Leihbibfivthet deutſcher, engliſcher t franzöſiſcher Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mre hr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. 6 aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme in Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für nenth 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: T—— 3 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2— Pf. rg Aounenten e füt Hin⸗ und Zuräckſendung der Vlrer auf ihre Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Szeit eines größeren erkes. ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. . eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — Engliſch- und Schottländiſches Familiengemälde, nach 4 Walter Scott bearbeitet und ins Deutſche uͤberſetzt von C. v. S. ——— Drittes Baͤndchen. Mit einem Kupfer. Nuͤrnberg und Leipzig, Verlag von C. H. Zeh. 1826. E „Dieſen Morgen mußt Du, liebe Maria, mir zu Gefallen, Dein Trauergeſicht amehmen, ſo wie Du gewohnt biſt, es bei Mſtrs Lennor zu ſchneiden,“ ſagte Emilie eines Tages zu ih⸗ rer Couſine.„Du ſollſt mich nemlich zu einer Condolenzviſite begleiten, die ich bei einer weit⸗ laͤufigen Anverwandtin abzuſtatten habe, welche ungluͤcklicherweiſe unſere nahe Nachbarin iſt und käͤrzlich ihren Gatten verlor. Deine Mutter und Schweſter muͤßten ebenfalls dahin gehen; da ſie es aber nicht thun wollen, ſo muͤßen wir beide, ſo gut wir es vermoͤgen, den Hintritt des Sehr achtbaren Herrn Sufton beklagen. Maria wil⸗ ligte ein. Lady Mathilde Sufton ſaß, einem Schmer⸗ zensbilde aͤhnlich, auf dem Sopha. Vor ihr lag ein ſchwarzer Fächer und ein aufgeſchlagenes Gebetbuch. In ihrer Hand hielt ſie ein bat⸗ tiſtenes Schnupftuch, ein Trauerring ſteckte am Finger und eine erpreßte Thraͤne ſtand in ihrem Auge. Dicht neben ihr eine lang, linkiſche, al⸗ bern ausſehende Geſtalt, die ſie den Damen als A ihren Bruder, den Herzog von Altemont, vor⸗ ſtellte. An der Seite Sr. Gnaden befand ſich ein dienſtfertig ausſehender Herr, den Lady Ma⸗ thilde nur obenhin, unter dem Namen General Carver preſentirte. In ehrfurchtsvoller Entfer⸗ nung ſaß ferner eine Dame, die ſo ein Mittel⸗ ding von vertrauter Freundin und demuͤthiger Geſellſchafterin vorſtellte, und im Geſprach blos als„meine gute Mſtrs Finch,“ aufgefuͤhrt wurde. Lady Mathilde druͤckte Emiliens Hand und ſagte in den wehmüthigſten Tönen: Ich glaubte nicht, meine theuerſte junge Freundin, daß ich, nach dem erlittenen harten Schlag, faͤhig ſeyn wuͤrde, meine Freunde ſo bald bei mir zu ſehen. Haͤtte ich meine eigenen Gefuͤhle zu Rathe ge⸗ zogen, dann freilich!— aber wir ſind der Welt Pflichten ſchuldig,— wir ſind verbunden, ein Veiſpiel zu geben, aber ſo ein Schlag!“— Hier wurde das Schnupftuch zu Huͤlfe genom⸗ men. „So ein Schlag!“ wiederholte der Herzog. „So ein Schlag!“ rief der General. „So ein Schlag!“ ſeufzte Miſtrs Finch. „Der zärtlichſte Gatte,“ ſchluchzte die Witt⸗ we. Ich darf wohl ſagen, daß er nur in mir lebte. Solch' ein Mann!“ „Solch' ein Mann!“ ſagte der Herzog. „Solch' ein Mann!“ rief der General. ₰ — 5 „O, ſolch ein Mann!“ wiederholte Mſtrs Finch weinend. In dieſem, dem zärtlichſten Andenken geweih⸗ ten Augenblicke, oͤffnete ſich die Thuͤre und Mſtrs Wright wurde gemeldet. Lächelnd trat ſie ins Zimmer, gleichſam als ſei ſie gekommen, die Aſche der Todten zu entweihen und die Gefuͤhle der Lebendigen zu beleidigen. Anſtatt des uͤbli⸗ chen ſchweigenden Haͤndedrucks ſchuͤttelte ſie die Hand der trauernden Wittwe recht derb und tͤchtig, und freute ſich ſie ſo wohl ausſehend zu finden. „Gut ſaͤhe ich aus?“ erwieberte die La⸗ dy.“ Nach dem, was ich gelitten habe, iſt es ein wahres Wunder! Es ſcheint, der Gram töd⸗ tet nicht immer!“ „Das glaubte ich auch nie, daß der Gram Sie toͤdten wuͤrde,“ ſagte Mitrs Wright.„Ich vermuthete blos, daß Ihr zu Hauſebleiben un⸗ guͤnſtig auf Sie gewirkt haben koͤnnte, freue mich aber ſehr zu finden, daß es der Fall nicht iſt; da ich mich nicht entſinne, jemals bei Ihnen ein ſo gutes Embonpoint gefunden zu haben.“ Vergeblich bemuͤhte ſich Lady Mathilde, ihre Freundin in die Schranken des Anſtandes zu⸗ ruͤckzufuͤhren. Sie ſeufzte, ja ſtohnte ſogar; aber Mſtrs Whrigt wollte nun einmal nicht. traurig ſein, und weder Seufzen, noch Stoͤhnen, weder Trauerfächer, noch Gebetbuch konnten ſie dazu bewegen. Vebrigens furchtete die betrubte Witt⸗ we niemand ſo ſehr als dieſe Mſrs Wright, indem ein inneres Gefuͤhl ihr ſagte, daß dieſe ſie durchſchaue. Sie waren zwar alte Bekann⸗ te, aber nie vertraute Freunde geweſen, obgleich Mſtrs Wright ſich bei dieſer Gelegenheit, die Rechte der letztern anmaßte, ihren Mantel ab⸗ warf, und ausrief:„Da ich Sie, meine Liebe ſo wohl finde, und im Stande Ihre Freunde zu ſehen, auch ſeit geraumer Zeit nicht bei Ih⸗ nen war, ſo will ich meine uͤbrigen Beſuche un⸗ terlaſſen und den Morgen bei Ihnen zubringen.“ „Das iſt äußerſt gutig von Ihnen, meine theuerſte Mſtrs Wright,“ verſetzte die Trauern⸗ de, in deren Mienen ſich jetzt wirkliche Trauer recht deutlich ausdruͤckte.„Ich kann jedoch nicht ſo ſelbſtſuͤchtig ſeyn, ein ſolches Opfer von Ihnen zu begehren.“ „Nichts weniger als ein Opfer, ich ver⸗ ſichere Sie, meine Liebe,“ erwiederte Mſtrs Wright, dies iſt ein ſehr behagliches Zimmer und nir⸗ gends koͤnnte ich einen angenehmern kleinern Ge⸗ ſellſchaftskreis finden, als hier.“ Lady Mathilde glaubte ſich vernichtet. Gut ausſehen,— wohlbeleibt geworden,— behagli⸗ ches Zimmer,— angenehmer Geſellſchaftskreis, hallte in ihren Ohren wieder, und ſauſten eben ſo ſehr in ihrem Gehirne„als Naſen, Lippen, und Schnupftuͤcher in dem des eiferſüchtigen Othello. Die ihr ſtets unangenehme Mſtrs Wright wurde jetzt voͤllig unertraͤglich. Sie zerruttete —,——— —— 8 3 5 alle ihre Pläne, ſie vernichtete alle ihre ſchön ein⸗ gelernten Reden, ja ſogar ihre ſchmachtenden Trauerblicke;— aber ſie auf gute Art los zu werden, war unmoͤglich. Die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, ſo war Mſtrs Wright auch nichts weni⸗ ger, als eine liebenswuͤrdige Geſellſchafterin. Sie fand ein boshaftes Vergnügen darinnen, die⸗ jenigen zu plagen, die Sie nicht leiden mochte, und in dieſer Kunſt war ſie ſo geuͤbt, daß die Gequalten ſich nicht einmal beklagen konnten. Ihre Kenntniß des menſchlichen Herzens war ſo groß, daß man hätte glauben ſollen, ſie verſtehe ſogar die Gedanken ihrer Schlachtopfer zu leſen. Nach einer großen Anſtrengung, ihren Aerger zu unterdrücken, wandte Lady Mathilde ſich zu den beiden jungen Damen, bei denen ſie ſich ei⸗ nen beſſern Erfolg verſprach. „Worte ſind zu ſchwach,“ ſagte ſie„um auszudrucken, wie hoch ich meinen Freunden, für ihre Theilnahme an meinen Leiden verpflichtet füh⸗ le— Leiden, die in der That Mitgefuͤhl heiſchen. „Sehr traurige Leiden! rief der Herzog. „Herzzerreiſſende Leiden!“ verſetzte der General. „Nie ſah man großere!“ jammerte Mtrs Finch. Die Wittwe trocknete ihre Augen und fuhr fort:„Ich fuͤhle, daß ich, trotz aller Anſtren⸗ gung, nur eine traurige Rolle ſpiele. Aber mei⸗ ne geiſtreiche Freundin, Mſtrs Wright, wird mei⸗ ne ſinkenden Kraͤfte unterſtuͤtzen. Sie weiß es aus Erfahrung, wie ſchmerzlich ein ſolcher Ver⸗ luſt iſt“ Die Stimme wurde abermals mit dem Schnupftuche erſtickt, die Weinende erholte ſich jedoch wieder und ſprach weiter:„Ich ſollte mich entſchuldigeu, ſo unter der Laſt meines Kum⸗ mers zu erliegen, hoffe aber, daß meine Freun⸗ de mir verzeihen werden Es ſteht nicht zu er⸗ warten, daß ich zu allen Zeiten faͤhig ſein koͤnn⸗ te, die Geſellſchaft zu unterhalten.“ „Ganz und gar nicht!“ erwiederte der Herzog. Die beiden Nebenplaneten ſagten ein Gleiches. „Sie ſind zu ſehr Vielem faͤhig, meine Lie⸗ be, ſagte die quaͤlende Mſtrs Wright.„Ich bezweifle es nicht im mindeſten, daß Sie, mit ein wenig Anſtrengung, es dahin bringen wuͤr⸗ den ſich ſo zu benehmen, als ſei gar nichts vor⸗ gefallen.“ „Ihre Vorliebe verfuͤhrt Sie zu glauben, daß ich weit mehr leiſten koͤnne, als ich wirklich vermag, antwortete die Lady, mit einem ächten hyſteriſchen Schluchzen.„Nicht jedermann iſt ſo gluͤcklich, die Geiſtesſtärke der Mſtrs Weise zu beſitzen.“ „Was ein Weib ſich erkuͤhnen tarf, duͤr⸗ fen Sie; wer ſich mehr erkuͤhnet iſt kein's!“ — — G — — 5 ſagte der General, mit einer Verbengung und mit vergnuͤgter Miene uͤber ſeine glänzende An⸗ ſpielung aus Macbeth. Da man dieſe Anſpielung eben ſo gut für Spott, als für Schmeicheleien halten konnte, ſo ließ Mſtrs Wright, ſie großmuͤthig ohne Ruͤ⸗ ge, durchſchluͤpfen. Eine Menge Beſuchende ſtroͤmten jetzt ein. Die unerträgliche Mſtrs Wright gab ſich die ungebetene Mühe, jeden Eintretenden darauf aufmerkſam zu machen, wie zum Erſtaunen wohl die traurige Wittwe ſich befinde, und wie ſehr ihr gutes Ausſehen zu be⸗ wundern ſei. Durch die froͤmmſten Seußzer, durch beden⸗ tendes Kopfſchuͤtteln und vertrautes Fluͤſtern, von welchem die ſämmtlichen Anweſenden die Wor⸗ te verſtehen konnten: bewundernswuͤrdige Frau— unglaubliche Geiſtesſtaͤrke!— gaͤnzlich darnieder⸗ geſchmettert!— wird ſicher dafür büßen muͤſſen!“ Durch alle dieſe ſchonen Floskeln, beſtrebte Mſtrs Finch ſich zwar, den Wirkungen jener unverſtaͤn⸗ digen Bemerkungen entgegen zu arbeiten, aber vergeblich; denn die aufgeworfenen Lippen und die geruͤmpfte Naſe der Mitrs Wright glichen eben ſo vielen Dolchſtichen. Endlich erinnerte die unvermeidliche Quälerin ſich einer Verbind⸗ lichkeit, irgend wohin fahren zu muͤſſen, und be⸗ urlaubte ſich mit dem Verſprechen, wo moͤglich den andern Tag wieder zu kommen. Ihre Freun⸗ din beſchloß jedoch bei ſich ſelbſt, ihre Maßre⸗ 10 8 N deln, wegen dieſem Verſprechen, zu nehmen. Sie wolle nemlich ihren Wagen bereit halten laſſen, um, wenn Mſtrs Wright wirklich wiederkommen ſollte, ſogleich ſpaziren zu fahren. Freilich hatte ſie ſich dieſes erſt nach acht Tagen zu thun, glaubte aber, es wuͤrde auch ſchon jetzt, bei heruntergelaſſenen Vorhängen, eine intereſſante Wirkung hervorbringen. Wie der Feind den Kampfplatz verlaſſen hatte, war es Lady Mathilden zu Muthe, wie jemand, der ploͤtzlich vom Alpdruͤcken befreit wird, und ſie war eben im Begriff eine Probe ihrer Schauſpielerkuͤnſte abzulegen, als Emilie, da ſie ſah daß aller Scherz mit Mſtrs Wright entflohen war, plotzlich aufſtand, um gleichfalls Abſchied zu nehmen. „Das war eine pruͤfende Trauerſcene für Sie, meine jungen Freundinnen,“ ſagte Lady Mathilde, eine jede bei der Hand faſſend. „Das war es in der That!“ erwiederte Emilie in einem ſo bedeutenden Tone, daß Ma⸗ ria daruͤber ſtutzte. „Das konnte ich mir denken,“ fuhr Lady Mathilde fort.„Die Jugend iſt ſtets ſo theil⸗ nehmend. Ich geſtehe, daß ich die Geſellſchaft meiner jungen Freunde deshalb vorziehe. Mei⸗ ne gute Mſtrs Finch macht freilich eine Aus⸗ nahme; aber die wuͤrdige Mſtrs Wright wurde mir doch beinahe ſchwer zu ertragen“ —— S 17 „Sie iſt zu ſchwer zu ertragen!“ ſagte der Herzog. „Sie iſt, in der That, ſchwer zu ertra⸗ gen!“ rief der General. „Ach, ſie iſt wirklich allzuſchwer zu ertra⸗ gen!“ klang es aus dem Munde der Mitrs Finch. „Ich geſtehe, daß ſie mich ganz darnieder beugte,“ ſagte Lady Mathilde, mit einem ſchwe⸗ beugte, 8„ ren Seufzer, der den jungen Damen Gelegen⸗ heit gab ſich zu entfernen. Der Herzog und der General führten Emilie und Maria zum Wagen. „Sie fanden meine arme Schweſter be⸗ wundernswuͤrdig beruhiget,“ ſagte der erſtere. „Eine herrliche Fran!“ rief der General mit einem Stoßſeufzer.„Ihre Gefuͤhle ehren ihren Kopf und ihr Herz!“ Einer Antwort zu entgehen, ſprang Ma⸗ ria, ſo ſchnell als moͤglich in den Wagen, und wagte es nicht eher, ihre Couſine anzublicken, bis ſie jenen aus den Augen entſchwunden war. Emiliens Geſicht drückte ſo viele uͤble Laune und Ekel aus, daß Maria ſich nicht enthalten konnte, in ein lautes Gelächter auszubrechen. „Wie?“ rief ihre Gefährtin,„iſt dieß die einzige Wirkung, welche Mathildens Weh⸗ klagen auf dich hervorbrachte? Ich erwartete, Dein Geſchmack am Gram wuͤrde„ durch dieſe —— ———— 13 herzbrechende Scene, hinlängliche vefticdigung gefunden haben.“ „Mein Appetit, ſollteſt du lieber ſagen,“ erwiederte Maria.„Geſchmack läßt auf Unter⸗ ſcheidungsvermoͤgen ſchließen, deſſen mich nicht fähig zu halten ſcheinſt.“ „Die Wahrheit zu geſtehen, ſo halte ich Dich fuͤr eine Art von geiſtigem Oger, der al⸗ les verſchlingt. Du erinnerſt mich wirklich an die Dame, in den arabiſchen Maͤhrchen, deren Sn oder Appetit wie Du es nennen willſt, alles anekelte, was nicht den Begraͤbniß⸗ roch.“ „Die Delikateße Deines Vergleichs iſt ſehr ſchmeichelhaft,“ verſetzte Maria.“ Aber ich muͤßte wahrlich alberner, als albern ſeyn, wollte ich meine Theilnahme einer Mathilde Sufton ſchen⸗ fen.“ „Nun das freut mich, daß Du ſo ſprichſt, rief Emilie.„Trotz allen meinen Warnungen, fuͤrchtete ich doch, Du ließeſt Dich verfuͤhren, in die falſchen Wehklagen einzuſtimmen oder gar ein Thraͤnchen fallen zu laſſen, was ich Dir nie vergeben haͤtte. Ich muß Dir aber die Gerechtig⸗ keit wiederfahren laſſen, daß ich ſogar bemerkte, wie Du einmal ein Lächeln mit Muͤhe unterdruͤck⸗ teſt, und dann, aus Furcht Dich verrathen zu haben, erroͤtheteſt. Das Laͤcheln hat Dir, dunkt eine Eroberung verſchafft,— das Erröthen — eine andere. Wie gluͤcklich biſt Du, ſo ver⸗ ſchiedene Geſchmacke ſogleich befriedigen zu kön⸗ nen! Hoͤre nur! Mſtrs Wright fluͤſterte mir zu, wie ſie das Zimmer verließ, welch' eine geiſt⸗ reiche Phyſiognomie hat Ihre Couſine! Der Herzog von Altamont bemerkte hingegen, wie er mich zum Wagen führte, welch' eine ſittſam ausſehende Perſon iſt Miß Douglas! Du haſt — mithin die Wahl, entweder Miſtriß William Wright zu werden, oder Herzogin von Altamont.“ „Herzogin von Altamont, ſicher und ge⸗ wiß,“ antwortete Maria.„Solch' ein Mann! O, ſolch' ein Mann!“ ———— II. „Erlauben Sie mir, meine gnaͤdigen Da⸗ men, Ihnen hiermit vorſtellen zu durfen, die er⸗ habene, großmäͤchtige Prinzeßin, Ihro Gnaden, die Herzogin von Altamont, Marquiſin von Nor⸗ wood, Graͤfin von Penroſe, Baronin von ꝛc. c. rief Emilie, als ſie die Thuͤre des Geſellſchafts⸗ zimmers aufſtieß, und Marien ihrer Mutter und Schweſter mit den groͤßten Ehrfurchtsbezeugun⸗ gen vorfuͤhrte. Die eine ſah ſauer, die andere errothete „Wie entſetlich albern!“ rief Lady Ju⸗ liane. „Wie entſelich beluſtigend,“ ſagte Adel⸗ laide veraͤchtlich. „Wie entſetzlich niederſchlagend!“ verſetzte Emilie,„ſehen zu muͤßen„daß dieſe kleine Cale⸗ donierin ihr Haupt mit der herzoglichen Krone wird ſchuücken därfen, wahrend Du, Adelaide, und ich, uns mit lumpigen Strohhuͤten behelfen muͤßen. Mit verſtelltem Zorn ſchleuderte ſie den ihrigen von ſich.„Dann es vielleicht, fuhr ſie fort, „ja ganz gewiß, noch erleben zu muͤßen, daß ſie dereinſt ſogar Vice⸗Koͤnigin wird, und daß Du und ich, ja wir alle, Ihro Majeſtät vorgeſtellt werden, und ihr ehrfurchtsvoll die Hand küͤßen, und ruͤcklings zuruͤckgehen muͤßen. O, luftige Sylohen und irrdiſche Gnomen, beſchuͤtzet uns!“ Emilie warf ſich ſcheinbar in Ohnmacht ſinkend nieder. Emilie, deren größtes Vergnuͤgen es war, ihre Tante und Couſine zu plagen, ſah, daß es ihr vollkommen gelungen ſei. Maria war von ihrer Mutter gehaßt und von ihrer Schweſter verachtet, und jeder Verſuch ſie zu haben, oder ihnen gleich zu ſtellen, erregte deren Groll. Die uͤblen Folgen eines ſolchen Verſuchs ſielen ſtets auf die Vermſte zuruͤck, und die unbedachtſame Freundin vermehrte mithin auch diesmal die uͤb⸗ le Laune der Mutter und den Widerwillen der +— i „ 15 Schweſter. Emilie war jedoch nie geneigt, die Folgen von irgend etwas zu erwaͤgen, indem ſie ſich blos um die gegenwärtige Wirkung kuͤm⸗ merte. Daher ließ ſie ſich nicht irre machen, ſondern erzaͤhlte, ihrer Behauptung nach, in vol⸗ lem Ernſte, aber in den uͤbertriebenſten Ausdrä⸗ cken, wie ſehr der Herzog Marien bewundere, und wie ſie feſt und ſicher glaube„es hienge blos von Marien ab, ſobald die Trauerzeit des Herzogs, die ſich ihrem Ende nähere, voruͤber ſei, Herzogin von Altamont zu werden. Jeder⸗ mann wiſſe ohnehin, daß der Herzog Erben zu haben wuͤnſche und ſich nach einer Gemahlin um⸗ ſehez folglich:„Vivat die neie Herzogin von Altamont!“ „Ich muß Dich erſuchen, Lady Emilie, ſagte die zaͤrtliche Mutter, Dir einen andern Gegenſtand fuͤr Deinen Witz auszuſuchen, und dem Mädchen nicht den Kopf mit dergleichen Thorheiten zu verdrehen:— Es hat ohnehin ſchon zu viele Flirren der Art.“ „Huͤten Sie ſich, etwas gegen die kuͤnftige Repräſentin der koniglichen Majeſtaͤt zu ſagen, es kann ſchon jetzt zum Hochverrath werden; verſetzte die vorwitzige Emilie.„Jedoch hoffe ich, daß Ihre Gnaden ſo großmuͤthig ſeyn wer⸗ den, wie Heinrich der Fuͤnfte, und daß die Her⸗ zogin von Altamont, die der Maria Douglas widerfahrne Beleidigungen nicht raͤchen wird. 16 Lady Juliane, die jeder Scherz beleidigte, weil ſie keinen verſtand, fuhr zornig von ihrem Sitze auf, durchſtrich das Zimmer, und ſtieß in ihrer Heftigkeit, eine mit Blumen gefuͤllte Vaſe um, welche Scene Emiliens Spaß ein Ende machte. Am andern Tage, ſtattete Mſtrs Wright, mit ihrem Sohne, den die Mutter ſichtlich ge⸗ ſtimmt hatte, ſich auf den erſten Blick verlieben zu ſollen, einen Beſuch ab. Herr Wright war ein recht huͤbſcher, ſanftmuͤthiger, junger Mann, von gefaͤlligen Sitten. Maria, der ſeine Abſich⸗ ten nicht klar waren, hielt ihn keineswegs fuͤr ſo veraͤchtlich, als Emilie ihn geſchildert hatte. „Jetzt,“ rief Emilie, als die Fremden ab⸗ gereiſt waren,„jetzt nimmt der Roman ſeinen Anfang. Die Liebhaber kommen Schaarenweiſe aber alle um Mariens willen. Wie kraͤnkend fuͤr Dich, Adelaide, und fuͤr mich Ungluckliche! Auf dieſe Weiſe iſt es uns verſagt, mit unei⸗ gennuͤziger Liebe zu prahlen,— niemand bleibt uns abzuweiſen,— niemand koͤnnen wir entſagen. Man wird ſich genoͤthigt ſehen, meinen Eduard fuͤr eine gute Parthie fuͤr mich zu halten, und Dich für glaͤnzend verheirathet, wenn es Dir gelingt, meinen Bruder zu feſſeln: den armen Lord Lindore, wie die fatale Placid ihn nennt.“ Adelaide hörte zwar die Stachelworte ih⸗ rer Couſine, ſchweigend und mit verſtellter Gleich⸗ gůl 17 guͤltigkeit an; aber ſie wurzelten tief in ihrem Herzen, das ſchon hinlaͤnglich von Stolz, Neid und Ehrſucht angefüllt war. Der Gedanke, daß ihre Schweſter, die ihrer Meinung nach, ſo weit unter ihr ſtand, eine glaͤnzendere Verbindung eingehen ſollte, dieſer Gedanke war nicht zu er⸗ tragen. Freilich liebte ſie den Lord Lindore, und wähnte ſich wieder geliebt; aber ſelbſt die⸗ ſes war nicht hinreichend, die nagenden Leiden⸗ ſchaften eines verderbten Gemuthes zu befriedigen. Wahr iſt's, daß ſie nicht alles, was ihre Cou⸗ ſine ihr vorſchwatzte, auf Treu und Glauben annahm; aber die Moͤglichkeit, daß ſo etwas ſich zutragen könne, erregte ſchon ihre Galle. Nicht blos die Eiferſuͤchtigen finden ſich durch Kleinigkeiten geplagt, ſondern jede böſe Neigung, jedes unrechtmaͤßige Gefuͤhl, führt ſeinen Gift mit ſich, das den erwartenden Genuß, des ver⸗ derbten Menſchen toͤdtet. Maria empfand die vermehrten uͤblen Lau⸗ nen, welche dieſer Gegenſtand auf ſie zog, ohne jedoch die wahre Urſache davon ergruͤnden zu koͤnnen. Sie bemerkte jedoch, daß die Art der Unterredung ihrer Mutter und Schweſter hoͤch⸗ lich mißſiel, und bat daher Emilien, mit vielem Ernſt, dem Scherz ein Ende zu machen. „Das werde ich wohl bleiben laſſen,“ er⸗ wiederte Emilie. Ueberdies ſcherze ich ganz und gar nicht, ſondern ich bin vollig uͤberzeugt, daß es nur an Dir liegt, Herzogin von Altamont zu Eheſtand Zr Bd. B 1 — 18 werden oder nicht. Keine alltägliche Bewunde⸗ rung haͤtte vermocht, den Herrn Herzog ſo ins Feuer zu bringen. Ich kannte ihn ſchon fruͤher und hielt es nicht fuͤr moglich, daß er eine ei⸗ gene Idee im Kopfe haben koͤnne. Nie hoͤrte ich ihn ſo brilliant reden,— er ſchien ja ganz begeiſtert.“ „Wäre es auch, wie Du ſagſt,“ verſetzte Maria, ſo iſt es mir doch ganz unbegreiflich, warum es meiner Mutter ſo mißfaͤllig ſeyn ſollte. Sie kann mich doch unmoͤglich fuͤr ſo albern hal⸗ ten, daß ich ſtolz auf die nichtsſagende Bewun⸗ derung ven irgend jemand ſeyn koͤnnte, oder fuͤr ſo niedertraͤchtig, einen Mann, den ich nicht lie⸗ be, blos deshalb zu heirathen, weil er ein Her⸗ zog iſt. Sie ſelbſt war ja deſſen nicht faͤhig, wie vermoͤchte ſie alſo zu glauben, daß ich es ſeyn koͤnnte? „Es ſcheint eben ſo unmoͤglich,“ antwor⸗ tete Emilie,„Dir Deine Mutter und Schweſter in ihrer wahren Geſtalt zu zeigen, als ſie zu be⸗ lehren, Dich in der Deinigen zu betrachten, und ſerne ſei es von mir, Euer gegenſeitiger Dol⸗ metſcher zu werden. Wenn Du Dir nicht ein⸗ mal denken kannſt, daß es Vorurtheile, Engher⸗ zigkeit, Neid, Haß und Bosheit, in der Welt giebt, ſo befindeſt Du Dich gluͤcklich in Deiner Ungewißheit. Glaube mir aber aufs Wort, daß es weit kluͤger iſt, ſich der Tyrannei zu wider⸗ ſetzen, als ſich ihr zu unterwerfen. Solche zah⸗ — — 19 me Geſchopfe, wie deine Tante Grishelde, ſchmie⸗ gen ſich freilich; dafuͤr werden ſie aber auch als Packeſel gebraucht, denen man alle Suͤnden und Beſchwerden der Familie aufbuͤrdet. Ein ſolcher wird unfehlbar aus Dir werden, wenn Du nicht Muth faſſen, und Dich dem Drucke entgegen⸗ ſtemmen willſt. Heirathe den Herzog und erhebe Dein Haupt über alle Deine Verwandten; das iſt mein Rath.“ „Du kannſt verſichert ſeyn,“ erwiederte Ma⸗ ria, daß wenuſich Deinen Rath befolge, ich ihn ganz und nicht theilweiſe befolgen werde.“ „In Deiner abſcheulichen Lage waͤre es frei⸗ lich am rathſamſten fuͤr Dich, Herzogin von Al⸗ tamont zu werden. Wie verächtlich Du blickſt! Komm, geſtehe mir ehrlich, wollteſt Du es wirk⸗ lich abſchlagen, Herzogin mit neunzigtauſend Pfund jährlicher Einkünfte zu werden, und lieber Ma⸗ ria Douglas, mit etwa vierzig Pfund bleiben?“ „Ohne Bebenken,“ antwortete Maria. „Alſo wollteſt Du, in der That, den Her⸗ zog von Altamont nicht heirathen!“ rief Emi⸗ lie.„Nicht daß ich ihn für mich behalten moͤch⸗ te; da aber Du und ich, obgleich Herzensfreun⸗ dinnen, uͤber die meiſten Dinge ſehr verſchieden denken, ſo möchte ich wohl ergruͤnden, warum wir in dieſer Sache ſo ganz gleiche Anſichten haben. Sehr verſchiedene Gruͤnde fuͤhren oft zu dem † 20 nemlichen Schluß; doch will ich Dir den Vor⸗ theil geſtatten, die meinigen zuerſt anzuhoͤren. Ich will nichts davon erwaͤhnen, daß ich mich bereits verſagt habe, ich will ſogar den Gedan⸗ ken daran verbannen. Waͤre ich aber auch ſo frei wie die Luft, liebte ich nicht und wuͤrde ich nicht geliebt,— ſo wuͤrde ich dennoch die Hand k Herzogs von Altamont ausſchlagen. Erſtens weil er zu alt i iſt,— nein, erſtens, weil er dumm iſt. Zweitens, er pedantiſch iſt. Drittens, weil er an Lady Mathildens Gewaͤſche glaubt Viertens, weil er zweimal ſo alt iſt, als ich. Fünftens, weil er häßlich iſt, und weil ihm, zum Sechſten, jenes, je ne vais quoi, mangelt, welches mir nothwendig zum Eheſtand zu gehoͤ⸗ ren ſcheint. Un das Verzeichniß ſeiner Mängel auszufullen, will ich mich nicht einmal über ſein albernes Anſtarren ausbreiten, noch uͤber ſeine ſteifen Buͤcklinge, noch uͤber ſein dummes Lä⸗ cheln. Alles dieſes und vieles mehr will ich bei Seite geſetzt laſſen, da ich weiß, daß Du es ſo gut bemerkteſt wie aber ich ſtehe nicht, wie Du, unter der Zuchtruthe der Lady Juliane. Waͤre dieſes der Fall, ſo wuͤrde ich es fuͤr das groͤßte Gluͤck halten, am morgenden Tage Her⸗ zogin zu werden.“ „Kannſt Du Dir denn wirklich einbil⸗ den, ſagte Maria,„daß, um das Joch einer WMutter abzuſchuͤtteln, ich mich in noch ſchwe⸗ rere und bindendere Feſſeln wuͤrde ſchlagen 21 laſſen? Kannſt Du glauben, daß ich faͤhig ſei, Ehre und Pflicht ſo fehr aus den Augen zu ſe⸗ 8en, um zu ſchwören, einem Manne, den ich we⸗ der liebe noch achte, Gehorſam zu leiſten, und ihm Liebe und Achtung zu verſprechen?“ „Liebe?“ rief Emilie.„Darf ich meinen DOhren trauen? Liebe! ſagteſt Du? Ich glaubte bisher, nur ſolche Weltkinder wie ich, heiratheten aus Liebe, Heilige, gleich Dir, aber eher um je⸗ der andern Urſache willen, als aus Liebe. Ihr Tugendheldinnen heirathet, wie ich waͤhnte, nur aus Klugheit. Geſteh' es nur, iſt das nicht die Hauptlehre Eueres Glanbens?“ „Ich wurde nie in einem ſolchen Glauben unterrichtet,“ verſetzte Emilie.„Auch hoͤrte ich, außer meiner lieben Tante Douglas, niemand uͤber dieſen Gegenſtand reden.“ „Nun, mir verlangt die Meinung Deines Drakels zu hören, wenn Du ſie uir mit wenigen Worten geben kannſt.“ „Sie warnte mich vor einer jetzt ſehr herr⸗ ſchenden Leidenſchaft, von welcher ich viel leſen, und noch mehr hoͤren wuͤrde, die aus einer un⸗ gezugelten Einbildungskraft und aus Mangel an Ueberlegung entſtehe. Sie ſagte ferner, daß, ge⸗ lockt durch ihren falſchen Schimmer, und ihre an⸗ ziehende Benennung, Viele in ihre Schlingen ſie⸗ len, daß—“ „Wahrlich, eine ſehr erbauliche Prebigt, 4. unterbrach Emilie. Mſtrs Donglas mag mir aber verzeihen, wenn ich beſſer hieruͤber zu pre⸗ digen glaube, als ſie. Es laufen viele Pſeudo Amors in der Welt unher, welche von ſolchen angebetet werden, deren Herzen nur von Leiden⸗ ſchaft, nicht von wahrer Liebe, beſeelt ſind. Dieſe falſchen Amors finden hauptſächlich viele Anbeter, unter den Koſtſchulen⸗Fraͤuleins, Miliz⸗Officieren und Putzmacherinnen, die ſich untereinander, ih⸗ rer ſchoͤnen Augen und rothen Uniformen wegen, heirathen, dann in ſchmuzigen Zimmern wohnen, ein Haͤufchen quaͤckende Kinder haben, und ſich bald einander von ganzem Herzen haßen. Dann giebt es eine andere Gattung, von mehr verfei⸗ nerten Seelen, welche ihr Entſtehen, den Schrif⸗ ten eines Roußeau, Goͤthe, Cottin, u. ſ. w. ver⸗ danken. Der Erfolg ihrer Liebſchaften gruͤndet ſich meiſt auf unerſteigliche Felſen, dunkle Wäl⸗ der und rauſchende Waſſerfuͤlle, und endet ins⸗ gemein mit Dolchen, Piſtolen, Gift, oder vor dem Eheſtandstribunal. Hieruͤber wuͤrde jedoch Lin⸗ dore beſſer zu reden wiſſen, als ich, mithin will ich auch ihm uͤberlaſſen, das Kapitel mit Dir abzuhandeln. Aber um wieder auf unſere eigenen Angelegenheiten zuruͤckzukommen:— Geſtehe es mir einmal aufrichtig, hat man Dir denn ganz und gar verboten Dich zu verlieben? Stellte Mſtrs Douglas, Dir nur ſo eine Art Vogelſcheue zum abſchreken dar, oder war ſie aufrichtig genug, Dir die Liebe in ihrer wahren ſchoͤnen Geſtalt zu zeigen?“ — „Sie ſagte mir,“ erwiederte Marin,„es eriſtire allerdings eine Liebe, von welchen die weiſeſten und tugendhafteſten Menſchen nicht er⸗ roͤthen duͤrften!— Die Liebe zu einem tugend⸗ haften Gegenſtand, welche ſich auf Achtung gruͤn⸗ de, und durch gleichen Geſchmack und gleiche Ge⸗ fuͤhle erhoht, ſich in veine Anhanglichkeit verwand⸗ le.— Nicht eher bis ich alles dieſes empfinde, werde ich glauben Liebe zu fuͤhlen.“ „Hm! Von dem gleichen Geſchmack und den gleichen Gefuͤhlen, zwiſchen Dir und dem Hergoge, laͤßt ſich eben nicht viel ſagen. Aber fuͤr eine Herzogskrone und neunzigtauſend Pfund jahrlicher Renten, könnteſt Du wohl Liebe und Achtung hegen.“ „Geſetzt ich hegte ſie,“ antwortete Maria lächelnd.„So bleibt doch ſtets das zweite Ge⸗ bot, den Gatten zu ehren, und dazu iſt er ſo we⸗ nig geſchaffen, als fuͤr die beiden erſteren Ge⸗ fuͤhle. Ehre—“ „Ich will keine zweite Predigt uͤber die Ehre anhoͤren,“ unterbrach Emilie.„Vermaßz die Ehre den Schmerz einer Wunde, zu lindern? wie Falſtaf ſagt. Nur uͤber Liebe will ich pre⸗ digen, obgleich wir auch uͤber etwas anderes ſcherzen könnten, was nicht alle jungen Mädchens verſtehen. Was aber dieſen Herzog betrifft, ſo wollte ich lieber einen ehrlichen Bauersmann hei⸗ rathen, als den hochgebohrnen Strohkopf.“ ———— ———— Seit langer Zeit hatte Maria keine Nachrichten von Glenfern gehabt, und ſieng bereits an, aͤngſt⸗ lich über ihre dortigen Freunde zu werden, als die Ankunft eines großen Packets, welches Briefe von Mſtrs Donglas und der Taute Johanna enthielt, ſie aus allen Beſorgniſſen zog. Obzwar das Schreiben der erſteren Marien das größte Vergnügen gewaͤhrte, ſo würde es den Leſer doch weniger beluſtigen, als das der letztern. Hier folgt die treue Abſchrift der merkwuͤrdigen Ur⸗ ſchrift: Schloß Glenfern, in der Grafſchaft— den 19. Februar 18 Liebſte Maria! „Dein Schreiben erhielten wir mit großem Vergnugen, da es Deinen hieſigen Freunden ſtets angenehm iſt zu vernehmen, daß Du wohl biſt und wohl thuſt. Wir ſaͤmmtlich nehmen den aufrichtigſten Antheil an Dei⸗ ner Geſundheit und an allen Deinen uͤbrigen Fortſchritten. Ich beklage es aber, ſagen zu muͤſſen, daß dieſe nicht gleichen Schritt mit unſern Erwartungen halten. Daher er⸗ greife ich dieſe Gelegenheit, Dir einen Fehler zu ruͤgen, welcher, obgleich an und für ſich ſelbſt ſehr groß, doch mit geringer Mühe von 25 Dir kann vermieden werden, wenn Du nur die gehörige Aufmerkſamkeit darauf verwen⸗ den wilſt. Es iſt ſehr glucklich fuͤr Dich, lie⸗ be Maria, daß Du Freunde beſitzeſt, welche Dich ſtets da zurecht weiſen, wo Du in Irrthüͤmer verfällſt. Aus Mangel an ei⸗ mem ſolchen unſchaͤtzbaren Segen, nemlich aus Mangel an einem aufrichtigen Freunde, verließ ſchon mancher die Welt, ohne kluͤger zu ſeyn, als wie er in dieſelbe eintrat. Al⸗ lein dies wird, wie ich mir ſchmeichle, der Fall mit dir nicht ſeyn, da Du es fuͤhlen mußt, welche große Muͤhe, meine Schweſtern und ich uns gaben, Dir, von Deiner Geburt an, Dei⸗ ne Fehler zu ruͤgen. Der ein e, auf welchem ich Dich fuͤr jetzt, beſonders aufmert ſa m zu machen wuͤnſche, iſt, daß Du ſtets den gehoͤrigen Datum uͤber Deine Briefe zu ſetzen vergißeſt, wo⸗ durch wir alle oft in die großte Verlegenheit ge⸗ ſetzt werden. Ein auffallendes Beiſpiel hie⸗ von anzufuͤhren, dient, daß unſer wuͤrdiger Pfarrherr, der ſehr ehrwürdige Herr Macdrone eben zum Beſuch bei uns war, als Dein letz⸗ ter Brief anlangte. Nachdem Se: Ehrwürden ihn hatte vorleſen hören, erkundigte er ſich, wie natürlich, nach dem Datum. Nun kan ich Dir nicht beſchreiben, wie albern wir Alle aus ſahen, als wir genothigt waren, zu geſtehen, es ſei kein Datum in dem Briefe zu finden! Und da ich nun einmal bei dieſem Ge⸗ genſtande bin, ſo halte ich es fuͤr beſſer, ———— 26 Dir ganz aufrichtig zu ſagen, daß Deine Hand⸗ ſchrift ſich keinesweges verbeſſert hat. Es ſieht nicht aus, als verwendeteſt Du die Sörgfalt darauf, i Du darauf verwen⸗ den ſollteſt. Ich verſichere Dich, liebe Ma⸗ ria, daß Du nie etwas recht machen wir ſt, wenn Du Dir keine Muͤhe gieb ſt. Unſere herrliche Großmama, die gute Lady Girnach⸗ gowl, pflegte zu ſagen: Muhe bringt Ge⸗ winn. Wahrlich, bei ihr wurde das Sprich⸗ wort zu einem wahren Wort, denn nur ihrer Muͤhe haben wir es zu verdanken, daß die Girnachgowlſchen Beſitzungen wieder eingeloßt wurden, und in den Zuſtand kamen, in wel⸗ chem ſie jetzt ſind; nemlich eine ſehr ti Beſitzung wurden. Ich weiß es recht gut, daß es Viele jun⸗ ge Leute giebt, die es unter ihrer Wuͤrde hal⸗ ten, ſich Muͤhe zu geben; Du aber, liebe Ma⸗ ria, biſt doch wohl zu verſtändig, um ſo ths⸗ richt zu ſeyn. Nächſt einer guten Handſchrift und einer richtigen Interpunktation,(die Du, wie ich bemerke, ſehr vernachlaͤßigeſt), mußt Du, vor allen Dingen, auf Deinen Styl Acht haben; der, wie wir Alle glauben, durch ein wenig Nachdenken von Deiner Seite, und durch einige richtige Lehren von Seiten Deiner Freunde, gebeſſert werden koͤnnte. Wir Alle ſind der Meinung, daß Deine Perioden zu kurz ſind, und daß es Deinen Ausdruͤcken an der ——————— ——. 27 gehsrigen Wuͤrde fehlt. Eben ſo wenig, biſt Du weitlaͤuftig genug in Deinen Mitthei⸗ lungen, ſelbſt nicht in Dingen von der hoch⸗ ſten Wichtigke it. Ueber einige Dinge, theilſt Du, in der That, gar keine Nachrich⸗ ten mit, was wahrlich, bei einer jungen Per⸗ ſon, ganz außerordentlich iſt, die doch von Na⸗ tür recht ſehr mittheilend ſeyn ſollte. Miß Macpry, welche jetzt zum Beſuch bei uns iſt, iſt voller Erſtannen, über den gänzlichen Man⸗ gel an Neuigkeiten in Deinen Briefen. Eine ihrer Nichten, die in der Nähe von Bath lebt, ſendet ihr regelmaͤßige Verzeichniße von der dor⸗ tigen Geſellſchaft, wie auch Berichte uͤber die ſich dort zugetragenen merkwuͤrdigſten Be geben⸗ heiten. Wahrlich, haͤtten wir es nicht durch Pat⸗ ty Macpry erfahren, nie hätten wir ein Ster⸗ benswoͤrtchen von dem Durchgehen der be⸗ rühmten Lady Travers, mit Sir John Congqueſt gehoͤrt. Auch kann ich Dir nicht verber⸗ gen, daß wir, durch Miß Patty Macpry mehr erfahren, was in der Familie des Grafen Courtland vorgeht, als wir jemals pon Dir, liebe Maria, vernahmen. Kurz, ich muß Dir, ſo ſchmerzlich es mir auch iſt, gerade herausſagen, daß keine von uns, nachdem wir Deine Briefe geleſen haben, im geringſten kluͤger iſt, als vor⸗ her. Was mir aber noch weit ſchwerer wird zu ſagen, iſt, daß dieſes noch bei weitem nicht ——— 23 die groͤßte Beſchwerde iſt, die wir uber Dich zu führen haben. Wir Alle ſind geneigt, Dich, ſelbſt in dieſem Falle zu entſchuldi⸗ gen, das iſt aber doch ein wenig gar zu arg, daß Du die wichtigſten Fragen, Deiner Tan⸗ ten, nicht beantworteſt; das iſt nicht zu ent⸗ ſchuldigen. Fiolglich wirſt Du wißen, daß ich auf den Brief Deiner Tante Grishelde, da⸗ tirt vom 17. Dezember, ziele, in welchem ſie ein ſtarkes Verlangen ausdruͤckte, Du ſollteſt Dich bemuͤhen, die Meinung des Doktors Red⸗ gill, in Hinſicht des Huͤftenwehs zu erfor⸗ ſchen, da ſie ausnehmend begierig iſt, zu wiſſen, ob er glaube, der Sitz der Krankheit ſei in den Knochen oder in den Sehnen; und ohne al⸗ len Zweifel, iſt es auch von der groͤßten Wich⸗ tigkeit, die Meinung eines erfahrnen, verſtän⸗ digen engliſchen Arztes, hier“ber zu hören. Deine Tante Nicoline bat Dich gleichfalls, in ih⸗ rem Schreiben, datirt vom 22. Dezember, ihr wiſſen zu laſſen, ob Graf Courtland,(wie un⸗ ſere großen Landeigenthuͤmer,) ſeine Haͤmmel ſelbſt einſchlachte, da Miß P. M. P., in einem Brief an ihre Tante ſchreibt, die dortige Die⸗ nerſchaft ſtehe im Verdacht, ſich viele Be⸗ truͤgereien zu Schulden kommen zu laßen. Aber auch über dieſen Punkt, ſchweigſt Du, auf eine unartige Weiſe, und wie mir dunkt, etwas geheimnißvoll obendrein. Und nunmehr, liebe Maria, da ich glaube Dir alles hinlaͤnglich geſagt zu haben, was 4 ————— —— Dich zu Deiner Pflicht zurtcfüͤhren kam ſo will ich Dir auch eine Nachricht mittheilen, welche Dir, wie ich gewiß glaube, das größ⸗ te Vergnuͤgen gewaͤhren wird; nemlich, die An ſicht, bald einige Deiner hieſigen Freunde, in Bath zu ſehen. Unſer ſchätzbarer Freund und Nachbar, Sir Simſon, hat ſich, wie wir glau⸗ ben, eher verſchlimmert, als gebeßert, ſeitdem Du von uns weg biſt. Er iſt nun gaͤnzlich von dem Gebrauch des einen Beins beranbt. Er ſelbſt nennt ſein Uebel einen krampfhaften Rhevmatismus, aber Lady Maclaughlan verſi⸗ chert, es ſei ein rhevmatiſcher Schlagflnß, und hat beſchloßen, ihn, im Anfang des künftigen Frühlings, nach Bath zu füͤhren. Und das iſt nicht die einzige gute Nachricht, ſondern ſie hat auch, ſehr uͤberlegter Weiſe, Deine Tan⸗ te Grishelde gebeten, ſie zu begleiten, woraus ſich dieſe das groͤßte Vergu uͤgen macht. Wir ſind deshalb Alle ſehr beſchäftiget, Deiner Tante Sachen, fuͤr dieſe Gelegenheit, in Ord⸗ nung zu bringen, und daher wirſt Du, nicht nur die Kuͤrze dieſes Briefs entſchuldigen, ſon⸗ dern auch verzeihen, daß keine der Maͤdchens Dir diesmal ſchreibt. Du kannſt jedoch ver⸗ ſichert ſeyn, daß wir ſaͤmmtlich mit der Tante Grishelde ſchreiben werden. Einſtweilen grä⸗ ßen wir Dich alle herzlich, und ich verharr e liebe Maria, Deine Dich zůrtlich liebende Tante, Johanna Douglas. P. S. Miß. P. M. P. ſchr eibt ihrer Tan⸗ te, es ſei ein ſtarkes Geruͤcht im Umlauf, daß Lord Lindore unſere Nichte Adelaide heirathen wärde. Wir aber halten es fuͤr ganz unmog⸗ lich, da Du es gewiß nicht unterlaßen ha⸗ ben wüͤrdeſt, uns eine Begebenheit zu berichten, welche uns ſo nahe angeht. Iſt es aber wrirklich der Fall, ſo wuͤrde es ganz unver⸗ zeihlich von Dir ſeyn. Es ſcheint je doch außerordentlich unwahrſcheinlich, daß Miß M. P. ihrer Tante, eine ſolche Nachricht ſollte gegeben haben, hätte ſie nicht ihre guten Gruͤn⸗ de dazu grhabt. Maria mußte uͤber das Verzeichniß ihrer Verbrechen zerzlich lachen, beſtrebte ſich aber, ihre Suͤnden alsbald abzubuͤßen und ihre gute alte Tante zufrieden zu ſtellen. Sie ſetzte ſich mithin augenblicklich nieder, um einen Brief nach dem gegebenen Mnſter zu ſchreiben; jedoch mit wenig Hoffnung, das Talent der ausſpähenden Miß P. Macpry erreichen zu koͤnnen. Herzlich freute ſie ſich uͤber den Gedanken, das wohlbe⸗ kannte Geſicht der Tante Grishelde bald wieder zu ſehen, und die Toͤne der Stimme zu hoͤren, welche, obgleich ſcharf und heiſer, ihrer Erinne⸗ rung dennoch angenehm waren. Dies iſt die Macht der fruͤhern Eindrucke auf ein gutes und unverdorbenes Herz. Da Maria wohl wußte, 31 wie verſchieden ihre Mutter ͤber dieſen Gegen⸗ ſtand dachte, und daß ſie der Familie ihres Gat⸗ ten nie ohne Aerger und Verachtung erwaͤhnte, ſo beſchloß ſie, über die baldige Ankunft der Tante Grishelde, einſtweilen zu ſchweigen. —.————— IV. Seit dem Tage, an welchem Maria Ro⸗ ſe⸗Hall verließ, kehrten ihre Gedanken öfters dahin zuruͤck. Zwar hätte ſie ihrer ehrwuͤrdigen Freundin das gegebene Verſprechen, ſie bald wieder zu beſuchen, gerne gehalten, aber ein, ihr ſelbſt unbewußtes Zartgefühl, hielt ſie bisher da⸗ von zuruͤck.„Sie wird mich nicht vermißen, ſo lange ihr Sohn bei ihr iſt,“ dachte Maria. Der wahre Grund war aber, die Scheu vor den Spöttereien Emiliens, wenn ſie noch jetzt ſo oft, als ehedem, nach Roſe⸗Hall gieng. End⸗ lich zeigte ſich eine guͤnſtige Gelegenheit. Emi⸗ lie ſagte ihr nemlich eines Tages, mit großem Triumph, der Herzog von Altamont wuͤrde, den darauf folgenden Tag, in Beech⸗Park ſpeiſen, ſie aber wolle es weder Lady Julianen, noch Adelaiden kund thun.„Denn erfahren ſie es,“ fuhr Emilie fort,„ſo ſchicken ſie Dich, wie ein 62 unartiges Kind, auf die Kinderſtube, oder viel⸗ leicht gar in die Kuͤche, als Aſchenbroͤdel. Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ſie es Dir nicht erlauben wuͤrden, im Geſellſchaftszimmer zu erſcheinen.“ „Glaubſt Du es wirklich?“ fragte Maria. „Ich bin ganz davon überzeugt, verſetzte Emilie. Deine Mutter wuͤrde Dich ſicher ſo lange plagen, bis Du anfiengſt zu weinen; dann aber wuͤrde ſie Dich, unter dem Vorwande, Du ſaͤheſt abſcheulich haͤßlich aus, auf Dein Zimmer ſchicen. Du weißt recht gut, daß dieſes nicht zum erſtenmal geſchah.“ Maria konnte es nicht laͤugnen. Aber des ewigen Streitens muͤde, beſchloß ſie, nach Roſe⸗Hall zu gehen, und ſich bei ihrer Couſine durch ein zuruͤckgelaſſenes Billet zu entſchuldigen. Mſtrs Lennor empfieng ihre junge Freun⸗ din mit Entzucken „Ach, meine theuere Maria,“ rief ſie, mit einer zärtlichen Umarmung. Sie wißen nicht, Sie koͤnnen es nicht begreifen, welch' eine Leere Ihre Abweſenheit in meinem Leben laͤßt! Wenn Sie am Morgen die Augen oͤffnen, ſo iſt es, um das Licht des Tages und die Geſtalten Ihrer Lieben zu erblicken, und alles ſteht in vollem Glanze un ſie her. Erwache ich Aermſte aber, ſo herrſcht ewige Finſterniß um mich her! Mei⸗ ne —— Nacht endet nie! Nur wenn ich ihre fuͤße Stim⸗ me hoͤre, vergeſſe ich meine Biindheit.“ „Ich wuͤrde nicht ſo lange ausgeblieben ſeyn,“ ſagte Maria.„Ich wußte Ihren Sohn bei Ihnen, und konnte mir nicht ſchmeicheln, daß Sie an mich denken wurden.“ „Mein Carl widmet ſich mir, in der That, gauz und gar. Er iſt die Guͤte, die Aufmerk⸗ ſamkeit ſelbſt. Er geht mit mir umher, ließt mir vor, ſpricht mit mir, ſizt ſtundenlang bei mir, und ertraͤgt alle meine kleinen Schwaͤchen, wie eine Mutter die ihres kranken Kindes. Al⸗ lein es giebt noch viele kleine weibliche Aufmerk⸗ ſamkeiten, die er nicht verſteht und welche un⸗ paſſend fuͤr ihn ſind. Auch ſcheint es mir zu ſelbſtſüͤchtig ihn immerwährend um mich behalten zu wollen. So ſanft und gutmüthig er auch iſt, ſo muß mein einfoͤrmiges Leben ſeinen feurigen Geiſt dennoch ermüͤden. Er verſichert jedoch, ſich in meiner Naͤhe gluͤcklich zu fuͤhlen, und ich ſuche mich gern ſelbſt davon zu überzeugen.“ „Daran kann ich nicht im mindeſten zwei⸗ feln,“ ſagte Maria, indem ſie ihre ungluckliche Freundin liebkoſte.„Man hielt es ja ſtets fuͤr ein Gluͤck, bei denen zu ſeyn, die man liebt, und deshalb komme ich auch ſo gern zu mei⸗ ner lieben Mſtrs Lennor.“ eeheſtand 3r Bd. C 34 „Liebſte Maria, wer könnte Sie nicht lie⸗ ben? O, erlebte ich es nur— duͤrfte ich nur hoffen—“ ⸗ „Sie duͤrfen alles hoffen, was Sie wuͤn⸗ ſchen,“ erwiederte Maria frohſinnig, die Art der Wuͤnſche ihrer Freundin nicht errathend. „Ich ſelbſt bin ſtets voller Hoffnungen. Leider drang ſich aber Marien der Gedanke auf, daß durch die Unfreundlichkeit derer, die ihr am naͤch⸗ ſten waren, ein Theil ihrer ſchoͤnſten Hoffnungen zu Grunde gieng. Ein deßhalb aufſteigender Seufzer wurde unterdruͤckt. Mtrs Lennor war auf dem Punkt, ihre Hoffnungen deutlicher auszuſprechen, als der Eintritt ihres Sohnes gluͤcklicherweiſe einer vor⸗ eiligen, alles zerſtörenden, Eröffnung zuvorkam. Mit ſichtbarem großen Vergnuͤgen, bewillkommte der Oberſt Marien, die ſein Anſehen um ſo vie⸗ les heiterer und belebter fand, daß ſie glaubte, er koͤnne jetzt wohl einen Vergleich mit ſeinem Gemaͤlde aushalten. „Sie finden mich noch immer hier, Miß Dyuglas,“ ſagte er,„obſchon meine gute Mut⸗ ter mir manche Winke giebt ſie zu verlaſſen, und mich recht oft verſtehen laͤßt, wie wenig ich ge⸗ ſchikt ſei, Ihre Stelle zu vertreten. Aber, dem⸗ ungeachtet werden Sie mich noch nicht ſo bald lvs, liebe Mutter, da ich eben eine Verlaͤngerung ——— „ 3 5 meines Urlaubs erhielt, ohne welche ich Sie ſchon morgen häͤtte verlaſſen mußen.“ 6 „Das ſagteſt Du mir ja nie, lieber Cart! ie konüteſt Du es vor mir verheimlichen! Wie ungluͤcklich würde ich geweſen ſeyn, haͤtte ich es gewußt!“ „Aus eben dieſer Urſache verheimlichte ich es vor Ihnen, und nun machen Sie mir den⸗ noch Vorwuͤrfe. Hätte ich Ihnen geſagt, daß ich vermuthlich bald abreiſen muͤße, ſo hätten Sie es für Gewißheit angenommen, und ſich ohne rſache beunruhiget.“ „So wie Maria den Charakter des Ober⸗ ſten Lennor mehr und mehr kennen lernte, um ſo mehr ſtieg er in ihrer Achtung, und es iſt hoͤchſt wahrſcheinich, daß dieſe Bewunderung zu gegenſeitiger Reigung geworden wäre, hätte man der Sache freien Lauf gelaſſen. Allein die gute Mtrs Lennor ſuchte, die beiderſeitigen Gefüͤhle ihrer Lieben durch tauſend kleine Liſten, die mehr ſchadeten als nützten, zu erzwingen⸗ WMaria wurde ſich ohne Zweifel ſehr ge⸗ kräͤnkt gefuͤhlt haben, hätte ſie die Urſache des Eifers ihrer Freundin, ſie ſtets ins vortheil⸗ hafteſte Licht zu ſtellen, gekannt. Heirathsſtif⸗ tungen waren ihr jedoch gaͤnzlich fremd. Kaum hatte ſie jemals einen Roman geleſen und war mit⸗ hin zu nichts weniger geneigt, als ſich uͤber Hals C2 36 und Kopf zu verlieben. Zwar beluſtigten ſie die Lobreden der Mſtrs Lennor zuweilen, weit oͤfterer fand ſie ſich aber durch dieſelben be⸗ ſchämt. Sie mußte lächeln, wenn ſie gedachte, wie ſehr es die Galle ihrer Tante Johanna er⸗ regen wuͤrde, hoͤrte dieſe das uͤbertriebene Lob welches ihr uͤber die unbedeutenſten Dinge ge⸗ zollt wurde. „Leſen Sie uns etwas vor, Miß Dou⸗ glas, bat Mſtrs Lennor. Maria ergriff das zunächſt liegende Buch.— Es war eine Schil⸗ derung von den Schönheiten der Natur.— Bald aber ſchien tiefe Ruͤhrung ihre Stimme zu erſticken. Der Oberſt nahm ihr das Buch ab und fuhr fort: „Was wuͤrde ein Blinder darum geben, koͤnnte er die herrlichen Baͤche, Wieſen, Blumen und Quellen ſehen, die ſich unſeren Augen dar⸗ ſtellten! Man behauptet, daß, wenn einem Blind⸗ gebornen ſeine Sehkraft nur auf eine Stun⸗ de ſeiner Lebenszeit, zugeſtanden wuͤrde, und er erblickte beim erſten Oeffnen ſeiner Augen die Sonne in ihrer volien Pracht, ſo wuͤrde er vor Entzuͤcken, Erſtaunen und hoher Bewunde⸗ rung ſeine Augen nicht von dem herrlichen Glanze abzuwenden vermögen, um die uͤbrigen Schoͤn⸗ heiten dieſer Erde zu betrachten. Wir aber ge⸗ nießen täglich, nicht nur dieſen, ſondern auch ſo viele andere herrliche Gegenſtaͤnde, und— —,—— 37 Ein ſchwerer Seufzer der Mſtrs Lennor bewog ihren Sohn aufzublicken. Ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen. Der Oberſt ſchloß ſie in ſeine Arme. „Liebſte Mutter,“ rief er, mit bewegter Stimme, „wie grauſam, wie unuͤberlegt, Sie zu erin⸗ nern—“ „Mache dir keine Vorwuͤrf uber meine Schwä⸗ che, lieber Carl, entgegnete ſie.„Ich dachte, daß, ſchenkte mir Gott meine Sehkraft nur auf eine Stunde wieder, ich lieber das Antliz meines geliebten Kindes betrachten wuͤrde, als alle Wunder ſeiner Schoͤpfung.“ Der Oberſt war zu angegriffen um reden zu koͤnnen. Er druͤckte die Hand ſeiner Mutter an ſeine Lippen, ſtand plotzlich auf, und ver⸗ ließ das Zimmer. Marien gelang es zwar, die aufgeregten Lebensgeiſter der Unglucklichen etwas zu beruhigen, allein das Gleichgewicht der Empfindungen war einmal geſtort, und blieb es den uͤbrigen Theil des Tages hindurch. ————— In der haͤußlichen Ruhe von Roſe⸗Hall lag etwas ſo erquickliches, verglichen mit dem 35 herzloſen Geraͤuſche in Beech⸗Park, daß Marig ſich zu gluͤcklich dort fühlte, um eine baldige Verenderung zu wünſchen. Allein eine ungluͤk⸗ liche Entdekung verwandelte ihre Ruhe in die bitterſten Empfindungen, und Roſe⸗Hall wurde ihr plötzlich zu dem verhaßteſten Auffenthalt. Als Maria, eines Tages, ins Verſammlungs⸗ zimmer trat, begab es ſich, daß Mtrs Lennor, wie gewöhnlich, eben beſchäftiget war, ihret⸗ wegen, das Herz ihres Sohnes zu beſtuͤrmen. Ein großer indianiſcher Schirm theilte das Zim⸗ mer und verhinderte, daß die Sprechenden Ma⸗ rien nicht eher wahrnahmen, bis ſie dich vor ih⸗ nen ſtand. „D, Miß Douglas iſt ohne allen Zwei⸗ fel, das was ſie ſagen; ſehr hübſch, ſehr lie⸗ benswurdig, und ſehr vollkommen, hatte der Oberſt Lennor ſo eben, mit halbunterdruͤcktem Gaͤhnen, auf die Lobeserhebungen ſeiner Mutter geant⸗ wortet. „Warnm willſt du ſie denn nicht lieben? Ach, Carl, verſprich mir wenigſtens, daß Du den Verſuch machen willſt!“ rief die gute alte Dame, indem ſie ihre Hand auf die ihres Soh⸗ nes legte. Indem ſie dieſes ſagte, ſtand Maria vor ihr. Wie einen Blizſtrahl fuhlte ſie die Anwen⸗ dung diefer Worte, und glaubte ihr Gehirn in 39 Flammen verſezt. Nur ein einziger Gedanke be⸗ herrſchte ſie, und zwar der allerpeinlichſte fur ein zartfühlendes Gemuͤth; der Gedanke, ſich der Liebe eines Mannes empfohlen zu hören, dem ſie gleichgultig war. Gab es wohl eine groͤßere Demuͤthigung, eine tiefere Herabwuͤrdigung? DOberſt Lennor war faſt eben ſo verlegen, als Maria, aber ſeine Mutter gewahrte das Unglück nicht, welches ſie angeſtiftet hatte, ſondern fuhr fort zu reben, ohne daß ihr Sohn ſie zu unter⸗ brechen vermochte. Ihre Worte giengen jedoch fuͤr Mariens Gehoͤr verloren, ſie begrif nichts weiter als das bereits gehoͤrte. Der Oberſt reichte ihr ehrerbietig einen Stuhl, Maria uͤber⸗ ſah aber ſeine Hoͤflichkeit. Sie erblickte ſich nur in dem Licht als glaube er, ſie flehe um ſeine Liebe Unempfindlich gegen jedes andere als ih⸗ re empoͤrten Gefuͤhle, verließ ſie ſchleunig, und ohne ein Wort zu reden, das Zimmer. Ihr er⸗ ſter Entſchluß war, Roſe⸗Hall zu verlaßen, und nie dahin zuruͤckzukehren. Wie konnte ſie dieſes aber bewerkſtelligen, ohne zu einer Erklärung zu kommen, die unangenehmer wüͤrde geweſen ſeyn als die Urſache ſelbſt; indem ſie noch am nem⸗ lichen Morgen den Bitten der Mſtrs Lennor nach⸗ gegeben und verſprochen hatte, bis zum andern Tage zu bleiben. „O!“ dachte ſie, als die heißen Thraͤnen der Beſchämung zum erſtenmal ihre Wangen herabſtroͤmten,„in welche Lage bin ich verſezt! Soll ich unter einem Dache mit dem Manne le⸗ 4 40 ben, den man anflehte mich zu lieben? Wie ver⸗ aͤchtlich, wie niedrig muß ich ihm erſcheinen, ihm dem man mich anbot, der— mich ausſchlug! Wie werde ich jemals fähig ſeyn, ihn zu üͤber⸗ zeugen, daß ſeine Liebe mir gleichguͤltig iſt,— daß ich ſie nicht begehrte,— daß ich ſie aus⸗ ſchlagen, ja verachten wuͤrde? O, warum darf ich ihm dieſes nicht ſagen? allein ihm muͤßen meine wahren Geſinnungen ſtets fremd bleiben, — er darf verwerfen,— ich muß ſchweigen! Und muß er nicht dennoch glauben, daß ich ſeither Schlingen fuͤr ihn legte,— daß alles Gepraͤnge mit meinen Fähigkeiten, blos darauf abgeſehen geweſen ſei, ſein Herz zu feſſeln? O, wie blind und albern war ich, die unbe⸗ dachtſamen Lobſpruͤche der Mſtrs Lennox nicht zu durchſchauen! Nie haͤtte ich dieſe Herabwuͤr⸗ digung in den Augen ihres Sohnes dulden ſollen!“ Maria uͤberließ ſich mehrere Stunden hin⸗ durch, der verwundeten Empfindlichkeit eines von Natur hohen Sinnes. Das Rollen eines Wa⸗ gens, unter ihrem Fenſter, brachte ſie endlich wieder zu ſich ſelbſt, und gleich darauf wurde ſie erſucht, zu ihrer Couſine Emilie, ins Geſell⸗ ſchaftszimmer zu kommen. „Wie gluͤcklich dachte ſie.„Jetzt werde ich hinwegkommen, wie und auf welche Art iſt gleichguͤltig. Genug, ich gehe um nie wieder⸗ zuruͤckzukehren. 41 Unbekannt mit der Gemuͤthsbewegung, wel⸗ che ſich in allen ihren Zügen ausdruͤckte, eilte Maria die Stiege hinab, um ſo ſchnell als moͤg⸗ lich, ihrem einſt geliebten Roſe⸗Hall, ein ewi⸗ ges Lebewohl zu bieten. Sie fand Emilien und den Oberſten zuſammen. Als Maria ins Zim⸗ mer trat, wuͤrde es weniger ſcharfſichtigen Au⸗ gen, als denen ihrer Couſine, nicht entgangen ſeyn, in welchem Gemuͤthszuſtande ſie ſich be⸗ fand. Ihr klopfendes Herz, ihre erröthete Wange, und ihr weggekehrtes Auge, ſprachen ihre innere Unruhe nur zu deutlich aus. Mit einem Blick des Erſtaunens, der Mariens Verwirrung vermehrte, ſah Emilie ihre Freundin einen Au⸗ genblick an. „Ich muß glauben,“ ſagte Emilie, daß ich Jedermann hier hoͤchſt unwillkommen bin. Denn ich komme, Dich, liebe Maria, auf Befehl Dei⸗ ner Mutter nach Hauſe zu fuͤhren.“ „Nein, nein!“ rief Maria eifrig.“ Du biſt ganz im Gegentheil ſehr willkommen. Ich bin ganz bereit,— ich wuͤnſchte„— ich erwar⸗ tete.“— Sich beſinnend, erroͤthete ſie üͤber ihre Uebereilung, noch weit ſtaͤrker als zuvor. „So ſehr ſchnell brauchſt Du nun eben nicht Folge zu leiſten, ſagte ihre Couſine.„Ich bin noch nicht ganz fertig, wuͤnſche auch nicht in ſo großer Eile abzureiſen.„Der Oberſt Len⸗ nor und ich, erneuerten eben unſere alte Bes kanntſchaft, die ſich, ich weiß nicht mehr wenn anſteng, und endete wie ich noch in der Kin⸗ derſinbe war. Ich verſprach ihm, daß wenn er uns in Beech⸗Park beſuchen wolle, ſo ſollteſt Du ihm mein ſchottlaͤndiſches Lieblingslied ſingen. Ich kounte es zwar ſelbſt, halte aber dafuͤr, daß eine Engländerin Schottiſche Lieder nie richtig vortragen kann.— Emilie ſezte ſich ans Pia⸗ noforte und ſpielte mit ungemeinem Geſchmack und Gefuͤhl. „Nun, ſagte ſie, mit fortwährender Mun⸗ terkeit aufſpringend,„wiegt dieſes nicht alle förm⸗ liche Verbeugungen, und alle, ich entſinne mich, das Vergnuͤgen gehabt zu haben, und es iſt lan⸗ ge her, ſeitdem ich die Ehre hatte ſehen, wiegt es nicht alle dieſe leeren Kompli⸗ mente auf? bei denen man nichts denkt und nichts empfindet, als daß ſie noch altvaͤteriſcher, alberner und förmlicher ſind, als vor vielen Jahren.“ zerriſſen ſind,“ ſagte der Oberſt mit einiger Ge⸗ muͤthsbewegung,„erfriſchen dergleichen Erinne⸗ rungen allerdings das Andenken; allein ſogar die⸗ ſe Töne vermoͤgen nicht immer vergnuͤgte Erin⸗ nerungen zuruͤckzurufen.“ Der Oberſt ſprach dieſes nicht mit Strenge, fondern im Gegentheil, mit ſo vieler Sanftmuth „Wo die fruͤheren Bande des Herzens nicht 43 und Traurigkeit, daß ſelbſt Emilie geruͤhrt wur⸗ de und auf einen Angenblik ſchwieg. Der Ein⸗ tritt der Mſtrs Lennor zog ſie aus ihrer Ver⸗ legenheit. Emilie flog auf ſie zu, ergriff ihre Hand und ſagte:„Beſte Mſtré Lennor, es iſt mir wahrlich beinahe zu Muthe, wie einem Nach⸗ richter, oder doch weni ſtens wie einem Aus⸗ pfänder;— denn ich komme als die Botſchafte⸗ rin der hochgebornen Lady Juliane Douglas, um Ihnen anzukündigen, daß ſie mir die Perſon ih⸗ rer geliebten Tochter anszuliefern haben, mit wel⸗ cher ſie nach ihrer Weisheit verfahren wird.“ „Doch heute nicht,“ rief Mſtrs Lennor er⸗ ſchrocken.„Doch wohl erſt morgen? „Meine Befehle lauten peremtoriſch, die Sache iſt dringend,“ entgegnete Emilie, indem ſie ihre Coufine lächelnd anblikte.„Noch heute, in dieſer Stunde, ſogar in dieſer Minute. Biſt Du bereit, liebe Maria?“ Zu jeder andern Zeit, wurde Maria nur den Schmerz ihrer ehrwürdigen Freundin„ uͤber dieſe plözliche Trennung, empfunden haben. Bei ſo bewandten Umſtänden empfand ſie aber nur Ungeduld abzureiſen, und verließ daher eilig das Zimmer, um ihre Sachen zu ordnen. Wie ſie zurücktam, näherte der Oberſt ſich ihr, mit dem ſihtbaren Wunſch ihr etwas zu 44 wie er beginnen ſollte. „Schiene es nicht zu ſelbſtſuͤchtig und zu anmaßend, ſagte er endlich, waͤhrend ſein Er⸗ roͤthen ſeine Verwirrung ausſprach, ſo wuͤrde ich den Wunſch aͤußern, daß Sie nicht lange von meiner armen Mutter entfernt blieben.“ ihrer Arbeit, ihrer Zeichnungen, u. ſ. w. welche zerſtreut umherlagen, zu beſchaͤftigen, und ant⸗ wortete mit einem bejahenden Kopfnicken. Der Oberſt fuhr fort: „Ich erkenne das Opfer, welches Sie brin⸗ gen, Ihre Zeit und Ihre Talente zum Troſt der blinden, kummervollen Frau anzuwenden. Ich vermag es nicht auszudruͤken, mit welchem Dank, mit welcher Verehrung und Bewunderung dieſe Beweiſe von Guͤte und Großmuth mein Herz er⸗ fullen.“ Haͤtte Maria ihre Augen zu denjenigen erhoben, welche die ihrigen vergeblich ſuchten, ſo wuͤrde ſie in dieſen weit mehr als jene Worte ausdruͤckten gefunden haben; in ihr haftete aber nur die Idee, man bat ihn mich zu lieben! Bei dieſem demuͤthigenden Gedanken beugte ſie ihr Haupt noch tiefer, um die brennende Roͤthe ihrer Wangen zu verbergen, waͤhrend ein Zu⸗ fagen, war aber in der groͤßten Verlegenheit, Maria ſchien ſich blos mit dem Sammeln ——— 45 ſammenpreſſen ihrer Kehle ſie verhinderte, ſo wie ſie es wuͤnſchte, alles verdienſtliche des gebrach⸗ ten Opfers abzulehnen. Einige Zeichnungen von den Umgebungen des Sees Lochmarlie, an welchen ſie am vorigen Tage gearbeitet hatte, lagen auf einem Tiſche. Sie hatte ſie bis jetzt ſehr werth gehalten, nunmehr aber, da ſie ſich ent⸗ ſann, daß ſie dieſelben, aufVerlangen der Mfirs Lennor, dem Oberſten hatte zeigen muͤſſen, er⸗ regten ſie ihr nur kraͤnkende Gefuͤhle. „Dies war ja wohl auch. ein Theil des Gepraͤnges mit welchem ich ihn feſſeln ſollte“ dachte ſie, mit Vitterkeit. Kaum ſih deſſen be⸗ wußt, was ſie that, druckte ſie die Zeichnungen heftig zuſammen und warf ſie ins Feuer. Schnell naͤherte ſie ſich hierauf der Mſtrs Lennox und verſuchte Abſchied zu nehmen; da ſie jedoch glaubte, daß dieſer der letzte ſeyn wuͤrde, ſo fuͤhten ſich ihre Angen mit Thraͤnen, welche die Zaͤrtlichkeit und der gekränkte Stolz aus⸗ preßten. „Gott ſegne Sie, mein geliebtes Kind, ſagte die verdachtloſe Mſtrs Lennor, waͤhrend ſie Marien in ihren Armen hielt.„Gott wird Sie auf ſeine Weiſe ſegnen,— obgleich ſeine We⸗ ge nicht die unſrigen ſind. Ich kann nicht in Sie dringen, in dieſen traurigen Aufenthalt zu⸗ ruͤckzukehren. Aber, theuerſte Maria, gedenken Sie zuweilen in ihrer Freude, daß wenn Sie zuruckkehren, Sie ein trauerndes Herz erleichtern, ind Augen, denen das Licht des Tages bet⸗ ſchloſſen iſt, erfreuen werden! Maria vermochte nichts zu erwiedern, ſon⸗ dern blos die Haͤnde ihrer ehrwürdigen Freun⸗ din zu drücken, als ſie ſich deren Umarmung entzog, und Emilien in den Wagen folgte. Ei⸗ nige Zeit hindurch fuhr man ſchweigend weiter. Maria fuͤrchtete, den Augen ihrer Couſine zu begegnen, da ſie wohl vermuthen konnte, daß Blicken betrachten wuͤrde, und beſchaͤftigte daher die ihrigen mit Betrachtung der wöhlbekanten Gegend. Endlich begann Emilie, in ernſtem „Es ſcheint ſehr ſtuͤrmiſches Wetter, in Roſe⸗Hall, geherrſcht zu haben.“ „Sehr ſtuͤrmiſch,“ erwiederte Maria, ohne recht zu wiſſen, was ſie eigentlich ſagte. „In Beech⸗Park herrſchte nur Windſtille und Sonnenſchein. Iſt das nicht ſeltſam?“ „Wahrlich höchſt ſeltſam.“ „Als ich Beech⸗Park verließ,“ fuhr Emi⸗ lie fort,„ſtand der Barometer ſehr hoch, doch immer noch nicht auf beſtaͤndigem Wetter, was auch zuviel gefordert wäre. Aber hier finde ich den Stand ſehr niedrig, ganz unter Nummer Null.“ Maria blickte in einiger Ueberraſchung auf, ſchlug aber alsbald ihre Augen wieder nieder, da die Blicke ihrer Couſine ihr unertraͤglich waren. dieſe ſie mehr als jemals mit unterſuchenden „„Liebe Emilie!“ rief ſie, in einem verbit⸗ tenden Ton. „Nun, nür heraus damit,“ entgegnete die⸗ ſe.„Ich werde doch mehr von Dir hören ſol⸗ len, als meinen Nainen, den ich heute ſchon funf⸗ zigmal von Deiner Mutter Papchen hoͤrte. Sprich nur zu, Dein Geſichtchen ſagt ohnehin ſchon mehr als hundert Buͤcher In der Roͤthe Deiner Wan⸗ gen, leſe ich eine Liebeserklärung,— in Deinem aufgeworfenen Naͤschen, eine Verweigerung, in dem Zwinſern Deiner Augenlieder, Reue,— und in dem Zittern Deiner Lippen eine heftige Ge⸗ müthsbewegung. Nun erlaube mir auch Deinen Puls zu fuͤhlen,— der geht ein klein wenig ſchnell, wuͤrde Doktor Redgill ſagen, aber Dein Zuͤngelchen muß mir das uͤbrige kund thun.“ Maria wuͤnſchte die Urſache ihres Kummers vor Jedermänn zu verbergen, weil ſie ſich durch Mittheilung deſſelben, noch mehr herabzuwuͤrdi⸗ gen glaubte, und ließ daher Emiliens Fragen unbeantwortet. Wahrlich, liebe Maria,“ ſagte leßtere, Du ſetzeſt meine Geduld und meine Gutmuthig⸗ keit auf harte Proben. Geſtehe nur ſelbſt, ob ich nicht eben ſo gut einem Mauleſel eine Cicero⸗ niſche Rede haͤtte vorleſen können. Du mußt Dich wirklich eilen, mir Dein Romaͤnchen mitzu⸗ theilen, denn ich ſterbe vor Begierde, Dir alles zu erzahlen, was ich auf dem Herzen habe. Oder 43 ſoll ich, beginnen? Nein,— das wuͤrde die Ord⸗ nung der Natur und des Herkommens verkehren heißen, nemlich mit dem Poſſenſpiel anzufangen und mit dem Trauerſpiel zu enden. Fange Du alſo huͤbſch beim Anfang an. Mit vielen Stocken und Zögern, ließ Maria ſich endlich bereden, Emilien die ihr widerfahrene Fraͤnkung zu beichten.„Bei alledem,“ fuhr ſie fort, fuͤrchte ich thoͤricht gehandelt zu haben. Was konnte ich aber anders thun? Was wuͤrdeſt Du in meiner Lage gethan haben?“ „Was ich wuͤrde gethan haben? Ich hätte die alte Dame bei den Schultern ergriffen, und ihr Bah! ins Ohr gerufen. Das iſt alſo die ganze maͤchtige Hiſtorie! Durch Zufall horteſt Du, wie die gute, alte Mſirs Lennox Dich ihrem Sohne zur Hausfrau empfahl.— Was konnte wohl natuͤrlicher ſeyn? ausgenommen, daß er ſich nicht Hals über Kopf in Dich verliebte, ehe er Zeit hatte ſeine Stiefeln auszuziehen. Aber auch wie abſcheulich! Dich ſo zu loben, wie et⸗ wa ein Kammermaͤdchen, das man unterbringen will:— es iſt bei guter Zeit aus den Federn, arbeitet recht huͤbſch, geht fleißig zur Kirche, u. ſ. w. Ich, fuͤr mein Theil, muß geſtehen, daß ich das Benehmen des Oberſten ſehr lobenswerth finde. Beinahe koͤnnte ich mich ſelbſt in ihn ver⸗ lieben, wäre es auch aus keiner andern Urſache als weil er ſo kein Pinſel iſt, ſich auf das Ge⸗ bot 49 bot der guten Mama zu verlieben. Ich bin zwar überzeugt, er ließe ſich ihr zu Gefallen gleich ein Ange ausreißen, aber uͤber ſein Herz will er ſie nicht verfuͤgen laßen.,, „Du mißverſtehſt mich ganz und gar, er⸗ wiederte Maria, mit ſteigendem Aerger.„Ge⸗ gen den Oberſten Lennor wollte ich nichts ſagen. Ich wuͤnſchte nie,— ich dachte nie daran, ob ich ihm gefalle oder mißfalle.“ „Das ſpricht wenig zu Deinem Vortheil,“ entgegnete Emilie.„Du muͤßteſt einen ſehr ſchlechten Geſchmack haben, wenn Du Dich mehr um das Gefallen der Mutter bekuͤmmerteſt, als um das des Sohnes. Was ärgert Dich denn ſo ſehr? Iſt es etwa die Entbeckung, daß Dei⸗ ne wuͤrdige alte Freundin, ein— ein— bitte ſehr um Verzeihung,— ein Stuͤckchen von einer Gans iſt? Nun, das braucht Dir nicht leid zu ſeyn, da Du nichts nach dem Sohne fragſt ſo iſt das Ungluͤck nicht groß. Du darfſt nur die Rollen verwechſeln. Stelle Dir einmal vor, ich haͤtte unſerem lieben Doktor Redgill Deine Koch⸗ kunſt geprieſen; daruͤber hätteſt Du ſicher gelacht, warum weinſt Du nun jezt? Eine Bemerkung die ich machte, muß ich Dir aber mittheilen, ſie mag nun Deinen ſchweren Kummer vermehren oder nicht; nemlich daß Carl Lennor Dir ge⸗ waltig zärtliche Blicke zuwarf; auch kleidet Dich dieſer kleine empfindſame Aerger, in den er Dich Eheſtand 3r Bd. D ver⸗ 50 werſezte, herrlich. Ich ſah Dich noch nie ſo huͤbſch. Die kleine Bosheit verleiht Deinem Ge⸗ ſichtchen Feuer und Energie, das einzige was ihm bisher mangelte. Du biſt ihm wirklich Dank ſchuldig, ſo viel Feuer in Deine Augen und ſo viel Röthe auf Deine Wangen gebracht zu ha⸗ ben. So weit haͤtte es die weinerliche Mſtrs Lennor nimmermehr mit Dir bringen koͤnnen. Mich ſollte es nicht verwundern, wenn er ſich bei alledem noch in Dich verliebte.“ Emilie wußte nicht, wie nahe ſie der Wahr⸗ heit gekommen war, als ſie ſo ins Gelag ſchwazte. Der Oberſt Lennox bemerkte die Wunde welche er, unſchuldiger Weiſe, Mariens Gefuͤhlen ver⸗ ſezt hatte, und eine, ihm bisher unbekannte, waͤr⸗ mere Empfindung, regte ſich in ſeinem Herzen. Früher hielt er Marien blos für ein ſanftes, lie⸗ benswuͤrdiges Maͤdchen; da es ihm aber jezt deütlich auffiel, daß ſie ſich ihrer weiblichen Wür⸗ de bewußt fei, und er den Kampf zwiſchen zaͤrt⸗ licher Neigung und beleidigtem Zartgefühl be⸗ merkte, ſo lernte er nicht nur Mariens Charak⸗ ter weit höher ſchätzen, ſondern es fiel auch zu⸗ gleicher Zeit ein Funken in ſein Herz, dem es nur an Gelegenheit fehlte, in helle und reine Flam⸗ men aufzulodern. So iſt der wunderliche Eigen⸗ ſinn, ſelbſt der beſten Neigungen des menſchlichen Herzens, beſchaffen. —— F1 VI. „Und nun,“ ſagte Emilie,„nachdem ich Deiner Erzählung, die in der That eine hoͤchſt tragiſche Hiſtoria iſt, ein geneigtes Ohr verliehen habe, ſo horche Du auch fein auf die meinige. Die Heldin beider Geſchichten, iſt ein und die⸗ ſelbe, die Helden ſind aber einigermaßen verſchie⸗ den. So wiße denn, um mit den Damen in Romanen zu reden, daß der Tag an welchem Du Beech⸗Park verließeſt, der nemliche Tag war, der Dein Schickſal beſtimmte und Deine Hoffnun⸗ gen niederſchmetterte, falls Du ja Dein Haupt zu dem Herzoge von Altamont erheben wollteſt. Der Herzog kam, wie ich gewiß weiß, in der ausdrüklichen Abſicht, ſich in Dich zu verlieben. Aber ach! Du Graufame warſt abweſend und Adelaide auf dem Platz; ſo ſanft„ſo reizend, ſo ſchoͤn, das der arme Gimpel ſich fangen ließ, und jetzt ſo verliebt iſt, als ein Pinſel es immermehr ſeyn kann. Ich muß ihr die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie ihre Rolle meiſterhaft ſpielte, und ihre Zeit ſchneller benuz⸗ ze, als ich, mit aller meiner Eilfertigkeit, es für moͤglich gehalten hätte. Der Herzog iſt wirk⸗ lich nahe daran ſich zu erklären, und dieſes hangt nur noch vom Ceremoniel ab.“ „Aber Lord Lindore!“ rief Maria„ mit Erſtaunen. „Ja, dieſer Theil der Geſchichte bleibt mir unerklarlich,“ entgegnete Emilie.„Zuweilen D2 — 52 glaube ich, daß Adelaide mit ſich ſelbſt in Strei⸗ te liegt. Auf einer Seite ſteht Lindore, arm, ſchoͤn und reizend; auf der andern Se. Gnaden der Herzog, reich, dumm und prachtvoll. Lindo⸗ re ſelbſt, ſcheint ſich entfernt halten zu wollen. Fruͤherhin wich er, wie Dir bekannt iſt, nicht von Adelaidens Seite, und hatte nur fuͤr ſie Augen. Jezt ſieht er ſie kaum an, wenigſtens nicht in Gegenwart des Herzogs. Zuweilen giebt er ſich den Schein der Lraurigkeit, was ich aber fuͤr Affektation halte. Ich bezweifele ſogar, daß er jemals ernſthafte Abſichten auf Adelaiden hatte, eben ſo wenig als auf irgend Jemand. Waͤhrend nun alles dieſes vorgieng, beehrte Herr William Wright uns jeden Tag mit ſeinem werthen Be⸗ ſuche, und ſah dabei aus, als habe er ſein Schuh⸗ band oder ſein Schnupftuch verloren. Ich merkle bald was er verloren hatte und hoffte er wuͤr⸗ de es fuͤr ſich behalten. Nichts weniger als das. Geſtern ſucht er ſich Lady Julianen fein alleine auf, und beichtet ihr, in einem ſchwachen Angenblick; ſein erlittener Verluſt ſei nichts mehr und nichts weniger, als das koſtbarſte Kleinod, ſein zärtliches Herz, was nur Miß Maria Doug⸗ las ihm, nebſt dem ihrigen, zuruͤckgeben könne. Ja, er gieng in ſeiner Albernheit ſo weit, daß er Ihro Gnaden um ihre Erlaubniß dazu, oder doch um ihren Einfluß bat; eine Bitte die Dei⸗ ner Frau Mama in ihrem ganzen Leben noch nicht vorgekommen war. Du weißt, wie gerne ſie ſich mit ein wenig Macht und Gewalt bruͤ⸗ 53 ſtet, und kaunſt Dir daher leicht ihr Entzucken denken, den Herrſcherſtab auf dieſe Art in ihre Haͤnde gelegt zu ſehen. Im erſten Feuer ihres Stolzes, verkuͤndete ſie es allen Hausbewohnern. Herr Redgill, die Koͤche, die Stallbuben, die Kuͤchenjungen, kurz Alle, ſind im Geheimniß Dei⸗ ner Vermählung mit Herrn William Wright, und mithin wirſt Du mir zugeſtehen, daß es hohe Zeit iſt, daß auch Du etwas von der Sache erfährſt. Aber warum ſo blaß und erſchrocken?“ Die arme Maria war allerdings, uͤber die Nachricht ihrer Cvuſine ſehr erſchrocken. Mit den hochſten Gefühlen kindlicher Ehrfurcht, ſah ſie ſich ſonſt immerwährend genöthiget, entweder ihre eigenen Grundſäze aufzuopfern, oder dem Willen ihrer Mutter entgegen zu handeln, und jezt ſtand ihr vollends endloſer Streit bevor. Ihr Herz empoͤrte ſich gegen die Unzartheit dieſes Verfahrens, und ſie war unfähig den Gedanken zu ertragen, ihre Hand weggeben zu laſſen. Die Zeit zu weiterer Ueberlegung war jedoch zu kurz, da man ſich bereits vor Beech⸗Park be⸗ fand. So bald ſie ausgeſtiegen war, ließ ihre Mutter ſie zu ſich entbieten. Mit klopfendem Her⸗ zen und ſchwankenden Schritten ſuchte ſie dieſe auf, und wurde mit ungewoͤhnlicher Guͤte von ihr empfangen. „Komm näher, meine Liebe,“ rief Laby Juliane, indem ſie ihrer Tochter zwei Finger ent⸗ gegen ſtrekte, und ihre Wange leicht beruͤhrte „ 54 „Du ſiehſt heute weit beßer aus als gewoͤhnlich. Dein Teint hat ſich ſehr gebeßert. Zugleich wird Dir aber auch bekannt ſeyn, wie wenige Mäd⸗ chens, blos ihres Aeußeren wegen, Maͤnner fin⸗ den,— das heißt ſchickliche Parthien,— es ſei denn, daß ſie außerordentliche Schonheiten wären, ſo wie zum Beiſpiel Deine Schweſter. Ich kann Dir verſichern, daß ein blos huͤbſches Mädchen es fuͤr ein ausnehmendes Gluck halten kann, ei⸗ ne ſogenannte gute Parthie zu treffen. Ich kenne in dieſem Augenblick, wenigſtens zwanzig recht hubſche Mädchens, die keine Maͤnner finden können.“ Maria ſchwieg; ihre Mutter aber, die ſich uͤber ihren großen Verſtand und ihre ſcharf⸗ ſinnigen Bemerkungen freute, fuhr fort: „Da dieſes jezt der Fall iſt, ſo kannſt Du leicht denken, wie ſehr es mich erfreut, Dir eine ganz außerordenlich gute Parthie verſchaft zu haben. Gerade ſo eine wie ich ſie laͤngſt fuͤr Dich wuͤnſchte, da ich doch, ſeit kurzem, nicht recht wußte, was ich mit Dir, mein Kind, an⸗ fangen ſollte. Sobald Deine Schweſter heirath⸗ tet, werde ich, ſehr natuͤrlicher Weiſe, bei ihr wohnen. Da ich nun Deine Verbindung mit jenem Schottenvolke, fuͤr ganz abgebrochen an⸗ ſehe, ſo machte mich der Gedanke hochſt unglück⸗ lich, was wohl aus Dir werden wuͤrde. Ich kann Dir mithin nicht genug ausdruͤcken, wie er⸗ leichtert ich mich fuͤhlte, als ſich Herr Wright 55 geſtern die Erlaubniß bei mir erbat, um Deine Hand werben zu duͤrfen. Ich beſann mich da⸗ her auch keinen Augenblick, und bei der Mittags⸗ tafel wirſt Du ihn als Deinen erklaͤrten Liebha⸗ ber empfangen. Apropos; der Wind hat Dein Haar in Unordnung gebracht, Fanchon ſoll es wieder ordnen. Du haſt wirklich ſchoͤnes Haar, mir wundert daß ich es nicht fruͤher bemerkte. Ach, ich vermuthe die Mites Wright wird mir morgen aufwarten, und dann muͤßen wir ſie, wie ich glaube, wieder beſuchen; Du weißt, daß man in dieſen Dingen die Etikette beobach⸗ ten muß. Das iſt das unangenehmſte von der Geſchichte; iſt dieſes aber einmal voruͤber, ſo haſt Du auch nichts weiter zu denken, als Deine Sa⸗ chen in Ordnung zu bringen“ Lady Julianens Zungengeläufigkeit betäubte Marien, einige Minuten hindurch, ſo ſehr, daß ſie unfähig war zu antworten. Sie hatte zwar erwartet, man würde in ſie dringen, die Hand des Herrn Wright anzunehmen; darauf war ſie aber nicht vorbereitet, daß ſie ihm bereits formlich zugeſagt ſei. Endlich ermannte ſie ſich hinläng⸗ lich, um ihrer Mutter zu erklären, Herr Wright ſei ihr gaͤnzlich fremd, und ſie hoffe daher man wuͤrde ſie entſchuldigen, ſeine Bewerbungen fuͤr jezt nicht anzunehmen. 52 „Wie kindiſch!“ rief Lady Juliane, aͤrgerlich. „Ich will von ſo albernem Geſchwätze nichts wißen. Du weißt,— wenigſtens weiß ich es,— alles 56 was Dir zu wißen Noth thut. Ich weiß, daß er ein Mann von angeſehener Familie und Vermoͤgen iſt, der Erbe eines Titels, ungemein ſchoͤn, auſ⸗ ſerordentlich verſtaͤndig und unterrichtet. Ich ver⸗ ſtehe nicht, was Du noch zu wißen wuͤnſchen koͤnnteſt?“ Ich wuͤnſchte etwas von ſeinem Charakter zu wißen, von ſeinen Grundſätzen, ſeinen Gewohn⸗ heiten, ſeinem Temperamente, ſeinen Talenten, kurz, alles dasjenige wovon meine kuͤnftige Gluͤckſelig⸗ keit abhaͤngen wuͤrde.“ „Charakter und Grundſätze! Sollte man nicht glauben Du wollteſt einen Lakeien miethen! Herrn Wrights Charakter iſt vollkommen gut. Ich hörte nie etwas dagegen ſagen. Was ſeine Grund⸗ ſaͤtze anbetrift, daruͤber muß ich meine Unwiſſen⸗ heit eingeſtehen. Ich kann wirklich nicht ſagen, ob er ein Methodiſte iſt oder keiner, das aber weiß ich zuverläßig, daß er ein Edelmann iſt, großen Reichthum beſitzt, ſehr gut ausſieht und, wie mir duͤnkt, auch nicht ausſchweifend iſt. Kurz, du mußt Dich anſerordentlich glüklich füh⸗ len, einen ſolchen Mann gefunden zu haben.“ Allein ich empfinde nicht die mindeſte Nei⸗ gung für ihn,“ erwiederte Maria„ erroͤthend. „Wie koͤnnte man auch erwarten, daß ich es ſollte, da ich nicht uͤber fuͤnf bis ſechsmahl in ſeiner Geſellſchaft war. Man muß mir doch einige Zeit zugeſtehen, um zu uͤberlegen—“ —— 57 „Du ſollſt ja auch nicht gleich morgen fruͤhe heirathen. Es koͤnnen leicht noch ſechs Wochen, vielleicht gar zwei Monate verſtreichen, bis alles in Ordnung iſt.“ Maria ſah ein, daß ſie frei und kuͤhn re⸗ den muͤße.„Man muß mir erlauben,“ ſagte ſie daher,„eine weit längere Zeit mit Herrn Wright bekannt zu werden, um nur erwägen zu koͤnnen, ob ich mich zu einem ſo wichtigen Schritt entſchließen kann. Und ſelbſt alsdenn,— er mag ſehr liebenswuͤrdig, er mag ſehr vollkom⸗ men ſeyn,— vielleicht koͤnnte ich ihn doch nicht nach Verdienſt lieben.“ „Lieben!“ rief Lady Juliane„ mit feuer⸗ ſpruͤhenden Augen.„Ich verbitte es mir durch⸗ aus, daß eine meiner Töchter ein ſolches Wort in den Mund nehme. Ich bin entſchloßen keine herabwurdigenden Liebesheirathen in der Fami⸗ lie zu dulden. Kein wohlerzogenes junges Mäd⸗ chen denkt, heutiges Tages an dergleichen Dinge, und ich will kein Wort mehr uͤber dieſen Ge⸗ genſtand hoͤren.“ „Ich werde nie irgend Jemand heirathen, der Ihnen mißfällig iſt,“ entgegnete Maria, zaghaft. „Dafür will ich ſchon ſelbſt ſorgen. Ich halte es fuͤr Pflicht der Aeltern„ihre Kinder ſchicklich zu verſorgen, ohne deren Ideen daruͤber zu Rathe zu ziehen. Ich verſtehe gewiß beſſer uͤber die Sache zu urtheilen als Du, und des⸗ halb bleibe es mir allein üͤberlaſſen, eine ſchick⸗ liche Parthie fuͤr Dich zu treſſen. Ich weiß, daß Deine Schweſter nicht einen Augenblick zögern wuͤrde, mir ihre Neigungen aufzuopfern. Sie war dem Lord Lindore auſſerordentlich ergeben, wie Jedermann weiß, iſt aber dennoch von der Schicklichkeit uͤberzeugt, den Herzog von Alta⸗ mont vorziehen zu muͤſſen, und beſinnt ſich nicht ihren Willen dem meinigen zu unterwerfen. Sie erfullte aher auch, von jeher, alle meine Wuͤnſche. Sie iſt ſo vollkommen ſchoͤn, ſo liebevoll und ge⸗ horſam! Deine Vermählung mit Herrn Wright billigt ſie durchaus, ſo wie in der That alle Deine Freunde, ausgenymmen meine naſeweiſe Fräulein Nichte Emilie. Sie ſcheint mir eine ſehr unſchickliche Geſellſchafterin fuͤr Dich, und je eher man Euch von einander trennt, deſto beſſer. Alſo fuͤr jetzt Adien! Betrage Dich nur wie andere junge Damen es bei ſolchen Gele⸗ genheiten thun: das heißt, verurſache Deinen Verwandten ſo wenig Verdruß als moͤglich“ Es giebt eine Claſſe von Menſchen, wel⸗ che, wenn ſie Widerſtand finden, vor Zorn auſ⸗ ſer ſich gerathen, jedoch nicht begreifen konnen, wie Andere, auf gemäßigtere Weiſe, eben ſo feſt, und entſcheidend zu handeln vermogen. Lady Juliane gehoͤrte zu jener Gattung, die, mit fun⸗ kelnden Augen und verſtärkter Stimme, ihre Ideen durchzuſezen ſucht. Nur mit der groͤßten Schwie⸗ 89 rigkeit vermochte Maria, mit ihrer Bloͤdigkeit und ſanften Stimme, ihre Mutter zu uͤberzengen, ſie ſei entſchloßen, für ſich ſelbſt in einer Sache zu entſcheiden, von der ihr ganzes kunftiges Gluͤc abhieng. Wie aber die gnädige Mama endlich die Meinung ihrer Tochter begrif, da kannte ihre Wuth keine Grenzen, und die arme Maria wurde, in einem Athem, beſchuldiget, einen ge⸗ meinen Liebeshandel in Schottland zu haben, und ihre Schweſter bei dem Herzoge von Alta⸗ mont ausſtechen zu wollen. Endlich endete die Unterredung meiſt wie ſie begonnen hatte.— Lady Juliane beſchloß, ihre Tochter ſolle nach ihrem Befehl heirathen, und Maria blieb ent⸗ ſchloßen, ſich nicht zu einer Verbindung zwingen zu laßen, vor welcher ihr Herz zuruckbebte, —ͤ——— VII. Als Maria ins Geſellſchaftszimmer trat, fand ſie ſich, ohne zu wiſſen wie, an Herrn Wright Seite. Bei der Mittagstafel war es der nemliche Fall. Kurz, es ſchien eine Sache die ſich von ſelbſt verſtehe, daß beide ſtets beiſam⸗ men ſeyn muͤßten. In Herrn Wrights Benehmen lag etwas ſo ſanftes und anſpruchloſes, daß Maria, ſo empoͤrt ſie auch uͤber die Albernheit ſeines Ver⸗ 60 fahrens war, es dennoch nicht uͤber ſich gewin⸗ nen konnte, ihm ſchnoͤde zu begegnen. Auch wuͤrde es, ohne auffallende Unhoͤflichkeit, deren Maria nicht fahig war, kaum moglich geweſen ſeyn, ihm ihre Geſinnungen deutlich zu machen. Er ſchien vollkommen vergnügt, daß Maria ihn nur duldete, und verglich man Adelaidens ver⸗ aͤchtliche Blicke, und Emiliens beißende Stachel⸗ worte, mit Mariens ſanfter Hoflichkeit, ſo war es kein Wunder, daß er leztere fuͤr Aufmunte⸗ rung nahm. Allein troz aller neu geſchöpften Hoffnung, blieb die Unterhaltung des jungen Mannes, dennoch ſo abgeſchmackt, daß Maria öfters Erholung, ſogar bei Dokter Redgill ſuchte. Es war deutlich zu ſehen, daß der Doktor eine Ahnung, von dem was vorgieng, hatte; denn er begegnete Maria mit der hohen Achtung, die der zukuͤnftigen Gebieterin eines ſehr guten Tiſches gebührte, und ſeine Aufmerkſamkeit gieng ſo weit, daß er ihr, bei dem erſten Mundvoll, zufluͤſterte, die Salmencottelletten waͤren koſtlich; was er ſonſt nie that, bis er ſich ſelbſt hinlänglich ge⸗ ſaͤttiget hatte. An der entgegengeſetzten Seite der Tafel, ſaßen Adelaide und der Herzog von Altamont, welcher ſchwerfälliger und unbeſeelter ols jemals ausſah. Nachdem Se. Gnaden ſich die Speiſen hatten wohlſchmecken laſſen, ſchienen Hochdieſelben unfaͤhig ſich länger munter zu er⸗ halten, und verfielen dann und wann in ein ſanf⸗ tes Schläfchen, aus dem Sie jedoch Adelaidens Stimme ſtets plötzlich aufſchreckte und zu dem 67 Ausruf bewog:„ach! herrlich! ach, ganz herr⸗ lich! Emilie blickte von dem Pärchen weg und ſummte einen Theil von Drydens Ode— „Gebietend einer Welt Saß göttergleich der Held, Die ſchöne Thais ihm zur Seite, Die lieblich bluͤhendſte der Braͤute.“ Dann, als Se. Gnaden abermals die Aeuglein ſchloßen, und ſein Haupt ſich auf ſeine Schultern neigte, fuhr ſie fort: „Des Herrſchers Ohr Horcht unſerm Chor, Und hochbegluckt Er gnaͤdig nickt.“ Lady Juliane, die ſich hoͤchlich erboßt ha⸗ ben wuͤrde, haͤtte ſie die Anwendung der Worte verſtanden, ſiel, zu Mariens großer Verwirrung und Adelaidens offenbarem Aerger, in den Ge⸗ ſang ein. Wie ſie in das Geſellſchaftszimmer zuruͤck⸗ kehrten, rief Emilie, in affektirtem Tone;„Ums Himmelswillen, Adelaide, aus welchem Stoffe biſt Du geſchaffen? Semele ſelbſt war gegen Dich nur ein Aſchenbroͤdel! Wie kannſt Du in der Nähe dieſes Jupiters leben ohne in Flammen aufzugehen, ja Dir nicht einmal ein Haͤrchen zu verſengen? Ich ſchwoͤre Dir, daß ich über Dei⸗ ne Verwegenheit zittere! Schrecklich! ſelbſt mit 62 dem majeſtätiſchen Hauptneigen warſt Du vertraut. Mit jedem Angenblick erwartete ich, Dich in ei⸗ ne glühende Kohle verwandelt zu ſehen.“ „Allerdings brannte ich,“ erwiederte Ade⸗ laide,„aber vor Beſchuͤmung ſehen zu muͤßen, wie ſehr die Dame des Hauſes vergeſſen konnte, was ſie den Gäſten ihres Vaters ſchuldig iſt.“ „Da iſt ein Naſenſtuber für mich,“ rief Emilie. Hu! wie er brennt!— Nein, ich ver⸗ gaß nie, was ich den Gäſten meines Vaters ſchuldig bin, ich halte es im Gegentheil für mei⸗ ne Pflicht, ſie vor den Schlingen, welche man ihnen legt, zu bewahren. Ich ſagte Dir ſchon oft, wie ſehr ich alle Fallen und Schlingen ver⸗ abſcheue, von denen an, welche dem armen Maͤus⸗ chen, das ein Stuͤckchen Käͤſe naſchen will, ge⸗ legt werden, bis zu der, die man einem alber⸗ nen alten Herrn legt, der, mit dem Stern auf der Bruſt, einſchlaͤft.“ „Dies iſt eine der vielen guͤtigen und hof⸗ lichen Anſpielungen, welche ich Dir ſo oft zu verdanken habe,“ entgegnete Adelaide, mit Stolz. „Hoffentlich kommt aber die Zeit, in welcher ich meine Schuld abtragen kann.“ Adelaide verließ hierauf, in Geſellſchaft ih⸗, rer Mutter, das Zimmer. Lady Juliane hatte von dem ganzen Handel nur ſo viel begriffen, daß Emilie unartig geweſen und Adelaide be⸗ leidiget ſei. —,————— „————— 7 ————— 63 „Du tadelſt mich, liebe Maria,“ ſagte Emi⸗ kie, einer kleinen Pauſe.„Ich ſehe das un inen vorwurfsvollen Blick„ den Du wir eben zuwarfſt. Vielleicht verdiene ich auch Tat Aber ich geſtehe, daß es mich durch und durch empört, eine ſolche Scene von Schand⸗ lichteit mit anſehen zu muͤßen.— Ja, ich muß es ſchrdlich nennen, wenn ein junges Mädchen in einen Mann verliebt iſt, und dem andern Schlingen legt. Du wähnſt vielleicht, Adelaide habe kein Herz irgend ein Geſchöpf zu lieben. Sie tragt aber ſicher ein Herz im Buſen, das fähig iſt Liebe zu faͤhlen, das aber viel zu fein zum täglichen Gebrauch iſt und deshalb von ihr in ein marmornes Kaͤſichen verſchloßen wird, ganz auſſer Deinem und meinem Bereich. Irre ich aber nicht gaͤnzlich, ſo hat mein Herr Bruder ſich dieſes Kleinods zu bemeiſtern gewußt. Nicht daß ich ſie deshalb tadeln wuͤrde, wäre ſie ehr⸗ lich und aufrichtig in ihrer Liebe zu ihm. Wie veraͤchtlich erſcheint ſie aber dadurch, daß ſie ei⸗ nem Manne ihr Herz ſchenkt, und dem anderen ihre ganze Aufmerkſamkeit widmet; dem, waͤre er der bloße Herr Altamont„ſie nicht einmal die gewöhnliche Höflichkeit bezeigen wurde. Apro⸗ pos von Höflichkeit: Dir, liebe Maria, muß ich geradezu ſagen, daß, wenn es Dein Ernſt iſt, Deinen Helden abzuweiſen Du viel zu hoͤflich gegen ihn biſt. Ich beobachtete Dich bei der Mittagstafel wie Du ſo kerzengerade da ſaſſeſt und alles, was er Dir ſagte, beantworteteſt.* 64 „Was konnte ich anders thun?“ fragte Maria, mit einiger Verwunderung. „Ich will Dir ſagen, was ich an Deiner Stelle gethan haͤtte, und was wirklich die ehr⸗ lichſte Art zu handeln geweſen wäre. Ich hätte ihm den Ruͤcken zugekehrt, und ihm nur dann und wann ein Woͤrtchen uͤber die Schulter zu⸗ fließen laſſen.“ „Ich mußte doch hoͤflich gegen ihn ſeyn;z mehr war ich wahrlich nicht.“ „Gegen einen Mann, dem man abzuweiſen gedenkt, iſt ſchon Hoͤflichkeit zu viel. Einen dummen Menſchen wirſt Du mit Hoͤflichkeit vol⸗ lends nicht los. Wenn ich ſo etwas von einem Liebhaber witterte, hielt ich es fuͤr Pflicht, ihn gleich Anfangs tuͤchtig anzuſchnurren, wodurch ich ihn auf einmal los wuͤrde. Bald fange ich wirklich an zu glauben, daß ich dieſe Dinge beſ⸗ ſer zu handhaben verſtehe, als irgend Eine. Wo ich liebe, geſtehe ich es offen: wo ich haſſe, verheimliche ich es eben ſo wenig.“ Maria ſuchte ihre Schweſter zu vertheidi⸗ gen, was ihr nicht recht gelingen wollte Gluck⸗ licherweiſe unterbrach der Eintritt der Herrn die zweckloſe Entſchuldigung. Allen kleinen Kriegsliſten Mariens zum Trotz, wußte Herr Wright es dennoch dahin zu bringen, ſtets an ihrer Seite zu ſeyn, ſo wie er ihr auch von Stuhl zu Stuhl folgte. Zum Ueberfluß hatte ſie — — 65 ſie die Kraͤnkung, ihre Mutter dem Herzoge halb⸗ laut ſagen zu hoͤren, Herr Wright ſei der er⸗ klärte Liebhaber ihrer juͤngeren Tochter,— er ſei ein ſehr reicher Mann und der Erbe ſeines Oheims, des Lords Glenallan.“ „Ah, ſo! ein Neffe des Lord Glenallan! In der That, ein huͤbſcher junger Mann,— viel Familienähnlichkeit!— Armer Lord Glenal⸗ lan! Ich kannte ihn recht gut. Er bekam einen Schlagfluß, ſeit dem ich ihn ſah. Der arme Mann— ach!“ Den andern Tag war Maria genothiget, den Beſuch der Mſtrs Wright anzunehmen. Kaum wußte ſie aber was um ſie vorgieng, da der Oberſt Lennor zu gleicher Zeit eintraf; ein Be⸗ ſuch, der ſichtlich um ihretwegen gemacht wurde. Sie fühlte, daß ſie unbefangen in ſeiner Gegen⸗ wart ſcheinen müſſe, und beſtrebte ſich es zu ſeyn. Stets fiel ihr aber der ſchmerzliche Gedanke wie⸗ der ein, daß er gebeten wurde, ſie zu lieben. Selbſt in den unſchuldigſten Künſten der Verſtellung ungeuͤbt, vermochte ſie ihre Gemuths⸗ bewegung nur unter angenommener Kälte zu verſtecken. „Komm, liebe Maria,“ rief Emilie, gleich⸗ ſam als antwortete ſie dem Oberſt Lennor auf etwas, was er ihr zugeflüſtert hatte. Du erinuerſt Dich doch was ich dem Oberſten verſprach, und was Du jetzt erfuilen mußt? eheſtund 37 Pd. E 66 „Ich halte mich nie für verpflichtet, die Verſprechungen Anderer zu erfullen, verſetzte Ma⸗ ria ſehr ernſt. „In manchen Faͤllen kann dieſes ein recht kluger Vorſatz ſeyn, in dem vorliegenden iſt es wenigſtens kein freundlicher,“ ſagte der Oberſt. „Ein ganz unmenſchlicher!“ rief Emilie, da Sie und ich, wie es ſcheint, unſere Freund⸗ ſchaft nicht ohne etwas ſentimentales, das uns in Zug bringt, beginnen können. Von Dir, Ma⸗ ria, haͤngt es ab, den Grundſtein zu unſerer Freundſchaft zu legen. Machſt Du Deine Sa⸗ chen hübſch und ſingſt gut, ſo nehmen wir Dich in unſern Bund auf, und ſchließen eine Trip⸗ pelallianz.“ „Da, wie es heißt, ein Jeder der Schoͤp⸗ fer ſeines Glůcks iſt, ſo muß auch, wie mir dunkt, ein Jeder der Schoͤpfer ſeiner Freundſchaften ſeyn,“ ſagte Maria, indem ſie ein Lächeln er⸗ zwang und ihren Strickrahmen vor ſich zog. „Kein Theil kann bei dem Vorſchub eines dritten Freundes verlieren,“ bemerkte Mitrs Wright. „Allein beide koͤnnen durch einen unbeſonne⸗ nen Freund, in Nachtheil gebracht werden,“ ſagte der Oberſt.„Zwar leide ich bei dieſer Gelegenheit am meiſten, muß aber dennoch die Richtigkeit von WMiß Douglas Bemerkung eingeſtehen: Freund⸗ ſchaft und Liebe gedeihen, wie ich glaube, am beſten, wenn man ſie ſich ſelbſt üͤberlaͤßt.“ —— „Und alſo endet mein neuer, eleganter und vrigineller Plan zur Stiftung ſchneller Freund⸗ ſchaften,“ rief Emilie.„Hönnen Sie, Herr Wright, mir, zu dieſem Endzwech„etwas Beſ⸗ ſeres rathen, als ein altes Liedchen?“ Herr Wright, der zu nichts weniger als zum Rathen geſchickt war, ſah ein wenig ver⸗ legen aus. „Beſtelle den Wagen, lieber William, wir müßen fort,“ ſagte ſeine Mutter. Mit einer Abſchiedsverbengung an die Geſellſchaft und ei⸗ nem bedeutenden Haͤndedruck, den ſie Marien gab, zog ſie ihren Sohn aus der Klemme. Mſtrs Wright war zwar eine verſchmizte Frau, beſaß aber weder hinlängliches Zartgefuͤhl, noch feinen Takt, um die Empfindungen eines uber ſie erhabenen Gemuͤthes zu verſtehen. Da⸗ her ſah ſie, in Mariens abgewendeten Blichen und gezwungenen Manieren, nur das gewoͤhn⸗ liche verſchämte, mädchenhafte Betragen, und glaubte, Emilie und der ſchoͤne Oberſt wuͤrden bald vertrauter werden. Trotz Emiliens Bitten, den Tag bei ihnen zuzubringen und die Ruͤckkehr ihres Bruders ab⸗ zuwarten, empfahl ſich auch Oberſt Lennor, ver⸗ ſprach aber bald wieder zu kommen. „Wie ausnehmend hübſch der Oberſt heute äusſah!“ ſagte Emilie zu Marien.„Ueber⸗ dies ſcheint er ſich deſſen nicht bewußt, oder E2 68 ſcheint wenigſtens ſich nicht darum zu bekuͤmmern. Es thut wahrlich wohl, einen ſchoͤnen Mann zu ſehen, der weder ein Thor, noch ein Haſen⸗ fuß iſt.“ „Schoͤn? Nein, fuͤr ſehr ſchön halte ich ihn nun gerade nicht,“ ſagte Lady Juliane.„Er iſt zu ſchwaͤrzlich, denkſt Du nicht auch ſo, mei⸗ ne Liebe?“ fragte ſie Adelaiden, die ſchreibend an einem Seitentiſche ſaß, und die Geſellſchaft bisher keines Blikes gewuͤrdiget hatte. „Wen meinen Sie? den Mann der eben hinaus gieng? Heißt er Lennor?— Ja, der iſt ein ſchoͤner Mann.“ „Ich glaube Du haſt recht,“ entgegnete die Mutter.„Er ſieht recht gut aus, aber doch auf eine eigene Art. Ich mag den Ausdruck ſei⸗ ner Angen nicht ſo recht leiden, auch mangelt ihm das ausgezeichnete Weſen, welches in der That nur Perſonen von hoher Abkunft eigen iſt,“ „Er hat durchaus das Anſehn eines Man⸗ nes von Stande,“ entgegnete Adelaide, in ei⸗ nem ſo entſcheidenden Tone, als ſchaͤme ſie ſich einerlei Meinung mit ihrer Mutter zu ſeyn.„Ein wenig militäriſch ſieht er freilich aus, aber nichts weniger als pedantiſch.“ „Lennox!— Lennor!— das iſt ja ein Schottlaͤndiſcher Name,“ bemerkte Lady Juliane, veraͤchtlich. „Und um die Sache in aller Kuͤrze abzu⸗ thun,“ ſagte Emilie, die eben das Zimmer ver⸗ — 69 laßen wollte.„Der Mann der eben hinaus gieng, iſt der Oberſt Lennor und nicht der Herzog von Altamont.“. Nach noch einigen, unentſcheidenden Be⸗ ſuchen, in welchen Maria es unmoͤglich fand, zu einer Erklärung zu kommen, wurde ſie, einſtwei⸗ len von den Zudringlichkeiten ihres blöden Schä⸗ fers erlößt. Lady Juliane erhielt nemlich ein Billet von Mſtrs Wrigh, in welchem dieſe, die ungluckſelige Abweſenheit ihres Sohnes in einem ſo entſcheidenden Zeitpunkt, beklagte. Er habe aber, wegen der lebensgefahrlichen Krankheit ſeines Oheims, des Lord Glenallan, plötzlich nach Schottland eilen müſſen, wohin auch ſie ihm bald folgen wuͤrde. Sie ſchloß mit beſonderen Em⸗ pfehlungen an Miß Maria, mit der Hoffnung ei⸗ nes baldigen, erfreulichen Wiederſehens, u. ſ. w. „Wie herrlich ſich das gerade jezt treffen muß, daß der alte Mann ſterben will,“ rief die gnädige Dame, indem ſie ihrer Tochter das Bil⸗ let zuwarf.„Lord Glenallan klingt freilich beſ⸗ ſer, als Herr Wright. Der Name war bisher das einzige, was mir anſtößig war. Du biſt, wahr und wahrhaftig, ein rechtes Gluͤckskind!“ Maria, die nunmehr einſah, daß es Thorheit ſeyn wuͤrde, ihrer Mutter Vernunft predigen zu wollen, ſchwieg, dankte dem Himmel für die au⸗ genblickliche Ruhe, und konnte den Wunſch nicht unterdruͤcken, Lord Glenallans Schickſal moͤge noch nicht ſo bald entſchieden werden. ——— 70 vII. Lord Lindore und der Oberſt Lennor kann⸗ ten ſich ſeit ihrem Knabenalter. Eine Art von Freundſchaft entſtand daher bald zwiſchen beiden, die dem Oberſten zum Vorwand diente, recht oft nach Beech⸗Park zu kommen. Marien aber, die den Unterſchied ihrer beiderſeitigen Charaktere beſſer kannte, als irgend ein anderes Mitglied der Familie, ſchien es nicht glaubhaft, daß der Oberſt blos den Umgang des Lords ſuche, ſon⸗ dern ſie vermuthete, die Schweſter ziche ihn weit mehr an, als der Bruder. Halb ſcherzend er⸗ wähnte ſie ihren Verdacht gegen Emilie, die den Gedanken mit ihrer gewohnlichen Spottſucht be⸗ handelte. „Wahrlich,“ ſagte ſie,„ich haͤtte Dich nie für ſo kindiſch gehalten, liebe Maria, daß Du glauben koͤnnteſt, weil zwei Menſchen gern zu⸗ ſammen ſind, mehr als gewoͤhnlich mit einander plaudern und lachen, muͤßten ſie auch gleich in einander verliebt ſeyn. Ich glaube Carl Lennor liebt mich noch eben ſo, wie vor eilf Jahren, wie ich ein kleiner Plagegeiſt war, der ihm den Lockenkopf zerzauſte und die Uhr verdarb. Auch iſt Dir ja bekannt, daß ich mich ſchon als Ma⸗ trune betrachte,— wenigſtens als bereits verhei⸗ rathet, und Lennor kennt uͤberdies meine Ver⸗ bindung mit Eduard. Ich zeigte ihm ſogar ſein Gemälde und einige ſeiner Briefe.“ Maria ſah unglaͤubig aus. r „Du magſt nun denken was Dir beliebt, ich ſage Dir aber, daß dem alſo iſt,“ fuhr Emi⸗ lie fort.„In meiner Lage wuͤrde es mir hoͤchſt unangenehm ſeyn, waͤre Lennor oder ein Ande⸗ rer in mich verliebt. Daß er gern mit mir plau⸗ dert? Mit wem ſollte er denn reden? Adelaide läßt ſich in der That zuweilen herab, er kann aber Herablaſſung nicht vertragen, ſelbſt nicht von einer Herzogin. Mit welcher ſpoͤttiſchen Unter⸗ wuͤrſigkeit er ihren Anmaſſungen begegnet: O, ich koͤnnte ihn dafuͤr anbeten! Und Du, Du biſt ja ein wahrer Eisklumpen!— ſo ſcheu und un⸗ geſellig in ſeiner Gegenwart! Demungeachtet, befuͤrchtete ich nicht eine Gegenbeſchuldigung von Deiner Seite, ſo wuͤrde ich feſt behaupten, Du waͤreſt, weit mehr als ich, der Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit. Schon oͤfters nahm ich wahr, daß er ſeine Blicke auf dich richtete, wenn er, der Hoͤflichkeit gemas, mich haͤtte ausſchließlich anſehen ſollen; und—“ „Pah!“ fiel Maria ein,„Das iſt bloße Zerſtreuung,— nichts zur Sache— oder viel⸗ leicht,“— ſie zwang ſich zum Laͤcheln,—„ver⸗ ſucht er, ſich in mich zu verlieben.“ Indem Maria dieſes ſagte, gedachte ſie ih⸗ rer armen alten Freundin, die ſie ſeit geraumer Zeit nicht geſehen hatte. Als ſie ſich zulezt bei dem Oberſten nach ihr erkundigte, ſagte er ihr, mit einem Blick, den Maria nicht mißverſtehen konnte, er finde das Ausſehn ſeiner Mutter ͤbler als ſonſt. Da ſie nun auch zu gleicher Zeit hör⸗ te, daß Lennor und Lord Lindore eine Parthie auf den folgenden Tag verabredeten, ſie mithin gewiß ſei den erſteren nicht bei ſeiner Mutter anzutreffen, ſo ergriff ſie dieſe Gelegenheit zu Mſtrs Lennor zu gehen. Die wuͤrdige Frau ſah in der That ſehr uͤbel aus und ſchien niedergeſchla⸗ gener als ſonſt. Zwar bewillkommte ſie Marien mit der alten Zaͤrtlichkeit, aber ſelbſt die Gegen⸗ wart ihrer jungen Freundin ſchien ihr keine Hei⸗ terkeit einzufloͤßen. Maria bemerkte bald, daß Mitrs Lennor die wahre Urſache ihrer langen Abweſenheit nicht errathen hatte, ſondern eine ganz andere glaubte. „Sie haben ſich ſehr ſelten gemacht, meine Liebe!“ ſagte leztere, indem ſie Marien zärtlich umarmte.„Aber, unter ſolchen Umſtänden, konn⸗ te ich es auch nicht erwarten, daß Sie an mich denken wuͤrden.“ „Wahrlich,“ antwortete Maria, die ihre Meinung nicht verſtand.„Wahrlich, ich dachte recht oft an Sie und wünſchte Sie beſuchen zu koͤnnen; aber—“ Hier ſtockte Maria, da ſie die Wahrheit nicht ſagen konnte und ſich einer Un⸗ wahrheit ſchaͤmte. „Ich verſtehe,“ entgegnete Mſtrs Lennor ſeufzend.„Nun, nun, Gottes Wille geſchehe!“ Sich zu etwas mehr Heiterkeit zwingend, fuhr ſie fort:„Waͤren Sie etwas früher gekommen, ſo hätten Sie meinen Carl noch hier getroffen. Er 73 gieng ſo eben mit Lord Lindore aus. Wie im⸗ mer, verließ er mich ungern, und wenn er mich ja verlaͤßt, ſo glaube ich daß er es mehr mir zu Liebe thut, als daß es ihm Vergnuͤgen macht. Ach! liebe Maria, einſt hoffte ich, Sie als die gluͤckliche Gattin des beſten Sohnes zu ſehen. Jezt darf ich es wohl ſagen, da doch alles vor⸗ über iſt. Gott hat anders entſchieden, moge er Sie in Ihrer Wahl begluͤcken!„ Hochſt unangenehm uͤberraſchte es Marien, vernehmen zu müſſen, daß die Nachricht ihrer vermutheten Verbindung, mit Herrn Wright, be⸗ reits Roſe⸗Hall erreicht habe. In der groͤßten Verwirrung verſuchte ſie das Geruͤcht Lugen zu ſtrafen. Da ſie aber, nach dem was Mſtrs Lennor eben geſagt hatte, fuͤhlte, daß eine unumwundene Erklarung nur dazu dienen würde, Hoffnungen zu erwecken, die nie erfullt werden koͤnnten, ſo ſiel ihre Antwort allerdings etwas linkiſch aus. Nur die ungeſchminkte Wahrheit hätte Mſtrs Len⸗ nox von der Falſchheit des Geruͤchtes uͤberzengen zeng koͤnnen, da ſie die Rachricht aus dem eigenen Munde der Mſtrs Wright hatte, welche, un ih⸗ ren Sohn deſto ſicherer zu ſtellen, in der ganzen Gegend ausſprengte, er ſei Mariens erkläͤrter Liebhaber. Maria fuͤhlte das mangenehme ihrer Lage. Ihr verwirrtes und ſtotterndes Abläug⸗ nen, ſchien die Wahrheit des Geruͤchts mehr zu beſtätigen, als zu widerlegen. Wie konnte ſie aber ihren Entſchluß, nie die Gattin des Herrn Wright 74 werden zu wollen, frei erklaͤren, ohne zu gricher Zeit zu ſcheinen, als mache ſie ſich Rechnung auf den Oberſt Lennor? Zum erſtenmal in ihrem Leben fand die ar⸗ me Maria es unmoͤglich zu entſcheiden, welches der richtige Weg ſei, den ſie einſchlagen muͤſſe. Vllein ſelbſt in dieſer Verwirrung konnte ſie ſich des Lächelns, uͤber die naiven Bemerkungen der alten Dame, nicht enthalten. „Er ſoll, wie ich höre, ein ſchöner junger Mann ſeyn,“ ſagte ſie.„Auch iſt er reich und gutmuͤthig. Alles dieſes hilft zum Gluͤck, grundet es aber nicht. Die Wahl, die er getroffen hat, beweißt, daß es ihm auch nicht an Verſtand mangelt.“ „Welch' eine Lobrede!“ entgegnete Maria, laͤchelnd und erroͤthend.„Waͤre er mir wirklich ſo viel als Sie zu glanben ſcheinen, ſo muͤßte ſie mich ſehr ſchmeicheln. Ich muß Sie aber noch⸗ mals verſichern, daß Sie Herrn Wright ſehr un⸗ recht thun, wenn Sie glauben, er ſei mir mehr als eine Bekanntſchaft. Meine Mut⸗ ter eic „Ach! beſte Maria,“ unterbrach Mitrs Lennox,„laſſen Sie ſic ja rathen, ſelbſt der Fuͤhrung einer Mutter, in einer ſo wichtigen Sa⸗ che, zu mißtrauen. Gott verhuͤte es, daß ich jemals Ungehorſam gegen den Willen der Aeltern predigen ſollte, aber ſch furchte, Sie haben ihrer F 75 Mutter bereits ſchon zu viel nachgegeben. Wie ich das Gerucht hörte, ſagte ich gleich, ich be⸗ fuͤrchtete man habe ſich unerlaubter Mittel be⸗ dient, denn ich koͤnne es nimmermehr glauben, daß Ihre Wahl auf Herrn Wright gefallen ſeyn wuͤr⸗ de. Wahrlich, die Aeltern, welche ihre Kinder, in einer ſo wichtigen Sache„ irre leiten, laden eine ſchwere Verantwortung auf ſich!“ Dies war der ſtrengſte Tadel den Maria je⸗ mals aus dem Munde ihrer ehrwuͤrdigen Freun⸗ din hoͤrte. Indeſſen mußte ſie ſich uͤber die Selbſt⸗ taͤuſchung verwundern, welche die gute Frau ver⸗ leitete, den ſelbſt begangenen Fehler, an andern zu rügen. Freilich waren die Antriebe ſehr ver⸗ ſchieden, denn Mſtrs Lennor ſuchte das Gluck ih⸗ res Sohnes zu befoͤrdern, während Lady Juliane nur ihren eigenen Ehrgeiz zu befriedigen trachtete. „In der That,“ antwortete Maria, auf die Bemerkungen ihrer Freundin,„ollten Aeltern, wo moͤglich, es vermeiden, auch nur Wuͤnſche fuͤr ihre Kinder zu aͤußern. Selbſt das beſte Herz iſt ein widerſpenſtiges Ding.“ Ernſthafter fugte ſie hinzu:„Liebe Mitrs Lennor, werfen Sie keinen Tadel auf meine Mutter, und bezeigen Sie mir kein Mitleiden; ſeyn Sie im Gegentheil ver⸗ ſichert, daß ich nur mit meinem Herzen meine Hand vergeben werde; oder richtiger geſagt, nur mit meiner Hand will ich mein Herz vergeben. Fuͤr jezt leben Sie wohl!“ rief ſie, ploͤzlich auf⸗ ſpriugend und hinwegeilend, weil ſie die Stimme des Oberſten im Vorhaus hoͤrte. 76 Maria begegnete dem Oberſten auf der Stie⸗ ge, und wuͤrde ihm, nach kurzer Begruͤßung, vor⸗ über geeilt ſeyn, aber er folgte ihr, und da er fand daß ſie ihren Wagen zuruͤckgeſchickt hatte, bat er ſie um die Erlaubniß, ſie nach Hauſe be⸗ gleiten zu duͤrfen. Maria verweigerte zwar, aber der Oberſt ergriff ſeinen Hut, pfiff ſeinen Hun⸗ den und gab ihr, trotz allen Gegenvorſtellungen, das Geleite. „Wenn Sie darauf beſtehen meine Beglei⸗ tung zu verweigern, ſo werden Sie meiner Eitel⸗ keit eine todliche Wunde verſetzen,“ ſagte er.„Ich muß alsdenn vermuthen, daß Sie ſich ſchämen, ſich in meiner Geſellſchaft ſehen zu laſſen. Frei⸗ lich ſehe ich in meiner abgeſchabten Jacke und mit meinen ſchmutzigen Hunden ſo ein wenig Band⸗ ditenaͤhnlich aus, wuͤrde auch einer uͤberverfeiner⸗ ten Dame meine Dienſte nicht angeboten haben,— Sie ſind aber keine uͤberverfeinerte Dame, das weiß ich.“ Beim Aufſteigen eines Hugels, zog er ihren Arm ſanft unter den ſeinigen. Seit dem ungluͤcklichen Tage, der ſie auf ewig zu ſcheiden ſchien, war es das erſtemal, daß Maria ſich mit dem Oberſten wieder allein fand. Anfangs fuͤhlte ſie ſich unruhig und verlegen, al⸗ lein ihr Begleiter ſprach ſo vernuͤnftig und ſo entfernt von aller Leichtfertigkeit, daß ſie ſich bald beruhiget fuͤhlte, und Vergnügen in der Unterhal⸗ tung eines mit ihr gleichdenkenden Mannes fand. Erſt als ſie vor dem Thore von Beech⸗Perk, von . 77 ihm Abſchied nahm, fiel es ihr ein, wie es mög⸗ lich geweſen ſei, eine Stunde allein mit einem Manne zu gehen, den man erſucht habe ſie zu lieben! Von dieſem Tage an vermehrten und ver⸗ laͤngerten ſich die Beſuche des Oberſten Lennor, welche ſich aber Emilie ausſchließlich anzueignen ſchien; auch war wirklich ſeine Unterhaltung und ſein Witz meiſt an ſie gerichtet. Maria mußte jedoch bemerken, daß ſeine Blicke am haͤufigſten auf ihr hafteten. Wenn anch ſeine Aufmerkſam⸗ keit nicht die allgemeine Beobachtung erregte, ſo nahm ſie dieſe dennoch mit innerem Vergnuͤ⸗ gen wahr. „Wie ſehr muß ich,“ ſagte Emilie,„das Benehmen des Oberſten Lennor, gegen Dich, liebe Maria, bewundern! Es war wahrlich keine Klei⸗ nigkeit, nach der Klemme in der ihr' beide ſtecktet, zu wiſſen, wie man ſich zu betragen habe. Ein gewoͤhnlicher Mann, wuͤrde Dir entweder mit ſeiner Aufmerkſamkeit läſtig geworden ſeyn, oder Dich durch offenbare Vernachlaͤßigung beleidiget haben; während er zwiſchen beidem gluͤcklich hin⸗ durch ſteuert. Ueberdies ſage ich Dir, daß Du die Einzige biſt, der er ſolche Auszeichnung widmet. Der Mann ſcheint mir veraͤchtlich, der ſtets auf⸗ vaßt, um den Faͤcher oder den Handſchuh eines Gaͤnschens aufzuheben, das denkt, es laſſe ſchoͤn, wenn es ihn fallen läßt. Nein, der vernuͤnftige Mann wird ſtets das Weib welches er liebt, aus⸗ zeichnen, wäre es auch ſeine Mutter oder ſeine 7⁸ Gattin, und befände es ſich in der Geſellſchaft von Kaiſerinnen und Koͤniginnen. Nicht ſowohl durch alberne Eitelkeit oder gemeine Liebkoſungen wird er es auszuzeichnen trachten, als durch ſei⸗ ne Aufmerkſamkeiten. Kurz, Du thuſt am beſten, dich mit Lennor auszuſoͤhnen, denn es ſei wie ihm wolle, Du findeſt ſeines Gleichen nicht wie⸗ der, wenigſtens nicht unter Deinen Caledoniſchen Lairds, nach allem was ich von ihnen hoͤrte. Im Vorbeigehen erlaube ich mir noch die Bei n daß es mir ſcheint, er verſuche jezt Bich zu lieben, wie Du Dich ſelbſt neulich ausdrüͤck⸗ teſt. Laß ihn ja gewähren,— gelingt es ihm, ſo iſt der Lohn Dein.“ Mariens Herzchen empoͤrte ſich uͤber den Gedanken, ſich einer ſolchen Schmach unterwerfen zu ſollen, und dies um deſto mehr, weil ſie fuͤhl⸗ te, daß der Oberſt ihr nicht ſo gleichguͤltig ſei, als ſie es wuͤnſchte. Die Bemerkungen ihrer vor⸗ witzigen Couſine machten ſie uͤberdies nur noch zuruͤckhaltender gegen den beſcheidenen Mann. — Endlich erſchien der längſt erſehnte Tag⸗ Die Bewerbung des Herzogs von Altamont gieng in gehoͤriger Form vor ſich, und wurde alsbald der Annahme gewuͤrdiget. Lady Juliane ſchien nunmehr den Gipfel irdiſcher Freude erreicht zu 75 haben; denn, nächſt der Hoffnung ſich ſelbſt noch einmal glänzend verheirathen zu können, kannte ſie kein groͤßeres Glück, als ihre Tochter zu einer ſolchen Höhe erhoben zu ſehen. Nochmals ſchweb⸗ ten ſelige Geſichte vor ihrer Einbildungskraft; Pairs und Herzoge, mit ihrem glänzenden Gefolge. Nochmals genoß ſie, in Gedanken, die Freuden der Pracht und des Schimmers. Selbſtſucht war, wie von jeher, ſo auch jezt, ihr Leitfaden, und die Liebe zu ihrer Tochter gruͤndete ſich blos auf Eitelkeit und Ehrſucht. Die naͤchſtfolgenden Wochen verſtrichen un⸗ ter dem Geraͤuſch der Vorbereitungen, welche ſtets den Vermählungen der Großen vorhergehen. Je⸗ den Morgen langten Kleidungsſtuͤcke, Juwelen, Muſter und Gepacke aller Art, aus der Haupt⸗ ſtadt an. Lady Juliane war bis in den dritten Himmel verzuckt, obgleich nur die zweite Glucks⸗ rolle ihr zu Theil wurde. Die ſanfte Maria hingegen, beobachtete, mit aͤngſtlicher Sorgfalt, die Blicke ihrer Schweſter, aus deren Munde ſie nie die wahren Empfindungen ihres Herzens er⸗ fahren konnte. Adelaide wußte daß ſie eine Rolle zu ſpielen hatte, und fuhrte ſie mit ſo vieler Leich⸗ tigkeit und Selbſtbeherrſchung durch, daß ſelbſt das ſchaͤrfſte Auge ſie nicht zu durchſchauen ver⸗ mochte. Ein paarmal verriethen freilich, ihr Er⸗ roͤthen und die Verfinſterung ihrer Zuge, die Ge⸗ fuͤhle ihres Herzens, als man den Herzog von Altamont und Lord Lindore miteinander verglich 30 Maria ſchauderte als ſie gewahrte, daß ihre Schweſter ſich ſchon jezt des Mannes ſchaͤme, dem ſie in kurzem Liebe, Ehrerbietung und Ge⸗ horſam ſchwören wolle. Oefters bemühte ſie ſich Adelaidens Geſinnungen zu erforſchen, allein ſtets fruchtlos. Adelaide wollte auf nichts horchen, wovon ſie glaubte, es koͤnne ſie etwas angehen, ſondern ergriff entweder mit kalter Veraͤchtlichkeit ein Buch, oder verließ das Zimmer, oder gieng gar ſo weit, ſich die Ohren zuzuhalten und aus⸗ zurufen!„meine Ohren ſind nicht fuͤr ernſthafte Unterhaltungen geſchaffen!“ Einige Tage vor dem zur Vermählung beſtimmten, wurden jedoch Mariens groͤßte Be⸗ ſorgniſſe beſtätiget. Sie trat ins Muſikzimmer, und erſchrack, Lord Lindore und Adelaide allein in demſelben zu finden. Da ſie ſich ſcheute merken zu laſſen, als glaube ſie, man wuͤrde ihren Ein⸗ tritt fuͤr eine unangenehme Unterbrechung halten, ſo ſezte ſie ſich in einiger Entfernung von dem Pärchen nieder, und nahm ihre Arbeit vor. Ade⸗ laide gab ſich gleichfals das Anſehen beſchaͤftiget zu ſeyn, und Lord Lindore, der ihr, mit auf die Hand geſtuͤztem Kopfe, gegenuͤber ſaß, ſchien in ein Buch vertieft. Einige Zeit hindurch ſchwieg jedermann; als aber Maria zufällig aufblickte, gewahrte ſie, daß Lindors Augen ernſt auf ihre Schweſter geheftet waren. Mit der Stimme des unterdrückten Gefüͤhls wiederholte er die Wor⸗ te des St. Preux: Alo! je le sens, ma lie „——,— 81 lie!„'il falloit renoncer à vous, il ny auroit plus pour moi d'autre s6jour ni d'autre saison.“) Das Buch von ſich wer⸗ fend, verließ er ſchnell das Zimmer. Zitternd und erbleichend ſtand Adelaide auf, als wolle ſie ihm folgen, beſann ſich aber, und eilte durch eine entgegengeſezte Thuͤr aus dem Zimmer. Maria folgte ihrer Schweſter auf dem Fuße nach, ver⸗ geblich hoffend, ſie wuͤrde in dieſem Augenblick des erregten Gefuhls, ihr Herz der Stimme ſchwe⸗ ſterlicher Zaͤrtlichkeit oͤffnen. Allein Adelaiden war jede ſympathetiſche Empfindung fremd; ſie glaubte ſich herabzuwuͤrdigen, wenn ſie den Kampf zwi⸗ ſchen Liebe und Ehrſucht bekenne. Daß Lord Lin⸗ dore in ihrem Herzen herrſche, konnte ſie ſich ſelbſt nicht verbergen, wollte es jedoch der Schwe⸗ ſter, nicht eingeſtehen. Mariens Thränen und Bitten waren daher fruchtlos. Auf Adelaidens wiederholtes Verlangen verließ ſie dieſelbe end⸗ lich und kehrte in ihr Zimmer, zuruͤck. Hier fand ſie Emilien, mit einem Papier in der Hand.„Merke wohl auf, liebe Maria,“ rief ſie,„waͤhrend ich dieſe Zeilen leſe. Sei un⸗ beſorgt; ſie enthalten keine Geheimniſſe, wenigſtens keine, die uns kluger machen werden, denn ſie klingen uͤberaus myſtiſch. Ich fand ſie auf die⸗ *) Ach, meine Julie! Wie ſehr foͤhle ich es, daß, muͤßte ich Dir entſagen, es für mich weder ei⸗ ne Heimath, noch einen Jahreswechſel gäbe⸗ Sheſtand 3re Bd. 6 82 ſem Tiſche liegen. Die Handſchrift iſt die mei⸗ nes Bruders, der jezt den verliebten Seladon ſpielen will. Ich glaube, er und Adelaide fuͤhr⸗ ten eben eine ſentimentale Farce auf. Er giebt vor, daß, obgleich zum Sterben in ſie verliebt, er och nicht ſo ſelbſtſuͤchtig ſei, ſie dem Herzoge von Altamont wegkapern zu wollen. Adelaide hingegen, die ſich in heroiſchen Geſinnungen nicht will uͤberbieten laſſen, aͤuſſert, es ſei der hoͤchſte Tugendbeweis den ſie geben könne, den Herzog von Altamont zu heirathen, und die Reigungen ihres Herzens der Pflicht aufzuopfern.— Pflicht! wahrlich eine ſchoͤne Pflicht, die Pflicht Herzogin zu werden, mit dem Manne, den ſie heimlich ver⸗ achtet, in Glanz und Pracht zu leben, und des⸗ halb dem Mann ihres Herzens zu entjagen. So haben ſie ſich wahrſcheinlich getrennt, und dieſes moͤgen wohl Lindores Klagelieder ſeyn, die er Adelaiden zum zaͤrtlichen Andenken zuruͤckließ Nun, ſeid mir hold, o, ihr Traumgeſichte!“ „Es kehrt die Zeit wo mein verwirrt Gemuͤthe Und jeder Sinn in Sklaverei verſank. Nicht willig beugt' ich mich den engen Feſſeln, Ein lieblich Duͤſter huͤllte rings mich ein, Mir ſo verbergend des Geſchicks Beſchluͤſſe. Ein ſuͤß' Erbangen zog zum Ziel mich fort, Zum unbekannten, durch der Nacht Geheimniß, Wo Weihrauch duͤftete, Geſang ertoͤnt, Die lieblichſten Gebilde mich umſchwebten. In Schlummer war der Wille mir verſenkt, — du⸗ 33 Ins Elend ſtuͤrzte holde Täuſchung mich, Und riß mich hin in dunkle Irrgewinde;. Ein fremd Gefuͤhl nicht Freude iſt's, nicht Gram, Bewohnt mein Herz; die Quelle kannt' ich nimmer, Nur des Gefuͤhles wunderlich Beklemmen. Die Hoffnung kam, die Hoffnung ſloh vorüber. Ein Blumenpfad bot lockend ſich mir dar, Doch Schlangen barg er, nachtlich duͤſtre Eulen, Die ſtuͤrmten auf, mit bangem Ahnungsruf. Noch fortgezogen fühlt ſich der Erſchreckte, Und das Geheimniß weckte neuen Reiz; Die ſchmerzlich ſuͤße Luſt mußt' ich verfolgen, Vergeſſend was da komme wenn ſie flieht, Die Wolke die mir Kuͤnftiges verhuͤllet. Die Wolke floh, die Zaubermacht verſchwand Und alle Blumen, alle Freuden welkten. Doch ach! der ſchoͤne Trug den ich gehegt, Der bleibet noch in andern Farben lockend Und wechſellos verfolg ich noch den Pfad. Was mich umringt trägt alles fremde Form, Wo blätumkraͤnzte Quellen mir gelächelt, Da ſeh' ich Wildniß nür und nackten Fels.“ ———— Maria fuͤhlte, daß es gänzlich vergeblich ſeyn wuͤrde, wollte ſie ſich länger um das Ver⸗ trauen ihrer Schweſter bewerben, und da ihr Zartgefüͤhl es nicht duldete Adelaidens Geheim⸗ niſſe abpreſſen zu wollen, ſo achtete ſie nicht auf dieſe Herzensergießungen der getaͤuſchten Hoffnung⸗ F2 34 Bei der Mittagstafel war Adelaiden nicht die mindeſte Unruhe oder Gemuͤthsbewegung an⸗ zuſehen, ſo ſehr wußte ſie ſich zu beherrſchen. Lord Lindorens Abreiſe wurde nur im Vorbei⸗ gehen gedacht. Man glaubte insgemein, ſeine Couſine habe ſeine Hand ausgeſchlagen, und hielt daher ſeine Entfernung fuͤr ſehr natuͤrlich. Nur ver Herzog bemerkte, albern ſchmunzelnd,„Lord Lindore iſt alſo abgereißt?— Ach! der arme Lord Lindore!“ Schon als die Heirathspraͤliminarien ihren Anfang nahmen, hatte Lady Juliane, als eine Sache die ſich von ſelbſt verſtehe, es in ihrem Koͤpfchen feſtgeſezt, man wuͤrde ſie erſuchen, in Zukunft bei ihrer Tochter zu wohnen. Die ſorg⸗ ſame Mutter hatte, in der That, dieſe Verbin⸗ dung ſtets fuͤr eine Art von Trippelallianz gehal⸗ ten, vermoͤge welcher ſie eben ſo gerechte An⸗ ſpruͤche auf das Vermogen des Herzogs von Altamont erlangen wuͤrde, als ſei ſie ſelbſt ſeine angetraute Hattin. Die Zeit ruckte jedoch heran, und trotz aller Legebenen Winke und angewende⸗ ten Kuͤnſte, erfolgte noch immer keine Einladung, von Seiten der zaärtlichen Tochter. Der Herzog ſchlug ſeiner Braut vor, ihre Schweſter einzula⸗ den, ja ſchien ſogar es zu wuͤnſchen; denn ob er gleich, in Mariens Geſellſchaft kein eigentliches Vergnuͤgen genoß, ſo fuͤhlte er doch, war ſie ab⸗ weſend, eine gewiße Leere. Sie war ſtets guter Laune, ſtets hoͤflich und ſanftmuͤthig, ſo daß — 85 Se. Gnaden ſich immer, ohne zu wiſſen wie, in ihrem Umgange am beſten geſielen. Allein die ſelbſtſuͤchtige Braut ſchien zu glauben, die Freuden ihrer Herrlichkeit wuͤrden, muͤßte ſie die⸗ ſelben mit ihrer Schweſter theilen, verringert wer⸗ den, und wieß daher den Vorſchlag rund ab. Nun ſchlug der Herzog Lady Julianen zur Be⸗ gleiterin vor, da er eine Art von Ahnung hatte, ſein Heil liege in der Anzahl ſeiner Umgebungen. Wie alle beſchraͤnkte Köpfe, hielt er die Menge fuͤr Geſeliſchaft. Worte waren für ihn ver⸗ nuͤnftige Uuterhaltung, und alle Geiſtesabſtufun⸗ gen, von Sir Iſaac Newton an, bis zu Doktor Redgil, waren ihm gaͤnzlich unbekannte Dinge. Zwar war er, wie die meiſten ſchwachen Men⸗ ſchen, hoͤchſt ſtarrkoͤpfig, mußte aber fuͤr diesmal dem Willen ſeiner Braut nachgeben, welche die Geſellſchaft ihrer Mutter gleichfalls ablehnte. Doch milderte die kindlich geſinnte Tochter, Lady Julianens getaͤuſchte Hoffnungen, durch die Ausſich⸗ ten welche ſie ihr bot, ſie in der Stadt bei ſich zu ſehen, ſobald ſie dort gehörig eingerichtet ſei; ehe ſie aber den Landſitz Altamont geſehen und ſich mit den dortigen Einrichtungen bekannt gemacht habe, könne ſie unmöglich etwas beſtimmen. Lady Juliane mußte ſich mithin mit dieſer dunkelu Ausſicht, ſtatt der glänzenden, von ihrer Einbil⸗ dungskraft vorgeſpiegelten, Wirklichkeit begnugen. Ohne es eigentlich zu verſtehen, fuhtte ſie die Un⸗ vollkommenheit alles irdiſchen Gluͤcks. Als ſie die prächtigen Zubereitungen zu dem Vermäh⸗ 36. hungsfeſte ihrer Tochter vor Augen hatte, ergrif⸗ fen ſie bittere Erinnerungen ihrer eigenen Hoch⸗ zeitsfeier, und mancher Seufzer entfloh ihrer Bruſt, bei dem Gedanken:„Haͤtte das Glück mir eine ſolche Mutter geſchenkt, die gewußt haͤtte, was zu meinem wahren Beſten dient, ſo waͤre ich laͤngſt das, was meine Tochter jezt iſt!“ Der Wuͤrfel fiel.— Unter Pracht und Glanz, ſchimmernd von den herrlichſten Edelge⸗ ſteinen, und von Hochmuth aufgeblaſen, ſpielte Adelaide Douglas die verkehrte Rolle ihrer Mut⸗ ter.— Waͤhrend ein Anderer ihr Herz beſaß, gelobte ſie, im Angeſicht des Himmels, dem Herzoge von Altamont, treu und gehorſam zu bleiben! „Lebe wohl, geliebteſte Tochter!“ rief Lady Juliane, als ſie die neue Herzogin zum Abſchied umarmte.„Bald werde ich bei Dir ſeyn, und vor allen Dingen, beſtelle Dir, fuͤr die Jahres⸗ zeit, eine gute Loge in der Oper. Ich verſichere Dich, daß dieſes von der großten Wichtigkeit iſt.“ Die Herzogin entriß ſich, ungeduldig, den Gluͤckwuͤnſchen ihrer Familie, warf ſich in ih⸗ ren glaͤnzenden Wagen, und war bald deren BGeſichtskreis entſchwunden. — ₰— 4 ———— 87 Daß dem Suͤßen meiſt Bitteres beigeſellt ſei, davon machte Lady Juliane eine neue Er⸗ fahrung. Ihre Lieblingstochter war Herzogit von Altamont geworden, aber Grishelde Doug⸗ las war, faſt zu gleicher Zeit, in Bath angelangt. Die frohe Kunde, wurde Marien, in folgendem Schreiben, ohne Datum, mitgetheilt. „Herzens Geliebtes Mariechen! Aus dem Datum dieſes ſchreibens wirſt Du Erſehen, daß Wir endlich nach einer ſehr Langen reiſe, die es, wie Du wohl weißt, von Unſerem Lande bis Hieher iſt, Gluͤcklich Hier an⸗ gelangt Sind. Sie war zugleicher Zeit ſehr Angenehm, und Wir Saämmtlich genoſſen Sie recht ſehr. Nur der Arme Sir Simſon war ſo Uebel, daß Wir glaubten, Er wuͤrde Alle Augenblicke einmal ſterben, was der Lieben Lady Maclaughlan Auſſerordentlich unangenehm ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde. Er iſt jezt, ich freue mich es Sagen zu koͤnnen, um vieles Beſſer, aber doch noch ſo Armſelig, daß ich Fürchte, Du wirſt Ihn ſehr Verendert finden. Ich hoffe Sehr, daß Du, mein allerliebſtes Mariechen, mich Ge⸗ hoͤrig bei Lady Julianen Entſchuldigen wirſt, daß ich noch nicht in Beech⸗Park bei ihr war,(wo man ſich gewiß ſehr freuen wuͤrde, Mich zu Sehen.) Aber Sie wird mir gewiß Sehr recht geben, wenn ich Ihr ſage, daß es Aeußerſt Un⸗ 88 ſchicklich ſeyn wuͤrde, wenn ich Lady Maclaughlan Jezt verlaßen wollte, da Sie ganz und gar nicht Sicher iſt, wie lange der gute Sir Simſon noch leben will, und es ſehr Seltſam ausſehen wurde, wollte ich zu der Zeit Abweſend ſeyn. Du kannſt ihr aber, mit der verſicherung meiner Zuneigung Verſicheren, ſo wie in der That, mit Unſerer Aller Zuneigung,(denn Keine von Uns wird Jemals die Angenehme zeit vergeſſen, die Sie bei Uns in Glenfern Zubrachte, wie mein Ar⸗ mer Bruder noch lebte, ehe Du auf die Welt kamſt) daß Ich die erſte Gelegenheit ergreiffen werde, Einige zeit in Beech⸗ Part zuzubringen, Ehe ich Bath verlaſſe, da wir in der Erwartung ſtehen, daß das Waſſer den Sir Simſon wieder ganz auf die Beine Stellen ſoll. Das wird ge⸗ wiß eine Freudige Zuſammenkunft werden, zwi⸗ ſchen der Lady Juliane und Uns Allen, da es künftiges Fruͤhjahr Achtzehn Jahre werden, ſeit⸗ dem wir Uns nicht Sahen. Du kannſt Verſichert ſeyn, daß ich Dir eine groſſe Menge dinge zu Erzahlen habe, Dir und auch der Lady Juliane, von Allen Unſern Freunden in Glenfern, die ich Alle geſund Verließ. Folglich muß die Nachricht von Bellas und Betſys Verheirathungen laͤngſt in Bath Bekannt geweſen ſeyn, da es Heute Drei Wochen ſind, ſeitdem wir unſer Heimathliches Land verlieſſen. Solltet Ihr aber dieſes noch nicht in Erfahrung gebracht haben, ſo iſt Lady Mac⸗ laughlan der Meinung, daß Je eher Ihr es in Erfahrung brächtet, Je beſſer es ſeyn wuͤrde, —f 39 Zumalen da ganz und gar nicht daran zu Zwei⸗ feln ſteht. Bellas Hochzeit, die Gewißermaßen jezt feſtgeſezt iſt, aber folglich noch nicht gleich Vorſichgehen wird, iſt mit dem Hauptmann Mac⸗ nab von einem Gewißen Regimente, Ich vergaß aber wahr und wahrhaftig von Welchem, denn Du weißt daß es ſo viele Regimenter in der Welt giebt, daß es unmöglich iſt, Sie Alle im Kopf zu halten. Aber Er iſt durchaus ein tapferer Held, das ſteht nicht zu Laͤngnen, denn er war in Verſchiedenen Bataillen und in einer wurden Ihm zwei Voderzähne eingeſchlagen, und da wur⸗ de Ihm Viel Schoͤnes uͤber Geſagt. Auch ſagt Er, Er ſei gewiß Ueberzengt, daß Er bald des⸗ halb ſtark Avanciren würde, oder doch gewiß ei⸗ ne Penſion erhalten, alſo ſteht ſeinetwegen Nichts zu Beſorgen. „Betſy war, wo Moͤglich, noch Gluͤcklicher als Ihre Schweſter, ob du gleich wohl weißt, daß die Bella ſtets für die Familienſchönheit Ge⸗ halten wurde, obſchon Manche Leute, der Betſy Augen vorzogen. Sie hat einen vollkommenen Sieg über den Major Mactaviſh, von der Mi⸗ liz, vavon Getragen, welcher, Abgeſehen von ſei⸗ nem Hohen Rang, in der Armee, der gewiß ſehr Groß iſt, ſich Auſſerordenlich hervorgethan hat und die Groͤßte Bravour bezeigte, als ein ſehr Ernſthafter Aufruhr, über die Erhöhnng der Erdäpfel, um einen Penee entſtand„ wozu keine Urſache Vorhanden war, und zwar in der Stadt Dunvon, wovon Damals Viel Geſprochen wurde, als auch in Allen Zeitungen ſtand. Dies giebt Uns Allen das Groͤßte Vergnuͤgen, ſo wie Gewiß auch dir, liebes Mariechen, und der guten Lady Juliane. Zur nemlichen Zeit Empfinden Wir Großes mitleiden, mit den armen Dingern, der Babhy, der Beenie und der S da Sie ganz der Natur gemaͤs, ſo wie Wir Alle, gern Fruͤher geheirathet haͤtten, und es 3 wahr und wahr⸗ haftig eine ſehr Große Pruͤfung fuͤr Sie iſt, daß Ihre Schweſtern vor Ihnen heirathen. Und dennoch muß man Geſtehen, daß Sie Wunderbar ſtark ſind und ſich mit Auſſerordentlicher Seelen und Leibeskraft betragen, und ich glaube ganz Gewiß, mein liebes Mariechen wird es eben ſo machen, da ich nicht den mindeſten Zweifel habe, daß Ihr Alle heirathet, und Du verdienſt auch geheirathet zu werden, wenn es Einmal dazu kommt. Ich hoffe Dich recht bald zu ſehen, da die liebe Lady Maclaughlan, Dich ganz Gewiß Sehr willkommen heiſſen wird. Wir wohnen in Sehr eleganten Zimmern, die Meublen alle Spanneu und Vollkommen gut. Den Namen der ſtraße weiß ich noch nicht, da Lady Maclaugh⸗ lan ſich auf der Reiſe nicht gern Fragen laͤßt, was auch nicht zu Verwundern iſt, und es ſich Vorgeſezt hat Nie zu Antworten, was auch der Beſte Weg iſt. Folglich wird Bir aber Ein je⸗ des Ehriſtenkind ſagen koͤnnen, wo Sir Simſon Maclaughlan, Baronet, vom Schloße Lochmarlie, in— ſchire, wohnt, und ſollteſt Du dich doch 91 noch nicht zurecht Finden koͤnnen, ſo hat es ein Gruͤnes Thor und einen Sehr elejanten Balkon. Da ich dich bald ſehen werde, mein Liebes Mariechen, ſo muß ich dir jezt Adieu Sagen. Sir Simſon und Lady Maclaughlan Vereinigen ſich mit Ihren ſchoͤnſten Complimenten in mir, an die liebe Familie in Beech⸗Park. Und in guͤti⸗ ger Liebe zu Lady Julianen und zu dir, Verbleibe ich mein Herzgeliebtes Mariechen, deine dir ſtets wohlaffectionirte Tante, Grishelde Douglas.“ P.§.„Ich habe Einen langen, langen Brief fuͤr Dich, der in Meinem Koffer liegt, von der Mſtrs Douglas und den der Fuhrmann mitbringt. Wenn der Schnee ihn nicht aufhält, ſo kannſt Du Ihn in Zehn Tagen Erwarten.“ Mit dem Gedanken an Tante Grishelde ſchwebten alle theuere Bilder gluͤcklicherer Tage vor Mariens Einbildungskraft, und ihre Angen funkelten vor Vergnuͤgen, das liebe alte Geſicht wieder zu ſehen. „O! wenn darf ich nach Bath gehen, um die liebe Tante Grishelde zu ſehen?“ rief ſie, nach Beendigung des Briefes. Lady Juliane war wie verſteinert. Maria entſann ſich, daß ihre Mutter von dem ganzen Vorgang noch nichts wiſſen koͤnne, ſie eilte daher, ihre Tante zu ent⸗ ſchuldigen, und ihrer Mutter albss zu erzählen⸗ Mariens kurze Freude wurde jedoch in bitteren 92 Kummer verwandelt, indem ihre ſuͤße Mutter ſie mit Vorwuͤrfen überhaͤufte. Wäre ſie nicht, hieß es, ſo haͤtten dieſe Leute nie daran gedacht, nach Bath zu kommen, und mun ſolle ſie in keiner Verbindung mit ihnen ſtehen. Herrn Doug⸗ las Familie hade ſie, von jeher, außerordent⸗ lich uͤbel behandelt, ſie haͤtte ſchon laͤngſt beſchloſ⸗ ſen, nicht smit ihnen zu thun zu haben; ſie giengen ſie nichts im mindeſten an, u. ſ. w. Das Gan⸗ ze ſchloß, mit einem foͤrmlichen Verbot, Ma⸗ ria ſolle nicht das Geringſte mit ihrer Tante zu ſchaffen hoben. „Nach allem was die liebe Tante Juliane eben außerte,“ ſagte Emilie ernſthaft,„erhellt dentlich, daß Du Maria, die Urſache der un⸗ gluͤcklichen Verbindung Deiner edlen Frau Mutter, mit der Familie Douglas biſt.“ „Ohne allen Zweifel,“ verſezte die gnaͤ⸗ dige Frau. „Eben ſo liegt es klar am Tage,“ fuhr Emilie fort,„daß Du allein die Schuld trägſt, daß es Deiner Mutter bekannt iſt, daß Dein Va⸗ ter eine Tante hat; ein Umſtand, den ſie außer⸗ dem nie wuͤrde eingeſtanden haben.“ „Gewiß nicht,“ verſicherte 3 guline mit Waͤrme. „Wirklich eine bewunderun gswerthe Idee, die ich gewiß befolgen werde,“ ſagte Emilie wei⸗ ter.„Sollte ich jemals Kinder bekommen, ſo 93 werde ich ſie einzig und allein dafuͤr verantwort⸗ lich machen, eine thoͤrichte Heirath gethan zu ha⸗ ben, und nur ihre Schuld ſoll es ſeyn, daß mein Gatte eine Mutter hat.— Einſtweilen bin ich jedoch entſchloßen, die Verwandten meines Edu⸗ ards, bis ins dritte und vierte Glied, in Schutz zu nehmen. Wird es daher Marien verſagt, ihre Tante, nach Gefallen, zu beſuchen, ſo werde ich die gute Tante Grishelde hieher einladen laſſen. „Die Hand an den Klingelzug legend, fuhr ſie fort:“ Gleich will ich den Wagen beſtellen, und zu ihr fahren. Morgen geben wir, wie Ihnen be⸗ kannt iſt, ein groſſes Mittageſſen, zur Feier von Adelaidens Vermaͤhlung. Tante Grishelde ſoll die Koͤnigin des Feſtes werden. Lady Juliane erſtickte beinahe vor Aerger. Sie kannte aber ihre Nichte zu gut, als daß ſie den mindeſten Zweifel haͤtte hegen koͤnnen, daß dieſe ihre Drohungen nicht ausfuhren wuͤrde. In dem Gedanken, die gemeine, unbekannte Gris⸗ helde Douglas einer vornehmen Geſellſchaft, als ihre Tante vorgeſtellt zu ſehen, lag Verzweiflung. Nach heftigem Hin⸗ und Widerſtreiten, woran Ma⸗ ria keinen Antheil nahm, erlangte leztere endlich eine ſehr unwillige Erlaubniß, zu thun was ihr beliebe; deren ſie ſich auch eilig bediente, und um Tante Grishelde und das gruͤne Thor auf⸗ zuſuchen, alsbald abfuhr. Nach vieler Muͤhe und manchen vergeblichen Bliken, auf gruͤne Thore und Balkons, war Maria eben im Begriff, ihre Nachforſchungen aufzugeben; als ihre Augen die leibhaftige Ge⸗ ſtalt der Tante Grishelde, in einem altmodiſchen Reitkleide und mit einer Brille auf der Naſe, in einem Fenſter ſtehend, gewahrten. Der Wa⸗ gen hielt, und einen Augenblick darauf lag Ma⸗ ria an dem Herzen ihrer Tante. Wie Marid die wohlbekannten und in ihrer Kindheit ſo oft gehoͤrten Toͤne der alten Jungfrau aufs neue vernahm, und dieſe das Andenken an vergangene Zeiten erweckten, pochte ihr Herzchen heftiger und freudiger. Jevoch der Wahrheit muß man Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. Es ſei daher frei geſtanden, daß Mariens guter Geſchmack den⸗ noch einigen Widerwillen, bei dem Anblick der guten alten Tante empfand. Die Liebe zu ihr behauptete zwar ihren alten Einfluß, aber die Abweſenheit hatte die Verblendung, welche aus dem täglichen Umgang entſtand, vernichtet, und zum erſtenmal erblickte ſie Tante Griöhelden in ih⸗ rer wahren Geſtalt. Mariens Herz hieng jedoch, aus fruͤher Gewohnheit, noch immer an ihr; daher beſiegte ſie ſehr bald die Schwaͤche welche ſich ihrer bemeiſterte, als ſie die linkiſchen Manie⸗ ren und die rauhe, ungebildete Sprache der gu⸗ ten Grishelde, mit den verfeinerten Sitten ihrer jezigen Umgebungen, verglich. Mit ſehr verſchiedenen Empfindungen be⸗ trachtete die wohlwollende Tante ihre Nichte. Nicht oft genug konnte ſie die Ausrufungen ihrer Be⸗ 95 wunderung wiederholen. Maria war, wie ſie ein uͤber das anderemal ausrief, groͤſſer gewor⸗ den, und ſchoͤner und ſtaͤrker. Ihr Ruͤcken ſei jezt ſo gerade wie eine Tanne, und ſelbſt Miß Macgowk wuͤrde ihren Gang bewundern. Sie war ganz erſtaunt Marien ſo zu finden, denn man hatte ihr in Schottland oft geſagt, in Eng⸗ land koͤnne nichts gedeihen, jenes ſei ausſchließ⸗ lich das wahre Land der Schoͤnheit. Sogar Sir Simſon und Lady Maclaughlan wurden von Grishelden vergeſſen, die wie eingewurzelt ſtand und ſich in Bewunderung Mariens verlor, bis leztere ſich von ſelbſt nach ihnen umſah. Man muß geſtehen, daß auch die ſchaͤrfſten Augen Ge⸗ fahr liefen, den kleinen Kriegshelden zu überſehen, der beinahe zu nichts eingeſchrumpft war, und ſelbſt das wenige Uebergebliebene haͤtte ohne großen Verluſt ganz verſchwinden koͤnnen. Er war lei⸗ der! vom Schlagfluße getroffen, taub und kin⸗ diſch, und die einzigen Lebenszeichen welche er von ſich gab, waren eine immerwaͤhrende Unruhe und ein unaufhoͤrliches Brummen. Seine Gat⸗ tin ſaß, mit ihrer Arbeit beſchaͤftiget, ruhig ne⸗ ben ihm, und ohne von dieſer abzulaſſen, erhob ſie blos das Haupt um Marien zu begruͤßen. „So, nun es freut mich,“ ſagte ſie, Ma⸗ rien vom Scheitel bis zur Ferſe muſternd„daß Sie, liebes Kind, ſich wenigſtens nicht verſchlim⸗ mert haben. Das iſt mehr als wir von uns ſagen koͤnnen. Da ſehen Sie einmal die armen 96 Geſchöpfe an,“— auf Sir Simſon und Gris⸗ helden deutend.—„Die ſehen wahrlich ſchiecht genug aus. Wir wiſſen, wer wir ſind, aber nur Gott weiß was aus uns wird. He?!“ Sir Simſon ſchien Marien nicht zu erken⸗ nen, und war nur vergnuͤgt, wenn Grishelde ih⸗ ren Platz bei ihm einnahm, und ihm zum tau⸗ ſendſtmale erzählte, warum er in Bath und nicht im Schloße Lochmarlie ſei. Maria ſah jezt deutlich, daß es in dieſem Leben Lagen gebe, in welchen auch ein ſchwacher Verſtand Nutzen ſtiften kann, und daß ſelbſt das albernſte Geſchwaͤze zuweilen mehr Vergnuͤgen zu gewähren vermag, als alie Weisheitſpruͤche. Sir Simſon und Grishelde, waren einan⸗ der an Verſtandeskraͤften ſo aͤhnlich, daß ſie ſich gegenſeitig gluͤckich in ihrem Umgang fanden. Dieſes hatte Lady Maclaughlans Scharfſinn längſt bemerkt, und aus dieſer Urſache hatte ſie die ſchwache alte Perſon zu ihrer Reiſegefaͤhrtin ge⸗ waͤhlt, der ſie üͤbrigens, wegen ihrer ſtandhaften Anhaͤnglichkeit, wohlwollte. 8 Maria blieb lange bei ihrer Tante. Als ſie ſich beurlaubte, verſprach ſie den folgenden Tag wiederzukommen, um Miß Grishelden, die einen Empfehlungsbrief abgeben wollte, welchen ſie weder der Obhut des Fuhrmanns, noch des Schnres anvertraut hatte, zu begleiten. ——— 97 XI. Maria las, bei ihrer Zuruͤckkunft, den Un⸗ willen ihrer Mutter deutlich in den Blicken, die ſie ihr zuwarf. Zwar betruͤbte es ſie, derſelben abermals mißfaͤllig zu ſeyn; ſie fuͤhlte aber, ſie ſei es dem Andenken ihres Vaters ſchuldig, deſ⸗ ſen alte Tante nicht zu verlaͤugnen. Tante Gris⸗ helde war alt, arm, unbekannt, haͤßlich, ſchwach⸗ köpfig und von gemeinen Sitten, aber an Marien dennoch durch feſtere Bande verknuͤpft, als durch die der Mode und des verfeinerten Geſchmakes. Jene Maͤngel, die einem leichtſinnigen Gemuͤthe, zum Vorwand gedient haben wuͤrden, die alte Perſon zu vernachlaͤßigen, eben dieſe, waren ſo viele Triebfedern fuͤr die großüthige Maria, ſich ihrer anzunehmen. Ihrem Verſprechen ge⸗ maͤß, begab ſich Maria alſo nach Milſom⸗Straſſe, woſelbſt ihre Tante ihrer bereits mit der größ⸗ ten Ungeduld wartete, den Brief ſo feſt in bei⸗ den Haͤnden haltend, daß es ſchien, als wolle ſie nicht einmal die Aufſchrift deſſelben leſen laßen. „Dieſer Brief, liebes Mariechen,“ ſagte ſie, als ſie in dem Wagen ſaßen,„iſt eine ſehr wich⸗ tige Sache fuͤr mich, ganz beſonders aber fuͤr Dich. Ich erhielt ihn von der Mſtrs Menzies, durch die Mſtrs Macdrone, deren Freundin, die Stiefſchweſter der Mſtrs Campbell, Miß Grant, eine Herzensfreundin der Mſtrs Fox iſt, und die, wie ſie ſagt, eine praͤchtige Frau ſeyn ſoll. Fo lglich iſt ſie keine Verwandte des großen For, Eheſtand 3r Bbd. G 98 ſonſt, weißt du wohl, wurde es ſeltſam von mir geweſen ſeyn, bei Sir Simſons Grundſätzen, und denen meines armen Bruders, und unſer aller Grundſätzen, wenn ich ſie haͤtte beſuchen wollen. Aber ſie gehoͤrt zu einer ganz andern Familie von Foren. Sie iſt eine For von Pekwell, und wie es ſcheint, ſehr liebenswuͤrdig, ſehr reich und auſſerordentlich mildthaͤtig. Wir waren wahr⸗ lich ſehr gluͤcklich einen Brief an eine ſolche Frau zu bekommen.“ Ehe dieſe Herzensergießung noch zu Ende war, befanden ſie ſich vor dem Hauſe der Mſirs For. Are Umgebungen beſtätigten die Kunde von dem Reichthum und der Wichtigkeit dieſer Dame. Das Haus war geraͤumig und ſchoͤn moͤblirt, die Dienerſchaft zahlreich. Die Fremden wurden alsbald in ein Wohnzimmer gefuͤhrt, welches mit Wunderwerken der Natur und Kunſt ange⸗ fuͤlt war. Indianiſche Muſcheln, eingelegte Schraͤnkchen, elfenbeinerne Kaͤſtchen, ausgeſtopfte Vogel, altmodiſches Porzellan, und Chineſiſche Mandarine, prangten ringsumher. Die Hausfrau ſaß an einem Tiſche, der mit Kunſtſachen ande⸗ rer Art bedeckt war. Man erblickte auf demſel⸗ ben, alle nur erdenkliche Gattungen weiblicher Handarbeiten, von dem kunſtreich geſtickten und vergoldeten Feuerſchirm an, bis zu unbedeutenden Zwirnwicklern und Hemdeknoͤpſchen. Mſtrs For war eine noch huͤbſche, elegante Frau, von mil⸗ dem Anſehen und feinem Betragen. Sie em⸗ verſtehe.“ 99 pfieng ihren Beſuch mit jener ubertriebenen Zu⸗ vorkommenheit, die Mariens feinerer Takt als⸗ bald, als nicht aufrichtig gemeint, durchſchaute. Die gute Grishelde hingegen hatte ſich kaum nie⸗ dergeſezt, als ſie auch ſchon von der Hoͤflichkeit der Mſtrs For entzuͤckt war, und glaubte ihr gan⸗ zes Leben wuͤrde zu kurz ſeyn, um ſo viele zu⸗ vorkommende Guͤte, gehörig zu wuͤrdigen. Nach⸗ dem die gewoͤhnlichen Begruͤßungen vorüber wa⸗ ren, das Wetter, u. ſ. w., gehörig beſprochen, ließ Mſtrs For ſich folgendermaßen vernehmen: „Sie werden ſich verwundern, meine Da⸗ men, mich unter einem ſolchen Wuſt von Dingen ſizen zu ſehen. Sie finden mich aber eben be⸗ ſchäftiget, die Arbeiten einiger meiner armen Schuͤtzlinge zu ordnen. Eine hoͤchſt ungluckliche Familie!— Ich gab ihnen ſo viel Unterricht, als ich vermochte, in dieſen kleinen weiblichen Arbeiten, und ſehen Sie nur, welche erſtaunens⸗ werihe Fortſchritte ſie gemacht haben.“— Sie reichte Grishelden ein buntes Arbeitskörbchen.— „Meine Freunde,“ fuhr ſie fort,„bezahlten dieſe Kleinigkeiten mit großer Freigebigkeit. Ich bin jedoch zur Bettlerin verdorben. Die armen Geſchoͤpfe koͤnnen in keine uͤbleren Haͤnde fallen, als in die meinigen. Ich verſtehe zu geben, aber nicht zu heiſchen. Ich ſagte ihnen, ſie muͤßten ſich in der That nach jemand anders umſehen, der ihren kleinen Arbeiten Abſatz verſchaffe,— jemand der beſſer als ich, Almoſen zu fodern 62 100 Thraͤnen der Bewunderung ſtanden in den Augen der guten Grishelde,— ihre Hand fuhr unwillkuͤhrlich in die Taſche. Sie blikte Mari⸗ en an, aber weder Mariens Augen, noch Hände, verriethen Mitgefuͤhl. Die klägere Nichte empfand nur Ekel uͤber die Niedertraͤchtigkeit und den Man⸗ gel von Zartgefuͤhl, von Seiten der Hausfrau, die fähig war Fremden einen ſolchen Tribut aufzulegen. Mſirs For fuhr fort:„Die großmüthige Perſon, Miß Gull, war heute fruͤh bei mir, und kaufte nicht weniger als ſieben dieſer niedlichen, kleinen Nadelkißen. Ich wollte es nicht zugeben, daß ſie ſo viele kaufe,— es war wahrlich uͤber⸗ großmuͤthig! Sie ſagte aber: liebe Mſtrs For, wie kann man ſein Geld beſſer anwenden, als wenn man eine gute Handlung thut, und ſich zu gleicher Zeit bereichert.“ Grishelde zog ihr Beutelchen.„Das iſt wahr und wahrhaftig wahr,“ ſprach ſie. Das fiel mir noch nimals in den Sinn. Ganz gewiß wird Lady Maclaughlan des nemliche ſagen. Es wird ſie ausnehmend erfreuen, das ſteht nicht zu läugnen, auch ein Nadelkiſſen zu nehmen, und alle meine Schweſtern werden auch eins kaufen, und ich will eins nehmen, ob wir gleich ſchon viele Nadelkißen im Hauſe haben, und ich drei funkelneue. „Liebe Miß Douglas, Sie ſind wahrlich, ich moͤchte ſagen, gar zu gutig. Zwei und zwei 101 ſind vier, und eins dazu macht fuͤnf,— fuͤnf halbe Kronen! Sie bereichern meine arme Schuͤtz⸗ linge auf einmal!“ Mit zitternden Händen und dem Errothen der ſich verbergen wollenden Tugend, zaͤhlte die gute Grishelde die, fuͤr ſie, betraͤchtliche Summe auf. 3 Mſtrs For ließ jedoch ihre Leute nicht ſo leicht fahren.„Sollten einige Ihrer Freundinnen etwa Chemiſetknoͤpfchen zu haben wuͤnſchen,“ fuhr ſie fort,„ſo kann ich ihnen dieſe empfehlen. Eine arme Frau, an der ich einigen Antheil neh⸗ me, verfertiget ſie. Sie ſind denen die man in den Kauflaͤden antrift, weit vorzuziehen, da man die beſten Materialien dazu genommen hat, die ich ihr ſelbſt liefere und daher recht gut weiß, daß ſie aͤcht ſind. Die man gewoͤhnlich kauft, ſind meiſt aus alten leinenen Lappen gemacht. Ich habe es oft genau unterſucht, ſo daß Sie ſich darauf verlaſſen koͤnnen.“ Grisheldens Haar ſtieg empor, hoͤren zu muͤſſen, daß eine ſolche Betruͤgerei, in einem Ar⸗ tikel, in welchem ſie am wenigſten dergleichen vermuthet häͤtte, eriſtiren koͤnnte. Zur Ehre ih⸗ res Vaterlandes wollte ſie jedoch nicht zugeben, daß ſo etwas Abſcheuliches in Schottland ge⸗ ſchehen konne, und prieß daher, mit vieler Wär⸗ me, die Aechtheit Schottiſcher Chemiſetknoͤpfchen. „Unſere Freundin, Miß Grant,“ erwiederte Miſtrs For, ſehr kaltbluͤtig,„iſt ſo uͤberzeugt von 102 den Vorzuͤgen dieſer Knöpfchen vor andern, daß ſie ſechs und dreißig Dutzende mit nach Schott⸗ land nehmen will. Auch ſind es in der That die aͤchten, altmodiſchen Chemiſetknoͤpfchen, die ich oft von meiner Mutter ruͤhmen hoͤrte. Mei⸗ ne arme Frau muß ſie aber, bei alle dem, ei⸗ nen Pfennig das Dutzend, unter dem Kaufpreiß laſſen; ſo daß, wenn man zwölf Duzende nimmt, was das Gewoͤhnliche iſt, man einen Schilling dabei gewinnt.“ Grishelde glaubte, das Gluͤck der Familie durch den Ankauf dieſer unvergleichlichen Knoͤpfe zu machen, bezahlte mithin fünf Schillinge, und wurde die glůckliche Beſizerin von zwoͤlf Duzen⸗ den derſelben. Neue Ausbruͤche von Dank und Bewunde⸗ rung erfolgten, bis Grisheldens Kopf, uͤber die Thaten die ſie gethan zu haben glaubte, mehr als gewoͤhnlich, ſchwindelte. Mſtrs For bemerkte, daß Grisheldens Au⸗ gen, mit Entzuͤcken, auf ihrem Schoß voll Na⸗ delkißen und Chemiſetknopfchen umher rollten, und zog ſie daher, zu einer Pagode, von unge⸗ woͤhnlicher Groͤße.„Und jezt,“ ſagte ſie,„wer⸗ den Sie, liebe Miß Douglas, die Gute haben, meine kleine Sammlung zu betrachten.“ „Guͤte!“ dachte Grishelde.„Welche aus⸗ nehmende Hoͤflichkeit! Eiligſt verſicherte ſie, ſie liebe nichts mehr, als alles zu betrachten, und 103 wuͤrde es fuͤr die größte Guͤte halten, wenn man ihr alles zeigen wollte.— Die Pagode mußte mit dem Kopfe nicken, eine muſikaliſche Doſe ſpielte ihr Stuckchen, und viele andere koſtbare Spielereien wurden vorgezeigt. Mariens Widerwillen ſtieg.„Dieſe Frau,“ dachte ſie,„will Anſpruͤche machen fuͤr wohlthä⸗ tig gehalten zu werben? Die Summe welche ſie fur eine dieſer koſtbaren Spielereien weggewor⸗ fen hat, wuͤrde wahrſcheinlich hinreichend gewe⸗ ſen ſeyn, alle die armen Menſchen zu unterſtuͤzen, fuͤr welche ſie ſo großes Mitleiden zu haben vor⸗ giebt, ohne daß ſie ſich haͤtte erniedrigen duͤrfen, ihr Haus zu einer Almoſenbuͤchſe zu machen.“ Maria gieng ans andere Ende des Zimmers, um einige ſchöne bibliſche Gemalde, zu betrachten. „Hier,“ ſagte Mſtrs For, zu ihrem Op⸗ ferlamm, indem ſie ein praͤchtiges Schraäͤnkchen aufſchloß,„hier iſt ein Schatz, den ich hoͤher achte als meine ganze uͤbrige Sammlung. Es ſind Muſter geſchliffener Schottiſcher Kriſtalkie⸗ ſel, die ich einzig und allein der Güte und Groß⸗ muth meiner. Schottiſchen Freunde verdanke. Ich bin enthuſiaſtiſch fuͤr Schottiſche Krieſtallkieſel eingenommen, eben ſo ſehr als fuͤr die Schott⸗ ländiſche Nation insgemein. Wirklich bin ich enthuſtaſtiſch fur alles was mich intereßirt, und ich muß geſtehen, daß fuͤr jezt mein ganzer Sinn darauf ſteht, eine vollkommene Sammlung Schot⸗ tiſcher Kriſtallkieſel zu machen.“ r04 Grishelde fühlte eine Art von Krampf in ihrer Kehle, an welcher ein ausnehmend ſchoͤner, geſchliffener Kriſtallkieſel ſteckte, der aber ihrer Schweſter Nicvline gehorte, und ihr, um beßer in der vornehmen Welt zu glaͤnzen, geliehen war. „O!“ dachte ſie,„wie traurig, daß dieſe Vor⸗ ſtecknadel Nicolinen gehoͤrt und nicht mein Ei⸗ genthum iſt; gleich wuͤrde ich ſie dieſer allerlieb⸗ ſten Mſtrs For gegeben haben. Wayrlich, ich ſehe nicht ein, wie ich es anfangen ſoll, ſie ihr nicht zu ſchenken, ungeachtet ſie Schweſter Nico⸗ linen gehoͤrt.“ „Ei der tauſend!“ rief Mſtrs For als ſei die Vorſtecknadel ihr eben jezt ins Auge ge⸗ fallen,„das ſcheint ja ein wunderſchoͤner Stein zu ſeyn. Mir wundert nur, daß ich ihn nicht fruͤher bemerkte; aber Kriſtallkieſel zeichnen ſich beim vollen Putz nicht aus. Duͤrfte ich ihn wohl näher betrachten?“ Grisheldens ſchwaches Gehirn drehte ſich um und um. Auf einer Seite ſtand die Ehre, die Vorſtecknadel der hoͤflichen, mildthaͤtigen, lie⸗ benswuͤrdigen Frau, anzubieten, auf der an⸗ dern, die Furcht vor Ricvlinens Unwillen. Fuͤr Ricolinen hatte der Stein jedoch keinen Werth, — ſie hatte ja keine Sammlung, und Mſtrs For hatte ja beſtimmt erklaͤrt, Kriſtallkieſel gehoͤrten nur in Sammlungenſ; und es ſei doch Jammer⸗ ſchade daß Ricolinens Vorſtecknadel verloren gehen ſollte. Alle dieſe Betrachtungen giengen, 105 mit der gewoͤhnlichen Klarheit, in Grishelden Kopfe umher, waͤhrend ſie die Vorſtecknadel ab⸗ nahm und den Haͤnden der Sammlerin uͤbergab. „Ei der tauſend, Miß Douglas,“ rief Mſtrs For,„dies iſt wahrlich ein ſehr ſchoͤner Stein! Fuͤr ſo praͤchtig hielt ich ihn nicht, wie ich ihn an ihrem Halstuch ſtecken ſah. In der Hand nimmt er ſich ganz anders aus. Er ge⸗ hoͤrt zu einer mir ganz unbekannten Gattung. Ich beſize, in meiner ganzen geringen Sammlung nichts Aehnliches. Koͤnnen Sie mir nicht ſagen, wie man die Gattung nennt, und wo ſie zu fin⸗ den iſt, damit ich mir einen aͤhnlichen Stein verſchaffen kann?“ „Du meine Guͤte! waͤre meine Schweſter Nicoline nur hier,— ſie wuͤrde ganz gewiß,— zwar ſezt ſie einen großen Werth auf den Stein, der am nemlichen Tage, als mein Großvater ſeinen Prozeß gegen Drymſide gewann, bei Glenfern gefunden wurde; und ſeitdem nannten wir ihn nur, den Gluͤcksſtein.“ „Den Glucksſtein! Ein praͤchtiger Name! Ich werde mich nie fuͤr gluͤcklich halten, bis ich mir einen ſolchen Gluͤcksſtein verſchaft habe. Faſt moͤchte ich aber deshalb ſelbſt nach Schott⸗ land reiſen. O, du herrlicher Gluͤcksſtein!“ Mſtrs For kuͤßte den Stein mit Entzucken. „Ich meine, ich glaube,— ich bin beinahe uͤberzeugt, daß, waͤre meine Schweſter NRicoline 106 hier, ſie ſo frei ſeyn wuͤrde, Ihnen den Stein anzubieten. Sie wuͤrden meiner Schweſter den größten Gefallen erzeigen, wenn Sie ihn anneh⸗ men wollten; zumal da Sie ſagen, er wuͤrde ſich in einer Sammlung weit beſſer ausnehmen, woran ich nicht im mindeſten zweifele, da ihn meine Schweſter vhnehin, aus Furcht ihn zu verlieren, ſelten tragt, und es wäre ja auch Jammerſchade wenn er verloren gehen ſollte. Bei Ihnen iſt er gewiß beßer aufgehoben, das kann niemand läugnen. Mithin kann meine Schweſter Ricoline, wahr und wahrhaftig, nichts Beßeres thun,— denn eine Kriſtall⸗Vorſtecknadel, iſt als Vorſteck⸗ nadel gar nichts werth.“ „Beſte Miß Douglas!“ hieß es ſchnel. Ich ſtehe wahrlich ganz beſchaͤmt vor Ihnen! Das waͤre ja ein Raub! Aber ich beſtehe darauf, daß Sie einen kleinen Beweis meiner Dankbar⸗ keit, fuͤr Miß Nicvlinen annehmen.“ Mitrs For gieng zu ihrem Wohlthatigkeitstiſch, vom dem ſie ein Paͤckchen bunte Zwirnpapiere holte. „Dieſe Kleinigkeit bitte ich,“ fuhr ſie fort,„der Miß Nicoline, nebl meiner ſchoͤnſten Empfehlung zu uͤberreichen, und ihr zu verſichern, ich wurde ihren Gluͤcksſtein fuͤr das koſtbarſte Kleinod in meiner Sammlung halten.“ Die ganze Scene gieng in einer ſolchen Ge⸗ ſchwindigkeit vor ſich, daß die arme Grishelde kaum wußte, wie ſchnell Nicolinens ſchoͤne Vor⸗ ſecknadel ſich in ein Paͤckchen bunter Zwirnpapi⸗ 107 re verwandelt habe; doch wurde ihr ein wenig bange, uͤber den Tauſch. Maria, welche nicht wußte, was, waͤhrend ſie die Gemälde betrachtete vorgegangen war, naͤ⸗ herte ſich jezt, und winkte ihrer Tante Abſchied zu nehmen. Im Wagen ſchwiegen beide, da Grishelde ſo beſchaͤftiget war, ihre Nadelkißen zu beſehen und ihre Knoͤpfchen zu zählen, daß ſie nicht eher aufblickte, bis ſie vor ihrer Wohnung ſtill hielten. Maria begleitete ihre Tante ins Zimmer. Grishelde brannte vor Ungeduld ihre Schätze zu zeigen, packte ſie daher ſchleunig aus und erzähl⸗ te wie großmuthig ſie ſich bewieſen habe. Lady Maclaughlan antwortete blos mit einem ſchwe⸗ ren Seufzer. Grishelde war aber allzuſehr ge⸗ wohnt, bei ihren Reden, ſeufzen zu horen, als daß ſie ſich haͤtte ſollen irre machen laſſen, und fuhr alſo fort:„Das iſt aber alles gar nichts gegen die Chemiſetknoͤpfchen von Mſirs For eige⸗ ner Leinwand, die ſpottwohlfeil ſind, nur fuͤnf Schillinge fuͤr zwölf Dutzend, und wenn man noch dazu bedenkt, welcher Betrug heutiges Tages mit ſolchen Knoͤpfen getrieben wird,— ich ver⸗ ſichere Sie, man muß ſehr auf ſeiner Hut ſeyn, mit dergleichen Knöpfen.“ „Laſen Sie jemals den Landprieſter von Wakeſield?“ fragte Lady Maclaughlan. 108 „Den Landprieſter vou Wakefield? Ich— ich glaube, ich habe ihn geleſen.— Gewiß habe ich aber von ihm gehoͤrt.“ „Moſes mit ſeinen gruͤnen Brillen, han⸗ delte, im Vergleich mit Ihnen und Ihren Knoͤpf⸗ chen, wie der weiſe Koͤnig Salomon. Welche von Ihnen traͤgt jezt Chemiſetten?“ „Ich glaube, ich meine,— ja, das iſt wahr und wahrhaftig wahr,— daran dachte ich nicht, — ja, keine von uns trug Chemiſetten, ſeitdem mein armer Bruder ſtarb.“ „Was iſt denn aus der Vorſtecknadel ge⸗ worden?“ fragte Lady Maclaughlan Marien, die jezt erſt den Mangel dieſes Schmucks entdeckte. „O, was die Nadel anbetrift,“ rief Gris⸗ helde,„die iſt ſehr gut untergebracht, das wird niemand laͤngnen koͤnnen.“ Und nun begann ſie eine außerſt verwirrte Erzaͤhlung, aus welcher endlich der wahre Hergang hervorgieng. „Es giebt zwei Dinge,“ ſagte Lady Mac⸗ laughlan,„vor denen mich Gott in Gnaden be⸗ wahren moͤge. Nemlich, mich nie zu einer Almo⸗ ſenſammlerin der Art, und nie zu einer Sammle⸗ rin von Curioſitäten zu machen. Ein guter Chriſt kann keins von beiden ſeyn,— beide ſind ſo gut als Taſchendiebe. Ich verlaugnete meine eigene Mutter, waͤre ſie eins oder das andere. He?!“ Marien ſchmerzte der Verluſt der Nadel. Die gute Grishelde war aber mehr als jemals 109 mit dem Tauſch zufrieden, weil Sir Simſon be⸗ ſonderen Gefallen an bunten Zwirnpapierchen fand, mit denen er ſich den ganzen Tag beſchaͤftigte und ſich alle zwei Minuten ſagen ließ, wozu man ſie gebrauche. Maria verließ daher ihre Tante vollkommen gluckſelig, und kehrte nach Beech⸗ Park zuruͤck. ————— XII. Das Rad der Zeit rollte weiter, ohne daß in Grisheldens Leben etwas denkwuͤrdiges vorfiel. Lady Juliane ſoͤhnte ſich in etwas mit der An⸗ kunft der ihr verhaßten alten Tante aus, ließ ſich ſogar bereden ſie zu heſuchen, und brachte wirk⸗ lich fuͤnf Minuten mit ihr in einem und demſel⸗ ben Zimmer zu. Alle Entwuͤrfe dieſer zaͤrtlichen Mutter ſchienen jezt in Erfuͤllung gehen zu wollen. Herr Wright war nunmehr Lord Glenallan, mit einem vermehrten Einkommen von funfzehntauſend Pfund jaͤhrlicher Renten, geworden, und kluͤgere Koͤpfe als der ihrige wuͤrden ihn fuͤr eine ſehr gute Parthie gehalten haben. Der neue Lord ließ ſeine Mutter in Schottland, um ſeine dorti⸗ gen Angelegenheiten, in welche ſie mehr Einſicht hatte als er ſelbſt, zu ordnen, und eilte nach Beech⸗Park, Mariens, ihm bereits zugeſagte, Hand zu fordern. 110 Allein weder Reichthum noch Rang ver⸗ mochten Mariens edles Gemuͤth zu beherrſchen. Mit Widerwillen blickte ſie auf jene Arten von Gluͤck, welche ſie fuͤr unzulaͤnglich hielt, die beſ⸗ ſeren Gefuhle ihres Herzens zu befriedigen. We⸗ der in Glanz, noch Auszeichnung, ſuchte ſie das wahre Gluͤck, ſondern in der Ausuͤbung haͤus⸗ licher Tugenden, und in der Geſellſchaft eines, von ihr geachteten und geliebten Gatten. Sie ergriff daher die erſte Gelegenheit, den Lord Glenallan mit ihren Geſinnungen bekannt zn machen. Lord Glenallan vernahm zwar Mariens Erklärung mit ſchmerzlicher Ueberraſchung; aber nicht leicht eine einmal gefaßte Idee aufgebend, ſchien er entſchloſſen, in ſeiner ruhigen, aber unablaßigen Bewerbung fortzufahren. Lady Julianens Wuth uͤber die Entdeckung der Weigerung ihrer Tochter, laßt ſich leichter denken, als beſchreiben. Mariens Herz litt ſo ſehr, uͤber die Heftigkeit und Dauer dieſes Zorns, daß ſie zuweilen geneigt war zu glauben, ſie handle unrecht, ſich den Willen ihrer Mutter zu widerſezen. In dieſer peinlichen Verlegenheit, nahm ſie ihre Zuflucht zu Emilien. „Lady Julianens Wuͤnſche, ſind nichts als Seifenblaſen,“ ſagte Emilie;„aber deine Ab⸗ ſichten ſind mir ein wahres Räthſel. Waͤre ich ein ſo ruhiges, ſittſames Perſoͤnchen, wie Du, ſo wurde ich, wie ich glaube, den Lord Glenal⸗ 117 lan, ohne Bedenken, geheirathet haben. Er iſt ganz hubſch, gutmuͤthig und reich. Zwar iſt er nur ein Lord und nichts weiter als ein Lord, aber zwanzigtauſend Pfund jährlicher Einkuͤnfte, entſchaͤdigen doch auch in etwas fuͤr die Lange⸗ weile ſeiner Geſellſchaft. Uebrigens geſtehe ich Dir zu, daß, mit nur fuͤnfhundert Pfund jähr⸗ lich, er unertraͤglich ſeyn wuͤrde.“ „Ich werde ſicher nie einen Mann mit zwanzigtauſend Pfund Einkuͤnften heirathen, den ich nicht eben ſo gern mit fuͤnfhundert naͤhme,“ erwiederte Maria. „Kurz von der Sache zu reden,“ verſezte Emilie,„Du willſt blos aus Liebe heirathen. Das iſt das alte Lied mit welchem alle wohler⸗ zogene, uͤberweiſe empfindſame Maͤdchen enden. Wo willſt Du einen Romanhelden, mit fuͤnfhun⸗ dert Pfund Einkuͤnfte füͤr Dich auftreiben? Es verſteht ſich uͤberdies, daß er edel, tugendhaft, ſchoͤn, tapfer und verſtändig ſeyn muß. Was wuͤrdeſt Du zu Carl Lennor ſagen?“ Maria errothete.„Nach dem Vorgefalle⸗ nen, wuͤrde meine Wahl nicht auf Lennor fal⸗ len,“ ſagte ſie, ſich zum Laͤcheln zwingend,„Nein, ihn wuͤrde ich nie nehmen, ſelbſt dann nicht, wenn er um mich anhielt, was eine beinahe un⸗ glaubliche Sache iſt.“ „Aha! es iſt wahr, die Geſchichte hatte ich ganz vergeßen. Nein, daraus kann nichts 2 werden, nach dem Vorgefallenen wuͤrdeſt Du er⸗ barmlich handeln. Ich weiß aber doch wahrlich nicht was man mit Dir anfangen ſoll. Am be⸗ ſten nimmſt Du den Lord Glenallan mit allen ſeinen Unvollkommenheiten. Es mangelt ihm ja nichts, als ein bischen mehr Gehirn, und da Du ſein Oberhaupt wirſt, ſo kannſt Du den Man⸗ gel leicht erſezen.“ „Wahrlich,“ antwortete Maria,„ich fuhle daß ich ſelbſt keinen Ueberfluß an Gehirn habe, und aufs Beherrſchen verſtehe ich mich ganz und gar nicht. Ich werde deshalb nie heirathen, bis ich einen Mann finde, auf deſſen Verſtand ich mich in Rath und That verlaßen kann, und vor welchem ich die Hochachtung fühle welche die Gattin dem Gatten ſchuldig iſt.“ „Ich merke ſchon, was Du im Schilde fuͤhrſt,“ ſagte Emilie. Du gedenkſt Dich nach dem Beiſpiel der Mſtrs Tooley zu richten, die eine ſolche Ehrfurcht vor den Einſichten ihres Ge⸗ mahls hat, daß ſie ihn zu Rathe zieht, wie ſie die Schuhe binden ſoll, und ſich nicht unterfaͤngt ihrem Kinde ein Paar Gran Magneſia, ohne ſeinen hohen Beifall, zu geben. Mein Gatte ſoll zwar ein verſtändiger Mann ſeyn, er ſoll aber wiſſen, daß auch ich zuweilen verſtaͤndig ſeyn kann: übrigens will ich ihm gerne in allen Dingen nachgeben, in welchen die Maͤnner, mehr Verſtand haben muͤßen, als die Weiber.“ 113 Die weiſe Natur,“ fuhr Emilie fort, ſcheint jedoch auch hierinnen für beide Geſchlech⸗ ter geſorgt zu haben, da uͤberkluge Maͤnner ſich meiſtentheils alberne Weiber waͤhlen. So einen uͤberklugen Mann erkenne ich, an der Foͤrmlich⸗ keit ſeines ganzen Weſens, auf den erſten Blick. Ein ſolcher Mann will, gleich Jupiter den Olomp, ſein ſämmtliches Hausweſen, mit einen bloßen Kopfnicken regieren, und von Frau und Kindern angebetet ſeyn. Ich befuͤrchte, Du liebe Maria, laufſt, bei aller Deiner Frömmigkeit Gefahr, in eine ſolche Abgoͤtterei zu verfallen,“ „Das hoffe ich nicht,“ erwiederte Emilie lachend.„Sollte es aber dennoch ſo weit mir kommen, ſo wuͤrde es doch weniger häßlich aus⸗ ſehen, als die Weiber erſcheinen, welche ſich das Anſehen geben wollen, gaͤnzlich unabhängig von ihren Männern zu ſeyn. Zum Beiſpiel, jene Mſtrs Boſton, die von allen Fremden fuͤr eine Wittwe gehalten wird, weil ſie ſtets in der er⸗ ſten Perſon ſpricht:— ich that dieſes, ich be⸗ fahl jenes, dies mein Haus, mein Garten, mein Kind, ohne jemals im mindeſten ihres Gatten dabei zu erwähnen.“ „Ach, das iſt ein recht fatales Weib,“ rief Emilie.„Sie iſt beides, Herr und Frau zu gleicher Zeit, und ihr Gatte ſteht neben ihr, als waͤre er ihr Bedienter. Sie iſt eine der groͤßten Ruaͤrrinnen, wie es eine jede Frau iſt, welche wähnt, ſie erhebe ſich ſelbſt, wenn ſie ih⸗ Cheßand 3r Po⸗ H 174 ren Mann erniedriget. Jener, deren Eheſtand ein immerwaͤhrender Zank iſt, wollen wir nicht einmal gedenken. Kutz, ich ſehe, daß es mir vorbehalten iſt, meinem Geſchlechte das Muſter einer Ehe wie ſie ſeyn ſoll zu liefern. Jedoch bin ich weit billiger als Du, denn ich beſtehe nicht darauf, ein glänzendes Genie zum Manne zu haben.“ 1 ch geſtehe, daß ich wuͤnſche, mein kuͤnf⸗ tiger Gatte moͤge wenigſtens, ſo viel Geiſt beſi⸗ zen als ich ſelbſt,“ verſezte Maria;„auch kann ich dieſen Wunſch nicht unbillig ſinden. Im Ganzen halte ich aber dafuͤr, daß zur Gruͤndung wahrer häuslicher Gluͤckſeligkeit, Tugend und Ta⸗ lente auf der einen Seite, und Tugend und Zaͤrt⸗ lichkeit auf der andern gehoͤren.“ „Nun, ich hoffe bei alle dem, mit meinem Eduard recht gluͤcklich zu leben, ob er gleich nie die Quadratur des Zirkels erfinden wird,“ verſezte Emilie. Was meine Zäͤrtlichkeit anbelangt— He?!— wie deine Lady Maclaughlan ſpricht. Du aber laufſt wirklich Gefahr, ſo eine Tante Grishelde zu werden, mit langer Taille, großen Taſchen, Pfeffermuͤnzkuͤgelchen und gepuderten Locken.“ Dies war aller Troſt und Rath, den Emilie ihrer Freundin zu geben vermochte. Da Emilie weder ihre eigenen noch frem⸗ de Geheimniße verſchweigen konnte, ſo erfuhr Oberſt Lennor das Vorgefallene, nebſt Mariens Anſichten, uͤber Liebe und Ehe, bald wieber⸗ 115 „Ein ſolches Herz iſt des Gewinnes werth,“ dachte er, ſeufzte aber uͤber ſein Schickſal, das ihm dieſen Schatz nicht zu beſtimmen ſchien. Ab⸗ gerechnet daß ſein geringes Vermoͤgen, unůber⸗ ſteigliche Schranken, gegen Lady Julianens Ein⸗ willigung bildete, ſchien ſich auch Mariens Kal⸗ te und Zuruͤckgezogenheit, eher zu vermehren als zu vermindern. Ueberließ ſie ſich auch zuweilen dem ihr eigenen Frohſinn, ſo durfte Lennor nur durch ein Wort oder einen Blick, ſeine Bewun⸗ derung bezeigen, um ſie mehr as jemals von ſich zuruckzuſchrecken. Oberſt Lennor war zu edel geſinnt, nur ei⸗ nen Augenblick zu glauben, Maria hege deshalb Widerwillen gegen ihn, weil er, im Anfang ihrer Bekanntſchaft, ihre Verdienſte nicht gehoͤrig ge⸗ wuͤrdiget habe. Eben ſo richtig fuͤhlte er aber auch, daß, ehe er ſich erklärt habe, ſeine Auf⸗ merkſamkeiten Marin verdaͤchtig ſcheinen muͤßten, und daß ſie dieſelben eher der Pflicht gegen ſei⸗ ne Mutter zuſchreiben wuͤrde, als ſeiner eigenen, freiwilligen Neigung. Auf die einfachſte und aufrichtigſte Weiſe, und mit der Beredſamkeit wahrer Liebe, eroffnete er ihr daher die Gefühle ſeines Herzens⸗ Für einen Augenblick uͤberwältigte ſeine eifrige und männliche Erklärung Mariens Miß⸗ trauen, und ſie uͤberließ ſich der Ueberzeugung geliebt zu werden. Allein beinahe eben ſo ſchnelk fiet ihr der unſelige Gedanke wieder bei:% er d2 116 verſuchte mich zu lieben, und nur aus Gehorſam gegen ſeine Mutter, glaubt er, es ſei ihm gelun⸗ gen. Nein, ich will mich nicht, durch ſeine Ver⸗ blendung, bethoͤren laßen,— ich will meine Hand keinem Manne reichen, den man bat mich zu lie⸗ ben!“ Verwundetes Zartgefuͤhl und weiblicher Stolz beherrſchten Maria aufs neue, und ſie ver⸗ warf den Gedanken, die Bewerbungen des Ober⸗ ſten anzunehmen. Mit dem peinlichſten Schmerz⸗ gefuͤhl vernahm Lennor ihren Entſchluß, und bot alle Gruͤnde auf, ihr Herz zu erweichen. Maria hatte ſich jedoch zu einer Art von Heldengröße emporgeſchwungen,— ſie batte den Mann ihres Herzens verworfen,— den Einzigen den ſie faͤhig war zu lieben,— nun ſchien es ihr leicht, bei dem einmal gebrachten Opfer zu verharren. Bei⸗ de Liebende trennten ſich mit vermehrter Neigung, ob es gleich ſchien, das Schickſal wuͤrde ſie auf ewig trennen. Bald darauf gieng Lennor wieder zu ſeinem Regimente. Erſt bei der Trennung fuͤhlte Maria, wie theuer der von ihr verworfene Mann ihrem Her⸗ zen ſei. Das zwiſchen ihm und ihr Vorgefallene verſchwieg ſie ſelbſt Emilien, welche gleichfals zu angegriffen uͤber die Abreiſe ihres Freundes war, um Mariens Niedergeſchlagenheit zu be⸗ merken. v e XIII. Maria verlor ihre beiden Liebhaber beinahe zu gleicher Zeit. Nachdem Lord Glenallan ſeine Bewerbung, mit aller Foͤrmlichkeit, aber erfolg⸗ los, erneuert hatte, nahm er auf immer Ab⸗ ſchied und kehrte nach Schottland zuruͤck. Lady Julianens Zorn, kam uur dem des Doktors Red⸗ gill gleich. Er hatte ſich ſo ein Plänchen ent⸗ worfen, die Jagdzeit im Schloße Glenvallan zu⸗ zubringen, woſelbſt er, bei der bekannten Gut⸗ muͤthigkeit de Gebieter deſſelben, die Oberherr⸗ ſchaft uͤber dis Kuͤche und Speiſekammer, zu erlangen hoffte. Die getäuſchten Hoffnungen und vereitelten frohen Ausſichten, auf Rothwild⸗ pret und Schnepfen, auf friſchen Lachs und Ham⸗ melſchinken, erregten ſeinen hoͤchſten Unwillen. Leider! verſchwanden ihm alle dieſe Herrlichkei⸗ ten,„wie das grundloſe Gebaͤnde eines Traums/ ohne eine Spur zu hinterlaßen.“ „Dem Lord Glenallan ſeine Hand zu ver⸗ ſageni“ rief er Emilien zu, als er die Nachricht zuerſt erfuhr.„Die Sache iſt unglaublich,— ganz unmöglich,— ich will es nicht glauben.“ „So recht Doktor,“ verſezte Emilie.„Was man nicht wuͤnſcht, das muß man auch nicht glauben, und ſollte es zehnmal wahr ſeyn. Ich bewundere Ihre Aufrichtigkeit und wuͤnſchte ſie nachahmen zu koͤnnen.“ „Ew. Gnaden glauben es alſo wirklich. Bei meiner armen Seele, ich,— ich,— es iſt wahr⸗ 118 lich eine hoͤchſt aͤrgerliche Geſchichte. Die arme Lady Juliane beklage ich am meiſten! Kein Wun⸗ der daß ſie hyſteriſch iſt! Aber auch fuͤnfundzwan⸗ zigtauſend Pfund jährlicher Einkuͤnfte auszuſchla⸗ gen! Was wuͤrde Miß Marien nicht alles zu Theil geworden ſeyn? Der ſchoͤnſte Thiergarten in ganz Schottland! Alle Arten von Wildpret! Die Lachsfiſcherei gerade vor der Thuͤre! Ich moͤchte doch wohl wiſſen, was das eigentlich hei⸗ ßen ſoll, daß ſie den Mann nicht nehmen will?“ „Und das koͤnnen Sie nicht errathen?“ fragte Emilie. „Errathen!“ Nein, bei meiner armen See⸗ le nicht! Das will ich einem Jeden zu errathen aufgeben, was eine junge Dame bewegen koͤnn⸗ te, fuͤnfundzwanzigtauſend jaͤhrlicher Einkuͤnfte auszuſchlagen; es ſei denn daß ſie etwas hoͤhe⸗ res auf dem Korn hätte, und ſelbſt dann muͤßte ſie ihrer Sache recht gewiß ſeyn. Ich vermuthe aber, weil Miß Adelaide einen Herzog geheira⸗ thet hat, ſo will Miß Maria nicht zuruͤckſtehen, und auch einen haben. Das wird wohl die gan⸗ ze Geſchichte ſeyn. Das will ich ihr aber kurz und gut ſagen, daß die Herzoge nicht ſo ſchock⸗ weiſe zu haben ſind. Auch iſt ſie bei weitem nicht ſo ſchoͤn als ihre Schweſter, und ich müßte mich ſehr irren, wenn ſie nicht ihren ganzen Kram ver⸗ dorben haben ſollte. Welcher Mann, der ſeine fünf Sinne hat, wuͤrde wohl eine ſolche Thörin —½ 119 haben moͤgen, die fuͤnfundzwanzigtauſend Pfund Einkuͤnfte ausſchlagt?“ „Ich ſehe wohl Doktor, daß Sie ein ganz⸗ licher Neuling in der zärtlichſten und heſtigſten aller Leidenſchaften ſind. Faͤllt es Ihnen denn gar nicht ein, daß eine junge Dame verliebt ſeyn koͤnnte?“ „In was?“ fragte der Doktor. „Verliebt, ſagte ich,“ wiederholte Emilie. „Liebe! Pah— Nonſenſe— Heutzutage denkt kein vernuͤnftiger Menſch an dergleichen Poſſen.“ „Sie ſezen alſo Liebe und Tollheit in eine Elaſſe, wie es ſcheint?“ „Ich denke, daß derjenige Mann oder dieje⸗ nige Frau, welche der Liebe fuͤnfundzwanzigtauſend Pfund Renten aufopfern kann, zum Tollhauſe reif iſt. Der gegenwärtige Fall beſtöttiget meine Behauptung.“ „ Sie werden mir aber doch zugeſtehen,“ erwiederte Emilie,„daß es gewiße Gattungen von Liebe giebt, die keinen Schatten auf die ge⸗ ſunde Vernunft werfen“ „Ich weiß in der That nicht was Ew. Gnaden eigentlich damit ſagen wollen,“ antwor⸗ tete der Doktor ungeduldig. „ Zum Beiſpiel die Liebe zu einer Schild⸗ troͤte, wie wir ſie neulich auf der Tafel hatten.“ 1720 „Ah, das iſt auch etwas ganz Anderes,“ unterbrach der Doktvr. nir „Verzeihen Sie,“ fuhr Emilie fort.„Die Folgen koͤnnen verſchieden ſeyn, die Wirkungen ſind aber, in beiden Faͤllen gleich, wie Ihr eige⸗ nes Beiſpiel beweißt. Welcher Unterſchied kann es wohl fuͤr Ihre Freunde ſeyn, wenn Sie ihnen Ihre angenehme Geſellſchaft entziehen, ob Sie, wie ein verliebter Spanier, vor den Fenſtern Ihrer Dulcinea auf und niederſchreiten, oder vor der Eiſterne, in welcher die Schildkrote aufbe⸗ wahrt wird? Ob Sie ſich beſchaͤftigen ein Son⸗ net auf die Augenbraunen Ihrer Geliebten zu dichten, oder ſich den Kopf zerbrechen, eine neue Sauce zu Ihrer Lieblingsſpeiſe zu erfinden? Ob Sie mit groͤßerem Entzuͤcken, die Reize einer weiſ⸗ ſen Haut, preiſen, oder die des herrlichen gruͤnen Fettes der Schildkrote? Ob Sie“— „Auf Ehre, Lady Emilie, ich weiß wahr⸗ lich nicht, ich,— ich kann nicht begreifen, was Sie eigentlich damit ſagen wollen. Jedes Ding hat ſeine Zeit, und niemand als Ew. Gnaden wuͤrde eine Schildkroͤte in eine Unterredung uͤber die Ehe gemiſcht haben.“* „Ganz im Gegentheil, Doktor, ich glaubte wir häͤtten von Liebe geredet, und ich beſtrebte mich Sie zu überzeugen, daß ſelbſt die weiſeſten Männer, zaͤrtlicher Reigungen, gegen einen ge⸗ liebten Gegenſtand, faͤhig ſind.“ F2T „Nur ein Narr kann Liebe fühlen, eines andern werden Sie mich nie uͤberzeugen,“ rief der Doktor, deßen Geſicht ſich, während dem Streit, immer hoͤher roͤthete. „Dann muͤßen Sie den Lord Glenallan, mit ſeinen fuͤnf und zwanzigtauſenden jaͤhrlich, auch unter die Narren zaͤhlen; denn er iſt bis uͤber die Ohren verliebt,“ verſezte Emilie. „Was das betrift, ſo darf der Lord Gle⸗ nallan, oder irgend ein eben ſo reicher Mann, ſeyn was ihm beliebt. Er hat das Recht ver⸗ liebt zu ſeyn. Er hat das Vermoͤgen dazu.“ „Ich hoͤrte bereite Vieles über die Qnalen der Liebe,“ ſagte Emilie,„aber nie hoͤrte ich ſie als einen Lurusartickel anfuͤhren. Ich hoffe nim⸗ mermehr, daß Sie einmal Lord von der Schatz⸗ kammer werden, ſonſt wuͤrden die Heirathen aus Liebe, alsbald mit einer Taxe belegt werden,“ „Es wuͤrde, waͤre dem alſo, zum wahren Vortheil der Nation, und zum Wohl der Individu⸗ en gereichen,“ erwiederte der Doktor. Mancher angenehme Geſelle gieng, durch ſo eine Liebesehe, fuͤr die Geſellſchaft verloren. Ich rede aus Er⸗ fahrung. Ich ſelbſt mußte, uͤber ſo eine Liebes marriage, meinen aͤlteſten und beſten Freund aufgeben.“ „Fuͤrchteten Sie Anſteckung?“ fragte Emilie. Nein, nicht deshalb. Aber er bat mich einſt zu einem Familienmahl, und ich war ſchwach ge⸗ nug die Einladung anzunehmen, ohne mich vor⸗ her mit dem Charakter der Hausfrau bekannt gemacht zu haben. Denken Sie nur! Ich fand ein ziemlich ſchmuziges Tiſchtuch und nichts als einen ſchlechten Hammelsbraten. Nie kam ich meinem Freunde wieder uͤber die Schwelle. Kein Mann vermag ſchmuzigen Tiſchtuͤchern und ſchlech⸗ ten Mahlzeiten zu widerſtehen; dieſe ſind, auf mein Wort, die ſteten Begleiterinnen der Liebes⸗ heirathen.“ „Pah!“ ſagte Emilie, mit verſtelltem Ernſt, „das gehoͤrt nur fuͤr die Bourgeviſie. Ein ſol⸗ cher Haushalt wuͤrde auch mir nicht anſtehen. Hoören Sie wie ich meine häusliche Einrichtung zu machen gedenke. Emilie deklamirte Sheſit 8 ſchoͤnes Hirtengedicht— „Meine Ufer ſind von Bienen umſchwärmt, u. ſ. w. Bis ſie zu den Verſen kam— „Ich fand eine Gabe fuͤr's Liebchen, Ich weiß wo die Holztaube bruͤtet.“ „Darin iſt denn doch noch einiger Men⸗ ſchenverſtand,“ rief der Doktor, welcher mit ſicht⸗ barer langen Weile zugehoͤrt hatte.„Man kann eine gute Taubenpaſtete haben, oder un sauté de pigeons au sang, was, wenn gut zuge⸗ richtet, noch beßer iſt. „Abſcheulich!“ rief Emilie,„Taubenpaſte⸗ ten mit Nachtigallen und Roſen zu vermiſchen!“ „Ich will Ew. Gnaden etwas ſagen,“ ver⸗ ſezte der Doktor.„Gerade dieſe einfaͤltigen Ve⸗ ſchreibungen ſtiften ſo vieles Ungluͤck unter Ihrem Geſchlechte an. Dieſe verwuͤnſchten Poeten ſind es, die ihnen ſammt und ſonders die Koͤpfe ver⸗ drehen. Da glauben die Daͤmchen, wenn ſie ein⸗ mal verheirathet waͤren, ſo hatten ſie nichts wei⸗ ter zu thun, als an Quellen und in Grotten zu ſizen, und mit Voͤgeln und Blumen zu ſpielen, anſtatt die Dienerſchaft in Ordnung zu halten, und die Fleiſcherrechnung zu bezahlen. Und was iſt denn der eigentliche Inhalt von dem Zeug, das Sie da eben leſen? Nichts weiter, als daß der Mann ein tuͤchtiger Landwirth, Viehmuͤſter und Bienenvater war! ob ich gleich nie zuvor hoͤrte, daß ein vernuͤnftiger Menſch ſich unter ſeine Bienenſtoͤcke ſchlafen legte. Bei meiner armen Seele! Gienge es nach meinem Sinn, ſo wuͤrde alle Reimerei, die jemals geſchrieben wur⸗ de, oͤffentlich verbrannt. Ein Rezept zu einem gu⸗ ten Pudding, wiegt alles auf, was Ihr Shenſto⸗ ne und alle die anderen Narren jemals geſchrie⸗ ben haben. Hier in dieſem Buche,“— der Dok⸗ tor ſchlug auf ein Buch das er in der Hand hielt,—,, iſt mehr geſunde Vernunft, als in al⸗ len alten und neuen Poeten.“ Emilie nahm das Buch, und nachdem ſie etwas in demſelben geblättert hatte, ſagte ſie. „Hier ſtehen denn doch auch ſehr ſchoͤne dichteri⸗ ſche Beſchreibungen, die Sie ſonſt ſo ſehr verach⸗ ten. Hoͤren Sie nur dieſe Lobrede auf das Rebhuhn. Ich bezweifele ſehr daß St. Preur ſeine angebetete Julie dichteriſcher loben konnte.“ Sie las, wie folgt: La Perdrix tient le premier rang après la Becasse, dans la cathégorie des gibiers à plumes. C'est, lorsqu'elle est rouge,'un des plus honorahles et des meilleurs ròtis qui puis- sent etre étalés sur une table gourmande. Sa forme appétissante, sa iaille élégente et svelte, quoiqu' arrondie, son emponpoint mo⸗ déré ses jambes d'ècarlate; enfin, son fumet divin et ses qualités restaurantes, tout con- court à la foire rechercher des vrais amateurs. ) Nach der Schnepfe hat das Rebhuhn den Vor⸗ zug vor allem andern Federwildpret. Ganz beſonders iſt das rothe Rebhuhn einer der preiß⸗ wuͤrdigſten und beſten Braten, welche die Ta⸗ fel eines Gutſchmeckers zieren. Seine reizende Form, ſeine zierliche und feine, obgleich geruͤn⸗ dete Taille, ſeine mäßige Fulle, ſeine ſchar⸗ lachrothen Fuͤße, endlich ſein gottliches Fu⸗ met, und ſeine nährenden Eigenſchaften, alles dieſes macht dem wahren Liebhaber das Reb⸗ huhn unſchätbar. Manches andere Wilbpret — —½ —— 125 D'autres gibiers sont plus rares, plus chers, mieux acoueillis par la vanité, le préjugé, et la mode; la Perdrix rouge, belle de sa propre beauté, dont les qualités sont indépendantes de la fantaisie, qui réunit en sa personne tout ce qui peut charmer les yeuxl, délecter le pa- lais, stimuler l'appétit, et ranimer les forges, plaira dans tous les temps, et concourera à Thonneur de tous les festins, sous quelque forme qu'elle y paroisse. Der Doktor ſeufzte:„das iſt noch gar nichts, im Vergleich deſſen, was er uͤber die Schnepfe ſagt.“ Mit zitternden Haͤnden blaͤtter⸗ te er weiter, bis er die Stelle fand.„Hier mag theurer, auch von der Eitelkeit, dem Vor⸗ urtheil und der Mode geſchaͤtzter ſeyn. Allein das rothe Rebhuhn, ſchon durch eigenthuͤmliche Schoͤnheit, deſſen Eigenſchaften unabhängig von der Phantaſie ſind, welches alles was die Augen reizen, den Gaumen kizeln, den Appe⸗ tit erwecken und die Kräfte ſtärken kann, in ſich vereiniget; dieſes koſtliche Gericht wird zu allen Zeiten gefallen, und unter jeder Geſtalt z dem Ruhm eines jeden Gaſtmahls bei⸗ tragen. 126 ⸗ ſteht es,“ rief er,„Seite g9, Kapitel XVI.*) Haben Sie die Gnade dieſe Stelle zu leſen, und ſagen Sie denn ſelbſt, ob es nicht ſchaͤndlich von dem Monſieur Grillade iſt, daß er nie den Ver⸗ fuch machte?“ Mit dem Anſchein melancholiſcher Begeiſte⸗ rung las Emilie:*)„Pans les pays ou les Becasses sont bommunes, on obtient, de leurs carcasses pilées dans un mortier, une purés sur la quelle on dressé diverses entrées, telles que de Petites cötelettes de mouton,&t. Cette purée est une des plus délicieuses choses qui puisse etre introduite dans le Pölais d'un gourmand, et l'on peut assurer que quiconqus n'en a point mangé, n'a point conuu les joies du paradis terrestre. Une purée de Böcasses; bien est le non plus ultra des jouissances ²) Manuel des Amphitryons. **) In denen Laͤndern/ in welchen die Schnépfen haͤufig ſind, ſtoͤßt man ſie in einem Moͤrſer und gewinnt dadurch eine Kraftbrühe, mit der man verſchiedene Gerichte zubereitet; wie zum Bei⸗ fpiel, kleine Cottelletten von Hammelfleiſch u. fw. dieſe Krafthrͤhe iſt das Köſtlichſte für den Gaumen eines Leckermauls, und man kan T27 humaines. M faut mourir après l'avoir gou tée, car tous les autres ne paroitront plus qu insipides.“ „Und dieſe köſtlichen Schnepfen, ſchwaͤrmen ſchaarenweiſe auf dem Gebiete von Glenallan umher,“ rief der Doktor.„Wie iſt's möglich einen ſolchen Mann auszuſchlagen! Aber Miß Maria wird es bitter bereuen. Ich hatte einen Koch fuͤr ſie auf dem Korne, noch dazu einen der dieſe Kraftbruͤhen zu machen verſteht. Bei meiner armen Seele! ſie verdient, ihr ganzes Leben hindurch, nichts zu eſſen, als Hammels⸗ köpfe und Leberwuͤrſte. Waͤre ich an Lady Ju⸗ lianens Stelle, ſo wuͤrde ich ſuchen, ſie mit Waſſer und Brod zu zwingen.“ Gewiß ſtrebt meine Coufine nicht nach folchen Freuden, wie ſie in Ihrem Buch des wahren Genußes, geſchildert ſind,“ ſagte Emilie⸗ mit Wahrheit fagen, daß der, welcher ſie nie ſchmeckte, auch nie die Freuden des irdiſchen Paradieſes kannte. Eine gutgemachte Kraft⸗ bruͤhe von Schnepfen iſt das non plus ultra des menſchlichen Genuſſes. Hat man ſie ein⸗ mal genoſſen, ſo muß man ſich ins Grab le⸗ gen, weil alsdann dem Gaumen, alle anderé Gerichte unſchmackhaft ſcheinen werden⸗ 128 Ich glaube ſogar, ſie könnte ſich bequemen, mit dem Manne ihrer Wahl, von Hammelsbraten zu leben.“ „Das gehoͤrt nicht hieher,“ verſezte der Doktor,„es ſei denn, daß der Mann ihrer Wahl ſich gleichfals mit Hammelsbraten begnuͤ⸗ gen wollte. Glauben Sie mir aufs Wort: giebt ſie ihrem Manne kein gutes Eſſen, ſo mißfallt ſie ihm in den erſten acht Tagen. Schlechte Mahlzeiten ſind die Quelle der meiſten Ehezwiſte. Die Frauen irren ſehr, wenn ſie glauben, ihren Maͤnnern nur durch Putz zu gefallen.“ „Verzeihen Sie, Doktor. Hieruber muͤßen wir am beſten urtheilen koͤnnen, und alle Zeit⸗ alter und alle weiſe Maͤnner beſtättigen meine Behauptung. Die Schoͤnheit und die Reize der Frauen wurden ſeit undenklichen Zeiten gepri⸗ ſen, und nie las man ein Lobgedicht auf eine, wegen ihrer Kochkunſt beruͤhmten Schoͤne.“ „Hierinnen werden Sie mir erlauben ver⸗ ſchiedener Meinung zu ſeyn,“ ſprach der Doktor mit dem Anſchein von Triumph, indem er ſich abermals auf ſein Lieblingsbuch berief.„Hier wird die große Madame Pompadour wegen ei⸗ nes einzigen Gerichtes gelobt: )Les tendrons d'agneau au soleil et 4 la Pompadour, sont sortis de l'imsginstion de *) Die Frikaſſee von weichen Kalbsfnorpeln au soleil und 4 la Pompsdour, entſprangen aus der Einbildungskraft dieſer beruhmten Dame, um von einem Koͤnige genoßen zu werden⸗ 129 gette Dame célébre, pour entrer dans la Pou- che d'un Roi. „Aber die Liebe begeiſterte ſie,“ erwiederte Emilie.„Nur die Liebe vermochte das Feuer ihrer Einbildungskraft anzufachen. Kurz, Sie muͤſſen geſtehen: „Nur Liebe beherrſcht den Hof, das Lager und die Huͤtte“ „Das werde ich gewiß nicht eingeſtehen, 4 rief der Doktor zornig,„Liebe ſollte das Lager beherrſchen! Ein ſauberes Märchen: Weiß ich es etwa nicht, daß unſere erſten Generale ſtets die beſten Koche mit ins Feld nehmen? daß man nirgends beſſer ſpeißt als im Lager,— daß ihre Fluͤgeladjudanten ſich die Mägen verderben,— daß die Generale in Kriegszeiten zwanzigtauſend Pfund jährlich brauchen, und daß wenn ſie zu Hauſe kommen, ſie ſich keine gute Mahlzeit ge⸗ ben können? Vom Hofe weiß ich nicht viel zu ſagen, aber ich vermuthe daß dorten mehr Koͤ⸗ che als Amors umherlaufen. Was die laͤndli⸗ chen Huͤtten betrift, ſo hoͤrte ich nie von einem auf dem Lande genoſſenen Vergnuͤgen, das nicht in Eſſen und Trinken beſtand.“ „Ach, Doktor!“ rief Emilie.„Jezt mer⸗ ke ich erſt, daß Sie Ihre Ideen, uͤber dieſen Gegenſtand, aus Werthers Leiden ſchoͤpften. Dieſer Werther war ſicher ein ſentimentaliſches Leckermanl, deſſen groͤßter Genuß darinnen be⸗ c Sheſtond 3r Bd⸗ ₰ 130 ſtand, ſeinen Kaffee unter dem Schatten der Lin⸗ den zu trinken und ſich ſeine Erbſenſuppe ſelbſt zu bereiten. Auch verbreitet er ſich, mit Entzuͤ⸗ cken, uͤber den Einfall Homers, die durchlauchti⸗ gen Liebhaber der Penelope, ihre Ochſen ſelbſt ſchlachten und braten zu laſſen. Denken Sie nur, Fleiſcher und Koͤche in einer Perſon! Stellen Sie ſich dieſe Freier, mit ihren großen Meſſern und blauen Schuͤrzen, oder mit ihren Bratſpieſ⸗ ſen und weißen Nachtmuͤtzen, einmal recht leb⸗ haft vor! Arme Penelope! Kein Wunder, daß Du lieber am Weberſtuhl ſizen, als ſo ein Ge⸗ ſchoͤpf heirathen wollteſt“ Emilie eilte hinweg und ließ den Doktor uͤber ſein Manuel des Amphitryons bruͤten, und die Entbehrung der herrlichen in demſelben geſchilderten Genuͤſſe ſchwer beſeufzen. ——— XIV. Des Doktors vorgeſchlagenes zartes Mittel, Marien durch die Hungerkur zur Nachgiebigkeit zu zwingen, wuͤrde vielleicht, ohne ihn, angewen⸗ det worden ſeyn, haͤtte Lady Juliane nicht eine Einladung, nach Schloß Altamont zu kommen, erhalten. Zwar geſchah dieſe Einladung in den kälteſten Ausdruͤcken, woran Lady Juliane jedoch nichts anſtoͤßiges fand, auch eben ſo gleichguͤltig geweſen ſeyn wuͤrde, haͤtte ſie erfahren, daß ſie 131 dieſe Gunſt mehr dem Eigenſinn des Herzoges als der Liebe ihrer Tochter zu verdanken habe. Der Herzog von Altamont gehoͤrte unter die Zahl jener Menſchen, welche ihren Stolz darinnen ſe⸗ zen, dasjenige was ſie wuͤnſchen, auch mit Hart⸗ naͤckigkeit zu behaupten. Sah er ſich auch zu⸗ weilen gezwungen die Ausfuͤhrung ſeiner Pläne aufzuſchieben, ſo warrer dennoch nie dahin zu bringen, ſie ganzlich aufzugeben. Adelaide, die ſtolze, eigenſinnige Adelaide, gewahrte bald, daß unter allen druͤckenden Laſten des Eheſtandes, ein hartnaͤckiger Strohkopf, die unertraͤglichſte ſei. In den haͤufigen kleinen Vorfaͤllen des haͤuslichen Lebens, in welchen geſunde Vernunft und gute Laune, von beiden Seiten, den unbedeutenden Streit bald wuͤrden geſchlichtet haben, kam es ſtets zu einem heftigen Kampf um die Ober⸗ herrſchaft, der ſich unvermeidlich mit Adelaidens Niederlage endete. Wahr iſt es, daß der Her⸗ zog nie ſtritt, nie vernuͤnftelte, nicht einmal wi⸗ derſprach; aber die Sache welche er geſchehen haben wollte, geſchah. So kam es denn dahin, daß nach ſechs Wochen die Herzogin von Alta⸗ mont den Mann, dem ſie vor ſo kurzer Zeit Lie⸗ be und Gehorſam geſchworen hatte, von ganzem Herzen haßte und verachtete. Bei dem Wunſch Lady Julianen in ſeinem Hauſe zu ſehen, erſchie⸗ nen Se. Gnaden allerdings in einem liebens⸗ wuͤrdigen Lichte, welches aber in der That, blos aus ſeiner Schvoßſuͤnde, dem Eigenſinn, entſprang. In einer Nachſchrift und in dem nemlichen herz⸗ J 132 lichen Styl, ſagte die Herzogin ſo etwas von der Hoffnung, auch ihre Schweſter bei ſich zu ſehen. Allein die zaͤrtliche Mutter ſchlug dieſes, zu Mariens großer Erleichterung, rund ab, ob⸗ gleich ſie nicht wußte, wo ſie ihre Tochter un⸗ terbringen ſolle. Zaghaft aͤußerte Maria den Wunſch, man moͤge ihr erlauben zu ihren Schott⸗ laͤndiſchen Verwandten zuruͤckzukehren, und ver⸗ ſicherte, ihr Oheim und ihre Tante hätten wie⸗ derholt erklaͤrt, ſie in dieſem Fall von Bath ab⸗ zuholen. Aber auch dieſes verweigerte Lady Juliane hartnaͤkig, und fuͤgte hinzu, Maria ſol⸗ le, mit ihrem Willen, Schottland nie wiederſe⸗ hen. Die arme Maria ſah ſich alſo gezwungen, ſo lange da zu bleiben wo ſie war, bis man ei⸗ ne andere Unterkunft fuͤr ſie ausmachen koͤnne. Waͤhrend die gnädige Mama, mit ihrein vier⸗ fuͤßigen Gefolge, in den Wagen ſprang, um ſich nach dem herrlichen praͤchtigen London zu bege⸗ ben, beliebte ſie zu bemerken,„es ſei doch entſez⸗ lich fatal, eine große, unverheirathete Tochter auf dem Halſe zu haben.“ Aber ach! wie unſicher ſind doch ſogar die am ſicherſten ſcheinenden Entwuͤrfe menſchlicher Klugheit! Lady Juliane war eben im Begriff unzaͤhliche Plane fuͤr ihre Wintervergnuͤgungen zu entwerfen, als ſie die Nachricht von dem Ab⸗ eben ihres beinahe ganz vergeſſenen Gatten er⸗ hielt! Seine Geſundheit war allmaͤhlich von em Einfluß des heißen Climas untergraben 133 worden, und das war alles was von dem un⸗ gluͤcklichen Heinrich Douglas zu ſagen blieb. Seine herzloſe Gattin vergoß zwar einige Thraͤ⸗ nen, die aber bald verſiegten; nicht ſo bald heil⸗ ten aber die Wunden der vereitelten Hoffnung auf die Vergnuͤgungen der Hauptſtadt, noch der Stoß den ihre Eitelkeit bekam, wenn ſie den glaͤn⸗ zenden Hofanzug mit dem traurigen Wittwenſchleier verglich. O, ſie verabſcheute ſchwarze Kleidungs⸗ ſtuͤcke ſo ſehr,— Trauerkleider ſchienen ihr vol⸗ lends abſcheulich,— und gerade zu dieſer Zeit,— wie unglucklich! Der arme Douglas!— es thue ihr unendlich leid!— Auf dieſe Weiſe endete das heiligſte, unaufloslichſte menſchliche Band! Die Herzogin hielt ſich nicht fuͤr verpflichtet das Ableben eines Vaters zu beweinen, den ſie nie gekannt hatte; legte jedoch Trauer an, ver⸗ ſchob ihre Vorſtellung bei Hof eine ganze Wo⸗ che und blieb einen Abend aus der Oper. Auf Mariens warmes und unverdorbenes Herz wirkte die Nachricht von dem Ableben ihres Vaters auf eine ſehr verſchiedene Weiſe. Obgleich ſie nie die Gefuhle kindlicher Neigung und Zaͤrt⸗ lichkeit in ihrer vollen Ausdehnung empfunden hatte,— Gefuͤhle deren Quelle mit unſerem Da⸗ ſeyn beginnt, und deren Erinnerung uns ſtets theuer bleibt,— ſo hatte man ſie dennoch ge⸗ lehrt, des Urhebers ihres irdiſchen Daſeyns mit Zaͤrtlichkeit und Liebe zu gedenken. Ueberdies war ſie in ſeinem Vaterlande auferzogen worden— 734 ſein Bild war in viele ihrer theuerſten Lebens⸗ ſcenen verwebt,— ſein Name und ſein Anden⸗ ken war denen, mit welchen ſie lebte, werth und wurde oft von ihnen erwähnt. Auf dieſe Weiſe wurden Mariens kindliche Gefühle erhalten und geſtarkt. Manches Schreiben und manches klei⸗ ne Liebespfand, war ſie, von ihrer zarteſten Kind⸗ heit an, gewohnt geweſen, ihrem entfernten Va⸗ ter zu ſenden, und ſtets ſchmeichelte ſie ſich mit der ſuͤßen Hoffnung, der Vrheber ihrer Tage wuͤrde zuruͤckkehren und ſie die hoͤchſten kindlichen Freuden in ſeinen Armen genießen. Jezt aber waren dieſe frohen Hoffnungen plotzlich verſchwun⸗ den, und waͤhrend ſie die Vereitlung derſelben bitter beweinte, unterwarf ſie ſich dennoch, mit frommer Ergebung, dem Willen des Allerhoͤchſten. e KV. Das einſame und friedliche Leben, welches Maria einige Monate hindurch fuͤhrte, wurde nur durch gelegentliche Beſuche bei ihrer Tante Grishelde unterbrochen; bei Mſtrs Lennor brach⸗ te ſie jedoch zuweilen mehrere Tage zu. Mit wahrem Kummer bemerkte ſie die abnehmende Geſundheit ihrer ehrwuͤrdigen Freundin, deren täglich ſchwaͤcher werdender Koͤrper und ſeine Geſſchtszuge, ſie beinahe einem aͤtheriſchen We⸗ ſen aͤhnlich machten. Nie hoͤrte jedoch Maria 135 ihre Freundin in Klagen ausbrechen, und nur aus der großen Entkraͤftung konnte ſie die inne⸗ ren Leiden der guten Matrone errathen. Wur⸗ de Miirs Lennor gebeten ärztlichen Rath einzu⸗ holen, ſo pflegte ſie zu lächeln und das Haupt verneinend zu ſchuͤtteln. Sanftmuͤthig und ſtets den Wuͤnſchen ihrer Freunde nachgebend, ließ ſie ſich jedoch endlich uͤberreden, einen Arzt rufen zu laſſen, deſſen Meinung ihre eigenen Gefuͤhle nur zu ſehr beſtättigten. Da der Arzt ein alter Freund des Hauſes war, ſo uͤbernahm er es, dem Sohne, der ſich mit ſeinem Regimente im Auslande befand, den gefährlichen Zuſtand ſeiner Mutter wiſſen zu laſſen. Maria nahm einſt⸗ weilen ihren Auffenthalt in Roſe⸗Hall, um ſich der Pflege ihrer leidenden Freundin, die ſich ſicht⸗ lich dem Grabe naͤherte, mit Eifer und Liebe zu unterziehen. „Ach beſte Maria,“ pflegte die Leidende oft zu ſagen,„Gott moge es mir verzeihen, daß mein Herz noch irdiſche Wünſche hegt! So⸗ gar jezt, in dem Augenblick, in welchem ich die Vergaͤnglichkeit jeder menſchlichen Gluckſeligkeit ſo recht empfinde, ſelbſt jezt, kann ich den Ge⸗ danken nicht unterdruͤcken, wie ſehr es mein ar⸗ mes Herz beruhiget, und meine lezten Augen⸗ blice gemildert haben wuͤrde, haͤtte ich die Ge⸗ wißheit mit hinuber nehmen können, daß ſie mei⸗ nen Sohn durch Ihre Hand beglücken wurden! Aber ach! Die uns hier zugemeſſene Spanne Zeit U iſt ſo kurz, daß es ziemlich gleichguͤltig iſt, ob man ſie in Freude oder Kummer verlebt, wenn es nur in Unſchuld und Tugend geſchieht. Im Vergleich mit vielen anderen genoß ich eines langen Lebens; und wie kurz erſcheint es mir dennoch, wenn ich auf daſſelbe zuruͤckblicke! Auch ſind es nicht die Erinnerungen an die glaͤnzend⸗ ſten Augenblicken meines Lebens, welche jezt mei⸗ nem Herzen wahren Troſt verleihen. Wenn Gott Ihnen, meine beſte Maria, noch langes Leben ſchenkt, ſo werden Sie gewiß der traurigen Stun⸗ den, welche Sie mir jezt widmen, mit groͤßerer Zufriedenheit gedenken, als ſelbſt der vergnuͤgte⸗ ſten, die Ihnen der Himmel hoffentlich noch auf⸗ geſpart hat. Ja! der Allmaͤchtige ſchuf Einige, die er vorzuglich dazu beſtimmte, ihre Gaben zum Troſt der Betrübten und Leidenden zu ver⸗ wenden. Dafuͤr daß Sie ſeinen heiligen Wil⸗ len erfuͤllten, wird er Sie gewiß zeitlich und wig begluͤcken.“ Mit ſchmerzlichem Gefuͤhl und Selbſtvor⸗ 6 wuͤrfen, horchte Maria, auf die halbausgedruͤck⸗ ten Wünſche ihrer lieben alten Freundin. „Carl Lennor liebte mich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ja, er liebte mich zartlich. Hätte . ich nur ſeine edle Aufrichtigkeit erwiedert,— hätte ich ihm nur erlanbt in meinem Herzen zu 6 leſen, als er mir das ſeinige aufſchloß. O, 1 dann wurde ich jezt die lezten Tagen, der Mut⸗ ter die er anbetet, erfreuen koͤnnen. Mit Stolz 137 hätte ich alsdann die Neigung, welche ich jezt auf immer verbergen muß, laut und oͤffentlich anerkennen duͤrfen. Allein nach einigen Wochen, befand ſich Mſtrs Lennox aller Empfindungen beraubt, ſo⸗ wohl froher, als träuriger. Nach und nach ver⸗ ſank ſie in einem Zuſtand von beinahe gaͤnzlicher Bewußtloſigkeit, aus welchem ſelbſt die Ankunft ihres Sohnes ſie nicht zu ziehen vermochte. Sein Schmerz uͤber den hoffnungsloſſen Zuſtand ſeiner Mutter war graͤnzenlos; jeder andere Gedanke verlor ſich in ſeinem Kummer um ſie. Ma⸗ ria, die Zenge ſeiner Sorgfalt und kindlicher Zärt⸗ lichkeit war, beneidete beinahe den Bewußtloſen Gegenſtand ſeiner Liebe und Pflege. Einige Tage nach ſeiner Ankunft erhielt der Oberſt plozlich Befehl, aufs ſchlennigſte zu ſeiuem Regimente zuruͤckzukehren. Das Heer hatte ſich in Bewegung geſezt, und eine Schlacht wurde täglich erwartet. Zögerung wuͤrde, unter vieſen Umſtaͤnden, zu unvermeidlicher Schande gefuͤhrt haben, und ſo ſchreklich die Wahl auch erſchien, ſo ſchwankte der Oberſte dennoch nicht einen Augenblick in ſeinem Entſchluß. Mit dem Ausdruck des hoͤchſten Schmerzens, aber ohne ein Wort zu reden, überreichte er Marien, die an ſeiner Mutter Bette ſaß, den Brief, und verließ das Zimmer um ſeine augenblickliche Ab⸗ reiſe anzuordnen. Bei ſeiner Ruͤckkehr an das Krankenbette, bemerkte Maria, an ſeiner außer⸗ „ 138 ordentlichen Gemuͤthsbewegung, den ſchmerzlichen Kampf ſeiner Empfindungen, bei dem lezten An⸗ blick der bereits faſt verklaͤrten Geſichtszuge ſei⸗ ner geliebten Mutter. Ein glänzender Strahl der ſcheidenden Sonne ſiel auf das Antlitz, wel⸗ ches jezt in derjenigen furchtbaren, aber heiligen Ruhe lag, die oft über das Sterbebette des Ge⸗ rechten verbreitet iſt. Dieſe heilige Stille wur⸗ de nur durch den Abendgeſang der Amſel und das entfernte Brummen der Herde unterbrochen; Töne welche oft das Herz erfreuten„ das jezt unempfaͤnglich fuͤr jede menſchliche Empfindung war. Freude und Glanz verbreitete ſich ber die ganze Natur, aber das Ohr, ſo wohl als das Auge, der Sterbenden, war gegen alle irdi⸗ ſchen Gegenſtände verſchloßen. Wer vermag je⸗ doch die Herrlichkelt der Erſcheinungen zu ſchil⸗ dern, welche der fliehenden Seele vorſchweben konnen? Töne und Bilder, den ſterblichen Sin⸗ nen unbekannt und unvernehmbar, werden viel⸗ leicht von dem aufſteigenden Geiſte vernommen und geſehen, und laſſen ihn unausſprechliche Gluͤckſeligkeit genießen! Oberſt Lennor heftete ſeine Blicke auf das Antliz ſeiner Mutter. Wiederholt preßte er ih⸗ re kalten Hände an ſeine Lippen, und benezte ſie, zum lezten Abſchied, mit ſeinen Zähren.— In dieſem Augenblick oͤffnete ſie ihre ſo lange ver⸗ ſchloßenen Augen, und richtete einen Blick mit dem vollen Ausdruck des Bewußtſeyns auf ihn, 139 der bis ins Innerſte ſeines Herzens drang. Gr 85 empfand, daß ſie ihn ſah und erkannte. Ihr Büick heftete ſich lange und zärtlich auf die theuere Geſtalt ihres Sohnes; dann wendete ſie ihn auf Marien mit ſo vielem Ernſt und Ausdruck, daß beide den augenblicklichen Aufruf verſtanden. Die Decke fiel plotzlich von ihren Herzen, ein ein⸗ ziger wechſelſeitiger Blick genuͤgte, um beiden zu ſagen, daß ſie wahrhaft und zärtlich geliebt wuͤrden. Oberſt Lennor faßte Mariens beinahe hinſinkende Geſtalt in ſeine Arme, warf ſich vor dem Lager ſeiner Mutter auf die Knie, und fleh⸗ te um Segen fuͤr ihre Kinder. Ein himmliſches Laͤcheln leuchtete auf dem Antlitz der Sterbenden, als ſie die Hand ſegnend nach ihnen ausſtreckte, und ihre Lippen bewegten ſich wie betend, obgleich kein Laut hoͤrbar war. Noch einen langen, ſchmachtenden Blick warf ſie auf die, welche ihr, ſelbſt im Sterben, das theuerſte auf Erden waren. Dann erhob ſie ihre Augen zum Himmel, und der Geiſt entfloh zu hoheren Regionen. 3 Rvl. Maria bezweifelte lange die Wirklichkeit des Vorgefallenen. Es ſchien ihr ein ſchöner, aber dennoch furchtbarer Traum. Nur mit Muͤ⸗ he konnte ſie ſich die Möglichkeit denken, daß ſie am Sterbebette ihrer Freundin dem Sohne der⸗ 3 140 ſelben ewige Treue zugeſichert habe; daß der lez⸗ te Blick der Abgeſchiedenen dieſes Geluͤbde heilig⸗ te; daß Carl Lennor ſie in dem Augenblick zu der Seinigen erkohr, in welchem er ſich, ſchmerz⸗ erfullt, von allem was ihm theuer war, losreiſ⸗ ſen mußte, und daß ſie ſelbſt es erſt im Augen⸗ blick der vieleicht ewigen Trennung empfand, wie werth ſie ihm ſei. Allein Maria bemuͤhte ſich, dieſe niederſchlagenden Gedanken, dadurch zu ver⸗ bannen, daß ſie ſich der letzten Pflichten gegen ihre abgeſchiedene Freundin mit Eifer unterzog. Als dieſe geendet waren, gieng ſie nach Beech⸗Park zuruͤck. Waͤhrend Mſtrs Lennor lezter Krankheit war zwar Emilie taͤglich nach Roſe⸗Hall gekom⸗ men, und hatte lebhaften Antheil an der trauri⸗ gen Lage der Familie genommen; demungeachtet vergieng einige Zeit, ehe Maria es uͤber ſich gewinnen konnte, von dem dort Vorgefallenen mit Ruhe zu reden. Sie hielt es fuͤr unmoͤglich, ihrer Cvuſine, durch Worte, einen Begriff von jener auſſerordentlichen Gemüthsbewegung zu ge⸗ ben, welche die Empfindungen eines ganzen ge⸗ woͤhnlichen Lebens in ſich zu vereinigen ſchien. Ihre Zunge ſtockte, wenn ſie die Gefuͤhle ihres Herzens ausſprechen wollte. Endlich fuͤhlte aber Maria, daß ſie Emi⸗ lie unfreundſchaftlich behandle, wenn ſie ihr laͤn⸗ ger dasjenige verſchweige, was dieſe mit Vergnuͤ⸗ gen vernehmen wuͤrde. Sie nahm alſo ihre ganze 1a1 Standhaftigkeit zuſammen, und erzaͤhlte ihr alles was ihr in Roſe⸗Hall begegnet war. Mariens eigene Verwirrung war zu groß, um zu bemer⸗ ken, daß ihre Couſine, waͤhrend ſie ihre Erzäh⸗ lung anhorte, häͤuſig die Farbe wechſelte. Nach⸗ dem Maria geendet hatte, ſchwieg Emilie, ſicht⸗ lich mit ihren Empfindungen kaͤmpfend, einige tinuten hindurch. Endlich rief ſie unwillig aus:—„Es ſcheint alſo daß Du und Lennor dieſe ganze Zeit hindurch, den ſterbenden Seladon und die grauſame Phyllis gegeneinander ſpieltet. Wie ſehr verabſcheue ich dieſe Falſchheit! und Falſchheit gegen mich! Mein Herz ſtand Dir ſtets offen; auch ihm, ja der ganzen Weltz während Euere— ja ſogar Euere Geſichter ſich vor mir verlarvten!“ Maria war zu ſehr von den Vorwürfen ihrer Couſine betroffen, um ſie ſogleich beantwor⸗ ten zu koͤnnen; und als ſie ſich endlich zu recht⸗ fertigen begann fand ſie, daß es vergeblich ſei. Emilie wollte ſie nicht anhoͤren, ſondern verließ, hoͤchſt aufgebracht, das Zimmer und die arme Maria blieb traurig und beſtuͤrzt zuruͤck. Mariens Herz war ſo einfach und aufrich⸗ tig, daß ſie unfähig war Verdacht auf irgend Jemand zu werfen. Dennoch konnte ſie ſich ei⸗ nes unbeſtimmten, nicht zu erklärenden Argwohns nicht entwehren, wenn ſie das auſſerordentliche und auffallende Betragen ihrer Couſine uͤberdachte, 142 ohne jedoch dieſem ihr unerklärlichen Argwohn eigentlich auf den Grund kommen zu koͤnnen. Einige Zeit verſtrich, und Mariens Gedanken verwirrten ſich immer mehr und mehr, als Emi⸗ lie, langſamen Schrittes, ins Zimmer zuruck⸗ kehrte, und ohne zu reden, einige Minuten vor ihr ſtand. Endlich brach Emilie mit den Worten aus: „Sag einmal, liebe Maria, was Du eigentlich von mir denkſt?“ Maria blickte ſie mit Erſtaunen an.„Lie⸗ be Cvuſine, ich denke von Dir, was ich ſtets von Dir dachte,“ antwortete ſie. „Das iſt keine Antwort auf meine Frage. Ich verlange zu wiſſen, was Du von meinem eben gehabten Betragen denkſt?“ „Ich denke,“ erwiederte Maria ſanft,„daß Du mich mißverſtanden haſt. Daß, offenherzig und aufrichtig wie Du, beinahe zum Uebermaße, biſt, Du ſelbſt den entfernteſten Anſchein von Zwei⸗ deutigkeit an Anderen nicht ertragen kannſt. Aber Du biſt auch zu edelgeſinnt, um mir nicht Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen“— „Ach Maria! wie ſehr klein erſcheine ich mir in dieſem Augenblick ſelbſt, und wie wenig kannte ich, trotz meiner Ruhmredigkeit, mein ei⸗ genes Herz. Rein! Es war nicht Aufrichtigkeit weshalb ich uͤber Deine Verbindung mit Lennor 143 aufgebracht war, ſondern weil ich— weil ich— kannſt Du es nicht errathen?“ Maria erröthete, ſchlug die Augen nieder und rief in voller Gemuͤthsbewegung,„nein,— nein,— wahrlich nicht!“ „Enmilie ſchlang ihre Arme um ſie:„Liebe Maria,“ ſagte ſie,„Du biſt vielleicht die einzi⸗ ge Perſon auf Erden vor welcher ich ein ſolches Geſtaͤndniß ablegen konnte,— es war weil ich, die einem Andern Treue zugeſichert hatte,— Ich, die ich mich meiner Aufrichtigkeit und Beſtändig⸗ keit ruͤhmte,— ich,— ich kann es kaum heraus⸗ bringen,— ich ſieng ſelbſt an ihn zu lieben!— bemerke wohl, daß ich nur anfieng, denn es iſt bereits voruͤber;— kaum wurde ich die Gefahr, welche ich lief, gewahr, als ich ſie auch ſchon beſiegte. Lennor iſt in meinen Augen jezt nichts mehr als Dein Geliebter, und Eduard iſt mir wieder was er mir ſtets war. Aber ich,— was bin ich— treulos und verblendet!“ Ehrä⸗ nen floßen aus Emiliens Augen. Maria, zu ſehr ergriffen um reden zu kön⸗ nen, preßte ſie ſchweigend an ihr Herz. Dies ſind Thraͤnen der Scham und der Bu⸗ ße,“ fuhr Emilie fort;„doch koͤnnte man ſie auch, ich geſtehe es, ät Zäͤhren des Kummers und der Kraͤnkung halten. Gluͤcklich daß kein Chemiker dieſe Tropfen zu chriſtalliſi iren verſteht, ich wuͤrde nicht gern in einem ſolchen Schmuc erſcheinen fugte ſie lächelnd hinzu. 144 hafter,“ verſezte Maria, während ſie Emilie mit Bewunderung betrachtete.* „Ah! ſo ſagſt Du zwar; aber dahinter liegt vielleicht ſo etwas von einem weiblichen Gefuͤhle verſteckt. Nunmehr erwarteſt Du ohne Zweifel, — nein, Du nicht, allein eine Andere an Deiner Stelle wuͤrde es,— ich ſolle eine em⸗ pfindſame Beſchreibung, von dem Entſtehen und den Fortſchritten dieſer ungluͤcklichen Leidenſchaft, wie man ſie vermuthlich in der Romanenſprache nennen wuͤrde, beginnen. Ich weiß Dir aber in der That und in Wahrheit ganz und gar nichts daruber zu ſagen.“ „Aber vielleicht könute es Lennor,“— erwiederte Maria, indem ſie erroͤthete und zau⸗ derte ihrem Verdacht auszuſprechen. „Nein, nein— Lemor trägt keine Schuld. Auf keiner Seite war falches Spiel. Er iſt eben ſo ſehr uber niedrige Koketterie erhaben, als, ich darf es ſagen, als ich es ſelbſt bin. Du warſt ſtets die Koͤnigin ſeiner Gedanken, ſo⸗ gar waͤhrend er mit mir plauderte, lachte und zankte. Ich ſelbſt hegte die feſte Ueberzeugung, die ganze Welt vermoge meine Treue gegen Eduard nicht zu erſchüttern, und in dieſem Be⸗ wußtſeyn glaubte ich, das ganze Menſchenge⸗ ſchlecht auffodern zu koͤnnen, dieſe Treue ſchwan⸗ kend zu machen. Und dieſes gottloſe, verderbte, tren⸗ „Und dennoch erſchienſt Du mir vortheil⸗ r45 treuloſe Herz, ſchwieg bis Du redeteſt, und nur erſt da ſtieß es einen fuͤrchterlichen Ton aus! Dennoch glaube ich immer noch nicht daß es Lie⸗ be war,—'on n'aime bien qu'une seule fois, c'est la première.*) Es war vielmehr ein eitles, kindiſches Gefuͤhl, das freilich hätte ſtuͤrker werden können, aber nunmehr verſchwun⸗ den iſt. Jezt habe ich Dir alle Schwächen mei⸗ nes Herzens frei und offen geſtanden, jezt ſteht es in Deinem Belieben mich zu verachten.“ „Liebſte Emilie, beſaͤße ich die nemliche Kunſt Dir die Gefuͤhle meines Herzens offen darzulegen, ſo wurdeſt Du, das was ich nicht auszudruͤcken fähig bin, in demſelben erblicken. Wie ſehr aber bewundere ich Deine edle Aufrich⸗ keit, Deine großmuͤthige Selbſterniedrigung“— „O, ich verachte es meine Fehler auf eine niedrige Weiſe zu verhehlen. Ich vermag ſie vielleicht nicht zu erkennen, und kann ſie aus Unwiſſenheit lieben, komme ich aber zur Erkennt⸗ niß ſo ſchuttele ich ſie ſogleich von mir. Hef⸗ tig, ungerecht und ſelbſtbetrogen, war ich, und rann es auch wieder werden; allein falſch und hinterliſtig war ich nie, und will es auch nie werden.“ „Liebe Couſine, wie hoch koͤnnteſt Du ſte⸗ hen, wenn du nur wollteſt! rief Maria. *) Man liebt nur einmal wahrhaft, es iſt das erſtemal⸗ eheſtaud 3r Vt⸗ K 146 „Ach! ich verſtehe recht gut was Du da⸗ mit ſagen willſt, und fange an zu glauben, daß Du recht haſt. Nach und nach hoffe ich Dir aͤhnlich werden zu koͤnnen,— bekomme ich eine Tochter ſo ſoll ſie es gewiß,— aber jezt ver⸗ mag ich es noch nicht, eine ſolche Beſſerung wuͤrde allzu ſchnell ſeyn. Alles was ich Dir fuͤr den Augenblick verſprechen kann, iſt, daß ich, von nun an, niemand tadeln will als mich ſelbſt, da ich die meiſten Fehler habe. Und von dieſem Tage, von dieſem Augenblicke an, ſchwöre ich)—“ „Nein, ich will es in Deine Seele thun,“ ſagte Maria lächelnd, in dem ſie Emilien in ihre Arme ſchloß, von nun an: „Von dieſem Pfeiler leuchte ſtets Der Liebe Spruch hernieder. Ein offen Herz, ein reiner Blick, Die Sprache treu und bieder. Nur eins der Herzen ward dem Mann Und keiner ſpalt's in Truͤmmer; Denn wahre Liebe endet nie, Liebt einmal nur und immer.“ Allein ſo ſehr Maria auch ihre Couſine liebte und in mancher Hinſicht bewunderte, ſo konnte ſie doch nicht blind uͤber ihre Charakter⸗ maͤngel ſeyn, und mußte befuͤrchten, daß dieſe Marquis von Montroſe. 147 Emilien noch großen Nachtheil bringen wuͤrden. Emiliens Geiſt nahm alles, was ihr Vergnuͤgen machte, willig auf, eutferute ſich aber alsbald von jeder ernſten oder Selbſtverlaͤugnung erfo⸗ dernden Sache. Die Heftigkeit ihrer Gefuͤhle und der Ungeſtuͤm ihres Temperamentes, erſtickten nur zu oft das angeborne Wohlwollen eines gu⸗ ten Herzens. Marien ſchmerzte es, ein ſo edles Gemuͤth, aus Mangel fruͤherer Bildung, verwil⸗ dert zu ſehen. Sie ſuchte daher, durch jedes ittel, außer dem des ſtrengen Ermahnens, Emi⸗ lien zu einer ſteteren Gewohnheit des Nachden⸗ kens und der Selbſtpruͤfung zu fuͤhren. Allein Maria mußte alle Kraͤfte ihrer See⸗ le aufbieten, um jezt, ihre Gedanken von ſich auf eine Andere zu richten. Sie, die Verlobte eines Mannes, den in dieſem Augenblick tauſend Gefahren umringten, uͤber deſſen Eriſtenz ſie ſo⸗ gar ungewiß war, aber an deſſen Schickſal ihr eigenes hieng. Mit bitterem Schmerz dachte ſie:„Ol wie gefaͤhrlich iſt es doch, ſelbſt unſeren beſten und edelſten Neigungen nachzugeben. Bei aller Ausſicht auf Gluͤckſeligkeit verpfaͤndete ich meine Wohlfahrt an ein Weſen, das ſo vergänglich iſt als ich ſelbſt! Ihre Seele erbebte bei den ſchreck⸗ lichen Vorſtellungen, welche ihre Einbildungskraft erſchuf. Dennoch beſtrebte ſie ſich die zu große Staͤrke ihrer Leidenſchaft zu mäßigen, welche, wie ſie ſehr gut fühlte, ihre Vernunft zu ſehr uͤber⸗ K2 143 wältiget haben wuͤrde. Ein Brief des Oberſten Lennox erleichterte jedoch endlich ihre allzugroße Beſorgniß. Ein Treffen war geliefert worden, aus welchem der Geliebte gluͤcklich entkam. Er wiederholte ſeine Geluͤbde einer unveraͤnderlichen Neigung und Maria fuͤhlte, ſie ſei berechtiget die⸗ ſe anzunehmen. Sie hatte Lady Julianen und Mſtrs Douglas mit ihrer Lage bekannt gemacht. Die erſtere hatte ſich nicht um die Mittheilung ihrer Tochter bekuͤmmert, allein die leztere zollte ihr ihrem Beifall mit Waͤrme und Zärtlichkeit. ———— XVII. Der gutmuͤthigen Maria war es in der That hoch anzurechnen, daß ſie einen großen Theil ihrer Zeit der alten Tante Grishelde wid⸗ mete. Sie opferte dieſem Umgang nicht blos Zeit und Talente auf, denn dieſes Opfer bringen ſogar Selbſtſuͤchtige dem Anſtand zuweilen, ſon⸗ dern es war gewiſſermaſſen eine voͤllige Hinge⸗ bung ihres ganzen Daſeyns. Dem Verſtaͤndigen iſt keine Lage verdrießlich, in welcher man ihm erlaubt ſtill zu ſizen und zu ſchweigen. Aber in Miß Grisheldens Geſellſchaft war weder Ruhe noch Nachdenken zu finden. Schwatzte ſie nicht verkehrtes Zeug mit Sir Simſon, ſo vergendete ſie ihre Zeit entweder mit Verlegen ihrer Brille, oder ſich zu beſinnen wohin ſie wohl ihren Fin⸗ gerhut gebracht habe, oder ihre Naͤhnadel zu „ 149 ſuchen. Maria konnte nicht fuͤnf Minuten in der Geſellſchaft ihrer Tante zubringen, ohne we⸗ nigſtens eben ſo oft in ihrer Ruhe geſtört zu werden.„Liebes Mariechen,“ hieß es:„willſt Du wohl einmal aufſtehen, ich glaube meine Brille liegt auf Deinem Stuhl.“ Oder,„beſtes Mariechen, Deine Augen ſind jünger als die mei⸗ nigen, ſieht doch einmal ob meine Nadel auf dem Teppich liegt.“ Oder,„biſt Du auch ſicher, daß Du meinen Fingerhut nicht haſt, ich kann ihn nicht finden,“ u. ſ. w. In ihren muͤßigen Stunden war Grishelde, wo moͤglich, noch läſti⸗ ger als waͤhrend ihrer Arbeit. Stellte ſie ſich ans Fenſter, ſo rief ſie unaufhörkich.„Marie⸗ chen, wem gehört wohl die Equipage mit der gruͤn und orange Livree?— Komm geſchwinde Mariechen und ſieh wer der Herr und die Da⸗ me ſind, ich moͤchte es gar zu gerne wiſſen! und ſo gieng es unaufhoͤrlich fort. Auf den Spa⸗ ziergangen war es noch ärger. Nicht genug daß Grishelde vor den Fenſtern eines jeden Kaufla⸗ dens ſtehen blieb, um jede ausgelegte Waare ge⸗ nau zu betrachten, ſondern ſie wendete ſich auch nach jeder, etwas auffallenden, voruͤbergehenden Perſon um. Kurz, Maria mußte ſich ſelbſt eingeſte⸗ hen, daß ſchwachkopfige und ungebildete Verwand⸗ te, verfeinerten und gebildeten Menſchen zu ſehr ar⸗ ger Plage dienen. Aber ſelbſt dieſe Laſt trug die ſanfte Maria mit Geduld und hielt ſich fuͤr ver⸗ pflichtet, ihre alte, ſchwache Tante nicht zu ver⸗ nachläſſigen. 150 Selbſt die Liebe ihrer Tante, welche ſie im hoͤchſten Grade beſaß, diente ihr weit mehr zur Plage, als zur Erleichterung. Bei jeder Zuſam⸗ menkunft hieß es.„Wie hat mein liebes Ma⸗ riechen geſchlafen? Haſt Du gut gefruͤhſtuckt? Mir duͤnkt Du ſiehſt ein wenig blaß aus. Du meine Gute! Du wirſt doch nicht den Schnupfen haben? Der Schnupfen graßirt jezt ſehr ſtark, — eine der Hausmägde hat einen recht argen Schnupfen,— ich hoffe Du nimmſt Fußbaͤder und trinkſt alle Abende Habergruͤtze, und thuſt alles was Dir der ehrliche Doktor Redgill em⸗ pfiehlt.“ Blieb Maria einen Tag aus, ſo gieng die Plage noch ärger los.„Beſtes Mariechen, fragte die Tante,„wo ſteckteſt Du denn geſtern? Ich verſichere Dir, daß ich den ganzen Tag in Sorgen um Dich war, was auch ganz natuͤr⸗ lich iſt, denn etwas mußte Dir doch fehlen; ich konnte die ganze Nacht nicht davor ſchlafen. Haͤtte ich nur den Sir Simſon verlaſſen koͤnnen, gleich haͤtte ich mich in eine Miethkutſche geſezt, ſo theuer ſie auch ſind, und waͤre nach Beech⸗ Park gefahren.“ Maria ertrug alles dieſes, mit der Geduld eines Märtierers, zur Bewunderung der Lady Maclaughlan und zum Erſtaunen Emiliens, welche verſicherte ſie laſſe ſich nur plagen, ſo lan⸗ ge es ihr Spaß mache. Eines Morgens fand Maria ihre Tante in hohem Entzuͤcken, über eine Einladung, 157 welche ſie eben fur ſich und ihre Nichte erhal⸗ ten hatte. „Dieſe Einladung,“ ſagte ſie kommt von Mſtrs Pullens, und iſt zum Mittageſſen. Du kannſt Dich ihrer Mutter, der Mſtrs Maerfuß, gewiß nicht mehr erinnern. Sie war eine tref⸗ liche Frau, die alle ihre Töchter an den Mann brachte. Ich kann mich noch recht gut auf Mſtrs Pullens beſinnen, wie ſie noch Flora Mac⸗ fuß war. Sie ſah ihrer Mutter ſehr aͤhnlich. Herr Pullens iſt ein ſehr wuͤrdiger Mann und ſehr reich. Flora Marfuß hatte gar kein Ver⸗ moͤgen, und ſo war ſie ſehr gluͤcklich. Aber ihre Mutter war eine ſehr gute Haushalterin und Mſtrs Pullens iſt es gewiß auch, denn die Macfuße ſind alle fuͤr gute Haushaͤlterinnen bekannt,— und ſo wird Dir die Bekanntſchaft zur Ehre gereichen, liebes Mariechen.“ Maria hätte dieſer Ehre gern entſagt. Zu jeder andern Zeit haͤtte ſie ſich Vergnügen von einer ſolchen Parthie verſprochen; aber jezt war ſie nicht dazu geſtimmt Laͤcherliches aufzuſuchen. Sie verſuchte daher ihre Tante zu bereden, die Einladung aufzugeben. Da ſie aber bemerkte wie wehe es dieſer thun wuͤrde, und wußte daß ſie das alte Kind das eines Gaͤngelbandes be⸗ durfte, nicht konne allein gehen laſſen, ſo willigte ſie ein ſie zu begleiten. Der beſtimmte Tag er⸗ ſchien, und Maria fand ſich, in Geſellſchaft ihrer Tante, in dem Hauſe des Herrn Pullens, des 152 gluͤcklichen Gatten der ehemaligen Miß Flora Macfuß, zu gehoͤriger Zeit ein. Da aber Tante Grishelde nicht die beſte Biographin iſt, ſo neh⸗ men wir uns die Freiheit, dieſe Dame unſeren Leſern vorzuſtellen. Die haͤusliche Einrichtung der Mſtrs Pul⸗ lens war der Hauptgegenſtand ihrer Untevhal⸗ tung, wie auch den aller ihrer Freunde. Ihr Eifer ihre Lehren zu verbreiten, war ſe groß, daß ſie wuͤnſchte, es zum Glaubensartikel ma⸗ chen zu koͤnnen, keine eingemachten Fruͤchte wären genießbar, als die auf ihre Art zubereiteten; kein Schinken ſei gut, wäre er nicht auf ihre Weiſe eingepoͤckelt, und kein Getraͤnke ſei trinkbar, als das nach ihren Erfahrungen behandelte. Eben ſo wenig konnte, wie ſie behanptete, Linnen weiß oder Flanelle weich werden, wenn ſie nicht nach ihrer Methode gewaſchen wurden. Ihren Er⸗ zahlungen zu Folge, war ſie der Sklave eines je⸗ den Dienſtboten in ihrem Hauſe und mit unauf⸗ hoͤrlicher Arbeit beladen, denn alles mußte auf ihre eigene Art und Weiſe geſchehen. Dafuͤr hielt ſie ſich aber auch fuͤr eine der erhabenſten Perſonen, welche je lebten. Denn nach ihren ei⸗ genen Worten, ließ ſie ihren Leuten nichts hin⸗ gehen, ſah ſelbſt nach Allem und vertraute der Dienerſchaft nicht das mindeſte an. Von der Ausuͤbung dieſer Tugenden hatten ihre Geſichtszuͤge einen Ausdruck von Gefällig⸗ keit erlangt, der ihrem wahren Temperamente 155 fremd war. Denn nachdem ſie in der Kuͤche weidlich gelärmt und gezankt hatte, ſezte ſie ſich mit der Ueberzeugung von ihren Verdienſten, nie⸗ der, um die Fruͤchte ihrer Arbeit triumphirend zu genießen. Hätte Mſtrs Pullens ſich in be⸗ ſchränkten Vermoͤgensumſtaͤnden befunden, oder wére ihr Gatte kräͤnklich oder mürriſch geweſen, ſo war ihre Betriebſamkeit allerdings verdienſt⸗ lich. Aber Herr Pullens war reich und gutmuͤ⸗ thig und haͤtte ſich ſehr gluͤcklich geſchätzt, wäre ihm erlaubt worden, das Eſſen von ſeinem Ko⸗ che, auf deſſen eigene Weiſe, bereiten zu laſſen. Der Neid folgt dem Verdienſte ſtets auf dem Fuſſe; auch Mſtrs Pullens machte dieſe traurige Erfahrung, indem eine Menge anderer Hausfrauen ihre Künſte herabzuwuͤrdigen ſuchten. An der Spitze dieſer Verſchwoͤrung ſtand eine gewiſſe Mſtrs Jekyll, deren Haushaltungskunſt auf ganz verſchiedenen Grundſaͤtzen beruhte. Die großte Kunſt auf welche Mſtrs Pullens ſtolz war, beſtand darinnen, Dinge lange uͤber die Zeit, welche die Natur ihnen beſtimmte, aufzubewahren, oder auch fuͤr etwas auszugeben, was ſie nicht waren. Z. B. Schweinefleiſch fuͤr Lämmerbra⸗ ten, Haͤhne fuͤr Kapaunen, Johannisbeerwein fuͤr Champagner, u. ſ. w. Mſtrs Jekyll that ſich jedoch etwas darauf zu gut dieſe Taͤuſchun⸗ gen zu entdecken, und auf die moͤglichſt hofliche Weiſe, den Vorzug aͤchter Dinge vor Surrogaten zu beweiſen. Der arme Herr Pullens wurde 154 endlich ſo ſehr daran gewoͤhnt ſeltſame Biſſen genießen zu muͤſſen, daß er ſich einbildete, es ſei dieſes das Loos aller Maͤnner, die mit thätigen, haushaͤlteriſchen Frauen begluͤckt wären. Dieſem allem zu Folge war die Mahlzeit ſchlecht, die Geſellſchaft langweilig und die Un⸗ terhaltung beſtand einzig und allein in den Haus⸗ haltsthaten der Mſtrs Pullens und den Verſu⸗ chen der Mſtrs Jekyll dieſe herabzuwuͤrdigen. Zu Mariens großer Erleichterung erſchien end⸗ lich die Stunde des Aufbruchs; aber Miß Gris⸗ helde war deſto weniger geneigt die Geſellſchaft zu verlaſſen, da ihr alles was fie geſchmeckt, ge⸗ hoͤrt und geſehen hatte gefiel, und Mſtrs Pullens Ideen uͤber Waſchen, Einmachen, u. ſ. w. nicht genug bewundern konnte. „Du, liebes Mariechen,“ ſagte ſie auf dem Ruͤckwege,„wirſt mir gewiß eingeſtehen muͤſſen, daß Mſtrs Pullens eine auſſerordenlich kluge Frau iſt. Das kann wahrlich niemand laͤugnen. Denke Dir nur einmal, daß nie ein Stuͤckchen Seife in ihrem Hauſe gebraucht wird, alles wird durch Daͤmpfe gewaſchen. Zwar iſt's wohl wahr, was Mſtrs Jekyll ſagte, daß das Tiſch⸗ zeug eine ſehr ſchmutzige Farbe habe,— aber das iſt kein Wunder, denn eine große Erſparniß bleibt es immer. Auch ſteht ſie beſtaͤndig ſelbſt bei der Waͤſche, denn den Dienſtboten darf man ſo etwas nicht anvertrauen. Einſt uͤberließ ſie es ihnen, und da verbrannten ſie ein Duzend von 55 Herrn Pullens neuen Hemden, aus bloßer Nach⸗ läſſigkeit, was doch ſehr ärgerlich war. Zwar iſt's wohl wahr, was Mſtrs Jekyll ſagte, daß dieſes nicht haͤtte geſchehen koͤnnen, haͤtte ſie Sei⸗ ſe gebraucht. Und dann wie wunderbar lang kann ſie eine Sache aufbewahren. Die gruͤnen Erbſen, welche wir beim Mittageſſen hatten, wer⸗ den mir immer merkwurdig bleiben; die waren ſchon im verwichenen Sommer ein Jahr alt. Zwar iſt's wohl wahr, was Mſtrs Jekyll ſagte, ſie wären ſo hart wie Schießkerne,— das ſteht nicht zu laugnen,— aber irgend ein Ding, das man ſeit verwichenem Sommer ein Jahr aufbe⸗ wahrt, muß wohl hart werden, und wenn man das gehoͤrig bedenkt, ſo waren ſie dafuͤr recht ſehr gut. Von den rothen Johannisbeeren haſt Du wohl nicht gegeſſen? ich wuͤnſchte ſehr Du hätteſt ſie verſucht, liebes Mariechen. Zwar iſt's wohl wahr, was Mſtrs Jekyll ſagte, daß ſie tro⸗ cken und ſauer waͤren, aber das iſt kein Wunder, eine jede Sache die man drei Jahre in Bouteil⸗ len aufbewahrt, muß endlich trocken und ſauer werden.“ Der Wagen hielt und Grisheldens ſchoͤne Schlußfolgerungen wurden unterbrochen. 156 XVIII. Hoffnung und Furcht beſtuͤrmten wechſels⸗ weiſe, viele Monate hindurch, während welchen Schlachten geliefert und Feſtungen belagert wur⸗ den, die arme Maria. Unter allen dieſen Kaͤm⸗ pfen verſaͤumte ihr Geliebter zwar keine Gelegen⸗ heit ihr zu ſchreiben; kaum hatte ſie aber die Verſicherung erhalten, er ſei der Gefahr glucklich entronnen, als ſie auch aufs neue, durch Geruͤchte von abermaligen blutigen Auftritten, in Schrecken und Angſt verſezt wurde. Nur Religion und die ihr angeborne Geiſtesſtaͤrke, vermochten ſie aufrecht zu erhalten. Aber auch in dem Erleich⸗ tern des Ungluͤcks ihrer Nebenmenſchen, in der Huͤlfe die ſie den Armen, den Kranken und den Traurigen angedeihen ließ, fand ſie Troſt und zuweilen ſogar Vergeſſenheit ihrer eigenen Sorgen. Jetzt fuhlte ſie die ganze Kraft und Wahrheit der goͤttlichen Lehren, und erprobte, wie ſehr dieſe, dem der ſie befolgt, die Laſt des Lebens erleich⸗ tern und auch den herbſten Kummer mildern. Aur ſelten hörte Maria von ihrer Mutter und Schweſter. Die Zeit dieſer Damen war zu koſtbar, um an langweilige Correſpondenz ver⸗ ſchwendet zu werden. Allein deſto oͤfter fand Maria ihre Namen in den oͤffentlichen Blaͤttern erwaͤhnt*) und ſchmeichelte ſich daher, daß ihre *) Die engliſchen öffentlichen Blaͤtter erſtatten, bekanntlich, haͤufige Berichte von den Feſten welche in den Häuſern der Großen gegeben werden. A. d. Ueb⸗ * 157 Schweſter ſich glucklich in ihren glaͤnzenden Ver⸗ gnuͤgungen befinde. Die Herzogin genoß zwar alle Freuden, welche Rang, Reichthum und modiſcher Ton ge⸗ währen. Sie beſaß das ſchoͤnſte Haus, den prächtigſten Schmuck, die ausgezeichnetſten Equi⸗ pagen in ganz London; aber ſie war nicht gluck⸗ lich. Der Trank ſchmeckte bitter, obgleich der Be⸗ cher in welchem er kredenzt wurde, von gediege⸗ nem Golde war. Nur die Neuheit verleiht werthlo⸗ ſen Dinge Reize, und weicht jene, ſo erſcheint das entzauberte Spielwerk, in ſeinen angebornen Un⸗ werth. Der zwangloſe Genuß des Reichthums führt zur Ueberſaͤttigung, ſobald dieſer Genuß ſich nur auf ſich ſelbſt beſchränkt, nicht auf Andere ausgedehnt wird, und ſeinen Lohn nicht in ſich ſelbſt, durch die Ueberzeugung Gutes ge⸗ ſtiftet zu haben, zu finden weiß. In jenem Fall befand ſich die Herzogin von Altamont. In der Befriedigung jeder koſtbaren Laune, ſuchte ſie neuen Reiz zum Vergnuͤgen, und indem ſie ſich mit Edelgeſteinen bedeckte, bemuͤhte ſie ſich, die Unruhe ihres mißvergnuͤgten Herzens zu ſtillen. Allein nur eine gemeine Seele findet auf die Dauer Genuß in den Attributen des Reichthums, in der Beſchauung ſeidener Tapeten, vergoldeter Seſſel, in prachtvollen Anzugen und glanzenden Equipagen. Ein verfeinertes und geſchmackvol⸗ les Gemuͤth, fragt ſich, ob dieſes Alles wahre Freuden gewaͤhren koͤnne. Adelaide beſaß bei⸗ 5 5 des, Geſchmack und Verfeinerung; obgleich die fal⸗ ſchen Grundſaͤze, welche ihr ſo fruhzeitig beigebracht wurden, ihr Herz verdorben und ihre Geſinnugen verkehrt hatten. So egoiſtiſch und gefuͤhllos ſie aber auch war, ſo ekelte ihr dennoch vor der nnaufhoͤrlichen Wiederholung eigenſinniger Lau⸗ nen. Das Spielwerk welches ſie den einen Tag, als ein Amulet gegen die Langeweile, mit Ent⸗ zucken betrachtete, wurde den nächſten mit Gleich⸗ guͤltigkeit und Widerwillen verworfen. Sie glaub⸗ te in der That, in dem Eigenwillen und in der Hartnackigkeit ihres Gatten, gerechte Urſache zum Mißvergnügen zu haben, und daß, wäre er an⸗ ders beſchaffen, als er wirklich war, ſie voll⸗ kommen glücklich hätte ſeyn können. Sie woll⸗ te es ſich nicht eingeſtehen, daß ſie unrecht han⸗ delte, einen Mann zu heirathen, deſſen Perſon ihr zuwider war, während ſie einem Andern entſchieden den Vorzug gab. Selbſt ihre Lebens⸗ weiſe war ihr gewiſſermaßen unangenehm, ob ſie ſich gleich gezwungen ſah dieſelbe zu befolgen. Der Herzog klebte ſteif und feſt an den nemli⸗ chen Ideen, welche ſich vor dreißig Jahren in ſeinem Gehirne feſtgeſezt hatten. Folglich wurde alles in ſeinem Hausweſen in derſelben Ordnung und Gleichfoͤrmigkeit fortgefuͤhrt, wie es von je⸗ her darinnen gewöhnlich war, und ohne ſich nach den jezigen excentriſchen Gebräuchen zu richten. Er haßte Bälle, Conzerte und Maskeraden; denn er tanzte nicht, verſtand nichts von Mu⸗ ſit und noch weniger von witzigen Scherzen⸗ 159 Deſto mehr liebte er große, langweilige Gaſt⸗ maͤhler, weil die dabei herrſchende Unterhaltung insgemein ſeinen geringen Verſtandskraͤften an⸗ gemeſſen war. Es gewaͤhrte ihm großes Ver⸗ gnügen eine Parthie anzuordnen, den Kuͤchen⸗ zettel durchzuſehen, mit dem Familien⸗Silber⸗ geſchirr zu prunken, und den andern Tag die Beſchreibung ſeines gegebenen großen Gaſtmahls in den oͤffentlichen Blattern zu leſen. Man wird einwenden, alles dieſes klinge zu gemein fuͤr den Zeitvertreib eines Herzoges. Aber es giebt eben ſo gut gemeindenkende Herzoge, als mit Verſtand begabte Ackerbauern oder andere Ano⸗ malien in der menſchlichen Geſellſchaft. Seine verſtorbene Gemahlin, dit von hoher Abkunft, gleichem Alter und aͤhnlicher Denkungsart mit ihm war, Förmlichkeit und Etikette eben ſo ſehr liebte als er ſelbſt, galt ihm ſtets fuͤr das hoͤchſte Muſter weiblicher Wuͤrde. Auch ſie wuͤrde es fͤr unſchicklich gehalten haben, auf eine andere Gattung von Unterhaltung zu denken, als auf große Gaſtmähler und langweilige Aſſambleen. Mit gewaltiger Hand verſuchte Adelaide das ganze Syſtem des Hauſes Altamont umzu⸗ ſturzen, ſcheiterte aber gaͤnzlich in ihrem Unter⸗ nehmen. Sie bezeigte ihren Abſcheu vor großen Gaſtgeboten, und blieb dreimal, bei ſolchen Ge⸗ legenheiten, auf ihrem Zimmer. Man hoͤrte ſie ſchweigend an und alles blieb im gewohnten Ge⸗ leiſe. Sie beſtand darauf einen Ball zu geben, 160 aber der Herzog erklarte mit vieler Kaltbluͤtig keit, es muͤſſe eine Aſſamblee und kein Ball ſeyn. Auf dieſe Weiſe in allen Planen hauslicher Gluͤckſelig⸗ keit geſtört, wurde die Herzogin ihr Vergnuͤgen außer dem Hauſe geſucht, jede andere Geſellſchaft der ihres Gemahls vorgezogen und alles, außer dem was ſie angelobte, gethan haben. Aber auch dieſes wurde ihr verſagt. Der Herzog glaubte nemlich, eine Dame von dem Rang ſei⸗ ner Gattin, muͤſſe ſich außer ihrem Hauſe eben fo förmlich betragen, als in demſelben, und un⸗ terſagte ihr deshalb ausdruͤcklich das Beſuchen der Orte, an welchen ſie das meiſte Vergnügen ge⸗ funden hatte. Bei ſo bewandten Umſtaͤnden wuͤnſchte Ade⸗ laide einen von ihrem Gemahl unabhaͤngigen Haushalt zu führen, ohne jedoch ſein Haus zu⸗ verlaſſen. Aber auch hiervon wollte der Her⸗ zog nichts wiſſen, und gab deutlich zu verſtehen, er wolle ſich lieber ganz als halb trennen. Ei⸗ nen ſo auffallenden Schritt wollte jedoch ſeine Gemahlin in dem erſten Jahre ihrer Ehe nicht thun. Sie ſah ſich daher genöthiget, die Kette, mit welcher ſie ſich ſelbſt gefeſſelt hatte, noch weiter zu ſchleppen. Dieſe Kette wog deſto ſchwe⸗ rer, weil der Herzog, welcher Adelaide nur, um mit ihrer Schoͤnheit zu glaͤnzen geheirathet hatte, ſie nun auch uͤberall mit ſich fuͤhren wollte, und ſie deshalb nie von ſeiner Seite ließ. Dieſes allein war hinlaͤnglich, Adelaidens Leben zu ver⸗ bittern, ——— „ 161 bittern, die ſich, jedoch ohne Erfolge alle erſinn⸗ liche Muͤhe gab, eine ſolche oͤffentliche Ausſtel⸗ lung ehelicher Pflichten von ſich abzuwenden. Im kälteſten Wetter oͤffnete ſie die Fenſter ihres Wagens und ſchloß ſie in der gluͤhendſten Son⸗ nenhize; allein der Herzog war unempfindlich ge⸗ gen Hitze und Kälte. Er war zum Verzweifeln geſund und weder Catarrh, noch Zahnweh er⸗ loͤßte ſeine Gattin von ſeiner Geſellſchaft. Der Herzog war keines feinen Gefuͤhls fähig, mithin koſtete ihm dieſe beſtaͤndige Anſtrengung, den Schein aufrecht zu erhalten, wenig Muͤhe. Aber den feineren Empfindungen ſeiner Gemahlin, war es eine faſt unerträgliche Pein, einen Schein von Neigung heucheln zu muͤſſen, welche ſie weit entfernt war zu fuͤhlen. Nur ein fruͤh eingeimpf⸗ tes Pflichtgefuͤhl, ein gebildetes Gemuͤth beſtim⸗ men, die uͤble Laune, den Eigenſinn und die entgegengeſezte Denkungsart, eines unangenehmen Gatten, mit Sanftmuth und Ergebenheit zu er⸗ tragen. Aber Adelaide beſaß kein ſolches Pflichtge⸗ fuͤhl und kannte keine Selbſtbeherrſchung. Ihr Verſtand war zwar gebildet, aber auf eine Wei⸗ ſe, welche anſtatt das Herz zu erheben, nur da⸗ zu dient, es zu verderben und zu erniedrigen, indem ſie einen falſchen und blendenden Schimmer auf die Reize wirft, welche die Sinne feſſeln. Es ſteht leicht zu erachten, daß die Ver⸗ nunft der Mutter das erregte Mißvergnuͤgen der Tochter nicht zu beſaͤnftigen E Lady Ju⸗ eſund 3r Bd. 162 liane war in der That eben ſo verzweifelt, uͤbe die Hinderniſſe welche ſich ihrer Vergnuͤgungsſücht in den Weg ſezten, als die Herzogin ſelbſt, und dieſes um ſo mehr, da ſie die Urſachen dieſer Hinderniſſe nicht recht einzuſehen wußte. Ihre Thorheiten hatten vft uͤber die Gutmuͤthigkeit ih⸗ res Gatten und die ſorgloſe Traͤgheit ihres Bru⸗ ders geſiegt; aber die Halsſtarrigkeit ihres Schwie⸗ gerſohns entwaffnete alle ihre Kuͤnſte und kleine Ranke. Es hlieb ihr mithin nichts weiter uͤbrig, als ihr Erſtaunen daruͤber zu bezeigen, daß die Herzogin den Widerwillen ihres Gemahls gegen Bälle, Conzerte und Maskerade nicht auszurot⸗ ten vermochte. Ihrer Meinung nach, war es ſo ausnehmend lächerlich, ſo ſehr thöricht, nicht ſo zu leben wie Andere. Die Herzogin von Ryſton gab ja jeden Sonntag ein Conzert, Lady Oak⸗ ham gab Maskeraden, und ſogar die alte haͤß⸗ liche Lady Loddon gab einen Ball, den der Prinz⸗Regent mit ſeiner Gegenwart beehrte! Wie unverantwortlich, wie unbillig war es al⸗ ſo, daß ein Mann von den Jahren des Her⸗ zogs, verlangen koͤnne, eine junge Frau, wie Adelaide, ſolle ſich nach ſeinen altvaͤteriſchen Ideen richten! Kluger Weiſe pflegte ſie alsdenn an den Lord Lindore zu appelliren, und ihn zu fra⸗ gen, ob es nicht recht albern von dem Herzo⸗ ge ſei, ſich in die Einrichtungen ſeiner Gemah⸗ lin zu miſchen? Lord Lindore beſuchte das Altamontſche Haus haͤufig. Der Herzog war zufrieden, daß 163 ſein Nebenbuhler einſt abgewieſen wurde, und da⸗ her nicht im mindeſten eiferſuͤchtig. Auch war Lindore viel zu ruhig und fein in ſeinem Betra⸗ gen, als daß er Verdacht in einem ſo beſchraͤnk⸗ ten Kopfe haͤtte erwecken ſollen. Der Contraſt zwiſchen ihrem ehemaligen geiſtreichen und einneh⸗ menden Geliebten, und ihrem geiſtesarmen, lin⸗ kiſchen Gatten, den die Herzogin täglich vor Au⸗ gen hatte, war keine ihrer geringſten Krankungen. Lord Lindore war in der That einer der bewun⸗ dertſten Maͤnner in ganz London, ſowohl wegen ſeiner Eroberungen, als ſeiner Pferde, ſeiner Eleganz, und ſeiner feinen Sitten; kurz, er war der Tongeber in allen Geſellſchaften. Aber bei allen dieſen Vorzügen beſaß er dennoch zu viel Geſchmack, um irgend eine Sache aufs aͤuſſerſte zu treiben. Umgebend von dem Weihrauch der Schmeichelei und nachgeahmt von allen ſeinen Gefaͤhrten, wußte er ſich auf jene einfache, un⸗ prahleriſche Eleganz zu beſchraͤnken, welche den wahren Weltmann charakteriſirt,— den Mann der, unabhaͤngig von allen ausſchweiffenden Moden und Gebraͤuchen, ſeinen eigenen Werth fuhlt. Wenige Dinge vermögen vielleicht dem ge⸗ bildeten Menſchen ſo viele Achtung einzufloͤßen, als ein einfaches Betragen; ſobald man nemlich uͤberzengt iſt, daß es aus einer ächten Verach⸗ tung aller Ruhmredigkeit und alles falſchen Glanzes entſpringt. Lord Lindore wußte dieſes 164 ſehr gut, und ſuchte vaher nicht mit den glaͤnzen⸗ den Umgebungen des Herzogs von Altamont zu wetteifern. Alle die ſeinigen trugen demnach das Gepraͤge der groͤßten Einfachheit, und auſ⸗ ſer in der Schönheit ſeiner Pferde, ſuchte er alles Uebertriebene zu vermeiden. Aber er ritt vorzuͤglich gut, und wußte ſeinen Curricle mit ſo vieler Geſchicklichkeit zu lenken, daß ein auffallen⸗ der Contraſt, zwiſchen ihm und dem foͤrmlichen Herzoge, welcher kerzenſteif in ſeinem Staatswa⸗ gen ſaß, einen Stern auf der Bruſt und den Hut unter dem Arm, unvermeidlich war. Die Her⸗ zogin verließ oft den Hydepark, wo Lord Lindore von Jedermann bewundert wurde, aus Scham und Kränkung, mit ihrem laͤcherlichen Gemahl, in einem Wagen geſehen zu werden. Nichts als Ehrgeitz und Eitelkeit hatten ſie verleitet den Her⸗ zog zu heirathen, und die nemlichen Leidenſchaften erhohten jetzt ihre Neigung zu Lord Lindore. Denn Ehrgeitz beſteht nicht immer in dem Verlan⸗ gen nach eigenen Vorzuͤgen, ſondern auch oft nach dem, was an Andern bewundert und ge⸗ lobt wird. Der ſchoͤne Lord Lindore wurde ja in allen Geſellſchaften geprieſen und vorgezogen, der ſteife, alberne Herzog von Altamont hingegen gaͤnzlich uͤberſehen. Monate verfloßen auf dieſe Weiſe, und jeder Tag vermehrte Adelaidens Kummer und Verdruß. Ihre unaugenehe Lagem wurde ihrijedoch, durch ei⸗ nen langen Auffenthalt in Norwvod⸗Abtei, noch un⸗ 165 erträglicher. Hier ſah ſie ſich in ein praͤchtiges, aber trauriges Schloß verbannt, das von einem oden Park umringt war, der nichts enthielt als finſtere Baͤume und ein, mit bleiernen Gottheiten verziertes, Baſſin. Das Innere des Schloſſes war im nemlichen Styl leerer, geſchmackloſer Pracht eingerichtet, und die Geſellſchaft war keinesweges beſchaffen die Langeweile zu verſcheuche,, welche dieſe froſtigen Umgebungen hervorbrachten. Lady Mathilde Sufton, ihre Geſellſchafterin Mſtrs Finch, der General Larver und einige geiſtesban⸗ kerotte, ältliche Lords, nebſt ihren ſteifen Gemah⸗ linnen, bildeten den Familienkreis. Die Herzo⸗ gin machte die bittere Erfahrung, daß Ruhe des Herzens und haͤusliche Gluckſeligkeit, nicht mit Reichthum zu erkaufen, noch durch Hoheit zu erlangen ſind:— ihr ekelte vor dem kalten, man moͤchte ſagen, gemeinen Pracht ihres Looſes. In dieſem Zeitraum kam Lord Lindore zum Beſuch nach Norwood⸗Abtei. Der taägliche, ja ſtuͤndliche Contraſt zwiſchen dem eleganten, leiden⸗ ſchaftlichen Geliebten, und dem albernen phlegma⸗ tiſchen Ehemann, verfehlte ſeine gewoͤhnliche Wir⸗ kung, auf ein Gemuͤth ohne mworaliſche Grund⸗ ſäze, keinesweges, Roußeaus neue Heloiſe, Gö⸗ thens Werther und deſſen Wahlverwandtſchaften wurden gemeinſchaftlich geleſen. Die Empfindun⸗ gen des Herzens wurden, nach deutſchen und fran⸗ zöſiſchen Muſtern, ſo lange zergliedert, bis man waͤhnte, die verbrecheriſche Leidenſchaft ſei nichts 166 anders als reines und erhabenes Gefuͤhl. Es wuͤrde ermuͤdend ſeyn, die einzelnen, beinahe un⸗ merklichen Vorfälle verfolgen zu wollen, welche dahin zweckten, die Verblendung zu erhoͤhen, und dem herabwuͤrdigenden Laſter eine falſche Wuͤrde zu verleihen. Kurz, in weniger als Jahresfriſt, von der Zeit ihrer Verheirathung an, ſuchte die egviſtiſäyt, thoͤrichte Adelaide ihr Heil aufs neue, in der Befriedigung ihrer ſtarrkoͤpfigen Leiden⸗ ſchaften, entfloh mit Lord Lindore, und ſuchte vergeblich Ruhe und Friede, unter Verbrechen und Schande. —— Obgleich der Herzog nicht die zarteſten Ge⸗ fuͤhle beſaß, ſo war er dennoch nicht unempfind⸗ lich gegen ſeine Entehrung. Er ergriff folglich alsbald die gerichtlichen Maasregeln, um ſich an dem entflohenen Paare zu rächen. Die Ge⸗ ſeze ſprachen ihm eine ſo bedeutende Schadlos⸗ haltung zu, daß Lord Lindore, um ihrer Bezah⸗ lung zu entgehen, ſich auf immer von ſeinem Vaterlande entfernen mußte. Lady Juliane wuͤthete, verfiel in hyſteriſche Kraͤmpfe und waͤhn⸗ te, nur ſie allein leide durch die uͤble Auffuͤh⸗ rung ihrer Tochter. Bald beklagte ſie ſich uͤber Adelaidens Undankbarkeit, bald uͤber Lindorens Falſchheit, und verſicherte, die arme Adelaide * 167 ſei der beleidigte Theil. Dann legte ſie wieder alle Schuld auf die Halsſtarrigkeit des Herzogs. Haͤtte er, ſagte ſie, Adelaiden ihren Willen ge⸗ laſſen, haͤtte er ihr erlaubt Balle zu geben und Maskeraden zu beſuchen, ſo wuͤrde ſie die beſte, folgſamſte Frau in der Welt geweſen ſeyn, u. ſ. w Alle dieſe ſchöne Reden wurden von Lady Mathilde und ihrer Parthei, hoͤchſt uͤbel aufge⸗ nommen. Endlich kam es zwiſchen den Damen zu einer offenen Fehde, durch welche Lady Juli⸗ ane ſich gezwungen ſah, ein Haus zu verlaſſen, welches ſie beinahe fuͤr das ihrige hielt. Beech⸗ Park wurde ihre abermalige Zuflucht. Mariens Gram und Entſezen, uͤber die Auffuͤhrung ihrer Schweſter, war ſo groß als der Grad des Verbrechens. Nicht uͤber das Urtheil der Welt, noch uͤber das was ſie ſelbſt dadurch litt, betruͤbte ſie ſich ſo ſehr, als dar⸗ uͤber, daß die ungluckliche Adelaide die Gebote Gottes beleidiget habe. So hohen Schmerz ſie aber auch uͤber die Suͤnde ihrer Schweſter füͤhl⸗ te, ſo verdammte ſie die Verlorne dennoch nie öffentlich. Mit chriſtlicher Demuth erinnerte ſie ſich, daß ſie ſelbſt ſo gluͤcklich geweſen ſei, in den Grundſaͤzen der Moral und Religion unter⸗ richtet zu werden, und daß, waͤre dieſes unter⸗ blieben, ſie vielleicht eben ſo tief, als ihre Schwe⸗ ſter, haͤtte ſinken koͤnnen. 168 So wenig Lady Juliane es auch verdiente, ſo konnte ihre gutgeartete Tochter ihr dennoch das hoͤchſte Mitleiden nicht verſagen, und that alles was in ihren Kraͤften ſtand, um ſie zu beruhigen. Da aber Lady Julianens Anſichten vom wahren Gluͤck ſo verſchieden von denen ih⸗ rer Tochter waren, als Vernunft von Thorheit, ſo war jenes eine hoͤchſt ſchwierige Aufgabe. Das Herz der thoͤrichten Mutter ſtrebte noch immer nach Reichthum und Groͤße. Sie ſuchte hauptſächlich ihren Troſt in dem Gedanken, Lord Lindore wuͤrde Adelaiden heirathen, und duͤrfe dieſe gleich nicht bei Hof erſcheinen, ſo wuͤrde ſie dennoch in die beſten Geſellſchaften der Stadt aufgenommen, und koͤnne noch immer eine bra⸗ w Gattin werden. Beſchaͤmt und ſchweigend hoͤrte Maria al⸗ le dieſe feinen Troſtgruͤnde an. Emilie hinge⸗ gen, aufgebracht uͤber die Thorheiten und den Mangel an Grundſaͤzen ihrer Tante, konnte ſich nicht enthalten, ihren Unwillen und ihre Ver⸗ achtung, in ſo derben, Ausdruͤcken an den Tag zu legen, daß ſie Thränen in die Augen ihrer Couſine brachte. Maria war in der That das einzige Weſen auf Erden, welches Adelaidens Vergehen mit wahrer Scham und tiefem Kum⸗ mer fühlte. Die Kälte und Liebloſigkeit ihrer Schweſter vermochten nicht, die tief eingewurzelte Geſchwi terliebe aus ihrem Herzen zu verbannen. Ein ſicherer Beweis daß es Familienbande giebt, 169 welche die Herzen ſtärker zu einander ziehen, als Wahl, Geſchmack oder Freundſchaft; denn nur jene können uns faͤhig machen, Jemand zu lieben, der ſich unſerer Achtung unwuͤrdig gemacht hat. Das entflohene Liebespaar ſchiffte nach Deutſchland uͤber. Nachdem das Publikum ſich ſattſam verwundert, die Laͤſtermaͤuler ſich muͤde geplandert hatten, und die Eheſcheidung erlangt war, dachte, außer ihrer Familie, niemand mehr an die ehemalige Herzogin von Altamont. So iſt der Uebergang von Groͤße zum Verbrechen, — vom Verbrechen zur Unbedeutenheit! Unter den vielen Bekannten und vorgebli⸗ chen Freunden, welche theils aus Theilnahme, theils aus Neugierde, theils aus Schadenfreu⸗ de, nach Beech⸗Park ſtroͤmten, befand ſich auch Mſtrs Wright. Die eigentliche Abſicht des Be⸗ ſuchs dieſer Dame war hauptſächlich, dem Stolz der Douglas einige derbe Puͤffe, wie ſie ſich zier⸗ lich ausdruͤckte, zu verſezen. Eine feine Art von Fehde, in welcher das ſchoͤne Sſlt ſich ins⸗ gemein vorzuͤglich auszeichnet. Mſtrs Wright hatte es nie verziehen, daß Maria die Hand ihres Sohnes ausſchlug, was ſie gaͤnzlich Emiliens Einfluß zuſchrieb. Von jenem Augenblick an prophezeite ſie den Sturz des ganzen hochmuͤthigen Packes, wie ſie die Familie nannte; verſi cherte aber dabei, ſe hoffe 770 ſich zu irren, ſie wuͤnſche ihnen alles Gute und der Himmel ſei ihr Zeuge, daß ſie keinen Groll hege. Mſtrs Wright trat demnach in das Geſell⸗ ſchaftszimmer von Beech⸗Park, mit einem ganz verſchiedenen Ausdruck in ihrem Geſichte und in ihrem ganzen Benehmen von jenem mit welchem ſie Lady Mathilde Sufton zu ihrem Verluſt condolirte. Dort wuͤrde ein trauriges Betragen ſchicklich geweſen ſeyn, hier wurde es beleidigend. Mit niedergeſchlagenen Augen und ſchweigendem Haͤndedruck begrußte ſie jedes Glied der Familie, und erkundigte ſich nach deſſen Befinden, auf ei⸗ ne Art welche ſagen wollte, daß wenn man ſich wohl befaͤnde, es nicht ſo ſeyn ſolle. Emiliens ſchneller Takt durchſchaute ſogleich ihre Abſicht, und ſie bereitete ſich alsbald, mit ihr in die Schranken zu treten. „Es koſtete mich einige Muͤhe bei Ihnen vorgelaſſen zu werden,“ ſagte Mſtrs Wright. „Der Bediente wollte ſie verläugnen. Da ich aber wußte, daß der Beſuch einer Freundin Ih⸗ nen in dieſer traurigen Zeit willkommen ſeyn wuͤrde, ſo ließ ich mich nicht abweiſen.“ „Ich hatte den Befehl gegeben, nur fuͤr meine Freunde zu Hauſe zu ſeyn, da die Beſuche von bloſen Bekannten kein Ende nehmen,“ ver⸗ „Und wie ſteht es mit der armen Ladh Jliane?“ fragte Mſtrs Wright, in einem Ton 171 e Theilnahme.„Ich hoffe, daß ſie fähig iſt, ihre Freunde bei ſich zu ſehen?“ „Begegneten Sie ihr nicht?“ fragte Emi⸗ lie nachläſig.„Sie fuhr eben nach Bath, um eine Loge, fuͤr die Zeit in welcher Kean dort ſpielt, zu miethen.“ „Ich freue mich auſerordentich zu hoͤren, daß ſie noch Sinn für dergleichen Dinge hat,“ erwiederte Mſtrs Wiiht in einem heftigen, uͤberſpannten, freudigen Ton, der hier richt an ſeinem Plaze war. Ein angenommener Blick des Erſtaunens, den Emilie auf ſic warf, ließ ſie fuͤrchten, ihr Ziel uͤberſprungen zu haben. Scheinbar aus Delikateſſe wendete ſie daher die Unterredung auf ihre eigenen Angelegenheiten. Sie erzaͤhlte, daß ihr Sohn ſich bald mit der Tochter eines Schot⸗ tiſchen Grafen verheirathen, daß ſie bei den jungen Leuten leben wuͤrde, und daß ſie blos nach Bath gekommen ſei, um ihre dortigen Effecten und Silbergeſchirre einpacken zu laſſen. Nachdem Mſtrs Wright dieſes in einem triumphirenden Ton erzaͤhlt hatte, fuhr ſie fort. „Ich meinestheils haͤtte die jungen Leute lieber allein miteinander leben laſſen. Aber weder mein Sohn, noch Lady Grace wollten es zugeben, obſchon die Familie der lezteren die naͤchſten Nachbarn meines Sohnes, und ſehr verſtändige, gngenehme Leute ſind. Das Gluck eines Ehe⸗ 172 mannes haͤngt, in der That, eben ſo ſehr von der Familie ſeiner Gattin ab, als von ihr Maria war zu edelgeſinnt um glauben zu können Mſtrs Wright wolle ihr unangenehme Dinge ſagen. Demungeachtet fiel ihr die An⸗ ſpielung auf; ſie fühlte, daß ſie erröthete, und fuͤrchtend Mſtrs Wright moge dieſes falſch aus⸗ legen, eilte ſie in das allgemeine Lob der Fami⸗ lie Benmavis, und in das beſondere der Lady Grace einzuſtimmen. „Lady Benmavis iſt, in der That, eine verſtändige, durchaus moraliſche Frau, die alle ihre Töchter vollkommen gut erzog,“ erwiederte Mſtrs Wright. Maria erröthete abermals uͤber den Nach⸗ druck, welcher auf die verſtändige, mora⸗ liſche Frau, die ihre Soͤchter vollkom⸗ men gut erzogen habe, gelegt wurde. In einiger Verwirrung ſagte ſie etwas uͤber die Schoͤnheit der Lady Grace. „Gewiß iſt ſie ein ſehr ſchoͤnes Mädchen,“ verſezte Mſtrs Wright, mit geheuchelter Nach⸗ läſſigkeit.„Was aber weit vorzuͤglicher iſt, ſie iſt von guter Rage. Was mich betrift, ſo lege ich wenig Werth auf Schoͤnheit, ſondern mehr auf moraliſche Grundſäze. Iſt eine Per⸗ ſon unſeres Geſchlechtes ohne moraliſche Grund⸗ ſäze, ſo iſt es vortheilhafter fur ſie, häßlich zu ſeyn, als ſchoͤn.“ X 173 „Wenn eine Frau keine Moralität beſizt, erwiederte Emilie,„ſo halte ich es fuͤr vollkom⸗ men gleichgultig, ob ſie ſchön oder häßlich iſt. Haͤßlichkeit erhoͤht den Werth der Tugend nicht.“ „Ich bitte ſehr um Verzeihung, Lady Emi⸗ lie. Eine haͤßliche oder ſelbſt eine gewöhnlich ausſehende Frau wird ſich nie ſo bemerkbar machen, als eine Schönheit.“ „Demnach ſind Sie der Meinung, daß Unmoralität nur in den Augen der Welt liegt, nicht in der Tiefe des Herzens? Ich aber halte dafuͤr, daß eine Perſon welche,— wenn auch noch ſo geheim,— Stolz, Neid, Haß oder Bosheit, in ihrem Herzen hegt, daß dieſe in den Augen Gottes eben ſo ſtraffällig iſt, als diejeni⸗ ge welche ihre üblen Neigungen offen an den Tag legt.“ „Ich ſehe am meiſten auf aͤußere Handlun⸗ gen,“ verſezte Mſtrs Wright.„Nur nach ſol⸗ chen vermoͤgen wir zu richten.“ „Ich hielt dafuͤr, es ſei uns verboten, ein⸗ ander zu richten?“ „Liebe Lady Emilie, es iſt unmöglich den Leuten ein Schloß vor den Mund zu legen.“ „Nein, das nicht. Aber unſeren eigenen Mund ſollten wir verſchließen.“ Maria wollte, da ſie bemerkte, daß die Unterredung zu ſpitzig wurde, derſelben eine 174 andere Wendung geben und that daher die ſehe unſchuldige Frage: Was es Neues gaͤbe? „Man hoͤrt von nichts als Schlachten und Gefechten,“ antwortete Mſtrs Wright,„diejeni⸗ gen welche jezt Freunde oder Verwandte in der Armee oder Flotte haben, ſind ſehr zu beklagen. Ich danke dem Himmel, daß mein Sohn in kei⸗ ner von beiden iſt. Er bezeigte oft Luſt unter eine oder die andere zu gehen, ich war aber ſtets dagegen. Denn, die Gefahren abgerechnet, ſo ſind dieſes Lebensarten, welche einen Mann für alle Häuslichkeit verderben, und die nur zu Ausſchweiffungen und Verſchwendung fuͤhren. Ich ſah nie einen Officier, der nicht jeden Tag wenigſtens eine Flaſche Portwein trank. Mit den Seeleuten iſt es noch arger; die zerſtören ihre Geſundheit vollends mit Grog und Taback. Huͤtte ich eine Tochter, die ſich in einen Solda⸗ ten oder Seemann verliebte, ſo wuͤrde es mich hoͤchſt ungluͤcklich machen. Doch,“ fugte ſie hin⸗ zu, als beſinne ſie ſich plötzlich,„kann es auch Vorurtheil von meiner Seite ſeyn.“ „Ganz und gar kein Vorurtheil,“ erwie⸗ derte Emilie.„Was Sie da ſagen iſt vollkom⸗ men richtig. Diejenigen welche ſo gluͤcklich ſind, ſich in einen trägen, geiſtesarmen Mann zu ver⸗ lieben, ſind beneidenswerth. Sie laufen nie Ge⸗ fahr in Angſt und Sorge geſezt zu werden. Ihr Schickſal iſt gegruͤndet. Es gleicht dem ruhigen, ſturmloſen Schlaf der Todten, und ſind ſie ſelbſt 175 von beſchränktem Verſtande, ſo ſind ſie noch gluͤcklicher; alsdenn brauchen ſie nicht einmal die Augen zu oͤffnen und duͤrfen ſi ich nur die Eule zum Muſter nehmen.“ Ich bin ganz Ihrer Meinung, Lady Emi⸗ lie,“ verſezte Mſers Wright, mit einem erzwun⸗ genen Lachen. Eine Frau hat nichts zu befuͤrch⸗ ten, wenn es ihr an Witz und Verſtand man⸗ gelt. Nicht daß ich einen ſolchen Widerwillen gegen kluͤge Weiber hegte, wie die Männer ins⸗ gemein pflegen. Ich zankte mich neulich beinahe mit Herrn Headley, dem beruͤhmten Schriftſtel⸗ ler, weil er behauptete, er wolle lieber in ein Weſpenneſt ſtechen, als mit einer klugen Frau umgehen.“ „Hierinn gebe ich ihm vollkommen Recht,“ ſagte Emilie, mit gleicher Unbefangenheit.„Nichts iſt unertraͤglicher als eine ſogenannte kluge Frau. Eine kluge Frau wird nie Nonſenſe ſchwazen, wie wir beide jezt thun, und Nonſenſe iſt doch die Wuͤrze des Lebens. Eine kluge Fran iſt in einer weit ubleren Lage als eine Schauſpielerin, denn wenn der Vorhang faͤllt, ſo kann dieſe wieder nach Belieben dumm ſeyn, aber jene muß ſelbſt in ihrem eigenen Hauſe ihre S fort⸗ ſpielen.“ „Lady Emilie Lindore iſt wahrlich vi lezte Perſon von welcher ich eine Lobrede auf die Dummheit erwartete,“ ſagte Mſtrs Wright, mit einiger Bitterkeit. 176 „Dummheit! O, Himmel! das Blut ſtarrt mir in den Adern, bei dem Gedanken an wah⸗ re, ächte Dummheit! Nein, meine Verſtandes⸗ kraͤfte muß ich eben ſo gebrauchen koͤnnen, wie mein Geld, ob ich gleich mit beiden nicht prah⸗ len mag.“ Emilie trillert einem zahmen Gim⸗ pel, der auf ihrer Hand ſaß, ein Liedchen vor. In Emiliens Vorwitz lag etwas ſo Vor⸗ nehmes und Imponirendes, das Mſtrs Wrights plumpe Sticheleien nicht aufkommen ließ. Die leztere ſieng daher an zu zweifeln, ob ſie ihren boshaften Entzweck noch erreichen koͤnne; woll⸗ te jedoch noch das Moͤgliche wagen. Dem zu Folge, ſammelte ſie ihre Kräfte und wendete ſich zu Marien. „Sie verloren alſo Ihre Nachbarin, Mſtrs Lennox, ſeitdem ich abweſend war? Sie kannten ſie, wie mir duͤnkt. Die arme Frau! Ihr Tod muß ihr und ihren Freunden eine ſchwere Buͤrde abgenommen haben. Sie hinterließ, wie ich nicht anders weiß, keine Familie?“ „Nur einen Sohn,“ antwortete Maria, mit einer kleinen Gemuͤthsbewegung. „Ach, ich entſinne mich. Iſt er nicht ein Rechsgelehrter?“ „Nein, er dient in der Armee,“ verſezte Maria, mit ſchwacher Stimme. „Das iſt ein armſeliges Handwerk,“ ſagte Mirs Wright,„und ich bezweifele, daß er ſich jemals —,——— 2* 177 jemals wird ſehr verbeſſern koͤnnen. Roſe⸗Hall iſt eine aͤrmliche Beſizung. Man ſagte mir einſt, die Familie hätte zu einem betraͤchtlichen Eigen⸗ thum in Schottland gelangen koͤnnen, häͤtte der Stolz des Generals, der ſeinen Namen nicht ver⸗ aͤndern wollte, es nicht vereitelt. Er zog vor, lieber ein armer Lennor zu bleiben, als ein rei⸗ cher Macnaughton, oder wie der Name ſonſt hieß, zu werden. Vermuthlich hegt der Sohn die nemlichen Geſinnungen.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Emilie.„Es iſt ein edler Name, der ſo gut iſt als eine Erb⸗ ſchaft.“ „Es iſt ein Name der ſich ſchwerlich wird in Banknoten verwandeln laſſen,“ erwiederte Mſtrs Wright, mit ſchallendem Gelaͤchter. Da ſie glaubte, nunmehr mit fliegenden Fahnen ab⸗ ziehen zu koͤnnen, ſo ſtand ſie ploͤtzlich auf, be⸗ merkte, wie ſchnell die Zeit in ſo angenehmer Geſellſchaft verſchwunden ſei, und ſich hinweg. „Wie hoͤchſt unertraͤglich ſind doch der⸗ gleichen Weiber,“ ſagte Emilie zu Marien,„die um ihrer eigenen Tuͤcke Genuͤge zu leiſten, ihrem Naͤchſten die beißendſten Dinge ſagen, und zu gleicher Zeit Gutes zu thun glauben. Komm, liebe Maria, wir wollen ins Freie. Das fata⸗ le Weib hat mich in eine ſo uͤble Laune verſezt, daß ich mich etwas ablühlen muß. Nach einem Sheſtand 3r Bd. M ſolchen Sirocco wird es ums wohl thun, den ſchoͤnen Frühling zu genießen, die Voͤglein ſin⸗ gen zu hören und die Pracht der Blumen zu bewundern. Nicht wahr, liebe Maria, ein Fruͤhling in England, iſt doch ein ganz anderer, als einer in Deinem unguͤnſtigen Vaterlande.“ Dies war der zweite Fruhling, den Maria in England hervorſproßen ſah. Allein der er⸗ ſte, war ſo kalt und rauh als die ihres Geburts⸗ landes insgemein ſind. Der jezige hingegen, war ſo wie ihn die Dichter zu beſingen lieben. Die Natur prangte in aller ihrer erſten Friſche und Schoͤnheit. Die Erde war von Blumen bedeckt; die Hecken ſchneeweiß von Bluͤten, und die Luft mit balſamiſchen Wohlgeruͤchen angefuͤllt. Den⸗ noch gedachte Maria, mit Wehmuth, an die Ufer des Lochmarlie, an die ihn umgebenden wilden Waldungen, in denen nur hie und da die Schluͤßelblume aus dem Moos hervorblickt, an die murmelnden Bäche, die ſtarren Felſen und die hohen Gebirge. Sie fuͤhlte, daß ſelbſt unter reizenderen Umgebungen, und unter einer heiterern Sonne, ihr Herz dennoch zu ihrem ge⸗ liebten Vaterlande zuruckkehren wuͤrde. ——————— ———. ———. — 175 3 XR. Ueber die frohe Kunde, daß das Schiff, auf welchem Eduard Douglas diente, gluͤcklich im Hafen von Portsmouth eingelaufen ſei, uͤber⸗ ſah Emilie bald alle Reize des Fruͤhlings. Kurz darauf erſchien Eduard ſelbſt in Beech⸗Park. Emilie empfieng ihn mit Entzuͤcken, und Maria mit den zaͤrtlichſten, ſchweſterlichen Gefuͤhlen. Dem Grafen von Cvourtland war ein Zuwachs zu dem Familienkreis ſtets willkommen, und ſogar Lady Juliane empfand, bei dem Anblick ihres wohlgebildeten Sohnes, der ſeinem Vater ausnehmend gleich ſah, etwas das einer Ge⸗ muͤthsbewegung aͤhnlich war. Eduard Douglas war, in der That, ein vollkomenes Muſter jugendlicher Schoͤnheit, und beſaß alle Lebhaftigkeit des Geiſtes, und jene glukliche Unbefangenheit die nur in ſeinem Alter Reize verleiht. Er liebte ſeinen Stand, und hatte ſich bereits in demſelben ausgezeichnet. Er war tapfer, gutmuͤthig und gutgelaunt; nicht ohne Verſtand, aber auch nicht von uberwiegen⸗ der Klugheit. Maria fuhlte deshalb einige Aengſtlichkeit, das Emiliens Reigung zu ihrem Bruder nicht beſtändig bleiben moͤchte. Aber ſo ſcharfſichtig Emilie die Maͤngel aller Anderen entdeckte, ſo blind war ſie gegen die ihres Ge⸗ liebten. Wenn ſelbſt Maria, von Eduards lär⸗ mender Freude, ſich betäubt fuͤhlte, ſo fand Emi⸗ lie das groͤßte Vergnügen, in ſeine Seemanns⸗ ſcherze einzuſtimmen. M2 180 Emilie bemerkte ſehr bald was in Marien vorgieng. „Ich ſehe recht gut, was Du von meiner Neigung zu Eduard dentſt,“ ſagte ſie eines Ta⸗ ges.„Ich will's Dir auf ein Haar ſagen, was Du jezt eben dachteſt. Du dachteſt, es ſei doch ſeltſam, recht ſehr ſeltſam, daß ich,— he⸗ be dich von mir, falſche Beſcheidenheit,— daß ich, die weit kluger iſt als Eduard, doch ſo viele Vorliebe fuͤr ihn habe, und daß meine Luchsaugen ſeine Fehler nicht ausſpähen, die ich doch ſo leicht an Andern entbecke. Kannſt Du es denn gar nicht errathen, warum mich ſelbſt ſeine Fehler ſo ſehr anziehen?“ „Die alte Geſchichte, wie ich vermuthe,“ antwortete Maria.„ Nur die allmächtige Liebe.“ „Ganz und gar nicht. Die bloße Liebe könnte mich ganz blind gegen ſeine Fehler ma⸗ chen, und dann wäre ich wahrlich verloren, wenn ich ein Muſter von Vollkommenheit zu lieben glaubte; ſo etwa einen Apoll an Verſtand und Koͤrper. Hiervon bin ich aber ſo weit entfernt, daß ich Dir ein ganzes Verzeichniß ſeiner Feh⸗ ler vorrechnen koͤnme, und nichts deſtoweniger liebe ich ihn und alle ſeine Fehler von ganzem Herzen. Zuerſt, ſind es Fehler mit denen ich ſeit meiner Kindheit vertraut bin, und die für mich eben deshalb mehr Reiz haben,— ich ſage 181 es zu meiner Beſchaͤmung,— als die Tugenden Anderer. Sie ſteigen in meiner Phantaſie gleich⸗ ſam wie ein altes Ammenliedchen auf, an das man ſi ich, der Vernunft und dem Geſchmack zum Trotz, gern erinnert, weil es uns in die gluͤck⸗ lichen, ſonnigen Tage unſerer Kindheit zuruͤck⸗ fuͤhrt. Zweitens, ſind ſeine Fehler, aͤchte, natuͤr⸗ liche Fehler, und in dieſem Zeitalter der Verſtel⸗ lungskunſt thut es wohl eine reine Natur zu finden, ſelbſt wenn es eine fehlerhafte iſt. Ich geſtehe es ein, daß Eduard oft etwas abge⸗ ſchmackt plaudert, und Fragen thut, die manche ſcharfe Spaͤherin entſezen wuͤrden. Das beluſti⸗ get mich aber. Denn ſeine Unwiſſenheit ent⸗ ſpringt nicht aus Gemeinheit oder Dummheit, ſondern ſie iſt die Unwiſſenheit eines leichten, froͤhlichen Sinnes;— kurz, die eines Menſchen, deſſen Verſtand zur See war, während der an⸗ derer Leute in der Schule gebildet wurde. Sei⸗ ne witzigen Einfälle eignen ſich freilich nicht zum Druk, reizen mich aber mehr zum Lachen, als wenn ſ e beſſer und richtiger angebracht wären. Denn er iſt immer naiv und originell, und ich ziehe ſtets ein unbedeutendes Original ei ten Nachahmung vor. Ich kann es lei wenn Aeltern ihren Kindern empfehlen, di ten oder Manieren dieſer oder jener Perſon n zuahmen. Eine nachgeahmte Manier! wie un⸗ ertraͤglich!⸗Nein! meiu Eduard iſt mir weit. ber mit ſeinen originellen Fehlern, als wäre er die Copie des beſten Muſters.“ 182 Maria ſtimmte zwar in manchen Ruͤckſich⸗ ten, mit den Bemerkungen ihrer Couſine, uͤber⸗ ein; glaubte aber dennoch, daß die Liebe auch auf ſie wirke, und daß wenn gleich dieſe ſie nicht blind gegen die Fehler des Geliebten mache, ſie ihr doch Nachſicht einfloͤße.“ Eduard war in der That zuweilen kindiſch und gedankenlos, und die Ausbruͤche ſeiner Freude waren oft betäubend. Seine Schweſter ſchmei⸗ chelte ſich jedoch, die Zeit wuͤrde ihn ſchon geſez⸗ ter und vernuͤnftiger machen. Auch hoffte ſie, die Geſellſchaft des Oberſten Lennor, deſſen Ruͤck⸗ kehr ſie ſehnlichſt wunſchte, wurde ihm zum Vortheil gereichen. Ihr Wunſch wurde fruͤher erfuͤllt, als ſie es hoffen konnte. Jene Schlacht, die das Schickſal Europens entſchied, und manche Schwer⸗ ter in Pflugſcharren verwandelte, wurde geſchla⸗ gen, und Maria ſchien nun, da der Geliebte ihr wiedergegeben wurde, den Gipfel ihres Gluͤcks zu erreichen. Auf den blutigen Gefilden von Wa⸗ terloo fand er neue Lorbeerzweige und beſchloß ſeinen Feldzug gluklicher, als viele ſeiner Kriegs⸗ gefäͤhrten. Wenn auch Maria ehedem Zweifel an der Wirklichkeit ſeiner Liebe hegte, ſo verſchwanden dieſe nunmehr gaͤnzlich. Sie ſah ſich mit der Wahrheit und Inbrunſt eines edlen, aufrichtigen Herzens geliebt, das zu bieder war Andere zu hintergehen, und zu verſtändig ſich felbſt zu täu⸗ ſchen. Jede Zuruͤckhaltung, jedes Mißtrauen ver⸗ 7———— „———— 133 ſchwand, und ſicher in gegenſeitiger Liebe, ſchien kein neues Hinderniß ſich ihrer Gluckſeligkeit in den Weg ſtellen zu wollen. Das Einkommen des Oberſten Lennor war zwar nur ſehr maͤßig aber doch hinlänglich um, auf eine vernuͤnftige Weiſe, ſtandesmäßig leben zu können. Er und Maria waren ſich bewußt, daß der Reichthum eine relative Sache ſei, und daß die wahren Reichen nicht gerade diejenigen ſind, welche ein großes Vermoͤgen beſizen, ſon⸗ * dern die, welche die wenigſten Beduͤrfniſſe haben. Beide waren zu gute Chriſten, um aͤngſtlich nach irdiſchen Schätzen zu trachten, oder uͤber Entbeh⸗ rungen, die ſie auf ihrer Lebensbahn befallen konnten, zu murren. 6 Allein Lady Juliane ſah die Dinge in ei⸗ nem ganz verſchiedenen Geſichtspunkt an. Als Oberſt Lennor, der Form wegen, ſie um ihre Einwilligung bat, erhielt er eine ausdruͤkliche und zornige Verweigerung zur Antwort. Sie erklaͤrte beſtimmt, nie ihre Einwilligung in eine ſo thörichte und unſchickliche Heirath geben zu wollen, und befahl Marien, auf das nachdruͤcklich⸗ ſte, alle Verbindung mit dem Oberſten abzu⸗ brechen. Schrecken und Gram uͤberfielen die arme Maria, uber dieſe neue Probe der Tyrannei und Ungerechtigkeit ihrer Mutter. Sie verſuchte alles, war in ihren Kräften ſtand, um ſie auf andere Geſinnungen zu bringen; aber fruchtles. 134 Seit Adelaidens Flucht mangelte es Lady Julia⸗ nen an einem Gegenſtand, der ihre Gefühle zu⸗ weilen erregte, uͤber den ſie ſich beklagen konnte, und der ihre Galle in Bewegung ſezte. Jezt fand ſie Gelegenheit ihren Thorheiten aufs neus freies Spiel zu laſſen. Otzwar Maria wenig Hoffnung hatte, auf ihre Mutter durch Vernunftgründe zu wir⸗ ken, ſo verſuchte ſie dennoch ihr begreiflich zu machen, daß ihre Verbindung mit Lennor von zu heiliger Art und zu bindend ſei um jemals gelößt werden zu koͤnnen. Aber Lady Julianens Zorn entflammte aufs neue, mit verdoppelter Hoftigkeit, bei der bloßen Erwaͤhnung einer Ver⸗ bindung. Nie hoͤrte ſie, wie ſie ſich ausdruckte, von einer ſo unſchicklichen Sache. Dieſer Oberſt Lennor muͤſſe ein ſehr verderbter Menſch ſeyn, daß er ihre Tochter zu einer Verbindung ver⸗ leiten wolle, die ſie nicht billige. Ihre Tolhter aber handle haͤchſt unrecht, ohne die Einwilligung derer, die ein Recht hätten ihre Hand zu verge⸗ ben, ſich in eine ſolche einzulaſſen. Einer Per⸗ ſon, welche fähig ſei ſo zu handeln, ſtehe nicht zu trauen, und es wuͤrde nothig ſeyn, daß das Mutterauge ſie kuͤnftig beſſer bewache. Maria ſah nunmehr deutlich, daß ihre Auf⸗ richtigkeit ſie nur zu der Wahl gefuhrt habe, entweder ſich öffentlich zu empören, oder ſich ge⸗ fallen zu laſſen, den ganzen Tag unangenehme Rieden zu horen, und bewacht zu werden, als unterhalte ſie eine heimliche, unanſtändige Verbin⸗ dung. Wenn auch nicht mit dem Heldenmuch, doch mit der Sanftmuth eines Maͤrthres, unter⸗ warf ſie ſich jedoch allen Einſchränkungen, und keine Klage kam uͤber ihre Lippen. Eben ſo be⸗ ſtrebte ſie ſich aͤngſtlich, die Thorheit und Unge⸗ rechtigkeit ihrer Mutter vor Andern zu verbergen, und ergriff jede Gelegenheit, den Oberſten um Schweigen und Schonung zu bitten. Es erheiſch⸗ te aber auch, in der That, ihren ganzen Einfluß, ihn zur Geduld zu bewegen. Lady Juliane hatte es Marien ſo oft wie⸗ derholt, daß es die groͤßte Anmaſſung von Sei⸗ ten des Oberſten Lennor ſei, nach der Hand ei⸗ ner ihrer Toͤchter zu ſtreben, daß ſie am Ende ſelbſt glaubte, er ſei kein Mann von Stand und Vermoͤgen. Ein Schotte, ſagte ſie, ſei er ſicher denn das beweiſe ſein Name, und folglich muſſe er tauſend arme Vettern, und gemeine Verwandt⸗ ſchaften haben. Sie ſei feſt entſchloßen, ihre Tochter ſolle keinen Mann heirathen, deſſen Fa⸗ milienverbindungen ſie nicht kenne. Sie ſelbſt habe zu viel von den niedrigen Verwandten ih⸗ res,(Mariens) Vaters gelitten, um zuzugeben, daß ihre Tochter ein gleiches Ungluͤck befalle. Kurz, ſie uͤberzeugte ſich, durch ihr Geſchwäze, ſelbſt, der Oberſte Lennor ſei kaum ein Mann von Stande zu nennen, und hielt es daher fuͤr Pflicht, ihm, bei jeder Gelegenheit, mit auffallen⸗ der Unart zu begegnen. Lennor bemitleidete je⸗ doch ihre Thorheit zu ſehr, um ſich durch ihre 186 Unhöflichkeit beleidigt zu fuͤhlen, konnte aber den Gedanken, daß Mariens erhabener Verſtand ſich dem Zwang einer Perſon, die offenbar das Gute nicht von dem Boſen zu unterſcheiden wußte, unterwerfen ſolle, nicht mit ſeinen Begrif⸗ fen von Pflichten vereinigen. Emilie war ſo ſehr mit ihren eigenen An⸗ gelegenheiten beſchaͤftiget daß ſie, einige Zeit hindurch, nichts von dem Vorgefallenen wahrnahm. Endlich fiel ihr Mariens und des Oberſten Nieder⸗ geſchlagenheit auf. Aber glaubend, daß dieſe truͤbe Laune nur von einem kleinen Liebeszwiſt herruͤhre, plagte ſie ihre Couſine lachend damit. Maria konnte es zwar uͤber ſich gewinnen, ih⸗ ren Kummer zu unterdruͤcken, war aber zu auf⸗ richtig um ihn abzuläͤugnen. Sie geſtand daher Emilien, deren ſcharfen Fragen ſie nicht aus⸗ weichen konnte, die Urſache ihrer Traurigkeit. „Du und der Oberſt habt heide unklug ge⸗ handelt,“ ſagte leztere, nachdem ſie Mariens Berichte angehoͤrt hatte. Welcher boͤſe Geiſt verleitete Euch zu der Albernheit, Lady Julianens Einwilligung erbitten zu wollen? Ihr haͤttet doch wahrlich wiſſen muͤſſen, daß eine Perſon, deren Rath nie begehrt wurde, bei jeder Sache Schwie⸗ rigkeiten macht, und daß Menſchen, die nicht ge⸗ wohnt ſind, daß man ſie anhoͤrt, gänzlich unlenk⸗ bar werden, wenn man ſich an ſie wendet. Dei⸗ ne Mutter willigte ſogleich in die Vorſchläge des jezigen Lords Glenallan, weil er ſich zuerſt — —— 187 an ſie wendete. Uebrigens fuͤhlte ſie eine Art von Inſtinct, daß dieſer Handel ihr ein gewiſ⸗ ſes Anſehn geben wuͤrde. Im jezigen Fall be⸗ trachtet ſie ſich aber als eine bloße Null, und fuͤhlt, daß ſobald ſie ihre Eiuwilligung gegeben habe, man ſich nicht weiter um ſie bekuͤmmern wuͤrde. Es iſt weit beſſer, manchen Leuten die Muͤhe des Handelns zu erſparen und es an ih⸗ rer Stelle zu thun. Ihr hättet weit kluͤger ge⸗ handelt, um Lady Julianens Einwilligung zu bitten, wenn die Sache voruͤber war, oder doch wenigſtens ganz kurz zuvor. Ich, meinestheils, haͤtte ihr nicht ſo viel Zeit gelaſſen, Thraͤnen zu vergießen, oder in hyſteriſche Kraͤmpfe zu fallen. Und nun, da Euch Euer Pflichtgefuͤhl in dieſes Labyrinth gefuͤhrt hat, vermag ſelbſt mein Genie Euch nicht wieder herauszuhelfen. Ich könnte Euch zu Gretna⸗Green rathen, und da wuͤrdet Ihr gerade in die Fußſtapfen Eueres Mamachens treten; aber das iſt ein zu gemeiner Ausweg geworden. Ich las noch neulich, daß der Lehrburſche eines Hutmachers die reiche Er⸗ bin eines Gewuͤrzkraͤmers dahin entfuͤhrt habe.— Was gedenkt Ihr nun zu thun?“ „Ich, meinestheils,“ verſezte Maria,„will lieber die Wirkungen der Geduld und Unterwuͤr⸗ ſigkeit abwarten, als einer der heiligſten Pflich⸗ ten, dem kindlichen Gehorſam, Trotz bieten. Ich könnte uͤberdies nie glucklich werden, heirathete ich unter ſolchen Umſtänden.“ „Dein Gewiſſen iſt allzuzart,“ erwiederte Emilie,“ und dennoch wuͤnſche ich Dich nicht an⸗ ders als Du biſt. Welch ein Engel biſt Du, daß Du Dich gegen eine ſolche Mutter, mit ſo vieler Geduld und Sanftmuth, ja ſogar mit Ach⸗ tung, betragen kannſt! Wie wenig kennen doch diejenigen die menſchliche Natur, die da wähnen, nur große Menſchen, vermoͤgten große Hanblun⸗ gen zu thun. Jezt ſehe ich recht gut ein, daß mehr wahre Croͤße in der Seele eines Weibes herrſchen kann, als in den glaͤnzendſten Thaten eines Helden. Mir dünkt, ich ſelbſt könnte eher eine Feſtung ſtuͤrmen helfen, als mich ſelbſt be⸗ herrſchen. Jammer und ſchade daß wir, Du und ich, nicht unſere Rollen vertauſchen koͤnnen. Die meinige iſt allzuleicht und ich ſchmachte nach ein wenig Ungluͤck in meiner Liebe. Meine Heirath iſt ein alltaͤgliches Ding, und es bringt mich zum Gähnen wenn ich daran denke. Stelle Dir nur meinen Aerger vor, als Papa mir heute Morgen ſagte, er habe nicht das Mindeſte gegen meine Heirath mit Eduard; wir koͤnnten heira⸗ then wann es uns beliebte. Zwar glaube er, wir haͤtten etwas Kluͤgeres thun können, aber das ſei unſere Sache, nicht die ſeinige. Ferner fuͤgte er hinzu, er balte Eduard fuͤr einen arti⸗ gen, gutgelaunten jungen Mann; er hoffe ihn bald als Befehlshaber eines Kriegsſchiffes zu ſehen, er ſelbſt habe jedoch keinen Einfluß auf die Admi⸗ ralität. Geld konne er uns nicht geben, was er ſehr beklage; wir koͤnnten aber bei ihm, in ——— 189 Beech⸗Park, bleiben, ſo lange es uns gefaͤllig ſei. Alle dieſe trockenen Zeg ekeln mich wahrlich an.“ „Alſo wollteſt Du wohl lieber in einen Thurm eingeſperrt ſeyn, und die Haͤnde über die Hoͤhe der Fenſter und die Dike der Mauern ringen?“ ſagte Maria. „Nein: ich wurde nie die Haͤnde gerungen haben, wie eine Waſchfrau. Aber ich wuͤrde, wie einige Romanheldinnen, lieber dem Schloſſer ins Handwerk gegriffen, und verſucht haben das Schloß zu oͤffnen. Aber ach! ich lebe in einem entarteten Zeitalter. O! wäre ich doch die ver⸗ folgte Tochter eines Batons der Vorzeit gewe⸗ ſen, anſtatt daß ich jezt das verzogene Kind ei⸗ nes Grafen der neueren Zeit bin, das ſich muß gefallen laſſen, in der Dorfkirche, in Gegenwart der ganzen Familie, getraut zu werden.“ Trotz ihres Leichtſinns nahm ſich Emilie democh ihrer Couſine, auf jede erſinnliche Wei⸗ ſe an. Sie verſuchte jedes Mittel Lady Julia⸗ nen zur Einwilligung zu bewegen; dieſe zeigte ſich aber widerſpenſtiger als jemals. Ihr ſchon von Natur nicht gutes Gemüth verſauerte, durch Aerger und getäuſchte Hoffnung, taͤglich mehr und mehr, und ſelbſt Emilie konnte nichts mehr uͤber ſie gewinnen. Sogar die Drohung, die Tante Grishelde in einer glaͤnzenden Verſamm⸗ lung aufzufuͤhren, verfehlte ihre Wirkung. Dok⸗ tor Redgill war der einzige Alliirte, den ſie in 150 der Familie hatte, und dieſer vereinigte ſich von ganzem Herzen mit ihr, Mariens Hartnaͤckigkeit und Verblendung zu verdammen.„Was kann ſie wohl,“ ſagte er,„an einem Mann von ſo wenigem Vermoͤgen finden? Ein Mann auf deſ⸗ ſen Guͤtchen man nichts findet, als ein paar Amſel und Haͤnflingneſter, und keinen Biſſen gu⸗ tes Wildpret. Dahingegen weiß ich, aus guter Hand, daß auf Lord Glenallans Gätern ein ſol⸗ cher Ueberfluß an Wildpret herrſcht, daß die Rehe ihm ins Haus laufen und die Birkhuͤhner uͤber das Thor fliegen“ Aber ein Anfall von Schlagfluß unterbrach, leider! des Doktors Zorn, von welchem er jedoch genaß und ihn fuͤr einen Schwindel ausgab, den ihm Mariens uͤbeles Be⸗ tragen zugezogen habe. Endlich aber, als ſich die Geduld des Ober⸗ ſten ganz und gar erſchoͤpft hatte, und Mariens Geſundheit ſichtlich ſchwand; brachte eine plötz⸗ liche Umwalzung in Lady Julianens Planen, gleichfals eine Veränderung in ihrer Denkungs⸗ art hervor Sie erhielt nemlich ein Schreiben von Adelaiden, der nunmehrigen Lady Lindore, deſſen Inhalt ihren Kummer und ihre Unzufrie⸗ denheit deutlich ausſprach. Nichts konnte, wie Emilie ſehr richtig bemerkte, einen ſtärkeren Be⸗ weis von Adelaidens Elend geben, als der in dieſem Schreiben ausgeſprochene Wunſch, ihre Mutter möge zu ihr in das ſüdliche Frankreich kommen, wohin ſie im Begrif ſei zu reiſen, um ihre verlorne Geſundheit wieder zu erlangen. Adelaide war, in der That, einer der vie⸗ len traurigen Beweiſe, von den Wirkungen hals⸗ ſtarriger Leidenſchaften und verderbten Grundſaͤze. Lord Lindore hatte ſie blos geheirathet um ihre Ehre einigermaſſen wieder herzuſtellen. Zwar war er zu gebildet, um ſie uͤbel zu behandeln, aber ſeine Gleichguͤltigkeit verwundete ihren Stolz und ihre Eitelkeit. Gleich vielen Andern hatte ſie ſich, thoͤrichter Weiſe, eingebildet, wenn ſie der Tugend um des Geliebten willen entſage, ſo ſei dieſer ihr auch ewige Dankbarkeit und Ver⸗ ehrung ſchuldig. Jezt aber erwachte ſie aus dem truͤgeriſchen Traum, fand ſich freundlos und verlaſſen in einem fremde Lande, und der Gegen⸗ ſtand der Gleichgültigkeit desjenigen, für welchen ſie Alles verließ. Nur Lady Juliane ſah, von Allem dieſem, nicht das Mindeſte ein. Sie war entzückt uͤber dieſen Beweis der Liebe ihrer Tochter, die ſie bei ſich zu haben wuͤnſche; und die Ausſicht zu einer Reiſe ins Ausland erſchien ihr wie eine paradieſiſche Erſcheinung. So ſchnell als moglich bereitete ſie ſich zu dieſer Reiſe, und während ihrer Geſchaͤftigkeit verlor ſie Mariens Angelegenheiten aus den Augen. Sie ſchien ſogar ängſtlich, ih⸗ re Tochter nur irgendwo unterzubringen, damit dieſe ſie nicht in ihren Planen ſtoöre. Auf dieſe Weiſe war ihre Einwilligung, zu Mariens Ver⸗ bindung, leicht zu erlangen. Heirathe wen es Dir beliebt,“ ſagte ſie. „Crinnere Dich aber, daß ich nicht für die 192 Folgen ſtehe. Ich predigte Dir oft genng, welch' ein jämmerliches Ding Liebesheirathen waͤren; folglich darfſt Du mich nicht tadeln, wenn Du vereinſt ins Elend verſinkſt.“ Mit leichter Muͤhe fuͤgte Maria ſich in dieſe Bedingungen. Furchtſam fluͤſterte ſie ihrer Mutter als ſie dieſelbe beim Abſchied umarmte, den Wunſch zu, ihr Haus kuͤnftig als das ihrige anzuſehen. Ein veraͤchtliches Laͤcheln war die ein⸗ zige Antwort,— Mutter und Tochter trennten ſich auf ewig. Lady Juliane fand fremde Sit⸗ ten und Grundſaͤze zu paſſend fuͤr ihren Ge⸗ ſchmack, um jemals wieder nach Alt⸗Englan zuruͤckzukehren.. ———— XXI. Maria glaubte, da jezt das einzige Hinder⸗ niß, gegen ihre Verbindung aus dem Wege ge⸗ räumt ſei, nunmehr auch ihrer Tante Grishelde das Geheimniß mittheilen zu duͤrfen. Mit je⸗ ner Art von Erſtaunen, welches bei den Damen gewöhnlich iſt, wenn ihnen eine ſolche Mitthei⸗ lung geſchieht, zumalen wenn ſie die Sache nicht voraus ſahen, hoͤrte auch Grishelde dieſe ihr funkelneue Nachricht an. „Liebes Maͤdchen,“ rief ſie aus,„was du mir da erzählſt, verwirrt meinen ſchwachen Kopf — 193 Kopf ganz und gar. Nie hoͤrte ich, wahr und wahrhaftig, etwas aͤhnliches! Mir kommt es vor, als hätteſt Du erſt geſtern angefangen zu buchſta⸗ bieren, und als habe Dein Vater erſt vorgeſtern geheirathet. Und wie haben wir Dich auffuttern muͤſſen! Dein alter, armer Großpapa verlor alle Geduld dabei. Und nun willſt Du gar hei⸗ rathen! Erwarten konnten wir es freilich alle Ta ge! denn Du weißt wie wir immer ſagten, nur in England bekaͤmen die Maͤdchen Maͤnner. Nicht daß ich dadurch ſagen wollte, Du häͤtteſt nicht auch einen aͤchten Hochlaͤnder bekommen koͤnnen, wenn Du in den Hochlanden geblieben wareſt, was folglich fuͤr uns alle beſſer geweſen waͤre. Denn das iſt doch traurig, daß unſer liebes Mariechen in England bleiben muß. Aber ich hoffe, daß es nicht dazu kommt, denn der Oberſt Lennor kann ja ſein Gut eic verkaufen und eins in den Hochlanden erſtehen. Da iſt eben eine herrliche Beſizung feil, dicht bei Glen⸗ fern. Wahr iſt's, daß ſie auf der anderen Sei⸗ te des Berges liegt,— das kann Niemand läugnen,— aber es ſind viele tauſend Acker Moorland dabei, und der Oberſt iſt gewiß ein tuͤchtiger Jaͤger, und ein großer Theil kann auch verbeſſert werden. Wir muͤſſen uns wahrlich darnach erkundigen, liebes Mariechen, und Du mußt mit Deinem Oberſten daruͤber reden; denn Du weiß, daß ſich eine ſolche Beſizung nicht im Traum erſchnappen läßt.“ Eheſtand ör Bd. Maria gab Allen, was ihre Tante ſagte, Beifall, und dieſe fuhr fort: „Mich wundert's nur, Mariechen, daß Du den Oberſten nie zu uns brachteſt; das muß ihm doch ſeltſam geduͤnkt haben. Wahr iſt's, daß Sir Simſons Lage zur Entſchuldigung dient; aber das nimmt mich doch Wunder, daß Du nie von ihm ſprachſt. Deiner Tante Belle Liebſchaft ſchauten wir gleich durch, weil ſie im⸗ 3 mer von dem Major Mactaviſch und der Mi⸗ itz ſchwazte. Und der Betſy ihre erriethen wir auch, ſeit dem Tag, an dem ſie roth wurde, wie ſie die Geſundheit des Hauptmanns Macnab trank. Aber du warſt ein heimliches Voͤgelchen, denn Du piepteſt gar nicht davon und ſo konnte ich Dich auch nicht errathen. Ich moͤchte nur wiſſen, ob das nicht der Oberſt Lennor war, den ich einmal an der Thuͤre von Dir weggehen ſah, groß, mit braunem Haar und in einem blauen Rock. Ich fragte die Lady Maclaughlan, er es wohl ſeyn konnte, und ſie ſagte, es ſei der Admiral Benbow, aber nun weiß ich gewiß daß es der Oberſt Lennor war. Lennor— mir duͤngt, ich hätte den Namen ſchon irgendwo gehoͤrt. Aber mein Gedaͤchtniß iſt nicht mehr ſo gut als ehedem; denn Du weißt, daß ich an ſo gar vieles zu denken habe, beſonders an Sir Simſon, ſo daß mein Kopf oft ganz verwirrt wird. Aber mir duͤnkt doch, es müſſe etwas zwiſchen beiden ſeyn. Du meine. Guͤte! ware 195 nur Lady Maclaughlan von dem Zahnarzt zu⸗ ruͤck, daß ich ſie deshalb befragen koͤnnte. Denn folglich wirſt Du, liebes Mariechen, doch nichts ohne den Rath Deiner Freunde thun wollen; dazu biſt Du doch wohl zu klng. Da kommt ſo eben Sir Simſon, dem wird es eine ange⸗ nehme Neuigkeit ſeyn.“ Nachdem der thaͤtitze Philiſter den Sir Sim⸗ ſon hereingefahren, und, mit Grisheldens Huͤlfe, gehoͤrig zu Ruhe gebracht hatte, ſezte ſie ſich neben ſeinen Seſſel und ſchrie ihm ins Ohr: „Sir Simſon! Hier iſt meine Nichte Ma⸗ riechen. Sie erinneren ſich ihrer gewiß noch wie ſie klein war,— Sie nannten ſie ja immer die kleine Elfe von Lochmarlie. Wir Alle glaub⸗ ten aber auch ſie wuͤrde ſo ein Elfchen bleiben, weil ſie ſo klein war. Jezt aber iſt ſie groß genug, wie Sie ſehen, und ſie heirathet einen huͤbſchen jungen Mann.— Niemand von uns kennt ihn, aber ich glaube daß Sie ihn müſſen geſehen haben. Auf alle Fälle ſehen wir ihn morgen, und da werden Sie ihn auch ſehen, Sir Simſon, denn Mariechen will ihn hieher bringen. Er kann Ihnen alles und jedes von der Schlacht bei Waterloo erzaͤhlen, und von den Hochländern, denn er iſt ja ſelbſt ein halber Hochlaͤnder und wird gewiß das Gut Dhunabog kaufen; und wenn dann meine Nichte den Ober⸗ ſten Lennor heirathet—“ N 2 „Lennor!“ wiederholte Sir Simſon, indem ſeine kleinen matten Augen vor Zorn funkelten. „Wer ſpricht von einem Lennor?— Ich,— ich dulde es nicht— Wo iſt meine Gemahlin? — Lennor!— er iſt ein Schurke!— Sie ſol⸗ len keinen Lennor heirathen!— Miß Grishelde, rufen Sie mir den Philiſter und meine Gnaͤdige.“ Seine Gemuͤthsbewegung war ſo groß, daß ſo⸗ gar Grishelde, die doch ſeit vierzig Jahren an dergleichen Ausbruͤchen gewohnt war, ſich dar⸗ uͤber entſezte. „Du ſiehſt, daß es nur daher kommt, weil er fuͤrchtet, ich wolle mich verheirathen,“ ftuͤſterte ſie Marien zu.„So eine uneigennutzige Anhaͤnglichkeit ſteht nicht in meinen Kraͤften zu belohnen!“ Hierauf wendete ſie ſich zu Sir Simſon, und ſuchte ihn, durch wiederholte Verſicherungen, nicht ſie, ſondern Mariechen, heirathe ja den Oberſten Lennor, zu beruhigen. Aber alle ihre Muͤhe war vergebens. Sir Simſons Lippe zit⸗ terte und murmelte unaufhoͤrlich, und jemehr Grishelde die Wahrheit ausſchrie, je hoͤher wuchs ſeine Wuth, ſo daß man endlich genoͤthiget war, den treuen Philiſter zu Huͤlfe zu rufen. Maria, die ſich uͤber den lauten Ausbruch ihres Geheim⸗ niſſes ſchämte, und ſah, daß ſie hier nicht von Nutzen ſeyn koͤnne, verließ, mitten unter dem endloſen Geſchwaͤze ihrer Tante, das Zimmer. Wie ſie die Stiege hinab gieng, horte ſie leztere 197 noch ſtolz rufen:„c verſichere Sie Sir Sim⸗ ſon, daß nicht ich den Oberſten Lennor heirathe, ſondern mein Nichtchen Mariechen.“ Als Maria nach Beech⸗Park zuruͤckkam, verſchwieg ſie das Vorgefallene, ſowohl Emilien, als dem Oberſten, weil ſie wußte daß ſich dieſe nur daruͤber beluſtigen wuͤrden. Sie fühite, daß ſie ihrer Tante ſo viel Wuͤrde als moͤglich ver⸗ leihen muͤſſe, ehe ſie dieſelbe ihrem künfti gen Nef⸗ fen bekannt mache. Der einzige Aufſ zur Voll⸗ ziehung ihrer Heirath, hieng nun von ihr rſalbſ ab. Allein ſie wuͤnſchte, daß dieſe unter dem Dache geſchloſſen e moͤge, welches ihrer Kindheit Schutz verlieh, und in der Gegenwart derer, welche Aelternpflicht an ihr erfuͤllten. Vergeblich widerſezten ſich Emilie, der Oberſt und ihr Bru⸗ der dieſem Entſchluß. Deshalb wurde beſchloſ⸗ ſen, ſie ſolle bis nach Emiliens Verbindung, mit ihrem Bruder, in Beech⸗Park bleiben, und dann zu den Ufern des Lochmarlie zuruͤckkehren. Aber folgender Brief von Miß Johanna drohte allen Planen Mariens den gaͤnzlichen Umſturz. Glenfern, in— ſchire, den 19ten Funy 181—. Es iſt der Zunge gaͤnzlich unmöglich Dir die Scham, den Kummer, das Erſtaunen und den Unwillen auszudruͤcken, von wel⸗ chen wir ſaͤmmtlich erfuͤllt wurden, bei der verabſcheuungswuͤrdigen Entdeckung welche wir ſo eben, durch die Guͤte unſerer 193 wuͤrdigen Freundin, Miß P. Macpry, von Dir machten. O, Maria, wie haſt du uns Al⸗ le getaͤuſcht!!! Welch einen Dolch haſt Du in unſere Herzen geſtoßen! Deine arme Tante Grishelde! Wie blutet mein Herz fuͤr ſie! Welche ſchwierige Rolle muß ſie ſpielen! und zwar in ihrem Alter! mit ihren feinen Ge⸗ fuͤhlen! mit ihrer grenzenloſen Anhaͤnglich⸗ keit an das edle Haus Maclaughlan! Welch ein Schlag! und ein Schlag von Deiner Hand! O, Maria, ich muß Dir wiederholen, wie ſehr Du uns Alle getaͤuſcht haſt!!! Glau⸗ be aber nicht daß ich Dir Vorwuͤrfe machen will! Viele, ſchwere Schuld ruht, ohne Zweifel, in den Irrthuͤmern, in den Fehlgriffen Deiner Erziehung! Aber ſelbſt dieſe vermoͤgen Dein Be⸗ tragen, bei der jezigen Gelegenheit, nicht zu rechtfertigen! Du biſt nunmehr,(ich bekla⸗ ge es ſagen zu muͤſſen!) in die Jahre gekom⸗ men, in denen Du das Rechte vom Unrechten ſichten kannſt; oder doch, wenn Dir Zweifel aufſtoßen, diejenigen fragen mußt, von denen Du uͤberzeugt biſt, daß ſie zu Deiner Leitung geſchickt ſind. Aber, ſtatt deſſen, haſt Du ei⸗ nen ganz entgegengeſezten Plan verfolgt. Ein Plan, welcher Dich ins Verderben haͤtte ſtuͤrzen koͤnnen! O, Maria, ich kann es Dir nicht ge⸗ nung wiederholen, wie ſehr Du uns Alle getaͤuſcht haſt!!! Von keinem Munde, auſſer aus dem der Miß Macpry wuͤrde ich geglaubt haben, was ich habe hören muͤſſen. Nemlich, 199 daß Du,(o, Maria!) ſeit vielen, vielen Mon⸗ den, in einer heimlichen Verbindung mit ei⸗ nem jungen Manne ſteheſt, ohne daß Deine hieſigen Freunde ein einziges Wort davon wuß⸗ ten. Und dieſer junge Mann, iſt der aller⸗ lezte auf Gottes weiter Erde, dem Du, oder irgend eine von uns, Ermunterung geben durf⸗ ten! Der Mann, den wir, kurz geſagt, aus Pflicht, Dankbarkeit und Achtung, auf ewig vermeiden muͤſſen, und dem Du in dieſem Augenblick, auf immer entſagen mußt. Wie Du jemals mit dem Oberſten Carl Lennor, vvn Roſe⸗Hall bekannt wurdeſt, iſt ein Geheimniß, das keins von uns zu ergruͤnden vermag. Aber die Perſon welche dieſe Bekanntſchaft herbei⸗ leitete, hat eine ſchwere Verantwortung auf ſich geladen! Mſtrs Donglas,(der ich fuͤr gut hielt die Sache bekaunt zu machen,) behauptet zwar, ſie habe nun Alles gewußt, und beſteht ſogar darauf, ſie wiſſe, daß dieſe Deine Bekannt⸗ ſchaft, mit der Familie Lennor, von der Lady Maclaughlan herruͤhre! Allein dies iſt, wie wir Alle wiſſen, moraliſch unmoglich! Lady Maclaughlan iſt die allerlezte Perſon in der ganzen Welt, welche Dich, oder irgend ein junges Geſchoͤpf fuͤr welches ſie nur die min⸗ deſte Achtung hegte, einem Lennor wuͤrde zuge⸗ fuͤhrt haben. Denn die Lennor ſind die toͤdt⸗ lichen Feinde des Geſchlechtes der Maclaughlan! Ich hoffe zum Himmel, daß man ihr den Schlag erſpart habe, der 200 uns Alle befiel. Bei ihren erhabenen Ge⸗ ſinnungen, und ihrer hohen Achtung ſür uns, zittere ich vor den Folgen, die dieſe Eutdeckung hätte haben könnenf Und wie wuͤrde es tem guten Sir Simſon, bei ſeiner ſchwächlichen Geſundheit, möglich geweſen ſeyn, einen ſolchen Schlag zu uͤberleben! Und uͤberdies ein Schlag von Deiner Hand, o, Maria! von Dir die er jederzeit väterlich liebte! Wie oſt hielt er Dich auf ſeinen Knieen; und Du haſt ge⸗ wiß das niedliche, kleine Pferdchen noch nicht vergeſſen, daß er Dir zu Deinem fuͤnſten Ge⸗ burtstage ſchenkte! Das iſt nun der Lohn fuͤr ſeine Guͤte! Dennoch hege ich die Zuverſicht daß es noch nicht zu ſpaͤt ſei. Du darfſt nur dieſe unwurdige Verbindung abbrechen, und Alles wird vergeben und vergeſſen ſeyn. O, Maria! Ich ſehe mich zum leztemmale gezwun⸗ gen zu wiederholen, wie arg haſt Du uns Alle getaͤuſcht!!! Ich bin und bleibe Deine kummervol⸗ le Tante Johanna Douglas.“ N. S.„Ich ende ſchnell, um Deiner Tante Nicoline Plaz zu laſſen, ihren Gefuh⸗ len, uͤber dieſen traurigen Gegenſtand„ gleich⸗ fals Luft machen zu konnen.“ Ricvlinens Anhaͤngſel lautete wie folgt: . 201 „Liebe Maria! Johanna hat uns ihren S vorgeleſen. ſt vortreflich. Er hat uns Alle ſehr ge⸗ Jedes Wort verdient e zu wer⸗ den. Ich weiß ce hinzuzufuͤgen. Heiratheſt Du den Oberſten Lenner, ſo kan keines von 1. uns auf der it ſeyn. Wie koͤnnten wir es? Ich hoffe Du uͤbe erlegſt es Dir zweimal. Vorgethan und nachbedacht, hat ſianheß in groß Leid gebracht. Was geſchehen iſt, kann man nicht ungeſchehen machen. Die Deinige, N. D. * Als Maria dieſe geheimnisvollen Ana mas durchlas, fühlte ſie ſich wie ein aus einem eite Traume Erwachender. Vergeblich rieb ſie ſich wiederholt die Augen, um den Ne bel zu vertrei⸗ en, der, wie ſie wahate, auf denſelben lag. Nicht ein Lichtſtrahl ſiel in das Zute von Miß Johannas ben. Maria wußte zwar recht gut, daß, an es ihrer Tante beliebte pathetiſch und ener zu ſeyn, ſie ſtets die kraͤftigſten und ſchn ve f Worte ansſuch te, deren ſie ſich nur uen konnte Maria war daäran gewöhnt, ihre kin d jugend iiſeen als die ſch getadelt zu hoͤren. Manche Strafpr das Zerreiſſen ihres Kleides, oder das Vere eren eines Handſchuhes, wurde ihr gehalten, die zur Vorrede einer Sammlung von Criminälfuͤllen 1* 202 haͤtte dienen koͤnnen. Bei alle dem wußte ſ ie doch ſtets einen Leitfaden zu ihren Uebelthaten aufzufinden, allein jezt gerieth ſie in ein ſolches Labhrinth von Vermuthungen, daß ſie ſich nicht herauszufinden wußte; am allerwenigſten konnte ſie begreifen, was ihr Geliebter ſollte verbrochen haben. So große Uebertreibung ſie auch Johan⸗ nes Feder zugeſtand, ſchien ihr doch ſo viel klar, daß ihre Tante auf irgend einen Grund bauen muͤſſe, ſo ſeicht er auch immer ſei. Oft hatte es Marien ſeltſam geſchienen, daß, obgleich Lady Maclaughlan ihr ein Empfeh⸗ lungsſchreiben an Mſters Lennor gegeben habe, die beiden Familien dennoch keine Gemeinſchaft miteinander hatten, und daß, wenn ſie einer der Damen gegen die andere erwaͤhnte, Mſtrs Len⸗ nor nur mit Seufzer und Lady Maclaughlan mit He?! He?! antwortete. Von ihren Tanten er⸗ fuhr ſie die Wahrheit ſchwerlich. Grisheldens Ideen aͤhnelten allzuſehr einem verworrenen Zwirnknaͤuel, und Johanna uͤberſchoß ſtets das Ziel. Hätte ſie dem Oberſten die Geſchichte er⸗ zaͤhlt, ſo wuͤrde ſie ihre Tanten in einem laͤcher⸗ lichen Lichte dargeſtellt haben. Endlich entſchloß ſie ſich zu dem ſchweren Schritt, die Lady Mac⸗ laughlan um den Schluͤſſel zu dem ſhbilliniſchen S hreiben ihrer Tante zu bitten. Als ſie in der Vrhauſung der Lady anlangte, fand ſie Gris⸗ he den allein im Zimmer, und ſichtlich in mehr als gewoͤhnlicher Unruhe. 203 „Ach, liebes Mariechen!“ rief ſie, als ih⸗ re Nichte eintrat.„Ach, wie lieb iſt es mir daß Du kommſt, ich wuͤnſchte ſo eben Dich hier zu haben. Du ſtellſt Dir nicht vor, welches Ungluͤck Dein geſtriger Beſuch anrichtete. Es iſt wahr und wahrhaftig jammer und ſchade, daß Du ein Woͤrtchen zu Sir Si mſon, von Dei⸗ ner Heirath ſagteſt. Aber folglich will ich Dich nicht tadeln, liebes Mariechen. Du konnteſt es nicht verhuͤten, das weißt Du, und ſo graͤme Dich auch nicht, denn das beſſert nichts, weißt Du wohl. Nur wenn Sir Simſon ſterben ſoll⸗ te,— dann mußt Du wahr und wahrhaftig glau⸗ ben, daß Du ihn ums Leben brachteſt, und das wird mich auch um mein bischen Leben bringen. — Ein ſolcher Fund— O, Mariechen!“ Eine Fluth von Thraͤnen erſticte Grisheldens Stimme. „Beſte Tante,“ ſagte 2 Naria,„Sie muͤſ⸗ ſen ſich wahrlich irren. Sir Simſon ſcheint ſich meiner nicht zu erinnern. Es iſt daher voͤllig unmoͤglich, daß ich ihm Schmerz oder Unruhe verurſachen koͤnnte.“. „O, ganz gewiß!“ rief Grishelde. Es ſteht gar nicht zu läugnen, daß Sir Simſon Dich nicht ſollte vergeſſen haben, Mariechen. Und ein Wunder iſt's auch nicht,„ Du ſo lan⸗ ge abweſend warſt; aber ich behanpte, daß er, Dich doch noch kennen wird. Aber ich hoſfe, beim Himmel, daß er Dich nie als Mſtrs Len⸗ nor kennen lernt, Mariechen! Das würde ihm 204 das Herz ganz und gar brechen. Denn Du weißt, daß die Lennor ſtets die größten Feinde der Maclaughlans waren,— und folglich kann Sir Simſon den Namen nicht ausſtehn, was auch ganz natuͤrlich iſt. Ich war ſehr gedan⸗ kenlos dies zu vergeſſen, bis mich Philiſter da⸗ ran erinnerte, und der arme Sir Simſon brach⸗ te die Nacht ſehr ubel zu. Und ſo hoffe ich, gewiß und wahrhaftig, daß Du, liebes Marie⸗ chen, nicht weiter an den Oberſten Lennor den⸗ ken wirſt. Glaube mir's aufs Wort, Du kriegſt noch Männer genug, zehn für einen. Jezt iſt's Friede, und da kommen eine Menge hubſche junge Officiere zuruͤck. Da iſt der junge Bal⸗ guh„der Hauptmann,„ich weiß nicht in welchem Regimente er iſt; und dann Dhalahuliſh und Lochgrunaſon, und—“ Allein hier verwirr⸗ te ſich Miß Grishelde ſo ſehr in die Verzwei⸗ güngen der Stammbaͤume der Grafſchaft, daß nur ein aͤchter Celte ihr zu folgen vermogte. Maria verſuchte nochmals ihre Tante auf die Familie Lennor zuruͤckzufuhren, um vielleicht einen Lichtfunken aus dem finſtern Chaos ihres Gehirns herauszubringen. „D, liebes Mariechen,“ rief die Tante, „wenn Du von den Lennor hoͤren willſt, oder, auch von den Maclaughlans, was ein und daſ⸗ ſelbe iſt, da kann ich Dir genug davon erzählen. Aber erſt muß ich mein Naͤhkaͤſtchen ſuchen.“ Miß Grishelden alle Eriunerungen zu er⸗ ſparen, wollen wir das Geheimniß mit wenigen 205 Worten aufklaͤren. Eine Familien⸗Fehde, deren Urſprung ſich in die graueſte Vorzeit verlor, hatte lange zwiſchen den Staͤmmen der Lennor und der Maclaughlan geherrſcht, und ſo lange von Vater auf Sohn fortgeerbt, bis dieſer erb⸗ liche Feuerbrand, ſich in den Buſen des Sir Simſon ſenkte. Durch den Tod vieler Zwiſchen⸗ erben, wurde General Lennor,— damals noch Juͤngling,— der nächſte natuͤrliche Erbe zu den Beſizungen der Maclaughlans. Aber die Macht, den Erben zu beſtimmen, lag, nach Ver⸗ traͤgen, in den Haͤnden des Sir Simſon, als lezten Beſitzer des Fideicommiſſes. Durch den ir⸗ rigen Eifer ihrer beiderſeitigen Freunde, wurden die jungen Leute, fruhz zeitig in einem und demſel⸗ ben Regimente untergebracht; indem man hoſſte, daß ſtetes Beiſammenleben und gute Kam nerad⸗ ſchaft die Vorurtheile beider Partheien beſiegen, und eine Ausſöhnung zu Stande bringen wuͤr⸗ den. Allein die Ungleichheit der Gemuͤther war zu groß, als daß ſie ſich je haͤtten vereinigen koöͤnnen. Sir Simſon war Herr eines großen Vermoͤgens, aber von mißgeſtaltetem Koͤrper, und ſchwachem, eitlem, reizbarem Gemüthe. General,— damals Fähubrich— Lennst, kein anderes Erbtheil als ſein gutes Schie eine ſchoͤne Geſtalt, einen hohen Sinn und un⸗ bezwinglichen Muth. Es ſteht leicht zu erachten, daß zwiſchen dieſen entgegengeſezten Temperamen⸗ ten, eine Menge kleine Vorfaͤlle obwalten muß⸗ ten, welche die erbliche Feindſchaft noch mehr 206 anfachten. Sir Simſons eitle, engherzige See⸗ le, erwartete von ſeinem armen Verwandten ei⸗ nen Grad von Achtung und Unterwuͤrfigkeit, dem dieſer ſich nicht nur nicht unterwerſen woll⸗ te, ſondern vielmehr jede Gelegenheit ergriff, je⸗ nen ſo lange z zu ire und lächerlich zu machen, bis Sir Sinſ on ſich endlich gezwungen ſah, das Nginen verlaſſen. Von dieſer Zeit an, war es bekannt, daß die Lennor, auf ewig, von der Nachfolge in die Beſizungen der Maclaughlan aus geſchloſſe en waͤren. Ja, es wurde ſogar als eine Art von Hochverrath an⸗ geſehen, den Namen Lennox, in Gegenwart des erhabenen Haͤuptlings, auszuſprechen. Viele Jahre verfloſſen, und Sir Simſon durchlebte alle Stufenalter des menſchlichen Le⸗ bens ohne kluͤger oder beſſer zu werden. Sein Gemuͤth blieb das unverſoͤhnlich und rachfuͤchtig. Lady Maclaughlan war zu klug, um den Verſuch zu wagen, ihm ſeine Vorurthei⸗ le benehmen zu wollen; aber ſie verhinderte ihn ſtets einen andern Erben zu ernennen. Sie hat⸗ te, bereits vor ihrer Heirath mit Sir Simſon, den General und deſſen Gattin gekannt und ge⸗ ſchäzt, und ſie war zu ſtandhaft und entſchieden in ihrer Vorliebe, um ſie jemals zu verlaſſen. Während ſie nn die Welt glauben ließ, ſie theile die Feindſchaft ihres Gatten, beſchuͤzte ſie insgeheim die geſetzmäſſigen Rechte derjenigen, welche laͤngſt Verzicht darauf geleiſtet hatten. General Lenor glaubte ſich und ſeine Familie 207 ets unter Sir Simſons Bannſtrahl, und be⸗ ſaß zu viel Stolz, jemals Kummer daruͤber zu zeigen, oder ſelbſt nur von der Sache zu reden. Aus dieſem Grund hatte das Ganze nur einen ſchwachen Eindruck auf die Gemuͤther ſeiner Fa⸗ milie gemacht, und ſelbſt Mſtrs Lennor hatte die Geſchichte, in der langen Reihe von Jahren, beinahe vergeſſen, bis Lady„Maclaughlans Schreiben, ſie ihr wieder ins Gedaͤchtniß führte. Gegen Maria erwaͤhnte ſie aber deshalb nichts, weil ſie ſich nicht verbergen konnte, ihr Gatte ſei wirklich zu tadeln geweſen, und daß deſſen Hitze und Spottſucht, ſeinen Gegner bei Gele⸗ genheiten gereizt hatten, wo er, ohne ſich etwas zu vergeben, Sanftmuth und Duldung haͤtte ſol⸗ len obwalten laſſen. Aber ihr ſanftes Herz wollte die Fehler des geliebten Guten nicht un⸗ noͤthigerweiſe an den Tag bringen, und wenn ſie Marien, mit Entzuͤcken von den wilden Schoͤn⸗ heiten von Lochmarlie reden hoͤrte, ſeufzte ſie nur uͤber den Gedanken, daß Stolz und Vor⸗ urtheile ihren Sohn um dieſe Erbſchaft gebracht hätten. Marien blieb jedoch alles dieſes unbekannt, denn Tante Grishelde verwirrte ſich ſo arg in ihren Erzaͤhlungen, von dem Entſtehen und den Fortſchritten der Fehde beider Staͤmme, daß ſie voͤllig unverſtändlich wurde. Gluͤcklicherweiſe erloͤßte Lady Maclaughlans Eintritt ſie aus die⸗ ſem Labyrinth, da dieſes das Signal fuͤr Gris⸗ Feldens war, ſich zu Sir Simſon zu begeben. eS 209 Maria wollte, in einiger Verwirrung, ihren Schmerz uͤber Sir Simſons Uebelbefinden aus⸗ druͤcken, als Lady Maclaughlan ihr plozlich Schweigen gebot. „Liebes Kind,“ ſagte ſie,„lernen Sie nicht luͤgen. Ich weiß daß Sie ſich nicht den Hen⸗ ker um Sir Simſon bekuͤmmern. Ich weiß Al⸗ les. Sie heirathen den Oberſt Lennox. Das freut mich ſehr Ich wünſchte, daß Sie ihn heiratheten. Ob Sie es mir in zwanzig Jahren noch danken werden, das weiß ich nicht,— Sie wiſſens nicht, er auch nicht,— Ge allein weiß es, He?! Ihre Tanten werden Ihnen ſa⸗ gen, er ſei der leidige Gott ſei bei ſelbſt! Weil ſein Vater einſt ſagte, er koͤnne einen Sir Simſon aus einer ſchimmelichen Citrone ſchuitz Vielleicht konnte er es auch. Ich weiß es nicht,— Ihre Tanten ſind Naͤrrinnen. Sie wiſſen was Naͤrrinnen ſind, und ſo weiß ich's auch. Es giebt viele Narren in der Welt, waͤ⸗ ren ſie aber nicht zu einem weiſen Endzweck ge⸗ ſchaffen, ſo waͤren ſie nicht vorhanden, und da ſie nun einmal da ſind, ſo haben ſie eben ſo viel Recht in der Welt zu ſeyn, als die Kluͤg⸗ ſten. Sir Simſon haßte den General Lennor, weil dieſer ihn auslachte. Haͤtte Sir Simſon hundert Jahre fruͤher 8. lebt, ſo wäre ſein Haß zu einer ſchönen Geſchichte fuͤr unſer Zeitalter geworden. Die nemliche Leidenſchaft machte die Montforts, die Manuels und der Corſar zu Hel⸗ den. Aber dieſe trngen Maͤntel und Dolche, und 209 und die unterſtutzen den Haß und den Zorn. Je⸗ dermann lacht uͤber den Zorn eines alten Männ⸗ chens mit hoch aufgeſtuztem Hut.— Sie duͤrfen auch lachen. Nun, Gott befohlen! Bleiben Sie wie Sie ſind, und heirathen Sie den Mann der Ihnen gefällt, der ganzen Welt zum Trotz. Das kann man nicht jedem Maͤdchen erlauben.— Leben Sie wohl!“ Mit einer herzlichen Umar⸗ mung ſchied ſie von Marien. Maria kannte Lady Maclaughlans Art ſich auszudruͤcken allzugut, um nicht zu begreifen, daß ihre Verbindung mit Lennor laͤngſt von derſelben gewuͤnſcht und gebilliget worden ſei. Sie eilte daher nach Hauſe; ihren Tanten alsbald die frohe Nachricht mitzutheilen; doch hegte ſie noch immer Zweifel, ob die Wahrheit ihre Vorurtheile beſiegen wuͤrde. Ein neuer Anfall von Schlagfluß ſtumpfte Sir Simſon gaͤnzlich ab, und machte ihn, ſelbſt gegen die Reitze der Unterhaltung Grisheldens, unempfindlich. Da ſie ihm nun ganz und gar unbranchbar war, und nicht wußte wie ſie ihre Zeit tödten ſollte, ſo nahm ſie Mariens Vorſchlag, mit ihr nach Schottland zuruͤckzukehren, freudig an. Tante Grishelde war nunmehr des Bei⸗ falls der Lady Maclaughlan, zur Heirath ihrer Nichte, gewiß, und ſo dachte und plauderte ſie von nichts Andern. Obzwar der Oberſt Lennor, bei ber erſten Bekanntſchaft mit ſeinem kuͤnftigen Tantchen, et⸗ was ſtutzte, ſo ſehnte ihn die Kindlichkeit ihres eheſtand 3r Bb. O 210 Charakters doch bald mit ihrem Weſen aus. Sein heller Verſtand und ſeine Herzensguͤte be⸗ wogen ihn, ihre Schwaͤchen mit ſo vieler Nach⸗ ſicht zu behandeln, daß ſie, mit thraͤnenden Au⸗ gen, erklarte, ſie habe ſeines Gleichen nie geſe⸗ hen, und ſie konne nicht genug an ihn denken. Sie bitte nur den Himmel, daß Sir Simſon wieder geneſen möge und ihn ſehen koͤnne; ſie ſei uberzeugt, er wärde ſo denken wie ſie. Lady Emiliens Heirathstag kam heran. Sie ſchien in einer weit ernſteren Stimmung zu feyn, als bisher. Doch war es zweifelhaft ob ihre eigene vage oder die bevorſtehende Tren⸗ nung von Marien, die, nebſt Tante Grishelde, gleich nach der Trauung abreiſen wollte, dieſe Stimmung bewirkte. Eduard und ſeine Braut hätten ſie gerne begleitet, Aber Graf Courtland war zu ſehr an ſeine Tochter gewoͤhnt, und ſah ſich zu gut von ſeinem Neffen unterhalten, als daß er ihre Abweſenheit hätte ertragen konnen, Sie gaben daher, obgleich ungern, das Projekt auf. „Das kommt blos vom Mangel an einigen Widerſtand her,“ ſagte Emilie, als ihr einige Chraͤnen entſielen.„Ich glaube, uͤberlaut ge⸗ weint zu haben, haͤtte ich nicht bemerkt, daß Dok⸗ tor Redgill die Schultern uͤber mich zuͤckte; das ermunterte meine Lebensgeiſter. Bei Alledem begieng ich vielleicht eine thörichte Handlung. Die kalten Feſſeln des Eheſtandes binden mich bereits. Ich füͤhle mich ſchon in ein zaͤrtliches, vernuͤnftiges, demuthiges, ſanftmuͤthiges Weibchen verwandelt. Ach! von nun an, muß ich allen 211 meinen Witz in mein Gehirn verſchließen, und ihn dort, zur Warnung aller naſeweiſen Maͤdchen, ver⸗ ſteinern laſſen. Liebe Maria, werde ich jemals vernuͤnftig, ſo habe ich es nur Dir zu danken.“ Maria druͤckte ihre Couſine und ihren Bru⸗ der ſchweigend und in der größten Gemuͤthsbe⸗ wegung ans Herz. Oberſt Lennor,(der bald nachfolgen ſollte,) hob ſie in den Wagen, wel⸗ cher alsbald fortrollte. „Ich wuͤnſche Ihnen eine gluͤckliche Reiſe, Miß Maria,“ rief Doktor Redgill. Die Jagd geht bald auf,— vergeſſen Sie Ihre Feunde nicht,— Haſelhuͤner ſind etwas ſehr Gutes,— den Rehbock muß man mit Heide ausſtopfen, und—“ die uͤbrigen Worte wurden von dem Rollen des Wagens uͤbertoͤnt. Einer jeden anbern Perſon, welche nicht ſo gewoͤhnt an Grishelbens Gewaͤße m ſo ge⸗ duldig war als Maria, wuͤrde jen eine hoͤchſt unangenehme Reiſegefährtin grweſen yn. Nichts iſt ermuͤdender und reizt nrchr zur Ungeduld, als wenn man gezwungen iſt neit Jen and zu reiſen, der es fuͤr Pflicht hält, unterhaltend zu ſeyn, und vom Morgen bis 3 Abed plandert. Gris⸗ helde war nur zu ſehr dieſer Mein'mg. Schwei⸗ gen hielt ſie fuͤr ein Zeichen von Niedergeſchla⸗ genheit, und deshalb plauderte ſie unaufhoͤrlich, und verſicherte Marien, einmal uͤber das andere, ſie ſolle ſich nur keine Sorge machen; ſie wiſſe gewiß, daß ihr Oberſter bald nachkommen wuͤr⸗ de, es ſei moͤglich daß er noch vor ihnen ein⸗ treffe n. ſ. w. 212 Aber dieſe kleinen Plagen vergaß Maria ſehr geſchwind, als ſie ſich wieder in dem Lande ihrer Geburt ſah. Die Huͤgel, die Luft, die Gewäſſer, die Menſchen, ja ſogar die Torfgru⸗ ben, beſaſſen Reitze, die ihr Herz ruͤhrten, und Thränen in ihre Augen brachten, da ſie ihr das Bild der Heimat darſtellten. Als ſich ihr aber nunmehr der Lochmarlie in ſeiner vollen Pracht von der ſinkenden Sonne vergoldet, zeig⸗ te, da wurden ihre Gefuͤhle zum Entzuͤcken. Fel⸗ ſen, Waͤlder, Gebirge und Gewaͤſſer, glaͤnzten in mehr als irdiſcher Schonhet. O, dieſes Leben enthält doch mitunter ſelige, unvergeßliche Augen⸗ blicke! Ein ſolcher ward Marien zu Theil als der Wagen hielt, und die melodiſche Stimme, die ihr ſeit ihrer Kindheit ſo thener war, aufs neue ihr Ohr erreichte; als ſie das ihr uͤber alles liebe Antlitz wieder erblickte, und ſich an das Herz ge⸗ druͤckt fuͤhlte, das mit Mutterliebe fur ſie ſchlug! Nachdem Maria ſich von dem erſten Ent⸗ zuͤcken erholt hatte, bemerkte ſie, mit hoher Freu⸗ de, das friſchere und munterere Ausſehn der Mſtrs Douglas. Die zaͤrtlichen Gefuͤhle ihres Herzens waren, durch die Geburt und das Wohl⸗ beſinden ihres Knäbleins, und das erhoͤhte Gluͤck ihres Gatten, zur Thaͤtigkeit erregt und befri⸗ diget worden. Ihre Sorge um den ehemaligen Geliebten gleichfalls voruͤber. Er ſelbſt hatte benachrichtiget, er ſei verheirathet und gluͤcklich. So viel vermag die Zeit uber die ver⸗ änderliche menſchliche Natur, ohne daß man des⸗ halb der Unbeſtändigkeit angeklagt werden darf! ——— 213 Der Oberſt Lennor verlor keine Zeit, ſei⸗ ner Braut nachzufolgen, und Mariens Gluͤckſe⸗ ligkeit erreichte ihren Gipfel, als ſie ſah, wie warm und herzlich ihre Wahl von ihren Freun⸗ den gebilliget wurde Die drei Tanten, jezt mit ihren noch un⸗ verheiratheten Nichten, die einzigen Bewohner des Schloſſes Glenfern, waren anfangs nicht ganz entſchieden in ihren Meinungen. Miß Jo⸗ hanna warf mißtrauiſche Blicke auf den Tod⸗ feind des Stammes der Maclaughlan. Durch ſeinen Frohſinn und ſeine Gutmuͤthigkeit beſiegte er jedoch, bei naͤherer Bekanntſchaft, den Widerwillen der alten Jungfrau ſo ſehr, daß ſie erklaͤrte, er ſei ein gut unterrichteter ange⸗ nehmer junger Mann, der zwar ſtolz ausſehe, es aber nicht im mindeſten ſei. Miß Nicoline hielt ihn, dem Anſehn nach, fuͤr lecker, und verſicherte, ſie konne leckere Maͤn⸗ ner nicht ertragen. Aber Nicolinens Furcht verſchwand, als ſie ſah, wie gut ihm ein von ihr zubereiteter Schafskopf ſchmeckte, ungeach⸗ tet er nie zuvor von einem geſpeißt hatte. Die juͤngeren Fräuleins verſicherten, Haupt⸗ man Macnab habe doch einen feineren Teint, und waren neugierig— ob Oberſt Lennor ſich auch, wie jener, in voller Uniform werde trau⸗ en laſſen. Aber Ach! alles irdiſche Gute iſt ſtets mit Uebel vermiſcht! An Mariens Trauungstage,— ein Tag weicher der Freude, dem Brautkuchen, dem Austheilen der Brautſchluppen, und den Hochzeitgeſchenken gewidmet war,— an dieſem nemlichen Tage, nach kaum vollzogener Trauung, langte die Nachricht von Sir Simſons Ableben an! Allein an einem ſo freudigen Tage floſſen ſelbſt Grisheldens Zaͤhren nicht ſo reichlich, als ſie zu einer andern Zeit wuͤrden geſtrömt haben. Sie erklärte, ob es zwar unmoglich ſei, daß Jemand betruͤbter ſeyn konne als ſie, ſo wuͤrde es doch beleidigend fuͤr das Brautpaar ſeyn, wenn ſie traurig ſcheinen wolle; dazu ſei noch hinlaͤngliche Zeit, wenn ſie einſam z ſammen ſaͤſ⸗ ſen und ſonſt nichts im Kopfe hätten; aber auch dann wuͤrde es ihr norh inmer einfallen, wie glucklich es ſei, daß Oberſt Lennor nun zur Erbſchaft gelange. Seufzend erwiederte Nicol'ne:„Ich wuͤn⸗ ſche nur, das er ſtets in Sir Etn Fuß⸗ ſtapfen treten moͤge!“ „Der Oberſt Lennor kann ſich kein trefliche⸗ res Muſter wählen, ols den wuͤrdigen Sir Simſon Maclaughlan,“ ſagte Miß Johanna. „Er hinterließ ihm ein edles Beiſpiel von Schik⸗ üichteit, Maͤſſigkeit, Gaſtfreihrit und Ehrwuͤrdig⸗ keit, und über alles von Verſoͤhnlichkeit gegen ſeine Todfeinde.“ „O, Mariechen!“ rief Miß Grishelde veim Abſchied.„Welch ein gläckliches Geſchöpf biſt Du! Nie trat eine junge Perſon mit ſo groſſen Vortheilen in den Eheſtand. Denk' ein⸗ mal, daß Dir das ganze Laboratorium der Lady Maclaughlan zu Theil wird! Ich bin uͤberzeugt, 1 215 daß ſie es Dir mit Allem was es enthaͤlt uͤher⸗ läßt, da Du immer ihr Schooskindchen warſt. Und doch muß ich immer denken, daß Du ein Nagel zu Sir Simſons Sarg warſt. Das ſteht nicht zu laͤugnen. Aber tadeln kann ich Dich nicht im geringſten deshalb; denn wahr und wahrhaftig, waͤre Sir Simſon am Leben geblieben, ſo haͤtte ihn Deine Heirath eben ſo ſehr entzuͤckt wie uns Alle. Der Oberſt und ſeine Gattin kamen uͤber⸗ ein, das alte edle Schloß Lochmarlie zu ihrer Wohnung zu waͤhlen. In ihrer tugendhaften Liebe fanden ſie jede Art von Gluͤck, welche⸗ uns Erdenbuͤrgern, deren aller groͤßte Gluͤckſelig⸗ keit aus einer hoͤheren Quelle entſpringen muß, nur zu Theil werden kann. Denn ausgedehnter Wirkungskreis, welcher in der Macht der Tn⸗ gend und des Reichthums liegt, benuzten ſie zu den beſten Zwecken. Reiche und Arme, ol)ne Unterſchied der Bekenntniße, alle und jede hat⸗ ten gleiche Anſpruͤche auf ihre Huͤlfe und Wohhl⸗ thaͤtigkeit. Die Duͤrftigen, die Kranken und die Betruͤbten flehten ſammtlich, um Segen uͤber das edle Paar, das der Fiel bereits durch ſeine Vereinigung geſegnet hatte. Ende. 85 8 —— ℳ * Verbeſſerungen vom erſten Theil. Titelblatt Z. 9. C ſtatt L. S. 11. Z. 6. lies, hinter jenen furchtharen Schran⸗ ken, ſtatt, jener u. ſ. w. — 13.— 15. lies Spruͤhregen ſtatt Fruͤhregen. — 24.— 12.— Fettaugen, ſtatt Fettungen. — 27.— 12.— murmelnden, ſtatt murmelten. — 30.— 11.— Favolle, ſtatt Farolle. — 33.— 29.— der, ſtatt des. — 34.— 1.— Glenorchy's, ſtatt Glenoroch'ys. „— 34— 14.— grauſend, ſtatt praußend, — 35.— 1.— verſchwindet, ſtatt geſchwind. — 35.— 5.— zählend, ſtatt ziehlend. — 36.— 5.— ſämmtlich, ſtatt naͤmlich. — 37.— 20.— der Herren, ſtatt des Herrn. — 42.— 7.— entſchuldigenden, ſtatt entſchuldigen. — 45.— 21.— nichts, ſtatt nicht. — 45.— 10.— Austrocknen, ſtatt Ausddocknen. — 31.— 1.— Archie, ſtatt Archin. — 71.— 11.— vor, ſtatt von.„ — 23.— 12.— tauglichen, ſtatt tauglicher. — 91.— 2.— Dieſer, ſtatt Dieſen. — 92.— 17.— vor, ſtatt von — 113.— 1.— erſehen, ſtatt erſehen. — 124.— 11.— weil ich u. ſ. w. — 126.— 5.— den Schmerz, ſtatt ein Schmerz. — 127.— 18.— in dem, ſtatt den. — 133.— 24.— vergoß, ſtatt vergaß. — 133.— 14.— von Glenfern, ſtatt vor Glenfern. — 139.— 13.— gänliſch, ſtatt goeliſch. 1 — 144.— 7.— kranrigeren., ſtatt traurig. — 150.— 13.— dieſer, ſtatt dieſem. — 162.— 11.— ſeiner, ſtatt einem. — 198.— 50.— gleich, ſtatt leicht. — 254.— 14.— überzeugt, ſtatt überzeigt. — 215.— 10.— einen Gatten, ſtatt eine Gattin. — 219.— 1.— Berks, ſtatt Berts. — 223.— 13.— neunzehnjährig, ſtatt neunjährig. — 230.— 26.— für alles was er fuͤr ſie gethan ha⸗ be, ſtatt von allem u. ſ. w. 2 3 2—————— 36 ſſſſſſnſnnſſſiſſſſ 8 9 11 12 13 15 ſſſſ 10 16 17 18 14 9 8 y 8 lllilh