Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Gießen, 1. Oflensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſfelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cſeih- und eſebedingungen. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 50 Pf. 3 6 Bücher: — 2 N— f. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen.“ 6. Schadenersatz. 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Die einfachen und urſprunglichen Tugenden des Waͤringers waren von der Natur dieſem tapfren Manne einge⸗ prägt worden, der während ſeines ganzen Lebens nie die Furcht gekannt hatte, und der ſtets bereit war allen Gefahren zu trotzen. Der Graf von ſeiner Sei⸗ te hatte die Tapferkeit, die Hochherzigkeit, die Begei⸗ ſterung des Kriegshelden, und theils die angebornen, theils die angenommenen Eigenſchaften, welche die . 6 Männer ſeines Standes und Landes aus dem Geiſte des Ritterthumes ſchoͤpften. Man konnte den Erſten mit einem Diamanten vergleichen, welcher aus der Grube kommt, ohne von der Hand des Arbeiters ge⸗ reinigt worden zu ſeyn; den Letzteren mit einem koſt⸗ baren verzierten Steine, der rautenformig geſchliffen und künſtlich gefaßt, vielleicht etwas von ſeinem ur⸗ ſprünglichen Stoffe verloren hat, der aber dennoch in den Augen des Kenners mehr Glanz und Schimmer hat, als da er noch nach den Ausdrücken des Stein⸗ ſchneiders im Rohen war. Im letzten Falle war der Werth mehr künſtlich, im erſten mehr natürlich und wahr. Der Zufall hatte alſo augenblicklich in demſel⸗ ben Intereſſe zwei Männer vereinigt, deren im Grunde faſt gleiche Gemüthsarten durch den Einfluß einer Er⸗ ziehung waren umſtaltet worden, welche in ihnen Beiden ſo heftige Vorurtheile hinterlaſſen hatte, daß ſte bei einer Berührung einen Ansbruch befürchten lie⸗ ßen. Der Wäringer unterhielt ſich mit dem Grafen in einem Tone von Vertraulichkeit, der faſt ohne ſein Wiſſen an Grobheit gränzte, und ſagte ihm, obwohl in aller Unſchuld viele Dinge, welche ihm von ſeinem neuen Waffenbruder übel genommen werden konnten. Was indeſſen am meiſten in ſeinem Betragen beleidi⸗ gen konnte, war ein vollſtändiger Mangel an Auf⸗ merkſamkeit fuͤr den Titel derjenigen, mit welchen er ſprach, wobei er die Gewohnheit der Sachſen beobach⸗ tete, von denen er abſtammtez dieſe Anslaſſung mußte 7 den Franzoſen wenigſtens ebenſo unangenehm ſeyn als den Normännern, denn ſie hielten ſchon ſehr viel auf die Vorrechte des Lehnweſen, auf die Mummereien der Wappenkunſt und auf die Auszeichnungen, welche die Ritter als ausſchließliches Eigenthum ihres Stan⸗ des in Anſpruch nahmen. Hereward war in der That wenig geſchaffen an dieſe Auszeichnungen zu denken, auch hatte er zugleich wenigſtens einen gewiſſen Hang, ſich von dem Glanze des Griechiſchen Reiches, dem er diente, einen hohen Begriff zu machen, ſowie von der Ehrerbietung, die er der Würde des Alexius Comnenns ſchuldig war; eine gleiche Ehrerbietung war er aber auch geneigt den griechiſchen Offizieren zuzugeſtehen, welche unter den Befehlen des Kaiſers das Corps der Wäringer befehligten, beſonders dem Achilles Tatius. Hereward wußte, daß dieſer Letzte ein Feiger war, und er hatte ihn auch im Verdachte eines Menſchen ohne Grund⸗ ſätze. Jedoch war der Akoluthos ſtets der Vertheiler der kaiſerlichen Gnadenbezeugungen, die den Wärin⸗ gern im Allgemeinen, beſonders aber dem Hereward, zugeſtanden wurden, und er gebrauchte immer die Liſt, dieſe Geſchenke als die mehr oder weniger unmittelbare Folge ſeiner Fürſprache hinzuſtellen. Man glaubte, daß er ſich mit Wärme der Sache der Wäringer bei allen ihren Händeln mit anderen Truppen annehme. Er war großmüthig und freigebig, verhalf jedem Soldaten zu ſeiner Forderung, und mit Ausnahme ſeines Mu⸗ 8 thes, der nicht ſeine ſtärkſte Seite war, hätten dieſe Fremdlinge keinen beßeren Befehlshaber verlangen kön⸗ nen. Außerdem war unſer Freund Hereward in ſeine Geſellſchaft zugelaſſen; er begleitete ihn, wie wir ge⸗ ſehen haben, bei geheimen Unternehmungen, und deß⸗ halb theilte er die knechtiſche Anhänglichkeit, welche für dieſen neuen Achilles die meiſten ſeiner Myrmi⸗ donen hegten. Dieſe Zuneigung für ihren Befehlshaber war ſo leb⸗ haft, als dieß bei einem Menſchen moͤglich war, den ſie weder ſchätzen noch achten konnten. In den von Hereward gebildeten Entwurf, um den Grafen von Paris in Freiheit zu ſetzen, miſchte ſich ſo viel Treue gegen den Kaiſer und ſeinen Stellvertreter, den Ako⸗ luthos, ein, als ſich mit dem Wunſche vertragen konnte, dem verfolgten Franken Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Um dieſes Vorhaben auszuführen, ließ er den Gra⸗ fen Robert aus den unterirdiſchen Gefaͤngniſſen des Blakernal Pallaſtes heraustreten: er kannte ihre Krümmungen genau, da ihn Tatius ſeit einiger Zeit oft dahin als Schildwache geſtellt hatte, in der Abſicht, ihm eine Keuntniß zu verſchaffen, welche er beim Aus⸗ bruche der Verſchwörung benutzen könnte. Als ſie im Freien waren, und die düſteren Thürme des Pallaſtes in einiger Entfernung hinter ſich hatten, fragte er plötzlich den Grafen, ob er den Philoſophen Agelaſtes kenne, aber der Graf antwortete ihm mit Nein. ——————— — * 9 Nehmt euch in Acht, Herr Ritter; ihre ſchadet euch ſelbſt, wenn ihr mich zu belugen ſuchet. Ihr müßt . kennen, denn ich habe euch geſtern bei ihm ſpeiſen ehen. Ach! du ſprichſt von jenem gelehrten Greiſe? Ich weiß nichts von ihm, weßhalb ich wunſchen ſollte, vor dir oder einem Anderen zu geſtehen oder zu läugnen, daß ich ihn kenne. Es iſt ein geiſtreicher Mann, halb Herold, halb Troubadour. Halb Diener der Wolluͤſte des Prinzen, und im Ganzen ein Voͤſewicht. Unter der Larve einer ſchein⸗ baren zuten Laune verbirgt er die Aufmunterung, welche er den Laſtern Anderer widerfahren läßt; mit Huͤlfe des ſcheinbaren Geſchwatzes der Philoſophie hat er allen religioͤſen Glauben, und alle Grundſaͤtze der Sittlichkeit abgeſchuͤttelt; und mit dem Scheine der Treue wird es ihm gluͤcken, wenn man nicht bei Zeiten bagegen arbeitet, ſeinen zu vertrauensvollen Herrn des Thrones und Lebens zu berauben, oder wenn er dieſes nicht erreichen kann, ſo wird er ſeine wahnſinnigen Mitſchuldigen in's Elend und in den Tod ſturzen. Und da du dieß Alles weißt, warum leideſt du, daß dieſer Menſch ruhig zu ſeinem Ziele eilt? Nur einen Augenblick Geduld! Ich kann noch kei⸗ nen Entwurf bilden, dem Agelaſtes nicht entgegen arbeiten konnte. Aber die Zeit wird kommen, und ſie iſt nicht fehr entfernt, wo der Kaiſer dem Be⸗ 10 tragen dieſes Menſchen ſeine Aufmerkſamkeit zuwen⸗ den muß; und alsdann mag der Philoſoph ſich tapfer halten, oder beim heil. Dunſtan, der Barbare wirft ihn um! Ich moͤchte nur gerne einen wahnſinnigen Freund aus ſeinen Klauen reißen, der ſeinen verderb⸗ lichen Rathſchlägen Gehoͤr gegeben hat. Aber was habe ich mit dieſem Menſchen und ſei⸗ nen Anſchlaͤgen zu ſchaffen? Viel mehr als ihr euch einbildet. Die Hauptſtuͤtze ſeiner Verſchwoͤrung iſt kein Anderer als der Caͤſar ſelbſt, welcher ein treuerer Unterthan des Kaiſers ſeyn ſollte. Aber ſeitdem Alerins einen Sebaſtokra⸗ tor ernannt hat, d. h. einen Staatsbeamten, der an Wuͤrde uͤber dem Caͤſar und dem Throne naͤher ſteht, iſt Nicephorus Briennes unzufrieden und zornig ge⸗ worden; jedoch iſt es ſchwerer zu entſcheiden, ſeit wann er ſich in die Anſchläge des hinterliſtigen Age⸗ laſtes eingelaſſen hat. Soviel aber weiß ich, daß Letzterer ſeit mehreren Monaten freigebig, ſoviel ihm ſein Vermoͤgen erlaubt, den Laſtern und der Ver⸗ ſchwendung des Cäſar Nahrung gegeben hat. Er hat ihn angereizt, die Achtung gegen ſeine Gemahlin zu verlehzen, obwohl ſie die Tochter des Kaiſers iſt, und hat Unfrieden zwiſchen ihn und die. kaiſerliche Fami⸗ lie geſäet. Und wenn Briennes nicht mehr den Na⸗ mon eines vernünftigen Menſchen, wenn er den Ruf eines tapfren Fuͤhrers verloren hat, ſo iſt er ſelbſt daran Schuld, weil er den Rath dieſes verſchmitzten Betruͤgers befolgte. * — 11 Und was geht mich das Alles an? Was liegt mir daran, ob Agelaſtes treuer Unterthan oder Diener der Umſtaͤnde iſt? Weder ich, noch die Meinigen ha⸗ ben ſo genaue Verbindungen mit ſeinem Herrn, Ale⸗ rius Comnenus, daß ich mich in die Raͤnke ſeines Hofes miſchen ſollte. Ihr koͤnnt euch darin taͤuſchen, wenn dieſe Raͤnke das Gluͤck und die Tugend blosſtellen von.... Beim Tode von tauſend Maͤrtyrern! ſchrie der Graf, koͤnnen die elenden Raͤnke von Sklaven auch nur einen Schatten von Verdacht auf die edle Graͤfin von Paris werfen? Die Schwuͤre deiner ganzen Sipp⸗ ſchaft vermöchten nicht zu beweiſen, daß ein einses ihrer Haare die Farbe gewechſelt haͤtte! Herrlich, tapfrer Ritter! Du biſt ein Ehemann, wie er fuͤr die Luft von Conſtan⸗nopel paßt, welche wenig Aufmerkſamkeit und einen feſten Glauben ver⸗ langt. Du wirſt an dieſem Hofe viele Leute von dei⸗ ner Meinung finden. Hoͤre. Freund; wir wollen nichts mehr ſagen, und nur bis in den einſamſten Winkel dieſer wunderlichen Stadt gehen; dort wollen wir das Werk beendigen, welches wir ſo eben unterbrochen haben.. Wenn du ein Herzog waͤreſt, Herr Graf, ſo konn⸗ teſt dn keinen Menſchen zum Kampfe aufrufen, der dazu geneigter wäre als ich. Indeſſen bedenke, daß die Looſe nicht gleich ſind. Wenn ich unterliege, ſo hinterlaſſe ich Niemanden, der mich beklagen wuͤrde. 12 Wuͤrde dagegen mein Tod dein Weib befreien, wenn es gefangen iſt? Kann er ihre Ehre wiederherſtellen wenn ſie befleckt worden iſt? Wird dadurch nicht das einzige Weſen aus der Welt geſchafft, welches geneigt iſt dir zu helfen, und welches hofft dich mit deinem Weibe zu vereinigen und dich wieder an die Spitze deiner Krieger zu ſtellen? Ich that dir Unrecht, ſagte der Graf von Paris, großes Unrecht. Aber ſiehe dich vor, mein tapfrer Freund, den Namen Brunhildens von Aspramont mit dem Worte Unehre in Verbindung zu bringen; und anſtatt dieſer gehäſſigen Reden ſage mir, wohin wir gegenwaͤrtig gehen. Zu vn Gaͤrten der Eythere von Agelaſtes, und wir ſind mt mehr weit davon entfernt. Indeſſen muß es einen kuͤrnren Weg dahin geben, denn ſonſt könnte ich mir nicht erlaͤren, wie er in ſo kurzer Zeit aus den Truͤmmern des Iſistempels und aus dem Blakernalpallaſte zu den Reizen ſeiner Gaͤrten eilen kann. Und warum und ſeit wann glaubſt du, daß die Graͤfin in jenen Gärten gefangen gehalten wird? Seit geſtern. Ich wachte ſorgfäͤltig uͤber den Ca⸗ ſar und eure Gemahlin, und mehrere meiner Kame⸗ raden thaten auf mein Verlangen daſſelbe. Wir be⸗ merkten offenbar an Ricephorus Aeußerungen der Bewunderung, und, wie es uns ſchien, auch Zeichen des Zornes an der Graͤfin; dgraus ſchloß ich nun, 13 daß Agelaſtes, als Freund des Cäſars, wahrſcheinlich ſeine Anſchlaͤge, ſeiner Gewohnheit nach beguͤnſtigen wuͤrde, indem er euch beide vom Heere der Kreuz⸗ fahrer trennte, damit eure Gemahlin, wie ſchon ſo manche ehrbare Dame vor ihr, das Vergnuͤgen haͤtte, in den Gaͤrten dieſes würdigen Philoſophen zu woh⸗ nen, waͤhrend ihr auf ewig in den Gefaͤngniſſen des Blakernal⸗Pallaſtes ſchmachten ſolltet. Elender! Warum haſt du mich davon nicht geſtern unterrichtet? Wahrlich es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ich mir er⸗ laubt haͤtte, aus dem Gliede zu treten, um dieſen Rath einem Manne zu geben, den ich damals nicht als einen Freund, ſondern als meinen tödtlichſten Feind betrach⸗ tete. Es ſcheint mir, ihr ſolltet, anſtatt eine ſolche Sprache zu führen, dem Himmel für den Zufall und die Umſtände danken, welche mich zu eurer Unterſtützung und Hülfe herbeigeführt haben. Der Graf Robert ſah die Wahrheit der Worte Hereward's ein, obwohl ſein ungeſtümmer Charakter⸗ nach ſeiner Gewohnheit ſeine Rache an dem Erſten Beſten, der ihm in den Wurf kam, auszulaſſen wünſchte. Aber in dieſem Augenblicke kamen ſie an den von den Bürgern von Conſtantinopel ſogenannten Gärten des Philoſophen an. Hereward hoffte den Eingang zu erhalten, den ſeit ſeiner erſten Unterredung mit Agelaſtes in den Ruinen des Iſistempels hatte er we⸗ 14 nigſtens zum Theile erfahren, welches die beſonderen zwiſchen dem Weiſen und Achilles verabredeten Zeichen waren. Zwar hatten ſie ihm nicht alle ihre Geheim⸗ niſſe vertraut, aber in Folge ſeiner Verbindungen mit dem Akoluthos hatten ſie ihm gewiſſe Dinge nicht vor⸗ enthalten, welche einmal im Beſitze eines Menſchen, den die Natur mit ſoviel geſundem Verſtande und ſo großem Scharfblicke begabt hatte, wie den Angelſach⸗ ſen, ihm mit der Zeit Alles offenbaren mußten.— Der Graf Robert und ſein Gefährte blieben vor ei⸗ nem gewölbten Eingange ſtehen, der einzigen Heffnung, welche in einer hohen Mauer beſtand, und der Wä⸗ ringer war eben im Begriffe anzuklopfen, als er, plötzlich von dieſem Gedanken betroffen, ausrief: Aber wenn uns der nichtswürdige Diogenes die Thüre öffnet? Wir muͤſſen ihn tödten, ehe er davon⸗ laufen und uns verrathen kann. Meiner Treu! die Noth gebietet es, und der Böſewicht hat wegen hun⸗ dert ſchrecklicher Verbrechen den Tod verdient. Tödte du ihn; ſein Stand kommt dem deinigen näher; denn gewißlich werde ich den Namen von Carl dem Großen nicht mit dem Blute eines ſchwarzen Sklaven beſudeln. Gott danke dir! erwiderte der Sachſe; doch müßt ihr an der Handlung Theil nehmen, wenn er Hülfe bekommt, und ich von der Zahl überwältigt werde. Die Zahl macht die Handlung einem Handgemenge oder einer allgemeinen Schlacht ähnlicher; und ſey ver⸗ ——— 15 ſichert, daß ich nicht mit gekrenzten Armen ſtehen bleiben werde, wenn ich ſie ehrenvoll gebrauchen kann. Ich zweifle nicht darau, aber dieſe Unterſcheidung ſcheint mir ſehr ſonderbar; als wenn ein Menſch nicht eher ſich gegen einen Feind vertheidigen oder ihn an⸗ greifen dürfte, als er ihn um den Stand ſeiner Vor⸗ fahren gefragt haͤtte. Fürchte Nichts in dieſer Hinſicht. Die Regeln des Ritterthums ſind alſo, wie ich ſie dir geſagt habe; aber wenn es ſich darum handelt, zu wiſſen, ob man kämpfen ſoll oder nicht, ſo hat man viele Wege, um ſie verneinend zu entſcheiden. Wir wollen als Geiſterbeſchwoͤrer anklopfen, ſagte Hereward, und ſehen, welcher boͤſe Geiſt uns antwor⸗ ten wird. Bei dieſen Worten klopfte er auf eine eigenthuͤm⸗ liche Weiſe an die Thuͤre, welche alsbald nach Innen aufging. Eine zwerghafte Negrin erſchien; ihre wei⸗ ßen Haare ſtachen ſeltſam von ihrer ſchwarzen Haut ab, ſowie von dem bitteren Laͤcheln, das dieſen Skla⸗ ven eigenthuͤmlich iſt. Sie hatte in ihrem Geſichte einen Ansdruck, der, ſtrenge ausgelegt, ein boshaftes Vergnügen an dem Anblicke menſchlicher Leiden zu verrathen ſchien. Iſt Agelaſtes. 2 Aber der Wäringer hatte noch nicht ſeinen Satz geendigt, als ſie ihm dadurch ant⸗ wortete, daß ſie auf einen ſchattigen Gang hinwies. Der Angelſachſe und der Franke ſchlugen den be⸗ 46 zeichneten Weg ein, während die Zauberin unverſtaͤnd⸗ lich ſagte oder murmelte:— Ihr ſeyd einer der Ein⸗ geweihten, Waͤringer; aber nehmt euch in Acht, wen ihr da mitbringt, weil ihr leicht nicht willkommen ſeyn koͤnntet, ſelbſt wenn ihr allein kämet. Hereward gab ihr zu verſtehen, daß er ſie verſtan⸗ den haͤtte, und in einem Augenblicke waren ſie aus ihrem Geſichte. Der Gang, worin ſie ſich befanden, beſchrieb verſchiedene Kruͤmmungen in einem ſchoͤnen morgenländiſchen Garten, worin Blumenbeete, ver⸗ ſchlungen gepflanzte Straͤuche, und große Waldbäume ſelbſt den Hauch des Mittagswindes friſch und ange⸗ nehm machten. Wir muͤßen mit großer Vorſicht handeln, ſagte Hereward, ſehr leiſe, denn wahrſcheinlich hat die Hirſchkuh, welche wir ſuchen, hier eine Zuflucht ge⸗ funden. Es iſt beſſer, daß ihr mich vor euch herge⸗ hen laßt; ihr ſeyd zu bewegt, um die für eine Vor⸗ wache noͤthige Faltbluͤtigkeit zu haben. Verſteckt euch hinter dieſer Eiche, und laßt euch durch euer Ehrge⸗ fühl nicht abhalten, euch in das Buſchwerk zu vertie⸗ fen, ja ſelbſt unter die Erde, wenn ihr nur einen Schritt hort.— Wenn die Liebenden einig ſind, ſo macht Agelaſtes wahrſcheinlich die Runde, um die Ankunft eines jeden Ungeweihten zu verhindern. Tod und Hoͤlle! unmoͤglich! ſchrie der ungeſtuͤme Franzoſe.— Unſere liebe Frau von den gebrochenen Lanzen nimm mein Leben zu dir, ehe du mich von ſolchen Todesqualen peinigen läßeſt. * 17 Er erkannte aber die Nothwendigkeit, ſich einen ſtarken Zwang aufzulegen, und ließ den Waͤringer ohne irgend einen Widerſpruch ſeinen Weg fortſetzen, folgte ihm aber aufmerkſam mit den Augen. Indem er etwas vorwaͤrts trat, konnte er bemerken, wie Hereward einem Gartenhauſe nahte, welches nur ſehr wenig von dem Orte entfernt war, wo ſie ſich ge⸗ trennt hatten. Er ſah, wie er anfangs ſeine Augen auf ein Fenſter richtete, dann das Ohr daran hielt: dieſes Fenſter war großtentheils durch Blumenſtraͤu⸗ che bedeckt und verborgen. Er glaubte ſelbſt den Ausdruck einer hohen Theilnahme auf dem Geſichte des Waͤringers zu erblicken, und die Ungeduld trieb ihn, ſeinen Antheil von den Neuigkeiten zu bekom⸗ men, die Jener ſchon erhalten hatte. Er ging daher ohne Geräuſch durch das Labyrinth von Hecken, welche den Gang des Hereward ver⸗ borgen hatten, und ſeine Bewegungen geſchahen ſo ſtille, daß er den Angelſachſen berührte, um ihn von ſeiner Ankunft zu unterrichten, ehe dieſer es gewahr geworden war. Hereward, der Anfangs nicht wußte, wer ſo heran⸗ gekommen war, wandte ſich mit zorniger und drohen⸗ der Miene um. Aber als er ſeinen Gefährten erkann⸗ te, zuckte er die Achſeln aus Mitleiden über eine Un⸗ geduld, die ſich nicht hatte unterdrücken laſſen, zog ſich hinter den Grafen zurück, und geſtattete dieſem das Vorrecht einen Platz einzunehmen, von wo er durch W. Scott's ſämmtl. Werke. 1678 Bochn. 2 18 die Spalte eines Fenſterladens ſehen konnte, was im Innern des Gartenhauſes vorging, ohne daß er Gefahr lief, entdeckt zu werden. Die Hellung, welche in die⸗ ſen Ort des Vergnügens drang, war jenes Halblicht, das für die Gedanken paßte, die in einem Tempel der Eythere entſtehen. Man erblickte darin auch Bruſt⸗ bilder, Gruppen und Bildſanlen nach Art derjenigen, welche ſich in dem Luſthauſe am Waſſerfalle befanden, nur boten die Erſteren dem Geiſte freiere Bilder dar, als die Letzteren. Bald nachher ging die Thüre des Gartenhauſes auf, und die Gräfin trat mit ihrer Die⸗ nerin Agathe ein. Sie warf ſich auf einen Sopha, und ihre Dienerin, ein junges und niedliches Mädchen, blieb in beſcheidener Entfernung ſtehen, ſo daß der Graf ſie kaum erblicken konnte. Was denkſt du, fragte die Gräfin Agathe, von einem ſo verdächtigen Freunde als Agelaſtes 2 und von einem ſo artigen Feinde, als dieſem Cäſar, wie man ihn nennt? Was kann ich davon denken, antwortete die Die⸗ nerin, als daß das, was dieſer Greis Freundſchaft nennt, Feindſchaft iſt; und das, was der Caͤſar Va⸗ terlandsliebe für ſein Land nennt, die ihm nicht er⸗ laubt, deſſen Feinde in Freiheit zu ſetzen, iſt in der That nur eine ſehr ſtarke Zuneigung fur ſeine ſchoͤne Gefangene. Und er ſoll fuͤr dieſe Zuneigung beſtraft werden⸗ ſagte die Graͤfin, wie fuͤr die Feindſchaft, welche er 19 heuchelt.— Mein edler und wuͤrdiger Gemahl! wenn du dir einen Begriff machteſt von dem Ungluͤcke, dem ich ausgeſetzt bin, wie bald wurdeſt du uber alle Hin⸗ derniſſe ſiegen, um zu meiner Huͤlfe zu fliegen! Biſt du ein Mann? ſagte der Graf Robert zu ſei⸗ nem Gefaͤhrten, kannſt du ſolche Worte hoͤren und mir rathen ruhig zu bleiben? Ich bin ein Mann, antwortete der Angelſachſe; ihr ſeyd ein anderer; aber unſere ganze Rechenkunſt bringt aus uns nicht mehr als Zwei heraus; und an dieſem Platze koͤnnte wahrſcheinlich ein Pfiff des Cäſars oder ein Schrei des Agelaſtes ein Tauſend Maͤnner uͤber uns herfallen laſſen, welche uns viel zu ſchaffen machen koͤnnten, und wenn wir ſo kuͤhn wären als Beris von Hampton.— Bleibt ruhig und ſchweiget ſtille. Wenn ich euch dieſen Rath gebe, ſo geſchieht es nicht aus Furcht fuͤr mein armes Leben; ich habe bewieſen, daß ich wenig Werth darauf legte, indem ich mich in ein ſo tolles Unternehmen mit einem ſo wunderlichen Geſellen einließ: es ge⸗ ſchah nur aus Theilnahme an eurer Sicherheit, ſo⸗ wie an derjenigen der Grafin, eurer Gemahlin, wel⸗ che eben ſo viel Tugend als Schoͤnheit zeigt. Ich bin anfangs getaͤuſcht worden, fuhr die Graͤfin fort, ſtets zu Agathen gewendet. Dieſer ſchaͤndliche Alte hat mir, indem er ernſte Sitten, eine tiefe Wiſſenſchaft, und eine ſtrenge Rechtlichkeit heuchelte, den Glauben beigebracht, daß er theilweiſß das wirk⸗ 20 lich waͤre, wofuͤr er ſich ausgab. Aber der Firniß iſt verſchwunden, ſeitdem es mich hat ſehen laſſen, daß er mit dieſem unwuͤrdigen Caͤſar verbuͤndet iſt, und ſeine ſcheußlichen Gemaͤlde erregen nur noch Eckel, wie ſie verdienen. Aber wenn ich durch Hinterliſt oder Feinheit dieſen Betruͤger taͤuſchen kann, ſo werde ich mir, da er mich groͤßtentheils jeder anderen Hulfe beraubt hat, kein Gewiſſen daraus machen, eine Ge⸗ wandtheit zu zeigen, welche vielleicht der ſeinigen nichts nachgeben ſoll. SHoͤrt ihr es? ſagte der Waͤringer zum Grafen von Paris; zerreißet nicht durch eure Ungeduld den Fa⸗ den der klugen Maßregeln euerer Gemahlin. Ich wollte gleich den Verſtand einer Frau gegen die Ta⸗ pferkeit eines Mannes in die Wagſchaale legen, wenn Etwas auszufuͤhren iſt. Wir wollen daher unſere Huͤlfe nicht eher anbieten, als wenn die Zeit uns be⸗ lehrt haben wird, daß ſie fuͤr ihre Sicherheit und unſeren Erfolg nothwendig iſt. Amen! antwortete der Graf von Paris. Aber hoffe nicht, Herr Sachſe, mich durch deine Klugheit zu überreden, daß ich eher dieſe Gaͤrten verlaſſen ſoll, als bis ich mich vollſtäͤndig an dieſem unwuͤrdigen Cäſar und dieſem vermeintlichen Philoſophen geraͤcht habe, wenn es nehmlich wahr iſt, daß ſeine Philo⸗ ſophie nur eine Larve iſt.... Hier begann der Graf die Stimme zu erheben, aber der Sachſe legte ihm ohne umſtände die Hand auf den Mund.— Du 21 nimmſt dir große Freiheit, ſagte der Graf, jedoch mit leiſerer Stimme. Ja wohl, ohne Zweifel, ſagte Hereward. Wenn das Haus brennt, ſo kümmere ich mich wenig darum, zu erfahren, ob das Waſſer, welches ich hineinſchütte, wohlriecht oder nicht. Dieſe Worte brachten dem Grafen das Gemaͤlde ſeiner Lage vor die Augen; und wenn er auch nicht mit der Art, wie ſich der Angelſachſe gerechtfertigt hatte, zufrieden war, ſo war er doch wenigſtens ſtille. Man vernahm in einiger Entfernung Geraͤuſch; die Graͤfin hoͤrte es, und wechſelte ihre Farbe.— Agathe, ſagte ſie, wir gleichen den Kaͤmpfern in den Schran⸗ ken, und jetzt kommt unſer Gegner an. Laß uns in jenes andere Zimmer gehen, und um einige Au⸗ genblicke eine ſo unangenehme Begegnung verſchieben. Bei dieſen Worten gingen ſie zuſammen in ein an das Hauptgemach ſtoßendes Zimmer, deſſen Thüre hinter dem Sopha war, worauf Brunhilde geſeſſen hatte. Kaum waren ſie hinausgegangen, als, wie es in Schauſpielen heißt, der Cäſar und Agelaſtes von der entgegengeſetzten Seite eintraten. Sie hatten viel⸗ leicht die letzten Worte Brunhildens gehört, denn der Cäſar ſagte leiſe: Militat omnis amans, et habet sua castra Cupido. Wie! unſere ſchoͤne Feindin hat ſich an der Spitze ihrer Streitkräfte zurüͤckgezogen? Einerlei! das be⸗ 22 weißt, daß ſie an den Krieg denkt, ſelbſt wenn ſie den Feind nicht ſieht. Nun! Agelaſtes, du ſollſt mir dieſes Mal nicht vorwerfen, daß ich die Feſtung durch Ueberrumpelung einnehmen und mich ſo des Vergni⸗ gens berauben wollte, ſie zur Uebergabe zu zwingen. Beim Himmel! ich will die Belagerung ſo regelmä⸗ ßig unternehmen, als wenn ich auf meinen Schultern die ganze Laſt der Jahre trüge, welche zwiſchen mir und dir einen Unterſchied machen; und ich habe ge⸗ waltigen Verdacht, daß dieſer alte Schurke, Zeit, dir die Fluͤgel des Cupido genommen hat. Sprecht nicht alſo, mächtiger Cäſar, antwortete der Philoſoph. Die Hand der Vorſehung, welche dem Fluͤgel des Cupido einige überflüſſige Federn entzogen hat, hat ihm aber doch noch ſoviel gelaſſen, um einen ſicheren und anhaltenden Flug auszuhalten. Dein Flug iſt indeſſen unſicherer geworden, Agela⸗ ſtes, ſeitdem du daran dachteſt, jenes Zeughaus, jenen Vorrath von Waffen des Cupido zu gründen, woraus deine Freundſchaft mir erlaubt hat mich zu rüſten oder vielmehr meine Ausruͤſtung zu vervollſtändigen. Bei dieſen Worten warf der ECäſar einen Blick auf ſeine ganze Geſtalt, welche von Edelſteinen ſtrahlte und mit einer goldenen Kette, mit Armbaͤndern, Rin⸗ gen und anderen Juwelen geſchmückt war, welche in Verbindung mit den koſtbaren Gewändern, die er ſeit ſeiner Ankunft in den Gärten der Cythere angelegt hatte, ſein ſchoͤnes Aeußere erheben ſollten. 23 Ich bin entzuͤckt, antwortete Agelaſtes, daß ihr un⸗ ter jenen Kleinigkeiten, welche ich jetzt nicht mehr trage, und von denen ich ſelbſt in meiner Jugend nur wenigen Gebrauch machte, Etwas gefunden habt, um euere natuͤrlichen Vorzuͤge hervorzuheben. Nur erinnert euch dieſer kleinen Bedingung, daß diejeni⸗ gen dieſer Kleinigkeiten, welche an dieſem großen Tage einen Theil eures Schmuckes bilden, nicht mehr in den Beſitz eines viel niedriger ſtehenden Mannes zurückkehren koͤnnen, und daß ſie fortwaͤhrend dieſer Groͤße angehoͤren muͤſſen, zu deren Zierde ſie einmal beigetragen haben. Das kann ich nicht zugeben, mein wuͤrdiger Freund, ſagte Nicephorus Briennes. Ich weiß, daß du auf dieſe Koſtbarkeiten nur einen ſolchen Werth legeſt, welchen ein Philoſoph ihnen ſchenken ſoll, das heißt, du ſchätzeſt ſie nur durch das Andenken, welches ſich daran knuͤpft. Dieſer große Siegelring z. B. hat, wie ich von dir gehoͤrt habe, dem Sokrates gehoͤrt, und du kannſt ihn nicht betrachten, ohne dem Himmel zu danken, daß deine Philoſophie niemals der Pru⸗ fung einer Ranthippe ausgeſetzt worden iſt. Dieſe Spangen druckten in alten Zeiten den holden Buſen der Phryne; und jetzt gehoͤren ſie einem Manne, der den Reizen, welche ſie verbargen oder zeigten, beſſer zu huldigen verſtuͤnde als der Cyniker Diogenes. Dieſe Ringe Ich will dir dieſen Aufwand von Geiſt erlaſſen, 24 junger Mann, oder vielmehr edler Caͤſar, ſagte Age⸗ laſtes. Bewahre ſeinen ganzen Vorrath. Du wirſt ihn ſehr noͤthig haben. Fürchte nichts, erwiederte der Caͤſar, doch laß uns jetzt daran denken, da du es alſo willſt, von den Gaben Gebrauch zu machen, welche wir der Natur und der Liebe eines theueren und achtbaren Freun⸗ des verdanken. Ah! rief er aus, als die Thuͤre auf⸗ ging, und die Graͤfin in das Zimmer trat; man iſt unſeren Wunſchen zuvor gekommen. Er grüßte die Graͤfin Brunhilde mit tiefer Hoch⸗ achtung. Sie hatte in ihrem Anzuge einige Aende⸗ rungen vorgenommen, um ihn glänzender zu machen, und kam aus dem Gemache, in welches ſie ſich zu⸗ ruͤckgezogen hatte. Seyd mir gegruͤßt, edle Dame! ſagte der Caͤſar. Ich komme euch meine Aufwartung zu machen, um mich zu entſchuldigen, daß man euch bis zu einem gewiſſen Punkte wider euren Willen in dieſen ſeltſa⸗ men Gegenden, wohin ihr ſo unvermuthet gekommen ſeyd, zuruckhaͤlt. Nicht bis zu einem gewiſſen Punkte, antwortete die Gräfin, ſondern ganzlich wider meinen Willen, welcher verlangt, daß man mich mit meinem Gatten und mit den tapferen Mannen vereiniget, welche das Kreuz unter ſeinem Banner genommen haben. Dieß waren ohne Zweifel euere Gedanken, als ihr das Abendland verließet, ſagte Agelaſtes. Aber ſoll⸗ 25 ten ſie ſich, ſchoͤne Graͤfin, ſeit jener Zeit nicht geaͤn⸗ dert haben? Ihr habt ein Land verlaſſen, wo das Menſchenblut bei der geringſten Herausfoderung ver⸗ goſſen wird, und ſeyd in eine Gegend gekommen, wo der Hauptgrundſatz iſt, die Graͤnzen der menſchlichen Gluͤckſeligkeit durch alle erdenklichen Mittel zu erwei⸗ tern. In eurem Abendlande iſt derjenige am geach⸗ tetſten, welcher am beſten ſeine tyranniſche Gewalt auszuüben verſteht, indem er Andere elend macht; in unſerem friedlicheren Reiche dagegen ſparen wir unſere Kraͤnze fuͤr den geiſtreichen jungen Mann oder die liebenswurdige Dame auf, welche am beſten den⸗ jenigen, der ihr ſeine Zuneigung geſchenkt hat, gluͤck⸗ lich zu machen verſteht. Aber, ehrwürdiger Philoſoph, ſagte die Graͤfin, da ihr euch mit ſo viel Kunſt bemüht das Joch des Ver⸗ gnügens anzupreiſen, wißt ihr wohl, daß ihr alle meine Begriffe, die mir ſeit meiner Kindheit gegeben worden ſind, verwirrt? In dem Lande, wo ich erzogen worden bin, ſind wir von der Annahme euerer Grundſätze ſo weit entfernt, daß wir uns nur wie der Löwe und die Löwin vermählen; das heißt, wenn der Mann das Weib zur Anerkennung ſeines höheren Verdienſtes und ſeiner größeren Tapferkeit gezwungen hat. Dieſes iſt ſo ſehr Sitte bei uns, daß ſelbſt ein Fraͤulein niederen Standes ſich herabzuſetzen glaubte, wenn ſie einen Ge⸗ liebten heirathete, der ſich noch keinen Namen durch ſeine Thaten gemacht hätte 26 Aber, edle Dame, ſagte der Cäſar, ein Sterbender darf ſelbſt noch einige ſchwache Hoffnung hegen. Wenn es einige Ausſicht gäbe, daß ein hoher Kriegsruhm jene Zuneigung gewinnen könnte, welche mehr entzo⸗ gen als freiwillig gewährt worden iſt, wie viele Leute würden da mit Eifer in die Schranken treten, um einen ſo ſchönen Preis zu erringen! Welches Aben⸗ teuer wäre zu verwegen, das man unter einer ſolchen Bedingung nicht wagte? Weſſen Herz würde nicht füh⸗ len, daß er bei dem Ausziehen ſeines Schwertes aus der Scheide, um einen ſolchen Preis zu gewinnen, auch das Gelubde thun müßte, es nicht eher wieder einzu⸗ ſtecken, als er ſich mit Stolz ſagen könnte: Was ich noch nicht erhalten habe, habe ich verdient 2 Ihr ſeht, ſchöne Dame, ſagte Agelaſtes, welcher in der Ueberzeugung, daß die letzten Worte des Nice⸗ phorus einigen Eindruck auf die Gräfin gemacht hat⸗ ten, ſich beeilte ſeine Worte zu überbieten; ihr ſeht daß das Feuer der Ritterlichkeit in dem Buſen der Griechen ebenſo heftig lodert, als in den abendländi⸗ ſchen Völkern. Ja, antwortete Brunhilde, ich habe von der berühm⸗ ten Belagerung von Troja ſprechen hören, ſowie von dem feigen Schurken, welcher nach dem Raube der Ge⸗ mahlin eines tapferen Kriegers jede Gelegenheit eines Zweikampfes mit ihrem beleidigten Gatten vermied, endlich die Urſache des Todes aller ſeiner Brüder, der Zerſtörung ſeiner Mutterſtadt und des Verluſtes aller 27 ihrer Reichthümer wurde, und ſelbſt den Tod ei⸗ nes elenden Feiglings ſtarb, der nur von ſeiner un⸗ würdigen Buhlerin betrauert wurde. Dieſer Zug be⸗ weist, wieviel enre Vorfahren die Vorſchriften der Ritterlichkeit kannten. Ihr irrt euch, edle Gräfin, ſagte der Cäſar; der ſtrafbare Paris war ein weibiſcher Aſiate, und die Tapferkeit der Griechen beſtrafte ihn. Ihr ſeyd gelehrt, Herr, antwortete Brunhilde; aber bildet euch nicht ein, daß ich euch auf das Wort glaube, ehe ihr mir einen ſo tapfren Griechiſchen Ritter ge⸗ zeigt habt, daß er ohne Zittern den Helmbuſch mei⸗ nes Gemahles anſehen kann. Das ſcheint mir nicht ſehr ſchwierig zu ſeyn, ent⸗ gegnete Nicephorus Briennes. Wenn man mir nicht geſchmeichelt hat, ſo betrachtet man mich ſelbſt als fähig, viel gefährlicheren Leuten die Spitze zu bieten, als derjenige iſt, der auf eine ſo ſeltſame Weiſe in der Ehe mit der Gräfin Brunhilde lebt. Dieſe Probe kann bald gemacht werden, ſagte die Gräfin. Ich glaube, ihr könnt ſchwerlich lengnen, daß mein Gemahl, von welchem ich durch eine niedrige Liſt getrennt worden bin, noch in eurer Gewalt iſt, und daß ihr ihn erſcheinen laſſen könnt, wenn es euch beliebt. Ich verlauge keine andere Rüſtung für ihn, als welche er trägt, und keine anderen Waffen als ſein gutes Schwert Eiſenhauer. Alsdann ſtellt ihn in dieſes Zimmer oder in andere gleich enge Schran⸗ 28 ken, und wenn er um einen Schritt zurück weicht, wenn er Gnade verlangt, oder unter ſeinem Schilde fällt, ſo ſey Brunhilde der Preis des Siegers!— Barmherziger Himmel! ſetzte ſie hinzu, verzeihe mir, einen ſolchen Ausgang des Gefechtes für möglich zu halten; das heißt faſt an deinen unfehlbaren Urthei⸗ len zweifeln. Einſtweilen, entgegnete der Cäſar, erlaubt mir dieſe koſtbaren Worte aufzunehmen, ehe ſie auf die Erde fallen.— Erlaubt mir zu hoffen, daß derjenige, wel⸗ chem der Himmel Kraft und Gewalt verleihen wird, jenen berühmten Grafen von Paris zu beſiegen, ihm in der Liebe Brunhilden's folgen wird; und glaubt mir, die Sonne eilet nicht vom Himmel in ihre Ruhe⸗ ſtaͤtte mit ſolcher Schnelligkeit, als ich anwenden werde, um dieſen Zweikampf zu beſtehen. Beim Himmel! ſagte Graf Robert zu Hereward mit leiſer aber heftiger Stimme, es iſt von mir zu viel verlangt, daß ich ruhig hören ſoll, wie ein nichts⸗ würdiger Grieche, der nicht ohne Grauen das Geräuſch meines aus der Scheide fahrenden Eiſenhauers hören könnte, mir in meiner Gegenwart Trotz bietet und um meine Gemahlin buhlt! Und Brunhilde! es ſcheint mir, daß ſie dieſem geſchwätzigen Haaſenfuße mehr Frech⸗ heit erlaubt, als ſie ſollte. Beim Kreuze! ich werde in das Zimmer gehen, und dieſem Prahler ſo antwor⸗ ten, daß er daran denken ſoll. Mit eurerkErlaubniß, ſagte der Wäringer, der al⸗ 29 lein dieſe heftige Rede gehört hatte, laßt euch ſo lange, als ich bei euch bin, von der kalten Vernunft leiten. Wenn wir aus einander ſind, ſo mag euch der Teufel des irrenden Ritterthums, der von euch Beſiß genommen hat, auf ſeine Schulter nehmen und euch fortführen, wohin er will! Du biſt ein Thier, ſagte der Graf, indem er ihn mit einer zu dieſem Ausdrucke paſſenden Miene der Verachtung anſah; ein Thier nicht allein ohne alles menſchliche Gefühl, ſondern auch von einem jeden Ge⸗ fühl der Ehre und der Schaam entblößt. Das ver⸗ ächtliche Thier ſieht nicht mit Ruhe ſeines Gleichen Gefährten nahen. Der Stier empfängt ſeinen Neben⸗ buhler mit den Hörnern,— der Hund zeigt ihm die Zähne,— der furchtſame Hirſch ſelbſt wird wüthend, und durchbohrt ihn mit ſeinem Geweihe. Weil dieſes Thiere ſind, antwortete der Waͤringer; und weil ihre Weibchen Geſchöpfe ohne Schaam und Vernuuft ſind, welche nichts von einer verſtändigen Wahl wiſſen. Aber du, Graf, kannſt du nicht die deutliche Abſicht dieſer armen Dame ſehen, welche von der ganzen Welt verlaſſen iſt, dir die beſchworene Treue zu bewahren, indem ſie den Schlingen ausweichet, womit die Böſewichter ſte umgeben haben? Bei der Seele meines Vaters! mein Herz iſt von dem Anblicke ſo vieler Gewandtheit, verbunden mit ſo viel Ehre und Tugend, dergeſtalt gerührt, daß ich ſelbſt in Er⸗ mangelung eines beſſeren Kämpen meine Streitaxt zu ihrer Vertheidigung aufheben würde. 30 Ich danke dir, mein tapfrer Freund, ſagte der Graf, ich danke dir ſo herzlich, als wenn du allein dieſen Dienſt Brunhilden leiſten würdeſt; Brunhilden, welche von ſo vielen edlen Herrn geliebt worden iſt, und die unter ihren Befehlen ſo viele mächtige Lehensleute hat. Ja ich danke dir; und noch mehr, ich bitte dich für das Unrecht, das ich dir ſo eben angethan habe, um Verzeihung. Meiner Verzeihung bedarf es nicht, ſagte der Wä⸗ ringer, denn das beleidigt mich niemals, was ohne ernſthafte Abſicht geſagt worden iſt.— Stille! ich höre ſie ſprechen. Es iſt ſeltſam, ſagte der Cäſar, im Zimmer auf und abgehend; aber es ſcheint mir, ja ich bin faſt ge⸗ wiß, Agelaſtes, daß ich in der Nähe dieſes geheimen Gartenhauſes Stimmen gehört habe. Es iſt unmöglich, antwortete der Philoſoph, doch will ich nachſehen. Als Hereward den Agelaſtes aus dem Zimmer gehen hörte, gab er dem Grafen ein Zeichen, daß ſie ſich mitten in ein dichtes Gebüſch von grünen Sträuchern niederducken müßten: dieſes verbarg ſie vollkommen. Der Philoſoph machte ſeine Runde mit langſamen Schrit⸗ ten und ſpähenden Augen, und die beiden Gefährten wa⸗ ren genöthigt, das tiefſte Stillſchweigen zu beobach⸗ ten, und ſich der geringſten Bewegungen zu enthal⸗ ten, bis er ſeine unnütze Nachforſchung beendigt hatte, und in das Luſthaus zurückgekehrt war. 34 Meiner Treu! mein Tapfrer, ſagte der Graf, ich muß dir, ehe wir unſeren Beobachtungspoſten wieder einnehmen, ins Ohr ſagen, daß ich noch nie in mei⸗ nem ganzen Leben von einer ſo ſtarken Verſuchung be⸗ fallen worden bin, als ich ſo eben verſpürte, dieſem alten Heuchler den Hirnſchädel zu zerſchmettern, wenn ich eine ſolche Handlung mit meiner Ehre hätte ver⸗ einbaren können. Ich wünſchte von ganzem Herzen, daß du, da dir deine Ehre nicht dieſelbe Behutſamkeit vorſchreibt, einen ähnlichen Drang verſpürt, und dem⸗ ſelben nachgegeben hätteſt. Einige Gedanken dieſer Art ſind mir durch den Kopf gegangen, antwortete der Wäringer; aber ich will ihnen nicht nachgeben, ſo lange ſie nicht mit unſerer, beſonders aber der Sicherheit der Gräfin, vertraͤglich ſind. Ich danke dir nochmals für deinen guten Willen hinſichtlich ihrer, ſagte Graf Robert; und beim Him⸗ mel! wenn wir denn endlich gegeneinander kämpfen müſſen, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt, ſo ſollſt du in mir einen ehrenwerthen Gegner finden, der dir keine Gnade verweigern wird, wenn das Schickſal des Kam⸗ pfes dir nicht günſtig iſt. Ich danke dir dafür, erwiederte Hereward; nur ſchweige ums Himmels willen in dieſem Augenblick ſtille; nachher kannſt du alles thun, was du willſt. Ehe der Graf und der Wäringer ihre frühere Stel⸗ lung am Fenſter wieder eingenommen hatten, um zu —— 32 belauſchen, was in dem Gartenhauſe vorging, hatten die darin befindlichen Perſonen, welche ſich nicht be⸗ lauert glaubten, ihre Unterhaltung mit leiſerer, aber lebhafterer Stimme wieder angefangen. Umſonſt ſucht ihr mich zu überreden, ſagte die Grä⸗ fin, daß ihr nicht wüßtet, wo mein Gemahl gefangen gehalten wird, und daß ihr nicht unumſchränkte Ge⸗ walt habt, ſeine Gefangenſchaft zu beendigen. Wer ſonſt könnte den Gemahl entfernen oder ermorden laſ⸗ ſen, als derjenige, welcher ſeine Frau bewundern will? Ihr ſeyd ungerecht gegen mich, ſchöne Dame, ant⸗ wortete der Cäſar; ihr vergeßt, daß man mich in kei⸗ ner Beziehung als die Hauptperſon dieſes Kaiſerthums betrachten kann; daß Alexius Comnenus, mein Schwie⸗ gervater, ſein Gebieter iſt, und daß das Weib, wel⸗ ches ſich meine Gemahlin nennt, meine geringſten Schritte mit der Eiferſucht einer Tigrin ausſpähet. Weiche Möglichkeit iſt vorhanden, daß ich die Gefan⸗ genſchaft enres Gemahls oder die eurige befohlen hätte? Der oͤffentliche Schimpf, welchen der Graf von Paris dem Kaiſer angethan hat, war eine Beleidigung, für welche ſich Alexius wahrſcheinlich durch Liſt oder offene Gewalt raͤchen möchte. Ich habe mich darum nur be⸗ kümmert als demüthiger Sclave eurer Reize; und, Dank der Klugheit und Gewandtheit des weiſen Age⸗ laſtes, es iſt mir möglich geworden, euch aus dem Ab⸗ grunde zu reißen, worin ihr ohne dieß unfehlbar un⸗ tergegangen wäret. Wemet nicht, ſchöne Gräfin: wir 33 wiſſen noch nicht, welches das Schickſal des Grafen Robert geweſen iſt; jedoch glaubt mir, ihr thätet weiſe, wenn ihr ihn als nicht mehr am Leben betrach⸗ tetet, und wenn ihr euch einen beſſeren Beſchützer wähltet. Einen beſſeren Beſchützer! wiederholte die Graͤfin. Ich könnte keinen finden, und wenn ich unter der ge⸗ ſammten Ritterſchaft der ganzen Welt zu wählen hätte! Dieſer Arm, ſagte Nicephorus ſich aufrichtend, um eine martialiſche Haltung anzunehmen, ſollte die Frage entſcheiden, wenn der Mann, von dem ihr eine ſo hohe Vorſtellung habt, ſich noch auf der Erde befände und in Freiheit wäre. Du biſt, rief Brunhilde aus, und heftetete auf ihn ihre Blicke, die, wie alle ihre Züge, von dem Feuer der Entrüſtung glühten; du biſt.... Doch es iſt un⸗ nütz dir zu ſagen, was du biſt. Glaube mir die Welt wird eines Tages davon widerhallen, und dich nach deinem wahren Werthe ſchätzen. Jetzt gib Acht auf das, was ich dir ſagen werde: Robert von Paris iſt todt oder irgendwo eingekerkert. Er kann dir da⸗ her das Gefecht nicht liefern, welches du ſo lebhaft zu wünſchen dir das Anſehen gibſt. Aber du ſieheſt hier Brunhilde, geborne Dame von Aspramont, und recht⸗ mäßige Gemahlin des tapfern Grafen von Paris. Kein Mann, mit Ausnahme des gewaltigen Grafen Robert, hat ſie jemals in den Schranken beſiegt; und da du W. Scott's ſämmtl. Werke. 1673 Boch. 3 — 34 es ſo ſehr bedauerſt, nicht mit ihrem Gemahle käm⸗ pfen zu können, ſo wirſt du ohne Zweifel keine Ein⸗ rede zu machen haben, wenn ſie dir vorſchlägt, mit dir an ſeiner Statt zu kämpfen? Wie, Madame! rief der Cäſar voll Verwunderung aus; ihr bietet euch an, gegen mich in den Schranken zu erſcheinen? Gegen dich, ja! ſo wie gegen Jeden im ganzen grie⸗ chiſchen Reiche, der behauptet, daß Robert von Paris gerecht behandelt und geſetzmäßig eingekerkert wor⸗ den iſt. Und werden die Bedingungen dieſelben ſeyn, az wenn der Graf Robert in Perſon gekämpft hätte? Daß nämlich der Beſiegte zur unumſchränkten Verfü⸗ gung des Siegers ſtehen ſoll. Das ſcheint mir gerecht, und ich weigere mich nicht, es darauf hin zu wagen. Aber wenn mein Gegner in den Staub ſinkt, ſo wird der edle Graf Robert in Freiheit geſetzt, und bekommt die Erlaubniß, in allen Ehren abzuziehen. Das bin ich zufrieden, antwortete der Cäſar, vor⸗ ausgeſetzt, daß es in meiner Gewalt ſteht. Ein dumpfes Geräuſch, ähnlich dem einer Thür⸗ augel, unterbrach in dieſem Augenblicke die Unter⸗ haltung, Neunzehntes Kapitel. Auf die Gefahr hin entdeckt zu werden waren der Wäringer und der Graf von Paris nahe genug am Fenſter geblieben, um den Gegenſtand der Unterhal⸗ tung zu erkennen, obwohl ſie dieſelbe nicht ganz hoͤren konnten. Er hat ihre Herausforderung angenommen? ſagte Graf Robert. Und anſcheinend ſehr gerne, antwortete Hereward. O, ohne Zweifel, vhne Zweifel! aber er weiß nicht bis zu welcher Fertigkeit es eine Frau in der Führung der Waffen bringen kann. Was mich betrifft, ſo weiß Gott, daß die Gefahr, welche ich bei dem Ausgange dieſes Kampfes laufe, groß genug iſt: allein mein Ver⸗ trauen iſt ſo groß, daß ich ſie noch größer wünſchte. Ich nehme unſere liebe Frau von den gebrochenen Lan⸗ zen zum Zeugen, daß es mein Wunſch iſt, es möchte jeder Schuh Landes, den ich beſitze, jede Auszeichnung die ich mein nennen kann, von der Grafſchaft Paris herab bis zu dem Riemen, der meinen Sporn feſthaͤlt, von dem Erfolge dieſes Kampfes zwiſchen eurem neue⸗ ſten Cäſar, wie man ihn nennt, und Brunhilden von Aspramont abhängen. 36 Das iſt ein edles Vertrauen, und ich wage nicht zu ſagen, daß es unbeſonnen iſt; nur darf ich nicht ver⸗ geſſen, daß der Cäſar ſo kräftig als wohlgeſtaltet iſt, daß er vollkommen die Führung der Waffen verſteht, und beſonders daß er weniger ſich an die Geſetze der Ehre bindet, als ihr vielleicht glaubt. Es gibt ver⸗ ſchiedene Arten, wie man einen Vortheil geben oder bekommen kann, welche nach der Meinung des Nice⸗ phorus Briennes den Kampf nicht ungleich machen, obwohl die ritterliche Gräfin von Paris und ſelbſt der arme Waͤringer verſchieden denken mögen. Aber zu⸗ vörderſt erlanbt mir euch an einen ſichern Ort zu brin⸗ gen; denn euer Entwiſchen muß bald ruchbar werden, wenn es nicht ſchon iſt. Das Geräuſch, welches wir vernommen haben, verkündiget uns, daß einige der Mitverſchworenen in dieſen Gärten wegen Geſchäften angekommen ſind, welche mit der Liebe nichts gemein haben. Ich werde euch durch einen anderen Gang hinausbringen, als welchen wir beim Hereinkommen eingeſchlagen haben. Indeſſen zweifle ich, daß es euch gefällt, den vernünftigſten Vorſchlag einzugehen. Und worin beſteht dieſer? Euren Beutel, ſelbſt wenn dieſes euer ganzes Ver⸗ mögen wäre, ſollt ihr irgend einem armen Faͤhrmaun geben, damit er euch auf die andere Seite des Bos⸗ phorus ſchaffe; ihr ſollt ſchnell eure Klagen vor Gott⸗ fried von Bouillon und vor die Freunde bringen, welche ihr unter den Kreuzfahrern haben koͤnnt; ihr ſollt, 37 wie ihr es leicht könnt, eine hinreichende Anzahl von ihnen uͤberreden, mit euch hierher zurückzukehren und die Stadt mit einem augenblicklichen Angriffe zu be⸗ drohen, wofern der Kaiſer euch nicht eure, höchſt un⸗ gerechter Weiſe zurückgehaltene Gemahlin zurückgibt, und nicht durch ſein Machtwort dieſen unvernuͤnftigen und unnatürlichen Kampf verhindert. Wie! du willſt, ich ſoll die Kreuzfahrer erſuchen, ein Gefecht zu verhindern, das geſetzlich vorgeſchlagen und angenommen worden iſt? Glanbſt du, Gottfried von Bynillon würde ſich von ſeiner Pilgerfahrt wegen einer ſo unwürdigen Abſicht abbringen laſſen? Glaubſt du, daß die Gräfin von Paris einen Schritt billige, der auf ewig ihre Ehre beflecken würde, durch den Bruch einer Verbindlichkeit, welche nach ihrer eige⸗ nen Herausforderung eingegangen worden iſt? Nim⸗ mermehr. In dieſem Falle reicht mein Verſtand nicht aus: denn ich vermag keinen Ausweg zu erdenken, dem nicht auf eine oder die andere Weiſe durch eure tollen und überſpannten Begriffe entgegen gearbeitet wird. Hier iſt ein Mann, welchen die niedrigſte Hinterliſt in die Hände ſeiner Feinde gebracht hat; ſeine Frau iſt das Opfer eines ähnlichen Kunſtgriffes, welcher ihr Leben und ihre Ehre in Gefahr ſetzt; und doch hält er es fur nöthig, hinſichtlich dieſer nächtlichen Verführer dieſelben Regeln zu beobachten, welche nur ſein Be⸗ tragen gegen die ehrenvollſten Männer leiten ſoliten! 38 Du ſagſt eine traurige Wahrheit, Wäringer. Aber mein Wort iſt das Sinnbild meiner Treue. Wenn ich es einem treuloſen und ehrloſen Menſchen gebe, ſo begehe ich eine Unklugheit; aber wenn ich es breche, nachdem ich es einmal gegeben habe, ſo iſt dieſes eine entehrende Handlung und ein Flecken, welcher nie aus meinem Wappen verwiſcht werden kann. Seyd ihr alſo Willens, die Ehre eurer Frau dem Schickſal eines ungleichen Kampfes auszuſetzen? Gott und alle Heiligen mögen dir einen ſolchen Ge⸗ danken verzeihen! Ich werde dieſem Kampfe beiwoh⸗ nen, wenn nicht mit ſo viel Frende, doch wenigſtens mit ſo viel Vertrauen als ich je hatte, wenn ich eine Lanze brechen ſah. Wenn Brunhilde durch einen Un⸗ fall oder einen Verrath beſiegt wird, denn Brunhilde von Aspramont kann nicht von einem ſolchen Gegner beſiegt werden, ſo trete ich in die Schranken, nenne den Cäſar öffentlich was er iſt: einen ruchloſen Boͤſe⸗ wicht; ich beweiſe die Ehrloſigkeit ſeines Betragens von Anfang bis zu Ende; ich berufe mich auf alle edlen Herzen, welche mich hören können; und dann mag Gott das gute Recht beſchützen! Hereward ſchwieg einen Augenblick, und ſchüttelte den Kopf.— Alles Das, ſagte er alsdann, würde thunlich ſein, wenn der Kampf vor euren Landsleuten vorginge, oder ſelbſt bei der Meſſe! wenn die Waͤrin⸗ ger die Wache in den Schranken hätten; aber Ver⸗ räthereien jeder Art ſind den Griechen ſo vertraut, 30 daß ich zweiſle, ob ſie das Betragen ihres Cäſars aus einem anderen Geſichtspunkte betrachten würden, als dem einer ganz natürlichen Kriegsliſt der Liebe, welche ſehr verzeihlich waͤre und weder Schande noch Strafe verdient. Der Himmel möge einem Volke, das über eine ſol⸗ che Schändlichkeit lachen kann, im Augenblicke der höchſten Noth ſein Mitleiden verſagen, wann das Schwert in den Händen ſeiner Krieger zerbrochen ſein wird, und ſeine Weiber und Töchter, von wilden und erbarmungsloſen Feinden ergriffen, Schreie des Ent⸗ ſetzens ausſtoßen werden. Hereward ſah ſeinen Gefährten an, deſſen glühende Wangen und blitzende Augen die Begeiſterung bewieſen, welche ihn fortriß. Ich ſehe, daß euer Entſchluß feſt ſteht, ſagte er, und wenn er eine Tollheit iſt, ſo kann man wenig⸗ ſtens nicht läugnen, daß es eine heldenmuͤthige iſt; doch einerlei! ſchon lange bietet das Leben dem Wä⸗ ringer Flüchtling nur einen Kelch der Leiden dar. Der Morgen ſieht ihn traurig das Lager verlaſſen, wor⸗ auf er ſich am vorhergehenden Abend niedergelegt hat, müde eine Söldlingswaffe in fremdem Dienſte zu füh⸗ ren. Er hat oftmals gewünſcht ſein Leben für eine ehrenwerthe Sache zu verlieren; und diejenige, wel⸗ che ſich jetzt darbietet, berühret die Ehre in ihrem in⸗ nerſten Heiligthume. Sie ſtimmt außerdem mit mei⸗ nem Vorhaben überein, den Kaiſer zu retten„ wozu 40 der Sturz ſeines undankbaren Eidams viel beitragen wird. Nun wohl! Herr Graf, fuhr er fort ſich zu dem Kreuzfahrer wendend: da ihr in dieſer Angele⸗ genheit am meiſten betheiligt ſeyd, ſo will ich euren Gruͤnden nachgeben; aber ich hoffe, ihr werdet mir er⸗ lauben, eure Hitze durch einige einfachere und weni⸗ ger ausſchweifende Rathſchläge zu mäßigen. Z. B., eure Entweichung aus den Gefängniſſen des Blaker⸗ nal muß bald bekannt werden. Ich ſelbſt muß aus Klugheit zuerſt davon Nachricht geben, denn ſonſt könnte der Verdacht auf mich fallen. Wo wollt ihr ench nun verbergen? denn ganz gewiß wird man euch überall und zwar mit großer Sorgfalt ſuchen. In dieſer Hinſicht, antwortete der Graf von Paris, muß ich mich gänzlich auf deinen Rath verlaſſen, und ich bin dir für jede Lüge verpflichtet, welche du für noͤthig erachten kannſt für mich auszuſinnen und zu machen: nur bitte ich dich es ſo wenig als moͤglich zu thun, da dieſes eine Münze iſt, die ich ſelbſt nie⸗ mals verfertigte. Herr Ritter, erwiederte Hereward, erlaube mir, dir zuvor zu ſagen, daß kein Ritter, der je das Schwert umgegürtet hat, mehr Selave der Wahrheit iſt, wenn man mit ihm wahr iſt, als der arme Soldat, welcher mit dir ſpricht. Aber wenn der Erfolg unſeres Thei⸗ les erheiſcht, keine Offenheit zu zeigen, ſondern die Klugheit durch Liſt einzuſchläfern, und ihre Nerven durch betäubende Mittel zu erſchlaffen, ſo können auch 41 diejenigen, welche ſich kein Gewiſſen daraus machen würden, mich auf alle Weiſe zu betrügen, nicht hoffen, von mir eine gute und geſetzliche Münze zu erhalten, während ſie mich alſo in ſchlechter bezahlen. Für jetzt mußt du in meinem niedrigen Zimmer verborgen blei⸗ ben, in der Caſerne der Wäringer, worin man dich am wenigſten ſuchen wird. Hülle dich in deinen Man⸗ tel und folge mir. Jetzt wo wir dieſe Gärten ver⸗ laſſen werden, kannſt du mich begleiten, ohne Verdacht zu erregen, als ein Soldat in der Folge ſeines Offi⸗ ziers; denn wiſſe, edler Graf, daß wir Wäringer eine Art von Leuten ſind, welche die Griechen weder lange noch feſt anzuſehen ſuchen. 37 Sie langten alsbald an der Thüre an, wodurch die Negerin ſie eingelaſſen hatte, und Hereward, welchem man, wie es ſcheint, die Mittel anvertraut hatte, aus den Gaͤrten des Philoſophen, zu gehen, obwohl er nicht hineinkommen konnte ohne die Hülfe der Pfört⸗ nerin, holte einen Schlüſſel hervor, welcher das Schloß von Innen aufſchloß; darauf befanden ſie ſich im Freien; ſie eilten alsdann durch die Stadt, indem ſie entle⸗ gene Wege nahmen, wobei Hereward vorausging und der Graf ihm in gänzlicher Stille und ohne irgend eine Widerrede folgte. Sie blieben vor der Thüre der Caſerne der Wäringer ſtehen. Eilt euch, ſagte die Schildwache, welche auf dem Po⸗ ſien ſtand; das Mittageſſen iſt ſchon aufgetragen. Dieſe Nachricht wurde von Hereward mit Vergnügen 42 aufgenommen, welcher ſehr befürchtete, man möchte ſeinen Begleiter anhalten und ausfragen. Er führte ihn auf einer heimlichen Treppe in ſein Zimmer, und ließ ihn in eine kleine Kammer treten, wo ſein Knappe ſchlief. Er machte ihm alsdann ſeine Entſchuldigungen, daß er ihn auf einige Zeit allein ließ, und verſchloß dann beim Hinausgehen die Thüre doppelt,— aus Furcht, wie er ſagte es möge einem ungeladenen Gaſte einfallen, hereinzukommen. Der Graf Robert war zu freimuͤthig, als daß der boͤſe Geiſt des Mißtrauens leicht ſein Herz einneh⸗ men konnte; indeſſen floͤßte ihm doch die von dem Wäringer genommene Vorſicht einige unangenehme Betrachtungen ein. Es iſt mir durchaus noͤthig, daß dieſer Menſch mir tren bleibt, ſagte er zu ſich: denn ich habe ihm ein großes Vertrauen bewilligt und wenige Soͤldlinge moͤch⸗ ten an ſeiner Stelle daſſelbe ehrenwerth erwiedern: Wer kann ihn abhalten, dem Oberoffizier der Wache anzuzeigen, daß der franzoͤſiſche Gefangene, der Graf Robert von Paris, deſſen Gemahlin verſprochen hat, ſich in den Schranken gegen den Cäſar zu ſchlagen, dieſen Morgen aus den Gefaͤngniſſen des Blakernal entwiſcht iſt, aber ſich Mittags hat übertolpeln laſſen und von Neuem in der Caſerne der Wäringer Leib⸗ wache gefangen ſitzt?— Was habe ich fuͤr Vertheidi⸗ gungsmittel, wenn ich von dieſen Söldlingen entdeckt werde?— Bei der Gunſt unſerer lieben Fran von den 45 gebrochenen Lanzen ich habe Alles gethan, was man von einem Manne verlangen kann. Ich habe einen Tiger im Zweikampf erſchlagen. Ich habe einen Ge⸗ faͤngnißwaͤchter getoͤdtet. Ich habe ein rieſenhaftes Geſchöpf, das ihn vertheidigte, gebändigt. Ich habe ſoviel Beredtſamkeit gezeigt, daß ich dieſen Wäringer, wenigſtens ſcheinbar, in mein Intereſſe zog. Doch Alles das vermag mir noch nicht die Hoffnung zu ge⸗ ben, daß ich lange zehn oder zwoͤlf ſolcher verwegenen Geſellen, wie mir dieſe Rindfleiſchfreſſer zu ſeyn ſchei⸗ nen, widerſtehen koͤnnte, wenn ſie von einem tollen Kerl mit Nerven und Muskeln, wie die meines bis⸗ herigen Gefaͤhrten ſind, gegen mich geführt wuͤrden Pfui, Robert! ſolche Gedanken ſind eines Abkoͤmmlings von Karl dem Großen unwürdig. Wann haſt du es je in der Art gehabt deine Feinde zu zaͤhlen? Seit wann haſt du dich an Mißtrauen gewoͤhnt? Wer ſich rühmen darf ein zum Betruge unfaͤhiges Herz zu ha⸗ ben, muß ehrenhalber auch am ſpaͤteſten Andere deſſen verdaͤchtig halten. Dieſer Waͤringer hat ein offenes Geſicht; er zeigt in der Gefahr eine bewundernswerthe Faltblütigkeit; er ſpricht mit mehr Offenheit und Frei⸗ müthigkeit, als je ein Verraͤther hat thun koͤnnen. Wenn er mich hintergeht, ſo darf man ſich nicht mehr auf die Hand der Natur verlaſſen, denn ſie hat auf ſeine Stirne das Gepräge der Wahrheit, der Redlich⸗ keit und Tapferkeit gedrückt. Während Graf Robert alſo über ſeine Lage nach⸗ 44 dachte, und den Argwohn bekämpfte, welcher in ihm durch die Ungewißheit, worin er ſich befand, entſtan⸗ den war, begann er gewahr zu werden, daß er ſeit vielen Stunden nichts zu ſich genommen hatte, und mitten unter ſeinen Beſorgniſſen heldenmuͤthigerer Art fing er an zu argwöhnen, daß man den Plan hätte, zu erwarten, bis der Hunger ſeine Kräfte verzehrt hätte, um ihn alsdann in ſeinem Zimmer anzugreifen. um zu ſehen, ob dieſer Verdacht ungerecht oder ver⸗ dient war, thun wir am beſten, wenn wir dem Here⸗ ward auf ſeinen Wanderungen folgen, die er nach ſei⸗ nem Austritte aus ſeinem Zimmer in der Caſerne vornahm. Nachdem er in der Eile ſein Mittageſſen eingenommen hatte, wobei er einen großen Hunger zeigte, um durch die Aufmerkſamkeit, welche er ſei⸗ nem Mahle ſchenkte, der Antwort auf! Fragen überhoben zu ſein, und nicht mit ſeinen meraden in Unterredung zu kommen, verließ er ſie unverzüglich, unter dem Vorwande eines dringenden Amtsgeſchäf⸗ tes, und begab ſich in die Wohnung des Achilles Ta⸗ tius, welche gleichfalls in dem Bereiche der Caſernen lag. Ein Syriſcher Sclave, welcher ihm die Thüre öffnete, machte vor Hereward eine tiefe Verbeugung, weil er wußte, daß er in der Gunſt des Akoluthos ſehr hoch ſtand, und verkündigte ihm, daß ſein Herr ausgegangen wäre, daß er ihm aber aufgetragen hätte, ihm zu ſagen, daß wenn er den Akoluthos nothwen⸗ 45 dig ſprechen müßte, er ihn in den Gärten des Philo⸗ ſophen finden könnte. Hereward, welcher vollkommen Conſtantinopel kannte, wählte den kürzeſten Weg, und befand ſich bald allein vor der Gartenthüre, durch welche er am Morgen mit dem Grafen von Paris eingetreten war. Er klopfte an wie das vorige Mal, und dieſelbe Negerin erſchien auf der Stelle. Als er nach Achilles Tatius fragte, autwortete ſie ihm in etwas bitterem Tone: Da ihr dieſen Morgen hier waret, ſo wundert es mich, daß ihr ihn nicht geſehen, oder ihn nicht erwar⸗ tet habt, wenn ihr etwas mit ihm zu thun hattet. Ich bin gewiß, daß der Akoluthos bald nach eurer An⸗ kunft nach euch gefragt hat. Was geht das dich an, Alte? ſagte der Wäringer. Ich habe von meinen Handlungen nur meinem Be⸗ fehlshaber, und nicht dir, Rechenſchaft zu geben. Er trat in den Garten, ohne durch den ſchattigen Gang zu wandeln, welcher zum Luſthauſe der Liebe führte, wie das kleine Gebäude genannt wurde, bei welchem er die Unterredung zwiſchen dem Cäſar und der Grä⸗ fin von Paris gehört hatte, und kam vor einem ein⸗ fachen und beſcheidenen Hauſe an, deſſen demüthige Vorderſeite anzukündigen ſchien, daß dieſes die Woh⸗ nung der Philoſophie und der Wiſſenſchaft wäre. Als er daran vorbeiging, machte er vor den Fen⸗ ſtern einiges Geräuſch, um die Aufmerkſamkeit des Achilles Tatius, oder ſeines Mitſchuldigen Agelaſtes, — 46 ie nachdem es der Zufall wollte, auf ſich zu ziehen. Der Erſtere hörte ihn und antwortete ihm; alsdann kam ein großer Helmbuſch zur Thüre heraus, weil ſich derjenige, der ihn trug bücken mußte, um durch die kleine Eingangsthüre herauszutreten, und die gewal⸗ tige Geſtalt des Akoluthos trat in den Garten.— Nun, unſer treuer Wächter, ſagte er zu ihm, welchen Bericht haſt du uns zu einer ſolchen Stunde des Ta⸗ ges zu machen? Du biſt unſer Freund, der achtbarſte unſerer Soldaten, und deine Botſchaft muß wichtig ſeyn, da du ſie ſelbſt zu einer ſo ungewöhnlichen Stunde überbringeſt. Der Himmel gebe, antwortete Hereward, daß die Neuigkeit, welche ich euch zu bringen habe, euren Dank verdiene. Gut oder ſchlecht, ſage mir ſie auf der Stelle; du ſprichſt mit einem Manne welchem die Furcht unbe⸗ kannt iſt, ſagte der Akoluthos. Aber ſein Auge, wel⸗ ches kaum den Soldaten gerade anzuſehen wagte,— die Farbe ſeiner Wangen, welche beſtändig wechſelte, — ſeine Hände, welche ſehr ungeſchickt den Gurt ſei⸗ nes Säbels zurechtrichteten, Alles verrieth eine ganz andere Stimmung als welche ſein großſprecheriſcher Ton anzukünden ſchien.— Muth gefaßt mein treuer Soldat! fuhr er fort; welche Nachricht haſt du? du kannſt mir keine ſo traurige Nachricht bringen, welche ich nicht zu ertragen vermöchte. Kurz alſo, fuhr der Wäringer fort, Ew. Tapfer⸗ 47 keit hat mich dieſen Morgen beauftragt, den Dienſt eines Rundenführers in den Gefängniſſen des Blaker⸗ nal⸗Pallaſtes zu verſehen, worin jener alte Verräther, der blinde Urſel gefangen ſitzt, und in welchem man gleichfalls den ungeſtuͤmen Grafen von Paris gewor⸗ fen hat. Ich erinnere mich deſſen ſehr wohl.— Was weiter? Als ich in einer Kammer über den Gefängniſſen ausruhte, hörte ich unter mir ein ſeltſames Geſchrei, welches meine Aufmerkſamkeit erregte. Ich eilte mich, die Urſache davon kennen zu lernen, und wie groß war mein Erſtaunen, als ich in das Gefängniß hinab⸗ ſah, und, obſchon ich wegen der Dunkelheit nichts ge⸗ nau unterſcheiden konnte, Klagelaute hörte, welche mich glauben ließen, daß der Waldmenſch, das Thier Syl⸗ van, welchem unſere Soldaten das Verſtändniß unſerer ſächſiſchen Sprache beigebracht haben, ſo daß es zum Dienſte der Gefängniſſe tauglich geworden iſt, eine ſchwere Wunde bekommen hatte. Ich ſtieg mit einer Fackel hinab, und fand das Bett, auf welchem der Gefangene die vorige Nacht gelegen hatte, in Aſche verwandelt; den Tiger, welchen man in geringer Ent⸗ fernung von ſeinem Bette angebunden hatte, todt mit mehr zu ſehen. Ich bemerkte, daß ein mityleniſcher Soldat, welcher auf dieſem Poſten die Wache hatte, 48 bei ſeinem Hinabſteigen in das Gefängniß alle Riegel geöffnet hatte; und da ich ihn nach vielem Suchen todt, und zwar von einem einzigen Dolchſtich in die Kehle ermordet fand, ſo mußte ich glauben, daß wäh⸗ rend ich das Gefängniß unterſuchte, dieſer Graf Ro⸗ bert, deſſen verwegenes Gemuͤth ein ſolches Abenteuer nur zu gut erklaͤrt, durch die Fallthüre entſchlüpft iſt vermittelſt der Leiter, auf welcher ich hinabgeſtiegen war. Und warum haſt du nicht auf der Stelle über Ver⸗ rath und nach Huͤlfe geſchrieen? Ich wagte es nicht ohne den Befehl Ew. Tapferkeit zu thun. Der ſchreckenvolle Ruf von Verrath und die verſchiedenen Unruhen, welche er wahrſcheinlich in die⸗ ſem Augenblicke erregen würde, hätten ſo genaue Un⸗ terſuchungen veranlaſſen können, daß Dinge an den Tag gekommeu wären, wodurch vielleicht auf dei Ako⸗ luthos ſelbſt Verdacht gefallen wäre. Du haſt Recht, ſagte Achilles Takius mit leiſerer Stimme; indeſſen dürfen wir nicht länger die Flucht dieſes wichtigen Gefangenen zu verbergen ſuchen, wenn wir nicht für ſeine Mitſchuldige gelten wollen. Wohin denkſt du, daß ſich dieſer unglücktiche ge flüchtet haben mag2 Das hoͤffte ich gerade von eurer Weisheit zu erfah⸗ ven, welche tiefer als die meinige iſt. 3 Meinſt du nicht, daß er über den B sphorus ge⸗ gangen ſeyn kann, um ſich mit ſeinen Soldaten un Mitgenoſſen zu vereinigen? 49 Das iſt ſehr zu fürchten. Wenn der Graf anf den Rath irgend Jemandes hörte, welcher mit dem Lande wohl bekannt iſt, ſo würde er unfehlbar dieſen Weg einſchlagen. 63. Die Gefahr, daß er an der Spitze einer fränkiſchen Schaar zuruͤckkommen könnte, um ſich zu rächen, iſt indeſſen nicht ſo nahe, als ich anfangs beſorgte: denn der Raiſer hat beſtimmten Befehl gegeben, daß die Fahrzeuge und Galeeren, welche geſtern die Kreuzfah⸗ rer auf die aſiatiſche Küſte gebracht haben, an unſere Küſte zurückkehren und keinen Einzigen von der Stelle zurückbriugen ſollen, wohin er einmal gefuͤhrt worden iſt.— Uebrigens haben alle Kreuzfahrer,— das heißt ihre Anführer,— vor ihrer Ueberfarth das Gelübde gethan, keinen Fuß breit zurückzugehen, da ſie jetzt ganz glücklich auf dem Wege nach Paläſtina ſind. In dieſem Falle, ſagte Hereward, iſt eines von Beidem wahr: entweder befindet ſich Graf Robert auf dem öſtlichen Ufer der Meerenge ohne irgend ein Mit⸗ tel mit ſeinen Gefährten zurückzukommen, um ſich we⸗ gen ſeiner Behandlung zu rächen, und man kann ihm alſo ungeſtraft Trotz bieten; oder er iſt irgendwo in Conſtantinopel verborgen, ohne Freunde, ohne daß irgend Jemand ſich ſeiner annehmen, oder ihm zu der öffentlichen Bekanntmachung ſeiner vorgeblichen Be⸗ ſchwerden behülſlich ſeyn wollte. In einem wie dem andern Falle ſcheint es mir unklug, in dem Pallaſte die Nachricht von ſeiner Entweichung auszuplaudern; W. Scott's ſämmtl. Werte. 1678 Boch. 4 50 denn ſie würde nur den Hof in Aufregung bringen, und könnte dem Kaiſer viele Verdachtsgründe geben. Doch es kommt nicht einem unwiſſenden Barbaren, wie ich bin, zu, Ew. Tapferkeit und Ew. Weisheit den einzuſchlagenden Weg anzugeben, und der weiſe Agelaſtes ſcheint mir hier ein Führer zu ſeyn, der einen beſſern Rath zu geben vermöchte. Nein, nein, nein! ſagte der Akoluthos mit leiſer aber bewegter Stimme; der Philoſoph und ich, wir ſind zwar ſehr gute Freunde, ja ergebene und durch gegenſeitige Verpflichtungen eng verbundene Freunde; aber wenn es ſo weit kommen ſollte, daß einer von uns den Kopf des Andern vor die Stufen des kaiſer⸗ lichen Thrones werfen müßte, ſo glaube ich, wirſt du mir nicht rathen, daß ich, deſſen Haar noch nicht die geringſte Silberfarbe hat, zuletzt dieſe Gabe darbrin⸗ gen ſoll. Darum wollen wir von dieſem Vorfalle Nichts ſagen, doch geben wir dir unumſchränkte Vollmacht, und befehlen dir ſelbſt ganz beſonders, den Grafen von Paris aufzuſuchen, ihn todt oder lebendig in unſer Kriegsgefängniß einzuſchließen, und mir ſogleich Nach⸗ richt zu geben, wenn dir dieß gelungen iſt. Ich habe dann Mittel genng, um mir ihn zum Freunde zu machen, indem ich ſeiner Frau mit Hülfe der Streit⸗ ärte meiner Waͤringer aus der Gefahr ziehe. Was vermag ihnen in dieſer Hauptſtadt zu widerſtehen? Nichts, wenn ſie für eine gerechte Sache erhoben ſind. . 31 Ha!— was ſagſt du da?— was willſt du damit ſagen?— doch ich verſtehe dich. Du wünſcheſt von deinem Befehlshaber beſondere und amtliche Vollmach⸗ ten für alle Theile des dir aufgetragenen Dienſtes zu haben. So muß ein verſtändiger Soldat denken; und als dein Oberhaupt halte ich es fuͤr meine Pflicht, deine Gewiſſenszweifel zu heben. Du ſollſt alſo eine beſondere Vollmacht mit unumſchraͤnkter Gewalt be⸗ kommen, um dieſen fremden Grafen aufzuſuchen und einzukerkern.— Und höre mich, mein trefflicher Freund, ſetzte der Akoluthos nicht ohne etwas Zagen hinzu.— Ich glaube du thäteſt wohl daran, dich zurückzuziehen, und deine Nachforſchungen anzufangen oder vielmehr fortzuſetzen. Es iſt unnütz unſereu Freund Agelaſtes von dem Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen, ſo lange ſetn Rath uns nicht noͤthiger wird als in dieſem Augen⸗ blicke.— Gehe gleich nach den Kaſernen zurück. Wenn er gerne wiſſen will, warum du hierhergekommen biſt, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt bei einem argwöhniſchen Greiſe, ſo werde ich ihm etwas vorſchwatzen. Kehre alſo zur Kaſerne zurück, ſage ich dir, und handle, als ob du die unumſchränkteſte und vollſtändigſte Vollmacht hätteſt. Ich werde dir eine ausſtellen, ſobald ich nach Hauſe komme. Der Wäringer begab ſich unverzuglich auf den Weg zu den Kaſernen. Iſt es nicht ſeltſam, ſagte er zu ſich ſelbſt, und könnte es nicht einen Menſchen auf ſein ganzes Leben ———— 52 zum Schurken machen, wenn man ſieht, wie ſehr der Teufel einen jungen Anfaͤnger auf der Bahn der Falſch⸗ heit begünſtiget! Ich habe eine grobe Lüge geſagt, oder ich habe mich wenigſtens mehr von der Wahrheit ent⸗ fernt, als je ſonſt in meinem ganzen Leben: und was iſt die Folge davon? mein Befehlshaber wirft mir eine Vollmacht faſt an den Kopf, welche mir fuͤr Al⸗ les, was ich gethan habe, und für Alles, was ich noch thun werde, als Gewähr und Schutz dient! Wenn der Teufel immer ſo gut ſeine Diener beſchätzte, ſo ſcheint es mir, hätten ſie wenig Grund ſich uͤber ihn zu be⸗ klagen, und die ehrlichen Leute brauchten ſich nicht zu wundern, warum die Zahl der Schlechten ſo groß iſt. Indeſſen kommt eine Zeit, wie man ſagt, wo er ſie gewiß verlaͤßt. Weiche daher von mir, Satanas! Wenn auf einen Augenblick ich das Ausſehen gehabt habe, dir zu dienen, ſo geſchah es mit ehrlichen und chriſtlichen Abſichten. Während er dieſen Gedanken nachhing, warf er ei⸗ nen Blick zurück, und ſah mit Ueberraſchung ein Weſen von menſchlicher Geſtalt, nur größer und mit Ausnah⸗ me des Geſichtes ganz mit röthlichbraunen Haaren be⸗ deckt. Trotz ſeiner Häßlichkeit hatten ſeine Züge den Ausdruck des Trübſinnes. Eine ſeiner Hände war mit Leinwand verbunden und ſeine traurige und ſchmach⸗ tende Miene verrieth ſein Leiden. Hereward war der⸗ geſtalt in ſeine Betrachtungen verſunken, daß er An⸗ fangs glaubte, ſeine Einbildungskraft hätte wirklich 53 den Teufel herbeigerufen. Indeſſen nach einem augen⸗ blicklichen Schauder der Ueberraſchung erkannte er ſei⸗ nen alten bekannten Sylvan.— Ah! mein alter Freund, ſagte er, es freut mich, daß du nach deinem Entwi⸗ ſchen an einen Ort gekommen biſt, wo du Früchte im Ueberfluß zu deiner Nahrung findeſt.— Aber glaube nir, laſſe dich nicht entdecken!— Folge dem Rathe eines Freundes; Der Waldmenſch antwortete auf dieſe Rede mit ei⸗ nigen unverſtändlichen Tönen. Ich verſtehe dich, ſagte Hereward. Du willſt ſagen, daß du nicht den Angeber machen willſt; und meiner Treu! ich habe mehr Vertrauen auf dich, als auf den größten Theil meines eigenen zweibeinigen Geſchlech⸗ tes, deſſen ewiges Geſchäft es iſt, ſich unter einander zu betrügen und zu ſchaden. Bald darauf, als Hereward den Orang⸗Outang aus dem Geſichte verloren hatte, vernahm er einen Aus⸗ ruf des Schreckens. Dieſe Stimme mußte einen ganz beſonderen Reiz für den Waͤringer haben: denn er vergaß ſeine gefährliche Lage, und kehrte auf der Stelle zurück, um derjenigen zu Hülfe zu eilen, welche deren ſo ſehr bedürftig ſchien. Zwanzig ſtes Kapitel. Sie kommt! Sie korant! in holder Iugend Glanz In hoͤchſter Lieb' und reiner Treue ganz! Hereward war nicht lange durch das Gebüſch in der Richtung, woher das Geſchrei kam, gelaufen, als ein Weib ſich in ſeine Arme ſtürzte, das, wie es ſchien, vor Sylvan erſchrocken floh, welcher es ganz nahe ver⸗ folgte. Als aber der Waldmenſch den Hereward mit erhobener Axt ſah, blieb er auf der Stelle ſtehen und verſchwand mit einem wilden Schrei des Schreckens im dichteſten Gebüſche. Als Hereward ſeiner los war, hatte er Zeit, das Weib zu betrachten, welches er gerettet hatte. Sie trug Kleider von verſchiedenen Farben, worunter das Blaßgelbe vorherrſchte. Ihr Leibrock hatte dieſe Farbe, und ſchloß ſich an ihre Geſtalt wie ein neumodiſches Gewand an. Sie war groß und wohlgeſtaltet. Ihr Mäntelchen oder Oberkleid von ſehr feinem Tuche um⸗ hülite ſie gaͤnzlich, doch da die daran befindliche Kaputze in Folge ihrer ſchnellen Flucht zurückgefallen war, ſo ließ ſich ihr ſorgfältig in Zöpfe geflochtenes Haar ſe⸗ 55 hen, und zeigte den Kopfputz der Natur. Darunter erſchien ein todtenbleiches Geſicht, das aber mitten im Schrecken noch eine bewundernswerthe Schönheit behielt. Dieſe Erſcheinung war für Hereward ein Donner⸗ ſchlag; denn die Tracht war nicht griechiſch, nicht ita⸗ lieniſch, nicht fränkiſch; ſie war ſächſiſch, und daran knüpften ſich tauſend zarte Erinnerungen aus der Kind⸗ heit und den Jünglingsjahren des Hereward. Dieß war eine ungewoͤhnliche Erſcheinung fuͤr ihn. Zwar gab es in Conſtantinopel ſaͤchſiſche Weiber, welche dem Geſchicke der Wäringer gefolgt warenz und dieſe zogen es oft vor, in dieſer Stadt in ihrer Volkstracht zu erſcheinen, weil ihnen die Stellung und das Benehmen ihrer Maͤnner einen Grad von Achtung ſicherte, den ſie ſonſt weder als Griechinnen, noch als Fremde hät⸗ ten erhalten können; aber Hereward kannte ſie faſt alle perſönlich. Doch war dieſes nicht der Angenblick, um ſich Tränmereien hinzugeben,— er war ſelbſt in einer mißlichen Lage;— der Zuſtand der Sächſin konnte gefährlich ſeyn;— ſie lag in Ohnmacht.— Auf jeden Fall war es gerathener, den beſuchteren Theil der Gärten zu verlaſſen. Er trug daher, ohne einen Augenblick zu verlieren, das Mädchen in einen Schlupfwinkel, welchen er glücklicher Weiſe kannte. Ein verdeckter und durch hohes Gebüſch unſichtbarer Fußpfad führte ihn durch mancherlei Verſchlingungen in eine künſtliche Grotte; dieſe war mit Muſcheln, mit Moos und mit Spath ausgeſchmückt und in ih⸗ 56 rem Hintergrunde lag eine rieſenhafte Bildſätle einer Flußgöttin ausgeſtreckt, welche ihre gewöhnlichen Zei⸗ chen hatte, das heißt ihre Stirne war mit Seeblu⸗ men und Schwertlilien umkränzt, und ihre gewaltige Hand auf eine leere Urne geſtützt. Die Lage der Bild⸗ ſäule paßte vollkommen zu ihrer Inſchrift:— Ich ſchlafe;— erwecke mich nicht! Verfluchtes Ueberbleibſel des Heidenthums, ſagte Hereward, welcher im Verhältniſſe ſeiner Kenntniſſe ein eifriger Chriſt war, ich will dich auf eine gute Art wecken, elender Holz⸗ oder Steinklotz der du biſt! Bei dieſen Worten ſchlug er mit einem einzigen Hiebe ſeiner Streitart den Kopf der Göttin herunter, und brachte das Spiel des Springguelles dergeſtalt in Un⸗ ordnung, daß das Waſſer anfing in die Urne zu fallen. Du biſt doch trotz dem ein guter Teufel von einem Klotz, ſagte der Wäringer, da du ſo zu gelegener Zeit meiner armen Landsmännin Hülfe ſchickeſt. Doch, mit deiner Erlaubniß, ſollſt du ihr auch einen Theil von deinem Lager einräumen. Vei dieſen Worten legte er das Mädchen, welche den Gebranch ihrer Sinne noch nicht wieder bekommen hatte, auf das breite Fußge⸗ ſtelle, welches der Göttin zum Lager diente. Während dieſer Zeit ruhte ſeine Aufmerkſamkeit auf den Zügen der Sächſin, und er empfand eine ſo lebhafte aus Hoff⸗ nung und Furcht gemiſchte Gemüthsbewegung, daß ſie nur mit dem ſchwankenden Lichte einer Fackel zu ver⸗ gleichen war, bei welcher es zweifelhaft iſt, ob ſie wie⸗ der aufflackern oder gänzlich erloͤſchen wird. Nur mit einer Art rein mechaniſcher Aufmerkſamkeit machte er noch fortwährend alle erdenklichen Anſtrengungen, um ſeiner ſchönen Ländsmännin den Gebrauch ihrer Sinne wieder zu geben. Er empfand dieſelben Gefühle, wie ein weiſer Sternſeher, welchen der Aufgang des Mon⸗ des von Neuem dieſen Himmel betrachten läßt, welcher zugleich die Hoffnung ſeiner Glückſeligkeit als Chriſt, und die Quelle ſeiner Kenntniſſe als Philoſoph iſt. Endlich kehrte das Blut wieder belebend in die Wan⸗ gen der jungen Sächſin zurück, und ihre Erinnerung kam ihr ſelbſt ſchneller wieder, als dem von Staunen erſtarrten Wäringer⸗ Heilige Marie! ſchrie ſie; habe ich wirklich den letz⸗ ten Kelch des Leidens geleert, und vereinigſt du hier nach ihrem Tode diejenigen, welche dich während ihres Lebens geehrt haben?— Sprich, Hereward!— Wenn du etwas anderes biſt als ein von meiner Einbildungs⸗ kraft geſchaffenes Trugbild, ſprich, und ſage mir ob ich getrͤnmt habe, als ich einen entſetzlichen wilden Mann ſah? Veruhige dich, meine thenre Bertha, ſagte der An⸗ gelſachſe, welcher durch den Klang ihrer Stimme wie⸗ der zu ſich ſelbſt kam; und bereite dich vor zu ertra⸗ gen, was um uns vorgeht; du lerne es ſehen, ich werde es dir erzählen.— Dieſes ſcheußliche Weſen lebt;— aber erſchrick nicht davor und entfliehe nicht ———————— 58 vor ihm: ſo zart deine Hand iſt, ſo vermöchte ſie doch, nur mit einer Gerte bewaffnet, ſeinen Muth zu er⸗ ſchüttern.— Außerdem bin ich nicht bei dir, Bertha? Kannſt du noch einen andern Beſchützer wünſchen? Nein, nein! rief ſie, in die Arme ihres wiederge⸗ fundenen Geliebten ſtürzend. Ich erkenne dich ja jetzt wieder. Und erſt jetzt erkennſt dn mich wieder, Bertha? Ich vermuthete es ſchon vorher, antwortete ſie mit niedergeſchlagenen Angen; aber jetzt erkenne ich mit Beſtimmtheit dieſe Narbe von den Eberzähnen. Hereward ließ ihre Einbildungskraft von dein ſo plötzlich erlittenen Stoße ſich erholen, bevor er zu ihr von den gegenwärtigen Ereigniſſen ſprach, welche ein neuer Gegenſtand des Zweifels und zerſtörender Be⸗ ſorgniſſe zu ſeyn ſchienen. Er ließ daher ihr Gedächt⸗ niß ſich aller uUmſtände von der Jagd dieſes wilden Thieres durch ihre vereinigten Stämme erinnern. Sie ſchilderte in abgebrochenen Worten den Flug der Pfeile, welche von allen Jägern beiderlei Geſchlechtes auf den Eber abgeſchoſſen wurden, und die Wunde, welche ſie ihm mit einem wohlgerichteten Geſchoße, das aber lei⸗ der von zu ſchwacher Hand kam, beibrachte. Sie ver⸗ gaß nicht die Wuth, mit welcher das Ungehener ſich auf ſeine Verwunderin losſtürzte, ihr Reitpferd töd⸗ tete, und ſie ſelbſt geopfert haben würde, wenn ſich nicht Hereward, da er ſein Roß nicht vorwärts brin⸗ gen konnte, auf die Erde geworfen und zwiſchen Bertha 59 und den Eber geſtellt hätte. Der Kaͤmpf wurde erſt nach verzweifelten Anſtrengungen beendigt. Das wü⸗ thende Thier blieb auf dem Platze, aber Hereward er⸗ hielt an der Stirne einen Stoß von ſeinen Hauern, und die Narbe dieſer Wunde half der jungen Sächſin zu ſeiner Wiedererkennung.— Ach! ſagte ſie, mas ſind wir ſeit jener Zeit geworden, und was ſind wir noch für einander in dieſem fremden Lande! Antworte für dich, wenn du es kannſt, meine theure Bertha, ſagte der Wäringer; und wenn du es kannſt, ſage in Wahrheit, ob du noch ſtets jene Bertha biſt, welche für Hereward das Gelöbniß der Liebe gethan hat. Glaube mir, es wäre eine Sünde anzunehmen, daß die Heiligen uns nur vereinigt haben, um uns noch einmal zu trennen. Hereward, antwortete Bertha, du haſt den Vogel nicht mit mehr Sorgfalt in deinem Buſen bewahrt, als ich ſelbſt. In meiner Heimath wie in der Fremde, in der Freiheit wie in der Knechtſchaft, in der Frende wie in dem Kummer, im Ueberfluſſe wie in der Noth habe ich niemals die Treue vergeſſen, welche ich dem Hereward an dem Odinsſteine ſchwur. Sprich nicht mehr davon, ſagte Hereward; das war ein gottloſer Gebrauch, und nichts gutes konnte dar⸗ aus entſpringen. War er wirklich ſo gottlos?2 fragte ſie, während eine unwillkührliche Theäne ihr großes blaues Auge benetzte. Ach! es war ein Vergnügen für mich zu den⸗ 60 daß Hereward mir durch dieſe feierliche Verpflich⸗ tung angehörte. Höre mich an, meine Bertha, ſagte Hereward, und ergriff ihre Hand. Wir waren damals noch faſt Kin⸗ der, und obwohl unſer Gelübde an ſich unſchuldig ge⸗ weſen iſt, ſo war es doch darin gottlos, daß es vor einem ſtummen Götzenbilde ausgeſprochen wurde, wel⸗ ches einen Mann darſtellte, der in ſeinem Leben ein grauſamer und blutgieriger Zauberer geweſen war. Aber ſobald die Gelegenheit dazu geeignet iſt, wollen wir jenes Gelübde vor einem wahrhaft geweihten Al⸗ tare erneuern, und dabei verſprechen eine angemeſſene Buße dafür zu thun, daß wir aus Unwiſſenheit den Odin angebetet haben, und damit wir uns den wah⸗ ren Gott geneigt machen, der uns in den Stürmen des Unglücks, welchen wir noch ausgeſetzt werden können allein zu beſchirmen vermag. Wir wollen ſie für jetzt ihre verliebte Unterhaltung mit einer ſo unſchuldigen und reinen Einfalt fortſetzen laſſen, und dagegen in wenigen Worten Alles erzäh⸗ len, was der Leſer von der Geſchichte beider wiſſen muß ſeit dem Augenblicke der Eberjagd bis zu ihrem Zuſammentreffen in den Garten des Agelaſtes. In jener unſicheren Lage, worin ſich Geächtete be⸗ finden, verſammelten gewöhnlich Waltheoff, Vater He⸗ reward's, und Engelred, Vater Bertha's, ihre unbe⸗ zwungenen Stämme bald in den furchtbaren Gefilden von Devonshire, bald in den dunklen Wäldern von 6⁴¹ Hampehire, jedoch ſtets ſoviel als möglich in einer Entfer⸗ nung, wobei ſie das Horn des berüchtigten Edrich's des Förſters hören konnten, der lange Zeit Oberhaupt der Sächſiſchen Empörer war. Die genaunten Häupt⸗ linge gehörten zu den Tapferen, welche die Unabhän⸗ gigkeit des Sächſiſchen Stammes in England aufrecht hielten; und, wie ihr Oberhaupt Edrich, waren ſie allgemein unter dem Namen der Förſter bekannt, weil ſie von dem Ertrag der Jagd lebten, wenn man ſie fand oder in ihre Wälder zurücktrieb. Dieſer Umſtand ließ ſie in der Civiliſation zurückſchreiten, und ſie glie⸗ chen wieder mehr ihren Vorfahren Germaniſchen Ur⸗ ſprungs, als das vorhergehende Geſchlecht, welches vor der Schlacht von Haſtings bedeutende Fortſchritte in der feineren Lebensbildung gemacht hatte. Der alte Aberglaube entſtand auch wieder unter ihnen, und daher kam der Gebrauch der Liebenden, ſich ihr Wort in jenen Kreiſen ungeheurer Steine zu geben, welche man dem Odin geweiht glaubte, ob⸗ wohl man ſeit langer Zeit nicht mehr denſelben Glau⸗ ben an ihn hatte wie ihre heidniſchen Voreltern. In einer anderen Beziehung nahmen dieſe Geächte⸗ ten auch ganz eigentlich einen beſonderen Gebrauch der alten Germanen an. Die Lage worin ſie ſich be⸗ fanden, ließ die jungen Leute beiderlei Geſchlechtes oft zuſammen kommen; und zufrühzeitige Ehen, oder Ver⸗ bindungen von vorübergehender Art würden die Be⸗ völkerung ſolchergeſtalt vermehrt haben, daß es un⸗ 62 möglich geworden wäre, für ihren Unterhalt zu ſor⸗ gen. Die Geſetze der Förſter verboten daher ſtrenge die Heirath eines Mannes vor ſeinem einundzwanzig⸗ ſten Jahre. Zwar machten die jungen Leute früher Heirathspläne, und ihre Eltern hatten nichts dawie⸗ der, in ſoferne ſie mit ihrer Verwirklichung ſo lange warten wollten, bis der zukünftige Gatte das vorge⸗ ſchriebene Alter erlangt hatte. Die jungen Leute, welche dieſer Vorſchrift zuwiderhandelten, wurden durch das ſchimpfliche Beiwort niddering d. h. Nichtswuͤr⸗ diger gebrandmarkt; dieſes Wort war ſo empörend, daß ſich Jünglinge lieber ſelbſt tödteten als ein von einer ſolchen Schande beflecktes Leben führen wollten. Doch war die Anzahl der Schuldigen nur ſehr gering inmitten eines Geſchlechtes, das an die Mäßigung und Unterdrückung ſeiner Begierden gewöhnt war. Daher kam es, daß das Weib, welches während ſo langer Jahren als etwas Heiliges betrachtet worden war, dann, wenn ſie ſich an die Spitze einer Familie ſtellte, mit Feuer von den Armen und dem Herzen eines Gatten empfangen wurde, der ſie ſo lange er⸗ wartet hatte; daß ſie der Gegenſtand eines waͤrmeren Gefühles war, als der gewöhnliche Abgott eines Au⸗ genblicks; und da ſie den Werth erkannte, welchen man auf ſie legte, ſo ſuchte ſie alle Handlungen ihres Lebens deſſen würdig zu maches. Nach dem Abenteuer der Eberjagd wurden Here⸗ ward und Bertha von der ganzen Bevölkerung ihrer 65 Stämme, ſowie von ihren Eltern, als Liebende be⸗ trachtet, deren Verbindung vom Himmel angedeutet wäre, und man ermunterte ſie, ſich ſo häuſig zu ſehen, als ſie ſelbſt gegenſeitig wünſchten. Die Juͤnglinge des Stammes vermieden es, Bertha zum Tanze auf⸗ zufordern, und die jungen Mädchen wandten weder Bitten noch Kunſtgriffe an um Hereward bei ſich zu behalten, wenn Bertha bei dem Feſte zugegen war. Sie reichten ſich die Hand über dem durchhorten Steine, welchen man den Altar des Odin nanute, obwohl ſpä⸗ tere Jahrhunderte dieſes Denkmal den Druiden zu⸗ ſchrieben; und ſie verlangten, daß weun Eins dem An⸗ dern die Treue bräche, dieſes Vergehen mit den zwölf entblößten Schwertern, welche ebenſoviele Jünglinge bei dieſer Feierlichkeit hielten, beſtraft werden ſollten, ſowie mit ſoviel Unglück, als die beiden anweſenden Mädchen in Reimen oder in gewöhnlicher Rede erzäh⸗ len konnten. Die Fackel des Sächſiſchen Cupido leuchtete einige Jahre lang mit demſelben Glanze, als da ſie ange⸗ zündet worden war. Aber die Zeit kam, wo ſie den Schlaͤgen des Unglücks ausgeſetzt wurden, obwohl ſie Beide es nicht verdient hatten. Einige Jahre waren verfloſſen, und Hereward zählte mit Ungeduld die Mon⸗ den und Wochen, welche er noch vor ſeiner Verbin⸗ dung mit ſeiner Gebieterin verſtreichen ſehen ſollte, die ſchon mit weniger Schüchternheit die zärtlichen Ausdrücke eines Mannes anhörte, der ſie nach ſo kur⸗ 64 zer Zeit ganz als die ſeinige anſehen ſollte. Aber Wilhelm der Rothe hatte den Plan gefaßt, gänzlich die Förſter auszurotten, weil ihr unverſöhnlicher Haß und ihr unruhiger Freiheitsſinn ſo oft die Ruhe ſei⸗ nes Königreiches geſtört, und ſeine geſetzlichen Verord⸗ uungen über die Wälder verachtet hatten. Er ver⸗ ſammelte ſeine Normaͤnniſche Schaaren, und vereinig⸗ te damit eine Anzahl Sachſen, welche ſich ſeiner Ge⸗ walt unterworfen hatten: auf dieſe Weiſe brachte er eine unwiderſtehliche Macht gegen die Stämme Wal⸗ theoff's und Engelred's in's Feld. Dieſe ſahen kein anderes Rettungsmittel für ihre Weiber und alle Die⸗ jenigen, welche keine Waffen tragen konnten, als ſie in ein Kloſter des heil. Auguſtin zu bringen, wovon ihr Verwandter Kenelm Prior war. Alsdann griffen ſie ihre Feinde an, und bewieſen, daß ſie noch ihre alte Tapferkeit hatten, indem ſie bis aufs Aeußerſte kämpften. Die beiden Häuptlinge verloren in dieſer Schlacht ihr Leben; und Hereward ſo wie ſein Bru⸗ der würden daſſelbe Schickſal gehabt haben, wenn ſie nicht von einigen Sächſiſchen Bauern aus der Nach⸗ barſchaft, welche ſich auf das Schlachtfeld wagten, wo die Sieger nur eine Beute für die Sperber und die Raben hinterlaſſen hatten, noch am Leben gefunden worden wären. Da Hereward und ſein Bruder allge⸗ mein bekannt und ſehr beliebt waren, ſo nahmen ſich die Landsleute ihrer an, und pflegten ſie bis zu dem Augenblicke, wo ihre Wunden zu heilen und ihre Kräͤfte 65 wieder zu kommen anfingen. Hereward erfuhr jetzt die traurige Nachricht von dem Tode ſeines Vaters und Engelred's. Seine weiteren Fragen betrafen das Schickſal ſeiner theuren Bertha, und ſeiner zukünfti⸗ gen Schwiegermutter. Die armen Landleute, welche er darüber fragte, konnten ihm nur ſehr unbefriedi⸗ gende Nachrichten geben. Die Normänniſchen Ritter und Herrn hatten einen Theil der Weiber, welche in dem Kloſter Zuflucht geſucht hatten, mit ſich fortge⸗ führt, die anderen mit den Mönchen, welche ſie auf⸗ genommen hatten, weggejagt, und das Kloſter dem Feuer und der Plünderung übergeben. Selbſt halb todt bei dieſer Rachricht ging Here⸗ ward davon, und zwar mit Gefahr ſeines Lebens, da die Förſter als geächtet behandelt wurden. Er wollte Diejenigen ſuchen, welche ihm ſo theuer waren. Be⸗ ſonders fragte er über das Schickſal von Bertha und ihrer Mutter einige elende Geſchöpfe aus, die in den Umgebungen des Kloſters herumirrten, wie halb ver⸗ brannte Bienen, die um ihren geplünderten Korb her⸗ umkriechen. Aber inmitten ſeines eigenen Schreckens hatte niemand Augen für ſeinen Nachbar gehabt, und Alles was man ihm ſagen konnte, war, daß das Weib und die Tochter Engelred's gewiß ihr Leben verloren hätten. Diejenigen, von welchen er dieſes erfuhr, füg⸗ ten zu ihrem Schluſſe ſo viel zerreißende, aus ihrer Einbildungskraft entſprungene Einzelheiten hinzu, daß Hereward die Luſt verging, ſeine Nachforſchungen fort⸗ W. Scott's ſämmtl. Werke. 1673 Boch. 6 66 zuſetzen, welche ſich ſo vergeblich und ſchrecklich endi⸗ gen zu ſollen ſchienen. Der junge Sachſe war ſein ganzes Leben hindurch in einem patriotiſchen Haſſe gegen die Normaͤnner aufgezogen worden, und der Sieg, welchen ſie neuer⸗ dings erkaͤmpft hatten, konnte ihm natuͤrlich keine gunſtigeren Geſinnungen gegen ſie einfloͤßen. An⸗ fangs dachte er daran, über die Meerenge zu ſetzen, und ſeine Feinde in ihrem eigenen Lande zu befeh⸗ den; aber ein ſo uͤberſpannter Gedanke konnte nicht lange in ſeinem Geiſte beſtehen. Sein Schickſal ent⸗ ſchied ſich durch ſein Zuſammentreffen mit einem al⸗ ten Pilger, welcher ſeinen Vater gekannt hatte, oder wenigſtens vorgab ihn gekannt zu haben und in Eng⸗ land geboren zu ſeyn. Dieſer Mann war ein ver⸗ kleideter Waͤringer, welchen man zu dieſem Zwecke ge⸗ wählt hatte. Er beſaß Geſchicklichkeit, Gewandtheit, und es mangelte ihm nicht an Geld. Es wurde ihm nicht ſchwer, den Hereward in ſeiner Verzweiflung und Troſtloſigkeit zum Eintritt in die Wäringer Leib⸗ wache zu beſtimmen, welche damals mit den Nor⸗ männern Krieg fuͤhrte, denn um den Vorurtheilen Hereward's zu ſchmeicheln, ſtellte er auf dieſe Weiſe den Frieg des Griechiſchen Kaiſers mit Robert Guis⸗ card, ſeinem Sohne Bohemund, und andern Aben⸗ teuerern in Italien, Griechenland und Sicilien dar. Eine Reiſe in's Morgenland war zugleich eine Pil⸗ gerfarth und gab dem Hereward Gelegenheit, die 67 Vergebung ſeiner Suͤnden durch den Veſuch des ge⸗ lobten Landes zu erhalten. Zugleich mit Hereward verſicherte ſich der Werber auch der Dienſte ſeines älteren Bruders, welcher gelobt hatte, ſich nie von Hereward zu trennen.* Wegen des hohen Rufes der Tapferkeit, worin beide Bruder ſtanden, betrachtete ſie jener ſchlane Un⸗ terhaͤndler als einen wichtigen Erwerb, und aus ſei⸗ nen Bemerkungen, welche er uͤber das Leben und den Charakter ſeiner Rekruten nach den Angaben des äl⸗ teren Bruders aufgenommen hatte, waren von Age⸗ laſtes die Nachrichten uber die Familie und die Ge⸗ ſinnungen des Hereward geſchöpft worden; welche er bei ſeiner erſten Unterhaltung mit dem Waͤringer benutzt hatte, um ihn in der Vorſtellung zu beſtaͤr⸗ ken, welche er von ſeinen übernatüuͤrlichen Kenntniſſen hatte. Mehrere ſeiner Waffengefaͤhrten hatten ſich auf dieſe Weiſe gewinnen laſſen; denn es iſt leicht zu errathen, daß jene Bemerkungen der Bewahrung des Achilles Tatius anvertraut waren; daß dieſer ſie, um ihre gemeinſchaftlichen Entwürfe zu beguͤnſtigen, dem Philoſophen mittheilte, weſcher auf dieſe Weiſe bei jenen unwiſſenden Menſchen in den Ruf über⸗ menſchlicher Kenntniſſe kam. Aber der feſte Glan⸗ ben und die Rechtſchaffenheit des Hereward ſetzten ihn in den Stand jene Schlinge zu vermeiden. Dieſes waren die Abenteuer des Hereward; die Lebensgeſchichte Bertha's war der Gegenſtand einer 68 leidenſchaftlichen Unterhaltung zwiſchen den beiden Liebenden, welche Unterhaltung ebenſo abwechſelnd war, wie ein Apriltag, und oft durch jene zarten Liebkoſungen unterbrochen wurde, die ſelbſt von der Schamhaftigkeit Liebenden geſtattet werden, wenn ſie ſich nach einer ewigſcheinenden Trennung unver⸗ hoft wiederfinden. Aber dieſe Geſchichte kann man in wenige Worte zuſammenfaſſen. Waͤhrend der Einäſcherung des Kloſters nahm ein alter Normaͤnni⸗ ſcher Ritter Vertha als ſeinen Theil an der Beute. Von ihrer Schoͤnheit ergriffen, beſtimmte er ſie zur Dienerin ſeiner Tochter, welche eben aus der Kind⸗ heit getreten war; er liebte ſie wie ſeinen Augapfel, denn ſie war ſein einziges Kind von ſeiner Gemah⸗ lin, und er war ſchon bei Jahren, als es dem Him⸗ mel gefallen hatte, ſein Ehebett zu ſegnen. Es war daher im natuͤrlichen Laufe der Dinge, daß die Dame von Aspramont, welche viel juͤnger als der Ritter war, ihren Gemahl beherrſchte, und daß ihre Toch⸗ ter Brunhilde Vater und Mutter beherrſchte. Der Ritter von Aspramont wollte indeſſen ſeiner jungen Tochter den Geſchmack an paſſenderen Ver⸗ gnügungen für ihr Geſchlecht beibringen, als welche ſchon jetzt oft ihr Leben in Gefahr brachten. Der gute alte Ritter wußte aus Erfahrung, daß es nichts half ihr zu widerſprechen. Dagegen konnte der Einfluß und das Beiſpiel einer etwas älteren Gefaͤhrtin, als ſie ſelbſt war, jenes Vorhaben beguͤnſtigen, und in 69 dieſer Abſicht bemaͤchtigte er ſich während der Ver⸗ wirrung der allgemeinen Plünderung der jungen Bertha. Bertha ergriff in der hoͤchſten Beſtürzung den Arm ihrer Mutter, und der Ritter von Aspra⸗ mont, welcher ein weicheres Herz hatte, als man ge⸗ woͤhnlich unter einem ſtählernen Harniſch fand, wurde von der Trauer der Mutter und der Tochter gerührt. Er dachte daran, daß die Erſte auch fuͤr ſeine Ge⸗ mahlin nuͤtzlich ſeyn koͤnnte; er nahm ſie daher alle Beide unter ſeinen Schutz, ſchaffte ſie aus dem Ge⸗ draͤnge, und bezahlte einige Soldaten, welche ihm ſeine Beute ſtreitig zu machen ſuchten, theils mit einigen Geldſtuͤcken, theils mit guten Schlaͤgen ſeiner umgekehrten Lanze. Der gute Ritter begab ſich bald nachher auf den Weg zu ſeinem Schloſſe; und da er ein tugendhafter und wohlgeſitteter Mann war, ſo konnten ſie doch trotz der aufkeimenden Schoͤnheit der jungen Säͤchſin und den reiferen Reizen ihrer Mutter in allen Ehe ren, ſowie in Sicherheit bis zum Schloſſe Aspramont reiſen, welches der gewoͤhnliche Aufenthalt der Fami⸗ lie des Ritters war. Hier nahm man die beſten Lehrer, welche man finden konnte, um BVertha mit allen Eigenſchaften, welche man damals den Frauen gab, auszuſchmuͤcken, weil man hoffte, daß ihre Ge⸗ bieterin Brunhilde den Wunſch nach denſelben Leh⸗ ren bekommen wuͤrde. Dieſer Plan gluͤckte nur halb. Die Saͤchſiſche Gefangene wurde ſehr geſchickt in Mu⸗ 70 ſit, in Arbeiten mit der Nadel, ſowie in allen Ei⸗ genſchaften, welche damals das Eigenthum der Da⸗ men waren; aber ihre junge Gebieterin Brunhilde behielt für die kriegeriſchen Vergnügungen jenen Ge⸗ ſchmack, welchen ihr Vater mit ſo viel Mißvergnuͤgen ſah, aber der die Beiſtimmung ihrer Mutter erhielt, welche in ihrer Jugend ſelbſt aͤhnliche Einfalle gehabt hatte. Trotz dem wurden die beiden Gefangenen mit Guͤte behandelt. Brunhilde ſchloß ſich mehr und mehr an die junge Angelſaͤchſin an, welche ſie weniger wegen ihrer geiſtigen Eigenſchaften, als wegen der Thaͤtig⸗ keit liebte, die ſie in allen Uebungsſpielen entwickelte, und die ſie dem freien Zuſtande verdankte, in wel⸗ chem ſie ihre Ingendjahre zugebracht hatte. Die Dame von Aspramont war ebenfalls voller Guͤte fuͤr die beiden Gefangenen, und doch beging ſie bei einer Gelegenheit in ihrer Hinſicht einen Zug von Brauſamkeit. Sie hatte ſich eingebildet(und ein unwiſſender Beichtvater hatte ſie in dieſem Ge⸗ danken beſtaͤrkt), daß die Sachſen Heiden oder wenig⸗ ſtens Ketzer waͤren, und ſie drang in ihren Gemahl, daß die Mutter und die Tochter, welche ihr und Brunhilden dienen ſollten, vor dem Antritte ihres Dienſtes durch die Taufe in den Schoß der chriſtlichen Kirche aufgenommen wuͤrden. Obwohl ſie die Ungerechtigkeit und Falſchheit dieſer Beſchuldigung einſah, ſo hatte doch die Mutter ge⸗ 74 nug Flugheit, um ſich der Nothwendigkeit zu unter⸗ werfen; und ſie erhielt mit allen Foͤrmlichkeiten am Altare den Namen Martha, auf welchen ſie bis an das Ende ihres Lebens antwortete. Aber Bertha zeigte bei dieſer Gelegenheit eine Charakterfeſtigkeit, welche ſich nicht mit ihrer natür⸗ lichen Folgſamkeit und Sanftmuth vertrug. Sie weigerte ſich hartnäckig, zum zweiten Male in den Schoß der Kirche aufgenommen zu werden, da ihr Gewiſſen ihr ſagte, daß ſie ſchon ihr Mitglied waͤre; auch wollte ſie nicht den Namen, den ſie in der Taufe empfangen hatte, gegen einen anderen vertauſchen. Vergebens waren die Befehle des alten Ritters, ver⸗ gebens die Drohungen der Dame von Aspramont, vergebens verſchwendete ihre Mutter Bitten und Rath. Da ihre Mutter immer inſtaͤndiger in ſie drang, ſo geſtand ſie endlich einen Beweggrund, wel⸗ chen man vorher nicht vermuthet hatte.— Ich weiß, ſagte ſie unter einem Strome von Thraͤnen, daß mein Vater eher geſtorben waͤre, als mich einem ſol⸗ chen Schimpfe ausgeſetzt zu ſehen; und dann wer kann mir verbuͤrgen, daß die einer Saͤchſiſchen Bertha geleiſteten Schwuͤre ihre ganze Kraft behalten werden, wenn eine Franzoͤſiſche Agathe an ihre Stelle getre⸗ ten iſt? Sie koͤnnen mich verbannen, ſetzte ſie hin⸗ zu, mich toͤdten, wenn ſie wollen; aber wenn der Sohn Waltheoff's je die Tochter Engelred's wieder⸗ 72 ſieht, ſo ſoll er in ihr die Bertha wiederfinden, welche er in den Waͤldern von Hampton gekannt hat. Alle Vorſtellungen waren vergeblich: die junge Sächſin blieb unerſchutterlich; und um ihre Entſchloſ⸗ ſenheit zu erſchuͤttern, ſprach die Dame von Aspra⸗ mont endlich davon, ſie aus dem Dienſte ihrer Ge⸗ bieterin zu verabſchieden und ſie aus dem Schloſſe zu ſchicken. Sie aber hatte auch in dieſer Hinſicht ihren Entſchluß gefaßt, und antwortete mit eben ſo viel Feſtigkeit als Ehrerbietung, daß ſie ſich nur mit dem bitterſten Kummer von ihrer jungen Herrin tren⸗ nen wuͤrde; aber daß ſie übrigens lieber unter ih⸗ rem eignen Namen betteln, als den Glauben ihrer Väter verlaͤugnen wollte, welchen ſie als Ketzerey ver⸗ dammen wuͤrde, wenn ſie einen Franzoͤſiſchen Namen annaͤhme. Inzwiſchen trat Brunhilde in das Ge⸗ mach, worin ihre Mutter das Verbannungsurtheil uͤber die junge Säͤchſin ausſprechen wollte.— Meine Gegenwart moge euch nicht abhalten, Madame, ſagte das unerſchrockene Maͤdchen; ich bin ebenſo ſehr an dem Urtheil, das ihr ausſprechen wollt, betheiligt, als Bertha. Wenn ſie als Verbannte uͤber die Zug⸗ bruͤcke des Schloſſes Aspramont geht, ſo werde ich ein Gleiches thun, ſobald ſie ihre Thraͤnen getrocknet hat, welche mein Muthwillen ſelbſt niemals ihren Augen entlocken konnte. Sie wird mir als Knappe und Leibwache dienen, und der Barde Lanzelot, ſoll mir mit meiner Lanze und meinem Schilde folgen. 73 Und ihr werdet von dieſem tollen Zuge vor Son⸗ nenuntergang zurückkommen, ſagte ihre Mutter. Der Himmel möge mir in meinem Vorhaben bei⸗ ſtehen, Madame, antwortete die junge Erbin: die Sonne, welche unſere Rückkehr ſehen ſoll, wird weder eher auf⸗ noch untergehen, als bis der Name Bertha's und Brnnhilden's ſoweit bekannt ſind, als die Trom⸗ mete des Ruhmes ihn verkünden kann. Tröſte dich, meine theure Bertha, ſetzte ſie hinzu, und nahm ihre Dienerin bei der Hand. Wenn der Himmel dich dei⸗ nem Vaterlande und dem Geliebten, der dein Wort empfing, entriſſen hat, ſo gab er dir dagegen eine Schweſier und eine Freundin; und dein Ruhm wird ſtets mit dem ihrigen fortleben. Die Dame von Aspramont war wie vom Donner gerührt. Sie wußte, daß ihre Tochter fähig war, den einmal gefaßten ſeltſamen Entſchluß auszuführen, und daß weder ſie, noch ihr Gemahl im Stande ſeyn wuͤr⸗ den, ſie daran zu verhindern. Sie ſchwieg daher, wäh⸗ rend die ſaͤchſiſche Frau, welche vormals Ulrike, und jetzt Martha hieß, an ihre Tochter das Wort richtete. — Meine Tochter, ſagte ſie zu ihr, wenn du etwas auf Ehre, auf Tugend, auf Dankbarkeit und auf deine eigene Sicherheit hältſt, ſo verhärte nicht dein Herz gegen deinen Herrn und deine Gebieterin, und folge dem Rathe deiner Mutter, welche mehr Erfahrung und Urtheit hat, als du.— Und ihr, mein theures iunges Fräulein, laſſet nicht eure Mutter glauben, 74 daß eure Leidenſchaft für Uebungen, worin ihr euch auszeichnet, in eurem Herzen die kindliche Liebe und das eurem Geſchlechte eigenthuͤmliche Schicklichkeits⸗ gefühl zerſtört habe. Da ſie Beide in ihrem Ent⸗ ſchluſſe zu beharren ſcheinen, Madame, fuhr ſie fort, nachdem ſie einige Augenblicke gewartet hatte, um zu ſehen, welchen Eindruck ihre Rathſchläge auf den Geiſt der beiden Mädchen machen würden, ſo koͤnnte ich vielleicht, wenn ihr es erlauben wollt, einen Ausweg vor⸗ ſchlagen, welcher eure Wuͤnſche befriedigen, die Ge⸗ wiſſens⸗Zweifel meiner hartnäckigen Tochter beſchwich⸗ tigen, und den wohlwollenden Geſinnungen ihrer großmüthigen Gebieterin entſprechen würde. Die Dame von Aspramont bedeutete der Sächſiſchen Fran fort⸗ zufahren, und dieſe ſprach alſo weiter:— Die heuti⸗ gen Sachſen, meine theure Dame, ſind weder Hei⸗ den noch Ketzer; ſie gehorchen demüthig dem Pabſte in Rom ſowohl hinſichtlich der Zeit der Oſterfeier, als in allen anderen ſtreitigen Punkten der Kirchen⸗ lehre; und euer guter hieſiger Biſchof weiß das ſehr gut, denn er hat es einigen eurer Diener verwieſen, welche mich eine alte Heidin nannten. Jedoch unſere Namen klingen für die Franzöſiſchen Ohren übel, und haben vielleicht etwas heidniſches an ſich. Wenn man daher nicht von meiner Tochter verlangt, ſich einer neuen Taufe zu unterwerfen, ſo wird ſie damit zu⸗ frieden ſeyn, ihren Namen Bertha abzulegen, ſo lange ſie in eurem ehrenwerthen Hauſe bleiben wird. Die⸗ * 75 ſes wird einen Streit beendigen, welcher, mit Aus⸗ nahme eurer Perſon, mir nicht ſo wichtig zu ſeyn ſcheint, um den Frieden eures Schloſſes darum zu ſtö⸗ ren. Aus Erkenntlichkeit für dieſe Nachſicht mit ei⸗ nem grundloſen Zweifel wird meine Tochter, wo mög⸗ lich, ihren Eifer und ihre Thätigkeit im Dienſte ihrer jungen Gebieterin verdoppeln. Die Frau von Aspramont ergriff mit Vergnügen das Mittel, weſches ihr dieſes Anerbirten verſchaffte, um ſich gus der Verlegenheit zu ziehen, und ſo we⸗ nig als möglich ihrer Würde zu vergeben. Wenn der hochwürdige Herr Biſchof einen ſolchen Vergleich billigte, ſagte ſie, ſo würde ſie nichts dawider haben. Der Prälat gab um ſo lieber ſeine Einwilligung dazu, als er wußte, daß die junge Erbin lebhaft wünſchte die Sache alſo endigen zu ſehen. Der Friede war da⸗ her im Schloſſe wieder hergeſtellt, und Bertha nahm ihren neuen Namen Agathe als ihren Dienſtnamen, dagegen nicht als ihren Taufnamen an. Dieſe Streitigkeit hatte eine unausbleibliche Folge; ſie ſteigerte die Anhänglichkeit Bertha's zu ihrer neuen Gebieterin bis zur Begeiſterung. Mit jener feinen Aufmerkſamkeit anhänglicher Diener und ergebener Freunde ſuchte ſie Brunhilden ſo zu dienen, wie ſie wußte, daß dieſe bedient ſeyn wollte, und folglich gab ſie ſich zu allen ihren ritterlichen Einfällen her, welche jene ſelbſt in ihrem Zeitalter auszeichnete, und welche ſie in unſerem Jahrhunderte zum weiblichen Don Qui⸗ 76 xotte gemacht haben wurde. Zwar war die Tollheit ihrer jungen Gebieterin fuͤr Bertha nicht anſteckend; aber da ſie Brunhilden zu gefallen wuͤnſchte, und ſelbſt kräftig und ſtark gebaut war, ſo war ſie bald im Stande, bei der abentenerlichen Dame Knappendienſt zu verſe⸗ hen; von Kindheit auf gewöhnt, Blut im Kampfe ſließen zu ſehen, konnte ſie ohne viel Erſchütterung die Gefahren betrachten, welchen ſich Bruuhilde aus⸗ ſetzte; und wenn ſie nur nicht zu außerordentlich wa⸗ ren, ſo ermüdete ſie ihre Gebieterin ſelten mit Gegen⸗ vorſtellungen. Die faſt immer gleiche Gefälligkeit, welche ſie in dieſer Hinſicht zeigte, gab ihr das Recht, ihren Rath bei gewiſſen Gelegenheiten auszuſprechen; und da ſie dieſes immer mit den beſten Abſichten und zu ſchicklicher Zeit that, ſo vermehrte dieſes Benehmen noch ihren Einfluß auf ihre Gebieterin, wogegen ſie denſelben ſicherlich verloren haben würde, wenn ſie ſich in geraden Widerſpruch mit ihr hätte ſetzen wollen. Einige Worte mehr reichten hin, um den Hereward von dem Tode des Ritters von Aspramont, von der wunderlichen Heirath Brunhilden's mit dem Grafen von Paris, von ihrem Auszuge zur Kreuzfarth⸗ und von den verſchiedenen Ereigniſſen, welche der Leſer ſchon kennt, zu unterrichten. Hereward verſtand einige der letzten Vorfälle dieſer Geſchichte nicht genau wegen eines leichten Zankes, der ſich zwiſchen Bertha und ihm während dem Laufe die⸗ ſer erhoben hatte. Als ſie die faſt kindiſche Einfalt 77 eingeſtand, mit welcher ſie hartnäckig ſich geweigert hatte ihren Namen zu verändern, weil ſie befürchtete, dieſe Veränderung möchte ihrem Treuſchwure, den ſie mit ihrem Geliebten gewechſelt hatte, Eintrag thun, da konnte Hereward nicht umhin, ihr für dieſen Be⸗ weis von Zärtlichkeit zu danken, indem er ſie an ſein Herz ſchloß und auf ihre Lippen die Zeichen ſeiner Er⸗ kenntlichkeit drückte. Sie wand ſich aber ſogleich aus ſeinen Armen los, ihre Wangen rötheten ſich mehr aus Schaam als aus Unwille, und ſie ſagte zu ihm mit ernſter Stimme: Genug! Hereward, genug! das läßt ſich nach einem ſo unvermutheten Zuſammentreffen verzeihen: aber wir muͤſſen uns in Zukunft erinnern, daß wir wahr⸗ ſcheinlich die Letzten unſeres Stammes ſind, und man ſoll nicht ſagen, daß Hereward und Bertha von den Sitten ihrer Vorfahren ausgeartet ſind. Bedenke, daß obwohl wir allein ſind, die Geiſter unſerer Bäter über uns ſchweben und uns bewachen, um zn ſehen, welchen Gebranch wir von einer Zufammenkunft ma⸗ chen, welche uns ihre Fürſprache vielleicht verſchafft hat. Du thuſt mir Unrecht, Bertha, antwortete Here⸗ ward, wenn du mich fuͤr faͤhig hältſt, meine Pflicht ſo wie die deinige in einem Augenblicke zu vergeſſen, wo wir dem Himmel danken und ihm unſere Erkennt⸗ lichkeit auf eine andere Art bezeugen ſollen, als durch Verletzung ſeiner Gebote und der Vorſchriften unſever Eltern. Es fragt ſich jetzt, wie wir uns wiederfinden 78 wollen, wenn wir uns getrennt haben werden; denn ich befürchte ſehr, daß wir es noch einmal erfahren werden. Und warum ſollen wir uns trennen, Hereward? Warum willſt du mir nicht helfen, meine Gebieterin zu befreien2 Deine Gebieterin! Pfni, Bertha! kannſt du dieſen Namen irgend einem Weibe geben! Aber ſie iſt meine Gebieterin, Hereward; und ich hänge an ihr durch tauſend Bande der Zuneigung, welche ſo lange nicht zerreißen können, als die Dank⸗ barkeit die Belohnung der Güte iſt. und in welcher Geſahr ſchwebt ſie? weſſen bedarf dieſe ſo vollkommene Dame, welche du deine Gebiete⸗ rin nennſt? Ihre Ehre und ihr Leben ſind in gleicher Gefahr. Sie hat in einen ſeltſamen Zweikampf mit dem Cäſar eingewilligt, und er wird, als ein niederträchtiger ungläubiger, alle möglichen Vortheile in dieſem Zu⸗ ſammentreffen benützen, das wahrſcheinlich ach! für meine Gebieterin unglücklich ſeyn wird. Wie ſo denn? dieſe Dame, dieſe Grafin von Paris hat, wofern das, was man von ihr erzählt, nicht ge⸗ logen iſt, den Sieg in vielen Gefechten über furchtba⸗ rere Gegner davon getragen, als der Cäſar iſt. Ja, du ſprichſt von Gefechten in einem Lande, wo Treue und Ehre keine leeren Worte ſind, wie ſie es, fürchte ich, leider hier ſind. Glaube mir: es iſt kein 79 leerer Kinderſchrecken, der mich verkleidet in unſerer Landestracht ausgehen läßt, welche, wie man ſagt, in Conſtantinopel geachtet iſt, um die Anführer der Kreuzfahrer von der Gefahr dieſer edlen Dame zu unterrichten, und um von ihrer Menſchlichkeit, ihrem Glauben, ihrer Liebe für die Ehre, ihrer Furcht vor der Schande die Hulfe zu verlangen, deren ſie in die⸗ ſem Augenblicke ſo ſehr bedarf.— Und jetzt, wo ich dich glücklich wieder gefunden habe, wird alles Ueb⸗ rige gut gehen.— Ja, Alles wird gut gehen, und ich will zu meiner Gebieterin zurückkehren um ihr zu ſagen, wen ich getroffen habe. Warte einen Augenblick, du köſtlicher Schatz, wel⸗ cher mir jetzt wiedergeſchenkt iſt, und laſſe mich ſorg⸗ fältig über dieſe Sache nachdenken.— Dieſe Gräfin iſt Normännin und ſie achtet die Sachſen nicht mehr als den Staub, welchen du aus den Falten ihrer Ge⸗ wänder ſchüttelſt.— Sie betrachtet und behandelt die Sachſen als Heiden und Ketzer. Sie hat es ge⸗ wagt, dir, einer Freigeborenen, knechtiſche Arbeiten aufzulegen.— Das Schwert ihres Vaters wurde bis an den Knauf in das Blut der Angelſachſen getaucht. Das von Waltheoff und Engelred hat ihn vielleicht noch mehr befleckt.— Außerdem iſt ſie eine aufge⸗ vlaſene Thörin, welche ſich die Siegeszeichen und den kriegeriſchen Ruhm anmaßen will, die nur den Män⸗ nern zukommen.— Endlich wird es ſchwierig ſeyn, einen Kaͤmpfer zu finden, um für ſie zu ſtreiten, da 80 alle Kreuzfahrer gegenwärtig in Aſien ſind, in wel⸗ ches Land ſie gezogen ſind, wie ſie ſagen um es zu erobern; auch iſt auf Befehl des Kaiſers keinem Ein⸗ zigen von ihnen das Mittel gelaſſen, um auf das dieſ⸗ ſeitige Ufer zurückzukehren. Ach, ach! wie die Welt uns ändert! Ich habe einſt den Sohn des Waltheoff gekannt, der war tapfer⸗ unerſchrocken, großmüthig und ſtets bereit das Unglück zu unterſtützen. Mit denſelben Zügen ſtellte ich mir ihn während ſeiner Entfernung vor. Ich ſehe ihn wieder und finde ihn kalt, furchtſam und ſelbſtſüchtig! Stille, Bertha! und lerne den, von dem du ſprichſt, beſſer kennen, ehe du über ihn urtheileſt.— Die Grä⸗ fin von Paris iſt alles, was ich von ihr geſagt habe; und doch mag ſie ſich nur dreiſt in den Schranken ſtel⸗ len. Wenn die Trommete dreimal geblaſen haben wird⸗ ſo wird ihr eine andere antworten und die Ankunft ihres edlen Gemahles verkünden, welcher für ſie kaͤm⸗ pfen wird.— Oder wenn er nicht erſcheinen ſollte, Bertha, nun wohl! ſo will ich der Gräfin ihre Guͤte gegen dich lohnen, indem ich ſelbſt an der Stelle ihres Mannes fuͤr ſie kämpfe. Willſt du das thun? willſt du es wirklich thun? rief Bertha. Das iſt geſprochen, wie es dem Sohne Waltheoffs geziemt;— dann wirſt du als wahrer Ab⸗ kömmling ſeines Geſchlechtes handeln!— Ich will zu meiner Gebieterin zurückkehren und ſie tröſten; denn ganz ſicherlich, wenn das Urtheil Gottes ie den Ausgang —,— 3¹ eines richtenden Kampfes entſchieden hat, ſo muß ſich ſein Einfluß bei dieſer Gelegenheit zeigen.— Aber du gibſt mir zu verſtehen, daß der Graf in dieſer Stadt iſt,— daß er frei iſt.— Sie wird mich in dieſer Hinſicht ausfragen. Sie muß, autwortete Hereward, damit zufrieden ſeyn, zu wiſſen, daß ihr Gemahl unter der Leitung eines Freundes iſt, welcher ſich bemühen wird, ihn vor ſeinen eigenen Thorheiten und Ungereimtheiten zu bewahren; wenn man dieſem Manne auch nicht ganz den Namen eines Freundes geben kann, ſo hat er doch gewiß nicht gegen ihn die Rolle eines Feindes geſpielt, und wird dieſes auch niemals thun.— Und jetzt lebe wohl, theure Bertha,— ſo lange verloren,— ſo lange geliebt! Ehe er weiter ſprechen konnte, warf ſich die junge Sächſin, nachdem ſie zwei oder dreimal vergebens verſucht hatte, ihm ihre Erkenntlichkeit in Worten auszudrücken, in die Arme ihres Geliebten, und ungeachtet der Zurückhaltung, welche ſie einige Augenblicke vorher gezeigt hatte, drückte ſie ihm auf ſeine Lippen den Dank, welchen ihr Mund nicht aus⸗ ſprechen konnte. Sie ſchieden. Bertha eilte zu ihrer Gebieterin in das Gartenhaus, welches ſie nicht ohne Mühe und Gefahr verlaſſen hatte, und Hereward ging aus den Gärten durch die Thuͤre, welche die Negerin bewachte. Dieſe wuͤnſchte dem ſchoͤnen Wäringer Glück zu ſei⸗ nen Erfolgen bei den Schoͤnen, indem ſie ihm zu W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1678 Bochn. 6 82 verſtehen gab, daß ſie Zeuge ſeiner Unterhaltung mit der ſchoͤnen Säͤchſin geweſen waͤre. Sie fügte hinzu, daß dergleichen Zuſammenkünfte in jener Grotte nichts ſehr Ungewoͤhnliches waͤren. Ein Goldſtuͤck, welches aus einer vor kurzem an die treuen Wäringer ge⸗ machten Geldaustheilung herkam, reichte hin um ihr die Zunge zu feſſeln; und nachdem Hereward die Gaͤr⸗ ten des Philoſophen verlaſſen hatte, kehrte er ſo ſchnell als moͤglich zu den Caſernen zuruͤck, denn er dachte daran, daß es hohe Zeit waͤre, fuͤr die Beduͤrf⸗ niſſe des Grafen Robert zu ſorgen, welcher den gan⸗ zen Tag ohne Nahrung zugebracht hatte. Es iſt ein Spruͤchwort im Volke, daß das Gefuͤhl des Hungers keine ſanfte und angenehme Empfindung erregt, ſondern daß es im Gegentheil die Bewegun⸗ gen des Zornes und der ungeduld ſchaͤrfet und reizt. Es kann daher nicht ſehr verwundern, wenn Graf Robert, welcher ſeit ſo langer Zeit gefaſtet hatte, den Hereward mit uͤbler Laune und Erbitterung em⸗ pfing, welches gewiß der rechtſchaffene Waͤringer nicht verdiente, der an dieſem Tage mehrmals ſein Leben gewagt hatte, um der Graͤfin und dem Grafen ſelbſt nuͤtzlich zu ſeyn. Nun! mein Herr, ſagte er mit jener Betonung angenommenen Zwanges⸗ wodurch ein Hoͤherer ſei⸗ nen Unwillen mäßigt, indem er ihm einen kalten und verächtlichen Ausdruck gibt, ihr handelt gegen uns wirklich als freigebiger Wirth! Zwar iſt nicht — — 85 ſehr viel daran gelegen: aber es ſcheint mir, daß ein Graf des allerchriſtlichſten Koͤnigreiches nicht alle Tage bei einem Soͤldlinge ſpeist, und daß er, wenn auch keinen Aufwand von Gaſtfreundſchaft, doch wenigſtens das Noͤthigſte erwarten könnte. und mir ſcheint es, Herr allerchriſtlichſter Graf, antwortete der Waͤringer, daß Leute von eurem Stan⸗ de, welche ihre Wahl oder ihr Schickſal die Gaſtfreund⸗ ſchaft von Leuten meines Schlages annehmen läßt, zufrieden ſeyn können, und nicht die Sparſamkeit ihres Wirthes, ſondern die mißlichen Umſtaͤnde, wo⸗ rin er ſich befindet, anklagen muͤſſen, wenn ihnen in vierundzwanzig Stunden nur ein Mal ein Eſſen auf⸗ getragen wird. Bei dieſen Worten klatſchte er in die Haͤnde, und ſein Diener Edrich trat in das Zim⸗ mer. Der Graf ſchien verwundert uͤber das Erſchei⸗ nen eines Dritten an ſeinem Zufluchtsorte.— Ich ſtehe fuͤr dieſen Menſchen, ſagte Hereward; dann wen⸗ dete er ſich an ihn:— Nun! fragte er ihn, welche Lebensmittel haſt du dem ehrenwerthen Grafen vor⸗ zuſetzen? Nichts als die kalte Paſtete, antwortete der die⸗ nende Soldat, und Ew. Ehre hat darin dieſen Mor⸗ gen beim Frühſtuͤcke eine furchtbare Vreſche gemacht. Edrich brachte, wie er geſagt hatte, eine ungeheure Paſtete; dieſe aber hatte ſchon einen ſo wuͤthenden Angriff erlitten, daß Graf Robert, welcher wie alle Normaͤnniſchen Herrn in dieſem Artikel ſehr wunder⸗ 3¹ lich war, noch ſchwankte, ob ſein Vedenken uͤber ſei⸗ nen Hunger ſiegen ſollten. Indeſſen als er ſie naͤher betrachtete, ſo vereinigten ſich Ausſehen, Geruch und ein Faſten von zwanzig Stunden, um ihn zu uͤber⸗ zeugen, daß die Paſtete vortrefflich war; und als er bemerkte, daß die Schußſel, auf welcher ſie aufgetra⸗ gen worden, noch Winkel darbot, welche noch nicht beruͤhrt worden waren, ſo beſchloß er ſie von dieſer Seite anzugreifen. Er unterbrach bald ſein Werk, um ein Glas ſehr guten Wein zu trinken, welchen eine bei ihm ſtehende Flaſche einlud zuzuſprechen; ein guter Schluck davon gab ihm ſeine ganze gute Laune wieder, und verſcheuchte ſein Mißvergnuͤgen, welches er Anfangs gegen Hereward geaͤußert hatte. Beim Himmel! ſagte er endlich, ich ſollte mich ſchaͤmen, daß ich ſelbſt die Höflichteit verletze, welche ich Anderen anempfehle. Ich verſchlinge hier, wie ein Flamaͤnder Bauer die Vorraͤthe meines braven Wirths, ohne ihn ſelbſt einzuladen, an ſeinem eignen Tiſche Platz zu nehmen und ſein gutes Mahl mit mir zu theilen! In dieſer Hinſicht werde ich keine umſtaͤnde machen, antwortete Hereward; zugleich ſenkte er ſeine Hand in die Paſtete und zog ſie ganz voll zurück: ſo griff er den Inhalt mit ebenſo viel Eifer als Gewandtheit, an. Der Graf ſtand bald vom Tiſche auf, weil ihm die barbariſche Art, wie der Angelſachſe aß, aneckelte. Und doch bewies Hereward, indem er jetzt den Edrich 35 rief, um an der Verwüſtung der Paſtete mitzuhelfen, daß er ſich aus Rückſicht fuͤr ſeinen Gaſt noch einigen Zwang angethan hatte; und mit dem Beiſtande des Soldaten hatte er bald die Schüſſel von Allem, was darauf war, befreit. Graf Robert entſchloß ſich end⸗ lich, an ihn eine Frage zu richten, welche ſeit der Zurückkunft Hereward's auf ſeinen Lippen geſchwebt hatte. Haben dir deine Nachforſchungen, mein tapferer Freund, etwas mehr über meine unglückliche Frau, meine treue Brunhilde, geſagt 2 Ich habe euch Nachrichten zu bringen, aber werden ſie euch angenehm ſein? darüber ſollt ihr ſelbſt urthei⸗ len. Folgendes habe ich erfahren:— Ihr wißt ſchon daß ſie eingewilligt hat, den Cäſar in den Schranken zu bekämpfen; aber die Bedingungen werdet ihr viel⸗ leicht befremdend finden, und doch hat ſie dieſelben ohne Bedenken angenommen. Und was ſind das für Bedingungen? Sie werden gewiß in meinen Augen nicht ſo ſeltſam erſcheinen als in den deinigen. Jedoch während er mit der größten Kaltblütigkeit zu ſprechen ſuchte, verriethen die funkelnden Augen des Gatten und ſeine hochrothen Wangen den Sturm, welcher in ſeinem Innern tobte. Die Gräfin Brunhilde und der Cäſar, ſagte der Wä⸗ ringer, ſollen ſich in den Schranken ſchlagen, wie ihr zum Theil ſelbſt gehört habt. Wenn die Gräfin ſiegt, 86 ſo iſt ſie fortan die rechtmäßige Gemahlin des Grafen von Paris, wenn ſie beſiegt wird, ſo wird ſie die Buh⸗ lerin des Caͤſars Nicephorus Briennes. Das wolle Gott nicht, noch die Heiligen und Engel! rief Graf Robert. Wenn ſie eine ſolche Verrätherei zugäben, ſo ware es keine Sünde mehr, an ihrer Macht zu zweifeln. Doch ſcheint es mir keine ſchimpfliche Vorſicht zu ſein, wenn wir, ich mit anderen Freunden, auf den Fall, daß wir deren finden könnten, uns am Tage des Gefechtes in den Schranken zeigten mit dem Schilde am Arm. Der Sieg oder die Niederlage ruhen in den Händen des Schickſals, aber das können wir offenbar ſehen, ob die Gräſin mit jener Unpartheilichkeit behan⸗ delt wird, auf welche jeder ehrbare Kämpfer Anſpruch hat, und welche man wie ihr ſelbſt geſehen, bisweilen in dieſem Griechiſchen Reiche niederträchtig verletzt. Unter dieſer Bedingung, und unter der Betheurung, daß ich, ſelbſt wenn ich meine Gemahlin in höchſter Gefahr ſähe, nicht die Geſetze eines ehrenvollen Kam⸗ pfes verletzen würde, will ich mich gewiß in die Schranken begeben, tapfrer Sachſe, wenn du mir dazu die Mittel verſchaffen kannſt. Doch warte noch, fuhr der Graf nach einem Augenblicke der Ue⸗ berlegung fort; du mußt mir verſprechen ihr nicht zu ſagen, daß ihr Gemahl beim Kampfe zugegen ſein wird, und beſonders dich hüten, mich ihr unter der Menge der anweſenden Krieger zu zeigen. Du weißt 87 nicht, wie der Anblick eines geliebten Gegenſtandes uns bisweilen unſeren Muth benimmt, ſelbſt wenn wir ihn am meiſten nöthig haben. Wir wollen verſuchen, antwortete der Wäringer, die Sache nach eurem Wunſche einzurichten, wofern ihr mir nicht ferner abentenerliche Schwierigkeiten erregen wollt; denn bei meiner Tren! eine an ſich ſelbſt ſo verwickelte Sache braucht nicht noch mehr durch die wunderlichen Spitzſindigkeiten eures Na⸗ tionalmuthes verwirrt zu werden. Einſtweilen habe ich auf dieſen Abend viel zu thun; und während ich damit beſchaͤftigt bin, werdet ihr, Herr Ritter, gut daran thun, unter den Kleidern, welche euch Edrich verſchaffen wird, hier verkleidet zu bleiben, und euch mit den Lebensmitteln zu begnuͤgen, welche er euch lie⸗ fern wird. Fürchtet keine ungelegenen Beſuche von eueren Nachbarn: wir Wäringer achten gegenſeitig unſere Geheimniſſe, welcher Art ſie immerhin ſein mögen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Doch unſrem treuen Schwager und dem Aot Und all dem uͤbrigen Geſindel ſoll Verwuͤſtung raſch auf ihren Ferſen folgen, Helft, guter Oheim, Truppen uns zu ſenden, Nach Oyford oder ſonſt auf die Verraͤther, Sie duͤrfen nimmer leben in der Welt, Ich ſchwoͤr's! Richard IIl. Während Hereward die letzten, im vorigen Kapitel erwaͤhnten Worte ausſprach, ließ er den Grafen in ſeinem Zimmer und begab ſich in den Blakernal-Pal⸗ laſt. Wir haben ſeinen erſten Eintritt bei Hofe be⸗ ſchrieben; aber ſeit jener Zeit war er häufig dahin be⸗ ſchieden worden, nicht allein auf Befehl der Prinzeſſin Anna Comnena, welche ihm gerne über die Sitten ſeines Heimathlandes Fragen that, und ſeine Antwor⸗ ten in ihrem ſchwülſtigen Style abfaßte, ſondern auch auf das ausdrückliche Verlangen des Kaiſers ſelbſt, der, wie ſo viele andere Fuͤrſten, von ſehr unterge⸗ ordneten Leuten ſeines Hofes Nachrichten zu bekom⸗ men ſuchte. Der Ring, welcher von der Prinzeſſin 89 dem Hereward verehrt worden war, hatte ihm mehr als ein Mal zum Hauptſchlüſſel gedient, und er war den Sklaven des Pallaſtes ſo wohl bekannt, daß er ihn nur in die Hand ihres Anführers gleiten zu laſ⸗ ſen brauchte, um in ein kleines Cabinet eingeführt zu werden, welches an den Muſenſaal ſtieß, von dem ſchon geſprochen worden iſt. Der Kaiſer, ſeine Ge⸗ mahlin Irene, und ihre gelehrte Tochter Anna Com⸗ nena ſaßen in dieſem Cabinette, einfach gekleidet; auch war in der That die ganze Ausſchmuͤckung dieſes Zim⸗ mers nicht koſibarer als in einem gewöhnlichen Pri⸗ vathauſe, ausgenommen, daß vor jeder Thüre ein mit Eiderdunen ausgeſtopfter Vorhang hing, um die Neu⸗ gierde der etwaigen Lauſcher zu vereiteln. Unſer treuer Wäringer, ſagte die Kaiſerin. Mein Führer und mein Lehrer, ſagte die Prinzeſſin Anna Comnena, hinſichtlich der Sitten jener ſtahlbe⸗ deckten Männer, von denen es mir ſo nöthig iſt eine genaue Vorſtellung zu bekommen. Ich hoffe, ſagte Irene, Ew. kaiſerl. Maj. wird nicht glauben, daß ihre Gemahlin und ihre von den Muſen begeiſterte Tochter überflüſſig ſind, um die Neuigkeiten zu erfahren, welche euch dieſer eben ſo tapfere als treue Mann überbringt. Meine theure Gemahlin, meine vielgeliebte Tochter, antwortete der Kaiſer, ich habe euch bis jetzt mit der Laſt eines traurigen Geheimniſſes verſchont, welches ich in meinen Buſen verſchloß, obwohl es mir viel ko⸗ 90 ſtete.— Meine edle Tochter, ihr beſonders werdet das ganze Gewicht dieſes Unglücks empfinden, indem ihr lernen müßt nur mit Schrecken an den Mann zu denken, von dem ihr eurer Pflicht gemäß bis jetzt ganz anders denken mußtet. Heilige Maria! ſchrie die Prinzeſſin. Kommet zu euch ſelbſt, meine Tochter, ſagte der Kaiſer. Erinnert euch, daß ihr eine Tochter des Pur⸗ purgemaches ſeyd;— daß ihr geboren ſeyd, nicht um über die eurem Vater zugefügten Beleidigungen zu weinen, ſondern um ſie zu rächen;— daß ihr nicht halb ſo viel Werth ſelbſt auf den Mann, der euer La⸗ ger getheilt hat, legen duͤrft, als auf die kaiſerliche und heilige Größe, an welcher ihr ſelbſt Theil nehmet. Was kann eine ſolche Rede bezwecken? fragte Anna Comnena mit Beſtürzung. Man ſagt mir, antwortete der Kaiſer, daß der Cä⸗ ſar alle meine Wohlthaten mit Undank kohnt, obſchon ich ihn ſelbſt in meine Familie und an Kindesſtatt aufgenommen habe. Er hat ſich mit einer Rotte von Verräthern verbunden, deren Namen allein ſchon den böſen Geiſt heraufbeſchwören koͤnnten. Iſt es möglich, daß Nicephorus alſo gehandelt hat? rief die Prinzeſſin überraſcht und beſtuͤrzt; Nicepho⸗ rus, der ſo oft meine Augen das Licht genannt hat, welches ſeinen Pfad beleuchtete? Hat er ſich auf dieſe Weiſe gegen meinen Vater betragen können, deſſen Großthaten er Tag für Tag anhörte, und dabei be⸗ ———————— S 9¹ theuerte, daß er nicht wüßte, ob die Schönheit der Schreibart oder der Heldenmuth in den dargeſtellten Handlungen ihn am meiſten bezauberte? Er theilt alle meine Gedanken, ſieht mit denſelben Augen, liebt mit demſelben Herzen.— O mein Vater! unmöglich kann er ſoviel Falſchheit haben! Denket an den Tempel der Muſen, welchem wir ſo nahe ſind. Wenn ich daran dächte, brummte Alexius ganz in ſich hinein, ſo würde ich an die einzig mögliche Ent⸗ ſchuldigung für ſeinen Verrath denken. Ein wenig Honig kann angenehm ſeyn, aber wenn man einen ganzen Honigkuchen verſchlingen ſoll, ſo bekommt man Eckel.— Meine Tochter, ſagte er alsdann ganz laut, tröſtet euch; es hat uns ſelbſt Mühe gekoſtet, dieſer betrübten und erſchrecklichen Wahrheit Glauben zu ſchenken. Allein es iſt Thatſache, daß unſere Leibwa⸗ chen verführt ſind; daß ihr Befehlshaber, der undank⸗ bare Achilles Tatius und der eben ſo verrätheriſche Agelaſtes ſich haben verleiten laſſen, zur Sicherung unſerer Gefangennehmung oder Ermordung mitzuwir⸗ ken. Ach! unglückliches Griechenland! gerade in dem Augenblicke, wo du der zarten Sorge eines Vaters am meiſten bedarfſt, ſollteſt du derſelben durch einen plötzlichen und erbarmungsloſen Schlag beraubt werden. Hier konnte ſich der Kaiſer der Thränen nicht ent⸗ halten.— Es würde ſchwer zu ſagen ſeyn, ob ſie durch den Gedanken an den Verluſt, welchen ſeine Untertha⸗ 92 nen hätten erleiden können oder durch die Bedrohun⸗ gen ſeines eignen Lebens veranlaßt worden waren. Es ſcheint mir, ſagte Irene, daß Eure kaiſerl. Maj. in Ergreifung von Maßregeln gegen dieſe Gefahr ſehr langſam iſt. Mit eurer Erlaubniß, meine Mutter, ſagte die Prin⸗ zeſſin, ich möchte eher ſagen, daß mein Vater zu ſchnell iſt geweſen, daran zu glauben. Es ſcheint mir, daß das Zeugniß eines Waringers, obwohl ich ſeiner Ta⸗ pferkeit volle Gerechtigkeit widerfahren laſſe, ein ſehr ſchwacher Beweis gegen die Ehre eures Eidams iſt; — gegen die erprobte Tapferkeit und Treue des Be⸗ fehlshabers eurer Leibwache,— und gegen das Ur⸗ theil, die Tugend und die tiefe Weisheit des Größten eurer Philoſophen. Und ſetzet hinzu, ſagte der Kaiſer, gegen die blinde Eigenliebe einer zu gelehrten Tochter, welche nicht ihrem Vater erlauben will, über das zu urtheilen, was ihn ſo nahe angeht. Ich ſage euch, Anna, daß ich ſie Alle kenne, und daß ich weiß, welches Zutrauen man einem Jeden von ihnen ſchenken darf.— Ja, ich kenne die Ehre eures Nicephorus,— die Tapferkeit und Treue des Akoluthos,— die Tugend und Weisyeit des Agelaſtes.— Habe ich ſie nicht Alle in meinem Beutel gehabt? Wäre dieſer fortwaͤhrend ſo wohl ge⸗ füllt, und wäre mein Arm ſo ſtark geblieben als vor⸗ mals, ſo würden ſie noch ſeyn, was ſie ehedem waren. Aber die Schmetterlinge entfernen ſich, ſobald es kalt 03 wird, und ich will dem Sturme ohne ihre Hülfe wi⸗ derſtehen.— Ihr ſagt, ich hätte keine Beweiſe? Ich habe ihrer genug, wenn ich Gefahr ſehe; auch hat mir dieſer rechtſchaffene Krieger Anzeichen mitgetheilt, wel⸗ che mit meinen beſonderen Bemerkungen, welche ich ſorgfältig geſammelt habe, ganz übereinſtimmen.— Er ſoll der Waͤringer der Wäringer werden.— Er ſoll den Namen Akoluthos bekommen anſtatt des Ver⸗ raͤthers, welcher dieſen Platz jetzt einnimmt. Und wer weiß, was die Güte ſeines Herrn noch für ihn thun kann? Mit Erlaubniß Ew. kaiſerl. Maj., ſagte Here⸗ ward, der bis dahin geſchwiegen hatte, obwohl viele Leute in dieſem Reiche ihre Erhebung dem Sturze ih⸗ rer alten Beſchützer verdanken, ſo iſt dieſes doch eine Bahn zur Groͤße, welche ſich nicht mit meinem Ge⸗ wiſſen verträgt. Außerdem habe ich ein Weſen wie⸗ dergefunden, an welchem ich hänge, und von dem ich ſeit ſehr langer Zeit getrennt geweſen bin; und ſehr bald denke ich Ew. kaiſerl. Maj. um die Erlaubniß zu vitten, ein Land zu verlaſſen, worin ich Tauſende von Feinden hinter mir laſſen werde, und mein Leben, gleich einer großen Anzahl meiner Landsleute, unter den Bannern König Wilhelms von Schottland zuzubringen. Du willſt mich verlaſſen, du Vortrefflichſter der Menſchen! rief Alerius mit Nachdruck. Und wo ſoll ich wieder einen Freund,— einen ſo treuen Sohn finden? 94 Edler Kaiſer, antwortete der Angelſachſe, ich bin in jeder Hinſicht von eurer Güte und Freigebigkeit gerührt; aber erlaubt mir die Vitte, daß ihr mich bei meinem eignen Namen nennet, und mir Verzei⸗ hung dafür verſprechet, daß ich die Urſache einer ſol⸗ chen Veränderung in der Dienerſchaft Ew. kaiſ. Maj. geweſen bin. Nicht allein würde ich mit Betrübniß das Schickſal mit anſehen, welches meinem Wohlthä⸗ ter Achilles Tatius droht, ſo wie dem Cäſar, der mir wohl wollte, und ſelbſt dem Agelaſtes, und der Ge⸗ danke, dazu mitgewirkt zu haben, würde drückend für mich ſeyn; ſondern ich habe auch diejenigen, an wel⸗ che Ew. Maj. heute die ſchmeichelhafteſten Ausdrücke ihrer Zufriedenheit verſchwendet, am folgenden Tage den Krähen und Raben zur Speiſe dienen ſehenz und ich frage nichts darnach, daß man von mir ſagen ſoll, ich hätte darum meine engliſchen Glieder nach den Kü⸗ ſten Griechenlands getragen. Ich will dich bei deinem wahren Namen nennen, mein Eduard, ſagte der Kaiſer.— Und zugleich ſetzte er leiſe hinzu: Beim Himmel, ich habe ſchon wieder den Namen dieſes Barbaren vergeſſen!— Ja gewiß, ich will dich für jetzt bei deinem wahren Namen nen⸗ nen, und ſo lange, bis ich einen meines Vertrauens würdigeren Namen gefunden haben werde. Jetzt wirf deine Augen auf dieſes Pergament. Es enthält, wie ich glaube, alle Einzelnheiten, welche wir über dieſe Verſchwörung haben in Erfahrung bringen können; 95 gieb es darauf dieſen ungläubigen Frauen, welche nicht eher an die Gefahr des Kaiſers glauben wollen, als wenn ſie die Dolche der Verſchworenen in ſeine Glie⸗ der fahren hören. Hereward that was ihm befohlen war; und nach⸗ dem er die Schrift durchlaufen und durch Kopfnicken angedeutet hatte, daß er ihren Jnhalt billigte, ſo reichte er ſie der Kaiſerin dar. Irene hatte nicht lange geleſen, ſo übergab ſie das Pergament ihrer Tochter mit einer ſo zornigen Miene, daß ſie kaum ihr die Stelle anzeigen konnte, welche ihren Unwillen erregt hatte,— da lies, ſagte ſie zu ihr, da lies, und urtheile über die Erkenntlichkeit und Liebe deines Cäſars! Die Prinzeſſin Anna Comnena erwachte aus einem Zuſtande tiefer und ſchmerzhafter Schwermuth, und warf einen Blick auf die Stelle, welche für ſie be⸗ ſtimmt war, Anfangs mit einer matten Neugierde, welche aber bald der lebhafteſten Theilnahme wich. Ihre Augen flammten von Unwillen, ihre Hände hiel⸗ ten das Pergament, wie die Krallen eines Falken ſeine Beute, und mit einer Stimme, welche dem Schreien dieſes Vogels, wenn er in Wuth iſt, ähnlich war, ſchrie ſie:— Falſcher und blutgieriger Verräther! was konnteſt du denn noch mehr verlangen?— Nein, mein Vater, ſagte ſie, und erhob ſich im Zorne, eine betrogene Prinzeſſin wird nicht mehr bei euch fürſpre⸗ chen, um den Verräther Nicephorus mit dem ſo wohl⸗ 96 verdienten Schickſal zu verſchonen.— Glaubt er ei⸗ ne im Purpur geborne Gemahlin erabſchieden,— vielleicht ermorden zu können,— mit der leichten Formel der Roͤmer: Gib mir die Schlüſſel wieder,— thue nicht mehr die innern Geſchäfte meines Hauſes2*) Iſt eine Tochter aus dem Stamme der Comnenen da, um Beſchimpfungen zu erdulden, welche der gemeinſte Bürger ſich kaum gegen ſeine Hausfrau erlauben würde! Bei dieſen Worten trocknete ſie die Thränen, welche aus ihren Augen fielen, und ihre Züge, welche ge⸗ wöhnlich eben ſo viel Sanftmuth als Schönheit zeig⸗ ten, kamen in ein ſolches Feuer, daß ſie einer Furie glich. Hereward betrachtete ſie mit einer Miſchung von Furcht, von Eckel und Mitleiden. Sie brach von Neuem aus; denn da ſie die Natur mit großen Anla⸗ gen begabt hatte, ſo hatte ſie ihr auch zugleich heftige Leidenſchaften gegeben, welche bei weitem den kalten Ehrgeiz Irenen's, ſo wie die Zweideutigkeit und ver⸗ ſchlagene, argliſtige Politik des Kaiſers ſelbſt über⸗ trafen. Er ſoll dafuͤr beſtraft werden! ſchrie die Prinzeſſin; ſchwer beſtraft!— Der Verräther mit ſeinem Lächeln und ſeinen treuloſen Liebkoſungen! Und das wegen ei⸗ ner Barbarin, welche ihr Geſchlecht abgeſchworen hat! *) Die lakoniſche Eheſcheidunssformel bei den Ro⸗ mern. ———————— — —,——— 97 Ich hatte ſchon einigen Verdacht wahrend des Mahles, welches wir bei jenem alten Narren einnahmen. Und doch, wenn dieſer unwürdige Cäſar ſich dem Schickſale der Waffen ausſetzt, ſo hat er weniger Klugheit, als ich Grund hatte bei ihm vorauszuſetzen.— Glaubt ihr, daß er die Thorheit haben wird, uns einen ſo öffentlichen Schimpf anzuthun, mein Vater?— Wer⸗ det ihr keine Mittel finden, unſere Rache zu ſichern? Oh, oh! dachte der Kaiſer; ihr Aufbrauſen iſt mir ungelegen. Sie wird allen Zwang abwerfen, um zur Rache zu eilen, und eher Zügel und Zaum als Spo⸗ ren nöthig haben. Wenn alle eiferſichtigen Weiber von Conſtantinopel in ſolche Wuth geriethen, ſo wür⸗ den unſere Geſetze über den Ehebruch mit Blut ge⸗ ſchrieben ſeyn, wie die des Drakon.— Höret mich jetzt an, ſagte er ganz laut, ihr meine Fran, ihr meine Tochter, und auch du, mein theurer Eduard; und ich will euch, euch allein, die Art angeben, wie ich das Staatsſchiff durch alle jene Klippen zu führen denke. Wir müſſen, fuhr Alexius fort, genau die Mittel kennen lernen, welche ſie anwenden wollen, daraus werden wir erſehen, was wir ihnen entgegenſetzen müſ⸗ ſen. Eine gewiſſe Anzahl Wäringer iſt verführt wor⸗ den, unter dem Vorwande von Beſchwerden, welche ihr trenloſer Anführer geſchickt vorgeſchoben hat, um ſie aufzuwiegeln. Ein Theil davon ſoll um unſere Perſon geſtellt werden.— Der Verräther Urſel iſt ge⸗ ſiorben, wie einige glauben; aber wenn dem alſo wäre, W. Scptt's ſammtl. Werke. 1678 Bochn. 3 98 ſo reicht ſein Name ſchon hin, um alle ſeine alten Mitſchuldigen zu vereiuigen. Ich habe das Mittel, ſie in dieſer Hinſicht zu befriedigen, aber ich erkläre mich darüber nicht in dieſem Augenblicke.— Eine zahl⸗ reiche Schaar Unſterblicher haben ſich auch verfüͤhren laſſen, und man will ſie ſo ſtellen, daß ſie die Hand⸗ voll der Wäringeriſchen Verräther, die in dieſen An⸗ ſchlag auf unſere Perſon eingegangen ſind, unterſtützen können.— Daher nur eine leichte Veränderung in der Poſtenſtellung,— und du, mein treuer Eduard oder oder an dem Namen liegt ja nichts du ſollſt unumſchränkte Vollmacht dazu be⸗ kommen,— wird die Entwürfe der Verſchwörer ver⸗ eiteln, und unſere treuen Soldaten in Stand ſehen, ſie zu umringen und ohne große Mühe in Stücke zu hauen. Und der Zweikampf, Sire? fragte der Angelſachſe. Du würdeſt kein wahrhafter Wäringer ſeyn, wenn du nicht dieſe Frage gethan hätteſt, antwortete Alexius mit guter Laune. Nun wohl! dieſen Zweikampf hat der Cäſar erdacht, und wir werden Sorge tragen, daß er ſich nicht den Gefahren, welche daraus ent⸗ ſpringen können, entziehen ſoll. Er kann ehrenhalber den Kampf dieſer Frau nicht ausſchlagen, ſo ſeltſam er auch iſt; und auf welche Weiſe er ausgehen mag, die Verſchwörung widd doch ausbrechen; und da die⸗ ſes gegen wohl vorbereitete und bewaffnete Leute ge⸗ —, 99 ſchieht, ſo wird ſie in dem Blute der Verſchworenen erſtickt werden. Meine Rache verlangt nicht dieſen Kampf, ſagte die Prinze ſſin, und auf der andern Seite erheiſcht es eure kaiſerliche Ehre, daß dieſe Gräfin beſchuͤtzt wird. Das geht mich wenig an, antwortete der Kaiſer, ſie kommt hier mit ihrem Manne her, ohne eingeladen zu ſeyn; er beträgt ſich in meiner Gegenwart unver⸗ ſchämt, und verdient Alles, was für ihn und ſeine Frau aus ihrem tollen Unternehmen erfolgen kann. Im Grunde wollte ich ihn nur ein wenig durch den Aublick jener Thiere erſchrecken, welche ſeine Unwiſſen⸗ heit für verzaubert hielt, und ſeiner Frau eine Vol⸗ ſtellung von der Hitze eines Griechiſchen Liebhabers geben. Aber jetzt wo ich dieſe kleine Rache ausge⸗ übt habe, iſt es möglich, daß ich dieſe Gräfin unter emeinen Schutz nehme. Welche erbärmliche Rache! ſagte die Kaiſerin. Ihr, der ſchon ein reifes Alter erreicht hat, und eine Ge⸗ mahlin beſitzt, welche einige Aufmerkſamkeit verdienen kann, wollt einem ſo ſchönen Manne, wie Graf Ro⸗ bert, eiferſüchtige Unruhen machen, und ſeiner Frau Beſorgniſſe! Nein, Dame Frene; nein, wenn ihr es erlauben wollt, ſagte Alexius; ich habe dieſe Rolle in der Cv⸗ mödie, welche ich mir meinem dem Cäſar⸗ gegeben. Aber indem er auf ſolche Wiſſe ſei⸗ eine 100 Schleuſe ſchloß, öffnete der arme Kaiſer eine andere noch furchtbarere. Das iſt enrer kaiſerlichen Weisheit noch unwürdiger, mein Vater, ſchrie die Prinzeſſin Anna Comnena. Iſt es nicht ſchaͤndlich, daß ihr mit eurer Klugheit und eurem Barte euch in unſchickliche Thorheiten mi⸗ ſchet, welche das Innere der Familien, ſelbſt eurer eignen Tochter ſtören? Wer kann ſagen, daß der Cä⸗ ſar Nicephorus Briennes je ſeine Augen auf ein an⸗ deres Weib als ſeine Gemahlin geworfen hat, bevor der Kaiſer es ihn zu thun lehrte, und ihn in ein Ge⸗ webe von Ränken und Verraͤthereien verwickelt hat, welche endlich das Leben ſeines Schwiegervaters in Ge⸗ fahr ſetzen? Meine Tochter! meine Tochter! rief die Kaiſerin, man muß die Tochter einer Wölſin ſeyn, glaube ich, um ihren Vater mit ſolchen Vorwürfen in einem ſo unglücklichen Augenblicke belaſten zu können, wenn die ganze Muſe, welche er haben kann, ihm kaum hin⸗ reicht, ſein Leben zu vertheidigen. Stille, ihr beiden Weiber! ſagte Alexius, en⸗ diget euer unvernünftiges Geſchrei! Laßt mich we⸗ nigſtens ſchwimmen um mein Leben zu retten, ohne mich durch eure Abgeſchmacktheiten irre zu machen! Gott weiß es, ob ich der Mann bin, welcher, ich will nicht ſagen, das Böſe, nein nur Das, was den Schein davon hat, zu ermuntern im Stande wäre. Er ſprach dieſe Worte, indem er das Zeichen des 104 Kreuzes machte, und einen frommen Seufzer ausſtieß. In dieſem Angenblicke trat ſeine Gemahlin Irene auf ihn zu, und ſagte ihm mit einer Bitterkeit in Blick und Ton, die nor von einem lange aufgehäuften ehe⸗ lichen Haſſe herkommen konnte, der endlich alle Schran⸗ ken durchbrach:— Alexius, führet die Sache nach eurem Gutdenken zu Ende; ihr habt als Heuchler ge⸗ lebt und werdet auch unfehlbar als ſolcher ſterben! Bei dieſen Worten ging ſie mit entrüſteter Miene aus dem Zimmer, und führte ihre Tochter mit ſich fort. Der Kaiſer ſah ihr mit einiger Verlegenheit nach, doch bekam er bald ſeine Geiſtesgegenwart wieder; er wandte ſich zu dem Wäringer mit einer Miene be⸗ leidigter Herrſcherwürde, und ſagte zu ihm: Ach! mein theurer Eduard!(denn dieſer Name hatte ſich in ſei⸗ nem Geiſte feſtgewurzelt anſtatt des minder gelänfi⸗ gen Hereward) du ſieheſt, was ſelbſt den Größten der Erde begegnet! du ſieheſt, daß der Kaiſer ſelbſt in den ſchwierigſten Augenblicken ausgeſetzt iſt, ſeine Geſin⸗ nungen ebenſoſchlimm ausgelegt zu ſehen, als der nied⸗ rigſte Bürger von Conſtantinopel. Indeſſen meine Liebe zu dir, Eduard, iſt ſo groß, daß ich dich zu über⸗ zengen wünſchte, daß die Gemüthsart meiner Tochter Anna Comnena nicht der ihrer Mutter gleicht, ſon⸗ dern vielmehr der meinigen. Du ſieheſt, mit welcher from⸗ men Treue ſie die unwürdigen Banden achtet, die auf' ihr laſten; aber ich hoffe, ſie ſollen bald zerriſſen ſeyn, und Cupido wird ihr andere Ketten umlegen, welche . 402 leichter zu tragen ſind. Eduard, mein ganzes Ver⸗ trauen ruhet auf dir. Der Zufall bietet uns eine überaus glückliche Gelegenheit dar, alle Verräther vor uns auf derſelben Stelle vereinigt zu haben, wenn wir ſie nur zu benutzen verſtehen. Denke aber an die⸗ ſem Tage daran, daß, wie die Franken bei ihren Turnieren ſagen, ſchöne Augen auf dich blicken. Du ſollſt dir kein Geſchenk erdenken können, das ich dir nicht mit Vergnuͤgen zugeſtände, wenn es in meiner Macht ſtehet es zu geben. Einerlei, ſagte der Wäringer mit einiger Kälte; mein höchſter Ehrgeiz beſteht darin, daß man einſt auf meinem Grabe leſe: Hier ruht der treue Hereward. Dennoch werde ich Ew. kaiſerl. Maj⸗ um einen Beweis des Vertrauens bitten, welchen ihr vielleicht etwas zu ſtark finden werdet. Wahrhaftig! ſagte der Kaiſer. Nun wohl! laß ſe⸗ hen, welches iſt deine Bitte? Die Erlaubniß, in das Lager Gottfrieds von Bouil⸗ lon zu gehen, und ſeine Gegenwart in den Schranken zu verlangen, um Zeuge jenes ungewöhnlichen Kam⸗ pfes zu ſeyn. Damit er mit ſeinen tollen Kreuzfahrern zurück⸗ kehre, und Conſtantinopel einäſchere unter dem Vor⸗ wande, ſeine Verbündeten zu rächen? Wäringer, das heißt wenigſtens deine Geſinnungen offen enthüllen. Nein! beim Himmel! rief Hereward eilig. Der Herzog von Bouillon wird nur mit einer hinreichen⸗ 103 den Zahl Ritter kommen, um eine anſtändige Wache zu bilden auf den Fall, daß man gegen die Gräfin von Paris Verrath beginge. Nun wohl! ich will dir ſelbſt dieſe Bitte gewähren. Aber wenn du mein Vertrauen verräthſt, Eduard, ſo bedenke wohl, daß du Alles nicht nur verlierſt, was ich dir verſprochen habe, ſondern auch noch die einem Verräther, welcher durch einen Kuß verraͤth, gebüh⸗ rende Strafe verdieneſt. Was die Velohnung betrifft, von welcher ihr mir geſagt habt, edler Kaiſer, ſo gebe ich förmlich jeden Anſpruch daran auf. Wenn die Krone feſter auf eu⸗ rem Haupte ſitzen, und der Scepter ſicherer in enrer Hand ruhen wird, ſo werde ich, ſofern ich dann noch am Leben bin, und meine ſchwachen Dienſte es ver⸗ dienen, von eurer Guͤte nur die Mittel verlangen, dieſen Hof zu verlaſſen, und auf das ferne Eiland zurückzukehren, in welchem ich das Daſeyn empfangen habe. Bis dahin glaubet nicht, daß ich euch untreu werden koͤnnte, obwohl ich in dieſem Augenblicke die Mittel dazu in Häͤnden habe. Eure kaiſerl. Mai. wird erfahren, daß Hereward euch nſ treu iſt, als eure rechte Hand eurer linken. Bei dieſen Worten beurlaubte er ſich vom Kaiſer mit einer tiefen Verbengung. Der Kaiſer folgte ihm mit den Blicken, worin ſich Bewunderung und Zweifel mahlte. Ich habe ihm alles, was er wollte, zugeſtanden, 104 ſagte er zu ſich ſelbſt, und ihm die Mittel, mich gänzlich zu verderben, in die Hand gegeben, wenn er dazu die Abſicht hat. Er braucht nur ein Wort zu ſagen, und jene ganze Rotte von tollen Kreuzfah⸗ rern, welche ich mir mit ſo vieler Hinterliſt und Be⸗ ſtechung zu Freunden gemacht habe, kommt nach Con⸗ ſtuntinopel, um es mit Feuer und Schwert zu ver⸗ wuſten, und ſtreuet Salz auf den Boden, wo jetzt dieſe Stadt ſteht. Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen hatte, niemals zu thun: ich habe mein Reich und mein Leben auf's Spiel geſetzt, indem ich mich der Treue eines Sohnes von einem Weibe an⸗ vertraute. Wie oft habe ich mir geſagt und geſchwo⸗ ren, mich nie in eine ſolche Gefahr zu begeben! Und dennoch habe ich mich Schritt fuͤr Schritt hineinzie⸗ hen laſſen. Ich kann nicht ſagen, woher es kommt, aber in den Blicken und Worten dieſes Menſchen liegt eine Aufrichtigkeit, welche uͤber mein Mißtrauen ſiegt; und noch unglaublicher iſt es, daß mein Ver⸗ trauen zu ihm zugenommen hat im Verhaͤltniſſe der Unabhaͤngigkeit und Verwegenheit, welche er mir zeigte. Wie ein ſchlauer Fiſcher habe ich ihm alle erdenklichen Lockſpeiſen dargeboten, darunter einige, welche von einem Koͤnige nicht verſchmaͤht werden moͤchten, und er hat ſich mit keiner fangen laſſen: und doch verſchluckt er, wenn ich ſo ſagen darf, die ungekoͤderte Angel, und will mir dienen, ohne einen Schatten von eigenem Vortheil. Kann dieſes viel⸗ 105 leicht ein ausgeſuchter Verrath ſeyn? Waͤre es ſoge⸗ nannte uneigennuͤtzigkeit? Wenn ich ihn fuͤr treulos hielte, ſo iſt es noch nicht zu ſpaͤt; er iſt noch nicht uber die Bruͤcke gegangen; er iſt noch nicht außer dem Bereiche der Pallaſtwächter, welche keinen Auf⸗ ſchub noch Ungehorſam kennen. Doch nein, ich wuͤr⸗ de dann ganz allein ſeyn: es bliebe mir kein Freund noch Vertrauter. Ich hoͤre ihn die aͤußere Pallaſt⸗ thuͤre oͤffnen: das innige Gefuͤhl der Gefahr macht mein Ohr gewiß ſchaͤrfer als gewöhnlich. Die Thüre wird zugeſchloſſen. Der Wurfel iſt geworfen: er iſt frei; und Alerius Herrſchaft oder Untergang hangt von der unſicheren Treue eines beſoldeten Waͤringers ad. Er klatſchte mit den Häͤnden; ein Sklave er⸗ ſchien; er verlangte Wein. Er trank, und ſein Muth kam ihm wieder.— Ich bin entſchloſſen, ſagte er, und werde mit Ruhe den Erfolg dieſes Wurfes ab⸗ warten, er mag gluͤcklich oder unglucklich ausfallen. Bei dieſen Worten zog er ſich in ſein Gemach zuruͤck, und man ſah ihn an dieſem Abende nicht wieder. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Und ach, als waͤr's zum Tod, Trompetenruf erſcholl. Campbell. Der Waͤringer, deſſen Geiſt von den wichtigen Ge⸗ ſchaͤften, welche man ihm aufgetragen hatte, bewegt war, blieb von Zeit zu Zeit in den Straßen von Conſtantinopel, welche er im Mondſcheine durcheilte, ſtehen, um uͤber die Vorſtellungen, welche ploͤtzlich in ſeiner Einbildungskraft entſtanden, nachzudenken, und ſie genau in allen ihren Beziehungen zu betrachten. Seine Gedanken waren bald von ermunternder, bald von beunruhigender Art; und ein jeder mit der Menge Einzelheiten, welche ihn begleiteten, wurde abwech⸗ ſelnd von entgegengeſetzten Betrachtungen verdraͤngt. Er befand ſich in einer jener Lagen, wo ſich die Seele eines gewoͤhnlichen Menſchen unfaͤhig fuͤhlt, die Schwere einer plötzlich aufgelegten Laſt zu ertragen, wo aber im Gegentheil ein mit ungewöhnlichem Muthe und jener koͤſtlichſten Himmelsgabe, einem geſunden Ver⸗ ſtand begabter Menſch ſeine Faͤhigkeiten erwachen und den angemeſſenen Flug nehmen fuͤhlt, ſowie ein gu⸗ ter Renner, welcher von einem muthigen und erfah⸗ renen Reiter beſtiegen wird. 107 Da Hereward einen Anfall von Traͤumerei hatte, welche in dieſer Nacht mehr als ein Mal ſeinen ſtol⸗ zen und kriegeriſchen Schritt aufhielt, ſo glaubte er in der Ferne den Klang einer Trompete gehoͤrt zu haben. Das Erſchallen dieſes Inſtruments zu einer ſolchen Stunde in den Straßen von Conſtantinopel verkuͤndigte etwas ungewoͤhnliches; denn da alle Trup⸗ penbewegungen durch beſondere Befehle beſtimmt wor⸗ den waren, ſo hatte man nicht ohne einen wichtigen Grund die feierliche Stille der Nacht unterbrechen koͤnnen. Aber was war dieſer Grund? das konnte er nicht enträthſeln. War die Verſchwoͤrung unverſehens und durch Ver⸗ aͤnderung der von den Verſchworenen Anfangs an⸗ genommenen Maßregeln ausgebrochen? In dieſem Falle war ſein Zuſammentreffen nach ſo vielen Jah⸗ ren der Trennung mit Derjenigen, welche ihm ihre Hand verſprochen hatte, nur das trugeriſche Vorſpiel einer ewigen Trennung. Hatten die Kreuzfahrer, deren Bewegungen ſchwer zu berechnen waren, die Waffen ergriffen, und waren ſie ploͤtzlich von der Aſiatiſchen Kuͤſte zuruͤckgekehrt, um die Stadt zu uͤberraſchen? Dieſe Annahme hatte nichts Unmoͤgli⸗ ches: man hatte den Kreuzfahrern ſo viele verſchie⸗ dene Gruͤnde zur Klage gegeben, daß es jetzt, wo ſie zum erſten Male in ein einziges Heer vereinigt wa⸗ ren, und wo ſie die Berichte, welche ſie ſich gegen⸗ ſeitig von der Treuloſigkeit der Griechen machen konn⸗ 108 ten, gehoͤrt hatten, natuͤrlich und ſelbſt vielleicht zu entſchuldigen war, wenn ſie ſich Rachegedanken über⸗ ließen. Aber der Klang, welchen er hoͤrte, glich einem re⸗ gelmäßigen Aufrufe. Es war kein verworrenes Ge⸗ ſchmetter von Trompeten und Klarinetten, welches die Einnahme einer Stadt begleitet und verkuͤndigt, wann die Schreckniſſe des Sturmes noch nicht dem ſtrengen Frieden gewichen ſind, welchen die des Mor⸗ dens müden und beutebeladenen Sieger endlich den unglücklichen Einwohnern bewilligen. Welches aber auch der Grund jenes ungewöhnlichen Zeichens ſeyn konnte, Hereward mußte ihn wiſſen. Er trat daher in eine große Straße in der Naͤhe der Caſernen, von wo der Schall herzukommen ſchien; und in der That hatte er auch noch andere Urſachen dieſen Weg einzuſchlagen. Die Einwohner dieſes Stadtviertels ſchienen von jenem kriegeriſchen Zeichen nicht beunruhigt. Der Mond erhellte die Straße, welche der rieſenhafte Schatten der Thuͤrme von der heiligen Sophienkirche durchkreuzte, welche die Unglaͤubigen zu ihrer Haupt⸗ moſchee gemacht haben ſeit der Eroberung dieſer Stadt. Niemand erſchien in den Straßen, und wenn ſich Je⸗ mand an ſeiner Thuͤre oder ſeinem Fenſter zeigte, ſo ſchien ſeine Neugierde ſchnell befriedigt, denn er zog ſich alsbald zuruͤck und verſchloß ſich in ſein Haus. Hereward erinnerte ſich unwillkuͤhrlich der Sagen, 409 welche die Greiſe ſeines Stammes in den dichten Wäl⸗ dern von Hampöshire erzählten, und welche von un⸗ ſichtbaren Jägern ſprachen, die mit gleichfalls unſicht⸗ baren Hunden und Pferden das Wild verfolgten, wel⸗ ches ſie allein in den dunklen Wäldern Germaniens ſehen konnten. Dieſes ſchienen ihm dieſelben Klänge zu ſeyn, wie diejenigen, welche jene Wälder waͤhrend jener ſonderbaren Jagd widerhallen ließen, und Schre⸗ cken in der Seele des Hörers verbreiteten. Pfui! ſagte er zu ſich, und unterdrückte einen ge⸗ wiſſen Hang zu derſelben abergläubiſchen Furcht; dür⸗ fen ſo kindiſche Gedanken in der Seele eines Mannes eutſtehen, welcher ſo viele Beweiſe des Vertrauens bekommen hat, und von dem man ſo große Dinge zu erwarten ſcheint? Er ging daher weiter, ſeine Streit⸗ axt auf die Schulter lehnend; und redete den Erſten, welchen er ſich in ſeine Thüre wagen ſah, an, um ihn nach der Urſache einer ſo kriegsluſtigen Muſik zu einer ſo ungewöhnlichen Stunde zu fragen. Ich kann es euch nicht ſagen, antwortete der Bür⸗ ger, welcher weder geneigt ſchien im Freien zu bleiben oder in eine Unterhaltung einzugehen, noch Willens war, neue Fragen anzuhören. Dieſes war der politi⸗ ſche Einwohner von Conſtantinopel, welchen wir am Aufange dieſer Geſchichte haben erſcheinen ſehen; und er eilte ſich in ſein Haus zu kommen, um einer län⸗ gern Unterredung auszuweichen. Der Ringer Stephanos ſtand in der nächſten Thüre, 440 welche mit einem Kranze von Eichenlaub und Epheu geſchmuͤckt war zur Ehre eines Sieges, welchen er vor Kurzem davongetragen hatte. Er dachte nicht daran ſich zurückzuziehen, denn er war zum Theile durch ſeine Leibeskraft, deren er ſich bewußt war, er⸗ muthigt, theils durch eine finſtere und mürriſche Ge⸗ müthsart, welche Leute dieſer Art oft für wahren Muth halten. Sein Schmeichler und Bewunderer Lyſimachus war halb hinter ſeinen breiten Schultern verſteckt. Hereward that an ihn im Vorbeigehen dieſelbe Frage, welche er an den andern Bürger gerichtet hatte:— Wißt ihr, was der Schall jener Trompeten zu einer ſolchen Stunde bedeutet? Nach eurer Axt und eurem Helme zu urtheilen, antwortete Stephanos mit grobem Tone, ſolltet ihr es beſſer als Jemand wiſſen; denn eure Trompeten, nicht die unſern, ſtören ehrliche Leute in ihrem erſten Schlafe. Lümmel! ſchrie der Wäringer mit einer Stimme, welche den Ringer erzittern machte. Aber wenn dieſe Trompete erſchallt, hat ein Soldat keine Zeit, die Unverſchämtheit verdientermaßen zu beſtrafen. Der Grieche eilte ſo ſchnell in ſein Haus, daß er in ſeiner Haſt faſt den Künſtler Lyſimachus über den Haufen rannte, welcher den Vorgang mit anhörte. Hereward kam in den Kaſernen an⸗ Die Muſik ſchien eine Pauſe gemacht zu haben. Aber in dem „— — „— 141 Augenblicke, wo er über die Thorſchwelle trat, um in den Hof zu gehen, erſcholl der Klang der Trompe⸗ ten von Neuem mit einer ſolchen Kraft, daß er faſt betäubt wurde, obvohl er daran gewöhut war. Was bedeutet das Alles, Engelbrecht? fragte er den Wäringer, welcher Schildwache ſtand und vor dem Thore auf und ab ging mit der Art in der Hand. Es iſt der Aufruf einer Herausforderung und eines Zweikampfes, antwortete Engelbrecht. Wunderbare Dinge gehen vor, Kamerad; dieſe wüthenden Kreuz⸗ fahrer haben die Griechen gebiſſen, und dieſe ſind von ihrer Wuth für Zweikämpfe angeſteckt worden, wie man ſagt, daß die Hunde ſich ihre Wuth mittheilen. Hereward antwortete der Schildwache nicht, ſondern er ſetzte ſeinen Weg fort, um zu einem Haufen ſeiner Landsleute zu gehen, welche im Hofe halb bewaffnet, oder vielmehr ohne Waffen ſtanden, und in der Eile ihre Lager verlaſſen hatten, um ſich bei den Trompe⸗ tern zu verſammeln, welche in ſchöner Ordnung und in Paradeuniform aufgeſtellt waren. Derjenige, wel⸗ cher das rieſenhafte Inſtrument trug und die ausdrück⸗ lichen Befehle des Kaiſers zu verkuͤndigen hatte, war an ſeinem Platze und den Muſikanten folgte eine Ab⸗ theilung bewaffneter Waͤringer, an deren Spitze ſich Achilles Tatius ſelbſt befand. Hereward, deſſen Ge⸗ fährten ihm Platz machten, bemerkte, daß ſechs He⸗ rolde des Kaiſers auch bei dieſer Gelegenheit Dienſt thaten. Zwei von ihnen hatten ſchon den Aufruf ver⸗ 142 leſen, welcher dann von zwei anderen wiederholt, und zum dritten Male von den zwei Letzten verkündet wer⸗ den ſollte, wie dieſes in Conſtantinopel gebräuchlich war, wenn ein kaiſerlicher Befehl von hoher Wichtig⸗ keit bekannt gemacht werden ſollte. Sobald Achilles Tatius ſeinen Vertrauten bemerkte, gab er ihm ein Zeichen, welches Hereward ſo verſtand, daß ſein An⸗ führer nach dem Aufrufe mit ihm ſprechen wollte. Die Herolde verlaſen ihn in folgenden Ausdrücken, als die Trompeten ihren Tuſch beendigt hatten. (Fortſetzung folgt.)