Grat Robert von Paris. Von Sir Walter Scott⸗ Nus dem Engliſchen. 3 weiter Theil. —— S 5 Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. . 1 8 3 2. ——————,——— G——— Viertes Kapitel. Der Tekbir ſcholl, ſo nennt der Araber Den Angriffsſchrei, wenn er mit lautem Laͤrm Den Himmel anruft, Sieg ihm zu gewaͤhren: Im Schlachtgemenge, durch der Horde Schwarm Drang:„ſchlaget! ſchlagt!“ und„Paradies!“ ihr Schreien. Belagerung von Damaskus. Obwol der Soldat des Nordens ſeine Stimme durch ein Gefühl der Ehrfurcht für den Kaiſer und ſelbſt aus Anhänglichkeit für ſeinen Anführer gemäßigt hatte, ſo ſprach ſich doch darin ein Ton rauher Aufrichtigkeit aus, wie ihn die heiligen Echo's des Kaiſerlichen Pal⸗ laſtes zu hoͤren nicht gewohnt waren z und obgleich die Prinzeſſin Anna Comnena ſich mehr und mehr in der Meinung beſtärkte, daß ſie das Urtheil eines ſtrengen Richters verlangt hätte, ſo erkannte ſie doch auch zu 6 gleicher Zeit an ſeinem ergebenen Tone, daß ſeine Ehr⸗ furcht einen tieferen Grund habe, und daß ſein Bei⸗ fall, wenn ſie ihn erhielte, für ſie wahrhaft ſchmeichel⸗ hafter ſein würde, als die vergoldeten Höflichkeiten des ganzen Hofes ihres Vaters. Sie betrachtete den He⸗ reward, welchen wir ſchon als einen ſehr ſchönen jungen Maun kennen gelernt haben, mit Erſtaunen und Auf⸗ merkſamkeit, und empfand jenen natürlichen Wunſch zu gefallen, welcher beim Anblick einer ſchönen Perſon vom anderen Geſchlechte leicht in unſerem Geiſte ent⸗ ſteht. Seine Haltung war ungezwungen und kühn, aber ohne unbeholfen und unanſtändig zu ſeyn. Sein Titel als Barbare befreite ihn von den Förmlichkeiten des gebildeten Lebens ſo wie von den Regeln künſtlicher Gewandtheit. Aber der Ruf ſeiner Tapferkeit ſo wie ſeine Miene voll edlen Selbſtvertrauens erregten für ihn mehr Theilnahme, als er durch beſſer vorberei⸗ tete und ausgearbeitete Reden oder durch übermäßi⸗ ge Ehrfurchtsbezeigungen erhalten haben würde. Mit einem Worte, ſo erhaben die Stellung der Prinzeſſinn Anna Comuena war, und obwohl ſie im Kaiſerlichen Purpur geboren worden, was ſie ſelbſt als den erſten aller ihrer Vorzüge betrachtete, ſo fühl⸗ te ſie doch nichts deſto weniger, als ſie ſich zum Wie⸗ derbeginn der Vorleſung ihrer Geſchichte anſchickte, den Wunſch, mehr den Beifall dieſes barbariſchen Sol⸗ daten zu erhalten, als den der ganzen Verſammlung von Höllingen, wovon ſie umringt war. In der That 3 kannte ſie dieſelben vollſtändig, und machte ſich ſehr wenig aus dem Lobe, welches die Tochter des Kaiſers unfehlbar mit vollen Händen von den Griechiſchen Höflingen empfangen mußte, wenn es ihr geſiel den⸗ ſelben die Geiſteswerke der Tochter ihres Vaters mit⸗ zutheilen. Aber gegenwärtig ſtand ſie vor einem Richter, deſſen Charakter für ſie neu war, und deſ⸗ ſen Beifall, wenn ſie ihn erhielt, aus einem tiefen und wahren Gefühle kommen mußte, weil er nur durch die Rührung ſeines Geiſtes oder Herzens erlangt werden konnte. Vielleicht bewirkte es der Einfluß dieſer Gefühle, daß die Prinzeſſinn etwas länger als gewöhnlich in der Rolle ihrer Geſchichte die Stelle ſuchen mußte, womit ſie ihre Vorleſung zu beginnen Willens war. Man bemerkte auch, daß ſie Anfangs mit einer Ver⸗ wirrung und Zaghaftigkeit las, woruͤber ihre edlen Zu⸗ hörer betroffen wurden, da ſie ihre Geiſtesgegenwart ſehr oft vor einem ausgezeichneteren Zuhörer-Kreiſe, und wo ſie ſelbſt ſtrengere Richter fand, bewahrt hatte. Die Umſtände, worinn ſich der Wäringer befand, konnten ihn nicht gegen dieſen Auftritt gleichgültig laſſen. Freilich hatte Anna Comnena ihr fünftes Lu⸗ ſtrum erreicht, nach welcher Zeit die Schönheit der Griechiſchen Frauen zu verwelken beginnt. Seit wann ſie dieſen entſcheidenden Zeitpunkt zurückgelegt hatte, das war aller Welt unbekannt, mit Ausnahme der in die Geheimniſſe des purpurnen Zimmers eingeweih⸗ 8 ten Frauen. Genug, die Stimme des Volkes behaup⸗ tete, daß ſie ſeit einem Jahre oder zwei in ihr ſechſtes Luſtrum getreten war; dieſes ſchien auch ihr Hang zur Philoſophie und Schriftſtellerei zu beſtätigen, wel⸗ cher nicht der Schönheit in ihrer Morgenröthe eigen⸗ thümlich zu ſein pflegt. Sie mochte ſieben und zwanzig Jahre alt ſeyn. Indeſſen war noch Anna Comnena oder war kurz vorher eine Schönheit erſter Größe geweſen, und man kann annehmen, daß ſie noch Anziehendes genug be⸗ ſaß, um einen nordiſchen Barbaren zu feſſeln, wenn dieſer ſich nicht genau den nnermeßlichen Abſtand, der ihn von ihr trennte, ins Gedächtniß rief. Selbſt die Erinnerung daran würde kaum den Hereward gegen die Reize dieſer Zauberin unverwundbar gemacht ha⸗ ben, bei ſeinem kühnen, freien und unerſchrockenen Weſen. Denn waͤhrend jenen Auftritten ſeltſamer Umwälzungen im Griechiſchen Reiche war es häufig vorgekommen, daß gläckliche Feldherrn die Gemahle kaiſerlicher Prinzeſſinnen geworden waren; daß ſie dieſelben vielleicht ſelbſt zu Wittwen gemacht hatten, um ihren Anſprüchen den Weg zu ebnen. Aber abge⸗ ſehen vom Einfluſſe anderer Erinnerungen, erblickte Hereward, wie der Leſer bald erfahren wird, obwohl er ſich von dem auſſerordentlichen Grade der ihm von der Prinzeſſin geſchenkten Aufmerkſamkeit geſchmeichelt fühlte, in ihr doch nur die Tochter ſeines Kaiſers, des Oberlehensherrn, den er gewählt hatte, und die N 9 Gemahlin eines edlen Prinzen; ſeine Vernunft und Pflicht verboten ihm an ſie in anderen Beziehungen zu denken. Erſt nach einigen vorlaͤnfigen Anſtrengungen begann die Prinzeſſin Anna ihre Vorleſung mit faſt zittern⸗ der Stimme, welche aber in dem Maße an Stärke und Ausdruck zunahm, als ſie in dem Vortrage der folgenden Erzählung vorrückte, welche aus einem wohl⸗ bekannten Theile der Geſchichte von Alexius Comnenus gezogen worden iſt, der leider nicht mit den Byzanti⸗ niſchen Geſchichtſchreibern herausgegeben wurde. Die⸗ ſes Bruchſtück wird alſo den Alterthumsforſchern an⸗ genehm ſeyn, und der Verfaſſer hofft ſich die gebildete Welt verpflichtet zu haben, durch die Erhaltung ei⸗ nes ſeltenen Bruchſtückes, das wahrſcheinlich ohne ſeine Bemühungen in den Schlund der Vergeſſenheit geſun⸗ ken wäre. Der Rückzug von Laodicäa, ein Theil der Geſchichte des Alexius Comnenus von der Prinzeſſin Seiner Tochter, hier zum erſten Male aus dem Griechiſchen überſetzt. „Die Sonne war in ihr Lager des Oceans geſtiegen, ſich ſchämend, wie man glauben konnte, das unſterb⸗ liche Heer Unſres hochheiligen Kaiſers Alexius von je⸗ nen wilden Schwärmen ungläubiger Barbaren um⸗ ringt zu ſehen, welche, wie wir in unſrem vorherge⸗ henden Kapitel erzählten, die verſchiedenen Engpäſſe 10 ſowohl vor als hinter den Römern*) beſetzt hatten: die liſtigen Barbaren hatten ſie in der vorhergehenden Nacht in ihre Gewalt bekommen. Obwohl uns ein ſiegreicher Zug ſoweit geführt hatte, ſo wurde es jetzt eine ernſthafte Frage und ein Gegenſtand des Zweifels zu ergründen, ob unſre ſtegreichen Adler weiter vor⸗ wärts in das Land der Feinde dringen, oder ſelbſt ſicher in das ihrige zurückkehren könnten. „Die tiefe Kenntniß des Kaiſers in der Kriegskunſt worin ihm keiner aller lebenden Fürſten gleichkommt, hatte ihn bewogen, am vorhergehenden Abende mit be⸗ wundernswerther Genauigkeit und Vorſicht die ge⸗ naue Stellung des Feindes auskundſchaften zu laſſen⸗ Zu dieſem dringendnothwendigen Dienſte hatte er ge⸗ wiſſe leicht bewaffnete Barbaren gewaͤhlt, welche ihre Uebung und Kriegserfahrung in den Syriſchen Wüſten bekommen hatten; und wenn ich das ſchreiben ſoll, was mir die Wahrheit eingiebt, die ſtets die Feder des Geſchichtſchreibers leiten muß, ſo muß ich hinzu⸗ ſehen, daß ſie Ungläubige, wie ihre Feinde waren⸗ jedoch aufrichtig dem Dienſte der Römer zugethan⸗ und, wie ich glaube, ergebene Sklaven des Kaiſers, dem ſie auch getreulich die gewünſchten Nachweiſungen über die Stellung ſeines furchtbaren Feindes Jezde⸗ gerd mittheilten. Dieſe Soldaten brachten ihre Be⸗ lehrungen erſt ſpaͤt nach der Stunde, zu welcher ſich der Kaiſer gewöhnlich zu Ruhe begab. ) Es ſollte Griechen heißen⸗ aber wir uͤberſetzen die Ausdruͤcke der ſchoͤnen Geſchichtſchreiberin, „Ungeachtet dieſer Störung in der Anwendung ſei⸗ ner hochheiligen Zeit, hielt der Kaiſer unſer Vater, welcher die Ceremonie des Auskleidens aufgeſchoben hatte(ſo groß war der Drang des Augenblicks), an⸗ haltend bis tief in die Nacht hinein Rath mit ſeinen weiſeſten Befehlshabern: lauter Männer, deren tiefer Verſtand eine dem Untergange nahe Welt hätte auf⸗ recht erhalten können, und welche jetzt berathſchlagten, was in den ſchwierigen Umſtänden, worin man ſich befand, zu thun wäre. Die Noth war ſo groß, daß man alle gewöhnlichen Förmlichkeiten des kaiſerlichen Hauſes vergaß; denn ich habe von Augenzeugen ge⸗ hört, daß das Bett des Kaiſers ſelbſt in dem Gema⸗ che ſtand, wo der Rath verſammelt war, und daß die heilige Lampe, genannt das Licht des Rathes, welche ſtets angezündet wird, wenn der Kaiſer in Perſon den Berathungen ſeiner Diener vorſitzt, in dieſer Nacht Ees iſt unerhört in unſerer Geſchichte!) mit keinem wohlriechenden Oele unterhalten wurdeis Hier nahm die Vorleſerin eine Haltung an, welche einen heiligen Abſchen andeutete; und ihre Zuhörer gaben durch verſchiedene ähnliche Zeichen der Theil⸗ nahme zu erkennen, daß ſie daſſelbe Gefühl theilten. Hier ſey nur bemerkt, daß der Seufzer des Achilles Tatius der leidenſchaftlichſte und daß das Stöhnen von Agelaſtes dem Elephanten ſo tief war, als ob es von einem dieſer furchtbaren Thiere gekommen wäre. Hereward zeigte nur wenig Bewegung, er wunderte 12 ſich nur über die Beſtürzung der Andern. Nachdem die Prinzeſſin ihren Zuhörern hinlaͤnglich Zeit gelaſſen hatte, um ihre Erſchütterung zu äuſſern, fuhr ſie alſo in ihrer Vorleſung fort: „In dieſer betrübten Lage, in einem Angenblicke, wo die feſtgegründeten und heiligſten Gebräuche des kaiſerlichen Hauſes der Nothwendigkeit weichen muß⸗ ten, in aller Eile Maßregeln für den folgenden Tag zu nehmen, waren die Meinungen der verſchiedenen Räthe nach ihrem Charakter und ihren Sitten ge⸗ theilt; dieſes kann aber, im Vorbeigehen ſey es be⸗ merkt, den Weiſeſten und Geſchickteſten in ähnlichen zweifelhaften und gefahrvollen Faͤllen geſchehen. „Ich werde hier nicht den Namen und die Meinun⸗ gen derjenigen nennen, deren Rath abwechſelnd vor⸗ geſchlagen und verworfen wurde, um hierdurch einen Beweis der Achtung vor dem Geheimniß und der Freiheit zu geben, welche villigerweiſe in den Erörte⸗ rungen des Kaiſerlichen Geheimenraths herrſchen ſoll⸗ ten. Ich will mich darauf beſchränken zu ſagen, daß Einige riethen, den Feind unverzüglich anzugreifen durch fortgeſetztes Vorrücken. Andere hielten es für ſicherer und leichter zu bewerkſtelligen, wenn wir uns einen Weg nach hinten öffneten, und uns auf derſel⸗ ben Straße zurückzögen, welche uns ſo weit geführt hatte. Ich darf es ſelbſt nicht verſchweigen, daß Leute von unzweifelhafter Treue einen dritten Ausweg vor⸗ ſchlugen, welcher freilich mehr Sicherheit als die bei⸗ 13 den früheren darbot, aber durchaus dem hochherzigen Geiſte unſres erhabenen Vaters zuwider war; er be⸗ ſtand darin, einen vertrauten Sklaven in Begleitung eines Miniſters des Inneren von unſrem Kaiſerlichen Pallaſte in das Zelt des Jezdegerd zu ſenden, um den Barbaren zu fragen, unter welchen Bedingungen er unſrem ſiegreichen Vater erlauben wollte, ſich in Si⸗ cherheit an der Spitze ſeines unüberwundenen Heeres zurückzuziehen. Bei dieſem Vorſchlage hörte man unſern erhabenen Vater ausrufen: Sancta Sophia! der am meiſten einem Schwure gleichende Ausdruck, den er ſich jemals erlaubt hatte; und er ſchien auf dem Punkte zu ſeyn, ſich zu Gewaltthätigkeiten gegen einen ſo ſchimpflichen Rath und gegen die Feigen, welche ihn gaben, fortreißen zu kaſſen, als er ſich plötz⸗ lich des Unbeſtandes der menſchlichen Dinge und des Unglückes mehrerer ſeiner Vorgaͤnger erinnerte, von welchen Einige in demſelben Lande ihre heilige Perſon den Unglaͤubigen hatten überliefern müſſen; Seine Kaiſerl. Majeſtät hielt daher den Ausbruch ſeiner hochherzigen Gefühle zurück, und ſprach ſie gegen ſeine Räthe, die ihm in das Feld gefolgt waren, nur in einer Rede aus, worin er erklärte, daß eine ſo ver⸗ zweifelte und entehrende Maßregel nur die letzte wäre, welche er annehmen würde, ſelbſt in der höch⸗ ſten Gefahr. Auf dieſe Weiſe verwarf die Weisheit dieſes mächtigen Fürſten auf der Stelle einen für ſeinen Kriegsruhm beſchimpfenden Rath, und ermun⸗ 14 terte alſo den Eifer ſeiner Krieger, während er im Geheimen jene Hinterthüre ſich offen hielt, um ihm im äußerſten Nothfalle zu einem gefahrloſen Rückzuge zu dienen, wenn ſchon ſie in minder dringenden Um⸗ ſtänden durchaus nicht ehrenvoll geweſen wäre. „In dem Augenblicke, wo die Erörterung zu dieſer traurigen Entſcheidung gekommen war, kam der be⸗ rühmte Achilles Tatius mit der glucklichen Meuigkeit an, daß er mit einigen Soldaten von ſeiner Schaar auf der linken Seite unſeres Lagers eine Lücke im Feinde entdeckt habe, durch welche wir, freilich auf einem bedeutenden Umwege und in Eilmärſchen die Stadt Laodicäa gewinnen und uns auf unſere Reſer⸗ ven zurückziehen könnten, und bis auf einen gewiſſen Punkt vor jeder Gefahr von Seiten des Feindes ge⸗ ſchützt ſeyn würden. „Sobald der bewegte Geiſt unſeres erhabenen Vaters dieſen Hoffnungsſtrahl ſchimmern ſah, traf er die nöthigen Anſtalten um uns dieſen Vortheil vollſtän⸗ dig zu ſichern. Seine Kaiſerl. Hoheit wollte den tapferen Waͤringern, welche er als die Bluͤthe ſeines Heeres anſah, bei dieſer Gelegenheit nicht erlauben, die erſte Reihe zu bilden. Er hielt ihre Kampfluſt⸗ welche von jeher dieſe hochherzigen Fremdlinge aus⸗ gezeichnet hatte, in Schranken und gebot, daß die Syriſchen Truppen im Heere, von denen wir ſchon geſprochen, ſich mit ſo wenig Aufſehen als möglich in der Nihe des von den Feinden freigelaſſenen Engpaſ⸗ 45 ſes verſammeln, und denſelben einnehmen ſollten. Der gute Genius des Reiches gab ihm ein, daß man, da ſie den Feinden durch ihre Sprache, ihre Waffen und ihr ganzes Aeuſſeres aͤhnlich ſähen, dieſe leicht bewaff⸗ neten Soldaten ohne Hinderniß in dieſen Engpaß rük⸗ ken laſſen würde, dieſe ſollten daſelbſt den Durchzug des übrigen Heeres ſicher ſtellen; die Waͤringer, als Seine heilige Perſon unmittelbar umgebend, waren zum Vortrab des Heeres beſtimmt.— Die wohlbe⸗ kannten Schaaren, die Unſterblichen genannt, kamen darauf mit der Hauptmacht der Armee, deren Mittel⸗ punkt und Nachtrab ſie bildeten. Achilles Tatius, der treue Akoluthos ſeines kaiſerl. Herrn, obwohl mißmuthig, daß man ihm nicht den Befehl des Nach⸗ trabes übergeben hatte, wo er ſich mit ſeinen tapfren Schaaren hinſtellen wollte, weil es der gefährlichſte Poſten war, bequemte ſich dennoch der von ſeiner Majeſtät vorgeſchlagenen Anſtalten, weil ſie am ge⸗ eignetſten waren, die Sicherheit des Kaiſers und des Heeres zu ſchützen. „Die Befehle ſeiner Kaiſerl. Hoheit wurden auf der Stelle gegeben, und eben ſo ſchnell ausgeführt mit einer um ſo ſtrengeren Genauigkeit, als ſie ein Rettungsmittel enthielten, woran ſelbſt die älteſten Soldaten verzweifelt hatten. Während dieſer dunklen Zeit, während welcher nach dem Ausſpruche des gött⸗ lichen Homer die Götter und Menſchen ohne Unter⸗ ſchied in den Armen des Schlafes ruhen, war alſo 16 durch die Wachſamkeit und Vorſicht eines Einzigen für die Sicherheit des ganzen römiſchen Heeres geſorgt worden. Kaum trafen die erſten Sonnenſtrahlen die Gipfel der Berge, welche den Engpaß einſchloßen, ſo ſpiegelten ſie ſich auch ſchon in den ehernen Helmen und Wurfſpießen der Syrier unter dem Befehle ih⸗ res Hauptmannes Monaſtras, welcher ſich mit ſeinem Stamme dem Reiche unterworfen hatte. Der Kaiſer durchzog an der Spitze ſeiner getreuen Wäringer den Engpaß, um die Straße von Laodicäa einzuſchlagen; er hatte einen ſolchen Vorſprung, daß er außer jeder Berührung mit den Barbaren war⸗ „Jetzt bot ſich ein praͤchtiges Schauſpiel dar, als die Schaaren dieſer nordiſchen Krieger, die den Vor⸗ trab des Heeres bildeten, langſam und entſchloſſen durch die Bergpäſſe zogen, als ſie wie die Wogen eines großen, gewaltigen Stromes vereinzelte und ab⸗ ſchüſſige Felſen umgingen und über wenige ſteile Hö⸗ hen klimmten, während die abgeſonderten Soldaten⸗ Haufen, welche auf orientaliſche Weiſe mit Bogen und Wurfſpießen bewaffnet waren, verſchiedene Gruppen auf den Hügeln bildeten, und dem leichten Schaume glichen, der ſich an den ufern des Stromes bildet. In der Mitte ſeiner Leibwache war das ſtolze Streit⸗ roß Seiner kaiſerlichen Majeſtät zu ſehen, welches vor Ungeduld ſtampfte, als wenn es über den Auf⸗ ſchub unwillig waͤre, welcher ihn von ſeiner erhabenen Bürde trennte. Der Kaiſer Alexius ſaß in einer 17 Sänfte, welche von acht kräftigen afrikaniſchen Scla⸗ ven getragen wurde, um ohne Erſchöpfung aus der Schlacht eilen zu können, wenn der Feind das Heer erreichen ſollte. Der tapfere Achilles Tatius war zu Pferde neben der Sänfte des Kaiſers, damit keiner der lichtvollen Gedanken, wodurch unſer erhabener Vater ſo oft das Schickſal der Schlachten entſchieden hat, verloren ginge durch den Mangel der Mitthei⸗ lung an diejenigen, welche ſie auszuführen hatten. Auch muß ich erwähnen, daß neben der Sänfte des Kaiſers noch drei oder vier andere waren; die eine gehörte dem Monde des Weltalls, wie mon die erha⸗ bene Kaiſerin Irene nennen kann. Unter den andern befand ſich auch diejenige, welche die Verfaſſerin die⸗ ſer Geſchichte enthielt, ſo unwürdig ſie irgend einer Auszeichnung ſeyn mochte, es ſey dann als Tochter der erhabenen und heiligen Perſonen, welche dieſe Dar⸗ ſtellung ganz beſonders betrifft. Auf dieſe Weiſe rückte das kaiſerliche Heer in dieſen gefährlichen Päſ⸗ ſen vor, wo ſein Zug von den Barbaren unterbrochen werden konnte, und die es dennoch ohne Widerſtand zurücklegte. Als man an den Ausgang des Paſſes gekommen war, von wo man die Stadt Laodicäa er⸗ blickt, befahl die Weisheit des Kaiſers dem Vortrabe, der bis dahin auſſerordentlich ſchnell vorgerückt war, obwohl die Soldaten, welche ſie ausmachten, eine ſchwere Bewaffnung hatten, Halt zu machen, ſowohl um Erquickungen einzunehmen und auszuruhen,“ als W. Scott's ſaͤmmtl. Werte. 16 8 Boch. 2 18 um dem Nachtrabe Zeit zum Nachkommen zu laſſen, und die verſchiedenen Lücken, welche in dem Heeres⸗ zuge durch die raſche Bewegung der Vorderſten veran⸗ laßt worden waren, auszufüllen. „Der zu dieſem Halte gewählte Ort war ausneh⸗ mend reizend. Man ſah von da auf eine Bergkette herab, welche im Vergleiche mit den Höhen zu beiden Seiten des Engpaſſes klein zu nennen war, und welche in den mannigfaltigſten Abſtufungen in die Ebene auslief, die ſich von dem Ausgange des Engpaſſes bis nach Lao⸗ dicäa ausdehnte. Dieſe Stadt war noch ungefaͤhr hundert Stadien entfernt, und einige unſerer feurig⸗ ſten Krieger behaupteten, ſchon ihre Thürme und Zin⸗ nen unterſcheiden zu können, welche in den erſten Strahlen der Sonne glänzten, die noch nicht weit am Himmel aufgeſtiegen war. Ein Bergſtrom, wel⸗ cher aus einem ungeheuern Felſen entſprang⸗ der für ſeine Geburt geſpalten war, als ob ihn der Zauber⸗ ſtab des Propheten Moſes berührt hätte, trug ſeine füßigen Schätze in ein gleichförmigeres Land, und tränkte in ſeinem Laufe ſchöne grüne Matten, ſelbſt große Bäume. Am Ende aber in einer Entfernung von vier bis fünf Meilen verloren ſich ſeine Waſſer⸗ wenigſtens bei trockener Jahreszeit, im Sande und zerbrockelten Steinen, dic in der Regenzeit die Stäͤrke und das Ungeſtüm ſeines Laufes bezeichneten. „Es war eine Luſt zu ſehen, mit welcher Aufmerk⸗ ſamkeit der Kaiſer über alle Bedürfniſſe der Gefähr⸗ 19 ten und Beſchützer ſeines Zuges wachte. Von Zeit zu Zeit gab die Trompete den verſchiedenen Abtheilungen der Waͤringer das Zeichen, ihre Waffen abzulegen um die ihnen ausgetheilte Nahrung in Empfang zu neh⸗ men und ſich an dem Bache abzukühlen, deſſen reine Wellen zu dem Fuße des Gebirges hinabeilten; auch ſah man ſie ihre krftigen Glieder auf dem nahen Raſen ausſtrecken. Man wartete auch das Frühſtück dem Kaiſer, ſeiner durchlauchtigſten Gemahlin, den Prinzeſſinnen und Hof⸗Frauen, an dem Rande der Quelle auf, welche dem Bache ſein Entſtehen gab, und deren Waſſer die Soldaten aus Ehrfurcht nicht mit unge— weihter Berührung zu verunreinigen gewagt hatten, es für den Gebrauch dieſer Familie aufſparend, welche man in Wahrheit im Purpur geboren neunt. Unſer theurer Gemahl war auch bei dieſer Gelegenheit ge⸗ genwärtig, und entdeckte mit zuerſt ein Unglück dieſes Tages. Obgleich nemlich alle übrigen Theile des Frühſtückes durch die Sorgfalt der Bedienten des kaiſerlichen Mundes ſelbſt bei dieſer Gelegenheit faſt ebenſo wie gewöhnlich zubereitet waren, ſo war doch, als ſeine kaiſerliche Majeſtät den Wein verlangte, nich allein das für ſeinen beſondern Verbrauch beſtimmte heilige Getränk ausgegangen oder zurückgelaſſen wor⸗ den, ſondern man konnte ſich nicht ein Mal, um uns des Ausdruckes von Horaz zu bedienen, das nuedelſte Erzengniß der Sabiniſchen Weinberge verſchaffen; ſo daß Seine Majeſtät mit Entzücken das Anerbieten 20 eines Wäringer Barbaren von ſeinem Gerſtengebräue annahm, welchem dieſe Wilden vor dem Rebenſafte den Vorzug geben. Nichtsdeſtoweniger empfing der Kaiſer dieſe grobe Gabe.“ Setzet hinzu, ſagte Alexius, welcher bis dahin in tiefes Nachdenken verſunken, oder dem Einſchlafen nahe war; ſetzet ſage ich Euch, die folgenden Worte hinzu:— Und in Betracht der Hitze des Morgens und der Ermüdung eines raſchen Zuges, weil man zahlreiche Feinde im Riücken hatte, war der Kaiſer ſo durſtig, daß ihm niemals in ſeinem ganzen Leben ein Trank köſtlicher mundete. Gemäß den Befehlen ihres Vaters haͤndigte die Prinzeſſin die Handſchrift der ſchönen Sklavin ein, welche ſie geſchrieben hatte, und trug ihr auf, den gewünſchten Zuſatz zu machen, und die Bemerkung hin⸗ zuzufügen, daß er auf den ausdrücklichen und heiligen Befehl des Kaiſers gemacht worden ſey.— Ich hatte hier noch einige Worte mehr, fuhr ſie fort, über das Veblingsgetränke der treuen Wäringer Ew. Kaiſerl. Hoheit geſagt, aber ſo bald ein Mal Ew. Majeſtät ſelbſt geruht hat, ein Wort dem Lobe dieſer Aele zu ſagen, wie ſie es ohne Zweifel darum nennen, weil es alle Krankheiten, die bei ihnen Aelements heißen, heilt; ſo wird es ein zu erhabener Gegen⸗ ſtand, als daß Perſonen von niederem Range darüber urtheilen duͤrften. „Noch habe ich zu bemerken, daß wir alle angenehm 21 beſchäftigt waren: die Frauen und Selaven ſuchten die kaiſerlichen Ohren zu unterhalten; die Soldaten bildeten eine lange Reihe auf dem Rande des Hügels, und zeigten ſich in verſchiedenen Stellungen, indem die Einen längs dem Bache ſich ergingen, die Anderen bei den Waffen ihrer Gefährten Wache ſtanden, wobei ſie ſich nacheinander ablösten; inzwiſchen langten die verſchiedenen anderen Heerhaufen unter den Befehlen des Protoſpathairen, beſonders diejenigen, welche man die Unſterblichen nannte, nacheinander an, und bewerk⸗ ſtelligten ihre Vereinigung. Man geſtattete dieſen Soldaten, welche ſchon von Müdigkeit erſchöpft waren, einige Augenblicke auszuruhen; darauf ſetzten ſie ſich in Bewegung nach Laodicäa, und ihr Befehlshaber erhielt den Auftrag, ſobald er ſich eine freie Verbin⸗ dung mit dieſer Stadt eroͤffnen könnte, von dort Ver⸗ ſtaͤrkungen und Mundbedurfniſſe kommen zu laſſen, dabei nicht einen angemeſſenen Vorrath von heiligem Weine fuͤr den kaiſerlichen Mund zu vergeſſen. Dem⸗ gemäß hatten ſich die römiſchen Schaaren der Unſterb⸗ lichen und andere Truppen in Bewegung geſetzt, und waren ſchon in einiger Entfernung, weil es dem Kai⸗ ſer gefallen hatte, die Wäringer, welche anfangs den Vortrab ausmachten, den Nachtrab des ganzen Hee⸗ res bilden zu laſſen, um die ſpriſchen leichten Schaa⸗ ren ſicher an ſich zu ziehen, welche noch den Eugpaß beſetzt hielten, den wir ohne Widerſtand zurückgelegt hatten; als wir von dem andern Ende dieſes Engpaſ⸗ 22 ſes her den furchtbaren Schall des Lellieh, wie die Araber ihren Schlachtruf nennen, vernahmen, ob“ wohl es ſchwer wäre zu ſagen, aus welcher Sprache dieſes Wort ſtammt.“— Vielleicht koͤnnte Jemand in dieſem Kreiſe meine Unwiſſenheit über dieſen Gegen⸗ ſtand aufklären? Darf ich ſprechen und leben? ſagte der Akoluthos Achilles, ſtolz auf ſeine Sprachkenntniſſe; die Worte heißen: Alta illa alla Mohamed reſoul alla. Dieſe Worte, oder ſo was Aehnliches enthal⸗ ten das Glanbensbekenntniß der Araber; und dieſen Ruf ſtoßen ſie immer aus, wenn ſie in den Kampf gehen wollen. Ich habe ihn oftmals gehört. Und ich ebenfalls, ſagte der Kaiſer; und ich bekenne es, ich habe oftmals, ebenſo wie du, gewünſcht, lie⸗ ber an jedem anderen Orte als in der Nähe dieſes Ru⸗ fes zu ſeyn. Der ganze Kreis wartete mit Ungeduld auf eine Antwort des Tatius; dieſer aber war ein allzu guter Hofmann, um eine unvorſichtige Erwiderung zu thun. — Es iſt meine Pflicht, entgegnete er, zu wuͤnſchen, ſtets ſo nahe bei Cw. Kaiſerlichen Majeſtät zu ſeyn⸗ wie es Eurem getreuen Akoluthos geziemt, an wel⸗ chem Orte ihr immer wünſchen könntet euch augen⸗ blicklich zu befinden. Agelaſtes und Zoſimus wechſelten einen Blick, und dſe Prinzeſſin Anna fuhr in ihrer Vorleſung fort. „Die Urſache dieſes unheilverkündenden Geſchreies, 25 welches ſich verworren von Seiten des Engpaſſes her vernehmen ließ, wurde uns bald von einem Dutzend Reiter erklärt, welche den Auftrag hatten, uns die Neuigkeiten zu überbringen. „Sie berichteten uns, daß die Barbaren, deren Streitkräfte um die Stellung, wo wir in der ver⸗ gangenen Nacht gelagert geweſen, zerſtreut gelegen hat⸗ ten, ihre Schaaren erſt in dem Augenblicke hätten zu⸗ ſammenbringen können, wo unſer leichtes Fußvolk die Stellung verließ, welche es zur Sicherung des Rück⸗ zuges unſres Heeres eingenommen hatte. Dieſe Sy⸗ rier ſtiegen eben von den Bergen in den Engpaß hin⸗ ab, als Jezdegerd trotz des felſigen Bodens gegen ſie an der Spitze eines zahlreichen, eiligſt aufgerafften Soldatenhaufens einen furchtbaren Angriff machte, um ihren Nachtrab anzugreifen. Obgleich der Engvaß für die Reiterei ungünſtig war, ſo riſſen doch die perſönli⸗ chen Anſtrengungen des Befehlshabers der Ungläubi⸗ gen ſeine Soldaten mit einer Wuth fort, welche die Syrier des Römiſchen Heeres noch nie erlebt hatten; dazu ſtieg dieſen, als ſie ſich ſo von ihren Gefährten ver⸗ laſſen ſahen, der beleidigende Gedanke auf, als hätten wir ſie aufopfern wollen, indem wir ſie an dieſen Ort ſtellten; ſie dachten daher eher an eine allgemeine Flucht, als an einen berechneten und entſchloſſenen Wi⸗ derſtand. Die Lage der Dinge am Eingange des Eng⸗ paſſes war daher mißlicher, als wir erwarteten; und diejenigen, welche haͤtten nengierig ſein können, einen 24 Rückzug des Nachtrabes zu betrachten, mußten zuſehen, wie die Syrier durch Rotten ungläubiger Muſelmaͤn⸗ ner von den Bergen herab verfolgt, zerſchmettert, in Stücke gehauen und gefangen genommen wurden. „Seine Kaiſerliche Majeſtät ſah dieſes Schauſpiel ei⸗ nige Minuten mit an; und eilte ſich, von dieſem An⸗ blicke ſehr erſchüttert, den Waͤringern den Be⸗ fehl zu geben, ihre Waffen zu ergreifen und in Eil⸗ märſchen nach Laodicäa aufzubrechen; darauf aber ſprach einer dieſer Nordiſchen Barbaren kühn, obwohl den Befehlen Seiner Majeſtät zuwider:— Wenn wir verſuchen, dieſes Gebirg eilends hinabzuſteigen, ſo wird unſer Nochtrab in Unordnung gerathen, nicht allein durch ſeine eigene Uebereilung, ſondern auch durch dieſe Syriſchen Flüchlinge, welche ſich auf ihrer wahnſinnigen Flucht auf unſere Glieder werfen werden. Laſſet zweihundert Wäringer, welche für die Ehre Englands zu leben und ſterben bereit ſind, mit mir in der Enge dieſes Hohlweges bleiben, indeſſen die Andern den Kai⸗ ſer nach Laodicäa geleiten, oder wie dieſe Stadt hei⸗ ßen mag. Wir können bei unſerer Vertheidigung um⸗ kommen, aber wir fallen dann in unſerer Pflicht; auch zweifle ich nicht, daß wir den Magen dieſer Wind⸗ hunde, welche wir bellen hören, ſo anfüllen werden, daß ihnen die Luſt vergeht, heute noch eine andere Mahlzeit zu halten. „Mein erhabener Vater erkannte auf der Stelle die Wichtigkeit dieſes Rathes, und war bis zu Thränen 25 gerührt ſowohl über die unerſchütterliche Treue, mit welcher ſich dieſe armen Barbaren beeiferten die Zahl derer, welche dieſen verzweifelten Auftrag bekommen ſollten, voll zu machen, als über die Herzlichkeit, wo⸗ mit ſie von ihren Brüdern Abſchied nahmen, und über das Frendengeſchrei, welches ſie ausſtießen, als ſie ih⸗ rem Herrſcher mit den Augen folgten, wie er den Berg hinabeilte und ſie in ſeinem Rücken ließ, um für ihn zu ſtreiten und zu ſterben. Die Augen des Kaiſers füllten ſich mit Thränen; und ich erröthe nicht über das Geſtändniß, daß die Kaiſerin und ich in dieſem ſchrecklichen Augenblicke, unſeres Ranges vergeſſend, dieſen tapferen und ergebenen Männern einen ähnli⸗ chen Zoll entrichteten. „Wir verließen ihren Anführer, als er beſchäftigt war ſeine Handvoll Krieger ſo zu ordnen, daß er den Paß vertheidigen konnte. Ihr Mittelpunkt nahm die Mitte der Straße ein, und ihre Flügel waren auf bei⸗ den Seiten ſo aufgeſtellt, daß ſie dem Feinde in die Seiten fallen konnten, wenn dieſer es wagen ſollte, die vor ihm auf der Straße Aufgeſtellten anzugreifen. Wir hatten noch nicht die Hälfte Weges zur Ebene zurückgelegt, als wir ein furchtbares Getöſe vernah⸗ men, welches von dem Gebrülle der Araber herkam, ſowie von jenem feſteren und regelmäßigeren Geſchrei, welches dieſe Fremdlinge gewöhnlich drei Mal ausſto⸗ ßen, wenn ſie ihre Befehlshaber und Fürſten begrüßen, und wenn ſie ſich zur Schlacht anſchicken. Ihre Brü⸗ 26 der warfen mehr als ein Mal ihre Blicke nach hinten; und der Meiſel eines Bildhauers würde mehr als ei⸗ nen edlen Gegenſtand zur Nachbildung in dieſen man⸗ nigfaltigen Stellungen gefunden haben, wo der Sol⸗ dat ſchwankte, ob er der Bahn der Pflicht, oder dem Antriebe folgen ſollte, ſeinen Gefährten zur Huͤlfe zu eilen. Die Mannszucht behielt aber die Oberhand, und der Heereshaufen ſetzte ſeinen Zug fort. „Eine Stunde mochte verſtrichen ſein, während wel⸗ cher wir von Zeit zu Zeit das Getöſe der Schlacht gehört hatten, als ein Wäringer zu Pferde an die Sänfte des Kaiſers heranſprengte. Sein Renner war mit Schaum bedeckt, und ſoviel man nach ſeinem Har⸗ niſch, nach der Schönheit ſeiner Glieder und nach der Geſchmeidigkeit ſeiner Sprache beurtheilen konnte, hat⸗ te er bei einem Häuptlinge der Wüſte geſtanden, und war durch das Loos des Krieges in die Haͤnde der nordiſchen Krieger gefallen. Die Streitaxt des Wä⸗ ringers war voll Blut, und Todesbläſſe bedeckte ſein Geſicht. Dieſe Zeichen eines friſchen Kampfes galten als hinlaͤngliche Entſchuldigung für den ungewohnten Gruß, den er an den Kaiſer richtete, indem er ſchrie: Edler Fürſt, die Araber ſind geſchlagen, und ihr könnt euren Zug in Ruhe fortſetzen. „Wo iſt Jezdegerd? fragte der Kaiſer, welcher allen Grund hatte, dieſen beruͤhmten Fedherrn zu fürchten. „Jezdegerd, ſagte der Wäringer, iſt, wo die tapfe⸗ 27. ren Maͤnner ſind, welche in ihrer Pflichterfüllun unterliegen. „Das heißt, fuhr der Kaiſer fort, ungeduldig das Schickſal eines ſo furchtbaren Feindes beſtimmt zu er⸗ fahren, er iſt. „Wohin ich jetzt gehe, antwortete der treue Krieger, welcher bei dieſen Worten vom Pferde ſank, und zu den Füßen der Kaiſerlichen Säuftenträger verſchied. „Der Kaiſer befahl ſeinen Dienern Sorge zu tragen, daß die Leiche dieſes treuen Soldaten, dem er ein ehrenvolles Begraͤbniß beſtimmte, nicht den Wölfen und Geiern Preiß gegeben werde; da nahmen einige ſeiner Angeldaͤniſchen Begleiter die Leiche auf ihre Schul⸗ tern, und ſetzten ſich in Bewegung unter dieſer Laſt, die ſie willig zu der ſchon beträchtlichen ihrer Waffen nahmen, bereit füͤr dieſe köſtliche Bürde zu kämpfen wie der muthige Menelaos für den Leib des Patroklus.“ Die Prinzeſſin Anna Comnena hielt natuͤrlich bei dieſer Stelle innez denn da ſie nach ihrer Meinung an den Schluß einer wohlgerundeten Periode gekommen war, ſo wünſchte ſie von der auf ihren Hörerkreis her⸗ vorgebrachten Wirkungen eine Vorſtellung zu bekom⸗ men. Aber wenn ſie ihre ausſchließliche Aufmerkſam⸗ keit nicht auf die Handſchrift gelenkt hätte, ſa würde ihr die Ruͤhrung des fremden Kriegers ſchon viel frü⸗ her aufgefallen ſeyn. Bei dem Anfange ihrer Vorle⸗ ſung hatte er dieſelbe Haltung wie bei ſeinem Eintre⸗ ten behauptet, gerade und ſteif wie eine Schildwache 28 auf dem Poſten, und ſcheinbar ſich an nichts erinnernd, ausgenommen etwa deſſen, daß er bei dem kaiſerlichen Hofe Dienſte that. Indeſſen ſchien er in dem Maße, als die Vorleſung vorrückte, ſtets mehr Theilnahme an dem, was er hörte, zu bekommen. Er hörte mit heimlichem verächtlichem Lächeln die Darſtellung der Beſorgniſſe und Unruhe der verſchiedenen zum Rathe in der Nacht verſammelten Anführer an, und konnte ſich kaum enthalten über das dem Anführer ſeines eigenen Corps, Achilles Tatius, ertheilte Lob zu lachen. Der Name des Kaiſers ſelbſt, obwohl er mit Ehrfurcht an⸗ gehört worden war, erhielt doch von ihm nicht den Beifall, welchen die Prinzeſſin Anna um den Preis ſo vieler Uebertreibungen zu erhalten geſucht hatte. Bis dahin hatte das Geſicht des Wäringers nur eine ſehr ſchwache innere Bewegung verrathen; aber tiefere Gefuͤhle ſchienen ſeinen Geiſt aufzuregen, als die Prinzeſſin an die Beſchreibyng des Haltes nach dem Ausgange des Heeres aus dem Engpaſſe kam, an den unerwarteten Angriff der Araber, an den Rückzug der Schaar, welche dem Kaiſer das Geleit gab, und an die Schilderung der Schlacht, welche man in der Ferne hörte. Als er die Darſtellung die⸗ ſer Ereigniſſe vernahm, verlor er das ſteife und ge⸗ zwungene Ausſehen eines Soldaten, der die Geſchichte ſeines Kaiſers mit derſelben Kaltblütigkeit anhorte mit welcher er an dem Thore ſeines Pallaſtes auf die Wache zog. Er erröthete bald, bald erblaßte erz ſeine 29 Augen wurden feucht und funkelten; das Zucken ſei⸗ ner Glieder nahm dergeſtalt zu, daß er deſſelben nicht mehr Meiſter zu werden verwochte; kurz ſein ganzes Aeußere verrieth einen Zuhörer, der eine innige Theil⸗ nahme an dem, was er vorleſen hörte, nahm, unem⸗ pfindlich gegen alles Andere, und Alles um ihn Vor⸗ gehende vergeſſend, ſelbſt die Eigenſchaft derjenigen, vor denen er ſtand. Je weiter die Erzählung vorrückte, deſto weniger ver⸗ mochte Hereward ſeine Rührung zu verbergen: ja in dem Augenblicke, wo die Prinzeſſin einen Blick um ſich warf, wurde ſeine Erſchuͤtterung ſo ſtark, daß er ganz vergaß, wo er war, ſeine ſchwere Streitaxt auf den Fußboden fallen ließ, und unter Händeringen aus⸗ rief:— Mein ungluͤcklicher Bruder! Das von dem Fallen dieſer Waffe verurſachte Ge⸗ räuſch ſchreckte die ganze Geſellſchaft auf, und mehrere Perſonen nahmen zu gleicher Zeit das Wort, um ei⸗ nen ſo außerordentlichen Vorfall zu erklären. Achilles Tatius fing eine Rede an, um die ungeſtuͤme Art zu entſchuldigen, auf welche Hereward ſeinen Schmerz zu erkennen gegeben hatte, indem er den erhabenen anweſenden Perſonen verſicherte, daß der arme Bar⸗ bare in der That der jüngere Bruder des Befehlsha⸗ bers wäre, welcher in dieſer denkwürdigen Schlacht des Engpaſſes den Tod gefunden hätte. Die Prinzeſ⸗ ſin ſagte nichts, aber ſie war ſichtbar gerührt, und vielleicht nicht ungehalten, daß ſie eine Erſchütterung 30 hervorgebracht hatte, welche für ſie als Schriftſtellerin ſo ſchmeichelhaft war. Die Uebrigen richteten, Jeder nach ſeiner Sinnesweiſe, an den Angelſachſen einige unzuſammenhängende Worte, um ihn zu tröſten; denn der durch einen natuͤrlichen Grund hervorgebrachte Schmerz erregt gewöhnlich Mitleiden, ſelbſt bei den⸗ jenigen, bei denen Alles verkuͤnſtelt iſt. Die Stimme des Alexius brachte alle dieſe anmaßlichen Redner zum Schweigen.— Ach, mein tapferer Soldat Eduard! ſagte der Kaiſer, ich muß ja ganz blind geweſen ſein, daß ich dich nicht fruͤher wieder erkannte; ich glaube, es muß ſich irgendwo eine Bemerkung finden hinſicht⸗ lich fuͤnfhundert Goldſtücken, welche ich dem Wärin⸗ ger Eduard ſchulde. Wir haben ſie in die beſondere Liſte der Schenkungen geſchrieben, welche wir unſern Die⸗ nern machen wollen, und die Auszahlung ſoll nicht mehr länger verſchoben werden. Mit Gunſten Ew. Maj., mein Herrſcher, gab der Angelſachſe zur Antwort, deſſen Züge auf der Stelle wieder ihren Ausdruck rauhen Ernſtes annahmen; das iſt nicht für mich, denn ſonſt bekäme es ein Menſch, der gar kein Recht auf Eure kaiſerliche Freigebigkeit hat. Mein Name iſt Hereward; den Namen Ednard führen drei meiner Kameraden, und Jeder von ihnen kann eben ſo gut als ich für treue Erfüllung ſei⸗ ner Pflichten, eine Belohnung von Ew. Maj. vey⸗ dient haben. Tatius machte ſeinem Soldaten gewaltig viele Zei⸗ 54 chen, um ihn vor der Narrheit zu waynen, die Be⸗ weiſe der der kaiſerlichen Freigebigkeit zu verſchmähen. Agelaſtes ſprach noch deutlicher:— Junger Mann, ſagte er zu ihm, freue dich einer ſo unerwarteten Ehre, und antworte in Zukuuft auf keinen andern Namen mehr als Eduard, womit es dem Lichte der Welt, indem es auf dich einen ſeiner Strahlen fallen ließ, gefallen hat, dich von Gefährten der Barbaren zu unterſcheiden. Was liegt daran, ob ein Prieſter uͤber dem Taufſteine dir einen andern Namen gegeben hat, als womit Seine Maj. geruhte dich von der all⸗ gemeinen Menſchenmenge zu unterſcheiden? Mit die⸗ ſem ruhmvollen Namen haſt du das Recht dich von nun an rufen zu laſſen. Hereward war der Name meines Vaters, ſagte der Wäringer, welcher jetzt alle ſeine Kaltbluͤtigkeit wie⸗ der bekommen hatte. Ich kann ihm nicht entſagen, ſo lange mir das Andenken an ſeinen Tod theuer ſein wird. Eduard heißt mein Kamerad, und ich darf es nicht wagen in ſeine Rechte einzugreifen. Schweigt ihr alle! rief der Kaiſer. Wenn wir ei⸗ nen Irrthum begangen haben, ſo ſind wir reich genug um ihn wieder gut zu machen. Und wenn ſich ein Eduard findet, der meine Freigebigkeit verdient, ſo ſoll— Hereward dadurch nicht aͤrmer ſein. Ew. Maj. kann dieſe Sorge ſeiner wohlgeneigten Gattin überlaſſen, ſagte die Kaiſerin Irene. Ihre hochheilige Maj., ſagte die Prinzeſſin Anna, 32 behaͤlt ſich mit ſo vielem Geize das Vergnügen der Wohlthätigkeit und Güte bevor, daß ſie ſelbſt ihren naͤchſten Verwandten keine Gelegenheit läßt, ihre Freigebigkeit und Großmuth zu entfalten; indeſſen werde ich, ſoviel ich vermag, dieſem braven Manne meine Erkenntlichkeit bezeugen; an der Stelle nehm⸗ lich wo in dieſer Geſchichte von ſeinen Großthaten geſprochen wird, will ich hinzuſetzen laſſen:„Dieſe That wurde von dem Angeldänen Hereward vollführt, welchen Seine Kaiſerl. Maj. geruhte Eduard zu nen⸗ nen.“ Junger Mann, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihm zu gleicher Zeit einen ſehr werthvollen Ring einhän⸗ digte, bewahre dieſes als ein Pfand, daß wir unſer Verſprechen nicht vergeſſen werden. Hereward nahm dieſes Geſchenk mit ehrerbietigem Gruße an, und mit einer Art Verwirrung, welche in ſeiner Lage nicht am unrechten Orte war. Es war für den großen Theil der Zuſchauer klar, daß der Aus⸗ druck der Dankbarkeit der ſchönen Prinzeſſin dem jun⸗ gen Manne von der Leibwache angenehmer geweſen war, als der des Kaiſers. Er empfing den Ring un⸗ ter großen Erkenntlichkeitsbezeugungen: Koſtbares Hei⸗ ligthum! rief er aus, indem er dieſes Pfand der Ach⸗ tung an ſeine Lippen brachte, es iſt möglich, daß wir nicht lange zuſammen bleiben. Aber ſeyd verſichert, ſetzte er hinzu mit einer ehrfurchtvollen Verbeugung gegen die Prinzeſſin, daß nur der Tod mich davon trennen wird. 35 Setzet eure Vorleſung fort, unſre erhabene Tochter, ſagte die Kaiſerin Irene; ihr habt hinlaͤnglich bewie⸗ ſen, wie viel Werth die Tapferkeit gleichviel eines Rö⸗ mers oder Barbaren in den Augen derjenigen hat, welche den Nachruhm zu ertheilen im Stande iſt. Die Prinzeſſin nahm ihre Vorleſung mit einem leich⸗ ten Anflug von Verlegenheit wieder auf. „Darauf ſetzten wir unſere Bewegung nach Laodi⸗ cäa fort, und alle diejenigen, welche den Zug ausmach⸗ ten, überließen ſich der Hoffnung. Indeſſen aus einer Art unfreiwilligen Triebes konnten wir uns nicht ent⸗ halten, oft die Augen nach hinten zu wenden, nach der Seite, von wo wir ſo lange einen Angriff befürch⸗ tet hatten.— Endlich erhob ſich zu unſerer großen Beſtürzung eine dicke Staubwolke auf dem Abſatze des Gebirges in der Hälfte des Weges zwiſchen dem Ort unſres Haltes und dem unſres damaligen Aufenthal⸗ tes. Einige der Soldaten, welche zu unſrem zu⸗ rückziehenden Corps gehörten, beſonders die vom Nach⸗ trabe begannen zu ſchreien: Die Araber! Die Araber! und da ſie ſich von den Feinden verfolgt glaubten, ſo begannen ſie mit mehr Eile vorwärts zu rücken. Aber die Wäringer verſicherten einſtimmig, die Ueber⸗ bleibſel von der Abtheilung ihrer Kameraden erregten dieſen Staub, und wären jetzt auf dem Wege zu uns zu ſtoßen, nachdem ſie den ihnen anvertrauten Poſten ſo brav vertheidigt hatten. Sie unterſtützten ihre Meinung mit Bemerkungen aus ihrer Erfahrungz ſie W. Scott's ſämmtl. Werte. 16 48 Boch. 3 34 ſagten, die Staubwolke wäre mehr zuſammengedrängt, als wenn ſie von Arabiſcher Reiterei verurſacht wor⸗ den wäre; und ſie behaupteten ſelbſt nach der Ein⸗ ſicht, welche ſie bei ähnlichen Gelegenheiten gewonnen, daß die Anzahl ihrer Gefährten beträchtlich vermin⸗ dert ſein müßte. Einige Syriſche Reiter, welche man abgeſchickt hatte um die vorrückende Schaar zu erkennen, erſtatteten einen Bericht, welcher vollkommen die Mei⸗ nung der Wäringer beſtätigte. Die Abtheilung der Leibwache hatte die Araber geſchlagen und in die Flucht getrieben; ihr tapferer Auführer hatte den Feldherrn Jezdegerd erlegt, und war in dem Gefechte tödtlich verwundet worden, wie wir ſchon in dieſer Geſchichte berichtet haben. Die von dieſem Kampfe übrig gebliebe⸗ nen, die Hälfte ihrer anfänglichen Zahl, waren jetzt im Zuge, um zu dem Kaiſer zu ſtoßen, und rückten ſo ſchnell vorwärts, als ihnen die Nothwendigkeit, ihre Verwundteten nach ſichern Orten zu bringen, er⸗ laubte. „Der Kaiſer Alexius, gemäß einer jener glänzenden Züge von Wohlthätigkeit, welche ſeine väterliche Liebe zu ſeinen Soldaten bewieſen, befahl, daß alle Sänf⸗ ten, ſelbſt die, für ſeine hochheilige Perſon beſtimmte, auf der Stelle jener Abtheilung entgegengeſchickt würden, um die tapfern Wäringern von der beſchwer⸗ lichen Laſt, ihre Verwundteten zu tragen zu befreien. Es iſt leichter, ſich die Zurufe der Erkenntlichkeit der Wäringer vorzuſtellen als zu beſchreiben, da ſie 35 den Kaiſer ſelbſt ſeine Sänfte verlaſſen, und ſein Schlacht⸗ roß beſteigen ſahen, wie ein gewöhnlicher Reiter. Zu gleicher Zeit ſetzten ſich die hochheilige Kaiſerin, die Verfaſſerin dieſer Geſchichte, und die übrigen im Pur⸗ pur geborene Prinzeſſinen auf Maulthiere, um ihren Weg fortzuſetzen, und überließen ohne Zögern ihre Sänften für den Dienſt der Verwundeten. Dieß war aber auch in gleichem Maße ein Beweiß von kriegeri⸗ ſcher Weisheit als von Menſchlichkeit, denn die Erleich⸗ terung welche man auf dieſe Weiſe den Traͤgern der Verwundeten geſtattete, erlaubte den übergebliebenen Vertheidigern des Engpaſſes bei der Quelle, ſich fruͤher mit uns zu vereinigen, als ſie es ohne dies hätten thun können. „Ein erhabenes Schauſpiel bot ſich dar, als wir dieſe Menſchen, welche uns im ganzen Glanze, den die kriegeriſche Tracht der Jugend und Stärke verleiht, verlaſſen hatten, wieder vor uns erſcheinen ſahen: ihre Zahl war zur Hälfte zuſammengeſchmolzen, ihre Rü⸗ ſtungen zerbrochen, ihre Schilde von Pfeilen ſtarrend, ihre Angriffswaffen mit Blut gefärbt, und ihr ganzes Aeußere trug die Zeichen eines verzweifelten und ganz friſchen Kampfes. Nicht minder anziehend war es, den gegenſeitigen Wilkomm zu bemerken, welcher zwiſchen den aus dem Streite kommenden Soldaten und ihren Brüdern, die den Kaiſer begleitet hatten, Statt fand. Der Kaiſer erlaubte ihnen nehmlich auf die Bitte des treuen Akoluthos, ihre Glieder zu ver⸗ „ 56 laſſen, und einander die Begebenheiten des Treffens zu erzählen. „Als die beiden Schaaren ſich unter einander meng⸗ ten, ſchien ihre Vereinigung das Bild eines Kampfes zwiſchen der Freude und dem Schmerze darzuſtellen⸗ — Der rohſte dieſer Barbaren ſelbſt(da ich es ſelbſt geſehen habe, ſo kann ich es feierlich bezengem ſchüt⸗ telte mit ſeinen ſtarken Händen die eines Kameraden, den er nicht mehr wieder zuſehen dachte, und ſeine großen blauen Augen füllten ſich mit Thränen, wenn er den Tod eines Andern erfuhr, welchen er unter den Lebenden zu finden hoffte. Andere graue Krieger prüf⸗ ten die Fahnen, unter welchen ihre Kameraden gefoch⸗ ten hatten, überzeugten ſich, daß ſie alle ſicher und mit Ehren zurückgekehrt waren, und zählten, wie viele neue Pfeile ſie durchbohrt hatten, als Zugabe zu den alten Narben, welche andere Gefechte darin hinter⸗ laſſen hatten. „Alle erſtatteten ein reichliches Lob dem tapferen und jungen Führer, den ſie verloren, und ertheilten ein gleiches ſeinem Nachfolger im Sberbefehl, welcher die Abtheilung an Statt ſeines verſchiedenen Bruders zurückgeführt hatte.— Und dieſes iſt derſelbe,“ ſagte die Prinzeſſinn mit wenigen Worten, welche als eine augenblicklich in ihrer Geſchichte gemachte Einſchiebung erſchienen,„welchen ich in dieſem Augenblicke der eh⸗ renvollen Achtung verſichere, die ihm die Verfaſſerin dieſer Geſchichte, oder vielmehr alle Mitglieder der 37 Kaiſerlichen Familie fur ſeine ehrenvollen Dienſte, in einem ſo entſcheidenden und wichtigen Augenblicke be⸗ willigt haben. Nachdem Anna Comnena auf dieſe Weiſe ihrem Wä⸗ ringer Freunde ihren Theil des Lobes abgetragen hatte, wozu ſich Gefühle geſellten, die man nicht gerne vor ſo vielen Zeugen ausſpricht, ſo ging ſie zu dem Theile ihrer Geſchichte über, welcher eine weniger un⸗ mittelbare Beziehung zu ihr hatte. „Wir hatten nicht viel Zeit, noch weitere Bemer⸗ kungen über das, was zwiſchen dieſen tapfern Solda⸗ ten vorging, zu machen; denn nachdem man ihnen ei⸗ nige Minuten geſtattet hatte, um ſich ihren gegenſei⸗ tigen Herzensergießungen zu uͤberlaſſen, ſo gaben die Trompeten den Befehl, nach Laodicäa aufzubrechen, und wir erblickten bald dieſe Stadt ohngefaͤhr in einer Entfernung von dreißig Stadien, umgeben von Gefil⸗ den, welche zum großen Theile mit Baͤumen bedeckt waren. Es ſchien, daß die Beſatzung ſchon von unſerer baldigen Ankunft Nachricht bekommen hatte; denn wir ſahen aus den Thoren Wagen aller Art mit Erfri⸗ ſchungen kommen, welche durch die Hitze des Tages, die Länge des Zuges, die Staubwolken und durch den Mangel an Waſſer uns ſehr nöthig waren. Die Sol⸗ daten verdoppelten frendig ihre Schritte, um eher der Unterſtützung zu begegnen, welcher ſie ſo ſehr bedurften. Aber da die Schale nicht immer ihre fluͤſigen Schäͤtze an die Lippen derjenigen bringt, 38 für welche ſie beſtimmt ſind, ſo ſtark ihre Sehnſucht immer ſein mag, ſo war unſer Aerger außerordentlich, als wir einen Schwarm Araber im ſtärkſten Galoppe aus einem Gehölze zwiſchen dem Römiſchen Heere und der Stadt kommen, ſich auf die Wagen werfen, die Führer ermorden und den ganzen Zug zu ihrer Beu⸗ te machen, ſahen. Dieſes geſchah, wie wir nachher erfuhren, durch eine feindliche Abtheilung, welche von Varanes vefehligt wurde, dem Bruder des vor Kur⸗ zem getödteten Jezdegerd, der dieſem in Kriegsruhm unter den Unglaubigen nicht nachſtund. Als dieſer Fuͤhrer geſehen hatte, daß die Waͤringer wahrſcheinlich in ihrer verzweifelten Vertheidigung des Engpaſſes die Oberhand behalten wuͤrden, hatte er ſich an die Spitze einer zahlreichen Abtheilung Reiterei geſtellt; und da die Pferden dieſer Unglaͤubigen nicht ihres Gleiches in Schnelligkeit und Feuer finden, ſo hatte er einen großen Umweg gemacht, er hatte die Berg⸗ kette durch einen weiter noͤrdlich gelegenen Engpaß zuruͤckgelegt, und ſich in der erwaͤhnten waldigen Ebene in Hinterhalt geſtellt, in der Hoffnung den Kaiſer mit ſeiner Armee unverſehens in demſelben Augen⸗ blicke anzugreifen, wo man annehmen konnte, daß die Araber in vollem Rüͤckzuge waͤren. Dieſer Ueberfall waͤre ihm ſicherlich gegluͤckt, und es iſt ſchwer die möglichen Folgen davon zu berechnen, wenn nicht der unerwartete Anblick der Vorrathswagen die zugelloſe Naubgier der Araber erweckt haͤtten, troß der Vorſicht 39 ihres Fuͤhrers und der Anſtrengungen, welche er machte, um ſie zurüͤckzuhalten. Auf dieſe Weiſe war der Hinterhalt entdeckt worden. „Aber Varanes, in der Hoffnung, noch einige Vor⸗ theile durch die Schnelligkeit ſeiner Bewegungen er⸗ ringen zu koͤnnen, verſammelte ſo viele Reiter, als er der Beutegier entreißen konnte, und ruͤckte gegen die Roͤmer vor, welche bei dieſer unerwarteten Er⸗ ſcheinung Halt gemacht hatten. In unſren vorderſten Reihen herrſchte Unſicherheit und Unentſchloſſenheit, welche ſelbſt den Augen eines ſo armen Richters über kriegeriſche Bewegungen, als ich bin, nicht entgieng. Dagegen die Wäringer ſchrien einſtimmig: Die Beile voran, die Beile voran! Und da der Kaiſer huldreichſt dem Wunſche ihrer Tapferkeit gewährte, ſo traten ſie aus dem Nachtrabe eiligſt in den Vor⸗ trab. Ich vermag kaum zu ſagen, wie dieſe Bewe⸗ gung ausgefuͤhrt wurde; aber ohne allen Zweifel ge⸗ geſchah dieſes auf den weiſen Befehl des durchlauch⸗ tigſten Kaiſers, meines Vaters, welcher ſich in ſchwie⸗ rigen umſtaͤnden dieſer Art durch ſeine Geiſtesgegen⸗ wart auszeichnet. Ohne alle Widerrede wurde ſie durch den guten Willen der Truppen erleichtert; in⸗ dem die Roͤmiſchen Cohorten, mit dem Beinamen der Unſterblichen, wie mir ſchien, denſelben Eifer zeig⸗ ten) ſich in den Nachtrab zu ſtellen, als die Wäringer hatten, die von den Unſterblichen vornen leergelaſſenen Stellen einzunehmen. Dieſe Bewegung war ſo glück⸗ 40 lich ausgeführt worden, daß Varaues und ſeine Ara⸗ ber, als ſie zum Angriffe auf unſeren Vortrab heran⸗ kamen, daſelbſt die undurchdringlichen Glieder unſerer nordiſchen Soldaten antrafen. Ich haͤtte alles mit eigenen Augen anſehen und ſie als treue Zeugen al⸗ les deſſen, was bei dieſer Gelegenheit vorging, in An⸗ ſpruch nehmen können; aber die Wahrheit zu geſtehen, meine Augen waren wenig an ein ſolches Schauſpiel gewöhnt. Alles, was ich von dem Angriffe des Va⸗ ranes ſehen konnte, war eine dichte Staubwolke, wel⸗ che ſich raſch vorwärts waͤlzte, und durch welche man unvollkommen Lanzenſpitzen ſchimmern und Federbüſche auf den Turbanen der Reiter wehen ſah. Der Schlacht⸗ ruf wurde ſo laut geſchrieen, daß ich kaum den Schall der Trommeln und Cymbeln, welche zugleich ertönten, vernahm. Aber dieſe ſtürmiſchen wilden Wogen bra⸗ chen ſich, als ob ſie einen Felſen getroffen hätten. „Die Wäringer ließen ſich nicht durch den furcht⸗ baren Anfall der Araber erſchüttern, ſondern em⸗ pfingen die Roſſe und Reiter mit einem Hagel von Schlägen ihrer ſchweren Streitäxte, denen die Tapfer⸗ ſten der Feinde nicht entgegen zu treten wagten, und welche die Stärkſten nicht ungeſtraft aushalten konn⸗ ten. Die Leibwache verſtärkte ihre Glieder nach Art der alten Macedonier; die letzten drängten ſo dicht an die erſten, daß die ſchönen und leichten Renner der Idumäer nicht den geringſten Einbruch in den nordi⸗ ſchen Phalaux machen konnte. Die tapferſten Araber, 4⁴ die feurigſten Roſſe, fielen im erſten Gliede, die kur⸗ zen und ſchweren Wurfſpieße, welche die letzten Glie⸗ der der Wäringer mit eben ſo viel Kraft als Geſchick⸗ lichkeit ſchlenderten, vollendeten die Verwirrung der Feinde, welche voll Entſetzen den Rücken wandten und in Unordnung flohen. „Nachdem der Feind auf dieſe Weiſe zurückgetrie⸗ ben war, ſo ſetzten wir unſren Weg fort, und machten nicht eher Halt, als bis wir unſre Wagen fanden, wel⸗ che ſchon halb ausgeplündert waren. Hie wurden ei⸗ nige aus Bosheit eingegebenen Bemerkungen von ge⸗ wiſſen Bedienten des Kaiſerlichen Hauſes gemacht, welche, obwohl ſie über die Sicherheit des Wagenzuges hätten wachen ſollen, beim Herannahen der Ungläu⸗ bigen davongelaufen, und nicht eher wieder auf ihren Poſten gekommen waren, als bis ſie die Niederlage derſelben geſehen hatten. Dieſe Menſchen, ebenſo fer⸗ tig in Boshaftigkeit, als ſaumſelig in einem gefahr⸗ vollen Dienſte, hinterbrachten, daß die Wäringer bei dieſer Gelegenheit ſo ſehr ihre Pflicht vergeſſen hät⸗ ten, daß ſie einen Theil des heiligen, ausſchließlich für die Lippen Seiner Kaiſerlichen Majeſtät beſtimm⸗ ten Weines getrunken. Es würde ſtrafbar ſeyn, läng⸗ nen zu wollen, daß dieſes ein großer Fehler und ein ahndungswürdiger Irrthum war; indeſſen unſer Kai⸗ ſerlicher Held vergab ihnen dieſe Beleidigung und ſag⸗ te ſcherzend, da er von der Aele(wie ſie das Getränk nennen) ſeiner getreuen Leibwache getrunken, ſo hätten 42 die Wäringer ſich auch das Recht erworben, ihren Durſt zu löſchen, und ihre Miüdigkeit, welche ſie durch ihre muthige Vertheidigung des Kaiſers ſich zugezogen hätten, zu erleichtern ſelbſt auf Koſten des heiligen Inhalts des Kaiſerlichen Kellers. „Indeſſen hatte die Reiterei des Heeres, welcher die Verfolgung der fliehenden Araber aufgetragen worden war, ſie glücklich bis über die Gebirgskette hinausge⸗ trieben, die ſie noch neuerlich von den Römerngetrennt hatte. Man kann aſo mit Recht ſagen, daß die Waf⸗ fen des Kaiſers an dieſem Tage einen vollſtändigen und ruhmvollen Sieg davon getragen. „Wir müſſen nun von der Freude der Bürger von Lavcidäa ſprechen, welche von ihren Wällen herab un⸗ ter abwechſelnder Furcht und Hoffnung das Schwanken der Schlacht mit angeſehen hatten, und die jetzt herab⸗ eilten, um den Sieger zu begrüßen.“ In dieſem Augenblick wurde die ſchöne Leſerinn un⸗ terbrochen. Die Hauptthüre öffnete ſich, zwar ohne Geränſch, aber die beiden Flügel gingen zu gleicher Zeit auf, was nicht das Eintreten eines gewöhnlichen Höflings andeutete, der ſo wenig als möglich Aufſehen zu machen geſucht haben würde, ſondern, wie man bald ſehen wird, Jemanden von einem ſo erhabenen Range, daß er ſich wenig darum kuͤmmerte, ob ſeine Bewe⸗ gungen Aufſehen erregten. Nur eine im Purpur ge⸗ borne Perſon, oder welche doch dieſer ſehr nahe ſtand, konnte ſich eine ſolche Freiheit erlanben, und die Mei⸗ 43 ſten von der Geſellſchaft im Muſentempel, welche die Perſonen, die darinn erſcheinen konnten, genau kann⸗ ten, ſahen aus der Eile, womit geöffnet wurde, daß Nicephorus Briennes eintreten würde, der Eidam des Alexius Comnenus, der Gemahl der ſchönen Geſchicht⸗ ſchreiberin, und mit der Würde eines Cäſaren be⸗ kleidet; dieſe Wuͤrde aber bedeutete nicht mehr, wie in fruͤheren Jahrhunderten, die zweite Perſon im Reiche. Die Staatsklugheit des Alexius hatte meh⸗ rere Standes⸗Perſonen zwiſchen den Caͤſar und jene urſpruͤnglichen Rechte geſtellt, ſtatt daß fruͤher dieſe Wuͤrde unmittelbar nach dem Kaiſer folgte. „ Fänftes Kapitel. Es waͤchst der Sturm— das iſt kein Sonnenſchaner Genaͤhrt im feuchten Schooße des Aprils, Des Maͤrzes, auch nicht der, womit ſich gern Der duͤrre Sommer ſeine Lippe kuͤhlt. Des Himmels Fenſter klaffen weit, es rufen Die Tiefen laut ſich rauhe Gruͤße zu. Es kommt der Fluthen ſchauervoller Schaum, Wo iſt der Damm, der ſich entgegenſtemmt? Die Suͤndfluth. Ein Gedicht. Die ausgezeichnete Perſon, welche in dieſem Au⸗ genblicke eintrat, war ein edler Grieche von achtung⸗ gebietender Miene; ſeine Kleidung war mit den Zei⸗ 44 chen aller Wuͤrden geſchmuͤckt, mit Avsnahme der⸗ jenigen, welche Alexius allein für die Perſon des Kaiſers beſtimmt hatte, und ohne die des Sebaſtv⸗ frator, welcher er die zweite Stelle im Reiche, alſo unmittelbar nach dem Staatsoberhaupte, eingeraͤumt hatte. Nicephorus Briennes ſtand in der Bluͤthe der Jugend, und hatte noch alle Merkmale jener männlichen Schoͤhnheit, welche dieſe Ehe der Anna Comnena ſo angenehm gemacht hatte, während poli⸗ tiſche Betrachtungen und die Abſicht, ſich der Freund⸗ ſchaft eines maͤchtigen Hauſes zu verſichern, und die⸗ ſes an den Thron zu knuͤpfen, dieſe Heirath den Alexius hatten wuͤnſchen laſſen. Wir haben ſchon geſagt, daß der Vorzug der Prinzeſ⸗ ſin uͤber ihren Gemahl in den Jahren ziemlich zwei⸗ deutig war. Von ihren ſchriftſtelleriſchen Fähigkeit haben wir Proben geſehen. Indeſſen glaubten die beſſer Unterrichteten nicht, daß Anna Comnena bei allen jenen Anſpruͤchen auf Achtung ſo glucklich war, die ausſchließliche Zuneigung ihres ſchoͤnen Gemahls zu beſitzen. Sie hing zu enge mit der Krone zuſam⸗ men, als daß ſie Nicephorus hätte offenbar gleich⸗ guͤltig behandeln koͤnnen; aber auf der andern Seite war guch das Haus des Nicephorus zu maͤchtig, als daß der Kaiſer ſelbſt ihm haͤtte Geſetze vorſchreiben koͤnnen. Er beſaß, wie man glaubte, Fähigkeiten, die im Frieden wie im Krieg nuͤtzlich ſeyn konnten⸗ Man horte alſo ſeinen Rath an, und man erbat ſich 45 die unterſtuͤtzung ſeiner Einſichten; ſo daß er eine vollkommene Freiheit hinſichtlich der Verwendung ſeiner Zeit in Anſpruch nahm. Er begab ſich biswei⸗ len nicht ſehr regelmaͤßig in den Muſentempel, weil die Göttin, die darin den Vorſitz führte, nicht das Recht zu haben glaubte ſeine Gegenwart daſelbſt zu verlangen, oder weil die Kaiſerin Irene es nicht von ihm fordern wollte aus Ruͤckſicht fuͤr ihre Tochter. Der Kaiſer Alerius beobachtete in dieſer Angelegen⸗ heit eine Art Neutralitaͤt, und ſuchte ſie ſoviel als möglich den Angen des Publikums zu entziehen, weil er wußte, daß er aller Kraͤfte jenes ganzen Hauſes edurfte, um ſich auf dem Throne eines ſo erſchütter⸗ ten Reiches zu erhalten. Er druͤckte ſeinem Eidam die Hand, als dieſer im Vorbeigehen am Throne ſeines Schwiegervaters ein Knie zum Zeichen ſeiner Ehrfurcht beugte. Das ge⸗ zwungene Betragen der Kaiſerin verrieth einen käl⸗ teren Empfang; und die ſchoͤne Muſe ſelbſt wuͤrdigte kaum ihren ſchoͤnen Gemahl nach ſeinem Eintreten eines Blickes, als er ſich neben ihr auf dem ihm be⸗ ſtimmten Sitze niederließ, den wir ſchon beſchrieben haben. Einige Augenbllcke eines verlegenen Schweigens gingen voruͤber, waͤhrend welcher der Eidam des Kaiſers, der ſo kalt empfangen worden, wo er ei⸗ nen herzlichen Willkomm erwartete, eine leichte Un⸗ terhaltung mit der ſchoͤnen Sklavin Aſtarte anzuknu⸗ 46 pfen ſuchte, welche hinter ihrer Gebieterin niederkniete. Die Prinzeſſin unterbrach ihn aber; indem ſie ihrer Dienerin befahl, die Handſchrift in das Käͤſtchen, woraus ſie genommen worden, wieder einzuſchließen⸗ und dieſes ſelbſt in das Gemach des Apollo zu⸗ ruͤckzutragen, welches der gewoͤhnliche Schauplatz der Studien der Prinzeſſin war, wie der Muſentempel gewoͤhnlich zu ihren Vorleſung diente. Der Kaiſer brach zuerſt dieſes unangenehme Schwei⸗ gen.— Schoͤner Eidam, ſagte er, obwohl die Nacht ſchon etwas vorgerückt iſt, ſo werdet ihr doch euch ſelbſt wehe thun, wenn ihr zugebet, daß unſre Anna dieſe Rolle zuruͤckſchickt, welche dieſer Geſellſchaft ſo viel Vergnügen gewaͤhrt hat, daß man ſagen kann, die Wuͤſte habe Roſen erzeugt, und Milch und Honig ſey von trocknen Felſen gefloſſen, wenn man den be⸗ ſchwerlichen und gefahrvollen Feldzug mit der durch den herrlichen Styl unſerer Tochter ſo angenehm ge⸗ machten Beſchreibung davon vergleichet. Der Cäſar, ſagte die Kaiſerin, ſcheint wenig Ge⸗ ſchmack an den zarten Gerichten dieſer Art, welche dieſe Familie aufweiſen kann, zu finden. Er hat ſich neuerdings mehrere Male von dem Muſentempel entfernt gehalten, und wird ohne Zweifel anders⸗ wo angenehmere Unterhaltung und Zeitvertreib ge⸗ funden haben. Ich ſchmeichle mir, ſagte Nicephorus, daß mich mein Geſchmack gegen dieſe Anklage rechtferti⸗ 47 gen kann. Aber es iſt ganz natuͤrlich, daß un⸗ ſer hochheiliger Vater ſehr bezaubert iſt von den fuͤr ſeinen beſonderen Gebrauch erzeugten Milch⸗ und Honigbaͤchen. Die Prinzeſſin antwortete wie ein junges ſchoͤnes Miädchen, welches von ſeinem Liephaber beleidigt wor⸗ den, und welches ihm uͤber dieſe Veleidigung grollt, aber dennoch einer Ausſoͤhnung nicht abgeneigt iſt: Wenn die großen Thaten des Nicephorus Briennes, ſagte ſie, minder haͤufig in dieſer armen Pergament⸗ rolle gefeiert ſind, als die meines erlauchten Vaters, ſo muß er mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſich zu erinnern, daß dieſes auf ſein ausdruckliches Verlangen geſchah, mag nun dieſes Verlangen aus jener Beſcheidenheit entſprungen ſeyn, welche man ihm mit Recht beilegt, und die nur ſeine uͤbrigen Eigenſchaften zu zieren und zu erheben dient, oder mag er mit Grund in Fähigkeiten ſeiner Gemah⸗ lin, ſie wuͤrdig zu preißen, Mißtrauen ſetzen. Wir wollen alſo Aſtarte zuruͤckrufen, ſagte die Kai⸗ ſerin. Sie kann ihr Opfer noch nicht in das Gemach des Apollo getragen haben. Nach Ihrem Kaiſerlichen Wohlgefallen, ſagte Ni⸗ cephorus, aber der Pythiſche Apollo möchte ſich be⸗ leidigt fuͤhlen, daß man ihm einen Schatz entzoͤge, deſſen Werth er allein zu ſchätzen vermag. Ich bin hierher gekommen, um den Kaiſer uͤber dringende Staats⸗Angelegenheiten zu ſprechen, aber nicht um 48 eine wiſſenſchaftliche Unterhaltung mit einer Ge⸗ ſellſchaft zu haben, welche, ich darf es ſagen, mir ganz beſonders gemiſcht ſcheint, da ich einen ge⸗ meinen Soldaten der Leibwache im Kaiſerlichen Kreiſe erblicke. Beim Kreuze des Erlöſers! mein Eidam, rief Alexius, ihr thut dieſem tapferen Soldaten Unrecht. Er iſt der Bruder des tapferen Angeldaͤnen, welcher uns den Sieg bei Laodicaa durch ſein unerſchrocke⸗ nes Benehmen und ſeinen ruhmvollen Tod ſicherte. Es iſt Edmund, oder Eduard, oder Hereward, dem wir es ewig Dank wiſſen werden, daß er uns den Sieg an dieſem glorreichen Tag geſichert hat. Er iſt vor uns beſchieden worden, mein Eidam, denn dieß iſt euch wichtig zu wiſſen, um in dem Gedaͤcht⸗ niſſe unſeres Akoluthos, ſo wie in dem meinigen ei⸗ nige einzelne Vorfaͤlle dieſes Tages aufzufriſchen, welche ſonſt unſerer Erinnerung entfallen wuͤrden. In der That, entgegnete Briennes, es thut mir leid, daß mein Erſcheinen in der Mitte dieſer wichtigen Unterſuchungen einen Theil dieſes Lichtes abgeſchnitten hat, welches die kuͤnftigen Jahrhunderte erleuchten ſoll. Es duͤnkt mir, daß in einer unter euren Kaiſerlichen Befehlen und denen eurer großen Feldherrn gelieferten Schlacht Euer Zeugniß wohl das eines öhnlichen Menſchen entbehren kann.— Sage mir, fuhr er fort, ſich gegen den Waͤringer wendend, mit hochfahrendem Lone, welche Einzelhei⸗ 49 ten vermagſt du noch anzugeben, die ſich nicht in der Beſchreibung der Prinzeſſin finden? Hereward antwortete auf der Stelle: Keine, aus⸗ genommen, daß die Muſik, welche bei un rem Halte an der Quelle von den Frauen des Kaiſerlichen Hau⸗ ſes und vornehmlich von den beiden, welche ich in dieſem Augenblicke ſehe, die vorzuͤglichſte war, die meine Ohren jemals vernommen haben. Ha! ſchrie Nicephorus, wageſt du eine ſo perwe⸗ gene Meinung zu äußern? Darf ein Menſch, wie du, nur einen Augenblick ſich einbilden, daß die Mu⸗ ſik, welche die Gemahlin und Tochter des Kaiſers zu machen geruhten, dazu beſtimmt ſeyn konnte, ein Gegenſtand des Vergnuͤgens und Urtheils fuͤr den erſten beſten niedrigen Barbaren, der ſie hoͤrte, zu werden? Hebe dich weg von hier, und huͤte dich, je wieder, unter welchem Vorwande es ſey, dich vor meinen Augen ſehen zu laſſen. Jedoch immer nach dem Wohlgefallen unſeres kaiſerlichen Schwiegervaters! Der Wäringer wandte ſeine Augen auf Achilles Tatius, als auf denjenigen, von dem er den Befehl erwartete zu bleiben oder zu gehen. Aber der Kai⸗ ſer rief ſelbſt die Sache mit vieler Wuͤrde vor ſeinen Richterſtuhl. Mein Sohn, ſagte er zu Nicephorus, wir können dieſes Benehmen nicht dulden. Wie es ſcheint in Folge eines ehelichen Zwiſtes zwiſchen euch und mei⸗ ner Tochter erlaubt ihr euch auf eine auffallende W. Scott's ſämmtl. Werte. 2648 Boch, 4 50 Weiſe unſere kaiſerliche Wuͤrde zu vergeſſen, und waget diejenigen, welche wir geruht haben vor uns zu beſcheiden, fortzuſchicken. Das iſt weder gerecht, noch geziemend; und es beliebt uns, daß der beſagte Hereward oder Eduard, oder wie er ſonſt heißen mag, uns in dieſem Augenblicke nicht verlaͤßt, und daß er zu keiner Zeit andere Befehle als die unſrigen oder die unſeres Akoluthos Achilles Tatius befolgt. Und gegenwaͤrtig wollen wir dieſe thoͤrichte Eroͤrterung, welche ein ſchlimmer Wind, wie ich glaube, unter uns aufgeregt hat, auf die Seite ſchieben, und ver⸗ langen zu wiſſen, welches die wichtigen Staatsgeſchaͤfte ſind, die euch zu einer ſo ſpäten Stunde vor uns ge⸗ fuhrt haben. Ihr ſeht noch immer dieſen Waͤringer an; ſeine Anweſenheit ſoll euch nicht abhalten zu ſprechen, ich erſuche euch darum; denn er ſteht auf einer ſo hohen Stufe unſeres Vertraueus als irgend einer unſrer Raͤthe, die in unſrem beſondern Dienſte einen Eid geleiſtet haben. Hören heißt gehorchen, antwortete der Eidam des Kaiſers, welcher ſah, daß Alerius etwas gereizt war⸗ und der wußte, daß es in einem ähnlichen Falle nicht ſicher noch gerathen waͤre, ihn aufs Aeußerſte zu trei⸗ ven. Was ich zu ſagen habe, fuhr er fort, wird in ſo kurzer Zeit bekannt werden, daß es gleichgultig iſt wer es hört. Und doch hat das Abendland, das ſo reich iſt an ſeltſamen Veraͤnderungen, niemals in die oͤſtliche Hälfte des Erdkreiſes ſo beunruhigende 51 Reuigkeiten geſchickt, als die, welche ich Ew. kaiſ. Mai. anzukuͤndigen habe. Europa ſcheint, um einen Aus⸗ bruck von der Dame zu borgen, welche mich mit dem Namen ihres Gatten beehrt, in ſeinen Grundfe⸗ ſten erſchuͤttert und im Begriffe, ſich auf Aſien zu ſtuͤrzen. Alſo habe ich mich ausgedruckt, ſagte die Prinzeſ⸗ ſin Anna Comnena, und zwar, wie ich mir ſchmeich⸗ le, nicht ohne einige Wahrheit, als das Geruͤcht bis zu uns drang, daß der unruhige und wilde Geiſt dieſer Barbaren Europas Voͤlkerſtroͤme auf unſere weſtliche Graͤnzen gewaͤlzt haͤtte, in dem tollen Vor⸗ haben, Syrien zu erobern, als der heiligen Orte, welche durch die Grabmaͤler der Propheten ausge⸗ zeichnet waͤren, ſo wie durch den Schauplatz des Maͤr⸗ tyrthums der Heiligen, und durch die großen im Evangelium beſchriebenen Ereigniſſe. Aber nach der gemeinen Sage iſt dieſer Sturm nach ſeinem Aus⸗ bruche ſogleich wieder verjagt worden, und wir hoff⸗ ten, daß die Gefahr zu gleicher Zeit voruͤbergegangen ſey. Wir wuͤrden ſehr betruͤbt ſeyn zu erfahren, daß dem nicht ſo iſt. Und doch muͤſſen wir uns darauf gefaßt machen, ſagte ihr Gatte. Es iſt allerdings wahr, wie man uns berichtet hat, daß eine ungeheuere Menſchen⸗ menge von niedrigem Stande und weniger Bildung auf das Anſtiften eines wahnſinnigen Eremiten die Waffen ergriffen, und ſich aus Deutſchland nach Un⸗ 52 garn begaben, in der Hoffnung, daß ſich Wunder zu ihren Gunſten begeben würden, wie zu der Zeit, wo Israel in der Wüſte durch eine Feuerſäule und ein Gewoͤlk geleitet wurde. Aber ſie ſahen keine Manna noch Wachteln herabregnen, um ſie als auserwähltes Volk Gottes zu bezeichnen, und das Waſſer ſprang nicht aus einem Felſen, um ihren Durſt zu ſtillen. Ihre Leiden ſetzten ſie in Wuth, und ſie ſuchten ihre Beduͤrfniſſe durch Pluͤnderung des Landes zu befrie⸗ digen. Da aber fielen die Ungarn und andere Völ⸗ kerſchaften auf unſere weſtlichen Graͤnzen, wiewohl auch Chriſten wie ſie, uͤber dieſe unordentliche Volks⸗ maſſe her, und häuften ungeheure Knochenberge in den wilden Päſſen und trockenen Wuſten auf als Zeugniſſe von der blutigen Niederlage dieſer Rotten unreiner Pilger. Wir wußten das Alles, ſagte der Kaiſer; aber welche neue Geißel bedroht uns heute wieder, da wir erſt eben einer ſo großen Gefahr entgangen ſind? Wir wußten es ſchon! anwortete der Prinz Riee⸗ phorus. Wir wußten nichts von unſerer wahrhaften Gefahr, ausgenommen etwa, daß eine Heerde wilder Thiere, ſo viehiſch und wüthend wie die Auerochſen, ſich einen Weg nach den Weiden, die ihre Lüſte er⸗ regten, zu bahnen drohten, und daß ſie im Vvorüber⸗ gehen das griechiſche Reich und ſeine Umgebungen über⸗ ſchwemmten in der Hoffnung, daß ſie Paläſtina mit ſeinen Strömen von Milch und Honig noch ein 55 mal erwartete, wie das auserkohrene Volk Gottes. Aber der Einfall ungeordneter Wilden konnte einer ge⸗ bildeten Nation wie den Römern keinen Schrecken er⸗ regen. Dieſe Heerde von unvernünftigem Vieh wurde durch unſer griechiſches Feuer erſchreckt; ſie fielen in die Schlingen und unter den Geſchoſſen barbari⸗ ſcher Völker, welche in ihrem Streben nach Unabhängig⸗ keit, unſere Gränze wie ein ſchützender Wall, decken. Dieſe elende Menge wurde ſelbſt durch die Art Le⸗ bensmittel, die man ihr reichte, vernichtet: welches weiſe Mittel des Widerſtandes durch die väterliche Sorgfalt des Kaiſers und ſeine untruͤgliche Staats⸗ klugheit erfunden worden war. Auf dieſe Weiſe hat ſich ſeine Weisheit hervorgethan, und der Nachen, auf welchem das Gewitter losgebrochen war, entging trotz der Gewalt des Sturmes. Aber das zweite Unge⸗ witter, welches ſobald auf das erſte folgt, iſt durch einen neuen Einfall dieſer abendländiſchen Voͤlker her⸗ vorgebracht, und es iſt furchtbarer als irgend eines von allen denjenigen, welche wir oder unſere Väter jemals geſehen haben. Es ſind keine Unwiſſenden und Schwärmer mehr, keine Menſchen von niedriger Herkunft, ohne Vermögen und Einſicht. Alles, was nur das große Europa von Klugheit und Fähigkeiten, von Tapferkeit und hoher Herkunft beſitzt, iſt gegenwärtig durch die heiligſten Gelübde zu demſelben Zwecke verbunden. Und welches iſt dieſer Zweck? fraate ate Alexius. Sprecht deutlich. Will man unſer römiſches Reich 54 zerſtören, und den Namen ſeines Gebieters aus der Liſte der Fürſten der Erde ſtreichen, unter welchen er ſo lange Zeit hindurch die erſte Stelle behauptet hat? Kein anderer Beweggrund konnte hinreichen, eine Verbindung wie die, wovon ihr ſprecht, zu Stande zu bringen. Ein ſolcher Zweck iſt nicht ausgeſprochen; und ſo viele Fürſten, ſo viele weiſe Männer, ſo viele Staats⸗ miniſter erſtern Ranges, haben, wie man behauptet, keinen andern Zweck, als welcher dem unſinnigen Vor⸗ haben dieſer unzählbaren Menge Thiere vorſchwebte, welche früher in dieſen Gegenden erſchienen ſind. Sehet: Hugo von Vermandvis, mit dem Beina⸗ men Hugo der Große von ſeiner Würde, iſt von den ufern Italiens abgeſegelt. Zwanzig Ritter in ſtähler⸗ ner mit Gold ausgeſchlagener Rüſtung haben ſchon ihre Ankunft verkuͤndet, und bringen dieſe anmaßende Botſchaft:„Man thut dem Kaiſer Griechenlands und ſeinen Stellvertretern zu wiſſen, daß Hugo, Graf von Vermandvis gegen ſein Reich im Anzuge iſt. Er iſt der Bruder des Königes der Könige,— das heißt des Königes von Frankreich,— und ihm folgt die Blüthe des Franzöſiſchen Adels. Er trägt die ſeligmachende Fahne des heiligen Petrus, welche ſei⸗ nen ſiegreichen Händen von dem heiligen Stellver⸗ treter dieſes Apoſtels anvertraut worden iſtz und er giebt dir dieſe Nachricht, damit du ihn ſeiner Würde gemäß empfangen mögeſt.“ 55 Das ſind ja ſehr hochtrabende Worte, ſagte der Kaiſer; aber der am ſchärfſten pfeifende Wind iſt nicht immer der gefährlichſte für das Schiff. Wir wiſſen etwas von dieſem franzöſiſchen Volke, und wir haben noch mehr davon ſprechen hören. Es iſt wenigſtens ein eben ſo muthwilliges als tapferes Volk. Wir werden ſo lange ſeiner Eitelkeit ſchmeicheln, bis wir den Augenblick und die Gelegenheit finden, ihm einen wirkſamern Widerſtand entgegen zu ſtellen. So, ſo; wenn Worte Schulden bezahlen können, ſo iſt nicht zu beſorgen, daß unſer Schatz jemals Mangel leide. — Und was haſt du da noch weiter, Nicephorus? Ohne Zweifel die Liſte von denen, welche im Gefolge dieſes großen Grafen kommen? Nein, antwortete Ricephorus Briennes. Die Na⸗ men, welche Ew. Kaiſerl. Maj. auf dieſem Perga⸗ meute ſieht, gehören ebenſovielen unabhängigen An⸗ führern, ebenſovielen unabhängigen europäiſchen Heeren an, welche auf verſchiedenen Straßen nach dem Mor⸗ genlande ziehen, und welche verkünden, daß ihr gemein⸗ ſchaftlicher Zweck iſt, Paläſtina von den Ungläubigen zu erobern. Das Verzeichniß iſt erſchrecklich groß, ſagte der Kai⸗ ſer, indem er die Liſte durchging! und dennoch iſt es ein Gluck, daß es ſo lang iſt. Dieſer Umſtand bürgt uns dafür, daß unmöglich eine ſo große Anzahl Für⸗ ſten ſich ernſtlich und entſchloſſen für ein ſo ſeltſames Vorhaben vereinigt haben. Meine Angen. fallen ſchon — 56 auf den Namen eines alten Freundes, der jetzt un⸗ ſer Feind iſt;— ſo iſt der Wechſel und das Geſchick des Friedens und Krieges:— Bohemund von Sicilien. — Iſt er nicht der Sohn des berühmten Robert von Apulien, der bei ſeinen Mitbürgern ſo in Anſehen ſtand; der ſich von einem gewöhnlichen Ritter zur Würde eines Großherzogs erhob, und Herrſcher ſeines Volkes in Sicilien und Italien wurde? Wiechen nicht die Banner des deutſchen Kaiſers und des römiſchen Oberprieſters, ja ſelbſt unſere kaiſerlichen Fahnen vor ihm zurück? Endlich, wurde er nicht, der ein eben ſo geſchickter Staatsmann, als tapfrer Krieger war, der Schrecken Europas, da er zuvor ein gewöhnlicher Rit⸗ ter geweſen, deſſen Schloß in der Normandie zur vollſtändigen Beſatzung nicht mehr als ſechs Bogen und ebenſoviel Lanzen erforderte? Das iſt eine furcht⸗ bare Familie, ein ebenſo liſtiges als mächtiges Ge⸗ ſchlecht. Aber Bohemund, der Sohn des alten Robert wird dieſelbe Politik wie ſein Vater befolgen. Er mag von Paläſtina und den Intereſſen der Chriſten⸗ heit ſprechen; aber wenn ich es erreiche, ſeinen Vor⸗ theil mit dem meinigen in Einklang zu bringen, ſo läßt er ſich wahrſcheinlich von keiner andern Rückſicht mehr leiten. Alſo nach der Kenntniß, welche ich ſchon von ſeinen Planen und Wünſchen habe, iſt es möglich, daß der Himmel uns in ihm einen Verbündeten unter dem Anſchein eines Feindes ſendet.— Wer folgt da⸗ rauf? Gottfried Herzog von Byuillon,— er führt 57 wie ich ſehe, ein ſehr furchtbares Heer, welches er an den Ufern eines großen Stromes, mit Namen Rhein ausgehoben hat. Welchen Charakter hat dieſer Mann? Soviel wir erfahren haben, ſagte Nicephorus, iſt dieſer Gottfried einer der weiſeſten, edelſten und ta⸗ pferſten Anführer, welche ſich auf ſolche ſeltſame Weiſe in Bewegung geſetzt haben; und auf dieſer Liſte un⸗ abhängiger Fürſten, welche eben ſo zahlreich ſind, wie diejenigen, die ſich zur Belagerung Troja's verſammel⸗ ten, und welche meiſtentheils von zehenmal beträcht⸗ licheren Schaaren begleitet werden, kann man dieſen Gottfried als den Agamemnon betrachten. Die Für⸗ ſten und Grafen achten ihn, weil er unter denjenigen, denen ſie den wunderlichen Namen der Ritter geben, oben anſteht, ſo wie wegen der Aufrichtigkeit und Großmuth, welche er in ſeinem ganzen Betragen zeigt. Die Geiſtlichkeit rühmt ſeinen Glaubenseifer, ſeine Ehrfurcht vor der Kirche und deren Würdeträgern. Seine Gerechtigkeit, ſeine Freigebigkeit und Offenheit haben ebenſo die niedrigen Volksklaſſen an dieſen Gott⸗ fried von Bouillon gefeſſelt. Die Sorgfalt, mit wel⸗ cher er ſeine moraliſchen Pflichten erfüllt, iſt für ſie eine Bürgſchaft, daß er von dem wahren Geiſte des Glaubers beſeelt iſt; endlich geben ihm ſoviele ausge⸗ zeichnete Eigenſchaften, womit er begabt iſt, das An⸗ ſehen eines der hauptſaͤchlichſten Anführer, obwohl er an Wirden, Herkunft und Macht bei weitem hinter vielen Fürſten des Kreuzzuges zurückſteht. 9eb 5aſ* 58 Es iſt Schade, ſagte der Kaiſer, daß ein Fürſt von einem ſolchen Charakter, wie ihr ihn ſo eben geſchil⸗ dert habt, dem Einfluße einer Schwärmerei unter⸗ worfen iſt, wie ſie kaum Peter dem Eremiten, oder der dummen Pöbelſchaar, die er anführte, oder ſelbſt dem Eſel, den er ritt, anſteht. Ja, ich glaube, daß dieſer Eſel das klügſte Geſchöpf von der ganzen erſten Schaar, die wir geſehen haben, war, denn er floh nach dem Weſten zurück, ſobald Waſſer und Gerſte zu mangeln anfingen. Wenn es mir erlaubt wäre zu ſprechen und zu le⸗ ben, ſagte Agelaſtes, ſo würde ich bemerken, daß der Patriarch ſelbſt einen ähnlichen Rückzug machte, als er ſah, daß es Schläge ſtatt Manna regnete, und daß die Lebensmittel ſelten wurden.— Dieſe Bemerkung iſt ſehr richtig, ſagte der Kaiſer. Aber es fragt ſich jetzt, ob man nicht etwa ein anſtändiges und bedeu⸗ tendes Fürſtenthum aus einem Theile der Provinzen Klein⸗Aſiens, die jetzt von den Türken verwüſtet wer⸗ den, bilden könnte. Es däucht mir, daß ein ſolches Fürſtenthum, mit allen Vortheilen des Bodens und Himmelsſtriches, mit fleißigen Einwohnern, und einer geſunden Luft, die Sümpfe von Bouillon hinlänglich aufwiegen würde. Es könnte als Zubehör des heili⸗ gen römiſchen Reichs betrachtet, und von Gottfried mit ſeinen ſiegreichen Franken vertheidigt werden: es würde auf dieſem Punkte ein Bollwerk für unſere heſlige Perſon ſeyn. Wie wäre es, heiliger Patriarch, 59 ſollte eine ſolche Ausſicht nicht die Anhänglichkeit des frömmſten Kreuzfahrers für den brennenden Sand Pa⸗ laͤſtinas erſchüttern? Beſonders, antwortete der Patriarch, wenn der Fürſt, dem eine ſo reiche Provinz als lehenbares Eigenthum zufiele, ſich vorläufig zu dem wahren Glauben bekehrt haͤtte, wie es Ew. kaiſerlichen Poheit ohne Zweifel verſteht. Gewiß, ohne allen Zweifel, antwortete der Kaiſer mit einem angemeſſenen Scheine von Ernſt, obwohl er im Grunde wußte, wie vftmals ihn Staatsrückſichten gezwungen hatten, unter ſeine Unterthanen nicht al⸗ lein lateiniſche Chriſten, ſondern Manichäer und an⸗ dere Ketzer, ja ſelbſt barbariſche Muſelmänner aufzu⸗ nehmen, ohne daß er irgend einen Widerſtand von dem Gewiſſenszweifel des Patriarchen erfahren hatte. Ich finde hier, fuhr der Kaiſer fort, eine ſo zahlreiche Liſte von Fürſten und Völkern, die ſich unſern Grän⸗ zen nähern, daß man ſie mit jenen Heeren des Alter⸗ thums vergleichen koͤnnte, von denen man erzählte, ſie haͤtten Flüſſe ausgetrocknet, Königreiche erſchöpft, und Wälder niedergeſtürzt, auf ihrem verheerenden Zuge.— Bei dieſen Worten verbreitete ſich ein leichter Anflug von Bläſſe über die kaiſerliche Stirn, ähnlich derjenigen, welche ſchon mit trübem Schleier das Geſicht ſeiner meiſten Räthe bedeckte. Der Krieg dieſer Voͤlker, hub Nicephorus wieder an, bietet auch Umſtände dar, welche ihn von jeden 60 anderen unterſcheiden, mit Ausnahme desjenigen, welchen Ew. Kaiſ. Maj. früher gegen dieſe Völker, die wir Franken nennen, geführeihat. Wir ſollen gegen Männer ziehen, für die das Getümmel der Schlachten wie der Hauch ihrer Naſe iſt; welche blos um Krieg zu führen, ihre naͤchſten Nach⸗ barn angreifen, und ſich einander zum Todeskampfe mit ebenſoviel Heiterkeit herausfordern, wie wir einen Kameraden zum Wagenrennen. Sie ſind mit einer Rüſtung von undurchdringlichem Stahle bedeckt, wel⸗ che ſie vor Lanzenſtichen und Säbelhieben ſichert, und welche ſie nur durch die außerordentliche Kraft ihrer Pferde zu tragen vermögen, während die unſerigen eher den Berg Olympos auf ihr Kreuz nehmen könn⸗ ten. Ihr Fußvolt trägt eine Waffe zum Schleudern von Pfeilen, welche uns unbekannt iſt. Sie nennen ſie Armbruſt. Man ſchießt damit nicht vermittelſt der rechten Hand, wie mit dem Bogen der andern Völker, ſondern indem man den Fuß auf die Waffe ſelbſt ſtellt, und mit aller Kraft darauf drückt. Dieſe Waffe wirft Geſchoſſe, welche ſie Bolzen nennen, und welche aus einem ſehr harten Holze verfertigt werden, woran man eine eiſerne Spitze befeſtigt: ſie werden mit ei⸗ ner ſolchen Gewalt geſchoſſen, daß ſie die ſtärkſten Harniſche durchdringen, ſelbſt ſteinerne Mauern, wenn ſie nicht ungewöhnlich dick ſind. Genug, ſagte der Kaiſer. Wir haben mit eigenen Augen die Lanzen der Fränkiſchen Ritter und die 6¹ Armbrüſte ihres Fußvolks geſehen. Wenn der Him⸗ mel ihnen ein Maß von Tapferkeit verliehen hat, das den andern Völkern faſt uͤbernatürlich erſcheint, ſo hat die Vorſehung dagegen den Griechen jene Klug⸗ heit geſchenkt, welche ſie den Barbaren verſagt hat, — die Kunſt, mehr durch Weisheit, als durch rohe Kraft Eroberungen zu machen,— den Weg, durch unſere Einſicht vermittelſt Verträgen Vortheile zu erhalten, welche der Sieg uns ſelbſt nicht hätte ver⸗ ſchaffen können. Wenn wir nicht den Gebrauch jener furchtbaren Waffe, welche unſer Eidam Armbruſt nennt, kennen, ſo hat der uns günſtige Himmel dieſen Barbaren des Abendlandes die Bereitung des griechi⸗ ſchen Feuers, und die Benutzungsweiſe deſſelben ver⸗ borgen. Nicht ohne Grund hat man ihm dieſen Na⸗ men gegeben, weil es nur von der Hand der Griechen bereitet worden, und weil nur ſie ſeine Blitze auf den beſtürzten Feind zu ſchleudern vermögen.— Der Kaiſer verſtummte auf einen Augenblick, und warf einen Blick um ſich herum: und obwohl das Geſicht ſeiner Rathgeber noch mit Bläſſe bedeckt war, ſo fuhr er doch entſchloſſen fort: doch um auf dieſes fatale Verzeichniß der Völkerſchaften, welche den Graͤnzen unſeres Reiches nahen, zurückzukommen, ſo treffen wir da mehr als eine, mit welcher unſer altes Ge⸗ dächt niß uns vertraut machen ſollte, obwohl es uns uur entfernte und verworrene Erinnerung darbietet. Es iſt von Wichtigkeit, daß wir alle dieſe Völker ge⸗ 62 nau kennen lernen, um aus ihrer Zwiſtigkeit und Un⸗ einigkeit, die vielleicht jetzt unter ihnen beſteht, Vor⸗ theil zu ziehen, und damit wir, indem wir unter ih⸗ nen das Feuer der Zwietracht ſchüren, ſo glücklich werden mögen, ſie von der Fortſetzung eines ſo unge⸗ wöhnlichen Unternehmens, zu welchem ſie ſich jetzt verbunden haben, abzuwenden.— Hier iſt zum Bei⸗ ſpiel ein Robert, genannt Herzog von der Norman⸗ die, welcher eine zahlreiche Schaar Grafen befehligt: dieſen Titel kennen wir nur zu gut; die Bedeutung des Wortes Graf iſt uns zwar fremd, aber es iſt ohne Zweifel ein Ehrentitel bei dieſen Barbaren, und Ritter iſt wahrſcheinlich ein Wort der fränkiſchen Sprache, oder eines andern Kauderwelſches, das wir nicht verſtehen. An euch, höchſt verehrungswürdiger und gelehrter Patriarch, muß ich mich daher vor Al⸗ lem wenden, um über dieſen Gegenſtand eine Aufklä⸗ rung zu erhalten. Die Pflichten meines Amtes, antwortete der Pa⸗ triarch Zoſimus, haben mich, ſeitdem ich in das reifere Alter getreten bin, verhindert, die Geſchichte ferner Königreiche zu ſtudiren. Aber der weiſe Agelaſtes, der ſo viele Bücher geleſen hat, als nöthig geweſen wären, um die Fächer der beruͤhmten Alexandriniſchen Bibliothek auszufüllen, kann yhne Zweifel auf die Fragen Ew. kaiſ. Maj. antworten. Agelaſtes richtete ſich gerade empor auf ſeinen un⸗ ermüdlichen Beinen, welche ihm den Beinamen des 65 Elephanten eingetragen hatten, und begaun auf der Stelle eine Antwort, welche bemerkenswerther war, wegen ihrer Schnelligkeit, als wegen der Genauigkeit der Angaben, die ſie enthielt.— Ich habe, ſagte er, in jenem glänzenden Spiegel, welcher die Zeiten unſe⸗ rer Väter zurückſtrahlt, in den Schriften des weiſen Procopius geleſen, daß die Voͤlker, welche man unter⸗ ſcheidet durch den Namen der Normänner und Eng⸗ laͤnder, in der That von demſelben Stamme ſind, und daß die bisweilen ſogenannte Normandie im Grunde einen Theil Frankreichs bildet. Darüber hinaus, und faſt gerade gegenüber liegt, nur von einem Meerarme getrennt, eine düſtere Gegend, die Heimath der Stürme und mit ewigem Gewölke bedeckt; welche Gegend bei den Nachbarn des Feſtlandes als das Land bekannt iſt, wohin die Seelen nach ihrer Trennung vom Leibe wandern. Auf der einen Seite der Meerenge wohnen einige Fiſcher, welche eine ſeltſame Urkunde beſitzen, und beſonderer Freiheiten genießen, in Betracht weil ſie während ihres Lebens die Geſchäfte verrichten, die das Heidenthum dem Charon beilegte, und weil ſie die Geiſter der Verſtorbenen hinüber auf die Inſel führen, welche ihr Aufenthalt nach dem Tode iſt. Mitten in der Nacht werden dieſe Schiffer der Reihe nach aufge⸗ fordert, ihre Pflicht zu erfüllen, weil an dieſe Erfül⸗ lung die Erlaubniß auf dieſer ſelltſamen Küſte zu wohnen, geknüpft iſt. Man hoͤrt ein Klopfen an der Thüre des⸗ jenigen, an dem die Reihe iſt, dieſen ſonderbaren 54 Dienſt zu verrichten; aber keine ſterbliche Hand verur⸗ ſacht dieſes Klopfen. Ein leichtes Geraͤuſch wie das eines ſich legenden Windes ruft den Fährmann zu ſeiner Pflicht. Er eilt zu ſeinem Nachen am Ufer, und kaum hat er ihn in das Meer gelaſſen, ſo ſenkt ſich der Kiel in das Waſſer und zeigt auf dieſe Weiſe das Gewicht der Todten an, womit er angefüllt iſt. Keine Geſtalt iſt zu ſehen; und obwohl man Stimmen vernimmt, ſo ſind doch die Laute ſo unbeſtimmt, wie die eines ſchlafenden Menſchen. Auf dieſe Weiſe ſetzt er über die Meerenge, welche das Feſtland von dem Eilande ſcheidet, mit dem geheimnißvollen Schrecken, welcher ſich der Lebendigen bemeiſtert, wenn ſie wiſſen, daß ſie in der Geſellſchaft von Todten ſind. Sie langen an der entgegengeſetzten Küſte an, wo weiße Felſen einen ſeltſamen Gegenſatz mit den ewigen Finſterniſſen der Luft bilden. Die Seeleute halten an dem zur Landung beſtimmten Orte ſtill, aber ſie verlaſſen nicht ihren Nachen, denm nie⸗ mals betritt ein Sterblicher dieſes Land. Hier wird der Nachen allmählich leichter durch den Austrikt der nicht mehr dieſer Welt angehörenden Weſen, welche ihn eingenommen hatten, und welche jetzt auf dem ihnen vorgeſchriebenen Wege vorwärts eilen, indeſſen die Seeleute nach der andern Seite der Meerenge zuruͤck⸗ kehren, nachdem ſie dieſen ſonderbaren Dienſt verrichtet, welchem ſie die Benützung ihrer Fiſcherhütten und ihrer Beſitzungen auf dieſer geheimnißvollen Küſte verdanken. — Hier ſchwieg Agelaſtes, und der Kaiſer nahm das Wort. 65 Wenn dieſe Sage uns wirklich von Procopius erzählt wird, ſehr gelehrter Agelaſtes, ſo ſcheint es, daß dieſer berühmte Geſchichtſchreiber hinſichtlich unſeres zukünfti⸗ gen Zuſtandes vielmehr den Glauben der Heiden als den der Chriſten theilte. In der That iſt dieſe Geſchichte faſt nichts Anderes als das alte Mährchen vom Styr der Unterwelt. Procopius lebte, wie wir glauben, vor dem Sturze des Heidenthums; und da wir ſehr gerne Vieles, was er von Juſtinian, einem unſerer Ahnen und Vorfah⸗ ren geſagt hat, nicht glauben möchten, ſo wollen wir ihm auch in Zukunft kein Vertrauen in geographiſchen Kennt⸗ niſſen ſchenken.— Nun! Achilles Tatius, was haſt du denn? Warnm ſprichſt du dieſem Soldaten ins Ohr? Mein Kopf ſteht zur Verfügung Ew. Maj., ant⸗ wortete Achilles, und kann den Fehler bezahlen, wel⸗ chen meine Zunge begangen hat, indem ſie gegen die Schicklichkeit verſtieß. Ich fragte den Hereward, ob er etwas über den Gegenſtand wüßte, von dem es ſich handelt; denn ich habe oft gehört, daß ſich meine Wä⸗ ringer die Namen Angelſachſen, Normaͤnner, Britan⸗ nier oder andere gleich barbariſche beilegten; und ich bin überzeugt, daß einer oder der andere, oder ſelbſt alle dieſe barbariſchen Namen zu verſchiednen Zeiten dazu dienen, den Geburtsort dieſer Verbannten zu bezeichnen, welche zu glücklich über ihre Vertreibung ſind, da ſie dadurch in die glanzvolle Umgebung eurer Kaiſerl. Perſon gekommen ſind. W. Soott's ſämmtl. Werke. 1648 Boͤch, 5 66 So ſprich, Wäringer, im Namen des Himmels, ſagte der Kaiſer, und laß uns wiſſen, ob wir in dieſen Män⸗ nern der Normandie, welche ſich in dieſem Augenblicke unſern Gränzen nähern, Freunde oder Feinde ſuchen ſollen. Sprich ohne Zagen, und wenn du eine Ge⸗ fahr fürchteſt, ſo erinnere dich, daß du einem Fürſten dieneſt, der im Stande iſt dich zu beſchützen. Da ich die Erlaubniß zu ſprechen habe, antwortete Hereward, obgleich ich nur eine oberflächliche Kennt⸗ niß von der Griechiſchen Sprache, welche ihr die Rö⸗ miſche nennt, beſitze, ſo ſchmeichle ich mir doch davon genug zu wiſſen, um Ew. Kaiſ. Maj. zu bitten, mir anſtatt jeder Belohnung, Schenkung oder Vergütung, die Ew. Maj. geruht hat, mir zu beſtimmen, in der erſten Schlacht, die dieſen Normännern und ihrem Herzoge Robert geliefert werden ſoll, den Oberbefehl zu übertragen. Und wenn Ew. Maj. geruhen will, mir den Beiſtand der Wäringer zuzuſagen, welche aus Anhänglichkeit zu mir oder aus Haß gegen ihre frü⸗ heren Tyrannen geneigt ſeyn könnten, ihre Waffen mit den meinigen zu vereinen, ſo zweifle ich keinen Augenblick, daß wir mit ihnen unſte lange Rechnung ſolchergeſtalt ins Reine bringen werden, daß die Geier und Wölfe Griechenlands ihnen nur die letzte Ehre zu erweiſen brauchen, indem ſie ihnen das Fleiſch von den Kuochen reißen“ Und welches iſt denn, mein Tapferer, fragte der Kaiſer, der tödtliche Zwiſt, welcher dir nach dem Ver⸗ 67 laufe ſo vieler Jahre noch eine ſolche Wuth einflößt, wenn du nur den Namen eines Normannen ausſprechen höreſt? Eure Kaiſ. Maj. ſoll darüber richten, erwiederte der Wäringer. Meine Väter ſowie die der meiſten Soldaten des Corps, wozu ich gehöre, ſtammen von einem tapferen Geſchlechte ab, das in Denutſchland wohnte, und das man Sachſen nannte. Niemand Anders als ein Prieſter, der in der Kunſt die alten Geſchichtsbuͤcher zu enträthſeln erfahren iſt, kann ſa⸗ gen, ſeit wie langer Zeit ſie nach Britannien ge⸗ kommen ſind, welches damals von Buͤrgerkriegen zer⸗ riſſen wurde. Aber ſoviel iſt gewiß, daß ſie dahin ka⸗ men auf den Ruf der Eingeborenen des Landes, denn die Bewohner des Südens dieſer Inſel riefen ſie zu ihrer Huͤlfe. Ländereien wurden ihnen zugewieſen als Lohn für ihre ſo großmüthig geleiſteten Dienſte, und der größte Theil der Inſel wurde allmählig das Ei⸗ genthum der Sachſen, welche ſie anfangs in meh⸗ rere Fürſtenthümer theilten. Dieſe Fürſtenthümer ver⸗ einigten ſich endlich zu einem einzigen Königreiche, deſſen Einwohner dieſelbe Sprache redeten, und die⸗ ſelben Geſetze beobachteten, wie der größte Theil von denjenigen, welche Ew. Kaiſerl. Leibwache der Wä⸗ ringer oder Verbannten ausmachen. Mit der Zeit wurden die Nordmänner oder Normänner bei den weiter ſüdlich gelegenen Völkern bekannt. Man nannte ſie ſo, weil ſie von den entlegenen Gegenden an den Ufern des baltiſchen Meeres kamen,— ein ungehen⸗ rer See, welcher bisweilen mit ſo hartem Eiſe bedeckt iſt, wie die Felſen des Kankaſus. Sie wollten ſanf⸗ tere Himmelsſtriche ſuchen, als derjenige war, welchen ihnen die Natur in ihrem Lande bewilligt hatte; und da der Frankreichs herrlich iſt, und die Völker darin nicht kriegeriſch waren, ſo entriſſen ſie dieſem Volke eine große Provinz, welche man nach ihnen die Nor⸗ mandie nannte, obwohl ich von meinem Vater gehört habe, daß dieſes nicht der wahre Name dieſer Gegend war. Sie ließen ſich daſelbſt unter einem Herzoge nie⸗ der, welcher die Oberhoheit des Königs von Frankreich anerkannte, das heißt, er gehorchte ihm nur, wenn es ihm beliebte. Nun geſchah es, lange Jahre nachher, indeſſen die beiden Völkerſchaften der Normänner und Angelſachſen ruhig auf beiden Seiten des Meerarmes, der Frank⸗ reich von England ſcheidet, wohnten, Wilhelm, Her⸗ zog von der Normandie plötzlich ein großes Heer auf⸗ brachte, eine Landung in der Grafſchaft Keut auf der andern Seite der Meerenge machte, und in einer gro⸗ ßen Schlacht den Harold, den damaligen König der Angelſachſen, beſiegte. Nur mit tiefem Kummer ver⸗ mag ich von dem zu ſprechen, was darauf folgte. Man hat ſchon viele Schlachten geliefert, welche furchtbare Folgen gehabt haben, voch die Zeit hat ſie immer wieder gut gemacht; aber ach! bei Haſtings ſank das Banner meines Landes, um ſich nie wieder zu erheben⸗ 69 Die Unterdrückung ließ ihren Wagen über uns rollen. Alles, was Muth bei uns hatte, verließ das Land und in England bleiben keine anderen Engländer, — denn dieſes iſt unſer wahrer Rame,— als die Sklaven der Eroberer. Eine Anzahl Einwohner däni⸗ ſchen Urſprungs, welche ſich bei verſchiedenen Anläſſen in England niedergelaſſen hatten, wurden von demſel⸗ ben Looſe getroffen. Das ganze Land wurde auf Be⸗ fehl der Sieger verwüſtet. Das Haus meines Vaters iſt nur noch ein Trümmerhaufe mitten in einem gro⸗ ßen Walde, der ſich an der Stelle früherer lachender Felder und reicher Weiden gebildet hat, wo einſt ein edles Geſchlecht ſeine Bedürfniſſe durch den Anbau ei⸗ nes fruchtbaren Bodens befriedigte. Das Feuer hat die Kirche verzehrt, worin die Ge⸗ beine meiner Vorfahren ruhen, und ich, der letzte ih⸗ rer Nachkommen irre in anderen Himmelsſtrichen her⸗ um,— ich kämpfe für den Vortheil eines fremden Landes,— ich diene einem fremden, obgleich gütigen, Herrn;— mit einem Worte ich bin ein Verbannter, — ein Wäringer. Aber glücklicher in dieſem Zuſtande, ſagte Achilles Tatius, als in der großen Barbariſchen Einfachheit, worauf deine Vorfahren ſo viel hielten, denn du biſt unter dem belebenden Einfluße dieſes holden Lächelns, welches die Seele der Welt iſt. Es iſt unnöthig davon zu ſprechen, ſagte der Wä⸗ ringer mit kalter Miene, 70 Dieſe Normänner, ſagte der Kaiſer, ſind alſo das Volk, welche die berühmte Inſel Britannien erobert haben, und daſſelbe gegenwaͤrtig beherrſchen. Das iſt leider nur zu wahr, entgegnete Hereward. Sie ſind alſo ein tapferes und kriegeriſches Volk? ſagte Alexius. Es wäre niederträchtig und falſch, wenn man an⸗ ders von ſeinen Feinden ſprechen wollte, erwiederte der Wäringer. Sie haben mir einen Schimpf ange⸗ than, und zwar einen ſolchen, der niemals wieder gut gemacht werden kann; aber Verleumdungen ſind nur die Rache eines Weibes. Obgleich ſie meine tödtlichen Feinde ſind, obgleich ſie ſich in alle meine Erinnerun⸗ gen als das Abſcheulichſte und Haſſenswertheſte, was es nur geben kann, eindrängen, ſo behaupte ich den⸗ noch, daß, wenn alle Voͤlker Eurvpas verſammelt wä⸗ ren, wie ſie es jetzt wahrſcheinlich ſind, kein Volk, kein Stamm an Muth den ſtolzen Normannen zu übertref⸗ fen vermöchte. Und wer iſt dieſer Herzog Robert? Das vermag ich nicht ſo gut zu erklären. Er iſt der Sohn,— der aͤltere Sohn, ſagt man, des Tyran⸗ nen Wilhelm, welcher England unterjochte, als ich noch kaum das Daſeyn genoß, als ich noch ein Kind in der Wiege war. Daß Wilhelm, der Sieger von Haſtings, gegenwärtig todt iſt, wiſſen wir aus ein⸗ ſtimmigen Berichten; aber es ſcheint, daß, waͤhrend ſein aͤlterer Sohn Robert die Normandie geerbt hat, 71 ein anderes ſeiner Kinder ſo glücklich war, ihn auf dem Throne Englands zu erſetzen;— wenn nicht et⸗ wa dieſes ſchöne Königreich, wie das kleine Pachtgut eines dunkelen Landmannes, unter die Nachkommen des Tyrannen vertheilt worden iſt. In dieſer Hinſicht, ſagte der Kaiſer, haben wir Dinge vernommen, die wir bei Muſe mit den Nach⸗ richten dieſes Soldaten in Uebereinſtimmung zu ſetzen ſuchen wollen; einſtweilen nehmen wir Alles, was uns dieſer ehrenwerthe Waͤringer nach ſeiner perſoͤn⸗ lichen Kenntniß geſagt hat, als beſtimmt an.— Und jetzt meine ernſten und wuͤrdigen Räthe, iſt es Zeit unſere Sitzung von dieſem Abend im Muſentempel zu ſchließen; denn die betruͤbte Nachricht, welche uns unſer vielgeliebter Eidam, der Cäſar, uͤberbrachte, hat uns die Verehrung dieſer weiſen Goͤttinnen ſpä⸗ ter in die Nacht hinein fortſetzen laſſen, als es der Geſundheit unſerer theuren Gemahlin und unſerer vielgeliebten Tochter zutraͤglich iſt, waͤhrend ſie uns ſelbſt einen Gegenſtand ernſtlicher Berathungen dar⸗ bietet. Die Hoͤflinge erſchoͤpften ihren Geiſt in allen er⸗ denklichen Gebeten, damit der Himmel die nachtheili⸗ gen Folgen abwenden moͤge, die etwa aus dieſem ver⸗ längerten Wachen entſtehen koͤnnten. Nicephorus und ſeine ſchoͤne Gemahlin ſprachen mit einer Zärtlichkeit zu einander, welche bewieß, daß ſie auf gleiche Weiſe eine Ausſoͤhnung nach ihrem 72 kurzen Zanke wünſchten.— Indem du von dieſer beunruhigenden Neuigkeit Bericht erſtatteteſt, mein Cäſar, ſagte die Prinzeſſin, haſt du gewiſſen Dingen eine ſo feine Wendung gegeben, als wenn die neun Göttinnen, denen dieſer Tempel geweiht iſt, dir da⸗ bei die Sache und den Ausdruck eingegeben haͤtten. Ich habe ihrer Huͤlfe nicht noͤthig, entgegnete Ni⸗ cephorus, da ich eine Muſe beſitze, deren Geiſt mit allen Eigenſchaften geſchmuckt iſt, welche die Heiden prahleriſch den neun Gottheiten des Parnaſſes zu⸗ ſchrieben. Sehr gut, ſagte die ſchoͤne Geſchichtſchreiberin, welche ſich auf den Arm ihres Gemahls geſtuͤtzt, zu⸗ ruͤckzog; aber wenn ihr eure Gemahlin mit Lob uber⸗ haͤuft, das weit uͤber ihr Verdienſt geht, ſo muͤßt ihr mir die Unterſtuͤtzung eures Armes gewaͤhren, um mir die erdruͤckende Laſt ertragen zu helfen, welche ihr mir gütiger Weiſe auferlegt habt. Der Rath trennte ſich nach dem Verſchwinden der Kaiſerlichen Familie, und die meiſten Mitglieder deſ⸗ ſelben ſuchten ſich in minder glaͤnzenden aber freieren Kreiſen fuͤr den Zwang zu entſchaͤdigen, welchem ſie in dem Muſentempel ſich hatten unterwerfen muͤſſen. 73 Sechstes Kapitel. „Du, Eitler! magſt dein Lieb' ſo ſchoͤn dir waͤhnen⸗ „So hoch, als zaͤrtliche Hyperbeln gehn⸗ „Magſt alles Herrlichſte an ihr nur finden „Und gotttich ihre Seele, wie den Leib. „Doch merke dirs!— als Hoͤchſte des Geſchlechts „Nennſt du ſie nicht, ſo lang noch Eine lebt⸗ „Der ich in Treue huldige! Altes Schauſpiel. Achilles Tatius im Gefolge ſeines treuen Waͤ⸗ ringers verſchwand in aller Stille und faſt unbe⸗ merkt von der Geſellſchaft, welche auseinanderging, wie der Schnee zergehet auf den Bergen bei der Ruͤckkehr des Fruͤhlings. Weder durch Waffengeräuſch noch durch ſtolze Schritte verrieth ſich der Abzug der veiden Krieger. Nichts durfte die Stille der Kaiſerlichen Behauſung ſtoͤren; ſo ſuchte man ſelbſt die Anweſen⸗ heit der Leibwachen zu verbergen, weil es ſcheinen ſollte, daß ſo nahe beim Kaiſer der rings vom Herrn der Welt ausſtroͤmende Ausfluß der Gottheit hin⸗ reichte, um ſeine Perſon in Sicherheit zu bringen, und vor jedem Angriff zu ſchuͤtzen. So dachten auch die älteſten und geſchickteſten Hoͤflinge(und unter dieſer Zahl durfen wir nicht unſern Freund Agela⸗ ſtes vergeſſen), daß, obwohl der Kaiſer die Dienſte 74 der Wäringer und anderer Wachen brauchte, dieſes mehr der Form wegen geſchaͤhe, als in der Furcht vor der wirklichen Vegehung eines dergeſtalt verhaß⸗ ten Verbrechens, daß man es gewohnlich als unmoͤg⸗ lich betrachtete. Und dieſe Lehre von der Unmoͤglich⸗ keit eines ſolchen Verbrechens wurde von Munde zu Mund in denſelben Gemaͤchern wiederholt, welche ſo oft Zeugen ſeiner Begehung geweſen waren, und wurde ſelbſt von den Leuten gepredigt, welche keinen Monat mehr verſtreichen ließen, ohne Plaͤne zur Ausfuͤhrung einer ſchwarzen Verſchwoͤrung gegen den regierenden Kaiſer zu ſchmieden. Endlich befand ſich der Befehlshaber der Leibwache mit ſeinem treuen Soldaten vor dem Pallaſte des Blakernals. Der Weg, welchen Achilles zum Hinaus⸗ gehen gewaͤhlt, war durch eine Thuͤre verſchloſſen, welche ein einziger Wäringer hinter ihnen zumachte, durch Vorſchiebung der Riegel und durch Vorlegung eiſerner Stangen, welches ein mißtoͤniges und un⸗ heilbedeutendes Geraͤuſch verurſachte. Hereward warf einen Blick zurück auf die Menge der Thuͤrme, der Vollwerke und Glockenhaͤuſer, welche ſie endlich im Ruͤcken hatten, und fühlte ſich von einer großen Laſt befreit, als er ſich unter dem Gewölbe des blauen griechiſchen Himmels fand, woran die Sterne in un⸗ gewoͤhnlichem Glanze ſchimmerten. Er athmete wie⸗ der leichter, wie ein Menſch, dem die Freiheit vor Kurzem wieder geſchenkt wurde, und rieb ſich die 75 Hände vor Vergnügen. Er redete ſelbſt zuerſt ſeinen Fuͤhrer an, obwohl er ſonſt gewöhnlich nur ſprach, wenn dieſer zuvor das Wort genommen hatte. Es duͤnkt mir, tapfrer Feldherr, ſagte er zu ihm, daß die Luft, welche man in den Saͤlen, aus denen wir jetzt kommen, einathmet, mit einem Wohlgeruche gefuͤllt iſt, welcher, ſo ſüß man ihn mit Recht nen⸗ nen kann, doch ſo erſtickend iſt, daß er mehr für Grabgemaͤcher taugt als füͤr die Behauſung der Men⸗ ſchen. Ich fuͤhle mich glucklich, hoffentlich ihrer Ein⸗ wirkung ledig zu ſeyn. So ſey gluͤcklich, ſagte Achilles Tatius, da dein ge⸗ meiner und irdiſcher Sinn Erſtickung findet anſtatt erquickt zu werden von den Zephyrduͤften, welche, weit entfernt den Tod zu bringen, die Geſtorbenen ſelbſt ins Leben zuruͤckzurufen vermoͤchten. Indeſſen muß ich zu deinem Lobe ſagen, Hereward, daß du, obwohl barbariſcher Herkunft, obwohl du nur den engen Kreis der Freuden eines Wilden kenneſt, und keine andere Anſicht vom Leben haſt, als welche du aus ſo gemeinen und verachtlichen Verhaͤltniſſen be⸗ kommen, dennoch von der Natur zu etwas Beſſerem beſtimmt biſt, und daß du heute eine Pruͤfung be⸗ ſtanden haſt, aus welcher ſich, wie ich feſt uͤberzeugt bin, kein Anderer von meinem Corps ſo gut gezogen haben wuͤrde: denn das beſteht aus lauter Fleiſch⸗ klumpen, welche die Barbarei verſteinert hat. Und 76 ſage mir jetzt im biſt du nicht gut dafür belohnt worden? Das werde ich niemals ſtguen; das Vergnügen, vielleicht vier und zwanzig Stunden vor meinen Ka⸗ meraden zu erfahren, daß die Normaͤnner hierher kommen, und uns die Gelegenheit darbieten, uns fuͤr den blutigen Tag von Haſtings zu raͤchen, iſt eine fuͤrſtliche Belohnung, und eine hinlaͤngliche Ent⸗ ſchaͤdigung fuͤr die Stunden, waͤhrend welcher ich das langweilige Geſchwaͤtz eines Frauenzimmers, das üͤber einen ihm unbekannten Gegenſtand geſchrieben hat, und die Bemerkungen von Schmeichlern anhoͤren mußte, welche es umgaben und welche behaupteten, ihm den Bericht von Gegenſtaͤnden zu machen, die ſie ſelbſt nicht geſehen hatten, weil ſie nicht auf dem Platze geblieben waren, wo man ſie ſehen konnte. Hereward, mein guter Junge, du ſprichſt im Wahn⸗ ſinn, und ich glaube, ich ſollte dich einem geſchickten Arzte in die Haͤnde geben. Natuͤrlich mag dir die Lage, worin du dich ſo eben befunden, einen edlen Stolz einfloͤßen; aber wenn ſie dich uͤbermuͤthig macht, ſo kannſt du den Kopf dabei verlieren. Mei⸗ ner Treu! du haſt kuͤhn einer im Purpur gebornen Prinzeſſin in das Geſicht geſehen, vor welcher ſich meine Augen, obwohl an dergleichen Schauſpiele ge⸗ wöhnt, ſich niemals uͤber die Falten ihres Schleiers erheben. Mas ſeyn, beim Himmel! ſagte Hereward. Aber 77 eine liebliche Geſtalt iſt zum Anſchauen gemacht, und die Angen junger Maͤnner zum Sehen. Wenn das ihre Beſtimmung iſt, ſo muß ich offen geſtehen, daß die deinigen niemals eine beſſere Ent⸗ ſchuldigung gehabt haben fuͤr die etwas zu große Freiheit, welche du dir heute Abend beim Anſchauen der Prinzeſſin erlaubt haſt. Mein guter Anfuͤhrer, oder Begleiter, oder wie ſonſt euer Lieblingstitel heißt, bringt nicht einen einfachen und freimuͤthigen Menſchen aufs Aeußerſte, der ſeine Pflichten in allen Ehren gegen die Kaiſerl. Familie zu erfuͤllen wunſcht. Die Prinzeſſin, die Gemahlin des Cäſars, welche, wie ihr mir ſagt, pur⸗ purroth auf die Welt gekommen iſt, hat nichts deſto⸗ weniger die Zuͤge eines ſehr liebenswuͤrdigen Weibes geerbt. Sie hat eine Geſchichte geſchrieben, über welche ich kein urtheil zu faͤllen wage, weil ich ſie nicht begreife; ſie ſingt wie ein Engel, und um nach Art der jetzigen Ritter zu ſchließen,— obwohl ich gewohnlich nicht ihre Sprache rede,— will ich aufrichtig ſagen, daß ich bereit bin, gegen einen Jeden in die Schranken zu treten, der die perſoͤnlichen Reize oder die geiſtigen Eigenſchaften der Prinzeſſin Anna Com⸗ nena zu verkleinern wagen ſollte. Hiermit, mein ed⸗ ler Feldherr, habe ich Alles geſagt, was ihr billiger⸗ weiſe von mir verlangen koͤnnt, und Alles, was ich euch zu antworten habe. Daß es uͤbrigens ſchoͤnere Weiber als die Frinzeſſin giebt, das iſt außer allem Zweifel, ich ſelbſt habe eine Perſon gekannt, die ſie nnendlich weit übertrifft; doch brechen wir hiemit dieſes Geſpraͤch ab. Narr ohne Gleichen, ſagte Achilles, die Schönheit, die du meinſt, kann nur die Tochter irgend eines gro⸗ ben nordiſchen Bauern ſeyn, der dem Eſel gegenüber wohnte, den die Natur verwünſcht hat, indem ſie ihm ſo wenig Verſtand gab. Ihr könnt Alles ſagen, was ihr wollt, Feldherr, entgegnete Hereward, weil ihr zum Glück für uns beide mich nicht beleidigen könnt bei einem ſolchen Gegenſtand; denn zuerſt halte ich eben ſo wenig auf euer Urtheil, wie ihr auf das meinige, und ſodann könnt ihr nichts ſagen, um eine Perſon herabzuſetzen, welche ihr niemals geſehen habt. Aber wenn ihr ſie kenntet, ſo würde ich vielleicht nicht ſo geduldig Spöt⸗ tereien gegen ſie zugeben, ſelbſt nicht von einem höhe⸗ ren Offizier. 4 Achilles Tatius hatte den in ſeiner gegenwärtigen Lage nothigen Scharfblick. Er trieb die ſtolzen Ge⸗ müther, welche er befehligte, niemals aufs Aeuſſerſte, und er erlaubte ſich gegen ſie niemals eine Freiheit weiter, als er wußte, daß ihre Geduld vertragen könnte. Auf der andern Seite war Hereward ein voll⸗ kommener Soldat, und hatte wenigſtens in dieſer Hin⸗ ſicht eine aufrichtige Zuneigung und Ehrerbietung für ſeinen Befehlshaber. Als daher der Akoluthos, an⸗ ſtatt ihm uͤber ſeine Dreiſtigkeit zu zuͤrnen, in herz⸗ 79 lichem Tone ſein Bedauern geäußert hatte, ſeine Em⸗ pfindlichkeit verletzt zu haben, ſo legte ſich die zornige Aufwallung des Hereward auf der Stelle; der Offi⸗ zier nahm alsbald wieder ſeine Ueberlegenheit an, und der Soldat, der einen Schritt hinter ihm her ging, ſtieß einen tiefen Seufzer aus, welcher ihm von ir⸗ gend einem alten Audenken entriſſen wurde; dann ver⸗ ſiel er in ſeine gewöhnliche Stille und Zurückhaltung. Uebrigens hatte der Akoluthos mit Hereward andere Pläne, über welche er ihn ausforſchen wollte. Nach einer langen Stille waren ſie an die Kaſernen gekommen, einem finſtern, befeſtigten Gebäude, welches für den Aufenthalt ihres Corps erbaut worden war; hier gab der Führer ſeinem Soldaten ein Zeichen, daß er ſich ihm nähern ſollte, und ſagte ihm in vertrau⸗ lichem Tone:— Mein Freund Hereward, obwohl es kaum anzunehmen iſt, daß du in Gegenwart der kai⸗ ſerlichen Familie irgend Jemand anders angeſehen ha⸗ beſt, in deſſen Adern nicht das Blut dieſes erhabenen Hauſes ſtrömt, oder vielmehr jenes Götterblut Ichor des Homer, das in ihren heiligen Perſonen jene ge⸗ meine Flüſſigkeit vertritt; ſo kannſt du doch waͤhrend einer ſo langen Unterhaltung wegen ſeines Aenuſſern und ſeines Anzuges, die keinen Hofmann verrathen, den Agelaſtes unterſchieden haben, dem wir am Hofe den Beinamen des Elephanten geben, weil er die Hof⸗ ſitte, welche Niemanden erlaubt, ſich in Gegenwart 80 des Kaiſers niederzuſetzen oder auszuruhen, aufs ſtrengſte beobachtet. Ich glanbe den Menſchen bemerkt zu haben, den ihr meint. Er mag ſiebenzig Jahre, wohl auch mehr alt ſeyn; er hat eine ziemliche Leibesſtärke; und wenn er auch bis auf den Scheitel kahl iſt, ſo hat er dafür einen erſtaunlichen langen weißen Bart, der ihm die Bruſt bedeckt und bis zu dem groben Tuchgürtel her⸗ abfällt, womit er ſeine Lenden umſchlingt, anſtatt daß die andern Perſonen von Rang ſeidene Gürtel tragen. Nichts kann genauer ſeyn, mein Wäringer. Und was haſt du ſonſt noch an dieſer Perſon bemerkt?2 Seine Kleider waren von einem ſo groben Stoffe, wie diejenigen, welche die letzte Klaſſe des Volkes trägt, aber ſehr reinlich; es ſcheint, als wolle er die Armuth, die Gleichgültigkeit und Verachtung gegen Putz zeigen, indem er zu gleicher Zeit Alles vermei⸗ det, was ihm das Ausſehen der Nachläßigkeit und Un⸗ reinlichkeit geben könnte, welche immer Eckel erregen. Bei der heiligen Sophie, du ſetzteſt mich in Erſtau⸗ nen, Hereward! Der Prophet Bileam war nicht we⸗ niger überraſcht, als ſein Eſel den Kopf umdrehte und ihn anredete. Und welche andere Bemerkungen haſt du noch über ihn gemacht? Ich ſehe, daß wer in deiner Geſellſchaft iſt, ſich ebenſoſehr vor deinen Be⸗ obachtungsblicken, als vor deiner Streitart in Acht nehmen muß. Mit Gunſten Ew. Tapferkeit, wir Engländer 81 haben eben ſo gute Augen als Arme z aber nur wenn dieß unſre Pflicht fordert, erlauben wir unſrer Zunge zu wiederholen, was wir beobachtet haben. Ich habe auf die Reden dieſes Menſchen nur wenig Acht gegeben; aber ſo viel ich davon gehört habe, ſo hat es mir ge⸗ ſchienen, als ob er in der Unterhaltung ſo ziemlich den Luſtigmacher ſpielen wollte, was wir bei uns jack vouding nennen; und doch moͤchte ich nach ſeinem Al⸗ ter und ſeinen Geſichtszügen faſt ſagen, daß ihm dieſe Rolle nicht natürlich, ſondern nur eine Larve iſt, welche er vorhält, um irgend ein bedeutendes Vor⸗ haben dahinter zu verſtecken. Hereward, ſchrie der Offizier, du ſprichſt ja wie ein Engel, der vom Himmel kommt, um das Herz der Menſchen zu prüfen. Dieſer Agelaſtes iſt ein Gewebe von Widerſpruch, wie es die Welt noch wenig geſehen hat. Indem er alle jene Kenntniſſe beſitzt, welche im Alterthum die Weiſen unſres Volkes mit den Göttern ſelbſt in Verbindung ſetzten, iſt er ſo heim⸗ tückiſch wie der erſte Brutus, welcher ſeine Talente unter dem Schleier eines Poſſenſpiels verſteckte. Er ſcheint keine Anſtellung zu begehren; er ſucht kein Anſehen, er macht im Pallaſte keine Aufwartung, als wenn er ausdrücklich dahin beſchieden wird; und doch, mein tapfrer Soldat, was ſoll ich zu der Ur⸗ ſache eines Einflußes ſagen, welchen er ohne ſchein⸗ bare Anſtrengung ausübt, und der ſich faſt bis auf die Gedanken der Menſchen ausdehnt, welche nach W. Scott's ſämmtt. Werte. 1648 Boch. 6 8² ſeinem Wunſche zu handeln ſcheinen, ſelbſt ohne daß er ſie dazu antreibt? Man erzählt ſich ſeltene Dinge vyn ſeinen Verbindungen mit andern Weſen, welchen unſere Vorfahrer Gebete und Opfer darbrachten. Den⸗ noch bin ich entſchloſſen den Weg kennen zu lernen, auf dem er ſich ſo raſch und ſo leicht zu dem Punkte erhebt, nach welchem Jeder bei Hofe ſtrebt, und er muß ſeine Leiter mit mir theilen, oder ich ſtuͤrze ihn herunter, indem ich ſie unter ſeinen Füßen wegziehe. Und um mir dabei zu helfen, habe ich dich, Hereward gewählt, gerade ſo wie die Ritter unter dieſen un⸗ glaͤubigen Franken bei der Unternehmung irgend eines Abenteuers ſich einem tapferen Stallmeiſter, d. h. ei⸗ nen Mann aus ihrem Gefolge wählen, um mit ihnen die Gefahren und die etwaigen Früchte davon zu thei⸗ len; der Grund iſt, weil du ſowohl in dieſer Nacht einen großen Scharfblick gezeigt haſt, als weil du dich rühmen kannſt ebenſo tapfer zu ſeyn wie deine Brüder, oder vielmehr noch tapferer. Ich bin Ew. Tapferkeit ſehr verbunden, und ich danke euch, antwortete der Waͤringer, vielleicht kälter als ſein Offizier erwartet hätte; ich bin bereit, meiner Schuldigkeit gemäß, euch in Allem zu dienen, was mit meinen Pflichten gegen Gott und den Kaiſer ver⸗ einbar iſt. Nur will ich noch bemerken, daß ich als Soldat, obwohl von niederem Range, und als auf⸗ richtiger obwohl ungebildeter Chriſt, nichts mit den heidniſchen Göttern zu ſchaffen haben will, ausgenom⸗ ———————— S ———, ——————— —— 83 men ihnen im Namen und mit dem Beiſtand der Hei⸗ ligen Trotz zu bieten. Einfalltspinſel! ſagte Achilles Tatins; wie kannſt du dir einbilden, daß ich, der ich ſchon mit einer der erſten Würden des Reiches bekleidet bin, irgend ein für Alexius Commenus ſchädliches Anſinnen hegen werde? oder daß ich, was eben ſo unwahrſcheinlich ſeyn würde, ich, der auserwählte Freund und Verbündete des ehrwürdigen Patriarchen Zoſimus, mich in irgend Etwas einlaſſen würde, was nur im Geringſten mit Ketzerei und Götzendienſt verwandt wäre? Sicherlich, antwortete der Wäringer, Niemand würde daruͤber mehr überraſcht und niedergeſchlagen ſeyn als ich. Aber wenn man auf einem krummen Wege iſt, ſo ſoll man offen und feſt erklären, daß man hiebei ſein Ziel verfolgt, wodurch man doch we⸗ nigſtens gerade zu Werke geht. Die Leute in dieſem Lande haben ſo mannigfaltige Weiſen dieſelbe Sache zu ſagen, daß es ſchwer iſt den wahrhaften Sinn ihrer Worte zu erkennen. Wir Englaͤnder dagegen haben, um uns auszudrücken, nur eine einzige Art der Wort⸗ ſtellung, und aller Scharfſinn der Welt vermöchte da⸗ aus keinen andern Sinn herauszubringen. Sehr gut, ſagte der Offizier; morgen wollen wir weiter die Sache beſprechen, und zu dem Ende kommſt du bald nach Sonnenuntergang zu mir. Und hörſt du, ich laſſe dir morgen ſo lange die Sonne am Him⸗ mel ſteht, den freien Gebrauch deiner Zeit; du kannſt 84 ſie zu deinem Vergnügen oder zu deiner Erholung verwenden. Doch rathe ich dir das Letzte zu thun, denn die kommende Nacht kann uns zuſammen wachen ſehen wie die heutige. Sie gingen in die Kaſernen und ſchieden von ein⸗ ander: der Befehlshaber der Leibwache nahm ſeinen Weg nach einem ſchönen Zimmer, welches er in die⸗. ſer Eigenſchaft bewohnte, und der Angelſachſe erreichte ſeine beſcheidenere Wohnung als Unteroffizier deſſel⸗ ben Corpe. Siebentes Kapitel. So groß war nicht das Heer, ſo weit das Feld, Als Agrican mit aller Macht des Norden Albracca angriff, wie Romanzen melden, Die Stadt des Gallaplun, um zu gewinnen Die ſchoͤnſte Jungfrau dort, Angelica, Die, ſeine Tochter, ſtolze Ritter minnten Vom Heidenland und Pairs von Earl dem Großen. Wiedererobertes Paradies. Der Kaiſerliche Rath verſammelte ſich fruͤhe mor⸗ gens am folgenden Tage; die große Zahl von hohen Offizieren mit prunkvollen Liteln bedeckte die wirk⸗ liche Schwaͤche des Griechiſchen Reiches mit durch⸗ ſichtigem Schleier. Die Anfuͤhrer waren zahlreich, die Rang„Verſchiedenheit unter denſelben bis ins — — 85 Kleinliche genau beſtimmt; aber die Anzahl der Sol⸗ daten war verhaͤltnißmaͤßig gering. Die Geſchaͤfte, welche ſonſt die Praͤfekten, die Prätoren und Quaͤſtoren verrichteten, wurden damals von Perſonen vollzogen, welche ſich ſtufen⸗ weiſe zur Wuͤrde jener Offiziere aufgeſchwungen hatten; und da ſie ihre Titel von den häuslichen Pflichten erhielten, welche ſie bei der Perſon des Kaiſers verrichteten, ſo beſaßen ſie ſchon wegen der Beſchaffenheit ihrer Geſchaͤfte den ausgedehnteſten Einfluß an dieſem deſpotiſchen Hofe. Eine lange Reihe von Offizieren trat in den Vorhof des Bla⸗ kernal⸗Pallaſtes, und ein Jeder ging ſo weit vor, als die Verſchiedenheit ſeines Ranges erlaubte, ſo daß ſtets eine gewiſſe Anzahl von denjenigen, welchen ihre Stelle nicht erlaubte weiter zu gehen, hinter den Andern in jedem der Säle zuruͤckblieb, durch die ſie nacheinander kamen. Auf dieſe Weiſe blieben bei der Ankunft in dem inneren Audienz⸗Zimmer, wohin man erſt durch zehn Vorzimmer gelangte, nur füͤnf Perſonen übrig, um vor den Kaiſer in dieſes ge⸗ weihte Heiligthum der Kaiſerl. Maj., welches mit allem Glanze der damaligen Zeit ausgeſchmuͤckt war, zu treten. Der Kaiſer Alerius ſaß auf einem prachtvollen, mit Gold und Edelſteinen reich ausgeſchmückten Throne. Zu ſeinen beiden Seiten lag, wahrſcheinlich als Nach⸗ ahmüng der Salomoniſchen Herrlichkeiten, ein Lowe 86 von demſelben Metall. um nur ein Beiſpiel von allen den Koſtbarkeiten und Wundern zu geben, wel⸗ che dieſes Heiligthum barg, wollen wir eines Baumes Erwaͤhnung thun, deſſen Stamm ebenfalls von Gold zu ſeyn ſchien, und welcher ſich hinter dem Throne erhob, ſo daß ſeine Aeſte dieſen wie einen Pracht⸗ Himmel bedeckten. Auf ſeinen Zweigen ſaßen Vögel mannigfacher Art, von merkwuͤrdiger Arbeit, und Fruͤchte von Edelſteinen ſchimmerten durch ſeine Blät⸗ ter. Fuͤnf Offiziere, die hoͤchſten Wuͤrdentraͤger im Staate, hatten allein das Recht in dieſes heilige Ge⸗ mach einzutreten, wo der Kaiſer ſeinen Rath hielt. Dieſes war der Oberhofmeiſter, welchen man mit ei⸗ nem erſten Miniſter heutzutage vergleichen kann; der Logothet, oder Staatskanzler; der Protoſpathaire, oder Oberfeldherr des Heeres; der Akoluthos, oder Befehlshaber der Leibwachen; und der Patriarch. Die Thuͤren dieſes geheimen Gemaches, ſo wie die des daranſtoßenden Vorzimmers wurden von ſechs haͤßlichen Nubiſchen Sklaven bewacht, deren runzelige und welke Zuͤge gegen ihre ſchneeweißen Gewaͤnder und gegen ihren glaͤnzenden Putz abſcheulich abſtachen. Es waren Stumme, entwuͤrdigte Weſen, von dem orientaliſchen Deſpotismus entlehnt, damit ſie nicht die Handlungen einer Tyrannei verrathen koͤnnten, deren leidende Werkzenge ſie waren. Man ſah ſie allgemein mehr mit Abſchen als Mitleiden an, denn man glaubte, daß Sclaven dieſer Art ein boshaftes 87 Vergnugen daran faͤnden, ſich an andern wegen des unerſetzlichen Schimpfes, welcher ſie von der Menſch⸗ heit losgeriſſen hatte, zu rächen. Es war Gebrauch(wie ſo viele andere Gewohnhei⸗ ten der Griechen, wuͤrde auch dieſer Gebrauch in jetzigen Zeiten als kindiſch betrachtet werden), daß beim Eintritte eines Andern die obenbeſchriebenen Loͤwen, vermittelſt einer leicht begreiflichen Vorrich⸗ tung, aufſtanden und brüllten. Darauf ſchien es, als ob der Wind die Bläͤtter am Baume bewegte; die Voͤgel huͤpften von Zweig zu Zweig, pickten an den Fruͤchten, und fuͤllten ſcheinbar das Zimmer mit ihren Toͤnen. Dieſes Schauſpiel hatte mehr als einen fremden Geſandten in Schrecken geſetzt, und die Hof⸗ ſitte verlangte, daß die Griechiſchen Geheimenraͤthe ſelbſt beim Brüllen der Löwen und dem Gezwitſcher der Vogel dieſelben Zeichen der Furcht und der Ueber⸗ raſchung aͤußerten, obwohl ſie es ſchon vielleicht zum fuͤnfzigſten Male hoͤrten. Aber heute hatte man we⸗ gen des Dranges der umſtände, welche die Zuſammen⸗ berufung des Rathes veranlaßt hatten, dieſe Foͤrm⸗ lichkeit unterlaſſen. Die Rede des Kaiſers ſchien nach ihrem Anfange das Brüllen der Loͤwen erſetzen zu ſollen; aber ihr Schlußton glich mehr dem Conzerte der Voͤgel. In ſeinen erſten Redensarten ſprach er von der Frechheit und unerhoͤrten Verwegenheit der Tauſende von Franken, welche unter dem Vorwande, Pnlaͤſtina 88 den Unglaͤubigen entreißen zu wollen, in das heilige Gebiet des Kaiſerthums zu fallen gewagt haͤtten. Er drohte ihnen eine Züchtigung, welche, wie er ſagte, ſeine unzählbaren Streitkrafte und ſeine Offi⸗ ziere an ihnen ſehr leicht vollziehen wuͤrden. Auf dieſe Aeußerung antworteten alle Zuhoͤrer, beſon⸗ ders die militairiſchen Staatsbeamten durch Zeichen des Beifalls. Indeſſen beharrte Alexius nicht lange auf den krie⸗ geriſchen Geſinnungen, welche er anfangs geaͤußert hatte. Er ſchien am Ende zu bedenken, daß die Franken als Verfechter des Chriſtenthums auftreten. Es war moͤglich, daß ſie ernſtlich einen Kreuzzug beabſichtigten, und in dieſem Falle verdiente der Be⸗ weggrund, welcher ſie antrieb, ſo irrig er ſeyn mochte, eine gewiſſe Nachſicht, ja ſelbſt einige Achtung. Auf der andern Seite war ihre Zahl betraͤchtlich, und man konnte ihre Tapferkeit nicht gering ſchaͤtzen, da man ſie bei Durazzo und an andern Orten ken⸗ nen gelernt hatte. Sie konnten auch, mit dem Wil⸗ len der goͤttlichen Vorſehung, mit der Zeit nutzliche Werkzeuge fuͤr das hochheilige Kaiſerreich werden, wenn ſchon ſie ſich demſelben ohne große Umſtaͤnde und mit ſo wenigen Foͤrmlichkeiten genaͤhert hatten. Indem er alſo die Tugenden der Klugheit, der Menſch⸗ lichkeit und Großmuth mit jener Kraft verband, welche ſtets das Herz eines Kaiſers beſeelen ſoll, batte er einen Plan gebildet, welchen er ihrer Pruͤ⸗ 89 fung unterwerfen wollte, um ihn dann auf der Stelle auszufuͤhren; doch vor Allem verlangte er vom Ober⸗ hofmeiſter, er ſolle ihn von den Streitkraͤften unter⸗ richten, auf welche er dieſſeits des Bosphorus rech⸗ nen koͤnne. Die Kraͤfte des Kaiſerreiches, antwortete der Ober⸗ hofmeiſter, ſind ebenſo unzählbar wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meere. Dieſe Antwort paßte trefflich, ſagte der Kaiſer, wenn Fremde bei dieſer Berathung zugegen waͤren, aber da wir im geheimen Rathe verſammelt ſind, ſo muß ich genau wiſſen, wie hoch ſich das Heer be⸗ laͤuft, auf welches ich rechnen kann. Sparet alſo eure Beredtſamkeit auf einen paſſenden Augenblick auf, und ſaget mir jetzt, was ihr unter dem Wort unzaͤhl⸗ bar verſtehet. Der Oberhofmeiſter ſchwieg und zogerte; aber da er einſah, daß dieſes einer jener Augenblicke waͤre, wo es nicht gerathen ſchien mit dem Kaiſer zu ſcher⸗ zen, was bisweilen gefahrvoll war, ſo antwortete er nicht ohne Zaudern: Mein Kaiſerlicher Herr und Gebieter weiß beſſer als Jemand, daß man nicht in der Eile auf eine ſol⸗ che Frage antworten kann, wofern die Antwort genau ſeyn ſoll. Die Zahl der Kaiſerlichen Truppen zwiſchen dieſer Stadt und den weſtlichen Graͤnzen des Kaiſer⸗ thumes kann ſich, wenn man davon die im urlaub Abweſenden abzieht, nicht uͤber fuͤnf und zwanzig 90 tauſend bis dreißigtauſend Mann hoͤchſtens belau⸗ fen. Alexius ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne, und da ihn die Raͤthe einer ſo heftigen Aeußerung des Kummers und des Erſtaunens hingegeben ſahen, ſo begannen ſie eine Eroͤrterung, welche ſie ohne das fuͤr eine ſchicklichere Zeit und einen paſſenderen Ort aufgeſpart haben wuͤrden. Durch das mir von Ew. Maj. geſchenkte Vertrauen, ſagte der Logothet, wurde aus dem Schatze Ew. Kai⸗ ſerl. Hoheit während des Laufes des letzten Jahres ſo viel Gold geholt, daß man damit noch ein Mal ſo viele Soldaten, als der Oberhofmeiſter ſo eben an⸗ gegeben hat, haͤtte bezahlen können. Ew. Kaiſ. Maj., ſchrie der angeklagte Miniſter in ziemlich hitzigem Tone, wird ſich ſogleich der blei⸗ benden Beſatzungen ernnern, welche von den be⸗ weglichen Truppen unabhaͤngig ſind, auf welche aber dieſer feine Rechenmeiſter keine Ruͤckſicht genommen hat. Ruhig, Einer wie der Andere, ſagte Alexius, wel⸗ cher ſogleich ſeine Ruhe wieder bekam. Es iſt leider zu wahr, daß der wirkliche Beſtand unſeres Heeres geringer iſt, als wir erwarteten; aber vergroͤßern wir nicht durch Zwiſtigkeiten die Schwierigkeiten des Augenblicks. Jene Streikraͤfte ſollen in den Thälern und Engpaͤſſen, hinter Vergketten und an allen ſchwie⸗ rigen Punkten zerſtreut werden, wo vermittelſt einer gutgewählten Stellung eine Handvoll Menſchen das — 94 Ausſehen einer zahlreichen Heerſchaar bekommen kann. Während man dieſe Anſtalten trifft, werden wir uns beſchaͤftigen, mit dieſen Kreuzfahrern, wie ſie ſich nennen, die Bedingungen feſtzuſtellen, unter welchen wir ihnen erlauben wollen, durch unſer Gebiet zu ziehen; und wir hegen nicht geringe Hoffnung, daß wir bei den Unterhandlungen mit ihnen große Vor⸗ theile fuͤr unſer Reich gewinnen werden. Wir wer⸗ den darauf beſtehen, daß ſie unſer Gebiet nur in Haufen von füͤnfzigtauſend Mann auf ein Mal durch⸗ ziehen, welche wir hintereinander nach Aſien ſchaffen werden; ſo daß ſie nie in größerer Anzahl unter unſern Mauern erſcheinen, als wovon nichts für die Sicherheit der Hauptſtadt der Welt zu beſor⸗ gen iſt. Waͤhrend ſie ſich an die Ufer des Bosphorus bege⸗ ben, werden wir ihnen Lebensmittel reichen laſſen, wenn ſie friedlich und wohlgeordnet fortziehen, ſoll⸗ ten ſich aber Einige von ihren Fahnen entfernen oder dem Lande durch heimliches Pluͤndern Schaden zufuͤ⸗ gen, ſo nehmen wir an, daß unſre tapfren Bauern nicht anſtehen werden ihre Ausſchweifungen zu un⸗ terdruͤcken, ohne daß wir ihnen zu dieſem Ende be⸗ ſtimmte Befehle zu geben brauchen; denn wir wuͤnſch⸗ ten nicht, daß man uns in irgend einer Hinſicht der Verletzung unſerer Verpflichtungen anklagen koͤnnte. Wir ſetzen auch voraus, daß die Scythen, die Araber, die Sprier und andere beſoldete Truppen in unſerem 92 Dienſte nicht zugeben werden, daß man unſere Un⸗ terthanen unterdrücke, wenn ſie fuͤr ihre rechtmaͤßige Vertheidigung ſorgen. Und da es nicht recht iſt, unſer Land ſeiner Nahrungsmittel zu berauben, um Fremde zu naͤhren, ſo werden wir weder verwundert, noch allerhoͤchſt ungehalten ſeyn, wenn ſich in die Zahl der Mehlſaͤcke, welche man ihnen liefern wird, einige voll Kreide, Kalk oder andern ähnlichen Stoffen ein⸗ ſchleichen; denn man hat wirklich kaum einen Begriff davon, was Alles ſo ein Frankenmagen leicht ver⸗ dauen kann. Ihre Wesweiſer, und ihr ſorgt mir da⸗ füͤr, daß ſie ſolche bekommen, welche ihre Pflichten genau kennen, ſollen ſie auf ſchwierigen und entle⸗ genen Wegen fuͤhren, was fuͤr ſie ein wahrer Gefal⸗ len ſeyn muß, da ſie ſich dadurch an die Beſchwerden des Landes und Himmelsſtriches gewoͤhnen, zu wel⸗ chen ſie ſich ſonſt nicht abgehaͤrtet finden wuͤrden. Zu gleicher Zeit werdet ihr in euren Beziehungen zu ihren Oberhäuptern, welche ſie Grafen nennen, und deren Jeder ſich ſo groß wie ein Kaiſer dünkt, euch hüten, ihrem angeborenen Dünkel irgend einen Anlaß der Kränkung zu geben, und keine Gelegenheit vorbeigehen laſſen um ſie von dem Reichthum und der Herrlichkeit unſrer Regierung zu unterrichten. Man kann ſelbſt Geldſummen unter die einflußreichen Maͤnner austheilen, weniger beträchtliche Geſchenke unter die niedern Befehlshaber. Ihr, unſer Logo⸗ thet, ſoilt für dieſen letzten Gegenſtand Sorge tragenz 93 und ihr, unſer Oberhofmeiſter, ihr veranſtaltet es, daß diejenigen von unſern Soldaten, welche abge⸗ ſonderte Frankenzüge abſchneiden können, ſich ſtets ſo— viel als möglich, in der Tracht der Barbaren und unter dem Scheine von Ungläubigen darſtellen. In⸗ dem ich die Ausführung dieſer Befehle eurem Eifer anvertraue, beabſichtige ich, daß die Krenzfahrer den Werth unſrer Freundſchaft und bis zu einem gewiſſen Grade die Gefahr, uns zu Feinden zu haben, erken⸗ nen lernen, und daß diejenigen, welche wir ſicher nach Aſien übergeſetzt haben werden, eine losgeriſſene Schaar bilden, welche freilich immer noch ungehener aber doch geſchwächt iſt, und gegen welche wir dann nach den Vorſchriften der chriſtlichen Klugheit handeln können⸗ Indem wir alſo an den Einen ſchöne Worte verſchwen⸗ den, an den andern Drohungen, Gold an den Eigen⸗ nützigen, Auszeichnungen an den Ehrgeizigen, und ver⸗ nünftig mit Denjenigen ſprechen, welche es verſtehen, ſo zweifeln wir nicht, daß wir dieſe Franken, welche von kauſend verſchiedenen Orten zuſammengekommen, und unter einander entzweit ſind, dahin bringen, uns eher als gemeinſchaftlichen Herrn anzuerkennen, als ein Oberhaupt aus ihnen ſelbſt zu wählen; zu dem Ende ſollen ſie von der wichtigen Thatſache belehrt werden, daß jedes Dorf Paläſtinas von Dom bis nach Berſebah das alte Eigenthum des heiligen römiſchen Reiches iſt, und daß jeder Chriſt, welcher an einem Kriege Theil nimmt, um dieſes Land wieder zu ero⸗ 94 bern, dieß als unſer Unterthan thun muß, und nur unter dem Titel eines Lehnsmanns unſerer Krone die Eroberungen behalten darf, welche er möglicher⸗ weiſe machen kann. Das Laſter wie die Tugend, die Thorheit wie die Klugheit, der Ehrgeiz wie die Un⸗ eigennützigkeit werden auf gleiche Weiſe denjenigen, welche von dieſen ſonderbaren Menſchen am Leben bleiben, ein Geſetz daraus machen, dem Kaiſerthume lehnbar, und eher der Schild enres Vaters des Kai⸗ ſers zu werden, als ſeine Feinde. Alle Höflinge neigten ihr Haupt, und ſtießen den orientaliſchen Ausruf aus:— Es lebe der Kaiſer! Als der Schall dieſes Zurufes verklungen war, nahm Alexius wieder das Wort: Ich wiederhole es noch ein mal, daß mein treuer Oberhofmeiſter und ſeine Untergebenen die Vollziehung derjenigen Befehle, welche etwas feindliches haben können, ſolchen Truppen auftragen ſollen, welche fremde Sprachen reden und von außen wie Barbaren aus⸗ ſehen; und ich bedaure es ſagen zu müßen, daß die Anzahl derſelben in unſrem kaiſerlichen Heere bedeu⸗ tender iſt, als von unſren eingeborenen und recht⸗ gläubigen Unterthanen. Hier ſprach der Patriarch dazwiſchen, um ſeine Meinung darüber abzugeben. Es iſt ein Troſt, ſagte er, wenn man daran denkt, daß in eurem kaiſerl. Heere nur wenige wirkliche Rö⸗ mer ſind; denn es gehört ſich, daß einz ſo blutiges 95 Handwerk als der Krieg von ſolchen betrieben werde, deren Glanbenslehre und Betragen gleichmäßig in der andern Welt eine ewige Verdammniß verdienen. Ehrwürdiger Patriarch, ſagte der Kaiſer, wir ſind weit entfernt, mit den ungläubigen Barbaren zu be⸗ haupten, daß das Paradies durch den Sabel zu errin⸗ gen ſey; indeſſen hoffen wir feſt, daß ein Römer, welcher im Kampfe für ſeinen Glauben und ſeinen Kaiſer ſtirbt, eben ſoviel Hoffnung auf Seeligkeit nach dem Tode haben kann, als der Menſch, welcher im Frieden ſtirbt, ohne ſeine Hand mit Blut befleckt zu haben. Ich will nur erwiedern, ſagte der Patriarch, daß die Lehre der Kirche nicht ſo nachſichtig iſt. Die Kirche iſt friedlich, und ihre Gnadenverſprechungen ſind nur für die Leute des Friedens. Glaubet aber dennoch nicht, daß ich die Pforten des Himmels dem Soldaten verſchließen wollte, weil er Soldat iſt, wenn er nur ſonſt an alle Lehren unſrer Kirche glaubt, und alle ihre Vorſchriften befolgt. Noch viel weniger verdamme ich die weiſen Maßregeln Ew. Maj., um von dieſen lateiniſchen Ketzern die Macht zu ſchwächen und die Zahl zu vermindern, weil ſie hierher kommen um uns zu berauben, ja vielleicht um die Kirche und ihren Tempel auszuplündern, und dabei den leeren Vorwand gebrauchen, daß der Himmel ihnen, die doch mit ſo vielen Ketzereien beſudelt ſind, geſtatten wird jenes gelobte Land wieder zu erobern, welches die 96 Vorfahren Ew. hochheiligen Maj., wahre rechtgläu⸗ bige Chriſten, nicht vor dem Joche der Ungläubigen haben beſchützen können. Auch hoffe ich feſt, daß Ew. Maj. den Lateinern nicht erlauben wird, irgend eine Niederlaſſung zu gruͤnden, wenn man daſelbſt nicht ein Kreuz errichtet, deſſen vier Arme gleich lang ſind, anſtatt jenes unglücklichen und verdammungswürdigen Irrthums der abendländiſchen Kirche, welcher den untern Theil dieſes hochheiligen Sinnbildes verlängert. Ehrwürdiger Patriarch, antwortete der Kaiſer, ſeyd uͤberzeugt, daß wir große Wichtigkeit auf eure Be⸗ denken legen; ſie haben ohne Zweifel viel Gewicht, aber die Frage iſt jetzt nicht, ob wir dieſe ketzeriſchen Lateiner zum wahren Glauben bekehren koͤnnen, ſon⸗ dern wie wir vermeiden mögen, daß wir nicht von ihren unzähligen Heeren erdrückt werden, welche jenen Heuſchreckenſchwärmen gleichen, die vor ihnen hergezv⸗ gen ſind, und ſie angekuͤndigt haben. Ew. Maj. wird mit ihrer gewöhnlichen Vorſicht handeln, ſagte der Patriarch. Ich dagegen drücke nur meinen Zweifel aus, um meine Seele zu retten. Wir thun eurer Ueberzeugung keinen Eintrag durch unſere Auslegung, hochehrwuͤrdiger Patriarch, ſagte der Kaiſer! Und ihr, fuhr er fort, ſich an ſeine an⸗ dern Räthe wendend, ſorget dafür, jeder in ſeinem Gebiete, daß alle Maßregeln zur Vollziehung der Befehle, welche wir euch im Allgemeinen gegeben ha⸗ ben, ergriffen werden. Sie ſind mit heiliger Dinte 97 geſchrieben, und unſre Unterſchrift iſt gehörig mit grüner und purpurrother Farbe bezeichnet. Man be⸗ folge ſie genau. Wir wollen ſelbſt den Oberbefehl über die Cohorten der Unſterblichen, welche in der Stadt bleiben, übernehmen, und ſie mit unſrentreuen Wäringern vereinigen. An der Spitze dieſer Truppen wollen wir die Ankunft dieſer Fremdlinge unter den Mauern unſrer Hauptſtadt erwarten; wir werden den Kampf ſo lange vermeiden, als ihn unſre Politik aufſchieben kann, aber ſtets auf alle Fälle gefaßt ſeyn, welche der All⸗ mächtige uns ſchicken kann. Der Rath trennte ſich, und die verſchiedenen Be⸗ amten begannen ſich thätig mit der Ausführung der mannichfachen bürgerlichen und kriegeriſchen, geheimen oder öffentlichen, friedlichen oder feindlichen Verhal⸗ tungsbefehle, zu beſchäftigen, welche ſie rückſichtlich der Kreuzfahrer empfangen hatten. Der eigenthümliche Charakter des griechiſchen Volkes zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit recht deutlich. Seine Prahlerei und Aufgeblaſenheit beförderte die Anſich⸗ ten, welche der Kaiſer den Kreuzfahrern von ſeiner Macht und ſeinen Hülfsquellen beizubringen wünſchte. Auch dürfen wir nicht verſchweigen, daß der ſchlaue Eigennutz der meiſten Diener des Alexius manches Mittel fand, die Befehle ihres Herrn auf eine ihrem Vortheile am meiſten zuſagende Weiſe zu vollziehen. Indeſſen hatze ſich in Conſtantinopel die Neuigkeit verbreitet, ein ungeheures Heer, welches aus allen W. Scorrs ſämne. Werke. r63s Bochn. 7 Völkerſchaften des Abendlandes beſtünde, ſey an den Gränzen des griechiſchen Reiches angekommen, und habe vor, nach Paläſtina zu ziehen. Tauſenderlei Ge⸗ rüchte übertrieben noch, wo möglich, ein ſo wunder⸗ bares Ereigniß. Die Einen ſagten, die Kreuzfahrer wollten Arabien erobern, das Grabmal des Propheten zerſtören, und aus ſeiner grünen Fahne eine Decke für das Pferd des Bruders des franzöſiſchen Königs machen. Andere vermutheten, die Zerſtörung und Plünderung Conſtantinopels wären der wahre Zweck des Krieges. Eine dritte Klaſſe meinte, er wäre un⸗ teruommen worden, um den Patriarchen zur Aner⸗ kennung der Obergewalt des Pabſtes zu zwingen, ſo wie zur Annahme der Geſtalt des lateiniſchen Kreuzes und zur Beendigung der Kirchentrennung. Dieſe furchtbare Neuigkeit wurde überall mit Ver⸗ änderungen erzählt, je nach dem beſonderen Geſchmacke und den eigenthümlichen Vorurtheilen derjenigen, wel⸗ che ſie berichteten; auch die Wäringer machten ihre Erklärungen dazu. Sie erfuhren dieſelbe zuerſt durch unſern Freund Hereward, welcher einer ihrer Unter⸗ offiziere, auch Connetablen oder Serganten genannt, war, und welcher etwas von dem, was er am vori⸗ gen Abende gehört hatte, verlauten ließ; da er be⸗ dachte, daß die Sache bald öffentlich bekaunt werden wuͤrde, ſo hatte er keinen Anſtand genonmen, ſeinen Kameraden zu verſtehen zu geben, das ſie bald ein normänniſches Heer unter den Befehln des Herzogs 99. Robert, des Sohnes des berühmten Wilhelms des Er⸗ oberers ſehen würden, welches mit feindſeligen Abſich⸗ ten, beſonders gegen ſie, wie er vermuthete, hierher⸗ käme. Wie alle anderen Menſchen, welche ſich in einer beſondern Lage befinden, ſo nahmen auch die Wäringer eine für ihre Umſtaͤnde paſſende Erklaͤrung an. Sie glaubten, daß dieſe Normänner, welche die Sachſen haßten, und welche mit ſo viel Eifer an ih⸗ rer Entehrung und Unterdrückung gearbeitet hatten, ſie jetzt bis in die fremde Hauptſtadt, worin ſie eine Zuflucht gefunden hatten, verfolgten, und den edel⸗ müthigen Fürſten, der ihnen Schutz gewährte, bekrir⸗ gen wollten. In dieſer Meinung ſchwuren ſie zu wie⸗ derholten Malen auf Normänniſch und Angelfächſiſch, daß ihre guten Streitäxte für die Niederlage von Ha⸗ ſtings ſich raͤchen ſollten; und indem ſie in ſtarken Zügen Wein und Aele tranken, forderten ſie ſich gegen⸗ ſeitig heraus, wer den tiefſten Haß zeigen, und die glänzendſte Rache nehmen würde für alle Beleidigun⸗ gen, welche die Angelſachſen von ihren Bedräckern empfangen haͤtten. Hereward, welcher dieſe Reuigkeit unter ſeinen Ka⸗ meraden verbreitet hatte, bereuete bald, daß ſie ſti⸗ nen Lippen entfahren war, weil ſie ihn gewaltig mit Fragen beſtürmten, um von ihm genauere Nachrichten in dieſer Hinſicht zu bekommen; aber er hielt es für ſeine Pflicht, ihnen ſein Abenteuer. vom vorherigen 100 Abend, ſo wie den Ort zu verheimlichen, wo er ſeine Belehrungen bekommen. Gegen Mittag, wo er müde war, dieſelbe Antwort auf dieſelben Fragen zu geben, und anderen derſelben Art, welche ſich beſtändig wiederholten, auszuweichen, verkündete der Schall der Trompeten die Ankunft des Akoluthos Achilles Tatius, welcher, wie man ſich ganz leiſe ſagte, unmittelbar aus dem innerſten Hei⸗ ligthume des Pallaſtes kam, um die Nachricht von dem baldigen Ausbruche des Krieges zu überbringen. Der Akoluthos berachrichtigte ſie, daß die Wärin⸗ ger und die römiſchen Cohorten mit dem Beinamen der Unſterblichen ein Lager unter den Mauern der Stadt bilden ſollten, um auf das erſte Zeichen zum Kampfe bereit zu ſeyn. Dieſe Nochricht brachte Alles in den Kaſernen in Bewegung, und Jeder machte ſeine Vorbereitungen für den nahen Feldzug. Es herrſchte ein ſolcher Wirrwarr von lärmenden Zurufungen und rauſchendem Geſchrei, daß Hereward, welcher vermöge ſeines Grades die Zurichtung ſeiner Kleidung und Waf⸗ fen einem Knappen der Waffenträger uberlaſſen durfte, dieſe Gelegenheit ergriff, um die Kaſernen zu verlaſ⸗ ſen, und um in einiger Entfernung von ſeinen Ge⸗ fährten einen einſamen Ort zu ſuchen, wo er ſich ſei⸗ nen Gedanken hingeben könnte über die ſonderbare Verkettung der Ereigniſſe, die ihn in unmittelbare Verbindung mit der kaiſerlichen Familie geſetzt hatte. Er wandelte durch enge Straßen, welche jetzt we⸗ 101 gen der Sonnenhitze verlaſſen waren, und kam endlich an eine jener großen Terraſſen, welche treppenartig zu den Ufern des Bosphorus hinabgingen und den ſchönſten Spaziergang der Welt bildeten; dieſe Ter⸗ raſſen ſind, wie wir glauben, noch heute ein öffentli⸗ cher Spaziergang, welcher den Türken, wie ehemals den Chriſten, zur Beluſtigung und Erholung dient. Dieſe Terraſſen in der Geſtalt von Stufen waren mit einer großen Menge Baͤume bepflanzt, wornnter die Cypreſſe, wie gewöhnlich, am haͤufigſten war. Man ſah hier verſchiedene Gruppen von Einwohnern der Stadt, wovon die Einen mit unruhiger und geſchäf⸗ tiger Miene gingen und kamen, die Andern aufrecht ſtanden, um die ſeltſame und wichtige Tagesneuigkeit zu beſprechen; Viele nahmen mit der ſorgloſen Unem⸗ pfindlichkeit eines vrientaliſchen Himmelsſtriches im Schatten ihre mittäglichen Erfriſchungen ein, und vertrieben ſich die Zeit, als ob ſie nur für die Gegen⸗ wart zu leben haͤtten, und verſchoben auf den mor⸗ genden Tag die Sorgen, welche er bringen konnte. Während der Wäringer, voll Beſorgniß, er möchte einer bekannten Geſtalt in dieſem Zuſammenfluß des Volkes begegnen, was nicht ſeinem Wunſche nach Ein⸗ ſamkeit, der ihn hierher gefuͤhrt hatte, zuſagte, von einer Terraſſe zur andern herabſtieg oder überging, betrachtete ihn ein jeder mit neugierigem Blicke, wel⸗ cher den Wunſch ihn zu fragen verrieth: denn nach ſeinen Waffen und ſeiner Stellung am Hofe hielt man 102 ihn für beſſer unterrichtet, als Jemand anders uͤber den ſonderbaren Einfall der zahlreichen, von verſchie⸗ denen Seiten kommenden, Feinde, welche das Tages⸗ geſpräch ausmachte. Niemand getraute ſich indeſſen eine Frage an den Soldaten von der Leibwache zu richten, obwohl ihn Jedermann mit ungemeiner Theil⸗ nahme betrachtete. Er ging aus den offenen Alleen in die dunkleren, verließ die beſuchteſten Terraſſen, um auf die einſamern zu eilen, und dennoch fuͤhlte er, daß er ſich nicht als allein betrachten dürfte. Der Wunſch, in die Einſamkeit zu kommen, ließ ihn nach und nach mehr um ſich blicken, und da be⸗ merkte er bald, daß ihn ein ſchwarzer Sklave ver⸗ folgte, welche Art Menſchen in den Straßen von Con⸗ ſtantinopel nicht ſo ſelten war, um beſondere Auf⸗ merkſamkeit zu erregen. Seine Augen indeßen waren auf dieſen Menſchen gerichtet, und er ſuchte ſeiner Beobachtung zu entgehen. Er hatte im Anfange an⸗ dere Orte geſucht, um die Geſellſchaft überhaupt zu vermeiden, und jetzt nahm er zu demſelben Mittel eine Zuflucht, um einen Menſchen los zu werden, welcher von ferne ſeine Schritte zu belauern ſchien. Durch dieſes Verfahren verlor er ihn wirklich einige Minuten aus dem Geſichte, aber bald erblickte er ihn von Neuem wieder, zwar zu ferne, um fuͤr ſeinen Ge⸗ ſellſchafter beim Spaziergange zu gelten, aber nahe genug um die Rolle eines Aufpaſſers zu ſpielen. Un⸗ gehalten über dieſe Hartnaͤckigkeit, änderte der Wi⸗ 105 ringer plötzlich ſeinen Weg, und da er ſich an einem Orte befand, wo er mit dem Gegenſtande ſeines Un⸗ willens allein war, ging er gerade auf ihn los, und fragte ihn, warum und auf weßen Befehl er ſeinen Schritten zu folgen wagte. Der Schwarze gab ihm in einem eben ſo ſchlechten Kauderwelſch, als worin der Waͤringer zu ihm ſprach, nur von einer andern Art, zur Antwort, daß er Befehl hätte genau zu erforſchen wohin er ginge. Wer hat dieſen Befehl ertheilt? fragte der Wärin⸗ ger. 6 Mein Herr und der eure, erwiederte dreiſt der Neger. Richtswürdiger Ungläubiger! ſchrie Hereward zor⸗ nig; wann ſind wir in demſelben Dienſte miteinander geſtanden, und wen wagſt du meinen Herrn zu nennen? Einen Mann der Herr der Welt iſt, weit er ſeinen Leidenſchaften gebietet. Ich werde den meinigen kaum gebieten können, wenn du auf meine ernſthaften Fragen durch abgeſchmackte philofophiſche Witze antworteſt. Noch ein Mal, was willſt du von mir? Warum biſt du ſo verwegen, mir aufzupaſſen? Ich habe euch ſchon gefagt, daß ich die Befehle meines Herrn vollziehe. Aber ich muß wiſſen wer dein Herr iſt. Dann muß er euch ſelbſt antworten! er vertrant 104 nicht einem armen Sklaven, wie ich bin, den Beweg⸗ grund zu ſeinen Befehlen an. Er hat dir doch eine Zunge gelaſſen, welchen Vor⸗ theil manche deiner Landesleute gerne haben möchten. Nöthige mich nicht, ſie dir zu rauben, indem du mir verweigerſt zu ſagen, was ich mit Recht dich fra⸗ gen kann. An der ſeltſamen Geberde, welche der Neger machte, konnte man leicht ſehen, daß er auf eine neue Aus⸗ flucht ſann; aber Hereward brach kurz ab, indem er den Stiel ſeiner Streitaxt über ihn erhob.— Zwinge mich nicht, mich zu entehren, ſchrie er, indem ich dich mit einer zu einem edleren Zwecke beſtimmten Waffe treffe. Ich habe keine Luſt dazu, tapferer Krieger, ſagte der Reger, indem er ſeinen halb frechen, halb ſpöt⸗ tiſchen Ton aufgab, den er bisher angenommen hatte, und durch ſeine Geberden die Furcht, welche er em⸗ pfand, verrieth. Wenn ihr den armen Sklaven tödtet, ſo werdet ihr darum nicht mehr wiſſen, was ihm ſein Herr zu ſagen verboten hat. Einige Schritte können euch der Mühe überheben einen wehrloſen Menſchen zu ſchlagen, eure Ehre vor jeder Befleckung bewahren, und mir die Unannehmlichkeit erſparen auszuſtehen, was ich weder bewirken noch vermeiden kann. So führe mich, ſagte der Wäringer, aber ſey ver⸗ ſichert, daß du mich nicht mit ſchönen Worten betrü⸗ gen kannſt. Ich will wiſſen welcher Menſch ſo frech 105 ſehn kann, ſich das Recht anzumaßen meine Handlun⸗ gen belauern zu laſſen. 4 b5 Der Neger ging mit einem, ſeinem Geſichte eigen⸗ thümlichem Lächeln voran, welches man eben ſo gut für einen Ausdruck der Bosheit, als einfacher Luſtig⸗ keit hätte halten können. Der Wäringer folgte ihm, nicht ohne einiges Mißtraueu; denn der Zufall wollte, daß er mit dem unglücklichen afrikaniſchen Geſchlechte nur ſehr wenig zuſammengekommen war, und er hatte noch nicht ganz den traurigen Eindruck verloren, wel⸗ chen er empfunden hatte, als er ſie zum erſten Male bei ſeiner Ankunft aus dem Norden ſah. Dieſer Schwarze drehte ſich ſo oft um während ihres Weges um ihn zu betrachten, und warf auf ihn ſo durchdrin⸗ gende und prüfende Blicke, daß Hereward unwillkühr⸗ lich in ſeinem Geiſte den engliſchen Aberglauben ent⸗ ſtehen fühlte, welcher den böſen Geiſtern die ſchwarze Farbe und die häßlichen Züge ſeines Vegleiters zu⸗ ſchrieb. Es war ſehr natürlich, daß dieſe Vorſtellung von ſelbſt bei dem unwiſſenden und kriegeriſchen In⸗ ſulaner aufſtiegen, und der Ort, wohin er geführt wurde, war auch geeignet, ihn darin zu beſtärken. Von den ſchoͤnen terraſſenfoͤrmigen Spaziergangen, welche wir beſchrieben haben, fuͤhrte ihn der Neger auf einem abhaͤngigen Pfade nach dem Meeresufer an einen Ort, velcher weit entfernt, gleich den an⸗ deren Theilen der Kuſte in Spaziergaͤnge und Ter⸗ raſſen umgewandelt zu werden, im Gegentheil gaͤnz⸗ lich vernachlaͤßigt ſchien, und mit Trümmern des Alterthumes bedeckt waren, auf denen zum Theile uͤppige Kräuter wucherten, die von der Kraft des Wachsthumes in dieſem Himmelsſtriche zeugten. Die⸗ ſe Ueberbleibſel alter Gebäude nahmen eine Art von Vertiefung in der Bucht ein, und wurden auf jeder Seite von Erhoͤhungen der Erde verdeckt; ſo daß man dieſen Ort von keinem Theile der Stadt aus ſehen konnte, obwohl er in ihrem Umfange lag; eben ſo wenig erblickte man von da aus irgend einen Pal⸗ laſt, irgend eine Kirche, Thurm oder Befeſtigung der Hauptſtadt. Die Lage dieſes einſamen Ortes, welcher mit Truͤmmern überſchuͤttet, von Cypreſſen und an⸗ deren Baumen beſchattet war, und ſich mitten in ei⸗ ner volkreichen Stadt befand, hatte etwas Großarti⸗ ges, was geeignet war auf die Einbildungskraft zu wirken. Dieſe Truͤmmer waren aus ſehr fruͤher Zeit, und ihre Bauart verrieth das Werk eines fremden Volkes. Die rieſenhaften veberbleibſel einer Säulenhalle, die verſtuͤmmelten Bruchſtuͤcke uͤber⸗ menſchlicher Bildſaͤulen, welche aber in ſo barbariſchem Geſchmacke und Style ausgefuͤhrt waren, daß ſie ei⸗ nem vollkommenen Gegenſatz mit den Werken der Griechiſchen Bildhauer darboten, und die halb ver⸗ löſchten Hieroglyphen, welche man noch auf einigen zertruͤmmerten Bildwerken erblicken konnte, beſtätig⸗ ten das, was die Volksſage von ihrem Urſprunge erzaͤhlte. 107 Nach dieſer Sage waren dieſe Truͤmmer von einem Tempel der Egyptiſchen Göttin Cybele, der in den Zeiten erbaut worden, als das Roͤmiſche Reich noch heidniſch war, und Conſtantinopel noch Byzanz ge⸗ nannt wurde. Es iſt bekannt, daß der Aberglaube der Egyptier, welcher nach ſeinem woͤrtlichen Sinne ebenſo plump war als in ſeiner geheimen Auslegung, und welcher eine Menge abgeſchmackter Lehren veranlaßte, ſelbſt nicht bei den Grundſätzen der allgemeinen Duldung und dem Syſteme der Vielgoͤtterei, welche in Rom galten, zugelaſſen noch anerkannt wurde; und daß mehrmals eingeſchaͤrfte Geſetze unterſagten, demſelben die Achtung zu erweiſen, welche in dem Reiche faſt alle andere Religionen erhielten, ſo abgeſchmackt und ungereimt ſie ſeyn mochten. Dieſer Egyptiſche Got⸗ tesdienſt hatte aber großen Reiz fuͤr wißbegierige und aberglaͤubiſche Geiſter, und nach einem langen Kampfe gelang es ihn in das Roͤmiſche Reich einzufuͤhren. Obwohl ſie nun geduldet wurden, ſo betrachtete man doch die Egyptiſchen Prieſter mehr als Zauberer, denn als Glaubensdiener, und nach dem Volksglauben hatte ihr Gottesdienſt mehr Beziehung auf Geiſterbeſchwoͤ⸗ rung als auf irgend eine regelmaͤßige Anbetung eines hoͤchſten Weſens. Der Egyptiſche Gottesdienſt, welcher ſchon bei den Heiden von einer ſolchen Anklage befleckt war, floͤßte 108 den Chriſten einen noch toͤdtlicheren Abſcheu ein, als irgend ein anderer. Die viehiſche Verehrung des Apis und der Cybele wurde nicht allein als Vorwand betrachtet, um ſich unzuͤchtigen und unanſtaͤndigen Vergnuͤgungen hin⸗ zugeben, ſondern man ſah auch als ihren Zweck an, einen gefaͤhrlichen Verkehr mit den boͤſen Geiſtern zu eroͤffnen und zu beguͤnſtigen, von welchen man glaub⸗ te, daß ſie auf dieſen gemeinen Altaͤren den Namen und Charakter jener ſcheußlichen Gottheiten anneh⸗ men. Daher wurde bei der Bekehrung des Reiches zum Chriſtenthume nicht allein der Tempel der Eybele mit ſeinen rieſenmäßigen Säulenhallen, ſeinen unge⸗ ſchmeidigen, übermenſchlichen Bildſäulen und ſei⸗ ſeinen ſeltſamen Hieroglyphen niedergeriſſen und zer⸗ ſtört, ſondern der Boden ſelbſt, worauf er geſtanden hatte, wurde als entweiht betrachtet, und da noch kein Kaiſer eine chriſtliche Kirche auf dieſer Stelle hatte auf⸗ bauen laſſen, ſo war dieſer Ort in einem Zuſtande der Verwahrloſunz wie wir ihn geſchildert haben. Der Wäringer kannte vollkommen den übeln Ruf dieſes Ortes; und als der Neger Willens ſchien, mit⸗ ten durch dieſe Trümmerhaufen vorwärts zu gehen, ſo ſtand er an ihm zu folgen, und ſagte zu ſeinem Füh⸗ rer:— Höre mich, mein ſchwarzer Freund, dieſe un⸗ geheuren und ſeltſamen Bildſäulen, die einen ohne Köpfe, die andern mit Hunds⸗ oder Kuhköpfen, flößen keine große Ehrfurcht dem Volke dieſes Landes ein. 109 Dabei gleicht die Farbe deiner Haut, mein Gefährte, zu ſehr der des Satans, als daß man dir ohne Miß⸗ trauen in dieſe Ruinen folgen könnte, in welchen der Sage nach alle Tage der Lügengeiſt umgehet. Mau behauptet, daß um Mitternacht und Mittag ſeine Erſcheinung Statt finde. Ich will darum mit dir nicht weiter gehen, wenn du mir nicht einen hinrei⸗ chenden Grund angibſt, um mich dazu zu bewegen. Da ihr mir ein ſo kindiſches Geſtändniß thut, ant⸗ wortete der Neger, ſo benehmt ihr mir wahrlich alle Luſt euch zu meinem Herrn zu führen; ich glaubte es mit einem Manne von unuͤberwindlichem Muthe zu thun zu haben, und der jene geſunde Vernunft be⸗ ſitzt, welche die ſicherſte Grundlage des wahren Mu⸗ thes iſt. Aber eure Tapferkeit giebt euch nur das Herz, einen ſchwarzen Sclaven zu ſchlagen, welcher weder die Kraft noch das Recht hat euch zu widerſte⸗ hen; und euer Muth geht nicht ſo weit, eine Mauer von der Schattenſeite zu betrachten, während die Sonne hoch am Himmel ſteht. Du biſt ein Unverſchaͤmter, ſagte Hereward, und ſchwang ſeine Streitart. Und ihr ſeyd thoͤricht, eure Tapferkeit und Weisheit durch Mittel beweiſen zu wollen, welche geradezu ge⸗ eignet ſind, ſie in Zweifel zu ſetzen. Ich habe euch ſchon ein Mal geſagt, daß es von wenig Muth zeugt, wenn man einen ungluͤcklichen Sklaven, wie mich, ſchlägt; und ein Menſch von geſunder Vernunft, wel⸗ 140 cher ſeinen Weg erfahren will, faͤngt nicht damit an, daß er ſeinen Führer durch Schläge fortjagt. Ich folge dir, ſagte der Wäringer, von dieſem Vor⸗ wurfe der Feigheit gekraͤnkt, aber wenn du mich in eine Schlinge führſt, ſo ſollen deine ſchönen Reden nicht deine Knochen beſchuͤtzen, wenn ſelbſt ein Tauſend von irdiſchen oder hölliſchen Weſen deiner Farbe bereit wären dich zu vertheidigen. Ihr ſeyd ja erſchrecklich auf meine Haut erbittert. Woher wißt ihr, ob man dieſelbe als etwas Wirkli⸗ ches oder Beſtändiges anſehen kann? eure Augen beleh⸗ ren euch, daß die Farbe des Himmels alle Tage wech⸗ ſelt, und dunkel wird nach dem Glanze, und dennoch wißt ihr, daß dieſe Veränderung nicht von einer wahr⸗ haften Farbe des Himmelgewoͤlbes herkommt. Die⸗ ſelbe Veraͤnderung, wie am Himmel, findet auch auf der Oberfläche des Meeres Statt. Woher könnt ihr alſo wiſſen, vb die Verſchiedenheit meiner Farbe von der eurigen nicht durch irgend eine trügeriſche Ver⸗ änderung meiner Natur verurſacht, und nicht viel⸗ mehr nur ein Schein ſtatt einer Wirklichkeit iſt 2 Du kannſt dich gemahlt haben, ſagte der Wäringer nach augenblicklichem Beſinnen, und demzufolge kann die Schwärze deiner Haut nur ſcheinbar ſein. Aber ich glaube, dein alter Freund, der Teufel ſelbſt, könnte kaum ſo natürlich dieſe aufgeworfenen Lippen, dieſes haͤmiſche Lächeln, dieſe weißen Zähne und dieſe platte Naſe aufzeigen, wenn dieſes eigenthümliche Ganze der 111¹ Nubiſchen Geſichtszüge, wie man es nennt, nicht wirk⸗ lich vorhanden wäre; und um dir alle Ungewißheit zu benehmen, will ich dir, mein ſchwarzer Freund, ſagen, ½ daß du zwar mit einem Wäringer ohne Erziehung ſprichſt, daß ich aber nicht gänzlich ohne Bekannſchaft mit der Kunſt der Griechen bin, welche honigſüßen und wohlgeſtellten Worten ſtatt guter Vernunft⸗ gründe in den Geiſt ihrer Hörer Eingang zu verſchaf⸗ fen wiſſen. Ei wirklich? ſagte der Neger mit zweifelnder und uͤberraſchter Miene. Und darf euch der Sklave Diogenes,— dieſen Namen hat mir mein Herr gege⸗ ben,— fragen, wie ihr eine ſo ungewöhuliche Kennt⸗ niß erworben habt? Das iſt bald geſagt. Mein Landsmann Wittekind, einer von den Konnetabeln unſres Corps, hatte ſich vom Dienſte zurückgezogen, und verlebte die letzten Tage ſeines langen Lebens in dieſer Stadt Eonſtanti⸗ nopel. Da er nicht mehr das Handwerk des Krieges trieb, weder in der Wirklichkeit auf dem Schlacht⸗ felde, noch in dem ermüdenden Gepränge des Dienſtes und der Paraden, ſo wußte der arme Greis nicht mehr ſeine Zeit anders hinzubringen, als indem er die Vor⸗ träge der Philoſophen hörte. Und was konnte er da lernen? Ein unter dem Helme ergrauter Barbare mochte, wie mir ſcheint, kein glänzender Schuͤler in unſeren Schulen ſein. Doch wohl ſo glänzend, wie mir ſcheint, als ein niedriger Sklave. Uebrigens habe ich von ihm erfah⸗ ren, daß die Meiſter dieſer leeren Wiſſenſchaft ſich die Köpfe zerbrechen, um in ihren Schlüſſen Worte an die Stelle der Gedanken zu ſetzen, und da ſie nie über die Bedeutung der Worte einig ſind, ſo koͤnnen ihre Be⸗ weisführungen niemals zu einem vernünftigen und ge⸗ nügenden Ziele kommen, weil ſie ſich nicht über die Art, ihre Gedanken auszudruͤcken verſtändigen können. Ihre Theorieen, wie ſie ſie nennen, ſind auf Sand ge⸗ daut, und Wind und Fluth kann ſie umwerfen. Saget das meinem Herrn, ſagte der Neger in ernſt⸗ haftem Tone. Ich werde es ihm ſagen, erwiderte der Waͤringer; und er ſoll in mir das ſehen, was ich bin, einen un⸗ wiſſenden Soldaten, der nur wenige Begriffe hat, und nur ſeinen Glauben und ſeine Pflichten als Soldat kennt: aber man wird mich nicht von dieſen Mei⸗ nungen abbringen, weder durch ein Gewebe von Spitz⸗ findigkeiten, noch durch die Kunſtgriffe oder die Dro⸗ hungen der Freunde des Heidenthumes von dieſer oder der andern Welt. Ihr könnt ihm ſelbſt eure Denkungsweiſe mittheilen, ſagte Diogenes.— Er that einen Schritt zur Seite, um dem Wäringer Platz zu machen, und gab ihm ein Zeichen vorwärts zu geheh. Hereward ſchritt auf einem faſt unmerklichen Pfade vorwärts, der kaum durch das hohe Gras getreten war; er bog um einen halb zerſtörten Altar, worauf noch die Ueberbleibſel des Stieres oder Gottes Apis zu ſehen waren, und fand ſich plötzlich vor dem Philo⸗ ſophen Agelaſtes, welcher mitten unter den Trümmern guf dem Raſen ſaß. (Fortſetzung folgt.)