. Ungeachtet ihrer mangelhaft geglaubten Erziehung war Maria dennoch der Liebling der ganzen Familie, und wenn gleich die alten Jung⸗ frauen ihrem Herzen oft Luft machten und Ma⸗ rien bei Mſtrs Douglas, der Welt und ganz be⸗ ſonders bei ihren jungen weiblichen Bekannten herabzuſetzen ſuchten, ſo betrachteten ſie ihre Groß⸗ nichte doch wieder als einen Inbegriff aller Tu⸗ genden und Vollkommenheiten. Waͤre es den guten Schweſtern moͤglich geweſen, etwas anders zu glauben, als daß Maria von ihrer Mutter 55 . 1 1 mit Entzuͤcken wuͤrde aufgenommen werden, ſo haͤtte Julianens Brief ihre Augen zu oͤffnen ver⸗ mocht. Aber den unſchuldigen Schweſterſeelen ſchien alles ſo zu ſeyn, wie es ſeyn muͤße.— Betruͤbt uͤber die Nothwendigkeit, daß Mſtrs Douglas ſich von ihrem Pflegekinde trennen muͤße, war„ſehr ſchoͤn geſagt,“— man zweifele nicht daß es bloßer Nervenreiz ſei,— war„guͤtig und troͤſtend.“ und die wiederholte Verſicherung, Mariens Verwandte duͤrften ſich darauf verlaſſen, ſie in einigen Monaten wieder bei ſich zu ſehen, „bewieß tiefes Gefuͤhl und hohe Achtung.“ Weil aber die Verſtandeskraͤfte der Tanten nie im Gleichgewicht zu bleiden wußten, ſondern gleich einer unrichtigen Wage, von einem Ende zum andern ſchwankten, ſo begnuͤgte ſie ſich nicht mit dem Glauben daß Maria gluͤcklich ſeyn wuͤr⸗ de, ohne dieſem Glauben ſogleich ein Gegenge⸗ wicht zu geben, und dieſes war die Vermuthung, man wuͤrde Marien verziehen und verderben. Dies war fuͤr jetzt das Wagzuͤnglichen, in wel⸗ chem ihre Einbildungskraft ſchwebte. „Ich ſage dir, liebes Mariechen, daß meine Schweſtern und ich die ganze vorige Nacht, wahr und wahrhaftig, nicht ſchlafen konnten weil wir ſtets an dich dachten,“ ſagte Tante Grishelde. „Wir Alle ſind verſichert, daß alle deine engli⸗ ſchen Verwandten, und ganz beſonders deine liebe Mama ſo viel auf dich halten werden,— weil ſie dich uicht kennen,— das iſt dir wohl bekannt, und es iſt auch ganz natuͤrlich, daß es meinen„Schweſtern wnd mir im Kopfe herum⸗ geht;— aber ich hoffe nicht daß es der hen.“ „Mariens Kopf muͤßte zwecklos auf ihren Schultern ruhen,“ ſprach Johanna,“ wenn ſie ihn nicht unter fremden Leuten zu behalten ver⸗ ſtuͤnde. Auch iſt ſie ſchon alt genug um zu wiß⸗ ſen, daß die Partheilichkeit der Mutter die Ver⸗ dienſte des Kindes noch lange nicht beweißt.“ „Merk' dir das huͤbſch, Mariechen,“ fuhr Grishelde fort.„Und ſo hoffe ich du wirſt kein „Woͤrtchen von dem glauben, was deine Mutter dir ſagt, zumal, da du weißt, daß ſie dich nicht ſo gut kennen kann als wir, die dich von deiner Kindheit an gekannt haben. Was andere Din⸗ Politik und was ſonſt im Lande vorgeht.— Ich bin uͤberzeugt, daß Lady Juliane techt ſehr viel 8 weiß. 74 gängerin werden wie die engliſchen Weiber. Ich gaͤhe keine Stecknadel fuͤr eine engliſche Frau,“ fuͤgte Nicoline hinzu. der anſiehſt,“ fuhr Grishelde mit gleichem Ern⸗ Fall ſeyn wird, da du ſelbſt ſo viele Vernunft haſt,— daß ſie dir das Koͤpfchen verdre⸗ ge anbelangt, die kann ſie wohl verſtehen, als „Und ich hoffe, du wirſt ſo keine Muͤßig⸗ „Und ich hoffe, daß du nie einen Englän⸗ 57 ſte fort.„Glaube mir auf mein Wort, daß ſie ſammt und ſonders, ein liederliches Pack ſind. Sie ſpielen und trinken, und manche halten ſich, wie ich hoͤrte,— ſtelle dir nur vor!— ſogar Komoͤdiantinnen. Da kannſt du dir nun denken wie wir uns graͤmen wuͤrden, wenn du ſo einen Burſchen heiratheteſt.“ Thraͤuen floßen aus den Augen der guten Jungfrau bei der bloßen Vor⸗ ausſetzung eines ſolchen Ungluͤcks. „Furchten Sie nichts, liebe Tante, erwiederte Maria mit zaͤrtlicher Liebkoſung.„Ich werde wieder als aͤchtes caledoniſches Maͤdchen zu ih⸗ nen zuruͤckkehren. Kein Englaͤnder mit ſeinem runden Geſichte und ſeinen geſchornen Raſenplaͤ⸗ zen ſoll mich je feßeln. Nur heidebewachſene Huͤgel und hohe Backenknochen*) koͤnnen mein Herz gewinnen.“— „Es freut mich ungemein, Dich ſo reden zu hoͤren, liebes Mariechen,“ ſagte Tante Gris⸗ helde, die alles fuͤr baare Muͤnze nahm.„Wahr und wahrhaftig, man kann nichts ſchoͤneres ſehen, als die Heide, wenn ſie bluͤht. Und dann iſt ſo etwas recht maͤnnliches,— das kann Niemand laͤugnen,— in hohen Backenknochen. Unter uns geſagt, Lady Maclaughlan hat ſchon etwas auf dem Korne fuͤr Dich.— Wer? das koͤn⸗ *) Die meiſten Gebirgsbewohner Schottlands zeich⸗ nen ſich durch hohe Backenknochen aus. . A. d. Ueb. 58 nen wir Alle noch nicht begreifen, aber das iſt außer aller Frage, daß es nicht eine ſchickliche Parthie ſeyn ſollte. Du weißt, daß Lady Mac⸗ laughlan ſelbſt drei Maͤnner hatte, folglich muß ſie einen vortrefflichen Gatten zu waͤhlen wiſſen.“ „Oder einen ſchlechten,“ ſagte Maria, „Beiſpiel iſt ſo gut als Warnen.“ eſtrs Douglas ſtimmte bei dieſer Gelegen⸗ heit eben ſo wenig, als bei den meiſten andern, mit ihren Tanten uͤberein. Sie glaubte, der Brief ihrer Schwaͤgerin ſei bloß des Modetons wegen, mit einer affectirten Gleichguͤltigkeit ge⸗ ſchrieben, und ſchmeichelte ſich, dieſe wuͤrde ſich bald bei naͤherer Bekanntſchaft, mit ihrer Toch⸗ ter, in zaͤrtlichere Gefuͤhle verwandeln. Auf jeden Fall muͤße Maria den Verſuch wagen, der ihr, er moͤge ausfallen wie er wolle, nur zum Vortheil gereichen koͤnne. „Maria lebte bereits allzulange in dieſen einſamen Gebirgen,“ dachte Mſtrs Douglas; „ihre Ideen moͤchten romantiſch und ihr Ge⸗ ſchmack einſeitig werden. Wenn es jungen Leu⸗ ten gefaͤhrlich iſt, zu fruͤhe in die große Welt eingefuͤhrt zu werden, ſo iſt es vielleicht eben ſo nachtheilig, wenn man ſie zu lange von derſelben zu⸗ ruͤckhaͤlt. Sollte Maria ſich einen Platz in den Herzen ihrer Mutter und Schweſter zu verſchaf⸗ fen wißen, deſto gluͤcklicher wird es fuͤr ſie ſeyn. Sollte das Gegentheil eintreten, ſo wuͤrde es ihr f terliche Herz aufrecht zu erhalten?— Nur das 59 zur Lehre dienen;— freilich zu einer ſehr har⸗ ten! Wir Alle haben jedoch in der Schule des Lebens harte Lehren zu lernen!“— Bei An⸗ naͤherung der Trennung uͤberwaͤltigte dennoch der Schmerz die Standhaftigkeit der trefflichen Frau. Nach Lady Emiliens Verfuͤgung ſollte ein Wagen, nebſt Dienerſchaft, Marien in Edinburg abholen, wohin Major Douglas ſie bringen woll⸗ te. Die herbe Stunde der Trennung ſchlug. Mut⸗ ter, Schweſter, Verwandte, ſaͤmmtliche reizende Erſcheinungen, welche Maria ſo oft vor ihrer Einbildungskraft hatte ſchweben laſſen, um den Schmerz dieſer Trennung zu lindern,— alle verſchwanden, vor dem peinlichen Gefuͤhl das ihre Bruſt durchzuckte. O, wer zum erſtenma⸗ le die Aeltern verließ, deren Zaͤrtlichkeit und Liebe in ſeine fruͤheſten Erinnerungen verwebt waren, deren Sympathie die Leiden der Kind⸗ heit milderte, deren Guͤte das Gluͤck der Kind⸗ heit ſteigerte; mit welchen bitteren Gefuͤhlen mußte er das erſte Lebewohl ſagen! Allein noch weit bitterer muͤßen die Gefuͤhle der Aeltern ſeyn, wenn ſie den Gegenſtand ihrer Liebe den Sor⸗ ge und Leidenſchaften des Lebens, dieſem ſtuͤrmi⸗ ſchen Oceane, vertrauen. Wenn Erfahrung, die dunkeln Gewitterwolken, und die ſchwellenden Wogen in der Ferne erblickt, die ihr ſchutzloſes Kind zu ergreifen drohen, was vermag da das aͤl⸗ 60 Vertrauen auf Ihn, deſſen Auge nie ſchlummert, deſſen Macht ſich uͤber alle Welten erſtreckt! Dieſe fromme Hoffnung, dieſes heilige Vertrauen war einzig und allein im Stande, der edlen Frau, die mehr als Mutter war, die Kraft zu leihen, ſich mit demuͤthiger Ergebung, die kein irdiſcher Beweggrund ihr haͤtte reichen koͤnnen, von ihrem theueren Pflegkinde zu trennen. Es ſcheint beinahe zur Entheiligung zu werden, daß man die erhabene Gefuͤhle jener hochtrefflichen Frau, mit den rohen, aber gutgemeinten, der alten und jungen Tanten zuſammenſtellt, welche ſaͤmmtlich an der lebloſen Maria hingen, ihr Abſchiedsgaben reichend, an denen ſie ſich in der Entfernung erfreuen ſollte. Die gute Tante Grishelde ſprach mehr als gewoͤhnlich unzuſammenhaͤngend, als ſie einen ſchoͤnen neuen Regenſchirm ausbreitete,„den man,“ wie ſie ſagte, Nauch zum Spazierſtock, oder auch zu ſonſt etwas gebrauchen koͤnne und dann eine kleine Reiſetoilette vorzeigte,„in der ein wenig von allem ſei,“ und wobei ſie, mit einem friſchen Thraͤnenſtrom Marien anwieß, „wo ſie die Augenſalbe nicht ſuchen muͤße, und wo das Heilpflaſter nicht zu finden waͤre.“ Tante Johanna zeigte ſich gefaßter, wie ſie Marien eine ſchoͤne Abſchrift von Fordyce's Predigten fuͤr junge Frauenzimmer, nebſt paßen⸗ den Anmerkungen, von eigener Zuthat, uͤberreich⸗ te. Aber Tante Nicolinen verſagte die Stim⸗ 61 me, als ſie ſagen wollte, das Naͤhkaͤſtchen, welches ſie darbot, habe einſt der guten Groß⸗ mama Girnagowl gehoͤrt und enthalte die Whi⸗ techapel Naͤhnadeln groß und klein. Die jungen Tanten hatten zuſammengelegt, und ein großes Medaillon von dem Juwelier zu— verferti⸗ gen laßen, in welchen ein Haarbuͤſchel von je⸗ der Unterzeichnerin lag, die der Kunſtler ſehr geſchmackvoll in der Form einer Weizengarbe, auf blauem Grunde geordnet hatte. Sogar der alte Donald brachte ſein Scherflein, denn als er zitternd am Schlage ſtand, legte er ein hoͤlzer⸗ nes Schnupftabacksdoͤschen auf Mariens Schooß, mit dem Wunſch,„Gott ſegne d's liebe Ge⸗ ſichtchen, und moͤg' es'm nit an e'nem guten Prischen fehlen!“*) Der Wagen fuhr ab, und Mariens Augen blieben lange vor Schmerz geſchloßen —. VIII. Bluͤcklicherweiſe ſind ſowohl in der morali⸗ ſchen als in der phyſiſchen Welt, den kaͤmpfen⸗ den Elementen Schranken geſetzt.„Die Fluth des Grams verſiegt, wenn ſie nicht hoͤher zu *) Schnupftaback iſt das summum bonum der Bergſchotten. 4 A. d. Ueh⸗. 62 ſteigen vermag.“ Aber durch Ruͤckblicke ver⸗ moͤgen wir dieſe unbeſtreitbare Wahrheit zu be⸗ greifen. Das junge, noch ungepruͤfte Herz ge⸗ faͤllt ſich in der Bitterkeit ſeiner Gefuͤhle, und waͤhnt ſich ſtolz in dem Glauben, ſein Schmerz koͤnne blos mit ſeinem Daſeyn enden. Nur wenn die Hand der Zeit unſere Erinnerungen beinahe in Vergeßenheit getaucht hat, erkennen wir den Unbeſtand der menſchlichen Leidenſchaften. Maria aber uͤberließ es nicht der Hand der Zeit, den Gram der ihr Inneres peinigte, zu beſiegen. Waͤre ſie ſelbſtſuͤchtig geweſen, ſo haͤt⸗ te ſie ihrem Schmerz freien Lauf gelaßen, als das einzige Mittel ihm zu lindern.— Aber ſie fuͤhlte auch fuͤr ihren Oheim. Hoͤchſt ungern verließ er Weib und Kind, und nur ihretwegen unternahm er die lange ermuͤdende Reiſe. Durf⸗ te ſie deshalb ſo egoiſtiſch ſeyn, ſeine Unannehm⸗ lichkeiten, noch durch die Aeußerungen ihrer Trau⸗ er zu vermehren? Nein;— Maria bemuͤhte ſich im Gegentheil, ihren Schmerz vor ſeinen Augen zu verbergen, wenn ſie gleich unfaͤhig war ihn gaͤnzlich zu bekaͤmpfen. Ihre Empfindungen blieben ſtets die nemlichen, aber ſie verſchloß ſie in ihrem Buſen. Sie began ſich mit ihrem gut⸗ muͤthigen Reiſegefaͤhrten zu unterhalten, ja ſo⸗ gar mit ihm zu ſcherzen. Zuweilen bemaͤchtig⸗ ten ſich freilich zaͤrtliche Erinnerungen ihrer See⸗ le, und oft vergegenwaͤrtigte ſich ihr die ſanfte Stimme ihrer muͤtterlichen Freundin; wenn aber 63 das Blendwerk verſchwand, fand ſie ſich einſa⸗ mer und verlaßener als zuvor. Sogar Selbſt⸗ vorwuͤrfe ſandten ihre Stacheln in Mariens zartes Gewiſſen. Kleine Leichtfertigkeiten, die ihr lebhafter Geiſt ſonſt nie beachtete, erſchienen ihr jetzt als ſchwarze Verbrechen. Der Gedan⸗ ke draͤngte ſich ihr auf, wie oft ſie den Rath und die Wuͤnſche, ihrer ſanften Warnerin unbe⸗ folgt gelaßen habe. Wie oft die guten alten Tanten ſie gelangweilt haͤtten, wie unangenehm ihr deren heiſere Stimme und das unaufhoͤrliche Tick-⸗tack ihrer Stricknadeln geweſen ſei. In welchem rohen und gemeinem Lichte, die juͤngern Tanten ihr zuweilen erſchienen waͤren. Wie ſie der Lady Maclaughlan nachgeaͤfft und den Sir Simſon karrikirt habe.—„Und ſogar der arme alte Donald,“ dachte ſie, wie ſie das Verzeichniß ihrer Verbrechen durchging„ſogar der gute alte Mann konnte meinem Spott und meiner Boͤs⸗ artigkeit nicht entgehen. Wie huͤbſch dachte ich, ſei es, wenn ich ſang:„Pack dich von mir alter Donald,“ und wenn ich mir den Schein gab, von jeder Sache die er angegriffen hatte, uruͤckzuſchaudern.“— Das Niesbuͤchschen wurde mit reuevollen Zaͤhren benezt. Allein jedes ſchmerzliche Gefuͤhl wurde„ auf eine Zeitlang, durch die Bewunderung der pracht⸗ vollen Anſichten, welche ſich den Augen der Rei⸗ ſenden darboten, vergeſſen. Zwar war der Som⸗ mer bereits entflohen, und ſelbſt der herbſtli⸗ 4 64 chen Neize gewahrte man ſelten; aber über den erh abenen Anblick hoher Gebirge haben die Jah⸗ reszeiten wenig Macht. Ob ſie mit Schnee be⸗ deckt ſind, oder Nebel ſie verſchleieren, oder ob ſie im Scheine der Sonne glaͤnzen, ihre einſa⸗ me Erhabenheit bleibt ſtets dieſelbe, und die nem⸗ lichen Empfindungen erheben die Seele wenn ſi e, dieſe großen Werke des Allmaͤchtigen betrachtet. Das Auge ermuͤdet nie, die tauſendfachen Man⸗ nigfaltigkeiten des eichtes und der Schatten zu beobachten, wenn die Winde das Gewoͤlke hin und her treiben, und der Wiederſchein ſich in den Gewaͤſſern ſpiegelt. Das Ohr gefaͤllt ſich in der ehrfurchtgebietenden Stille, welche in dieſer Einſamkeit herrſcht. Außer Marien ſchienen auch noch Andere Vergnuͤgen gefunden zu haben, die geiſtige und elementariſche Welt zu verbinden, denn in ihrer furchtbar ſchmuzigen Nachtherberge fand ſie fol⸗ gende Strophen: „Wie hier die Winde taͤmpfen mit den Wogen, Am Ufer heulend ſich die Brandung bricht, Durch fliehende Wotlken hoch am Himmelsbogen Heerab ſich ſtiehlt ein ſeltſam Mondenlicht! „Beſchirmenden Gebirge Rieſentruͤmmer. Verwiſcht ein Schatten hier in dunkler Nacht, Ein lichter Strahl verbreitet Silberſchimmer duf Stellen dort, von Sturmes draͤu'n erwacht. * So * 2 4 acf. 65 So toͤdtet der Erinnerung furchtbar Wal⸗ ten Des Augenblicks kerrung'ne Seligkeit. So leuchten noch der Hoffnung Truggeſtalten. Wenn laͤngſt Vertrauen keinen Troſt mehr beut. Ein ſchwarzer Schatten deckt vergang'ne . Stunden, Ein lichter Strahl zeigt kuͤnft'ger Stuͤrme Bahn; Dort ſeh ich Leiden, kaum erſt uͤberwunden, Und neuen Schmerz, ach! kuͤndet hier ſein Nah'n.“. Waͤhrend Maria ſich bemuͤhte dieſe etwas myſtiſchen Zeilen zu entziffern, unterhielt ſich ihr Oheim, in erſiſcher Sprache„ mit der Wir⸗ ge Bonbons und anderen ereien,„zum Zeit⸗ vertreib fuͤr das arme Mariechen unterwegs.“ Aber o, Jammer! In dem Schmerz der Trennung wur⸗ *) Braxy mutton, eigentlich Fleiſch von Scha⸗ fen oder Hämmeln die eines natuͤrlichen Todes ſterben und eingepoͤckelt werden. Eheſtand 2r B 5. K * 4 66 de das bedeckte Koͤrbchen rein vergeßen, und die Familie ſah ſich gezwungen, die Arbeit der gu⸗ ten Nicoline ſelbſt zu verzehren, obgleich Tante Grishelde verſicherte,„es gebe ihr jedesmal einen Stich ins Herz, wenn ſie in Ma⸗ riechens Schneeballen und Apfelkuchen beißen muͤße.“ Veraͤnderung der Luft und Mannigfaltigkeit der Anſichten, wirkten vortheilhaft auf Mariens phyſiſche und moraliſche Kraͤfte. Geſundheit roͤ⸗ thete ihre Wangen und zuweilen zeigte ein Laͤ⸗ cheln deren Gruͤbchen. Bei dem Gedanken an die Zuruͤckgelaßenen, ſtahl ſich freilich noch oft eine Thraͤne aus ihren Augen, aber Bewunde⸗ rung oder Entzuͤcken hielt dieſe Thraͤne in ihrem Laufe auf, denn in jedem Gegenſtand fand Maria neue Reize. Ihr gelaͤuterter Geſchmack und ihr unverfaͤlſchter Verſtand, fand Schoͤnhei⸗ ten in der Geſtalt eines Berges, oder Erhaben⸗ heit in dem Anprallen einer Woge, und Zierlichkeit in der Haͤngebirke, die ihre beinahe blaͤtterloſen Zweige, in den Bergſtrom tauchte. Dieſe einfa⸗ chen Freuden die weder dem Niedrigdenken⸗ den, noch dem hſähunauldſen bekannt ſind, genießt das unverdorbene Naturkind ſtets im hoͤch ſten Grade. 2nnn — 67 X. Alles was Maria bisher bewundert hatte, verſchwand gegen das was ſie beim Anblick der Hauptſtadt Schottlands empfand. Ihrer Ein⸗ bildungskraft ſchwebte ſchon fruͤher ein Bild die⸗ ſer Stadt vor, aber nur eines, welches ihre jugendliche Phantaſie ſich ſelbſt geſchaffen hatte. Jetzt aber, da ſie die Felſenmauern des Palla⸗ ſtes der alten Koͤnige in der Wirklichkeit erblick⸗ te, und die einſamen Boͤgen ihrer ehemaligen Wohnſitze durchwanderte, jetzt erſt ſchwebten die Bilder ſtolzer Vergangenheit lebhaft vor ihrer Seele. „Und dieß war alſo ein glänzender Hof!“ dachte Maria, wie ſie auf den Wiederhall ihrer eigenen Fußtritte horchte.„Und dieſen Boden, den ich jetzt betrete, betrat einſt die ungluͤck⸗ liche Maria Stuart! Ihr Auge betrachtete die nemlichen Gegenſtaͤnde, auf welchen die meinigen jetzt ruhen, ihre Hand beruͤhrte die nemlichen Draperien, welche ich jetzt in meiner halte. Die⸗ ſe vergaͤnglichen Denkmaͤler ſind geblieben, was aber hinterließ Schottlands Koͤnigin?— Ach einen befleckten Ruf!“ 4 Selbſt das beruͤchtigte Zimmer mit den Blut⸗ mackeln hatte fuͤr Mariens lebhafte Einbildungs⸗ kraft einen unendlichen Reiz. Ganz war ſie dem Aberglauben ihres Geburtslandes nicht entgangen, E 2 68. und glaubte daher ihrem Fuͤhrer aufs Wort, dies ſei das wahre und leibhafte Blut des er⸗ mordeten David Rizzio, deſſen Spuren keine menſchliche Bemuͤhung zu verloͤſchen vermoͤge. „Mein Glaube iſt ja ſo unſchaͤdlich,“ ſagte aria zu ihrem Oheim, der ſie, eben dieſes laubens wegen, aufzog,„daß man ihn mir wohl laßen kann. Beſonders, da ich, aufrichtig geſagt, viel Genuß daran finde.“ „Du, Genuß finden am Anblick von Blut!““ rief Herr Douglas ganz erſtaunt.„Du die vor einem Schnitt in den Finger erbleicht, und ſo⸗ gar vor einem blutigen Hammelsbraten ſchau⸗ dert?2, „O, genseines Blut iſt auch etwas abſcheu⸗ liches,“ antwortete Maria laͤchelnd. Aber ſe⸗ hen Sie nur, welche Farbe die Zeit dieſem Blute gab, ſo daß die uͤberzaͤrtlichſte Dame es ohne Ekel anſehen kann.“ Ernſthafter fuhr ſie fort: Ueberdies, geſtehe ich, glaube ich gerne an uͤbernatuͤrliche Dinge. Sie ſcheinen uns mehr an eine andere Welt zu knuͤpfen, als wenn al⸗ les ſo auf dem gewoͤhnlichen, natuͤrlichen Wege fortgeht. Ich vermag den Gedanken nicht zu ertragen, eine furchtbare Kluft trenne uns Er⸗ denbewohner, von Weſen die in hoͤheren Sphaͤren leben. Es thut mir wohl wenn ich mich unze ben denke, von—“ — —p — „Ich wuͤnſchte zu Gott, liebe Maria, du wollteſt bemerken, daß vernuͤnftige Weſen dich umgeben und wollteſt nicht in dergleichen Schwaͤr⸗ mereien verfallen,“ ſagte ihr Oheim, indem er Jauf eine in ihrer Naͤhe ſtehende Geſellſchaft deutete, die uͤber eben die Gegenſtaͤnde ſcherz⸗ te, welche Maria ſo ehrfurchtsvoll betrachtet hatte.„Aber komm, du biſt lange genug hier geweſen. Laß uns auf den Calton gehen, viel⸗ leicht verjagt dort eine kuͤhle Luft, die Spinne⸗ weben aus deinem Koͤpfchen.“ Zwar kalt, aber heiter und ſonnig war der Tag, und die prachtvollſte Anſicht zeigte ſich den Zlicken unſerer Reiſenden. Ruhig und bewegungs⸗ los lagen die blauen Gewaͤſſer zu ihren Fuͤßen. Waͤlder und Wieſen, Felſen und Huͤgel, bebau⸗ te Felder und purpurfarbenes Moorland bedeck⸗ ten die gegenuͤberliegenden Ufer und ſchimmer⸗ ten in tauſendfarbigen Tinten. Dicht unter ih⸗ nen erhob die alte Stadt ihre finſteren Thurm⸗ ſpitzen, die neue dehnte ſich in glaͤnzenden Reihen aus, und mannigfaltige Reize der Natur um⸗ ringten beide. Ganz in Bewunderung der herrlichen vor ihr liegenden Scene verſunken, rief Maria, nach langem Stillſchweigen:„O, wie koͤſtlich! Sie haben vollkommen Recht, lieber Oheim. O, wie ſehr, wie weit iſt der Anblick eines ſolchen Schauplatzes jener erbleichten Werken der Kunſt vorzuziehen! Bei dieſen kann ich mir nur die un⸗ tergeordneten Wirkungsmittel der Vorſehung den⸗ ken, aber hier, erhebt die Seele ſich uͤber die Natur empor zu ihrem Schoͤpfer. 44 „Auf mein Wort, man wird dich fuͤr eine Methodiſtin halten, liebe Maria, wenn du in dem Zuge fortplauderſt,“ ſagte Herr Douglas, etwas ungeduldig, als er den Gruß eines aͤltli⸗ chen dicken Herrn erwiederte, den er alsbald fuͤr den Richter Broadfoot erkannte Nachdem die erſten Begruͤßungen voruͤber waren, ſiel es Herrn Douglas ein, man moͤch⸗ te Marien behorcht haben, und er wollte deshalb wenigſtens ſeine eigenen Grundſaͤtze vor der auf⸗ geklaͤrten Magitratsverſon an den Tag le⸗ gen. „Ihre ſchoͤne Ausſicht hat meiner Nichte das Koͤpfchen beinahe verruͤckt,“ ſagte er laͤ⸗ chelnd.„Ich ſagte ihr aber, daß eine ſolche ſchoͤne Scene nur romantiſchen Seelen ſo roman⸗ tiſche Ideen einfloͤßen koͤnnte. Ich glaube be⸗ haupten zu duͤrfen, daß viele wuͤrdige Einwoh⸗ ner Edinburgs mit keinem andern Gedanken hieher kommen, als um ihren Appetit zum Eßen zu ſchärfen „Ohne Zweifel,“ ſagte der Richter,“ da⸗ vor is's e'n herrliches Plaͤtzchen, Waͤr's nit —ꝓ — 71 davor, ſo wuͤßt' ich nit, wozu m'ens ſonſt brau⸗ chen ſollt'. 3 „Sie reden vermuthlich aus Erfahrung?“ erwiederte Herr Douglas. „Daruͤber kann ich eben nit klagen. Manch⸗ mal freilich wird m'r e'n bißel dumpfiſch uf unſ're große Fraße; aberſt wann ich nur drei⸗ mal um den Huͤgel ſpaziere, ſo is alles wie⸗ der gut.“. Als der dicke Herr bemerkte, daß Maria, wie er vermuthete, nach der Stadt Leith hin⸗ blickte, fuhr er fort: Das Proſpectum ſehen Sie heute nit gut, Miß Douglas. Wenn d⸗ Glashuͤtten im Gang ſind, dann is's erſt ſchoͤn. S'e haben ke'ne Glashuͤtten im Gebirge? Ne. ne. 8 Da Herr Broadfoot einen Antheil an den Glashuͤtten hatte, ſo zog er den Anblick ihrer vulkaniſchen Rauchſaͤulen den Ausbruͤchen des Veſuv oder Aetna bei weitem vor. Aber heute fand ſein ſcharfſichtiges Auge keine Ergoͤtzung. Daher machte er den Vorſchlag das Zucht und Arbeitshaus in ſeiner Geſellſchaft zu beſehen, welches er, nebſt dem Rauch der Glashuͤtten, fuͤr den merkwuͤrdigſten Gegenſtand Edinburghs hielt. Die Einrichtung dieſes Hauſes verdiente auch in der That gelobt zu werden. Maria horchte aber mit der groͤßten Auftnerkſamkeit 72 auf die Beſchreibungen ihres Fuͤhrers, als eine jammernde Stimme, die aus einem der unteren Kerkern hervorkam, ſie bei Namen nannte. Sich dahin wendend erkannte ſie in den Klagenden den Sohn eines Lehnmannes von Glenfern. Duncan Macfree wurde in den Hochlanden ſtets fuͤr einen ehrlichen Burſchen gehalten, verließ aber ſeine Hei⸗ math um ſein Gluͤck als Tabuletkraͤmer zu ſu⸗ chen; die Lockungen der Hauptſtadt beſiegten je⸗ dooch die Ehrlichkeit des armen Duncans, der jetzt hart fuͤr ſeinen Fehler buͤßen mußte. „Herrliche Nachrichten werde ich deinen Ver⸗ wandten von dir zu bringen haben,“ ſagte Herr Douglas, den Verbrecher mit ernſtem Blicke meßend. „O, wiß und wahrhaftig es is nit mene Schuld, gnaͤdiger Herre!“ antwortete Duncan bitter greinend.„Aberſt hier in dem Land is ke'n bißel Freiheit. Ach Gott, wann ich nur braus waͤr! Meer darf ja ke'n Stecknaͤdelchen ufheben, gleich ſitzen ſe e'nem uf'm Fell.— Neues Wehklagen folgte. Da Herr Douglas Duncans Verbrechen ziemlich unbedeutend fand, ſo bat er den Rich⸗ ter ſich der Befreiung des armen Schelms anzu⸗ naehmen, der ſie denn auch auf den andern Tag verſprach; da aber Duncans Dankſagung allzu⸗ laut wurden, ſo ging die Geſellſchaft weiter. 1 ließen,“ nu wollen m'r ins Monument gehn u uns da ausruhen und was zu uns nehmen. „Ruhen und Erfriſchungen zu uns nehmen, in einem Monumente!“ rief Herr Douglas. „Entſchuldigen Sie mich, lieber Freund, damit moͤgten wir noch ein wenig warten.“ Herr Broadfoot verſtand den Scherz nicht, ſondern fuhr fort in ſeinem ſchleppenden, glat⸗ en Dialekte zu verſichern, das Monument ſei ein recht bequemes Plaͤtzchen. 3 Mer hat's zum Andenken des Lords Nelſon errichtet,“ ſagte er,„und jetzt iſt's an e'nen *△ Kuchenbecker und Canditer vermiethet, da kann m'r immer Paſtetchen und Crem's haben und Eingemachtes, und ſo allerhand Zeugs vors Frauenzimmer. Aberſt m'r habens im Magi⸗ ſtrat beſchloßen es ſoll nicks Geiſt'ges nein; denn kommt en'mal was Geiſt'ges nein, ſo kann mir nit vor d' Folgen ſtehn., 1 olz auf ſeine Ge⸗ walt uͤber das Geiſtige war„watſchelte voraus um ſeine Freunde zu dem Orte zu fuͤhren, der in gleicher Zeit die Manen eines He den ehrte und dem Paſtetenbaͤcker diente. Das Fruͤhſtuͤck war herrlich und Maria konnte ſich nicht entbrechen 74 zu ghauden, es ſei beſſer Toͤrtchen in Lord Nel⸗ ſo Monument zu ſpeißen, als in dem des Ju⸗ lius Caeſars vergiftet zu werden. —ên . „Jetzt muß ich dich, liebes Kind, einer mei⸗ ner Freundinnen vorſtellen,“ ſagte Major Dou⸗ glas, als der Richter ſeinen Abſchiedsbuͤckling gemacht, und er mit ſeiner Nichte den Schloß⸗ berg hinaufging. Miſtriß Violetta Maeſhake iſt eine Tante meiner Mutter, von der du oft mußt gehoͤrt haben, und der lezte Zweig des ed⸗ len Stammes der Girnachgowl.“ 2 „Dann bangt mir, daß es eine furchtbare Matrone ſeyn moͤchte,“ erwiederte Maria. Ihr Oheim ſtockte—„Nein, furchtbar gerade nicht,— aber ein wenig ſonderbar, wie die meiſten alten Leute: Doch iſt ſie guther⸗ 39... Mit andern Worten: ſie mag wohl unan⸗ genehm ſeyn,“ verſetzte Maria.„Die meiſten ſonderbarſten Menſchen, haben den Ruf gutherzig zu ſeyn, oder ſind etwa alle gutherzige Men⸗ ſchen ſonderbar? Ich kann's nicht entſcheiden. der Mſtrs Maeſhake erreicht. Sie zogen die Stuͤhlen, mit Pferdehaaren uͤberzogen, die ſaͤmmt⸗ her ſtanden. Obgleich die Jahreszeit ſchon ziem⸗ keine andere Beſchaͤftigung zu haben, als ihre oder einer Handarbeit war zu entdecken. Sie 75 „Bei ihr iſt der Ruf gegruͤndet,„ſagte Major Douglas etwas aͤrgerlich,„denn ſie iſt in der That eine ſehr gutherzige Frau, wie ich aus Erfahrung behaupten kann. Wie ich als Knabe auf der hieſigen Schule war, ſchenkte ſie mir manche Krone und halbe Guinee. Frei⸗ lich ſchmaͤlte ſie mich auch oft tuͤchtig aus, was ich aber faſt immer richtig verdient hatte. Ueber dies iſt ſie ſehr reich, und ich bin ihr muthmaß⸗ licher Erbe. Mithin zwingen mich Dankbarkeit und Intereſſe, die alte Dame fuͤr hoͤchſt liebens⸗ wuͤrdig zu halten.“ e Nunmehr hatten ſie die luftige Wohnung Klingel. Langſam oͤffnete ein altes, ſauertoͤpfi⸗ ſches, hageres Weib die Thuͤre, und fuͤhrte ſie, in ein Zimmer, bei deſſen Anblick Marien ein kalter Schauer beſiel. Es war ziemlich geraͤu⸗ mig, aber nur mit einigen duͤnnbeinigen Speiſe⸗ tiſchen meublirt und mit eben ſo ſchwachbeinigen lich, in ſtrenger Ordnung, an den Waͤnden um⸗ lich weit vorgeruͤckt, und die Luft ſchneidend kalt war, ſo war dennoch der Feuerherd noch hell und ſchoͤn polirt; die Hausfrau ſaß in einem großen Lehnſtuhl neben demſelben. Sie ſchien eigenen Gedanken, denn keine Spur eines Buches war eine große Frau, von ſtarkem Kuochenbau, deren Haupt ſelbſt die eiſerne Hand der Zeit nicht hatte beugen, ſondern nur etwas vorwaͤrts kruͤmmen koͤnnen. Eine ſpitzige, von Schnupf⸗ taback triefende Naſe, ein ſtark hervorragendes Kinn, kleine ſcharf umherblickende Augen und ein Ausdruck unruhiger Neugierde im vorgebeug⸗ ten Geſichte, zeichneten die merkwuͤrdige Frau aus. Ihr Anzug beſtand in einen ſchwarzen Sammtmaͤntelchen, Socken uͤber ihren Schuhen und kleinen Staucher an ihren Armen. Sobald Mſtrs⸗ Maeſhake Herrn Douglas erkannte, bewillkommte ſie ihn mit vieler Herz⸗ lichkeit, ſchuͤttelte ihm lange und freundſchaftlich die Hand, klopfte ihn auf den Ruͤcken, und ſah ihm mit Wohgefallen ins Geſicht. Kurz ſie bewies ihm die Art von Wohlwollen, welches Weiber von gewißem Alter gewoͤhnlich juͤngeren Maͤnnern zeigen. Ihre Freude ſchien jedoch mehr das Werk des Augenblickes zu ſeyn, als ein natuͤrliches Gefuͤhl; denn wie die Ueberra⸗ ſchung voruͤber war, zogen ſich die Falten ihres Geſichtes wieder in ihre harten und hoͤhniſchen Formen, und es ſchien faſt, als bemuͤhe ſie ſich den angenehmen Eindruck den ihre Begruͤßung etwa machen koͤnne, zu vertilgen. *⁴)„Und wer hätts gedacht, daß mer Euch heut' ſeh'n wuͤrde?“ ſagte Miſtrs Maeſhake mit *) Den ganz eraiteten, Bee Dialekt der ſechs und neunzigjäͤhrigen Mſtrs Maeſhake im deut⸗ ſchen treu miederugeben, graͤnzt an Unmoͤglichkeit. A. d. Ueb. — 73 gelaͤufiger, ſchnatternder Zunge. Was bracht' Euch zur Stadt? Seyd Ihr hergekommen um Eueres ehrlichen Vaters Moneten durchzubringen, ehe der arme alte Mann noch im Grabe kalt geworden iſt?“ Herr Douglas erzaͤhlte, er habe der Geſund⸗ heit ſeiner Nichte wegen die Reiſe unternom⸗ men. „Geſundheit!“ wiederholte ſie mit hoͤhniſchem Laͤcheln.„Da moͤcht' e'ne Eule druͤber lachen, wenn ſie das Gekakel uͤber junger Leute Ge⸗ ſundheit hoͤrt. Ich moͤcht' wohl wißen, aus welchem Teig du gebacken biſt?“— Mariens Arme in ihre große knoͤcherne Hand faßend fuhr ſie fort—„So e'n klapperduͤrres Dingelchen— ſo alſo nach England will'ſt der Geſundheit we⸗ gen? Gotts Wunder! Noͤcht⸗ wohl wißen, was die Maͤdels zu meiner Zeit haͤtten anfan- gen ſollen, die zu Hauſe bleiben mußten. Und das moͤcht' ich wiſſen, was e'nmal aus Dir wer⸗ den ſoll, wann du ſechs und neunzig Jahr ufm Leibe haſt wie ich— Geſundheit! Hi, hi!“ Maria lachte mit, froh einen Vorwand zu ſinden uͤber die ſeltſame Erſcheinung lachen zu oͤnnen. „Thu den Hut ab, Kind, laß mich dein Geſicht⸗ chen ſehen. Wer kann ſehen wie D' ausſiehſt, wann du das Ding da ufm Kopfe haſt?”— Nachdem ſie Märiens Geſi cht gehorig betrachtet hatte, ff⸗ nete ſie ihr den Pelz und fuhr fort:„Na, ˙s is w'r doch lieb daß du die rothen Haare und die vielen Sommerflecken der Douglas nit haſt. Ich weiß nit, ob dein Vater ſ'e hatte oder nit. Ich ſah'n noch mit ke'nem Auge. Er kam m'r nit uͤber d'e Schwelle; er nit und ſeine vornehme Madam auch nit. Ich verlor auch nicks d'rbei; kamen ſ'e nit, ſo bianchten ſe auch nit zu gehn.“ „Sie erkundigten ſich ja noch nicht nach b ren Freunden zu Glenfern,“ ſagte Herr Douglas, um eine andere Saite zu berührin. 74 „ Laß mich: nur zu Athem kommen, Maͤnnchen; Zeit genug,— m'er kann doch nit alles uf e'n⸗ mal ſchwatzen.— Und ſo mußt' auch Er e'ne engliſche Frau haben, und eonn ſchottiſch Maͤdel * war'm nit gut genug.— Und ſein klein Buͤbel, na, das is e'n Meerwunder,— es blieb lang ge⸗ nug aus— Hi, Hi!“ „Das arme Kind began ſeine Laufbahn un⸗ ter ſehr traurigen Vorbedeutungen,“ ſagte Ma⸗ jor Douglas, auf ſeines Vaters Tod zielend. Und wer war da Schuld d'ran?— Hat m'r wohl ſo was im ganzen Leben gehoͤrt, daß m'r e'n Kind tauft, wann der Großvater ſter⸗ ben will!— Aber die Leute werden heutzutage 79 nit geboken und nit gekauft wie zu meiner Zeit;— das hat ſich alles geaͤndert.“ „Sie erlebten gewiß manche Veraͤnderung,“ verſetzte Herr Douglas, der gern von etwas An⸗ genehmern geſprochen haͤtte. „Veraͤnderungen!— was wollt' ich nit Manchmal weiß ich nit, ob's noch die nemliche Welt is, und ob m'r der Kopf noch uf' der Schulter ſteht.“ 3 „Aber bei dieſen Veraͤndernngen werden Sie auch manche Verbeſſerungen bemerkt haben,“ ſagte Maria ſchuͤchtern. „Verbeſſerungen!“ rief ſie, ſich raſch gegen Marien wendend.“ Was weiß't von Verbeſſe⸗ rungen, Kind? Schoͤne Verbeſſerung, wann m'r ſieht, daß Schneider und Schuſter leben wie Herzoͤge und Grafen. Und dann da, die praͤch⸗ tige Neuſtadt,“ fuhr ſie fort, indem ſie mit der Hand nach dem Fenſter deutete,„da ſaß ich ſonſt und beguckte m'r die ſchoͤnen Wieſen und lah wie ſ'e d'e Kuͤhe melkten, und wie die Kin⸗ der ſich r'umbalgten und wie die Maͤgde wuſchen. Was ſeh' ich nun? Steine und Leimen und Pflaſter und Koth und Muͤßiggaͤnger und ge⸗ putzte Madams drin rum ſtolzieren.— Schoͤne Verbeſſerungen, das muß wahr ſeyn!“ Maria ſah ein, daß ſie ihres Oheims Gluͤck durch ihre richtigen Bemerkungen, nicht zen. 1, foͤrdern wuͤrde, und! ſchwieg deshalb kluͤglich. Major Douglas, der die Vorurtheile des Alters beſſer kannte, und dem die bitteren Bemerkun⸗ gen ſeiner Großtante, ſobald ſie ihn nicht per⸗ ſoͤnlich angriff, Spaß machten, warf einige Be⸗ merkungen uͤber die heutigen Sitten hin, um die alte Dame noch mehr zum Plaudern zu rei⸗ kenne ke'ne. Da laufen ſie ins Nachbars Haus und laufen nur ſo wieder naus, als waͤr's e'n Wirthshaus, und den Hausherrn eſtimiren ſe nit mehr wie der Lakey hinter'm Stuhl. Mein Großpapa ſagte, daß zu ſeiner Zeit der Haͤuptling von der Familie ſein' eignen Stuhl hatte, und immer den Hut uf den Kopf behielt, und wenn der Vornehmſte'rein kam, und's wurd' ihm auch b'erſt vorgelegt, da hielt'r uf ſein Authoritaͤt wie e'n Mann thun muß. Ael⸗ tern waren zu der Zeit Aeltern— und d'e Kin⸗ der durften's Maul nit vor'n aufthun, wie ſe jetzt thun. Damals durften ſ'e gar nit ſagen, daß ihr Kopf ihr eig'ner ſei. Weib und Magd, Knecht und Kinder und Lehnsleute zitterten all“ vor dem Herrn. 4 Eine lange Priſe Schnupftaback unterbrach den Redefluß der Alten. Nachdem ſie aber die Naſe mit einem bunten Schnupftuch gehoͤrig abgewiſcht, auch allen Tabacksſtaub ordentlich vom „Sitten!“ wiederholte ſie, veraͤchtlich laͤ⸗ cheln.„Was ſchwatzt Er von Sitten, ich 8 81 .. 8. vom Maͤntelchen abgeſtaubt hatte, fuhr ork: 1 2 „Er ſagt mir ja ke'n Woͤrtchen, ob ſeine Schweſtern Maͤnner kriegen oder nit. Ich hab' gehoͤrt, es waͤren plumpe Dinger; da werdens Fe ja wohl zu alten Jungfern werden, denn 6 giebt ja huͤbſche Geſichter und volle Geldbeutel genug in der Welt. Hi, hi!“— Marien aber⸗ nrals betrachtend, ſetzte ſie hinzu:—„Meiner Treu, ich wett', du guckeſt dich auch nach e'nen engliſchen Schatz um; und d'rum willſt nach England.“. „Ganz im Gegentheil,“ ſagte Herr Dou⸗ glas, der wohl bemerkte daß Maria zu aͤngſtlich war um ſelbſt zu atzttworten.„Maria will nur einen aͤchten Caledonier zum Manne haben; einen der in ſeiner wahren Nationaltracht einhergeht. ſeinen Dolch im Guͤrtel ſtecken hat, und mit der Sehergabe begluckt iſt. Und die Hochzeit ſoll mit alter Lehnsherrlicher Pracht gefeiert werden, mit Sackpfeifen und Freudenfeuern, und die bei⸗ derſeitigen Clans follen zuſammenkommen, und ganze Haͤmmel gebraten werden, ganze Faͤßer mit Kornbrantwein ausgetrunken und—“ „Da thut ſie ganz und gar recht d'ran,“ unterbrach ihn Mſtrs Maeſhake, mit mehr Guͤte, als ſie bisher zeigte.„Soe moͤgen dim Ding e'nen Namen geben wie's ihnen beliebt, ader Hochzeiten giebt's heut z' Tage nit mehr. Eheſtand 2r Bd. F Wer gewinnt d'r bei, als d'e Wirthe und d'e Hauderer? Da wuͤrd' ich gar nit meinen, daß ich verheirathet waͤr', wenns ſo Holtärolter her⸗ ging, wie ſ's jetzt treiben. 14 „Sie entſinnen ſich gewiß, daß res hedem ganz anders bei Hochzeiten herging,„ſagte Douglas. „Ich weiß denn doch nicks mehr d'rvon, wie ſie am aller beſten waren. Aber mein“ Mutter erzaͤhlte m'r oft, wie ſchoͤn's bei ihrer Hochzeit herging. Wie Viele da waren weiß ich nit, aber das weiß ich, daß mehr da waren als ins Haus gingen; denn alle Verwandte und alle Freunde von beiden Seiten waren da, wie's ſichs gehoͤrt und gebuͤhrt. Die Damen alle mit großen Reifroͤcken und manche hatten d'e ganze Nacht uf geſeßen, um ſich friſiren z'laſſen, denn ſo miſerables Geflechte hatten ſ'e nit um den Kopf als ihr jetzt habt.— Veraͤchtlich deutete ſie hin auf Mariens griechiſchen Kopfputz.— „Und's Brautkleid war von oben bis unten mit Schluͤppchen 4) beſteckt, und ganz um den Hals her und um d'e Aermel; und wie d'e Trauung vor⸗ *) Bride favors, die auch jetzt noch in ganz Großbrittanien von der Braut ausgetheilt, aber ihr nicht abgerißen werden. Eben ſo wie man bei uns Bandendchen als Surogat des Strumpfbandes austheilt. A. b. Ueb. V b ☛ 33 bei war, da rannte alles uf ſ'e nein, und rißen'r 8 7 7 d'e Schluppen ab und alles r'unter, bald bis uf's Hemd. Dann liefen ſ'e auch nit gleich fort wie heut'ges Tags, ſondern ſechs und drei⸗ ßig ſetzten ſich zu e'ner großen Gaſterei, und des Abends war Ball, und ſo in e'nem fort bis der Sonntag kam; und dann gingen Braut und Bräutigam huͤbſch in die Kirche und alle Gaͤſte mit den Bandſchluͤppchen an der Bruſt zogen mit. War das nit wie e'ne Hochzeit? da war's noch der Muͤhe werth Pheirathen. Hi, hi!“ „ Die Hochzeit wurde herrlich ausgerichtet,“ ſagte Herr Douglas ernſthaft.„Ich vermuthe, die Taufe nicht minder.“ 9. „Wahrlich Archie:— Er ſollte an Taufen denken ſo lang er lebt. Sein's war e'ne Tau⸗ fe wie's noch ke'ne gab. Ich hoͤrt' ſchon Vieles verzaͤhlen, aber daß m'r e'n Kind taufte, wann der Großvater im Sterben lag, das kam m'r noch nit vor.“— Die alte Dame bemerkte, daß Herr Douglas vor Aerger erroͤthete, lenkte des⸗ halb ein und fuhr fort:„Und ſo denkt Er daß die Taufe der naͤchſte Spaß war? Hi, hi.“ Na, nit ſo: das Kindergekreiſch war der naͤch⸗ ſte Spaß, denn die Woͤchnerin ſaß nit bei der Taufe wie heut z'Tage. Der Tag nachdem d's Kind uf d'r Welt kam, ſaß d'e Woͤchnerin uf⸗ cht im Bett, mit e'nem Faͤcher in der Hand, 4 84 und alle Freunde ſtanden um ſie'rum, und tran⸗ ken ihre und des Wickelkinds Geſundheit. Und wann d'e Woͤchnerin ihren Kirchgang hielt, dann war e'n großer Abendſchmauß, und da ſtand e’ne große Pyramide von Huͤhnern uf enem End' vom Tiſch, und noch e'ne Pyramlde von Enten uf den aͤndern, und in der Mitte e'ne maͤchtige Schuͤſſel mit Weinſuppe und all' Sor⸗ ten von Confekt ringsum, und ſobald ſ'e ſich ſatt gegeßen hatten, da ſielen ſ'e alle ſammt und ſonders, Herrn und Damen, uͤber's Con⸗ fekt her, und rißen ſich d'rum und balgten ſich; denn der Spaß war, wer d's meiſte einſtecken konnt. Und dann rißen ſ'e d's Tiſchtuch'run⸗ ter und alles mitten in d'e Stube und warfen d'e Stuͤhle uͤbere'nander. O, das war e'n Spaß bei ſo e'nem Abendſchmauß! Dann wann die Weinſuppe ausgetrunken war, hatt' der Scherz ein Ende. Aber die Taufe, die war wo ſ'e ſeyn ſollte, im Gotteshaus, und alles, Kind und Kegel, im geoͤßten Staate und e'n Zug junge Maͤdels all in weiß gekleidet, und das ſoll ſehr ſchoͤn ausgeſehn habene, wie mein' Mutter ge⸗ fagt hat.“ Major Douglas, den die Ruͤckerinnerungen der alten Dame zu langweilen begannen, ergriff die Gelegenheit einer abermaligen Priſe Schnupf⸗ taback, um ſich zu beurlauben. 8 „Na, Archie, warum will Er ſchon fortlaufen? Sez Er ſich, und ruhr ſich aus, und geniefer 8 — — uf'm Buckel hat.“ 85 e’n Glas Wein und ein Bißen Brod, oder vielleicht will Mariechen ern bißel Fleiſchbruͤh' um ſich z'waͤrmen? Warum ſiehſt ſo blau ums Naͤschen aus, Kind? Kalt is doch nit. Aber d' biſt wie ſ'e alle ſind! da lauft'r halb nackend uf der Gaſſen'rum, und vor'm Feuer bratet'r Euch.“. Nun ſchlurfte die Alte ans andere Ende des Zimmers, oͤffnete einen Schrank, nahm Wein und Kuchen heraus und reichte ſie Marien. Da, Kind, nimm d'r e'n Kuͤchelchen— nimms nur,— was fuͤrchſt dich vor?— Da, uf deine Geſundheit Archie, und uf ſeiner Frau ihre, und uf dem Wickeltindchen ſeine. Der ar⸗ me Wurm, der hatt' ke'nen guten Eintritt in d' Welt, weiß'r das?“ Nachdem der Wein getrunken und die Ku⸗ chen verzehrt waren, machte Douglas neue An⸗ ſtalten zum Aufbrechen, aber vergeblich. Kann der Mann denn nit e'n Weilchen ſtill ſitzen, daß ich e'nmal nach den alten Hreunden in Glenfern fragen kann? Was macht die Grip⸗ pel und die Hanne und— d's Nickchen?— Na, die thun wohl nicks anders als Pillen drechslen und Medicin brauen,— Hi, hi! Ich ſchluckte mein Lebstag ke'ne Pille und ke'n Tro⸗ pfen Medecin, und es ſoll e'nmal e'ne mit mer um dee Wett laufen, wann ſie bald hundert Herr Douglas ſagte ihr einige Schmeicheleien 4 äber ihr gutes Ausſehen, die ſie ſehr guͤtig auf⸗ nahm, und erzaͤhlte ferner, er habe einen Brief von Tante Grishelde bei ſich, den er ihr nebſt einem Rehbock und einigen Haſelhuhnern zuſchicken wuͤrde, „Wann dein Rehbock nit beſſer is als der letzte, ſo iser des Schickens nit werth. Der war ſo trocken wie Holz, nit des Kaueus werth. Weiß er wohl, daß ich m'r die Zaͤhne d'ran ſtumpf biß. Die Huͤhner waren was beſſer, aber die ſind d's Schickens nit werth, die kann m'r wohlfeil genug uf dem Martkt kaufen, und ſo is''s eben ke'n groß Preſent. Wenn Er m'r haͤtt' e'n guten fetten Hammelsbraten mitgebracht oder e'ne tuͤchtige Schweinskeule, das waͤr“ doch noch was geſcheutres geweſen. Aber Er is e⸗ ner von den Kundmaͤnunern, die ſich gerade nit todt ſchenken. Es koſt Ihn nur e'n bißel Pul⸗ ver, und ich wett' Er dacht' mehr an ſeinen Spaß, wie'r die armen Dinger ſchoß, als an mein'n Magen. ℳ Mit dem groͤßten philoſophiſchen Gleichmuth hatte Herr Douglas bisher den Hohn der alten Dame, den ſie uͤber ihn und ſeine Familie ergoß, ertragen, aber dieſen Ausfall gegen ſein Wild⸗ pret war ihm zu ſtark. Der Zorn röthete ſeine Wangen, ſeine Augen ſpruͤhten Feuer, und ſeine Lippen murmelten etwas fluchaͤhnliches, als er nach der Thuͤre zuſchritt. 87 Die alte Großtante ſchneller als er, vertrat ihm aber den Weg, klopfte ihm auf den Ruͤ⸗ cken und brach in ein ſchallendes Gelaͤchter aus. „Ich ſeh' Er is noch immer der alte Archie,— immer d'r alte Hitzkopf, dems Toͤpfchen gleich uͤberlauft. Manchmal hab' ich'n aus der Stu⸗ be gejagt wenn'’r unartig war. Weiß'r noch, wie ich'n ans Katzentiſchchen ſetzte, wie gerade Beſuch da war. Na, Sein Weib mag ihre ſchwere Laſt mit’m haben, denn'r is e'n recht eigenſinnig Buͤrſchchen, Archie.“ Herr Douglas wußte noch immer nicht, ob er lachen oder ſich aͤrgern ſollte. „Komm, komm Er und ſez'r ſich huͤbſch, bis ich mit d'm Kind da geſprochen hab'“— Hie⸗ mit zog ſie Marien nach ihrem Schlafzimmer, in welchem es eben ſo ſchaurig war, als in dem, welches ſie verließen. Dann zog ſie einen großen Bund Schluͤßel aus der Taſche, oͤffnete einen Schrank und nahm ein paar Diamantene Ohrge⸗ haͤnge heraus.„Hier Kind,“ ſagte ſie und ſteckte ſie in Mariens Hand,„die gehoͤrten dei⸗ nes Vaters Großmutter. Das war enn braves Weib, und hatte vier und zwanzig Buben und Maͤdels; wer weiß kriegſt's auch mal ſo viele. „Aber horch,“— fuhr ſie fort, mit dem knoͤ⸗ chernen Finger drohend,—„aͤchte Schottenkin⸗ der muͤßen's ſeyn. Wann d' mal heiratheſt, mußt d' doch e'n Andenken von m'r haben.— Ne, halt's Maul und mach mich nit taub mit 88 Bedanken!— Hiebei wurde Maria ins andere Zimmer mehr geſtoßen, als gefuͤhrt„ dann fuhr ſie ſchnellzuͤngig fort:„Da du morgen weg willſt, ſo ſeh' ich Dich nit mehr, und ſo leb' wohl. Aber Er, Archie, Er muß noch mit m'r fruͤhſtuͤ⸗ cken, aber Er muß m'r nit ſo arg in d'e But⸗ terbroͤde beißen wie ſonſt.“ Scherzend gruͤßte ſie ihren Liebling, reichte ihm die Hand und ließ ihn ziehen. „Nun, wie gefaͤllt dir Mſtrs Macſhake?“ fragte Douglas ſeine Nichte, auf dem Heim⸗ wege. „Das iſt eine ſchwierige Frage, lieber Oheim,““ antwortete Maria laͤchelnd, indem ſie ihr reiches Geſchenk vorzeigte.„Meine Dankbarkeit kaͤmpft gegen ein unbefangenes Urtheil.“ „Dies iſt ſtets der Fall bei denen, welche Mſtrs Macſhake verpflichtet hat,“ erwiederte der Oheim.„Sie iſt oft freigebig, aber meiſt auf eine ſo unangenehme Weiſe, daß man nicht weiß, ob ſie verpflichten oder beleidigen wollte. Doch die Art, wie ſie etwas empfangt, iſt noch weit aͤrger. Giebt es eine aͤrgere Ungezogenheit, als ihre Aeußerungen uͤber meinen Rehbock. Wahr⸗ lich, es mag mir leicht in den Sinn kommen, ſo ſetze ich keinen Fuß mehr uͤber ihre Schwelle.“ MNaria vermochte bei ihres Oheims Zorn, der in der That der Urſache nicht werth war, 2 89 kaum ernſthaft zu bleiben. Um ihn aber auf andere Gedanken zu bringen, aͤußerte ſie, er ha⸗ be ſich viele Muͤhe gegeben, ihr ein bewunde⸗ rungswuͤrdiges Muſter von Landsmaͤnninen aus⸗ zuſuchen.„Dieſe Mſtrs Maecſhake werde ich ſobald nicht vergeßen,“ ſagte ſie lachend. „Ich hoffe, du wirſt dieſe Naturmerkwuͤr⸗ digkeit nicht fuͤr das Muſter ſchottlaͤndiſcher Frau⸗ en halten,“ antwortete ihr Oheim. Zwar iſt ſie eine durchaus einheimiſche Pflanze; ich be⸗ zweifele aber auch, ob ſie auf einem cultivirtereu Boden oder unter einem milderen Himmelsſtrich zu der Vollkommenheit gediehen waͤre, zu der ſie in dieſem Clima gelangt iſt. Sie wurde zu ei⸗ ner Zeit geboren, in welcher Schottland ſehr ver⸗ ſchieden von dem war, was es anjetzt iſt. Selbſt unter den hoͤchſten Staͤnden wurde die weibli⸗ che Erziehung vernachlaͤßiget. Daher zeigen die Weiber jenes Zeitalters eine Haͤrte und Roheit in Sitten und Begriffen, wie wir ſie in dieſen aufgeklaͤrten und verfeinerten Zeiten vergeblich ſuchen wuͤrden. Erlaubte es deine Zeit, ſo wuͤr deſt du hier gute Geſellſchaft gefunden haben, beſſer vielleicht hinſichtlich geiſtlicher Bildung, als anderswo. Kehrſt du zuruͤck ſo wirſt du ſchon eher Gelegenheit finden, ſie kennen zu lernen.“ Seufzend pflichtete Maria ihrem Oheim bei. Zuruͤckkehren erweckte ihr traurige Ideen. Das Wort erinnerte ſie an Alles, was ſie pex⸗ 8 die Schrecken der Abweſenheit. Noch bitterer erneuerten ſich alle dieſe Empfindungen, als der Augenblick herannahte, in welchem ſie ihren guten Oheim verlaßen mußte. Lord Courtlands Wa⸗ gen und zwei rechtliche Diener erwarteten ſie, Mit dem Wehgefuͤhl eines die Heimath lieben⸗ den Herzens trat Maria ihre weitere Reiſe an. — XI. Maria, nun auch von ihrem ſetzten Ver⸗ wandten getrennt, ſuchte Troſt in den Gedan⸗ ken, an die Wiedervereinigung mit ihrer Mutter und Schweſter, und uͤberließ ſich den begluͤcken⸗ den Traͤumen einer jugendlich gluͤhenden Phan⸗ raſie. Mſtrs Douglas ſuchte zwar ſtets ihre feurigen Hoffnungen mehr zu daͤmpfen„ als zu beleben. Aber die Begeiſterung einer ſchoͤpferi⸗ ſchen Einbildungskraft laͤßt ſich nicht leicht durch die Erfahrungen Anderer zeſchrun en Die Reiſe ging wie die meiſten Reiſen un⸗ ſerer Tage, bequem und ſicher vor ſich, und ei⸗ nes Abends ſpaͤt ſah Maria ſich am Ziel ihrer Wuͤnſche,— vor der Schwelle des von ihrer ließ,— an den Schmerz der Trennung,— an Mutter bewohnten Hauſes. Nur ein Gedanke — 91 erfuͤllte ihre Seele, allein dieſer eine Gedanke erregte tauſend Gemuͤthsbewegungen. „Jetzt werde ich die erblicken, die mir das Leben gab!“ dachte ſie. Jeder anderen Idee unfaͤhig wurde ſie aus dem Wagen gehoben und ins Haus gefüͤhrt. Eine Thuͤre oͤffnete ſich. Maria vom Glanz der Lichter geblendet, und von dem Schall mehrerer Stimmen erſchreckt, ſtand betaͤubt, bis eine Geſtalt ſich ihr naͤherte, die ſie fuͤr ihre Mutter hielt. Heftig pochte ihr Herz,— ein Nebel deckte ihre Augen, ſie ſtrebte ihre Arme zu ergreifen und ſank leblos an ihren Buſen. Lady Juliane,— ſie war es wirklich,— hielt ihre Tochtox fuͤr todt, Denn obwohl ſie ſelbſt in jeder Stunde des Tages von Ohnmaͤch⸗ tig werden ſprach, ſo war ihr doch das, was ſie mit Emphaſe, eine Ohnmacht zum ſter⸗ ben nannte, etwas ganz neues und ſchreckbares. Sie war daher, als ſie die ſchoͤne lebloſe Ge⸗ ſtalt ihrer Tochter vor ſich liegen ſah, zu ſehr außer Faſſung um ſich intereſſant zeigen zu koͤn⸗ nen, auch regte ſich wirklich eine Anwandlung von Mitleiden in ihrem Herzen. Doch gingen dieſe ſanften Gefuͤhle ſchnell voruͤber, denn ſobald ſie ſich uͤber die Art von Lebloſigkeit ihrer Tochter verſtaͤndiget hatte, und bemerkte daß Ma⸗ ria die Aufmerkſamkeit eines Jeden auf ſich zog, ſie aber uͤberſehen wurde, eben ſo balb kehrte ihr alter Groll zuruͤck, und ihr Widerwillen ver⸗ 92² mehrte ſich, als Maria endlich die Augen oͤffne⸗ te, di Haͤnde gegen ſie Fſlsecete und mit ſchwa⸗ cher E Ffiunn ausrief:„O, meine Mutter!“ „Mutter! Pan an abſcheulich gemeine Benennung!“ dachte die vornehme Dame. Anſtatt den Ruf ihrer Tochter zu antworten, Mli i ſie eilig ihrer Kammerfrau, befahl dieſer, Marien, deren Wange ſie leicht beruͤhrte, auf ihr eigenes Zimmer zu fuͤhren und kehrte zum Spieltiſch zu⸗ uͤck. Adelaide ergriff gleichfalls ihre Harfe aufs vines als ſei nichts beſonderes vorgefallen. Nur ady Emilig begleitete ihre Couſine aufs Zim⸗ mer, umarmte ſie wiederholt, verſicherte ihr, ſie liebe ſie bereits herzlich, und das um ſo mehr, da ſie ihren lieben Eduard ſo aͤhulich ſehe, und nachdem ſie ſich verſichert hatte, daß es Marien an keiner Bequemlichkeit mangle, kuͤßte ſie ihre Couſine nochmals und entfernte ſich. Koͤrperli⸗ che Ermuͤdung beſiegte die Unruhe des Gmuͤthes. Maria ſchlief feſt und erwachte neu geſtaͤrkt. „Iſt es moͤglich,“ dachte ſie, indem ſie ihre verwirrten Gedanken zu ordnen ſuchte;“ iſt es wirklich moͤglich, daß ich meine Mutter in der That vor mir ſah, daß ſie mich ans Herz druͤck⸗ te,— daß ſie mit Thraͤnen mich benetzte waͤh⸗ rend ich leblos vor ihr lag? Mutter! Welch⸗ ein entzuͤckender Klang! Und wie ſchoͤn erſchien ſie mir! Dennoch kann ich ſie mir nicht recht dentlich vorſtellen, mein Kopf war ſo verwirrt. s eine ſehr Aber ich entſinne mich entſernt, ——— . 93 ſchoͤne, ſeraphaͤhnliche Geſtalt, in ſchimmernder Kleidung und mit Blumen geſchmuͤckt„vor mir ſtand, die mich mit der lieblichſten Stimme, wie ich ſie noch nie vernommen, anredete.— Die Geſtalt war aber zu jung, um meine Mut⸗ ter zu ſeyn.— Vermuthlich war es meine Schweſter, und meine Mutter war zu ergriffen, um ihr fremderes Kind bewillkommen zu koͤnnen. O, wie gluͤcklich werden mich eine ſolche Mut⸗ ter und eine ſolche Schweſter machen!“ Maria wiegte ſich in dieſen entzuͤckenden Ge⸗ danken, bis Emilie eintrat. „Wie gut du heute Morgen ausſtehſt, liebes Couſinchen,“ ſagte ſie an Mariens Hals fliegend. „Jetzt ſiehſt du meinem lieben Eduard noch weit ahnlicher als geſtern. Ach, ſein Laͤcheln haſt du auch! das muß ich recht oft ſehen.“ „Dazu wird es ſeir gewiß nicht an Gele⸗ genheit mangeln,“ erwiederte Maria, indem ſie Emilien gleichfalls umarmte.„Aber jetzt iſt mir bange um meine Mutter und Schweſter. Ich fuͤrchte, daß die Gemuͤthsbewegung bei unſerer erſten Zuſammenkunft und meine Schwaͤche ihnen ſchaden duͤrften.“ Ernſt ſah Maria Emilien ins Geſicht, um eine Beſtaͤtigung ihrer Furcht in dieſem zu leſen. „Deshalb kannſt du ganz unbeſorgt feyn,“ verſetzte Emilie, mit ihrer gewoͤhnlichen Grad⸗ * 94 heit.„Ihre Gemüthsruhe iſt nicht ſo leicht zu ſtoͤren. Du warſt ſie beide beim a genlitnſ ſehen, alſo komm.“ Niemand befand ſich im Zimmer und Ma⸗ riens empfindſame Seele erbangte aufs neue, ob dem Wohlbefinden derer, die ihr bereits ſo theuer waren, aber Emilie ſchien ihre Gefühle nicht zu verſtehen. Gedulde dich nur ein wenig, liebe Couſine,“ ſagte ſie, nach dom Fruͤhſtuͤck klingelnd.„Sie werden ſchot zu ihrer S.en hade en Zeit hier ein⸗ treffen. In dieſem Hauſe bindet ſich niemand an die Stunde, oder legt ſich der Geſellſchaft wegen, den mindeſten Zwang auf. Freiheit iſt die Loſung. Jedermann fruͤhſtuͤckt, wann und wo es ihm beliebt. Lady Iuliane fruͤhſtuͤckt, duͤnkt mich, oft in ihrem Ankleidezimmer. Papa laͤßt ſich nie vor drei oder vier Uhr ſehen, und Adelaide kommt immer ſpaͤt.“ „Welch' ein ſelbſtſuͤchtiges, kaltherziges Ding iſt doch das vornehme Leben! dachte Maria, als ſie und Emilie ſo ganz allein in den gläͤnzen⸗ den Saal ſaßen, von allem umringt, was der Luxus erfinden, und der Reichthum erkaufen kann, Mit Schmerz gedachte ſie, des liebevoll geſelligen 34 Lebens im Hauſe ihres Oheims. Einige jener unbedeutenden Weſen, die man ſtets in vornehmen Haͤuſern antrift, kamen jetzt 93 ins Zimmer und bald nachher trat auch Adelai⸗ de ein. Heftig zitternd wollte Maria an ihre Bruſt fliegen, aber Adelaide ſchien darauf vor⸗ bereitet, jede„Scene“ vermeiden zu wollen; denn mit einem kalten, aber im ſuͤßeſten Ton ge⸗ ſprochenen,„ich hoffe du befindeſt dich heute beſſer„ ſetzte ſie ſich an die entgegengeſetzte Seite des Ti⸗ ſches. Mariens Blut trat nach ihrem Herzen zu⸗ ruͤck,— ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, ohne daß ſie wußte weshalb; ſie vermochte nicht ihre Gefuͤhle zu zergliedern. Es wuͤrde ſie maͤch⸗ tig erſchuͤttert haben, ſich ihre Schweſter lieblos zu denken, ſie fuͤhlte aber, daß ſie es war. „Es liegt nur in der Verſchiedenheit unſerer Sitten,“ dachte Maria ſeufzend. Ich bin uͤber⸗ zeugt, daß meine Schweſter mich liebt, obgleich ſie es nicht auf die Art zeigt, wie ich es wuͤrde gezeigt haben.“ Mit Bewunderung und Zaͤrt⸗ lichkeit betrachtete ſie die ungemeine Schoͤnheit und den herrlichen Wuchs Adelaidens. Nie hatte ſie noch ſo außerordentliche Reize geſehen. Sie ſehn⸗ te ſich ihre Schweſter zu umarmen und ihr zu ſa⸗ gen, wie innig ſie ſie liebe. Adelaide aber hielt die gegenwaͤrtige Geſellſchaft unter ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit, denn nachdem ſie die vielen Schmeiche⸗ leien der Herrn angehoͤrt hatte, rief ſie einem Bedienten zu,„Sage Er dem Thomas, er ſolle Lady Julianen um die Morning⸗Poſt bitten, und um den zweiten Theil des franzoͤſiſchen Romans, den ich leſe, und er ſolle ihr ſagen, wenn ich 96 ‚ihn beendiget haͤtte wuͤrde ich thn ihr wieder zu⸗ ruͤckſenden.“ „Wie verſchteden! die Meuſchen doch; die nem⸗ liche Meinung ausſprechen,“ dachte Maria.“ Haͤtte ich meiner Mutter etwas ſazen laſſen, ſo wuͤrde ich mich ganz anders ausgedruͤckt haben. Meine Schweſter meint ſicher das. Nemliche, be⸗ zeichnet es aber nur mit anderen Worten. Der Bediente kam mit dem Zeitungsblatt zu⸗ ruͤck und brachte die Antwort, man w lle den Ro⸗ man ſenden, ſobald man ihn ſinden koͤnne. „Lady Juliane ließt nie wie andere Menſchen,“ agte ihre Tochter.„Sie verlor die erſten Theile von zwei neuen Romanen, ehe ich ſie noch geſehen hatte. 7, Ddieſes wurde in den fanſteſten, äßeſten xo ne geſagt, als wolle Adelaide ihrer Mutter eine Lobrede halten.— Mariens Gedanken verwirrten ſich mehr und mehr. „Was kann meine Schweſter hiermit ſagen wollen?“ dachte ſie.„Ihre Worte ſcheinen zu tadeln, ihre Stimme und ihr Läͤcheln hingegen druͤcken das ſuͤßeſte Lob aus. Wie richtig warnte mich meine gute Tante, die Menſchen nie nach ih⸗ ren Worten zu beurtheilen. 44 Im nemlichen Aum genblick oͤffnete ſ ch die e Thü⸗ te. Drei bis vier Hunde ſprangen ins Zimmer, 97 Jultane, mit einem Buche in der Hand, folgte ih⸗ nen. Maria ward aufs neue von den heftigſten Gefuͤhlen ergriffen; ſie verſuchte aufzuſtehen, ſank aber blaß und athemlos auf ihren Stuhl zu⸗ ruͤck. r Ihre Gemuͤthsbewegung blieb jedoch von der zͤrtlichen Mutter, die ſich nicht einmal um ihre Ge⸗ genwart zu kuͤmmern ſchien, gaͤnzlich unbeachtet. Miit einem grazioͤſen Kopfnicken gruͤßte ſie die Ge⸗ ſellſchaft, naͤherte ſich Adelaiden, beruͤhrte ihre Stirne mit ihren Lippen, und liſpelte:„Wie geht's meine Liebe? Ich fuͤrchte Du zuͤrnſt mir wegen dem albernen Roman. Ich begreife nicht, wo er ſtecken kann; aber hier iſt der dritte Band„ der weit huͤbſcher iſt als der zweite“. „Ich werde den dritten Band nicht wohl vor dem zweiten leſen koͤnnen,“ ſagte Adelaide mit ih⸗ rer gewoͤhnlichen Heiterkeit. „Dann will ich ein anderes Exemplar aus der Stadt kommen laſſen, Liebchen. Ich koͤnnte Dir aber auch den Inhalt des zweiten Theils er⸗ zaͤhlen; er iſt gar nicht intereſſant, ich verſichere Dir. Du weißt, Hermiſtlde,— aber ich vergaß wahr⸗ lich wo der erſte Theil endete.“—. Jetzt warf ſie ihre Augen auf Marien, die ihre ganze Kraft aufbot, um aufſtehen zu koͤnnen, und ſich ihr lang⸗ ſam naͤherte. Inliane ſtreckte ihrer Tochter einen Finger entgegen. Eifrig ergriff Maria ihrer Mut⸗ ter Hand, druͤckte ſie mit Inbrunſt an ihre Lip⸗ G Ehrſtand 2r Ln. 93 pen, und ſchmiegte ihr Geſicht an ihre Schulter, um ihre Thraͤnen zu verbergen. „Albern, mein Schatz!“ ſagte die gnaͤdige Ma⸗ ma murriſch, und machte ſich von ihrer Tochter los.„Du mußt Dich in der That beſtreben, die⸗ ſe thoͤrichten Schwaͤchen zu beſiegen; ſolche Scenen erſchuͤttern mich zu ſehr. Ich verſichere dir, daß ich mich ſchon geſtern Abend entſezlich erſchuͤttert fuͤhlte. Du haͤtteſt heute auf Deinem Zimmer blei⸗ ben ſollen.“ 3 Die Thraͤnen erſtarrten in Mariens Augen,. bei dieſer zaͤrtlichen Begruͤßung. Sie erhob das Haupt, als wolle ſie ſich uͤberzeugen ob dies wirk⸗ lich die Stimme ihrer Mutter ſei. Aber anſtatt der himmliſchen Erſcheinung, die ihr vorgeſchwebt hatte, erblickte ſie ein Geſicht, welches zwar noch reichliche Spuren von Schoͤnheit trug, aber dem Herzen kein angenehmes Gefuͤhl einfloͤßte. Häaͤufige Nachtſchwaͤrmereien, uͤbele Laune und Schminke hatten Julianens Schoͤnheit zerſtoͤrt. Wahr iſt's, daß ſie noch immer ſchoͤn genug war, um einen oberflaͤchlichen Beobachter zu blenden; aber nicht um dem Genuͤge zu leiſten, der den Ausdruck von Gefuͤhl und Seelenadel zu erbli⸗ cken wuͤnſchte. Marien ſchauderte beinahe vor den graͤmlichen bewegungsloſen Geſichtszuͤgen ih⸗ rer Mutter, zumal wenn ſie dieſe mit den heiteren ſanften Zuͤgen ihrer geliebten Pflegemutter verglich. Beſchaͤmt und niedergeſchlagen, ſchwieg ſie. N 99 „Wo iſt Doktor Redgill?“ fragte Juliane. „Er hat die Witterung einer Schildkroͤte, bei Admiral Yellowchops, in die Naſe bekommen,“ antwortete Herr P. „Wie ganz abſcheulich, daß er, das einzigemal, wo ich ihn, ſeitdem er hier iſt, zu ſprechen wuͤn⸗ ſche, nicht zu Hauſe ſeyn muß.“ „Wer iſt der beguͤnſtigte Sterbliche, deſſen Abweſenheit du ſo pathetiſch beklagſt?“ fragte Lord Courtland, der eben gemaͤchlich eintrat. „Der unangenehme Doktor Redgill. Er iſt irgendwo hingegangen um Schildkroͤte zu eßen, gerade zu der Zeit, wo ich ihn um Rath fragen wollte.—“ „Vermuthlich wegen der Schicklichkeit Ew. Herrlichkeit eine neue Nichte vorzuſtellen„“ ſagte Emilie mit angenommenem feierlichem Ton, indem ſie Marien ihrem Oheim vorfuͤhrte. Juliane run⸗ zelte die Stirne,— der Graf laͤchelte,— kuͤßte ſeine Nichte,— hoffte, ſie habe ſich von der Rei⸗ ſe erholt,— bemerkte, es ſei ſehr kalt, und kehr⸗ te ſich zu dem Papagei, dem er Schoͤn Papchen, u. ſ. w. vorſang. „Auf dieſe Weiſe wurde die arme Maria in ihre Familie eingefuͤhrt. Nur diejenigen, welche ſelbſt erfuhren, wie wehe es thut, wenn warme und lebhafte Gefuͤhle, mit Vernachlaͤßigung und Liebloſigkeit erwiedert werden, nur die vermoͤgen 180 mit Marien zu empfinden, wie ſchmerzlich es iſt, ſich von der Hand rauh zuruͤckgeſtoßen zu ſehen, der man Liebe bietet. Durch die ſchnoͤde Begegnung ihrer Mutter, war die beklagungswerthe Maria zu ſehr in Furcht geſetzt worden, um in ihrer Gegenwart, dem, was in ihrem Buſen ſprach, Laute zu geben. Sie folgte aber ihrer Schweſter als dieſe das Zimmer verließ, umſchlang ſie, und rief ihr, von ihren Empfindungen uͤberwaͤltiget, ſchluchzend zu:„Lie⸗ be mich, beſte Schweſter!— o, liebe mich!“ Doch Adelaidens Herz durch Selbſtliebe und Ei⸗ telkeit verhaͤrtet, war unfaͤhig ein anderes Ge⸗ ſchoͤpf als ſich ſelbſt zu lieben. Zum erſtenmal in ihrem Leben fuͤhlte ſie ſich verlegen und verwirrt. Die Thraͤnenguͤße, die flehende Stimme ihrer. Schweſter, redeten eine ihr gaͤnzlich unbekannte Sprache; denn die Kunſt iſt ſtets abgeneigt, die Sprache der Natur verſtehen zu wollen, und noch weniger kann ſie dieſe beantworten. Adelai⸗ de konnte daher nur über die Gemuͤthsbewegun⸗ gen ihrer Schweſter erſtäunen, und vermochte blos etwas, von ploͤtzlich uͤberfallen,— unga⸗ riſchem Waſſer,— ruhig verhalten, und dergl. zu ſagen,— was fuͤr Marien, die an ihrem Halſe hing, und von den heftigſten Empfindun⸗ gen beſtuͤrmt wurde, verloren ging. Endlich ge⸗ lang es Marien ſich etwas zu beruh igen.“ Ver⸗ gieb mir, liebe Schweſter,„ſagte ſie.“ Es iſt recht thoͤricht von mir, daß ich da weine, wo ich mich freuen ſollte,— und wie freue ich mich! Ich weiß 4 101 daß ich noch recht gluͤcklich ſehn werde!“ Trotz des ſchwachen Laͤchelns, welches dieſe Worte be⸗ gleitete, brach ein neuer Thraͤnenſtrom aus ihren Augen. „Ich bin verſichert, daß mir Deine Geſellſchaft unendliches Vergnuͤgen gewaͤhren wird,“ erwieder⸗ te Adelaide, mit ihrer angewoͤhuten Sanftmuth und Leutſeligkeit, indem ſie eins ihrer Loͤckchen ordne⸗ te.„Jetzt aber habe ich ungluͤcklicherweiſe Ab⸗ haltung. Es wird Dir jedoch nicht an Zeitver⸗ treib mnangeln. In jenem Zimmer findeſt Du mu⸗ ſikaliſche Inſtrumente, und hier liegen neue Flug⸗ blaͤtter und eine Menge? Zeichnungen, die Du viel⸗ leicht gerne durchſiehſt.“— Adelaide verſchwand. „Muſi kaliſche Inſtrumente und neue Flugblaͤt⸗ ter!“ wiederholte Maria unwillkuͤhrlich bei ſich ſelbſt.„Was habe ich damit zu thun?— Ach, nur ein guͤtiges Woͤrtchen aus meiner Mutter Mun⸗ de!— Nur einen liebevollen Blick von dem Auge meiner Schweſter!“ 4 aumt Gezwungen die Gefuͤhle zu unterdruͤcken, wel⸗ che ſie ſo gerne in den Buſen ihrer naͤchſten Verwandten ausgeſchuttet hatte,„Ferlag die arme Maria beinahe unter der Laſt derſelben. Emilie 3 unterbrach ſie in ihren träurigen Gedanken; Ma⸗ ria⸗h hielt äͤber ihren Kummer zu heilig ran ihn felbſt dieſer gütigen Frlundin zu verträuen. Sie zwang ſich daher heiter zu ſcheinen, und Altthoit an den Panei zu nehmen, welche Emilie ihr zun 102 Tagesbeluſtigung vorſchlug. Allein ſich unfaͤhig fuͤhlend, eine beſtaͤndige Anſtrengung zu ertragen, und vernehmend, daß eine große Geſellſchaft zur Mittagstafel erwartet wuͤrde, zog ſie ſich, trotz Emiliens Vorſtellungen, in ihr Zimmer zuruͤck, und ſchrieb, um ſich zu zeereu an ihre Preunde zu Glenfern. Wie Lady Juliane zur Tafel gehen ele„ beliebte es ihr einen Augenblick vorher nach ihrer Tochter zu ſehen. Sie war beſſer gelaunt, da ſie ſo eben einen neuen Anzug erhalten hatte, der ihr, nach den Zeugniſſen ihrer Zofe und ihres Spiegels, beſonders gut ſtand. 4 Mariens Herz ſchlug dem Weſen, welchem ſie das Leben verdankte, aufs neue entgegen. Weil ſie ſich aber fuͤrchtete ihre Empfindungen an den Tag zu legen, beſchraͤnkte ſie ſich auf den ſtum⸗ men Blick der Verehrung. Doch ein weniger an⸗ genehmes Gefuͤhl ergrief ſie, als ſi ie zum erſtenmal bemerkte, daß ihre Mutter nicht in Trauer ſei. Juliane bemerkte ihr Befremden, war aber weit entfernt, die wahre Urſache davon zu erra⸗ then.„Dein Anzug iſt ſehr altmodiſch, meine Liebe, ſagte ſie, ihre Geſtalt mit der ihrer Toch⸗ ter in zinem großen Spiegel vergleichend.„Hier haſt Du nicht noͤthig Trauerkleider zu tragen. Ich * werde meiner Kammerfrau befehlen, Dir andere Kleider zu geben, ob Du zwar nicht oft Gelegen⸗ keit haben wirſt Dich zu putzen, da Dein hieſiger * 103 Auffenthalt nur kurz ſeyn wird, und es mithin am beſten iſt, daß Du Dich gar nicht zeigſt. Apro⸗ pos: Du wirſt vermuthlich Langeweile haben, ſo allein zu ſitzen. Nicht wahr? Ich will Dir meine liebe Blanche zur Geſellſchaft laſſen.“— Hiebei kuͤßte ſie ein franzoͤſiſches Schooshuͤndchen und legte es auf Mariens Schooß.—„Du mußt aber huͤbſch mit ihr umgehen, und ihr ſchoͤn thun, und ſie recht lieb haben. Meine ſiß Blanche muß nicht geaͤrgert werden, nein, jck nicht!“ Dann kuͤßte ſie ihr Huͤndchen nochmals, ſagte ihrer Toch⸗ ter, ein„Lebewohl mein Schatz!“ und verließ ſie, um mit ihren Reizen vor einer großen Ge⸗ ſellſchaft zu glaͤnzen. Maria blieb im einſamen Stuͤbchen mit ihren Gedanken und einem winſeln⸗ den mißvergnuͤgten Schooshuͤndchen. ——ℳ—V XII. Jeder Periode des Lebens gab die Natur ein Heilmittel gegen den Schmerz; freudig auflodern⸗ des Feuer der Jugend, Standhaftigkeit dem Man⸗ ne, dem Greis der Gefuͤhle Erkaltung. Trotz allen Taͤuſchungen des vorigen Tages, erwachte Maria am andern Morgen, mit neuen Hoffnun⸗ gen.— „Wie thoͤricht war ich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt⸗ Dinge ſo ernſt aufzunehmen, die ſicher nur aus * 104 G Verſchiedenheit der Sitten entſpringen. Gewiß es waͤre unedel, verlangte ich, daß die Sitten Anderer mit den meinigen uͤbereinſtimmen muͤß⸗ ten. Da ich nunmehr den erſten Eindruck uͤber⸗ wunden habe, werde ich ſicher auch Jedermann liebenswuͤrdig finden. Maria vernuͤnfelte ſo lange mit ſich ſelbſt, bis ſie ſich uͤberzeugte, das Unrecht ſei auf ihrer Seite. Mit erneuertem Muth begleitete ſie ihre Couſine ins Fruͤhſtuͤckzimmer. Die Gaͤſte waren ſaͤmmtlich abgereißt, aber Doktor Redgill zuruͤck⸗ gekehrt. Einſam ſaß er da, doch ſchien er, em⸗ ſig mit einer Reihe von Schuͤßeln beſchaͤftigt, die Geſellſchaft zu vermißen. Eine hervorragende Stirne, eine große feuerrothe Naſe, ein breites ſpeckiges Kinn bezeichnete die Phyſiognomie, gi⸗ gantiſche Groͤße und ein Fettwanſt den Koͤrperbau dieſer neuen Bekanntſchaft Mariens. „Guten Morgen, meine Damen!“ murmelte er kauend und ſich ein wenig von ſeinem Sitz er⸗ hebend.„Ihr Diener, Lady Emilie,— ver⸗ muthlich Miß Douglas— Hem! Erlauben mir Ew. Gnaden die Klingel zu ziehen.“— Dabei ruͤhrte er weder Hand noch Fuß.— Als Emilie ſelbſt geklingelt hatte, fuhr er fort:„Auf Ehre Lady Emilie, das heißt nicht huͤbſch mit mir ver⸗ fahren. Warum haben Sie's mir nicht befohlen? Sie ſind ſo flink, den Mann moͤcht ich ſehen, der ſchneller iſt als Sie.“ 105 „Ich weiß, daß Sie einen ſchweren Dienſt hatten, Doktor, unb deshalb war ich ſo men⸗ ſcheufreundlich, Sie nicht noch mehr ermuͤden zu wollen. „Ermüuͤden, Pah! Ich ſcheue Ermuͤdung ſo wenig als irgend Jemand. Ueberdies verlohnt ſich's nicht der Muͤhe, davon zu reden. Ich kam heute früh blos von meinem Freunde dem Ad⸗ miral Yellowchop her. „Ich vermuthe daß Sie geſtern einen ange⸗ dehüre 1 bei im zubrachtene „ ſo,— ſehr ordingir„“ verſetzte der Detat „Nur ſo, ſo, und doch wurde eine Schild⸗ kroͤte dort verſpeißt?“ „Pah!— Mit der Schildkroͤte war's hier nichts und dort nichts. Ich frage nicht viel nach Schildkroͤten, dem Ding zu Gefallen beſuchte ich meinen alten Freund Yellowchop nicht. Freilich, war zufaͤllig eine Schildkroͤte auf der Tafel, und ſehr gut zubereitet war ſie auch. Wo aber fuͤnf und dreißig Perſonen am Tiſche ſitzen, die Haͤlf⸗ te obendrein Damen, denen, wie ſich verſteht, zuerſt vorgelegt wird, da hat, meiner Meinung nach, alle vernuͤnftige Gluͤckſeligkeit ein Ende.“ „Aber bei einem Schildkroͤtenſchmauße haben Sie doch gewiß etwas Vorzuͤglicheres. Vernuͤnf⸗ tige Gluͤckſeligkeit koͤnnen Sie ja jeden Tag, bei Rindsſchnitten genießen.“ 106 „Bitte ſehr um Verzeihung,— das iſt leicht geſagt, aber nicht ſo leicht gethan. Ich verſiche⸗ re Sie, daß es keine geringe Kunſt iſt, Rinds⸗ ſchnitten gut zu braten. Ueberdies, wenn ein Menſch ſie in ihrer Vollkommenheit genießen ſoll, ſo muß er ſie ganz allein eſſen. Wenn man einmal Worte dabei wechſelt, ſo taugt's ſchon nichts. Einſt ſah ich die ſchoͤnſte Rindsſchnitte, die mir je vor Augen kam, total verderben, weil ein alberner Burſche den anderen fragte, ob er ſie gerne fett eſſe. Ob er gerne fett eſſe!— Wie kann ein vernuͤnftiges Weſen ſolche Frage thun? Aus⸗ gemacht iſt, eine Rindsſchnitte gleicht dem guten Ruf eines Frauenzimmers: ein Hauch verdirbt beide.“ „Meine Amme erzaͤhlte mir in meiner Kind⸗ heit oft ein Geſchichtchen, wie ſie einen reiſenden Taſchenſpieler eine Rindsſchnitte auf ſeiner Zunge habe braten ſehen,“ ſagte Maria. Dem Doktor blieb der Bißen im Munde ſte⸗ cken. Zum erſtenmale blickte er Marien mit Be⸗ wunderung an. „Auf Ehre das war das ſchoͤnſte Kunſtſtuͤck, von dem ich je hoͤrte! Die Schotten ſind ein wunderſames Volk,— ein ſehr bewunderungs⸗ werthes Volk!— Aber, ich bitte Sie, unterſuch⸗ te die Amme die Zunge des Burſchen?“ „Ich glaube nicht, daß ihre Liebe zur Kunſt ſo groß war, daß ſie es wagen wollte ſich die Finger zu verbrennen,“ verſetzte Maria. 107 „Das iſt Jammer und Schade,“ ſagte der Doktor, verdrießlich das Kinn ſenkend.„Ich bin erſtaunt, daß keiner Ihrer ſchottiſchen Gelehrten den Burſchen feſthielt und ihm ſein Geheimniß abpreßte. Das waͤre eine wichtige Entdeckung ge⸗ weſen,— eine hoͤchſt wichtige Entdeckung! Die Schotten laſſen ſich ſonſt nicht gern etwas ent⸗ wiſchen,— ein ſehr ſcharfſinniges, forſchendes Volk ſind ſie,— und das iſt der einzige Weg zur Wiſſenſchaft zu gelangen. Der Menſch muß nachforſchen, genau unterſuchen, wenn er etwas Gutes ſtiften will.“ „Eine arme Frau wuͤnſcht dem Herrn Dok⸗ tor zu ſprechen,“ meldete ein Bedienter. „Dieſe armen Weiber ſind die wahre Peſt der menſchlichen Geſellſchaft,“ ſagte der Dok⸗ tor, deſſen Naſe immer dunkelrother wurde. „Man kann vor ihnen nicht ruhig auf ſeinem Stuhle ſitzen bleiben,— da iſt immerfort der Hen⸗ los! Bald verbrennen, bald ſtoßen, bald ſchnei⸗ den ſie ſich und ihre Baͤlge. Man ſollte wahr⸗ lich glauben, ſie thaͤten es mit Vorſatz, blos um den Leuten Muͤhe zu machen. „Daran zweifle ich nicht im mindeſten,“ er⸗ wiederte Emilie.„Ihr ſympathetiſches Gefuͤhl muß ihnen ſo ſchmerzlindernd ſeyn.“ „Keunten Sie, Lady Emilie, die armen Weiber ſo gut als ich, ſo wuͤrden Sie nicht ſo viel auf ſie halten. Glauben Sie mir auf mein 4 108 Wort,— ſie ſind ſammt und ſonders ein gie⸗ riges, undankbares Pack, das man von ſich ab⸗ halten muß.“ 4 „Und folglich auch muß warten laſſen. Da die Zeit der einzige Reichthum der Armen iſt, ſo ziehen Sie, auf dieſe Weiſe, ein ganz artiges Honorar von ihnen.“ „Die Bemerkung haͤtte ich, in der That, nicht von Ihnen erwartet, Lady Emilie. Ich muß mir die Freiheit nehmen zu ſagen, daß Ew. Gna⸗ den mir himmelſchrkiendes Unrecht thun. Sie muͤſ⸗ ſen wißen, wie bereit ich bin zur Huͤlfe zu fliegen, wo wirkiiche Gefahr vorhanden iſt.— Der Doktor er⸗ hob ſich, als ſei er auf ſeinem Sitz angepicht.— „Erſt in der vorigen Woche ſtand ich von mei⸗ ner Mahlzeit auf, da ich mich aber ſatt gegeſſen hatte, um einen Mann zu beſuchen, der in Ohn⸗ macht gefallen war; und jetzt gehe ich zu der Frau, der gewiß nichts fehlt, ehe noch das Fruͤh⸗ ſtuͤck die Kehle hinunter iſt.“⸗ „Wer iſt der Herr?“ fragte Maria nach⸗ dem der Doktor, unwillig genug, aus dem Zim⸗ mer gewatſchelt war. 18 „Es iſt ſo, eine Art von arztlichen Geſell⸗ ſchaften meines Papachens, der ſich, der guten Koſt wegen, hier ganz angeſiedelt hat. Der Menſch iſt, wie Du ſchon bemerkt haben mußt, gemein, egoiſtiſch und ein Gutſchmecker; dies ſind ſeine Haupttugenden. Papa will aber, wie alle ge⸗ 109 maͤchliche Menſchen, unterhalten ſeyn, und wird es leider nie von vernaͤnftigen Leuten. Er verlangt et⸗ was Pikantes, und nichts ermuͤdet ihn mehr als ein vernuͤnftiges Geſpraͤch. Er will jemand um ſich haben, der fein genug iſt, ſeinen Schwaͤchen zu huldigen, und da hat er denn ſeinen Mann an Doktor Redgill gefunden, deſſen Charakter ein jedes Kind, auf den erſten Blick, beurtheilen kann. „Dazu gehoͤrt wahrlich nicht viel Scharfſinn,“ um zu entdecken, daß des Doktors Hauptleiden⸗ ſchaft in Bequemlichkeitsliebe und Egoismus be⸗ ſteht,“ verſetzte Maria.„Wenn er ſo im Lehn⸗ ſtuhl ſitzt, mit den Fuͤßen auf dem Kaminſchutz⸗ bret, die Haͤnde kreuzweiſe uͤbereinander geſchla⸗ gen, ſo ſieht er aus, als ſei er keines andern Gedankens faͤhig, außer dem:„Ich bin neugie⸗ rig, was wir wohl heute zu eſſen haben werden?“ Das freut mich ſehr von Ihnen zu hoͤren, Miß Douglas,,“ rief der Doktor, der wieder ins Zimmer trat und Mariens letzte Worte vernom⸗ men hatte, die er fuͤr eigene Herzensergießungen hielt.„Das freut mich recht ſehr, Sie ſo reden zu hoͤren, ich denke wir laſſen uns den Kuͤchen⸗ zettel holen.“— Alsbald klingelte er und ſagte zu dem eintretenden Bedienten; Monſieur Gril⸗ lade ſoll den Kuͤchenzettel herauf ſchicken. Miß Douglas wuͤnſcht ihn zu ſehen.“ „Die jungen Damen in Schottland ſind weit beſſere Hausfrauen als die Englaͤnderinnen, fuhr 1 der Doktor fort, und ſetzte ſich ſo nahe als moͤg⸗ lich zu Marien.„Wenigſtens waren ſie es, wie ich in Schottland war, das iſt aber ſchon ziem⸗ lich lange her, und vieles kann ſich ſeitdem, dort geaͤndert haben. Ich ſtudirte die Arzeneikunde in Edinburg und machte eine Reiſe in die Hochlan⸗ de. Was ich dort ſah, geſiel mir ſehr gut, das kann ich Ihnen verſichern. Ein ſchoͤnes Land in manchem Betracht;— die Natur war ſehr freigebig gegen das Land.“ Mariens Herz ſchlug freudig bei dem Lob ihres Geburtlandes, das ſogar ein Doktor Red⸗ gill prieß. Ihr Gewißen machte ihr Vorwuͤrfe, den braven Mann ſo vorſchnell getadelt zu haben. „Wer faͤhig iſt, die erhabene Pracht der Hoch⸗ lande zu bewundern, der muß auch Gefuͤhl beſi⸗ zen,“ Lady Julianens Hereintreten verhinderte ſie, dieſe Idee weiter zu verfolgen.. Nachdem Juliane ihre Tochter ſo obenhin ge⸗ gruͤßt und ihre Bandſchleifen zurecht gezogen hat: te, begann ſie alſo:„die Geſundheit dieſer jungen Perſon macht mir ſehr bange,“ und ich wuͤnſch⸗ te Sie, Doctor Redgill, deshalb um Rath zu fragen.— Nicht wahr mein Kind, Du befandeſt Diſch außerordentlich uͤbel?— Sei ruhig ſuͤße Blan⸗ chel— Ich glaube Du hatteſt einen Huſten und eine Menge anderer Uebel.— Und da ihre ſchott⸗ ländiſchen Verwandten ſie, blos ihrer Geſundheit wegen, auf eine kurze Zeit zu mir ſchickten,— praͤchtiges Jolichen, du treibſt's doch zu arg!— 111 ſo glaube ich, daß es rathſam ſeyn wird, ſie den Winter hendrach in ihrem Zimmer bleiben zu laſſen, damit ſie gegen das Fruͤhjahr wieder geſund und ſtark iſt. Von Beſuche geben und in Ge⸗ ſellſchaft gehen kann folglich gar nicht die Rede ſeyn. Du kannſt dem Herrn Doktor uͤbrigens ſelbſt ſa⸗ gen was dir fehlt.“ Maria wollte reden, aber die Worte erſtick⸗ ten auf ihren Lippen. „Die gnaͤdige Frau machen mich ganz confus,“ ſagte der Doktor, zog ſeine Brille hervor, ſetzte ſie auf und ließ ihre Strahlen auf Mariens Ant⸗ liz ſchießen.—„Ich meinestheils haͤtte nie erra-⸗ then, daß der jungen Dame das mindeſte fehle. — Wahr iſt's daß ſie ein wenig delicat ausſieht, — auch die Farbe wechſelt.— Aber,— kuͤhle Hand,— gleichſchlagender Puls, ein wenig unge⸗ ſtum, das iſt wahr, bedeutet aber nichts, und der Appetit iſt treflich. Ich geſtehe, daß ich mich verwunderte, wie Sie nach den herrlichen Mahl⸗ zeiten im Norden noch ſo gut ausſieht. Hier finden Sie nur elende Broken. Ein engliſches Fruͤhſtuͤck iſt, in der That, ein ſchaales Ding.“— Der Dokter blickte veraͤchtlich auf die Eier, Ku⸗ chen, Butterbrode, eingemachten Fruͤchte, u. ſ. w., mit denen er ſich umgeben hatte,„Wenn ich nicht, 4 „fuhr er fort,„es mir zum Geſez gemacht haͤt⸗ te, fruͤh auszugehen und mir regelmaͤßige Bewe⸗ gung zu machen, ſo zweiſle ich daß ich einen Mund⸗ voll hinunterbringen koͤnnte. Hier findet man nichts, 112 4 um den Appetit zu reizen, und ſo iſt's uͤberall. Yellowchop ſagte ſehr richtig, daß unſere Art zu fruͤhſtuͤcken die Schande Englands ſei. Man ſoll⸗ te glauben, der ganzen Nation ſei Thee und ge⸗ roͤſtetes Butterbrod zur Diaͤt verordnet. Vom Landende an bis Berwick an der Tweed nichts als Thee und geroͤſtetes Butterbrod!— Ew. Gnaden muͤſſen den Vorzug der Schotten in An⸗ ſehung dieſes Gegenſtandes anerkennen. G „ Mich ekelten die ſchottiſchen Fruͤhſtuͤcke, wie das ganze Land—.“. „Ei, Ei, das ſetzt mich wirklich in Erſtau⸗ nen.— Das Volk gebe ich.iß— das iſt ſchmuzig und gierig,— das Land iſt ein wah⸗ rer Kothhaufen,— und die Mahlzeiten ſind nicht gut genug fuͤr die Hunde,— ich meine die Art der Zubereitung, denn die Materialien ſind vor⸗ treflich.— Aber die Fruͤhſtuͤcke, die ſind es, was dem Lande Ehre macht, jedes Land hat ſeine eigenthuͤmlichen Vorzuͤge. In Argyleſhire giebt's den vortrefflichſten Hering, fett, fuͤß, delikat, friſch aus dem Waſſer, faͤllt vor Zartheit auseinander, ſchmilzt wie Butter auf der Zunge. In Aber⸗ deenſhire ſindet man Schellfiſche von ganz eige⸗ „Bißen,— ein wenig unverdaulich, dem aber mit einem Theeloͤffel voll Kornbrantwein leicht ab: zu⸗ nem Geſchmack, gerade hinlaͤnglich geſalzen um 1 pikant zu ſeyn, ohne daß man vor Durſt her⸗ nach vertrocknet. In Pertſhire hat man Lachſe aus dem Tay, muͤrbe, ſaftig,— ein herrlicher 5 113 zuhelfen iſt. In andern Gegenden ſindet man ganz himmliſche Haͤmmel, aus denen man die de⸗ likateſten Schinken macht; weiße und weiche Wei⸗ zenmehlkuchen; duͤnne und muͤrbe Hafermehlkuchen; Marmeladen und Conſerven jeder Gattung; und — aber ich bitte um Verzeihung,— Ew. Gna⸗ den ſprechen von der Geſundheit der jungen Da⸗ me.— Auf Ehre! ich ſehe nichts von Bedeutung. — Wir wollten eben den Kuͤchenzettel miteinan⸗ der durchſehen, als Ew. Gnaden hereinkamen. Ich ſehe, er beginnt mit der ewigen Geſundheits⸗ ſuppe, und dem elenden Reißbrei. Dies iſt ſeit einer Woche der zweite Tag, daß es dem Mon⸗ ſieur Grillade beliebte, uns das Zeug aufzuti⸗ ſchen. Geſtern waren es vierzehn Tage, daß wir weder Schildkroͤtenſuppe, noch Auſtern auf der Tafel ſahen. Auf Ehre! eine ſolche Vernachlaäͤ⸗ ßigung iſt zu ſchaͤndlich. Ich weiß, daß Courtland die Geſundheitſuppen verabſchent, oder, was das nemliche iſt, ſie gleichguͤltig anſieht;— denn ich halte Gleichguͤltigkeit und Abſcheu fuͤr ein und daſſelbe. Die Gleichguͤltigkeit des Menſchen ge⸗ gen ſeine Mahlzeit, iſt eine ſehr ernſte Sache, und das werde ich dem Monſieur Grillade ſchon ſagen;“— des Doktors Kinn ſtieg und ſiel gleich den bewegten Wellen des Oceans „Wie heißt der Arzt zu Briſtol, der ſo be⸗ ruͤhmt iſt Schwindſuͤchtige zu kuriren?“ fragte Lady Juliane ihre Tochter Adelaide.„Ich wer⸗ de ihn kommen laſſen. Er iſt der einzige auf eheſtand r S. H . 1 Ao 114 den ich Vertrauen ſetze. Ich weiß, daß er Schwind⸗ ſuͤchtigen ſtets empfiehlt, das Zimmer zu huͤten.“ Thraͤnen troͤpfelten aus Mariens Augen. Juliane ſah ſie mit Strenge und Verwunderung an. „Wie langweilig! Ich kann in der Thar dieſe ewigen Scenen nicht ertragen. Liebe Ade⸗ laide, ſei ſo gut, mein Eau de Luͤce kommen. zu laſſen. Doktor Redgill, ſezen Sie dem Feuer⸗ ſchirm hieher. Es iſt unertraͤglich heiß im Zim⸗ mer. Meine Huͤndchen werden ja lebendig gebra⸗ ten;“— die gnaͤdige Dame brauſte in der uͤbel⸗ ſten Laune hin und her.„ „Auf Ehre! Ich finde es nicht zu heiß im Zimmer,“ ſagte der Doktor, deſſen Scharfſinn nicht hinreichte, die Gefuͤhle anderer zu durchſchau⸗ en.„Mir war es ſchon oͤfters zu warm, wenn die gnaͤdige Frau uͤber Kaͤlte klagten. Aber auf die Gefuͤhle der Menſchen iſt nicht zu gehen. Wollten Sie ſo gnaͤdig ſeyn, ſich ein wenig hie⸗ ¹her zu ſezen, ſo würden Sie ſich kühler beſin⸗ den, und was Ihre Tochter betrifft, 8 „Doktor Redgill, ich bat ſie ſchon oft ſich dergleichen vertraulichen Benennungen zu enthal⸗ ten, wenn Sie mich oder jemand von meiner Fa⸗ milie anreden,“ unterbrach ihn Juliane ſtolz. „Ich bitte um Verzeihung,“ erwiederte der Doktor, ohne ſich durch dieſen Verweis außer Faf⸗ ſung bringen zu laſſen.„Alſo, was Miß- b 8 3 115 Miß— dieſe junge Dame anbetrifft, ſo kann ich Ew. Gnaden verſichern, daß Sie ihrentwegen nichts zu befuͤrchten haben. Sie iſt ein wenig nervenſchwach, das iſt alles. Fuͤhren Sie ſie ja umher. Alle junge Damen laufen gerne umher. Zeigen Sie ihr die Quellen, und den Ballſaal, und die Kramlaͤden, und die Seiltaͤnzer, und die wilden Thiere dann wird's nichts mit ihr zu ſagen haben. Ich verordne nie, weder Mann, Weib, noch Kind im Zimmer zu bleiben. Das verdirbt den Appetit und der Appetit iſt unſer be⸗ ſtes Theil. Was waͤren wir ohne Appetit? Elen⸗ de Geſchoͤpf! Elender als die Thiere des Feldes.“ — Der Doktor watſchelte hinweg, um Monſiner Grillade eine Vorleſung zu halten, uͤber die Gott⸗ loſigkeit, dieſen beſten Theil der Menſchheit zu vernachlaͤßigen. „Es ſcheint mir höchſt ſeltſam,“ ſagte Lady Inliane zu ihrer Tochter Maria,„daß Mſtrs Douglas mich ſo ſehr wegen deiner Geſundheit in Angſt ſetzte, da dir doch nichts zu fehlen ſcheint. Sie ging wahrlich nicht ſchonend mit meinen Ge⸗ fuͤhlen um. Ich kann's wahrlich nicht begreifen, und muß frei geſtehen, wenn du dich nicht krank fuͤhlſt, deine ſchottlaͤndiſchen Verwandten mich aus⸗ nehmend uͤbel behandelten,“— In großem Aer⸗ ger verließ die ungnaͤdige Dame das⸗ Zimmer, ohne auf den Zuſtand zu achten, in den ſie ihre Tochter verſetzt hatte. Mariens Empfindungen konnten jetzt nicht hoͤher ſteigen. Sie ließ dem bisher unterdruͤckten H 2 116 ¹ 1 Schmerz freien Lauf. Emillie die ſich am anderen Ende des Zimmers beſchäͤftiget, und nichts von dem Vorgefallenen gehoͤrt hatte, flog ſogleich auf ſie zu und fragte Adelaiden, was ihrer Schwe⸗ ſter begegnet ſei? „Ich weiß es in der That nicht,“ antwor⸗ tete Adelaide, ganz ruhig von ihrem Buche auf⸗ blickend.„Lady Juliane iſt jeden Morgen uͤbler Laune.⸗) „S, nein!“ rief Maria, ſich beſtrebend Faſ⸗ ſung zu erringen.„Die Schuld liegt an mir. Ich, ich habe meine Mutter beleidiget; wie? weiß ich nicht. Sag't mir,— o, ſag't mir, wie ich ihre Verzeihung erlangen kann! „Ihre Verzeihung erlangen!“ wiederholke Emi⸗ lie mit Unwillen.„Weshalb?“ „Ach! ich weiß es nicht. Auf eine oder die andere Weiſe habe ich mir das Mißfallen mei⸗ ner Mutter zugezogen. Ihre Blicke,— ihre Worte,— ihr Betragen, alles beweißt mir, daß ſie unzufrieden mit mir iſt, da ſie doch ge⸗ gen meine Schweſter, ja ſogar gegen ihre Hun⸗ 4 de—“ Mariens Gemuͤthsbewegung erſtickte ihre Stimme. „Wenn Du erwarteſt, ſo gut wie die Hun⸗ de gehalten zu werden, ſo wirſt Du dich ge⸗ taͤuſcht ſehen,“ ſagte Emilie.„Es nimmt mich Wunder, daß Mſtrs Douglas dir nicht fruͤher 1 2——— 117 ſagte, was Dich hier erwartete. Ihr mußte Lady Julianens Benehmen bekannt ſeyn. Sie haͤtte Dich vorbereiten ſollen.“ Maria fuͤhlte ſich gekraͤnkt, beſtrebte ſich aber, ihre Aufwallung zu bekaͤmpfen.„Mſtrs Dou⸗ glas ſprach nie mit Geringſchaͤtzung von meiner Mutter,“ ſagte ſie.„Aber ſie warnte mich, nicht zu viel von ihrer Liebe zu erwarten. Sie ſagte, ich ſei dem Mutterherzen zu lange fremd geblieben um noch Raum darin zu finden. Al⸗ lein dennoch—“ „Unmsglich konnteſt Du die Art, mit der Du aufgenommen wurdeſt, vorausſehen. Ich eben ſo wenig. Konnteſt Du es Adelaide?“ „Lady Juliane iſt zuweilen ſo ſeltſam, daß ich mich uͤber nichts, was ſie thut, verwundere,“ antwortete ihre Lieblingstochter im ſuͤßeſten To⸗ ne.„Allein dieſer ganze Laͤrm ſcheint mir hoͤchſt albern, da ſich doch niemand um das bekuͤm⸗ mert was ſie ſagt. „Unmoͤglich!“ rief Maria.„Kindespflicht gebietet mir, meine Mutter zu verehren. Mein ganzes Beſtreben muß dahin gehen, ihre Lieb⸗ zu erwerben; wuͤßte ich nur auf welche Weiſe. Ach, wollte ſie ſich nur von mir lieben laſſen!“ Adelaide blickte ihre Schweſter mit Erſtau⸗ nen an, ſtand auf und verließ ein italieniſches Liedchen ſummend, das Zimmer. 118 Emilie, die bei ihrer Couſine blieb, war gleichfalls keine gute Troͤſterin. Ihr Haß ge⸗ gen den Unterdruͤcker war ſtets heftiger als ih⸗ re Theilnahme an den Unterdruͤckten. Weit lie⸗ ber haͤtte ſie die Mutter weidlich ausgezandt als die Tochter getroͤſtet. Maria wollte ſich jedoch, in der Stunde der Prufung„ nicht blos auf ſchwache Sterbliche verlaſſen. Sie fuͤhlte, daß wahre Huͤlfe, ihr nur von Oben kommen koͤnne, und ſuchte dah er Vaſ im Gebet. „Dies Alles muß mir zum Beſten dienen, ſonſt waͤre es nicht geſchehen,“¹ dachte ſie ſchwer ſeufzend.„Ich hatte mir ein zu lebhaftes Bild von Gluͤckſeligkeit getraͤumt, meine Zaͤhren ha⸗ ben es verwiſcht. Ich muß mir es mit gemaͤſ⸗ ſ gteren Farben ſchildern.“ Ach! Maria wußte nicht, wie mauches ſchs⸗ ne Gemaͤlde menſchlicher Gluͤckſeligkeit gleiches Stzeſ mit dem ihrigen hat. —— XIII. Maria ſchrieb an ihre vahre muͤterliche Freun⸗ dinz aber nicht ſo wie manche von romanhaften Ideen ergriffene Damen es in ſolchen Faͤllen zu thun pflegen, die ein ausfuͤhrliches und hoͤchſt — — 119 umſtaͤndliches Gemaͤlde ihres Elends entwerfen und in empfindſamen Ausdruͤcken, jedes Mitglied der Familie, in die ſie eintreten, herabzuwuͤrdigen ſuchen. Maria fuͤhlte, daß wenn ſie nur ein Woͤrtchen von ihrer ungluͤcklichen Lage fallen laße, ſie die Ruhe ihrer Lieben truͤben wuͤrde; deshalb ſuchte ſie ihren Verwandten die Vereitlung ihrer Hoffnungen, moͤglichſt zu verbergen. Unter man⸗ chem Seufzer und mancher Thraͤne wurde ein Brief fertig, den ſie fuͤr geeignet hielt, ihren Freunden zu Glenfern einige Freude zu machen. Ueber die Zaͤrtlichkeit ihrer Mutter und die Lie⸗ be ihrer Schweſter konnte ſie nicht viel ſagen, aber ſie ſchilderte die Grazie der einen und die Schoͤnheit der andern. Von der warmen Auf⸗ nahme ihres Oheims konnte ſie eben ſo wenig reden, aber ſie lobte ſeine gute Laune. Deſto weitlaͤuftiger verbreitete ſie ſich uber Emiliens Guͤte und Aufmerkſamkeit. Sogar Doktor Red⸗ gills Lob der ſchottlaͤndiſchen Fruͤhſtuͤcke theilte ſie ihren guten Großtanten zum fuͤßen Genuße mit. „Ich glaube, ich meine,“ ſagte Miß Gris⸗ helde, nachdem ſie Mariens Schreiben zum fuͤnf⸗ ein ſehr gluͤckliches Geſchoͤpfchen ſeyn; das iſt nicht zu laͤngnen. Jedermann muß geſtehen, daß Lady Juliane ein ſehr grazioͤſes Weſen iſt, und ſeit wir ſie nicht ſahen, was, wie Ihr wißt, ſchon lange her iß, muß ſie es och mehr geworden ſeyn.“ „ ℳ 3. „Die Seele kann, durch die Reihe der Jah⸗ re, gewonnen haben,“ erwiederte Johanna, mit uͤberweiſem Blicke.„Die Perſon aber ſchwer⸗ lich.“ „Gliche das Innere dem Aeußeren, ſ he⸗ duͤrfte es keiner Verbeſſerung,“ bemerkte Nico⸗ line. 8 „Meiner Ueberzeugung nach habt Ihr beide Recht,“ verſetzte die weiſe Grishelde.„Ich bezweifele es ganz und gar nicht, daß unſere liebe Nichte nicht ſehr viel klüger ſeyn ſollte, als ehedem. Niemand kann es laͤugnen, daß ſie nicht weit aͤlter geworden iſt, und Ihr wißt ja, daß wenn die Leute aͤlter werden, ſie auch an Klugheit zunehmen.“ „Sie ſollten es wenigſtens,“ ſagte Jehann mit Nachdruck. Ein alter Thor, iſt der groͤßte Ther rief Nicoline. „Welch' ein ſeruliches Geſchoͤpf muß unſfre Nichte Adelaide nach Mariechens Beſchreibung ſeyn,“ ſagte Grishelde.„Ich kann nur nicht bpegreifen, warum ſie ſchwarze Augen hat. Keins von uns allen hat ſchwarze Augen. Die Kilna⸗ croish Familie hat freilich lauter ſchwarze, und die Urgroßmutter des Kilnacroish war Geſchwi⸗ ſterkind im zweiten Grad, mit der Tante unſers Großvaters von der Mutter Seite. Es iſt wun⸗ 121 derbar, wie eine Aehnlichkeit in manchen alten Familien ſich ſo fortſpinnen kann. Ich kann's mir auf keine natuͤrliche Weiſe erklaͤren, daß un⸗ ſere Nichte Adelaide ſchwarze Augen hat, als von der Familie Kilnacroish her. Denn ich bin ganz uͤberzeugt, daß Adelaide ſie von uns hat, da Kinder ſtets die Augen vom Vater her haben. Jedermann weiß, daß Becky, Bella und Baby ihrem guten Vater ſo aͤhnlich ſehen, als ein Ei dem andern.“ „Die Mannigfaltigkeiten der menſchlichen Bildung laßen ſich nicht erklaͤren,“ erwiederte Johanna. „Aehnlichkeit iſt kein gutes Zeichen,“ be⸗ merkte Nicoline. „Und denkt nur,“ fuhr Grishelde fort, daß ſie ſo viel groͤßer iſt als Mariechen, und es ſind doch Zwillinge! Ich behaupte, daß das ein wahres Wunder iſt. Ich meinte, zweifelte auch nicht im mindeſten, daß ſie dieſelbe Hoͤhe haͤtten.— Uud dann ſo ein ſchoͤnes Roth, da wir Marien ſtets fuͤr blaß hielten.— Es iſt unerklaͤrbar!“. „Du vergißt,“ ſagte Johanna, die ihr vor achtzehn Jahren verworfenes Fuͤtterungsſyſtem noch nicht vergeſſen hatte;„Du vergißt meine damalige Prophezeiung.“ Vom Wechſeln entſtand nie etwas Gutes,“ fuͤgte Nicoline hinzu. 87 1²² „ Das iſt gewiß und wahrhaftig wahr,“ erwiederte Grishelde.„Wir können dem Him⸗ mel danken, daß Maria nicht zur Zwergin wur⸗ de. Ich meinte wirklich, ſie wuͤrde es bleiben, bis ſie endlich im ehevorigen Sommer einen Schuß that.“ 4 1 „Die enoliſchen Frauen ſind alle kleine Knirp⸗ ſe,“ ſagte Nicoline, die drei bis vier ihr ganzes Leben hindurch geſehen hatte.— „ Das iſt denn doch ein großer Troſt fuͤr uns Alle und fuͤr ſie ſelbſt, daß unſer liebes Mariechen ſo, gluͤcklich iſt,“ verſetzte Grishelde. „Ich wuͤßte wahr und wahrhaftig nicht, was ſie haͤtte anfangen ſollen, waͤre Graf Courtland ein uͤbelgelaunter, roher Mann geweſen, der es doch, wie Ihr wißt, eben ſo gut haͤtte ſeyn koͤnnen, und das waͤre doch ſehr hart fuͤr das arme Mariechen geweſen— Und dann die Lady Emilie die ein ſo liebes Geſchoͤpfchen iſt! Wir haben wirklich alle Urſache dankbar zu ſeyn.“ *„Ich weiß nicht,“ ſagte Johanna,„Ma⸗ riechen hatte ſonſt ihr Koͤpfchen. Ich wuͤnſche daß ſie es ablegt.“ „ Sie wird noch zehnmal eigenſinniger ſeyn als ehedem,“ rief Nicoline. „Das ſteht, wahr und wahrhaftig, zu be⸗ furchten, das kann man nicht laͤugnen. Doch hat Mariechen viele geſunde Vernunft, wenn ſie 123 nur Gebrauch davon machen will. Es gereicht ihr uͤberdies ſehr zum Vortheil, daß ſie in der Naͤhe eines ſo wuͤrdigen, verſtaͤndigen Mannes lebt, als der Doktor Redgill einer ſeyn muß. Naküͤrlich muͤſſen wir glauben, daß Graf Court⸗ land einen ſehr guten Tiſch fuͤhrt, auf dem eine Menge Confeckt ſteht, das junge Leute reizt. Aber ich bin üuͤberzeugt, daß Doktor Redgill es gewiß nicht leidet, daß Mariechen ſich den Ma⸗ gen verdirbt. „Doktor Nedgil muß ein vorzigücher Mann ſeyn, ſagte Johanna in entſcheidendem Tone. 6. „Wenn ſich Gelegenheit faͤnde, ſo wollte ch ihnen einen von unſeren Schinken und ein Toͤnn⸗ chen Butter ſchicken. Die Engländer lieben die Butter,“ rief Nicoline in einer Anwandlung von Großmuth. Beide Schweſtern zollten Beifall, und es wurde beſchloßen, Grishelde ſolle dieſen Liebes⸗ pfaͤndern ihrer Schweſter, eine Schachtel mit Lady Maclaughlans neu erfundenen Pillen bei⸗ fuͤgen, Johanna aber den Brief dazu ſchreiben. 2 Die juͤngern Tanten verwunderten ſich, daß 8 Maria nichts von Liebhabern und Heirathsan⸗ erbietungen geſchrieben habe, da ſie ſtets waͤhn⸗ ten, nach England reiſen und ſich verheirathen ſei eins und daſſelbe. 5 124. Dem helleren Blick der Mſtrs Douglas ent⸗ ging es nicht, daß Mariens Gluͤck nicht, ſo groß ſei, als die guten Tanten glaubten.„Das iſt nicht die Art und Weiſe meiner Maria,“ dachte ſie,„nur von äußern Eigenſchaften zu reden. Ihr warmes liebevolles Herz wuͤrde ſich nicht damit begnuͤgen, die Grazie ihrer Mutter und die Schoͤnheit ihrer Schweſter zu ſchildern. Dieſe unweſentlichen Vorzuͤge koͤnnte ſie an Frem⸗ den bewundern, aber an denen, die ihr ſo na⸗ he ſtehen, wuͤrde ſie ſicher weſentlichere hervor⸗ gehoben haben, wenn ſie es koͤnnte. Maria iſt jedoch auf der andern Seite ſo offenherzig und vertrauend, daß ich kaum glauben kann, ſie wuͤr⸗ de es mir verheimlicht haben, haͤtte ſie ſich in ihren Erwartungen getaͤuſcht gefunden. Mſtrs Douglas vergaß die Wirkungen ihrer eigenen praktiſchen Lehren. Sie bedachte nicht, daß ſie ſelbſt Marien das Beiſpiel der Geduld, Standhaftigkeit, Selbſtverlaͤugnung und Selbſt⸗ aufopferung gegeben hatte, und daß dieſes Bei⸗ ſpiel auf das Herz ihrer Pflegetochter gewirkt haben mußte. * 125 XIV. Lady Juliane bemuͤhte ſich vergebens, einen arzlichen Einkerkerungsbrief fuͤr ihre Tochter zu erlangen. Die Aerzte welche ſie befragte, ver⸗ ordneten einſtimmig das Gegentheil. Groß war deshalb ihr Zorn gegen die ganze Fakultaͤt. und am meiſten gegen Doktor Redgill. Gegen die⸗ ſen wuͤrdigen Mann hegte ſie, in der That von jeher die groͤßte Verachtung und den hoͤchſten Wieder⸗ willen. Er war arm, haͤßlich und gemein; in Julianens Augen drei unverzeihliche Todſuͤnden. Der Gegenſtand ihres Abſcheus war jedoch gaͤnz⸗ lich unempfindlich dagegen. Gleich dem homeri⸗ ſchen Helden Achilles war Doktor Redgill nur an einem Theil ſeines Leichnams verwundbar, und uͤber dieſen beſaß Iuliane keine Gewalt. Mit der Kuͤche hatte ſie nichts zu thun, auf ihren Bruder keinen Einfluß, und den Monſieur Grilla⸗ de nichts zu befehlen. Ueber die Zubereitung mancher Speiſen war ſie gleichfalls nicht der Meinung des Doktors. Kurz, er ſchilderte ge⸗ woͤhnlich ihren Charakter mit den wenigen Wor⸗ ten, die in ſeinen Augen der bitterſte Tadel wa⸗ ren:„ihre Zunge ſei voͤllig geſchmacklos.“ Auf dieſe Weiſe in ihren Entwuͤrfen geſtoͤrt, vermehrte ſich Julianens Widerwillen gegen ihre Tochter mehr und mehr. Fuͤr Marien war es ſehr gluͤcklich, daß die Geduld ihr ſchon in der Kindheit eingepraͤgt wurde. Ihr von Natur hochherziger Sinn wuͤrde ſich der Ungerechtigkeit . und Tyrannei, mit der man ſie behandelte,„ wi⸗ derſetzt haben, haͤtte man ſie nicht in den aus⸗ uͤbenden Tugenden des Chriſtenthums unterrich⸗ tet, und ihr beigebracht, daß Geduld unſere hichn Pflicht in den Tagen der Truͤbſale iſt. Nicht daß Maria geſucht haͤtte, ihrer Mut⸗ ter Gunſt, durch N achgiebigkeit gegen ihre Thor⸗ heiten und Launen zu gewinnen. Ihre Verſuche, einen Platz im Mutterherzen zu erlangen, beſchraͤnk⸗ ten ſich auf bereitwilligen Gehorſam, unveraͤnder⸗ liche Sanftmuth und ſtille Unterwuͤrfigkeit. Ob zwar Maria nichts weniger als eine muͤrriſche Betſchweſter war, uͤbte ſie dennoch ihre religioͤſen Pflichten ſtets puͤnktlich aus. Den Sonntag nach ihrer Ankunft, fragte ſie daher Emilien, beim Fruͤhſtuͤck, um welche Stunde der Gottesdienſt beginne?„ „Gewiß weiß ich es nicht, ich glaube ſpaͤt, 4 antwortete ihre Couſine nachlaͤßig.„Aber war⸗ um fragſt Du?“ „Weil ich zur rechten Zeit in der Kirche zu ſeyn wuͤnſche.“ „Aber wir Sehen ſelten,— in der That niemals, in die Kirche unſeres Kixchſpiels— und andere ſind zu entfernt. Du mußt zu Hauſe beten... brechen. Die Kirchenlaͤuferinnen erkenne ich nichts Merkwuͤrdiges ſehen werden.“ 4 127 „Weit. Feber ginge in ie eirae, ſagte Maria. „In die Kirche gehen!“ risf Düthur Red⸗ gill voller Erſtaunen.„Ich begreife nicht, war⸗ um die Leute in die Kirche laufen. Da iſt wahrlich nicht viel Gutes zu finden. Fuͤr mein Theil ginge ich eben ſo gerne ins Grab. Glau⸗ ben Sie mir auf's Wort: Kirchen und Kirch⸗ hoͤfe ſind zu nahe mit einander verwandt.“ „An einem ſo trockenen und warmen Tage, als der heutige, kann keine Gefahr dabei ſeyn, erwiederte Maria. „Thun Sie, was Ihnen beliebt, Miß Ma⸗ ria,“ ſagte der Doktor. „Ich halte es eben fuͤr Pflicht, Ihnen meine Meinung uͤber Kirchen zu ſagen. Ich halte ſie der Gefundheit hoͤchſt nachtheilig. Sie ſind ſaͤmmtlich entweder zu heiß oder zu kalt; entweder bruͤtet oder erfriert man. Ich verſichere Sie, daß ich keinen Fuß in eine Kirche ſetze, bis eine Verbeſſerung derſelben Statt ſindet. Sie ſind das wahre Behaͤlter aller menſchlichen Ge⸗ den erſten Blick. Sie haben ſammt und ſon ders Rhevmatismus in den Schultern, Schnup 1 im Kopf und geſchwollene Geſichter. Ueberdi iſt's nur ein armes Landkirchlein, in dem Sit 128 „8 verſichere Dich, daß es Lady Julianen ſehr verdrießen wird, wenn Du in die Kirche gehſt,“ ſagte Emilie, als Marie aus dem Zim⸗ mer gehen wollte. „Das kann doch wahrlich meiner Mutter nicht mißfallen!“ erwiederte Maria voller Er⸗ ſtaunen. „Das wird es ihr ganz gewiß. Sie ſelbſt geht nie zur Kirche, ſeitdem ſie einen Streit mit Doktor Barlow, dem Pfarrer, hatte; und kann es nicht ausſtehen, wenn jemand von der Fa⸗ milie ſeine Predigten hoͤren will.“ „Meines Beifalls ſind Sie ſicher, Miß Maria, wenn Sie nicht gehen,“ ſagte Doktor Redgill. „Iſt dieſer Doktor Barlow ein boͤsartiger Menſch?“ fragte Maria, unenrſchloſlen ob fie gehen oder bleiben wolle. „Ganz das Gegentheil; er iſt ein ſehr gu⸗ ter Mann,“ antwortete Emilie.„Aber es ver⸗ droß ihn, daß Lady Juliane eines Tages ihre Hunde mit in die Kirche brachte. Hieruͤber ſchrieb er ihr einen,— wie ſie es nannte,— unver⸗ ſchaͤmten Brief.— Da kommt ja dein gnaͤ⸗ diges Mamachen mit den vierbeinigen Sundern. „Ew. Gnaden kommen eben recht, um ei⸗ nen Etreit u ſchlichten,“ ſagte dex Dottor der JIu⸗ 8ͤXͤͤdAA X 1²9 Julianens Aufmerkſamkeit von einem eben her⸗ Lingebrachten heißen Kuchen, den er ſich zueig⸗ nen wollte, abzulenken ſuchte.„Ich habe alles geſagt, was ich vermochte.— Befehlen Sie die Butterbrode, Lady Emilie?— Jetzt muß ich es Ew. Gnaden uͤberlaſſen, das Fraͤulein von der Thorheit des Kirchengehens zu uͤberzeugen.“ Der Doktor erreichte ſeinen weck. Waͤh⸗ rend Julianen ihre Tochter zornig aublickte, wurde der Kuchen auf ſeinen Teller gelegt. 5 2 „Wer ſpricht vom Kirchengehn?“ fragte ſie. Demuͤthig bat Maria, ihre Mutter moͤge ihr erlauben, dem Gottesdienſte beizuwohnen. „Das werde ich nicht erlauben. Es iſt unſchicklich, daß junge Maͤdchen allein ausgehen⸗ Ich will nichts davon hoͤren.“— Es iſt dar einzige Ort, an den ich zu ge⸗ hen verlange,“ ſagte Maria furchtſam.„Ich war aber ſtets gewoͤhnt zur Kirche zu gehen, und—“ „Das iſt eine hinlaͤngliche Urſache, daß ich Dir es verbiete, hier hinein zu gehen. Ich dulde keine Methodiſten*) im Hauſe.“ *) Methodiſten ſind beinahe, doch nicht ganz, ſynonim mit unſeren Pietiſten. A. d.Ueb. ehheſtand 21 d. J 130 „Ich verſichere Sie, daß die Methodiſten⸗ ſekte ſehr zunimmt,“ ſagte der Doktor kauend. „Es iſt ſehr gefaͤhrlich, bei meiner armen Seele 44 „Warum ſollte das ſo gefaͤhrlich ſeyn?“ 3 fragte Emilie. „Warum es gefaͤhrlich iſt! Auf Chre, Lady Emilie, ich erſtaune Sie ſo fragen zu hoͤren.“— In den Bart murmelnd fuhr er fort,„Zelo⸗ ren, Fanatiker, Enthuſiaſten, Tollhaͤusler! Idder⸗ mann weiß ja was Methodiſten ſind.). „Ueber den Gegenſtand iſt ſchon genng ge⸗ ſagt worden,“ unterbrach Juliane. 1 „Es ſind Predigtbuͤcher genug im Hauſe, „Miß Maria,“ fuhr der Doktor fort, der, gleich manchen anderen Menſchen, ein verdienſt⸗ liches Werk zu thun glaubte, wenn er Jemand vom Kirchengehen abhielt.„Vor einiger Zeit ſah ich irgendwo einen Band Predigten liegen. Auf jeden Fall haben Sie den Zuſchauer, wenn Sie ein geiſtliches Buch begehren. Mauche Auf⸗ ſatze ſind beſſer, als Doktor Barlows Predigten. Furchtſam und zwecklos wagte Maria einen abermaligen, jedoch fruchtloſen Verſuch, das Vor⸗ urtheil ihrer Mutter zu beſiegen. „ Ich will nichts weiter davon hoͤren!“ rief ſie, die Stimme erhebend. Der Pfarrer — Rathe. 131 iſt ein unwuͤrdiges Subjekt. Niemand von mei⸗ ner Familie ſoll in ſeine Kirche gehen. Ein fuͤr allemal, ich will kein Wort weiter daruͤber hoͤren. 42 Dies wurde in einem Ton und auf eine Art geſagt, die keinen Widerſpruch duldete. Ma⸗ ria gab ihren Entſchluß auf. Ein Streit zwi⸗ ſchen gleichartigen Pflichten war ihr neu, und ſie konnte ſich nicht entſchließen, die eine der anderen aufzuopfern.„Meine Mutter glaubt uͤberdies Recht zu haben,“ dachte ſie.„Hof⸗ fentlich bringe ich ſie, nach und nach, auf an⸗ dere Gedanken. Offenbare Widerſetzlichkeit wuͤrde mehr ſihaden, als nuͤtzen.“ Doch am naͤchſten Qonekas war es Ma⸗ rien noch nicht gelungen, die verlangte Erlaub⸗ niß zu erhalten. Sie ging daher ernſtlich mit ihrem Herzen uͤber den einzuſchlagenden Weg zu 8 Das Gebot,„Du ſollſt Vater und Mut⸗ ter ehren u. ſ. w.“ war tief in ihre Seele ein 8 gepraͤgt. Wenige hatten hoͤhere Begriffe von kindlicher Ehrfurcht als Maria; allein eine an⸗ 8 dere Vorſchrift drang ſich ihrem Gedaͤchtniſſe auf: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der kann nicht mein Schuͤler ſeyn.“—„Aber ich kann meine Mutter ehren und ihr Gehorſam leiſten, ohns ſe ſi e mehr zu lieben als meinen Er⸗ J 2 132 löͤſer,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt in der Hoffnung, ihr Gewiſſen dadurch zu beſchwichtigen.„Allein die Schrift ſagt wieder: Er, der meine Gebote haͤlt, der iſt's, der mich liebt.“ Sie niußte ſich mithin ſeloſt geſtehen, daß, wenn ſie den Willen ihrer Mutter befolge, ſie Gottes Gebor nicht halte, ſondern ihr mehr gehorche als ihrem himmliſchen Vater. Lange beſann ſich Maria, wie ſie den Willen ihrer unfrommen Mutter mit den Geboten ihres Schoͤpfers zu vereinen ver⸗ moͤge.„Die heilige Schrift,“ dachte ſie,„ſagt nichts beſtimmtes uͤber das Beſuchen des oͤffent⸗ lichen Gottesdienſtes, und wie Emilie ſagte, kann ich eben ſo gut zu Hauſe beten.“ Allein die Hauptſtellen der Bibel waren Mariens Gedaͤcht⸗ niſſe zu tief eing praͤgt, als daß dieſe Ausflucht ihr haͤtte genuͤgen koͤnnen.„Unterlaßt nicht Euch zu verſammeln,“ und—„Wo zwei oder drei von Euch in meinem Namen verſammelt ſind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Aber, ach! in Beech⸗Park waren nie zwei oder drei verſam⸗ melt, auſſer zu Luſtparthien, Hazardſpielen oder Schmauſereien. So ſchmerzlich es auch Marien war, ſo beſchloß ſie dennoch, ihren hoͤheren Pflichten ſtandhaft zu gehorchen. Sie ſuchte daher Emi⸗ lien auf, in der Hoffnung, daß es dieſer, ver⸗ moͤge ihres Einfluſſes auf Lady Julianen gelin⸗ gen werde, die verlangte Erlaubniß zu erhalten. Sollte auch das Mittel fehlſchlagen, ſo trante 133 ſie ſich Staͤrke genug zu, in einer ſolchen Gewiſ⸗ ſensſache ſich dem Mißfallen ihrer Mutter aus⸗ zuſetzen. Sie begegnete Emilien, die ihren Hut aufgeſetzt hatte, um auszugehen. „Liebe Emilie,“ ſagte ſie,„gewaͤhre mir die Bitte, Deinen Einfluß auf meine Mutter an⸗ zuwenden, damit ſie mir den Veſuch des Gottes⸗ dienſtes erlaube. 4 „Zuerſt mußt Du wiſſen,“ antwortete Emi⸗ lie,„daß ich gar keinen Einfluß habe, zweitens, daß Lady Juliane ſich nie zu etwas Vernuͤnf⸗ tigem uͤberreden laͤßt, drittens kann ich mir unmoͤglich denken, daß es dein Eruſt iſt, eine ſo wichtige Sache aus dem Kirchengehen zu machen.“ „Es iſt mein voͤlliger Ernſt. Man lehrte mich es ſo zu betrachten, und—— „Pah! Unſinn! das ſind welche von Eueren hartnaͤckigen Presbyterianiſchen Begriffen. Bald glaube ich, daß Du in der That eine Methodiſtin biſt, ob Du zwar gar nicht ſo ausſiehſt.“ „Sage mir, ich bitte Dich, welches ſind Deine Begriffe von einem Methodiſten?“ ſagte Maria lachend. „Ich weiß, dem Himmel ſei Dank, ſehr wenig von ihnen,— beinahe ſo wenig als Doktor 134 Redgill, der, wie ich gewiß glaube, den Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Katholiken und einem Me⸗ thodiſten nicht zu ſagen vermag, auſſer, daß der eine tanzt und der andere betet. Ich aber glaube, daß ein Methodiſt ſo eine Art von ſauerkoͤpſi⸗ ſchem, haͤßlichem Geſichte iſt, mit uͤber die fla⸗ che Stirne herabhaͤngenden ſchmierigen Haaren, der die Daumen um einander dreht, die Augen emporrichtet und durch die Naſe ſpricht. Kurz⸗ ganz das Gegentheil von dem, was Du biſt, ausgenommen im Kirchengehen. Damit nun alle dieſe boͤſen Andeutungen nicht auch auf Dich fallen, ſo ſollſt Du mir heute huͤbſch Geſellſchaft leiſten. 1 Maria bat ihre Couſine abermals ernſt und dringend, für ſie bei ihrer Mutter zu bit⸗ ten, damit ſie irgend eine Kirche beſuchen duͤrfe. „Nicht um's Koͤnigreich!“ rief Emilie.„Ih⸗ ro Gnaden ſind heute gerade in einen ihrer ab⸗ ſcheulichſten Launen. Nicht, daß ich mich im mindeſten um ihre Laune bekuͤmmern wuͤrde, waͤre es eine Sache von Wichtigkeit, die ich voon ihr fuͤr Dich erbitten ſollte, zum Beiſpiel, ein Ball;— da wollte ich Dir gewiß beiſte⸗ hen; aber um nichts und wieder nichts mag ich mich nicht zanken.“ „Ich fuͤrchte, dann werde ich ohne Erlaub⸗ niß zur Kirche gehen muͤſſen,“ ſagte Marig . 135 „Wenn Du entſchloſſen biſt, in die Kirche zu gehen, ſo muß es freilich ohne Erlaubniß ge⸗ ſchehen.— Hier iſt der Wagen, hole Deinen Hut und fahre mit mir; Du ſollſt wenigſtens die Kirche von Auſſen ſehen.“ Maria ging, ihren Pelz zu holen, und als ſie wieder ins Geſellſchaftszimmer zuruͤck kam, fand ſie Emilie in Streit mit dem Doktor. Wie dieſer Streit begonnen hatte, blieb ihr un⸗ bekannt; der Doktor hutte gber die Stimme zur Entſcheidung erhoben. „Die Franzoſen, meine Gnaͤdige, ſind, trotz unſerer Vorurtheile, weit uͤber uns erhaben. In Kuͤnſten und Wiſſenſchaften haben ſie es viel weiter gebracht als wir. In Frankreich iſt jeder Menſch ein vorzuͤglicher Kopf,— die ganze Nation beſteht aus Koͤchen. Einer unſerer neuen Reiſenden verſichert, man habe in Frankreich die Kunſt entdeckt, zu ein und derſelben Speiſe die Eier auf drei Hundert verſchiedene Arten zu be⸗ reiten.“ „Daß ſſ gerade zwei Hundert und neun und neunzig Mal mehr als zu viel,“ ſagte Emi⸗ lie. Ich lobe mir ein einfach geſottenes Ei, und begehre keine andere Abwechslung, bis es die Geſtalt eines Kuͤchleins annimmt.“) Doktor Redgill zog die Braunen herunter, warf das Kinn auf, und verſchmaͤhte einem ſo 136 geſchmackloſen Weſen zu antworten.„Einem Weibe Vernunft predigen wollen,“ dachte er, „iſt ſo gut als wolle man junge Huͤhner mit Sahiiderötenſuppe auffuͤttern.“ Lady Juliane triumphirte uͤber die weiſe und ſcharfſinnige Art, mit welcher ſie ihre Ge⸗ walt ausgeuͤbt hatte, und ruͤhmte ſich nicht we⸗ nig oͤffentlich damit, zumal da ſie ſelten in dem Fall war, ihre Macht zeigen zu koͤnnen. Uebri⸗ gens muß man der gnaͤdigen Dame die Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, daß ſie einen lebhaften Begriff von den kindlichen Pflichten hatte, deren ſie ſich aber erſt erinnerte, als ſie ſelbſt Mutter wurde. Jetzt aber leiſtete ſie vollkommenen Er⸗ ſatz fuͤr ihre ehemalige Vergeſſenheit. Hoͤrte man ſie ſich uͤber dieſen Gegenſtand ausbreiten, ſo mußte man glauben, kindlicher Gehorſam ſei die einzige Pflicht fuͤr Chriſten und Heiden, und ſei, wie die Barmherzigkeit, der Inbegriff aller Tugenden, und die Buße fuͤr alle Suͤnden. Al⸗ lein es giebt manche vernuͤnftigere Menſchen als Lady Juliane, die das Naͤmliche glauben, und nach ihrer Bequemlichkeit die Zeit und den Ort ihrer Pflichten umkehren. So lange ſie Kinder ſind, erlauben ſie ſich die ſcharfſinnigſten Bemer⸗ kungen uͤber die Pflichten der Aeltern, werden ſie aber ſelbſt Aeltern, ſo bekommen ſie wunderſame Einſichten in die Pflichten der Kinder. Eben ſo denken die meiſten Eheleute uͤber ihre gegenſeitige Pflichten, und der unwiſſendſte Diener weiß zu⸗ — 137 verlaͤſig, was ſein Gebieter ihm ſchuldig iſt. Doch wir wolle Julianen ihren Betrachtungen uͤber Kindespflichten ruhig uͤberlaſſen, und lieber Emilie und Maria auf ihrer Spazierfarth be⸗ gleiten. Der Weg lief laͤngſt dem Ufer eines Fluſſes her. Der Schall der laͤndlichen Glocken ertoͤnte in Mariens Ohren, bald lauter, bald ſchwaͤcher. Bei dem Klang dieſes heiligen Rufes flog ihre Phantaſie zuruͤck in's friedliche Thal und in das alte Kirchlein von Lochmarlie, in dem ſie, alle ihre gluͤcklichen Sonntage feierte. Jetzt erblickte man die Dorfkirche, welche hoͤchſt maleriſch auf dem Abhang eines gruͤnen Huͤgels ſtand. In allen Richtungen ſah man Haufen von Doͤrflern in ihrem ſonntaͤglichen Putz heranwallen. Man⸗ che waren ſchon auf dem Kirchhofe verſammelt, andere ſchritten auf den ſauberen Fußpfaden, die durch die Wieſen fuͤhrten, einher. Doch in Mariens Augen waren die gut gekleideten engli⸗ ſchen Landleute bei weitem keine ſo maleriſchen Gegenſtaͤnde, als das baarfuͤſſige hochlaͤndiſche Maͤdchen, das uͤber die ungebahnten haidebewach⸗ ſenen Huͤgel huͤpft. Das geſchonte blaue Tuch⸗ kleid ſchien ihr die Schoͤnheiten der mannigfal⸗ tigen Drappirungen des ſchottiſchen Ueberwurfs (Plaid) nicht zu erſetzen. So beherrſchen die erſten Eindruͤcke der Kindheit das reifere Alter. Nun hatten ſie die Kirche erreicht. Maria blieb bei ihrem Vorſatz, den Gottesdienſt zu 38 beſuchen. Emilie erklärte mit ihr gehen zu wol⸗ len, damit auch ſie ihren geoührenden Antheil an Lady Julianens Zern bekomme. Trotz ih⸗ rem Leichtſtun erweckten das ehrwuͤrdige Anſehen und die inbruͤnſtige Frömmigkeit des Doktor Barſow hoͤhere Gefuͤhle in Emiliens Seele, und ſie wohnte dem Gottesdienſte, wenn auch nicht mit hoher Andacht, doch mit aͤußerem Anſtand bei. Die Muſie beſtand in einer Orgel, welche zwar nur einfach, aber gut geſpielt wurde. Ma⸗ ria, der dieſe heiligen Toͤne unbekannt waren, und die nie andere gehoͤrt hatte, als die Naſen⸗ toͤne eines hochlaͤndiſchen Vorſaͤngers, glaubte jetzt Muſik der Sphaͤren zu hoͤren. Ganz andere Toͤne, als Lob⸗ und Preiß⸗ geſaͤnge erwarteten ihnen zu Hauſe. Juliane ge⸗ rieth, als ſie die offenbare Empoͤrung ihrer Toch⸗ ter erfuhr, in jenem ausſchweifenden Zorn, der kleinen Seelen eigen iſt, wenn ſie das Unver⸗ mögen ihrer Gewalt entdecken. Sie verwarf jeden Verſuch zur Ausſoͤhnung. Sie ſchwatzte das unklugſte Zeug über Undankbarkeit und Un⸗ gehorſam, erklaͤrte in einem Augenblick, Marien wieder zu ihren gemeinen ſchottlaͤndiſchen Ver⸗ wandten zuruͤckſchicken zu wollen, und im ande⸗ ren, ſie ſolle dieſe abſcheulichen Methodiſten nie wieder zu Geſichte bekommen;— dann wieder, ſie wolle ſie nach Frankreich bringen und dort in ein Kloſter einſperren, u. ſ. w. Endlich ſiel ſie in hyſteriſche Kraͤmpfe. 4 6 * ——-—— — 139 Die arme Maria fuͤhlte ſich ſchmerzlich er⸗ griffen, von dieſem furchterlichen Ausbruch der Leidenſchaft. Welch' ein Schauſpiel fuͤr ſie, die nur an die ſanfte Gelaſſenheit der Mſtrs Dou⸗ glas gewoͤhnt war, deren Zuͤge zwar zuweilen Kummer, doch nie Zorn entſtellte! Ihre weiche Seele vermochee den ſchrecklichen Anblick nicht zu ertragen. Sie beweinte die Schwaͤchen ihrer Mutter und betete, jene Macht, welche den wil⸗ den Wellen des Oceans Schranken ſetzt, moͤge auch die noch wilderen Stuͤrme menſchlicher Lei⸗ denſchaft ſtillen. —— XV. Neben dem unverſoͤhnlichen Zorn und dem unausloͤſchlichen Widerwillen ihrer Mutter fand die arme Maria ſich noch auf eine andere Weiſe gekraͤnkt. Die ganze Familie blickte naͤmlich mit einer Art von Scheu auf ſie. Graf Courtland ſchien, ſo oft ſie ihn anredete, zu fuͤrchten, ſie moͤge einen religioͤſen Streit mit ihm beginnen. Doktor Redgill zog ſich bei ihrer Annaͤherung zu⸗ ruͤck und ſah ſie von der Seite an, gleichſam als wolle er ſagen:„Auf Ehre, eine junge Da⸗ me, faͤhig ihrer Mutter, uͤber eine ſolche Kleinig⸗ keit als das Kirchengehen Trotz zu bieten, iſt eine 140 gefahrliche Geſellſchaft.“ Adelaide vermied ihre Schweſter mehr als jemals, als fuͤrchte ſie, von ihren methodiſtiſchen Grundſaͤtzen angeſteckt zu werden. Nur Emilie blieb ihre treue Freundin, und ob ſie gleich im Herzen die zu große Reli⸗ 4 giöſitaͤt ihrer Couſine tadelte, ſo vertheidigte ſie dieſe dennoch gegen die Beſchuldigung, daß ſie eine Methodiſtin ſei, und behauptete, Marie ſei . in vielen Stuͤcken um nichts beſſer als Andere. „Jetzt, Maria,“ rief ſie, als ſie eines Ta⸗ ges frohlockend ins Zimmer trat.„Jetzt findeſt Du die Gelegenheit, Dich von allen Beſchuldigun⸗ gen zu reinigen.— Hier iſt eine Einladungs⸗ karte fuͤr Dich zu einem Phantaſteball. Bei dem Worte Ball huͤpfte Mariens Herz⸗ chen vor Freude. Sie hatte nie einem Ball bei⸗ gewohnt, und ſtellte ſich daher dieſes Vergnuͤgen in den glaͤnzendſten Farben vor. „O, herrlich!“ rief ſie, mit funkelnden Au⸗ gen.“ Wie gern werden meine Tanten Becky und Bella von einem Balle erzaͤhlen hoͤren.— Und nooch dazu ein Phantaſieball!— Was iſt das eigentlich?“ „.. Emilie erklaͤrte ihr, dies ſei ein Ball, den — man nach Gefallen in gewoͤhnlicher Kleidung oder maskirt beſuchen koͤnne. „Ohne Zweifel wird es ein herrliches Ver⸗ guuͤgen werden,“ fuhr Emilie fort.„Lady M. — ſchon in der Einbildung koſtete, auf jene zuruͤck 141 verſtehtt Baͤlle zu geben, was nicht Jedermann verſteht. Es giebt eben ſo gut langweilige Baͤlle, als andere langweilige Dinge. Aber komm, ich verließ Lady Juliane und Adelaiden in großem Streit uͤber ihre Anzuͤge, wir muͤſſen gleichfalls geheimen Rath uͤber die unſrigen hal⸗ ten. Soll ich die unvergleichliche Slaſh zur Praͤ⸗ ſidentin ernennen?“ Die Erwaͤhnung ihrer Mutter lenkte Ma⸗ riens Gedanken von dem Ball, deſſen Freude ſie 8„Biſt Du aber auch ſicher, daß meine Mut⸗ ter mir erlauben wird, die Einladung anzuneh⸗ 2 74* men?“ ſagte ſie.. „Gewiß wird ſie Dir die Erlaubniß dazu verſagen,“ antwortete Emilie kaltbluͤtig.„Aber das hat nichts zu bedeuten. Da Du gegen ih⸗ ren Willen in die Kirche gehen konnteſt, ſo kannſt Du auch ohne ihre Erlaubniß auf den Ball gehen. Die arme Maria ließ das Koͤpfchen haͤn⸗ en, als ſie ihre freudigen Hofſnungen ſchwin⸗ g 1 7 d. 9 den ſah. „Ohne meiner Mutter Bewilligung gehe ich ſicher nicht auf den Ball,“ ſagte ſie ſenfzend. „Hat ſie es bereits abgeſchlagen, ſo denke ich nicht mehr daran.“ 14² „Biſt Du unr an Sonntagen Deiner Mnt⸗ ter ungehorſam?“ fragte Emilie, und blickte ihre Couſine verwundert au.„ 8 „Nur wenn eine hoͤhere Pflicht es mir ge⸗ bietet,“ antwortete Maria. „Ich geſtehe, daß ich ſtets dachte, Vater und Mutter ehren ſei eine Pflicht, bis Du mir das Gegentheil lehrteſt,“ ſagte Emilie.„Ich danke Dir, daß Du mir den gemeinen Wahn be⸗ nommen haſt. Nachdem Du mir ein ſo edles Beiſpiel von Unabhängigkeit gabſt, ſcheint Dir ſelbſt ein neues Licht uͤber dieſen Gegenſtand auf⸗ gegangen zu ſeyn.“ Mein Gehorſam und mein Ungehorſam ent⸗ ſpringen beide aus der naͤmlichen Quelle,“ ant⸗ wortete Maria.„Man lehrte mir, meine erſte Pflicht ſei, meinem Schoͤpfer zu gehorchen; die zweite, meiner Mutter gehorſam zu ſeyn. Meine rigene Befriedigung kann in beiden Faͤllen in Anſchlag gebracht werden.“ * „In religioͤſe Streitigkeiten kann ich mich mit Dir nicht einlaſſen. Aber es ſcheint mir doch, daß die Suͤnde, wenn man es fuͤr eine halten kann, die naͤmliche iſt, ob Du ungehor⸗ ſam auf der einen Seite oder auf der audern biſt.”“ „Wr ſcheint es ſehr verſchieden ,“ ſagte Maria.„Deshalb wuͤrde es unverantwortlich 143 von mir ſeyn, wenn ich das Boͤſe waͤhlen wollte, ſobald ich es dafuͤr halte.“ „Sage, was Dir beliebt,“ rief Emilie aͤr⸗ gerlich.„Du wirſt mich nie uͤberzeugen, daß es mirecht ſei, einer Mutter, wie der Deinigen, nicht zu gehorchen,— die ſo unbillig iſt,— ſo 74— „Die heilige Schrift geſtattet keine Aus⸗ nahme,“ unterbrach Maria ſanftmuͤthig.„Nicht wegen der Billigkeit unſerer Aeltern iſt uns be⸗ fohlen, ihnen zu gehorchen, ſondern weil es Got⸗ tes Wille iſt.“ „ ‚8Du biſt wasrlich eine Methodiſtin. Ich habe deinetwegen harte Kaͤmpfe geſochten; jetzt ſehe ich aber, daß ich Dich aufgeben muß. Ich kann es nicht laͤnger verbergenn““ Emilie ſagte dieß in einem ſo aͤrgerlichen Tone, daß Maria in ein lautes Gelaͤchter daruͤber ausbrach⸗ „ und dennoch biſt Du die ſeltſamſte Zu⸗ ſammenſetzung, welche ich jemals ſah,“ fuhr Emi⸗ lie fort. So luſtig und komiſch, und ſo wenig geneigt, Andere, die nicht ſo denken wie Du, zu tadeln; was deinen Glaubensgenoſſen, den Me⸗ thodiſten, ſo eigen iſt. Ich weiß in der That nicht, was ich von Dir denken ſoll. „ Denke, ich ſei ein Geſchoͤpf, das zu viele eigene Fehler hat, als daß es ſich unterfangen 4 144 duͤrfe, Andere zu tadeln,“ erwiederte Maria aͤber die verwirrten Begriffe ihrer Couſine laͤchelnd. „Waͤren alle frommen Leute Dir aͤhnlich, ſo wuͤrde ich vielleicht ſelbſt noch zur Heiligen. Haſt Du recht, ſo muß ich unrecht haben. In funfzig Jahren wollen wir die Sache mit Bril⸗ len auf der Naſe und der Hausbibel vor uns abthun. Jetzt aber iſt die Ballgeſchichte drin⸗ gender. Wir muͤſſen wirklich uͤber etwas ent⸗ ſcheiden. Willſt Du deinen Anzug ſelbſt ausſu⸗ chen, oder ſollen wir es der Madame Trieur Aberlaſſen, uns gleiche Anzuͤge zu waͤhlen?“ „Du haſt nur noͤthig fuͤr Dich allein zu waͤhlen, liebe Emilie,“ antwortete Maria.„Du weißt, daß ich nichts zu waͤhlen habe,— we⸗ nigſtens ſo lange nicht, bis ich die Erlaubniß meiner Mutter erhalten kann.“— Ich ſagte Dir bereits, daß Du ſie nie er⸗ halten wuͤrdeſt. Schon ehe ich zu Dir kam, hatte ich einen tuͤchtigen Zank mit ihr uͤber die⸗ ſen Gegenſtand.“ „Dann muß ich Dich bitten, kein Wort mehr daruͤber zu verlieren. Die Sache iſt von ſo geringer Wichtigkeit, daß es mir leid thut, verurſacht hat. Liebſt Du mich, gute Emilie, ſo ſage kein Wort mehr davon. * 5„Und 18 wenn ſie meiner Mutter die mindeſte Unruhe 4 . 145 „ und das iſt der ganze Dank fuͤr meine Muͤhe und meinen Aerger?“ rief die erzuͤrnte Emilie.„Aber ich glaube wahrlich, daß Du es füͤr Suͤnde haͤltſt, einen Ball zu beſuchen,— und vollends tanzen!— O, empoͤrend! das wuͤrde ja ganz und gar— Ich kann in der That den Ausdruck nicht finden, mit dem die Froͤmmler eine ſolche Ausſchweifung belegen.“ „Ich verſtehe Dich, aber dergleichen Be⸗ ſorgniſſe habe ich wahrlich nicht,“ antwortete Maria lachend.„Ich tanze, ganz im Gegen⸗ theil, ſehr gerne, ſo gerne, daß ich zuweilen ſo⸗ gar mit Tante Nicoline walzte, um nur nicht ſtille zu ſitzen. Ich geſtehe meine Schwaͤche; ich ginge ſehr gerne auf einen Ball.“ „ Dann ſollſt und mußt Du auf dieſen ge⸗ hen. Wenn Du nur Deine Mutter nicht ſo ſehr durch das unſelige Kirchengehen erzuͤrnt haͤtteſt. Darin haͤtteſt Du ſie ſchonen ſollen, und ſelbſt jetzt, glaube ich, wuͤrdeſt Du Deinen Zweck er⸗ reichen, wenn du ſie, wie ein gehorſames Kind, um Verzeihung bitten und verſprechen wollteſt, nicht wieder zu ſuͤndigen.“ „Unmoͤglich!“ verſetzte Maria.„Es kann nicht Dein Ernſt ſeyn, von mir zu verlangen, daß ich meine wahre Pflicht, einem kleinen Ver⸗ gnuͤgen, aufopfern ſollte.“ „Ei was Pflichten! das ſind verhaßte Dinge. Und was Deine liebenswuͤrdigen, pflicht⸗ 3 3 1 Eheſtand 2r B 383B8.° K 146 ergebenen, uͤbertugendhaften Moraliſtinnen bꝛ⸗ trifft, die verabſcheute ich ſchon in der Kinder⸗ ſtube, ſo wie alle Froͤmmelei und Heuchelei.“ Doch Emilie erſchrak, als ſie dieß geaͤußert hatte, ſelbſt uͤber ihre Heftigkeit, umarmte ihre Cou⸗ ſine, bat ſie um Verzeihung und verſicherte, ſie habe ſie nicht damit gemeint. „ und wenn Du mich wirklich gemeint haͤtteſt, ſo würdeſt Du mir nur geſagt haben, was ich in der That bin,“ ſagte Maria.„Ich weiß, daß ich ſchwach und kindiſch bin. Ich fuͤhle, daß ich nicht mehr das naͤmliche Geſchoͤpf bin, das ich bei meiner guten Tante war.“— Eine Thraͤne zitterte in Ma⸗ riens Auge.—„uUnd laͤſtig mußt Du mich auch finden.“ „Nein, nein!“ unterbrach Emilie eifrig. „Du biſt ganz das Gegentheil. Du biſt der treue Abdruck meines Eduards, und der Inbe⸗ griff alles Treflichen und Liebenswuͤrdigen. An Deinem Laͤcheln ſehe ich, daß Du auf den Ball gehen wirſt.— Nicht wahr, liebes Kind?“ Maria verneinte. 3 „Ich will Dir ſagen, was wir thun koͤn⸗ nen,“ fuhr ihre behärrliche Couſine fort.„Wir koͤnnen maskirt gehen, ſo daß Deine Mutter Dich nicht kennt. Die Haͤlfte der Geſellſchaft maskirt ſich. Niemand kennt Dich und Du ent⸗ / * gehſt allem Zank und Streit. Welche Masken wollen wir waͤhlen?“ „ Die des Janus wuͤrde die paſſendſte fuͤr mich ſeyn,“ ſagte Maria, fuͤgte aber ernſter hin⸗ * 147 zu:„Ich werde meiner Mutter weder ungehor⸗ ſam ſeyn, noch ſie hintergehen. Deshalb bitte ich Dich ein fuͤr allemal, liebe Couſine, von die⸗ ſer Sache zu ſchweigen. Ich erkenne Deine Guͤte, doch jedes weitere Zureden wuͤrde mich ſchmerzen.“. Emilie war zu zornig, um weiter reden zu wollen. Hoͤchſt aͤrgerlich verließ ſie Marien, der es zu Muthe war, als habe ſie ihre einzige Freundin verloren. „Ach!“ ſeufzte ſie.„Wie ſchwer iſt es, recht zu handeln, wenn uns ſogar die Tugenden Anderer Hinderniſſe in den Weg legen; und wie leicht wuͤrden uns unſere Pflichten werden, woll⸗ ken wir einander, in ihrer Ausuͤbung, treulich beiſtehen..„.... Emiliens Zorn ging ſchnell voruͤber. In der Gewißheit, daß entweder die Mutter nach⸗ geben, oder die Tochter dennoch ungehorſam ſeyn wuͤrde, beſtellte ſie einen Anzug fuͤr letztere. Aber die Ballnacht kam heran und beide blieben ſtandhaft bei ihrem Entſchluß. Adelaiden wuͤrde es wenig Muͤhe gekoſtet haben„ die Erlaubniß der Mutter fuͤr ihre Schweſter zu erlangen, ſie blieb aber lieber mutral und erklaͤrte trocken, ſie miſche ſich nie in Zaͤnkereien. DOhne Neid, doch wahrſcheinlich etwas trau⸗ rig, ſah Maria die glaͤnzenden Anzuͤge und die ver⸗ gnuͤgten Geſichter der Geſellſchaft, die den Ball be⸗ nuchen wollte. Mit der meiſten Bewunderung ketrachtete ſie die außerordentliche Schoͤnheit ih⸗ K 2⸗ e . 7 . . A 148 rer Schweſter, noch erhoͤht durch die fantaſtiſche Pracht ihrer Kleidung, und ſehr abſtechend ge⸗ gen Mariens Trauerkleider und bleiches Antlitz. Maria bemerkte, daß Adelaidens Ohrge⸗ haͤnge nicht ſo ſchoͤn waren, als die, welche ſie von Mſtrs Maeſchatke bekommen hatte. Sie holte daher die ihrigen augenblicklich und bat ihre Schweſter, ſie fuͤr dieſen Abend zu ge⸗ brauchen. ö Mit ihrer gewoͤhnlichen Kaͤlte empfing Adel aide dieß Geſchmeide, ſie lobte die Pracht der Gehaͤnge, wuͤnſchte, irgend eine alte Matrone möge es ſich einfallen laſſen, ihr ein ſolches Ge⸗ ſchenk zu machen, ſchmuͤckte ſich damit und be⸗ trachtete ſich mit vermehrtem Wohlgefallen im Spiegel. Die Geſellſchaft fuhr ab. Maria blieb mit Doktor Redgill zuruͤck, doch, ſo unglaublich es vielleicht ſcheint, weder muͤrriſch noch traurig. Nur ein Seufzer entſchluͤpfte ihr, dann ſetzte ſie ſih mit heiterer Miene zu einer Parthie Trictrac mit/ dem Dollor (Den andern Tag hoͤrte ſie von nichts re⸗ den, als von dem Ball und ſeinen Freuden. Denn ſowohl ihre Mutter als ihre Couſine,— obgleich beide aus ſehr verſchiedenen Beweggruͤn⸗ den,— ſuchten ihren Verdruß, uͤber das ent⸗ behrte Vergnuͤgen zu erhoͤhen. Doch Maria hoͤrte ihne ohne Neid und Kummer zu, und freute ſich aufrichtig uͤber die Freude der andern. — 8 —*[xOQ N* 149 XVI 4¼ Unter den vielen Briefen und Paketen, welche Marien, von der ganzen Grafſchaft— zur Beſtellung mitgegeben wurden, befand ſich auch einer von Lady Maclaughlan, die der Ueberbrin⸗ gerin ſehr einſchaͤrfte, den Brief ſelbſt abzuge⸗ ben. Allein in der Art von Gefangenſchaft, in welcher Maria ſich befand, wußte ſi ſie nicht wie ſie ihren Auftrag ausrichten ſolle. Ohne die Erlaubniß ihrer Mutter wollte ſie es nicht wa⸗ gen, die Dame, an welche der Brief gerichtet war, auf: zuſuchen, und ſie beſüiſchtete⸗ daß einer Aufrage eine abſchlaͤgliche? intwort gewiß erfol⸗ gen wuͤrde. In dieſer Verlegenheit nahm ſie ihre Zuflucht zu Emilien, zeigte ihr die Addreſſe und bat ſie um Rath und Beiſtand. „Miſtriß Lennox, in Roſe⸗ Hal⸗ ſagte Emilie, als ſie die Addreſſe as.„O, ich glaube nicht, daß Lady Juliane Dich verhindern wird, dahin zu g gehen. Das iſt nur eine ungluͤckliche, blinde, alte Frau, welche zu beſuchen Jedermann laͤſtig iſt,— faſt fuͤrchte ich unter dieſe Zahl zu gehoͤren. Wir ſind ihr ſchon ewig lange ei⸗ nen Beſuch ſchuldig,— deshalb will ich Dich begleiten. 77 Mit leichter Muͤhe erhieſt Maria die Er⸗ laubniß zu dieſem Beſuche, da ihre Mutter ihn eher fuͤr eine Bußuͤbung hielt, als fuͤr ein Ver⸗ gnuͤgen. Adelaide erklaͤrte, die bloße Erwaͤh⸗ „ 1 150 nung des Namens verurſache ihr ſchon Vapeurs, ſie gehe daher ſicher nicht mit. Nach dem, was Maria bereits von Mſtrs Lennox gehoͤrt hatte, konnte ſie ſich wenig Genuß von ihrer Geſell⸗ ſchaft verſprechen, fuͤhlte aber dennoch eine große Theilnahme an der ungluͤcklichen blinden Frau, deren Geſellſchaft jedermann laͤſtig ſchien, und beſchloß daher, naͤhere Erkundigungen uͤber ſie einzuziehen. Emilie, die ſie deshalb befragte, erklaͤrte, Mſtrs Lennox ſei eine ſehr wuͤrdige Frau, deren Mißgeſchick ſie unendlich beklage, und die ſie auch oͤfter beſucht haben wuͤrde, wenn ſie ihr haͤtte nuͤtzen koͤnnen. 3 „Was kann ich aber,“ fuhr ſie fort,„fuͤr die arme Frau thun, die ihren Gatten verloren hat, der, ich weiß nicht wie viele Soͤhne, im Kriege, getoͤdtet wurden, deren einzige Tochter an der Auszehrung ſtarb und die ſich uͤber alle dieſe Ungluͤcksfaͤlle blind weinte? Was kann ich fuͤr ſie thun oder ihr ſagen? Befaͤnde ich mich in ihrer Lage, ſo wuͤrde mir jedes menſchliche Weſen verhaßt ſeyn und ich wuͤrde mich der Verzweiflung uͤberlaſſen.“ „Das waͤre ein heidniſches Opfer,“ ſagte Maria. „Was wuͤrdeſt Du in einer ſolchen ver⸗ zweiflungevollen Lage thun?“ fragte Emilie. 5 „Ich wuͤrde hoffen,“ antwortete Maria de⸗ 1 muͤthig. 3 — 151 „Was koͤnnte aber die arme Mſtrs Len⸗ nor noch hoffen? Sie kann nur noch fuͤrchten, da ihr einziger uͤbrig gebliebener Sohn den Ge⸗ fahren des Krieges taͤglich ausgeſetzt iſt. Was kann ſie noch erwarten, als die Nachricht ſeines Todes?“ „Sie kann hoffen, daß der Himmel ühn erhalte und— „Daß Du ihn heiratheſt. Das waͤre herr⸗ lich; denn er iſt ſo tapfer als ein aͤchter Ca⸗ ledonier, obgleich er das Ungluͤck hat, nur ein halber zu ſeyn. Sein Vater, General Lennox, war ein aͤchter Bergſchotte, vom Kopf bis zu den Fuſſen, und ſo ſtolz und feurig als ein Haͤupt⸗ ling ſeyn muß.— Aber da liegt Roſe⸗Hall mit ſeinen ſchoͤnen Bosketten und niedlichen Blu⸗ menbeeten. Was wuͤrdeſt Du dazu ſagen, wenn Du ihre Gebieterin wuͤrdeſt? N „Sollte ich meine Netze ausſpannen, ſo muͤßte es nach erhabeneren Gegenſtaͤnden ſeyn, als nach Hecken und gruͤnen Huͤgeln,“ antwor⸗ tete Maria lachend. „30, ja, nach ſchwarzen Felſen und kahlen Gebirgen. Dein Vaterland hat rechte Urſache ſtolz darauf zu ſeyn! Himmelhohe Berge und finſtere tiefe Thaͤler, blaue Seen und brauſende Gewaͤſſer klingen herrlich. Aber mir duͤnkt, Korn⸗ felder und Meierhoͤfe waͤren auch nicht zu ver⸗ achten: alſo folge meinem Rath und hexasj den Oberſten Lennorx.“ Maria ſang zur Antwort:„Mein Herz iſt im Gebirge, iſt nicht in dieſein d Land u. 5 w.— Der Wagen fuhr vor. 4„Dieß iſt das Eigenthum der Mſtrs Len⸗ wox,“ ſagte Emilie, als Antwort auf einige Be⸗ merkungen ihrer Gefaͤhrtin.„Sie iſt die letzte eines alten edlen Geſchlechtes. Du ſiehſt, daß der Familiengeſchmack noch vorherrſchend iſt.“. 3 N 1 Roſe⸗Hall war, in der That, ein wahrer engliſcher Landſitz, wie keiner in Schottland zu finden iſt. Das Gebaͤude trug, ohne im minde⸗ ſten verfallen zu ſeyn, alle Spuren des eht⸗ wuͤrdigſten Alterthums. Der Geſchmack des er⸗ ſten Beſitzers, ſchienen die nachfolgenden Ge⸗ ſchlechter, Jahrhunderte hindurch, geachtet zu ha⸗ ben. Die Teiche waren eben ſo rund geblieben, die Hecken ſo viereckig, und die Pfade ſo ſchnur⸗ Zerade, als man ſie vor langer Zeit anlegte. Das Innere des Hauſes trug das naͤmliche Ge⸗ praͤge. Die ſchwere, breite Hauptſtiege war glaͤnzend gebohnt. Das geraͤumige Geſellſchafts⸗ zimmer, in welches die jungen Damen gefuͤhrt wurden„ war mit Gemaͤlden von Vandyke be⸗ hangen, und Aroße Chineſiſche Vaſen ſtanden auf demſelben Fleck, auf welchen man ſie vor hundert Bagen ſtellte 153 Zarten Seelen ſind die Ungluͤcklichen ſtets Gegenſtaͤnde der hoͤchſten Achtung. So wie das Alterthum jene Orte fuͤr heilig hielt, welche den Blitz des Himmels beruͤhrte, in dem naͤmlichen 3 Lichte betrachtet ein gefuͤhlvolles Herz diejenigen, welche Gottes eigene Hand geſchlagen hat. Die⸗ ſes empfand Maria lebhaft in der Gegenwart der ehrwuͤrdigen Mſtrs Lennor„— mehr ehr⸗ wuͤrdig durch Truͤbſale, als Altter. Mehr als die Zeit, hatte der Kummer die Schoͤnheit fruͤ⸗ herer Tage verdunkelt, obgleich noch immer in⸗ kereſſante Spuren davon uͤbrig waren. Der traurige Ausdruck des Geſichtes der ungluͤckli⸗ chen Frau und die das Herz ergreifende Ver⸗ finſterung ihrer Augen, erweckte die Theilnahme eines Jeden. Als man ihr die Namen der jun⸗ gen Damen nannte, ſtand ſie auf, ging ihnen, von einem kleiven Maͤdchen geleitet, entgegen, und bewillkommte ſie auf eine ſo guͤtige und ein⸗ fache Weiſe, die Marien alsbald an die muͤtter⸗ liche Zaͤrtlichkeit ihrer geliebten Pflegemutter er⸗ innerte. Sie gab das ihr anvertraute Schrei⸗ ben ab, welches Mſtrs Lennox mit ſichtlicher Ueberraſchung empfing, aber ohne weitere Be⸗ merkungen bei Seite legte. Emilie wollte ſich entſchuldigen, Mſtrs Len⸗ noxr, ſeit ſo geraumer Zeit, nicht beſucht zu ha⸗ ben; die gute alte Dame ließ ſie aber nicht da⸗ zu kommen. „Tadeln Sie ſich nicht zu ſehr, liebe Lady Emilie,“ ſagte ſie ſanftinuͤthig.„Glauben Sie 154 ja nicht, daß ich ſo unbillig bin zu erwarten, daß junge Leute Vergnuͤgen in der Geſellſchaft einer alten blinden Frau finden ſollten. In Ihrem Alter wuͤrde ich das Ungluͤck eben ſo we⸗ nig aufgeſucht haben als Sie. 4 „In jeder Periode Ihres Lebeus,“ verſetzte Emilie, muͤſſen Sie ein ganz anderes Weſen ge⸗ weſen ſeyn, als ich eins bin oder jemals ſeyn werde. „Ach! Sie wiſſen noch nicht, welchen maͤch⸗ tigen Einfluß das Mißgeſchick auf den Charakter hat,“ ſagte Mſtrs Lennor traurig.„Moͤgen Sie es auch nie erfahren,— es diene Ihnen denn zum Guten.“ „Beinahe zweifele ich, daß ich auf irgend eine Weiſe gut ſeyn werde,“ antwortete Emi⸗ lie, halb betrubt.„Ich glaube nicht, daß der Urſtoff zum Guten in meiner Natur liegt. Aber hier iſt meine Couſine, die iſt ein Inbegriff al⸗ ler Tugenden.“ Unwillkuͤhrlich wendete Mſtrs Lennoxr ihre ſanften, aber leider erblindeten Augen, nach Marien, ſeußzte und ſchuͤttelte das Haupt, gleich⸗ ſam als entſinne ſie ſich ihres Unvermoͤgens. Ma⸗ ria war zu ergriffen, um reden zu köoͤnnen, druͤckte aber die ihr dargereichte Hand, mit In⸗ brunſt, an ihre Lippen, waͤhrend Thraͤnen ihre Wangen herabrieſelten. Die Sprache des Mit⸗ 8 155 gefuͤhls iſt bald verſtanden. Mſtrs Lennor ſchien das Mitleiden und die Hochachtung, welche Mariens warmes Herz ihr zollte, zu verſtehen und von dem Augenblicke an, wurden beide einan⸗ der theuer. 8 „Dies iſt das Bild Ihres Sohnes, des Oberſten Lennox, nicht wahr?“ fragte Emilie. „Ich meine das, welches unter der Dame im Atlaßkleid, mit dem Vogel auf der Hand, haͤngt.“ Mſtrs Lennor bejahte, fuͤgte aber ſeufzend hinzu:„Wie ich das liebe Geſicht noch betrach⸗ ten konnte, vergaß ich alles, was ich verloren hatte. Aber ich war eine zu liebende, zu ſtolze Mutter. Sehen Sie es recht an, meine Liebe,“ ſagte ſie zu Marien, die ſie bei der Hand ergriff und nach dem ihr noch ſehr gut bekannten Fleck fuͤhrte, waͤhrend die Geſichtszuͤge der Traurenden deutlich zeigten, daß Mutterſtolz noch nicht ganz in ihrem Herzen erloſchen ſei.“— Als dieſes gemalt wurde war er erſt achtzehn Jahre alt,4 fuhr ſie fort.„Manche heiße Sonne ſchwaͤrzte ſeitdem dieſe weiße Stirne, und dieſe ſanften Au⸗ gen erblickten manches ſchreckliches Schauſpiel. Wie ſehr mag das liebe Geſicht ſich veraͤndert haben! Aber, ach, ich werde es nie wieder ſehen!“.. 21 der „Wahrlich,“ es iſt ein gefaͤhrliches Ge⸗ ſicht,“ ſagte Emilie, die, trotz der Thraͤne, weelche in ihrem Auge ſtand, ſcherzend ſcheinen 2 156 wollte.„Waͤre mein Herz nicht bereits ver⸗ ſchenkt, ſo wuͤrde ich mich nicht in ſeine Nähe trauen. Was meine Couſine hier betrifft, die fuͤrchtet ſich nicht vor hellbraunen Augen und kaſtanienfarbenen Haaren, ihr koͤnnen nur rothe Haare und blaßgraue Augen gefaͤhrlich werden. Ich glaube Amor ſelbſt wuͤrde ihr mißfallen, er⸗ ſchiene er nicht in der Tracht eines Caledoniers.“ „Dann wuͤrde mein Carl einige Anſpruͤche auf ihren Beifall zu machen haben,“ verſetzte Mſtrs Lennox mit ſchwachem Laͤcheln.„Er wurde kuͤrzlich zum Befehlshaber eines Regiments Bergſchotten ernannt.“ „In der That! das iſt ſehr erfreulich,“ erwiederte Emilie.„Sie duͤrfen in Wahrheit ſtolz auf einen Sohn ſeyn, der ſich bei jeder Gelegenheit auszeichnetet.. „Ach! die Tage meines Stolzes ſind vor⸗ uͤber,“ verſetzte Mſtrs Lennox ſeufzend.„Je mehr Ehre, je mehr Gefahr, und nur zu viele dieſer blutigen Ehren wurden mir zu Theil.“— Die betruͤhte Mutter deutete auf ein Gemaͤlde, welches in einem anderen Theil des Zimmers hing, und eine Gruppe von fuͤnf leiblichen Kin⸗ dern darſtellte.—„Seh'n Sie hier,“ fuhr ſie fort,„drei dieſer Cherubin ſielen in der Schlacht, der vierte, meine Luiſe, ſtarb vor Gram uͤber den Verluſt ihrer Bruͤder.„O, wie ver⸗ moͤchte menſchliche Macht oder irdiſche Ehre die * 157 Mutter zu erfreuen, die uͤber den Graͤbern ihrer Kinder weint! Allein dort lebt eine Macht,“ — indem ſie ihre erblindeten Augen gen Him⸗ mel erhob,—„die ſogar das gebrochene Mut⸗ terherz zu ſtaͤrken vermag! Und hier,“— die Hand auf eine offene Bibel legend,—„iſt der Balſam gegen alle Wunden der Seele. Mein Troſt iſt nicht, daß meine Soͤhne ehrenvoll fie⸗ len, ſondern daß ſie als Chriſten ſtarben.“ Emilie und Maria ſchwiegen beide, obgleich aus verſchiedenen Urſachen. Die erſtere wußte nicht recht, was ſie ſagen ſollte und die letztere war zu weich geſtimmt um antworten zu koͤnnen. „Ich muß Sie um Verzeihung bitten, liebe Kinder,“ ſagte Mſtrs Lennor nach einigem Still⸗ ſchweigen.„Ich rede gar zu ernſte Dinge, an denen Sie keinen Antheil nehmen koͤnnen. Sie werden mich aber entſchuldigen, daß mein Herz uͤberfloß.“ „O, glauben Sie nicht,“ erwiederte Ma⸗ ria, die ſich bemuͤhte, ihre Gefuͤhle zu unter⸗ druͤcken,„daß wir ſo herzlos ſind keinen Antheil an fremdem Kummer zu nehmen,— wer koͤnnte 7 ſo ſelbſtſuͤchtig ſeyn?— Moͤchten Sie mir nur erlauben oft hieher zu kommen,— recht oft“— Erroͤthend ſtockte ſie, weil ſie bemerkte, daß ihre Gefühle ſie weiter fuͤhrten, als ſie es wuͤnſchte. Mſtrs Lennor druͤckte ihre Hand mit Waͤr⸗ me.„Gott hat, in der That, Einige zum Troſt 158 der Leidenden in die Welt geſandt,“ ſagte ſie. „Ein ſolcher Engel des Troſtes wuͤrden Sie mir ſeyn, das fuͤhle ich; denn mein Herz belebt ſi ich bei dem Klang Ihrer Stimme. Sie erin⸗ nert mich an die meiner unvergeßlichen Luiſe, und die Erinnerung an dieſe, den Liebling mei⸗ ner Seele, iſt mir ſtets ſuͤß, obgleich traurig. Kommen Sie zu mir wann Sie wollen. Gottes Segen und der Segen einer erblindeten, kummer⸗ vollen Frau wird Ihr Lohn ſeyn.“ Ddie jungen Damen ſaßen bereits einige Zeit im Wagen, ehe Maria Worte finden konnte, Emilien zu ſagen, welch' großes Vergnuͤgen ihr dieſer Beſuch gewaͤhrt habe, und wie ſehr gerne ſie denſelben wiederholen wuͤrde. „ Es iſt wirklich ein hoͤchſt ſonderbares Ver⸗ gnuͤgen, das Du Dir machſt, liebe Maria, Dich gerne traurig zu machen,“ ſagte Emilie, indem ſie ſich die Augen trocknete.„Ich fuͤr mein Theil fuͤhle mich ganz elend, wenn ich Leiden ſehe, die ich nicht zu lindern vermag, und was koͤnnen wir beide der armen Mſtrs Lennorx nuͤtzen? Wir koͤnnen ihr ihre Soͤhne doch nicht zuruͤck⸗ geben.“ „Nein, aber unſer Mitgefuͤhl koͤnnen wir ihr bezeigen, und dieſes dient den Betruͤbten ſtets zum Troſt.“ .„SIch verſtehe das geheimnißvolle Gefühl, was man Mitgefuͤhl oder Sympathie ennt⸗ 159 nicht recht. Wenn ich Mſtrs Lennox beſuche, ſo briugt ſie mich ſtets zum Weinen„ und ich verſuche ſie zum Lachen zu bringen.— Iſt es das, was Du Mitgefuͤhl nennſt?“ Maria luͤchelte und ſchuͤttelte das Koͤpfchen verneinend. in. „Dann iſt's auch wohl Sympathie, wenn ich Jemand die Naſe putze— und— und ihm in der Bibel vorleſe. Iſt es das? oder was iſt es?. 2 Maria verſicherte, ſie vermoͤge nicht es zu erklären, und Emilie ſagte, ſie koͤnne es nicht begreifen.. „inſt wirſt Du es,“ verſetzte Maria. „Ich glanbe nicht, daß irgend Jemand lebte, ohne Sympathie zu fuͤhlen, oder doch den Wunſch zu hegen, daß man ſie fuͤr ihn fuͤhlen moͤge. Es iſt gut ſich fruͤhe an beides zu gewoͤhnen.“ „Davon ſehe ich die Nothwendigkeit nicht ein. Mir wuͤrde es hoͤchſt laͤſtig ſeyn, wollte man mit mir, wie Du es nennſt, ſympathiſiren. Es ſcheint mir ein durchaus egoiſtiſcher Gedanke zu ſeyn. Waͤre ich ungluͤcklich, ſo wuͤrde es mich eben nicht ſehr troͤſten andere auch ungluͤck⸗ lich zu machen. Waͤre ich an Mſtrs Lennor Stelle, ſo wuͤrde ich zu ſtolz ſeyn, um von mei⸗ nem Ungluͤck zu reden. 4 go 1 X „Aber Mſtrs Lennor ſcheint mir nichts wer niger als ſtolz zu ſeyn. Sie ſcheint ſo ſanftmuͤ⸗ thig und“. „Sanftmuͤthig zum Ueberfluß! Aber dieſe Sanftmuth kommt mir vor, wie eine Aeols⸗ harfe,— ſie ſchlaͤfert mich ein. Menſchen, die nur zwei oder drei Toͤne in ihrem Charakter ha⸗ ben, langweilen mich zu Tode. Im Vorbeige⸗ hen ſei es geſagt, liebe Maria: Du ſelbſt haſt ſo etwas davon an Dir, ob ich zwar glaube, daß Dir auch eine Bravur⸗Arie gelingen wuͤrde. Darinnen ſtehe ich ganz gewiß uͤber Dir, denn ich ſchmeichle mir, daß ich eine ganze vollſtim⸗ mige Muſik in mir trage. Meine Pauken und Trompeten hebe ich fuͤr Lady Julianen auf, und ich bin ganz in der Laune ihr noch heute Abend einen vollen Tuſch zu geben. Auf den Todten⸗ marſch, den Mſtrs Lennox uns vorbließ, muß ich ein luſtiges Stuͤckchen folgen laſſen. 44 Als der Wagen ſtille hielt, ſchien eine un⸗ gewoͤhnliche Geſchaͤftigkeit in Beech⸗Park zu herr⸗ ſchen. Die Bedienten und Pferde des Lord Lindore waren ſo eben angekommen, und brach⸗ ten die angenehme Nachricht, daß ihr Gebieter bald ſelbſt nachfolgen wuͤrde. Emilie, wild vor Freude, vergaß alles in der Hoffnung, ihren Bruder bald zu umarmen.. „Wie kommt es,“ ſagte Maria, als das Entzuͤcken ihrer Couſine ein wenig nachgelaſen hatte, 161 khatte,„daß Du, die ich jetzt in ſo hoher Exrtaſe uͤber die Ankunft Deines Bruders ſehe, faſt nie ſeinen Namen nannteſt?“— „Soll ich Dir die Wahrheit ſagen? Ich fing an ihn ganz und gar zu vergeſſen. Seit meinem zehnten Jahre ſah ich ihn mit keinem Auge. Damals ging er auf Schulen und nach⸗ her bereiſte er das feſte Land. Ich erinnere mich nur noch, daß er huͤbſch und gut gebauet war. Alles, was ich ſeitdem von ihm hoͤrte, iſt, daß er ganz ein Mann nach der Mode ſeyn ſoll. Du aber, mußt nun fein alle Grillen verbannen und keine Trauergeſichter mehr ſchneiden. Schenke dem Lennox Deinen letzten Seufzer und Dein erſtes Laͤcheln meinem Bruder.“ „Das iſt Sympathie,“ ſagte Maria. ——— XVII. „Ich hoffe doch, daß Ew. Herrlichkeit nicht mit dem Mittageſſen auf Lord Lindore warten werden! fragte Doctor Redgill, als es ſieben Uhr ſchlug und weder das Eſſen, noch Lord Lin⸗ dore erſchienen. „Mir iſt's gleichguͤltig,“ antwortete Graf Courtland, der einige neu erſchienene Karrika⸗ Eheſtand 2r Bd. L* 162 turen beſah, und ſo ruhig blieb als ſei es noch fruͤh am Tage. „Schon recht Milord. Aber ich fuͤrchte, daß man uns, ohne Ihre Befehle, nicht zu eſſen geben wird.“— Der Doktor ſtand auf, um die Klingel zu ziehen. „Wir muͤſſen ohne Zweifel den Lord Fried⸗ rich erwarten,“ ſagte Lady Juliane.„Auch iſt's gleichguͤltig, um welche Zeit wir uns zu Tiſche ſetzen.“—nB Ploͤtzlich ſtieß die auf dem Teppich ſchla⸗ fende Beauté ein fuͤrchterliches Geheule aus, gleichſam als fodere ſie Gerechtigkeit von ihrer Gebieterin.. „Was ſoll das heißen?“ rief die gnaͤdige Frau, nach der beleidigten Schoͤnheit zufliegend und vor Mitleiden und Zorn bebend.„Wie koͤnnen Sie ſich unterſtehen meinen Hund ſo zu behandeln, Doktor Redgill?“ „Ich Ew. Gnaden Hund ſo behandeln?“ antwortete der Doktor mit wohl verſtelltem Er⸗ ſtaunen.—„Auf Ehre,— ich weiß nicht was ich ſagen ſoll, ich bin ganz confus!“ „Ich ſah es recht deutlich, daß Sie ihm einen Fußtritt gaben, und“— „Ich ſollte der Beauté einen Fußtritt ge⸗ geben haben!— Nun, das muß ich geſtehen!— 163 Bei meiner armen Seele, eben ſo gern haͤtte ich meiner eigenen Großmutter einen Tritt ge⸗ geben. Ich ſchob ſie nur ein ganz klein wenig mit der Fußſpitze hinweg, wie ich die Klingel⸗ ſchnur ziehen wollte;— das konnte aber keiner, Fliege wehe thun. Nicht um die Schaͤtze dieſer Erde wollte ich die liebe Beauté beleidigen.— Beautéchen, armes Beautéchen, liebes Beauté⸗ chen!“ rief er, das Huͤndchen ſtreichelnd und be⸗ ſchwichtigend, um ſein Vergehen zu bemaͤnteln. Aber weder Beautéchen noch ſeine Gebieterin waren durch die Schmeicheleien des Doktors zu gewinnen. Die eine fuͤhlte, und die andere ſah ſein Verbrechen, und alle Liebkoſungen und Ver⸗ ſicherungen blieben fruchtlos. Die Wahrheit war, daß der Doktor, aus Aerger uͤber Julianens Bemerkunge wegen dem Mittageſſen, ſie gern eben ſo behandelt haͤtte, als den Hund, an dem er ſeine Bosheit ausließ. „Ich glaube wirklich, daß der Hunger das arme Thier ſo quaͤlt,“ fuhr er fort.„Es kennt die Eßſtunde ſo gut als wir. Der Inſtinkt der Hunde, in dieſer Hinſicht, iſt in der That hoͤchſt wunderbar.— Die Vorſehung hat wirklich— ein,— ein Hm!— es iſt in der That kein Scherz mit den Hunden zu treiben, wenn ſie ſich die Eſſenzeit in den Kopf geſetzt haben. Einer meiner Freunde hatte ein ſehr ſchoͤnes Huͤndchen, — gerade ſo, wie das arme Beautéchen hier,— das eben ſp, wie Beautéchen, an eine regelmaͤßige 2 2 164 1. Eßſtunde gewoͤhnt war. Aber eines Tages, an⸗ ſtatt um fuͤnf Uhr zu Tiſche zu gehen, wartete man bis halb ſieben, und die traurige Folge da⸗ von war, daß die Sehnſucht nach dem Eſſen ſo heftig auf den leeren Magen des armen Thier⸗ chen wirkte, daß es die Waſſerſcheu bekam und den andern Morgen todt geſchoſſen werden mußte. — Mir duͤnkt Ew. Gnaden ſagten, das Eſſen!“ — Letzteres wurde abſichtlich recht laut geſpro⸗ chen, und der Bediente ging um anrichten zu laſſen. Eine Stunde hindurch lebte die Seele des Doktors in einem ſubſtantielleren Paradieſe, als das der Tuͤrken iſt; denn das ſeinige beſtand aus den beſten Kraftſuppen und den feinſten Ragouts. Waͤhrend er dieſe genoß, lächelte er uͤber vor⸗ nehme Damen und bot ihrem Schooßhuͤndchen Trotz. Das Mittageſſen ging voruͤber, das Abend⸗ eſſen folgte, und abermals vergingen Fruͤhſtuͤcke, Mittag⸗ und Abendeſſen, ohne daß Lord Lin⸗ dore erſchien. Dies truͤbte eben die Ruhe der Familie nicht im mindeſten. Graf Courtland und Juliane blieben, wie immer, gleichguͤltig. Emi⸗ lie war zwar etwas ungeduldig und aͤrgerlich, aber nicht beſorgt. Maria beluſtigte ſich damit, die Gefuͤhle, die ihre guten Tanten bei aͤhnlicher Gelegenheit haben wuͤrden, ſich in Gedanken vor⸗ zuſtellen. „Die gute Tante Grishelde, wuͤrde ſicher ſchon in dieſen zwei Tagen tauſend Thraͤnen ver⸗ 165 goſſen, und ſich hundert Arten vorgeſtellt haben, ouf welche Lord Lindore ums Leben gekommen waͤre. Tante Johanna wuͤrde vom Morgen bis zum Abend auf die Unregelmaͤſigkeit des jungen Volks geſchimpft haben. Tante Nicoline aber wuͤrde beklagen, daß man den ſchwarzen Hahn ſchon geſtern bruͤhte, und daß morgen kein Fiſch zu bekommen ſei.“ Das Reſultat von Mariens Vergleichungen war, daß, waͤren auch die Ge⸗ fuͤhle der Tanten zuweilen luſtig, es doch beſſer ſei, als gar keine zu haben.„Wahr iſt es,“ dachte ſie,„daß die guten Tanten den Dorn⸗ ſtraͤuchen etwas aͤhnlich ſind, die ſich auch an alles haͤngen, aber doch mehr nuͤtzen als die verzaͤrtelten exotiſchen Gewaͤchſe der Modewelt.“ Am dritten Tage, als das Mittageſſen beinahe voruͤber war und Doktor Redgil bereits zum drittenmal bemerkt hatte,„es ſei ſehr gut nicht auf Lord Lindore gewartet zu haben,“ trat dieſer endlich, ohne Geräuſch, ruhig in's Zimmer. Emilie flog ihrem Bruder mit einem Freu⸗ dengeſchrei entgegen. Graf Courtland empfand eine leichte Anwandlung von Freude, wie er ſei⸗ nem Sohne die Hand reichte. Lady Juliane gerieth in Entzuͤcken uͤber die Schoͤnheit ſeines italieniſchen Windſpiels. Adelaide entſchied beim eerſten Blicke, daß ihr Vetter wuͤrdig ſei, ſich in ſie zu verlieben. Maria freute ſich uͤber die gluͤck⸗ liche Familienvereinigung, und Doktor Redgill dankte insgeheim dem Himmel, daß dieſer Tu⸗ 166 mult nicht zehn Minuten fruͤher entſtanden ſei, da ſonſt die Rebhuͤhner eiskalt geworden waͤren. Die Bedienten ordneten die Stuͤhle anders und neue Speiſen wurden aufgetragen. Aber Lord Lindore ſchien gaͤnzlich unempfindlich gegen alle dieſe Aufmerkſamkeiten. Mit gleichguͤltiger Miene, die aber nichts von uͤbler Lebensart hatte, ſon⸗ dern nur Sitte der großen Welt zu ſeyn ſchien, uͤberblickte er die ganze Geſellſchaft. Einen Au⸗ genblick ruhte ſein Auge auf Adelaiden, gegen die er ſich, zum Zeichen ihrer Jugendbekanntſchaft, leicht und laͤchelnd verbeugte. „Ich kann wirklich Ew. Herrlichkeit we⸗ der die heutige Schildkroͤtenſuppe, noch das Wildpret empfehlen,“ ſagte Doktor Redgill; dem es, als er die Geſellſchaft ihre Plaͤtze wieder einnehmen ſah, zu Muthe wurde, wie Macbeth beim Anblick des blutigen Banquds, oder wie Hamlet beim Beſchauen von YNoricks Schaͤdel. „Nach der Reiſe,“ fuhr er fort,„iſt nichts ſo dienlich als eine leichte Mahlzeit. Erlauben Sie mir Ihnen dieſen kleinen Huͤhnerſchenkel, en Pa⸗ pillote, vorzulegen, oder dieſe herrlichen Abrikoſen⸗ ſchnitten,— eine durchaus auslaͤndiſche Speiſe.“ .„Wenn Roaſtbeef oder geſottenes Hammel⸗ ſeeiſch zu haben iſt, ſo bitte ich darum,“ ſagte Lord Lindore, dem Haushofmeiſter abwehrend, der ihm Schuͤſſel auf Schuͤſſel vorſetzte. „Roaſtheef oder geſottenes Hammelfleiſch!“ murmelte der Doktor.„Der Menſch iſt wahr⸗ lich rein toll.“ 4 167 „Wie kamſt Du herein, ohne daß ich es boͤrte, lieber Friedrich?“ fragte Emilie.„Meine Ohren ſtanden ſeit zwei Tagen und drei Naͤch⸗ ten auf der Lauer, um Dich ankommen zu hoͤren.“ „Ich ging von Newberry zu Fuße hieher,“ antwortete er nachlaͤſſig.„Vor zwei Tagen be⸗ gegnete mir Lord Newberry, als ich im Begriff war hieher zu reiſen, und beredete mich, mit ihm zu gehen.“ „Sehr ſchmeichelhaft fuͤr Deine hieſigen Freunde,“ ſagte Emilie etwas pikant. „Was? Du gingſt von Newberry hieher zu Fuße, und der Weg iſt mit Schnee bedeckt,“ rief der Graf.„Wie konnteſt Du ſo thoͤricht ſeyn?“ 6. * „Blos, wie die Kinder ſagen, weil es mir ſo beliebte,“ verſetzte Lord Lindore laͤchelnd. „Das iſt gerade wie ſein Geluͤſten nach Hammelfleiſch,“ murmelte der Doktor Marien zu. „Sieht man ihn, ſo ſollte man ihn einer ſo plumpen Dummheit nicht faͤhig halten.“ Die Auſſenſeite des Lord Lindore war in der That weder plump, noch dumm, noch ge⸗ ſchmacklos. Er war, ganz im Gegentheil, ein eleganter junger Mann von etwas zartem Glie⸗ derbau, mittler Groͤße, vollkommenem Ebenmaße, und grazioͤſen Bewegungen. Weder in ſeinem Anzuge, noch in ſeinem Betragen, hatte er etwas 168 auslaͤndiſches oder geziertes, ſondern vielmehr et⸗ was durchaus einfaches; doch blickte ein kaum merklicher Stolz durch ſein, dem Anſcheine nach, gleichguͤltiges, aber gutgelauntes Benehmen. Er ſprach wenig; Aufmerkſamkeiten ſchienen ihm mehr zur Laſt zu ſeyn, als ihm Vergnuͤgen zu machen: die ſeinigen verwendete er nur auf ſein Wind⸗ ſpiel, das er mehr bedacht war zu fuͤttern, als die Fragen der Geſellſchaft zu beantworten. Eine vernuͤnftige Unterhaltung fand zwar nie an der Tafel zu Beech⸗Park ſtatt, lief mithin auch dies⸗ mal keine Gefahr durch Lord Lindore geſtoͤrt zu werden. Der Graf liebte keine Unterhaltung,— ihm war ſie laͤſtig, und nur dann und wann warf er ſeinem Sohne, waͤhrend er ſeine Oliven ſpeißte und ſeinen Claret trank, einige fluͤchtige Fragen hin. Juliane ſprach freilich mehr Nonſenſe als gewoͤhnlich, aber niemand horchte auf ſie. Emi⸗ lie wußte nicht ſo recht was ſie aus ihrem Bru⸗ der machen ſollte. Er war ſchoͤn und elegant, ſchien gut gelaunt und ſanftmuͤthig, aber dennoch ſchien ihm etwas zu mangeln, was nicht mit ihren Erwartungen von ihm uͤbereinſtimmte. Ade⸗ laide war voller Verdruß, daß ihr Vetter ihr nicht augenblicklich mit der groͤßten Auszeichnung begegnete, und raͤchte ſich durch Schweigen. Kurz, die Ankunft des jungen Lords ſchien das allge⸗ meine Vergnuͤgen nicht vermehrt zu haben. lich bei Tiſche ſind,“ rief Emilie, indem ſie ver⸗ „Wie daͤmiſch die Menſchen doch gewoͤhn⸗ ——— 169 drießlich aufſtand.„Ich glaube, die Ausduͤn⸗ ſtungen der Speiſen betaͤuben die Sinne und ma⸗ chen traͤge. Mir verlangt Dich im Geſellſchafts⸗ zimmer zu ſehen, lieber Friedrich. Ich denke, Du ſchickſt Dich beſſer zum Ritter des Theeti⸗ ſches, als zum Ritter der runden Tafel. Mit⸗ hin komm! laß Doktor Redgill, den Papa ein⸗ ſchlaͤfern, und folge Du uns; hier ſind ein Paar anziehendere Kraͤfte!“— Hiebei deutete ſie auf die beiden Schweſtern, welche eben das Zimmer verließen. Ohne ihres Bruders Antwort abzu⸗ warten, begab auch ſie ſich hinweg. ——— XVIII. Lord Lindore uͤbereilte ſich nicht, die Ein⸗ ladung ſeiner Schweſter zu befolgen. Nach ei⸗ nigem Zoͤgern begab er ſich jedoch ins Geſell⸗ ſchaftszimmer, aber mit einer Miene, die mehr bewieß, die Geſellſchaft„ welche er eben ver⸗ laſſen hatte, habe ihn gelangweilt, als daß er Vergnügen in der der Damen zu ſinden hoffe. „Komm', Lindore und unterhalte uns ein wenig,“ rief ihm Emilie zu.„Wir ſind einan⸗ der herzlich muͤde. Ein Schneeſturm von Auſſen und Mangel an Geſellſchaft im Zimmer, ſind 170 hart zu ertragende Dinge. Nur die Erwartung Deiner Ankunft belebte uns ſeit zwei Tagen; nun darfſt Du uns auch nicht wieder einſchlaͤfern.“ „Du ergreifſt die wirkſamſte Weiſe meine Tippen zu verſchließen,“ antwortete ihr Bruder laͤchelnd. „Wie ſo?“ „Durch Deine Aufforderung die Geſell⸗ ſchaft zu unterhalten, da jedes Wort, das ich hervorbringen kann, nur dazu dienen wird, das Gegentheil zu beweiſen und Dir zu zeigen, daß ich nicht mit einer ſo wunderthaͤtigen Kraft be⸗ gabt bin.“ 4 „Ich bezweifle, daß es gerade eine wun⸗ derthaͤtige Kraft erfordert, zu unterhalten oder ſich unterhalten zu laſſen. Ich ſchmeichle mir, daß, wenn es mir beliebt, ich faͤhig bin Jeder⸗ mann zu unterhalten; und ſich unterhalten zu laſ⸗ ſen, iſt noch weit leichter. Selten finde ich Je⸗ mand, der nicht unterhaltend iſt, entweder durch Tchorheit, Ziererei, Dummheit oder Eitelkeit, kurz, durch irgend etwas Laͤcherliches, das ihn nicht nur ertraͤglich, ſondern ſogar beluſtigend macht.“ „Wie gluͤcklich mußt Du ſeyn,“ antwortete Lindore. „Gluͤcklich? Nein.— Gluͤcklich machen mich meine Empfindungen eben nicht. Denn ge⸗ rade, wenn ich mich am meiſten beluſtiget glaube, 171 wandelt mich oft ein Ekel, zuweilen auch ein Aerger an. Mein Geiſt erhitzt ſich, und⸗— „Du moͤchteſt dann Deine Bekannte hinter die Ohren ſchlagen,“ unterbrach ſie ihr Bruder lachend.„Nichts iſt ſo beneidenswerth, als die Gabe, ſich leicht zu unterhalten und ſelbſt der Aerger iſt vielleicht der Gleichguͤltigkeit vorzu⸗ ziehen.“ „Dem Himmel ſei Dank! Von Gleichguͤl⸗ tigkeit weiß ich nichts,— die uͤberlaſſe ich Ade⸗ laiden.“. Mit mehr Intereſſe als vorher, richtete Lin⸗ dore ſeine Blicke auf Adelaiden, die, ein Buch in der Hand, ſcheinbar auf nichts, was vorging, achtete. Bewundernd ſah er ſie eine lange Weile an. Adelaide aber, die ſein Hinſtarren recht gut bemerkte, las ruhig fort. „Komm,“ rief Emilie,„Du mußt Dich wirklich durch etwas auszeichnen. Wir halten Dich nun einmal fuͤr die Seele der Geſellſchaft. Adelaide walzt wie ein Engel, wenn ſie einen Mittaͤnzer findet, der ihr gefaͤllt.“ „Ich aber walze wie ein bloßer Sterbli⸗ cher,“ antwortete Lindore, indem er ſich an einen Tiſch ſetzte und in einem Buche blaͤtterte. „Und ich habe meinem Oheim verſprochen, Billard mit ihm zu ſpielen,“ ſagte Adelaide, die vor Zorn erroͤthete. . ——ÿ—xxx 172 4 „Wollen wir Muſik machen? Wirſt Du unſer Kraͤhen nach den Nachtigallſtimmen Dei⸗ ner Italienerinnen hoͤren moͤgen?“ fragte Emilie. Gleichguͤltig antwortete ihr Bruder,„ich wuͤrde Dich recht gern ſingen hoͤren.“ „Du, liebe Maria,“ ſagte Emilie,„ſollſt die Feſſeln der verborgenen Harmonie loͤſen. Singe uns Dein Lied vom Schottiſchen Verbann⸗ ten: bitte, bitte! Es paßt recht gut hieher. Ein Engliſches wuͤrde zwar noch paſſender ſeyn; aber Deiner Meinung nach giebt es nichts in dieſem Lande, was Deines Geſanges werth waͤre.“ Maria wuͤrde ſich gern geweigert haben, da ſie aber bemerkte, daß eine Verweigerung ihre Couſine gekränkt haben wuͤrde, ſo ergriff ſie ihre Harfe und ſang das Lied vom Verbannten. Ehe der Geſang noch zu Ende war, huͤpfte Lindore ins Billardzirmmer, ſingend„Oh! Jiove omnipotente!““ Dort blieb er ſogar gegen Adelaidens Reize gleichguͤltig, trotz der Muͤhe, welche ſie ſich gab, durch alle Kuͤnſte der Koket⸗ terie ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Lindore ſetzte ſich, ſcheinbar in tiefes Nachdenken verloren, ans Feuer, und gab ſich nur dann und wan mit ſeinem Hunde ab. Bei der Abendmahlzeit be⸗ trug er ſich noch aͤrger, ſetzte ſich zu Marien und unterhielt ſich mit ihr von Schottland. „Nun,— was halten Sie von meinem Bruder?“ fragte Emilie ihre Tante und ihre 8 8 * 123 Couſinen, als ſie ſich trennen wollten.„Iſt er nicht goͤttlich?“ „Durchaus ſo!“ erwiederte Lady Juliane mit aller Wichtigkeit einer Thoͤrin.„Ich ver⸗ ſichere Dich, daß ich ihn unendlich hoch ſchaͤtze. Er iſt ein reizender, prächtiger junger Mann,— ſehr ſchoͤn und auſſerordentlich liebenswuͤrdig. Und dann iſt ſeine Aufmerkſamkeit gegen ſeinen Hund zum Entzuͤcken,— es iſt etwas ſo Unge⸗ woͤhnliches, Maͤnner gut mit ihren Hunden um⸗ gehen zu ſehen. Ich verſichere Dich, daß ich Viele ſah, die grauſam mit den armen Thieren umgingen, die ſie ſchlugemund verhungern ließen, und“— 4. „Was haͤltſt Du von meinem Bruder „ liebe Adelaide?“. „O, ich— ich zweiſle nicht daran, daß er ausnehmend liebenswuͤrdig iſt,“ erwiederte Adelaide gaͤhnend.„Wie die Mamma ſagt, die Aufmerkſamkeit gegen ſeinen Hund beweißt es.“ „Und Du Maria? Werden Deine Bemer⸗ kungen eben ſo einſichtsvoll und hoͤflich ſeyn?“ Mit der gewohnten Aufrichtigkeit, ſagte Maria, ſie halte ihn fuͤr den ſchoͤnſten und ele⸗ ganteſten jungen Mann, den ſie jemals geſehen habe. „Ja, ja, das iſt mir Alles wohl bekannt. — Aber,— ich wuͤnſchte nur, daß er Verſtand — — G 174 genug haͤtte, ſich in Dich, liebe Maria, zu ver⸗ len aber mußt Du Dein Herzchen ein wenig in acht nehmen. Er ſoll, wie ich hoͤre, etwas flat⸗ terhaft ſeyn, und am liebſten verheiratheten Da⸗ men den Hof machen. Vor Adelaiden braucht Dir nicht zu bangen. Sie wird ſich nie zu Ei⸗ nem herablaſſen, der,“— Adelaidens Ton nach⸗ ſpottend,—„ich zweifle nicht daran, ausneh⸗ mend liebenswuͤrdig iſt.“ „Vor mir darfſt Du eben ſo ſicher ſeyn,“ verſetzte Maria. Ich verſichere Dich, daß ich, nach der Warnung, die Du mir gabſt, noch weniger Gefahr laufe, mein Herz zu verlieren.“ Dieſe Skizze, welche Emilie, von dem Cha⸗ rakter ihres Bruders, etwas unuͤberlegt entwarf, wirkte ſehr verſchieden auf beide Schweſtern.— Bei Adelaiden vermehrte ſie ſeine Wichtigkeit und erhoͤhte ſeinen Werth. In ihren Augen wuͤrde es keine alltaͤgliche Eroberung geweſen ſeyn, ei⸗ nen ſo leichtfertigen Schmetterling zu feſſeln. Von dieſem Augenblick an beſchloß ſie, alle Zau⸗ berkraft ihrer Reize aufzubieten, um das Herz ihres Vettern zu erobern und zu behaupten. Maria dachte anders. Zwar gehoͤrte ſie nicht zu der Zahl jener uͤberſtrengen Tugendhel⸗ dinnen, die, bei der bloßem Erwaͤhnung der maͤnn⸗ lichen Flatterhaftigkeit Feuer und Flammen ſpeien, — lieben. Wie gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn, Dich als Schweſter begruͤßen zu koͤnnen!— Einſtwei⸗ 175- und ſich ſchon fuͤr befleckt halten, wenn ein ſol⸗ 1 cher Laſterhafter in ihre Naͤhe kommt; aber ihre Moralitaͤt, ſowohl als ihre geſunde Vernunft, 8 belehrten ſie, daß ſie von jetzt an ihren Vetter in keinem anderen Lichte betrachten duͤrfe, als V in dem einer gewoͤhnlichen Bekanntſchaft. — 8 9 XIX. Emilie beſchloß, die Ankunft ihres Bruders durch einen Ball zu feiern. Stets eilfertig ihre Vorſaͤtze auszuführen, ſchrieb ſie alsbald die Na⸗ men der Einzuladenden nieder. „Wahrlich,“ ſagte ſie, indem ſie das Ver⸗ eichniß durchging,„nie hatte eine Familie ſo V traurige Bekanntſchaften als die unſrige. We⸗ nigſtens die Hälfte dieſer Menſchen ſind die un⸗ ertraͤglichſten auf Erden. Die Claremonts, die Sodgeſields, die Bouveries, die Sedleys und ei⸗ nige andere ſind leidlich genug. Giebt es aber etwas unausſtehlicheres als die Uebrigen? Zum Beiſpiel die fatale Lady Placid.“ „Was fuͤr eine Art Frau iſt ſie?“ fragte 1 Maria. 1. 176 „Daruͤber ſollſt Du ſelbſt urtheilen, wenn ich Dir eine leichte Skizze von ihrem Charakter gegeben habe. Lady Placid iſt in der Meinung aller Vernuͤnftigen, und in der Meinigen ganz beſonders, eine eitle, ſchwache, eingebildete, ge⸗ meine Egoiſtin. In ihren eigenen Augen iſt ſie artig, unterrichtet, elegant und liebenswuͤrdig. Zwar ſparte ich keine Muͤhe ihr zu zeigen, wie unangenehm ſie mir iſt; aber umſonſt. Sie be⸗ harrt ſo ſtandhaft auf ihrer guten Meinung von ſich ſelbſt, als Thorheit und Eigenduͤnkel es ihr nur immer einzugeben vermoͤgen, und alle meine Stachelworte prellen von ihr ab. Sie erinnert mich oft an eine haͤßliche Fee, von der ich einſt las, ſie beſitze die Gabe, alle gegen ſie gerich⸗ teten feindlichen Weſen in irgend ein angeneh⸗ mes Geſchenk zu verwandeln. Steine wurden zu Seidenknaͤule, Pfeile zu Blumen, Schwerter zu Straußfedern u. ſ. w. Lady Placid befindet ſich in gleicher Lage. Die auffallendſte Beleidi⸗ gung wuͤrde ſie als eine Hoͤflichkeitsbezeigung deuten;— ſelbſt die Laſter ihrer Nebenmenſchen ſcheint ſie fuͤr Weihrauch zu halten, der ihrer unbefleckten Tugend dargeboten wird. Ich glaube ſicher, daß ſie die Meinung hegt, heilig geſpro⸗ chen werden zu muͤſſen, weil ſie noch nicht vor dem Eheſcheidungstribunal erſcheinen mußte. Doch genug von ihr,— ich will ſie dennoch einladen.“ „Zetzt kommt Mſtrs Wiſeacre, die beruͤhmte Geſetzgeberin, an die Reihe. Ohne Ausſicht auf 1 7 Nuz⸗ 177, Nutzen oder Gewinn, dringt die weiſe Frau ei⸗ nem Jeden, der ſie anhoͤren mag, ihren guten Rath auf; blos um fuͤr kluͤger als Andere ge⸗ halten zu werden. Aber es geht ihr, wie es — oft wuͤrdigeren Menſchen geht,— Undank iſt ihr Lohn; und die Weisheitsſpruͤche, welche un⸗ aufhoͤrlich uͤber ihre geſpitzten Lippen gehen, machen ſie nur noch unertraͤglicher. Dies iſt ungefaͤhr ihre Art und Weiſe:—„Dürfte ich mich wohl unterſtehen, Ihnen zu rathen, theuerſte Lady Emilie, der,— wenn meine unmaßgeb⸗ liche Meinung einiges Gewicht haben koͤnnte; oder,— wenn meine Erfahrung gelten ſollte; oder,— ich bin zwar jetzt eine alte Frau, glaube aber die Welt hinlaͤnglich zu kennen; oder,— wenn ein freundſchaftlicher Rath, von meiner Seite, etwas nuͤtzen koͤnnte.“— Geraͤth ſie nun etwa ganz in Eifer, ſo heißt es:„ſo wenig ich es auch liebe meinen Nath aufzudringen, ſo halte ich es doch diesmal fuͤr Pflicht; oder,— die Sache geht mich zwar ganz und gar nichts an, allein man erlaube mir nur zu bemerken, u. ſ. w.“ Uebrigens genuͤgt es ihr, wenn ſie nur ihren guten Rath von ſich gegeben hat, ob man ihn befolgt oder nicht: denn die Sache mag ausfallen wie ſie will, gut oder ſchlecht, ſo wird ſie auf jeden Fall daruͤber triumphiren. Auf dieſe Weiſe wird ſie zum Bei⸗ ſpiel ſagen:„Verlaſſen Sie ſich darauf, haͤtte die arme Mſtrs Dabble meinen Rath befolgt, und die Pillen des Doktors Doolittle einge⸗ Eheſtand 2r Bd. M 173 nommen, ſo lebte ſie noch auf den heutigen Tag.“ „Ueberdies herrſcht ein ſeltſamer Wider⸗ ſpruch in Mſtrs Wiſeacres Charakter. Denn obgleich ſie behauptet, das Ungluͤck ihrer Freunde ſei die Folge der Vernachlaͤſſigung ihres guten Rathes, ſo behauptet ſie doch eben ſo ſehr, daß ihr eigenes Mißgeſchick aus der Befolgung der Nathſchlaͤge Anderer entſtanden ſei. Sie treibt ſtets das albernſte Zeug, und waͤlzt alsdann die Schuld auf ihre Freunde. Dich aber, liebe Maria, warne ich, ihren Rathſchlaͤgen nie Ge⸗ hoͤr zu geben. Sie wird Dir ſo lange vorpre⸗ digen, wie Du Dein Kleid ſtecken ſollſt, und wie Deine Haare gekraͤuſelt ſeyn muͤſſen, daß Du es fuͤr unmoͤglich halten wirſt, nicht zu thun, was ſie von Dir verlangt. Entdecke ich aber jemals, daß Du ihre ewigen Vorſchlaͤge befolgſt, ſo ſollſt Du es mit mir zu thun haben.“ Maria verſprach lachend, ſie wolle taub gegen alle weiſe Rathſchlaͤge der Mſtrs Wiſeacre bleiben. Emilie fuhr fort: „Hier folgt ein Haufen ſo zahlreich als ein Muͤckenſchwarm in der Abendſonne und in der Wagſchaale der erſchaffenen Weſen vom naͤmli⸗ chen Gewichte. Verheirathete Damen, die man nur durch ihre Gaſtereien oder ſchoͤne Equipa⸗ gen oder koſtbare Juwelen kennt. Wie wuͤrde es mich verdrießen, wenn man von mir ſagte, nur dergleichen Dinge beſtimmten meinen Werth! Da 129 haſt Du ferner die lieben Toͤchter dieſer Damen. — Fraͤuleins, die nichts in der Welt weiter ſind, als— Fraͤuleins. O, uͤber die Abge⸗ ſchmacktheit eines bloßen Fraͤuleins! So ein albern laͤchelndes, empfindſames Gaͤnschen, mit roſenrothen Baͤckchen, ſchoͤnen Haaren und Mo⸗ dekleidern; ohne Augen, als fuͤr Liebhaber; ohne Ohren, als fuͤr Schmeichelworte; ohne Geſchmack, als fuͤr Baͤlle; ohne Sinn fuͤr iirgend etwas! Hier ſindeſt Du Damen, die weder verheirathet noch jung ſind, die ſich aber alle erſinnliche Muͤhe geben, die Schoͤnrednerinnen zu machen„ damit die Reize ihrer Unterhaltung den Klauenfuß ver⸗ bergen. Aber dieſe und viele Andere wollen wir diesmal uͤbergehen. Jetzt aber laſſe ich die ſehr Ehrbare Mſtrs Whrigt auftreten; eine Perſon voller Liſt und Scharfſinn,— gemein, aber un⸗ gekuͤnſtelt. Sie iſt weder hoͤflich, noch ſanftmuͤ⸗ thig, aber ehrlich und gaſtfrei. Man nennt ſie eine uͤbergeſchaͤftige Frau, was fuͤr mich eine ab⸗ ſcheuliche Benennung iſt. Es giebt zwei Arten von übergeſchaͤftigen Frauen. Die eine iſt mit koͤrperlichen, die andere mit geiſtigen Eigenſchaf⸗ ten begabt. Welche von beiden am unangenehm⸗ ſten fuͤr die Geſellſchaft iſt, wage ich nicht zu entſcheiden. Die eine plagt mit ihrem Fleiß, die andere mit ihrem Wiſſen. Die eine klappert ſtets mit ihrem Schluͤſſelbund, die andere aͤrgert mit ihren Weisheitsſpruͤchen. Beide ſchwatzen ſo viel und ſo laut und ſind ſo egoiſtiſch, daß ich es fuͤr beleidigend halte, wenn man Jemand eine M 2 180 uͤbergeſchaͤftige Frau nennt, als heiße man ſie ein gutes Gaͤnschen. Aber wieder auf unſere übergeſchaͤftige Mſtes Whrigt zuruͤckzukommen, ſo will ich Dir ſagen, daß ſie Wittwe iſt, und die Leiterin und Regiererin ihres einzigen Sohnes, eines hoͤchſt unbedeutenden jungen Mannes. Niemand kennt, wie ich glaube, ſeine Geiſtesſchwaͤchen beſſer als ſeine Mutter. Sie iſt jedoch uͤberzeugt, daß ein reicher Mann, in den Augen der Menge, ein wichtiger Mann iſt, und preißt deshalb den Reichthum ihres Sohnes, als ſeine vorzuͤglichſte Eigenſchaft. Ihr Hauptbeſtreben geht dahin, ihn in der guten Geſellſchaft einzufuͤhren und ihn gut zu verheirathen. Dies haͤlt ſie um ſo weniger ſchwierig, da er recht gut ausſieht, zehn⸗ tauſend Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte hat, und der Erbe des Titels irgend eines Schottlaͤndiſchen Lords iſt.— Das waͤre ſo etwas fuͤr Dich, liebe Maria! Einſt hatte ſie Abſichten auf Ade⸗ laiden, die aber ihre Annaͤherungen mit ſo vieler Geringſchäͤtzung aufnahm, daß Mſtrs Whrigt ſich aͤußerte, ſie danke dem Himmel, den Klauenfuß noch zeitig genug erblickt zu haben; denn dies ſei keine Gattin fuͤr ihren William. Du aber wuͤrdeſt ihr eben recht ſeyn, denn bei Dir guckt kein Klauenfuß hervor.“ 3 „Oder Du biſt nicht ſo ſcharfſichtig als Mſtrs Whrigt. Du haſt die Klauen noch nicht ausgeſpaͤth, wie es ſcheint,“ ſagte Maria laͤ⸗ chelnd. 1³¹1 „Wenn Du wirklich welche haͤtteſt, ſo biete ich Dir und Jedermann trotz, ſie von mir zu verbergen. Wenn ich zuweilen die Charaktere der meiſten meiner Bekannten, in Gedanken durch⸗ muſtere, ſo bin ich geneigt zu glauben, die Na⸗ tur habe mich blos deshalb mit ſo ſcharfen Au⸗ gen begabt, daß ich nur widrige Dinge erblicken ſolle.“ „Das muß eine noch laͤſtigere Sehergabe ſeyn, als ſelbſt das zweite Geſicht meiner Lands⸗ leute,“ ſagte Maria.„Doch ſollte ich glauben, es hinge viel von Dir ſelbſt ab, ihr entgegen zu kaͤmpfen.“ „Unmoͤglich! Mein Beobachtungsgeiſt durch⸗ blickt alles ihm Gehaͤßige ſo ſcharf, daß ich eher meine Augen blind und meine Ohren taub ver⸗ nuͤnfteln koͤnnte, als meine Gefuͤhle unterdruͤcken. Warum ſollte ich gegen mich ſelbſt kaͤmpfen, wenn es Andere beliebt, geziert und laͤcherlich zu erſcheinen.“ „Wenn Menſchen reizbar ſeyn wollen; warum ſollen Andere ihre Empfindungen des⸗ halb unterdruͤcken?“ antwortete Maria lachend. „Weil meine Empfindungen natuͤrlich, die ihrigen aber erkuͤnſtelt ſind. Der Anblick von Ziererei wuͤrde einen Heiligen krank machen. Gemeinheit, ſogar eingewurzelte Gemeinheit iſt⸗ ertraͤglich, ſelbſt Dummheit iſt verzeihlich;— 132 aber Ziererei iſt weder zu ertragen noch zu ver⸗ zeihen. 4 „ und doch kann elbſt dieſe, in einigen Faͤl⸗ len entſchuldiget werden,“ antwortete Maria. „Es giebt gewiß manche Menſchen, die natuͤrlich und angenehm geblieben waͤren, haͤtte man ſie an⸗ ders erzogen. Manche haben, wie ich glaube, den Muth nicht ſich ſo zu zeigen, wie ſie wirk⸗ lich ſind. Andere giebt es wieder, in deren Na⸗ tur es liegt, ſich zu zieren; und Viele, ſehr Viele, denen man Ziererei, als nothwendig zu einer guten Erziehung, anlehrte. „ Ja,— wie meine trefflichen Erzieherin⸗ nen ſie mir einpraͤgen wollten. Aber ich ließ mir, dem Himmel ſei Dank! nichts weiß ma⸗ chen. Mit aller Gewalt verlangten ſie, ich ſolle bezaubernd werden. Sobald ſie aber nur das Wort ausſprachen, gleich runzelte ich die Stirne. Du weißt, daß ich das ſo ziemlich in der Gewohnheit habe. Aber was ſchadet's? Eine gerunzelte Stirne iſt beſſer als ein falſches Herz, und ich biete jedem Trotz, der ſich erkuͤhnt zu ſagen: ich ſei bezaubernd.“ „Und denneh mußt Du ſo etwas Zauber⸗ artiges an Dir haben, ſonſt haͤtte ich Dir nicht ſo lange zugehoͤrt,“ ſagte Maria, indem ſie von dem Tiſche aufſtand, an welchem ſie ihrer Cou⸗ ſine, zur Ausfertigung der Einladungskarten, be⸗ huͤlflich war. 133 „Noch mußt Du mir ein wenig laͤnger zu⸗ hoͤren,“ rief Emilie, indem ſie ihre Hand ergriff. „Zwar bin ich mit meinen Fatalen noch nicht zur Haͤlſte fertig, will ſie aber, Dir zu Gefallen, fuͤr diesmal laufen laſſen. Damit ich aber bei Dir nicht in Verdacht gerathe, unfaͤhig zu ſeyn das Vortreffliche zu erkennen, ſo mußt Du mir erlauben, Dir zu beweiſen, daß ich den wahren Werth, da, wo ich ihn finde, recht gut zu ſchaͤz⸗ zen verſtehe. Ich geſtehe, daß mein Talent das Laͤcherliche auszuſpaͤhen eher ein Fehler genannt werden kann, als ein Zeichen von Verſtand oder Witz; da es weit leichter iſt die, in die Au⸗ gen fallenden Zuͤge von Haͤßlichkeit aufzufinden, als die feineren der Schoͤnheit. Jetzt will ich Dir aber auch meine Favorite beſchreiben.— Ihr Name thut nichts zur Sache, Du wuͤrdeſt ihn ohnehin ungern hoͤren.— Zuerſt iſt ſie un gemein gottesfuͤrchtig, verſchließt aber ihre Got⸗ tesfurcht fein in ihr Herz. Sie tritt Niemand in den Weg und miſcht ſich nie in anderer Leute Dinge! Sie beſtrebt ſich fromm zu ſeyn, nicht ſo zu ſcheinen; wozu weder Heuchelei, noch uͤbergroße Strenge noͤthig iſt. Sie beſitzt Tole⸗ ranz, ohne Niedertraͤchtigkeit; Sanftmuth, ohne Abgeſchmacktheit; Aufrichtigkeit, ohne Rohheit. Sie uͤbt jede Tugend aus und ſcheint es nicht zu bemerken, daß Andere das Gegentheil thun. Darf ich dem Ausdruck ihrer Augen trauen, ſo fallen ihr die Laͤcherlichkeiten Anderer eben ſo gut auf, als mir, findet ſich aber da nur beluſtiget, 184 wo ich mich aͤrgere. Nie zollt ſie ihren Freun⸗ den falſches Lob; dagegen wiegt ihr einfacher Beifall die feinſten Schmeichelreden Anderer auf. Sie tadelt oder verdammt nie die Auffuͤhrung ihres Naͤchſten, weil ſie uͤberzeugt iſt, die Tu⸗ gend weit mehr durch ihre Handlungen zu erhe⸗ ben, als durch den Tadel der Gebrechen ihrer Nebenmenſchen. Sie fragt nichts nach Bewun⸗ derung, beſtrebt ſich aber Gutes zu thun und Andern Vergnuͤgen zu verſchaffen. Kurz, ſie vermochte die Lady Placid geduldig anzuhoͤren, den Rath der Mſtrs Wiſeacre zu ertragen, die Pruͤfungen der Mſtrs Whrigt zu dulden, und, was das ſchwerſte iſt,“— hier ſchloß ſie Ma⸗ rien herrlich in ihre Arme,—„mit meinen Lau⸗ nen und Unarten Geduld zu haben.“ —— XX. Die Ankunft des Lord Lindore fuͤhrte eine Schaar von Beſuchern nach Beech⸗Park, und in dem unaufhoͤrlichen Taumel von Beluſtigun⸗ gen wurde Maria gaͤnzlich uͤberſehen. Um ſo ungehinderter konnte ſie oͤftere Beſuche bei Mſtrs Lennox ablegen, woſelbſt ſie, mit der willig zu⸗ geſtandenen Erlaubniß ihrer Mutter, dann und wann eine Woche zubrachte. Die neue Bekannt⸗ 3 2 ſchaft wurde, auf dieſe Weiſe, von beiden Sei⸗ ten, bald zur waͤrmſten Freundſchaft. Der Tag, welcher nicht durch Mariens Gegenwart erhellt wurde, ſchien der guten Mſtrs Lennox doppelt finſter, und Maria fuͤhlte ſich gluͤcklich, etwas zum Vergnuͤgen der armen Leidenden beitragen zu koͤnnen..* Mſtrs Lennor war eines jener ſanftmuͤthi⸗ gen, liebenswuͤrdigen Weſen, die das Herz weit mehr gewinnen, als Andere es durch vorzuͤgli⸗ chere Eigenſchaften einzunehmen vermoͤgen. Ihr Verſtand war keiner der erhabenſten, war auch nicht ſo ausgebildet, wie das jetzige Zeitalter es verlangt. Allein die Trefflichkeit ihres Herzens und die Reinheit ihrer Seele beſchaͤmten den Stolz des Witzes und den Glanz des Wiſſens. Aller aͤußeren Freuden beraubt, und großer Zei⸗ ſtiger Huͤlfsmittel ermangelnd, konnten nur Er⸗ innerung und Hoffnung die finſtern Tage ihres Lebens erhellen. Ihr einziges Vergnuͤgen beſtand in der Ruͤckerinnerung an ihre Kinder, in Ge⸗ ſpraͤchen von ihrer Schoͤnheit und Guͤte, und im Zuruͤckrufen vergangener gluͤcklicher Zeiten. „O, nur eine Mutter kann ſagen, wie bit⸗ ter die Thraͤnen des Mutterauges ſind!“ pflegte ſie auszurufen. Alle andere Schmerzen ſcheinen natuͤrlich, aber,— Gott moͤge es mir verzei⸗ hen!— das iſt nicht natuͤrlich, daß die Alten die Jungen beweinen muͤſſen. O, wenn ich mich ſo von meinen Kindern umringt ſah, wie wenig 4 38318 dachte ich da, daß der Tod ihre Augen ſo bald verſchliegen und der Gram mein Loos ſeyn wuͤrde! Alles andere Mißgeſchick wuͤrde ich leichter ertra⸗ gen haben, als ſo ganz einſam auf dieſer Welt zu ſtehen.— Und doch;— Meine Kinder verehrten Seine Macht und glaubten an Sei⸗ nen Namen. Seiner Gnade verdanke ich die Ueberzeugung, daß meine Hingeſchiedenen jetzt in ſeinem Reiche ſind! Hier ſpricht meine verewigte Luiſe ſelbſt aus dem Grabe zu mir! Einige Stunden vor ihrem Hinuͤbergehen ſchriel ſie dieſe Zeilen nieder. Leſen Sie mir dieſe ihre letzten Gedanken vor, die mir nicht von jeder Stimme anzuhoͤren moͤglich ſind.— Maria las Fol⸗ gendes: Auf immer hin*)! Auf immer hin! o ſchaudervoller Ton! Der Freud' und Hoffnung dumpfes Grabgelaͤute, Du triffſt das Herz und gibſt doch mitleidslos Nicht der Vernichtung voͤllig mich zur Beute. Auf immer hin! Welch' Wort des duͤſtern 3 Grams Erfuͤllt mit wild geheimnißvollen Wehen! Der Chriſt ſinkt auf die Knie' und fleht um Troſt.— Sein Heiland ſtarb— er wird nicht untergehen. *) Die metriſche Uebertragung dieſes ſchoͤnen Gedichtes ver⸗ danke ich der Güte des würdigen Herrn Pfarrers P.. in H. D. Ueb. Rur kurze Friſt iſt unſer Erdenſeyn, Zum Gang auf rauher Bahn ſind wir geboren. Ach! das war auch des theuern Freundes Loos, Der nur voranging, den wir nicht verloren. Auf immer hin! Der Thorheit Raſerei Spricht aus der gottesleugneriſchen Rede. Allein der Tod verliert die Schreckgeſtalt, Strahlt Licht von Jenſeits in des Grabes Oede. Auf immer hin! O trauriges Geſchick!— Sieh die Natur, die dir ein Bild enthuͤllet Vom gluͤcklicheren Loos der Sterblichen, Ein Bild, das jedes Herz mit Luſt erfüllet. Der duͤrre Zweig, die welke Blume wird Dem Menſchen gleich, dem blaſſen Tod zum Staube. 1 Doch neubelebt ſchmuͤckt ſie der Sommertag Mit Farbenpracht und Duft und jungem Laube. Und nur des Menſchen Schickſal ſollte ſeyn Zu fallen, um nie wieder zu erſtehen?— Das edelſte der Weſen waͤre da, Umſonſt zu leben, ſpurlos zu vergehen?— Auf immer hin! Verzweiflungsvolles Wort!— Sieh auf zum Himmel, ſieh das Meer, die Erde! Und lies des Herrn Verheißungen darinn Und glaube, daß er dich erwecken werde. 188 Maria hatte bereits einige Wochen groͤßten⸗ theils in Roſe⸗Hall zugebracht, als Emiliens Balltag ſich naͤherte, auf welchem ſie ſich, als den erſten, dem ſie beiwohnen wuͤrde, ſo recht von Herzen freute. Mit mehr als gewoͤhnlicher. Heiterkeit erſchien ſie bei dem Fruͤhſtuͤck ihrer ehrwuͤrdigen Freundin. Aber gleich bei ihrem Eintritt ins Zimmer wich alle Heiterkeit von ihr, bei dem Anblick der auffallenden Veraͤnderung in Mſtrs Lennox Geſichtszuͤgen, deren verfinſterte Augen thranenvoll zum Himmel emporgerichtet waren, und deren Haͤnde ihr Herz preßten, als wollten ſie die innere Bewegung deſſelben be⸗ kaͤmpfen. Ihre treue Dienerin ſtand, mit einem offenen Brief in der Hand, neben ihr. Maria flog auf ſie zu. Als die Blinde ihren leichten Tritt erkannte und die ſuͤßen Toͤne ihrer Stimme vernahm, breitete ſie die Arme nach ihr aus.. „Wo ſind Sie, liebes Kind?“ rief ſie aus, und druͤckte Marien krampfhaft an ihr Herz. „Morgen, ach Morgen! werde ich meinen Sohn, meinen Carl ſehen:— Sehen! O Gott, ſtehe mir bei! Nie, nie werden ihn dieſe meine Au⸗ gen erblicken!“”“ In aller Pein der widerſtre⸗ bendſten Gefuͤhle vergoß ſie bittere Thraͤnen. „ Aber Sie werden ihn hoͤren,— Sie werden ihn an Ihr Herz druͤcken,— Sie werden fuͤhlen, daß er an Ihrer Seite iſt,“ ſagte Maria. 189 „Ja, Gott ſei geprieſen! Noch einmal werde ich die Stimme eines lebenden Kindes ver⸗ nehmen! O, wie oft hoͤre ich die Stimmen, die der Tod zum Schweigen brachte, ſich in meinem Herzen erheben! Ich bin nunmehr daran ge⸗ woͤhnt,— aber daß er jetzt in das verwaiste Haus zuruͤckkehren ſoll, der Gedanke durchdringt meine Seele! Wie er dieſe Wohnung zuletzt ver⸗ ließ, hatte er noch einen Vater, Bruͤder und eine Schweſter,— jetzt findet er alle ver⸗ ſchwunden!“ „Es wird in der That eine traurige Ruͤck⸗ kehr ſeyn,“ ſagte die alte Haushaͤlterin, ſich die Augen trocknend.„Der Oberſte liebte ſeine Ge⸗ ſchwiſter ſo ſehr, als ſie ihn! Ach, ſie liebten einander uͤber alle Beſchreibung! Wie ſehr oft ſahe ich hier in dieſem Zimmer, wie ſie mit ih⸗ res Vaters Hut, und Degen ſpielten und aus⸗ riefen: auch ſie wollten Soldaten werden!“ Maria ermahnte die gute Frau, lieber zu ch weigen, bemuͤhte ſich hierauf, die trauernde Mutter zu beſaͤnftigen und ihr die Freude, wel⸗ che ihr Sohn bei ihrem Anblick genießen wuͤrde, zu ſchildern. Mſtrs Lennor ſchuͤttelte traurig das Haupt. „Ach, welche Freude kann er genießen, wenn er mich in dieſem Zuſtande findet! Ich habe ihm mein ſchreckliches Loos zu lange ver⸗ borgen. Er weiß es nicht, daß dieſe armen Au⸗ 190 gen mit Finſterniß geſchlagen ſind! O! er wird die Zaͤrtlichkeit der Mutter in ihnen ſuchen, und nichts als Kaͤlte und Schweigen darin erblicken!“ 3„Er wird Sie aber auch ergeben und zu⸗ frieden finden,“ ſagte Maria, waͤhrend ihre Thraͤnen, auf die Hand der Blinden, die ſie an ihre Lippen druͤckte, herabtraͤufelten. Ja, es iſt Gott bekannt, daß ich mich nicht gegen ſeinen heiligen Willen empoͤre. Nicht uͤber mich weine ich, ſondern uͤber meinen Sohn! Wie wird er es zu ertragen vermoͤgen, die Mut⸗ ter, die er ſo ſehr liebte und verehrte, jetzt blind, alles Gluͤcks beraubt und huͤlflos zu erblicken!“ Die Wunden ihrer Seele ſchienen, uͤber die Ruͤck⸗ kehr des geliebten Sohnes, aufs neue zu bluten. Maria bot alle Kraͤfte ihres Verſtandes, alle Zaͤrtlichkeit ihres Herzens auf, um die trau⸗ rigen Bilder, die in der Seele ihrer Freundin aufſtiegen, zu verſcheuchen. Sie gewahrte aber bald, daß nicht ſowohl ihre Ueberredungskunſt, als vielmehr ihre Gegenwart die erwuͤnſchte Wir⸗ kung hervorbrachte; ſie in der gegenwaͤrtigen Lage zu verlaſſen, ſchien daher unmöglich. In ihrer heftigen Gemuͤthsbewegung hatte Mſtrs Lennox es gaͤnzlich vergeſſen, weshalb Maria nach Hauſe reiſen wollte, und bat ſie daher aufs dringendſte und unwiderſtehlichſte, bis zur An⸗ kunft ihres Sohnes, bei ihr zu bleiben. * ————ↄ—ↄ—ↄQ——Q—/OQꝭ— —-— ——y — ⁰—- — Der Gedanke, wie ſehr es ihrer Couſine mißfallen wuͤrde, wenn ſie wegen einer ſolchen Urſache nicht zuruͤckkehrte, machte, daß Marie einen Augenblick mit ihrer Antwort zoͤgerte. Ihre Gefuͤhle hielten ſie aber ab, die Urſache ihres Bedenkens zu nennen.. „Wie gefuͤhllos wuͤrde es ſcheinen unter ſolchen Umſtaͤnden von Baͤllen zu reden,“ dachte ſie.„Welch' ein ſchmerzlicher Contraſt waͤre dies! Emilie wird mich gewiß nicht tadeln, und vermiſſen wird mich niemand.“— In dem Eifer ihrer Empfindungen verſprach ſie zu blei⸗ ben; doch nicht ohne einen Seußzer uͤber den Verluſt des mufgeopferten Vergnuͤgens. Sobald das Opfer aber einmal gebracht war, wich auch jener kurze Schmerz, und Maria widmete ſich von dem Augenblick an dem Geſchaͤfte, die trau⸗ rigen Gefuͤhle ihrer ehrwuͤrdigen Freundin zu be⸗ ſaͤnftigen. Mariens gut geleitete Bemuͤhungen wurden von dem erwuͤnſchteſten Erfolge gekroͤnt. Sie las, ſprach, ſpielte und ſang nicht in freudiger Weiſe, ſondern in dem ſanften Ton, welcher mit traurigen Empfindungen uͤbereinſtimmt, und ge⸗ noß bald die Genugthuung, den Gegenſtand ihrer Sorgfalt, in die vorige ſtille Ergebenheit zuruͤck⸗ kehren zu ſehen. „Gott ſegne Sie, liebſte Maria!“ ſagte Mſtrs Lennox, als ſie ſich trennten, um zu Bette 192 zu gehen.„Nur Er vermag, Sie fuͤr das Gute, was Sie mir heute erwieſen, zu belohnen!“ Ein ſolcher Segen wuͤrzt ein Dutzend Baͤlle auf,“ dachte Maria, indem ſie ihre Freundin zaͤrtlich umarmte. Im naͤmlichen Augenblicke hoͤrte man einen Wagen heran rollen und eine ungewoͤhnliche Ge⸗ ſchaͤft gkeit unter den Dienſtleuten. Kaum hatte man aber recht gehorcht, als ſchon die Thuͤre auflog und Mſtrs Lennoxr ſich von den Armen ihres Sohnes umſchloſſen fuͤhlte. Einige Minuten hindurch waren ihre Ge⸗ fuͤhle zu ſtark fuͤr andere Worte, als die:„mein Sohn!— meine Mutter!“ Endlich aber erhob der Sohn ſeine Augen, um das Antlitz ſeiner Mutter beſorgt zu pruͤfen. Aber,— o Jam⸗ mer! kein Strahl aus den ihrigen leuchtete ihm entgegen. Mit jener Leerheit, die den Erblinde⸗ ten eigen iſt, und die unendlich mehr ans Herz greift, als der Ausdruck des belebten Auges, ſtarrte die arme Dulderin, nach dem leeren Raum, den ihre Einbildungskraft mit dem theue⸗ ren Bilde beſeelt hatte. Der herzzerreißendſte Gram ergriff den Sohn, als er ſeine hoͤchſte Furcht beſtaͤtigt fand. Von Schmerz uͤberwaͤltigt, erhob er ſeine Augen gen Himmel und warf ſich an die Bruſt ſeiner Mutter. Als Maria aus dem Zimmer eilte, hoͤrte 193 hörte ſie noch ſein Schluchzen und den Ausruf: „Ach! gute Mutter, warum mußte ich Sie ſo finden!“ — XXlI. Maͤchtige Gemuͤthsbewegungen unterdruͤcken unſere gewoͤhnlichen Gefuͤhle. Als Maria am andern Morgen den Oberſten Lennox im Fruͤhſtuͤck⸗ zimmer fand, begruͤßte er ſie nicht mit der Foͤrm⸗ lichkeit eines Fremden, ſondern mit der Offenheit eines alten Bekannten, und ſprach von ſeiner Mutter mit aller Waͤrme ſeines Herzens. Ma⸗ ria wußte es, daß Mſtrs Lennox ihrem Sohne ihr Un gluͤck verheelt hatte. Es ſchien jedoch, daß er eine unbeſtimmte Ahnung davon gehabt habe, und nachdem er mit Muͤhe auf eine kurze Zeit Urlaub erhielt, eilte er, um entweder ſeine Furcht oder ſeine Hoffnungen verwireiiht zu ſehen. „Und jetzt, da ich das alleraͤrgſte weiß, 4 ſagte er,„kann ich nichts anders thun, als kla⸗ gen. Meine Gegenwart ſcheint das Unglüͤck mei⸗ ner bedauerungswuͤrdigen Mutter mehr zu erhoͤ⸗ hen, als zu vermindern. O, es iſt herzzerreißend zu ſehen, wie die verfinſterten Augen ſtreben, das Antlitz des Geliebten zu entdecken! eheſtand 21 Bd.— R 194 „Ach!“ dachte Maria, indem ſie das jez⸗ zige Ausſehen des Oberſten mit ſeinem an der Wand haͤngenden Bilde verglich,„wie veraͤndert wuͤrde ſie das ihr ſo liebe Geſt cht jetzt finden!“ Das Gemaͤlde ſtellte den damaligen Juͤngling in aller Jugendſchoͤnheit dar, die feurigen Augen, die vollen Wangen, die ſchoͤne offene Stirne zeugten nur von Hoffnung, Geſundheit und Freude. Jetzt aber hatte der Kummer dieſe Augen getruͤbt, muͤhſames Kriegerleben die Wan⸗ gen geſchmaͤlert, und Sorgen die Stirne bewoͤlkt. Allein auch hier fand ſich der Satz beſtaͤtiget, daß ein noch ſo aͤhnliches Gemaͤlde den beſten Theil der Schoͤnheit nicht auszudruͤcken vermag. Denn das erhabene Gefuͤhl, die Miſchung von Leben und Empfindung, welche die Zuͤge des Originals ſo deutlich ausſprechen, vermochte es nicht darzuſtellen. So dachte auch Maria, die aber, durch den Eintritt der Mſtrs Lennor, in ihren Ver⸗ gleichungen unterbrochen wurde. Ihr Sohn flog auf ſie zu, nahm ſie ihrer Fuͤhrerin ab, gelei⸗ tete ſie zu ihrem Sitz und leiſtete ihr alle kleine Dienſte, welche ihre huͤlfloſe Lage erforderten. „Lieber Carl,“ ſagte ſie läͤchelnd, als er verſuchte ihre Kiſſen zu ordnen,„Deine Haͤnde ſind nicht an dergleichen Arbeiten gewoͤhnt. Dein Arm iſt meine beſte Stuͤtze, aber eine ſanftere Hand muß meine Kiſſen ebenen. Wo ſind Sie, . 195 liebe Maria? Reichen Sie mir Ihre Hand.“ — MNariens Hand in die ihres Sohnes legend, fuhr ſie fort:„Manche Thraͤne trocknete dieſe liebe Hand von den Augen Deiner armen Mutter! Maria erroͤthete und zog ihre Hand ſchnell hinweg. Sie fuͤhlte, daß dieſes eine Art von Aufforderung an die Gefuͤhle des Oberſten ſei. Ihr verwundetes Zartgefuͤhl wollte es nicht dul⸗ den ſeiner Dankbarkeit auf dieſe Weiſe empfoh⸗ len zu werden. Allein der Oberſte war zu ſehr in ſeine eigenen ſchmerzlichen Gefuͤhle verſunken, um den Worten ſeiner Mutter eine ſolche Deu⸗ tung zu geben. Zwar blickte er Marien einen Augenblick mit Intereſſe an, verſank aber gleich wieder in ſein trauriges Nachdenken. Oberſt Lennox war von einfachen Sitten. Er ſchien uͤber das Beſtreben, ſich angenehm ma⸗ chen zu wollen, erhaben,— ein Beſtreben, das weit oͤfterer ſeine Quelle in der Eitelkeit, als in der Gutmuͤthigkeit hat. Er ſtrebte zwar ſeine Mutter zu erheitern; richtete er aber ſeine Au⸗ gen auf ſie oder auf die vor ihm haͤngende ju⸗ gendliche Gruppe, ſo verriethen der Wechſel ſei⸗ ner Farbe und ſeine bebenden Lippen den Schmerz, den zu verbergen er ſich beſtrebte. Nach geendigtem Fruͤhſtuͤck erhob ſich Ma⸗ rig, um ſich zu ihrer Abreiſe vorzubereiten, und N 2 796 alle Bitten ihrer ehrwuͤrdigen Freundin, nur noch — bis zum anderen Tage zu bleiben, blieben frucht⸗ los. 3 „Gewiß, liebe Maria,“ ſagte Mſtrs Len⸗ nox in flehendem Tone,„werden Sie es mir nicht abſchlagen, mich noch einen Tag zu⸗ begluͤk⸗ ken? Es gewaͤhrt mir eine ſo große Gluͤckſelig⸗ keit, Sie und meinen Carl zuſammen zu wiſſen. Ich dachte nie, daß mir ein ſolches Gluͤck noch zu Theil werden wuͤrde. Gott hat mir doch wohl noch etwas Gutes fuͤr meine letzten Tage aufgeſpart! Verlaſſen Sie mich nicht, wenn ich eben anfange aus dem Frendenbecher zu nip⸗ pen!“— Mitt jenem ruͤhrendem Weſen, wel⸗— ches Maria ſtets unwiderſtehlich lan umſieng ſie ihre junge Freundin. — Bei dieſer Gelegenheit widerſtand aber Ma⸗ ria jedem Fiehen. Zum erſtenmal in ihrem Le⸗ ben war ſie taub gegen die Bitten des Alters oder des Ungluͤcks. Nur diejenigen, welche es gewoͤhnt ſind zum Gluͤck Anderer beizutragen, vermoͤgen zu fuͤhlen, wie ſchwer es einem groß⸗ muͤthigen Herzen wird, ſogar den Schwaͤchen, derer die es liebt, zu widerſtehen. Allein Ma⸗ ria fuͤhlte, daß ſie der Freundſchaft ſchon ſo große Opfer gebracht habe, und fuͤrchtete uͤber⸗ dies die Vorwuͤrfe und den Spott ihrer Ver⸗ wandten zu Beech⸗Park. Daher blieb ſie ſtand⸗ haft bei ihrem Entſchluß, den ſie jedoch durch — 197 das Verſprechen, einer baldigen Ruͤckkehr mil⸗ derte. „Welch' ein Engel verlaͤßt uns!“ rief Mſtrs Lennox ihrem Sohne zu, als Maria das Zimmer verließ.„Ach! beſter Carl, koͤnnte ich je hoffen, daß er der Deinige wuͤrde!“ Der Oberſte laͤchelte.— Das wird er ſchwerlich werden bis ich ſeibſt ein Engel bin. Ein armer unſtaͤter Soldat, wie ich, muß ſeine Wuͤnſche beſchraͤnken.“ „Iſt ſie aber nicht ein liebenswuͤrdiges Ge⸗ ſchoͤpf?“ fragte ſeine Mutter mit einiger Be⸗ ſorgniß. „Engel ſind ſtets liebenswuͤrdig,“ antwor⸗ tete lachend der Sohn, der den Angriff auf ſein Herz abſchlagen wollte. „Du willſt nicht ernſthaft ſeyn, lieber Carl. Aber die jetzige Jugend iſt ſehr verſchieden von der in meinen fruͤheren Tagen. Ihr wollt Euch nicht auf den erſten Blick verlieben, Ihr ſeid alle ſo vorſichtig.“ Die gute alte Dame gedachte jetzt der Zei⸗ ten, in welchen der muntere, galante Hauptmann Lennox ſich auf einem Ball ſterblich in ſie ver⸗ liebte, als ſie, in blauen Atlas gekleidet, und 8 198 ein Corſenhuͤtchen auf dem Kopfe, eine Menuet mit ihm tanzte. „Sie vergeſſen, liebe Mutter, wie leicht ich mich vor zehn Jahren verliebte. Ich geſtehe, daß ich ſeit jener Zeit, der Liebe ein wenig aus dem Wege ging, aber etwas Uebung wird mich ſchon wieder auf die Bahn bringen, und dann ſollen Sie ſich, das verſpreche ich Ihnen, nicht uͤber meine Vorſichtigkeit zu beklagen hahen.“ Mſtrs Lennor ſeufzte und ſchuͤttelte das Haupt. Schon lange naͤhrte ſie die Hoffnung, ihr Sohn wuͤrde ſich, kehre er je zuruͤck, in Ma⸗ rien verlieben und ſie heirathen. Ueber dieſem Lieblingsplan hatte ſie ſo lange gebruͤtet, bis er ihre ganze Seele erfuͤllte. In der Einfalt ihres Herzens bildete ſie ſich ein, ſie wuͤrde die von ihr ſo ſehnlich erwuͤnſchte Begebenheit ſchneller herbeileiten, wenn ſie ihrem Sohne den Gedanken davon einfloͤßte, indem ſie nicht den mindeſten Zweifel hegte, der Gegenſtand ihrer Neigungen muͤſſe gleichfalls der Abgott ihres Sohnes wer⸗ den. Sie kannte das menſchliche Herz ſo wenig, daß ſie nicht bedachte, daß gerade dieſes Mit⸗ tel, ihre Plaͤne, ſtatt ſie zu befoͤrdern, vielmehr vernichten wuͤrde. Der Stolz des Mannes em⸗ poͤrt ſich meiſtens gegen alle Verſuche, ſeine Nei⸗ gungen zu lenken. Schwache Gemuͤther laſſen ſich freilich oft verleiten, mit den Augen Ande⸗ rer zu ſehen; allein ſtolze und unabhaͤngige Geſhe lieben fuͤr ſich ſelbſt zu wuhlen. 199 Mit nicht geringer Kraͤnkung ſah Mſtrs Lennoxr Marien abreiſen, ohne den erſehnten Lindenit auf das Herz ihres Sohnes gemacht, der, was ſie noch mehr fuͤrchtete, ohne das ih⸗ behe gefeſſelt zu haben. Maria mußte ihr wie⸗ derholt verſprechen, bald wieder zuruͤckzukehren und einige Tage bei ihr zuzubringen.„Dann wird es ſich ja wohl fuͤgen,“ dachte ſie.„Le⸗ ben ſie zuſammen und ſehen ſie ſich taͤglich, ſo koͤnnen ſie es nicht vermeiden, einander zu lie⸗ ben, und dann wird alles nach Wunſch gehen. Gott gebe, daß ich es noch erlebe!“ Hoffnung milderte den Schmerz der Taͤu⸗ ſchung. ——— XXII. Mariens Unerfahrenheit ließ ſie erwarten, bei ihrer Ruͤckkehr nach Beech⸗Park noch einige Spuren von dem Vergnuͤgen der verfloſſenen Nacht zu finden, die ihr beweiſen wuͤrden, wie ſehr ihre Freunde ſich vergnuͤgt haͤtten und wel⸗ chen Genuß ſie aufgeopfert habe. Verwelktes Immergruͤn, erloͤſchende Lampen und verblichene Blumen fielen ihr, als ſie durch die Vorhalle es ſah oͤde und verſtoͤrt aus. licch. dem Fuße wegſchleuderte. 200 ging, unangenehm ins Auge. Der Saal und die Zimmer waren mit Staub und herabgetraͤu⸗ feltem Wachs bedeckt und beſchmutzt. Kurz, al⸗ Nichts ſtand an ſeinem rechten Orte, nichts ſah aus wie gewoͤhn⸗ Maria ſtand erſtaunt uͤber die unangeneh⸗ me Verwandlung züer Piugf Jemand naͤherte ſi ch. Naria kehrte ſich um und erblickte den Doktor Redgill. „So— Sie ſind es nur, Miß Maria!“ rief er verdrießlich aus.„Ich hoffte eine der Maͤgde zu ſinden. Auf Ehre, es iſt abſcheulich, daß in dieſem Hauſe noch kein weibliches Weſen auſſer dem Bette zu finden iſt! Mein Bedienter war ſchon fuͤnfmal bei Mſtrs Brown, um ihr zu ſagen, daß ich bereits ſeit zwei Stunden auf mein Fruͤhſtuͤck warte. Aber der verwuͤnſchte Ball hat alles von oben bis unten gekehrt!— Sie ſind zu einem herrlichen Anblick gekommen,“ fuhr er fort, mit Wuth und Verachtung um ſich blickend.„In der That, ein herrlicher Anblick! Auf Ehre, ich ſchaͤme mich nur hier zu ſtehen. Sehen Sie nur dieſe Lumpen,“— fuhr er fort, indem er ein Feſton von kuͤnſtlichen Roſen mit „Kann wohl etwas veraͤchtlicher ſeyn? Laͤßt es ſich denken, daß ein vernuͤnftiges Geſchoͤpf ſich an dem Anblick eines ſolchen Lumpenſtaats vergnuͤgen koͤnne?— Auf Lhre,: es macht mich ganz confus! Sonſt hielt * Thorheit!* 201 ich Lady Emilie,— denn ihr Werk iſt es ein⸗ zig und allein,— fuͤr eine ganz vernuͤnftige Perſon,— aber nach einer ſo auffallenden 4 „Pſt!“ ſagte Maria.„Es iſt nicht ſchoͤn von uns, hier zu ſtehen und die Hefen der Freude zu unterſuchen, wenn der Geiſt entflohen iſt. Gewiß war es ein ſehr glaͤnzender Ball.“ „Glaͤnzender Ball, fuͤrwahr!“ wiederholte der Doctor im zornigſten Ton.„Ich bin wirk⸗ lich erſtaunt, ich,— ja glaͤnzend genug, wenn Sie das meinen, daß ein Lichtglanz da war, der den Teufel haͤtte blind machen koͤnnen. Die kurze Zeit, die ich da war, glaubte ich die Au⸗ gen wuͤrden mir aus dem Kopfe fallen; ich glaube wirklich das eine iſt noch nicht ganz ge⸗ heilt. Glauben Sie nicht, daß es ein wenig entzuͤndet iſt, Miß Maria?“ Maria ſagte, es ſei wirklich arg entzuͤndet. „Das iſt alles, was ich bei den Poſſen gewonnen habe. Man fragte mich aber auch nicht um Rath. Ich hielt es jedoch fuͤr meine Pflicht, dem Grafen einen kleinen Wink zu ge⸗ ben, wie die Narrentheidung vorgeſchlagen wurde. Mylord, ſagte ich, Ihr Haus iſt Ihr Eigen⸗ thum, Sie haben das Recht, darinnen zu thun, was Ihnen beliebt, verbrennen ſie es, reiſſen 202 Sie es nieder, machen Sie ein Fegefeuer dar⸗ aus, aber dulden Sie um Gottes Willen keinen Ball in demſelben! Der Ball wurde doch ge⸗ geben und nun ſehen Sie die Folgen. Ein Ball! Iſt's wohl der Muͤhe werth, daß eine ganze Familie wegen eines Balles in Verwir⸗ rung gerathe?“ . „Fuͤr die Theilnehmer iſt es ſicher ein großes Vergnuͤgen,“ erwiederte Maria. „Schade auf ſo ein Vergnuͤgen! Auf Ehre, Sie ſeten mich ganz in Erſtaunen, Miß Maria! Ich glaubte, Ihr Wegbleiben ſei ein Beweis Ihres Verſtandes. Aber ich,— Hm! In der That, ein großes Vergnuͤgen, mit anzuſehen, wie menſchliche Geſchoͤpfe ſich die ganze Nacht hindurch, wie die Affen mit einander umher kraͤu⸗ ſeln und wahre Seiltaͤnzer aus ſich machen. Ich halte das Tanzen fuͤr eine herabwuͤrdigende und hoͤchſt unmoraliſche Handlung. Bei meiner ar⸗ men Seele, ich wuͤrde mich vor den Steinen ſchaͤmen, muͤßte ich walzen. Und dieſem großen Vergnuͤgen haben wir es zu verdanken, daß al⸗ les in Unordnung iſt, und daß ich ſeit nunmehr drittehalb Stunden, uͤber die gewoͤhnliche Zeit auf mein Fruͤhſtück warten muß. Nicht, daß ich nach mir ſelbſt fragte, dies im geringſten nicht. Ich bin nicht der einzige Leidende, und waͤre ich es, ſo wuͤrde ich nicht deshalb klagen; gber es betruͤbt mich, es aͤrgert mich. Auf 203 Ehre, ich kann es nicht ertragen, mit anzuſe⸗ hen, wie ſich eine ganze Familie ins Verderben ſtuͤrzt.“* Des Doktors Gemuͤthsbewegung war ſo groß, daß Maria beinahe Mitleiden mit ihm fuͤhlte.. „Es iſt wirklich hart, daß Sie nicht zu Ihrem Fruͤhſtuͤck gelangen koͤnnen, da Sie kei⸗ nen Genuß auf dem Ball hatten,“ ſagte ſie. „Mſtrs Brown wuͤrde mir gewiß ihre Schluͤſſel anvertrauen, wenn ich ſie darum erſuchte, und ich will recht gern ihren Dienſt thun, und Ih⸗ nen den Thee bereiten.“ „Danke Ihnen, Miß Maria,“ verſetzte der Doktor mit Kaͤlte.„Danke recht ſehr. Es iſt in der That ein ſehr hoͤfliches Erbieten von Ihrer Seite. Aber— Hm!— Sie werden bemerkt haben, daß ich nie Thee zum Fruͤhſtuͤck trinke. Nur Abends trinke ich welchen. Die meiſten Menſchen thun das Gegentheil, ſie ha⸗ ben aber unrecht. Kaffee iſt zu nahrhaft fuͤr den Abend. Selbſt die Franzoſen irren ſich hier⸗ innen. Die Frau da, die Mſtrs Brown, weiß, wie ich es liebe: ſie iſt in der That die ein⸗ zige Frau, die Kaffee zu machen verſteht,— Kaffee, den ich trinkbar finde. Sie weiß das, — und ſie weiß, daß ich ihn auf den Moment zu haben wuͤnſche— und dennoch“— 4 12 204 Maria glaubte eine Thraͤne in ſeinem Auge zu ſehen. Da ſie ſah, daß ſie ihm keinen Troſt gewaͤhren konnte, war ſie im Begriff das Zim⸗ mer zu verlaſſen, als der Doktor hinter ihr drein rief „Miß Maria, ſollten Sie etwa bei dem Zimmer der Mſtrs Brown vorbeigehen, ſo wuͤrde ich Ihnen ſehr dankbar ſeyn, wenn Sie ihr nur ſagen wollten, welche Zeit es iſt, und daß ich ſeit Mitternacht keinen Biſſen uͤber die Zunge brachte.“ Maria erſah ihren Vortheil, waͤhrend dem ſchweren Seufzer, der dieſe Rede ſchloß, zu ent⸗ fliehen. Wie ſie uͤber den Vorſaal ging, begeg⸗ nete ihr der Bediente des hinſchmachtenden Dok⸗ tors, mit der Kaffeekanne in der Hand, um Troſt in die Seele ſeines Gebieters zu gießen. Da Marien der Widerwille ihrer Mutter, ſie in die Geſellſchaft einzufuͤhren, nur zu gut bekannt war, ſo ſchmeichelte ſie ſich, wenigſtens diesmal, deren Beifall wegen ihrem Hinwegblei⸗ ben, zu erhalten. Maria kannte aber die Lau⸗ nen der gnaͤdigen Mamma noch nicht hinlaͤnglich. Lady Juliane war entſchieden dagegen, daß ihre Tochter auf dem Ball erſcheinen ſolle, fand ſich aber eben ſo beleidigt uͤber ihr Wegbleiben. Ue⸗ berdies war ſie uͤbel mit ſich ſelbſt zufrieden, da 4 4 Hier wiſchte ſich der Doktor die Naſe und 205 ihr Spiegel ihr ſagte, ſie ſehe uͤbernaͤchtig und abgemattet aus. Sie war daher, wie ihre Zofe ſich ausdruͤckte, von ganz beſonders uͤbler Laune, und Maria mußte Vorwuͤrfe erdulden, von de⸗ nen ſie nur ſo viel verſtehen konnte, daß, ob ſie gleich nicht haͤtte gegenwaͤrtig ſeyn ſollen, ſie doch auch nicht haͤtte wegbleiben duͤrfen. Emiliens Zorn war anderer Art. Ihren Aerger aͤußerte ſie ſtets mit einer energiſchen Hitze, die nie ver⸗ fehlte ihre Gegner zu betaͤuben. Dieſe Ausbruͤ⸗ che von Zorn waren aber weit ertraͤglicher, als die langweilige, graͤmliche Laune jener Dame. Nachdem Emilie ſich durch Schmaͤhen, Laͤcherlich⸗ machen und Bitterkeiten Luft gemacht, und Ma⸗ rien zu Thraͤnen gebracht hatte, umarmte ſie ihre Couſine herzlich, ſchwur, ſie liebe ſie beſſer als irgend jemand auf Erden, und ſie ſei eine Tho⸗ rin, wenn ſie das mindeſte nach dem frage, as ſie ihr eben geſagt habe. „Ich verſichere Dich,“ ſagte ſie,„daß ich Dich nur ein wenig plagen wollte, und Du mußt ſelbſt geſtehen, daß Du es reichlich verdient haſt. Ich kann aber unmoͤglich glauben, daß Du im mindeſten auch das, was ich Dir ſagte, achte⸗ teſt; das waͤre eine Thorheit, deren ich Dich nicht faͤhig halte. Du ſiehſt, daß ich weit mit⸗ leidiger in meinen Urtheilen bin, als Du. Di haͤltſt mich fuͤr ein unartiges Ding, und ich bin zu gutmüthig, Dich eine Thoͤrin zu ſchelten. Lom⸗ Jei wieder gut, ich will Dir auch huͤbſch 206 vom Ball erzaͤhlen. Es thut mir herzlich leid, Dein Naͤschen roth gemacht zu haben. Aber wahrlich, aͤrgerlich war es immer, und der Ball war abſcheulich. Selbſt Hiob waͤre toll gewor⸗ den, waͤre ihm ſo viel Unangenehmes begegnet als mir. Zuerſt hatte ich mein Koͤpfchen drauf geſetzt, Dich mit Aufſehen einzufuͤhren. Du aber zogſt vor, Pſalmen mit der Mſtrs Lennox zu ſingen, oder empfindſame Lieder mit ihrem Sohne, welches von beiden weiß ich nicht. Zweitens war ein großes Mittageſſen in Bath, woruͤber einige der beſten Tänzer ausblieben. Dann, nachdem ich uͤber anderthalb Stunden auf meinen Bruder gewartet hatte, der den Ball mit Lady Charlotte M. eroͤffnen ſollte, ging ich in ſein Zimmer und fand ihn am Kamin ſitzend, unange⸗ kleidet, mit einem Band von Roußeau in der Hand, und hoͤchlich verwundert, daß man ſeine Gegenwart ganz und gar verlange. Nun denke Dir mein Vergnuͤgen, als mein lieber Bruder endlich eintrat und ich ſehen mußte, daß er den Ball mit Lady Placid eroͤffnete. Lieber haͤtte ich ihn mit einer Hyaͤne walzen ſehen! Ihm ſchien es ſehr gleichguͤltig zu ſeyn, mit wem er tanze, auſſer vielleicht mit Adelaiden, die aber verſagt war. Im Vorbeigehen ſei es geſagt,— ich glaube ſicher, daß ſo eine Art von Verbin⸗ dung zwiſchen ihnen beſteht,— wie ſich dieſe en⸗ den wird, wiſſen die Goͤtter! es haͤngt lediglich von ihnen ſelbſt ab,— auch wuͤßte ich nicht, was ihre Liebſchaft rruͤben ſolite Aber vielleicht —— —— 6 207 eben darum, weil keine Hinderniſſe obwalten, wird nichts aus der Sache,— denn Du weißt, oder weißt es vielleicht auch nicht, daß nichts ſo ſehr irre fuͤhrt als die Liebe.“ DDdiieſe Mittheilung wuͤrde Marien einiger⸗ maßen unangenehm geweſen ſeyn, haͤtte ſie ihre Schweſter fuͤr faͤhig gehalten Liebe zu empfin⸗ den. Sie hatte ſich ihr aber ſtets ſo unempfind⸗ lich gegen jede zaͤrtliche und großmuͤthige Empfin⸗ dung gezeigt, daß Maria unmoͤglich glauben konnte, Liebe koͤnne Eindruck auf das Herz ihrer Schweſter machen. Sah ſie aber ihren Vetter und Adelaiden zuſammen, ſo ſchwankte ſie in ih⸗ rer Meinung. Adelaide, die Jedermann ſtolz und veraͤchtlich begegnete, war herablaſſend und freundlich gegen ihren Vetter, und gab ſich das Anſehen, uͤber den bereits errungenen Sieg zu triumphiren. Nicht ſo leicht war es, die Ge⸗ fuͤhle des Lord Lindore gegen ſeine Couſine zu beſtimmen, die nur mit der Zeit an den Tag kamen. Ende des zweiten Baͤndchens. —— 69—,— nnniſnninſnfnſnnſninſnnnin, mnnſnſſnſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 9 v L L Reeee