Grak Bobert von Paris. Von Sir Walter Scott. 1 Aus dem Engliſchen. Ditt r ei. — Stuttz Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 18 3 2. Achtes Kapitel. Durch das Gewebe, das Sophiſten faͤngt, Dringt grader Sinn und ehrlicher Verſtand, Wie wirrer Nebel ſich auf Huͤgel ſenkt, Wie hell der Morgen ſtrahlt am Himmelsrand. Dr. Watts. Der Greis erhob ſich raſch, als er den Hereward herankommen ſah.— Mein tapfrer Wäringer, ſagte er zu ihm, du, der du die Menſchen und Sachen nicht nach dem falſchen Preiſe, welchen man ihnen in dieſer Welt beilegt, ſondern nach ihrer wirklichen Bedeutung und ihrem wahren Werthe würdigeſt, biſt mir will⸗ kommen, welcher Beweggrund dich immer hierher ge⸗ führt haben mag.— Du biſt mir willkommen an ei⸗ nem Orte, wo der Grundſatz herrſcht, daß die erſte Pflicht der Philoſophie iſt, den Menſchen ſeines erborg⸗ ten Schmuckes zu entkleiden, und ihn guf den wahren 6 Werth ſeiner eigenen körperlichen und geiſtigen Eigen⸗ ſchaften, wie ſie an ſich ſelbſt beſchaffen ſind, zurück⸗ zuführen. Ihr ſeyd ein Hofmann, mein Herr, entgegnete der Sachſe; und da ihr das Vorrecht genießt, in die Ge⸗ ſellſchaft Sr. Kaiſerl. Maj. zugelaſſen zu werden, ſo wißt ihr, daß es zwanzig Mal mehr Hofgebräuche gibt, welche das Betragen der verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft vorſchreiben, als ein Menſch von mei⸗ nem Schlage wiſſen kann; auch hätte man überhaupt einen einfachen Menſchen, wie mich, damit verſchonen können, vor denjenigen zu erſcheinen, welche über ihm ſtehen, und in deren Gegenwart er nicht genau ſich zu betragen weiß. Freilich, antwortete der Philoſoph; aber ein Mann wie ihr, edler Hereward„verdient mehr Achtung in den Augen eines wahren Philoſophen als ein Tauſend jener Inſekten, welche das Lächeln eines Hofes ins Leben ruft, und welche eine Laune deſſelben in das Nichts zurückfuͤhrt. Aber ihr ſelbſt, mein Herr, ſeyd ein Hofmann. Und ſogar ein ſehr pünktlicher Hofmann. Ich ſchmeichle mir, daß kein Unterthan im Reiche beſſer die zehntauſend Punkte der Hofſitte kennt, welche von den verſchiedenen Ständen hinſichtlich der mannigfalti⸗ gen Würden beobachtet werden müſſen. Der Menſch iſt noch nicht geboren, der ſagen kann, er habe mich in Gegenwart der Kaiſerlichen Familie eine beqnemere 7 Stellung annehmen ſehen, als die des graden Aufrecht⸗ ſtehens. Aber obgleich ich dieſes Aeußere in der Ge⸗ ſellſchaft annehme, und mich darin ihren Irrthümern füge, ſo hat mein wirkliches Urtheil einen ernſteren Charakter, und geziemet mehr dem Menſchen, der, wie man ſagt, nach dem Ebenbilde Gottes geſchaffen iſt. Ihr könnt nur wenig Gelegenheit haben, euer Ur⸗ theil an dem zu üben, was mich angeht; und ich wün⸗ ſche nicht, daß mich Jemand für etwas Anderes an⸗ ſehe, als was ich bin,— ein armer Verbannter, der ſeinen Glauben zum Himmel zu erheben ſucht, und ſeine Pflichten ſowohl gegen die Welt, in der er lebt, als gegen den Kaiſer, dem er dient, erfuͤllen will.— Jetzt erlanbt auch mir, mein Herr, die Frage, ob ihr dieſe Unterredung gewünſcht habt, und welches der Beweggrund dazu iſt. Ein Afrikaniſcher Sklave, wel⸗ chem ich auf dem öffentlichen Spaziergange begegnet bin, und welcher behauptet Diogenes zu heißen, hat mir geſagt, daß ihr mich zu ſprechen wünſchtet. Er hat ſo ziemlich das Ausſehen eines alten Poſſenreißers, und es iſt möglich, daß er mir nicht die Wahrheit ge⸗ ſagt hat. Wenn das iſt, ſo will ich ihm ſelbſt die Prügel ſchenken, welche ſeine Unverſchämtheit eigentlich verdiente, und will euch zugleich um Entſchuldigung bit⸗ ten, daß ich euch in enrer Einſamkeit geſtört habe, welche ich keineswegs zu theilen geneigt bin. Diogenes hat euch nicht belogen. Er liebt zu ſpaſ⸗ ſen, wie ihr eben bemerkt habt; aber er vereinigt da⸗ 8 mit einige Eigenſchaften, welche ihn mit denjenigen gleichſtellen, deren Farbe weißer iſt, und welche vor⸗ theilhaftere Züge haben. Und warum habt ihr ihm dieſen Auftrag gegeben? Kann eure Weisheit den Wunſch gehabt haben mit mir eine Unterhaltung zu bekommen? Ich bin ein Beobachter der Natur und Menſchheit. Iſt es nicht natürlich, daß ich jener Weſen muͤde bin, bei welchen Alles kuͤnſtlich iſt, und daß ich Etwas ſehen will, was friſch aus den Haͤnden der Schö⸗ pfung kommt. Das werdet ihr in mir nicht ſehen. Die Strenge der kriegeriſchen Zucht,— die Lager,— der Centn⸗ rionen⸗Dienſt,— die Bewaffnung,— bilden die Ge⸗ ſinnungen und Glieder eines Menſchen, wie der See⸗ krebs nach ſeiner Schale gebildet iſt. Wenn ihr Einen von uns ſeht, ſo ſeht ihr uns Alle. Erlaubt mir daran zu zweifeln und anzunehmen, daß ich in Hereward, dem Sohne des Waltheoff einen nicht gewöhnlichen Menſchen ſehe, wenn ihm auch ſeine Beſcheidenheit den Werth ſeiner guten und ſeltenen Eigenſchaften verbergen kann. Sohn des Waltheoff! wiederholte der Wäringer mit einigem Erſtaunen. Ihr kennt den Namen mei⸗ nes Vaters? Wundert euch nicht, daß ich von einer ſo einfachen Sache unterrichtet bin, antwortete der Philoſoph. Es hat mir ſehr wenige Mühe gekoſtet um es zu erfah⸗ ren: indeſſen würde ich ſehr glücklich ſeyn, wenn ich hoffen könnte, daß die geringe Mühe, die es mir ge⸗ koſtet hat, euch von meinem aufrichtigen Wunſche, euch Freund zu nennen, überzeugen würde. Es iſt in der That ungewöhnlich, daß ein Mann von eurem Stande, der mit ſo vielen Kenntniſſen be⸗ gabt iſt, ſich die Mühe gibt, bei den Soldaten der Wäringer Cohorten Belehrung über die Familie eines ihrer Landsleute zu ſuchen: und ich zweifle ſehr, daß dieß je mein Befehlshaber, der Akoluthos ſelbſt, ge⸗ than hat. Höhere Leute als er werden ſich ebenſowenig darum kuͤmmern.— Ihr kennt einen Mann auf einer hohen Stufe, in deſſen Augen die Namen ſeiner getreuſten Soldaten weniger Wichtigkeit haben, als die ſeiner Jagdhunde und Falken; und er würde ſich gerne die Mühe erſparen ſie anders zu rufen, als durch Pfeifen. Ich verſtehe dieſe Sprache nicht, ſagte der Waͤ⸗ ringer. Ich möchte euch nicht gerne beleidigen; ich moͤchte ſelbſt nicht gerne eure etwaige gute Meinung von dem⸗ jenigen, auf den ich angeſpielt habe, erſchüttern. In⸗ deſſen bin ich erſtaunt, daß ein Menſch, der ſolche große Eigenſchaften beſitzt, wie ihr, nicht einſieht Laßt das gut ſeyn, mein Herrz eure Reden haben etwas zu Leichtfertiges für einen Mann von eurem Alter und eu⸗ rem Charakter. Ich bin wie die Felſen meines Landes: heftige Stürme können ſie nicht erſchüttern; ſanfter 10 Regen kann ſie nicht ſchmelzen. Die Schmeicheleien und Drohungen ſind rein bei mir verloren. und gerade wegen dieſer Unbeugſamkeit eures Wil⸗ lens, wegen dieſer Verachtung von Allem, was euch umgibt, und was nicht im Kreiſe eurer Pflichten liegt, verlange ich von euch, faſt wie ein Bettler, dieſe Freundſchaft, welche ihr mir grauſam verweigert. Verzeiht, daß ich daran zweifle, mein Herr. Wel⸗ che Geſchichten ihr immer hinſichtlich meiner habt er⸗ fahren mögen,— und dieſe ſind ohne Zweifel übertrie⸗ ben; denn die Griechen haben nicht das ausſchließliche Recht zu Großſprechereien, und die Wäringer können auch einen kleinen Theil davon bekommen haben,— ſo könnt ihr doch nichts von mir erfahren haben, was euch erlauben kann mit mir ſo zu ſprechen, wie ihr es thut, ausgenommen im Scherze. Ihr irrt euch, mein Sohn, ſagte Agelaſtes. Haltet mich nicht für einen Menſchen, der ſich zu euren Landes⸗ leuten in ein Wirthshaus ſetzt, um ſie über euch plau⸗ dern zu laſſen. So wie ihr mich ſeht, kann ich jene verſtümmelte Säule des Anubis berühren,— und bei dieſen Worten rührte er mit dem Finger ein Bruch⸗ ſtück einer rieſenmäßigen Bildſaͤule an, welche neben ihm lag,— und dem Geiſte, welcher einſt Götter⸗ ſprüche ertheilt hat, befehlen, von Neuem dieſe zit⸗ ternde Maſſe zu beleben. Wir Eingeweihten, wir ge⸗ nießen großer Vorrechte. Wir ſchlagen an dieſe zer⸗ trümmerten Gewölbe, und das Echo, welches ſie be⸗ ——— 11 wohnt, antwortet auf unſere Fragen. Obwohl ich um deine Freundſchaft werbe, ſo bilde dir doch nicht ein, daß ich noͤthig habe, von dir Belehrungen über dich oder Andere zu erhalten. Eure Worte ſind ſeltſam, ſagte der Angelſachſe; aber ich habe gehoͤrt, daß durch ähuliche Worte ſoviele See⸗ len von dem Wege, der zum Himmel führt, abgewen⸗ det worden ſind. Mein Großvater Kenelm ſagte ge⸗ wöhnlich, daß die ſchönen Worte der heidniſchen Phi⸗ loſophie unheilbringender für den chriſtlichen Glau⸗ ben waͤren, als die Drohungen der heidniſchen Tyrannen. Ich habe ihn gekannt, entgegnete ihm Agelaſtes. Einerlei ob perſönlich, oder nur ſeinen Geiſt; er be⸗ kannte den Glauben an Wodan; er wurde von einem edlen Mönche bekehrt, und ſtarb als Prieſter in einem Kloſter des heil. Auguſtin. Alles das iſt wahr, ſagte Hereward; alles das iſt unzweifelhaft Und gegenwaͤrtig, wo er todt iſt, iſt es eine Pflicht mehr für mich, mir ſeine Worte ins Gedächtniß zu rufen. Als ich ihn noch kaum begrei⸗ fen konnte, befahl er mir, der Leßre zu mißtraueu, die zum Irrthum führt, und welche die falſchen Pro⸗ pheten lehren, die ſie durch ſogenannte Wunder zu be⸗ ſtaͤtigen ſuchen. Das iſt bloßer Aberglaube, ſagte der Philoſpph.— Dein Großvater war ein würdiger und trefflicher Mann, aber, wie ſo viele andere Prieſter hatte er ei⸗ nen beſchränkten Geiſt. Durch ihr Beiſpiel getäuſcht, 12 wollte er nur ein kleines Pförtchen in dem großen Thore der Wahrheit öffnen, und Niemanden anders als durch dieſe enge Oeffnung eingehen laſſen. Siehſt du, Hereward, dein Großvater und viele andere fromme Männer möchten gern unſere Kenntniſſe auf die Be⸗ trachtung der unkörperlichen Welt beſchränken, welche für unſer moraliſches Betragen in dieſer Welt und für unſer Heil in der andern wichtig ſind; aber es iſt nicht minder wahr, daß der Menſch die Fähigkeit be⸗ ſitzt ſo ferne er nur Klugheit und Muth zeigt, ſich in genaue Verbindung mit mächtigeren Weſen, als er iſt zu ſetzen, welche die Grenzen des Raumes, die ihm vorgeſchrieben ſind, verſpotten, und durch ihre über⸗ natürlichen Kräfte Schwierigkeiten überſteigen können, die furchtſamen und uwiſſenden Menſchen unbeſieg⸗ bar ſcheinen. Ihr ſprecht von einer Thorheit, welche die Kinder zum Gähnen und das reife Alter zum Lachen bringt. Im Gegentheil ſpreche ich von dem eifrigen Wunſche, den jeder Menſch in der Tiefe ſeines Herzens empfin⸗ det, mit mächtigeren Weſen, als er iſt, und die von unſeren Sinneswerkzeugen nicht erkannt werden koͤn⸗ nen, in Verbindung zu treten. Glaube mir, Here⸗ ward, ein ſo heftiges, ſo allgemeines Verlangen würde nicht in unſerem Buſen beſtehen, wenn es nicht auch Mittel gäbe, daſſelbe mit Hülfe unſerer Weisheit und Beharrlichkeit zu befriedigen. Ich berufe mich hier⸗ bei auf dein eigenes Herz, und ich brauche nur ein 13 einziges Wort, um dir zu beweiſen, daß das, was ich dir ſage, wahr iſt. Selbſt in dieſem Augenblicke ſind deine Gedanken mit einem geſtorbenen oder ſeit lan⸗ ger Zeit von dir getrennten Weſen beſchäftigt und bei dem einzigen Namen Bertha fühlſt du dein Herz von tauſend Gefühlen beſtürmt, welche du in deiner Unwiſſenheit für immer vertrocknet geglaubt hatteſt, wie die Andenken der Todten auf einem Grabe. Ich ſehe dich erſchüttert und deine Geſichtsfarbe verändert. Ich freue mich, an dieſen Zeichen zu erkennen, daß die Feſtigkeit und der unbändige Muth, welche man dir zuſchreibt, die Zugänge zu deinem Herzen wie im⸗ mer den ſanften und edlen Gefühlen offen gelaſſen haben, indem ſie Furcht, Zaghaftigkeit und jenen gan⸗ zen Schwarm gemeiner Leidenſchaften daraus verbann⸗ ten. Ich habe dir geſagt, daß ich dich achte, und hin bereit dir es zu beweiſen. Ich will dir, wenn du es wünſcheſt, daß Geſchick dieſer Bertha ſagen, deren An⸗ denken ſich in deinem Herzen wider deinen Willen mitten in den Beſchwerden des Tages und der Ruhe der Nacht, auf dem Schlachtfelde wie im Frieden er⸗ halten hat; die du nicht vergeſſen haſt, während du dich mit deinen Geführten in mäͤnnlichen Uebungen er⸗ holteſt, oder in der Erlernung der griechiſchen Wiſſen⸗ ſchaften Fortſchritte zu machen ſuchteſt, zu welchen ich dich, wenn du dich darin vervollkommnen willſt, auf einem kurzen Wege führen kann. Während Agelaſtes alſo ſprach, kegte ſich die Auf⸗ 14 regung des Wäringers allmählig: dennoch zitterte ſeine Stimme noch, als er antwortete: Ich weiß nicht, wer du biſt, ich kann nicht fagen, was du von mir willſt, ich habe keinen Begriff davon, wie du Dinge erfahren haſt, welche für mich ſo viel Bedeutung haben, und ſo wenig für jeden Andern. Aber das weiß ich, daß du durch Zufall oder mit Ab⸗ ſicht einen Namen ausgeſprochen haſt, der mein Herz bis in ſeine geheimſten Falten bewegt. Indeſſen ich bin ein Chriſt und Wäringer, und ich werde nicht in der Treue wanken, welche ich meinem Gotte und meinem angenommenen Fuͤrſten ſchuldig bin. Alles, was durch Götzenbilder und falſche Götter geſchehen ſoll, iſt eine Handlung des Verrathes an dem wahren Gotte. Eben ſo gewiß iſt, daß du in meinen Augen einige Pfeile haſt glänzen laſſen, welche auf den Kaiſer ſelbſt abgeſchoſſen waren, obwohl es dir die Treue, die du ihm ſchuldig biſt, verbieten ſollte. Ich ſage mich alſo in Zukunft von jeder Verbindung mit dir los, mag ſie mir nun ſchädlich oder vortheilhaft ſeyn. Ich bin Soldat des Kaiſers, und wenn ſchon ich nicht ganz genau die Hofſitte beobachte, welche für ſo verſchiedene Fälle und durch ſo viele Verordnungen vorgeſchrieben iſt, ſo bin ich doch ſein Leibwächter, und meine Streit⸗ axt iſt ſein Schutz. Niemand bezweifelt das, ſagte der Philoſoph; aber ſtehſt du nicht unter der unmittelbaren Abhängigkeit des großen Akoluthos Achilles Tatius? ——— 15 Nein, antwortete der Wäringer. Er iſt mein Be⸗ fehlshaber nach unſern Dienſtvorſchriften, er hat mir immer Zuneigung und Güte bewieſen; und ich kann ſagen, abgeſehen von den Rechten, welche ihm ſeine Stelle gibt, er hat ſich mehr gegen mich als Freund denn als Befehlshaber betragen. Indeſſen iſt er ſo gut wie ich der Diener meines Herrn; und ich be⸗ trachte den Unterſchied nicht ſo bedeutend, den ein Menſch mit einem Worte ſchaffen oder vernichten kann. Das iſt edel geſprochen, ſagte Agelaſtes, und du haſt ſicherlich das Recht, ſelbſt mit erhobenem Haupte vor einem Menſchen einherzugehen, dem du an Muth und kriegeriſchen Kenntniſſen überlegen biſt. Verzeiht, wenn ich die Schmeichelei, welche ihr mir zu machen glaubt, nicht annehme, weil ſie mir nicht zukommt. Der Kaiſer wählt ſeine Offiziere nach den Fähigkeiten, welche ſie haben, ihm, wie er es wünſcht, zu dienen. Es iſt wahrſcheinlich, daß ich in dieſer Hinſicht nicht ſeinen Abſichten entſprechen wuͤrde. Ich habe euch ſchon ein Mal geſagt, daß ich meinem Kai⸗ ſer Dienſte, Gehorſam und Treue ſchuldig bin, und es ſcheint mir unnütz dieſe Erörterung fortzuſetzen. Seltſamer Menſch! rief Agelaſtes aus; kann dich denn nichts bewegen, als Dinge, die dir unbekannt ſind? Die Namen deines Kaiſers und Befehlshabers wirken nicht zauberartig auf dich; und ſelbſt der eines geliebten Gegenſtandes. Hereward unterbrach ihn. 16 Ich habe über deine Worte nachgedacht, ſagte er. Du haſt das Mittel gefunden, die Triebfedern meines Herzens in Bewegung zu ſetzen, aber nicht meine Grundſätze zu erſchüttern; ich werde keine Unterredung mehr mit dir über einen Gegenſtand haben, welcher für dich gleichgültig ſeyn kann. Die Schwarzkünſtler, ſagt man, vollbringen ihren Zauber, indem ſie die dem Allerheiligen gebuͤhrenden Beiwörter gebrauchen; es iſt daher nicht zu verwundern, daß ſie den Namen des Reinſten, was es in der Schöpfung gibt, zur Errei⸗ chung ihrer gottleſen Abſichten anwenden. Ich will nichts von dieſen verächtlichen, für die Todten vielleicht ebenſo als für die Lebenden entehrenden Künſten wiſ⸗ ſen. Welches immerhin deine Pläne ſeyn mögen, Alter, denn bilde dir nicht ein, daß deine ſeltſamen Reden ohne Nachdenken angehört worden ſind, ſo ſey verſi⸗ chert, daß ich in meinem Herzen Grundſätze trage, welche auf gleiche Weiſe der Verführung der Menſchen wie der Dämonen Trotz bieten. Bei dieſen Worten wandte der Wäringer dem Phi⸗ loſophen den Rücken, indem er ihm eine leichte Ver⸗ beugung mit dem Kopfe machte, und trat aus den Trümmern des Tempels. Nach der Entfernung des Soldaten blieb Agelaſtes allein, und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Doch plötzlich wurde er herausgeriſſen durch die Ankunft des Achilles Tatius in den Ruinen. Der Befehlshaber der Waͤringer nahm nicht eher das Wort, als bis er —,— 17 gehörig die Züge des Philoſophen geprüft hatte, um daraus einige Schlüſſe zu ziehen.— Weiſer Agelaſtes, fagte er alsdann, du beharrſt mit Zuverſicht auf dem Vorhaben, von dem wir uns neuerdings unterhielten? Ich beharre darauf, antwortete Agelaſtes mit ern⸗ ſter und feſter Stimme. Aber du haſt für uns nicht Jenen bekehrt, deſ⸗ ſen ruhiger Muth uns im Augenblicke der Noth beſ⸗ ſer dienen wuͤrde, als ein Tauſend ſchlaffer Sklaven. Es iſt mir nicht geglückt. Und du errötheſt nicht es deinzugeſtehen? Du, der Weiſeſte von Allen, welche noch auf die Weisheit der alten Griechen Anſpruch machen; du, der Mächtigſte von Allen, welche durch ihre Wiſſenſchaft in Worten, Zeichen, Namen, Amuletten und Zaubermitteln ſich über das Gebiet der menſchlichen Fähigkeiten zu erheben behaupten, du haſt deine Ueberredungsgabe vergebens verſchwendet, du haſt unterlegen wie ein Schulknabe in der Unterredung mit ſeinem Lehrer? Pfui! vermagſt du nicht durch deine Beweiſe den Charakter zu unter⸗ ſtützen, welchen du ſo ſehr zu behaupten wünſcheſt? Ruhig! ſagte der Philoſoph. Es iſt wahr, Achilles Tatins, ich habe noch nichts über dieſen verſtockten und unbeugfamen Menſchen vermocht; ich habe aber auch uoch nichts bei ihm verloren. Wir ſind noch beide in derfelben Lage zu einander, wie geſtern, und ich habe in ihm einen Gegenſtand der Theilnahme rege gemacht, welchen er nicht aus ſeinem Geiſte verbannen kann, W. Scott's ſämmtl. Werke. 1638 Boch. 2 13 und weßwegen er zu mir ſeine Zuflucht nehmen muß, um von mir neue Erkundigung in dieſer Hinſicht ein⸗ zuziehen.— Doch jetzt laſſen wir dieſes ſonderbare Weſen bis zu einer gewiſſen Zeit unberührt; aber verlaßt euch auf mich: wenn Schmeichelei, Habſucht, Ehrgeiz nichts über ihn vermögen, ſo bleibt noch eine andere Lockſpeiſe übrig, welche ihn ſo vollkommen auf unſre Seite ziehen wird als irgend einen von denje⸗ nigen, welche ſich zu unſtem geheimnißvollen und un⸗ verletzlichen Vertrage verbunden haben. Saget mir alſo jetzt, wie es mit den Angelegenheiten des Reiches ſtehet. Wälzt ſich jener Strom lateiniſcher Soldaten, welcher einen ſo ſeltſamen Lauf genommen hat, noch immer nach den Ufern des Bosphorus? Nährt Ale⸗ xius noch die Hoöffnung, die Zahl jener Krieger zu vermindern, und ihre Kräfte zu zerſplittern, da er ſie nergeblich zu bebämpfen wähnen würde? Nuch vor wenigen Stunden hat man neue Rachrich⸗ ten empfangen, antwortete Achilles Tatius. Bohe⸗ mund iſt mit ſieben oder acht Rittern in einer Art Inkognito nach Conſtantinopel gekommen. Da er ſo oft ein Feind des Kaiſers geweſen, ſo war dieſes Be⸗ ginnen gewagt. Aber weichen dieſe Franken denn je⸗ mals vor einer Gefahr zurück 2 Der Kaiſer vermu⸗ bhete auf der Stelle, daß der Graf gekommen wäre, um zu ſehen, was er erreichen könnte, weun er ſich znerſt ſeiner Freigebigkeit darböte, und ſich zum Var⸗ ——————————— 49 mittler hinſichtlich Gottfrieds von Bouillon und der andern Fürſten des Kreuzzuges antrüge. Das iſt ein Dienſt, welchen der Kaiſer nicht zurück⸗ weiſen wird. Der Graf Bohemund erſchien am Kaiſerlichen Hofe, und erfuhr den glänzendſten Empfang mit ſolchen Gunſt⸗ bezengungen, wie man ſie nie einem Franken bewilligen zu dürfen geglaubt haben würde. Es war keine Rede mehr von der langen Eiferſucht und den alten Krie⸗ gen. Man ſah in Bohemund nicht mehr den wider⸗ rechtlichen Beſitzer mehrerer Theile des Reiches. Im Gegentheil brachte man von allen Seiten dem Himmeb Dankſagungen dar, welcher einen treuen Verbündeten zum Schutze des Kaiſers in einem Augenblicke ſo dro⸗ bender Gefahr geſandt hatte. und was ſagte Bohemund? Wenig oder nichts, bis man ihm ein Geſchenk einer betraͤchtlichen Summe Goldes gemacht hatte, wie ich von Narſes, dem Sklaven des Pallaſtes, gehört habe. Man willigte darauf in die Abtretung mehrerer Be⸗ zirke, und man geſtand ihm andere Vortheile zu, un⸗ ter der Bedingung daß er ſich bei den gegenwärtigen Begebenheiten als beharrlicher Freund des Reichs und des Kaiſers zeigen würde. Die Freigebigkeit des Alexius gegen dieſen habſüchtigen Barbaren war ſo groß, daß man wie zufüllig, ihn in ein Gemach des Pallaſtes ſehen ließ, welches eine große Menge Seidenzenge, Puwelirarbeiten in Gold und Silber und andere Ge⸗ 20 genſtände von hohem Werthe enthielt. Von Habgierde entzündet konnte der Franke nicht einige Aeußerun⸗ gen ſeiner Bewunderung unterdruͤcken. Darauf ſagte man ihm, daß die in dieſem Gemache enthaltenen Schätze ſeyn gehörten, wenn er ſie als Beweiſe der aufrichtigen und lebhaften Zuneigung Seiner Kaiſ. Maj. zu ſeinen Verbündeten betrachten wollte, und demzufolge wurden alle koſtbaren Gegenſtände in das Zelt des Normänniſchen Anführers geſchickt. Durch dergleichen Maßregeln muß der Kaiſer Bohemund mit Leib und Seele zu ſeiner Verfügung bekommen; die Franken ſelbſt nennen es ſeltſam, daß ein Mann von ſo unbaͤndigem Muthe, von einem ſo zuͤgelloſen Ehr⸗ geize, in einem ſo hohen Grade von der Habſucht be⸗ herrſcht wird, welches ſie als ein niedriges und unna⸗ — tuͤrliches Laſter betrachten. Bohemund, ſagte Agelaſtes, gehört alſo dem Kaiſer auf Leben und Tod;— das heißt ſo lange bis das Andenken an die kaiſerliche Großmuth durch eine ſtärkere Freigebigkeit verwiſcht worden iſt. Alexius wird ſtolz ſeyn, ſich eines ſo wichtigen Oberhauptes verſichert zu haben, und ſich ohne Zweifel ſchmeicheln, durch ſeine Vermittlung und Anſchläge von den mei⸗ ſten andern Kreuzfahrern und Gottfried von Bouillon ſeibſt einen Schwur der Unterwürfigkeit und Treue gegen den Kaiſer zu erhalten; dieſen Schwur würde, abgeſehen von der heiligen Eigenſchaft ihres Unter⸗ nehmens, der letzte ihrer Anführer verweigern, wenn 24 man ihnen eine Provinz anbieten wollte.— Geduld in einigen Tagen muß ſich entſcheiden, was wir zu thun haben. Wollten wir uns früher zeigen, das hieße unſrem Untergange entgegen eilen. Werden wir uns nicht heute Abend ſehen? fragte der Akoluthos. Nein, erwiederte der Weiſe, wofern wir nicht be⸗ nachrichtigt werden, uns zu dieſer abgeſchmackten thea⸗ traliſchen Vorſtellung oder Vorleſung zu begeben; und in dieſem Falle müßen wir uns zum Spielzeuge in den Händen eines albernen Weibes, eines verzoge⸗ nen Kindes von einem ſchwachen Vater, hergeben. Tatins beurlaubte ſich dann bei dem Philoſophen; und es ſchien, als ob ſie befürchtet haͤtten zuſammen geſehen zu werden, denn ſie verließen den einſamen Ort ihrer Zuſammenkunft auf verſchiedenen Wegen. Bald nachher erhielt der Wäringer Hereward den Befehl ſich zu ſeinem Oberoffizier zu begeben, welcher ihn benachrichtigte, daß er ſeine Dienſte für die kom⸗ mende Nacht nicht bedürfte, wie er ihm angekündigt hatte. Achilles ſchwieg einen Augenblick, und ſetzte alsdann hinzu:— Du haſt etwas auf der Zunge was du mir gerne ſagen möchteſt, aber nicht auszuſprechen getrauſt. Nur, antwortete der Wäringer, daß ich eine Un⸗ terredung mit dieſem ſogenannten Agelaſtes gehabt habe; er erſcheint mir jetzt ſo verſchieden davon, wo⸗ für ich ihn bei unſrer erſten Unterhaltung über ihn 22 3 gehalten habe, daß ich mich nicht enthalten kann ench meine Bemerkungen mitzutheilen. Das iſt kein ſchlech⸗ ter Spaßmacher, der auf ſeine oder Anderer Koſten Lachen erregen will. Er iſt ein Mann von tiefem Verſtande, von durchdringendem Geiſte, der ſich zu ei⸗ nem oder dem andern Zwecke Freunde zu erwerben und einen Anhang zu machen ſucht. Eure Weisheit wird euch belehren, ihm zu mißtrauen. Du biſt ein braver und würdiger Mann, antwortete Achilles, indem er eine verächtliche Gutmüthigkeit zu zeigen ſuchte. Menſchen wie Agelaſtes machen oft ihre beißendſten Scherze mit einem Aeußern von uner⸗ ſchütterlichem Ernſte.— Sie behaupten eine unbegränzte Macht uͤber die Elemente zu beſitzen;— ſie ſammeln ſorgfältig Geſchichten und wohlbekaunte Namen über Denjenigen, auf deſſen Koſten ſie ſich beluſtigen wol⸗ len, und wer auf ſie hört, der ſetzet ſich, wie der gött⸗ liche Homer ſagt, den Wogen eines unvergänglichen Lachens aus. Ich habe oft geſehen, wie er die Uner⸗ fahrenſten und Unwiſſenſten aus ſeiner Geſellſchaft aus⸗ ſuchte, und vor ihnen zur Beluſtigung der uͤbrigen Ge⸗ ſellſchaft ſcheinbar abweſende und weit entfernte Per⸗ ſonen erſcheinen ließ, ja ſelbſt Todte aus den Gräbern heraufbeſchwor. Nimm dich in Acht, Hereward, daß ſeine Gankeleien nicht dem Rufe eines meiner braͤv⸗ ſten Wäringer ſchaden.. Hat nichts zu ſagen, antwortete Hereward. Ich habe gar kein Verlangen, oft mit dieſem Manne zu⸗ —————— . 25 ſammen zu kommen. Wenn es ihm einkommen ſollte, über einen Gegenſtand, wovon er mit mir geſprochen hat, zu ſcherzen, ſo werde ich ihn ſehr wahrſcheinlich auf eine etwas rauhe Weiſe belehren ſeinen Ernſt zu behaupten. Und wenn er im Ernſte geheimnißvolle Kenntniſſe zu beſitzen behauptet, ſo glaube ich auf das Wort meines Großvaters Kenelm, daß man die Todten veſchimpft, wenn man ihre Namen durch den Mund eines Wahrſagers oder gottloſen Zanberers entweihen lüßt. Ich will daher nichts mehr mit dieſem Agelaſtes zu ſchaffen haben, mag er nun ein Zauberer oder Lüg⸗ ner ſeyn.— Du verſtehſt mich nicht, ſagte lebhaft der Akoln⸗ thos. Du irrſt dich in dem, was ich ſagen will. Wenn es ihm beliebt, mit dir zu ſprechen, ſo iſt er immer ein Mann, von dem du große Kenntniſſe erhalten tannſt, wobei du dich aber ſtets vor ſeinen angeb⸗ lichen geheimnißvollen Künſten in Acht zu nehmen haſt⸗ weil er dieſe nur gebrauchen wird, um ſich auf deine Koſten zu beluſtigen. Bei dieſen Worten, welche er ſelbſt ſchwerlich mit einander haͤtte vereinigen können, verließ Achilles Ta⸗ tius den Wäringer. Neuntes Kapitel. Im ſchaum'gen Rachen eines weißen Waldſtroms zieht Der kund'ge Meiſter ſeinen ſchnellen Wall, Durch lange Scheidung theilt er ſeine Kraft Und ſtiehlt das Waſſer aus dem Felſenbett, Und mindert erſt, was er beſiegen will. Dann baut den Uebrigen er eine Straße, Die leicht zu gehen, ſchwer zu meiden iſt Und an das Ziel fuͤhrt, das im Aug' er hat. Der Ingenieur. Hätte Alexius offen ſeinen Argwohn bekannt, oder nicht mit Geſchicklichkeit ſeine Verfahrungsweiſe be⸗ rechnet, womit er die europäiſchen Völker, die an dieſem ſtürmiſchen Einfall in ſeine Staaten Theil nah⸗ men, empfangen wollte, ſo hätte er in der Seele der Kreuzfahrer leicht den kaum eingeſchläferten Haß we⸗ gen der zahlreichen Unbilden, die ſie in ſeinem Reiche erlitten hatten, wieder aufwecken können. Gleich ſchlimm waͤre es geweſen, wenn er gänzlich jeden Ge⸗ danken des Widerſtandes aufgegeben, und ſein Heil nur darin geſucht hätte, daß er dieſem aus dem Abend⸗ B 25 lande heranziehenden Schwarme Alles bewilligte, was ihrer Habgier geluͤſtete. Der Kaiſer beobachtete eine kluge Mitte; und dieß war bei dem damaligen Zu⸗ ſtand von Schwäche des griechiſchen Reiches ohne Widerrede der einzige Weg, welcher zugleich deſſen Sicherheit begründen, und ihm ein großes Anſehen in den Augen der Franken, welche daſſelbe überſchwemm⸗ ten, ſowie bei ſeinen eigenen Unterthanen, verſchaf⸗ fen konnte; leider zeugten oft ſeine Maßregeln zu die⸗ ſem Ende, freilich mehr aus Politik als aus Neigung, Niedrigkeit und Falſchheit, wobei er der verſchlagenen Schlange ſehr aͤhnlich war, welche ſich zuſammenzieht und im Graſe verſteckt, um hinterliſtig diejenigen an⸗ zufallen, welche ſie nicht offen anzugreifen wagt. Aber da wir keine Geſchichte der Kreuzzuͤge ſchreiben wol⸗ len, ſo wird das, was wir von den Vorſichtsmaßregeln des Kaiſers beim erſten Erſcheinen des Gottfried von Bouillon und ſeiner Waffengefährten geſagt haben, hinreichen, um das noͤthige Licht über unſere Erzäh⸗ lung zu verbreiten. Ungefähr vier Wochen waren unter abwechſelnden Streitigkeiten und Wiederverſöhnungen zwiſchen den Kreuzfahrern und Griechen verſtrichen. Die Kreuz⸗ fahrer wurden gemäß den politiſchen Maßregeln des Alerius bisweilen perſönlich mit den größten Ehren⸗ bezeigungen empfangen; man überhäufte ſie mit Aus⸗ zeichnungen und Achtüngsbeweiſen aller Art; aber O½ von Zeit zu Zeit wurden diejenigen ihrer Abtheilun⸗ 26 gen, welche noch weit entfernt von der Hauptſtadt, dahin auf abgelegenen Wegen geführt wurden, von den leichten Truppen, aufgefangen und in Stücke ge⸗ hauen, welche ihre unwiſſenden Gegner leicht für Türken, Scythen oder andere Barbaren hielten, und welche es auch in der That bisweilen waren, uur aber im Solde des griechiſchen Kaiſers. Oft auch, während der Kaiſer und ſeine Miniſter den einflußreichſten Oberhäuptern der Kreuzfahrer die prächtigſten Gelage gaben, und ihren Durſt mit friſchen Weinen und Eis ſtillten, reichte man ihren in einiger Entfernung ge⸗ bliebenen Soldaten mit ſchädlichen Stoffen gemiſchtes Mehl, verdorbene Nahrungsmittel und ſchlechtes Waſ⸗ ſer. Daraus entſtanden Krankheiten, welche einen großen Theil davon tödteten, ehe ſie einen Fuß in das gelobte Land geſetzt hatten, deſſen Eroberung ſie ſich träumten, und für welches ſie ihr Heimathland und das ſanfte und ruhige Leben, welches ſie daſelbſt führ⸗ ten, verlaſſen hatten. Jene feindſeligen Handlungen erregten Beſchwerden. Mehrere Ober-Häupter der Kreuzfahrer klagten den Kaiſer, ihren Verbündeten, des Mangels an Treue an, und ſchrieben die Ver⸗ luſte ihrer Heere den Unbilden zu, welche ihnen die Griechen mit Willen zufuͤgten, ſo daß ſich bei mehre⸗ ren Gelegenheiten die beiden Völkerſchaften gegeneinan⸗ der ſo erbittert fanden, daß ein allgemeiner Ausbruch des Krieges unvermeidlich ſchien. Indeſſen verſtand Alexius, obwohl er zu allen mög⸗ —————— 27 dichen Arten von Liſt und Ausflüchten ſeine Zuflucht nehmen mußte, ſeine kluge Stellung zu behaupten, und es gelang ihm ſich mit den einflußreichſten Oberhäup⸗ tern der Kreuzfahrer auszuſöhnen, indem er geſchickt die ihm gemachten Vorwürfe abwies. Die durch das Schwert verurſachten Verluſte ihrer Truppen ſchrieb er ihrer eigenen Nachläßigkeit zu; wenn ſie von fal⸗ ſchen Wegweiſern geführt wurden, ſo waͤre dieſes die Wirkung des Zufalls oder ihrer Kurzſichtigkeit; und wenn ihnen die ſchlechte Beſchaffenheit der Lebensmit⸗ tel Krankheiten verurſachte, ſo klagte er deßhalb ihre Vorliebe für friſche Fruͤchte und jungen Wein au. Mit einem Worte, kein Unglück, von welcher Art es auch ſeyn mochte, konnte dieſen unglücklichen Pilgern begeg⸗ nen, welches nicht von dem Kaiſer ſogleich als die na⸗ türliche Folge ihres hitzigen Charakters, ihres verſtock⸗ ten Betragens, oder ihrer ſchädlichen Uebereilung dar⸗ geſtellt worden wäre. Die Oberhäupter der Kreuzfahrer, ihrer Stärke pewußt, würden wahrſcheinlich nicht die Beleidigungen einer ſo viel ſchwächeren Macht ungeſtraft geduldet haben, weun ſie ſich nicht eine übertriebene Vorſtel⸗ lung von den Schätzen des Morgenländiſchen Kaiſer⸗ thumes gemacht hätten: und dieſe Schätze ſchien Ale⸗ rius mit ihnen theilen zu wollen, mit einer verſchwen⸗ deriſchen Freigebigkeit, welche für die Anführer ebenſo willkommen war, als die üppigen Erzengniſſe des Mor⸗ Lenlandes ihre Soldaten anlockten. 28 Der Franzoͤſiſche Adel wäre vielleicht am ſchwierig⸗ ſten bei den ſich erhebenden Streitigkeiten im Zaume zu halten geweſen; aber ein unvorhergeſehener Zufall, welchen der Kaiſer einen Wink der Vorſehung hätte nennen können, lieferte den ſtolzen Grafen Vermandvis in ſeine Hände, welcher erwartet hatte, als Befehls⸗ haber aufzutreten, und ſich jetzt zur demuͤthigen Rolle eines Flehenden erniedrigt ſah. Der Graf war nehm⸗ lich kaum von den Küſten Italiens abgeſegelt, als ſeine Flotte von einem heftigen Sturme überfallen und von dem Winde an die Küſten Griechenlands gewor⸗ fen wurde. Er verlor die meiſten Schiffe, und die Truppen, mit welchen er endlich das Land erreichte, waren in einer ſolchen Hülfloſigkeit, daß ſie ſich den Statthaltern des Alexius überliefern mußten. Der Graf von Vermandois, welcher ſo hochfahrend bei ſei⸗ ner Einſchiffung war, wurde jetzt nicht als Fürſt, ſon⸗ dern als Gefangener an den Hof von Conſtantinopel geſchickt. Der Kaiſer ſchenkte ihm, ſo wie ſeinen Sol⸗ daten, auf der Stelle die Freiheit wieder, und über⸗ häufte Alle mit Geſchenken. Empfänglich für die Aufmerkſamkeiten, welche ihm Alexius unabläßig erwies, fühlte ſich Graf Hugs ſo⸗ wohl durch Dankbarkeit, als aus eignem Vortheil ge⸗ neigt, die Meinung derjenigen zu theilen, welche aus anderen Gründen die Erhaltung des Friedens zwiſchen den Kreuzfahrern und dem Griechiſchen Reiche wünſch⸗ ten, Ein löblicherer Grundſatz beſtimmte zu dieſer An⸗ 29 ſicht den Gottfried von Bouillon, den Raimund von Toulvuſe und einige Andere, bei welchen die Fröm⸗ migkeit etwas Anderes als ein gewöhnlicher Antrieb der Schwärmerei war. Dieſe Fürſten dachten an das Aergerniß, welches ſie geben würden, und deſſen Schimpf auf ihr ganzes Unternehmen fallen müßte, wenn ihre erſte That ein Krieg gegen das morgenländiſche Kai⸗ ſerthum wäre, das man mit Recht die Vormauer der Chriſtenheit nennen konnte; wenn dieſes Reich ſchwach und zugleich reich war, wenn es zum Raube ein⸗ lud, wo es unfähig war ſich zu vertheidigen, ſo forderte es um ſo mehr ihr Vortheil und ihre Pflicht, als Soldaten und als Chriſten, einen Staat zu verthei⸗ digen, der ſich zu demſelben Glauben bekannte, und deſſen Beſtehen für die gemeinſchaftliche Sache ſo wichtig war, wenn ſchon er nicht vermochte ſich ſelbſt zu vertheidigen. Der Wunſch dieſer freimüthigen und offenen Männer war alſo durch eine aufrichtige Er⸗ gebenheit auf die Freundſchaftsbetheuerungen des Kai⸗ ſers zu antworten, und ſein Wohlwollen ſo theuer als möglich zu bezahlen, um ihn zu überzeugen, daß ſie nur gerechte und ehrenwerthe Abſichten hätten, und daß es ſein eigener Vortheil verlangte, ſich jeder be⸗ leidigenden Handlung gegen ſie zu enthalten, welche ſie zur Aenderung ihres Betragens in ſeiner Hinſicht bewegen oder nöthigen könnte. Dieſer Geiſt der Verſöhnung, welcher, obwohl aus verſchiedenen Gründen, die meiſten Oberhäupter der 30 Kreuzfahrer beſeelte, beſtimmte ſie auch zur Einwil⸗ bigung in eine Maßregel, welche ſie in jedem anderen Falle wahrſcheinlich verworfen hätten; theils weil die Griechen kein Recht hatten ſie zu verlangen, theils weil ſie für ſie ſelbſt entehrend war. Dieß war nehm⸗ lich der berüchtigte Entſchluß, nach welchem jedes Oberhaupt der Kreuzfahrer im Beſondern, bevor es über den Bosphorus ſetzte, um jenes Paläſtina. aufzu⸗ ſuchen, deſſen Widereroberung ſie gelobt hatten, den Griechiſchen Kaiſer als ſeinen Oberlehensherrn aner⸗ kennen ſollte, da er der urſprüngliche Herr dieſer Ge⸗ genden geweſen. Der Kaiſer Alexius war außer ſich vor Freude, als. or die Kreuzfahrer von ſelbſt zu dem Ziele kommen. ſah, zu welchem er ſie führen wollte. Ihr Vortheil trieb ſie ohne Zweifel mehr dazu, als alle Beweis⸗ gründe, obwohl man deren mehrere auführen konnte, daß die den Türken und Sarazenen wiederabgenom⸗ menen Provinzen mit dem Griechiſchen Reiche verei⸗ nigt würden, von welchem ſie ohne einen andern Vor⸗ wand als die Gewalt losgeriſſen worden waren. Obwohl Alexius wenig hoffen konnte plumpe und untereinander uneinige Soldaten, und hochfahrende Anführer, welche von einander gänzlich nuabhängig, waren, regieren zu können, ſo ermangelte er doch nicht mit eben ſo viel Eifer als Geſchicklichkeit die von. Gottfried und ſeinen Gefaͤhrten gemachte Erklärung an benutzen, daß der Griechiſche Kaiſer von Allen den⸗ — 5⁴ jenigen den Eid der Lehnstreue verlangen könnte, wel⸗ che nach Paläſtina in den Krieg zögen, und daß er der natürliche Oberlehnsherr aller der Provinzen wäre, welche im Laufe dieſes Feldzugs erobert werden könn⸗ ken. Er wollte dieſe Feierlichkeit ſo öffentlich machen⸗ und dabei eine ſolche Pracht und Herrlichkeit entfal⸗ ten, daß ſie unfehlbar einen lebhaften und anhaltenden Eindruck auf die Gemüther machen mußte. Eine der großen Terraſſen, welche ſich längs der Küſte der Propontis ausdehnen, wurde zum Schau⸗ platze dieſer prachtvollen Feierlichkeit gewählt. Man errichtete daſelbſt einen koſtbaren Thron, der für die Perſon des Kaiſers beſtimmt war. Bei dieſer Gele⸗ genheit ſuchten die Griechen, indem ſie keinen andern Sitz in die Rähe ſtellten, die Vollziehung des Punk⸗ tes der Hofſitte zu ſichern, worauf ihre Eitelkeit eine beſondere Wichtigkeit legte; nehmlich außer dem Kai⸗ ſer ſoltte Niemand ſitzen. Um den Thron des Ale⸗ rius Eomnenus ſtanden ihrem Range nach die ver⸗ ſchiedenen Wuͤrdentraͤger ſeines glaͤnzenden Hofes, von dem Protoſebaſtes und Caͤſar an bis zum Pat⸗ riarchen und Agelaſtes, welcher in ſeinem einfachen Anzuge auch dieſer Feierlichkeit beiwohnte. Hinter dem Kaiſer und um ſeinen glänzenden Hof waren⸗ mehrere Reihen vertriebener Angelſachſen aufgeſtellt. Sie hatten verlangt, an dieſem denkwürdigen Tage nicht ihre ſilbernen Harniſche zu tragen, und waren mit Panzerhemden und ſtählernen Platten hedeckt⸗ 32 Sie wuͤnſchten, hatten ſie geſagt, ſich vor Kriegern als Krieger zu zeigen; man hatte ihnen dieſes Ver⸗ langen um ſo lieber bewilligt, als man nicht verſichert ſeyn konnte, daß nicht ein unbedentender Vorfall die Eintracht zwiſchen ſo erhitzten Gemuͤthern, als da⸗ mals verſammelt waren, ſtören moͤchte. Hinter den Wäringern waren in bei weitem groͤ⸗ ßerer Anzahl die Griechiſchen oder Roͤmiſchen Cohor⸗ ten mit dem Namen der Unſterblichen aufgeſtellt. Dieſen Titel hatten die Römer urſpruͤnglich von dem Perſiſchen Reiche entlehnt. Der erhabene Wuchs, die hohen Helmbuͤſche und der reiche Anzug dieſer Wa⸗ chen würden den anweſenden fremden Fürſten eine größere Vorſtellung von ihrem Muthe eingeflößt ha⸗ ben, wenn man nicht bemerkt hätte, daß ſie immer bereit waren, ihre Glieder zu verlaſſen und untereinan⸗ der zu ſchwatzen, was einen auffallenden Gegenſatz bil⸗ dete mit der feſten und unbeweglichen Haltung und dem unerſchütterlichen Schweigen der wohlgezogenen Wäringer, welche ebenſoviele eherne Bildſäulen zu ſeyn ſchienen. Der Leſer möge ſich recht deutlich dieſen mit dem ganzen Gepränge der vrientaliſchen Groͤße erbauten und von fremden und einheimiſchen Truppen des Rei⸗ ches umgebenen Thron vorſtellen; hinter demſelben be⸗ wegten ſich Schwärme leichter Reiterei, welche beſtän⸗ dig ihr den Platz veränderten, um ſo das Anſehen einer bedentenden Menge zu geben, ohne daß es möglich 35 war, genau ihre Zahl zu berechnen. Zurch die Staub⸗ wolken, welche durch ihre Vewegungen aufſtiegen, er⸗ blickte man die Banner und Fahnen, worunter man von Zeit zu Zeit das berühmte Labarum*) unter⸗ ſcheiden konnte, das Pfand des Sieges für die Kaiſer⸗ lichen Heere, obwohl es ſeit einer gewiſſen Zeit etwas von ſeiner heiligen Wirkſamkeit verloren hatte. Als die plumpen Soldaten des Abendlandes das Griechiſche Heer ſahen, behaupteten ſie, daß die an der Spitze ihrer Glieder entfalteten Fahnen für zehnmahl ſo viel Soldaten hingereicht hätten. In der Ferne zur Rechten erblickte man einen zahl⸗ reichen Haufen enropäiſcher Ritter, welcher an dem Meeresufer aufgeſtellt war, und die Gegenwart der Kreuzfahrer verkündete. So groß war die Begierde, dem Beiſpiele der vornehmſten Fürſten, Herzoge und Grafen in der Leiſtung des Eides der Lehnstrene zu folgen, daß die Zahl der Ritter und unabhängigen Adeli⸗ gen, welche ſich zu dieſer Feierlichkeit vereinigten, ſehr bedeutend war. Jeder Kreuzfahrer, welcher eine Burg beſaß, und ſechs Lanzenknechte in ſeinem Ge⸗ folge hatte, würde es für eine Beleidigung ſeiner Würde gehalten haben, wenn er nicht ebenſogut als Gottfried von Bouillon oder Hugo der Große, Graf von Vermandvis zugelaſſen worden wäre, die Lehns⸗ herrlichkeit des griechiſchen Kaiſers anzuerkenuen, und *) Fahnen Conſtantin's des Großen. W. Scott's ſammtl. Werke. 1658 Boch. 61 34 von ſeiner Krone die zu erobernden Länder zu erhalten. Aber ſie zeigten dabei einen ſeltſamen Widerſpruch; denn obwohl ſie ſich beeiferten dem Alexius eine Ehre zu bezeigen, welche ihm von mächtigern Fürſten, als ſie waren, gegeben wurde, ſo ſchienen ſie doch zu glei⸗ cher Zeit begierig ein Mittel zu ſuchen, um zu zeigen daß ſie dieſe Eidesleiſtung als nichtig und lächerlich vetrachten, und daß dieſe ganze Feierlichkeit in ihren Augen nur ein eitler Aufzug wäre. Die Ordnung des Gefolges war auf folgende Weiſe beſtimmt worden: Die Kreuzfahrer oder Grafen⸗ wie ſie die Griechen uannten, G)ieſer Würdentitel war nehmlich der gewöhnlichſte bei ihnen), ſollten von der Linken ihrer Schaar ausrücken, an dem Kaiſer nacheinander vorbeiziehen, und jeder beſonders die vor⸗ her feſtgeſetzte Eidesformel wiederholen. Gottfried von Bouillon, ſein Brüder Balduin, Bohemund von Apu⸗ lien und verſchiedene andere ausgezeichnete Kreusfahrer erfüllten zuerſt dieſe Feierlichkeit. Nachdem ſie gleich darauf vom Pferde geſtiegen waren, blieben ſie neben dem Throne des Kaiſers ſtehen, damit die durch ihre Gegenwart eingeflößte Achtung verhindern möchte, daß etwa einer ihrer zahlreichen Gefährten eine un⸗ verſchämte oder verhöhnende Handlung während die⸗ ſer Feierlichkeit beginge. Andere Kreuzfahrer von minderer Bedentung behaupteten auch ihren Platz bei dem Kaiſer, vachdem ſie bei ihm angekommen waren, theils aus Neugierde, theils um zu beweiſen, daß ſie das 35 Recht hätten, ebenſo zu handeln wie die Auführer höheren Ranges, welche ſich ein ausſchließliches Vor— recht dazu angemaßt hätten. So ſtanden zwei große Abtheilungen griechiſcher und europäiſcher Truppen in geringer Entfernung von ein⸗ ander an den Ufern des Bosphorus, gaͤnzlich durch Sprache, Waffen und Ausſehen verſchieden. Die Rei⸗ terabtheilungen, welche von Zeit zu Zeit aus jenem großen Haufen ausgingen, glichen jenen funkelnden Blitzen, welche zwei Gewitterwolken ſich gegenſeitig zuſchlendern, indem ſie vermittelſt dieſer Boten die Blitzesſtoffe, von welchen ſie geſchwängert ſind, ſich mittheilen. Nach einem Aufenthalte an den Ufern des Bosphorus eilten diejenigen Franken, welche Huldigungen geleiſtet hatten, in ziemlicher Unordnung nach einer Uferſtraße, wo unzählige Galeeren und klei⸗ nere Fahrzeuge verſammelt worden waren, um krie⸗ geriſche Pilger auf die andere Seite der Meerenge zu bringen, und ſie in jenem Aſien abzuſetzen, dem Ziele ihrer lebhafteſten Wünſche und dem wahrſcheinlichen Grabe ſo Vieler unter ihnen. Die ſchmucken zierlichen Schiffe, welche ſie an ihren Bord nehmen ſollten, die Schnelligkeit, womit man ihnen Erfriſchungen dar⸗ reichte, die geringe Breite der Meerenge, über welche ſie zu ſetzen hatten, die nahe Ausſicht auf eine Thätig⸗ keit, die ſie gelobt hatten, welches Gelübde ſie auf das Eifrigſte zu erfüllen wünſchten, Alles dieſes ver⸗ einigte ſich, um dieſe Krieger heiter zu ſtimmen, und 56 der Schall der Geſänge und kriegeriſchen Inſtrumente vermaͤhlte ſich mit dem Geraͤuſche der Ruder, welche die Abfahrt verkündigten. Indeſſen bemühte ſich der griechiſche Kaiſer, wel⸗ cher auf ſeinem Throne ſaß, aus allen Kräften, die⸗ ſer bewaffneten Menge die höchſtmögliche Vorſtellung von ſeiner eigenen Größe und von der bedeutenden Feierlichkeit, welche ſie verſammelt hatte, zu geben. Die Hauptanführer gaben gerne den Wünſchen des Alexius nach, die Einen, weil ihre Eitelkeit ſich ge⸗ ſchmeichelt fühlte, die Andern, weil man ihre Habſucht vefriedigt hatte, Viele, weil ihr Ehrgeiz aufgeregt worden war; endlich Einige, aber die geringſte Zahl, weil die Freundſchaft des Alexius ihnen das wahrſcheinlichſte Mittel ſchien, für den glucklichen Erfolg ihres Unternehmens. Daher zeigten die haupt⸗ ſüchlichſten Anführer aus den genannten verſchiedenen Beweggründen eine Demuth, welche vielleicht ihrem Herzen ſehr fremd war, und enthielten ſich mit Sorgfalt alles deſſen, was bei dieſem feierlichen Feſte die Grie⸗ chen hätte beleidigen können. Doch gab es auch an⸗ dere, welche weniger Geduld hatten. Bei der großen Zahl von Grafen, Herren und Rit⸗ tern, unter deren verſchiedenen Fahnen die Kreuzfahrer bis nach Conſtantinopel geführt worden waren, gab es viele, deren Einfluß zu untergeordnet war, als daß man auf Mittel gedacht hätte um die Abneigung zu beſchwichtigen, welche Alle ob dieſer demüthigenden 37 Feierlichkeit empfanden; obwohl ſie es zwar nicht ge⸗ rathen fanden, ſich derſelben zu entziehen, ſo erlaub⸗ ten ſie ſich doch ſo viele Spöttereien und Verhöhnun⸗ gen, und verletzten ſo offenbar alle Regeln der Schick⸗ lichkeit, daß deutlich ihr Haß und ihre Verachtung hervorblickten, welche ſie über dieſen Schritt empfan⸗ den. Sie behaupteten, das hieße ſich zu Vaſallen eines ketzeriſchen Fürſten erklären, der ihr Feiud wäre, wo er es wagen zu können glaubte; der nur die Freund⸗ ſchaft derjenigen von ihnen ſuchte, welche ſo mächtig wären um ihn dazu zu zwingen, und der, obwohl der gefällige Verbündete der Leztern, für die Andern bei günſtiger Gelegenheit nur ein treuloſer und ge⸗ fährlicher Feind wäre. Diejenigen Adeligen, welche von Franzöſiſcher Ab⸗ kunft und Geburt waren, machten ſich ganz beſonders, wie durch ihre anmaßende Verachtung aller andern am Kreuzzuge theilnehmenden Völker, und ihren unbän⸗ digen Muth, ſo auch durch ihre Geringſchaͤtzung der Macht und des Anſehens des Griechiſchen Reiches be⸗ merklich. Bei ihnen ging das Spruͤchwort, daß wenn der Himmel herabfiele, die Franzöſiſchen Kreuzfahrer allein im Stande wären ihn mit ihren Lanzen auf⸗ recht zu erhalten. Derſelbe trotzige und anmaßende Charakter zeigte ſich in den Haͤndeln, welche ſie von Zeit zu Zeit mit ihren unfreiwilligen Bewirthern hatten, und worin die Griechen trotz aller ihrer Kunſtgriffe oft den Kürzeren zogen. Alexius war alſo entſchloſ⸗ 58 ſen, um jeden Preis dieſe ungeſtümmen und nu⸗ lenkſamen Gaͤſte los zu werden, indem er ſie ſo ſchnell als möglich auf die andere Seite des Bosphorus ſchaf⸗ fen ließ, auch benutzte er die Gegenwart des Grafen von Vermandois, Gottfrieds von Buuillon und ande⸗ rer einflußreicher Häupter, um unter den franzöſiſchen Rittern niedern Standes, welche ebenſo unfolgſa mals zahlreich waren, die Ordnung zu erhalten. Der Kaiſer, welcher gegen das innere Gefühl ſeines beleidigten Stolzes ankämpfte, es aber aus kluger Vor⸗ ſicht unterdrückte, ſuchte mit zufriedener Miene eine Huldigung zu empfangen, welche ihm nur mit einer Art Spott dargebracht wurde. Ein Vorfall, der ſich bald darauf ereignete, ließ deutlich die Verſchiedenheit des Charakters und der Geſinnung der beiden Völker, welche ſich auf eine ſo ungewöhnliche Weiſe gegenein⸗ ander über befanden, in die Augen ſpringen. Mehrere Schaaren von Franzoſen waren nacheinander vor dem Throne des Kaiſers vorbeigezogen, und hatten die ge⸗ wöhnliche Feierlichkeit der Huldigung mit einigem Schein von Ernſt erfüllt. Vor Alexius niederkniend, hatten ſie ihre Hände in die ſeinigen gelegt, und ſich alſo der verabredeten Förmlichkeit entledigt. Aber als die Reihe an Bohemund von Apulien kam, von dem wir ſchon einige Male geſprochen haben, ſo wollte der Kaiſer dieſem argliſtigen Fuͤrſten, ſeinem alten Feinde and gegenwärtig ſeinem ſcheinbaren Freunde, ſeine ganze beſondere Aufmerkſamkeit bezeugen, und ging 39 einige Schritte vorwärts, um ihn nach dem Meere zu führen dahin, wo die Schiffe auf die Kreuzfahrer zu warten ſchienen. Die Entfernung, welche der Kaiſer zurücklegte, war nicht bedeutend, und man ſah dieſe Bewegung als einen Beweis der Achtung an, welche der Kaiſer dem Bohemund beweiſen wollte; aber er ſetzte ſich dadurch einem blu⸗ tigen Schimpfe aus, welchen ſeine Leibwachen und Un⸗ terthanen um ſo tiefer empfanden, als ſie ihn für eine demüthigende und abſichtliche Beleidigung halten muß⸗ ten. Ungefähr zehn Reiter, welche das Gefolge eines franzöſiſchen Grafen bildeten, der nach Bohemund Huldigung leiſten ſollte, ſprengten auf ein Mal mit ihrem Herrn an der Spitze, im ſtärkſten Galopp von dem rechten Flügel der Franzöſiſchen Schaaren weg, und hielten vor dem Throne ſtill, der in dieſem Augenblicke leer war. Der Anführer dieſes kleinen Häufleins war ein Mann von rieſenmaͤßiger Geſtalt mit ſehr ſchönen Zügen, aber ſeine ſchwarzen und dich⸗ ten Haare gaben ſeinem Geſichte einen ernſten und entſchiedenen Ausdruck. Er hatte ein Barret“ auf dem Haupte; ſeine Füße, ſeine Hände und alle ſeine Glieder waren in Gemſenleder gekleidet, und er trug gewöhnlich darüber die ſchwere und vollſtaͤndige Be⸗ waffnung ſeines Landes; aber er hatte ſie bei dieſer Gelegenheit der größeren Bequemlichkeit halber abge⸗ legt, obwohl dieſes ein völliger Verſtoß gegen die bei einem ſo wichtigen Anlaſſe zu beobachtende Förmlichkeit 40 war. Er wartete nicht auf die Rückkehr des Kaiſers und ſprang, ohne ſich darum zu kümmern, ob er die Schicklichkeit verletzte, indem er den Alexius zur Ver⸗ dopplung ſeiner Schritte Behufs der Wiedereinnahme ſeines Platzes nöthigte, von ſeinem rieſenmäßigen Ren⸗ ner zur Erde, und ließ die Zuͤgel fahren, welche ſo⸗ gleich einer der ihm folgenden Pagen ergriff. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ſetzte ſich der fran⸗ zöſiſche Graf auf den leeren Thron des Kaiſers, dehnte ſeinen kräftigen Leib auf dem reichen fuͤr Alexius be⸗ ſtimmten Kiſſen aus, und begann nachläſſig einen gro⸗ ßen Wolfshund, der ihm gefolgt war, zu ſtreicheln, welcher es ſich eben ſo bequem machte als ſein Herr, und ſich auf den ſeidenen Teppichen und dem goldge⸗ wirkten Damaſte, die unter dem Throne ausgebreitet waren, niederlegte. Der Hund ſtreckte ſich darauf, ſo uͤbermüthig und wild aus, ale ob er zu verſtehen geben wollte, daß er Niemand anders in der Welt als ſeinen Herrn achtete. Der Kaiſer, welcher von dem kurzen Gange zurück⸗ kam, den er gemacht, um Bohemund zu begleiten, und ihm einen beſondern Beweis ſeiner Gunſt zu geben, ſah zu ſeinem großen Erſtannen ſeinen Thron von je⸗ nem verwegenen Franzoſen eingenommen. Die halb⸗ wilden Cohorten der Waͤringer, welche dahinter im Halbkreiſe aufgeſtellt waren, würden keinen Augenblick angeſtanden haben, dieſe Verhöhnung zu beſtrafen, und von dem Throne ihres Herrn denjenigen herabzuſtür⸗ 41¹ zen, der ihn ſo übermuͤthig ſich angemaßt hatte, wenn ſie nicht von Achilles Tatius und andern Offizieren zurückgehalten worden waͤren: denn dieſe wußten nicht, welchen Entſchluß der Kaiſer faſſen würde, und wag⸗ ten nicht ſich eine Meinung über einen ſo mißlichen Punkt zu bilden. 5 Inzwiſchen nahm der wenig umſtände machende Rit⸗ ter laut das Wort, und obwohl er ſich in einem Pro⸗ vinzialdialekte ausdrückte, ſo konnte doch ſeine Rede von allen denjenigen verſtanden werden, welche die franzöſiſche Sprache konnten; und ſelbſt diejenigen, welche ihrer nicht mächtig waren, konnten die Bedeu⸗ tung ſeiner Worte aus dem Tone, womit ſie geſpro⸗ chen wurden, und aus den Geberden, welche ſie beglei⸗ teten, erkennen.— Wer iſt der Tölpel, ſchrie er, der ruhig, wie ein hölzerner Klotz oder ein Felsblock ſitzen geblieben iſt, waͤhrend ſo viele edle Ritter, die Bluͤthe der Ritterſchaft, das Muſter der Tapferkeit entblößt und aufrecht ſtehen mitten unter den dreimal beſieg⸗ ten Wäringern? Eine ſtarke und wohlklingende Stimme, welche wie aus den Eingeweiden der Erde kam, und deren Laute einem Weſen aus der andern Welt anzugehoͤren ſchie⸗ nen, antwortete ihm:— Wenn die Normänner mit den Wäringern zu kämpfen wünſchen, ſo können ſie dieſelben in den Schranken treffen, Mann gegen Mann ohne daß ſie ſich die armſelige Prahlerei erlauben, den Griechiſchen Kaiſer zu beleidigen, der, wie Jedermann 42 weiß, ſich nur vermittelſt der Streitaͤrte ſeiner Leib⸗ wachen ſchlaͤgt Das Erſtaunen über dieſe Antwort war ſo groß, daß es ſelbſt der Ritter theilte, welcher ſie durch ſein beleidigendes Betragen hinſichtlich des Kaiſers veran⸗ laßt hatte; und während der eifrigen Anſtrengungen des Achilles Tatius, um ſeine Soldaten in den Schran⸗ ken der Unterwürfigkeit und des Schweigens zu erhal⸗ ten, ſchien das immer lauter werdende Murren in ih⸗ ren Gliedern anzukündigen, daß ſeine Bemühungen bald vergeblich ſeyn würden. Bohemund machte ſich durch das Gedränge mit einer Eile Bahn, welche ebenfalls nicht für die Würde des Alexins ſehr angemeſſen war, nahm den Kreuzfahrer am Arme, und wandte zugleich Kraft und Sanftmuth an, um ihn von dem Throne des Kaiſers herabzubringen, auf welchen er ſich ſo ver⸗ wegen geſetzt hatte. Wie! edler Graf von Paris! rief Bohemund aus; kann es Jemand in dieſer großen Verſammlung ge⸗ duldig mit anſehen, daß euer Name, der bei ſo vielen Gelegenheiten durch eure Tapferkeit verherrlicht wor⸗ den iſt, durch einen dummen Handel mit Söldlingen blos geſtellt wird, deren ganzes Verdienſt iſt, daß ſie eine beſoldete Axt in den Gliedern der Leibwachen des Kaiſers tragen? Pfui alſo! pfni! entehret nicht die Normänniſche Ritterſchaft durch ſolche Handlungen. Ich wüßte das nicht, antwortete der Kreuzfahrer, indem er ſich wider Willen erhob; ich nehme es nicht 43 ſehr genau mit der Verſchiedenheit des Adels meines Gegners, wenn er ſich nur im Kampfe als ein tapfe⸗ rerer und entſchloſſener Mann zeigt. Ich ſage euch, Graf Vohemund, ich bin darin gar nicht gewiſſenhaft. Ein Tuͤrke, ein Tartare oder ein irrender Angelſachſe, welcher den Ketten der Normänner nur entgangen iſt, um ein Sklave der Griechen zu werden, iſt mir gleich willkommen ſeine Klinge auf meiner Räͤſtung zu wez⸗ zen, wenn er ſich mit dieſem ehrenwerthen Geſchaͤfte befaſſen will. Alexius hatte Alles, was vorgegangen war, mit an⸗ gehört, und zwar mit einer Miſchung von Unwillen und Furcht; denn er waͤhnte, alle ſeine politiſchen Plä⸗ ne ſollten plötzlich durch einen Anſchlag umgeſtürzt werden, der darauf berechnet waͤre ihm einen unmit⸗ telbaren Schimpf anzuthun und wahrſcheinlich ſeine Perſon anzugreifen. Er ſtand im Begriffe ſeine Sol⸗ daten zu den Waffen zu rufen, als er die Augen nach dem rechten Flͤgel der Krenzfahrer wandte, und be⸗ merkte, daß daſelbſt Alles ſeit der Entfernung des fran⸗ zöſiſchen Grafen ruhig geblieben war. Er entſchloß ſich daher ſchnell, die Augen über jene Beleidigung zu⸗ zudrücken, da keine Schaar durch Vorrücken einen vor⸗ bedachten Angriffsplan verrieth. Da er mit Gedankenſchnelle ſeinen Entſchluß über das, was er zu thun gefaßt hatte, ſo kehrte er unter ſeinen Thronhimmel. zurück, und blieb aufrecht vor ſei⸗ nem Throne ſtehen, ſich nicht ſehr kümmernd ihn auf 44 der Stelle wieder einzunehmen, aus Furcht, daß in dem Geiſte dieſes unverſchämten Fremdlings von neuem die Luſt entſtehen möchte ihm ſeinen Beſitz ſtreitig zu machen. Wer iſt dieſer kühne„p„fragte er den Grafen Balduin, welchen ich, wie es nach ſeiner wür⸗ digen Miene ſcheint, auf meinem Throne ſitzend hätte empfangen ſollen, und welcher auf dieſe Weiſe ſeinen Rang geltend zu machen denkt? Er gilt für einen der tapferſten Männer unſeres Heeres, antwortete Balduin, obwohl die Tapferen da⸗ rin ſo zahlreich ſind, wie der Sand am Meere. Er wird euch ſelbſt ſeinen Namen und Stand verkünden. Alexins warf einen raſchen Blick auf den Franzö⸗ ſiſchen Grafen. In ſeinen edlen und ſtolzen Zügen, welche von einer Farbe der Begeiſterung belebt wur⸗ den, die auch in ſeinen feurigen Augen funkelte, be⸗ merkt er Nichts, was auf eine vorbedachte Beleidi⸗ gung ſchließen ließ; und er war geneigt anzunehmen, daß der Vorgang, obwohl allen Förmlichkeiten und Gebräuchen des Griechiſchen Hofes zuwider, weder ei⸗ ne abſichtliche Beſchimpfung, noch eine veranſtaltete Liſt um Händel herbeizuführen war. Er ſprach daher zu dieſem in gefälligem Tone, als er ihn folgender⸗ maßen anredete:— Wir wiſſen nicht, welchen Ehren⸗ titel wir euch geben ſollen, aber wir haben vom Gra⸗ fen Balduin gehört, daß wir die Ehre haben, vor uns einen der tapferſten Ritter zu ſehen, welchem die dem 45 gelobten Lande zugefügten Beſchimpfungen hierher ge⸗ führt haben, um nach Paläſtina zu ziehen und es von der Sklaverei zu befreien. Wenn ihr meinen Namen von mir verlangt, ant⸗ wortete der Europaiſche Ritter, ſo kann jeder dieſer Pilger euch leicht befriedigen, und zwar mit groͤßerer Artigkeit, als ich ſelbſt im Stande wäre; denn wir haben das Sprüchwort in unſerem Lande, daß ein zu unrechter Zeit ausgeſprochener Name die Ausmachung manches Streites verhindert hat; aus dem Grunde, weil die Menſchen, die ſonſt im Vertrauen auf Gott gekämpft haͤtten, ſich dann, wenn ſie ihre Namen ge⸗ ſagt haben, augenſcheinlich als durch die Feſſeln gei⸗ ſtiger Verwandtſchaft vereinigt erkennen, als da ſind Pathen und Täuflinge, Gevatterſchaften oder andere gleich unauflöslichen Bande; anſtatt daß ſie, wenn ſie ſich vorher geſchlagen, und nachher ihre Namen geſagt hätten, einige Gewißheit über ihre gegenſeitige Ta⸗ pferkeit bekommen, und dann das ſie vereinigende Band als gleich ehrenvoll für den Einen wie den Andern betrachtet haben würden. Indeſſen, ſagte der Kaiſer, ſcheint es mir wuͤnſchens⸗ werth zu wiſſen, ob ihr, da ihr ein Vorrecht vor die⸗ ſer außerordentlichen Anzahl von Rittern in Anſpruch zu nehmen ſcheint, den Königs⸗ oder Fürſten⸗Titel führt 2 Wie verſteht ihr das? fragte der Franzoſe mit um⸗ wölkter Stirne; findet ihr darin eine Heransfoderung 46 von meiner Seite, daß ich auf eure Reiterhaufen los⸗ gegangen bin? Alexius gab ihm ſchnell zur Antwort, daß er gar nicht den Grafen einer Beſchimpfung oder Beleidigung gegen ihn haͤtte anklagen wollen, und ſetzte hinzu, daß bei der mißlichen Lage des Reiches fuͤr denjenigen, der deſſen Steuerruder führe, gar nicht der Angenblick gelegen wäre, ſich in leere und unnuͤtze Händel ein⸗ zulaſſen. Der Franzöſiſche Ritter hörte ihn an, und antwor⸗ tete ihm mit trockenem Tone:— Wenn das eure Ge⸗ ſinnungen ſind, ſo wundere ich mich ſehr, daß ihr lange genug in einem Lande gewohnt habt, wo ihr die Franzöſiſche Sprache ſo ſprechen gelernt habt, wie ihr es thut. Da ihr aber weder ein Mönch noch ein Weib ſeyd, ſo hätte ich erwartet, daß ſich auch einige der ritterlichen Geſinnungen dieſes Volkes in euer Herz eingeprägt hätten, wie die Worte ſeiner Sprache in euer Gedächtniß. Ruhig, Herr Graf! ſagte Bohemund, welcher beim Kaiſer geblieben war, um den drohenden Streit abzu⸗ wenden. Ihr müßt dem Kaiſer mit Höflichkeit ant⸗ worten; und wer ungeduldig iſt ſich zu ſchlagen, der wird Ungläubige genug finden um dieſe Ungeduld zu ſtillen. Er hat ench um euren Namen und Stamm⸗ baum gefragt, und ihr habt weniger Urſache als Je⸗ mand, ein Geheimniß daraus zu machen. Ich weiß nicht, wie das dieſen Fuͤrſten oder dieſen 47 Kaiſer, wie ihr ihn nennet, kuͤmmern kann; doch die ganze Rechenſchaft, welche ich über mich ſelbſt geben kann, iſt hier: Mitten in einem der ungeheueren Waͤlder, welche den Mittelpunkt Frankreichs, meines Heimathslandes, bedecken, iſt eine Kapelle, welche ſo tief in die Erde vergraben iſt, daß ſie gran vom Alter ſcheint. Das Bild der heiligen Jungfrau, welches den Altar derſelben ziert, heißt Unſere liebe Frau der gebrochenen Lanzen. Dieſer Ort wird in ganz Frank⸗ reich als der beruͤhmteſte fuͤr Kriegsabenteuer betrach⸗ tet. Vier große Straßen kreuzen ſich vor der Haupt⸗ pforte dieſer Kapelle; und jedes Mal, wenn ein guter Ritter an dieſer Stelle vorbeigeht, tritt er in die Kapelle um daſelbſt ſeine Andacht zu verrichten, nach⸗ dem er zuvor dreimal in das Horn geſtoßen hat, ſo daß alle Bäume des Waldes davon erzittern und wi⸗ derhallen. Darauf wirft er ſich auf die Kniee nieder um ſein Gebet zu verrichten; und kaum hat er die Meſſe bei Unſerer lieben Frau der gebrochenen Lan⸗ zen gehört, ſo findet ſich ein abenteuerlicher Ritter ein, bereit ſeine Kampfbegierde zu befriedigen. Ich habe dieſen Poſten einen Monat und länger gegen alle Ankömmlinge behauptet, und alle haben ſich für die edle und höfliche Weiſe bedankt, womit ich mich gegen ſie betragen habe, mit Ausnahme Eines, weſcher das Unglück hatte von dem Pferde zu fallen und den Hals zu brechen, und eines Anderen, welcher durch und durch geſtochen wurde, ſo daß ihm meine Lanze 48 ganz blutig drei Fuß lang aus dem Rücken fuhr. Dieſe Unfälle abgerechnet, welche man nicht immer ſo leicht vermeiden kann, verließen mich meine Gegner niemals, ohne mir für die Höflichkeit, die ich ihnen bewieſen hatte, zu danken. Ich begreife, Herr Ritter, ſagte der Kaiſer, daß ein Mann von eurer Geſtalt und eurem Muthe ſelten ſei⸗ nes Gleichen unter euren abenteuerlichen Landsleuten finden mag, und noch viel weniger unter Leuten, wel⸗ che denken, daß es kindiſch mit den Gaben der Vor⸗ ſehung ſpielen heißt, wenn man ſein Leben in grund⸗ loſen Händeln aufs Spiel ſetzt. Es ſteht euch frei ſo zu denken, ſagte der Franzoſe in einem etwas verächtlichem Tone; indeſſen verſichere ich euch, daß ihr uns ſehr unrecht thuet, wenn ihr glaubt, daß in unſeren Kämpfen die geringſte Bei⸗ miſchung von Unmuth oder Zorn geweſen wäre. Un⸗ ſer Herz war nicht luſtiger, wenn wir am Abend den Hirſch oder Eber jagten, als wenn wir uns des Mor⸗ gens unſerer Ritterpflichten vör der Pforte der Kapelle entledigten. Bei den Tuͤrken werdet ihr nicht dieſen freundſchaft⸗ lichen Austauſch der Hoͤflichkeit genießen, antwortete Alerius. Deßhalb rathe ich euch, euch nicht ſehr von dem Mittelpunkte des Heeres zu entfernen, ſondern euch bei eurer Fahne zu halten, auf welche das Ziel der Anſtrengungen der tapferſten Ungläubigen gerichtet ———— 49 iſt, und wo ſich die beſten Ritter befinden müſſen, um ihre Angriffe zurückzutreiben. Bei Unſrer lieben Frauen der gebrochenen Lanzen! rief der Kreuzfahrer aus, ich möchte nicht, daß die Tuͤrken höflicher wären, da ſie keine Chriſten ſind; und es freut mich, daß der Name Ungläubiger und heid⸗ niſcher Hund ſelbſt den Beſten unter ihnen gebührt, da ſie in gleichem Maße Verräther an Gott und an den Geſetzen der Ritterſchaft ſind. Ich ſchmeichle mir, ihnen in den erſten Reihen unſres Heeres, neben unſ⸗ rer Fahne oder irgendwo anders zu begegnen, und freies Feld zu bekommen, um dieſe Feinde unſrer lie⸗ ben Frauen und der ſeeligen Heiligen, welche wegen ihrer übelen Gewohnheiten noch viel mehr beſonders die meinigen ſind, zu bekämpfen.— Indeſſen habt ihr jetzt Zeit euch zu ſetzen und meine Huldigung zu em⸗ pfangen, und ich werde euch verpflichtet ſeyn, wenn ihr dieſe alberne Förmlichkeit ſo ſchnell als möglich abmachen wollt. Der Kaiſer ſetzte ſich in aller Eile auf ſeinen Thron und empfing die nervigen Fäuſte des Kreuzfahrers in ſeine Hände. Nachdem der Fremde die Huldigungs⸗ formel ausgeſprochen hatte, begleitete ihn Graf Balduin zu den Schiffen, und ſchien froh, als er ihn auf dem Wege ſah, ſich an Bord zu begeben; dann kehrte er zum Kaiſer zurück. Wie heißt dieſer ſeltſame und ſtolze Mann? fragte ihn Alexius. W. Scott's ſämmtl. Werke. 1638 Boch. 4 Es iſt Robert, Graf von Paris, antwortete Bal⸗ dnin; man ſieht ihn für einen der tapferſten Großen an, welche den Thron von Frankreich umgeben. Nach einer augenblicklichen Ueberlegung gab Alexius Befehl, daß die Feierlichkeit, welcher dieſer Tag ge⸗ weiht worden war, aufgehoben wuͤrde; er beſorgte vielleicht, daß die ungeſtuͤme und ſorgloſe Laune die⸗ ſer Fremdlinge irgend einen neuen Streit veranlaſ⸗ ſen moͤchte. Die Kreuzfahrer waren auch nicht ſehr boͤſe daruͤber, daß man ſie in die Pallaͤſte zurückfuͤhrte, wo ſie ſchon mit Gaſtfreundſchaft empfangen worden waren, und ſie ſetzten das Gelage fort, welches un⸗ terbrochen worden war, als man ſie zur Huldigung gerufen hatte. Die Trompeten der verſchiedenen Oberhaͤupter blieſen den wenigen Soldaten, die in ihrem Gefolge waren, zum Ruͤckzuge, ſowie auch den Rittern und anderen Herrn, welche mit dem ihnen gewordenen Empfange zufrieden, und von einer un⸗ beſtimmten Ahnung erſchreckt, daß der Uebergang uͤber den Bosphorus der Anfang ihrer wahren Leiden ſeyn wuͤrde, ſich freuten, daß ſie noch am Ufer zu⸗ ruͤckgehalten wurden. Obwohl man es gewiß nicht beabſichtigt hatte, ſo änderte doch der Held dieſes ſtuͤrmiſchen Tages, wie man ihn nennen konnte, Robert, Graf von Paris, der ſchon auf dem Wege war, um ſich auf der Meer⸗ enge einzuſchiffen, ſeinen Entſchluß, als er das Bla⸗ ſen zum Ruckzuge, welches von allen Seiten erſcholl, „ 51 vernahm. Weder Bohemund, noch Gottfried, noch irgend Jemand, der ihm dieſes Zeichen erklaͤren woll⸗ te, konnte ihn von ſeinem Vorhaben, nach Conſtan⸗ tinopel zuruckzukehren, abbringen. Er lachte veraͤchtlich, als man ihm mit dem Unwillen des Kaiſers drohte; und ſein Geſicht verrieth, daß er ein beſonderes Ver⸗ gnügen daran finden würde, dem Kaiſer Alexius an ſeiner eignen Lafel zu trotzen, oder wenigſtens, daß ihm nichts ſo gleichgultig war, als ob er dieſen Herr⸗ ſcher beleidigte oder nicht. Obwohl er im Allgemeinen einige Ehrfurcht vor Gottfried von Bouillon zeigte, ſo war er doch weit davon entfernt, ihm bei dieſer Gelegenheit zu will⸗ fahren; nachdem dieſer weiſe Fuͤrſt alle Gründe er⸗ ſchoͤpft hatte, um ihm die Ruckkehr in die Kaiſer⸗ ſtadt zu widerrathen, ſo daß es nahe an einen per⸗ ſoͤnlichen Streit zwiſchen ihnen kam, ſo uͤberließ er ihn endlich ſich ſelbſt. Er zeigte ihn im Vorbeigehen dem Grafen von Toulonſe, und nannte ihn den wunderlichſten irrenden Ritter, der unfaͤhig wäre, einem andern Rathe zu folgen, als dem ſeiner ſon⸗ derbaren Einbildungskraft.— Er bringt kaum fuͤnf⸗ hundert Mann zum Kreuzzuge mit, ſetzte er hinzu, und ich wollte einen Schwur darauf thun, daß er ſelbſt in dieſem Augenblicke, wo unſer Feldzug wirk⸗ lich beginnen ſoll, nicht weiß, weder wo dieſe fuͤnf⸗ bundert Leute ſind, noch wie man fur ihre Beduͤrf⸗ niſſe ſorgt. In ſeinem Ohre klingt eine ewige Trom⸗ 52 pete zum Angriffe, und zu keiner Zeit und an keinem Drte hoͤrt er auf einen friedlicheren und vernuͤnfti⸗ geren Ruf. Seht nur, wie er dort hergeht! gleicht er nicht einem loſen Schüler, welcher an einem freien Tage aus dem umkreiſe der Schule hervorſtuͤrmt, zum Theil von Neugierde getrieben, zum Theil auf irgend einen muthwilligen Streich ausgehend? und doch, ſagte Raimund, Graf von Toulonſe, hat er genug Entſchloſſenheit, um allein unſer gewagtes unternehmen aufrecht zu erhalten. Und dennoch iſt der Graf Robert ein ſo entſchiedener Prahler, daß er lieber den Erfolg des ganzen Feldzuges aufs Spiel ſetzen, als eine Gelegenheit vorbeigehen laſſen wuͤrde, um einem wuͤrdigen Gegner in den Schranken zu begegnen, oder, wie er ſich ausdruͤckt, um unſerer lie⸗ ben Frauen der gebrochenen Lanzen eine Huldigung darzubringen. Aber wer iſt die Perſon, mit welcher er zuſammengetroffen iſt, und welche mit ihm nach Conſtantinopel zu gehet oder vielmehr irrt? Das iſt ein Ritter in vollkommener Ruͤſtung, aber deſſen Wuchs nicht ganz ritterlich iſt, antwortete Gottfried. Ich vermuthe, daß es die beruͤhmte Dame iſt, welche das Herz Robert's in den Schranken durch eine gleiche Tapferkeit, wie die ſeinige, gewann, und die Pilgerin im langen Gewande, welche ſie begleitet, mag ihre Tochter oder ihre Nichte ſeyn. Dieſes iſt ein eigenthuͤmliches Schauſpiel unſerer geit, wuͤrdiger Ritter, fuhr der Graf von Toulonſe 53 fort; und man hat nichts dergleichen geſehen ſeit Gaita, dem Weibe Robert Guiscard's, welche ſich durch eines Mannes wurdige Thaten der Tapferkeit auszeichnete, und ihrem Gemahle ebenſogut in den erſten Reihen der Schlacht, als beim Tanze und dem Gelage die Spitze zu bieten verſtand. Das iſt auch die Art dieſes Paares, edler Ritter, ſagte ein anderer Kreuzfahrer, welcher ſich zu ihnen geſellte; aber Gott behuͤte den armen Mann, der nicht den Hausfrieden zu erhalten vermag, indem er ſich als den Stärkeren zeigt! Nun wohl! antwortete Raimund, wenn es auch eine etwas betruͤbende Betrachtung iſt zu denken, daß die Dame unſerer Gedanken bei unſerer Ruͤck⸗ kehr ſeit langer Zeit die Friſche der Jugend verloren hat, ſo iſt es ein Troſt zu wiſſen, daß ſie uns we⸗ nigſtens nicht ſchlagen kann, wenn wir zu ihr unſe⸗ ren geringen Reſt von Jugend oder reifem Alter, der uns von einem langen Kreuzzuge übrig geblieben iſt, zuruͤckbringen werden. Doch kommet, und laßt uns den Weg nach Conſtantinopel hinter dieſem tapfren Ritter folgen. Sehntes Knpi1 Die wilden Zeiten, der Jetztzeit Gegenfuͤßler! Es ſahn die Maͤdchen öfter ihr Geſicht Im breiten Schein von eines Kriegers Schild, Als in dem Spiegel; maßen lieber ſich Im Kampfe, als ſie in Scherz und Liebeley Dem Liebesangriff ſtanden. Die Natur Ward wohl verhoͤhnt, doch niemals unterdruͤckt. Die Fendalzeiten. Brunhilde, Gräfin von Paris, war eine jener Amazonen, welche man ihm erſten Kreuzzuge durch eine allgemeine Verkehrtheit und unnatuͤrliche Gewohn⸗ heit ſich freiwillig in die erſten Reihen der Kämpfer wagen ſahz lebendige Abbilder jener Marphiſen und Bradamanten, in deren Schilderung ſich die Roman⸗ zendichter gefielen, indem ſie dieſelben bisweilen mit einem undurchdringlichen Harniſch oder einer unwider⸗ ſtehlichen Lanze bewaffneten, um die Siege, welche ſie oft dem ſchwächern Geſchlechte über die Männer einräumten, weniger unwahrſcheinlich zu machen. Aber der Talismann Brunhilden's war einfacher, und beſtand nur in ihrer großen Schönheit. Seit ihrer früheſten Ingend hatte ſie die gewöhn⸗ lichen Arbeiten ihres Geſchlechtes verſchmäht, und Diejenigen, welche Anſpruch zu machen wagten auf die Hand der jungen Dame von Aspramont(er Name 55 eines Kriegslehns, das ſie geerbt hatte, und das viel⸗ leicht ihren kriegeriſchen Sinn nährte), erhielten zur Antwort, daß ſie dieſelbe zuvor in den Schranken ver⸗ dienen ſollen. Der Vater Brunhilden's war geſtorben, und ihre Mutter hatte einen ſo ſchwachen Charakter, daß das junge Fräulein mit ihr leicht anfangen konnte, was ſie wollte. Die zahlreichen Freier Brunhildens willigten gern in eine Bedingung, welche zu ſehr den Sitten des Zeit⸗ alters entſprach, als daß man ſie hätte verweigern können. Ein Turnier fand auf dem Schloß Aspramont Statt, worin die Hälfte der tapfern Kämpfer unter den Schlägen ihrer glücklichen Nebenbuhler erlagen, oder verlegen und verzweifelt aus den Schranken tra⸗ ten. Die Sieger erwarteten unn aufgerufen zu wer⸗ den, um unter einander zu kaͤmpfen; aber ſie waren ſehr erſtaunt, als man ſie von dem ferneren Willen der jungen Dame unterrichtete. Sie verlangte ſelbſt eine Rüſtung zu tragen, eine Lanze zu führen und ein Streitroß zu beſteigen, und bat die Ritter, einer Dame, für welche ſie ſo ehrenvolle Gefühle hegten, zu erlauben an ihren ritterlichen Spielen Theil zu nehmen. Die Ritter empfingen mit Höflichkeit ihre junge Gebieterin auf dem Kampfplatze, und lächelten bei dem Gedanken, daß ſie ſo vielen tapfern Kämpfern die Spitze bieten wollte. Aber die Vaſallen und alten Diener des Grafen ihres Vaters ſahen ſich auch lä⸗ chelnd an, und verſprachen ſich einen ganz andern 56 Erfolg, als welchen die Liebhaber erwarteten. Die Ritter, welche gegen die ſchöne Brunhilde rannten, wurden Einer nach dem Andern aus dem Sattel ge⸗ worfen; doch kann man auch nicht läugnen, daß es eine ſehr mißliche Lage war, gegen eine der ſchönſten Frauen jener Zeit zu kämpfen. Ein jeder Ritter fürch⸗ tete von der ganzen Kraft ſeines Lanzenſtoßes Gebrauch zu machen, wagte nicht ſeinem Renner vollen Lauf zu laſſen, mit einem Worte wollte nicht Alles thun was nöthig geweſen wäre, um ſich des Sieges zu ver⸗ ſichern, aus Beſorgniß ihn auf Koſten der Sicherheit ſeiner ſchönen Gegnerin davon zu tragen. Aber das Fräulein von Aspramont war ein Weib, welches nur durch die Anwendung aller Kräfte und Fähigkeiten zu überwinden war. Die beſtegten Liebhaber zogen ſich um ſo niedergeſchlagener von dem Kampfplatze zu⸗ rück, als gegen Abend Robert von Paris ankam: dieſer hatte von den Vorgaͤngen Nachricht bekommen, und ſchickte ſeinen Namen in die Schranken des Kampfplatzes, indem er zugleich verkuͤndete, daß er auf den Preis des Lurniers keinen Anſpruch machte, wenn er ihm vom Gluͤcke bewilligt werden ſollte, weil ihn weder die Luſt nach Läͤnderbeſitz noch die Reize eines Weibes herbeigelockt haͤtten. Die darob beleidigte und aͤrgerliche Brunhilde nahm eine neue Lanze und beſtieg einen beſſern Renner, und trat auf den Kampfplatz, entſchloſſen, dieſen neuen An⸗ greifer fuͤr die Verachtung zu beſtrafen, welche er 57 gegen ihre Reize zu zeigen ſchien. Aber mochte unn ihr Unwille ihrer gewohnten Geſchicklichkeit ſchaden, oder mochte ſie, wie ſo viele andere Frauen, eine Schwäche fuͤr einen Mann fuͤhlen, welcher keinen be⸗ ſondern Wunſch zeigte ihr Herz zu gewinnen, oder mochte endlich, wie man bei ähnlichen Fällen zu ſa⸗ gen pflegt, ihre boͤſe Stunde geſchlagen haben, kurz der Graf Robert hatte gegen ſie ſein gewoͤhnliches Gluͤck. Brunhilde von Aspramont wurde aus dem Sattel gehoben, ihr Helm fiel, und ſie blieb ausge⸗ ſtreckt auf dem Boden liegen; aber da ihre ſchoͤnen Zuͤge, vor Kurzem noch ſo bluͤhendroth, und jetzt mit einer Todesblaͤſſe uͤberzogen, den Augen des Siegers blosgeſtellt waren, ſo brachten ſie auf ihn ihre natuͤrliche Wirkung hervor, und erhoͤhten in ſeinem Geiſte den Werth ſeines Sieges. Treu ſei⸗ nem verkuͤndigten Entſchluſſe, wollte er das Schloß verlaſſen, als die Mutter Brunhilden's bei Zeiten dazwiſchentrat; nachdem ſie ſich verſichert hatte, daß die junge Erbin keine gefährliche Wunde bekommen hatte, ſo dankte ſie dem Fremdling für die Lehre, welche er ihrer Tochter gegeben, die ſie, wie ſie hoffte, ſo bald nicht vergeſſen wurde. Von ihr aufgefordert zu dem, was er heimlich ſelbſt wuͤnſchte, lieh der Graf Robert ſeinen Gefühlen ein geneigtes Ohr, welche ihm im Stillen riethen, ſeine Abreiſe nicht zu beeilen. d Er leitete ſeine Herkunft von Karl dem Großen 58 ab, und war, was ihm in den Augen der jungen Da⸗ me noch mehr Gewicht gab, einer der berühmteſten Normänniſchen Ritter. Nachdem er zehen Tage auf Schloß Aspramont verweilt hatte, zog der Graf Ro⸗ bert mit Brunhilde und einem angemeſſenen Gefolge von dannen, um ihre Hochzeit in der Kapelle Unſrer lieben Frauen der gebrochenen Lanzen zu feiern: denn ſo wünſchte es Robert. Zwei Ritter, welche nach dem Gebrauche dieſes Ortes daſelbſt auf Angreifer warte⸗ ten, waren augenblicklich ungehalten, als ſie einen Zug ankommen ſahen, der einen ganz andern Zweck zu ha⸗ ben ſchien, als ſich mit ihnen zu meſſen. Aber ſie wurden bald nicht gering überraſcht, als ſie von zwei zukünftigen Ehegatten eine Herausforderung erhielten, welche ſich Glück wünſchten, ihr eheliches Leben auf eine ihrer bisherigen Lebensart ſo angemeſſene Weiſe zu beginnen. Sie waren wie gewöhnlich ſiegreich, und wer ſich allein über die Bereitwilligkeit des Grafen und ſeiner zukünftigen Gemahlin zu beklagen hatte, das waren die beiden Fremden, deren Einem ein Arm bei dieſem Zuſammentreffen zerbrochen und dem An⸗ dern das Schlüſſelbein verrenkt wurde. Die Ehe des Grafen Robert ſchien nicht im Gering⸗ ſten ſein irrendes Ritterleben zu unterbrechen. Im Gegentheil, wenn es galt ſeinen Ruf zu bewähren, ſo zeichnete ſich ſein Weib eben ſo ſehr durch ihre kriege⸗ riſchen Thaten aus, und ſie hatte einen gleichen Durſt nach Ruhm wie ihr Gemahl. Sie nahmen alle Beide 59 zugleich das Kreuz, da dieſes die damals in Eurvpa herrſchende Thorheit war. Die Gräfin Brunhilde hatte damals ihr ſechsund⸗ zwanzigſtes Jahr zurückgelegt, und beſaß ebenſo große Reize als irgend je eine Amazone haben konnte. Sie hatte den größten Wuchs eines Weibes, und ihre ed⸗ len Züge waren trotz ihrer zahlreichen kriegeriſchen Arbeiten nur leicht von der Sonne gebräunt, wodurch die glänzende Weiße der gewöhnlich bedeckten Theile ihres Geſichtes deſto mehr hervortrat. Als Alexius den Befehl ertheilte, daß ſeine Bedek⸗ kung nach Conſtantinopel zurückkehren ſollte, ſagte er einige Worte beſonders zu ſeinem Akoluthos Achilles⸗ Tatins. Der Satrape antwortete darauf mit unter⸗ thaͤnigem Kopfnicken, und zog ſich beſonders mit eini⸗ gen Soldaten zuruͤck. Die Hauptſtraße nach der Stadt war, wie man ſich leicht denken kann, mit Truppen und einer zahlreichen Menge Zuhörer bedeckt, welche Alle ſehr von Hitze und Staub zu leiden hatten. Graf Robert von Paris hatte ſeine Pferde und ſein ganzes Gefolge einſchiffen laſſen mit Ausnahme eines alten Waffenträgers, eines Dieners und einer Kam⸗ merfrau ſeiner Gemahlin. Er fühlte ſich in dieſem Haufen unbehaglicher, als ihm lieb war, um ſo mehr, da ſeine Gemahlin gerade ſo dachte. Er ſah daher nach den an der Küſte ſtehenden dichten Bäumen, um einen weniger geraden Weg zu entdecken, welcher ihn auf einem längeren Umwege, aber auf eine angeneh⸗ 60 mere Weiſe nach der Stadt führen, und ihnen zu⸗ gleich darbieten könnte, was ſie beſonders im Morgen⸗ lande ſuchten, einige ungewöhnliche Schauſpiele oder Abentheuer der Ritterſchaft. Ein breiter und betre⸗ tener Weg ſchien ihnen alle Annehmlichkeit zu ver⸗ ſprechen, welche der Schatten in einem warmen Him⸗ melsſtriche darzubieten vermag. Obwohl er mehrere Biegungen machte, ſo bot doch die Gegend eine ange⸗ nehme Abwechslung dar durch Tempel, Kirchen, Gar⸗ tenhaͤuſer, und hier und da vertheilte ein Spring⸗ brunnen ſeine ſilbernen Spenden, wie ein wohlwol⸗ lendes Weſen, welches ſich ſelbſt entzieht, was es freigebig allen Andern mittheilt, die deſſelben bedür⸗ fen. Die entfernten Klaͤnge einer kriegriſchen Muſik, welche bis zu ihnen drangen, erheiterten ihnen den Weg, um ſo mehr als dadurch die Volksmaſſe auf der großen Straße gehalten wurde, und die beiden Fremd⸗ linge vor jeder Reiſebekleidung geſichert waren. Erfreut über die Abnahme der Tageshitze, betrach⸗ teten ſie mit Erſtaunen die verſchiedenen Denkmale der Baukunſt, die für ſie neuen Gegenſtände der Land⸗ ſchaft, und die Sittengemälde, welche die ihnen Be⸗ gegnenden darboten, und ſetzten ohne Hinderniſſe ih⸗ ren Weg fort. Ein Mann zog vorzüglich die Auf⸗ merkſamkeit der Gräfin Brunhilde auf ſich. Dieß war ein Greis von hoher Geſtalt, welcher ſo tief in eine Pergamentrolle, die er in der Hand hielt, ver⸗ ſunken war, daß er auf die ihn umgebenden Gegen⸗ — * 6¹ ſtände keine Aufmerkſamkeit richtete. Tiefe Gedanken ſchienen auf ſeiner Stirne zu thronen; und ſein Auge hatte jenen durchdringenden Blick, welcher beſtimmt zu ſeyn ſcheint in jeder menſchlichen Unterredung das Ernſte und Belehrende von dem Unnützen zu entdek⸗ ken und zu unterſcheiden, um ſich ausſchließlich damit zu beſchäftigen. Indem er langſam die Augen von dem Pergamente erhob, auf welches ſie geheftet wa⸗ ren, begegnete der Blick des Agelaſtes, denn dieſes war der Weiſe ſelbſt, denen des Grafen Robert und ſeiner Gemahlin; er richtete das Wort an ſie, indem er ſich des freundſchaftlichen Beiworts„meine Kinder“ bediente, um ſie zu fragen, ob ſie verirrt waͤren, und ob er ihnen in etwas dienen koͤnnte. Wir ſind Fremdlinge, mein Vater, antwortete der Graf; wir kommen aus einem fernen Lande, und ge⸗ hören zum Pilgerheer, welches hier durchgezogen iſt. Ein einziger Beweggrund hat uns hier hergeführt, und wir theilen ihn, wie wir hoffen, mit dieſem gan⸗ zen Heere. Wir wünſchen, unſere Andacht an den Orten zu verrichten, wo das große Löſegeld für uns bezahlt worden iſt, und mit Hülfe unſerer guten Schwer⸗ ter das unterjochte Paläſtina von dem unrechtmäßigen Beſitze und Drucke der Ungläubigen zu befreien. Hier⸗ durch haben wir euch den mächtigſten Beweggrund un⸗ ſeres Unternehmens angegeben. Indeſſen wuͤrde Ro⸗ bert von Paris und ſeine Gemahlin nicht gerne den Fuß auf einen Boden ſetzen, der nicht von dem Ge⸗ 62 raͤuſche ihrer Schritte wiederhallte, und ſie möchten ſich ein ewiges Leben im Nachruhme erkaufen, ſelbſt um den Preis ihres ſterblichen Daſeyns. Ihr würdet alſo euer Leven für den Ruhm auf das Spiel ſetzen, wenn ſelbſt euer Tod der Erfolg eurer edlen Anſtrengung ſeyn ſollte? Sicherlich; und wer einen Gürtel, wie dieſen da traͤgt, iſt dieſem Wunſche fremd. Und, ſoviel ich verſtehe, ſo theilt enre Gemahlin mit ihrem ehrenwerthen Gemahle dieſen unerſchrockenen Entſchluß2 Ihr könnt, wenn es euch beliebt, wenig von dem Muthe eines Weibes halten, mein Vater, ſagte die Graͤfin; aber ich ſpreche in Gegenwart eines Zeugen, der mir beweiſen kann, daß ich die Wahrheit ſage, wenn ich betheure, daß ein Mann, der die Hälfte eu⸗ res Alters gehabt, dieſen Zweifel nicht ungeſtraft aus⸗ gedrückt haben würde. Der Himmgl ſchütze mich vor dem Blitze, welchen Zorn oder Verachtung in euren Augen entzündet ha⸗ ben, ſagte Agelaſtes. Ich trage einen Schild, welcher mich davor ſichert, was ich ohne ihn befurchtet hätte. Das Alter mit ſeinen Schwächen hat auch ſeine Vortheile. Vielleicht ſuchet ihr gerade einen Mann, wie mich; und in dieſem Falle würde ich glücklich ſeyn, euch alle Dienſte zu leiſten, welche ich, meiner Pflicht gemäß jedem würdigen Ritter ſchuldig bin. Ich habe ſchon geſagt, daß nach der Erfüllung mei⸗ 65 nes Gelübdes, antwortete der Graf Robert, ſeine Au⸗ gen zum Himmel hebend, und das Zeichen des Kreu⸗ zes machend, mir nichts ſo ſehr auf Erden am Herzen liegt, als meinen Namen durch Thaten berühmt zu machen, welche eines tapfren Ritters würdig ſind. Der Menſch, der in der Dunkelheit ſtirbt, ſtirbt auf ewig. Wenn mein Vorfahre Karl niemals die elen⸗ den Ufer der Saale verlaſſen hätte, ſo wuͤrde er nicht vielmehr bekannt geworden ſeyn, als ein Winzer jenes Landes, der ſeine Reben ſchneidet. Aber er that ſich durch Tapferkeit hervor, und ſein Name iſt unſterblich im Andenken der Menſchen. Junger Mann, ſagte der alte Grieche, es iſt ſelten, daß Menſchen wie ihr, denen ich dienen kann und die ich zu ſchätzen bermag, dieſes Land beſuchen; aber es iſt ebenſo wahr, daß ich im Stande bin, euch in der Angelegenheit, welche euch ſo ſehr am Herzen liegt, nützlich zu ſeyn. Meine Verbindungen mit der Natur ſind ſo häufig und genau geweſen, daß ſie vor meinen Augen verſchwunden iſt, und daß ich vor mir eine andere Welt habe aufgehen ſehen, mit welcher dieſe hier wenig gemein hat. Die merkwürdigen Schaͤtze, welche ich auf dieſe Weiſe aufgehäuft habe, können nicht durch die Nachforſchung andrer Menſchen ent⸗ deckt werden, und dürfen nicht den Augen derjenigen ausgeſetzt werden, deren Heldenthaten ſich auf den Kreis der gewöhnlichen Wahrſcheinlichkeiten der ge⸗ meinen Natur beſchränken. Keinem Romanzendichter 6¹ in eurem romantiſchen Lande hat jemals ſeine Einbil⸗ dungskraft ſo außerordentliche Abenteuer eingegeben, und welche ſo das ſtarre Erſtaunen der Hörer zu er⸗ regen vermöchten, als diejenigen, welche ich kenne, und welche keine leeren Erfindungen, ſondern auf die Wirklichkeit gegründet ſind, und zu deren Ausführung ich ſogleich die Mittel liefern kann. Wenn ihr aufrichtig ſprecht, ſagte der Franzöſiſche Graf, ſo habt ihr den Mann gefunden, den ihr wünſcht; und meine Gemahlin und ich werden um keinen Schritt auf unſrem Wege fortgehen, bevor ihr uns nicht ei⸗ nes jener Abenteuer angezeigt habt, welche die Pflicht der irrenden Ritter erheiſcht auf alle mögliche Weiſe zu ſuchen. Bei dieſen Worten ſetzte er ſich neben den Greis; und ſeine Gemahlin folgte mit einer gewiſſen Ehrer⸗ bietung, welche an ſich etwas Lächerliches hatte, ſeinem Beiſpiele. Das iſt ein gluͤckliches Zuſammentreffen, Brun⸗ hilde, ſagte Graf Robert; unſer Schutzengel hat ſorg⸗ fältig uͤber uns gewacht. Wir ſind hierhergekommen mitten unter einen Haufen unwiſſender Gelehrtthuer, die in einer abgeſchmackten Sprache redeten, und mehr Gewicht auf den geringſten Blick legten, den ein feiger Kaiſer zu bewilligen geruht, als auf den beſten Lanzenſtoß, den ein guter Ritter zu fuͤhren vermag. Bei meinem Glauben! ich war im Be⸗ griffe zu glauben, daß wir Unrecht gethan haͤtten 65 das Kreuz zu nehmen.— Gott verzeihe mir dieſen gottloſen Gedanken! Denn gerade im Augenblicke, wo wir verzweifelten, die Bahn des Ruhmes zu fin⸗ den, treffen wir hier einen jener wuͤrdigen Maͤnner an, welchen die irrenden Ritter vor Zeiten gewoͤhn⸗ lich an Quellen, Kreuzen, Altaͤren begegneten, und die bereit waren ſie zu belehren, wo ſie Nachruhm erwerben konnten.— Stoͤre ihn nicht, Brunhilde; laſſe ihm Zeit, ſich ſeiner vergangenen Tage zu erin⸗ nern, und du ſollſt ſehen, er wird uns mit dem Schatze ſeiner erworbenen Kenntniſſe bexeichern. Wenn ich, ſagte Ahgelaſtes nach einigen Augenbli⸗ cken des Schweigens, uͤber die gewöhnlich dem Men⸗ ſchenleben beſtimmte Graͤnze hinaus gewartet habe, ſo werde ich dafuͤr mehr als belohnt ſeyn, indem ich meine uͤbrigen Tage dem Dienſte eines der Ritter⸗ ſchaft ſo ergebenen Paares widme.— Der Schauplatz der Geſchichte, welche ſich zuerſt meinem Geiſte ver⸗ gegenwaͤrtigt, iſt unſer Griechenland, eine an Aben⸗ teuern ſo fruchtbare Gegend; und ich will ſie euch kurz erzaͤhlen: „Weit von hier, in unſrem berühmten Griechiſchen Inſelmeer, mitten unter Stuͤrmen und Orkanen, unter Felſen, welche uͤber Abgründen ſchwebend ſich aufeinander zu ſtuͤrzen ſcheinen, und unter Wogen, welche niemals im Frieden ſind, liegt die reiche Inſel Zulichium. Sie zaͤhlt ungeachtet ihrer Schaͤtze nur eine kleine Anzahl Einwohner, welche nur an den W. Scott's ſämmtl. Werke. 1658 Boch. 5 Ufern des Meeres wohnen. Das Innere dieſer In⸗ ſel iſt ein ungeheures Gebirge, oder vielmehr ein Berghaufen, in deren Mitte diejenigen, welche nahe genug heranzutreten wagen, die uralten moosbedeck⸗ ten Thuͤrme und Zinnen eines prachtvollen, aber in Truͤmmer fallenden Schloſſes, unterſcheiden koͤnnen, worin die Koͤnigin wohnt, welche dort ſeit langen Jahren durch einen Zauber gehalten wird. „Ein unerſchrockener Ritter, welcher nach Jeruſa⸗ lem pilgerte, that das Geluͤbde, dieſes ungluckliche Schlachtopfer der Zauberei und Grauſamkeit zu be⸗ freien; mit Recht heftig erzuͤrnt, daß die Maͤchte der Finſterniß ſo nahe am heiligen Lande, das man die Quelle des Lichtes nennen koͤnnte, einen Einfluß aus⸗ uͤbten. Zwei der aͤlteſten Einwohner der Inſel gaben ſich dazu her, ihn ſo nahe an den Haupteingang des Schloſſes zu fuͤhren, als ſie es fuͤr raͤthlich fanden, und dieß war auf die Weite eines Pfeilſchuſſes. Alſo ſich ſelbſt uͤberlaſſen ſetzte der tapfere Franke einen Weg mit unerſchrockenem Herzen fort, ohne einen andern Schutz als den des Himmels. Das Gebaͤude, dem er ſich nahete, verkuͤndigte durch ſeine rieſenmäßige Groͤße und durch den Reichthum ſeiner Baukunſt die Macht und die Schaͤtze des Herrſchers, welcher es hatte bauen laſſen. Die ehernen Pforten oͤffneten ſich von ſelbſt, wie aus Hoffnung und Freude, und aͤtheriſche Stimmen ließen ſich hoͤren um die Glockenhaͤuſer und Thuͤrme, pielleicht um dem Geiſte ———— 67 dieſes Ortes wegen der nahen Ankunft eines Be⸗ freiers Gluͤck zu wuͤnſchen. „Der Ritter gieng nicht ohne Aufregung und Er⸗ ſtaunen, aber ohne irgend eine Furcht, vorwaͤrts; der alterthümliche Glanz, welchen er uͤberall ſah, mußte ihm einen hohen Begriff von der Schoͤnheit der Herrſcherin geben, für welche ein Gefaͤngniß ſo reich ausgeſchmuͤckt worden war. Leibwachen, in der Tracht und mit Waffen des Morgenlandes, ſtanden auf den Waͤllen und Feſtungswerken, und ſchienen bereit den Bogen zu ſpannen; aber dieſe Krieger blieben unbeweglich und ſchweigend, und gaben nicht mehr Acht auf die Ankunft des vollkommen geruͤſte⸗ ſteten Ritters, als wenn ein Moͤnch oder Einſiedler ihrem Poſten genahet waͤre. Sie lebten, und doch konnte man ſie, da ſie ihrer Kräfte und Sinne be⸗ raubt waren, als todt betrachten. Wenn die alte Sage wahr iſt, ſo waͤre Sonne und Regen waͤh⸗ rend mehr als vierhundert Jahreswechſeln auf ſie herabgefallen, ohne daß ſie die Kaͤlte des Einen oder die ſanfte Hitze des Andern empfunden. Wie es den Israeliten in der Wuͤſte geſchah, ſo haͤt⸗ ten ſich ihre Schuhe nicht abgenutzt und ihre Kleider waͤren nicht alt geworden. Die Zeit ſollte ſie wieder finden, wie ſie ſie gelaſſen hatten, ohne irgend eine Veraͤnderung.“ Darauf begann der Philoſoph ihnen zu erzaͤhlen, 68 was er von der urſache jener Vezauberung erfahren haͤtte: „Der Weiſe, welchem man dieſen maͤchtigen Zauber zuſchreibt, war Einer der Magier, welche die Lehre des Zorvaſter befolgten. Er war an den Hof dieſer jungen Prinzeſſim gekommen, welche ihm alle Auf⸗ merkſamkeit widmete, die ſeine Eitelkeit nur wuͤn⸗ ſchen konnte; doch bald derlor ſie ihre anfaͤngliche Chrerbietung, vor dieſem ernſten Weſen, als ſie ihre Ueberlegenheit, welche ihr ihre Schoͤnheit uͤber daſſelbe gab, kennen lernte. Das war nicht ſo ſchwierig,— das ſieht man alle Tage geſchehen;— denn ein ſcho nes Weib lockt leicht den weiſen Mann in das Pa⸗ radies der Narren, wie man es ſehr paſſend nennt. Der Philoſoph wollte ſich die Vergnuͤgungen junger Leute erlauben, welche in ſeinem Alter lacherlich wa⸗ ren. Er konnte den Elementen gebietem, aber den gewoͤhnlichen Lauf der Natur zu aͤndern ſtand nicht in ſeiner Macht. Wenn er daher ſeine Zauberge⸗ walt ausübte, ſo beugten ſich die Verge, und das Meer wich zuruͤck; aber wenn der Weiſe verſuchen wollte im Tanze zu glaͤnzen wie die jungen Fuͤrſten von Zulichium, ſo wandten die jungen Leute beiderlei Geſchlechts ihre Koͤpfe weg, um nicht zu offenbar zu äußern, was ſie von ſeinem laͤcherlichen Vetragen dachten. „Wenn leider die Greiſe und ſelbſt die Weiſeſten unter ihnen vergeſſen koͤnnen, ſo vereinigen ſich na⸗ ————,.— 69 türlich die jungen Leute von ihrer Seite, um ihre Schwächen auszuſpaͤhen und ſich über ihre Laͤcherlich⸗ keiten luſtig zu machen. Die Prinzeſſin warf viele verſtohlene Blicke den Leuten ihres Gefolges zu, um ihre Beluſtigung uͤber die thoͤrichte Aufmerkſamkeit ihres furchtbaren Liebhabers zu außern. Allmaͤhlig that ſie dieß mit weniger Vorſicht, und der Greis murde einen Blick von ihr gewahr, welcher ihm ver⸗ rieth, daß er nur ein Gegenſtand des Spottes und der Verachtung fuͤr das Weſen waͤre, welchem er alle ſeine Zuneigung geſchenkt hatte. Die Erde kennt keine grauſamere Leidenſchaft als in Haß verwandelte Liebe; während er lebhaft ſeine Schwäche bereute, war er nichts deſtv weniger über das thoͤrichte und leicht⸗ ſinnige Betragen der Prinzeſſin von Zorn entflammt. „Aber wenn er von Rache glühte, ſo verſtand er die Kunſt ſie zu verbergen. Nicht ein Wort, nicht ein Blick verrieth die grauſame Täuſchung ſeiner Hoff⸗ nungen. Eine düſtere, über ſeine Stirne verbreitete Wolke war die einzige Vorbedeutung des kommenden Sturmes. Die Prinzeſſin war darob ein wenig be⸗ ſtürzt; außerdem hatte ſie ein vortreffliches Gemüth, und wenn ſie ſich auf Koſten des Greiſes belnſtigt hatte, ſo war dieß mehr unfreiwillig, als aus vorbe⸗ dachter Bosheit geſchehen. Sie bemerkte ſeinen Aer⸗ ger, und hoffte ihn zu beſchwichtigen, indem ſie ſich ihm näherte, als man im Begriffe war ſich zu tren⸗ 70 uen, und ihm mit gütiger Stimme„gute Nacht“ wünſchte. Ihr ſprecht richtig, meine Tochter, antwortete der Weiſe;— gute Nacht!— Aber wer von allen meinen Hörern wird guten Morgen ſagen? „Man achtete wenig auf dieſe Worte. Jedoch zwei oder drei Perſonen, welche den Charakter des Weiſen kannten, entflohen noch in derſelben Nacht von der Inſel, und ihre Berichte machten die Umſtände be⸗ kannt, welche unmittelbar dem ungewöhnlichen Zauber vorhergegangen waren, der uber Alle die im Schloſſe Gebliebenen ausgebreitet wurde. Ein todesähnlicher Schlaf bemächtigte ſich ihrer und verließ ſie nicht mehr. Die meiſten Einwohner verließen die Inſel, und die Zurückbleibenden hüteten ſich dem Schloſſe nahe zu kommen, und warteten, daß irgend ein kühner und abenteuerlicher Ritter dieſe glückliche Erweckung be⸗ wirkte, welche die Rede des Zauberers auf eine gewiſſe Zeit zu verkünden ſchien. „Niemals hatte man einen größeren Grund dieſe Erweckung zu hoffen, als da Artgvan von Hautlien ſeinen kuͤhnen Fuß in den Hof des bezauberten Schloſ⸗ ſes ſetzte. Zu ſeiner Linken lag der Pallaſt und Thurm: aber die rechte anziehendere Seite ſchien zum Eintritt in die Gemächer der Frauen einzuladen. Vor einer Seitenthüre lagen zwei Haremswächter auf einem Ruhebette; ihre Hand lag an dem Griffe ihres ent⸗ blößten Säbels, ihre entſtellten Züge verriethen halb 71 Schlaf, halb den Tod, und ſie ſchienen Jedem zu dro⸗ hen, der herannahen wollte. Dieſe drohende Miene erſchreckte nicht den Artavan von Hautlieu. Er ging auf die Thüre zu, und dieſe that ſich von ſelber auf wie die große Eingangspforte zum Schloſſe. Er trat alsdann in ein Wachzimmer, wo er ähnliche Soldaten fand; und die aufmerkſamſte Prüfung vermochte ihm nicht zu offenbaren, ob Schlaf oder Tod ihre ſtarren und drohenden Augen feſſelte. Ohne ſich um jene traurigen Schildwachen zu kümmern, trat Artavan in ein Gemach, wo mehrere durch Reize ausgezeich⸗ nete Sklavinnen in der Haltung junger Schoͤnheiten waren, die ſchon ihre Nachtkleidung angezogen hatten. Dieſes Schauſpiel hatte Anziehendes genug, um einen ſo jungen Pilger als Artavan von Hautlien aufzuhal⸗ ten; aber er dachte nur daran, ſein unternommenes Abentener zu beendigen, um der jungen Prinzeſſin ihre Freiheit wieder zu ſchenken, und ließ ſich durch keine andere Ruͤckſichten von dieſem Ziele abbringen. Er ging daher auf eine kleine elfenbeinene Thüre zu, welche ſich nach einem augenblicklichen Zaudern wie aus jungfräulicher Schaam, von ſelbſt öffnete wie die anderen, und ihm erlaubte in das Schlafgemach der Prinzeſſin ſelbſt einzutreten. Ein ſanftes Licht, ähn⸗ lich der Abenddämmerung, drang in dieſes Gemach, wo alles vereinigt ſchien, was einen köſtlichen Schlaf verſchaffen konnte. Hohe Kiſſen, welche ein pracht⸗ volles Lager bildeten, ſchienen mehr berührt als ge⸗ 72 drückt von der Geſtalt einer fünfzehnjährigen Jung⸗ frau; dieſes war die ſchoͤne und berühmte Prinzeſſin von Zulichium.“ Ohne euch unterbrechen zu wollen, guter Vater, ſagte die Gräfin Brunhilde, es ſcheint mir, daß wir uns leicht ein ſchlafendes Weib vorſtellen können, ohne daß ihr nöthig haͤttet in ſo viel Einzelheiten einzuge⸗ hen, auch paßt ein ſolcher Gegenſtand weder für euer, noch unſer Alter. „Verzeiht mir, edle Dame, ſagte Agelaſtes; aber dieſer Theil meiner Geſchichte fand immer den meiſten Beifall: und wenn ich ihn aus Gehorſam vor euren Befehlen unterdrücke, ſo bitte ich euch zu erwägen, daß ich ench die ſchönſten Theile meiner Erzählung aufopfere.“ Brunhilde, ſagte der Graf, es überraſcht mich, daß ihr eine Erzählung unterbrechen wollt, deren Vortrag bis jetzt ſo unterhaltend war. Einige Worte mehr oder weniger können uns ziemlich gleichguͤltig ſeyn, und können vielleicht für das Verſtändniß der Ge⸗ ſchichte erfoderlich werden. Wie es euch beliebt, antwortete ſeine Gemahlin, und warf ſich nachtäßig zurück, aber der würdige Ba⸗ ter ſcheint mir ſeine Erzählung ſo zu verlaͤngern, daß ſie eher unbedeutend als anziehend wird. Brunhilde, ſagte der Graf, jetzt habe ich zum erſten Male an euch die Schwäche eines Weibes bemerkt. Graf Robert, erwiederte Brunhilde, ich kann euch 75 ebenſogut vorwerfen, daß ihr mir zum erſten Male die Unbeſtändigkeit enres Geſchlechtes gezeigt habt. „Götter und Goͤttinnen! rief der Philoſoph, hat man je einen unvernünftigeren Streit geſehen! Die Gräfin iſt eiferſüchtig auf ein Weib, welches ihr Mann wahr⸗ ſcheinlich nie ſehen wird; und es iſt ebenſo gewiß, daß die Prinzeſſin von Zulichum für die Welt verloren iſt, wie wenn ſich ſchon das Grab über ihr geſchloſ⸗ ſen hätte.“ Fahret fort, ſagte Graf Robert von Paris. Wenn Herr Artavan von Hautlien nicht die Befreiung der Prinzeſſin von Sulichium vollbracht hat, ſo thue ich das Geluͤbde bei unſerer lieben Frauen der gebroche⸗ nen Lanzen Erinnert euch, ſagte ſeine Gemahlin, ihn unter⸗ brechend, daß ihr ſchon gelobt habt, das heilige Grab zu befreien; und dieß ſcheint mir eine Verpflichtung zu ſeyn, welcher jedes andere Geluͤbde von leichterer Natur weichen muß. Sehr wohl, meine Gemahlin„ ſehr wohl, ſagte Graf Robert, welcher nur halb zufrieden mit dieſer Unterbrechung war. Ihr koͤnnt euch verſichert halten, daß ich mich zu keinem Unternehmen verpflichten werde, durch welches ich die Eroberung des heiligen Grabes, an der wir vor Allem arbeiten müſſen, ver⸗ nachlaͤßigen koͤnnte. »Ach! ſagte Agelaſtes, die Entfernung von Zulichium 74 von dem kuͤrzeſten Wege nach dem heiligen Grabe iſt ſo unbedeutend, daß 4 Würdiger Vater, ſagte die Gräfin, wir werden, wenn es euch beliebt, eure Geſchichte bis ans Ende hoͤren, und wollen alsdann ſehen, was wir zu thun haben. Wir Normänniſchen Frauen, als von den alten Germanen abſtammend, verlangen von unſern Gemahlen und Gebietern eine Stimme im Rathe vor der Schlacht, und unſer Beiſtand im Kampfe iſt nicht immer als unnutz angeſehen worden. Der Ton, womit ſie dieſe Worte ausſprach, war eine mittelbare, aber nicht ſehr erfreuliche Zurecht⸗ weiſung fuͤr den Philoſophen, welcher anfing einzu⸗ ſehen, daß es ihm ſchwerer fallen wurde, als er ſich gedacht hatte, auf den Ritter Einfluß auszuuben, ſo lange dieſer ſeine Frau bei ſich haͤtte. Er ſtimmte daher etwas ſeinen redneriſchen Ton herab, und ver⸗ mied jene zu lebhaften Schilderungen, welche die Gräfin Brunhilde beleidigt hatten. „Herr Artavan von Hautlieu, ſagte die Geſchichte, dachte uͤber die Weiſe nach, wie er die ſchlafende Prinzeſſin anreden, und uͤber das Mittel, welches er anwenden ſollte, um mit Erfolg den über ſie verbrei⸗ teten Zauber zu loͤſen. Ihr, ſchoͤne Dame, ſollt entſcheiden, ob er Unrecht hatte zu glauben, daß dieſes Mittel ein Kuß auf die Lippen der Prinzeſſin ſeyn muͤßte.“ Die Roͤthe auf den Wangen Brunhilden's ſtieg ————— 75 hoher, aber ſie glaubte nicht, daß dieſe Bemerkung eine Antwort verdiente. „Niemals brachte eine ſo unſchuldige Handlung, fuhr der Philoſoph fort, eine ſo ſchreckliche Wirkung hervor. Die angenehme Helle eines Sommerabends verwandelte ſich ploͤtzlich in einen ſeltſamen und duͤ⸗ ſteren Schein, der einen ſo ſtarken Schwefelgeruch von ſich gab, daß man faſt micht im Zimmer athmen konnte. Die koſtbaren Tapeten, das glaͤnzende Ge⸗ räthe und ſelbſt die Waͤnde dieſes Zimmers verwan⸗ delten ſich in ungeheure unordentlich ubereinander⸗ geworfene Steine, gleich dem Inneren der Höhle eines wilden Thieres; und dieſe Höhle war nicht ohne Bewohner. Die ſchönen und unſchuldigen Lip⸗ pen, welche Herr Artavan von Hautlien mit den ſei⸗ nigen beruͤhrt hatte, nahmen die ſcheußliche und wunderliche Geſtalt, und den gräßlichen Anblick eines feuerſpeienden Drachen an. Dieſer Drache ſchwang einen Augenblick ſeine Fluͤgel, und man ſagt, daß wenn Herr Artavan den Muth gehabt haͤtte, drei⸗ mal ſeinen erſten Gruß zu wiederholen, er Herr al⸗ ler Reichthuͤmer und der Perſon der Prinzeſſin ge⸗ blieben waͤre; aber die Gegelegenheit war vorbei, und der Drache entfaltete ſeine breiten Flügel, flog durch ein Seitenfenſter davon, und ſtieß ein gewalti⸗ ges Geſchrei getaͤuſchter Hoffnung aus.« Hier hoͤrte die Erzaͤhlung des Agelaſtes auf.— Man behauptet, ſetzte er hinzu, daß die Prinzeſſin 76 noch ihr Geſchick auf der Inſel Zulichium leidet, und daß mehrere Ritter dieſes Abenteuer verſucht haben. Ich weiß nicht, ob Schuchternheit ſie abhielt, einen Kuß von dem Munde der ſchlafenden Prinzeſſin zu rauben, oder ob ſie ſich fuͤrchteten ihr nach ihrer Ver⸗ wandlung in einen Drachen zu nahen; aber That⸗ ſache iſt es, daß der Zauber noch nicht geloͤſt worden iſt. Ich kenne den Weg, und wenn ihr ein Wort ſagt, ſo koͤnnt ihr morgen auf dem Wege nach dieſem bezauberten Schloſſe ſeyn. Die Gräͤfin hoͤrte dieſen Vorſchlag mit der lebhaf⸗ teſten Unruhe, denn ſie wußte, daß wenn ſie ſich wi⸗ derſetzte, ſie ihren Mann unwiderruflich zur unter⸗ nehmung dieſes Abenteuers beſtimmen konnte. Sie zoͤgerte daher mit banger und verlegener Miene: welches bei einem Weibe auffallend war, das gewoͤhn⸗ lich eine ſo unerſchrockene Haltung zeigte; und ohne einen Einfluß auf den Grafen Robert ausuben zu wollen, ließ ſie ihm kluglich die Sorge einen geeig⸗ neten Entſchluß zu faſſen. Brunhilde, ſagte er, indem er ihre Hand ergriff, es gibt keinen Ritter, dem Ruhm und Ehre ſo theuer wäre als deinem Gemahle. Du haſt vielleicht, kann ich ſagen, für mich gethan, was ich vergebens von andern Frauen deines Standes erwartet haben wur⸗ de; und folglich haſt du das Recht, eine uberwie⸗ gende Stimme in dergleichen Verathungen anzuſpre⸗ chen. Warum irreſt du auf den Kuͤſten fremder 77 und ungeſunder Laͤnder herum, anſtatt an den an⸗ muthigen Ufern der Seine zu weilen? Warum traͤgſt du ein fuͤr dein Geſchlecht ſo ungewoͤhnliches Gewand? Warum trotzeſt du dem Tode und achteſt ihn fuͤr nichts im Vergleich mit der Schande. Nicht wahr, damit der Graf von Paris eine ſeiner wuͤrdi⸗ gen Gemahlin habe? Glaubſt du, daß deine An⸗ hänglichkeit übel angebracht ſey? Nein, bei allen Hei⸗ ligen! Dein Ritter erwidert ſie, wie es ſeine Pflicht iſt, und er opfert dir im Voraus alle Gedanken, welche deine Liebe nicht ganz billigen kann. Die arme Brunhilde, deren Geiſt von den verſchie⸗ denen ſie bewegenden Gefühlen in Unorduung war, ſuchte jetzt vergeblich die heldenmüthige Haltung, welche ihr Amazonenchaxakter von ihr verlangte, zu behaup⸗ ten. Sie wollte die ſtolze und erhabene Miene auneh⸗ nen, welche ihr von der Natur verliehen worden war, aber ſie unterlag dieſer Anſtrengung, warf ſich in die Arme des Grafen, neigte ihr Hanpt auf die Bruſt ihres Gemahls, und weinte wie ein junges Mäd⸗ chen, deſſen Geliebter in den Krieg ziehen muß. Ihr Gemahl, etwas beſchämt, aber gerührt von dieſem Aus⸗ bruch der Gefühle von Seiten einer Frau, deren Cha⸗ rakter dafuͤr gewöhnlich nicht empfänglich ſchien, war zugleich entzückt, ja ſtolz, eine ſo ſüße und wahrhafte Zärtlichkeit in einer ſo hochherzigen und unerſchütter⸗ lichen Seele hervorgerufen zu haben. Bei Leibe, meine Biunhilde! ſagte er zu ihr; ich 78 moͤchte dich nicht mehr ſo ſehen deinetwegen, ſo wie meinetwegen. Laſſe nicht dieſen weiſen Greis die Mei⸗ nung bekommen, daß dein Herz aus dem weichen Stoffe gebildet iſt, aus welchem das anderer Frauen beſteht, und entſchuldige dich bei ihm in deinen wuͤrdigen Aus⸗ drücken, daß du mich verhindert haſt das Abenteuer von Zulichium zu beſtehen, wozu er mich einladet. Es wurde Brunhilde ſchwer, ihre Kaltblütigkeit wieder zu bekommen, nachdem ſie ein ſo auffallendes Beiſpiel davon gegeben hatte, wie die Natur ihre Rechte geltend zu machen weiß, mit welcher Strenge man ſie auch zu beherrſchen ſuchen mag. Sie riß ſich von ih⸗ rem Gemahl los, indem ſie ihm einen unausſprechli⸗ chen Blick der Liebe zuwarf; ſie hielt noch ſeine Hand, als ſie nach dem Greiſe ihr Geſicht wandte, auf wel⸗ chem halbgetrocknete Thränen einem freudigen und be⸗ ſcheidenen Laͤcheln gewichen waren, und ſie ſprach zu Agelaſtes, wie zu einem Manne, welchen ſie achtete, und bei welchem ſie einen Fehler wieder gut zu ma⸗ chen hatte. Mein Vater, ſagte ſie zu ihm mit Ehrerbietung, ſeyd mir nicht böſe, wenn ich verhinderte, daß einer der beſten Ritter, die jemals ein Streitroß beſtiegen, eure bezauberte Prinzeſſin zu befreien ſuchte; aber die Wahrheit iſt, daß wir in unſrem Lande, wo Ritter⸗ thum und Glauben nur eine Gebieterin, nur eine Gat⸗ tin erlauben, nicht gerne unſere Gatten ſich Gefahren ausſetzen ſehen, beſonders wenn es Jungfrauen zu be⸗ 79 ſchützen gilt, und wenn das für ſie zahlende Löſegeld in Küſſen beſteht. Ich vertraue ſo ſehr auf die Treue meines Robert, wie nur ein Weib ihrem geliebten Rit⸗ ter vertrauen kann, aber doch..„. „Liebenswürdige Frau, ſagte Agelaſtes, der, unge⸗ achtet ſeines kalten und ſtoiſchen Charakters, unwill⸗ kührlich von der einfachen und aufrichtigen Liebe die⸗ ſes jungen und ſchönen Paares gerührt war, ihr habt keinen Fehler begangen. Die Lage der Prinzeſſin iſt nicht ſchlimmer als vorher; und man kann nicht zwei⸗ fen, daß der Ritter, welcher ſie befreien ſoll, zur Stunde, die das Schickſal beſtimmt hat, erſcheine. Die Grafin zeigte ein ſchwermüthiges Lächeln, und ſchüttelte den Kopf.— Ihr wißt nicht, ſagte ſie, welcher mächtigen Hülfe ich leider dieſe unglückliche Prinzeſſin beraubt habe durch eine unwürdige und un⸗ gerechte Eiferſucht, wie ich jetzt einſehe. So ſtark iſt meine Reue darüber, daß ich in meinem Herzen Stärke genug finden könnte, um den Widerſtand aufzugeben, den ich dem Grafen Robert hinſichtlich der Unterneh⸗ mung dieſes Abenteuers entgegengeſezt habe. Sie blickte ihren Mann mit einiger Unruhe an, und man ſah ihr an, daß ſie ein Anerbieten gemacht hatte, deſ⸗ ſen Annahme ſie ſelbſt nicht wünſchte; ſie ſchöpfte nicht eher wieder Muth, als da ihr der Graf mit entſchie⸗ dener Stimme ſagte:— Brunhilde, das geht nicht an. Und warum könnte in dieſem Falle, fragte die Grä⸗ fin, nicht Brunhilde ſelbſt dieſes Abentener verſuchen? 80 Sie kann weder die Reize der Prinzeſſin, noch deb Schrecken des Drachen fürchten. Meine Dame, antwortet Achilles, die Prinzeſſin muß durch einen Kuß der Liebe, und nicht der Freund⸗ ſchaft geweckt werden. Das iſt ein hinlänglicher Grund, ſagte die Graͤfin lächelnd, daß eine Frau nicht ihrem Manne zuredet, ein Abenteuer zu unternehmen, das nur unter einer ſolchen Bedingung beendigt werden kann. Edler Troubadour oder Herold, oder welchen Na⸗ men man euch in dieſem Lande geben mag, ſagte Graf Robert, empfanget einen ſchwachen Beweis der Er⸗ kenntlichkeit, dafür, daß ihr uns eine ſo angenehme Stunde bereitet habt, obwohl ſie leider ohne Früchte geblieben iſt. Ich ſollte euch wegen des geringen Werthes meiner Gabe um Entſchuldigung bitten, aber die franzöſiſchen Ritter, wie ihr wiſſen werdet, haben mehr Ruhm als Reichthum. Nicht aus dieſem Grunde ſchlage ich den Beweis eurer Freigebigkeit aus, edler Herr, antwortete Age⸗ laſtes. Ein einziger Pfenning, den ich von eurer würdi⸗ gen Hand oder derjenigen eurer hochherzigen Gemah⸗ lin empfinge, würde in meinen Augen einen unend⸗ lichen Werth durch die Auszeichnung der Perſonen be⸗ kommen, die mir ihn geſchenkt hätten. Ich würde ihn um meinen Hals an eine Perlenſchnur hängen, und wenn ich vor Rittern und Damen wäre, würde ich ausrufen, daß ich dieſes Geſchenk von dem berühm⸗ 31 ten Grafen Robert von Paris und ſeiner unvergleich⸗ lichen Gemahlin bekommen.“ Der Ritter und die Gräfin ſahen einatt an, und die Dame nahm von ihrem Finger einen Ring von lauterem Golde, und bat den Greis, denſelben als einen Beweis der Achtung von ihr und ihrem Gewahle an⸗ zunehmen. „Dagegen mache ich eine andere Bedingung, ſagte der Ppiloſoph, und ich hoffe, daß ihr ſie nicht ganz übel finden werdet. Auf dem angenehmſten Wege, der von hier nach Conſtantinvpel führt, habe ich ein klei⸗ nes Landhaus oder Einſledelei, meinen Erholungsort, wo ich bisweilen meine Freunde empfange, die, wie ich ſagen darf, zu den achtbarſten Perſonen des Reichs gehören. Zwei oder Drei von ihnen werden wahr⸗ ſcheinlich heute meine Behanſung mit ihrer Gegen⸗ wart beehren, und die Erfriſchungen theilen, welche ich ihnen anbieten kann. Wenn ich dazu die Geſellſchaft des edlen Grafen und der edlen Gräfin von Paris fü⸗ gen könnte, ſo würde ich meine niederige Wuhüng für immer geehrt halten.“ Was meint ihr dazu, meine edle Gemahlin? ſagte der Graf. Die Geſellſchaft eines Troubadours paßt fur die höchſte Geburt, ehret die größten Würden, und erhebt den Glanz der herrlichſten Thaten. Dieſe Ein⸗ ladung erzeigt uns viel Ehre, um ſie auszuſchlagen. Es wird zwar ſpäte, antwortete die Gräfin, aber wir ſind nicht hierhergekommen, um die untergehende W. Scott's ſämmtt. Werke. 1658 Bdchn. 6 „ Sonne oder einen dunklen Himmel zu meiden; auch be⸗ trachte ich es als eine Pflicht und ein Vergnügen für mich, ſoviel als möglich allen Wünſchen des guten Va⸗ ters nachzugeben, damit er mir verzeihen möge, daß ich euch verhindert habe ſeinem Rathe zu folgen. „Die Entfernung iſt ſo gering, ſagte Agelaſtes, daß wir beſſer thun, wenn wir den Weg zu Fuße machen, inſofern nicht etwa die edle Frau die Unterſtützung eines Pferdes nöthig hätte.“ Kein Pferd für mich! rief die Gräfin Brunhilde. Meine Dienerin Agathe trägt alle meine Vedürfniſſe; und auſſerdem iſt noch kein Ritter mit weniger Ge⸗ päck gereist als mein Gemahl.? „Agelaſtes zeigte ihnen den Weg durch ein Wäld⸗ chen und ſeine Gäſte folgten ihm. Eilftes Kapitel. Von außen Truͤmmer, ſchwer, verwirrt, gebrochen War innen es ein kleines Paradies, Die Wohnung des Geſchmacks. Die Bildnerei Die Erſtgeborene der Menſchenkunſt, Sie formte ihre Bilder hier Und hieß die Menſchen merken und verehren. Anonymus. Der Graf von Paris und ſeine Gemahlin gingen mit dem Greiſe. Die Vollkommenheit, mit welcher Agelaſtes die franzöſiſche Sprache redete, und beſon⸗ ders der glückliche Gebrauch, welchen er davon machte, um davon zu ſprechen, was man damals Geſchichte und Literatur nannte, erwarben ihm großen Beifall von Seiten ſeiner edlen Zuhoͤrer: dieſen Zoll war Agelaſtes nur ſelten ſo eitel als verdient zu betrach⸗ ten, und Robert von Paris ſowie ſeine Gemahlin hat⸗ ten ihn nicht oft bezahlt. Sie waren eine Zeitlang einem Pfade gefolgt, wel⸗ cher ſich bald in dem Gehölze, das ſich bis an die Kuͤſte des Propontis herabſtreckte, zu verbergen ſchien, bald ſich offen an den Ufern der Meerenge hinſchlän⸗ gelte, und der in allen ſeinen Krümmungen nur den Wunſch zu haben ſchien, neue Schönheiten und be⸗ 8⁴ 6 wundernswürdige Gegenſätze zu ſuchen: dieſes Schau⸗ ſpiel zog durch ſeine Neuheit die beiden Pilger mäch⸗ tig an. An dem Meeresufer ſah man junge Mädchen tanzen, und Schäfer die Flöte ſpielen oder taktmäßig kleine Trommeln ſchlagen, gerade ſo wie man ſie in den Gruppen der alten Bildhauerei dargeſtellt ſieht. Die Geſtalten ſelbſt trugen dazu bei die Täuſchung zu erhalten. Wenn man die langen Gewänder der Greiſe, ihre Haltung, ihre großartigen Köpfe ſah, ſo glaubte man ſich in die Zeiten der Propheten und Heiligen verſetzt; während zu gleicher Zeit die Zuͤge der jungen Lente theils die ausdrucksvollen Geſichts⸗ zuge der Helden des Alterthums, theils die Reize der liebenswürdigen Weiber, welche ſie zu ihren Tha⸗ ten begeiſterten, ins Gedaͤchtniß riefen. Aber der Stamm der Griechen zeigte ſich ſelbſt in ihrem Heimgthslande nicht mehr ohne Beimiſchung noch in ſeiner ganzen Reinheit. Im Gegentheile ſah man Gruppen von Perſonen, deren Züge einen verſchie⸗ denen Urſprung anzeigten. In einer Vertiefung des ufers, welche der Pfad durchſchnitt, umgaben und umſchloſſen gewiſſermaſſen die Felſen, welche ſich vom Meere entfernten, eine geräumige Sandebene. Ein Trupp heidniſcher Schthen, welchen unſre Wanderer daſelbſt erblickten, boten die ungeſtalten Zuͤge der böſen Geiſter dar, welche ſie an⸗ beten ſollten. Sir hatten eine breite Naſe mit weit auſſtehenden Heffnungen, durch welche es ſchien, als 835 ob man in ihr Gehirn ſehen könnte; ihr Kopf war breiter als lang, ihre ſeltſamen dummen Augen ſtan⸗ den an den beiden Ecken ihrer Stirne; ihr Wuchs„ war zwerghaft, aber ihre ſtarkknochigten Beine und Arme, beſaßen eine erſtaunliche Kraft, und ſtanden mit ihrem Leibe in keinem Verhältniſſe. In dem Au⸗ genblicke, wo die Wanderer vorbeizogen, waren dieſe Wilden in einer Art Turnier begriffen, wie es der Graf nannte. Sie ubten ſich, indem ſie auf einander lange Schilfrohre oder Stöcke warfen, welche ſie bei dieſem plumpen Spiele mit einer ſolchen Kraft ſchwan⸗ gen und ſchlenderten, daß ſie einander ziemlich oft vom Pferde ſtürzten und gefährliche Wunden empfingen. Einige davon, welche gerade nicht an dieſem ſcheinba⸗ ren Kampfe Theil nahmen, verſchlangen die Reize der Gräfin mit ihren Blicken, und ſahen ſie ſolchergeſtalt an, daß ſie zum Grafen, ihrem Gemahle ſagte:— Ich habe niemals die Furcht gekannt, Robert, und es ziemt mir nicht einzugeſtehen, daß ich jetzt ſolche em⸗ pfinde; aber wenn der Eckel an dieſem Gefühle An⸗ theil hat, ſo taugen dieſe ungeſtalten SBet am beſten um ihn einzuflößen. Holla! ho! Herr Ritter! ſchrie einer dieſer Unglaͤn⸗ bigen, eure Frau oder eure Geliebte hat die Vorrechte der kaiſerlichen Seythen verletzt, und die Züchtigung welche ſie verwirkt hat, wird nicht gering ſeyn. Ihr könnt euren Weg ſo ſchnell, als ihr wollt, fortſetzen, und dieſen Ort verlaſſen, welcher gegenwaͤrtig unſer 86 8 Hippodrom, unſer Atmeidan iſt(gebt ihm den Namen welchen ihr wollt, wenn ihr die Sprache der Römer oder der Sarrazenen vorzieht); aber eure Frau, ſelbſt wenn euch das Sakrament vereinigt hat, ſoll uns, glaubt meinem Worte, nicht ſo bald, noch ſo leicht verlaſſen. Elender Heide! ſagte der chriſtliche Ritter, wagſt du alſo zu einem Pair von Frankreich zu ſprechen? Agelaſtes legte ſich ins Mittel; er nahm den gebie⸗ teriſchen Ton eines Griechiſchen Hofmannes an, und erinnerte die Scythen, als Soldaten im Solde des Kaiſers, daran, daß der Kaiſer ſtreng bei. Todesſtrafe, jede gewaltthaͤtige Handlung gegen die Europäiſchen Pilger verboten habe. Has weiß ich beſſer, ſagte der Wilde in triumphi⸗ rendem Tone, indem er ein Paar Wurfſpieße ſchüt⸗ telte, die mit großen ſtählernen Spitzen beſchlagen, und mit blutigen Adlerfedern beſetzt waren.— Fra⸗ get die Federn meines Wurfſpießes, aus welchem Her⸗ zen das Blut gekommen iſt, womit ſie gefärbt ſind; ſie werden euch antworten, daß, wenn Alexius Com⸗ nenus der Freund der Eurvopäiſchen Pilger iſt, er die⸗ ſes nur in ihrer Gegenwart iſt; und wir ſind zu er⸗ gebene Soldaten, als daß wir unſrem Kaiſer anders dienten, als er es wünſcht. Schweige Toxartis! ſagte der Philoſoph; du ver⸗ läumdeſt deinen Kaiſer! Schweige ſelbſt! ſchrie Toxartis; oder du zwingſt 87 mich zu thun, was nicht eines Soldaten würdig iſt, und ich werde die Welt von einem alten Schwätzer befreien. Bei dieſen Worten ſtreckte er den Arm aus, um den Schleier der Gräfin zu lüften. Mit der Behen⸗ digkeit, welche der häufige Gebrauch der Waffen dieſer kriegeriſchen Dame zu eigen gemacht hatte, entzog ſie ſich der Hand des Barbaren, und ſtreckte ihn mit ei⸗ nem einzigen Hiebe ihres wohlgeſchaͤrften Schwertes todt zu Boden. Der Graf ſprang auf das Pferd des Häuptlings, welcher herabgeſunken war; und mit ſei⸗ nem Schlachtrufe— Sohn Karls des Großen, zur Hülfe!— ſtürzte er ſich mitten unter die Seythen, nachdem er die Strei'vt, welche er an dem Sattel⸗ bogen hängend, vorfand, ergriffen hatte. Er benutzte ſie ſo gut und mit ſo wenig Bedenken, daß er alle Gegenſtände ſeines Zornes toͤdtete, verwundete oder in Flucht trieb, und nicht einer von ihnen dachte ei⸗ nen Augenblick daran, die gemachte Drohung zu voll⸗ ziehen. Die verächtlichen Tölpel! ſagte die Gräfin; es ſchmerzt mich, daß nur ein Blutstropfen dieſer Feigen die Hände eines edlen Ritters beſudelt. Sie nennen jene Uebung ein Turnier, obwohl ſie dabei keine Schläge ausfuͤhren, als wenn ſie den Rücken wenden; nicht Einer hat den Muth, ſeinen Strohhalmen zu werfen, wenn er einen Andern auf ſich zielen ſieht. Dieß iſt ihr Gebrauch, wenn ſie ſich vor ſeiner kai⸗ 83 ferl. Maj. üben, ſagte Agelaſtes; und vielleicht ge⸗ ſchieht es weniger aus Feigheit als Gewohnheit. Ich habe geſehen, daß dieſer Torartis im wörtlichen Sinne der Scheibe den Rücken kehrte, im ſtärkſten Galoppe davon ſprengte, dabei ſeinen Bogen ſpannte und die Scheibe mit einem Pfeile genau in die Mitte traf. Ein Heer von ſolchen Soldaten, ſagte Graf Robert welcher eben zu ſeinen Freunden zurückgekommen war, iſt, wie mir ſcheint, nicht ſehr zu fürchten. Es war keine Unze Tapferkeit bei allen jenen Angreifern. Indeſſen, wandte Agelaſtes ein, wollen wir nach meinem Landhauſe eilen, dieſe Flüchtlinge möchten ſonſt irgendwo Freunde finden, welche ſie zur Rache ermuntern. Ich dächte, ſagte Graf Robert, dieſe unverſchämten Heiden ſollten in keinem Lande, das ſich chriſtlich nennt, Freunde finden. Wenn ich die Eroberung des heiligen Grabes überlebe, ſo ſoll mein erſtes Geſchäft ſeyn, euren Kaiſer zu fragen, wer ihm das Recht giebt, eine Ban⸗ de heidniſcher und grober Strauchdiebe in ſeinen Dienſt zu nehmen, welche edle Damen und friedliche Pilger auf der großen Straße, wo der Friede des Königs und Gottes herrſchen ſollte, zu beſchimpfen wagen? Dieſe Frage ſteht aufgezeichnet mit mehreren andern welche ich nach Erfüllung meines Gelübdes ihm un⸗ fehlbar thun werde; ja und ich werde von ihm eine ſchnelle und beſtimmte Antwort, wie man es nennt, darauf verlangen. 89 Von mir erhaltet ihr ſie gewiß nicht, dachte Agela⸗ ſtes; eure Fragen, Herr Ritter, ſind ein wenig zu beſtimmt und ſind unter zu ſtrengen Bedingungen ge⸗ macht, als daß diejenigen, welche ſie vermeiden können, darauf antworten können. Er veränderte daher die Unterhaltung mit vieler Leichtigkeit und Gewandtheit, und fäumte nicht ſie an einen Ort zu führen, deſſen natürliche Schönheiten die Bewunderung ſeiner fremden Begleiter erregten. Ein großer Bach, der aus dem Gehölze kam, eilte auf das Meer mit Geraͤnſch zu; und als haͤt⸗ te er einen ruhigeren Lauf verſchmaͤht, den er durch eine geringe Wendung zur Rechten hätte bekommen können, ſtürzte e ſich gerade zu nach dem Ufer und goß von der Höhe eines ſteilen und rauhen, über dem Meere hängenden Felſen ſeinen Zoll in die Wo⸗ gen des Bosphorus mit einem ſolchen Getöſe, als ob es ein großer Fluß geweſen wäre. Dieſer Felſen war, wie geſagt, nackt und rauh und nur die ſchaͤumenden Waſſer des Sturzbaches bedeckten ihn. Dagegen waren die Ufer des Meeres auf beiden Seiten mit Platanen, Nußbäumen, Cypreſſen und an⸗ deren großen im Morgenlande gewöhnlichen Baumar⸗ ten bedeckt. Der Waſſerfall, eine in heißen Himmels⸗ ſtrichen ſtets angenehme Sache, und die man dort oft mit Hülfe der Kunſt hervorbringt, war hier das Werk der Natur. Dieſe Stelle hatte man gewählt, ähnlich dem Tempel der Sibylle zu Tivoli, um ihn einer Eöt⸗— 90 tin zum Aufenthalte zu geben, welcher nach den Lü⸗ gen der Vielgötterei die Herrſchaft über die Gegend ringsherum zugeſchrieben wurde. Der Tempel war klein und kreisförmig gebaut, wie die meiſten Tempel zweiten Ranges der ländlichen Gottheiten, und mit einem äußeren Hofe umgeben, welchen eine Mauer ein⸗ ſchloß. Nach dem Sturze des Heidenthums hatte Age⸗ laſtes oder irgend ein anderer Epikuraiſcher Philoſoph daraus wahrſcheinlich eine angenehme Sommerwoh⸗ nung gemacht. Das Gebäude, von einer leichten, ja faſt ätheriſchen Bauart, war kaum auf dem Abhange des Felſen vor Zweigen und Blättern zu ſehen; und durch den vom Waſſerfalle aufſteigenden Dampf ſah man anfänglich nicht den Weg, der dazu führte. Ein Fußſteig, welchen hohes Gras größtentheils verbarg, ſtieg hinauf über einem ſanften Abhange, und war von dem Baumeiſter vermittelſt einiger Marmorſtufen verlaͤngert worden; dieſe führten jetzt unſere Wande⸗ rer auf den ſammtartigen Teppich eines lieblichen Grasplatzes, gerade vor dem Thürmchen oder Tempel welchen wir beſchrieben haben, und deſſen Hinterſeite den Waſſerfall beherrſchte. 9¹ — Zwoͤlftes Kapitel. — Man traf ſich. Hier der Grieche, ſchlau, rebſelig⸗ Der jedes Wort waͤgt, jede Sylbe ſichtet, Ausweichend, ſpitz'ger Rede, doppelſinnig. Der ernſte Franke mit dem Flamberg dort⸗ Er ſchauet ſcharf, wohin die Wage ſchwankt, Um ihn hineinzuwerfen, daß ſie ſinkt. Paläͤſtina. Auf ein von Agelaſtes gegebenes Zeichen wurde die Thuͤre dieſes einſamen Aufenthalts von dem ſchwarzen Sklaven Diogenes, mit welchem unſre Leſer ſchon Be⸗ kanntſchaft gemacht haben, geöffnet; und der ſchlaue Greis bemerkte ſehr wohl, daß der Graf und ſeine Ge⸗ mahlin einiges Erſtaunen zeigten, als ſie die Farbe und Züge des Afrikaners erblickten, welcher vielleicht der Erſte dieſer Menſchengattung war, den ſie ſo nahe betrachtet hatten. Der Pbiloſoph benutzte dieſe Gele⸗ genheit, um auf ihren Geiſt durch Entfaltung ſeiner überlegenen Keuntniſſe Eindruck zu machen. Dieſes arme Geſchöpf, ſagte er, iſt von dem Ge⸗ ſchlechte des Ham, welcher gegen ſeinen Vater Noah 92 nicht die ſchuldige Ehrfurcht bewies, und der wegen dieſes Vergehens in die Afrikaniſchen Sandwüſten ver⸗ ſtoßen, und verdammt wurde, der Vater eines Ge⸗ ſchlechts zu werden, das den Nachkommen ſeiner ehrer— bietigeren⸗Brüder dienen ſollte. Der Ritter und die Graͤfin betrachteten mit Er⸗ ſtaunen das ſeltſame Weſen, welches vor ihnen ſtand und dachten wahrſcheinlich nicht die Wahrheit des Ge⸗ ſagten in Zweifel zu ziehen, da es von ihren Vorur⸗ theilen ſchon zum Voraus beſtätigt war. Im Gegen⸗ theile vermehrte ſich noch ihre hohe Vorſtellung, welche ſie von ihrem Bewirther gefaßt hatten, dadurch, daß ſte bei ihm ſehr ausgedehnte Kenntniſſe vorausſetzten. Es iſt für einen menſchenfreundlichen Mann, fuhr Agelaſtes fort, wenn er im Alter oder in Krankheiten zu dem Dienſte Anderer ſeine Zuflucht nehmen muß (was unter allen anderen Umſtänden nicht zu recht⸗ fertigen iſt) erfreulich, ſeine Gehülfen unter einer Art Weſen zu wählen, welche vom Augenblicke ihrer Ge⸗ burt an zur Knechtſchaft beſtimmt ſind; dieſen thun wir daher kein Unrecht an, wenn wir ſie als Sklaven gebrauchen, im Gegenkheil erfüllen wir dadurch in ei⸗ ner gewiſſen Hinſicht die Abſichten des großen Weſens, welches uns Alle geſchaffen hat. Iſt dieſes Geſchlecht, deſſen Schickſal ſo beſonders unglücklich iſt, zahlreich? fragte die Gräfin. Ich hatte bis jetzt geglaubt, daß die Geſchichten von ſchwarzen 93 Menſchen eben ſo grundlos wären, als die von Feen und Geiſtern, welche die Troubadours uns erzählen. Glaubt das nicht, antwortete der Philoſoph; ihr Geſchlecht iſt ſo zahlreich, wie der Sand am Meere; auch ſind ſie nicht ſo gänzlich unglücklich, wenn ſie ſich der von ihrer Beſtimmung ihnen aufgelegten Pflichten eutledigen. Diejenigen von ihnen, welche ſich dem La⸗ ſter ergeben, leiden ſchon in dieſem Leben die gebüh⸗ rende Strafe für ihre Verbrechen; ſie werden die Skla⸗ ven grauſamer und tyranniſcher Menſchen, und bekom⸗ men ſchlechte Nahrung, Schläge und Wunden. Wel⸗ che lobenswerthere Sitten haben, bekommen beſſere Herrn, welche mit ihren Sklaven, wie mit ihren Kin⸗ dern, Nahrung, Kleidung und alle Vortheile, die ſie genießen, theilen. Der Himmel ſchenkt einigen die Gunſt der Könige und Eroberer, und einer noch gerin⸗ geren Anzahl, welche er aber ganz beſonders begünſti⸗ get, räumt er eine Stelle in den Behauſungen der Philoſophie ein, wo ſie das Licht beuutzen, welches ih⸗ nen ihre Herrn geben können, und jene Welt, welche der Sitz des wahren Glückes iſt, von Weitem zu ſehen bekommen. Ich glaube euch zu verſtehen, ſagte die Gräfin; und in dieſem Falle ſollte ich unſern ſchwarzen Freund be⸗ neiden, anſtatt ihn zu beklagen, da ihm bei der Ver⸗ theilung ſeines Geſchlechtes ſein jetziger Herr bewilligt wurde, wekher ihn ohne Zweifel in den wünſchens⸗ werthen Kenntniſſeu, von welchen ihr ſprecht, unter⸗ richtet hat. Er lernt wenigſtens das, was ich ihm lehren kann ſagte Agelaſtes mit Beſcheidenheit, und vor Allem mit ſeinem Schickſal zufrieden zu ſeyn.— Mein Sohn, Diogenes, fuhr er fort, ſich an den Sklaven wendend, du ſiehſt, daß ich Geſellſchaft habe. Was enthält die Speiſekammer des armen Einſiedlers, das er ſeinen ehrenwerthen Gäſten vorſetzen könnte. Sie waren noch in dem erſten Zimmer, einer Art von Vorhof, welches ohne größere Auswahl ausge⸗ ſchmückt war, als nöthig geweſen, um dieſes alte Ge⸗ baͤude nach dem Geſchmacke einer einfachen Privatwoh⸗ nung umzuſchaffen. Die Stühle und Sopha's waren mit vrientaliſchem Strohgeflechte bedeckt, und von der einfachſten und natürlichſten Geſtalt. Aber durch den Druck auf eine Springfeder öffnete der Weiſe die Thü⸗ ren eines inneren Gemaches, welches große Anſprüche auf Glanz und Pracht machte. Die Geräthſchaften und Tapeten dieſes Zimmers von ſtrohfarbener Seide waren aus den Werkſtühlen Perſiens gekommen, und die ſie zierenden Stickereien brachten eine eben ſo reiche als einfache Wirkung her⸗ vor. Die Decke war mit Arabesken verziert, und in den vier Ecken des Zimmers ſtanden in Niſchen Bild⸗ ſäulen, welche aus einer blühenderen Zeit der Kunſt, als die unſerer Geſchichte war, herſtammten. In der einen ſchien ein Schäfer ſich zu verbergen, als ob er „ 95 errothet wäre ſeine halbentblößten Glieder zu zeigen und er ſchien bereit, ſeinen Begleitern die Töne einer Pansflöte hören zu laſſen, welche er in der Hand hielt. Drei Nymphen, welche den Grazien durch die ſchoͤnen Verhältniſſe ihrer Glieder und durch ihre wenige Gewaͤnder aͤhnlich waren, nahmen die drei an⸗ dern Niſchen ein: eine jede war in einer verſchiede⸗ uen Haltung, und ſie ſchienen nur die erſten Klänge der Muſik abzuwarten, um ſich aufzuſchwingen und einen munteren Tanz zu beginnen. Der Gegenſtand war ſchoͤn, aber ein wenig unpaſſend als Zierde für die Wohnnng eines Weiſen, wie Agelaſtes zu ſeyn be⸗ hauptete. Er ſchien zu fühlen, daß dieſe Bemerkung in dem Geiſte ſeiner Gäſte aufſteigen könnte.— Dieſe Bild⸗ ſaulen, ſagte er, welche in einer Zeit der höchſten Voll⸗ kommenheit der griechiſchen Kunſt verfertigt worden waren, wurden ſonſt als Theile eines Chors von Nym⸗ phen betrachtet, welche verſammelt waren um die Göt⸗ tin dieſes Ortes anzubeten, und nur das Zeichen der Muſik erwarteten, um die Gebräuche ihrer Verehrung zu beginnen. Und wirklich die weiſeſten Männer kön⸗ nen mit gewiſſer Theilnahme betrachten, wie der Geiſt jener wunderbaren Künſtler, faſt dem gefühlloſen Marmor Leben eingeflößt hat. Vergeßet nur den Mangel des göttlichen Hauſes, und ein unwiſſender Heide könnte glauben, daß ſich bas Wunder des Proi⸗ metheus verwirklichen ſollte.— Doch nein, ſetzte er 96 hinzu, die Angen gen Himmel richtend; wir baben beſſer zu erkennen gelernt, was der Menſch aus— Werken der Schöpfung machen kann. Einige Gegenſtände der Naturgeſchichte waren auf den Mauern gemahlt, und der Philoſoph lenkte die Aufmerkſamkeit ſeiner Gäſte auf einen Elephanten, ein faſt vernuͤnftiges Thier, und erzählte ihnen von demſelben mehrere Geſchichten, welche ſie mit großer Aufmerkſamkeit anhörten. Klänge der Muſik, welche aus dem Walde zu kom⸗ men ſchienen, ließen ſich in der Ferne hören. Sie übertönten in Zwiſchenraͤumen das dumpfe Geräunſch des Waſſerfalles, welcher gerade unter den Fenſtern hinabſtürzte, und deßen rauhe Stimme das Gemach erfüllte. Es ſcheint, die Freunde, die ich erwarte, nahen ſich, ſagte Agelaſtes, und bringen die Mittel mit fuͤr die Ergötzung eines andern Sinnes. Sie haben daran wohl gethan; denn die Weisheit lehrt uns, daß man die Gottheit nicht beſſer ehren kann, als wenn man ihre Gaben genießt. Dieſe Worte lenkten die Aufmerkſamkeit der beiden fränkiſchen Gäſte des Philoſophen auf die Vorberei: tungen, welche man in dem geſchmackvoll verzierten Beſuchzimmer gemacht hatte. Dieſelben denteten auf ein Gelag nach Art der Alten Römer; um eiuen ſchon mit Speiſen bedeckten Tiſch waren Polſter geſtellt, welche verriethen, daß die Männer wenigſteus in der 97 gewöhnlichen Lage, jenes Volkes dem Schmauſe bei⸗ wohnen würden, während Sitze zwiſchen dieſen Bet⸗ ten für die Damen beſtimmt waren, welche der grie⸗ chiſchen Sitte gemäß ſitzend ihre Mahlzeit einnahmen. Die Schüſſeln auf dem Tiſche waren nicht zahlreich, aber hinſichtlich der Güte ſtanden ſie kaum den koſtbaren Gerichten nach, welche einſt das Gaſtmahl des Tri⸗ maleion geſchmückt hatten, und konnten ſich mit den ausgeſuchteſten Feinheiten der griechiſchen Küche, ſowie mit den ſaftigſten und gewürzhafteſten Speiſen der Morgenländer meſſen. Nicht ohne eine gewiſſe Eitel⸗ keit lud Agelaſtes ſeine Gäſte ein, die Mahlzeit eines armen Einſiedlers zu theilen. Wir kümmern uns ſehr wenig um feine Gerichte, antwortete der Graf; und das Pilgerleben, welches wir jetzt fuͤhren, erlaubt uns nicht in dieſer Hinſicht es ſehr genau zu nehmen. Die Nahrung des gemei⸗ nen Soldaten genuͤgt mir und der Graͤfin; denn wir moͤchten gerne in jedem Augenblicke zum Schlagen bereit ſeyn, und je weniger Zeit wir zur Vorberei⸗ tung auf den Kampf brauchen, deſto willkommener iſt es uns. Indeſſen wollen wir uns ſetzen, Brun⸗ hilde, da es unſer guͤtiger Wirth alſo will, und in der Eile einige Erfriſchung einnehmen, um nicht eine Zeit zu verlieren, welche anders angewendet werden ſollte. Verzeiht, ſagte Agelaſtes, wenn ich euch bitte, noch einen Augenblick bis zur Ankunft meiner andern W. Scott's ſämmtl. Werke. 1633 Boch. 4 98 Freunde zu warten. Ihre Muſik kann eich ſagen, daß ſie nicht ſehr weit mehr ſind, und ich kann euch verſichern, daß ſie eure Mahlzeit nicht lange aufhalten werden. Nichts noͤthigt uns zu eilen, antwortete der Graf, und da dieſes in eurem Sinne eine Handlung der Höflichkeit iſt, ſo koͤnnen wir, Brunhilde und ich, leicht unſere Mahlzeit verſchieben; wofern ihr uns nicht etwa, was uns allerdings angenehmer ſeyn wuͤr⸗ de, erlauben wollet, auf der Stelle einen Mund voll Brod und einen Schluck Waſſer zu nehmen, damit wir hernach Gaͤſten von feinerem Gaumen und ge⸗ nauerer Freundſchaft mit euch weihen. ch Gott behuͤte! ſagte Agelaſtes. Niemals haben ſo ehrwürdige Gaͤſte dieſe Polſter eingenommen; und ich wuͤrde mich nicht mehr geehrt fuͤhlen, wenn ſelbſt die hochheilige Familie des Kaiſers Alexius vor mei⸗ ner Thuͤre waͤre. Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo ließen ſich Trom⸗ petenſtoße vernehmen, welche, zehnmal ſchmetternder als die Toͤne der bisherigen Muſik, gerade vor dem Tempel geſchahen; ſie drangen bis in das Innere durch das Rauſchen des Waſſerfalles, wie eine Da⸗ maszenerklinge durch eine eiſerne Ruͤſtung, und ſchlugen an die Ohren der Hoͤrer, wie die Scheide des Schwertes ſich Bahn macht bis zu dem Fleiſche deſ⸗ ſen, der einen Harniſch trägt. Ihr ſcheint uberraſcht oder beſtürzt zu ſeyn, mein 99 Vater, ſagte Graf Robert; habt ihr eine Gefahr zu befuͤrchten? Zweifelt ihr, daß wir euch beſchuͤtzen koͤnnten? Nein, antwortete Agelaſtes, eure Gegenwart wuͤr⸗ de mir in allen Gefahren Beruhigung einfloͤßen. Die Toͤne, welche ihr vernehmt, erregen Achtung und nicht Furcht. Sie verkuͤndigen, daß einige Glieder der Kaiſerlichen Familie meine Gaͤſte ſeyn werden. Aber fuͤrchtet nichts, meine edlen Freunde: Diejeni⸗ gen, deren Blick das Leben iſt, ſind bereithihre Gunſt⸗ bezeigungen im Ueberfluſſe auf ſo ehrenwerthe Fremd⸗ linge, als ſie hier finden werden, auszuſchuͤtten. In⸗ deſſen meine Stirne muß die Schwelle meiner Thuͤre beruͤhren, um ihnen den gebuͤhrenden Empfang zu bereiten. Bei dieſen Worten ſchritt er raſch auf die aͤußere Thüre des Gebaͤudes zu. Jedes Land hat ſeine Gebraͤuche, ſagte der Graf, indem er ſeinem Wirthe folgte, und Brunhilden am Arme fuͤhrte, und ſie ſind ſo verſchieden, daß man ſich nicht wundern darf, wenn jedes Land die Sitten der anderen ſeltſam findet. Indeſſen aus Ge⸗ fälligkeit für unſern Wirth will ich meinen Helmbuſch ſo tief ſenken, als es erforderlich ſcheint. Bei dieſen Worten waren ſie dem Agelaſtes in das Vorzimmer nachgegangen, wo ſie ein neues Schau⸗ ſpiel erwartete. 100 Dreizehntes Kapitel. Agelaſtes war vor dem Grafen von Paris und ſei⸗ ner Gemahlin an der Thuͤre angekommen. Er hatte daher Zeit, ſeine Fußfaͤlle vor einem ungeheuren Ele⸗ phanten zu machen, welches Thier damals in den weſtlichen Gegenden unbekannt war. Auf ſeinem Ruͤcken war ein Haͤuschen oder Tragbett, welches die erhabenen Perſonen der Kaiſerin Irene und ihrer Tochter Anna Comnena enthielt. Nicephorus Briennes folgte den Prinzeſſinnen an der Spitze einer Abtheilung leichter Reiterei, deren glaͤnzende Ruͤſtungen mehr den Beifall des Krenz⸗ fahrers erhalten haben wuͤrde, wenn ſie weniger un⸗ nuͤtzen Glanz und weibiſchen Prunk gezeigt haͤtten. Die Offiziere dieſes Corps folgten allein dem Nice⸗ phorus bis zu dem ebenen Platze, warfen ſich zu Bo⸗ den, waͤhrend die Prinzeſſinnen des Kaiſerlichen Hau⸗ ſes hinabſtiegen, und erhoben ſich unter den Wogen fliegender Federbuͤſche und glaͤnzender Lanzen erſt wieder vom Boden, als jene uͤber dem ebenen Platze dem Gebaͤnde gegenuͤber angekommen waren. Hier nahmen ſich die hohe Geſtalt der Kaiſer in, obwohl ſie ſchon im vorgeruͤckten Alter war, und die anmu⸗ 104 thigen Formen der ſchoͤnen Geſchichtſchreiberin ſehr vortheilhaft aus⸗ Nach vornen uͤber einem Wald von Wurfſpießen und Helmbuͤſchen erſchien der Muſiker, der in die heilige Trompete ſtieß: er hatte ſich auf einen Fel⸗ ſen über die Steintreppe geſtellt, und benachrichtigte durch einige Stöße in ſein Inſtrument die unten aufgeſtellten Schwadronen, ſtehen zu bleiben, und auf die Bewegungen der Kaiſerin und der Prinzeſ⸗ ſin Acht zu geben. Die Schoͤnheit der Graͤfin Brunhilde, und ihre ſeltſame und halbmaͤnnliche Tracht zogen die Auf⸗ merkſamkeit der Damen von der Familie des Alerius auf ſich, doch war dieſes Schauſpiel zu ungewoͤhnlich, um ihre Bewunderung zu erhalten. Agelaſtes fuͤhl⸗ te, daß er ſeine Gaͤſte einander vorſtellen muͤßte, wenn Einklang bei dieſer Zuſammenkunft herrſchen ſollte. Darf ich ſprechen und leben? fagte er. Die be⸗ waffneten Fremden, welche ihr bei mir ſeht, ſind uͤrdige Gefaͤhrten jener Hunderttauſende von Pil⸗ gern, welche der Wunſch, den Leiden der Einwohner Palaͤſtina's ein Ziel zu ſetzen, von dem weſtlichen Ende Europa's hergefuͤhrt hat, um den Schutz des Alexius Comnenus zu genießen; ihm zu helfen, wenn er ihre Huͤlfe annehmen will, zur Vertreibung der Heiden aus den Graͤnzen des Kaiſerthums, und ſtatt 102 derſelben jene Gegenden als Vaſallen Sr. Kaiſerl. Majeſtaͤt in Beſitz zu nehmen. Wir ſind erfreut wuͤrdiger Agelaſtes, ſagte die Kai⸗ ſerin, daß ihr euch denjenigen guͤtig erweiſet, welche alſo dem Kaiſer ihre Ehrfurcht bezeigen wollen, ja wir ſind ſelbſt geneigt, uns mit ihnen zu unterhal⸗ ten, damit unſre Tochter, welche Apollo mit der ſelte⸗ nen Faͤhigkeit begabt hat, Alles, was ſie ſiehet, wuͤr⸗ dig zu beſchreiben, eine jener abendlaͤndiſchen Krie⸗ gerinnen kennen lerne, von welchen uns das Ge⸗ ruͤcht ſo ſeltſame Dinge berichtet hat, und die wir ſo wenig kennen. Madame, ſagte der Graf, ich muß euch offen er⸗ klaͤren, was ich an der Auseinanderſetzung dieſes Greiſes uͤber die Beweggruͤnde unſeres Hierſeins auszuſetzen finde. Es iſt gewiß, daß wir keine Lehns⸗ leute von Alerius ſind, und daß wir keine Luſt hat⸗ ten es zu werden, als wir das Geluͤbde thaten nach Aſien zu ziehen. Wir ſind nur dazu bewogen wor⸗ den, weil wir erfahren hatten, daß das gelobte Land von dem Griechiſchen Kaiſerthume losgeriſſen worden iſt durch die Heiden, die Tuͤrken, die Sarrazenen und andere Unglaͤubige, von welchen wir es wieder zu erobern vorhaben. Die weiſeſten und verſtaͤndigſten Fuͤhrer unter uns haben es fuͤr nothwendig gehal⸗ ten, die Herrſchaft des Kaiſers anzuerkennen, weil das einzige Mittel, ſicher unſer Geluͤbde zu erfuͤllen, in der Leiſtung des Huldigungseides beſtuͤnde, indem 1035 dadurch alle Streitigkeiten unter chriſtlichen Staaten vermieden wuͤrden. Wir Andern, obwohl von keinem Herrſcher der Erde abhaͤngig, behaupten nicht hoͤher zu ſtehen als ſie, und haben uns deßhalb zur Leiſtung derſelben Huldigung verſtanden. Die Kaiſerin erroͤthete mehrmals aus Entrüſtung über dieſe Rede, wovon mehrere Stellen in geradem Widerſpruche mit den ſo ſtolzen und anmaßenden Grundſätzen des kaiſerl. Hofes ſtanden, und deren all⸗ gemeiner Geiſt dahin abzweckte, die Macht des Kaiſers herabzuſetzen. Aber Irene hatte von ihrem erhabenen Gemahle die geheime Weiſungen erhalten, keine An⸗ läſſe zu Klagen mit den Krenzfahrern zu geben oder zu nehmen, weil dieſe, unter dem Scheine von Unter⸗ thanen, dennoch zu genau in Kleinigkeiten und zu leicht zu erhitzen wären, als daß man ohne Gefahr mit ihnen in kitzliche Unterhaltungen über Meinungs⸗ verſchiedenheiten eingehen könnte. Sie beſchränkte ſich alſo darauf, eine hoͤfliche Verbeugung zu machen, als ob ſie kaum begriffen hätte, was der Graf von Paris mit einer ſo rauhen Freimüthigkeit geäußert hatte. In dieſem Augenblicke verrieth die Haltung der hauptſächlichſten Perſonen, welche ſich ſo unvermuthet zuſammenfanden, einen gleichen Wunſch derſelben, eine weitere Bekanntſchaft zu machen, obwohl ſie anzu⸗ ſtehen ſchienen, wer zuerſt das Wort nehmen ſollte. Agelaſtes, um mit dem Hausherrn anzufangen, war 104 zwar von der Erde aufgeſtanden, ohne ſich jedoch ge⸗ rade aufzurichten, und ſtand vor den Prinzeſſinnen des kaiſerl. Hanſes mit gebücktem Leibe und geſenktem Haupte; eine Hand hielt er zwiſchen ſeine Augen und die ihrigen, wie ein Menſch, welcher ſein Geſicht vor den Sonnenſtrahlen, die ihm ins Geſicht ſcheinen, ſchützen will. Er erwartete alſo in Stille die Be⸗ fehle derjenigen gegen welche er glaubte unehrerbietig zu handeln, wenn er ihnen die geringſte Bewegung vorgeſchlagen hätte, und beſchränkte ſich ihnen im All⸗ gemeinen zu bethenern, daß ſein Haus und ſeine Skla⸗ ven unter ihren unumſchränkten Befehlen ſtuͤnden. Die Gräfin von Paris und ihr kriegeriſcher Gemahl waren dagegen die Gegenſtände der beſonderen Neu⸗ gierde der Kaiſerin Irene und ihrer gelehrten Tochter Anna Comnena. Dieſe beiden Prirzeſſennen glaubten nie zwei merkwürdigere Muſter menſchlicher Stärke und Schönheit geſehen zu haben; aber durch einen ſehr natürlichen Trieb zogen ſie die männliche Haltung des Grafen den Reizen des Weibes vor, welche in den Augen ihres Geſchlechtes etwas zu Stolzes und Männ⸗ liches hatte, um ganz anzuſprechen. 7 Der Graf und die Gräfin hatten auch einen beſon⸗ deren Gegenſtand der Aufmerkſamkeit in der angekom⸗ menen Gruppe; und in der That war dieſer Gegen⸗ ſtand das ungeheure Thier, welches ſie zum erſten Male ſahen, und das als Laſtthier zum Dieuſte der Kaiſerin und ihrer Tochter gebraucht wurde. Die 105 Würde und Erhabenheit Irenen's, die Anmuth und Lebhaftigkeit der Prinzeſſin, machte auf ſie keinen Einbruck, und Brunhilde dachte nur daran, jeden Anlaß zu benutzen, um über den Elephanten Fragen zu thun, namentlich über den Gebrauch ſeines Rüſſels, ſeiner Zähne, und ſeiner großen Ohren. Eine andere Perſon ergriff mehr verſtohlen die Ge⸗ legenheit, Brunhilden mit hoher Theilnahme zu be⸗ trachten: dieß war der Cäſar Nicephorus. Dieſer Fürſt richtete ſeine Augen ſo ununterbrochen, als er konnte, auf die franzöſiſche Gräfin, ohne die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Gemahlin und Schwiegermutter auf ſich zu ziehen und vielleicht ihren Argwohn rege zu machen. Er ſuchte daher zuerſt ein Schweigen zu brechen, das läſtig zu werden anfing.— Es iſt mög⸗ lich, ſchöne Gräfin, ſagte er, da ihr jetzt zum erſten Male die Königin der Welt ſehet, daß iyr bis jetzt noch nie das ſeltſam merkwürdige Thier, das man Elephant nennt, erblickt habt. Verzeiht mir, antwortete Brunhilde; dieſer weiſe Greis hat mir die Abbildung dieſes erſtaunenswürdi⸗ gen Geſchoͤpfes gezeigt, und hat mir einige Nachrichten über dieſen Gegenſtand gegeben Alle, die dieſe Antwort hörten, glaubten, daß die Gräfin einen ſpöttiſchen Pfeil auf den Philoſophen ab⸗ ſchoß, welchem man am Hofe gewöhnlich den Bei⸗ namen Elephant gab. Niemand konnte dieſes Thier mit mehr Genauigkeit 106 beſchreiben als Agelaſtes, ſagte die Prinzeſſin mit einem einverſtändigen Lächeln, welches ſich ihrem ganzen Gefolge mittheilte. Er weiß, daß daſſelbe gelehrig, dienſtfertig und treu iſt, ſagte Agelaſtes in ehrerbietigem Tone. Ohne Zweifel, guter Agelaſtes, ſagte die Prinzeſ⸗ ſin, und wir ſollten uns nicht über das Thier belnſti⸗ gen, welches vor uns niederknieet, um uns auf ſei⸗ nen Rücken zu nehmen. Kommt, ſchöne Fremde, und ihr auch, tapferer Ge⸗ mahl derſelben, fuhr ſie fort, ſich zu den beiden Frem⸗ den wendend.— Wenn ihr in euer Heimathsland zu⸗ ruͤckkommet, ſo könnt ihr ſagen, daß ihr die Mitglie⸗ der der kaiſerlichen Familie ihre Mahlzeit habt einneh⸗ men ſehen; und ihr werdet bemerken, daß ſie in die⸗ ſer Hinſicht wenigſtens aus demſelben Stoffe beſtehen wie die übrigen Sterblichen, daß ſie ihre niedrigen Be⸗ dürfniſſe theilen, und ſie auf dieſelbe Weiſe befrie⸗ digen. Das glaube ich gerne, ſagte Graf Robert; aber lie⸗ ber möchte ich dieſes ſeltſame Thier ſeine Nahrung nehmen ſehen. Ihr werdet den Elephanten bequemer in ſeiner Wohnung eſſen ſehen, ſagte die Prinzeſſin, einen Blick auf Agelaſtes werfend. Madame, ſagte Brunhilde, es thäte mir leid eine hoͤfliche Einladung auszuſchlagen; aber ohne daß wir es gewahr geworden ſind, hat ſich die Sonne bedeu⸗ 107 tend nach Abend geneigt, und wir müſſen nach Con⸗ ſtantinopel zurückkehren. Habet keine Furcht, ſagte die ſchöne Geſchichtſchrei⸗ berin, ihr werdet bei eurer Rückkehr den Schutz un⸗ ſeres Geleites genießen. Furcht!— Geleit!— Schutz!— Dieſe Worte kenne ich nicht, Madame. Wiſſet, daß mein edler Ge⸗ mahl, der Graf von Paris für mich ein hinlängliches Ge⸗ leite iſt, und daß, wenn er ſelbſt nicht bei mir wäre, Brunhilde von Aspramont nichts fürchtet, und ſich ſelbſt zu vertheidigen verſteht. Meine Tochter, ſagte Agelaſtes, wenn mir vergönnt iſt zu ſprechen; ſo will ich euch ſagen, daß ihr die verbindlichen Geſinnungen der Prinzeſſin verkennet, weil ſie ſich ausgedrückt hat, als wenn ſie mit einer Dame ihres eigenen Landes ſpräche. Sie wünſcht von ench einige Gebräuche und Sitten der Franken zu er⸗ fahren, wovon ihr in eurer Perſon ein ſo ſchönes Mu⸗ ſter darbietet; zur Belohnung fuͤr dieſe Belehrungen würde die Durchlauchtige Prinzeſſin euch mit Vergnü⸗ gen den Eintritt in jene ungeheuren Thiergärten ver⸗ ſchaffen, wo die Thiere aus allen Theilen der bewohn⸗ ten Welt auf Befehl unſres Kaiſers Alexius verſam⸗ melt worden ſind, um die gelehrte Wißbegierde jener Philoſophen zu befriedigen, welchen die ganze Schöpfung bekannt iſt von dem kleinſten Damhirſche an, welcher kleiner iſt als die gewöhnliche Ratte, bis zu jenem ungeheuern und ſeltſamen Bewohner Afrikas, welcher 108 den Gipfel der vierzig Fuß hohen Bäumen benagen kann, obwohl die Länge ſeiner Hinterfüße nicht die Hälfte davon beträgt. Schon genug, ſagte die Gräfin ziemlich lebhaft. Aber Agelaſtes hatte einen Gegenſtand der Unterhal⸗ tung begonnen, welcher ſeinen Abſichten entſprach; er fuhr daher fort: Dort werdet ihr auch ſehen jene ungeheure Eidechſe, welche zwar dieſelbe Geſtalt hat, wie dieſes Gewürm in den Sümpfen anderer Länder, wo es keine Gefahr bringt, aber in Egypten ein Ungeheuer von dreißig Fuß Länge, und mit undurchdringlichen Schuppen bedeckt iſt; es weint, wenn es ſeine Beute hat, in der Hoffnung, eine neue durch die Nachahmung der menſch⸗ lichen Klagetöne herbeizulocken. Ihr habt ſchon genug geſagt, mein Vater, rief die Gräfin aus.— Nicht wahr? Robert, wir gehen da⸗ hin, wo man ſolche Sachen ſehen kann? Auch befindet ſich daſſelbſt, ſagte Agelaſtes, welcher ſah, daß er durch Aufregung der Neugierde bei den Fremden ſein Ziel erreichte, jenes ungeheure Thier, das von der Schöpfung durch eine Rüſtung unver⸗ wundbar gemacht worden iſt; es hat auf der Naſe ein Horn, bisweilen zwei, und ſeine Haut hat Falten von ungewöhnlicher Dicke, welche kein Ritter noch hat verwunden können. Nicht wahr, wir gehen, Robert? wiederholte die Gräfin. Ja, antwortete der Graf, und wir wollen dieſe Morgenländer von dem Schwerte eines Ritters ur⸗ theilen lehren, durch einen einzigen Hieb meines treuen Eiſenhauers. Und wer weiß, ſetzte Brunhilde hinzu, da wir ein⸗ mal in dem Lande der Bezauberung ſind, ſo kann viel⸗ leicht eine Perſon, die unter einer unmenſchlichen Ge⸗ ſtalt ſchmachtet, ihren Zauber plötzlich durch einen ein⸗ zigen Hieb dieſer guten Waffe gelöst ſehen. Ihr braucht uns nicht mehr zu ſagen, mein Vater rief der Graf, wir folgen dieſer Prinzeſſin, da dieſes einmal ihr Titel iſt, wenn ſich ſelbſt ihre ganze Be⸗ deckung uns in den Weg ſtellen wollte, ſtatt daß ſie unſer Schutz iſt, wie ſie uns verſpricht. Denn Jeder, der es hören kann, ſoll erfahren, daß dieſes der Cha⸗ rakter der Franken iſt; je mehr man ihnen von Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten ſpricht, deſto mehr erregt man in ihnen eine eben ſo ſtarke Luſt die dahin füh⸗ rende Bahn einzuſchlagen, als andere Menſchen bezei⸗ gen, den Weg des Verguügens und des Glückes zu wandeln. Bei dieſen Worten ſchlug der Graf mit der Hand an den Griff ſeines Eiſenhauers, um die Art anzu⸗ deuten, wie er ſich im Nothfalle eine Bahn zu machen verſtände. Der Kreis der Höflinge ſchrack zuſammen, als ſie den durchdringenden Klang des Stahles ver⸗ nahmen, und die ſtolze Miene des kriegeriſchen Grafen Robert erblickten. Die Kaiſerin wich aus Beſtürzung in das innere Gemach des Landhauſes. Anna Comnena nahm den Arm des edlen Grafen: eine nur ſelten bewilligte Auszeichnung, wenn man nicht ſehr nahe mit der Kaiſerlichen Familie ver⸗ wandt war. Ich ſehe, ſagte ſie, daß die Kaiſerin, unſre Mutter, das Haus des weiſen Agelaſtes geehrt hat, indem ſie uns zugleich den Weg zeigte um einzutreten. Mei⸗ ne Fflicht iſt es daher, euch die Lebensart der Grie⸗ chen zu zeigen. Bei dieſen Worten fuͤhrte ſie ihn in daſſelbe Zimmer. Fuͤrchtet nichts fuͤr eure Frau, ſetzte ſie hinzu, als ſie den Grafen um ſich blicken ſah; ſowie wir, ſo macht ſich unſer Gemahl, der Prinz Nicephorus ein Vergnuͤgen daraus, gegen Fremde ſeine Achtung zu beweiſen, und er wird die Graͤfin zu Lafel führen. Es iſt zwar nicht bei der Kaiſerlichen Familie Ge⸗ brauch, mit Fremden zu ſpeiſen, aber wir danken dem Himmel, daß er uns jene Höflichkeit verliehen hat, welche es fuͤr keine Entwuͤrdigung haͤlt, wenn ſie ſich von den gewoͤhnlichen Vorſchriften entfernt, um Frem⸗ den von ſo ausgezeichnetem Verdienſte, als das eu⸗ rige iſt, Ehre zu erweiſen. Ich weiß, meine Mut⸗ ter wird wuͤnſchen, daß ihr euch ohne Foͤrmlichkeiten zu Tiſche ſetzet, und obwohl dieß eine ganz beſondere Gunſt iſt, ſo bin ich doch uͤberzeugt, daß ſie auch den Beifall des Kaiſes, meines Vaters, erhalten wird. 11¹ Wie es euch beliebt, Madame, ſagte Graf Robert. Nur wenigen Maͤnnern wuͤrde ich meinen Platz am Tiſche einräumen, wenn ich ſie nicht auf dem Schlacht⸗ felde mir vorausgeſehen haͤtte. Aber einer Dame, zumal einer ſo ſchoͤnen, trete ich gerne meinen Platz ab, und beuge vor ihr das Knie, wenn ich das Glück habe, ihr zu begegnen. Anſtatt daß die Prinzeſſin Anna etwa Verlegen⸗ heit empfunden hätte bei der Verrichtung eines ſo ungewoͤhnlichen, ja, wie ſie haͤtte glauben koͤnnen, eutwuͤrdigenden Geſchaͤftes, indem ſie einen barbari⸗ ſchen Anfuͤhrer in den Speiſeſaal fuͤhrte; ſo fuͤhlte ſie ſich im Gegentheil geſchmeichelt, daß ſie einen ſo hartnaͤckigen Geiſt, wie den Grafen Robert, gebeugt hatte; vielleicht auch empfand ſie ein Gefühl befrie⸗ digter Eitelkeit, daß ſie ſich augenblicklich unter ſeinem Schutze befand. Die Kaiſerin Irene ſaß ſchon oben an zur Tafel; ſie zeigte einiges Erſtaunen, als ihre Tochter und ihr Eidam⸗ welche ſich zu ihrer Rechten und Linken ge⸗ ſetzt hatten, den Grafen und die Gräfin einluden an ihrer Seite Platz zu nehmen, den Einen auf einem Polſter, die Andere auf einem Stuhle; aber ſie hatte von ihrem Gemahle den ſtrengſten Befehl erhalten, in jeder Ruͤckſicht den Fremden gefällig zu ſeyn, und daher hielt ſie es nicht an der Zeit, es mit den Foͤrmlichkeiten ſehr genau zu nehmen. Die Grafin hatte ſich neben den Cäſar geſetzt, wie er ſie eingeladen hatte; aber auch der Graf, anſtatt 112 auf einem Polſter die bei den Romern gebräuchliche Lage anzunehmen, ſetzte ſich auf europäiſche Weiſe neben die Prinzeſſin. Ich will nicht ausgeſtreckt ſeyn, ſagte er lachend, wenn mich nicht ein guter Schlag dazu zwingt, und dann noch muͤßte ich mich nicht wieder erheben kön⸗ nen um ihn zuruͤckzugeben. Man begab ſich nun an die Mahlzeit; und in Wahrheit ſchien dieſe einen wichtigen Theil des Ta⸗ gesgeſchaͤftes auszumachen. Die Hofbedienten, welche da waren, um ihre verſchiedenen Amtsgeſchäfte, als Kellner, Mundſchenke, Vorſchneider und Vorkoſter der Kaiſerlichen Familie zu verrichten, fuͤllten den Speiſeſaal an, und ſchienen in Dienſtthätigkeit zu wetteifern, indem ſie von Agelaſtes Gewuͤrze, Reiz⸗ mittel, Bruͤhen und Weine jeder Art verlangten. Es ſchien als ob die Verſchiedenheit und Mannig⸗ faltigkeit ihrer Nachfragen die Geduld des Philoſo⸗ phen auf die Probe ſtellen ſollte. Aber Agelaſtes, welcher ihre meiſten Forderungen, ſo ungewoͤhnlich ſie waren, vorausgeſehen hatte, befriedigte ſie voll⸗ ſtandig oder weniaſtens zum großen Theile, Dank der Thaͤtigkeit ſeines Sklaven Diogenes, auf welchen er zugleich allen Tadel warf, wenn er einen der ver⸗ langten Gegenſtäͤnde nicht liefern konnte. (Fortſetzung folgt.)