1 von Cduard biic in 6n Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. S cLeih und geſe geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe e welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Monat 1W Mk. 50 Pf. 2 M.— f. 3 Answärtige honnenten haben für Sin- und Zurlckſendung der SBücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen“ mit Kupfern c.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der 26 i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ —————— 1 3 Engliſch- und Schottländiſches Familiengemälde, nach . Walter Scott *½ bearbeitet und ins Deutſche überſest, von C. v S. ———— Erſtes Baͤndchen. Mit einem Kupfer. Nuͤrnberg und Leipzig, Verlag von C. H. Zeh.⸗ 1326. Vorwort. —— Vrorliegendes Werk erſchien im Jahre 1822. unter dem Titel: Der Eheſtand. Der Beifall, den die Urſchrift ſich in ihrem Vater⸗ land errang, war groß und ausgezeichnet; meh⸗ rere Auflagen, die ſchnell hinter einander folg⸗ ten, geben hieruͤber den ſprechendſten Beweis. Der Blick des Kenners findet in dieſem anziehendſten Charaktere entwickelt, und erhaͤlt richtige Beleuchtungen uͤber manche Nakional⸗ ſitte der Englaͤnder und Schotten. meiſterhaft entworfenen Familien⸗Gemälde die* ſo wenig, als die Ueberzeugung, daß der Titel des Originals ſich ganz und gar nicht fuͤr die deutſche Leſewelt eignen duͤrfte; denn dieſe moͤchte ſich wider das vortreffliche Werk von der Ver⸗ muthung einnehmen laſſen, anſtatt eines mannig⸗ faltig unterhaltenden Familien-Gemaͤldes eine philoſophiſch- moraliſche Abhandlung uͤber den Eheſtand zu erhalten. Man nahm daher keinen Anſtand, in dem mehr geeigneten Titel: Wahn und Reue— un⸗ ſerer vaterlaͤndiſchen Leſewelt die Strahlenſeite eines auslaͤndiſchen Werkes hervorzukehren, das in der nicht mißlungenen Bearbeitung und Ue⸗ bertragung ins Deutſche auch Deutſchlands ge⸗ bildeten Leſern gewiß recht bald vollen Beifall abgewinnen wird. Michaelis⸗Meſſe 1826. Dieſe Beachtung entging dem Ueberſetzer —— ———————— Ihro Hoheit, der Frau Fürſtin von Thurn und Taxis, „ 8e ornen Groß⸗Herzogin von Mecklenburg„Streliz 5 der Beſchuͤtzerin alles Guten und Schönen; in kiefſter Unterthaͤnigkeit gewidmet von dem Ueberſetzer. — Vorwort des ueberſetzers. ————— Das Driginal des nachſtehenden Romans erlebte, in Jahresfriſt, die dritte Aufla⸗ ge: der guͤltigſte Beweis daß die Leſewelt Geſchmack an ihm fand. Auch das in Wei⸗ mar— jetzt in Leipzig— erſcheinende li⸗ terariſche Wochenblatt, gedachte ſeiner ruͤhm⸗ lichſt. Sehr ſchoͤn contraſtiren, in dieem Ro⸗ mane, die einfachen Sitten der biedern ſchottiſchen Hochlaͤnder, mit den verſchrobe⸗ nen und verderbten der vornehmen Londner Welt. Meiner Meinung zu Folge, wie auch der meiner engliſchen Freunde, deren Em⸗ pfehlung ich die Bekanntſchaft dieſes in⸗ tereſſanten Romans verdanke, dürften die in demſelben vork ommenden Schilderungen de⸗ nen eines Walter Scott nicht nachſtehen.— Doch der Leſer mag ſelbſt uͤber den Werth des Werkes und die Guͤte der Uebertragung, bei welcher ich mir einige Abrürzun gen er⸗ laubte, urtheilen. Die metriſche Uebertragung der einge⸗ ſtreuten Gedichte, verdanke ich, der Dich⸗ tergabe und Guͤte meines wuͤrdigen Freundes, des K. Baieriſchen Herrn Hauptmanns, Frei⸗ herrn von B.„„ deſſen Beſcheidenheit mir die Nennung ſeines Namens nicht geſtatten wollte. —— Der 4 n 5 e ſt Erſter Theil. —— F „Komm, Kind! und ſetze dich zu mir,“ ſagte der alte Graf von Courtland zu ſeiner Toch⸗ ter, die er in ſein Studierzimmer hatte rufen laſſen,„ich wünſche eine kurze, aber ernſthafte Unterredung mit dir zu haben. Laß deine Hunde hinaus, und mache die Thuͤre zu. Lady Juliana klingelte nach einem Vedien⸗ ten, der die Venus wegtragen ſollte„ legte den Pluto auf den Sopha, und gebot ihm Ruhe, nahm den Kupido auf den Arm, und verſicherte dem edlen Grafen, indem ſie ihren Liebling kuͤßte, ihre Huͤndchen wuͤrden recht artig ſeyn, und ſie ſei bereit ſeine Befehle zu vernehmen. „Du biſt nun, wie mir duͤnkt, ſiebzehn Jahre alt, mein Kind,“ ſagte der Graf in feierlichem wichtigen Tone. „Und ein halbes Jahr druͤber, Papa.“ s iſt daher Zeit, an deine Vermaͤhlung denken. Haſt du nicht ſelbſt ſchon daruber nnachgedacht?— Juliane ſchlug die ſchoͤnen Augen nieder und ſchwieg. „Da ich dir kein großes Vermogen mitgeben kann, ſo haſt du freilich keine großen Anſpruche auf eine glänzende Verſorgung zu machen.“ eheſtand 11 Bt. 1 . „ 15 „O! ganz und gar keine, lieber Vater, unterbrach ihn Juliane eifrig,„nur was man zum Leben nothduͤrftig braucht, und den Mann, den ich liebe.“ „Und den Mann, den der Henker hole!“ rief Graf Courtland, außer ſich vor Zorn. „Was zum Teufel haſt du mit der Liebe zu thun, das moͤchte ich wiſſen? Heutzutage kann man mit keinem jungen Mädchen von Heirath⸗ reden, gleich faͤngt es Feuer und Flammen, und ſchwäzt von Liebe und Herzen und Pfeilen, und— und.— Aber hoͤre Kind! ich dulde es nicht, daß meine Tochter den Narren mit ihrem Herzchen ſpiele; fuͤrwahr nicht! Merk' dir das! Sie ſoll ſich nur zu dem Endzweck vermählen, fuͤr wel⸗ chen die Ehe unter Standesperſonen eingefuͤhrt iſt; das heißt, um das Anſehen der Familie zu erhoͤhen, den politiſchen Einfluß derſelben aus⸗ zudehnen,— kurz, um des gegenſeitigen Vor⸗ theils beider Familien wegen. Nur zur Errei⸗ chung ſolcher Zwecke verheirathen ſich Standes⸗ perſonen. Nun bitte ich dich, was hat das Herz hiebei zu thun?“ 6 „Ganz und gar nichts, lieber Vater!“ er⸗ wiederte Juliane kleinlaut.—„Laß ab, Ku⸗ pido, biſt du klug?“— Kupido kaute eben an dem reichen Spitzenſchleier, der das Koͤpfchen ſeiner ſchoͤnen Gebieterin zum Theil bedeckte. „Das glaub' ich auch,“ vief der Graf mit zufriedener Miene. — — Durch dieſen Sieg uͤber ſeine Tochter, in eine ungewoͤhnlich gute Laune verſetzt, ließ er ſich herab, ein wenig mit ihrer Neugierde zu ſcherzen. „Nun ſage mir einmal, kann dieſes uber⸗ kluge Herzchen dir wohl verrathen, wer dir Zum Gemahl beſtimmt iſt?“ Hätte Juliane die geheimen Wuͤnſche ih⸗ res Herzens ausſprechen durfen, ſo würde ſie durchaus nicht verlegen geweſen ſeyn, den Er⸗ kornen ihres Herzens zu nennen. Da ſie aber die Nothwendigkeit, ſich verſtellen zu muͤſſen, einſah, ſo nannte ſie nur die ihr gleichguͤltigen Anbeter, erklaͤrte, daß ſie zum Errathen verdor⸗ ben, und bat ihren Vater, ſie nicht laͤnger in der Ungewißheit zu laſſen. „Nun denn, was wuͤrdeſt du zu dem Her⸗ zog von L— ſagen?“ fragte der Graf mit triumphirendem Tone. „Der Herzog von L—!“ wiederholte die Lady mit einem Ausruf des Entſetzens und der Ueberraſchung.„Es iſt nicht Ihr Ernſt, lieber Vater, gewiß nicht. Der hat ja rothe Haare, ſchielt und iſt eben ſo alt als Sie.“ „Und ware er ſo alt als der Teufel und eben ſo haͤßlich, ſo wird er doch dein Gemahl. Dein Gemahl wird er, ſo wahr ich lebe, und kein Anderer, und das ohne Widerrede“ A 2 Die junge Schöne zerfloß in Thränen. Gluͤhend vor Zorn, ging der Graf mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. „Wenn's nur wenigſtens ein anderer wäre, als der abſcheuliche Herzog,“ ſchluchzte die lie⸗ benswuͤrdige Comteſſe. „Und wenn es auch ein anderer wäre, als der abſcheuliche Herzog,“ ſpottete der Graf ihr in ihrem weinerlichen Tone nach,„ſo bekäme er dich doch nicht. Seitdem ich deinen Bruder ausſtattete, ließ ich es mein einziges Dichten und Trachten ſeyn, dieſe Verbindung zu Stan⸗ de zu bringen. Iſt dieſe vollzogen, dann bleibt meinem Ehrgeiz nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Alſo keine Thraͤnen weiter, die Sache iſt ſo gut als richtig. Suche dich dem Herzog angenehm zu machen und unterſchreibe fein den Heirathscon⸗ ttract, das iſt alles, was du zu thun haſt. Zum Ruftut! haͤltſt du es denn fuͤr ein ſo groſ⸗ ſes Opfer Herzogin zu werden, wenn dir die⸗ ſes Opfer mit den glaͤnzendſten Juwelen, der praͤchtigſten Equipage und dem reichſten Wit⸗ thum in den drei Koͤnigreichen bezahlt wird?“ Juliane erhob das Koͤpfchen und trocknete die Augen. Der Graf bemerkte die Wirkung ſeiner Beredtſamkeit, auf die kindiſche Einbil⸗ dungskraft ſeiner Tochter, und fuhr fort, ihr die glanzenden Freuden, welche ihrer warteten, wolle ſie die Verbindung mit einem Mannz von ſo hohem. und ſo großem Vermoͤgen ein⸗ 5 gehen, mit den lebhafteſten Farben auszuma⸗ len. Mehr geblendet, als uͤberzeugt, erkläͤrte Juliane endlich:„ſie ſehe ein, daß es ihre Pflicht ſei, dem die Hand zu reichen, den ihr Vater ihr zum Gemahl beſtimme.“ Sie ſeufzte jedoch tief dabet, und ſetzte hinzu:„nehmen will ich ihn zwar, aber lieben werde ich ihn nicht, das ſage ich Ihnen zum Voraus.“ Der Graf laͤchelte uͤber ihre kindiſche Ein⸗ falt und verſicherte, das ſei ganz und gar nicht noͤthig. Heutzutage beſchraͤnke ſich die Liebe nur fuͤr den Poͤbel; für Ackerknechte und Milchmäg⸗ de ſei es gut genug aus Liebe zu heirathen, aber fuͤr ein junges Mädchen vom Stande wurde ein ſolcher Einfall hoͤchſt gemein ſeyn! Obgleich Juliane den Weisheits ſpruchen ihres Vaters keinen unbedingten Glauben bei⸗ maß, ſo erſtickte doch die ihr vorgeſpiegelte Herrlichkeit, die Mahnungen ihres Herzchens auf eine kurze Zeit. Mit funkelnden Augen und ſchnellen Schritten eilte ſie„ ſich auf die An⸗ kunft des Herzogs vorzubereiten. Das Blendwerk dauerte einige Wochen. Die Ehrerbietung, mit welcher man der kuͤnfti⸗ gen Herzogin entgegen kam, ſchmeichelte Ju⸗ lianen. Noch groͤßeres Vergnuͤgen gewährte ihr die ſie umgebende Pracht und die Geſchenke, mit welchen ihr hochedler Bewerber ſie taͤglich uͤberh „Wahrlich, Favolle!“ ſagte ſie eines Ta⸗ ges zu ihrer Kammerfrau, indem ſie ein koſt⸗ bares Armband um ihren ſchoͤnen Arm wand, „wahrlich man muß geſtehen, daß der Herzog ausnehmend viel Geſchmack hat; glaubſt du es nicht auch?— Und weißt du wohl, daß ich ihn nicht fuͤr ſo ganz häßlich halte. Sind wir nur erſt getraut, ſo ſoll er mir gleich einen Bru⸗ tuskopf tragen, die Augenbraunen muß er ſich ſchwaͤrzen und neue Zaͤhne muß er ſich auch ein⸗ ſetzen laſſen.“ Aber gerade, indem Inliane dieſes ſagte, ſchwebte die ſchlanke Geſtalt, die ſuͤßlaͤchelnden Blicke und das Lockenhaupt, eines gewiſſen ſchottlaͤndiſchen Officiers, vor ihren Augen. Mit einem muͤrriſchen„Puh!“ warf ſie den eitlen Pus bei Seite. Zu dem einzigen Endzweck erzogen, eine glänzende Verſorgung zu erhaſchen, und die Sin⸗ ne der Männer zu reizen, war Julianens Verſtand ungebildet geblieben und ihren Neigun⸗ gen kein Zaum angelegt worden. Unter der Aufſicht einer modiſchen Mutter, und der einer willfaͤhrigen Erzieherin, verwandelte ſich durch ſtraͤfliche Nachſicht und kriechende Unterwuͤrfig⸗ keit, der kindiſche Muthwille, in Selbſtſucht und Eigenſinn. Die Zeit des Vaters war zu ſehr mit politiſchen Umtrieben ausgefuͤllt, als daß er auf eine ſo unbedeutende Sache, wie die Bildung ſeiner Tochter, haͤtte achten ſollen. Nicht mit der Zaͤrtlichkeit vaterlicher Liebe, ſon n mit — L dem herzloſen Beifalle des Weltmanns, betrach⸗ tete er freudig ſtolz, die ungemeine Schoͤnheit ſei⸗ ner Tochter, und dieſe hoffte er zu ſeinen Zwecken zu gebrauchen, Julianens Seele war folglich das Spiel jeder Leidenſchaft. Bald vom Ehrgeiz geleitet, vald von ſinnlicher Liebe beherrſcht, war der Kampf in ihrem Innern heftig, aber kurz. Einige Tage vor dem, der ihr Schickſal entſcheiden ſoll⸗ te, geſtattete ſie ihrem Geliebten eine Zuſammen⸗ kunft. Jung, leichtſinnig, und ſo verliebt, als ſie es ſelbſt war, uͤberredete der Geliebte ſie leicht, mit ihm nach Schottland zu entfliehen. Auf der Grenze dieſes Landes reichte, die ſchöne Tochter des Grafen von Cvurtland ihre Hand, an Vulkans Altare*)„dem ſchönen, aber blutarmen Hauptmann Heinrich Douglas. An dieſem Altar gelobte ſie„allem Ehrgeiz, aller Eitelkeit und allem Geburtsſtolz zu entſagen. Trotz der Liebe, der ſie Alles aufopferte, konnte ſie jedoch, bei dem Anblick der ſchmutzigen Hütte, des rußigen Prieſters und der zerlumpten Zeu⸗ gen, einen Seufzer nicht unterdruͤcken. Unwill⸗ kuhrlich mußte ſie an den gläͤnzenden Saal, die *) In Gretna⸗Green, einem armſeligen Flecken auf der ſchottiſchen Grenze, traut ſeit langen Jahren, ein Prieſter, der zugleich das Hand⸗ werk eines Grobſchmiedts treibt, alle aus Eng⸗ land entflohene Liebespärchen. vornehmen Zengen und die Pracht denken, welche ſie, bei ihrer Verbindung mit dem Herzoge, wuͤrden umringt haben. Das Entzuͤcken des verliebten Douglas ließ ſie jedoch bald alle Pracht und Herrlichkeit vergeſſen. Unter den ſchattigen Um⸗ gebungen der benachbarten Seen, ſuchten die Verliebten ein Obdach. Von wechſelſeitiger Be⸗ geiſterung ergriffen, entfloh ihnen die Zeit n mit pfeilſchnellen Fluͤgeln. Als jedoch zwei Monate entſchwunden wa⸗ ren, draͤngte ſich dem verliebten Gatten die Be⸗ merkung auf, ſeine engliſche Juliane kön⸗ ne mitunter recht albernes Zeug ſchwaͤtzen. Die zärtliche Gattin machte ihrerſeits die Entdeckg, ihr angebeteter Heinrich, koͤnne zwar jedem Bildhauer zum Mobel dienen, aber es fehle ihm doch an einem gewiſſen je ne sais quoi, welches einzig und allein den Mann von Welt bezeichne. Sich auf dem Sopha ausdehnend, rief eines Tages die junge Frau ſeufzend aus:„Ach haͤtte ich doch meinen niedlichen Kupido hier! Er war ſo drollig und wuͤrde uns zum Zeitvertreib gedient haben, denn dieſer Ort wird in der That hoͤchſt langweilig.— Nicht ſo mein Lieber?“ Ja, ganz verwuͤnſcht ſo, mein Engel!“ antwortete der Gatte mit ſympathetiſchem Gähnen. „Das Beſte wird wohl ſeyn, daß ich noch einen Verſuch mache, mein Väterchen zu beſaͤnfti⸗ gen, und mich beſtrebe, wuder in Gnaden zu kommen.“ 9 „Auch ich bin fuͤr dieſen Schritt.“ „Soll ich ſagen, daß ich meinen gethanen Schritt herzlich bereue?“ fragte Juliane tief ſeufzend. Du weißt, daß ich dieß in meinem er⸗ ſten Briefe zu ſagen vergaß.“ „Ja, ja, thue es nur, und wenn du es fur zweckdienlich haltſt, ſo magſt du hinzu ſetzen, ich hegte die nämliche Geſinnung.“ Nach einigen Tagen kam der Brief in einem leeren Umſchlage zuruͤck. Durch die Zeitung, welche die namliche Poſt mitbrachte, erfuhr Douglas ſeine Caßation, wegen Entfernung von ſeinem Regimente, ohne Urlaub! Nunmehr blieb dem unbedachtſamen Ehepaͤr⸗ chen nichts weiter uͤbrig, als einen Zuftuchtsort bei dem Vater des jungen Mannes im Hochlande Schottlands zu ſuchen. Inlianen entzuͤckte der Gedanke. Sie wollte angenblicklich gemeldet ſeyn. Die Herzogin von M— hatte ihr einſt viel von der reizenden Lebensweiſe der Schotten erzaͤhlt. Die Menſchen waͤren dort ſo freimuͤthig, ſo mun⸗ ter, die Sitten ſo behaglich, ſo einnehmend. O, es ſei zum Entzuͤcken! Lady Johanna G— und Lady Maria L— und tauſend andere Lords und Ladys von ihrer Bekanntſchaft, haͤtten das Land ſo herrlich gefunden„und alle haͤtten es ungerne verlaſſen. Die Verwandten des lieben Hein⸗ richs müßten ja ganz praͤchtige Menſchen ſeyn! Ein altes Schloß ſei ohnehin ihre ganze Wonne. So durch lange Gaͤnge zu wandern„gewaͤhre alte Waffen und alte Tapeten wären ihre Stecken⸗ pferde. Dann werde ſie ſich wieder ſo recht auf den praͤchtigen Landſitz ihres Vaters, in D— ſchire, zuruckverſetzt glauben. Nach einiger Zeit kam die Antwort des alten Laird*), daß ſie ihm auf dir Dauer des Winters herzlich willommen im Schloße Glenfern ßeyn wuͤrden. Voller Ungeduld, dem Schauplatz ſeiner Gluͤckſeligkeit zu entfliehen, verließ das junge Paar die jetzt hinwelkenden Schoͤnheiten von Windermere. Hoffnungs⸗ und Erwartungsvoll richtete es ſeinen Weg nach Schottlands kalten Gebirgen. Sich mit einem Reiſewagen und andern Bedürfniſſen zu verſehen, hielten ſich unſere Rei⸗ ſenden eine kurze Zeit in Edinburg auf. Hier hatten ſie das Gluͤck, eine engliſche Kammer⸗ jungfer und einen engliſchen Bedienten zu finden, welche fuͤr doppelten Lohn, das Wagſtuͤck unter⸗, nahmen, ſie nach den Hochlanden zu begleiten**).. *) Jedes Familienhaupt der höhern Stände, ſo wie auch jeder angeſehene Gutsbeſitzer, heißt in Schottland Laird **) Der Leſer wird gebeten, den ganzen Roman hindurch, auf das Nationalvorurtheil, welches der Engländer gegen den Schottländer, und beſonders gegen die Hochlande hegt, Rückſicht zu nehmen. A. d. Ueb. ihr das höchſte Vergnügen. Alte Gemälde, 3 11 Dieſe, nebſt zwei Hunden, einem Eichhornchen und einem Papagei, machten das Gefolge aus. —————— II. Tiefes Sumpfland und rauhe Gebirge mußte die zaͤrtliche Juliane„auf ihrem Wege nach Schloß Glenfern, durchreiſen. Nur die Hoffnung auf die neue Welt, welche ſich ihr jener furchtbaren Schranken aufſchließen wuͤrde, konnte ihre Lebensgeiſter aufrecht erhalten. Zum Gluͤcke entſann ſie ſich, die Herzogin habe geſagt, die Wege und die Gaſthoͤfe wären abſcheulich, und der Anblick des Landes und der Geſichter der niedern Staͤnde ſei ſchrecklich. Dies waͤren ja aber nur Nebenſachen, die nichts zu bedeuten haͤt⸗ ten. Es gaͤbe doch Bälle dort, Land⸗ und Waſſerpartien, Fiſcherſtechen und eine Menge anderer Luſtbarkeiten. Die Gewißheit, dieſe Feſtlichkeiten im Schloße Glenfern zu finden, ver⸗ ſußten ihr die Muͤheſeligkeiten des Weges. Schon im achten Jahre ſeines Alters hatte Dong las ſeine gebirgige Heimath verlaſſen. Der Knabe gefiel einem reichen Verwandten ſei⸗ ner Mutter, der damals die Familie beſuchte. Dieſer verſprach ſeinen Aeltern„ihn zum Erben einzuſetzen, wollten ſie erlauben, ihn mitnehmen 12 zu duͤrfen. Herangereift, verſchaffte ihm ſein Wohlthaͤter eine Stelle unter der Garde, und zeigte ſich ihm in allen Stuͤcken guͤnſtig, bis er die unkluge Heirath ſchloß, die den alten Hage⸗ ſtolz ſo erzuͤrnte, daß er ihn augenblicklich ent⸗ erbte und von keiner Verſohnung wiſſen wollte.— Sehr begreiflich ſtellten ſich die Erinnerungen an den Schauplatz der Kinderiahre, dem Gedaͤcht⸗ niſſe des jungen Schotten, aufs angenehmſte dar. Mit Entzuͤcken ſchilderte er ſeiner Juliane die wilde aber erhabene Landſchaft, welche ſein väterliches Schloß umgebe. Alle ſeine kindiſchen Thaten ſtiegen in daͤmmernder Erinnerung auf, und erhoͤhten den Werth ſeines Geburtsortes. So erzaͤhlte er ſeiner aufhorchenden Gattin von Woſſerfahrten in zahlreicher Geſellſchaft, auf der glatten Oberfläche des Sees, und wie man dann, der Fahrt muͤde, gelandet und unter dem Schat⸗ ten eines Baumes, umſchwebt von den Toͤnen einer herrlichen Muſik eine Mahlzeit eingenom⸗ men, und den Tag mit einem laͤndlichen Tanze beſchloſſen habe;— und andern dergleichen Herr⸗ lichkeiten mehr. „Wie entzuͤckend!“ rief Juliane;„Tanz und Pikeniks liebe ich uͤber alles!— Apropos Heinrich, gewiß wird unſere Ankunft durch einen Ball gefeiert.“ Auf ſehr unangenehme Weiſe wurde das Ge⸗ ſpraͤch geſtöͤrt. Denn als mitten in demſelben die Reiſenden den Gipfel eines ſehr hohen Hügels 1 13 erreicht hatten, und der Poſtillon anhielt, ſeine Pferde Athem ſchöpfen zu laſſen, wendete er ſich gegen den Wagen und deutete nach einem hohen, ſchmalen grauen Hauſe, das in dem Thale unter ihnen lag und beinahe einem Thurme aͤhnlich ſah. Ein kleiner trüͤber See, mit kahlen Ufern, lag vor dieſer Wohnung. Hinter demſelben ſtieg eine Reihe rauher Felſengebirge bis zu den Wolken empor, an deren Abhäͤngen man einige mißra⸗ thene Anpflanzungen entdeckte. Die kleine Ebene war meiſt mit magern Ruͤbenfeldern angebaut, deren Befriedigung aus aufgehaͤuften Feldſteinen beſtand, die der Poſtillon Mauern nannte. Es war im November, der Tag rauh und kalt, und ein dichter eiſiger Frühregen ſiel herab. In der ganzen Natur herrſchte ein furchtbares Schweigen, nur zuweilen durch das Geſchrei der Seevoͤgel unterbrochen, welche uͤber dem See ſchwebten, auf deſſen ſchwarzen und aufgeruͤhrten Gewaͤſſern man nur ein kleines Boot, von einem einzigen Menſchen gerudert, mit Muͤhe entdeckte. Schaudernd rief Juliane:„Guter Gott, welch' eine Scene? Wie bedauere ich die armen Unglucklichen, die verdammt ſind, einen ſolchen Ort zu bewohnen! Der Anblick ienes abſcheuli⸗ chen Gebäudes macht mir vollends uͤbel. ums Himmelswillen laß den Poſtillon zufahren!“— Ein nochmaliger bedeutender Blick des Fuͤhrers, brachte eine ſchnelle Roͤthe auf die Wangen des jungen Gatten. Verwirrt ſtammelte er:„Schwer⸗ 14 lich, das kann es nicht ſeyn; und doch— recht weiß ich's nicht.— Hoͤre i wie heißt das Haus2 „Haus!“ wiederholte der Führer.„Konn He bos vor en Haus anſehn? es is ja d's ſchoͤne Schlß Glenfern.“ Juliaue, s die nicht eine Sylbe von dem was der Menſch ſchwaͤzte, verſtand, verwunderte ſich uͤber ihres Gatten Neugierde, und konnte nicht begreifen, warum er ſich nach einem ſo ſchlecht ausſehenden Gebäude erkundige. „Unmoͤglich, du mußt dich irren, mein Burſche. Was ſollte denn aus der ſchoͤnen Wal⸗ dung, die Glenfern ſonſt ungab, geworden ſeyn.“ „Meent He etzliche Tonnenboͤme? do ſin's er noch e'n Paar,“ nach zwei bis drei hohen kahlen Tannen deutend, die ſich kaum nach dem Winde, der ſie umheulte, zu biegen vermochten. „Sicher irreſt du dich, du mußt vom rechten Wege abgekommen ſeyn,. rief der geängſtete Douglas, um ſeine Gemuͤthsbewegung zu ver⸗ bergen, mit uͤberlauter Stimme. „He wird's bald ſeh'n,“ erwiederte der traͤge Schottlaͤnder, welcher, nachdem ſeine Pferde ſich erholt hatten, langſam die Hemkette ans Rad legte und ſich anſchickte, weiter zu fahren. Juliane, welche die Wahrheit zu ahnen be⸗ gann, befahl ihm, noch ſtille zu halten, und befragte faſt athemlos ihren was Alles heißen ſolle? 15 „Es ſcheint doch, als wären wir am Ziel unſerer Reiſe,“ antwortete Douglas mit er⸗ zwungenem Lächeln.„Der Burſche beſteht darauf, dieß ſei Glenfern, obgleich ich es immer nöch nicht recht glauben kann. Iſt's wirklich Glenfern, ſo muß es ſich ſeit zwoͤlf Jahren ſeltſam geänhert haben. Zu erſchrocken, um antworten zu koͤnnen, ſank Juliane blaß und ſprachlos in den Wagen zuruͤck, deſſen Stoße ſie aber ſo zu ſich ſelbſt brachten, daß ſie ihren Thränen und ihren Weh⸗ klagen freien Lauf laſſen konnte. Der Poſtillon, glaubend, Juliane fuͤrchte ſich, den ſteilen Huͤgel hinunter zu fahren, ver⸗ ſicherte treuherzig, es duͤrfe ihr nicht hange ſeyn, denn es gaͤbe keine ſicherern Beſtien weit und breit. Wie der Blitz ſolle ſie vor dem Schloß⸗ thore ſitzen, denn das ginge uͤber Hals und Kopf den Berg hinab. Dem armen Douglas gelangen ſeine Ver⸗ ſuche, die hochgeborne Gemahlin zu beſaͤnftigen, nicht beſſer, als dem Poſtillon ſeine wohlgemein⸗ ten Troſtſpruͤche. Fruchtlos glitten die ſußeſten Schmeichelreden und die zaͤrtlichſten Liebkoſungen an der empoͤrten Gattin ab. Fruchtlos erinnerte er ſie an die Zeit, in der ſie ihm ſo oft verſi⸗ cherte, vergnuͤgt mit ihm in einer Wuͤſte leben zu wollen. Bittere Vorwuͤrfe ſeiner Hinterliſt und ſeiner Falſchheit waren die einzigen, von Thraͤnenſtroͤmen und hyſteriſchem Schluchzen 16 beglejteten, Antworten, die der Ungluckliche er⸗ hielt. Erbittert uͤber Julianens Thorheit, nyd doch wieder durch ihren Schmerz beſaͤnf⸗ tiget, befand ſich Douglas in der peinlichſten Verlegenheit.— Bald war er gereizt, ſeinen Zorn ausbrechen zu laſſen, bald folgte er der Guͤte ſeines Herzens und ſuchte ſeine Gattin zu beruhi⸗ gen. Mit großer Muͤhe gelang es ihm endlich, ihren leidenſchaftlichen Unwillen, in ſtille Nie⸗ dergeſchlagenheit zu verwandeln. Damit kein neuer Gegenſtand des Schre⸗ kens dieſe Windſtille etwa unterbrechen möge, wurden die Vorhaͤnge herabgelaſſen. In dieſem Zuſtande erreichten ſie das Schloß Glenfern.— Hier mußte Weiſe der wohlthaͤtige Schleier fallen.— Der erſte Gegenſtand, wel⸗ cher der uͤberfeinen engliſchen Dame in die Au⸗ gen fiel, war ein alter, triefaͤugiger Mann, in einer kurzen Jacke von gewuͤrfeltem Zeuge, mit einer geſtreiften wollenen Nachtkappe auf dem Kopfe, deſſen zitternde Hände ſich fruchtlos muͤhten, den Schlag zu oͤffnen. Douglas half ſich bald aus dem Wagen und leiſtete ſeiner Gattin den gleichen Dienſt. 8 Freundlich rief er dem ehrwuͤrdigen Diener zu: „Kennſt du mich noch, alter Donald?“ „Ja wohl, ja wohl, Junker Heinrich! Schoͤn willkommen in der Heimath, und auch ſie, ſchöne Herrin,“ entgegnete dieſer, ſi ch zu Fulianen wendend, dis sben dem Bedienten — . — 17 zurief, ihr das Papchen nachzutragen. Schwan⸗ kend ging der alte Mann vor ſeiner Herrſchaft her, die junge Frau folgte ihm, einen Arm auf ihren Gatten gelehnt und auf dem andern ihr Eichhoͤrnchen tragend. Die Hunde ſprangen bellend vor ihr her und der Papagei kreiſchte aus Leibeskraͤſten.— In dieſem glaͤnzenden Auf⸗ zuge wurde Lady Juliane, in das Geſell⸗ ſchaftszimmer des Schloßes Glenfern eingefuͤhrt. ——.—— II. Dieſes ſogenannte Geſellſchaftszimmer war eine lange, ſchmale, niedrige Stube, mit einer Menge kleiner Fenſter, die nach allen moͤglichen Richtungen, ein dämmerndes Licht einließen. Die ärmlichen Meubeln waren vermuthlich ſchon zur Zeit der Erbauung des Hauſes verfertiget worden. Die Stuͤhle mit hohen Lehnen und ſchwerem Schnitzwerk, waren kaum von den grauen Waͤnden abzubringen. An letzteren hingen, in ſchwarze ſchmale Rahmen eingefaßt, die ehrwuͤrdigen Ahnen der Familie Douglas. Das Kaminfener ſchien zwar friſch angemacht, gab aber ſtatt Wärme nur einen dicken Rauch von ſich, der das ganze Zimmer erfuͤllte. Die geoͤffneten Fenſter ließen eheſtand 11 Bd. B 13 zwar Wind und Regen ein, den Rauch aber nicht hinaus. So wie die Reiſenden eintraten, rauſchte ihnen eine ganze Schaar Frauenzimmer entgegen. Douglas unterwarf ſich, mit guter Laune, den Umarmungen dreier Parzenaͤhnlicher alter Jungfrauen, die er fur ſeine Tanten hielt, und kuͤßte herzlich funf linkiſche purpurwangige Mäd⸗ chen, vie er alsbald fuͤr ſeine Schweſtern er⸗ kannte. Kaum ſich ihrer ſelbſt bewußt und ſchweigend die Begruͤßungen ihrer neuen Ver⸗ wandten empfangend, ſtand Juliane wie das Bild der Verzweiflung. Endlich ſank ſie auf einen Stuhl, rief, ihre Gemüthsbewegung zu verbergen, ihre Hunde, und ſtreichelte ihr Papchen. gerufen hatte, trat ein. Er war ein noch ſchoͤ⸗ ner alter Mann, der, ungeachtet ſeiner altmodi⸗ ſchen Kleidung, ſeiner rauhen Manieren und ſeines Provinzialdialects, dennoch etwas ausge⸗ zeichnetes in ſeinem Benehmen hatte. Herzlich Der Laird, den man eilig vom Felde * bewillkommte er ſeinen Sohn, und umarmte die ſchoͤne Schwiegertochter, die er derb auf beide Wangen kuͤßte.— Der ehrliche Laird bemerkte Julianens Blaͤße und ſah Thranen in ihren Augen. Mitleidig rief er:„Was Frauchen? Sie fuͤrcht' ſich doch ni't vor unſern ſchottſchen Bergen? Nur huͤbſch munter!'s giebt bei uns ſo gute Lente, als unter Euern engliſchen Mode⸗ 10 Monſieus und Madams immermehr.“— Ein derber Haͤndedruck begleitete dieſen feinen Will⸗ kommen. Die Thraͤnen, welche die verfeinerte Ju⸗ liane bisher zuruͤckgehalten hatte, ſtroͤmten jetzt ihre Wangen herab. Sie lehnte das Köpfchen auf die Stuhllehne und uͤberließ ſich ihrem Schmerz. Die lauten, ängſtlichen Fragen ihrer unver⸗ feinerten Verwandten ließ ſie unbeantwortet, reichte ihrem Gatten die Hand, und rief ſchluch⸗ zend:„Ums Himmelswillen, erloͤſe mich von dieſem Orte!“ Ueber ein ſo kindiſches Benehmen gekraͤnkt, beſchaͤmt und erzuͤrnt, ſtammelte Douglas etwas uͤber Julianens Bangigkeit und Er⸗ muͤdung, und bat, man moͤge ihm ein Zimmer anweiſen, wohin er ſeine beinahe lebloſe Gattin alsbald fuͤhrte. Die drei Tanten folgten auf dem Fuße nach, und alle drei riethen, in einem Athem und alle zu gleicher Zeit, der Kranken hundert verſchiedene Mittel an. „Um Gotteswillen, hilf mir von ihnen!“ fluſterte Juliane mit ſchwacher Stimme, in⸗ dem ſie ſich den vielen Haͤnden entzog, die wechſelweiſe ihre Haͤnde und ihre Stirne beta⸗ ſteten. Nach wiederholten Bitten und Entſchuldi⸗ gungen des Gatten, beliebten die Tanten ſich endlich hinweg zu begeben. Heinrich nahm B 2 20 nunmehr ſeine ganze Beredſamkeit zu Huͤlfe, um die junge Frau mit der Lage auszuſoͤhnen, in welche Liebe und Noth ſie verſetzt hatten. Aber fruchtlos blieben ſeine Rednerkuͤnſte, ſeine Lieb⸗ koſungen, ſeine Drohungen. Julianens ein⸗ zige Antwort beſtand in Thraͤnen und in Bitten, ſie von einem Orte hinweg zu fuͤhren, an dem ſie nicht leben könne. „Wuͤnſcheſt du meinen Tod, S rief Juliane mit weinender Stimme,„o! ſo toͤdte mich bald und laß mich nicht hier eines langſamen Todes ſterben.“ „Sage mir nur, ums dinnelswilen was ich thun ſoll? Ich ſchwoͤre dir, daß ich alles thun will, wenn es nur in meinen Kräften ſteht.“ „O! ſo fliege, halte die Pferde auf und laß uns augenblicklich zuruͤck reiſen. Fliege, fliege, lieber Heinrich, ſonſt ſind ſie fort und wir kom⸗ men nie wieder aus dem abſcheulichen Neſte!“ „Und wohin wuͤnſcheſt du denn zu gehen?“ fragte Heinrich mit erküͤnſtelter Ruhe. „O! nur irgend wohin, ſei es wohin es wolle. Kommen wir nur von hier weg, ſo zit mir jeder Ort 3er 4. „So lange es noch ein Gefaͤngniß in Groß⸗ britanien giebt,“ unterbrach Douglas ſeine Gattin mit erkünſteltem Lächeln,„ſind wir ei⸗ nes Wohnortes gewiß. Siehe“— einige Schil⸗ linge auf den Tiſch werfend—„dieß iſt alles 21 was ich in der Welt beſitze, ſo wahr der Him⸗ mel lebt!“ Juliane ſtand verſteinert. Im naͤmlichen Augenblick ſtuͤrmte das eng⸗ liſche Kammerzoͤfchen ins Zimmer. In den un⸗ hoͤflichſten Ausdruͤcken verlangte es, auf' der Stelle entlaſſen zu werden, damit es noch Zeit habe, mit dem Poſtillon zuruͤckzureiſen. „Eine ſchoͤne Reiſe wird's werden, hinter einem ſchmutzigen Poſtillon zu ſitzen und auf dem Gaul aufgepumpt zu werden. Immer beſ⸗ ſer, ſich zu Brei rütteln zu laſſen, als hier unter dem Hottentottenpacke zu leben.“ „Was will ſie mit allem dem Geſchwaͤtze?“ fragte Douglas, ſobald ihn die gelaͤufige Zunge des Zöfchens zum Worte kommen ließ. Das will ich damit, daß ich dieſen Ort auf der Stelle verlaſſen will. Gegen meine Lady habe ich ganz und gar nichts, auch nichts ge⸗ gen Sie, mein Herr; aber es war doch wahr⸗ lich ein trauriger Tag fuͤr mich, der, an dem ich in ihre Dienſte trat. Das konnte ich mir aber auch nicht denken, daß eine ſo vornehme Dame an einen ſo erbaͤrmlichen, armſeligen Ort gehen wuͤrde, als dieſer einer iſt. Wie man mir das Loch zeigte, in dem ich ſchlafen ſollte, glaubte ich wahr und wahrhaftig ohnmachtig werden zu muͤſſen. „ Der Athem ſtockte endlich der naſeweiſen Zofe, vor lauter Aerger uͤber die vermeinte Gering⸗ ſchätzung ihrer werthen Perſon. Lady Juliane, welcher Auftritte dieſer Art fremd waren, verſtummte vor Erſtaunen. Von hoher Abkunft, an die unterwurfigſte Auf⸗ merkſamkeit gewoͤhnt, und im väterlichen Hauſe faſt wie eine Gottheit verehrt, hatte niedrige Unverſchämtheit nie ihr Ohr beleidiget, mie ih⸗ ren Stolz gekraͤnkt. Mit einem Blick und Ton die der unverſchamten Creatur Ehrfurcht gebo⸗ ten, befahl ſie ihr, ſie angenblicklich zu verlaſ⸗ ſen.— Heftige hyſteriſche Kraͤmpfe warin die Folgen des beleidigten Stolzes und der verwun⸗ deten Eitelkeit. Halb verzweifelt verfluchte der unglückliche Gatte, bald die Stunde die ihm ein ſolches Weib gab, bald ſuchte er die Troſtloſe zu be⸗ ſänftigen. Da aber der Anfall aufs Höchſte ſtieg, rief er endlich laut nach Huͤlfe. Im Augenblick ſtuͤrmten die drei Tanten und die fuͤnf Schweſtern, auf einmal ins Zim⸗ mer, ſich verwundernd, ausrufend und fragend. Wiele Verſuche wurden angeſtellt, viele Mittel angewendet,— alles ohne Erfolg. Endlich er⸗ ſchoͤpfte ſich die Wuth der aufgereizten Leiden⸗ ſchaften von ſelbſt;— ein tiefer Seufzer folgte auf das krampfhafte Angſtgeſchrei. Der ungluͤckliche Douglas ſuchte ſeine hochgeborne Gattin ſo gut zu entſchuldigen, als er 23 es vermochte.— Sie ſei ſchrecklich ermuͤdet von der Reiſe,— außer ſich uͤber ihres Vaters unnachgiebige Strenge, und dergleichen mehr. „Ach, das liebenswuͤrdige Geſchoͤpf!“ riefen die verdachtloſen, alten Jungfrauen einſtimmig aus, und erſtickten Julianen beinahe mit ihren Liebkoſungen. „Willkommen, tauſendmal willkommen im Schloße Glenfern,“ ſagte Miß Johanna, die fuͤr das verſtaͤndigſte Frauenzimmer und die groͤßte Wohlrednerin im ganzen Kirchſpiele ge⸗ halten wurde.„Es ſoll Ihnen an nichts man⸗ geln, meine theuerſte Lady Juliane. Wir alle wollen uns beſtreben, die Strenge ihres Herrn Vaters gut zu machen. Sie ſollen ſich gluͤcklich und bequem unter uns befinden. Betrachten Sie dieſes Haus als ihre zukuͤnftige Heimath! Meine Schweſtern und ich wollen Mutterſtelle bei Ih⸗ nen vertreten.— Und ſehen Sie nur einmal dieſe liebenswuͤrdigen Geſchoͤpfe an. Danken Sie der Vorſehung, die Ihnen ſolche liebenswurdige Schweſtern geſchenkt hat!“— Johanne ergriff zwei aufgeſchoſſene, erſchrockene Maͤdchen, mit rothen Haaren und purpurfarbenen Armen, und zog ſie halb mit Gewalt, vor Julianen.— „Rede anjetzt nicht zu viel mit unſerer lieben Nichte, unterbrach Miß Grishelde. Ich glaube, einer von Lady Maclaughlans be⸗ ruhigenden Traͤnken wuͤrde ihr gut thun.“ 24½ „Berihigender Trank in dieſer Tageszeit!“ rief Miß Nicoline. Eine gute Fleiſchbrüͤhe halte ich fuͤr weit beſſer. Unten kochen ſie eine kraͤftige Familienſuppe; die Grethe ſoll welche heraufbringen,“ „Willſt du nicht ein wenig Bouillon trinken, liebes Kind?“ fragte Douglas. Die Gattin bejahte. Miß Nicoline verſchwand, kam aber bald wieder zuruͤck. Ihr folgte die hrliche Grethe mit einem großen Napf voll aͤchter ſchott⸗ laͤndiſcher Suppe, auf welcher Lauch, Zwiebeln und Fettungen in großer Menge ſchwammen. Juliane verſuchte zwar, etwas davon hinunter zu ſchlucken, vermochte es aber nicht, trotz aller Bitten der ſorgſamen Tante Nicoline, ja doch mehr von dieſer delikaten Familienſuppe zu ge⸗ nießen.— Ihr Gaumen war zu verwohnt. „Ein wenig Wein wuͤrde beſſere Dienſte leiſten, als dieſes Zeug,“ ſagte Heinrich, indem er ſich vergeblich bemuͤhte, die delikate Familien⸗ ſuppe umzuruͤhren. Bedenklich ſahen die Tanten einander an, zogen ſich in eine Ecke zuruͤck und hielten eine geheime Conſultativn, von welcher man nur die Worte:„Ladys Maclaughlans Meinung,— Birken,— Korinthen,— ſchweißtreibend,— kuͤhlend,— Wagſtuck u.ſ. w., vernahm. End⸗ lich kam es zu einem Beſchluß„ und etwas trink⸗ barer Fereswein, nebſt einem kräftigen Stücke Roggenbrod wurden gebracht. . . Ohne Widerrede that Miß Johanna den Ausſpruch, die gnädige Frau Nichte ſoll bis zum Mittageſſen der Ruhe genießen. „Und man genire ſich ja nicht mit dem An⸗ zuge,“ fuhr die gravitätiſche Tante zu ihrem Neffen gewendet fort.„Wir ſind nichts weni⸗ ger als putzſuͤchtig. Wir bleiben heute unter uns. Es kommt niemand, als dein Bruder und ſeine Gattin, eine vorzuͤgliche Frau,— die wir, ungeachtet ihrer engliſchen Vorurtheile, ſehr ſchätzen. Lebt ſie länger unter uns, ſo wird ſie auch wohl werden, wie unſereins.“ „Ich vergaß in der That ihre Abkunft,“ ſagte Douglas. „Eine Enkelin des Sir Ducan Malcolms, aus der ſehr alten Familie von... und eine nahe Verwandte des jetzigen Grafen... Da kommen ſie gerade angefahren.“— Alle ſtürmten zum Empfang hinaus. „Laß uns dieſen Zweig eines edlen Stammes ge⸗ ſchwind beſchauen,“ rief Julian e, dem Ton der guten alten Jungfrau nachſpottend, und ans Fen⸗ ſter laufend. „Himmel, lieber Heinrich, ſieh eimmal die praͤchtige Equipage an! Kann man etwas Herr⸗ licheres ſehen?“— Aus einem hohen, einſpaͤn⸗ nigen Wägelchen, ſprang ein ſchöner junger Mann, der einer weiblichen Geſtalt herabſteigen half, die ſo ſehr eingehüllt war, daß mur Ju⸗ lianens ſcharfſehendes Auge entdecken konnte, „das ſei eine abſchenliche Phyſiognomie!“ 26 „Denk' dir nur dieſe Equipage in Bond⸗ ſtreet*)— Ach mein praͤchtiger Vis a Vis! In dieſem fuhr ich, als ich dich zum erſtenmal bei einer Muſterung ſah, lieber Heinrich!“ Ein tiefer Seufzer begleitete dieſe Erinnerung. „Wahr, ich war damals Adjutant bei dei⸗ nem ſchoͤnen Liebhaber, dem Herzoge von L. „Vielleicht wuͤrde ich ihn jetzt fur ſchoͤn hal⸗ ten. Der Geſchmack veraͤndert ſich oft nach den Umſtaͤnden.“ „Der deinige muß ſich ſeltſam geändert ha⸗ ben, wenn du einen bucklichen Dreiundfuͤnfziger fuͤr ſchoͤn halten kannſt.“ „Er iſt nicht bucklig, nur ein wenig hoch in den Schultern, hat aber den ſchoͤnſten Land⸗ ſitz und das ſchonſte Haus in ganz England.“ Douglas ſah die Gewitterwolken auf der Stirne ſeiner Gattin aufſteigen; ſie umfaſſend, rief er:„Haſt du, liebe Juliane, dich denn ſo ganz und gar veraͤndert, daß du die Zeit vergeſſen kannſt, in der du mir ſo oft verſicher⸗ ) Die Hauptſtraße fuͤr Modewaaren in London, folglich der Sammetplatz der eleganten Welt. A. d. Ueb⸗ 27 teſt, Du wolleſt lieher mit Deinem Heinrich in einer Wuſte leben, als einen Thron mit einem Andern theilen?“ „Nein, wahrlich nicht, veraͤndert habe ich mich nicht; aber— aber— ich wußte damals nicht ſo recht was eine Wuͤſte iſt, oder machte mir doch eine andere Vorſtellung von einer Wüſte. „Welche Vorſtellung machteſt du dir denn von einer Wuͤſte2 Sag' einmal liebes Kind.“ „O! ich dachte mir unter einer Wuͤſte ei⸗ ne reizende Gegend, voller Roſen und Mirthen, mit ſchoͤnen Raſenteppichen, und murmelten Quel⸗ len. Zwar von der Welt ganz ausgeſchloſſen, aber doch nicht ganz und gar ungeſeilig uud ſo gelegen, daß man ſeinen Freunden zuweilen land⸗ liche Feſte geben koͤnne.“ „Nun, wer weiß? Vielleicht kommt die Zeit auch noch, liebe Juliane, in der wir deine elyſiſche Wuͤſte verwirklichen koͤnnen: aber jetzt bin ich, wie du weißt, voͤllig von meinem Vater abhaͤngig. Gelingt es mir, ihn zu uͤberreden, et⸗ was für uns zu thun, ſo ſoll unſer hieſiger Auf⸗ enthalt nicht von langer Dauer ſeyn.— Ich fuh⸗ le es nur zu gut, daß deine jetzige Lage nicht paßend fuͤr dich iſt. Allein ich bitte dich inſtän⸗ digſt, theueres Weibchen, ertrage dieſe Lage nun noch eine kurze Weile und zwar ohne dei⸗ nen Abſchen dagegen ſö ſehr an den Tag zu le⸗ gen Thue es mir zu Liebe, gute Juliane, willſt du? „Du weißt, mein Geliebter, daß ich alles in der Welt fuͤr dich thue, verſetzte Juliane, in⸗ dem ſi e mit ihrem Eichhöenchen ſe⸗„und da du mir verſprichſt daß ich bald von hier weg ſoll, wenn ich nicht bis dahin vor Abſcheu ſterbe, ſo will ich recht artig ſeyn. O! mein Engel!“— fuhr ſie fort, auf ihren Mops zu laufend der bellend ins Zimmer ſprang,—„wo haſt du ge⸗ ſteckt? und wo iſt meine liebe Pſyche und wo mein ſüßes Papchen? Sei ſo gut, Heinrich, Kieh dich nach den Lieblingen um.“ „Zuerſt muß ich mich nach meinem Bru⸗ der und ſeiner Fran umſehen. Willſt du mit gehen, mein Engel?“— „O! nur jetzt nicht. Ich fuͤhle mich noch nicht ſtark genug zu einer Zuſammenkunft mit dieſen Leuten; uͤberdies muß ich mich aukleiden. Wie ſoll ich es aber anfangen? da mich das ſchlechte Weibsbild verlaſſen hat, kann ich mich ja nicht ankleiden. Unmoͤglich kann ich es ſelbſt thun.“— Die verzärtelte Frau vergoß beinahe Thrünen uber das harte Schickſal, ihre Toilette ohne Hülfe machen zu müſſen. „Soll ich dein Kammerkaͤtzſchen machen?“ fragte der Gatte, uͤber das große Ungluͤck lä⸗ chelnd.„Mir duͤnkt es keine ſchwere Mihe meine Juliane anzukleiden.“ „Lieber, lieber Heinrich, willſt du mich wirk⸗ lich ankleiden? Ach, das wird praͤchtig ſeyn! Ich werde mich krank lachen über deine Unge⸗ ſchicklichkeit.“ Julianens ſchoͤne Augen funkelten von kindiſcher Freude, uber die Idee ihren Gat⸗ ten zur Kammerjungfer zu haben. Mittlerweile will ich jemand heraufſenden, der deine Sachen auspacken ſoll,“ ſagte Dou⸗ glas.„Sobald ich meinen Bruder begruͤßt und die Bekanntſchaft ſeiner Frau gemacht habe, wer⸗ de ich mein neues Aemtchen antreten.“ „Nun ſo ſpude dich: denn mich verlangt, dich, mit deinen dicken Fäuſten, Schleifen knüp⸗ fen und Stecknadeln ſtecken zu ſehen.“ Entzuͤckt von der guten Laune ſeiner Gattin, ging Douglas, um ihr ein paar ſeiner Schwe⸗ ſtern zum Beiſtand zu ſenden.— Juliane lieb⸗ koſte indeſſen ihre vierfuͤßigen und gefiederten Lieblinge. ———— IV. Als Douglas zuruͤck kam fand er das gan⸗ ze Zimmer mit Kleidungsſtuͤcken bedeckt; ſeine Schweſtern vor einem großen Koffer kniend, deſ⸗ ſen Inhalt ſie auskramten, und ſeine Gattin noch im Umſchlagtuch, die Haare fliegend und mit ihren Huͤndchen tandelnd. 30 „Sieh nur, wie guͤtig deine Schweſtern ſind!“ rief Juliane ihrem Gatten entgegen.— Die gluͤhrothen Geſichter der armen Mädchen be⸗ zeugten in der That, wie ſauer ſie ſich es hat⸗ ten werden laſſen. Gäaͤhnend und ſich zuruͤck⸗ lehnend, fuhr ſie fort:„Wahrlich es thut mir leid daß ſie ſich ſo viele Muͤhe geben. Iſt's nicht ganz abſcheulich Tommy?“ ihr Eichhoͤrn⸗ chen küßend.—„Ach! lieber Heinrich, bitte, bitte, ſage mir geſchwinde, was ich anziehen ſoll. Sonſt waͤhlte Farolle für mich, nachher die fa⸗ tale Martin, denn Geſchmack hatte ſie, das muß 3 Eiehen „Nicht ſo viel Geſchmack als du ſelbſt, nicht; alſo ſei ſo gut und wähle dies⸗ mal ſelbſt. Spude dich ein wenig, Liebe, mein Vater wuͤnſcht zu eſſen. Unter Gezänke, Gelaͤchter und tuaͤppiſchen Benehmen, vollendeten die guten Schweſtern end⸗ lich Julianens Toilette. Herrlich geſchmuͤckt und in der Pracht der hoͤchſten Schoͤnheit, be⸗ gab ſich die junge Frau, am Arm ihres eben ſo ſchoͤnen Gatten, zur Geſellſchaft. An dem jetzt nicht mehr rauchenden Kami⸗ ne, ſaß eine Dame, in deren Hand Douglas die ſeiner Gattin legte.„Liebe Juliane, dies haſt, deren Vekanntſchaft dir lieb ſeyn wird.“ 4 iſt eine Schweſter, die du noch nicht geſehen 31 Mit Anſtand empfing die Fremdt ihre vor⸗ nehme Schwägerin und freute ſich mit freundli⸗ chen Mienen und in feinen Ausdrücken, der neu⸗ en Bekanntſchaft. Juliane war überraſcht und gerieth etwas außer Faßung. Sie hatte ſich ihr Plaͤnchen gemacht, wollte herablaßend ſchei⸗ nen, durch ihre Sanftmuth bezaubern„durch ihre Liebenswuͤrdigkeit ſiegen. In der Geſtalt und den Benehmen der fremden Dame herrſchte je⸗ doch eine einfache Wuͤrde, gegen welche alle Zie⸗ rerei der ſtolzen Juliane nicht aufzukommen ver⸗ mochte. Ehe ſie noch die hofliche Begruͤßung ihrer Schwaͤgerin beantworten konnte, ſtellte ihr Douglas ſeinen Bruder vor. Dem alten Heten wurden aber die Complimente zu langweilig, er ergrief daher Julianens Arm und geleitete ſie, mehr ziehend, als fuͤhrend, in den Speiſeſaal. Die verwaͤhnte Weltdame that ihr Moͤgli⸗ ches, ſich den Hammelbraten und das Haſel⸗ huhn ſchmecken zu laſſen. Denn der Laird bilde⸗ te ſich etwas auf ſeine Haͤmmelmaſtung ein, und ſein Sohn, der ein gewaltiger Jäger war, auf ſein mitgebrachtes Wildpret. „Meinem lieben Tonimh wuͤrde das Haſel⸗ huͤhnchen treflich munden,“ rief Juliane, einen Fluͤgel bei Seite legend.„Bringt ihn zu mir!“ Ein langer Lakey der hinten dem Stuhle ſeiner Gebieterin ſtand, deſſen glaͤnzende Livree und wohlgekräuſeltes Haar, auffallend gegen die ge⸗ 5 7 3 3. ſtreiſte Jcke und die wollene Stutzpericke des alten Donalds obſtach, eilte hinaus ihre Befehle zu vollzichen. „Kommnt her in meine Arme, ihr ſuͤßen, lieben Engelein!“ rief Juliane dem von Bedien⸗ ten herein gefuͤhrten Trio zu, das bellend, kre⸗ ſchend und fliegend ſeiner Gebieterin entgegen eil⸗ te. Ein laͤrmender toller Wirrwarr folgte. Douglas ſaß ſchweigend, gekraͤnkt und er⸗ zurnt uͤber die Schwächen ſeiner Gattin, die ihm, ungeachtet ihrer Grazie und den Silbertone ih⸗ res Stimmchens, doch allzuſehr aufftelen. Den⸗ noch fand die Liebe, die ihre Gewalt uͤber ihn nöch nicht ganz verloren hatte, ſelbſt in Julian⸗ nes Thorheiten noch Reize. „Viſt du unpaß, mein Lieber?“ fragte Ju⸗ liane ihren Gatten, als man von Tiſch aufge⸗ ſtanden war, legte ihre Hand auf ſeine Schul⸗ ter und ſchuͤttelte das Lockenkoͤpfchen. „Vollkommen wohl,“ erwiederte Heinrich ſeufzend. N „Alſo nur traͤge. Ich will dir etwas vor⸗ ſingen, das dich munter machen ſoll.“ Das Koͤpfchen auf ſeine Schulter gelehnt, trillerte ſie eine Strophe aus dem niedlichen venetianiſchen Liedchen, la Biondina in Gondoletta hielt ploͤtzlich ein, und fragte Mſtrs. Douglas, ob ſie etwa Muſick nicht liebe, ihr Geſang ſei ihr vielleicht unertraͤglich? 4. „Sie machen uns ein ſchlechtes Eompli⸗ ment, antwortete Mſtrs Douglas laͤchelnd.“ die einzige Genugthuung, welche Sie uns fuͤr ei⸗ nen ſo ungerechten Zweifel geben können, iſt in Ihren ſchoͤnen Geſang fortzufahren.“ Ohne auf dieſe Bitte zu achten fragte Iuliane weiter, ſingt Jemand von der Geſell⸗ ſchaft?— Singe mir doch irgend Jemand ein O! wir alle ſingen und tanzen obendrein, rief eine der alten Jungfrauen.„Nach dem Thee wollen wir Ihnen ſchottiſche Pas zeigen. Mittlerweile wird Mſtrs Douglas die Güte haben zu ſingen.“ Obgleich Mſtrs Douglas die Schwierig⸗ keit wohl kannte, alle Gleder der Geſellſchaft mit der Auswahl eines Liedes zufrieden zu ſtel⸗ len, ſo bewilligte ſie dennoch das Geſuch mit vie⸗ ler Gefaͤlligkeit. Dem Wrd verurſachte alle fremde Muſck, d. h. alle die nicht aͤcht Caledo⸗ niſch war, den Ohrenzwang. Mſtrs Donglas beſaß jedoch zu viel Geſchmack, um ein ſchotti⸗ ſches Lied durch ihre engliſche Ausſprache zu zer⸗ pfuſchen. Sie ſuchte ſich demnach ſo gut aus der Sache zu ziehen, als ſie es vermochte; waͤhl⸗ te mithin ein in ihre Mutterſprache üͤbertrage⸗ nes ſchottländiſches Lied, und ſang einfach und ausdrucksvoll, des beklagenwerthen Leyden,“ Niederlage des Macgregors:— eheßaus 112d. 6 . „Traurig wehen in Glenorohy's Thal bie Luͤfte Dort am Huͤgel um der Macgregore Gruͤfte. Gruͤn umkleidet murmelnd immer noch der Bah Edlen Stammes Graͤber, den das Schickſalbrach⸗ „Rother Lichtesſtrom entſteiget grauen Hoͤhen, Und ein dunkler Schatten laͤßt im Licht ſich ſehen. Langſam uͤber Todesheide zieht er her, Nebelformen gleichend, auf beſchäumten Meer. „Gleichend Flußes rauſchen tont durch naͤcht⸗ lich Schweigen Fremdling, der du nahſt der Macgregore K Leichen, Wer biſt, Wanderer, du, dem nicht der Bu⸗ ſen bebt, Von verſchiedenen Helden⸗Geiſtern rings umſchwebt? „Sieh wie ringsumher die Todeshohlen gaͤhnen, Aufgeſtörte Schatten prauſend dich umdrohnen, Wenn des Mondes Stralen durch die Nebel gluͤh'n, Rothe Zornesflammen hohlem Aug entſpruͤh'n. „Wo des Ruhmes Maͤler Heidebluten . huͤllten, Schweben noch die Geiſter auf den Kampf⸗ gefilden, Wo ein Silberſtrom, der klar dem Born ent⸗ ſprang, Blutgefärbet von den Vergen abwaͤrts drang⸗ 35 „Unſer Ruhm geſchwind, wie Wellenſchaum vergehet, Wie der Eiche letzter Herbſtesſchmuck verwehet, Unſrer tapfern Vaͤter Namen ſind verhallt, Seit in keines Helden Bruſt ihr Blut mehr 36 6 wallt. „Nicht mehr weilen Jäger ziehlend in den Gruͤnden, Wo zerſtreute Steine unſern Schlummer kuͤnden. Fliehe Wandrer, und nimmer kehr dein Blick, Auf den hingegangnen Ruhm des Stamms zuruͤck!“ ———.— „Spielen Sie die Harfe?“ fragte die gueckſilbrige Juliane, kaum das Ende der erſten Strophe abwartend. Haben Sie eine gute Haxfe im Haus?“ „Mor haben keene gute und keene ſchlechte im Haus,“ antwortete der alte Herr muͤrriſch. „Die Mädels haben mehr zu thun, als auf dem Ding z'klimpern.“ Wir haben ein praͤchtiges Spinett,“ rief Miß Johanna. Nach meiner Meinung iſt ein Spinett der Harfe weit vorzuziehen. Bella wird uns ein wenig darauf vorſpielen. Liebe Bella, laß Lady Julianen hoͤren, wie ſchon C2 36 Roth wie eiue Päonie ſchlich Bella nach dem Winkel, wo das Spinett ſtand, und begann das unglůckliche Inſtrument mit ihren zitternden ſchweren, großen Huͤnden zu bearbeiten. Die Tanten traten nemlich den Takt und ermunterten die Nichte mit tauſend Lobſprüchen„ nur huͤbſch ſo fortzufahren. „Du haſt recht gut geſpteih liebe Bella,“ ſagte Mirs Douglas, aus Mitleiden fuͤr die Zuhörer und das arme Maͤdchen ſelbſt, das ſich in Bereitſchaft ſetzte, noch ein Stuͤckchen zu klim⸗ pern. Johannen fluͤſterte ſie zu:„Lady Julia⸗ ne ſcheine ermuͤdet.“— Die Damen verließen das Zimmer. „Fuͤhre mich ins Geſulſchaftszinmer, mein Lieber, und bleibe nicht zu lange,“ ſagte die Gnädige zu ihrem Gatten mit ſchmachtender Stimme. Ihren Befehl befolgend brachte er ſie dort auf den Sopha mnd zu dem Heyrn ——— X Zwiſchen dem Mitagemahl und der Chee⸗ ʒeit ſich die ungluͤckliche Juliane aufs greulichſte. Weitlaͤufig kramten die alten Tanten ihre weiſen Rathſchläge an neu verheirathete X — * 37 Frauen aus. Wollene Struͤmpfe und geſteppte Unterroͤcke, waͤren, nach ihrer Behauptung, die nothwendigſten Kleidungsſtuͤcke, und ein Kind, deſſen Mutter ſich nicht recht warm halte und mehr genießen wolle, als Gerſtenſchleim und Ha⸗ fergrüze, koͤnne unmoͤglich geſund zur Welt kommen. „Guck' mir nur eins die jungen Lämm⸗ chen an, was das für Geſundheisbilder ſind!“ ſagte Miß Grishelde, indem ſie auf die fuͤnf großen ſtarken Maͤdchen deutete.„Ich hoffe, ich glaube gewiß, liebe Nichte, daß Ihre Kinder gerade ſo aufſchießen werden.— Nur Buben muſſen's ſeyn; es fehlt uns ganz und gar an Buben.*s iſt doch traurig wenn man bedenkt, daß wir gar keinen Buben haben, und daß ei⸗ ne ſo alte Race, wie die unſrige, aus Mangel an Buben ausſterben muͤßte.“— Die hellen Zaͤhren ſtroͤmten die verwelkten Wangen der guten alten Jungfrau herab.— Der Eintritt der Herrn unterbrach das Geſpräch. Juliane lief ihren Gatten entgegen,„Haſt du Geld? Reiſen wir bald ab? Was wirds? flaͤſterte ſie ihm ziemlich horbar zu. „Befehlen Sie Thee?“ fragte Miß Nico⸗ line, die kleinen mit dunkelbraunem Waſſer an⸗ gefuͤllten Taſſen herumreichend. 3 Thee? Ich trinke nie Thee, doch wuͤnſch⸗ te ich eine Schale Kaffe zu trinken. Pſyche 38 liebt Shee— Die fuͤr ʒutianei beſtimmte Taſſe erhielt der vierfuͤßige Favorite. „Ich ſehe keinen Kaffe,“ ſagte Douglas, „will aber welchen hereinbringen laſſen“— Er klingelte.— Der alte Donald trat ein. „Wo bleibt der Kaffe?“ fragte Miß Ni⸗ coline. e Kaffe“ verſetze der ehrliche Berg⸗ ſchotte.„Je, fuͤrwahr Miß Nicoline, der is⸗ mit Haut un' Haar vergeſſen.“ „Er kann ja immer noch gemacht werden,“ ſagte Wlas⸗ „Ja, Junker Heinrich, da is's doch nu ſpaͤt Nachts dazu. D's Feuer is' beſetzt. Vor uns machen ſ'e dicke Suppe zum Abendbrod un' dann ſieden ſ'e Kartoffeln vors liebe Vieh un dann—“ „Ich will mich ſelbſt darnach umſehen,“ ſagte Nicoline.— Murrend folste ihr der alte Donald zur Kuͤche. Der Laird erwachte, vom Geklapper der Taſſen, aus ſeinem Abendſchlaͤfchen, rieb ſich die Augen und fragte, warum man noch nicht angefangen habe zu tanzen? „Komm' Sie, mein Madamchen, mr wol⸗ len den Tanz mit enander führen!, rief der al⸗ te Herr, ſchnappte mit den Fingern und ſang mit heiſerer Stimme: „Ein luſtiges Thier iſt die Maus: Der Maulwurf 8 blind'ings ſein Haus; „ 35 Doch niemand kommt nimmer in Sinn, Wie luſtig wir zwei heut' ſind, pſin, pſin!“ „Aberſt wo ſtecken d'Maͤdels? He! Bella, Becky, Betty, Baby, Beene,— aollons auf Euere Poſten, merſch!“ Im Gefolge der jungen tanz⸗ und muſiklu⸗ ſtigen Maͤdchens, trat Loil, der pausbackige Sackpfeifer, in ſeine vaterläͤndiſche Tracht geklei⸗ det, ein. Nach einigen Bruͤſten und Schnauben begann der Kuͤnſtler ſein beſtes Stuͤckchen, mit aller Kraft ſeiner Lungen zu blaſen.*) Aber vergeblich wuͤrde es ſeyn Julianens Erſtaunen und Schrecken uͤber die ſcheuslichen Toͤne, welche zum erſtenmal ihr Ohr durchdrangen, ſchil⸗ dern zu wollen. Mit einem durchdringenden Schrei rieß ſie ſich von der Hand des alten Herrn los, der eben den Reel**) mit ihr beginnen woll⸗ te und warf ſich in die Arme ihres Gatten, der dem entzuckten Virtuoſen mit lauter Stimme Ein⸗ halt gebot, *) Die Sackpfeife(Dudelſack), iſt ein ſo großes Lieblingsinſtrument der Bergſchotten, daß ſel⸗ ten ein reicher Laird ohne ſeinen eigenen Sack⸗ pfeifer iſt, der ihm während der Mahlzeit vor⸗ blaſen muß. Bei jeder Compagnie der Berg⸗ ſchottenregimenter, befindet ſich wenigſtens ein Kuͤnſtler der Art.— Dem Bergſchotten iſt die Sackpfeife, was dem Schweizer das Alphorn. *) Ein ſchttiſcher Nationaltanz. Aed.Ueb. „Was zura was gibt's? ſchrie die ganze Familie, das junge Ehepaar umringend. „Was es gibt? Ihr habt meine Julia⸗ ne mit Eurer Höllenmuſik zu Tode erſchreckt. Was zum Henker ſoll das Schnurren auf den verwuͤnſchten Blaſebaig heißen?“ Der arme Loil ſtand verſteinert, denn bis⸗ her hatte er mit ſeiner Virtuoſität, nur Lob und Bewunderung eingeerndet. „Das is' mer e'n liebes Frauensgeſchöpf⸗ chen,“ rief der alte Herr, das Zimmer ſchnau⸗ bend auf und nieder ſchreitend.„Das is' mer e'n feines Madamchen, das den Ton des Du⸗ N delſacks ni't vertragen kann. Das is' ke'en Weib vor ächtes Bergſchottenblut. Verwuͤnſch⸗ ter Blaſebalg! Meiner Sir, aufgeblaſen is' ſe genug.“ „Das iſt die traurigſte Geſchichte die mir je vorkam,“ ſeufzte Tante Grishelde.„Ich moͤchte wiſſen ob der Anblick oder der Ton des Dudelſacks unſere liebe Nichte erſchreckte,— Du meine Guͤte, wäre doch Lady Maclaughlan nur hier!“ „Es iſt ganz unmoglich daß Jemand uͤber die Sackpfeife erſchrecken kann,“ ſagte Miß Jo⸗ hanne mit ſtolzer Stimme.„Niemand der bei geſunder Vernunft iſt, kann vor einem ſo harm⸗ niſchen Inſtrumente erſchrecken. „Mit ihrer gewoͤhnlichen Sanftmuth ſchlug Mrs Douglas ſich ins Mittel und beſaͤnftigte, 1 gen hatte. 41 den beleidigten Stolz der Caledonier, durch die Verſicherung, Juliane habe nur vor Erſtaunen ſo laut aufgeſchrieen. Gleich einem Zauberworte daͤmpfte dieſe Erklaͤrung den Unwillen der Ge⸗ ſellſchaft, und ec wurde einmuͤthig zugeſtanden, es ſei wirklich eine erſtaunende Sache, die Säckpfeife zum erſtenmale zu hoͤren, das ſei nicht zu laͤugnen.— Mit pathetiſcher Weisheit be⸗ merkte Miß Johanna, alle Menſchen waͤren dem Erſtaunen unterworfen. Die noch weiſere Grishilde verſicherte, daß die Wirkung welche das Erſtaunen auf manche Menſchen mache, in der That ganz erſtaunenswuͤrdig ſei. Sie ſelbſt könne es nicht läugnen, daß wenn ſie eri ſie auch erſchrecke. Douglas gab ſich indeſſen Muͤhe den wirklichen oder affectirten Schrecken ſeiner über⸗ zärtlichen Gattin, zu beſchwichtigen. Juliane klagte vor Muͤdigkeit und erlittenen Ohrenpein dem Umſinken nahe zu ſeyn, und verlangte zu Bette. Heinrich war froh den Fragen ud Be⸗ merkungen ſeiner Familie zu entgehen, und be⸗ diente ſich der nemlichen Entſchuldigung; ſo daß zum großen Leidweſen der Tanten und Nichten, her Ball ein Ende nahm, ehe er ſ angefan⸗ Die Bemerkungen, welche die Geſellſchaft uͤber das junge Ehepaar machte, wird ſich der geneigte Leſer, nach der bereits dargeſtelten Cha⸗ rakterſchilderung derſelben, leicht ſelbſt denken kounen. Die verſchoͤnerte Sprache der Mſtrs Douglas, unterſtuͤtzt von den entſchuldigten Re⸗ den der gutmuthigen Grishelde, beſänftigten den ohnehin nie lange dauernden Unwillen des alten Herrn, am beſten. Ehe die guten Menſchen aus⸗ einander giengen, ſchienen ſie ſämtlich wieder in ihr gewohntes Geleiſe gekommen zu ſeyn, und legten ſich ruhig, in der Hoffnung eines froͤhli⸗ chen Morgens, zu Bette. Wer las nicht, von den herrlichen Schil⸗ derungen des goͤttlichen Shakespears an, bis zu den einſchläfernden Strophen unſerer Flug⸗ blaͤtterdichter herab, Sonnette, Oden und Re⸗ den zum Lobe des beſeligenden Schlafes? Nie kann man dieſes erquickende Geſchenk der Gottheit hinlaͤnglich preißen. Wie ſüß iſt ſein Einfluß auf die vom Kummer getruͤbten und von Zähren geſchwaͤchten Augen! In ſeinen Armen vergißt der Staatsmann ſeine Sorgen. Der Ermuͤdete und der Arme fuͤhlen durch ſeinen Zauber ſich geſtaͤrkt und begluͤckt. Sogar das Gewiſſen,— ja ſogar das Gewiſſen,— ſchweigt zuweilen waͤhrend dem Schlafe des Bihn. Kein —,— 43 Geſchoͤpf fühlt aber den wohlthaͤtigen Einfluß. des Schlafes beſſer, als der Menſch, den eine Menge kleiner Widerwäͤrtigkeiten befielen,— Uebel, die, gleich einem Heuſchreckenheere, durch ihre Menge und ihre Stacheln erſetzen, was ih⸗ nen an Größe und Staͤrke abgeht.*) Unter die unangenehmſten Gefuͤhle des Le⸗ bens gehört gewiß die Entdeckung, man habe in ſeiner Wahl ſich ſelbſt getanſcht, und die Ueber⸗ zeugung ſeiner Liebe ſich ſchämen zu muͤſſen, und dennoch von dem geliebten Gegenſtande ſich nicht losreißen zu koͤnnen. Greifen dieſe Gefühle gleich nicht ganz ſo tief ins menſchliche Herz, als ein großes Ungluͤck, ſo ſteht es doch kaum in der Macht der Philoſophie, ihr unaufhoͤrliches, pein⸗ volles Nagen zu beſänftigen. Douglas war ſo *) Hertlich beſingt Voltaire, in ſeiner Henriade die Wohlthaten des Schlafes und die der faſt eben ſo begluͤckenden Hoffnung in folgenden Verſen: „Du Dieu, qui nous eréa, la clemen⸗ e infinie, Pour adoucir les maux de cette courte vie, A placé parmi nous deux Etres pienfai⸗ sans, De la terre à jamais aimables habitans: Soutiens dans les travaux, trésors dans lindigence: Lun est le dous sommeil et Pautre est Fespérance.* vergeſſen zu koͤnnen. Den zuletzt verlebten Tag uͤber, hatte er truͤbere Gedanken gehabt und mehr unangenehme Vorfaͤlle erfahren, als je in ſeinem ganzen vorigen Leben. Verwuͤnſchte er gleich nicht, ehe der Schlaf ihnz uͤberwältigte, die ſchoͤne Urſache ſeiner Unbedachtſamkeit, ſo ver⸗ wuͤnſchte er doch ſeine eigene Thorheit. So lange als die beruͤhmten Siebenſchlaͤfer konnte der arme Douglas aber doch nicht ruhen. Da er ſich ſehr zeitig niedergelegt hatte, erwach⸗ te er in einer allzufruͤhen Stunde. Die ſonderbare Beweglichkeit, welche ſich zuweilen des Menſchen bemeiſtert, wenn ihn ſein Koͤrper wenig und der Geiſt noch weniger be⸗ ſchaͤftiget, trieb den jungen Ehemann aus dem Bette und in die Kleider, indem er die Hoff⸗ nung hegte, die Ortsveränderung wuͤrde ihm neue Ideen einfloͤßen. glucklich ſeiner ſelbſt in den Armen des Schlafes Fleißig eine Flugſchrift ſtudierend, die den Grundſatz, Laße nicht umkommen, weit⸗ läuftig erlaͤuterte, fand Heinrich ſeinen Vater in einem Fenſter des Speiſeſaals ſitzen. Dieſe Schrift enthielt viele weiſe und gelehrte Anwei⸗ ſungen zur Anlegung einer— Miſtſtätte. Einſtimmig erkundigte die ganze Familie ſich nach dem Befinden der lieben Lady Julia⸗ ne.— Man hoffte ſie habe wohl geruht,— 45 das Bett gut gefunden,— nicht zu viele De⸗ cken, nicht zu wenige Kißen,— u. ſ. w. der Laird unterbrach dieſe Erkundigungen durch eine Aufforderung an ſeinen Srhn, waͤhrend man das Fruͤhſtuͤck bereite, einen Spaziergang mit ihm zu machen, auf welchem ſie von der Ver⸗ gangenheit reden und Pläne fuͤr die Zukunft entwerfen wollten. Auch wolle er ihm die neuen Anpflanzungen an dem Huͤgel zeigen, das Aus⸗ trocknen des großen Sumpfes und andere land⸗ wirthſchaftliche Gegenſtaͤnde. Nach vielen Erkundigungen und Nachfragen, von Seiten der das Fruͤhſtuͤck ſehnlichſt erwar⸗ tenden Geſellſchaft, erſchien endlich Lady Julia⸗ ne in der Begleitung ihrer ſämmtlichen Lieblin⸗ ge. Kein Zuggen ihres Gatten hatte ſie be⸗ wegen koͤnnen, die theueren Geſchoͤpfe auf ihrem Zimmer zu laſſen. Bei ihrem Eintritt in den Speiſeſaal wur⸗ de Julianens feines Näschen ſogleich von Wohl⸗ geruͤchen ergriffen, ſehr verſchieden von jenen des gluͤckſeligen Arabiens. Alter Kaͤſe und He⸗ ringe, mit welchen der gaſtfreie Tiſch beladen war, hauchten ihre ſuͤßen Duͤfte reichlich aus. Nach gewechſelten Morgenbegruͤßun gen ſchenk⸗ te Miß Nicoline den Thee ein. Der Laird belegte Julianens Leller mit einem großen Hering. „ 40 1 „Ums Himmelswillen was ſoll ich damit?!“ rief die verzweifelte Schoͤne.„Nehmen Sie es hinweg oder ich werde ohnmaͤchtig!“ „Bruder, lieber Bruder!“ ſchrie Viß Grishelde laut auf.“ Ich muß dich recht ſehr bitten, keinen unangenehmen Gegenſtand vor die Augen unſerer lieben Nichte zu bringen. Dar⸗ um muß ich dich recht ſehr bitten!— Sagen Sie mir doch, liebes Nichtchen, woruͤber entſetzen ſie ſich am meiſten, uͤber den Anblick oder den Ge⸗ ruch der Beſtie?*)— Ich wuͤnſchte zu Gott, Lady Maclaughlan wäre ſchon da!“ Der aͤltere Douglas, den man in der Fa⸗ milie gewoͤhnlich den Major nannte, ſtand ſo⸗ gleich auf, klingelte und befahl anzuſpannen. Die Tanten zaumten ſich auf und blickten einander, ohne ein Wort zu reden, an. Der alte Herr aber bezeigte ſeine Verwunderung dar⸗ uͤber, daß ſein Sohn ihn ſchon ſo bald ver⸗ laſſen wolle. Duͤrften wir uns wohl nach der Urſache dieſes plotzlichen Entſchluſſes erkundigen?“ frag⸗ te endlich Miß Johanne, im Ton des unterdruͤck⸗ ten Unwillens. „Ganz gewiß duͤrfen Sie ſi ich erkundigen Ich will abreiſen, weil ich ſehe, daß man Ge⸗ ſellſchaft erwartet.“ *) In Sciera heißr e fliegende und ſchwim⸗ mende Grſchöpf, Beſtie. A. d. U. ¹ 3 47 „Neffe! ich hoffe doch nicht, daß du die tugendhafte Lady Maclaughlan vermeiden willſt?“ „Eben dieſes unerträgliche Weib will ich vermeiden,“ verſetzte der Neffe, mit bei ihm un⸗ gewoͤhnlicher Heftigkeit. „Aber lieber Douglas! fluſterte ihm ſeine Gattin die das aufſteigende Gewitter gewahrte, im Ton des Vorwurfes zu. Der guten Gris⸗ helde zitterte eine Thraͤne im Auge. „Ol laſſen Sie ihn nur fortfahren,“ rief Miß Johanne, die ſich bemuͤhte ruhig zu ſchei⸗ nen, während der Aerger ihr beinahe die Stim⸗ me erſtickte.“ Gluͤcklicherweiſe iſt Lady Ma⸗ claughlans Ruf uͤber alle Verlaͤnmdung erhoben. Alles, was Herr Archibald Donglas zu ſagen beliebt, wird unſere Meinung nicht aͤndern, hoffentlich auch ſeinen Bruder und deſſen Ge⸗ mahlin nicht gegen dieſe muſterhafte Frau ein⸗ nehmen. Gegen dieſen Spiegel aͤchter Frauen⸗ tugend.— Eine Frau von vornehmer Abkunft,— reich,— voller Talente,— von hoher Boll⸗ kommenheit!— Eine Frau vem beſten Rufe,— von der ſtrengſten Sittlichkeit,— von der ſanf⸗ teſten Gemüthsart,— vom herrlichſten Herzen — von der bezauberndſten Munterkeit,— und wohlthätig,— o wie wohlthätig!— jedes Jahr theilt ſie fünfzig flanellene Unterroͤcke unter die alten Weiber des Kirchſpiels aus! „Und welch' eine Gattin iſt ſie““ ſchluchz⸗ te Grishelde.“ Viele hundert Arzeneimitel har ſie gegen Sir Simſons Uebel erfunden und zwingt ihn jeden Tag welche davon einzunehmen. Wa⸗ re ſie nicht die gute Frau, wahrlich er läge laͤngſt im Grabe.“ „Ihn dahinein zu bringen, thut ſie alles was in ihren Kraͤften ſteht, das muß wahr ſeyn. Schon manchen armen Leidenden erloͤßte ſie, durch ihr Hoͤllengebräue, von allen Uebeln auf ewig,“ rief der Major. Vor Entſetzen ſank Grißhelde auf ihren Stuhl zuruͤck. Nicoline ließ vor Schrecken die Theekanne fallen, deren ſiedender Inhalt die un⸗ gluͤckliche Pſyche ͤberfluthete. Das Gehenl des verbruͤhten Mopſes, vereiniget mit dem Auf⸗ ſchreien ſeiner ſchoͤnen Gebieterin, brachte ſelbſt Miß Johannens Redefluß auf einige Zeit ins Stocken. „O! was ſoll ich anfangen?“ rief Juliane, troſtlos uͤber ihren Liebling gebeugt.„Liebſter, beſter Heinrich, ſchicke nach einem Wundarzt! Gleich auf der Stelle, ſonſt ſtirbt meine arme Pſoche! Verliere ich meinen Liebling, ach! ſo iſes mein eigener Tod! Laufe, lieber Heinrich, bitte, bitte!“ „Liebe Juliane, wie kannſt du ſo thoricht ſeyn? Zwanzig Meilen in der Runde iſt kein Wundarzt zu finden. „Zwanzig Meilen in der Runde kein Wund⸗ arzt! Wie konnteſt du mich an eincn ſolchen 1 ——— —,— 3 Drt bringen? Großer Gott! dieſe armen Ge⸗ ſchöpfe können ſterben, ich ſelbſt kann ſterben, ehe wir Huͤlfe ſinden können.“ „Fuͤrchten Sie nicht zu viel, liebe Frau Nichte,“ ſagte die gute Grishelde. Wir alle ſind Aerzte. Ich ſelbſt verſtehe etwas von der Arzeneikunde, und unſere Freundin Lady Mac⸗ lauglan, die ſicher gleich hier ſeyn wird, weiß Mittel gegen jedes Gebrechen des menſchlichen Koͤrpers.“ „Legt e'ne kalte Kartofel'uf d's Köters Pfote,“ rief der alte Laird muͤrriſch. „Ich habe ein Toͤpfchen von Lady Mac⸗ laughlans Brandſalbe; die heilt im Augenblick.“ „Heilt die Salbe die Wunde nicht, ſo hilft ſie doch dem Patienten zum ewigen Loben,“ verſezte Major Douglas lächelnd. Mit hoher Wuͤrde erhob ſich jezt Miß Johanna von ihrem Sitz, bewegte nach Redner⸗ ſitte ihre Hand und ſprach:„Bruder ich for⸗ dere dich auf, den guten Ruf dieſer liebens⸗ wuͤrdigen und hochachtungswerthen, Matrone ge⸗ gen die Verlaͤumdungen zu ſchützen, mit wel⸗ chen dein Sohn ſie zu belaſten fuͤr gut findet. Sir Simſon Maclauglan iſt dein Freund, und daher iſt es deine Pflicht, ſeine Gattin zu ver⸗ theidigen.“ „Da hätt' ich ja d's Teufels Arbeit uf'm Hals, wenn ich all' meiner Freunde Weiber be⸗ eheſtand 11 Bd. D ſchuͤtzen ſollt! Aber du Archin,*) haſt un⸗ recht. Die Maclaughlan i's e'n ehrbares Weib, wenigſtens ſo viel ich weiß; a bißel viel Plaudertaſche, das muß wahr ſeyn. Wegen meinem alten Freund Sir Simſon verlang' ich, daß d'hier bleibſt und daß 8 i und der Frau huͤbſch artig biſt.“ Der alte Herr ſagte dieſes in einem ſo ernſten Tone, daß kein Widerſpruch ſtatt fin⸗ den konnte— der Sohn mußte bleiben. Die Brandſalbe wurde auf Pſyche's Pfo⸗ te geſtrichen, der Friede hergeſtellt, und mit dem Fruͤhſtuͤck fortgefahren. „Wahrlich unſere tiebe Frau Nichte hak eiten Bißen genoßen bemerkte Tout „Ei da ſind ja herrliche Kuchen vom feinſten Gerſtenmehl,“ rief eine der Tanten und bedeckte Julianens Teller damit.„Und da iſt treſtiches Erbſenbrod,“ eine andere—„Und Haferkuchen! O, wie gut! Ich wette die Frau Nichte verſuchte nie davon!“ ſagte die dritte. „Ich kann ſo etwas nicht eſſen,“ erwiederte die leckere Nichte. Ich bitte um Chokolate und geroͤſtete Semmel.“ — *) Verkuͤrzung von Archibald. —— 57 „Du biſt nicht in Lendon, liebes Weibchen,“ warf Douglas ein „Nein, in Wahrheit nicht. Nun ſo bitte ich wenigſtens um etwas geröſtetes Brod mit Butter.“ „Ungluͤcklicherweiſe iſt uns das Weizenbrod eben ausgegangen,“ verſetzte Nicoline.„Wir laſſen aber welches in Drhmſine holen. In Drymſine backen ſie herrliches Brod.“ —— „Kannſt du dich nicht auf irgend Etwas beſinnen, liebe Juliam, das zu haben moͤglich wäre? fragte Douglas. 2 Ich daͤchte etwa ein Haſelhuhn oder Rinds⸗ ſchnitten, aber recht gut gebraten,“ erwiederte die junge Frau in ſchleppendem Ton. „Rindöſchuitten!,“ wiederholte Grishelde. ten!“ antwortete Johanna. sſchnitten!“ verſezte Nicoline. 3 Nach langer Berathſi hlagung entſchieden die drei alten Jungfrauen, Julianens Gelüſten ſolle befriediget werden. 6 „ et n, Schweſtern, welche Vorwür⸗ fe wir uns zu machen haͤtten, wenn das Kind einem Haſehuhn gliche,“ bemerkte die gute Grishelde leiſe—„Oder ſein Geſichtchen aus⸗ ſähe wie eine Rindsſchnitte,“ fuͤgte Nicoline hinzu. Dieſe Gruͤnde waren unwiderlegbar. Gut gebratene Rindsſchnitten und ein fettes Haſel⸗ * 52 huhn, wurden ſo geſchwind als moglich zuberei⸗ tet, und von Julianen und ihren vierfuͤßigen Favoriten, mit dem beſten Appetit verzehrt. ——— VII. Nachdem man endlich vom Fruͤhſtuͤck auf⸗ geſtanden war, gebot der Laird von Glenfern ſeinem Sohne Heinrich, ihn abermals auf einem Spatziergange zu begleiten, da er ihn allein zu ſprechen wuͤnſche. Juliane wollte es zwar grau⸗ ſam finden, daß man ihren Heinrich entfuͤhre, da er ihr aber zufluͤſterte, er hoffe dem alten Herrn gut zu ſtimmen, und wuͤrde bald wieder bei ihr ſeyn, ſo ließ ſie ihn ziehen. Der Tiſch, welchen der alte Donald mit großer Langſamkeit abgeraͤumt hatte, wurde alsbald mit den Arbeiten der jungen Fraͤuleins bedeckt. Miß Nicoline ging ihren Haushaltgeſchaͤf⸗ ten nach. Johanna beobachtete mit einem Au⸗ ge Julianen, mit dem andern ihre fuͤnf Nichten. Grishelde ſezte ſich zu der jungen Frau, und hielt ihr einen entfalteten Brief der Lady Mac⸗ laughlan, als Feuerſchirm vor das Geſichte. Ohne ein Auge von ihrer Arbeit zu ver⸗ wenden, naͤhten die jungen Fraͤuleins drauf und . * — 53 drauf. Die ältern quälten ſich ab, ihre ver⸗ drießliche Nichte zu unterhalten, die ihnen nur mit wiederholten Klagen uber Mattigkeit und mit Liebkoſen ihrer Huͤndchen antwortete. Endlich erſchöpfte ſich ſogar Miß Johan⸗ nas weiſe Rednergabe und Miß Grisheldens große Gutmuͤthigkeit ermudete. Gluͤcklicherweiſe fiel ein Sonnenblick ins Zimmer, der zu einem Spatziergange einlud. Längſt hatten Julia⸗ nens Huͤndchen durch Krazen und Wimmern ihre Sehnſucht, ins Freie zu gelangen, ausge⸗ druͤcket. Den lieben Thierchen zu Gefallen und in der Hoffnung, ihren Heinrich zu begegnen, bequemte ſich die gnädige Frau mitgehen zu wollen. Die Damen trennten ſich ſogleich, um ih⸗ ren Anzug zu wechſeln. Die Tanten prägten zuvor den jungen Leuten wohl ein, ſich nur recht gut einzumumeln. De ſie aber an der guten Wirkung ihrer Ermahnungen zweifel⸗ ten, ſo kleideten ſie ſich ſelbſt in der groͤßten Eile an und verfügten ſich, im vollen Spatzier⸗ coſtuͤme des Schloßes Glenfern, in Julianens Zimmer. Man muß uͤbrigens geſtehen, daß der Anzug der Bewohnerinnen von Glenfern, in der That beſſer zu einem Winterſpaziergange geeignet war, als der ihrer eleganten Richte. Es war kein Wunder daß die Tanten, in ihren dicken, kal⸗ 54 muckenen Oberroͤcken, großen wollenen Kappen, geſtrickten, gleichfalls wollenen Halstuͤchern und dichten Rahmenſchuhen, mit Entſezen auf Julia⸗ nens Sp tzenhaͤubchen, lillaatlaßenen Pelz und ſeidene Schuhe blickten. Eine ſolche Thorheit und Unvorſichtigkeit drohte ja der jetzigen und zukuͤnftigen Nachkommenſchaft der Familie Dou⸗ glas, den unvermeiolichen Untergang Nachdem der erſte Schrecken voruͤber war, ſuchte die verſtändige Johanna ihren Aerger zu unterdruͤcken. Mit krampfhaftem Laͤcheln ſagte ſie; „Sie, liebe Nichte ſcheinen nicht der Meinung unſers unnachahmlichen Dichters zu ſeyn, wenn er in ſeinem herrlichen Gedichte, die Jahreszei⸗ ten, ſich folgendergeſtalt ausdruͤcket: die Schoͤn⸗ heit bedarfnicht fremder Zierde; wenn ungeſchmuͤckt ſie ſcheint, iſt ſie's am meiſten. Dieſe wichtige Wt ſollte jede junge Frau beherzigen.“ Juliane, die eben ſo wenig vat weiſe Rathſchlaͤge zu empfangen, als Thomſons Jahreszeiten anfuͤhren zu hören, ſtarrte ſie mit großen Augen an. „Ich meine,— ich glaube, daß dies die pure lautere Wahrheit iſt,“ ſagte die ſtets ver⸗ mittelnde Grishelde.“ Unſere Mädchen,— die armen Dinger!— halten gar nicht viel auf ihren Anzug;— das iſt mein Troſt. Aber es wundert mich auch gar nicht, daß der Fran — — 55 Nichte der ihrige gefaͤllt, denn der Pelz iſt wirk⸗ lich gar zu ſchön. Niemand kanns leugnen und gewiß iſt er nach der neueſten Mode. Aber ich fuͤrchte doch, daß das Pelzchen zu delikat ſeyn moͤchte und in unſern Wegen auch ein wenig ſchmutzig werden könnte. Es iſt zwar wahr, daß unſere Wege insgemein ſehr trocken ſind, wenn's nicht geregurt hat, was eine große Be⸗ guemlichkeit auf dem Lande iſt. Es laßt ſich aber doch nicht läugnen, daß ſie auch zuweilen naß werden. Gerade da vor der Hausthuͤre iſt ein uͤbler Duͤmpfel. Mein Bruder ſprach im⸗ mer davon, ihn austrocknen zu laſſen; aber du lieber Himmel! der muß an ſo Vieles denken, daß es kein Wunder iſt, wenn er Etwas ver⸗ gißt; aber ich bin es gewiß daß er ihn nun bald ausfullen laͤßt.“ Die Ausſicht auf die Wegebeſſerung wirkte eben ſo wenig auf Julianen, als die Citaten aus Thomſons Jahreszeiten.— Jezt kam die Reihe zu ſprechen, an Tante Nicoline. „Ich fuͤrchte, unſere Hämmel und Schafe werden vor der lieben Nichte Puz ſcheu und reißen aus. Ich verſichere Sie, die armen Ge⸗ ſchoͤpfe ſind's nicht gewohnt, ſo ſchone Kleider zu ſehen.— Ich glaube gar es rieſelt ſchon ein wenig““ Die ſaͤmmtlichen Tanten beſchworen nunmehr Julianen, etwas Wärmeres und Vernuͤnftigeres anzuziehen. 56 „Ich habe nichts anderes anzuziehen, und kann mir auch keinen Winteranzug verſchaffen, bis ich nach London zuruͤck komme,“ rief die gequaͤlte Nichte. Gleich dem Genius von Aladins Wun⸗ derlampe verſchwanden die brei Tanten ukploͤtz lich. Eben ſo ſchnell, als dieſer dienſtfertige Geiſt, kamen ſie zuruͤck, beladen mit Gaben die ſie fuͤr koſtbarer hielten, als alles Gold des Morgenlandes. Die eine breitete einen dicken gewirkten Shawl aus, in deſſen Ecken wunder⸗ ſchone große Blumenvaſen genaͤht waren. Die andere hielt in ihrer einen Hand einen Ueber⸗ wurf von greſtreiftem, ſchottiſchen Zeug und eine große Nebelkappe. Die dritte zeigte einen, mit Flanell gefutterten, ſchweren, dunkelfarbigen Oberrock vor. Ein Berg von alten Muͤtzen, Pelskrägen, Haarſohlen, Ueberſchuhen von allen Gattungen, u. ſ. w., thürmte ſich uͤberdieß vor Julianen auf. Wit 6ter zog die verfeinerte Dame ſ. vor allen dieſen ſchoͤnen Dingen zuruͤck, wider⸗ ſtand allen Bitten, ſich derſelben zu bedienen, und erklärte beſtimmt, ſie wolle entweder ſo ausgehen wie ſie ſei, oder ganz und gar nicht. Die Tanten mußten nachgeben, und die Geſellſchaft begab ſich auf die Heerſtraße, die 57 aber ein fremder ſchwerlich dafuͤr erkannt ha⸗ ben wuͤrde. Für einen von Oſſians Liedern Begeiſter⸗ ten, konnte die Landſchaft Reize haben, nicht ſo fuͤr Julianen, die ſich weit lieber unter ei⸗ ner Reihe ſchoͤner Equipagen in Bondſtreet verwickelt geſehen hätte, Vals die einſame Heide, mit dem heiſen murmelnden Strome, die alten, vom Winde umheulten Baume, den truͤben See,“ in Geſellſchaft der noch truͤberen Tanten zu durchſtreifen.. Sehr bald fand Juliane ſich von dem rei⸗ zenden Spatziergange ermuͤdet. Der ſcharfe Wind durchdrang ihre zarten Glieder. Ihre ſeidenen Schuhe und ihr Spitzenbeſatz wurden zur Koth⸗ maße. Die Moͤpschen jagten die Schafe und wurden von den Boͤcken wieder gejagt.— Eine der Tanten prieß das Gluͤck, einen Torfſtich vor der Thuͤre zu haben; die zweite zeigte ſehr umſtaͤndlich, wohin die neuen Wirthſchaftsge⸗ bände kommen ſollten; und die dritte beklagte, daß die Frau Nichte uicht mit beſſeren Schuhen verſehen ſei, ſonſt wuͤrde ſie ihr den Garten gezeigt haben.— Mehr als jemals gelangweilt, kehrte die unglückliche Juliane ins Haus zuruͤck, und unterhielt ſich, bis zu Heinrichs Ruͤcktehr, mit ihren Grillen. ————— VMI. Die Familie des Schloßes Glenfern iſt uns nunmehr durch ihre Art und Weiſe, zu re⸗ den und zu handeln, ſo gut bekannt, daß ihrem Biographen wenig mehr zu ſagen uͤbrig bleibt. Nur Mſtrs: Douglas fuhlte die auffallende Dis⸗ harmonie von Erziehung, Sitten und Gehraͤuchen. Juliane war ihr fremd;z aber ihre Jugend, Schoͤnheit und Grazie, und das große Opfer welches ſie der Liebe gebracht hatte, erregten ihre Theilnahme. Sie ſelbſt theilte einigermaßen Julianens Widerwillen gegen die alten Tanten, denn auch ſie wußte„ aus Erfahrung, wie un⸗ angenehm ſich manche Menſchen, ohne einen auf⸗ fallenden Fehler zu haben, in der Geſellſchaft machen koͤnnen, und wie weit ſchwerer es iſt, Schwächen, als die Laſter des Nebenmenſchen zu ertragen.— Der Umgang mit dieſen alten Jungfrauen waͤre vielleicht weniger laͤſtig gewe⸗ ſen, hätten ſie eigentliche moraliſche Fehler ge⸗ habt. Aber Menſchen zu lieben, die ſo voller kleiner, nichtsſagenden Schwächen waren, wie die drei Schweſtern, war fuͤr den gebildeten Verſtand der Mſtrs: Douglas keine leichte Auf⸗ gabe, und ſie mußte ſich ſtets an das ſchwere Gebot des Herrn erinnern:„duldet einander!“ Eine weniger kluge Perſon wuͤrde ſich wahr⸗ ſcheinlich bemuͤht haben, die ſchwachen Verſtan⸗ deskraͤfte der uͤbrigens ſerlenzuten Tanten auf 3—§ ————— ——— kären zu wollen. Allein die verſtändige Frau e enthielt ſich deſſen, nicht aus Mangel an gutem Willen, ſonoern weil ſie ſich uͤberzeugt hielt, daß die Schwaͤchen der alten Damen unheilbar wä⸗ ren; Schwaͤchen, die aus Mangel an Geiſtes⸗ kraͤften, Unbekanntſchaft mit der Welt und aus den kleinlichen Vorurtheilen einer gemeinen Er⸗ ziehung entſtanden.„Dieſe geiſtes armen Frau⸗ en,“ urtheilte die chriſtlich geſinnte Mitrs: Dou⸗ glas bei ſich ſelbſt,„ſtehen vielleicht in den Au⸗ gen Gottes höher als ich.“ In den Augen deſ⸗ ſen, der uns Alle nach dem Maßſtab ſeiner verſezte. Moͤge Er mich ſtets daran erinnern daß wir Alle ſeine Kinder ſind, und mir Stär⸗ ke geben die Mängel Anderer zu ertragen, waͤh⸗ rend ich meine eigenen zu verbeſſern trachte.“ So fromm und edel geſinnt, lebte dieſe lie⸗ benswuͤrdige Frau in Ruhe und Frieden unter Menſchen, die ihr ſo voͤllig unéhnlich waren, und an die das Schickſal ſie geknuͤpft hatte, oh⸗ ne jedoch ihren gebildeten Geiſt beſchraͤnken zu laſſen. Hätte Mſirs: Douglas nicht ſo viele ächte Religioſität beſeſſen,— die ſtets mit Sanft⸗ muth und Duldung gepaart iſt— ſo muͤßte ſie mehr Widerwillen gegen ihre Verwandten em⸗ pfunden haben, als ſelbſt Juliane. Die Ueher⸗ legenheit der letzteren, uͤber dieſe guten Land⸗ maͤdchen, entſprang blos aus ihren verfeiner⸗ Weisheit begabt hat, und der mich unter ſie ten Sitten und Gewohnheiten; dahingegen die 60 Ueberlegenheit der erſteren, ſich auf einen edlen und reich begabten Verſtand gruͤndete, der ſich, aus angeborner Gutmuͤthigkeit, zu den be⸗ ſchraͤnkten Fähigkeiten der uͤbrigen weiblichen Glieder der Familie herabzulaſſen wußte. Da⸗ mit aber der Leſer das Benehmen dieſer edlen Frau noch beſſer zu wuͤrdigen wiße, ſo wollen wir uns beſtreben, ihm die Bewohnerinnen des Schloßes Glenfern noch deutlicher zu ſchildern. Miß Johanna, die älteſte des Trio's, war ein ſogenanntes ſehr verſtändiges Frauenzimmer, — worunter man aber insgemein eine hoͤchſt mnangenehme, eigenſinnige, uͤber Maͤnner, Wei⸗ ber und Kinder allgebietende Perſon velſieht— So eine Art von Oberaufſeherin uͤber jede Handlang, jede Zeit und jeden Ort; mit unbe⸗ zweifelter Gewalt begabt, nach dem Maßſtab ihres eingebildeten Verſtandes, anzuklagen, zu richten, zu verurtheilen; daher hieß ſie in der ganzen Gegend, das kiuge Fraͤulein von Glenfern. Als ein höchſtverſtändiges Frauenzimmer ordnete ſie alle Familienangelegenheiten und leitete — die Erziehung ihrer Nichten. Gleichfalls war ſie eine Art von allgemeinem Zeitungsblatt und eine Ausſpäherin aller Mißbraͤuche und kleinen Suͤnden. Den Armen ertheilte ſie insbeſondere gern wohlgemeinte Rathſchläge, und legte ihnen verzuglich das Laſter des Muͤßiggangs ans dat — 61 gab ihnen aber nie die Mittel dieſelben zu be⸗ kämpfen, da eine weiſe Sparfamkeit ihr die hoͤchſte Klugheit duͤnkte. Kurz, Miß Johanna war ein Inbegrif al⸗ ler Weisheit. An dem erhaben getragenen Haupte, den zuſammengekniffenen Lippen, den ecki⸗ gen Ellenbogen, und dem feſten bedächtlichen Gang, konnte man das verſtändige Frauen⸗ zimmer auf den erſten Blick erkennen. Selbſt ihre Kleidungſtucke ſprachen den Charakter ihrer Eigenthuͤmerin aus. Miß Grisheldens Charakter bedarf keiner ſo weitläuftigen Schilderung, als der ihrer Schweſter. Nur durch ihre einfache Gutmß⸗ thigkeit, ihre ſtets verwirrten Ideen„ihre Sucht, lange Epiſteln zu ſchreiben, und durch ihre un⸗ erſchuͤtterliche Anhänglichkeit an Lady Maclaugh⸗ lan, zeichnete ſich die gute Grishelde aus. Miß Nicoline beſchraͤnkte ſich auf das Haus⸗ weſen, Kleidermachen, u ſ w. und begnügte ſich damit, daß man von ihr ſagte s mangele ihr eben nicht an Verſtand. Jene kleine Schwächen abgerechnet, beſaßen die Schweſtern doch auch manche gute- Eigen⸗ ſchaft. Sie waren gutherzig, wohlmeinend und meiſt guter Laune. Sie liebten einander; ver⸗ ehrten ihren Bruder als das Oberhaupt der Familie, waren in ihre Neffen und Nichten ganz 62 vernarrt, fuͤhlten die lebhafteſte Theilnahme an dem Schickſal ihrer Verwandtin, ſelbſt an dem der uͤrmſten unter ihnen, bis in den hun⸗ derſten Grad der Sippſchaft*), und hielten ihre ſämmtlichen Freunde fuͤr Muſter aller Voll⸗ kommenheiten Selbſt ihre Fehler wurden ge⸗ wiſſermaſſen zu Tugenden, denn ihr ganzes Thun und Treiben geſchah in guter Abſicht; ungluͤck⸗ licherweiſe brachte aber die Wahl der Mittel meiſt eine entgegengeſezte Wirkung hervor. Es giebt jevoch dieſer Art alter Jungfrauen ſo vie⸗ le in der Welt, daß jeder unſerer Leſer ſicher eben ſo viele geſehen hat als wir ſelbſt. Mit⸗ hin bleibe ihm auch die Ausführung des Ge⸗ möldes überlaſſen, wahrend wir zum Geſell⸗ ſchaftsziner zuräcktehren, in welchem die thr⸗ wuͤrdigen Tanten ihre Freundin erwarteten — Traurig ſaß Miß Grisßelbr am Fenſter.— „Was könnte wohl die gute Lady Maclaugh⸗ kfälen haben?“ ſagte ſie. *). Die Berhſchotten blieben bis zum Jahte 1745 in ihrer uralten patriarchiſchen Verfaſſung⸗ Sie hatten keinen Unterſchied der Stände⸗ Sie lebted in Stämme(Clans) getheilt, wel⸗ che einen Häuptling— Laird genannt als Füh⸗ rer im Kriege und Vorſteher im Frieden, über ſich erkannten. Alle, auch die niedrigſten, be 63 „Mir duͤnkt, ich höre einen Wagen,“ vief Johanne.„Pſt! Horcht!“ „'s iſt nur der Wind,“ ſeufzte Grishelde. „s iſt der Brodkarren,“ erwiederte Ni⸗ coline. Das Rumpeln eines ſchweren Wagens ver⸗ kuͤndete endlich die Annaͤherung der ſehnlich er⸗ warteten Gäſte. Die frohe Hoffnung wurde bald zur Wirklichkeit.— Ein hoher, viereckiger, erb⸗ ſengruͤner angeſtrichener Wagen, von zwei lang⸗ geſchwaͤnzten Schimmeln gezogen, mit einem Bedienten in ſchottlaͤndiſcher Nationaltracht hin⸗ ten auf, fuhr vor das Schloßthor. Aus die⸗ ſem Kaſten ſchob ſich eine in hellfarttgen- groß⸗ geblümtei Kattun gekleibete Geſtalt. Sorg⸗ faͤltig war die Schleppe des Kleides durch die Seitenſchlitze aufgezogen, eutweder um̃ es zů ſcho⸗ nen, oder einen dunkelfarbigen Unterrock zu zei⸗ gen, deſſen Kürze gleichfalls ein Paar gewebte wollene Sträͤmpfe und ein Paar lederne, kleinen Feuereimern nicht unahnliche Schuhe, ſichtbar werden ließ. Ein Jäcchen von verbleichten ro⸗ ———— trachteten ſich als Blutsfreunde des Laird, fuͤhrten ſeinen Namen und wurden von ihm als Verwandte behandelt. Daher jene innige Anhänglichkeit des Stammes an ſeinen Häupt⸗ ling in welchem jeder ſich ſelbſt ehrte. Dieſ Sitten ſind noch nicht gäͤnzlich erloſchen.. 64 then Tuch, welches deutliche Spuren trug, ehe⸗ mals mit Schöhen verſehen geweſen zu ſeyn, ver⸗ trat jetzt die Dienſte eines Spengers. Auf dem Kopfe erhob ſich ein bewunderungswerthes hohes Gebaͤude in der Form einer Haube, auf deſſen Spitze ein ſchwarzer Kaſtorhut, à la Pois⸗ sarde angeknupft, ſaß. Ein kleiner, ſchwarzat⸗ 3* taßener Muff in einer Hand, in ver andern ein ſpaniſches Rohr mit goldenem Knopf, vollende⸗ ten den Putz dieſer abenteuerlichen Figur. —— Mittlerweile grief der Bediente mit beiden Haͤnden in den Wagen, gleichſam als wolle er etwas haſchen, und brachte einen kleinen, in einen Officiermantel eingewickelten Buͤndel zum Vorſchein. Den Inhalt dieſes Bündels zu er⸗ rathen, wuͤrde eine ſchwierige Aufgabe geweſen ſeyn, waͤren nicht an einem Ende ein mächtiger aufgeſtutzter Hut, am andern aber ein Paar ganz kleine Stiefeln ſichtbar geworden. Eine laute, langſame, taktmaͤßige Stimme erſchallte durch den engen Gang, der ins Ge⸗ ſellſchaftszimmer fuͤhrte. „Bring ihn herein, bring ihn nur herein, Philiſter! Ich nenne meinen Diener ſtets Phi⸗ ſiſter, weil er den Simſon in Haͤnden hat. Le⸗ e ihn hier in den Grosvaterſtuhl, horſt du“ So rief Lady Maclaughlan, an der Spitze vrz Gruppe ins Zimmer einziehend.. „Nn 8 65 „Nun ihr Mädels, ſo ſeyd ihr ja noch alle huͤbſch am Leben, wie ich ſehe. Hes!“ fuhr ſie zu den ehrwuͤrdigen Jungfrauen gewendet fort. „Erlauben Sie mir, theuere Lady Maclaugh⸗ lan, Ihnen unſere liebe Nichte, Lady Juliane Douglas, vorzuſtellen,“ ſagte Grishelde, ſich bruͤſtend und Julianen vorfuͤhrend. Ei der tauſend, wie hoͤbſch, wie ſehr huͤbſch,— allerliebſt,— ja allerliebſt ſind Sie — Die Stirne, Wangen und Kinn der jungen Schoͤne wurden zwiſchen jeder Pauſe gekuͤßt.— Hierauf ſtellte die ſtattliche Dame Julianen vor ſich und muſterte ſie, mit ſtarren Blicken, vom Scheitel bis zur Zehe. 8 „Setzen Sie ſich doch, Lady Maclaughlan, ich bitte Sie,“ erſchallte einſtimmig aus dem Munde der drei Freundinnen.— Jede trug ei⸗ nen Stuhl herbei. „Setzen ſoll ich mich! Weshalb ſoll ich mich ſetzen? Ich ſtehe lieber,— ich liebe das Sitzen nicht;— zu Hauſe ſitze ich niemals.— Nicht wahr, Sir Simſons?“ Wäͤhrend der kleine Kriegsheld ſich durch Philiſter von ſeinen militairiſchen Attributen be⸗ freien ließ, uͤberfiel ihn ein ſo heftiger Stickhuſten 3 daß er die Antwort ſchuldig blieb. Eheſtand 1 Bd. E 66 Wie furchtbar huſtet der gute Sir Simſon,“ ſagte die mitleidige Grishelde. „Wie ſo Kind? furchtbar!— Nein furcht⸗ bar it es nicht im mindeſten. Wie kann et⸗ was furchtbar ſeyn, das niemand ſchadet? Er befindet ſich ſtets beſſer nach einem ſolchen An⸗ fall.— Es iſt die einzige Motion, die er ſich machen kann. 5 O! wenn das der Fall iſt, ſo wuͤrde es unrecht ſeyn, dem Huſten Einhalt zu thun,“ erwiederte die nachgiebige Jungfrau. „Nein, es wuͤrde ſehr unrecht ſeyn, dem Hu⸗ ſten keinen Einhalt zu thun!“ entgegnete Lady Maclaughlan in befehlshaberiſchem Tone.„Denn iſt gleich der Huſten nicht furchtbar, ſo iſt er doch hoͤchſt unangenehm. Aber es iſt ihm kein Einhalt zu thun; man moͤchte eben ſo leicht den Wind einhalten.— Er huſtet ja ſeit ſeiner Geburt.“ „Liebe Lady Maclaughlan,“ quäckete Sir Siriſon und bemuͤhte ſich aufzuſtehen.„Liebe Frau, wie kannſt du das alte Lied immer und ewig wiederholen! Wie oft ſagte ich dir bereits, mein Huſten ruͤhre von einer Erkaͤltung her, die ich mir vor einigen Jahren zuzog, als ich Sr. Majeſtät zu—“ Ein neuer noch hſiefen Anfall erſtickte den Schluß der Rede. 6 „Laßt ihn nur gehn,— kuͤmmert Euch nicht um ihn,“ rief ſeine Gattin den geſchaͤftigen Freundinnen, die ihn unringten, zu.„Ueberlaßt ihn dem Philiſter„— bei Philiſter iſt er gut aufgehoben.“— Das Kinn auf den Stockknopf geſtützt, begann ſie Julianen aufs neue zu muſtern.§ „Sie ſind ein recht huͤbſches Geſchoͤpfchen, in der That recht ſehr hubſch! Sie haben ein ſchö⸗ nes Naͤschen und einen niedlichen Mund. Aber ihre Augen wollen mir nicht recht gefallen, ſie ſind zu groß und helle; es ſind beinahe Kalbs⸗ augen die kann ich nicht leiden.— Warum ha⸗ ben Sie keine ſchwarze Augen? Ihrem Vater ſehen Sie gar nicht ähnlich,— den kannte ich recht gut. Ihre Mutter war eine reiche Er⸗ bin. Ihr Vater heirathete ſie des Geldes we⸗ gen; das iſt die ganze Heirathsgeſchichte. He?!“ In gleichförmigem Ton und mit unbewegten Geſichtszugen wurde dieſe höftiche Rede gehalten. Die ſtattliche Dame wußte zwar ſehr haͤufig die Geſichtsmuſteln ihrer Zuhoͤrer, vor Scham, Spott oder Aerger in Bewegung zu bringen, ſie ſelbſt behielt aber ſtets ein kaltes, gleichgul⸗ tiges, das Innere nie verrathendes Aeußere.— Und bei allem dem, waren ihre Geſichtszuge fein und ausdrucksvoll und trotz ihrem läͤcherlichen Anzug und ihren ſeltſamen Manieren„ ſchützte eine ge⸗ wiſſe über ihre ganze Perſon verbreitete Wärde, E 2 ſie vor dem Spott Anderer. Zu dem Erſtau⸗ nen uͤber die wunderliche Tracht und das ſonder⸗ bare Benehmen der Lady Maclaughlan, geſellte ſich meiſt eine Art von Furcht vor ihrem ſtren⸗ gen, gebieteriſchen Weſen. Auch Julianen er⸗ griff dieſes Gefuͤhl, als ſie ſich dem unartigen Anſtarren und den unhoͤflichen Bemerkungen die⸗ ſer Frau ausgeſezt ſah. „Meine Gnaͤdige!“ quickte Sir Simſon aus dem Grosvaterſtuhle hervor. „Was beliebt, mein Lieber?“ Hilf mir aus dem Seſſel und ſtelle mich ye der Lady Juliane Douglas vor.“ „O! bleiben Sie ruhig,“ riefen die Schwe⸗ ſtern in Uniſono, wie gewoͤhnlich.„Bemuhen Sie ſich nicht; unſer liebes Nichtchen wird zu Ihnen kommen.“— Die huͤlfreichen Jungfrauen druckten den ſtarken Krieger wieder in ſeinen Seſſel zuruͤck. 1 „Kommen Sie her, meine Beſte,“ ſagte Lady Maclaughlan, Julianen von den Lehnſtuhl ziehend.„Sie können weit eher zu Sir Sim⸗ ſon kommen, als er zu Ihnen. Da,— das iſt ſie.— Iſt ſie nicht recht huͤbſch? „Blitz und Hagel, was ſoll das heißen!“ ſchrie der ergrinnnte Baronet.„Wahrlich, ich 1. Gemghlin beſchämt. Ich bitte Ew. Gnaden bin über allen Ausdruck über die Freiheit meiner 6 zehntauſendmal um Verzeihung. Ich bitte un⸗ terthůnigſt, Platz zu nehmen. Ich bin entruſtet,— ich möchte in Ohnmacht uͤber dieſen Bruch aller Etikette ſinken. Liebe Frau, wie kannſt du dich ſo benehmen!“ „Deine Beine, mein Lieber, mogen rechte gute Beine ſehn, aber zum Gehen taugen ſie nichts.“ Stammelnd vor Lorn rief Sir Simſon: „Meine Gnädige du beſchämſt mich ja ganz und gar! Sehen Sie hier, meine gnädige Lady Ju⸗ liane Douglas,“ fuhr er fort, ein dürres Bein ausſtreckend, dem ſelbſt die ungeheueren Suwa⸗ row⸗Stiefeln, und die großen Sporn kein An⸗ ſehen zu geben vermochten.—„Sie ſehen daß dieſes Bein ſtark und gerade iſt, aber ſehen Sie auch das Loos des Kriegers! Sehen Sie wie ringeſchrumpft mein anderes Vein iſt. Dieſe meine Beine waren einſt einander gleich— aber jetzt!— Nun, ich murre nicht,— ich opferte es einem edlen Zweck,— dieſem Beine verdankt mein Koͤnig ſein Leben!“ „Ei du meine Guͤte! davon wußten wir kein Woͤrtchen. Wir glaubten immer es ſei ein Flüß,“ erſcholl von den Lippen der erſtaunten Schweſtern, die den tapfern Krieger umringt hatten und das edle Bein ehrfurchtsvoll anſtaunten. — ————— 76 „He?! klang es bedeutungsvoll aus dem Munde ſeiner Gnädigen. „Meine Damen, die Geſchichte iſt einfach, und bald erzählt. Ich begleitete Se. Majeſtat bei einer Muſterung. Ich war damals Adjutant bei Lord— Sein Pferd wurde ſchen, ich— ich— ich— Losbrach aufs neue der graͤßliche Huſten und zwar mit ſolcher Gewalt, daß er dem kleinen Helden den Garaus zu machen drohte. 8 „Du ſollteſt nicht reden, mein Lieber,“ ſag⸗ te die ſympatiſirende Gattin dem Leidenden un⸗ terſtuͤtzend. Das Reden ſchadete dir von jeher. Seltſam!“ Wie moͤgen nur die Menſchen Ver⸗ gnuͤgen an Reden finden? He?!“ „Koͤnnte der gute Sir Simſon nicht Etwas nehmen?“ fragte Grishelde. „Koͤnnte nehmen? Ich weiß nicht was Sie mit köͤnnte nehmen ſagen wollen. Wenn Sie etwa den Mond meinen, den kann er frei⸗ lich nicht nehmen; was ich ihn aber gebe, das muß er nehmen. Rufen Sie mir den Phi⸗ liſter, der weiß wo die Catharrtinktur ſteckt.“ „O! von dieſer ſteht genug hier im Wand⸗ ſchrank,“ rief Grishelde, ſchenkte flugs ein volles Glas ein und reichte es dem Patienten, der ſogleich den Inhalt verſchluckte, aber auch alsbold, mit ſchwacher Stimme lallte:„Ich 6 bin vergiftet! dies iſt nicht meiner Frau Ca⸗ tharrtinktur! Nicht die Catharrtinktur!?“ vuitete die vom hochſten Entſetzen ergriffene Doktorin, wel⸗ che erſt jetzt die Aufſchrift las.—„Hilf Him⸗ mel ſie iſt's auch nicht,— es iſt,— s'iſt,— mein eigenes Magenelirir! Ach Gott! was iſt zu thun? Ach beſter Murdoch,“— eben trat dieſer mit der rechten Arzenei ein,—„aus Irrthum gab ich Sir Simſon von meinem Ma⸗ genelixir und zittere von den Folgen.“ „D, da braucht's ni't bänglich z'ſeyn; das thut gar niſcht. He wollt' jo geſtern d'Mede⸗ zin nit ſchlucken, die em d'Gnädige geben wollt'“ can „Gottlob, das iſt js ein Gluas fau!⸗ rief die beunruhigte Grishelde. So kann es ja dem guten Sir Simſon noch recht wohl bekom⸗ men.“ In dem Augenblick trat Heinrich mit ſeinem Vater ins Zimmer. Miß Grishelde ſtellte ih⸗ ren Neffen den Freunden ſogleich vor. „Liebe Lady Maclaughlan„ dies iſt unſer Reffe Heinrich, der wie ich gewiß weiß, die hoͤchſte Ehrfurcht fuͤr Sie und Sir Simſon hegt. Heinrich, ich kann dir verſichern, daß Lady Mac⸗ laughlan den groͤßten Antheil an dir und deiner Gattin nimmt. 4 „He?1“ fiel die geſtrenge Dame, ihn mit den Augen meßend, ein.“ Ihre Frau war al⸗ ſo thoͤricht genug ſich in Sie zu verlieben. Ich ſah nie eine Heirath aus Liebe gerathen.“ wuglas erroͤthete uͤber dieſe ſeltſame An⸗ vede, zwang ſich zu lächeln, unterwarf ſich je⸗ doch der Beſchauung„und ſetzte ſich zu ſeiner Gattin. „Jetzt, ihr Mädels, muß ich meine Toilette machen Welche von Euch will mein Kammer⸗ kaͤtzchen ſeyn?“ „O! wir gehen alle mit,“ riefen die drei Schweſtern, einſtimmig. Unſere liebe Nichte wird ſo gut ſeyn, uns zu entſchuldigen. Junge Lente bleiben am liebſten allein miteinander.“ „Beim Jupiter! Siehe da, Venus und die prei Grazien!“ rief Sir Simſon.“ Auch ich muß mich ein wenig adoniſiren. 3. — X. Die Eßſtunde mit Ungeduld erwartend, ſaßen die Herrn bereits längſt am Kaminfeuer des Geſellſchaftszimmers, als Lady Maclaughlan mit ihren drei Freundinnen eintrat. Der maͤnn⸗ liche Morgenanzug hatte ſich in einen mehr — 3 weiblichen verwandelt. Sie war in ein pompa⸗ dourfarbenes, atlaſſenes Regligee und Rock ge⸗ kleidet, letzterer mit Bruͤßler Kanten beſetzt. Ein hohes, ſtark geſteiftes Halstuch ſtellte ein voll⸗ kommenes Bollwerk dar, auf welchem, zwiſchen einem Strauß kuͤnſtlicher Roſen, Sir Simſons Bild, in kriegeriſcher Tracht gemalt, ruhte. Auf einem aufgethurmten, friſirten Tonppee, an deſſen Seiten dicke Locken herunterhingen, ſaß eine ganz kleine, kaum ſichtbare Spitzenhaube. Der Muff und Stock waren gegen einen großen noͤthigenfalls zum Kaminſchirm tapglicher, Faͤcher vertauſcht, mit dem die Schöne hin und her wedelte. Ein brokatener Arbeisheutel hing vom Arme herab. „ „Ihre Dienerin, Major Donglas. Ich habe Sie ſo lange nicht geſehen daß Sie der⸗ weilen haͤtten Großvater werden koͤnnen,“ ſagte Lady Maclaughlan, als Antwort auf den kalt⸗ ſteifen Bückting des Majors. Geduckt ſchlichen jetzt die armen linkiſchen Fräuleins ins Zimmer.„Euch, Mädchens, will ich nur ſagen, daß Ihr nie Großmuͤtter werdet. Ihr kriegt keine Maͤnner, es muͤßte denn ſo ei⸗ ne Art von Waldteufel ſeyn und das wäre Euch, glaube ich, auch ganz recht. Da brauchtet ihr Euch nicht zu kaͤmmen und nicht zu waſchen, auch nicht die Schuhe anzubinden, da könutet Ihr faßelnackend gehn. He?!— Beſſer Ihr gingt 25 74 ganz ohne Kleider, als ſie ſo anzuziehen wie Ihr ihm ½ Die ungluͤckliche Becky wollte eben hinter der Rednerin wegſchleichen, wurde aber ergriſſen und der letzte Theil der Predigt beſonders auf ſie angewendet. Diesmal muß man jedoch der ſtrengen Da⸗ me die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß ihr Tadel auf guten Gruͤnden beruhte. Die ſämmtlichen jungen Fräulein Donglas hatten ſich nemlich, bis zur Eßenszeit, mit Wettlaufen und mit Reiten auf einem Klepper ſehr gut unter⸗ halten. Da ſie aber befurchteten, vom Vater ausgeſchmält zu werden, wenn ſie auf ſich warten ließen, ſo verkauſchten ſie nur in groͤßter Eile ihre dichten Morgenanzuge gegen duͤnne Mußlinklei⸗ der, die eine benachbarte Kieiderkünſtlerin, nach der nur vor ein paar Jahren herrſchende Mode, mit ſehr kurzen Taillen verfertiget hatte. Da aber Mutter Natur ſie mit vorzuglich langen Taillen beſchenkt hatte, und ihre Schnürleibchen, nach Vorſchrift der Tanten, noch länger gera⸗ then waren, ſo entſtand dadurch eine ſichtbare Breſche zwiſchen dem Leib ihres Kleides und den Baͤndern des Unterrocks. Die Haare waren aufgewickelt geweſen, aber nicht ausgekämmt worden. Dunkelfarbige Handſchuhe verbargen dunkelrothe Arme. „Ich vermuthe,“ fuhr die geſtrenge Lady fort, indem ſie ihr Schlachtopfer um und um „ 75 drehte;„ich vermuthe, die Mamſell duͤnkt ſich ſchön geputzt und ſehr nett. Man ſollte glau⸗ ben, Ben Johnſon hätte Sie zum Muſter ge⸗ habt, als er dichtete,“— Mit donneraͤhnlicher Stimme ſang ſie: „So moͤcht' ich immer dich erblicken! „Kein kunſtlich Netz ſoll dich unſtricken; „Dein fliegend Haar, dein wallend Kleid, „Gilt mehr als alle Herrlichkeit.“ Grishelde befand ſich in der peinlichſten Ver⸗ legenheit. Gerne haͤtte ſie die armen Maͤdchen entſchuldiget, und fuͤrchtete doch, einer andern Meinung zu ſeyn, als Lady Maclanghlan. Sie ſchlug deshalb, wie gewöhnlich, die Mittelſtraße ein und ſagte:„Gut Kinder, was Lady Mac⸗ laughlan ſagt iſt ſehr wahr und richtig und iſt nicht zu läͤugnen.— Aber liebe Lady„zu verwundern iſt's nicht, die armen Lämmchen ſind ſo gedankenlos!“ „Gedankenlos!“— erwiederte ſie, in einem Ton der Grisheldens weiches Herz durchbebte. —„Gedankenlos! Woran haben die Dinger zu denken, als ſich ordentlich zu ſchnuͤren und ihre Haare zu kraͤuſeln?“— Die armen Suͤn⸗ derinnen ſaßen ſaͤmmtlich, in eine Ecke geduckt, in den moͤglichſt linkiſchen Attiduten.—„Was Ihr anhabt hat nichts auf ſich, wenn's nur rein iſt und ordentlich ſitzt. Ihr wuͤrdet Euch beſ⸗ ſer in Eures Vaters Nachtmuͤze ausnehmen, als mit dieſen Eulenneſtern. „Was ſoll mr all das Gethue?„ſiel der alte Herr ärgerlich ein.„Die Mädels ſind ſchmuck genug. Ich kann nicks unrechts an u ſehn. Wie H'alten Koͤniginnen in d'r Bilder⸗ bibel oder ie d'Komediantinnen ſin ſ⸗ freilich nit angezogen.“— Ein Blick des alten Laird ſiel auf Lady Maclaughlan, der andere auf ſeine clegante Schwiegertochter, die eben, am Arm ihres Gatten und von Kupido begleitet, ins Zimmer trat. Miirs: Donglas folgte und die Eßglocke eudete den Zwiſt. n 2 Mit großer Zierlichkeit faßte der Laird La⸗ dy Maclaughlaus Fingerſpitzen, erhob ihren Arm und führte ſie ſo in den Speiſeſaal. „Erlauben Sie mir, Ladh Juliane Donglas,“ ſagte der kleine Baronet, hinkte ihr entgegen und ſuchte ihre Hand zu faſſen.—„Komm Heinrich, komm Lieber; Kupido hier! rief Ju⸗ liane, ohne Notiz von dem erboßten Sir Sim⸗ ſon zu nehmen, trillerte ein Liedchen und hing ſich an den Arm ihres Gatten. „Zum Erſtaunen! Ganz zum Erſtaunen! Wie kann eine junge Dame, von Lady Julianens Rang und Bildung, ſo ganz gegen alle Vor⸗ ſchriften der guten Lebensart handeln?“ rief der galante kleine Kriegsheld. u61 c i „Sie iſt noch ſehr jung,“ antwortete Mſtrs: Douglas laͤchelnd, waͤhrend Sir Simſon neben ihr her humpelte. Sie muͤſſen ihr verzeihen. Ihre Schoͤnheit wirb ſie bei einem Manne von Sir Simſons Geſchmack und Galanterie eutſchul⸗ digen.“ Der kleine Herr lächelte, druckte die Hand der Dame, die ihn ſo wohl that, und ſetzte ſich ganz beſaͤnftiget an Julianens Seite. Da letztere darauf beſtand, ihren Gatten auf der andern Seite zu haben, ſo war der Major gezwungen, ſich neben die ihm verhaßte Lady Maclaughlan zu ſetzen. „Kommen Sie doch zu mir, meine Beſte,“ rief die gebieteriſche Frau der Mftrs: Douglas zu, die ihr jetzt erſt ins Auge fiel, nahm ihr Geſicht in beide Hände und kußte ſie derb auf beide Backen„Da, das iſt fuͤr Sie. Sie liebe ich von ganzem Herzen. Sie ſind eine artige, kluge Frau.“ Nun wickelte Lady Maclaughlan ihre Hand⸗ ſchuhe ſorgfältig zuſammen, ſteckte ſie in die Ta⸗ ſche und zog ein Nadelkißen hervor, rief Miß Bella und gebot dieſer, ihr die Serviette uͤber die Schulter feſtzuſtecken. Die Suppe'wurde ſchweigend verzehrt. Der Friede war jedoch nur von kurzer Dauer Der alte Donald reichte geſchlagene Sahne um 78 . her und war ſo unglucklich, ein Schalchen auf Lady Maclaughlans Rock zu werfen, den einzi⸗ gen Theil ihrer Kleidung, den die Serviette nicht bedeckte. „Siehſt du, was du angeſtiftet haſt, du alter Donald, du!“ rief ſie, den Verbrecher am Aermel faßend.“ Ich glaube gar du haſt den St. Veitstanz. Du unterſtehſt dich, mit deinen Pfoten Sahne herumzureichen? Eben ſo gut könnte ich Eierkäſe auf einer Meſſerſpitze tragen.“ „Aber Donald, wie kann er ſo unvorſich⸗ tig ſeyn!“ rief Johanna. „Ich hielt ihn fur vernünftiger, quickte Ni⸗ coline. „Das ſah ihm gar nicht aͤhnlich, Donald,“ ſagte Grishelde.— Alle drei Freundinnen um⸗ ringten den befleckten Rock und jede gab ein an⸗ deres Mittel an. „Ihr Mädels ſeyd ſelbſt ſchuld an dem Ungluck. Warum habt ihr nicht ein groͤßeres Tiſchtuch? Der Schlag hat den alten Manne gelähmt. Warum elektriſirt ihr ihn nicht?“— Der Ton in welchem die Erzürnte dieſes rief, that beinahe die Wirkung eines elektriſchen Schlages. Das iſt alles wahr und richtig,“ erwie⸗ derte die gute Grishelde„das Tiſchtuch iſt ſehr 3 9 ſchmal, das iſt nicht zu laͤugnen, und daß Do⸗ nald zittert kann auch Niemand läugnen. Aber — ſetzte ſie leiſer hinzu,— er iſt ſo eigen⸗ ſinnig, daß gar nichts mit ihm anzufangen iſt. Meine Schweſtern und ich wollten ihn mit der Buͤrſte reiben, er will es aber abſolut nicht leiden.“ „Das iſt ein herrliches Mittel. Unſer Phi⸗ liſter muß meinem Gemahl jeden Morgen und jeden Abend abbuͤrſten. Geſchaͤhe dies nicht, und hoͤrte man ihn nicht huſten, ſo wuͤrde man nicht wiſſen ob er todt oder lebendig ſei. Ich glaube, er wußte es ſelbſt nicht. He Sir Simſons hellgelbe Phyſionomie ging ganz ins dunkelgelbe uͤber, als er dieſe häusli⸗ chen Geheimniſſe offenbaren hörte. Läugnen konnte er die Thatſache nicht, ſtellte ſich alſo lieber, als habe er es überhört, ſchmeichelte Ju⸗ liannens Kupido, den er auf den Schoos ge⸗ nommen hatte, und verſuchte mit deſſen Gebie⸗ terin zu kokettiren. Auf die Mahlzeit folgte das Geſundheits⸗ trinken. Jede Dame nannte einen Herrn als Toaſt, und man ſtand auf. Gäͤhnend warf Juliane ſich mit ihren Moͤps⸗ chen auf den Sopha, rief Mſtrs: Douglas und bat ſie ihr etwas vorzuplaudern.— Die Schwaͤ⸗ 80 gerin holte ihre Arbeit und ſetzte ſich neben das verzogene Kind. „Wos iſt denn das fur ein ſeltſames Ding, an dem ſie da arbeiten?“ fragte Juliane, als Mitrs: Douglas ihr Strickzeug in die Hand nahm. „Es iſt ein Kinderſtrumpf?“ „Ein Kinderſtrumpf! Haben Sie denn ei⸗ ne große Menge Kinder?“ „Leider gar keine.“ „Gar keine! Warum ſtricken Sie denn Kin⸗ derſtruͤmpfe?“ „Ich ſtricke ſie fur die, deren Eltern keine kaufen koͤnnen.“ „Ach,“— ſagte Juliane gähnend,—„das muͤſ⸗ ſen recht arme Leute ſeyn, die keine Struͤmpfe kau⸗ ſen können. Das iſt erſtaunend gütig von Ih⸗ nen, welche zu ſtricken. Das muß wohl entſetz⸗ lich muͤhſam ſeyn!“— Ein abermaliges gedehn⸗ tes Gaͤhnen foigte. „Fuͤr mich nicht halb ſo muͤhſam, als muͤſ⸗ ig zu ſitzen,“ erwiederte Mſirs: Douglas lä⸗ chelnd.„Auch nicht ſo viele Plage, als Sie von ihren Lieblingen haben.“ Juliane antwortete nicht, ſchlief aber ein oder ſtellte ſich wenigſtens ſo. Erſt beim Ein⸗ tritt der Herrn erwachte ſie.— Was beliebt, Nach 57 e'n Rubber oder e'n Reel?“ fragte der Haus⸗ herr ſeine Schwiegertochter. „Liebe Juliane, mein Vater fragt, ob du Kartenſpielen oder Tanzen willſt?“ „Es iſt ja niemand da, mit dem man tan⸗ zen koͤnnte. Ich will ſpielen.“ „Whiſt ſchwerlich,“ ſagte Heinrich. „Whiſt! Nein, gewiß nicht.“ „Na, na, d's junge Volk will lieber Com⸗ merz ſpeelen. Kommen Sie, Lady Maclaugh⸗ N lan, Grißel, komm her, und auch Sie, Mſtrs, Douglas. Vivat der Trick un d'Honneurs!“ „Was ſpielen Sie am liebſten? fragte Miß Johanna, die Karten und Markenkäſtchen in der Hand. „Was ſie wollen. Loo oder Quadrille oder— ich weiß ſelbſt nicht was; es iſt mir gleichviel.“ Da die jungen Fraͤuleins weder das eine, noch das andere Spiel verſtanden, ſo wurde nach vielem Hin⸗ und Herſtreiten, endlich beliebt, Rappuſe, zu ſechs Penge Einſatz zu ſpielen. Julianens Geduld ging, wie leicht zu er⸗ achten., mit dem erſten Spiel zu Ende. Sie war kein Sechspenge⸗Spiel gewohnt, wollte Sheſtand ar2d. F ſich auch nicht helehren laſſen, ſtand daher vom Spieltiſch auf und uberließ es den Tanten und Nichten, um den hohen Preiß zu tämpfen“ ————— XI. „Den letzten Rubber ſpielten Sie auch gar zu albern, liebes Kind!“ rief Lady Maclaugh⸗ lan Grishelden zu, als ſie vom Spieltiſch auf⸗ ſtanden. „In der That, ich glaube beinahe ſelbſt es war ſo.“ „Sie glauben es beinahe! Ich weiß es ganz gewiß— He?! Ich wußte daß Sie das Aß in der Hand hatten, ich wußte es ſo gut, als hätte ich es mit ſichtlichen Augen geſehen. Sie haben doch Augen im Kopfe,— faſt ſollte man es bezweifeln. Wenn Sie welche haben, ſo mußten Sie doch ſehen, daß ihr Bruder den König umgeſchlagen hatte, und dennoch ſpielten ſie ſeine Invite nach. Des Gegners Invite nachzuſpielen, wenn man den Koͤnig geſehen hat! Schon ſeit zwanzig Jahren predige ich Ihnen, die Invite des Gegners nie nachzuſpielen. Aer⸗ geres kann es nichts geben! Eine groͤßere Alberheit gieb'ts in der Welt nicht! He?!“— . F 83* Nach dieſer hoͤflichen Standrede ſetzte ſich die erzuͤrnte Dame und rauſchte heftig mit dem un⸗ geheilern Fächer.—„Hört ihr, Mädels fuhr ſie fort.„Dies war der unangenehmſte Tag den ich je in euerem Hauſe zubrachte. Ich weiß nicht, was Euch ſammt und ſonders be⸗ fallen hat, aber Ihr habt alle unrecht. Mein Rock iſt verdorben, mein Beutel durchs alberne Spiel gefegt. Das will ſich nicht ſchicken„Ihr Mädels— das will ſich nicht ſchicken. He?!“ „Ich kann's ſelbſt nicht zuſammenreimen,“ antwortete Grishelde wehmuͤthig.„Es ſcheint in der That eine beſondere Fatalität obgewaltet zu haben.“ „Fatalität!— He?! Ich wunſchte Sie nennten jedes Ding beim rechten Namen. Was meinen Sie denn eigentlich mit Ihrer Fatali⸗ tät?“ weiß wirklich ſelbſt nicht,“ ſtotterte die ungluͤck⸗ liche Grishelde. „Glauben Sie, daß ein Engel meinen Rock begoß?“ „Nein, wahrlich nicht.“ „Oder daß der Teufel es Ihnen eingab, Ihr Aß wegzuſchleudern? Vielleicht liegt auch eine Fatalität darinnen, daß wir jetzt zur Abendmahl⸗ 4 zeit gehen. Sie werden es wohl auch eine Fa⸗ talität heißen, wenn mich die alte Fatalitaͤt da mit der Suppe, die ſie eben auftraͤgt, zu Tode verbrüͤht. He?!“ Zum Gluck fiel keine ſolche Fatalitat vor, und der Abend verſtrich in ſo großer Einigkeit, als bei einer ſo verſchiedenartig geſinnter Geſellſchaft zu erwarten ſtand. Am folgenden Tage war die Familie, Ju⸗ liannen ausgenommen, die ihr Fruͤhſtuͤck im Bet⸗ te genießen wollte, bereits zu dieſem Mahl ver⸗ ſammelt. Lady Maclaughlan ließ ſich aber, gegen ihre Gewohnheit, erwarten. „Die Kuchen werden wie Leder,“ ſagte Grishelde und ſchlug noch eine Serviette herum. „Die Eier werden zu Steinen„ rief Jo⸗ hanna und warf ſie in den Spuͤlnapf. „Der Thee wird wie Brantwein,“ bemerkte Nicoline und goß noch mehr Waſſer auf die drei Theeloffel voll, die ſie in den Topf gethan hatte. „Ich wollt', wr hätten endlich e'nmal un⸗ ſer Fruͤhſtuͤck, ſagte der alte Herr, der eben die Zeitungen beendiget hatte und ſeine Brille ein⸗ ſteckte. „Es iſt hart, daß wir den ganzen 2a hungern ſollen, um ſo eine“— verſetzte der „ 85 Major, nahm ſi ſch ein Stuͤck kaltes Fleiſch und verſchlang es. Im nemlichen Augenblick öffnete ſich die Thuͤre und die erſehnte Perſon trat in Reiſe⸗ kleidern ein. Der kleine Gemahl folgte. Phi⸗ liſter, der einen großen gruͤnen Sack und eine Haubenſchachtel trug, beſchloß den Zug. Geſchaftig umringten die drei Schweſtern ihre Freundin.—„Ich hoffe, Ihr Bette war warm und bequem?— Ich hoffe, Sie haben gut geſchlafen?“— erſcholl wie mit hun⸗ dert Zungen. „Ich ſchlief ſehr ſchlecht. Mein Bette war ſchlecht gemacht und Simſon Hundekrank Hes! „Drei traurige, Gott behuͤte und bewah⸗ re!“ erklangen. „Vielleicht war ihr Bette zu hart?“ frag⸗ te Grishelde.—„Oder zu weich?“ Johanna. —„Oder zu heiß? Nicoline. „Es war weder zu hart, noch zu weich, noch zu heiß, noch zu kalt, aber es war alles dieſes zuſammen,“ antwortete die geſtrenge Da⸗ me mit donnerähnlicher Stimme und ſetzte ſi ich zum Fruͤhſtuͤck. „Das iſt uͤber alle Maßen betruͤbt: ſagte Nicoline kummervoll.“ Lagen die Kißen uh genng„liebe Lady Maclaughlan? 36 „Vielleicht lagen ſie zu hoch,“ rief Jo⸗ hanna. „Ich kenne nichts unangenehmeres, als einen hohen Kopf,“ bemerkte Nicoline.§ „Ausgenommen einen Dummkopf, He?!“ D bekannte erbſengruͤne Wagen rumpelte vor das Schloßthor. „Ei du lieber Gott!— Ei du meine Gü⸗ te!— Ei du gerechter Himmel!“ kreiſchten die drei Schweſtern auf einmal.„Gewiß La⸗ dy Maclaughlan, Sie wollen doch nicht,— Sie können nicht,— Sie werden doch nicht,— das muß ein Irrthum ſeyn.“ „Es iſt kein Irrthum,“ erwiederte die Freundin, kaltblütig wie immer.„Ich will zu Hauſe und ſo beſtellte ich den Wagen. Das iſt's— He?! „Nach Hauſe!“ murmelten die troſtloſen Jungfrauen. „Was? Ich glaube gar, Ihr wollt, daß ich hier bleiben ſoll, um mir noch ein Kleid verderben zu laſſen, oder noch eine halbe Krone im Spiel zu verlieren, oder den armen Sir Simſon ganz todt zu machen. He?!“ Aus dem Munde der drei Freundinnen er⸗ Nang ein vorwurfvolles,“ O! Lady Maclaugh⸗ lan!“ 37 „Ich weiß nicht, wozu ich ſonſt hier bleiben ſollte? Maͤdels, Ihr gleicht Euch gar nicht mehr. Ihr hab't Alles unterſt zu oberſt gekehrt. Seit zwanzig Jahren komme ich hieher zum Beſuch und ſah nie ſo eine Confuſion. He?!“ „Leider ſind wir jetzt confus,“ ſeufzte Grishelde.„Es iſt nicht zu läugnen.“ „Nicht zu laͤugnen! Koͤnnen Sie es laug⸗ nen, daß mein Kleid verdorben wurde? Koͤn⸗ nen Sie läugnen, daß ich um nichts und wie⸗ der nichts um eine halbe Krone ärmer wurde? Koͤnnen Sie es läugnen, daß mein armer Sim⸗ ſon beinahe vergiftet wurde? und konnen Sie“— „Lady Maclaughlan!“ unterbrach ſie ihr erboßter Gatte.„Ich— ich— ich bin er⸗ ſtaunt, ich bin entſetzt! Gott's Blitz das leide ich nicht! Das kann ich nicht dulden! Seine Taße von ſich ſtoßend ſtand er auf und hinkte ans Fenſter.— Philiſter trat herein und mel⸗ dete, Alles ſei parat.—„Ach, Scheiden und Meiden bringt Leiden,“ ſang die Gebieterin.— Und nun, da ich weg will, ſo ſchwaͤzt mir nicht weiter, ihr Mädels.— Ihr kennt meine Art und Weiſe.— Hier Philiſter, wickle mir den Sir Simſon tuͤchtig ein und bringe ihn in den Wagen— Geh' mir voraus, mein Lieber.— * 1 88 Gott befohlen ihr Mädels, hoffentlich ſehe ich Euch ſämmtlich geſcheuter wieber. Hes!“ „O, Lady Maclaughlan!“ jammerte die weinende Grishelde beim Abſchiedskuß. Die wirklich etwas erweichte Freundin rief aus dem Schlag:„Gott behuͤte Euch, ihr Madels und ſcheuke Euch die geſunde Vernunft wieder. Kommt bald nach Schloß Lochmarlie, und vergeßt euern Verſtandskaſten nicht.“. Die Kutſche rollte hinweg, und die troſtlo⸗ ſen Schweſtern gingen ins Zimmer zuruͤck, um geheimen Rath uͤber die Urſachen der letzten Un⸗ glucksfaͤlle zu halten. ———— XII. Zeit und Gewohnheit haͤtten Julianen den Auffenthalt in Glenfern erträglicher machen ſollen. Da es ihr aber aus Stolz und Unwiſſenheit an allen Huͤlfsquellen gegen die Langeweile, die⸗ ſe Geißel der Muͤßigen mangelte, ſo fand ſie ſich mit jedem Tage ungluͤcklicher. Mit Verach⸗ tung blickte ſie auf die Zeitvertreibe, welche ih⸗„ re Verwandten ihr vorſchlugen. Mſtrs: Dou⸗ glas erbot ſich, ihr Schach zu lehren, und den 89 Shakeſpeare mit ihr zu leſen. Die guten Tan⸗ ten ſchlugen ihr vor, Fordyces geiſtliche Reden zu ſtudiren und Kinderjäckchen zu naͤhen.— Eins war ihr ſo widrig als das anbere. Die ungluckliche Juliane verlebte mithin ihre Stunden niedergeſchlagen, ärgerlich und uͤbel gelaunt, während ihr Gatte ſie bald mit der Zaͤrtlichkeit, die er nicht mehr fuͤr ſie fuͤhlte, bald mit Hoffnungen, die er ſelbſt fuͤr unge⸗ gruͤndet hielt, zu beruhigen ſuchte. Nur von ſeinem Vater konnte Heinrich Huͤlfe erwarten, und dieſer wollte ſie nicht nach ſeinen Wuͤnſchen leiſten Der alte Herr erklaͤrte nemlich, ein fuͤr allemal, es ſei ihm unmoͤglich ſeinen Sohn mit baarem Gelde zu unterſtützen; er wolle ihm aber, — und das ſei alles was in ſeinen Kraͤften ſtche,— vierteljahrig fuͤnf und zwanzig Gui⸗ neen ausſetzen;— eine Summe, mit der das junge Paar die Ruͤckreiſe nach London nicht ein⸗ mal machen konnte. So war die Lage der Dinge, als eines Tages der Laird, mit wichtiger Miene in den Speiſeſaal trat, und ſeinen Sohn folgendermaſ⸗ ſen anredete:„Nun, Heinrich, d'biſt een Glucks⸗ kind und's i's e'n ſchofler Wind der ni't Je⸗ mand was Gut's zublaͤßt. Da is d'm armen Macglashan der Odem ausgeblieben, wie's Röhrwaſſer.“ 90 Macglaſhan tödt!“ rief Tante Grishelde. „Bruder das iſt unmöglich! Nur noch geſtern ſchickte ich ihm einen großen Blaſenzug auf den Ruͤcken zu legen.“ „Und ich,“ ſagte Johanna,„hielt ihm noch geſtern Abend eine zwei Stunden lange Vorle⸗ ſung, uͤber die Unſchicklichkeit, ſeine Tochter des Sonntags in weißen Kleidern zur Kirche gehen zu laſſen.“ „Meiner Seel, das war genug, irgend „nem Mann den Reſt z geben,“ murmelte der Laird. „Wie mir dieſer Todesfall Vortheil brin⸗ gen könnte, geht uͤber meine Begriffe,“ ſagte Heinrich etwas veraͤchtlich. X „Siehſt' d', nach unſerm Contrakt wird's Pachtgut erledigt.“ „Und ich ſoll wohl gar der Nachfolger werden?“ „Ei freilich!— Meiner Seel' da kriegſt en warmes Neſt. D's Gut hat dreitauſend fuͤnfundſiebzig Morgen Schaft- ft, die ſo gut is als e'ne weit und breit. Ich thu' d'r Vorſchuß zum Viehſtand und z'allem. Was hälſt' d'r von? He?“— Vergnugt rieb der Alte ſich die Hände und klopfte ſeinen Sohn auf die Schulter 7 —— 91 „Wie vom Blitz getroffen, ſtand der arme Heinrich ſprachlos da. Dieſen Plan ſchien ihm tauſend al ärger als alle Uebel, welche ihm ſeine Einbildungskraft jemals vorgeſpiegelt hatte. —„Praͤchtig! Herrlich! Wunderſchoͤn!“ er⸗ ſcholl es von den Tanten, die ihn, gluͤckwun⸗ ſchend und des Vaters Großmuth preiſend, um⸗ ringten. „Was wird nun unſer liebes Nichtchen da⸗ zu ſagen, das ſoll mich nur wundern?“ ſagte die hoͤchſt unſchuldige Grishelde.„Ich moͤchte wohl ihr Geſichtchen ſehen, wenn ſie es hoört.“ — Grishelde ſelbſt wurde roth und blaß vor Vergnuͤgen. „Ich hege nicht den mindeſten Zweifel, daß ihre geſunde Vernunft ihr das Glaͤck ihres Loo⸗ ſes nicht ſollte einſehen laſſen,“ bemerkte die verſtaͤndigere Johanna. „Das heiß' ich Gluͤck, ſogleich ein warmes, trockenes Neſt zu finden!“ rief die ſentenzenreiche Nicoline. Im nemlichen Augenblick erſchien die erſehn⸗ te Dame. Vergeblich beſtrebte ſich Douglas, ſeinen Vater und ſeine Tanten zum Schweigen zu bringen. Die letzteren platzten beinahe vor Ungeduld, ihre Gluͤckwuͤnſche anbringen zu kön⸗ nen, während der erſtere ſich ſeiner ſchoͤnen Schwiegertochter naͤherte und ſie als„Herrin von Clackendow“ begruͤßte.— Nun brach der Laͤrmen erſt recht los. Erſtaunt ließ Ju⸗ liane ſich von dem ganzen Schwarm von Tan⸗ ten und Nichten küßen, herzen und druͤcken. Die Wäͤnde wiederhallten von Freudengeſchrei; die Moͤpſe und das Papchen machten Chorus. „Der alte Herr hielt ſich die Ohren zu und lief aus dem Zimmer. Sein Sohn verwuͤnſchte die Tanten und die ganze Welt, gab dem Kupi⸗ do einen Fußtritt, dem Papchen einen Klaps, und lief gleichfalls, halb wuͤthend, hinaus. Endlich legte ſich der Sturm. Das Ge⸗ kreiſche des Papageis verwandelte ſich in heiſeres Kraͤchzen, das Geheule des beleidigten Mopſes in leiſes Wimmern. Die uͤberlaute Freude der Tauten wurde, durch die Furcht von den Fol⸗ gen einer allzuplötzlichen Entdeckung des großen Gluͤcks, gemäßiget, und während Juliane ihre armen Lieblinge beklagte, berathſchlagten ſich die Schweſtern üͤber die beſte Art, ihrer Nichte die frohe Kunde mitzutheilen. Zu dieſem Endzweck nahmen Grishelde und Johanna, Julianen in ihre Mitte, räuſperten ſich einigemal zu gehoͤri⸗ ger Vorbereitung, und Miß Grishelde began alſo? „In der That,— ich meine,— ich muß ſagen,— Sie muͤſſen uns ſaͤmmtlich fuͤr unklug halten, liebe Frau Nichte.“ . — * . Die Hörerin wiederſprach nicht. * „Wir hätten freilich vorſichtiger ſeyn und Ihre delicate Lage in Erwaͤgung ziehen ſollen. Aber die Frende,— was thut die nicht? Und doch ſcheint es, ſo zu ſagen.— Ich bin gewiß, Sie werden mit uns ſympathiſiren, liebe Nichte, wenn Sie vernehmen, daß der unerwartete Tod unſeres armen Nachbars Macglaſhan uns ſo vergnuͤgt macht. In der That iſt es mir un⸗ begreiflich wie er dazu kam, denn Lady Maclaugh⸗ lan die große Einſichten in dergleichen Dinge hat, hielt ihn immer, ſo lange er lebte, fuͤr einen geſunden und kraͤftigen Mann. Die Wahrheit zu ſagen, ſo fehlte ihm auch nie Etwas„außer dann und wahn ein Schnupfen, dem wir Alle unterworfen ſind, wie Sie wiſſen; ſonſt hörte ich ihn nie uͤber Etwas klagen. Zu gleicher Zeit—“ „Ich glaube nicht, liebe Schweſter daß du den rechten Weg einſchlägſt, unſere Nichte die frohe Maͤhre mitzutheilen,“ unterbrach Johanna. Außer der Ausſicht, dieſen Ort bald ver⸗ laßen zu dürfen, können Sie mir nichts Er⸗ freuliches mittheilen.“ Mit feuerrothem Geſichte und mit ausge⸗ ſpreitzten Haͤnden, rief Miß Johanna:„Wahr⸗ lich! wenn es denn der Frau Nichte ſo viel Vergnuͤgen macht, das gaſtfreie Haus ihres ehr⸗ wuͤrdigen Schwiegervaters und die Geburtsſtätte ihres lieben Mannes zu verlaſſen, ſo haben Sie nunmehr die Freiheit, es nach Belieben zu thun. Die Freigebigkeit, ja ich darf wohl ſagen die Großmuth meines vortrefflichen Bruders, ſtellt es in Ihre Gewalt zu handeln, wie Sie wollen, und Ihre eigene Plane zu machen und zu be⸗ folgen.“ Aufſpringend rief Juliane: O, herrich, praͤchtig! Nun erſt werde ich ganz glucklich ſeyn. Wo iſt Heinrich?— Weis er's2— Beſtellt er vielleicht Pferde?— Koͤnnen wir noch heute abreiſen?“— Alsbald wollte Sie aus dem Zimmer rennen, ſah ſich aber von den beiden Tanten zuruͤckgehalten. „Halten Sie mich nicht auf! Bitte, bitte! Ich muß meinen lieben Heinrich aufſuchen und habe noch Alles einzupacken. * Juliane war eben im Begriff, ſich von den Schweſtern loszureißen, als ihr Gatte eintrat. Zwiſchen Furcht und Reugierde getheilt, welche Wirkungen die Kundmachung wohl hervorge⸗ bracht haͤtte, war Heinrich nach Hauſe geeilt. — Mit dem großten Erſtaunen betrachtete er ſein Weibchen, deſſen Augen vor Freude glaͤnz⸗ ten, und deſſen ganzes Geſicht das hoͤchſte Ver⸗ gnuͤgen verkundete. Juliane, die ſich endlich von 5 ihren Banden befreite, lief mit den ausſchwei⸗ fendſten Ausbruͤchen des Entzuckens auf ihn los. Verwundert blickte Heinrich ſie und die Tanten der Reihe nach an,„liebſte Juliane, was ſoll alles dieſes bedeuten?“ „O, du liſtige Creatur! Du denkſt alſo, ich wiße es nicht, daß dein Vater dir einen großen, großen Haufen Geld gegeben hat, und daß wir abreiſen köunen, wenn es uns beliebt, und thun, was wir wollen, und in dem prächtigen Lon⸗ don leben können, und— und— O, herrlich, himmliſch!“— Die Getauſchte ſprang vor den verſteinerten alten Jungfrauen hin und her. „Ums hinelswilen was ſoll das bedeu⸗ ten?“ fragte Heinrich nunmehr die Tanten, die Loths Salzſaͤule glichen. Endlich gewann Jo⸗ hanna einige Faßung, wendete ſich zu Julianen, die fortfuhr, ihr Entzuͤcken durch kindiſche Mimick auszudruͤcken, und ſagte mit vieler Gravitaͤt: „Erlauben Sie mir, Frau Nichte, Ihnen einige Fragen, in Gegenwart der Zeugen deſ⸗ ſen was vorgegangen iſt, vorzutragen.“ „Fragen kann ich nicht leiden, uͤberdies habe ich keine Zeit ſie zu beantworten.“ „Sie werden mir verzeihen, meine hochge⸗ ehrteſte Frau Nichte; aber ich kann es unmoͤg⸗ — 5 96 lich dulden, daß Sie dieſes Zimmer in einem ſo großen Irrthum verlaſſen. Haben Sie die Guͤte, mir erſtlich die folgenden Fragen zu be⸗ antworten, dann ſoll es Ihnen frei ſtehen, ſich hinweg zn begeben. Sagte ich Ihnen, mein Bruder habe meinem Neffen eine große Summe Geldes gegeben?“ „O, Ja— eine große Summe,— wie viel weiß ich nicht,— obgleich—“ „Sagte ich das wirklich?“ „Enden Sie doch einmal das verwuͤnſchte Geplapper!“ rief der laͤngſt ungeduldige Hein⸗ rich.„Bilden Sie ſich ein, Juliane ſolle den ganzen Tag hier ſtehen, um die albernen Fra⸗ gen drei alter Weiber zu beantworten? Ihr ewiges Geplauder und ihre lang gewundenen Reden, ohne Ziel und Zweck, betaͤuben und ver⸗ wirren die arme Frau.“— In der hoͤchſten Wuth ſchritt Heinrich das Zimmer auf und nie⸗ der. Jpliane unterließ ihr Tanzen und ſtand ſprachlos vor Erſtaunen. „Ich ſage,— ich weiß nicht— es iſt zum Erbarmen daß hier ein Mißverſtaͤndniß obwal⸗ tet,“ wimmerte die gute Grishelde. „Das einzige Mittel iſt, ſich gegenſeitig auf⸗ zukläreu; beſſer jetzt als nie.“ Sagte Miß Ni⸗ coline. 5 „Ich bin bereit,“ ſagte Johanna, ſich mit vieler Wuͤrde niederlaßend. „Das Kurze und Lange von der Geſchichte beſteht darinnen,“ fuhr Nicoline fort.„Mein Bruder hat ſeinem Sohne kein Geſchenk an baa⸗ rem Gelde gemacht; dazu iſt es zu ſelten. Aber er hat weit beſſer fuͤr die jungen Leute geſorgt, — er hat ihm das ſchöne Pachtgut des armen Machglaſhan uͤberlaſſen.“ Troſtlos rief Juliane;„Kein Geld!“— Eine neue Idee fuhr ihr aber ins Koͤpfchen —„Es wuͤrde freilich beſſer geweſen ſeyn, gleich baares Geld in die Haͤnde zu bekommen. Aber man kann ja das Gut verkaufen.— Wie lange wird das dauern?— Eine Woche vielleicht?“ „Clackendow verkaufen! Clackendow ver⸗ kaufen! Oh! Oh! Oh!“ ſchrieen die ent⸗ ſetzten Toͤchter des Hauſes Donglas im Chor. Was ſollten wir anders damit anfan⸗ gen?“ „Dort leben, verſteht ſich,“ kreiſchte das Trio. „Dort leben!“ rief Juliane mit einem Schrei der dem vereinten der drei Schweſtern nichts nachgab.—„Dort leben! Auf einem Pachtgut leben! Meine Tage in dieſer Wildniß zubrin⸗ gen! Der bloße Gedanke vernichtet mich ſchon“ eheſtand 1 Bd. G* 98 „Es iſt üͤberflußig etwas mehr, uͤber die ganze Geſchichte zu reden,“ unterbrach der et⸗ was kuͤhler gewordene Heinrich ſeine Gattin. „Und ſo iſt wirklich Alles voruͤber! Und du häſt kein Geld bekommen?— Und wir muͤſ⸗ ſen hier bleiben? Ach Gott!“ Juliane brach in eine Thraͤnenfluth aus, die ſich mit hyſteriſchen Kraͤmpfen endete. Beim Anblick dieſer Leiden vergaßen die gutmuͤthigen alten Jungfrauen alsbald ihren Zorn und eilten zu Huͤlfe. Die eine hielt der Patientin verbrannte Federn unter die Naſe, die andere faßte ihre Haͤnde und die dritte uͤberſchwemmte ſie mit Lady Mac⸗ laughlans hyſteriſchem Waſſer.— Endlich ließ der Paroriſmus nach. Juliane wurde zu Bette gebracht und weinte ſich in einen fieberiſchen Schlummer, in welchem Heinrich ſie verließ, um den Ruf ſeines Vaters zu folgen. ——— XIII. Der Lärm im Hauſe hatte den alten Herrn in keine gute Laune verſetzt, die Urſache war ihm jedoch unbekannt geblieben. „Was zum Guckguck,“ redete er ſeinen Sohn an,„was war denn das vor e'n Gelaͤrme und „ 99 vor e'n Geguickſe, was ich eben hoͤrte? Meiner Seel' das Geklappere iſt nit zum Ausſtehn! Deiner Frau ihre Aeſer treiben einem noch aus'm Haus. Wann ſ' e'ne Pachtersfrau wird, ſo kann ſ'e ſte nur dem Schinner geben. Da kann ſre ſich Boͤcke und Schafe anſchaffen, die Läm⸗ mer kriegen, wenn ſe doch mal vierfuͤßige Lieb⸗ chen haben will. Ich meene aberſt e'n Kind uf'm Arm ſtuͤn'dr beſſer, als die verdammten Koder und Papageienvoͤgel.“ Heinrich erroͤthete, kniff die Lippen zuſam⸗ men und ließ die zierliche Anrede ſeines Vaters unbeantwortet.— Der alte Herr fuhr fort: „Ich ſchickte nach d'r, mein Sohn, um e'n bißel mit d'r uͤber Macglaſhans Pacht z'plaudern. Setz' dich hieher, ich will d'r den Riß weiſen.“ Stillſchweigend und kaum ſich ſeiner ſelbſt bewußt, ſtarrte der arme Heinrich den Riß an, auf welchem ſein Vater alle ſeine zukuͤnftigen Beſitzungen andentete. Bei ſich ſelbſt erwaͤgend, wie er das Anerbieten am ſchicklichſten ablehnen könne, ohne ſich mit dem alten Herrn zu entzweien, hoͤrte er alle Plane und Vorſchlaͤge deſſelben, Daͤmme zu bauen, Suͤmpfe auszutrocknen, u. ſ. w. geduldig an; und fand alles ſchoͤn und gut, ohne ein Wort von dem Geſagten zu verſtehen. Den Grundriß der Ländereien zuſammenrol⸗ lend, und den Plan der Gebaͤude vorzeigend, 6 2 100 fuhr der Laird fort:„Da iſt's Haus und bie Staͤlle. Meiner Seel', da wohnſt d' gut, d's Haus is beinah' neu, e's is noch nicht e'nmal angepinſelt.— Da is e'n Kuͤhſtall aus'm F. F. — Da koͤnnt' e'n Graf inne ſchlafen.“ Eine Pauſe folgte.— Geſchaͤftig muſterte der Laird ſein Riße, nahm die Brille ab und ſagte:„Na, junger Herr, haſt d' gehoͤrt', was d'wiſſen ſollteſt? Rath' e'mal, was's Gut d's Jahr uͤber einbringt.“ „Ich— ich— wahrlich ich,— ich kanns nicht ſagen. „Na, rath e'nmal.“ „In der That,— ich— ich kann es nicht errathen,— ich habe nicht den mindeſten Begriff von der Sache.“ Aergerlich rief der alte Herr:„Irgend was mußt d' doch ſagen, daß ich ſehn kann, ob d' Gruͤtze im Kopſ haſt oder nit.“ „Nun ich ſollte glauben,— ich bilde mir ein,— ich vermuthe, uͤber ſieben bis achthundert Pfund jährlich wird es ſchwerlich einbringen.“ „Sieben bis achthundert Teufel ſchrie der er⸗ boßte Laird, ſprang auf und ſtieß ſeine Papiere von ſich.„Meiner Seel' ich glaub d' biſt mit e'nem „ TOT vernagelten Hirnkaſten uf d' Welt gekommen! Sieben bis achthundert Pfund!“ wiederholte er wenigſtens ein dutzendmal und lief mit großen Schritten auf und ab.— Der arme Heinrich las die Papiere vom Boden auf. „Ich will d'r was ſagen, junger Herr. Du wirſt nie e'n Gut bewirthſchaften lernen. Du weißt ſo wenig als die Kuh dorten und haſt nit mehr Gruͤtze als ihr Kalb. Mit guter Wirthſchaft kann Clackendow, ſo untrennt„zwei⸗ hundert Pfund, auch was drruͤber d's Jahr ein⸗ tragen. So, wie du's verſtehſt, wird's nit e'nmal halb ſo viel abwerfen. Nimm's oder laß's bleiben.— Aberſt hoͤr' mich, junger Herr, das is alles, was ich d'r geben kann, ſo lang ich lebe, und ſo ſeh' zu, was d' raus kriegſt.“ Reue, Scham und Unwillen regten ſich in der Bruſt des armen Heinrichs, bei dieſer Er⸗ klärung ſeines Vaters. Aber die Furcht vor dieſem und das Gefuͤhl ſeiner gänzlichen Abhän⸗ gigkeit feſſelten ſeine Zunge, waͤhrend die bitteren Empfindungen, die in ihm tobten, deutlich auf ſei⸗ nem Geſichte zu leſen waren. Der wohlmeinen⸗ de Vater gewahrte Heinrichs Unruhe, errieth aber die wahre Urſache nicht, ſondern ſetzte ſie auf Rech⸗ nung der Scham des Sohnes uͤber ſeine Al⸗ bernheit. Beſaͤnftiget ſagte er deshalb:„Schon gut, ſchon gut, nicks mehr d'rvon.— Clacken⸗ dow is dein, ſo bald ich dich einweiſen kann. 10½ Bis dahin bleibſt d' hier und gern geſeh'n d'rzu.“ „Ich— ich bin Ihnen ſehr verbunden fuͤr das gutige Anerbieten, lieber Vater. Aber— aber— ich bin, wie Sie ſelbſt bemerkten, ſo ganz unbekannt mit der Landwirthſchaft, daß ich — daß ich— kurz, ich befurchte daß ich ſchlech⸗ te Geſchäfte machen wuͤrde.“ „Ke'ne Frage, ke'ne Frage, wann du d'r ſelbſt helfen müßteſt. Aberſt d'wirſt ſchon mehr Vernunft kriegen, und dann will ich d'r e'n tuch⸗ tigen Sackbauer ſchaffen, und biſt d' fleißig, und dein Weib e'ne gute Wirthin, ſo ſoll's ſchon gehn“ „Aber, lieber Vater, Juliane war nie ge⸗ woͤhnt—“ „Laß ſobei den Tanten in d' Schule gehn; da kannſ⸗was lernen.“ „Aber ihre Bildung, lieber Vater, paßt ſe wenig zu dem, was die Landwirthſchaft erfor⸗ dert“— Heinrich erſtickte beinahe vor Aerger äber die Zumuthung, daß ſeine ſchoͤne, hochge⸗ borne Gemahlin ſich zu den kleinlichen Pflichten einer Landwirthſchaft herablaſſen ſollte. „Bildung! Was hat ſe denn vor e'ne Bil⸗ dung g'habt, daß ſoanners ſeyn ſollt“ als au⸗ 103 nere Weiber? Wann e'ne Frau ihre Kinner ſtillen und Kinnerkleider machen und nach dem Haushalt gucken kann, was hatſ' dann noch z'thun? Kannſ⸗ noch d'rzu e'n bißel'uf dem Spinet klimpern und e'n Reel tanzen und e'n Rubber Whiſt ſpeelen, ſo kann ſ' uͤber und uͤber genug, und das iſt bald gelernt. Bildung! Papperlapapp!— Ich wette, deine Juliane wird's bald der gebild'ſten Frau im Land nach⸗ thun. „Aber das Landleben mißfaͤllt ihr, und— „S wird's bald gern kriegen. Wart' nur noch e'n bißel, bis ſ' e'n Haͤufchen Kinner hat und e'n eigen Haus, und 11 wette ſ'wird con⸗ tent ſeyn.“ „Aber das Clima ſagt ihr nicht zu.“— Die einfachen Reden des Vaters brachten den zärtlichen Gatten aufs aͤußerſte. „Wart' nur, bis ſ'nach Slackendow koͤmmt! Im Fgarzen Schottland gibt's ke'ne ſchoͤnere, luftige Lage. D' Luft is e'n bißel ſcharf, das is wahr, aberſt ſtaͤrkend, und hinter'm Haus haſt d'e'n tuchtigen Torfſtich, da könnt* Euch waͤrmen.“ Da der arme Heinrich ſah, daß alle ſeine Einwuͤrſe gegen das Landleben fruchtlos abglit⸗ 104 ten, ſo ſah er ſich enblich gezwungen, den al⸗ ten Herrn gerade heraus zu ſagen, daß deſſen Vorſchlag nicht mit ſeinen Neigungen uͤbereinſtim⸗ me, und ſich noch weniger zu Julianens hoher Abkunft, Schoͤnheit und Bildung paße. Keine Feder vermag den Zorn des alten Caledoniers zu ſchildern, als die ungeſchmink⸗ te Wahrheit klar vor ſeinen Augen ſtand. Der Gedanke machte ihn wäthend, daß der Sohn die Beſchäftigung des Vaters verſchmaͤhe und ſogar die Schaffütterung und Rindviehzucht verachte, und daß deſſen vornehme Gemah⸗ lin ſich uͤber die Pflichten erhaben duͤnke, zu deren Erfullung, ſeiner Meinung nach, das Weib einzig und allein geſchaffen ſei. Ganz außer ſich vor Wuth, ſtampfte er mit den Fuͤſ⸗ ſen, fluchte, ſchrie laut auf, ſprang im Zim⸗ mer umher, kurz geberdete ſich, wie es wunder⸗ liche alte Leute zu thun pflegen, wenn ſie die erſte Entdeckung von dem Ungehorſam eines Kin⸗ des machen. Bei aller Gutmuͤthigkeit, war dem Tempe⸗ rament des Sohnes doch ein Theil von dem auf⸗ brauſenden Weſen des Vaters beigemiſcht, und da der alte Herr gar zu arge Schimpfreden ausſtieß, ſo antwortete der junge endlich in ei⸗ nem weniger ehrerbietigen Ton, als es ſeiner Kindespflicht gemaͤß war. Beide ſchieden im hochſen Unwillen von einander, und m als jemals begab Heinrich ſich zu ſeiner Gattin. Julianens kindiſche und ermuͤdende Klagen, wür⸗ digte der geplagte Ehemann keiner Antwort, ſchritt muͤrriſch im Zimmer auf und ab, und rannte endlich, ihrer unaufhoͤrlichen egoiſtiſchen Vorwürfe uberdruͤßig, ans dem Zimmer und ſelbſt aus dem Hauſe. ———— XIV. Zweimal hatte der alte Donald bepeits die Eßglocke geläutet. Die Familie war verſammelt; nur das elegante Paͤrchen ließ ſich nicht blicken. Des Wartens muͤde eilte Miß Johanna, ſich nach der Urſache des Ausbleibens zu erkundigen, kam aber ſogleich mit der Nachricht zurück, Ju⸗ liane liege, von einem heftigen Fieber ergriffen. zu Bette und Heinrich ſei nirgends zu finden. Alle acht Frauenzimmer ſtuͤrmten die Stiege hin⸗ auf und verließen den, uͤber die Verzogerung unwilligen, alten Herrn.. Mit langen Geſichtern und in groͤßter Be⸗ ſtuͤrzung kamen ſie nach einiger Zeit wieder her⸗ ab. Johannas Meldung zufolge, hatten ſie ihre hochgeborne Nichte im Bette gefunden, und zwar, nach Grisheldens Meinung, in einer Ge⸗ hirnentzuͤndung. Denn ſobald Juliane ſie habe 106 kommen ſehen, habe ſie alsbald die Decken uber den Kopf gezogen und ihnen ſo lange zugeſchrien, von ihr zu bleiben, bis ſie endlich das Zimmer verlaſſen hätten.. „Und was es ganz und gar außer Zweifel ſetzt, daß unſere arme Nichte nicht recht bei Sin⸗ nen iſt,“ fuhr Grishelde wehmuͤthig fort;„iſt der Umſtand, daß wir ſaͤmmtlich ihr unter an⸗ dern Geſtalten als unſeren wahren erſchienen. Zu⸗ weilen hielt ſie uns fuͤr Katzen, dann wieder fur Geſpenſter die ſie quälen wollten; kurz es iſt unmöglich zu ſagen, wofuͤr ſie uns alles hielt. Unaufhoͤrlich ruft ſie nach Heinrich, der ſoll kommen und ſie von hier wegfuͤhren. Sie treibt's ſo arg, daß ich nicht klug d'raus werden kann!“ Mſtrs: Douglas verbiß ſich das Lachen uͤber die Einfalt der alten Jungfrauen. Sie und ihr Gatte waren eben vom einem Beſuche in der Nachbarſchaft nach Hauſe gekommen, und wußten deshalb nichts von dem wäͤhrend ihrer Abweſenheit Vorgefallenen. In der Vermuthung, es möge etwas Unangenehmes im Spiele ſeyn, bat Mſtrs: Douglas, man moͤge ſich nur zu Tiſche ſetzen, und es ihr uͤberlaſſen, Julianens Krankheit zu unterſuchen. „Kommt mir nicht zu nahe!“ ſchrie die Kranke, wie ſie die Thuͤre öffnen hörte.„Schickt wir meinen Heinrich, er ſoll mich von hier weg⸗ roy fuͤhren,— ich will niemand als meinen Hein⸗ rich!““— Eine Fluth von Thraͤnen, Schluch⸗ zen und Jammertoͤnen folgte. „Beruhigen Sie ſich nur, liebe Juliane. Sollte meine Gegenwart ihnen im mindeſten un⸗ angenehm ſeyn, ſo gehe ich gleich wieder.“ Juliane erkannte die Stimme und zog ſo⸗ gleich die Decke vom Geſicht.„O, ſind Sie es?“ rief ſie.„Ich glaubte, es waͤren die al⸗ ten abſcheulichen Weiber, die mich guaͤlen wollten. Wenn ich die jemals wieder erblicke, ſterbe ich ganz gewiß. Sie mag ich aber leiden, bleiben Sie nach Gefallen;— aber eigentlich verlan⸗ ge ich niemand als meinen Heinrich, der ſoll kommen und mich von hier wegfuͤhren.“— Ein neuer Anfall von Schluchzen erſtickte Julianens Stimmen.— Mſtrs: Douglas tadelte zwar ihre Thorheit; da ſie aber Mitleid mit ihrem Zu⸗ ſtande fuͤhlte, ſo ſetzte ſie ſich ans Bette, er⸗ griff die Hand der Jammernden und ſuchte ſie zu beruhigen. Der einzige Weg, ſich weniger elend zu fuͤhlen,“ ſagte die ſanfte Frau,„iſt der, Ihre jetzige Lage mit Geduld und Ergebung zu ertra⸗ gen, und auf beſſere Zeiten zu hoffen. Moͤg⸗ lich iſt's, daß Sie nur noch kurze Zeit hier bleiben; gewiß iſt's aber, daß Sie ſich das Le⸗ ben ertraͤglicher machen konnen, wenn Sie ſich ein wenig in die Sonderbarkeit der Verwandten Ihres Gatten richten wollen. Ich geſtehe, daß ſie zuweilen langweilig und lächerlich ſind, aber doch auch gutmuͤthig und huͤlfreich.“ „Sagen Sie, was Ihnen beliebt, aber für mich ſind ſie abſcheuliche Geſchöpfe. Ich kann nicht geduldig hier bleiben. Auch mich werden ſie nie leiden koönnen. Alles Zureden iſt ver⸗ geblich. Waͤren Sie an meiner Stelle, es ginge Ihnen eben ſo. Aber Sie waren ja nie in Lon⸗ don,— das iſt die Urſache.“ „Verzeihen Sie: ich lebte riele Jahre in London.“ „Sie lebten in London! Wie iſt's Ihnen moglich, hier zu exiſtiren?“ rief Juliane ver⸗ wundert. „Wie Sie ſehen, ſo eriſtire ich nicht nur hier, ſondern bin auch ſehr zufrieden mit mei⸗ ner Eriſtenz,“ anwortete Mſtrs: Douglas lä⸗ chelnd, fuhr aber ernſthafter fort:„Ich bin ge⸗ ſund und ruhigen Gemßthes, und beſitze die Lie⸗ be eines würdigen Gatfen. Dieſe Geſchenke des Himmels wuͤrde ich nicht verdienen, wollte ich unnützen Kummer hegen, oder mich deshalb be⸗ truͤben, weil ich vielleicht einſt noch gluͤcklicher hätte werden fönnen, oder weil ſelbſt mein je⸗ tziges Glück noch erhoͤht werden könnte.“ 109 Verdrüßlich gähnend ſagte Juliane;„Ich verſtehe Sie nicht.— Bei wem lebten Sie in London?“ „Bei meiner Tante, der Lady Audley.“ „Bei Lady Andley!— Ich kenne ſie vom Hoͤrenſagen. Sie lebte auf großem Fuß, gab Bälle und Aſſambleen, und das mag wohl die Urſache ſeyn, weshalb Sie nicht ſo unangenehm ſind, als die Andern. Warum blieben Sie nicht bei Ihrer Tante oder heiratheten einen Englaͤn⸗ der?— Aber ich vermuthe, daß Sie, gleich mir, Schottland nicht kannten.“ Mſtrs: Douglas freute ſich, daß es ihr ge⸗ lungen ſei, Julianen wenigſtens in etwas fuͤr ſich zu intereßiren, gruͤndete ſich dieſe Theilnahme auch nur auf kindiſche Neugierde. Sie er⸗ zählte daher ihrer Schwägerin, kurz und einfach, ſo viel von ihrer Geſchichte, als ihr zu wiſſen noͤthig war. Wir aber wollen der edlen Frau mehr Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren laſſen, und dem Leſer naähere Auskunft über ſie geben. ———— ——„ Geſchichte der Miſtriß Douglas. —————— V on muͤtterlicher Seite ſtammte Miſtriß Dou⸗ glas aus einer engliſchen Familie. Ihre Mut⸗ ter ſtarb als ſie das Licht der Welt erblickte. Ihr Vater ſiel kurz darauf im Dienſte ſeines Vaterlandes, und in zarter Kindheit wurde ſie der Pflege ihrer Tante anvertraut. Lady Aud⸗ ley nahm ſich des verlaſſenen Kindes nur unter der Bedingung an, daß ſeine ſchottlaͤndiſchen Verwandten, die ſie haßte und verachtete, es nie zuruͤckfordern durften. Ein inneres Gefuͤhl fuͤr ihre verewigte Schweſter und eine ſtarke Doſis Familienſtolz beſtimmte ſie hauptſaͤchlich, ſich ihrer verwaiſten Nichte anzunehmen. Be⸗ ſeelt von Rechtlichkeit und hohem Ehrgefuͤhl, er⸗ füllte Lady Audley die willkührlich übernommene Pflicht, auf eine ſo großmüthige Weiſe, daß die 11I — tugendhafte Alicia ſich ihr auf ewig verbunden glaubte. Selbſt ihren vertrauten Bekannten, flößte Lady Audley mehr Achtung und Scheu als wah⸗ re Zuneigung ein. Standhaft, aufrichtig und Ge⸗ rechtigkeitsliebend, heiſchte ſie von Andern dieſe unbeugſamen Tugenden, die ſie ſelbſt ohne Muͤ⸗ he ausuͤbte, gleichfalls. In noch jungen Jah⸗ ren war Lady Audley Witwe geworden, und die Vormuͤnderin ihres einzigen Sohnes, deſſen großes Vermoͤgen ſie mit Klugheit und Einſicht ver⸗ waltete. Alicia Malcolm war zwei Jahre alt, als ſie der Sorgfalt ihrer Tante uͤbergeben wurde. Sie erhielt eine Erzieherin, welche die guten, ange⸗ bornen Eigenſchaften des Kindes nicht verdarb, ſondern vielmehr foͤrderte. Die guͤtige Natur hatte Alicien mit einem warmen, liebevollem Her⸗ zen begabt, deſſen Gefuͤhle durch ruhige Vernunft gemildert wurden. Ihre gebildete und verſtaͤn⸗ dige Erzieherin brachte ihr fruͤhzeitig tiefen und aͤchten religiöſen Sinn bei, dem allein ſie den Sieg uͤber die lockenden Pruͤfungen verdankte, welchen ſie ſich ſchon in fruͤher aus⸗ geſetzt ſah. Als Alicia Malcolm im ſiebzehnten Jahre in die große Welt eingefuͤhrt wurde, war ſie ein verſtaͤndiges, munteres und ſanftes Maͤdchen. 112 Ihr Wuchs war ohne Fehl und Tadel, und ihr Geſicht der Abdruck ihrer fleckenloſen Seelé. Selbſt geſchmackloſen und ungebildeten Menſchen loßte ſie Wohlwollen ein. Ihr offenes, natuͤrliches Betragen, in welchem die Freimuthigkeit der Schott⸗ länderin ſich mit der feinen Zuruͤckhaltung des engliſchen ſchönen Geſchlechtes paarte, und ihr gaͤnzlicher Mangel an Eitelkeit, nahm Jedermann zu ihrem Vortheil ein, und verlieh ihr ungetruͤb⸗ te Zufriedenheit mit ſich ſelbſt. Lady Audley hegte ein Gefuͤhl fuͤr ihre Nich⸗ te, welches ſie fuͤr Liebe hielt, ihre Eigenliebe gefiel ſich in der Betrachtung eines Weſens, das ihr ſeine Bildung verdankte, und welches ſie vor der Gemeinheit und den groben Sitten be⸗ wahrte, die ſie den Schottlaͤndern, mit großem Unrecht zuſchrieb. War Lady Audley fähig, ein menſchliches Weſen wirklich zu lieben, ſo war es einzig und allein ihr Sohn. In ihm vereinigte ſich alles, was Werth fuͤr ſie haben konnte. Auf ſeine kuͤnf⸗ tige Groͤße und politiſche Wichtigkeit gruͤndeten ſich ihre feurigſten Hoffnungen. Gegen den Rath ihrer maͤnnlichen Verwandten, ließ ſie ih⸗ ren Sohn in ihrem eigenen Hauſe erziehen. Unter ihrer Aufſicht wurde dieſer Sohn von ei⸗ nem zwar ſehr gelehrten Hofmeiſter unterrich⸗ tet, der aber ganzlich unfähig war das Herz des Knaben zu bilden, oder die Vorzuͤge einer oͤffent⸗ 113 lichen Erziehung zu erſehen. Dieſe Erziehung unterdruͤckte daher blos den Ausbruch einiger, dem Sir Edmund angebornen, ſehr gefaͤhrli⸗ chen Leidenſchaften, anſtatt ſie gaͤnzlich auszurot⸗ ten. Er war heſtig, ungeſtuͤmm und leiden⸗ ſchaftlich, wußte aber dieſe Fehler unter einer Verſchloſſenheit zu verbergen, die ihm theils na⸗ tuͤrlich war, theils durch das zuruͤckſtoßende We⸗ ſen ſeiner Mutter und ſeines Lehrers entſtand. Es lag nicht in Edmunds Charakter, bei je⸗ der Kleinigkeit aufzubrauſen. Wenn aber irgend eine wichtige Urſache ſeine Leidenſchaften in Be⸗ wegung ſetzte, dann brach ſein Zorn in Flam⸗ men aus, und uͤberſtieg alle Schranken der Ver⸗ nunft und des Schicklichen. Die Erfahrung zeigt uns, daß enſchen von ganz entgegenſetzten Meinungen u einander oft mehr anziehen als gleie eSir Edmund Audley und Alicia Malcolm beſtaͤtigten dieſe Erfahrung. Dieſe gegenſeitigen Reigungen ihrer Kinderjahre reiften nach und nach zu waͤrmeren Empfindungen und gediehen, ehe ſie es ſelbſt gewahrten, zu einer ſolchen Staͤr⸗ ke, daß ſie den groͤßten Einfluß auf ihr kuͤnfti⸗ ges Schickſal bekamen. 3 Man könnte fragen, wie eine kluge Frau, als Lady Audley war, zwei junge Leute in einer Cheſtand 1r Bd. 114 ſo gefaͤhrlichen Lage laßen konnte, ohne die Fol⸗ gen davon zu ahnen? Im reiferen Alter ver⸗ gißt man aber allzuleicht daß die Liebe eine fruͤh⸗ reifende Pflanze iſt, und daß Individuen, die noch vor kurzer Zeit ihre hoͤchſte Gluͤckſeligkeit in eine Kinderklapper oder in ein Wägelchen ſezten, ſo ſehr bald von der maͤchtigſten aller Leidenſchaften ergriffen werden koͤnnen. Edmund war neunzehn Jahre alt geworden und Alicia trat in ihr ſiebzehntes, als der gluͤck⸗ liche Zuſtand unbewußter Herzensruhe, in dem ſie lebten, plotzlich von einem Zufall unterbro⸗ chen wurde, der die Binde von ihren Augen riß. Ein, in ihrer Naͤhe lebender, reicher und in großen Verbindungen ſtehender Edelmann, pot Alicien ſeine Hand. Weder ſein morali⸗ ſcher Charakter noch ſein Aeußeres waren ge⸗ eignet, ihm das Herz eines Maͤdchen von Ge⸗ füͤhl und Bildung zu gewinnen. Aber er beſaß großen Einfluß, war der Erbe eines Grafen⸗ titels und Parlamentsglied; deshalb beſchloß La⸗ dy Audley Alicia ſolle ſeine Gattin werden. Mit Sanftmuth aber auch mit Beſtimmtheit ſchlug Alicia die ihr zugedachte Ehre aus. La⸗ dy Audley vermochte den Gedanken nicht zu faſ⸗ ſen, wie es moͤglich ſei, daß Alicia ſich ihren Befehlen wiederſetzen konne. Um die Wiedek⸗ ſtrebende wieder, ihrer Meinung nach, auf den rechten Weg zn führen, gebrauchte ſie Mittel, 115 die Aliciens Widerwillen gegen ihren Freier ver⸗ mehren mußten. Mit dem blinden Eifer ſtolzer und durch Vorurtheile befangener Menſchen, be⸗ ſtrebte ſich Lady Andley, ihrer Nichte jenen Be⸗ werber durch alle Eigenſchaften, die in ihren ei⸗ genen Augen Werth hatten, zu empfehlen, und hegte nicht den mindeſten Zweifel, Alicia wuͤrde ihr nach reiflicher Erwaͤgung gehorchen. In dieſer Zeit kam Sir Edmund auf den Landſitz ſeiner Mutter. Das veränderte Aus⸗ ſehn und das nachdenkliche Weſen ſeines Bas⸗ chens fiel ihm auf. Ungefähr eine Woche nach ſeiner Ankunft fand Edmund Alicien, die eben eine lange Unterredung mit ſeiner Mutter gehabt hatte, in Thraͤnen. Zeértlich erkun nach der Urſache ihres Kummers. ſo gewohnt, jeden ihrer Gedanken mitzutheilen, und ihre Empfindunge ſo ganz mit den ſeinigen uͤberein, daß ſie ihm kein Geheimniß von dem⸗Vorgefallenen würde gemacht haben, waͤre ſie nicht durch eine na⸗ türliche Schen, von ihren Eroberungen zu reden, davon abgehalten worden. Da aber Edmund ſie aufs dringendſte bat und beſchwor, ſich ihm zu entdecken, und ſie ſeiner Theilnahme verſichert war, ſo erzaͤhlte ſie ihm aufrichtig, wie ſehr ſie von ihrem Bewerber und ſeiner Mutter verfolgt wuͤrde H 2 116 Jedes Wort, das aus Aliciens Munde floß, zerſtreute den Nebel, der bisher Edmunds Gefühle verſchleierte. Bei der erſten Erwaͤhnung eines Bewerbers fühlte er, daß ſein ganzes Heil von ihrem Beſitz abhänge, und daß ihr Verluſt ſein ganzes Leben frendenlos machen wuͤrde. So⸗ vald die Empfindungen ſeines Inneren ihm ſelbſt klar wurden, eben ſo bald theilte er ſie Alicien mit und fand die erwunſchteſte Aufnahme. Ali⸗ cia ſuchte nicht einen Augenblick ihre eigenen Ge⸗ fuhle, die auch ihr erſt jetzt deutlich wurden, zu verbergen. Beide hatten nicht fruͤher wahrge⸗ nommen, daß Liebe ſtatt Freundſchaft ſich ihrer Herzen bemeiſterte. 5 Dieſer heitere Gluͤckszuſtand blieb jedoch nicht getrübt. Am Abend des folgenden Ta⸗ Lady Audley ihre Richte zu ſich rufen. Alicien überſiel ein paniſcher Schrecken als ſie, beim Eintritt ins Zimmer, däs bleiche Geſicht, die feuerſpruͤhenden Augen, und die vor Zorn zit⸗ rernde Geſtalt der Tante wahrnahm. Sich be⸗ muͤhend, ruhig zu ſcheinen, verlangte Lady And⸗ ley eine augenblickliche und entſcheidende Antwort auf die Vorſchläge des Herrn Compton, Alici⸗ ens Freier.— Alicia flehte, ihre Tante moͤge der Sache nicht mehr erwaͤhnen, denn es ſei ihr unmoͤglich, dieſe Verbindung einzugehen. F Kaum war das letzte Wort von den Lippen der Bedraͤngten gefloßen„als auch Lady And⸗ II7 3 ley's Zorn alle Daͤmme durchriß. Laut klagte ſie ihre Nichte der ſchwaͤrzeſten Undankbarkeit an, be⸗ ſchuldigte ſie, den Sohn zum Ungehorſam ge⸗ gen ſeine Mutter verfuͤhrt und dahin getrachtet zu haben, ihr gemeines ſchottlaͤndiſches Blut mit dem edlen Gebluͤte der Audleys zu vereinigen. Nachdem ſie alle erſinnlichen Schimpfreden aus⸗ geſtoßen hatte, mangelte es an Athem um fortzufahren.— Alicien gegruͤndeten Vorwuͤrfe ih gleichfalls; da aber i freiſprach, ſo warke 6 und mit Sanftmuth rer Tante in ſo hoh macht habe? Aus LadyAudleys umgehender und unzweideu⸗ tiger Antwort, erfuhr Alicia endlich, daß erſtere ihren Sohn anfforderte„ Herrn Comptons Be⸗ werbungen bei letzterer zu unterſtuͤtzen, daß Edmund hierauf die Liebe zu ſeiner Baſe geſtand und die feſte Verſicherung gab, Alicien ſo bald er wätdig ſei, ſeine Hand zu reichen. Daß dieſer Sohn, fuͤr welchen ſie eine der erſten Parthien im Koͤnigreiche in Augen hatte, fur ſich ſelbſt waͤhlen wollte, und noch obendrein eine Wahl treffen, die ihm, nach ihrer Meinung, ſo weit an Geburt und Vermoͤgen nachſtand, war ein der Mutter unertraͤglicher Gedanke 118 Von der Gewalt der Liebe hatte Lady Aud⸗ ley nur ſchwache Begriffe, daher hielt ſie das Betragen ihres Sohnes fuͤr eigenſinnigen Unge⸗ horſam. Je nachgiebigec und kindlicher er ſich ſonſt gezeigt hatte, deſto hoͤher ſtieg ihr Zorn uͤber ſeine jetzige ſtandhafte Unbeugſamkeit. Die Vorwuͤrfe, welche ſie ihm uͤber ſein Betragen machte, und die Schmaͤhungen, in denen ſie ſich uͤber den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft ergoß, waren ſo bitter, daß Edmund vor Zorn entbrannte und ihr unumwunden erklärte, nur ſeinen eigenen Wil⸗ len befolgen zu wollen— Unbekannt mit der Kunſt zu überreden, zerriß Lady Audley, durch ihr gebieteriſches Weſen, das Band der kindli⸗ chen Ehrfurcht ganz und gar.— Edmund, der ſich nicht länger bemeiſtern konnte, erklärte mit ürren Worten, er wuͤrde alsbald das Haus räumen und es ſeiner Mutter uͤberlaſſen ſich mit dem Gedanken bekannt zu machen, ihn nur als Aliciens Gatte wieder zu ſehen.— Auf der Stel⸗ le reißte er ab und hinterließ folgenden Brief an ſeine Baſe: „Die Klugheit gebot mir, Sie ohne Abſchied zu verlaſſen Das unerwartete und auffallende Vetragen der Lady Audley zwang mich,— damit ich nicht vergeſſen moͤchte, daß ſie mei⸗ ne Mutter iſt,— zu einer plotzlichen Abreiſe. Noch zwei Jahre muͤſſen verfließen, bis ich, den Geſetzen nach, mein eigener Herr werden ann. Sollte Lady Andley fortfahren ſich dem⸗ 119 jenigen zu wiederſetzen, was ſie als unvermeid⸗ lich anerkennen muß, ſo befürchte ich, daß wir uns bis dahin nicht werden ſehen köͤnnen. Mein Herz iſt Ihnen bekannt, deshalb enthalte ich mich den Schmerz zu ſchildern, der mich bei die⸗ ſer unerwarteten Trennung ergreifſt. Das ein⸗ zige was mir Troſt zu geben vermag, iſt die Ausſicht auf die unausſprechliche Gluckſeligkeit, die mich erwartet,— den Beſitz Ihrer Hand. Das Vertrauen, welches ich in Ihre Beſtaͤndig⸗ kcit ſetze, kommt nur dem in meine eigene gleich. Meine Trene ſteht Felſenfeſt; auf die Ihrige baue ich eben ſo feſt als anf die meinige, und kann daher nicht glauben, daß alle Argliſt, die man gegen uns anwenden würde, uns je zu trennen vermoͤgte — Voll ſeliger Hoffnung den Augenblick herbei⸗ ſehnend, der Sie auf ewig zu der meinigen ma⸗ chen wird, bleibe ich mit feſtem Vertrauen und nnausſprechlicher Liebe Edmund Audley.“ Zitternd übergab Alicia dieſes Schreiben ih⸗ rer Tante, bat, ſich auf ihr Zimmer begeben zu duͤrfen, und verſprach alle und jede Fragen hinſichtlich ihrer Verbindung mit Edmund zu je⸗ der andern Zeit zu beantworten, 120 Die arme Alicia überließ ſich, in der Ein⸗ ſamkeit ihres Zimmers, dem Schmerz, weren ſie in Lady Audleys Gegenwart muͤhſam unter⸗ druͤcken mußte, und weinte bitterlich uͤber die Vereitlung ihrer kurzen Gluͤcksträume. Aliciens ſtolzer Geiſt war nicht gewoͤhnt, unverdiente Schmach zu dulden, oder ſich gebieteriſcher Ge⸗ walt zu unterwerfen. Waͤre Lady Audley ihr fremd geweſen, ſo wuͤrde ſie ſich weder nach⸗ giebig, noch unterwuͤrfig gezeigt haben Ihr ho⸗ hes Selbſtgefüͤhl wäre freilich gekränkt worden, wenn man ſie einer Familie haͤtte aufdringen wollen; allein nie wuͤrde ſie die tugendhafte Lie⸗ be eines Mannes, dem auch ſie wohlwollte, dem Eigenſinn einer anmaßenden und gebieteriſchen Mutter aufgeopfert haben. Hier befand ſie ſich jedoch in einer ſehr verſchiedenen Lage. Sie dachte zu edel, als daß die uͤble Begegnung der Lady Audley das Andenken an die angefangenen Wohl⸗ thaten haͤtte erloͤſchen koͤnnen. Außer dem Le⸗ ben verdankte ſie ja ihrer Tante alles was ſie beſaß,— woraliſche Bildung und phyſiſche Wohlfahrt. Wahrſcheinlich haͤtte Alicia ihren Vetter nie zu Geſichte bekommen, waͤre ſie bei ihren vaͤter⸗ lichen Verwandten erzogen worden, und der Friede zwiſchen Mutter und Sohn wäre unge⸗ ſtört geblieben. Lag es mithin an ihr, die hoͤchſten Erwartungen der Lady Andley zu ver⸗ eiteln?— der Gedanke war ihr ſchrecklich. Fuͤh⸗ — lend, daß Verzögerung ihre Schmerzen nur ver⸗ mehren konne, beſchloß ſie, lieber alles zu ent⸗ decken und ihre Pflichten ſtandhaft zu erfuͤllen. Lady Audley hatte gelobt, daß, ſo lange ſie auf dieſer Erde wandle, ſie nie in dieſe Heirath willigen werde. Alicia kannte ihre Tante zu gut, als daß ſie je auf Nachgiebigkeit hätte hoffen durfen. Länger unter dem Schutz dieſer herrſchſuͤch⸗ tigen Frau zu leben war, unter dieſen Umſtän⸗ den, unmöglich. Alicia beſchloß daher, ſich lie⸗ ber ſelbſt zu entfernen, als entfernt zu werden. Sobald Lady Audleys Zorn ſich etwas ge⸗ maͤßiget hatte, ließ ſie Alicien abermals zu ſich entbieten. Mit ſcheinbar kaltem Blute äußerte ſie nochmals ihren Wiederwillen gegen dieſe Heirath, und forderte ihre Nichte auf ſich zu vertheidigen. Aliciens tiefer Gram erhob ſie uͤber jede Zaghaftigkeit und Unentſchloſſenheit. Ohne Ver⸗ legenheit, und ohne in ihren Antworten zu ſtocken, beantwortete ſie die Fragen ihrer Tante und be⸗ wies ihre Unſchuld auf eine ſo überzeugende Art, 6 daß nicht der mindeſte Zweifel uͤber ihr durch⸗ aus ehrenvolles Betragen aufkommen konnte. Mit Dank fur die empfangenen Wohlthaten aus, be⸗ Kagte ſich zwar, daß man ihr unrecht gethan habe, erklaͤrte aber zu gleicher Zeit beſtimmt, en eindrucksvollen Worten druckte ſie ihren 122 nie die Hand ihres Vetters anzunehmen, ſo lan⸗ ge deſſen Mutter ihre Einwilligung, die ſie nie zu erlangen hoffe, verſage. Zuletzt bat ſie, Lady Audley möge uͤber ihre Zukunft entſcheiden. Ueberzeugt, daß nur durch gemaͤßigte Maß⸗ regeln Alicia zu fernerem Gehorſam gebracht werden konne, bedauerte Lady Audley die Roth⸗ wendigkeit einer baldigen Trennung und freute ſich, daß ihre Nichte die Schicklichkeit dieſer Treunung ſelbſt fuhle. Sir Duncan Malcolm, Aliciens Großvater, äußerte in ſeinem ſparſamen Briefwechſel, mit Lady Audley, oͤfters den. Wunſch, ſeine Enkelin, vor ſeinem Ableben, noch einmal bei ſich zu ſehen. Der Wiederwille der vorurtheilsvollen Dame, gegen Schottland, war aber ſo groß, daß ſie die Befriedigung dieſes gerechten Wun⸗ ſches unter dieſem oder jenem Vorwande, ſtets ablehnte. Jetzt aber ſchien die Reiſe zum Großvater das Beſte und Schicklichſte was geſchehen konne, und Lady Audley erbot ſich ſogar, ihre Nichte bis Edinburg zu begleiten. Der Reiſeplan wut⸗ de auf der Stelle entworfen, aber ehe Alicin ihre Tante verließ, heiſchte dieſe nochmals, mit gefühlloſem Starrſinn, die Wieberholung des Verſprechens, ohne die Einwilligung der Mutter ſich nie mit dem Sohne zu verbinden— Tief betruͤbt, aber feſt und ſtandhaft, gab Alicia ihr Wort. 123 Wie mangelhaft iſt doch menſchliche Weis⸗ heit! Selbſt wenn wir recht zu thun glauben, irren wir mannigfaltig! Alicia irrte, indem ſie Edmunds Gluͤck dem Stolz und der Ungerechtig⸗ keit ſeiner Mutter vpferte. Aber ihr Irrthum war der eines edlen, ſich ſelbſt verläugnenden Herzen;— verdiente ihre Aufopferung nicht Bei⸗ fall, ſo gebot ſie doch Achtung. Durch ihr of⸗ fenes edelmuthiges Betragen„gewann Alicia ſo viel üͤber ihre Tante, daß ihr erlaubt wurde fol⸗ gendes an Sir Edmund zu ſchreiben. „Pflicht der Dankbarkeit unterwirft mich har⸗ ten Pruͤfungen! Von allen Schmerzen, die mei⸗ ne Seele foltern, iſt jedoch keiner ſo durchdrin⸗ gend, als der Gedanke an das, was Sie em⸗ pfinden werden, wenn Sie erfahren, daß ich al⸗ len Anſpruͤchen auf Ihre Hand fuͤr immer ent⸗ ſagte. Nicht Sckwachheit,— von Unbeſtaͤndig⸗ keit kann die Rede nicht ſeyn,— bewog mich zu dem peinlichen Opfer, Anſpruͤche aufzugeben, die mehr mein Herz als meinen Stolz befriedigten. „Es bedarf keiner Erinnerung, daß ich Ih⸗ rer Mutter alles was ich auf Erden beſitze, zu verdanken habe. Nichts vermag, mich von die⸗ ſer Dankbarkeit fuͤr ihre Wohlthaten zu entbin⸗ den, die ich ſchlecht belohnen wurde, wollte ich mich ihren Willen wiederſetzen. Sollte ich ſie zwingen, die Stunde zu verwuͤnſchen, in der ſie mich unter ihr Dach nahm? Sollte ſie die 124 Wohlthaten, mit denen ſie mich uberhaͤufte be⸗ reuen mußen? Sollte ich ſogar den Fluch der Mutter auf uns herabziehen, welches Gluͤck duͤrf⸗ ten wir uns dann verſprechen? Meine Lage verbietet mir, zu unterſuchen, ob der Wille der Lady Audley gerecht ſei oder nicht;— dieſer Wille hat beſtimmt erklärt, daß ich nie Ihre Gattin werden ſoll. „In der erſten Aufwallung werden Sie mich vielleicht der Kälte und Undankbarkeit be⸗ ſchuldigen, weil das Land und die Gegend, welche Sie bewohnen, ohne muͤndlichen Abſchied von Ihnen zu nehmen, verlaße. Ferneres Nach⸗ denken wird mich aber bei Ihnen entſchuldigen. „Könnte ich Grunde haben zu glauben, eine perſoͤnliche Zuſammenkunft wuͤrde Ihnen Troſt gegeben haben, freudig hätte ich dann den mir ſelbſt aufgelegten Schmerz ertragen. Fragen Sie aber Ihr eigenes Herz, welchen Gebrauch Sie von einer ſolchen Zuſammenkunft wuͤrden gemacht haben. Erinnern Sie ſich, daß Lady Audley mein feierliches Verſprechen hat, nie die Ihrige zu werden,— ein nicht leichtſinnig gegebenes Ver⸗ ſprechen,— und bedenken Sie alsdann, welche Folgen eine Zuſammenkunft zwiſchen uns haͤtte haben muͤßen. „Als Beweis einer Neigung, die ich nie be⸗ zweifelte, beſchwöre ich Sie, die letzte Bitte, die ich jemals an meinen lieben Vetter thun wer⸗ 725 de, zu erfullen. Geben Sie meinem Herzen die Beruhigung, die Zwietracht zwiſchen Mutter und Sohn, deren unſchulbige Urſache ich war, durch meine Abreiſe wiederhergeſtellt zu ſehen. „Waͤlzen Sie nicht die Schuld meines letzten Schrittes auf Lady Andley. Ich wurde nicht in Furcht geſetzt. Drohungen,— davon halten Sie ſich uͤberzeugt,— hätten mich nie bewegt, Ihnen zu entſagen, und nie wuͤrde ich dies ſchwere Opfer gebracht haben, haͤtte mich die Tugend nicht dazu beſtimmt.— Die Ueberzen⸗ gung recht gehandelt zu haben, wird mein Lohn. ſeyn. „Vergeßen Sie, ich bitte, ich beſchwoͤre Sie, dieſe ungluͤckliche Leidenſchaft. Ergeben Sie ſich, gleich mir, in Ihr nunmehr unwiderrufliches Schickſal, und anſtatt traurigen Gedanken nachzu⸗ haͤngen, ſtreben ſie lieber, durch korperliche An⸗ ſtrengungen und durch Erweiterung ihrer Kennt⸗ niſſe, die Heiterkeit wieder zu gewinnen, die das Loos derer iſt, welche die Gebote der Necht⸗ ſchaffenheit befoigen. „Leben Sie wohl, theurer Edmund!— M⸗ ge das Gluck die ſtete Begleiterin Ihres zukünf⸗ tigen Lebens ſeyn. Waͤhrend ich mich beſtrebe, meine ungluͤckliche Neigung zu vergeſſen, werden die noch ſtaͤrkeren Gefuͤhle der Dankbarkeit und Hochachtung nie erloͤſchen, in dem Herzen * Ihrer Freundin 5 Alicia Malcolm.* 4126 Alicia würde die Grenzen der Standhaftigkeit uͤberſchritten haben, haͤtte ſie dieſes Schreiben nicht mit tauſend Thraͤnen benetzt. Nur hoͤchſt muhſam konnte ſie die Feder zuruͤckhalten, die Em⸗ pfindungen ihres Herzens nicht niederzuſchreiben. Gern hätte ſie weit mehr geſagt, und ein Schmers der Entſagung, durch die Schilderung ihrer Zaͤrtlichkeit und ihres Kummers gemildert. Aber die Vernunft ſagte ihr, wenn ſie den Schmerz des Geliebten erhoͤhe, und ihren eigenen zu ſehr an den Tag lege, ſie alsdann den Hauptzweck ihres Schreibens verfehlen wuͤrde. In beinahe grenzenloſer Verzweiflung, ſiegelte ſie eilig und fandte den Brief ab⸗ ⁰ Die Zubereitungen zu der Reiſe wurden ſchlen⸗ nig betrieben. Zwei Tage nach dem, an welchem Edmund ſie ſo plötzlich verließ, begaben Tante und Nichte ſich auf den Weg. Ohne laute Kla⸗ gen verbarg Alicia ihre Leiden in ihren Buſen und Lady Audley ihren Unwillen in dem ihrigen. Nach vier Tagen erreichten die Reiſenden die ſchottlaͤndiſche Grenze. Als ſie in dem Gaſthofe abſtiegen, zog ſich Alicia, ermuͤdet und niederge⸗ ſchlagen, in ihr Zimmer zuruͤck. Kaum war ſie einige Minuten in demſelben, als die Bettmagd an die Thuͤre klopfte und ſie herab zu kommen bat, da man ſie zu ſprechen wuͤnſche. In der Vermuthung, Lady Audley habe ſie zufen laſſen, folgte ſie dem Maͤdchen, ohne zu be⸗ 127 merken, daß man ſie nach einer entgegengeſetzten Seite führe Wie groß war aber ihre Ueber⸗ raſchung, als, anſtatt ihre Tante zu finden, ſie ſich von Sir Sdmund umfaßt fuͤhlte. Von der groͤßten Angſt befallen, ſuchte Alicia ſich ſeiner ſtuͤrmiſchen Umarmung zu entziehen. Edmund, der ſie nicht aus ſeinen Armen los ließ, vermaß ſich hoch und theuer, keine menſchliche Gewalt ſolle ſie ihm wieder entreißen. „Von dem Augenblick an, in welchem ich Fr Schreiben erhielt, meine theuere Alicia, ſolgte ich Ihren Schritten. Wir befinden uns jetzt in Schottland,— in dieſem gluͤcklichen Lande der Freiheit. Alles iſt bereit. Der Geiſtliche er⸗ wartet uns,— in fuͤnf Minuten ſind Sie mein Eigenthum auf ewig.“ Alicia konnte nur mit Thraͤnen antworten In den erſten Entzücken, denjenigen zu ſehen, den ſie nie wieder zu erblicken glaubte, vergaß ſie, auf einen Augenblick, die ſich ſelbſt aufer⸗ legte Pflicht. Aber die natuͤrliche Stärke ihres Charakters kehrte bald zuruck Sie erhob das Haupt und verſuchte nochmals, ſich den ſtuͤrmi⸗ ſchen Umarmungen des Geliebten zu entziehen. „Nie, bis Sie gelobt haben, die Meinige zu werden! Der Geiſtliche,— der Wagen,— alles iſt bereit.— Theuerſte Alicia, auf meinen Knien flehe ich S ſprich nur dies einzige Wörtchen! 128 In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thuͤ⸗ re und Lady Audley ſtand, geiſterbleich vor Wuth und mit feuerflammenden Augen, vor dem un⸗ glůͤcklichen Paar.— Jetzt begann ein fuͤrchterli⸗ cher Auftritt. Edmund verſchmaͤhte ſein Betra⸗ gen zu entſchuldigen, ſelbſt die Schmähungen ſei⸗ ner Mutter ließ er unbeachtet und unbeantwor⸗ ter, ſondern fuhr fort, ſeine Geliebte mit Lieb⸗ koſungen zu uͤberhaͤufen. Alicia ſaß einem Bil⸗ de der Verzweiflung ähnlich da, und litt mehr von der Stimmung ihres Herzens, als von der Heftigkeit ihrer Tante. Wuͤthend uͤber die Geringſchätzung ihres Soh⸗ nes, wendete Lady Audley ihren ganzen Grimm gegen ihre Richte. In den ſchmaͤhlichſten Aus⸗ drucken, klagte ſie die Aermſte des Betruges und der Verratherei an, und beſchuldigte ſie, ihre Unterwuͤrfigkeit ſei nur Verſtellung geweſen, um ihren Endzweck deſto leichter zu erreichen. Ed⸗ mund, zu aufgebracht um antworten zu können, ergriff die Hand ſeiner Baſe und verſuchte, ſie aus dem Zimmer zu fuͤhren. Mit zum Himmel aufgehobener Hand und empor gerichtetem Blick, ſchrie die ergrimmte Mut⸗ ter:„So gehe dann und heirathe ſie,— hoͤre aber vorher meinen feierlichen Schwur!— Mein Fluch ſoll Euere Mitgift ſeyn! Sprich nur das eine Vort aus, und keine Macht auf Erden ſoll mich zwingen meinen Fluch zuruͤckzunehmen . In 129 In halber Verzweiflung rief Alicia:„Beſter Edmund, nie haͤtte ich es dahin ſollen kommen laſſen, dieſe ſchrecklichen Worte aus Lady And⸗ leys Munde zu hoͤren. Nie ſoll um meinet⸗ willen der Fluch der Mutter auf Ihnen laſten. Leben Sie wohl auf ewig!“ Mit der Staͤrke, welche die Angſt ihr eingab, riß ſie ſich los und verließ das Zimmer. Raſend folgte ihr Edmund nach, aber vergeblich. Aliciens ganzes Inne⸗ re war zu empoͤrt, als daß ſelbſt der Geliebte ſie zu beſaͤnftigen vermocht hätte. Ohne Ver⸗ mehrung ihrer Pein ſah ſie ihn in den Wagen ſteigen, den er zu anderen Zwecken beſtimmt hatte, und ſie, die er vergoͤtterte, auf ewig ver⸗ laſſen. Es iſt leicht zu erachten, wie peinlich der fernere Umgang zwiſchen Lapy Audley und ihrer ichte ſeyn mußte. Die erſtere blickte mit jener Hoheik, di der Unterdruͤcker ſtets gegen den Un⸗ terdructen zeigt, auf ihr Schlachtopfer herab. Die ſanfte Alicia hingegen, konnte nur muͤhſam ihren Abſcheu gegen eine Perſon verbergen, wel⸗ cche die Bluͤren ihres Gluͤcks zerknickte. Alicia wurde mit Liebe von ihrem Großva⸗ ter empfangen. Sie beſtrebte ſich, die Nieder⸗ ſchlagenheit, die ſo ſchwer auf ihr ruhte, durch Erforſchen des Geſchmacks und der Launen des wuͤrdigen Greiſes zu vermindern, und that al⸗ les, was in ihrer Kraft ſein Alter zu. verjüßen. Cheſtan d⸗ 8 130 Sir Duncan Malcolm benutzte Aliciens An⸗ kunft in Edinburg, um daſelbſt verſchiedene Ge⸗ ſchäfte abzuthun und ſeiner Enkelin einiges Ver⸗ gnuͤgen zu verſchaffen. Anſtatt alſo ſogleich nach den Hochlanden zuruͤckzureiſen, beſchloß er, noch einige Wochen in der Hauptſtadt zu verweilen. Alicia liebte nie ein zerſtreutes Leben, jetzt war es ihr doppelt zuwider. Sie konnte den Gedanken nicht faſſen, wie man mit einem ge⸗ preßten Herzen ſich dem Rauſche des Vergnugens hingeben koͤnne. Nur in der Einſamkeit hoffte ſie ihre Gemuͤthsruhe nach und nach wieder zu erhalten. In Edinburgs geſelligem Leben glaubte Ali⸗ cia alle Eitelkeit, Leerheit und Leichtfertigkeit der Londner Geſellſchaften, ohne deren Glanz und Lurus, wieder zu finden. Ihrer ſanften Ge⸗ muͤthsart zufolge, ſuchte ſie aber ſtets die choͤn⸗ ſte Seite der Dinge auf, und zog dadurch faſt immer Nutzen aus jeder Lage, in welcher ſie ſich befand. Nur ſehr ſcharfblickende Perſonen vermochten die innere Trauer ihres Herzens an ihr zu bemerken, waͤhrend ihre Liebenswuͤrdig⸗ keit Alle fuͤr ſie einnahm. Nach und nach fand Alicia, daß ſie ſich in manchen Vorſtellungen uͤber die Lebensart der ſeineren Geſellſchaft Edinburgs geirrt habe. Der Geſellſchaftskreis iſt ſo klein, daß 7 alle 137 Mitglieder deſſelben genau mit einander bekannt ſind. Die verſchiedenen Stuten des geſelligen Lebens, die man in London antrifft,— von dem beſchraͤnkten Familienleben des Bürgers an, bis zu dem geraͤuſchvollen Verſammlungen der Vor⸗ nehmeren,— ſind in Edinburg nicht zu finden. In dieſer Stadt ſind Rang und Vermoͤgensum⸗ ſtaͤnde weit gleichfoͤrmiger, und Keiner tann dem Andern im uͤbertriebenen Lurus leicht uͤberbieten. Große Pracht, welche faſt ſtets den Neid zum Gefolge hat, findet hier nicht ſtatt, wobei as geſellige Leben gewinnt. Kleine Geſellſchaftst ei⸗ ſe, in denen man Unterhaltung und Geſelligkeit findet, ſind haͤuſig. Zn den größeren dem bloßen Vergnügen gewidmeten Zuſammenkuͤnften, wer⸗ den die gelehrteſten und verſtaͤndigſten Männer eingeladen; nicht damit der Hausherr oder die Hausfrau etwa mit ihnen prunke, ſondern um ihnen Erholung von ihren Arbeiten zu verſchaffen. Dem an die Londner große Welt gewöhnten Fremden,— vergleicht er Edinburg mit London, — fällt freilich der Mangel an Schönheit, mo⸗ diſchem Ton und Eleganz auf. Aber Alicia hatte ſchon länaſt einen Widerwillen gegen den Leicht⸗ ſinn der Schoͤnheit, die Herzloſigkeit des Modetons und die Abgeſchmacktheit der Eleganz, die in der großen Hauptſtadt herrſchten, empfunden. Es diente ihr gewiſſermaſſen zur Erholung, die Verſchieden⸗ heit der Charaktere zu beobachten, die ſie oft unter F 2 132 einfachen, ercentriſchen, ja ſogar zuweilen un⸗ ter ungeſchliffenen Sitten verſteckt fand. Wenn auch der Menſch in den tiefſten Kum⸗ mer verſenkt iſt, ſo empfindet er dennoch das Wohlwollen anderer Menſchen.— Alicia befand ſich in dieſem Fall. Nur Wenigen in dem Geſellſchaftskreiſe konnte Alicia ihre Guͤte und Zuvorkommenheit nicht erwiedern. Bei Einigen fand ihr Herz und Geiſt volle Befriedigung. Der Umgang mit dieſen erweiterte ihre Kenntniße und bildete ihren Verſtand. Durch dieſe einfachen Mittel ſuchte ſie ihr Herz zu beruhigen und vor Ver⸗ zweiftung zu bewahren. Alicia war ungefäͤhr ſechs Wochen in Edin⸗ burg, als Sie ein Schreiben von ihrer Tante erhielt. Des Vergangenen wurde nicht erwaͤhnt. Lady Audley ſchrieb uͤber unbedeutende Gegen⸗ ſtaͤnde, ſö wie man an eint gewöhnliche Bekannt⸗ ſchaft zu ſchreiben pflegt. Nur im Vorbeigehen er⸗ waͤhnte ſie ihr Sohn habe das Koͤnigreich verlaſſen und ſei auf einer Reiſe durch das feſte Land Eu⸗ ropens begriffen. Alicia trauerte üͤber das kaltherzige Schrei⸗ ben ihrer Tante, deren Grauſamkeit die fruͤh⸗ gewöhnten Bande der Liebe und Dankbarkeit im Herzen der Nichte nicht hatte zerreißen können. 133 Nachdem Sir Duncan und ſeine Enkelin zwei Monate in Edinburg zugebracht hatten, reißten ſie nach der Wohnung des erſteren, die in der Grafſchaft— lag. Die Gegend, welche dieſen Landſitz umringte, war hoͤchſt maleriſch und prang⸗ te in natuͤrlicher Schoͤnheit. Das Haus ſelbſt war zwar geſchmacklos und unbegnem in ſeinen Einrichtungen, doch wohnbar. Zwei Jahre waren ruhig verfloßen, als Ali⸗ eiens ſchlafende Gefuͤhle ploͤtzlich durch ein Schrei⸗ ben von Edmund aufs neue erweckt wurde. Er ſei, ſchrieb er, nunmehr muͤndig;— ſeine Liebe unwandelbar. Er ſei ſo eben von ſeiner Reiſe zuruͤckgekehret, und ungeachtet des toͤdtlichen Streiches, den ſie ſeinen Hoffnungen gegeben habe, koͤnne er ſich doch nicht entbrechen, ihr die Verſicherung zu geben, nie ſeine Hand einer An⸗ dern bieten zu wollen. Er wolle ihren Groß⸗ vater perſönlich um ihre Hand bitten, und wil⸗ lige dieſer ein, ſo muͤße ſich jede Bedenklichkeit hinſichtlich ſeiner Mutter heben.* WMit dankbarer Liebe und ſchmerzerfülltem Herzen durchlas Alicia dieſes Schreiben. Aber⸗ mals vergaß ſie bittere Zaͤhren uͤber die ſchwe⸗ re Aufgabe, ein ſo edles, liebevolles Herz zum zweitenmale ausſchlagen zu muͤſſen. Ihr zartes Gewiſſen ſagte ihr jedoch, daß wenn ſie Sir Edmunds Vorſchlaͤge annaͤhme, ſie gewiſſermaſſen die Erwartungen ihrer Tante hintergehe. Pein⸗ 134 lich fuͤhlte ſie, es gebe kein anderes Mittel, Ed⸗ munds Abſichten ganz und gar zu vereiteln, als das— ihre Hand einem Andern zu reichen. Herzzerreißend war der erſte Moment dieſes Entſchlußes. Allein anſtatt dieſen peinlichen Ge⸗ danken zu entfernen, beſtrebte ſich Alicia viel⸗ mehr, ſich mit demſelben, als dem einzigen zum Zweck fuͤhrenden Mittel, bekannt zu machen. Sie geſtand ſich ſelbſt daß, bleibe ſie unverhei⸗ rathet, Edmund nicht nur ſtets neue Wege ein⸗ ſchlagen wuͤrde zu ihrem Beſitz zu gelangen, ſon⸗ dern daß auch ihr eigenes Herz am Ende entwe⸗ der nicht zu wiederſtehen vermoͤge, oder im Kam⸗ pfe untergehen muͤße. Sir Duncan hatte ſich vorgenommen, in drei Monaten Edinburg zu beſuchen. Dort muß⸗ te Alicia den geliebten Jugendgefährten treffen. Die verborgene Schwaͤche ihres Herzens, ver⸗ eint mit den Ueberredungskünſten des Weſens, das ihr das theuerſte auf Erden war, drohte alsdenn, ſie in ihrem Entſchluß wankend zu machen. Sie ſchrieb alſo dem Geliebten, wiederholte ihre Gruͤnde, erklaͤrte ſie könne ſich nie ihres Verſprechens entbunden glauben, wenn nicht La⸗ dy Audley ſie ſelbſt davon losſpreche, und bat ihn, eine Beſtrebung aufzugeben, die nur zu ih⸗ rer beiderſeitigen Qual dienen wurde. 135 Edmunds heftiger Sinn gab weder ihren Gruͤnden, noch ihren Vorſtellungen Gehoͤr. Sei⸗ ne Antwort war kurz und entſcheidend:— So⸗ bald ſie in Edinburg anlange, wuͤrde er ſie aufſuchen. „So iſt denn mein Schickſal entſchieden,“ ſagte Alicia zu ſich ſelbſt.„Ich muß das Opfer vollbringen!“ Je heftiger der Hampf zwiſchen Liebe und Pflicht war, je ſtandhafter beſchloß Alicia, den theuer erkauften Sieg zu behaupten. Ihr Entſchluß, ſich zu verheirathen war nun entſchieden; auch mangelte es ihr nicht an Ge⸗ legenheit dazu. Im verfloßenen Winter hatte ſie die Bekanntſchaft des Major Douglas, des aͤl⸗ teſten Sohnes des Herrn Donglas von Glenfern, in Edinburg gemacht. Major Douglas zeichne⸗ te Alicien vor allen ſeinen Bekanntinnen aus, und nach ihrer Ruͤckkehr auf das Land beſuchte er ih⸗ ren Großvater haͤufig. Endlich geſtand er ſei⸗ ne Neigung; ein Geſtändniß welches von Sir Dunran mit Freude, von Alicien mit Furcht und Ergebung angenommen wurde. Alicia zog den Major Douglas ihren uͤbri⸗ gen Bewerbern vor. Er war wohlgeſtaltet, von ruhigem Gemuͤthe und einfachen Sitten. Alle ſeine Bekannten ſchätzten ihn wegen ſeiner Bie⸗ derkeit, Gutmuͤthigkeit und geſunder Vernunft. Was erfolgte, bedarf keiner weitlaͤuftigen Er⸗ * 36 zählung.— Alicia Malcolm wurde die Gattin des Majors Archibald Douglas. Ewige Treue iſt eine hoͤchſt ſeltene Erſchei⸗— nung auf dieſer Erde. Es giebt Menſchen, die ſich mit Gewalt den Ruf, ewig tren zu ſeyn, an⸗ eignen wollen, und ſich deshalb nie beſtreben, ihre Leidenſchaft zu unterdruͤcken; ſelbſt dann nicht, wenn die Pflicht es gebietet, oder wenn Schuld und Kummer die Folge davon ſeyn ſollte. Ali⸗ cia handelte verſchieden. Sie bemühte ſich im Gegentheil, alle Gedanken an ilte ehemalige Liebe zu verbannen, ſuchte den Gegenſtand ih⸗ rer Neigungen möglichſt aus ihrem Herzen zu entfernen und ihre Heiterkeit wieder zu gewinnen. Ihr Beſtreben kronte der beſte Erfolg— die Gruͤndung ihrer und ihres Gatten hauslichen Gluͤckſeligkeit. Wenn das Herz nicht länger von den Stuͤr⸗ men der Hoffnung und Furcht bewegt wird, wenn der ganze kuͤnftige Lebensplan unabaͤnder⸗ lich feſtgeſetzt iſt, dann fuͤhlt der wahr⸗ Tugend⸗ hafte den Kummer uͤber die Vergangenheit nur noch kurze Zeit. Alicia buͤßte zwar ihren ju⸗ gendlichen Frohſinn ein, aber an deſſen Stelle krönte eine ruhige Zufriedenheit ihre Tage.— Nach Verlauf zweier Jahre ſchien ſie ſogar glucktich. WVon Lady Audley hoͤrte ſie ſelten. In den wenigen Briefen welche die Tante ſchrieb, gab 137 ſie gute jedoch nur oberflaͤchliche Nachrichten von ihrem Sohne. Alicia wuͤnſchte keine genaue Mit⸗ theilungen und hegte bereits ſeit geaumer Zeit die Hoffnung, Edmund ſei nunmehr ruhig und gluͤcklich. Bald nach ihrer Verheirathung verließ Major Douglas, der ein kleines Landgut, an den Ufern des Lochmarlie, von einem Oheim ge⸗ erbt hatte, den Kriegsdienſt. In dieſer ruhigen Abgeſchiedenheit fand Mſtrs: Douglas den See⸗ lenfrieden, welcher in der großen Welt ſchwer⸗ lich ihr Lvos geweſen ſeyn wuͤrde. ————— XV. Als Heinrich von ſeinem einſanen Spatzier⸗ gang zuruͤckgekehrt war, klagte er ſeiner Schwaͤ⸗ gerin den vorgefallenen Zwieſpa!. Mſtrs: Dou⸗ glas hielt es fuͤr klug daß beide Partheien ſich auf einige Zeit trennten. Sie that daher ihrem Gatten den Vorſchlag, ſeinen Bruder und Ju⸗ lianen auf einige Wochen zu ſich einzuladen. Die Einladung wurde freudig angenommen. Juliane verſprach ſich zwar kein außerordentli⸗ ches Vergnuͤgen von dieſem Ortwechſel, zog aber jeden andern Auffenthalt ihrem jetzigen vor. Zur beſondern Bedingung ſie ſich gemacht, daß. die Tanten fein zu Hauſe bleiben ſollten. Da⸗ gegen wurde Miß Becky eingeladen, den noch ledigen Platz im Wagen auszufuͤllen, die ſich denn auch zur beſtimmten Zeit, mit einer ganzen La⸗ dung von Mänteln, Ueberſchuhen und einem großen Arbeitsſack, voller Naͤthereien, einfand. — Der Tag, an welchem ſie ihre kleine Reiſe antraten, war einer der ſchonſten dieſer Jahrs⸗ zeit. Die Luft ward mild und ſtärkend. Nicht ein Wolkchen truͤbte den azurnen Glanz des Him⸗ mels. Die Sonne ſchien in voller Pracht und verbreitete Leben und Schoͤnheit, ſelbſt uͤber die traurigen, heidebewachſenen Huͤgel vor Glen⸗ fern. Nach einigen Meilen that ſich auf ein⸗ mal, bei einer kurzen Wendung der Straße, eine unvergleichlich ſchoͤne Landſchaft vor den Blicken unſerer Reiſenden auf. Vor ihnen lagen die dunkelblauen Gewaͤſſer des Lochmarlie, in denen ſich die umringenden Gegenſtände ſpiegel⸗ ten. Auf der ruhigen Oberflaͤche des ſchoͤnen Sees*) ſchwamm eine kleine Flotte von Herings⸗ booten, deren ausgehaͤngte ſchwarze Netze, gegen die ausgeſpannten weißen Segel der groͤßeren Fahrzeuge, maleriſch abſtachen. Auf einer Landſpitze ſtand ein kleines Fi⸗ ſcherdorf, deſſen weiße Huͤtten ſich in den ſpie⸗ v.) Loch heißt in den ſchottländiſchen Hochlan⸗ den ein See, ſo wie Ben ein Berg. A. d. Ueb. 139 gelklaren Fluthen, die es beinahe ganz umſpul⸗ ten, verdoppelten. Auf der andern Seite des Sees, richtiger Meerbuſen genanut, ſtiegen aus der Mitte eines Waldes, die hohen Thuͤrme des Schloßes Lochmarlie in die Lufte empor. Auf den umliegenden Bergen zeigte ſich hie und da eine einſam liegende Schäferhuͤtte und die im Sommer gruͤnende Heide. Kein Luͤftchen ruͤhrte ſich. Außer dem Ge⸗ raͤuſch des Waſſerfalls, dem Murmeln einer Sil⸗ berquelle oder dem Anſpielen der kleinen Wellen des Sees, war kein Ton zu hoͤren. Nur dann und wann vernahm man das goeliſche Lied eines, in einem ſonnigen Winkel liegenden Schaͤfers oder den entfernten Laut des kindiſchen Frohſinns. Wie entzuckend, iſt fuͤr ein gefühlvolles Herz, der An⸗ blick einer ſo herrlichen Scene unverdorbener Na⸗ tur, in der man nur Ruhe und Freude athmet! — Unſere ſaͤmmtliche Reiſegeſellſchaft war die⸗ ſer Empfindungen leider nicht faͤhig. Heinrich brach zwar oft in Lobreden aus, endete ſie aber mit der Bemerkung, er koͤnne es nicht begreifen„warum ſein Bruder keine Jagd auf dem See halte, und verſicherte eine Nacht auf einem der Heringsbvote zubringen zu wollen, um den Fiſch einmal ganz friſch zu eßen. Juliane hielt dafuͤr, es wuͤrde ſehr ſchoͤn ſeyn, wenn der See, anſtatt den abſcheulichen 140 Felſen und armſeligen Hütten, mit Villas, Gaͤr⸗ ten, Raſenpläͤtzen, Statuen, Luſt⸗ und Gewaͤchs⸗ haͤnſern umringt waͤre. Miß Becky verſicherte, waͤre die Gegend ihr Figenthum, ſo wuͤrde ſie die Wälder niederhauen und die Huͤgel ebenen, um ſo rechte Wettrennen halten zu können. Der Weg ſchlängelte ſich an den Ufern des Sees hin. Zuweilen verſteckte das ſchon her⸗ vorbrechende Laub der Wälder die Ausſicht; zu⸗ weilen erblickte man ungeheuere von Epheu be⸗ graͤnzte Felſenmaßen, die mit tauſendfarbigen Mooſen eingefaßt waren, deren Glimmer durch die hellen Felſenbäche leuchtete. Zwei Meilen weiter ſtand das einfache Haus des Major Donglas. Es lag auf einer etwas wilden abge⸗ ſonderten Landſpitze, die eine kleine Bucht des Sees bildete. Von drei Seiten war es von waldigen Anhohen, die ihm Schutz vor jedem rauhen Winde verliehen, umgeben. Sauft ſenk⸗ te ſich, auf der Suͤdſeite, ein mit Bäumen und Geſträuchen bepflanzter Raſenteppich, nach dem See. Mſirs: Douglas bewillkommte die Reiſenden, auf der Schwelle ihrer Wohnung, mit herzlicher Freundlichkeit, und fuͤhrte ſie durch eine zirkel⸗ runde, mit Blumen und erotiſchen Pflanzen ge⸗ ſchmuckte Halle, ins Innere des Hauſes. * 141 „Wie eutzuckend!“ rief Juliane, den ſuͤßen Geruch einathmend.„Moosroſen liebe ich vor allen, und in den Heliotrop bin ich ganz ver⸗ narrt.“— Von beiden riß ſie ganze Haͤndevoll von den Zweigen und war im Begriff, die Hand nach einem wunderſchoͤn bluͤhenden Cap⸗Jasmin auszuſtrecken, als Mſtrs: Douglas ihr Einhalt that. „Ich muß Sie in der That bitten, dieſes mein Lieblingskind zu verſchonen. Aufrichtig ge⸗ ſagt, Sie, liebe Schwaͤgerin, haben bereits die Geſetze meines kleinen Gewaͤchshauſes uͤbertreten, die nur zwei Genuͤße geſtatten: Sehen und Riechen.“ Verwundert rief Juliane:„Wie? Sie koͤn⸗ nen es nicht leiden, daß man Ihre Blumen ab⸗ breche? Wozu hat man ſie denn? Aus Papas Gewächshaͤuſern bekam ich ſonſt ganze Ladun⸗ gen voll!“ 3— Mſtrs: Donglas gab keine Antwort, führ⸗ te aber die Geſellſchaft in das Gaſtzimmer. In⸗ lianens kleiner Groll verſchwand ſogleich bei dem Anölick der in dieſem Zimmer herrſchenden Zier⸗ lichkeit und Bequemlichkeit. Sich auf den So⸗ pha werfend rief ſie:„So liebe ich es in der That! Ein gutes warmes Kaminfeuer, offene Fenſter, eine Menge Roſen, bequeme Divans und Gemälde,— ſchade daß Ihr Spiegel nicht groͤſ⸗ ſer iſt!“ 5 Die Hausfrau klingelte nach Erfriſchungen und entſchuldigte die Abweſenheit ihres Gatten, der, wie ſie ſagte, ſo ſehr mit ſeiner Feldarbeit beſchäftiget ſei, daß er ſelten ungerufen erſcheine. Heinrich ſchlug vor, die ſämmtliche Geſell⸗ ſchaft ſolle ſeinen Bruder auf dem Felde uͤber⸗ raſchen. Juliane war zwar keine Freundin laͤnd⸗ licher Spatziergange, aber auf die Verſicherung der Mſtrs: Donglas, daß die Wege trocken waͤren, und auf das Zureden ihres Gatten wil⸗ ligte ſie ein mitzugehen. Der Weg fuͤhrte durch Geſtraͤuche, an der Seite eines ſtark rauſchenden Baches her, deſſen Ufer in aller wilden Pracht unkultivirter Natur prangten. Mooſe, Epheu und Farrnkraut bedeckten die Erde, und an dem Rande des Baches ſproßten junge Veilchen und Schluſſelblumen, während die Hagebutte noch an dem duͤrren Strauche hing. „Dies iſt in der That ein ſchoner Erden⸗ fleck,“ ſagte Heinrich, den See durch die Zweige einer Hängebirke betrachtend„Das Rauſchen des Stroms, der Geſang der Voͤgel und alle dieſe wildwachſende Blumen machen uns glauben, es ſei bereits Sommer. Sieh nur. liebe Juliane, wie ſchoͤn ſich das vor Anker liegende Boot, von hier aus geſehen, ausnimmt.— Was haͤlſt du da⸗ von, in einer ſolchen Wuͤſte mit dem Manne deines Herzens zu leben?“ Inliane gab keine 143 6 Antwort, klagte aber uͤber die Sonnenhitze, den harten Kies und die Ausduͤnſtung des Sees. Heinrich begann den Zuſtand eines hochlän⸗ diſchen Gutbeſitzers jetzt in einem vortheilhafteren Lichte zu betrachten. Das geſunde blühende und muntere Ausſehen ſeines Bruders beſtaͤrkte ihn in dieſer Anſicht. Major Douglas eilte der Ge⸗ ſellſchaft entgegen, reichte mit gutherziger Waͤr⸗ me ſeinen Verwandten die Hand, und bot ih⸗ nen ein freundliches Willkommen. Julianens abgeſpanntes Weſen bemerkend, hielt er das was eigentlich Leerheit des Geiſtes war, fuͤr körper⸗ liche Ermüdung, und ſchlug daher einen kurze⸗ ren Ruckweg vor. Heinrich fand ſich abermals von den neuen Schoͤnheiten dieſes Weges und von der guten Ordnung und Beſtellung der Fel⸗ der hingeriſſen. „Dies alles muß große Koſten machen,“ ſagte er zu ſeiner Schwaͤgerin.„Man ſieht hier ſo viele ländliche Bruͤcken, Lauben und derglei⸗ chen. Wenigſtens ſechs Menſchen ſind nothwen⸗ dig, um alles in Ordnung zu erhalten.“ „Eine ſolche Anordnung wuͤrde unpaßend zu unſerer maͤßigen Einnahme ſeyn,“ erwie⸗ derte Mſirs: Donglas.„Wir hatten nicht ein⸗ mal einen gelernten Gaͤrtner, und hätten unſere kleinen Verſchoͤnerungen ſo große Ausgaben ver⸗ urſacht, oder blos zu eigener Befriedigung ge⸗ 144 dient, ſo wuͤrden wir ſie nie unterubmie ha⸗ ben. Dieſer Fleck war, wie wir zu ſeinem Be⸗ ſitz gelangten, eine vollige Wildniß, in welcher ein ſchmutziges, unbedeutendes Haus ſtand. Vor den Thuͤren nichts als Koth, ringsumher nichts als Waldung, Hagebutten und Brombeerſträuche. Das Dorf gewährte einen noch traurigen An⸗ blic. In ihm liefen ſchmutzige Dirnen und heil⸗ loſe Buben haufenweiſe umber. Wo ein Uebel herrſcht, iſt das Heilmittel ſtets in der Raͤhe zu treffen,— ſo auch hier. Es beſtand blos dar⸗ innen, die uͤbelgeleiteten Kinder, durch kleine Be⸗ lohnungen, dahin zu bringen, ihre Thatigkeit zum Schaffen, anſtatt zum Zerſtoͤren in dem ſie Mei⸗ ſter waren, anzuwenden. In kurzer Zeit ſprang die moraliſche und vegetabiliſche Verbeſſerung der Gegend ins Auge. Die Kinder wurden fleißig und friedfertig. Anſtatt junge Baͤume unzukni⸗ cken, Vögelneſter zu plundern und Katzen zu wuͤr⸗ gen, erbauten die groͤßeren Knaben, unter der Leitung meines Gatten„ dieſe hoͤlzerne Bruͤcken und Sitze, ebneten die von uns bezeichneten Schlangenwege und uͤberfuhren ſie mit Kies Daß es jetzt keine große Ausgabe erfordert, dies alles in Ordnung zu erhalten, werden Sie mir leicht glauben, wenn ich Ihnen ſage daß es blos durch Kinder unter zwölf Jahren geſchieht. Da ich mich nunmehr, wie ich hoffe, von der Be⸗ ſchuldigung, verſchwenderiſch zu ſeyn, gereiniget habe, ſo bitte ich meine liebe Schwägerin um Ver⸗ zeihung, 145 zeihung wenn ich ſie durch meine etwas breite Erzahlung ſollte gelangweilt haben.“ Als ſie das Haus erreicht hatten, fuͤhrte Mſtrs: Donglas Julianen in das fuͤr ſie be⸗ ſtimmte Zimmer. Die Bruͤder verfolgten ihren Spatziergang. So lange die Neuheit der Sache die Ober⸗ hand behielt und Julianen Glenfern mit ihrem jetzigen Aufenthalt verglich, blieb ſie von der beſten Laune und fand alles ſchoͤn und treflich. Als aber die Greuel des erſteren Ortes aus ihrem Gedaͤchtniß ſchwanden, und die Annehm⸗ lichkeiten des letzeren zur Gewohnheit wurden, kehrte der Daͤmon der langen Weile auch aufs neue in ihre leere Seele zuruͤck: eigenſinnige Launen und kindiſche Unarten wurden wieder zur Tagesordnung. Das Fortepiano, welchen ſie bei ihrer Ankunft als vortrefflich prieß, war jetzt abſchenlich und ſo verſtimmet, daß man es unmoͤglich ſpielen konnte. Die kleine Sammlung gut gewaͤhlter Romane war bald erſchoͤpft, und wurden, zu„den albernſten Buͤchern, die man je geleſen habe.“ Der Geruch des Heliotrops machte Kopfſchmerzen und der Anblick des Waſ⸗ ſers ſeekrank. Mit mehr Bedauern als Aerger hoͤrte Mſtrs: Douglas dieſe Höflichkeiten ſchweigend an. An den wunderlichen Neigungen, der Unſtetigkeit eheſtand 115d. K * 1 146 und unglucklichen Unthätigkeit dieſes beklagens⸗ werthen Opfers der Verzärtlung, erkannte ſie die traurigen Fruͤchte einer modiſchen Erziehung. Mit Demuth erkannte ſie, daß, unter gleichen Umſtänden, auch ſie ein ſolches Geſchöpf hätte werden koͤnnen. „Welch' eine furchtbare Verantwortlichkeit laden diejenigen Eltern auf ſich, welche auf die⸗ ſe Weiſe, die unſterbliche Seele ihrer Kinder ver⸗ nachläßigen oder gar verderben,“ ſagte die edle Frau zu ſich ſelbſt.—„Und wer kann wiſſen, wo das Lebel endet? Dieſe Unglückliche wird ſelbſt Mutter. Gaͤnzlich unbekannt mit jeder mütterlichen Pflicht, unfaͤhig der Selbſtverlaͤug⸗ nung, welche dieſes heilige Amt heiſcht, wird ſie Geſchöpfe in die Welt ſetzen, denen ſie nur ih⸗ re Schwäͤchen und ihre Irrthuͤmer hinterlaſſen kann!“ Das großmuͤthige Herz und der wahrhaft chriſtliche Sinn der Mſtrs: Douglas trauerte vft bei dieſem Gedanken. Durch alles, was in ihrer Macht ſtand, ſuchte ſie jene Fehler wenig⸗ ſtens zu beſchränken;— ſie wußte, es ſei un⸗ möglich, ſie ganz auszurotten. Julianens ewige lange Weile zu vertreiben, wurden bei dem uͤberaus ſchoͤnen Wetter, viele kleine Ausfluͤge in die Nachbarſchaft gemacht, die ihr zwar kein großes Vergnuͤgen gewaͤhrten, aber doch die Zeit tödten halfen.„ 147 Mehrere Wochen verfloßen, ohne daß die the zu verlaſſen. Plotzlich wurden aber Herr und Mitrs: Douglas zu dem Krankenbette des 1. Sir Duncan Malcolm entboten. Zwar luden 1 ſie ihre Gäſte ein, während ihrer Abweſenheit in ihrer Wohnung zu bleiben; weil aber Heinrich ſeinen Vater dadurch zu beleidigen furchtete, ſo kehrten ſie ſogleich nach Glenfern zuruͤck. 1 Die guten alten Tanten empfingen die Rei⸗ ſegeſellſchaft mit großem Jubel. Selbſt der alte Laird ſchien es vergeſſen zu haben, daß ſein Sohn ſich weigerte, Viehmaſtung zu treiben, und daß ſeine Schwiegertochter ſich zu vornehm duͤnk⸗ te, die Wirthſchaft zu fuͤhren. Kaum waren die gewohnlichen Begruͤßungen votuͤber, als Miß Grishelde an ihren kleinen Schreibtiſch flog, einen Brief herausnahm, Still⸗ ſchweigen gebot, und mit wichtiger Miene fol⸗ gendes las: 3„Schloß Lochmarlie, den 27. Merz. „Liebes Kind! 4 M. Sir Simſons Magen war ſo übel, daß man F ſich nicht beſſer denfen kann, doch nicht ſö * Gäſte gewünſcht hätten, ihre freundlichen Wir⸗ 148 zbel als Euere Wege.— Er war ganz zu Brei geruͤttelt. Mein Kleid jſt nicht mehr zu gebran⸗ chen. Mſtrs: Machall hat ein Maͤdchen. War⸗ um in aller Welt bekommen die Leute Mäd⸗ chens? Aus denen wird nie etwas Gutes.— Buben konnen leichtfertig ſeyn und doch noch gut zu Etwas werden,— werden aber die Mädchen leicht⸗ fertig, ſo werden ſie nichtsnutzig. Solche We⸗ ge ſah ich in meinem Leben nicht;— ich glau⸗ be, der Beſitzer von Glenfern will Euch alle in die Heerſtraße begraben laiſen.— Loͤcher zu Graͤbern ſind genug da, und Steine groß ge⸗ nug um Säaͤrge d'raus zu machen. Ihr muͤßt alle zu mir kommen und den Dienſtag bei mir zubringen,— nicht alle, aber einige von Euch. — Sie, liebes Kind, und Ihr Bruder und eine Schweſter und ihre ſchöne Nichte und Ihr huͤb⸗ ſcher Vetter.— Lilſwe Leute liebe ich. Miß Mackrakan iſt mit ihres Vaters Bedienten durch⸗ gegangen,— ich vermuthe, er will ſeine Meſ⸗ ſer auf ihr putzen. Kommen Sie in Zeiten und kommen Sie huͤbſch geputzt zu Ihrer Sie lie⸗ benden Freundin Iſabelle Maclaughlan“ Algemeiner Beifall erſchallte als die Vorle⸗ 2 ſung der herrlichen Epiſtel geendet war, und auf der Stelle erfolgte eine allgemeine Berathung. „Folglich gehen wir Alle,“ riefen ſie insgeſammt. Wenigſtens ſo viel, als der Wagen hält. Wir — 149 ſind nirgends wohin eingeladen und haben mit⸗ hin keine Abhaltungen. Juliane weigerte ſich veraͤchtlich von der Par⸗ thei zu ſeyn, gab jedoch mit ziemlich übler Lau⸗ ne den Bitten ihres Gatten, der jeden andern Ort der Heimath vorzog, endlich nach. Die Idee einer Luſtreiſe hatte, die Wahrheit zu ſagen, mehr Gewicht uͤber die eigenſinnige Schone, als die Wuͤnſche des Gatten und die Vorſtellungen der Tanten. Letztere hatten ihr uͤberdies geſagt, ſie wuͤrde bei Lady Maclaughlan eine zahlreiche vornehme Geſellſchaft antreffen. Endlich erſchien der zu dieſem wichtigen Be⸗ ſuche beſtimmte Tag. Heinrich ſollte zwei ſeiner Tanten, eine ſeiner Schweſtern und Julianen in der Barutſche fahren. Schon bei Anbruch des Tages waren die Damen außer Bette. Um Zeit zu gewinnen, mit Wuͤrde und Anſtand vor dem Altare ihrer Schutz⸗ heiligen zu erſcheinen, wurde ſchon um acht Uhr, in großter Eile, gefruͤhſtuͤckt, und gegen eilf er⸗ ſchienen die Tanten in ſeidenen Kleidern, im vol⸗ len Pomp, mit unmaͤßig langen Schleppen, und mit pomadirten und wohlgepuderten Toupées. WMiß Becky gab an äußerem Glanze den alten Damen nichts nach. Die vereinigten Kuͤnſte und Kräfte ihrer drei Tanten und vier Schwe⸗ ſtern hatten ſich erſchöpft ihre Haare in jede Form 150 zu zwingen,— nur nicht in die naturliche. Ei⸗ ne Unzahl von Locken umgab die Stirne, und Haarflechten aller Art waren von der Wurzel aufgezogen und auf dem Wirbel in einen Kno⸗ ten gewunden. Ihre Arme waren vermittelſt ei⸗ nes dunkeln roſenfarbigen Bandes von ungewoͤhn⸗ licher Stärke, ſo zuruͤckgeſchnuͤrt, daß die Elle⸗ bogen zuſammenſtießen. Drei Stunden verfloßen in der unertraͤglichen Qual eines Staatsanzuges. Eine Qual, welche jedes weibliche Herz mitfühlen wird. Aber Ju⸗ liane fuͤhlte keine andere Ungemaͤchlichkeit, als ihre eigene. Der Unterſchied, im Staatskleide vder im Morgenanzug warten zu muͤßen, war ihr unbegreiflich. Wenn aber der Putz eine ſel⸗ tene Haupt⸗ und Staatsaktion iſt, der wird leicht mit den Gefuͤhlen unſerer Damen ſympathi⸗ ſiren, und ſich vorſtellen koͤnnen, wie ſie ſich waͤhrend der drei Stunden, zu denen ſie ver⸗ urtheilt waren, Julianen zu erwarten, langweil⸗ ten, niederſetzten, aufſtanden, umherwandelten, die Fenſter öffneten, die Hände rangen, an ih⸗ ren Kleidern zupften, u ſ.w.— Enplich erſchien Juliane um zwei Uhr, in einem weiten Morgenkleide und einer Morgen⸗ haube, gleichſam als wolle ſie ihre Geringſchaͤ⸗ tzung dadurch andeuten. Mit vereitelter Erwar⸗ tung blickten die Schweſtern einander an. Sie hatten ſchon längſt die Garberobe ihrer Richte — ————— IFT durchmuſtert und untereinander feſtgeſetzt, der paßendſte Anzug fuͤr dieſe Gelegenheit ſei ſchwar⸗ zer Sammet. Auch hatten ſie bereits am vor⸗ hergehenden Abend manche Winke uͤber die Vor⸗ zuͤge ſchwarzer Sammetkleider fallen laſſen. Ein ſchwarzes Sammetkleid ſei warm und doch nicht zu warm; es ſehe geputzt aus, und doch nicht zu geputzt; Lady Maclaughlan liebe ſchwarze Sammetkleider und beſitze ſelbſt eins, mit langen Aermeln und hinten zugeknoͤpft. Schwarze Sammet⸗ kleider wuͤrden häuſig getragen; viele Damen ihrer Bekanntſchaſt böſaßen welche, und ſie wuͤß⸗ ten gewiß, daß die verheiratheten Frauen„ die ſie bei Lady Maclaughlan antreffen wuͤrden„al⸗ le ſo gekleidet waͤren, u. ſ. f. Die Zeit war jedoch anjetzt zu koſtbar zu Vorſtellungen und Klagen. Nach dem Wagen eilend blieb Miß Johannen nichts uͤbrig, als einen ſtrafenden Blick, und Grishelden einen traurigen auf die ungeſchmuͤckte Nichte zu werfen. Aus⸗ rufungen von Verzweiflung uͤber die ſpäte Stun⸗ de und Klagen, daß man nun keine Zeit habe, ſeinen Anzug noch vor dem Eßen zu ordnen, folgten, wie ſich verſteht. Die Verzögerung verurſachte, daß man erſt mit der einbrechenden Nacht anlangte. Der Wagen fuhr vor das Schloßthor. Kein Die⸗ ner erſchien,— keine Antwort auf das Ziehen der Thorglocke. 152 „Auf mein Wort, dies iſt ſchr beunruhi⸗ gend! rief Grishelde.— „Ganz unbegreiflichl“ ſagte Johanna.„m beſte waͤre es, auszuſteigen und unſer Heil an Hinterthüre zu verſuchen. Ein Angriff auf die Hinterthuͤre hatte gluͤck⸗ licheren Erfolg. Ein kleiner Knabe oͤffnete die Pforte halb und fragte im platteſten hochlaͤndi⸗ ſchen Dialekt,„was ſe denn ſuchten? „Wie kannſt du nur fragen, Colin? Wen anders als Lady Maclanh Colin? weigerte ſich, ſie einzulaſſen.„Schon recht, aberſt d' Lady is Nachten nit z'ſprechen. „Nicht zu ſprechen!“ rief Grishelde halb todt vor Beſorgniß.——„Gerechter Himmel!— Ich hoffe, ich meine,— Sir Simſon!“— „O jo, d'n Haͤrren ie ſe ſchon ſeh'n.“ Der Knabe öffnete die Lhüre und führte die Geſellſchaft gerade in Sir Simſons Zimmer, der im Schlafrock und in der Nachtmuͤtze im Lehnſtuhl lag. Das Eintreten der Fremden ſchreckte ihn aus dem Schlummer. Betaͤubt um ſich blickend fragte er noch halb ſchufen„Wer iſt da?“ „Ei Potztauſend Sir Simſon!“ riefen ü. Tanten auf einmal, liefen auf ihn zu und faß⸗ 153 en ſeine Haͤnde.„Ei Potzalletauſend, kennen Sie uns denn nicht? Hier iſt ja unſere Nichte Juliane auch!“ In ſeine Kißen zuruͤckſinkend, und von Ent⸗ ſetzen ergriffen, rief der galante kleine Krieger: „Was, Lady Juliane Douglas?!— Ich bin verrathen,— ich— ich—. Wo iſt Lady Maclaughlan? Wo iſt Philiſter?— Wo ſteckt — der Teufel! dies iſt nicht zum Ertragen!— Lady Juliane Douglas, die Tochter des Gra⸗ fen von Courtland, auf eine ſolche Art ins Schloß Lochmarlie eingefuͤhrt, und mich in einer ſo un⸗ anſtaͤndigen Lage zu finden!“— Seine Lippen bebten vor Aerger. Er klingelte. Colin erſchien. „Wo ſind alle meine Leute?“ „d'Lute ſin all' nacher Sandy⸗Moor.“ „Wo iſt die gnädige Frau?“ „S'is uf'm Oberbodden.“ „Wo ſteckt Murdoch?“ „He hilft d'r Gnadigen ufem Oberbodden“ „Ol laßt uns ſämmtlich die Stiege hinauf gehen und ſehen, was Lady Maclaughlan und ihr Philiſter in dem Laboratorium treiben,“ ſagte Grishelde.„Schlafen Sie nur fort, Sir Simſon, wir wollen den Weg ſchon finden,— bleiben Sie nur.“ Julianen bei der Hand faſ⸗ ſend mippelten die alten Jungfrauen fort, ihre 154 Freundin aufzuſtöbern.—„Was das alles heißen ſoll, verſtehe ich nicht,“ fluͤſterte Gris⸗ helde ihrer Schweſter zu.„Etwas muß doch nicht richtig ſeyn;— das iſt nicht zu läugnen. — Ich wollte nur dem Sir Simſon nichts ſa⸗ gen; ſeine Rerven ſind ſo ſchwach. Was das alles aber vorſtellen ſoll, weiß ich wahr und wahrhaftig nicht“ Nachdem die Geſellſchaft mehrere finſtere Treppen hinaufgeſtiegen und durch mehrere enge, krumme Gaͤnge gekommen war, gelangte ſie end⸗ lich vor die Thüre des Allerheiligſten. Auf lei⸗ ſes Anklopfen ließ ſich die Stimme der Prieſterin. in einem nicht ſehr einladenden Ton vernehmen. „Wer iſt denn da?“ fragte ſie. „Niemand als wir,“ antwortete die zittern⸗ de Freundin. „Niemand als wir! He?! Welcher Narr nennt ſich den Niemand als wir! Philiſter, oͤffne die Thüre und ſieh zu, was der Niemand als wir begehrt.“ S Die Thuͤre wurde geoffnet, und die Ge⸗ ſellſchaft trat ein. Der Tag hatte ſich bereits geneigt, aber bei dem Schimmer eines rauchen⸗ den, ſchlecht hrennenden Feuers, erkannte man muͤhſam die Geſtalt der Lady Maclaughlan, wie„ ſie am Herde ſtand und den Inhalt eines mäch⸗ tig großen Keßels bewachte, der Dunſt und uͤb⸗ — len Geruch verbreitete Mit ihrem gewohnli⸗ chen eiskalten Blick, und ohne Hand oder Fuß zu regen, ſtaunte ſie die Eindringenden an. Ich meine,— ich glaube nicht daß Sie uns keunen, Lady Maclaughlan,“ ſagte Grishelde und ſuchte re Furcht unter einer affectirten Lebhaftigkeit zu verſtecken.“ „Nicht kennen! He?! Wer Sie ſind, weiß ich wohl, aber was Sie hieherbringt, weiß ich nicht. Wiſſen Sie's ſelbſt?“ „Ich meine,— ich kann nicht begreifen — begann Grishelde, der aber die Stimme vor Zittern verſagte. Ihre Schweſter fuhr fort: „Ihre Aeußerung, Lady Maclaughlan, iſt eben ſo ſeltſam als unverſtaͤndlich. Wir kamen auf Ihre ausdrückliche Einladung, an dem von Ihnen beſtimmten Tage, wurden aber„ ich ge⸗ ſtehe es frei, auf eine höchſt unerwartete Art empfangen, und um ſo befremdender, da dieſes der erſte Beſuch unſerer Nichte Juliane Dou⸗ glas iſt“ Mit den Händen auf dem Rücken„ dieſen gegen das Feuer gekehrt und unbeweglich ſtehen bleibend, antwortete die Freundin:„Ich will Euch etwas ſagen, Ihr Mädels,— Ihr ſeyd nicht recht bei Troſt,— Ihr ſeyd ͤbergeſchnapt, — rein tol,— das iſts— Het!“ 3 „ „Iſt das der Fall,“ verſetzte Johanna, vor Aerger ſchwellend,„taugen wir nicht fuͤr Ihre Geſellſchaft, und das Beſte, was wir thun kön⸗ nen, iſt, uns auf den Ruͤckweg zu begeben. Fun Sie, Nichte Juliane; komm Schweſter. Weinend ſiel die ſanfte Grishelde ein.„Ich meine,— ich glaube,— wahrlich Johanna, dein ungeſtuͤmmes Weſen iſt, ich kann's nicht ertra⸗ gen,— ich—.“ „Sonſt pflegtet Ihr Euch als verſtaͤndige vernuͤnftige Weſen zu zeigen; was Euch aber ſeither befallen hat, mag Gott wiſſen, erwieder⸗ te die geſtrenge Dame.„Iht fallt mitten in der Nacht in Haus,— rennt bis zum Oberboden, — niemand weiß, wie Ihr herauf kommt, und ohne, daß ich an Euch dachte. Weil ich Euch nun nicht einen Haufen Luͤgen vorſchwatzen, und von mit Vergnuͤgen erwarten und derglei⸗ chen reden will, ſo wollt Ihr wieder fort ren⸗ nen.— He?! Iſt dies das Betragen von Weibern, die ihre fuͤnf Sinne haben? Da Ihr aber nun einmal hier ſeyd, ſo ſetzt Euch und erzaͤhlt, was Euch hieher fuͤhrte. Hinunter Gil Blas, ſpring hinunter, Tom Jones!“— Zwei groe Katzen lagen auf dem bei dem Feuer ſtehenden, dreieckigen, mit Leder uͤber⸗ zogenen Stuhl, den ſie hoͤchſt langſam ver⸗* ließen. — „Wie geht's denn, Schoͤn Liebchen?— Ju⸗ liane ſetzte ſich auf das Katzenbette.— Ihr Mädels, ſetzt Euch und erzählt mir, Euch heute eigentlich hieher fuͤhrte.— He „Wie konnen Sie noch fragen, nachdem 3 Sie uns formlich eingeladen haben?“ fragte die noch zornige Johanna. „Ich will's Euch ſagen, Ihr Mäbels; Ich habe Euch eben ſo wenig auf heute zum Mit⸗ tageſſen eingeladen, als der Großtuͤrke zum Son⸗ pee.— He?!“ „Wie beliebt es Ihnen, den heutigen Tag zu nennen?“ 3 nenne ihn Dienſtag, bei Euch heißt er aber vermuthlich Donnerſtag. Auf den Don⸗ nerſtag habe ich Euch eingeladen.“ „Ich meine,— ich glaube,— Gott ſei Dank, daß wir endlich aufs Reine kommen,“ rief Grishelde“ Ich las ſo, weil ich gewiß bin, daß Sie Dienſtag ſchrieben.“ „Wie konnten Sie ſo thoricht ſeyn, ſo zu leſen, Liebe? Und ſelbſt, wenn ich Dienſtag geſchrieben hätte, ſo mußten Sie doch verſtändig genug ſeyn, zu wiſſen, daß es Donnerſtag heißen ſollte. Wann hoͤrten ſie jemals, daß ich auf den Dienſtag einlud?“ Ja, wahr und wahrhaftig, das hätte ich freilich beſſer wiſſen můſſen. Ich ſchame mich 1 neiner Dummheit, denn ich hätte es wiſſen můſ⸗ ſen, daß, wenn Sie auch Dienſtag ſetzten, es Donnerſtag hätte heißen mußen.“ „Gut, ſchon zut, nichts mehr davon. Da r einmat hier ſeyd, ſomüßt Ihr auch hierblei⸗ ben, und eſſen müßt Ihr vermuthlich auch. Sir Simſon und ich aßen bereits vor zwei Stunden zu Mittage, deshalb ſoll ſich doch noch Etwas fuͤr Euch finden. Heute muß ich, wie es ſcheint, den Laden ſchließen, und meine lebenserregende Tinktur und meine Methuſalem⸗ Pillen unvollendet laßen. Da Ihr einmal hier ſeyd, muͤßt Ihr auch hier bleiben, und muͤßt abgefüttert und logiert werden. Geht nur, Mä⸗ dels, geht nur—. Marſch, Gil Blas,— komm, Tom Jones.“— Die Kätzen ſprangen voraus; die Lady zeigte den Weg, die Gäſte folgten. ————— xVII. Mit Hülfe des unermüdlichen phiſters, hat⸗ t ſich Sir Simſon in einer Uniform geſteckt und eine gut friſirte und gepuderte Peruͤcke aufgeſetzt. Dieſer Staat verſetzte ihn, als die Geſellſchaft zu ihm zurückkam, ſo ziemlich in ſeine gewoͤhn⸗ ſiche hofliche Weiſe Heinrich; der nach den . — —— 159 Pferden geſehen hatte, trat jetzt ein, und bald darauf wurde eine Tracht Speiſen hereingebracht, uͤber welche die halbverhungerten Gäſte eifrig herfielen, ohne auf die Warnungen der Wir⸗ — thin zu achten,„beileibe nicht zu viel zu eſ⸗ ſen, da nichts ſchäblicher ſei als vieles Eſſen, wenn man heißhungrig waͤre.“ Nach geendigter Mahlzeit führte Lady Mac⸗ laughlan die Geſellſchaft durch ein ſchwach be⸗ leuchtes Vorzimmer, in welchem Porzellange⸗ ſchirre Haufen auf Haufen aufgethuͤrmt ſtanden, in das eigentliche Staatszimmer. Bei dem Eintritt in dieſem weitlaͤuftigen Prunkſaal wanderte das Auge in ungewiſſer Dunkelheit umher. Die Gäſte glitten vorſichtig uͤber den ſpiegelblanken Fußboden. Reiche, aber groteske Tapeten bekleideten die Waͤnde. Das maßive Schnitzwerk der Decke und die außer⸗ ordentliche Hoͤhe bewieſen das Alter des Saales, aber, der ſchwachen Beleuchtung wegen, war die Schoͤnheit der Arbeit nicht zu erkenne. Ein turkiſcher Teppich war in der Mitte des Fußbodens ausgebreitet. In der Mitte des Teppichs ſtand der Spieltiſch, an welchen zwet von dem Jubel zu Sandy⸗Moor abgerufene Be⸗ dienten, Stuͤhle ſezten und Karten auflegten. „ Karten waren bei Sir Simſon und ſeiner Gattin an der Tagesordnung. Da aber Whiſt ⸗ 1 60 das einzige ihnen bekaunte Spiel war, ſo ent⸗ ſtand einige Schwierigkeit, dem juͤngeren Theil der Geſellſchaft Unterhaltung zu verſchaffen. „Ich habe eine Menge Buͤcher fuͤr Sie, mei⸗ ne Lieben,“ ſagte Lady Maclanghlan, ergrif ein Licht, machte eine kleine Reiſe ans andere Ende des Zimmers, und ging in ein Thuͤrm⸗ chen, aus welchem ſie mit ſehr vernehmlicher Stimme rief:„Keine andere Buͤcher als dieſe hätte man jemals nöthig gehabt zu drucken. Le⸗ ſet Ihr dieſe, ſo braucht Ihr keine anderen zu leſen. Die ganze Welt ſteckt in dieſen Buͤchern. — He?! Hier iſt die Vibel, groß und klein Format, mit den apocryphiſchen Buͤchern und der Concordanz! Hier iſt Floyers Medicina Geromica, oder die Galeniſche Kunſt, das Leben alter Menſchen zu erhalten;— Love's Feldmeſ⸗ ſerkunſt;— die Abhandlungen der Hochländi⸗ ſchen gelehrten Geſellſchaft;— Glaß's Koch⸗ kunſt;— Flavel's neueröffnete Lebensquelle;— Ueber die Fechtkunſt;— Bemerkungen uͤber den Gebrauch des Bath Waſſers;— Rezepte fuͤr die Wunden der Seele;— Le Blond's militai⸗ riſche Denkwuͤrdigkeiten;— Macghieſ's Buch⸗ haltung;— Mead uͤber die Peſt;— Aſten⸗ thology, oder die Kunſt, ein ſchwaches Leben zu erhalten!“ So wie Lady Maclaughlan den Titel eines jeden Buchs ausrief, hielt ſie jedesmal etwas inne, v 161 inne, in der Hoffnung, man wuͤrde es begeh⸗ ren.— Niemand unterbrach ſie. „Nun, Ihr verlangt nichts, Kinder!“ rief ſie mit ſtrengem Tone.„Ich weiß es nicht! Wißt Ihr ſelbſt, was Ihr wollt? Hier ſind zwei Romane, die einzigen, die ein guter Chriſt leſen darf.“ Mit Vergnuͤgen nahm Heinrich die erſten Theile des Gil Blas und der Clariße Harlowe an, gab den letzteren Julianen und behielt den erſteren fuͤr ſich. Miß Becky ſezte ſich mit uͤbereinander geſchlagenen Armen nieder, die Whiſtparthie wurde geordnet und ein feierliches Stillſchweigen erfolgte. Juliaue blatterte ein wenig in ihrem Buche, dann bat ſie Heinrich, es gegen das ſeinige zu vertauſchen. Da aber beide Buͤcher den Roma⸗ nen aus den franzöſiſchen und deutſchen Schulen, an die ſie gewoͤhnt war, ſehr unähnlich ſind, ſo legte ſie beide mit Wiederwillen bei Seite. Auf dem Tiſche, welcher zu ihrer Bequemlich⸗ keit an den Kamin geſetzt war„ lag eine eng⸗ liſche Zeitung, zu der ſie ihre letzte Zuflucht nahm.— Aber, o Jammer! Selbſt die Trok⸗ kenheit der verſchmähten Clariße Harlowe, war Entzucken gegen den Inhalt des folgenden Arti⸗ kels, welchen jenes Blatt enthielt: 2 „Geſtern wurde, auf beſondere Erlaubniß, im Hauſe der Miſtriß D—, Se. Gnaden der Herzog von L— mit der ſchoͤnen und reizenden Eheſtand 1r Bo⸗ L 162 Miß D— vermaͤhlt. Se. Koͤnigliche Hoheit der Herzog von— hatten die Gnade, den Braut⸗ vater bei dieſer Gelegenheit in Perſon vor⸗ zuſtellen. „Eben ſo waren Ihro Koͤniglichen Hoheiten vie Herzöge von— und von— gegenwärtig. Die Braut war, in einer einfachen Robe von den feinſten Bruͤßler Spitzen, mit einem langen Schleier von dem nemlichen koſtlichen Stof, der ihr bis auf die Fuͤße herab hing, bezau⸗ bernd ſchöͤn. Sie war mit einem auf dreißig⸗ tauſend Pfund geſchatzten, Perlenſchnur geſchmuͤckt, deren keuſche Reinheit zu ihrem übrigen Anzuge paßte. Nach geendigter Ceremonie, wurde eine prächtige Collation eingenommen. Das gluckliche Paar fuhr, in einem vierſpännigen Wagen, be⸗ gleitet von ſechs Vorreitern und zwei anderen vierſpaͤnnigen Wagen, auf das Land. „Sobald der Honigmonat auf der einzig ſchoͤnen, an der Themſe liegenden, Villa Sr. Gna⸗ den verſtrichen iſt, werden Höchſtdieſelben Ge⸗ ſellſchaft in ihrem prächtigen Pallaſte, in Port⸗ man⸗ Square, annehmen. Die Ausſtattung ſoll, wie verlautet, zehntauſend Pfund gekoſtet haben, und die Juwelen der Fran Herzogin werden auf eine halbe Million geſchaͤtzt.“) *) Dergleichen weitläuftige, bombaſtiſche Heirachs⸗ anzeigen findet man ſehr häuſig in den engli⸗ ² ſchen Zeitungen⸗ A. d. Ueb⸗ 163 So unglücklich Juliane ſich ſchon ſeit gerau⸗ mer Zeit füͤhlte, ſo war dennoch jener Zuſtand, gegen das, was jetzt in ihr vorging„ wahres Gluͤck zu nennen. Neid, Schmerz, Selbſtvorwuͤr⸗ fe und Aerger, wuͤtheten wechſelsweiſe in ihrer Bruſt. Das Blatt entglitt ihren Haͤnden. Furcht⸗ bar rollten ihre Augen, gleichſam als wolle ſie ſich ihres grauſamen Looſes vergewiſſern. Die fuͤrchterliche Gewißheit uͤberfiel ſie mit dem pein⸗ lichſten Schmerz. Einen Blick des Abſcheus auf ihren unbewußten Gatten werfend, ſank ſie auf die Stuhllehne zuruͤck und ein bitterer Thraͤnen⸗ trom rieſelte uͤber ihre Wangen. Heinrich war zwar an dergleichen Gefuͤhls⸗ uͤberſtroͤmungen ſeiner ſchoͤnen Ehehalfte gewoͤhnt, konnte es aber immer noch nicht über ſich ge⸗ winnen, ungeruͤhrt dabei zu bleiben; mit den ſüßeſten Schmeichelreden ſuchte er ſie daher zu beruhigen. Zwar hatten dieſe läͤngſt ihre Ge⸗ walt uͤber die Launen der Dame verloren, mil⸗ derten ſie aber doch zuweilen; jetzt aber ſchienen ſie ihren Unwillen noch zu erhoͤhen. Entruͤſtet ſchwieg ſie auf ſeine Fragen, und ungeduldig riß ſie ihre Hand aus der ſeinigen. Erſtaunt über ein ſo unbegreifliches Betra⸗ gen, drang Douglas mit Ernſt auf eine Erklä⸗ rung. Ihm das Zeitungsblatt hinwerfend, rief ſie endlich: Hier! Da ſieh ſelbſt, was aus mir haͤtte werden konnen, waͤreſt du nicht ge⸗ weſen, und ſtelle den ſelbſt an!“ 2 Beſtürzt uͤber dieſen Vorwurf ergriff Hein⸗ rich eiligſt das Blatt und der unſelige Artikel fiel ihm ſogleich ins Auge. Der giftige Pfeil durchbohrte ſein Herz. Der Gedanke, daß, ob⸗ gleich kindiſche Thorheiten und eigenſinnige Lau⸗ nen ſeine Tage oft truͤbten, er im Grunde doch geliebt werde, entfloh.— Mit bebenden Lippen, gebleichter Wangen und unwilliger Verachtung warf er das Blatt von ſich und verließ das Zimmer, in der vollen Bitterkeit des Gemuͤths, welche ein edles Herz fuͤhlen muß, wenn er ſei⸗ ne Liebe betrogen ſieht. Seine ehedem ange⸗ betete und ihn anbetende Juliane wuͤrdigte er keines Blickes und keines Wortes.— Hein⸗ richs romantiſche Leidenſchaft war zwar bereits fruͤher verflogen, und eben ſo wenig war wahre Achtung an ihre Stelle getreten. Er liebte j⸗ doch ſeine Gattin noch immer, weil er ſich ge⸗ liebt glaubte, und in dieſer glucklichen Verblen⸗ dung fand er bisher Entſchuldigungen für ihre Thorheit und Troſt uͤber ſein eigenes Miß⸗ geſchick. Gegen Gleichguͤltigkeit wäre Heinrich vielleicht einige Zeit unempfindlich geweſen, denn ſeine Ge⸗ fuͤhle waren zwar ſtark, aber ſeine Einſichten⸗ nicht ſcharfſinnig. Jetzt war ihm aber der Schleier der Verblendung mit rauher Hand ent⸗ rißen worden. Wo er ſich angebetet glaubte, fand er ſich verabſchent, und der Schmerz uͤber —.— —.— 165 getäuſchte Liebe, wurde durch die Stacheln des verwundeten Stolzes und der perblendeten Eigenliebe, noch peinlicher. —— xvMI. Der Spieltiſch ſtand am andern Ende bes Zimmers, entfernt von dem Schauplatz des eben Vorgefallenen. Die Spielenden richteten ihre ganze Aufmerkſamkeit auf das Schickſal des Tricks, und gewahrten mithin nichts von dem erzählten Auftritt. Die Laſt, der betruͤbten Schöne Huͤlfe zu leiſten ſiel auf Miß Becky„deren ſympathe⸗ tiſche Gefüae bisher noch Niemand in Anſpruch ge⸗ nommen hatte. Langſam naͤherte ſie ſich der un⸗ glücklichen Juliane, die laut weinend auf ihrem Stuhle lag, und reichte ihr ein Riechfläͤſchchen, wel⸗ ches ſie und ihre Schweſtern zuweilen gebrauchten„ „wenn ſie etwas Gutes riechen wollten.“— Jetzt ging aber ihre Großmuth weiter. Sie ſchraub⸗ te es auf, zog ein baumwollenes Schnupftuch hervor, tröpfelte, fein bedaͤchtig, einige Tropfen Lavendelwaſſer darauf und bot es Julianen anz da ſie dieſes für die zierlichſte und manierlichſte Art von Huͤlfsleiſtung hielt. Schweigend wurde das wohlvermeinte Anerbieten zuruͤckgewieſen, 166 und die gute Becky, die alles gethan zu haben glaubte, was ihre Vernunft ihr eingab, zog ſich mit großer Verwunderung, was ihre vornehme Schwaͤ⸗ gerin wohl befallen haben möge, auf ihren Sitz zuruͤck. Die Whiſtparthie war geendet. Juliane, die ſich vor Lady Maclaughlan fuͤrchtete, zwang ſich die Ausbruche ihres Aergers zu unterdruͤcken dagegen verfiel ſie in muͤrriſche Niedergeſchla⸗ genheit, welche die guten Tanten auf Rechnung der Ermuͤdung ſetzten. Die ſtets apologiſirende Grishelde aͤußerte,„die Reiſe ſei zum Entzucken geweſen,— das ſei nicht zu läugnen,— und ſie ſämmtlich haͤtten ein außerordentliches Ver⸗ gnuͤgen daran gefunden, ſo wie ein jeder, der nur Augen im Kopfe habe. Aber geſtehen müße ſie doch, ihr ſei wirklich zu Muthe, als habe ſie alle Rippen zerbrochen. 7 Mamn ſtand demnach fruͤher auf als gewoͤhn⸗ lich. Juliane wurde von ſämmtlichen Damen in ein Prunkzimmer gefuͤhrt, deſſen altmodiſches, prachtvolles Himmelbett, das mit weißen ſammt⸗ nen Vorhängen und reich vergoldetem Schnitz⸗ werk prangte, die Bewunderung der Beſchau⸗ er erregte. Die Tanten wurden in das gruͤ⸗ ne Zimmer, welches bei Sir Simſons Geburt eingerichtet wurde, gewieſen. Die Vorhänge wa⸗ ren kurz, den Kaminſims konnte ſelbſt die juno⸗ niſche Johanna nicht erreichen, und der mit ge⸗ malter Gaze bedeckte Nachtiſch, war mit einer 4 167 Unzahl ſchildpattener Büchschen und Kiſichen uͤberſät. An der Wand hing ein ſauertöpfiges Antliz, das unter einer ſchottlaͤndiſchen, mit ſchwarzen Federn gezierten Mutze hervorlugte. Grishelde erhob ein Licht, ſtellte ſich vor das Bildniß und betrachtete es zum tauſendſtenmal 3 mit an Vergötterung grenzender Ehrfurcht. „Wahr und wahrhaftig, dieſer Sir Aeneas muß ein erſtaunungswüͤrdiger Mann geweſen ſeyn— das iſt nicht zu läugnen, und es iſt außer aller Frage, daß er das zweite Geſicht*) im hoͤchſten Grade beſaß.—„Auch hoͤrte ich nie dagegen ſtreiten, wahr und wahrhaftig nicht. — Viele ſeiner Prophezeiungen waren zwar ganz unverſtaͤndlich, aber das iſt um ſo außerordent⸗ licher, nicht wghr 7— Zum Beiſpiel die von unſerer Familie“— Etwas leiſer fuhr ſie fort: „Ich meines theils konnte es nie recht begreifen, und doch muß was d'ran ſeyn. Wie aber ein Zweig des Baumes don Glefern,— das kann nur der Stammbaum ſeyn, wie du weißt,— Lochmarlies Mauern ſtützen ſoll, iſt, was mir unbegreiflich bleibt. Haͤtte Sir Simſon einen *) Den Leſer, welcher wänſcht, pſychologiſche Auf⸗ ſchluße uͤber das ſogenannte zweite Geſicht der ſchottländiſchen Hochlaͤnder zu haben, verweiſe ich auf des Gten Bandes ztes Stück des Archivs fuͤr den thieriſchen Magnetismus, peg 2 168 Sohn, nun, da ſind die Maͤdchen— denn wir könnens nicht gemeint ſeyn, weißt du, wenigſtens ich nicht,— und doch, wenn etwas geſchehen ſoll⸗ te, wofuͤr uns der Himmel bewahren moͤge!— wenn der lieben Lady Maclaughlan etwas be⸗ gegnen ſollte, und Sir Simſon es ſich in den Kopf ſetzte,— woran nicht zu denken iſt,— und wahr und wahrhaftig, es wäre gegen allen Reſpect fuͤr Lady Maclaughlan und gegen alle Freundſchaft fuͤr uns, wenn er ſich dergleichen Dinge in den Kopf ſetzte—“ Die empfindſame Grishelde verwickelte ſich dergeſtalt in ihre Ideen, von der Moͤglichkeit des Ablebens der Lady Maclaughlan, der Schick⸗ lichkeit oder Unſchicklichkeit der etwanigen Vor⸗ ſchlage des Sir Simſons, und der Erfuͤllung der Prophezeiung des Sir Aenegs, des Sehers, daß ſie ſich gaͤnzlich in dieſem Läbyrinth verirrte. Wer ihr darinnen folgen mag, thue es. Lie⸗ ber wollen wir die jugendliche Becky in ihr Schlafkammerchen begleiten⸗ wohin die Hausfrau ſie gleichfalls ſelbſt fuͤhrte.— Zu Beckys Schlaf⸗ gemach führte eine kleine knarrende Hintertreppe, wie man ſie oft in alten Gebaͤuden antrifft. Das Bett ſtand in einem Alkoven der finſter war wie der Erebus. Zwiſchen dem Bette und der Wand befand ſich eine Vertiefung in welche zu ſchauen, der armen Becky grauſte. „Sie muͤſſen alles hier recht und gut finden, liebes Kind, und ſollte etwas nicht recht ſeyn, 7 ſo müßen Sie es doch fuͤr recht halten Ich dulde nie etwas Unrechtes hier—„He?!“— die furchtſeme Becky warf einen ſcheuen Blick auf den Alkoven und 5 durch Verzweif⸗ lung kuͤhn geworden,— nt ſchwacher Stimme: „Tom Jones oder Gil Blas ſtecken doch wohl nicht hinter dem Bette?“ „Und wenn ſie dahinter ſteckten, was thut's Ihnen? Sind Sie ein Mäuschen und fuͤrchten So ſich gefreſſen zu werden? Ich glaube, Sie ſind's Sie ſind vermuthlich die Prinzeßin im Feenmaͤhrchen, die bei Tage ein Frauenzimmer war und des Nachts ein Mänschen. Ich glau⸗ be wahrhaftig, Sie ſind behext! Und ſo ſchla⸗ fen Sie denn wohl, ſchoͤne Mauſeprinzeſſin.“ —„Jungfer Maus, ſteckt ſie im Loche?“ ſang die heldenmuͤthigg Lady, mit Stentorſtimme, waͤh⸗ rend ſie die knakkenden Stufen hinabging. Je mehr der Schall dieſer ſonpren Stimme ſich in der Ferne verlor, je mehr pochte das Herzchen der armen Becky mit dem Holzwurm in die Wette. Lange und grauſend war die Nacht. Alle Schrecken des Aberglaubens peinigten die Aermſte. Weiße, ſchwarze und graue Geiſter umtanzten ihr Lager. Ungcheuer, halb Menſch, halb Katze packten ſie an der Kehle und die Todtenuhr pickte in ihren Ohren. Endlich erleuch⸗ tete das Morgenroth ihren ſchwachen Gehirnkaſten 3 und erſt als alles um ſie her im Glanz der Sonne ſchimmerte, wagte ſie die Angen zu ſchlie⸗ „ — 170 ßen und mit geoffnetem Munde zu einzu⸗ ſchlafen. Da es nun heller Tag iſt, ſo wollen wir uns ein wenig die Umgebungen des Schloßes Lochmarlie beſchauen, die der Natur mehr als der Kunſt verdankten. Das Schloß ſelbſt lag ſehr ſchoͤn auf einem ebenen gruͤnen Ufer, das etwas ſchrof aus dem See emporſtieg, und be⸗ herrſchte eine Ausſicht, die, wenn gleich nicht ausgebreitet, doch mit Mannichfaltigkeit und Schönheit prangte. Die ehrwuͤrdigen Thuͤrme ragten uͤber Baͤume hervor, die mit ihnen gleich⸗ zeitig zu ſeyn ſchienen. Die Pracht der großen weitlaͤuftigen Waͤlder und die, in die weiteſte Ferne ſich erſtreckenden Felder und Wieſen, eig⸗ neten dieſen Landſitz zur Wohnigg eines Fuͤrſten. Aber die Reize der Schoͤpfung blieben Julianens Augen verſchloßen. Wäͤlder, Berge, Seen und Flüße waren fuͤr ſie fatale Dinge. Ihr Herz verlangte nur nach ſtaubigen Londner Spazier⸗ plätzen und erſtickenden Wambleezimmern. Die Geſellſchaft verſammelte ſich zum Fruͤh⸗ ſtuͤk. Die Tanten redeten von der Abreiſe; die Hausfrau wiederſprach jedoch dieſem Vorſatz auf ihre gewöhnliche entſcheidende Weiſe. „Ihr ſeyd zu mir gekommen, liebe Kinder, wie es Euch keliebte, und nun ſollt ihr nicht wieder gehen, bis es mir beliebt. Ich bat Euch 177 auf den Donnerſtag, beſſer geſagt, ich verlang⸗ te Euch, und ſo muͤßt Ihr auch uͤber den Don⸗ nerſtag bleiben, und duͤrft nicht vor dem Frei⸗ tag abreiſet; bann gebe ich Euch meinen S auf den Weg.— He?!“ Von dieſer höflichen, iſtenii Einla⸗ dung entzuckt, beſchloßen die Schweſterü zu blei⸗ ben. So unbeguem Juliane ſich auch hier fand, ſo war doch wenigſtens in dieſer We⸗nung alles in einem groͤßeren Styl als zu Glenfern, und die verwoͤhnte Dame fand ſich im Schloße Lochmar⸗ lie doch etwas heimiſcher als in den von Glen⸗ fern. In ihrem eigenen Hauſe konnte Lady Mac⸗ laughlan„ wenn es ihr beliebte, hoͤflich ſeyn, und ſuchte daher Julianen ſo gut zu unterhalten, als ſie es vermochte. Sie zeigte ihr eine ſehr ſchoͤne Sammlung chinifiſch en Porzellans, und eine eben ſo ſchoͤne und zahlreiche von geſchnittenen Steinen, wie auch die Bibliothek und mehrere gute Ge⸗ maͤlde. Juliane zog aber die Billardtafel allem andern vor. 6 Endlich erſchien der erſehnte Donnerſtag und mit ihm eine große Anzahl Gaͤſte. Juliane lag untheilnehmend, halb auf den Sopha hingeſtreckt, die Geſellſchaſt mit ſtolzen Blicken uͤberſchauend. Die meiſten Gaͤſte redeten im ſchottlaͤndiſchen Dialekt, Urſache genug, daß ſie alles, was ſie ſagten, fuͤr albern und roh hielt. Aber wieder einmal auf Silber zu ſpeißen, und ſich in Zim⸗ mern zu beſinden, die, obgleich grotesk aufge⸗ putzt und unheimlich, dennoch ein prunkendes Anſehen hatten, auch geräumig genug waren, ſich von Perſonen, mit denen ſie ſich nicht ab⸗ geben mochte, entfernt zu halten, dies geſiel der vornehmgewoͤhnten Juliane. Ungern reißte ſie daher ab, um zu dem einzigen Zuſluchtsorte zu⸗ ruͤckzukehren, der ihr in der Welt uͤbrig blieb, und an welchem allein ſie ihre nahe Entbindung abwarten konnte. XIX. „ Endlich ſchlug die von den Bewohnerinnen des Schloßes Glenfern ſo lang erſehnte Stunde. Juliane beſchenkte das Haus Douglas mit,— ach! nicht mit dem erflehten Erben ſeines alten Glanzes, ſondern mit— Zwillingstoͤchtern, die zu einer vermehrten Buͤrde deſſelben wurden. Die Hoffnungen des alten Herrn waren vereitelt.— Ganz außer ſich lief er, die Haͤnde in die Taſchen geſteckt, im Zimmer auf und nieder, wiederholt murmelnd:„Zwei Maͤdels uf emnmal! Das is z'toll! So was hoͤrt' ich im Leben nit. Wo Teufel ſoll nur d'Mitgift mal herkommen?“ 173 Die beſtuͤrzte Grishelde erklͤrte, es ſei zum Erbarmen, daß es ſo gekommen waͤre. Man koͤnne es aber doch nicht ändern, das ſei nicht zu läugnen. Lady Maclaughlan würde ſich ge⸗ wiß nicht wenig verwunbern. Johanna ſah keine Urſache zur Betruͤbniß. Sie verſprach ſich ein unendliches Vergnuͤgen von der Erziehung und Bildung ihrer Nichten bie man ihr uͤberlaßen muͤße. FNicoline konnte nicht begreifen, wie die Kin⸗ der aufzubringen waren. Juliane konne, fuͤrch⸗ tete ſie, beide nicht ernaͤhren, und Ammen wä⸗ ren unerſaͤttlich. Heinrich, deſſen Liebe durch. die Leiden ſeiner Lebensgefaͤhrtin aufs neue erwachte, eilte in ihr Zimmer, kniete vor dem Bette und druckte„tief geruͤhrt, ihre Hand an ſeine Lippen. „Theurer, tauſendmal theurer als jemals biſt du mir jetzt, geliebtes Weib! Ach! und die ſuͤßen Pfaͤnder unſrer Liebe!“ Matt erwiederte die Gattin:„Ach! nenne mir die nicht. Wie abſcheulich! Ich haße nun einmal die Mädchen— und gar zwei auf ein⸗ mal!— O!“— Sie ſeufzte tief. Auch der Gatte ſeufzte, aber aus andern Beweggruͤnden. Jetzt näherte ſich die Hebamme mit ihren huͤlf⸗ voſen Burden. Beide Eltern erblickten zum er⸗ ſtenmal ihre Sproͤßlinge. „Welche niedliche Geſchoͤpſchen!“ rief der entzuckte Vater, nahm ſie auf ſeine Arme unddruͤck⸗ te den erſten Kuß auf die Lippen der Unſchuldigen. Dann hielt er ſie der Mutter dar. Mit Ekel wendete die Unnatuͤrliche ſich von ihnen. Wie magſt du ſie kußen, Heinrich!“ ſagte ſie.„Sie ſind ſo häßlich und ſchreien ſo fatal! Sieh einmal, da iſt die arme Pſyche, ſie iſt ganz. unglüͤcktich, daß ſie ſo lange nicht bei mir war. Hebe ſie doch zu mir aufs Bett. Bitte, bitte!“ Der arme Heinrich verließ das Zimmermit weit verſchiedenen Empfindungen von denen, die er bei ſeinem Eintritt hatte. Doch troͤſtete er ſich mit dem Gedanken, Juliane wuͤrde die Kin⸗ der ſchon nach und nach lieben lernen. Auf dringendes Bitten ihres Gatten ließ die modiſche Mutter ſich uberreden eins ihrer halb⸗ verhungerten Kinder ſelbſt zu ſtillen.— Der er⸗ ſte Verſuch war aber auch der letzte.— Beſtimmt erklrte ſie, nichts in der Welt ſolle ſie bewegen, ein ſolches abſcheuliches Geſchäͤfte ferner zu uͤber⸗ nehmen. Heinrichs Flehen und die Vorſtellun⸗ gen der Tanten, reizten ſie nut noch mehr zum Widerwillen. Auf den Rath des Arztes mußte man endlich nachgeben. Eine Amme wurde verſchaft, die ſich aber weigerte beide Kinder 76 zu ſtillen. Der alte Herr wollte jedoch keine doppelte Laſt dieſer Art im Hauſe haben. Es wurde alſo zur unausſprechlichen Frende der al⸗ ten Jungfrauen beſchloßen, das juͤngſte Kind ſolle, unter ihrer Aufſicht, mit Kuhiilch aufge⸗ zogen werden. Die Folgen waren vorauszuſehen. Das von der Geburt an ſchwache und zarte Kind, ver⸗ lor täglich mehr und mehr an Kraͤften. Sein ſtetes Schreien bewieß ſein inneres Leiden, that aber auf die gefuͤhlloſe Mutter keine andere Wir⸗ kung, als daß ſie es in ein entfernteres Zimmer bringen ließ, um, wie ſie ſagte, das boͤsartige Ding nicht den ganzen Tag uͤber, um nichts und wieder nichts, quacken zu hoͤren.— Das andere beguͤnſtigtere Kind, war hingegen von Natur ſtark und lebhaft, fand die gehörige Nah⸗ rung und gedieh ſichtlich. Seine Amme erklaͤrte es fuͤr das wahre Ebenbildchen der ſchönen Ma⸗ ma und ergoß ſich, mit der ihrem Stande eige⸗ nen Liſt, ſo lange in Lobreden über deſſen Schon⸗ heit und in Prophezeiungen, zu welchen Ehren und zu welchem Gluͤcke es ſicher und gewiß kommen würde, bis es ihr durch Schmeichelreden jeder Gattung gelang, einige Theilnahme in der Bruſt der unnatürlichen Mutter zu erregen. Drei Wochen hindurch dauerte dieſer Zuſtand, als Herr und Miſtriß Douglas anlangten, um Gluͤck zu der Geburt der Zwillinge zu wunſchen. 176 Juliane empfing ihre Schwägerin in der Wohn⸗ ſtube, die ſie noch nicht verlaſſen hafte, und erwiederte ihre Gluͤckwuͤnſche blos durch Murren und kindiſche Klagen. Die kleine Dulderin ließ ſich eben ſehr ver⸗ nehmen.„Sie ſind gewiß recht glcklich, keine Kinder zu haben,„fuhr die unzuͤrtliche Mutter fort.„Ich hoſfe zu Gott, keine mehr zu be⸗ kommetn.— Ich glaube nicht, daß noch jemals Zwillingstochter geboren wurden! Und ich muß es, ich muß es,— ich, die Maͤdchen nun ein⸗ mal nicht ausſtehen kann!“ Aufgebracht, wie Mſtrs. Douglas uͤber Ju⸗ ianens gefuͤhlloſe Thorheit war, ſtockte ihr die Antwort.— Eine Pauſe erfolgte.— Das un⸗ gluͤckliche Kind ſchrie aufs neue, aͤrger als je⸗ mals;— die Mutter hielt ſich die Ohren zu. „Ich wünſche zu Gott, das Kind wäre ge⸗ rnebelt! Seit der Balg auf der Welt iſt, thut er nichts als plärren. Es iſt zum todtärgern⸗ „Armer kleiner Wurm,“ ſagte die mitlei⸗ dige Mſtrs. Douglas.„Es ſcheint viel zu leiden.“ „Leiden! Was kann es leiden? Es wird ja beſſer gepflegt als irgend Jemand im Hauſe. Die drei alten Sybillen füͤttern es ja unaufhoͤr⸗ lich, mit allem, was ſie nur erdenken koͤnnen, vom Morgen bis zum Abend, und treiben einen . gewal⸗ 177 gewaltigen Specktakel mit dem Kinde!“— Miſtrs. Douglas laͤchelte. „Ich glaube liebe Schwägerin, es wuͤrde auch Ihnen nicht wohl werden, ſtopfte man Sie mit allerhand untauglicher Koſt und ekelhaften Arzeneien, und ſchankelte man Sie den ganzen Tag auf den Armen, wie Ihr armes Kind.“ Auffahrend verſetzte Juliane:„Sie moͤgen ſagen, was Ihnen beliebt, aber ich weiß daß es nichts als Bosheit iſt. Die Amme ſagt's auch. Und dann iſt's vom vielen Gebloͤcke ſo haͤßlich, daß man's nicht anſehen mag.“— In dem Au⸗ genblick trat Miß Johanna mit der kleinen Suͤn⸗ derin, die ſie nicht zum Schweigen bringen konn⸗ te, und daher auf alte Jungfrauenmanier tuͤch⸗ tig hin⸗ und herſchaukelte, ins Zimmer. Die Rabenmutter wandte ſich ſeitwärts.— Man hielt ihr das Kind vor.„Gerechter Himmel, welch' ein Scheuſal!“ rief ſie.„Es iſt ja weit kleiner, als bei der Geburt, das Fell iſt ſo gelb als Sa⸗ fran und es ſchielt obendrein. Seht nur den Un⸗ terſchied!“— Die Amme nuͤhrte ſich gerade, mit ihrem ſchoͤnen Kinde prahlend, das ſo eben aus einem langen Schlaf erwachte und ein Bild der Fuͤlle und Geſundheit darſtellte.„Das huͤb⸗ ſche Dingelchen i's ganz der gnaͤdigen Mama ihr Ebenbildchen; es is'r wie aus d'n Augen geſchnit⸗ ten. Aberſt d' Kranke ſieht aus wie d'e Tanten. „Tragt es fort,“ ſchrie Juliane in halber Verzweiflung.„Könnte ich es nur ganz und gar Eheſtand 11 Bd. M 178 fortſchicken. Das Gequäcke bringt mich noch un⸗ ter die Erde.“ „Ach Himmel, was gäbe ich fuͤr das Gluͤck, die Stimme meines eigenen Kindes zu hören!“ rief Mſtrs: Donglas und nahm das Kind auf ihre Arme. Wie glͤcklich wäre ich, könnte ich dich, arme Zuruͤckgeſtoßene, mein nennen Juliane verſetzte lachend:„Ich trete Ihnen meinen Antheil an den kleinen Plagegeiſt gerne ab, wenn Sie meinem Mann den ſeinigen abſchwatzen koͤnnen.“ „Alles in der Welt gaͤbe ich, könnte mein armes Kind eine Mutter finden,“ rief Heinrich, der eben eintrat. „Lieber Bruder,“ ſagte Mitrs: Douglas ſchnell, mit von Vergnugen ſtrahlenden Augen. „Sie beſtätigen alſo Julianens güůtiges Verſpre⸗ chen? Ja, ich will die Mutter Ihres Kindes werden und es lieben wie mein eigenes. In einem Monat,— in weit kürzerer Zeit, ſoll es ſo munter ausſehen, als ſeine Schweſter.“ Heinrich ſeufzte bei dem Gedanken, warun ſeinem Kinde eine ſolche eigene Mutter verſagt ſei; dankte ſeiner Schwaͤgerin, erinnerte ſich aber, ihren Gatten deshalb vorher zu befragen, da we⸗ nige Männer es liebten, ſich mit fremden Kin⸗ dern zu befaſſen. 179 Mſtrs: Douglas erroͤthete uͤber den Unge⸗ ſtuͤmm ihrer Empfindungen, der ſie auf einen Augenblick vergeſſen ließ, was ſie ihrem Gatten ſchuldig war.„Sie haben Recht,“ ſagte ſie. „Ich will ſogleich um ſeine Erlaubniß bitten. Er befriediget meine Wuͤnſche ſo gerne, daß ich nicht den mindeſten Zweifel hege, meine Bitte wird mir gewaͤhrt werden.“— Sogleich eilte ſie mit dem Kinde zu ihrem Gatten. Ziemlich kalt nahm Major Douglas den Vor⸗ ſchlag ſeiner Gattin auf. Er verwunderte ſich, weshalb ſie ſich mit ſo einem häßlichen Schrei⸗ hals plagen wolle. Wenn's noch ein Knabe waͤre, alt genug umherzulaufen und zu plaudernz das laſſe er ſich noch gefallen. Was ſie aber mit ſo einem quaͤckenden, kränklichen Kinde an⸗ fangen wolle, begreife er nicht,— und noch da⸗ zu ein Maͤdchen! Mitrs: Douglas ſeufzte tief. Mit Thränen blickte ſie das bleiche Geſichtchen und die geſchloſ⸗ ſenen Aeuglein der armen Kleinen an.„Nun, ſo helf' dir Gott, armes Wuͤrmchen!“ ſagte ſie traurig.„Dich ſtoͤßt jeder zuruͤck, aber deine Leiden werden bald zu Ende gehen.“ Langſa⸗ men Schrittes wollte ſie ſich mit ihrer huͤlflo⸗ ſen Buͤrde entfernen, allein ihr Gatte, geruͤhrt von ihrer Trauer, deren Grund er zwar nicht begriff, rief ſie zuruͤck.„Liebe Alicia, wenn es dein Ernſt iſt, dich des anzunehmen, ſo 2 180 2 habe ich nichts dagegen. Ich fuͤrchte nur, du ubernimmſt eine arge Plage, und dann iſ die Mutter eine große Naͤrrin—“ „Schlimmer, weit ſchlimmer als eine Nar⸗ rin; denn ſie haßt und verläugnet das arme un⸗ ſchuldige Kd „Thut ſie das?“ rief Herr Douglas der vor Zorn entbrannte, daß man einen Sproͤß⸗ ling ſeines Stammes haßen und verlaugnen koͤnne. „Nun, ich will lieber aufgeknuͤpft werden, als ihr Heinrichs Kind zum Haßen und Verlaugnen Aberlaßen, ſo lange mir noch ein Obdach und ein Pfennig uͤbrig bleibt“— Zärtlich kuͤßte er das Kind und nahm es auf ſeine Arme. Riſtriß Douglas lächelte durch ihre Thrä⸗ nen, als ſie ihren Gatten umarmte und ſeine Guͤte und Großmuth prieß. Vergnuͤgt und froh⸗ lockend eilte ſie zu ihren Verwandten, um ihnen die frohe Kunde, daß das Kind uunhr das ihrige ſei, mitzutheilen. 4 Wie erſtaunten aber die jungfraͤulichen Pfle⸗ gerinnen, als ſie vernahmen, daß ihre kleine Bürde ihnen entnommen werden ſollte! „Ich meine,— ich glaube, das Kind beſin⸗ det ſich ſo wohi als möglich,“ ſagte Grishelde. Wahr iſt's, es jammert faſt unaufhoͤrlich,— das kann man nicht laͤugnen. Ein biöchen unge⸗ * 197 woͤhnlich klein iſt's auch— das kam niemand beſtreiten. Aber warum es ſo ſchreit, weiß ich nicht. Ich gebe ihm doch täglich zweimal Pul⸗ ver gegen das Bauchgrimmen, und alle drei Stunden einen Theeloͤfel voll von Lady Mar⸗ laughlans Windpulver.“ „Und ich koche ihm fort und fort Se tze und kaue ihm Zwieback vor, und doch iſt's nie zufrieden. Ich moͤchte nur wißen, was es eigentlich wollte?“ rief Nicoline. Mit wichtiger Miene antwortete Johanna: „Ich weiß recht gut, was es verlangt. Nach einer Amme ſchreit und plärrt es den ganzen Tag, aber das muß man nicht dulden, das Begehren hat ſonſt kein Ende. Es iſt zum Er⸗ ſtaunen, wie liſtig Kinder ſind, und wie ſie die Schwaͤchen anderer Leute zu benutzen wiſſen.“ — Hier wurde der guten Mſtrs: Douglas ein Flammenblick zugeworfen.—„Waͤre es mein Kind, lieber wollte ich es mit Waſſer und Brod auffüttern, als ſeinen Launen nachgeben. Das iſt mir in der That eine herrliche Lehre, daß das Kind ſeinen eigenen Willen haben ſoll, ehe es zwei Monate alt iſt. Mſtrs: Douglas wußte, daß es vergevlih ſei, mit den Tanten ſtreiten zu wollen. Sie ließ ſie daher ſich, nach Belieben, verwundern und uͤber Sauglaͤppchen, Kolicpulver und andere 132 Marterinſtrumente deklamiren, ſandte aber als⸗ bald nach der Frau eines ihrer Lehnsleute, die kurzlich in Wochen gelegen hatte und Amme zu werden wuͤnſchte. Nachdem Mſtrs: Douglas alle nothwendigen Anſtalten getroffen und die wenigen Kleidungsſtuͤcke, welche die Amme ihr zu über⸗ laſſen geruhte, zuſammengerafft hatte, begab ſie ſich mit dem Kinde zu ihrer Schwägerin, die noch von ihren Lieblingen umgeben, im Bette lag. „Wollen Sie ſich denn wirklich mit der klei⸗ nen Schreieule plagen?“ hieß es.„Nun, huͤbſch iſt's von Ihnen, recht hubſch; ich fuͤrchte nur Sie werden es bald muͤde ſeyn. Kinder ſind ſo gar arge Plagen! Nicht wahr, Liebchen?“ ſchloß ſie, ihren Mops küßend. Heinrichs wegen, der eben ins Zimmer trat, verbarg Mitrs: Donglas ihren Unwillen und ſag⸗ te blos.„Wenn Sie mein kleines Maͤdchen in Monatsfriſt ſehen, werden Sie gewiß anders reden. Es verſprach mir, nie wieder zu ſchreien; kuͤßen Sie es nun zum Abſchied.“ Leicht beruͤhrte die vornehme Mama die Wange des ſchlafenden Säuglings, ſtreckte ih⸗ rer Schwägerin einen Finger entgegen, ſagte ein nachläßiges Lebewohl, und kehrte zu ihren Kißen und Moͤpschen zuruͤck. Heinrich begleitete ſeine Verwandten an den Wagen und verſprach, ſie in einigen Tagen zu 13 beſuchen. Von ſeinem Kinde redete er nicht, aber der warme Haͤndedruck, den er ſeinem Bru⸗ der gab, und ſein feuchtes Auge, ſagten mehr als die längſte Rede. Major Douglas verſi⸗ cherte kurz, Alicia wuͤrde ſein Kind gewiß gut pflegen, und bei einer Amme wuͤrde es bald wieder geſund werden.— Der Wagen fuhr ab. — Lief gebeugt kehrte Heinrich ins Haus zuruck, um ſeines Vaters Vorleſungen, die Stoßſeufzer der Tanten, und das Murren ſeiner Gattin anzuhören. ———— KX Die Geburt der Zwillingstöchter ließ den jungen Vater ſeine Abhäͤngigkeit und ſeinen huͤlf⸗ loſen Zuſtand, noch weit ſtaͤrker, als fruͤherhin, empfinden. Wie dieſem aber abzuhelfen, wußte er nicht. Auf den Vorſchlag ſeines Vaters konnte er nicht eingehen. Eben ſo unmoͤglich war es, wäre er auch dazu geneigt geweſen, der Familie, bei ihren geringen Einkuͤnften länger zur Laſt zu bleiben. Nur ein Auskunftmittel blieb ihm uͤbrig, nemlich: ſich an den Freund und Beſchuͤtzer ſeiner Jugend, den General Ca⸗ meron, zu wenden, dieſem ſeine klagliche Lage und bittere Reue vorzuſtellen, und ihn um Ver⸗ 134 zeihung und Beiſtand zu bitten. Während dem Verſiegeln des Schreibens dachte er:„des alten Generals Zorn wird ſich wohl abgekuͤhlt haben. Er hat mir mehremalen aus der Klemme gehol⸗ fen, und ich hoffe er wird mir auch jetzt aus der allergroͤßten, in der ich je ſteckte, helfen“ Diesmal irrte Heinrich nicht. Der General antwortete, verwuͤnſchte ſeine Thorheit, eine Frau von ſo hoher Geburt geheirathet zu haben, fluch⸗ te uͤber die Geburt der Zwillinge, gab ihm einige gute Rathſchlaͤge uͤber ſeine kuͤnftige Lebensweiſe, ſchloß aber mit der angenehmen Nachricht, es ſei ihm gelungen, ihm ſeine ehemalige Stelle bei der Armee wieder zu verſchaffen. Er ſelbſt aber wolle ihm ſiebenhundert Pfund Sterling jaͤhrlich, bis auf Weiteres, zulegen, und ſende einſtweilen eine Anweiſung von pitihndert Pfund, zur erſten Einrichtung. Nach Heinrichs Begriffen war dieſes zwar nur eine ſehr maͤßige Huͤlfe, aber doch beſſer als gar keine. Halb vergnugt eilte er zu Juli⸗ auen, um dieſer die ſh Botſchaft mitzutheilen. Hochentinct rief Iuitihen„Sicenhundert Pfund jaͤhrlich! Himmel welch' eine Summe Geldes!“ Da ſind wir ja über und uͤber reich. Da ſchaffe ich mir ein ſchoͤnes Haus und prach⸗ tige Equipage on, und will Féten geben, und mahl maskirte Baͤlle, Opernlogen und Staatè⸗ mir die ſchoͤnſten Sachen kaufen: O, wie gluͤck⸗ lich werde ich ſeyn! Heinrich, dem dieſes nicht recht einleuchten wollte, meinte ziemlich ernſthaft, ſeine liebe Ju⸗ liane ſich nicht ſonderlich auf den Werth des Geldes, wenn ſie glaube, ſo viel mit ſie⸗ benhundert Pfunden anfangen zu koͤnnen. In Lon⸗ don koͤnnten ſie ſchwerlich leben, aber wohl ein huͤbſches Landhaͤuschen in Richmond oder Twi⸗ kenham miethen; er wolle ſich blos einen Phaer⸗ ton halten und ſie fahren; herrliche Mahlzeiten konne er ſeinen Freunden auch geben. Jetzt erhob ſich ein großer Streit. Die gnaͤdige Frau haßte Landhaͤuſer, Phaetons und herrliche Mahlzeiten, eben ſo ſehr, als ihr Ge⸗ waͤgen. Das wahre von der Sache war, daß eins ſo wenig wie das andere den eigentlichen Werth des Geldes kannte, und daß Heinrichs maͤßiger Plan, eben ſo unausfuͤhrbar war, als der aus⸗ ſchweifende ſeiner Gattin. In der verſchwenderiſchen Pracht eines vor⸗ nehmen Hauſes erzogen, an Befehlen und au⸗ genblickliches Gehorchen ihrer Befehle gewöhnt, befand ſich Juliane zur Zeit ihrer Verheirathung, in der ſeligſten Unwiſſenheit über den Werth der Pfunde, S8 und Stuͤber. Ihre Kammer⸗ 136 frau verſorgte ihre Garderobe mit allem Roth⸗ wendigen. Begehrte ſie einen neuen Anzug oder ein modern gefaßtes Kleinod, ſo fuhr ſie zu Ma⸗ dame D— oder zu Herrn D—, befahl, das Verlangte nach Hauſe zu ſenden, und überließ dem Papa die Zahlung. Dadurch, daß Juliane beinahe nie Geld in ſeiner eigentlichen Geſtalt ſah, kannte ſie es blos dem Namen nach. Heinrich hingegen, hatte deſſen allzuviel in Händen gehabt und täuſchte ſich daher eben ſo ſehr in der Gewalt die er den edlen Metallen zuſchrieb. Die unuͤberlegte Guͤte des General Cameron hatte ihm erlaubt, alle Modethorheiten mitzumachen, und ihm ge⸗ ſtattet, das reiche Einkommen ſeines Goͤnners, wie ſein Eigenthum zu gebrauchen. Erſt wie er, durch Geldmangel, ſich in Glenfern einge⸗ ſchloſſen ſah, erkannte er den Werth dieſes Be⸗ duͤrfnißes. Kurz, die jungen Leutchen betrach⸗ teten beide das Geld wie die Luft die ſie einath⸗ meten. Sie wußten daß es nothwendig zur Er⸗ haltung des Lebens ſei, und glaubten, irgend⸗ wo müße es doch herkommen, gleichviel ob vom Oſien, Weſten, Süden g orden. Die ge⸗ meinen Ausgaben, als Eßen und Trinken, Lohn fuͤr die Bedienung, Abgaben, u. ſ. w. brachten ſie nicht in Anſchlag. Prachtanzuge, Feten, Opern, und Equipagen und Staatslivreen ſpuk⸗ ten fortwaͤhrend in Julianens Köpſchen, waͤhrend 187 Heinrich von nichts traͤumte als Clubs, Phae⸗ tons, Pferden und guten Weinen. So verſchieden die Gatten uͤber ihre kuͤnfti⸗ ge Lebensweiſe dachten, ſo überzeugt waren bei⸗ de von der Nothwen digkeit, je eher, je lieber nach London zu reiſen. Heinrich eilte daher ſei⸗ nem Vater Kunde von der Veraͤnderung ſeiner Gluͤcksumſtande zu geben, und daß er ſogleich zu ſeinem Regimente,— der Garde,— abzu⸗ gehen gedenke. „Siebenhundert Pfund des Jahrs!“ rief der alte Herr,„Siebenhundert Pfund! O, was kannſt' mit d'm Haufen Geld thun? Gwiß leg'ſt d' die Haͤlft' bei Seiten, zur Ausſtattung vor deine Madels. Siebenhundert Pfund vor Nicksthun. Johauna befuͤrchtete, daß, wenn die jungen Leute ſich nicht eine verſtändige Perſon zugeſell⸗ ten, die ſi e ſchwer finden wuͤrden, um das vie⸗ le Geld in gehoͤriger Ordnung zu halten, ſo wuͤrde es ſchwerlich von langer Dauer ſeyn. Grishelde meinte es ſei allerdings eine ſchoͤ⸗ ne Einnahme, das waͤre nicht zu laͤugnen. Man muͤße aber auch geſtehen, daß das Geld nicht beſſer häͤtte angewendet werden können. Nicoline bemerkte, fuͤr ſiebenhundert Pfund des Jahres, könne man, bei gehoriger Einthei⸗ 183 lung, ſich ſehr gutes Eßen und Trinken ver⸗ ſchaffen. Die Vorbereitungen zur Reiſe brachten nun⸗ mehr das ganze Schloß in Aufruhr, die gut⸗ muͤthige Thaͤtigkeit und die körderlichen Kräfte der jungen Fraͤuleins wurden zum Einſammeln der Kleidungsſtuͤcke, Packen des Koffers, der Vache, u. ſ. w., ihrer vornehmen Schwägerin, angeſtrengt. Der Laird äußerte,„Narrn verließen gern en warmes Reſt.“ Grishelde war anderer Mei⸗ nung. Sie erklaͤrte,„man muͤße die armen Din⸗ ger entſchuldigen, daß ſie gerne abreißten. Jun⸗ ge Leute liebten ja das Reiſen ſo ſehr. Nie⸗ mand koͤnne es jedoch läugnen, daß es ſo natuͤr⸗ lich geweſen waͤre, wenn ſie getrauert haͤtten.“— Johanne verwunderte ſich, wie man ſo gefuͤhl⸗ los ſeyn koͤnne, Glenfern ohne Betruͤbniß zu ver⸗ laſſen.— Nicoline wunderte ſich, was wohl aus dem Taufkuchen werden wuͤrde, den ſie in Perth beſtellt habe; der moͤchte leicht ſo alt wer⸗ den wie die Berge, bis wieder ein Kind unter ihnen geboren wuͤrde.— Die jungen Fraͤuleins weinten beinahe uͤber den Verluſt des Si Wen *) Ein Stickchen Tauf⸗ oder Hochzeitkuchen, un⸗ ter das Kopfkißen gelegt, zeigt nicht nur den kuͤnftigen Gatten im Traume, n das was man träumt, trifft auch ein. 189 Endlich erſchien der laͤngſt erſehnte Augen⸗ blick. Der ſchwer bepackte Wagen fuhr vor, und Juliane ſprang mit einem Freudenſchrei hinein. Nickend und der verſammelten Gruppe Kußhänd⸗ chen zuwerfend, rief ſie ihrem Heinrich ungedul⸗ dig zu, nur fortzumachen. Heinrichs Abſchied⸗ nehmen war jedoch nicht ſo modiſch, als das ſei⸗ ner Gattin. Er unterzog ſich vielmehr pflicht⸗ mäßig, allen Abſchiedsküͤſſen, Umarmungen und Haͤndeſchuͤtteln der ſaͤmmtlichen Familie, verſprach, bald zu ſchreiben, nahm dann ſeinen Platz neben der Amme und dem Kinde ein,— den neben Julianen fuͤllten die Lieblinge,— und bot ſeinem Vaterhauſe und ſeinem Geburtslande ein langes Lebewohl. —————— XXI. Glaͤnzende Ausſichten auf kuͤnftiges Gluͤck und zahlloſe Verſchwendungzplane, durchkreuzten Ju⸗ lianens Gehirn, und ckheiterten ihre Reiſe. In London angelangt, freute ſie ſich wieder in einem civiliſirten Lande und in der Geſellſchaft menſchlicher Geſchöpfe zu leben. Eine elegante Wohnung wurde augenblicklich gemiethet und verhältnißmäßig eingerichtet. Tauſend vertraute Freunde, die ſogar ihre Exiſtenz vergeſſen hatten, eilten jetzt, ſie zu bewillkommen und leiteten die 190 Gedankenloſe auf die Pfade der Zerſtreuung und Verſchwendung. Der General Cameron beſuchte das junge Paar bald nach ſeiner Ankunft. Die Uhr hatte bereits zwei geſchlagen, Juliane war aber noch nicht ſichtbar. Heinrich lag halb auf dem So⸗ pha hingeſtreckt, ſein Fruͤhſtuͤck vor ihm ſtehend und eine Menge Ziungen um ihn her geſtreut. Nachdem die erſten Begruͤßungen voruͤber waren, fragte der General:„Kann ich wohl die Ehre haben 2 Ihre Gemahlin zu ſehen? Oder fuͤrchtet ſie vielleicht, in mir einen ſchottläͤndi⸗ ſchen Verwandten zu ſchen, und iſt deshalb dem Fruͤhſtuͤck entflohen?“ „Sie iſt noch nicht ſichtbar, ich will ihr aber Ihr Hierſehn melden laſſen. Ich bin uͤber⸗ zeugt, daß ſie ſich gluͤcklich ſchätzen wird, die Bekanntſchaft eines Mannes zu machen, dem ich ſo Vieles zu verdanken habe.“ Juliane ließ, als ſie gebeten wurde zu er⸗ ſcheinen, ſagen, ſie wuͤrde augenblicklich hinunter kommen. Drei Viertelſtunde verſtrichen jedoch und Juliane ließ ſich noch immer erwarten. Der General, aͤrgerlich uͤber dieſe Unaufmerkſamkeit und Ziererei, wolite eben weggehen, als die Da⸗ me endlich erſchien. „Erlaube mir, liebe Juliane,“ ſagte ihr Gatte, „vir den Geuerut Cameron vorzuſtellen,— den 197 großmuͤthigen Freund, der Vaterſtelle bei mir vertrat, und dem ich Alles zu verdanken habe.“ Juliane verbeugte ſich nachläßig, liſpelte, „wie befinden Sie ſich?— ſehr gluͤcklich in der That—“ während ſie uͤber den Fußboden glitt um die Klingelſchnur zu ziehen.—„Kupido! Kupido!“ rief ſie dem Mops zu, der den Ge⸗ neral wüthend anbellte.„Armer, lieber Kupido, biſt du nicht halb verhungert?“ Heinrich, gieb ihm doch die Butterſchnitte von deinem Teller.“ „Du biſt ſehr ſpaͤt aufgeſtanden, mein En⸗ gel,“ ſagte der gekraͤnkte Gatte. „Die Duval plagte mich ſeit einer Stunde wegen der Hofkleider, und ich kounte lange die Wahl nicht treffen.“ „Ich dachte, du haͤtteſt die Wahl auf ein andermal verſchieben können. General Cameron iſt ſeit einer Stunde hier.“ „Ich will doch nicht hoffen, daß man auf mich gewartet hat,— das wäre mir ſchrecklich,“ verſetzte Juliane in einem ſchleppenden Ton, der ihre Gleichgultigkeit deutlich aus ſprach. „Ich bitte Ew. Gnaden, ſich deshalb zu be⸗ ruhigen,“ ſagte der General mit Ironie, die zwar Julianen, aber nicht ihrem Gatten ent⸗ ging. 192 Juliane bemuͤhte ſich, hoͤflich zu ſeyn.„Ha⸗ ben Sie ſchon gefruͤhſtuͤckt?“ fragte ſie. „Wie albern, mein Schatz,“ rief Heinrich. „Glaubſt du denn„ich wuͤrde den General ſo lan⸗ ge haben waxten laſſen, wenn er nicht bereits vor vielen Stunden gefruͤhſtuͤckt hätte“ „Du biſt heute ſehr muͤrriſch, lieber geiuich Wuitlch, mein Kupido ſchämt ſich deiner Un⸗ hoͤflichkeit.“ Ein Bedienter trat ein, um zu melden, Herr Shagg ſet da, wegen. den anzu⸗ fragen; des neue Lakei melde ſich und. de Por⸗ zellanhaͤndler ſtehe unten. „Schickt einen nach dem andern herauf, und dem neuen Lakeien könnt Ihr ſagen, daß ich ihn annehmen wolle,“ antwortete Juliane. Ich glaubte, du haͤtteſt in der vorigen Wo⸗ che den Bedienten der Mſtrs: D— in Dienſte genommen. Sie gab ihm beſte Zeugniß. Nicht wahr?“ „Ach ja! das Zeugniß war gut genug, aber er war dennoch ein abſchenſcher Betruͤger. Er gab vor, fuͤnf Fuß neun Zoll hoch zu ſeyn, und beim Meßen zeigte es ſich, daß er nur fin und einen halben Fuß hatte!“ „Pha! Was zum Henker bedeutete das wenn der Menſch übrigens gute Zengniße hatte.“ „Wie 193 „Wie albern du redeſt, Heinrich. Was geh'n mich die Zeugniſſe eines Menſchen an, den ich zu nichts brauche, als auf meinen Wa⸗ gen zu ſtehen!— Der paßte ſich ſchlecht zu Thomas, der wenigſtens funf Fuß zehn Zoll mißt.“ Herrn Shaggs Ankunft, der kratzfuͤßelnb und ſcharwenzelnd, mit Bockdecken, Franſen und Borten beladen eintrat, unterbrach das Geſpraͤch. „Nun, Herr Shagg,“ rief Juliane,„was ſoll ich denn mit dem abſcheulichen Leoparden⸗ fell anfangen? Sie müßen es mir wahrlich wieder abnehmen. Lieber will ich nimmermehr wieder ausfahren, als mich mit dem ſcheusli⸗ chen Ding im Hydepark ſehen laſſen.“ „Sicherlich Ihro Gnaden,“ erwiederte der unterthänige Herr Shagg.„Wie es Ihro Gna⸗ den beliebt. Sie koͤnnen die ſchoͤnſten modern⸗ ſten Bockdecken haben; hier ſind die Muſter. Ihro Gnaden, werden aber die hohe Gnade ha⸗ ben, gnaͤdigſt einzuſehen, daß wir das Leopar⸗ denfell unmöglich zuruͤcknehmen können. Es wur⸗ de nicht nur fuͤr Ihro Gnaden Kutſchenſitz zu⸗ geſchnitten, und Ihro Gnaden werden mithin gnaͤdigſt begreifen, daß es nun auf keinen an⸗ dern paßt,— ſondern die ſilbernen Klauen und Wappen wurden auch extra dazu gemacht und angeheftet, und dieſen Artikel muͤßten wir ganz einbuͤßen. Ich bin uͤberzengt, Ihro Gnaden ſind eyeſand urd. N 194 ſo gnädig, dies einzuſehen, und zu erlauben, daß das Fell auf die Rechnung geſetzt werde.“ „Setzen Sie es, wohin Sie wollen, nur nicht auf meinen Kutſcherſitz und plagen Sie mich nicht länger!“ antwortete Juliane, durchſah die Muſter und ſummte ein Liedchen. „Was,“ ſagte ihr Gatte,„iſt dieß das Levpardenfell, nach dem du, noch vor acht Ta⸗ gen, wie unklug verlangteſt? Und jetzt biſt du es überdruͤßig, ehe es noch gebraucht wurde? „Kein Wunder. Wem glaubſt du, daß ich geſtern im Park begegnete? Denke nur! dem häßlichen alten Geſichte der Lady Denham, in ihrem abſcheulichen alten Rumpelkaſten, mit ei⸗ ner Decke auf dem Kutſcherſitz, gerade, wie ich ſie beſtellt hatte. Denke nur, wenn die Leu⸗ te ſagten, Lady Juliane Douglas macht der La⸗ dy Denham Moden nach! Der bloße Gedan⸗ ke brächte mich vor Scham zur Verzweiflung.“ Scham, wo nicht gar Verzweiflung ſpiegel⸗ te ſich auf Heinrich Antlitz, als er bemerkte wie der General veraͤchtliche Blicke auf Julianen und mitleidige auf ihn warf. Unruhig lief er in allen Richtungen umher, während Juliane Nonſenſe mit Herrn Shagg ſchwatzte und ſich wunderte, daß der Alte noch nicht weggehen wollte. Der General blieb aber ſtandhaft auf ſeinen Poſten, bis Herr Shagg entlaßen war.— Ein anderer Handelsmann, mit chineſiſchen Va⸗ 195 ſen, ungeheuern und unfoͤrmlichen Theekannen be⸗ laden,— zur Auswahl der launigen„— wurde eingefuͤhrt. „Bitte Ihro Gnaden zehntauſendmal um Verzeihung, Dero hohem Befehl gemaß, nicht geſtern erſchienen zu ſeyn.— Ein ganz unver⸗ muthetes Hinderniß.— Die Graͤfin Godolphin hatte heimlich in Erfahrung gebracht, daß ich einen Vorrath ganz neuer Waare vom Zoll⸗ hauſe erhalten hatte. Sie weiß, daß derglei⸗ chen Dinge keine Ladenhuͤter werden, und ſo kamen Ihro Gnaden expreß vom Lande.— Die Frau Graͤfin beſiten ſo viel Geſchmack!— Sie fuhren gerade vor meine Niederlage und hiel⸗ ten mich gefangen, bis die von Ihro Gnaden beſtimmte Stunde verfloßen war. Aber ich hoffe Ihro Gnaden werden es nicht ungnaͤdig nehmen, da es ohnehin bei uns nicht Gebrauch iſt, zu den Kunden zu gehen; nicht zu gedenken, daß dieſe Waare ſich ſchwer umhertragen laͤßt. Ich ſchmeichle mir jedoch, daß die Artikel, welche ich zu Ihro Gna⸗ den Anſicht mitgebracht habe, den hoͤchſten Beifall erhalten werden. Betrachten Sie, ich bitte unterthäͤ⸗ nigſt, dieſes ſeltene Stuͤck. Es ſtellt einen chineſiſchen Kruͤppel vor, der mit untergeſchlagenen Beinen auf dem Boden hockt. Ihro Gnaden werden gnädigſt bemerken, wie ſchoͤn das Haupt und Kinn vorgebogen ſind, gerade als bettle er. Der Thee gießt ſich aus dem vffenen Munde. Ihro Gnaden koͤnnen ſich den eleganten Effect gar nicht denken, bis Sie es verſucht haben. 196 „Das iſt ja pudelnaͤrriſch!“ rief Juliane uchend.„Den lieben kranken Bettler muß ich haben; er'iſt ſo gar ſuperb haͤßlich.“ Herr Brittle fuhr fort:„Und hier iſt ein erſtaun⸗ lich feiner Artikel ein wahres Kleinod! Ein Froſch von tuͤrkiſchem Agat, um Räucherkerzchen drinnen anzubrennen, Ihro Gnaden Gerade, wie man ſie im Serail hat. Dieſes Kleinod kann man in der That unſchätzbar nennen, denn es war das Favorit⸗ Spielwerk einer der verwittweten Sultanninen, ehe ſie Betſchweſter wurde und das Rauchern fuͤr Suͤnde hielt. Einer ihrer Sklaven uͤberließ es meinem auswaͤrtigen Compagnon. Hier am Hintertheil öffnet es ſich, da ſtecken Sie Kerzen hinein und ſchließen es wieder, und da werden Sie ſehen wie herrlich der Rauch aus den Na⸗ ſenloͤchern, den Angen, Ohren und Maul durch⸗ aus auf einmal, heraus fährt.„Hier mein Herr,“ — ſich zu Douglas wendend,—„Wenn Sie ein Liebhaber von Curioſitaͤten ſind, ſo bitte ich Sie, dieſelbe hier zu betrachten. Kein Juwe⸗ tier in London iſt im Stande, die Charniere ſo niedlich zu machen, als dieſe ſind, und was die Feinheit des Schnitzwerks betrift, ſo—“ „Pah! der Teufel hol's,“ rief Douglas und wendete ſich zu dem General, der, zu ſeinem Verdruß, aufmerkſam auf alles, was vorging, horchte⸗ ie rief Herr Brittle weiter,„ſind Kruͤge, Theekannen, Mandarine, Seeungeheuer und Möpſe; alle von vorzuglic er Schonheit, aber Ihro Gnaben haben dergleichen ſchon ge⸗ ſehen.“ „O, die herrlichen, praͤchtigen Mopschen! Ach die muß ich zum Spielwerk fuͤr meine ei⸗ genen Thierchen haben. Wahrlich, da iſt Pſy⸗ che wie ſie leibt und lebt!— Das muß ich kuͤßen.“ Herr Brittle grinzte und machte einen zier⸗ lichen Buͤckling.„Ach Himmel!“ rief er.“ Wahrlich Ihro Gnaden erzeigen dem Ding und mir zu viel Ehre. Aber hier iſt, wie ich zu ſagen pflege, der Phönir alles Porzellans,— das non plus ultra aller Vollkommenheit. Von Je⸗ dermanns Augen hielt ich es in meiner Hinter⸗ ſtube verborgen, bis Ihro Gnaden daruber zu entſcheiden geruhen wollten. Einige meiner Kund⸗ leute bekamen Wind davon, und hinterbrachten der Frau Herzogin von L—, die fuͤr eine jun⸗ ge Dame einen trefflichen Geſchmack in derglei⸗ chen Dingen beſitzt— ich beſaͤße einen ganz vor⸗ zuͤglhen Artikel, den ich für einc meiner lieb⸗ ſten Kunden aufbewahren wolle. Die Frau Herzogin waren uͤber anderthalb Stunden in mei⸗ nem Laden und verſuchten, mich mit guter Ma⸗ nier dahin zu bringen, daß ich ihr die Rarität zeigen ſollte. Ich ſtellte mich aber, als ver⸗ ſtehe ich die Frau Herzogin nicht, zeigte ihr Artikel auf Artikel und wollte es ihr ſo aus dem Kopfe bringen. Allein ſie war nicht ſo leicht anzufuh⸗ 195 und ging mißvergnuͤgt hinweg.— Jetzt, meine Gynaͤdige, jetzt halten Sie Ihre Augen in Bereit⸗ ſchaft.“— Herr Brittle ging zur Thuͤre und nahm einem ſeiner Trabanten einen ſchweren Korb ab. Nachdem er eine Menge Huͤllen al⸗ ler Art abgenommen hatte, zeigte er eine wun⸗ derliche Gruppe von ungeheurer Groͤße vor, welche, nach genauer Betrachtung, eine Schlan⸗ ge vorſtellte, die ſich um den am Ende befind⸗ lichen Koͤrper eines Tigers wand. Das Gan⸗ ze, welches zu irgend einem Gefäße beſtimmt ſchien, beſtand aus dem beruͤhmten, fuͤr Kenner unſchätzbaren, gruͤn geſprenkelten chineſiſchen Por⸗ zellan. Begeiſtert ſchrie Herr Brittle:„Be⸗ trachten Sie es wohl, denn nie wurde ein Exem⸗ plar von halb der Groͤße nach Europa gebracht. Ich könnte eine lange Geſchichte von dieſem meinem Phoͤnir, wie ich es zu nennen pflege, erzählen. Aber ich will mich faßen, und nur ſo viel ſagen, daß das herrliche Gefaͤß heimlich aus einem Tempel entwendet wurde, in welchem ſo ſeltſam es auch klingen mag, daſſelbe zur Haupt⸗ theekanne des Goͤtzen diente.“ Juliane ſchlug vor Verwunderung die Pän⸗ de zuſammen.—„O herrlich! rief ſie.„Blos um Thee aus dieſem Gefäße zu trinken, will ich eine Aßamblee geben. Den Saal laße ich in einen indianiſchen Tempel verwandeln. Ach, das wird ganz etwas Neues! Köͤnnte ich nur die Karten leicht abſchicken. Die Herzogin von B— ſagte mir neulich, mit großem Trinmph, 159 als ich ihre zwei kleine gruͤne Vaſen betrach⸗ tete, die nicht den vierten Theil ſo groß ſind als dieſes, man koͤnne von dieſem Porzellan keins mehr haben, weder fuͤr Geld noch gute Worte. Wie wird ſie ſich aͤrgern!“— Juliane that Freudenſpringe! Drei laute Schlaͤge an der Hauspforte kuͤn⸗ deten einen Beſuch an. Juliane lief auf den Balkon.„O, das muß Lady Gerard ſeyn! Sie verſprach mir mich am fruͤhen Morgen ab⸗ zuholen, um zu einer herrlichen Verſteigerung in ei⸗ nen entfernten Theil der Altſtadt zu fahren.— Nach Wapping duͤnkt mich. Herr Brittle, um Gotteswillen, tragen Sie den Drachen geſchwinde ins Hinterzimmer.— Ich kauf's! Ganz gewiß, — Nur geſchwinde! Lady Gerard darf's um alles in der Welt nicht ſehen.“ Lady Gerard, die nicht ausſteigen wollte, ließ Julianen bitten, ſo eilig als moͤglich herun⸗ ter zu kommen;— ſie haͤtten keinen Augenblick zu verlieren. Ohne weitere Complimente, als dem General zuzurufen,„bitte um Entſchuldi⸗ gung,“ wollte Juliane forteilen. Heinrich rief ihr nach, ob das Kind zu Hauſe ſei? er wuͤn⸗ ſche es dem General zu zeigen. Das weiß ich in der That nicht. Ich fand heute die Zeit noch nicht, nach ihm zu ſehen.“ Ehe Donglas autworten konnte„ war die zärt⸗ liche Mutter bereits verſchwunden. 206 Man ſchwieg einige Zeit.— Der General pfiff einen Geſchwindmarſch. Douglas lief unruhig auf und nieder. Der Aermſte befand ſich in einem traurigen Gemuͤthszuſtande. Er errieth ganz gut, welche Gedanken der General hegen mochte, und daß ſein Goͤnner ſchärfer uͤber Ju⸗ liane urtheile, als er es ſich bisher noch ſelbſt erlaubt hatte. „Douglas,“ fragte der General,„haben Sie ſchon Schritte zur Ausſehnung mit Ihrem Schwiegervater gethan? Ich glaube, Sie werden ſeiner in Kurzem ſehr beduͤrfen.“ „Juliane ſchrieb zweimal, ſeit unſerer Ver⸗ heirathung, an ihren Vater, die Aufnahme ihrer Briefe war aber von der Art, daß wirſkeine weitern Schritte wagen wollten. Was mich betrifft, ſo ge⸗ ſtattet der Anſtand nicht wohl, wenn ich mich thaͤtig zeigen wollte. Man koͤnnte glauben, ich hegte geldgierige Abſichten, die wahrlich ferne von mei⸗ nem Herzen ſind.“ „O, davon ſpreche ich Sie frei! Aber ſelbſt einer— Lady Juliane muß die Sache wichtig ſeyn. Die Zeit muß den alten Herrn an dieſe eingebildete Beleidigung gewohnt haben. Auf mein Wort, denkt er wie ein edler und verſtaͤn⸗ diger Mann, ſo muß er auch fuͤhlen, woher das Ungluͤck entſtand.— Unterbrechen Sie mich nicht.— Der Zorn des alten Grafen muß ſich 201 jetzt verkühlt haben. Vielleicht erweichen dic En⸗ kel ſein Herz. Dies alles muß auch Ihnen beigefallen ſeyn. Hat die gnaͤdige Frau, ſeit ih⸗ rer Ankunft in London, noch keine weitere Schrit⸗ te gethan?“ „Ich— ich glaube nicht; ich will ſie aber daran erinnern.“ „Eine Tochter, der man das Gedaͤchtniß uͤber einen ſolchen Gegenſtand erfriſchen muß, verſpricht eine ſchaͤtzbare Gattin zu werden,“ ſagte der General, ſpitz und trocken. Douglas glaubte zornig werden zu muͤßen, ſchwieg aber. „Hoͤren Sie, Douglas,“ fuhr der General fort:„ich ſage es zu Ihrem Beſten. Ohne die Huͤlfe des Grafen koͤnnen Sie nicht auskom⸗ men. Sie wißen, daß wir auf keinem Compli⸗ mentenfuß zuſammen ſtehen. Wenn ich mich enthalte, uͤber Ihre jetzige koſtſpielige Lebenswei⸗ ſe dasjenige zu ſagen, was ich denke, ſo ge⸗ ſchieht es nicht um ſie zu ſchonen, ſondern weil ich uͤberzeugt bin, daß alle Vorſtellungen nichts fruchten wuͤrden. Was ich. Ihnen gebe, geſchieht aus gutem Willen, aber mein ganzes Vermoͤ⸗ gen wuͤrde nicht hinreichen, Moͤpschen und un⸗ foͤrmliche Theekannen fuͤr einen ſo verdorbenen Geſchmack anzuſchaffen, und wäre es hinreichend, ſe laße ich mich aufknuͤpfen, wenn ich es thue. Doch genug uͤber dies Kapitel. Der Graf iſt 202 ſeit Kurzem zur Stadt gekommen und befindet ſich unpaͤßlich. Sein Sohn und deſſen Gemah⸗ lin werden auch bald eintreffen und einige Zeit bei ihm bleiben. Lord Lindore ſoll ein guter, gemuͤthlicher Mann ſeyn, der wahrſcheinlich die Verſoͤhnung zwiſchen Vater und Tochter hefoͤrdern wird. Bedenken Sie alles dieſes und thun Sie, was Sie vermoͤgen. Ihnen insbeſondere rathe ich, ſich in ein Feldregiment zu vertauſchen, denn fuͤr einen lockeren Zeiſig, wie Sie ſind, mit ſo einer Frau, iſt London ein wahres Teufelsneſt. Leben Sie wohl.— Der General ergriff ſeinen Hut und verſchwand. — RxII. Juliane kam ſo ſpaͤt von ihrer Ausflucht zu⸗ ruͤck, daß ihr Gatte keine Zeit fand, mit ihr zu reden. Erſt am andern Morgen ſah ſich das Ehepaar beim Fruͤhſtuͤcke. Heinrich beſchloß, ſei⸗ nem Herzen nunmehr Luft zu machen, und be⸗ gann ſeine Rede, mit Vorwuͤrfen uber Julianens wenig hoͤfliches Betragen gegen ſeinen Goͤnner, den General. „Auf mein Wort, Heinrich, du wirſt ja ganz zum Wilden. Ich war ja ganz ausneh⸗ mend hoͤflich. Was in aller Welt ſollte ich 103 denn a Du weißt ja, daß ich nicht ger⸗ ne mit alten Maͤnnern rede.“ „Ich dachte, die Bekanntſchaft meines Wohl⸗ thaͤters, des Mannes, dem auch du ſo viel ſchul⸗ dig biſt, muͤßte dir Vergnuͤgen gewährt haben. Wenigſtens hatteſt du dich nicht laͤcherlich ma⸗ chen ſollen. Ich will verſlucht ſeyn, wenn ich mich nicht zehn Klaftern tief unter die Erde wuͤnſchte, waͤhrend du ſo albernes Zeug mit den kriechenden Schuften, die dir nur den Beutel fe⸗ gen, ſchwatzteſt! Tod und Teufel! Ich hatte die groͤßte Luſt, die Kerls, mit ſammt ihrem Plunder, aus dem Fenſter zu werfen, als ich ſah, wie ſie dich zum Narren hatten.“ „Mich zum Narren hatten! Wie albern du ſprichſt! Was den älten linkiſchen General be⸗ trifft, der kann ſich noch geſchmeichelt finden. Einige der Ungehener ſahen ihm frappant aͤhn⸗ lich; er muß gewiß geglaubt haben, ich kaufte ſie ſeiner runden Glatze zu lieb.“ Wahrlich Juliane, ich ſchaͤme mich deiner! Entſage dieſen ausſchweifenden Thorheiten und ſuche vernuͤnftig zu werden.— Wos ich dir ganz beſonders mitzutheilen habe, iſt, daß dein Vater zur Stadt gekommen iſt, und daß es ſehr ſchicklich waͤre, wenn du einen abermaligen Ver⸗ ſuch zur Ausſohnung machen wollteſt. 3 Gähnend antwortete Juliane, it glaube es auch.“ 104 „Zeit barfſt) du nicht verlieren. Wann willſt du ſchreiben?“ „Schreiben fuͤhrt zu nichts. Ich denke, wir laſſen es uͤberhaupt gut ſeyn. Ich bin uͤberzeugt er verzeiht mir nie.“ „Warum nicht?“ „O, warum ſollte er es gerade jetzt thun? Er vergab mir ja nicht wie ich fruͤherhin um Vezeihung bat.“ „Alſo haͤlſt du es nicht der Muͤhe werth, ein wenig beharrlich zu bleiben, um die Ver⸗ zeihung deines Vaters zu erhalten?“ „Der Verſuch iſt vergeblich. Ich bin uͤber⸗ zeigt, er thut's nicht.“— Juliane ging zum S und ſang:„Papa non dite di no, Himmel, Juliane, du wirſt uner⸗ träglich! Vermag nichts dein Herz zu ruͤhren? — Kann nichts deine Gedanken feßeln und dich einen einzigen Augenblick ernſthaft machen? Ver⸗ mag ich dir denn gar nicht begreiflich zu machen, daß du dich und mich zu Grunde richteſt? Daß wir lediglich von der Guͤte des Mannes abhaͤn⸗ gen, den du durch deinen Eigenſinn, deine Aus⸗ ſchweifung und durch deine Ungereimtheit zuruͤck⸗ ſtießeſt. Was ſoll aus dir werden, wenn du dich nicht mit deinem Vater ausſoͤhnſt? Was du von meiner Familie zu erwarten haſt und * 105 wie gerne Du mit ihr lebſt, kennſt du aus Er⸗ fahrung.“ „Beim Himmel, Heinrich! wozu die ganze irade? Machſt du den gräßlichen Spektakel weil ich ſagte, Papa wuͤrde mir nicht verzeihen 2 Nun, ich will ihm ja ſchreiben, ſobald ich Zeit ha⸗ be. Aber wahrlich, in London iſt die Zeit ſehr beſchraͤnkt.“ Triumphirend trat die Kammerfrau ins Zim⸗ mer, ein mit Gold und Blumen geſticktes At⸗ laskleid vorzeigend. „Sehen Sie gnaͤdige Frau, ſehen Sie Ihre neue Robe. Madame ſchickt ſie einen halben Tag fruͤher als verſprochen. Sie beleidigte meh⸗ rere ihrer vornehmen Kunden, weil ſie ihnen das Muſter nicht geben wollte.“ „O, praͤchtig! herrlich! Breite es auseinan⸗ der, Gage. Halt' es gegen den Tag. Alles von meiner Erfindung. Sieh nur Heinrich, wie geſchmackvoll, wie goͤttlich!“ Heinrich mangelte es an Zeit, ſeine Nichtach⸗ tung geſticter Roben auszudruͤcken; denn eben kam einer ſeiner Freunde, ein treflicher Pferde⸗ kenner, um ihn zu Tatterſal*) zu begleiten, wo er auf ein paar beruͤhmte Grauſchimmel bieten wollte. *N Ein beruhmter Auetionhalter in London. 206 Mehrere Tage verſtrichen, ohne daß es Ju⸗ lianen einfiel, den Rath ihres Gatten zu be⸗ folgen, und an ihren Vater zu ſchreiben. Eine Woche ſpäter belauſchte Douglas zufällig folgen⸗ des Geſpräch zwiſchen ſeiner Gattin und einer Bekanntin.* „„Sie gehen naturlicherweiſe auch auf dieſe große Féte,,“ ſagte Mſtrs: G.„Man ſagt ſie wurde alles uͤbertreffen, was man bisher ſah und hoͤrte.“ „Von was fuͤr einer Fete reden Sie?“ „Herr Gott, liebes Kind, wie Sie ſich auch ſtellen koͤnnen! Wißen Sie denn nichts von dem wichtigen Vorgang, von dem, ſeit zwei Ta⸗ gen, Jedermann redet? Lady Lindore giebt, in Ihres Vaters Wohnung, eine Féte, die aus einem Conzert und maskirten Ball beſtehen ſoll. Ganz London iſt gebeten,— nur Standesperſo⸗ nen verſteht ſich.— Aber, lieber Hiemel, ich bitte tauſendmal um Verzeihung! Ich vergaß ganz und gar, daß Sie dort nicht zum beſten ſte⸗ hen.— Laßen Sie ſich das nicht kämmern, Sie muͤßen doch hingehen. Keine Standesperſon bleibt weg. Ich muß die Sache betreiben; ich will bei Lady Lindore fuͤr Sie bitten.“ „Erſparen Sie ſich die Muͤhe,“ rief Julia⸗ ne aͤrgerlich.„Ich glaube ohne Ihre gütige Vermittlung gebeten zu werden, weiß aber nicht, ob ich in der Stadt ſeyn kann.“ 207 Von dieſem Augenblick an beſchloß Juliane alle ihre Kräfte in Bewegung zu ſetzen, wieder in ihrem vaͤterlichen Hauſe erſcheinen zu duͤrfen. Gleich am andern Morgen ſchrieb ſie an ihren Bruder, der ſich bisher, weil er ſich nicht mit dem Vater uͤberwerfen wollte, entfernt von ihr gehalten hatte, und bat ihn, ihr zu einer Ausſoͤhnung behuͤlflich zu ſeyn.— Nach vier Tagen erhielt Juliane folgende Antwort: „Liebe Jullane! „Ich ſtimme ganz mit Dir uͤberein, wenn du ſagſt, Du glaubteſt nun lange genug im Eckchen geſtanden zu haben. Will auch dem alten Herrn ſagen, Du hätteſt verſprochen, ein gutes Kind zu ſeyn, ſobald es ihm beliebe, Dich aus dem Eck⸗ chen zu ziehen. Ich hoffe, Dich und Donglas bald zu ſehen. Dein zaͤrtlicher Bruder N. S. Lindore. „Lady Lindore träͤgt mir auf Dir zu ſagen, Du koͤnnteſt Eintrittskarten fuͤr den Ball habenj, wenn Du maskirt erſcheinen wollteſt. Juliane verſicherte, dies Billet ſei von Guͤ⸗ te und Großmuth zuſammengeſezt und zum Ent⸗ zuͤcken. Vor allem aber geſiel ihr die Nach⸗ ſchrift die, wie ſie ſagte, ihre Erwartungen uͤbertroffen habe.„Du ſiehſt, lieber Heinrich „ 209 — rief ſie ihm dem Zettel hinwerfend,— daß ich Recht hatte. Mein Papachen will mir nicht verzeihen, aber der gute Lindore will mir eine Karte zum Feſt ſchicken. Das iſt um ſo groß⸗ muͤthiger, da ich ihn nicht darum bat. Aber freilich maskirt muß ich erſcheinen, und das iſt recht fatal,— ich fuͤrchte, da kennt mich nie⸗ mand.“ Abermals erhob ſich ein Streit.— Heinrich ſchwur, ſie ſolle ſich nicht in ihr väterliches Haus ſtehlen, ſo lange ſie ſeine Gattin ſei. Die Dame beſtand darauf, ihr Bruder habe ſie eingeladen und ſo wolle ſie auch gehen. Der Streit endete ſich wie die meiſten Streite, je⸗ der Theil blieb feſter auf ſeiner als vorher. Abends beſuchte Juliane eine große Geſell⸗ ſchaft. Als ſie eben aus einem Zi mer ins an⸗ dere ging, fuͤhlte ſie ſich von einem Papierku⸗ gelchen getroffen. Sich umwendend, um zu ſe⸗ hen woher es geflogen ſei, erblicte ſie in ih⸗ rem Bruder den Thäter. Mit ausgeſtreckter Hand ging ſie ihm entgegen; er reichte ihr einen Finger der ſeinigen, und mit einem kurzen,“ wie geht's Juliane?“ drehte er ſich um, mit irgend Jemand zu reden. Nichts ſchidert den Charakter des Geſchwiſterpaares trefflicher, als dieſe Zuſammenkunft.— Von der Zeit an, wa⸗ ren ſie die beſten Freunde. —— Eini⸗ XXIII. Einige Tage vor der erwarteten Fete be⸗ ſchloß Juliane, auf Anſtiften ihrer Rathgeberin, der Lady Gerard, es mit der Herzogin von L... aufzunehmen. Dieſe Dame hatte zu ei⸗ nem Conzert einladen laſſen. Es wurde alſo entſchieden, ihre Nebenbuhlerin ſolle etwas Unge⸗ woͤhnliches thun und auf dem nemlichen Abend zur Kindtaufe einladen. Douglas erfuhr die ihm zugedachte Ehre zu⸗ erſt durch die Zeitungsblätter; denn Mann und Frau lebten bereits auf zu großem Ton, als daß eins von den Planen des andern gewußt haͤtte. Heinrich war zuerſt nicht wenig erſtaunt, zunächſt erboßt und zuletzt vergnuͤgt uͤber den Glanz, mit welchem ſein Kind zur Chriſtin ge⸗ macht werden ſollte. Es war freilich ſeine Ab⸗ ſicht geweſen, ſeinen Wohlthaͤter, dem General Camervn, zu Gevatter zu bitten, aber Juliane erklärte, ſie wolle lieber das Kind gar nicht taufen laſſen,(was ſchon beinahe der Fall zu ſeyn ſchien,) als den gemeinen, alten Brumm⸗ bären zum Pathen ihres Kindes zu haben. Doch gab Juliane in ſo weit nach, daß der General die Ehre haben ſolle, dem naͤchſten Kinde, wäre es ein Knabe, ſeinen Namen beizulegen.— Ih⸗ re zweite Entbindung war ziemlich nahe.— Mit dieſem Verſprechen zufrieden vernachlaͤßigte Eheſtand 17 Bd. 210 der ſchwache Heinrich, den einzigen Erhalter ſei⸗ ner Familie. Außer ſich vor Vergnuͤgen fuhr die zaͤrtliche Mutter zu ihrer Vertrauten, um uͤber die Namen und den Putz des Kindes, das ſie ſeit vielen Tagen mit keinem Auge ſah, zu berathſchlagen. Alles ging auf das Erwuͤnſchteſte. Unter einer Menge von Zuſchauern, mit Atlas und koſtbaren Spitzen geſchmuͤckt, von Prinzen und Pairs umringt, von Herzoginnen und Graͤfin⸗ nen umhergereicht, wurde die Zwillingstochter des Heinrichs Donglas,— eine der Heldinnen unſerer kuͤnftigen Geſchichte, unter dem Namen Adelaide Juliane, in den⸗Bund der Chriſten auf⸗ genommen. Einige Monate ehe dieſes vorging, erhielt Juliane einen Brief von Mſirs: Donglas. Die edle Frau meldete ihr, wie ſehr ihr Kind an Stärke und Geſundheit zugenommen habe, und wuͤnſchte zu wiſſen, unter welchem Namen ſie es ſolle taufen laſſen? Zugleich äußerte ſie den Wunſch, das Kind moͤge nach Landesſitte, den Namen ſeiner Großmutter, von des Vaters Sei⸗ te, erhalten⸗ Fuliane erblickte die erſte Zeile des Briefes, dann die Unterſchrift, und beſchloß, das Uebrige zu leſen, wenn ſie Zeit zum Antworten uͤbrig ha⸗ be. Einſtweilen warf ſie den Byief in ein Schub⸗ — fach, unter alte— und mbezahite Rechnungen. Mſtrs Douglas wartts lange Zeit auf Antwort, weit laͤnger als es gebrauchlich iſt, Kinder ungetauft zu laſſen. Endlich mußte ſie jedoch dem Verlangen der ehrwuͤrdigen Bewoh⸗ ner von Glenfern nachgeben, und etwa vier Wo⸗ chen fruher, als die beguͤnſtigte Schweſter ihre ſonoren Namen erhielt, wurde die vernachläßigte Maria getauft. Das Schreiben der Mſtrs: Donglas war in eins von Miß Grishelden eingeſchloßen. Da letzteres nicht das Gluͤck hatte, von der Perſon an welche es gerichtet war, geleſen zu werden, ſo halten wir fuͤr Pflicht gegen die S es hiermit mitzutheilen⸗ Schloß Glenfern, den 30. Juli „Meine Geliebte Nichte, Lady Juliane! „Ich bin Ueberzeucht, ſo wie Wir alle ſind, daß es Ihnen und Unſeren Lieben neffen, das Groͤßte vergnuͤgen machen Wird, dieſen brief von Unſerem Wuͤrdigen und Ahtungswerthen freund, Sir Simſon Maclaughlan, Baronet Frankirt zu Sehen.*) Zumalen da Er der Erſte iſt den Er in ſeinem Leben Frankirte und aus Achtung fuͤr Sie, denn Er Sie *) Bokanntlich haben die Frnenigſte das Recht Brirfe poſifrei zu machen. d A. d. Uebe D 2 212 ſehr ſo wie Wir alle. Zugleicherzeit werden Sie wie Ich gewiß weiß mit Uns das ungluͤck Bekla⸗ gen welches Wir durch den Traurigen todt Un⸗ ſeres Letzten ſehr Gefaͤlligen Glieds erlitten ha⸗ ben, des Herrn Duncan, Macdunsmuir, Es⸗ quire von Dhunacrag und Auchnagoil, Parlaments⸗ glied; den Sie nie das vergnuͤgen hatten zu ſe⸗ hen. Was Seinen todt ganz beſonders Traurig macht iſt daß Lady Maclaughlan der meinung iſt, Er habe ihn ſich durch zu Viele Rohe auſtern und Naße fuͤße zugezogen, dies diene Allen Jun⸗ gen Leuten zur warnung ſich fuͤr Naßen fuͤßen in acht zu nehmen und Beſonders keine Rohe auſtern zu Eßen. Die Gewiß ſehr gefaͤhrlich ſind, Beſonders beim Bodagrah. Ich hoffe Sie Meine Liebe Frau Nichte tragen duͤchtige Rah⸗ men Schuhe wann Sie Ausgehen und daß Sie und der Heinrich huͤbſch die Fuͤße Wechſeln wenn Sie Spatziren geweſen ſind. Ich hoͤre Rohe auſtern ollen jetzt in London ſehr mode ſeyn, wann aber die Leute den Traurigen Vorfall Hoͤren ſo wer⸗ den Sie ſich wohl fuͤr Naßen fuͤßen und Rohen auſtern huͤten. Lady Maclaughlan iſt ſehr Ver⸗ gnuͤgt uͤber Sir Siſons Geluͤngen, ob Sie gleich das kann Ich Ihnen verſichern, das un⸗ gluͤck des Armen Herrn Macdunsmuir ſehr Fuͤhl⸗ te und Ihm eine Große ſchachtel mit Billen und eine Boudeille Bodagrahmirtur nur Zwei tage fuͤr Seinem ende ſchickte. Das wird eine Große herrlichkeit von Sie werden, Meine Liebe Frau — 213 dichte und Beſonders vor den Heinrich, da Sir Simſon und Lady Maclaughlan gleich nach Lon⸗ don gehn um ſeinen ſitz in Parlament einzuneh⸗ men. Und Sie wird Ihnen gewiß alle Höflich⸗ keit Erzeigen und Ihnen in die Komoͤdie Be⸗ muttern auch an andere orte wo Sie hinwollen. Meine Beiden Schweſtern und Ich ſein der meinung das Sie noch zu Jung ſind ſich Selbſt zu Bemuttern und daß Sie keine Ehrwuͤrdigere Madrone Finden koͤnnen Als Lady Maclaughlan. Ich hofe der Heinrich ſolls nicht Uebel nehmen wenn Sir Simſon Ihm nicht ſo Viele hoͤflich⸗ keit erweißt als Er erwartet, Aber er ſagt Er wuͤrde in London nicht ſein eigener Herr Seyn können. Er wird ſo Viel mit dem Koͤnig und dem Herzog von York zu thun haben muͤſſen daß Ihm Angſt iſt, Viele vom Adel zu Beleidi⸗ gen und dann fuͤrchtet Er auch Seiner geſund⸗ heit durch die Viele Arbeit zu ſchaden. Er will eine ſehr Schoͤne rede im Parlament halten, weiß aber jetzt noch nicht Recht was er Vortragen will. Er wuͤnſchte eine Motion vor Neue Sub⸗ ſidien vor den Kaiſer von Deutſchland zu ma⸗ chen aber Lady Maclaughlan iſt der meinung Er ſolle Lieber eine Bill Einreichen um, eine Bruͤcke uͤber die Dlin erbaut zu haben die ſehr Nothwendig iſt. Da im Spathherbſt ein pferd mit Sammt dem Karrn im Waſſer erſofen iſt. Ich bin ſo glucklich ſagen zu Koͤnnen daß Wir Uns Alle wohlbefinden, Becky iſt von den Maßern 214 ſo Gut wie Moͤglich hergeſtellt und pon Bellas Geſicht ſind die Roſen*) ganz weg. Beenie hatte das Boͤſe ding am Finger und konnte die Schöne Stikerei vor Sie nicht fertig kriegen, es Geht aber jetzt Beßer und ich hoffe Sie wird noch mit Babys Tiſch Teppich der Sehr Elegant wird durch Sir Simſon und Lady Maclaugh⸗ lan Abgehen koͤnnen. Dieſer Ort iſt jetzt ſehr Schön und der Nene Kuh⸗Stall ſteht Fir und Fertig. Meinen Schweſtern und Mir thut es ſehr Leid daß Sie und der Heinrich Glenfern ſo Unvortheilhaft Geſehen haben. Wann Sie Uns aber wieder Einmal mit Ihrer Gegenwardt beehren, ſo hoffe Ich iſts Sommer und den Reuen Kuh⸗Stall werden Sie vor eine Große verſchoͤnerung halten. Unſere Liebe Kleine Groß⸗ Richte befindet ſich ſehr Wohl und hat Stark zugenommen. Sie gleicht ſehr in Unſere Fami⸗ lie, Beſonders der Becky und wann ſie Lacht ſieht Sie aus wie Bella. Entſchuldigen Sie die kuͤrze dieſes Briefs Meine Liebe Frau Nichte, aber mit der Lady Maclaughlan will Ich einen Recht Langen ſchreiben. Einſtweilen verbleibe ich Meiner Lieben Lady Juliane Ihre und des Lieben Heinrichs unterthaͤnigſte Tante Grishelde Douglas.“ 3 Erysipelas.——— ——— 2T7 Trotz der Erinnerungen ihres Gatten, be⸗ ſtand Juliane auf ihrem Vorſatz, den Ball ihrer Schwaͤgerin zu beſuchen, von dem ſie muͤde und von Vergnugen uͤberſaͤttiget nach Hauſe kam. Den andern Tag, als ſie bei ihrem Abendfruͤhſtuͤck ſaß, konnte ſie des Lobs kein Ende finden. Nach ihrer Behauptung war niemand in der weiten Welt ſo beneidenswerth als Lady Lindore. Solche Jumelen! ſolche Kleider! ſolch' ein Haus! ſolch' eine Gattin! ſo geſittet, ſo gutmuͤthig, ſo reich und ſo großmuͤthig! Lindore kuͤmmere ſich gar nicht um ſeiner Gattin Thun und Laßen. Sie moͤge Féten geben, wie ſie wolle, gehen wohin es ihr beliebe, Geld verthun nach Gefallen; er frage im Mindeſten nicht darnach. Sie wiße ganz gewiß, daß Lady Lindore nichts zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig bleibe, mithin muͤße ſie die gluͤcklich⸗ ſte Frau in ver ganzen Welt ſeyn! Dieſe gan⸗ ze Rede wurde dem Herrn Gemahl zu Ohren geſagt. Aber Heinrich hatte glucklicherweiſe die Kunſt erlernt, kaum ein Wort von vielen hun⸗ derten, die uͤber die Roſenlippen ſeiner angebete⸗ ten Juliane floßen, zu hoͤren. Nachdem er die Zei⸗ tungen geendet, in denen er ſich mit allen Heng⸗ ſten aͤchter Rage, Fuͤllen edler Herkunft und vor⸗ trefflichen Mutterpferden bekannt gemacht hatte, gaͤhnte er ſehr vernehmlich, pfiff ſich ein Stuͤck⸗ chen und ſchlenderte nach G's, um dort die neuen Ordonnanz⸗Epauletten zu betrachten. 216 Kurz darauf, als Juliane eben im Begriff war, in den Wagen zu ſteigen, um nach Bond⸗ ſtreet zu fahren, begegnete ihr Heinrich. Mit einem Ernſt, der jeden andern als ſeine queckſil⸗ brige Gattin ſtuzig gemacht haben wuͤrd, bat er ſie ins Haus zuruͤckzukehren, da er etwas Wich⸗ tiges mit ihr zu reden habe.— Fuͤnf Minuten geſtand ſie ihm zu.— Nachdem Heinrich die Thuͤre verſchloßen hatte, ſagte er ſehr ernſthaft: „Mich duͤnkt, Juliane, du ſprachſt heute Morgen von Lady Lindore. Erzeige mir den Gefallen und wiederhole das was du ſagteſt. Ich war ge⸗ rade mit den Zeitungen beſchäftiget und muß ge⸗ ſtehen, daß ich nicht recht aufmerkte. Die gnaͤdige Gebieterin wunderte ſich ſehr, daß Heinrich ſo albern ſeyn koͤnne, ſie einer ſol⸗ chen Urſache wegen aufzuhalten. Sie wiße wahr⸗ lich nicht mehr, was ſie geplaudert habe. Wie ſei es auch moͤglich? Es ſei ja ſchon ſeit einer Stunde. „Nun ſo ſage nur was du jetzt von ihr denkſt,“ rief Heinrich ungeduldig. „Was ich von ihr denke! Run, was alle Welt von ihr denken muß,— daß ſie die glcklichſte Frau auf Gottes Erdboden iſt. Sie war vorige Nacht ſo ungemein ſchon und ſah ſo ſehr gut in ihrem Phantaſieanzug aus, ehe ſie ſich maskirte. Nachher verlor ich ſie aus dem Geſichte.“ 217 „Wie Jedermann. Man ſah ſie ſeitdem nicht wieder. Ihr Cicisbeo St. Leger wird gleich⸗ falls vermißt und es bleibt beinahe unzweifel⸗ haft, daß ſie mit einander durchgegangen ſind.“ Selbſt Julianen empoͤrte dieſe Nachricht, ob⸗ ſchon mehr die Thorheit, als das Verbrechen des Vorfalls Eindruck auf ſie machte. Heinrich war kein ſcharfer Beobachter und begnuͤgte ſich des⸗ haib mit Julianens Mißbilligung 6 Auffuͤhrung ihrer Schwaͤgerin. Juliane erſchoͤpfte ſich in Schmaͤhreden uͤber die Entſprungene, dann fuhr ſie fort:„der ar⸗ me gute Lindore thut mir nur leid. Einen ſo großmuͤthigen Mann ſo zu hintergehen,— der bloße Gedanke iſt abſcheulich! Wäre er ein boͤsartiger Filz, ſo hätte es nichts zu bedeuten. Aber Friedrich iſt eine ſo edle Seele!— Ich bin uͤberzeugt, er gäbe mir auf der Stelle tau⸗ ſend Pfund, wenn ich ſie verlangte. Aus dem Gelde macht er ſich gar nichts.“ Lord Lindore ſoll, wie ich hoͤre, ſich die Geſchichte nicht ſehr zu Herzen nehmen. Aber,— erſchrecke nicht, liebe Juliane,— Dein Vater ſoll, von ſeinem Jaͤhzorn uͤbernommen, etwas gelitten haben. Es uͤberfiel ihn eine Art von Schlag⸗ fluß. Fuͤr den Augenblick ſoll keine Lebensgefahr vorhanden ſeyn.“ 218 Juliane brach in Thraͤnen aus, ließ den Wa⸗ gen abbeſtellen, und erklaͤrte ſogar, nicht in Mſtrs D— Aſſemblee gehn zu wollen. Hein⸗ rich lobte ſie wegen dieſes ſchicklichen Beneh⸗ mens, und um nicht an Seelengroͤße verdunkelt zu werden, ſagte er ſich von einer großen militai⸗ riſchen Mahlzeit, die der Herzog von 9— gab, los. Bei dem jetzigen betruͤbten Zuſtand der Familie, meinte er, waͤre es am geeigneſten, mit ein paar guten Freunden eine ſtille Familienmahl⸗ zeit einzunehmen. 1 ——— XXIV. Ss iſt nicht ſchwer zu errathen, wie lange man der Pflicht und dem Anſtande jene Opfer gebracht haben moͤchte, wäre Juliane nicht ih⸗ rer zweiten Entbindung nahe und mithin geno⸗ thiget geweſen, das Haus zu huͤten. Kurz dar⸗ auf beſchenkte ſie ihren entzuͤckten Gatten mit ei⸗ nem Sohn. Heinrich gab ſogleich ſeinen Gön⸗ ner, dem General Cameron, Nachricht von dem frohen Ereigniß, und bat ihn, dem Kinde ſeinem Namen beizulegen. Der General antwortete, wie folgt:— 219 Hort, in der Grafſchaft Berts. „Lieber Heinrich! „Von heute uͤbers Jahr gerechnet hoffe ich, Ihnen eine gleiche frohe Begebenheit in meiner Familie melden zu können, als die, welche Sie mir in Ihrem Briefe verkuͤndigten. Als Einlei⸗ tung hiezu bin ich eben im Begriff, mit einem jungen Frauenzimmer, der Tochter meines Haus⸗ hofmeiſters, auf Lebzeiten in ſichere Quartiere zu marſchiren. Sie iſt geſund, gut gelaunt und folglich von gemeiner Denkungsart; denn ſie ver⸗ ſteht ſich nicht auf chineſiſches Porzellan und un⸗ terhaͤlt ſich nie mit Moͤpschen. „Mein Bankier wird Ihnen die verwilligte Zulage, bis an meinen Tod, richtig auszahlen. Sterbe ich, ſo erhalten Sie zehntauſend Pfund, die aber Ihren Kindern geſichert werden ſollen und das iſt alles was Sie von mir zu erwar⸗ ten haben. Halten Sie es, nach dieſer Erklä⸗ rung, noch der Muͤhe werth, Ihrem Sohn mei⸗ nen Namen beizulegen, ſo haͤngt es von Ihnen ab. „William Cameron.“ Julianens Zorn uͤber den Inhalt dieſer troſt⸗ reichen Epiſtel kam beinahe der Beſtuͤrzung ihres „ Gatten gleich.—„Die Tochter ſeines Haus⸗ hofmeiſters!— Himmel! der bloße Gedanke machte ſie krank. Es war zu abſcheulich, zu uͤberna⸗ tuͤrlich! Den Mann muͤße man einſperren. Hein⸗ rich muͤße den Schimpf, der Verwandtſchaft we⸗ gen, nicht dulden.— Es ſolle alten Maͤnnern verboten ſeyn zu heirathen.—“ „Und jungen gleichfalls,“ ſeufzte Heinrich, wie er an den gemißbrauchten Credit dachte, den ihm ſeine Glaͤubiger in der Vermuthung, er ſei dereinſt einziger Erbe des Generals, geſtat⸗ tet hatten. Heinrich ſah ſeinen Fehler nicht ſo⸗ bald vergeben, als er, mit jugendlicher Gedan⸗ kenloſigkeit, ihn auch fuͤr vergeſſen hielt, und glaub⸗ te, die Gunſt des Generals wieder eben ſo ſehr zu beſitzen als ehedem. Seine Freunde und die Welt hegten die nemliche Meinung. Als der kuͤnftige Beſitzer eines unermeßlichen Vermoͤgens, fand er leicht Credit, und bewirkte eine Schul⸗ denlaſt, die er nunmehr unmoͤglich abtragen konn⸗ te. Selbſt noch jetzt lebte er der Hoffnung der General habe ihn blos ſchrecken wollen; oder er wuͤrde noch nachgeben, oder aus der Hei⸗ rath wuͤrde nichts werden, oder der General wuͤrde keine Erben bekommen.— Mit dieſen mächtigen Hoffnungen ſich troͤſtend, lebte man einige Zeit laͤnger auf dem alten Fuß.— Ju⸗ liane, der man die Gerechtigkeit muß wieder⸗ fahren laſſen, daß ſie nicht kleingläubiger war 22 als ihr Gatte, hegte gleichfalls Hoffnungen Fülle, und eben ſo gegruͤndete Erwartungen. Sie war ſicher und gewiß, daß wenn Papa wieder zur Beſinnung komme— denn ſeit ſeinem Schlagfluß lag er in einer beſtaͤndigen Betäu⸗ bung— ſo wuͤrde er ihr verzeihen und ſie zu ſich nehmen; zumalen da die nichtswuͤrdige La⸗ dy Lindore davon gelaufen ſei. Geſetzt auch er geneſe nicht wieder, ſo wuͤrde ſie doch eben ſo gut durch ſeinen Tod gewinnen. Zwar habe er erklaͤrt ſie ſolle keinen Schilling erben, das glaube ſie aber nimmermehr. Sie wiſſe gewiß, Papa wuͤrde nicht ſo grauſam ſeyn; ſelbſt wenn er es waͤre, ſo wuͤrde ihr großmüthiger Bruder ſie gewiß nicht im Stiche laſſen,— und was dem mehr war. * Endlich zerplatzten die Seifenblaſen. Das nemliche Zeitungsblatt, welches die Vermählung des Generals William Cameron mit Jungfrau Juditha Broadeaſt anzeigte, verkuͤndete, in Aus⸗ druͤcken des tiefſten Schmerzens, das Ableben des verdienſtvollen Staatsmanns, Sr. Hochgebornen des Herrn Auguſt, Grafen vyn Courtland. Schwache Menſchen wiſſen die Nittelſtraße nicht zu halten. Schwimmt die Hoffnung bei ihnen oben auf, ſo findet ſich kein Gegengewicht ſie zuruͤck zu halten, und zwiſchen ihr und der Verzweiflung giebt es keine Abſtufungen. Das ———— — —— 222 thorichte Ehepaar gerieth jetzt allerdings in eine verzweiflungsvolle Lage. Julianens Name war in dem letzten Willen ihres Vaters nicht einmal erwaͤhnt, und die Heirath des Generals ließ keinen Zweifel uͤber ſeine kuͤnftigen Verfuͤgungen uͤbrig. Eine Schaar von Glaͤubigern belagerte den ganz verzweifelnden Heinrich Tag vor Tag. Endlich kam der entſcheidende Augenblick. Pfer⸗ de, Waͤgen, kurz ihr ganzes Eigenthum, wurde in Beſchlag genommen. Die Zeit der Haus⸗ miethe war verfloßen und das Ehepaar war nahe daran auf die Straße wandern zu muͤſſen, als Juliane, die nach dem Ausdruck ihrer Kam⸗ merfrau, ſeit zwei Tagen aus einer Ohnmacht in die andere gefallen war, ſich plotzlich ermann⸗ te und zu ihrem Bruder gebracht zu werden ver⸗ langte. Man ſandte nach einer Miethkutſche in welcher das Opfer eigener Thorheiten hinweg gebracht wurde. Vor Angſt und Schmerz be⸗ bend, wurde ſie, nebſt ihren Kindern und deren Wärterinnen, vor dem Hauſe niedergeſetzt, aus welchem ſie vor zwei Jahren entfloh⸗ Ihr Bruder, en ſie glůcklicherweiſe zu Hau⸗ ſe traf, lag, mit einem neuen Roman in der Hand, auf dem Sopha ausgeſtreckt, und empfing ſie ohne die mindeſte Verwunderung zu bezeigen⸗ Dergleichen Dinge, ſagte er, fielen alle Tage vor⸗ Hauptmann Douglas wuͤrde ſich hoffentlich bald aus der Verlegenheit zu ziehen wiſſen. Sie kon⸗ 223 ne einſtweilen ihre ehemaligen Zimmer beziehen, die Lady Lindore bisher bewohnt habe. Dann klingelte er, und befahl, die Haushaͤlterin ſolle Julianen hinauffuͤhren und die Kinder in die Kinderſtube bringen;— um acht Uhr ſpeiße er gewohnlich zu Mittage; nickte ſeiner Schweſter, als ſie das Zimmer verließ, freundlich zu, und las ſo ruhig weiter, als ſei nicht das mindeſte Außerordentliche vorgefallen. Zehn Minuten nach ihrem Eintritt in Court⸗ landhaus, hatte Juliane größere Fortſchritte in religioſen und philoſophiſchen Grundſatzen gemacht, als waͤhrend ihrer ganzen neunjaͤhrigen Lebens⸗ zeit. Sie entdeckte nicht nur, daß„aus dem Uebel, Gutes entſpringt,“ ſondern ſie gab auch willig zu, daß„Alles zum Beſten geſchehe, und vaß Alles was Iſt, Recht iſt.“ Als die neue Philoſophin die glänzende, für ſie beſtimmte Zimmerreihe uberblickte, ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„Wie gluͤcklich ſind doch alle dieſe Vorfälle füͤr mich ausgefallen! Wie gluͤcktich, daß, gerade als Papa ſtarb, Lady Lindore weg⸗ laufen und der General ſich verheirathen mußte!“ Kurz Juliane konnte nicht aufhören ſich uͤber die Veraͤnderung ihrer Lage zu erfreuen. In einem nicht gaͤnzlich gefühlloſen Herzen und in einem Gemuͤthe, das nur einiges Nach⸗ — ůÜ˖Ü— —— —— — denkens faͤhig war, wuͤrde der traurige Anblick dieſes praͤchtigen Pallaſtes ganz andere Gefuͤhle erweckt haben. In den Zimmern des verſtorbe⸗ nen Grafen ſtanden Thuͤren und Fenſter weit offen, die Moͤbeln waren verhängt und das gan⸗ ze gewaͤhrte den oͤden und froſtigen Anblick, welcher die ehemaligen Wohnungen der Abgeſchie⸗ denen bezeichnet. Julianen ſchanderte es, ohne zu wißen weshalb, als ſie durch dieſe Zimmer ging. Die Wohnung der Lady Lindore zeigte ei⸗ nen nicht minder auffallenden Anblick. Gluͤcklich, wenn ihre gedankenloſe Nachfolgerin von der Lehre welche dieſe Zimmer darboten, haͤtte Nutzen ziehen wollen. Hier erblickte man alles was die eigenſinnigſte Laune, die grenzenloſeſte Verſchwen⸗ dung, der verfeinerſte Luxus ſich nur ausgedacht haben konnten. Das Schlafzimmer, das Anklei⸗ dezimmer, und das Bondvir waren ſaͤmmtlich mit einer Pracht eingerichtet, die ſich weit mehr fuͤr eine Sultanin des Oſtens, oder fuͤr eine griechi⸗ ſche Hetaͤre eignete, als fur eine brittiſche Haus⸗ frau. „Wie Lady Lindore dieſes himmliſche Boudvir verlaſſen konnte, begreife ich nicht,“ ſagte Juliane zu der alten Haushälterin. „Und ich begreife es noch weniger, Ihro Gna⸗ den, wie ſie es ubers Herz bringen konnte, dieſe himm⸗ 225 himmliſchen Kinder zu verlaſſen,“ erwiederte die gute Frau, als eben ein kleiner Knabe ins Zim⸗ mer lief,„Mama, Mama,“ rufend.—„Wie geht's Liebchen?“ weiter wußte Juliane den Kin⸗ dern nichts zu ſagen. Der Knabe ſah ſie einen Au⸗ genblick an, fand ſich getaͤuſcht, und lief in die Kinder ſtube zuruͤck. Nochdem Inliane ſich voͤllig in ihrer neuen Wohnung eingerichtet hatte, und die erſte Freude uͤber dieſelbe ein wenig nachließ, fiel es ihr ein, daß doch auch etwas fuͤr den armen Heinrich gethan werden muͤße, den ein Regimentskamerad, in einem an Wahnſinn grenzenden Zuſtande, bei ſich Wenmne hatte. Sie ſuchte alsbald ih⸗ ren Bruder auf, der ihr Rath geben und Hulfe leiſten ſollte. Graf Cvurtland war eben im Be⸗ griff ſeinen Morgenritt in der Abenddämerung zu halten, horchte aber dennoch auf das, was ze ine Schweſter ihm vortrug. Zwar erklrte er ſich willig, ſeinem Schwager beizuſtehen, ſo weit es ſeine Kraͤfte erlaubten, aber ſeine Ge⸗ ſchaͤftsleute haͤtten ihn eben benachrichtiget, daß ſeine eigenen Vermoͤgensumſtaͤnde ſich in eini⸗ ger Unordnung befaͤnden. Der verſtorbene Graf habe ungeheure Summen auf politiſche End⸗ zwecke verwendet.— Lady Lindore haͤtte gleich⸗ falls eine anſehnliche Menge Geldes verſchwen⸗ det, und auch er habe, wie ihn duͤnke, ei⸗ nige Schulden, die, wie man ihm geſagt habe, ſich auf ſiebzig tuuſen pir beliefen.— Wäh⸗ P 1r Bd. ₰ rend dieſer, mit der größten Gleichgultigkeit von ſich gegebenen Erklärung, ſpielte der Graf mit ſeinem Huͤhnerhunde.— Juliane war wie vom Blitze getroffen, und brach uͤber die Folgen der Großmuth und Freigebigkeit ihres Bruders in Thraͤnen aus. Des Grafen Empfindſamkeit war mit ſeiner Grpßmuth verſchwiſtert. Wenn er bei Gelde war, ſo gab er es aus Leichtſinn und Trägheit hin, oder ließ ſich es, richtiger geſagt, noch lie⸗ ber nehmen. Ungluͤckliche ſah er ungern, weil ſie ihm laͤſtig waren. Deshalb verſicherte er ſei⸗ ner Schweſter ſchnell, das ſei ja nur eine Klei⸗ nigkeit; er wolle ſogleich ſeinen Geſchaͤftstraͤger beordern, ſeines Schwagers Angelegenheiten, in ſeinem Namen, in Ordnung zu bringen;— hoff⸗ te, er wuͤrde das Vergnuͤgen haben, ihn auf den Mittag bei ſich zu ſehen;— empfahl Julianen Faſanenpaſtete zum Gabelfrühſtuͤck;— rief ſei⸗ nem Carlo, und ritt von dannen. So ſehr ſich Julicne in ihren Hoffnungen getaͤnſcht fand und ſo ſehr ſie der zerruttete Fi⸗ nanzzuſtand ihres Bruders kränkte, ſo ſchoͤpfte ſie dennoch, nach und nach, Troſt in dem Ge⸗ danken, wie unbedeutend ſich ihre Schulden ge⸗ gen die des Grafen verhielten. Hoch erfreut uͤber dieſe neuentdeckte, ſcharfſinnige Troſtesgeh , ſie Gatten „Lieber Heinrich! „Friedrich nahm mich aufs liebreichſte auf, und raumte mir meine ehemaligen Zimmer ein, die ſo veraͤndert ſind, daß ich ſie kaum wieder erkennen konnte. Lady Lindore, die in der That einen göttlichen Geſchmack hat, ließ ſie einrich⸗ ten. Die Zeit wird mir lange, bis ich dir die Herrlichkeit zeigen kann. Friedrich trug mir auf, Dich zum Mittageſſen einzuladen, und läßt dir ſagen, er wolle alle unſere Schulden bezahlen, ſobald er Geld bekomme. Denk' dir mur, daß er ſelbſt hunderttauſend Pfund Schulden hat, auſ⸗ ſer die des Papas und die der Lady Lindore. Ich verſichere Dir, daß ich mich beinahe ſchaͤmte, ihm die unfrigen zu nennen,— es klang gar zu klein⸗ lich. Aber ein Troſt iſt's doch, wenn es andern Leuten noch uͤbler geht. Ich finde es in der That ſehr natuͤrlich, daß wir Schulden machen muß⸗ ten, da wir ja kein Geld zum Bezahlen hatten, waͤhrend Courtland, der ſo reich iſt, wie ein Jude, ſo in der Klemme ſteckt. Ich erwarte Dich um acht Uhr, bis dahin, addio mio caro, 1 Deine Juliane.“ „Du thuſt mir unendlich ieid.“ Heinrich hatte nicht das Verguügen dieſes zaͤrtliche und troſtreiche Schreiben zu erhalten. Denn P 2 228 kurz nach der Abfahrt ſeiner Gattin ließ Herr Shagg ihn gefangen ſetzen, dem er die unbeden⸗ tende Summe von zweitauſend und einigen hundert Pfunden fuͤr gekaufte, vermaͤkelte, vertauſchte, zuruͤckgegebene oder veranderte Wägen, ſchul⸗ dete. Julianen uͤberfiel Angſt und Schrecken bei der Nachricht von der Gefangeunehmung ihres Gatten. Aus deutſchen und franzoſiſchen Romanen hatte ſſe ihre Begriffe von einem Gefaͤngniß geſchopft,*) und ſtellte ſich daher nur Inguiſitionskerker und Burgverließe vor. In ihren Gedanken waren Waſſer und Brod, Ketten, Strohlager und Fin⸗ ſterniß unzertrennlich von einer Einkerkerung. So gefuͤhllos und egviſtiſch ſie auch immer ſeyn moch⸗ te, ſo regte ſich denuoch ein natuͤrliches Gefuͤhl von Mitleiden fuͤr den Mann, den ſie einſt ſo zärtlich liebte, in ihrem Herzen. Beinahe wahnſinnig uͤber das Schreckbild ih⸗ rer eigenen Schoͤpfung, eilte ſie in das Zimmer ihres Bruders und bat ihn, auf die verwirrteſte und unzuſammenbängendſte Weiſe, ihren armen Heinrich der in Ketten und Banden ſitze, zu befreien. „) Warum nicht quch aus den Romanen der Wſtrsz Radeliffe, des Herrn Lewis und ſo vielen andern angliſchen der Art? A. d. Ueb. Mit einiger Schwierigkeit begriff Graf Cvurt⸗ land endlich, worin das Ungluͤck ſeines Schwa⸗ gers eigentlich beſtehe. Mit ſeiner gewoͤhnlichen Kaltbluͤtigkeit belächelte er ſeiner Schweſter Ein⸗ falt, verſt icherte ihr, Kingsbeuch ſei der angenehmſte Ort in der Welt, und daß mehrere ſeiner vertrau⸗ teſten Freunde, die dort herrliche Mahlzeiten gaͤben und das vergnuͤgteſte Leben fuͤhrten, ſich in die⸗ ſem Gefaͤngniße befaͤnden. Ueberraſcht und entzuͤckt fragte die zaͤrtliche Gattin:„Alſo muß er wirklich nicht von Waſſer und Brod leben, und iſt nicht gefeßelt und muß nicht auf Stroh liegen? O, dann bedarf er auch keines ſo großen Ritleidens. Doch glaube ich, er waͤre lieber aus dem Gefaͤugniße als drin⸗ nen“ Der Graf verſprach, ihn den folgenden Tag frei zu machen. Juliane begab ſich mit einer beſ⸗ ſeren Vorſtellung von Gefängniſſen, an ihren Putztiſch. Zum erſtenmal in ſeinem Leben erfuͤllte Graf Courtland ſein Verſprechen puͤnktlich. Ohne die beſondern Umſtaͤnde zu unterſuchen, uͤbernahm er Heinrichs Schulden und vetſchafte ihm die Erlaubniß, ſich in ein Fridregiment zu vertan⸗ ſchen, da im Begriff war, nach Oſtindien ab⸗ zugehen. 230 Julianens Kummer und Verzweiflung uͤher dieſe Anordnungen, uͤberſtieg, wie gewoͤhnlich, alle Schranken. Sie wollte ihren lieben, theuern Heinrich nicht von ſich laſſen. Sie koͤnne nicht ohne ihn leben,— ſ e war ihres Todes gewiß. Heinrich wuͤrde ſerkrank werden und ſo gelb und ſo haß lich, daß, wenn er zuruͤck komme, ſie gar kei⸗ ne Freude an ihm hätte. Heinrich hegte nie den mindeſten Zweifel, daß. FJuliane ihn begleiten wuͤrde, verſicherte ihr alſo auf der Stelle es ſei nie ſeine Wejnung geweſen, ſi ie zwrczulaſſen Dies war nun ärger als arg!— Zuliane wun⸗ derte ſich, wie ex nur ſo grauſam und albern ſeyn konne zu glauben, ſie wuͤrde ihre Freunbe verlaſſen und unter Wilden leben wollen. Sie habe ſchon genug gethan, daß ſie ſo lange zufrieden mit ihm in Schottland gelebt; ein zweites Opfer der Art wuͤrde ſie aber um keinen Preiß bringen. Ue⸗ berdieß wiße ſie gewiß, ihr guter Bruder kön⸗ ne nicht ohne ſie leben. Heirathen wuͤrde er ie wieder; wer ſollte ſich denn ſeiner lieben Kinder annehmen und ſie gehorig erziehen, wä⸗ re ſie es nicht? Auch würde es zu undank⸗ var von ihr ſeyn, wolle ſie den armen Fried⸗ rich, von allem was er fuͤr ſie gethan habe, verlaſſen. 231 Der Stolz des Mannes und die Liebe des Gatten fanden ſich beleidiget Ein heſtiger Auftritt von gegenſeitigen Vorwuͤrfen und Be⸗ ſchuldigungen, endete mit einem Abſchied auf ewig. Ende des erſten Baͤndchens. F ſ 17 18 8