Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 2 von 5* Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Feſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Büchen: ————— e auf 1 Monat: 1 Wi.— Pf TS— Pf. 3 .„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sohadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mü Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. ——— 4 — 4„ ——— 5 Mathilde von Rokeby von Walter Scott bearbeitet von F. P. E. Richter. 3 weiten h e Leipzig, 1822 bei Wlhem e 45 Vierte Dichtung. ——— Wenn vor Zeiten Daͤnnemarks ſiegreicher Rabe ſich zu Northumberlands Zone empor⸗ ſchwang, bedrohte ſein Unglucksgekraͤchz“' die Britten von Reged mit dem Joch, und die breiten Schatten ſeiner Fluͤgel ſchwaͤrzten jeden Quell und Springbrunnen, die uͤber Caldron und High⸗Force hindonnerten. In ihrem Dunkel zogen die Normannen und beſtimmten jedem Thal einen Runnennamen, erhoben mit rohen Steinen ihre Altäre und widmeten ihren Goͤttern das eroberte Land. Da war es, Balder, wo eine dunkle Halde Dein ward mit dem ſüßen Silber⸗ fluß, der ſie begießt. Und Wodencroftge wann ſeinen Namen von dem ernſten Vater der Schatten. Aber dem Monarchen mit der II. 8. A Keule, der den erſten Platz erfocht, Odins Sohn und Siſias Gemahl, wurden auf Startforths Hoͤhe die Gelubde bezahlt, und zum Andenken von Thors ſiegreichem Ruhm gab man dem Thal des Donnerers Namen. Allein Scald und Kemper haͤtten dem Schreckensgott, dem grauen Koͤnig det Nordlands⸗Kriege und der Schlachten eher eine andre Gegend weihen ſollen, als dieſes ſuͤße, ruhige Thal mit ſeinem wechſelnden Licht und Schatten und jeden kleinen Son⸗ nenblick und dem frohlichen Bach mit ſeinem von Sommergeſang angeſchwollnen Bett! Seine Ufer waͤren eher guͤtigen Genien zu weihen geweſen. Hier, wo die Baumgrup⸗ pen ſeltner werden, wo die fruͤhzeitige Pri⸗ mel die Wieſe verſchont, ſcheint der Sammet des Raſens die zarten Fuͤße glaͤnzender Feen einzuladen. Dieſer weiche mit Maibluͤmchen bedeckte Grasboden gewaͤhrte dem ſtolzen Oberon einen Thron. Verborgen in der dickſten Nacht der Lauben, wuͤrde hier Puck auf ſeine luſtigen Streiche ſinnen, das Geis⸗ blatt reichliche Gewinde um Eſchen und — —— — 3— Ulme ziehn und Titanialauben mit ſeinen blaßblauen Azurblumen kraͤnzen. Hier erhebt ſich kein Fels, das Thal zu beſchatten, hier beſchuͤtzen in ſchoͤner gruͤner Mannichfaltigkeit die Baͤume durch ihr Laubgehaͤnge dieſe buſchige Gegend. Die Eiche erhebt ihre Aeſte, deren mehrere unter der Laſt der Jahre zuſammenbrachen; und der durch den Blitz verwundete Fichtenbaum ſteigt zur alterthuͤmlichen Pyramide empor. Die ſchwankenden Eſpen und Birken neigen die ſchwimmenden Locken uͤber den Raſen. Tauſend verſchiedenartige Buͤſche ſuchen der Waldrieſen ſchirmenden Schatten, und um ihre reichlich umwundnen Staͤmme fliegt ſuͤßer Sommerduft des Windes. Solche ab⸗ wechſelnde Gruppen hat Urbinos Hand um den Propheten von Tarſus vereint, als er auf dem Gebirge des Mars dem ſtolzen Athen den unbekannten Gott entdeckte. Graue Weltweiſe ſtehn umher, von Alter gekruͤmmt, mit hohen Geiſt; hier erhebt ſich der ver⸗ wundete Veteran mit ſeinem Speer: die griechiſche Schoͤne neigt ſich zu ihm, ihn zu⸗ A 2 „ zuhsren, waͤhrend die Kindheit zu ihren Fuͤßen gelagert, ſich libevoll an ihren Gur⸗ tel hielt. „Bleiben wir hier!— ſprach Mäthilde— und ſetzte ſich in den gruͤnen Schatten. Durchs Ungefaͤhr zuſammen getroffen, koͤnnen wir wohl eine der Freundſchaft geweihte Stunde dem neidiſchen Glück entwenden. Du, ſtets guͤtiger Wilfrid, mußt der ſchweſterlichen Freundin Deinen Rath geben. Und Du, Redmond, wirſt, auf meine Bitte, eine verzweifelte Verfolgung unterlaſſen. Ein Pfand iſt meiner Sorge anvertraut, gefäͤhr— lich fuͤr mich, die ich Waiſe und allein bin, da der Burgherr gefangen und das beſiegt iſt.“ Mit ſeiner gewoͤhnlichen anmuth ſetzte ſich Wilfrid zu ihr auf den Raſen; aber ſie ſchwieg, ſchlug die Augen nieder, ohne den jungen Redmond zu bitten, daß auch er ſich zu ihr ſetze; der, ihre zarte Verlegenheit be⸗ ruckſichticend, ſich beſcheiden zuruͤckzog, um unbemerkter betrachten zu koͤnnen, was er liebte. — —, —— — — —. Shrer dunkelbraunen Ringe entledigt, ſcheitelten ſich Mathildens Locken, die weiße Stirn verſchleiernd und nur halb ihre ſchwar⸗ zen Augaͤpfel entdeckend. Die Roſen auf ihren Wangen waren ſo ſchwach, daß man geſagt hätte, ſie waͤren bleich, wenn nicht ein leichter Weſt ihre Locken empor gehoben, oder ſie geſprochen, geſungen, oder ſich raſcher bewegt hätte, oder das Lob derer, ſo ſie liebte, zu ihr gedrungen waͤre, oder der Antheil in ihrer Bruſt an irgend etwas ſich darthat; denn dann wetteiferte das ſanfte Roſenroth, das ihre Zuͤge verſchoͤnerte, mit dem Erroͤthen des anbrechenden Tages. Eine nachdenkende Anmuth lag ſanft uͤber ihren Zuͤgen, traͤumeriſche Schwermuth, uͤberein⸗ ſtimmend mit ihrer Stirne, den langen, dunkeln Wimpern und faſt geſchloßnen Augen. Dieſer milde Ausdruck verkuͤndete die feſte, entſchloßne, ergebne Seele.— Dieſes ſind die Zuͤge, welche die roͤmiſche Kunſt der jung⸗ fraͤulichen Koͤnigin des Himmels zur Aus⸗ zeichnung gab. In fröhlichen Augenblicken drückten aber auch dieſe Zuͤge das Lächeln * — 6— fröhlicher Spiele und heitrer Phantaſie aus. Wenn Tanz, oder Geſang, oder Geſchichten die Flucht der Stunden in Freuden verkuͤrzte, ſagte oft ihr Vater, daß ſie von allen die Frohlichſte ſey. Aber die Kriegstage, die baͤrgerlichen Unruhen, hatten dieſe feſtlichen Zeitvertreibe unterbrochen, und ihr ſanftes Nachdenken war jetzt in Traurigkeit uͤberge⸗ gangen. Auf dem Schlachtfeld von Marſton ward ihr Vater gefangen, ihre Freunde zer⸗ ſtreut, der tapfre Mortham tod geglaubt.. ihre Seele uͤberließ ſich jeder Befurchtung, womit Oswalds Durſt nach Macht und Gold ſie bedrohte; boͤſe Ahnungen ergriffen ſie, daß auf immer der ſanfte Traum ihres Herzens dahin ſey— alles vereinte ſich, um die lie⸗ benswuͤrdige Maid finſtre Schatten zu ver⸗ breiten. Wer hat nicht— als Erin ſeine Rechte gegen die Wuth der Sachſen vertheidigte— wer hat da nicht von dem tapfern O Neal gehoͤrt, deſſen Stahl ſo oft engliſches Blut benetzte, der ſeine Banner erhob gegen St. Georgs Kreuz, den ſtolzen Eſſex zerſtreute, —— . 1 6 — und als Fuͤrſt in Ulſters Gegend herrſchte? Aber ſein Haupttriumph erhob ſich, als der tapfre Marſhal focht und ſtarb, und der Aon⸗Duff ſeine Wellen, geroͤthet von Sach⸗ ſenblut, zum Ocean trug. Es war in dieſer zerſtoͤrenden Schlacht, daß Rokeby und Mor⸗ tham zuerſt ihre Macht bewieſen. Sie waren im Begriff mit den uͤbrigen zu unterliegen, als das Mitleid die Bruſt eines Haͤuptlings ruͤhrte. Als Erbfolger des großen Meale, zuͤgelte er die blutduͤrſtige Wuth der Krieger, nahm beide Vettern gefangen, und ließ ſie in ſein Bergſchloß bringen. Dort ließ er ſie jede Freude des Waldes genießen, die in Slive⸗Donards Kluͤften und Holzungen ſich darbot, ließ ſie Theil nehmen an den Gelagen Erins, jagte mit ihnen Wolf und Wild, und als ein guͤnſtiger Zeitpunkt er⸗ ſchien, ſandte er ſie geſund und ohne Loͤſe⸗ geld, uͤberhaͤuft mit Geſchenken mancherlei Art, nach Hauſe, um ſeine Achtung und Liebe fuͤr großherzige Krieger darzuthun. Jahre entſchwanden. Auf Rokebys Haupt war bereits der Schnee des Alters gefallen; — 8— ruhig genoß er auf dem ufer der Greta den Frieden, den James der Friedfertige gewaͤhrte, waͤhrend Mortham auf ſeine eigne Hand ſtolze Kriege gegen die Spanier in Amerikt wagte. Als einſt in einer ſtuͤrmiſchen Win⸗ ternacht, als Stanmores Hoͤhen mit Schuee bedeckt waren, die Jagd voruͤber, der Hirſch getoͤdet war und in Rokebys gaſtlichem Schloß die Becher geleert wurden, der Burgherr aber an ſeinem geraͤumlichen Heerde ſaß, der Himmel mondlos, ſpaͤt die Stunde war, ſich ein lautes Geraͤuſch am Thor erhob und eine fremde Stimme um Einlaß und Bei⸗ ſtand mit bittendem Ton flehte. Das Thor that ſich antwortend auf, bei ſeinem Ruf, und ſogleich ſturzte ein Mann in die Halle, deſſen Ausſehn und Anzug alle erſchreckte, die um das Feuer ſaßen. Graue Locken fielen geſpenſterartig um ſein ermudetes Haupt, ſein weites kurzes Gewand bedeckte die nervigten Beine nicht; eine ſafrangelbe Tunika um⸗ gab ſeine Bruſt mit zahlreichem Faltenwurf, und darunter trug er eine Linnenweſte. Ein langer weiter Mantel, ſtarr und ſteif von — 9— Eis, mit Blut beſudelt, hing auf den Schul⸗ tern, er trug eine Buͤrde ans Herz gedruckt, und auf einen knotigen Stab geſtutzt, ſchüt⸗ telte e den Snee aus Bart und Haar und ſchaute uher mlt wildem Blick. Mit wankendem Schrltt trat er vor in die Halle zum Heerd, und eilte einen Knaben von ſeltner Schoͤnheit, halb tod fü aui leblos ſcheinend, dort nier zu leen 2 furchtsvoll neigte er ſich vor Rokeby, a 5 ihm nahe war, und erhob ſich ſogleich wie⸗ der, aufrecht ſtehend und mit wilder Ma⸗ jeſtaͤt in Ton und Haltung, wie es dem Ge⸗ ſandten eines Fuͤrſten der Barbarei zukam, ſeine Geſchichte zu erklären.„Sir Richard, Lord von Rokeby, hoͤrt! Turlough O Neal gruͤßt Euch freundſchaftlichſt, und vertraut Eurer Sorgfalt den jungen Redmond ſeinen Enkel; Er bittet Euch, ihn zu erziehn als Euern Sohn, denn um Tourlonghs freudige Tage iſts geſchehn, andre Häupt⸗ linge haben ſich ſeines Landes bemächtigt, ſchwach iſt ſeine Hand und unbewaffnet; und Tyrons ganzer Ruhm entflohn wie Mor⸗ gennebel. Dieſe Pflicht auf Eure Seele zu binden, bittet er Euch, an Erins Gelage zu denken! an Erins Stahl, wenn je den jun⸗ gen ONeale Unterjochung bedrohte. Erſt war dieſes Pfand Mortham beſtimmt, aber in ſeiner Abweſenheit werdet Ihr damit be⸗ ehrt.— Zetzt habe ich meines Herrn Bot— ſchaft ausgerichtet, und Ferraught wird zu⸗ frieden ſterben.———“ Sein Blick ſtarrte unbeweglich, ſeine Wangen wurden bleicher, er ſank um, als er ſeine Erzaͤhlung vollendet hatte. Sein weiter Mantel deckte eine todliche Wunde. Verge⸗ bens war alle Huͤlfe— das Waiſenkind ſchrie auf mit wildem Entſetzen. Der arme Fer⸗ raught warf den bewegten Blick auf daſſelbe und ſuchte ſein Geſchrei zu beſchwichtigen. Seine Todesangſt vergeſſend, ſegnet ers— und ſegnet es wieder, kuͤßt die kleinen uͤber ihn ausgebreiteten Haͤndchen, und das Haupt des Knaben, ihn an ſich druͤckend, und in der Sprache ſeines Landes, alle Heilige an⸗ flehend, über ſeine Tage zu wachen; alle ſeine Kraͤfte zuſammenraffend, will er Rokeby ſeine Borſchaft abermals wiederholen, aber als er ſie halb aus der Bruſt hervor geſtam⸗ melt hat, muß er ſie ſterbend nur mit Zeichen ausdruͤcken.„Geſegnet ſey Meale!“ ſagt der treue Knecht und ſtirbt, ſeine ergebne Seele iſt aufwärts geftohn!— Es bedurfte lange Zeit, eh man es von dem Kinde erlangen konnte, die Geſchichte zu enden, dann aber ſagte es: ſein Aelter⸗ vater ſey gezwungen worden, aus ſeinem Hauſe zu entfliehn, welches nicht geſchehn waͤre, wenn Redmonds Hand die Kraft ge⸗ habt haͤtte, das Schwerd von Lenaugh⸗More dem Rothen aus der Scheide zu ziehn, das bei den grauen Wolfshaͤuptern hing.— Ans ſeiner abgebrochnen Rede ging hervor, daß ſein Begleiter ſein Pflegevater geweſen war, welcher Briefe und reiche Geſchenke aus Ulſters Hafen mit ſich fuͤhrte, aber von Raͤubern, die ihm im Walde begegneten, angefallen ward. Ferraught ſchlug ſich tapfer und blutig, bis er verwundet und aufs äußerſte erſchoͤpft war, wo man ihm alles — Mpeibhbeie nahm, und er kaum noch ſoviel Kraft hatte, ſich bis in Rokebys Schloß zu ſchleppen. Und darauf erneuerte das Kind ſeine wilden Wehklagen. Die Thrane, die von der Kind⸗ heit Wange faͤllt, iſt dem Thautropfen gleich in der Roſe; wenn der Fruhlingsweſt er⸗ ſeufzt und die Büſche bewegt, iſt die Blume getrocknet. Durch ſeine Sorgfalt gewonnen, laͤchelte bald das Waiſenkind ſeinen neuen Be⸗ ſchuͤtzer an mit blähenden Wangen und ſcho⸗ nen Augen, wiewohl umrollt von dichten Flachslocken. Aber am ſchönſten lachten Wangen und Augen, wenn Rokebys kleine Maid ſich nahte. Es war ſein, des aͤltern Bruders, Stolz, Mathildas wankende Schritte zu leiten. Die Lieder der Heimath ſang er in Iriſcher Sprache in ihr Ohr, und Prim⸗ len, mit ſchoͤnen Maiglocklein umwunden, flocht er kraͤnzend um ihr Haar. Auf der Halde, im Schatten, am Ufer ſpielten beide Kinder mit einander Hand in Hand, und Blick den fruͤhen Erguß dieſer Kindlichkeit und Gäte. der gute Sir Richard ſah mit lächelndem ——— Aber der Sommermond bringt andern Wechſel, aus der Knospe werden Bluͤthen, aus Bluͤthen Fruͤchte, und die Jahre des Lebens fuͤhren das Kind zum Juͤngling, den Juͤngling zum Mann; und bald ſieht man in Rokebys Waͤldern einen ſtattlichen Pur⸗ ſchen im Jagdgruͤn. Gern umlauert er den wilden Eber in ſeinem dunklen Verſteck auf Greta's Ufern, und ſucht das minder ver⸗ ſchlagne Reh mit toͤdtendem Blei zu erlegen; lieber noch erklimmt er in den ſchoͤnen Herbſt⸗ tagen den laubigen Stamm des Haſelbuſches und ſchuͤttelt, was erbricht, in Mathildens ausgebreiteten Schleier. Und ſie, deren Schleier dieſen Regenſchauer aufnimmt, iſt faſt daruͤber erſchrocken, denn ſie kennt nun ihre Gewalt. Einen Mentorſtolz annehmend, wirft ſie Redmond ſeine gefahrvollen Streiche vor; und lauſcht gleichwohl gefaͤllig, wenn er ihr von dem grimmigen Thier, ſeiner Wuth und dem ihm geleiſteten Widerſtand erzahlt. Wie zum Zeichen ſeiner Niederlage“ die Hoͤrner erklangen, daß Fels und Gehoͤlz antwortend wiederhallten; dann erſtaunt ſie, daß die Maͤnner an ſolch wildem Geſchäft einen Zeitvertreib finden können! Aber Redmond verſteht es, ſeine Erzaͤh⸗ lungen zu beleben mit Schilderungen von Wald und Thal; und weiß jeden Punkt, der die Jagd verſchoͤnert, ſo gut hervor zu heben und uͤber alles ſo ſchoͤn den wildro— mantiſchen Blitz ſeines Geiſtes zu verbreiten, daß, wiewohl Mathilde dabei fuͤrchtet und tadelt, ſie die abentheuerlichen Geſchichten lieb gewinnt, die ſie hoͤrt. Hefters auch, wenn Schnee und Regen ſie im Schloß ge⸗ fangen hielt, bat ſie den Pagen um ein ſchimmerndes Lied oder Sage der Barden; wenn ſie dann Abends am Feuer ſaßen, uͤbten ſie abwechſelnd die Kunſt des Min⸗ ſtrels, weil vor Harfenklang und frohen Melodieen ſchnell die Winternaͤchte ent⸗ fliehn. So, ſeit ihrer Kindheit vereint in ihren Spielen wie in ihren Studien, em⸗ pfanden ſie einen innigen Verein ihrer See⸗ len, aber ſie durften nicht denken, daß es Liebe ſey. Und als man Jahr aus und ein das junge Paar immer beiſammen erblickte, —,—————— tadelte man den guten alten Lord, daß er taub ſey und blind, oder wollte daraus ſchlie⸗ ßen, er habe wohl gar den Vorſatz, den jungen O Reale zu ſeinem Erben zu machen. Wilfrids Huldigungen und Bewerbungen nahmen die Binde von den Augen der Lie⸗ benden. Es war klar, daß Oswald Rokebys Beguͤnſtigung fuͤr ſeinen Sohn wohl gewon⸗ nen habe. Jetzt begegneten ſie ſich ſehr ver⸗ aͤndert, mit Blicken voll Schaam und Furcht. Jetzt ſuchte Mathilde die Einſamkeit, ihr wiederſpenſtiges Herz zu bemeiſtern; und allein mußte Redmond die Liebe tragen, die er nicht mehr zu uͤberwinden vermochte. Jetzt erhoben ſich die Factionen und Rokeby ſchwur: Keines Rebellen Sohn ſolle ſein Erbe ſeyn. Und Redmond, von Kindheit an erzogen in wilden Sagen der Barden, floh hinaus in den weiten Wald und Strom, ſeinen gluͤcklichern Traͤumen nachzuhaͤngen, wie die Maid er⸗ obert ward mit Lanze und Schwert, im Ge⸗ biet der Ballade. Dann überzahlte er die Helden ſeines Geſchlechts. Den großen Niell von Pledges Nine den wilden Shane⸗Dy⸗ — 16— mas und Geraldine und Coman⸗Mote, der ſeine Nachkommenſchaft den Göttern des Kriegs und der Jagd weihte, denjenigen fluchend, die das Schwert in die Scheide ſtecken wuͤrden, das Korn zu ſicheln, oder die Gebirge und Hoͤhen verlaſſen, ſich in ihren Schloſſern zu begraben Solche Bei⸗ ſpiele belebten ſeine Hoffnung und er war entzuͤckt von dem Hall der Trompete. Wenn Braͤute blos durch Herz und Klinge zu gewinnen waͤren, ſo hatte Redmond bei⸗ des zur Huͤlfe, auch glaͤnzte er durch alle Eigenſchaften, die dem Erben eines Eblen zuſtehn ſollen. Tourlough O Neal hatte in Erins Streit Rokebys Leben echalten, und Rokebys edler Herr nach ſeinem Tod die Schuld der Erkenntlichkeit an Redmond ent⸗ richtet; auch war ſeine freigebige Fuͤrſorge und Muhe an Redmond nicht vevloren. Gleich dieſem ritterlichen Sproͤßling, ver⸗ ſtand keiner der nordiſchen Ritter den Ren⸗ ner zu tummeln; von Tynemouth bis Cum⸗ berland fuͤhrte keiner, ſo wie Redmond, das Schwert. Immer gleich in freimuͤthiger, * gůtiger Gemuͤthsart, betrug er ſich ſtets offen und mit unerſchrockner Ritterlichkeit, ſo daß kein Juͤngling geeigneter war, ſich ins Herz zu ſtehlen, als der tapfre MNeale. Sir Richard liebte ihn wie ſeinen Sohn, und als es um die Tage des Friedens ge⸗ than war und er das Banner des Krieges, ſo er von ſeinen Voraͤltern beſaß, entfalten mußte, erkieſte er den durch ſeine Sorgfalt erzognen Redmond, dieſe ehrenvolle Fahne zu tragen und machte ihn zum Pagen, wel⸗ ches in dieſen alten Zeiten die naͤchſte Stufe zur Ritterſchaft war. In fuͤnf Schlachten bewieß Redmond, daß er dieſe Stelle wuͤr⸗ dig bekleidete. Und hoch oben ſtand ſein jugendlicher Name eingezeichnet in dem Re⸗ giſter des Ruhms kriegeriſchen Siegs. Hätte aber dieſer der koͤniglichen Parthei zu Mar⸗ ſton gelaͤchelt, ſo waͤte Redmond mit der Ritterwuͤrde begabt worden; zweimal hatte er in dem zweifelhaften Kampf der Schlacht Lord Rokebys Leben gerettet, und als er ihn gefangen genommen ſah, kuͤßte und neigte er ſein Schwert, es uͤbergebend und freiwillig IM. B 18 ſeinem Herrn in Seſeei wie in te Geliebten, Vater! Als die Liebenden ſich in dieſer Ungluͤcksſtunde, war ihnen dieſes Wie⸗ derſehn wie ein Sonnenblick im Regenſchauer, der ſich mit ſeinem feuchten Strahl einen Augenblick zeigt und dann hinter dem finſtern Gewoͤlk verſchwindet. Redmond, hingeneigt auf den Raſen, ſah jetzt Vergangnes und Gegenwaͤrtiges ſeine Seele erfuͤllen.„Nicht alſo— dachte er ergriffen— nicht alſo, theure Maid, dachte ich mir meine Ruck⸗ kehr! nicht alſo, als ich mit zitternder Hand Banner und Schwert empfing, rund um mich her Hoͤrnerſchall klang, und als ich die Fahne entrollte und drei hundert Krieger jauchzend ihre Schwerter zogen. Wo iſt nun dieſes Banner? Befleckt iſts und entehrt in Huzees Wellen. Wo ſind dieſe Krieger? in ihrem Blut auf der Halde von Marſton's unglüͤchlichem Sumpf! und was ſollte ich jetzt mit dem nutzloſen Schwert in der gefeſſelten, belaſteten Rechte!— gefangen!— ach! ich wollte das Leben abſtreifen, muͤßte ich nicht meinem Herrn die Ketten tragen hel⸗ fen!—“ ſo dachte Redmond bei ſich ſelbſt und nicht leichter war das Herz ſeinee Neben⸗ buhlers. Wilfrid, deſſen großmuͤthige Seele es verachtete, von einem Unfall Nutzen zu ziehn, ſah aus mehreren Zeichen, daß ohne dieſes Huͤlfsmittel ſeine Hoffnung vergeblich war. Endlich unterbrach Mathildes ſuͤße, ausdrucksvolle Stimme die finſtern Bilder ihrer Seelen und machte ihre Schwermuth fliehn, wie des Zephyrs Hauch den Nebel. „Ich darf es meinen Freunden nicht erſt ins Gedaͤchtniß rufen,— ſprach Mathilde— daß der Lord von Mortham meines Vaters Schloß vermied. Als ein Mann voll ſchiwei⸗ genden Wehes, immer aͤngſtlich zuruͤckgezogen, bezeigte er mir Armen gleichwohl ſtets die vertrauende Liebe eines Blutsfreunds. Mei⸗ ner ſchwachen Bemuͤhung gelang es zuweilen, eine Zeitlang die Wolken des Kummers ihm zu zerſtreuen, allein öftrer meine Macht be⸗ kämpfend, bezeigte er nur eine tiefre Ver⸗ zweiflung. Eine betruͤbte, von Riemand B 2 gekannte Urſach entriß ihm ſein fuͤrchterliches Geſtandniß, und zweimal erblickt ich ihn dabei in tödlicher Erſchuͤtterung, wie ſie eine Zeitlang ſein Gehirn verwirrte. Er beſaß die entſetzliche Kraft, die Stunde ſeines Wahnſinns kommen zu ſehn, und ſo lange ſeine Seele Staͤrke genug beſaß, gegen dieſen böſen Geiſt zu kaͤmpfen, ſuchte er ihm ſein Opfer zu entreißen, gleich einem Elenden, der unter Moͤrderdolchen ſich ſtraͤubt. Ich merkte wohl, wie dieſe Krankheit aus einer verbrecheriſchen und finſtern Urſach kommen mußte, aber er hielt dieſe Quelle verborgen, bis er ſich, ins Feld zu ziehn, bewaffnen mußte. Da vertraute er meiner Obſorge einen reichen Schat von Gemmen und Gold, mit dieſer ungluͤcklichen Rolle Papier, wel⸗ ches das Geheimniß ſeiner Seele in ſo wil— den Worten enthuͤllt, daß man ſieht, es ſey die angſtvolle Seele dazu gezwungen worden. Wrhne Geſchichte. Mathilde! oft haſt Du mich ſchaudern und zittern ſehn, als ob ein Dolch mir das Herz durchbohre, wenn irgend ein ohne Beziehung ausgeſprochnes Wort das An⸗ denken beſſrer Tage in mir erweckte. Glaube mir, wenig Menſchen koͤnnen mit Freuden ruͤckwaͤrts blicken!. aber ich meine Jugend war raſch und eitel, mein reifes Alter blutig und wuͤthend und meine grauen Haare muͤſſen ohne einen Freund in die kalte Grube fahren. Du ſelbſt, Mathilde, Du— wirſt den Blutsverwandten verleug⸗ nen, wenn Dir ſeine Schuld bekannt ſeyn wird. Und muß ich ihn luͤften, den blutigen Schleier meiner finſtern, unſeligen Erzaͤhlung“ Ich muß— ich will— bleicher Schatten, laß ab! laß mich eine Stunde nur mit Frieden!— wenn ich Dich winken ſehe, denkſt Du, daß ich dann die Kraft habe, Deinen Auftrag zu erfuͤllen? ach! wenn Du mir mit ſtolzen Zeichen Deine verblichne Wange, Deine blutige Geſtalt zeigſt, wie kann ich Dich ſchildern, wie Du warſt, ſo ſchoͤn von Antlitz, ſo warm von Herzen?— Ja! ſie war ſchoͤn! Mathildens ſanfte Schwermuth liegt auf Deinen Zuͤgen, die axkte——— ihren waren gleich dem Sonnenglanz, der dieſer Erde und allen zulaͤchelt!— Heimliche Ehe verband uns— es war noͤthig— wir waren in Glauben und Abkunft verſchieden; und als ſie auf Morthams Schloß kam, verſchwiegen wir ihr Geſchlecht und ihren Namen. Der Herr ſollte wiederkehren, der in blutigen Kriegen auswaͤrts focht und Ro⸗ kebys Einfluß des Vaters Zorn und Stolz verſöhnen. Wenig Monden lebten wir allein— ungekannt von allen, ausgenom⸗ men von einem geliebten Freund,— ich verſchweige ſeinen Namen, ich erſpare ihm dieſe Schande und will den Elenden nicht nennen. Ich darf meine Vergehung nicht vergeſſen, um mich an dem Verrath eines Freundes zu raͤchen, ich darf mich nicht un⸗ dankbar zeigen gegen die Barmherzigkeit Gottes, die mir Zeit zur Buße aufſparte und mich nicht hinwegraffte mitten im Ver⸗ brechen.— Alles entzuͤckte ihr guͤtiges Lecheln, dem Freund ihres Gatten ſchien es ſo zärt⸗ lich, daß er aufhoͤrte an ihre Unſchuld zu — 2— glauben. Zuruckgeſtoßen mit ſeiher anmaßen⸗ den Liebe, ſchwor der Verraͤther eine raͤchende Liſt. Wir waren allein.. gekreiſt hatte der Becher, mein Blut und mein Kopf gluͤhte ungewoͤhnlich, als wir allein mit ſchnellem Schritt meine Editha voruͤber⸗ ſchluͤpfen ſahen; ſie verbarg ſich eilig hinter dem gruͤnen Schirm der Lauben, wie unwillig, geſehn zu werden. Worte ſind unfaͤhig, das teufliſche Laͤcheln, das jetzt auf des Verraͤ⸗ thers Zuͤgen ſtand, zu ſchildern. Stolz fragte ich ihn nach der Urſach; er ſchwieg kalt und hinterliſtig, dann bat er, ich möchte meinen Zorn ſich nicht regen laſſen. „Ein Liebhaber erwartet ſie im Ge⸗ buͤſch!—“ Wir waren auf der Wildbahn geweſen, mein Bogen— uͤbler Zufall!— war bei der Hand. In der Wuth ergriff ich ihn, folgte ihr mit ſchnellem Lauf und fand mein Weib, um deren Nacken ein Fremdling den Arm geſchlungen hatte! Ich zielte auf ſein Herz, den Bogen ſpannend!— der Pfeil entfloh— ach! er traf nur allzu ſicher!— meine reizende Editha ſank, nach ihrem Moͤrder blickend, in den Arm ihres Bruders, auch er war ermordet!— Er, der im Geheim gekommen war, ſie zu ſehn und uns mit ſeinem Vater auszuſöhnen! Alles floh vor meiner Wuth; der Elende zuerſt, der meine Eiferſucht mit Tuͤcke ge— naͤhrt hatte, er ſuchte in fernen Gegenden meiner Rache ſeines Verbrechens zu entrin⸗ nen. Die Art und Weiſe dieſes Mordes ward nur wenigen bekannt, meine Schuld niemand, mein treuer Burgvogt erſann taͤu⸗ ſchende Maͤhrchen, man errieth den nicht, aus deſſen ungeuͤbter Hand der ungluͤckliche Pfeil entſlohn ſeyn ſollte. Ich ſtand unan—⸗ getaſtet vom Menſchengeſetz, aber Gott hoͤrte das Geſchrei des vergoßnen unſchuldigen Blutes! Daher die finſtre Nacht meiner Seele! die fuͤrchterlichen, ſchwer zu erklärenden Erſcheinungen, die Traͤume, die meinen Schlaf ſtören, von Pfeilen, Gefaͤngniſſen, Ketten und Schande!— Als ich zu milderm Weh erwachte, it ich nach meinem Kinde in der Wiege— habe ich nicht ſchon geſagt, daß es ein Knabe war, ſchoͤn wie ein lieblicher Som⸗ mermorgen? Mit beſtuͤrzten Mienen ant⸗ worteten meine Leute: Bewaffnete waͤren ins Thal von Mortham gekommen, haͤtten bei der Nacht die Amme mit dem Kinde uͤberfallen und beide mitfortgefuͤhrt. Nur mein treuloſer Freund konnte Nutzen ziehn von dieſer Niederträchtigkeit.—— Ich ſchwor ſeinem Haupt dreifache Rache!— aber er entrann mir— Da nun die Wunden meines Herzens in meinen Wanderungen einige Er⸗ leichterung fanden, ſo trug ich mein uͤber Land und Meer. Dadurch ward mein Pfad zu e einer e gefuͤhrt, die allgemein gefuͤrchtet war; mit ihr wagte ich oft mein verhaßtes Leben im abentheuerlichen, verzweifelten Strauß, ſo daß ſelbſt meine kuͤhnen Verbuͤndeten meine Thaten mit Erſtaunen und Zweifel ſahen. Da lernte ich, da ſah ich menſchliche Schuld und menſchliches Elend, aber nie habe ich auf meinen Zuͤgen einen Ungluͤcklichen ge⸗ ſehn, deſſen Elend meinem gleich kam! Es begab ſich, daß wir uns nach einer furcht⸗ — 26— baren Schlacht auf blutiger Halde gelagert hatten; der gelbe Vollmond warf ſeinen Schein auf Tode und Verwundete und von Beſchwerde und tobenden Gelag ermuͤdet, ſchliefen meine Raͤuberhorden rings umher. Da vernahm ich eine Stimme— ihr Sil⸗ berklang war ſanft wie Deiner, Mathilde!— „Elender— ſprach ſie— was thuſt Du hier? ſoll mein Blut ungerochen, ſoll mein Erbe leben und unbeſchuͤtzt bleiben, ohne Vaterſorge und Namen?“— Ich hoͤrte— gehorchte— kam in mein Vaterland zuruͤck; mit mir brachte ich den Stolzeſten unſrer verzweiflungsvollen Horde, zu noͤthiger Zeit mir in meiner Rache zu helfen, die ich ſo lange aufgeſchoben hatte. Aber demuͤthig dank ich dem Himmel, der mir beßre Hoff⸗ nungen und Gedanken gegeben hat! Dank Ehre und Anbetung ſey dem Herren, der uns das liebe Gebet gebracht hat: Vergieb mir meine Schuld wie ich vergebe meinen Schuldigern!— Laß mich frohlocken im Elend!— Ich habe ſein Antlitz geſehn— ich habe ſeine Stimme gehoͤrt— ich habe mein einziges Kind von ihm begehrt, und als er die Unthat leugnete— hab ich ge⸗ laͤchelt. Der wahre Teufelsblick ſtand wie⸗ der auf ſeinen Zuͤgen, wie damals, als er mir ſagte:„Ein Liebhaber iſt im Ge⸗ buͤſch!—“ Und ich ſchlug ihn nicht, als er ſo vor mir ſtand! Ehre ſey Gott meinem Herrn dafuͤr? langes Leiden* 2 Weg zum Himmel!—“ So weit war die trantige Shinz gekommen, als ſich in den Buͤſchen ein leichtes Geraͤuſch hoͤren ließ. Redmond ſprang auf; der tapfre Guy— denn er wars, der ſo nahe herankroch— zog ſich zuruͤck— er hatte kein Verlangen, ſein Eiſen mit dem des kuͤhnen Meale jetzt zu kreuzen und waͤren alle Schaͤtze aus Mor⸗ thams eiſenbeſchlagnen Kiſten dadurch ſein worden. Redmond nahm ſeinen Platz wie⸗ der ein und ſprach: Es mochte wohl irgend ein Rehbock hier im Schatten gehn. Grim⸗ mig lachte Bertram, als er ſeinen ſchuͤchter⸗ nen Geſellen ruͤckwaͤrts kriechen ſah.„Du biſt ein jaͤmmerlicher Wicht! einen einzigen Arm zu fuͤrchten bei ſo naher Huͤlfe! ZJetzt habe ich das Wild ſelbſt auf der Spur, gieb her den Dolch— ich will Dir eine Kunſt zeigen, die Dich erfreuen wird zu lernen— die Kunſt, einen Feind zu tödten,„— etwas dabei zu wagen.“ m Auf Haͤnden und Knieen ſchleppteoſi ſich der wilde Bertram zwiſchen den laubigten Birken und Haſelſtraͤuchern, bis Redmond gegenuͤber, fort:— er hob den Dolch. Bertram hatte nie fehl geſtoßen, wenn ihm ein Gegenſtand toͤdlichen Haſſes vorkam. Dieſer Tag haͤtte des jungen Redmond Tod geſehn, haͤtte ſich nicht Mathilde zweimal ſtellt, gerade, als ſich ſeine Finger um den Mordſtahl krampften. Einen Todesſchwur murmelte heimlich der Raͤuber, aber er konnte jetzt die Rache, die er athmete, nicht ausuͤben.„Es ſoll nicht heißen— fluͤſterte er— daß ich Dir alſo den Tod gab, ſchoͤne, ſtolze Maid!—“ und weiter ent⸗ fernte er ſich, einen guͤnſtigern Ort zu ſuchen, als Guy Denzil an ihn herankroch: Bertram, 4 1 5 zwiſchen den Dolch und Redmond hinge⸗ — 29— halt— rief er leiſe— wir ſind ja fuͤr immer verloren, wenn Du Feuer giebſt— des Teufels auch— mit bewaffneter Macht kaͤmen ſie ja herunter ins Thal, zu Fuß und zu Roß— Unſinniger, halt! wir haben ja ein viel ſichreres Vorhaben!„Nein, Freund, ringle Dich zuſammen und mach Dich zu⸗ ruͤck!— Siehſt Du nicht, dort auf dem Fußpfad kommt ſchon ein Haͤuptling mit ſeinen Kriegern, das breite Schwert in der Fauſt.“ Bertram blickte auf, ſah, und er⸗ kannte Denzils Rath, den die Furcht ein⸗ floͤßte, fuͤr gut, fluchte ſeinem Misgeſchick, ſchleppte ſich in die Waldlabyrinthe zuruͤck und erreichte die Hoͤhle auf dem Geſtade der Greta. Diejenigen, ſo Bertram in ſeinem Blut⸗ durſt dem Tode und der Gefangenſchaft ge⸗ weiht hatte, ahndeten nichts Boͤſes und ſahen und hoͤrten keine Hinterliſt; ſorglos und un⸗ berathen ſtanden ſie unter der Geißel des Geſchicks, ſorglos und unberathen, als der Himmel des Moͤrders Hand zuruͤckhielt. So ſehn die in der Stroͤmung des Nachts — 5 ———— — 30— im Finſtern fortgerißnen Schiffe die Klippen nicht, uͤber die ſie dahinſchweben. Unun— terbrochen hörten ſie auf Morthams ſchluͤß⸗ liche Erklaͤrung in ſeiner Geſchichte. Er ſprach von ſeinem Reichthum wie von einer Buͤrde, welche das Gluͤck, im bitterſten Spott ſeines Haſſes, einem Elenden aufer⸗ legte, ſeine ewigen Aengſte zu vermehren; dennoch aber bat er Mathilden, dieſe Schaͤtze ſeinem Erben— ſeinem und Edithas Sohn zu bewahren— denn er konnte nicht auf— horen zu glauben, daß er noch lebe. In mehreren Erſcheinungen, betheuerte er, ſah er ſein Geſicht, hoͤrte ſeine Stimme, und beruhigt, Gruͤnde anfuͤhrend, ſagte er, man muͤſſe ſein Blut, ſeinen Leichnam geſehn haben, wenn ihn die Moͤrder damals ge⸗ todet haͤtten. Er hatte auch erzaͤhlen hoͤren, daß man zu der Zeit zu Windermere eine fremde Barke geſehn habe, die mit eifer⸗ ſuͤchtiger Sorgfalt ein Weib und ein Kind an ihrem Bord bewachte. Wenn er alle dieſe ſchwachen Beweiſe, die er anfuͤhrte, uͤber⸗ lege, ſo— ſagte er— fuͤhle er Hoffnung, 6 ſeine Bruſt beſänftige ſich; und ſo gehaltlos, leer und eitel ſie auch ſchien, verwirrte ſie doch oft die Beurtheilungskraft ſeines Kopfs. Die feierlichen Worte beſchloſſen ſeine Er⸗ zaͤhlung:„Der Himmel ſey mein Zeuge, daß ich nie Antheil genommen habe an dieſem traurigen Buͤrgerkrieg und bei unſrer Sache nichts in Anregung bringe, als Englands Rechte. Meines Vaterlands Klagen haben mich aufgefordert, ich ziehe das Schwert fuͤr das Evangelium und das Geſetz!— Wenn die gute Sache geſiegt hat, lege ich meine Waffen ab und ſuche meinen Sohn durch ganz Eu⸗ ropa. Meine Schätze, auf die ein Bluts⸗ freund ſchon das habſuͤchtige Auge wirft, ſind nun in ſicherem Gewahrſam. Wenn Mathilde meinen Tod erfährt, ſo ſoll ſie drei Jahr lang das Pfand aufbewahren. Wenn niemand unter dieſer Zeit den Schatz fordert von Seiten meiner, ſo iſt Morthams Geſchlecht und Namen erloſchen. Dann moͤge Mathildens großmuͤthige Hand Stroͤme des Wohlthuns uͤber das Land ausgießen, des todeswunden Gefangnen Loos verſuͤßen und die eingeaͤſcherten Huͤtten wieder auf⸗ bauen. So wird die in fremden Landen einſt in der Schlacht gewonnene Beute das Unheil innerlicher Kriege erſetzen.“ Die edelmuͤthigen jungen Leute, die Mor⸗ thams Gemuͤth in ſeinem allmaͤchtigen Er⸗ greifen wohl gekannt hatten, dieſes hohe, nur vom Kummer bezwungne Gemuͤth— ſchenkten ihm jene Theilnahme, die ſein Weh ver⸗ diente; allein Wilfrid vorzuͤglich— dem es jetzt deutlich war, weshalb Mortham ſein Leben verſchwiegen und geheim gehalten wuͤnſchte, ohne Zweifel, um den Eingebungen ſeiner verwilderten Einbildung nachzuhaͤngen. Gedankenvoll vernahm er, was Mathilde„ erzaͤhlte, wie ſie ihres Vaters Hallen ver⸗ laſſen wolle, ſeine Gefangenſchaft zu theilen, wo es ſey, und wie ſie nur bekuͤmmert ſey, Rokebys abgetragnes Schloß, unvertheidigt 3 und Raub und Diebſtahl geoͤffnet, nicht mehr als Sicherheitsort fuͤr die Schaͤtze ihres Verwandten anſehn zu koͤnnen, die er aus ſo edler Abſicht und zu ſo guter Beſtimmung dahin gebracht habe.„Barnards⸗Caſtle— 1* * 32— 50 verſetzte jetzt Wilfrid mit ungewiſſer Stim⸗ me— wuͤrde demnach zum Ort Euerer Wahl, weil die Geſetze der ſiegenden Par⸗ thei es zum Aufenthalt Eures Vaters, als Geißel, eine Zeitlang beſtimmen?“ Eine flüͤchtige Hoffnung ließ ihn ſtammeln, eine fluͤchtige Freude ſtrahlte in ſeinem Blick, Mathilde aber, die das zornige Funkeln von Redmonds Augen ſah, eilte mit ihrer ent⸗ zuͤckenden Anmuth darauf zu antworten. „Die Pflicht— ſprach ſie— guter Wilfrid, hat keine Wahl. Hätten ſie meinem Herrn und Vater ein weniger finſteres Gefängniß angewieſen, ein minder grauſendes, als dieſe im wildeſten Gehoͤlz gelegne Veſte, wo er die Baͤume des Waldes ſehn, das Rauſchen des Tees hoͤren und ſich bei jedem Sonnen⸗ blick doppelt gefangen fuͤhlen muß mit allem Schmerz eines Gefeſſelten— ſo wurde ich freilich, waͤr ich frei geweſen, jenes lieber gewaͤhlt haben. Allein je ſchmerzlicher ihm die Gefangenſchaft ſeyn wird, je nöthiger iſt die Sorgfalt ſeiner Tochter!“ Wilfrid fuͤhlte Nathilbens guͤtigen Vor⸗ II. C wurf und blieb niedergeſchlagen— endlich antwortete er:„Ich fragte Euch blos, edle Lady, um Eure Zweifel aufzuklaͤren und Euch meine Huͤlfe anzubieten. Ich ſelbſt befehlige, nach meines Vaters Willen, einen Trupp tapfrer Ritter und kann Euch einige ſenden, um in der Nacht die Schaͤtze Eures Ver⸗ wandten fortſchaffen zu helfen, welches mir in dieſen Tagen der Unruhe wohl das Noͤ⸗ thigſte ſcheint.“„Dank, edler Wilfrid, Dank!— war ihre Antwort— o waͤre kein Tag Aufſchub! wenn mein bruͤderlicher Freund ſich anbietet, das mir vertraute Pfand zu bewahren, ſo iſt es ſichrer als ſelbſt bei mir!—“ Als ſie ſo ſprach, unterbrachen ſie Bewaffnete, die naͤmlichen, deren Nahen die Raͤuber aus ihrem Hinterhalt vertrieben hatten. Der Haͤuptling, der Wilfrid ehrer⸗ bietig gruͤßte, ſah ſich allenthalben um, als ſuche er einen Feind.„Wem ſuchſt Du, mein Freund?— fragte der junge Wilfrid— warum ziehſt Du bewaffnet durch das Thal?“ „Ich wollte von Euch erfahren, was es gaͤbe?— verſetzte dieſer— als ich mein ₰ Geſchwader zur Kriegsuͤbung uͤber den Bruch von Birninghame fuͤhrte, ſagte mir ein Fremdling, Ihr waͤret verirrt, umringt, dem Verderben nahe. Er ſprach im Be⸗ fehlshaberton, er hatte einen Falkenblick, eine Kriegermiene, und entbot mich, eilig Huͤlfe zu bringen; ich zweifelte nicht und gehorchte!“ Wilfrid erblaßte und wandte ſich ab, ſein Erſchrecken zu verbergen und nach dem Spre⸗ cher zu blicken. Redmond durchſuchte ſchon jedes Dickicht rund umher, wie der eifrigſte Spuͤrhund; er fand Denzils Piſtol, ein ſichrer Beweiß, daß die Warnung gegruͤndet war, der ſie alle ihr Heil verdankten. Am kluͤgſten ſchien es ihnen, das Thal zu ver⸗ laſſen. Es ward ausgemacht, daß Mathilde, von Redmond und einer Bedeckung begleitet, ins Schloß zuruͤckkehren ſollte. Bei Ein⸗ bruch der Nacht ſollte Wilfrid mit einer zuverlaͤſſigen Schaar zu ſeiner ſchweſterlichen Freundin zuruͤckkommen, um ſie aus Ro⸗ kebys Lauben zu Barnard⸗Caſtle's luftigen Thuͤrmen geheim und ſicher mit den ver⸗ . C 2 — wahrten Kiſten zu geleiten, in welchen Morthams Reichthum war. Dieſer eilige Plan war kaum entworfen, ſo trennten ſie ſich, jedes mit kummervollem, bangem Fuͤnfte Dichtung. Da ſchwuͤle Sommertag iſt voruͤber, die Sonne verbirgt ſich hinter den Huͤgeln des Occidents, aber der Berggipfel und die Thurmſpitzen des Dorfes ſtrahlen im Wie⸗ derſchein ihres Feuers. Die alten Thuͤrme von Jarnard ſind mit Purpur gekroͤnt fuͤr die, ſo ſie von Toller⸗hill betrachten. Deut⸗ lich und hoch erglaͤnzt der Thurm von Bo⸗ wes, wie von der Flamme geroͤtheter Stahl; und die Huͤgel von Stanmore vergolden des ſcheidenden Tages Strahlen in ihren Karmoſin. Noch einige Augenblicke bezeichnen ſie das Laubgebuͤſch und verloͤſchen dann nach und nach am verdunkelten Horizont dieſe in lichtern Stunden gegebnen Tinten. So entſagt der Betagte nicht ohne Bedauern 3 3 — 38— den Eitelkeiten des verfloßnen Lebens und berechnet die jugendlichen Thorheiten, bis ihm das Gedaͤchtniß ſein Licht nicht mehr giebt. Der Abend, der allgemach das Hochland beſchattet, hat bereits finſtrer ſchon Rokebys Thal umzogen, wo tiefer in ihr Bette ge⸗ ſunken, die zwei es ſchuͤtzenden Ströme ſich vereint begegnen. Die majeſtaͤtiſchen Eichen, deren dunkle Aeſte den Tagesſchein zu Mond⸗ licht verwandeln, ſtehn fuͤr ſchwaͤchre Helle unzugaͤnglich da und bilden jetzt die Daͤm⸗ merung einer fruͤh einbrechenden Nacht. ₰ Knzlein erheben ſich im Zwielicht und ſcheinen durch ihr vereintes Geſchr Geiſter des Stroms zu wecken; im Einklang mit ihrem Gekraͤchz, murmelt die Greta und im tiefern Ton antwortet der Lees der Nachtwind erſeufzt jetzt erwachend ſein trauriges Lispeln. Wilfrids von Phantaſie genaͤhrte Seele fuͤhlte bei dieſer Scene ein fanftes Uebereinſtimmen; ſein Fußtritt be⸗ ruͤhrte leichter den Boden und oft ſtand er ſtill, umherzuſchauen. Sein Gang war zu der Geliebten gerichtet und dennoch konnte er ihn nicht beeilen, aus dieſem Grund zu kommen, wo er ſich in jenen Entzuͤckungen berauſchte, welche das heimliche Vergnuͤgen mit der Furcht gatten. Solche unbeſtaͤndige Launen haben wir, wenn die Leidenſchaften uns beherrſchen. Endlich hatte er die finſtern Waldpfade uͤberſchritten, die offne Halde lag vor ihm, die er ſuchen mußte, und, vom Silber des Monds beglaͤnzt, das alterthuͤmliche Schloß Rokeby, ſeiner kriegeriſchen Zierathen laͤngſt beraubt, welche ſonſt ſein gealtertes Haupt Die Feſtungswerke, die grauen halb dem Einſturz nahe, ſchienen rung anheim gefallen; zerſtörender chliche Feinde, hatte die ernſte Zeit gebrochen. Auf den Wällen, wo mvolle Banner wehten, flatterten e Blumen und Wintergruͤn. In hhalle, wo ſonſt die Schildwach un⸗ gedultig die ſchlafloſen Stunden ertrug, er⸗ hob ſich nicht mehr der Rauch der einladen⸗ den Reiſigbuͤndel. Auf der gepflaſterten Flur tönt nicht mehr die Spindel, das Geſchutz liegt abgetragen, der Graben iſt verſchuttet und waſſerlos, die Schießſcharten ſind ver⸗ ſchwunden, und— die ganze Veſte verkehrt in eine friedliche Halle. Indeß zeigen kuͤrzlich getroffne Maßregeln, daß die Tage der Gefahr wiedergekommen ſind; die Mauer der Hoͤfe bezeigt einige Sorgfalt, ſo wie der Wall, wenigſtens dient ſie als Schutzwehr gegen Raͤuber und kann den Anfällen der Nachzuͤglerhorden Wider⸗ ſtand thun. Unter der ſchwankenden Zu bruͤcke ſind Säͤulen zur Stuͤtze Nur nach vielen hin und her Frag ſich fur Wilfrid das neidiſche Tl kaum iſt er hinein, ſo tritt R Schloß wiederum ſchallend an ih als er die weite Vorhalle durchkreu der ergraute Burgvogt ſeinen und beſchaut ihn vom Kopf bis eh er ihn zu der innern Halle geleitet. Dieſes weite Gewoͤlbe, von alten Rittern eingerichtet, erſcheint veroͤdet und zerſtort. Der Mond faͤllt bleich durch die dunkeln * Scheiben, die ſich uber die ſtolzen Stein⸗ maſſen erheben, und in dieſem Trauerlicht zeigen ſich dieſe gothiſchen Hallen wie Grab⸗ gewölbe. Weder Schaͤrpen und Banner, Hirſchgeweih und Eberfaͤnge, noch Waffen⸗ glanz ſchimmert hier mit Wald,- und Kriegs⸗ trophäen. Dieſe Waffen, dieſe Fahnen ſind mit Rokeby fortgeſchafft und an dem Un⸗ gluͤckstag von Marſton verloren worden. Dennoch fällt der Mondſtrahl hier und da auf die alten Ruͤſtungen und Waffen, die auf den Wäaͤllen haͤngen, unbehuͤlflich von Geſtalt, ungewöhnlich im Kampf und unnütz im jetzigen Streit. Gleich alten Kriegsve⸗ teranen, die als Reliquien deſſelben, nur an ihren vernachlaͤſſgten Wunden zu erken⸗ nen ſind. Mathilde kam ihm entgegen und befahl die Heerdesflammen anzuzuͤnden; ſagte, alles ſey bereit zur Abreiſe, ſie erwarte blos Wil⸗ frids Bedeckung. Aber Wilfrid, der ſeines Vaters Geldgeiz nicht entdecken wollte, be⸗ gnuͤgte ſich zu antworten, daß er aus Furcht, daß nicht etwa ein neidiſcher Blick ihre . — 5 —— koſtbare Laſt entdecken moͤchte, es fuͤr beſſer gehalten habe, erſt in ſpaͤterer Nacht im Wald einzutreten und ſo habe er ſeinen Ge⸗ treuen befohlen, erſt in Barnards Veſte ein⸗ zuziehn, wenn die Wache der Mitternacht abgelöſt wuͤrde. Jetzt kam Redmond dazu, der ſich mit aͤngſtlicher Muͤhe beſchäftigt hatte, alles Noͤthige vorzubereiten im Schloß zu dieſem betruͤbten Wechſel. Von Wilfrids Sorgfalt und Gute erfreut, druckte er ſeine kalte, ſtarre Hand in die ſeine, mit einer Herzlichkeit, die der edle Jüngling erwiederte. Es war, als wollten beide ſich ſagen:„Laßt jetzt die Eiferſucht erſterben und laßt uns nur im Cifer ſtreiten, wer der ſchoͤnen Un⸗ gluͤcklichen am beſten beiſtehn kann!“ Kein Wort war geſprochen in dieſem ge⸗ genſeitigen Vertrag, allein feſt ſtand er in der Seele, von einem großmuͤthigen Ge⸗ danken eingefloͤßt. Mathilde verrieth wohl das Geheimniß am ploͤtzlichen Wechſel der Mienen und Blicke, und— da ihre Furcht fuͤr eiferſuͤchtigen Zorn und naher Gefahr nicht gering geweſen, fuͤhlte ſie uͤber ihr —— Uebereinſtimmen, mitten in ihrem eignen Misgeſchick, Freude. Alle drei nahmen Platz am gaſtlichen Heerd und erzaͤhlten ſich von der Hoffnung gluͤcklicherer Tage. Endlich ermunterten ſie einander zu einem Schimmer der Heiterkeit, der von dem Weh des Lebens unabhaͤugig iſt.— Hoͤchſtes Vorrecht der Jugendzeit, die die ſchoͤnſten, erſten Tage des Lebens aufwiegt!— die Flamme auf dem Heerd leuchtete ſtaͤrker aus dem kniſtern⸗ den Reiſig hervor und erhellte dieſe Scene der Liebe. Wilfrids Wangen hatten nie lieblicher geſchimmert, auf Mathildens ſchnee⸗ weißem Nacken und auf ihrer hohen Stirn ſpielten die dunkeln, nußbraunen Vocken; Redmonds blaue Azuraugen lachten; zwei Liebhaber bei ihrer Maid ſaßen da, ohne einen Strahl von eiferſuͤchtigen Haß— die Maid ſaß zwiſchen ihnen mit offnem Blick und gleicher Miene! Wohl ein ſeltner An⸗ blick, Dank der Maͤnner Anmaßung und der Schoͤnen Sproͤdigkeit! Als ſie ſo ruhig bei einander ſaßen, er⸗ ſchreckte ſie ein Schlag ans aͤußre Thor; * und eh der nngneiltze ⁊hurfehet fragen konnte, ward ſchon der Klang einer Harfe laut. Bald darauf ſang eine maͤnnliche Stimme zu dem Ton des Inſtruments: Sommerabend iſt vergangen, Sommerthau iſt ſchon zergangen, Ich bin gewandert den ganzen Tag, Und nicht weiter ich ziehen mag. Edle Herzen von edlen Geſchlecht, Thut dem wandernden Harfner ſein Recht! Der ſtrenge Pfoͤrtner gaß zur Antwort: fort von hier, Du unnuͤtzer Wicht; der Koͤnig braucht Krieger; und der Krieg ziemte Dir beſſer, als das Geſchaͤft, ſo Du treibſt; auf dieſe unholde Antwort verſetzte der Minſtrel: Ruf mich nicht ins blut'ge Feld— Kann nicht Waffen fuͤhren! Meine Kunſt und meine Welt, Iſt es; Herzen ruͤhren. Mit dem Liede, mit dem Sang, Der zu Harfners Saiten klang. Aber der unerbittliche Pfoͤrtner erwie⸗ derte:„Zieh in Frieden, der Himmel ge⸗ leite Dich, und wenn Du laͤnger hier am Thore weilſt, ſo glaube mir, Du wirſt dann nicht ſo gut wegkommen.“ Wilfrid, als er den Harfner erblickt hatte, ſchlug ſich auf ſeine Seite:„Dieſe wilden Klaͤnge und Lieder— ſprach er— ſind nicht ohne Anmuth und deuten keinen gewoͤhnlichen Minſtrel an; ſchwerlich wird er einen andern Zufluchtsort finden, als hier, da es Nacht iſt; und fur ſeine Zuperläſſigkeit glaube ich mich verbuͤrgen zu koͤnnen.— Eures Harpools Blut hat das Alter ver⸗ ſauert; ſonſt offnete er geſchwinder das Thor, den Freund zu empfangen und dem Armen zu helfen, hat er ſogar mir, den er lange genug kennt, Schwierigkeiten gemacht, eh er mir aufthat?—“ O tadelt ihn nicht! mei⸗ nes armen Harpools Schuld iſt ein Uebel der Zeit. Er glaubt, daß die Sicherheit der Erbin ſeines Herrn von ſeiner Sorgfalt abhaͤnge. Er haͤlt es alſo nicht fuͤr gerathen, unbekannten Gäſten das Thor zur Nachtzeit zu oͤffnen; ſein Pflichteifer gleicht, weil er uͤbertrieben iſt, der Rohheit und Haͤrte; ich wuͤnſchte, er waͤre weniger ſtreng gegen dieſen armen Minſtrel. Hoͤren wir ſeinen Geſang. Lied. Vom Krieg hab' ich geſungen dem Herrn, Von Liebe der Lady hold; Ein Wiegenlied dem Erben gern— und Maͤhrchen der Maid um Gold. Die finſtre Nacht— ſie dauert lang! Ich biet Euch Toͤne und Geſang. Von Rokebys Lords im Heldenruhm, Ich zahle die Namen zum Nam', Dies Stamms Geſchichten als Eigenthum, Nur wenigen kund, von mir kam. und ehr ich Rokebys Haus hier ſo fein, So laſſet den wandernden Harfner ein. Rokebys Herr hält huldvollen Blick Auf Harfen und Barden bereit, Ein edles Geſchlecht hat nimmermehr Gluͤck, Das nicht den Saͤnger erfreut. Und ſoll ſeine Ehr Euch theuer ſeyn, So laſſet den wandernden Harfner ein! „Horch— rief Redmond— Harpool ſpricht mit ihm— das giebt Hoffnung, daß er aufthun wird.“ Mit allen Deinem Ge⸗ prahle,— ſprach Harpool— will ich doch werten, daß Du die Geſchichte der Felonſau nicht weißt, noch wie ſie Gretaſide und Ro⸗ kebys Wald ſchreckte; noch wie Ralph Ro⸗ keby die Beſtie den Richmonder Moͤnchen ſchenkte zu einem Feſt? Kannſt Du uns die Geſchichte von Gilbert Griffinſon erzählen und von dem ritterlichen Peter Dale, der ſo geſchickt das Schwert zu fuͤhren wußte? oder von Spaniens tapferſtem Sohn, Bru⸗ der Middleton, und dem bluͤhenden Sir Ralph; das waͤre noch ein Spaß, der uns zu lachen machte. Wenn Du das erzählen kannſt, ſollſt Du Abendeſſen und Bette hier im Schloß finden. kathilde laͤchelte:„Kalte Hoffnung— ſagte ſie— von Harpools Liebe fuͤr Dicht⸗ kunſt! Aber, was dieſen Harfner betrifft, mögen wirs wagen, Redmond, ihm Auf⸗ nahme und Nachtlager zu geben?“ „O frag mich nicht! bei dem Sang des Barden huͤpfte mein Herz von Kindheit an, nicht den einfachſten Klang kann ich hoͤren, daß ſich nicht meinem Gedaͤchtniß der Traum meiner erſten Freuden in Erins Land auf⸗ dringt, wenn ich auf Owen Lyſaghs Knieen ſaß und OMeale's Filea, ein blinder, baͤr⸗ tiger Greis, heilig gehalten wie ein Seher, uns ſang. Zu ſeinen Füßen bildete ſich oft ein Kreis wilder Krieger von ernſten, furcht⸗ baren Anſehn, die des Meiſters Sang be⸗ zauberte, und die, wenn ſie ihm den lieben langen Tag zugehoͤrt hatten, von der Wild⸗ heit zur Luſt, zur Liebe, zum Scherz, zur Begeiſterung uͤbergingen und alle abwech⸗ ſelnde Gefühle der Seele durch des Barden Geſang erregt fuͤhlten. O Clandeboy! die freundliche Flur von Sheve Donards Eiche ſoll ich nicht wieder ſehn, noch Owens Harfe hoͤren, wie ſie die Liebe der Jung⸗ frauen und den Ruhm der Helden preißt! Dornen und Unkraut umgeben ſeinen Heerd⸗ den Sitz gaſtlicher Freude! Voͤllig unausge⸗ zeichnet auf der Halde liegt die Wohnung meiner Vorfahren in Schutt; weithin irren ihre Lehnsleute und dienen fremden Herren in fernen Kriegen; und die Soͤhne der Fremdlinge haben die reizenden Waldungen von Clandeboy geerbt!—“ So ſprach er, und wandte kluͤglich ſich ab, die fallende Thraͤne zu trocknen und zu verbergen. Mathildens ſchwarzes, ſanftes Auge ſchimmerte feucht bei ONeals Rede, ſie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſprach: „Es iſt der Wille des Himmels! und denkſt Du, Redmond, daß ich leichten Herzens von der geliebten Heimath ſcheiden koͤnne, und wilder Vernachläſſigung uͤberlaſſen, was mir von Kindheit an theuer war? In dieſer haͤuslichen Beſchränkung hat Machilde alle ihre Freuden gefunden. Der Heerd, wo mein Vater ſo oft in ſeiner Wurde ſaß, wird jetzt der Platz eines Fremdlings. Dieſe Hallen, wo ich als Kind ſpielte— mit Dir, lieber Redmond, gluͤcklich ſpielte, wird Unkraut und Neſſeln uͤberziehn und ganz von meinem Stamm geſchieden, kuͤnftig nicht mehr bewohnt werden von Rokebys II. D Geſchlecht. Was uns einzig Troſt geben kann, Redmond, iſt zu denken, es iſt der Wille des Himmels!“ Ihre Worte, ihre Gebehrden und ihre Rede waren guͤtig wie in der vori⸗ gen Zeit, die kalte Zuruͤckhaltung hatte ihre Gewalt verloren in dieſer Stunde gemein⸗ ſchaftlicher Kuͤmmerniß. Der Juͤngling Redmond haͤtte es vorgezogen, dieſe Stimme ewig zu hören, haͤtte er waͤhlen duͤrfen, und lieber dieſe Stunde der Schwermuth bewahrt, als bewaffnet mit der Macht eines Haͤupt⸗ lings im freudigen Beſitz von Slieve⸗Do⸗ nard und Clandeboy geſtanden. Das Blut wich von Wilfrids bleicher Wange, Mathilde ſahs und ſagte ſchnell: Gluͤcklich durch den Beiſtand der Freund⸗ ſchaft, ſoll ich mich alles Murrens enthalten und die Jungfrau von Rokeby ſoll nicht mit zornigem Herzen aus Rokebys Hallen ſcheiden⸗ Dieſe Nacht wird noch zuletzt zu Rokebys Ruhm an dem gaſtlichen Heerd die Flamme lodern ſehn und eh ihn die Erbin verlaͤßt, ſoll der Wanderer Ruhe und Waͤrme hier finden, weil der arme Harfner von Ruhm verwichner Tage ſpricht. Gebietet Harpool das Thor zu oͤffnen, fuͤhret ihn herein und befriedigt ſeine Beduͤrfniſſe. Jetzt, guter Wilfrid, willſt Du Deine Harfe nehmen und den Saͤnger uͤbertreffen?.. Nun, keine Antwort.. blicke nicht ſo traurig. Ich errathe Deine Gedanken, Deine Geſaͤnge heiſchen Lorbeern und die arme, jetzt heimathloſe Mathilde hat keinen Blumenkranz fuͤr Deine Stirn.„Wahr iſts, ich muß Rokebys ſuͤße Thaͤler verlaſſen, nicht kann ich mehr luſtwandeln am ufer der Greta; aber ſicherlich wirſt Du, kein ſtrenger Huͤter, mir einen kleinen Gefang⸗ nenſpaziergang, wo des Sommers Blumen wild und frei wachſen, erlauben? In Mar⸗ woods Gehaͤg und Toller⸗Hill werde ich die Ciſtenroſe und die ſchoͤne Lilie finden und ſie dem Guͤnſtling der Muſen zum Kranze win⸗ den. Der truͤbe Juͤngling zog ſich zu⸗ ruͤck, um Mathildens Harfe zu ſtimmen, und traurig praͤludirend, ſang er wie folgt: D 2 „ Von der Cypreſſe auf der Flur! Cypreſſenkranz⸗ d Lady, winde den Kranz mir nicht, Als von Cypreſſenſtamme; So ſchoͤn auch glaͤnzt der Lilie Licht, Der Roſen gluͤhe Flamme; Mag Blumen und der Roſen Kranz umſchmuͤcken heitrer Stirnen Glanz, O Lady, winde den Kranz mir nur, Gebrochen von der Cypreſſenflur! Laß volle Mirthe den gruͤnen Zweig Umflechten lachende Reben, Die maͤnnliche Eiche, die Eibe weich, Soll Kraͤnze den Weiſen nur geben— Die Mirthenlaube Liebe ſchuͤtzt, Mathilde laͤßt ſie unbenuͤtzt, Drum, Lady, winde den Kranz mir nur Von der Cypreſſe auf der Flur. Stolz England ſchmucke freudiglich Mit Gluthroſ' und mit Laube, Mit blauem Hut Albion ſich, Mit Glockenblum' und Traube!— Begluͤckter Erins Sproß, Du ſiehſt Smaragden Gruͤn— der Blume gluͤhſt—— Lady, winde den Kranz mir nur Die Harfe ſtimm.— Der Jungfrau Hand Flocht Deiner Locken Krone, Doch weil der Lorbeerkranz entſchwand gu blut'gen Siegers Lohne, So laß Trompetenhall den Sieg Verkuͤnden— Glockenklang im Krieg— Erinnre Dich, Lady, zu winden nur Mir Fraͤnze von der Cypreſſenflur! Ja, flicht mir den Cypreſſenkranz! Mathilde flicht ihn balde! Nur wen'ger Monden Sommerglanz, So ruh ich auf der Halde; Hab abgelegt ſo Leid als Laſt, Das Grab dann Rosmarin umfaßt, Dann, Lady, winde den Kranz fuͤr mich, Doch ihn von der Cypreſſe brich!— Meale bemerkte die volle Thraͤne und ſprach mit Guͤte und offner Freundſchaft: „Nein, nein, edler Wilfrid, eh der Tag kommt, wo dieſes Land Dein Schweigen betrauert, ſoll Dir der Freundſchaft und der Liebe Hand noch manchen Kranz aus freiem Antrieb winden. Ich wuͤnſche gewiß nicht, daß das ſtrenge Geſchick Dich wie mich zum Verluſt der Freiheit verdamme; meine Haͤnde ſind gebunden durch das Geſetz der Ehre ich trage ein Schwert, das Du nicht ziehn darfſt, aber waͤre je dem alſo, wollte ich ſtolz auf die Gabe des Geſanges mit Dir das Land durchziehn, auf einem Renner, wie die alten Harfner, die in die Schloͤſſer der Frei⸗ herrn zogen. Jeden Liebling der Leier ſuchten wir auf von Michaels Gebirg bis zu Skiddaw's Gipfel; Albyns Bergkette und gruͤn Erins Land, das reizende. Von Dir wuͤrden zarte Seelen geruͤhrt, durch den Sang des Mitleids und der Liebe, und ich, der in rauherm Tone ſingt, wuͤrde die Schlachten ſingen und die Thaten der Krie⸗ ger. Die Barden des alten Englands wuͤr⸗ den von uns uͤberwunden und Schottlands geruͤhmter Hawthornden, ſchweigend an Jer⸗ nians Ufer, wuͤrde auf Mac Curtins Harfe nicht mehr entzucken.“ So ſprach Redmond, auf Wilfrids Stirn ein Laͤcheln hervorzulocken. „Aber— ſprach Mathilde— ehe Dein Name, guter Redmond, dieſen beſtimmten Ruhm erhaͤlt, ſag! willſt Du ſo guͤtig ſeyn und den Bruder Minſtrel in die Halle rufen? efiehl dem ganzen Haushalt, daß jeder nach Stand und Wuͤrden ſich als ein de⸗ muͤthiger Freund gegen ihn betrage; ich weiß, ihr treues Herz wird ſich betruͤben, wenn ihre arme Herrin Abſchied von ihnen nehmen wird, ſo moͤge denn Horn und Becher den Schmerz des Abſchieds mindern. Der Harfner kam: er war ſelbſt noch im erſten Lenz der Jugend, aber er trug ein Gewand nach alter Mode geformt, wie es die alten engliſchen Minſtrel trugen. Eine Art Tunika von Rendalgruͤn und ein, oben mit einem Silberſchloß befeſtigtes Halsband. Die Harfe hing an einer ſeidnen Schaͤrpe und ein Schwert an ſeiner Huͤfte, er ſchien zum Sang geſchickt, zum Kampf bewaffnet. Als er eintrat, verbeugte er ſich mit gezwungner Artigkeit. Es ſchien, als naͤhme er ein freundliches Betragen an, aber ſein Geſicht war von der zweideutigen Art, die das Auge gewinnt, aber nicht das Gemuͤth: allein kaum war es moͤglich, gegen einen ſo ſchoͤnen, jungen Saͤnger Mißtrauen zu faſſen. Seipe ſchnell herumfliegenden Augen ſchienen alles zu bemerken und uͤber die ganze Grupp hinweg zu blitzen. Sie blieben uͤberall haf⸗ ten, allein vor Mathildens Blick ſenkten ſie ſich, noch konnten ſie Redmonds Auge er⸗ tragen. Feinere, Erfahrnere und Argwoͤh⸗ niſche haͤtten ſolchem Gaſt wohl mißtrauen koͤnnen, der ſich ſelbſt auf dieſe Weiſe ein⸗ geladen hatte, aber unſre Liebenden waren jung und die Uebrigen dachten jetzt nur mit Angſt und Schrecken an die Abreiſe der theuern Gebieterin. Sie liefen ſo blind von Thraͤnen im Schloß umher, als hätten ſie ihr das Leichentuch zu bringen gehabt. Der niedre Ansdruck verſchwand, wenn des Minſtrels Hand die Saiten beruͤhrend weckte, und floh vor der gerufnen Begeiſte⸗ rung, wie jener Daͤmon von Saul entfloh. Edel feurige Blicke warf er um ſich her, freiern Athem zog er in die Bruſt, ſeine Pulſe ſchlugen heftiger und hoher! ober ach! dieſer Säͤngerſtolz verlor ſich mit den Klaͤngen und ging voruͤber! ſeine Seele ſank, mit Ketten der Gewohnheit belaſtet, in wilde Laſter und eitle Thorheiten, und iieh das ihm geſchenkte Talent zum gemeinen Gebrauch der Verbrechen. So war der Sänger beſchaffen, den zu bitten die edle Jungfrau von Rokeby ſich herabließ mit ihrer gewoͤhnlichen Sanftmuth und Freund⸗ lichkeit, einen der Geſänge zu wiederholen, die ſie ſchon aus der Ferne erfreut hätten. Lied. Die Harfe. Ich war ein Knabe wunderlich, Wild folgt ich kind'ſchem Spiel, Von allen andern trennt ich mich, Und Wohlklang ward mein Ziel; Muſik ſollt' meine Freude ſeyn, Ihr weiht ich einſam mich— allein, Meiner Harf' allein! Die Iugend mit der Ehrſucht Glanz Zerſtoͤrt' den frommen Schwur; Ruhmlos in ihrem Laubenkranz, Stand Vaters Huͤttchen nur— Wer ſaͤnftigte mir Schmerz und Pein? Macht' alles gut und alles rein?— Meine Harf' allein! Die Liebe kam mit ihrer Gluth, — Ein wilder Sang der Luſt! Das Fraͤulein preiſet wohlgemuth Das Lied aus meiner Bruſt, Was konnte Hoffnung mir verleihn, In ſtolzem Muth mich ihr zu weihn? Meine Harf' allein! Und Maͤnnerſchmerz gohr auf in mir, Doch auch mein Stolz erwacht; Der Thorheit Traum und Nebel hier, Der Liebe hehre Macht Zerſtaͤubte jetzt mit innrer Pein, Wer lullte meinen Kummer ein? Meine Harf' allein! Weh kam mit Krieg, und Noth mit Weh⸗ Und mein ward dieſe Noth; Dem feindlichen Empoͤrer ſeh Ich drohen Schmach und Tod. Was kann ich einſam thun? allein? Mein Feld iſt leer, was iſt noch mein? Meine Harf' allein! Der Ehrſucht Traum ſich von mir hebt, Der Wunde Schmerz mir blieb! Der Liebe gift'gem Pfeil erbebt Mein Herz— ihm gleichwohl lieb! Die Hoffnung weicht, mein Troſt allein, WMein Herzenstroſt muß ſie mir ſeyn, Meine Harf' gllein! So trag ich uͤber Berg und Thal Die treue Harf' mit mir; Das boͤſe Leben allzumal Verſchwindet mir mit ihr. Durch ihre Saiten fluͤſtert mein Grablied— es toͤnt dann ſanft und rein Meine Harf' allein! „Ein ſchoͤner Geſang!“ ſprach Mathilde, aber der alte Harpool ſchuͤttelte den alten Graukopf, nahm ſeinen Stab und die Kerze und kehrte auf ſeinen Wachpoſten zuruͤck. Edmund bemerkte ihn— und plötzlich in einen andern Takt fallend, durchliefen ſeine Finger die Saiten, bis ſie einen Kriegsge⸗ ſang erweckten in militaͤriſchem Takt. Dann blickte er, wie furchtſam, ſchuͤchtern umher, die Toͤne anhaltend und ſprach:„Ohne Zwei⸗ fel iſt hier doch niemand, der es dem Min⸗ ſtrel entgelten laͤßt, daß er ſowohl in guten als boͤſen Geſchick die Liebe zu ſeinem kö⸗ niglichen Herrn bewahrte? So will ich denn, mit Eurer Erlaubniß, Euch ergoͤtzen mit einem recht edlen Geſang.—“ So durch Blick und Beiſpiel geſichert, fiel er aber⸗ mals in Kriegston, und Harpool blieb ſtehn und wandte ſich um, die Ballade des Ritters zu hoͤren. Ballade. Der Rtter. Es war der Thau vergangen Vom Huͤgel morgenroth; Da kam mein Held mit Prangen, Schoͤn wie das Morgenroth. 6 Ueber Berg und Thal ſein Streitroß fliegt, Der Himmel ſchuͤtz ihn! dem Koͤnig er ſiegt! Der Harniſch iſt umfangen, Vom Wamms ſo ſeidenreich, Das Haar umfliegt die Wangen— Der Stahlhelm ſchmuͤckts zugleich— Und an dem Guͤrtel das Schlachtſchwert hängt— Gott ſchutze den Tod umdraͤngt! Ins Feld iſt er gezogen Fuͤr Englands edles Recht, Der guten Sach gewogen, Iſt er des Koͤnigs Knecht! Sein Loſungswort: Glaube iſt es und Ehr! Der Ruhm S Belohnung! o ſchuͤtze S Herr! Sie ruͤhmen wohl mit Prahlen Rundkoͤpf'ger Meuchler Schar, Fairfar und Waller zahlen Sie Ehre immerdar; Doch moͤgen ſie wiſſen: die Speere von Nord, Umringen die Kron' zu Weſtmuͤnſterhall dort. Laßt Derby ihnen kuͤnden Und Cavendiſh, den Held, Ormond und Montroſe finden Mit Wuth der Feinde Feld. Und ruften ſie Skippon und Maſſey und Brown, Die Freiherrn von England ſind ſiegreich zu ſchaun! Euch ſoll das Gluͤck umkraͤnzen, Dich, tapfern Rittersmann, Im Sieg Dein Banner glaͤnzen, Kein Speer den Deinem nahn— Der Friede verſchonen der Tapferkeit Lohn, Drum Treue dein Koͤnig, England, dem Thron!— Ach, guter Harfner,— ſeufzte Mathil⸗ de— vergebens ertoͤnt jetzt dieſer Geſang, die Zeit iſt verſchwunden, wo ſolch ein Lied, wenn Rokebys Lehnsſaſſen umherſtanden, hundert Maͤnnerherzen erſchuͤtterte! Zetzt — 62— tönt uns dieſes Gedicht, wie die Trompete dem Ohr des ſterbenden Kriegers! Ohnmaͤch⸗ tig und kummervoll können wir Deinen Auf— ruf zur Treue nicht mehr beantworten. Allein er iſt unſers Beifalls werth, da Du die ge⸗ rechte Sache beſungen haſt, ſelbſt in dem kritiſchen Augenblick, wo ſie auf immer ver⸗ loren ſcheint und menſchlichen Augen ver⸗ zweifelt vorkommt. Nimm dieſe kleine Be⸗ lohnung von Rokebys jetzt mit Gewalt zu⸗ ruͤckgehaltner Erbin— und leih mir die Harfe: ich will verſuchen, wenn mein armer Kropf es vermag, die Sache, in der wir untergehn, zu betrauern, eh ich das Schloß meiner Ahnen verlaſſe!“ Der Sänger empfing mit niedergeſchlag⸗ nem Auge und zitternder Hand ihre Gabe. Bis jetzt hatte ihn ein gewiſſer Kunſtſtolz in ſeiner verraͤtheriſchen Rolle geſtählt; ein maͤchtiges Gefuͤhl mit ſeiner ungekannten Gewalt das Edlere in ihm unterdrückt, wel⸗ ches ſo oft in der Bruſt des Menſchen herrſcht, wenn er die Plaͤne der Schlachten entwirft, oder die Anfaͤlle im Walde.— Der Jagdfreund ſieht die fallende Schwinge, das blutende Auge ungeruͤhrt, jede Empfin⸗ dung fuͤr ſeines Opfers Schmerz verſchwindet bei dem Erfolg ſeiner Verſchlagenheit. Der Veteran, dem jetzt nichts mehr uͤbrig bleibt, verlangt noch immer nach dem Geraͤuſch der Schlachten, weil er den Sieg der Kunſt in ihm liebt, und zeichnet auf ſeiner Charte den Weg, den der ſtrenge Eroberer nimmt, obgleich Blut und Ruinen ſein Preis ſind. Er verdammt Patrioten zum Tode, Staͤdte zu den Flammen, um den Namen eines andern zu erheben und theilt ſo die Schuld, wenn auch nicht den Ruhm. Was vergilt ihm in dieſer Spanne Zeit ſeine uͤberdachten Verbrechen? was bewaffnet denn ſein Herz gegen das Mitleid?— Es iſt der verderbliche Stolz auf ſeine Kunſt! A/ber Edmunds Seele hatte nur niedre, leere und ſchwankende Grundſätze. So wie ein Schiff ohne Steuermann, war ſie das Spiel von den veraͤnderlichen Fluthen ſeiner Leidenſchaft; weder Laſter noch Tugend hatte die Gewalt, laͤnger als eine Stunde Ein— druck auf ihn zu machen; und ach, im Sturm der Leidenſchaften ſind die Stunden ſelten, die der Tugend zufallen! Jetzt( ſie ſich gleichwohl— nur der Stolz, d in ihm der Gewohnheit der Schuld zu— ten kam, ließ ihn die Reue uͤberkommen, die der Sang in ihm erregte, als Mathilde ihr Ungluͤck alſo betrauerte: Lied. Das Lebewohll. Ich hoͤre, Wald von Rokeby, ich hoͤre Deinen Laut, Mein Lied in dieſes Fluͤſtern fließt; Der Greta Stimme ſchallet mir Ins Ohr!— ach laͤnger nicht! Von Liebe und der Heimath Heerd Die Erbin weicht aus Pflicht, Und gleich dem Geiſt bei Mondenſchein, Muß ſchwinden ſie vor Tagesſchein! Die Schilder meiner Ahnen bricht man aus der Vaͤter Hall', Ein altes rühmliches Geſchlecht, geraͤth hier in Verfall, Nicht laͤnger ruft Mathildens Lied Befreund'ter Echo's Spiel! Nicht hoͤrt ſie mehr der Sache Ruhm, Zu Ehren, der ſie fiel! Und gleich dem Geiſt bei Mondenſchein, Muß ſchwinden ſie vot Tagesſchein! Die Lady ſchwie jett und 2 unn in eine ſtolzere Weiſe. Laßt Thurm⸗ und Hallen ſinken! Vergeſſen ſey mein Stamm! Hinweg Land und Vaſallen— Sein Loos nur auf uns kam:— Des Koͤnigs Schickſal theilen Wir immer froh und gern! Wenn die Annalen ſchweigen, Weil Schlachtenglück uns fern: So bleiben wir im Tode, Im Dranß und Lebensſchmerz, Doch feſt in unſrer Treue— Wie unſrer Vaͤter Herz! In Stunden der Gefahren Erprobte ſie der Sohn Der Koͤnige und Ehre, n Land, Macht und Gluͤck zum Lohn 3 Gab er dem Vielbewährten— Ninm alles jetzt zuruck, Nur Treu— iſt Himmelsgabe! Nimm alles ſonſt— Geſchich! Als Mathildens Sang alſo erklang, gingen tauſend ſtreitende Gedanken durch Edmunds Seele. Wohl konnte er in ſeinem laͤndlichen Leben einem eben ſo ſuͤßen Ton und ſchoͤnen Geſicht begegnet ſeyn, aber ſolche reich wech⸗ ſelnde Melodie konnte es nicht hervorbringen, und kein Landmädchen hatte er mit dieſer leichten und wuͤrdevollen Haltung erblickt, zugleich Ehrfurcht einfloͤßend und Liebe, nur den Toͤchtern der Großen eigen. Vielleicht haͤtte dieſes Alles noch nicht hingereicht, ſeinen verbrecheriſchen Vorſatz wankend zu machen; aber als ihre Seelengroͤße ſie uͤber ihr Ungluͤck erhob und ihrem ſchoͤnen Auge noch mehr Ausdruck, ihrer edlen Ge⸗ ſtalt eine neue Majeſtät verlieh,— erſchien Mathilde vor Edmunds Sinnen als der lebende Gegenſtand ſeiner Traͤume, wenn lange zuvor, eh ſeine Seele das Verbrechen kannte, er allein durch Winſtons Buͤſche irrte; oft hatte ſich damals ſeine Phantaſie angeſtrengt, die Zuͤge, den Anſtand, die gottliche Stimme ſchoͤner Prinzeſſinnen zu bilden, die, ihres Anſehns, ihrer Macht ¹ und Beſitzungen beraubt, durch irgend eines ausgezeichneten Ritters eroberndes Schwert in ihre Gerechtſamen wieder eingeſetzt zu werden erwarten. „So hoch war das Gebild meiner Ein⸗ bildung;— dachte Edmund— und ich habe Schmach und Schande auf ſolch eine Maid gebracht, die meine Phantaſie nicht ſchoͤner erſchaffen konnte! Meine Hand oͤffnet rohen Feinden das Pfoͤrtchen! Feinden ohne Ehre, Recht und Glauben, deren groͤßte Wohlthat der ploͤtzliche Tod iſt! Habe ich das gethan? ich, der geſchworen hat, daß, wenn dieſer Ball ſolch einen Engel truͤge, ich die weite Erde umkreiſen wollte, den Erdboden zu kuͤſſen, den ſie betrat!— und jetzt!— moͤchte die Erde ſich aufthun und mich verſchlingen!— Iſt denn keine Hoff⸗ nung mehr, iſt denn alles vergebens?— Bertram iſt ſchon auf ſeinem Poſten unter dem Thor— ich ſah ſeinen Schatten auf der Flur! er muß meinen Signalgeſang er⸗ warten— ein kleiner Verzug kann nutzen; ich Wol die Diener ſagen hoͤren, daß des E 2 jungen Wilfrids Krieger unterweges waͤren— Laͤrm wuͤrde nur des Verbrechens Ausfuͤhrung heſchleunigen; meine Harfe muß noch klingen bis zu der Zeit!“ Und mit traurigem Aus⸗ diuck ſang er: „und wohin wollt Ihr führen mich?“ Der Bruder Graurock fragt; „Zu beten bei der Sterbenden!“ Das Raͤuberpaar ihm ſagt. „3c ſeh, ſpricht er, ein Antlitz ſchon, Gebleicht von Schmerz und Harm; Die Lady, weiß wie Lilienſchnee, 3 Eein Kind in ihrem Arm!“ „Thu, Bruder Graurock, Deine Pflicht! Die arme Seel' ſprich los; Denn wenn ſie dieſe Nacht verſtirbt— Wird ihre Sonlè Dein Lvos.* Venn Du daheim im Kloſter biſt, Sag' Todtenmeß fuͤr ſie; St. Benedikte's Glocken dann Zu tiefem Pone zieh!— Es iſt geſchehn; der Graurock kehrt 6 Verbundnen Anges heim, Den nächſten Tag die Glocke weint, iters Dame fein! Ein alter Mann wild Darell 6— iin Der Weiber Sag' erzaͤhlt; o 3n4 Bleich wie der Tod er betet ſtill, Wenn Glockenhall ihn quaͤlt. Kommt Prinz und Edler ihm in Weg, Mit Stolz den Gruß er beut; Doch tritt ein Bruder Graurock her, Starrt er— und geht bei Seit!—— „Harfner!— rief Mathilde— kann Dein magiſcher Geſang Todte erwecken? Täuſcht mich meine Einbildung? ich ſehe dort an dem Vorhauſe ein finſtres Geſicht; eben jetzt im Schlagſchatten des Thors ſehe ich es!—— Redmond! Wilfrid ſeht Ihr! Gott erbarme Dich es kommt naͤher!—“ Sic chatte nuur nallzu recht geſehu⸗ Mit Rieſenſchritten nahte ſich Bertram, der Kühney der Mitte der Halle, blieb ſtehn und mit der Hand winkend, donnertener: 6 bͤffne die geheime Thuͤr, rette Mathilden— „Still, wenn Euch Euer Leben lieb iſt! Wenn Ihr einen Schrei thut, ſeyd Ihr des Todes!—“ Hinter ihrem Anfuͤhrer wuchſen die Rauber im finſtern Schatten der Thuͤr immer mehr an, ſchweigend— ſtill. Nur das Echo hallte ihre gemeſſnen Ungluͤcks⸗ ſchritte nach. Das ſchwankende Licht der Lampen ſchimmerte auf ihre Waffen und wallenden Federbuͤſche. Sie kamen einer nach dem andern, wie Geiſter in Banquos Zau⸗ berglas, dann machten ſie Halt auf das Zeichen ihres Häuptlings und zogen einen Halbkreis um ihre Opfer, als ſchloͤſſen ſie einen Haufen Wild ein. Ein andres Zeichen und alle ihre Gewehre ſind auf einmal in die Hoh und warten nur auf Bertrams drittes Zeichen, losgedruͤckt zu werden. In einen Haufen zuſammengedrängt und zuruͤckgezogen, ſtanden die Dieher des Hauſes, aber, obgleich bleich und von tödlicher Furcht ergriffen, dennoch zwiſchen und den Feinden. O eile Wilfrid!— fluſterte Redmond— ſiche den Wald zu gewinnen— eine Weile nill ich die hier ſchon beſchaͤftigen, bis de Deinen anlangen! o ſprich nicht!— zuudre nicht— aber ſlieh!“ Während Red⸗ nond und die Diener jetzt mit den Raͤubern hindgemein werden, ſchleichen ſich Wilfrid urd Mathilde in den geheimen Ausgang⸗ ſie gehn durch eine gothiſche Halle, die ſich duſch verfallne Gaͤnge windet, Wilfrid fuͤhrt und traͤgt Mathilden hindurch bis zur aͤußern Thuͤr und glucklich ſtehn jetzt beide mitten unter den Baͤumen des Waldes im Freien. Vondſchein und friſche Luͤfte umſchmeicheln ſie und bringen Mathilden zu ſich ſelbſt. „Wo iſt Redmond?— ruft ſie jetzt ſchnerzlich— Du antworteſt nicht?— er ſtirbt! er ſtirbt!— und Du haſt ihn ver⸗ laſſen, beraubt aller ſterblichen Huͤlfe— bei Voͤrdern verlaſſen? Ich kenne ihn zu gut— er wird ſein Schwert niemand uͤber⸗ geben, ſein Urtheil iſt geſprochen! Fuͤr mein armſeliges Leben, das Du um den Preis des ſeinigen gerettet haſt, kann ich Dir nicht danken!—“ Dieſer ungerechte Vorwurf, dieſer Schmer zensblick ging Wilfrid ſo zu Herzen, daß er ſprach:„Lady, meine Leute muͤſſen jetzt ſ. nahe ſeyn, daß Ihr ſicher hier im Wald⸗ verweilen koͤnnt. Um Redmonds Tod ſolt Ihr nicht trauern, wenn meiner ſeine gluͤc⸗ liche Ruͤckkehr erkaufen bann.“ Er⸗ kehet zuruͤck— ſein Herz ſchlägt heftig— Thaͤ⸗ nen ſtuͤrzen aus ſeinen Augen da fällt das Gefuͤhl ihrer Ungerechtigkeit auf dis Herz der Jungfrau. cnn 32 „Bleib, Wilfrid! bleib! es iſt alles um⸗ ſonſt!“ Er hörts, aber er kehrt nicht un⸗ er ereilt den Ausfall des Schloſſes, geht hinein, und ſie ſieht ihn nicht mehr. Erſchuͤttert von den Todesaͤngſten einer mit Hoffnung gemiſchten Furcht, heftet ſie ihre Blicke auf die Scheiben der Schloß⸗ fenſter, die den Sctahl des Tages in die gothiſche Halle fordern, bei der blaſſen Helle des Lampenwiderſcheins, während das übrige Gebaude, umglaͤnzt von Mondlicht, weiß ſchimmernd dalag. Kein Seufzer des Grams, kein böſer Laut unterbricht die ciefe Stille der Mitternacht. Sie blickt nach der Scene, die ſie verlaſſen hat, alles iſt ruhig im Schloß!— aber ploͤtzlich ſieht Mathilde bei dem Fenſter einen Blitz leuchtend vor⸗ uͤberfahren! Sie hoͤrt einen Schuß— noch ein Blitz folgt, und geht einer vollen La⸗ dung losgebrannter Gewehte nur voraus! Geſchrei und Schmerz brach jetzt aus, es iſt der Ruf der Angreifenden, der Sterbenden letzter⸗Laut! Die Halle iſt mit Pulverdampf erfuͤllt und zeigt durch die Scheiben, wie Schattengeſtalten, die Leben und Tod Kaͤmpfenden. Aber was iſt das für ein Klang, den der Mitternachtwind ſo ſchnell naͤher bringt? Es iſt das Getrappel nahender Roſſe, Ma⸗ thilde hoͤrt dieſen Ton, ſtuͤrzt hin, und fällt dem Anfuͤhrer in den Zugel:„O, eile zu helfen, eh die Huͤlfe vergebens iſt! eile nach dem all— ſuche die alleu ge⸗ winnen!—½ Vom Sattel ſpringen die Ritter alle, geben ihren edlen Roſſen die Freiheit, wild eilten ſie im Mondenſchein dahin. Aber ehe ſie auf den Kampſplatz kommen konnten, war ſchon viel Kampf vorangegangen. Als Bertram Mathildens Flucht inne ward, gab er das Zeichen zur Schlacht; die alten Krie⸗ ger von Rokeby, mit ihren aus Schottlands und Erins Kriegen empfangnen Narben, hatte die erſte Furcht verlaſſen(ſie waren gewappnet und bereit, den Auszug ihrer Herrin zu geleiten) und ſie gebrauchten die Waffen nun unter Meales Anfuͤhrung, der ſie aufreizte. Sie feuerten und kreuzten den Stah!l, ſchwarze Staub⸗ und Rauchwolken verfinſterten die Scene des Bluts und der Todesnoth, zweimal ſtuͤrzten ſie auf die Raͤuber, die ſie zweimal zuruͤcktrieben und die jetzt mit wuͤthenden Seſchrei ihren An⸗ griff erneuerten. Wilfrid war gefallen aber uͤber ihm ſtand Redmond, beſchmuzt mit Blut und Rauch, ſeine Kämpfer ermahn mit Herz und Hand ſie zur Tapferkeit in ihrer ver⸗ zweiſelten Lage anfeuernd.„Auf! Kamera⸗ den, auf! nicht müſe es heißen, daß in Sin Hallen Euer Muth wankte! Wie? — 75—. dieſes wilde Geſchrei koͤnnte Euch erſchrecken, oder dieſe Rauchwolken Eure Augen beizen? Dieſe Hallen haben lauter wiedergehallt bei Rokebys Tafelrunde der Voſallen, und an Feſttag und am Chriſtnachtsabend ſahet Ihr wohl dickern Rauch. Stehet feſt! er⸗ neuert den Streit füͤr Rökeby's und Ma⸗ thildens Recht! Dieſe Sclaven ſollen ſich nicht ungeſtraft dem Schwert eines Ehren— mannes entgegenſtellen!“ Stuͤrmiſch, thaͤtig, ſtolz und jung, wie er war, warf er ſich auf die eindringenden Feinde. Weh dem Elenden, den ſein ſcharfſchneidendes Schwert traf! Alles zieht ſich vor ihm zuruͤck, gleich Woͤlfen, die der Blitz verjagt, wenn er, ein glaͤnzender Verkuͤnder des Donners vom Himmel, ihre heulende Heerde zuruͤcktreibt.— Bertram laͤuft gegen ihn an— aber Har⸗ pvol umklammert ſeine Knie, ob er gleich wußte, daß es ihm den Tod brachte, ſein fallender Koͤrper fiel vor ihm hin und um⸗ fing den umſtrickten Raͤuber. Eben jetzt drangen die Soldaten in die Halle, und ſchaudern ſehn ſe die Rauber, . die fruͤher ein ſtolzes Siegsgeſchrei erheben wollen, jetzt fliehn in paniſcher Furcht, ſich ſchlagen, fallen oder entwiſchen. Bertrams Donnerſtimme wird nicht mehr gehoͤrt, er kaͤmpft noch ſtraͤubend mit dem ſterbenden Manne; vergebens verſucht er, Drohungen und Fluͤche ausſtoßend, ſeine Genoſſen, trotz der Ueberlegenheit der Gegner, des Todes lachend, zum verzweifelten Gefecht wieder zu ſammeln. Mit dichtern Wolken iſt das Schloß er⸗ fuͤllt, als noch jemals aus Kampfgetös don⸗ neraͤhnlich rollten; nicht mehr ſehn die Strei⸗ tenden einander, die Streiche zu fuͤhren, oder abzuwehren. Blindlings, faſt erſtickt, ſchla⸗ gen ſie ſich; aber bald bricht i ein ſchreckliches Licht an. Zum dumpfen Geſchrei und Getoͤße der Waffen, kam der Lärm einer ausbrechenden Feuersbrunſt; neues Entſetzen erhebt ſich in dem Tumult— das Schloß ſt ti Flam⸗ men! Zweifelhaft war es, ob dieſer Brand zufaͤllig oder von des wuͤthenden Bertrams verzweifelter Hand entſtanden war!— Ma⸗ thilde ſah haͤuſige Wolken von Rauch aus allen Heffnungen dringen. Der Thurm, der ſich vor kurzem erſt ſo hell am ſchoͤnen Himmels⸗ dom abzeichnete, vom reinſten Azur umgeben, ſtand vor ihren Augen in Flammen, und wie Rieſengeiſter in Leichentuch, ſtiegen die Rauchwolken uͤber ihm auf. Jetzt brach aus jeder Schießſcharte eine rothglaͤnzende Feuergarbe mit ſchwankender Helle, und weit umher goſſen ſich lichte Stroͤme in die mitternaͤchtlichen Lͤfte. Ein Ungluͤck“ ver⸗ kuͤndender ſchoͤner, hoher Pharus, der Gretas ſchlummerndes ufer erweckt. Schon laͤuft die Flamme kniſternd durch die langen Gaͤnge und an den gewoͤlbten Bogen leckt ſie flackernd empor, erfaßt, was ſie erlangen kann, und mit furchtbarer Gewalt erhebt und breitet ſie ſich aus. Entſetzen treibt die Frauen aus dem Verſteck, wo ſie ſich vor der Wuth des Streits verborgen hielten, ſie ſuchen die Ebne zu gewinnen und erfuͤllen die Luft mit fruchtloſem Angſtgeſchrei. Allein in der Halle hoͤrte das Schreien, der Kampf, das Blutbad nicht eher auf, bis die einſtuͤrzenden Balken bewieſen, daß Dach und Decke brannte. Was, wollen ſie erwarten, bis Balken mit Macht Ueberwin⸗ der und Ueberwundne zerſchmettern? Der Laͤrm hoͤrt auf, die Zusbruͤcke faͤllt, die Krieger fluͤchten aus dem Schloß, und beim Licht der Flamme erneuert ſich der Kampf auf der Ebne; jeder fliehende Raͤuber wird umgebracht, nicht einer kann den ſchuͤtzenden Wald gewinnen; allein der erſchrockne Harfner ſprang, Mathilden erblickend, zu ihr und hing ſich an ihr Gewand. Sie entſetzt ſich, und beſiehlt des Verfolgers aufgehobnen Arm, einzuhalten. Denzil und er wurden lebend gefangen, alle andre, Bertram ausgenom⸗ men, waren umgekommen. Und wo iſt Bertram?— Die hoch auf⸗ wallende Flamme ſammelt einen Trupp Sol⸗ daten, die mit ſtaunenden Blicken ſehn, wie ſie gen Himmel ſteigt, da, gleich einem hoͤlliſchen Daͤmon, geroͤthet von ſeinem hei⸗ mathlichen Element, erſcheint Bertram, die Luft zu verpeſten und zu vergiften. Sein Geſicht iſt blutruͤnſtig, flammend ſein Haar; mitten aus der dickſten Maſſe des Rauchs bricht ſeine Rieſengeſtalt heraus! Stolz ſchwingt er das Schwert in der Hoͤhe und ſtuͤrzt ſich unter die drohenden Speere herab. Den Mantel um den linken Arm gewickelt, fängt er, als mit einem Schild, drei Lanzen auf und zerſplittert ſie. Allen widerſteht er mit vorgeſtrecktem Haupt, und knickt wie Rohr die zähe Eſche. Umſonſt umzingeln ihn die Feinde; mit wuͤthender Kraft wirft er ſie bei Seite— wie ſich der Stier mit ſeinen Hoͤrnern Bahn macht unter den Hun⸗ den, die ſeinen Weg verengen, ſo macht er ſich gewaltſam Platz unter den Feinden, und gluͤcklich erreicht er den ſichern Wald. Der Streit war endlich voruͤber, als Redmond aus dem Ausfall Wilfrid trug, der in dieſem ſchrecklichen Kampf, wie des Lebens beraubt, von ſeinen Kriegern verlaſſen, im Schloſſe gelegen hatte. Redmond ſah es, und ging zuruͤck, ihn zu holen. Unter einer Eiche legte er ihn nieder, die von den Flam⸗ men rothbraun glimmte, und riß ihm den Mantel auf, Mathilde ſtuͤtzte ſein ſinkendes Haupt und die friſche Luft gab ihm den Athem zuruͤck, neues Leben regte ſich in ihm durch ihre Sorgfalt. Mit trauriger Miene blickte er umher.„Ich wuͤnſchte ſo fuͤr Euch zu ſterben!“ Mehr vermochte er nicht zu ſagen; jeder Ritter hatte ſein Roß wie⸗ der gefangen, und die Knappen ſtanden be⸗ reit mit Redmonds und Mathildens Roſſen⸗ Zwei hielten Wilfrid auf dem ſeinen, einer fuͤhrte es am Zuͤgel. Oft blickte Mathilde hinter ſich, als ſich der Weg um die ufer des Tees wand, um das Haus ihrer Vaͤter zu ſehn, welches das Thal mit mitternaͤcht⸗ lichem Feuer erleuchtete. Ueber den gewolbten Bogen ruhten blutige Wolken, und daneben ſchien die Fluth blutgeröthete Wellen dahin zu rollen. Bald ſtuͤrzte der Thurm, das Burgvertieß, die Hallen nach einander zu⸗ ſammen, und wie Donner toſte es nach, einen Augenblick das Feuer unterdruͤckend, welches dann, heller und kraͤftiger emporbrechend, ſei⸗ nen Triumph verkuͤndigend, weit über die Landſchaft hin ſeinen Glanz verbreitete, bis es verloſch— und Rokeby nicht mehr war! Sechste und letzte Dichtung. ——— Die Sommerſonne, die ſonſt ſo gern die Laube mit ihrer fruͤhen Kraft vergoldete, wo Mathilde ruhte und mit deren zeitigen Strahl ſie aufſtand, ihre Gebete pflichtmaͤßig zu verrichten: dieſe Fruͤhſonne hatte bereits dreimal die Blumenzeit zu Rokeby ſich ent⸗ falten ſehn; aber nicht mehr ſah ſie die ſchoͤ⸗ nen Augen der Jungfrau von Rokeby ſich dem Licht des Tages öffnen! Zu drei ver⸗ ſchiedenen Zeiten hat dieſes Fruͤhlicht die Eichen und Ulmen von Rokeby erhellt, aber vergebens ſucht es, hinter dem Blaͤtterſchirm des Waldes hervorgluͤhend, die grauen Thurm⸗ ſpitzen, auf welchen ſie wiederſcheinend ver⸗ weilte; denn nur durch feuchte Duͤnſte, die im Morgenſchauer ſich erheben, koͤnnen ſie II. F jetzt dieſes fruͤhe Laͤcheln des Sommertags vergelten. Der an ſein Tagewerk gebundne Bauer ſteht ſtill, dieſe ſchwarzen Truͤmmern zu betrachten, und ſtrebt unter dieſen Ruinen die wohlbekannten Spuren zu entdecken, deren er ſich treu erinnert. Dieſer lange Fluͤgel und feuerverwuͤſtete Wall enthielt die gaſtfreie Halle; als dieſe zerbrochnen Bogen⸗ hallen noch ganz waren, ward hier woͤchent⸗ lich das Almoſen vertheilt; und in einiger Entfernung, wo dieſe wankenden Saͤulen den Einſturz diohen, ſtiezen Hymnen zu Gott empor aus der Kapelle. So flieht die un⸗ gewiſſe Spanne der Zeit! Weber der Eifer fuͤr Gott, noch die Liebe zu den Menſchen giebt den ſterblichen Denkmaͤlern Schutz gegen die Gewalt der Zeit und des Schickſals! Die Thuͤrme erfahren das Loos ihres Er⸗ bauers; Ruin heißt das Ihre, ein Grab das Seine! Wohl beſſer iſts, wem der wohl⸗ thätige Himmel Glaube und Liebe gegeben hat. Des Chriſten ewige Hoffnung uͤber⸗ fliegt die Grenzen der Zeit und des Geſchicks. Die dritte Sommernacht folgte der, die ——— — 86— Zeuge war von Rokebys Flammen. Auf Brignals Felſen und Seargills Haide er⸗ wachte das Geſchrei der Eulen, die Rohr⸗ dommel ſchrie unter Geſtripp und Rohr. Auf der Felshoͤhe ſchlummerte der Rabe, die Fiſchotter ſchlich aus ihrem Verſteck— beim Zwielicht ihren Raub an Fiſchen zwiſchen Schilf und Riedgras zu erſpaͤhn, ſie er⸗ kennen ihre Tyrannin, die bei Mondſchein das Gewäſſer durchſchwimmt. In ſeiner luftigen Hohe ſitzt der Geier und Schlaf verſiegelt endlich ſein muͤdes Auge, welches den ganzen Tag dem Flug der Holztaube nachgeſpuͤrt hat, die uͤber das Thal hin⸗ ſchwebte. In zweifelhaftem Schimmer er— ſcheinen jene aſchgrauen Felsmaſſen, in welchen das geheime Gewoͤlbe der Raͤnber iſt, welches ihren letzten Raub ſichert. Dieſe wilden Höhlen, mit niederm Holz und Geſtripp be⸗ wachſen, werfen einen finſtern Schatten auf den Buſen der Greta, der in wechſelndeim Licht hin und her wankte, wie Furcht und Hoffnung ihre abwechſelnde Helle auf der Lebenden unzuverlaͤſſiges Geſchlecht verbreiten! F 2 Zwiſchen Gekluft und gränem Geſtripp hinſchleichend, war eine einſame Geſtalt zu ſehn, die mit fluͤchtigen Schritten uͤber die Halde eilte,— dem Fuchſe gleich, der ſich um Mitternacht heranwagt, oft ſtill ſteht und zitternd zuſammenfaͤhrt, wenn ein leiſer Weſt durch das Laub rauſcht.— Sie geht bei einem Epheugebüſch voruͤber— die Eule hat ſie geſehn und ſchweigt; ſie iſt jetzt bei einer verwitterten Eiche, hoͤrt das Geſchrei des erwachenden Raben, der kraͤchzend auf⸗ flattert; allmaͤhlig ſteigt ſie herab, hebt das Geſtraͤuch weg, entfernt das Geſtripp. Die Fiſchotter vernimmt es, wie jene den Boden tritt, taucht unter und laͤßt ſich nicht weiter ſehn. Und bei dem bleichgrauen Felsgekluͤft ſteht der Wanderer der Mitternacht allein. Aber— ein wohlbekanntes Geſicht er⸗ hellt uns der Mondenſtrahl, eine bekannte Geſtalt! Die gefurchte Stirn, die bleiche Wange erzaͤhlen eine bejammernswürdige Ge⸗ ſchichte von mißbrauchter Kraft, heftiger Leidenſchaft, von Schuld, Schmach und Ge⸗ wiſſensbiſſen! Es iſt Edmunds Auge, aus — 85— dem jeder Blick in ſtrafbarem Erglänzen umherfliegt; es iſt Edmund, der in Haſt zitternd das Geſtraͤuch entfernt, und Edmund iſts, der, als der Eingang offen ſich zeigt, hier hineineilt. Sein Stahl und ſeine Flinte gaben Lichtfunken und bald die Lampe ihr Grubenlicht. Furchtſam und unruhig durch⸗ laͤuft ſein Auge jeden Winkel dieſer erhellten Höhle. Es ſcheint ihm, als ſey kein Sterb⸗ licher ſeit ſeiner letzten Anweſenheit an dieſer Stelle geweſen; unangeruͤhrt liegt die man⸗ nichfaltige Beute, der Erwerb von den Be⸗ ſchwerden ſeiner Kameraden; Larven und Verkleidungen, zerbrochne, zum Theil mit Blut befleckte Waffen und alle die namen⸗ loſen Werkzeuge, welche den naͤchtlichen Boͤ⸗ ſewichtern zu ihrem entſetzlichen Handwerk dienen muͤſſen, waren an den duͤſtern Mauern aufgehaͤngt, oder lagen in den finſtern Win⸗ keln umher. Noch waren die Ueberbleibſel ihres letzten Mittagsgelags zu ſehn. Flaſchen waren umgeſtuͤrzt und zerbrochen, Sitze um⸗ geworfen und uͤbereinander gelegt und alles noch ſo zu ſchaun, wie damals, als der Abzug erfolgte, da die Sonne in Golde ging und Guy Denzil ſeine Gefaͤhrten zum Auf⸗ bruch ermahnte.„Fort zu Rokebys Schaͤ⸗ tzen!“ ſchrieen ſie laut und wild auflachend, und ſtuͤrzten eilig aus ihrem Felſenthor, gingen— und kamen nicht wieder! In Ro⸗ kebys Hallen fanden ſie den Tod— einen blutigen Tod, ein brennendes Grab. Hier erblickt er ſeine Bauerkleider, die er, um ſich zu verkleiden, ablegte; er ſchau⸗ dert, wenn er an ſeine Harfnerkunſt denkt. „Verflucht ſey dieſe Unheil bringende Kunſt, rief er, die meine erſten Jrrſale erregte, ſeit ich, von dem ſchnoͤden Beifall der Moͤr⸗ der angefeuert, die goͤttlichen und natuͤrlichen Geſetze verletzte. Drei Sommertage ſind muͤhſelig vergangen, ſeit ich zuletzt dieſe Hoͤhle betrat ein unuͤberlegter Nichts⸗ wuͤrdiger, ſtolz auf ſeine Verirrung.„ aber wenigſtens kein Moͤrder!.. Ach! noch iſts, als ſchallte der Laͤrm meiner Kameraden und ihr Gelächter in meine Ohren, welches meine Pulſe befluͤgelte und mein Herz ſtaͤhlte, als ich mich in meiner verraͤtheriſchen Rolle uͤbte! Ach! waͤre doch alles, was ich noch zu hoͤren glaube, das Hirngeſpenſt eines Fieber⸗ traums! Aber nur zu treu bewahrt das Ge⸗ daͤchtniß die Schrecken des toͤdlichen Kampfs, und das Geſchrei, in welches meine verzwei⸗ felten Gefährten ausbrachen, als das Feuer aufloderte und der Rauch emporſtieg, und die Raͤcher plotzlich kamen, uns zu hemmen zwiſchen Schwert und Flamme! Meine ver⸗ zweifelte Flucht!.*. dieſer aufflammende Brand!.. dieſes Engels Vermitt'lung!— Koͤnnte ich ihm wenigſtens durch mein er⸗ haltnes Leben meine dankbare Erkenntlichkeit darthun! Vielleicht kann der Gegenſtand, den ich ſuchen will, mir dazu helfen!“ Er wandte ſich und ſchwieg. Mit fuͤnf Schritten mißt er nordwaͤrts den Erdboden vom Feuerheerd der Hoͤhle an, und ſchickt ſich an, die Eingeweide dieſes Hoͤhlengrundes mit dem Spaten umzugraben. Er hoͤrt nicht eher damit auf, bis er ein kleines, ſchmales Kiſtchen von Eiſen fand, welches er ſuchte. Eben als er den Riegel wegſchieben wollte, erhielt er einen maͤcht'gen Schlag auf die Schulter— er fuhr zuſam⸗ men— ſchrak heftig auf— es war Ber⸗ tram, der ihn feſthielt.„Fuͤrchte nichts!“ ſprach dieſer; aber wer konnte dieſe rauhe Stimme hoͤren und ſich nicht fuͤrchten? „Fuͤrchte nichts!—“ Aber beim Himmel! er zitterte wie das Rebhuhn in den Klauen des Falken! Er ließ ihn und bemaͤchtigte ſich des Kaͤſtchens, aus dem jetzt eine Reliquie an einer goldnen Kette fiel. Bertram ergriff ſie beſturzt, betrachtete ihre Faſſung und Sinnſpruch. Er ſucht nun Edmund zu be⸗ ruhigen, ſo gut er es vermag, ſucht ſogar den ſchrecklichen Ausdruck ſeiner Zuͤge zu mildern, denn der Juͤngling blickt, vor Fie⸗ berfroſt zitternd, mit halbgeſchloſſnem Auge umher, als ſaͤnne er auf eine Flucht aus dieſem Aufenthalt.„Setze Dich, ſpricht Bertram, Du biſt außer Gefahr; Du kannſt und ſollſt nicht fliehn; das Ungefaͤhr bringt mich hierher. Auf Hoͤhen und Halden habe ich vergebens Zuflucht geſucht. Erzähle mir jetzt, Du ängſtlicher Knabe, was Du hier machſt, was das Kleinod bedeutet? Ich glaubte, Denzil und Du wäͤren gefangen⸗ Welch gluͤcklicher Zufall brach Eure Ketten? Ich dachte, Eure Haͤupter waͤren ſchon lange auf dem Thurm von Baliol dem Regen und dem Sonnenſchein ausgeſetzt! Erzähle mir Alles!. verſchweige mir nichts— merke Dirs— denn dann fuͤrchte Alles; denn nichts erbittert mich mehr als Falſchheit und Furcht!“ Allen ſeinen Muth zu Huͤlfe nehmend, aber zitternd, gehorchte der Juͤngling⸗ „Denzil und ich brachten zwei Naͤchte im Burgverließ in Ketten zu, einen Gaſt brachte uns der dritte boͤſe Morgen. Es war der finſtre Oswald Wyeliffe, der erſchien und meinen Gefaͤhrten lange mit durchdringendem Blicke betrachtete.„Heißeſt Du Guy Den⸗ zil?—“„Der bin ich!“„Dienteſt Du dem wilden Buckinghame? Er jagte Dich fort⸗ Du hatteſt die Waldhuͤterſtelle in den Waͤldern von Morwood⸗chaſe, welches Vil⸗ liers gehoͤrt, vor kurzem.— Ich darf Dir nicht ſagen, warum Du ſie verlorſt. Du lebteſt von freien Kuͤnſten und fochteſt — 90— endlich unter Rokebhy. Mein Gefangner, habe ich Recht geſagt?“„Ganz Recht!.. Er ſchwieg eine Weile, dann fuhr er leiſe in vertraulichem Tone fort: Cmich ſah er nicht, wie ich glaube, denn ich hatte mich tief in mein Strohlager eingeniſtet.——) „Hoͤre, Guy. Du weißt, die Großen be⸗ duͤrfen oft ſolcher, die ſie haſſen; deshalb ſehn wir oft, daß ſie Leute, wie Du, unbedenklich in ihre Gunſt ſetzen. Wenn ich nun geſonnen waͤre, Dir das Leben zu ſchenken, welches Un⸗ terpfand der Treue haſt Du mir zu geben?—“ Der boͤſe Feind hatte jetzt, wie ſonſt, nicht ermangelt, Denzils Liſt zu ſchaͤrfen; ohne Zaudern antwortete er ſchnell:„Mein einziges Kind ſoll als Geißel hier bleiben.“ Der Baron lächelte und ſich zu mir kehrend, ſprach er: Du biſt ſein Sohn? Ich nickte— unſre Feſſeln wurden uns abgenommen, und man fuͤhrte uns beiſeit, um einen traurigen Unterricht in ſeiner Kunſt zu empfangen. Wilfrid, ſagte er, ſein Sohn und Erbe, hätte der ſchoͤnen Mathilde Gunſt gewon⸗ nen; und ihre Vermaͤhlung haͤtte laͤngſt * ſtatt gefunden ohne den froͤmmelnden Spleen ihres Vaters, deſſen rohe und blinde Par⸗ theiwuth ihre Hand mit Gewalt an einen niedern Bauer von Jriſcher Herkunft ver⸗ loben wolle, ſein Geſchlecht und Stamm wäre unbekannt, man wiſſe blos, daß ihn ein Iriſcher Raͤuber als Kind zu Rokebys Hallen gebracht habe. Gelinder Zwang, ſagte er, wuͤrde zur Sinnesaͤnderung des alten Ro⸗ keby beitragen: aber eine gute Gelegenheit dazu muͤſſe ſich finden; denn die Edlen hätten ihm den Gefangnen zu ſehr ausgezeichneter Behandlung empfohlen. Er unterrichtete uns nun in einem wohl⸗ erſonnenen Maͤhrchen von dem Entwurf: die Schloßwaͤlle zu erſteigen, wozu alle Rit⸗ ter, die zwiſchen Tyne und Wear wohnten, ſich verbunden, daß Rokeby eidvergeſſen, mit uns uͤbereingekommen waͤre, an der Ver⸗ ſchwoͤrung Theil zu nehmen. Das war die Aufgabe; Denzil ergriff aus Haß gegen Ro⸗ keby und Meale dieſen Vorſchlag, und wollte zeugen, auf Gefahr dieſes Verbrechen mit ſeinem Blute zu beſiegeln. Ich ſchwankte, bis Wycliffe die Sicherheit ſeiner Gefangnen beſchwor. Und dann was ſoll ich Euch weiter ſagen? Ich wußte, ich haͤtte den Tag nicht uͤberlebt, an dem ich Nein geſagt haͤtte. Beſchämt zu leben und zu furchtſam zu ſterben, befleckte ich mich mit ihrer Schaͤndlichkeit.„„ „Armer Junge! ſagte Bertram, Du ſchwankſt unaufhoͤrlich zwiſchen Boͤſem und Gutem! Aber was geſchah weiter?“„So⸗ bald unſte abſcheuliche Ausſage lang und breit niedergeſchrieben war, haͤttet Ihr nie im tragiſchen Spiel ſo wohl geſchildert den Zorn erblicken können, als er bei Oswald zu ſchaun war! Mit lautem Laͤrmen rufte er ſeine Beſatzung unter die Waffen, von Thurm zu Thurm, von Poſten zu Poſten rannte er, als ob alles verloren ſey; ließ den guten, alten Herrn und ſein ganzes Ge⸗ folge in den Kerker bringen und in Ketten legen, ermahnte jeden verdaͤchtigen Ritter und gab ihm auf, Morgen um die jetzige Stunde in Se Hochkirche von— zu evſcheinen.— „Zu Egliſtone! Eben kam ich da vor⸗ uͤber, ſagte Bertram, mit einbrechender Nacht. Feuerbraͤnde und Pechfackeln glimm⸗ ten rund herum, ich hoͤrte Saͤge⸗ und Ham⸗ merklang, und ich konnte wahrnehmen, daß man ein Schaffot zu bauen bemuͤht war, mit ſchwarzem Tuch umhangen und mit Allem verſehn, was zur furchtbaren Nach⸗ richterbuͤhne gehoͤrt: Block, Axt und ſo weiter. Hier ſoll die Uebelthat geſchehn, wenn Mathilde ſeinen Sohn ausſchlaͤgt. Sie liebt ihn nicht. Er hats wohl erra⸗ then, daß Redmond das Herz der Jungfrau beſitzt! Das iſt ſo ein Stuͤckchen aus Oswalds Hirn! aber noch kann ich ihm begegnen und ihn hindern!“„Wie kamſt Du aber zu Deiner Freiheit?—“ „Dieſes Geheimniß iſt noch dunkler und ſeltſamer. Mitten in Wycliffes wohlgeſpielter Wuth brachte ihm ein Page einen Brief, den, wie er ſagte, ein vermummter Ritter ans Schloßthor gelegt haͤtte. Er erbrach das Siegel— ſeine Wangen entfaͤrbten ſich; ploͤtzlich wild und entſetzt, ward ſein Augen⸗ ſpiel ins Hinſtarren eines Sterbenden ver⸗ wandelt. Seine Hand zitterte, Furcht und Schrecken war in ſeinem Blick. Denzil ſchien ihm zur Zeit der Noth ein guter Rathgeber bei Uebelthaten, er zog ihn bei Seite und ſprach mit graͤßlichem Laͤcheln: „Wie auf der Schaubuͤhne, erwachen die Todten in dieſer wilden Zeit! Mortham— en alle Welt als Opfer ſeiner eignen Ver— raͤtherei gefallen glaubte, Mortham— den ein Morder todete, den er blos deshalb uͤber das Meer gezogen hatte, mich zu meuchel⸗ morden, Mortham iſt noch am Leben, des Feigen Schuß hat nur ſein Roß, nicht ihn erreicht.—“ Hier ſprang Bertram auf mit einem graͤßlichen Ausruf, und ging in der Hoͤhle umher.„Dein eignes graues Haupt oder dein ſchwarzes Herz, murmelte er, ſind ſichrer zu erreichen!“ Er ſetzte ſich wieder und winkte Edmund, der bleich war vor Schrecken, in ſeiner Erzaͤhlung fortzu⸗ fahren:„Wycliffe fuhr fort: Hoͤre, in wel— chen Ausdruͤcken verworrener Phantaſie er mir ſchreibt. 95 Dier Brief. „Regierer von Morthams Geſchick! Ob⸗ gleich Du mich tod glaubſt, ſo lebt Dein Opfer doch noch fuͤr Dich. Einſt beſaß Mortham Alles, was ans Leben feſſelt, ein liebes Kind, ein geliebtes Weib; Geſundheit, Ruhm und Freundſchaft waren ſein! Ein Wort ſprachſt Du und Alles war entflohn. Hoͤre, wie er Dir dieſes vergelten will!. Er tritt Dir ſeine Ehrenſtellen und ſeine Beſitzungen unter einer Bedingung ab:— Gieb ihm ſein Kind wieder, und verbannt von ſeinem Geburtsland, wird Mortham nie wiederkommen, ſein Land, ſeine Ehrenſtellen und ſeinen Namen zuruͤck zu fordern; ſchlage ihm dies ab, und ploͤtzlich wirſt Du Mor⸗ tham aufſtehn ſehn aus ſeinem Grabe.—!“ Indem der Burgherr dieſen Brief las, bezeichnete das Beben ſeiner Stimme ſeine Furcht. Er druͤckte die flache Hand auf ſeine Stirn, und ſuchte einen ruhigen, hochmuͤ⸗ thigen Ton anzunehmen.„Wild wie der Sturm, wild wie die Woge, was hatte ich zu ſchaffen mit ſeinem Weibe und Sohn? Einſt brachte er eine lockre Dame mit heim, deren Geſchlecht und Stand niemand kannte, er toͤdete ſie in einem Ausbruch eiferſuͤchtiger Wuth; die Amme entfloh aus Furcht mit dem Kinde! Der Himmel ſey mein Zeuge! wuͤßt ich den Knaben zu finden, meines Blutsfreunds Erben, mit Freuden wollte ich eilen, ihn den Armen ſeines Vaters zuruͤck⸗ zugeben, und gern Morthams Land und Schloͤſſern entſagen, um des rechten Erben willen!“ Du weißt, daß ſelbſt nicht die Furcht Denzils ſarkaſtiſchen Spott zu unter⸗ druͤcken vermag!—„Wenn dem alſo iſt, ſprach er, ſo ſchaͤtzt der Knecht ſich gluͤcklich, das Herz ſeines Gebieters zufrieden ſtellen zu koͤnnen! In Eurem eignen Burgverließ liegt Morthams wahrer und rechtmaͤßiger Erbe! Eier großmuͤthiger Wunſch iſt er⸗ fullt!— Redmond Meale iſt Morthams Sohn!“ Einen fuͤrchterlichen Blick warf der Baron jetzt auf ihn, und machte eine grimmige Bewegung:„Iſt die Hoͤlle los, oder biſt Du wahnſinnig, oder willſt Du mir etwas dufbinden, Sclav! Vielleicht weißt Du nicht, daß Barnards Thuͤrme Marterwerkzeuge ent⸗ ſetzlicher Art bewahren?“ Standhaft ant⸗ wortete Guy:„Ich ſage die Wahrheit; Eure Martern koͤnnten mir nur die Beweiſe entreißen, die ich freiwillig geben will, ohne Marter.— In einer ſturmiſchen Winter⸗ nacht, als zeitiger Schnee Stanmore weiß machte, in dieſer wahren Nacht, wo zum erſtenmal Redmond ONeale Rokebys Hallen ſah, war es mein gutes Gluͤck, eine Reliquie und eine Kette, in Gold gefaßt und von Gold, zu gewinnen.— Fragt nicht: Zu welchen Preis? Sie ward weder geliehen, noch geſchenkt, noch gekauft.— Goldne Täflein hingen an der Kette mit Buchſtaben aus Jriſcher Sprache.— Ich verbarg meine Beute, weil ich mußte, denn eilig mußte ich das Land raͤumen, und es ſchien mir nicht heilſam, ſo ſi Kleinode bei mir zu ſůhren⸗ 3 Auf die Taͤflein ich wenig; aber als ich bei meinem Aufenthalt in Irland dieſer wilden Sprache maͤchtig worden war, I. G ſo konnte ich ſie wie ein Buch leſen, als ich ſie wieder ſah. Allein der Sinn blieb dun⸗ kel; man hatte gefliſſentlich unvergändliche Ausdruͤcke damals gewaͤhlt, um des Aus⸗ legers Muͤhe zu taͤuſchen. Die Worte kannte ich, aber nicht die Bedeutung, bis der Zufall mir den nothigen Aufſchluß gab. Es ſind nemlich drei Tage, daß mir, als ich in Thorsgills Walde verſteckt war, das Räthſel geloͤſt ward; denn ich hoͤrte die Jungfrau von Rokeby die Geſchichte ihres Oheims er⸗ zählen. Und nun kann ich jede Sylbe den⸗ ten, die dieſe Taͤftein erzaͤhlen. Hoͤrt alſo: Editha war die Freude des alten Meale von Clandeboy, floh aber von ihrem Vater und aus ihrem Vaterlande, insgeheim den Beherrſcher von Mortham zu heirathen. Als der erſte Zorn voruͤber war, fertigte Meale ſeinen Sohn ab nach dem Ufer der Greta, und empfahl ihm, ſich bis auf weitere Verhaltungsbefehle von ihm niemand zu erkennen zu geben, als Editha, aber ihr allein. Die ungluͤckliche Zuſammenkunft, die ſo uͤbel ausfiel, iſt dem Lord Wycliffe w. bekannt genug— bekannter als irgend Je⸗ manden! OReale wars, der in ſeiner Verzweiftung Morthams Sohn und Erben entfuͤhren ließ, er brachte ihn in ſeine heimathlichen Wild⸗ niſſe, und gab ihn fuͤr einen Sohn des ermordeten Connals aus. Die Amme ſtarb bald darauf; der Elan maß der Erfindung ſeines Häͤuptlings Glauben bei, deſſen Vor⸗ ſaß es war, der Knabe ſollte unter Iriſcher Hand erwachſen, und gleich den Burgherdn nur in Wald und Halden von Elandeboy leben. Aber bald entſtand wilde Unruhe im Lande, mächtigre Haͤuptlinge ſtanden gegen ihn auf, und entriſſen dem alten Mann ſeine heimathlichen Schlöſſer und das Land ſeiner Väter. Es war nicht moͤglich, des jungen Redmonds Leben und Anſpruͤche in dieſem Streit zu vertheidigen, mit Bedauern entſchloß er ſich endlich, das Kind in ſein Geburtsland, reichbeſchenkt und mit Briefen an Rokebys Lord oder Mortham zuruͤckzu⸗ ſenden. Nicht kannte der Iriſche Begleiter Redmonds Abtunft, und glaubte, dieſes G 2 * — 100— Pfand, das er zuruͤckzubringen hatte, ware von einem dieſer Beiden, oder von Beiden zugleich, ſeinem Gebieter anvertraut worden. Er ward auf dem Wege verwundet; es iſt wohl nicht noͤthig, daß ich ſage, wie? und von wem?—“ Eine wunderbare Geſchichte! und wenn ſie wahr iſt„was ſoll ich thun?— antwortete Wyeliffe.— Der Himmel weiß, es wuͤrde mir wenig koſten, dieſe Beſitzungen von meinem Eigenthum zuruͤckzugeben, allein Mortham iſt zuweilen wahnſinnig— Meale hat ſein Schwert fuͤr Tyrannei gezogen, hat unſre gerechte Sache verlaſſen und zieht an Roms Joch, wie es ſcheint! Hoͤre mich alſo.—“ Sie ſprachen nun lange leiſe zuſammen, bis Denzils Stimme laut und heftig anwuchs: „Meine Beweiſe!— rief er.— Ich will keinem Menſchen entdecken, wo ſie lie gen; und hofft nicht ſie zu entdecken, wenn Ihr mich den Raben zu Speiſe gebt; ich habe Geſellen genug, welche wiſſen, wo ich ſolch edle Kleinode zu verbergen gewohnt — 101— bin. Befreit mich von Gefahr und Banden⸗ und die Täflein ſtehn zu Euerm Befehl; es wäre dann auch nicht ſchwer, eine Geſchichte zu erſinden, die den alten Mortham von hier trieb, dann bleibt Euch ohne des Pabſtes und des Tollen Genehmigung das reiche Be⸗ ſitzthum.—“ —„Ich billige Deine Verſchlagenheit, ſagte Wycliffe; allein als Geißel ſollſt Du hier bleiben, und Dein Sohn ſoll ſich ſogleich als Bote aufmachen, die Beweiſe der Wahr⸗ heit zu bringen. Von mir ſoll er zu Mor⸗ tham einen Brief tragen, und mir dieſe Seltenheiten holen. Wenn dieſer Auftrag vollzogen iſt, ſollſt Du Gold erhalten, eine gute Stelle und die Freiheit. Aber wenn Deine Treue ſich wankend beweißt, ſo gehſt Du aus dem Gefaͤngniß— nur zum Galgen.“ In ſeinen eignen Netze gefangen, welche Ausflucht konnte Denzil finden? Er ſagte mir mit erſticktem Seufzer, daß es hier ſey⸗ wo die Kleinode laͤgen, beſchwor mich ſchnell zu ſeiner Hulfe zuruͤckzukommen bei Allem, . — 102— was er ſonſt verſpottet und verachtet hatte. Er ſah aus, als wenn die Schlinge ſchyn geknüpft wäre und als ſtaͤnde ich als Prieſter neben ihm. Dieſes Schreiben gab mir Wy⸗ cliffe, als ich abreiſte, an Mortham. Ich ſoll ihn ſuchen am Geſtad der Greta, oder in der Huͤtte ſeines Waldhuͤters bei Thors⸗ gill; wahrſcheinlich hat er dort, im Walde wandelnd, unſern Aufenthalt entdeckt. Bei Anbruch der Nacht ward ich entlaſſen, und eben nur habe ich erſt die Folſenhoͤhle er⸗ reicht.—„Gieb Oswalds Brief!—“ Bertram las, und alsdann zerriß er ihn in Stuͤcke.„Er enthaͤlt nichts als Schaͤndlich⸗ keiten, ſeines Blutsfreunds edle Seele zu blenden, und ihn ſo hinzuhalten von Tag zu Tag, bis er ihm vielleicht ans Leben kommen kann. Und jetzt, Juͤngling, ſage mir, was Du thun willſt; aber huͤte Dich mir anders als Wahrheit zu antworkn. Wenn ich Denzils ſchlaue Tuͤcke in Dir finde, reiße ich Dir das Geheimniß mit dem Herzen aus dem Leibe!“ „Iſt nicht nöthig! ſprach dieſer, ich — 1— entſage den verderblichen Ranken und dem. der ſie mich gelehrt. Mein Vorſatz war, Mortham zu erklären, daß Redmond ſein Erbe ſey; ihm zu ſagen, welche Gefahren ihn umgeben, und dieſe Zeichen ihm zu geben. Beſtimmt war mein Vorſatz, ſo weit ich es vermag, das Boͤſe, was ich gethan, wieder gut zu machen,——— wenn ich dieſe Nacht üͤberlebe und lebend die Hoͤhle verlaſſe.“ 4 „Und Denzil?“„Mag er gefoltert werden, bis ihm Gelenke und Sehnen krachen und Oswald ihm Glied fuͤr Glied zerreißt! Was kann Denzil fuͤr Mitleid von dem erwarten, deſſen unbedachte Jugend er verfuͤhrt, und auf dieſen laſterhaften Weg verdammt hat? Er lehrte mich, daß Treu und Schwur nichtig ſey; maß er nun, mein Lehrer, die Frucht ſeines Unterrichts gewinnen!“„Wahr!“ antwortete Bertram,„das hat er verdient, es iſt die Bezahlung ſeiner Schuld. Aber Du— Du biſt nicht tauglich fuͤr uns, haſt Furcht, Mitleid, Reue und Gefuͤhl. Wer ſo mit uns den Stuͤrmen trotzen will, muß * 5 — 1— muß ſolche Ueberfracht uͤber Bord werfen, oder mit den uͤberladnen Fahrzeugen zuruͤck⸗ bleiben, waͤhrend unſte unbelaſteten Barken das Ziel erreichen.“ 5 Er ſchwieg und ſtreckte ſich der Laͤnge lang hin, es ſchien, als ſuche er einen Au⸗ genblick Ruhe. Ich ſich ſelbſt vertieft, halb liegend, halb vorwäͤrts gebeugt, ſtuͤtzte er die breite Hand auf die Stirne und druͤckte die andre auf ſeine Bruſt. Seine dicken, buſchigten Augenbraunen zogen ſich finſtrer zuſammen und aus ſeinen Augen brach die gluͤhende Flamme; die ſtolzen Lippen ſanken nieder, die ſich ſonſt ſo hochmuͤthig auf⸗ warfen. Den unerſchuͤtterlichen Stolz ſeines 5 Blicks umſchattet finſtres Trauergewölk. Dunkle und böſe Ahnung druͤckt unwider⸗ ſtehlich ſeine Bruſt— und als er wieder anfing zu reden, war ſein veraͤnderter Ton nicht mehr ſo ſtolz, ſo kurz, ſo gebieteriſch. Seine Stimme war ſchlaff, langſam und tief, gleich den fernen Wellen, wenn die Winde ſchlafen. Ein mit Furcht vermiſchtes — 1405— Mitleid ergriff Ebmunden⸗ als er— tiefen Töne vernahm. „Edmund! endlich finde ich in Deiner böſen Geſchichte das Weh, das meines Herren Gemuͤth zerriß; bei Andern hätteſt Du den Quell der Augen geweckt, aber die meinen ſind trocken. Mortham ſoll den Treuloſen nie wieder erblicken, der ſich an Wyeliffs Falſchheit verkaufte, nicht aus Durſt nach ſchnoͤdem Gewinn, ſondern um eine eingebildete Beleidigung zu rächen. Sag ihm, Bertram verfluche ſein Vergehen!— ein Wort, das man bis jetzt nie von Ber⸗ tram gehoͤrt hat. Sag: ich flehte den Be⸗ herrſcher von Mor bam⸗ der n Tage eingedenk z * ſenbucht, an Ct usbrechende Sre und unſern Verluſt an Dariens Sand und toͤdlichen Thau und an den Pfeil von Tlatzeca's Bogen zu denken!— Vielleicht, wenn mein Herr mich hoͤrte, ehrt er den Sdarg ſeines Gefährten. Meine Seele hat 3 ein heimliches Gewicht danieder geworfen, eine Ahnung kuͤnftigen Geſchicks. Ein — 106— Prieſter haͤtte geſagt; Kehre um, bereue! und er hätte es zu einem Fels geſprochen. Standhaft und ohne Zlttern ſeh ich den Tod ins Auge, mein Herz mag ſcbi beugen kann ſichs nie! m ½ Das Morgenroth meines Lebens ſnhen die mit Vorgefuͤhl von Furcht. Wie Feuerzeichen brach es uͤber Redesdale hervor. Kaum war ich ſo alt wie Du, Edmund, ſo forderte ich alle Clans am Tyne auf ihrem beſten mein Schwert erproben zu laſſen, und über Herhams Altar hing mein Handſchuh; aber Tynedale konnte in Schloß und Staͤdten keinen Kaͤmpfer finden, der maͤchtig genug n ihn unter ſich zu bringen. Indien ma Thaten bezeugen. Gleich ihrer ſtolzen Sonne, entflammte ich die Luft, gleich ihr, vertrieb ich die Eingebornen aus Wald und Höhlen durch meinen furchtbaren Blick. Panamas Jungfrauen erbleichten noch lange, wenn von Riſingham geredet ward. Chilis finſtre, ſchwarze Matronen werden noch lange die Kinder mit dieſem gefuͤrchteten Namen ſchre⸗ meine maͤnnlichen —.—— —.— cken. Aber nun beruͤhre ich das Ende meiner Laufbahn, mein ſoll der Abend der tropiſchen Sonne ſeyn! Keine bleichen Abſtufungen er⸗ fahrt ihr Strahl, noch mindert des Zwie⸗ lichts Thau ihre Gluthen, aber wenn gleich einem rothen Schlachtſchild, ihr Discus ſich in das brennende Lager ſtuͤrzt, ergluͤhen die Wogen noch im blutigen Glanz— ſie ver⸗ ſchwindet ſchnell und M umher iſt— Nacht!— „Edmund, fuhr er fort, denke jetzt an Deine Botſchaft. Eile, ſuche Mortham auf, und entbiete ihn eiligſt nach Richmond, wo ſeine Truppen ſiegen, um ſie zu Redmonds Huͤlfe zu fuͤhren. Sag ihm: bis er nach Egliſtone käme, w Freund wachen uͤber ſeinem Sohn. wohl, die Nacht geht dahin, und ich will allein hier ruhen!“ Trotz ſeiner uͤbel verhehlten Furcht, netzte Edmunds Auge eine Thräne, Tribut der Achtung, die ihm ſo hoher Muth einfloͤßte, der auch bei dem Aeußerſten nicht zagte, und ſelbſt in ſeiner ungeregelten Groͤße uͤber das herannahende Geſchick zu triumphiren ſuchte. — 108— Bertram ſah dieſen fallenden Tropfen, und, ſein Herz, ſo eiſern es war, fuͤhlte ſich geruͤhrt. Ich huͤtte nicht eacht, daß ein Leben⸗ diger um Bertram eine Thraͤne vergießen wuͤrde!“ ſprach er und loͤſte eine Spange von ſchwerem Gold von ſeinem Wehrgehaͤng. „Von aller Beute, die ich mit ſoviel Be⸗ ſchwerde erwarb, nimm zu Bertrams Erinne⸗ rung dieſes letzte, was mir uͤbrig blieb. Empfange dieſe Spange und trage ſie zu Bertrams Andenken. Aber nur eins noch— eile unverzuͤglich zu Mortham. Lebe wohl! und komme hierher nie wiede!—“ tte dem Morgen Platz ge⸗ macht, und die erſten Fruͤhſtunden waren voruͤber. Oswald, der ſeit Anbruch des Tages der Langſamkeit ſeines Boten geflucht hatte, fragte endlich in ſeiner Ungedult die Soldaten im Schloß: ob Denzils Sohn zuruͤck ſey? Zufaͤllig kannte einer von ihnen den jungen Edmund;„Nicht Denzils Sohn, ſprach er, ein Bauerknabe iſts aus Winſtons Flur, beruͤchtigt durch Sang und Harfner⸗ — 109— kunſt, und von ſeinen Schelmſtreichen et⸗ zöhlen alle Flecken in der Runde.“ „Nicht Denzils Sohn!— aus Win⸗ ſtons Thal!— ſo iſt wohl auch die um⸗ ſtaͤndliche Geſchichte falſch! Der Verraͤther— hat wohl gar den Juͤngling zu Morthams Herrn geſchickt, ihm die Wahrheit zu mel⸗ den?— Ich Thor!— es iſt zu ſpaͤt! Wahr oder falſch, die Geſchichte haͤngt mit Denzils Daſeyn zuſammen— er ſterbe!— Holla, Henker! Den Augenblick knuͤpft den Denzil an den Galgen, erlaubt ihm kein Wort zu reden. Kurz ſey die Friſt, ſicher der Strick! und ſein blutiges Haupt ſteckt auf den Schloßwall zum Entſetzen der Freibeuter. Meine Wache ſoll aus der Veſte ziehn und gen Egliſtone aufbrechen!— Baſil! ſage Wilfrid, er ſoll mich am Schloßthor er⸗ warten!“ „Ach! ſprach der alte Diener und ſchuͤt⸗ telte das ehrwürdige Haupt, ach, Mylord, von Tag zu Tag wird es meinem jungen Herrn unmoͤglicher, ſich auf den Weg zu machen. Der Arzt hat mit großer Be⸗ — 140— ſtuͤrzung von verborgnem Schmerz, geheimen Kummer und einem Gram geſprochen, der an ſeinem Herzen nagt und ſeiner Heilkunſt ſpotte!—“„Stilli ſag mir nichts!— dieſe romanhaften Knaben peinigen ſich krank mit eingebildetem Leid. Ich werde Wilfrid ſchon ein Heilmittel auffinden, ſag ihm, er ſoll mir ſogleich nach Eyliſtone folgen— aber— eben hoͤr ich die dumpfe Todenglocke Denzils letzte Stunde verkuͤnden!—— Er ſchwieg mit veraͤchtlichem Laͤcheln und verfolgte wieder den unterbrochnen Lauf ſeiner Gebanken!— „Näher komm ich der Entſcheidung mei⸗ nes Glücks! Nur der Augenblick der Furcht kann Mathildens Stolz baͤndigen und Wil⸗ frid die Braut gewinnen. Wenn ſte das Blutgeruͤſt bereitet ſehn, Beil, Block und Nachrichter erblicken wird, wenn ſie erfährt, daß auf ihre abſchlaägliche Antwort ihr Vater und Redmond ſterben muß, wird ſie wohl nachgeben! dann— wenn das Geſchlecht von Rokeby zu dem Meinigen gehoͤrt, gewinn ich dem Geſchick die Wette ab!— Mag — 111— Mortham kommen, er kommt zu ſpaͤt, weil ich, mit jenem verbunden und auf alles vorbereitet, ihm dann die Spitze bieten kann.— Abor wenn ſie halsſtarrig bliebe— laß ich das Beil fallen? Still davon!— Mortham lebt noch!— der Juͤngling mag wohl alles erzaͤhlt haben= und Fairfar will ihm wohl!— Ja! wenn ich ohne Verzug dieſen Redmond nüs dem Weg raͤu⸗ men koͤnnte!— doch hoffen wir, daß noch das Mitleid in ihr ſiegen wird! Fort von hier! zu Roß! zu Roß!“ 136 1 38E Alles war im Hofe verſammelt! Auf und vorwärts, Marſch! fort gehts— die Renner wiehern, und unter ihren Schtitten erdroͤhnt der Boden. Die Waffen klingen, die Lanzen blitzen, die Trompete ertönt.— Eben war auch Denjils letzte Hymne geſungen, er blickt mit forſchendem, unruhigem Auge umher, und ſieht die Ritter der Reihe nach uͤber den Tees ziehn, er will wiſſen, was er hoͤrt, und warum ihm die Trompete in die Ohren ſchallt. Ueber die lange Bruͤcke ſieht er die Schaar jetzt gehn, ihren Fluͤgel verdeckt der Schirm des gruͤnen Waldes; aber ehe die Nachhut folgt und voruͤber zieht, hoͤrt und ſieht Guy Denzil nichts mehr. Die Glocke töͤnt, und Oswald—— Todes⸗ Sn ſchlagen⸗ 0 beſiß ich den Pinſel den——„ Ritterzeiten, der die Feſte in Woodſtoks Lauben und das Ritterſpiel zeichnete, wo im Turnier unter Flittergold und Blumen der ſtaͤrkſte Fechter den Preis empfing aus Emilys Hand, dann vermoͤchte ichs, das Getuͤmmel der Volksmenge zu ſchildern, das nach der Abtei wogte, und wie der Klang des Oceans in den weiten Hallen der Kirche murmelte. Ich ließ dann die wechſelnden Zuͤge ſchaun, triumphirende, klaͤgliche— heitre die Gleich⸗ guͤltigkeit im nichtsſagenden Hinſtarren, die Sympathie mit bangem Ausſehn. Ich ſchil⸗ derte die entwaffneten Ritter, ſorgenvoll und dennoch unbekuͤmmert ſcheinend; und ihre ſtolzen Widerſacher, deren uͤbermuͤthiger Blick von Neuem Kampf und Oberherrſchaft heiſcht; und den rohen Poͤbel, deſſen neidiſche * — 443 Treue jedem Gluͤckswechſel zujauchzt, und mit lautem Freudengeſchrei ſich vernehmen läßt, wenn ein Edler und Verdienſtvoller faͤllt von dem angeſehnen Platz! Aber zu ſpaͤt iſt es zu ſolch einem Wunſch; nichts Beſſeres iſt zu thun, als die Schlußgeſchichte ſo ſchnell und ſo gut ich kann, den Hoͤrern meiner zum Ende eilenden Dichtung zu er⸗ zahlen,— gleich dem Reiſenden, der der Heimath nahe iſt, wo er die Abendſchatten kommen ſieht und nicht mehr im Lauf zu verweilen denkt, um den ſchoͤnſten aber ent⸗ fernteſten Weg einzuſchlagen; nicht mehr hält er den Schritt an dem Ort auf, wo Zweige uͤber ſeinem Haupte ſchweben, um den Hauch zu ſegnen, der ſeine Stirne kuͤhlt, oder eine Blume von dieſen Lauben zu brechen. Das ehrwuͤrdige Gebaͤude lag wild und oͤde, entheiligt, entehrt und entſtellt. Nicht mehr brach das ſanfte Licht des Sonnenſtrahls durch die gemahlten Scheiben, die reichen gothiſchen Zierathen vergoldend, und den Altar, die Denkmaͤler und Niſchen. Die II. H Wuth der Buͤrger ſpielte in jener Zeit mit got⸗ tesläſterlichen Entheiligungen; finſtre Schwaͤr⸗ mer hatten Altar, Beichtſtuhl und Zierathen zerſtͤrt, Bauernfaͤuſte die Graͤber der Bowes, Rokebys und Fitz⸗Hughs umgewuͤhlt, und jetzt uͤberraſchte es auf ungewoͤhnliche Weiſe, in den heiligen Hallen ein Blutgeruͤſt auf⸗ gerichtet zu ſehn. Hier, wo ſonſt der Prieſter ſeiner Heerde die Zeichen der goͤttlichen Gnade austheilte, ſtand jetzt der unſelige Block und der Nachrichter mit dem Beil; und ſtatt dem Wort der Hoffnung und des Glaubens, er⸗ ſchallte laut ein Todesurtheil. Dreimal war der furchtbare Drompetenhall erklungen, und dreimal hatte das Echo des Herolds Spruch wiederholt, der verkuͤndete, daß, wegen Verletzung der, Kriegsgeſetze und Verrath an der Sache der Geſammtheit, der Edle von Rokeby und Meale ihre Haͤupter auf dem Block und durch das Beil verlieren ſollten. Die Trompeten erſchallten droͤhnen⸗ der von neuem, und ein todes, tiefes Schwei⸗ gen herrſchte rings umher. Stille Gebete ſtiegen zum Himmel empor, und unterdruͤckte Seufzer brachen beinahe aus. Unter dem Volke lief das Murren des Kummers und des Erſtaunens umher, und von mehrern Seiten her hoͤrte man Drohungen gegen den barbariſchen Wycliffe murmeln. Aber Oswald, von ſeinen Wachen um⸗ geben, ſtark im Boͤſen, gab ein Zeichen mit der Hand, und die Stimme des Auf⸗ ruhrs ward befehligt zu ſchweigen bei Todes⸗ ſtrafe. Jetzt ſuchte ſein Blick den Edlen von Rokeby, der dieſe fuͤrchterlichen Zuruͤſtungen ſo ruhig mit anſah, als wie der Gaſt, der zu der Tafel des Barons zum Lehnsfeſt ge⸗ laden iſt, ſo ruhig, als ob der Trompeten⸗ ſtoß ihn in die Schloßhalle rufte. Uner⸗ ſchuͤttert in ſeiner Treue, ſtand er da, bereit, ſie mit ſeinem Blute zu beſiegeln. Mit niedergeſchlagnen Augen trat Oswald ihm naher, er konnte Rokebys Auge nicht er⸗ tragen, und mit ſchweren Odemzugen ſprach er:„Du kennſt die Bedingung Deines Le⸗ bens oder Todes!“ Der Edle wandte ſich zu ihm, ernſt laͤchelnd;„Die Maid iſt mein einziges Kind, aber nimmer komme mein H 2 — 6— Segen auf ihr Haupt, wenn ſie den Sohn eines Verraäͤthers freit!“ Und Redmond rief:„Kann Deiner Wuth das Leben eines Einzigen gnuͤgen, ſo ſtrafe in mir eine dop⸗ pelte Schuld; verſchone Rokebys Blut— vergieß das meine!“ Gern haͤtte Wycliffe dieſem Antrage gewillfahrets aber die Furcht gewann die Oberhand und er blieb ſtumm. Jetzt raunt er Mathilden zu, welche Wahl ihr bleibe:„Verbindung mit Dir und meinem Sohn ſichert mir die Treue von Rokebys Geſchlecht. Willige ein, und dieſe ganze traurige Zuruͤſtung wird wie ein Mor⸗ gentraum verſchwinden; weigre Dich, und von meiner Pflicht gedrungen, gebe ich das Zeichen Du weißt das Uebrige.“ Starr und unbeweglich hoͤrte Mathilde mit Ent⸗ ſetzen dieſe an ſie gerichtete Drohung. Bleich wie die ſterbende Maid, die als Opfer einer hoffnungsloſen Liebe vepſcheidet, rang ſie in Todesangſt die Haͤnde, und wilde Blicke warf ſie umher— bald auf das ſchwarzum⸗ hangne Geruͤſt, bald auf Wyeliffs unbeug⸗ ſame Stirn. Ihr Antlitz verſchleiernd, ſprach „ — 117— ſie mit verloͤſchender Stimme:„Meine Vahl iſt geſchehn!— ſchone ihres Lebens!— aber vor allen laß Wilfrid ſelbſt mein S ſal entſcheiden. Einſt war er großmuthig!— Als ſie alſo ſprach, brach der finſtie Wycliffe tiiumphirend aus:„Wilfrid, warum ſaͤumſt Du ſo lange? watum ſtuͤtzeſt Du Dich auf Baſils Arm? Biſt Du durch einen Zauber⸗ bann gefeſſelt? Knie! knie! und nimm ihre dargereichte Hand! Dank mit Entzuͤcken, ein⸗ faͤltiger Knabe!— ſoll Zittern und 8 Deine Freude ausdruͤcken?“ —„Halt ein, mein Vater! Bitten und chränen Deines Sohnes hat Dein Ohr zu hoͤren verweigert, jetzt hat die entſetzliche Stunde geſchlagen, wo die Wahrheit in lautem Ton ſprechen muß.“ Er nahm Mathildens Hand und ſprach:„Geliebte Jungfrau, konnteſt Du mich ſo kraͤnken? ſo Arges denken von Deinem armen Freund, als nehme er Theil an dieſem grauſamen Plane? Ach! meine Bemuͤhungen waren vergeblich, gern häͤtte ich Dir dieſes ueber⸗ maß der Pein erſpart. Aber jetzt nehm ich — 115— Himmel und Erde zu Zeugen, daß nie eine irdiſche Hoffnung genauer mit dem Leben vereinigt war, als die meine: Mathilden mein Weib zu nennen! Jetzt entſag ich ihr auf immer, und mit dieſem Kampf— bricht mein Herz!“ Sein Koͤrper war jetzt ſo er⸗ ſchoͤpft von Wunden, Schlafloſigkeit und Schmerz, daß die Natur nicht mehr die Todespein dieſes Augenblicks ertragen konnte. Er kniete— ſeine Lippen lagen auf ihre Hand gepreßt,— er fuͤhlte ſein entſcheiden⸗ des Loos— tiefer und tiefer neigte ſich ſein ſinkendes Haupt— man richtete ihn empor, aber ſein Leben war entflohn! Jetzt erſt er— ſchrak ſein Vater, und ſuchte mit ſeiner Umgebung ihm beizuſtehn, allein es war vergebens. Die Seele, zu zart fuͤr dieſe Pein, hatte die Erde verlaſſen, um in beſſern Welten den Lohn zu empfangen, den der Himmel unſtraͤflichem Wandel beſtimmt Bat 5 Der ungluckliche Vater ſah mit Wilfrid jett alle ſeine Pläne ſcheitern. Sein Sohn wars, auf den ſie ſich alle bezogen, und er X — 419— war dahin!—„Bin ich nun kinderlos, rief er, kinderlos durch Dich, Du harte Maid! Ein ganzes ſchuldbeladnes Leben und alle Ränke und Liſten deſſelben fallen auf mein Haupt— hier liegt mein Wilfrid tod, und der verhaßte Mortham kommt mit ſeinem Erben und knuͤpft ein gluͤcklich Band mit Rokebys Erbin und Redmond. Sollen ſie denn ſtets uͤber mich triumphiren, alle meine tief angelegten Entwuͤrſe verloren ſeyn?— Nein!— ſeerbt! Was Klugheit nicht wagt, ſchreckt nicht Rache und Ver⸗ zweiflung! Die Moͤrderin weinet auf ſeiner Bahre?— ich will dieſe heuchleriſchen Thraͤ⸗ nen wahr machen! Alle ſoll ſie Vernichtung ereilen. Auf! legt die Schuldigen auf den Block!—“ Aber ſchlecht errieth der Henker ſeine Gefuͤhle, und achtete nicht auf das Zeichen.„Sclave zum Block!— Ich oder ſie ſtehn heute noch vor dem Throne des Weltgerichts!“ Da hoͤrt die verſammelte Menge Roſſes⸗ hufe, naͤher kommt es und naͤher. Die Henker ſelbſt ſtehn lanſchend ſtill.„Jetzt — iſts auf dem Kirchhof!“ ſelbſt der Schlum⸗ mer der Todten wird geſtört! Die friſchen Erdſchollen und die alten Grabſteine wieder⸗ holen dieſen Hufſchlag bald dumpfer bald heller. Aller Augen ſtarren nach dem Ein⸗ gang; da ſprang ein bewaffneter Reiter unter dem gothiſchen Gewoͤlbe hervor, vorgeſtreckt das Haupt, ſchwarz war M antel, Feder⸗ buſch und Roß. Feuer gaben unter ſeinem Huf die Steine, in ungewoͤhnlichem Ton hallt das Gewoͤlbe wieder. Einen Augenblick ſah er rings umher, aus der Helfter des Sattels zog er ein Piſtol; grimmig ent⸗ ſchloſſen ſtarrte ſein Blick, er druͤckte tiefer die Sporen in ſein Roß. Alle ſtoben zuruͤck, als er kam; denn alle erkannten in ihm Bertram Riſingham! Drei Spruͤnge ließ er dem edlen Renner thun, mit dem erſten war er in der Mitte, mit dem zweiten im Chor, mit dem dritten an Wycliffs Seite. Er hebt das Piſtol nach dem Haupt des Frei⸗ herrn, druͤckt ab— die Kugel fliegt— und an ihr Ziel gelangt, faͤllt ohne Geſtoͤhn der finſtre Oswald tod danieder. Alles geſchah ſo ſchnell, daß es ein— Blitz ſchien, oder ein Traum. Als der Dampf noch die That verhuͤllte, wendet Bertram den Renner, er ſtrauchelt auf dem Pflaſter und ſtürzt— den Reiter in ſeinen Fall mit herabziehend, der treuloſe Sattelgurt berſtet, als er ſich anſtrengt, ſich loszumachen und mit dem Zuͤgel das Roß empor zu reißen. Da erwacht der Zorn aller Krieger Wyeliffs uͤber den Meuchelmord ihres Herrn, Schwerter, Hellebarden, Lanzen und alle Waffen fallen auf Bertram, als er ſich erheben will. Zwanzig Lanzen, jede mit einer Wunde, nageln ihn an den Grund; aber noch immer ringt ſeine Kraft gegen die hackenden Schwerter und bohrenden Speere. Dreimal ringt er ſich von den Angreifern los. Von zehnfacher Uebermacht endlich be⸗ zwungen, unterlag ſeine Anſtrengung und ſein Kampf; er bekam auf hundert Wunden, doch blieb er ſtumm wie der Fuchs unter den beißenden Hunden. Ja, als er ſtarb glich ſein Todesroͤcheln mehr einem wilden Gelaͤchter, als einem Geſtoͤhn!— Sie blickten auf ihn, wie die Jaͤger auf den ſterbenden Loͤwen, ihren Augen kaum trauend, ihre Blicke werfen und ihre Waffen in ſeinen Koͤrper ſtechen, als koͤnne der grim⸗ mige Koͤnig der Wälder wohl wieder auf⸗ ſtehn! Einige erneuen Hieb und Schmaͤhung und wollen das Haupt vom Rumpf trennen; aber Baſils Stimme ſchirmte den Todten durch Verbot, und er warf ſeinen Mantel uͤber ihn!„Furchtbar, wie er in Sinn und That auch war, hat doch nie ein tapfreres Herz geſchlagen; darum gebt ihm, wie es fuͤr den Krieger ziemt, des Kriegers zum Leichentuch!“ Nichts mehr jetzt von Tod und Todes⸗ qual, nichts mehr von Trompeten⸗ und Hoͤrnerklang; obgleich aus dem hallenden Walde hervorbrachen Banner, Hoͤrner, Trom⸗ peten und Trommeln, eine bewaffnete Macht, die wohl zureichend geweſen waͤre, den jungen Redmond zu befreien, und von einer ſolchen Reiterſchaar gedeckt, die wohl eine groͤßre Macht bezwingen koönnen, mit jedem Beweiſe und Zeichen darthuend, daß — — 12— ein Erbe von Morthams Geſchlecht, das Bild von Edithas Reizen, zuruͤckgefuͤhrt wer⸗ den ſollte in die Arme ſeines Vaters.— Mortham war gekommen zu hoͤren und zu ſehn, was ſich Seltſames dieſen Morgen begeben hatte. Was ſah er?— Nicht die Flur der Kirche, mit Todten und Blute be⸗ fleckt! Was hoͤrte er?— Nicht die rufende Menge, deren Gluͤckwuͤnſche nun laut aus⸗ ſtröͤmten! Nur Redmond allein wars, den er ſah und horte, ihn umfangend und ſtam⸗ melnd:„Mein Sohn! mein Sohn!—“ Dies geſchah an einem Sommermorgen, als gelber ſchon die reife Aehre wallte, als der braune Auguſtmond auf das Land die fleißigen Schnitter rief zum geſchäftigen Ver⸗ ein, da zog ſich ein froͤhlicher Zug laͤngſt dem Waldpfad von Egliſtone bis Mortham hin, praͤchtig zu ſchauen. Die fleißigen Ar⸗ beiter feierten, und vergaßen ihre Garben zu ſammeln und zu binden, und jede Maid verließ ihrer Aeltern Huͤtte, und flog, den Braͤutigam und die Braut zu ſehn. Der Kinder bewundernde Schaar folgte ihnen, . ſich naͤher drängend, und aus den Haͤnden der Aehrenleſerin fiel die Aehrs, denn ſie faltete ſie zu einem Gebet, daß der Himmel dieſes liebreizende Paar ſegnen möge! Da gab die Jungfrau von Rokeby ihr eheliches Verſprechen dem tapfern Redmond, und jetzt kann Teesdale ſich noch erinnern, wie das Gluͤck das Misgeſchick der Tugend vergalt, und das überſtandne Ungluͤck belohnt ward durch ein langes Leben voll Friede und Liebe! Zeit und Sorg' hat ſteten Wechſel, Wandelnd gleich April das Wetter, Laͤchelnd jeßt nach truͤbem Morgen, Freudenjahr nach Zeit der Sorgen! . Anmerkungen 3 ur Vierten Dichtung. — Anmerkungen vierten Dichtung. ——————— 1. — Daͤnemarks ſiegreicher Rabe.— Un das Jahr 366 nach Chriſti Geburt ſielen die Daͤnen unter ihren beruͤhmten An⸗ fuͤhrern Inguar(richtiger Agnar genannt) und Hubbas, Soͤhnen des vielgeprieſenen Regnar Lodbrog, in Northumberland ein und brachten mit ſich das magiſche Panier, deſſen ſo oft unter dem Namen„Reafen oder Rumfan“ in den Dichtungen Erwaͤhnung geſchiehet, weil ein Rabe darauf gewebt war:— — 123— Gewebt von den Schweſtern des daͤniſchen Königs, Den wuͤthenden Jvar, zur Mitternachtsſtund', Als krankhaft der Mond beim Zaubergeſange Kaͤmpft mit den Wolken, erblaſſend im Sturm, Wach waren ſie all, der Zerſtoͤrung Daͤmonen Miſchten dazu ihre ſchreckliche Macht, Da ſangen die Schweſtern mit heller Stimme: „Erhebe dich Banner! den Feinden bring' Tod.“ Die Daͤnen erneuten und dehnten ihre Einfaͤlle weiter aus, begannen ſich anzuſiedeln und eine Art Hauptſtadt in York anzulegen, von der ſie ihre Eroberungen und Einfaͤlle nach allen Richtungen verbreiteten. Stan⸗ more, welches die Gebirge von Weſtmore⸗ land und Cumberland ſcheidet, war wahr⸗ ſcheinlich die Grenze des daͤniſchen Koͤnigreichs nach dieſer Seite. Der weſtliche Diſtrikt, in der alten brittiſchen Geſchichte unter dem Namen des Koͤniglichen bekannt, konnte nie von den Sachſen erobert werden, und fuhr fort eine zweifelhafte Unabhaͤngigkeit zu er⸗ halten, bis er an Malcolm, Koͤnig der Schotten, von Wilhelm dem Eroberer ab⸗ getreten ward, wahrſcheinlich wegen der Aehnlichkeit in Sprache und Sitten mit dem — nachbarlichen brittiſchen Koͤnigreich Strath⸗ Clyde. Diejenigen, die uͤber die Ausbreitung und Dauer der daͤniſchen Herrſchaft in Northum— berland mehr zu wiſſen wuͤnſchen, moͤgen dasjenige daruͤber nachſchlagen, was in Gesta und Vestigia Danorum extra Da- niam, T. II. p. 40 zu leſen iſt. Der maͤchtigſte dieſer Northumberländi⸗ ſchen Anfuͤhrer ſcheint Jvar geweſen zu ſeyn, wegen des Umfangs ſeiner Eroberungen Widfam, das heißt der Weitſchreitende, genannt. * 5 R Jeden Quell und Springbrunnen. : S. Der Tees entſpringt uͤber dem Saume des waldigen Gebirgs von Croßfell, und macht die im Tert genannten Catarakte, eh' er die Gebirge verlaͤßt, die Nord⸗Riding von Cumberland ſcheiden. High⸗Force iſt 75 Fuß hoch. II. 5 — 130— Die Normanen kamen und be⸗ ſtimmten Runennamen. S. 1. Die heidniſchen Daͤnen haben verſchiedne Spuren ihrer Religion in dem obern Theil von Teesdale hinterlaſſen. Balber⸗garth, das ſeinen Namen von Odins ungluͤcklichen Sohn herſchteibt, iſt eine wuͤſte Strecke auf dem Ruͤcken von Stanmore; und ein Bach, der nahe bei Barnard⸗Caſtle in den Tees fallt, heißt nach eben dieſem Gott. Ein Gefild iſt am Geſtade des Tees, das Woden⸗ Croft heißt nach der hoͤchſten Gottheit der Edda. Thorsgill, deſſen Beſchreibung im Tert ſtatt findet, iſt ein ſchoͤner, kleiner Bach und ein Thal hinter den Ruinen von Egliſtons Abtei. Thor war der Her⸗ kules in der ſtandinaviſchen Mythologie, ein fuͤrchterlicher Rieſenbezwinger, und als ſolcher der Vorfechter der Goͤtter und der Vertheidiger von Asgard, dem nordiſchen Olymp, gegen die oͤftern Angriffe von Jotun⸗ heims Bewohnern. Es iſt eine alte Dichtung in der ſsmundiſchen Edda, der Sang von Thrym genannt, der ſich um den Verluſt und Wiederauffindung von dem Hammer herumdreht, welcher Thors vornehmſte Waffe war, und von dem ein großer Theil ſeiner Gewalt abzuhaͤngen ſchien. Wer hat nicht von dem tapfern ONeal gehoͤrt, deſſen Stahl ſo oft engliſches Blut benetzte? S Dieſer hier gemeinte ONeal, denn es gab mehrere dieſes Namens unter der Re⸗ gierung der Eliſabeth, war Hugh, der Enkel von Con ONeale, Con Bacco oder der Lahme beigenannt. Sein Vater Matthias O'Kelly war von ünehelicher Geburt, der Sohn von dem Weibe eines Grobſchmidts, weshalb man ihn gewöhnlich Matthias der Grobſchmidt nannte. Sein Vater beſtimmte ihn demungeachtet zu ſeinem Nachfolger, und er ward von Eliſabeth zum Baron von Dun⸗ gannon gemacht. Nach Con Baccos Tod, C — 32— ward dieſer Matthias von ſeinem Bruder erſchlagen. Hugh entrann mit Muͤhe dem⸗ ſelben Schickſal, und ward von den Eng⸗ laͤndern geſchuͤtzt. Shane Meale, ſein Oheim, Shane Dymas geheißen, hatte den Turlough Lynogh MMeale zum Nachfolger, nach deſſen Tode Hugh das Haupt der Fa⸗ milie wurde, und ſich den Englaͤndern furcht⸗ barer machte, als irgend einer ſeiner Vor⸗ gaänger. Er empoͤrte ſich zu wieberholten Malen und unterwarf ſich eben ſo oft wie⸗ der, wobei man ihm immer zur Bedingung machte, nicht mehr den Titel QNeale zu fuͤhren, ſtatt deſſen er zum Grafen von Tyrone gemacht ward. Allein er kam der Bedingung nur ſo lange nach, als ihm die Uebermacht dazu zwang. Er taͤuſchte den ritterlichen Earl von Eſſex im Felde, und zog ihn durch ſeine Ueberredung in ein Buͤndniß, welches den Grund zu dem tra⸗ giſchen Schickſal dieſes Herrn legte. Lord Mountjoy gelang es endlich MNeale vollig zu unterwerfen; doch erſt bei Jacobs Thronbe⸗. ſteigung bezeigte er ſeine perſoͤnliche Unter⸗ —— werfung, und warf am Hofe mit Artigkeit empfangen.„Doch, ſagt Morriſon, keine Ruckſicht konnte die Frauen, die ihre Maͤn⸗ ner und Kinder in den iriſchen Kriegen ver⸗ loren hatten, abhalten, Koth und Steine nach dem Grafen zu werfen, und ihm Schmaͤhungen nachzurufen; ja, als er am Hof geweſen war, um Sr. Majeſtät Ver⸗ fuͤgung hinſichtlich ſeiner Begnadigung und der ihm vom Lord Mountjoy bewilligten Be⸗ dingungen zu vernehmen, ſo durfte er, als er im September zuruͤckkehrte, es nicht wa⸗ gen, ohne Reiterbedeckung, die ihn von Ort zu Ort geleiten mußte, zu reiſen, bis er ſich nach Irland— Fynes Morriſon Itinerary. Lond. 1617. Fol. I. p. 269. 6 Des Siegers Stolz erhob ſich, als der tapfre Marſchall focht und Der Hauptſieg, welchen Tyrone uͤber die Englaͤnder erhielt, war eine bei Black⸗ water geſchlagne Schlacht, als er ein Fort belagerte, das von Englaͤndern beſetzt war und die Zugaͤnge zu ſeinem Lande beherrſchte.. Der Hauptmann und ſeine wenigen Krie⸗ ger erduldeten mit nicht geringem Muth den Hunger, und da ſie bereits ihre wenigen Pferde verzehrt hatten, naͤhrten ſie ſich von den Kraͤutern, die in den Gräben und auf den Waͤllen wuchſen, und ertrugen das Aeu⸗ ßerſte, bis der Lordlieutnant im Auguſt⸗ monat Sir Henry Bagnal, den Marſchall von Irland, mit den erleſenſten engliſchen Truppen ſandte, die Veſte mit Lebensmitteln zu verſorgen, und die Feinde zur Aufhebzng der Belagerung ſ nzehigen⸗ Mit allen bei ſich habenden Rebellen, griff Tyrone die Englaͤnder in dem dichten Walde jenſeits Armagh an, und ging beſon⸗ ders auf den tapfer im dichteſten Haufen der Rebellen fechtenden Marſchall los, den er petſoͤnlich haßte, und toͤdete ihn. Die durch des Fuͤhrers Tod entmuthigten Englaͤnder wurden geſchlagen, und die Rebellen erhielten einen vollſtaͤndigen Sieg. Vollſtaͤndig nenne — 5 ich den Sieg, weil die Engländer ſeit ihrer Ankunft im Koͤnigreiche noch nie einen ſo bedeutenden Nachtheil erlitten hatten, als durch die Niederlage bei Blackwater. Drei⸗ zehn tapfre Hauptleute und 1500 gemeine Soldaten, unter denen viele aus den alten Scharen waren, die in Brittanien unter dem General Norreys gefochten hatten, blieben auf dem Platze. Die Uebergabe der Veſte Blackwater folgte dieſem Misgeſchick, da die Belagerten keine Hoffnung mehr hatten auf Entſatz. Morriſons Itinerary II. p. 24. Tyrone ward einer perſonlichen Feind⸗ ſchaft gegen den Marſchall Sir Henry Bagnal bezuͤchtigt, den er beſchuldigte, die Briefe, die er in Ruckſicht ſeines Benehmens und der Bedingungen ſeiner Unterwerfung an die Koͤnigin Eliſabeth geſandt, unterſchlagen zu haben. Der Fluß, den die Englaͤnder Black⸗ water nennen, heißt im Jriſchen Avon⸗Duff, was dieſelbe Bedeutung hat. Beider Namen iſt Erwähnung geſchehn von Spenſer in ſeinem Marriage of Thames and the Med⸗ way. Ich glaube aber, daß dieſe Verſe nicht auf Blackwater in Ulſter, ſondern auf einen Fluß gleiches Namens im ſuͤdlichen Irland gehen: Der ſchnelle Avon⸗Duff, den der Englaͤnder Blackwater nennt——£ Der Erbfolger(Taniſt) des großen DNeale. S. Eudoria. Was nennen Sie Taniſt und Taniſtry? Dieſe Namen und Be⸗ zeichnungen ſind bei uns unbekannt. Irene. Es iſt in ganz Irland gewoͤhn⸗ lich, daß ſich nach dem Tode eines Haͤupt⸗ lings alles auf einem beſtimmten, allgemein bekannten Platze verſammelt, einen andern an ſeiner Stelle zu erwaͤhlen, nicht gerade ſeinen älteſten Sohn, noch Jemand von den Kindern des verſtorbnen Lords, ſondern ge⸗ wöhnlich den naͤchſten Blutsverwandten, als den Aelteſten und Wuͤrdigſten, gemeiniglich ſeinen Bruder, oder naͤchſten Vetter u. ſ. w. Hierauf erwaͤhlt man auch unter ſeiner Fa⸗ — 137— milie den naͤchſten Blutsverppandten zum Taniſt, um jenem in der Haͤuptlingsſtelle zu folgen, wenn er ſo lange lebt. Eudoria. Sind keine beſondern Feier⸗ lichkeiten bei dieſer Wahl; denn gewoͤhnlich pflegen alle rohe Voͤlker Ceremonien und aberglaͤubiſche Gebraͤuche zu beobachten. Irene. Man hat die Gewohnheit, den, der Haͤuptling werden ſoll, an einer erhoͤhten Stelle auf einen zu dieſem Zwecke immer aufbewahrten Stein zu ſtellen. Ich habe in einigen ſolcher Steine die Form eines Fußes eingehauen geſehn, welche das Maaß von dem Fuß des erſten Haͤuptlings geweſen ſeyn ſollte. Auf dem Steine ſtehend, ſchwoͤrt er, alle Gebraͤuche des Landes unverletzt zu erhalten, und die Erbfolge friedlich ſeinem Taniſt zu uͤberlaſſen, worauf ihm von einer dazu beſtellten Perſon ein Stab uͤberreicht wird. Alsdann ſteigt er von dem Stein herab und dreht ſich dreimal vorwaͤrts und dreimal ruͤckwaͤrts herum. Eudoxia. Aber wie wird der Taniſt gewaͤhlt? Frene. Man ſagt, er trete nur mit einem Fuß auf den Stein, leiſte aber den⸗ ſelben Eid wie der Haͤuptling.(Spenſer View of the State of Freland. London, 1805. 8. Vol. VIII. p. 306.) Meals Taniſt war alſo der wahrſchein⸗ 1 Erbe ſeiner Macht. Dieſe Art von Erbfolge ſcheint in alten Zeiten die Thron⸗ folge in Schottland beſtimmt zu haben. Es waͤre unklug, wo nicht ganz unmöglich ge⸗ weſen, eines Unmuͤndigen Rechte auf die Thronfolge in dieſen ſtuͤrmiſchen Zeiten zu ſichern, in denen alle Grundſaͤtze der Politik in den Verſen meines Freudes Sir Word⸗ worths befaßt ſind. SEs reicht die gute alte Weiſ⸗ Hinlaͤnglich aus: einfacher Plan, Ich nehm, was ich zu nehmen weiß— Du giebſt, was Niemand halten kann!— Graue Locken fielen geſpenſterar⸗ tig— S. 8. Aus Derrick(Image of Ireland, apud Somer's. Edin. 1609. 4. Vol. I. p. 585.) — — — 139— erſieht man, ſo wie aus den dem Gedicht beigefuͤgten ſeltſamen Kupferſtichen, daß der alte iriſche Anzug, bis auf die Muͤtze, dem der ſchottiſchen Hochlaͤnder ſehr aͤhnlich war. Der Mangel einer Kopfbedeckung wurde durch die Art, das Haar zu flechten und zu legen, erſetzt, welches the Glibbe geheißen, ward. Dieſe Glibbes, oder Flechten, waren nach Spenſer, ſehr gut einen Raͤuber zu verlarven; wenn er ſich ganz unkenntlich machen wollte, durfte er ſie auch nur ganz abſchneiden oder ſo uͤber die Augen ziehn, daß man ihn nicht erkennen konnte. Allein haͤrter noch verdammt dieſer alte Dichter den Mantel, das Liehlngsng der iriſchen Tracht. „Er iſt⸗ ſpricht er, ein bequemes Haus fuͤr einen Geaͤchteten, ein vollkommnes Lager fuͤr einen Rebellen und ein ſehr paſſender Diebshehler. Denn der, wegen vieler Un⸗ thaten und Verbrechen, Geaͤchtete, der aus Staͤdten und den Haͤuſern ehrlicher Leute verbannt, Wuͤſten durchirrt, daß ihn das Geſetz nicht erreiche, macht den Mantel zu — 140— ſeiner Behauſung, und deckt ſich mit dem⸗ ſelben gegen den Zorn des Himmels, die Zuͤchtigung der Welt und die Blicke der Menſchen. Wenns regnet, iſt er ſein Ob⸗ dach, wenns ſturmiſch iſt, ſein Zelt, wenn es friert, ſein Gemach. Im Sommer kann er ihn offen tragen, im Winter ſich in ihn dicht einhuͤllen; zu jeder Zeit kann er ihn brauchen, nie iſt er ihm ſchwer, nie läſtig. Auf gleiche Weiſe thut er Dienſte dem Re⸗ bellen: in dem Krieg— kann anders dieſer Name hier ſtatt finden— wenn er fliehn muß vor dem Feind und ſich im dichteſten Gehölz und in Hohlwegen auf die Lauer legen— da uͤberall iſt er ſein Lager, Schild, ja, Alles, was er braucht. Der Wald iſt ihm ein Schirm gegen jedes Wetter, ſein Mantel das Lager, darauf zu ſchlafen. Er huͤllt ſich dicht hinein und iſt geſchutzt vor Muͤcken, die den nackten Empoͤrern, die in Waͤldern hauſen, weher thun und ihnen ſchwerere Wunden beibringen, als die Feinde mit Schwert und Speer, weil die ihnen ſelten nahe kommen können; zum Schild — 441— dient ihnen oftmals der Mantel, wenn man ihnen nahe kommt, denn um den linken Arm gewickelt, gebrauchen ſie ihn als Schild, und es iſt ſchwer ihn mit dem Schwert zu durchhauen; gleichwohl iſt er leicht zu tragen, leicht wegzuwerfen, und wenn ſie, wie es gewoͤhnlich der Fall iſt, nackt und blos ſind, iſt er ihr Alles.— Fuͤr den Dieb endlich iſt er ſo tauglich, als wäre er fuͤr ihn er⸗ funden. Unter ihm kann er bequem den Raub verſtecken, der ihm unterwegs auf⸗ ſtoͤßt; und wenn er des Nachts auf Raub ausgeht, iſt er ſein beſter, ſicherſter Freund; liegt er, wie dies oft zu geſchehn pflegt, drei und mehrere Näͤchte, um auf den Raub zu laucen, ſo kann er ſich darin unter Gebuͤſch oder am Geſtade verbergen, bis er bequem zur Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens ſchreiten kann. Iſt alles vorbei, kann der Rauber, in ſeinen Mantel gehuͤllt, uͤberall durch jede Stadt und jeden Volkshaufen hingehn, den Mantel uͤber den Kopf ziehn, wo ihn dann Niemand, der ihm gefaͤhrlich ſeyn koͤnnte, kennen wird. Eben ſo kann er oder ein —— Andrer, der auf Bͤberei ausgeht, unter ſeinem Mantel, ohne Verdacht zu erregen, bewaffnet ſeyn und ſein Jagdmeſſer, Dolch und Piſtolen nach Gefallen bereit haben. (Spenſers View of the State f⸗ Ireland. Vol. VIII. p. 367. Die Wurfſpieße oder Pfeile der Irlaͤnder, die ſie ſehr geſchickt ſchleuderten, ſcheinen otwa 4 Fuß lang, mit einer ſtarken eiſernen Spitze und einem dicken, knotigen— zu ſeyn en Geſandten eines bartariſchen Fut⸗ ſten. S. 9. Die iriſchen wntlinß⸗ hatten die. wohnheit, in ihren Unterhandlungen mit den Englaͤndern und unter einander Sprache und Styl koͤniglicher Unabhaͤngigkeit anzu⸗ nehmen. Morriſon hat eine Aufforderung von Tyrone un einen benachbarten Haͤuptlinz aufbewahrt, die in— Ausdrücken ub⸗ gefaßt war: 0 n — 443— OReale entbietet Dir, Moriſh Fitz pun ſeinen Gruß! OReale fordert Dich auf im Namen Gottes, Dich mit ihm zu verbinden und fuͤr Recht und Gewiſſen zu fechten; und wenn Du alſo thuſt, wird Meale darauf ſehn, daß Dir in allen Dei⸗ nen Sachen Recht geſchehe, und Dir helfen. Wenn Du aber nicht binnen jetzt und Mor⸗ gen um die zwölfte Stunde zu Meale kominſt und ſeine Parthei ergreifſt, ſo achtet Dein OReal nicht weiter, und wird ſein Aeußerſtes thun, Dich zu verderben, wenn Du nicht ſpätſtens Sonnabends Mittag bei ihm biſt. Gegeben zu Knocke S in Calrie, den 4. Februar 1599.“ „Meale entbietet Dich, zu ihm zu kom⸗ men, mit ihm zu ſprechen, und giebt Dir ſein Wort, daß Dir kein Leid geſchehn ſoll, weder beim Kommen, noch Gehn von ihm, magſt Du ſein Freund ſehn oder nicht, und bring auch den Gerat Fitzgerald mit Dir zu MMeal. Unterzeichnet ONeale.“ Auch beſtund OReales koͤnigliche Hoheit nicht in Worten allein. Sir John Har⸗ rington machte ihm zur Zeit ſeines Waffen⸗ ſtillſtands mit Eſſer einen Beſuch, und nach⸗ dem er, ſeines Farrenkrauttiſches und Haide⸗ krantbettes, ausgebreitet unter dem praͤchtigen Himmelsgewolbe Erwahnung gethan, ſetzte er hinzu: er beſaͤße, was die wahre Gewalt eines jeden Monarchen ausmache: die Liebe und Treue ſeiner Unterthanen. Seine Wache ſey groͤßtentheils von bartloſen Knaben ohne Hemd, die im größten Froſt die Fluͤſſe durch⸗ waten wie die Pudel. Durch welchen Zau⸗ ber ein ſolcher Gebieter ihre Liebe erwirbt, ich weiß es nicht; aber wenn er gebeut, kommt her, ſo kommen ſie; wenn er ſagt: geht hin, ſo gehn ſie; thut das, ſo thun ſies!(Nugae antiquae. London, 8. Vol. I. p. 351.) 9. Sein Pflegevater war ſein Be⸗ gleiter. S. rr. Kein heiligeres Band gab es unter den Irlaͤndern, als das, was den Pflegevater ſowohl als die Amme, welche das Kind auf⸗ erzogen hatte, mit dem Kinde verband. 10. Ser große Nielt Rine. ni Niel Rrighonlach„ von— neun Geißeln) ſoll Monarch von ganz Irland, zu Ende des vierten und Anfang des fuͤnften Jahrhunderts, geweſen ſeyn. Er that be⸗ ſtaͤndig raͤuberiſche Einfaͤlle auf die Kuͤſten von England und Bretagne oder Armorica, und brachte aus letzterm den beruͤhmten hei⸗ ligen Patrick als ſechszehnjaͤhrigen Juͤngling mit nach Irland. Niell erhielt ſeinen Bei⸗ namen von den neun Nationen oder Staͤm⸗ men, die er ſich unterworfen, und pon denen er ſich Geißeln hatte geben laſſen. Von einem der Soͤhne Niells ſtammt Kinel eoguin oder das Geſchlecht des Tyrone, aus dem die Mo⸗ narchen von Irland und von Ulſter hervorgegan⸗ gen ſind. Nielt watd(nach oßlaherwe Ogyic) bei einer ſeiner Landungen auf det Küßte von Breragne durch einen vergifteten Pfeil getödet. II. K Der wilde Shane Dymas. S. 15. Dieſer Shane Dyme, oder Johann der Lubſchweiende, erhielt die Gewalt und den Titel Meales in det erſten Zeit der Regie⸗ tung Eliſabeths, gegen die er ſich zu wie⸗ derholtemalen vmßörte. ho( 30 „Dieſet Häuptling*) iſt“ beruchtigt at der ſtolzeſte und üsſchweifendſte M enſch von der Welt. Er war über alle M taßen dei Weibern und dem Wein ergeben. Er ſoll einmal 200 Tönnen Wein in ſeinem Keller zů Dunbram gehabt haben; aber usuebaugh 3) war ſein Lieblingsgetränk. Bei dem ſchoͤnen Geſchlecht ſchonte er weder Alter⸗ noch Stand. Er war übrigens ſo ungebildet, daß er nicht einmal ſchbeiben konnte; doch übtigens nicht Ciſchiclichkeit: er beſb e 0 26 3 Rach ri ſoreh Lond, 6. Fit Vol. 4. p. 4 gine At Pranntileln, Unit; vn ½ ttes bezeichnet das Wort. — 447— lichen Verſtand und kühnen M uth. Er hatte 6oo Mann Garde, 4000 Fußvolk, 1000 Reiter. Ueber alle Lords von Ulſter maßte er ſich die Herrſchaft an, und nannte ſich ſelbſt Koͤnig davon. Als Abgeordnete, mit ihm zu unterhandeln, abgeſandt worden, ſagte er, obgleich die Konigin ſeine unum⸗ ſchraͤnkte Gebieterin ſey, ſo mache er doch nur in ihrem Gemach Friede mit ihr; ſie haͤtte einen Graf von Macarthmore gemacht, er ſey ſo gut als ein ſolcher; ſein Gebluͤt und Anſehn wäre beſſer, als der Beſten; ſeine Vorfahren wären Koͤnige von Ulſter geweſen; und ſo wollte auch er Niemand weichen. Rach⸗ dem ihn ſein Vetter, der Graf von Kildare, von der Thorheit uͤberzeugt hatte, mit der Regierung zu kämpfen, entſchloß ſich, der Königin die Aufwartung zu mn⸗ aber auf eine ſeiner fürſtlichen Wuͤrde angemeſſne Weiſe. So erſchien er in London mit einem praͤchtigen Zuge iriſchen Fußvolks, angethan mit der reichen Kleibung ihres Landes, das Haupt eutbloͤßt, das Haar um die Schultern fliegend, mit lalgen, K 2 offnen, ſaffranfarbnen Ermeln. So gekleidet, kriegeriſch gerüſtet und mit Streitäxten be⸗ waffnet, gaben ſie den Bewohnern Londons, die ſie für Leute hielten, die aus den ent⸗ legenſten Weltgegenden herkaͤmen, ein erſtau⸗ nenswerthes Schauſpiel. Am Hof trug ſeine Gewandtheit den Sieg davon, ſein Anſpruch auf die Herrſchaft von Tyrone ward nach engli⸗ ſchen Geſetzen und iriſchem Herkommen eroͤrtert und ſeine Anfuͤhrungen waren ſo bedeutend, daß ihn die Koͤnigin mit Geſchenken und Gnade⸗ bezeugungen entließ. In England ward dieſer Vorgang wie die Unterwerfung eines reuigen Empörers betrachtet, in Tyrone aber als ein Friedensvertrag zwiſchen zwei Maͤchten. Als er ſich endlich von den Englaͤndern un Aeußerſte gebracht und von ſeinen Bun⸗ desgenoſſen verlaſſen ſah, floh er nach Clan⸗ deboy, welches damals von einer Kolonie ſchottiſcher Hochlander von der Familie Mac⸗ Donell bewohnt war. Anfangs ward er hoͤflich aufgenommen, aber nach und nach kam es zu Streitigkeiten uͤber Ermordung einiger ihrer Freunde, die Shane Dymas — 1⁴3— veranlaßt hatte; von Worten kam es zu Thaͤtlichkeiten, ſo daß ſie mit ihren breiten Schwertern uͤber ihn herfielen und ihn in Stuͤcke hieben. Nach ſeinem Tode ward ein Geſetz gegeben, daß Niemand den Titel und den Namen Meale führen ſolle. 12. Geraldine. S. 16. WDie Meales waren nah verwandt mit dieſer maͤchtigen und kriegeriſchen Familie, denn Heinrich Owen Meale hatte die Tochter von Thomas, Graf von Kildare, geheirathet, und ihr Sohn Con⸗More verehlichte ſich mit ſeiner Baſe, einer Tochter Geralds, Grafen von Kildare. Dieſer Con⸗More ver⸗ fluchte alle die ſeiner Nachkommen, welche engliſch lernen, Korn ſaͤen und Haͤuſer bauen wuͤrden, um die Engländer zur Niederkaſſung in der Gegend zu bewegen. Andre ſchreiben auch dieſe Verwuͤnſchung ſeinem Sohn Con⸗ Bacco zu. Fearflatha O'Gnive, der Barde der ONeales von Clandeboy, klagt in dem⸗ „ ſelben Sinnen daß die Fremdlinge Erins ſchoͤne, lachende Gefilde durch Staͤdte und Veſten entſtellt haͤtten.(Walkers Iriſch Bards, p. 140.) —. 3 Das Banner des Kriegs zu ent⸗ falten. S. 17. Lacy berichtet uns in dem alten, ſchon angeführten Luſtſpiel, wie die von den Guts⸗ beſitzern zu Karls Dienſt errichtete Reiterei mit Offizieren verſehn ward.„Ihr, Cornet, habt einen Namen, der allen Cornets bei⸗ gelegt werden kann, denn alle ſind, wie ihr, bartloſe Knaben im Hecr.—““ Der groͤßte Theil unſrer Reiterei war folgendergeſtalt erhoben worden:„Der ehrliche Gutsbeſitzer errichtet einen Trupp auf ſeine Koſten, dann nimmt er einen zum Unterlieutnant, der ſie einuͤben ſoll; dann läßt er ſeinen Sohn von der Schule kommen, und macht ihn zum Cornet; und dieſer legt die Ruͤſtung uͤber das Kinderkleid an— ſo war die Einrichtung — unſeres Dei. pubpu 66eher 6. 2 Die nächſte Stufe zur Ritterſchaft. S. 17. Urſpruͤnglich gab es zum Ritterſtand drei Stufen. Die erſte als Page, die zweite als Knappe, die dritte als Ritter. Eine Stufenfolge, die in den Graden der Freimauerei beibehalten zu ſeyn ſcheint. Vor der Regierung Karls I. kam die Knappen⸗ ſchaft in Abnahme, obgleich der Pagenſtand gewiſſermaßen noch blieb. Dieſer Dienſt⸗ ſtand hatte ſo wenig Etniedrigendes, daß er vielmehr als die regelmaͤßige Schule zu allen kuͤnftigen ehrenvollen Auszeichnungen aiſchn— 46 ö o — 162— Anmerkungen z ur fünften Dichtung. Rokeby. S. 39. De⸗ alte Schloß Rokeby ſtand gerade auf der Stelle des jetzigen Herrnhauſes. Es iſt reich vom ſchoönſten Gehoͤlz umgeben, und der Park, in dem es ſtand, wird durch die Vereinigung der Greta mit dem Tees ver⸗ ſchoͤnt. Der Titel eines Barons Rokeby von Armagh ward, im Jahr 1777, dem ehrwuͤrdigen Richard Robinſon, Primas von Irland, abſtammend aus dem Geſchlecht der Robinſons, vormals Rokeby, in Yorkſhire ertheilt. 2 — 153— — Lord im S. 46. Der im Original hier mitgetheilte Stamm⸗ baum des alten und einſt maͤchtigen Ge⸗ ſchlechts von Rokeby bleibt hier, da er deutſche Leſer nicht intereſſiren kann, um den Raum zu erſparen, weg. Die Felonſau(böſe Sau). S. 47. Die alten Minſtrels hatten nicht blos ernſte, ſondern auch komiſche Romanzen, und obgleich die letztern bei weitem die zahl⸗ reichſten ſeyn mögen, ſind ſie vielleicht doch nicht die gehaltvollſten. Die komiſche Ballade war eine Art Parodie auf die gewoͤhnlichen Gegenſtaͤnde der Dichtkunſt der Minſtrels. Beſangen die ernſten Heldenthaten, Schlach⸗ ten, Ritterſpiele, Jagden, ſtellten die komi⸗ ſchen, wie in dem Turnier von Dot⸗ tenham, einen Haufen Bauern dar, die ſich nach allen uͤblichen Foͤrmlichkeiten des — 154— Ritterthums herumſchlagen, oder in der Haſenjagd Cſiehe Webers Metrical Ro- mances, Vol. III.) dergleichen Leute, an der Jagd theilnehmend, alle Verſehen und Irrthuͤmer, wie der Sache unkundige, be⸗ gehn. Die Idee Don Quipot's, ſo unnach⸗ ahmlich dieſe auch verkoͤrpert und dargeſtellt iſt, war vielleicht nicht originell. Eine der beſten dieſer ſcherzhaften Romanzen, voll von komiſchen Humor, war: die Jagd der boͤſen Sau von Rokeby durch die Bruͤderſchaft von Richmond. Ralph Rokeby, der wahrſchein⸗ lich aus Scherz dieſes unartige Vieh dem Kloſter von Richmond uͤberließ, ſcheint zur Zeit Heinrich VIII. gelebt zu haben. 4 Das ſeltſame Werk der Dichtkunſt ward zuerſt in Sir Whitakers Geſchichte von Craven, aber nach einem nicht genauen, nicht gluͤcklich verbeſſerten Manuſcript bekannt— B oReale's Filen. 8. 48.— Der Filea, oder Ollamh Re Dan/ war Hausbarde, oder, was der Name buchſtäblich — 155— bezeichnet⸗ der Dichter. Jeder anſehnliche Haͤuptling hatte deren einen oder mehrere in ſeinem Dienſt, und dieſe Stelle war ge⸗ woͤhnlich erblich. Der ſcharfſinnige Cooper Walker hat eine Sammlung merkwuͤrdiger Notizen uͤber dieſelben in ſeinen historical Memoirs of the Irish Bards zuſammenge⸗ ſtellt. Es gab auch wandernde Barden von minderm Rang: aber alle wurden in Ehren gehalten. Die Englaͤnder, welche ſie als die Erwecker des Geiſts der Nationalunabhaͤngig⸗ keit betrachteten, waren ſehr geneigt, dieß Dichtergeſchlecht auszurotten, wie Eduard I. in Wales gethan haben ſoll. Spenſer, ob er gleich ihrer regelloſen Dichtkunſt einiges Verdienſt einraͤumt, als:„duftend von lieb⸗ lichem Witz und gut gedacht, und voll an⸗ muthiger Blumem ihres angebornen Talents,“ verdammt gleichwohl ſtreng ihre Poeſie, weil ſie ſich herablaſſe;„Unſittlichkeit und Laſter zu verſchoͤnen“ Der Hofminſtrel ward ſelbſt zu dem Gaſtmahl des Fuͤrſten, dem er diente, gezogen, und ſaß an ſeiner Tafel. Es war dies eine von den Gewohnheiten, von der — 136— Sir Richard Sewry(den Richard II. mit der Unterweiſung von vier iriſchen Fuͤrſten in zeitgemaͤßer Bildung beauftragt“ hatte) am ſchwierigſten ſeine koͤniglichen Zoͤglinge abzubringen fand; ob er gleich auch in andern Dingen Müͤhe genng hatte, ſie noch andern engliſchen Gebraͤuchen zu unterwerfen, beſon⸗ ders dem— Beinkleider zu tragen. Siche 1 ausführlicher uͤber dieſe iriſchen Fuͤrſten, die auch ſchwer dazu zu bringen waren, ohne Sattel und Steigbugel zu reiten, Lord Ber⸗ ners Froiſſart. Lond. 1812. 4. II. p. 627. Den Einfluß dieſer Barden auf ihre Gnner und das ihnen verwilligte Recht, ſich in Angelegenheiten von der groͤßten Wichtigkeit zu miſchen, zeigt das Benehmen eines derſelben bei einer Unterredung zwiſchen Thomas Fitzgerald, dem Sohn des Grafen von Kildare, der entſchloſſen war, den Engländern den Eid der Treue aufzukuͤndigen, und dem Lordkanzler Cromer, der ihm eine lange und wohlgeſetzte Rede hielt, ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen. Der junge Lord war „bewaffner und gewappnet“ im Staatsrath — 137— erſchienen, von ſieben Reitern in Panzer⸗ hemden begleitet. Man verſicherte, der Kanzler habe ſeine Rede mit ſo klaͤglichem Ausdruck begleitet, daß ſeine Wangen ganz von Thraͤnen benetzt geweſen waͤren, ſo daß die Reiter, vornemlich die kein Engliſch verſtanden, nicht errathen konnten, was er denn wohl mit ſo großer Umſtaͤndlichkeit wolle? Einige glaubten, er halte eine Pre, digt, andre meinten, er recitire wohl ein herviſches Gedicht zum Preiſe des Lord Thomas. Nachdem nun alſo jeder dumme Tropf den weiſen Kanzler zur Zielſcheibe ſeines Spottes gemacht hatte, der auch in der That die Perlen vor die Saͤue warf, fing ein Barde von Nelan, ein iriſcher Reimſchmidt und ein raͤudiges Schaaf, das die ganze Heerde anſteckte, in iriſchen Verſen zu ſchwatzen an, als ob ſeine Zunge Schlitt⸗ ſchuh lief, und zwar zum Lobe des Lord Thomas, den er mit dem Titel des„ſeidnen Thomas“ bezeichnete, weil die Jacken ſeiner Reiter prächtig mit Seide geſtickt waren, und zuletzt fragte er ihn, warum er ſo lange zaudre? Daruͤber fuhe Lord hemas auf, bot dem Kanzler Trotz, zog verächtlich das Amtsſchwert, das er in ſeines Vaters Ab⸗ weſenheit als Stellvertreter fuͤhrte, und eilte fort, um— als— auf⸗ v Ctandesoy—— Sline⸗Donatbs S. 48. 5 tndebo iſt ein Bezuk vun uſſer, vormals vom Stamm der ſieben OReales beſeſſen, und Slive⸗Donard eine romantiſche Berggegend in dieſer Provinz. Die Familie ging zu Grunde nach Tyrones großer Em⸗ poͤrung, und alle ihre Wohnſitze wurden verwüſtet. Die alten Irlaͤnder, in andrer Hinſicht wild und roh, ſtehn in Ausäbung der ungezwungenſten und ausgedehnteſten Gaſtfreundſchaft ihren Nachkommen“ nicht nach, und ohne Zweifel betrauerten die Barden den Verfall der Wohnſitze ihrer Haͤuptlinge in hnlichen Liedern, hls die drs briktiſchen Llywatch Hen bei einer gleichen Veranlaſſung, welche ſelbſt trotz dem Ungün⸗ ſtigen eier wörtlſchen Ueberſetung noch er⸗ greifend ſn werden. nee⸗— Diec man— Nant 6 z echören!— — ſo leicht iſt des Lobes 3 wurdig, Seit utien nicht mehr iſt. c na Mauch Spuͤrhund und manch ein luftiger Falke Ward abgerichtet auf Deiner Flur, Eh Erlleon ward entweiht——— Ach, dieſen Heerd werden Neſſeln bedecken! So lange ſein edeler Schützer lebte, Da nke getroſt ihn der duͤrftige piger 2 dieſen Heerd wiht daid Raſengrün decken! Wie kochte, als Owaim und Elphin am Leben, Im Seſet der einden eütuommene Raub. Ach, diefen Herrd werden bald Schwaͤmme be⸗ decken! Wohl herrlicher ward das Mahl hier bereitet, Das mit Schibertern die Krieger umſaßen. — 160— en Heerd wird bald decken! Bis darauf brannte lodernd das Folz, — den Gäſten Guben von a „— Heerd— bald Dornen be⸗ Fdöckenl n 89 — wohl war— die bunte verſumn⸗ Pon Owain's Freunden, die Eintracht pezunb. Ach; dieſen Heerd werden Ameiſen bedecken! Die brennenden Kerzen bei harmloſen Feſten Sie wuͤrden wohl ſchoͤner ihn zieren. Ach, dieſen Heerd wird bald das umpferblatt decken! Weit paſſender ihm, wenn von Weine beſeligt, Die Frieger um ihn wohl lärmten und prahlten. Ach, dieſen Heerd werden die Säue Statt daß um ihn laut jubeln die Maͤnner Und kreiſend die Horner das Gaſtmahl um⸗ tnen Feroie Flegies of Thwarch Hen, by Owen. Lond. 1792. Z. p⸗ 41. — 161— 6. Marwoods Geheg— Toller⸗Hill—— S. 5r. Marwoods Geheg iſt ein alter Park, der ſich Durham entlang gegen die Seite des Tees erſtreckt, und an Barnards 5 ſich anſchließt. Tollerhill iſt eine Berghöhe auf der Seite von Yorkſhire am Ufer, die eine prachtvolle Ausſicht auf die Ruinen beherrſcht. 7. — Fünchörnbet S. 54. Drummond von Hawthoenden war im Zenith ſeines dichteriſchen Ruhms waͤhrend des Buͤrgerkriegs. Er ſtarb im Jahr 1649. 8. Mar Curtins Harfe. 8. 6. n Mac Curtin war erzlicet olamh von North⸗Munſter, und Filea bei Donough, II. L — 162— Graf von Thomond und Praͤſident von Munſter. Dieſer Edle war unter der An⸗ zahl derer, die ſich bewegen ließen zu Eliſa⸗ beths Macht zu ſtoßen. Sobald es bekannt war, daß er niedriger Weiſe die Sache ſeines Vaterlands verlaſſen hatte, uͤberreichte Mac⸗ Curtin dem Mac⸗Carthy ein ſchmeichelhaftes Gedicht. Dieſer war Herr von South⸗ Munſter, und mit O'Neil, O'Donnel, Lacy und andern eifrig bemuͤht, ihr gedruͤcktes Vaterland zu ſchuͤtzen. In dieſem Gedicht ſprach er mit Vegeiſterung von dem Muth und der Vaterlandsliebe des Mac⸗Carthy; den Vers aber, der— nach einem beſtehen⸗ henden Geſetze des Vereins der Barden— zum Lobe O'Briens eingeſchaltet werden mußte, benutzte er zu einem beißenden Spott. „Wie betrubt es mich,— ſagt er— daß der Abkoͤmmling des großen Brien Boiromh mir keinen, dem Ruhm und der Ehre dieſes erhabenen Geſchlechts, wuͤrdigen Stoff dar⸗ bietet.“ Als Lord Thomond dies hörte, ſchwur er dieſem uͤbermuͤthigen Barden, der ſich in die Grafſchaft Cork fluͤchtete, Rache.— — 163— Eines Tages, als der Barde den beleibigten Edlen und ſein Gefolge in geringer Entfer⸗ nung von ſich erblickte und einſah, daß es vorgebens ſeyn wuͤrde, zu entrinnen, ſtellte er ſich, als ob ihn plotzlich die heftigſten Schmerzen uͤberfallen, und leitete ſeine Frau an, uͤber ihn zu jammern und zu klagen und dem Lord zu erzaͤhlen: daß der Anblick Sr. Herrlichkeit, der das ganze Gefuͤhl ſeiner Undankbarkeit in ihm rege gemacht, ihn ſo heftig erſchüttert habe, daß er es nicht ertragen koͤnne, und er daher als ein Sterbender Se.„ ihm in wn g. ot Sobald Lord 82 ward hn dieſes Maͤhrchen erzaͤhlt. Der Edle ward von Mitleid ergriffen, und nicht allein er⸗ klärte er, daß er ihm herzlich vergebe, ſon⸗ dern er oͤffnete auch ſeine Börſe, der ſchoͤnen Trauernden einige Goldſtuͤcke zum Begraͤbniß ihres Mannes ſchenkend. Dieſer Beweis von Sr. Herrlichkeit Milde und Großmuth machte dem zitternden Barden Muth, und L 2 — 1— ſchnell aufſpringend, recitirte er aus dem Stegreif eine Ode zum Lobe Donoughs, wurde darauf wieder in des Lords Dienſte aufgenommen und befeſtigte ſich immer mehr in ſeiner Gunſt.— Walkers Me- moirs of the Irish Bards. Lond. 1786. 4. P. 141. — Die altengliſche Tracht der Minſtrels. S. 55. In den zu Eliſabeths Unterhaltung auf Schloß Kenelworth veranſtalteten Verſamm⸗ lungen ward oft eine Perſon eingefuͤhrt, die einen reiſenden Minſtrel vorſtellte und der Koͤnigin feierlich eine von Koͤnig Arthus Thaten vortrug. Von der Tracht und dem Benehmen dieſer Perſon hat uns Herr La⸗ neham einen ſehr genauen Bericht gegeben, welcher ſich in der des Biſchofs Percy Reliquies of ancient poetry vorausge⸗ ſchickten Abhandlung: uͤber die—— befindet. — 455— 10. R Littlecot⸗hall. S. 69. Die Sage, worauf ſich dieſe Ballade gruͤndet, hat mir ein Freund mitgetheilt, deſſen Bericht abzukuͤrzen ich um ſo mehr Be⸗ denken habe, da er ein treffliches Gemaͤlde von einem altengliſchen Saal, oder Halle, aufſtellt. „Little⸗cot ſteht niedrig und abgelegen⸗ Von drei Seiten iſt es mit einem Park umgeben, der ſich uͤber den angrenzenden Hügel hinzieht, an der vierten von Wieſen, die der Fluß Kennet bewäſſert. Nahe an der einen Seite des Hauſes iſt eine dichte Gruppe hoher Baͤume, an deren Rand einer der Haupteingaͤnge nach dem Hauſe durch den Park fuͤhrt. Es iſt ein unregelmaͤßiges Gebäude von hohen Alterthum, und wahr⸗ ſcheinlich zur Zeit erbaut, als die Fauſt⸗ rechtskämpfe aufhoͤrten, und Landhäuſer nicht länger die Gegenſtande der Vertheidigung waren. Viele Einrichtungen im Innern deſſelben ſcheinen den Zeiten des Lehnweſens anzugehören. Die Halle iſt ſehr geraͤumig, — gepflaſtert, und empfing durch große Bogen⸗ fenſter ihr Licht. Ihre Waͤnde ſind mit alten Ruͤſtungen behangen, welche ſchon lange ein Raub des Roſts waren. An dem einen Ende der Halle iſt eine Reihe Pan⸗ zerhemden und Helme, und abekall ſieht man eine Menge alterthümlicher Piſtolen und Gewehre, mehrere derſelben mit Lun— denſchloͤſſern. Unmittelbar unter dem Sims haͤngen eine Menge lederner Waͤmſer, wie Hemden gemacht, wahrſcheinlich Waffenröcke fuͤr die Vaſallen. Ein großer eichner Tiſch, der faſt von einem Ende des Saals bis zum andern reicht, mochte wohl die ganze Nachbarſchaft zum Schmauß gefaßt haben, und ein Anhängſel an dem einen Ende, zeigt, daß er einſt zum Spielbret gedient habe. Der Reſt der Geraͤthſchaften iſt in einem mit dem Uebrigen uͤbereinſtimmenden Styl, vor⸗ zuͤglich ein Armſeſſel von muͤhſamer Arbeit, von Holz gemacht, ſeltſam gedrechſelt, mit hoher Lehne und dreieckigem Sitz; man ſagt, der Richter Popham, zu Eliſabeths Zeiten, ſoll ſich deſſelben bedient haben. — 16— Geht man auf der einen Seite außer⸗ halb der Halle einige Schlafgemaͤcher vorbei, ſo gelangt man in eine ſchmale Gallerie, die mit Bruſtbildern, meiſtens in der ſpa⸗ niſchen Tracht des ſechszehnten Sehhnizo behangen iſt. In einem dieſer Schlufgemicher beſindet ſich eine Bettſtelle mit blauen Vorhaͤngen, welche die Zeit duͤnn gemacht und verſchoſſen hat. Unten an einer der Gardinen iſt ein kleines Stuͤck ausgeſchnitten und wieder ein⸗ geſetzt,— ein Umſtand, der dazu dient, die Wehrhes der folgenden Kihi zu beglaubigen.— Es war in einer finſtern, regnigen No⸗ vembernacht, daß eine alte Hebamme, die muͤßig an dem Feuerheerd ihrer Huͤtte ſaß, durch ein plotzliches Pochen an ihre Thuͤr aufgeſchreckt ward. Wie ſie oͤffnete, erblickte ſie einen Reiter, der ihr ſagte: daß eine vornehme Dame ihres Beiſtandes unverzůg⸗ lich beduͤrfe, daß ſie ſehr gut belohnt werden wuͤrde; aber es wären Urſachen vorhanden, die Sache ſehr geheim zu halten, weshalb — 168— ſie ſich es muͤſſe gefallen laſſen, daß iht die Augen verbunden und ſie ſo ins Schlafge⸗ mach der Dame gebracht werde. Nach manchen Zaudern willigte die Hebamme ein, der Reiter verband ihr die Angen, und nahm ſie hinter ſich aufs Pferd. So ritten ſie mehrere Meilen auf ſchlechtem, heſchwerlichem Wege, endlich hielten ſie an, und die Heb⸗ amme ward in ein Haus gefuͤhrt, welches ihr bei dem Gang durch viele Gemaͤcher, in vielem Betracht ein Wohnort des Gluͤcks und der Macht zu ſeyn ſchien. Als ihr die Binde von den Augen genommen ward, ſah ſie ſich in einem Schlafgemach, wo die Lady war, wegen der man nach ihr geſendet hatte, und ein Herr von ſtolzen und grimmen An⸗ ſehn. Die Lady ward bald von einem ſchoͤ⸗ nen Knaben entbunden. Der Herr gebot ſogleich der Hebamme, ihm das Kind zu geben und es ihr entreißend, eilte er mit demſelben zum Feuer, das im Kamin loderte. Aber das Kind war ſtark, und fiel durch ſeine Bewegungen vom Feuerheerd von ſelbſt wieder herab, worauf es der Boͤſewicht von — 169— neuem mit Wuth erfaßte, und trotz der Vor⸗ bitte der Hebamme und des klaͤglichen Fle⸗ hens der Mutter unter den Roſt warf, gluͤhende Kohlen darauf ſcharrte und ſo es toͤdete. Nachdem die Hebamme der ungluck⸗ lichen Mutter alle in ihren Kraͤften ſtehende Erleichterung verſchafft hatte, ward ihr be⸗ deutet ſich wieder weg zu begeben. Ihr voriger Begleiter erſchien, verband ihr aber⸗ mals die Augen, ſetzte ſie hinter ſich aufs Pferd, brachte ſie in ihre Wohnung zuruͤck, bezahlte ſie reichlich und entfernte ſich. Die Hebamme, aufs heftigſte erſchuͤttert von dem Greuel der vorigen Nacht, machte ſogleich Anzeige von dem Vorfall. Zwei Umſtäͤnde gaben Hoffnung das Haus zu entdecken, in welchem das Verbrechen begangen ward; der eine, daß die Hebamme, als ſie am Bette ſaß, ein Stuͤckchen aus dem Bettvorhang geſchnitten und hernach wieder eingenaͤht hatte; der andre, daß ſie beim Herab⸗ gehn die Stufen der Treppe gezaͤhlt hatte. Einiger Verdacht ſiel auf einen gewiſſen Darrel, zu der Zeit Eigenthuͤmer von Litt⸗ — 170— lecots Haus und den umliegenden Beſitzun⸗ gen. Das Haus ward unterſucht, von der Hebamme als das, worin das Verbrechen begangen worden, wieder erkannt, und Darrel in Salisbury als des Mords verdächtig zur Unterſuchung gezogen. Durch Beſtechung der Richter entging er der Strafe des Ge⸗ ſetzes, ſtuͤrzte aber wenig Monden darnach auf der Jagd mit dem Pferde und brach den Hals. Der Ort, wo ſich dies ereignete, heißt noch Darrels⸗Stieges ein Fleck, vor dem dem Landmanne graut, den des Abends Schatten hier uͤberraſcht haben.“ Littlecots⸗Haus liegt zwei Meilen von Hungerford, in Berkſhire, durch welches die Fahrſtraße nach Bath fuͤhrt. Die That ge⸗ ſchah unter Eliſabeths Regierung, und ich habe alle Hauptumſtaͤnde genau ſo berichtet, wie ſie in der Gegend erzaͤhlt wurden; einige Fleinigkeiten ſind nur hinzugeſetzt, theils das Ganze zuſammenhängender zu machen, theils den Eindruck zu verſtaͤrken. Mit dieſer Schreckensgeſchichte hat der Verfaſſer verſchiedne Umſtaͤnde einer aͤhnlichen — 11— Sage verbunden, welche in Edinburg in ſeiner Kindheit umherlief. „Zu Anfang des achtzehnten Jahrhun⸗ derts, als die großen Schloͤſſer der ſchottiſchen Edelleute und ſelbſt die, wie bei dem fran⸗ zoͤſiſchen Adel geſchloſſenen Hotels, die ſie in Edinburg beſaßen, oftmals die Schauplaͤtze ſeltſamer und myſterioͤſer Verhandlungen wa⸗ ren, ward ein Geiſtlicher, der im Ruß ſeltner Heiligkeit ſtand, um Mitternacht zu einer im Sterben liegenden Perſon gerufen, um mit ihr zu beten. Dies war keine unge⸗ woͤhnliche Begebenheit, aber das Folgende war etwas ſehr Beunruhigendes. Er ward in eine Saͤnfte geſetzt, und nachdem man ihn in einen entlegnen Theil der Stadt ge⸗ bracht hatte, beſtanden die Traͤger darauf, ihm die Augen zu verbinden. Dies Begehren ward mit geſpanntem Piſtol unterſtuͤtzt, und er mußte ſich fuͤgen; aber im Lauf der Un⸗ terhandlung daruͤber muthmaßte und glaubte der Geiſtliche aus ihrem Reden und Betragen ſſich zu der Vermuthung berechtigt, daß dieſe Traͤger mehr waͤren, als ſie zu ſeyn ſchienen. Nach vielen Krenz⸗ und Querwegen brachte man die Saͤnfte in eine Wohnung, wo ihm die Binde von den Augen genommen, und er in ein Schlafgemach gefuͤhrt ward, worin er eine eben entbundne Lady antraf. Er ward befehligt an ihrem Bette ſolche Gebete herzuſagen, wie ſie ſich fur eine Perſon ſchick⸗ ten, die nicht hoffen duͤrfe von einer toͤdlichen Krankheit wieder aufzukommen. Er machte Gegenvorſtellungen, und wendete ein, ihre gluͤckliche Entbindung gewähre ja die beſten Hoffnungen. Aber es ward ihm ernſtlich befohlen, dem gegebnen Befehl nachzukom⸗ men, und mit Muͤhe ſammelte er ſich, die ſchwere Aufgabe zu loͤſen. Nach Vollziehung ſeines Auftrags ward er ſogleich wieder in die Saͤnfte gebracht; aber als man ihn die Treppe hinabtrug, hoͤrte man einen Piſtolen⸗ ſchuß. Er ward wohlbehalten nach Hauſe gebracht, eine Boͤrſe mit Gold ihm aufge⸗ drungen, zugleich aber gewarnt, nicht das Geringſte von dieſem Vorfall zu verlautbaren, weil ihm die mindeſte Erwaͤhnung das Leben koſten wuͤrde. Er begab ſich zur Ruhe, und — 175 fiel nach langem Nachſinnen in einen tiefen Schlaf. Sein Diener weckte ihn aus dem⸗ ſelben mit der ſchrecklichen Nachricht, daß ein ungewoͤhnlich heftiges Feuer in dem Hauſe von** ausgebrochen und daſſelbe gaͤnzlich von der Flamme verzehrt ſey; er fuͤgte hinzu, daß die Tochter des Beſitzers, eine junge Dame von ausgezeichneter Schoͤn⸗ heit und Bildung, in den Flammen umge⸗ kommen waͤre. Dem Geiſtlichen fiel das auf, doch mochte er ſeinen Argwohn nicht bekannt machen. Er war ſchuͤchtern; jenes Geſchlecht vom erſten Range, und uͤberdies die That geſchehn und nicht abzuaͤndern. Die Zeit verging und mit ihr ſeine Furcht. Er fuͤhlte ſich ungluͤcklich der alleinige Be⸗ wahrer eines ſo furchtbaren Geheimniſſes ſeyn zu muͤſſen, und vertraute daſſelbe endlich einigen ſeiner Collegen, durch welche der Vorfall bekannt wurde. Der Geiſtliche war bereits kaͤngſt verſtorben und die Geſchichte vergeſſen, als wieder ein Feuer auf derſelben Stelle ausbrach, wo das Haus von** erſt geſtanden hatte, die jetzt mit minder pracht⸗ — 474— vollen Gebaͤnden bebaut war. 6 b die men am maͤchtigſten aufloderten, ward der Tumult, der bei ſolchen Scenen gewoͤhnlich iſt, ploͤtzlich durch eine unerwartete Erſchei⸗ nung unterbrochen. Eine ſchoͤne Frauenge⸗ ſtalt mit einem ſehr reichen Nachtkleide an⸗ gethan, erſchien mitten in den Flammen, und rief mit furchtbaren Tonen in ihrer Mutterſprache:„Einmal verbrannt, zwei⸗ mal verbrannt, zum drittenmal werd' ich Euch alle verderben!“ Der Glaube an dieſe Geſchichte war ehedem ſo ſtark, daß, wenn ein Feuer ausbrach und ſich dieſer verrufnen Gegend zu nahen ſchien, Vielen bange wurde, die Erſcheinung woch⸗ e. — erfullen. 11. Am Feſttag und am Chriſtnachts⸗ abend ſaht Ihr wohl dickern Rauch. S. 6 Eine ſolche Ermunterung erging Kue unter aͤhnlichen Umſtaͤnden von einem Walliſer Hauptmann an ſeine Leute. —— „Feindſchaft dauerte fort zwiſchen Howell ap Rys ap Howel Vaughan und John von Merediths Soͤhnen. Nach dem Ableben Evan von Rebert, kam Griffith ap Gronw (der Vetter Merediths), der lange in Frank⸗ reich gedient hatte, zuruͤck. Da ereignete es ſich, daß, als einer ſeiner Leute in Stymllyn fiſchte, ihm die Fiſche nicht allein wegge⸗ nommen wurden, ſondern derſelbe noch oben⸗ drein durch Howell von Rys Knechte und auf ſeinen Befehl gepruͤgelt ward. Griffith ap John ap Gronw nahm das ſo ernſtlich auf, daß er Howell ap Rys herausfoderte, und da dieſer die Herausfoderung ablehnte, rief er ſeine Vettern, John ap Merediths Soͤhne, und ſeine Freunde zuſammen und griff Howell in ſeinem eignen Hauſe an, wie er es in den franzoſiſchen Kriegen geſehn hatte, und brannte ſeine Scheunen und Ne⸗ bengebaͤude nieder. Als er nun den Angriff auf die Halle, die ſehr feſt war, begann, und wo ſich Howell ap Rys mit vielen der Seinen hielt, ward aus einer Mauerſpalte der ſonſt vollkommen Gewaffnete durch einen Schuß in den Kopf tod daniedergeſtreckt. Trotz ſeinem Falle wurden die Angriffe mit großer Heftigkeit fortgeſetzt und die Thuͤren mit großen Strohbunden angeſteckt; außer⸗ dem litten, von dem Rauch aus den nicht fernen Scheunen und Nebengebaͤuden, die Vertheidiger ſo ſehr, daß ſie ſich unter die Tiſche und Baͤnke der Halle und der Flur verkrochen, um nicht zu erſticken. Waͤhrend dieſer Scene der Verwirrung wich der alte Howell allein nicht vom Platze, ſondern ſtand kuͤhn in der Mitte des Hauſes, mit dem Schwert in der Hand, die Seinen auf⸗ rufend doch aufzuſtehn, wie Männer, und ſich zu ſchaͤmen, da ſie doch ſolchen Rauch weit groͤßer und ſtaͤrker hier zur Weihnachtszeit geſehn. Als er endlich ſah, daß ſich das Haus nicht laͤnger halten konnte, uͤbergab er es von der Mehrzahl dazu uͤberredet, und war zufrieden, ſich dem Morris ap John ap Meredith, John ap Meredith's aͤlteſtem Sohn, gefangen zu geben, wenn er ihm ſchwoͤren wolle, ihn wohlbehalten nach Car⸗ narvon Caſtle zu bringen, um ſich dem geſetz⸗ . lichen Verhoͤr wegen des Todes von Graff ap John ap Gronw zu unterwerfen, der Howells Vetter geweſen. Dieſes verſprach Morris, und gab ihm eine Wache von ſeinen beſten Freunden und Dienern, ihn zu ſchuͤtzen vor der Rache ſeines Bruders Owen, der ſehr erbittert auf ihn war. Sie ſchlugen ein Lager zu Carnarvon auf: die ganze Ge⸗ gend war verſammelt, und Howells Freunde, die in großer Angſt waren, er moͤchte er⸗ mordet werden, beſetzten den Weg mit Reitern; denn ſie meinten, Morris wuͤrde nicht im Stande ſeyn, ihn zu vertheidigen, auch durf⸗ ten ihm Howells Freunde nicht nahen, aus Furcht vor der Verwandtſchaft. Howell ward endlich von dem Gerichte freigeſprochen, weil der Anfall auf ſein Haus und die Verbren⸗ nung der Gebaͤude ein furchtbareres Vergehn wäre, als ſelbſt der Tod des Graff ap John ap Gronw, der nur als ein in Selbſtver⸗ theidigung begangner Mord anzuſehn ſey.— Sir John Wynes History of the Gwydir Family, Lond. 1770. B. P. 416. II. M An merkungen z ur ſechsten und letten Dichtung. 1. Ueber Herhams Altar hing mein Handſchuh. S. r06. Dieſer Gewohnheit unter den Grenzrittern von Redesdale und Tynedale geſchieht in der intereſſanten Lebensgeſchichte Bernhard Gil⸗ pins Erwaͤhnung, wo einige Nachricht uͤber dieſe wilden Bezirke gegeben wird, die der ehrwuͤrdige Mann regelmäßig zu be⸗ ſuchen pflegte. — „ —— „Dieſe Sitte(der Zweikaͤmpfe) beſteht noch unter dieſen Grenzbewohnern, wo die ſaͤchſiſche Rohheit am laͤngſten blieb. Dieſe rohen Northumbrier thaten es an Wildheit noch ihren Vorfahren zuvor. Sie waren nicht mit einem Zweikampf zufrieden; jede Parthei ſuchte ſoviel Anhaͤnger, als ſie konn⸗ ten, an ſich zu ziehn, um einen kleinen Krieg zu beginnen. So gab oft ein Pri⸗ vatſtreit zu großen Blutvergießen Anlaß. Es traf ſich, daß ein ſolcher Streit im Gange war, als Herr Gilpin zu Rothbury war. Waͤhrend der erſten zwei oder drei Tage, als er dort predigte, beobachteten die kämpfenden Partheien einigermaßen den aͤußern Anſtand, und erſchienen nie beide in der Kirche. Endlich trafen ſie einander. Eine Parthei war fruͤher in der Kirche ge⸗ weſen, und eben, als Herr Gilpin ſeine Predigt anfing, kam die andre herein. Sie blieben nun nicht lange ruhig: aufgereizt durch den gegenſeitigen Anblick, fingen ſie an mit den Waſſen zu raſſeln, denn ſie M 2 waren alle voͤllig bewaffnet. Aus Ehrfurcht jedoch gegen die Heiligkeit des Orts, legte ſich der Tumult bald wieder. Herr Gilpin fuhr in ſeiner Rede fort; allein abermals ſchwangen die Streitenden ihre Waffen, und gingen auf einander los. Den ausbrechenden Kampf zu verhindern, verließ Gilpin die Kan⸗ zel, trat unter ſie, wandte ſich an die Anfuͤhrer und machte durch ſeine Dazwiſchenkunft dem Streit fuͤr den Augenblick ein Ende, konnte aber keine voͤllige Ausſoͤhnung bewirken. Jedoch verſprachen ſie ihm, daß ſie, bis die Predigt vorbei waͤre, keinen Laͤrm meht machen wollten. Er beſtieg daher die Kanzel wieder, und verwendete die uͤbrige Zeit dazu, ſie wegen dem, was ſie gethan hatten, zu beſchaͤmen. Sein Benehmen und ſeine Rede ergriff ſie auch ſo, daß ſie ihm auf ſein ferneres Zureden alle Feindſeligkeiten einzu⸗ ſtellen verſprachen, ſo lange er in der Gegend bliebe. Er war auch ſo unter ihnen geachtet, daß der, welcher ſich aͤngſtete wegen ſeines Feindes, zu Herrn Gilpin flüchtete, bei dem er den iergen Schutz zu finden hoffte. * ₰ — 484— Als er eines Sonntags Morgens in die Kirche kam, eh das Volk ſich verſammelt hatte, bemerkte er einen aufgehangnen Hand⸗ ſchuh. Der Kuͤſter erklaͤrte ihm, daß dieſes als eine Herausforderung anzuſehn ſey fuͤr einen jeden, der ihn herabnehme. Herr Gilpin gebot dem Kuͤſter, ihm denſelben herab zu reichen; als dieſer aber ſich durchaus weigerte den Handſchuh anzuruͤhren, ſo nahm er ihn ſelbſt herab, und verbarg ihn in ſeinen Buſen. Als das Volk beiſammen war, trat er auf die Kanzel, und nahm Gelegenheit, ihnen dieſe ganz unmenſchliche Herausforderung ernſtlich zu verweiſen. „Ich hoͤre, ſagte er, daß Einer unter Euch ſogar an dieſer geweihten Stelle einen Handſchuh aufgehaͤngt hat, mit der Drohung, ſich mit Jedem zu ſchlagen, der ihn herab⸗ nimmt. Seht! Ich habe ihn herabgenom⸗ men! und den Handſchuh hervorziehend, hielt er ihn der Verſammlung hin, und zeigte ihnen, wie unvereinbar ſo rohes Ver⸗ fahren mit den Vorſchriften des Chriſten⸗ — 162— thums waͤre, und bot alle die Kuͤnſte der Ueberredung auf, von denen er glaubte, daß ſie den ſtaͤrkſten Eindruck machen und alle zu gegenſeitiger Liebe veranlaſſen wuͤrden. (Gilpins n, Lond. 1753. 8. p. 177.) 2. — Ein bewaffneter Reiter, vorge⸗ ſtreckt das Haupt. S. 120. Dieſes und das Folgende iſt nach einer wirklichen Heldenthat des Major Robert Philipſon, wegen ſeines verzweifelten und abentheuerlichen Muths nur Robert der Teufel genannt, genommen. Da es in der Note zur erſten Ausgabe nicht richtig ange⸗ geben worden, ſo ſoll es hier genauer mit⸗ getheilt werden. Der vornehmſte Ort ſeines Aufenthalts war nicht Lords Island in Der⸗ wentwater, ſondern Curwen's Island im See Windermere.— „Dieſes Eiland gehoͤrte fruͤher den Phi⸗ lipſons, einer bedeutenden Familie in Weſt⸗ 165— moreland. Waͤhrend der buͤrgerlichen Kriege dienten zwei von ihnen, ein aͤltrer und ein juͤngrer Bruder, dem Koͤnig. Der erſte, der Eigenthuͤmer der Inſel, befehligte ein Regiment, der zweite war Major. Dieſer, der Robert hieß, war ein ſehr muthiger und unternehmender Mann und hatte wegen vieler Thaten perſoͤnlicher Bra— vour unter den Oliverianern jener Gegend den Beinamen Robert der Teufel erhalten. Nachdem dieſer Krieg beendigt und die traurigen Wirkungen offner Fehde aufgehoͤrt hatten, erhielten dennoch Rachſucht und Bos— heit die feindſelige Stimmung in den Ge⸗ muͤthern der Einzelnen. Der Obriſt Briggs, ein hartnaͤckiger Freund der Uſurpation, wohnte zu der Zeit in Kendal, und hielt in der doppelten Eigenſchaft als Magiſtrats⸗ perſon— er war nemlich Friedensrichter—⸗ und Befehlshaber der Truppen die Gegend in Furcht. Da er in Erfahrung gebracht hatte, daß Major Philipſon bei ſeinem Bruder in Windermere ſey, faßte er den — — 482 Entſchluß, ſich, wo moͤglich, deſſelben zu bemaͤchtigen, und einen Mann zu beſtrafen, der ihm ſelbſt ſo vielen Nachtheil verurſacht hatte. Wie es eingeleitet wurde, davon belehrt mich mein Gewaͤhrsmann— Dr. Burn in ſeiner Geſchichte von Weſtmore⸗ land— nicht; ob er vermittelſt Fahrzeugen auf dem See den Platz blockirte, oder ob er landete und zu einer foͤrmlichen Belage⸗ rung ſchritt, wiſſen wir nicht; eben ſo wenig als die Staͤrke der Beſatzung und der Werke des Platzes. Wir erfahren nur, daß Major Philipſon eine Bmonatliche Belagerung mu⸗ thig aushielt, bis ſein Bruder, der Obriſt, Truppen anwarb und ihn entſetzte. Jetzt wars an dem Major ſich zu raͤchen. Er ſtellte ſich an die Spitze einer kleinen Reiterſchaar, und ritt nach Kendal. Als er hier erfuhr, daß der Obriſt Briggs in der Kirche ſey Ces war Sonntags fruͤh), ſtellte er ſeine Leute in die Eingaͤnge, und ritt ſelbſt bewaffnet in die Kirche. Wahrſcheinlich war dies keine ordentliche Kirche, ſondern ein großer Verſammlungsort. Es ſoll ſeine Abſicht geweſen ſeyn, ſich des Obriſten zu be⸗ maͤchtigen und ihn mit fort zu nehmen; allein da dies durchaus unausfuͤhrbar geweſen zu ſeyn ſcheint, ſo iſts wahrſcheinlicher, daß ſein Vorſatz war, ihn auf der Stelle zu töden und in der Verwirrung zu entrinnen. Was aber auch ſein Vorhaben war, es mislang; denn Briggs war zufaͤllig nicht gegenwaͤrtig. Die Verſammlung war, wie man leicht denken kann, in nicht geringer Beſtuͤrzung, einen bewaffneten Mann zu Pferde unter ſich erſcheinen zu ſehn; der Mafor, von ihrem Er⸗ ſtaunen Vortheil ziehend, wandte ſein Pferd und ritt ruhig hinaus. Aber als man dar— auf Laͤrm machte, ward er draußen umzin⸗ gelt, und da der Gurt riß, vom Pferde geriſſen. In dieſem Augenblick thaten ſeine Leute einen wuͤthenden Anfall auf die Angreifer; der Major erſchlug mit eigner Hand den Mann, der ſich ſeiner bemaͤchtigt hatte, warf ſeinen Sattel ohne Gurt aufs Pferd, — 186— ſchwang ſich auf, und ritt, ſeinen Leuten zurufend, ihm zu folgen, ſpornſtreichs durch die Straßen von Kendal; hierauf zog er ſich mit ſeinem ganzen Trupp glucklich nach ſeinem Aufenthalt im See zuruͤck. Dieſe That charakteriſirt den Mann. Viele er⸗ kannten ihn, und die ihn nicht erkannten, ſchloſſen aus dieſem Streich, daß es Nie⸗ mand anders ſeyn konnte, als Robin der Teufel. Bei dem Verleger dieſes ſind noch erſchienen: Abentheuer, ſchaudervolle, im Todengewolbe zu Bentheim. Eine wahre BVegebenheit neueſter Zeit. 2 Thle. 1819. 1thl. 12 gr. Aſſeburg, die, hiſtoriſch⸗romantiſches Gemaͤlde, dramatifirt v. A. Klingemann. 2 Bde. Zweite verb. Aufl. 8. 1819). 2thl. Beherrſcher, der, der Eilande, in 6 Dichtungen von Walter Scott, bearbeitet von F. P. E. Richter. 8. 1822. 1thl. 6gr. Circe, die, von Glas⸗Llyn. Roman von Walter Scott, bearbeitet von K. H. L. Reinhardt. r, ar Bd. 8. 1822. thl. 12gr. Erzaͤhlungen von Wilhelmine v. Gersdorf. 3 Bde. 8. 1821 u. 1822. 5 thl. 6gr. — und Romanzen von Fr. Krug von Nidda. 2 Bde. 1821 u. 1822. 8. 5 thl. Darſtellungen von Fr. Krug von Nidda. 1822. 1thl. 3 gr. (Iſt der 2. Band der Erzaͤhlungen und Ro⸗ manzen). Eternelle oder die Blindgeborne. Ein romantiſches Gemälde von Wilhelmine von Gersdorf. 2 Bde. Neue Ausgabe. 8. 822. 2 thl. 3gr. Gemälde des menſchlichen Herzens von D. C. Friedrich. 8. 1820. 1thl. Geſchichten, ſinnteiche und unterhaltende, aus Frater Johannes Paulis Schimpf und Ernſt. Herausgegeben und init einer kurzen literariſchen Notiz begleitet von Guſtav Joͤtdens. 8. 1822. 18 gr. Ginglio und Iſidora oder die Flucht aus den Ferkern der Ingniſition. Eine romantiſche Er⸗ zählung von D. C. Friedrich. 8. 1821. 18gr. Gonſalvo von Cordova, Rittergedicht von Flo⸗ rian. Frei überſetzt und in Octaven umgebildet durch Fr. Krug von Nidda. Zweite Auflage. gr. 8. 1thl. 12 gr. Graf Guͤnther von der Halle. Eine Geſchichte aus den Ritterzeiten. 8. 1819. 1thl. 4 gr. Harold der Unerſchrockene von Walter Scott, be⸗ arbeitet von W. v. Morgenſtern. 8. 3o gr. Jacobine oder der Ritter des Geheimniſſes. Ein hiſtoriſcher Noman nach W. Scott, bearbeitet von F. P. E. Richter. 2 Bde. 8. 1822. 2thl. Kaͤtchen von Hubenſtein oder der Strohhut. Eine Familiengeſchichte von Carl Bonde. 8. 1821. thl. 4 gr. Konigsſcheibe oder die Ahnungen. Eine Familien⸗ geſchichte aus dem deutſchen Befreiungskriege von Carl Bonde. Neue Ansgabe. 8. 1822. 4 thl. gr. Kreuzesritter, der, oder Don Sebaſtian, Konig von Portugal. Ein hiſtor. Ritterroman von A. N. Porter. Herausgegeben von W. v. Gersdorf. 2 Bde. 8. 1822. athl. 12gr. Marmion oder die Schlacht von Flodden-Field. Eine Rittergeſchichte von Walter Scott, bear⸗ beitet von F. P. E. Richter. 2 Bde. 8. hie. 2thl. Mirabilis oder der Alte Ueberall und Nirgends. Eine Erzaͤhlung von Wilhelmine v. Gersdorf. 8. 1822. thl. 6gr. Paul und Virginie. Ein Gemälde der Natur. Von Jac. Hnr. Bernh. de St. Pierre. Neu uͤberſeßt von Fr. Gleich. 8. 1820. 1 thl. Schloß, das, zu Tannewalde oder merkwuͤrdige ———— Schickſale einer adelichen Familie. Eine durch⸗ aus wahre Geſchichte neueſter Zeit. 2 Thle. 8. 1818. thl. 3gr. Thirza, die Seherin aus Griechenland oder die deutſchen Schleichhaändler. Ein Roman von W. von Morgenſtern, mit Muſikbeilage. 8. 1822. uthl. 12 gr. Wahlverwandten, die, zu Marienthal. Von der Verfaſſerin der Freundin oder das Geheimniß. 8. 1817. thl. Waverley, oder Schottland vor ſechszig Jahren. Hiſtoriſch-humoriſtiſcher Roman von Walter Scott. 4 Thle. 8. 1822. 5thl. 4gr. Raßmann, F., deutſcher Dichternekrolog, oder gedraͤngte Ueberſicht, ſowohl der ältern als. neuern verſtorbenen deutſchen Dichter, Noman⸗ ſchriftſteller, Erzähler und Ueberſetzer, nebſt ge⸗ nauer Angabe ihrer Schriften. 8. uthl. 4 gr. Sander, H. Von der Guͤte und Weisheit Gottes. in der Natur. Ein Buch zur Belehrung und Erbauung fuͤr Menſchen, welche die Natur und Gott aus derſelben kennen lernen wollen. hte verb. Auflage. 8. 1820. 2thl. Stepf, J. H., Gallerie aller juriſtiſchen Autoren von der älteſten bis auf die jetzige Zeit, mit Angabe ihrer vorzuͤglichſten Schriften nach alphabet. Ordnung aufgeſtellt. r Bd., A. B. ar Bd., C. D. E. gr. 8. 1821 n. 2522, 5 thl. 8 gr. 3r Bd., F. G. —— die Lehre vom Contradictor bei erkanntem Concursproceſſe nach gemeinem und baieriſchem Recht. Zweite umgearb. Auflage. gr. 8. 1821. thl. 6gr. deter Eltern. Zum Schul⸗ und Privatgebrauch. Als erſte praktiſche Anleitung zur innern und äußern Einrichtung der Briefe und zum Brief⸗ ſchreiben uͤberhaupt. 8. 1822. 9 gr. Zeichnenkunſt. Fricke, F. A., Vorschule der freien Hand- zeichnung in äs lithographirten symmetri- schen Vorlegeblättern für Schulen und zum Selbstunterricht. Der Vorschule der Blu- menzeichnenkunst dritte umgeänderte und verb. Auflage. 1thl. —— Unterricht in der Blumenzeichnenkunst zur Uebung für Schatten und Licht in 24 nach der Natur auf Stein gezeichneten Vorlege- plättern. Zweite verbesserte Auflage. 1ihl⸗ —— Unterricht in der Thierzeichnenkunst in 36 theils nach der Matur, theils nach den besten Meistern auf Stein gezeichnéten Vorlegeblättern- 1thl. 8 gr. —— der vollkommene Blumenzeichner, oder gründlicher Unterricht in der Blumenzeich- nenkunst, zum Gebrauch für Schulen und Selbstunterricht. 2 Lieferungen in 56 litho- graphirten Vorlegeblättern. 4. 2 thl. 8gr. —— der Landschaftszeichner u. s. w. 4 Lie- ferungen.. 4thl. —— Zammlung architektonischer Verzie- rungen nach antiken Blättern zum Gebrauch für Bürger- und Sonntagsschulen in 24 li- chograph. Vorlegeblättern- 20 gr. Moſer, D. A., Briefſammlung fuͤr Kinder gebil⸗ 1 . ſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1 . 9 8 † 8 l 3½ & 3 S 5 8 8 8. „.* k