Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Jeſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: W.— NW 1N S Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Als Eduard ſich geſammelt, und an Alles erin⸗ nert hatte, was er abends zuvor geſehen und gehoͤrt, war er nicht wenig beſtuͤrtzt, die ganze Hoͤhle wuͤſt und leer zu finden. Der mit ei⸗ nem ungeheuern Aſchenhaufen bedeckte Heerd, die Ueberreſte der Abendmahlzeit, die in halb verbrannten, halb abgenagten Knochen beſtan⸗ den, und die zwey anſehnlichen leeren Kruͤge, die er bemerkte, uͤberzeigten ihn, daß er ſich in der Hohle Donald's und ſeiner Bande befand. Als er in den Eingang trat, ſah er, daß die Felſenkuppe, auf welcher man das Feuer an⸗ gezuͤndet hatte, durch einem kleinen Fußpfad, den die Natur und die Hand der Menſchen dort angelegt, zugaͤnglich war. Als er die Plat⸗ ſorm erſtiegen, hielt er es anfaͤnglich fuͤr un⸗ moͤglich zu Lande weiter zu gelangen, und glaub⸗ I. A — 2— te, die Bewohner haͤtten keinen andern Ausgang als den zur See; allein bald darauf bemerkte er einige Felſenſpitzen, die ihn bis auf den Gi⸗ pfel treppenartige klimmen ließen. Er ſtieg nicht ohne Noth auf der entgegengeſetzten Seite wie⸗ der herab, und kam, nachdem er einem ſehr ſteilem und gefährlichen Abhang gefolgt war, an das wuͤſte Ufer eines etwa vier Meilen lan— gen, und anderthalb Meilen breiten Sees, rings mit ſehr hohen und gaͤnzlich wilden Gebirgen umgeben, die noch der Fruͤhnebel bedeckte. Indem er ſeine Blicke umher warf, bewun⸗ derte er die Geſchicklichkeit, mit welcher man dieſen einſamen Ort zum Schlupfwinkel gewählt hatte. Der Felſen, deſſen Seiten er auf einem faſt unzugaͤnglichen Fuſteige durchkreutzt hatte, zeigte, von unten aus geſehen, nichts als einen entſetzlichen Abgrund, der alle Gemeinſchaft ab⸗ ſchnitt. Es wat nach der Lage der Sees un— moͤglich dort auf der andern Seite eine tiefe, geraumige Hoͤhle zu ſuchen; ſah man nicht die Nachen die Fluthen durchſchneiden, oder das Geheimniß wurde verrathen, ſo war es fuͤr ſeine Garniſon, wenn ſie mit Lebensmitteln verſorgt war, ein gefahrloſer Aufenthalt. Nach dieſer Befriedigung ſeiner Neugier, ſah ſich Eduard uͤberall um, in der Hoffnung, Evan und ſeinen Bedienten zu erblicken, die er nicht zu entfernt glaubte, welchen Weg auch Donald und ſeine Bande eingeſchlagen haben konnten. Er irrte ſich nicht in ſeinen Muthmaßungen, und ein mit Angeln beſchaͤftigter Hochlaͤnder ward ihm in der Entfernung einer halben Meile ſichtbar; er unterſchied die Apt ſeines bey ihm befindli⸗ chen Kameraden, und zweifelte nicht, daß es Evan und ſein Freund ſey. Als er auf den Eingang der Hoͤhle zuging, hoͤrte er ſehr lebhafte und ſcharfe Toͤne eines Galiſchen Geſanges, die ihn einer entlegnern, von dichten Baumzweigen verſteckten Grotte zu⸗ fuͤhrten. Er fand die Nymphe dieſer reitzen⸗ den Hoͤhle mit Zubereitungen des Morgenbro⸗ des beſchaͤftigt, das in Milchſpeiſen, Eyern, Ho⸗ nig, und Gerſtenbrod beſtand. Das arme Kind war fruͤh aufgeſtanden; viele Meilen im Um⸗ kreiſe umher gelaufen, um ſich das zu ihren Kuchen noͤthige Mehl, Eyer und andere Vor⸗ räthe aus den benachbarten Hutten zu verſchaf⸗ ſen. Donald und ſeine Horde hatten keine an⸗ dere Rahrung als das Fleiſch der Thiere, die ſie den Bewohnern der Fläche fort trieben; das Brod ward als eine ſeltene Speiſe betrachtet, weil es ihnen ſehr ſchwer ward es ſich zu ver⸗ ſchaffen. Alle Arten von Ragont, Gefläͤgel, ja A 2 — 4— ſogar die Butter, waren in dieſen Tatariſchen Felblager unbekannt. Obgleich Alir den groͤß⸗ ten Theil des Morgens angewendet hatte, ſich Lebensmittel fuͤr ihren Herrn zu verſchaffen, ſo war ihr doch noch Zeit fuͤr ihre Toilette ubrig geblieben. Ihre Kleidungsſtuͤcke waren ſehr einfach: ein kleines, rothes Leibchen, und ein kurzer Rock; aber Alles war reinlich, und ſorg⸗ fältigſt geordnet. Ein Streif von geſticktem Scharlach feſſelte ihr ſchones Haar, das in zahl⸗ reichen Locken herabſiel. Sie hatte ihren ſchar⸗ lachrothen Plaird abgelegt, um ſchneller mit ihren Anſtalten fuͤr den Fremden fertig ſehn zu koͤnnen. Goldene Ohrringe und ein gol⸗ dener Roſenkranz, den ihr Vater, Donald, aus Frankreich mitgebracht hatte, waren ihre ſchön— ſten Zierrathen. Ihr, obgleich fuͤr ihr Al⸗ ter ſehr unterſetzter Wuchs war wohlgeſtaltet; in ihrem Gange hate ſie eine einfache, natuͤr⸗ liche Anmuth, die nichts von dem linkſchen Be⸗ nehmen einer gewoͤhnlichen Bauerdirne zeigte. Ihr Läͤcheln machte eine Doppelreihe ſchneewei⸗ ßer Zaͤhne ſichtbar; ihre beſeelten, lebhaften Blicke ergaͤnzten ihr Schweigen, womit ſie Wa⸗ verley'n bewillkommte: denn ſie konnte kein Wort Engliſch. Dieſer Empfang von einem huͤbſchen, jungen Maͤdchen hätte einen eingebildeten Stü⸗ — ter uͤber die Vorſchriften nur einfacher Hoͤflich⸗ keitsbezeigungen hinausfuͤhren koͤnnen. Ich mag eben nicht behaupteu, ob die junge Hochlaͤnde⸗ rinn auch einem alten Edelmann,(z. B. dem Baron von Bradwardine) Zufriedenheit und Freude bezeigt haben wuͤrde, wie ihrem jungen Gaſt, und daß ſie eben ſo betriebſam fuͤr ihn geweſen ſeyn moͤchte. Sie brannte vor Ungeduld, ihm ſein Fruͤh⸗ ſtuͤck vorſetzen zu koͤnnen, mit welchen ſie ſich ſo eifrig beſchäftigt hatte, und zu dem ſie einige Früchte hinzu that, die ſie auf den Haiden ge⸗ funden hatte. Als ſie Eduarden bey Tiſch ſah, ſetzte ſie ſich ſehr ernſthaft auf einen Stein, und lauſchte auf Gelegenheit ihn zu bedienen. Evan und der Bediente kamen auf die Grotte zu. Letzterer trug eine große Lachsforelle, und die Angel, mit der ſie gefangen ward; Evan ſchritt mit zufriedenem, triumphirenden Blick voraus, und war angenehm uͤberraſcht Waverley'n an einen gut beſetztem Tiſche zu finden, dem er Ehre machte. Nach den herkoͤmmlichen Begruͤ⸗ ßungen, richtete Evan ſeinen Blick feſt auf ihm, wandte ſich zu dem jungen Mädchen, und ſagte ihr in Galiſcher Sprache einige Worte uͤber die ſie, trotz ihrer von der Sonne gebraͤunten Ge⸗ ſichtsfarbe, ſehr erroͤthete. Er gab bald Beſehl den Fiſch zuzubereiten; Ein Stuͤck Schwefel mit ſeiner Piſtole anzuͤndend, und einige Stroh⸗ halmen mit duͤrren Reiſern aufleſend, gelang es ihm, in wenig Augenblicken, ein helles, loderndes Feuer auf einem Kohlenhaufen anzuzuͤnden, auf dem er ſeinen in Stuͤcken geſchnittenen Fiſch legte. Um das Gaſtmal zu kroͤnen, zog er aus ſeiner Taſche eine große Flaſche, und unter ſei⸗ nem Plaird ein Ochſenhorn mit Whisky an⸗ gefuͤllt hervor. Nachdem er zuvor einen tapfern Zug gethan hatte, ſagte er mit ſelbſtzufriede⸗ nem Blick, er habe ſchon mit Donald-Bean⸗ Lean den Morgenſchluck gethan eh' er abgereiſt ſey, und both der jungen Alix und Waverley'n die Herzſtaͤrkung an, welche ſie aber Beide aus⸗ ſchlugen. Jetzt reichte er ſie mit großem und guͤtigen Blick ſeinem Diener Dugald⸗Mahony, der, ohne auf die wiederholte Einladung zu war⸗ ten, ſich mit dieſem kraͤftigen Liquor zu ſtärken eilte. Evan ging, nachdem er den jungen Offi— eier gebeten hatte, ihn zu erwarten, in ſein Schiff. Alir legte Alles, was ihr der Muͤhe werth ſchien fortgetragen zu werden, in einen kleinen Korb, bedeckte ihn mit ihrem Plaird, trat mit großer Ungezwungenheit auf Eduarden zu, nahm ihn bey der Hand, und reichte ihm ihre Wange. Evan, den die Schonen des Ge⸗ birgs fuͤr galant hielten, kam, mit einem zu⸗ verſichtlichen Blick— als koͤnne man ihm eine ſolche Gunſt nicht abſchlagen— herzu; allein Alix ſloh mit ihrem Korbe, geſchwind, wie ein junges Reh, auf den Felſen; oben drehte ſie ſich um, fing an zu lachen, und ſagte ihm einige Worte auf Galiſch, die er freundlich und in gleicher Sprache beantwortete. Hierauf winkte ſie Waverley'n ihren Abſchied zu, ſetzte ihren Weg fort, und verſchwand mitten im Geſträu— che, wiewohl man noch lange den angenehmen Ton ihrer Stimme hoͤrte. Unſre Reiſenden kamen abermals an den vor der Hoͤhle befindlichen Canal; und ſtiegen eiligſt in den von Evan's Diener losgemachten Nachen. Um von dem Morgenwinde Nutzen zu zichen, ſteckte er ein in Lumpen zerfallendes Seegel auf, und ſein Herr ergriff das Ruder. Eduard bemerkte ſogleich, daß ſie ihre Richtung nach einem ihrem Einſchiffen ganz entgegen ge⸗ ſetzten Ort nahmen. Waͤhrend der Kahn leicht äber die kryſtallne Waſſerflaͤche hinglitt, fing Cvan die Unterhaltung mit Lobſpruͤchen auf Alix an.— „Sie thut Aug' und Herzen wohl,“ ſagte er,„ſie iſt in zwanzig Meilen in der Runde die beßte Taͤnzerinn.“ ———— Eduard beriferte ſich dieſem Lobe beyzupflich⸗ ten, daß ſie verdiente.„Es iſt uͤbel,“ fuͤgte er hinzu,„daß ſie zu einem ſo unangenehmen Le⸗ ben verdammt iſt!— „Unangenehm? Ey ich bitt' Euch weßhalb? Nichts gibts in der ganzen Grafſchaft Pertſhire, das ſie ſich nicht verſchaffen könnte, wenn ſie ihren Vater darum bittet, wenn's nicht was zu ſchweres, oder zu heißes iſt.“— „Aber die Tochter eines Mannes zu ſeyn, der nichts weiter iſt als ein Rinderhirt, ein Viehraͤuber, ein gewöhnlicher Räuber?“— „Ein gewoͤhnlicher Raͤuber?.. Donald hat nie ſelbſt eine ſolche Expedition unternommen.“— „So glaubt Ihr denn er ſey ein ganz au⸗ ßerordentlicher Raͤuber?... Nein! Wer einer armen Wittwe die Kuh, einem ungluͤcklichen Bauer die Ziege nimmt, iſt ein Ränber; aber wer eine Expedition mit Scharfſinn einleitet und angibt, iſt ein verſtaͤn⸗ diger Edelman.“ Baͤume aus dem Walde, Lachſe aus dem Fluſſe, Hirſche aus dem Gehoͤlze, oder Kuͤhe von den Triften eines Bewohners der Flaͤche holen, haben die Hochlander nie für eine That gehal⸗ ten, über die ſie erroͤthen muͤßten.— — 9— Wo werden ihn aber dieſe Eingriffe endlich hinbringen?“ „Fuͤr's Geſetz oder durch's Geſetz zu ſterben. Ich hoffe, er wird das nehmliche Gluͤck wie ſein Vater und Großvater haben, einen koͤniglichen Galgen zu beſteigen.“ „Wie, Evan, ſind das Eure Wuͤnſche fuͤr Euern Freund?“ i „Soll ich ihn denn wuͤnſchen, daß er auf ei⸗ ner Schuͤtte Stroh, im Hintergrunde ſeiner Hoͤhle, krepire, wie ein alter, raͤudiger Hund?“ „Aber was wird aus Alir werden, wenn ihrem Vater dieſes Ungluͤck wiederfaͤhrt?“ „O wenn der ſie nicht mehr beſchuͤtzen, oder vertheidigen kann, ſo werde ich dieß thun, und ſie zu meiner Frau nehmen.“ „Das iſt ein ſehr galanter Plan; aber waͤh⸗ rend Ihr wartet bis Donald ſo gluͤcklich iſt, erwuͤrgt, und dadurch Euer Schwiegervater zu werden, koͤnntet Ihr mir wohl ſagen, was er mit des Barons Kuͤhen gemacht hat?“ „Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ſie ſchon Alain Kennedey und Euer Diener vor ſich heitreiben ließen; es fehlten nur zwey Stuͤck, die ungluͤcklicherweiſe vor meiner Ankunft in der Koͤnigshoͤhle geſchlachtet worden waren. Die Heerde muß jetzt auf dem Steige von — 10— Bally⸗Brough ſeyn, und bald in Park von Tully⸗ Weolan anlangen.“ „Darf ich wiſſen, wo Ihr mich hinbringt?“ fragte Eduard. „Nun, wo ſoll ich Euch anders hinbringen als ins Schloß Glennaquoich? „ch glaube doch, Ihr wuͤrdet nicht ohne den Wunſch, unſern Haͤuptling zu ſehen, in's Land gekommen ſeyn? Dazu ſcheint Ihr mir zu gut erzogen.“ „Sind wir denn noch weit von Glenna⸗ quoich?“ ungefäͤhr noch ſechs Meilen; Vich⸗Jan⸗ Vohr wird uns entgegenkommen. Eine halbe Stunde hernach legte der Kahn am Ufer an. Als man Eduarden an's Land gebracht hatte, leiteten ihn die beiden Hochlän⸗ der in eine von Schilf und Rohr erfuͤllte, kleine Vertiefung, in deren Mitte er durchaus verbor⸗ gen war. Die Ruder trugen ſie an einen an— dern Ort, der eben ſo geeignet war, ſie den Blicken zu entziehen; ohne Zweifel wendeten ſie dieſe Vorſicht nur an, weil Donald ſie ih⸗ nen empfohlen hatte, der wohl in ſeinen Um— zuͤgen auch in dieſe Gegenden kommen konnte. Unſte Reiſenden gingen nun eine Weile in einem reitzenden Thale, zwiſchen zwey hohen ——— — 11— Bergen fort, das ein kleiner, dem See zueilen⸗ der Bach durchſchnitt, Eduard fragte von Neuem nach ſeinem Wirth in der Hoͤhle.„Wohnt er denn immer daſelbſt?“— „O nein! Dazu iſt er zu ſchlau: eine Maus, die nur Ein Loch hat, iſt bald gefangen? Es iſt kein einziger Verſteck im ganzen Lande, den Donald nicht kennte.“ Und vielleicht gibt ihm auch Euer Herr Zu⸗ flucht?“ „Mein Herr?!“ erwiederte ihm der Stol⸗ ze,„mein Herr iſt im Himmel!“ Evan ward darauf wieder hoͤflicher, und ſagte;„Ich ſehe wohl, daß Ihr von unſern Haͤuptling reden wollt. Rein, der gäbe weder Donald noch ſeines Gieichen Zuflucht; aber“ ſetzte er lachend hinzu„er gewaͤhrte ihnen Holz und Waſſer.“ „Da machte er ihnen eben kein großes Ge⸗ ſchenk: dieſe beiden Dinge ſind hier zu Lande eben nichts ſeltnes.“— „Ihr verſteht mich nicht. Wenn ich Holz und Waſſer ſage, ſo meine ich Berge und Seen. Ihr koͤnnt wohl glauben, daß wenn unſer Haͤupt⸗ ling an der Spitze eines ſtarken Trupps unſrer Braven ſich's einfallen ließe, den Donald im Gehoͤlze von Kalychet zu verfolgen, er ihm nicht ———— —— —— 12— entwiſchen könnte; oder wenn ſo ein derber Burſche wie ich, unſre Kaͤhne auf den See braͤchte, die Koͤnigshoͤhle bald bezwungen ſeyn wuͤrde?“ „Wenn nun eine anſehnliche Macht ſich, von der Flaͤche aus, zum Angriffe der Hoͤhle richtete, wuͤrde ihn Euer Haͤuptling vertheidi⸗ gen?“ „Nein gewiß nicht: wenn man im Namen des Geſetzes käme, ſo wuͤrde er ſeinetwegen keine Lunte abbrennen.“ „Und was wuͤrde Donald thun?“ „Er wuͤrde das Land verlaſſen, und ſich in den Gebirgen von Letter⸗Seriven verbergen.“ „Und wenn er auch dorthin verfolgt wuͤrde?“ „So wuͤrde er nach Ranoch gehen, eine Zu⸗ flucht bey ſeinem Vetter zu ſuchen.“ „Und wenn man ihm auch aus dieſem Win⸗ kel zuruckforderte?“ „Das iſt nicht moͤglich. Nicht ein einziger Bewohner der Ebene unterſtuͤnde ſich, ihn wei⸗ ter als bis zum Steige von Bally-Brough zu verfolgen, wenn er nicht wenigſtens ſchwarze Soldaten(Sidier dhu) bey ſich hätte, wie man die Frey⸗Compagnien heißt, die errichtet wor⸗ den ſind, um die Ordnung und Ruhe in dieſen Gebirgen zu erhalten. Vich⸗Jan⸗Vohr hat fuͤnf Jahr lang Eine davon con mandirt, und — 13— ich hatte eine Serganten⸗Stelle darin. Man hieß uns ſchwarze Soldaten, weil wir Jacken von dieſer Farbe trugen, und wir hießen unſrer⸗ ſeits Koͤnig Georgs Maͤnner: rothe.(Sidier roy) „Sehr wohl, Evan; aber wenn Euch der Koͤnig beſoldete, war't ihr da nicht auch König Georg's Soldaten?“ „Ganz recht, fragt nur Vich„Jan⸗ Vohr uͤber dieſen Punkt. Wir gehorten dem Könige nicht mehr als er ſich ſelbſt gehoͤrte. Niemand kann jetzt ſagen, daß wir Koͤnig Georg's Sol⸗ daten ſind, da er uns keinen Heller Sold ſeit zwoͤlf Monden gegeben hat.“ Gegen dieſes Argument ließ ſich nichts ein⸗ wenden, auch beeilte ſich Waverley die Unter⸗ haltung auf Donald⸗Bean⸗Lean zuruͤck zu bringen. „Begnuͤgt ſich denn Donald,“ ſagte er, das Vieh zu bekriegen, oder, um mich Eutes Ausdrucks zu bedienen, nimmt er Alles, was ihm vor die Hand kommt?“ „S'is kein Dummkopf! Alles ſteht ihm an; aber die Ochſen, Kuͤhe, Pferde, oder menſchliche Geſchoͤpfe zieht er allen andern vor: die Schaafe gehen ihm zu langweilig; auch verkaufen ſie ſich ſchwer hier zu Lande.“ — „Wie! Donald entfuͤhrte auch Maͤnner und Weiber?“ „Ohne Zweifel, habt ihr ihn nicht geſtern Abend von einem Voigt reden horen? Sein Loͤ⸗ ſegeld belief ſich auf ſechshundert Mark Sil⸗ ber, die man auf den Steig von Bally⸗Braugh brachte.— Ich will Euch einen huͤbſchen Streich erzählen, den Donald vor einiger Zeit geſpielt hat. Es war zur Zeit als man von der Hei⸗ rath der alten Wittfrau von Cromfeezer mit dem jungen Gilliewhaickt ſprach, der ſein gan⸗ zes Vermoͤgen im Spiele, in Wetten, Pferde⸗ rennen, und in allerley Arten von Vergnuͤgun⸗ gen verſchwendet. Donald der erfahren hatte, daß der Braͤutigam ſeine Koffer zu fuͤllen denke, ſchlich ihm auf der Stelle nach. Eines Abends als Gilliewhackit um's Schloß her ſpazierte— die Geſellſchaft ſaß noch bey Tiſche, entfuhrte er ihn, mit Huͤlfe ſeiner Leute, und brachte ihn blitzſchnell mitten in's Gebirge, wo er ihn in der Koͤnigshoͤhle verhaftete. Hier blieb ihm Zeit genug, ſein Loſegeld zu unterhandeln; und er wollte durchaus nichts von hunderttauſend Pfund herunterlaſſen.“ „Hundert tauſend Pfund!“— „Ja, aber in Schottiſcher Muͤnze. Die Verlobte hätte dieſe Summe nie zu Stande bringen können, und wenn ſie's letzte Hemde verſetzt haͤtte; auch wandte ſie ſich an den Statt⸗ halter der Grafſchaft und an den Major der ſchwarzen Compagnien. Erſterer antwortete, dieſe Sache ginge ihm nichts an, weil ſie außer ſeiner Abtheilung vorgefallen ſey; und der Mar jor entſchuldigte ſich, daß ſeine Truppen nach Lebensmitteln ausgegangen waͤren, und daß er ſie, wegen aller Cromfeezers der Chriſtenheit, nicht zuruͤckrufen werde, bis ſein Ort damit ver⸗ ſorgt ſey, weil zr ſonſt den Vortheil des Landes ganz entgegen handeln wuͤrde. Gilliewhackit ward von den Kinderpocken befallen; im Dorfe gab es keinen Arzt, der den armen Jungen hätte pflegen wollen, denn Donald— und ſo waͤr's ihnen nicht zu verargen—! der in Paris von einem Arzt war getaͤuſcht worden hatte geſchwo⸗ ren, den erſten, der ihm auſſtieße in den See zu werfen. Indeß ſorgten einige alte Zigeune⸗ rinnen von Donald's Bekanntſchaft(Caliachs) ſowohl fuͤr den Kranken, daß er eben ſo ſchnell wieder hergeſtellt war, als wenn er in einem guten, ſchoͤnen Vorhangbette gelegen, und Weiß⸗ brod und Bordeauxer erhalten haͤtte: denn ſie gaben ihm friſchen Hafertrank, und fuͤhrten ihn an die freye Luft. Das war Donalden ungele⸗ gen gekommen. Als er ſah, daß er wieder ge⸗ hen konnte, ſchickte er ihn fort, und ſtellte es ſeinem Gutbefinden anheim, wie er ihm we⸗ gen der geleiſteten Sorgfalt entſchaͤdigen wolte. Ich kann Euch nicht genau angeben, wie ſich dieſer Handel geendet hat; aber ſie ſchieden ſo zufrieden von einander, das Donald eingela⸗ den ward, in ſeiner Hochländiſchen Tracht auf der Hochzeit zu tanzen, und daß ſein Beutel nie beſſer geſpickt war, als in dieſer Zeit; auch ſagte Gilliewhackit, daß, wenn es geſchaͤhe, daß man uͤber Donald eine Anklage erhebe, er ihn nicht im mindeſten beſchuldigen wuͤrde.“ Durch dieſe ungeordneten Erzählungen ſuchte Evan den Zuſtand der Bergbewohner heraus⸗ zuſtreichen, und vielleicht beluſtigte er Waverley'n mehr als den Leſer.— Nachdem ſie nun noch lange Felſen und Haiden durchkreutzt hatten, fing Eduard, der nicht wußte, wie verſchwende⸗ riſch die Schotten in Zählen der Entfernung ſind, an zu glauben, daß ſich Evans ſechs Mei⸗ len verdoppelt haͤtten. Er bezeigte ſein Erſtau⸗ nen, daß die Schotten nicht ſo haushälteriſch in der Vertheilung ihrer Maße als in dem ihrer Muͤnzen waͤren.“ „Wollte Gott,“ ſprach Evan lachend,„ h Teufel haͤtte den geholt, der das Maß ſo klein machte, wie ein altes Sprichwort ſagt!“ —— 17— Jetzt vernahmen ſie einen Flintenſchuß, und ſahen einen Jaͤger mit ſeinen Hunden und ei⸗ nen Bedienten vor ſich.„Ich irre mich nicht,“ ſagte Donald⸗Mahony,„es iſt der Häuptling.“ Evan erwiederte gebietheriſch:„Nein! Denkſt du, daß er einen Engeliſchen Edeln entgegen kommen wird, ohne Begleitung wie ein ſchlich⸗ ter Hochlaͤnder?“ Er nahte ſich, war aber ge⸗ zwungen mit gonz verlegenen Mienen zu ſagen: „Hm! Et iſt's doch ſelbſt! Ich kann's nicht be⸗ zweifeln! Wie, er hat ſeine Hausbeamten nicht bey ſich? Ich ſehe niemand als Calum⸗Beg!“ Fergus⸗Mac„ Jvor gehoͤrte zu den Leu⸗ ten, von den die Franzoſen zu ſagen pflegen: 1 connoit bien son monde, d. i. er weiß, wen er vor ſich hat. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, ſich vor den Augen eines jungen Britten von hoͤchſt edler Herkunft, ein wichtiges Anſehen, durch zahlreiche, bey ihm ganz überfluͤſſig angebrachte Begleitung zu ge⸗ ben. Er wuhte wohl, daß dieſer unnuͤtze Staat eher laͤcherlich als majeſtaͤtiſch erſchienen waͤre. Niemand kannte beſſer als er die Begriffe, die man ſich von dem Haͤuptling eines Stammes machen muß; und vermoͤge dieſer Hinſicht war er uͤberaus vorſichtig mit ſeinen perſoͤnlichen Aus⸗ zeichnungen zu prunken; er bediente ſich ihrer N. B ——— nur wenn er uͤberzeigt war, daß es nöthig ſeyn dürfte Aufſehn zu machen. Hätte er einen an⸗ dern Haͤuptling zu empfangen gehabt, ſo wuͤr⸗ de er ohne Zweifel in Begleitung des zahlreichen Hofes, den Evan ſo pomphaft beſchrieben hatte, erſchienen ſeyn; aber bey den gegenwärtigen Umſtaͤnden urtheilte er, ſey es rathſamer, ſich von einem einzigen Bedienten begleiten zu laſ⸗ ſen. Dieſer Hochlaͤnder war ein ſchoͤner Juͤng⸗ ling, der die Jagdtaſche und das Schwert ſei⸗ nes Gebiethers trug; welches er faſt immer mit nahm, wenn er ausging. Als Fergus Waver⸗ ley'n nahe kam, erſtaunte dieſer uͤber das edle angenehme Anſehn des Haͤuptlings des Stam⸗ mes. Er war von mittlerer Groͤße, aber ſehr wohl und ebenmaͤßig gewachſen; ſein ganz ein⸗ faches Hochlaͤndiſches Coſtuͤm, erhob ſeine ſcho⸗ non Formen uͤberaus vortheilhaft. Seine eng anſchließende Weſte war von roth und weißem Stoff, in allem uͤbrigen glich ſein Anzug dem von Evan, ausgenommen, daß er keine andere Waoffen trug, als einen reich mit Silber ein⸗ gelegten Dolch. Sein Diener trug, wie ſchon geſagt, ſein Schwert, und die Jagoflinte, die er in der Hand hielt, ſchien nur zu ſeinem Zeit⸗ vertreibe beſtimmt zu ſeyn. Alles an ihm kuͤndigte einen wahren Schottlaͤnder an; aber — 19— ſeine Geſichtszuͤge hatten ſo wenig von jener Roheit, die den Bergbewohner bezeichnet, daß man ihm in jedem andern Lande fuͤr einen ſehr ſchöͤnen Man gehalten haben wuͤrde. Die kriegeriſche Form ſeiner 2 kuͤtze, uͤber die ſich eine einzige Ablerfeder, als Zeichen der Aus⸗ zeichnung empor hob, gab ſeinem maͤnnlichen Geſicht einen großen Ausdruck; zahlloſe Locken von ſchwarzen Haaren erhoben ſeine Schoͤnheit noch mehr. Eine offene, gefällige Miene vollendete den erſten Eindruck eines eben ſo gehaltvollen als anmuthigen Aeußern, indeß wuͤrde ihn ein ge⸗ ſchickter Phyſiognom, bey naͤherer Betrachtung nicht ganz befriedigend gefunden haben; ſeine Hoͤflichkeit, wiewohl ſie einfach und hoͤchſt na⸗ tuͤrlich zu ſeyn ſchien, kuͤndigte dennoch an, daß ihm das Gefuͤhl ſeiner Ueberlegenheit nicht fehlte; oft verrieth ein unwillkuͤhrliches Zucken mit den Augen ſeinen hochmuͤthigen, ſtolzen, rachſuͤchtigen Character; ihr Ausdruck war um ſo ſtärker, da man ſah wie er ſich nach Gefallen beherrſchte. Kurz, ſein Anblick glich den ſchoͤnen Sommertagen, die, ſo reitzend ſie auch ſind, durch ſichre wiewohl kaum bemerk⸗ bare Symptomen anzukuͤndigen ſcheinen, daß noch vor Nachts der Donner zuͤrnen werde. Fer— B 2 gus empfing Eduarden als einen Freund des Ba⸗ ron von Bradwardine mit vieler Guͤte. Er machte ihm zaͤrtliche Vorwuͤrfe, daß er zum Nachtquartier ein ſo rauhes, ſeiner ſo unwuͤr⸗ diges Reſt gewaͤhlt habe, als Donalds Woh⸗ nung. Die Unterhaltung fiel auf das Innere dieſer außerordentlichen Wirthſchaft, aber er er— waͤhnte weder ſeine täglichen Gewohnheiten noch die eigentliche Urſache, warum er ihn hier em⸗ pfange, und Waverley glaubte daher ſich nicht die mindeſte Bemerkung in dieſer Hinſicht er⸗ lauben zu duͤrfen. Während ſie ſchwatzend nach dem Scloſt Glennaquoich zu gingen, folgte ihnen Evan, Callum⸗Beg und Dugald⸗Mahony, voll nach. Wir wollen den Leſer einige nähere Verhaͤlt⸗ niſſe der Familie und der Perſon Fergus⸗Mac⸗ Jvor's bekannt zu machen ſnchen. Waverley erfuhr erſt dieſe Einzelheiten als er ein Buͤnd⸗ niß mit ihm eingegangen war, das, wiewohl durchs Ungefaͤhr hervorgebracht, lange Zeit einen großen Einfluß auf ſein Gemüth, ſeine Hand⸗ lungen und Entwuͤrfe hatte. Dieſer Gegenſtand iſt zu wichtig, um nicht mit ein neues Ka⸗ pitel zu beginnen. ———— Zweytes Kapitel. Behauſung eines Haͤuptlings. Als der ſcharfſinnige Licentiat Francisco de Ubeda ſeine Geſchichte von der Pizara Juſti⸗ nia Diez anfing, welche, im Vorbeygehn ge⸗ ſagt, eines der ſeltenſten Spaniſchen Buͤcher iſt; Francisco de Ubeda, ſag' ich, apoſtrophirt ſeine Feder auf's haͤrteſte, weil ihr Schnabel ſich mit einem Haare belaſtet hat.—„Tochter der Gans,“ ſpricht er,„Du biſt nicht weniger unbeſtaͤndig, wie deine Mutter, die ſich eben ſo auf der Erde, wie in der Luft, und im Waſ⸗ ſer gefaͤllt.“ Ich unterfange mich, Dir, gliebter Leſer, zu verſichern, daß ich weit entfernt bin, eben ſo zu denken. Ich wollte, daß meine Fe⸗ der jene Unbeſtaͤndigkeit beſaͤße, uͤber die ſich der Licentiat beſchwert, daß ſie leicht vom Ernſt⸗ haften zum Suͤßen, von Scherzhaften zum Strengen uͤbergehen, eine Beſchreibung oder eie nen Dialog verlaſſen koͤnnte, um einen Charak⸗ ter zu zeichnen. Wenn man meiner Feder kei⸗ nen andern Vorwurf macht' als den, veraͤnder⸗ lich zu ſeyn, wie ihre Mutter: ſo wuͤrde ich mir ſehr aufrichtig Gluͤck dazu wuͤnſchen, und Alles laͤßt mich glauben, daß du deßhalb nicht boͤſe ſeyn wuͤrdeſt. Nachdem ich Dir das Kau⸗ derwelſch der Hochlaͤnder zu hoͤren gegeben ha⸗ be, will ich Dir das Bild ihres Haͤuptlings ſtizziren, daß iſt eine Unternehmung die meine ganze Sorgfalt verlangt. Es ſind drehhundert Jahre, daß einer von Fregus⸗ M dac⸗Ivor's Ahnen, eine Bittſchrift einreichte, um als Haͤuptling eines zahlreichen, mächtigen Stammes, deſſen Mitglied er war, anerkannt zu werden, deſſen Ramen aber zu⸗ ruͤckzurufen uͤberfluͤſſig iſt. Durch Gerechtigkeit oder Gewalt gewann einer ſeiner Mitwetbet den Sieg uͤber ihn. Fer⸗ güs verbannte ſich aus ſeinem Vaterlande, und ging, mit denen, die ihm folgen wollten, wie Aencas, eine neue Einrichtung aufzufuchen; die Umſtände, in denen ſich Pertſhire befand, er⸗ leichterten dibſes Vorhaben. 5 Einet det etſten Barons des Luides hatte ſich des Hochverrathes ſchuldig gemacht Jan⸗ Vich, ſo hieß unſer Abentheurer,„verband ſich mit denen, welchen der Koͤnig aufgetragen hatte, den Veträther zu ſtrafen. Er leiſtete ſo weſent⸗ liche Bienſte, daß er die Laͤndereyen, die er be⸗ wohſte, zum Eigenthum erhielt, und ſeine Nach⸗ konmeſ bewohnen ſie noch. Er begleitete den König als er in Englands Thaͤler — 23— den Krieg brachte. Hier wendete er die Stun⸗ den ſeiner Muße ſo nuͤtzlich mit Erhebung von Subſidien in Northumberland und Durham an, daß er bey ſeiner Ruͤckkehr im Stande war, einen Thurm und eine Cittadelle zu erbauen, die dergeſtalt ſeine Lehnsleute und Nachbarn bewunderten, daß man ihm den Zunamen: Jan⸗ Nan„Caſtell, d. i. Hans vom Thurme, bey⸗ legte. Sein Name blieb ſo glorreich fuͤr ſeine Nachkommen, daß der regierende Haͤuptling al— lemal den vaͤterlichen Zunamen Vich⸗Jan⸗Vohr, Sohn Johann des Großen annahm, und der Stamm um nicht mit dem vermengt zu werden, der ihn den Urſprung gab, nannte ſich: Jvor's Race. Der Vater des Fergus, der dreyßisſte dieſes Namens, ſtammte in gerader Linie von Hans von dem Thurm ab; er ſtuͤrzte ſich uͤber Hals uͤber Kopf in die Empoͤrung von 1715, und ward nach dem ungluͤcklichen Verſuche zur Be— guͤnſtigung der Stuarts genöthigt nach Frankreich zu fluͤchten. Gluͤcklicher als andere Fluͤchtlinge, erhielt er Dienſte, und heirathete endlich ein Fraͤulein von hoher Gebuet, mit dem er zwey Kinder hatte: Fergus und Flora. Seine Schot⸗ tiſchen Beſitzungen waren an die Meiſtbiethen⸗ den verkauft worden; aber man kauſte ſie im ℳ — 24— Namen des jungen Beſitzers um einen geringen Preis wieder zurüͤck, und dieſer ſchlug daſelbſt ſeine Wohnung auf. Man bemerkte bald, daß es ein ſcharfſichtiger Menſch wäre, thaͤtig, un⸗ ternehmend, ehrgeitzig. Als er ſich genau mit der Lage des Landes bekannt gemacht hatte, faͤrchtete er nicht mehr, ſeinen Charakter zu er⸗ kennen zu geben; er nahm den Ton und die Manieren an, die er ſechzig Jahre ſpaͤter ge⸗ habt haben wuͤrde. Wenn Fergus⸗Mac⸗Jvor ſechszig Jahre eher gelebt haͤtte, wuͤrde er wahr⸗ ſcheinlich weniger von der Artigkeit und den Kenntniſſen beſeſſen haben, die er jetzt beſaß? und wenn er ſechszig Jahr ſpäter gelebt haͤtte, wuͤrden Ordnungsliebe und wohlverſtandner Ei⸗ gennutz ſeinen wuͤthenden Charakter im Zaume ehalten haben. Man kann nicht in Abrede ſeyn, daß erhin ſeiner kleinen Sphaͤre ein ſo tiefer Politiker war, als Caſtruccio⸗Caſtrucani ſelbſt. Er unterzog ſich mit groͤßter Thaͤtigkeit der Sorgfalt alle Lehnsunterſuchungen zu beſchwich⸗ tigen, die ſich haͤufig in den Staͤmmen ſeiner Nachbaren ſtreitig erhoben, und bald waͤhlte man ihn gewöhnlich zum Schiedsrichter. Er verſäumte nichts, um dieſe vaterliche Gewalt patriarchaliſch zu verbreiten. In dieſer Abſicht machte er alle Ausgaben, — 25— die ſein Vermögen erlaubte, um, mit Freigebig⸗ keit, Großmuth und Gaſtfreundſchaft, die erſte des Haͤuptlings eines Stammes wuͤrdige Eigen⸗ ſchaft, zu uͤben. Nach denſelben Grundſätzen ver⸗ mehrte er, ſo ſehr er konnte, die Zahl ſeiner Lehnsleute, um zur Kriegszeit Soldaten zu haben; und nach dieſer Speculation unterſuchte er nicht, ob ſie der Strich Erde auch ernaͤhren koͤnnte. Er bediente ſich aller moͤglichen Maßregeln, um das Entweichen in ſeinem Stamme zu verhin⸗ dern, und nahm alle auf, die Mitglieder wer— den wollten. Zahlreiche Fluͤchtlinge wurden vom. Verlangen hingeriſſen einen ſo wuͤrdigen Haͤupt, ling zu haben; andere, welche nicht dieſelben Bewegungsgruͤnde hatten, waren indeß der Par⸗ tey des Geſchlechts Jvor ergeben: es war hin⸗ reichend, daß ſie den Wunſch danach bezeig⸗ ten; er unterſuchte dann weder ihre Herkunft, noch ihre vorige Auffuͤhrung. Bald gelang es ihm, ſeine zahlreichen Va— ſallen in Ordnung zu bringen, als er den Be— fehl uͤber eine der ſchwarzen Compagnien er⸗ hielt, welche die Regierung zur Erhaltung der Drdnung unter den Vergbewohnern unterhielt. Er bewies bey dieſer Anſtellung eben ſo viele Scharfſicht als Thaͤtigkeit, und ließ ſeinem Kreiſe die tiefſte Ruhe genicßen. Er trug — 26— Sorge, ſeine Lehnsleute nach und nach, wenn ſie die Reihe traf, in ſeine Compagnie treten zu laſſen, und durch dieſes Mittel gelang es ihm, allen eine allgemeine Kenntniß von mi⸗ litairiſcher Diſciplin beyzubringen. Als er ge⸗ gen die Banditen zu Felde ziehen mußte, be⸗ merkte man, daß er ſich eine willkuͤhrliche, faſt unbegrenzte Gewalt unter dem Vorwande an⸗ maßte, daß, da die Geſetze keine freye Ausuͤ⸗ bung haͤtten, die kriegeriſche Macht ſie erſetzen müßte. So behandelte er z. B. alle Rauber, die ihren Raub nach ergangenem Befehl wieder erſtatteten, mit vieler Milde, waͤhrend er gegen die äußerſt ſtreng war, welche ſeine Vorſtellun⸗ gen und Befehle gering zu achten ſchienen; er ließ ſie verhaften, und uͤberlieferte ſie den wirk⸗ lichen Gerichtsobrigkeiten. Wenn's auf der an⸗ dern Seite, einige Friedensrichter und Buͤrger⸗ beamte ſich einfallen lieſſen, Diebe oder Nach⸗ zügler auf ſeinem Gebiete zu verfolgen, ohne ſeinen Beiſtand nachgeſucht zu haben: ſo konnten ſie ſich einer vollkommenen Gegenwehr uͤber⸗ zeigt halten. Fergus⸗Mac⸗Jvor war denn der erſte, ſich zu jenen zu geſellen, um die Ohnmacht der Geſetze zu beklagen, und ihnen ihren un⸗ klugen Eifer ganz ſanftmuͤthig vorzuwerfen. Seine Bemühungen und ſein Bedauern zerſtreute aber den Argwohn nicht, der gegen ihm ent⸗ ſtanden war; man machte Vorſtellungen bey der Regierung, und Fregus ſah ſich ſeines Mili⸗ taircommandos beraubt. So groß auch die Erbitterung war, die ihn bey ſeiner Entlaſſung durchdrang, ſo beſaß er die Kunſt, ſie zu unterdkuͤcken, und nicht das geringſte Zeichen von Mißvergnuͤgen zu geben; allein bald erfuhr die Nachbarſchaft die trauri⸗ gen Folgen ſeiner Ungnade. Donald⸗Bean⸗ Lean, und andere Leute ſeines Gelichters, die bis jetzt ihre Raͤubereyen nur in den Grenz⸗ becirken geübt hatten, ſchienen ſich in den Can⸗ ton niedetzulaſſen, und ihn zum Mittelpunkt ihrer Beſchaͤftigungen zu machen. Ihre Dieb⸗ ſtähle fanden keinen Wiederſtand, weil die Be⸗ wohner des flachen Landes als Jacobiten ent⸗ waffnet worden waren, und das gab Anlaß zur Sthebung des ſchwarzen Pfennigs, den Fergus Mae⸗Jvor als Beſchuͤtzer verlangte. Dieſe Ver⸗ pflichtung ſetzte ihn in groͤßtes Anſehen, und im Stand, ſeine Gaſtfreundſchaft gegen alle ſeine Vaſallen fortzuſetzen; dieſe Huͤlfe kam ſeinen zu⸗ ruͤckgeſetzten Finanzen zu ſtatten. In ſeinem ganzen Benehmen blieb Fergus einem wichtigern Plane treu, als dem fuͤr einem großen Mann in der Nachbarſchaft gehalten zu werden, oder nach ſeinem Gefallen einen kleinen Stamm zu regieren. Von Kindheit an hatte er ſich der Sache der vertriebenen Familie ge⸗ widmet; und war uͤberzeugt, daß ſie nicht nur bald wieder den Thron beſteigen, ſondern auch, die, ſo ihr geholfen, mit Ehre uͤberhaufen wer⸗ de: in dieſer Hinſicht hatte er es ſich ſo ange⸗ legen ſeyn laſſen, allen perſoͤnlichen Haß unter den Bergbewohnern auszuloſchen, und ſeine Macht zu vermehren, um bey der erſten guͤnſtigen Ge⸗ legenheit handeln zu koͤnnen. In derſelben Ab⸗ ſicht hatte er ſich die Freundſchaft verſchiedener Adeligen der Fläche zu verſchaffen gewußt, welche er als Theilnehmer an der guten Sache kannte⸗ Aus dieſem Grunde benuͤtzte er, als er das Miß⸗ geſchick gehabt hatte, ſich unklugerweiſe mit dem Baron von Bradwardine zu veruneinigen— der trotz ſeiner Sonderbarkeit, allgemein geachtet war— den Ausfall, den Donald in Tully⸗Weo⸗ lan gethan hatte, um einem Bevollmaͤchtigten mit Vergleichsvorſchlaͤgen an ihn zu ſenden, wie wir geſehen haben. Einige muthmaßten ſogar, daß gergus— nalden ſelbſt den Plan zu dieſem Einfalle an⸗ gegeben habe, und zwar um den Weg der Ver⸗ ſoͤhnung zu eroͤffnen; was auch immer die Ver⸗ anlaſſung gab, ſo koſtete er dem Baron zwey ſchoͤne Kuͤhe. Dieſer gluͤhende Eifer fuͤr das Haus Stuart ward durch ein unbegrenztes Vertrauen, zarte Miſſionen, und manchmal auch durch Saͤcke voll Lonisd'ors, immer aber mit den ſchoͤnſten Hoffnungen, vergolten. Patente auf Pergament, mit dem unge⸗ heuern Reichsſiege! auf Wachs, eigenhaͤndig von Jacob dem drirten Koͤnige von England und achten von Schottland, unterzeichnet, ertheil⸗ ten den Titel eines Barons ſeinem vielgetreuen und geliebten Unterthan Fergus Mac⸗Jvor von Glennaquoich, in der Graſſchaft Pertſhire des Koͤnigreichs Schottland. Dieſe Titel, dieſe Auszeichnungen vermochten Fergus, ſehr thaͤ⸗ tigen Antheil an allen Bewegungen zu nehmen, die in dieſer ungluͤcklichen Epoche ſtatt fanden, und da er feſt uͤberzeigt war, nach den Geſetzen der Ehre zu handeln: ſo wollen wir nicht glau⸗ ben, daß Stolz und Ehrgeitz die erſten Trieb— federn ſeiner Handlungen waren. Nach dieſer kurzen Epiſode, die wir uns uͤber dieſen gluͤhen⸗ den, ſtolzen, ehrgeizigen, ſtaatsklugen und ver⸗ ſteckten Character erlaubt haben, nehmen wir den Faden unſrer Geſchichte da wieder auf, wo wir ihn abgebrochen haben. Fergus und ſein Gaſt waren nun in's Schloß Glennaquvich gekommen, welches in der Be⸗ hauſung von Jan⸗Nan⸗Chaiſtel beſtand. Der Großvater von Fergus hatte ein Haus von zwey Stockwerken hinzugefuͤgt, als er von ſei⸗ ner beruͤhmten Unternehmung zuruͤck kam. Es war vorauszuſehen, daß dieſer Kreutzzug gegen die Whigs dem Vich⸗Jan⸗Vohr nicht weniger guͤnſtig war, als ſeinem Aeltervater die Unter⸗ nehmung in Northumberland geweſen waͤre, weil er ihm das Mittel gewäͤhrte, ſeinen Nachkommen ein Denkmal ſeiner Pracht auf⸗ zurichten, welches zum Seitenſtuͤcke des Thurms dienen ſollte. Dieſes Schloß befand ſich auf einer Anhöhe, in der Mitte eines enigeſchloßnen Thales. Man bemerkte kein Zeichen ſorgfaͤltiger Zierde in den Umgebungen, wie man ſie ſonſt in der Gegend um die Schloͤſſer herum gewoͤhnlich ſieht, wo menſchliche Erfindungskunſt der Na⸗ tur nachhilft, ihr Werk vollkommner zu machen, durch die Uebereinſtimmung der Schicklichkeit und Gemaͤchlichkeit des Eigenthuͤmers. Ein oder zwey Eintheilungen waren mit Gemaͤner von Steinen umgeben; Alles uͤbrige dieſer Beſitzung war voͤllig offen, und faſt ohne Cultur. Man ſah einige mit Gerſte beſaͤete Felder, die fortwaͤhrend den Verheerungen der Rinderheerden ausgeſetzt waren, die in den 3 — Sn— Bergen weideten, welche ſich in der Naͤhe be⸗ fanden; ein halbes Dutzend Bauern hatte kein anderes Geſchaͤft, als ſie mit ihrem miß⸗ toͤnenden, heiſern, wilden Geſchrey zu entfer⸗ nen. Magere Hunde halfen ihnen die Triften huͤthen, und in einiger Entfernung von dem Raſenplatze war ein Birkenwald. Die mit Haide bedeckten, benachbarten Felſen gewaͤhrten einen ſehr einfoͤrmigen Anblick: denn das Auge ruhte nur auf wuͤſten, wilden Maſſen, ohne alle Majeſtät. So arm, ſo rauh dieſe Be⸗ ſitzung auch immer war, ſo haͤtte ſie doch ihr Beſitzer, der wuͤrdige Neffe von Jan-Nan⸗ Chaiſtel; nicht gegen den Park von Blenheim vertauſcht. Waverley ward, als er an die Eingangsthuͤre des Schloſſes kam, durch ein Gemaͤhlde uͤberraſcht, welches der erſte Beſitzer ohne Zweifel allen Ausſichtspunkten, und ſcho⸗ nen Landſchaften der prachtvollen Gebirge, die er aus der Hand ſeiner dankbaren Nation em⸗ pfing, wuͤrde vorgezogen haben. Etwa hundert Hochlaͤnder, völlig bewaffnet und eguipirt ſtan⸗ den in Schlachtordnung; Fergus ſagte zu Wa⸗ verley, als er ſie erblickte, gleichſam ſich wegen einer Zerſtreuung zu entſchuldigen:„Ich vergaß Euch zu ſagen, daß ich einige meiner Vaſallen benachrichtigt habe, ſich zu vereinen, um das 6 —— Land gegen die Beleidigungen zu ſchuͤtzen, welche man dem Baron von Bradwardine zuzufüͤgen gewagt hat. Ich verſichre Euch, daß mich es ſehr gekraͤnkt hat, vielleicht waͤr' es Euch nicht unlieb, ihr Manoͤver mit anzuſehn? Was ſagt Ihr dazu, Capitain?“ „Ihr wuͤrdet mir dadurch das groͤßte Ver⸗ gnuͤgen machen!“ antwortete dieſer. Sogleich fuͤhrte jetzt dieſe Abtheilung mit groͤßter Schnelligkeit und Genauigkeit verſchie⸗ dene militairiſche Bewegungen aus. Sie durch⸗ brachen ihre Reihen, um im Einzelnen die Ge⸗ ſchicklichkeit zu zeigen, mit der ſie ſich der Flinte und der Armbruſt bedienten; ſie feuerten im Marſchiren, im Liegen, im Ruͤckwaͤrtsgehen, indem ſie rechts und links ſich neigten, und nur ſelten verfehlten ſie das Ziel. Dann grif⸗ fen zwey und zwey zum Schwerte; hernach bildeten ſie zwey Pelotons, die einander im Scharmuͤtzel angriffen. Man ſah ſie chargiren, ſich vertheilen, ſchließen, gegen einander uͤber kaͤmpfen und ſich verfolgen. Alle diefe Bewe⸗ gungen geſchahen nach dem Klange der Schallmey. Der Haͤuptling machte nur eine Bewegung des Kopfes, und das Scharmuͤtzel hoͤrte auf; ſie machten ſich nun im Rennen und Kaͤmpfen u. ſ. w. den Preis des Kampfes ſtreitig. Dieſe Lehnsmiliz zeigte in allen dieſen Uebungen eine Geſchiclichkeit, Gewandheit, und Kraft, welche Eduarden mit Erſtaunen und Bewunderung er⸗ fuͤllten.„Wie ſtark iſt die Anzahl dieſer Bra⸗ ven,“ fragte er,„welche die Ehre haben, von Euch commandirt zu werden?“ „Wenn's darauf ankommt, die gute Sache zu vertheidigen,“ erwiederte Fergus, von dem Eindrucke bezaubert, den dieſes Schauſpiel auf ſeinen Gaſt gemacht hatte:„ſo gibt das Ge⸗ ſchlecht Jvor gewöhnlich fuͤnfhundert Soldaten, aber Ihr werdet wiſſen, Capitain, daß die Ent⸗ waffnung, die vor dreyßig Jahren geſchehen iſt, uns verhindert, ſie vollzählig zu erhalten; mir iſt's hinlänglich, eine kleine Zahl Bewaffneter unter meinem Befehle zu haben, um meine und meiner Freunde Beſitzungen zu ſchützen. Oft geſchieht's, daß die oͤffentliche Sicherheie geſtört wird, wie es in Tully-Weolan der Fall war, und weil es uns die Regierung nicht unterſagt, ſo ſcheint ſie nicht zu mißbilligen, daß wir uns ſelbſt vertheidigen.“— „Mit der Macht, die Euch zn Gebothe ſteht,“ ſagte Eduard,„wuͤrde es Euch leicht werden, Donald⸗ Bean⸗Leans Bande zu zer⸗ ſtoͤren.“ „Ihr habt Recht, ich könnte es thun; aber II. C — wißt Ihr, was daraus entſtehen wuͤrde? Ich wuͤrde den Befehl erhalten, die wenigen Waf⸗ fen, die uns der General Blaeney, der Befehls⸗ haber der leichten Colonne, uͤbrig gelaſſen hat, in ſeine Haͤnde zu liefern; Ihr werdet mir zugeben, daß mir dieſes ſehr nachtheilig ſeyn wurde... Aber die Flöten verkuͤndigen, daß das Mittagsmahl aufgetragen iſt; kommt, mich verlangt nach der Ehre, Euch in meiner Behauſung zu empfangen!“ * Drittes Kapitel. Gaſtmahl eines Häuptlings. Ehe Waverley in den Saal des Gaſtmahls eintrat, kam man, nach der zur Zeit der Pa⸗ triarchen gewöhnlichen Sitte, ihm ein Becken zum Fußwaſchen zu uͤberreichen; ein Anerbie⸗ then, das, nach einer Reiſe durch ſumpfige Moraͤſte und dicke Haiden, nicht zu verſchmaͤhen war. Die Ceremonie war keineswegs von dem Luxus begleitet, den man vor dem erhabenen Reiſenden ausbreitete, von welchem Homer ſpricht. Kein ſchoͤnes, junges Maͤdchen, mit köſtlichem Raͤucherwerke verſehen, war mit die⸗ ſem Amte beauftragt, wohl aber eine zahnloſe, unter der Laſt der Jahre gekruͤmmte Alte. Weit entfernt, ſich durch den ihr gegebenen Auftrag ſehr geehrt zu fuͤhlen, murmelte ſie vor ſich hin:„Sollte man nicht meinen, die Heer⸗ den unſerer Väter haͤtten einerley Gras gefreſ⸗ ſen?“— aber eine geringe Belohnung beſänf⸗ tigte die uͤble Laune der alten Kammerfrau, und ließ ihr den entehrenden Stand, zu dem man ſie zwang, vergeſſen. Als Waverley ſich anſchickte, in den Saal zu gehen, ſagte ſie in Galiſcher Sprache:„Moͤchte die Hand, die ſich aufthut, ſtets voll ſeyn!“ Der Eßſaal nahm den ganzen untern Raum ein, der in der alten Behauſung von Jan⸗Nan⸗Chaiſtel zu finden war. Ein ungeheurer, eichener Tiſch ſtand der Laͤnge nach darin. Das Mittagsmahl war einfach, man konnte faſt ſagen grob. Die Gaͤſte mehr als zahlreich; eine wahre Verſammlung. Oben an den Tiſch ſetzten ſich der Haͤuptling mit Eduard, und zwey bis drey Freunde aus der Nachbar⸗ ſchaft, die zum Beſuche gekommen waren. Die Greiſe des Stammes, die Lehnsleute und Un⸗ terſaſſen waren im zwehten Range. Dann kamen die Kinder, ihre Neffen und Milchbruͤ⸗ der; nach dieſen die Officiere des Haͤuptlings, C 2 ihrem Range nach, und zuletzt kamen, die das Land bauten. Außer dieſer langen Reihe von Geladenen bemerkte Eduard durch eine unge⸗ heuere, offen ſtehende Fluͤgelthuͤre auf einem Raſenplatze eine zahlloſe Menge Hochlaͤnder, die trotz ihres untergeordneten Ranges als Gaͤſte angeſehen wurden, und Theil an dem Gaſtmahle nahmen. In der Ferne zeigten ſich Gruppen von alten Weibern, zerlumpten Kin⸗ dern, jungen und greiſen Bettlern, und aller⸗ ley Arten von Hunden. Alle dieſe Mitglieder der Gruppen, die hier ſichtbar waren, empfin⸗ gen mehr oder weniger einige Brocken des Feſts. Die Freigebigkeit und Gaſtlichkeit des Fer⸗ gus, welche ſo grenzenlos erſchien, hatte gleich⸗ wohl ihre okonomiſchen Regeln. Man hatte ſich mit der Zubereitung einiger Schuͤſſeln von Fiſchen und Wildpret viel Muͤhe gemacht, und ſie vor den jungen Fremden geſetzt. Weiter unten war der Tiſch mit ungeheuern Stuͤcken von Schoͤpſen⸗ und Rindfleiſche beſetzt; wäre auch Schweinefleiſch dabey geweſen, welches die Schotten aber verabſcheuen, ſo wuͤrde man ge⸗ glaubt haben, das Gaſtmahl der Liebhaber Penelope's zu erblicken. Die mittelſte Schuͤſ⸗ ſel bedeckte ein jaͤhriges Lamm, das man, ohne es abzuziehn, gebraten hatte, es ſtand auf ſei⸗ nen Fuͤßen, und hielt einen Strauß von Pe⸗ terſilie zwiſchen den Zaͤhnen. Ohne Zweifel hatte ihm der Koch nur dieſe Stellung gegeben, um ſeine ſeltnen Kuͤnſte beſſer zu zeigen, wie⸗ wohl er ſich mehr mit dem Ueberfluſſe der Speiſen, als mit ihrer Zierlichkeit beſchaftigt hatte. Die Seiten des armen Thieres wurden tapfer mit den Meſſern angegriffen, und bald both ſein fleiſchloſes Gerippe nur noch ein ſchmerzhaftes Schauſpiel dar. Das Ende der Tafel war mit noch einfachern Speiſen ſehr reichlich beſetzt. Suppen, Zwiebeln, Kaſe und die Fleiſchuͤberreſte wurden den Kindern des Geſchlechts Jvor ausgetheilt, die dem Gaſt⸗ mahle von weiten, in der freyen Luft bey⸗ wohnten. Die Getraͤnke wurden in derſelben Ordnung ausgetheilt, und nach dem naͤmlichen Verhaäͤltniß. Der Häuptling hatte fuͤr ſich und ſeine naͤchſten Nachbarn vortrefflichen Cham⸗ pagner und Bordeauxer; aͤchter und vermiſchter Whisky, ſtarkes und ſchwaches Bier, war auf verſchiedne Enden des Tiſches geſtellt. Jeder Gaſt von unterm Range war uͤberzeigt, daß ſein Temperament nichts von andern Getraͤnke vertragen koͤnne, als das, was man ihm an⸗ both; die Paͤchter und ihr Gefolge unterließen nicht zu ſagen, daß der Wein zu kalt fuͤr ihre Magen ſey, und daß ihnen das Getraͤnke, was man ihnen vorſetzte, lieber waͤre. Drey Schall⸗ meyſpieler hoͤrten nicht auf mit Singen, indem ſie ſich die ganze Eſſenszeit uͤber mit ihren In⸗ ſtrumenten begleiteten. Ihre kriegeriſchen Maͤr⸗ ſche, der Schwung ihrer Stimme, welche das Echo viel ſtaͤrker und wohlklingender wiedergab, ver⸗ urſachten einen ſolchen Lerm, ein ſo verſchiednes Geraͤuſche, daß Eduard glaubte, taub fuͤr ſeine uͤbrige Lebenszeit zu werden. Mac⸗Jvor ſuchte die lermende Freude dieſer Amphions und ſei⸗ ner Gaͤſte zu beſchwichtigen.„Ich koͤnnte dieſe Pflichten der Gaſtfreundſchaft nicht vernachlaͤſ⸗ ſigen,“ ſagte er,„ohne die Ehre und heilige Verbindlichkeiten zu verletzen, es iſt eine Fa⸗ milienlaſt. Dieſe fetten, dicken Paͤchter,“ ſetzte er hinzu,„verlaſſen ſich auf mich, um Fleiſch und Bier zu haben; ihre einzige Beſchaͤftigung beſteht darin, einander zu bekaͤmpfen, auf den Fiſchfang und die Jagd zu gehen, zu trinken und den Maͤdchens des Cantons zu huldigen. Aber Capitain Waverley, was kann ich thun? Man muß ſich nach den Gewohnheiten rich⸗ ten, und das Benehmen ſeiner Freunde nicht allzu genau untevſuchen, wenn ſie unſrer beduͤr⸗ fen.“ Eduard unterließ nicht, die große Zahl der treuergebenen Vaſallen zu erheben, die er zu ſeinem Dienſte hatte. „Es iſt wahr,“ antwortete Fergus,„daß wenn mir's einfiele, nach dem Beyſpiele mei⸗ ner Väter, eine Lanze mit jemand zu brechen, oder einige Flintenſchuͤſſe oder Schwerthiebe zu wechſeln, mir es keine langen Aufforderungen koſten wuͤrde, daß ſie mir folgten... Ich bin ſehr uͤberzeigt, daß ſie mich eben ſo wenig ver⸗ laſſen wuͤrden, als mein Schatten.. Aber wer kann ſich in der Zeit, in der wir leben, mit ſolchen Plänen beſchaͤftigen? Man fuͤhrt den Wahlſpruch: Beſſer eine alte Frau und ein Geldbeutel im Hauſe, als drei Krieger, die ihre Eiſen ſchuͤtteln.“ Nach dieſen Worten kehrte er ſich zu ſeinen zahlreichen Gaͤſten und brachte die Geſundheit: Zu Ehren des Capitain Waverley's, des wuͤr⸗ digen Freundes ſeines ehrwuͤrdigen Nachbars, des Baron von Bradwardine, ſeines Vundes⸗ genoſſen! aus. „Er iſt willkommen,“ ſagte ein Alter, „wenn er von Seiten Cosmus Comines Brad⸗ wardine's kommt!“ „Das ſag' ich nicht! erwiederte einer ſeiner Nachbarn von naͤmlichen Jahren.„Ich ſage es nicht,“ ſetzte er hinzu,„ſo lange unſre Wäl⸗ — 40— der gruͤn ſeyn werden, wird Trug in Su Herzen ſeyn!“ 2 „Bradwardine iſt ein Ehrenmann,“ etwie⸗ derte lebhaft ein andrer von den Alten,„der Fremde, welcher von ihm hierher kommt, ſoll willkommen ſeyn, und waͤren ſeine Haͤnde mit Blute gefaͤrbt, wenn's nicht Blut von Jvors Geſchlechte waͤre!“ „Es iſt mehr als zuviel Blut von Jvor's Geſchlechte durch Bradwardine's Hand vergoſſen worden,“ erwiederte der Alte, deſſen Kelch immer voll blieb. „Ach! Ballenkeiroch! Ihr denkt mehr an den Degenſtoß von Tully⸗Weolan, als an die Schwertſchlaͤge, die er zu Preſton austheilte.“— „Ich habe wohl Urſach', ſo zu denken: ſein Degenſtoß beraubte mich meines Sohnes. ſeine Schwertſchlaͤge haben dem Koͤnige Jacob nicht viel genuͤtzet.“ Fergus erklaͤrte Waverley auf Franzoͤſiſch, daß der Baron ſechs Jahre zuvor in einem Kampfe nahe bey ſeinem Schloſſe den Sohn dieſes Alten getoͤdtet habe. „Ballenkeiroch,“ ſetzte er hinzu,„dieſer junge Officier iſt ein Engländer, und der Fa⸗ milie von Bradwardine voͤllig fremd.“— Sogleich nahm der Alte den Becher, und — 41— ſtuͤrzte ihn frendig aus auf die Geſunbheit des Reiſenden. Ein Signal von Fergus ließ die Muſtkan⸗ ten ſchweigen.„Freunde,“ rief er mit ſtarker Stimme,„ſind die Geſänge ſo ſelten worden daß Mac⸗Murrough keinen derſelben finden kann?“— Der Greis, der aus dem Geſchlechte der Barden(Bhairdh) ſtammte, ſtand ſogleich auf und fing erſt mit ſchwacher, von Seufzern un⸗ terbrochner Stimme an zu ſingen; belebte ſich dann nach und nach, und endete damit, daß er ſeine Begeiſterung der ganzen Geſellſchaft mittheilte. Indem er vortrug, hatte er die Augen niedergeſchlagen, bald ließ er ſie aber ſtolz umhergehn, weniger um Aufmerkſamkeit zu erbitten, als um ſie zu empfehlen; ſeine Bewegungen waren eben ſo ehrfurchtgebietend, als ſeine Blicke. Eduard beobachtete ihn mit dem groͤßten Intereſſe, und lieh dem Galiſchen Sang ein aufmerkſames Ohr. Ob er gleich kein Wort von dieſer Sprache verſtand, ſo glaubte er zu bemerken, daß er den Hintritt mehrerer Krieger beweine, daß er andere lob⸗ preiſe, ſie durch ſein Lied anreitze, ermuthige und durch Vorwuͤrfe in Bewegung ſetze. Er glaubte ſogar ſeinen Namen zu unterſcheiden, — 42— weil aller Augen ſich durch eine gleiche Bewe⸗ gung ſchnell nach ihm richteten. Die Begei⸗ ſterung des Dichters hatte ſich mit der Schnel⸗ ligkeit einer elektriſchen Flamme allen Gäſten mitgetheilt; ihre männlichen Geſtalten, von der Sonne verbrannt, wurben furchtbarer, ſtolzer, ſchrecklicher. Sie ſtanden auf und ſetz⸗ ten ſich um den Dichter herum, hoben in einer Art Emphaſe die Arme auf, rangen die Haͤnde, oder legten ſie auf den Griff ihrer Claymores. Als der Barde mit Singen aufgehoͤrt hatte, herrſchte das tieſſte Schweigen eine Zeitlang im Saale; nach und nach beruhigte ſich die Hitze, und ein jeder nahm ſeinen natuͤrlichen Character an. Fergus, der, waͤhrend dieſe Scene vorging, ſich mehr mit der Sorge beſchaͤftigt hatte, die Bewegung, welche der Sang des Barden her⸗ vorrief zu beobachten, als ſie zu theilen, fuͤllte einen kleinen ſilbernen Becher mit Bordeauxer: „Bringt dieſes Mac⸗Murrough,“ ſagte er zu ſeinem Diener,„wenn er dieſes Getraͤnke ge⸗ nommen haben wird, ſo bittet ihn von mir, als Andenken an Jan⸗Vohr die Muſchel an⸗ zunehmen.— Das Geſchenk ward unter Betheuerungen der lebhafteſten Erkenntlichkeit angenommen. N Nachdem er den Wein getrunken hatte, küßte der Barde den Becher und ſteckte ihn ehrerbie⸗ tig in ſeinen Plaird, der zuſammen gefaltet auf ſeiner Bruſt lag; dann fing er wieder einen Geſang an, um dem Haͤuptlinge fuͤr das praͤch⸗ tige Geſchenk zu danken. Dieſe unzeitigen Dankſagungen wurden mit größtem Eifer und Beyfall, wie der erſte Geſang, aufgenommen. Alle machten der Großmuth ihres Oberhauptes die groͤßten Lobſpruͤche; viele allgemeine Toaſts wurden in Galiſcher Sprache ausgebracht. Fer⸗ gus uͤberſetzte ſie ſeinem Gaſte auf folgende Weiſe: Dem, der weder Freund noch Feind jemals den Ruͤcken kehrt! Dem, der nie ſeinen Kameraden verlaͤßt! Dem, der nie Gerechtigkeit gekauft oder verkauft hat! Fleiſch dem ungluͤcklichen Verbannten! die Knochen dem Uſurpator— dem Uſur⸗ pator! Daß die Hochlaͤnder ſtets die Ellenbogen geſchloſſen haben moͤgen! u. ſ w Eduard haͤtte wohl gewuͤnſcht, den Sinn des Galiſchen Geſanges kennen zu lernen, der ſo außerordentliche Wirkungen auf dieſe Gegenwaͤr⸗ tigen hatte; er aͤußerte dieſes ſeinem Wirthe.— „Ich habe wohl geſehen,“ ſagte dieſer, daß die Flaſche mehrmals unbeachtet bey Euch voruͤber gegangen iſt; ich wollte Euch eben vor⸗ ſchlagen, Thee bey meiner Schweſter zu trinken, die beſſer als ich im Stande iſt, Eure Neu⸗ gier zu befriedigen. Ob ich gleich die Freude meiner Gäſte an einem Feſttage nicht ſtoͤren will, ſo verlange ich doch nicht, ſie in ihren Ausſchweifungen nachzuahmen. Der Baͤr muß nicht,“ ſagte er lachend,„den Verſtand derer freſſen, die ihn wohl anwenden koͤnnen.“ Eduard nahm keinen Anſtand, das ihm gemachte Aner⸗ biethen anzunehmen. Fergus, nachdem er den ihn Umgebenden einige Worte geſagt hatte, ſtund von der Tafel auf, und Waverley folgte ihm. Kaum ſchloß ſich die Thuͤre hinter ihnen, ſo erklang der Saal von den zu Ehren Vich⸗ Jan⸗Vohrs ausgebrachten Toaſts, den ſie ihren wuͤrdigen, großmuͤthigen Haͤuptling nannten. Dieſe Ausdruͤcke der Erkenntlichkeit und Erge⸗ benheit hielten lange an, und bewieſen Waver⸗ ley'n, wie ſehr ſein Wirth von ſeinem Lehns⸗ manne geliebt wurde. —z————— 5— Viertes Kapitel. Schilderung der Schweſter des Häuptlings. Das Vorzimmer von Flora Mac⸗Jvor war auf die einfachſte und ſparſamſte Weiſe meublirt. Man hatte ſich in der Familie Glennaquvich ein Geſetz daraus gemacht, allen Ausgaben des Lurus zu entſagen, damit der Haͤuptling ſtets die Mit⸗ tel beſitzen maͤge, eine edle, faſt verſchwende⸗ riſche Gaſtfreyheit zu uͤben, um die Zahl ſeiner Parteyganger und Vaſallen zu vermehren. Man bemerkte jedoch dieſelbe Sparſamkeit nicht in ihrem Anzuge, der eben ſo reich als zierlich war; man erkannte die Franzoͤſiſchen Moden ſelbſt in der einfachſten Kleidung der Hochlaͤn⸗ derinnen, und der reinſte Geſchmack hatte dieſe angenehme Vermiſchung geleiret. Ihr Haar war nicht durch das Eiſen eines Haarkraͤuslers entſtellt, es fiel in langen Locken uͤber ihren Buſen; eine Art von goldnem, mit Diaman⸗ ten beſetzten Diadem erhob ihre Ebenholzfarbe; ſie hatte dieſe Art Kopfputz nur angenommen, um nicht gegen die Begriffe der Hochlaͤnder zu verſtoßen, welche nicht leiden moͤgen, daß ein Frauenzimmer, die keine Wittwe iſt, den Kopf mit Etwas bedeckt. 6 Flora Mac⸗Jvor hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit ihrem Bruder, ſo daß ſie die Rollen des Sebaſtians und der Viola hätten ſpielen, und dieſelbe Wirkung hervorbringen können, wie Mißtres Heinrich und ihr Bruder, wenn ſie dieſe Perſonen vorſtellten. Bruder und Schweſter hatten einen Schnitt des Ge⸗ ſichts, das naͤmliche antike Proſil, dieſelben ſchwarzen Augen, Augenbrauen und einen ausdrucksvollen, durchdringenden Blick, dieſelbe Geſichtsfarbe, ausgenommen daß Fergus von der Sonne verbrannt, und Flora von blenden⸗ der Weiße war; der ſtolze, ſtrenge Blick des Fergus war in Flora's Zuͤgen auf eine zaube⸗ riſche Weiſe verſuͤßt; ſie hatten gleichen Ton der Stimme, obgleich der Umfang derſelben verſchieden war; wenn Fergus eine Kriegsbe⸗ wegung befehligte, ſo erinnerte ſich Waverley einer Stelle des Emterius, die er behalten hatte: Und ſeiner Maͤnnerſtimme Ton War gleich als wie Drometenhall! Flora's Stimme, im Gegentheile, klang ſanft und zart; eine fuͤr eine Frau ſehr ange⸗ nehme Eigenſchaft. Wenn ihr die Unterhal⸗ tung gefiel, ſo ließ ſie nicht nur ihre Redekunſt dabey ſehen, ſondern ſie wußte die angemeſſen⸗ ſten Tone zum Bereden, Ueberzeigen, und be⸗ ſonders Intreſſe zu erregen, zu erwaͤhlen. Fer⸗ gus ungeduldige Blicke ſchienen eine geheime Unruhe anzukuͤndigen, die ihm die Schwierig⸗ keiten einfloͤßte, welche er zu uͤberwinden hatte, während die von Floren eine weiche, gefuͤhl⸗ volle Schwermuth zeigten. Man ſah, daß der Bruder nur Ruhm, Gewalt und Auszeichnung athmete; daß aber ſeine Schweſter das Gefuhl ihrer Erhabenheit beſaß, und im Grunde der Seele diejenigen bedauerte, die Neid und Ehr⸗ geis quaͤlte. Ihre erſte Erziehung hatte ſie, wie ihren Bruder, mit Anhaͤnglichkeit fuͤr die Familie der Stuarts erfuͤllt. Sie war uͤber⸗ zeigt, daß es ihren Bruder ſeinem Stamm, und allen Bewohnern Schottlands und Eng⸗ lands eine heilige Pflicht ſey, allen Gefahren zu trotzen, alle Opfer zu bringen, um die Pläne ſtandhaft zu unterſtuͤtzen, die der Rirter des heiligen Georg befolgt hatte. Nach der⸗ ſelben war ſie geneigt Alles zu leiden, Alles zu ertragen. Ihre Gefuhle waren eben ſo leb⸗ haft; aber weit edler und reiner als die von Fergus der an alle kleine Raͤnke der Eigehlie⸗ be gewoͤhnt, und vielleicht von Natur eigen⸗ nuͤtzig war; ſeine Geſinnungen waren, wo nicht zur Grundfarbe, doch zum Anſtriche ſeiner po⸗ ¹ litiſchen Grundſätze geworden. Vor allen be⸗ ſchäftigte er ſich mit den Mittelu höher zu ſtei⸗ gen, und häͤtte ſich Gelegenheit zu einem Feld⸗ zuge gezeigt, ſo waͤre es ſchwer geweſen zu ent⸗ ſcheiden, ob er mehr Luſt hatte den Koͤnig Ja⸗ cob wieder auf den Thron zu ſetzen, oder in Beſitz ſeines Grafentitels zu treten. Zwar wagte er es nicht, ſich ſelbſt ſeine geheimen Gefuͤhle zu geſtehen, allein er war davon durchdrungen. Floras Herz brannte, im Gegentheile von der lauterſten, uneigennuͤtzigſten Liebe fuͤr die vertriebene Familie. Sie haͤtte es vorgezogen eher die Larve der Religion anzunehmen um ehrgeitzige Entwürfe zu befoͤrdern, wenn ſie deren gehabt haͤtte, als daß ſie die mindeſte Ab⸗ ſicht von Eigennutz und Eigenliebe der Erge⸗ benheit fuͤr ihren rechtmäßigen König zugeſellt haͤtte. Die zaͤrtliche Unruhe des Sankt Geor⸗ genritters, und der Prinzeſſinn ſeiner Gemah⸗ linn erhielt die Verwandten des Fergus in ih⸗ ren religiöſen Glauben, und zugleich ihm ſelbſt und ſeine Schweſter. Dieſe Denkungsart war bey den Anhaͤngern dieſer ungluͤcklichen Fami⸗ lie nicht ſelten, wovon der Leſer vieler Bey⸗ ſpiele ſich erinnern kann. Kaum waren Fer⸗ gus und Flora Waiſen geworden, ſo nahm ihn die Prinzeſſinn als Pagen in ihre Dienſte⸗ — 4¹9— Seine Lebhaftigkeit und ſein gutes Anſehen zeich⸗ neten ihn bald aus, und ſetzten ihn uͤberall in Achtuhg. Seine Schweſter kam in eines der beruͤhmteſten Klöſter in Frankteich, auf Koſten der Prinzeſſinn. Nachdem ſie zwey Jahre da⸗ ſelbſt zugebracht hatte, kam ſie mit ihrem Bru⸗ der in ihr Geburtsland zuruͤck; beide behielten die zartlichſte Erinnerung an die empfangenen Wohlthaten. Nach dieſer naͤheten Schilderung von Flo⸗ ra's Charakter, will ich ſchnell ihr Bild ent⸗ werfen. Die Natur hatte ſie mit ihren Ge⸗ ſchenken überhaͤuft, und die Erziehung hatte ihr jenes artige Betragen gegeben, welches ſie un⸗ fehlbar erlangen mußte, da ſie von der zarte⸗ ſten Jugend an, in der Geſellſchaft einer erha⸗ benen Fuͤrſtinn lebte. Hier hatte ſie es nicht gelernt, eine luͤgenhafte Hoͤflichkeit den wahren Empfindungen des Herzens unterzuſchieben. Als ſie ſich auf die einſamen Felſen von Glenns— quvich beſchraͤnkt ſah, fuͤhlte ſie, daß ihre in der Franzoͤſiſchen und Italieniſchen Litteratur el⸗ langten Kenntniſſe ihr nur ſelten von Nutzen ſeyn wuͤrden. Um ihre Zeit auf eine nuͤtzliche Weiſe auszufuͤllen ergab ſie ſich beſonders dem Studium der Muſik und der Dichtkunſt der al⸗ ten Barden ihres Vaterlandes. Sie fand ein II. D — großes Vergnuͤgen daran, ſich mit dieſen Wis⸗ ſenſchaften näͤher bekannt zu machen, die ihr Bruder nur oberflaͤchlich betrieben hatte, und zwar weniger aus Geſchmack, als um ſich dem Volke zu nähern. Flora verdoppelte den Eifer ihrer Forſchun⸗ gen, und ihre Entdeckungen gewaͤhrten ihr täg⸗ lich neue Genuͤſſe. Die Anhaͤnglichkeit, die ſie an ihren Stamm hatte, ſchien ein erbliches Gefuͤhl; es war leb⸗ hafter und uneigennuͤtziger als dasjenige ihres Bruders, deſſen Plan es war, ſich ſeines Ein⸗ fluſſes auf dieſe einfaͤltigen, rohen Menſchen als Mittel zu ſeiner Erhebung zu bedienen; auch ſind wir weit entfernt ihn als ein Muſter eines gnten Oberhauptes eines Stammes anzuſehen. Flora vernachläſſigte nichts, was zu Ausbreitung des patriarchaliſchen Einfluſſes ihres Bruder dienen konnte; ſie hatte die edle und großmuͤthige Ab⸗ ſicht diejenigen dem Elend oder der Tyranney der Fremden zu entreißen, die ihr Bruder als ihr rechtmaͤßiger Gebiether zu beſchuͤtzen und zu vertheidigen hatte. Ein Theil der kleinen Penſion, welche ſie von der Furſtinn Sobieski, empfing, war be⸗ ſtimmt— wir wollen nicht ſagen Annehmlich 5— keiten— dieſes Wort kannten die Hochlaͤnde nie!— ſondern Unterſtuͤtzungen bey den erſten Beduͤrfniſſen der Kranken und unvermoͤgenden Greiſe zu verſchaffen. Alle andere Mitglieder der Staͤmme zogen es vor ſich durch ihre Ar⸗ beit die Lebensmittel zu erwerben, die ſie mit ihren Haͤuptlingen theilten, als andere Huͤlfe zu empfangen als die, welche die Geſetze der Gaſt⸗ freundſchaft und einer gegenſeitigen Verpflich⸗ tung anwies. Sie waren Floren ſo ſehr ergeben, daß als Mac⸗Murrough in einem den Schoͤnen des Cantons gewidmeten Loblied geſagt hatte: Hier verſchönert der beſte Apfel den allerſchoͤnſten Baumk er von verſchiedenen Mitgliedern des Stammes mehr Gerſte zum Geſchenke empfing, als ſeit zehn Jahren alle Barden des Gebirgs ausge⸗ ſaet hatten⸗ Die Geſellſchaft der Miß Mac⸗Jvor war, nicht weniger aus Geſchmack als nach Verhaͤlt⸗ niß der Umſtände, ſehr beſchraͤnkt. Miß Roſa von Bradwardine war ihre vertrauteſte Freun⸗ und wenn ſie bey einander waren, konn— em Pinſel des Mahlers zwey reizende ines der Heiterkeit, das andere der rbiethen. Auch war in Wahr⸗ zaͤrtlich von ihren Vater geliebt, 2 Model's, Schwerm heit Roſa der Kreis ihrer Wuͤnſche ſo enge, ſie fand ſo wenig Wiederſprüche, daß Alles in ihr den Aus⸗ druck der reinſten Zufriedenheit zeigte. Anders war es bey Miß Flora. Von Jugend auf hatte ſie die Unzuverläſſigkeit des Gluͤcks erfahren; von Glanz und Luxus war ſie in Einſamkeit und Armuth verfallen, hinſichtlich ihrer vorher⸗ gegangenen Lebensweiſe. Ihre eifrigſten Wuͤn⸗ ſche, ihre Furcht, ihre Unruhen im Betreff der politiſchen Begebenheiten, mußten ihr wohl eine ernſte nachdenkende Gemuͤthsart geben; indeß machte es ihr Vergnuͤgen, ihre Talente zur Be⸗ luſtigung der Geſellſchaft anzuwenden. Sie beſaß einen ſehr vorzüglichen Platz in der Achtung des alten Barons, der ſich vor Ver⸗ gnuͤgen nicht zu laſſen wußte, wenn er ſo gluͤcklich war, ſie eins der Duetts ſingen zu hoͤ⸗ ren, die zu Anfange der Regierung Ludwigs des Großen Mode waren. Man war allgemein uͤberzeigt, ob man ſich gleich wohl huͤthete den Baron dieſes, im Ge⸗ ringſten bemerken zu laſſen, daß man die Schritte welche Mac Jvor zur Ausſoͤhnun it ihm gethan hatte, den Einredungen von Flo danke. Sie griff den Fergus einer chen Seite an, indem ſie ihn de ihm wenig Ehre bringen, uͤber ein zu ſtriumphiren, dieſer Kampf werde nur der geheiligten Sache wahre Anhaͤnger rauben; er werde ſich bey allen klugen Leuten, welche wuͤß⸗ ten, daß Klugheit die erſte Tugend eines mit dem Vortheil des Koͤnigs belaſteten Mannes ſeyn ſolle, unendlich ſchaden. Dieſe eben ſo klu⸗ gen als gerechten Betrachtungen ſiegten uͤber die Erbitterung ihres Bruders, und verhuͤthe⸗ ten einen Streit der unvermeidlich zu ſeyn ſchien, theils weil das Blut des Geſchlechts Jvor von der Hand des Barons vergoſſen worden, theils weil Fergus eiferſuͤchtig uͤber den Ruf war, in welchen er ſtand das Schwert mit einer au⸗ ßerordentlichen Geſchicklichkeit zu fuͤhren. Die⸗ ſer liebenswerthen Miß, ſtellte jetzt Fergus den Capitain Waverley vor, der von ihr mit allen Beweiſen der Artigkeit empfangen ward. Fuͤnftes Kapitel⸗ —— Sang des Barden. gewöhnlichen Hoͤflichkeitsbezeigungen er Schweſter: Eh' ich wie⸗ —— Obliegenheiten zu erfuͤllen, die mir das Her⸗ kommen und die Sitten unſerer Väter aufle⸗ gen, bin ich ſehr froh Euch zu ſagen, daß Ca⸗ pitain Waverley ein enthuſtaſtiſcher Bewunde⸗ rer der Celtiſchen Dichtungen iſt, deren Spra⸗ che er zum Ungluͤck nicht verſteht. Ich habe ihm geſagt, daß Du das außerordentliche Ta⸗ lent beſitzeſt, ſie zu uͤbertragen, und das Mar⸗ Murrough außer ſich geraͤth, wenn er Deine Ueberſotzungen lieſ't, die er, meines Beduͤnkens, eben ſo wenig verſteht, als der Capitain das Hriginal... Wäar'ſt du wohl ſo gefällig, ihm zu Hulfe kommen, indem du ihm in Engliſcher Sprache, wo nicht deelamirſt, doch wenigſtens vorlieſt, was der Galiſche Barde für barbari⸗ ſche Benennungen in ſeinem Sang gebracht hat? Ich weiß beſtimmt, daß Du die Ueberſetzung davon haſt, ich könnte hinzuſetzen, daß mir es nicht unbekannt iſt, daß Du bey allen Barden⸗ vereinen den Vorſitz haſt, und daß ſie Dir ihre Geſaͤnge mittheilen, ehe ſie dieſelben bekannt machen.“ „Wie kannſt Du das ſagen, i Du weißt doch wohl, daß d einem Fremden, vorzuglich keine Weiſe ton annimmſt ich haͤtte ſie, nach Deiner Behaup⸗ tung uͤberſetzt?“ „Sie werden ihn nicht weniger anſprechen als mich ſelbſt, meine ſchoͤne Freundinn. Heute haben mir Deine ſchoͤnen Producte— denn ich bieibe dabey daß Du zur Hälfte an der Dich⸗ tung des Barden Theil haſt, den letzten ſilber⸗ nen Becher gekoſtet, der im Schloſſe war, und ich denke, ſie werden mir theuer zu ſtehen kom⸗ men, wenn's geſchieht, daß ich ein Hoflager halte. Du kennſt das Sprichwort: „Bleibt des Haͤuptlings Hand verſchloſſen: Spännen ſich die Saiten ab!“ Ich wuͤnſche, daß dieſe Gelegenheit bald er⸗ ſcheint. Heut zu Tage gibt's fuͤr den Hochlaͤn⸗ der drey ganz unnuͤtze Dinge: Das Schwert, das er nie zieht, die Geſänge der Thaten, die er nicht nachzuahmen wagt; und die weiten le⸗ dernen Beutel, die keinen Louid'or enhalten.“ „Vortrefflich Fergus; da Du meine Geheim⸗ niſſe nicht beſſer bewahren willſt, ſo werde ich mir kein Geheimniß machen, die Deinigen zu entdecken. Ich kann Euch verſichern, Capitain Waverley, daß mein Bruder ſein Schwert mit keinem Marſchallſtabe vertauſchte; daß in ſeinen Augen Mac⸗Murrough, als Dichter, weit uͤber den Homer geht, und daß er ſeinen ledernen Beutel nicht um alle Louisd'ors gabe, die er enthalten koͤnnte.“ „Gut vertheidigt, liebe Flora! Schlag auf Schlag, wie Conal zum boͤſen Geiſte ſagte.— Das Geſchlecht Jvor erwartet mich; ich laſſe Dich nach Deinem Gefallen die Dichtkunſt des Barden abhandeln, wenn Du Dich fuͤrchteſt, von Schwertern und Beuteln zu reden!“ Mit dieſen Worten verließ er ſie. Das Geſpraͤch erhielt ſich zwiſchen Flora und Waverley: denn zwey junge, wohlgeklei⸗ dete Maͤdchen, die im Zimmer waren, und mehr zu Miß Moc⸗Jvot Geſellſchaft, als ihrem Dienſte beſtimmt zu ſeyn ſchienen, nahmen nicht den mindeſten Antheil daran. Obgleich beide ſehr huͤbſch waren, ſchienen ſie doch nur beſtimmt, die Schoͤnheit ihrer Gebietherinn auf⸗ fallender herous zu heben. Die Unterhaltung bezog ſich auf den von Fergus angeſprochenen Gegenſtand, und Waverley empfand eben ſo⸗ viel Vergnuͤgen als Erſtaunen uͤber alles, was er im Betreff der Galiſchen Dichtkunſt erfuhr. „Unſre Hochländer,“ ſagte Miß Flora,„brin⸗ gen ihre Winterabende damit zu, daß ſie Ge⸗ faͤnge von den hohen Waffenthaten der Krieger, den Leiden der Liebenden, und den innern Feh⸗ den der verſchiedenen Staͤmme vortragen horen. Man ſagt, daß einige derſelben ſehr alt wären, und daß, wenn ſie je in eine Sprache der civi⸗ liſirten Nationen von Europa uͤbertragen wuͤr⸗ den, ſie unfehlbar die groͤßte Empfindung ver⸗ urſachen muͤßten. Es gibt deren, die aus neuern Zeiten ſtammen; ſie ſind die Arbeit der Barden, welche die Haͤuptlinge der Staͤmme, die ſich durch Geburt und Gewalt auszeichnen, auf ihre Koſten, unter dem Titel: Dichter und Geſchichtſchreiber ihrer Geſchlechter, unterhal⸗ ten. Es fehlt ihren Werken nicht an Verdien⸗ ſten, aber ſie verlieren viel bey der Uebertra⸗ gung: der Dichtergeiſt verfliegt, vornamlich wenn der Ueberſetzer nicht ſo tief fuͤhlt, als der Dichter.“ „Saget mir, ich bitt' Euch, haͤlt man Eueren Barden, der heute die ganze Verſamm⸗ lung elektriſirt hat, auch fuͤr einen Liebling der Muſen?“ „Euere Frage ſetzt in Verlegenheit; ſeine Landsleute machen ſehr viel aus ihm, und Ihr koͤnnt wohl denken, daß ich ſeinen Ruf nicht ſchmaͤlern mag. Sein Sang iſt, ſo zu ſagen, nichts als ein Repertorium der Ramen ver⸗ ſchiedener Stämme, mit Anſpielungen, die ihnen eigen ſind; man fugt einige Ermahnun⸗ gen hinzu, in die Fußtapfen der Väter zu treten.“ „Darf ich mich unterfangen, Euch zu ſagen, daß ich verſchiedentlich meinen Namen zu hoͤren glaubte?“ „Ihr habt Euch nicht geirrt, Capitain Wa⸗ verley, unſere Barden beſitzen das Talent der Dichtkunſt aus dem Stegreife; es geſchieht oft, daß ſie zu ihren Geſaͤngen viele den Umſtaän⸗ den angemeſſene Stanzen hinzufuͤgen.“ „Ich gäbe mein ſchoͤnſtes Pferd darum, zu wiſſen, was der Barde von einem armen Eng⸗ länder hat ſagen koͤnnen, der ihm voͤllig unbe⸗ kännt iſt! 5. „Es ſoll Euch nicht ein einziges ſeiner Haare koſten.“ Miß Flora rief Una Mavourneen; das junge Maͤdchen nahte ſich, empfing ihre Be—⸗ fehle, machte eine tiefe Verbeugung, und lief davon.„Ich habe Una beauftragt,“ ſagte Flora,„von dem Barden die Copie des Sanges zu verlangen; ich werde verſuchen, Euch als Dollmetſcher zu dienen.“ Das Maͤdchen kam ſchnell zuruͤck, und uͤbergab ihrer Gebietherinn ein Papier, das nur einige Linien in Galiſcher Sprache enthielt; Flora durchlief es mit Nach⸗ denken.„Capitain Waverley,“ ſagte ſie hoch erröthend, es iſt mir unmöglich, Eure Wißbe⸗ — 59— gier zu befriedigen, ohne mich Eures Spottes uͤber meine Anmaßung auszuſetzen. Wenn Ihr ſo gefaͤllig ſeyn wollt, mir einige Augenblicke des Nachſinnens zu vergoͤnnen, ſo werde ich verſuchen, wohl oder uͤbel, dieſe Zeilen, die man mir gegeben hat, in eine Engliſche Ueber⸗ ſetzung zu bringen, die ich gemacht habe“ kan eilte, den Thee zu trinken, und da der Abend ſehr angenehm war, erhielt Una den Auftrag, Waverley'n in einen einſamen Auf⸗ enthalt zu bringen, den Flora ungemein liebte. Sie verſprach zugleich, daß ſie nicht ſäumen wuͤrde, ſich mit Chathleen dahin zubegeben. Una ließ unſern Reiſenden durch eine ver⸗ borgene Thuͤre treten, wo er im Vorbeygehen den Hoͤrner- und Beoyfallsklang der Gaͤſte hoͤrte, die den Eßſaal noch nicht verlaſſen hatten. Sie vevfolgten eine Zeitlang einen engen Fußſteig, mit⸗ ten in einem unterhalb des Schloſſe befindlichen Thale, welches ein kleiner Bach durchſchlaͤngelte. Nach einer Viertelmeile gelangten ſie an einen Ort, wo zwey Baͤche durch ihren Zuſammenfluß den kleinen Fluß, deſſen wir ſchon gedachten, bildeten; der anſehnlichſte kam aus dem Thal⸗ grunde, und ſchien ſich weit zu erſtrecken, ohne weder durch Huͤgel noch Felſen unterbrochen zu werden, die man in der Ferne, wie einen ma⸗ — 60— jeſtätiſchen Schlagbaum erblickte. Der andre entſprang in den Gebirgen zur Linken, und ſchien aus einer Grotte zu kommen, die zwey ungeheure Felſen trennte. Friedlich war der erſte von dieſen Baͤchen, während der andere ſich tobend von Felſen zu Felſen die er mit Schaum bedeckte. Zu dem Quelle dieſes Baches war es, wo Waverley, als Ritter und Romanheld, durch die Schoͤne der Wuͤſte hingeleitet ward, die kein Wort ſprach. Ein kleiner, ausgebeſſerter Fußpfad, den man fuͤr Floren beguemer gemacht hatte, brachte ſie in eine von jener ganz ver⸗ ſchiedene Landſchaft. Die Umgebungen des Schloſſes hatten, kahl und wuͤſt, wie ſie wa⸗ ren, ein einfaches, ſchwermuͤthiges Anſehen; aber der Raſenplatz, auf den ſie jetzt gelang⸗ ten, ſchien die ſchoͤnſten Beſchreibungen zu ver⸗ wirklichen. In dieſem Hrte erhoben ſich zwey unge⸗ heuere Säaͤulen, wie furchtbare Rieſen, welche dieſe geheimnißvolle Einſamkeit zu bewachen ſchienen; und erſt als er zu ihren Geſtellen kam, ſah er, daß ſich der Fußpfad um dieſe ſchreckenden Maſſen herum wand. Weit ent⸗ fernter befanden ſich die Felſen, die ſich zu bei⸗ den Seiten des Baches erhoben, ſo nahe mit den Gipfeln zuſammen gefuͤgt, daß zwey be⸗ mooſte Fichten, die man auf dieſe Heffnung geſtellt hatte, hier eine natuͤrliche Bruͤcke, hun⸗ dert funfzig Fuß hoch und drey Fuß breir⸗ ohne Stuͤtze und Lehne, bildeten. Als Waverley die Augen auf dieſe gefaͤhr⸗ liche Bruͤcke warf, die nur wie eine ſchwarze, in den Azur des engen Durchſchnitts der Atmo⸗ ſphäre, die man durch die Felſenrippen ſah, gezeichnete Linie erſchien, ſo ſchauderte er vor Entſetzen, als er Miß Flora und ihre Beglei⸗ terinn, wie leichte Elfen und Luftgeiſter, ſich heiter anſchicken ſah, dieſen fuͤrchterlichen Ab⸗ grund zu uͤberſchreiten. Als Flora den Capi⸗ tain erblickte, blieb ſie mitten auf der Bruͤcke ſtehen, und begruͤßte ihn leicht und anmuthig mit ihrem Tuche. Bleich und zitternd, wie ein Blatt, hatte Eduard nicht die Kraft, die⸗ ſen Gruß zu erwiedern; er holte erſt wieder Odem, als er das reitzende Weſen die Bruͤcke verlaſſen, und ſich im Gebuͤſche verlieren ſah. Waverley ward unter der Bruͤcke durchge⸗ fuͤhrt, die ihm ſo viel Angſt gemacht hatte. Immer ſteiler ward der Fußſteig, ſo wie er ſich nach und nach der Quelle des Baches näherte. Der Raſenplatz ſtieß an ein rohes Amphitheater, mit Birken, jungen Eichen und Nußbaͤumen umgeben. Die Schlucht fing an ſich zu erweitern, aber die Felſen zeigten fort⸗ während ihre abhaͤngigen Gipfel, durch moos⸗ vedeckte Gebuͤſche hindurch, und ihre bald kah⸗ len, bald mit aus den Spalten hevordringen⸗ der Haide gekroͤnten Spitzen. Nachdem ſie einen Umweg genommen hatten, befand ſich Waverley vor einem herrlichen Waſſerfalle, weniger bemerkbar durch die Höhe ſeines Stur⸗ zes und den Umfang ſeiner Gewaͤſſer, als durch die mahleriſche Anſicht ſeiner Umgebungen. Der Bach riß ſich von einer Felſenſpitze, etwa drei⸗ ßig Fuß hoch, herab, und ſtuͤrzte in ein na⸗ türliches Becken. Trotz der zahlreichen Blaſen, welche ſeine Oberflaͤche bedeckten, war das Waſ⸗ ſer ſo klar und durchſichtig, daß man den klein⸗ ſten Kirſel bemerkte. Aus dieſer Art von Be⸗ haͤlter kommend, lief der Bach ziemlich friedlich durch einen betraͤchtlichen Raum, und dann ſtuͤrzte er ſich von Neuem, und wie verſchlun⸗ gen, mitten in die großen Felſenbloͤcke hinein. Von dort kam er wieder an dem Raſenplatze hervor, den Waverley durchkreutzt hatte, und den er murmelnd durchſchlaͤngelte. Am Rande des Waſſerbeckens war alles mit der hohen Schönheit dieſer impoſanten und majeſtaͤtiſchen Einſamkeit uͤbereinſtimmend. Raſenbaͤnke waren — 63— hier und da unter den mit Bluͤthenbuͤſchen und Geſtraͤuchen beſetzten Felſen angebracht. Flora hatte einige derſelben anpflanzen laſſen, aber ſie hatte die Vorſicht gehabt, alle Spuren der Kunſt zu verbergen, um nicht die Wirkung dieſer einſamen, romantiſchen Landſchaft zu ver⸗ mindern. Als Waverley Floren beſchaͤftigt fand, den Waſſevfall zu betrachten, glaubte er eine der Goͤttergeſtalten zu ſehen, die Pouſſin's Ge⸗ mählde ſchmuͤcken. Kaͤthchen(Chatleen) trug ihrer Gebietherinn in einiger Entfernung die Harfe der Barden nach. Flora hatte ſie von Rory⸗Dall, einem der erſten Harfner Schott⸗ lands, ſpielen gelernt. In dieſem Augenblicke war die Sonne im Untergange, und ihre Strah— len, die mit tauſend angenehmen Wechſelfarben alle Gegenſtaͤnde, die ſich Waverley's Blicken darbothen, bedeckten, gaben Flora's ſchoͤnen, ſchwarzen Augen mehr Ausdruck, erhoben die Weiße ihrer Farbe, und die bezaubernden For⸗ men ihres ſchlanken, leichten Wuchſes. Eduard war gezwungen, bey ſich ſelbſt einzugeſtehen, daß ihm die Träume ſeiner Einbildungskraft nie den Begriff einer ſo ſchönen, ſo anziehen⸗ den Frauengeſtalt gegeben hatten; er glaubte ſich in eine der Zauberlauben verſetzt, die Ario ſt — 6— beſchrieben hat, oder in Edens lachende Haine. Sein Herz ſchlug gewaltig, ſeine Fuße ſtrau⸗ chelten; er konnte kaum athmen, ſo ſtark war die Bewegung, die er empfand. Wie jede huͤbſche Frau kannte Flora die Macht ihrer Reitze, und gefiel ſich, die Wirkung derſelben zu betrachten; ſie bemerkte die Unru⸗ he, die Verlegenheit, die ehrfurchtsvolle Scheu des jungen Kriegers und eilte dieſe Leidensſeene abzukürzen, ohne daß es ſchien, als habe ſie die Gefuͤhle bemerkt, die ſie einfloßte. Da ſie Waverley's Character nicht kannte, iſt's moͤglich, daß ſie nur dieſe ihr bezeigte Huldigung, als den voruͤbergehenden Tribut betrachte, die jedes Frauenzimmer, das nicht ohne einige Reitze iſt, zu erwarten hat. Sie verließ das Ufer des Waſſerbeckens, und ging ruhig zu einer Laube, die ſo weit entfernt war, daß das Geraͤuſch der Cascade die Harfentoͤne nicht uͤbertaͤuben konnte, jedoch ihnen zur Begleitung diente. Sie ſetzte ſich unter einer Art Schwibbogen, welchen ein moosbedeckter Felſen bildete, und nahm die Harfe aus Katharinens Händen. „Capitain Waverley,“ ſagte ſi ſie zu ihm,„ich habe Euch ein we weit bemuͤht; aber ich glaubte, die Landſch und Euch nachſichtiger gegen meine ſchwache Ue⸗ koͤnnte Euch intereſſiren, — 65— berſetzung machen; mein wilder Geſang bedarf wilder Begleitung, um nicht ganz laͤcherlich und ubel angebracht zu erſcheinen. Die Celtiſchen Muſen, um mich des dichteriſchen Ausdrucks un⸗ ſerer Barden zu bedienen, gefallen ſich in ſchwei⸗ gender und einſamer Zuruͤckgezogenheit; ihre Stimme bedarf vom Waſſerfall unterſtuͤtzt zu werden; die wilden Blumen der Wuͤſte ziehen ſie den glanzenden Kraͤnzen der Saͤle vor. Jeder andere als Waverley, zu dom dieſe reitzende Jungfrau ſo geſprochen haͤtte, wuͤrde nicht ermangelt haben ihr zu antworten: „Ach nie konnten die Muſen, die Ihr an⸗ ruft, ein ſuͤßeres Organ beſitzen, nie einen wuͤr— digern Dollmetſcher!“— Er hatte dazu den Gedanken und das Verlangen, doch war er un⸗ vermoͤgend ein einziges Wort auszuſprechen; die klagenden Toͤne, die Flora ihrer Harfe ent— lockte, als ſie das Vorſpiel begann, ſtüͤrzten ihn in eine Art ſuͤßer Begeiſterung. Er hätte um alle Reichthuͤmer der Erde willen, ſeinen Platz an ihrer Seite nicht verlaſſen; und doch ſehnte er ſich allein zu ſeyn, um ſeine ſtuͤrmiſchen, ver⸗ worrenen Gefuͤhle auf's Reine zu bringen. Flora erſetzte das einformige Recitativ des Barden durch ein Lied von ſüßer Schwermuth, welches vor Alters zum Kriegsmarſche gedient E hatte, und mit dem fernen Geraͤuſche des Waſ⸗ ſerfalls, und den Gefluͤſter der Blaͤtter uͤberein⸗ ſtimmte. Die Strophen, die wir anzufuͤhren denken, werden nur einen ſehr ſchwachen Be⸗ griff von dem Eindrucke geben, welchen auf Wa⸗ verley's Herz die Stimme und die Harfe der ſchoͤnen Saͤngerinn machte. Sang des Barden. Die Nacht, mit ihrem Leichenſchleyer, Bedeckt nun Felſen, Berg und Thal Im finſtern Gang, zur Abendfeyer Seufz' ich allhier zum letzten Mal!„. O fielen meine Qualen alle Auf meiner Feinde ſuͤndig Haupt! Wer raͤcht die Schmach in meiner Halle, Da Schlummer unſte Kuͤhnen raubt? Seht Ihr den Flug der leichten Schatten, Am Trugbild dieſes Wolkenſaums? Die Geiſter ſind's! der Muͤtter, Gatten! Sie neigen— Spielwerk eines Traums.— Zum Vaterland ſich jetzt hernieder Wo Sklaverey im Frieden thront— Ach! tragen ewig fine Glieder Das Joch, das keinen jetzt verſchont? 4¹ Wie! zitterſt Du vor jenen Fremden Caledonia! Ungluͤcksland! Um Deine Schande zu vollenden Zagt Deiner Kinder Raͤcherhand? — 67— Umſonſt ſuch' ich die Krieger⸗Gluthen Die Hochlands Kühne ſonſt entflammt; Sie ſchlafen! Todeswaffen ruhten In ihrem Arm zur Schmach verdammt! Ha! in des Donners wuth'gen Zuͤrnen, Der toſend unter uns jetzt brüllt, Schlaft ihr, wie friedlich⸗ſtille Dirnen, Von Schande nicht, noch Zorn éèrfullt? Muß denn zur alten Harfe Stimme Des Varden Ruf zu Euch jetzt ſchreyn? Euch ſchildern ihn in ſeinem Grimme Des Reiches Rauber— hier— allein? Wie er mit gottvergeßnem Wuͤthen Altar und Völkerrecht zertrat? Wie er nach kaum vergeßnen Schritten, Der Rache Gift bereitet hat?2... Erhebet Euch, befiehlt der Himmel! Raͤcht des Geſetzes Heiligthum! Hebt unter jauchzendem Getuͤmmel Den Koͤnig in ſein Eigenthum! Den würdigen, den rechten Erben, Den Ihr beſitzt, den er verſchont Der Feinde Dolch! vor ihm nicht ſterben Verbrechen waͤr's, wo Ehre wohnt Und Pflicht und Treu— von euern Hoͤhen Stuͤrzt unaufhaltſam, wie der Bach, Und uͤberſchwemmt, gleich vollen Seen, Das Land— ſtürit die Tyrannen nach! . 68 Wie! Roſt bedeckte unſre Waffen Die Treu⸗Gefaͤhrten unſers Muths? Auf! auf! ſucht Euch empor zu raffen Schont nicht des Unterdruͤckerbluts! Des Sieges edle Sohne weilet Nicht mehr in dieſer traͤgen Ruh; Mit Ruhm bedeckt, zum Schlachtfeld eilet Als Helden fliegt dem Tode zu! Gedenkt dort noch an Eure Vaͤter Auf blutbedeckter Ehrenbahn, Wie Muͤtter, Schweſtern— Uebelthaͤter In ſchmerzerfuͤllten Tagen nahn! Stuͤrzt Euch im Lauf, gefuͤhrt durch Liebe, Durch Ehre! daß der Fremdling zagt Wenn Euer Banner im Getriebe Des Kampfes ihm entgegen ragt. Ihr Krieger ohne Furcht und Tadel! Ihr Freunde zart und großmuthsvoll! Und Du, o Murtay! Deinem Adel Ruft aus Verbannung— Tugendzoll... Herbey! herbey zu Deinen Kuhnen! Zerſtrene mit vereinter Kraft, Die Unverſchaͤmten, die einſt dienen— Bring' uns zuruͤck die uns entrafft. Den Harniſch nimm, Du edler Krieger! Du ſchoͤner Lochil und Dein Schwert! So glaͤnzend, zeig! flieg, wirf als Sieger Den bleichen Fremdling todeswerth! Begleitet Jvor's edle Soͤhne! Den edlen Haͤuptling, deſſen Arm——— Flora ward hier durch die Liebkoſungen eines Windſpiels unterbrochen, welches athem⸗ los herbeygeſprungen kam, aber ſo wie der Klang eines Pfeifchens ertoͤnte, verſchwand das gehorſame Thier blitzſchnell. „Das iſt der rreue Begleiter meines Bru⸗ ders,“ ſagte ſie,„und er wird nicht lange außen bleiben. Er liebt die Dichtkunſt nicht, und Ihr, Capitain Waverley, koͤnnt Euch zu ſeiner Ankunft Gluͤck wuͤnſchen, ſie erſpart Euch das langweilige Herzaͤhlen aller unſerer Staͤm⸗ me.“ Waverley bezeigte ihr, wie leid ihm dieſe Stoͤrung ſey.„Ihr verliert nicht viel,“ ſagte Flora,„Ihr haͤttet noch verſchiedene Stro⸗ phen zu Ehren Pich⸗Jan⸗Vohr's, ſeiner ſelte⸗ nen Eigenſchaften, vorzuͤglich ſeiner Großmuth, ſeines Geſchmacks an der Dichtkunſt, die er ſo gut wie ein Barde verſteht, zu hoͤren ge⸗ habt; Ihr haͤttet eine Einladung an den locken⸗ reichen Fremdling gehoͤrt, in ſeine fetten Trif⸗ ten zuruͤck zu kehren; die Beſchreibung ſeines mit Gold und Purpur bedeckten Streitroſſes, ſchwärzer als die Raben der Gebirge, leichter als der Adler, den Kampf athmend, vor Un⸗ geduld wiehernd; man hätte den Ritter erin⸗ nert, daß ſich ſeine Ahnen durch Muth und Rechtlichkeit auszeichneten.. Ihr ſeht, daß Ihr es eben nicht bedauern duͤrft, daß ich mei⸗ nen Sang unterbrochen habe. Sechstes Kapitel. —— Waverley verlaͤngert ſeinen Auf⸗ enthalt zu Glennaquvich. Fergus, kam wie Flora es angekuͤndigt hatte, in eben dem Augenblicke.„Ich wußte ſchon,“ ſagte er,„daß ich Euch hier finden wuͤrde, und ich haͤtte nicht noͤthig gehabt, daß mein theurer Bran mich fuͤhrte. Aufrichtig muß ich geſte⸗ hen, daß ich die praͤchtigen Waſſerfalle von Ver⸗ ſailles dieſer verſteckten Cascade, trotz ihrer ro⸗ mantiſchen Lage, wie la cariſſima Sorella ſagt, vorziehe; aber ſie hat hier ihren Par⸗ naß Cavitain Waverley; dieſer Quell iſt ihre Hippok ene. Sie wuͤrde meinem Keller einen großen Dienſt erzeigen, wenn ſie die Tugen⸗ den dieſer geliebten Quelle Mac⸗Morrough be⸗ greiflich machen könnte, der ihr Bundesgenoſſe iſt. Der Schuft hat mir mehr als eine Pinte Scuback ausgeleert, um, wie er ſagt, die Kaͤlte meines Bordeauxers zu verbeſſern, den ſein Ma⸗ — V— gen nicht verdauen kann. Nun ich imuß doch ſelbſt den Geſchmack dieſes Goöͤtterwaſſers verſu⸗ chen.“ Er ſchoͤpfte mit der hohlen Hand, und fing theatraliſch an zu ſingen: Der Wuͤſte Nymphe ſey gegruͤßt, Der Harfe Gails Lieblingskind! In ſchoͤnem Land geboren biſt, Wo weder Korn noch Weiden ſind. Ich fuͤhle, daß die Engliſche Sprache die Schoͤnheiten dieſes wuͤſten Helikons nicht zu ſchildern vermag; laßt ſehen⸗ ob es die Franzo⸗ ſiſche beſſer kann: Vous qui buvez k tasse pleine A cette heureuse fontaine, Ou l'on ne voit sur le rivage Oue quelques vilains troupPeaux Suivis des nymphes de village Oui les escortent sans sabots.*) „Ich bitte dich,“ ſagte Flora,„lieber Fer⸗ gus, erlaß uns deine albernen arkadiſchen Schaͤ⸗ fer; wir wiſſen mit deinen Coridons und Lin⸗ dors nichts anzufangen.“— *) Die ihr mit vollen Zügen Aus dieſem Glücksauell trinkt; Auf deſſen öden Rändern, Die magre Heerde hinkt: Von Nymphen dieſer Haine, Die nie ein Holzſchuh drückt, Geleitet———* — 72— „In der That, liebſter Fergus, ich fuͤhle mich verurſacht zu glauben, daß du weit begei⸗ ſterter biſt, von der Hippokrene des Mac Mor⸗ rough als von der meinigen.“ „Das iſt Verläumdung bellissima Florina mia; ich geſtehe indeß, daß ich ihr den Vorzug geben duͤrfte! Jo dElicoha pihts Mi curo; im fé dé dio, che'l pere d'acque (Bea chi ber ve vnol) sempre mi spiaque.*) „Wenn Euch die Galiſchen Geſänge lieber ſind Capitain Waverley mag Euch das kleine Kaͤthchen den Drimmindhu ſingen; geſchwind mein liebes Kind, laß dieſen cean Rinne(En⸗ gliſchen Edlen) deine ſchöne Stimme hören.“ Kaͤthchen ſang mit angenehmer Stimme und vielem Ausdruck eine Art Klage eines Bauers uͤber den Verſuſt ſeiner Kuh; Ihre Bewegun⸗ gen, ihre Austufungen erregten mehrere Mal bey Waverley Lachen, ob er gleich kein Wort von dieſem Celtiſchen Geſange verſtand. „Sehr gut, Kaͤtchen!“ rief Fergus,„vor⸗ trefflich! ich will dir auch einen huͤbſchen Jun⸗ *) Was kümmert mich der Helifon? Bey meiger Treu! Drink Waſſer wer es trinken wilt— Doch ich— vin nicht dabey — — 73— gen unter meinem Pichtehh zum Manne aus⸗ ſuchen!“ Das arme Maͤdchen verbarg ſich lachend und erroͤthend hinter ihre Gefahrtinnen. Als ſie ins Schloß zuruͤckkamen, lud Fer⸗ gus Waverley'n dringend ein, vierzehn Tage in Glennaquovich zu bleiben, um einer großen Jagd beyzuwohnen, zu der ſich viele Stämme vereinigen wuͤrden. Der Sang der ſchoͤnen Virtuoſinn hatte einen zu tiefen Eindruck auf Waverley's Herz gemacht, als daß er dieſe freund⸗ liche Einladung nicht mit Vergnuͤgen angenom⸗ men hätte. Man kam demnach ͤberein, daß man an den Baron von Bradwardine ſchrei⸗ ben wollte, um ihm dieſes Vorhaben bekannt zu machen, und ihn zu bitten, dem Beauftrag⸗ ten, die Briefe zu uͤbergeben, die unterdeſſen an ihn gekommen ſeyn moͤchten. Das Geſpraͤch kam auf den Baron, und Fergus legte ihm als Edler und als Krieger die groͤßten Lobſpruͤche bey. Flora verbreitete ſich noch mehr daruͤber: „Sir Bradwardine,“ ſagt ſie, gibt uns das aͤchte Bild eines alten Schottiſchen Ritters; er beſitzt alle ihre ſchoͤnen Eigenſchaften wie ihren Geſchmack und ihre Gewohnheiten. Gleich be⸗ merkt man ſeinen Charakter nicht, Capitain Wa⸗ — — 74— verley, er liegt ſo zu ſagen unter dem Anſehen von Groͤße und Ehrfurcht fuͤr ſeinen Namen verborgen, welche er in alle ſeine Handlungen und Thaten einfließen laͤßt. In den unſeli⸗ gen Verhaͤltniſſen, in welchen wir uns befin⸗ den, ſind die Edlen, denen ihre Grundſätze den Zutritt bey Hofe verſagen, gaͤnzlich vergeſſen und zuruckgeſetzt. Verſchiedene richten ihr Be⸗ tragen nach der Herabwuͤrdigung ein, zu der ſie verdammt ſind, und nehmen Gewohnheiten an, die ihrer Abkunft ganz unwuͤrdig ſind; wenn ihr die Gaͤſte in Tully⸗Weolan bemerkt habt, koͤnnt ihr Euch davon uͤberzeugt haben. Laßt uns hoffen, daß uns bald gluͤcklichere Tage leuchten werden; Schottland wird ſeine Edlen, die Wiſſenſchaften betreiben ſehen, ohne pedan⸗ tiſch zu ſeyn, wie unſer Freund, ſich mit der Jagd vergnuͤgen, ohne Balmawhapples Ge⸗ ſchmack zu haben, ſich mit der Feldwirthſchaft beſchaͤftigen, ohne wie Killancureit in grober Unwiſſenheit zu verſauern.“ Die liebenswerthe Flora war weit entfernt, ſich einzubilden, daß ihre Prophezeihungen ſo bald in Erfuͤllung gehen wuͤrden; wiewohl auf eine ihrem Wuͤnſchen und Hoffen ſehr entgegen⸗ geſetzte Weiſe. Von Miß Roſa ſprach ſie, wie von einer ungen Perſon, voller Tugenden, Schoͤnheiten und Talente.— Heil dem,“ ſagte ſie,„Heil dem Gluͤck⸗ lichen, der zum Beſitz ihres Herzens gelangt! er wird einen unſchaͤtzbaren Schatz gefunden ha⸗ ben. Alle ihre Neigungen vereinen ſich im In⸗ nern ihres Hauſes; ſie kennt kein anderes Ver⸗ gnuͤgen als im Stillen alle haͤuslichen Tugenden auszuuben. Ihr Gatte wird ihr kuͤnftig das ſeyn, was ihr jetzt ihr Vater iſt, der Gegen⸗ ſtand ihrer Sorgfaltz ihrer Betriebſamkeit; ſie wird nur fuͤr ihn, und in ihm leben; wenn ſie einen tugendhaften und verſtaͤndigen Mann ſindet, wird ſie ſeinen Kummer verſuͤßen und ſeine Freuden vermehren. Fiele ſie ungluͤckli⸗ cher Weiſe unter die Herrſchaft eines rohen Menſchen ohne Bildung, ſo wuͤrde ſie nur kurze Zeit zu leiden haben. Wie ſehr fuͤrcht' ich, Bbaß dieſe geliebte Freundinn der Raub irgend Je⸗ mands werden moͤchte, der ſie nicht zu wuͤrdi⸗ gen verſteht! O wenn ich in dieſem Augenblicke Königinn wäre, wuͤrde ich dem liebenswuͤrdig⸗ ſten, tugendhaſteſten Juͤngling in meinen Staa⸗ ten befehlen, mit Roſtus Hand das Gluͤck zu empfangen.“ „Rathe Ihr indeſſen,“ lachte su,„d anzunehmen!“ — 76— Der Himmel weiß, wie es zuging, daß die⸗ ſer Wunſch von Miß Jvor, Waverley's Herz in Unruhe ſetzte, wiewohl er nur Gleichgiltig⸗ keit fuͤr Miß Roſa hatte dieſes gehoͤrt unter die unerklärlichen Geheimniſſe des menſchlichen Herzens. „Euch ihre Hand reichen, lieber Bruder 1/. erwiederte Flora ihn zärtlich anſehend,.„das kann nicht ſeyn.. Dich feſſeln die Bande des Ruhms und der Ehre; die Gefahren, denen ihr Euch wegen dieſer angebeteten Geliebten aus⸗ ſetzen wuͤrdet, bräͤchen das allzugefuͤhlvolle Herz meiner theuern Roſa! Waverley fertigte ſeinen Bothen nach Tully⸗ Weolan ab; er wußte, wie bedenklich der Ba⸗ ron uͤber alles war, was Etiquette hieß; er wollte ſein Familienwappen auf den Brief druͤcken, aber er fand ſein Petſchaft nicht an ſeiner Uhr: alſo bat er Fergus ihm das Seine zu leihen, und benachrichtigte ihn von ſeinem Verluſte⸗ „Es iſt moͤglich,“ ſetzte er hinzu,„daß ich's in Tully⸗Weolan gelaſſen habe.“ „Ich will doch nicht glauben,“ ſagte Miß Flora,„daß Donald⸗Bean⸗Lean“. „Ich ſtehe dafuͤr, daß er das Petſchaft nicht geſtohlen hat,“ entgegnete Fergus, bie uhr 3 v iah „Ich ſtehe fur nichts, lieber Fergus; aber erlaube mir, Dir zu ſagen, daß mich es ſehr wundert, daß Du ihm Deinen Schutz gewaͤhrſt.“ „Meinen Schutz! liebſte Schweſter? Haſt Du Luſt den Capitain zu uͤberreden, daß ich ein Steuerrecht habe, daß ich Theil am Kuchen nehme, oder, um deutlicher zu reden, daß ich die Hälfte von den Diebſtählen meiner Lehns⸗ leute ziehe? Seyd verſichert, Capitain, daß wenn ich nicht Mittel finde, die Zunge meiner lieben Schweſter zu feſſeln, mich der General Blackeney ehſter Tage verhaften laſſen wird, um mich in ein Zuchthaus zu ſtecken!“ Er ſprach dieſe letzten Worte ganz emphatiſch.„Unſer Gaſt iſt gewiß vollig uͤberzeigt, daß du nicht im Ernſte ſprichſt,“ erwiederte Flora,„aber ſage mir, haſt du nicht ehrliche Leute genug in deinem Dienſt um zu erlauben, daß ſich Banditen bey dir an⸗ ſiedeln? Warum jagſt du nicht den Donald⸗ Bean⸗Lean fort, den ich wegen ſeiner Heuche⸗ ley und Falſchheit, eben ſo von Herzen Feind bin, als wegen ſeiner Räubereyen? Reinige dei⸗ nen Stamm von ihm: nichts in der Welt koͤnnte mich beſtimmen, eine ſolchen Menſchen in mei— nem Umkreiſe zu leiden!“ „Nichts in der Welt?“ fragte Fergus mit ſehr ausdruckvollem Tone. — 78— „Nein, nichts in der Welt! Nicht einmal die Hoffnung, den Plan zu befoͤrdern, der mich Tag und Nacht beſchaͤftigt:; moͤge uns der Him⸗ mel die Schmach erſparen, ſolche Menſchen da⸗ bey anwenden zu muͤſſen!“ „Bella Ciarlerina!“ ſcherzte Fergus,„ſo denkſt Du alſo nicht an meine Achtung für ſuͤße Sympathien? Evan Dhu⸗Mac⸗Combich iſt raſend verliebt in Donalds Tochter; Du wirſt mir doch nicht zumuthen, eine ſo ſchöne Flamme zu ſtoͤren? Im ganzen Stamme wuͤrde nur Ein Zorngeſchrey gegen mich entſtehen; Du kennſt das alte Sprichwort: Ein Blutsfreund iſt ein Theil unſers Leibes, aber ein Milchbru⸗ der ein Theil unſers Herzens.“ „Sehr wohl, lieber Fergus, es iſt uͤber⸗ flͤſſig, mit Dir zu ſtreiten; Du behaͤlſt doch immer Recht, allein ich wuͤnſche aufrichtig, daß ſich Alles zu Deiner Zufriedenheit endet.“ „Ich danke Dir fuͤr Deine Wuͤnſche, ſie ſind Deines frommen Herzens wuͤrdig; auch iſt dieſes das ſicherſte Mittel, einen Streit zu endigen. Hoͤrt Ihr den Klang der Floͤten, Capitain Waverley? Vielleicht tanzt Ihr lieber nach dem rauhen Tone dieſer Inſtrumente, als daß Ihr Euch durch die Muſik betaͤuben laſſet, ohne Theil an den Uebungen zu nehmen, zu welchen ſie Euch einladet.“ Waverley ergriff Miß Mac⸗Jvors Hand, und der Abend verging unter Scherz und Tanz. Mit einem von tauſend Gefuͤhlen bewegten Herzen begab er ſich endlich hinweg; lange ſuchte er ſeine Begriffe zu entwirren, zu beſtim⸗ men; doch uͤberließ er ſich bald ſeiner Einbil⸗ dungskraft, und licß ſich von ihr in's Land der Taͤuſchungen tragen. Endlich ſchlief er ein, und waͤhrend ſeines Schlafes war er beſtändig mit Flora beſchaͤftigt. Siebentes Kapitel. Eine Hirſchjagd und ihre Folgen. Wird dieſes Kapitel lang oder kurz ſeyn? Erlaube mir, geliebter Leſer, Dir zu ſagen, daß Du zu dieſer Frage kein Recht haſt, ſo lebhaft Du es auch zu wiſſen wuͤnſcheſt, weil ich glaube, daß Du Dich nicht mehr als ich damit beſchaͤftigſt, die Auflagen einzuſchraͤnken, Du begnuͤgſt Dich mit bezahlen, wenn man Dich hoͤflicherweiſe dazu einladet. Gewiß be⸗ —,— — 830— handle ich Dich minder ſtrens, denn ob es gleich nicht von mir abhaͤngt, meine Zergliede⸗ rungen nach meinem Gutdunken zu verlängern, könnte ich Dich doch nicht vor Gericht fordern, wenn Du ſie nicht leſen wollteſt: verlaß Dich alſo auf meine Gewiſſenhaftigkeit. Ich geſtehe daß die Annalen und Documente, die ich mir verſchafft habe, nur ſehr unvollkommene Nach⸗ weiſungen in dieſer denkwuͤrdigen Angelegenheit geben, aber es wuͤrde ſchwierig ſeyn, anderswo die Materialien dazu aufzufinden, um die ver⸗ ſprochene Erzaͤhlung treu zu liefern. Steht nicht die ungeheure Sammlung von Lindfay mir zu Dienſte? Biethet mir nicht Pitsoo⸗ the in ſeinem Jagdwoͤrterbuche alle Bedüpfniſſe an, die ich nur wuͤnſchen kann? Finde ich nicht da die Namen aller erſinnlichen Getraͤnke: Dop⸗ pel⸗ und gelbes Bier, weiße und rothe Weine, Muscat, Malvoiſir, Branntwein u. ſ. w7 Nennt er mir nicht alle Rahrungsmittel: Weiß⸗ brod, Kuchen, Zwieback, Rind⸗, Schoͤps⸗, Lammfleiſch, Wildpret, fette Gaͤnſe, Truten mit Truͤffeln, Kapaune, Faſane, Haſen, Repp⸗ huͤhner, Kaninchen, Schnepfen, Wachteln, Ortolane, Pfauen, Auerhaͤhne u. ſ. w. Sind nicht bey ihm alle Inſtrumente der großen Kunſt der Kuͤche verzeichnet? Vereinzelt er nicht die — 81— ſchreibung der Speiſekammer, der Arbeitsge⸗ woͤlbe, der Waͤſcherey, die Pflichten des Haus⸗ hofmeiſters, Paſtetenbaͤckers, und Conditors? Kann ich nicht auch zu den gelehrten Abhand⸗ lungen von Pope's Commentator Zuflucht nehmen, der die Unſtatthaftigkeit der Behaup⸗ tung erwieſen hat, als ſey Schottland hinſicht⸗ lich der Feſte das letzte Volk? Kann ich meine Blaͤtter nicht mit Taylor's gelehrten Citaten bereichern? Aber ſo grauſam werd' ich nicht ſeyn, ich werde mich begnührn, den inter⸗ eſſanten Gunn eine Epiſode zu nehmen; ich werde ſo viel als moͤglich kurz und puͤnktlich erzaͤhlen, und Einſchaltungen und Umſchweife mit groͤßter Sorgfalt vermeiden. Mehrere Urſachen verzögerten dieſe ſo feyer⸗ liche Jagd uͤber drey Wochen; Waverley war deßhalb nicht boͤſe, ſo angenehm verfloß ihm hier die Zeit. Der Eindruck, den Flora bey der erſten Zuſammen uft auf ſein Herz gemacht hatte, wurde mit jedem Tage ſtaͤrker; Alles, was Geiſt und Augen eines von Natur roman⸗ haften Juͤnglings blenden konnte, beſaß dieſes liebenswerthe Maͤdchen. Ihr Benehmen, ihre Unterhaltung, ihre Talente fuͤr Muſik und Dichtkunſt gaben den Zuͤgen ihres Engelgeſichts einen neuen Glanz. Ja ſelbſt im Scherz — 82— zeigte ſie einen Anſtand, einen Chararter, der ſie uͤber die menſchliche Natur zu erheben ſchien. Man ſah, daß ſie nur aus Gefaͤlligkeit Theil an den Luſtbarkeiten und artigen Unterhal⸗ tungen nahm, welche das Daſeyn der meiſten Frauen umſchließen. Wenn man bey dieſer liek⸗ lichen Zauberinn lebte, verfloſſen mit ihr die Tage auf dem Spaziergange, bey der Muſik, bey'm Tanze, und immer mehr ergluͤhte Wa⸗ verley fuͤr dieſes reitzende, gute, gefuͤhlvolle Maͤdchen. Endlich kam die zur großen Jagd beſtimmte Zeit, und Waverley begab ſich mit ſeinem Wir⸗ the zur Zuſammenkunft einige Tagereiſen noͤrd⸗ lich von Glennaquvich. Dreyhundert wohlge⸗ ruͤſtete Maͤnner begleiteten den Fergus. Das Coſtume der Hochlaͤnder gefiel Waverley ſo ſehr, daß er es annahm, bis auf den Dolch, mit dem er ſich nicht bewaffnen mochte. Er glaubte dieſe Kleidung anlegen zu duͤrfen, weil ſie ge⸗ maͤchlicher auf der Jagd war, und kein Auf⸗ ſehen erregte. Auf dem beſtimmten Platze fan⸗ den ſie die Haͤuptlinge ſehr angeſehener Staͤm⸗ me. Waverley wurde ihnen vorgeſtellt, und auf's Herzlichſte empfangen⸗ Die Zahl der Vaſallen, Paͤchter und Lehnsleute, die ſie ihrer Verpflichtung gemaͤß begleiteten, war ſo betraͤcht⸗ 83— lich, daß man ein kleines Heer davon haͤtte bilden koͤnnen. Sie waren in der Entfernung von mehreren Meilen aufgeſtellt, und bildeten einen Cirkel, welcher ſich vorwaͤrts bewegte, und das Wild nach den freyen Plaͤtzen, wo die Häͤuptlinge und vornehmſten Lehnspaͤchter im Hinterhalte lagen, trieb. Dieſe vornehmen Perſonen bivouaquirten hier auf der bluͤhenden Haide, in ihre Plaids gewickelt; und eine Sommernacht ſo zuzubringen, n Waverley nicht unangenehm. Schon war die Sonne ſrit mehreren Stun⸗ den aufgegangen, und in allen Kluͤften und Gebirgsthälern hertſchte das tiefſte Schweigen; die Häuptlinge und ihre Begleiter vertrieben ſich die Zeit mit allerley Spielen, und das mit Muſcheln, wovon Oſſian ſpricht, ward nicht vergeſſen. Verſchiedene Gruppen nahmen die Bergſpitzen ein; hier handelte man ohne Zwei⸗ fel politiſche Dinge, Neuigkeiten des Tages, oder andere metaphyſiſche Materien, wie Mil⸗ ton's Geiſter, ab. Endlich ließ ſich das Zei⸗ chen des Feſtes hoören: der Knall von mehreren Flintenſchuͤſſen hallte von Echv zu Echo bis in die Thalgruͤnde. Die Hochlaͤnder ſchritten in Ordnung vor; erklerterten die Felſen, drangen durch ſtachlichtes Geſtraͤuche, ſprangen uͤber die Bäͤche, und ſchloſſen in ihre Reihen des Wal⸗ des aufgeſcheuchte Bewohner ein, welche ſchuͤch⸗ tern flohen. Von allen Seiten horte man Schuͤſſe, und mit jedem Augenblicke wurde das ſich zu dieſem Lerm geſellende Gebell der Hunde deutlicher. Endlich erblickte man die Vorhut der Hirſche; ſie hatten ſich in einzelne Truppen von drey und vier vereint. Die Haͤuptlinge beſtrebten ſich, ihre Geſchicklichkeit zu zeigen; Fergus erhielt zahlreichen Beyfall, und Waver⸗ ley war ſeinerſeits auch ſo gluͤcklich, ihn zu verdienen. Die Geſammtmaſſe dieſer ungluͤcklichen Jagd⸗ thiere fing jetzt an, auf das freye Feld loszu⸗ gehn, und zeigte einen furchtbaren, ehrenwer⸗ then Phalanx. Ihr Geweihe glich von weitem plätterloſen Aeſten, und ihre Zahl war bewun⸗ dernswuͤrdig. Wenn man ihre Schlachtreihe, drohende Stellung, und beſonders die Art und Weiſe ſah, wie die alten Hirſche ihre Blicke auf die Feinde hefteten, die ſie blokirt hatten, ſo muß⸗ ten die erfahrenſten Jäger ſich eines tapfern Ausfalls verſehen. Indeſſen fing das Gemetzel von allen Seiten an. Man hoͤrte uͤberall nichts als Hundegebell, Jagdgeſchrey und Flintenſchuͤſſe. Die in Verzweiflung verſetzten Belagerten griffen waͤthend die ihnen zur Rechten entgegenſtehende Maſſe, das Hauptquartier der Häuptlinge, an. Der Befehl ward ſogleich in Galiſcher Sprache ertheilt, ſich mit dem Geſichte auf die Erde zu legen. Eduard verſtand dieſen Befehl nicht, und beynahe haͤtte ihm dieſe Unwiſſenheit das Leben gekoſtet. Fergus ſtuͤrzte als er, die Ge⸗ fahr ſah, auf ihn zu, ergriff ihn mit Gewalt, und warf ihn in dem Augenblike nieder, als der Hirſchtrab uͤber ſie weg ging. Es wäre unmoglich geweſen, dieſer Maſſe zu wiederſtehen; indem die Stoͤße dieſer Thiere ſehr gefaͤhrlich ſind. Ohne die Gewandheit und den Muth des Fergus waͤre wahrſcheinlich unſer Held ge⸗ opfert worden. Waverley verſuchte aufzuſtehn; aber er fühlte viele Quetſchungen, und bemerkte, daß er ſich den Fuß voͤllig ausgerenkt hatte. Dieſer Zufall verminderte die lermende Freude der Verſammlung, obgleich die Hochländer an ſolche Verletzungen gewöhnt waren. Man er⸗ richtete eine Art Zelt, wo Eduard guf ein Lager von Haideblüthen gelegt ward. Der Wundarzt, oder wenigſtens derjenige, der ſeine Stelle vertrat, kam, der Beſchwoͤrung vorzu⸗ ſtehen, und den Kranken zu pflegen; es war ein alter Hochlaͤnder mit langen, weißen Barte, den ſeine dunkle Farbe und runzlichte Stirne noch mehr hervorſtechen ließ. Er trug nichts, als einen langen, auf die Fuͤße reichenden Kit⸗ tel, und machte Zeichen und Ceremonien, als er ſich Eduarden nahte, ſo daß er dreymal ſorafaͤltig vom Morgen gegen Abend, wie der Sonnenwagen, um ſein Lager ging. Die ganze Verſammlung ſchien dem Gelingen dieſes Werks eine hohe Wichtigkeit beyzumeſſen. Da Eduard zuviel litt, ſo erwartete er ſchweigend das Ende aller Praͤliminarceremonien ſeines Acsculaps, welcher ihm aͤußerſt geſchickt mit einem ſpitzigen Glaſe aderließ, und ihm dann Umſchlaͤge von Kraäutern, die er unter geſproche⸗ nen Zauberworten hatte kochen laſſen, machte, wobey er noch ſtärker die geheimnißreichen, merkwuͤrdigen Worte ſprach, welche die Gene⸗ ſung bewirken ſollten. Waverley behielt nichts davon, als: Kaſpar, Bei Bal⸗ thaſar, Mar, Prax, Fax. Die Umſchlaͤge thaten dem Kan wohl, der die Linderung dem Safte der Kraͤu⸗ ter und der Wirkung der Hitze allein zuſchrieb; aber die Verſammluns zweifelte nicht, daß ſie der Erfolg der Zauberworte ſeyon. Man be⸗ nachrichtigte Ednarden, daß alle Pflanzen, deren man ſich bedient habe, im Vollmonde geſammelt waͤren, und daß der Kraͤuterkenner — 87— dabey nicht aufgehört habe, die mächtigen Worte zu wiederholen: Ich gruͤße dich, mit Ehren⸗ Heilſames Gotteskraut! Du Schatz von Palaͤſtina, Am Oelberg ſchoͤn erbaut; Das Leben kannſt verleihen Den Todeskranken du, Wenn dich nur will begleiten Der Jungfrau Huld, im Nu!— 3 Eduard ſah nicht ohne Verwunderung, daß Fergus, trotz ſeiner ausgezeichneten Erziehung, den Aberglauben ſeiner Landsleute theilte. Viel⸗ leicht dachte er, wie wenig politiſch er handeln wuͤrde, wenn er einen allgemein angenommenen Glauben nicht theilte; vielleicht hatte er auch nie ernſtlich uͤber ſolche Dinge nachgedacht, oder war auch nicht ganz frey vom Joche dieſer aber⸗ glaubiſchen Begriffe, obgleich ſeine Reden ihn als einen Mann ankuͤndigten, der uͤber alle Vorurtheile erhaben ſey⸗ Waverley erlaubte ſich uͤber die Art ſeiner Pflege weiter keine Betrachtung; ſondern bezahlte ſeinen Arzt mit einer Großmuth, welche deſſen Hoffnungen uͤber⸗ traf. Dieſer erhob in Galiſcher und Celtiſcher Sprache ſo viele Dankſagungen, daß Mac⸗Jvor uͤber dieſe ausſchweifenden Dankbezeigungen auf⸗ gebracht ward, und ihnen mit dem energiſchen Fluch: Tauſend Unheil uͤber Dich! ein Ende machte, indem er ihn zu gleicher Zeit bey den Schultern aus dem Zelte warf. Waverley blieb allein; Schmerz und Ermuͤdung brachten ihm einen fieberhaften Schlaf, den wahrſcheinlich eine Art Schlaftrunk, den ſein Wundarzt aus dem Safte mehrerer Kraͤuter gepreßt, befoͤrdert hatte. Morgens darauf verſammelte man ſich bey guter Zeit um das Zelt des Kranken. Die⸗ ſer ungluͤckliche Zufall hatte die allgemeine Freude geſtört. Fergus und ſeine Freunde bezeigten das lebhafteſte Bedauern, und berathſchlagten ſich, wie ſie den jungen Fremden fortſchaffen ſollten. Mac⸗Jvor ließ eine Trage von Birkenäſten verfertigen, worauf Waverley durch die Draͤger feſten, ſichern Schrittes fortgeſchafft ward. Die verſchiedenen Staͤmme vereinten ſich um ihre Haͤuptlinge; man ſah in der Ferne, wie die Vorausgegangenen auf die Felſen klimmten oder in die Thalgruͤnde hinabſtiegen. Das Ohr ward zuweilen, wiewohl ſchwach, vom Klange ihrer Hoͤrner erreicht. Andere bildeten tauſend bewegliche Gruppen auf dem Raſenplatze. Die Federn auf ihren Mutzen, und ihre weiten Plaids flogen im Winde, waͤhrend ihre glaͤn⸗ zenden Waffen im Strahle der aufgehenden Sonne leuchteten. Mehrere Haͤuptlinge beeifer⸗ ten ſich, Waverley'n ihre Furcht zu bezeigen, daß es ihm nicht lange mehr moglich ſeyn wuͤrde, ihre Vergnuͤgungen zu theilen; aber Fergus ſchnitt ihre Mitleidsbezeigungen kurz ab, und nahm in ſeines Freundes Namen von ihnen Abſchied. Bald befand ſich der Stamm Jvor wieder allein unter ſeinem Befehle, zum Mar⸗ ſche geordnet. Er kündigte Waverley'n an, daß ein Theil der Begleitung eine Unternehmung vorhabe, und gab daher das Zeichen, auf einem andern Wege zuruͤckzukehren: wenn ſie zu einem benachbarten Edlen, der ſein Freund ſey, ge⸗ langten, ſagte er, wuͤrde er ihn ſeiner Sorg⸗ falt anvertrauen, und genoͤthigt ſeyn, ſich auf einige Tage zu entfernen.„Seyd verſichert,“ fuͤgte er noch hinzu,„daß er alle Achtung, die Ihr verdient, fuͤr Euch haben wird, und daß ich nicht ſäumen werde, wieder zu kommen.“ Waverley war beſtuͤrzt, daß ihm Fergus nicht fruͤher von ſeinem Vorhaben etwas geſagt hatte, hielt aber nicht fur rathſam, danach zu fragen. Die Mehrzahl der Lehnspaͤchter gingen als Vortrab unter Ballenkeiroch's und Evan's Anfuͤhrung ab; alle ſchienen von der lebhafte⸗ ſten Freude beſeelt; nur wenige Maͤnner blie⸗ ben als Gefolge des Haͤuptlings zuruͤck. Fergus ging zur Seite von Eduards Saͤnfte, und hoͤrte nicht auf, ſich auf die herzlichſte Weiſe mit ihm zu beſchaͤftigen. Nach einem langen⸗ muͤhevollen Marſche kamen ſie bey Fergus Freun⸗ de an, der alle Anſtalten gemacht hatte, die ſeine Lage und ſein Stand mit ſich brachten. Cr ſchien von der Ehre, die ihm der junge Fremdling erzeigte, ſein Gaſt zu werden, be⸗ zaubert. Eduard glaubte in ſeinem Wirthe einen Patriarchen zu ſehen. Seine Jacke war von der Wolle ſeiner Schafe, die ſeine Mägde geſponnen hatten, ſein Guͤrtel aus einem Pflan⸗ zenſtoffe gewebt; die Leinwand die er trug, war von dem Hanfe, den er geerntet, und den ſeine Töchter zubereitet hatten; die einfachen, aber reichlichen Speiſen ſeines Tiſches wurden von ſeinem Viehhofe, ſeinen Teichen und Gaͤrten geliefert. Da Ehrgeitz ihm fremd, war es ihm gleich⸗ giltig, ſeinen Lehnsleuten zu befehlen, und er fuͤhlte ſich gluͤcklich, unter Vich⸗Jan⸗Vohr's Schutze ruhig zu leben. Es geſchah zwar wohl, daß Juͤnglinge ſeine Beſitzungen verließen, um unter ſeinen Freunden zu dienen; aber ſeine wenigen, alten Diener ſchuͤttelten den Kopf, wenn ſie ihm wegen Mangel an Herzhaftigkeit und Kuͤhnheit Vorwuͤrfe machen horten.„Ach!“ ſprachen ſie, nach einem alten“ Sprichworte: „Wenn der Wind gelaſſen weht, faͤllt der Re⸗ gon laͤnger niedet!“— Der wackere, gren⸗ zenlos gaſtfreundſchaftliche Greis hatte ſich's zur Pflicht gemacht, Waverley'n die zarteſten Aufmerkſamkeiten zu beweiſen, und wäre er der Geringſte der Sachſen geweſen. Daß er krank und leidend, war ihm genus, um ihn wohl aufzunehmen; aber als Fergus Freund ſah er ihn als ein koſtbares Kleinod an, das man ihm anvertraut hatte, welches jede Vor⸗ ſorge und die aufmerkſqmnſte Zuvorkommenheit verdiene. Mac⸗Jvor nahm Mſchied von Waverley'n, bedauerte, ihn in dieſer Lage verlaſſen zu muͤſ⸗ ſen, und verſprach in wenig Tagen zuruͤck zu kommen.„Hoffentlich,“ ſagte er,„ſeyd Ihr bey meiner Ruͤckkehr im Stande, zu Pferde nach Glennaquoich zuruͤck zu reiſen. Des andern Morgens benachrichtigte ihn der Wirth, daß ſein Freund mit Tagesanbruch aufgebrochen ſey, alle ſeine Leute, mit Aus⸗ nahme Callum⸗Beg, ſeines Vertrauten, mit⸗ genommen, und ihm befohlen habe, ſeinen Freund nicht zu verlaſſen, ſondern ihm zu ger horchen, als wär' er es ſelbſt. Waverley erkundigte ſich nach dem zwecke 6 von Mac⸗Jvor's Reiſe. Der Greis blickte ihn geheimnißvoll an und lächelte. Waverley wiederholte ſeine Frage, bekam aber die ſprich⸗ woͤrtliche Redensart zur Antwort: Wer nach dem fragt, was er ſchon weiß, der hilft dem Teufel. Er wollte weiter ſprechen, aber Cal— lum Beg ließ ihm nicht Zeit dazu.„Der Haͤuptling,“ ſagte er,„pflegt nicht von Allem zu ſchwatzen, wie ein gewoͤhnlicher Edelmann.“ Waverley fuͤhlte, daß er ſeinen Freund belei⸗ digen wuͤrde, wenn er dasjenige ergruͤnden wollte, was er ihm verſchwiegen hatte. Kaum waren fünf Tage vorbey, ſo konnte er mit Huͤlfe eines Stockes gehen, und nach Verlaufe des ſechsten kam Fergus mit ſeinen Leuten zuruͤck. Sein Geſicht ſchien Freude ſtra⸗ lend, er wuͤnſchte ſeinem Freunde zu ſeiner ſchnellen Wiederherſtellung Gluͤck, und als er ſah, daß er das Pferd beſteigen konnte, ſchlug er ihm vor, auf der Stelle nach Glennaquvich zu reiſen. Dieſer Vorſchlag machte Waverley'n, der nicht aufgehoͤrt hatte, in ſeinen Traͤumen ſeine ſchoͤne Geliebte zu ſehen, wie ſie, vom hohen Thurme herab, unruhig uͤber die Felſen hinweg forſchte, die groͤßte Freude. Fergus blieb unterwegs beſtaͤndig bey ſeinem Freunde, und ſeine Freyſchuͤtzen entfernten ſich nur, um einige Rehe und Waldhaͤhne zu ſchießen⸗ Als ſie den alten Thurm erblickten, ſchlug Waver⸗ ley's Herz gewaltig, vorzuͤglich aber als er die ſchoͤne Flora bemerken konnte, die ihnen entge⸗ gen kam.— Der immer luſtige, heitere Fer⸗ gus rief ſchon von weitem:„Mach' die Schloß⸗ thore weit auf, unvergleichliche Prinzeſſinn! Schicke dich an den Mauern Abindarraes zu verbinden, den in einem jammervollen Zuſtande ſein Freund Rodrigo von Narvaez Dir bringt. „Oder— wenn du lieber willſt— oͤffne ſie dem tapfern Markgrafen von Mantua, der fuͤr die Tage ſeines halbtodten Balduins von Berge zittert! Deine Aſche ruhe in Frieden, ſinnrei⸗ cher Cervantes! aber du möchteſt mir wohl zu Hülfe kommen, um dieſer Schoͤnen der Wild⸗ niß, meine Klagen begreiflich zu machen! Flora kam bey dem kleinen Zuge an; ſie empfing Eduard mit allen Beweiſen der auf⸗ richtigſten Zuneigung und der lebhafteſten Un⸗ ruhe, wegen ſeines ungluͤcklichen Zufalls, der ihr ſchon bekannt war.„ Mein lieber Fergus,“ ſagte ſie,„wie aſt Du mit ſo weniger Sorg⸗ falt fuͤr die Sicherheit Deines Gaſtes wachen koͤnnen 2 Konnte er ſich einer ſolchen Gleichgil⸗ tigkeit verſehen?“— Eduard ſuchte ſeinen — 94— Freund zu entſchuldigen, der ihm das Leben mit Gefahr ſeines eigenen gerettet hatte. Unterwegs ſagte Fergus ſeiner Schweſter ei⸗ nige Worte auf Galiſch, ihre ſchoͤnen Wangen benetzten Thraͤnen der Andacht und Zufriedenheit; ſie hob die Augen gen Himmel, und ihre Haͤnde falteten ſich zum Dank. Kaum war eine Mi⸗ nute vergangen, ſo uͤberreichte ſie die waͤhrend ſeiner Abweſenheit von Tully⸗Weolan eingelau⸗ fenen Briefe; und auch ihrem Bruder gab ſie, was an ihn gekommen war, und einige Num⸗ mern des Caledoniſchen Merkur. Beide Freunde entfernten ſich, um die Briefe zu leſen, und Waverley fand bald, daß die ſei⸗ nigen die ernſtlichſte Aufmerkſamkeit verdienten⸗ Achtes Kapitel. Neuigkeiten aus England. Bis zu dieſem Zeitpunkte waren die Briefe, wel⸗ che Eduard aus England erhalten hatte, keiner Mittheilung werth. Sein Vater ſchrieb im⸗ mer ſo, als ob die vielen Geſchäfte ſeines Stan⸗ des ihm keinen Augenblick Zeit uͤbrig ließen ſich mit ſeiner Familie zu beſchäftigen. Er trug ihm auf, einige vornehme Schottiſche Familien zu beſuchen; aber Waverley, ganz den ihm dargebothene Vergnuͤgungen zu Tully⸗ Weolan und Glennaquovich hingegeben, hatte nicht fuͤr noͤthig erachtet, die erwaͤhnten Bekanntſchaften zu machen; auch war die Zeit ſeines Urlaubs zu langem umherreiſen zu beſchraͤnkt. Die letz⸗ ten Briefe ſeines Vaters ermahnten ihn in ei⸗ nem geheimnißvollen Tone ferner zu dienen, und ließen ihm einer baldigen Befoͤrderung ent⸗ gegen ſehen. Die von ſeinem Oheim klangen ganz anders. Sie waren kurz: denn der ehr⸗ liche Baronnet glich nicht im geringſten jenen encyelopaͤdiſchen Correſpondenten, welche die Blatter ſo voll ſchreiben, daß kaum ein Platz uͤbrig bleibt ihren Namen hinzuſetzen; allein ſie waren voll Herzlichkeit. Manchmal ſpielte er auf ſeine neuen Wirthe an; fragte nach dem Zuſtand ſeiner Finanzen, und wie ſich die mit⸗ genommenen Recruten auffuͤhrten. Seine Tante Rahela empfahl ihm dringend, ſeine Religions⸗ grundſätze nicht zu vergeſſen; ſich vorzuſehen fuͤr Verwirrung; und nie des Abends ohne Ueber⸗ rock und Flanellweſte auszugehen. Herr Pem⸗ brocke hatte nur Ein einziges Mal geſchrieben, aber ſein Brief war ſechsmal länger als man — 96— heut zu Tage ſchreibt: denn er beſtand aus zehn großen Seiten mit gedraͤngter, kleiner Schrift, und ſollte zur Berichtigung des mit gegebenen Manuſetipts dienen. Dieſes war abet nur bis zur Vorrede gediehen, und er behielt ſich die Ueberſendung des Ganzen, fuͤr die Poſt zu be⸗ rraͤchtlichen Werks, bis zur nächſten Gelegenheit vor. Auch benachrichtigte er ihm, daß er einige Broſchuͤren, welche die Preſſe verlaſſen wuͤrden und einem ſeiner Freunde zum Verfaſſer hät⸗ ten, baldigſt uͤberſchicken wurde. Dieft Beſchaf⸗ fenheit hatte es mit den bisher an Eduarden gelangten Briefen; die dießmaligen waren von anderer Wichtigkeit. Wollte ich ſie auch woͤrt⸗ lich ausziehen, ſo wuͤrde ſie der Leſer doch nicht ehet verſtehen, als bis er einen Blick auf die politiſchen Zeitverhaͤltniſſe, und das Cabinet von St. James zu damaliger Zeit gethan haͤtte. Es gab, wie gewoͤhnlich, im Miniſterium zwey Parteyen. Die minder ſtarke ſuchte ihre Schwäche durch Ränke und unermuͤdete Thä⸗ tigkeit in ehrgeitzigen Entwuͤrfen zu verbeſſern. Seit Kurzem hatten ſich Proſelyten gefunden, welche geneigt ſchienen ihre Nebenbuhler zu ſtrzen, ſich die Gnade des Monarchen zu er⸗ werben, und des Uebergewichts in der Kammer der Gemeinen zu verſichern. Sie hatten nicht verfehlt Richard Waverley fuͤr ſich zu gewin⸗ nen; aber der höfliche Edelmann hatte durch ſeine kluge uͤberdachte Aufführung, ſo wie durch ſeine Achtung fuͤr Herkommen und Etiguette, ſich als einen tiefen Staatsmann geltend ge⸗ macht. Er beſaß in hoͤchſtem Grade die Kunſt, ſich nicht nur nie offen zu zeigen, ſondern er wußte, eben ſo ſehr ſeine geringen Mittel unter hergebrachte Phraſen zu verbergen, die er zu rech⸗ ter Zeit anbrachte. Weit entfernt jungen Rednern nachzuahmen, deren glänzende Redekunſt nur in kuͤhnen Metaphern beſteht, deren Hitze in Rauch verfliegt, und die ſich nie der Gelegenheit zu be⸗ dienen wiſſen, hielt er ſich ſtets zur uͤberlegenen Partey, und folgte ſo andaͤchtig der Mode, wie unſere Schoͤnen in der Wahl ihrer Kleidungen, denn wie ſie ſtreute er dieſer leichten, unbeſtaͤn⸗ digen Göttinn Weihrauch. Sein Character war auch ſo bekannt, daß ihm die erwaͤhnte Partey eine anſehnliche Stel⸗ le antrug, wenn die vorgeſchlagenen Veraͤnde⸗ rungen ſtatt faͤnden. Zwar ſollte er nicht Mi⸗ niſter werden, aber ein einträglicheres, anſehn⸗ licheres Amt als ſein jetziges erhalten; dieſer doppelten Verſuchung konnte Richard nicht wi⸗ derſtehen. Er fing an gegen ſeinen Beſchuͤtzer zu handeln, aber ſeine vorſchnellen Schritte ka⸗ — 98— men an's Licht, und er und alle, die nicht klug genug waren, fruͤher ihre Entlaſſung zu begeh⸗ ren, erhielten die Weiſung; daß der Koͤnig ih⸗ rer Dienſte nicht mehr beduͤrfe. Da ihn der Miniſter eines ſchwarzen Undanks ſchuldig fand, war ſeine Verabſchiedung veräͤchtlich und vor⸗ werfend abgefaßt. Das Publikum, und ſelbſt die Partey, der er dienen wollte, beklagten den Sturz eines Mannes wenig, den nur Eigenliebe und Eigen⸗ nutz geleitet hatte. Richard zog ſich aufs Land zuruͤck, mißvergnuͤgt ſeine Einkuͤnfte und ſeinen Ruhm verlohren zu haben, die ihm beyde lieb waren. Der Brief, indem er ſeinem Sohne dieſes abſcheuliche Ereigniß mittheilte, war in der Hitze ſeiner Erbitterung und ſeines Zorns ge⸗ ſchrieben; dennoch verbarg er unter dem An⸗ ſcheine der größten Ergebung ſeine Geſinnun⸗ gen, und Ariſtides ſelbſt wuͤrde nicht beſſer habra handeln koͤnnen. Er ſprach von ſeinem langen Dienſtleiſtungen, zahlreichen Aufopferun⸗ gen,— obgleich die erſten gut bezahlt worden waren, und er ſelbſt nicht wußte in was die andern beſtanden— ausgenommen daß er nicht aus Ueberzeugung, ſondern aus Hoffnung des Gewinns, ſeine Familiengrundſaͤtze verlaſſen hatte. Aber zu Anfang des Briefes hatte ihn dieſe Maͤßigung nicht geleitet, er ſprach von Rache, und empfahl ſeinem Sohn lebhaft die erſte Gelegenheit zu benuͤtzen, ſich von ſeinem Dienſt loszumachen.„Die Ehre macht es dir zur Pſlicht!“ ſchrieb er,„Deines Vaters Schmach faͤllt auf dich zuruͤck: verliere keinen Augenblick deine Verbindlichkeit zu loͤſen; halte um Dei⸗ nen Abſchied an, wenn du meinen Brief er⸗ hältſt; Dein Oheim iſt meiner Meinung, und wird ſie Dir mit demſelben Courier mittheilen. Eduard offnete jetzt den Brief ſeines Oheims. Des Bruders Ungluͤck hatte ihn ſein Unrecht, und ihre verſchiedenen politiſchen Meinungen vergeſſen laſſen. Zu entfernt von der Haupt⸗ ſtadt um die wahre Urſach ſeiner Ungnade zu erfahren, ſchrieb er ſie keineswegs ſeinen ehr⸗ geitzigen Verſchulden zu, ſondern betrachtete ſie als einem neuen Beweis der Ungerechtigkeit von der gegenwaͤrtigen Regierung.—„Wahr iſt's,“ ſagte und ſchrieb er,„daß Sir Richard dieſe erſte Ungerechtigkeit, vor der das Haus Waverley er⸗ rothen muß, nichterfahren hätte, wenn er nicht vergeſſen, was er ſeinem Namen ſchuldig war, als er dieſe Stelle annahm; aber gewiß fuͤhit G 2 er jetzt, daß er ſehr gefehlt hat, und ich werde Sorge tragen, daß er die Gnadenbezeigungen und Einkünfte, die er erhielt, nicht zu bedauern hat; unſere Familie bedarf keiner Unterſtuͤtzung.“ Sir Eberhard theilte ſeines Bruders Meinung hinſichtlich, daß Ewuard ſeinen Abſchied fordern ſollte; er ermahnte ihn ſogleich bey dem Kriegs⸗ Miniſterio darum einzukommen, und,“ ſetzte er hinzu,„wende dabey eben ſo wenig Schonung und Hoͤflichkeit an, als man gegen Deinen Va⸗ ter gehabt hat!“ Zugleich irug er ihm tau⸗ ſend Empfehlungen an den Baron von Brad⸗ wardine auf. Die Tante ſprach noch offener. Sie ſah die Ungnade ihres Bruders als die gerechte Strafe ſeines Verbrechens an, daß er dadurch begangen, indem er die heiligen Bande, die ihn an ſeinem rechtmaͤßigen Oberherrn feſſelten, wiewohl er verbannt war, geloͤſ't hatte, um dem Uſurpator, zu dienen.„Sir Nigel Waverley,“ ſchteb ſie,„hatte nie dieſe niedere Gefaͤlligkeit, weder fuͤr das Pärlement, noch fuͤr Eromwell, obgleich ihm ſeine abſchläg⸗ liche Antwort Gluͤck und Leben koſten konn⸗ te.“— Sie hoffte, ihr lieber Ednard werde in die Fußtapfen ihrer Ahnen treten, und die Zeichen der Sclaverey eilisſt verlaſſen, die er —— anzulegen das uuglück gehabt; er wuͤrde das ungluͤck ſeines Vaters als einem Wink des Him⸗ mels anſchen, daß man nie unbeſtraft den Eyd der Treue verletze.“ Auch ſie trug ihm viel Schoͤnes an, den Baron von Bradwardine auf, und bat, ihr zu ſchreiben, ob er viel ſchnupfe; ob er den Tanz noch liebe, wie vor dreißig Jah⸗ ren, und ob Miß Roſa erwachſen genug ſey, um ein Paar goldne Ohr Gehaͤnge zu tragen, die ſie Willens ſey, ihr als Freundſchaftspfand zu ſchicken. Der Leſer kann leicht denken, daß dieſe Briefe Waverley'n ſehr zornig machten. Vermoͤge ſeiner unzulaͤnglichen Studien fand er nichts in ſich, womit er ſeine Erbitterung hätte beruhigen koͤnnen. Die wahre Urſache der Un⸗ gnade ſeines Vaters war ihm voͤllig unbekannk. Er hatte von den Schlangengaͤngen der Politik und den Raͤnken ſeines Vaters keine Kenntniß. Die Eindruͤcke, welche die verſchiedenen Parteyen auf ihm gemacht hatten, waren der gegenwaͤr⸗ tigen Regierung nicht hold, welches durch ſeine fruͤheren Umgebungen erklaͤrlich war. Er theilte demnach den Rath und die Geſinnungen der Seinen; und ſowohl die Langeweile in ſeiner Garniſon, als auch das Gefuͤhl ſeinen Kame⸗ raden nachzuſtehen in militairiſchen Kenntniſſen⸗ trugen zu ſeinem Entſchluſſe bey. Waͤre dieſes aber nicht der Fall geweſen, ſo wuͤrde der Brief ſeines Obriſten hinlaͤnglich geweſen ſeyn, alle ſeine Zweifel zu heben. Er lautete alſo: Sir! Ich habe weiter, als ich befugt war, meine Nachſicht, die mir meine Gefuͤhle und die chriſt⸗ liche Liebe gegen Fehler, die ich der Unerfah⸗ renheit der Jugend zuſchrieb, getrieben. Da ſie aber die erwartete Wirkung nicht gehabt hat, ſo bin ich durch die kritiſchen Verhaͤltniſſe, in denen wir uns befinden, genoͤthigt, das einzige Mittel anzuwenden, welches in meiner Gewalt ſteht. Ich befehle Euch alſo, binnen hier und drey Tagen, von Dato dieſes Briefes an gerechnet, Euch wieder zum Regiment zu verfuͤgen. Im Unterlaſſungsfalle dieſes meines nur ungern er⸗ laſſenen Befehls, werde ich meinen Rapport an den General machen, und Euch als abwe⸗ ſend ohne Erlaubniß, angeben; wo denn Maaß⸗ regeln ergriffen werden muͤſſen, die uns beiden ſehr unangenehm ſeyn werden. Euer gehor⸗ ſamſter Diener J. G. Obriſt⸗Lieutenant und Befehlshaber des Dragonerregiments. — 103— Das Leſen dieſes Briefs erhitzte Waverley's Blut. Er war von Kindheit an gewohnt, uͤber ſeine Zeit nach Gutbefinden zu gebiethen, daher ward ihm die militairiſche Disciplin durchaus verhaßt, wie ſie es vielleicht mehreren jungen Officieren war. Er hatte ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß man nie ſtreng gegen ihn han⸗ deln wuͤrde, und ſonſt hatte ihn das Beneh⸗ men des Obriſten in dieſer Meinung beſtaͤrkt; er fand nichts in dem ſeinigen, was zu ſolcher Strenge berechtigen konnte, wenn es nicht die in ſeinem erſten Schreiben geäußerten Be⸗ fuͤrchtungen waren.“ „Weßhalb,“ fragte er ſich,“ nimmt denn der Menſch, der mir ſonſt ſo viel Theilnahme bewios, ſo ſchnell einen ſo harten unverſchaͤmten Ton gegen mich an?“— Indem er uͤber den Inhalt der Briefe, die er von den Seinen empfangen hatte, weiter nachdachte, zweifelte er nicht, daß man bey ihm den Mißbrauch der Gewalt eben ſo wie auf ſeinem Vater legen wollte, und daß die Fuͤhrer dieſer holliſchen Cabale es darauf abgeſehen haͤt⸗ ten, alle Glieder der Familie Waverley herab⸗ zuwuͤrdigen. Eduard ſchrieb ſogleich einige ſehr froſtige Zeilen an den Obriſten, dankte ihm fuͤr ſeine fruher fuͤr ihn gehabte Guͤte, und bedauer⸗ — te, daß er einen Ton annehme, der alle Bande der Erkenntlichkeit und Anhaͤnglichkeit zerreißen zu wollen ſcheine. Er benachrichtigte ihm: daß ſeine Ehre durchaus ihm gebiete ſeinen Abſchied zu verlangen, und um dieſen beſchwerlichen Briefwechſel zu beenden, bat er ſein Patent ir⸗ gend einem Rechtsgelehrten einzuhaͤndigen. Als er mit dieſem Briefe fertig war, den er als ein Denkmal des edelſten Muthes an⸗ ſah, war er ein wenig uͤber die Art, wie er den Abſchied einziehen ſollte, verlegen, und entſchloß ſich, ſeinen Freund zu Rathe zu ziehen. Fer⸗ gus Lebhaftigkeit in ſeinen Reden, Thun und Beſchluͤſſen, hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht: er fuͤhlte, daß er vielleicht eben ſo ſcharfſinnig wie dieſer, aber im raſchen, ſchnel⸗ len Ueberblick bey ſchwierigen Fällen, ſo wie in Takt der Convenienz ihm ſehr nachſtand, weil er dieſes durch ſein Leben in der großen Welt ſich eigen gemacht hatte. Als Eduard Fergus begegnete, las dieſer noch im Gehen die oͤffentlichen Papiere, und ſchien wenig davon erbaut.„Capitain Waver⸗ ley,“ ſprach er,„erwaͤhnen Eure Briefe die Be⸗ gebenheiten von denen die Journale reden?“ Mit dieſen Worten ubergab er ihm das Blatt, worin Sir Richard's Ungnade in den bitterſten 3 —— — 105— Ansbruͤcken enthalten war. Wahrſcheinlich war es ein Auszug der Londoner Zeitung, und lau⸗ tete alſo: Man ſagt, daß dieſer Richard der al⸗ les dieſes that, nicht der einzige in der Fami⸗ ſie W v. r 1 y iſt, der dieſe Unzu⸗ verlaͤſſigkeit der Meinungen und Grundſätze be⸗ wieſen hat. Sehet die heutige Zeitung.“ Eduard ergriff mit zitternder Hand die an⸗ gegebene Nummer, und laß: „Eduard Waverley, Capitain der Dragoner, uͤberwieſen, daß er das Corps ohne Urlaub ver⸗ laſſen hat, iſt in ſeiner Stelle durch den Lieu⸗ tenant Julius Batler erſetzt.“ Zorn, Wuth und Rache benehmen unſerm jungen Helden den Odem. „Wie,“ rief er,„ich, der nur fuͤr Ruhm und Ehre lebe, ich werde unverdienter Weiſe zum Gelaͤchter des Publikums, ohne es zu wiſſen? Als er den Datum des Journals mit dem des Briefes vom Obriſten verglich, ſahe er, daß die Drohung gegen ihn in's Werk geſetzt wor⸗ den war, bevor man ſich zu erkundigen die Muͤ⸗ he genommen hatte, ob ihm auch die Nachricht zu Theil geworden war, und ob er gehorchen wollte; er ſchloß alſo, daß es ein angelegter Plan ſey. Vergeblich ſuchte er ſeine heftige Bewegung zu verbergen, Thraͤnen traten ihm ten ihm in die Augen, und er warf ſich in Fergus Arme. Mac⸗Jvor hatte den Fehler nicht, beh dem Kummer ſeiner Freunde unempfindlich zu ſeyn. Den Plan unbeachtet, den er im Kopfe hatte, flößte ihm Waverley die lebhafteſte Theilnahme ein. So theilte er aufrichtig ſeine Erbitterung, und ſah, daß ſeines Freundes Ungnade noch an⸗ dere als die angegebenen Urſachen haben muͤſſe, konnte aber nicht begreifen, wie der allgemein fuͤr einen redlichen Mann geachtete Obriſte daran Theil haben ſollte. Er vergaß nichts um ihn zu beruhigen, und ſuchte ſeine Ideen vornehmlich auf gewaͤhlte Rache zu richten. Eduard faßte dieſen Gedanken begierig:„Thätet Ihr mir wohl den Gefallen,“ ſagte er,„dem Obriſten eine Herausforderung zu bringen? O! liebſter Fregus, dieſen Dienſt wuͤrde ich Euch nie ver⸗ geſſen.“„Seyd verſichert,“ antwortete Fergus, „daß ich es mir zur heiligen Pflicht machen wuͤrde, Euern Vorſatz zu erfuͤllen, wenn ich glaub⸗ tet daß ihr dadurch Eure Ehre rettetet; allein ich zweiflle, daß der Obriſte Euch, wegen dieſen genommenen Maaßregeln wird Genugthuung geben wollen, da ſic, ſo ſtreng ſie immer ſind, doch die Grenzen ſeiner Gewalt nicht uͤberſchrei⸗ ten. Es iſt nach ſeinen nenen Grundſaͤtzen ——————— —— — 107— möglich, daß er den Zweykampf fuͤr eine Tod⸗ ſuͤnde haͤlt; Beſchuldigungen ſeines Rufes hat er nicht zu fuͤrchten, da ſein Muth laͤngſt be⸗ kannt iſt. Uebrigens— um Euch die Wahr⸗ heit zu ſagen— moͤchte ich mich einer Stadt, wo Garniſon iſt, nicht eben gern nahen, in den umſtaͤnden, in denen wir uns jetzt befinden.“— „So bin ich denn gezwungen, meine Belei⸗ digung zu ertragen, und dieſen ſo bittern Kelch zu verſchlucken, die Rache iſt mir verbothen!— Raͤcht Euch mit dem Kopf, nicht mit der Hand: laßt die Wirkung eurer gerechten Rache nicht auf die ungluͤcklichen Werkzeuge der Ty⸗ ranney, laßt ſie auf eine unterjochende Regie⸗ rung fallen, der Beleidigung, Ungerechtigkeit und Schmach nur Spiel iſt.“— „Die Regierung ſollt' ich angreiſen?“— „Ja! die uſurpatoriſche!— Euer Großvater haͤtte eher der Hoͤlle gedient als den Hauſe Han⸗ nover! Seitdem gab uns dieſe Dynaſtie zwey Re⸗ genten.“ „Zugegeben! aber ſagt mir, da wir dieſen uſurpatoren Zeit gegoͤnnt haben, ſich in ihrer wahren Geſtalt zu zeigen, da wir ſo lange das Joch geduldig trugen, da wir ſogar gewilligt haben, Dienſte zunehmen,(weßhalb ſie uns be⸗ — 108— leidigen und demuͤthigen konnten) ſollten wir gegen Beleidigungen unempfindlich ſeyn, deren bloße Vorſtellung unſere Väter mit Schauer cifuͤllte?— Iſt die Sache des Hauſes Stuart weniger gerecht, weil ſie durch einen Prinzen vorgeſtellt wird, dem die Verbrechen vollig fremd ſind, die man ſeinem Vater zu beſchuldigen wagt? Trocknet Eure Thränen, und verlaſſet Euch auf mich uͤber die Mittel Euch zu rächen nach zu denken. Wir wollen meine Schweſter aufſuchen, die uns Alles erzaͤhlen wird, was in unſerer Abweſenheit vorgefallen iſt. Aber vor allen andern, macht eine Nachſchrift zu Euerm Briefe, ſagt Euern Hugonottiſchen Obriſten, daß Euch die Muͤhe leid thaͤte, die er ſich gegeben; wenn er noch ein paar Tage gewartet haͤtte, ſo wuͤrde er Eu⸗ re Entſagung erhalten haben ohne ſie zu verlan⸗ gen.“ Das Briefpaquet ward einem ſichern Bothen uͤbergeben, um es auf die nächſte Poſt zu be⸗ foͤrdern. — 109— Reuntes Kapitel. —.— Es geſchah nicht ohne Abſicht, daß Fergus Waverley'n gerathen hatte, ſich zu ſeiner Schwe⸗ ſter zu begeben, und ſie zu Rathe zu ziehen; mit Entzucken hatte er des jungen Englaͤnders ſteigende Anhaͤnglichkeit an ſie bemerkt. Nur die Stelle Sir Richard's bey'm Miniſterio war ihm als einziges Hinderniß erſchienen, ſo wie die Capitainſtelle des Sohnes in Konig Georg des Zweyten Heer. Zetzt waren beide ihres gides ledig. Dieſe Heirath ſchien ihm in jeder Hinſicht fuͤr Flora vortheilhaft; ſein Herz ſchlug vor Freuden, welche Achtung ihm dieſe Verbin⸗ dung bey ſeinem Koͤnige verſchaffen werde, da er dadurch eine reiche, maͤchtige Familie, deren Beyſpiel zahlreiche Nachahmer ſinden, in ſein Intreſſe einweihen wuͤrde. Fergus ſah die Sache ſchon für geſchehen an, nichts konnte ſie hindern. Waverley, dachte er, iſt leidenſchaft⸗ lich in Floren verliebt; er iſt jung, ſchoͤn, ge⸗ fuhlvoll und zartdenkend, warum ſollte ſie ihn ausſchlagen? Gewohnt, wie ein Patriarch zu gebiethen; ſich der Art und Weiſe erinnernd, wie in Frankreich die Ehen geſchloſſen werden, kam es ihm nicht in den Sinn, daß Flora ſeinem Plane entgegen ſeyn könne, oder ſeiner Ueberredung widerſtehn wuͤrde. Voll dieſes Gedankens und des Gelingens ſeiner Wuͤnſche gewiß, begleitete Fergus ſeinen Freund zu Floren, die ſie nebſt ihren beiden Dienerinnen mit Fergus Feldgeraͤthe beſchaͤftigt fanden. Eduard glaubte, es muͤßten Hochzeit⸗ anſtalten ſeyn. Seine Unruhe, ſeine Bewe⸗ gung beſtmoͤglichſt verſteckend, fragte er mit ungewiſſer Stimme, wem Miß Jvor dieſe glänzende Ausſtattung beſtimme.„Das iſt meines Bruders Hochzeitgeſchenk!“ antwortete ſie lachend.„Wahrhaftig, man muß geſtehn, daß er das Geheimniß zu bewahren verſtand; ich hoffe, er wird mir doch erlauben, Zeuge dabey zu ſeyn?. darf man fragen, wer die Schoͤne iſt?“ „Habe ich Euch nicht geſagt, daß die meines Bruders Verlobte iſt? „Wuͤrde ich unwerth ſeyn, ihn zu ehteiren, und ſein Vertrauter zu ſeyn? Ach! Miß Flora! habe ich das Ungluͤck, bey Euch ſo ſchlecht zu ſtehen?“ „Nein Capitain Waverley, was gäb' ich ich nicht darum, wenn Ihr unſte Grundſatze haͤttet!— „— ————— Ach halb ſehn wir in dem den Feind, Der unſrer Sache ſich nicht eint!“ „Er iſt's nicht mehr, liebe Schweſter,“ rief Fergus.„Er iſt's nicht mehr!... Eduard iſt frey; kein Band feſſelt ihn mehr an den uſurpator; er wird die erniedrigenden Zeichen der Knechtſchaft ablegen!“ „ Ja, ich bin's!“ rief Eduard,(ie Cocarde vom Huthe reißend) ich bin dem Koͤnige auf⸗ richtig verbunden, daß er mich meines Schwu⸗ res auf eine Weiſe entbunden hat, die mir nicht das geringſte Bedanern uͤbrig laͤßt.“ „Gott ſey gelobt,“ ſchrie der begeiſterte Fergus,„ach moͤchte er ferner auf ſie dieſen Geiſt des Schwindels und der Jerthuͤmer ver— breiten! moͤchten ſie immer in ihrer Blindheit Leute von Ehre ſo behandeln. Eile, meine Schweſter! dieſe Cocarde durch eine andre von anmuthigerer Farbe und guͤnſtigerer Vorbedeu⸗ deutung wieder zu erſetzen „Ich werde es nicht eher thun, bis der Ritter alle Verpflichtungen kennt, die er uͤber⸗ nehmen will, alle Gefahren, denen er ſich aus⸗ ſetzt. Jetzt hat ihn der Zorn zu heftig bewegt, als daß man ihn ſogleich u einem wichtigen Entſchluſſe auffordern koͤnnte.“ Ednaid, faſt erſchreckt, das Zeichen des Auf⸗ — 112— ruhrs annehmen zu koͤnnen, bezeigte, wie ſehr ihm Miß Jvor's Art und Weiſe, ihres Bru⸗ ders Vorſchlag anzunehmen, ſchmerze.„Ich ſehe,“ ſagte er,„daß die ſchoͤne Flora den Ritter ſo koſtbarer Gunſt nicht werth achtet!“ „Huͤthet Euch, ſo etwas zu glauben!“ erwiederte ſie ſanft.„Watum ſfollte ich dem verdienſtvollen Freunde meines Bruders verſa⸗ gen, was ich ohne unterſchied ſeinen Vaſalleh allen gewäͤhre? Nichts verürſacht mit mehr Freuds, als jener geheiligten Sache, der ich und Fergus von Kindheit an ergeben ſind, einen Ehrenmann zu gewinnen; aber liebſter Waverley, wie kann ich wuͤnſchen, Euch eine ſo gefährliche Partey in einem Angenblicke et⸗ greifen zu ſehen, wo dieſes mehr der Entſchluß Eures Zorns, als die Wahl Eures Herzens ſeyn wärde. Ihr kennt die Welt ſo wenig!. Hättet Ihr wenigſtens nur einen Freund bey Euch, deſſen weiſer Rath Eüch leiden konnte!— Fergus konnte ſo uͤbel angebrachte Bebenk⸗ lichkeiten nicht ertragen.„Gut, gut, Schwe⸗ ſter!“ ſagte er, und ging fort,„es iſt mir lieb, daß Du die Vermittlerinn zwiſchen dem Kurfürſten von Haunover, und den Untertha⸗ nen unſers rechtmaͤßigen Monarchen— unſers — 113— Wohlthöters! ich bewundere, wie Du erkennt⸗ lich biſt!“ „Mein Bruder thut mir Unrecht,“ ſagte Flora, nach einigen Augenblicken des peinlichſten Schweigens,„er kann nicht leiden, daß man ſeine Begeiſterung, ſeinen Feuereifer nicht theile!“ „Und Ihr denkt nicht eben ſo?“— „Gott iſt mein Zeuge, daß icht, ſo tebhaft wie er, wuͤnſche, daß ſeine Pläne gluͤcken; aber nie werde ich jene ewigen Geſetze der Gerech⸗ tigkeit und Wahrheit vergeſſen, welche der Grund der heiligen Sache ſind, die wir ver⸗ theidigen; nur dann wird ſie ſiegen, wenn ſich ihren Fnhänger nie davon entfernen. Ich kann n5 en, lieber Waverley; aber mir iſt, als ch dieſes thun, wenn ich Euch zu einem Schritte eteſn ohne Euch Zeit zum Nachdenken zu laſſen.“ „Himmliſches Weſen!“ rief ihre Hand faſſend.„Ich fühle, wie ſehr ich eines Freundes und Fuͤhrers bedarf!“ „Ihr habt ihn an Euch ſ erwiederte Flora, ihre Hand ſanft zuri“ vziehend,„er wird Euch immer andeuten, was Ihr zu habt.“ „Nein, Miß Mac Jvor, ich kann i nicht ſelbſt leiten! Verhältniſſe trugen 11. 5 — 114—* dazu bey, meine Erziehung ſo leichtſinnig zu machen, daß ich mehr den ſtuͤrmiſchen Bewe⸗ gungen meiner Einbildung, als den ſuͤßen Ein⸗ gebungen der Vernunft nachgebe.— Darf ich hoffen, darf ich Euch bitten, mir dieſer gefuͤhl⸗ volle, großmuͤthige Lehrer zu werden, der mir meine Fehler bemerkbar machen, der mir ſie verbeſſern lehren, der das Gluͤck et⸗ Lebens begruͤnden wird?“ „Ich ſehe wohl, daß das Vergnügen, einem jacobitiſchen Werber entronnen zu ſeyn, Eurer Erkenntlichkeit keine Grenzen mehr ſetzt.“ „Hoͤrt auf zu ſcherzen, Miß, mein Geheim⸗ niß iſt mir entwiſcht!— Ihr kennt meine Gefuͤhle fuͤr Euch.. erlaubt mir, ſie n Bruder mitzutheilen.“ 6 „Hüthet Euch davor, Sir Waverley!“ „Was ſagt Ihr?“ Ein unuͤberſteiglicher Schlagbaum! Euer Herz iſt alſo nicht mehr ſren ₰ „Es iſt's! Ich muß Euch geſtehen, daß ich mich nie mit ſolchen Plaͤnen befaßte.“ „Wohl iſt die Zeit kurz, in der ich die Ehre hatte, Euch kennen zu lernen!—— Erlaubt mir zu hoffen!“ „Dieſer Entſchuldigung will ich mich bedienen. Euer Character iſt ſo offen, ſo ehr⸗ lich, zi man ohne Muͤhe ſeine glinzeßbth Eigenſchaften und ſeine Schwächen den kann.“ „Und dieſe Schwaͤchen machten mich ver⸗ haßt?“ „Ihr ſeyd ungerecht, Sit Wäverley! Ich Snte erinnert Eüch, daß vor kaum einer halben S Stunde ein unuͤberſteiglicher Schlas⸗ baum zwiſchen uns war, und daß ich einen Officier im Dienſte des Kurfürſten von Hann⸗ ver nur als einen aufgezwungenen Beſuch be⸗ trachten konnte. Laßt mir Zeit, mich zu ſam⸗ meln, mein Herz zu befragen; ich verlange nur Eine Stunde, um auf Eure Frage zu ant⸗ worten. Ich hoffe, Ihr wetder mit meiner Aufrichtigkeit, wenn auch nicht mit meinkr Entſcheidung zufrieden ſeyn! Mit dieſen Wor⸗ ten uͤbertieß ihn Flora ſeinen Bettachtungen, und während ſein Herz zwiſchen Hoffnung und Furcht ſchwebte, kam Fergus zuruͤck.„Lieber Waverleyh!“ ſagte er,„was bedeutet dieſes ſinſtre, leidende Ausſehn? folgt mir, Ihr ſollt eines Anblicks genießen, der es verdient, einen Platz im Eurem Romänè zu finden.— Swey⸗ hundert neue Flibuſtier, liebſter Freund. mehrere Kiſten mit Saͤbeln... dreyhundert Brave!— Aber wenn ich Euch näher be⸗ — 116— trachte? O Himmel, haätte ein boͤſer Geiſt einen Zauber auf Euch geworfen? häͤtte Euch die kleine Perſon in dieſen Zuſtand verſetzt? Denkt nicht daran, Eduard, die Weiber ſind wie die Kinder; verſtehen nichts von den An⸗ gelegenheiten des Lebens; Ihr könnt mir's glauben, die kluͤgte, die üͤberlegendſte iſt am Ende do nur ei, Naͤrrinn.“ „Wenn ich Euerer liebenswuͤrdigen Schwe⸗ ſter einen Vorwurf zu machen hätte, liebſter Fergus, ſo waͤre es der, daß ſie zu vernuͤnf⸗ tig iſt.“ „Iſt's nur das?— Fünf und zwanzig Lonisd'ors wett' ich, ſie in vier und zwanzig Stunden ganz andern Sinnes zu machen. Flora wird ihr Geſchlecht nicht verleugnen, morgen wird ſie anders reden, und Euch beweiſen, daß ſie nur ein Weib iſt.— O lieber Eduard, ich muß Euch lehren, wie ein Soldat zu lieben.. kommt mit mir, und ſeht mein Zeughaus, meine Munition, meine Vorkehrungen!“— —FÜHF,— ———— „— ——— 2 — 3 Zehntes Kapitel. Fortſetzung. Fergus hatte zu viel Takt und Zartgefuͤhl, um dieſes Geſpraͤch wieder anzuknuͤpfen; es war, als waͤre er nur mit Kanonen, Flinten, Säbeln, Muͤtzen u. ſ. w. beſchaͤftigt. „Denkt Ihr denn bald zu Felde zu ziehn?“ fragte ihn Eduard.„Dieſe Kriegszuruſtungen ſcheinen es zu verkuͤndigen.“ „Wenn Ihr mir verſprochen habt, mich zu begleiten, werde ich Euch Alles ſagen, bis da⸗ hin koͤnnte Euch mein Vertrauen nur ſchaden.“ „Solltet Ihr wirklich denken, eine wohl⸗ befeſtigte Regierung umſtürzen zu köͤnnen, und durch was 2.. mit einer Hand voll Leute! das wuͤrde Thorheit ſeyn!“ „Laßt den Don Antonio gewaͤhren! Ich werde ſchon dafuͤr Sorge tragen.— Wir wer⸗ den den Conan nachahmen; wenn wir einen Schlag erhalten, werden wir deren zwey zu geben ſuchen. Doch thaͤte mir's Leid, wenn Ihr mich fuͤr einen Narren hieltet, der die guͤnſtige Gelegenheit nicht erwarten kann. Ein guter Jäͤger laͤßt ſeine Hunde nicht eher los, als bis... Nochmals verſprecht mir nur, — 118— der Unſrige zu ſeyn, und ich ſage Euch Alles!“ „Wie kann ich das? Mein Abſchied iſt erſt unterwegs. Als ich Dienſte nahm, erkannte ich die Rechtmaͤßigkeit der Regierung, und ver⸗ ſprach ihr treu zu bleiben.“ „Euer Verſprechen ward Euch abgedrungen, und mit einer todtlichen Beleidigung vergolten. — Wenn Ihr Euch nicht entſchließen könnt, dieſe als eine Tyranney auf der Stelle zu raͤchen: ſo reiſt nach England. Kaum werdet Ihr uͤber den Tweed ſeyn, ſo werdet Ihr Neuigkeiten vernehmen, die Eure Unbeſtimmt⸗ heit zum Entſchluß bringen werden. Gleicht Euer geliebter Ohm dem Bilde, das die, wel⸗ che ihn im Jahre 1716 handeln ſahen, mir von ihm entwarfen, ſo läßt er Euch an der Spitze eines ſchoͤnern Regiments, als desjeni⸗ gen, das Ihr verlaſſen habt, fuͤr die gute Sache zu Felde ziehn!—— „Aber Eure Schweſter, lieber Fergus?“ „O kleiner Kobold! Schaͤmſt Du Dich nicht, einen armen Jungen ſo behert zu ha⸗ ben?. koͤnnt Ihr denn nur von Weibern reden, Eduard!— „Ernſtlich geſprochen, Fergus! ich kann mir nicht verhehlen, daß meines Lebens Gluͤck von — 119— Niiß Flora's Antwort auf meine heutige Frage abhaͤngt.“ „Fahrt Ihr doch noch in Eurem Romane fort? Das iſt luſtig!“ „Haltet Ihr mich denn hierin des Scher⸗ zes fähig?“ „Nun daruͤber bin ich entzuͤckt. Ich habe ſelbſt einen ſo hohen Begriff von Floren, daß Ihr der einzige Englaͤnder ſeyd, dem ich dieſes geſtehen moͤchte. Aber anſtatt mir die Hand zu drucken, daß ich ſchreyen moͤchte, ſo waͤr's wohl beſſer, Euere Familie auszuforſchen, ob ſie ſich eben ſehr geehrt finden duͤrfte, die Schweſter eines Haͤuptlings von Bettlern un⸗ ter ihre Mitglieder zu rechnen.“ „Meines Oheims politiſche Meinungen, ſeine Guͤte, ſeine Liebe fuͤr mich, berechtigen mich, Euch zu ſagen, daß er auf die Eigen⸗ ſchaften der Geburt nicht Ruͤckſicht nehmen wird; wo kann man die perſoͤnlichen hoͤher finden, als in Miß Flora?“ „Nirgends. Das verſteht ſich von ſelbſt; aber auch Euer Vater muß genehmigen.“ „Ich weiß es Sein Ungluͤck laͤßt mich keinen Einwurf fuͤrchten, den mein Oheim zu beſeitigen nicht auf ſich nehmen wuͤrde.“ — 120— „Meine Schweſter iſt keine Schwärmerinn, aber gut katholiſch.“ „Auch meine Mutter war es, und nie hat ihr jemand einen Vorwurf deßhalb gemacht. Seyd unbeſorgt, lieber Fergus, uͤber die Ein— willigung meiner Familie; helft mir lieber bey Eurer liebenswürdigen Schweſter.“ „Meine liebenswuͤrdige Schweſter bedarf eben ſo wenig wie ihr liebenswuͤrdiger Bruder fremder Huͤlfe zu einem Entſchluſſe. Dennoch erbiethe ich Euch mit Vergnüͤgen meinen Bey⸗ ſtand, meinen Rath. So viel kann ich Euch ſagen: alle ihre Gefuͤhle vereinen ſich in der Anhaͤnglichkeit an ihren Konig. Seit ſie leſen kann, hat ſie ſtets für den Capitain Wogan die größte Ergebenheit bezeigt, der ſeiner Stelle unter Cromwell entſagte, um ſich unter Carl's Fah⸗ ne zu ſtellen. Er fuͤhrte ein Cavalleriecorps an, ſtieß zu Middleton, und fiel mit den Waffen in der Hand; laßt Euch die Verſe zeigen, die ſie auf die Geſchichte gemacht hat; ſie fanden großen Beyfall.— Aber da ſeh ich Floren am Waſſerfalle; eilt zu ihr; geſchwind, Kamerad, laßt dem Feinde nicht Zeit, ſich zu ſammeln, zwingt ihn im Verſtecke. Auf! auf! zum Sturm! Cupido ſey mit Euch, und ich— ich will nach meinen Kartäſchen und dergleichen ſehen.“ Waverley ging mit ſchwerem, ſchlagenden Herzen uach dem Raſenplatze⸗ Wie verändert war ſeit Kurzem ſein Herz. In welchem La⸗ byrinthe befand er ſich!—„Dieſen Morgen,“ ſagte er,„hatte ich einen ehrenvollen Rang in der Laufbahn der Waffen; mein Vater konnte in der der Ehre Befoͤrderung erwarten. Die Taͤuſchung iſt zerſtoͤrt, mein Traum iſt aus!— Mein Vater verabſchiedet, und ich— bin der Vertraute, der Mitſchuldige eines In⸗ ſurgentenhaͤuptlings!— Soll ich die Regie⸗ rung umſtürzen helfen, der ich diente? ſoll ich mich allen Gefahren einer ſo unklugen Unter⸗ nehmung ausſetzen?.. Wenn Flora's Antwort guͤnſtig ausfaͤllt, darf ich die Erreichung mei⸗ nes Glücks in der Zeit e 8 all⸗ gemeinen Aufſtandes hoffen SWerde es wagen, ihr vorzuſchlagen, daß ſie ihren Bru⸗ der verläßt, um mir nach England zu folgen, dort ohne Gefahr das Glück oder den Unter⸗ gang des geliebten Fergus abzuwarten? Will ich ſelbſt thäͤtigen Theil an dieſem verzweifelten Verſuche nehmen?— Will ich leidend mich gegen dieſen jungen Ehrgeizigen verhalten, nur mit ſeinen Augen ſehen, und nur nach ſeinem Wil⸗ len handeln?“ Dieſe Ausſicht war eben nicht ſchmeichelhaft, — 122— X dennoch quaͤlte es ihn weit mehr, ob Flora ihn verwerfen werde. So kam er im Nach⸗ denken zu der Cascade, wo Flora ihn erwar⸗ tete. Eduard hatte nicht die Kraft, ſie wie ſonſt zu bewillkommnen, und ihr Geſicht zeigte Unruhe und Verlegenheit; allein ſie faßte ſich ſogleich, und— was Eduarden fuͤr ein uͤbles Zeichen galt— brachte die vorigen Geſpraͤche wieder auf die Bahn. „Sir Waverley,“ ſagte ſie,„ich glaube daß es fur uns alle beide von der aͤußerſten Wich⸗ tigkeit iſt, uns gegenſeitig zu verſtaͤndigen.“— „Ach! ich beſchwoͤre Euch, eilt nicht, mein Ungluͤck auszuſprechen, wie mir alles anzukuͤn⸗ digen ſcheint. Laßt mir Zeit, Euch durch meine Auffuͤhrung zu beweiſen, daß. vergönnt Eurem Bruder, ſich zu mir zu fuͤgen.“ „Sir! in meinen eignen Augen wuͤrde ich ſtrafbar werden, wenn ich einen Augenblick zoͤgern koͤnnte, Euch zu geſtehen, daß ich nie fuͤr Euch ein anderes Gefuͤhl, als das der Freundſchaft haben werde. Ich ſehe, daß Euch dieſes Geſtaͤndniß ſchmerzt: es thut mir wirk⸗ lich weh; aber beſſer iſt's, ich thu es fruͤher, ſtatt ſpaͤter. Lieber Waverley! iſt aber wohl, der lebhafte Schmerz, den Ihr jetzt einen Augenblick empfindet, mit der unertraͤglichen — 125— Qual eines uͤbel geſchloſſenen Buͤndniſſes zu vergleichen?“ „Ach großer Gott, ein uͤbles Buͤndniß? ſind wir uns nicht an Geburt, an Gluͤcksum⸗ ſtaͤnden, ſogar an Geſchmacke gleich? was kann alſo die wahre Urſache Curer Weigerung ſeyn? Alſo nur um mein Ungluͤck zu vermehren, ſcheint Ihr gut von mir zu denken.“ „Sir! ich denke ſo gut von Euch, daß— wiewohl ich zu ſchweigen mir vornahm— ich nicht anſtehen will, Euch mein Herz zu oͤffnen. Ihr ſeyd dieſes Beweiſes der Achtung und des Zutrauens wuͤrdig.“ Sie ſetzte ſich auf ein Felſenſtuͤck, und Waverley mit ſichtbarer Be⸗ ſtuͤrzung zu ihr, dieſen peinlichen Aufſchluß erwartend.„Ich weiß nicht,“ hub Flora an, „ob es mir moͤglich ſeyn wird, Euch mit der wahren Natur meiner Geſinnungen bekannt zu machen, ſo wenig gleichen ſie denen der jungen Perſonen meines Alters. Von den Eurigen will ich nicht ſprechen, um Euch nicht durch die Troſtgruͤnde zu beleidigen, die ich Euch auf⸗ ſtellen koͤnnte. Was mich betrifft, ſo habe ich von der zarteſten Kindheit an bis auf den heu⸗ tigen Tag nur den einen Wunſch gehabt, die Familie meiner erhabenen Wohlthaͤter wieder auf dem Throne zu ſehen⸗ Es iſt unmoͤglich, Euch die verzehrende Gluth dieſes einzigen Gefühls in meiner Seele zu ſchildern; es ver⸗ zehrt alle uͤbrigen, und hat mir nie erlaubt, mich mit Heirathsentwuͤrfen zu beſchaͤftigen. Wenn ich dieſe gluckliche Wiedereinſetzung be⸗ wirkt ſehe, ſo iſt mir's gleichviel, ob ich eine Hätte in Schottland, oder einen Pallaſt England bewohne, oder ob ich in ein Kloſter nach Frankreich verwieſen werde.“ „Liebe Flora! ſagt mir, warum mein Gluͤck Euch unvereinbar mit Euerem Enthuſiasmus zu ſeyn ſcheint?“ „Weil Ihr berechtigt waͤret, von dem Ge⸗ genſtande der Wahl Eueres Herzens zu ver⸗ langen, daß er ſein ganzes Gluͤck darein ſetzte, das Eurige zu machen, ſelbſt nach Euren ro— mantiſchen Begriffen. Ein Mann, der weder Eure Empfindſamkeit, noch Euern Enthuſias⸗ mus, Eure zarte Denk⸗ und Handelsweiſe be⸗ ſäße, koͤnnte vielleicht, wo nicht Gluckſeligkeit, wenigſtens Zufriedenheit bey Flora Mac⸗Jvor finden, weil ſie ſich nie von den ihm gegebenen Verſprechungen entfernen wuͤrde.“ „Sagt mir, ich beſchwoͤre Euch, warum Ihr glaubt, eher das Gluͤck eines Mannes machen zu koͤnnen, der Euch weniger zu lie⸗ ben, zu achten verſtünde, als ich?“ —— ——— — 5 „Weil unſre Geſinnungen dann mehr uͤber⸗ einſtimmten, ſein kuͤhleres Gefuͤhl wuͤrde keine lebhaftere Zäͤrtlichkeit von mir fordern, als ich zu gewaͤhren im Stande waͤre. Ihr, lieber Waverley, wuͤrdet ſtets ein Gluͤcksideal vor Augen haben, wie Eure Einbildung es entwirft. Kälte und Gleichgiltigkeit würde bald die Stelle Eurer gluhenden Entzuͤckungen einnehmen, wenn Ihr ſie unerwiedert fändet; meine Liebe fuͤr das Haus meines Koͤnigs Euch wie ein Raub vorkommen; und weit entfernt, meinen Enthu⸗ ſiasmus zu theilen, wuͤrdet Ihr daruͤber mur⸗ ren.“ „Das heißt, Miß Jvor, es iſt Euch un⸗ moglich, mich zu lieben.“ Ich tann Euch achten, wie nie ein Mann geachtet ward, aber nicht lieben, wir Ihr es verdient zu ſeyn! Gott verhuͤthe, daß ich Euch einem ſo gefaͤhrlichen Verſuche ausſetzte!— Die Frau, die Ihr mit Euerer Wahl ehret, ſoll Euren Geſchmack, Eure Gefuhle theilen; nur für Euch, und in Euch leben, Euren Kum⸗ mer beruhigen, und Eure Schwermuth thei 3“ „Ach! warum verwirklicht Ihr nicht cſes entzuckende Gemaͤhlde?“ „Ich ſehe, Ihr faßt mich nicht. Bekannte ich denn nicht, daß alle meine Empfindungen — 126— in dem Erfolge des Unternehmens vereint ſind, zu dem ich nur meine Gebete beytragen kann?“ „Wenn Ihr den meinigen nachkämet, wht⸗ det Ihr vielleicht dieſer Sache nuͤtzlich wer⸗ den. Meine Familie iſt reich, maͤchtig, den Stuarts auftichtig zugethan; es waͤre vielleicht eine guͤnſtige Gelegenheit.. Euch nicht zur Uunehre— und Euerem Monarchen nätzlich.“ „Und was wuͤrde ich leiden, in einer Fa⸗ milie, deren Mitslied ich wuͤrde, eine Sache kalt abgehandelt zu ſehn, die ich heiß wuͤnſche, und als heilig betrachte. Kaum wuͤrde man das ethabene Haus mitleidenswerth finden, um deſſen Wiedereinſetzung ich das Leben gäbe.“ „Was mich brtrifft, ſo iſt dieſe Furcht uͤberfluͤſſig,“ erwiederte Waverley lebhaft,„ich darf mir ſchmeicheln, daß mir es weder an Herzhaftigkeit noch Rechtlichkeit fehlt,“ „Das weiß ich; aber zieht die Vernunft zu Rathe ehe ihr Euch durch einen unüberlegten Hang hinreißen laßt, da Euch in einem roman⸗ tiſchen Orte ein nicht ganz unangenehmes, jun⸗ ges Mädchen von Ohngefaͤhr entgegen gefuͤhrt ward. Entſchließt Euch nicht an dieſem furcht⸗ baren Drama Theil zu nehmen, wenn Ihr nicht völlig uͤberzeigt ſehd, und dieſes aus an⸗ ——————————— 2 ——— — 120— dern, als ſo heftigen Geſinnungen, welche die Zeit gewißlich ſchwächen wird.“ Waverley hatte nicht Kraft zu einer Ant⸗ wort. Die Gefuͤhle, welche Flora im geſchil⸗ dert hatte, mehrten ſeine Bewunderung, ſeine Liebe. Er mußte eingeſtehn, daß, trotz ihrer Begeiſterung und Exaltation, ihre Grundſaͤtze voll Redlichkeit, ihr Herz voll Edelſinn und Großmuth waren, zu edel zur mindeſten Hinterliſt Zuflucht zu nehmen, ſelbſt dann nicht, wenn es galt jene heilige Sache zu befordern⸗ Schweigend gingen ſie einige Augenblicke neben einander her⸗ „Sir Waverley,“ ſprach Flora,„noch ein Wort uͤber dieſen Gegenſtand, und dann— kei⸗ nes weiter daruͤber. Entſchuldigt meine Dreu⸗ ſtigkeit ich bitte Euch, wenn ich es wage, Euch zu rathen. Mein Bruder wuͤnſcht ſehnlichſt, daß Ihr mit ihm abreiſen moͤchtet; aber thut es nicht. Die Huͤlfe Euerer Perſon allein, wuͤrde nichts zum Gelingen ſeines Unternehmens bey⸗ tragen; aber haͤtte er das Ungluͤck zu unterlie⸗ gen: ſo wurdet Ihr Euern Ruf einen un⸗ erſetzlichen Schaden gethan haben.— Erlaubt mir, Euch um die Ruͤckkehr in Euer Geburts⸗ land zu bitten. Wenn Ihr oͤffentlich dargethan „ haben werdet, daß Ihr frey ſeyd von allen Ban⸗ — 128— den, die Euch an den Uſurpator feſſelten, ſo hoffe ich, daß ihr die erſte guͤnſtige Gelegenheit benuͤtzen werdet, Euerem rechtmaͤßigen Herrn zu nuͤtzen und zu dienen, und daß nach dem Bey⸗ ſpiel Eurer wuͤrdigen Voraͤltern, ihr Euch als Repraͤſentant des Geſchlechts Waverley an die Spitze Euerer Paͤchter und Lehnsleute ſtellen werdet. „Und wenn ich das Gluͤck haͤtte, mich dann auszuzeichnen, duͤrft ich hoffen?— Entſchul⸗ digt mich, wenn ich Euch unterbreche: nur der gegenwaͤrtige Augenblick iſt Unſrer. Sch kann nichts thun, als Euch aufrichtig meine wahre Herzensmeinung ſagen; ſoll ich ihre Lau⸗ terkeit durch Verheißungen truͤben deren Erfuͤl⸗ lung nicht von mir abhaͤngt?— „Seyd verſichert, Sir Waverley, daß nach meines Bruders Ruhm, ich nichts ſo aufrichtig wuͤnſchen kann als Euer Gluͤck, daß ich unauf⸗ hoͤrlich vom Himmel erflehen werde. Mit dieſen Worten entfernte ſich Flora. Sie ſtanden an dem Kreutzwege det Fußpfade: Eduard ging von der Laſt ſeiner Betrachtungen niedergedruͤckt in's Schloß. Er vermied den Fergus zu begegnen, weil er ſich nicht ſtark ge⸗ nuß fuͤhlte, ſeinen Scherz zu ertragen und ſeinen vielen Bitten zu widerſtehen. Ein Feſttumult kam — 129— ihm zu Statten, denn Fergus bewirthete ſeinen ganzen Stamm. Als er alles bey der Tafel wußte, dachte er wie er nochmals mit Mac⸗ Jvor ſprechen koͤnne; Käthchen mußte den Fer⸗ gus hinterbringen, daß Miß Flora ihr Bimmer nicht verlaſſen wuͤrde, woruͤber dieſer ſehr un⸗ zufrieden war. Er ging zwar zu ihr, aber wahrſcheinlich fruchteten ſeine Vorſtellungen zu nichts, denn er kam ſehr betruͤbt und verdrieß⸗ lich in den Saal zuruͤck. Der Reſt des Abends verging unter Fergus und Waverley ohne die mindeſte Anſpielung auf Florens Entfernung. Als Eduard allein war, wieder⸗ holte er ſich die Begobenheiten dieſes Tages: „Ich kann mir nicht verſchweigen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ daß Flora jetzt bey ihrer Ver⸗ weigerung beharren wird, aber ſollte ich nichts von der Zeit zu erwarten haben?— Ihr mit Liebe gegen ihren König erfuͤlltes Herz iſt kei⸗ nen andern Geſinnungen jetzt offen, allein wenn das Unternehmen gelingt, vielleicht wuͤrde meine angeſtrengte Bemühung.. zwar hat ſie mir nie etwas mehr als die lebhafte Theilnahme der zärtlichſten Freundſchaft bewieſen; aber koͤnnte dieſes Gefuͤhl in ihr nicht ſtaͤrker und lebendiger werden?“— Er ſuchie ſich aller Worte zu er⸗ innern, deren Flora ſich bedient hatte, des Tons 1 S — 130— ihrer Stimme, ihrer Mienen, ihrer Blicke; aber er blieb immer ungewiß.— Trotz allem, was er den Tag uͤber gelitten hatte, ſchlief er ſehr ſpaͤt erſt ein. Eilftes Kapitel. Ein Brief aus Tully⸗Weolan. Mitten in Waverley's Morgentraͤumen hoͤrte er Muſik, aber„es war nicht Selma's Stim⸗ me!“ Er glaubte ſich wieder in Tully⸗Weolan, und Gellatley's Fruͤhgekrähe ſchallte ihm, wie ſonſt, in die Ohren. Stufenweiſe ſtieg dieſe Stimme, und endlich ward er daruͤber munter. Er ſah nun wohl, daß er in Vich⸗Jan⸗Vohrs Thurme war, aber er erkannte wirklich David Gellatley's Stimme. Als er ſich dem Fenſter näherte, horte er den alten Narren aus vol⸗ lem Halſe ſingen: Ihr Herz iſt nicht mehr in dem Thale Es weilet in der Wuͤſte nur.* Wieviel, wieviel hat ſie gelitten?— Kommt! Tilget Ihres Kummers Spur!— Laßt Hirſch und Rehbo friedlich irren In dieſen Schluchten!— Ihren Schmerz 2 — 33— Sucht lieber troͤſtlich zu vergelten! Kommt! Trennung druͤckt ein fühlend Herz! Neugierig nach der Urſach, einer fuͤr Gel⸗ latley ſo langen, außerordentlichen Reiſe, eilte Eduard ſich anzukleiden, und während der Zeit hatte Davidchen Bekanntſchaft mit den Muͤßig⸗ gaͤngern gemacht, die ſteis die Schloßthuͤre be⸗ lagerten. Er hatte angefangen mit ihnen zu tanzen, und machte in einer Schottiſchen Ronde tauſend Sätze und Spruͤnge. Ja, nicht nur mit dem Tanzen zufrieden, leitete er auch noch den Takt durch Pfeiffen. Er trieb dieſe doppelte Arbeit, bis ſeine Stelle als Muſikus von einem Pfeifenblaͤſer erſetzt ward, den das Geſchrey: „Blaſe! blaſe! zum Aufſtehen zwang. Jung und alt fing an zu tanzen. Waverley's Er⸗ ſcheinung unterbrach das freudige Geſchäft des Davidchen nicht; nur gab er ihm durch Zeichen Geſichterſchneiden und Verdrehungen zu verſte⸗ hen, daß er ihn recht gut erkenne. Ohne ſein Fingerſchnalzen und Haͤndeſchwingen uͤber den Kopf einzuſtellen, waͤhrend er tanzte, und freu⸗ dig ſchien, fand er Mittel ſich Eduarden zu na⸗ hen, und ihm ganz leiſe einen Brief zuzuſtecken. Eduard erkannte Miß Roſa's Hand auf der Aufſchrift des Briefes und ging fort um ihn zu leſen. Fruͤher hatte: Lieber Sir daruͤber J3 1½ ſ — — geſtanden, dann war aber das erſte Wort ſorg⸗ faͤltig ausradirt worden; und der Brief lau⸗ tete, ohne Veraͤnderung, wie folget: Sir! Ich fuͤrchte ſehr unbeſcheidenerweiſe Euch zu ſtören; aber ich habe niemand, dem ich die Vorgaͤnge dieſer Tage anvertrauen koͤnnte; auch dünkt mir's beſſer, ſie Euch bekannt zu ma⸗ chen. Wenn ich im Schreiben einen Fehler mache, ſo ſeyd ſo guͤtig, Sir Waverley, ihn zu verzeihen, denn ach! niemand konnte mir ja rathen; ich folgte nur meinem Herzen. Mein guter Vater iſt nicht da, und mag Gott wiſſen wenn er wieder kommen wird, mich zu beſchuͤtzen und zu vertheidigen! Ihr werdet wohl gehoͤrt haben, daß man nach einiger Unruhe in den Bergſtaͤmmen, viele Edle verhaftet hat, wor⸗ unter ungluͤcklicherweiſe auch mein Vater ſich befindet. So ſehr ich ihn mit Thraͤnen bat, freiwillig zu gehen, mußte es doch ſo weit kom⸗ men, und auch mit den Sir Falkoner, und an⸗ dern Freunden. Man hat ſie unter einer Be⸗ deckung von Reitern nach Norden abgefuͤhrt. Jetzt, da die Unruhen bald beendet ſind, bin ich weniger um meinen Vater, als um die Folgen, die daraus entſtehen werden, beküͤmmert. Alles — 1353— das betrifft Euch nicht, Sir Waverley, aber ich glaubte, Ihr wuͤrdet gern vernehmen, daß Euer Freund nichts fuͤr ſein Leben zu befuͤrch⸗ ten hat, wenn ihr von ſeiner Verhaftung ge⸗ hort haͤttet. Den Morgen nach meines Va⸗ ters Abreiſe kam ein Haufen Fußvolk hier an: der Herr Amtmann ward gemißhandelt, aber gegen mich war der Officier uͤberaus artig; al⸗ lein er gab mir zu erkennen, daß es ihm leid ſey, Nachſuchungen wegen Waffen und Papieren zu thun. Mein Vater war ſo vorſichtig geweſen alle Gewehre, welche nicht im großen Saal haͤngen, fortſchaffen, und alle Schriften verber⸗ gen zu laſſen. Ach! Sir Waverley! kaum habe ich den Muth, Euch zu ſagen, daß man auch nach Euch fragte: Wenn Ihr hier fort⸗ gereißt waͤret, und wo Ihr Euch jetzt befaͤn⸗ det? Der Officier iſt mit ſeinen Leuten fort, aber er hat uns vier Mann als Garniſon da gelaſſen, die ein Corporal befehligt. Bis jetzt haben ſie ſich gut aufgefuͤhrt, und wir muͤſſen uns gedulden, und gute Miene zum boͤſen Spiel machen. Dieſe Soldaten haben ſich verlauten laſſen, daß Ihr in großer Gefahr waͤret, wenn Ihr Ihnen in die Haͤnde fielet; ich kann nicht Alles ſagen, was ſie geſchwatzt haben; ich glaube es iſt kein wahres Wort daran; aber Ihr wet⸗ —— det ja beſſer wiſſen, als ich, was Ihr zu thun habt! Auch hat man Euern Bedienten, Eure Pferde, und alles was Ihr hier gelaſſen habt, mit fort genommen. Ich hoffe Gott wird Euch beſchuͤtzen, und friſch und geſund in Euer Va— terland zuruͤck fuͤhren, wo, wie Ihr mir ja ſelbſt geſagt habt: der Soldat keine willkuͤhrli⸗ che Gewalt zu fuͤrchten hat, und die Geſetze die unſchuld beſchuͤtzen. Nehmt ja nicht unguͤtig, daß ich ſo frey bin, Euch zu ſchreiben; ich kann mich wohl irren, aber mir war's als müßte ich's thun, da Eure Ehre und natuͤrliche Frei⸗ heit gefaͤhrdet iſt. Ich weiß auch, daß mir mein Vater dieſen Schritt vergeben wird. Herr Rubrick iſt nach Duchran zu ſeinem Vetter ge— fluͤchtet, um nicht den Mißhandlungen der Sol⸗ daten und der Whigs ausgeſetzt zu ſeyn. Herr Macwheeble ſagt beſtaͤndig: Er miſche ſich nicht gern in fremde Angelegenheiten; er haͤtte aber doch glauben koͤnnen, daß er meinem Vater eine Freude gemacht haͤtte, einem ſeiner Freunde zu dienen; hauptſaͤchlich bey ſo ſchwierigen Verhaͤlt⸗ niſſen. Lebt wohl, Capitain Waverley, es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß ich Euch nie wieder ſehe! es wäre gegen Euern Vortheil, wenn ich Euch nach Tully⸗ Weolan einladen wollte, wenn auch keine — 135— Garniſon mehr da waͤre. Allein ich werde die zarteſte Erinnerung der Sorgfalt behalten, die ihr fuͤr Euere arme Schuͤlerinn gehabt, und der Freundſchaft fuͤr meinem armen Vater. Em⸗ pfanget dafuͤr den Dank Euerer ergebenen Die⸗ nerinn: Roſa Comina Bradwardine. N. 8. Waͤr't Ihr wohl ſo gefaͤllig, mir ein Wort zuruͤck zu ſchreiben, damit ich nur weiß, daß Ihr meinen Brief erhalten habt, und an Eure S ſcherheit denkt? Entſchuldigt auch wenn ich Euch bitte, an allen Vorkehrungen und Be⸗ wegungen um Euch her keinen Theil zu neh⸗ mon, ſondern pald nach euerem gluͤcklichen Vater⸗ lande abzureiſen. Empfehlt mich meiner lieben Flora von Glennaquvich. Iſt ſie nicht ganz ſo vollkommen, wie ich Euch ſagte? WMiß Roſa's Brief ſetzte unern Helden in Erſtaunen, und ruͤhrte ihn. Daß der Baron den Argwohn und die Furcht der Regierung er⸗ regt hatte, da die Stuartiſche Partey unruhig zu werden ſchien, war natuͤrlich: allein er be⸗ griſt nicht, wie man ihn ſelbſt in dieſe Sicher⸗ heitsmaaßregel verwinkeln konnte, da ihm ſein Gewiſſen bis jetzt daß Zeugniß gab, keinen Zwei⸗ ſel an der Rechtmaͤßigkeit des regierenden Koͤ⸗ — 136— nigs, ſich erlaubt zu haben. Ueberall hatten ſeine Wirthe den von ihm geleiſteten Eyd hei⸗ lig gehalten, da er ihn an die jetzige Regierung band, und wiewohl warme Parteygaänger der vertriebenen Koͤnigsfamilie, hatte er, bis jetzt, keine Ahndung von ihren feindlichen Entwuͤr⸗ fen gehabt. Eduard mußte ſich geſtehen, daß wenn er nicht Fergus Partey voͤllig ergriffe, er ſich auf die ſtarkſte Weiſe verdaͤchtig mache, indem er länger in ſeiner Naͤhe bleibe, und daß er ſchnell abreiſen muͤſſe, um eine Unterſuchung ſeines Be⸗ tragens zu verlangen. Auch war dieſes Florens Rath, und er in nerlich von dem Gedanken em⸗ poͤrt eine Zornfackel des Buͤrgerktiegs zu wer⸗ den.„Wie groß auch die erſten Rechte der Stuarts ſind,“ ſagte er ſich,„ſo iſt es doch ge⸗ wiß, daß Jacob ihrer entſagte. Vier Monar⸗ chen haben nach der Zeit dieſer Abdankung re⸗ giert. Koͤmmt mir es wohl zu eine errichtete Regierung zu beunruhigen? Kann ich denn, bey aller Auseinanderſetzung Ihrer gerechten Sache, gegen den Willen meines Vaters und Oheims? Soll ich nicht ihre Befehle erwarten, und ih⸗ nen beweiſen, daß man mich ungerecht beſchul⸗ digt meinen Eyd verletzt zu haben?“ Miß Roſa's zärtliche, unverſtellte Bekuͤm⸗ — merniß, der Gedanke, daß ſie ohne Beſchuͤtzer, ohne Vertheidiger Gefahren ausgeſetzt war, mach⸗ ten auf ſeinen Geiſt und ſein Herz den aller⸗ ſtaͤrkſten Eindruck. Er ſchrieb ihr ſogleich in den herzlichſten Ausdruͤcken, um ihr ſeine Theil⸗ nahme an ihren Widerwaͤrtigkeiten zu verſichern, und um ihr zu ſagen, daß er fuͤr ſeine Sicherheit nichts zu fuͤrchten habe. Aber bald wichen dieſe Empfindungen den Gedanken, daß er von Flo⸗ ren— Melleicht auf immer— Abſchied nehmen ſollte. Wie ſchmerzhaft ihm das war, iſt un⸗ beſchreiblich. Der edle Character, die reine Herzlichkeit, die Wahrheit ihrer religioͤſen und politiſchen Grundſaͤtze, die unerſchuͤtterliche Recht⸗ ſchaffenheit, die der reitzenden Flora eigen war: alles mahnte Eduarden ſich ihrem ſtrengen Ur⸗ theil zu unterwerfen, aber er hatte keine Zeit zu verlieren; die thaͤtige Verlaͤumdung ſchwebte uͤber ihm, und der geringſte Aufſchub bedrohte ſeine Ehre. „Ich muß ſogleich abreiſen!“ ſagte er mu⸗ thig und entſchloſſen. Nach dieſem Entſchluß ſuchte er Fergus auf; er theilte ihm Miß Roſa's Brief mit, und meldete ihm, daß er ſogleich nach Edinburg zu gehen gedenke, um ſich unter den Schutz von mehreren Freunden ſeines Vaters zu begeben — 138— die er trotz der Brieſe, die er fuͤr ſie hatte, vernachlaͤſſigte, und daß er uͤberzeigt ſey, ſie wurden ſeine Unſchuld an's Licht bringen. „Ihr ſtuͤrzt Euch in den Rachen des Lö⸗ wen!“ erwiederte Fergus,„Ihr kennt die Stren⸗ ge einer Regierung nicht, welche Furcht und Unruhe quält, da ſie ihre Unrichtigkeit fuͤhlt. Bald wird es noͤthig ſeyn, daß ich komme, um Euch aus irgend einem Staatsgefaͤngniſſe, Ker⸗ ker oder Thurme zu ziehen.“ „Meine Schuldloſigkeit, mein Ruag d genaue Freundſchaft, die meinen Vater mit erſten Mitgliedern der Regierung vereint, buͤr⸗ gen mir dafuͤr, daß ich Schutz und Gerechtigkeit finden werde.“ „Ganz das Gegentheil werdet Ihr finden: dieſe Herren haben genug mit ſich ſelbſt zu thun. Ich frage Euch zum letzten Mal: Wollt Ihr Einer der Unſern werden, und das Schwert zie⸗ hen für die heiligſte, gerechteſte Sache, die es je gegeben hat?“ „Lieber Fergus! ich habe mehr als eine Ur— ſach Euch um Entſchuldigung deßfalls zu bitten.“ „So laßt uns nicht mehr davon ſprechen! Ich bin uͤberzeigt, daß ich ſehr bald Euere dich⸗ teriſchen Talente ſich in Elegien, oder mit Ent⸗ zifferung einiger Hieroglyphiſchen Inſchriften in . einem alten, durch ſeinen raren Bau beruͤhm⸗ ten Gewolbe werde uͤben ſehen. Vielleicht fin⸗ det Ihr gar ein huͤbſches, hanfnes Baͤnd⸗ chen ich zweifle, daß alle Euere Whigs, ſo gut gewaff Lt wie ſie ſind, Euch dieſer trau⸗ rigen Ceremonie werden entuͤbrigen koͤnnen.“ „Warum behandelte man mich ſo?“ „Aus tauſend guten Gruͤnden. Ihr ſeyd ein Edelmann, ein Englaͤnder, Ihr habt Euere Religion abgeſchworen, und ſeit lange haben ge in ſolchen Dingen ihre Geſchicklichkeit geuͤbt.“ „Das Loos iſt geworfen.“— „Euer Entſchluß iſt unwiederruflich?“ „Ja mein Freund!“ „So wuͤnſch' ich Euch Gluͤck! Aber Ihr konnt nicht zu Fuße gehn.. wenn ich an der Spitze von Jvor's Kindern marſchire, be⸗ darf ich keines Pferdes, Ihr koͤnnt den Dermid nehmen.“ 1 „Wollt Ihr ihn mir verkaufen, ſo erzeigt Ihr mir einen Dienſt.“ „Wenn Euer Brittiſcher Stolz ſich empoͤrt, ihn als Geſchenk oder Darlehen zu betrachten, ſo will ich Euer Geld, da ich in's Feld ziehe, nicht zuruͤckweiſen. Es iſt dreyßig Guincen. Und wenn denkt Ihr abzureiſen?“ „Sobald als moͤglich.“ — 140— 4. „Da habt Ihr Recht, wenn Ihr nun ein⸗ mal reiſen ſollt und muͤßt. Ich werde Florens Stute nehmen, und Euch bis Bally⸗Brough begleiten.— Callum⸗Beg! Laß unſre Pferde fertig halten, und nimm Dir eines, Sir Waverley zu begleiten, und die Bagage fort⸗ zuſchaffen, bis er einen Fuͤhrer und ein Pferd bis Edinburg findet. Zieh Dich als Thalbe⸗ wohner an, und gieb auf Deine Zunge Acht, wenn Da nicht haben willſt, daß ich ſie Dir mit eigner Hand ausreiße. Sir Waverley rei⸗ tet den Dermid. Ihr nehmt doch von meiner Schweſter Abſchied?“ „Wenn mir's Miß Flora erlauben will, wird mir es viel Ehre und Vergnuͤgen ſeyn.“ „Kaͤthchen! geh! ſag' meiner Schweſter, Sir Waverley wuͤnſchte ſich ihr vor der Abreiſe zu empfehlen!— Die arme Miß Roſa iſt wirklich recht uͤbel dran ich wollte ſie waͤre hier ½ 3. „Auch ich!“ „Nun warum ſollte ſie nicht? Es ſind ja nur vier Rothroͤcke zu Tully⸗Weolan, wir konnten ihre Flinten gebrauchen.“ Eduard gab ihm keine Antwort. Er war zu ſehr mit Miß Flora's Erſcheinung beſchaͤf⸗ tigt. Allein als die Thuͤre ſich aufthat, war's — 141— nur Kaͤthchen, die meldete, daß ihre Herrinn den Capitain Waverley um Verzeihung bitten, und ihm gluͤckliche Reiſe und gute Geſundheit wuͤnſchen laſſe. Zwoͤlftes Kapitel. —— Wie Waverley auf der Fläche em⸗ pfangen wird. Die beiden Freunde gelangten um neun Uhr an den Paß von Bally⸗Brough.„Weiter will ich nicht gehn!“ ſagte Fergus, der unter⸗ wegs Alles verſucht hatte, den niedergeſchla⸗ genen Waverley aufzuheitern.„Iſt meine naͤrriſche Schweſter im geringſten Urſache an Euerer Traurigkeit,“ ſetzte er hinzu,„ſo glaubt gewiß, daß ſie die beßte Meinung von Euch hat, daß ſie aber ſo unruhig uͤber die großen Ereigniſſe iſt, die ſich vorbereiten, daß ſie an nichts anders denken kann. Vertraut mir Eure Angelegenheiten; ich will Euch nicht verrathen, wenn Ihr mir verſprecht, jene haͤßliche Cocarde nicht wieder zu nehmen.“ „Ihr habt dieſes nicht zu fuͤrchten, wenn . — 1 4 2— Ihr bedenkt, wie man mir ſie genommen hat. Lebt wohl lieber Fergus, erhaltet mich in Miß Flora's Andenken!“ „Lebt wohl, Waverley! Bald ſollt Ihr unter einem hoͤhern Titel von ihr reden hoͤren. Kehrt zu Eueren Laren zuruͤck! Schreibt uns. Verſchafft Euch einen großen Anhang! Bald werdet Ihr— wenn mich Briefe aus Frank⸗ reich nicht taͤuſchen— neue Gaäſte auf Suf⸗ folks Kuͤſten ſehen!“ Eduard ſetzte ſeinen Weg nachdenkend, gleich einem Traͤumenden fort, und tauſend verwor⸗ rene Gefuͤhle quaͤlten ſein Herz. Ich weiß nicht, ob unſte Schoͤnen die Macht der Trennung, welche die Gegenſtände verſchoͤnert, kennen; ich will nicht ſo unvorſichtig ſeyn, ſie darin zu un⸗ terrichten. Eduard vergaß Miß Flora's Vorurtheile; entſchuldigte ihre Gleichgiltigkeit und Kaͤlte, und dachte nur uͤber die edlen Empfindungen nach, die ihr Herz entflammten.„Wenn die Erkenntlichkeit ſo maͤchtig in ihrem Herzen herrſcht, was wird dieſe veine, gefuͤhlvolle Seele nicht fuͤr den ſeyn, den ſie liebt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„o duͤrfte ich einſt dieſes Gluͤck hoffen! dieſer ſelige Sterbliche ſeyn!“ Und ſchnell verſchwanden ihm alle Hinderniſſe, alle — 143— Schwierigkeiten, ſeine Verbindung mii dieſem Engel von Tugend und Schoͤnheit war gewiß, und er im Beſitze ſo vieler geiſtigen und irdi⸗ ſchen Vollkommenheit. So baute er ſeine Luft⸗ ſchloͤſſer fort, bis er von dem Gipfel eines hohen Berges unten im Chale den Flecken Cruickshands bemerkte. In keinem Lande iſt die Hoͤflichkeit hoͤher geſtiegen, als im Schottiſchen Gebirgslande. Callum⸗Beg haͤtte gegen jene zu verſtoßen ge⸗ glaubt, wenn er ſich erlaubt haͤtte, die Traäu⸗ mereyen unſers Helden zu unterbrechen, aber als er ihn den Kopf in die Hoͤhe richten ſah, nahte er ſich ihm und ſagte:„Ich darf doch wohl hoffen, daß Ew. Gnaden im Wirthsha nicht von Vich⸗Jan⸗Vohr reden werden; das Land beſteht nur aus den elendſten Whiss. Holte ſie doch alle der Teufel!“ Waverley beruhigte den Pagen, indem er ihm verſprach, vorſichtig zu ſeyn; und da er in dieſem ägen⸗ blicke eben kein Glockengelaͤute, ſondern an einen vor einer Scheune aufgehangenen Keſſel mit dumpfen Lerm anſchlagen hoͤrte: ſo fragte er, ob ein Feſttag waͤre.„Das kann ich Euch gerade nt ſagen,“ anwortete Callum Beg, unter dem Paß von Bally⸗Borough gibt's oft Sonn und Feyertag.“ — 146— Sie gingen in den Flecken, und wandten ſich nach dem beßten Gaſthauſe. Als ſie eine Menge alter Weiber in Maͤnteln und rothen Roͤcken heraus kommen ſahen, zoͤgerte Callum nicht, ſeinem einſtweiligen Herrn zu verſichern, daß ein Sonn⸗ oder Feiertag auf Befehl der Regierung ſeyn muͤſſe. Als ſie nun das Zeichen eines goldenen Leuchters mit ſieben Armen, und einen Hebrai⸗ ſchen Wahlſpruch zu größerer Bequemlichkeit des Publikums erblickten, ſtiegen ſie vom Pferder Der Wirth war groß, mager, dürte, und kam mit dummen Glotzen auf ſie zu, bey ſich ſelbſt berathſchlagend, ob er Leuten, die an ſolch einem Tage unterwegs waͤren, eine Zuflucht geben wollté; aber endlich beſann er ſich, daß es in ſeiner Macht ſtuͤnde, ſie wegen dieſer Uebertretung des Geſetzes zu ſtrafen, und ſo entſchloß ſich Herr Ebenezer Cruickshands ſie hereinkommen zu laſſen. Waoverley ſagte dieſem goitesfuͤrchtigen Man⸗ ne, daß er einen Fuͤhrer und ein Pockvitid bis Edinburg brauche.— „Darf man fragen, wo Ihr herkommt?“ „Daß iſt nicht noͤthig; Ihr habt gehoͤrt, was ich haben will.“ — „Hum! hum!“ grunzte der uͤber dieſe Antwort unzufriedene Wirth,„heute iſt gro⸗ ßer Feyertag, da kann ich nichts um Geld thun, waͤhrend die andern beten. Herr Ren⸗ tow hat wohl Recht, des alles Unheil unſers armen Landes daher kommt, daß man weder die Religion, noch die Geiſtlichen mehr achtet.“ „Mein Freund! da Ihn mir nicht verſchaffen könnt, was ich brauche, ſo mag ſich mein Be⸗ dienter weiter danach umthun.“ „Euer Bedienter?— Nu warum bringt der Euch denn da nicht ſelbſt nach Edin⸗ burg?“ Eduard war nicht ſo lebhaft, wie die meiſten Dragonerofficiere, welche irgend einem unverſchaͤmten Schaffner der Poſt, oder Marquer Hoͤflichkeit zu lehren verſtehn, aber bekannt mit den nöthigen Zurechtweiſungen im Leben, ward er jetzt aufgebracht, und rief: „Wißt Ihr, daß ich zu Euch komme, um auszuruhn, nicht um auf Euere unverſchämten Fragen zu antworten! Wollt Ihr mir verſchaf⸗ fen was ich haben will, ſonſt geh ich weiter?“ Der Wirth ging Etwas in den Bart murmelnd, das Eduard nicht verſtehen konnte, fort. Die ſehr hofliche, ſanftmuͤthige und thätige Wirthinn kam, und erkundigte ſich, was er zu eſſen be⸗ liebe. Auf ſein wiederholtes Verlangen nach II. K einem Fuͤhrer und Pferde war aber auch ihr keine Antwort zu entreißen; ohne Zweifel ſtand das Saliſche Geſetz in den Staͤllen des Wirths⸗ hauſes zum goldenen Leuchter in voller Kraft! An einem kleinen Fenſter, das auf einen kleinen Hof ging, wo Callum⸗Beg mit den Pferden beſchäftigt war, vernahm Eduard zwi⸗ ſchen ihm und dem Wirthe folgendes Geſpräͤch: „Nu Junker,“ ſagte der Wirth,„kommt Ihr von Norden?“ „Wie Ihr ſagt!“— „Habt Ihr heute einen weiten Weg ge⸗ „Veit genug, um gern einen Schluck zu trinken.“ 6, „Den ſollt Ihr haßen⸗ Frau, bring' doch die Flaſche!— Wie ſchmeckt Euch der Whisky, iſt er ſo gut wie der jenſeits uͤber'm Paß?“ „Jenſeits uͤber'm Paß?“ Nu ich hoͤre doch wohl an Euerer Aus⸗ ſprache, daß Ihr ein Hochlaͤnder ſeyd.“ „Ich komme von der Straße von Aberdeen.“ „Und Euer Herr auch?“ „So gut wie ich!“ „Was hat er fuͤr einen Rang?“ „Ich glaube er iſt Officier im Dienſte Koͤ⸗ nig Georgs; zum wenigſten geht er nach der vheei — 147— Nittagsſeite, hat einen wohlgeſpickten Beutel, und handelt nie!“ „Er will ein Pferd und einen Fuͤhrer bis Edinburg haben?“ „Ja, ja! macht nur, daß es wird!“ „S wird theuer ſeyn!“ „Was ſchadt's!“ „Gut, gut mein lieber Duncan? Sagtet Ihr nicht, Ihr hießt Duncan oder Donal.“ „Ihr vergeßt, daß ich ſagte: ich heiße Ja⸗ cob Steenſon!“ Dieſes raſche Gegenantworten verdutzte den 3 Wirth; er ward eben ſo unzufrieden mit dem Diener, wie mit dem Herrn, beſchloß aber, ſich durch ſeine Preiſe ſchadlos zu halten⸗ Er vergaß nicht, den Feyertag in Anſchlag zu bringen, indeß forderte er nur wenig uͤber den doppelten Preis. Callum-Beg eilte, Waverley'n zu benach⸗ richtigen, wie der Handel geſchloſſen war. „Der alte Hexenmeiſter,“ ſa e er,„will Ew. Gnaden ſelbſt begleiten.“ „Das iſt mir nicht lieb, Callum, er ſcheint ſehr neugierig; doch das muß ein Reiſender ertragen. Hier, lieber Junge, trink auf Vich⸗ JanVohr's Geſundheit.“ Mit Freude ſtra⸗ lendem Blicke ließ Callum die Guinee in die K 2 — 1 ₰ 1 — 148— Taſche ſpatzieren, indem er uͤber die Säaͤchſiſche Kleidung fiuchte, und voll Erkenntlichkeit fiuͤ⸗ ſterte er Eduarden zu:„Wenn Ihr von dem alten Schurken von Whigh was zu fuͤrchten habt, ich kann ihn unſchaͤdlich machen.“ „Und wie?“ „Ja, wenn wir ein Stuͤckchen uͤber'n Flecken hinaus ſind, kann ich ihn mit Steuth Okle ſprechen laſſen?“ „Steen⸗Okle? wer iſt das?“ Callum knoͤpfte die Weſte auf, hob den linken Arm, und zeigte mit ausdrucksvoller Miene einen kleinen Dolch, den er ſeg im Laterfutter verborgen trug. Waverley glaubte nicht Recht verſtanden zu haben; er ſah den Callum ſcharf an, ſein ſchö⸗ nes, regelmaͤßiges, obgleich von der Sonne verbranntes Geſicht verkuͤndigte eine ſo ruhi⸗ ge Schadenfreude, wie das eines Englaͤnders ſeines Alters, der ſich vornimmt, dem Nach⸗ bar die Aepfel zu ſtehlen.„Großer Gott! Callum!“ rief er,„Du denkſt an Mord!“ „Ja,“ erwiederte dieſer kaltbluͤtig,„der hat lange genug gelebt, da er ehrliche Leute die Geld bey ihm verzehren, ſo kann.“ Waverley ſah wohl ein, daß er ſich ver⸗ geblich bemuͤhen wuͤrde, den Mohren weiß zu waſchen, er begnuͤgte ſich, ihm einzuſchaͤrfen, daß er dem Wirthe kein Leid gethan haben wollte, womit der Page ſehr unzufriedrn war. „Wenn's Ew. Gnaden gewollt haͤtten,“ ſagte er,„der haͤtte niemand mehr geſchadet;— doch hier iſt noch ein Brief von dem Haͤupt⸗ ling, den ich Euch uͤbergeben ſollte, wenn ich Euch vrrlaſſen wuͤrde.“ Dieſer Brief von Fergus enthielt ein Ge⸗ dicht von ſeiner Schweſter, auf den Tod des Capi⸗ tain Wogan, deſſen Unternehmungsgeiſt Cla⸗ rendon ſo gut geſchildert hat⸗ Er war erſt von der Partey des Parlaments geweſen, hatte ſie aber bey Carls des Erſten Ermordung ver⸗ laſſen. Kaum erfuhr er, daß der General Middleton die koͤnigliche Fahne im Schotti⸗ ſchen Hochgebirge aufgepflanzt hatte, ſo nahm er Abſchied von Carl dem Zweiten, der ſich in Paris befand; er kam nach England zuruͤck, errichtete in den Umgebungen von London ein Reiterregiment, und erreichte durch geſchickte Maͤrſche den General, ohne einen einzigen Mann verloren zu haben. Er bedeckte ſich bey mehreren glaͤnzenden Affairen mit Ruhm, und ſtarb von allen Rechtſchaffnen innig bedauert. Fergus glaubte nach ſeiner klugen Politik Waverley'n dieſes Beyſpiel vor Augen brin⸗ gen zu muͤſſen, in der Hoffnung, daß er es nachahmen würde. Sein Brief war kurz, und enthielt unbedeutende Auftraͤge.„Ich geſtehe,“ hieß es am Schluſſe,„daß es unverzeihlich von Flora iſt, Euch nicht bey'm Abſchiede ge⸗ ſehen zu haben. Das beygefuͤgte Gedicht wird Euch ſagen, daß ſie verliebter in das An⸗ denken eines Helden iſt, als ſie es je in irgend einen lebendigen Menſchen ſeyn wird, zum we⸗ nigſten, wenn er ihr nicht an Ergebenheit fuͤr den Koͤnig gleicht; aber die Engliſchen Adeligen lieben heut zu Tage die Eichen nur, weil ſie ihre herrlichen Parks zieren, oder weil ſie ſich deren bedienen, ihren Verluſt im Spiele zu erſetzen. Erlaubt mir die Hoffnung, daß Ihr eine glaͤnzende Ausnahme machen werdet. Lebt wohl, liebſter Freund; warum kann ich Euch nicht einen Titel geben, der meinem Herzen ſuͤßer ſeyn wuͤrde?“ An die Eiche, welche auf das Grab des Capi⸗ tain Wogan, der 1649 für ſeinen König ſtarb, auf einen Schottiſchen Gottesacker gepflanzt iſt. Der Rechtlichkeit, des wahren Muthes Geachtet Sinnbild, decke du Mit dichtverſchlungnem Laubgewinde Dieß Denkmal ſeltner Treue zu! Des Fruͤhlings ſußer Veilchenodem Ernähre deiner Aeſte Kranz: Es lohnte Rom mit Eichenkronen Der edlen Arbeit Siegerglanz! Und du, o Veyſpiel edh Kuͤhne! Verzeih', wenn ſchoͤn're Blumen nicht, Im Ueberfluß die Aſche ſchmuͤcken Von deren Werth die Thraͤne ſpricht. Aurorens zarte Toͤchter heiſchen Der reinern Luͤfte friſches Spiel; Da nie die Sonne, die ſie ſeegnet, Auf dieſe ſtille Dede ſiel. Hier hoͤrt man nur des Zornes Wuͤthen Auf farbenloſen Fluren gehn: Und von des Boreas Ergrimmen, Den Reitz der Erde ſchnell verwehn. Hier hullt, wie ich, in tiefe Trauer Natur des Lenzes Frende ein, Und ſie kann nicht mit ſchwachen Haͤnden Auf dieſen Huͤgel Blumen ſtreun! Ruh' friedlich hier, geliebter Schatten! Ach! als dein Lebensfaden brach, Von der Verzweiflung abgeriſſen, Belohnte ſich dein Ungemach. Der Himmel oͤffnete die Pforten, Empfing die treue Seele dort, Die ihres Koͤnigs Schmach hier raͤchte— und immer bluͤht ſein Name fort! — 152— Dein Name, der die edlen Krieger, Der jeden Fremdling zittern laͤßt, Vor dem des Laſters Sclaven grauet: Denn Wogan iſt beym Schlachtenfeſt, Auf Ehrenbahnen, unſrer Edlen, Ermunternd hohes Feldgeſchrey!— Es droͤhnt allmaͤchtig, wie der Donner, Und Schrecken führt's dem Feind herbey! Wir laſſen nicht von unſtem Hoffen! Wir haben Eiſen, unſern Arm. Er ſinkt nicht bey des Fremdlings Schmaͤhen Nicht vor treuloſer Horden Schwarm. Nichts ſchlaͤgt des Hügels Sohn in Ketten! Rein ſind die Stamme, ſtolz und kuͤhn! Verlachen jedes Zufalls Drohen, Und wanken nimmermehr von Ihn! Trenloſer Raͤuber unſter Kronen! Du buͤßeſt fuͤr die lange Pein, Es wird Wogan ſtets unſer Fuͤhrer, Das Vepyſpiel unſrer Soͤhne ſeyn! Coloß! mit Schande wirſt du fallen! Dich leidet lang der Himmel nicht: Wogan iſt in uns eingegraben! Sieg oder Tod iſt unſre Pflicht!——„ Welches Dichterverdienſt Miß Flora auch 8 haben mochte; ihre in dieſen Strophen wehende Begeiſterung brachte in Eduarden eine veiche hervor. Er las ſie mehrmals und ſteckte ſie in ſeinen Buſen. Bald zog er ſie aber wie⸗ der hervor; las ſie mit leiſer Stimme lang⸗ ſam, und hielt oft inne, um ihren ganzen Reitz zu genießen. So ſchluͤrfen Epikur's Schuͤler tropfenweiſe den ſußen, verfuͤhreriſchen Nectar ein.— Die Wirthinn ſtoͤrte ihn zwat mit dem Eſſen, allein er ſetzte ſeine Pantomi⸗ me maſchinenmaͤßig fort. Bald kam auch der wiederſpenſtige Ebenezer, welcher, ungeachtet der warmen Jahreszeit, einen ungeheuern Ueberrock von grobem Tuche uͤber ſeine gewohnliche Kleibung gezogen, und in deſſen Kragen Kopf und Huth gehuͤllt hatte. In der Hand hielt er eine ſtarke Reitpeitſche mit einem Griffe von Kupfer. Seine langen, magern Schenkel ſteckten in hirſchledernen, mit hoͤrnernen Knoͤpfen verzierten Reitbeinkleidern⸗ Mitten in der Stube blieb er ſtehen, und ſagte mit Wichtigkeit:„Unſere Pferde ſind fertig!“ „Ihr alſo begleitet mich?“ „Ja, bis nach Perth, dort muͤßt Ihr Euch einen andern Fuͤhrer bis Edinburg nehmen.“ Darauf legte er ihm die Rechnung hin, fuͤlte ein Glas, und leerte es andächtig auf eine gluͤckliche Reiſe. Waverley'n aͤrgerte ſeine Unverſchaͤmtheit, er ruͤgte ſie aber nicht, be⸗ zahlte, und gab zu erkennen, daß er fort wollte. — 154— Er ſtieg auf ſeinen Dermid, und ritt aus dem Gaſthofe zum ſiebenarmigen, goldenen Leuchter, von Ebenczer gefolgt, der mit Huͤlfe einer kleinen, dazu beſtimmten Mauer, ſich auf den Ruͤcken ſeiner alten, langhälſigen, durr⸗ leibigen, wundgedruͤckten Stute geſetzt hatte, die uͤberdieß noch den Mantelſack zu tragen hatte. Unſer Held mußte, ſo uͤbel gelaunt er auch war, beynahe uͤber dieſen Stallmeiſter laut lachen: er dachte, wie man ſich uͤber ſolch einen Auf⸗ zug im Schloſſe Waverley wundern wuͤrde, Der Gaſtwirth bemerkte es, und Zorn und Rachſucht erfuͤllte die Seele des Phariſäers. „Auf irgend eine Weiſe ſoll mir's dieſer un⸗ verſchaͤmte Britte noch vor Tagesende entgel⸗ ten,“ brummte er. Callum fing uͤberlaut an zu lachen, als er jene ſonderbare Geſtalt er⸗ blickte, gruͤßte Waverley'n ſehr ehrerbietig, und indem er ihm etwas an den Steigbuͤgeln zu verbeſſern ſchien, fluͤſterte er:„Nehmt Euch in Acht, daß Euch dieſer alte ſchurkiſche Whig nicht einen Streich ſpielt!“ Waverley dankte, und gab ſeinem Pferde die Spornen, um das Geſchrey der Dorfjungen nicht laͤnger zu hören, die den alten Ebenezer betrachteten. Dreyzehntes Kapitel. Der Verluſt eines Hufeiſens iſt zu⸗ weilen ein Unglu“. Waverley's Anſtand, das Nichtachten des Beu⸗ tels mit Gold, den er bey ſich fuͤhrte, gaben ſeinem Begleiter zu vielem Nachſinnen Anlaß, das ihm von der Unterhaltung mit ihm abhielt. Er entwarf verſchiedene Plaͤne dieſen gluͤcklichen Zufall zu benuͤtzen; und brach endlich das Schweigen mit der Nachricht, daß ſeine Stute ein Eiſen verloren habe, und daß Se. Herrliche keit es wohl auf Dero Koſten wuͤrden wieder aufſchlagen laſſen. Dieſe Frage war aber nur eine Probe: denn er wollte ſeine weiteren Forderungen nach der Art einrichten, wie dieſe kleine außerordentliche Auflage aufgenommen werden wuͤrde. Eduard ſchalt, und fragte, wo ſie einen Schmidt finden koͤnnten.— 3wey Schritte von hier, im Dorfe Cairnvrekan,“ war die Antwort,„iſt ein ſehr guter Hufſchmidt; aber da er zugleich Profeſſor iſt, wird er Sonn⸗ tags keinen Nagel unter ſechs Sous fuͤr's Eiſen einſchlagen wollen⸗ Eduard ließ den Preis hin⸗ gehen; wunderte ſich aber einen Profeſſor in dieſem Neſte zu finden; denn er wußte nicht, — — 156— daß man mit dieſem Namen einen Mann be— zeichnete, der im Rufe großer Froͤmmigkeit und Heiligkeit ſteht. Als ſie in's Dorf kamen, fanden ſie die Schmiede mit leichter Mühe weil ſie auch zum Wirthshauſe diente. Sie hatte zwey Stockwerke, war mit Ziegeln gedeckt, und ragte majeſtaͤtiſch uͤber die andern Hütten. Die Schmiede ſchwieg nicht, wie Ebenezer hehaup⸗ tete, ſondern der Ambos hallte von kräftigen Hammerſchlägen wieder, Waffen aller Gattung wurden verfertigt. Vor dem Gaſthauſe ſtanden verſchiedene Gruppen, die 6c) mit politiſchen Neuigkeiten beſchäftigten, und die Reiſenden aufmerkſam muſterten. Bald verdrehten ſie die Angen, bald hoben ſie die Hände und bedeckten ſich trau⸗ rig damit das Geſicht. Sie ſchienen uͤber wich⸗ tige aus dem Hauſe von Zeit zu Zeit einlau⸗ fende Botſchaften nachzuſinnen. „Gibt's was Neues?“ fragte der Gaſtwirth ſeinen gelben, hagern Hals vorſtreckend..„Ich habe was Neues, mit meines Schoͤpfers Huͤlfe ich werde köſtliche Nachweiſung ertheilen.“ Waverley entſchloß ſich auf ſeiner Huth zu ſeyn, ſtieg ab, und gab ſein Pferd einem Kna⸗ ben. Er hatte die Gewohnheit erſt jeden Frem⸗ den in's Geſicht zu ſehen, ehe er ihn vorzugs⸗ — 157— weiſe anredete. Auf einmal eh' er eine Zutrauen verdienende Phyſiognomie entdeckt hatte, hoͤrte er die Namen von Lochill, Clanrond, Glenjury und anderen Haͤuptlingen, vornehmlich den von Vich⸗ Jan⸗Vohr, mit Entſetzen ausſprechen. Er ſah daß man einen Ausfall der Hochlaͤnder erwat⸗ tete, der in Kurzem ſtatt haben ſollte. In der Hoffnung Etwas mehr zu erfahren, näͤherte er ſich einem dicken Weibhe, deſſen maͤnnliche Zuͤge und ſtarker Knochenbau eine athletiſche Kraft ankuͤndigten. Ihr Geſicht war mit Ruß be⸗ ſchmutzt und ſie ließ ein Kind von zweh Jah⸗ ren auf ihrem Arme in die Hoͤhe ſpringen, ohne auf das Schreyen des atmen Geſchoͤpfs zu ach⸗ ten, dazu ſang ſie aus Leibeskräften: Mein Karlchen, mein kleiner Liebling Des Hochlands huͤbſcher Zeuge! hörſt mein Söhnchen, den Lerm vom Gebir⸗ gel.. Sie werden kommen: Nur noch Geduld dabey, Sie ſchleichen ſtill herbey! Der Vulkan von Cairnvreckan erblickte jetzt ſeine Venus, und runzelte fuͤrchterlich drohend die Stirne. Er wollte hervorſtuͤrzen⸗ aber einer der Notabeln miſchte ſich darein, und ſagte:„Lie⸗ be Frau, iſt heut ein ſchicklicher Tag ſolche Lieder — 55— zu ſingen? Wie? Narrheiten, ſingt ihr während der Wein des Zorns in den Becher der Truͤb⸗ ſal gegoſſen wird; an einem Tage, wo das ganze Land gegen die ungerechten Forderungen der Praͤlaten, der Quaͤcker, der Unabhaͤngigen, unb andrer Spaltungen, die unſte Kirche angeſteckt haben, auftreten ſoll?“ „Was ſoll denn das Kauderwaͤlſch bedeu⸗ ten?“ rief die Wirago.„Was geht mich Euer Streit an? Ich kriege nicht beſſer zu eſſen, öb Ihr Recht habt oder Unrecht. Meint ihr, daß ſich die Schwerter an die Entſch dungen neur⸗ rer presbyterianiſchen Synode kehren werden? Glaubt Ihr daß Euere ſchoͤnen Worte die Rache ablenken ſollen?— Da oben ſind mehre herrliche Frauen als unter den Wighs; und ich ſelbſt.“ —— Muklewrath, naͤhere Erklaͤrung fuͤrch⸗ tend, legte ſich mit martialiſcher Gewalt darein: „Mach's Abendbrod zurecht, und hohl dich,“— er murmelte das Folgende in ſich hinein.. „Was redeſt du, du alter Trunkenbold, du alter Tagedieb!“ erwiederte ſeine ſuͤße Hälfte, deren lang verhaltner Zorn, jetzt die gewoͤhnliche Rich⸗ tung nahm.„Du fluchſt den armen Hochlaͤn⸗ dern, die dich auslachen? wär's nicht beſſer du arbeiteteſt damit deine Leute etwas zu eſſen häͤt⸗ ten! Warum beſchlaͤgſt du denn dem jungen Herrn da, der von Norden kommt, nicht ſein Pferd? Ich wette der iſt nicht wie die Dumm⸗ koͤpfe, die nur von ihrem Koͤnige Georg zu re⸗ den wiſſen, wenn's nicht der brave Gordon ſelbſt iſt, ſo iſt er doch gewiß von ſeiner Parthey.“ Alle Blicke kehrten ſich jetzt nach dem Rei⸗ ſenden, der von neuem ſein Pferd zu beſchla⸗ gen bat, weil es, wie er hoͤre, nicht ohne Ge⸗ fahr ſey, ſich länger unterwegs aufzuhalten. Aber der Schmidt ruͤhrte ſich nicht, ſah bald ihn, bald ſeine Frau an, und machte keine An⸗ ſtalt ihren wiederholten Aufforderungen zu ge⸗ horchen.“ „Haſt's denn nicht gehört, alter Saufaus, was der ſchoͤne Junker ſagt?“ „Herr! wie heißt Ihr?“ fragte Muklewrath. „Was verſchlaͤgt Euch mein Name, wenn ich Euch Eure Arbeit bezahle?“ „Da kann der Regierung daran ihh ſeyn, zu wiſſen wer Ihr ſeyd,“ ſagte ein alter Pachter,„ich zweifle, daß man Euch Euern Weg fortſetzen laͤßt, wenn ihr unſerm guten Herrn eure Papiere nicht vorzeigt. „Ich hoffe, antwortete Waverley ſtolz,„Ihr werdet klug und weiſe genug ſehn, um Euch nicht der Gefahr ausſetzen zu wollen: mich ohne beſtimmten Befehl zu verhaften?“ — 160— Die Verſammlung fing an zu flüſtern:'is' der Sekretair Murry—'sis' der Lord Gordon— wer weiß ob nicht gar der Ritter ſelbſt!“ Die Gaͤhrung ward immer ſtaͤrker, und Alles kuͤndigte an, man werde ſich Waverley's weiterer Abreiſe widerſetzen. Er ſuchte ſie durch Sanft⸗ muth zu beruhigen, aber die Schmidtsfrau trat in die Mitte der Gruppe, und ſchrie:“ Was? Ihr waͤret ſo unverſchaͤmt einen Freund des Prinzen zu verhaften?“— denn dafuͤr hielt ſie den Reiſenden—„Wenn Einer von Euch das Ungluͤck hat ihn mit der Spitze des Fingers anzuruͤhren, ſo druͤck' ich ihm alle zehn Gebo⸗ the auf's Geſicht.“ Hier zeigte ſie ihre ner⸗ vigen Arme, und die mit krummen NRaͤgeln be⸗ waffenten Fäuſte, die laͤnger als die Krallen ei⸗ nes Sperbers waren. „Geht ins Haus!,“ erwiederte der Pachter, „nehmt die Kinder dieſes guten Mannes wahr, das iſt kluͤger als uns hier aufzuhalten.“ „Seine! rief die ſchreckliche Amazone, ih⸗ ren Mann mit den allerveraͤchtlichſten Blick an⸗ ſehend ſeine Kinder!“. Will er die große Reiſe machen, Reiſe er je eher je lieber ſchon Zu meinem Witthum werd' ich lachen Veym tapfern jungen Hugel⸗Sohn!— Dieſes zu allgemeinem Erſtaunen mehrmals wiederholte Reimchen machte daß der Schmid alle Geduld verlohr.„Soll mich der Teuſel holen,“ ſchrie er,„wenn ich dir nicht's rothe Eiſen in Schlund ſtoſſe! Wirklich hätte er auch ſeine Drohung erfuͤllt, und zog eben eine Stange aus dem Ofen; aber man fuͤhrte das Weib fort. Waverley wollte dieſen Aufſtand benutzen, um ſich fort zu machen, allein er fand ſein Pferd nicht mehr wo er's gelaſſen hatte; ſein treuer Fuͤhrer hatte bey dem erſten Lerm das Gewuͤhl vevlaſſen, ſich auf ſeine Stute geſetzt, und hielt den Dermid am Zuͤgel. Waverley mochte ihm zuſchreyen wie er wollte, ihm das Pferd zu bringen, er antwortete mit Ruhe:„Nein, nein, wenn Ihr weder die Kirche, noch den Koͤnig liebt, und man Euch als verdächtig hier verhaf⸗ tet, ſeyd Ihr mir Entſchaͤdigung ſchuldig, daß ich Euretwegen die Predigt verſaͤumt habe, und ich behalte Euern Mantelſack und Euer Thier!“ Eduarden riß die Geduld, um die Menge zu ſchrecken zog er beide Piſtolen her⸗ aus, und drohte den auf den Kopf zu ſchießen, der ihn aufhalte, ſeinem Fuͤhrer 5 er auf ihn zu warten. Man hat behauptet, ein mit einer Piſtole bewaffneter Menſch könnte hundert unbewaff⸗ II. 2 — 162— net u Stand halten: denn auch hier zitterten alle fuͤr ihr Leben. Eduard wuͤrde ſich Platz gemacht haben, wenn der Schmidt, dem es lieb war an jemanden ſeinen Zorn auslaſſen zu koͤn⸗ nen, nicht mit der Stange aus der Werkſtatt geſtuͤrzt waͤre. Waverley ſah ſich gezwungen den Wuͤthenden aufzuhalten, und auf ihn zu ſchießen. Der ungluͤckliche Schmidt ſiel, und von Entſetzen ergriffen, dachte jetzt Eduard nicht mehr daran ſich ſeines zweyten Piſtols und ſei⸗ nes Degens zu bedienen. Der Poͤbel warf ſich auf ihn, entwaffnate ihn, und ſchien auf dem Punkt der groͤßten Gewaltthat zu ſeyn, als die Dazwiſchenkunft eines ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, des Dorfpfarrers, ihn davon abhielt. Dieſer tugendhafte Prediger, war allen Se⸗ cten fremd, aber von allen ſeinen Pfarrkindern auf gleiche Weiſe geliebt und geachtet. Ob er ihnen gleich die guten Werke und die Ausuͤbung chriſtlicher Tugenden predigte, vernachlaͤſſigte er doch die heiligen Dogmen nicht. Er verſtand es die Achtung und das Wohlwollen ſeiner Obern zu erhalten, wiewohl er nie die Kanzel in einen Richterſtuhl der Rachſucht und des Haſſes verwandelte. Seine eigenthuͤmliche Sanftmuth, Sittenreinheit und Regelmäͤßigkeit ſeines ganzen Benehmens haben ſtets ſein An⸗ 1 — — denken erhalten. Wenn die Nachkommen der Bewohner von Cairnvrekan von einer Begeben⸗ heit reden, die vor ſechszig Jahren geſchah, ſo ſagen ſie: Es war zu des guten, tugendſamen Sir Mortons Zeiten. Dieſer Geiſtliche war uͤber den Schuß vor der Schmiede erſchrocken. Er befahl ſogleich ſich Waverley'“ Perſon zu bemaͤchtigen, aber ohne ihm Gewalt zu thun, naͤherte ſich dem Koͤrper des Mucklewrath, uͤber den ſich ſeine Frau mit verzweifelnden Händeringen, troſtlos hingeſtürzt hatte. Als man ihn aufhob, ſah man daß er nicht nur am Leben, ſondern auch ohne alle Vetwundung, wiewohl mit genauer Noth, da⸗ von gekonnmen war. Die Kugel tte ihm nur das Geſicht geſtreift, und der Scheck ihn um⸗ geworfen. Seine erſten Worte waren, daß man ſeinen Mörder ſtrafen ſolle, und nur mit Muͤhe brachte ihn Sir Morton dahin, daß er den Schuldigen zum Herrn des Ortes, der zu⸗ zi Friedenstichter war, fuͤhren ließ. Die MWenge, ſogar das Weib, die ſich wieder erholt hülte war damit zufrieden.„Was der ehr⸗ wuͤrdige Herr Paſtor ſagt,“ puh ſie,„dem werde ich mich nicht wiederſetzen, er weiß beſſer als wir, was uns gut iſt; wir müſſen ihm ge⸗ horchen. Ich werde ihn ſchon noch einmal im L 2 — ſchoͤnen Biſchofsornate erblicken, der ihm beſſer ſtehn wird, als ſein zeuchenes Kleid; und ich wuͤnſch' es herzlich.“ Nachdem alſo der Streit geſchlichtet war, brachte man Waverley'n unter Bedeckung aller Dorfbewohner in's Schloß Cairnvreckan, das eine halbe Meile entfernt war. Vierzehntes Kapitel. Verhör. Der Major Melville Cairnwreckan war ein al⸗ ter, unter den Waffen ergrauter Edelmann. Er empfing Herrn Morton mit Achtung und Herzlichkeit, und den Gefangnen hoͤflich, aber kalt und gezwungen, wie es die Umſtaͤnde mit ſich brachten. Nachdem er ſich nach Allem er⸗ kundigt, und geſehn hatte, daß der Schmidt mit dem Schrecken davon gekommen war, endigte er die Sache mit einer Geldbuße fuͤr den Todt⸗ geglaubten. „Ich wollte aufrichtig wuͤnſchen,“ ſagte er zu Waverley'n, daß nun meine Pflicht erfuͤllt wäre; aber ich muß mich nach dem Zwecke Eu⸗ — 165— rer Reiſe erkundigen, da ſich dieſes Land in ſo unſeligen Verhaͤltniſſen befindet.“ Ebenezer nahte ſich dem Friedensrichter, um ihm ſeinen Argwohn mitzutheilen.„Sein Pferd,“ ſagte er,„gehoͤrt den Vich⸗Jan⸗Vohr. Ich mag's nicht geſagt haben, ſonſt zuͤndet mir ſein holliſches Gezuͤcht das Haus einmal nachts ber'm Kopf an.“ Er machte darauf den wich⸗ tigen Dienſt geltend, den er der Kirche und der Regierung geleiſtet habe, indem er mit Huͤlfe ſeines Schoͤpfers, einen Mitſchuldigen des ent⸗ ſetzlichen Vich⸗ Jan⸗Vohr aufgehalten habe. „Ich hoffe,“ fuͤgte er hinzu,„ daß man mich fur die Gefahr, den Zeitverluſt, und die Sonn⸗ tagsreiſe entſchaͤdigen wird.“ Der Major Melville antwortete gravitätiſch: „Statt Verguͤtung zu verlangen fuͤr Eure ver⸗ gebliche Dienſte, ſolltet Ihr eher um Verzeihung bitten, daß Ihr die letzte Verordnung vernach⸗ laͤßigt habt, vermoge welcher jeder Gaſtwirth verbunden iſt, von den Fremden Anzeige zu thun. Was Eure Grundſaͤtze von Rechtlichkeit betrifft, ſo hat Euer Gewiſſen geſchwiegen, um die Gelegenheit zu benuͤtzen, und den Mieth⸗ preis fur Euer Pferd zu verdoppeln. Ich werde dieſe Sache, in der mir der Ausſpruch nicht zu⸗ — 166— kommt, bey der naͤchſten Gemeindeſitzung vor⸗ tragen.“ Der Gaſtwirth ging traurig und beſchaͤmt von dannen. Der Major Melville ſchickte die Einwohrer des Dorfes fort, behielt nur die beiden Gerichtsleute da, und begab ſich mit Herrn Morton und Waverley'n in ein anderes Gemach. Lange ſchwieg Alles. Der Major endlich unterſuchte Waverley's Zuͤge mit Mitlei⸗ den, und indem er von Zeit zu Zeit die Augen auf eine Schrift warf, die er in Haͤnden hielt, unterbrach er das lange Schweigen mit der⸗ Frage:„Wie heißen Sie?“ „Eduard Waverley.“ „Ich da es wohl!„Ihr Stand? Ihr Rang? „Dragoner⸗Rittmeiſter, Neffe Eberhard Wa⸗ verley's.“ „Junger Mann, ſo bedauere ich einen har⸗ ten Auftrag erfuͤllen zu muͤſſen.“ „Ihre Pflicht, Sir, bedarf keiner Entſchul⸗ digung.“ „Sie haben Recht; erlauben Sie mir alſo die Frage: Wie Sie die Zeit angewendet ha⸗ ben, in der Sie Urlanb hatten?“ „Ehe ich auf dieſe Frage antworte, ſo er⸗ lauben Sie mir zu fragen, warum ich ange⸗ — 167— klagt bin, und auf weſſen Befehl ich auf dieſe Frage zu antworten habe?“ „Die Anklage gegen Sie iſt ſehr ernſter Natur, und gravirt ſie eben ſo ſehr als Sol⸗ dat, wie als Bürger. Man beſchuldigt ſie den Geiſt der Emvoͤrung unter die Leute, die unter ihrem Commandoſſtanden, verbreitet; das Bei⸗ ſpiel der Entweichung gegeben, und ihren Ur⸗ laub mit Verachtung der Ordre Ihres Obriſten verlaͤngert zu haben. „Sie ſind des Hochverraths gegen den Koͤ⸗ nig angeklagt, indem ſie gegen ihn die Waffen nehmen.— Man kann keines groͤßern Ver⸗ brechens ſchuldig ſeyn!“ „Welche Obrigkeit befiehlt mir auf ſolche Verleumdungen zu antworten?“ „Eine Obrigkeit, deren Geſetzlichkeit Sie nicht beſtreiten werden.“ Mit dieſen Worten uͤberreichte ihm de Ma⸗ jor einen Verhaftsbefehl in beſter Form, von dem Gerichtshofe von Schottland, für Eduard Waverley Baronnet, des Hochverraths ver⸗ dachtiß, und wegen Unterhandlungen und Ver⸗ bindungen mit den Feinden angeklagt.“— Eduard's Erſtaunen ſchien dem Major Mel⸗ ville ein Beweis ſeiner Schuld, aber Sir Mor⸗ ton erkannte in ihm den Ausdruck ungerecht — 168— angeklagter Unſchuld. Zwey Dinge waren in dieſen Muthmaßungen gegruͤndet. Obgleich Eduarb unſchuldig war, ſo fuͤhlte er dennoch jetzt, daß es ihm ſchwer fallen wuͤrde, ſein Be⸗ nehmen zu rechtfertigen. „Daß iſt das Traurigſte bey dieſem un⸗ glͤcklichen Handel,“ ſagte Melville,„daß ich Ihnen Ihre Papiere abfordern muß.“— „Die ſollen ſogleich zu Dienſten ſtehen,“ ſagte Eduard, indem er ihm ſeine Brieftaſche uͤbergab.„Einen Brief hab' ich den ich nicht zu leſen bitte.“ „Ich fuͤrchte Ihrem Wunſche nicht Gnuͤge leiſten zu koͤnnen!“ „Nun denn, mein Herr, ſo leſen Sie ihn: aber, da er Ihnen von keiner Wichtigkeit ſeyn wird, ſo bitte ich ihn mir wieder zu geben.“ Bey dieſen Worten zog er den Brief, den er dieſen Morgen erhalten hatte aus dem Buſen, und uͤberreichte ihn mit dem Umſchlage. Der Ma⸗ jor las ihn ſchweigend., befahl ſeinem Schrei⸗ ber Abſchrift davon zu nehmen, und gab ihn dann ernſthaft mit bekuͤmmerter Miene zuruͤck. Nachdem er ihm einige Augenblicke ſich zu ſammeln gegeben hatte, fuhr er in dem Ver⸗ hoͤre fort, welches niedergeſchrieben ward. — 569— „Sir Waverley kennen Sie den Unteroffi⸗ cier Humphrey Hongton in ihren Regiment?“ „Ja! ſehr gut er ſteht in meiner Schwa⸗ dron, und iſt der Sohn eines Pachters meines Oheims.“ „Sehr wohl! Beſaß er nicht Ihr Zutrauen? Kannte er nicht alle Geheimniſſe ſeiner Kame⸗ raden?“ „Eines ſolchen Menſchen bedarf ich nicht zum Vertrauten. Ich war ihm geneigt, weil er ſehr thaͤtig, ſehr ſcharfſichtig war, und ich glaubte, daß er dieſelben guten Eigenſchaften ſeinen Kameraden wuͤrde einflößen koͤnnen. „Sie haben ihn aber zu Unterhandlungen mit den Junglingen von Waverley angewendet.“ „Ich leugne es nicht; dieſe armen Leute ſtanden in einen aus Schott- und Irrlaͤndern beſtehenden Regimente; ſie wandten ſich bey je⸗ dem ihren Anliegen an mich, und daher war es ſehr natuͤrlich, daß ſie ihren Landsmann den Brigadier, zum Dollmetſcher waͤhlten.“ „So geben Sie zu, daß er bey allen von Ihnen mitgebrachten Recruten einen großen Einfluß hatte?“ „Ja! aber was hat dieſes mit meiner Ver⸗ haftung gemein?“ — 170— „Das will ich Ihnen ſagen; anworten Sie mir aber auf das Wahrhafteſte. Standen Sie ſeit Ihrem Urlaube mit dieſem Brigadier im Briefwechſel?“ „Was haͤtt' ich denn mit einem ſolchen Menſchen zu correſpondiren gehabt? Warum und aus welcher Abſicht hätte ich es gethan?“ „Das ſollen Sie mir eben erklaͤren. Haben Sie ihm keinen Auftrag wegen Buͤchern ertheilt?“ „Deſſen erinnere ich mich, es war unbeden⸗ tend, und geſchah, weil mein Bedienter nicht leſen konnte. Ich beauftragte ihn, mir die Buͤcher, die ich ihm aufgeſchrieben hatte, nach Tully⸗Weolan zu ſenden.“ „Was waren es fuͤr Buͤcher?“ „Groͤßtentheils Werke unſter beſten Schrift⸗ ſteller, zur Leetuͤre fuͤr eine junge Dame be⸗ ſtimmt.“ „War nichts Aufruͤhreriſches, kein Pamphlet, keine gefaͤhrliche Abhandlung dabey?“ „Ich geſtehe, daß auch politiſche Schriften dabey waten, aber ich habe ſie mit großem Widerwillen geleſen. Sie wurden mir von einem ſehr zaͤrtlich mich liebenden Freunde, deſſen Herz beſſer iſt, als ſein Kopf, zuge⸗ ſchickt; er verſteht ſich nicht auf Politik, aber ſeine Geſinnungen ſind groß und edel.“ — 171— 7 Dieſer tugendhafte Freund iſt Herr Pem⸗ brocke, ein unbeſtaͤtigter Geiſtlicher, der die beiden abſcheulichen Manuſeripte verfaßt hat, die man in Ihrem Gepäcke fand.“ „Auf Ehre, ich habe nicht ſechs Seiten davon geleſen.“ „Ich bin nicht Ihr Richter, Sir Waver⸗ ley; Ihre Antworten werden dem Gericht uͤber⸗ geben. Kennen Sie einen gewiſſen Wily oder Witte Ruthien?“ „Nie habe ich dieſen Namen gehoͤrt.“ „Bedienten Sie ſich nie ſeiner Vermitte⸗ lung, um den Brigadier Humphrey Honton zur Deſertion mit ſeinen Kameraden zu ver⸗ anlaſſen, um ſich zu den Hochlaͤndern und andern Empoͤrern zu begeben, welche die Waf⸗ fen fuͤr den jungen Praͤtendenten ergriffen haben?“ „Ich kann auf meine Ehre verſichern, daß ich nie an dieſem Complotte Theil genommen habe, und daß ich mich, auch um des erſten Erdenthrones willen, einer ſolchen Verraͤtherey nicht ſchuldig machen wuͤrde.“ „Und dennoch, Sir, wenn wir dieſe Adreſſe von einem Haͤuptlinge der Inſurgenten betrach⸗ ten, wenn wir dieſes Ihnen zugeeignete Gedicht erwägen, ſoll man da nicht eine Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen und dem Capitain Wogan fin⸗ den, den man Ihnen zum Beyſpiel aufſtellt?“ Waverley blieb wie verſteinert. Er wendete ein, daß die auf ihn gerichteten Hoffnungen noch kein Beweis ſeiner Schuld waͤren; aber der Major wandte ein, wie er gewiß wiſſe, daß er nicht aus den Schlöſſern der Empoͤrer⸗ haͤuptlinge weggekommen ſey. „Ich leugne nicht, bey ihnen geweſen zu ſeyn,“ antwortete er,„aber ich betheure auf Ehre, ihre Vorſätze nicht gekannt zu haben.“ „Sir! Ihr koͤnnt nicht leugnen, bey einer großen, unter dem Namen eine Parforgejagd verborgenen Zuſammenkunft der Vutflinge mit zugegen geweſen zu ſeyn.“ „Ich kann dieſes nicht— ich betheure, daß ich ihre Plaͤne nicht gekannt habe.“ „Und dann reiſtet Ihr mit genn und mehreren andern ab, um Euch zum Heer des jungen Pradententen zu verfuͤgen; nachdem Ihr ihm Eure Aufwartung gemacht, kamt Ihr zuruͤck, den Ueberreſt der Staͤmme zu ordnen, zu bewaffnen, und die andern Horden zuſam⸗ men zu ziehn.“ „Nie habe ich aͤhnliche Ausfluͤchte mit Glen⸗ naquvich gemacht; nie habe ich von der genann⸗ ten Perſon gehört, daß ſie in dieſer Gegend war.“ Und nun erzaͤhlte Waverley mit der groͤß⸗ ten Genauigkeit Alles, was ihm auf der Jagd begegnet war, und wie er erſt bey ſeiner Ruck⸗ kehr unruhige Bewegungen unter den Hoch⸗ ländern bemerkt habe; daß, da er nicht den geringſten Vorſatz gehabt haͤtte, ſich zu ihnen zu begeben, er ſich in ſein Geburtsland, nach dem Befehle ſeiner Verwandten, habe zuruͤck begeben wollen. Er bat den Major, die gan⸗ zen Briefſchaften zu leſen, welches dann auch geſchah, aber die Folgerung zum Grunde hat⸗ ten, daß ſie insgeſammt Rache athmeten, wel⸗ che Miß Rahela ſogar ausgeſprochen, und ſich offen fuͤr die Sache der Stuarte erklärt habe.. Auch dienten ſie keinesweges zu ſeiner Recht⸗ fertigung.— „Sir Waverley,“ ſagte der Major,„ver⸗ goͤnnt mir eine Frage: Hat der Obriſte nicht mehrmals an Euch geſchrieben, zuruͤck zu kom⸗ men, und wie man ſich Eures Namens be⸗ diene, den Geiſt der Deſertion in der Schwa⸗ drone zu verbreiten?“ „Nein Sir. Der Obriſte ſchrieb mir erſt⸗ lich auf das Hoͤflichſte und Freundſchaftlichſte, mich nicht zu lange auf dem Schloſſe von 2— 174— Bradwardine aufzuhalten, aber er gab mir in dieſer Hinſicht keine Ordre. Einen zweyten Brief von ihm erhielt ich an eben dem Tage, als ich aus den Zeitungen meinen Abſchied er⸗ fuhr; mir blieb nicht mehr die Zeit uͤbrig, ſeinem Befehle zu gehorchen. Wenn er mir andre Briefe geſchrieben hat, ſo betheure ich, keine erhalten zu haben. Er befahl mir, bin⸗ nen drey Tagen bey meinem Regimente mich einzuſtellen, wenn ich nicht als abweſend, ohne Abſchied, angegeben ſeyn wollte.“ „Sir Waverley, noch eins, was ich ver⸗ gaß, und was fuͤr das Publikum hoͤchſt ent⸗ ſcheidend zu Euerem Nachtheile geweſen iſt: Ihr ſollt einen Toaſt der Empoörung haben ausbringen laſſen; und wiewohl Officier Sr. Majeſtät, littet Ihr, daß ein anderer dieſe Beleidigung raͤchte. Das koͤnnen Euch die Ge⸗ richtsſtuͤhle nicht zum Verbrechen machen, allein wenn Euch die Officiere Eures Regiments, wie man mir geſagt hat, daruͤber eine Erklaͤrung abforderten, ſo wundert mich's, daß Ihr ſie ihnen, als Edelmann und Soldat, nicht pflicht⸗ maͤßig beantwortet habt.“ Fuͤr den armen Eduard war das zuviel. Niedergeſchmettert durch dieſe Maſſe von Be⸗ ſchuldigungen, wo ſich Luͤgen und Wahrheit auf eine ſchwer zu ſondernde Weiſe paarten; allein, ohne Freunde, in der Fremde, glaubte er am Ziele ſeiner Tage zu ſtehen.— Voll Betrubniß ſtuͤtzte er ſein Haupt mit der Hand, ſeſt entſchloſſen, auf keine Frage mehr zu ant⸗ worten, da ſeine Aufrichtigkeit zu nichts ande⸗ rem, als zu Waffen gegen ihn gedient hatte. Den Major erſchutterte das nicht, er ſetzte ſein Verhoͤr ruhig fort⸗ „Was hilft es mir, Euch zu antworten,“ ſagte Ednard mit erſtickter Stimme,„da Ihr uͤberzeigt zu ſeyn ſcheint, daß ich ſchuldig bin, und meine Antworten Euch nur in Euerer Meinung beſtaͤtigt haben. Genießt die Freude Eueres Triumphs; aber laßt ab, mich zu qua⸗ len. Bin ich jener niedertraͤchtigen Feigheit, jener erſchrecklichen Untreue faͤhig, deren Ihr mich anklagt, ſo verdiene ich nicht den gering⸗ ſten Glauben; ich verlaſſe mich auf den, der in den Grund der Herzen ſieht, da mein Ge⸗ wiſſen mir nichts vorwirft. Ich wiederhole es Euch, ich will Euch keine Waffen mehr in die Hand geben, um meine Unſchuld zu beſie⸗ gen; gebt Euch weiter keine Muͤhe, ich ant⸗ worte nun nicht mehr.“ Und abermals ließ er den Kopf in die Hand ſinken. „Sir Waverley,“ erwiederte der Friedens⸗ 5 richter,„erlauben Sie mir, Sie zu erinnern, ſich nicht willkuͤhrlich der Mittel zu Ihrer Ver⸗ theidigung, welche Ihre Aufrichtigkeit allein bewirken kann, zu berauben. Ein junger Menſch ohne Erfahrung kann leicht in treulos und geſchickt gelegte Schlingen fallen. Mac Jvor koͤnnte wohl zu denen gehoͤren, welche unter der Larve der Freundſchaft, nicht miß⸗ trauiſche Jünglinge, wie Sie, die mit den Sitten und Character der Hochlaͤnder voͤllig unbekannt ſind, ſicherer zu taͤuſchen ſuchen Ich moͤchte faſt glauben, daß er Sie betrogen hat, und daß Sie unvorſaͤtzlich ſtrafbar wurden; allein da Ihnen nun alle Plaͤne und Entwuͤrfe der Inſurgenten bekannt ſeyn muͤſſen; ſo erlau⸗ ben Sie mir, Ihre Offenheit durch ein auf⸗ richtiges Geſtaͤndniß, Alles was ſie wiſſen, deßhalb in Anſpruch zu nehmen, weil ich mich fuͤr Ihre ungluͤcktiche Lage intereſſire. Ich kann Ihnen vermoͤge derſelben, wo nicht voͤl⸗ lige Verzeihung, zum wenigſten zur Milderung Ihrer Strafe, in einige Tage Verhaftung, Hoffnung machen.“ Waverley hatte dieſe lange Ermahnung ſehr aufmerkſam angehoͤrt; nun erhob er ſich aber mit einer noch nicht bezeigten Heftigkeit von ſeinem Stuhle und ſagte: — 1 57— „Herr Major, bis jetzt habe ich Euere Fragen mit der groͤßten Aufrichtigkeit beant⸗ wortet, weil ſie mich allein betrafen; aber da Ihr mich fuͤr faͤhig haltet, die niedere Rolle eines Anklaͤgers meiner Gaſtfreunde zu uͤber⸗ nehmen: ſo erklaͤre ich dieſes Anſinnen fuͤr hoͤchſt ehrenruͤhrig. Da es, in meiner gegen⸗ wärtigen Lage, nicht in meiner G walt ſteht, von Euch auf eine andre Weiſe Genugthuung zu fordern, ſo ſollt Ihr wiſſen, daß Ihr mit eher das Herz aus dem Leibe, als nur eine Sylbe entreißen koͤnnt. Herr Morton und der Major ſahen ſich einander an, und dieſer nahm Schnupftaback und trocknete ſich die Augen. Hierauf ſprach er:„Sir Waverley, mein Amt verbiethet mir auf das Strengſte, Ihnen die geringſte Schmaͤhung zu ſagen, noch dergleichen von Ihnen zu leiden, alſo genug hievon. Mein Haus ſoll Ihnen zum Gefaͤngniſſe dienen; ich wuͤrde Sie zum Abendeſſen einladen; aber Sie moͤchten mir es wieder abſchlagen. Sie ſollen Alles auf Ihr Zimmer erhalten.“ Eduard verbeugte ſich, und begab ſich, unter Begleitung, in ein kleines, reinliches Gemach: ſchlug Alles aus, und warf, ſich von Schmerz und Kummer auf das Bette. Er⸗ II. M — 178— muͤdet, wie er war, fiel er wider ſeine Er⸗ wartung in tiefen Schlaf; man erzaͤhlt ja aber auch, daß die Nordamertkaniſchen Wilden, nach einer langen, ſchmerzhaften Tortur, faſt im Begriffe, den Geiſt aufzugeben, ſo tief in Schlaf fallen, daß man ſie nur mit einem gluͤ⸗ henden Eiſen aufzuwecken im Stande iſt. 5 Funfzehntes Kapitel. Eine Unterredung und deren Folgen. Der Major hatte Herrn Morton bey dem Verhoͤre behalten, theils daß ihm dieſer mit ſeinen Einſichten beyſtaͤnde, theils weil es ihm ſchmeichelte, einen Zeugen ſeines geradſinnigen Verfahrens und freundlichen Benehmens bey dem Verhoͤre eines jungen, edlen, vornehmen und reichen Erben einer angeſehenen Engliſchen Familie, zu haben. Er that Alles, um ihm aus der Verlegenheit zu helfen, ohne jedoch ſeine Pflicht zu verletzen. So wie Eduard fort war, ſetzten ſich der Herr und der Paſtor von Cairnvreckan zum Abendeſſen; ſchwiegen aber, ſo lange die Bedienten zugegen waren, und ſchienen beide mit tiefem Nachdenken uͤber die Sache beſchaͤftigt. Waverley's Jugend und die Aufrichtigkeit, welche er gezeigt hatte, con⸗ traſtirten auffallend mit dem auf ihm laſtenden Argwohne. Die edle Natürlichkeit ſeiner Ant⸗ worten und die heitere e ſeines Geſichts erlaubten nicht, ihn fuͤr einen gewoͤhnlichen Raͤnkeſchmidt zu halten, und Alles ſprach zu ſeinem Vortheile. Sie waren beit ſcharſſich⸗ tige, urtheilsfaͤhige, einſichtsvolle Maͤnner, und dachten jetzt tief uͤber alle P des Verhoͤrs nach, aber jeder folgerte und ſchloß ſehr rich⸗ tig nach der ihm durch ſeine K ziehung, Ge⸗ ſchäfte und Gewohnheiten erlangten eigenen Empfindungsart. Der Major, welcher einen Theil ſeines Lebens auf Feldzuͤgen und in Fe⸗ ſtungen zugebracht hatte, verband Wachſamkeit mit Vorſicht und Klugheit, und hatte durch genaue Beobachtung zahlreicher Verbrechen der verſchiedenſten Menſchen eine Kenntniß ihres Herzens erlangt, welche ihn zu einer gerechten, aber ſtrengen, und ſelbſt bisweilen rauhen, obrigkeitlichen Perſon machte. Herr Morton hingegen war, ſo wie er das Collegium, in dem ihn ſeine Mitſchuͤler und Vorgeſetzten mit gleicher Liebe umfaßten, verlaſſen hatte, zu dem Amte berufen worden, welches er noch M 2 — 180— bekleidete. Selten kam ihm ein Verbrechen vor, nie lag es ihm ob, zu ſtrafen, ſondern nur Buße zu predigen. Seine Pfarrkinder wett⸗ eiferten unter einander, ihm Liebe und Achtung zu bezeigen, und vor ihm ſorgfältig Alles zu verbergen, was ihn nur irgend betruͤben konnte. Es war gleichſam zum Sprichworte unter ihnen geworden, daß ſie ſagten, der Major habe von allem Boͤſen, der Pfarrer hingegen von allem Guten, das im Kirchſpiele ſich zutrage, die genaueſte Kenntniß. Seine Liebe zu den ſcho⸗ nen Wiſſenſchaften, welche geziemend den Pflich⸗ ten ſeines Amtes untergeordnet war, erwarb ihm bey Gebildeten ungemeine Achtung. Sein Geiſt war lebhaft, ja ſogar etwan Iſchwaͤrmeriſch. Der fruͤhe Verluſt einer liebenswuͤrdigen, jungen Gattinn und eines Sohnes, der ſeiner Mutter bald in dir Gruft nachgefolgt war, hatte ihn ſchwermuͤthig gemacht und Liebe zum Nachden⸗ ken eingefloßt; und es war daher nicht zu ver⸗ wundern, daß die Gefuͤhle, welche ſich in die⸗ ſem Augenblicke ſeiner bemeiſterten, gaͤnzlich von denen eines eifrigen Presbyterianers, ſtrengen Friedensrichters oder unempfindlichen Hofmanns abſtachen. Als ſich die Bedienten entfernt hatten, und ſie bey ihrer Flaſche mit Bordeauxer allein ſaßen, ſagte der Major:„Ich fuͤrchte, der arme, junge Menſch wird ſich nicht aus dieſem Handel ziehen können!“„Ich wage das Ge⸗ gentheil zu hoffen, Herr Major!“—„Nicht weniger, als Sie, wuͤnſch' ich das, allein ge⸗ wißlich duͤrfte es Ihnen ſchwer fallen, eine Viertelsprobe ſeiner Unſchuld zu geben.“— „Eine Viertelsprobe?— Alles, was ich ge⸗ hoͤrt habe, ſcheint mir ihn zu rechtfertigen!“ —„Sie guter, lieber Mann! Sie moͤchten freylich gern die Milde der Kirche allen Schul⸗ digen angedeihen laſſen!“—„Reue und Vergebung, Herr Major, ſind die Grund⸗ veſte der Lehre, die ich verbreiten ſoll.“— „Sie ſprechen, wie ein wuͤrdiger Geiſtlicher, aber Ihr Vergebungsſyſtem würde der Geſell⸗ ſchaft ſehr ſchaͤdlich ſeyn⸗ Ich will das gerade nicht hier anwenden ich wuͤnſche in der That, dem Juͤnglinge nützlich werden zu koͤnnen; ich liebe ſeine Beſcheidenheit und Lebhaftigkeit; aber ich vermuthe doch, er hat ſich verwickelt, und es wird unmoͤglich ſeyn, ihn zu retten.“— „Aus welchen Gruͤnden fuͤrchten ſie dieſes? Tauſend Unvorſichtige, Uebelberathene ſind jetzt gegen die Regierung bewaffnet, die den Grund⸗ ſaͤtzen zu folgen glauben, die ſie, ſo zu ſagen, mit der Muttermilch eingeſogen haben, und die * — 182— Maͤrtyrerpalme zu verdienen denken.— Die Gerechtigkeit wird ihre Opfer waͤhlen, nicht aber Alle zerſtoͤren; ſie wird die urſachen der Empoͤrer unterſuchen. Diejenigen, die, um eintraͤgliche Stellen zu erhalten, ſich nicht ſcheuten, des Buͤrgerkriegs verheerende Fackel anzuzuͤnden, ſollen ihr Verbrechen buͤßen, nicht aber von vorgeſpiegelten Taͤuſchungen des Rit⸗ terſinns und der Rechtlichkeit verblendete, junge Lehte;— dieſe haben Gnade zu hoffen.“— „Lieber Herr Morton, wenn ſich ſolche Taͤu⸗ ſchungen mit Hochverrathe paaren, ſo kann kein Richterſtuhl in der ganzen Chriſtenheit ſie los⸗ ſprechen.“—„Ich ſehe nicht ein, daß dieſer unvorſichtige Juͤngling ſo Uebels beabſichtiget haben ſollte.“—„Weil Ihr Verſtand immer von Ihrer Herzensguͤte hintergangen wird. Hoͤ⸗ ren Sie mich einmal an, lieber Freund! Der junge Mann ſtammt aus einem Geſchlechte, deſſen Anhaͤnglichkeit an das Haus Stuart be⸗ kannt iſt; ſein Oheim war beſtaͤndig ein Ober⸗ haupt der Tory's in ſeinem Canton; ſein Vater naͤhrt den Ingrimm eines in Ungnade gefallnen Hofmannes; ſein Erzieher iſt ein unbeſtaͤtigter Geiſtlicher, und der Verfaſſer zwey ungeheurer Baͤnde, die offenbar Aufruhr predigen. Zum Regimente brachte er mehrere Recruten von den Guͤtern ſeines Oheims, die unterwegs die dort eingeſogenen Grundſaͤtze zu erkennen gaben; er war uͤbertrieben aufmerkſam und gefaͤllig ge⸗ gen ſie, gab ihnen mehr Geld, als ſie brauch⸗ ten, und dadurch die Mittel, gegen die mili⸗ tairiſche Disciplin zu fehlen. Er hatte ſie un⸗ ter einen Brigadier geſetzt, der ſein Unterhaͤnd⸗ ler war, und er war der einzige Officier, dem ſie gehorchten, da ſie ſich gegen alle uͤbrigen mehr als gleichgiltig ſtellten.“—„Alles das, lieber Here Major, beweiſt nur ihre aufrich⸗ tige Anhaͤnglichkeit an den jungen Herrn, und ihre uͤbele Lage in einem, faſt allein aus Schotten und Ireländern beſtehenden Regi⸗ mente, welche ſtets bereit waren, der Religion wegen ſich mit ihnen zu zanken.“—„Da antworten Sie abermals wie ein wahrer Geiſtlicher. Wenn aber nur mehrere von Ih⸗ nen da waͤren!— Nun alſo: der junge Herr nimmt Urlaub, und geht nach Tully⸗Weo⸗ lan.— Des Baronnets von Bradwardine Grundſaͤe ſind jedermann bekannt, der Dienſte zu geſchweigen, die ihm Waverley's Oheim in dem Kriege von 1716 leiſtete. Auf ſeinen Antrieb ſchickte der junge Mann ſein Patent zuruͤck. Der Obriſte ſchrieb ihm mehrmals mit Guͤte, dann ernſter, wie er mir ſelbſt geſast — 184— hat. Das Officiercorps verlangte Erklärung von ihm, wegen eines gehabten Streites, er antwortete niemand. Nun zeigten ſich die Rei⸗ ter ſeiner Schwadrone aufſaͤtzig, und als die Emporung ausbrach, ertappte man den Briga⸗ dier und einen ſeiner Freunde, in Unterhand⸗ lung mit einem Franzoſiſchen Emiſſair, den der Capitain Waverley geſchickt haben ſoll, ſie zur Entweichung und in's Hauptquartier des Prinzen Carl einzuladen. Zu gleicher Zeit blieb er in Glennaquoich, bey dem aller thaͤtig⸗ ſten, verſchlagenſten, entſchloſſenſten der Jaco⸗ biten; begleitete ihn zum beruͤhmten Jagdver⸗ eine, wo nicht noch weiter. Der Obriſte ſchrieb zweymal auf's neue, erſt um ihm von dem Geiſte des Aufruhrs in ſeiner Schwadron Nach⸗ richt zu geben, dann um ihm das Zuruͤckkom⸗ men zu empfehlen. Statt zu gehorchen, ver⸗ langte er ſeinen Abſchied.— Er war ſchon abgeſetzt.— Das iſt wahr, allein er bedauerte, daß man ihm zuvor gekommen ſey. Nun ver⸗ haftete man in der Garniſon und in Tully⸗ Weolan ſeine Sachen, fand eine Sammlung jacobitiſcher Pamphlets, die ein ganzes Land anſtecken könnten, und zwey Manuſeripte von Herrn Pembrocke, die eben ſo ſind.“ „Er ſagte ja er hätte ſie nicht geleſen!“— —— „Das möcht' ich ſonſt wohl glauben, denn der Styl iſt ſchwerfaͤllig und dumm, und die Lehrart abſcheulich; aber kann man glauben daß er ſie umſonſt bey ſich fuͤhrte? Als er die Annäherung der Empoͤrer erfaͤhrt, verkleidet er ſich ſo gut er kann, weigert ſich ſeinen Namen zu ſagen, und— wenn man den alten Schwaͤr⸗ mer aus dem goldenen Leuchter glauben darf— reitet ein Pferd des Glennaquoich. Er hat Briefe von ſeinen Verwandten bey ſich, die Zorn und heftigen Haß gegen das Haus Braunſchweig ausſprechen; ein Gedicht zu Ehren des aufruͤh⸗ reriſchen Wogan's, der die Dienſte des Par⸗ lament verließ, um zu den bewaffneten Hoch⸗ laͤndern uͤberzugehen, er fuͤhrte einen Engliſchen Reiterhaufen mit hinuͤber, und wandte Alles an, die Stuarte wieder auf den Thron zu ſetzen. Verweiſt ihn nicht Fergus⸗Mac⸗Jvor auf dieſes Beyſpiel!— Hat er nicht ſchon Feuer auf einen treuen Unterthan des Koͤnigs gege⸗ ben? Kann man ſich in ſeinen Entwuͤrfen ir⸗ vreh“— Herr Morton war zu klug dem Friedens⸗ richter, der ſich warm geſprochen hatte, zu wi⸗ derſprechen; ſeine Bemerkungen wuͤrden ihn nur in noch groͤßere Hitze gebracht haben; er begnuͤgte ſich daher mit der Frage: was er mit ihm anfangen wolle.„Daruͤber bin ich ſehr ver⸗ legen; Sie kennen den Zuſtand des Landes.“— „Koͤnnte man ihn nicht ſo lange hier be⸗ halten, bis der Sturm ſich gelegt haͤtte? Seine Jugend, ſeine Herkunft verlangen vielleicht die⸗ ſe Gunſt von Ihnen?“—„Lieber Freund, mein Haus, und das Ihrige, wird, eins ſo wenig wie das andere, vor dem Sturme geſchuͤtzt ſeyn, der uns umbraußt. Der commandirende General hat abgeſchlagen den Inſurgenten zu Corryerick eine Schlacht zu liefern. Er hat ſich zuruck⸗ gezogen, und nichts haͤlt die Hochlaͤnder auf in ihrem Marſche nach dem flachen Lande.“— Gott! Was ſagen, was ſagen Sie! iſt das Feigheit, Verraͤtherey oder Unwiſſenheit?“— „Mir ſcheint keines von dieſen der Beweggrund ſeiner Handlungsart zu ſeyn. Er iſt in ge⸗ woͤhnlichen Verhaͤltniſſen gut und brav, thut was ihm geheißen wird; weiß ſich aber in ei⸗ ner bedenklichen Lage ſo wenig ſelbſt zu helfen, als ich es wiſſen wuͤrde an Ihrer Stelle auf die Kanzel zu treten.— Ich denke,“ lenkte jetzt der Major wieder ein,„den jungen Mann einen auf Werbung in entlegene Diſtrickte aus⸗ ziehenden Freycorps zu uͤbergeben, von dem eine Abtheilung, die ſich in die Veſtung Stirling begibt, morgen hierdurch kommt.“— „Wie heißt ihr Anfuͤhrer?“—„Sie ken⸗ nen Ihn, es iſt Gilſillan, von dem Sie mir geſagt haben, daß er in allen Stuͤcken Crom⸗ wells frommen Kriegern gleiche.“—„Gilfil⸗ lan, der Cameronianer? Da wuͤnſch ich daß unſer junger Mann ſicher ſeyn mag! Das Men⸗ ſchenherz iſt zu furchtbaren Veraͤnderungen ge⸗ neigt! ich fuͤrchte, daß dieſer Sertirer weder zu vergeben gelernt hat, noch gut und barmherzig iſt.“—„Er hat Waverley nur in das Staats⸗ gefaͤngniß zu bringen; und ich werde ihm an⸗ empfehlen, ihn mit Achtung zu behandeln⸗ Ich verſicheve Ihnen, daß ich kein beſſeres Mittel weiß, ihn zu retten; und ich bin uͤberzeigt, daß Sie ſelbſt mir nicht rathen werden, es auf mich zu nehmen, ihn in Freiheit zu ſetzen⸗“ Darf ich ihn wohl morgen fruh allein ſpre⸗ chen?—„O ja, recht gern, Herr Morton! Ihre Redlichkeit und Ihr Character buͤrgen mit hinlaͤnglich; aber, warum wollen Sie es?“— „Ich will verſuchen, ob ich ihn nicht zu einem Geſtändniß bringen kann, wodurch wir ſein Vergehen, wenn auch nicht entſchuldigen, doch wenigſtens verringern koͤnnen.— Beide Freunde verließen einander mit ſchmerzlichen Empfindungen uͤber die Lage ihres Landes. ———————— — 188— Sechszehntes Kapitel. ———— Vertraulichkeit. Nach einet unruhigen, tranmvollen Nacht, ver⸗ ſank Waverley in das tieſſte Nachdenken uͤber ſeine traurige Lage.„Fuͤhrt man mich vor das Kriegsgericht,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſo habe ich keine Nachſicht zu erwarten. In den ge⸗ genwaͤrtigen Umſtaͤnden werden Alle, welche die Fackel des Buͤrgerkriegs entflammt zu haben ſcheinen, ſchonungslos und ungehoͤrt verdammt. Vor dem Schottiſchen Gerichtshofe wird es mir nicht beſſer gehen; er iſt in der Wahl ſeiner Schlachtopfer eben nicht ſehr bedenklich, und der ſchwaͤchſte Schein dient ihm als Beweis.“ Dieſe Betrachtungen machten, daß er die Regierung verwuͤnſchte, welche er als urheberinn der Ver⸗ legenheit anſah, worin er ſich befand. Er be⸗ reuete Mac⸗Jvor's Rathe nicht gefolgt zu ha⸗ ben.—„Wie konnte ich nur Anſtand neh⸗ men,“ fagte er zu ſich ſelbſt,„mich mit ſo vie⸗ len ehrenwerthen Maännern zu verbinden, und ihnen zu helfen, den Abköͤmmling unſter recht⸗ mäßigen Koͤnige auf den Thron zu ſetzen? Die Waverley's haben ſich ſtets durch treue Anhaͤng⸗ lichkeit an die Familie Stnart ausgezeichnet. — 189— Die Art, wie Major Melville die Briefe mei⸗ nes Vaters und Oheims ausgelegt hat, laßt mir keinen Zweifel über ihre feurigen Wuͤnſche übrig, mich auf der Bahn unſrer Vorfahren wandeln zu ſehen. Weil ich ihnen nicht gehorcht, habe ich meine Freyheit verloren. Warum folgte ich nicht der erſten Regung meines gerechten Unwillens uͤber meine ſchimpfliche Entlaſſung? Ich waͤre frey, haͤtte die Waffen in der Hand, und foͤchte, wie meine Ahnen für Liebe und Ruhm. Hier bin ich allein in einem fremden Lande, in der Gewalt eines gefuͤhlloſen Rich⸗ ters, und muß gewaͤrtig ſeyn aus einem ſchreck⸗ lichen Kerker auf das entehrende Blutgeruſt ge⸗ bracht zu werden. O Fergus, wie bald iſt deine Muchehtihuns erfuͤllt worden!“ Herr Marton trat eben bey Eduarden ein, als ſich dieſer ſolchen ſchmerzlichen Erwägungen üͤberließ. Waverley's erſter Gedanke, da er ihn ſah, war, ihn zu bitten, ſeine Einſamkeit nicht zu ſtoren, und ihm mit ſeinem Vorſatze bekannt zu machen, daß er nicht aufgelegt ſey, auf ſei⸗ ne Fragen zu antworten und ſich in ein Ge⸗ ſpraͤch mit ihm einzulaſſen; er aͤnderte aber dieſe Geſinnung als er einen Blick auf das gů⸗ tevolle, offne, edle Geſicht des Geiſtlichen warf, der ihn ſchon vor der rohen Wuth der Dorf⸗ — 1 90— bewohner geſchutzt hatte. Er dankte ihm jtt dafuͤr, ſo gut er es vermochte. „Mein Beſuch,“ ſprach Morton,„hat eune 6 andere Abſicht als Ihnen nuͤtzlich zu werden. Der Major Melville, der mich mit ſeiner Freund⸗ ſchaft beehrt, mußte ſeiner Schuldigkeit nach⸗ kommen; ich habe nur der Liebe geheiliste Pflicht zu erfüllen, und mein Amt befiehlt mir nachſichtig zu ſeyn. Ich will mich in den Stand ſetzen, ihre Unſchuld beweiſen zu koͤnnen. Daß ich dazu die eifrigſte Bereitwilligkeit habe, da⸗ von halten ſie ſich üͤberzeigt. Haben Sie die Guͤte, mein lieber, junger Freund, und geben Sie mir alle Mittel an die Hand, Ihnen die⸗ ſen Dienſt zu leiſten; Sie konnen ſich niemand ſicherer anvertrauenaals mir.“ „Ohne Zweifel ſind ſie ein fragte Eduard, worauf Morton durch Neigung ſeines Hauptes antwortete, und jener fortfuhr: „Wenn ich die Vorurtheile hoͤrte, in denen ich Kiee ſo wuͤrde ich glauben, mißtrauiſch gegen Sie ſeyn zu müſſen; aber ich weiß, daß ſie ungerecht ſind⸗ und daß der unterſchied der Meinungen die Geſinnungen eineß rechtſchaffe⸗ nen Mannes nicht aͤndert.“ „Wehe dem, der anders denkt⸗ erwiederte Monvn⸗ wehe dem, der die Ceremonien fuͤr den weſentlichſten Theil der Religion anſieht!“ — Waverley ſprach:„Es waͤre uͤberfluͤſſig Ih⸗ nen meine Geſchichte zu wiederholen. Ich bin unſchuldig; je mehr ich aber daruͤber nachdenke, je mehr kann ich es beweiſen!„Eben deßhalb, Sir Waverley,“ entgegnete Morton,„bitte ich Sie, mir Ihr Vertrauen zu ſchenken. Ich bin ſo glucklich mehrere hohe Perſonen zu Freun⸗ den zu haben; ich ſehe ein, daß Sie ſich jetzt nicht in dem Stande befinden für ſich zu thun, was Ihre Lage heiſcht; ich will es daher fuͤr Sie thun, und wenn auch meine Bemuͤhungen Ihnen nicht nuͤtzen ſollten: ſo werden ſie Ih⸗ nen doch wenigſtens nicht ſchaden.“— Da Waverley einſah, ein aufrichtiges Bekenntniß gegen dieſen Geiſtlichen könne weder Fergus noch dem Baron von Bradwardine nachtheilig ſeyn, weil ſie bereits die Waffen gegen die Re⸗ gierung ergriffen haͤtten: ſo gab er ihm eine genaue Darſtellung aller ſeiner Begebenheiten, welche die Leſer ſchon kennen, in der er jedoch ſeine Liebe zu Flora, eben ſo wenig als Miß Roſa, erwähnte. Ueber ſeinen Beſuch bey Do⸗ nald⸗BeanLean erſchrak Morton außerordent⸗ lich. „Es iſt mir ſehr lieb,“ ſagte er,„daß Sie dem Major nichts davon erzählt haben. N II. Dieſer Umſtand koͤnnte großen Verdacht bey allen denen erregen, welche die Macht der Neu⸗ gier, und eine romantiſche Einbildung nicht ken⸗ nen. In Ihrem Alter, Herr Waverley, haͤtte mir ſo eine tolle Ausflucht wohl auch eine große Freude gemacht— vergeben Sie mir den Aus⸗ druck!— aber man wuͤrde nicht glauben, daß ſie keinen ernſtern Zweck dabey gehabt haͤtte. Die⸗ ſer Donald wird hier zu Lande fuͤr eine Art † Hexenmeiſter gehalten, der nichts als liſtige Streiche macht. Man kann ihm Talente nicht abſprechen, die uͤber ſeinen unſeligen Stand er⸗ haben ſind; da er aber auch ehrgeitzig iſt und ſich alles fuͤr erlaubt haͤlt: ſo glaubt man all⸗ gemein, daß er ſich gewiß in dem unglücklichen Kriege auszeichnen werde, der auf dem Punrte iſt auszubrechen.“ Darauf zeichnete er alle Umſtaͤnde dieſer „Zuſammenkunft mit Donald genau auf. Die innige Theilnahme, die dieſer wuͤrdige Geiſt⸗ liche dem Ungluͤcklichen bezeigte, die voͤllige Ue⸗ berzeugung, die er von ſeiner Unſchuld zu ha⸗ ben ſchien, erweckten Waverley's Muth, den der Major gaͤnzlich niedergeſchlagen hatte. Er druͤckte dem edlen Troͤſter die Hand und ſagte äußerſt geruͤhrt: Welches Schickſal mir auch bevorſtehen mag, ſeyn Sie verſichert, daß Ih⸗ 193— nen meine Familie ihren Dank fuͤr die Liebe zu erkennen geben wird, die Sie mir bewie⸗ ſen.“— Herr Morton vergoß Thraͤnen, und wie⸗ derholte ſein Verſprechen. Eduard fragte nun, ob er nicht wiſſe, wo man ihn hinbringen werde.„In das Staatsgefaͤngniß,“ war die Antwort,„deſſen Gouverneur, zu meinem groͤß⸗ ten Vergnuͤgen, ein ehrliebender, gefuͤhlvoller Mann iſt; aber wie man ſie unterwegs behan⸗ deln wird, dafuͤr iſt mir bange. Major Mel⸗ ville iſt genoͤthiget, Sie einem Manne anzuver⸗ trauen.“. O wenn er's nur nicht iſt! Dieſer kalte, empfindungsloſe Friedensrichter, der ſich ein Ver⸗ gnuͤgen daraus macht, einen mit ſeinen verfaͤng⸗ lichen Fragen, Suppoſttionen und Inſinuatio⸗ nen zu quaͤlen?— Entſchuldigen Sie ihn nicht! Sagen Sie mir lieber wer einen Staatsgefan⸗ genen von meiner Wichtigkeit zu bewachen ſtimmt iſt?“ „Er heißt Gilfillan, und iſt von der Set⸗ der Cameronianer.“ „Ich habe nie von dieſer Secte reden hoͤ⸗ n „Sie heuchelt die groͤßte Strenge in ihren Grundſaͤtzen, und haͤlt in den Waͤldern ihre N2 Zuſammenkuͤnfte. Ihr Name kommt von Ri⸗ chard Cameron, ihrem Oberhaupte her.“ „Ich erinnere mich dieſes Umſtandes. Aber wie konnten ſie nach der Begruͤndung der pres⸗ byterianiſchen Religion beſtehen?“ „Da ihre zahlreiche Partey nicht die Waf⸗ ſen zu fuhren verſtand, ſo verband ſie ſi ſich mit ihren alten Widerſachern, den Jacobiten. ZJetzt iſt ihre Anzahl gering, beſteht aber noch in den Gebirgen auf der Morgenſeite. Da ſie ſtets ihre Freunde nach den Umſtaͤnden veraͤn⸗ dern, haben ſie ſich nun wieder fuͤr die gegen⸗ waͤrtige Regierung erklaͤrt. Dieſer Gilfillan war lange ihr Oberhaupt; morgen ſoll er mit einer kleinen Abtheilung, die er befehligt, hier durchgehen, um ſich in die Veſtung Stirling zu begeben. Ich werde Sie ihm auf die Secle bin en, da er es iſt, dem Sie der Major uͤber⸗ geben muß; aber ich fuͤrchte, die Empfehlung eines Ketzers— denn ſo beliebt's ihm, mich zu betiteln— wird wenig bey ihm gelten. Der Himmel ſey mit Ihnen, mein lieber, junger Freund! Leben Sie wohl: denn ſchwer⸗ lich moͤchte der Major ſo gefaͤllig ſeyn, mir zu erlauben, Sie heute wieder zu ſehen.“ ſ . 7 8 2 10 11 12 13 ſ 14 15 16 17 18 6 † u