A Pn —„— , e hhene. Redgauntlet. Eine Erzählung aus dem achtzehnten Jahrhundert. Vom Verfaſſer des Waverley. Aus dem Engliſchen frei uͤberſetzt von Carl Weil. Ich folge Dir, o Meiſter, nur voran, Dir bin ich bis zum Tod getreulich zugethan! (Wie's Euch gefällt.) Fuͤnftes Bändchen. Sbntart. bei Gebruͤder Franckh. 6. Redgauntlet. Erſtes Kapitel. Erzaͤhlung von Darſie Latimer. Fortſetzung. „Das Haus Redgauntlet,“ ſagte die junge Da⸗ me,„lag ſeit Jahrhunderten, wie man glaubt, unter einem Fluche, welcher ſeinen Muth, ſeine Talente, ſeine Ehrliebe und ſeine Weisheit unnuͤz machten. Oft ſpielte es eine Rolle in der Geſchichte, ſie ſind ſtets in der Lage von Menſchen geweſen, die mit verzweifelter Kraft⸗ Anſtrengung und beharrlichem Erdulden alles Unge⸗ machs gegen Wind und Wetter kaͤmpfen, aber doch bei aller Kraft und Entſchloſſenheit nicht im Stande ſind, ihren Lauf weiter fortzuſezen. Man behauptet, dieſes ungluͤckliche Geſchick gruͤnde ſich auf eine Sage, die ich Euch in weniger beſchaͤftigten Augenblicken erzaͤhlen will.“ Darſie ſagte, er habe die tragiſche Geſchichte Sir Alberick Regauntlets bereits gehoͤrt. „Ich brauche alſo nur zu ſagen,“ fuhr Lilias fort, „daß unſer Vater und Oheim diß Familienſchickſal in W. Scott's Werke. XIK. 1 vollem Maaße fühlten. Beide beſaßen ein betraͤchtli⸗ ches Vermoͤgen, das durch unſers Vaters Heurath noch betraͤchtlich vermehrt wurde, und beide hatten ſich dem Dienſt des ungluͤcklichen Hauſes Stuart ge⸗ widmet; aber Familien-Rückſichten wuͤrden, wie unſre Mutter wenigſtens glanbte, ihren Gatten zuruͤckgehal⸗ ten haben, an den Scenen des Jahrs 1745. offenen Antheil zu nehmen, hätte ihn nicht der große Einfluß, welchen der juͤngere Bruder durch die entſchiedenere Energie ſeines Charakters uͤber den aͤltern beſaß, zu dieſem Unternehmen fortgeriſſen.“ „Als nun das Unternehmen zu dem ungluͤckſeli⸗ gen Ausgang kam, der unſerm Vater ſeines Lebens beraubte und ſeinen Bruder zum Eril verurtheilte, floh Lady Redgauntlet aus dem Norden Englands, entſchloſſen, alle Verbindung mit der Familie ihres Gemahls, beſonders aber mit ſeinem Bruder, abzu⸗ brechen, da ſie dieſelben wegen ihres unſinnigen poli⸗ tiſchen Fanatismus als die urſache ſeines fruhzeitigen Todes betrachtete, und beſchloß, uns beide in den Ge⸗ ſinnungen der Anhaͤnglichkeit an die herrſchende Dynaſtie aufzuziehen. Vielleicht war ſie zu raſch in dieſem Ent⸗ ſchluß, zu furchtſam aͤngſtlich einem mit uns ſo nahe verbundenen Verwandten, als unſers Vaters einziger Bruder war, wo moͤglich auch den Ort zu verbergen, wo wir uns befanden. Doch muͤßt Ihr auch das be⸗ denken, was ſie gelitten hatte. Sieh, Bruder,“ ſagte ſie, den Handſchuh abſtreifend,„ieſe fuͤnf Blutflecken 7 auf meinem Arme ſind ein Zeichen, das die geheim⸗ nißvolle Natur einem ungebornen Kinde aufdruckte, als eine Erinnerung an ſeines Vaters gewaltſamen Tod und ſeiner Mutter Ungluͤck.“ „Ihr waret alſo noch nicht geboren, als mein Va⸗ ter umkam?“ fragte Darſie.„Ach! nein,“ erwiederte ſie,„auch waret Ihr noch nicht ein Jahr alt. Es war auch nicht zu verwundern, daß meine Mutter, die ſo erſchuͤtternde Scenen erlebt hatte, eine unbeſiegbare Angſt wegen ihrer Kinder empfand, und beſonders wegen ihres Sohnes; um ſo mehr, als ihr Gemahl bey der Berichtigung ſeiner Angelegenheiten die Auf⸗ ſicht ſowohl uͤber die Perſon ihrer Kinder, als uͤber ihre Guͤter, unabhaͤngig von denen, welche in der Con⸗ fiscation begriffen waren, ſeinem Bruder Hugo an⸗ vertraute, auf welchen er ein unbegrenztes Vertrauen ſetzte.“ „Aber meine Mutter hatte keinen Grund, die Wirkung dieſer gerichtlichen Handlung zu fuͤrchten, da ſie zu Gunſten einer geaͤchteten Perſon abgefaßt war,“ ſagte Darſie. „Richtig,“ erwiederte Lilias, aber unſeres Oheims Aechtung konnte aufgehoben werden, wie ſo vieie an⸗ dere; unſre Mutter, die ihn fuͤrchtete und haßte, leb⸗ te darum in ewiger Angſt, ſie moͤchte den, welchen ſie fuͤr den Urheber des Todes ihres Gemahls hielt, kommen ſehen, bewaffnet mit geſetzlicher Gewalt, und fuͤhig, ſie anzuwenden, um ihre Kinder ihrem Schutze 1 8 zu entreißen. Obgleich ihrem Schwager Hugo Red⸗ gauntlet immer noch die geſetzliche Gewalt abgieng, ſo furchtete ſie doch ſeinen kuͤhnen und hartnaͤckigen Sinn, und war uͤberzeugt, daß er einen Verſuch machen wuͤr⸗ de, ſich der Perſon ihrer Kinder zu bemächtigen. Auf der andern Seite wurde unſer Oheim, deſſen ſtolze Gemuͤthsart vielleicht durch offenes Vertrauen von ih⸗ rer Seite beſanftigt worden waͤre, gegen das miß⸗ trauiſche und argwohniſche Verfahren ſeiner Schwaͤge⸗ rin gegen ihn aufgebracht. Niedriger Weiſe, ſagte er, mißbrauchen ſie ſeine ungluͤckliche Lage, um ihn von dem Schutze und der Erziehung dieſer Kinder aus⸗ zuſchließen, von dieſem Vorrecht, das Natur, Geſetz und der Wille ihres Vaters ihm uͤbertragen habe, und er ſchwor, ſich einem ſolchen Unrecht nicht zu unter⸗ werfen. Lady Rebgauntlet erfuhr dieſe Drohungen, und ihre Furcht ſtieg, die nur allzuwohl begruͤndet war. Waͤhrend wir beide in einem Alter von zwei bis drei Jahren mit einander in einem ummauerten Garten ſpielten, welcher dicht an unſrer Mutter Auf⸗ enthaltsorte lag, der ſeit einiger Zeit Devonſhire war⸗ erſtieg mein Oheim plotzlich die Mauer mit mehreren Maͤnnern, ich wurde ergriffen, und in ein Boot ge⸗ bracht, welches ihrer wartete. Meine Mutter flog indeſſen zu Enrer Rettung herbei, und da ſie Euch feſt umſchlang, ſo konnte mein Oheim, wie er mir nachher ſagte, ſich Eurer Perſon nicht bemaͤchtigen oh⸗ ne gegen ſeines Bruders Wittwe unminnliche Gewalt 9 zu üͤben. Deſſen war er nicht fähig, und da auf mei⸗ ner Mutter Geſchrei viele Leute herbeikamen, ent⸗ ſernte er ſich, nachdem er auf Euch und ſie einen je⸗ ner ſchrecklichen Blicke geworfen hatte, welche, wie man ſagt, ein ungluͤckliches Erbtheil unſrer Familie von unſrem Ahnherrn Sir Alberick ſind.“ „Ich erinnre mich einigermaßen des Auftritts,“ ſagte Darſie,„und ich glaube, es war mein Oheim ſelbſt, der den Umſtand mir bey einer neuern Gelegen⸗ heit ins Gedaͤchtniß zuruckrief. Ich kann mir jetzt die angſtliche Abgeſchloſſenheit erkläͤren, unter welcher mei⸗ ne arme Mutter lebte, ihre vielen Thraͤnen, ihre trampfhaften Anfaͤlle und ihre fortdauernde tiefe Me⸗ lancholie. Arme Mutter, was war Dein Loos, und was muͤſſen Deine Gefuͤhle geweſen ſeyn, als es ſich ſeinem Ende nahte!“ „Damals ergriff ſie,“ ſagte Lilias,„jede Vorſichts⸗ maaßregel, welche ihre Erfindſamkeit ihr eingeben konn⸗ te, um auch Euer Daſeyn vor dem gefuͤrchteten Man⸗ ne, ja vor Euch ſelbſt, zu verbergen, denn ſie fuͤrch⸗ tete, wie ſie ſich oͤfters ausgedruͤckt haben ſoll, das feurig wilde Blut der Redgauntlets wuͤrde Euch an⸗ treiben, Euer Geſchick mit dem Eures Oheims zu ver⸗ einigen, der noch immer mit politiſchen Intriguen ſich beſchäftigte, welche die meiſten andern Menſchen als verzweifelt betrachteten. Auch war es moͤglich, daß er ſo gut, als andere, Verzeihung erhielt, da die Re⸗ gierung von Jahr zu Jahr ſich milder gegen die Rech⸗ 16 te der Jacobiten bewies, und dann konnte er als ge⸗ ſetzlicher Vormund die Aufſicht uͤber Eure Perſon an⸗ ſprechen. Beide Fälle betrachtete ſie als den geraden Weg zu Eurem Verderben.“ „Ich wundre mich, daß ſie mich nicht unter den Schutz der Chancery ſtellte,“ ſagte Darſie,„oder mich der Sorge eines maͤchtigen Freundes anvertraute.“ „Sie ſtand,“ ſagte Lilias,„mit ihren Verwand⸗ ten wegen der Heurath mit unſerm Vater nicht auf dem beſten Fuße, und hielt es fuͤr ſicherer, Euch durch Verborgenheit gegen unſers Oheims Verſuche zu be⸗ wahren, als durch irgend einen Schutz, den die Ge⸗ ſetze gewaͤhren konnten. Vielleicht handelte ſie unklug, aber ſicher war ihr Verfahren ſehr begreiflich, da ſie durch ſo manches Ungluͤck und ſo viele Unruhe äußerſt reizbar geworden war. Samuel Griffiths, ein ausge⸗ zeichneter Banquier, und ein wuͤrdiger Geiſtlicher, der jetzt todt iſt, waren, glaube ich, die einzigen Perſo⸗ nen, denen ſie die Ausfuͤhrung ihres letzten Willens anvertraute, und mein Oheim glaubt, daß ſie beide ſchwoͤren ließ, uͤber Eure Geburt und Anſpruͤche das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten bis zu Eurer Groß⸗ jahrigteit, und Euch unterdeſſen auf das verborgenſte zu erziehen, damit Ihr der Beobachtung meines Oheims um ſo eher entzogen wuͤrdet.“ „und ich zweifle nicht,“ ſagte Darſie,„daß ſie durch Aenderung des Namens und der Wohnung ih⸗ ren Zweck vollſtandig erreicht hätten, ohne den gluͤckli⸗ 1¹ chen oder unglucklichen Zufall, ich weiß nicht, wie ich ihn neunen ſoll, welcher mich nach Brokenburn und mit Mr. Redgauntlet in Beruͤhrung brachte. Ich ſehe nun auch, warum man mich vor England gewarnt hat, denn in England——. „In England allein, wenn ich recht verſtand,“ ſagte Miß Redgauntlet,„konnten die Anſpruche unſers Hheims auf die Bewahrung Eurer Rerſon mit Gewalt behauptet werden, falls er in ſeine gewoͤhnlichen buͤr⸗ gerlichen Rechte entweder durch die Milde der Regie⸗ rung oder durch eine Veraͤnderung derſelben wieder eingeſetzt wurde. In Schottland, wo Ihr kein Eigen⸗ thum beſitzt, haͤtte man ſeiner vormundſchaftlichen Ge⸗ walt widerſtehen und Maaßregeln ergreifen koͤnnen, Cuch unter den Schutz der Geſetze zu ſtellen. Aber haltet es nicht fuͤr ein ungluͤck, daß Ihr nach Bro⸗ kenburn gekommen ſeyd, ich fuͤhle, daß die endlichen Folgen gluclich ſeyn muͤſſen; haben ſie nicht bereits uns beide zuſammengefuͤhrt?“ Bei dieſen Worten ſtreckte ſie die Hand gegen ihren Bruder aus, der ſie mit einer Zaͤrtlichkeit druckte, die ſehr gegen die Art abſtach, womit er ſie dieſen Morgen zum erſtenmal ergriffen hatte. Es entſtand eine augenblickliche Pau⸗ ſe, wahrend welcher beider Herzen von dem Gefuͤhl der Geſchwiſterliebe uͤberfloßen, einem Gefuͤhl, dem die Umſraͤnde ſie bisher entfremdet hatten. Endlich brach Darſie das Stillſchweigen, und ſag⸗ te:„ich bin beſchämt, meine theuerſte Lilias, daß ich 12 Cuch ſo lange uber Gegenſtaͤnde ſprechen ließ, die nur mich betrafen, während ich in volliger Ungewißheit uber Eure Geſchichte und gegenwärtige Lage blieb.“ „Die erſtere iſt nicht ſonderlich intereſſant, und die letztere weder ſehr ſicher, noch ſehr angenehm,“ antwortete Lilias;„jezt aber, mein theuerſter Bruder, werde ich eine unſchatzbare Stütze haben an Eurem Anſehen und Eurer Liebe, und koͤnnten wir nur die ſo nahe bevorſtehende furchtbare Criſis gluͤcklich uber⸗ ſtehen, ſo habe ich fuͤr die Zukunft wenig Furcht.“ „Laßt mich wiſſen,“ ſagte Darſie,„was unſre ge⸗ genwärtige Lage iſt, und verlaßt Ench darauf, daß ich zu Eurer und meiner Vertheidigung das äußerſte ver⸗ ſuchen werde. Aus welchem Grunde kann mein Oheim wuͤnſchen, mich als Gefangenen zuruͤckzuhalten?— Wenn aus bloßem Widerſtreben gegen den Willen meiner Mutter, dieſe iſt ſchon lange nicht mehr, und ich ſehe nicht ein warum er wuͤnſchen ſollte, mit ſo viel Beſchwerden und Gefahr den freien Willen eines Menſchen zu beſchraͤnken, der nach wenigen Monaten das Recht erhält, für ſich zu handeln.“ —„Mein theuerſter Arthur,“ antwortete Lilias, denn dieſer Name gebuͤhrt Euch eben ſo wohl, als der Name Darſie, es iſt ein Hauptzug in meines Oheims Charakter, daß er jede Kraft ſeines gewaltigen Gei⸗ ſtes dem Dienſte der verbannten Familie Stuart ge⸗ widmet hat. Der Tod ſeines Bruders, die Verſchleu⸗ derung ſeines eigenen Vermogens haben ſeinem an⸗ 1⁵ geerbten Eifer fr das Haus Stuart einen tiefen und faſt perſoͤnlichen Haß gegen die jetzige regierende Fa⸗ milie beigemiſcht. Mit einem Wort, er iſt ein poli⸗ tiſcher Schwaͤrmer von hoͤchſt gefaͤhrlicher Art, und geht bei ſeinen Unternehmungen mit einer Zuverſicht zu Werke, als haͤtte er das Gefuhl, er ſey der Atlas, der allein im Stande ſey, eine ſinkende Sache aufrecht zu erhalten.“ „Und wo oder wie, meine Lilias, habt denn Ihr, da Ihr gewiß unter ſeiner Leitung erzogen wurdet, uͤber ſolche Gegenſtaͤnde verſchieden von ihm denken lernen?“ „Durch einen ſonderbaren Zufall,“ erwiederte Li⸗ lias,„in dem Nonnenkloſter, wo mich mein Oheim hinbrachte. Obgleich die Aebtiſſin ganz eine Dame nach ſeinem Herzen war, ſo fiel doch meine Erziehung als einer Koſtgaͤngerin einer vortrefflichen Alten zu⸗ welche die Grundſaͤtze der Janſeniſten angenommen hatte, vielleicht mit großerer Hinneigung zu den Leh⸗ ren der Reformirten, als der Katholiken. Die ge⸗ heimnißvolle Weiſe, mit der ſie mir dieſe Lehre bei⸗ prachte, gaben ihnen bey meiner Jugend einen noch groͤßeren Reiz, und ich ergriff ſie um ſo lieber, je mehr ſie mit den Lehren der Aebtiſſin, die ich wegen ihrer Strenge haßte, in geradem Widerſpruche ſtan⸗ den; ich fuͤhlte ein kindiſches Vergnugen, ihrer Auf⸗ merkſamkeit zu ſpotten, und in meinem Innern ſelbſt allem dem zu widerſprechen, was ich öffentlich mit 14 Ehrfurcht anhoͤren mußte. Freiheit der religioͤſen Mei⸗ nung fuͤhrt, wie ich glaube, politiſche Glaubensſrei⸗ heit mit ſich, denn ich hatte nicht ſo bald die Unfehl⸗ parkeit des Papſtes aufgegeben, als ich die Lehre vom erblichen und unantaſtbaren Rechte zu bezweifeln be⸗ gann. Kurz, ſo ſonderbar es auch ſcheinen mag, ich trat aus einem Päriſer Kloſter nicht gerade als vol— lendete Whig und Proteſtantin, doch mit ſo großer Nei⸗ gung dazu, als wäre ich in den proteßteniſchen Schu⸗ len in Edinburgh erzogen worden.“ „Vielleicht noch mehr,“ erwiederte Darſie;„denn je naͤher der Kirche—— das Sprichwort iſt ſchon etwas abgenutzt. Aber wie vertrugen ſich Eure frei⸗ ſinnigen Meinungen mit den gerade entgegenſtehen⸗ den Vorurtheilen meines Oheims?“ „Sie wuͤrden ſich vertragen haben wie Feuer und Waſſer,“ antwortete Lilias,„haͤtte ich die meinigen plicken laſſen; da ſie mich aber fortwährendem Tadel und Vorwuͤrfen oder noch etwas ſchlimmerem ausge⸗ ſetzt haͤtten, ſo hielt ich ſie möglichſt geheim, ſo daß gelegentlicher Tadel wegen Kaͤlte oder Mangel an Ei⸗ fer fuͤr die gute Sache das ſchlimmſte war, was ich zu befahren hatte, doch diß war ſchlimm genug.“ „Ich lobe Eure Vorſicht,“ ſagte Darſie. „Ihr habt wohl recht,“ erwiederte ſeine Schwe⸗ ſter,„denn ich erhielt als ich kaum eine Woche mit ihm bekannt war, einen ſo(chrecklichen Beweiß von meines Oheims entſchloſſenem Charakter, daß ich be⸗ 15 Kehrt wurde, wie gefaͤhrlich es ſeyn wuͤrde, ihm zu widerſprechen. Ich will Euch den Umſtand erzählen, denn Ihr werdet daraus beſſer, als aus irgend etwas anderem, was ich von ſeiner Keckheit und Schwaͤrme⸗ rei anfuͤhren koͤnnte, ſeinen romantiſchen und ent⸗ ſchloſſenen Charakter kennen lernen.“ „Ich hatte mich manches lange Jahr im Kloſter befunden, da wurde ich zu einer hagern, alten, ſchot⸗ tiſchen Dame von hohem Rang, der Tochter eines unglucklichen gebracht, deſſen Haupt im Jahr 1745. im Temple-Bar aufgeſteckt worden war. Sie lebte von einer kleinen Penſion vom Franzoͤſiſchen Hofe und ge⸗ legentlichen Geſchenken der Stuarts, wozu das jaͤhrli⸗ che Koſtgeld, das fuͤr mich bezahlt wurde, einen wuͤn⸗ ſchenswerthen Beitrag bildete. Sie war weder ubel⸗ launiſch noch geizig, ſie ſchlug mich nicht, und ließ mich nicht faſten, aber ſie war ſo vollkommen von Rang⸗ ſucht und Vorurtheilen eingenommen, ſo furchtbar grundlich in der Genealogie, und ſo ſchneidend bitter in Sachen der brittiſchen Politik, daß ich oft dachte, es ſey Schade, daß die Hannoperaner, welche ihrem gewoͤhnlichen Ausdruck zu Folge ihren armen thenern Pater ermordet hatten, ſeine theure Tochter im Lan⸗ de der Lebendigen lieſſen. Deßhalb war ich erfreut, als mein Oheim erſchien, und mir plotzlich fein Vor⸗ haben ankuͤndiate, mich nach England zu fuͤhren. Mei⸗ ne ausſchweifende Frende bei dem Gedanken, Lady Rachel Rougedragon zu verlaſſen, wurde etwas gentä⸗ —— 15 pigt, als ich den duͤſtern Blick, das ſtolze Venehmen und den befehlenden Ton meines nahen Verwandten bemerkte. Er unterhielt ſich indeſſen auf der Reiſe mehr mit mir, als ſich mit ſeinem ſonſtigen verſchloß ſenen Weſen vertrug, und ſchien ſehr begierig, ſich von meinem Charakter, beſonders in Hinſicht des Muths genau zu unterrichten. Ob ich gleich nur eine ziemlich zahme Redgauntlet bin, ſo beſitze ich doch ſo viel von unſerm Familiengeiſte, um mich in Gefah⸗ ren ſo gefaßt, als die meiſten meines Geſchlechtes, zu benehmen, und bei zwei Gelegenheiten im Laufe unſter Reiſe, einem drohenden Raͤuberangriff und ei⸗ nem umſturz unſers Wagens, war mein Benehmen der Art, meinem Oheim eine ſehr vortheilhafte Idee von meiner Unerſchrockenheit beizubringen. Wahr⸗ ſcheinlich munterte ihn diß auf, den ſonderbaren Plan, mit dem er umgieng, in Ausuͤbung zu bringen.“ „Ehe wir London erreichten, änderten wir die Art unſers Fortkommens, ſo wie den Weg, auf wel⸗ chem wir uns der Stadt niherten, mehr als einmal; dann machten wir gleich einem Haſen, der wiederkolt in einiger Entfernung von dem Sitze, den er einzu⸗ nehmen gedenkt, abſchweift, und endlich aus der groͤß⸗ ten Entfernung, die er mit einem Sprunge zuruͤckle⸗ gen kann, in denſelben hineinſchluͤpft, eine angeſtrengté Tagreiſe, und langten in einer ſtillen und dunkelen Wohnung in einer kleinen alten Straße von Wetſt⸗ minſter, nicht weit von der Abtei an.“ „Am 17 „Am folgenden Morgen gieng mein Oheim aus, und kehrte erſt nach einigen Stunden zuruck. Unter⸗ deſſen hatte ich keine andere Unterhaltung, als auf das mannigfache Geraͤuſch zu hoͤren, das auf einander folgte, oder verwirrt durch einander den ganzen Mor⸗ gen über herrſchte. Ich hatte Paris fuͤr die geräͤuſch⸗ vollſte Hauptſtadt in der Welt gehalten, aber Paris ſchien in Vergleich mit London eine ſchweigende Mit⸗ ternacht. Kanonen donnerten nah und fern, Trom⸗ meln, Trompeten und militaͤriſche Muſik jeder Art, toͤnten ohne Unterlaß durch einander. um das Con⸗ cert vollſtändig zu machen, klangen auch ohne Unter⸗ laß die Glocken von hundert Thuͤrmen. Von Zeit zu Zeit hoͤrte man den Zuruf einer unermeßlichen Men⸗ ſchenmenge, gleich dem Toſen des Meers, und bei allem dem war ich nicht im Stande, mir den gering⸗ 1 Begriff von dem zu machen, was vorgieng, denn e Fenſter unſers Zimmers giengen auf einen großen Hinterhof. Meine Neugierde ſtieg ungemein, denn ich wurde endlich gewiß, daß eine Feſclichkeit vom erſten Range ſolch ein immerwaͤhrendes Getoͤs verurſache.“ „Mein Oheim kam endlich zuruͤck, und mit ihm ein Mann von einem ſonderbar abſtoßenden Aeußern. Ich brauche ihn Euch nicht zu beſchreiben, denn— ſeht Euch nicht um— er reitet in dieſem Angenblicke hinter uns.“ W. Scott's Werke. XIX. 2 48 „Dieſe reſpeftable Perſon war vermuthlich Mr. Shriſtal Nixon?“ fragte Darſie⸗ „Der nemliche,“ antwovtete Lilias,„macht keine Vewegung, die ihm verrathen könnte, daß wir von ihm ſprechen.“ Darſie gab durch Zeichen zu erkennen, daß er ſie verſtanden habe, und ſie fuhr in ihrer Erzaͤhlung fort. „Sie waren beide in voller Kleidung; mein Oheim nahm einen Buͤndel aus Nixons Hand, und ſagte zu mir: Lilias, ich komme, dich an einen Ort zu fuͤhren, wo Du eine große Feierlichkeit ſehen wirſt; lege, ſo ſchnell Du kannſt die Kleidung an, die Du in die⸗ ſem Paket findeſi, und bereite dich, mir zu folgen⸗ Ich ſand eine prächtige und geſchmackvolle weibliche Fleidung, die aber etwas an die antike Form graͤnzte, Es kann engliſche Mode ſeyn, dachte ich, ging voll Nengierde auf mein Zimmer, wo ich mich in Eile an⸗ kleidete.“ „Mein Oheim betrachtete mich mit Aufmerkſam⸗ keit: Sie kunn fuͤr eines von den Blumenmaͤdchen gel⸗ ten,“ ſagte er zu Niron⸗ der blos mit einem Kopf⸗ niken antwortete. „WVir verließen mit einander das Hans, und ih⸗ re Kenntniß der Gaßen, Hoͤfe und Nebenwege war ſo groß, daß diejenigen, durch welche wir giengen, ſtill und verlaſſen waren, obgleich in den Hauptſtraßen das Getöſe einer Menſchenmaße ſich vernehmen ließ; die Straßenläͤnfer, denen wir begegneten, wardigten uns, 19 ermüdet durch das Anſchauen ſchönerer Geſtalten, kan eines vorubergehenden Blicks, obgleich wir zu jeder andern Zeit unter dieſem PVorſtadt⸗Pobel eine ber in⸗ ruhigende Auſmerkſamkeit erregt haben wi irden. End⸗ lich giengen wir über eine breite Straße, wo viele Soldaten Wache hielten, waͤhrend andre erſchöpft durch ſchon gethane Dienſte aßen, tranken, rauchten und ne⸗ ben ihren zu ammene gef ſtellten Waffen ſchliefen.“ „Eines Tags, Niron, ſprach leiſe mein Oheim, nollen wir ſchon die Rothroͤcke lehren, wachſamer bei ihern Waffen zu ſeyn.“ „Oder es wird um ſo ſchlimmer fuͤr ſie ſeyn,“ entgegnete ſein Gefährte mit einer Stimme, ſo wid⸗ rig, wie ſein Geſicht. „unbefragt und unaufgehalten giengen wir durch die Wachen hindurch, und Niron klopfte dreimal an eine kleine Hinterpforte in einem ungehenern alten Gebaͤude, welches gerade vor uns ſtand. Die Thuͤre ging auf, und wir traten ein, ohne daß ich bemerkte, wer uns eingelaſſen hatte. Durch ein Paar enge und dunkle Gaͤnge gelangten wir endlich in einen unge⸗ heuern gothiſchen Saal, deſſen Pracht ich unmoͤglich beſchreiben kann.“ „Er war durch viele tauſend Wachskerzen erlench⸗ tet, deren Glanz anfangs meine Augen blendete, da wir gerade aus dem dunkeln und geheimen Eingang traten. Als mein Geſicht aber ſeine volle Kraft wie⸗ der erlangt hatte, wie ſoll jch beſchreiben, was ich ſahe? 20 Uunten ſtanden ungeheure Tiſche, an denen Prinzen und Edle ſaßen, in ihren Staatskleidern, Großbeamte der Krone in ihrer Amtskleidung und andern Abzei⸗ chen ihrer Wuͤrde,— ehrwuͤrdige Prälaten und Rich⸗ ter, die Weiſen der Kirche und des Geſetzes in ihren einfachern, doch nicht minder feierlichen Gewändern, — nebſt manchen andern, deren glterthuͤmliches und auffallendes Koſtüme ihre Bedeutſamkeit ankuͤndigte, obgleich ich nicht errathen konnte, wer ſie ſeyn moͤch⸗ ten. Auf einmal aber wurde mir alles klar,— es war das Kronungsfeſt, wie mir auch das Gemurmel um mich her beſtaͤtigte. An einer Tafel, die hoher war, als die übrigen, und ſich uber das ganze obere Ende des Saals erſtreckte, ſaß auf dem Throne der junge Herrſcher ſelbſt, umgeben von den Prinzen vom Gebluͤt und andern Wurdentraͤgern, und empfing die Puldigung und Verehrung ſeiner Unterthanen. He⸗ rolde und ihre Gehuͤlfen, ſchimmernd in ihrer phan⸗ taſtiſchen, aber glaͤnzenden Wappentracht, und Ehren⸗ pagen wunderlich ausſehend in der Tracht alter Zei⸗ ten, ſtanden aufwartend hinter den ſpeiſenden Fuͤrſten. In den Gallerien, womit der geraͤumige Saal unige⸗ ben war, glaͤnzte alles, je mehr, als meine arme Ein⸗ bildungskraft an glänzendem Reichthum oder bezau⸗ bernder Schoͤnheit erſinnen konnte. Zahlloſe Reihen von Damen, deren Diamanten, Juwelen und glaͤn⸗ zender Anzug ihren geringſten Reiz ausmachten, ſa⸗ hen hinab von ihren hohen Sizen auf die reiche Scene 24 unten, und boten ſelbſt wieder einen Anblick dar, ſo blendend und ſchoͤn, als der, deſſen Zuſchauer ſie wa⸗ ren. unter dieſen Gallerien und hinter den Tiſchen der Speiſenden befanden ſich eine Menge Edelleute, gekleidet, als wenn ſie am Hofe aufwarteten, deren Anzug aber, obgleich reich genug, ein koͤnigliches Para⸗ dezimmer zu ſchmuͤcken, ſie bei einer Scene, wie die⸗ ſe, nicht auszeichnen konnte. Unter die en nun wan⸗ delten wir einige Minuten unausgezeichnet und un⸗ bemerkt umher. Da ich mehrere junge Perſonen wie mich gekleidet ſah, ſo war ich wegen meiner ſonderba⸗ ren Kleidung nicht verlegen, und freute mich nur am Arm meines Oheims haͤngend, des magiſchen Glan⸗ zes einer ſolchen Scene, und uͤber ſeine Guͤte daß er mir dieß Vergnugen verſchafft habe. Nach und nach bemerkte ich, daß mein Oheim ei⸗ nige Bekannte unter denen hatte, die ſich unter den Gallerien befanden, und wie wir ſelbſt, nur Zuſchauer der Feierlichkeit zu ſeyn ſchienen. Sie erkannten ein⸗ ander an einem einzigen Worte, oft nur an einem Griff der Hand, tauſchten ohne Zweifel beſondere Zei⸗ chen aus, und bildeten allmäͤhlig eine kleine Gruppe, in deren Mittelpunkt wir uns ſelbſt befanden. „Iſt es nicht ein großer Anblick, Lilias?“ ſagte mein Oheim.„Alle Edlen, alle Weiſen und alle Rei⸗ chen Großbrittanniens ſind hier verſammelt.“ „Es iſt in der That alles,“ ſagte ich,„was mei⸗ ne Phantaſie von köriglicher Macht und Glanz ſich denken konnte.“ „Maͤdchen,“ liſpelte er, und mein Oheim kann ſeinem Liſpeln einen ſo ſchrecklichen Nachdruck geben⸗ als ſeiner Donnerſtimme,„alle Edeln und Wuͤrdigen in dieſem ſchoͤnen Lande ſind hier verſammelt, aber nur um gleich Sclaven und Schmarozern vor dem Thron eines neuen Uſurpators zu kriechen.“ Ich blickte ihn an, und das finſtere Erbzeichen unſeres ungluͤcklichen Ahnherrn war ſchwarz auf ſei⸗ ner Stirne. „Um Gottes Willen, Sir, bedenkt, wo wir ſind.“ „Fürchte nichts,“ ſagte er,„wir ſind von Freun⸗ den umgeben.“ Als er vorwärts ſchritt, ſchütterte ſeine ſtarke, nervigte Geſtalt zuſammen durch die un⸗ terdruͤckte Gemuͤthsbewegung.„Siehe,“ ſagte er, „dort buͤckt ſich Norfolk der Abtruͤnnige vom katholi⸗ ſchen Glauben, dort ſteht der Biſchof von—, der Verraͤther der Kirche von England, und— o Schan⸗ de der Schande! dort beugt der rieſenhafte Errol das Haupt vor dem Enkel deſſen, der ſeinen Vater ermor⸗ dete! Aler ein Zeichen ſoll geſehen werden dieſe Nacht unter ihnen,— Mene, Mene, Takel, uphorſin, ſoll auf dieſen Mauern geleſen werden, wie es einſt die geſpenſtiſche Hand mit dentlichen Zuͤgen auf die Mau⸗ ern Belſazers ſchrieb!“ „Um Gottes Willen,“ ſagte ich in ſchrecklicher 23 unruhe,„es iſt unmoͤglich, daß Ihr hier an Gewalt denken koͤnnt in dieſer Gegenwart.“ „Wer denkt dann daran, Naͤrrin,“ erwiederte er, „auch nicht der mindeſte Unfall kann uns begegnen, wenn Du nur deinen geruͤhmten Muth zuſammen⸗ nehmen und meiner Leitung folgen willſt. Aber thue es mit kaltem Blute und ſchnell, denn hundert Leben ſind auf dem Spiele.“ „Himmel, was kann denn ich thun?“ fragte ich toͤdtlich erſchrocken. „Nur raſch meinen Befehl vollziehen,“ ie er: „es gilt nur einen Handſchuh aufzuheben.— Hier, nimm dieſen in die Hand, bedecke ihn mit deinem Kleide, ſey feſt beſonnen und ſchnell— oder, ich trete auf jeden Fall ſelbſt hervor.“ „Wenn hier keine Gewaltthaͤtigkeit beabſichtist wird,“ ſagte ich, und nahm mechaniſch den eiſernen Handſchuh in meine Hand. Ich konnte mir ſeine Abſicht nicht vorſtellen, bei dem exaltirten Gemuͤthszuſtande aber, indem ich ihn ſah, war ich uͤberzengt, daß Ungehorſam zu einem wil⸗ den Ausbruch fuhren wurde. Die dringenden Umſtaͤn— de erzeugten in mir plotzlich eine Geiſtesgegenwart, daß ich mich entſchloß, alles zu thun, um Gewalt und Blutvergießen abzuwenden. Ich blieb nicht lange in ungewißheit. Ein lauter Trompetenſtoß und die Stim⸗ me der Herolde vermiſchten ſich mit dem Huſſchlag der Roße, und ein Kaͤmpfer, vollkommen wie die bewaff⸗ net, von denen ich in Romanen geleſen hatte, heglei⸗ tet von Knappen, Pagen und dem ganzen Gefolge des Ritterthums, ritt mit Gepraͤnge vor auf einem Bar⸗ berroße. Seine Ausforderung gegen alle diejenigen gerichtet, welche das Recht des neuen Herrſchers an⸗ zutaſten wagten, wurde laut einmal und zum zwei⸗ tenmal vorgeleſen. „Naſch vorwärts beim dritten Ruf,“ ſagte mein Oheim zu mir,„bring mir des Ausforderers Hand⸗ ſchuh, und laß den meinigen dafuͤr zuruͤck.“ Ich ſah die Möglichkeit davon nicht ein, denn von' allen Seiten war ich von Menſchen umgeben; aber beim dritten Klang der Trompeten oͤffnete ſich, wie auf ein Commandowort, eine Gaße zwiſchen mir und dem Kaͤmpfer, und ich hoͤrte meines Oheims Stimme:„jezt, Lilias, jezt!“. Mit raſchem, aber feſtem Schritt, und mit einer Geiſtesgegenwart, die ich mir nachher gar nicht er⸗ klären konnte, entledigte ich mich meines gefährlichen Auftrags. Ich glaube, ich wurde kaum geſehen, als ich die Pfaͤnder des Kampfs austauſchte, und in einem Augenblick zuruͤckkehrte.„Gut gemacht, mein Maͤd⸗ chen,“ ſagte mein Oheim, an deſſen Seite ich mich wieder fand, umgeben, wie zuvor, durch die Menge der Umſtehenden.„Deckt unſern Ruckzug, meine Herrn,“ ſagte er leiſe zu den Umſtehenden. Raum wurde vor uns tgelaßen, bis wir der Mauer uns nahten, und wieder inl die dunkeln Gaͤnge kamen, 25 durch die wir eingetreten waren. In einem kleinen Vorzimmer hielten wir an, und haſtig hullte mich mein Oheim in einen Mantel, welcher da lag;— wir gingen durch die Wachen, ſchritten dann durch das Labyrinth der kleinen Gaßen und Hoͤfe, und erreich⸗ ten unſere abgelegene Wohnung, ohne im geringſten Aufmerkſamkeit zu erregen. „Ich habe oft gehort,“ ſagte Darſie,„daß ein Weib, das man fuͤr einen verkappten Mann anſah,— und doch, Lilias, habt Ihr eben nicht viel maͤnnliches an Euch,— des Kämpfers Handſchuh bei der Kro⸗ nung des jetzigen Koͤnigs aufgenommen, und dafuͤr ein Kampfzeichen zuruckgelaſſan habe, mit einem Zet⸗ tel, worin der Kampf angenommen wurde, voraus⸗ geſetzt, daß ein gehoͤriges Feld dazu eingeraͤumt wer⸗ de. Ich habe dieß unterdeſſen fuͤr ein Maͤhrchen ge⸗ halten, und dachte nicht daran, wie nahe mich die an⸗ giengen, welche bei dieſem kuͤhnen Auftritte handel⸗ ten. Wo nahmt Ihr den Muth dazu her?“ „Haͤtte ich Zeit zum Nachdenken gehabt,“ antwor⸗ tete ſeine Schweſter,„ſo wuͤrde ich es theils aus Grundſatz, theils aus Furcht nicht gethan haben. Ich unternahm es, wie viele Lente, welche kuͤhne Tha⸗ ten thun, weil ich nicht Zeit hatte, zuruckzutreten. Die Sache wurde wenig bekannt, und der Koͤnig ſoll jede weitere Nachforſchung verboten haben, aus Klug⸗ heit und Milde, wie ich glaube; obgleich mein Ohe'm dieſe Mäßigung des Kurfuͤrſten von Hannover, wie 26 er ihn nennt, theils dem Kleinmuth, theils einer ubermuthigen Verachtung der Parthei, welche ſein Recht nicht anerkennt, zuſchreiben will.“ „Sind Eure ſpaͤtern Handlungen bei dieſem un⸗ finnigen Schwaͤrmer eben ſo gefaͤhrlich geweſen?“ frag⸗ te Darſie. „Nein, auch nicht ſo wichtig,“ ſagte Lilias,„ob ich gleich oft Zenge von den ſonderbaren und verzwei⸗ felten umtrieben geweſen bin, wodurch er trotz aller Hinderniße, und mit Verachtung aller Gefahren den Muth einer gelähmten Parthei wieder zu beleben ſtrebt. Ich habe in ſeiner Geſellſchaft ganz England und Schott⸗ land durchreißt, und den ſonderbarſten und widerſpre⸗ chendſten Auftritten beigewohnt; jetzt wohnten wir in den Schloͤſſern des ſtolzen Adels von Cheſhire und Wales, wo die zuruͤckgezogenen Ariſtokraten mit Grund⸗ ſaͤtzen, ſo alt, als ihre Wohnungen und ihre Sitten, noch immer jakobitiſche Meinungen hegen; die naͤchſte Woche vielleicht brachten wir unter geaͤchteten Schmug⸗ glern oder hochlaͤndiſchen Raͤubern zu. Ich habe oft meinen Oheim als einen wahren Helden, oft als ei⸗ nen gemeinen Verſchwörer handeln, und mit der er⸗ ſtaunlichſten Veweglichkeit ſich in alle Formen ſchmie⸗ gen ſehen, um ſeiner Sache Anhaͤnger zu erwerben.“ „Ich glaube, er wird finden, daß dieß in jetziger Zeit kein leichtes Unternehmen iſt,“ ſagte Darſie. „So ſchwer,“ erwiederte Lilias,„daß ich glaube, er iſt zu Zeiten durch den voͤlligen Abfall der einen 27 und die Kälte anderer ſo verdrießlich geworden, daß er auf dem Punkt ſtand, ſein unternehmen aufzuge⸗ ben. Wie oft habe ich ihn ein heiteres Aeußere an⸗ nehmen ſehen, wenn er ſich bei den Spielen des Adels oder den Beluſtigungen des gemeinen Volks befand, um eine vorubergehende Popularitaͤt zu erwerben, während ihm das Herz brechen wollte uͤber der Ent⸗ artung der Zeiten wie er es nannte, uͤber die Abnah⸗ me der Thäͤtigkeit unter den Alten und den Mangel an Eifer unter der heranwachſenden Generation. Wenn nun der Tag in den haͤrteſten Anſtrengungen voruber⸗ gegangen war, brachte er die Nacht damit zu, in ſei⸗ nem einſamen Zimmer auf und ab zu gehen, den Verfall der Sache beweinend, oder wuͤnſchend, daß ihn Nobens Kugel oder Velmerino's Art getroffen ha⸗ ben moͤchte.“. „Sonderbare Taͤuſchung,“ ſagte Darſie:„iſt es nicht zu verwundern, daß er der Macht der Wirklich⸗ keit nicht nachgiebt?“ „Ach!“ erwiederte Lilias,„die Wirklichkeiten der leztern Zeit ſchienen ſeinen Hoffnungen zu ſchmeicheln. Die allgemeine unzufriedenheit mit dem Frieden,— die Unpopnlaritaͤt des Miniſters, welche ſich ſelbſt auf ſeinen Herrn ausdehnte,— die verſchiedenen Aufſtaͤn⸗ de, welche den Frieden der Hauptſtadt ſtoͤrten, und der allgemeine Zuſtand von Erbitterung und Mißver⸗ gnügen, welcher die Nation ergriffen zu haben ſcheint, haben die erloͤſchenden Hoffuungen der Jakobiten auf 23 eine ungewoͤhnliche Weiſe ermuthigt, und ſowohl am roͤmiſchen Hofe, als an dem des Praͤtendenten, wenn man dieſen ſo nennen kann, manche verleitet, den Einfluͤſterungen derjenigen, welche wie mein Oheim, noch hoſſen, wenn alle andere die Hoffnung laͤngſt ver⸗ loren haben, ein geneigteres Ohr zu leihen. Ich glau⸗ be auch in der That, daß ſie in dieſem Augenblick auf einen verzweifelten Verſuch bedacht ſind. Mein Oheim hat in der letzten Zeit alles gethan, um die Zunei⸗ gung jener wilden Gemeinden zu gewinnen, die am Solway wohnen, uͤber welche unſere Familie oberherr⸗ liche Rechte beſaß vor der Zeit der Aechtung, unter welchen auch im Jahr 1745. die Anhͤnglichkeit an un⸗ ſeren ungluͤcklichen Vater, ſo wie an ihn ſelbſt, eine vetraͤchtliche Truppenmaße aufbrachte. Sie wollen aber ſeinen Aufforderungen nicht laͤnger Gehoͤr geben, und führen uuter anderem zu ihrer Entſchuldigung Eure Abweſenheit, als ihres natuͤrlichen Oberhaupts und Fuͤhrers an. Sie hat ſeinen Wunſch noch erhoͤht, ſich Eurer zu bemaͤchtigen, und wo moͤglich Euch zu vermoͤgen, daß Ihr ſeinen Unternehmungen Eure Bil⸗ ligung ertheilt.“ „Dieſe wird er nie erhalten,“ antwortete Darſie; „meine Grundſätze und meine Klugheit verbieten gleich⸗ maͤßig einen ſolchen Schritt. Ueberdiß waͤre er fuͤr ſein Vorhaben vollig bnzureichend. Was immer dieſe Leute vorwenden mögen, um Eures Oheims Zudring⸗ lichkeiten zu entgehen, ſie koͤnnen jetzt doch nicht mehr 20 wuͤnſchen, ihren Nacken wieder unter das Feudaljoch zu beugen, das durch die Akte von 1748, welche die Vaſallenverhaͤltniße und die Erbgerichtsbarkeit aufhob, zerbrochen wurde.“ „Ja, dieß betrachtet aber mein Oheim als die Handlung einer uſurpatoriſchen Regierung,“ ſagte Lilias. „Wahrſcheinlich genug mag er ſo denken,“ erwie⸗ derte ihr Bruder,„denn er iſt der Lehnsherr, und verliert durch dieſe Akte ſein Anſehen. Die Frage aber iſt, was die Vaſallen davon denken, welche Be⸗ freiung von der Feudalſtlaverei gewannen, und jetzt ſeit vielen Jahren ſich der Freiheit erfreuen? Indeſ⸗ ſen, um die Sache kurz abzubrechen, wenn ich durch das Aufheben meines Fingers fuͤnfhundert Mann auf⸗ bringen könnte, ſo wuͤrde ich meinen Finger nicht fuͤr eine Sache erheben, die 6. mißbillige, und worauf mein Oheim rechnen mag.“ „Aber Ihr koͤnnt ja temporiſiren,“ ſagte Lilias, auf nelche der Gedanke an ihres Oheims Unwillen of⸗ fenbar einen ſtarken Eindruck machte—„ihr koͤnnt ja teniporiſiren, und die Blaſe ſelbſt aufbrechen laſſen, wie die meiſten Edelleute in dieſem Lande thun, denn es iſt auffallend, wie wenige von ihnen es wagen, ſich meinem Oheim geradezu zu widerſetzen. Ich bitte Euch, nicht offen mit ihm zu brechen, Euch, das Haupt des Hauſes Redgauntlet, ſich gegen die Fami⸗ lie Stuart erklaͤren zu hoͤren, wuͤrde entweder ſein Herz brechen, oder ihn zu einer verzweiflungsvollen That treiben.“ „Ja, Lilias, Ihr vergeßt aber, daß die Folgen einer ſolchen Gefaͤlligkeit machen koͤnnten, daß das Haus Redgauntlet und ich mit einem Schlage ihr Haupt verloͤren.“ „Ach,“ ſagte Lilias,„ich vergaß dieſe Gefahr; ich bin mit gefaͤhrlichen Umtrieben ſo vertraut geworden, wie man von den Wärterinnen in Peſthaͤuſern ſagt, daß ſie an die Luft um ſie her ſo gewoͤhnt wuͤrden, bis ſogar das gefahrvolle derſelben vergaͤßen.“ „und doch,“ ſagte Darſie,„wenn ich mich in Frei⸗ heit ſetzen koͤnnte, ohne es zu einem offenen Bruch kommen zu laſſen— ſage mir, Lilias, haͤltſt Du es füͤr moglich, daß er einen augenblicklichen Verſuch im Sinne haben kann?“ „Die Wahrheit zu geſtehen,“ antwortete Lilias, „ich kann daran nicht zweifeln. Eine ungewoͤhnliche Bewegung iſt unter den Jakobiten dieſes Landes ge⸗ weſen. Sie bauen Hoffnungen, wie ich Euch geſagt habe, auf umſtaͤnde, welche mit ihrer eigenen Stärke in keinem Zuſammenhang ſtehen. Kurz, ehe Ihr in dieſe Gegend kamt, wurde meines Oheims Wunſch, Euch zu finden, lebhaſter, als je; er ſprach von Leu⸗ ten, die im Augenblick zuſammengebracht werden ſoll⸗ ten, von Euerm Namen und Euerm Einfluß, um ſie in Auſſtand zu bringen. Zu derſelben Zeit fand Euer erſter Veſuch zu Brokenburn ſtatt. Eine Vermuthung 34 erhob ſich bei meinem Oheim, Ihr moͤchtet der Jung⸗ ling ſeyn, den er ſuchte, und dieſe wurde beſtaͤtigt durch Papiere und Briefe, die der ſchurkiſche Nixon aus Eurer Taſche zu nehmen keinen Anſtand nahm. Indeſſen haͤtte eine Taͤuſchung einen ungluͤcklichen Aus⸗ gang haben koͤnnen, und mein Oheim gieng darum nach Edinburgh, um den Faden, den er erhalten hatte⸗ weiter zu verfolgen, und wußte von dem alten Fair⸗ ford genug herauszulocken, um ſich gewiß zu machen, daß Ihr die geſuchte Perſon waͤret. Unterdeſſen ſuch⸗ te ich durch ein eigenes, und vielleicht zu kuͤhnes Un⸗ ternehmen Euch durch Euern Freund, den jungen Fairford, warnen zu laſſen.“ „Ohne Erfolg,“ ſagte Darſie erroͤthend unter ſei⸗ ner Maske, als er ſich erinnerte, wie ſehr er ſeiner Schweſter Meinung verkannt hatte. „Ich wundere mich nicht, daß die Warnung fruchtlos war,“ ſagte ſie,„die Sache ſollte ſo kom⸗ men. Euer Entkommen wuͤrde indeſſen ſchwer gewe⸗ ſen ſeyn; denn Ihr wurdet die ganze Zeit, die Ihr in Shepherds Vuſch und in Mount Sharon waret, durch einen Spion, der Euch kaum einen Augenblick verließ, genau bewacht.“ „Der elende kleine Benjie!“ rief Darſie aus; „ich drehe dem Affen den Pals um, ſobald ich ihm begegne.“ „Er war es in der That,“ ſagte Lilias,„der Chriſtal Niron unaufhoͤrlich Nachricht gab von dem, was Ihr vornahmt.“ n dem Chriſtal Niron dazu,“ ſagte Darſie; „ich bin ihm ohnehin noch ein Tagwerk in der Erndte ſchuldig; denn ich mußte mich ſehr irren, oder er iſt es geweſen, der mich zu Boden ſchlug, als ich unter den Aufruͤhrern zum Gefangenen gemacht wurde.“ „Sehr wahrſcheinlich, denn er iſt zu jeder Schlech⸗ tigkeit bereit und willig. Mein Oheim war ſehr un⸗ gehalten daruͤber, denn obgleich der Aufſtand erregt war, um eine Gelegenheit zu haben, Euch in der Ver⸗ wirruͤng hinwegzufuͤhren, ſo wie auch um die Fiſcher in Zwieſpalt mit den Geſetzen zu bringen, ſo waͤre es doch ſein letzter Gedanke geweſen, Euch auch⸗ nur ein Haar zu kruͤmmen. Aber Niron hat ſich in alle Ge⸗ heimniſſe meines Oheims eingedraͤngt, und einige von dieſen ſind ſo finſterer und gefäͤhrlicher Art, daß ich zweifle, ob er es wagt mit ihm in Streit zu kommen, obgleich es wenig Dinge gibt, die er nicht wagt. Und doch iſt das, was ich von Chriſtal weiß, der Art, daß es meinen Oheim bewegen koͤnnte, ihm den De⸗ gen durch den Leib zu jagen.“ „Ums Himmels Willen, was iſt das“ fragte Darſie,„ich bin ganz beſonders begierig, das zu wiſ⸗ ſen.“ „Der alte brutale Tollkopf, deſſen Geſicht und Seele eine Schandſchrift auf die menſchliche Natur ſind, hat die Frechheit gehabt, die Nichte ſeines Herrn, 35 als eine Perſon zu betrachten, darbringen duͤrfe, und als ich die Verachtung zeigte, die Elende etwas her, als ob milie in der Hand haͤtte.“ „Ich danke Euch, Lilias, —„ich danke Euch von ganzen theilung. Ich habe als Chriſt gemacht, daß ich von dem erſten Angenblicke an, wo ich dieſen Schurken ſah, ein unbegreiſliches Verlangen in mir fühlte, ihm eine Kugel durch den Kopf zu ja⸗ gen; jetzt aber habt Ihr mir dieſen loͤblichen Wunſch vollkommen erklärlich gemacht und gerechtfertigt. Ich wundere mich nur, daß mein Oheim bei dem maͤchti⸗ en Geiſt, den er nach Eurer Beſchreibung beſitzt, den Schurken nicht durchſchaut.“ „Ich glaube, er haͤlt ihn mancher Schlechtigkeiten fähig, antwortete Lilias,— fuͤr ſelbſtſüͤchtig, verhaͤr⸗ tet, roh und menſchenfeindlich. Dann weiß er aber wieder, daß er die zu einem Verſchworer nothwendig erforderlichen Eigenſchaften beſitzt,— unerſchrockenen Muth, eine unerſchütterliche Kaltblätigteit und Ge⸗ ſchicklichkeit, und eine unverletzliche Treue. An dem letzten Punkt kann er ſich irren. Ich habe gehört, daß man Niron tadelte wegen der Art, wie unſer armer Vater nach der Schlacht bei Culloden gefangen genom⸗ men wurde.“ „Ein anderer Grund füͤr meine W. Stott's Weike. XR. der er ſeine Buldigung ihm den Unwillen und er verdiente, murmelte der er das Schickſal unſerer Fa⸗ “ ſagte Darſie lebhaft, n Herzen fuͤr dieſe Mit⸗ mir Vorwurfe daruͤber n angebornen Haß,“ 3 34 ſate Darſie,„aber ich will auf meiner Hut ſeyn ge⸗ gen ihn.“ „Seht, er beobachtet uns nahe,“ ſagte Lilias; „was iſt es doch fur eine Sache um das Gewiſſen. Er weiß, daß wir jetzt von ihm ſprechen, obgleich er fein Wort von dem hören konnte, was wir ſagten.“ Es ſchien, als hätte ſie richtig vermuthet; denn Cbriſtal Niron ritt in dieſem Augenblick an ſie heran, ur ſagte mit affektirter Luſtigkeit, die ſeinem finſtern Geſichte ſchlecht ſtaud:„komnt junge Damen, Ihr habt dieſen Morgen Zeit genug gehabt zu eurem Geplau⸗ der, und Eure Zungen muͤſſen, denke ich, mude ſeyn. Wir gehen jetzt durch ein Dorf, und ich muß bitten, Euch zu trennen,— Ihr, Fraulein Lilias, reitet ein wenig hinten,— und Ihr, Frau, Fraͤulein oder Herr, wie Ihr Euch lieber nennen hort, Ihr reitet ein we⸗ nig vorwärts.“ Lilias wandte ſogleich ihr Pferd, ohne zu ſpre⸗ chen, doch nicht, ohne ihrem Bruder einen ausdrucks⸗ vollen Vlick zugeworfen zu haben, der ihm Vorſicht empfahl, dieſen erwiederte er durch ein Zeichen, wel⸗ ches andeutete, daß er ſie verſtanden habe, und ihr Verlangen erfullen wolle. 3weites Kapitel. Erzählung von Darſie Latimer⸗ Fortſetzung. Seinen eigenen Betrachtungen uͤberlaſſen war Dar⸗ ſie nicht nur uͤber die Veraͤnderung ſeines eigenen Standpunkts, ſondern auch über den Gleichmuth er⸗ ſtaunt, womit er uber dieſen ganzen Wechſel hinblickte. — ſten ſeinem Willen entgegentreten und ſeine Mitm O* 3 Sein Fieberanfall von Liebe war, wie ein Mor⸗ gentraum hinweggeſchwunden, und ließ nur ein pein⸗ liches Gefühl von Schgam zurück, und den Entſchluß, kuͤnftig vorſichtiger zu ſeyn, ehe er ſich ſolchen roman⸗ tiſchen Viſionen hingab. Seine Stellung in der bür⸗ gerlichen Geſellſchaft war gaͤnzlich veräͤndert; aus ei⸗ nem umherwandernden, niemand angehoͤrenden Juͤng⸗ ling, an welchem nur die fremden Menſchen, von wel⸗ chen er erzogen worden war, einen Antheil zu neh⸗ men ſchienen, war er der Erle eines edeln Hauſes ge⸗ worden, und in den Beſitz eines ſolchen Einfluſſes und eines ſo großen Vermögens gekommen, daß es wahrſcheinlich von ſeinem Entſchluß abhieng, op gewiße wichtige politiſche Ereigniſſe ihren Fortgang haben oder aufgehalten werden ſollten. Eben dieſe plötzliche Erhe⸗ bung, welche jene Wunſche mehr als erfuͤllten, die ihn unruhig umhergetrieben hatten, ſeit er im Stande war, daruͤber Wünſche zu hegen, wurde von Darſie bei ſeinem Leichtfinne nur mit der Regung befriedig⸗ ter Eitelkeit betrachtet. Es iſt wahr, ſeine gegenwaͤrtige Lage bildete ein bedentendes Gegengewicht gegen dieſe hohen Vortheile. Der Gefangene eines ſo entſchloſſenen Mannes, wie ſein Oheim, zu ſeyn, war keine angenehme Vetrach⸗ tung, wenn er bedachte, auf welche Weiſe er am be kung bei der gefaͤhrlichen Unternehmung verſagen kön⸗ ne, welche jener im Schilde zu fuͤhren ſchien. Selbſt geaͤchtet und verzweifelt hatte ſein Oheim zweifelsohne Menſchen um ſich her, die alles zu thun faͤhig waren; durch perſoͤnliche Ruckſichten ließ er ſich nicht zurück⸗ halten, und es hieng daher ganz allein von ſeinem Gewiſſen ab, welchen Grad von Zwang er bei ſeinem Neffen anwenden, und wie weit er gehen werde, um deſſen Hartnackigkeit zu ſtrafen, wenn er die Sache der Jakobiten nicht zu der ſeinigen machte; und wer 3„ 36 konnte fur die Gewiſſenhaf tigkeit eines erhitzten Schwaͤr⸗ mers ſtehen, der eine Widerſetzlichkeit gegen die von ihm ergriffene Parthei fuͤr Verrath an der Wohlfahrt ſeines Landes hielt? Nach wenigen Angenblicken geſiel es Chriſtal Nixon, einiges Licht auf den Gegenſtand zu werfen, der ihn beunruhigte. Als dieſer finſtere Trabant ohne weitere Ceremo⸗ nien dicht an Darſies Seite ritt, fuͤhlte dieſer aus Abſcheu eine Art Fieberſchauer, ſo wenig war er im Stande, ſeine Gegenwart zu ertragen, ſeit Lilias durch ihre Erzählung ſeinen inſtinktartigen Haß gegen ihn noch vermehrt hatte. Seine Stimme toͤnte dabei, wie Eulengeträchz, als er ſagte:„ſo, mein junger Hahn aus dem Norden, Ihr wißt nun alles, und wiſſet es vermuthlich Eurem Hheim Dank, daß er Euch zu ei⸗ ner ſo ehrenvollen That anſpornte.“ „Ich werde meinen Oheim mit meinen Geſinnun⸗ gen über dieſen Gegenſtand bekannt machen, bevor ich mit irgend jemand daruͤber ſpreche,“ ſagte Parſie, und war kaum im Stande, dieſe wenigen Worte auf eine hoͤfliche Art herauszubringen. „Hum, murmelte Ehriſtal zwiſchen den Zaͤhnen, zahe wie Wachs, ſehe ich, und vielleicht nicht ganz ſo hiegſam. Aber nehmet Euch in Acht, artiger Junker, ſetzte er verachtlich hinzu,— Hugo Redgauntlet wird ein tuͤchtiger Reiter ſeyn, und weder Sporen noch Peitſche ſparen, das verſpreche ich Euch.“ „Ich habe ſchon geſagt, Mr. Niron, daß ich uͤber die Gegenſtaͤnde, wovon mich meine Schweſter in Kenntniß geſetzt hat, mit niemand anders, als mit meinem Oheim ſprechen will.“ „Aber ein freundlicher Rath konnte Euch nicht ſchaden, junger Herr,“ erwiederte Niron.„Der alte Redgauntlet iſt raſcher mit der Fauſt als mit den Wort,— er beißt vielleicht, ehe er bellt; er iſt der rechte Mann dazu, Euch furs erſte nieder zu ſchlagen, und dann zu bitten, ihm Stand zu halten.— So, 37 duͤnkt mich, eine kleine gutgemeinte Warnung wegen den Folgen könnte nicht ſchaden, damit dieſe nicht un⸗ vorbereitet uber Euch kommen.“ „Wenn die Warnung wirklich gut gemeint iſt, Mr. Nixon,“ ſagte der junge Mann,„ſo werde ich ſie mit Dank anhören; iſt ſie es nicht, ſo muß ich doch darauf hoͤren, ich mag wollen oder nicht, weil ich jetzt weder die Wahl der Geſellſchaft, noch der Unter⸗ redung habe.“ „Nun, ich habe nur wenig zu ſagen,“ ſagte Nirxon, indem er ſeinem däſtern und lauernden Weſen den Anſtrich ehrlicher Einfalt zu geben ſich bemuͤhte;„ich bin ſo wenig, als einer dazu gemacht, meine Worte wegzuwerfen.— Hier iſt aber die Frage, wollt Ihr mit Herz und Hand Euch mit Eurem Dheim verdin⸗ den, oder nicht?“ „Und wenn ih nun ja ſage?“ fragte Darſie, ent⸗ ſchloſſen, wo möglich ſeine Geſinnung vor dieſem Man⸗ ne zu verbergen. „Nun dann,“ ſagte Nixon, ein wenig verwun⸗ dert uber die raſche Antwort,„dann wird alles gut gehen,— Ihr werdet an diefer edeln Unternehmung Theil nehmen, und wenn ſie gelingt,— vertauſcht Ihr Euern offenen Helm vielleicht mit einer Grafenkrone.“ „Und wie, wenn es mißlingt“, ſagte Darſie. „Dann gehts, wie es gehen mag,“— ſagte Niron;„wer mit Kugeln ſpielt, muß ſich auf Hiebe geſaßt machen.“ „Nun, nehm't aber einmal an, ich haͤtte eine naͤrriſche Vorliebe fuͤr meine Kehle, und ich ſagte: nein, wenn mein Oheim mir den Vorſchlag machte, ſie da⸗ ran zu wagen,— wie dann, Mr. Nixon.“ „Nun dann moͤgt Ihr fuͤr Euch ſelbſt ſorgen, jun⸗ ger Herr; es gibt in Frankreich ſcharfe Geſeße gegen widerſpenſtige Pupillen,— lettres de cachet ſind leicht zu erhalten, wenn ſolche Lente bei der Sache intereſſirt ſind, wie die, mit denen wir. in Verbindung ſtehen.“ * 33 „Wir ſind aber nicht in Frankreich,“ ſagte der arme Darſie, den bei dem Gedanken an ein franzöſi⸗ ſches Gefängniß ein kalter Schander durchrieſelte. „Ein ſchnell ſegeinder Lugger bringt Euch bald hinuͤber, tief genug verpackt unter den Verdecken, wie ein Faß, das man beim Mondlicht ladet.“ „Aber die Franzoſen ſind im Frieden mit uns,“ ſagte Darſie,„und wuͤrden nicht wagen——“ „Wer würde denn je von Euch horen,“ unterbrach ihn Rixon;„glaubt Ihr denn, man wurde Euch of⸗ fen vor Gericht laden, und das Urtheil der Einkerke⸗ rung in den Courier de 1' Furope ſetzen, wie man es u Hld Bailey macht?—— Nein, nein, junger Herr, ie Thore der Baſtille, von Mont Saint Michel und des Schloſſes von Vincennes laufen in verdammt leich⸗ ten Angeln, wenn ſie Leute einlaſſen,— auch niht das leiſeſte Knarren hoͤrt man. Da giebt es köhle Behaͤltniſſe fuͤr hitzige Koͤpfe, ſo ſtill, ruhig und dun⸗ kel, als Ihr ſie im Tollhauſe wuͤnſchen koͤnnt, und ie Entlaſſung kommt, wenn der Tiſchler des Gefan⸗ genen Sarg bringt, nicht eher.“ „Gnt, Mr. Jeiron,“ ſagte Darſie, mit einem Tone von Heiterkeit, die er durchaus nicht fühlte; „mein Fall iſt ſchlimm, ich befinde mich in einer bit⸗ tern Wahl, das werdet Ihr zugeſtehen, denn ich muß entweder meine eigene Regierung beleidigen, und dann iſt mein Kopf in Gefahr, oder ich muß in die Ge⸗ faͤngniſſe eines fremden Landes wandern, deſſen Ge⸗ ſetze ich nie beleidigte, da ich nie ſeinen Boden betrat. — Sagt mir, was wuͤrs „Das werde ich Euch ſagen; wenn ich in dem Falle bin,“ ſagte Niron, wandte ſein Pferd, und ritt zum Nachtrabe des kleinen Zugs zuruck. Es iſt offenbar, dachte der junge Mann, daß der Schurke glaubt, ich ſey vollkommen in der Schlinge, und vielleicht die raſende Unverſchäͤmtheit hat, anzu⸗ nehmen, daß meine Schweſter eventuell in die Ve⸗ et Ihr an meiner Stelle thun?“ ſitzungen eintreten muß, welche den Verluſt meiner Freiheit veranlaßt haben, und daß ſein eigener Ein⸗ ſtuß auf das Schickſal unſerer Familie ihm den Beſitz der Erbin ſichern konne; eher aber ſoll er von meiner Hand ſterben. Ich muß nun friſch daran, und meine Flucht ins Werk ſetzen, wo moglich, ehe man mich gewaltſam einſchifft; der blinde Willie wird mich, den⸗ ke ich, nicht verlaſſen, ohne einen Verſuch für mich zu wagen, beſonders wenn er hoͤrt, daß ich der Sohn ſeines ehemaligen, unglucklichen Schutzherrn bin. Wie ſeltſam iſt mein Schickſal! Als ich weder Rang, noch Vermoͤgen beſaß, lebte ich ſicher und unbekannt unter dem Schutze der gutigen und achtbaren Freunde, de⸗ ren Herzen der Himmel zu mir gewandt hat.— Jetzt, da ich das Haupt eines ehrenwerthen Hauſes bin, und Unternehmungen der kuhnſten Art auf meine Entſchei⸗ dung harren, und Anhaͤnger und Vaſallen bereit ſchei⸗ nen, ſich auf meinen Wink zu erheben, beruht meine Sicherheit hauptſaͤchlich auf der Zuneigung eines um⸗ herziehenden Blinden! Während er dieß uͤberdachte, und ſich zu einer unterredung mit ſeinem Oheim vorbereitete, welche nur ſtuͤrmiſch ſeyn konnte, ſah er Hugo Redgauntlet langſam zuruck- und ihnen entgegenreiten, ohne einen einzigen Diener. Chriſtal Nixon ritt voraus, als er ſich näherte, und als ſie zuſammentrafen, richtete er einen forſchenden Blick auf ihn. „Der einfaͤltige Crakenthorp,“ ſagte Redgauntlet, „hat Fremde in ſein Haus aufgenommen; einige von ſeinen Schmugglerkameraden, glaube ich. Wir muſ⸗ ſen langſam reiten, um ihm Zeit zu laſſen, ſie ſo bald wie moͤglich wieder fortzuſchicken.“ „Saht Ihr einige Eurer Freunde,“ fragte Chriſtal. „Drei, und ich habe Briefe von vielen andern. Sie ſind einſtimmig über den bewußten Gegenſtand, und der Punkt muß ihnen geſtattet werden, oder die Sa⸗ che geht nicht weiter, ſo weit ſie auch ſchon gegangen iſt.“ 4⁰ Ihr werdet den Pater ſchwerlich dahin bringen, ſich deim Willen ſeiner Heerde zu fugen,“ ſagte Chri⸗ ſtal mit hoͤhniſcher Miene. „Er muß und wird!“ antwortete Redgauntlet kurz.„Reite einmal vor, Chriſtal,— ich moͤchte mit meinem Neffen ſprechen.— Ich hoffe, Sir Arthur Redgauntlet, Ihr werdet zufrieden ſeyn mit der Art, wie ich mich der Pflicht gegen Eure Schweſter entle⸗ digt habe? „Ihre Sitten und ihre Denkart ſind untadelhaft,“ ſagte Darſie;„ich bin glücklich, eine ſo liebenswürbi⸗ ge Verwandte kennen gelernt zu haben.“ „Das freut mich,“ antwortete Redgauntlet;„ich verſtehe mich nicht ſonderlich auf die Eigenſchaften der 3 Weiber, und mein Leben iſt einem großen Gegen⸗ ſtande gewidmet geweſen, ſo daß ſie wenig Gelegen⸗ heit hatte, ſich weiter auszubilden, ſeit ſie Frankreich verließ. habe ſie indeß ſo wenig als möglich den m Unannehmlichkeiten und Entbehrungen meines wan⸗ dernden und gefahrvollen Lebens ausgeſetzt. Von Zeit zu Zeit iſt ſie Wochen und Mongte lang bei angeſe⸗ benen und achtungswerthen Familien geblieben, und ich freue mich, daß ſie nach Eurer Meinung die Sitten und das Benehmen hat, die ihrem Stande geziemen.“ Darſie druͤckte ſeine vollkommene Zufriedenheit da⸗ mit aus, und es entſtand eine kleine Pauſe, welche Redgauntlet unterbrach, indem er ſich feierlich an ſei⸗ nen Neffen wandte. „Auch füͤr Euch, mein Neffe, hatte ich gehofft, nicht weniger thun zu koͤnnen, aber die Schwaͤche und Furchtſamkeit Eurer Mutter eutriß Euch meiner Sor⸗ ge, denn ſonſt wuͤrde es mein Stolz und mein Gluͤck geweſen ſeyn, den Sohn meines unglucklichen Bru⸗ ders auf den Pfad der Ehre geleitet zu haben, auf welc em unſere Ahnherrn ſtets gewandelt ſinb un kommt der Sturm, dachte Darſie bei ſich ſeibſt, und begann ſeine Gedanken zu ſammeln, wie 4¹ der vorſichtige Schiffsherr ſeine Segel einzieht, und ſein Schiff dicht verſchließt, wenn er den herannahen⸗ den Sturm bemerkt. „Das Benehmen meiner Mutter kann gemißdeu⸗ tet werden,“ ſagte er,„aber es war auf die beſorg⸗ teſte Liebe gegrundet.“„ „Ganz gewiß,“ ſagte ſein Oheim,„und ich will keinen Flecken auf ihr Andenken werfen, obgleich ihr Mißtrauen ſo viel Unrecht, ich will nicht ſagen mir, ſondern der Sache meines unglucklichen Vaterlandes gethan hat. Ihre Abſicht war, wie ich glaube, Euch zu einem jener elenden Zungendreſcher zu machen, welchen man noch zum Spotte den einſt achtungswer⸗ then Namen eines ſchottiſchen Advokaten giebt, zu ei⸗ nem jener Zwittergeſchopfe, welche vor einem fremden Gerichtshof kriechen muͤſſen, um die Endurtheile in ihren Streitſachen einzuholen, anſtatt ſie vor dem un⸗ abhaͤngigen und ehrwuͤrdigen Parlament ihres eigenen Koͤnigreichs zu vertheidigen.“ „Ich ſtudirte die Rechte ein oder zwei Jahre lang,“ ſagte Darſie,„aber ich fand, daß ich weder Geſchmack daran, noch Talent dazu hatte.“ „Und verließet es ohne Zweifel mit Verachtung — ſagte Redgauntlet.— Gut, ſo will ich denn Euch, mein theuerſter Reffe, einen wuͤrdigern Gegenſtand des Ehrgeitzes vorhalten. Blicket oͤſtlich,— ſeht ihr dort ein Denkmal auf der Ebene, nahe an jenem Dorfe.“ Darſie antwortete bejahend. „Das Dorf heißt Vurgh— upon Sands(Flecken auf dem Sande) und das Monument dort iſt dem Andenken des Tyrannen Eduards I. errichtet. Die gerechte Hand der Vorſehung erreichte ihn an dieſer Stelle, als er eben ſeine Banden zur vollſtaͤndigen Unterſochung Schottlands fuhrte, deſſen bürgerl e Uneinigkeiten unter ſeiner fluchenswerthen Politit be⸗ gannen. Bruces ruhmvolle Bahn wurde in ihrerm Beginnen aufgehalten, das Feld pon Vannockburn ein * 42 blutloſes Moor geblieben ſeyn, wenn Gott nicht im Augenblick der Entſcheidung den liſtigen und blutigen Tyrannen aus dem Wege geraͤumt haͤtte, der ſo lan⸗ ge ſchon Schottlands Geißel geweſen war. Eduards Grab iſt die Wiege unſerer Nationalfreiheiten. Im Angeſicht dieſes großen Mahlzeichens unſerer Freiheit ſchlage ich Euch ein Unternehmen vor, das an Ehre und Wichtigkeit keinem nachſteht, ſeit der unſterbliche Bruce den Red⸗Comyn niederſtieß, und mit der noch blutigen Hand nach der unabhaͤngigen Krone Schott⸗ lands griff.“ Hier erwartete er eine Antwort, aber Darſie, uͤberwaltigt durch ſein energiſches Benehmen, blieb ſtille, weil er nicht durch eine haſtige Darlegung ſei⸗ ner Sinnesart ſich in Verlegenheit ſetzen wollte. Ich will nicht annehmen,“ ſagte Hugo Redgaunt⸗ let nach einer Pauſe;„daß Ihr ſo einfaͤltig ſeyd, die Wichtigkeit meiner Worte nicht zu begreifen, oder ſo feige, durch meinen Vorſchlag zuruͤckgeſchreckt zu wer⸗ den, oder endlich ſo ausgeartet von dem Blut und der Sinnesart Eurer Vaͤter, um meine Aufforderung uicht anzuhoͤren, wie das kriegeriſche Roß den Klang der Trompete.“ „Ich will mich nicht ſtellen, Sir, als mißverſtuͤn⸗ de ich Euch,“ ſagte Darſie,„aber ein Unternehmen, das gegen eine jest ſeit drei Regierungen befeſtigte Dynaſtie gerichtet iſt, erfordert in Hinſicht auf Gerech⸗ tigkeit und Ausfuhrbarkeit ſtarke Beweggruͤnde, um es Maͤnnern von Gewiſſen und Klugheit zu empfehlen.“. Mit Augen, die vor Unwillen gluͤhten, ſagte Red⸗ gauntlet:„Ich will kein Wort von Euch hoͤren gegen die Gerechtigkeit einer Unternehmung, nach der Euer unterdruͤcktes Land mit der Stimme einer Mutter ruft, die ihre Kinder um Hüͤlfe anfleht,— oder ge⸗ gen die edle Rache, die Eures PVaters Blut fordert aus ſeinem entehrten Grabe. Sein bleicher und mo⸗ dernder Schädel ſteht noch auf Rikargate, und beſiehlt — ¹3 Euch, ein Mann zu ſeyn. Ich frage Euch im Namen Gottes und Eures Landes, wollt Ihr Euer Schwert ziehen, und mit mir nach Carlisle gehen, wäre es guch nur, um Eures Vaters Haupt, jetzt die Ruhe⸗ ſtelle der Eulen und Krähen, und der Spott jedes elenden Bauern in geweihte Erde zu legen, wie es dem Alterthum ſeiner Familie gebuͤhrt.“ Unvorbereitet eine ſo leidenſchaftliche Aufforderung zu beantworten, und überzengt, daß eine beſtimmte Weigerung ihm ſeine Freiheit oder ſein Leben koſten wuͤrde, ſchwieg Darſie abermals. „Ich ſehe,“ ſagte ſein Oheim in ruhigerem Tone, nicht Mangel an Muth, ſondern die niedrigen ohnheiten einer beſchraͤnkten Erziehung unter der arinſeligen Menſchenklaſſe ſind, mit der Ihr leben mußtet, welche Euch zum Schweigen bringt; Ihr hal⸗ tet Euch noch ſelbſt kaum fuͤr einen Redgauntlet; Euer Puls hat noch nicht den aͤchten Schlag gelernt, der den Aufforderungen der Ehre und Vaterlandsliebe entſpricht.“ „Ich hoffe,“ ſagte Darſie endlich,„daß der Ruf von beiden mich nie gleichgältig finden wird; allein um ihm wirkſam zu entſprechen,— guch wenn ich jetzt üͤberzeugt wäre, daß ſie in niein Ohr tönten, muß ich bei dem verzweifelten Unternehmen, worein Ihr mich verwickeln wollt, eine vernunftige Hoffnung des Ge⸗ lingens ſehen. Ich blicke um mich her, und ſehe eine 6 feſt begruͤndete Regierung, eine anerkannte Autvrität, einen geborenen Vritten auf dem Throne, und die Hchländer, auf denen allein die Hofnung der ver⸗ heniten Familie beruhte, in Regimenter verſammelt, die nath den Befehlen der beſtehenden Dynaſtie han⸗ deſn. Frankreich iſt durch die ſchreckbaren Lehren des leßzten Krieges ganz entmuthigt, und wird ſchwerlich e nen neuen beginnen wollen. Alles innerhalb und außerhalb des Königreichs iſt einem ſo hoffnungsloſen 44 Kampf entgegen, und Ihr allein ſcheint Willens, ein ſo verzweifeltes Unternehmen zu wagen.“ „Und ich wuͤrde es wagen, wäre es auch zehnmal verzweifelter, und ich habe es begonnen, als ſich zehn⸗ a groͤßere Hinderniſſe entgegenthuriten.— Habe ich meines Bruders Blut vergoſſen?— Konn ich— darf ich das Vater unſer beten, da ich meinen Fein⸗ den und den Moͤrdern nicht vergeben habe?— Gibt es einen Kunſigriff, den ich nicht angewandt,— eine Entbehrung, der ich mich nicht unterzogen habe, um die Kriſis herbeizufuͤhren, die ich jetzt eingetreten ſehe? — Habe ich nicht alles geopfert, da ich jeder Gemaͤch⸗ lichkeit des geſellſchaftlichen Lebens, da ich ſogar den Uebungen der Religion entſagte, wenn ich in meinem Gebet meinen Fuͤrſten und mein Vaterland nicht nen⸗ nen durfte, und dieß alles nur, um der edlen Sgche Anhäͤnger zu erwerben?— Habe ich alles dieß gethan⸗ nur um jetzt auf einmgl alles aufzugeben?“ Darſie war im Begriffe, ihn zu unterbrechen, aber er legte ihm die Hand liebevoll auf ſeine Schul⸗ ter, und gebot ihm, oder bat ihn vielmehr um Still⸗ ſchweigen.—„Stille,“ ſagte er,„Du Erbe des Ruhms meiner Ahnen,— Erbe aller meiner Hoffnungen und Wuͤnſche,— ſtille, Sohn meines erſchlagenen Bru⸗ ders. Ich habe Dich geſucht, und um Dich getrauert, wie eine Mutter um ihr einziges Kind. Laß mich Dich nicht in dem Augenblicke wieder verlieren, wo Du meinen Hoffnungen zuruͤckgegeben biſt. Glaube mir, ich mißtraue meinem heftigen Temperamente ſo ſehr, daß ich als um das wertheſte Geſchenk bitte, es in dieſer Kriſis nicht aufzuwecken.“ Darſie erwiederte mit Freude, daß die Ehrfurcht vor ſeinem Oheim ihn beſtimmen werde, alles anzu⸗ hoͤren, was er ihm zu ſagen habe, ehe er einen Ent⸗ ſchluß faſſe üͤber die wichtigen Gegenſtände des Beden⸗ kens, die er ihm vorſchlage. „Des Bedenkens!“ wiederholte Redgauntlet un⸗ geduldig,„und doch iſt der Ausdruck nicht unpaſſend! Ich wuͤnſche, die Erwiederung wäre wärmer geweſen; allein ich muß mich erinnern, daß ein Adler, der in einem Falkenhguſe erzogen wurde, und mit der Kappe bedeckt war, nicht beim erſten Vlicke feſt in die Son⸗ ne ſehen kann. Hore mich, mein theuerſter Arthur, der Zuſtand dieſer Nation zeigt eben ſo wenig Gluͤck an, als die bluͤhende Farbe eines Fieberkranken Ge⸗ ſundheit. Alles iſt falſch und hohl,— der ſcheinbare Erfolg von Chathams Adminiſtration hat das Land tiefer in Schulden geſturtzt, als alle die duͤrren Ge⸗ ilde Canadas werth ſind, wären ſie auch ſo frucht⸗ ar, wie Yorkshire,— der blendende Glanz der Siege von Minden un, Quebeck wurde verdunkelt durch das Mißgeſchick des nbereilten Friedens,— durch den Krieg gewann England mit ungeheurem Koſtenaufwand nichts, als Ehre, und auf dieſe hat man freiwillig Verzicht ſeeiſet Viele Augen, fruͤher kalt und gleichguͤltig, licken jetzt nach dem Stamme unſerer alten und recht⸗ maͤßigen Monarchen, als der einzigen Zuflucht in dem nahenden Stur e,— die Reichen ſind beunruhigt, — die Edlen muthig,— das Volk entſtammt, und ein Bund von Vaterlandsfreunden, deren Maaß⸗ regeln um ſo ſicherer ſind, je geringer ihre Anzahl iſt, iſt entſchloſſen, Koͤnig Carls Fahne gufzupflanzen.“ „Aber das Milikair,“ ſaßte Darſie,„wie konnt Ihr mit einem Haufen unbewaffneter und ungeordne⸗ ter Inſurgenten es wagen, einer regulairen Armee ent⸗ Et Die Hochlaͤnder ſind jetzt vollig ent waffnet. In großem Maaße vielleicht,“ antwortete Red⸗ gauntlet,„aber die Politik, welche die hochlaͤndiſchen Regimenter errichtete, hat bafüͤr geſorgt. Wir haben ſchon Freunde unter dieſen Truppen, und wir können keinen Augenblick weiſe was ihr Benehmen ſeyn wird, wenn einmal die weiße Kokarde aufgeſteckt iſt; die ubrige ſtehende Armee iſt ſehr vermindert worden 46 feit dem Frieden, und wir rechnen zuverſichtlich dar⸗ auf, daß Tauſende von dieſen entlaſſenen Truppen ſich unter unſere Fahnen reihen werden.“ „Wie!“ ſagte Darſie,„und auf ſolche unbeſtimm⸗ te Hoffnungen hin, wie die unſtͤte Laune eines Po⸗ belhaufens oder einer entlaſſenen Soldateska, ſollen Maͤnner von Ehre ihre Familien, ihr Eigenthum, ihr Leben wagen!“ „Maͤnner von Ehre, Knabe,“ ſagte Redgauntlet mit Augen, die von Ungeduld glühten,„ſetzen Leben, Eigenthum, Familie und alles aufs Spiei, wenn dieſe Ehre es beſiehlt. Wir ſind jetzt nicht ſchwächer, als damals, wo ſieben Mann in den Wildniſſen von Moidart landeten, den Thron von des Uſurpators zum Wanken brachten, in zwei regelmäßigen Schlachten ſiegten, ein Koͤnigreich und die Hälfte eines andern durchſtreiften, und nur durch Verrath ein Unternehmen ſcheitern ſa⸗ ſ das ihre kuͤhnen Nachfolger jetzt aufs neue ver⸗ uchen. „Und ein ſolcher Verſuch wird ernſtlich gemacht werden?“ fragte Darſie.„Entſch t mich, mein Oheim, wenn ich etwas ſo außerordentliches kaum glaube. Werden ſich in der That Leute von Rang und Einfluß in hinreichender Menge finden, um das Wag⸗ ſtuͤck von 1742. zu erneuern““ „Ich will Ench mein Vertrauen nicht nur halb ſchenken, Sir Arthur,“ erwiederte ſein Oheim,„aber blickt auf dieſe Rolle,— was ſagt Ihr zu dieſen Pamen?— ſind ſie nicht die Bluͤthe der weſtlichen Grafſchaften,— von Wales,— von Schottland?“ „Das Blatt enthaͤlt in der That viele große und edle Namen,“ erwiederte Darſie, nachdem er es durch⸗ leſen te „Was aber?“ fragte ſein Oheim ungeduldig; „zweifelt Ihr an der Fäͤhigkeit dieſer Edeln, den Bei⸗ trag an Maunſchaft und Geld zu liefern, zu welchem ſie angeſetzt ſind?“ 47 „Gauz und gar nicht,“ erwiederte Darſie,„denn daruͤber bin ich kein kompetenter Richter, aber ich ſehe auf dieſer Rolle auch den Namen des Sir Arthur Darſie Redgauntlet, angeſetzt zu hundert Mann und mehr, und ich ſehe in der That nicht ein, wie er dieß Verſprechen erfuͤllen ſoll.“. „Fuͤr die Mannſchaft ſtehe ich,“ antwortete Hugo Redgauntlet. „Aber, mein theurer Dheim,“ ſetzte Darſie hin⸗ zu,„ich hoffe um Euertwillen, daß die andern Maͤn⸗ ner, deren Namen hier verzeichnet ſind, näher mit Eurem Plane bekannt ſind, als ich.“ „Fur Dich und das Deinige kann ich ſelbſt haf⸗ ten,“ ſagte Redgauntlet,„denn wenn Du nicht den Muth haſt, Dich an die Spize der Macht Deines Hauſes zu ſtellen, ſo ſoll die Fuͤhrung in eine andere Hand uͤbergehen, und deine Erbſchaft ſoll dir entge⸗ hen, wie Saft und Blaͤtter einem verfaulten Zweige. Was jene ehrenwerthen Maͤnner anbelangt, ſo knuͤp⸗ fen ſie ihre Freundſchaft nur an eine leichte Bedin⸗ gung,— ſo unbedeutend, daß ſie kaum der Erwäh⸗ nung werth iſt. Wird von dem, der dabei am mei⸗ ſten betheiligt iſt, dieß geſtattet, ſo iſt kein Zweifel, daß ſie in der Art ins Feld rucken werden, wie es hier angegeben iſt.“ Wiederum durchlas Darſie das Papier, und fuͤhl⸗ te ſich immer weniger zu dem Glauben geneigt, daß ſo viele Leute von Familie und Vermogen ſich ſo leicht in eine bedenkliche Unternehmung einlaſſen wuͤrden. Es ſchien, als hätten einige unbeſonnene Verſchwoͤrer die Namen aller vermeintlichen Jakobiten niederge⸗ ſchrieben, oder wenn die Unterſchriften wirklich von den genannten Lenten herruhrten, ſo vermuthete er, ſie moͤchtenn eine Entſchuldigung im Hintergrund ha⸗ ben, um ch von der geleiſteten Verpflichtung los zu ſagen. Er hielt es für unmöglich, daß Engländer von großem Vermoͤgen, die ſich nicht mit Karln vereinigt 48 hatten, als er an der Spize einer ſiegreichen Armee in England einbrach, ſeine Landung unter weit min⸗ der guͤnſtigen Umſtaͤnden beguͤnſtigen ſollten. Er ſchloß daraus, die Unternehmung wuͤrde in ſich ſelbſt zerfal⸗ len, und es das beſte ſeyn, unterdeſſen zu ſchweigen, bis die wirkliche Annaͤherung einer Kriſis, die indeß nie eintreten würde, ihn draͤnge, die Porſchläge ſei⸗ nes Oheims beſtimmt zuruͤckzuweiſen. Sollte ſich aber unterdeſſen eine Gelegenheit zur Flucht zeigen, ſo be⸗ ſe er bei ſich, ſie nicht ungenüzt voruͤbergehen zu aſſen. Hugo Redgauntlet beobachtete eine ieſ die Blicke ſeines Neffen, und ſagte ſodann, gleich als ob er durch einen andern Ideengang auf den nehmlichen Schluß gekommen ſey:„ich habe Euch geſagt, Sir Ar⸗ thur, daß ich nicht in Euch dringe, ſogleich in meine Vorſchläge einzugehen; auch wurden die Folgen einer Weigerung ſo ſchrecklich fuͤr Euch ſeyn, ſo ſehr alle meine genaͤhrten Hoffnungen zerſtoren, daß ich durch die Ungeduld eines Augenblicks nicht die Hoffnungen meines ganzen Lebens aufs Spiel ſetzen moͤchte. Ja, Arthur, ich bin zu dieſer Zeit ein buͤßender Eremit geweſen, zu einer andern der ſcheinbare Genoße von Geaͤchteten und Verzweifelten, manchmal endlich der untergeordnete Agent von Menſchen, denen ich mich in jeder Hinſicht uberlegen fuͤhlte, nicht um eines ei⸗ gennützigen Zweckes, ober um des Ruhmes willen, das erſte Wertzeug zur Wiederherſtellung meines Koͤnigs und Befreiung meines Landes geweſen zu ſeyn. Mein erſter Wunſch auf dieſer Erde iſt dieſe Wiederherſtel⸗ lung und dieſe Freiheit,— mein zweiter, daß mein Nefſe, der Repraͤſentant meines Hauſes und meines geliebten Bruders die Vortheile aller meiner Anſtren⸗ gungen für die gute Sache erndten ſolle. Aber,— ſetzte er hinzu, indem er einen ſeiner zichtenden Blicke auf Darſie warf,— Wenn Schottland und 8 ne 45 nes Vaters Haus nicht mit einander beſtehen konnen, dann gehe unter der Name Redgauntlet! es gehe un⸗ ter der Sohn meines Bruders, mit jeder Erinne⸗ rung an den Ruhm meiner Familie, an die Liebe mei⸗ ner Jugend, eher als mein⸗s Vaterlandes Sache auch nur um ein Senfkorn beeinrächtigt werde! Der Geiſt Sir Albericks lebt in dieſem Augenblick in mir,“ fuhr er fort, indem er ſeine ſtattliche Geſtalt emporrichtete, und aufrecht im Sattel ſaß, indeß er mit dem Zeige⸗ finger ſeine Stirn beruͤhrte;„und wenn Ihr ſelbſt meinen Pfad durchkreutzt, ſo ſchwoͤre ich bei dem Zei⸗ chen, das meine Stirne verdunkelt, eine neue That geſchehen, ein neuer Fluch des Schickſals verſchul⸗ et werden.“ S Er ſchwieg, aber ſeine Drohungen waren in ei⸗ nem ſo furchtbar entſchloſſenen Tone ausgedrüͤckt, daß Darſies Muth ſank, wenn. er an den Sturm der Lei⸗ denſchaft dachte, den er zu beſtehen hatte, wenn er ſeinem Oheim Beiſtand in einer Unternehmung ver⸗ weigerte, gegen welche ihn Klugheit und Grundſaͤtze gleichmäßig abgeneigt machten. Es blieb ihm kaum eine Poffnung übrig, als die Zeit zu gewinnen, bis er entfliehen koͤnne, und er beſchloß ſich dazu des ver⸗ willigten Auſſchubs zu bedienen. Der däſtere, finſtere Blick ſeines Begleiters wurde almäͤhlig milder, er machte der Miß Redgauntlet ein Zeichen, zu ihnen zu kommen, und begann eine gezwungene Unterhaltung uͤber gewoͤhnliche Gegenſtaͤnde; im Laufe des Geſpraͤchs bemerkte Darſſe das vorſichtige Benehmen ſeiner Schwe⸗ ſter im Sprechen, denn ſie wog jedes Wort, ehe ſie es ausſprach, und überließ es ſiets ihrem Hheim, den Ton des Geſpraͤchs anzugeben, wenn es auch noch ſo unbedeutend war. Dieß ſchien ihm Eine ſo gute Meinung von dem Verſtand und der Feſtigkeit ſeiner Schweſter hatte er bereits erhalten) der ſtaͤrkſte Be⸗ weiß von dem durchgreifenden Charakter ſeines Oheims, W. Scott's Werke. XN. 4 5⁰ da er ſah, daß eine junge Perſon mit ſo vieler Nach⸗ ebigkeit ſich gegen ihn benahm, obwohl ihr Geſchlecht ihr ein Vorrecht gegeben hätte, und es ihr keines⸗ wegs an Geiſt und Entſchloſſenheit gebrach. Die kleine Reitergeſellſchaft näherte ſich nun dem Hauſe Vater Krackenthorps, welches, wie der Leſer ſchon weiß, an der Seite des Solway lag, nicht weit von eineri rohen Steindamm, zan welchem mehrere Fiſcherboore lagen, die häufig in verſchiedener Eigen⸗ ſchaft benuͤtzt wurden. Das Haus des wurdigen Zoͤll⸗ ners war zu den verſchiedenen Geſchäften, die er trieb, eingerichtet, denn es beſtand aus mehreren, an ein zweiſtockigtes Haus angebauten Vauernhaͤufern; die Ansdehnung von Mr. Krackenthorps Handel hatte die PVergroſſerungen erheiſcht. Stait des einzelnen großen Waſſerkruges, den man ſtets vor den engliſchen Wirths⸗ häufern zweiter Klaſſe findet, ſah man hier drei zum Gebrauch fuͤr die Soldatenpferde, wie der Wirth ſich ausdruͤckte, wenn Truppen kamen, um ſein Haus zu durchſuchen, dabei zeigte er durch einen Seitenblick und ein Kopfnicken an, was für Soldaten er meyne. Eiine ungeheure Eſche vor der Thüre, welche zu einer großen Breite und Hoͤhe herangewachſen war trotz der Windſtöße von dem benachbarten Solway her, über⸗ ſchattete, wie gewöhnlich die Bierbank, wie unſere Vä⸗ ter ſie nannten, wo, obgleſch es noch fruͤh am Tage war, mehrere Burſche, welche Diener von Edelleuten zu ſeyn ſchienen, Vier tranken und rauchten. Einer oder zwei von ihnen trugen Livreen, welche Mr. Red⸗ gauntlet bekannt ſchienen, denn er murmelte zwiſchen den Zähnen;„Narren, Narren! waren ſie auf dem Wege zur Holle, ſie muͤßen ihre Schurken in Livree dei ſich haben, daß die ganze Welt auch wußte, wer verdammt waͤre.“ Als er ſo murmelte, hielt er vor der Thuͤre des Goſthofs an, aus welcher ſogleich einige muͤßige Goͤſte 5¹ traten, um aus bloßer Neugier zu ſehen, wer ange⸗ kommen ſey. Redgauntlet ſprang vom Pferde, und half ſeiner »NPichte von dem ihrigen, vergaß aber vielleicht ſeines Neffen Verkappung, und leiſtete ihm nicht die Auf⸗ mertſamkeit, welche ſein weiblicher Anzug erforderte. Die Lage Darſtes war indeſſen etwas beaͤngſtigend, denn Chriſtal Riron hatte, vieleicht um ſeine Fiucht zu verhindern die außerſten Falten ſeines Reitkleids ſeinen Knoͤcheln und Füſſen mit großen Steck⸗ unter ſe nadeln zuſammengeheftet. Als er endlich vom Pferde geſtiegen war, und keinen genügenden Beiſtand von. Mr. Redgauntlets Diener empfieng, ſtolperte er, und wuͤrde ohne Zweifel einen ſchlimmen Fall gethan ha⸗ ben, wenn ihn nicht ein galanter Herr aufgehalten hätte, der ſeinerſeits vermuthlich ein wenig erſtaunt war über die bedentende Schwere der ſich in Verle⸗ genheit befindenden Da me, welche er in ſeinen Armen aufzufangen die Ehre hatte. Wie ſehr mußte dagegen Darſie erſtaunen, als er ſich auf einmal in den Ar⸗ men Alan Fairfords fand! Tauſend Befuͤrchtungen giengen ihm durch den Kopf, verbunden mit den Re⸗ gungen der Freude und Hoffnung bei der unerwarteten Erſcheinung ſeines geliebten Freundes in dem, wie es ſchien, entſcheidenden Augenblicke ſeines Schickfals. Er war im Begriff, ihm ins Ohr zu wiſpern, und zugleich zum Schweiſcen zu ermahnen, aber er zoͤgerte doch ein Paar Srkunden, da man die Folgen nicht berechnen konnte, wenn Redgauntlet durch einen ploͤtzlichen Aufruf Alans beunruhigt werden ſollte. Ehe er ſich entſchlieſſen konnte, was zu thun ſey, kehrte Redgauntlet, der ſchon ins Haus eing ter war, haſtig mit Chriſtal Nixon zurück. ℳ Euch die Bemühung für dieſe junge Dame gt Sir,“ ſagte er in ſtolzem Tone zu Fg vermuthlich nicht wieber erkannte, — 52 „Ich wollte mich nicht aufdringen, Sir,“ erwie⸗ derte Alan;„die Lage der Dame ſchien Huͤlfe zu for⸗ dern,— und— aber habe ich nicht die Ehre mit Mr. Herries von Birrenswork zu ſprechen.“ „Ihr irrt Euch, Sir, ſgte Redgauntlet, wand⸗ te ſich ſchnell wachte ein Zeichen mit der Hand ge⸗ gen Chriſtal, der den widerſtrebe enden Darſie raſch in das Haus hinein brachte, und ihm ins Ohr wiſperte: Kommt, Miß, wir duͤrfen en Bekanntſchaft aus den Fenſtern machen; Damen von Stande muͤſſen für ſich Ueiben.— Zeigt uns ein Zimmer, Vater Krak⸗ kenthorp!“ Mit dieſen Worten fuͤhrte er Darſie ins Haus, indem er ſich dabei zwiſchen die vermeintliche junge Dame und den verdächtigen Fremden ſtellte, um eine Mittheilung durch Zeichen zu verhindern. Als ſie ein⸗ traten, horten ſie eine Geige in der gepflaſterten und mit Sand wohl beſtreuten Kuͤche, durch die ſie ihrem dicken Wirthe folgen mußten, und verſchiedene Leute beluf ſtigten ſe nach ihren Tönen zu tanzen. „Zum Teufel noch!“ ſagte Niron zu Krackenthorp; „warum ſoll denn die Dame d durch den Pobel des gan⸗ zen Kirchſpiels gehen? Gi bts denn keinen beſondern Weg zu unſerem Zimmer?“ „Reinen, der fuͤr mich paßte,“ antwortete der Gaſti rth, und ſeine Hand auf den anſehulichen Schmeerbauch.„Ich bin nicht Tom Turapenuy, um wie eine Eidechſe durch Schlüſſelloͤcher zu kriechen.“ Mit dieſen Worten fuhrte er ſie durch die luſtige Geſellſchaft in der ie und Nixon hielt Darſie am r ſcheinbar um die Dame zu unterſtuͤtzen, wahr⸗ ch aber, um jeden Verſuch zur Flucht zu ver⸗ ſo arbeitete er ſich durch die Menge, die ein es Aeußere arbut, denn ſie beſtand aus Be⸗ burſchen, Seeleuten und anderem müſ⸗ he er wandernde Willie mit ſeiner 63 Noch an einem andern Freund ohne ein Zeichen ſei⸗ ner Gegenwart voräberzugehen, waͤre wirkliche Klein⸗ muthigkeit geweſen, und als ſie an dem erhoͤhten Sitze des Blinden voruber giengen, fragte ihn Darſie mit einigem Nachdruck, ob er nicht eine ſchottiſche Melv⸗ die ſpielen könne? Des Mannes Geſicht hatte einen Augenblick vorher gar keinen Ausdruck, als er aber Darſies Stimme hoͤrte, wurde ſein Geſicht mit einem⸗ male glaͤnzend, und bewieß den Irrthum derer, wel⸗ che den Hauptausdruck einer Phyſtonomie in den Au⸗ gen finden wollen. Er wandte ſein Geſicht nach der Gegend, woher der Ton kam, ſeine obere Lippe bog ſich ein wenig, und bebte vor innerer Bewegung, in⸗ deß Erſtaunen und Freude ein bluͤhendes Roth auf ſeine bleichen Wangen brachte. Er vertauſchte die ge⸗ meinen Stuͤcke des Dudelſacks, die er mit widerſtre⸗ bendem und nachläßigem Bogen hergedudelt hatte, mit der ſchoͤnen ſchottiſchen Melodie: „Sey willkömmen, Karl Stuart!“ Wie mit Begeiſterung ertoͤnte ſie von den Sai⸗ ten, und nach einer Pauſe der hoͤchſten Bewunderung, wurde ſie durch ein Beifallsgeſchrei aufgenommen, welches zu zeigen ſchien, daß der Name ſowohl, als die Ausfuͤhrung allen Verſammelten hoͤchſt angenehm war. Indeſſen hielt Chriſtal Niron Darſie feſt am Ar⸗ me, folgte dem Wirthe, bahnte ſich mit einiger Schwie⸗ rigkeit durch die gedraͤngtvolle Kuche einen Weg, und trat nun in ein kleines Zimmer an der andern Sei⸗ te derſelben, wo ſie Lilias Redgauntlet bereits ſitzend fanden. Hier ließ Nixon ſeinem unterdruckten Un⸗ willen freien Lauf, wandte ſich heftig zu Krakenthorp, bedrohte ihn mit dem heftigſten Unwillen ſeines Ge⸗ bieters, daß die Sachen in ſo ſchlechter Ordnung wa⸗ ren, um ſeine Familie zu empfangen, da er doch ſo ausdrücklich ihn hatte wiſſen laſſen, er wuͤnſche allein zu ſeyn. Aber Vater Krakenthorp war nicht vor den Kopf geſchlagen. 54. „Wie! Bruder Niron, Du biſt unwillig dieſen Mor zen,“ erwiederte er;„biſt mit dem unrechten Fuße heraus, glaube ich. Du weißt ſo aut, wie ich⸗ daß die meiſten Leute da unten von des Squires eige⸗ ner Wache ſind; Edelleute, welche mit ihren Dienern kommen, um ihn auf dem Geſchaͤftsweg zu treffen, wie der alte Turapenuy ſagt; der letzte, welcher kam, Buit von Fairladies mt Dickthardoner heruͤberge⸗ f „Aber der Blinde krazende Schurke dort,“ ſagte Niron,„wie habt Ihr es gewagt, ſolch einen Spitz⸗ buben in jetziger Zeit uͤber Enre Schwelle kommen zu laſſen?— Wenn es dem Squire nur im Traum einfiele, daß Ihr wanken koͤnntet! Ich ſpreche nur zu Eurem Beſten, Vater Krakenthorp.“ „Wie, ſeht doch! Bruder Nixon,“ ſagte Kraken⸗ thorp, und drehte ſeinen Taback mit vieler Gemach⸗ lichteit im Munde hin und her, der Squire iſt ein ſehr wuͤrdiger Cdemzun⸗ das werde ich nie läugnen, aber ich bin weder ſein Diener, noch ſein Vaſall, und ſo braucht er mir keinen Beſehl zu ſchicken, bis er hort, daß ich ſeine Livree angezozen habe. Soll ich aber Leute von meiner Thuͤre we weiſen, ſo koͤnnte ich eben ſowohl den BVierzapfen ausſtoßen, und den Schild herunter nehmen,— was aber das Wanken be⸗ trifft, ſo wird der Squire hier ſo ehrliche Leute fin⸗ den, als er nur immer mitgebracht hat.“ „Nun, Ihr unverſchämter Talgklumpen,“ ſagte Niron;„was wollt Ihr damit ſagen?“ „Nichts,“ ſagte Krakenthorp,„als daß ich das rauhe ſo gut heraustehren kann, wie ein anderer, Ihr verſteht mich— s' iſt hell genug in meinem ohern tockwerk, ich weiß eine oder zwei Sachen mehr, als die meiſten Leute in dieſem Lande. Wenn Lente mit gefaͤhrlichen B zotſchaften in mein Haus kommen, ſo werden ſie an Jon Kratenthor keine Katzenpfote fin⸗ den,— Ich werde mich rein halten, darauf koͤnnt 55 Ihr Euch verlaſſen, und jeder mag fuͤr ſeine eigenen Handlungen ſiehen! So iſt meine Art! Befehlt Ihr etwas, Mr. Niron?“ „Nein,— ja— geht!“ ſagte Niron, den der entſcheidende Ton des Wirthes in Verlegenheit geſetzt zu haben ſchien, und doch wunſchte er den Eindruck zu verbergen, den er auf ihn gemacht hatte. Kaum hatte Krakenthorp die Thure hinter ſich zu⸗ gemacht, als Miß Redgauntlet ſich zu Nixon wandte, und ihm bofahl, das Zimmer zu verlaſſen, und an ſei⸗ nen eigenen Ort zu gehen. „Wie, Madame,“ ſagte der Menſch finſter, doch mit Achtung.„Wollt Ihr, daß Euer Oheim mich we⸗ gen Ungehorſams gegen ſeine Befehle todt ſchießt.“ „Er könnte Euch vielleicht aus einem andern Grunde todt ſchießen, wenn Ihr nicht dem meinigen gehorcht,“ ſagte Lilias mit Faſſung. „Ihr mißbraucht Euern Vortheil über mich, Ma⸗ dame,— ich wage es in der That nicht zu gehen,— ich ſtehe zur Wache hier wegen dieſes andern Fraͤu⸗ leins; und wenn ich meinen Poſten verlaſſe, iſt mein Leben keinen Heller werth.“ „Nun ſo wacht außen an der Thuͤre,“ ſagte Li⸗ lias;„Ihr habt, glaube ich, keinen Auftrag, auf un⸗ ſere Unkerredung zu lauſchen. Geht, Sir, ohne wei⸗ teres Geſpräch oder Widerrede, oder ich werde mei⸗ nem Oheim etwas ſagen, das Euch ſchwer fallen wur⸗ de, wenn er es wußte.“ Der Menſch ſah ſie mit einem ſonderbaren Blicke an, worin Bosheit und Unterwärfigkeit ſich abſpiegel⸗ ten.„Ihr mißvraucht Euern Vortheil über nuch, Mabame,“ ſagte er,„und handelt darin ſo thoͤricht, als ich, da ich Euch eine ſolche Gewalt uͤber mich in die Haͤnde gab. Ihr aber ſevd ein ſtrenger Herr, und ſtrenge Herren regieren nicht lange.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. „Des Elenden graͤnzenloſe Unverſchaͤmntheit,“ ſag⸗ 56 te Lilias zu ihrem Bruder, hat mir einen großen Vortheil uber ihn gegeben. Denn da er weiß, daß mein Oheim ihn mit eben ſo wenig Gewiſſensbiſſen niederſchieſſen wuͤrde, als einen Auerhahn, wenn er ſeine Frechheit gegen mich auch nur ahnete, ſo wagt er es ſeit dieſer Zeit nicht mehr, jenes ungeziemende Herrſcherweſen anzunehmen, wozu ihn der Beſitz der Geheimniſſe meines Oheims und die Kenntniß ſeiner geheimſten Plane gegen die uͤbrigen Glieder ſeiner Fa⸗ milie gefuͤhrt zu haben ſcheint.“ „Indeſſen ſehe ich mit Vergnuͤgen,“ ſagte Darſie, „daß der Wirth des Hauſes ihm nicht ſo ergeben ſcheint, als ich befürchtete, und dieß unterſtuͤtzt die Hoffnung zur Flucht, die ich fuͤr Euch und mich ſelbſt naͤhrte. O Lilias, der treueſte meiner Freunde, Alan Fairford, iſt mir gefolgt, und in dieſem Angenblick hier. Ein anderer, zwar niederer, aber ich glanbe, ebenfalls getrener Freund, iſt auch innerhalb dieſer gefaͤhrlichen Mauern.“ Lilias legte den Finger auf die Lippen, und wieß auf die Thüre. Darſie verſtand den Wink, und un⸗ terrichtete ſie leiſe von der Ankunft Fairfords, und daß er glaube, er habe einen Verkehr mit dem wan⸗ dernden Willie eroͤffnet. Sie hoͤrte ihm mit der groͤß⸗ ten Aufmerkſamkeit zu, und hatte eben ihre Antwort begonnen, als ein lauter Laͤrm ſich in der Kuche er⸗ hob, verurſacht durch mehrere ſtreitende Stimmen, unter denen Dearſie auch die Stimme Alan Fairfords unterſcheiden zu koͤnnen glaubte. Vergeſſend, wie wenig ſeine eigene Lage ihm erlaubte, der Helfer anderer zu werden, flog Darſie an die Thuͤre, und da er ſie von aufen verſchloſſen und verriegelt fand, ſtemmte er ſich mit aller Gewalt entgegen, und machte die verzweifeltſten Anſtrengun⸗ gen, ſie aufzubrechen, trotz den Bitten ſeiner Schwe⸗ ſter, daß er ſich beruhigen und ſeine Lage bedenken mochte, Die Thöre aber war dazu gemacht, den An⸗ —— — 57 griffen von Acciſern, Konſtabeln und anderen Perſonen zu widerſtehen, die man als wuͤrdig betrachtet„den Koͤnigsſchluſſel“ zu gebrauchen, um ſchloßfeſte Orte offen und zugaͤnglich zu machen, und trotzte da⸗ her allen ſeinen Bemuͤhungen. Unterdeſſen dauerte der Lärm außen fort, und wir wollen im naͤchſten Ka⸗ pitel unſern Leſern die Urſache deſſelben anzeigen. Britte el Erzaͤhlung von Darſie Latimer. Fortſetzung. Jon Krackenthorps Gaſthof war noch niemals, ſeit ſich ſeine Schornſteine an den Ufern des Solway erhoben, von ſo verſchiedenartigen Leuten beſucht wor⸗ den, als dieſen Morgen. Mehrere von ihnen waren Leute, deren Rang weit höher ſchien, als ihre Klei⸗ dung und Art zu reiſen andeutete. Die begleitenden Diener widerlegten ſchon die Schluͤſſe, die man aus dem Anzug ihrer Herren hätte machen ſollen, und nach der Sitte der Ritter vom Regenbogen*) gaben ſie „manche Winke, ſie waren nicht die Leute irgend je⸗ mand zu bedienen, als Männer vom erſten Rang.. Dieſe Herren, welche hauptſächlich hieher gekommen waren, um mit Mr. Redgauntlet zuſammenzutreffen, ſchienen verdruͤßlich und aͤngſtlich, giengen mit ein⸗ ander auf und ab', ſcheinbar in tiefe Geſpraͤche ver⸗ wickelt, und vermieden allen Verkehr mit andern Rei⸗ ſenden, welche der Zufall dieſen Morgen an denſelben Erholungsplatz gefuhrt hatte. * Der Livreebedienten, ſo genannt wegen ihrer oft ſehr bunten Kleidung⸗ 58 Als ob das Schickfal es ſich vorgenommen haͤte, die Plane der jakobitiſchen Verſchwoͤrer in Verwirrung zu bringen, waren die zuſtroͤmenden Reiſenden unge⸗ woͤhnlich zahlreich und gemiſcht, und fullten das öffent⸗ liche Zimmer des Gaſthofs, während die politiſchen Gaſte bereits die meiſten innern Zimmer des Hauſes eingenommen hatten. Unter andern war auch der ehrliche Joſua Ged⸗ des angekommen, der— wie er ſagte, umherreiſete in der Betruͤbniß ſeines Herzens, und traurend um das Schickſal Darſie Latimers, als wäre dieſer ſein erſtgebornes Kind. Er war an der ganzen Küſte des Solway hingezogen, hatte dabei noch mehrere Bbſchwei⸗ fungen in das Innere des Landes gemacht, und es bei ſolchen Gelegenheiten nicht vermieden, ſich dem Gelaͤchter der Spoͤtter, ja ſelbſt perſoͤnlichen Gefahren auszuſetzen, da er die Schlnpfwinkel der Schinnggler, Roßtaͤuſcher und anderer Leute dieſes Gelichters be⸗ ſuchte, welche ihn mit mißtrauiſchen Blicken anſahen, und geneigt waren, ihn eber fuͤr einen Acciſe⸗Beam⸗ ten in Quäkerkleidung zu halten. Allen dieſen Müh⸗ ſeligkeiten und Gefahren hatte er ſich aber vergeblich unterzogen. Keine Nachforſchung hatte ihm auch nur die geringſte Spur von Darſie Latimern gezeigt, ſo daß er zu fürchten begann, der arme Juͤngling mochte weggefuͤhrt worden ſeyn, denn der Menſchenraub war damals, namentlich auf den weſtlichen Käſten Groß⸗ brittanniens nicht ſelten; auch konnte ſein Schickſal wohl noch kaͤrger und blutiger geweſen ſeyn. Mit ſchwerem Herzen gab er ſein Pferd, ſeinen Sglomon, an den Hausknecht ab, gieng in den Gaſt⸗ hof, und verlangte von dem Wirthe Frühſtuck und ein beſonderes Zimmer. Quaͤker und ſolche Wirthe, wie der alte Vater Krakenthorp, ſind keine verwandte Gei⸗ ſter; der letztere ſah ihn daher verachtlich uber die Schulter an, und erwiederte;„wenn Ihr ein Fruͤh⸗ ſtuͤck wollt, ſo eßt es hier, wie andere Leute auch!“ 59 „Und warum kann ich nicht,“ ſagte der Quäker, „fuͤr mein Geld ein Zimmer für mich haben.“ „Weil Ihr warten muͤßt, Meiſter Jonathan, bis beſſere Leute, bedient ſind, oder mit Eures gleichen eſſen wollen.“ Joſua Getbes ſprach nicht weiter uͤber dieſen Punkt, ſondern ſezte ſich ruhig nieder auf den Stuhl, den ihm Krakenthorp anwieß, verlangte eine Maaß Vier nebſt Brod, Butter und holläͤndiſchem Kaͤſe, und begann ſeinen Hunger zu ſtillen, den die Morgenluft ungewoͤhnlich rege gemacht hatte. Während der ehrliche Quaͤker ſo beſchaͤftigt war, trat ein anderer Fremder ins Zimmer, und ſezte ſich nahe an den Tiſch, auf welchem deßen Lebensmittel ſtanden. Er ſah haufig nach Joſua hin, leckte ſich die rrockenen und e Lippen, als er den gu⸗ ten Quäker ſein Brod und äſe verarbeiten ſah, und machte die Bewegung des Trinkens, wenn Mr. Ged⸗ des das Glas zum Munde fuͤhrte, als ob dieſe kor⸗ perlichen Verrichtungen bei einem andern auch dei ihm die nehmlichen auf eine unwiderſtehliche Art w ten. Endlich, als ob er ſeinem Vppeti t durchaus mehr widerſtehen konne, fragte er in einem unſichern Tone den vierſchroͤtigen Wirth, der in aller Peftig⸗ keit, die ſeine Corpulenz zuließ, durch das Summer ſchritt, ob er nicht eine Plack⸗Pie haben konne?“ „Herr, von einem ſolchen Ding habe ich nie ge⸗ hört“ ſagte der Wirth, und wollte ſich weiter ben, der Gaſt aber hielt ihn zuruͤck, und ſagte i nem ſtarken th ſchen* Accente:„Habt Ihr was, Buttermilch oder einen Kloß von Stwar nhl.. „Ich weiß nicht, was Ihr wollt,“ ſagte Krakenthorp. „Habt Ihr denn kein Fruͤhſtüͤck das einen Schil⸗ ling ſchottiſch koſtet?“ „Das iſt ein Pfennig Sterling,“ ſgte Kraken⸗ thorp mit ſpoͤttiſchem Lachen.„Nein, Sawney“), ſo *) Ein Spottname, den man den Schotten gibt.“ 60 kann ich keins geben, aber ich will Euch ſatt machen aus Mittleiden—“ „Ein ordentliches Anerbieten ſchlage ich niemals aus,“ ſagte der arme Teufel von Gaſt,„und wenn auch die Engländer Teufel ſind, ſo kann man ſie doch iſich⸗eißen gegen Edelleute, die unter Verkappung reiſen. „Edelleute!— Hum!— ſagte Krakenthorp— doch keine Blaukappe unter ihnen, die nicht auf die⸗ ſem Fuße hinkt.“ Dann nahm er eine Schuͤſſel, die noch einen bedeutenden Reſt von einem Ding enthielt, das einmal eine herrliche Schopſenfleiſch⸗Paſtete ge⸗ weſen war, und ſtellte ſie auf den Tiſch vor den Frem⸗ den mit den Worten:„Hier, Meiſter Edelmann, hier iſt etwas, das alle Plack⸗Pies, wie Ihr ſie nennt, werth iſt, welhhe jemals aus einem Schaafkopfe ge⸗ macht wurden.“ „Nun, ein Schaafkopf iſt immer ein gut Ding,“ erwiederte der Gaſt, ſprach aber nicht ſo laut, daß es den gaſtlichen Wirth hatte beleidigen koͤnnen, ſondern der Ausruf konnte ſo fuͤr eine Abwehr der Verach⸗ tung gelten, womit man ſich uber dieß gewoͤhnliche Gericht der Schotten zu aͤußern pflegte. Hierauf begann er ſogleich das Schoͤpſenfleiſch und die Paſtetenrinde von der Schüſſel an den Mund zu bringen, aber in ſo ungeheuern Stücken, als erlabte er ſich nach dreitaͤgigem Faſten, und wolle ſich noch fuͤr eine ganze kommende Faſtenzeit verſorgen. Joſua Geddes betrachtete ihn dagegen mit Erſtau⸗ nen, da er nie einen ſolchen Ausdruck von Heißhun⸗ ger beim Eſſen bemerkt zu haben glaubte.„Freund,“ ſagte er, nachdem er ihn einige Minuten beobachtet hatte,„wann Du ſo in Dich hineinſtopfſt, ſo wirſt Du ſicherlich noch erſticken. Willſt Du nicht einen Zug aus meinem Kruge thun, um Zeiner krockenen Speiſe hinabzuhelfen?“ „Meiner Treu!“ ſagte der Fremde, indem er im 61 Eſſen anhielt, und den freundlichen Einlader betrach⸗ tete,„das iſt keine ſchlechte Eroͤffnung, wie man in der Generglverſammlung zu ſagen pflegt; ich habe ſchlechtere Motionen von weiſeren Raͤthen gehoͤrt.“ Mr. Geddes ließ ein Quart Bier fuͤr unſern Freund Peter Peebles kommen, denn der Leſer hat wohl ſchon errathen, daß dieſer ungluͤckliche Proceß⸗ kraͤmer der in Frage ſtehende Wanderer iſt. Das Opfer der Themis hatte nicht ſobald den Krug erblickt, als er ihn mit derſelben Energie er⸗ griff, die er bei der Verarbeitung der Paſtete entfal⸗ tet hatte,— er blies den Schaum mit ſolcher Gewalt von ſich, daß ein Theil davon an Mr. Geddes Kopf flog, und dann ſagte er, als erinnere er ſich, was die Hoͤflichkeit erheiſche;„Auf Euer Wohlſeyn, Freund; was! ſeyd Ihr zu vornehrn, mir Antwort darauf zu geben, oder hoͤrt Ihr nicht gut?“ „Ich bitte Dich, trink Dein Bier, Freund!“ ſag⸗ te der gute Quäker; Du willſt hoͤflich gegen mich ſeyn, wir kunmern uns aber nicht um leere Formlichkeiten.“ „Was? Ihr ſehd ein Quaker, ſeyd Ihr?“ fragte Peter, und fuhrte dann ohne weitere Céremonie den Krug an den Mund, von dem er ihn auch nicht eher wieder wegzog, als bis kein Tropfen von dieſem Ger⸗ ſtengebrzu mehr darin war.„Wohl bekomm es Euch und mir,“ ſagte er, und ſeußzte, als er den Krug niederſetzte.„Aber zwei Maaß Bier unter Zweien iſt ein gar zu kleines Maaß! was ſagt Ihr zu einem am⸗ dern Kruge? oder wollen wir uns eine derbe ſchotti⸗ ſche Pinte auf einmal geben laſſen? das waͤre ſo un⸗ recht nicht!“ Du magſt ſo viel kommen laſſen, als Du willſt, auf Deine eigene Rechnung, Freund,“ ſagte Geddes; „ich habe willig beigetragen, Deinen natuͤrlichen Durſt zu ſtillen, aber ich fuͤrchte, es moͤchte nicht ſo leicht ſeyn, Deine erworbene und kuͤnſtliche Trinkluſt zu befriedigen.“ „Das heißt mit deutlichen Worten, Ihr nehmt Eure Bürgſchaft bei den Lenten des Hauſes zurück? Ihr Quäkervolk ſeyd doch leidige Troͤſter! Aber da Ihr mich veranlaßt vabt, ſo viel Kaltes zu trinken, was ich am Vormittag gar nicht gewohnt bin, ſo den⸗ te ich,— Ihr könntet mir eben ſo gut ein Glas Branntwein oder Sekt anbieten; ich bin eben nicht waͤhlia, und kann alles trinken, was naß iſt, und uͤber die Zähne geht.“ „Nicht einen Tropfen auf meine Koſten, Freund,“ ſagte Geddes;„Du biſt ein alter Mann, und haſt vielleicht einen beſchwerlichen und langen Weg vor Dir; Du biſt uͤberdem mein Landsmann, ſo viel ich aus Deiner Sprache ſchlieſſe, und ich will Dir nicht die Mittel geben, Deine grauen Haare in einem frem⸗ den Lande zu entehren.“ „Graue Haare!“ ſagte Peter mit einem Wink an die Umſtehenden, welche die Unterredung zu intereſ⸗ ſiren anſieng, und die hofften, daß der Quaͤker tuch⸗ tig verſpottet werden wuͤrde von dem ſchaͤbigen Bett⸗ ler, denn dieß ſchien Peter Peebles zu ſeyn,—„Graue Haare! der Herr gebe Euch beßere Augen, daß Ihr ſ von einer Flachsperucke unterſcheiden ernt!. Dieſer Spaß erzeugte ein ſchallendes Gelaͤchter, und, was noch beſſer war, als ein trockener Beifall, ein Mann, der daneben ſtund, rief:„Vater Kraken⸗ thorp, bringt ein Flaͤſchchen Branntwein. Ich will dem Burſchen da ein Schluͤckchen reichen, wäre es auch nur um des einzigen Worts willen!“ 5 Der Brauntwein wurde augenblicklich gebracht von einer Magd, welche als Aufwaͤrterin diente, und Pe⸗ ter fuͤllte mit behaglichem Grinſen ein Glas, ſtürzte es hinunter, und ſagte dann:„Gott verzeih mir's, ich bin ſo unhoͤflich geweſen, nicht auf Eure Geſundheit zu trinken. Ich glaube, der Quaͤkes hat mich mit ſei⸗ nem ungezogenen Weſen angeſteckt; er war im Begriff, 63 ein zweites Glas zu fuͤllen, als er ſeine Hand von ſeinem neuen Freund zuruckgehalten ſah, welcher ſag⸗ te: nein, nein, Freund, ehrliches Spiel iſt das beſte, Geduld ein wenig, wenns gefüllg iſt.“ Er füllte das Glas für ſich ſelbſt, und leerte es ſo tapfer, als Pe⸗ ter es nur immer haͤtte thun koͤnnen.„Was ſagt Ihr dazu, Freund?“ fuhr er fort, indem er ſich zu dem Quaͤker wandte. „Nichts, Freund,“ erwiederte Joſua,„es gieng Deine Kehle hinab, nicht die meinige, und ich habe nichts uͤber das zu ſagen, was mich nichts angeht, wenn Du aber menſchlich biſt, ſo wirſt Du dieſem armen Menſchen nicht die Mittel zur Schwelgerei rei⸗ chen. Bedenke doch, daß ſie ihn von der Thuͤre ſtoſ⸗ ſen werden, wie einen heimath⸗und herrenloſen Hund⸗ und daß er dann auf der Straße oder an dem uſer ſterben kann. Wenn Du ihn durch Deine Mittel un⸗ faͤhig gemucht haſt, ſich ſelbſt zu helfen, ſo wirſt Du nicht unſchuldig ſeyn an ſeinem Blut.“ „Meiner Treu, Breitkraͤmpe, Du haſt Recht, glaube ich, und der alte Herr da in der Flachsperucke ſoll nichts mehr von dieſem Troͤſter erhalten. Ueber⸗ dieß haben wir heute Geſchaͤfte vor, und dieſer Bur⸗ ſche, ſo dumm er ausſieht, kann doch eine Naſe haben, um das alles zu riechen. Hoͤrt, Vater, wie iſt Euer Name, und was führt Euch in dieſe abgelegene Ecke?“ „Meinen Namen mag ich nun nicht gerade nen⸗ nen,“ ſagte Peter,—„und was mein Geſchaͤſt be⸗ trifft,— aber hier iſt ja noch ein Troͤpſchen Brannt⸗ wein im Glaſe, es wäre unrecht, es der Aufwärterin zu laſſen, die lernte nichts gutes dabei.“ „Nun Du ſollſt meinetwegen den Branntwein haben, und dann geh zum Henker, aber ſagen ſollſt Du mir, was Du hier machſt.“ „Ich ſuche einen jungen Advolaten, Namens Alan Fairford, der mir einen ſo gbſcheulichen Streich ge⸗ 64 ſpielt hat, als man einen nur in einem Rechtsſtreit ſpielen kann,“ ſagte Peter. „Einen Advokaten, Menſch!“ antwortete der Ka⸗ pitain der ſpringenden Jenny, denn der war es, und kein anderer, der Mitleid mit Peters Trinkluſt ge⸗ habt hatte, nun, Gott helfe Dir, Du biſt auf der unrechten Seite des Solway, wenn Du Advokaten ſuchſt; dieß ſind ja ſchottiſche Rechtsgelehrte, und kei⸗ ne engliſchen.“ „Engliſche Rechtsgelehrte!“ rief Peter aus;„zum Leuſel alle Rechtsgelehrten in England.“ „Ich wuͤnſche von ganzer Seele, es moͤchte wahr ſeyn, aber wie Teufel, kommt Euch das jetzt zu Sinne?“ „Nun, bei Gott, mir hat einer ihrer Ottorneys ſchön an den Beutel gegriffen, und mir geſagt, daß es außer ihm keinen Rechtsgelehrten in England ge⸗ be, der die Natur eines verwickelten Prozeßes kenne. Und als ich ihm ſagte, wie der Schuft, der Alan Fair⸗ ford, mir es gemacht habe, antwortete er mir“ ich koͤnne eine Klage uber den Kall anſtellen, gerade als ob der Fall nicht ſo viele Klagen ſchon hätte, als ein Fall nur immer tragen kann. Auf meine Ehre, s iſt eine gute Sache, und ſie hat, ihrer Zeit ſchon viele Prozeßſaͤcke getragen, aber wenn man einem Muller⸗ pferde zu viel aufladet, bricht ihm der Rucken endlich ein, und mit meiner Erlaubniß ſoll man ihm nichts mehr auflegen.“ „Aber dieſer Alan Fairford?“ fragte Nanty,— „kommt, trinkt den Tropfen Branntwein vollends aus, ſagt mir mehr von ihm, und ob Ihr ihn in Gu⸗ tem oder Böſem aufſucht.“ „Zu meinem Beſten, und nicht zu ſeinem Scha⸗ den, das verſichere ich Euch,“ ſagte Peter;„denkt ein⸗ mal, er verließ meinen Prozeß gerade zwiſchen Gewinn und Verluſt, und iſt nach Cumberland gezogen, um einem wilden Burſchen, Namens Darſie Latimer, nachzuſpů⸗ ren.“„Darſie 65 „Darſie Latimer,“ ſagte Mr. Geddes haſtig; „wißt Ihr etwas von Darſie Latimer?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ antwortete Pe⸗ ter;„ich will nicht alle Fragen beantworten, wenn ſie nicht gerichtlich und geſetzlich ſind, beſonders wenn die Leute ſo viel Aufhebens machen um einen Schluck Branntwein. Was dieſen vornehmen Herrn anbetrifft, der ſich ſo gezeigt hat, beim Fruͤhſtuͤck, und ſich ſo zei⸗ gen wird beim Mittageſſen, ſo will ich mich uber alle Punkte laſſen, die die Sache zu Ende bringen une „Ales, was ich von Euch wiſſen will, Freund, iſt, ob Ihr dieſen Alan Fairford in Gutem oder Bö⸗ ſem ſucht, wenn in Gutem, ſo könnt Ihr ihn zu ſpre⸗ chen bekommen, wenn in Böſein, ſo will ich Euch hin⸗ uberweiſen uͤber den Solway, mit der gutgemeinten Warnung, in ſolcher Abſicht nicht zum zweitenmal zu kommen, ſonſt moͤchte es Euch ſchlimmer ergehen.“ Das Benehmen und die Sprache Ewarts waren der Art, daß Joſua Geddes beſchloß, vorſichtig zu ſchweigen, bis er deutlicher entdecken koͤnne, ob jener ihm in ſeinen Nachforſchungen nach Darſie Latimer behülflich oder hinderlich ſeyn werde. Er beſchloß da⸗ her, aufmerkſam darauf zu hoͤren, was zwiſchen Pe⸗ ter und dem Seemann vorgehe, und auf eine Gele⸗ genheit zu warten, den erſtern zu fragen, ſobald als er von ſeiner neuen Bekanntſchaft getrennt ſeyn wuͤrde. „Ei,“ ſagte peter Peebles,„ich wollte dem är men Burſchen, Alan Fairford, nicht das geringſte Uebel anthun, er hat manche Guinee von mir verdient, wie ſein Vater vor ihm, aber ich will ihn zu meiner und ſeinen Geſchaͤften zuruͤckhaben, und dann will ich in meiner Klage auf Schadenserſatz nicht weiter ge⸗ hen, als daß er die Koſten erſtattet, und ein fährli⸗ ches Intereſſe von dem Kapital zahlt, von dem Tage an, wo es mir hätte ausgeliefert werden ſollen, und W. Scott's Werte. KXIN. 5 66 zwar bei Heller und Pfennig; Ihr ſeht, daß dieß das wenigſte iſt, was ich nomine damni verlangen kann; ich will dem Burſchen an Leib und Leben nichts thun, — man muß leben und leben laſſen,— vergeben und vergeſſen.“ „Der Teuſel hole mich, Freund Breitkrämpe,“ ſagte Nanty Ewart zu dem Quaͤker, wenn ich heraus bringe, was die alte Vogelſcheuche will. Wann ich es fur paßend hielte, daß ihn Mr. Fairford ſaͤhe, ſo koͤnn⸗ te es vielleicht geſchehen.— Wißt Ihr etwas von dem glten Vurſchen da? Ihr ſcheint doch eben Euch ſeiner anzunehmen.“ „Nicht mehr, als ich jedem im Ungluͤck gethan hätte,“ ſagte Geddes, dem es nicht unangenehm war, ins Geſprach verſlochten zu werden;„aber ich will ver⸗ ſuchen, was ich thun kann, um herauszubringen, wer er iſt, und warum er in dieſer Gegend ſich befindet? Aber ſind wir nicht zu ſehr beobachtet in dieſem offe⸗ nen Zimmer?“ „Richtig,“ ſagte Nanty, und auf ſeinen Befehl wieß die Auſwärterin den Sprechenden ein Seiten⸗ zimmer, Peter aber ſolgte ihnen, in der inſtinktarti⸗ gen Hoffnung, daß er bei ihnen noch etwas zu krin⸗ ken betommen wuͤrde. Kaum hatten ſie ſich niederge⸗ ſetzt, als ſie in dem eben verlaßenen gimmer eine Gei⸗ ge hörten. „Da muß ich wieder hin,“ ſagte Peter wieder aufſtehend,„dort hoͤr' ich eine Geige, und wo Muſtk iſt, gibt es etwas zu eſſen oder zu trinken.“ „Ich will gleich etwas hieher bringen laſſen,“ ſag⸗ te der Quäker;„aber unterdeſſen habt Ihr irgend ei⸗ nen Anſtand, uns Euern Namen zu ſagen?“ „Durchaus keinen, wenn Ihr ihn braucht, um mich beim Zutrinken mit dem Vor⸗und Zunamen zu nennen; denn ſonſt moͤchte ich lieber Euern Fragen ausweichen.“ „Freund! es iſt nicht Deiner Geſundheit wegen,“ denn ſonſt noch? Du weißt, in unſerem Lande bezei 67 ſagte der Quaker;„denn Du haſt ſchon genug getrunken; indeſſen, hier, Maͤdchen, bring mir ein Gill Sherry.“ Sherry iſt ein leichtes Getränk, und ein Gill nur ein kleines Maaß fuͤr zwei Leute, die auf ihre neue Bekanntſchaft trinken wollen.—„Aber laßt uns doch Euern filzigen Gill Sherry verſuchen,“ ſagte der arme Peter, und ſtreckte ſeine ungeheure Hand aus, um das winzige zinnerne Gefäß zu ergreifen, welches nach der Sitte der Zeit den edlen Trank friſch vom Faße weg enthielt. „Halt, Freund,“ ſagte Joſua,„Du haſt uns ja Deinen Vor⸗und Zunamen noch nicht geſagt.“ „Verdammter Schlaukvpf ber Quaͤker,“ ſagte Nanty bei Seite,„läßt ihn den Trank zahlen, ehe er ihn ihm gibt. Ich waͤre ſo dumm geweſen, ihn trin⸗ ken zu laſſen, ehe ich ihm die Frage vorlegte.“ „Mein Name iſt Peter Peebles,“ ſagte er ziem⸗ lich verdrießlich, als wolle er andeuten, daß ihm der Trank zu ſparſam zugemeßen worden ſey,„und was habt Ihr nun dazu zu ſagen?“ „Peter Peebles?“ wiederholte Ewart, und ſchien uͤber einiges nachzudenken, das dieſer Name in ſei⸗ nem Gedäͤchtniß gewekt hatte, während der Quäker ſeine Fragen fortſetzte. „Aber ich bitte Dich, Peter Peebles, was biſt Du h⸗ net man die Menſchen durch ihr Gewerbe wie Sai⸗ ler, Fiſcher, Weber, n. ſ. w., eitige durch ihre Ti⸗ teb als Landbeſitzer, was freilich nach Eitelkeit ſchmeckt. Nun, wie kann man Dich denn von andern Deines Namens unterſcheiden?“ „Als Peter Peebles, der arme Peter Peebtes mit dem großen Prozeß gegen Plainſtanes, et per vontra, — bin ich auch ſonſt uͤber nichts Herr, ſo bin ich doch dominus Rtis.“. „Eine arme Herrlichkeit, denle ich,“ ſagte Joſua. 5— 68 „Ei, Mr. Peebles,“ ſagte Nanty, indem er die unterredung plotzlich abbrach,„waret Ihr nicht ein⸗ mal Buͤrger in Edinburgh?“ „War ich ein Buͤrger? ich bin es noch,“ ſagte Peter unwillig,„ich habe nichts begangen, wodurch ich mein Recht verwirkt hätte, ich denke, einmal Rich⸗ ter, und immer Mylord.“ „Gut, Herr Bürger, ſagt mir ferner, habt Ihr Eigenthum in der guten Stadt?“ fuhr Ewart ort. „Das habe ich,— nehmlich vor meinem Ungluͤck gehabt; ich hatte zwei oder drei kleine Hauſer in ei⸗ ner kleinen Gaße, außer einem Laden und der Woh⸗ nung daruͤber. Aber Plainſtanes hat mich jetzt auf die Straße geſetzt, ich will indeſſen ſchon wieder auf⸗ kommen.“ „Habt Ihr nicht einmal ein Etabliſſement in der Copenanter Straße gehabt,“ fragte Nanty wiederum. „Ihr habts getroffen, wenn Ihr gleich nicht wie ein Covenanter ausſeht,“ ſagte Peter,—„wir wollen auf ſein Andenken trinken!(das Herz iſt auf den Lippen, wenn man auch nur ſo ein ſtuͤmpiges Glaͤschen ausgeleert hat!) Es brachte von dem ober⸗ ſten Boden bis zur Hausftur ungefäͤhr vierzehn Pfund lährlich, auſſer dem huͤbſchen Keller, der an Luckie Littleworth vermielhet war.“ „Erinnert Ihr Euch nicht, daß Ihr eine alte Dame in der Miethe hattet, Mrs. Cantrips von Kittlebasket?“ fragte Nanty, mit Mühe ſeine Bewe⸗ gung unterdrückend. Erinnern! Wohrlich ich habe Urſache, mich deſſen zu erinnern,“ ſagte Peter;„ſie machte ja Bankerott bei mir, der alte Beſen, und nach allem, was das Geſetz thun konnte, um mich bezahlt zu machen, in⸗ dem man ihre Sachen im Aufſtreich verkaufte, u. ſ. w. wie das Geſetz will, ſo rannte ſie weg ins Arbeits⸗ baus, und blieb mir 20 Pfund ſchottiſch ſchuldig; es 69 iſt dech eine große Schande und ungerechtigkeit, daß das Arbeitshaus Bankerottirer aufnimmt, die ihre ehrlichen Glaubiger nicht bezahlen ionnen.“ „Mich duͤnkt, Freund,“ fagte der Quäker,„Dei⸗ ne eigenen Lumpen ſollten Dich Mitleid mit der Nackt⸗ heit anderer lehren.“ umpen,“ erwiederte Peter, der Joſuas Worte in wortlichem Sinne nahm;„Zieht denn ein weiſer Mann auf der Reiſe ſeine beſten Kleide an, wenn er mit Quaͤkern zuſammenkömmt, und ſolch anderem Vieh, das einem auf dem Wege gufſtoͤßt.“ „Die alte Dame ſtarb, wie ich hörte,“ ſagte Nanty, indem er eine Mäßigung erkunſtelte, die der leidenſchaftliche Ton ſeiner Stimme Luͤgen ſtrafte. „Sie mag leben oder todt ſeyn, was kuͤmmerts mich?“ autwortete Peter, der Grauſame;„weßhalb ſoll ſolches Volk leben, das nicht leben kann, wie das Ge⸗ ſet will, und ſeine rechtmäßigen Glaͤubiger nicht zahlt?“ „Und Ihr, der Ihr nun auf die nehmliche Weiſe zu Boden getreten ſeyd, bedauert Ihr nicht, was Ihr gethan habt? Reut es Euch nicht, den Tod der gr⸗ men Wittwe verurſacht zu haben?“ „Warum ſollt' ich's bereuen?“ ſagte Pe er;„das Geſetz war auf meiner Seite,— ein Dekret des Ge⸗ richts verordnete die Beſchlagnahme der Sachen,— alles war in der Ordnung, ich mußte die alte Schach⸗ tel durch zwei Gerichtshoͤfe treiben; ſie koſtete mich mehr, als ihre Ohren werth waren.“ „Nun, beim Himmel!“ ſagte Nantyz„wäret Ihr im Stande, Euch mit mir zu ſchlagen, ich gäbe kau⸗ ſend Guienen darum, wenn ich ſie haͤtte! Hättet Ihr geſagt, es thue Euch leid, ſo hättet Ihr es mit Gott und Eurem Gewiſſen ausmachen mogen, aber anzuhs⸗ ren, wie Ihr mir Eurer Schaͤndlichkeit prahlt.— Hal⸗ tet Ihr es denn für nichts, eine alte Dame in Hunger und Kummer, und eine junge zur Schande gebracht, den Tod der einen, das Elend der andern verurſacht, * 7⁰ und einen Mann in Verbannung und Verzweiflung getrieben zu haben? Bei meinem Schoͤpfer, kaum ent⸗ halte ich mich, Hand an Euch zu legen!“ „An mich?— ich trotze Euch!“ ſagte Peter.„Ich nehme dieſen ehrlichen Mann zum Zeugen, daß ich, wenn Ihr nur den Saum meines Kleides anruͤhrt, eine Klage gegen Euch einreichen werde wegen Be⸗ ſchimpfung, Gewalt, Unterdruͤckung, Angriff und Schla⸗ gen. Nun das iſt auch der Rede werth, wenn ein altes Weib zum Grabe geht, eine junge Dirne in die Winkel und auf die Landſtraße, und ein Taugenichts ubers Meer ſtatt an den Galgen!“ 8 „Nun, bei meiner Seele!“ ſagte Nanty:„das iſt n viel! und da Ihr auf eine andere Weiſe nicht füh⸗ en koͤnnt, ſo will ich verſuchen, ob ich einige Menſchlich⸗ keit in Euern Kopf und Schultern hineinſchlagen kann.“ Mit dieſen Worten zog er ſeinen Hirſchfänger, und obgleich Joſua, der vergebens die Unterredung, deren gewaltſamen Ausgang er vorherſah, zu unter⸗ brechen geſucht hatte, ſich jetzt zwiſchen Nanty und den alten Prozeßkrämer warf, ſo konnte er doch nicht ver⸗ hindern, daß nicht der Letztere zwei oder drei derhe Schlaͤge mit der flachen Klinge über die Schultern bekam. Der arme Peter Peebles, ſo keck er den Streit herbei gefuͤhrt hatte, ſo unruͤhmlich benahm er ſich, als es aufs außerſte gekommen war; er ſchrie laut auf⸗ rannte umher, und ſtuͤrtzte zu der Thuͤre des Zim⸗ mers und ſelbſt zum Hauſe hinaus, verfolgt von Nan⸗ ty, deſſen Hitze ſich immer vermehrte, je mehr er ſich derſelben uͤberließ, ſo wie von Joſua, der noch immer auf jede Gefahr den Mittler machen wollte, Nauty zurief, des Alters und der elenden Umſtaͤnde des Be⸗ leidigers zu gedenken, ſo wie dem armen Peter, er ſolle halten, und ſich unter ſeinen Schutz ſtellen. Vor dem Hauſe aber fand Peter Peebles einen wirkſamern Beſchutzer, als den wuͤrdigen Quäker. 3& 7¹ Viertes Kapitel. ———— Erzählung von Alan Fairford. Unſere Leſer werden ſich erinnern, daß Fairford durch Dit Gardener von Fairladies nach dem Gaſthofe des alten Vater Krakenthorp geführt worden war, da⸗ mit er hier, wie ihm der geheimnißvolle Peter Vuo⸗ naventura geſagt hatte, ſeinem Wunſche gemäß mir Mr. Redgguntlet zuſammentreffen, und wegen der Freiheit ſeines Freundes Darſie mit ihm ſprechen In⸗ ne. Sein Führer hatte ihn auf beſondere Anweiſung des Mr. Ambroſius durch eine Hinterthuͤre in den Gaſthof geführt, und dem Wirthe aufgetragen; ihm ein beſonderes Simmer einzuräumen, und ihn mit al⸗ ler Hoͤflichkeit zu behandeln, doch aber ein Auge auf ihn zu haben, und ſich ſogar ſeiner Perſon zu verſt⸗ chern, wenn er irgend Verdacht haben ſollte, er ſey ein Spion. Er war indeſſen keinem eigentlichen Zwan⸗ ge unterworfen, ſondern wurde in ein Zimmer geführt, wo er auf die Ankunft des Ebelmanns, mit dem er eine Zuſammenkunft wünſchte, warten ſolle; dieſer wuͤrde, wie Krakenthorp ihn mit einem bebeutenden Winke verſicherte, gewiß im Lauf einer Stunde ein⸗ treffen. Unterdeſſen empfahl er ihm, mit einem an⸗ dern bedeutenden Wink, ſein Zimmer zu huͤten,„weil Leute im Hauſe ſeyen, die ſich gern um anderer Ange⸗ legenheiten bekümmerten.“ Alan Fairford befolgte die Anweiſung, ſo lange er es für gut fandz als er aber unter mehreren Rei⸗ tern, die ſich dem Hauſe naͤherten, Redgauntlet erblick⸗ te, den er unter dem Namen Mr. Herries von Bir⸗ kenswork geſehen hatte, und der ſich durch ſeine hohe, kraftvolle Geſtalt leicht von den andern unterſcheiden ließ, hielt er es fuͤr angemeſſen, ſich hinunter vor das 72* Haus zu begeben, in der Hoffnung ſeinen Freund Dar⸗ ſie unter der Truppe zu entdecken, wenn er ſie naͤher betrachtete. Der Leſer erinnert ſich, daß er dadurch Darſies Fall von ſeinem Querſattel herab verhinderte, ob er gleich wegen der Verkleidung und Maske ſeinen Freund nicht erkannte. Man wird ſich ebenſalls erinnern, daß, während Nixon Miß Redgauntlet und ihren Bru⸗ der eilig ins Haus hineinbrachte, ihr Oheim etwas sufgebracht uͤber die unvermuthete und unbequeme Unterbrechung mit Fairford im Geſpraͤch blieb, der ihn ſchon abwechſelnd mit dem Namen Herries und Rauntlet angeredet hatte, von denen er keinen, ſo wenig als die Bekanntſchaft mit dem jungen Rechts⸗ gelehrten, in dieſem Augenblick anzuerkennen Willens ſchien, obgleich eine angenommene ſtolze Gleichgultig⸗ keit, ſeinen Verdruß und ſeine Verlegenheit nicht ver⸗ bergen konnte. „Wenn wir durchaus mit einander bekannt wer⸗ den ſollen, Sir,“ ſagte er endlich,„wovon ich die Nothwendigkeit gar nicht einſehe, beſonders da ich jetzt ganz vorzüglich geſonnen bin, unbekannt zu bleiben, ſo muß ich Euch bitten, mir ſchnell zu ſagen, was Ihr zu ſagen habt, und mir zu erlanben, wichtigern Bin⸗ gen mich zu widmen.“ „Meine Angelegenheit,“ ſagte Fairford;„iſt in dieſem Vrief enthalten;(hier überlieferte er den von Maxwell) ich bin uͤberzeugt, daß, unter welchem Na⸗ men es Euch auch jetzt gefallen mag, aufzutreten, in Eure Haͤnde, und in Eure allein dieſer Brief uber⸗ liefert werden ſoll.“ Redgauntlet wandte den Brief in der Hand hin und her, las ihn, blickte dann wieder auf den Brief, und bemerkte finſter;„das Siegel iſt erbrochen, war das ſchon geſchehen, als der Brief Euch übergeben wurde.“ Fairſord verabſcheute jede Falſchheit ſo ſehr, als irtend jemand,— außer vielleicht, wie Tom Turn⸗ 73 penny geſagt haben wuͤrde„im Geſchaftswege.“ Er antwortete daher ſchnell und feſt:„das Siegel war ganz, als mir der Brief von Mr. Marwell von Sum⸗ mertrees überliefert wurde.“ „Und wagtet Ihr es, Sir, einen Brief aufzubre⸗ chen, der an mich gerichtet war fragte Redgauntlet, „vielleicht erfreut, einen Streit beginnen zu koͤnnen, der mit dem Inhalt des Briefs in keiner Verbindung ſtand.“ „Ich habe nie das Siegel eines Briefs erbrochen, der mir anvertraut worden war,“ ſagte Vlan;„nicht aus Furcht vor denen, an die der Brief gerichtet war, ſondern aus Achtung gegen mich ſelbſt.“ „Gut geſagt, mein junger Herr Advokat,“ erwie⸗ derte Redgauntlet,„und doch zweifle ich, ob Eure Delikateſſe Euch verhinderte, meinen Brief zu leſen, oder den Inhalt anzuhoren, nachdem ihn eine andere Perſon geoͤffnet hatte.“ „Allerdings hörte ich den Inhalt vorleſen,“ ſagte Feo⸗„und er hat mich nicht wenig in Erſtaunen eſetzt.“ „Nun dann,“ ſagte Redgauntlet,„das halte ich in foro conscientiae für eben ſoviel, als ob Ihr das Siegel ſelbſt erbrochen haͤttet. Ich halte mich für ent⸗ ſchuldigt, wenn ich mit einem ſo treuloſen Boten nicht weiter verkehre, und Ihr habt es Euch ſelbſt zuzuſchrei⸗ ben, wenn Eure Reiſe erfolglos geblieben iit Paltet an, Sir,“ erwiederte Fairford,„und vernehmet, daß ich ohne, ja gegen meinen Willen mit vem Inhalt des Briefs bekannt geworden bin; denn Mr. Buvnaventura„ „Wer?“ fragte Redgauntlet in einem wilden und beunruhigten Tone.„Wen habt Ihr genannt?“ „Pater Bnonaventura,“ ſagte Alan,—„ein fa⸗ tholiſcher Prieſter, wie ich bofüͤrchte, den ich bei den Miß Arthurets zu Fairladies ſah.“ „Miß Arthurets!— Fairlabies!— ein katholi⸗ ſcher Prieſter?— Pater Buonaventura,“ ſagte Red⸗ 74 gauntlet, indem er die Worte Alans mit Erſtaunen wiederholte.„Iſt es moͤglich, daß menſchliche Unbe⸗ ſonnenheit einen ſolchen Grad von Thorheit erreichen kann?— Sagt mir die Wahrheit, ich beſchwoͤre Euch, Sir!— Ich habe das groͤßte Intereſſe davon, zu wiſ⸗ ſen, ob dieß mehr iſt, als ein leeres Geſchwätz, blos vom Hoͤrenſagen in der Gegend umher zuſammenge⸗ ſtoppelt. Ihr ſeyd ein Rechtsgelehrter, und kennt die Gefahr, die ein katholiſcher Prieſter lauft, den ſeine Pflicht an dieſe blutigen ufer fuͤhrt.“ „Ja wohl bin ich ein Rechtsgelehrter,“ ſagte Fair⸗ ford,„aber eben dieſe achtungswerthe Beſchaͤftigung buͤrgt dafuͤr, daß ich weder ein Auſpaſſer, noch ein Spion bin. Hier iſt ein hinreichender Beweis, daß ich den Pater Buonsventurg geſehen habe.“ Er ubergab Redgauntlet Buonaventuras Brief, und beobachtete ihn wahrend des Leſens genau.„Tolle Bethoͤrung!“ murmelte er für ſich mit Blicken in de⸗ nen ſich Kummer, Aengſtlichkeit und Mißfallen aus⸗ druͤckten.„Vewahre mich der Himmel vor der Unbe⸗ ſonnenheit meiner Freunde,“ ſagte der Spanier,„ge⸗ gen meine Feinde kann ich mich ſelbſt ſchuͤtzen.“ Er las ſodann den Brief aufmerkſam, und blieb zwei oder drei Minuten lang in Gedanken verloren, indeß irgend ein wichtiger Plan aufzudammern und auf ſeinem Geſichte ſich zu lagern ſchien. Er hob den Finger gegen ſeinen Trabanten, Chriſtal Riron, der ſein Signal durch einen rgſchen Wink erwiederte, und ſich dann mit einigen gus dem Gefolge Fairford ſo ſehr näherte, daß dieſer fürchtete, ſie wuͤrden Hand an ihn legen. In dieſem Augenblick hoͤrte man einen Larm aus dem Innern des Hauſes, und ploͤtzlich ſtürzte Peter Peebles heraus, verfolgt von Nanty Ewart mit gezo⸗ genem Hirſchfänger, und dem wurdigen Quäker, der mit eigener Gefahr fremdes Unheil zu verhüten ſuchte. Eine ſonderbarere und zugleich komiſchere Geſtalt kann man ſſch nicht denken, als die des Peter Peebles, der ſo ſchnell, als ſeine ungeheuern Stiefel es zulieſ⸗ ſen, daherſtylperte, und vollig einer wandeluden Vo⸗ gelſcheuche glich, während die dänne abgemagerte Figur Nanty Ewarts, mit der Todtenbaͤße auf ſeinen Wan⸗ gen, und dem Feuer der Rache in ſeinen Angen ei⸗ nen ſchauderhaften Contraſt mit dem lächerlichen Ge⸗ genſtand ſeiner Verfolgung bildete. Redgauntlet warf ſich zwiſchen ſie.„Was iſt denn das für eine Tollheit?“ ſagte er.„Steckt Euern Hirſch⸗ fanger ein, Capitain! Iſt ietzt die Zeit, ſich zu be⸗ trinken, und Haͤndel anzufangen, oder iſt ſo ein er⸗ bärmlicher Kerl ein paſſender Gegner fuͤr einen Mann von Muth?“ „ch bitte um Verzeihung,“ ſagte der Capitain, ſeine Waffe einſteckend;—„ich bin wohl ein wenig zu weit gegangen,— aber um die Veranlaſſung zu ver⸗ ſtehen, muͤßte man in meinem Herzen ieſen koͤnnen, und dieß wage ich kaum ſelbſt zu thun? Aber der Elende iſt ſicher vor mir, der Himmel hat ſich an uns beiden geraͤcht.“— Wahrend er ſo ſprach, begann Peter Peebles, der aus Furcht anfangs hinter Redgauntlet gekrochen war, ſeine Geiſter wieder zu ſammeln. Er zupfte ſeinen Beſchutzer am Aermel.„Mr. Herries, Mr. Herries,“ fluͤſterte er haſtig,„Ihr habt mir einen Lroßen Dienſt geleiſtet, und wenn Ihr mir in meiner Bedraͤngniß noch einen andern leiſten wollt, ſo will ich das Faͤß⸗ chen Branntewein pergeſſen, das Ihr und Capitain Sir Henry Redgauntlet damals ausgetrunken habt. Ihr ſollt eine Quittung dafür und noch eine große Be⸗ ün haben, und wenn ich Euch auch auf dem Kreuzplatz in Edinburgh herumgehen, oder vor dem hohen Gerichtshof ſtehen ſahe, ſo ſollten nicht einmal die Daumſchrauben mir ins Gedechtiß zuruckbringen, daß ich Euch an lenem Tage die Waffen tragen fah.“ Er begleitete dieß Verſprechen mit einem ſo ſtarken 76 ſeen an Redgauntlets Rock, daß dieſer ſich endlich um⸗ rehte;„Dummkopf, ſag auf einmal, was Du willſt.“ „Gut, gut! auf einmal denn,“ ſagte Peter Peeb⸗ les;„ich habe einen Verhaftsbefehl gegen dieſen Mann hier, Alan Fairford mit Namen und ſeines Gewerbs ein Advokat; ich kaufte ihn von Mr. Nikolas Faggot, dem Schreiber des Herrn Friedensrichter Forley, um die Guinee, die Ihr mir gegeben habt.“ „Ha!“ ſagte Redgauntlet,„haſt Du wirklich einen ſolchen Verhaftsbefehl? laß mich ihn ſehen.— Sieh genau nach, daß niemand entkommt, Chriſtal Niron.“ Peter brachte eine große, ſchmierige, lederne Brief⸗ taſche hervor, zu ſchmutzig, um die ur prungliche Farbe noch zu entdecken, und angefuͤllt mit allerley Bemerkun⸗ gen, Erinnerungsblaͤttern und der Himmel weiß, was ſonſt noch. Aus dieſer koſtbaren Maße brachte er ein Papier heraus, übergab es Redgauntlet oder Herries, wie er ihn fortwaͤhrend nannte, und ſagte dabei;„es iſt ein foͤrmlicher und guͤltiger Verhaftsbefehl, ausgeſtellt auf meine eidliche Verſicherung, daß de⸗ genannte Alan Fairford in meinem Dienſte geſetzlich beſchäftigt war, aber davon gegangen, und über die Graͤnze geſtohen iſt, und nun da und dort herumſchweift, um ſeiner gegen mich uͤbernommenen ſfict zu entgehen; daher wird den Konſtabeln und andern aufgetragen, nachzuſuchen, und ihn zu ergreifen, damit er vor den ehrenwerthen Friedensrichter Forley zur unterſuchung, und, wenn es noͤthig iſt, zur Verhaftung gebracht werde. Ob nun gleich dieß alles ganz ordentl hier niederge chrieben iſt, wie ich Euch ſage, ſo weß ich doch nicht, wo ich einen Beamten finden ſoll, um dieſen Verhaftsbefehl auszu⸗ führen in einem Lande, wie dieß, wo Degen und Piſtv⸗ len veim erſten Wort in Bewegung kommen, und das Volk ſich um den Frieden König Georgs ſo wenig kum⸗ mert, als um den des alten Konigs Eoul? Da iſt der betruntene Scemann und er naße Quäfer, die haben mich dieſen Morgen in das Gaſthaus gelockt, und da ich 77 Ihnen nicht ſo viel Branntwein geben wollte, bis ſie voͤllig betrunken worden wären, fielen ſie uͤber mich her, und waren daran, mich ſehr übel zu behandeln.“ Während Peter ſo fort ſchwatzte, uͤberlas Redgaunt⸗ let den Verhaftsbefehl, und ſah ſogleich, daß dieß nichts, als ein Streich von Nikolas Faggot ſey, um dem armen tollen Burſchen ſeine einzige Guinee aus der Taſche zu ſpielen. Aber der Friedensrichter hatte in der That unterſchrieben, wie er alles unterſchrieb, was ihm ſein Schreiber vorlegte, und Redgauntler entſchloß ſich, zu ſeinem eigenen Zwecke davon Gebrauch zu machen. Er gieng daher, ohne dem Peter Peebles eine be⸗ ſtimmte Antwort zu geben, feierlich auf Fairford zu, der ruhig das Ende einer Sceue erwartete, in welcher zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen ſein Elient, Mr. Peebles, eine thaͤtige Rolle geſpielt hatte. „Mr. Fairford,“ ſagte Redgauntiet;„es ſind viele Gruͤnde vorhanden, die mich bewegen konnten, dem Ver⸗ langen oder vielmehr dem Befehle des trefflichen Pater Buonaventura Genüge zu leiſten, daß ich mit Euch mich uͤber die jetzige Lage meines Muͤndels, den Ihr unter dem Namen Barſie Latimer kennt, beſprechen folle; aber niemand weiß beſſer, als Ihr, daß man den Geſetzen ge⸗ horchen muß, auch wenn ſich unſere Gefühle dagegen rzuben; dieſer arme Mann nun hat einen Verhaftsbe⸗ ehl erhalten, um Euch vor einen Friedensrichter zu ſtel⸗ len, und ich fuͤrchte, Ihr mußt der Nothwendigkeit nachgeben, wenn auch zum Nachtheil des Geſchaͤfts, das Ihr mit mir haben nogt.“ „„Ein Verhaftsbefehl gegen mich!“ ſagte Alan un⸗ willig;—„und auf Veranlaſſung dieſes elenden Men⸗ ſchen hier? dieß iſt ein bloßer Kniff, ein purer, hand⸗ greiſlicher Kniff.“ „Das kann ſeyn,“ erwiederte Redgauntlet mit großem Gleichmuth;„zweifelsohne wißt Ihr das am beſten. Aber der Befehl ſcheint regelmäßig ausgeſtellt, und bei der Achtuns gegen die Geſetze, weiche ein herr⸗ 35 78 ſchender Qug in meinem Leben geweſen iſt, kann ich nicht umhin, meine geringe Hulfe zur Vollziehung ei⸗ nes geſetzlichen Verhaftsbeſehls zu leihen. Seht ſelbſt hin, und uberzeugt Euch, daß es kein Kniff von mir iſt.“ Fairford uberlief ſchnell die eidliche Ausſage und den Verhaftsbeſehl, und rief noch einmal aus, das ſey ein Unverſchämter Betrug, und er wolle gegen die, wel⸗ che auf einen ſolchen Verhaftsbefehl hin handelten, auf hochſten Schadenserſatz klagen.„Ich errathe Eure Be⸗ weggrunde, Mr. Redgauntlet,“ ſagte er,„weßhalb Ihr ein ſo jächerliches Verfahren billigt. Aber ſeyd ver⸗ ſichert, daß in dieſem Lande eine Handlung ungeſeßli⸗ cher Gewalt durch eine zweite nicht entſchuldigt oder gut gemacht wird. Als ein Mann von Verſtand und Ehre konnt Ihr unmoͤglich behaupten, daß dirß ein geſetzli⸗ cher Verhaftsbefehl ſey.“ ſ „Ich bin kein Rechtsgelehrter, Sir,“ ſagte Red⸗ gauntlet,„und maaße mir nicht an zu wiſſen, was Geſetz iſt, und was nicht,— dieſer Befehl iſt nach der Form richtig, und das iſt genug fuͤr mich.“ „Hat jemals irgend ein Menſch gehort,“ ſagte Fairford,„daß ein Advokat zu ſeinen Geſchaͤften zuruck⸗ zufehren gezwungen wurde, wie ein Arbeiter in Kohlen⸗ oder Salzwerken, der feinem Meiſter entlaufen iſt?“ „Ich ſehe keinen Grund, warun nicht,“ ſagte Red⸗ gauntlet trocken; es muͤßte denn ſeyn, daß die Dienſte der Advokaten weit koſtbarer, und doch nicht ſo nutz⸗ lich ſind, als jene.“ W „Das koͤnnt Ihr nicht im Ernſte meynen,“ ſagte Fairford,„Ihr könnt nicht die Abſicht haben, eine ſo armſelige Erfindung zu benützen, um das von Euerm Freunde und Euerm geiſtlichen Vater verpſfaͤndete Wort zu umgehen. Ich mag ein Thor geweſen ſeyn, ſo leicht⸗ ſinnig zu trauen, aber bedenkt, was müßt Ihr ſehn⸗ wenn Ihr mein Zutrauen auf ſolche Art mißbrauchen konntet. Ich bitte Euch, zu bemerken, daß ich mich dann zller Verſprechungen entledigt glaube, dasjenige 79 geheim zu halten, was ich nur fur ſehr gefährliche Umtriebe erklären kann, und daß———“ „Hoͤrt, Mr. Fairford,“ ſagte Redgauntlet;„ich muß Euch hier um Eurer ſelbſt willen unterbrechen. Ein Wort des Verraths von dem, was Ihr geſehen oder ver⸗ muthet haben möcht, und Eure Gefangenſchaft hat ent⸗ weder ein ſehr fernes oder ein ſehr nahes Ende, in bei⸗ den Fällen aber ein ſehr unerwün chtes. Jetzt ſeyd Ihr ſicher, in wenig Tagen frei zu werden, vielleicht noch viel fruͤher.“ 3 „Und mein Freund,“ ſagte Alan Fairford,„um deſſentwillen ich mich in dieſe Gefahr begab, was iſt aus ihm geworden? Finſterer, gefaͤhrlicher Mann,“ riefer aus, und erhob feine Stimme,„ich laſſe mich nicht wieder durch trugeriſche Verſprechungen kirren,———“ „Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Euer Freund be⸗ findet ſich wohl,“ unterbrach ihn Redgauntiet,„viel⸗ leicht erlaube ich Euch, ihn zu ſehen, wenn Ihr Euch nur ruhig einem Schickſal unterwerfen wollt, welches unvermeidlich iſt.“ Aber Alan Fairford, welcher bedachte, daß ſein Vertrauen zuerſt von Mr. Marwell, dann von dem Prie⸗ ſter getäuſcht worden ſey, erhob ſeine Stimme und rief alle Unterthanen des Koͤnigs, die ihn hoͤren könnten, an, ihn gegen angedrohte Gewalt zu ſchuzen. Augenblicklich würde er von Niron und zwei Nebenſtehenden ergriffen, die ihn bei den Armen hielten, und ſich bemuͤhten, ihm den Mund zuzuhalten, und eiligſt hinweg zu fuhren. Der ehrliche Quaͤker, der bisher Redgauntlet nicht zu Geſicht gekommen war, trat nun kuhn vor, und ſag⸗ te:„Freund, Du thuſt mehr, als Du verantworten kannſt; Du kennſt mich wohl, und weißt, daß Du in mir einen Nachbar tief beleidigt haſt, der in Ehrhar⸗ keit und Einfalt des Herzens in Deiner Nähe wohnte.“ „Schweig, Jonathan,“ ſagte Redgauntlet,„und rede nicht zu mir, denn weder de Liſt eines jungen Ad⸗ 80 vokaten, noch die Einfalt eines alten Heuchlers wer⸗ den mich von meinem PVorſatz abbringen.“ „Meiner Treu,“ ſagte der Capitain, der nun ſei⸗ nerſeits vorwaͤrts kam;„das iſt nicht loͤblich, General, und ich zweifle, ob es der Wille meiner Schiffsherrn iſt, an einem ſolchen Verfahren Theil zu nehmen.— Nun, ſpielt nicht ſo mit Eurem Schwertgriff, ſondern heraus damit, wie ein Mann, wenn Ihr einen Gang machen wollt.“ Er zog den Hirſchfaͤnger, und fuhr fort:„ich will weder meinen Kameraden Fairford, noch den alten Quaker beleidigt ſehen: Zum Teufel mit allen Verhafts⸗ befehlen, falſch oder wahr, zum Henker mit den Frie⸗ densrichtern, und nieder mit allen Konſtabeln! hier ſtehr der kleine Nanty Ewart, um zu vertreten, was er geſagt hat, trotz allen Adlichen und Buͤrgerlichen, und trotz allen Hufeiſen in der Welt.“ Der Ruf„zum Teufel mit allen Verhaftsbefehlen“! war bei der Wirthshaus⸗Militz ſehr beliebt, und Nan⸗ ty Ewart nicht weniger. Fiſcher, Hausknechte, See⸗ leute, Schmuggler, alles begann ſich iieeiei Krakenthorp bemuͤhte ſich vergebens, den Mittler zu machen. Die Begleiter Redgauntlets begannen ihre Gewehre zu ſpannen, ihr Herr aber winkte ſie zur Ruhe, zog raſch, wie der Blitz, ſein Schwert, ſturzte auf Ewart mitten in ſeiner Rede ein, und ſchlug ihm den Hirſch⸗ fänger mit ſolcher Gewalt aus der Hand, daß er drei Schritte weit wegflog. In demſelben Augenblick ſties er ihn mit Heftigkeit zu Boden, ſchwang das Schwert uͤber ſeinem Haupte, zum Zeichen, daß er gänzlich in ſeiner Hand ſey. „Nun, Ihr Trunkenbold, Ihr Vagabunde,“ ſag⸗ teer;„ich ſchenke Euch das Leben,— Iyr ſeyd kein ſchlechter Kerl, wenn Ihr es nur laſſen könntet, unter Euern Freunden Haͤndel anzufangen.— Aber wir ken⸗ nen alle Nanty Ewart,“ ſagte er zu der umherſtehen⸗ den Menge mit einem ver zeihenden Laͤcheln, welches iü 84 eint mit dem Schrecken uber ſeine Kuͤhnheit die wan⸗ kende Unterwuͤrfigkeit ſchnell wieder befeſtigte. Sie riefen laut;„es lebe der Laird!“ während der arme Nanty ſich von der Erde erhob, wohin er ſo unſanft geſtoßen worden war, ſeinen Hirſchfanger fuchte, ihn aufhob, abwiſchte; und während er ihn in die Scheide ſteckte, zwiſchen den Zaͤhnen murmelte:„es iſt wahr, was ſie von ihm ſagen, und der Tenfel laͤßt ſeinen Freund nicht, bis ſeine Stunde kommt; ich trete ihm nie wieder in den Weg.“ Mit dieſen Worten draͤngte er ſich durch den Hau⸗ fen, entmuthigt und gebengt durch ſeine Niederlage. „Was Euch betrifft, Joſua Geddes,“ ſagte Red⸗ gauntlet, indem er ſich dem Quaker näherte, der mit aufgehobenen Haͤnden und Augen die Scene der Gewalt mit angeſehen hatte;„ich nehme mir die Freiheit, Dich in Verhaft zu nehmen wegen Friedensbruch, der mit Deinen angeblichen Grundſatzen gar nicht uͤbereinſtimmt, und ich glaube, es wird Dir vor dem Gerichtshof und vor der Geſellſchaft der Freunde, wie ſie ſich nennen, ſchlecht gehen, denn ſie werden es nicht gut aufnehmen, den ruhigen Ton ihres heuchleriſchen Weſens durch ein ſo gewaltthaͤtiges Verfahren gekränkt zu ſehen.“ „Ich gewaltthätig!“ ſagte Joſua;„ich etwas thun, das mit den Grundſutzen der Freunde nicht überein⸗ ſtimmt.! Ich beſchwore Dich, und fordere Dich auf, als einen Chriſten, nicht meine Seele mit ſolchen Beſchul⸗ digungen zu belaͤſtigen; es iſt ſchon traurig genug für mich, ſolche Gewaltthätigkeiten geſehen zu haben, die ich nicht hindern konnte.“ „D Joſug, Joſua!“ ſagte Redgauntlet mit einem ſardoniſchen Laͤcheln;„Du Licht der Glaubigen in der Stadt Dumfries und der Gegend umher, willſt Du ſo von der Wahrheit abfallen.— Haſt Du nicht vor uns al⸗ len verſucht, einen Menſchen den Wirkungen eines ge⸗ ſetzlichen Verhaftbefehls zu entziehen? Haſt Du nicht W. Scott's Werke. MM. 6 32 dieſen trunkenen Vurſchen ermuthigt, ſein Gewehr zu ziehen, und haſt Du nicht ſelbſt Deinen Stock geſchwun⸗ gen in der Sache? Denkſt Du, daß die Eide des beleidig⸗ ten Peter Peebles und des gewiſſenhaften Chriſtal Niron neben denen der Herren da, die dieſe ſonderbare Scene mit anſghen, die nicht nur einen Eid ſchworen, wie ſie ein Kleid anziehen, ſondern denen Eide in Zollangele⸗ genheiten das rechte Eſſen und Trinken find,— glaubſt Du nicht, daß die Eide dieſer Leute hier mehr in der Sache thun werden, als Dein Ja und Nein?“ „Ich ſchwoͤre auf alles,“ ſagte Peter;„alles iſt recht, wenn es zu einem Eid ad litem kommt.“ „Ihr thut mir ſehr Unrecht,“ ſagte der Quäker, unerſchuͤttert von dem allgemeinen Geläͤchter;„ich habe nicht aufgemuntert, die Waffen zu ergreifen, ob ich Zleich einen ungerechten Mann durch Gruͤnde zu bewe⸗ gen fuchte; ich habe keinen Stock geſchwungen, obgleich es ſeyn kann, daß der alte Adam in mir kaͤmpfte, und bewirkte, deß meine Hand meinen eichenen Stab feſter, als gewoͤhnlich ergriff, als ich die Unſchuld von der Ge⸗ walt zu Boden geworfen ſah.— Doch, was ſpreche ich von Wahrheit und Recht zu Dir, der Du von Jugend auf ein Mann der Gewalt warſt? Laß mich lieber zu Dir die Sprache ſprechen, die Du begreifen kannſt. Ueber⸗ gieb bieſen jungen Mann mir,“ ſagte er, als er Red⸗ gauntlet ein wenig aus der Menge hinwesgefuͤhrt hatte, „und ich will Dich nicht nur befreien von der ſchweren Verbindlichkeit zum Schadenerſatz, die Du durch Dei⸗ nen Angriff auf mein Eigenthum auf Dich geladen haſt, ſondern ich will Dir auch noch einiges Löſegeld für ihn und mich ſelbſt geben. Was koͤnnte es Dir nützen, dem Jungling noch durch laͤngere Gefangenſchaft Uebels uthun“ 2 „Mr. Geddes,“ ſagte Redganntlet in einem weit achtungsvolleren Tone, als er bis jeßzt gegen den Qui⸗ ter angenommen hatte;„Eure Sprache iſt meigennützig⸗ und ich achte die Treue Euerer Freundſchaft. Vielleicht 33 haben wir beide uns mißverſtanden uͤber unſere Grund⸗ ſatze und Vewergruͤnde; wenn aber auch, ſo haben wir jetzt nicht Zeit zur Erkaͤrung. Seyd nur ruhig, ich hoffe Euern Freund Darſie Lakimer zu einer Ehrenſtufe emporzuheben, worauf Ihr ihn mit Vergnuͤgen ſehen ſollt,— nein, verſucht es nicht mir zu antworten. Der andere junge Mann wird nur auf wenige Tage Zwang leiden, vermuthlich nur wenige Stunden,— es iſt nicht mehr, als billig, denn warum hat er ſich in Sachen ge⸗ miſcht, die ihn nicht angiengen. Mr. Geddes, ſeyd ſo klug, ſezt Euch zu Pſerde, und verlaßt einen Ort, der je laͤnger, je weniger zum Aufenthaltsorte fuͤr einen Mann des Friedens paßt. Ihr koͤnnt den Ausgang ruhig zu Mount Sharon abwarten.“ „Freund,“ erwiederte Joſua,„ich kann mir Dei⸗ nen Nath nicht gefallen laſſen; ich will hier bleiben, auch als Dein Gefangener, wie Du eben gedroht haſt, ehe ich den Jungling, der durch mich und meine Unfalle ſo viel gelitten hat, in einer noch zweifelhaften Lage verlaſſe, darum will ich mein Pferd Salvmon nicht beſteigen, noch will ich mein Haupt wenden nach Mount Sha⸗ ron, bis ich das Ende dieſer Sache erblicke.“ „Ein Gefangener muͤßt Ihr dann ſeyn,“ ſagte Red⸗ gauntlet.„Ich habe keine Seit, die Sache weiter mit Euchzu beſprechen; aber ſagt mir, warum heftet Ihr Eu⸗ re Augen ſo aufmerkſam auf meine Leute dort druben?“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ antwortete der Quaker, „ich wundere mich, unter ihnen einen kleinen Tauge⸗ nichts, Namens Benjie, zu entdecken, dem, glaube ich, der Satan die Gewalt gegeben hat, ſich uberall hin zu ver⸗ fugen, wo es ein Unheil geben ſoll, ſo daß man in Wahr⸗ heit von ihm ſagen kann: es geſchieht nichts Schlim⸗ mes im Lande, wo er nicht den Finger, wenn nicht die ganze Hand darin hat.“ Der Bube, welcher ſah, daß ihre Augen beim Ge⸗ ſpraͤche auf ihn gerichtet waren, ſchien in Verlegenheit 34 und beinahe begierig, ſich davon zu machen, aber auf ein Zeichen von Redgauntlet näherte er ſich, indem er den ſchaafsmäßigen Blick und die baͤuriſchen Sitten an⸗ nahm, worunter der kleine Schurke ſeine Pfiffigkeit und Sputzbuberei verbarg. „Wie lange biſt Du denn bei den Leuten hier, Burſche?“ fragte Redgauntlet. „Seit der Geſchichte mit den Stecknezen!“ ſagte Benjie, den Finger im Munde haltend. „ünd warum biſt Du uns gefolgt?“ „Ich wagte nicht, daheim ju bleiben wegen der Konſtabeln,“ erwiederte der Bube. „Und was haſt Du denn wahrend der Zeit gethan?“ „Gethan, Sir?— ich weiß nicht, was Ihr unter „Thun“ verſteht; ich habe nichts gethan,“ ſagte Benjie; da er aber in Nedgauntlets Augen etwas ſah, womit ſich nicht ſpaßen ließ, ſo ſetzte er hinzu:„nichts, als daß ich dem Mr. Chriſtal Niron aufwartete.“ „Hum! wirklich?“ murmelte Redgauntlet.— „Muß Mr. Niron ſein eigenes Gefolge ins Feld fuͤh⸗ ren?— das muß ich doch ſehen.“ Er war eben im Begriff, ſeine Unterſuchung fortzu⸗ ſetzen, als Niron ſelbſt mit dem Ausdruck ängſtlicher Eile kam—„der Pater iſt gekommen,“ ſagte er leiſe, und die Herren ſind beiſammen in dem groͤßten Zimmer des Hanſes, und wuͤnſchen, Euch zu ſehen. Druͤben iſt auch Euer Neſfe, und macht einen Laͤrm, wie ein Menſch im Tollhauſe.“ „Ich will gleich nach allem ſehen,“ ſagte Redgaunt⸗ let;„at der Pater die Wohnung erhalten, wie ich befahl?“ Chriſtal nickte bejahend. „Nun dann, zum enblichen Verſuche,“ ſagte Red⸗ gauntlet; er jaltete ſeine Haͤnde, blickte aufwärts, kreu⸗ zigte ſich, und nach dieſer frommen Handlung(beinahe die erſte, die irgend jemand bei ihm bemerkt hatte) be⸗ fahl er Niron, gute Wache zu halten,—„Pferde und 35 Leute auf jeden Fall in Bereitſchaft zu haben, nach ge⸗ nauer Verwahrung der Gefangenen zu ſehen, ſie aber zu gleicher Zeit gut und hoflich zu behandeln.“ Nach Er⸗ theilung dieſer Befehle gieng er eilig in das Haus. Füͤnftes Kapitel. Fortſetzung. Redgauntlets erſter Gang war nach dem Zimmer ſei⸗ nes Neffen. Er entriegelte die Thuͤre, trat ins Zim⸗ mer, und fragte, was er wolle, daß er einen ſo ent⸗ ſetzlichen Laͤrmen mache. „„Ich will meine Freiheit,“ ſagte Darſie, der ſich zu einer Leidenſchaftlichkeit hinaufgeſchraubt hatte, in wel⸗ cher ſeines Oheims Zorn gllen Schrecken für ihn verlor; „Ich will meine Freiheit haben, und der Sicherheit mei⸗ nes geliebten Freundes, Alan Fairford, gewiß ſeyn, deſſen Stimme ich ſo eben gehoͤrt habe.“ „Eure Freiheit ſollt Ihr binnen einer halben Stun⸗ de erhalten,— Euer Freund ſoll gleichfalls zu gehoriger Zeit in Freiheit geſetzt werden, und Ihr ſelbſt ſolt Erlaub⸗ niß haben, den Ort ſeines Gewahrfams zu betreten.“ „Das genuͤgt mir nicht,“ ſagte Darſie;„ich muß meinen Freund augenblicklich ſehen; er iſt hier, und um. meinetwillen allein in Gefahr; ich habe heftige Aus⸗ rufungen und Schwertergetlirr gehoͤrt. Ihr werdet nichts uͤber mich gewinnen, wenn ich mich nicht mit eigenen Augen von ſeiner Sicherheit uͤberzeuge.“ „Arthur, theuerſter Neffe, antwortete Redgauntlet; „mach mich nicht raſend! Dein eigenes Schickſal, das Deines Hauſes, das von Tauſenden, das von Britan⸗ nien ſelbſt, ſtehen in dieſem Augenblick auf der Spitze, und Du biſt bloß um die Sicherheit eines gemen, unbedentenden Zungendreſchers beſorgt!“ um Euch iſt. Ich bin von ihm beanftragt, Euch zu ſagen⸗ 3⁵ „Er hat alſo Unrecht erlitten von Euern Händen?“ fragte Darſie ſtolz.„Ja, ich weiß es; aber iſt dem ſo, ſo ſoll ſelbſt unſere Verwandtſchaft Euch nicht ſchutzen.“ „Still, Du undankbarer, hartnaͤckiger Thor,“ erwie⸗ derte Redgauntlet;„doch halt— wirſt Du zufrieden ſeyn, wenn Du dieſen Alan Fairford, Deinen werthge⸗ ſchaͤtzten Freund, geſund und wohl ſiehſt?— wirſt Du zufrieden ſeyn, ſage ich, ihn vollkommen wohl zu ſehen, ohne es zu verſuchen, ein Wort mit ihm zu ſprechen? — Nehmt meinen Arm denn,“ ſagte Redgauntlet,„und Ihr, Nichte Lilias, nehmt den andern; Sir Arthur, ſeyd auf Enrer Huth, Euch ordentlich zu betragen!“ Darſie mußte nachgeben, vollkommen uͤberzeugt, daß ſein Oheim ihm keine Unterredung mit einem Freunde ge⸗ ſtatten wurde, deſſen Einfluß gewiß gegen ſeine ernſtlich⸗ ſten Wunſche benutzt werden wuͤrde; einigermaßen war er durch die Verſicherung von Fairfords perſoͤnlicher Sicherheit zufrieden geſtellt. Redgauntiet fuͤhrte ſie durch einige Gaͤnge,(denn das Haus war, wie oben bemerkt wurde ſehr unregelmaßis und zu verſchiedenen Zeiten gebaut) bis ſie an ein Zim⸗ mer kamen, wo ein Mann mit geſchultertem Karabiner Wache hielt, aber ſogleich den Schluſſel drehte zu ihrem Empfang. In dieſem Zimmer fanden ſie Alan Fairford und den Quaker, augenſcheinlich in tiefem Geſpräͤche mit einander. Sie blickten auf, als Redgauntlet und ſeine Begleiter eintraten. Alan nahm ſeinen Hut ab, und machte eine tiefe Verbeugung, welche die junge Dame, die ihn erkannte, obgleich er ſie wegen ihrer Maske nicht erkennen konnte, mit einiger Verwirrung erwiederte, welche wahrſcheinlich aus der Erinnerung an den kuͤhnen Schritt, den ſie mit ihrem Beſuche bei ihm gethan hatte, entſtand. Darſie wuͤnſchte zu ſprechen, aber wagte es nicht. Sein Dheim gllein ſagte:„meine Herrn, ich weiß, Ihr ſerd eben ſo bekuͤmmert um Darſie Latimer, als er es 87 daß er ſich ſo wohl befindet, als Ihr. Ich hoffe, Ihr werdet Euchalle bald treffen. Indeſſen ſollt Ihr, obgleich ich Euch nicht die Freiheit geben kann, in Eurer einſtweili⸗ gen Gefangenſchaft ſo gut behandelt werden als moͤglich.“ Ohne die Antworken anzuhoͤren, welche der Rechts⸗ gelehrte und der Quäker zu geben ſich beeilten, gieng er weiter, winkte nur zum Abſchied mit der Hand, und ent⸗ fernte ſich mit der wirklichen und mit der ſcheinbaren Dame, die er am Arme fuͤhrte, durch eine Thuͤre am. obern Ende des Zimmers, welche eben ſo verſchloſſen und bewacht war, wie die, durch welche ſie eingetreten waren. Redgauttlet fuͤhrte ſie nun zunächſt in ein ſehr klei⸗ ues Zimmer, woran, durch eine Wand geſchieden, ein größeres graͤnzte; denn ſie hoͤrten das Getrappe der ſchweren Stieſeln, wie man ſie damals trug, als ob mehrere Perſonen auf und ab giengen, und leiſe und aͤngſtlich einander zufluſterten. 5„ „Hier,“ ſagte Redgauntlet zu ſeinem Neffen, indem er ihn von Reitrock und Maske befreite,„hier gebe ich Euch Euch ſelbſt zuruͤck, und hoffe, daß Ihr alle weibiſche Gedanken mit dieſer weiblichen Kleidung ablegt. Errö⸗ thet nicht, eine Verkleidung getragen zu haben, zu der ſchon Koͤnige und Helden ihre Zuflucht nehmen mußten. Nun wenn weibliche Liſt und weibliche Feigheit ihren Weg finden in einem maͤnnlichen Buſen, mag derjenige, der ſolche Geſinnungen hegt, ſich ewig ſchämen, es gethan zu haben. Folgt mir, Lilias bleibt hier; ich will Euch nun bei denen einfuͤhren, die ich als Eure Genoßen in dem ruhmvollſten Unternehmen zu ſehen hoffe, in dem dieſe Hand je ein Schwert gezogen hat.“ Darſie hielt an;„Oheim,“ ſagte er,„meine Perſon iſt in Eurer Hand; erinnert Euch aber, daß mein Wille mein bleibt. Erinnert Euch däran, was ich ſchon geſagt habe, was ich jetzt wiederhole, ich will zu keinem wichti⸗ gen Entſchluß mich fortdraͤngen laſſen; nur nach voll⸗ kommener Ueberzeugung werde ich einen wichtigen Schritt thun.“ 88 „Du thörichter Knabe, kannſt Du denn Dich uͤber⸗ zengen, ohne die Gruͤnde anzuhoͤren und zu verſtehen, nach denen wir handeln?“. Mit dieſen Worten faßte er Darſie am Arme, und fuͤhrte ihn in das anſtoßende Gemach, ein großes Zim⸗ mer, welches zum Theil mit verſchiedenen Handelswaa⸗ ren, beſonders mit Contreband gefullt war; unter Ballen und Faͤßer giengen verſchiedene Herren auf und ab, de⸗ ren Benehmen und Ausſehen weit uber der einfachen Reitkleidung ſchienen, die ſie trugen. Eine ernſte und fin⸗ ſtere Beſorglichkeit lag auf den Geſichtern, als ſie ſich bei Redgauntlets Eintritt aus ihren beſonderen Gruppen um ihn her draͤngten, und ihn mit einer Formalität gruͤß⸗ ten, welche etwas von einer bedeutungsvollen Melan⸗ cholie an ſich trug. Als Darſie im Kreiſe herumſah, glaub⸗ te er nur wenig Zůge jener kühnen Hoffnung zu entdecken, welche Maͤnner bei verzweifelten Unternehmungen zu er⸗ fuͤllen pflegt, und begann zu glauben, die Verſchworung wuͤrde ſich in ſich ſelbſt aufloͤſen, ohne daß er genothigt ſeyn wuͤrde, einem ſo heftigen Charakter, wie der ſei⸗ nes Oheims war, ſich gerade entgegenſetzen, und ei⸗ ner Gefahr Preis geben zu muſſen, womit eine ſolche Widerſetzung verbunden ſeyn muͤßte. M. Rebgauntlet indeß ſah oder wollte nichts von ſol⸗ chen Zeichen der Niedergeſchlagenheit unter ſeinen Ge⸗ noßen ſehen, ſondern trat ihnen mit froͤhlichem Geſichte ünd einem wurmen Willkommen entgegen; michfreut; Euch hier zu finden, Mylord,“ ſagte er, ſich gegen einen ſchlanken jungen Mann tief verbeugend.„Ich hoffe, Ihr kommt mit den Unterpfaͤndern Eures edlen Vaters von B..„und ſeinem ganzen loyalen Hänſe.— Sir Richard, was gibt es Neues im Weſten? Man hat mir geſagt, Ihr hottet 200 Mani auf den Beinen gehabt, als der unglückliche Ruckzug von Derby begann. Wenn die weiße Fahne wiederum entfaltet wird, ſo ſoll ſe nicht ſo leicht ſch ruͤckwaͤrts wenden, weder durch die Gewalt ih⸗ rer Feinde, noch die Falſchheit ihrer Freunde.— Dr. 89 Grumball, ich beuge mich vor dem Repraͤſentanten von Orford, der Mutter der Gelehrſamkeit und Loyalität. — Penzwinion, Ihr Alprabe, hat dieſer gute Wind Euch nach Norden geblaſen?— Ach! meine tapfern Cambrobritten, wann iſt Wallis das letzte geweſen auf dem Pfade der Ehre% Dieſe S ähnliche Complimente theilte er rings um⸗ her aus, die meiſt nur mit ſtillen Velbe ugungen aufge⸗ nommen wurden, als er aber einen ſeiner Landsleute, mit dem Namen Mac? Kellar, und Marwell von Sum⸗ mertrees mit dem Namen Pate— in— Peril begrußte, erwiederte der Letztere;„wenn Pate nicht ein Narr wa⸗ re, wuͤrde er Pate— in— Safety(in Sicherheit) ſeyn;“ und der Erſtere, ein magerer alter Edelmann, in einen Rock mit verblichener Stickerei gekleidet, ſagte gerade heraus;„Wahrh haftig, Redgauntlet, ich bi nhier, gera⸗ de wie Ihr felbſt; ich habe wenig zu verlieren,— die, welche mir in der letzten Zeit meine Güt nahmen, moͤgen mir auch das Leben nel hmen denn das iſt al⸗ les, wofür ich zu ſorgen habe.. engliſchen Edelleute, die noch im Beſitz ihrer väterlichen Guter waren, ſihen einander zweifelhaft an, und man hoͤrte ein Gefluͤſter unter ihnen von dem Fuchſe, der ſeinen Schwanz verloren habe. Redgaunttet waſidte ſich raſch an ſie, und ſir„ich glanbe, ich kzun mir dieſen Anſchein von Traurigkeit er⸗ klären, die ſich unter Maͤnnern eingeſchlichen hat, die zu einem ſo edlen Zweck verſammelt ſind. Unſ ſ Anzahl ſcheint freilich zu klein und unbedeutend, um die befeſtig⸗ te uſurpation eines halben Jahrhunderts zu erſchuͤttern. Man muß uns aber nicht nach den Koͤrpern ſchaͤtzen, ſon⸗ dern darnach, was unſere Aufforderungen unter unſern Landsleuten bewirken koͤnnen. Unter dieſer kleinen An⸗ zähl ſd Maͤnner, welche Bataillone errichten, und ſol⸗ che, die ſie bezahlen koͤnnen. Und glaubt nicht, daß un⸗ ſere e iſni Freunde kalt und gleichguͤltig gegen die Siche ſind. Laßt uns nur einmal das Feldzeichen auſ⸗ 9⁰ ſtecken, und es wird begruͤßt werden von allen, welche die Stuart lieben, und von der noch groͤßern Anzahl, welche den Churfürſten haſſen. Hier habe ich Briefe Sir Richurd Glendale unterbrach den Sprecher: „wir alle vertrauen auf Eure Tapſerkeit und Geſchick⸗ lichkeit,— wir bewundern Eure Ausdauer, und wahr⸗ ſcheinlich konnte nichts, als Eure angeſtrengten Bemu⸗ huugen und die durch Euer edles und uneigennuͤtziges Benehmen erweckte Nacheiferung ſo viele von uns, die zerſtreuten Ueberreſte einer entmuthigten Parthei, be⸗ wegen, noch einmal zu einer feierlichen Berathung hier zuſammen zu kommen; denn ich nehme an, meine Herren,“ jagte er rund um ſich blickend,„daß dieß nur eine Berathung iſt.“ „Nichts weiter“, ſagte der junge Lord. „Nichts weiter“, ſagte Dr. Grümball, ſeine große akademiſche Peruͤcke ſchuͤttelnd, Und„nur eine Berathung“ war das Echo der andern. Redgauntlet biß ſich in die Lippen.„Ich hatte ge⸗ hofft,“ ſagte er,„die Unterredungen, die ich mit den meiſten von Euch von Zeit zu Zeit hielt, ſollten etwas beſſeres zur Reife gebracht haben, gls Eure Worte an⸗ denten, und glaubte, wir koͤnuten hier eben ſowohl aus⸗ führen, als berathen; wir ſind ja vorbereitet. Ich kann mit einem Winke füͤnfhundert Mann aufſtellen.“ „Fuͤnfhundert Mann!“ ſagte einer der Szuires aus Wallis;„Gott ſteh' uns bei! was koͤnnten denn 500 Mann thun?“ „Was das Zuͤndkraut bei der Kanone thut, Mr. Meredith,“ antwortete Redgauntlet;„es ſetzt uns in den Stand Carlisle zu nehmen, und Ihr wißt, was unſere Freunde in dieſem Falle verſprochen haben.“ „Ja, aber,“ ſagte der junge Edelmann;„Ihr müßt uns nicht zu ſchnell fortreißen, Mr. Redgauntlet, wir meinens, glaube ich, alle ſo redlich und treu mit der Sa⸗ che, als Ihr, gber wir wollen uns nicht blindlings fort⸗ 94 treiben laſſen. Wir ſind uns und unfern Familien ſo⸗ wohl, als denen, die wir hier zu vertreten ermaͤchtigt ſind, Vorſicht in dieſer Sache ſchuldig.“ „Wer reißt Euch denn fort, Mylord? Wer wuͤrde dieſe Verſammlung blindlings vorwarts treiben wollen? Ich verſtehe Euer Herrlichkeit nicht,“ ſagte Redgauntlet. „Nun,“ ſagte Sir Richard Glendale,„laßt uns nur nicht den alten Vorwurf verdienen, daß wir unter uns ſelbſt nicht einig ſind. Was Mylord meint, Redgaunt⸗ let, iſt, daß wir dieſen Morgen gehoͤrt haben, es ſey ungewiß, ob Ihr die Leute aufbringen koͤnnt, worauf Ihr rechnet. Euer Landsmann, Mr. Mac Kellar ſchien gerade vor Enrem Eintritt zu zweifeln, ob ſich Eure Leute ſammeln wuͤrden, wenn Ihr nicht die Vollmacht Eures Neffen aufweiſen koͤnnt.“ „Ich moͤchte fragen,“ erwiederte Redgauntlet,“ wel⸗ ches Recht Mac⸗Kellar, oder irgend jemand hat, daran zu zweifeln, ob ich meine Verſprechungen erfüllen koͤnn⸗ te— Aber unſere Hoffnungen beſtehen in der Einig⸗ keit.— Hier iſt mein Neffe.— Meine Herrn, ich ſtelle Euch meinen Verwandten, Sir Arthur Darſie Redgauntlet von Redgauntlet, vor.“ „Meine Herrn,“ ſagte Darſie mit klopfender Bruſt, denn er fuͤhlte ſich in einer ſehr peinlichen Lage;„er⸗ laubt mir, daß ich den Ausdruck meiner Geſinnungen uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand aufſchiebe, bis ich die Meinung der Verſammlung vernommen habe.“ „Fahrt fort in Euern Berathungen, meine Herrn,“ ſagte Redgauntlet;„ich will meinem Neffen ſolche Gründe zur Beruhigung vorhalten, daß alle Bedenk⸗ lichkeiten ſchwinden, die ſeinen Geiſt noch umnebeln.“ Dr. Grumball huſtete, ſchuttelte ſeine ambroſiſchen Locken, und redete die Verſammlung an:„die Grund⸗ ſätze Sxfords ſind wohl bekannt, da ſie von Allen zuletzt ſich dem Uſurpator hingab,— da ſie durch ihr gebietendes Anſehen die gotreslaͤſterlichen, atheiſtiſchen und anarchi⸗ chen Lehrſaͤtze Lockes und anderer Verfuͤhrer des oͤffent⸗ 92 lichen Geiſtes verdammte. Orford wird Menſchen, Geld und Anſehen fuͤr die Sache des rechtmäͤßigen Monarchen inaten Aber wir ſind vft betrogen worden von frem⸗ en Mächten, die unſern Eifer benutzten, um burgerliche Uneinigkeiten zu erregen, aber nicht zum Vortheil un⸗ ſeres geſegneten, obwohl verbannten Monarchen, ſon⸗ dern um ünruhen anzuzetteln, wobei ſie gewinnen, und wir zu Grunde gehen. Orford wird ſich daher nicht er⸗ heben, wenn nicht unſer Souverain ſelbſt kommt, um unſere Treue in Anſpruch zu nehmen, in welchem Folle Gott verhuͤte, daß wir ihm unſern vollſtaͤndigſten Ge⸗ horſam verſagen ſollten.“ „Das iſt ein guter Rath,“ ſagte Mr. Meredith. „In Wahrheit,“ ſagte Sir Richard Glendale,„das iſt der wahre Schlußſtein unſeres Unternehmens, und die einzige Bedingung, unter der ich ſelbſt, und andere je daran gedacht haben, die Waffen u ergreifen. Kein Aufſtand, wenn nicht Karl Ebuard ſelbſt an der Spitze iſt, wird länger dauern, als bis eine einzige Compagnie Rothroͤcke aufmarſchiert, um ſie zu zerſtrenen.“ „Das iſt auch meine Meinung und die meiner gan⸗ zen Familie,“ ſagte der oben erwaͤhnte junge Edelmann; und ich geſtehe, daß ich etwas erſtaunt bin, zu einer ſo gefaͤhrlichen Zuſammenkunft aufgeſordert worden zu ſeyn, ehe uͤber dieſen wichtigſten Präliminarpunit ir⸗ gend etwas beſtimmt iſt.“ „Verzeiht, Mylord,“ ſagte Redgaunlet,„ich bin nicht ſo ungerecht, weder gegen mich, noch gegen meine Freunde;— ich hatte ohne die groͤßte Gefahr einer Ent⸗ deckung keine Rittel, unſern entferntern Verbuͤndeten mitzutheilen, was einigen meiner ehrenwerthen Freun⸗ de bekannt iſt. So muthig und entſchloſſen, wie vor zwanzig Jahren, wo er ſich in die Wildniſſe von Moidart warf, hat Karl Ednard ſogleich die Waͤnſche ſeiner ge⸗ treuen Unterthanen erfuͤllt. Karl Eduard iſt in dieſem Lande,— Farl Eduard iſt in dieſem Hauſe!— Karl Eduard wartet nur guf Euern jetzigen Entſchluß, um die — 93 Huldigung derjenigen zu empfangen, die ſich ſtets ſeine treuen Vaſallen genannt haben. Der, welcher jetzt ſei⸗ ne Geſinnung aͤndert, muß es unter den Augen ſeines Souverains thun. Hier entſtand eine tiefe Pauſe; diejenigen Verſchwo⸗ renen, welche die bloße Gewohnheit oder der Wunſch, ihren Geſinnungen treu zu bleiben, in die Sache verwik⸗ kelt hatten, ſahen jetzt mit Schrecken ihren Ruͤckzug ab⸗ geſchnitten, und andere, welche die vorgeſchlagene Un⸗ ternehmung in der Ferne als hoffnungsreich angeſehen hatten, zitterten, als der Augenblick, wirklich daran Theil zu nehmen, ſo unerwartet und faſt unvermeid⸗ lich ſie uͤberraſchte.. „Wie nun, Mylords und meine Herrn!“ ſagte Red⸗ gauntlet;„iſt es Freude und Entzücken, das Euch ſtumm macht. Wo iſt das freudige Willkommen, das unſerem rechtmäͤßigen Koͤnig dargebracht werden ſollte, der zum zweitenmal ſeine Perſon der Sorge ſeiner Unterthanen anvertraute, unabgeſchreckt durch die ſchrecklichen Gefah⸗ ren und Entbehrungen ſeiner erſten Unternehmung? Ich hoffe, hier iſt kein Edelmann, der nicht bereit waͤre, in ſeines Furſten Gegenwart das Pfand der Treue einzuloͤſen, das er in ſeiner Abweſenheit anbot?“ „Ich wenigſtens,“ ſagte der junge Edelmann ent⸗ ſchloſſen und die Hand am Schwert, will dieſer Feig⸗ ling nicht ſeyn. Wenn Karl an dieſe Ufer gekommen iſt, ſo will ich zuerſt ihn bewillkommen, und Leben und Vermogen ſeinem Dienſte weihen.“ „Bei Gott,“ ſagte Mr. Merodith,„ich ſehe, daß uns Mr. Redgauntlet nichts anders zu thun uͤbrig gelaſſen hat.“ „Halt,“ ſagte Summertrees,„da iſt noch eine an⸗ dere Frage. Hat er irgend einen von den iriſchen Raͤubern mitgebracht, welche unſerem letzten glorrei⸗ chen unternehmen den Hals brachen?“ „Nicht einen Mann davon,“ ſagte Redgauntlet. „Ich hoffe,“ ſagte Dr. Grumball,„daß keine katho⸗ 94 liſchen Prieſter in ſeiner Geſellſchaft ſind. Ich will mich zwar nicht in die Gewiſſensſachen meines Souverains miſchen, aber als ein unwurdiger Sohn der engli⸗ ſchen Kirche iſt es meine Pflicht, ihre Sicherheit in Acht zu nehmen.“ „Kein papiſtiſcher Hund oder Faze iſt hier, welche um Sr. Majeſtät bellen oder miauen koͤnnte,“ ſagte Red⸗ gauntlet.„Selbſt der alte Schaftesbury koͤnnte ſich kei⸗ nen Fuͤrſten wuͤnſchen, der ſo von Papiſterei frei ware, — welches jedoch vielleicht nicht die ſchlechteſte Religion in der Welt waͤre.— Noch mehr Bedenklichkeiten, Ihr Herrn? laſſen ſich keine haltbareren Grunde auffinden, um der Erfuͤllung unſerer Pflicht und der Vollziehung unſerer Eide und Verſprechungen auszuweichen? Unter⸗ deſſen wartet Euer Koͤnig auf Eure Erkläͤrung, bei mei⸗ ner Treue! er hat einen froſtigen Empfang!“ „Redgauntlet,“ ſagte Sir Richard Glendale ruhig, „Eure Vorwuͤrfe ſollen mich zu nichts bewegen, was meine Vernunſt nicht billigt. Daß ich meine Verpflich⸗ tung ſowohl beachte, als Ihr, iſt daraus klar, daß ich hier bin, bereit, ſie mit meinem Blute zu beſiegeln. Pber iſt der Koͤnig wirklich hier ohne alle Begleitung eingetroffen?“ „Er hat keinen Mann bei ſich außer den jungen„ als Adiutanten und einen einzigen Kammerdiener.“ „Keinen Mann,— aber, Redgauntlet, ſo wahr Ihr ein Edelmann ſeyd, hat er kein Weib bei ſich?“ Redgauntlet ſchlug ſeine Augen zu Boden, und ſagte:„es thut mir leid, ja ſagen zu muͤſſen.“ Die Geſellſchaft blickte einander an, und blieb einen Augenblick ſchweigend. Endlich fuhr Sir Richard fort: „Ich brauche Ench, Redganntlet, nicht zu widerholen, wos die wohlbegraͤndete Meinung der Freunde Sr. Ma⸗ jeſtaͤt in Hinſicht auf dieſe ungluckliche Verbindung iſt; es iſt nur Ein Gedanke, Eine Geſinnung unter uns uͤber dieſen Gegenſtand. Darf ich annehmen, daß un⸗ ſere unterthänigen Vorſtellungen durch Euch, Sir, dem Koͤnig mitgetheilt worden ſind?“ „In den nehmlichen ſtarken Ausdruͤcken, in denen ſie ausgeſprochen wurden,“ erwiederte Redgauntlet; zich liebe Sr. Majeſtat Sache mehr, als ich ſein Mißfallen fuͤrchte.“ „Offenbar aber haben unſere demuͤthigen Vorſtellun⸗ gen keine Wirkung gehabt. Dieſe Dame, die ſich in ſein Herz geſchlichen, hat eine Schweſter am Hofe des Chur⸗ fürſten von Hannover, und wir wiſſen wohl, daß er jede, auch die geheimſte Mittheilung von uns ihr anvertraut.“ „Varium et mutabile semper foemina,“ ſagte Dr. Grumball. „Sie ſteckt ihre Geheimniſſe in ihren Arbeitsbeu⸗ tel,“ ſagte Maxwell,„und da fliegen ſie heraus, wenn ſie ihk oͤffnet. Wenn ich gehangen werden ſoll, ſo wuͤnſchte ich doch an einen beſſern Strick zu kommen, gls der aus den Vändern einer— gedreht iſt.“ „Seyd auch Ihr ein feiger Abtruͤnniger, Mar⸗ well?,“ ſagte Redhauntlet flüſternd. „Ich nicht,“ erwiederte Marwell;„laßt uns darum fochten, und ſie gewinnen durch unſere Arbeit; aber betrogen zu werden von einer——, wie dieſe——“ „Mäßigt Cuch, Ihr Herrn,“ ſagte Redgauntlet; „die Schwachheit, uͤber die Ihr Euch beklagt, iſt ſtets die der Koͤnige und Helden geweſen; gewiß wird der König auf die unterthänige Bitte ſeiner beſten Diener ſie ͤber⸗ winden, und wenn er ſie bereit ſieht, ihr Alles in ſeiner Sache zu wagen auf die leichte Bedingung hin, die Ge⸗ ſellſchaft einer geliebten Frau gufzugeben, deren er, wie mir ſcheint, ſeit einiger Zeit ſelbſt uberdrüͤßig geworden iſt. Laßt uns ihn aber mit unſerem gutgemeinten Eiſer nicht zu ſchnell draͤngen. Er hat einen fürſtlichen Wil⸗ len, wie es ſeiner fürſtlichen Geburt zukommt, und wir, meine Herrn, die wir Royaliſten ſind, ſollten doch die letzten ſeyn, aus den Uinſtänden Vortheil zu ziehen, die Ausubung deſſelben zu beſchraͤnken. Ich bin ſo erſtaunt 96 und betroffen, als Ihr ſeyn koͤnnt, daß er ſie auf dieſer Reiſe zur Gefaͤhrtin nahm, und dadurch die Gefahr des Verraths und der Entdeckung vermehrte. Laßt uns edel⸗ muͤthig handeln gegen unſern Souverain, und wenn wir gezeigt haben, was wir fur ihn thun wollen, ſo werden wir beſſer im Stande ſeyn zu beſtimmen, was wir von ihm als Opfer fordern ſollen.“ „Es iſt doch in der That Schade,“ ſagte Mac⸗Kel⸗ lur,„daß ſo viele wackere Edelleute hier verſammelt ſind, und wieder aus einander gehen ſollen ohne ei⸗ nen Schwertſchlag.“ „Ich wuͤrde dieſes Herren Meinuns ſeyn,“ ſagte Lord„„aͤtte ich blos mein Leben zu verlieren, aber ich geſtehe offen, daß, wenn die Vedingungen, umter denen meine Familie beitrat, in dieſem Falle unerfullt bleiben, ich nicht das ganze Vermoͤgen un⸗ ſeres Hauſes an die zweiſelhafte Treue eines liſtigen Weibes wagen mag.“ „Es thut mir Leid zu ſehen,“ ſagte Redgauntlet,„daß Euer Herrlichkeit eigen Weg einſchlagt, der eher Euers Hauſes Reichthum ſichert, als ſeine Ehre vermehrt.“ „Wie ſoll ich dieſe Sprache verſtehen, Sir?“ ſag⸗ te der junge Edelmann tiz „Nein, meine Herrn, laßt Freunde keinen Streit be⸗ ginnen,“ ſagte Dr. Grumball vermittelnd;„wir alle zind voll Eifer für die Sache, aber in der That, obwohl ich werß, was die Großen in dieſen Gegenſtänden für ei⸗ ne Freiheit in Anſpruch nehmen, und ich auch darin gebührend nachſehe, ſo ziemt es ſich doch in der That nicht für einen Fürſten, der die Treue der Kirche von England in Anſpruch nimmt, in ſolchem Geſchäfte in ſolcher Be⸗ gleitung anzukommen,— sim non casle; caute tamen. „Ich wundere mich, wie die Kirche von England ihrem luſtigen alten Namensvetter ſo zugethan iſt,“ ſagte Redgauntlet. Sir Richard Glendale nahm ſodann die Frage guß 4 97 als ein Mann, deſſen Anſehen und Erfahrung ihm ein Recht gab mit Nachdruck zu ſprechen. „Wir haben keine Zeit zu verlieren,“ ſagte er;„wir muüſſen uns entſchlieſſen, was wir thun wollen. Ich fühle ſo ſehr, wie Ihr, Mr. Redgauntlet, was für ein delika⸗ ter Punkt es iſt, mit unſerem Sonverain in ſeiner jetzi⸗ gen Lage zu unterhandeln. Aber ich muß eben ſo an den gänzlichen Sturz der Sache, an den Guͤterverluſt und das Blutvergießen denken, das unter ſeinen Anhaͤngern ſtatt finden wird, und dieß alles blos durch die Bethoͤ⸗ rung, mit der er einem Weibe auhängt, das von dem jetzigen Miniſter beſoldet iſt, wie ſie vor Jahren in Walpoles Solde ſtand. Laßt Sr. Majeſtät ſie auf den Continent zuruͤckſenden, und das Schwert, an das ich jetzt meine Hand lege, ſoll augenblicklich entblößt werden⸗ und, wie ich hoffe, noch viele hundert im nehmlichen Augenblick⸗“ Die uͤbrigen druͤckten ihre vollige Zuſtimmung zu dem aus, was Sir Richard Glendale geſagt hatte. „Ich ſehe, Ihr habt Euern Entſchluß gefaßt, meine Herrn,“ ſagte Redgauntlet;„aber nicht weislich nach meiner Anſicht, weil ich glaube, daß Ihr durch ein mil⸗ deres und edelmuthigeres Benehmen weiter die Sache gefuͤhrt haben wurdet, welche ich fuͤr eben ſo wunſchens⸗ werth halte, als Ihr. Aber was iſt zu thun, wenn Karl mit der Unbengfamkeit ſeines Großvaters Euer Verlan⸗ gen nicht erfullt? Wollt Ihr ihn dann ſeinem Schick⸗ ſal überlaſſen.“ „Gott verhuͤte!“ ſagte Sir Richard haſtig;„und Gott vergebe Euch, daß Ihr ſo was habt denken konnen. Nein! Ich fuͤr meine Perſon will mit aller Ergebenheit und Unterthänigkeit Ihn wieder zu ſeinem Schiff zuruck⸗ bringen, und mit meinem Leben gegen jeden Angreifer vertheidigen. Aber wenn ich ſeine Segel ausgebreiter ſehe, ſo wird denn das naͤchſte ſeyn, daß ich fuͤr meine eigene Sicherheit ſorge, indem ich mich nach meiner Hei⸗ W. Stott's Werke. XI. S 98 math zuruckziehe; ſollte aber, wie es nur zu wahrſchein⸗ lich iſt, unſer Vorhaben ruchbar geworden ſeyn, ſo uber⸗ gebe ich mich dem nächſten Friedensrichter, und ſtelle Sicherheit, daß ich hernach ruhig leben, und mich der herrſchenden Gewalt unterwerfen will.“. Wiederum bezeugten die Uebrigen ihre Ueberein⸗ ſtimmung mit der Meinung des Sprechers. „Nun denn, meine Herrn,“ ſagte Redgauntlet;„ich will mich der Meinung keines von Euch widerſetzen, und ich muß Euch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß der Konig in dieſem Falle eine Bedingung nicht erfuͤllt hat, die ihm in ganz beſtimmten Ausdruͤcken vorgelegt worden iſt. Die Frage iſt nun, wer ſoll ihn mit dem Er⸗ gebniß unſerer Znſammenkunft bekannt machen? denn ich nehme an, Ihr werdet ihm nicht in Geſammtheit auf⸗ warten wollen, um ihm den Vorſchlag zu machen, daß er als Preiß unſerer Treue eine Perſon aus ſeiner Familie entlaſſen ſoll.“ „Ich denke, Mr. Redgauntlet ſollte dieſe Eroff⸗ nung machen,“ ſagte Lord——, da er. zweifelsohne unſern Porſtellungen Gerechtigkeit hat widerfahren laſ⸗ ſen, indem er ſie dem Koͤnig mittheilte, ſo kann nie⸗ mand mit ſolchem Nachdrucke die natürlichen und un⸗ vermeidlichen Folgen darſtellen, wenn jene nicht beach⸗ tet werden.“ „Ich aber denke, daß jene, welche den Einwurf ma⸗ chen, ihn auch vortragen muſſen. Denn ich bin verſi⸗ chert, der Koͤnig wird es kaum glauben, wenn es ihm nicht der Erbe des lojalen Hauſes von B ver⸗ ſichert, daß er der erſte iſt, der ſeinem Verſhrechen auszuweichen ſucht, ſich an ihn entuſileen „Ausweichen, Sir,“ erwiederte Lord—— ſtolz. „Ich habe ſchon zu viel von Euch ertragen, und dieß will ich nicht dulden. Vergoͤnnt mir Eure Begleitung dort nach den Duͤnen.“ Redgauntlet lachte veraͤchtlich, und war im Begriff, dem ſeurigen jungen Manne zu folgen, als Sir Richard 99 wiederum dazwiſchen trat.„Wollen wir denn,“ ſaste er,„das letzte Zeichen der Aufloͤſung unſerer Parthei ge⸗ ben, indem wir unſere Schwerdter gegen einander keh⸗ ren?— Send ruhig, Lord——; beiſolchen Zuſammen⸗ kuͤnften muß vieles odne Folgen voruber gehen, was an⸗ derwärts ſtets zur Ausforderung führte. Es gibt ein Privilegium der Partheien, wie des Parlaments; man kann in dringenden Fällen die Worte nichtwaͤgen. Meine Herrn, wollt Ihr mein Vertrauen auf mich ſo weit aus⸗ dehnen, ſo will ich Sr. Majeſtät aufwarten, und ich hoffe, Mylord—— und Mr. Redgauntlet werden mich begleiten. Ich hoſſe, die unangenehme Sache ſoll zu aller Zufriedenheit ſich aufloͤſen, und wir werden durch nichts gehindert ſenn, unſerem Souverain unſere Hul⸗ digung ohne Einſchraͤnfung darzubringen; ich werde ſo⸗ dann der erſte ſeyn, in dieſem gerechten Kampfe al⸗ les aufs Spiel zu ſetzen.“ Redgauntlet ſchritt auf einmal vorwaͤrts, und ſagte: „Mylord, wenn mein Eifer mich etwas ſagen ließ, das im geringſten beleidigend war, ſo wunſche ich es nicht geſagt zu haben, und bitte Euch um Verzeihung. Ein Edelmann kann nicht mehr thun.“ „Ich hätte nicht einmal ſo viel von Mr. Redaauntlet verlangen können,“ ſagte der junge Edelmann, willig Redgauntlets dargebotene Hand ergreifend.„Ich weiß keinen Menſchen, von dem ich ohne ein Gefühl don Her⸗ abwürdigung ſo viel Tadel ertragen koͤnnte, als von ihm. „Lußt mich alſo hoffen, daß Ihr mit Sir Richard und mir zur Aufwartung gehen werdet. Euer war⸗ mes Blut wird unſern Eifer befeuern, unſere käͤltere Ueberlegung Eure Hitze mäßigen.“ Der junge Lord lächelte, und ſchuttelte ſeine Hand. „Ach! Mr. Rebgauntlet,“ ſagte er;„ich bin beſthaäntt, ſagen zu müffen, daß Ihr an Eifer uns alle übertrefft; 7 1⁵⁰ ich will dieſe Sendung nicht ablehnen, wenn Ihr Sir Arthur, Euerm Reffen, geſtattet, uns zn begleiten.“ „Mein Neffe!“ ſagte Redgauntlet, und ſchien ei⸗ nen Angenblick unenkſchloſſen.„Ganz gewiß. Ich poffe,“ ſagte er mit einem Blick auf Darſie,„er wird mit Geſinnungen vor ſeinem Firte erſcheinen, wie ßie der Gelegenheit angemeſſen ſind.“ Es ſchien aber, er hätte lieber Darſie zuruͤckgelaſſen, wenn ihm nicht die Befuͤrchtung gekommen wäre, die unentſchloßenen Verbuͤndeten wurden in ſeiner Abweſen⸗ heit einen Einfluß auf ihn, oder er auf ſie aͤußern. „Ich will gehen,“ ſagte Redgauntlet,„und um Gehör bitten.“ In einem Augenblick kehrte er zuruͤck, und deutete ohnk zu ſprechen, dem jungen Edelmann an, vorguszu⸗ gehen. Ihm folgten Sir Richard Glendale und Vatſe, Redgauntlet ſchloß den Zug. Ein kurzer Gang und ei⸗ nekleine Treppe fuͤhrten zu der Thüre des einſtweiligen Audienzzimmers, in welchem der koͤnigliche Wanderer ihre Puldigung empfangen ſollte. Es war der obere Raum eines jener Bauernhäuſer, die einen Anhang zu dem alten Gaſthof ausmachten, ärmlich ausgeruͤſtet, ſtau⸗ big und in Unordnung; denn fuͤr ſo unbedachtſam man das Unternehmen auch anſehen mochte, ſo hatte man doch Sorge getragen, die Aufmerkſamkeit der Fremden nicht durch beſondere Anordnungen fuͤr die Bequemlichkeit des Furſten zu erregen. Er ſaß, als die Abgeordneten, ſeiner noch uͤbrigen gebliebenen Anhaͤnger eintraten, und als er ſich erhob, vorwaͤrts kam, und ſich verbengte, um ihre Begruͤßung zu erwiedern, ſo that er dieß mit einer ſo wür⸗ devollen Artigkeit, daß ſie den Mangel des zußeren Pomps erſetzte, und die elende Bauernſtube ſich in einen der Veranlaſſung wuͤrdigen Salon verwandelte. Es iſt unnothig hinzuzufugen, daß es die nehmliche Per dn war, die der Leſer ſchon unter dem Namen Pater Buonaventura kennt. Seine Kleidung war die nehmli⸗ che, die er damals trug, außer einem weiten Reitrock, 101 unter dem er ſtatt des kleinen Degens ein zu Hieb und Stoß gerechtes Schwert trug und ein Paar Piſtolen. Redgauntlet ſtellte ihm nach und nach den jungen Lord—— und ſeinen Verwandten Sir Arthur Dar⸗ ſie Redgauntlet vor, welcher zitterte, als er ſich ver⸗ beugte, und des Fremden Hand kuͤßte, denn er ſah ſich zu ſeinem Erſtaunen in eine Handlung des Pochverraths hereingeriſſen, die zu vermeiden er kein Mittel wußte. Sir Richard Glendale ſchien Karl Eduard perſon⸗ lich bekannt, welcher ihn mit einer Miſchung von Wuͤrde und Liebe empfieng, und die Thränen mit zu empfinden ſchien, die dem Edelmann in die Augen traten, als er Sr. Maieſtaͤt in ſeinem angeſtammten Meiche willtommen hieß. a, mein guter Sir Richard,“ ſagte der ungluckli⸗ che Fürſt in einem melancholiſchen, doch entſchloſſenen Tone,„Karl Eduard iſt noch einmal bei ſeinen Freun⸗ den,— vielleicht nicht mit ſeinen fruͤhern frohlichen Hoffnungen, welche die Gefahr verringerten, aber mit der nehmlichen Verachtung des ſchlimmſten, was ihm begegnen kann, wenn er ſeine und ſeines Vaterlands Rechte geltend macht.“ Jch freue mich, Sir, und doch— ach! ich muß auch trauern, Euch noch einmal an den brittiſchen Küſten zu ſehen,“ ſagte Sir Richard Glendale; er hielt inne, die widerſprechendſten Empfindungen hin⸗ derten ihn, weiter fortzufahren. Es iſt der Ruf meines treuen und leidenden Volks, der allein mich bewegen konnte, noch einmal das Schwert zu ergreifen. Was mich betrifft, Sir Richard, wenn ich bedachte, wie viele meiner lojalen und ergebenen Freunde durch das Schwert und die Acht fielen, oder arm und vernachläßigt in fremdem Lande ſtarben, ſo ſchwur ich oft, daß keine Ausſicht auf perſoͤnliche Vergroͤßerung mich je wieder verleiten ſollte, einen Titel geltend zu ma⸗ chen, der meinen Anhaͤngern ſo theuer zu ſtehen kam. Aber ſeit ſolviele wurdige und ehrenwerthe Maͤnner der — 102 Meinung find, daß die Sache Englands und Schottlands mit der Karl Stuarts verkettet ſey, ſo muß ich ihrem tapfern Beiſpiele folgen, alle andern Betrachtungen zur Seite legen, und noch einmal als ihr Befreier auftreten. Ich bin indeſſen auf Eure Einladung hieher gekommen, und da Ihr ſo vollſtaͤndig mit den Umſtänden bekannt ſeyn mußt, denen mich meine Abweſenheit vollig fremd ge⸗ macht hat; ſo miß ich ein blindes Werkzeug in den Haͤn⸗ den meiner Freunde ſeyn. Ich weiß wohl, daß ich mich nie redlichern Herzen und verſtaͤndigern Koͤpfen anver⸗ trauen kann, als Herries Redgauntlet und Sir Richard Glendale. Gebt mir glſo einen Nath, wie ich verfahren ſoll, und entſcheidet uͤber das Schickſal Karl Eduards.“ Redzauntlet blickte auf Sir Richard, als wollte er ſagen:„konnt Ihr in einem Augenblick, wie dieſer, auf einer uweſentſichen und unangenehmen Bedingung be⸗ ſtehen?“ Und der andere ſchuttelte ſein Haupt, und blick⸗ te nieder, als ware ſein Entſchluß unveraͤndert, und als fühle er dennoch ganz das Delikate dieſer Lage. Es entſtand eine Pauſe, welche durch den ungluͤckli⸗ chen Repraſentanten einer unglucklichen Dynaſtie mit ei⸗ nem Anſchein von gereizter Stimmung endlich unterbro⸗ chen wurde.„Es iſt ſonderbar, meine Herrn,“ ſagte er;„Ihr habt mich gus dem Schoße meiner Familie herbelgerufen an die Spitze einer zweifelhaften und ge⸗ fahrvollen Unrernehmung, und nun, da ich komme, ſcheint Ihr ſelbſt noch unentſchloſſen. Ich hatte dieß nicht von zwei ſolchen Maͤnnern erwartet.“ „Was mich betrifft, Sir,“ ſagte Redgauntlet⸗ „der Stahl meines Schwertes iſt nicht zuverläßiger, als meine Geſinnung und Denkart.“ „Mylords——— und meine ſind es nicht min⸗ der,“ ſagte Sir Richard,„aber Ihr war't beauftragt⸗ Mr. Redgauntlet, Sr. Majeſtät unſer Begehren in Vepbindung mit einigen Bedingungen vorzutragen.“ „und ich entledigte mich meiner Pflicht gegen Sr. Maſeſtat und Euch,“ ſagte Redsauntlei⸗ — 105 „Ich achtete auf keine Bedingung, meine Herrn“ ſagte ihr Koͤnig mit Wuͤrde,„außer auf die, welche mich berief, meine Rechte in Perſon zu behaupten. Dre ha⸗ be ich erfuͤllt mit nicht gewohnlicher Gefahr. Hier ſtehe ich, mein Wort zu halten, und erwarte nun von Euch⸗ daß Ihr dem Eurigen getreu ſeyd.“ „Es war aber noch etwas in unſerem Vorſchlage, oder hätte es wenigſtens ſeyn ſollen, wenn Ew. Majeſtat erlauben. Es war eine Bedingung damit verknupft.“ „Ich ſah ſie nicht,“ antwortete Karl ihn unterbre⸗ chend.„Aus Liebe gegen die edlen Herzen, die ich ſo hoch achte, wollte ich nichts leſen oder ſehen, was meine Liebe oder Achrung gegen ſie hätte vermindern koͤnnen. Bebingungen koͤnnen nicht ſtatt finden zwiſchen Furſt und Unterthanen.“ „Sir“, ſagte Redgauntlet auf ein Knie nieberſin⸗ kend;„ich leſe auf Sir Richards Geſicht, er mißt mir die Schuld bei daß Ew. Majeſtat nicht zu wiſſen ſcheinen, was Ihre Unterthanen Ew. Majeſtat mitgetheilt zu ſe⸗ hen wuͤnſchte. Um des Himmels willen! um aller mei⸗ ner frühern Dienſte und Leiden willen, laßt nicht dieſen Flecken auf meiner Ehre. Die Note Rumero D., wo⸗ von diß hier eine Abſchrift iſt, bezog ſich auf den unange⸗ nehmen Gegenſtand, auf welchen Sir Richard wiede⸗ rum Eure Aufmerkſamkeit richtet.“ „Ihr draͤngt mir,“ ſagte der Fuͤrſt hoch errothend, Erinnerungen auf, die ich gerne aus meinem Gedichtniß verbannt haͤtte, da ich ſie Eurem Charakter fur fremd halte. Ich glaubte nicht, daß meine getrenen Untertha⸗ nen, ſo kleinlich denken wuͤrden, um meine gedrückten Umſtände zu benützen, ſich in meine häuslichen Angele⸗ genheiten zu drangen, und mit ihrem Koͤnig über Dinge zu unterhandeln, worin die geringſten Menſchen das Recht haben, nach eigenem Willen zu handeln. In Staatsangelegenheiten und in öffentlichen Geſchäften werde ich mich durch die Anſichten meiner weiſeſten Raͤthe leiten laſſen, wie es einem Lurſten zukommt, was meine 10⁴ verſönlichen Neigungen und meine häuslichen Angelé⸗ genheiten betrifft, da nehme ich die nehmliche Willens⸗ freiheit in Anſpruch, die ich gllen meinen Unterthanen geſtatte, und ohne welche eine Krone weniger werth waͤre, als eine Vettlermüze.“ „Erlauben Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Sir Richard Glen⸗ dale;„ich ſehe, es iſt mein Loos, gegen meinen Willen Wahrheiten zu ſagen; aber glaubt mir, ich thue es mit eben ſo großem Bedanern, als mit tiefer Ehrfurcht. Es iſt wahr, wir haben Euch an die Spize einer maͤchtigen Unternehmung gerufen, und Ew. Maieſtät haben einge⸗ willigt, unſer Fuͤhrer zu werden, die Ehre der Sicher⸗ heit vorziehend, und die Liebe zu Eurem Lande Eurer ei⸗ genen Beguemlichkeit. Aber wir ſetzten ebenfalls als ei⸗ nen nothwendigen und unausweichlichen, vorbereitenden Schritt zu Ausfuͤhrung unſeres Planes feſt,— und ich muß es ſagen, ſogar als eine beſtimmte Bedingung unſe⸗ rer Verpflichtung dabei— daß eine Rerſon, von der man annimmt,— ich weiß nicht mit welchem Rechte— daß ſie Ew. Majeſtät innigſtes Vertrauen beſitze, und von welcher man glaubt,— ich will nicht ſagen aus unumſtoͤß⸗ lichen Gruͤnden, ſondern aus einem ſehr wahrſcheinlichen Verdacht,— daß ſie faͤhig ſey, dieß Vertrauen an den Churfuͤrſten von Hannover zu verrathen, von Ew. Maje⸗ ſtaͤt Hofhaltung und Geſellſchaft entfernt werden moͤge.“ „Das iſt zu unverſchämt, Sir Richard!“ ſagte Karl Eduard.„Habt Ihr mich herbeigeſchmeichelt in Eute Gewalt, nur um mich auf eine ſo ungeziemende Weiſe zu behandeln? Und Ihr, Redgauntlet, warum lieſſet Ihr die Sachen bis zu dieſem Punkte kommen, ohne mich naͤher daranf aufmerkſam zu machen, welche Be⸗ leidigungen man mir zufuͤgen wuͤrde?“ „Mein gnadiger Fuͤrſt,“ erwiederte Redgauntlet, „ich bin hierin nur in ſoweit zu tadeln, daß ich nicht glaub⸗ te, ein ſo geringes Hinderniß, als die Geſellſchaft einer Frau koͤnnte wirklich ein Unternehmen von ſolcher Wiche tigkeit unterbrechen. Ich bin ein gerader Mann, Sire⸗ 105 und ſpreche offen. Ich ließ es mir nicht träumen, daß nicht i den erſten fünf Minuten unſerer nterredung ent⸗ weder Sir Richard und ſeine Freunde von einer Ew. Ma⸗ jeſtaͤt ſo ungugenehmen Bedingung abſtehen, oder Ew. Majeſtaͤt dieſe unſelige Neigung dem geſunden Rathe vder auch dem überaͤngſtlichen Verdachte ſo vieler getreuer Unterthanen aufopfern würden. Ich erblickte in dieſer Schwierigkeit kein Hinderniß das nicht von beiden Seiten gleich einem Spinngewebe häͤtte durchrißen werden konnen.“ „Ihr waret im Irrthum, Sir,“ ſagte Farl Ednard, „voͤllig im Irrthum, ſo wie ihr es noch ſeyd, wenn Ihr in Eurem Herzen glaubt, meine Weigerung in dieſei übermüthigen Vorſchlag einzugehen, ſey von einer kindi⸗ ſchen und romanhaften Leidenſchaft ſür dieſe Perſon dik⸗ tirt. Ich ſage Euch, Sir, ich könnte mich morgen ohne die mindeſte Reue von ihr trennen„ja ich habe ſchon dgran gedacht, ſie aus Gruͤnden, die nur mir bekannt ſind, von meinem Hofe zu entlaſfen; aber ich werde nie meine Rechte als Souverain und als Mann verrathen, um mir die Gunſt irgend eines Menſchen zu ſichern, oder eine Treuezu erkaufen, welche, wann Ihr ſie mir uber⸗ haupt ſchuldig ſeyd, gls ein angeborenes Recht mir zukommt.“ 365 Es thut mir leid,“ ſagte Redgaunklet„ich hoffe Ew. Majeſtaͤt und Sir Richard werden ihre. Entſchluͤße noch einmal uberlegen, oder die Eroͤrterung unter ſo dringen⸗ den Umſtaͤnden aufſchieben. Ich hoffe, Ew. Majeſtät werden bedenken, daß Sie ſich auf feindlichem Boden be⸗ finden; daß unſere Vorbereitungen nicht ſo unvermerkt getroffen werden konnten, um jezt mit Sicherheit unſer Vorhaben wieder aufgeben zu konnen; ja ich ſehe mit der großten Beſorgniß ſogar fuͤr Eure koͤnigliche Perſon Ge⸗ fahr vorgus, wenn Sie Ihren Unterthanen nicht groß⸗ muͤthig das gewahren, was ſie nach Sir Richards Mei⸗ nung mit ſo vieler Hartnctigkeit verlangeu.“ „Und groß muß in ber That Eure Beſorgniß ſeyn,“ 106 ſagte der Furſt.„Erwartet Ihr, unter dieſen Umſtän⸗ den einer perſonlichen Gefahr einen Entſchluß zu erſchuͤt⸗ tern, der ſich auf das Gefühl deſſen grundet, was mir als Mann oder Fürſt gebuͤhrt. Wenn das Beil und das Schaffot mich unter den Fenſtern von Whitehall erwar⸗ teten, ich wurde lieber denſelben Weg betreten, wie mein Urgroßvater, als in dem geringſten Punkt nach⸗ geben, der meine Ehre betrifft.“ Er ſprach dieſe Worte in einem entſchloſſenen Tone, und blickte in der Geſeüſchaft umher, von denen alle,(Dar⸗ ſie ausgenommen, der hier ein gluͤckliches Ende einer hochſt gefahrvollen Unternehmung zu ſehen glaubte) in der hochſten Angſt und Beſtuͤrzung zu ſeyn ſchienen- Endlich ſprach Sir Richard in einem feierlichen und melancholiſchen Tone: „Stande die Sicherheit des armen Richard Glendale allein auf dem Spiele, ich habe mein Leben nie ſo hoch ge⸗ ſchaͤzt, um es gegen den geringſten Punkt im Dienſte Ew. Mazeſtät in die Waage zu legen. Aber ich bin ein Bot⸗ ſchafter,— ein Beauftragter, der ſeine Pflicht erfullen muß, und uber den tauſend Stimmen Ach und Weh ſchrei⸗ en wurden, erfullte ich ſie nicht mit Treue. Alle Eure Anhaͤnger, Redgauntlet ſelbſt, ſehen den gewiſſen Sturz dieſer Unternehmung voraus,— die groͤßte Gefahr fuͤr Ew. Majeſtat Perſon, die voͤllige Zernichtung Eurer ganzen Parthei, wenn ſie nicht auf dem Punkte beſtehen, den ungluckſeligerweiſe Ew. Majeſtät nicht bewilligen nollen. Ich ſpreche mit einem Herzen voll Bekuͤmmerniß⸗ — unfähig meine Bewegungen auszudruͤcken,— aber ſie muß ausgeſprochen werden die ungluckliche Wahrheit, daß, wenn Eure konigliche Güte uns ein Gut nicht ge⸗ wahrt, das wir für unſere und Eure Sicherheit noth⸗ wendig halten, Ew. Majeſtät mit einem Wort 10000 Mann entwaffnen, die bereit ſind für ihre Sache das Schwert zu ziehen, oder, um noch deutlicher zu reden, Iye verulchtet den lezten Schein einer koͤniglichen Par⸗ thei in Großbrittamen.“ 407 Und warum fügt ihr nicht hinzu,“ ſagte der Fürſt verächtlich,„daß die Leute, welche bereit waren, die Waffen für mich zu ergreifen, mich dem Schickſal überlie⸗ fern werden, das ſo viele Proklamationen mir beſtimmt haben, um ihren Verrath gegen den Churfurſten wieder gut zu machen? Vrinzt meinen Kopf nach St. James, Ihr Herrn, und Ihr werdet eine dankenswerthere und ehrenvollere Handlung ausuben, als wenn Ihr in dieſer Lage, worein Ihr mich verlokt habt, und die mich ſo voͤllig in Eure Gewalt giebt, Euch ſelbſt durch Bedin⸗ gungen entehrt, welche mich entehren.“ „Mein Gott, Sire!“ rief Sir Richard aus, indem er die Hande voll Ungeduld zuſammenſchlug,„welches groſſen, nicht zu ſühnenden Vergehens muſſen Ew. Ma⸗ jeſtat Vorfahren ſich ſchuldig gemacht haben, daß ſie da⸗ fuͤr in ihrer ganzen Nachkommenſchaft mit Blindheit ge⸗ ſtraft worden ſind*)]— Kommt Mylord—— Wir müſſen zu unſern Freunden.“ „Mit Eurer Erlaubniß, Sir Richard,“ ſagte der junge Edelmann,„nicht eher, als bis wir wiſſen, wel⸗ che Maaßregeln für die perſonliche Sicherheit Sr. Ma⸗ jeſtaͤt getroffen werden konnen.“ „Kummert Euch nicht um mich, junger Mann,“ ſag⸗ te Karl Eduard; als ich mich in Geſellſchaft hochlandi⸗ ſcher Rauber und Viehbieben befand, war ich ſicherer, als ich mich jezt glaube unter den Repräſentanten des beſten Bluts in England.— Lebt wohl, meine Herren,— ich werde fur mich ſelbſt ſorgen!“ „Das darf nicht geſchehen,“ ſagte Redgauntlet;„laßt *) Dieſe Worte hat Mr. Namgra wirklich an Karln gerichtet, als er ſeine Gellebte, Mrs. Walkenſhaw nicht entlaſſen wollte. Die ganze Scene hier ſcheint ſich auf einen ziemlich authentiſchen Vericht des Dr. King in ſeinen geheimen Me⸗ moiren, die 1819 erſchienen ſind, zu gründen. Walter Stott hat blos Drt und Perſonen verändert. Anm. d. Ueberſetzers. 103 mich, der Euch in dieſe Gefahr geſturzt hat, wenig⸗ ns fuͤr Euren ſichern Ruͤczug ſorgen.“ Mit diefen Worten verließ er haſtig das Zimmer, und ſein Reffe folgte ihm. Der Reiſende, ſeine Augen von Lord—— und Sir Richard Glendale abwendend, warf ſich in einen Stuhl am obern Ende des Gemachs, wäh⸗ rend dieſe in groſſer Beſorgniß in einiger Entfernung beiſammen ſtanden, und fluſternd ſich unterredeten⸗ Sehstes Kapitel — Fortſetzung. Als Nedgauntlet das Zimmer in Eile und Verwir⸗ rung verließ, ſo war der erſte, dem er auf der Treppe be⸗ gegnete, und zwar ſo nahe bei der Thuͤre der Zimmers, daß Darſie glaubte, er muͤſſe gehorcht haben, ſein Diener Nixon. „Was zum Teufel thuſt Du hier?“ fragte er ſchnell und jinſter. „Ich warte auf Eure Beſehle,“ antwortete Nixon; „ich hoffe, alles geht gut?— verzeiht meinem Eifer.“ „Alles geht ſchlecht, Sir; wo iſt der ſeefahrende Burſche— Ewart— heißt er nicht ſo?“ „Nanty Ewart, Sir; ich will ihm Eure Befehle uͤberbringen,“ ſagte Niron. „Ich will ſie ihm ſelbſt geben, ruf ihn her,“ ſag⸗ te Redgauntlet. „Aber wollen Ew. Gnaden die Audienz verlaſ⸗ ſen?“ ſagte Niron, noch immer zögernd. „Zunt Teufel, Sir, was ſchwazt Ihr mir vor?“ ſagte Redgauntlet, und runzelte die Stirne. Ich beſor⸗ ge meine Geſchaͤfte ſelbſt, Ihr handelt, wie ich hore, durch einen zerlumpten Abgeſandten.“ 1⁰9 zuruͤck. zi dieß der ſchm Vurſche?“ fragte Red⸗ gauntlet. Niron nickte. „Iſt er jezt nüchtern?— kaum vorhin fieng er Zank und Streit an.“ „Nuͤchtern genug zum Geſchaͤft, ſagte Niron. „Gut denn, hört, Ewart, bemannt Euer Bvot mit Euren beſten Leuten, und haltet es bereit bey dem Damme, 8 ſchikt Eure andere Leute an Vord der Brigg,— wenn Ihr eine Ladung habt, ſo werft ſie über Vord, ſie ſoll Euch funffach bezahlt werden;— haltet Euch fertig, nach Wales oder den Hebriden, oder vielleicht nach Schwe⸗ den oder Norwegen abzufahren.“ Ewart erwiederte ziemlich verdrießlich:„Ja, jg, Sir.“ „Geh mit ihm, Niron,“ ſagte Redguntlet, der ſich zwang, mit einem Anſchein von Herzlichkeit zu ſeinem Diener zu ſprechen, auf den er ungehalten warz„ſiehe, ob er ſeine Pflicht thut.“ Verdrußlich verließ Ewart das Haus, und Nirol folgte ihm: der Seemann befand ſi eben in der Art von trunkener Laune, die ihn heftig, eidenſchaftlich und un⸗ geduldig machte, ohne daß er etwas anderes, als eine zu große Reizbarkeit verrieth. Als er gegen die Bucht gieng, murmelte er vor ſich hin, aber ſo, daß ſein Begleiter kein Wort verlor:„Schmuggler— Vurſche,— ja, Schmugg⸗ ler,— und werft Eure Ladung in die See, und ſeyd be⸗ reit nach den Hebriden unter Segel zu gehen, oder nach Schweden, oder zum Teufel, denke ich.— Gut, und wann ich nun geantwortet haͤtte,— Rebell,— Jakobit, Verräther; ich will Euch und Euer verſluchtes Gelich⸗ ter aufs Brett ſchicken,— Ich habe bebere Leute den 1¹⁰ Gang thun ſehen,— ein halbes Schock an einem Mor⸗ gen,— als ich die Linie paßirte.“ „Verdammt herbe Reden gab Euch doch der Red⸗ gauntlet, Bruder,“ ſagte Nixon. „Was meint Ihr„ſagte Ewart aufſahrend und ſich beſinnend.„Häbe ich wieder einmal laut gedacht? nicht wahr?“ „Thut nichts, antwortete Niron. Es hat Euch nie⸗ mand gehoͤrt, als ein Freund. Ihr konnt nicht vergeſſen haben, wie Euch Redgauntlet den Morgen entwaffnete.“ „Darum kann ich ihm nicht böſe ſeyn,— eriſt nur ſo verdammt hochfahrend und trotzig,“ ſagte Ewart. „Und dann kenne ich Euch, ais einen aͤchten Pro⸗ teſtanten,“ ſagte Niron. „Das bin ich, bei Gott,“ ſagte Ewart;„nein, die Spanier haben mir nie meine Religion entreiſſen konnen.“ „Und ein Freund des Koͤnigs Georg und der han⸗ növerſchen Succeßion,“ ſagte Nixon, immer ſehr lang⸗ ſam gehend und ſprechend. „Ihr könnt daraufſchwören, außer im Geſchäftsweg, wie Turnpenny ſagt: ich liebe Konig Georg, aber ich kann mich nicht bequemen, ihm Zoll zu bezahlen.“ „Ihr ſepd außer dem Geſetz erklärt, glaube ich,“ ſagte Niron. „Bin ichs? meiner Treu, ich glanbe, ich bins,“ ſagte Ewart. Ich wuͤnſchte von ganzem Herzen, ich wäre ins Geſetz erklärt. Aber kommt, wir mußen ſchnell gehen, um alles ſuͤr unſern geſtrengen Herrn in Bereitſchaft zu ſezen.“ „Ich will Euch einen beſſern Streich lehren,“ ſagte Niron;„das iſt doch nur blutiges Rebellenpack dort.“ „Ja, das wiſſen wir alle,“ ſagte der Schmuggler, aber der Schneeball ſchmilzt, glaube ich.“ „Es iſt einer unter ihnen, deßen Kvpf— dreißig— tau⸗ ſend— Pfund— Sterling— baar Geld werth iſt,“ ſagte Niron indemer zwiſchen jedem Wort einekleinePanſe mach⸗ te, um die Groͤße der Summe noch mehr heraus zu heben. 111 „Und was weiter?“ ſagte Ewart raſch. „Blos das; wenn ihr, anſtatt Euch an den Damm zu legen, mit Euren Leuten am Ruder, Euer Boot jezt gleich wieder an Vord bringt, und aufkein Signal vom Ufer aus achtet, dann, beim Himmel, Nanty, mache ich einen Mann aus Euch urs ganze Leben.“ „Ho, ho, der Jakobineradel iſt alſo nicht ganz ſo ſicher, als er glaubd!“ ſagte Nanty. „In einer Stunde oder zwei werden ſſe noch ſiche⸗ rer im Schloß zu Carlisle ſich befinden, erwiederte Niron. „Den Teufel werden ſie!“ ſagte Ewart;„und Ihr ſeyd wohl der Angeber geweſen?“ „Ja, ich bin ſchlecht bezahlt worden, fuͤr meine Dien⸗ ſte unter den Redgauntlets,— kaum Hundefutter habe ich bekommen, und bin ſchlechter behandelt worden, als ein Hund. Ich habe den alten Fuchs und ſeine Jungen nun in einer Falle, und wir wollen nun ſehen, wie eine gewiße junge Dame dazu ſehen wird. Ihr ſeht, ich bin offen gegen Euch, Nanty.“ „Und ich will nicht weniger offen ſeyn„ ſagte der Schmuggler;„Ihr ſeyd ein verfluchter, alter Verräther, — ein Verrätheran dem Manne, deſſen Brod ihr gegeſſen habt!— Ich ſollte arme Teufel betruͤgen helfen, der ich ſelbſt ſo oft betrogen worden bin!— Nein, und wenn hundert Päpſte, Teufel und Prätendenten da wären. Ich will zuruͤck, und ſie von der Gefahr benachrichtigen, — ſie lind ein Theil der Ladung,— richtig bemerkt in der Faftura,— von den Schiffsherrn mir anver⸗ traut,— ich will zuruͤc— „Seyd ihr denn ganz koll?“ ſagte Niron, der nun ein⸗ ſah, daß er ſich verrechnet hatte, wenn er glaubte, Nan⸗ tys rohe Begriffe von Ehre und Rechtlichkeit könnten durch Fränkungen oder durch ſeinen proteſtantiſchen Eifer er⸗ ſchüttert werden.„Ihr ſollt nicht zurückgehen, alles iſt ein Scherz.“ „Ich gehe zuruͤck zu Redgauntlet, und will ſehen, ob er uͤber den Scherz lacht.“ enn Ihr es thut,“ en dichten Gebuͤſche an⸗ gekommen, oh e des Weges zwiſchen dem Hauſe un zber nicht in gerader Linie, denn Nixon, deſſer ar, Zeit zu gewinnen, hatte Ewarten unvermerklich bavon abgezogen. Er ſah jezt die Nothwendigkeit ein, einen verzweifelten Entſchluß zu faſſen.„Rehmt Vernunftan,“ ſagteer; und als Nan⸗ ty immer noch ſich bemuhte, an ihm vorüberzukommen: „oder wenigſtens dieß.“ Mit dieſen Worten druͤckte er einen Taſchenpiſtol guf den ungluͤcklichen Mann ab. Nanty wankte, aber erhielt ſich auf den Füßen.„Das traf den Ruͤckgrat,“ ſagte er;„Ihr habt mir den lezten Dienſt geleiſtet, und ich will nicht undankbar ſeyn“ ach dieſen Worten ſammelte er alle ihm noch ubrige Kraft, ſtand einen Augenblick feſt da, zog ſeinen Hirſch⸗ fanger, und führte mit beiden Händen einen Hieb auf Ehriſtal Niron. Der Streich, mit aller Anſtrengung eines verzweifelten und ſterbenden Mannes gefuͤhrt, zeig⸗ te eine Kraft, die man von Ewarts abgehagerter Geſtalt, nicht hätte erwarten ſollen; er ſpaltete den Hut des Elen⸗ den, obgleich er durch eine Eiſenplatte geſchuzt war, und drang tief in den Schädel ein, worin ein Stuͤck der Waffe ſtecken blieb, welche bei dem wüthenden Streiche zerbrach. Einer von der Mannſchaft der Brigg, der umher⸗ ſtreifte, wurde durch den, obwohl nicht ſtatken, Knall der kleinen Piſtole herbeigezogen, und fand die beiden unglücklichen Lente bereits vollig todt. Beſtürzt uͤber den Anblick, den er fur die Folge eines ungluͤcklichen Kampfs des gefallenen Vefehlshabers der Brigg mit ei⸗ nem Zollauſſeher hielt,(denn zufälligerweiſe war ihm Niron nicht perſoͤnlich bekannt, eilte der Matroſe zuruͤck zum Vovt, um ſeinen Gefahrten Nantys Schickſal zu verkunden, und ihnen den Nath zu geben, ſich und das Schiff in Sicherheit zu bringen⸗ Unter⸗ 1¹⁵ Unterdeſſen war Redgauntlet, nachdem er Niron ab⸗ geſchickt, um dem unglücklichen Farl im aͤußerſten Fall den Ruckzug zu ſichern, in das Zimmer zurückgekehrt, wo er den Reiſenden gelaſſen hatte. Er fand ihn gllein. „Sir Richard Glendale,“ ſagte der ungluckliche ürſt, „iſt mit ſeinem jungen Freunde weggegangen zur Bera⸗ thung mit ſeinen hier befindlichen Freunden⸗ Redgaunt⸗ let, mein Freund, ich will Euch nicht tadeln wegen der Lage, in der ich mich jezt befinde, der Gefahr und Verach⸗ tung blos geſtellt. Allein Ihr hättet mir doch ſtärker be⸗ zeichnen ſollen, welches Gewicht dieſe Herrn auf ihren üͤbermuͤthigen Vorſchlag legen. Ihr hättet mir ſagen ſol⸗ len, daß kein gegenſeitiges Nachgeben ſtatt finden könne; daß ſie keinen Fürſten wollten, der ſie regierte, ſondern einen, uber den ſie bei jeder Gelegenheit Zwang ausüben koͤnnten, von den höchſten Staatsungelegenheiten bis hin⸗ ab in die geheimſten Verhältniße ſeines Privatlebens, welche auch die nied ſten Menſchen geheim und von jeder fremden Einmiſchung frei zu halten wuͤnſchen.“ „Gott weiß,“ ſagte Redgauntlet in groſſer Bewegung; zich handelte in der beſten Abſicht, als ich Ew. Majeſtãt dringend bat, hieher zu kommen.— Ich dachte niemals daran, daß Ew. Majeſtät in einer ſolchen Kriſis, wo ein Konigreich zu gewinnen ſteht, Bedenken tragen konn⸗ ten, eine Neigung aufzuopfern, welche——— „Stille, Sir!“ ſagte Karl,„es kommt Euch nicht zu, meine Geſinnungen über den Punkt zu beurtheilen.“ Poch erroͤthend machte Redgauntlet einetiefe Verbeu⸗ gung.„Wenigſtens hoffe ich,“ fieng er wieder an,„daß ein ausfindig gemacht werden konne, undes ſoll,—es muß!— komm mit mir, Neffe; wir wollen u dieſen Herren gehen, und ich glaube gewiß, ich werde erfreuende Zeitungen zuruͤckbringen.“ „Ich will alles thun, mich ihnen gefaͤllig zu erzeigen, Redgguntlet. Es iſt mir unangenehm, wiederum mei⸗ nen Fuß auf brittiſches Land geſeßt zu haben, und es zu W. Scott's Werte. XMK⸗ 8 1¹⁴ verlaßen, ohne einen Schwerdtſtreich für mein Recht zu thun. Was ſie aber verlangen, iſt eine Erniedrigung, und Nachgiebigkeit unmoglich.“ Redgauntlet verließ mit ſeinem Neffen, der ein unfrei⸗ williger Zuſchauer dieſer außerordentlichen Scene war, nocheinmal das Zimmer des abentheuerlichen Reiſenden, und wurde oben an der Treppe von Jon Krackenthorp auf⸗ gehalten.—„Wo ſind die andre Herrn?“ fragte er. „Druͤben im weſtlichen Theile des Hauſes,“ antwor⸗ tete Jon;„aber Mr. Ingoldsby,(dieß war der Name unter dem Redganntlet in Cumberland am bekannteſten war,— ich wollte Euch nur ſagen, daß ich all das Volk drüͤben in ein Zimmer zuſammenſtecken mußte.“ Volk denn?“ fragte Redgauntlet unge⸗ uldig. „Run, die fremden Gefangenen, uͤher die Niron die Aufficht uͤbertragen iſt. Der Herr 8y Euch gnaͤdig! das iſt ein großes Haus, aber wir konnen nicht abgeſonderte Quatiere genug haben für die Leute, wie in Newgate oder in Bedlam. Druͤben iſt ein toller Bettler, der ein großer Mann werden ſoll, wenn er ſeinen Prozeß ge⸗ winnt; Gott helſe ihm! Dort iſt ein Quäker und ein Rechtsgelehrter, die wegen eines Aufſtands beſchuldigt Ind, und bei Gott! ein Schlüſfel und ein Riegel muß ſie ale halten; denn wir ſind gepropft voll, und Ihr habt den alten Niron weggeſchickt, der in dieſer Verwirrung haͤtte helfen koͤnnen. Ueberdieß nimmt jeder ein Zimmer ein, und ſie verlangen doch auf der Gottes Welt nichts, — ausgenommen der alte Mann, der beſtellt genus⸗ hat aber keinen Pfennig zum bezahlen.“ „Mach mit ihnen, was Du willſt,“ ſagte Red⸗ zauntlet, der ungeduldig ſeinen Bericht angehört hat⸗ te;„Haͤltſt Du ſie nur, daß ſie nicht herausgehen⸗ und Larmen in ber Gegend umher machen, ſo kuͤmmere ich mich nichts darum.“ „Ein Quaker und ein Rechtsgelehrter!“ ſagte ———— ————— — 2—— . 11⁵ Darſie.„Das muß Fnirford und Geddes ſeyn.— Dheim, ich muß von Euch verlangen———“ iſt keine Zeit zum Fragen. Ihr ſelbſt ſollt im Laufe einer Stunde über ihr Schicſal entſcheiden,— es ſoll ihnen kein Leid widerfahren,“ Mit diefen Worten eilte er vorwaͤrts an den Ort, wo die inkobitiſchen Edellente ihre Rathsverſammlung hiel⸗ ten, und Darſie folgte ihm, in der Hoffnung, daß das „Nein, Neffe,“ unterbrach ihn Redgauntlet;„dieß Hinderniß, das ſich gegen die Fortſeßung ihres verzwei⸗ felten Unternehmens erhoben hatte, unüberſteiglich wer⸗ den, und ihm die Nothwendigkeit eines gefaͤhrlichen und gealtſamen Bruchs mit ſeinem Oheim erſparen wuͤrde. Die Verhandlungen unter ihnen waren hochſt lebhaft; der kuhnere Theil der Verſchworenen, der wenig mehr, als das Leben zu verlieren hatte, wollte auf jede Gefahr vorwaͤrts, waͤhrend die andere, welche nur ihr Ehrgefühl und der Widerwille, ihre langgehegten Grundſätze aufzu⸗ geben, zur Theilnahme bewogen hakte, vielleicht es nicht ungerne ſahen, daß ſie eine Entſchultigung fanden, um eine Unternehmung abzulehnen, worein ſie mehr mit Widerſtreben, als aus wahrem Eifer verwickelt wor⸗ den waren. Unterdeſſen bediente ſich Jon Krakenthorp der ihm von Redgauntlet in der Eile ertheilten Erlanbniß, dieje⸗ nigen in ein Zimmer zuſammen zu bringen, deren ſichere Verwahrung man für nöthig gehalten hatte, und wählte, ohne die Schicklichteit ſehr in Vetracht zu ziehen, zum gemeinſamen Gefängniß das Simmer, in welchem Li lias ſeit ihres Bruders Abgang ſich allein befand. Thuͤre und Schloß waren ſehr feſt, und dieß hatte wohl ſei⸗ ne Wahl geleitet. Hierher fuͤhrte Jon mit wenig Ceremonien und viel Geräuſch den Quäkèr und Fairford, von denen der erſte die Immoralität, der zweite die Illegalitat des Verfah⸗ rens auseinanderſetzte; Son war aber fuͤr beide gleich —— 116. taub. Zunächſt dann ſtieß er faſt köpflings den ungluck⸗ lichen Prozeßkrämer hinein, der an der Thüre einigen Wi⸗ derſtand leiſtete, und deßhalb einen derben Stoß bekam, daß er wie ein Bock, wenn er ſioßen will, vorwaͤrts ſtuͤrz⸗ te, und zwar mit einer Heftigkes, daß er bis ans Ende des Zimmers gekommen, und mit dem Pute, der auf feiner ſpitzigen Flachsperlcke ſaß, gegen Miß Redgauntlet angerannt ware, wenn nicht der ehrliche Quäker ſeinen Lauf aufgehalten, ihn beim Kragen gefaßt, und zum Ste⸗ hen gebracht hatte.„Freund,“ ſagte er, mit dem wahr⸗ haft guten Tone, der ſo oft ohne Ceremoniel ſtatt findet; „Du biſt keine Geſellſchaft für dieſe unge Dames ſie iſt, wie Du ſiehſt, erſchrocken, daß wir ſo plotzlich hereinge⸗ ſtoßen worden, und obgleich dieß nicht unſer Fehler iſt, ſo zieint es ſich doch, daß wir uns hoͤflich gegen ſie benehmen. Komm daher mit mir an dieſes Fenſter, und ich will Dir ſagen, was Dir zu wiſſen noͤthig iſt „Und warum ſoll ich nicht mit der Lady ſprechen, reund?“ ſagte Peter, der jetzt halb betrunken war. „Ich habe ſonſt ſchon mit Damen geſprochen— warum ſollre ſie über mich erſchrocken ſeyn?— Ich bin keine Vo⸗ gelſcheuche, ich! Was macht Ihr denn an mir? Ihr wer⸗ det mir den Rock zerreißen; und ich kann mit gutem Grund eine Klage gegen Euch anſteilen, um mich auf Eure Koſten sarium atque teckiun zu machen.“ Trotz dieſer Drohung hielt Mr. Geddes, deſſen Mus⸗ keln ſo ſtark waren, als ſein Urtheil geſund und ſein Tem⸗ perament ruhig, den armen Peter unter einem Zwange, gegen den er nicht ankämpfen konnte, in einer Ecke des immers zurück, wo er ihn, er mochte wollen oder. nicht, niederſette in einen Stuhl, und ſich neben ihn, ſo daß wirk⸗ lich die junge Dame von dem Vergnugen ſeiner Geſe ſchaft, das er ihr zugedacht hatte, beſreit wurde. Hätte Peter ſeinen gelehrten Advokaten ſogleich er⸗ kannt, ſo hätten auch die wohlwollenden Anſtrengungen des Quakers ihn ſchwerlich zurückgehalten. Aber Fair⸗ ford kehrte ihm den Rucken zu, und Peebles Sehorgane⸗ ———— 3 3 117 ohnehin durch Bier und Branntwein etwas verdüſtert, waren im Anſchauen einer halben Krone eifrig beſchaͤf⸗ tigt, welche Jolna zwiſchen Daumen und Zeigefinger hielt, und zugleich ſagte.„Freund, Du biſt arm und unverſorgt. Dieß verſchafft Dir, wohl angewendet, Dei⸗ nes Leibes Nahrung und Nothdurft auf mehr, als ei⸗ nen Tag, und Du ſollſt es bekommen, wenn Du hier ſitzen, und mir Geſellſchaft leiſten willſt, denn weder Du, noch ich, ſindeine paßende Geſellſchaſt fuͤr Damen.“ „Das mag von Euch gelten,“ ſagte Peter verächtlich „ich war ſonſt wohl gelitten bei den Damen, und wenn ich im Laden war, bediente ich ſie mit einem ganz andern Anſtand, als Maniſtanes, der verdammte Schurke! Es war auch einer von den Streitpunkten zwiſchen uns.“ „Gut, Freund,“ ſagte der Quaͤker, welcher be⸗ merkte, daß die junge Dame ſich immer noch vor Pe⸗ ters Zudringlichkeit fürchtete; aber ich wuͤnſchte Dich † von Deinem großen Prozeße ſprechen zu horen, der ſo beruͤhmt geworden iſt. ½ „Veruhmt?— Ihr konnt darauf ſchwoͤren,“ ſagte + Peter, denn jetzt war die Saite angeſchlagen, die in ſei⸗ ner verruckten Einbildungskraft forttoͤnte. Der arme Mr. Geddes mußte nun eine lange Tirade vernehmen, —— 4 die mit den troſtreichen Worten ſchloß:„ich will Euch den genauen Stand der mancherlei vereinigten Prozeße ſägen, m Euch zu beweiſen, daß alles aufs beſte geht, da ich jetzt meine Hand an den Taugenichts von Advokaten, den Fairford, legen kann.“. Alan Fairſord war gerade im Begriffe, die maskirte Dame anzureden,(denn Miß Redgauntlet hatte ihre Reitmaske beibehalten) und wollte ſie, als er ihre Aengſt⸗ lichkeit bemerkte, ſeines vollen Schutzes verſichern, als ſein eigener Name laut ausgeſprochen, ſeine Aufmerkſam⸗ keit rege machte. Er blickte umher, ſah Peter Peebles, und drehte ſchnell wieder den Kopf, um nicht erkannt zu werden, was ihm auch gelang, da Peter ſich im tiefſten Geſpraͤch mit dem ehrenwertheſten Zuhorer befand, deſſen 413 Aufmerkſamkeit er je hatte gewinnen koͤnnen. Und durch dieſe kleine Bewegung, ſo kurz ſie war, gewaun Alan ei⸗ nen unerwarteten Vortheil, denn waͤhrend er herumblick⸗ te, nahm Miß Lilias, ich konnte nie klug werden, wa⸗ rum, den Augenblick wahr, ihre Maske zurecht zu ſchie⸗ ben, und zwar auf eine ſo ſtarke Weiſe, daß Alan, als er den Kopf wandte ſo viel von ihren Zügen erkannte, daß er berechtigt war, ſie als ſeine ſchoͤne Klientin anzureden, und die Anerbietungen des Schutzes und Beiſtandes mit der Kahnheit eines fruͤhern Bekannten auszudruͤcken. Lilias nahm die Maske ganz von ihrem hocherrothen⸗ den Geſicht.„Mr. Fairford,“ ſagte ſie mit faſt unhoͤr⸗ barer Stimme;„Ihr ſeyd ein junger Mann von Ver⸗ ſtand und Edelmuth, aber wir haben uns ſchon in einer Lage getroffen, die euch ſonderbar vorkommen mußte, und ich konnte nicht umhin, mich wegen meines vorſchnellen Unternehmens den Mißdeutungen blos zu ſtellen, da es eine Angelegenheit betraf, an der die Gegenſtande meiner theuerſten Neigung Theil haben.“ „Ein Antheil an meinem geliebten Freund, Darſie Latimer,“ ſagte Fairford, ein wenig zuruͤcktretend, und ſeine fruͤhere Annäherung merklich beſchraͤnkend, gibt mir ein doppeltes Recht, der———“ Er hielt inne. „Seiner Schweßer nüzlich zu werden, wolltet Ihr ſagen,“ erwiederte Lilias. „Seine Schweſter, Madame,“ erwiederte Fairford im außerſten Erſtgunen.—„Schweſter?! vermuth⸗ lich nur ſeiner Neigung nach.“. „Nein, Sir; mein thenrer Bruder Darſie und ich ſind durch die Bande der engſten Verwandtſchaft verbun⸗ den, und ich bin erfreut, dieß zuerſt dem Freunde mitzu⸗ theilen, den er qm meiſten ſchaͤzt.“ Fairfords erſter Gedanke war die heftige Leiden⸗ ſchaft, welche Darſie gegen die ſchoͤne Unbekannte ver⸗ rathen hatte.„Guter Gott!“ rief er aus,„wie hat er dieſe Entdeckung ertragen.“ Rit Ergebung, wie ich hoffe,“ ſugte Lilias lchelnd; 1¹9 zeine vollkommenere Schweſter hätte er wohl erhalten ⸗ aber nicht leicht eine gefunden, die ihn mehr iebt.“ „Ich meinte,— ich meinte nur——,“ ſagte der junge Advokat, der fuͤr einen Augenblick die Faſſung ver⸗ loren hatte;—„ich wollte nur fragen, wo Darſie Latimer in dieſem Augenblick iſt?“ „In dieſem Hauſe und unter der Aufſicht meines Oheims, dem ihr meines Wißens von einem Beſuche bei Eurem Vater her unter dem Namen Mr. Herries von Birrenswork kennt.“ „Laßt mich zu ihm eilen,“ ſagte Fairford;„ich habe ihn durch Schwierigkeiten und Gefahren geſucht, — ich muß ihn gugenblicklich ſehen.“ „Ihr vergeßt, daß Ihr ein Gefangener ſeyd,“ ſag⸗ te die junge Dame. „Wahr, wahr, aber ich kann nicht lange gefangen ge⸗ halten werden, der angefuͤhrte Grund iſt zu kächerlich.“ „Ach,“ ſagte Lilias,„unſer Schickſal,— meines Bruders und das meinige haͤngt von den Verathungen vielleicht einer kleinen Stundeab. Fur Euch, Sir, fuͤrchte ich nichts als einige Beſchraͤnkung Eurer Frei⸗ heit; mein Oheim iſt weder grauſam noch ungerecht, obgleich wenige in der einmal ergriffenen Sache ſo weit gehen werden.“ „Und das iſt die des Prätend——— X „Um Gottes Willen ſprecht leiſer!“ ſagte Lilias, die Hand nach ihm ausſtreckend, als wollte ſie ihn zuruckhal⸗ ten.„Das Wort kgnn Euch das Leben koſten. Ihr kennt in der That die Schrecken unſerer jetzigen Lage nicht, und Euch hat wohl nur die Freundſchaft für meinen Bruder hineingeführt.“ „Ich kenne allerdings die einzelne Umſtaͤnde unſerer Lage nicht,“ ſagte Fairford;„aber mag die Gefahr ſeyn, welche ſie will, ich werde den Antheil daran, den ich um meines Freundes willen nahm,(mich nicht gereuen laſ⸗ ſen,) oder um der Schweſter meines Freundes willen,“ 120 fugte er mit mehr Schuͤchternheit hinzu.„Laßt mich hoffen, meinetheure Miß Latimer,“ ſagte er,„daß meine Gegen⸗ wart Euchvoneinigem Nuzen ſeyn kann, und baß ſie dieß ſeyn könne, ſo laßt mich um einen Theil Eures Zutrau⸗ ens bitten, das ich ſonſt, wie ich wohl weiß, zu ver⸗ langen kein Recht habe.“ Er fuͤhrte ſie mit dieſen Worten nach der Vertiefung eines entlegenen Fenſters, und indem er ihrſagte, daß er unglucklicherweiſe ganz beſonders der Unterbrechung von dem tollen alten Manne, ausgeſezt ſey, deßen Eintritt ſie in Unruhe verſezt hatte, haͤngte er Darſie Latimers Reit⸗ kleid, was in dem Simmer zuruckgelaſſen worden mar, über die Lehne zweier Stuhle, und bildete ſo eine Artvon Schirm, hinter dem er ſich mit dem Gruͤnmantel verſteck⸗ te; er fühlte zugleich, daß die Gefahr, in der er ſich be⸗ fand, faſt aufgewogen wurde durch das Einverſtaͤndniß⸗ das ihm geſtattete, diejenigen Empfindun en wieder le⸗ bendig werden zu laſſen, welche er um ſeines Freundes willen in der Geburt erſtickt hatte. Das Verhältniß des Rathenden und Berathenen, des Schuzers und des Schüzlings iſt ſo beſonders geeignet für die gegenſeitige Lage des Maunes und des Weibes, daß man oft in kurzer Zeit groſfe Fortſchritte in der Ver⸗ traulichkeit macht, denn die Umſtanbe fordern Vertrauen von Seiten des Mannes, und verbieten Sproͤdigkeit bei den Damen, ſo daß die gewöhnlichen Hinderniße eines zwangloſen Verkehrs mit einemmale zufammenfallen. So weit als möglich gegen Beobachtung geſichert, in leiſem Geſpraͤche in einer Ecke ſizend kamen ſie ſo nahe zufammen, daß ihre Geſichter ſich faſt beruͤhrten; Fair⸗ ford horte nun von Lilias Redganntlet die Geſchichte ihrer Familie, namentlich ihres Oheims, ſeine Abſich⸗ ten mit ihrem Bruder, und die Angit, die ſe fühlte, Darſie möchte in dieſem Angenblick in ein verzweifeltes Internehmen verwikelt werden, das ſeinem Vermoͤgen, vielleicht ſeinem Leben Gefahr brächte. Alan Fairfords ſcharfer Verſtand verband ſogleich das, 124 was er hoͤrte, mit dem, wovon er in Fairladies Zeuge geweſen war. Sein erſter Gedanke war, auf jede Gefahr augenblickliche Flucht zu verſuchen, und ſich hinreichenden Beiſtand zu verſchaffen, um eine Verſchwörung von ſo entſchiedener Art in ber Geburtzu erſticken. Bieß betrach⸗ tete er nicht als ſchwierig, denn obgleich die Auſſenſeite der Thuͤre bewacht war, ſo war doch das Fenſter offen, und nicht uͤber 10 Fuß vom Voden entfernt der Plaz, auf den dieſes gieng, ohne Umzäunung und reichlich mit Genſt bedeckt. So glaubte er, wurde ſein Beſreiung leicht, und der Weg, den er dann zu nehmen hätte gedeckt ſeyn. Lilias machte Einwendungen gegen dieſen Plan. Ihr Oheim, ſagte ſie, ſey in leidenſchaftlichen Augenblicen ein Mann, der weder Gewißensbiße noch Furcht kenne. Er wäre fähig, an Darſie die Beleidigung zu rächen, die er ſeiner Meinung nach von Fairford empfangen haben würde. Er ſey auch ihr Anverwandter, und zwar kein liebloſer, und ſie muͤſſe jede Unternehmung, wenn auch zu ihres Bruders Gunſten, verbitten, wenn dadurch ſein Leben einer Gefahr ausgeſezt wurde. Fairford ſelbſt erinnerte ſich gn den Pater Buonaventura, und zweifelte gar nicht, daß er einer der Sohne des alten Ritters Stt. Georg ſey; mit Geſinnungen, die freilich ſeiner Pflicht als Staatsbuͤrger nicht entſprachen, aber ſchwerlich ſehr getadelt werden koͤnnen, ſchreckte er vor dem Gedanken zuruͤck, das Werkzeug zu ſeyn, wodurch der lezte Sproͤß⸗ hug einer langen Reihe ſchottiſcher Fuͤrſten ausgerottet werden ſollte. Dann dachte er daran, bei dieſer dem Untergang geweihten Perſon wo möglich eine Audienz zu erhalten, und ihm die völlige Hoffnungsloſigkeit ſeines Unternehmens auseinander zu ſezen, da wahrſcheinlich der Eifer ſeiner Anhaͤnger dieß vor ihm verborgen hatte. Er gab aber den Pan ſogleich wieder auf, ſo bald er ihn gefaßt hatte, denn er war überzengt, daß das Licht, das er auf den Zuſtand des Landes werſen könnte, zu ſpät kommen wuͤrde, um demjenigen zu dienen, von dem man ſchon waßte, daß er einen bedeutenden Antheil von 122 der erblichen Hartnaͤkigkeit habe, die ſeinen Vorſahren ſo theuer zu ſtehen gekommen war, und der, indem er das Schwerdt zog, die Scheide weggeworfen haben mußte. Lilias dagegen gab ihm den Rath, der unter den vyr⸗ liegenden Umſtaͤnden der paßendſte ſchien, ſie wollten ſich ihrer jezigen Lage fuͤgen, aber ſorgfältig darauf bedacht ſeyn, mit Darſie eine Verbindung zu eröffnen, ſo bald er einen Grad von Freiheit erhalte, in welchem Falle dann ihre gemeinſame Flucht ins Werk geſezt werden koͤnne, ohne daß irgend jemand dadurch in Gefahr kame. K Kaum hatten ſie dieſen Punkt in ihrer jugendlichen Berathung feſtgeſezt, als Fairford, der auf die leiſen, ſuͤßen, lispelnden Toͤne von Lilias Redgauntlet horchte⸗ die ein Anklag von fremdem Accent noch reizender mach⸗ te, durch eine derbe Hand, welche mit vollem Gewicht auf ſeine Schultern fiel, aufgeſchreckt wurde, während die mißtonende Stimme des Peter Peebles, der ſich end⸗ lich von dem wohlmeinenden Quaͤker losgemacht hatte, ſeinem nachlaͤßigen Advokaten ins Ohr ſchrie.—„Aha⸗ Vurſche, jezt ſeyd Ihr gefangen,— ihr ſeyd nun ein Kammeradvokat, wie ich ſehe, nicht wahr?— Und Ihr macht Proreßſchriften mit Klienten in Schleyern und und Hauben?— Aber wartet ein wenig, Burſche⸗ ſeht, wie ich mit Euch umgehe, wenn meine Bittſchriſt und Klage zur Verhandlung kommt, mit den ſchriftli⸗ chen Veweiſen, Ihr moͤgt nun Euch verantworten oder nicht.“ Es hatte Fairforden in ſeinem Leben nicht ſo viel Anſtrengung gekoſtet, die erſte Aufwallung zu unter⸗ druͤcken, und kaum enthielt er ſich, den alten Tölpel niederzuſchlagen, der ihn in einem ſolchen Augenblick unterbrochen hatte. Aber Peters lange Anrede gab ihm⸗ vielleicht zum Gluck für beide, Zeit, das vollig Un⸗ ziemliche eines ſolchen Verfahrens zu uberlegen. Er ſchwieg indeß, troz ſeiner innern Ungeduld, während Peter fortfuhr: 5 Ri Se 123 „Gut, meinartiger Herr, in ſehe, Ihr ſchämt Euch nnn ſelbſt, und das iſt nun kein Wunder. Ihr muͤßt dieſe Konigin aufgeben, das iſt keine Geſelſchaft für Euch. Ich habe den ehrlichen Mr. Peſt ſagen hoͤren, das Advokatenkleid ſtimme ſchlecht mit dem Weiberrock zuſammen. Aber kommt mit nach Hauſe zu Eurem armen Vater; ich will auf dem ganzen Wege für Euch ſorgen, Euch Geſellſchaft leiſten, und von nichts wol⸗ len wir ſprechen, als von dem groſſen Proceß des ar⸗ men Peebles gegen Plainſtanes.“ „Wenn du es gushalten kannſt, Freund,“ ſagte der Duäker,„ſo viel von dem Proceß zu hoͤren, als ich bereits aus reinem Mitleiden mit Dir gehoͤrt habe, ſo denke ich, mußt du bald guf den Grund der Sa⸗ che kommen, wenn ſie nicht poͤllig grund⸗ und bo⸗ denlos iſt.“ Farrford ſchuttelte ziemlich unwillig die große kno⸗ cherne Hand ab, welche Peebles auf ſeine Schultern gelegt hatte, und töar im Begriff, ſich etwas unſanft uͤber die unverſchämte Art der Unterbrechung zu aͤnßern, als die Thuͤre ſich offnete, und eine ſchwache Srimme zur Wache ſagte:„ich ſage Euch, ich muß hinein, ich muß ſehen, ob Mr. Niron hier iſt;“ und der kleine Benjie ſtreckte ſeinen ſchiefgedrickten Kopf und ſeine ſchwarzen Luchsaugen herein. Ehe er ſich aber wieder zurückziehen konnte, ſprang Peter Peebles an die Thüre, ergriff den Knaben beim Kragen, und zog ihn herein ins Simmer. „Laß mich ſehen,“ ſagte er,„dn nichtsnuziger Sa⸗ tansbraten;— ich will dich lehren, deine Auftraͤge ausrichten.— Ich will gleich die erſte und zweite Vor⸗ ladung vollſtrecken gegen dich, du Teufelsjunge!“ „Was willſt du denn?““ ſagte der Quäker; warum erſchreckſt du den Knaben ſo, Freund Peebles?“ „Ich habe dem Baſtard einen Pfennig gegeben, mir Taback zu kaufen,“ ſagte der arme Tropf,„und er 124 hat mir nicht Rechnung abgelegt von ſeinem Auftra⸗ ge; ich wills ihm eintränken.“ Mit dieſen Worten fieng er auch an, gewaltſam die Taſchen von Benjies zerrißener Jacke auszuleeren, und brachte ein Paar Vogelſchlingen heraus, Spiel⸗ kugeln, einen angebißenen Apfel, zwei geſtohlene Eier, von deren Peter in der Eile des Suchens eines zer⸗ brach, und verſchiedene andere Kleinigkeiten, die nicht auf die rechtlichſte Art hineingekommen zu ſeyn ſchie⸗ nen. Der kleine Schurke biß und ſchlug unter dieſer Dperation, wie ein junger Fuchs, ließ aber, wie ſol⸗ ches Ungeziefer, weder Schrei noch Klage von ſich hoͤ⸗ ren, bis ein Papierchen, das Peter ihm aus dem Bu⸗ en zog, bis zu Lilias hinflog, und zu ihren Fuͤßen nie⸗ erfiel. Es war an C. N. gerichtet. „Das iſt fuͤr den Schurken Nixon,“ ſagte ſie zu Alan Fairford.„Heffnet es ohne Bedenken, der Bu⸗ be iſt ſein Helfershelfer, wir wollen doch ſehen, was der Schuft im Schilde füͤhrt.“ Der kieine Benjie gab allen ferneren Widerſtand auf, und ließ ſich von Peter einen Schilling nehmen, von dem ſich dieſer, wie er ſagte, wegen Capital und Zinſen be⸗ zahlt machen wollte. Der Bube, deßen Aufmerkſamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet ſchien, ſagte nur: Mr. Niron wird mich umbringen.“ Alan Fairford trug kein Bedenken, den Zettel zu leſen, auf welchem nur die Worte ſtanden: Alles iſt vorbereitet; haltet ſie nur hin, bis ich komme. Ihr koͤnnt auf Eure Belohnung rechnen. C. C. „Ach, mein Oheim, mein armer Oheim,“ ſagte Liliass;„das iſt die Folge ſeines Vertrguens. Wir müßen ihm von der Verrätherey ſeines Vertrauten ſo⸗ gleich Nachricht geben. Das iſt der beſte Dienſt, den wir allen leiſten koͤnnen. Geben ſie ihr Unternehmen auf, wie ſie jezt muſſen, ſo iſt Darſie frei.“ In einem Athem ſtanden beide an der halb offenen Thuͤre; eifrig verlangte Fairford mit Pater Buonaven⸗ 125 tura zu ſprechen, Lilias nicht minder heftig eine ganz kurze Unterredung mit ihrem Oheim. Während die Schildwache ungewiß war, was ſie thun ſollte, wurde ihre Aufmerkſamkeit auf ein lautes Geraͤuſch an der Thüre gezogen, wo eine groſſe Menge Menſchen ſich verſammelt hatte, in Folge des ſchreckbaren Geſchreys, daß der Feind nahe ſey. Einige Herumſtreicher hat⸗ ten endlich Nantys und Nixons Leichname aufgefun⸗ den, und dieß hatte den Auflauf veranlaßt. In dieſer Verwirrung gab die Schildwache nicht mehr Achtung; Lilias nahm Alan Fairfords Arm, und ſie kamen unaufgehalten in das innere Zimmer, wo die Hauptperſonen des Uuteruehmens, deren Verhand⸗ lungen durch dieſen beunruhigenden Vorfall geſtört wa⸗ ren, in groſſer Beſtürzung ſich befanden; der Chepa⸗ lier war nun gleichfalls zu ihnen gekommen. „Bloß ein Aufſtand unter dieſem Schmugglergeſin⸗ del,“ ſagte Redgauntlet. „Bloß ein Aufſtand, ſast Ihr,“ erwiederte Sir Richard Glendale;„und der Lügger, die lezte Hoff⸗ nung des Entkommens fuͤr—“ hier blickte er auf Karln,——„ſchwebt dort mit vollen Segeln auf dem Meere!“ „Macht Euch meinetwegen keine Sorge,“ ſagte der unglückliche Fürſt;„ich war ſchon in ſchlimmern Lagen⸗ wäre ſie aber auch die ſchlimmſte, ich fürchte ſie nicht. Sorgt fuͤr Euch ſelbſt, meine Lords und Herren.“ „Nein, niemals,“ ſagte der junge Lord——; unſere einzige Hoffnung beruht jezt auf einem ehren⸗ vollen Widerſtande.“ So recht! ſagte Redgauntlet. Laßt Verzweiflung die Einigkeit unter uns herſtellen, die ein Zufall ſtoͤr⸗ te. Ich rathe nun, ſogleich das koͤnigliche Banner aufzupflanzen, und— Was iſt denn das?“ fragte er finſter, als Lilias, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erre⸗ gen, ihn am Kleide zupfte, den Zettel in ſeine Hand 126 8ob, und hinzufuͤgte, er ſey fuͤr Nixon beſtimmt geweſen. Redgauntlet las, ließ es fallen, ſtarrte auf die Stelle hin, wo es lag, und hob Häͤnde und Augen gen Himmel. Sir Richard Glendale hob das ungluͤck⸗ liche Papier auf, las es und ſagte:„Nun iſt alles vorbei!“ er uͤbergab es Marwell, welcher laut ausriefz „der ſchwarze Colin Campbell, ſo wahr Gott lebt! Ich hoͤrte, er ſey in der lezten Nacht mit Poſt von London gekommen.“ Gleichſam als Echo zu ſeinen Gedanken, hörte man die Geige des alten Blinden, der mit vielem Ausdruck einen Clan-Marſch ſpielte. „In der That, die Campbells ruͤcken an,“ ſagte Mac Kellar;„ſie kommen uͤber uns mit dem ganzen Bataillon von Carlisle.“ Ein muthloſes Schweigen herrſchte, und zwei oder drei von der Geſellſchaft begannen, ſich hinweg zu⸗ ſchleichen. Mit dem edlen Geiſt eines jungen engliſchen Edel⸗ manns rief Lord—: Wenn wir Narren geweſen ſind, wollen wir wenigſtens keine Feiglinge ſeyn. Wir ha⸗ ben einen unter uns, der mehr werth iſt, als wir alle, und auf unſere Burgſchaft hieher kam,— laßt uns ihn wenigſtens retten.“ „Recht, ganz recht,“ antwortete Sir Richard Glen⸗ dale.„Laßt uns zuerſt fuͤr den Koͤnig ſorgen.“ „Das ſoll mein Geſchaͤft ſeyn,“ ſagte Redgauntlet; „wenn wir nur Zeit haben, die Brigg zuruͤckzubringen⸗ ſo iſt alles gut; ich will ſogleich Lente in einem Schif⸗ ferbvot abſchicken.“ Er gab Befehle an einige der un⸗ ternehmendſten in ſeinem Gefolge.—„Laßt ihn nur einmal an Vord ſeyn,“ ſagte er,„unſerer ſind genug, mit den Waſſen in der Hand Widerſtand zu leiſten, und ſeinen Ruͤckzug zu decken.“ „Gut, gut!“ ſagte Sir Richard,„und ich werde die Punkte ausſuchen, die ſich vertheidigen laßen; die 127 alten Pulververgchwoͤrer ſollen keinen verzweifeltern Wiberſtand geleiſtet haben, als wir.— Redgauntlet, fuhr er fort, ich ſehe, einige unſerer Freunde ſind bleich, aber Euer Neffe ſcheint jezt mehr Feuer in den Augen zu haben, als wo wir uns kalt beſprachen, und die Gofahr noch ferne war.“ „Das iſt die Art unſeres Hauſes,“ antwortete Redgauntlet;„unſer Muth flammt am hoͤchſten, wenn Verluſt droht. Ich fühle uber dieß, daß ich die Ka⸗ taſtrophe, die ich herbeigefuͤhrt habe, nicht uͤberleben darf. Laßt mich nur erſt,“ hier wandte er ſich an Karln,„Euer Majeſtat geheiligte Perſon ſo ſicher wiſ⸗ ſen, als dieß jezt möglich iſt, dann—— „Spart Euch alle Ueberlegung meinetwegen, Ihr Herrn,“ ſagte Karl abermals;„der Criffelberg dort wird eher fliehen, als ich.“ Die meiſten warfen ſich mit Thraͤnen und Flehen zu ſeinen Füßen; einige ſchliechen ſich in der Verwir⸗ rung aus dem Zimmer, und man hoͤrte ſie davon rei⸗ ten. Uebemerkt bei dieſem Auftritt hatten Darſie, ſei⸗ ne Schweſter und Redgauntlet einander bei den Hän⸗ den gefaßt, wie Menſchen, die bei der Gefahr eines Schiffbruchs entſchloſſen ſind, miteinander zu leben oder zu ſterben.“ Mitten unter hieſer verwirrten Scene war ein Mann in einfachem Reitkleide, eine ſchwarze Kokarde auf dem 2 Hut, und nur mit einem Hirſchfaͤnger bewaffnet, ohne alle Umſtände ins Zimmer getreten. Er war groß, häger und ſein Ansſehen wie ſein Benehmen augen⸗ ſcheinlich militäriſch. Er war unaufaehalten durch die Wachen hereingekommen, und ſtand nun faſt unbewaff⸗ net unter Bewaffneten, die nichts deſto weniger auf ihn, wie auf den Engel der Zerſtoͤrung blickten. Ihr ſeht mich ſo kalt an, Ihr Herren,“ ſagte er, „Sir Richard Glendale,— Mylord——, wir ſind in ſonſt einander nicht ſo fremd. Ha, Pate— in— Peril, wie ſtehts mit Euch? und zuch Ihr, Ingolds⸗ 128 by— ich kann Euch bei keinem andern Namen nen⸗ nen— warum empfaͤngt Ihr einen alten Freund ſo Jalt? Aber Ihr werdet meine Botſchaft vermuthen.“ „und ſind darauf vorbereitet, General,“ ſagte Redgauntlet;„wir ſind die Männer nicht, die ſich gleich Schaafen zur Schlachtbank ſchleppen laßen.“ „Pah! Ihr nehmt das viel zu eriſthat⸗ laßt mich nur ein Wort mit Euch ſprechen.“ „Keine Worte,“ ſagte Redgauntlet,„koͤnnen un⸗ ſern Vorſaz erſchuͤttern, und ſtaͤnde auch Euer gan⸗ zes Kommando ums Haus her, wie ich faſt ver⸗ muthe.“ „Ich bin in der That nicht ohne Unterſtüzung⸗ ſagte der General;„aber wenn Ihr mich hoͤren wollt—“ „Hoͤrt mich,“ ſagte der Reiſende⸗ und ſchritt vor⸗ waͤrts; ich bin wahrſcheinlich das Ziel, das Ihr im Auge habt; ich ergebe mich freiwillig, um die Herrn aus der Gefahr zu retten, laßt Euch daran genugen zu ihrem Beſten.“ Ein Ausruf„nimmer, nimmer! erhob ſich aus dem ileinen Kreis der Anhänger, die ſich um den un⸗ gluͤcklichen Fürſten draͤngten, und Campbell ergriſſen oder niedergeſchlagen hatten, ware er nicht mit ver⸗ ſchränkten Armen ſtehen geblieben, und hatte ſein Blick nicht mehr ungeduld, weil ſie nicht auf ihn bö⸗ ren wollten, als die mindeſte Furcht vor Gewaltthaͤ⸗ tigkeit von ihren Händen verrathen. Endlich wurde es einen Augenblick ſtill. Ich kenne,“ fagte er,„dieſen Herrn nicht, Gier machte er gezen den unglücklichen Fürſten eine tiefe Verbeugung) ich wuͤnſche auch nicht, ihn kennen zu lernen, die Vekanntſchaft wurde fuͤr keinen von uns beiden paſſen.“ „Unſere Vorfahren haben ſich doch wohl gekaunt,⸗ ſagte Karl, unfahig, ſelbſt in dieſem Augenblick der drohenden Gefahr die ſchmerzliche Erinnerung gn die verlorene Koͤnigswurde zu unterdruͤcken⸗ —— 1²9 „Mit einem Worte, General Camvell,“ ſagte Redgauntlet;„bringt Ihr Frieden oder Krieg?— Ihr ſeyd ein Mann von Ehre, und wir konnen Euch trauen.“ „Ich danke Euch, Sir,“ ſagte der General;„die Antwort auf dieſe Frage ſteht bei Euch, Ihr Herrn. Kemmt, ſeyd nicht thöricht; es war vielleicht nicht ſo ſchlimm mit Eurer Verſammlung in dieſem unbekann⸗ ten Winkel; eine Bärenhaͤze, ein Hahnengefecht oder ſonſt eine Beluſtigung moͤchtet Ihr beabſichtigt haben, aber ſo wie Ihr mit der Regierung ſteht, war es ein wenig unklug, und hat Beſorgniß veranlaßt. neber⸗ triebene Nachrichten von Eurem ünternehmen wurden der Regiernng vorgelegt durch einen Verraͤther in Eu⸗ rer eigenen Mitte, und ich wurde mit der Poſt abge⸗ ſendet, um den Befehl uͤber eine hinlängliche Trüp⸗ penzahl zu übernehmen, falls dieſe Verlaäͤumdungen Grund haben ſollten. Ich bin daher hier, hinreichend von Cavallerie und Infanterie unterſtuͤzt, um nach Befinden der Umſtaͤnde zu handeln, aber mein Befeht iſt— und das ſtimmt mit meiner Neigung ſehr über⸗ ein, keine Verhaſtung, ſogar keine weitere Nach⸗ forſchungen vorzunehmen, wenn dieſe gute Vers ſammlung ihr eigenes Beſte betrachten, ihr Vor⸗ haben aufgeben, und ruhig nach Hauſe gehen will.“ „Was!— alle?“— rief Sir Richard Glendale, „alle, ohne Ausnahme?“ „Alle, ohne eine einzige Ansnahme,“ ſagte der General,„ſo find meine Vefehle; nehmt Ihr meine Vedingungen an, ſp erklaͤrt Euch und eilt; es moͤch⸗ ten Dinge eintreten, die Sr. Majeſtaͤt gütige Geſin⸗ nungen gegen Euch alle ſtören koͤnnten.“ „Sr. Majeſtät gütige Geſinnungen!“ ſagte der Reiſende.„Habe ich recht gehört, Sir?“ „Ich wiederhole des Koͤntgs eigene Worte,“ erwie⸗ derte der General.„Ich will, figten Sr. Majeſtät, das Vertrauen meiner Unterthanen verblenen, iudem W. Stott's Werke, XIX. 9 150 ich meine Sicherheit auf die Treue der Millionen baue, die mein Recht anerkennen,— und auf den Verſtand und die Klugheit der wenigen, welche aus Irrthuͤmern der Erziehung fortfahren, es zu laͤugnen. Sr. Majeſtät will fogar nicht glauben, daß die eifrig⸗ ſten Jsiobiten, die noch ubrig ſind, den Gedanken nähren, einen bürgerlichen Krieg zu ernaͤhren, der ihnen und ihren Familien Unheil bringen muß, außer⸗ dem daß er Mord und Verheerung uͤber ein friedli⸗ ches Land verbreitet. Er kann auch von ſeinem Ver⸗ wandten nicht glauben daß er tapfere und edle, wenn gleich im Irrthum befindliche Maͤnner zu einer Un⸗ ternehmung auffordern werde, welche alle zu Grunde richten muß, die den frühern Unfaͤllen entgiengen; und er iſt überzeugt, daß derſelbe, wenn auch Neh⸗ ierde oder irgend ein anderer Beweggrund ihn in ieſes Land fuͤhrte, bald einſehen werde, daß es das kluͤgſte ſeyh wuͤnde, auf den Continent zuruͤckzukehren⸗ und Sr. Mgleſtät bedauert ſeine Lage allzufehr, um ihm darin ein Hinderniß in den Weg zu legen.“ „Iſt dieß wirklich wahr,“ ſagte Redgauntlet.„Iſt dieß Eure Abſicht?— Habe ich, haben alle dieſe Herrn, oder nur einige, die Freiheit uns ohne Stoͤrung ein⸗ uſchiſſen auf jener Brigg, welche, wie ich ſehe, ſich em üfer wieder nähert?“ „Ihr, Sir, ſo wie glie dieſe Herren hier,“ ſagte der Genralz„alle, die das Schiff faſſen kann, haben die Freiheit, ſich vhle Stoͤrung von meiner Seite ein⸗ zuſchiffen; aber ich rathe keinem fortzugehen, der nicht gewichtige Gründe hat, die mit dieſer Zuſammenkunft hier nicht in Verbindung ſtehen, denn dieſer wird ge⸗ gen keinen weiter gedacht werden.“ „Nun, meine Herren,“ ſagte Redgauntlet, indem er die Haͤnde zuſammenſchlnz,„nun iſt die Sache auf immer verkoreh.“ General Eampbell wandte ſich ans Fenſter, als volle er ihre Unterredung nicht hoͤren. Ihre Bera⸗ 131 thung dauerte nur einen Augenblick, denn die Gelegenheit zur Flucht, die ſich ihnen bot, war ſo unerwartet, als die Umſtände dringend waren. „Wir haben Euer Ehrenwort, daß wir nichts zu fürchten ha⸗ ben,“ ſagte Sir Richard Glendale,„wenn wir unſere Verſamm⸗ lung in Folge Eurer Befehle auſtöſen.“ „Ja, Sir Richard,“ antwortete der General. zUnd ich habe Euer Verſprechen,“ ſagte Redgauntlet,„daß ſch an Vord jenes Schiſſs dort gehen kann mit einem Freund, den ich nach Gefallen zu meiner Begleitung wähle?“ „Nicht nur das, Mr. Ingoldsbh, oder ich will Euch noch ein⸗ mal Redgauntlet nennen; Ihr könnt ſogar bis zu einer andern Fluth in der Vucht bleiben, bis eine Perſon zu Euch gekrmmen iſt, die zu Falrladies ſeyn mag. Rachher wird eine Kriegsflödg ſich hier aufſiellen, und Eure Lage könnte dann gefährlich werden.“ „Gefährlich nicht, General Campbell; oder gefährlicher für an⸗ ere, als für uns, wenn andere dächten, wie ich in dieſer verzwei⸗ felten Lage noch.“ „Ihr vergeßt Euch ſelbſt, mein Freund,“ ſagte der unglückliche Abentheurer,„Ihr vergeßt, daß die Ankunſt dleſes Herrn nur den Schlußſtein zu unſerem längſt gefaßten Entſchluße fügt, unſer Stiergeſecht(außzugeben,) oder wie man ſonſt unſer unbeſonnenes Uuternehmen neunen wiit. Ich ſage Euch Lebewohl, Ihr unfteund⸗ lichen Freunde,— ich ſage Euch Lebewohl(ſich gegen den Generat verbeugend) mein freundlicher Feind; ich verlaſſe dieß Ufer, wie ich es betrat, allein, und unm nie zurückzukchren.“ „Nicht allein,“ ſagte Redgauntlet,„ſo lange noch ein Bluts⸗ tvopfeu in meinen Adern fließt.“ NRicht allein,“ ſagten die andern anweſenden Edelleute, von Geſühlen durchdrungen, welche faſt die beſſern Gründe überwäl⸗ tigten, nach denen ſie gehandelt hatten.„Wir wollen unſere Grundſätze nicht auſgeben, noch Eure Perſon in Gefahr ſehen.“ „Wenn es nur Eure Abſicht iſt, den Berrn bis an die Bucht zu geleiten,“ ſagte General Gampbell,„ſo gehe ich ſelbſt mit Euch. Meine Gegenwart unter Euch, ohne alle Waffen und in Eurer Gewalt, kann Euch ein Pfand meiner freundlichen Abſichten ſeyn⸗ und wird zugleich jeder Störung vorbeugen, die von Leuten ine Dienſt herrühren könnte.“ S6. „Es ſey ſo,“ ſagte der Abentheurer mit dem Tone des Fürſten gegen einen linterthanen, nicht mit dem eines Menſchen, der em Verlangen eines übermächtigen Feindes nchgibt. Sie verließen das Zimmer, und das Haus; ein unbeſtimmter Schrecken hatte ſich bereits unter den gerigen Anhängern verbrei⸗ Let, die kurz vorher ſich um das Baus und Eingang gedr igt hat⸗ ten, Eine Nachricht, deren Urſprung ſich nicht angeben ließ, hat⸗ de ſich verbreitet, es zögen Truppen in bedeutender Anzahl heran, und diejenigen Leute, weſche aus irgend einem Grunde den Arm der Gewalt fürchteten, hatten ſich in Stäile und Winfel verkro⸗ . 9 S„„ 132 chen, oder waren ganz entſlshen. Niemand war hier, außer die kieine Geſellſchaft, die ſich jetzt gegen den Steindamm in Marſch ſeßte, wo den frühern Vefehlen Redgauntlets zu Folge, ein by⸗ manntes Boot lag. Der letzte Erbe der Stuarts ſtützte ſich auf dem Gange zur PVucht auf Redgauntlets Arm, denn der Boden war uneben, und er beſaß die körperliche und geiſiige Schnellkraſt nicht mehr, welche ihn 20 Jahre früher üher manchen Pügel im Bochland, leicht wie das flüchtige Reh geführt hatte. Seine Anhänger folgten mit geſenkten Blicken, und ihre Gefühle kämpften mit den Ausſprü⸗ chen der Vernunſt. General Campbell begleitete ſie mit anſcheinender Gleichgültig⸗ keit und Unbefangenheit, beobachtete jedoch, und zweifelsohne mit etwas Aengſtlichkeit die wechſelnden Geſichtszüge derer, welche bei dieſer außerordentlichen Scene handelten. Darſie und ſeine Schweſter folgten natürlicherweiſe ihrem Oheim, deſſen Gewaltthätigkeit ſie nicht mehr fürchteten, da ſein Charakter ihnen Ehrfurcht einflößte, und Alan Fairford begleitete ſie aud In⸗ tereſſe an ihrem Schickſal, ohne daß man ihn in dieſer Geſellſchaſt bemertte, wo alle zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken und Gefüh⸗ len beſchäftigt waren, ſo wie mit dem bevorſtehenden Augenblicke der Entſcheidung, als daß ſie ſeine Gegenwart bemerkt hätten. Auf dem halben Wege zwiſchen dem Pauſe und der Bucht ſa⸗ hen ſie die Leichname Nanty Ewarts und Chriſtal Rixons, ſchwär⸗ zend in der Sonne. Das war Euer Berichterſtatter?“ fragte Redgauntlet, und ſah auf General Campbell zurück, der ihm nur durch ein bejahendes Ricken antwortete. „Nichtswürdiger Schurke!“ ſagte Redgauntlet,„und doch ver⸗ dient der Rarr, der ſich durch Dich verführen ließ, noch mehr die⸗ ſen Namen.“ „Dieſer kräftige Schwertſtreich hat uns die Schande erſpart⸗ einen Verräther zu belohnen.“ Sie kamen am Drte der Einſchiffung an; der Fürſt ſtand ei⸗ nen Augenblick mit verſchränkten Armen, und blickte in tieſem Schweigen um ſich her. Ein Zettel wurde ihm in die Band ge⸗ Keckt, er blickte darauf hin, und ſagte: ℳich erſahre ſo eben, kaß meine zwey in Fairladies zurückgelaßenen Freunde meine Beſtin⸗ znung kennen, und ſich zu Boworß eiuſchiſſen wollen. Ich hoffe, Bruch der Bedingungen ſeyn, nach denen Ihr ge⸗ handelt bt.“ „Gewiß nicht,“ ſagte General Campbelt;„ſie ſollen volle Frei⸗ Heit haben, ſich mit Cuch zu vereinigen.“ „Ich wünſche nun,“ ſagte Karl,„daß mich noch jemand beslei⸗ te.— Redgauntlet, die Luſt dieſes Landes iſt Euch ſo feindlich, als mir. Dieſe Berrn haben ihren Frieden geſchloſſen, oder vielmeh nichts gethan, ihn zu brechen. Ihr aber, kommt, und theilt met⸗ au Beimath, wo ſie der Zuſall mir guweißt. Wir werden dieſe 135 Küſien nie wieder ſehrn, aber wir wollen von ihnen, und unſerent verunglückten Stiergeſecht ſprechen.“ „Ich folge Euch, Sire, durchs Leben,“ agte Redgauntlet,„wie 1 Euch in den Tod geſolgt wäre. Crlaubt mit nur einen Augen⸗ blick.“ Der Fürſt ſah im Kreiſe umher, und als er die dem Boden zu⸗ gewandten Geſichter ſeiner andern Anhänger erblickte, eilte er ih⸗ nen zu ſagen:„Glaubt nicht, meine Herrn, daß ich Euch Beniger verbunden bin, weil Euer Eifer mit Vorſicht gemiſcht war, der Ihr gewiß mehr meinetwegen und Eurem Paterlande zu Licbe Seh gegeben habt, als aus ſelbſiſüchtigen Befürchtungen.“ Er gieng nun von einem zum andern, und unter Schluchzen und hervorbrechenden Thränen empfieng er das Lebewohl der Letz⸗ ten, die ſeine luſtigen Anſprüche noch unterſtüzt hatten, und ſprach mit jedem Einzelnen in zärtlichem und liebreichem Tone. Währenb dieſer Scene hielt ſich der General ein wenig abſeits, und gab Redgauntlet ein Zeichen, daß er mit ihm zu ſprechen wün⸗ ſche.„Es iſt nun alles vorüber,“ ſagte er,„und der Rame eines Jakobiten wird nicht länger ein Partheiname ſenn. Wenn Iyr des Lebens in fremden Ländern müde ſeyd, und Euren Frieden zu machen wünſcht, ſo laßt michs wiſſen. Cuer raſiloſer Eifer allein iſt bisher Eurer Verzelhung im Wege geſtanden.“ „Und nun bedarf ich derſelben nicht mehr,“ agte Redgauntlet. —„Ich verlaſſe Eugland für immer, allein es wäre mir nicht unangenehm, wenn Ihr den Abſchied von den Meinigen mit an⸗ hört.— Neffe, komme zu mir. In Gegenwart des General Gamp⸗ Bell ſage ich Dir, daß ich mich jetzt darüber freue, daß mein vicle Jahre lang gehegter Wunſch, Dich in meinen politiſchen Meinun⸗ gen zu erziehen, ulcht erfült wurde. Du trittſt in den Dienſt des reglerenden Monarchen, ohne daß Du nöthig haſt, den Eid der Treue zu wechſeln,— cin Wechſel,“ ſette er hinzu, indem er um Kreiſe umherblickte, welcher auch renwerthen Männern leichter wird, als ich dachte; einige aber tragen das Zeichen der Treue auf dem Rocke, andere im Perzen„Du wirſt oon uun au in den un⸗ beſchräukten Beſitz aller der Güter treten, deren die Acht Deinen Vater nicht verauben konnte,— alles deſſen was ihm gehörte,— Wögenommen dieſes gute Schwert,(ſeine Hand an die Waſſe le⸗ gend, die er trug) das nie für das Baus Pannover fechten ſol und de melne Pand nie ein Schwert mehr ziehen wird, ſo wili ic es tlef, tief ins Meer verſenken.— Gott ſegne Dich, junger Mann. Wenn'ich hart mit Dir verfahren bin, vergieb mir. Ich hatte alle meine Wünſche auf dieſen einzigen Punkt gerichtet,— Gott weiß⸗ mit keinen eigennützigen Abſichten; und ich bin durch den endlichen Ausgang meiner Pane genug daſür geſiraft, daß ich in der Wahl der Mittel zu wenig bedenklich war.— Lobe wohl auch Du, liehe Nichte, und Gott ſegne Dich!“ „Nein, Sir,“ fagte Blias, und ergriff lebhaſt ſeine Fand. „Ihr ſeyd bisher mein Beſchützer geweſen, und ſehd jetzt im Kum⸗ 134 mer; laßt mich Euch in Eure Verbannung behleiten und tröſien.“ „Ich danke Dir, mein Mädchen, ſür Beine unvordlente Liebe; aber es kann und darf nicht ſeyn. Der Vorhang fällt zwiſchen uns nieder. Ich gehe in das Haus eines andern.— Wenn ich es ver? laſſe, ehe ich von der Erde ſcheide, geſchteht es nur, um es mit dem Bauſe Gottes zu vertauſchen. Roch einmal, lebt wohl beide! — das unglückliche Schickſat,“ ſagte er mit einem wehmüthigen Lächeln,„wird doch nun von dem Hauſe Redgauntlet weichen, da ſein jetziges Paupt auf der gewinnenden Seite ſieht. Ich bin überzeugt, dr wird nicht wechſeln, ſollte ſie auch die verlierende werden.“ er unglückliche Karl Eduard hatte nun ſeinen gebeugten An⸗ hängern das letzte Lebewohl geſagt. Er gab nun dem Redgauntlet ein Zeichen mit der Band, und dieſer kam herbei, um ihm ins Schiff zu helfen. Gensral Gampbell vot ebenfalls ſeine Dienſte an, da die anderen von der Seene zu ſehr ergriffen waren, um ihm zu⸗ vor zu kommen. „Ihr tragt kein Vedenken, General, mir dieſe letzte Artigkeit zu beweiſen,“ ſagte der Chevalier,„und ich danke Euch dafür. Ihr habt mich den Grundſatz gelehrt, nach welchem Menſchen auf dem Lebt wohl!“ Sie ſetzten ſich im Boote, welches augenblicklich vom Lande ſtieß. er Orforder Theologe brach in laute Segnungen aus, in Ausdrücken, welche zu tadeln oder ihrer ſpäter zu gedenken, Gene⸗ ral Campbell zu edelmüthig war; ja, ſo ſehr er dem Namen eines Whigs und Campells Ehte machte, ſoll er doch ſich nicht haben enthalten können, in das allgemeine Amen, welches vom Uſes er⸗ ſchallte, mit einzuſtimmen. afſot ſelbſt gegen ihren Penker Vergebung und Liebe fühlen.—“ de Willie 135 Schluß von Doktor Duͤrrwieſtaub in einem Briefe an den Verfaſſer des Waverley. Es thut mir in der That leid, mein würdiger und geehrter Herr, daß ich troz der ſorgſamſten Nachforſchungen in Briefen, Tagebü⸗ chern, oder ſonſtigen Denkwürdigkeiten nicht im Stanse war, mehr von der Geſchichte der Familie Redgauntlet zu entdecken, als ich bis jezt überſandt habe. Aber ich finde in einem alten Zeitungs⸗ blatte, genannt Whitehallgazette, von der ich glücklicher Weiſe ei⸗ nige Jahrgänge beſitze, daß Sir Arthur Darſie Redgauntlet Sr. leztverſtordenen Majeſtät bei einer Spur von General Gampbell vorgeſtellt worden ſey. Ueber dieſen Vorſall macht der Berausge⸗ ver in Form eines Commentars die Bemerkung, daß wir mit vol⸗ len Segeln in das Intereſſe des Prätendenten hinein ſteuerten, da ein Schotte einen Jakobiten bei Bof vorgeſtellt habe. Da die Poſt⸗ freiheit nur auf Brieſe geht, die eine Unze wägen, ſö habe ich kei⸗ nen Raum für ſeine weitere Bemerkungen, welche die Abſicht ha⸗ ben zu zeigen, daß viele wohlunterrichtete Perſonen jener Zeit be⸗ fürchteten, der junge König möchte ſelbſt zur Parthei der Stuarts übertreten;— eine Kataſtrophe, vor der indeß der Bimmel dieſe Königreiche bewahrt hat. Aus einem Ehekontrakt in den Familien⸗Archiven erſehe ich ebenfalls, daß Miß Lilias Redgauntlet ungefähr 18 Monate nach den von ihnen erwähnten Vorfällen mit Rlan Fairford, Cöquire Advokat, von Clinkdollar, ſich vermählt habe, welcher wie wir, glaube ich, nicht ohne Grund ſchlieſſen können, der nehmliche iſt, deßen Rame in Ihrer Erzählung ſo oft vorkommt. Auf meinem lez⸗ ten Ausflug nach Edinburgh war ich ſo glucklich, einen alten Ge⸗ richtsſchreiber zu entdecken, von dem ich mit Pülſe einer Flaſche Whiöky und eines halben Pfundts Taback die wichtige Nachricht her⸗ ausbrachte, daß er den Peter Peebles gekannt, und manches Gläs⸗ chen zur Zeit des alten Gerichtſchreivers Frnſer mit ihm ausgetrun⸗ ken habe. Er ſagte, derſelbe hätte noch zehn Jahre nach König Georgs Thronbeſteigung gelebt, ſey in ſteter Erwartung, ſeinen Proreß zu gewinnen, ſeden Tag und zu jeder Sizungszeit geweſen, und endlich todt niedergefallen in einem Anſall von perplenité, wie mein Berichterſtatter ſich ausdrückte, als man ihm in der Porhalle einen Vergleichsvorſchlag machte. Ich habe meines Be⸗ vchterſtatters Auszuß beibehalten, da ich nicht im Stunde bin, ge⸗ nau zu beſtimmen, öb das Wort verdorben iſt aus Apoplexie, wie mein Freund Mr. Oldbuck vermuthet, oder der Name einer beſon⸗ dern Krankheit, die denjenigen zuſtößt, welche in Gexichtshöſen zu thun haben, wie manche Be rten und Levensverhältniſſe der Menſchen, ihre eigenen Krankheiten haven. Derſelbe Gerichtsſchrei⸗ ber erinnerte ſich auch des blinden ie Stevenſon, der genanut, der ſeine T zufrieden im Hauſe des S thur Darſie Radgauntlet ſchloß. Er hatte der Familie manchen guten Dienſt geleiſtet, wie er ſagte, beſonders als ein Edelmann 22 136 5 aus der Graſſchaſt Arayle herunter kam gegen die, welche den„al⸗ ten Sauerteig“ noch im Petzen hatten, die er alle gefangen gen men, und ohne weiteres geyängt oder geköpft hätte. Aber Willie und einer ſeiner Freunde, genannt Robert, der Wanderer, hatten die Melodien angeſtummt, wie die„die Campbells kommen heran“ und dgl., wodurch ſie zeitige Warnung erhielten, um zu entfliehen⸗ Ich habe nicht nöthig, mein würdiger Berr, Ihrem Scharfſinn anzu⸗ deuten, daß ſich dieß äuf eine ungenaue Rachricht von den Verhandlun⸗ genzu vezichen ſcheint, woran Sie ſo ſehr Antheil zu nehmen ſcheinen. Was Redgauntlet betrifft, don deſſen ſpäterer Geſchichte S.e be⸗ ſonders gern genaue Nachricht gehabt hätten, ſo habe ich von einem ausgezeichneten Manne, der Prieſter in einem Schottenkloſter zu Regensburg war, vernommen, daß er zwei oder drei Jahre in dem Gefoige des Chevalier lebte, und es endlich nur wegen einiger Uneinigkeiten in dieſer melancholiſchen Hoſhaltung verließ. So wie er dem General Gampbell andeutete, vertauſchte er auch wirklich jenen Aufenthalt mit dem Kloſter, und entſaltete in den lezten Jahren ſeines Lebens eine ſtrenge Beobachtung der Pflichten der Religion, die er in ſeinen ſrüheren Tagen zu ſehr vernachle hattg, da er mit politiſchen Planen und Intriguen veſchäftigt war. Er gelangte in dem Kloſier, wo er lebte, und welches zu einem ſehr ſirenaen Orden gehörte, zu der Würde eines Priors. Manch⸗ mal empfieng er ſeine Landsleute, welche der Zufall nach Regens⸗ burg, und die Neugier in das Kloſter des— brachte. Man be⸗ merkte aber, daß er zwar mit Intereſſe und Aufmerkſamkeit zu⸗ hörte, wenn das Geſpräch auf Großbrittanien oder Schottland ins⸗ beſondere kam, doch führte er nie dieß Geſpräch berbei, verlängerte es auch nicht, bediente ſich nie der engliſchen Sprache, fragte nie nach engliſchen Angelegenbeiten, und namentlich nie nach ſeiner Familie. Seine ſtrenge Beobachtung der Regeln ſeines Ordens gab ihm bei ſeinem Tode einige Anſprüche darauf, heilig geſprochen zu werden, und die Brüder des Kloſters des— machten groſſe An⸗ ſrengungen deßhalb, und vrachten einige annehmliche Beweiſe von Wundern vor. Aber es war ein Umſtand da, der die Sache zwei⸗ ſelhaft machte, und das Conſiſturium verhinderte, den Wünſchen der würdigen Brüder nachzugeben. Unter ſeinem Kleid, in einem kleinen Silverblichschen verwahrt, hatte er ſiets um ſeinen Hals eine Locke Baar getragen, von der die Väter vehaupteten, ſie ſey eine Reliquie. Aver der Advokat des Teufels, als er pflichtgemß die Anſprüche des Pelligkeitskandidaten beſtritt, machte es wenig⸗ ſtens ziemlich wahrſcheinlich, daß die vermeintliche Relhhuie vem Paupte des Vruders des verſtorbenen Priors ſey, welcher wegen ſeiner Anhänglichkeit an die Familie Stuart im Jahre 1746 hinge⸗ richtet worden ſey; und das Motto; haud obliviscendnm(nicht zu vergeſſen) ſchien einen Anſtrich weltlicher Geſinnung und An en⸗ ken an Beleidigungen anzudeuten, die es wenigſiens zweifelhaft machten⸗ oh Vater Bugo auch in der Stille und Düſterheit des. Kloſters die Leiden des Hauſes Redgauntlet und die Kriniungen vergeſſen habe, die es erfuhr. ——— ſſnſſſſſſſſinſſſiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 y 8 9 8