Grak Bobert von Paris. Von Sir Walter Scott. Aus dem Engliſchen. Siebenter Theil. S tuttgart Fr. Brod hag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 2. ——„v Siebenundzwanzigſtes Kapitel. (Fortſetzung.) Mein edler Freund, ſagte er zu ihm, wie richtig habt ihr meine Abſichten durchſchaut, indem ihr an⸗ nehmet, daß das Gute, was Leute von eurem Charak⸗ ter aus dem Unglucke ziehen können, lediglich der von mir beabſichtigte Vortheil eurer Gefangenſchaft war, welche ſich durch traurige Umſtände bei weitem mehr hinausgezogen hat, als ich wünſchte! Laſſet mich den großmüthigen Mann umarmen, welcher ſo gut die Abſichten eines verlegenen aber treuen Freundes aus⸗ zulegen verſteht. Der Gefangene richtete ſich von ſeinem Lager zum Sitzen auf. Einen Augenblick! ſagte er; meine Gedanken ſchei⸗ nen ſich mir nach und nach zu ordnen.— Ja, das iſt die verrätheriſche Stimme, welche mich Anfangs als Freund empfing, und die mir in der Folge grauſam das Licht der Augen rauben ließ.— Verdopple deine Martern, wenn du willſt, Comnenus;— vermehre, 6 wenn dn es kannſt, die Foltern meines Gefängniſſes; — aber da ich deine grauſamen und heuchleriſchen Züge nicht ſehen kann, ſo verſchone mich aus Erbarmen mit einer Stimme, deren Klang meinem Ohre verhaßter iſt, als das Geziſche der Schlangen und Kröten und was es noch ſonſt in der Natur Empörendes und Ab⸗ ſcheuliches geben mag. Dieſe Rede wurde mit ſoviel Kraſt ausgeſprochen, daß ihn Alexius vergeblich zu unterbrechen ſuchte, ob— wohl er mit ſeiner Tochter und Duban die aufrichtige Sprache eines natürlichen Rachegefühles bei weitem deutlicher ausgedrückt hörte, als er es gedacht hatte. Erhebe dein Haupt, Unvorſichtiger, ſagte er zu ihm⸗ und feßle deine Zunge, ehe ſie noch weiter in Worten fortfaͤhrt, welche dir theuer zu ſtehen kommen koͤnn⸗ ten. Schaue mich an, und ſieh, ob ich dir nicht eine Belohnung aufgeſpart habe, welche im Stande iſt, dir alle die uebel zu verguͤten, deren mich deine Thorheit anklagen kann. Bis jetzt hatte der Gefangene hartnaͤckig ſeine Au⸗ genlieder zugehalten, indem er die verworrene Erin⸗ nerung an die Dinge, welche er in der vorhergehen⸗ den Nacht unvollkommen geſehen hatte, als eine Taͤu⸗ ſchung ſeiner Einbildungskraft betrachtete, wenn nicht gar als ein Gemaͤlde, welches ihm von einem Geiſte der Verſuchung vorgehalten worden war. Aber als jetzt ſeine Augen auf die majeſtätiſche Geſtalt des Kaiſers und die anmuthreichen Zuge ſeiner liebens⸗ 7 wuͤrdigen Tochter in den erſten Strahlen der Mor⸗ genröthe ſielen, da rief er mit ſchwacher Stimme:;— 4 Ich ſehe!— ich ſehe! Und bei dieſen Worten ſank er bewußtlos auf ſein Kopfkiſſen nieder: dadurch wurde der Arzt aufs Neue beſchaftigt, ihn in das Leben zu⸗ ruͤckzurufen. Das iſt eine wunderbare Cur! ſagte Duban; und der hoͤchſte meiner Wuͤnſche wäre, dieſes wunderbare Geheimniß zu beſitzen. Thor! ſagte der Kaiſer; kannſt du nicht begreifen, daß man dasjenige leicht wieder geben kann, was man niemals genommen hat?— und mit gedämpf⸗ ter Stimme fuhr er fort:— Man hat ihn einer ſchmerzhaften Behandlung unterworfen, welche ihm den Glauben beigebracht hat, als ob die Geſichtswerk⸗ zeuge in ihm zerſtoͤrt waͤren; und da kein Licht in ſeinen Kerker drang, ſo haben ihn die körperlichen und geiſtigen Finſterniſſe, welche ihn umgaben, ver⸗ hindert, das Vorhandenſeyn dieſes koſtbaren Sinnes zu bemerken, deſſen er ſich beraubt glanbte.— Du wirſt mich vielleicht fragen, warum ich ihn auf eine ſo ſeltſame Art getaͤuſcht habe? Es geſchah einfach darum, daß er durch dieſes Mittel der Herrſchaft un⸗ fahig gehalten wuͤrde, und daß ſein Andenken aus dem Geiſte des Volkes verſchwände, waͤhrend ich ihm zu gleicher Zeit das Geſicht erhielt, um ihn erforder⸗ lichen Falles aus ſeinem Gefaͤngniſſe zu ziehen, und ſeinen Muth und ſeine Geiſtesgaben zu benutzen⸗ 8 wie ich es im Augenblicke zum Heile des Reiches zu thun gedenke, um ihn den Pläͤnen anderer Aufruͤh⸗ rer entgegenzuſtellen. Und Ew. Maj. glaubt, die Liebe und Treue dieſes Mannes durch das gegen ihn befolgte Verfahren er⸗ worben zu haben? Ich kann das nicht ſagen. Darüber muß die Zu⸗ kunft entſcheiden. Nur ſo viel weiß ich, daß es nicht mein Fehler ſeyn ſoll, wenn Urſel die Freiheit, eine lange Bahn der Macht, vielleicht durch eine Verbin⸗ dung mit unſrem Blute bekraͤftigt, und die Erhal⸗ tung des Genuſſes des koͤſtlichen Augenlichtes, das ihm ein minder gewiſſenhafter Fuͤrſt geraubt haben wurde, nicht einem kuͤmmerlichen Leben in den Fin⸗ ſterniſſen des Kerkers vorzieht. Da dieſes die Meinung und Entſchließung Ew. Hoheit iſt, ſo erheiſcht es meine Pflicht euch behülf⸗ lich zu ſeyn, und euch nicht zu widerſprechen. Er⸗ laubet mir daher die Bitte, daß ihr euch mit der Prinzeſſin zuruͤckziehen moͤget, damit ich die noͤthigen Mittel anwenden kann, um die Kraͤfte eines ſo ge⸗ waltſam zerruͤtteten Geiſtes wieder herzuſtellen, und um ihm den vollkommenen Gebrauch ſeiner Augen wieder zu ſchenken, den er ſo lange entbehrt hat. Ich bin es zufrieden, Duban; aber merke dir wohl, daß urſel nicht eher vollkommen in Freiheit geſetzt wird, als wenn er ſeinen Entſchluß ausgeſprochen haben wird, ſich mir wahrhaft anzuſchließen. Auch 9 mag er und du wiſſen, daß ich zwar nicht die Ab⸗ ſicht habe, ihn in die Gefaͤngniſſe des Blakernal zu⸗ ruͤckzuſchicken, daß er aber, wenn es ihm oder Einem ſtatt ſeiner einfallen ſollte, ſich in dieſem gefäͤhrlichen Augenblicke an die Spitze einer Parthei zu ſtellen, bei meiner Ehre!— um mich eines fraͤnkiſchen Schwu⸗ res zu bedienen,— nicht auſſer dem Bereiche der Streitärte meiner Wäringer ſeyn ſoll. Ich verlaſſe mich auf dich, daß du ihm dieſes mittheileſt, was ſo⸗ wohl ihn als Alle, die an ihm Theil nehmen, ange⸗ het.— Kommt, meine Tochter, wir wollen uns ent⸗ fernen, und den Arzt mit ſeinem Kranken allein laſſen.— Vergiß ja nicht, Duban, mich zu benach⸗ richtigen, ſobald Urſel im Stande ſeyn wird, ſich mit mir in ein vernuͤnftiges Geſpräch einzulaſſen. Bei dieſen Worten gingen Alexius und ſeine ge⸗ lehrte Tochter aus dem Zimmer. 1⁰ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Suͤß iſt des Ungluͤcks Frucht, das, wie die Kroͤte Zwar häßlich iſt und giftig, doch im Kopf Verborgen trägt ein koſtliches Juwel. Wie es euch gefaͤllt. Von einer Terraſſe des Blakernal herab, auf wel⸗ che man durch die in das Zimmer des Urſel führende Glasthüre gelangte, hatte man eine der ſchönſten und großartigſten Ausſichten auf die maleriſchen Umgebun⸗ gen Conſtantinopels. Hierher führte der Arzt den Gegenſtand ſeiner Sorg⸗ falt, nachdem er ihm die nöthige Zeit zur Beruhi⸗ gung und Erquickung ſeines erſchuͤtterten Geiſtes ge⸗ laſſen hatte; denn Urſel hatte von ſelbſt, ſobald er ſich etwas ruhiger befand, verlangt, ſich überzeugen zu können, ob er wirklich ſein Geſicht wieder bekommen hätte, indem er wieder den erhabenen Anblick der Schöpfung genöße. Die eine Seite der Ausſicht, welche ſich ihm darbot, war ein Meiſterwerk menſchlicher Kunſt. Die ſtolze Stadt, mit prächtigen Gebänden geſchmückt, wie ſie der Hauptſtadt der Welt würdig waren, bot eine Reihe glänzender Thürme und Saͤulen dar, zum Theil in reinem und einfachem Geſchmacke mit Knäufen nach 1¹ Art der Körbe voll Akomthusblättern, zum Theil mit Schäften nach Art der alten Griechiſchen Lanzen: einfachen Formen, aber aumuthiger in ihrer Einfach⸗ heit, als alle ſeit jener Zeit vom menſchlichen Geiſte erfundenen. Mit dieſen glänzenden Muſtern der al⸗ ten Kunſt vermiſchten ſich Stücke aus minder entfern⸗ ten Jahrhunderten, wo ein neuerer, nach Vervollkomm⸗ nung ſtrebender Geſchmack die verſchiedenen Ordnun⸗ gen vermengt und die ſogenannte zuſammengeſetzte Ordnung oder andere ganz regelloſe hervorgebracht hatte. Indeſſen ſicherte ihnen die Großartigkeit der Gebäude, woran ſie verwendet waren, Achtung, und ihre ungeheure Ausdehnung mußte auf den beſten Richter in der Baukunſt einen gewaltigen Eindruck machen, wenn er auch durch den verdorbenen Ge⸗ ſchmack derſelben beleidigt werden mochte. Triumph⸗ bogen, Thürme, Obelisken, ſpitze Glockenhäuſer, erho⸗ ben ſich in bunter Verwirrung, aber mit Pracht in die Luͤfte. Tiefer erblickte man die Straßen der Stadt und die Hütten der Einwohner, welche lange ſchmale Reihen bildeten, zu beiden Seiten Häuſer von ungleicher Hohe; aber da ſie meiſtens in eine Terraſſe voll Pflanzen, Blumen und Springbrunnen ausliefen, ſo boten ſie, von einem erhabenen Punkte geſehen, ein edleres und anziehenderes Schauſpiel dar, als die vorhängenden und einförmigen Häuſer der Hauptſtaͤdte des nördlichen Europa's. Soviel, um die Vorſtellung zu beſchreiben, welche 12 ein einziger Blick in dem Geiſte Urſel's erzeugte; und dieſer Aublick war ihm anfangs drückend. Seine Augen hatten ſeit langer Zeit die Gewohnheit der täglichen Uebung verloren, welche uns gewöhnt, die vor unſerem Geſichte erſcheinenden Gegenſtaͤnde, den durch unſere anderen Sinne erworbenen Kenntniſſen unterzuordnen. Seine Vorſtellungen von der Ent⸗ fernung, waren ſo in Verwirrung gerathen, daß es ihm vorkam, als ob die Glockenhäuſer, die Thürme und Minarrets, welche er ſah, um ihn ſtünden, und ihn faſt berührten. Urſel konnte ſich eines Schrei's des Ent⸗ ſetzens nicht erwehren, drehte ſich um, und heftete ſeine Blicke auf ein verſchiedenes Schauſpiel. Er ſah auch Thürme, Kirchſpitzen und Thürmchen, aber im Spiegel der ſchönen Waſſerfläche, welche den Hafen von Conſtantinopel bildet, und goldenes Horn heißt, wegen der ungehenern Schätze, welche ſie in die Stadt führte. Auf der einen Seite war dieſes prachtvolle Becken von Uferſtraßen umgeben, wo große Schiffe ſich ihrer koſtbaren Laſt entluden, während an dem andern ufer Galeeren, Felucken, und andere kleine Fahrzeuge ſchneeweiße und ſeltſamgeſtaltete Tücher ausſpannten, welche ihnen als Segel dienten. An andern Stellen war das goldne Horn von einem grünen Mantel von Bäumen beſchattet; auch erſtreckten ſich die Gärten der Reichen und Vornehmen, ſowie öffentliche Belu⸗ ſtigungsörter bis an das Waſſer, das ihnen als Grän⸗ ze diente. ————— 15 Auf dem Bosphorus, welchen man in der Ferne ſehen konnte, lag die kleine Flotte Tankred's an dem⸗ ſelben Orte vor Anker, wo ſie in der verfloſſenen Nacht angekommen war, und über den Landungsort gebieten konnte. Tankred hatte es vorgezogen daſelbſt zu blei⸗ ben, und nicht während der Nacht in Conſtantinopel zu landen, weil er nicht wußte, ob er als Freund oder Feind empfangen werden würde. Indeſſen hatten die Griechen dieſe Friſt benutzt, um, entweder auf Befehl des Alexius, oder einiger Verſchworenen, ſechs wohl⸗ bemannte, und mit den damaligen Angriffswerkzeugen der Griechen zur See gut verſehene Kriegsſchiffe da⸗ hin zu bringen, und ſie ſo zu ſtellen, daß ſie den noth⸗ wendigen Landungsplatz der Truppen Tankred's deck⸗ ten. 5 Dieſe Vorbereitungen verurſachten Tankred einige Ueberraſchung, weil er nicht wußte, daß dieſe Schiffe in der vergangenen Nacht aus Lemnos angekommen waren. Indeſſen der unbändige Muth dieſes Fürſten wurde dadurch keineswegs erſchüttert, ſo groß auch immer die unerwartete Gefahr ſeyn mochte, welche jetzt ſeiner Unternehmung zu drohen ſchien. Dieſen glanzvollen Anblick, deſſen Beſchreibung uns zu einer kleinen Abſchweifung veranlaßt hat, genoß der Arzt und Urſel von der Höhe einer der erhaben⸗ ſten Terraſſen des Blakernal herab. Nach der Stadt zu war dieſe Terraſſe von einer beträchtlichen hohen Mauer umgeben, welche dem Dache eines niedrigeren 14 Gebäudes zur Stutze diente, deſſen nach Außen ge⸗ hender Abhang die ungeheure Höhe der Mauer er⸗ blicken ließ: Nichts ſtörte den Blick als ein großes Geländer von gediegenem Erze, welches nach der Ha⸗ fenſeite fortlief, und einen tiefen Abgrund beherrſchte. Kaum hatte urſel ſeine Augen nach dieſer Seite gewendet, ſo ſchrie er, obwohl noch weit von dem Rande der Terraſſe entfernt: zitternd:— Rettet mich! rettet mich! wenn ihr nicht der Vollſtrecker des kaiſerlichen Willens ſeyd! Das bin ich in der That, antwortete Duban; aber ich habe von ihm den Befehl bekommen, eure Heilung zu vollenden, aber nicht euch zu ſchaden, oder euch von Anderen ſchaden zu laſſen. So ſchuͤtzet mich vor mir ſelbſt, entgegnete Urſel, und rettet mich vor dem wahnſinnigen und raſenden Verlangen, welches ich verſpüre, mich in den Abgrund zu ſtürzen, an deſſen Rand ihr mich geführt habt. Dieſe gefährliche Verſuchung, antwortete der Arzt, theilen Alle, welche lange Zeit nicht von einer großen . Höhe in die Tiefe eines Abgrundes geſehen haben, und nun plötzlich in dieſe Lage verſetzt werden. So wohl⸗ thätig die Natur iſt, ſo hat ſie doch nicht dafür ge⸗ ſorgt, daß wir die Fähigkeiten, deren Gebrauch uns Jahrelang entzogen worden iſt, auf der Stelle in ih⸗ rer ganzen Vollkommenheit wiederbekommen könnten. Ein mehr oder weniger langer Zwiſchenraum muß dazu verhelfen. Koͤnnt ihr euch nicht auf dieſer Ter⸗ 15 raſſe ſicher glauben, wann ihr euch zwiſchen mir und dieſem treuen Sklaven da befindet? Verzeiht mir, ſagte Urſel, aber laßt mich mein Geſicht nach jener ſteinernen Mauer wenden, denn ich vermag nicht den Anblick dieſes ſchwachen Werkes von Meſſingdraht zu ertragen, welches mich allein von dieſem Abgrunde trennt.— So nannte er das eherne Gelaͤnder, welches ſechs Fuß hoch war und eine verhältnißmäßige Dicke hatte. Bei dieſen Worten er⸗ griff Urſel heftig den Arm Dubans, obwohl er jünger und ſtärker als der Arzt war, und ſetzte zitternd und langſam ſeine Füße vor einander, als wenn ſie von Blei geweſen wären⸗ Endlich erreichte er die Glas⸗ thüre, bei welcher eine Art Bank war, und ſetzte ſich auf dieſelbe.— Hier will ich bleiben, ſagte er. Und hier, ſagte Duban, will ich euch von Seiten des Kaiſers Dinge ſagen, auf welche es gut iſt, daß ihr vorbereitet ſeyd, ihm zu antworten. Ihr werdet erfahren, daß er euch die Wahl zwiſchen der Freiheit und der Gefangenſchaft läßt; aber er macht euch zur erſten Bedingung, daß ihr dem ſüßen, aber ſtrafbaren Vergnügen der Rache entſaget, welches, ich kann es euch nicht verbergen, das Schickſal euch zu vergönnen geueigt ſcheint. Ihr wißt, daß euch der Kaiſer wit eiferſuͤchtigem Auge angeſehen hat; ihr wißt, welche uebel ihr auf ſeinen Befehl erlitten habt; koͤnnt ihr ihm alles Vorgefallene verzeihen? Erlaubet mir, daß ich meinen Kopf in meinen Man⸗ 16. tel hülle, antwortete Urſel, um den Schwindel zu zer⸗ ſtrenen, welcher noch mein armes Gehirn ergreift; und ſobald ich die Macht der Erinnerung wieder be⸗ kommen habe, werde ich euch meine Geſinnungen zu Wiſſen thun. Er neigte ſich vorwärts auf ſeinem Sitze und um⸗ hüllte ſeinen Kopf, wie er geſagt hatte; nach einigen Minuten des Nachdenkens richtete er mit einem Zit⸗ tern, welches bewies, daß ſeine Nerven noch von Ab⸗ ſcheu und Schrecken erſchuͤttert waren, folgende Worte an Duban: Im erſten Augenblicke iſt die nothwendige Wirkung der Ungerechtigkeit und Grauſamkeit, daß derjenige, welcher das Opfer derſelben iſt, die heftigſte Erbitte⸗ rung darüber empfindet, und keine Leidenſchaft lebt vielleicht länger in ſeinem Herzen als der natürliche Wunſch nach Rache. Wenn man mir daher während des erſten Monats, welchen ich auf meinem Lager der Entbehrung und des Elends zubrachte, eine Gelegen⸗ veit dargeboten hätte, mich an meinem grauſamen Unterdrücker zu rächen, ſo würde ich ſie ſehr gerne mit dem Opfer meines gauzen übrigen elenden Lebens erkauft haben. Aber die Wirkung wochen-, ja ſelbſt monatelanger Leiden iſt nicht mit dem Eindrucke jahre⸗ langen Unglücks zu vergleichen. Waͤhrend der erſten Leidenszeit behält Leib und Seele jene Kraft, welche den Gefangenen noch an das Leben knüpft, und ihn lehrt, mit Schaudern an die lange vergeſſene Kette ———— 17 von Hoffnungen, von Wünſchen, von Aerger und Un⸗ willen zu denken, welche ſein früheres Daſeyn bezeich⸗ net haben. Aber die Wunden vernarben mit der Zeit, und ganz verſchiedene und lobenswerthere Geſinnungen treten an die Stelle der erſten, welche ſich endlich in Vergeſſenheit verlieren. Die Freuden und Ergößlich⸗ keiten der Welt beſchäftigen nicht mehr die Zeit des⸗ jenigen, über welchem die Pforten der Verzweiflung geſchloſſen ſind. Ich will es euch ſagen, mein guter Arzt, daß ich eine Zeit lang den wahnſinnigen Ver⸗ ſuch machte, mich in Freiheit zu ſetzen, und einen beträchtlichen Theil eines natürlichen Felſen durchbohrt habe. Aber der Himmel heilte mich von einem ſo tol⸗ len Gedanken; und wenn ich es nicht ſo weit gebracht habe, den Alepius Comnenus zu lieben, was nicht möglich war, ſo lange ich den Gebrauch meiner Ver⸗ nunft behielt, ſo mußte ich doch, je mehr ich meine eignen Irrthümer, Fehler und Thorheiten einſah, deſto mehr die Ueberzeugung gewinnen, daß Alexius nur das Werkzeug geweſen war, deſſen ſich der Himmel bedient hatte, um ſein Strafrecht an mir wegen mei⸗ ner Miſſethaten und Suͤnden auszuüben, und daß ich folglich den Kaiſer nicht zum Gegenſtande meines Haſ⸗ ſes machen ſollte. Und gegenwaͤrtig kann ich euch ver⸗ ſichern, ſo viel nehmlich ein Menſch, in welchem eine ſo ſchreckliche Umwälzung vorgegangen iſt, ſeine eignen Geſinnungen zu kennen vermag, daß ich keinen Wunſch verſpüre, der Nebenbuhler des Alexius in der Herr⸗ W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1698 Bochn. 2 18 ſchaft zu werden, oder ſeine verſchiedenen etwaigen Anerbietungen zu benutzen, die er mir für meine Ent⸗ ſagung auf meine Anſprüche machen kann. Mag er ſeine Krone behalten, ohne ſie zu erkaufen; er hat ſie, meine ich, zu theuer bezahlt. Das iſt eine ungewoͤhnliche Standhaftigkeit, edler urſel, antwortete Duban. Soll ich alſo daraus ſchlie⸗ ßen, daß ihr die vortheilhaften Anerbietungen des Alexius zurückweiſet, und daß ihr, Statt alles deſſen, was er euch zu bewilligen beabſichtigt, ja wunſcht, in vas duſtere Gefaͤngniß des Blakernal zuruͤckgeſchickt werden wollt, um darin mit Muße jene Bußgedan⸗ ken fortzuſetzen, welche euch ſchon zu einem ſo uͤber⸗ ſpannten Entſchluße gefuͤhrt haben? Arzt, ſagte urſel, waͤhrend ein Schander uͤber ſei⸗ nen ganzen Leib lief, und die Unruhe verrieth, wel⸗ che ihm dieſe Wahl verurſachte; man ſollte denken, dein Stand hätte dich belehrt, daß kein Menſch, er muͤßte denn die Vorbeſtimmung haben, ein ruhmwuͤr⸗ diger Heiliger zu werden, die Finſterniß dem Tages⸗ lichte, die Blindheit dem Genuſſe des Geſichtes, die Pein des Hungers dem Ueberfluße an Lebensfreuden und ein feuchtes Gefängniß der friſchen Himmelsluft vorziehen moͤchte. Nein! es kann vielleicht Tugend ſeyn, alſo zu handeln; aber die meinige erhebet ſich nicht ſo hoch. Ich verlange von dem Kaiſer, um ihn mit aller Macht, welche ihm mein Name in dieſem entſcheidenden Augenblicke verleihen kann, zu unter⸗ — 49 ſtuͤtzen, Nichts weiter, als daß er mich als Moͤnch in eines jener ſchoͤnen, reich ausgeſtatteten Kloͤſter aufnehmen läßt, welche ſeine Froͤmmigkeit oder ſeine Furcht errichtet hat. Er ſoll mich nicht mehr als den Gegenſtand ſeines Verdachtes betrachten, deſſen Wirkung ſchrecklicher iſt, als die ſeines Haſſes. Von der Gewalt vergeſſen, wie ich ſelbſt die Erinnerung an die damit Bekleideten verloren habe, will ich dem Grabe zueilen, dunkel, unbekannt, aber in Freiheit, im Beſitze meiner Geſichtswerkzeuge, und überdem in Frieden. Wenn das euer ernſtlicher Wunſch iſt, edler Urſel, ſo iſt er ſo fromm und gemaͤßigt, daß ich keinen An⸗ ſtand nehme, euch ſeine gaͤnzliche Erfuͤllung zu ver⸗ ſprechen. Aber bedenket euch wohl: ihr lebtet einſt am Hofe; ihr koͤnnt heute daran Alles, was euch ge⸗ fallt, erhalten: waͤhrend vielleicht morgen, wenn euch eure Gleichguͤltigkeit reute, eure Bitten nicht die geringſte Vermehrung eures jetzigen Verlangens er⸗ halten. Einerlei! Aber in dieſem Falle werde ich mir eine andere Bedingung ausmachen, welche nur auf den heutigen Tag Bezug hat. Ich erbitte mir nehmlich ganz demuthig, daß mir Seine kaiſerl. Majeſtät die todtliche Pein erſparen moͤge, mich perſoͤnlich mit ihr einen Vertrag abſchließen zu laſſen; ſie mag ſich mit der feierlichen Verſicherung begnugen, daß ich bereit bin, für ſie Alles zu thun, was ſie mir befehlen wird; 20 dagegen verlange ich nur die Vollziehung der gemaͤ⸗ ßigten Bedingungen fuͤr mein künftiges Leben, welche ich euch mitgetheilt habe. Doch warum wolltet ihr euch fuͤrchten, ſelbſt dem Kaiſer eure Zuſtimmung zu einem Vergleiche anzu⸗ kuͤndigen, deſſen Bedingungen von eurer Seite nur aͤußerſt gemaͤßigt erſcheinen koͤnnen? Ich beſorge in der That, daß der Kaiſer auf einer kurzen Unterre⸗ dung mit euch beſtehen moͤge. Ich ſchaͤme mich nicht, euch die Wahrheit einzuge⸗ ſtehen. Es iſt wahr, daß ich auf das verzichtet habe, was die Schrift den weltlichen Stolz nennt, wenig⸗ ſtens glaube ich es; aber der alte Adam lebt beſtäͤn⸗ dig in uns, und fuͤhrt einen ewigen Krieg mit un⸗ ſerer beſſeren Natur, und es iſt leichter ihn aus ſei⸗ nem Schlafe aufzuwecken, als ihn im Frieden wieder zur Ruhe zu legen. Als ich in der verfloſſenen Nacht nur halb erkannte, daß mein Feind vor mir ſtand, und meine Fähigkeiten nur zur Haͤlfte ihren Dienſt tharen, indem ſie mir ſeine trügeriſchen und verabſcheuungswuͤrdigen Toͤne in's Gedaͤchtniß riefen, zuckte da nicht mein Herz in meinem Buſen, wie ein Vogel in der Hand des Vogelſtellers? Und wa⸗ rum ſoll ich noch perſoͤnlich einen Vertrag mit einem Menſchen abſchließen, der, wie ſonſt immerhin ſein Betragen im Allgemeinen ſeyn mag, fuͤr mich, ohne einen Anlaß von meiner Seite, die beſtändige urſache eines unvergleichlichen Elends geweſen iſt?— Nein, 21 Duban! Sollte ich wieder ſeine Stimme hoͤren, ſo hieße das die Laͤrmglocke zur Erweckung aller heftigen und rachgierigen Leidenſchaften meines Herzens rüh⸗ ren; und obwohl ich den Himmel zum geugen nehme, daß ich keine ſchlimmen Abſichten gegen ihn naͤhre, ſo kann ich doch unmoͤglich ſeine Betheurungen ohne Gefahr fuͤr ihn und fuͤr mich anhoͤren. Wenn dieß eure ueberzeugung iſt, ſo werde ich mich darauf beſchränken, ihm eure Bedingungen mit⸗ zutheilen, und ihr muͤßt ihm den Eid leiſten, ſie zu vollziehen. Ohne das wurde es ſchwierig, ja vielleicht unmoͤglich ſeyn, den Vertrag abzuſchließen, welchen ihr Beide wuͤnſchet. Amen! antwortete Urſel. Und da meine Abſichten rein ſind, und ich feſt entſchloſſen bin, ſie nicht zu aͤndern, ſo moͤge der Himmel von mir jeden Rache⸗ gedanken, jede Erinnerung des alten Grolles und je⸗ den Grund neuer Zwiſtigkeiten von mir entfernt halten! Man vernahm bald darauf ein gebieteriſches Klo⸗ pfen an der Zimmerthuͤre, und Urſel, welcher ſeinen Kopf von dem Schwindel, woruͤber er ſich beklagt hatte, Dank den maͤchtigeren Gefuͤhlen, welche ihn beſeelten, befreit fuhlte, kehrte mit feſtem Schritte in das Zimmer zuruck, ſetzte ſich nieder, und erwar⸗ tete mit weggewandten Blicken den Eintritt der Per⸗ ſon, welche ſich angekundigt hatte, und Niemand an⸗ ders als Alexius Comnenus ſelbſt war. 22 Der Kaiſer erſchien in der Thüre in kriegriſchem Gewande, gekleidet wie ein Fuͤrſt, der einen Zwei⸗ kampf in den Schranken leiten ſollte. Weiſer Duban, ſagte er, hat der Gefangene, fuͤr welchen wir eine ſo hohe Achtung hegen, zwiſchen unſrer Liebe und unſrer Feindſchaft gewählt? Ja, Sire, er will das Loos jenes gluͤcklichen Thei⸗ les des Menſchengeſchlechtes theilen, welcher ſein Herz und ſein Leben dem Dienſte Ew. Maj. geweiht hat. Er will mir alſo heute den Dienſt erweiſen, alle diejenigen zu unterdruͤcken, welche einen Aufſtand zu erregen denken durch Gebrauch ſeines Namens, und unter dem Vorwande der ihm zugefügten Ungerech⸗ tigkeiten? Er wird buchſtablich, Sire, alle eure Befehle voll⸗ ziehen. und auf welche Weiſe, fragte der Kaiſer, indem er den huldreichſten Ton annahm, wuͤnſcht unſer treuer urſel ſolche, in einem Augenblicke dringen⸗ der Gefahr geleiſtete Dienſte vom Kaiſer belohnt zu ſehen? Einzig dadurch, daß ihr nicht mit ihm davon ſprecht, Sire. Er wuͤnſcht nur, daß alle Feindſchaft zwiſchen euch und ihm in Zukunft vergeſſen, und ihm erlaubt werden moͤge, in eines der frommen von Ew. Maj. gegruͤndeten Hauſer zu treten, um darin ſein uͤbri⸗ ges Leben der Antbetung Gottes und ſeiner Heiligen zu weihen. 23 Biſt du deſſen gewiß, Duban? ſagte der Kaiſer, mit veraͤnderter und leiſerer Stimme. Beim Him⸗ mel! wenn ich daran denke, aus welchem Kerker er geholt und auf welche Art er behandelt worden iſt, ſo kann ich nicht an ſo friedliche Geſinnungen glau⸗ ben. Er muß wenigſtens ſelber zu mir ſprechen, ehe ich bis zu einem gewiſſen Punkte glauben kann, daß der ungeſtuͤme urſel ſich in ein Weſen verwandelt hat, das die gewoͤhnlichen Triebe der Menſchheit ſo ſehr verlaͤugnen kann. Hoͤre mich an, Alexius Comnenus, ſagte der Ge⸗ fangene, und moͤgen deine Gebete vom Himmel in dem Maße erhoͤrt werden, als du den Worten, wel⸗ che ich in der Einfalt meines Herzens an dich richte, Glauben beimeſſen wirſt. Wenn dein Griechiſches Reich aus gemuͤnztem Golde beſtuͤnde, ſo koͤnnte es mir keinen hinreichenden Reiz darbieten, um michzu ſeiner Annahme zu beſtimmen; und, Dank dem Him⸗ mel, ſelbſt die von dir erlittenen Ungerechtigkeiten haben mir trotz aller ihrer Grauſamkeit und Groͤße nicht das geringſte Verlangen eingefloͤßt, mich wegen des Verrathes durch Verrath zu raͤchen. Denke von mir, was du willſt, nur ſuche nicht ferner mit mir eine Unterredung; und ſey uͤberzengt, daß wenn du mich in das ſtrengſte deiner Kloͤſter gebracht haſt, mir die Zucht, das Faſten und Wachen bei weitem vorzüglicher ſcheinen wird, als das Leben derjenigen, die der Herrſcher zu ehren geruht, und die folglich 24 jedes Mal, wo es verlangt wird, in ſeine Geſellſchaft kommen muͤſſen. Es ſchickt ſich kaum fuͤr mich, fagte der Arzt, mich in eine ſo hochwichtige Angelegenheit zu miſchen; in⸗ 7 deſſen da ich mit dem Vertrauen des edlen Urſel und ſeiner kaiſerl. Hoheit beehrt bin, ſo habe ich einen kurzen Auszug der Bedingungen gemacht, welche von den veiden betheiligten Seiten, bei Strafe der Fäl⸗ ſchung, vollzogen werden ſollen. Der Kaiſer ſetzte indeſſen ſeine Unterredung mit urſel fort, bis er ihm vollſtaͤndig auseinandergeſetzt hatte, auf welche Art er ſeine Dienſte am heutigen Tage noͤthig haͤtte. Als ſie Abſchied nahmen, um⸗ armre der Kaiſer ſeinen vormaligen Gefangenen mit großen Zeichen ſeiner Gunſt; und Urſel hatte alle ſeine Standhaftigkeit und Selbſtbeherrſchung noͤthig, um nicht offen den Abſchen auszudruͤcken, welchen ihm Derjenige einfloͤßte, der ihn jetzt umarmte. 25 Neunundzwanzigſtes Kapitel. S, Verſchworung! So ſchen'ſt du dich, die unheilvolle Stirn Bei Nacht zu zeigen, wo das Boͤſe waltet? D dann, wo findeſt du bei Tag die Hoͤhle Finſter zu decken deine Mißgeſtalt? Verſchwoͤrung, ſuche keine! huͤlle dich In Laͤcheln freundlicher Leutſeligkeit, Denn ſchreiteſt du im wahren Antlitz vor, So iſt der Erebus nicht ſchwach genug, Dich vor Entdeckung zu verhuͤllen. Julius Caſar. Endlich erſchien dieſer wichtige Morgen, woran nach der kaiſerlichen Bekanntmachung der Zweikampf zwi⸗ ſchen dem Cäſar und dem Gafen von Paris Statt ſinden ſollte. Dieſer Umſtand war den griechiſchen Sitten faſt ganz neu; und folglich knüpfte das Volk ganz andere Vorſtellungen daran, als die abendländi⸗ ſchen Nationen, welche ein ſolches Gefecht als ein feierliches Gottesurtheil betrachteten. Daraus ent⸗ ſtand eine unbeſtimmte, aber heftige Aufregung unter den Einwohnern Conſtantinopels, welche das unge⸗ wöhnliche Schauſpiel, deſſen Zengen ſie werden ſollten, . 26 den verſchiedenen Urſachen beimaßen, die, wie ein dumpfes Gerücht ging, eine allgemeine und furcht⸗ bare Empörung verurſachen zu ſollen ſchienen. Auf Befehl des Kaiſers hatte man regelmäßige Schranken eingerichtet mit Thoren sder Eingängen an beiden Enden wodurch die beiden Kämpfer eintre⸗ ten ſollten; dabei verſtand es ſich, daß jeder von ihnen einen Aufruf an die Gottheit in den Formen ſeiner Kirche machte. Dieſe Schranken befanden ſich am weſtlichen Ufer der Meerenge. In geringer Entfer⸗ nung ſah man die Stadtmauern in ihrer mannigfal⸗ tigen Bauart, mit ihren vierundzwanzig Thoren oder Pförtchen, wovon fünf auf der Landſeite, und neun⸗ zehn auf der Waſſerſeite lagen. Dieß Alles bot ein prachtvolles Schanſpiel dar, welches großen Theils heut zutage noch beſteht. Die Stadt hat ungefähr fünf Stunden im Umkreiſe; und da ſie auf allen Seiten von hohen Cypreſſen umgeben wird, ſo ſcheint ſie ſich aus einem Walde dieſer herrlichen Bäume zu erheben, die zum Theile die Thürme, Pfeiler und Thürmchen verdecken, welche damals die Stelle vieler ehrwürdi⸗ gen Chriſtentempel bezeichneten, und die gegenwaͤrtig im Allgemeinen die Lage von ebenſovielen muhame⸗ daniſchen Moſcheen verkündigen. Die Schranken waren auf allen Seiten mit Stufen für die Zuſchauer umgeben. In der Mitte dieſer Sitze und genau dem Mittelpunkte der Schranken gegen⸗ über war ein Thron für den Kaiſer errichtet, und von M den für das Volk beſtimmten Plätzen durch eine Um⸗ gebung von hölzernen Schutzwehren getrennt, welche im Nothfalle vertheidigt werden konnten, wie ein er⸗ fahrenes Auge leicht bemerkte. Die Schranken waren hundert vierundzwanzig Fuß lang, und ungefähr hundert zwanzig breit, ein hin⸗ länglicher Raum für einen Zweikampf zu Pferde oder zu Fuße. Von Tagesaubruch an begannen zahlreiche Haufen Einwohner aus der Stadt zu kommen: ſie prüften, nicht ohne Verwunderung, die Art, wie die Schranken gebaut waren, ſie beſprachen was der Nuz⸗ zen der verſchiedenen Beſtandtheile ſein könnte bund beſtellten ihre Plätze für das kommende Schauſpiel. Bald nachher kam eine zahlreiche Abtheilung jener Soldaten an, welche man Römiſche Unſterbliche nannte. Sie traten ohne Umſtände ein, und ſtellten ſich zu veiden Seiten der hoͤlzernen Schutzwehr auf, welche den für den Kaiſer beſtimmten Platz umgab. Einige nahmen ſich ſelbſt groͤßere Freiheit; denn indem ſie ſich ſtellten, als ob ſie von den Hinteren gedrängt würden, näherten ſie ſich der Schutzwehr, und ſchienen darü⸗ ber wegſpringen zu wollen, um in die dem Kaiſer vorbehaltene Umgebung zu treten. Einige alte Skla⸗ ven des kaiſerlichen Hanſes erſchienen alsbald, um die⸗ ſen heiligen Platz für Alexius und ſeinen Hof zu be⸗ wahren, und die Zahl der Vertheidiger des verbotenen Raumes ſchien in dem Maße zuzunehmen, als die Un⸗ ſterblichen dreiſter und ungeſtümer wurden. 28 Außer der großen Eingangsthuͤre zur kaiſerlichen Gallerie an der Außenſeite der Schranken, war ihr zur Seite, obwohl ganz unbemerklich, eine kleinere aber ſehr feſte angebracht, wodurch verſchiedene Per⸗ ſonen eingeführt wurden, und ſich unter dem Gerüſte aufſtellten, auf welchem die für den Hof beſtimmten Sitze waren. Dieſe Menſchen ſchieuen nach ihrem hohen Wuchſe, nach ihren breiten Schultern nach ih⸗ ren mit Pelz verbraͤmten Mänteln und beſonders nach ihren furchtbaren Streitäxten Wäringer zu ſein; und obwohl ſie weder ihre Prachtkleidung, noch ihre kriegeriſche Rüſtung trugen, ſo waren ſie doch mit ihrer gewöhnlichen Angriffswaffe verſehen. Dieſe Leute, welche in kleinen getrennten Haufen anlangten, vereinigten ſich mit den Pallaſtſflaven, um ſich dem von den Unſterblichen beabſichtigten Einbruche in die dem Kaiſer beſtimmte Umgebung zu widerſetzen; und da zwei oder drei derſelben endlich die Schutzwehren erklettert hatten, ſo wurden ſie von den kraftvollen und nervigten Armen der Wäringer vhne Umſtände auf die andere Seite geworfen. Die Einwohner, welche die benachbarten Gallerieen erfüllten, und welche meiſtentheils ihre Feierkleider angelegt hatten, machten lange Anmerkungen über dieſen Vorgang, und waren ſehr geneigt, den Unſterb⸗ lichen beizuſtehen. Es wäre eine Schande für den Kaiſer, ſagte man, daß er dieſen Barbariſchen Britten erlaubte, alſo Ge⸗ 29 walt anzuwenden, um ſich zwiſchen ſeine Perſon und die ſtädtiſchen Cohorten der Unſterblichen zu ſtellen, welche gewiſſermaßen ſeine eignen Kinder waren. Der Kämpfer Stephanos, welchen ſeine wunderbare Kraft und ſein rieſenhafter Wuchs unter den alſo Re⸗ denden auszeichnete, rief ohne Zaudern: Wenn ſich hier noch ein Paar brave Leute mit mir vereinigen wollen, um zu behaupten, daß die Unſterb⸗ lichen ungerechter Weiſe ihres Rechtes, die Perſon des Kaiſers zu bewachen, beraubt werden, ſo iſt hier der Arm, der ſie neben den kaiſerlichen Thron führen wird. Nein! nein! ſagte ein Centurio der Unſterblichen, den wir unſern Leſern ſchon unter dem Namen Har⸗ pax vorgeführt haben; nein, Stephanos: dieſer glück⸗ liche Augenblick kann kommen, aber er iſt noch nicht gekommen, mein Kleinod des Circus. Du weißt, daß bei dieſer Gelegenheit einer jener Grafen oder Fran⸗ ken des Abendlandes einen Zweikampf beginnen ſoll: daher haben die Wäringer welche ſie ihre Feinde nen⸗ nen, einiges Recht, den Vorrang bei der Schranken⸗ wache zu verlangen, und es möchte nicht gerathen ſein in dieſem Augenblicke mit ihnen Händel anzufangen. Wenn du nur halb ſoviel Verſtand haͤtteſt, als du groß biſt, ſo würdeſt dn einſehen, daß ein guter Jä⸗ ger nicht eher das Wild durch Geſchrei erſchreckt, als wenn er es im Bereiche der— Netze ſiehet. 30 Waͤhrend der Wettkämpfer ſeine großen grauen Augen rollten, als ob er den Sinn jenes Gleichniſ⸗ ſes ſuchte, machte ſein kleiner Freund, der Künſtler Lyſimachus eine Anſtrengung, um ſich auf ſeine Ze⸗ hen zu ſtellen, und ſagte mit kenntnißvoller Miene, indem er ſoviel als moͤglich ſich dem Ohre des Har⸗ par näherte:— Du kannſt auf mein Wort rechnen, tapfrer Centurio: dieſer ſtarke und kraͤftige Mann wird nicht, wie ein ſchlecht abgerichteter Hund, auf eine falſche Faͤrthe laufen, und ebenſo wenig wird er rnhig und unthaͤtig bleiben, wenn das allgemeine Zeichen gegeben wird. Aber ſage mir, ſeßte er mit gedämpfter Stimme hinzu, indem er ac ine Bank ſtieg, welche ſeinen Mund in gleiche Hoͤhe mit dem Ohre des Harpar brachte, waͤre es nicht beſſer gewe⸗ ſen, wenn man eine ſtarke Wache tapfrer Unſterbli⸗ chen in dieſe hölzerne Feſtung geſtellt hätte, um ſich des beabſichtigten Gegenſtandes zu verſichern? Ohne Zweifel, antwortete der Centurio; das war auch unfre Abſicht: aber dieſe Wäringer Landſtreicher haben dieſen Poſten auf eignen Antrieb beſetzt. und glaubt ihr, fuhr der Kuͤnſtler fort, daß ihr Andern, die ihr in bei weitem groͤßerer Anzahl da ſeyd, als dieſe Barbaren, nicht wohl daran thaͤtet, einen Streit mit ihnen anzufangen, ehe ihrer mehr kommen? Seyd ruhig, Freund, entgegnete der Centurio; wir kennen unſre Zeit. Ein zu fruͤhe begonnener Angriff —5 34 würde eher ſchlimm als nützlich ſeyn, und wir wuͤr⸗ den die Gelegenheit verlieren, unſere Plaͤne zu paſ⸗ ſender Zeit auszufuͤhren, wenn wir in dieſem Augen⸗ blicke zu voreilig Aufſehen erregten. Bei dieſen Worten zog er ſich mit würdevoller Miene unter ſeine Schaar zuruͤck, um keinen Ver⸗ dacht zu erregen, durch eine längere Unterhaltung mit den Verſchworenen von der Buͤrgerſchaft. In dem Maße als der Morgen vorruͤckte und die Sonne am Himmel hoͤher ſtieg, ſah man aus allen Theilen der Stadt verſchiedene Leute herbeieilen, welche Neugierde oder ein entſchiednerer Beweggrund zum Kampſfplatze fuͤhrte; Alle wetteiferten die noch leeren Plätze auf den Geruͤſten einzunehmen. Auf dem Wege nach dem Orte des Kampfes hatte man eine Art von kleinem Vorgebirge zu uͤberſteigen, welches ſich in das Meer hinaus erſtreckte, und deſſen mit dem ufer zu⸗ ſammenhaͤngender Theil eine ziemlich betraͤchtliche Hoͤhe hatte, und folglich eine bei weitem beſſere Aus⸗ ſicht auf die, Europa von Aſien trennende Meerenge gewaͤhrte, als die unmittelbare Umgebung der Stadt und beſonders als die noch viel niedrigere Gegend worin die Schranken lagen. Bei ihrem Wege uͤber dieſe Anhöhe hielten ſich die Erſten daſelbſt nicht auf, oder nur einen Augenblick: aber als man nach Ver⸗ lauf einer gewiſſen Zeit bemerkte, daß die nach den Schranken Eilenden an dieſer Stelle ohne ſcheinbaren Grund und ohne Beſchaͤftigung verweilten, ſo blieben 32 auch die Nachfolgenden in Folge einer natürlichen Neugierde ſtehen, entrichteten der Schoͤnheit der Ausſicht einen gerechten Zoll, und ſuchten auf dem Waſſer Etwas zu entdecken, was über den Ausgang der kommenden Ereigniſſe Aufſchluß geben koͤnnte. Einige Seeleute bemerkten zuerſt, daß ein Geſchwa⸗ der von kleinen Griechiſchen Schiffen— es waren die Schiffe Tankred's— von Aſien angekommen war, und Conſtantinopel mit einer Landung bedrohte. Es iſt auffallend, ſagte eine Perſon, welche die Wuͤrde eines Galeerenhauptmannes bekleidete, daß jene kleinen Schiffe, welche Befehl hatten, ſogleich nach der Ausſchiffung der Lateiner nach Conſtantino⸗ pel zuruckzukehren, ſo lange in Skutart geblieben ſind, und erſt am zweiten Tage nach ihrer Abfahrt in die Kaiſerſtadt zuruͤckkommen. Der Himmel gebe, ſagte eine andere Perſon deſſel⸗ ben Standes, daß dieſe Schiffe leer zuruͤckkommen. Ihre Maſte und ihr Tauwerk ſcheinen mir faſt die⸗ ſelben Zeichen zu tragen, welche man darauf aufge⸗ pflanzt ſah, als die Lateiner auf Vefehl des Kaiſers in der Richtung von Paläſtina fortgeſchafft wurden. Ihre Ruͤckkehr ſcheint der Ruͤckkehr einer Handels⸗ flotte zu gleichen, welcher nicht erlaubt wurde, ihre Laſt an ihrem Beſtimmungsorte zu entladen. Es iſt niemals viel zu gewinnen, ſetzte einer der Politiker hinzu, von welchen wir ſchon geſprochen ha⸗ ben, beim Handel mit dergleichen Waaren⸗ man mag ſie nur ein⸗ oder ausführen. Jenes große Banner, welches auf der erſten Galeere weht, verkuͤndet die Anweſenheit eines Anfuͤhrers, welcher durch Tapfer⸗ keit oder Herkunft eine nicht unwichtige Stelle un⸗ ter jenen Grafen einnimmt. Der Hauptmann ſetzte mit einem Tone, welcher auf irgend eine Gefahr deuten ſollte, hinzu:— Sie ſcheinen in dieſer Meerenge dergeſtalt vorgeruͤckt zu ſeyn, daß ſie die Fluth benutzen koͤnnen, um das Vorgebirge, worauf wir ſtehen, zu umfahren; aber warum wollen ſie ſo nahe an den Stadtmauern lan⸗ den? das laſſe ich einen geſchickteren Mann, als ich bin entſcheiden. Das geſchieht gewiß nicht in guter Abſicht, entgeg⸗ nete ſein Kamerad. Die Schatze der Stadt ſind eine Verſuchung für ein armes Volk, welches ſein Eiſen nur deßhalb ſchaͤtzet, weil es ihm die Mittel darbie⸗ tet, ſeine Gierde nach Gold zu befriedigen. Ohne Zweifel, Bruder, erwiederte der Politiker Demetrius;— aber ſiehſt du nicht ſechs gute Kriegs⸗ ſchiffe in der Bucht gerade an der Stelle vor Anker liegen, wohin jene Ketzer wahrſcheinlich von der Fluth werden getrieben werden? und haben ſie nicht unter ihren hohlen Verdecken die Mittel, um auf jene ei⸗ nen Hagel von Speeren und Pfeilen, ja von Griechi⸗ W. Scott's ſämmtl. Werke⸗ 1698 Bochn. 5 34 ſchem Feuer regnen zu laſſen? Wenn dieſe Franken, dieſes —„PropPago Contemptrix Superüm sane, saevaeque avidissims caedis, Ft violenta*),“ ihre Fahrt nach der Kaiſerſtadt fortſetzen, ſo werden wir bald Zeugen eines merkwüͤrdigeren Gefechtes wer⸗ den, als welches von der großen Trompete der Waͤ⸗ ringer angezeigt worden iſt. Wenn ihr mir glanbet, ſo wollen wir uns hier einen Augenblick niederſetzen, und ſehen, wie dieſe Sache ablaufen wird. Das iſt ein herrlicher Vorſchlag, mein geiſtreicher Freund, ſagte ein anderer Bürger, Namens Lascaris. Aber glaubt ihr, daß wir hier aus der Schußweite der Geſchoße ſind, mit welchen jene verwegenen La⸗ teiner unfehlbar auf das griechiſche Feuer antworten werden, wenn die kaiſerliche Flotte, wie ihr vermu⸗ thet, daſſelbe gegen ſie ſchleudern wird? Das iſt nicht unvernünftig geſprochen, entgegnete Demetrius; aber wiſſet, daß ihr mit einem Manne ſprechet, der ſchon eine ähnliche Gefahr beſtanden hat. Wenn die Lateiner eine Ladung ihrer Pfeile abſchick⸗ ten, ſo würde ich euch vorſchlagen, etwa neunzig Schritte zurückzugehen, und ſo den Gipfel des Vor⸗ *) Gottesläſterliche, nach grauſem Mord gierige und wilde Geſchlecht. Opid.) 35 gebirges zwiſchen ſie und uns zu bringen. Ein Kind könnte ihnen dann ohne die geringſte Gefahr trotzen. Ihr ſeyd ein weiſer Mann, Nachbar, ſagte Lasca⸗ ris, und ihr habt die Miſchung von Tapferkeit und Kenntniſſen, wie ſie für einen Mann paſſen, mit wel⸗ chem ein Freund ſein Leben wagen möchte in aller Sicherheit. Es gibt zum Beiſpiel Leute, welche einen beim Geringſten, was ſie uns ſehen laſſen, in Todes⸗ gefahr ſetzen; dagegen ihr, mein würdiger Freund Demetrius, Dank eurer Erfahrung im Kriegsweſen und eurer Rückſicht für eure Freunde, zeiget ihnen gewiß das Sehenswerthe ohne die geringſte Gefahr füͤr ihr Leben, das ſie naturlich nicht Luſt haben ir⸗ gend zu wagen.— Aber, heilige Jungfrau! was be⸗ deutet die rothe Flagge, welche der griechiſche Admi⸗ ral aufgeſteckt hat? Da ſeht ihr es, Nachbar, antwortete Demetrius; jene abendläͤndiſchen Ketzer ruͤcken weiter vor, ohne ſich um die verſchiedenen Zeichen zu kümmern, durch welche ſie unſer Admiral vom weiteren Vorgehen ab⸗ halten will; und jetzt pflanzt es eine blutige Fahne auf, als wenn ein Menſch die Fauſt ballte und ſagte: Wenn ihr auf eurer unhöflichen Abſicht beharret, ſo werde ich dieſes und jenes thun. Bei der heiligen Sophie! ſagte Lascaris, das heißt ein guter Rath. Aber was denkt unſer Admiral zu thun? Laufet, lauft, Freund Lascaris! ſchrie Demetrius; 36 ſonſt bekommt ihr vielleicht mehr zu ſehen, als eurer Neugierde lieb ſeyn mag. Und um mit der Lehre die Macht des Beiſpiels zu verbinden, ſo gürtete ſich Demetrius die Lenden, und zog ſich mit der erbaulichſten Schnelligkeit nach der entgegengeſetzten Seite des Vorgebirges zurück: ihm folgte der größte Theil der Nengierigen, welche an dieſem Orte ſtehen geblieben waren, um das von dem Neuigkeitskramer verſprochene Gefecht anzuſehen, und welche ſich hinſichtlich ihrer Sicherheit an ihn zu hal⸗ ten entſchloſſen waren. Der Lärm, welcher den De⸗ metrius in Schrecken geſetzt hatte, kam von der Ent⸗ ladung einer beträchtlichen Maſſe griechiſchen Feuers her, welches man vielleicht nicht beſſer als mit jenen ungeheuern congreviſchen Raketen neuerer Zeit ver⸗ gleichen kann, die einen kleinen Haken oder Anker an ſich haben, und ziſchend die Luft durchſchneiden wie ein böſer Geiſt, der die Befehle eines unerbittlichen Zauberers vollziehen ſoll. Die Wirkung dieſes Feuers war ſo furchtbar, daß die Mannſchaft eines, von die⸗ ſem ſeitſamen Todeswerkzeuge angegriffenen Schiffes, häufig allen Vertheivigungsmitteln entſagte, und ihr Fahrzeng ſcheitern ließ. Man vermuthet, daß ein Hanptbeſtandtheil dieſes fürchterlichen Feuers Naphta war, ein Erdpech, welches man an den Ufern des todten Meeres einſammelt; und wenn es einmal ent⸗ zündet war, ſo konnte es nur durch eine eigenthümli⸗ che Miſchung ausgelöſcht werden, welche man aber 37 wahrſcheinlicher Weiſe nicht ſogleich zur Hand hatte. Es verurſachte einen dicken Rauch und einen ſtarken Knall; auch war es fähig, wie Gibbon ſagt, die Flam⸗ me nach unten und ſeitwärts zu verbreiten. Bei Be⸗ lagerungen warf man es von den Waͤllen herab, oder ſchleuderte es, wie unſere Bomben, in eiſernen oder ſteinernen gluͤhenden Kugeln, oder mit Hilfe von Pfei⸗ len und Wurfſpießen, welche man mit Hauf umwickelt hatte. Seine Miſchung wurde als ein hochwichtiges Staatsgeheimuiß betrachtet, und blieb beinahe vier Jahrhunderte lang den Muhamedanern unbekannt. Aber die Sarrazenen entdeckten es endlich, und bedienten ſich ſeiner, um die Kreuzfahrer zurückzutreiben, und die Griechen zu beſiegen, denen es lange als das furcht⸗ barſte Vertheidigungswerkzeng gedient hatte. Man darf zwar in jenem barbariſchen Zeitalter einige Ueber⸗ treibung vermuthen; aber es ſcheint nicht zu bezwei⸗ feln, daß die Beſchreibung, welche der Kreuzfahrer Joinville davon macht, als im Ganzen genau anzu⸗ nehmen iſt. Dieſes Feuer, ſagt der gute Ritter, durchſchnitt die Luft wie ein geflügelter Drache von der Größe eines Faſſes, mit dem Laͤrme des Donners und der Schnelligkeit des Blitzes, und die Dunkelheit der Nacht wurde von dieſer ſchauerlichen Erleuchtung verſcheucht. Richt blos der tapfre Demetrius und ſein Freund Lascaris entflohen aus allen Leibeskräften bei der er⸗ ſten Entladung des griechiſchen Admirals, ſondern der 38 ganze Haufen, auf welchen ihr Beiſpiel großen Ein⸗ fluß uͤbte, ahmten ſie ſchlennigſt nach. Als die andern Schiffe der Flotte das Beiſpiel des Admiralſchiffes nachahmten, ſo wurde die Luft von einem fürchterlichen und ungewoͤhnlichen Lärme erfüllt, und der Himmel wurde von einem dicken Rauche verdunkelt. Während die Flücht⸗ linge über die Hoͤhe des Vorgebirgs eilten, ſahen ſie den Seemann, von welchem wir ſchon geſprochen haben, ruhig in einem trockenen Graben ſitzen, wo er ſich ge⸗ ſchickt einen ſolchen Platz gewählt hatte, daß er ſoviel als möglich vor jedem Unfalle gedeckt war; doch konnte er nicht umhin, ſich einen Scherz auf Unkoſten der beiden Politiker zu erlauben. Ei was, meine lieben Freunde! rief er, ohne ſeinen Kopf über den Aufwurf ſeines Grabens zu erheben; wollt ihr nicht ſo lange an eurem Poſten bleiben, um euer Geſpräch über Land⸗ und Seeſchlachten zu beendi⸗ gen, zu deſſen Anfang ihr eine ſo gute Gelegenheit gehabt habt? Glaubet mir: jener Lärm erzeugt mehr Angſt als Schaden; das Feuer wird in einer entgegen⸗ geſetzten Richtung geſchleudert, und wenn einer jener feurigen Drachen, welche ihr ſeht, nach der Stadt zu fliegen ſollte, anſtatt auf das Meer zu gehen, ſo ge⸗ ſchieht das nur durch die Ungewandtheit eines Schiffs⸗ jungen, der die Lunte mit mehr Eifer als Geſchick angezündet hat. Demetrius und Lascaris hoͤrten von der Anrede des Seehelden nur ſo viel, als nöthig war, um ſie von der neuen Gefahr zu unterrichten, welche ihnen von 39 einer falſchen Richtung des griechiſchen Feuers drohte. An der Spitze ihres von Schrecken betäubten Haufens ſtürzten ſie ſich auf die Schranken los, und verbreite⸗ ten daſelbſt bald die beunruhigende Neuigkeit, daß die Lateiner aus Aſien in der Abſicht zurückkämen, um mit Gewalt zu landen, die Stadt zu plündern und zu verbrennen. Der unerwartete Lärm in den Lüften war geeignet, dieſe Nachricht zu beſtaͤtigen, ſo übertrieben ſie war. Der Donner des griechiſchen Feuers wurde hinterein⸗ ander gehört, da jedes Schiff in kurzen Zwiſchenräu⸗ men nach dem andern abfeuerte; und bei jedem Schuſſe verbreitete ſich eine ſchwarze Rauchwolke über die Ge⸗ gend; dieſelbe wurde in dem Maße dicker, als eine neue dazu kam, und glich endlich derjenigen, welche ein wohl unterhaltenes Feuer von jetzigem Geſchütze erhebt, und welche den ganzen Himmel bedeckt. Das kleine Geſchwader von Tankred wurde vollſtän⸗ dig dem Blicke durch den aufwirbelnden Rauch der feindlichen Fenermaſſen entzogen; und es ſchien, nach einem röthlichen Scheine, welcher ſich in der dichteſten Finſterniß zu zeigen begann, daß eines der lateiniſchen Schiffe wenigſtens in Flammen ſtand. Indeſſen wi⸗ derſtanden die Franken mit einer ihres Muthes und des Rufes ihres Anführers würdigen Hartnäckigkeit; ſie fanden auch einigen Vortheil in ihren kleinen Fahr⸗ zeugen, in deren geringer Höhe, welche ſie faſt dem Waſſer gleich ließ, und ſelbſt in dem ſie umgebenden 40 Dampfe, durch welche Umſtände ſie ſchwere Zielpunkte für das Feuer der Griechen wurden. Um dieſe günſtigen Umſtaͤnde zu benutzen, gab Tan⸗ kred vermittelſt leichter Schiffe und plumper, damals bekannter, Zeichen ſeiner ganzen Flotte den Befehl, daß jedes Schiff abgeſondert vorgehen ſolle, ohne ſich zu kümmern, was aus dem andern würde, und ſeine Soldaten an irgend einem Orte der Kuͤſte ausſchiffte, welchen es erreichen könnte, und auf welche Art es dieſes ausführen möchte. Tankred gab ſelbſt das edle Beiſpiel dazu. Er befand ſich auf einem guten Fahr⸗ zeuge, welches bis zu einem gewiſſen Punkte vor der zirkung des griechiſchen Feuers geſichert war, weil es faſt ganz rohes, friſch benetztes Leder bedeckte. Dieſes Schiff trug mehr als hundert muthvolle Krie⸗ ger, worunter Mehrere zum Ritterſtande gehörten; und nichts deſtoweniger hatten ſich alle die ganze Nacht hindurch der niedrigen Arbeit des Ruderns un⸗ terzogen und jetzt hielten ſie in ihren ritterlichen Händen den Bogen und die Armbruſt, welche Waffen man im Allgemeinen nur für Leute niederen Ranges paſſend hielt. So vorbereitet, gab der Fürſt Tankred ſeinem Schiffe alle Schnelligkeit, welche ihm die Fluth, der Wind und das Rudern verſchaffen konnten, daun richtete er es dergeſtalt, daß er dieſe dreifache Hilfe am beſten benutzen konnte und ſtürzte ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle mitten unter die Schiffe von Lemnos, indem er nach allen Seiten Pfeile, Bolzen, Speere und Ge⸗ 41 ſchoſſe jeder Art mit um ſo größerem Vortheil ſchleu⸗ dern ließ, als die Griechen im Vertrauen auf ihr künſtliches Feuer vernachläßigt hatten, ſich mit anderen Waffen zu verſehen. Als daher der tapfere Kreuz⸗ fahrer auf ſie mit ſo ungeheurer Wuth losſtürzte und von ſeiner Seite in ihre Reihen den Schrecken mit einem Hagel von Pfeilen und nicht minder furchtbaren Wurfſpießen verbreitete, da begannen ſie zu fühlen, daß ihr Vortheil geringer waͤre, als ſie vermuthet hätten, und daß es um ihr Feuer wie um den meiſten Theil der Gefahren ſtände, welche nicht mehr furchtbar ſind, wenn man ihnen unerſchrocken die Stirne bietet. Als die griechiſchen Seelente die feindlichen, mit ſtahlbe⸗ deckten Lateinern angefüllten Fahrzeuge ſo nahe auf ſich loskommen ſahen, begannen ſie ein Gefecht Mann gegen Mann zu fürchten, welches ſie gegen einen ſo furchtbaren Feind aushalten ſollten. Allmählig begann aus den Seiten des Griechiſchen Admiralſchiffes Dampf zu ſteigen, und die Stimme Tankred's verkündigte ſeinen Kriegern, daß das feind⸗ liche Admiralſchiff brennte durch eine Unvorſichtigkeit der Griechen bei dem Gebrauche ihres Zerſtörungs⸗ mittels, und daß ihnen nichts Anderes übrig bliebe, als davon weit genug entfernt zu bleiben, um nicht daſſelbe Loos zu theilen. Bald ſah man feurige Fun⸗ ken und Streifen an dieſem großen Schiffe von einem Orte zu dem andern ſpringen, und dieſes Element ſchien die Beſtürzung weiter verbreiten und die klei⸗ 42 ne Anzahl Seeleute, welche noch auf die Böfihle des Admirals merkten, und das Feuer löſchen wollten, gaͤnzlich betänben zu wollen. Da ſie die Beſchaffen⸗ heit der Brennſtoffe kannten, welche ſie am Borde hatten, ſo geſellte ſich Verzweiflung zu ihrem Schrek⸗ ken, und man ſah die Unglücklichen von den Maſten, Segelſtangen, von dem Takelwerk herabſtürzen, und meiſtentheils in dem Waſſer den Tod finden, welcher ihnen in den Flammen furchtbarer ſchien. Die Krie⸗ ger Tankred's, welche auf Befehl dieſes großmüthigen Fürſten aufhörten, auf die in der zweifachen Gefahr des Waſſers und des Feuers ſchwebenden Feinde Ge⸗ ſchoſſe zu werfen, ließen ihr Fahrzeug in der Nähe des Ufers ſcheitern, und ſprangen in das an dieſer Stelle nicht ſehr tiefe Meer, worauf ſie das Land ohne Schwierigkeit erreichten; zu gleicher Zeit wurde eine große Menge ihrer Streitroſſe, Dank den An⸗ ſtrengungen ihrer Herrn und der Gelehrigkeit dieſer Thiere, an das Ufer gebracht. Ihr Feldherr bildete im Augenblick ein Viereck mit geſchloſſenen Gliedern. Die Anzahl war Anfangs nicht ſehr beträchtlich, aber ſie wuchs ſtufenweiſe in dem Maße, als jedes Schiff von der Flotte, wie das erſte ankam, und ſeine Mann⸗ ſchaft ausſchiffte, welche dann zu ihren Gefährten eilten. Inzwiſchen hatte ſich das vom Griechiſchen Feuer entſtandene Gewölk zerſtreut, und die Meerenge bot nur noch einige Spuren des Gefechtes dar. Man er⸗ 4⁵ blickte auf den Wellen die zerſtreuten Trümmer von ein Paar Lateiniſchen Schiffen, welche beim An⸗ fange des Gefechtes verbrannt worden waren, obwohl ihre Mannſchaften größtentheils durch die Anſtren⸗ gungen ihrer Kameraden gerettet wurden. Tiefer in der Meerenge ſah man die fuͤnf Schiffe, welche von dem Lemniſchen Geſchwader übrig geblieben waren, und ſich in Unordnung und mit Schwierigkeit zurück⸗ zogen, um den Hafen von Conſtantinopel zu gewin⸗ nen. An der Stelle, welche ſoeben der Schauplatz des Gefechtes geweſen war, lag das Admiralſchiff aufgefahren, bis auf den Waſſerſpiegel abgebrannt, und ſeine Bretter ſchickten nur noch einen ſchwarzen Dampf zum Himmel. Die Flotte Tankred's war beſchäftigt, ihre Mannſchaft auszuſchiffen, und war unregelmaͤßig längs der Bucht hin zerſtreut: die Krieger gewannen das Land wie ſie konnten, und eilten ſich unter die Fahne ihres Feldherrn zu ſtellen. In verſchiednen Entfer⸗ nungen vom Ufer ſchwammen unzaͤhlige ſchwärzliche Gegenſtände auf der Oberfläche des Waſſers, dieſes waren entweder Trümmer der verbrannten Fahrzeu⸗ ge, oder die Leichen der im Kampfe umgekommenen Seeleute. Das Banner war von Ernſt von Apulien, dem Lieb⸗ lingspagen des Fürſten, an das Land getragen worden, ſobald der Kiel des Fahrzeuges, das Tankreden trug, auf den Sand gelaufen war. Dann wurde es auf der Höhe des zwiſchen Conſtantinopel und den Schran⸗ 44 ken liegenden Vorgebirges aufgepflanzt, worauf ſich Laskaris, Demetrius und andere Müßiggänger beim Anfange des Gefechtes aufgeſtellt, welches ſie aber verlaſſen hatten in Folge des doppelten Schreckens, welchen ihnen das Griechiſche Feuer und die Geſchoſſe der Lateiner einflößten. Dreißigſtes Kapitel. Von Kopf bis zu den Füßen gewappnet, das Banner ſeiner Vorfahren in der rechten Hand, ſtand Tankred mit ſeiner Handvoll Krieger, wie ebenſoviele eherne Bildſäulen, und erwartete einen Angriff von Seiten der Griechen, welche die Schranken erfuͤllten, oder welche haufenweiſe aus den Stadtthoren kamen, und theils aus Soldaten, theils aus andern Bürgern be⸗ ſtanden, aber faſt Alle wie zum Kampfe gerüſtet wa⸗ ren. Da dieſe Leute durch die verſchiedenen Gerüchte uͤber das Seetreffen und ſeine Folgen in Schrecken ge⸗ ſetzt worden waren, ſo ſtürzten ſie ſich auf die Fahne des Fürſten Tankreds in der Abſicht los, um ſie nie⸗ der zu werfen und die Wachen, welche ihr Treue und Schutz ſchuldig waren, zu zerſtreuen. Aber wenn es dem Leſer jemals begegnet iſt, ein Weideland mit ei⸗ —5 —5 45 nem Hunde von guter Race, zu durchſtreifen, ſo muß er in der Unterwürfigkeit, welche der Hund des Schä⸗ fers, obwohl er ſich für den Herrn und Wächter des einſamen Thales haͤlt, welches das edle Thier durch⸗ jagd, für dieſes endlich bezeigt, etwas ziemlich Aehn⸗ liches mit dem Betragen der erzuͤrnten Griechen be⸗ merkt haben, als ſie auf die kleine Schaar der Fran⸗ ken zueilten. Beim erſten Anzeichen der Ankunft ei⸗ nes Fremden ſpringt der Schäferhund aus ſeiner Ruhe auf und ſchießt auf den edlen Fremdling mit einer geräuſchvollen Kriegserklärung los. Aber ſobald die Verminderung der Entfernung, welche ſie trennt⸗ dem Angreifenden die Geſtalt und die Kraft ſeines Gegners zeigt, ſo weicht er zurück wie ein Kreutzer, der auf ſeiner Jagd bemerkt, daß er es mit einem Zweidecker, anſtatt eines Eindeckers zu thun hat. Er bleibt ſtehen, er ſtellt ſein lärmendes Gebell ein⸗ und endlich begiebt er ſich feiger Weiſe auf den Rück⸗ zug zu ſeinem Herrn, indem er die ſchimpflichſten Be⸗ weiſe giebt, daß er beſtimmt den Kampf ausſchlägt. Auf dieſelbe Weiſe ſtürzten ſich die tobenden Schaa⸗ ren der Griechen mit großem Geſchrei und vieler Prahlerei aus der Stadt und den Schranken in der offenbaren Abſicht, die nicht ſehr zahlreichen Gefähr⸗ ten Tankred's von ihrem Poſten zu verjagen. Aber in dem Maße als ſie näher kamen, und die Ruhe, ſowie die gute Ordnung der gelandeten Männer, wel⸗ che ſich unter das Banner ihres edlen Feldherrn ge⸗ 46 ſtellt hatten, bemerken konnte; ſo änderte ſich ihr Entſchluß, ſogleich das Gefecht zu beginnen, ganz und gar; ihr Laufen verwandelte ſich in einen unſicheren und wankenden Schritt, ſie drehten den Kopf haͤufi⸗ ger nach der Seite, woher ſie kamen, als nach dem Feinde, und ihr Verlangen, einen augenblicklichen Streit zu erregen, verſchwand, als ſie an ihren Geg⸗ nern nicht das geringſte Zeichen bemerkten, daß ſie ſich darum kuͤmmerten. Das außerordentliche Vertrauen, mit welchem die Lateiner ihre Stellung behaupteten, wuchs in dem Maße, als die zahlreichen Verſtaͤrkungen ihrer Ge⸗ faͤhrten ankamen, welche in Abtheilungen laͤngs der Kuͤſte landeten; und in weniger als einer Stunde war ihre Anzahl zu Fuß und zu Roß faſt ſo ſtark, als bei ihrer Abfahrt von Skutari, denn ſie hatten nur wenige Leute in der Schlacht verloren. Ein anderer Grund, welcher den Angriff auf die Lateiner verhinderte, lag darin, daß keine der beiden Hauptpartheien, welche bewaffnet vor Conſtantinopel ſtanden, ſich mit ihnen in Haͤndel einlaſſen wollte. Die Leibwachen aller Art, welche dem Kaiſer treu geblieben waren, und ganz beſonders die Waͤringer, hatten Befehl, auf ihrem Poſten ſtehen zu bleiben; zum Theil in den Schranken, zum Theil an den ver⸗ ſchiedenen Verſammlungsorten, in Conſtantinopel, wo ihre Gegenwart noͤthig war, um den Folgen des ploͤtzlichen Aufſtandes vorzubeugen, welcher, wie Ale⸗ ————— —,————— 47 rius wußte, gegen ihn im Werke war. Dieſe Leute machten daher keine feindliche Bewegung gegen die Lateiner, und zwar der Abſicht des Kaiſers zu Folge. Auf der andern Seite waren die Unſterblichen und Bürger, welche in der Verſchworung auftreten woll⸗ ten, größtentheils von den Unterhaͤndlern des Age⸗ laſtes überredet worden, daß jene Schaar Lateiner unter dem Befehle Tankred's, des Vetters von Bohe⸗ mund, von dieſem zu ihrer unterſtuͤtzung abgeſchickt worden wäre. Sie blieben daher ruhig, und machten keinen Verſuch, um die Anſtrengungen des Volkes, welches dieſe unverhofften Gäſte anzugreifen verſucht war, zu fuͤhren oder zu leiten. Dieſes Vorhaben fand daher keinen großen Anhang, und die Meiſten wuͤnſch⸗ ten nichts ſehnlicher, als nur eine Entſchuldigung fuͤr ihr Ruhigbleiben zu finden. Inzwiſchen hatte der Kaiſer aus ſeinem Blakernal⸗ Pallaſte die Vorfälle auf der Meerenge beobachtet und geſehen, wie ſein Geſchwader von Lemnos gaͤnzlich in ſeinem Verſuche geſcheitert war, die Landung Tank⸗ red's und ſeiner Gefaͤhrten vermittelſt des Griechi⸗ ſchen Feuers zu verhindern. Kaum hatte er das Ad⸗ miralſchiff durch den Brand an ſeinem eignen Borde die finſteren Rauchwolken zerſtreuen ſehen, ſo faßte er heimlich den Entſchluß, den ungluͤcklichen Admiral Preis zu geben, und mit den Lateinern Frieden zu ſchließen durch die Ueberſendung des Kopfes dieſes Anfuͤhrers, wenn es durchaus noͤthig wäre. Als er 43 daher die Flammen uͤberhand nehmen und die fünf anderen Schiffe ihren Riückzug nehmen ſah, ſo ſtand das Schickſal des unglucklichen Phraortes, denn ſo hieß der Admiral, in ſeinem Geiſte feſt. In dieſem Augenblicke trat Achilles Tatius, wel⸗ cher hinſichtlich des Kaiſers in dieſer wichtigen Ent⸗ ſcheidung klar ſehen wollte, haſtig mit ſehr beſtuͤrzter Miene in den Pallaſt. Sire, mein Herr! rief er; ich bin ungluͤcklich, der ueberbringer ſo ſchlimmer Nachrichten ſeyn zu muͤſ⸗ ſen; aber den Lateinern iſt es gelungen, in bedeuten⸗ der Anzahl von Skutari zuruͤckzukehren. Das Lem⸗ niſche Geſchwader hat ſie aufhalten wollen, wie es in der letzten Nacht vom kaiſerl. Kriegsrathe beſchloſſen worden war. Eine ſtarke Ladung von Griechiſchem Feuer hat den Kreuzfahrern ein Paar Schiffe ver⸗ brannt, aber der großte Theil davon hat ſeine Fahrt fortgeſetzt und das Admiralſchiff verbrannt, auch ſagt man, daß der ungluͤckliche Phraortes faſt mit ſeiner ganzen Mannſchaft umgekommen iſt; die andern Schiffe haben ihre Ankertaue zerſchnitten, und die Verthei⸗ digung des Waſſerweges aufgegeben. Und, Achilles Tatius, ſagte der Kaiſer, in welcher Abſicht verkundet ihr mir dieſe betrubte Nachricht, da es zu ſpät iſt, ihre Folgen abzuwenden? Mit eurer Erlaubniß, hochſtgnädiger Kaiſer, ant⸗ wortete der Verſchworene mit Errothen und Stam⸗ meln; das dachte ich nicht. Ich hoffte euch einen 49 Plan vorzulegen, wodnrch ich die Mittel herbeiſchaffen koͤnnte, um dieſen geringen Sh wieder gut zu machen. Laſſet hoͤren! welches iſt dieſer Plan? mein Herr! fragte der Kaiſer trocken. Mit der Erlaubniß Ew. hochheiligen Majeſtät, ant⸗ wortete der Akoluthos, wuͤrde ich es ſelbſt uͤbernom⸗ men haben, gegzen dieſen Tankred und ſeine Italiener die Streitarte der treuen Waͤringer zu fuͤhren, welche ſich ebenſowenig um die geringe Zahl der gelandeten Franken kuͤmmern werden, wie ein Landwirth um die Ratten, Maͤuſe und alles andere ſchaͤdliche Unge⸗ ziefer, welche ſeine Speicher anfallen.“ Und was ſoll ich thun, während meine Angelſach⸗ ſen fuͤr mich kaͤmpfen ſollen? Ew. Majeſtaͤt, antwortete Achilles, nicht ganz zu⸗ frieden mit dem trockenen und beißenden Tone, wel⸗ chen der Kaiſer in ſeiner Rede annahm, kann ſich an die Spitze der Cohorten der Unſterblichen von Con⸗ ſtantinopel ſtellen; und ich bürge euch, daß ihr den Sieg über die Lateiner vollſtändig machen, oder zum wenigſten die geringſte Möglichkeit einer Niederlage entfernen werdet, wean ihr an der Spitze dieſer aus⸗ erleſenen Schaar von Nationaltruppen heranruͤckt, ſo⸗ bald die Entſcheidung zweifelhaft ſcheinen könnte. Aber ihr, Achilles Tatius, ihr ſelbſt habt uns meh⸗ rere Male verſichert, daß jene Unſterblichen eine ver⸗ brecheriſche Anhänglichkeit an den Empörer Urſel he⸗ W., Scott's ſammtl, Werte, r698 Bochn. 4 50 gen. Wie könnt ihr daher verlangen, daß unſer Ver⸗ trauen dieſe Schaaren mit unſerer Vertheidigung be⸗ auftragen ſoll, während unſere tapferen Wäringer im Kampfe mit der Blüthe des abendländiſchen Heeres begriffen ſeyn werden? Habt ihr dieſe Gefahr bedacht, Akoluthos? Achilles Tatius war über dieſe Rede ſehr beſtürzt, welche ihm anzudeuten ſchien, daß ſeine Entwürfe be⸗ kannt wären, und gab zur Antwort, daß er in ſeiner Haſt ſich mehr beeilt hätte, den Plan vorzuſchlagen, welcher ſeine eigne Perſon der höchſten Gefahr aus⸗ ſetzte, als einen ſolchen, welcher dem Kaiſer, ſeinem Gebieter, mehr perſönliche Sicherheit verſpräche. Ich danke euch für dieſes Verfahren, antwortete der Kaiſer; ihr ſeyd meinen Wünſchen zuvorgekom⸗ men, obwohl es jetzt nicht mehr in meiner Gewalt ſteht, eurem Rathe zu folgen. Ich würde ohne Zwei⸗ fel ſehr zufrieden geweſen ſeyn, wenn dieſe Lateiner über die Meerenge zurückgetrieben worden waͤren, wie man mir in der Raths Verſammlung der letzten Nacht angerathen hatte; aber da ſie ein Mal da ſind, und wohlbewaffnet auf unſerem Ufer ſtehen, ſo iſt es beſ⸗ ſer, ſie mit Geld und Beute zu beladen, als das Le⸗ ben unſerer tapfern Unterthanen zu opfern. Nach allem können wir nicht glanben, daß ſie mit dem eruſtlichen Vorſatze gekommen ſind, feindliche Abſichten auszuführen; ſie können uur von dem tollen Wunſche getrieben ſeyn, tapfere Thaten und rinen Zweikampf 54 zu ſehen, was für ſie das angenehmſte Schauſpiel iſt und ſie zu dieſem theilweiſen Rückzuge bewogen hat. Ich gebiete euch daher, Achilles Tatius, und gebe den⸗ ſelben Befehl dem Protoſpathairen, euch zu jenem Banner zu begeben, und von dem lateiniſchen Feld⸗ herrn, dem Fürſten Tankred, wenn er ſich nehmlich ſelbſt dabei befindet, die Urſache ſeiner Rückkehr und ſeines Gefechtes mit Phraortes und dem Lemniſchen Geſchwader zu erfahren. Wenn man uns eine hin⸗ längliche Eutſchuldigung angiebt, ſo werden wir uns damit begnügen, denn wir haben ſoviele Opfer zur Erhaltung des Friedens nicht darum gebracht, um jetzt den Krieg ausbrechen zu laſſen, wenn man ein ſo großes Unglück vermeiden kann. Ihr werdet daher mit Ruhe und Gefälligkeit die Rechtfertigungen auf⸗ nehmen, welche ſie euch etwa machen mögen; und ſeyd verſichert, daß der Anblick dieſes Zweikampfes, dieſes Puppenſpiels, hinreichen wird, um jeden andern Ge⸗ danken aus dem Geiſte jener hirnloſen Krensfahrer zu verbannen. In dieſem Augenblicke klopfte Femand an die Zim⸗ merthüre, und nachdem der Kaiſer den Eintritt er⸗ laubt hatte, erſchien der Protoſpathaire. Er war mit einer glaͤnzenden Rüſtung bedeckt, nach Art der alten Römer; ſein Helm war ohne Viſir, alle ſeine Züge waren ſichtbar; und die Bläſſe und Unruhe, welche auf ſeinem Geſichte herrſchten, waren nicht ſehr mit ſeinem kriegeriſchen Helmſchmucke und Federbuſche in 52 uebereinſtimmung. Er empfing den ſchon erwähnten Befehl mit um ſo weniger Eifer, als ihm der Akoln⸗ thos zum Collegen beigegeben wurde; denn, wie der Leſer ſich erinnern wird, dieſe beiden Befehlshaber hatten zwei verſchiedene Heeresabtheilungen unter ſich, und lebten nicht im beſten Einverſtaͤndniſſe. Der Akoluthos ſelbſt betrachtete die Zugeſellung des Pro⸗ toſpathairen weder als einen Beweis des kaiſerlichen Vertrauens, noch als eine Bürgſchaft für ſeine eigene Sicherheit. Indeſſen er befand ſich im Blakernal, wo die Pallaſtſelaven niemals zauderten, einen Kronbeam⸗ ten hinzurichten, ſobald ſie den Befehl dazu erhielten. Die beiden Generäle hatten daher keine andere Wahl, als zu gehorchen, wie zwei Windhunde, welche man wider ihren Willen an dieſelbe Koppel bindet. Achil⸗ les Tatius hoffte ſich vermittelſt ſeines Auftrags an Tankred aus der Schlinge ziehen zu können, darnach dachte er, daß der Ausbruch der Verſchwörung Statt finden und ohne Hinderniß gluͤcken könne, mochte nun die Empörung von den Lateinern gewünſcht und unter⸗ ſtützt, oder von ihnen als gänzlich gleichgültiges Er⸗ eigniß angeſehen werden. Der letzte Befehl des Alexins beſtand darin, daß ſie zu Pferde ſteigen ſollten, ſobald ihnen die große Trompete der Wäringer das Zeichen dazu geben würde, daß ſie ſich an die Spitze der in ihren Caſernenhoͤfen aufgeſtellten Angelſachſen ſtellen, und die weiteren Befehle des Kaiſers abwarten ſollten. 55 In dieſer Anordnung lag Etwas, das auf das Ge⸗ wiſſen des Achilles Tatius drückte; und doch konnte er ſeine Furcht nur durch das Bewußtſeyn ſeiner ver⸗ brecheriſchen Umtriebe rechtfertigen. Doch fühlte er daß er unter dem Vorwande einer ehrenvollen Sen⸗ dung an der Spitze der Wäringer ſeiner perſönlichen Freiheit beraubt war, ſo wie ſeiner Verbindungen mit dem Caͤſar und Hereward, welche er als ſeine thätigſten Helfershelfer anſah; er wußte nicht, daß der Erſte in dieſem Augenblicke im Blackernal gefan⸗ gen ſäße, wo ihn Alexius im Zimmer der Kaiſerin hatte feſtnehmen laſſen, und daß der Zweite die fe⸗ ſteſte Stütze des Comnenus an dieſem wichtigen Tage wäre. 3 Als die ungeheure Trompete der Wävinger ihr Zei⸗ chen in der ganzen Stadt vernehmen ließ, zog der Protoſpathaire den Achilles mit ſich fort zum Ver⸗ ſammlungsorte der Wäringer. Unterwegs ſagte er ihm in leichtem und gleichgültigem Tone:— da der Kaiſer heute in Perſon zu Felde zieht, ſo verſteht es ſich, daß ihr, da ihr ſein Stellvertreter, ſein Akolu⸗ thos ſeyd, der Leibwache keinen Befehl gebt, der euch nicht unmittelbar von Sr. Maj. zugeſchickt worden iſt; das heißt, daß ihr eure Macht für heute als aufgehoben betrachten müßt. Ich bedaure es, ſagte Achilles, daß man für gut befunden hat, ſolche Vorſichtsmsßregeln zu nehmen. Ich hatte mir geſchmeichelt, daß meine Auhäuglichkeit 54 meine Treue.... Doch ich gehorche in allen Dingen dem Gutduͤnken des Kaiſers. Dieſes ſind ſeine Befehle, ſagte der Protoſpathaire, und ihr wißt, unter welcher Strafe Gehorſam ver⸗ langt wird. Wenn ich es vergeſſen hätte, antwortete Achilles, ſo würde mich die Zuſammenſetzung dieſer Schaaren daran erinnern; denn ich ſehe dabei nicht allein einen großen Theil jener Wäringer, welche die unmittelba⸗ ren Vertheidiger des kaiſerlichen Thrones ſind, ſondern auch die Pallaſtſklaven, welche ſeine Befehle zu voll⸗ ziehen haben. Der Protoſpathaire antwortete ihm nichts; und mit je mehr Aufmerkſamkeit der Akoluthos die ihm folgende Abtheilung muſterte, welche ſich auf die un⸗ gewöhnliche Zahl von dreitauſend Mann belief, deſto mehr hielt er ſich fuͤr glücklich, wenn er vermittelſt des Agelaſtes, des Cäſar oder Hereward den Verſchwo⸗ renen ein Zeichen geben könnte, um ihnen die Auf⸗ ſchiebung des beabſichtigten Ausbruches anzuempfehlen, gegen welchen der Kaiſer mit außerordentlicher Vor⸗ ſicht Maßregeln genommen zu haben ſchien. Er würde alle Träume der Herrſchaft, worin er ſich noch kurze Zeit vorher gewiegt hatte, aufgegeben haben für den Anblick des himmelblauen Federbuſches von Nicephorus, den weißen Mantel von Agelaſtes oder ſelbſt der Streit⸗ art von Hereward. Doch nirgends konnte er einen dieſer Gegenſtände entdecken; und der treuloſe Akolu⸗ 55 thos war nicht in geringer Verlegenheit, als er be⸗ merkte, daß ihm nach allen Seiten, wohin er ſeine Angen wandte, die Blicke des Prothoſpathairen und beſonders der treuen Pallaſtſklaven folgten, und die Gegenſtände ſeiner Aufmerkſamkeit auszuſpaͤhen ſchienen. Unter den zahlreichen Soldaten, von welchen er ſich überall umringt ſah, konnte er nicht einen einzigen erkennen, mit welchem er einen Blick der Freundſchaft und des Vertrauens hätte wechſeln können; und er blieb in jener vollſtändigen ſchrecklichen Todesangſt, welche um ſo verzweifelnder iſt, als der Verräther weiß, daß in der Umgebung verſchiedener Feinde ſeine eigene Furcht ihn am wahrſcheinlichſten verrathen muß. Je mehr ihm die Gefahr zuzunehmen ſchien, und je mehr ſeine beunruhigte Einbildungskraft neue Gründe zu Beſorgniſſen zu entdecken ſuchte, deſto mehr kam er bei ſich ſelbſt zum Schluſſe, daß einer der drei Hauptverſchwörer, oder wenigſtens eines ihrer niede⸗ ren Werkzenge den Angeber gemacht hätte; und er überlegte, ob er nicht für ſeine Theilnahme an der Verſchwörung Begnadigung zu erlangen ſuchen ſollte, indem er ſich dem Kaiſer zu Füßen würfe und ihm ein vollſtändiges Geſtändniß machte. Aber die Furcht, ſich zu übereilen, mit der Zuflucht zu einem ſo nied⸗ rigen Rettungsmittel, und die Abweſenheit des Alerius vereinigten ſich, um auf ſeinen Lippen ein Geheimniß zurückzuhalten, wovon nicht allein ſein künftiges Schick⸗ ſal, ſondern ſelbſt ſein Leben abhing. Er war daher 56 wie in ein Meer von Sorgen und Ungewißheiten verſunken, wo die Ufer, welche ihm eine Zuflucht zu verſprechen ſchienen, ſich nur in der Ferne, in der Finſterniß zeigten, und ſchwer zu erreichen waren. Einunddreißigſtes Kapitel. Morgen— o, das iſt bald! ſchont ihn, ſchont ihn Er iſt zum Sterben nicht geruͤſtet. Shakespeare. In demſelben Augenblicke, wo Achilles Tatius in der hoͤchſten Beſorgniß für ſeine perſönliche Sicherheit erwartete, daß ſich der gefährliche Knäuel der Staats⸗ politik entwickeln ſollte, wurde ein geheimer Rath der kaiſerlichen Familie in dem Muſentempel gehalten, dem ſchon mehrere Mal erwähnten Zimmer, worin die Prinzeſſin Anna Comnena gewöhnlich in der Abend⸗ zeit ihre Werke denjenigen vorlas, welche ſie zu die⸗ ſer Ehre zuließ. Der Rath beſtand aus dem Kaiſer, der Kaiſerin und der Prinzeſſin Anna; auch der Pa⸗ triarch der griechiſchen Kirche war zugegen als eine Art Vermittler zwiſchen einer übermaͤßigen Strenge und einem gefährlichen Grade von Nachſicht. 337 Irene, redet mir nicht, ſagte der Kaiſer, von den ſchönen Dingen, die man zu Gunſten des Erbar⸗ mens ſagen kann. Ich habe meine gerechte Rache hin⸗ ſichtlich des Empörers Urſel aufgegeben; und welchen Vortheil habe ich daraus gezogen? anſtatt daß dieſer verſtockte Greis nachgiebig und für die Großmuth, wo⸗ mit ich ihm das Leben und die Augen gelaſſen habe, erkenntlich ſeyn ſollte, mag er ſich kaum entſchließen, einige Anſtrengungen für einen Fürſten zu machen, wel⸗ chem er das Alles verdankt. Ich hielt gewöhnlich das Geſicht und den Lebensathem für Dinge, für deren Erhaltung man alle möglichen Opfer braͤchte, aber jetzt glaube ich, daß man ſie nur für Spielwerke hält. Sprechet mir daher hicht von der Erkenntlichkeit, mit welcher mir dieſer Undankbare lohnen wird.— Und glaubet mir, meine Tochter, ſetzte er hinzu, ſich zu Annen wendend: wenn ich euren Rath befolgte, ſo würden nicht allein alle meine Unterthanen mich aus⸗ lachen, daß ich einen Menſchen ſchonte, der ſo ent⸗ ſchieden mir den Untergang geſchworen hatte, ſondern ihr ſelbſt wuͤrdet mir zuerſt die Handlung thörichter Nachſicht vorwerfen, welche ihr mir in dieſem blicke ſo ſehr zu entreißen ſucht. Der Willen Ew. Majeſtät, ſagte der Patriarch, geht alſo entſchieden dahin, daß euer unglücklicher Eidam mit dem Tode beſtraft werden ſoll, weil er ſich in je⸗ ne Verſchwörung eingelaſſen hat, getäuſcht von jenem 58 niederträchtigen Heiden Agelaſtes jenem Verrä⸗ ther Achilles Tatius? Dieſes iſt mein Entſchluß, antwortete der Kaiſer. Und zum Beweiſe, daß ich nicht die Abſicht habe, meinem Urtheil nur eine ſcheinbare Vollziehung fol⸗ gen zu laſſen, wie ich es hinſichtlich Urſels gethan habe, ſo ſoll dieſer Treuloſe, dieſer Undankbare oben von der Treppe des Acheronbrunnens herab in das große Gemach, welches Gerichtſaal heißt, geführt wer⸗ den, an deſſen Ende alle Vorbereitungen der Hin⸗ richtung ſchon gemacht ſind; und ich ſchwöre.... Schwöret nicht, rief der Patriarch; ich verbiete es euch im Namen des Himmels, der durch meine Stim⸗ me ſpricht, ſo unwürdig ſie iſt. Erlöſchet nicht die Fackel, welche noch rauchet! Zerſtört nicht die ſchwa⸗ che Hoffnung, welche noch vorhanden ſein kann, daß ihr euch zur Aenderung eures Entſchluſſes yinſichtlich eures verirrten Eidams überreden laſſet, ſo lange ihm noch Zeit bleibt, eure Verzeihung zu erflehen. Er⸗ innert euch an die Gewiſſensbiſſe des Conſtantin! Was will Eure Ehrwürden ſagen? fragte Irene. Ein Kleinigkeit, ſagte der Kaiſer; eine Sache, die nicht werth iſt, aus einem Munde, wie dem des Pa⸗ triarchen zu kommen, da es nach aller Wahrſcheinlich⸗ keit ein Ueberreſt des Heidenthums iſt. Was iſt das? riefen die beiden Damen mit Haſt, in der Hoffnung, Etwas zu hören, was ihre Gründe 59 unterſtützen könnte, vielleicht auch etwas von Neugier⸗ de gereizt, die ſelten im Herzen eines Weibes ſchläft, ſelbſt wenn die ſtärkſten Leidenſchaften im Kampfe ſind. Der Patriarch wird es euch ſagen, antwortete Ale⸗ rius, wenn ihr es dann durchaus wiſſen wollt; aber ich bürge euch dafuͤr, daß eure Gründe aus dieſer dummen Sage keine Unterſtützung ſchöpfen werden.. Höret ſie doch an, ſagte der Patriarch; denn ob⸗ gleich ſie alt iſt, und obgleich man bisweilen annimmt, daß ſie aus der Zeit ſtammt, wo das Heidenthum noch herrſchte, ſo iſt es darum nicht minder wahr, daß es ſich um ein Gelübde eines griechiſchen Kaiſers handelt, und zwar um ein ſolches, das in der Kanz⸗ lei des wahren Gottes eingetragen iſt. „Die Geſchichte, welche ich euch erzählen werde, fuhr er fort, bezieht ſich nicht allein auf einen chriſt⸗ lichen Kaiſer, ſondern auf jenen Kaiſer, welcher ſein ganzes Reich zum Chriſtenthum bekehrte, auf jenen Conſtantin, der auch zuerſt Byzanz zur Hauptſtadt deſſelben machte. Dieſem durch ſeinen Glaubenseifer wie durch ſeine Kriegsthaten gleich ausgezeichneten Helden wurden vom Himmel wiederholte Siege und alle mögliche Wohlthaten bewilligt, nur nicht jene Eintracht in ſeiner Familie, welche die weiſeſten Män⸗ ner wuͤnſchen müſſen. Nicht nur der Segen der Ein⸗ tracht zwiſchen den Brüdern wurde der Familie die⸗ ſes Kaiſers mitten in ſeinem Triumphe verſagt; ſon⸗ 60 dern ſelbſt ein verdienſtvoller und herangewachſener Sohn von ihm, welcher beſchuldigt worden war, daß er nach der Theilung der Herrſchaft mit ſeinem Va⸗ ter trachte, wurde plötzlich um Mitternacht aufgefo⸗ dert, auf die ſchwere Anklage des Hochverrathes zu antworten. Ihr werdet mir es gerne erlaſſen, euch die Kunſtgriffe zu erzählen, vermittelſt welcher der Sohn in den Augen des Vaters als ſtrafbar darge⸗ ſtellt wurde. Ich brauche euch nur zu ſagen, daß der ungluͤckliche Prinz als Opfer des Verbrechens ſeiner Stiefmutter Fauſta fiel, und daß er es verſchmähte, ſich wegen einer ſo falſchen und unnatürlichen Ankla⸗ ge zu rechtfertigen. Man ſagt, daß der Zorn Con⸗ ſtantin's gegen ſeinen Sohn durch Schmeichler unter⸗ halten wurde, die ihm bemerklich machten, daß Cris⸗ pus es ſelbſt verſchmäht hätte, ſeine Gnade anzuru⸗ fen, oder ſich wegen eines ſo gräulichen Verbrechens zu rechtfertigen. Aber kaum hatte der Tod dieſen unſchuldigen Prin⸗ zen getroffen, ſo erhielt ſein Vater den Beweis, daß er mit zu großer Uebereilung gehandelt habe. Er war damals gerade beſchäftigt, die unterirdiſchen Theile des Blakernal⸗Pallaſtes bauen zu laſſen, und er beſchloß, ein Denkmal ſeines väterlichen Kummers und ſeiner Gewiſſensbiſſe hineinzuſetzen. Oben an der Treppe des Acheronbrunnens ließ er einen großen Saal bauen, welchen man noch den Gerichtsſaal nennt, und worin die Hinrichtungen geſchehen. Man tritt 61 durch eine gewölbte Thuͤre in dieſen Ort des Elends, worin ſich Beil und andre Werkzeuge zur Hinrichtung großer Staatsverbrecher finden. Vor dieſer Thüre wurde eine Art Marmoraltar geſetzt, worüber ſich die Bildſaule des unglücklichen Crispus befand. Dieſe Bildſänle war von Gold, und man las darüber die denkwürdige Inſchrift:„Meinem So hne, wel⸗ chen ich unbedacht ſam verdammt⸗ und mit Uebereilung habe hinrichten la ſſen.“ Beim Baue dieſes Altars that Conſtantin das Ge⸗ lübde, ſowohl für ſich als für ſeine Nachkommenſchaft, daß der regierende Kaiſer ſich bei der Bildſäule des Crispus jedes Mal ſtellen ſollte, wenn ein Mitglied ſeiner Familie zur Hinrichtung geführt würde, und zwar ehe daſſelbe aus dem Gerichtsſaale in die Toden⸗ kammer ginge, damit er ſich perſönlich von der Wahr⸗ heit der Anklage, die das Todesurtheil bewirkt hatte überzeugen koͤnnte. „Die Zeiten ſind verfloſſen.— Man gedenkt des Conſtantin faſt wie eines Heiligen, und die Achtung, welche man vor ſeinem Andenken hegt, hat die Er⸗ zählung von dem Tode ſeines Sohnes im Dunkel ge⸗ laſſen. Die Staatsbedurfniſſe haben es unmoͤglich gemacht, eine Bildſaͤule von ungeheurem Werthe, die auſſerdem das unangenehme Andenken an den Fehler eines großen Mannes erneute, zu bewahren. Die Vorgaͤnger Ew. kaiſerl. Maj. haben das Metall derſelben zur Beſtreitung der Kriegeskoſten gegen die 62 Tuͤrken angewandt, und das Andenken an die Ge⸗ wiſſensbiſſe Conſtantin's hat ſich nur durch eine dunkle, in der Kirche oder im Pallaſte erhaltne, Sage fort⸗ gepflanzt. Indeſſen, wofern Ew. Maj. nicht ſtarke Gruͤnde dagegen vorzubringen hat, ſo wuͤrde meine Meinung ſeyn, daß ihr faſt die dem Andenken eures groͤßten Vorfahren ſchuldigen Rückſichten verletztet, wenn ihr nicht dieſem ungluͤcklichen Verbrecher, eu⸗ rem ſo nahen Verwandten, die Gelegenheit gebet, ſich vor dem Altare der Zuflucht zu vertheidigen, wie man gewoͤhnlich das Denkmal des unglücklichen Cris⸗ pus nennt, obwohl es jetzt der goldnen Buchſtaben beraubt iſt, woraus die Inſchrift beſtand, ſowie der Bildſaͤule von demſelben Metalle, welche jenen jungen Prinzen darſtellte.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich eine Trauermuſik auf der Treppe vernehmen, wovon ſo oft geſprochen worden iſt.— Wenn ich den Cäſar Nicephorus Brien⸗ nes anhoͤren ſoll, ehe er an dem Zufluchtsaltare vor⸗ bei gegangen iſt, ſagte Alexius, ſo habe ich keine Zeit zu verlieren; denn dieſe Klagetoͤne verkuͤnden, daß er ſchon dem Gerichtsſaale nahet. Die Kaiſerin und ihre Tochter begannen ſogleich mit den dringendſten Bitten den Alexrius um die Zuruͤcknahme ſeines gegen den Caͤſar ausgeſprochenen urtheils anzuflehen, und ihn zu beſchwoͤren, daß er, wenn er den Frieden in ſeiner Familie erhalten und ewige Rechte auf die Erkenntlichkeit ſeiner Frau und 63 ſeiner Tochter erwerben wollte, ihre Bitten fuͤr ei⸗ nen Unglucklichen anhoͤren moͤchte, der in ein Ver⸗ brechen gezogen worden waͤre, an dem ſein Herz kei⸗ nen Theil genommen haͤtte. Wenigſtens will ich ihn ſehen, ſagte der Kaiſer, und das heilige Gelübde des Conſtantin ſoll ſtrenge bei dieſer Gelegenheit beobachtet werden. Aber be⸗ denket, unverſtändige Weiber, daß eine ſo große Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen Crispus und dem Caͤſar herrſcht, als zwiſchen der Unſchuld und dem Verbrechen; und daß folglich ihr Schickſal mit Gerechtigkeit nach ent⸗ gegengeſetzten Grundſaͤtzen und mit verſchiedenen Er⸗ gebniſſen entſchieden werden kann; doch ich will dem Verbrecher ins Angeſicht ſehen. Patriarch, ihr koͤnnt mich begleiten, um einem Sterbenden die Dienſte zu erweiſen, welche in eurer Gewalt ſtehen. Was euch, die Frau und Schwiegermutter des Verbrechers, be⸗ trifft, ſo glaube ich, ihr thätet beſſer, euch in eine Kirche zurückzuziehen, um zu Gott für die Seele des Abgeſchiedenen zu beten, als ſeine letzten Augenblicke durch unnütze Klagen zü ſtören. Alexius, ſagte Irene, ich bitte euch, wohl überzeugt zu ſeyn, daß wir euch nicht verlaſſen werden, da wir bei euch einen ſo hartnäckigen Vorſatz ſehen, Blut zu vergießen; denn wir beſorgen, ihr moͤchtet für die Beſchreibung eurer Geſchichte Stoff hinterlaſſen, der der Zeiten Nero's wuͤrdiger iſt als der Conſtantin's. Der Kaiſer ſetzte ſich vhne eine Antwort nach dem — 6⁴ Gerichtsſasle in Bewegung. Ein ſtaͤrkeres Licht als gewöhnlich glänzte ſchon auf der Treppe des Acheron⸗ brunnens, und man hörte daraus in gleichen Zwiſchen⸗ räumen den Klang der Bußpſalmen aufſteigen, welche nach der Vorſchrift der Griechiſchen Kirche während der Hinrichtung von Verbrechern abgeſungen werden ſollen. Zwanzig ſtumme Sklaven, mit Turbanen, de⸗ ren blaſſe Farbe ihren runzelichten Zügen ein trauri⸗ ges Ausſehen und dem Weiße in ihren Augen einen blitzenden Glanz gaben, ſtiegen je Zwei und Zwei her⸗ auf, und ſchienen aus den Eingeweiden der Erde zu kommen; ein Jeder von ihnen hielt in einer Hand einen bloßen Säbel, in der andern eine brennende Fak⸗ kel. Hinter ihnen her ging der unglückliche Nicepho⸗ rus. Seine Miene glich derjenigen eines Menſchen⸗ der von dem Schrecken eines ſo nahen Todes ſchon halb geſtorben iſt; die wenige Aufmerkſamkeit, deren er noch fähig war, ſchenkte er zwei ſchwarzgekleideten Mönchen, die ihm abwechſelnd die aus der heiligen Schrift gezogenen Stellen auf Griechiſch wiederholten, gemäß der von dem Conſtantinopolitaniſchen Hofe an⸗ genommenen Andachtsformel. Der Anzug des Caͤſars eutſprach ſeinem traurigen Schickſale. Seine Beine und Aerme waren nackt, und ein einfacher weißer Leibrock, deſſen Kragen ſchon umgeſchlagen war, be⸗ wies, daß er die Kleider angezogen hatte, welche ihm in ſeinen letzten Angenblicken dienen ſollten. Ein gro⸗ ßer und ſtarker Nubiſcher Sklaye, der ſich augenſchein⸗ 65 lich als die bedeutendſte Perſon bei dem Zuge betrach⸗ tete, trug auf ſeiner Schulter ein großes und ſchweres Richtbeil, und ging wie ein Geiſt, der einem Zauberer folgt, Schritt für Schritt hinter ſeinem Opfer her. Darauf folgten vier Prieſter, welche abwechſelnd und laut einen Vers aus den bei dergleichen Anläſſen ge⸗ bräuchlichen Pſalmen ſangen; der ganze Zug wurde von einer Schaar Sklaven geſchloſſen, welche mit Kö⸗ chern, Pfeilen und Lanzen bewaffnet waren, um jeden Verſuch zur Befreiung des Gefangenen zu verhindern. Ein härteres Herz, als das der unglücklichen Prin⸗ zeſſin, wäre erfoderlich geweſen, um den Anblick der düſteren Anſtalten auszuhalten, welche einen thenueren Gegenſtand, den Geliebten ihrer Jugend, den Gatten, der an ihrem Herzen geruht hatte, in dem Angen⸗ blicke umgaben, wo er ſeine ſterbliche Laufbahn be⸗ ſchließen ſollte. Als dieſer traurige Zug an den Zufluchtaltar her⸗ ankam, welcher von zwei großen, aus der Mauer her⸗ vorſtehenden, Aermen halb umgeben war, ſo arf der Kaiſer auf ſeinem Wege in die Flamme des Altars einige in Weingeiſt get auchte Stücke von wohlriechen⸗ dem Holze; alsbald warf die dadurch aufſteigende Flamme ein ſtarkes Licht auf den Leichenzug, auf das Geſicht der Hauptperſon bei demſelben, ſowie auf die Züge der Sklaven, welche meiſtentheils die Fackeln aus⸗ gelöſcht hatten, die ihnen beim Erſteigen der finſteren Treppe dienten. W. Scott's ſämmtl. Werke. 1698 Bochn. 5 66 Der plötzliche Schein, welcher vom Altare aufleuch⸗ tete, machte auf der Stelle den Kaiſer und die Prin⸗ zeſſinnen dem traurigen Zuge ſichtbar, welcher in dem Saale vorwärts ſchwankte.— Alle blieben ſtehen, alle ſchwiegen. Der Hochgeſang der Zerknirſchung ſelbſt verſtummte. Dieſe Begegnung, ſagt die Prinzeſſin Anna in ihrer Geſchichte, war derjenigen ähnlich, wel⸗ che zwiſchen Ulyſſes und den Bewohnern der Unter⸗ welt Statt fand, die nach dem Tranke ſeines Opfer⸗ blutes ihn zwar erkannten, aber nur leere Klagen und ſchwache und unverſtäͤndliche Zeichen von ſich zu geben vermochten. Von der ganzen Schaar trat allein die Geſtalt des rießenmäßigen Scharfrichters deutlicher hervor, deſſen erhabene und mit Runzeln gefurchte Stirne, ſowie das gewaltige Richtbeil den ſchimmernden Glanz der auf dem Altare brennenden Flamme aufnahm und zurückſtrahlte. Alexius fühlte die Nothwendigkeit, das Schweigen zu brechen, aus Furcht, den Fürſpre⸗ chern des Gefangenen zur Erneurung ihrer Bitten Zeit zu laſſen. Nicephorus Briennes, ſagte er mit einer Stimme welche zwar gewöhnlich von einem leichten Anſtoßen unterbrochen wurde, das ihm von ſeinen Feinden den Spottnamen des Stammlers zugezogen hatte, welche aber bei wichtigen Anläſſen, wie dem jetzigen, ſo ge⸗ ſchickt geleitet, ſo vollkommen abgemeſſen wurde, daß man jenen Fehler durchaus nicht bemerken konnte; Nicephorus Briennes, vormaliger Cäſar, ein gerechtes 67 Urtheil iſt geſprochen worden, lautend, daß du, als Verſchwörer gegen das Leben deines rechtmäßigen Ge⸗ bieters und liebevollen Vaters Alexius Comnenus, die Todesſtrafe erleiden ſollſt durch Trennung deines Haup⸗ tes von deinem Leibe. Ich komme daher hierher vor dieſen letzten Zufluchtsaltar nach dem Gelübde des un⸗ ſterblichen Conſtantin, um dich zu fragen, ob du einen Grund gegen die Vollſtreckung jenes Urtheils anzufüh⸗ ren haſt. Selbſt in dieſer Stunde iſt deine Zunge entfeſſelt, und du kannſt frei ſprechen, um dein Leben zu vertheidigen. Alles iſt in dieſer, wie in der andern Welt fertig. Wirf einen Blick durch dieſe gewölbte Thüre; der Klotz iſt bereit: ſieh hinter dich; das Beil iſt geſchärft. Deine Stelle in der andern Welt, ſie ſey gut oder ſchlimm, iſt ſchon beſtimmt. Die Zeit flieht, und die Ewigkeit naht. Wenn du Etwas zu ſagen haſt, ſo ſprich frei heraus; wo nicht, ſo erkenne die Gerechtigkeit deines urtheils, und gehe in den Tod. Der Kaiſer begann dieſe Anrede mit jenem Blicke, welchen ſeine Tochter als ſo durchdringend darſtellte, wie den Blitzesglanz; und wenn ſeine Reden nicht ge⸗ rade wie glühende Lava floßen, ſo waren es doch Laute eines Mannes, der unumſchraͤnkte Macht zu befehlen hat, und brachten daher einen fühlbaren Eindruck nicht allein auf den Verbrecher, ſondern auf den Kaiſer ſelbſt hervor, deſſen feuchte Augen und faſt ausgehende Stimme verriethen, daß er die unglückliche Wichtigkeit dieſes Augenblickes würdigte. 68 Alexins machte eine Anſtrengung, um zu dem Schluſſe ſeiner angefangenen Rede zurückzukommen, und fragte von Neuem den Gefangenen, ob er Etwas zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen hätte. Nicephorus war keiner jener verſtockten Verbrecher, welche man geſchichtliche Wunder nennen kann, wegen der Kaltblütigkeit, womit ſie die Folgen ihrer Ver⸗ brechen entweder in ihrer eignen Strafe oder in dem Unglücke Andrer betrachten.— Ich bin verſucht wor⸗ den, ſagte er, auf die Kniee fallend, und bin unterle⸗ gen. Ich habe Nichts zur Entſchuldigung meiner Thorheit und meiner Undankbarkeit anzuführen; aber ich bin bereit zu ſterben, um mein Verbrechen auszu⸗ fuͤhnen. Ein tiefer Seufzer, faſt ein Schrei des Ent⸗ ſetzens ließ ſich hinter dem Kaiſer vernehmen; die Ur⸗ ſache davvn wurde auf der Stelle von Irene'n offen⸗ bart durch den Ausruf:— Sire! Sire! eure Tochter iſt todt! Und in der That war Anna Comnena re⸗ gungslos in die Arme ihrer Mutter geſunken. Auf der Stelle dachte der Vater nur noch daran, ſeine ohnmächtige Tochter zu unterſtützen, und der unglück⸗ liche Nicephorus rang mit ſeiner Wache, um ſeiner Gattin beiſpringen zu können.— Bewilliget mir nur fünf Minuten des Lebens, welches das Geſetz abge⸗ kürzt hat, rief er aus; und mögen meine Anſtrengun⸗ gen wenigſtens beitragen, ſie in ein Leben zuruckzuru⸗ fen, welches ebenſo lang dauern ſollte, als ihre Tu⸗ genden und Fähigkeiten verdienen; und möge ich dann 69 zu ihren Füßen ſterben, denn ich kuͤmmere mich wenig, einen Schritt weiter zu gehen! Alerius, der in der That mehr über die Dreiſtig⸗ keit und Verwegenheit des Nicephorus überraſcht, als über ſeinen Empörungsverſuch beſtürzt war, betrachtete ihn mehr als einen verführten, denn als Andere ver⸗ führenden Menſchen; deßhalb machte auch dieſe letzte Zuſammenkunft auf ihn einen ſtarken Eindruck. Zu⸗ dem war er von Natur nicht grauſam, wenn die Hand⸗ lungen der Strenge vor ſeinen eignen Augen vollzo⸗ gen werden ſollten. Ich bin überzeugt, ſagte er, daß der göttliche und unſterbliche Conſtantin ſeine Nachkommen dieſer ſtren⸗ gen Pruͤfung nicht blos in der Abſicht unterworfen hat, daß ſie ſich der Unſchuld der Verbrecher verſi⸗ chern ſollen, ſondern vielmehr um ſeinen Nachfolgern eine Gelegenheit zur Vergeltung eines Verbrechens zu geben, das ohne die ausdrückliche Verzeihung des Fürſten ſeiner Strafe nicht entgehen könnte.— Ich freue mich, eher einer Weide, als einer Eiche ent⸗ ſproſſen zu ſeyn, und geſtehe meine Schwäche einz ich bekenne, daß mich die Thränen meiner Gemahlin und die Ohnmacht meiner Tochter mehr ergreifen als die Sicherheit meines eignen Lebens, und auf mich mehr Eindruck machen als der Zorn über die treuloſen Um⸗ triebe dieſes Unglücklichen.— Stehe auf, Nicephorus Briennes! ich verzeihe dir, und ich ſchenke dir ſelbſt die Cäſarwürde wieder.— 70 Wir werden dem Groß⸗Logotheten befehlen, deine Be⸗ gnadigung auszufertigen und mit der goldnen Bulle zu beſiegeln. Du biſt auf vierundzwanzig Stunden Gefangener, bis man zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe Maßregeln getroffen hat. Einſtweilen bleibſt du unter der Obhut des Patriarchen, der für dich ein⸗ ſtehen wird.— Meine Frau, meine Tochter, ziehet euch in euer Gemach zurück. Die Zeit wird kommen, wo ihr mit aller Muße weinen und euch umarmen, ſchluchzen und euch freuen könnt. Betet zum Him⸗ mel, daß ich, da ich mich habe verleiten laſſen, die Gerechtigkeit und geſunde Staatsweisheit meinem ehe⸗ lichen Mitgefühle und meiner väterlichen Zärtlichkeit zu opfern, nicht am Ende ernſtlich alle Ereigniſſe die⸗ ſes ſeltſamen Schauſpieles zu beweinen brauche. Als der Caͤſar ſeine Begnadigung empfangen hatte, ſuchte er ſeine Gedanken wieder zu ſammeln, die durch dieſe unerwartete Veränderung zerrüttet wor⸗ den waren; aber er fand es eben ſo ſchwierig, ſich von der Wirklichkeit ſeiner Lage zu überzeugen, als es für Urſel geweſen war, ſich von Neuem an den Anblick der Natur nach ſo langer Entbehrung deſſel⸗ ben zu gewöhnen; ſo ſehr gleichen ſich die durch die moraliſchen und phyſiſchen Urſachen der Beſtürzung und des Schreckens verurſachten Ideenverwirrun⸗ gen und Schwindel in ihren Wirkungen auf den Geiſt. Endlich ſtammelte er die Bitte, man möge ihm,v'r⸗ 71 gönnen, den Kaiſer in die Schranken zu begleiten, um ihn mit ſeinem Leibe gegen die Stöße zu decken, welche der Verrath eines verzweifelten Menſchen ge⸗ gen ſein Leben an einem Tage richten könnte, der aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Tag der Gefahr und des Blutes werden ſollte. Nicht weiter! ſagte Alexius. Wir haben dir ſo⸗ eben das Leben geſchenkt, und wollen nicht wieder mit neuen Zweifeln an deiner Treue beginnen: indeſ⸗ ſen iſt es gelegen dir in's Gedächtniß zu rufen, daß du noch das offenbare Oberhaupt Derjenigen biſt, welche an der heutigen Empörung Theil zu nehmen beabſichtigen. Es iſt daher für dich das Sicherſte, Andern die Sorge der Stillung zu überlaſſen. Unter⸗ halte dich mit dem Patriarchen, und verdiene deine Begnadigung durch die Bekennung aller treuloſen An⸗ ſchlaͤge dieſer verruchten Verſchwörung, welche uns noch unbekannt ſind.— Meine Frau und meine Tochter, lebt wohl! Jetzt muß ich mich in die Schranken be⸗ geben, wo ich mit dem Verräther Achilles Tatius zu reden haben werde, ſowie mit jenem Ungläubigen, jenem Heiden Agelaſtes, wenn er noch am Leben iſt; denn ein Gerücht, welches ſich beſtätigt, hat mir ver⸗ kündet, daß die Vorſehung ſeine Strafe vollzogen hat. Gehet nicht dahin, mein Vater, ſagte die Prinzeſ⸗ ſin; laſſet mich lieber ſelbſt gehen, um die Getreuen eurer Unterthanen zu ermuntern. Die außerordentli⸗ che Nachſicht, welche ihr für meinen ſtrafbaren Ge⸗ 72 mahl gezeigt habt, beweist mir die ganze Groͤße eurer Liebe zu eurer unwürdigen Tochter, ſowie die Schwere des Opfers, welches ihr ihrer faſt kindiſchen Zunei⸗ gung zu einem Undankbaren, der euer Leben in Gefahr geſetzt hat, brachtet. Das will ſo viel ſagen, meine Tochter, ſagte Ale⸗ rius lächelnd, daß die eurem Gatten geſchenkte Be⸗ gnadigung eine Gunſt iſt, welche ihren Werth verlo⸗ ren hat. Folget meinem Rathe, Anna, und denket anders. Mann und Weib ſollen aus Klugheit gegen⸗ ſeitig ihre Fehler vergeſſen, ſobald es ihnen die menſch⸗ liche Natur erlaubt. Das Leben iſt zu kurz und der eheliche Frieden zu ungewiß, wenn man lange auf dergleichen Anläſſen beſtehen will. Jetzt kehret in eure Gemaͤcher zurück, Prinzeſſinnen, und bereitet die Scharlachſtiefel, ſo wie die Stickereien am Kragen und an den Rockaͤrmeln des Cäſars vor, welche ſeine hohe Würde verkünden: man darf ihn morgen nicht ohne ſeine Auszeichnung ſehen.— Ehrwürdiger Vater, ich erinnere euch noch ein Mal, daß der Cäſar bis morgen um dieſelbe Stunde unter eurer perſönlichen Aufſicht ſteht. Sie nahmen Abſchied: der Kaiſer eilte fort, um ſich an die Spitze der Wäringer Leibwache zu ſtellen; der Cäſar kehrte unter der Aufſicht des Patriarchen in das Innere des Blakernalpallaſtes zurück, und fand ſich hier genöthigt, die verroſtete Nadel der Empö⸗ 75 rung auszufädeln, und alle Einzelnheiten, welche er über die Fortſchritte der Verſchwörung wußte, anzugeben. Agelaſtes, ſagte er, Achilles Tatius und der Wä⸗ ringer Hereward waren hauptſächlich beauftragt ſie in Gang zu bringen. Aber er behauptete nicht zu wiſſen, ob Alle ihren Verpflichtungen gleich treu ge⸗ blieben wären. Jn dem Gemache der Prinzeſſinnen kam es zu hefti⸗ gen Erörterungen zwiſchen der Kaiſerin und ihrer Tochter. Die Gedanken und Gefühle der Anna Eom⸗ nena hatten an dieſem Tage ſo oft gewechſelt, daß ſie, obwohl ſich Alles bei ihr vereinigt hatte, um ihr am Ende eine lebhafte Theilnahme für ihren Gemahl einzuflößen, doch kaum aller Furcht vor deſſen Be⸗ ſtrafung los war, als ſchon wieder der Unwille über ſeine Undankbarkeit in ihr aufzuſteigen anfing. Sie fühlte auch, daß ſie als eine mit ſo außerordentlichen Fähigkeiten begabte Frau, welche durch die allgemeine Schmeichelei eine ſehr vortheilhafte Meinung von ih⸗ rer Wichtigkeit bekommen hatte, eine traurige Rolle ſpielen würde, nachdem ſie der leidende Spielball ei— ner langen Reihe von Ränken, und den Lannen eines Haufens niedriger Verſchwörer unterworfen geweſen war, welche ſich das Recht angemaßt hatten, über ſie nach ihrem Gutdenken zu verfügen, und denen es nie in den Sinn gekommen war, ſie als ein Weſen zu betrachten, das für ſich ſelbſt Wünſche haben, oder ſelbſt ſeine Zuſtimmung bewilligen oder verweigern 74 könnte. Die Gewalt ihres Vaters über ſie und ſein Recht, über ihre Perſon zu verfuͤgen, waren unbe⸗ ſtreitbar, aber für eine in Purpur geborene Prinzeſſin, für eine Frau, deren Feder die Unſterblichkeit ſchenkte, lag etwas Entwürdigendes in dem Gedanken, ſich ohne ihre Einwilligung bald dieſem Manne, bald jenem, ſo niedrig ſein Rang, ſo zurückſtoßend ſein Aeußeres ſcheinen mochte, gewiſſermaßen an den Hals geworfen zu ſehen, wofern nur dieſe Verbindung dem Kaiſer augenblicklichen Vortheil brachte. Das Ergebniß die⸗ ſer traurigen Betrachtung war, daß Anna Comnena ſich den Kopf zerbrach, um irgend ein Mittel zu fin⸗ den, das ihre gedemüthigte Würde wiederherſtellen könnte; ſie erdachte ſich verſchiedene Wege, um die⸗ ſes zu erreichen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Jetzt iſt des Schickſals Hand am Vorhang, bringt Die Scen' ans Licht. Don Sebaſtian. Die große Trompete der Wäringer gab das Zeichen zum Aufbruch; die Schwadronen dieſer treuen Leib⸗ wache zogen in ihrer vollſtändigen Rüſtung von Pau⸗ zerhemden und mit ihrem Herrn in ihrer Mitte in 75 ſchöner Ordnung durch die Straßen von Conſtantino⸗ pel. Alexius in ſeiner glänzenden Rüſtung ſchien nicht unwürdig, der Mittelpunkt der Kraͤfte eines Reiches zu ſeyn; und während die Bürger ſich anhäuften, um ihm und ſeinem Geleite zu folgen, da konnte man eine ſichtliche Verſchiedenheit bemerken zwiſchen denjenigen, welche mit dem vorgefaßten Entſchluſſe des Aufſtandes ankamen, und dem größten Theile, der, wie die Menge einer jeden großen Stadt, ſich untereinander mit den Ellenbogen anſtieß und gewaltig ſchrie, ohne viel zu wiſſen, warum. Die größte Hoffnung der Verſchwo⸗ renen ruhte auf den Unſterblichen, welche hauptſäch⸗ lich mit der Vertheidigung Conſtantinopels beauftragt waren, welche die allgemeinen Vorurtheile der Bürger theilten, und die dem Einfluſſe der Anhaͤnger Urſels unterworfen waren, der vor ſeiner Einkerkerung den Befehl dieſer Leibwache gehabt hatte. Die Verſchwo⸗ renen hatten beſchloſſen, daß diejenigen dieſer Solda⸗ ten, welche man als die Unzufriedenſten anſah, frühe Morgens die Thore der Schranken beſetzen ſollten, welche für einen Angriff auf die Perſon des Kaiſers am gelegenſten wären. Aber trotz aller Anſtrengun⸗ gen, welche ihnen möglich waren, ohne offene Gewalt vor dem beſtimmten Augenblicke zu brauchen, fanden ſie ihre Erwartungen getäuſcht: denn vor ihrer An⸗ kunft hatten ſchon Abtheilungen der Waͤringer, welche an verſchiedenen Orten ohne Aufſehen, aber mit höchſter Geſchicklichkeit vertheilt waren, ihr Unternehmen ver⸗ 76 eitelt. Etwas verlegen bei dem Anblicke der Schwie⸗ rigkeiten und Hinderniſſe, welche ſich auf allen Seiten der Ausführung eines Vorhabens entgegenſtellten, das ſie nicht im Geringſten verrathen glauben konnten, fingen die Verſchwornen an mit den Augen die haupt⸗ ſächlichſten Perſonen ihrer Parthei zu ſuchen, auf de⸗ ren Befehle ſie in dieſer Verwirrung rechneten; aber ſie erblickten weder den Cäſar, noch den Agelaſtes, weder in den Schranken, noch auf ihrem Wege dahin nach Conſtantinope l. Achilles Tatius zwar erſchien aber es war leicht zu bemerken, daß er dem Proto⸗ ſpathairen folgte, und nicht jenes Ausſehen von Un⸗ abhängigkeit hatte, das er als Staatsbeamter anzu⸗ nehmen liebte. Als auf dieſe Art der Kaiſer mit ſeiner glänzenden Schaar an den von Tankred und ſeinen Begleitern gebildeten ehernen Keilhaufen herankam, welcher, wie man ſich erinnern wird, auf dem hohen Vorgebirge zwiſchen der Stadt und den Schranken ſtand, ſo bog die Hauptmacht der kaiſerlichen Bedeckung etwas von der geraden Straße ab, um ihren Weg ungehindert fortſetzen zu können; während der Protoſpathaire und der Akoluthos mit einer kleinen Abtheilung Wäringer auf den Fürſten Tankred losgingen, um ihn von Sei⸗ ten des Kaiſers zu fragen, warum er mit ſeiner Schaar nach Europa zurückgekommen ſey. Der geringe Zwi⸗ ſchenraum war bald zurückgelegt.— Der Trompeter, welcher die beiden Offiziere begleitete, lud zu einer 77 Unterredung ein; und Tankred ſelbſt, ausgezeichnet durch jenes ſchöne Aeußere, welches Taſſo vor allen andern Kreuzfahrern hervorhebt, mit Ausnahme Ri⸗ naldo's von Eſte, eines Geſchöpfes ſeiner dichteri⸗ ſchen Einbildungskraft, kam hervor zu einer Unter⸗ redung. Der Kaiſer von Griechenland, ſagte der Protoſpa⸗ thaire zu Tankred, erſucht den Fürſten von Otranto, ihm durch die beiden, mit dieſer Sendung beauftrag⸗ ten Großoffiziere wiſſen zu laſſen, in welcher Abſicht er gegen ſeinen Eid auf das rechte Ufer dieſer Meer⸗ enge zurückgekommen iſt. Er wuͤnſcht zu gleicher Zeit den Fürſten Tankred zu überzeugen, daß nichts dem Kaiſer erfreulicher ſeyn wird, als der Empfang einer Antwort, welche nicht ſeinem Vertrage mit dem Herzoge von Byuillon ſo wie dem von den edlen Kreuzfahrern und ihren Soldaten geleiſteten Eide zuwider iſt, weil es ihm in dieſem Falle vergönnt wäre, wie er es wünſcht, den Fürſten Tankred und ſeine Begleiter freundſchaftlich zu empfangen, um ſeine hohe Achtung für die Würde des Einen und die Aller zu beweiſen.— Wir erwarten eine Antwort. Der Ton dieſer Botſchaft hatte an ſich nichte Be⸗ unruhigendes, und dem Fürſten wurde es nicht ſchwer darauf zu antworten.— Die Urſache der Ankunft des Fürſten von Otranto an der Spitze vyn fuͤnfzig Rittern, antwortete er, iſt die Herausforderung, wel⸗ che einen Zweikampf zwiſchen Nicephorus Briennes, 78 dem ſogenanuten Cäſar, einem in dieſem Reiche hoch⸗ geſtellten Manne, und einem würdigen Ritter von großem Rufe verkündigt, dem Gefährten der Pilger, welche das Kreuz nahmen in Folge ihres Gelübdes, Paläſtina vom Joche der Ungläubigen zu befreien: der Name dieſes Ritters iſt der furchtbare Robert von Paris. Es war daher eine unerläßliche Pflicht für die heiligen Pilger des Kreuzzuges, einen ihrer An⸗ führer mit einer hinlänglichen Abtheilung bewaffneter Männer abzuſchicken, um darüber zu wachen, daß die Lage beider Kaͤmpfer gleich ſey. Man kann ſich vvn der Friedlichkeit ihrer Abſichten dadurch überzeugen, daß ſie nur fünfzig Ritter mit ihrem gewoͤhnlichen Gefolge abgeſchickt haben, da es ihnen ein Leichtes geweſen waͤre, zehnmal ſo viele herüberzuſenden, wenn ſie die geringſte Abſicht gehabt hätten, mit Gewalt dazwiſchen zu treten, oder den bevorſtehenden Zwei⸗ kampf mit gleichen Waffen zu ſtören. Der Fürſt von Otrantv und ſeine Gefährten werden ſich daher zur Verfügung des kaiſerlichen Hofes ſtellen, und Zeugen dieſes Kampfes ſeyn mit dem vollkommenſten Ver⸗ trauen, daß die Vorſchriften der Unpartheilichkeit da⸗ bei pünftlich werden beobachtet werden. Die beiden griechiſchen Offiziere überbrachten dieſe Antwort dem Kaiſer, welcher ſie mit Vergnügen ver⸗ nahm; indem er auf der Stelle nach ſeinem angenom⸗ menen Grundſatze handelte, ſo viel als möglich den Frieden mit den Kreuzfahrern zu erhalten, ſo ernannte 79 er den Fürſten Tankred und den Protoſpathairen zu Marſchällen der Schranken, und gab ihnen die Voll⸗ macht, unter den Befehlen des Kaiſers alle Bedin⸗ gungen des Kampfes zu ordnen, mit Vorbehalt der kaiſerlichen Entſcheidung, wenn ſie verſchiedener Mei⸗ nung wären. Man machte dieſe Anordnung allen Zu⸗ ſchauern kund, welche auf dieſe Weiſe vorbereitet wur⸗ den, den griechiſchen Offizier und den italieniſchen Für⸗ ſten in vollkommener Rüſtung in die Schranken treten zu ſehen; auch verkündete eine feierliche Bekanntma⸗ chung der ganzen Verſammlung die Verrichtung der⸗ ſelben. Zu gleicher Zeit wurde der Befehl gegeben, einen Theil der Schaugeruͤſte zu räumen, um den Gefährten des Fürſten Tankreds Platz zu machen. Achilles Tatius, welcher alles Vorgehende genau beobachtete, bemerkte nicht ohne Beſtürzung, daß durch jene Verfügungen die wohlgerüſteten Lateiner zwiſchen die Unſterblichen und die unzufriedenen Bür⸗ ger gebracht wurden, was es ſehr wahrſcheinlich machte, daß die Verſchwörung entdeckt war, und daß Alexius auf die Hilfe Tankreds und ſeiner Gefährten bei der unterdrückung rechnen zu können glaubte. Dieſer Um⸗ ſtand, verbunden mit der kalten und beißenden Art, womit der Kaiſer ihm ſeine Befehle gegeben hatte, brachte den Akoluthos auf den Gedanken, daß die beſte Ausſicht, um aus der gegenwärtigen Gefahr zu kommen, darin beſtuͤnde, daß die ganze Verſchwörung erſtickt würde, und daß der Tag ohne den geringſten 80 Verſuch zur Erſchütterung des Thrones von Alexius Comnenus vorüber ginge. Zugleich ſchien es ihm ſehr zweifelhaft, daß ein ſo feiner und argwöhniſcher De⸗ ſpot, wie der Kaiſer, zufrieden ſeyn ſollte, die Ver⸗ ſchwörung gekannt zu haben, wie es der Fall zu ſeyn ſchien, und ſie ſcheitern zu ſehen, ohne den Bogen⸗ ſehnen und den Blendeiſen ſeiner Pallaſtſtummen eine Beſchäftigung zu geben; indeſſen ſah er wenig Mög⸗ lichkeit zu fliehen, oder Widerſtand zu leiſten. Der geringſte Verſuch, ſich aus der Nähe der treuen Die⸗ ner des Kaiſers, ſeiner perſönlichen Feinde, zu ent⸗ fernen, welche ihn allmählig immer näher umring⸗ ten, wurde in jedem Augenblicke gefährlicher, und würde ohne Zweifel einen Ausbruch herbeigeführt ha⸗ ben, den die ſchwächſte Parthei aufſchieben mußte, ſo ſchwierig dieſes war. Während die unmittelbar unter den Befehlen des Achilles ſtehenden Soldaten ihn noch als ihren Oberoffizier zu behandeln ſchienen, und an ihn ſich wandten, um ſeine Befehle zu empfangen, ſo wurde es immer deutlicher für ihn, daß der geringſte Grad von Verdacht, wozu er Anlaß gäbe, das Zei⸗ chen ſeiner angenblicklichen Verhaftung werden würde. Mit zitterndem Herzen, die Augen von dem ſchreckli⸗ chen Gedanken verdunkelt, bald dem Tageslichte und allem Sichtbaren Lebewohl ſagen zu ſollen, ſah ſich der Akoluthos verdammt, die Wendung der Ereigniſſe mit anzuſehen, da er darauf keinen Einfluß haben konnte, und den Erfolg eines Schauſpieles abzuwarten, 3¹ von deſſen Entwicklung ſein Leben abhing, obwohl die Rollen darin von andern Perſonen geſpielt wurden. In der That ſchien es, als ob die ganze Verſammlung ein Zeichen erwartete, welches Niemand zu geben be⸗ reit war. Die unzufriedenen Bürger und Soldaten ſuchten vergeblich mit den Augen nach Agelaſtes und dem Cä⸗ ſar; und als ſie die Lage ſahen, worin ſich Achilles Tatius befand, ſo ſchien ſeine Miene mehr Zweifel und Beſtürzung auszudrücken, als ihre Hoffnung zu ermuntern. Indeſſen viele Leute von der niederen Klaſſe befanden ſich durch ihren dunkeln Rang in zu großer Sicherheit, als daß ſie füt ihre eigene Perſon die Folgen eines Aufſtandes zu fürchten hatten, und wünſchten den Geiſt der Empörung aufzuwecken, der einſchlafen zu wollen ſchien. Ein dumpfes Gemurmel ließ ſich vernehmen, und er⸗ hob ſich faſt bis zum Geſchrei— Gerechtigkeit! Ge⸗ rechtigkeit! Urſel! Urſel! die Rechte der Unſterblichen u. a. m.— Alsbald erſcholl die große Trompete der Wäringer, und ihre gefürchteten Töne verbreiteten ſich in der ganzen Verſammlung, wie die Stimme einer gegenwärtigen Gottheit. Ein düſteres Schweigen herrſchte in dem Haufen, und die Stimme eines He⸗ roldes verkündete das Gutdünken und den Herrſcher⸗ willen des Alexius Comnenus. Bürger des Römiſchen Reiches, eure von Aufwieg⸗ lern erregten Beſchwerden ſind zu dem Ohre eures W. Scott's ſämmtl. Werke. 169s Boͤchn. 6 82 Kaiſers gedrungen, und ihr ſollt Zeugen ſehn, daß er die Macht hat, ſeinem Volke zu genügen. Auf euer Verlangen, und in eurer Gegenwart wird ſich der Ge⸗ ſichtsſtrahl, welcher erloſchen war, wieder entzünden, — der Geiſt, deſſen Anſtrengungen ſich darauf be⸗ ſchränkte, unvollkommen für ſeine Naturbedürfniſſe zu ſorgen, wird von Neuem, wenn er es wünſcht, ſeine Kräfte in der Verwaltung einer großen Reichsprovinz entfalten. Die politiſche Eiferſucht, welche ſchwieriger zu beſchwichtigen iſt, als dem Blinden das Geſicht wiederzuſchenken, wird durch die väterliche Liebe des Kaiſers zu ſeinem Volke, ſowie durch ſeinen Wunſch, demſelben alle Genugthuung zu verſchaffen, überwun⸗ den werden.— Euer Liebling, der Gegenſtand eurer Wünſche, Urſel, den man ſeit langer Zeit für todt hielt, oder wenigſtens geblendet in einem Gefängniſſe glaubte, ſoll euch wieder gegeben werden in voller Ge⸗ ſundheit, im Genuſſe ſeines Augenlichtes und im Be⸗ ſitze aller Fähigkeiten, die ihn in den Stand ſetzen, die Gnadenbeweiſe des Kaiſers anzunehmen und die Liebe des Volkes zu verdienen. Während der Herold alſo ſprach, trat ein Mann, welcher ſich bis dahin hinter einigen Pallaſtbeamten verborgen gehalten hatte, hervor, entledigte ſich eines dunklen Mantels, in welchen er gehüllt geweſen war, und zeigte ſich in einem koſtbaren Scharlachkleide. Die Verzierungen auf ſeinen Aermeln, ſowie die Halbſtie⸗ fel, welche er trug, verkündeten eine Würde, welche 85 nur der kaiſerlichen ſelbſt nachſtand. In der Hand hielt er einen ſilbernen Stab, das Merkmal des Be⸗ fehles über die Cohorten der Unſterblichen, kniete vor Alexius nieder, und überreichte ihm denſelben, zum Zeichen, daß er die Gewalt, deſſen Sinnbild er war, in ſeine Hände niederlege. Die ganze Verſammlung durchzuckte ein Freudenſtrahl, als ſie einen Mann wie⸗ der erſcheinen ſah, welchen man todt glaubte, oder wenigſtens durch grauſame Mittel für unfähig gemacht hielt, irgend ein öffentliches Amt zu verſehen. Einige erkannten den ſogleich wieder, deſſen Aeußeres und Züge nicht ſo leicht vergeſſen werden konnten, und ſie begruͤßten ihn, daß er ſo unverhofft dem Dienſte ſei⸗ nes Vaterlandes wiedergeſchenkt wäre. Andere blieben von Erſtaunen ergriffen, und wußten nicht, ob ſie ih⸗ ren Augen trauen ſollten; und einige Uebelwollende beeiferten ſich, das Gerücht in Umlauf zu bringen, daß der angebliche Urſel nur ein Betrüger wäre, und daß ihnen vom Kaiſer ein Streich geſpielt würde. Rede zu ihnen, edler Urſel, ſagte Alexius. Sage ihnen, daß ich nur gegen dich geſündigt habe, weil ich hintergangen worden bin; und daß mein Wunſch, dich dafür zu entſchädigen, ebenſo ſtark iſt, als je meine Abſicht war, dir zu ſchaden. Freunde und Mitbürger, ſagte Urſel, ſich zur Ver⸗ ſammlung wendend, Seine kaiſerl. Maj⸗ erlaubt mir, euch zu verſichern, daß, wenn ich auch in meinem ver⸗ gangenen Leben einige Ungerechtigkeit erlitten habe, 8⁴ dieſe mehr als vergütet iſt, durch das, was ich in die⸗ ſem ruhmvollen Augenblicke empfinde; ſowie daß ich von dieſem Augenblicke an entſchloſſen bin, mein übri⸗ ges Leben dem Dienſte des großmüthigſten und wohl⸗ thätigſten Herrſchers zu weihen, oder daſſelbe mit ſei⸗ ner Erlaubniß in Andachtsübungen hinzubringen, um mich auf jene koſtbare Unſterblichkeit vorzubereiten, welche von der Geſellſchaft der Heiligen und Engel be⸗ gleitet ſeyn wird. Welche Wahl ich ergreifen mag, ſo ſchmeichle ich mir, daß ihr, meine theuren Mitbuͤr⸗ ger, da ihr ſo gütig mein Andenken während der Jahre, die ich in Finſterniß und Gefangenſchaft zu⸗ brachte, bewahrt habt, nicht ermangeln werdet, mir den Beiſtand enrer Gebete zu ſchenken. Die plötzliche Erſcheinung dieſes, ſo lange Zeit ver⸗ lorenen, Urſels hatte etwas zu Ueberraſchendes, zu Uebernatuͤrliches, als daß nicht die Menge davon haͤtte gefeſſelt werden ſollen; und ſie beſiegelte ſeine Wieder⸗ verſöhnung mit dem Kaiſer durch drei ſo branſende Beifallsrufe, daß die Lüfte erzittert und die Voͤgel, nicht mehr im Stande, ſich auf ihren Flügeln zu er⸗ halten, aus ihrem natürlichen Elemente gefallen ſeyn ſollen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Ritter rief:„das Treſſen ſpielt nicht mit! „Ja! oder uns verläßt der Stagirit. „Solch einen Haufen nicht die Buͤhne hält, „Baut eine neue oder ſpielt im Feld 6 Pope. Der Lärm des Freudengeſchrei's war durch Berge und Waͤlder bis zu den entfernten Geſtaden des Bos⸗ phorus gedrungen, und endlich, von den Echo's wieder⸗ holt, in der Ferne geſtorben. Die Bürger ſchienen ſich während des darauffolgenden Schweigens einander zu fragen, welches Schauſpiel eine ſo feierliche Stille und eine ſo ehrwür dige Bühne ſchmuͤcken ſollte. Die⸗ ſem Zwiſchenraume würde wahrſcheinlich bald neues Geſchrei gefolgt ſeyn, da eine verſammelte Menge, es ſey aus welchem Grunde es wolle, ſelten lange ruhig bleibt, wenn nicht ein Zeichen der Wäringer Trompete einen neuen Grund der Aufmerkſamkeit verkündet hätte. Die Töne hatten zugleich etwas Ergreifendes und Schwermüthiges; ſie trugen den Charakter eines Kriegs⸗ geſanges, ſowie den Klagelaut an ſich, den man be⸗ ſonders zur Ankündigung einer feierlichen Hinrichtung wählen könnte. Sie waren erhaben, wohllautend, nachhallend und klangen fort, als wie wenn ſie in den ehernen Mund von einem mächtigeren Hauche, als aus der Lunge eines gewöhnlichen Sterblichen geblaſen worden wären. Die Menge ſchien dieſe eindrucksvollen Töne zu er⸗ kennen, welche in der That dieſelben waren, die ge⸗ 36 wöhnlich die Aufmerkſamkeit des Volkes auf die Be⸗ kanntmachung wichtiger kaiſerlicher Befehle lenkten, als da waren Mittheilungen an das Volk von Con⸗ ſtantinopel über Empörungen, über Urtheile wegen Verrä herei, und andere Neuigkeiten von großer und ernſthafter Wichtigkeit. Als die Trompete nicht mehr die ungeheure Verſammlung mit ihren beunruhigenden und ſchwermüthigen Klaͤngen bewegte, ließ ſich die Stimme des Heroldes von Neuem vernehmen. Er erklärte, mit ernſtem und nachdrucksvollem Tone, daß bisweilen das Vork ſeine Pflichten gegen einen Herrſcher verletzte, der für daſſelbe ein Vater wäre, und daß alsdann die traurige Pflicht dem Fürſten darböte, eher die Zuchtruthe anzuwenden, als den Oel⸗ zweig der Gnade. Doch iſt es ein Glück, fuhr der Herold et wenn der höchſte Gott die Erhaltung eines Thrones über⸗ nimmt, der dem ſeinigen durch Wohlthätigkeit und Gerechtigkeit gleicht, und das beſchwerlichſte, ſeinem Stellvertreter auf Erden obliegende, Geſchäft erfüllt, nehmlich die Menſchen zu ſtrafen, welche ſein untrüg⸗ liches Urtheil für ſchuldig erkannt hat, indem er ſei⸗ nem Statthalter die angenehmere Sorge überlaͤßt, de⸗ nen zu verzeihen, welche durch Kunſtgriffe verleitet worden ſind, und welche Verrätherei in ihre Schlingen gelockt hat. Da dieſes der gegenwärtige Fall iſt, ſo wird Grie⸗ chenland und ſeine Provinzen eingeladen mich anzu⸗ 87 7 hören, um zu erfahren, daß ein Nichtswürdiger, Na⸗ mens Agelaſtes, der ſich in die Gunſt des Kaiſers durch Vorgebung tiefer Kenntniſſe und einer ſtrengen Tugend eingeſchlichen hatte, mit dem treuloſen Plaue umgegangen war, den Kaiſer Alexius Comnenus zu ermorden und einen Umſturz des Staats herbeizufuͤh⸗ ren. Dieſer Menſch, welcher unter vorgeblicher Weis⸗ heit die Lehren eines Ketzers und die Laſter eines Wollüſtllngs verbarg, hatte ſelbſt im kaiſerl. Hauſe Anhänger gefunden, ja bei denen, die der Perſon des Kaiſers am nächſten ſtehen, ſowie in den niederen Ständen, unter welchen man, um ſie zur Empörung aufzureizen, eine Menge luͤgenhafter Gerüchte ausge⸗ ſprengt hatte, ähnlich demjenigen von dem Tode und der Blindheit Urſels, von deſſen Falſchheit ſich eure eigenen Augen überzengt haben. Das Volk, welches bis dahin ſchweigend zugehört hatte, erhob ein großes Beifallsgeſchrei. Sobald die Stille wiederhergeſtellt war, fuhr die wohllautende Stimme des Herolds in der Bekanntmachung fort. Kora, Dathan und Abiron, ſagte er, haben nicht die Strafe eines erzürnten Gottes gerechter und ſchnel⸗ ler erlitten als jener ruchloſe Agelaſtes. Die Erde that ſich auf, um die abgefallenen Kinder Israels zu verſchlingen; aber der Tod dieſes Elenden hat, ſoviel man glanben kann, vermittelſt eines Geiſtes der Fin⸗ ſterniß Statt gefunden, welchen er ſelbſt durch ſeine falſchen Künſte heraufbeſchworen hatte. Dieſer Geiſt 88 hat, wie das Zeugniß einer edlen Dame und anderer Perſonen ihres Geſchlechtes, welche dieſem Strafge⸗ richte beiwohnten, erwieſen hat, den Agelaſtes er⸗ würgt: ein würdiges Schickſal ſeiner gehaͤßigen Ver⸗ brechen! ein ſolcher Tod, ſelbſt bei einem ſo ſtrafba⸗ ren Menſchen, hat den Kaiſer tief ergriffen, weil er über dieſe Welt hinaus Leiden erſtreckt. Aber dieſe furchtbare Strafe bringt dieſen Troſt mit ſich, daß ſie den Kaiſer entbindet, eine Rache weiter auszudehnen, welche der Himmel ſelbſt auf die ausgezeichnete Stra⸗ fe des Hauptverſchworenen beſchraͤnkt zu haben ſcheint. Einige Veränderung in den Stellen und Aemtern werden aus Rückſicht für die gute Ordnung und die oͤf⸗ fentliche Sicherheit vorgenommen werden. Aber wer hat an dieſem furchtbaren Verbrechen Theil genommen? Dieſes Geheimniß ſoll in der Bruſt der Schuldigen ſelbſt ruhen bleiben, denn der Kaiſer will ihr Ver⸗ gehen aus ſeinem Gedaͤchtniß verbannen, als eine Wirkung einer augenblicklichen Taͤuſchung. Mögen Alle, welche mich hoͤren, welchen Theil ſie immer an den heute vorbereiteten Ereigniſſen haben nehmen wollen, in ihre Wohnungen mit der feſten Meberzeu⸗ gung zurückkehren, daß ihre eignen Gedanken ihre ein⸗ zige Strafe ſeyn ſollen. Sie mögen ſich freuen, daß die Güte des Allmächtigen ſie vor den in ihrem Her⸗ zen ausgeſonnenen Anſchlägen geſchützt hat; und mö⸗ gen ſie nach der rührenden Sprache der heil. Schrift 89 Buße thun, und nicht mehr ſündigen, damit ihnen nichts Schlimmeres begegne⸗ Der Herold endigte ſeine Rede, und der Beifall der Verſammlung antwortete ihm von Neuem: das Jauchzen war allgemein, denn alle umſtände verei⸗ nigten ſich, um die Unzufriedenen zu überzeugen, daß ſie der Willkühr ihres Herrſchers Preis gegeben wãä⸗ ren; da nehmlich die Bekanntmachung, welche ſie ver⸗ nommen hatten, bewies, daß er ihr Verbrechen kann⸗ te, ſo hing es von ſeinem Gutdünken ab, gegen ſie die Streitäxte der Wäringer zu gebrauchen; zugleich war es nach der Art, womit es ihm gefallen hatte, den Tankred zu empfangen, wahrſcheinlich⸗ daß die Streit⸗ kräfte dieſes Fürſten auch dem Alexius zu Dienſten ſtünden. Die Stimme des Rieſen Stephanos, des Centurio Harpax und anderer Rebellen, ſowohl aus dem Lager als aus der Stadt druͤckten zuerſt durch großes Ge⸗ ſchrei ihre Erkenntlichkeit fuͤr die Milde des Kaiſers aus, ſowie ihre Gebete zum Himmel für ſein Leben. Da nun aber das Volk ein Mal von dem Gedan⸗ ken wohl durchdrungen war, daß die Verſchwörung eutdeckt und vereitelt wäre, ſo begann es nach ſeiner Gewohnheit ſeine Gedanken auf den Gegenſtand zu richten, welcher der Vorwand ſeiner Verſammlung an bieſem Orte geweſen war. Das Flüſtern verwan⸗ delte ſich bald in ein Murren, und drickte den Un⸗ willen der Bürger darüber aus, daß ſie ſo lange ver⸗ 90 ſammelt wären, ohne daß man ihnen ein einziges Wort von dem Zwecke ihrer Vereinigung geſagt hätte. lexius bemerkte bald die Richtung, welche ihre Gedanken nahmen; und auf ein Zeichen ſeiner Hand ließen die Trompeten eine kriegeriſche Weiſe hören, noch ſtärker als die vorige, welche der kaiſerlichen Be⸗ kanntmachung zum Vorſpiele gedient hatte, Robert, Graf von Paris, ſchrie darauf der Herold, ſehd ihr hier in Perſon, oder von einem andern Ritter ver⸗ treten, um auf die Herausfoderung zu antworten, welche an euch ergaügen iſt durch Seine Kaiſerliche Hoheit Nicephorus Briennes, den Cäſar dieſes Rei⸗ Der Kaiſer glaubte gute Maßregeln getroffen zu haben, daß keiner der beiden genannten Kämpfer auf jenen Aufruf antwotten könnte, und hatte ein Schau⸗ ſpiel anderer Art vorbereitet; man hatte wilde Thiere in eiſerne Käſiche geſperrt, und wollte ſie jetzt los⸗ laſſen und mit einander kämpfen laſſen zur Beluſti⸗ gung der Verſammlung. Wie groß war daher ſeine Verwunderung und Verlegenheit, als bei der Wieder⸗ holung des letzten Wörtes ſeines Ausrufes durch das Echo der Graf Robert von Paris ſich in vollſtändi⸗ ger Rüſtung zeigte! er kam aus einem von Vorhän⸗ gen verſchloſſenen Raume, und hatte hinter ſich ſeinen mit einem Panzer bedeckten Renner, zum Zeichen, 9⁴ daß er auf das erſte Wort des Marſchalls aufzuſitzen bereit wäre.. Die Beſtürzung und Schaam, welche ſich in den Zuͤgen aller Umgebungen des Kaiſers malten, als man ſah, daß ſich der Cäſar nicht auf dieſelbe Weiſe ein⸗ ſtellte, um dem furchtbaren Franken die Stirne zu bieten, waren nicht von langer Dauer. Kaum hatten die Herolde den Namen und Titel des Grafen von Paris ausgerufen, und an ſeinen Gegner ihre zweite Auffoderung in gehöriger Weiſe gerichtet, ſo ſprang ein Mann in der Kriegstracht der Wäringer in die Schranken, und erklärte ſich bereit, im Namen und an Statt des Cäſars Nicephorus Briennes und für die Ehre des Reiches zu kämpfen. Alexins ſah dieſe unerwartete Hülfe mit der größten Freude, und gab gerne dem kühnen Soldaten ſeine Einwilligung, der ſich im Augenblicke der dringend⸗ ſten Noth alſo voranſtellte, und das gefährliche Ge⸗ ſchäft eines Kämpfers übernahm. Er willigte um ſo frendiger ein, als er ihn an ſeinem Wuchſe, an ſei⸗ nem Aeußeren und an der muthvollen Soldatenmiene zu erkennen glanbte und volles Vertrauen in ſeine Tapferkeit ſetzte. Aber der Fuͤrſt Tankred trat da⸗ zwiſchen, um Widerſpruch zu thun. Die Schranken, ſagte er, wären nur fuͤr Ritter und Adeliche offen; wenigſtens wären Zweikämpfe da⸗ rin nur zwiſchen denjenigen erlaubt, welche einige Gleichheit des Blutes und der Geburt hätten. Er „ 92 könnte daher nicht ſchweigen, da er in dieſer Hinſicht die Geſetze des Ritterthums verletzt ſähe. Der Graf von Paris ſoll meine Züge betrachten, ſagte der Wäringer, und ſoll ſagen, ob ſein Verſpre⸗ chen nicht jeden Einwurf gegen unſern Kampf beſeitigt hat, welcher auf die Ungleichheit der Lage gegründet werden könnte. Er ſoll ſelbſt entſcheiden, ob er durch einen Kampf mit mir etwas mehr thun wird, als ein Wort halten, durch das er ſeit langer Zeit gebun⸗ den iſt. Nach dieſem Aufrufe kam der Graf Robert herbei, und erkannte ohne weitere Erörterung, daß er unge⸗ achtet ihrer Rangverſchiedenheit ſich durch ſein heiliges Wort verpflichtet glaubte, dieſen tapfern Soldaten in den Schranken zu bekaͤmpfen. Er bedauerte, ſagte er, in Erwägung der ausgezeichneten Eigenſchaften dieſes Mannes, und der wichtigen Dienſte, welche er von ihm erhalten haͤtte, daß ſie im Begriffe ſtünden, ge⸗ genſeitig ihr Blut zu vergießen; aber da nichts ge⸗ wöhnlicher wäre, als daß das Kriegslvos Freunde zu Kampf auf Leben und Tod zwänge, ſo wolle er nicht die eingegangene Verpflichtung zurücknehmen, auch glaube er keineswegs ſeinem Stande etwas zu vergeben, wenn er einen ſo wohlbekannten und in ſo gutem Rufe ſtehenden Krieger, wie den Wäringer Hereward bekämpfte. Er ſetzte hinzu, daß er es zu⸗ frieden wäre, wenn das Gefecht zu Fuß und mit der 95 Streitart, der gewöhnlichen Waffe der Wäringer Leib⸗ wache vor ſich gehen ſollte. Hereward hatte während dieſer Rede unbeweglich, faſt wie eine Bildſäule geſtanden. Sobald der Graf aufgehört hatte zu ſprechen, verneigte er ſich zu einem freundlichen Gruße, und erklärte ſich geehrt und zu⸗ frieden mit der edlen und offenen Art, wodurch der Graf ſein Verſprechen gegen ihn erfüllt habe. Was wir zu thun haben, ſagte der Graf Robe mit einem Seufzer, welchen ſeine genze Liebe zum Kampfe nicht unterdrücken konnte, das wollen wir ſchnell thun. Das Herz kann bewegt ſeyn, aber der Arm muß ſeine Pflicht thun. Hereward machte ein Zeichen des Beifalls und ſetzte hinzu:— Laſſet uns daher keine Zeit verlieren, denn ſie verfließt ſchon zu ſchnell. Er ergriff ſeine Streit⸗ art und ſtand zum Kampfe bereit. Ich bin ebenfalls fertig, ſchrie der Graf Robert von Paris, und ergriff die Streitart eines Wäringer Sol⸗ daten, der an den Schranken ſtand. Alle beide ſetz⸗ ten ſich ſogleich in Vertheidigungsſtand, und keine Fömlichkeit, kein Umſtand verzögerte mehr das Ge⸗ fecht. Die erſten Hiebe wurden mit großer Vorſicht aus⸗ geführt und parirt, und der Fürſt Tankred und meh⸗ rere ſeiner Begleiter meinten, daß der Graf Robert mehr Klugheit als gewoͤhnlich bewieſe. Aber es geht mit dem Kampfe wie mit der Mahlzeit: der Appetit * 94 kommt während des Eſſens. Die heftigeren Leiden⸗ ſchaften begannen, wie gewöhnlich, bei dem Geraͤuſche der Waffen zu erwachen, ſowie durch den Schmerz, welcher auf beiden Seiten durch einige furchtbare Hiebe entſtand, die mit großer Wuth gethan und nicht ſo vollſtaͤndig abgelenkt worden waren, daß das Blut der beiden Kaͤmpfer nicht gefloſſen wäre. Die Griechen betrachteten mit Staunen einen Zweikampf, wie ſie noch ſelten einen geſehen hatten, und vermochten kaum zu athmen, als ſie die wüthenden Hiebe ſahen, welche ſich die beiden Kämpfer verſetzten; denn ſie erwarteten bei jedem Schlage einen der beiden Krieger fallen zu ſehen, um nie wieder aufzuſtehen. Ihre Kraft und Gewandtheit ſchienen noch ziemlich gleich zu ſeyn; in⸗ deſſen dachten diejenigen, welche mit mehr Kennerſchaft über den Kampf urtheilten, daß Graf Robert nicht alle ſeine Kriegskunſt anwendete, die ihn ſo berühmt gemacht hatten. Man bemerkte allgemein und geſtand zu, daß er auf einen großen Vortheil verzichtet hätte, indem er nicht auf ſeinem Rechte beſtanden, zu Pferde zu kämpfen. Auf der anderen Seite war es offenbar, daß der tapfre Wäringer vernachläßigt hatte, einige Vortheile zu benutzen, welche ihm die Hitze des Gra⸗ fen Robert dargeboten hatte, der ſichtlich über die Länge dieſes Kampfes erzürnt war. Ein Vorfall ſchien endlich die bis jetzt gleiche Wage neigen zu ſollen. Der Graf Robert that einen Schein⸗ hieb auf die eine Seite ſeines Gegners, und traf ihn 95 dann raſch auf die andere, ungedeckte, mit der Schürfe ſeiner Waffe, ſo daß der Wäringer wankte, und dem Falle nahe ſchien. Der gewöhnliche Laut, welchen die Zuſchauer bei dem Anblicke eines ſchmerzlichen und un⸗ angenehmen Ereigniſſes hören laſſen, indem ſie näm⸗ lich ihren Athem durch ihre geſchloſſenen Zähne ziehen, ertönte auch jetzt plötzlich in der ganzen Verſammlung, und die Stimme eines Weibes ſchrie mit heftigem und bewegtem Tone:— Robert, Graf von Paris! vergiß nicht heute, daß du ein Leben ſowohl dem Himmel, als auch mir verdankeſt!— Der Graf wollte eben ei⸗ nen zweiten Hieb thun, und man kann nicht ſagen, welches die Folge davon geweſen wäre, als dieſer Ruf zu ſeinem Ohre drang, und ihm jede Luſt zur Fort⸗ ſetzung des Kampfes zu benehmen ſchien. Ich erkenne die Schuld an, rief er, ſenkte ſeine Streitaxt und wich um zwei Schritte von ſeinem Geg⸗ ner zurück. Hereward ſtand von Staunen ergriffen, und kaum von der Betäubung erholt, welche ihm durch den Schlag, der ihn faſt zu Boden geworfen hatte, verurſacht worden war. Ern ſenkte ſeine Waffe wie ſein Gegner, und ſchien mit Ungewißheit zu er⸗ warten, wie der Kampf ausgehen ſollte.— Ich er⸗ kenne meine Schuld an, wiederholte der tapfere Graf von Paris, ſowohl gegen die Brittin Bertha, als gegen den Allmächtigen, der mich vor undankbarem Blutvergießen bewahrt hat.— Ihr ſehd Zeugen des Kampfes geweſen, edle Herrn, ſagte er, ſich zu Tau⸗ 96 kred und den andern Rittern wendend; und ihr könnt auf eure Ehre bekraͤftigen, daß er von beiden Seiten gut geführt worden iſt, ohne Vortheil für Einen. Ich denke, daß mein ehrenwerther Gegner jetzt den 2 Lunſch befriedigt. hat, welcher ihn zu dieſer Herausforderung bewog, die gewißlich aus keinem perſönlichen oder Privatzwiſte entſprungen iſt. Was mich betrifft, ſo belebt mich ein ſo inniges Gefühl der Verbindlichkei⸗ ten, die ich ihm perſönlich ſchuldig bin, daß ich die Fortſetzung dieſes Kampfes als eine ſchändliche und ſtrafbare Handlung betrachten wuͤrde, wofern mich die Sorge für meine n Vertheidigung nicht dazu zwänge. Alexius benutzte mit Freuden einen Friedensvorſchlag, welchen er noch nicht ſo bald erwartet hatte, und warf ſeinen Commandoſtab in die Schranken zum Zei⸗ chen, daß der Zweikampf geendigt waͤre. Obwohl Tankred etwas erſtaunt, ja vielleicht ärgerlich war, daß ein Soldat von der kaiſerlichen Leibwache ſo lange allen Anſtrengungen eines ſo berühmten Ritters wi⸗ derſtanden hatte, ſo konnte er doch nicht umhin ein⸗ zugeſtehen, daß der Kampf mit Redlichkeit und Waf⸗ fengleichheit geführt worden ſey, und ſich ehrenvoll für beide Theile geendigt habe. Da der Ruf des Gra⸗ fen bei den Kreuzfahrern ausgebreitet und feſt gegrün⸗ det war, ſo mußten ſie glauben, daß ein ſehr maͤch⸗ tiger Beweggrund ihn gegen ſeinen gewoͤhnlichen Ge⸗ brauch beſtimmt habe, die Beendigung des Kampfes 97 fruͤher vorzuſchlagen, als der Tod oder das Unterliegen ſeines Gegners ihn natürlich beſchloſſen hätte. Das Gebot des Kaiſers wurde daher bei dieſer Gelegenheit als ein durch die Einwilligung aller gegenwärtigen Auführer bekräftigtes Geſetz betrachtet, und von dem Jauchzen und Beifalle aller Zuſchauer beſtätigt. Aber das intereſſanteſte Geſicht in der ganzen Ver⸗ ſammlung bot wohl der wackere Wäringer dar, welcher ſo plötzlich zu einer Höhe des kriegeriſchen Ruhmes gelangt war, die er bei der großen Schwierigkeit, wo⸗ mit er den Kampf gegen den Grafen Robert geführt hatte, nicht vorauszuſehen vermochte; doch hatte ſeine Beſcheidenheit nicht im Geringſten ſeinen unbezwing⸗ baren Muth geſchwächt, welchen er waͤhrend des Ge⸗ fechtes gezeigt hatte. Er ſtand in der Mitte der Schranken, ſein Geſicht war belebt vom Feuer des Kampfes, von dem Gefühle der Beſcheidenheit, das aus ſeinem offenen und ſchlichten Charakter entſprang, ſo wie von der Verlegenheit, als er alle Blicke auf ſich gerichtet ſah. Rede zu mir, mein Soldat, ſagte Alexius mit ei⸗ ner Stimme, welche von der Erkenntlichkeit, die er dem Hereward bei einer ſo ſeltſamen Gelegenheit ſchul⸗ dig zu ſeyn glaubte, ſehr bewegt war.— Sprich zu deinem Kaiſer als ſein Höherer, denn du biſt es in dieſem Augenblicke; und ſage ihm, auf welche Weiſe er, und wäre es mit der Hälfte ſeines Reiches, dir es lohnen kann, daß du ihm das Leben gerettet, und, W. Stott's ſaͤmmtl. Werke. 1698 Bochn. 7 98 was noch viel koſtbarer iſt, ſo tapfer die Ehre ſeines Landes vertheidigt und aufrecht erhalten haſt. Sire, antwortete Hereward, Ew. kaiſerl. Hoheit ſchlägt meine niedrigen Dienſte zu hoch an, und muß dem edlen Grafen von Paris die Ehre davon zukom⸗ men laſſen, zuerſt, daß er geruht hat, ſich mit einem Gegner von ſo niedrigem Range zu meſſen, und ſo⸗ dann, daß er großmüthig auf ſeinen Sieg verzichtet hat, als er nur noch einen Hieb zu führen brauchte, um ihn gewiß zu haben, denn ich geſtehe es in Gegen⸗ wart Ew. Majeſtät, meiner Gefaͤhrten und der ver⸗ ſammelten Griechen, ich hatte keine Hoffnung mehr, das Gefecht fortzuſetzen, als die Großmuth des tapferen Grafen demſelben ein Ende machte. Sey nicht ſo ungerecht gegen dich ſelbſt, mein Ta⸗ pferer, ſagte Graf Robert.— Ich ſchwore es bei un⸗ ſerer Frauen von den gebrochenen Lanzen! daß das Gefecht noch der Entſcheidung der Vorſehung unterlag, als die Lebendigkeit meiner Gefuͤhle es mir unmöglich machte, daſſelbe fortzuſetzen, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, einen Gegner, von welchem ich ſo viele Dienſte empfangen habe, ſchwer zu verwunden oder gar zu tödten. Wähle dir daher die Belohnung, wel⸗ che dir die Großmuth deines Kaiſers mit ſo großer Gerechtigkeit und Erkenntlichkeit anbietet, und fürchte nicht, daß Jemand ſagen mag, ſie ſey nicht wohl ver⸗ dient, wenn Robert von Paris mit dem Schwerte in . 99 der Hand erklären wird, daß ſie an ſeinem eigenen Helme gewonnen worden iſt. Ihr ſeyd von einem zu edlen und erhabenen Range, Herr Graf, antwortete der Angelſachſe, als daß ein Mann wie ich eure Meinung beſtreiten könnte; ich will nicht einen neuen Zwiſt zwiſchen uns erwecken durch die Beſtreitung deſſen, was ihr über die Um⸗ ſtände ſagt, die ſo plötzlich unſer Gefecht beendigt ha⸗ ben, und es wäre weder klug noch vorſichtig von mir, euch weiter zu widerſprechen. Mein edler Kaiſer bie⸗ tet mir großmüthig die Wahl meiner Belohnung an, wie er es nennt; aber ſeine Großmuth möge nicht be⸗ leidigt werden, wenn ich von Euch, Herr Graf, und nicht von Sr. kaiſerl. Maj. eine Gunſt erbitten werde, die köſtlichſte für mich, welche meine Stimme zu er⸗ bitten vermag. Und dieſe Gunſt betrifft Bertha, die treue Beglei⸗ terin meiner Frau? ſagte der Graf von Paris. Genau ſo, antwortete Hereward. Meine Abſicht iſt, meinen Abſchied von der Wäringer Leibwache und die Erlaubniß zu verlangen, und an eurem frommen und ehrenvollen Geluͤbde der Widereroberung Paläſtina's Theil zu nehmen; auch moͤge es mir frei ſtehen, unter eurem edlen Banner zu kämpfen, ſo wie vergönnt ſeyn, von Zeit zu Zeit Berthen an meine Liebe zu erinnern, und zu hoffen, daß unſere Verbindung die Billigung ihres edlen Gebieters und ihrer Gebieterin erhalten wird. Auf dieſe Weiſe kann ich hoffen, eines Tages 100 mein Land wieder zu ſehen, welches ich nie aufhoͤrte mehr zu lieben als die ganze uͤbrige Welt. Edler Soldat, rief Robert aus, deine Dienſte wer⸗ den uns ſo willkommen ſeyn, als die eines gebornen Grafen; und es ſoll keine Gelegenheit, um Ehre zu erwerben, vorkommen, welche ich dir nicht aus allen meinen Kräften verſchaffen werde. Ich will mich nicht des Einfluſſes rühmen, den ich bei dem Könige von England haben kann; aber wenn ich etwas an ſeinem Hofe gelte, ſo will ich dieſes ganz dazu verwenden, um dich in dein Heimathland einzuſetzen, an welchem du ſo ſehr hängeſt. Der Kaiſer nahm darauf das Wort.— Ich nehme zum Zeugen Himmel und Erde, euch, meine treuen Unterthanen, euch, meine edlen Bundesgenoſſen, und beſonders euch, meine tapfern und trenen Wäringer, daß wir lieber den koſtbarſten Edelſtein aus unſerer kaiſerlichen Krone verlieren wollten, als die Dienſte dieſes biederen und tapferen Angelſachſen. Aber da er uns einmal verlaſſen ſoll und dazu entſchloſſen iſt, ſo werden wir Sorge tragen, ihn mit Gunſtbezeigungen zu überhäufen, welche ihm während ſeines ganzen Le⸗ beus beweiſen ſollen, daß ihm der Kaiſer Alexius Comnenus eine Dankbarkeit ſchuldig iſt, welche alle Schaͤtze ſeines Reichs abzutragen nicht im Stande waͤ⸗ ren.— Fürſt Tankred, ihr und eure vornehmſten Be⸗ gleiter, ſeyd auf dieſen Abend zu unſerer Tafel ge⸗ laden, und worgen frühe werdet ihr euch auf eure 104 ehrenvolle und fromme Pilgerfahrt begeben. Wir hof⸗ fen, daß die beiden Kämpfer uns auch das Verguügen ihrer Gegenwart ſchenken werden.— Trompeter, gebt das Zeichen zum Aufbruch⸗ Die Trompeter blieſen, und die verſchiedenen Klaſſen von Zuſchauern, Bürgern und Soldaten, trennten ſich in mannigfaltigen Haufen, oder ordneten ſich in Züge, um in die Stadt zurückzukehren. Seltſames Weibergeſchrei hielt plötzlich den Abzug der Menge aufz wer einen Blick zurückwarf, konnte den Sylvan, den großen Hrang-Outang bemerken, welcher ſich zum allgemeinen Eyſtaunen in den Schran⸗ ken zeigte. Die Weiber und ſelbſt viele Männer, die nicht an die ſeltſamen Züge und an das wilde Ausſe⸗ hen eines ſo außerordentlichen Thieres gewöhnt waren⸗ ſtießen ein ſo ſchreckliches Geſchrei aus, daß ſie auch das wunderliche Geſchöpf, welches die Urſache davon war, in Schrecken ſetzten. Während der Nacht war Sylvan über die Mauer des Gartens von Agelaſtes eutſchlüpft, war über die Stadtmauern geklettert, und hatte keine Schwierigkeit gefunden, ſich in den faſt vollendeten Schranken zu verbergen, indem er ſich in einen dunklen Winkel unter den für die Zuſchauer beſtimmten Stufenſitzen verkroch. Wahrſcheinlich wurde er daraus durch den brauſenden Lärm vertrieben, wel⸗ chen die Menge bei ihrem Aufbruche erregte, und er war genöthigt, ſich in dem Augenblicke öffentlich zu zeigen, wo er es am wenigſten wünſchtes ſehr ähnlich 102 dem berühmten Pulcinell beim Ausgange ſeines Schau⸗ ſpiels, wenn er einen Kampf auf Leben und Tod mit dem Teufel ſelbſt anfängt: dieſer Auftritt kann kaum mehr Schrecken bei den Kindern erregen, als die un⸗ erwartete Erſcheinung Sylvan's unter den Zuſchauern des Zweikampfs hervorbrachte. Die tapferſten Solda⸗ ten ſpannten ihre Bogen, und richteten die Spitzen ihrer Wurfſpieße gegen ein Thier von ſo zweideutiger Gattunz, daß es die meiſten, welche es ſahen, wegen ſeiner ungewöhnlichen Größe und ſeiner ſcheußlichen Züge für den Teufel oder für irgend eine jener hölli⸗ ſchen Gottheiten, welche einſt die Heiden angebetet hatten, zu halten geneigt waren. Sylvan hatte genug Erfahrung geſammelt, um zu begreifen, daß die Haltung, welche ſo viele Soldaten annahmen, ihn mit einer dringenden Gefahr bedrohte; er ſuchte ſich daher zu ſichern, indem er ſich eilte un⸗ ter den Schutz Herewards zu gelangen, mit welchem er ſich bis auf einen gewiſſen Punkt vertraut gemacht hatte. Er zupfte ihn am Kleide, und ſuchte ihm ſo⸗ wohl durch ein ſeltſames Mienenſpiel ſeiner wunderli⸗ chen Zuͤge, als durch ein wildes, unbeſtimmtes Ge⸗ ſchrei ſeine Furcht auszudruͤcken, und ſeinen Schutz zu verlangen. Hereward begriff ihn ſehr gut, er wandte ſich zum Throne des Kaiſers und ſagte ganz laut:— Armes erſchrecktes Geſchöpf, richte deine Bitte, deine Geberden und dein Geſchrei an denjenigen, welcher heute ſchon ſo viele abſichtliche und böslich überdachte 105 Verbrechen verziehen hat, und der gewiß nicht ſeine Vergebung den Fehlern verſagen wird, welche ein kaum mit Inſtinkt begabtes Weſen hat begehen können. Das Thier ahmte, nach Art ſeines Geſchlechtes, ſogleich die Geberden Herewards nach, und ſchien ſein Flehen an den Kaiſer zu richten, aber auf eine ſo poſ⸗ ſirliche Weiſe, daß Alexius ſelbſt, trotz des ernſthaften Auftrittes, welcher vor kurzem vorgefallen war, ſich nicht des Lachens über den drolligen Zug enthalten konnte, welchen dieſer letzte Vorfall hinzugefügt hatte. Mein treuer Hereward, ſagte er— und bei ſch ſelbſt ſetzte er hinzu: ich werde ihn nicht mehr Eduard nennen, wenn es mir möglich iſt— du biſt die Zu⸗ flucht der Bedraͤngten, es ſeyen Menſchen oder Thiere; und ſo lange du in unſrem Dienſte biſt, ſoll Jeder, der uns durch deine Fürſprache eine Bitte thun wird, ſie nie vergebens thun. Uebernimm es, guter Here⸗ ward,— denn dieſer Name begann ſich jetzt in ſein kaiſerliches Gedächtniß einzuprägen— mit deinen Be⸗ gleitern, welche die Gewohnheiten dieſes Thieres ken⸗ nen, daſſelbe in ſeine alte Wohnung im Blakernal zu⸗ rückzuführen. Darnach, mein würdiger Freund, ver⸗ giß nicht, daß wir uns deine Geſellſchaft und die dei⸗ ner treuen Freundin Bertha erbitten, um an unſerem Hofe zu ſpeiſen mit unſerer Gemahlin und unſerer Tochter, ſowie mit denjenigen unſerer Diener und un⸗ ſerer Unterthanen, welche wir zu derſelben Ehre ein⸗ laden werden. Sey verſichert, daß du, ſo lange du 104 bei uns bleiben wirſt, alle möglichen Auszeichnungen mit Freuden erhalten ſollſt.— Tritt heran, Achilles Tatius! du behältſt die Gunſt deines Kaiſers, ſo wie du ſie geſtern genoſſeſt. Wenn gegen dich einige An⸗ klage geſchehen iſt, ſo iſt ſie nur von Freundesohr ver⸗ nommen worden, welcher ſich daran nicht mehr erin⸗ nern will, wofern nicht, was Gott verhüten möge, ein neues Vergehen die Erinnerung daran wecken ſollte. Achilles Tatius verneigte ſich, daß der Federbuſch ſeines Helmes die Mähnen ſeines Renners berührte; doch hielt er es für das Klügſte, keine Antwort zu geben, und ſein Verbrechen wie ſeine Verzeihung im Dunkel der allgemeinen Ausdrücke ruhen zu laſſen, in welchen der Kaiſer darüber geſprochen hatte. Die Menge aus allen Ständen ſetzte ſich zum zwei⸗ ten Male in Bewegung, um in die Stadt zurückzu⸗ kehren, und kein neuer Vorfall verurſachte eine Un⸗ terbrechung. Sylvan wurde von ein Paar Waͤringern, welche ihn wie einen Gefangenen zu führen ſchienen, in die unterirdiſchen Behauſungen des Blakernalpalla⸗ ſtes gebracht, die in der That die paſſendſte Wohnnng für ihn waren. Während der Rückkehr nach Conſtantinopel hatte Harpax, der unſern Leſern wohlbekaunte Centurio der Leibwache der Unſterblichen, eine Unterhaltung mit ein Paar von ſeinen Soldaten und einigen Bürgern, welche in die fehlgeſchlagene Verſchwörung verwickelt waren. — . 105 Nun! ſagte der Ringer Stephanos, wir haben doch im Ganzen gute Geſchäfte gemacht uns uͤbertölpeln und verrathen laſſen von einem dummen Wäringer! Alles Giuͤck iſt gegen uns, wie es gegen den Stuͤmper Korydon ſeyn würde, wenn er ſich erkühnte, mich in dem Circus herauszufordern. Urſel, deſſen Tod ſo viel Aufſehen gemacht hatte, iſt jetzt überdieß lebendig wieder da; und was noch ſchlimmer iſt, wir gewinnen nichts da⸗ bei, daß er lebt. Dieſer Schurke Hereward, der ge⸗ ſtern nicht mehr werth war als ich. was ſage ich? nicht mehr werth war? bei weitem weniger: ein in jeder Beziehung unbekanntes Weſen; der iſt jetzt mit Ehre, mit Lob und Geſchenken überhäuft, bis man ihm Alles wieder abnimmt, was man ihm gegeben hat.— Der Cäſar, der Akoluthos, welche unſere Ver⸗ bündeten waren, haben das Vertrauen und die Freund⸗ ſchaft des Kaiſers verloren; und wenn ihr Leben in dieſem Augenblicke geſchont wird, ſo geht es ihnen wie dem Geflügel unſerer Hühnerhöfe, das wir heute mäſten, und welchem wir morgen den Hals umdrehen, um es an den Spieß zu ſtecken, oder in den Topf zu thun. Stephanos, antwortete der Centurio, deine Leibes⸗ kraft macht dich zur Ringſchule tauglich; aber dein Geiſt iſt nicht ſo fein, um die Wirklichkeit von dem Wahrſcheinlichen zu unterſcheiden in der politiſchen Welt, welche du dir jetzt zu beurtheilen erlaubſt. In „Erwägung der Gefahr, welche man lauft, wenn man 106 einer Verſchwörung Gehör gibt, ſollteſt du es für ein Glück anſehen, mit heilem Leben und Rufe davonge⸗ kommen zu ſeyn. Daſſelbe iſt dem Achilles Tatins und dem Cäſar begegnet; ſie haben ſelbſt ihre hohen Wur⸗ den behalten, und können darauf rechnen, daß ſie ih⸗ nen der Kaiſer in der Folge nicht ſo leicht zu entzie⸗ hen wagen wird, da er es nicht in dieſem Augenblicke zu thun gewagt hat, wo er doch vollſtaͤndige Kenntniß von ihrem Verbrechen beſitzt. Die Gewalt, welche man ihnen auf dieſe Weiſe gelaſſen hat, gehoͤrt uns in der That; und man kann nicht annehmen, daß ſie etwas bewegen ſollte, ihre Bundesgenoſſen bei der Re⸗ gierung zu verrathen: es iſt im Gegentheil wahrſchein⸗ licher, daß ſie ſich ihrer erinnern werden, wenn ſich zu günſtigerer Zeit eine Gelegenheit darbieten ſollte, ihren gemeinſamen Bund zu ernenern. Bleibe daher bei deinem edlen Entſchluſſe, mein Fürſt des Circus, und denke, daß du darum nicht minder jenen über⸗ wiegenden Einfluß behaupten wirſt, welchen die Günſt⸗ linge des Amphitheaters auf die Einwohner Conſtanti⸗ nopels ſtets unfehlbar ausüben. Ich weiß dagegen nichts zu ſagen, antwortete Ste⸗ phanos; aber das nagt mir am Herzen, wie der ſtets lebendige Wurm, daß ich ſehen muß, wie jener fremde Bettler alſo das edelſte Blut des Landes verräth, um nichts von dem beſten Ninger der Palaͤſtra zu ſagen, und nach Hauſe zurückkehrt, nicht allein ohne für ſei⸗ nen Verrath beſtraft worden zu ſeyn, ſondern mit Lo⸗ 107 beserhebungen, mit Ehre und Standeserhöhung über⸗ häuft. 3 p 8 Du haſt Recht; aber bedenke, mein theurer Freund, daß er uns Platz macht, wie wir wünſchen muͤſſen. Er verlaͤßt das Land und tritt aus dem Corps, wo er auf Erhebung und einige leere Auszeichnungen hätte Anſpruch machen können, welche Kleinigkeiten man ge⸗ hoͤrig zu ſchätzen weiß. Hereward wird in einigen Tagen nicht mehr als ein verabſchiedeter Soldat gel⸗ ten, der von dem ärmlichen Brode lebt, das er im Gefolge jenes bettelhaften Grafen wird gewinnen kön⸗ nen, oder vielmehr das er den Ungläubigen wird ſtrei⸗ tig machen müſſen, indem er ſeine Streitaxt den Sä⸗ beln der Türken entgegenſtellt. Wozu wird es ihm helfen in Paläſtina, mitten im Unglück, im Gemetzel und im Hunger, daß er ein Mal zur Tafel des Kai⸗ ſers zugelaſſen worden iſt? Wir kennen den Alexius Comnenus; er entledigt ſich gerne um jeden Preis der Verbindlichkeiten, die er Leuten, wie dieſem Hereward ſchuldig zu ſeyn glaubt; aber, glaube mir, ich denke mir ſchon dieſen verſchlagenen Despoten zu ſehen, wie er ſich die Hände reibt mit höhniſcher Miene, wenn er die Nachricht von einer für die Kreuzfahrer verlor⸗ nen Schlacht in Paläſtina bekommen wird, worin ſeine alte Bekanntſchaft ihre Gebeine gelaſſen hat. Ich will dich nicht beleidigen, indem ich dir ſage, wie leicht es ſeyn würde, die Gunſt einer Magd von einer Dame von Stande zu erhalten; auch halte ich es nicht für 108 ſehr ſchwer, wenn ein Ringer dieſe Luſt haben könnte, das Eigenthum eines großen Pavians, wie jener Syl⸗ van iſt, zu erwerben, der das Mittel, Poſſenſpieler zu werden, jedem Franken darbieten könnte, der einen ſo niedrigen Geiſt beſäße, um ſein Brod auf dieſe Weiſe vermittelſt der Almoſen der ausgehungerten Europäi⸗ ſchen Ritterſchaft zu verdienen. Aber wer ſich ernied⸗ rigen kann, das Loos eines ſolchen Weſens zu benei⸗ den, der kann nicht der Mann ſeyn, welchen ſeine per⸗ ſönlichen Auszeichnungen zum erſten Range unter den Günſtlingen des Amphitheaters erheben. In dieſer Schlußweiſe vder dieſem Trugſchluſſe lag Etwas, das den ſchwachen Verſtand des Ringers, an welchen er gerichtet war, nur halb befriedigte; indeſ⸗ ſen begnügte ſich Stephanos Statt aller Antwort zu ſagen: Ohne Zweifel, edler Centurio; aber ihr vergeſſet, daß außer eitlen Ehrenbeweiſen man auch jenem Wä⸗ ringer Hereward, Eduard, einerlei wie er heißt, ein beträchtliches Geſchenk in Gold verſprochen hat. Ah! für dieß Mal habt ihr Recht, ſagte der Cen⸗ turio; und wenn ihr mir ſagen werdet, daß das Ver⸗ ſprechen erfüllt worden iſt, ſo will ich zugeben, daß der Angelſachſe eine beneidenswerthe Gunſt erhalten hat. Aber ſo lange dieſes Geſchenk in der Geſtalt ei⸗ nes Verſprechens bleiben wird, verzeihet mir, würdi⸗ ger Stephanvs, wenn ich ſo lange nicht mehr darauf halte, als auf diejenigen, welche man tagtäglich uns — 5 109 wie den Waͤringern macht, indem man uns in der Zukunft Geldhaufen erblicken läßt, welche wir wahr⸗ ſcheinlich mit dem Schuee des vorigen Jahres bekom⸗ men werden. Faſſet daher Muth, edler Stephanos; und glaubet nicht, daß eure Geſchäfte darum ſchlechter gingen, weil die Arbeit dieſes Tages nicht geglückt iſt. Laſſet euren Muth nicht erkalten; habet ſtets die Grund⸗ ſäͤtze im Auge, welche ihm ſeinen Aufſchwung gegeben haben, und glaubet, daß eure Pläne darum nicht min⸗ der ſicher ſind, weil das Schickſal ihre Erfüllung auf ſpätere Zeiten verſchoben hat. Auf dieſe Weiſe ſuchte Harpax, als geſchickter und erfahrener Verſchwörer, den wankenden Geiſt des Ste⸗ phanos zu beruhigen, um ihn in den Stand zu ſetzen, an einem neuen Unternehmen in ſpäterer Zeit Theil zu nehmen. Die Abweſenheit der Gräfin Brunhilde an dieſem ereignißreichen Tage verurſachte dem Kaiſer und ſeinen Vertrauten nicht wenig Erſtaunen; denn man kannte ihren unternehmenden Charakter, ſowie die Theilnahme, welche ſie dem Ausgange des Kampfes ſchenken mußte. Bertha hatte in der Frühe den Grafen benachrichtigt, daß ſeine Gemahlin in Folge der Beſorgniſſe aller Art, die ſie ſeit einigen Tagen erlitten, nicht im Stande wäre, ihr Zimmer zu verlaſſen. Der tapfre Ritter beeilte ſich, der trenen Gräfin den glücklichen Ausgang des Kampfes zu berichten, und geſellte ſich dann zu denen, welche zur Abendtafel des Kaiſers eingeladen 110 waren. Er benahm ſich dabei, als wenn ihm nicht die geringſte Erinnerung an das treuloſe Betragen die⸗ ſes Fürſten am Schluſſe des Gelages, wozu er früher eingeladen worden war, geblieben wäre. Doch wußte er auch, datz die Ritter des Tankred nicht allein eine ſtarke Bedeckung um das Haus, worin ſich Brunhilde befand, geſtellt hatten, ſondern auch geuau die Umge⸗ bungen des Blakernal⸗Pallaſtes bewachen ließen, ſowohl zur Sicherheit des Helden, der ihr Anführer war, als des Grafen Robert, des geachteten Gefährten ihrer kriegeriſchen Pilgerfarth. Der allgemeine Grundſatz des Europaͤiſchen Ritter⸗ thums ließ ſelten nach einem Streite noch Mißtrauen walten, und alles Verziehene verſchwand aus dem Ge⸗ dächtniſſe, als dürfte es nie wieder vorkommen: aber bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatten die Tages⸗ ereigniſſe eine zahlreichere Verſammlung von Truppen als gewöhnlich veranlaßt, ſo daß die Kreuzfahrer eine ganz beſondere Wachſamkeit ausüben mußten. Man kann ſich denken, daß der Abend ohne einen Verſuch, die Feierlichkeit des Zimmers der Löwen zu erneuern, vorüber ging, welche früher ein ſo großes Mißverſtändniß veranlaßt hatte. Es wäre ein Glück geweſen, wenn eine Erklärung zwiſchen dem mächtigen Kaiſer von Griechenland und dem ritterlichen Grafen von Paris etwas früher hätte Statt finden können. Denn das Nachdenken über das Vorgefallene hatte den Kaiſer überzengt, daß die Franken kein Volk wä⸗ 111 ren, das man leicht durch Werke der Mechanik oder ähuliche Poſſen einſchüchtern könnte; und daß das, was ſie nicht begriffen, anſtatt bei ihnen Bewunderung oder Ueberraſchung zu erregen, nur ihren Zorn und ihren Muth aufreizte; auf ſeiner Seite hatte auch Graf Robert nicht umhin gekonnt zu bemerken, daß die Sitten der Morgenländer ganz von denen verſchie⸗ den wären, an die er gewöhnt geweſen, daß ſie nicht ebenſo tief von dem Geiſte des Ritterthums durch⸗ drungen wären, und daß, um ſeine eigne Sprache zu gebrauchen, der Dienſt der lieben Frauen von den gebrochenen Lanzen fuͤr ſie kein ſo natürlicher Gegen⸗ ſtand der Verehrung waͤre. Der Graf Robert hatte auſſerdem bemerken koͤnnen, daß Alerius Comnenus ein weiſer und ſtaatskluger Fürſt ſey, und daß, wenn ſich vielleicht zuviel Hinterliſt in ſeine Weisheit miſchte, er vielleicht gerade durch dieſe geſchickte Verbindung über den Geiſt ſeiner Unterthanen jene Herrſchaft ausüben mußte, welche ihm ſowohl für ihr Wohl als fuͤr die Erhaltung ſeines eignen Anſehens nothwen⸗ dig war. Er entſchloß ſich daher, mit Ruhe Alles, was der Kaiſer aus Höflichkeit oder aus Scherz ſagen koͤnnte, anzuhoͤren, und nicht von Neuem ein gutes Verſtaͤndniß, das der Chriſtenheit nützlich ſeyn koͤnnte, zu ſtoͤren, indem er Anlaß zu Streitigkeit gaͤbe, ent⸗ weder durch uͤble Auslegung einiger Worte, oder durch Mangel an richtiger Kenntniß der Landesge⸗ bräuche. Der Graf von Paris blieb an dem ganzen 11² Abende bei ſeinem klugen Entſchluſſe, jedoch nicht ohne einige Schwierigkeit, da derſelbe ſich ſchlecht mit ſeinem feurigen und mißtranuiſchen Sinne vertrug, der wiſſen wollte, was genan jedes an ihn gerichtete Wort bedeutete, und der gleich Feuer fangen wollte, wenn er die mindeſte Spur von abſichtlicher oder ab⸗ ſichtsloſer Veleidigung zu ſehen glaubte. Vierunddreißigſtes Kapitel. Ich ſtand an jenes Thurmes Rumpf⸗ Wo die Blume duftet in thauiger Luft⸗ Wo die Eul' im Epheuneſte dumpf Zum nächt'gen Mond die Klage ruft. Die Luft war ſtill, der Wind entſchlief, Am Himmel ſchoſſen die Sterne fort⸗ Der Fuchs nur heulend vom Huͤgel rief Und die ferne Schlucht gab zuruͤck ſein Wort. Robert Buras. Erſt nach der Eroberung Jeruſalems kam der Graf Robert von Paris nach Conſtantinopel zurück, und reiste von da weg mit ſeiner Gemahlin Brunhilde und denjenigen ſeiner Soldaten, welche das Schwert und die Peſt in dieſem blutigen Kriege verſchont hatte, um in ſein Vaterland zurückzukehren. Bei ihrer Au⸗ kunft in Italien war es die erſte Sorge des Grafen 6 11 3 113 und der Gräfn, die Heirath des Hereward und ſei⸗ ner treuen Bertha mit Pracht zu feiern, die zu ihren anderen Rechten auf die Liebe ihres Gebieters und ihrer Gebieterin Diejenigen fügten, welche Hereward durch ſeine guten Dienſte in Palläſtina, und Bertha durch ihre zärtlichen Sorgen fuͤr die Gräfin in Con⸗ ſtantinopel erworben hatte. Man kann in der von der Prinzeſſin Anna Com⸗ nena geſchriebenen Geſchichte ſehen, welches das Schick⸗ ſal von Alexius Comnenus geweſen iſt. Sie ſtellt ihn darin als den Helden maucher Siege dar, welche er, wie die im Purpur geborene Geſchichtſchreiberin im zten Kapitel des 15ten Buchs ihrer Geſchichte ſagt, bald durch ſeine Waffen, bald durch ſeine Klugheit errungen hat.— Seine Verwegenheit allein hat ei⸗ nige Schlachten gewonnen; ein anderes Mal hat er den Erfolg der Kriegsliſt verdankt. Die bexühmteſten ſeiner Trophäen hat er errichtet, indem er den Ge⸗ fahren die Stirne bot, indem er wie ein gemeiner Soldat kämpfte und ſich mit entblößtem Haupte in das ſtärkſte Handgemenge ſtürzte; aber er wußte ſich auch andere zu errichten, indem er den Schein der Furcht zeigte und ſelbſt eine verſtellte Flucht ergriff. Mit einem Worte er verſtand auf gleiche Weiſe zu ſiegen durch Flucht wie durch Verfolgung, und er ſtand aufrecht vor dem Feinde, welcher ihn zu Boden ge⸗ worfen zu haben ſchien; ähnlich einer Fußangel, wel⸗ W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1698 Bdchn. 8 1¹⁴ che ſtets die Spitze nach oben kehrt, man mag ſie auf die Erde werfen, wie man will. Es würde ungerecht ſeyn, die Prinzeſſin der Ver⸗ theidigung zu berauben, welche ſie dem ſehr natürli⸗ chen Vorwurfe der Partheilichkeit entgegengeſtellt. Ich muß noch ein Mal die Vorwürfe widerlegen⸗ welche mir gewiſſe Leute machen, daß ich meine Ge⸗ ſchichte nur nach den Eingebungen der Liebe verfaßt hätte, welche die Natur in das Herz der Kinder ge⸗ gen ihre Eltern einprägt. Die Wahrheit aber iſt, daß nicht die Liebe zu den Meinigen, ſondern die Klarheit der Thatſachen mich zu ſchreiben bewogen hat, wie ich geſchrieben habe. Kann man nicht zu gleicher Zeit das Andenken eines Vaters und die W Wahrheit lieben? Ich habe mich bei meinem Verſu⸗ che, die Geſchichte zu ſchreiben, niemals anders als nach der Verſicherung der Wahrheit der Thatſachen leiten laſſen. In dieſer Abſicht habe ich die Geſchich⸗ te eines verdienſtvollen Mannes zum Gegenſtande ge⸗ nommen. Iſt es gerecht, daß man, weil der Zufall will, daß er zu gleicher Zeit der Urheber meines Da⸗ ſeins iſt, in dem Umſtande, daß er mein Vater, ei⸗ nen Grund finden will, gegen mich ein Vorurtheil zu faſſen, das mich alles Glaubens im Geiſte meiner Le⸗ ſer berauben würde? Bei andern Gelegenheiten habe ich hinlaͤnglich ſtarke Beweiſe von meinem Eifer in der Vertheidigung der Intereſſen meines Vaters ge⸗ geben, und wer mich kennt, hat nie daran gezweifelt; 115⁵ aber bei dieſer habe ich mich in die Gränzen der un⸗ verletzlichen Treue, mit welcher ich die Wahrheit ach⸗ te, eingeſchloſſen, und ich würde mir ein Gewiſſen dar⸗ aus gemacht haben, ſie unter dem Vorwande, dem Rufe meines Vaters zu dienen, zu verhuͤllen.“— (Buch 15. Kap. 3.)— Wir haben geglaubt, dieſen Auszug geben zu muͤſ⸗ ſen aus Gerechtigkeit fur die ſchoͤne Geſchichtſchreibe⸗ rin. Wir werden auch einen Auszug aus ihrer Be⸗ ſchreibung von dem Tode des Kaiſers geben, und geſtehen ohne Schwierigkeit ein, daß das urtheil Gib⸗ bon's von dieſer Prinzeſſin voll Gerechtigkeit und Wahr⸗ heit iſt. ungeachtet ihrer wiederholten Betheurungen, daß ſie mehr der Genauigkeit der ſtrengſten Wahrheit als dem Andenken ihres ſeligen Vaters opfere, be⸗ merkt Gibbon richtig, zeigt ſie anſtatt der Einfachheit im Style und in der Erzählung, welche Glauben ge⸗ winnt, eine muͤhſame Sucht nach Rednerſchmuck und Gelehrſamkeit, welche auf jeder Seite die Eitelkeit einer ſchriftſtelleriſchen Frau verraͤth. Der wahre Charakter des Alerius verliert ſich in einer unbeſtimm⸗ ten Zuſammenſtellung von Tugenden; ein beſtaͤndiger Ton der Lobhudelei und der Rechtfertigung erweckt unſer Mißtrauen, und läßt uns an der Wahrheits⸗ liebe der Geſchichtſchreiberin und dem Verdienſte ih⸗ res Helden zweifeln. Wir koͤnnen ihr jedoch nicht die Richtigkeit und Bedeutſamkeit dieſer Bemerkung abſtreiten, daß die Wirren der Zeit das Ungluͤck und der Ruhm des Alexius waren, und daß alles Unheil, was ein Reich in ſeinem Verfalle betreffen kann, auf ſeine Herrſchaſt angehäuft wurde durch die Gerechtig⸗ keit des Himmels, und in Folge der Fehler ſeiner Vorgaͤnger.“(Vand 9, Seite 85, nota.) Die Prinzeſſin hegt daher vicht den geringſten Zwei⸗ fel, daß die zahlreichen Zeichen, welche am Himmel und auf der Erde geſchahen, nach der Auslegung der damaligen Wahrſager gewiſſe Vorbedeutungen von dem Tode des Kaiſers waren. Dieß war fuͤr Anna Comnena ein Mittel, die Wichtigkeit ihres Vaters hervortreten zu laſſen, da ſein Tod von jenen Um⸗ ſtaͤnden begleitet wurde, welche die Geſchichtſchreiber des Alterthums als die nothwendigen Beweiſe der Theilnahme darſtellen, welche die Natur an dem Tode großer Maͤnner zeigt; aber ſie ermangelt nicht, den chriſtlichen Leſer zu belehren, daß ihr Vater dieſen PVorbedeutungen keinen Glauben ſchenkte, und daß er ſelbſt ſeinen Unglauben bei einer merkwuͤrdigen Ge⸗ legenheit behielt, welche wir hier folgen laſſen:— Eine prachtvolle Bildſaͤule, welche man allgemein als einen Ueberreſt des Heidenthums anſah, welche in der Hand einen goldnen Herrſcherſtab hielt, und auf einem Fußgeſtelle von Porphyr ſtand, wurde von ei⸗ nem Sturmwinde heruntergeſtuͤrzt; das leste man als ein Zeichen des nahen Todes des Kaiſers aus. Aber er bekaͤmpfte muthig dieſe Anſicht, indem er ————————— „— „— 117 ſagte, daß Phidias und andere große Bildhauer des Alterthums wohl die Fähigkeit hatten, den menſchli⸗ chen Leib mit einer uͤberraſchenden Genauigkeit nach⸗ zuahmen; aber zu behaupten, daß dieſe Meiſterwerke der Kunſt mit der Gabe, die Zukunft vorherzuſagen verſehen wären, das hieße bei Denjenigen, die ſie ge⸗ bildet haben, die Faͤhigkeiten annehmen, welche ſich Gott ſelbſt vorbehält, wenn er ſagt:„Ich laſſe ſter⸗ ben und mache das Leben.“ Waährend ſeiner letzten Tage wurde der Kaiſer vom Gichte geplagt, welche Krankheit dem Geiſte vieler Gelehrten zu ſchaffen ge⸗ macht hat, ſowie auch dem der Anna Comnena. Der arme Kranke war dergeſtalt erſchoͤpft, daß, als die Kaiſerin von den beredteſten Maͤnnern ſprach, welche ſeine Geſchichte zu verfaſſen helfen ſollten, er mit einer natuͤrlichen Verachtung für ſolche Eitelkeiten ſagte:— Die Geſchichte meines ungluͤcklichen Lebens erheiſchet eher Thraͤnen und Klagen, als das Lob, wovon ihr ſprechet. Da eine Art Bruſtbeklemmung ſich mit dem Gichte verbunden hatte, ſo waren die Mittel der Aerzte ebenſo vergeblich als die Fuͤrſprache der Moͤnche und der Geiſtlichkeit, ſowie die Almoſen, welche ohne Unter⸗ ſchied verſchwendet wurden. Zwei oder drei ſtarke Ohn⸗ machten waren die traurigen Vorboten des heranna⸗ henden Schlages; und bald endete die Herrſchaft und das Leben des Alexius Comnenus, eines Fuͤrſten, wel⸗ cher trot aller Fehler, welche man ihm zurechnen 118 kann, doch in Anſehung der Reinheit ſeiner Abſichten im Allgemeinen ein wahrhaftes Recht hat, als einer der beſten Herrſcher des morgenländiſchen Kaiſerthums betrachtet zu werden. Eine Zeitlang vergaß die ſchoͤne Geſchichtſchreiberin den Stolz ihrer Schriftſtellerwürde und ſchrie wie ein gewoͤhnliches Weib, weinte, riß ſich die Haare aus, und entſtellte ihre Zuͤge. Die Kaiſerin Irene legte ihr kaiſerliches Gewand ab, ſcheerte ſich die Haare, vertauſchte ihre Purpurſtiefeln mit ſchwarzen Schuhen, und empfing von ihrer Tochter Marie, die ſelbſt Wittwe geweſen war, ein ſchwarzes Gewand aus ihrer Fleiderkammer.„In demſelben Augen⸗ blicke, wo ſie es anlegte, ſagte Anna Comnena, gab der Raiſer ſeinen Geiſt auf; und von dieſer Zeit an ging die Sonne meines Lebens unter.“— Wir wollen ihr nicht weiter in ihren Klagen fol⸗ gen. Sie macht es ſich zum Vorwurf, daß ſie nach dem Tode ihres Vaters, dieſes Lichtes der Welt, auch Irene überlebt haͤtte, die Freude des Morgen⸗ und Abendlandes, ja ſelbſt ihren Gemahl.— Ich bin un⸗ willig, ſagt ſie, daß meine, von ſolchen Stroͤmen des ungluͤcks überſchuͤttete Seele noch meinen Leib bele⸗ ben mag. Bin ich nicht haͤrter und fuͤhlloſer als Felſen geweſen, und iſt es nicht recht, daß Diejenige, welche einen ſolchen Vater, eine ſolche Mutter und einen ſolchen Gatten uͤberleben konnte, ſo vielem Un⸗ gluc unterworfen worden iſt? Doch ich will dieſe 14¹9 Geſchichte ſchließen, um meine Leſer nicht läͤnger mit meinen unnuͤtzen und traurigen Klagen zu ermuͤden. Nach dieſem Schluſſe ihrer Geſchichte fuͤgt ſie noch folgende beide Verſe hinzu. Die gelehrte Anna ſchreibt nicht mehr, Da nach des Vaters Tod ihr Gegenſtand iſt leer. Dieſe Auszuͤge werden wahrſcheinlich dem Leſer eine vollſtändige Vorſtellung von dem wirklichen Charakter der kaiſerlichen Geſchichtſchreiberin geben. Wenige Worte werden hinreichen, um von den andern Per⸗ ſonen, welche in ihren Schriften gewaͤhlt ſind, um in der vorhergehenden Handlung aufzutreten, Nach⸗ richt zu geben. — Es iſt faſt gewiß, daß Robert, Graf von Paris, der ſich ganz beſonders durch die Verwegenheit be⸗ rühmt machte, womit er ſich auf den Thron des Kai⸗ ſers ſetzte, in der That ein Mann von der höchſten Würde war, und zwar, wie der gelehrte Ducange muthmaßt, nichts Geringeres als einer der Anherrn des Hauſes Bourbon, welches ſo lange Zeit Frankreich Könige gegeben hat. Er ſtammte, wie es ſcheint, von den Grafen von Paris ab, durch welche dieſe Stadt tapfer gegen die Normänner vertheidigt wurde, und von einem Vorfahren Hugo Capets. Es gibt über dieſen Gegenſtand verſchiedene Vermuthungen, welche den beruͤhmten Hugo Capet abſtammen laſſen bald von der ſaͤchſiſchen Familie; bald von St. Arnold, dem nachmaligen Biſchoff von Altex; bald von Nibelung; vom Herzog von Baiern; endlich von einem natürli⸗ chen Sohne Karls des Großen. In allen dieſen be⸗ ſtrittenen Stammtafeln findet man, obwohl auf ver⸗ ſchiedene Weiſe geſtellt, dieſen Robert mit dem Bei⸗ namen des Starken, welcher Graf des Bezirkes war, —— 124 welcher Paris zur Hauptſtadt hatte, und der ganz beſonders die Grafſchaft oder Iole⸗de⸗France genaunt wurde. Anna Cymnena, welche uns die Einzelnhei⸗ ten des Empfanges überliefert hat, wobei dieſer über⸗ müthige Anfüh rer ſich auf den kaiſerlichen Thron ſetzte, ſagt auch, daß er eine gefährliche, wenn nicht gar tödtliche Wunde in der Schlacht von Doryläum em⸗ pfing, weil er nicht auf die Lehren geachtet, die ihm ihr Vater hinſichtlich der Kriege mit den Türken gegeben hatte. Der Alterthumsforſcher, welcher über dieſen Gegenſtand Nachforſchung anſtellen will, kann die Genealogie des Koͤnigshauſes von Frankreich von dem verſtorbenen Lord Ashburnham nachſehen, ſowie eine Anmerkung des Ducange über die Geſchichte der Prinzeſſin Seite 562, welche die Identität des Gra⸗ fen von Paris, des ſtolzen Barbaren, der Anna Com⸗ nena mit dem Robert dem Starken, welcher als einer der Vorfahren von Hugo Capet erwähnt wird, darzu⸗ thun ſucht; auch kann er Gibbon(Band 11, S. 52) nachſchlagen. Der franzöſiſche Alterthumsforſcher und der engliſche Geſchichtsforſcher ſcheinen gleich geneigt, die in dieſer Geſchichte von unſerer lieben Frau von den gebrochenen Lanzen genannte Kirche in der dem heiligen Druſas oder Droſin von Dviſſins geweihten wiederzufinden, welcher man einen ganz beſonderen Einfluß auf den Ausgang der Zweikämpfe zuſchrieb, und glaubte, daß ſie gewöhnlich dieſelben zu Gunſten 122 des Kämpfers entſchiede, welcher die dem Gefechte vorangehende Nacht in der Kapelle zubrächte. In Anſehung des Geſchlechts einer betheiligten Per⸗ ſon hat der Verfaſſer unſere Frau von den gebrochnen Lanzen gewählt, als eine paſſendere Beſchützerin als den heiligen Druſas für Amazonen, welche in dieſem Zeitalter nicht ſelten waren. Zum Beiſpiel Göta, die Gemahlin des furchtbaren Helden Robert Guiscards, des Vaters eines Heldengeſchlechts, war ſelbſt eine Amazone; ſie kämpfte in den erſten Reihen der Nor⸗ männer, und unſere kaiſerliche Geſchichtſchreiberin Anna Comnena thut ihrer mehrmals Erwähnung. Der Leſer kann ſich leicht denken, daß ſich der Graf von Paris unter ſeinen Waffenbrüdern und Kreuzzugs⸗ gefährten hervorthat. Sein Ruhm erſchallte von den Mauern Antiochiens herab; aber in der Schlacht von Doryläum wurde er ſo furchtbar verwundet, daß er außer Stand war, an den meiſten Auftritten des ganzen Feldzugs Theil zu nehmen. Seine Heldenge⸗ mahlin hatte jedoch das unbegränzte Glück, die Mauern von Jernſalem zu erſteigen, und ſo ihr eigenes wie das Gelübde ihres Gemahles zu erfüllen. Dieß war um ſo glücklicher, als die Aerzte den Ausſpruch ge⸗ than hatten, daß die Wunden des Grafen mit ver⸗ gifteten Waffen geſchlagen worden ſeyen, und daß er keine vollſtändige Heilung hoffen könne, als wenn er zu der Luft ſeines Vaterlandes ſeine Zuflucht näh⸗ me. Nachdem der Graf einige Zeit in der eitlen Hoff⸗ nung zugebracht hatte, ſich durch Geduld jener unan⸗ genehmen Wahl entziehen zu können, ſo unterwarf er ſich der Nothwendigkeit oder dem, was man als ſolche darſtellte, und nahm mit ſeiner Gemahlin, dem treuen Hereward und allen ſeinen Soldaten, welche, wie er, kampfesunfähig geworden waren, zur See den Rickweg nach Europa. Eine leichte Galeere, welche ſie ſich mit großen Ko⸗ ſten verſchafften, führte ſie ohne Unfall nach Venedig; und aus dieſer ruhmreichen Stadt eilte er mit Hülfe des mäßigen Beuteantheils, welchen er unter den Er⸗ oberern Paläſtina's bekommen hatte, in ſein eignes Gebiet, das, glücklicher als die Laͤnder ſeiner meiſten Pilgergefährten, nicht von ſeinen Nachbarn während ſeiner Abweſenheit auf dem Kreuzzuge beraubt wor⸗ den war. Das Gerücht, daß der Graf die Geſundheit und die nöthigen Kräfte verloren hätte, um noch fortwäh⸗ rend Unſerer Frauen von den gebrochenen Lanzen Ehre zu erweiſen, ſetzte ihn jedoch den Feindſeligkeiten von ein Paar ehrgeizigen oder eiferſüchtigen Nachbarn aus, welche aber durch den Widerſtand der muthigen Gräfin und des tapferen Hereward unterdrückt wur⸗ den. Vor Jahresfriſt bekam der Graf von Paris alle ſeine Kräfte wieder, und wurde wie ſonſt wieder der zuverläßige Beſchützer ſeiner Lehnsleute, und der Un⸗ terthan, worauf die Inhaber des Franzöſiſchen Thro⸗ nes ihr höchſtes Vertrauen ſetzten. Dieſer letzte Um⸗ 324 ſtand ſetzte den Grafen Robert in Stand, ſeine Schuld gegen Hereward ſo vollſtändig abzutragen, als dieſer nur wünſchen konnte. Ebenſo geachtet wegen ſeiner Klugheit und Gewandtheit, als er es ſtets wegen ſei⸗ ner Unerſchrockenheit und Tapferkeit auf dem Krenz⸗ zuge geweſen war, wurde er mehrmals von dem Fran⸗ zöfiſchen Hofe benutzt, um die verwickelten und kitzli⸗ chen Unterhandlungen zu leiten, worin die Beſitzun⸗ gen der Eugliſchen Krone in der Normandie die bei⸗ den eiferſüchtigen Völker verſtrickte. Wilhelm der Rothe war nicht unempfindlich gegen ſein Verdienſt, und er fühlte, wie wichtig es für ihn wäre, ſein Wohl⸗ wollen zu gewinnen. Da er ſeinen Wanſch bemerkte, daß Hereward in das Land ſeiner Väter wieder ein⸗ geſetzt werden möchté, ſo nahm oder machte er die Gelegenheit der Gütereinziehung eines aufrühreriſchen Edelmannes, und ſchenkte unſrem Wäringer ein be⸗ traͤchtliches Landgut, welches an den neuen Forſtſtieß, und in derſelben Gegend lag, welche ſein Vater haupt⸗ ſächtich oft beſucht hatte. Hier ſollen die Nachkom⸗ men des tapfren Knappen und ſeiner treuen Bertha lange Jahre gelebt haben trotz aller Stürme der Zeit und des Schickſals, die im Allgemeinen der Fortpflan⸗ zung der ausgezeichnetſten Familien verderblich ſind. n der 6 Im Verlag der Unterzeichneten erschienen und sind durch jede Solide Buchhandlung zu be- 33. LES ORENTALES PAR VICTOR HU6G0O, Suipt de onæe pioces nouvelles. 8d. Papier velin. 21 ggr. oder 1 fl. 30 kr. — Eine neue Schule, die romautische, ist in Frankreich aufgestanden wit dem erklärten Zwecke die alten pedantischen Schranken der frühern Academiker umzustürzen und der Dichtkunst jene Frecileit wieder zu schenken, durch welche sie in Deutschland und England sich zu den glän- „endsten Höhen des wahrhaft Schönen und Er- habenen erhob. Fietor Muo ist ihr gefeierter Meister und die hier angekündigten„Orientales“ verbinden mit Schillerischem Schwung, die lieb- liche Schwermuth der Matthisson'schen Poesien. Wahrer dichterischer Werth, Fülle der Gedan- ken, Zartheit und Grazie des Ausdrucks sind die hervorragenden Eigenschaften dieser Gedichte, in welchen der Hauch des Morgenlandes weht. MEMOIRES DE CONSTANMT(premier valet de chambre de l'empereur) Sur la vie pri- vMe de Napoleon, a famille et u cour. 6 Tomes. 80. Papier velin. 4 Rthlr. 12 ggr⸗ od. 6 fl. 45 kr. Wenn im Allgemeinen das Sprüchwort: es gibt keinen groſsen Mann vor seinem Kammerdiener, wahr seyn mag, so erleidet es doch hier eine Ausnahme. Constant, der getreue Diener, oft sogar der Vertraute Napoleons, der ihm in zwan- zig Jahren, nur wührend zweier Tage von der Seite wich, schildert hier den gefeierten Helden des Jahrhunderts mit meisterhaften Zügen, dals man hineinzuschauen glaubt in die innersten Fal- ten seines Herzens und seines Geistes.— Ueber- diefs ist dieses gehaltvolle Werk voll pikanter Züge und Anecdoten, welche das Gepräge der Wahrheit tragen. Der unermeſsliche Beifall, den dasselbe in Frankreich fand, sichert ihm auch gie Theilnahme der deutschen Freunde der Tags- geschichte und der Verehrer Napoleons. Ob- gleich der Preis nur den dritten Theil der Pari- ser Ausgabe beträgt, so lälst doch äuſsere Aus⸗ stattung nichts zu wünschen übrig. Le Diable boiteux à Paris, ou le livre des cent-et- un. 8. Papier velin, Preis eines jeden Bandes 1 fl. 30 kr. od. 21 ggr. LE FILS DE LHOMME OU SOUVENIRS DE VIENNE par Barthélemy et Méry. 8⸗ Papier velin. 4 ggr. oder 18 kr. LA CONTEMPORAINE EN EGVPTE. Pour faire suite aux souvenirs d'une femme, sur les principaux personnages de la République, du Consulat de[Empire et de la Restaura- tion; 4 vol. 8o. Papier velin. 3 Rthlr. 18 ggr. oder 6 fl. LAMARTINE, Alph. de, Harmonies polihues ei veligieuses; So. Papier velin. 1 Rthlr. 6 ggr. oder 2 fl. LAMARTINR, Atph. de, Mediiations voliques; Nouvelle Edition. 8o. Papier velin. 18 ggr. od. 1 fl. 12 kr. LACRETELLE, Niscire de Frante depuis la restuurion. Vol. 1er. 8o. Papier velin. 1 Rthlr. 1 6 ggr. oder 2 fl. Redaction der Colleetlon eic. 9 6 17 18 19 ſ 2 10 11 12 13 14 15 1 9 8 y C