Grak Bobert von Paris. Von Sir Walter Scott. Aus dem Engliſchen. Sechster Theil. St u Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 2. O=—— O=——— wv Zweiundzwanzigſtes Kapitel. (Fortſetzung.) Auf Befehl des hochglänzenden und göttlichen Für⸗ ſten Alexius Comnenus, Kaiſer des heiligen Römiſchen Reiches! Der Willen Seiner kaiſerl. Maj. iſt, daß man allen und jeden ſeiner Unterthanen, von welchem Volks ſtamme ſie ſeyn mögen, und vor welchem Altare ſie ihre Knie beugen, kund und zu wiſſen thue was folgt.— Wiſſet alſo, ſagte er, daß am zweiten Tage nach heute, unſer vielgeliebter Eidam, der hochachtbare Cäſar es über ſich genommen hat, unſern geſchwore⸗ nen Feind Robert, Graf von Paris, zu bekämpfen, weil dieſer ſo unverſchaͤmt war, unſeren kaiſerlichen Sitz einzunehmen, ſowie auch in unſerer heiligen Ge⸗ genwart jene koſtbaren Meiſterwerke zu zertruͤmmern, welche unſeren Thron ſchmuͤckten, und die man der Sage gemaͤß die Salomoniſchen Löwen nannte. Und damit kein Menſch in ganz Europa ſagen kann, daß die Griechen hinter den anderen Ländern in irgend einer bei denchriſtlichen Völkern gebräuchlichen Kriegs⸗ 6 übung zurückſtünden ſo entſagen die beiden genannken edlen Gegner auf Fjede Hülfe, welche man aus Ver⸗ rätherei, aus Talismanen und Zauberkünſten ziehen kann, und werden dieſen Streit in drei Gängen mit ſcharfen Lanzen, und in drei Pauſen mit wohlgeſchlif⸗ fenen Schwertern ausmachen; ſeine hochachtbare Maj. der Kaiſer wird Kampfrichter ſeyn, und nach ſeinem huldreichen und untrüglichen Wohlgefallen entſcheiden. Dann zeige Gott das gute Recht! Ein anderer Tuſch beendigte die Feierlichkeit. Achil⸗ les beurlaubte alsbald ſeine Soldaten, die Herolde und Muſikanten, welche nach verſchiedenen Seiten aus einander gingen; und als Hereward nahe genug bei ihm war, fragte er denſelben, ob er etwas von dem gefangenen Graf Robert von Paris erfahren hätte. Nichts als was unſere Bekanntmachung enthaͤlt, antwortete der Wäringer. Du glaubſt alſo, daß ſie mit Einwilligung des Gra⸗ fen geſchieht2 Sicherlich. Ich kenne nur ihn, welcher ſich in den Schranken zeigen wird. Meiner Treu! mein tapferer Hereward, dein Hirn iſt etwas ſtumpf. Du mußt wiſſen, daß dieſer unans⸗ ſprechliche Narr, unſer Cäſar, ſo wahnſinnig geweſen iſt, ſeinen armen Verſtand mit dem des Achilles Ta⸗ tius gleich zu ſtellen. Er zeigt ſich ſehr empfindlich im Punkte der Ehre; er kann nicht ertragen, daß man glauben ſoll, er habe ein Weib zum Kampfe her⸗ 7 ausgefordert, oder ihre Herausforderung angenommen. Er hat daher den Namen des Mannes an die Stelle des weiblichen geſetzt. Wenn der Graf nicht in den Schranken erſcheint, ſo wird ſich der Cäſar die Miene eines wohlfeilen Triumphes geben, weil er keinen Geg⸗ ner gefunden hat; und er wird verlangen, daß man ihm die Grüfin als Beute ſeines furchtbaren Bogens und ſeiner unwiderſtehlichen Lanze ausliefere. Dieſes ſoll das Looſungszeichen eines allgemeinen Getümmels werden, in welchem Alexius, wenn er nicht auf der Stelle getödtet wird, in ſeine eigenen Gefaͤngniſſe des Blakernal ſoll geworfen werden, um darin das Schickſal zu erleiden, welches ſeine Grauſamkeit über ſoviele andere verhängt hat. Aber„ Aber.... aber. aber. Du biſt ein Narr. Kannſt du nicht einſehen, daß dieſer tapfere Cäſar der Gefahr eines Kampfes mit der Frau ausweichen will, während er lebhaft wünſcht, daß man an ſeine Ge⸗ neigtheit zu einem Kampfe mit dem Manne glauben ſoll2 Unſer Geſchäft muß ſeyn, Alles dergeſtalt für dieſen Kampf anzuordnen, daß wir alle diejenigen vewaffnet vereinigen, welche zum Aufſtande vorberei⸗ tet ſind, damit ſie ihre Rolle ſpielen können. Sorge nur dafür, daß um die Perſon des Kaiſers ſichere Freunde von uns kommen, und daß jener Theil der Leibwache davon entfernt wird, deren Dienſteifer ihn koͤnnte beſchützen wollen; und mag nun der Cäſar ei⸗ 8 nen Grafen oder eine Gräfin bekaͤmpfen, mag überhaupt ein Gefecht ſtatt finden oder nicht, die Revolution wird in Erfüllung gehen, und die Familie Tatius wird die Comnene auf dem Throne von Conſtantino⸗ pel erſetzen.— Gehe, mein treuer Hereward. Du darfſt nicht vergeſſen, daß das Loſungswort der Auf⸗ rührer Urſel iſt. Er lebt noch in der Liebe des Vol⸗ ket, obwohl ſein Leib, wie man ſagt, ſeit lan⸗ ger Zeit in den Gefaͤngniſſen des Blakernal vergra⸗ ben iſt. Und wer war dieſer Urſel, von welchem ich auf ſo verſchiedene Art ſprechen höre? Ein Mann, welcher dem Alexius Comnenus die Krone ſtreitig machte. Ein tapferer, rechtſchaffener, tugendhafter Mann, welcher mehr durch die Hinter⸗ liſt ſeines Feindes, als durch deſſen Tapferkeit geſtürzt wurde. Ich glaube, daß er in den Gefängniſſen des Blakernal geſtorben iſt; aber wann und wie, das kön⸗ nen wenige Leute ſagen. Doch friſch, mein Hereward, in Thätigkeit! Ermuntere unſere Waͤringer, und werbe davon zu unſerem Anhange eine ſo große Anzahl als möglich. Was die ſogenannten Unſterblichen und die unzufriedenen Buͤrger betrifft, ſo zählen wir deren genug, die den Ruf der Empörung zu erheben bereit ſind, und dem Beiſpiele derjenigen, die das Unter⸗ nehmen aufangen ſollen, folgen wollen. Die Verſchla⸗ genheit des Alexins, und die Sorgfalt, womit er al⸗ len öffentlichen Verſammlungen ausweicht, werden ihn 9 nicht länger beſchützen. Seine Ehre erlaubt ihm nicht, von einem Kampfe entfernt zu bleiben, welcher unter ſeinen eigenen Augen ſtatt finden ſoll; und Merkur ſey geprieſen, welcher mir ſo viel Beredtſamkeit geſchenkt hat, um ihn nach einigem Zandern zur Bekanntma⸗ chung dieſes Ausrufes zu beſtimmen! Ihr habt alſo den Alexius dieſen Abend geſehen? Ob ich ihn geſehen habe2 ohne Zweifel. Hätte ich dieſe Trompete ohne ſeine Ermächtigung blaſen laſſen können? Dieſer Ton waͤre genng geweſen, um meinen Kopf von meinen Schultern zu trennen. Ich wäre euch dann beinahe im Pallaſte begegnet, ſagte Hereward, deſſen Herz klopfte, als wenn er wirk⸗ lich dieſes gefährliche Zuſammentreffen gehabt haͤtte. Ich habe davon etwas erfahren, ſagte Achilles; ich weiß, daß du die letzten Befehle deſſen, der noch die Rolle des Souverains ſpielt, haſt. einnehmen wollen. Wenn ich dich dort mit dieſer ſicheren Miene, mit ei⸗ nem ſo offenen und ehrbaren Ausſehen erblickt hätte, beſchäftigt jenen verſchlagenen Griechen durch Frei⸗ müthigkeit zu täuſchen, ſo hätte ich mich ſicherlich nicht das Lachens enthalten können bei dem Gegen⸗ ſatze deiner Geſichtszuge mit deinen geheimen Ge⸗ danken. Gott allein kennt den Grund unſerer Herzen, ant⸗ wortete Hereward; aber ich nehme ihn zum Zeugen, daß ich meinen Verſprechungen treu bleiben und mich meines anvertrauten Auftrages entledigen werde. 10 Brav, mein ehrlicher Angelſachſe! Sage, ich bitte dich, meinen Sklaven, daß ſie mich entwaffnen ſollen; und wenn du ſelbſt deine Waffen als Gemeiner von der Leibwache ablegeſt, ſo ſage ihnen, daß ſie nur noch zwei Tage unter einem Manne ſtehen werden, welchen das Schickſal für eine ſeiner würdigere Stelle beſtimmt hat. Hereward verließ ſich nicht auf ſeine Stimme, um auf dieſe Rede in einem ſo entſcheidenden Augenblicke zu antworten, und unter einer tiefen Verbeugung ge⸗ gen ſein Oberhaupt eilte er in ſein Zimmer in den Caſernen. Sobald er hineintrat, grüßte ihn Graf Robert mit frendigem Tone und lauter Stimme, als ob er nicht mehr befürchtete gehört zu werden, obwohl die Klug⸗ heit ihm mehr Vorſicht hätte anrathen ſollen. Haſt du ſie gehoͤrt, mein theurer Hereward? ſchrie er; haſt du den Aufruf vernommen, durch welche jene Griechiſche Autilope mich herausfordert zum Kampfe mit ſcharfen Lanzen und auf drei Gänge mit wohlge⸗ ſchliffenen Schwertern 2 Indeſſen iſt es ſehr ſonderbar, daß er es nicht für ſicherer hält mit der Gräfin zu kämpfen. Er glaubt vielleicht daß die Kreuzfahrer ein ſolches Gefecht nicht erlauben würden. Aber bei un⸗ ſerer lieben Frauen von den gebrochenen Lanzen! er weiß nicht, daß die Männer des Abendlandes ebenſo eiferſüchtig auf den kriegeriſchen Ruf ihrer Weiber ſind, als auf den ihrigen. Ich habe den ganzen Abend 14 daruͤber welche Rüſtung ich anziehen, wie ich mir ein Streitroß verſchaffen werde, und ob ich ihm nicht Ehre genug anthun werde, indem ich nur meinen Eiſenhauer allen ſeinen Angriffs⸗ und Ver⸗ theidigungswaffen entgegenſetze. Nichtsdeſtvweniger werde ich Sorge tragen, ſagte Hereward, daß ihr im Nothfalle nicht unverſorgt ſeyd.— Ihr kennt nicht die Griechen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der Waͤringer verließ den Grafen von Paris nicht eher, als bis dieſer ihm ſeinen Siegelring übergeben hatte, welcher mit zerbrochenen Lanzen überſäet war, und jenen ſtolzen Wahlſpruch führte:„die meinige iſt noch unberührt.“ Mit dieſem Sinnbilde des Vertrauens verſehen, mußte er nun dafür ſorgen, daß das Ober⸗ haupt der Kreuzfahrer von der bevorſtehenden Feier⸗ lichkeit unterrichtet wurde, und daß man von ihm im Namen Grafen Roberts von Paris und der Gräfin Brunhilde eine ſo anſehnliche Reiterabtheilung ver⸗ langte, um die genaue Beobachtung der Turniergeſetze bei der Anordnung des Kampſplatzes und während der Dauer der Kampfes zu ſichern. Die Pflichten, welche Hereward zu erfüllen hatte, waren der Art, daß er 12 ſich unmöglich ſelbſt in das Lager Gottfrieds begeben konnte; und obwohl es eine große Zahl Wäringer gab, auf deren Treue er rechnen konnte, ſo kannte er doch nuter den unmittelbar unter ſeinen Befehlen ſtehenden keinen, deſſenEinſichten er ſich bei einem ſo ungewöhnlichen umſtande gaͤnzlich haͤtte vertrauen können. In dieſer Verlegenheit ging er, ohne viel zu wiſſen, was er that, in die Gärten des Agelaſtes, wo ihn der Zu⸗ fall abermals mit Bertha zuſammen kommen ließ. Kaum hatte ihr Hereward die Verlegenheit offen⸗ vart, worin er ſich befand, ſo war auch der Entſchluß der treuen Bertha gefaßt. Ich ſehe, ſagte ſie, daß es an mir iſt, die Gefahr dieſes Abenteuers zu beſtehen. Und warum ſollte ich es nicht thun? Meine Gebieterin wollte aus dem Schooße des Glückes für mich ihr väterliches Haus verlaſſen; und ich werde für ſie ins Lager jenes frän⸗ kiſchen Herrn gehen. Dieſer iſt ein Ehrenmann, ein erbarmungsvoller Chriſt; ſeine Krieger brennen von Eifer für die Religion: eine mit einer ſolchen Bot⸗ ſchaft beauftragte Frau kann unter dergleichen Men⸗ ſchen nichts zu befürchten haben. Der Wäͤringer kannte zu gut die Sitten der Lager, um Bertha allein eine ſolche Reiſe zu geſtatten. Er wählte daher zu ihrem Begleiter einet alten Soldaten, deſſen Ergebenheit er durch lange Dienſte und zahlrei⸗ che Handlungen des Wohlwollens erworben hatte; und nachdem er der Bertha in allen Einzeluheiten die Bot⸗ 13 ſchaft, welche ſie überbringen ſollte, wiederholt hatte, empfahl er ihr, ſich beim Aufgang der Morgenröthe bereit zu halten, und ging wieder zu den Caſernen zurück. Mit Tagesanbruch war Hereward wieder zurück, und er fand Bertha an derſelben Stelle, wo er ſie Abends vorher verlaſſen hatte. Er wurde von dem treuen Soldaten begleitet, deſſen Sorgfalt er ſie anvertrauen wollte. Nach wenigen Augenblicken ſah er ſie ſich ein⸗ ſchiffen auf einem Fahrzeuge, welches im Hafen lag. Der Herr dieſes Schiffes ließ ſie ohne Schwierigkeit eintreten, nachdem er oberflächlich ihren Erlaubniß⸗ ſchein, um nach Seutari zu fahren, geprüft hatte, welcher im Namen des Akoluthos ausgeſtellt war, als ob dieſer ſchändliche Verräther ſie zu dieſer Ueberfahrt ermächtigt hätte; der Erlaubnißſchein enthielt auch eine Perſonenbeſchreibung, welche ganz auf den alten Osmund und ſeine junge Gefährtin paßte. Der Morgen war entzückend; und die Stadt Scu⸗ tari bot ſich bald den Blicken der Reiſenden dar, und zeigte ihnen, wie heute noch, jene mannigfaltigen Bau⸗ arten, welche trotz ihrer Sonderbarkeit und Ungewöhn⸗ lichkeit doch unbeſtreitbare Anſprüche auf unſere Be⸗ wunderung haben. Die Gebäude erhoben ſich kuͤhn aus einem dichten Cypreſſenwalde und andern Bäumen von ungeheurer Dicke, die ſie ohne Zweifel der Ach⸗ tung verdankten, welche ſie als Zierden der Gottes⸗ äcker und als Wächter der Toden einflößten. 2 14 Zu der Zeit, wovon wir ſprechen, gab ein anderer, nicht minder auffallender als bewundernswerther Um⸗ ſtand jener Stadt einen neuen Reiz. Ein großer Theil naͤmlich von dem Heere, welches aus ſo verſchiedenen Völkerſchaften beſtand, und von den Ungläubigen die heiligen Orte in Palläſtina, namentlich das heilige Grab wiedererobern wollten, hatte ungefaͤhr eine Meile weit von Scutari ein Lager gebildet. Man ſah daſelbſt wenige andere Zelte als die von einigen hohen Anfüh⸗ rern; aber die Soldaten hatten ſich leichte Hütten gebaut, welche einen angenehmen Anblick darboten; ſie waren mit Laubwerk und Blumen geſchmückt, darüber wehten Ritterfahnen und Banner mit verſchiedenen Wahlſprüchen, und verkündeten, daß die Blüthe Eu⸗ ropa's ſich hier verſammelt fand. Ein verſchiedenarti⸗ ges Geſumm, ähnlich dem eines zum Schwärmen be⸗ reiten Bienenſtockes, drang aus dem Lager der Kreuz⸗ fahrer bis zur Stadt Seutari; und von Zeit zu Zeit wurde dieſes dumpfe Geräuſch durch hellere Töne, durch den Schall der Muſik, und die noch lauteren Schreie unterbrochen, welche Furcht oder Freude den Weibern und Kindern entlockte. Bertha landete endlich; und als ſie einem kleinen Thore des Lagers nahte in der Begleitung des alten Soldaten und des Schiffsherrn, ſah ſie eine glaͤnzende Schaar von Reitern, von Edelknaben und Knappen, herauskommen, welche die Roſſe ihrer Herrn und die ihrigen ſpazieren ritten. Nach dem Geräuſche, wel⸗ 15 ches ihre Unterhaltung, ihr Geſchrei, das Galoppiren, die Wendungen und das Bäumen ihrer Streitroſſe hervorbrachten, ſchien es, als ob die Geſetze der Kriegs⸗ zucht ſie eher aus dem Lager getrieben hätte, als der Schlaf gänzlich den Weindunſt verſcheucht hatte, wel⸗ cher am Abend vorher in ihnen aufgeſtiegen war. So⸗ bald ſie Bertha und ihre beiden Begleiter erblickten, ſo erhoben ſie ein Geſchrei, welches verrieth, daß ſie Italiener waren.- All' erta! All' erta!— Boba de guadagno, ea- meradi!*) Sie umringten die Angelſächſin und ihre Begleiter, und ſetzten ihr Geſchrei auf eine Weiſe fort, welche ſie in Furcht ſetzte. Was hatte ſie im Lager zu thun? fragten Alle zu gleicher Zeit. Ich wünſchte den Oberfeldherrn zu ſprechen, ant⸗ wortete Vertha; ich habe eine geheime Botſchaft für ſein Ohr. Für weſſen Ohr? fragte einer der vornehmſten Rei⸗ ter, ein ſchöner Jüngling von ungefähr achtzehn Jah⸗ ren, welcher vernuͤnftiger zu ſeyn ſchien als ſeine Be⸗ gleiter; welchen unſerer Feldherrn wünſcht ihr zu ſehen? Den Gottfried von Byuillon, antwortete Bertha. Ei was! fing der Edelknabe an, welcher zuerſt ge⸗ ſprochen hatte. Mit nichts Geringerem nehmt ihr *) Munter! munter! da iſt gute Beute, Kameraden! 16 vorlieb? Werft einen Blick auf uns. Wir ſind jung und ziemlich reich. Der gnädige Herr von Bouillon iſt alt, und wenn er einige Zechinnen hat, ſo iſt er nicht der Mann danach, um ſie auf ſolche Weiſe zu verwenden. Ich habe ihm ein Pfand für meine Sendung dor⸗ zuzeigen, antwortete Bertha, ein Pfand, welches er anerkennen wird; und er wird es niemanden Dank wiſſen, der mich verhindern wird, frei zu ihm zu kom⸗ men. Dann zeigte ſie ihm ein kleines Käſtchen, in welches der Siegelring des Grafen verſchloſſen war, und fuhr fort: Ich will euch dieß anvertrauen, wenn ihr mir verſprecht, es nicht zu oͤffnen, und mir eine Unterredung mit dem edlen Oberhaupte der Krenz⸗ fahrer zu verſchaffen. Ich bin es zufrieden, ſagte der Juͤngling; und wenn es der Wille des Herzogs iſt, ſo ſollt ihr ihn zu ſprechen bekommen. Ernſt von Apulien, rief ihm einer ſeiner Begleiter zu, dein luͤſternes Gemuͤth hat ſich mit Liſt fangen laſſen. Du biſt ein frommer Narr, Polydor, antwortete Ernſt; dieſe Sache kann wichtiger ſeyn, als dein Ver⸗ ſtand und der meinige zu entdecken vermoͤgen. Die⸗ ſes Weib und einer ihrer Begleiter tragen die Klei⸗ dung der kaiſerl. Leibwache der Wäringer. Sie ſind vielleicht vom Kaiſer mit einer Botſchaft beauftragt, und die Wahl ſolcher Geſandten verträgt ſich ſehr 17 wohl mit der Politik des Alerius. Wir wollen ſie in allen Ehren zum Feldherrnzelte geleiten. Von ganzem Herzen ſagte Polydor. Eine Dirne mit blauen Augen iſt ein leckerer Biſſen; aber ich liebe nicht die Brühe des Großprofoßen, noch die Art, wie er diejenigen kleidet, welche der Verſuchung nachgeben*). Indeſſen, ehe ich mich ſo toll, wie mein Kamerad zeige, wuͤnſchte ich gerne zu wiſſen, wer die⸗ ſes artige Maͤdchen iſt, welches hierher kommt, um die edlen Fuͤrſten und frommen Pilger an ihre Lei⸗ denſchaften zu erinnern, welche ſie zu ihrer Zeit eben⸗ ſo gut als alle uͤbrigen Menſchen gehabt haben. Bertha trat vor, und ſagte Ernſten einige Worte in's Ohr, indeſſen ſich Polydor und die uͤbrige luſtige Bande einer Menge lauter und plumper Scherze uͤberließ, welche zwar die Redner bezeichneten, aber nicht der Art ſind, um hier einen Platz zu finden. Die Wirkung, welche ſie hervorbrachten, erſchutterte ſo ſehr den Muth der jungen Saͤchſin, welche einige Muͤhe hatte, ſoviel Geiſtesgegenwart zu bekommen, um ſie folgendermaßen anzureden.— Wenn ihr Mut⸗ ter habt, ihr Herrn, ſagte ſie zu ihnen, wenn ihr Schweſtern habt, welche ihr um den Preis eures reinſten Blutes beſchuͤtzen moͤchtet, wenn ihr die hei⸗ ligen Orte, welche ihr geſchworen habt aus den Hän⸗ * Die Kreuzfahrer, welche gewiſſe Suͤnden begangen hatten, wurden zur Strafe mit Pech und Federn uͤberzogen. W. Scott's ſammtl. Werke. 1688 Bochn. 5 18 den der Ungläͤnbigen zu befreien, liebet und ehret, ſo habet Mitleiden mit mir, um in eurem Unterneh⸗ men Ruhm und Erfolg zu erhalten. Fuͤrchtet nichts, junges Maͤdchen, ſagte Ernſt; ich werde euch beſchuͤtzen. Und ihr, Kameraden, laßt euch durch meinen Rath leiten. Waͤhrend ihr lärm⸗ tet, habe ich einen Blick, zwar etwas gegen mein Verſprechen, auf das Pfand ihrer Sendung, welches ſie mir eingehaͤndiget hat, geworfen; und wenn die⸗ jenige, welcher es anvertraut worden iſt, beleidigt oder mißhandelt wird, ſo verlaßt euch darauf, daß Gottfried von Bouillon das ſtrenge ahnden wird. Wenn du uns dieſe Gewähr geben kannſt, Kame⸗ rad, ſagte Polydor, ſo werde ich mich ſelbſt beeifern, dieſes Maͤdchen in allen Ehren zum Zelte des Herzogs von Bouillon zu geleiten⸗ Die Fuͤrſten muͤſſen im Begriffe ſeyn, darin Rath zu halten, ſagte Ernſt. Was ich geſagt habe, werde ich mit meinem Arme und meinem Leben bewäͤhren und unterſtützen. Ich koͤnnte meine Vermuthungen weiter treiben, aber ich muß dieſes Maͤdchen ſelbſt ſprechen laſſen. Der Himmel moͤge euch belohnen, wuͤrdiger Knap⸗ pe! ſagte Bertha; und moͤge er euch eben ſo viel Gluͤck als Tapferkeit bewilligen! Um mich macht euch teine andere Sorge, als mich in Sicherheit vor eu⸗ ren Feldherrn Gottfried zu geleiten. Wir verlieren die Zeit, ſaste Ernſt, und ſprang 19 von ſeinem Pferde. Ihr ſeyd keine verweichlichte Morgenlaͤnderin, liebenswuͤrdiges Mädchen, und ich vermuthe, daß es euch keine Schwierigkeit machen wird, ein folgſames Pferd zu lenken. Nicht die geringſte, antwortete Bertha; ſie huͤllte ſich in ihren Mantel, und ſprang auf den feurigen Renner, wie ein Haͤnfling auf einem Roſenſtrauche herumhüͤpft. Und jetzt, mein Herr, ſetzte ſie hinzu, da meine Sendung in der That keinen Aufſchub dul⸗ det, werdet ihr mich verpflichten, wenn ihr mich auf der Stelle ins Zelt des Herzogs Gottfried von Bouil⸗ lon fuͤhren wollt. Die Hoͤflichkeit des jungen Knappen benutzend, be⸗ ging Bertha die unklugheit, ſich von dem alten Waͤ⸗ ringer zu trennen; aber Ernſt hatte nur ehrbare Ab⸗ ſichten, und geleitete ſie durch die Zelte und Huͤtten zu dem Hauptzelte des beruͤhmten Oberfeldherrn der Kreuzfahrer. Ihr müßt hier einige Augenblicke auf mich warten unter dem Schutze meiner Begleiter, ſagte Ernſt (es waren ihm nehmlich zwei oder drei Edelknaben aus Neugierde gefolgt, um zu ſehen, wie dieſes Aben⸗ teuer ausgehen wuͤrde), waͤhrend ich die Befehle des Herzogs von Buuillon einholen werde. Bertha konnte ſich dieſem Vorſchlage nicht wider⸗ ſetzen, und ſie wußte nichts Beſſeres zu thun, als das Aeußere des Zeltes zu bewundern. Dieſes war ein Geſchenk, welches der Kaiſer Alerius in einem 20 ſeiner Anfälle von Freigebigkeit und Großmuth dem Oberhaupte der Franken gemacht hatte. Es wurde von großen Pfäͤhlen getragen, welche als Lanzen zu⸗ geſchnitten waren, und durch und durch von Gold ſchienen. Die Vorhaͤnge waren von dichtem Stoffe, welcher aus Seide, Vaumwolle und goldenen Faͤden gewirkt waren. Die Wachen, welche es umgaben, waren, wenigſtens waͤhrend der Zeit dieſer Rathsver⸗ ſammlung, ernſte Greiſe, meiſtentheils Knappen im perſoͤnlichen Dienſte der Fuͤrſten, welche das Kreuz genommen hatten, und welchen man folglich die Be⸗ wachung dieſer Verſammlung anvertrauen konnte, ohne zu befuͤrchten, daß ſie ausſchwatzen wuͤrden, was ſie hoͤren koͤnnten. Ihre Miene war ernſthaft und nachdenkend, und ſie ſchienen das Kreuz nicht aus der eiteln Luſt nach Abenteuern, ſondern aus den wichtigſten und feierlichſten Gruͤnden genommen zu haben. Einer von ihnen hielt den jungen Italiaͤner an, und fragte ihn, welche Angelegenheit ihn ermäch⸗ tigte, in dem Rathe der Kreuzfahrer zu erſcheinen, da ihre Sitzung ſchon eroͤffnet war. Der Edelknabe antwortete, indem er ſeinen Namen nannte:— Ernſt von Otranto, Edelknabe des Fuͤrſten Tankred. Dann ſetzte er hinzu, er haͤtte ein Maͤdchen anzumelden, welche eine Botſchaft für den Herzog von Bouillon haͤtte, und mit einem Pfande ihrer Sendung verſe⸗ hen waͤre. Während dieſer Zeit legte Vertha ihren Mantel 24 ab, und ordnete ihren übrigen Anzug nach Art der Angelſachſen. Kaum hatte ſie ihren Putz beendigt, ſo kam der Edelknabe des Fuͤrſten Tankred zuruck, um ſie vor den Rath der Kreuzfahrer zu fuͤhren. Sie folgte ihm auf das von ihm gegebene Zeichen, während die andern jungen Leute, welche ſie begleitet hatten, uͤber die Leichtigkeit, mit welcher man ſie zu⸗ ließ, erſtaunten und ſich in eine ehrerbietige Eutfer⸗ nung von dem Zelte zuruͤckzogen, um über die Selt⸗ ſamkeit dieſes Abenteuers zu plaudern. Indeſſen trat die Geſandtin in den Rathsſaal; ihre Geſichtszuͤge waren, von einem liebenswuͤrdigen Aus⸗ drucke der Schüͤchternheit und Beſcheidenheit belebt, doch verriethen ſie zugleich eine entſchiedene Entſchloſ⸗ ſenheit ihre Pflicht zu thun, was immer daraus er⸗ folgen moͤchte. Der Rath beſtand aus ungefaͤhr fuͤnf⸗ zehn der vornehmſten Kreuzfahrer, worunter Gott⸗ fried den Vorſitz fuͤhrte. Dieſer war ein ſtarker Mann und von hohem Wuchſe, welcher in die Lebenszeit eingetreten war, worin der Mann noch nichts von ſeiner Entſchloſſenheit verloren hat, waͤhrend er eine Weisheit und umſicht beſitzt, die ihm in ſeinen fruͤ⸗ heren Jahren unbekannt waren. Der Ausdruck der Züge Gottfrieds zeigte Klugheit und Kuͤhnheit, und glich ſeinen Haaren, worunter ſich einige Silberfaden mit ſchwarzen Flechten zu vermiſchen begannen. In geringer Entfernung von ihm ſaßen Tankred, der edelſte der Griſtlichen Ritter; Hugo⸗ Graf von 22 Vermandois, welchen man gewöhnlich den großen Grafen nannte; der eigennuͤtzige und verſchlagene Bohemund; der mächtige Raymund, Graf von der Provence, und mehrere Andere der vornehmſten Kreuzfahrer in mehr oder minder vollſtändiger Ru⸗ ſtung.— Bertha ließ es ſich nicht an Muth mangeln. Sie trat mit ſchuͤchterner Anmuth auf Gottfried zu, und haͤndigte ihm den Ring ein, welchen ihr der Edel⸗ knabe wieder gegeben hatte; dann machte ſie ihm eine tiefe Verbeugung und redete ihn mit folgenden Wor⸗ ten an: Gottfried, Herzog von Bouillon, Graf von Nieder⸗ lothringen, Oberhaupt der heiligen Unternehmung, ſo man Krenzzug nennt; und ihr Alle, ſeine Kameraden, ſeine Gleichen und Gefährten, welcher Titel euch im⸗ mer gebühren mag; von euch verlange ich, die ſchlichte Tochter Englands, die Tochter Engelred's, welcher ur⸗ ſprünglich Franklin in Hampshire, und nachher Häupt⸗ ling der Förſter oder freien Angelſachſen war, unter dem Oberbefehle des berühmten Edrik, verlange ich den Glauben, welcher dem Ueberbringer des Ringes ge⸗ bührt, den ich euch von Seiten eines Herrn überge⸗ ben habe, welcher nicht die niedrigſte Stelle unter euch einnimmt, von dem Grafen Robert von Paris. Unſerem höchſtachtbaren Mitverbündeten, ſagte Gott⸗ fried, indem er den Ring anſchaute. Ich glaube, meine edlen Herren, daß die meiſten unter euch dieſes Siegel 25 kennen müſſen: ein Feld mit zerbrochenen Lanzenſtük⸗ ken überſüet.— Der Ring ging von Hand zu Hand, und wurde allgemein anerkannt. Als Gottfried ſie davon benachrichtigt hatte, fuhr ſie folgendermaßen fort: So richte ich mich denn an alle wahren Kreuzfahrer, an die Gefährten Gottfrieds von Buuillen, beſonders an den Herzog ſelbſt; an Alle, ſage ich, mit Ausnahme Bohemunds, welchen Graf Robert ſeiner Aufmerkſam⸗ keit für unwürdig haͤlt. Ha! ſeiner Aufmerkſamkeit unwürdig! ſchrie Bohe⸗ mund; was willſt du damit ſagen, Mädchen? Doch der Graf Robert von Paris ſoll mir dafür Rede ſtehen! Mit eurer Erlaubniß, dem ſoll nicht ſo ſein, ſagte Gottfried. Unſere Verordnungen verbieten uns, uns gegenſeitig Herausfoderungen zuzuſchicken; und wenn ein Handel nicht freundlich unter den Parteien abge⸗ macht werden kann, ſo muß er vor dieſen ehrenwer⸗ ten Rath gebracht werden. Ich glaube gegenſeitig zu errathen, wovon es ſich handelt, fuhr Bohemund fort. Der Graf von Paris iſt auf mich erzürnt, weil ich ihm am Abend vor un⸗ ſerer Abreiſe von Conſtantinopel einen guten Rath ge⸗ geben habe, den er nicht hat befolgen wollen. Das wird ſich leichter erklären, wenn wir ihre Bot⸗ ſchaft angehört haben, ſagte Gottfried. Rede, junges Mädchen; ſage uns was dir Graf Robert aufgetra⸗ 24 gen hat, damit wir in Ordnung eine Augelegenheit beſprechen können, welche uns bis jetzt ſehr dunkel ſcheint. Bertha nahm wieder das Wort: und nachdem ſie in wenig Worten die vorangegangenen Ereigniſſe er⸗ zählt hatte, ſchloß ſie alſo:— Das Gefecht ſoll mor⸗ gen frühe zwei Stunden nach Sonnenaufgang vorge⸗ hen; und der Graf bittet den edlen Herzog von Bonil⸗ lon, ungefaͤhr fünfzig Fränkiſche Lanzen dieſem Waffen⸗ werke beiwohnen zu laſſen, damit durch ihre Gegen⸗ wart das Gefecht mit jener freimüthigen und ehren⸗ werthen Redlichkeit vorgehe, welche er einigen Grund hat bei ſeinem Gegner zu bezweifeln. Wenn einige junge und tapfere Ritter bei dieſem Kampfe gegen⸗ wärtig zu ſein wünſchen, ſo wird der Graf ihre An⸗ weſenheit als eine Ehre für ſich betrachten; aber er wünſcht beſtimmt, daß man die Namen dieſer Ritter genan zähle, und daß die Zahl der bewaffneten Kreuz⸗ fahrer, welche ſich in die Schranken begeben, nicht funfzig Lanzen überſteige. Dieſe Zahl wird hinreichen um den erforderlichen Schutz zu ſichern; und wenn ſie beträchtlicher wäre, ſo würde man dieß als ein Mit⸗ tel zu Angriffen gegen die Griechen betrachten, und die gegenwärtig ſo glücklich beigelegten Streitigkeiten würden von Neuem erwachen. Sobald Bertha ihren Vortrag beendigt, und die Ra erſammlung mit Anmuth gegrüßt hatte, ent⸗ ſtand eine Art halblauter Unterredung, in der Ver⸗ 25 ſammlung; aber die Unterhaltung wurde bald leb⸗ hafter. Einige der älteſten Ritter des Rathes machten hef⸗ tig das Gelübde geltend, nicht mehr Palaͤſtina den Rücken zu wenden, jetzt wo ſie die Hand an das Werk gelegt hätten, und wurden darin von zwei oder drei Prälaten unterſtützt, welche eben angekommen waren, um an den Verhandlungen Theil zu nehmen. Dagegen waren die jungen Ritter von Unwillen entflammt, als ſie erfuhren, mit welcher Treuloſigkeit man ihren Ge⸗ fährten zurückgehalten hatte, und wenige unter ihnen hätten die Gelegenheit verlieren mögen Zeugen eines regelmaͤßigen Zweikampfes in einem Lande zu ſein, wo ein ſolches Schauſpiel ſo ſelten war, und weil es in ſo geringer Eutfernung Statt finden ſollte. Gottfried lehnte ſeine Stirne auf ſeine Hand, und ſchien in großer Verlegenheit zu ſein. Mit den Grie⸗ chen zu brechen, nachdem man ſovielen Schimpf ausge⸗ halten hatte, um mit ihnen in Frieden zu bleiben, ſchien eine nicht ſehr politiſche Maßregel, ein Ofer alles Deſſen, was er durch eine lange und beſchwer⸗ liche Geduld hinſichtlich des Alexius Comuenus erhal⸗ ten hatte. Auf der andern Seite war er als Mann von Ehre gehalten, ſich des Grafen von Paris anzu⸗ nehmen, welchen ſeine aufbrauſende und ritterliche Gemüthsart zum Günſtling des ganzen Heeres gemacht hatte. Es handelte ſich auch von der Sache einer ſchönen, einer unerſchrockenen Dame: jeder Ritter des 26 Heeres war durch ſein Gelübde verpflichtet zu ihrer Vertheidigung zu fliegen. Als Gottfried zu reden be⸗ gaun, ſo geſchah dieß über die Schwierigkeit einen Entſchluß zu faſſen, und über die Kürze der Zeit um darüber nachzudenken. Mit aller Unterwürfigkeit gegen den edlen Herrn Herzog von Bouillon, ſagte Tankred, ich war eher Ritter als Krenzfahrer, und hatte die Gelübde des Ritterthumes früher ausgeſprochen als ich dieſes hei⸗ lige Siunbild auf meine Schulter heftete. Das erſte Gelübde muß auch zuerſt erfüllt werden. Ich werde daher Buße thun, wenn ich augenblicklich das zweite vergeſſen habe, und werde Dasjenige erfüllen, welches mich an die erſte Pflicht der Ritterſchaft erinnert, eine nothleidende Dame zu beſchuͤtzen, welche ſich in den Händen von Leuten befindet, die ich nach ihrem Vetragen gegen ſie und gegen dieſes Heer mit Recht in jeder Hinſicht Verräther und Treuloſe nennen darf. Wenn mein Vetter Tankred ſein Ungeſtüm unter⸗ drücken will, ſagte Bohemund, und wenn ihr, meine edlen Herrn, geneigt ſeyd meinen Rath anzuhören⸗ wie ihr einige Male zu thun geruhet habt, ſo glaube ich euch ein Mittel vorſchlagen zu können, welches euch erlauben wird, unſere Pilgergefährten in ihrer dringenden Noth zu unterſtützen, ohne in Etwas das geleiſtete Geluͤbde zu verletzen. Ich ſehe einige arg⸗ wöhniſche Blicke nach mir gerichtet; dieſes kommt wahrſcheinlich von der groben Art, womit jener wilde 27 Krieger, ja ich könnte ſagen jener junge Tollkopf er⸗ klärt hat, er verlange meinen Beiſtand nicht. Mein ganzes Vergehen iſt, daß ich ihn ſowohl durch meine Worte als mein Beiſpiel vor der Verrätherei, welche man gegen ihn ausſann, warnte, und ihm Vorſicht und Enthaltſamkeit anrieth. Er hat meine Warnung verachtet, er hat meinem Beiſpiele nicht folgen wollen⸗ und iſt in die Schlinge gefallen, welche ihm ſo zu ſa⸗ gen vor ſeinen eigenen Augen gelegt war. Indeſſen hat der Graf von Paris, indem er mich unklugerweiſe beleidigte, nur ſeinem durch Unglück und Mißmuth erbitterten Gemuͤthe nachgegeben. Ich bin ſo weit entfernt, darüber Rache zu fühlen, daß ich mich mit Erlaubniß des Herzogs von Bouillon und ſeines Ra⸗ thes in aller Eile mit fünfzig Lanzenrittern auf den Kampfplatz begeben will; jeder von ihnen ſoll wenig⸗ ſtens zehn Mannen in ſeinem Gefolge haben, wodurch dieſe Hülfsſchaar ſich auf wenigſtens fünfhundert Mann belaufen wird, mit deren Hülfe ich gar nicht zweifle den Grafen und ſeine Gemahlin wirkſam zu unter⸗ ſtützen. Das heißt wacker geſprochen, ſagte der Herzog von Bouillon, und liebevoll eine Beleidigung vergeben⸗ wie es fuͤr unſere chriſtliche Unternehmung geziemt. Aber unſer Bruder Bohemund hat die Hauptſchwierig⸗ keit vergeſſen, nehmlich den Eid, welchen wir geleiſtet haben, niemals Paläſtina auf unſrer heiligen Farth den Rücken zu kehren⸗ 28 Wenn wir bei dieſer Gelegenheit jenem Eide aus⸗ weichen können, entgegnete Bohemund, ſo erheiſcht unſere Pflicht, dieſes zu thun. Sind wir ſo ſchlechte Reiter oder ſind unſere Roſſe ſo ſchlecht zugeritten, daß wir ſie nicht hinterrücks bis zu dem Orte der Einſchiffung in Scutariführen könnten? Wir können ſie auch gleichfalls rückwärts in die Schiffe bringen; und wenn wir einmal in Europa ſind, wo wir nicht durch den⸗ ſelben Schwur gebunden ſind, ſo ziehen wir den Gra⸗ fen und die Gräfin von Paris aus aller Gefahr, und unſer Gelübde bleibt unbeſchädigt in der Himmels⸗ kanzlei eingetragen. Es ſcheint mir, ſagte Gottfried, das heißt der Frage mehr ausweichen als ſie auflöſen. Inzwiſchen ſind ſolche Ausfluͤchte von den gelehrteſten und gewiſ⸗ ſenhafteſten Geiſtlichen zugelaſſen worden, und ich ſcheue mich nicht, den von Bohemund vorgeſchlagenen Ausweg ebenſogut anzunehmen, als wenn der Feind durch einen Angriff auf unſere Nachhut einen Rück⸗ marſch zu einer unumgänglichen Nothwendigkeit machte. Ein allgemeiner Ruf erhob ſich: Lange lebe der ta⸗ pfere Bohemund! Welche Schande für uns, wenn wir nicht einem ſo tapferen Ritter und einer ſo liebens⸗ würdigen Dame zu Hülfe flögen, wenn dieß ohne Verletzung unſeres Gelübdes geſchehen kann! In der Verſammlung waren einige, beſonders von der Geiſtlichkeit, welche meinten, der Schwur, wel⸗ cher die Kreuzfahrer auf das Feierlichſte bände, muͤßte buchſtäblich vollzogen werden. Aber Peter der Eremit, welcher im Rathe Sitz hatte⸗ und einen großen Ein⸗ fluß genoß, erklärte, daß es nach ſeiner Meinung, da die genaue Erfüllung ihres Gelübdes die Kräfte des Kreuzzuges vermindern würde, unrecht wäre, ſich an die buchſtabliche Vollziehung zu binden, wenn man demſelben vermittelſt einer freieren Erklärung auswei⸗ chen könnte. Er bot ſelbſt an, das Thier, welches er ritt, das heißt ſeinen Eſel, hinterrücks gehen zu laſſen. Doch wurde er von dieſem Vorhaben durch die Vorſtellun⸗ gen Gottfrieds von Bouillon abgebracht, welcher be⸗ ſorgte, er möge in den Augen der Heiden ein Gegen⸗ ſtand des Anſtoßes werden; aber er hatte ſo wohl geſprochen, daß die Ritter, weit entfernt ſich ein Ge⸗ wiſſen aus dieſem Rückwarſch zu machen, ſich in die Wette die Ehre ſtreitig machten, zu der nach Con⸗ ſtantinopel zurückkehrenden Abtheilung zu gehören, um Zeugen des Kampfes zu ſeyn, und den tapfern Grafen von Paris ſiegreich, wie Niemand bezweifelte, mit der Amazone, ſeiner Gemahlin, zum Heere zurückzuführen. Das Machtwort Gottfrieds machte dieſem Streit ein Ende. Er wählte ſelbſt die fünfzig Ritter aus, welche den Zug mitmachen ſollten. Er nahm ſie aus den verſchiedenen Völkerſchaften, und gab ihnen den jungen Tankred von Otranto zum Anführer. Gott⸗ fried behielt den Bohemund ungeachtet ſeiner Gegen⸗ vorſtellungen bei ſich zurück, unter dem Vorwande, 30 daß ſeine Kenntniß vom Lande und von den Einwoh⸗ nern durchaus nothwendig wären, um den Rath in den Stand zu ſetzen, den Feldzugsplan in Syrien zu machen. Im Grunde aber befürchtete er den Eigen⸗ nutz eines Menſchen, der ebenſoviele geiſtige Hülfsquel⸗ len als kriegriſche Kenntniſſe hatte, und der an der Spitze einer beſonderen Abtheilung ſich leicht durch die verſchiedenen ſich darbietenden Gelegenheiten verſuchen laſſen koͤnnte, ſeine Macht und ſein Ländergebiet auf Koſten des Kreuzzuges zu vermehren. Die jungen Männer, welche an dem Zuge Theil nehmen ſollten, ſuchten ſich beſonders wohl zugerittene Renner zu ver⸗ ſchaffen, welche im Stande waren, mit Leichtigkeit und Folgſamkeit die Reitübung auszuführen, zu wel⸗ cher man ſeine Zuflucht nehmen ſollte, um eine rück⸗ gängige Bewegung erlaubt zu machen. Alle Vorbe⸗ reitungen waren endlich getroffen, und die Abtheilung empfing Befehl ſich rückwärts aufzuſtellen, das heißt das Geſicht nach Morgen gekehrt. ⁰ 5 Während deſſen hatte Gottfried Berthen eine Bot⸗ ſchaft für den Grafen von Paris aufgetragen. Nach⸗ dem er ihn leicht getadelt hatte, daß er nicht mehr PVorſicht in ſeinen Verhaͤltniſſen mit den Griechen an⸗ gewendet, benachrichtigte er ihn, daß er eine Abthei⸗ lung von fuͤnfzig Lanzen ihm zu Hülfe ſchickte, nebſt der gewöhnlichen Zahl von Knappen, Edelknaben, Kriegs⸗ knechten und Armbruſtſchützen, im Ganzen fünfhundert Mann unter dem Befehle des heldenmüthigen Tan⸗ 31 kred. Der Herzog ließ ihn auch wiſſen, daß er ihm außerdem eine Rüſtung vom härteſten Stahle, welchen Mailand hat liefern können, ſowie ein treffliches Schlacht⸗ roß überſendete, welche beide Gegenſtaͤnde er am Tage des Zweikampfes gebrauchen möchte; denn Bertha hatte ihm berichtet, daß dem Grafen die für einen Ritter nöthige Ausrüſtung mangle. Man führte dar⸗ auf vor das Zelt das völlig gerüſtete Streitroß, das heißt, es war mit ſtählernen Schuppen bedeckt und mit der Ritterrüſtung beladen. Gottfried gab ſelbſt ſeine Zügel in Bertha's Hände. Fürchte dich nicht es zu beſteigen, ſagte er zu ihr; er iſt ſo ſanft und ſo gelehrig als tapfer und ſchnell. Schwinge dich kühn in den Sattel, und verlaſſe nicht die Seite des edlen Fürſten von Otranto, der getren ein Mädchen beſchützen wird, das heute eben ſo viel Gewandtheit, als Muth und Treue bewieſen hat. Bertha verneigte ſich tief, und ihre Wangen färb⸗ ten ſich mit lebhafter Röthe, als ſie dieſes Lob aus dem Munde eines Mannes empfing, deſſen Verdienſte und Gaben ſo allgemein geachtet waren, daß ſie ihn zum höchſten Anführer eines Heeres erhoben hatten, welches die tapferſten und ausgezeichnetſten Feldherrn der ganzen Chriſtenheit in ſeinen Reihen zählte. Wer ſind jene beiden Männer? fragte Gottfried, indem er auf die beiden Gefährten Bertha's deutete, welche er in einiger Entfernung von ſeinem Zelte ſah. Der eine, antwortete die Angelſüchſin, iſt der Schiſſs⸗ 32 herr, welcher mich hierher geführt hat; der andere iſt ein alter Wäringer, welcher mir zum ſchützenden Ge⸗ leit gedient hat. Da ſie gekommen ſeyn koͤnnen, um ihre Auzen hier, und ihre Zunge auf dem andern Ufer zu ge⸗ brauchen, fuhr der Oberfeldherr der Krenzfahrer fort, ſo halte ich es nicht fuͤr klug, ſie euch begleiten zu laſſen. Sie ſollen euch bald nachkommen. Die Be⸗ wohner von Skutari werden nicht ſogleich einſehen, welches unſre Abſichten ſind, ich wuͤnſche daher, daß der Fuͤrſt Tankred und ſein Gefolge ſie zuerſt von ih⸗ rer Ankunft benachrichtigen moͤgen. Bertha that veiden den Willen des Oberfeldherrn der Kreuzfahrer kund, uhne ihnen den Grund davon . anzugeben. Beide fingen an ſich lebhaft darüber zu beklagen; der Fährmann über die Unterbrechung ſei⸗ ner Tagesgeſchäfte; Osmund über die Verzögerung ſeines Dienſtes. Aber Bertha verließ ſie auf Befehl Gottfrieds, verſicherte ſie jedoch, daß ſie nicht lange in Scutari zuruͤckgehalten werden würden. Da ſie ſich alſo allein gelaſſen fanden, ſo beſchäftigte ſich jeder von ihnen mit ſeiner Lieblingsunterhaltung: der Faͤhr⸗ mann brachte ſeine Zeit damit hin, Alles, was neu für ihn war, zu prüfen; und Osmund, welcher ein ihm von einigen Bedienten angebotenes Frühſtück an⸗ nahm, befand ſich bald einer ſo guten Flaſche rothen Weines gegenüber, daß dieſe Geſellſchaft ihn wohl für 53 ein ſchlimmeres Schickſal, als er jetzt erfuhr, entſchä⸗ digt haben würde. Die Abtheilung von Tankred, welche aus fünfzig Rittern und ihrem gewöhnlichen Gefolge beſtand, und fuͤnfhundert wohlbewaffnete Männer ausmachte, hielt in der Eile ein leichtes Mahl, waffnete ſich, und ſtieg vor der Mittagshitze zu Pferde. Nach einigen Wen⸗ Lungen, von welchen die Griechen von Seutari nicht den Grund begreifen konnten, obwohl ihre Neugierde durch die Vorbereitungen dieſer auserwählten Schaar rege geworden war, ordneten ſich die Kreuzfahrer in einen Zug zu vier Mann hoch. Als die Pferde auf dieſe Weiſe geordnet waren, fingen alle Reiter an, ſie rückwaͤrts gehen zu laſſen: an dieſe Bewegung wa⸗ ren ſie eben ſo gut gewöhnt, als ihre Pferde; aber als man dieſe verkehrte Wendung fortdauern, und dieſe Abtheilung der Kreuzfahrer auf eine ſo ſonder⸗ bare Weiſe in die Stadt Seutari einrücken ſah, be⸗ gannen die Bürger die Wahrheit zu argwöhnen. Ein allgemeines Geſchrei aber entſtand, als Tankred und einige andere, deren Renner beſſer zugeritten waren, in den Hafen eilten, ſich einer Galeere bemächtigten, ihre Pferde ohne Rückſicht auf den Widerſtand der kaiſerlichen Hafenwächter hineinbrachten, und ſich vom Ufer entfernten. Andere Kreuzfahrer vollbrachten ihr Vorhaben nicht ſo leicht. Da die Reiter oder ihre Pferde minder gewohnt waren, ſo lange einen ſo gezwungenen Gang W. Scott's ſämmtl. Werke. röss Bochn. 3 54 beizubehalten, ſo glaubten viele Ritter, nachdem ſie drei bis vierhundert Schritte hinterruͤcks gemacht hat⸗ ten, hinlaͤnglich ihr Geluͤbde erfuͤllt zu haben; ſie rit⸗ ten daher, wie gewoͤhnlich in die Stadt, und bemach⸗ tigten ſich der Griechiſchen Fahrzeuge, welche unge⸗ achtet der Befehle des griechiſchen Kaiſers auf dem Aſiatiſchen Ufer der Meerenge geblieben waren. Ei⸗ nige weniger geſchickte Reiter erfuhren verſchiedene Unfaͤlle; denn obwohl nach einem Spruͤchworte jener Zeit nichts ſo kühn iſt als ein blindes Pferd, ſo fie⸗ len doch durch dieſe Art des Reitens, nach welcher weder das Pferd noch der Reiter ſehen konnten, wo⸗ hin ſie gingen, einige Pferde; andere ſtießen beim Ruͤckwaͤrtsgehen auf gefaͤhrliche Hinderniſſe, und die 6 Reiter ſelbſt litten mehr als bei einem gewoͤhnlichen Ritte. Die Reiter, welche von den Pferden fielen, waͤren in Gefahr gekommen, von den Griechen getoͤdtet zu werden, wenn Gottfried ſeine religioͤſen Bedenken nicht uͤberwunden und eine Reiterſchaar geſchickt haͤtte, um ſie aus aller Verlegenheit zu heben. Der groͤßte Theil des Gefolges von Tankred ſchiffte ſich gluͤcklich ein, und nur zwanzig bis dreißig Mann blieben zu⸗ ruͤck. Inzwiſchen war der Fuͤrſt von Otranto ſelbſt mit den meiſten ſeiner Gefaͤhrten, um die Ueberfahrt zu bewirken, genoͤthigt, das wenig ritterliche Geſchaft des Ruderns zu übernehmen. Sie fanden dabei nicht wenig Schwierigkeit, ſowohl wegen des Windes und e 35 der Fluth, als aus Mangel an Uebung in dieſem Geſchafte. Gottfried ſelbſt hatte ſich auf eine benach⸗ barte Hoͤhe geſtellt, folgte ihrem Zuge unruhig mit den Augen, und ſah mit Kummer, mit welcher Muͤhe ſie vorwaͤrts ruͤckten: dieſe Muͤhe vermehrte ſich noch dadurch, daß ſie zuſammen ſchiffen und auf die Schiffe warten mußten, welche von ſchlechteren Ruderern be⸗ ſetzt waren, wodurch ſich die Farth der kleinen Flotte bedeutend verzoͤgerte. Inzwiſchen machten ſie einige Fortſchritte, und der Oberfeldherr zweifelte nicht, daß ſie vor Sonnenuntergang ohne einen Unfall auf dem andern ufer der Meerenge ankommen wuͤrden. Er verließ endlich ſeinen Veobachtungspoſten, und ließ daſelbſt eine vertraute Wache mit dem Befehle, ihm es anzukuͤndigen, ſobald der Zug das entgegen⸗ geſetzte ufer erreichen wuͤrde. Der Soldat konnte leicht die Fahrzeuge mit ſeinen bloßen Augen unter⸗ ſcheiden, ſo lange es hell ſeyn wuͤrde, ſollte aber vor ihrer Ankunft die Nacht eintreten, ſo hatte der Fuͤrſt von Stranto Befehl Feuer anzuzuͤnden, welche auf eine beſondere Art angeordnet werden ſollten, um die Gefahr zu bezeichnen, wenn die Griechen ihnen eini⸗ gen Widerſtand leiſten ſollten. Gottfried ließ darauf die griechiſchen Behoͤrden von Scutari vor ſich kommen, und verkundigte ihnen, daß er ſich in der Nothwendigkeit befände, die im Hafen befindlichen Fahrzenge in Beſchlag zu nehmen; denn im Nothfalle wäre er entſchloſſen, eine ſtarke Abthei⸗ 36 lung ſeines Heeres abzuſchicken, um diejenigen ſeiner Gefährten, welche ſchon abgezogen waren, zu unterſtuͤtzen. Er kehrte darauf in ſein Lager zuruͤck, deſſen verwor⸗ renes Geraͤuſch, vermehrt durch die verſchiedenen Un⸗ terredungen, welche uͤber die Tagsereigniſſe Statt fanden, ſich mit dem dumpfen Toſen der Wogen des Bosphorus vermiſchte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. . Iſt alles fertig— meine Kammern voll Geſtopft mit Brennſtoff, welcher harmlos noch Der Flamme fremd, wie trockner Uferſand⸗ Nur einen Funken braucht, ſich ſo zu ändern⸗ Daß, wer ihn weckt aus ſeinem Todesſchlaf, Kaum minder ſeinen Ausbruch ſcheut, als wer Die Wuth auf ſeine Thuͤrme fallen ſieht. Anonymus. Wenn ſich der Himmel ploͤtzlich verfinſtert, und wir von einer ſchweren und dicken Luft beinahe erſticken, ſo zeigen die niederen Klaſſen der Schoͤpfung einen Trieb, welcher den Sturm verkuͤndet: Die Voͤgel fluͤchten ſich in die Wälder, die wilden Thiere ſuchen ihre Höhlen, und die Hausthiere ͤußern ihre Furcht vor dem herannahenden Sturme durch ſeltſame Bewegun⸗ 37 gen, welche ihre Unruhe und ihren Schrecken be⸗ weiſen. Es ſcheint, daß die menſchliche Natur, wenn ihre urſpruͤnglichen Reigungen ſorgfältig ausgebildet wer⸗ den, auch bei denſelben Anläſſen etwas von jener in⸗ ſtinktmäßigen Vorahnung beſitzt, welche den niederen Geſchöpfen das Herannahen des Sturmes offenbart. Die Ausbildung unſrer geiſtigen Fähigkeiten ſollte viel⸗ leicht nicht ſo weit gehen, um uns gaͤnzlich dieſe na⸗ türlichen Empfindungen vernachläßigen oder geringſchä⸗ tzen zu laſſen, welche die Vorſehung in uns als Wachen geſtellt hat, um uns von den uns drohenden Gefahren zu benachrichtigen. Dennoch iſt dieſes Gefuͤhl nicht gänzlich in unſerer Seele vernichtet; und die Vorahnungen, welche uns auf traurige oder erſchreckliche Reuigkeiten vorberei⸗ ten, gleichen gewiſſermaßen den Wahrſagungen der Parzen, es ſind Wolken, welche einen Sturm in der moraliſchen Welt verkünden. An dem verhängnißvollen Tage, welcher dem Zwei⸗ kampfe des Cäſars mit dem Grafen von Paris vor⸗ hergehen ſollte, liefen in der Stadt Conſtantinopel die widerſprechendſten und zugleich traurigſten Gerüchte. Eine geheime Verſchwoͤrung war, wie man ſagte, im Begriffe auszubrechen: Die Kriegesfahne ſagten An⸗ dere, ſollte in der unglücklichen Stadt geſchwungen werden; aber man vermochte nicht die Urſache davon zu bezeichnen, noch zu vermuthen, von welcher Art 58 die Feinde wirtn⸗ mit welchen man es zu thun be⸗ kommen würde. Einige verſicherten, daß Barbaren, welche von den ſ Gegenden Thraciens ge⸗ kommen, Ungarn, wie man ſie nannte, und Comanier Conſtantinopel überfallen wollten. Nach einer ande⸗ ren Lesart waren die damals in Aſien wohnenden Tuͤr⸗ ken entſchloſſen, den Angriffen, womit die Krenzfahrer Paläſtina bedrohten, zuvorzukommen, indem ſie zu⸗ gleich die Pilger des Abendlandes und die Chriſten des Morgenlandes durch einen jener häufigen Einfälle vernichteten, welche ſie mit einer ſo unglaublichen Schnelligkeit zu bewirken verſtanden. Nach Anderen endlich, welche der Wahrheit näher kamen, waren es die Kreuzfahrer ſelbſt, welche alle Schleichwege des Alexius Comnenus entdeckt hatten, und entſchloſſen waren, ihre vereinten Kraͤfte nach der Hauptſtadt zurückzuführen, um den Kaiſer zu entthro⸗ nen oder zu verjagen; und die Einwohner hatten Al⸗ les zu fürchten von der Rache dieſer in ihren Gewohn⸗ heiten ebenſo wilden, als in ihrem Betragen ſeltſamen Menſchen. Mit einem Worte, obwohl man über die beſtimmte Urſache der Gefahr nicht einig war, ſo war es doch allgemein anerkannt, daß irgend ein ſchreckli⸗ ches Ereigniß drohte: Dieſe Beſorgniß wurde in ei⸗ nem gewiſſen Grade durch die Bewegungen der kaiſer⸗ lichen Truppen gerechtfertigt. Die Wäringer und die Unſterblichen verſammelten ſich nacheinander, und be⸗ ſetzten die feſteſten Stellungen der Hauptſtadt, ſobald 39 man in der Ferne die von Tankred und ſeiner Schaar bemannten Galeeren und Fahrzeuge aus Scutari ab⸗ fahren, und in der Meerenge nach einer Stelle rudern ſah, von wo ſie bei der Wiederkehr der Fluth ſich in einem Angenblicke in den Hafen von Conſtantinopel begeben konnten. Alexius Comnenus ſelbſt wurde von dieſer unerwar⸗ teten Maßregel der Kreuzfahrer beſtürzt; doch nach⸗ dem er ſich darüber mit Hereward beſprochen hatte, auf welchen er all ſein Vertrauen ſetzte, und welchem er daſſelbe nicht mehr entziehen konnte, weil es zu ſpaͤt war, beruhigte er ſich wieder, beſonders wenn er an die Schwaͤche der Abtheilung dachte, welche auf ein ſo kuhnes Vorhaben, wie den Angriff der Hauptſtadt, zu denken ſchien. Er ſagte ruhig zu ſeinen Umgebun⸗ gen, man könne nicht wohl annehmen, daß eine Trom⸗ pete das Zeichen zum Gefecht in ſo geringer Entfer⸗ nung vom Lager der Kreuzfahrer geben ſollte, ohne daß ſich unter ſo vielen tapfren Rittern nicht Einige fänden, welche nengierig wären die Urſache dieſes Schalles zu erfahren. Auch die Verſchworenen empfanden ein geheimes Ent⸗ ſeßzen, als ſie auf der Meerenge die kleine Flotte Tank⸗ reds erblickten. Agelaſtes begab ſich auf einem Maul⸗ thiere an das Meeresufer in der Gegend, welche heut⸗ zutage Galaka heißt. Er begegnete daſelbſt dem al⸗ ten Fährmanne Bertha's, welchen Gottfried losgelaſ⸗ ſen hatte, vielleicht aus Verachtung, vielleicht um die 40 Neuigkeitskrämer der Hauptſtadt durch die Beſchrei⸗ bungen zu ergötzen, welche der Alte unfehlbar machen würde. Die dringenden Fragen des Agelaſtes brach⸗ ten denſelben zum Geſtändniſſe, daß die ſichtbare Flotte, ſoviel er wenigſtens hätte begreifen können, auf die Bitten Bohemunds abgeſchickt wäre, und daß ſie von deſſen Vetter Tankred befehligt würde, deſſen berühm⸗ tes Banner auf dem Hauptſchiffe wehte. Dieſe Nach⸗ richt beruhigte den Agelaſtes, welcher im Laufe ſeiner Ränke in geheimem Einverſtändniſſe mit dem feilen und verſchlagenen Fürſten Bohemund geſtanden hatte. Der Philoſoph hatte beabſichtigt, von Bohemund eine Abtheilung ſeiner Anhänger zu erhalten, um bei der entworfenen Verſchwoͤrung mitzuarbeiten und den An⸗ hang der Empörer zu verſtärken. Zwar hatte ihm Bohemund keine Antwort gegeben; aber der Bericht des Fährmannes und der Anblick des Banners von Tankred, dem Verwandten Bohemunds, welches auf der Meerenge wehte, ſchienen deutlich genug dem Phi⸗ loſophen anzukündigen, daß ſeine Anerbietungen, ſeine Geſchenke und Verſprechungen den habſüchtigen Ita⸗ 3 liener fuͤr ſeine Seite gewonnen hatten, und daß dieſe Schaar von Bohemund aus zuverläßigen Leuten, wel⸗ che zu ſeinen Gunſten handeln ſollten, gebildet wor⸗ den ſey. Als Agelaſtes in die Stadt zurückkehrte, rannte er beinahe gegen eine Perſon, welche wie der Philoſoph unter dicken Gewändern verſteckt war, und einen glei⸗ 4¹ chen Wunſch zu haben ſchien, unerkaunt zu bleiben. Dennoch erkannte Alexius Comnenus, denn er war es, den Agelaſtes mehr an ſeinem Wuchſe und ſeiner Hal⸗ tung, als an ſeinen Zügen; und er konnte ſich nicht enthalten im Vorbeigehen demſelben folgende ſo be⸗ kannten Verſe in's Ohr zu murmeln, welche eine glück⸗ liche Anſpielung auf die verſchiedenen Fähigkeiten des ſogenannten Weiſen machten. Grammaticus, rhetor, geometres, pictor, alipes, Augur, Schoenopates, medicus, magus; omnia novit Graeculus esuriens; in coelum jufseris, ibit. Agelaſtes fuhr Anfangs bei dem unerwarteten Tone der Stimme des Kaiſers zuſammen; ſein erſter Ge⸗ danke war, er ſey verrathen. Aber er bekam auf der Stelle ſeine Geiſtesgegenwart wieder, und ohne ſich um die Würde der Perſon, die er anreden wollte, zu bekümmern, ſcheute er ſich nicht durch eine Stelle zu antworten, die dem Kaiſer den Schrecken vergelten ſoll⸗ te, welchen er ihm verurſacht hatte. Die Worte, de⸗ ren er ſich erinnerte, waren Diejenigen, welche der Geiſt der Kleonice in die Ohren des Tyrannen rief, welcher ſie ermordet hatte; Pu cole justitiam; teque atque alios manet ultor.*) Dieſer Spruch ſowie die Erinnerungen, welche er erweckte, machten einen tiefen Eindruck auf das Ge⸗ *) Sey gerecht: ein ſtrafender Gott wacht auch uͤber die Koͤnige. 42 müth des Kaiſers, der jedoch ſeinen Weg fortſetzte, ohne ein Wort zu ſagen. Der gemeine Verſchwörer, ſagte Alexius zu ſich ſelbſt, hat ſeine Mitverbrecher bei ſich: ſonſt hätte er nicht eine ſolche Drohnung gewagt. Oder mein Elend iſt vielleicht noch größer. Vielleicht iſt Agelaſtes ſelbſt an der Neige ſeines Lebens mit jenem ſeltſamen Blicke in die Zukunft begabt, welche bisweilen dieſer ernſten Lebensperiode eigen iſt, und er ſpricht weniger nach ſeiner eigenen Ueberlegung, als nach einem wunderba⸗ ren Inſtinkte von Vorahnung, der ihm ſeine Worte eingiebt. Kann ich aber ſo ſchwer meine Pflichten als Kaiſer verletzt haben, um die Drohungen zu ver⸗ dienen, welche die unglückliche Kleonice gegen ihren Räuber und Moͤrder ausſtieß? Nein, das kann ich nicht glauben; nimmermehr. Wenn ich nicht eine ge⸗ rechte Strenge gezeigt haͤtte, ſo würde ich mich nicht auf dem hohen Platze, wohin mich die Vorſehung ge⸗ ſtellt hat, und wo ich die mir anvertrauten Intereſſen vertheidigen muß, haben erhalten können. Nein! die Zahl der von mir Begnadigten iſt nicht geringer als die der Schuldigen, welche eine gerechte Strafe für ihr Verbrechen empfangen haben.— Iſt aber dieſe zwar verdiente Rache immer auf gerechtem und ge⸗ ſetzlichem Wege ausgeübt worden? Mein Gewiſſen, fürchte ich, kann ſchwerlich auf eine ſo kitzliche Frage antworten; doch welcher Menſch, und haͤtte er die Tugend Antonin's, könnte die Verantwortlichkeit ei⸗ 43 nes ſo erhabenen Platzes haben, ohne von der furcht⸗ baren Prüfung zu erzittern, zu welcher mich die von dieſem Verräther empfangene Warnung ruft?— Tu cole justitiam.— Wir ſollen Alle gegen unſere Ne⸗ benmenſchen gerecht ſeyn.— Peque atque alios mance ultor.— Wir ſtehen Alle unter der Herrſchaft eines ſtrafenden Gottes.— Ich will den Patriarchen auf⸗ ſuchen;— ja das will ich gleich thun; ich will der Kirche meine Sünden beichten, und wenn ich von ihr eine vollkommene Vergebung erhalten habe, ſo werde ich das Recht erwerben, die letzten Tage mei⸗ ner Herrſchaft in einem Zuſtande der Unſchuld oder wenigſtens der Verzeihung zuzubringen, auf welchen ſel⸗ ten die ſo hoch Geſtellten Anſpruch machen können. Unter ſolchen Betrachtungen begab er ſich in den Pallaſt des Patriarchen Zoſimus, auf welchen er ſich noch am meiſten verlaſſen konnte, weil derſelbe lange den Agelaſtes als beſonderen Feind der Kirche, als einen den alten Lehren des Heidenthums ergebenen Men⸗ ſchen betrachtet hatte. In dem Kaiſerlichen Rathe waren Beide faſt immer entgegengeſetzter Meinung; und der Kaiſer glaubte ſicherlich, wenn er dem Pa⸗ triarchen das Geheimniß der Verſchwörung mittheilte, an denſelben eine feſte und aufrichtige Stütze für ſei⸗ nen beabſichtigten Vertheidigungsplan zu finden. Er gab darauf ein Zeichen durch ein Pfeifen; alsbald naͤherte ſich ein beſonderer Beamter zu Pferde in ſchö⸗ 44 ner Ausrüſtung, und folgte ihm ungezwungen in einiger Entfernung. Auf dieſe Weiſe eilte Alexius Comnenus auf den Pallaſt des Patriarchen mit ſo großer Schnelligkeit zu, als es geſchehen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von den Vorübergehenden bemerkt zu werden. Während ſeines ganzen Weges erſchienen die Vorherſagungen des Agelaſtes unaufhörlich vor ſeinem Geiſte, und ſein Gewiſſen rief ihm viele Handlungen ſeiner Herrſchaft in die Erinnerung, fuͤr welche er keine andere Ent⸗ ſchuldigung fand, als die Nothwendigkeit, dieſe ewige Rechtfertigung der Tyrannen: dieſe Handlungen reich⸗ ten hin, um ihm die furchtbare Strafe zu verdienen, welche ſich ſeit langer Zeit über ſeinem Haupte an⸗ häufte. Als er vor den prachtvollen Thüren, welche die Vor⸗ derſeite des patriarchiſchen Pallaſtes ſchmückten, ange⸗ 3 kommen war, begab er ſich, anſtatt durch den Haupt⸗ eingang zu gehen, in einen kleinen Hof; hier gab er den Zügel ſeines Thieres dem ihn begleitenden Offi⸗ ziere, und blieb vor⸗ einem ſo niedrigen und engen Eingange ſtehen, daß er unmöglich zu irgend einem bedeutenden Orte zu führen ſchien. Indeſſen ſobald 3 er angeklopft hatte, öffnete ihm ein Prieſter von nie⸗ 1 derem Stande die Thüre; und als der Kaiſer ſich zu erkennen gab, empfing er ihn mit großen Ehrfurchts⸗ bezengungen, und führte ihn in das Innere des Pal⸗ laſtes. Nachdem Alexius geſagt hatte, daß er eine ge⸗ 45 heime Unterredung mit dem Patriarchen haben wollte, wurde er in deſſen Buͤcherzimmer geführt, wo ihn der alte Prieſter mit der größten Achtung empfing, und gar wenig die Mittheilung erwartete, welche er er⸗ fahren ſollte, und die ihn bald mit Staunen bald mit Schrecken erfüͤllte. Obwohl die religiöſen Geſinnungen des Kaiſers in den Augen einer großen Anzahl ſeiner Höflinge, be⸗ ſonders mehrerer Mitglieder ſeiner Familie für Heu⸗ chelei galten, ſo thaten doch dieſe Eiferer unrecht, ihn mit einem ſo gehäßigen Namen zu brandmarken. Da er nehmlich wohl wußte, welche feſte Stütze er in der Zuneigung der Geiſtlichkeit finden würde, ſo war er dadurch ſehr zu Opfern geneigt, welche der Vor⸗ theil der Kirche oder der Eigennutz der Prälaten, welche für ſeine Perſon Ergebenheit beweiſen, ver⸗ langte; aber wenn auf einer Seite dieſe Opfer dem Alexius ſelten von anderen als zeitlichen Betrachtun⸗ gen geboten wurden, ſo gefiel er ſich dagegen zugleich darin, ſie als eine Eingebung ſeiner religiöſen Geſin⸗ nungen anzuſehen, und maß die Zugeſtändniſſe und Handlungen, welche eigentlich aus einer reinweltlichen Klugheit entſprangen, einer aufrichtigen Frömmigkeit von ſeiner Seite bei. Seine Anſicht von dieſen Maß⸗ regeln glich dem Blicke eines ſchielenden Menſchen, welcher die Dinge verſch ieden anſieht, je nach dem Standpunkte, wohin er ſich ſtellt, um ſie anzuſehen. Der Kaiſer legte in ſeiner demüthigen Beichte dem 46 Patriarchen alle Fehler ſeiner Verwaltung vor, und hob beſonders kräftig die Gelegenheiten heraus, wo die Geſetze der Moral ſchändlich verletzt worden waren, ohne zu den Ausflüchten und Beſchönigungen, durch welche er ſich vor wenigen Augenblicken noch ſelbſt zu täuſchen geſucht hatte, ſeine Zuflucht zu nehmen. Der Patriarch konnte ſich kaum von ſeinem Erſtaunen er⸗ holen, als er den wahren Faden mehrerer Hofränke entdeckte, worüber er ein ganz verſchiedenes Urtheil gefaͤllt hatte, ehe die Erzählung des Kaiſers ſein Be⸗ tragen gerechtfertigt oder gezeigt hatte, daß es keine Entſchuldigung verdiente. Wenn er Alles erwägte, ſo war der Ausſchlag gewiß mehr zu Gunſten des . Alexius, als der Patriarch hatte glauben können, wenn er von ferne die Hofraͤnke bevobachtete; denn die Rath⸗ geber und Höſlinge ſuchten ſich, wie gewöhnlich, für den Beifall, welchen ſie im Rathe an den verwerflich⸗ ſten Maßregeln des unumſchraͤnkten Herrſchers ver⸗ ſchwendeten, dadurch zu eutſchädigen, daß ſie immer ſeinem Betragen gehäßigere Beweggründe unterſchoben, als welche wirklich ſeine Handlungen beſtimmten. Viele Menſchen, welche nach der gewöhnlichen Anſicht die Opfer der perſönlichen Feindſchaft oder Eiferſucht des Kaiſers geweſen waren, hatte er in der That nur ih⸗ res Lebens oder ihrer Freiheit beraubt, weil ihre Schonung die Ruhe des Staats oder das Leben des Herrſchers Preis gegeben hätte. Zoſimus erfuhr auch, was er vielleicht ſchon ver⸗ 47 muthete, daß mitten im tiefſten Schweigen, welches der Deſpotismus dem griechiſchen Reiche aufzulegen ſchien, dieſes Reich häufig von krampfhaften Zuckun⸗ gen erſchüttert wurde, welche das Daſehn eines unter ſeiner Oberfläche verborgenen Vulkans verriethen. Wäh⸗ rend daher leichte Vergehen, wie offenbare Aeußerun⸗ gen der Unzufriedenheit mit der kaiſerlichen Regierung ſelten waren, und auf das ſtrengſte beſtraft wurden, ſobald ſie geſchahen, wurden die ſchwärzeſten und ge⸗ heimſten Verſchwörungen gegen die Perſon und die Gewalt des Kaiſers von denjenigen angeſponnen, wel⸗ che ihm am nächſten ſtanden; und obwohl er oft ſelbſt von dieſen Anſchlägen unterrichtet war, ſo durfte er doch erſt im Augenblicke des Ausbruches dem gemäß handeln und die Empörer beſtrafen. Alle Einzelnheiten von dem Verrathe des Cäſars und ſeiner Mitſchuldigen Agelaſtes und Achilles Tatius erfüllten den Patriarchen mit Ueberraſchung; aber am meiſten erſtaunte er uͤber die Gewandtheit, mit wel⸗ cher der Kaiſer, unterrichtet von dem Daſehn einer ſo furchtbaren Verſchwörung im Schooße ſeines Reichs, die Gefahr abzuwenden gewußt hatte, womit ihn die Ankunft der Kriutehe in demſelben Augenblicke be⸗ droht hatte. In dieſer Hinſicht, ſagte der Kaiſer, welchem der Patriauch ſein Erſtaunen nicht verborgen hatte, habe ich mich in der unglücklichſten Lage befunden. Wenn ich mich auf meine Soldaten hätte verlaſſen können, 48 ſo hätte ich zwiſchen zwei gleichmäßig offenen und eh⸗ renwerthen Entſchlüſſen hinſichtlich jener wilden Krieger des Abendlandes wählen koͤnnen. Ich hätte, mein ehrwuͤrdiger Vater, die an Bohemund und andere hab⸗ ſüchtigen Kreuzfahrer gezahlten Summen dazu verweu⸗ den können, um den chriſtlichen Schaaren des Abend⸗ landes einen aufrichtigen und herzlichen Beiſtand zu leiſten, und ſie ſicher nach Paläſtina zu bringen, ohne ſie den großen Verluſten auszuſetzen, welche ihr Kampf mit den Ungläubigen ihnen wahrſcheinlich verurſachen wird; ihre Erfolge wären dann mein Werk geweſen, und ein lateiniſches Königreich, das in Paläſtina ge⸗ gründet und von ſeinen eigenen Kriegern vertheidigt worden, wäre für das Reich eine unüberſteigliche Schutz⸗ wehr gegen die Sarazenen geweſen. Oder im entge⸗ gengeſetzten Falle, wenn das Wohl des Reiches und der heiligen Kirche, über welche ihr vollkommene Ge⸗ walt habt, es rathſamer gemacht hätte, ſo hätten wir gleich von Anfang und mit offener Gewalt die Grän⸗ zen unſerer Staaten gegen ein Heer vertheidigen kön⸗ nen, das von ſo verſchiedenen und uneinigen Oberhäuptern befehligt wird, deren Abſichten gegen uns ſo zweiden⸗ tig waren. Wenn der erſte Schwarm jener Henſchrecken unter der Anfuͤhrung des ſogenannten Walther ohne Habe Anfangs von den Ungarn geſchwächt, und end⸗ lich gänzlich von den Türken vernichtet wurde, wie noch die an den Landesgränzen aufgethürmte Knochen⸗ pyramide bezeugt, ſo wäre es ſicher den vereinten Kräften 4⁰ des griechiſchen Reichs nicht ſchwer geworden, auf gleiche Weiſe dieſen zweiten Schwarm zu zerſtreuen, wenn ſchon er ſeinen Gottfried, ſeinen Bohemund und ſeinen Tankred zu Anführern hat. Der Patriarch gab keine Antwort; denn obgleich er die Kreuzfahrer nicht liebte, ja ſelbſt verabſcheute ats Mitglieder der lateiniſchen Kirche, ſo konnte er ſich nicht des Zweifels enthalten, daß die griechiſchen Lrup⸗ ven guf einem Schlachtfelde den Vortheil gegen ſich hätten. Im ſchlimmſten Falle, ſagte Alexius, welcher ſein Stillſchweigeh begriff, wäre ich beſiegt worden, und unter meinem Schilde gefallen, wie es eines griechi⸗ ſchen Kaiſers würdig iſt, und ich würde nicht genöthigt geweſen ſeyn, zu jenen niedrigen Mitteln meine Zu⸗ flucht zu nehmen, wodurch ich die Krieger heimlich und durch Ueberfall angriff, und meine Soldaten in Ungläubige verkleidete; während die tapferen Verthei⸗ diger des Kaiſerthumes, welche in heimlichen Schar⸗ mützeln geblieben ſind, ehrenvoller für ſie und für mich geſtorben waͤren, indem ſie in ihren Gliedern in ge⸗ ordneter Schlacht für ihren Kaiſer und ihr Vaterland kämpften. Gegenwärtig in der jetzigen Lage der Dinge wird mein Name der Nachwelt überliefert werden, als der eines hinterliſtigen Tyrannen, welcher ſeine Unter⸗ thanen in unangenehme Händel wegen ſeines elenden Daſeyns verwickelt hat. Patriarch! jene Verbrechen ſind nicht mein Werk, aber wohl das der Empörer, W. Scott's ſaͤmmtl. Werte. r638 Bochn. 4 50 deren Räuke mich in dieſe Nothwendigkeit verſetzt hat⸗ ten!— Welches wird, mein verehrungswürdiger Va⸗ ter, meine Beſtimmung nach dieſem Leben ſeyn?— und in welchem Lichte wird mein Betragen bei der Nachwelt erſcheinen, da ich der Urheber ſo großen Un⸗ heils bin? Für die Zukunft, ſagte der Patriarch, hat ſich eure Majeſtät der heiligen Kirche in die Arme geworfen, welche die Macht hat, zu binden und zu löſen; die Mittel, welche ihr beſitzet, um ſie euch geneigt zu ma⸗ chen, ſind unermeßlich, und ich habe euch Diejenigen ſchon angegeben, deren Anwendung ſie mit Recht von ench verlangen kann, wenn ihr an eure Reue und Ver⸗ gebung denket. Sie ſollen in ihrer ganzen Ausdehnung angewandt werden, antwortete der Kaiſer, und ich werde euch nicht durch Bezweiftung ihrer Wirkſamkeit in der an⸗ dern Welt beleidigen. Aber ſchon jetzt, und in dieſem Leben vermag die guͤnſtige Meinung der Kirche viel für mich bei dieſer wichtigen Entſcheidung zu thun. Wenn wir uns recht verſtehen, mein gnter Zoſimüs, ſo müſſen ihre Lehrer und Biſchoͤfe wein Lob anſtim⸗ men, nicht wahr? und der Vortheil, welchen ich aus ihrer Verzeihung hoffen darf, wird nicht aufgeſchoben werden, bis der Leichenſtein auf mir ruht? Gewißlich nicht, ſagte Zoſimus, ſobald nur die ſchon feſtgeſetzten Bedingungen gewiſſenhaft erfüllt werden⸗ 3 54 Und mein Andenken bei der Nachwelt, ſagte Ale⸗ rius, auf welche Weiſe wird ſich dieſes fortpflanzen? Was das anbelangt, antwortete der Patriarch, ſo darf ſich Ew. Maj. auf die kindliche Liebe und die ſchriftſtelleriſche Gaben ihrer vollkommenen Tochter Anna Comnena verlaſſen. Der Kaiſer ſchüttelte ſein Haupt. Dieſer unglückliche Cäſar, ſagte er, wird ohne Zwei⸗ fel die Urſache einer Spaltung zwiſchen mir und ihr werden; denn ſchwerlich werde ich dieſem Undankbaren, dieſem Empörer verzeihen können, und meine Tochter hängt au ihm mit der ganzen Ergebenheit eines Wei⸗ bes. Und dann, guter Zoſimus, weiß ich nicht, ob das Zeugniß eines Geſchichtſchreibers, wie meine Toch⸗ ter iſt, ein großes Gewicht bei der Nachwelt haben wird. Ein Prokopius, ein philoſophiſcher Sklave, wel⸗ cher in einer Scheune Hungers ſtarb, erlaubt ſich das Leben eines Kaiſers zu beſchreiben, dem er nicht nahe⸗ zutreten wagte; und obwohl das Hanptverdienſt ſei⸗ nes Werkes darin beſteht, daß es Angaben enthält, welche Niemand bei Lebzeiten des Fürſten bekannt zu machen gewagt haben würde, ſo nimmt doch Niemand Anſtand, ſie nach ſeinem Tode als glanbwürdig anzu⸗ nehmen. Ueber diefen Gegenſtand, ſagte Zoſimus, kann ich Ew. kaiſerl. Majeſtät weder Troſt noch Beiſtand an⸗ bieten. Indeſſen, wenn auch euer Andenken ungerecht auf der Erde angegriffen wird, ſo kann dieß Ew. Ho⸗ 52 geit gleichgültig ſeyn, da ihr alsdanu, hoffe ich, einen Zuſtand von Seligkeit genießen werdet, den euch eitle Verläumdungen nicht zu ſtören vermögen. Das ein⸗ zige Mittel, dieſem Unglücke vorzubeugen, wäre, daß Ew. Maj. ſelbſt ihre Denkwürdigkeiten während ih⸗ rer Lebzeiten ſchriebe; ſo ſehr bin ich überzeugt, daß es euch leicht werden würde, geſetliche Entſchuldigun⸗ gen für diejenigen eurer Handlungen vorzubringen, welche ohne dieſe Vorſicht tadelnswerth erſcheinen könnten. Kommen wir auf etwas Anderes, ſagte der Kaiſer; und da die Gefahr dringend iſt, wollen wir uns mit der Gegenwart beſchäftigen, und die zukünftigen Zeit⸗ alter ſelbſt urtheilen laſſen. Auf welche Beſchwerden, ehrwürdiger Vater, ſtützen ſich nach eurer Meinung jene Verſchworenen, um einen ſo verwegenen Aufruf an den Pöbel und die griechiſchen Soldaten zu wagen? Sicherlich, antwortete der Patriarch, hat der Tod des Urſel unter allen Unfällen eurer kaiſerlichen Herr⸗ ſchaft am meiſten Erbitterung in den Gemuͤthern er⸗ regt: man ſagt nehmlich, daß er ſich auf Bedingungen unter dem Verſprechen von Leben und Freiheit unter⸗ worfen habe, und daß man ihn nichtsdeſtsweniger auf . euren Befehl in den Gefaͤngniſſen des Blakernal Hur⸗ 5 gers ſterben ließ. Seine Tapferkeit, ſeine Freigebig⸗ keit, ſeine menſchenfreundlichen Tugenden leben noch in dem Andenken der Bewohner dieſer Hauptſtadt und der Soldaten von der Leibwache der Unſterblichen. 53 Und dieſes, ſagte der Kaiſer, und heftete ſeine Blicke auf ſeinen Beichtvater, dieſes iſt nach eurer Meinung die gefährlichſte Urſache von der Erbitterung des Vol⸗ kes 2 Ohne Zweifel, ſagte der Patriarch; und wenn ſein Name kühn und geſchickt ausgeſprochen würde, ſo könnte er in dieſem Angenblicke der Wahlſpruch und das Lo⸗ ſungszeichen für einen furchtbaren Auflauf werden. Dem Himmel ſey gedankt, ſagte der Kaiſer, in die⸗ ſer Hinſicht werde ich auf meiner Hut ſeyn. Gute Nacht, mein Vater! Seyd feſt überzeugt, daß Alles, was in dieſer, mit meinem Siegel verſehenen Schrift enthalten iſt, getreulich vollzogen werden ſoll. Nur zeiget nicht zuviel Ungeduld bei dieſer Angelegenheit; — wenn eine ſolche Fluth von Wohlthaten auf ein Mal auf die Kirche herabregnet, ſo könnte leicht der Argwohn entſtehen, als ob die Prälaten und ihre Un⸗ tergebenen mehr in Folge eines zwiſchen dem Kaiſer und dem Patriarchen abgeſchloſſenen Handels zu Werke gehen, als eine von einem Suͤnder zur Abbüßung ſei⸗ ner Verbrechen dargebrachte Gabe empfangen. Dieſe Annahme, mein Vater, würde ſowohl für ench als für mich ungerecht ſeyn⸗ Alle regelmäßigen Friſten ſollen der Willkühr Ew. Maj. bewilligt werden; und wir hoffen, ihr werdet nicht vergeſſen, daß der Handel, wenn man ihm dieſen Namen geben kann, nur auk euer Verlangen abgeſchloſ⸗ ſen worden iſt, und daß die Vortheite, welche die 54 Kirche daraus ziehen kann, die Folge der Verzeihung und Unterſtützung ſind, welche ſie Ew. Majeſtät ver⸗ ſpricht. Das iſt wahr, ſagte der Kaiſer, ſehr wahr, und ich will mich daran erinnern. Ich ſage euch nochmals ein Lebewohl; und vergeſſet nicht, was ich euch geſagt habe. Das iſt eine Nacht, Zoſimus, in welcher der Kaiſer, wie ein Sklave arbeiten muß, wenn er nicht der beſcheidene Alexius Comnenus wieder werden will, und dann wiüßte er nicht wohin er ſein Haupt legen ſollte. Bei dieſen Worten nahm er von dem Patriarchen Abſchied. Dieſer war entzückt über die Vortheile, wel⸗ . che er für die Kirche erhalten hatte, und wonach ſeine Vorgänger vergebens gerungen hatten, und beſchloß 3 den wankenden Alexius auf ſeinem Throne zu er⸗ 3 halten. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Es weiß der Himmel ſeine Zeit; ein Ziet Iſt feſtbeſtimmt fuͤr Kugeb Pfeil und Wurfſpieß⸗ Die ſchlecht're Schoͤpfung der Natur, das Thier, Hat im Geſchicke jedes ſein Geſchaft. Altes Schau ſpiel. Nach ſeinem Zuſammentreffen mit dem Faiſer, wel⸗ ches wir beſchrieben haben, und nachdem er die geeig⸗ neten Maßregeln zur Sicherung des glücklichen Aus⸗ ganges der Verſchwoͤrung genommen hatte, kehrte Age⸗ laſtes in das Gartenhaus zurück, worin ſich noch die Graͤfin von Paris befand, in der einzigen Geſellſchaft einer alten Frau, Namens Vexhelia, der Gattin des Soldaten, welcher Bertha in das Lager der Kreuzfah⸗ rer begleitet hatte; dieſes gute Mädchen hatte ſich nehmlich ausbedungen, daß während ſeiner Abweſen⸗ heit ſeine Gebieterin nicht ohne eine Dienerin gelaſ⸗ ſen würde, und daß eine ſolche in gewiſſer Art mit der Wäringer Leibwache in Verbindung ſtehen müßte. Während des ganzen Tages hatte Agelaſtes die Rolle eines ehrgeizigen Staatsmannes, eines ſelbſtſüchtigen Sklaven der Umſtände, eines tiefen und feinen Ver⸗ 56 ſchworenen geſpielt; und jetzt ſchien er, um das Ver⸗ zeichniß ſeiner verſchiedenen Rollen im Schauſpiele des Lebens zu erſchöpfen, den Charakter eines verſchla⸗ genen Sophiſten annehmen zu wollen, und dadurch die Kunſtgriffe, wenigſtens ſcheinbar zu rechtfertigen, denen er ſeine Stellung in der Welt und ſeinen Reich⸗ thurn verdankte, und durch welche er ſich jetzt ſelbſt bis zu dem Throne zu erheben hoffte. Schöne Gräfin, ſagte er, warum bedeckt dieſer Schleier der Schwermuth ſo liebenswürdige Züge2 Haltet ihr mich, antwortete Brunhilde, für einen Felſen, für Stein, für ein ganz gefühlloſes Weſen, daß ich Kränkungen, Gefahren und Mangel aushalten . ſoll, ohne die natürlichen Gefühle der Menſchheit zu zeigen? Ihr bildet euch ein, eine Dame, wie mich, die frei iſt wie der wilde Falke, gefangen halten zu kön⸗ 3 nen, ohne daß ſie dieſen Schimpf übel nehmen, und gegen die Urheber davon in Zorn gerathen ſoll?— Und glaubſt du, von dir würde ich Troſt annehmen 2 — von dir, der am thätigſten an dieſem Gewebe von Verrätherei gearbeitet hat, mit welchem ich ſo ſchänd⸗ lich umgarnt worden bin? Darüber dürft ihr ſicherlich nicht mich anklagen, antwortete Agelaſtes. Klopft in eure Hände, verlan⸗ get was euch beliebt, und der Sklave, welcher euch nicht gehorchen wird, ſoll auf der Stelle bereuen, ge⸗ boren zu ſeyn. Wenn ich nicht aus Rückſicht für eure 3 Sicherheit und Ehre eingewilligt hätte, auf kurze Zeit euer Hüter zu ſeyn, ſo würde der Cäſar dieſes Ge⸗ ſchaͤft ſich angemaßt haben; und da ihr wiſſet, welches Ziel er im Auge hat, ſo könnt ihr ungefähr errathen, welche Mittel er angewandt haben würde, um ſeine Abſichten durchzuſezen. Warum überlaßt ihr euch ei⸗ nem kindiſchen Schmerze, weil ihr auf eine ganz kurze Zeit in einem Zuſtande ehrenvollen Zwanges ſeyd, da ja der berühmte Arm eures Gemahls demſelben wahr⸗ ſcheinlich morgen lange vor Mittas ein Ende machen wird? Du haſt mehr ehrbare Worte als Gedanken, erwie⸗ derte die Gräſin: kannſt du denn nicht begreifen, daß ein Herz wie das meinige, das gewohnt iſt, auf meine Stärke und Tapferkeit zu zählen, nothwendig ſich mit Schaam bedecken muß, wenn es, ſeldſt dem Arme ei⸗ nes Gatten, eine Sicherheit verdanken muß, welche ich nur mir ſelbſt ſchuldig ſeyn möchte? Euer Stolz trüget euch, Gräfin; dieſer herrſchende Fehler der Weiber. Glaubt ihr nicht einem anſtößi⸗ gen Dünkel nachgegeben zu haben, indem ihr den Stand einer Gattin und Mutter aufgabet, um die Rolle jener hirnloſen Thörinnen zu ſpielen, welche wie die Raufer des anderen Geſchlechtes, alles Nützliche und Ehrenvolle einer unſinnigen und raſenden Ruhm⸗ gier vpfern? Glaubet mir, ſchöne Dame, die wahre Tugend für ein Weib beſteht darin, daß es mit An⸗ muth ſeine Stelle in der Geſellſchaft ansfüllt, daß es 58 ſeine Kinder erzieht, und unſerem Geſchlechte Vergnü⸗ gen bereitet. 57 Du behaupteſt ein Philoſoph zu ſeyn! dann ſcheint es mir, du ſollteſt wiſſen, daß der Nachruhm, welcher ſeine Kränze über dem Grabe eines Helden oder ei⸗ ner Heldin aufhängt, alle jene geringſchätzigen Be⸗ ſchäftigungen aufwiegt, mit welchen gemeine Weiber ihr ganzes Leben hinbringen. Eine Lebensſtunde, voll ruhmreicher Thaten und würdiger Gefahren, wiegt ganze Jahre jener gemeinen Achtung vor einem elen⸗ den Anſtande auf, worin ſoviele Menſchen, wie ſtehen⸗ des Waſſer in einem Sumpfe, ihr Daſein hinſchleppen, ohne geehrt, ja oyne einmal angeſehen zu werden. Meine Tochter, ſagte Agelaſtes, ihr näher tretend, 3 mit Kummer ſehe ich euch in Irrthuͤmer verſunken, welche bei etwas Ruhe und Ueberlegung verſchwinden müßten. Wir können uns ſchmeicheln, und die menſch⸗ liche Eitelkeit ſchmeichelt ſich gewöhnlich,— daß un⸗ endlich maͤchtigere Weſen als die gewöhnlichen Men⸗ ſchen ſich tagtäglich beſchaͤftigen, das Gute und Uebel in dieſer Welt, die Entſcheidung der Schlachten und das Schickſal der Staaten nach ihren eignen Begriffen von Recht und Unrecht abzumeſſen, oder vielmehr nach unſeren Anſichten darüber. Die heidniſchen Griechen, berühmt durch ihre Weisheit und mit Ruhm bedeckt durch ihre Handlungen, erklärten den Leuten von ge⸗ wöhnlichem Verſtande das geglaubte Daſein eines Ju⸗ viters und ſeines Olymps, wo verſchiedene Gottheiten 59 den Tugenden und Laſtern vorſtanden, und das zeitliche Wohlergehen und ewige Glück Derjenigen ordneten, welche die einen ausübten oder ſich den andern hinga⸗ ben. Die weiſeſten und kenntnißreichſten Alten ver⸗ warfen dieſe gewöhnliche Anslegung; und obwohl ſie öffenklich gegen den allgemeinen Glauben Ergebenheit zeigten, ſo läugneten ſie doch insbeſondere von ihren Schülern die plumpen Lügen vom Tartarus und Olymp⸗ die eitelen Lehren von den Göttern ſelbſt, und die un⸗ ſinnige Erwartung des Volkes von einer Unſterblich⸗ keit, welche man Geſchöpfen zuſchrieb, die in jeder Be⸗ ziehung, ſowohl hinſichtlich der Bildung ihres Leibes, als ihrer innwohnenden Seele ſterblich ſind. Unter je⸗ nen weiſen und tugendhaften Männern ließen einige das Daſein jener vorgeblichen Gottheiten zu, aber ſie behaupten, daß dieſelben ſich ebenſowenig um die Hand⸗ lungen der Menſchen kümmerten, als um die von nie⸗ drigeren Geſchöpfen. Ein frendenreiches und ſorgenlo⸗ ſes Leben, ähnlich dem Leben der Schuͤler Epikur's, ſetzten ſie bei jenen Gottheiten voraus, deren Daſein ſie annahmen. Andere, welche kühner oder conſeguen⸗ ter waren, läugneten gänzlich das Daſein von Gott⸗ heiten, welche weder einen beſtimmten Zweck noch Ge⸗ genſtand zu haben ſchienen, und glaubten, daß über⸗ natürliche Weſen, deren Daſein und Eigenſchaften uns nicht durch uͤbernatuͤrliche Zeichen bewieſen würden, in der That nicht beſtänden. Halt' ein, Nichtswürdiger, ſchrie die Gräfin; und 60 wiſſe, daß du nicht zu einem jener blinden Heiden ſprichſt, deren abſcheuliche Lehren und Handlungen du mir auseinanderſetzteſt. Wenn ich mich bisweilen ge⸗ irrt habe, ſo wiſſe, daß ich nichts deſto weniger eine aufrichtige Tochter der Kirche binz und dieſes auf meine Schultern geſtickte Kreuz iſt ein hinreichendes Sinnbild der Gelübde, welche ich für ihre Sache ge⸗ than habe. Sey daher eben ſo vorſichtig, als du hin⸗ terliſtig biſt: denn glaube mir, wenn du einen Spott oder eine Läſterung meines heil. Glaubens vorbrin⸗ gen ſollteſt, ſo kann es geſchehen, daß mir die Worte fehlen um dich zu widerlegen; aber dann werde ich dir ohne Verzug mit der Spitze meines Dolches ant⸗ worten. * Glaubet mir, ſchöne Dame, ſagke Pgelaſtes, indem er ſich etwas aus der Nähe Brunhildens entfernte, daß ich nicht die geringſte Abſicht habe, eure Sanft⸗ muth zu der Anwendung eines ſolchen Beweisgrundes zu treiben. Aber ohne es wagen zu wollen, etwas über jene höheren und wohlwollenden Mächte zu ſagen, welchen ihr die Herrſchaft der Welt zuſchreibet, werde ich euch ſicherlich nicht beleidigen, wenn ich von jenem niedrigen Vverglauben ſpreche, der als Erweiterung des von den Magiern ſogenannten böſen Prinzip's an⸗ genommen worden iſt. Hat man jemals in irgend einem menſchlichen Glanben ein ſo niedriges,— ich möchte faſt ſagen, ſo lächerliches,— Weſen angenom⸗ men, als der Teufel der Chriſten iſt? Mit der Geſtalt 61 und den Gliedern eines Bockes, mit verzerrten Zügen, um die abſcheulichſten Leidenſchaften auszudruͤcken, mit einer kaum geringeren Macht, als derjenigen der Gott⸗ heit, und zugleich mit einem Verſtande, der kaum dem dümmſten Weſen aus der niedrigſten Menſchenklaſſe gleich kommt? Was iſt dieſes Weſen, das zum wenig⸗ ſten der zweite unumſchränkte Gebieter der Menſchen iſt, anders, als ein unſterblicher. Geiſt mit der Bos⸗ heit und dem erbärmlichen Aerger eines racheſüchtigen Greiſes oder alten Weibes? Agelaſtes machte bei dieſer Stelle ſeiner Rede ei⸗ nen ſonderbaren Halt. Ein großer Spiegel hing der⸗ geſtalt in dem Zimmer, daß der Philoſoph darin das Geſicht Brunhildens ſehen, und die Veraͤnderung ih⸗ rer Züge bemerken konnte, obwohl ſie ſich aus Eckel vor ſeinen Lehren von ihm weggewendet hatte. Age⸗ laſtes hatte natürlich ſeine Blicke auf dieſen Spiegel geheftet, und er wurde beſtürzt, als er eine faſt menſch⸗ liche Geſtalt hinter einem Vorhange hervorkommen, und ihn mit den Zügen und dem Ausdrucke anblicken ſah, welche man dem Satan der Mönchs⸗Mythologie oder den Satyrn der heidniſchen Zeiten zuſchreibt. Wie! ſchrie Brunhilde, deren Aufmerkſamkeit ebeu⸗ falls durch die außerordentliche Erſcheinung des bö⸗ ſen Geiſtes, wofür ſie das Weſen hielt, angezogen wor⸗ den war; haben deine gottloſen Worte und deine noch ſtrafwürdigeren Gedanken den Teufel hierher beſchwo⸗ ren? Wenn das iſt, verabſchiede ihn auf der Stelle 62 wieder; oder, bei unſrer lieben Frau von den gebro⸗ chenen Lanzen! ich will dir beſſer als bisher zeigen⸗ wie die Geſinnung einer Fränkiſchen Fran iſt, wenn ſie ſich ſelbſt dem Teufel und Denjenigen die ihn rufen können, gegenüber befindet. Ich verlange keinen Kampf mit ihm zu beginnen, wenn mich die Noth nicht da⸗ zu zwingt; aber wenn ich genöthigt werde, ein ſo ſchreckliches Weſen zu bekämpfen, ſo glaube mir, Rie⸗ mand ſoll ſagen, daß Brunhilde darüber erſchrocken war. Nachdem Agelaſtes mit Erſtaunen und mit Grauen den Widerſchein der ſcheußlichen Züge im Spiegel ge⸗ prüft hatte, drehte er ſeinen Kopf um, um den Ge⸗ genſtand, der dieſe ſonderbare Wirkung veranlaßt hatte, zu ſehen. Aber dieſer war ſchon hinter dem Vorhange verſchwunden, hinter welchem er wahrſcheinlich ſich verſteckt hatte. Indeſſen erſchien einige Augenblicke ſpäter ſein halb grinſendes, halb drohendes Geſicht wieder im Spiegel. Bei allen Göttern! rief Agelaſtes. An deren Daſeyn ihr ſo eben erkläret habt nicht u glauben, ſagte die Gräfin. 73 Bei allen Göttern! wiederholte Pgelaſtes, der nach und nach zu ſich kam, es iſt Sylvan; dieſes ſonderbare Zerrbild der Meuſchheit, welches von Taprobana her⸗ gebracht worden ſeyn ſoll. Ich ſtehe dafür, daß er ebenfalls an ſeinen luſtigen Gott Pan, oder an den alten Sylvan glaubte Dieſes iſt ein Geſchöpf, deſſen 65. Anblick den Unwiſſenden Schrecken einjagt, das aber vor dem Philoſophen entfliehet, wie die Unwiſſenheit vor der Weisheit. Bei dieſen Worten hob er mit ei⸗ ner Hand den Fenſtervorhang in die Höhe, hinter wel⸗ chem ſich das Thier verborgen hatte, da es durch das Gartenfenſter in das Luſthaus gekommen war; in der anderen hielt er einen erhobenen Stock, um ihn zu züchtigen, und ſchrie:— Wie, Sylvan! was iſt das für eine Unverſchämtheit!— Gehe an deinen Platz zurück! Bei dieſen Worten ſchlug er das Thier. Der Schlag fiel unglücklicherweiſe auf ſeine verwundete Hand, und machte den Schmerz, welchen es ſchon litt, noch hefti⸗ ger. Sein wilder Charakter bekam auf der Stelle alle ſeine Kräfte wieder; die Menſchenfurcht hielt es nicht mehr zurück, und mit einem wilden und dumpfen Schrei ſtürzte es auf den Philoſöphen, und ſchlang ſeine kräftigen und nervigten Arme um deſſen Hals mit ei⸗ ner erſchrecklich wüthenden Geberde. Der Greis raug mit allen ſeinen Kräften, um ſich aus den Händen dieſes wüthenden Geſchöpfes loszumachen, aber verge⸗ bens. Sylvan ließ ſeinen Fang nicht los, drückte ihm fortwährend die Gurgel zu, und that ſeine kräftigen Arme nicht eher weg, als bis der Philoſoph ſeinen Geiſt aufgegeben hatte. Zwei andere ſchreckliche Schreie des Thieres, ein Grinſen, welches ſeinen verzweifelten Entſchluß verkündete, und ſeine um den Hals des . 64 Agelaſtes geſchlungenen Hände beendigten in weniger als fünf Minuten dieſen furchtbaren Kampf. Der Leichnam des Philoſophen blieb auf der Erde ausgeſtreckt; ſein Moͤrder Sylvan that einen Satz, um ſich von der Leiche zu entfernen, als ob er von ſeiner That erſchreckt und beſtürzt worden wäre, und ent⸗ floh durch das Fenſter. Die Gräfin blieb unbeweglich vor Staunen, nicht wiſſend, ob ſie ein übernatürliches Beiſpiel von den Urtheilen des Himmels geſehen hätte, oder ob ſeine Rache durch menſchliche Mittel ausgeübt worden wäre. Ihre neue Dienerin Verhelia war nicht minder erſtaunt, obwohl ſie jenes Thier viel beſſer kannte. Madame, ſagte ſie, dieſes rieſenmäßige Geſchöpf iſt ein Thier von ungeheurer Stärke, deſſen Geſtalt der menſchlichen gleicht, nur bei weitem größer iſt, und welches durch die auſſerordentliche Kraft, deren es ſich bewußt iſt bisweilen Boͤſes thut. Ich habe die Wä⸗ ringer oft davon ſprechen und ſagen hören, daß es zu der Thierſammlung des Kaiſers gehöre. Aber wir müſſen die Leiche dieſes unglücklichen Greiſes vonhier wegbringen, und in den Gebüſchen des Gartens ver⸗ ſtecken. Wahrſcheinlich wird man an⸗ dieſem Abend ſeine Abweſenheit nicht gewahr werden, und morgen werden Dinge vorgehen, welche nicht viel an ihn den⸗ ken laſſen werden. Die Gräfin Brunhilde war es zu⸗ frieden, denn ſie war kein Weib, für welches die Züge eines Todten ein Gegenſtand des Schreckens ſind. 65 Die Gräfin hatte von Agelaſtes auf ihr gegebenes Wort, keinen Mißbrauch zu machen, die Erlanbniß bekommen, mit ihrer Dienerin im Garten, oder we⸗ nigſtens in dem an das Gartenhaus ſtoßenden Theile frei ſpazieren zu gehen. Sie liefen daher keine große Gefahr, angehalten zu werden, als ſie zuſammen die Leiche des Philoſophen forttrugen, und dieſelbe in den dichteſten Theil der Gebüſche legten, welche den Gar⸗ ten bedeckten. Während ſie nach ihrer Wohnung oder vielmehr ih⸗ rem Gefängniſſe zurückkehrten, ſagte die Graͤfin halb zu ſich ſelbſt, halb zu Verhelia:— Der Vorfall thut mir leid: nicht als ob dieſer elende Boͤſewicht nicht die Strafe des Himmels in dem Augenblicke verdient haͤtte, wo er ſeine Gotteslaͤſterungen ausſtieß; ſon⸗ dern weil der Muth und die Redlichkeit der unglück⸗ lichen Brunhilde in Verdacht kommen kann, da der Tod dieſes Unglaͤubigen nur in meiner und meiner Dienerin Gegenwart Statt gefunden hat, und da Niemand von der ſonderbaren Art, wie dieſer alte Gotteslaͤſterer ſein Schickſal erlitten hat, Zeuge ge⸗ weſen iſt.— Du weißt es, fuhr ſie fort, ihre Angen zum Himmel erhebend, du weißt es, unſere liebe Frau von den gebrochenen Lanzen, du Schutzheilige Brunhildens und ihres Gemahles, daß, welches im⸗ mer meine Vergehen ſeyn moͤgen, kein Argwohn von Verrath an mir haften kann; und ich uͤbergebe meine Sache in deine Haͤnde mit vollkommenem Vertrauen W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1688 Bochn. 5 66 auf deine Weisheit und deine Guͤte, um zu meinen Gunſten Zeugniß abzulegen. Sie traten in das Gartenhaus, ohne von Jeman⸗ den bemerkt worden zu ſeyn, und die Gräfin beſchloß dieſen ſeltſamen Abend mit einem andachtsvollen und ergebenen Gebete. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Hort, es war ein ſpaniſch Fraͤulein⸗ Hat gefreit den Engliſchmann, Prachtgewaͤnder reich und gar fein, Voll Juwelen that ſie an, Lieblich auch an Wuchs und an Geſtalt. Ihr Geſchlecht war vornehm und ſehr alt. Alte Ballade. Wir haben den Alexius Comnenus in dem Augenblick verlaſſen, wo er ſein Gewiſſen bei dem Patriarchen entlaſtet und von demſelben die Zuſicherung von der Ver⸗ gebung und dem Schutze der National⸗Kirche empfan⸗ gen hatte. Er nahm von dieſem Würdeträger Ab⸗ ſchied unter einigen Ausrufungen des Triumphes, wo⸗ rin aber ſoviel Dunkelheit herrſchte, daß man nicht leicht verſtehen konnte, was er damit ſagen wollte. Als er in den Pallaſt des Blakernal kam, war ſeine erſte Sorge nach ſeiner Tochter zu fragen. Man ſagte ihm, daß er ſie in jenem mit Marmor prachtvoll ge⸗ 67 ſchmückten Zimmer finden wuͤrde, von welchen Anna Comnena, ſowie mehrere Mitglieder ihres Geſchlech⸗ tes, den edlen Beinamen Porphyrogenetes, d. h. im Purpur Geborene bekommen hatte. Die Züge der Prinzeſſin verriethen Unruhe, und bei dem Anblicke ihres Vaters überließ ſie ſich offenbar einem unwider⸗ ſtehlichen Kummer. Meine Tochter, ſagte der Kaiſer in einem harten, ihm wenig gewöhnlichen Tone, und mit einer ſtren⸗ gen Miene, welche er unabänderlich beibehielt, ohne zu erweichen, als er die Niedergeſchlagenheit ſeiner Toch⸗ ter bemerkte, wenn ihr den ſchwachen Thoren, mit welchem ihr verbunden ſeyd, verhindern wollt, ſich öffentlich als ein Ungeheuer von Undankbarkeit und als Verräther zu zeigen, ſo werdet ihr nicht erman⸗ geln, ihn zu ermahnen, daß er ſeine Verzeihung mit der gebührenden Unterwerfung und dem vollſtändigen Geſtändniſſe ſeiner Verbrechen erflehen ſoll: widrigen⸗ falls er ſterben wird, bei meinem Seepter und bei meiner Krone! Auch werde ich Keinem verzeihen, der mir offenbar trotzend in ſein Verderben eilt unter der Fahne der Empörung, welche mein undankbarer Ei⸗ dam entfaltet hat⸗ Was veplangt ihr von mir, mein Vater? ſagte die Prinzeſſin. Koͤnnt ihr verlangen, daß ich meine Hände in das Blut dieſes Unglücklichen tauche; oder wollt ihr eine noch blutigere Rache ſuchen, als welche von den Göttern des Alterthums gegen die Verbrecher 68 ausgeübt wurde, welche ihre göttliche Gewalt belei⸗ digten? Denket nicht alſo, meine Tochter; glaubet vielmehr, daß meine väterliche Zuneigung euch die letzte Gele⸗ genheit darbietet, um dieſen Elenden vielleicht vom Tode zu retten, welchen er ſo ſehr verdient hat. Gott weiß es, mein Vater, daß ich euch nicht der geringſten Gefahr ausſetzen möchte, um damit das Le⸗ ben des Nicephorus zu erkaufen; aber er iſt der Va⸗ ter meiner Kinder geweſen, welche zwar nicht mehr leben; aber kein Weib vermag ein ſolches Band zu vergeſſen, wenn gleich es von dem Schickſale zerriſſen wurde. Vergönnet mir nur die Hoffnung, daß die⸗ ſer ſtrafbare Unglückliche eine Gelegenheit bekommen wird, um ſeine Irrthümer wieder gut zu machen; und glaubet mir, daß es nicht mein Fehler ſeyn wird, wenn er jemals dieſe unnatuͤrlichen Entwürfe von Ver⸗ ratherei wieder aufnimmt, welche in dieſem Augenblicke ſein Leben in Gefahr bringen. Folget mir jetzt, meine Tochter, und wiſſet, daß ich nur euch allein ein Geheimniß anvertrauen werde, von welchem die Sicherheit meines Lebens und meiner Krone abhängt, und von welchem auch vielleicht das Leben eures Gemahles abhaͤngt⸗ Alexius warf ſich daxauf eilig in die Kleidung eines Sergilſtlaven, und hieß ſeine Tochter: ſie möge ihr Gewand feſtgürten, und eine brennende Lampe in die Hand nehmen. 69 Wohin gehen wir denn, mein Vater? Das iſt gleichgültig, meine Tochter. Mein Ge⸗ ſchick ruft mich, und das eurige will, daß ihr mir leuchtet. Glaubet mir, und thut deſſen in enrer Geſchichte Erwaͤhnung, wenn ihr es waget: Alexius Comnenus ſteigt nicht ohne Grauen in jene von ſei⸗ nen Vorgängern gebauten Gefängniſſe, ſelbſt wo ſeine Abſichten gut und löblich ſind. Schweiget ſtille: und wenn wir einem Bewohner dieſer unterirdiſchen Gegen⸗ den begegnen, ſo ſprechet kein Wort, und machet keine Bemerkung über ſeine Erſcheinung. Nachdem ſie das Labyrinth von Zimmern durcheilt hatten, langten ſie in jenem großen Vorſaale an, durch welchen Hereward an dem Abende gekommen war, wo er zum erſten Male in den Vorleſungsſaal der Anna Comnena oder den Muſentempel eingeführt wurde. Der Vorſaal war, wie ſchon geſagt worden, aus ſchwar⸗ zem Marmor gebaut und ſpärlich erleuchtet. An dem einen Ende deſſelben ſtand ein kleiner Altar, auf wel⸗ chem Weihrauch brannte: und über dem davon auf⸗ ſteigenden Rauche ſchienen zwei Nachbildungen von menſchlichen Köpfen und Aermen aus der Mauer her⸗ vorzutreten, welche man aber nur unvollkommen ſehen konnte. An dem andern Ende fuͤhrte eine kleine eiſerne Thuͤre zu einer ſchmalen Wendeltreppe, welche an Ge⸗ ſtalt und Durchmeſſer einem Ziehbrunnen glich, und deren Stufen änßerſt ſteil waren. Nachdem der Kai⸗ 70 ſer ſeiner Tochter mit feierlicher Miene bedeutet hatte ihm zu folgen, ſo begann er mit Hülfe des unvollkom⸗ menen Lampenſcheines die ſchmalen und ſchwierigen Tritte hinabzuſteigen, auf welchen Diejenigen, welche in die unterirdiſchen Gefaͤngniſſe des Blakernal ge⸗ führt wurden, dem Tageslicht ein ewiges Lebewohl zu ſagen ſchienen. Bei ihrem Hinabſteigen kamen ſie vor verſchiedenen Thüren vorbei, welche wahrſcheinlich zu verſchiedenen Stockwerken der Gefängniſſe führten, und hörten dort verworrene Laute von Seufzen und Stöhnen, welche die Aufmerkſamkeit des Hereward bei einer andern Gelegenheit in Anſpruch genommen hatten. Alexius ſchenkte dieſen Zeichen menſchlichen Flendes keine Aufmerkſamkeit, und ſie waren ſchon durch drei Stockwerke vom Gefängniſſe gekommen, als der Vater und die Tochter am Ende der Treppe in dem Grundbaue des Gebäudes ſelbſt ankamen, deſſen Unterlage ein grobbehauener Felſen war: darauf er⸗ hoben ſich Grundmauern von rohem Marmvr. Hier, ſagte Alexius Comnenus, erliſchet jede Hoff⸗ nung und jede Zukunft, wenn die Angel knarrt und der Schluſſel umgedreht wird; doch ſoll dieſes nicht fuͤr immer ohne Ausnahme ſeyn.— Die Todten werden auferſtehen und ihre Rechte wiederbekommen; und auch die Vewohner dieſer Reiche, die ihrer Guͤter beraubt worden ſind, ſollen wieder in der Welt er⸗ ſcheinen, um ihre Anſprüche geltend zu machen. Wenn meine Gebete nicht den Beiſtand des Himmels er⸗ 74 halten koͤnnen; ſo ſeyd verſichert, meine Tochter, daß ich, anſtatt in der That das dumme Weſen zu ſeyn, fuͤr welches zu gelten ich mich bisher herabgelaſſen habe, und wie ich ſelbſt in eurer Geſchichte geſchildert bin, allen Gefahren, welche mir von der mir gegen⸗ waͤrtig drohenden Menge erregt werden, trotzen will. Mein Entſchluß gehet noch nicht weiter, als daß ich als Kaiſer leben und ſterben werde; und ſeyd verſi⸗ chert Anna, daß wenn eure Schoͤnheit und eure An⸗ lagen, welche ſo hohes Lob empfangen haben, etwas vermoͤgen, ihre Gewalt heute Abend zum Vortheile eures Vaters, der der Schöpfer derſelben iſt, ange⸗ wandt werden wird. Was wollt ihr damit ſagen, mein Vater?— Hei⸗ lige Jungfran! iſt dieſes euer Verſprechen, dem un⸗ gluͤcklichen Nicephorus das Leben zu retten? Ich werde ihn retten, und beſchaͤftige mich in die⸗ ſem Augenblicke mit dieſer wohlthätigen Handlung. Aber bildet euch nicht ein, daß ich zum zweiten Male an meinem Buſen die haͤusliche Schlange waͤrmen werde, die im Begriffe ſtand mir den Tod zu brin⸗ gen. Nein, meine Tochter, ich beſtimme euch einem paſſenderen Gemahle, welcher auch im Stande iſt, die Rechte eures Vaters, des Kaiſers zu erhalten und zu vertheidigen!— und nehmet euch in Acht, euch meinem Willen zu widerſetzen!— Sehet dieſe Mauern; ſie ſind von Marmor, obwohl von rohem: und erinnert euch, daß es gleich moͤglich iſt, zwiſchen 72 marmornen Mauern zu ſterben, als darin geboren zu werden. Die Prinzeſſin Anna Comnena erſchrak, als ſie an ihrem PVater eine Geiſtesſtimmung bemerkte, worin ſie ihn nie geſehen hatte.— O Himmel! waͤre doch meine Mutter hier! rief ſie, von einem Entſetzen er⸗ griffen, deſſen Gegenſtand ſie kaum kannte. Anna, ſagte der Kaiſer, eure Beſorgniſſe und euer Schreien iſt gleich unnuͤtz. Ich bin einer jener Men⸗ ſchen, welche bei gewoͤhnlichen Anlaͤſſen kaum einen eigenen Wunſch haben; und ich halte mich denjenigen fuͤr verpflichtet, welche wie meine Frau und meine Tochter mir die Mühe erſparen, mein Urtheil frei zu gebrauchen. Aber wenn das Schiff mitten unter Klippen iſt, und der Steuermann an das Steuerru⸗ der gerufen wird, ſo glaubet nicht, daß er es dann von einer anderen Hand als der ſeinigen beruͤhren laͤßt. So auch werde ich nicht leiden, daß mein Weib und meine Lochter, denen ich Alles im Gluͤcke er⸗ laubt habe, im Ungluͤcke meinem Willen widerſpre⸗ chen, ſo lange ich noch einen habe. Unmoͤglich kann es euch entgangen ſeyn, daß ich faſt im Begriffe ſtand, eure Hand zum Beweiſe meiner Aufrichtigkeit jenem unbekannten Waͤringer zu geben, ohne ihn um ſein Blut und ſeine Geburt zu befragen. Zu dieſer Stunde noch ſollt ihr hören, wie ich eure Hand einem Manne verſpreche, der drei Jahre unter dieſen Gewoͤlben zu⸗ gebracht hat, und der anſtatt des Briennes Cäſar 75 werden ſoll, wenn ich ihn dahin zu bringen vermag⸗ anſtatt eines kalten und feuchten Gefaͤngniſſes eine Prinzeſſin zur Gemahlin und eine Kaiſerkrone als Erbe anzunehmen. Eure Worte machen mich zittern, mein Vater! Wie koͤnnt ihr ench auf einen Menſchen verlaſſen, der eure Grauſamkeit empfunden hat?— Wie koͤnnt ihr euch einbilden, daß euch etwas aufrichtig einen Menſchen geneigt machen koͤnne, den ihr des Geſichtes beraubt habt? Sey unbeſorgt. Er ſoll mir angehoren oder nicht mehr wiſſen, was es heißt, ſich angehoͤren.— Was dich betrifft, meine Tochter, ſo ſey verſichert, daß du, wenn ich es will, morgen die Gattin deſſen ſeyn wirſt, der jetzt mein Gefangener iſt, oder du wirſt dich in das ſtrengſte Kloſter zuruͤckziehen, um nie wieder die Welt zu ſehen. Schweige daher ſtille, erwarte dein Schickſal, welcher Art es immer ſeyn mag; und hoffe nicht, daß alle deine Anſtrengungen ſeinen Lauf ver⸗ aͤndern koͤnnen. Nach dieſem ſonderbaren Geſpraͤche, in welchem der Kaiſer einen Ton angenommen hatte, der ſeiner Toch⸗ ter noch ganz unbekannt geweſen war, ging er durch mehr als eine mit ſtarken Riegeln verſchloſſene Thuͤre, waͤhrend ihm die Prinzeſſin Anna mit wankendem Schritte auf dieſer finſteren Bahn leuchtete. End⸗ lich trat er durch einen andern Gang in das Ge⸗ faͤngniß, worin urſel eingeſchloſſen war, und fand 7⁴ denſelben auf ſeinem ſchlechten Lager ausgeſtreckt, im Uebermaße eines hoffnungsloſen Elends; denn er harte die Hoffnungen verloren, welche die unbezwing⸗ bare Tapferkeit des Grafen von Paris auf einen Augenblick in ſeinem Herzen erregt hatte. Er kehrte ſit ſeine lichtberaubten Augen nach der Seite, wo er die Riegel knatren und Schritte nahen hoͤrte. Das iſt ein neuer Vorfall in meiner Gefangenſchaft, ſagte er.— Der feſte und ſichere Tritt eines Mannes und der leichte Gang eines Weibes oder Kindes, deſ⸗ ſen Fuß kaum den Boden beruͤhrt.— Bringt ihr mir den Tod?— Glaubet mir, ich habe lange ge⸗ nug in dieſem Loche gelebt, um mein Schickſal ohne Klage zu erleiden. Nicht den Tod, edler urſel, ſagte der Kaiſer, et⸗ was ſeine Stimme verſtellend, nein das Leben, die Freiheit, Alles, was die Welt darbieten kann, legt der Kaiſer Alexius ſeinem edlen Feinde zu Füßen; und er hofft, daß lange Jahre des Glückes und der Macht nebſt dem Befehle über einen beträchtlichen Theil des Reiches bald das Andenken an die Gefäng⸗ niſſe des Blakernal in ihm auslöſchen werden. Das iſt unmöglich, antwortete Urſel mit Seufzen; in weſſen Augen die Sonne am Mittage unterge⸗ gangen iſt, der kann ſelbſt von dem vortheilhafteſten 1 Glückswechſel Nichts zu hoffen haben. Darüber habt ihr keine große Gewißheit, entgegnete 3 der Kaiſer. Laßt euch von uns uberzeugen, daß die 75 Abſichten des Kaiſers gegen euch wahrhaft freigebig und günſtig ſind, und ich hoffe, daß ihr für eure Lei⸗ den belohnt und ſehen werdet, doß ihr eine größere Erleichterung zu hoffen habt, als ihr in dieſem Au⸗ genblicke glauben könnt.— Strenget eure Augen an, und verſuchet, ob ſie nicht den Schein einer Lampe erblicken. Macht mit mir, was euch gutdünkt, ſagte Urſel; ich habe weder ſo viel Leibesſtärke, um euch entgegen⸗ zuarbeiten, noch genug Geiſteskraft, um eurer Grau⸗ ſamkeit zu trotzen. Ja, ich ſehe etwas wie einen Lam⸗ penſchein; aber iſt das eine Wirklichkeit oder Tänſchung? das kann ich nicht ſagen. Wenn ihr kommt, um mich aus dieſem lebendigen Grabe zu befreien, fo bete ich zu Gott euch zu belohnen; wenn ihr aber unter die⸗ ſem trügeriſchen Vorwande mir das Leben nehmen wollt, ſo kann ich nur meine Seele dem Himmel be⸗ fehlen, und die Rächung meines Todes den Haͤnden deſſen überlaſſen, deſſen Augen die Finſterniſſe der dunkelſten Gefängniſſe nicht die Verbrechen zu verber⸗ gen vermögen. Die Erſchütterung, welche ſein Geiſt erlitten hatte, ließ ihn kein anderes Lebenszeichen von ſich geben. Er ſank auf ſein Laäger zurück, und ſprach kein einziges Wort, während ihm Alexius die Laſt ſeiner Ketten abnahm, die er ſo lange getragen hatte, daß ſie faſt mit ihm eins geworden zu ſeyn ſchienen. Hierbei kann mir eure Hülfe kaum genügen, Anna, 76 ſagte der Kaiſer; es wäre zu wuͤnſchen geweſen, daß ihr und ich mit unſeren vereinten Kräften ihn in die freie Luft hätten tragen koͤnnen; denn es würde ſehr unklug ſehn, die Geheimniſſe dieſes Gefängniſſes den⸗ jenigen zu eröffnen, welche ſie noch nicht kennen. Zum Ueberfluſſe, meine Tochter, machet euren Weg zurück; nicht weit von dem oberen Ende der Treppe werdet ihr den Eduard, den tapfern und treuen Wä⸗ ringer finden; theilet ihm meine Befehle mit, er ſoll herunter kommen, um mir zu helfen. Sorget auch dafür, daß man mir den erfahrenen Arzt Duban ſchicke. Erſchüttert, kaum athmend, und halb von Schrecken gelähmt, fand die Prinzeſſin einige Erleichterung in dem etwas ſanfteren Tone, womit ihr Vater zu ihr ſprach. Mit wankendem Schritte, obwohl etwas durch den Inhalt ihrer Vollmachten geſtärkt, ſtieg ſie die Treppe hinauf, welche in dieſe hölliſchen Reiche führte. Als ſie an die letzten Stufen kam, warf ein dunkler Körper ſeinen Schatten zwiſchen ſie und die Lampe. Von einem faſt tödtlichen Schrecken bei dem Gedanken ergriffen, die Gemahlin eines Unglücklichen in der Lage des Urſel zu werden, hatte die Prinzeſſin eine augenblickliche Schwäche empfunden, und als ſie an die traurige Wahl, welche ihr Vater vor ihre Augen geſtellt hatte, dachte, konnte ſie nicht umhin dafür zu halten, daß der tapfere und ſchöne Wäringer, der die kaiſerliche Familie ſchon aus einer ſo dringenden —————————— 77 Gefahr gerettet hatte, beſſer zu ihrem Gemahle taugte, wenn ſie denn einmal eine zweite Wahl thun müßte, als das ſeltſame und ekelhafte Weſen, welches die Po⸗ litit ihres Vaters aus der Tiefe der Gefängniſſe des Blakernal heraufholen wollte. Ich will nicht ſagen, daß die arme Anna Comnena, welche zwar ein furchtſames, aber nicht fühlloſes Weib war, jenen Vorſchlag eingegangen wäre, wenn das Leben ihres gegenwärtigen Gemahles Nicephorus Brien⸗ nes nicht in der größten Gefahr geweſen wäre; und der Kaiſer war offenbar entſchloſſen, ihm nur das Le⸗ ben unter der Bedingung zu ſchenken, daß die Hand ſeiner Tochter frei würde, und daß er dieſelbe einem geben könnte, auf deſſen Treue er beſſer zählen könnte, und welcher einen größeren Wunſch hätte, ſich als ein liebevoller Eidam zu zeigen. Der Plan, den Wärin⸗ ger zum zweiten Gemahle zu nehmen, ſchwebte dem Geiſte der Prinzeſſin nicht beſtimmt vor. Sie befand ſich in einem entſcheidenden Augenblicke. Um aus die⸗ ſer Lage herauszukommen, bedurfte es einer raſchen Eutſchließung; und doch konnte ſie vielleicht ſpäter ein Mittel finden, um ſich des Urſel und des Wäringers zu entledigen, ohne ihren Vater der Hilfe von irgend einem zu berauben, und ohne ſich ſelbſt ins Verderben zu ſtürzen. Auf jeden Fall war das ſicherſte Rettungs⸗ mittel, ſich wo moͤglich des jungen Soldaten zu ver⸗ ſichern, deſſen Züge und ganzes Aeußere nicht von der Art waren, um eine ſolche Mühe einer ſchönen Frau 78 unangenehm zu machen. Die Eroberungspläne ſind dem ſchönen Geſchlechte ſo natürlich, daß dieſer Ge⸗ danke, welcher dem Geiſte Anna's in dem Augenblicke, wo der Schatten des jungen Soldaten zwiſchen ſie und die Lampe getreten war, zum erſten Male ihrem Geiſte erſchien, gänzlich ihre lebhafte Einbildungskraft be⸗ ſchäftigte: zugleich trat der Wäringer, welcher ſehr erſtaunt war, ſie oben auf der zur Unterwelt führen⸗ den Stiege zu ſehen, mit einer Miene tiefer Ehrer⸗ vietung auf ſie zu, beugte ein Knie und bot ihr ſeinen Arm dar, um ihr aus der dunklen Treppe herauszu⸗ helfen. Mein thenrer Hereward, ſagte die Prinzeſſin mit einem Tone der Vertraulichkeit, welcher ihr ungewöhn⸗ lich war, wie ſehr freue ich mich, an dieſem erſchreck⸗ lichen Abende unter euren Schutz zu kommen! Ich komme aus den Orten, welche von hölliſchen Geiſtern ſelbſt für das Menſchengeſchlecht gebaut zu ſeyn ſchei⸗ nen.— Die Angſt der Prinzeſſin, der vertrauliche, bei einem ſchönen Weibe ſo natürliche Ton, wenn es von tödtlicher Furcht gelähmt, wie eine ſchüchterne Taube, eine Zuflucht im Schvoße eines ſtarken und muthigen Weſens ſucht, müſſen dem etwas zarten Beiworte, welches Anna Eomnena an den Wäringer richtete, zur Entſchuldigung dienen. Und um die ganze Wahrheit zu ſagen, wenn er in demſelben Tone ge⸗ antwortet haͤtte— was bei all ſeiner Treue ibm be⸗ gegnen konnte, wenn dieſe Unterredung vor ſeinem 79 Zuſammentreffen mit Bertha ſtattgefunden hätte,— ſo würde die Tochter des Alexius darüber nicht tödt⸗ lich beleidigt worden ſeyn. Da ſie von Miüdigkeit ſehr erſchöpft war, ließ ſie ihr Haupt auf der breiten Bruſt und der Schulter des Angelſachſen ruhen, und maͤchte keinen Verſuch, ihre Stellung zu verändern, obwohl die ihrem Geſchlechte und Range gevührende Ehrfurcht dieſe Anſtrengung von ihr zu erfordern ſchien. Here⸗ ward ſah ſich genöthigt, ſie mit dem ruhigen und ehrerbietigen Tone eines Soldaten, der zu einer Priu⸗ zeſſin ſpricht, zu fragen, ob er nicht ihre Frauen ru⸗ fen ſollte. Nein, nein! antwortete ſie ihm mit ſchwacher Stim⸗ me. Mein Vater hat mir aufgetragen, Pflichten zu erfüllen; und ich muß mich derſelben entledigen, und zwar ohne Zeugen.— Er weiß, daß ich in Sicherheit bin, Hereward, weil er weiß, daß ich bei euchsbin. Aber wenn ich euch zur Laſt falle, in meinem Zuſtand von Schwäͤche, ſo leget mich auf die Marmorſtufen dieſer Treppe, und ich werde bald wieder zu mir kommen. Das wolle Gott nicht, daß ich alſo die koſtbare Geſundheit Ew. Hoheit bloßſtelle. Ich ſehe eure bei⸗ den jungen Dienerinnen, Aſtarte und Violanta, welche euch ſuchen. Erlaubet mir, ſie zu rufen, und ich werde über euch wachen, wenn ihr außer Stande ſeyd, euch in euer Gemach zu begeben, wo ich glaube, daß 80 ihr leichter die Pflege empfangen werdet, welche die Aufreizung eurer Nerven erheiſcht. Mache was du willſt, Barbare, ſagte die Prinzeſſin mit einem gewiſſen Aerger, der vielleicht aus dem Gedanken entſprang, daß der Auftritt nicht mehr Perſonen verlangte, als die beiden, welche ſchon die Bühne einnahmen. Sie ſchien ſich jetzt erſt zum erſten Male der Sendung, welche ſie von ihrem Vater em⸗ pfangen hatte, zu erinnern, indem ſie dem Wäringer vefahl, auf der Stelle zu ihm zu eilen. Bei dergleichen Vorfällen bringen die geringſten Um⸗ ſtande auf die Handelnden eine Wirkung hervor. Der Angelſachſe fühlte, daß die Prinzeſſin etwas empfind⸗ lich war; aber kam dieſes daher, daß ſie ſich wirklich in den Armen Herewards fand, oder weil der Grund ihres Zornes beinahe von ihren beiden Mädchen ent⸗ deckt worden wäre? Daruͤber maßte er ſich nicht an, eine Vermuthung zu wagen. Er ging um den Alexins unter den finſteren Gewölben aufzuſuchen: ſeine treue zweiſchneidige Streitaxt, das Ungluͤck ſo vieler Türken⸗ glänzte auf ſeiner Schulter. Aſtarte und ihre Gefährtin waren von der Kaiſerin Irene beauftragt worden, die Anna Comnena in den Zimmern des Pallaſtes, welche ſie gewöhnlich bewohnte, aufzuſuchen. Sie hatten die Tochter des Alexius da⸗ ſelbſt nicht gefunden; und doch hatte ihnen die Kaiſe⸗ rin geſagt, daß die Angelegenheit, wegen deren ſie ihre Tochter zu ſprechen wünſchte, ſehr dringend wäre. 8¹ Aber da in einem Pallaſte nichts gänzlich den Beob⸗ achtungen entgehet, ſo erfuhren die beiden Abgeſandten der Kaiſerin endlich, daß man ihre Gebieterin mit dem Kaiſer jene düſtere Treppe zu den Gefängniſſen haͤtte hinabſteigen ſehen, welche man, durch eine klaſ⸗ ſiſche Anſpielung auf die Unterwelt, den Brunnen des Acheron nannte. Sie richteten daher ihre Schritte dorthin, was darauf folgte, haben wir ſchon erzählt. Hereward glaubte ihnen ſagen zu müſſen, daß Ihre Kaiſerl. Hoheit ohnmaͤchtig geworden wäre, als ſie plötzlich in die friſche Luft gekommen ſey. Von ihrer Seite entledigte ſich die Prinzeſſin bald ihrer jungen Dienerinnen, indem ſie ihnen ſagte, daß ſie ſich in das Gemach ihrer Mutter begeben wollte. Der Gruß, welchen ſie Hereward bei ihrem Abſchied ſchenkte, hatte etwas Stolzes, obwohl er ſichtlich durch einen geneig⸗ ten und gütigen Blick gemildert wurde. Während ſie durch ein Zimmer ging, in welchem einige Sklaven des Kaiſers, ſeiner Befehle gewärtig, ſtanden, wandte ſie ſich an einen derſelben, einen ehrwürdigen Greis, wel⸗ cher in der Heilkunde erfahren war, und gab ihm leiſe und in Eile den Befehl, zu ihrem Vater zu eilen, welchen er am unteren Ende der Treppe, die man Brunnen des Acheron nannte, finden würde; auch moͤge er ſeinen Säbel mitnehmen. Wie gewöhnlich hieß hören gehorchen; und Duban, denn dieß war ſein Name, antwortete ihr nur durch ein bedeutungs⸗ volles Zeichen, welches unmittelbaren Gehorſam an⸗ W. Scott's ſaͤmmtl. Werte. röss Bochn. 6 82 zeigte. Anna Comnena beeilte ſich nun, in die Gemä⸗ cher ihrer Mutter zu gelangen, wo ſie die Kaiſerin allein fand. Verlaſſet uns, meine Frauen⸗ ſagte Irene, und laſ⸗ ſet Niemand hereinkommen⸗ ſelbſt wenn es der Kai⸗ ſer befehlen wuͤrde. Verſchließet die Thüre, Anna, ſetzte ſie hinzu. Da die Eiferſucht des ſtärkeren Geſchlechtes uns nicht das Vorrecht geſtattet, welches ſich die Män⸗ ner allein vorhalten, uns mit eiſernen Riegeln und Stangen in das Innere unſerer Gemächer zu verſchlieſ⸗ ſen, ſo wollen wir ſo ſchnell als moͤglich die uns dar⸗ gebotene Gelegenheit benutzen. Erinnert euch, meine Tochter, daß ſo gebieteriſch eure Pflichten gegen eu⸗ ren Vater ſind, dieß noch mehr in Anſehung meiner der Fall iſt, da ich von demſelben Geſchlechte, wie ihr, bin, und da ich euch in Wahrheit und ſelbſt buchſtäb⸗ lich das Blut von meinem Blute und Gebein von meinem Gebeine nennen kann. Seyd verſichert, daß euer Vater in dieſem Augenblicke nichts von den Ge⸗ fühlen eines Weibes kennt. Weder er, noch irgend ein Mann in der Welt vermag ſich eine richtige Vor⸗ ſtellung von den tödtlichen Aengſten des Herzens zu machen, das unter dem weiblichen Gewande ſchlägt⸗ i Dieſe Maͤnner, Anna, koͤnnten ohne Gewiſſen die zär⸗ teſten Bande der Zuneigung zerreiſſen⸗ und ohne Er⸗ barmen das ganze Gebände des häuslichen Gluͤckes um⸗ ſtürzen, worin ſich alle Gefühle eines Weibes verei⸗ nigt finden, ſeine Freude, ſein Schmerz, ſeine Liebe, 35 ſeine Verzweißung. Verlaſſet euch daher auf mich, meine Tochter, und glaubt mir, daß ich die Krone eures Vaters zu gleicher Zeit retten und euer Glück ſicherſtellen werde. Euer Gemahl hat Verbrechen be⸗ gangen, furchtbare Verbrechen; aber er iſt ein Mann, Anna, und mit dieſem Namen ſchreibe ich ihm als von ſeiner Natur unzertrennliche Fehler einen unbe⸗ dachtſamen Verrath, eine thörichte Unbeſtändigkeit, und die Charakterloſigkeit ſeines Geſchlechtes zu. Ihr dürfet daher nur an ſeine Fehler denken, um ſie ihm zu verzeihen. Madame, antwortete Anna Comnena, verzeiht mir, wenn ich euch erinnere, daß ihr einer im Purpur ge⸗ borenen Prinzeſſin ein Betragen anempfehlt, welches kaum für ein Weib anſtehen würde, das mit dem Kruge an den Dorfbrunnen geht, um für ſeine Fami⸗ lie Waſſer zu holen. Alle meine Umgebungen haben gelernt, mir die meiner Herkunft gebührende Ehrfurcht zu beweiſen; und als Nicephorus Briennes auf ſeinen Fnieen kroch, um die Hand eurer Tochter, welche ihr ihm darreichtet, zu ergreifen, da empfing er mehr das Joch einer Gebieterin, als daß er eine haͤusliche Ver⸗ vindung mit einer Gemahlin einging. Er hat ſich ſei⸗ nem Schickſale ausgeſetzt, ohne auch nur den Schatten jener Verſuchung zu haben, welche Verbrecher niede⸗ ren Ranges für ſich anführen können. Wenn es der „Wille meines Vaters iſt, daß er den Tod, die Ver⸗ bannung oder das Gefängnitß erleide, ſo iſt es nicht 84 an Anna Comnena, Fürſprache einzulegen, da ſie von der ganzen kaiſerlichen Familie am meiſten beleidigt worden iſt, und in ſo vielen unwürdigen Beziehungen das meiſte Recht hat ſich über ſeine Falſchheit zu be⸗ klagen. Meine Tochter, entgegnete die Kaiſerin, ich gebe ench zu, daß die Verrätherei des Nicephorus gegen euren Vater und gegen mich in hohem Grade unver⸗ zeihlich iſt; und daß nur Großmuth ſein Leben zu er⸗ halten vermag. Ihr aber befindet euch in einer ganz anderen Lage als ich, und ihr könnt, als zärtliche und liebevolle Gattin die Innigkeit eurer fruͤheren Ver⸗ hättniſſe zu ihm mit der blutigen Veraͤnderung ver⸗ gleichen, welche ſobald die Folge und der Beſchluß ſei⸗ ner Verbrechen ſeyn ſoll. Er beſitzt jenes Aeußere und jene Züge, woran die Frauen ſo leicht das An⸗ denken während des Lebens und nach dem Tode ihres Geliebten bewahren. Denket daran, was es euch ko⸗ ſten wird, wenn ihr euch erinnern werdet, daß ein Henker ſein letztes Lebewohl empfangen hat; daß ein rauher Klotz die letzte Ruheſtätte eines ſo ſchönen Haup⸗ tes geweſen iſt; daß ſein Mund, deſſen Töne euch vor⸗ züglicher ſchienen, als die Klänge der ſanfteſten Mu⸗ ſikinſtrumente, auf ewig verſtummt, in den Staub ge⸗ rollt iſt! Anna, welche keineswegs gegen die äußeren Reize ihres Gemahles unempfindlich war, wurde lebhaft durch dieſen Aufruf an ihr Herz gerührt.— Warum betrübt 85 ihr mich alſo, meine Mutter? antwortete ſie bis zu Thränen gerührt. Wenn ich nicht ſo lebhaft fühlte, wie ihr es wünſchet, ſo würde mir jener Augenblick, ſo graͤßlich er ſeyn mag, leicht zu ertragen ſcheinen. Ich brauchte nur daran zu denken, was er iſt, ſeine perſönlichen Gaben mit den Fehlern ſeines Her⸗ zens zu vergleichen, welche bei weitem das Ueberge⸗ wicht haben, und ich würde mich in ſein verdientes Schickſal mit einer gänzlichen Unterwürfigkeit unter den Willen meines Vaters ergeben. Und durch dieſe Thaten allein würdet ihr euch an das Geſchick irgend eines dunklen Emporkömmlings geknüpft ſehen, welchem ſeine Uebung in Ränken und Kunſtgriffen durch einen ungluͤcklichen Zufall die Ge⸗ legenheit dargeboten hat, ſich in den Augen des Kai⸗ ſers wichtig zu machen, und der folglich durch das Geſchenk der Hand Anna Comnena's belohnt werden müßte. Trauet mir nicht ſo niedrige Geſinnungen zu, Ma⸗ dame. Ich kenne ebenſogut, als je eine Griechin, das Mittel um mich der Schande zu entziehen. Ihr könnt euch auf mich verlaſſen; ihr ſollt niemals über eure Tochter erröthen. Sprecht mir nicht alſo, Anna; denn ich werde auf gleiche Weiſe über die unverſöhnliche Grauſamkeit er⸗ röthen, welche einen einſt geliebten Gemahl einem ſchmählichen Tode hingiebt, ſowie über die Leidenſchaft, wofuͤr ich keinen Namen finden kann⸗ welche ihn 86. durch einen dunklen Barbaren erſetzen möchte, der von dem äußerſten Thule gekommen iſt, oder durch irgend einen Elenden aus den Gefängniſſen des Blakernal. Die Prinzeſſin war erſtaunt, als ſie bemerkte, daß ihre Mutter ſelbſt die geheimſten Plaͤne kannte, wel⸗ che ihr Vater bei dieſer Gelegenheit gebildet hatte. Sie wußte nicht, daß Alerius und Irene, welche in andern Beziehungen in einer fuͤr Perſonen ihres Ranges immer muſterhaften Eintracht lebten, bis⸗ weilen bei wichtigen Gelegenheiten haͤusliche Zwiſte hatten, in welchen der Gemahl, gereizt durch die offenbare Unglaͤubigkeit der Gemahlin, verſucht wurde, ſie einen groͤßeren Theil ſeiner wirklichen Plaͤne er⸗ 3 rathen zu laſſen, als er bei kaltem Blute hätte thun moͤgen. Anna Comnena war lebhaft von dem vor ihre Augen geſtellten Gemaͤlde des baldigen Todes ihres Gatten geruͤhrt worden, obwohl man vernuͤnftiger⸗ weiſe das Gegentheil haͤtte erwarten ſollen; aber es ſchmerzte und kraͤnkte ſie noch mehr, daß ihre Mut⸗ ter es als eine ausgemachte Sache betrachten konnte, daß ſie ohne weiteres den Caͤſar durch einen Nach⸗ folger erſetzen wollte, deſſen Wahl noch ungewiß, aber auf jeden Fall ihrer unwurdig war. Welche Betrachtungen immer ſie im erſten Augenblicke be⸗ ſtimmt haben mochten, den Hereward zum Gegen⸗ ſtande jener Wahl zu machen, die Wirkung derſelben ging verloren, ſobald dieſe Verbindung unter jenen 37 gehaͤſſigen und entwuͤrdigenden Geſichtspunkt geſtellt wurde. Außerdem muß man bedenken, daß eine Art Inſtinkt die Weiber bewegt, ihre erſten Gedanken, welche ſie einem Geliebten ſchenken, zu laͤugnen, und daß ſie dieſelben ſelten freiwillig eingeſtehen, wenn nicht Zeit und umſtaͤnde zuſammenwirken, um ſie zu beguͤnſtigen. Sie nahm daher lebhaft den Him⸗ mel zum Zeugen, als ſie jene Beſchuldigung zuruͤck⸗ wies. Zeuge mir, heilige Jungfrau, du Himmelskoͤnigin, rief ſie aus; zeuget mir, ihr Heiligen und Märty⸗ rer, und ihr Seligen alle, die ihr mehr als wir ſelbſt die Huͤter der Reinheit unſeres Gemuͤthes ſeyd⸗ daß ich keine Leidenſchaft kenne, welche ich nicht ein⸗ zugeſtehen wagte; und daß ich, wenn das Leben des Nicephorus abhinge von meinen Bitten zum Gotte der Menſchen, alle Unbilden, die ich von ihm empfan⸗ gen habe, verachten und vergeſſen wollte: es ſollte ſo lange waͤhren, als das Leben jener Diener des Him⸗ mels, welche Gott von der Erde nahm, ohne ſie die Aengſte des Todes leiden zu laſſen. Ihr habt ein kuͤhnes Geluͤbde gethan, ſagte Irene; denket daran euer Wort zu halten, Anna Comnena: denn glaubet mir, es wird auf die Probe geſtellt werden. Auf die Probe, meine Mutter!— Wie? habe ich uber das Schickſal des Cäſars zu entſcheiden, welcher nicht meiner Gewalt unterworfen iſt?. 88 Ich werde es euch lehren, antwortete die Kaiſerin in ernſtem Tone; darauf führte ſie ihre Tochter zu einer Art Kleiderſchrank, welcher in der dicken Wand angebracht war, ſie zog den Vorhang vor dem Ein⸗ gange hinweg, und zeigte ihr ihren ungluͤcklichen Ge⸗ mahl Nicephorus Briennes, welcher nur halbgekleidet war und in der Hand einen bloßen Saͤbel hielt. Die Prinzeſſin, welche ihn als einen Feind anſah, weil ihr ihr Gewiſſen einige Plaͤne in's Gedaͤchtniß rief, welche ſie gegen ihn waͤhrend dieſer Unruhen gebil⸗ det hatte, ſtieß einen ſchwachen Schrei aus, als ſie ihn ſo nahe mit einer Waffe in der Hand erblickte. Seyd ruhig, ſagte die Kaiſerin, oder wenn dieſer Ungluͤckliche entdeckt wird, ſo iſt er ebenſowohl das Dpfer eurer eitlen Furcht, als eurer grauſamen Rache. Dieſe Rede ſchien dem Nicephorus gelehrt zu ha⸗ ben, was er thun ſollte; denn er ſenkte die Spitze ſeines Saͤbels, warf ſich vor der Prinzeſſin auf die Knie, und faltete ſeine Haͤnde, um ihre Verzeihung zu erflehen. Was kannſt du von mir verlangen? ſagte Anna, welche durch die Erniedrigung ihres Gemahles ver⸗ ſichert war, daß auf ihrer Seite die Gewalt waͤre; was kannſt du von mir verlangen, das verletzte Er⸗ kennrlichkeit, verrathene Liebe, die Verletzung der feierlichſten Geluͤbde und die Zerreißung der zarte⸗ 89 ſten Bande der Natur gleich ſchwachem Spinnenge⸗ webe, dich ohne Schande ausſprechen laſſen koͤnnte? Glaube nicht, Anna, antwortete der Cäſar flehend⸗ daß ich in dieſem entſcheidenden Augenblicke meines Lebens die Rolle eines Heuchlers ſpielen wollte, um den elenden Ueberreſt eines ehrloſen Daſeyns zu ret⸗ ten. Mein einziger Wunſch iſt, mich von dir zu trennen, ohne der Gegenſtand deines Haſſes zu ſeyn, meinen Frieden mit dem Himmel zu ſchließen und die letzte Hoffnung zu nähren, daß ich mich, obwohl mit vielen Verbrechen belaſtet, in jene Reiche begeben koͤnnte, wo ich von deiner Schoͤnheit und deinen Ta⸗ lenten wenigſtens das Ebenbild, wenn ſie nicht uͤber⸗ troffen, finden werde. Hört ihr ihn, meine Tochter, ſagte Irene: eure Stellung iſt derjenigen der Gottheit ähnlich, da ihr die Sicherung ſeines Lebens mit der Verzeihung ſei⸗ ner Vergehen verbinden koͤnnt. Ihr täuſchet euch, meine Mutter; es ſteht nicht bei mir, ihm ſein Verbrechen zu verzeihen, noch weni⸗ ger ihm die Strafe zu erlaſſen. Ihr habt mich ge⸗ lehrt, mich zu betrachten, wie mich die zukünftigen FJahrhunderte anſehen werden; was werden ſie von mir ſagen, wenn ich als eine unempfindliche Tochter dargeſtellt werde, welche demjeuigen, der ihren Vates ermorden wollte, verzieh, weil ſie in demſelben einen ungetreuen Gatten erblickte2 O ſeht! rief der Cäſar aus, ſeht, Durchlauchtigſte 5 90 Kaiſerin! iſt das nicht das Uebermaß der Verzweif⸗ lung? Habe ich nicht vergeblich all mein Blut ange⸗ boten, um den Flecken des Vatermordes und der Un⸗ dankbarkeit auszulöſchen? Habe ich mich nicht gegen den unverzeihlichſten Theil der Anklage, gegen denjeni⸗ gen, welcher mich beſchuldigte, mich gegen das Leben des göttlichen Kaiſers verſchworen zu haben, gerecht⸗ fertigt? Habe ich nicht den Schwur gethan, bei Al⸗ lem, was dem Menſchen am heiligſten iſt, daß meine Abſicht nicht weiter ging, als den Alexius auf einige Zeit von den Beſchwerden der Herrſchaft zu befreien, und ihn an einen Ort zu bringen, wo er ſich der Ruhe und Sorgloſigkeit überlaſſen könnte, während er nichtsdeſtoweniger fortfahren würde im Geheimen ſeine Staaten zu verwalten, indem ſeine heiligen Befehle durch mich bekannt gemacht wuͤrden, wie ſie es immer zu allen Zeiten und in allen Beziehungen geworden ſind. Unſinniger Menſch! ſagte die Prinzeſſin, haſt du dich ſo ſehr dem Throne von Alexinus Comnenus ge⸗ nähert, und von ihm eine ſo falſche Vorſtellung zu faſſen gewagt, daß du ihn für geneigt halten konnteſt, ſich zu einer Puppe herzugeben, mit deren Hülfe du ſein Reich unterwerfen könnteſt? Wiſſe, daß das Blut der Comnene nicht ſo gemein iſt; mein Vater würde deiner Verrätherei mit den Waffen in der Hand wi⸗ derſtanden haben, und nur durch den Tod.deines Wohl⸗ 9¹ thaͤters würdeſt du die Wünſche deines ſtrafbaren Ehr⸗ geizes haben befriedigen können. Möget ihr dieß glauben, antwortete der Cäſar; ich habe genug für ein Leben geſprochen, auf welches ich keinen Werth mehr lege, und nicht legen darf. Rufet eure Wachen herbei, und befehlt ihnen, dem unglück⸗ lichen Briennes das Leben zu nehmen, da er der Anna Comnena verhaßt geworden iſt, welche er ſo ſehr ge⸗ liebt hat. Fürchtet nicht, daß ich ihnen einen Wider⸗ ſtand leiſte, der meine Gefangennehmung zweifelhaft oder unheilbringend machen könnte. Nicephorus Brien⸗ nes iſt nicht mehr Cäſar, und er leget hier zu den Füßen ſeiner Prinzeſſin, ſeiner Gemahlin, das einzige ſchwache Mittel nieder, welches ihm noch übrig iſt, um der Vollziehung des gerechten Urtheils, welches ſie gegen ihn ausſprechen mag, Widerſtand zu leiſten. Er legte ſeinen Säbel der Prinzeſſin zu Fuͤßen, während Irene bitterlich weinte oder ſich nur ſo ſtellte, und ausrief: ich habe dergleichen Auftritte geleſen, aber ich hätte nie geglaubt, daß meine eigene Tochter die Hauptrolle in einem ähnlichen Auftritte ſpielen wuͤrde! Hätte ich je denken können, daß in ihrer Seele, welche ein Jeder als einen würdigen Tempel des Apollon und der Muſen bewundert, kein Raum für die beſcheidneren, aber bei einem Weibe liebens⸗ würdigeren Tugenden des Mitleidens und der Barm⸗ herzigkeit wäre, die in dem Buſen der ärmſten Baͤu⸗ rin eine Zuflucht finden? Haben deine Wiſſenſchaft⸗ 92 deine Anlagen, deine Kenntniſſe über dein Herz mit der Glaͤtte auch Härte verbreitet? Wenn das iſt, ſo waͤre es hundert mal mehr werth, daß du allen jenen Vorzuͤgen entſagteſt, und an ihrer Statt jene ſanfte⸗ ren und haͤuslichen Tugenden bewahrteſt, welche für ein weibliches Herz am ehrenvollſten ſind. Ein Weibohne Mitleiden iſt ein ſchlimmeres Ungehener als ein Weib, welches aus jeder anderen Leidenſchaft ſein Geſchlecht vergeſſen hat. Was ſoll ich thun? rief Anna aus. Ihr müßt veſſer wiſſen als ich, meine Mutter, daß das Le⸗ ben meines Vaters kaum mit dem Daſein dieſes ver⸗ wegenen und grauſamen Menſchen vertraͤglich iſt. O! ich bin überzeugt, daß er noch über ſeinen Ver⸗ ſchwörungsplan ſinnt! Wer ein Weib auf eine Weiſe 3 betrügen konnte, wie er mich betrogen hat, der wird gewiß nicht ſeinen auf den Tod ſeines Wohlthäters ge⸗ gründeten Plan aufgeben. Ihr ſeyd ungerecht gegen mich, Anna, ſagte Brien⸗ nes, ſich ungeſtüm erhebend, und drückte ihr einen Kuß auf ihre Lippen, ehe ſie Zeit hatte ſeine Abſicht gewahr zu werden. Bei vieſem Kuſſe, dem letzten vielleicht, den ich euch gegeben haben werde, ſchwöre ich, daß ich, welchen Thorheiten immer ich in meinem Leben nachgehängt haben mag, mich niemals des Ver⸗ rathes gegen ein Weib ſchuldig gemacht habe, welches alle anderen ebenſo ſehr durch ſeine Kenntniſſe und Aulagen, als durch ſeine Schönheit übertrifft. Ach! Ricephorus! antwortete die Prinzeſſin mit 2 93 Kopfſchütteln, aber mit bei weitem milderen Tonez dieß waren einſt eure Worte; dieß waren vielleicht damals eure Gedanken; aber wer wird mir heute ihre Aufrichtigkeit verbürgen? Dieſe Geiſtesgaben, dieſe Schönheiten ſelbſt, ſagte Nicephorus. Und wenn das noch nicht genug iſt, ſetzte Irene hin⸗ zu, ſo wird eure Mutter für ihn bürgen. Und hal⸗ tet meine Buͤrgſchaft in dieſer Angelegenheit nicht für unzulünglich. Ich bin eure Murter, ich bin die Ge⸗ mahlin des Alerius Comnenus, und bin mehr als ir⸗ gend Jemand bei der Vermehrung und dem Wachs⸗ thume der Macht und Würde meines Gemahles und meiner Tochter betheiligt; aber ich ſehe hier die Ge⸗ legenheit, eine Handlung der Großmuth auszuüben, alle Wunden des kaiſerl. Hanſes zu heilen, und das Staatsgebäude auf eine in Zukunft unerſchütterliche Grundlage zu ſtellen, ſofern in dem Menſchen noch Aufrichtigkeit und Erkenntlichkeit leben. Wir müſſen alſo, ſagte die Prinzeſſin, ein gewiſſes Vertrauen in jene Aufrichtigkeit und Erkenntlichkeit ſetzen, da dieß euer Wille iſt, meine Mutter; obwohl die Kenntniſſe, welche mir in dieſer Hinſicht Welt⸗ Studium und Erfahrung gegeben haben, mich beſtim⸗ men, euch die Unklugheit dieſes Verfahrens zu bemer⸗ ken. Aber wenn auch wir dem Nicephorus ſeine Irr⸗ thuͤmer verzeihen können, ſo ſteht es doch nur bei dem 94 Kaiſer über ſeine Verzeihung und Begnadigung zu entſcheiden. Fürchtet Richts von Alexius, erwiederte ihre Mut⸗ ter. Er wird mit feſtem entſchloſſenem Tone ſprechen; aber wenn er nicht in demſelben Augenblicke handelt, in welchem er ſeinen Entſchluß faßt, ſo darf man auf ihn nicht mehr rechnen als auf einen Schneeflocken bei Thauwetter. Sage mir, wenn du kannſt, was in die⸗ ſem Augenblicke der Kaiſer thut, und ich verſpreche dir, daß ich das Mittel finden werde, ihn auf unſere Seite zu bringen. Ich ſoll alſo die Geheimniſſe verrathen, welche mir mein Vater anvertraut hat? fragte die Prinzeſſin; und zwar in Gegenwart Desjenigen, der noch vor Kur⸗ zem ſein erklärteſter Feind war? Nenne das nicht Verrath, ſagte Irene, da geſchrie⸗ ben ſtehet: Du ſollſt Niemanden verrathen, am aller⸗ wenigſten deinen Vater, der der Vater iſt des ganzen Reiches. Indeſſen findet man auch in dem heiligen Lukas geſchrieben, daß die Menſchen werden verrathen werden von ihren Vaͤtern und ihren Brüdern, von ihren Verwandten und ihren Freunden, und folglich auch ohne Zweifel von ihren Töchtern. Aber ich will damit bloß ſagen, daß du von den Geheimniſſen deines Vaters nur ſo viel entdecken ſollſt, als wir davon zu wiſſen brauchen, um das Leben deines Gemahles retten zu roͤnnen. Die Noth entſchuldigt hier, was unter an⸗ 95 deren umſtanden als unregelmaͤßig betrachtet werden koͤnnte. Es ſey, meine Mutter. Obwohl ich vielleicht zu ſchnell eingewilligt habe, einen Miſſethaͤter der Ge⸗ rechtigkeit meines Vaters zu entziehen, ſo fuͤhle ich doch, daß ich für ſeine Sicherheit alle Mittel anwen⸗ den muß, welche in meiner Gewalt ſtehen.— Ich habe meinen Vater am unteren Ende der Treppe ge⸗ laſſen, welche Brunnen des Acheron heißt, in dem Gefangniſſe eines Blinden, den er urſel genannt hat. Heilige Maria! ſchrie die Kaiſerin, du haſt einen Menſchen genannt, deſſen Namen ſeit langer Zeit nicht oͤffentlich iſt ausgeſprochen worden. Hat die Furcht vor Gefahren, welche ihm von den Lebenden drohen, ſagte der Caͤſar, den Kaiſer bewo⸗ gen, die Todten zu beſchworen?— Seit drei Jah⸗ ren hat urſel aufgehoͤrt zu ſeyn. Einerlei, entgegnete Anna Comnena; ich ſage euch die Wahrheit. Mein Vater war noch vor einem Au⸗ genblicke im Geſpraͤche mit einem elenden Gefangenen⸗ welchen er alſo nannte. Das iſt eine Gefahr mehr, ſagte Nicephorns. urſel kann nicht den Eifer vergeſſen haben, mit wel⸗ chem ich die Sache des gegenwärtigen Kaiſers gegen ihn erfochten habe; und ſobald er in Freiheit ſeyn wird, wird ſein erſtes Geſchäft ſeyn, ſich dafuͤr zu raͤchen. Ich muß in dieſer Hinſicht mich vorſehen, ob⸗ ⸗ 96 wohl dieſer Umſtand unſere Schwierigkeiten vermehrt. — Setzet euch daher, meine guͤtige und wohlthaͤti⸗ ge Mutter; auch du, meine theure Anna, die eher ihre Liebe fuͤr einen unwuͤrdigen Gemahl gehoͤrt hat, als die Eingebungen der Eiferſucht und Rachgier, ſetze dich; dann wollen wir ſehen, auf welche Weiſe es vielleicht in unſerer Macht ſteht, ohne eure Pflichten gegen den Kaiſer zu verletzen, unſer beſchaͤdigtes Schiff ſicher in den Hafen laufen zu laſſen. Mit aller ihm natürlichen Anmuth fuͤhrte er die Mutter und die Tochter auf ihre Sitze, ſetzte ſich mit vertrauensvoller Miene in ihre Mitte, und bald wa⸗ ren alle Dreie beſchäftigt, die fuͤr den andern Tag zu treffenden Maßregeln zu beſprechen, wobei ſie nicht 1 vergaßen, das Leben des Cäſars ſicher zu ſtellen, und zugleich das Griechiſche Reich vor der Verſchwörung zu beſchirmen, welche er hauptſächlich angeſtiftet hatte. Briennes wagte es zu verſtehen zu geben, daß es vielleicht am beſten wäre, die Verſchwörung nach dem früheren Plane derſelben gehen zu laſſen, indem er ſich auf ſeine Ehre verpflichtete, die Rechte des Alexins bei dieſem Kampfe heilig zu halten. Aber ſein Ein⸗ 1 finß bei der Kaiſerin und ihrer Tochter ging nicht ſo weit, um ihm ein ſo ausgedehntes Vertrauen zu ſchen⸗ ten. Sie verweigerten ihm beſtimmt die Erlaubniß den Pallaſt zu verlaſſen, und an den Auftritten der Verwirrung Theil zu nehmen, von welchen der folgende Tag gewiß Zenge werden mußte. 97 Ihr vergeſſet, meine edlen Damen, ſagte der Cäſar, daß meine Ehre verlangt, dem Grafen von Paris ge⸗ genüber zu erſcheinen. Sprechet mir nicht von eurer Ehre, Briennes, ſagte Anna Comnena. Als ob ich nicht wüßte, daß, obwohl die Ehre jener Ritter des Abendlandes eine Art Mo⸗ loch iſt, ein böſer Geiſt, der ſich mit Menſchenfleiſch mäſtet, und mit Blut traͤnket, doch die Ehre, welche der Götze der morgenländiſchen Krieger iſt, zwar viel Lärmen in einer Geſellſchaft macht, aber bei weitem verſöhnlicher auf dem Schlachtfelde iſt? Vildet euch nicht ein, daß ich, nachdem ich euch ſo viele Beſchim⸗ pfungen und Unbilden verziehen habe, mit der Zahlung einer falſchen Münze, wie die Ehre iſt, vorlieb neh⸗ men ſoll. Euer Verſtand muß gar arm ſeyn, wenn ihr für die Griechen nicht eine genuͤgende Entſchuldi⸗ gung finden könnt. Aufrichtig, Briennes, es mag euer Wohl oder euer Wehe ſeyn, ihr gehet nicht zu dieſem Gefechte. Glaubet nicht, daß ich meine Einwilligung gebe, daß ihr mit Graf oder Gräfin zuſammenkommt, ſey es zu einem Gefechte oder zu einer verliebten Un⸗ terredung. Alſo mit einem Worte, ihr könnt euch hier ſo lange als Gefangenen betrachten, bis die für eine ſolche Narrheit beſtimmte Stunde verſtrichen iſt. Der Cäſar war im Grunde ſeines Herzens vielleicht nicht böſe, daß ſeine Frau ihren Willen auf eine ſo entſchiedene Weiſe ausdrückte, und ſich ſo beſtimmt gegen den beabſichtigten Zweikampf ausſprach.— Wenn W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. röss Bochn. 7 98 ihr entſchloſſen ſeyd, ſagte er, euch mit der Bewah⸗ rung meiner Ehre zu befaſſen, ſo bin ich hier in die⸗ ſem Augenblicke euer Gefangener, und habe kein Mit⸗ tel, mich eurem Willen zu widerſetzen. Wenn ich ein⸗ mal wieder in Freiheit bin, ſo gehört mir der freie Gebrauch meiner Lanze und meiner Tapferkeit von Neuem. Mag ſeyn, Herr Paladin, antwortete die Prinzeſſin mit ſehr ruhigem Tone; doch habe ich große Hoffnung, daß weder die eine noch die andere euch in Händel mit dieſen Teufelstrotzern von Paris, mit Mann oder Weib, verwickeln wird, und daß wir die Größe eures Muthes nach den Grundſätzen der Griechiſchen Philo⸗ ſophie und dem Urtheile unſerer barmherzigen Frauen, gber nicht der von den gebrochenen Lanzen ſchätzen werden. In dieſem Augenblicke geſchah ein gebieteriſches Klo⸗ pfen an die Thüre, und ſchreckte den Caͤſar und die beiden Damen mitten in ihrer Unterhaltung auf. 99 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Arzt: Seyd ruhig, gute Frau, das Toben iſt, Ihr ſeht's, geheilt; doch iſts gefaͤhrlich noch Zu mahnen ihn an die verlorne Zeit; So bittet ihn hinein, laßt ihn in Ruhe Bis er ſich weiter legt. Konig Lear. Wir haben den Kaiſer Alexius Comnenus in der Tiefe eines unterirdiſchen Gefüngniſſes mit einer faſt erloſchenen Lampe bei einem Gefangenen gelaſſen, der ſelbſt auch einem ähnlichen Schickſale ſehr nahe ſchien. Während der zwei oder drei erſten Augenblicke ver⸗ nahm Alexius das Geräuſch der Tritte ſeiner ſich ent⸗ feruenden Tochter. Er wurde ungeduldig, und fing an ihre Rückkehr zu wünſchen, ehe ſie möglicherweiſe an das obere Ende der finſteren Treppe gekommen ſeyn konnte. Während ein Paar Minuten hielt er geduldig die Entfernung der Hülfe aus, nach welcher er ſie geſchickt hatte. Seltſamer Argwohn begann alsbald in ſeiner Einbildungskraft aufzuſteigen. Hatte ſie ihr Vorhaben geändert wegen der Härte ſeiner 100 Rede2 Wollte ſie ihren Vater in dem Augenblicke der höchſten Noth ſeinem Schickſale uberlaſſen? Durfte er nicht mehr auf die Hülfe rechnen, welche er ſich durch ſie verſchaffen wollte. Die Augenblicke, welche die Prinzeſſin mit einer Art von Gefallſucht bei dem Wäringer Hereward ver⸗ lor, ſchienen der Ungeduld des Kaiſers zehn Mal län⸗ ger ais ſie in der That waren⸗ und er kam ſchon auf den Gedanken, daß ſie die Mitverbrecher des Cäſars aufſuchte, um ihren Gebieter anzufallen, während er Vertheidigungslos war, und um auf dieſe Weiſe ihre ſchon halb vernichtete Verſchwörung durchzuſetzen. Nachdem eine ziemliche Zeit mit jenem Gefuͤhle verzweifelnder Ungewißheit hingegangen war, begann er endlich wieder ruhig zu werden, und daran zu den⸗ ken, wie unwahrſcheinlich es waͤre, daß die Prinzeſſin ſelbſt aus Rückſichten für ſich ſelbſt, ihren höchſten Zorn über das ſchlechte Betragen ihres Mannes auf⸗ gaͤbe, und ihre Anſtrengung mit denen des Caͤſars ver⸗ cinigte, um den Untergang eines Fürſten zu bewirken, der fur ſie ſtets ein liebevoller und nachſichtiger Vater geweſen war. Als er dieſe vernünftigeren Gedanken angenommen hatte, ließen ſich auf der Treppe Tritte hören, und bald kam Hereward mit ſeiner ſchweren Waffe am unteren Ende an. Hinter ihm ging der in der Heilkunſt erfahrene Sklave Duban: er keuchte und zitterte ebenſowohl vor Froſt als vor Schrecken. Willkommen, tapfrer Eduard, ſagte Alexius; und 101 auch du Duban, deſſen Kenntniſſe in der Heilwiſſen⸗ ſchaft im Stande ſind, die Bürde der Jahre aufzu⸗ wiegen, welche auf dir laſten. Ew. Hoheit iſt ſehr gütig, ſagte Duban,— aber ſeine weitere Rede wurde durch einen heftigen Anfall von Huſten unterbrochen, welcher die Folge ſeines ho⸗ hen Alters, ſeiner ſchwachen Leibesbeſchaffenheit, des feuchten Kerkers und der Ermüdung von dem Hinab⸗ ſteigen einer langen und ſteilen Treppe war. Du biſt nicht gewohnt, an einem ſolchen Orte Kran⸗ kenbeſuche zu machen, ſagte Alexius, und doch nöbhi⸗ gen uns Staatsruͤckſichten, in dieſe düſteren Kerker Leute zu bringen, welche ebenſowohl in Wirklichkeit als dem Namen nach unſere geliebten Unterthanen ſind. Der Arzt huſtete fortwaͤhrend; vielleicht wollte er ſich dadurch überheben, einen Beifall zu geben, wel⸗ chen er vermöge ſeines Gewiſſens nicht leicht einer Bemerkung ſchenken konnte, die an ſich durchaus nicht wahrſcheinlich ſchien, obwohl ſie von einem Manne kam, der mit Sachkenntniß ſprechen mußte⸗ Ja, Duban, fuhr der Kaiſer fort, in dieſen feſten marmornen und eiſernen Mauern haben wir fuͤr uö⸗ thig befunden, den furchtbaren Urſel einzuſchließen: der ganzen Welt verkündete das Gerücht ſeine kriege⸗ riſchen Kenntniſſe, ſeine Staatsweisheit, ſeine per⸗ ſönliche Tapferkeit und ſeine anderen edlen Eigenſchaf⸗ ten, welche wir genöthigt waren in der Finſterniß zu begraben, um ſie zu gehöriger Zeit in der Welt in 102 ihrem ganzen Glanze wieder erſcheinen zu laſſen; und dieſer Angenblick iſt jetzt gekommen.— Befühle ihm alſo den Puls, Duban, und behandle ihn als einen Menſchen, der eine ſtrenge Gefangenſchaft mit allen daraus folgenden Entbehrungen erlitten hat, und der im Begriffe iſt, plötzlich in den vollen Gennß des Le⸗ bens, ſo wie alles deſſen, was das Leben ſchätzbar machen kann, geſetzt zu werden. Ich werde mein Beſtes thun, antwortete Duban; aber Ew. Maj. muß beobachten, daß wir mit einem ſchwachen und erſchöpften Weſen zu thun haben, deſſen Geſundheit faſt gaͤnzlich zerrüttet ſcheint, und folglich in jedem Augenblick erlöſchen kann, wie dieſes bleiche und zitternde Licht, deſſen unſicherer Zuſtand ſehr dem Lebeushauche gleicht, der noch in dieſem Unglücklichen zurückgeblieben iſt⸗ Duban, laß daher ein paar Stumme kommen, wel⸗ che im Innern des Pallaſtes dienen, und dir mehrere Male bei ähnlichen Gelegenheiten als Helfer gedient haben.— Doch halt! Eduard, du biſt behender, hole du die Stummen. Sage ihnen, ſie ſollten eine Sänfte bringen, um den Kranken fortzuſchaffen.— Duban, du wachſt über ſeine Fortſchaffung. Laß ihn auf der Stelle in ein paſſendes Gemach bringen, aber nur ins geheim. Gieb ihm ein Bad; verwende auf ihn alle Hülfe, welche ſeine Kräfte wieder beleben kann, denn du darſſt nicht vergeſſen, daß er, wenn es möglich iſt, morgen oͤffentlich erſcheinen ſoll. 103 Das wird ſehr ſchwierig ſeyn, Sire, nach der Le⸗ bensart und der Behandlung, welche die Schwäche ſeines Pulſes nur zu dentlich angibt. Das kommt von dem Irrthum des Gefangenwärters, eines unmenſchlichen Ungeheuers, welcher dafür die gebührende Zuͤchtigung empfangen haben würde, wenn ſie der Himmel ſelbſt nicht vermittelſt eines ſeltſamen Waldmenſchen vollzogen hätte, welcher geſtern jenen Kerkermeiſter in dem Augenblicke tödtete, wo dieſer ſeinen Gefangenen ermorden wollte.— Ja, mein then⸗ rer Duban, ein Soldat von unſerer Leibwache der Un⸗ ſterblichen würde ſonſt geſtern dieſe Blume unſeres Vertrauens geknickt haben, welche wir auf eine gewiſſe Zeitlang an einem heimlichen Orte verwahren mußten. Das wäre ein ſchwerer Hammer geweſen, der einen unvergleichlichen Edelſtein zu Staub zermalmt hätte; aber das Schickſal hat ein ſolches Unheil abgewandt. Nachdem die Stummen angekommen waren, beſtellte der Arzt, welcher mehr gewöhnt ſchien zu handeln, als zu ſprechen, ein Bad mit heilkräftigen Kräutern, und gebot den Kranken nicht zu ſtören bis nach Son⸗ venaufgang. Urſel wurde in das nach der Vorſchrift des Arztes bereitete Bad gethan, aber ſchien ſich darauf nicht viel beſſer zu befinden. Von da brachte man ihn in ein ſchönes Schlafzimmer mit einer großen Glas⸗ thüre, welche auf eine der Teraſſen des Pallaſtes führte, wovon man eine ſehr weite Ausſicht genoß. Alle dieſe Sorgfalt verſchwendete man an einem dergeſtalt von 104 Leiden verzehrten und für alle gewöhnlichen Empfin⸗ dungen des Lebens erſtorbenen Leib, daß erſt, nachdem ſich eine natürliche Reizbarkeit vermittelſt Einreibung ſeiner erſtarrten Glieder und anderer Mittel hergeſtellt hatte, der Arzt anfing zu hoffen, daß auch ſein Ver⸗ ſtand wieder ſeine Gewalt bekommen könnte. Duban unterzog ſich mit Freuden der Ausführung der kaiſerlichen Befehle, und beſchloß bis zum Son⸗ nenaufgange am Krankenlager zu bleiben, und die ſchwache Natur aus allen Kraäften ſeiner Kunſt zu un⸗ terſtützen. Unter den Stummen, welche bei weitem mehr ge⸗ wohnt waren, die von der Rache des Kaiſers einge⸗ gebenen Befehle zu vollziehen, als die Gebote ſeiner Menſchlichkeit, wählte ſich Duban einen von ſanfterem Charakter aus, und gab ihm zu verſtehen, daß er ein tiefes Geheimniß uber das Geſchäft, welches man ihm auftragen würde, bewahren ſollte; und nicht ohne Verwunderung erfuhr der verhärtete Sklave, daß er eine größere Verſchwiegenheit über die Wartung eines Kranken beobachten ſollte, als über die Qualen und Hinrichtungen, mit deren Ansübung er bisweilen be⸗ auftragt worden war. urſel empfing leidend und ſchweigend die an ihn ver⸗ ſchwendete Pflege, und obwohl ihm ſeine Sinne eini⸗ ges Bewußtſehn gaben, ſo begriff er doch nicht genau die Gegenſtände deſſelben. Nachdem man ihn ein lin⸗ derndes Bad hatte nehmen laſſen, und ihn auf ein 105 Lager vom zarteſten Flaum gelegt hatte, anſtatt des harten und feuchten Strohes, auf welchem er drei Jahre lang gebettet geweſen war, ſo ließ man ihn einen ſtillenden Trank nehmen, worin man einige Tro⸗ pfen Opium gegoſſen hatte. Der auf dieſe Weiſe her⸗ veigerufene Schlaf, der Balſam für eine erſchoͤpfte Natur, ſtellte ſich bald ein, und der Gefangene genoß eine köſtliche Ruhe, welche ihm lange Zeit fremd ge⸗ weſen war, und welche ſich ebenſowohl über ſeine gei⸗ ſtigen Fähigkeiten, als über ſeinen Körper ausbreitete. Seine Züge verloren ihre Starrheit; ſeine mit Wohl⸗ vehagen ausgeſtreckten Glieder wurden nicht mehr von ſchmerzlichen Krampfanfüllen gefoltert, und ein Zuſtand friedlicher Ruhe ſchien auf ſeine bitteren Leiden zu folgen. Die Morgenröthe faͤrbte ſchon den Himmelsbogen, und ein friſcher Morgenwind ſchmeichelte ſich ein in die erhabenen Säle des Blakernalpallaſtes, als ein leiſes Klopfen an der Thüre den Duban aufweckte, welcher ſich einige kurze Augenblicke der Ruhe erlaubt hatte, als er die Ruhe bemerkte, welche ſein Kranker genoß. Die Thüre oͤffnete ſich und er ſah einen Mann in der Tracht eines Pallaſtbeamten erſcheinen, welcher unter einem langen weißen falſchen Barte die Züge es Kaiſers ſelbſt verbarg. Duban, fragte Alexius, wie gehts deinem Kranken, deſſen Geſundheit heute für das griechiſche Reich ſo wichtig iſt? 106 Gut, Sire, antwortete der Arzt, ganz gut; und wenn man ihn nicht in dieſem Augenblicke ſtört, ſo ſtehe ich dafür mit meiner geringen Kenntniß, die ich beſitzen kann, daß die Natur mit Hülfe der Heilkunſt über die Feuchtigkeit und die unreine Luft eines un⸗ geſunden Kerkers ſiegen wird. Aber, Sire, ſeyd vor⸗ ſichtig, und laſſet nicht durch eine haſtige Uebereilung dieſen Urſel früher mit der Welt in Berührung tre⸗ ten, als bis er ſeine zerrütteten Gedanken in Orduung gebracht, und bis zu einem gewiſſen Punkte die Schnell⸗ kraft ſeines Geiſtes und die Stärke ſeines Leibes wie⸗ der erhalten hat. Ich werde meine Ungeduld unterdrücken, Duban; oder vielmehr ich werde mich von dir leiten laſſen. Glaubſt du, daß er wach iſt? Ich habe Grund, es zu glauben; aber er öff⸗ net nicht die Angen, und ſcheint durchaus einer na⸗ türlichen Bewegung widerſtehen zu wollen, welche ihn beſtimmen ſollte, eine Anſtrengung über ſich ſelbſt zu machen, und um ſich her zu ſchauen. Rede ihn an, damit wir erfahren, was in ſeinem Geiſte vorgeht. Es iſt dabei einige Gefahr, antwortete der Arzt; aber euch ſoll gehorcht werden.— Urſel! ſagte er, an das Lager ſeines Kranken tretend; dann wieder⸗ holte er lanter: Urſel! Urſel! Ruhig! ſtille! murmelte der Kranke; ſtöret nicht die Seligen in ihrem Entzücken.— Zwinget nicht den 107 elendeſten Sterblichen, vollends ſeinen Leidenskelch zu leeren, wozu ihn ſein Schickſal verdammt hat. Noch ein Mal! noch ein Mal! ſagte der Kaiſer bei⸗ ſeite zu Duban; noch ein Verſuch! Es iſt mir wichtig zu wiſſen, bis zu welchem Grade er ſeiner Sinne mächtig iſt, oder in wiefern ſie ihn verlaſſen haben. Ich möchte aber nicht⸗ antwortete der Arzt, ſo nnvorſichtig und ſo grauſam ſeyn, um bei ihm in ei⸗ nem ungünſtigen Augenblicke eine gänzliche Geiſtesab⸗ weſenheit hervorzubringen, welche ihn in einen förm⸗ lichen Wahnſinn vder Zuſtand von Betäubung ver⸗ ſetzen würde, aus welchem er ſobald nicht herauskom⸗ men möchte. Gewiß nicht, ſagte Alexius. Meine Befehle find die eines Chriſten an einen andern, und ich verlange nicht, daß ihr den Gehorſam weiter ausdehnt, als was gottliche und menſchliche Geſetze erlauben. Er ſchwieg einige Augenblicke, nachdem er dieſe Er⸗ klärung gemacht hatte; aber nur ſehr wenige Minuten verſtrichen, ehe er von Neuem in den Arzt drang, ſeine Fragen an den Gegenſtand ſeiner Beſorgniſſe fortzuſetzen. Wenn ihr glaubt, ſagte Duban, welcher über das Vertrauen ſtolz war, das der Kaiſer gezwungen war, ihm zu ſchenken, daß ich nicht im Stande bin, über die meinem Kranken angemeſſene Behandlung zu ur⸗ theilen, ſo muß Ew. Kaiſerl. Maj. die Mühe über⸗ 108 nehmen, ihn ſelbſt auszufragen, und alle Gefahr auf ſich nehmen. Ja, meiner Treue, das will ich thun, erwiederte der Kaiſer; man muß nicht auf die Bedenken der Aerzte hören, wenn das Schickſal der Reiche und das Leben der Monarchen in der Wagſchale liegen.— Stehe auf, edler Urſel; vernimm eine Stimme, wel⸗ che deinen Ohren einſt wohlbekannt war, und welche dir verkündet, daß du den Ruhm und die Macht wie⸗ der bekommen ſollſt. Blicke um dich, und ſiehe, wie die Welt dich anlächelt, da du aus dem Gefängniſſe trittſt, um einen Schritt zum Throne zu thun. Argliſtiger Geiſt, antwortete urſel, deine Liſt ge⸗ braucht trugeriſche Lockungen, um das Elend eines Ungluͤcklichen zu vermehren. Erfahre, Verſucher, daß ich die Lehre der verfuͤhreriſchen Bilder kenne, welche du mir in der letzten Nacht vorgehalten haſt. — Dein Gut, dein Flaumenbett, ein gluͤcklicher An⸗ fenthalt.— Aber du koͤnnteſt eher ein Lächeln auf den Wangen des heiligen Einſiedlers Antonius be⸗ wirken, als meine Lippen zwingen, ein Laͤcheln zu zeigen nach Art der Wolluͤſtlinge dieſer Welt. Verſuche es, Unſinniger, erwiederte der Kaiſer, und glaube an das Zeugniß deiner Sinne, welche dich von der Wirklichkeit des Gluͤckes uͤberzeugen werden, welches dich gegenwaͤrtig umgiebt. Oder wenn du in deiner Hartnaͤckigkeit beſtehſt, ſo bleibe einen Au⸗ genblick wie du biſt, und ich werde dir ein Geſchoͤpf 109 zufuͤhren, deſſen unvergleichliche Liebenswuͤrdigkeit in dir den Wunſch erregen muß, ſie wenn auch nur auf einen Augenblick zu betrachten. Bei dieſen Wor⸗ ten ging er aus dem Zimmer.* In der Luͤge ergrauter Verraͤther, ſagte urſel, fuͤhre Niemanden hierher. Suche nicht mit Huͤlfe eines Schattens und hoher Schoͤnheitsformen die Täuſchung zu vermehren, welche auf einen Augen⸗ blick mein Gefäͤngniß vergoldet, um ohne Zweifel den letzten Funken von Vernunft in mir zu erſtik⸗ ken, und mich alsdann aus dieſem irdiſchen Gefaͤng⸗ niſſe in einen Thurm der hoͤlliſchen Reiche zu bringen. Sein Geiſt iſt ein wenig irre, ſagte der Arzt zu ſich ſelbſt, und das iſt oft die Folge einer langen ein⸗ ſamen Gefangenſchaft. Ich wuͤrde ſehr erſtaunen, dachte er darauf, wenn der Kaiſer aus dieſem Men⸗ ſchen etwas Vernuͤnftiges machen koͤnnte nach einer ſo langen Gefangenſchaft in einem ſo fuͤrchterlichen Kerker.— Du glaubſt alſo, fuhr er fort ſich zu Ur⸗ ſel wendend, daß dein offenbarer Austritt aus dem Gefaͤngniſſe, die vorhergehende Nacht, dieſes Bad, dieſe Erfriſchungen, daß alles dieſes nur ein trüge⸗ riſcher Traum ohne irgend eine Wirklichkeit iſt? Ohne Zweifel. Es kann nichts Anderes ſeyn. Und wenn du deine Augenlieder oͤffneſt, wie wir dich auffodern, ſo glaubſt du, du wurdeſt nur einer 11⁰ eitlen Verſuchung nachgeben, um dich noch ungluͤck⸗ licher als bisher zu finden? Ganz genau ſo. Was denkſt du alſo vom Kaiſer, auf deſſen Befehl du eine ſo ſtrenge Vehandlung erfaͤhrſt? Duban bedauerte vielleicht, dieſe Frage gethan zu haben, dennoch waͤhrend er ſprach, ging die Zimmer⸗ thuͤre auf, und der Kaiſer trat herein, mit ſeiner Tochter am Arme, welche mit Einfachheit, jedoch mit dem angemeſſenen Glanze gekleidet war. Sie ſchien die Zeit gefunden zu haben, ihren Anzug zu wech⸗ ſeln, um ein weißes Gewand anzulegen, welches ei⸗ ner Art Trauer glich, und ihr Hauptſchmuck war ein Diamantenkranz von unſchaͤtzbarem Werthe, welcher ihre ſchwarzen, in langen Flechten auf ihren Gürtel fallenden Haaren umgab und zuſammenhielt. Von einem faſt tödtlichen Schrecken ergriffen, war ſie von Alexius mit ihrer Mutter und dem Cäſar angetrof⸗ fen worden; und der Kaiſer hatte mit donnerndem Tone den Briennes, als des Verrathes ſehr verdaͤch⸗ tig, unter die Wache einer ſtarken Abtheiluns Wa⸗ ringer geſtellt, und hatte ihr ſelbſt befohlen, ihm in das Zimmer des Urſel zu folgen. Sie hatte ihm ge⸗ horcht, aber war feſt entſchloſſen, ſich an das wankende Geſchick ihres Gemahles, ſelbſt bis zum Aeußerſten, anzuſchließen, obwohl ſie nicht eher zu Bitten und Gegenvorſtellungen ihre Zuflucht zu nehmen gedachte, als wenn die Befehle ihres Vaters einen beſtimmten 144 und unabaͤnderlichen Charakter annähmen. Obwohl die Entwurfe des Alexins in der Eile gebildet wor⸗ den waren, und der Zufall ſie ebenſoſchnell wieder verwirrt hatte, ſo war es doch nicht ſehr wahrſchein⸗ lich, daß man ihn dazu bewegen koͤnnte, was ſeiner Frau und ſeiner Tochter am Herzen lag, das heißt dem ſtrafbaren Nicephorus Briennes zu verzeihen. — Er war ſehr erſtaunt und gar nicht zufrieden, den Kranken und den Arzt in einer Unterhaltung anzu⸗ treffen, deren Gegenſtand er ſelbſt war. Glaubet nicht, gab Urſel dem Duban zur Antwort, obwohl ich in ein Gefängniß eingeſchloſſen, und mit mehr Grauſamkeit behandelt wurde als der gemein⸗ ſte Verbannte, obwohl man mich meines Geſichtes, der koͤſtlichſten Gabe des Himmels, beraubt hat, und obwohl ich alle dieſe Uebel auf Befehl des grauſamen Alexrius Comnenus leide; glaubet nicht, ſage ich, daß ich ihn darum als meinen Feind betrachte. Im Gegentheil hat durch ihn der elende blinde Gefan⸗ gene eine bei weitem größere Freiheit zu ſuchen ge⸗ lernt, als welche man auf dieſer unglücklichen Erde genießen kann, ſowie eine weitere Ausſicht zu gewin⸗ nen, als irgend ein Berg auf dieſem elenden Grabes⸗ rande darbieten kann. Warum ſollte ich alſo den Kaiſer unter meine Feinde zählen, ihn, der mich be⸗ lehrt hat von der Nichtigkeit der irrdiſchen Dinge, von der Leerheit der weltlichen Genüſſe, von der rei⸗ nen Hoffnung auf eine beſſere Welt, der gewiſſen Be⸗ 112 lohnung für alle Leiden dieſer Welt, worin wir leben? — Nein! Der Anfang dieſer Rede hatte den Kaiſer etwas außer Faſſung gebracht; aber als er ſie auf eine ſo unerwartete, und wie er geneigt war zu glauben⸗ fuͤr ihn günſtige Weiſe ausgehen hörte, ſo gab er ſich die Haltung eines beſcheidenen Menſchen, der ſein eigenes Lob hört, und der zugleich von den Erhebungen, wel⸗ che ihm ein edelmüthiger Gegner giebt, lebhaft ge⸗ rührt iſt. (Fortſetzung folgt.)