n —,———. hhe. en nm h⸗ n,, . Red g au n 1. Eine Erzaͤhlung aus dem achtzehnten Jahrhundert. Vom Verfaſſer des Waverley. Aus dem Engliſchen frei überſetzt von Carl Weil. Ich folge Dir, o Meiſter, nur voran, Dir bin ich bis zum Tod getreulich zugethan! (Wie's Euch gefällt.) Viertes Baͤndchen. Stuttgart, bei Gebruder Franckh. Redgauntlet. Erſtes Kapitel. Erzählung von Alan Fairford. (Fortſetzung.) Mr. Maxwell von Summertrees hatte nicht ſobald das Zimmer verlaſſen, als Mr. Crosbie aͤngſtlich nach allen Seiten hinblickte, ſeinen Stuhr dicht an den ſei⸗ nes Nachbars ruͤckte, und mit leiſer Stimme, daß „die kleinſte Maus, die über den Boden läuft,“ nicht erſchreckt worden wäre, ihm ines Ohr zu wiſpern be⸗ gann. „Mr. Fairford,“ ſagte er,„Ihr ſeyd ein guter Junge, und was noch mehr iſt, Ihr ſeyd meines alten Freundes Sohn. Ener Pater iſt Jahre lang der Agent dieſer Stadt geweſen, und hat etwas in unſrem Rathe zu ſagen; ſo ſind Verbindlichkeiten zwiſchen uns ent⸗ ſtanden, bald auf der einen, bald auf der andern Sei⸗ te, aber Verbindlichkeiten ſind da. Ich bin ein ſchlich⸗ ter Mann, Mr. Fairford, doch ich hoffe, Ihr verſteht mich.“ „Ich glaube, Ihr meinet es gut mit mir, Mr. Crosbie,“ erwiederte Fairford;„und ſicherlich loͤnntIhr Eure Guͤte bei keiner beſſern Gelegenheit zeigen.“ „Das iſt's, ja das iſt eben der Punkt, wohin ich wollte, Mr. Alan; denn außerdem, daß ich, wie es meiner Stellung zukommt, ein ſtandhafter Freund der Kirche und des Koͤnigs bin, womit ich die jetzigen An⸗ ordnungen in der Kirche und dem Staate meine, ſo koͤnnt Ihr, wie ich ſagte, immer rechnen auf meinen beſten— Nath.“ „Ich hoffe auch auf Eure Huͤlfe und Mitwirkung,“ ſagte der Juͤngling. „Gewiß, gewiß. Nun, Ihr ſeht, es kann einer die Kirche lieben, ohne eben auf ihren aͤußerlichen Schmuck beſonders bedacht zu ſeyn, und es kann einer den Koͤnig lieben, ohne zu verlangen, daß die ungluͤck⸗ lichen Leute, die vielleicht einen andern Konig mehr lieben, ihn immer auf der Zunge haben ſollen. Ich habe Freunde und Verbindungen unter ihnen, Mr. Fairford, wie Euer Pater Clienten haben mag, ſie ſind Fleiſch und Blut, wie'wir, dieſe armen Jacobi⸗ ten, Söhne Adams und Evas doch immer, und dar⸗ um— ich hoſfe, Ihr verſteht mich— ich bin ein offe⸗ ner, ſchlichter Mann.“ „Ich furchte, ich verſtehe Ench nicht ſo ganz, ſagte Fairford; und wenn Ihr mir irgend etwas im Geheim zu ſagen habt, mein theuerer Mr. Erosbie, ſo wuͤrdet Ihr beſſer thun, ſchneil damit heran szuruͤcken, denn F der Laird muß ſeinen Brief in wenigen Minuten fertig haben.“ „Geht nicht ſo ſchnell, der Pate iſt zwar gleich im Kopfe ſertig, aber ſeine Feder laͤuft nicht ſo ſchnell uͤber das Papier, als ſein Jagdhund uͤber die Ebene von Tinwald. Ich gab ihm vorhin eine Stichelrede, wenn Ihr es bemerkt habt; ich kann manches zu Pate — im Peril ſagen, indeß er iſt meiner Frau naher Verwandter.“ „Aber Euer Rath, Mr. Crosble,“ ſagte Alan, welcher begriff, daß der wurdige Richter, wie ein ſcheues Pferd, vor ſeinem eigenen Vorſatz zuruͤckbebte, gerade wenn er ſich ihm naͤhern zu wollen ſchien. „MNun, Ihr ſollt ihn haben in ſchlichten Worten, denn ich bin ein ſchlichter Mann.— Seht, ich will annehmen, irgend ein Freund, wie Ihr ſelbſt, waͤre im tiefſten Loche des Nith, und Ihr ſtrengtet Euch an, um Euer Leben zu retten. Nun ſeht, ſo iſt der Fall; ich kann Euch nicht wohl helfen, ich bin ein di⸗ cker, kurzarmigter Mann, und kein Schwimmer, was wuͤrde es nun nuͤtzen, wenn ich Euch nachſpränge?“ „Ich verſtehe Euch, glaube ich,“ ſagte Alan Fair⸗ ford.„Ihr glaubt, Darſie Latimer ſey in Lebensge⸗ fahr.“ „Ich, ich ſage gar nichts daruͤber, Mr. Alan; aber wenn er es waͤre, was ich durchaus nicht glanbe, ſo fließt ja kein Tropfen Blut von ihm in Euern Adern, Mr. Alan.“ „Aber hier bietet mir Euer Freund Summertrees einen Brief an an dieſen Redgauntlet, was ſagt Ihr dazu?“ „Ich, Mr. Alan, ich ſage ganz und gar nichts dazu, aber Ihr wißt nicht, was es heißt, einem Red⸗ gauntlet in's Geſicht zu ſehen; verſucht es nur einmal mit meiner Frau, die nur eine von ihnen im bierten Grade iſt, ehe Ihr es mit dem Laird ſelber wagt, ſagt nur einmal etwas von der Revolution, und ſeht, wie ſie Euch anblickt.“ „Die Schuͤſſe von dieſer Batterie uberlaſſe ich Ench alle, Mr. Crosbie, aber ſprecht Euch aus, wie ein Mann, glaubt Ihr, Summertrees meine es ehrlich mit mir?“ „Ehrlich, er kommt gerade, ehrlich? Ich bin ein ſchlichter Mann, Mr. Frford aber Ihr ſagt ehr⸗ lich! 1 „Ich ſagte ſo,“ erwiederte Alan,„und es iſt fuͤr mich von Wichtigkeit, es zu wiſſen, und fuͤr Euch, es mir zu ſagen, wenn dem ſo iſt, denn wenn Ihr es nicht thut, ſo ſeyd Ihr ein Mitſchuldiger des Mords vor der That, und zwar unter Umſtaͤnden, die die Sache einem vorbedachten Morde nahe bringen.“ „Mord! Wer ſpricht denn von Mord, ſagte der Richter, das iſt nicht zu fuͤrchten, Mr. Alan, nur wenn ich an Eu rer Stelle wäre, um ganz offen zu ſpre⸗ chen,“ hier näherte er ſeinen Mund dem Ohre des jungen Rechtsgelehrten, und nach einem nochmgligen —— — 9 heftigen Geburtsſchmerze ward er endlich von folgen⸗ dem Rathe gluͤcklich entbunden:„Thut einen Blick in Pate's Brief, ehe Ihr ihn abgebt.“ Fairford erſchrak, blickte ihm ſtarr in's Geſicht, und ſchwieg, während Mr. Crosbie mit der Selbſtge⸗ fälligkeit eines Menſchen, der es endlich uber ſich ver⸗ mocht hat, ſich mit eigener Aufopferung einer ſchweren Pflicht zu entledigen; er nickte und winkte dann Alan zu, um ſeinem Rathe mehr Nachdruck zu geben, ſtuͤrzte dann ein großes Glas Punſch hinab, und ſchloß mit dem Seufzer eines Menſchen, der von einer druͤcken⸗ den Laſt befreit iſt:„Ich bin ein gerader Manu, Mr. Fairford.“ „Ein gerader Mann!“ ſagte Maxwell, der in dem Augenblick in's Zimmer trat, den Brief in der Hand; „ich hoͤrte nie von Euch dieſen Ausdruck, als wenn Ihe gerade einem liſtigen Streich zu vollbringen hattet.“ Mr. Crosbie ſah etwas dumm aus, und der Laird von Summertrees ſah Alan Fairford ſcharf und arg⸗ woͤhniſch an, dieſer aber hielt den Blick mit advokaten⸗ mäßiger Unerſchrockenheit aus.— Es entſtand eine augenblickliche Pauſe. „Ich verſuchte,“ ſagte Mr. Crosbie,, unſern jun⸗ gen Freund von ſeinem unbedachten Zuge abzuhalten.“ „Und ich, ſagte Fairford, bin entſchloſſen, ihn zu unternehmen, Ich vertraue mich Euch an, Mr. Marwell, ich verlaſſe mich, wie ich vorhin ſagte, auf das Wort eines Edelmanns.“ —— ———— * erwahnt iſt; ich zweiſle nicht, daß er Euch wegen der 10 „Ich leiſte Euch Gewähr fur alle ernſthafte Fol⸗ gen, auf einige unbequemlichkeiten aber muͤßt Ihr Euch gefaßt machen.“ „Dieſen will ich mich unterziehen und der Gefahr muthig entgegentreten.“ „Wohlan denn,“ ſagte Summertrees,„Ihr muͤßt nach—— „Ich will Euch allein laſſen, meine Herrn,“ ſagte Mr. Crosbie aufſtehend,„wenn Ihr mit Eurer Sache fertig ſeyd, ſo findet Ihr mich am Theetiſch meiner Frau.“ „Und ein vollendeteres altes Weib hat nie am Theetiſch geſeſſen,“ ſagte Maxwell, als jener die Thüre zumachte;„das letzte Wort trifft ihn, ſpreche es wer es will, und doch, weil er ein ſchlangenglatter Kerl iſt, weil er auf eine gute Weiſe von ſich ſelber zu ſprechen verſteht, gute Verbindungen hat, und beſonders weil man nie noch ausfinden konnte, ob er Löhig oder Tory iſt, hat man ihn ſchon zum dritten Mal zum Richter gemacht! Doch zur Sache. Dieſer Brief, Mr. Fair⸗ ford(hier uͤbergab er ihm denſelben verſiegelt), iſt, wie Ihr ſeht, an Mr. H von B.„uͤber⸗ ſchrieben, und enthält Eure Beglaubigung bei dieſem Herrn, der auch unter ſeinem Familiennamen Red⸗ gauntlet bekannt iſt; man adreſſirt aber ſelten die Briefe an ihn unter dieſem Namen, weil er in einer gewiſſen Parlamentsakte auf eine etwas gehaͤſſige Weiſe 11 Stcherheit Eures Freundes beruhigen, und ihn in kur⸗ zer Zeit in Freiheit ſetzen wird, vorausgeſetzt nämlich, daß er wirklich ſich in ſeinem Gewahrſam befindet. Die Hauptſache aber iſt, ſeinen Aufenthaltsort zu entde⸗ cken, und bevor ich Euch dieſe nothwendige Nachwei⸗ ſung ertheile, muͤßt Ihr mich auf Euer Ehrenwort ver⸗ ſichern, daß Ihr niemand weder muͤndlich noch ſchrift⸗ lich von der Unternehmung, die Ihr vorhabt, in Kenntniß ſetzen werdet.“ „Wie, Sir!“ antwortete Alan,„koͤnnt Ihr er⸗ warten, daß ich niemand von dem Wege, den ich ein⸗ ſchlagen will, in Kenntniß ſetzen werde, damit man im Falle eines Unglücks weiß, wo ich bin, und in welcher Abſicht ich dieſen Weg einſchlug?“ „Und koͤnnt Ihr erwarten,erwiederte Maxwell in dem nämlichen Tone,„daß ich meines Freundes Sicherheit nicht blos in Eure Hand, ſondern in die irgend eines Menſchen legen werde, den Ihr zu Eurem Vertrauten wahlen moͤchtet und der dieſe Kenntniß zu ſeinem Verderben anwenden koͤnnte? Nein, nein, ich habe mein Wort fuͤr Eure Sicherheit verpfändet, und Ihr müßt mir das Eurige geben, dieſe Sache geheim zu halten; Ihr kennt das Sprichwort: was dem einen recht, iſt dem andern billig.“ Alan Fairford konnte ſich nicht verhehlen, daß dieſe Verpflichtung zum Geheimniß der ganzen Ver⸗ handlung einen neuen verdächtigen Anſtrich gab; da er aber bedachte, daß die Freiheit ſeines Freundes von ——— der Annahme dieſer Bedingung moͤglicher Weiſe ab⸗ hinge, leiſtete er das Verſprechen, mit dem Ent⸗ ſchluſſe, es zu halten. „Und nun, Sir,“ ſagte er,„wohin ſoll ich mit dieſem Briefe gehen? Iſt Mr. Herries zu Broken⸗ burn?“ „Nein, und ich glaube, er wird auch nicht wie⸗ 1 der dorthin kommen, bis die Sache mit den Steck⸗ nezen vertuſcht iſt, auch moͤcht' ich es ihm nicht ra⸗ then; die Quäker mit aller ihrer Ehrbarkeit koͤnnen ihren Groll ſo lange behalten, als andere Leute; und ob ich gleich nicht die Klugheit des Mr. Cros⸗ pie beſitze, der nicht wiſſen will, wo ſich ſeine Freunde im Ungluͤcke aufhalten, damit man ihn nicht vielleicht auffordern moͤchte, zu ihrer Befreiung mit⸗ zuwirken, ſo halte ich es doch weder für nöthig, noch fuͤr klug, mich nach Redgauntlets Fahrten zu erkundigen, ſondern ich winſchte, mir vollkommene Freiheit zu bewahren, daß ich auf Befragen antwor⸗ ten kann, ich wuͤßte nichts davon. Ihr muͤßt jetzt nach Annan zu dem alten Tom Trumbull gehen, den die Leute Tom Turnpenny nennen, und dieſer 1 weiß entweder wo Redgauntlet iſt, oder kann Euch . einen klugen Rath geben. Ihr muͤßt aber wiſſen, daß der alte Turnpenny Euch auf keine Frage der Art Antwort giebt, wenn Ihr nicht das Erkennungs⸗ wort ausſprecht, indem Ihr ihn nach dem Stande des Mondes fragt; wenn er antwortet: nicht Licht 13 genug, um eine Ladung an's Land zu bringen; dann ſagt Ihr: Zum Henker denn alle Kalender von Aber⸗ deen! Dann wird er frei mit Euch ſprechen. Nun aber moͤcht' ich Euch rathen, keine Zeit zu verlie⸗ ren, denn die Parole wird oft gewechſelt, und nehmt Euch unter dieſen Mondlichtpurſchen in Acht, denn Rechte und Rechtsgelehrte ſtehen nicht hoch in ihrer Gunſt.“ „Ich will im Augenblick abreiſen,“ ſagte der junge Advokat,„ich will nur erſt bei Mr. Crosbie und ſeiner Gemahlin mich verabſchieden, und dann ſo bald hinwegreiten, als der Hausknecht in Georgs Gaſthof ſatteln kann; was die Schmuggler betrifft, ſo bin ich weder Zollaufſeher, noch Acciſebeamter, und wie der Mann, der dem Teufel begegnete, habe ich ihnen nichts zu ſagen, wenn ſie mir nichts ſa⸗ gen wollen.“ „Ihr ſeyd ein wackerer junger Mann,“ ſagte Summertrees, augenſcheinlich mit wachſender Vor⸗ liebe, da er an Alan eine Raſchheit und Verachtung der Gefahr bemerkte, die er vielleicht von ſeinem Ausſehen und Gewerbe nicht erwartet hatte;„ein recht wackerer, junger Mann in der That! Und es iſt faſt Schade——“ Hier hielt er plotzlich inne. „Was iſt Schade?“ fragte Fairford. „Es iſt faſt Schade, daß ich nicht ſelbſt mit Euch gehen, oder Euch wenigſtens einen vertrauten Fuͤhrer geben kanu.“ 14 Sie gingen nun mit einander in das Schlaf⸗ Zimmer des Mr. Crosbie, denn in dieſem Zufluchts⸗ orte ſervirten in jener Zeit die Damen! den Thee, wenn das Geſellſchaftszimmer von der Punſchbowle eingenommen war. „Ihr ſeyd ja recht maͤßig geweſen, meine Herrn,“ ſagte Mrs. Crosbie;„Ich fuͤrchte, Summertrees, daß mein Herr Gemahl Euch ein ſchlechtes Gebraͤn vorgeſetzt hat; Ihr ſeyd ſonſt nicht gewohnt, die Punſchbowle ſo bald im Stich zu laſſen. Euch ſage ich nichts, Mr. Fairford, denn Ihr ſeyd noch zu jung, um lange fort zu zechen; doch ich hoffe, Ihr werdet der feinen Welt in Edinburgh nitt ſagen, daß Mr. Crosbie Euch den Becher vor dem Munde wegnahm, wie es in dem Liede heißt.“ „Ich bin Ihrem Herrn Gemahl und Ihnen, Madame, ſehr verbunden fuͤr Ihre Guͤte,“ erwie⸗ derte Alan;„die Wahrheit aber iſt, ich habe noch einen langen Ritt vor mir dieſen Abend, und je bäl⸗ der ich zu Pferde bin, deſto beſſer.“ „Dieſen Abend?“ fragte Mr. Erosbie aͤngſt⸗ lich;„waͤre es nicht beſſer, Morgen fruͤh bei Tage weg zu reiten?“ „Mr. Fairford wird eben ſo gut in der Abend⸗ kuͤhle reiten“, ſagte Summertrees, indem er Alan das Wort aus dem Munde nahm. Mr. Crosbie ſagte nichts mehr, und auch ſeine Frau that keine Frage, und bezeugte kein Erſtan⸗ nen uͤber die ploͤtzliche Abreiſe ihres Gaſtes⸗ 15 Nachdem Alan ſeinen Thee getrunken hatte, nahm er mit den gewoͤhnlichen Hoͤflichkeitsänßerungen Abſchied. Der Laird von Summertrees ſchien jede fernere Mittheilung zwiſchen ihm und Crosbie ab⸗ ſichtlich zu verhindern, und blieb auf dem Treppen⸗ abſatze muͤſſig ſtehen, während ſie ſich verabſchiede⸗ ten; er hoͤrte Crosbie fragen, ob Alan bald zuruͤck⸗ zukommen gedenke, worauf der letzte erwiederte, daß ſein Aufenthalt ungewiß ſey; auch war er Zeu⸗ ge, wie ſie ſich beim Abſchied waͤrmer als gewoͤhn⸗ lich, die Hand druͤckten, und Mr. Crosble mit zit⸗ ternder Stimme ſeinem jungen Freunde ſagte: Gott ſegne Euch, und gebe Euch Gluͤck. Maxwell ging mit Fairford bis in den Gaſthof, ob er gleich allen Verſuchen einer nähern Erkundigung nach den Ange⸗ legenheiten Redgauntlet's widerſtand und ihn auf Tom Trumbull wegen den beſonderen umſtänden, deren Kenntniß ihm nothig ſcheinen mochte, verwies. Endlich wurde Alans Flepper vorgefüͤyrt, ein Thier mit langem Hals und hohen Fuͤßen, beſchwert mit ein paar Satteltaſchen, die des Reiters Reiſe⸗ garderobe enthielten. Stolz hinſehend auf ſeine ge⸗ ringen Habſeligkeiten, und keineswegs beſchaͤmt uͤben eine ſolche Art zu reiſen, die ein neuer Mr. Silber⸗ ſtimme fur die groͤßte Herabwuͤrdigung anſehen wuͤr⸗ de, nahm Alan Fairford von dem alten Jakobiter Pater in Peril Abſchied, und machte ſich nach dem koniglichen Annan auf den Weg. Seine Be⸗ —— 16 trachtungen waͤhrend des Ritts waren nicht die an⸗ genehmſten. Er konnte ſich nicht verhehlen, daß er ein wenig gar zu keck ſich in die Gewalt geaͤchteter und verzweifelter Menſchen gebe, denn mit ſolchen nur ronnte vermuthlicher Weiſe ein Mann in Redgaunt⸗ lets Lage verbuͤndet ſeyn. Auch an andern Urſachen zu Befuͤrchtungen fehlte es nicht. Alans ſcharfer Veobachtung waren verſchiedene Zeichen von Einver⸗ ſtändniß zwiſchen Mrs. Crosbie und dem Laird von Summertrees nicht entgangen, und es war offenbar, daß des Herrn Richters gaͤnſtige Geſinnung fuͤr ihn, die er fur aufrichtig und gut gemeint hielt, nicht feſt genug war, um dem Einfluß der Verbindung zwiſchen ſeiner Frau und ſeinem Freunde Widerſtand zu leiſten. Mr. Crosbie's Lebewohl war wie Mac⸗ beths Amen im Halſe ſtecken geblieben, und ſchien anzuzeigen, daß er mehr befuͤrchte, als er zu aͤußern ſich erkuͤhnte. Dieß alles zuſammengenommen, dachte Alan mit ziemlicher Aengſtlichkeit an Shakespeare beruͤhmte Zeilen —„Ein Tropfen Im Hcean ſucht einen andern Trovfen.“ Veharrlichkeit war aber ein ſtarker Zug in des jun⸗ gen Rechtsgelehrten Charakter. Stets und auch jetzt war er einem hizigen Pferde ganz unähnlich, welches vor Mittag durch zu große Anſtrengung am Morgen ermuͤdet. Im Gegentheil ſchienen ſeine erſten Be⸗ muͤhungen zur Erreichung ſeines Vorhabens nicht hinrei⸗ 17 hinreichend, und erſt die Schwierigkeiten des Unter⸗ nehmens ſchienen ſernem Geiſte die nothige Kraft zu geben, ſie zu bekämpfen und zu beſſegen. Wenn er darum auf ſeiner ungewiſſen und gefährlichen Vahn etwas außſtlich vorwarts ſchritt, ſo darf man darum doch nicht glauben, daß er auch nur mit einem Athem⸗ zug an die Moöglichkeit gedacht habe, ſeine Uuter⸗ ſuchung aufzugeben, und Darſie Latimer ſeinem Schick⸗ ſale zu üͤberlaſſen. Ein Ritt von ein Paar Stunden brachte ihn zwiſchen acht und neun Uhr nach der klei⸗ uen Stadt Annan, die an beiden ufern des Solway ſiegt. Die Sonne war untergegangen, aber der Tag noch nicht zu Ende. Als er im erſten Gaſthofe des Ortes abgeſtiegen war, und ſein Pferd gut verſorgt ſah, ließ er ſich ſogleich zu Mr. Maxwells Freund, dem alten Tom Trumbull weiſen, mit dem Jeder⸗ mann wohl bekannt ſchien. Er bemühte ſich, von dem Knaben, der ihm zum Führer diente, etwas uͤber des Mannes Lage und Gewerbe ſeuihbel⸗ gen; aber die allgemeinen Pusdruͤcke,„ein recht ordentlicher Mann““—„ein recht wackrer Mann“ —„wohlgelitten unter den Leuten;“ dieß und an⸗ deres war alles, was man aus ihm herausbringen konnte, und als Fairford die Nachſorſchung mit be⸗ ſtimmteren Fragen fortſetzen wollte, machte der Knabe denſelben ein Ende, indem er an die Thuͤre des Mr. Trumbull klopfte, deſſen beſcheidene Wohnung ein wenig von der Stadt entfernt, und betraͤchtlich nä⸗ W. Scotts Werte. XVIII. S ———— 18 her an der See war. Es ſtand in einer kleinen Reihe Häuſer, die nach der Seeſeite hinabliefen, und Gärten und andere Begnemlichkeiten hinter ſich hat⸗ ten. Man hoͤrte innen einen ſchottiſchen Pſalm ſin⸗ gen, und der Fngbe ſagte: Sie ſind am Abendſegen, und gab zu verſtehen, daß man ſie vor Endigung des Gebets nicht einlaſſen wuͤrde. Als indeſſen Fairford ſeine Auffordetung mit dem Knopfe ſeiner Reitpeitſche wiederholte, hoͤrte das Sin⸗ gen auf, und Mr. Trumbull ſelbſt kam, das Pſalm⸗ buch in der Hand und den Zeigefinger zwiſchen den Blaͤttern, heraus, um nach der Urſache einer Unter⸗ brechung zu ſo ungewoͤhnlicher Zeit zu fragen. Das ganze Aeußere dieſes Mannes zeigte keines⸗ wegs den Vertrauten verzweifelter Menſchen und den Genoſſen von Geächteten in ihren ungeſezlichen Un⸗ ternehmungen. Es war eine lange, dunne, beinigte Geſtalt mit weißem Haare, das auf allen Seiten glatt herabgekaͤmmt war; dabei eine eiſengraue Ge⸗ ſichtsfarbe, und die Züge, oder vielmehr, wie Quin non Macklin ſagte,„das Dauwerk ſeines Geſichts“ paßte ſo ſehr zu ſeinem frommen und faſt ascetiſchen Ausdruck, daß kein Plaz übrig blieb, um rückſichts⸗ loſe Keckheit oder ſchlaue Verſtellung zu bezeichnen; kurz Trumbull ſchien ein vollkommenes Exemplar ei⸗ nes ſtarren alten Convenanters, der nur das ſagte, was er für richtig hielt, nach keinem andern Grund⸗ ſaz, als nach dem der Pflicht handelte, und wenn er 19 irrte, ſö geſchah es mit der vollen Ueberzeugung, daß er Gott mehr diente, als den Menſchen. „Verlangt Ihr etwas von mir, Herr?“ ſagte er zu Fairford, deſſen Fuͤhrer bereits den Ruckzug angetreten hatte, gleichſam um dem TDadel des ſtren⸗ gen alten Mannes zu entgehen:„Wir waren beſchaͤf⸗ tigt, und es iſt Samſtag Abend.“ Alan Fairfords vorgefaßte Meinungen kamen durch das Aeußere und das Benehmen dieſes Man⸗ nes ſo in Verwirrung, daß er einen Augenblick ganz verdutzt da ſtand, und einein Geiſtlichen, der eben von der Kanzel ſiieg, eden ſowohl ein ſonderbares Erkennungswort zugeraunt haͤtte, als dem achtungs⸗ werthen Familienvater, der gerabe in ſeinem Gebet fuͤr und mit den Gegenſtaͤnden ſeiner Sorge unter⸗ brochen worden war. Haſtig ſchloß er, Mr. Max⸗ well habe einen übel angebrachten Scherz ausgeſpro⸗ chen, oder vielleicht ſey er an die unrechte Perſon gewieſen worden; er fragte daher, ob er mit Mr. Trumbull ſpreche. „Mit Thomas Trumbull,“ antwortete der alto Mann;„Was iſt Euer Vegehren, Herr?“ und. ſein Auge blickte wieder auf das Buch mit dem Senf⸗ zer eines Heiligen, der ſich nach ſeiner Aufloͤſung ſehnt. „Kennt Ihr Mr. Marwell von Summertrees?“ Faste Fairford. „Ich habe von einem ſolchen Edelmann auf der 20 Landſeite gehoͤrt, habe aber keine Vekanntſchaft mit ihm,“ antwortete Mr. Trumbull;„er iſt, wie ich hörte, ein Papiſt; denn die Hure, welche auf den ſieben Huͤgeln ſitzt, hort noch nicht auf, den Becher ibrer Greuel auf dieſe Gegenden auszugießen.“ „Doch hat er mich hieher gewieſen, mein guter Freund,“ ſagte Alan.„Iſt noch ein anderer Eures Nameus in der Stadt Annan?“ „Rein,“erwiederte Mr. Trumbult,„ſeit mein würdiger Vater das Zeitliche geſegnet; er war wirk⸗ üch ein helles Licht.— Ich wünſche Euch guten Abend, Herr.“ „Haltet noch einen einzigen Augenblick,“ ſagte Fairford,„hier handelt ſic's um Tod und Leben,“ „Richts anderes, als die Laſt unſerer Suͤnden binzuwerfen, wo ſie liegen ſollte,“ ſagte Thomas Trumbull, im Begriff, dem Frager die Thuͤre vor der Naſe zuzuſchließen. „Kennt Ihr,“ fagte Alan Faisford,„den Laird von Redganntlet?“ „Jetzt ſchuͤtze mich der Himmel vor Verrath und Emporung!“ rief Trumbull aus,„junger Herr, Ihr werdet unverſchämt, ich lebe hier unter meinen eigenen Leuten und habe keinen Verkehr mit Jako⸗ biten und katholiſchen Pfaffen.“ Er ſchien im Begriff, die Thüre zu ſchließen, ſchloß ſie aber nicht, ein Umſtand, der der Bemer⸗ zung Alans nicht entging. 21 „Mr. Redgauntlet heißt auch manchmal Herries von Birrenswork; vielleicht kennt Ihr ihn unter die⸗ ſem Namen.“ „Freund, Ihr ſeyd unhoͤflich,“ antwortete Mr. Trumbull;„ehrliche Leute haben genug zu thun ei⸗ nen Namen unbefleckt zu erhalten. Ich kenne nie⸗ manden, der zwei fuͤhrt. Guten Abend, Frennd.“ Er war wirklich im Begriff, jetzt dem Beſucher ohne weitere Ceremonie die Thuͤre vor der Naſe zu⸗ zuſchließen, als Alan, der doch bemerkt hatte, daß der Name Redgauntlet ihm nicht ſo ganz gleichguͤl⸗ tig ſey, ihn einen Augenblick aufhielt, und mit lei⸗ ſer Stimme ſagte:„Wenigſtens koͤnnt Ihr mir ſa⸗ gen, wie der Mond ſteht.“ Der alte Mann erſchrak, als waͤre er verzuͤckt, und ehe er antwortete, ſchaute er den Frager mit ei⸗ nem ſcharfen durchdringenden Blicke an, der zu ſa⸗ gen ſchien:„Seyd Ihr wirklich im Beſitz dieſes Schluͤſſels zu meinem Vertrauen, oder ſprecht Ihr aus bloßem Zufall ſo?“ Dieſem ſcharfen forſchenden Blicke antwortete Fairford durch ein Laͤcheln des Elnverſtaͤndniſſes. Die eiſenharten Muskeln in des alten Manues Geſicht wurden nicht milder, als er in einem gleich⸗ guͤltigen Tone das Gegenzeichen gab:„Nicht hell genug, eine Ladung an's Land zu bringen.“ „Zum Henker denn alle Kalender von Aber⸗ deen!“ 22 „Und zum Henker denn alle Narren, die ihre Zeit verderben,“ ſagte Thomas Trumbull.„Konn⸗ tet Ihr mir das p gleich anfangs ſagen? Und wir ſtehen auf der offenen Straße da, kommt herein.“ Er zog den zzii in den dunkeln Eingang des Hauſes, und ſchloß die Thuͤre ſorgfaͤltig, dann ſteckte er ſeinen Kopf in ein Zimmer, aus welchem ein Gemurmel toͤnte, das die Auweſenheit der Fa⸗ milie darin verkuͤndigte, und ſagte laut; ein Werk der Nothwendigkeit und Varmherzigkeit,— Malea ⸗ chi, nimm das Vuch— Ihr werdet ſechs Doppelver vom 119. Pſalm ſingen, und aus den ſe leſen. Und Du, Maleschi,“ fagte er in einem lel⸗ ſern Tone,„Du wirſt ihnen ſchon etwas vorpre⸗ digen, doß es dauert, bis ſ wieder komme, ſonſt gehen mir die unvorſich che aus dem Hau⸗ rſichtigen Vurf ſe, und in den Schenken umher, verlieren ihre koſtbare Zeit, und verſäumen vielleicht die Morgen⸗ fluth th.“ Eine unverſtaͤndliche Antwort von innen zeigte dalegchis Ber eene an, dem Befehle zu ge⸗ . en, und Mr. Trumbull murmelte 6 etwas vor ſich hin, als er die Ltar ſch. gebunden, e pf.. hte den 4 66 inden!“ drehte 33 hernm, und ſteckte ihn in die Taſche; 6 er ſeinen Gaſt auf ſeine Tritte zu merken, um kein Geräuſch zu machen, fuͤhrte ihn durch das S und zu einer Hinterthuͤre hinaus in einen kleinen Garten, Hier 23 führte ſie ein gepflaſterter Weg, ohne daß ſie von einem Nachbar geſehen werden konnten, zu einer Thure in der Gartenmauer, welche gesffnet wurde, und ein geheimer Eingang in einen Stall von drei Abtheilungen war; in einer derſelben ſtand ein Pferd, welches bei ihrem Eintritte wieherte⸗„Huſch, huſch!“ rief der alte Mann, und unterſtuͤtzte ſogleich ſeine Ermahnnngen zum Schweigen dadurch, daß er eine Handvoll Hafer in die Krippe warf, und das Pferd verwandelte bald den Erkennungslaut ihrer Gegen⸗ wart in den gewoͤhnlichen des Zermalmens ſeines Futters. Da es faſt ganz dunkel geworden war, ſchloß der alte Mann mit weit mehr Behendigkeit, als man von ſeiner ſtarren Figur haͤtte erwarten ſollen, die Fenſterlaͤden in einem Augenblick, brachte Phospho⸗ Zundholzchen herbei, und zundete e n, di n ſtellte, und wandte ſich dann zu Fairförd.„Wir ſind hier allein⸗ und da ſchon einige Zeit verſtrichen iſt, ſo ſeyd ſv gutig, mir Eure Votſchaft zu ſagen. Iſt es ein i Handelsgeſchäft oder etwas anderes?“ Wein Geſchäft bei Euch, Mr. Erumbull, iſt, ugeben, ine Stall⸗ rus und laterne an, die er auf den Futterka a 0)6 von Euch zu verlangen, mir die Mittel anz wrie ich dieſen Brief von Rr. Marwell von Summer⸗ trees an den Laird von Rei „Hum— ſchdaes Geſchaͤft! Pate Morwell iſt doch noch immer der alte— immer Pate in Petil, untlet uberlieſern kann.“ 24 Craig— in— Peril, ſo weit ich ihn kenne. Laßt mich ſeinen Brief ſehen.“ „ Er unterſuchte ihn mit bieler Sorgfalt, wandte ihn hin und her, und betrachtete beſonders das Sie⸗ gel ſehr aufmerkſam.„Alles iſt richtig, wie ich ſe⸗ be; er hat die beſondern Kennzeichen ihn möglichſt ſchnell zu befoͤrdern. Ich ſegne meinen Schoͤpfer, daß ich fein großer Mann oder eines großen Man⸗ nes Genoſſe bin, und ſo denke ich bei dieſen Zeilen an nichts anderes, als ſie auf dem Geſchaͤftsweg zu befoͤrdern, Ihr ſeyd wohl in dieſer Gegend ganz fremd, vermuthe ich!“ Fairford antwortete bejahend. Ja, ich habe ſie nie eine beſſere Wahl treffen ſehen.— Ich muß ei⸗ nen rufen, der Euch Anleitung gibt, was Ihr thun ſollt.— Halt, ich glaube aber, wir muͤſſen zu ihm gehen. Ihr ſeyd mir ſehr wohl empfohlen, Freund, und ohne Zweifel aus guten Gruͤnden; Ihr ſollt daher anch mehr ſrhen, als ich ſonſt auf dem gewoͤhn⸗ lichen Geſchäftswege einem zeige. Mit dieſen Wor⸗ ten ſetzte er die Laterne auf den Voden neben den Pfoſten eines der kleinen Ställe, druͤckte an einer leinen Feber, die denſelben auf dem Voden feſthielt, and ſchob nun den Pfoſten auf die eine Seite, und enthuͤlte eine kleine Fallthuͤre.„Folgt mir,“ ſagte er, und ſtieg in das unterirdiſche Behältniß hinab, wohin dieſe geheime Heffnung fuͤhrte. Fairford ſtieg ihm nach, nicht ohne BVefuͤrchtun⸗ 25 gen mancherlei Art, aber immer entſchloſſen, ſeln Abentheuer zu verfolgen. Die Treppe war nicht uͤber ſechs Fuß tief, und fuͤhrte in einen engen Gang, der ganz dazu einge⸗ eichtet ſchien, jeden andern auszuſchließen, der auch nnr einen Zoll dicker, als ſein Fuͤhrer, war. Ein kleiner gewoͤlbter Raum von ungefähr acht Fuß in's Gevierte empfieng ſie am Ende dieſes Gangs. Hier ließ ihn Mr. Lrumhull allein, und kehrte fuͤr einen Augenblick zuruͤck, um, wie er ſagte, die verborgene Fallthüre zu ſchließen. Fairford ſah ſein Weggehen nicht gerne, da er in völiger Dunkelheit zuruͤckblieb: außerdem wurde ihm noch das Athmen erſchwerz durch einen ſtarken, erſtſckenden Geruch geiſtiger Ge⸗ tränke und anderer Gegenſtände, deren Ausduͤnſtung nicht ſehr angenehm für die Lunge aber deſto ſtär⸗ ker waren. Er war deßhalb ſehr froh, wie er Mr. Trumbull zurücktommen hoͤrte, welcher noch einmal an ſeiner Seite eine ſtarke, obwohl enge Thuͤre in der Mauer offnete, und Fairford in ein ungeheures Magazin fuͤhrte, wo Fäſſer mit geiſtigen Getranken und andern verbotenen Artikeln aufgehäuft waren. Am Ende dieſer Reihe wohl ausgeſtatteter, unter⸗ irdiſcher Gewölbe befand ſich ein Licht, das auf ein leiſes Pfeifen zu flackern, und ſich gegen ſie zu bewegen anfing. Eine undeutliche Geſtalt, welche eine dunkle Laterne mit abgewendetem Lichte trug, mnäherte ſich ihnen, und Trumbnl fragte ſie:„Wgrum ſeyd Ihr 26 nicht zum Gebet gekommen, Hiob, und es iſt doch Samſtag Abend?“ „Swanston befrachtete die Jenny, Sir, und ich blieb da, um die Waaren heraus zu geben.“ „Richtig,— ein Werk der Nothwendigkeit auf dem Geſchaͤftswege. Segelt die tanzende Jenny mit der Fluth?“ „Ja, ja, Sir; ſie ſegelt nach———“ „Ich fragte Euch nicht, wohin ſie ſegle, Hiob,“ ſagte der Alte, ihn unterbrechend. Ich danke mei⸗ nem Schopfer, ich weiß nichts von ihren Aus⸗ und Eingängen. Ich verkaufe meine Artikel mit Proſit, und im ordentlichen Geſchaͤftswege und waſche uͤber alles meine Haͤnde in Unſchuld. Was ich aber zu wiſſen wuͤnſchte, iſt, ob der Herr, der der Laird der Solway⸗Seen heißt, eben jetzt auf der andern Seite des ufers iſt?“ „Ja, ja,“ ſagte Hiob,„der Laird iſt ſo et⸗ was, was in mein Geſchaͤft gehhrt, Ihr wißt's— ein wenig Contreband, oder ſo; es gibt ein Statut uͤber ihn— aber das macht nichts; nach der Ge⸗ ſchichte mit des Quäkers Fiſchnetzen, druͤben hat er ſic aus dem Staube gemacht; beun er hat ein red⸗ liches Herz, der Laird, und hat es immer reblich mit dem Lande gemeint. Aber wie! iſt deun auch alles ſicher hier?“ So ſprach er, und wanbte plotz lich die Lichtſeite der Laterne gegen Alan Fairford, welcher bei dem voruͤbergehenden Lichte, das ſie auf —— 27 ihren Traͤger warf, eine große Geſtalt, uber ſechs Fuß hoch, erblickte, mit einer rauhhaarigen Muͤtze auf dem Kopfe, und mit Zügen, die ganz zu ſeiner großen Geſtalt paßten; auch glaubte er Piſtolen in ſeinem Guͤrtel zu bemerken. „Ich ſtehe fuͤr dieſen Herrn,“ ſagte Mr. Trum⸗ bull;„er muß zum Laird gebracht werden, um ihn zu ſprechen.“ „Da muß gut geſteuert werden,erwiederte der untergeordnete,„denn ich habe gehoͤrt, daß der Laird und ſeine Leute kaum auf der andern Seite an⸗ gekommen waren, ſo kamen auch ſchon die Landwaͤch⸗ ter heran, und einige berittene Rothrocke von Car⸗ lisle, ſie mußten ſich zerſtreuen. Jetzt ſind neue Be⸗ ſen da, um das Land von ihnen rein zu fegen, wie ſie ſagen, denn der Angriff war ein wenig grob, anch ſoll ein junger Menſch dabei ertrunken ſeyn;— er war keiner von bes Lairds Leuten, da hat es ſo vies nicht zu ſagen.“ „Still, ich bitte dich, ſtill, Hiob Rutledge,“ ſagte der ehrliche, friedfertige Mr. Trumbull.„Dyu ſolteſt Dich erinnern, daß ich nichts von Eueren Zu⸗ ſammenrottungen und Streichen, Eueres Beſen und Geſechten wiſſen will. Ich lebe hier unter meinen eigenen Leuten, und verkaufe meine Waaren dem, der auf dem Geſchaͤftsweg zu mir kommt; ſo waſche ich meine Haͤnde in Unſchuld, wie es einem ruhigen⸗ Unterthanen und einem ehrlichen Manne zukommt. ——— — 28 Ich nehme niemals Bezahlung, außer in baarer Muͤnze.“ „Ja, ja,“ murmelte der mit der Laterne;„Euer Hochehrwuͤrden, Mr. Trumbull, verſteht den Ge⸗ ſchäftsweg.“ „Nun, ich hoffe, Ihr ſollt noch eines Tags er⸗ fahren, Hiob,“ antwortete Mr. Trumbull,„was der Proſt eines reinen Gewiſſens iſt, und nicht noͤthig su haben, Aufpaſſer und Controlleure, Actis und Zoll zu fürchten. Das Geſchaͤft iſt jetzt, dieſen Herrn wegen eines ernſten Geſchäſts nach Cumberland zu bringen, und ihm eine Unterredung mit dem Laird der Solway⸗Seen zu verſchaffen. Ich denke, das kann geſchehen, und Nanty Ewart, wenn er mit der Brigg bei der Morgenfluth abfährt, iſt der Mann, der ihn gut fortbringt.“ „Ja, ja, der iſts freilich; keiner hat je die Kuͤ⸗ ſte, Thal und Huͤgel, Waide und Pflugland beſſer gekannt, als Nanty; und der kann ihn immer zum Laird bringen, wenn Ihr ſicher ſeyd, daß es mit dem Herrn richtig iſt. Doch dieß iſt ſeine eigene Sorge, denn wäre er der ſtärkſte Mann in Schottland und der Vorſteher der Aufpaffer noch dazu, und hätte er füͤnfzig Mann hinter ſich drein, ſo moͤchte ich doch nicht rathen, den Laird anders, als in Gutem, ei⸗ nen Beſuch abzuſtatten. Was den Nanty betrifft, der iſt Wort und Schlag, ein gut Theil tapferer, als Chriſtie Nipon, von dem ſie einen ſo großen Lär⸗ —— 29 men machen. Ich habe ſie beide in der Arbeit ge⸗ ſehen, bei———.. Fairford füͤhlte ſich jetzt aufgefordert, anch etwas zu ſagen. Seine Gefuͤhle aber, da er ſich ſo vollig in der Gewalt eines vollendeten Heuchlers und ſei⸗ nes Spießgeſellen ſah, der das Anſehn eines ent⸗ ſchiedenen Spitzbuben hatte, verbunden mit dem ſtar⸗ ken und abſcheulichen Dampfe, den ſie mit Gleich⸗ guͤltigkeit einſogen, während er ihn faſt des Athems beraubte, machte es ihm ſchwierig, ſich zu äußern. Er ſagte indeſſen doch, daß er keine uͤble Abſicht ge⸗ gen den Laird hätte, wie ſie ihn nenuten, ſondern nur in einem beſondern Geſchafte der ueberbringer eines Vriefs von Mr. Maxwell von Summertrees an ihn ſey. „Ja, ja,“ ſagte Hiob,„das mag alles recht gut ſeyn, und wenn Mr. Trumbull uͤberzeugt iſt, daß es mit der Schrift ſeine Richtigkeit hat, nun dann wollen wir Euch bei dieſer Fluth auf die ſprin⸗ gende Jeuny bringen, und Nanty Ewart wird Euch, des ſeyd verſichert, den Weg weiſen, wo Ihr den Laird finden koͤnnt.“ „Vor der Hand moͤchte ich aber in den Gaſthof zuruͤckkehren, wo ich mein Pferd gelaſſen habe,“ fagte Fairford.* „Verzeiht,“ erwiederte Mr. Trumbull,„Ihs ſepd nun ſchon zu weit mit uns bekannt wordenz Hlob aber wird Euch einen Rlatz anweiſen, wo Ihr 30 ruhig ſchlafen konnt, bis er Euch ruft. Die wenigen Sachen, die Ihr beduͤrft, will ich Euch bringen, denn die, die auf ſolche Botſchaften ausgehen, duͤrfen nicht ſehr zaͤrtlicher Art ſeyn. Nach Eurem Pferd will ich ſelbſt ſehen, denn ein mitleidiger Menſch iſt auch mit⸗ leidig gegen ſein Vieh— das wird auf unſetem Ge⸗ ſchaͤftsweg allzuoft vergeſſen.“ „Wie, Meiſter Trumbull,“ erwiederte Hiod, „Ihr wißt, wenn wir gejagt werden, dann iſt nicht Zeit, die Segel einzuziehen, und dann reiten die Burſche, was das Zeug haͤlt.— Er hielt in ſeiner Rede an; da er ſah, daß der alte Mann durch die Thuͤre, durch die er vorher eintrat, verſchwunden war,— ſo machts der alte Turnpenny immer, ſagte er zu Fairford; vom ganzen Handel kuͤmmert er ſich nur um den Proſit,— und zum Teufel, das iſt im⸗ mer noch das Beſte an der ganzen Sache, Aber kommt mit mir, mein junger Herr, ich muß Euch jetzt in Sicherheit bringen, bis es Zeit iſt, an Vord zu gehen.“ 3 weites Kapitel. Erzaͤhlung von Alan Fairfe (Fortſetzung.). Fairford folgte ſeinem muͤrriſchen Führer durch ein Labyrinth von Fäſſern und Ballen, an welchen er 31 beinahe mehr als einmal die Naſe zerbrochen haͤtte, und von da aus in ein kleines Geſchäftszimmer, wie es ſchien, denn das ſchwache Licht der Laterne ließ ein Schreibpult und Schreibmaterialien erblicken. Hier ſchien kein Ansgang zu ſeyn, aber der Schmugg⸗ ler oder Schmugglers Genoſſe dedieute ſich einer Lei⸗ ter, ſchob ein altes Gemälde hinweg, worauf unge⸗ fahr ſieben Fuß vom Boden ſich eine Thuͤre zeigte; Fairford, immer Hiob folgend, kam in einen andern verſchlungenen und dunkeln Durchgang, der ihn un⸗ willkührlich an Peter Peebles Prozeß erinnerte. Am Ende dieſes Labprinths, als er kaum noch eine Ver⸗ muthung hatte, wohin er gefuͤhrt worden ſey, und, wie die Franzoſen ſagen, vollig desorientirt war, ſetzte Hiob plotzljch die Laterne nieder, und zuͤndete damit zwei Lichter an, die auf dem Tiſche ſtanden und frahte Alan, ob er etwas eſſen wolle, empfahl ihm aber auf alle Fälle einen Schluck Branntwein gegen die Nachtluft zu nehmen. Fairford lehnte bel⸗ des ab und fragte nur nach ſeinem Gepäcke⸗ „Der alte Herr wird dafuͤr ſorgen,“ ſagte Hiob Rutledge, indem er ſich auf die nämliche Seite hin entfernte, auf welcher er eingetreten war; er ver⸗ ſchwand an dem andern Ende auf eine Weiſe, welche Alan bei dem noch ſchwachen Kerzenlicht nicht genan bemerken konnte. So war der abenthenerliche junge Rechtsgelehrte allein in einem Gemach zueuckgelaſſen, wohin er auf einem ſo ſonderbaten Wege gefuͤhrt worden war. 32 In dieſer Lage war es Alans erſtes Geſchaͤft, den Ort, wo er ſich befand, mit einiger Genauigkeit zu unterſuchen; er putzte alſo die Lichter, und ging dann langſam in dem Gemache umher, indem er das Aeußere und die Ausdehnung genau betrachtete. Es ſchien ſo ein kleines Speiſezimmer zu ſeyn, wie es gewoͤhnlich in den Häuſern der beſſern Claſſe von Hand⸗ werkern, Kleinhändlern und dergl. ſich befindet, hatte am obern Ende eine kleine Abtheilung, worin ſich die gewoͤhnlichen Geräthſchaften befanden. Er fand eine Thuͤre, die er zu oͤffnen verſuchte, ſie war aber von oußen verſchloſſen. Eine entſprechende Thuͤre auf der⸗ ſelben Seite des Gemachs führte ihn in ein Cabinet, wo auf dem vordern Geſimſe Punſchbowlen, Gläſer, Theetaſſen und dergl. ſich befanden, während auf der andern Seite ein Reitrock von dem grobſten Stoffe hing, zwei große Reiterpiſtolen ſahen aus der Ta⸗ ſche vor, und auf dem Boden ſtanden ein paar wohl⸗ beſpritzte Kurierſtiefeln, damals die gewoͤhnliche Aus⸗ ruͤſtung, wenigſtens fuͤr lange Reiſen. Nicht ſonderlich erbant uͤber den Jnhalt des Ca⸗ binets, ſchloß Alan Fairford die Thuͤre und nahm ſeine Unterſuchung links der Mauer des Gemaches wieder vor, um zu eutdecken, auf welche Weiſe ſich Hiob Rutledge entferut hatte. Der geheime Durch⸗ gang war aber zu kuͤnſtlich verſteckt, und der junge Rechtsgelehrte hatte nichts Beſſeres zu thun, a1s uͤber ſeine ſonderbare Lage nachzudeuken. Er hatte lan⸗ 33 lange ſchon gewußt, daß die Acciſegeſetze einen leb⸗ haften Contreband⸗Handel zwiſchen Schottland und England veranlaßten, der damals, wie noch jetzt, eriſtirte, und ſo lange noch exlſtiren wird, bis das erbaͤrmliche Syſtem voͤlltg abgeſchafft iſt, das eine Ungleichheit der Abgaben zwiſchen den verſchiedenen Theilen deſſelben Koͤnigreichs feſtſetzt; beiläufig ge⸗ ſagt, ein Syſtem, das ſehr dem Venehmen eines Fechters gleicht, der ſich den einen Arm zuſammen⸗ ſchnuͤrt, um mit dem andern beſfer fechten zu können. Fairford hatte aber doch an keine ſo koſtſpieligen und regelmäßigen Anſtalten gedacht, durch welche der un⸗ erlaubte Hanbel getrieben wurde, und hatte ſich nicht denken koͤnnen, daß das darauf verwandte Capital zur Errichtung ſo ausgedehnter Gekaͤude mit⸗ allen dieſen kuͤnſtlichen Mitteln zur Geheimhaltung hinrei⸗ chend ſeyn ſollte. Er dachte eben uber dieſe Umſtaͤnde nach, nicht ohne einige Aengſtlichkeit uͤber den Fort⸗ gang ſeiner eigenen Reiſe, als er ploͤtzlich, wie er bie Augen erhob, den alten Mr. Trumbull am obern Ende des Zimmers entdeckte, wie er in der einen Hand ein kleines Buͤndel trug, in der andern ſeine dunkle Laterne, deren Licht er beim Votwartsgehen gerade auf Fairford's Geſicht richtete. Ob er gleich nichts anders, als eine ſolche Er⸗ ſcheinung erwartet hatte, ſo konnte er doch den gram⸗ lichen, finſtern Mten ſo plotzlich nicht ohne einige Be⸗ wegung ſehen, beſonders wenn er ſich erinnerte(was W. Scott's Werke XVIII. 3 34 einem Juͤngling von einer ſo frommen Erziehung be⸗ ſonders unangenehm aufſtoßen mußte), daß der grau⸗ koͤpfige Heuchler vielleicht in dieſem Angenblick von den Knieen aufgeſtanden ſey, um die geheimnißvollen Geſchaͤfte eines verzweifelten und ungeſetzlichen Han⸗ dels zu betreiben. Der alte Mann, gewohnt, mit ſcharfem Blick die Phyſiognomie derer zu beurtheilen, mit denen er Geſchäfte hatte, bemerkte ſogleich die Unruhe in Fair⸗ ford's Benehmen.„Reut es Euch,“ ſagte er.„Wollt Ihr das Pferd wieder abſatteln, und das Wagſtuͤck aufgeben?“ „Nimmer,“ ſagte Fairford feſt, gereizt ſowohl durch ſeinen natuͤrlichen Muth, als durch das Anden⸗ ken an ſeinen Freund;„nimmer, ſo lange ich lebe und Kraft habe, es hinauszufuͤhren!“ „Ich habe Euch,“ ſagte Trumbull,„ein reines Hemd und ein Paar Struͤmpfe mitgebracht, und dieß iſt alles Gepäck, das Ihr paſſender Weiſe mitnehmen koͤnnt; auch will ich's einem von den Burſchen ſagen, daß er Euch einen Reitrock leiht, denn ohne einen ſol⸗ chen kommt man zu Schiff und zu Pferde nicht mit fort; und was Euern Mantelſack anbelangt, ſo iſt er in meinem armen Hauſe, auch wenn er mit Gold aus Ophir gefuͤllt waͤre, ſo ſicher, als in der Tiefe eines Schachts.“ „Ich zweifle nicht daran,“ ſagte Fairford. „Und nun,“ ſagte Trumbull wiederum,„bitte 35 ich Euch, mir zu ſagen, mit welchem Namen ich Euch dem Nanty(Antony) Ewart nennen ſoll.“ „Alan Fairford heiße ich!“ „Das iſt aber,“ ſagte Trumbull,„Euer wirkli⸗ cher Vor⸗ und Zuname.“ „und welchen andern ſollte ich geben,“ ſagte der junge Mann,„laubt Ihr, ich hätte urſache, einen an⸗ dern zu wählen? Und dabei, Mr. Trumbull,“ ſetzte Alan hinzu, indem er glaubte, daß ein wenig Spott innere Zuverſicht anzeigen wuͤrde,„habt Ihr Euch vor ganz kurzer Zeit gluͤcklich geprießen, daß Ihr keine Be⸗ kanntſchaft mit denen haͤttet, deren Name ſo verrufen ſey, daß ſie genoͤthigt waͤren, einen andern zu wählen.“ „Wahr, ſehr wahr,“ ſagte Mr. Trumbull, „dennoch, junger Mann, trage ich meine grauen Haare, was dieß betrifft, ohne Tadel, denn wenn ich in meinen Geſchaften unter meinem Weinſtock und meinem Feigenbaum ſitze, und die ſtarken Waſſer des Nordens gegen das Gold, das dafuͤr bezahlt wird, austauſche, ſo habe ich, dem Himmel ſey Dank, keine Verkappung noͤthig, und trage meinen eigenen Na⸗ men, Thomas Trumbull, ohne Gefahr, denſelben zu beflecken. Du aber, der Du auf ſchlammigen Wegen gehſt, Du wuͤrdeſt wohl thun, zwei Namen zu ha⸗ ben, wie Du zwei Hemden haſt, um das eine durch das andere rein zu halten.“ Hier ſtieß er ein grunzendes Murren aus, das genan zwei Pendelſchwingungen dauerte, und die ein⸗ 3„ 36 zitze Annaͤherung am Gelächter war, das ſich je der alte Turnpenny, denn dieß war ſein Spitzname, ge⸗ ſtattete. „Ihr ſeyd witzig, Mr. Trumbull,“ ſagte Fair⸗ ford,„aber Scherze ſind keine Gruͤnde; ich werde meinen eigenen Namen behalten.“ „Nach Eurem Belieben,“ ſagte der Kaufmaun, es gibt nur einen Namen, indem——“ Wir wollen dem Heuchler nicht durch die unheilige Anführung folgen, deren er ſich bediente, um die Un⸗ terredung zu ſchließen. Alan folgte ihm in ſtummem, ſchweigendem Ab⸗ ſcheu zu der Abtheilung, wo der Trinktiſch aufgeſtellt und ſo kuͤnſtlich angebracht war, daß er eine andere von den Thüren verbarg, an denen das ganze Gebaͤude ſo reich war. Dieſe fuͤhrte ſie wieder in den nämli⸗ chen gewundenen Gang, wodurch der junge Rechtsge⸗ lehrte hieher gebracht worden war. Der Pfad aber, den ſie jetzt in dieſem Labyrinthe einſchlugen, ging nicht in der nämlichen Richtung, in der ihn Rutledge geführt hatte; er fuͤhrte aufwärts, und endigte an einem Dachfenſter. Trumbull offnete es, und mit mehr Behendigkeit, als man von ſeinem Alter erwar⸗ ten konnte, kletterte er hinaus auf ein plattes Dach. Wenn Fairford's Reiſe bisher in einer erſtickenden un⸗ terirdiſchen Atmoſphäre fortgegangen war, ſo war ſie jetzt offen, frei und luftig genug, denn er mußte ſei⸗ nem Fuͤhrer uͤber Blei⸗ und Schieferdächer folgen, — 37 uber welche der alte Schmuggler mit der Geſchicklich⸗ keit einer Fatze hinlief. Wahr iſt's, ſein Weg wurde ihm dadurch ſehr erleichtert, daß er alle Ruheſtellen und Anhaltspunkte genau kannte, deren ſich Fairford nicht ſo raſch bedienen konnte. Rach einem beſchwerli⸗ chen und manchmal gefährlichen Gange uͤber die Dä⸗ cher von zwei oder drei Haͤuſern, ſtiegen ſie endlich durch ein Bodenfenſter in eine Dachſtube, und von da die Treppe hinab in ein Wirthshaus, denn dieß ſchien es dem Schellen mit den Glocken, dem Pfeifen nach Aufwärter und Bedienung, und dem Schreien„da⸗ her, Kellner, daher,“ zu Folge zu ſeyn; dazwiſchen erklangen Matroſenlieder und anderes Geränſch der Art. Als ſie in den zweiten Stock herabgeſtiegen wa⸗ ren, und in ein Zimmer traren, ſchellte Mr. Trum⸗ bull dreimal an der Glocke des Zimmers, jedesmal nach einem Abſaße, waͤhrend deſſen er gemächlich die Zahl zwanzig zaͤhlte. Unmittelbar nach dem dritten Schellen erſchien der Wirth mit heimlichem Schritte, und mit einem geheimnißvolen Anſtrich auf dem dienſtfertigen Geſichte. Er gruͤhte Mr. Trumbull, der, wie es ſich zeigte, ſein Miethsherr war, mit großer Ehrerbietung, und druͤckte ſeine Verwunde⸗ rung aus, ihn ſo ſpaͤt und zwar am Samſtag Abend zu ſehen. „Und ich, Robin Haſtie,“ ſagte der Miethsherr zu ſeinem Paͤchter,„wundre mich mehr, als es mich 38 freut, ſo nahe vor dem Eintritt des Sabbaths ſolchen Lärmen in Eurem Hauſe zu horen, und ich muß Euch erinnern, daß es gegen die Bedingungen Eures Pach⸗ tes iſt, welcher verlangt, daß Ihr am Samſtag ſpät⸗ ſtens 9 Uhr Abends Euer Wirthshaus ſchließen ſollt.“ „Ja, Herr,“ ſagte Robin Haſtie, durch den hef⸗ tigen Tadel keineswegs beunruhigt,„aber Ihr muͤßt bedenken, daß ich ſeit 9 Uhr Niemanden mehr herein⸗ gelaſſen habe, außer Euch, der ſich ſelbſt eingefuͤhrt hat; denn die meiſten ſind ſchon ſeit mehreren Stun⸗ den hier, um die Brigg zu laden, u. ſ. w. Es iſt noch nicht die volle Fluth, und ich kann ſie doch nicht auf die Straße ſetzen. Wenn ich es thaͤte, ſo gingen ſie zu einem andern Wirthshaus, und um ihre Seelen wuͤrde es deßhalb nicht beſſer ſtehen, um meinen Beu⸗ tel viel ſchlechter, denn wie kann ich den Pacht bezah⸗ len, wenn ich nicht den Schnapps verkaufe?“ „Nun, nun,“ ſagte Thomas Trumbull,„wenn es ein Werk der Nothwendigkeit iſt und auf dem ehr⸗ lichen Geſchaͤftswege, ſo wird es ohne Zweifel Balſam in Gilead ſeyn, Aber ich bitte Dich, Robin, ſieh doch, ob Nanty Ewart, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt, un⸗ ter dieſen unſeligen Trunkenbolden ſich befindet, und wenn er da iſt, ſo ſag“ ihm, er ſoll vorſichtig herauf⸗ kommen, und mit mir und dieſem Mann da ſprechen. Und da es nicht gut iſt, Robin, beim Sprechen ſo tro⸗ cken da zu ſitzen, ſo laßt uns eine Bowle Punſch brin⸗ gen, Ihr wißt es, wie ich⸗s liebe.“ 39 „Vom Gläschen bis zur Kanne, ich kenne Euren Geſchmack, Mr. Thomas Trumbull,“ ſagte der Wirth, „und Ihr ſollt mich uͤber dem Schildzeichen aufhan⸗ zen, wenn ein Tropfen mehr Citrone oder ein Koͤrn⸗ chen weniger Zucker drinnen iſt, als Ihr es gerade liebt. Ihr ſeyd Enrer Drey, da werdet Ihr wohl das alte ſchottiſche große Maas wollen, um auf eine gluͤck⸗ liche Reiſe zu trinken.“ „Veſſer dafur beten, als trinken, Robin,“ ſagte Mr. Trumbull.„Euer Gewerb iſt gefaͤhrlich, Robin, es rihtet viele zu Grunde, Wirth und Gäſte. Ihr werdet aber die blaue Bowle nehmen, die blaue Bow⸗ le, die wird ſchon allen Durſt vertreiben, und die ſuͤnd⸗ liche Wiederholung des gierigen Trinkens, auch an einem Samſtagabend, verhindern. Ja, Robin, es iſt Schade um Nanty Ewart— Nanty liebt doch auch, ſeinen kleinen Finger naß zu machen, und wir wollen ihn nicht hindern, Robin, ſo lang er noch zum Steuer⸗ mann Verſtand behält.“ „Nanty Ewart ſtenert Euch durch den Pentland⸗ Golf, und wäre er ſo voll, als das baltiſche Meer,“ ſagte Robin Haſtie; ſo trippelte er im Augenblicke die Treppe hinab, kehrte aber ſogleich zuruͤck mit den Materialien zu dem, was er ſein Gebräu nannte; dieſe beſtanden aus zwei engliſchen Quarts Brannt⸗ wein in einer großen blauen Bowle, nebſt allen Ingre⸗ dienzien zu einem Punſch, in dem naͤmlichen furcht⸗ baren Verhaͤltniß. Zu gleicher Zeit fuͤhrte er Mr. v „ 40 Antony oder Nanty Ewart ein, deſſen Perſon, obgleich er ſchon ziemlich vom Branntwein betrunken war, Fair⸗ ford's Erwartungen dennoch betrog. Seine Kleidung war, was man ſo ärmlich anſtändig nennt, ein Frack mit verblichenen Treſſen, ein kleiner keck aufgeſetztet Hut auf ahuliche Weiſe verziert, eine Scharlach⸗Weſie mit verſchabter Stickerei, dergleichen Hoſen mit ſi⸗ bernen Kniebändern, und dabei trug er einen gutin Hirſchfänger und ein Paar Piſtolen in einem ſchmuzi⸗ gen Wehrgehaͤng, „Pier komm lch, Patron,“ ſagte er zu Mr. Trumbull, ihm die Hand ſchuͤttelnd.„Gut, ich ſehe, Ihr habt ſchon etwas Srog an Bord genonmen.“ „Es iſt nicht meine Sitte, wie ihr wißt, Mr. Eward,“ ſagte der Alte,„ſo ſpät am Samſtag Pbend zu zechen oder zu ſchmaußen; ich wollte aber Eurer Aufmerkſamteit nur einen jungen Freund em⸗ pfehlen, der auf einer beſondern Reiſe begriffen iſt, mit einem Briefe an unſern Freund, den Laird von Pate— in— Peril, wie man ihn nennt.“ „Nun, er muß auf ſo einen jungen Herrn recht viel Vertrauen haben.— Ich wüͤnſche Euch viel Slück, Sir,“ ſagte er, ſich gegen Fairford verbeu⸗ gend.„Bei unſrer Frau, wie Shakespeare ſagt: Kommt, Patron, wir wollen eins trinken auf ſeine Geſundheit!— Wie heißt er?— Habt Ihr's ſchon geſagt, und hab ich's vergeſſen?“ Hals zu einer ſchoͤnen Geſchichte. 41 „Mr. Alan Foirford,“ ſagte Trumbyll. „Ei, Mr. Alan Fairford— ein guter Name für einen Schleichhändler*), moög es lange dauern, bis Ihr den Popmaſt des Ehrgeizes erreichet, wofuͤn ich die höchſte Sproſſe einer gewiſſen Leiter halte.“ Während er ſprach, ergriff er den Punſchlöffel, und begann die Gläſer zu fuͤllen. Aber Mr. Drum⸗ bull hielt ihm die Hand, bis er, wie er ſich aus⸗ drückte, den Trank durch ein langes Gebet geweiht hatte; während er diß ſprach, ſchloß er die Angen, dehnte aber die Naſenßuͤgel weit aus, als ob ey den Duft des Tranks mit beſonderer Vehaglichkeit einſchnöffelte. Als das Gebet endlich voruͤber war, ſetzten ſich die drei Freunde nieder zu ihrem Getraͤnke, und luden Alan Fairford ein, daran Theil zu nehmen. Aengſtlich wegen ſeiner Lage, mißvergnuͤgt öber ſeine Geſelſchaft, erhlelt er nach vielem Bitten, un⸗ ter dem Vorwand, er ſey ermüdet, erhitzt u. dergl. die Erlaubniß, ſich auf ein Lager hinzuſtrecken, das in dem Zimmer war, und verſuchte, wenigſtens ei⸗ nen Augenblick zu ruhen, ehe die hohe Fluth ihn auf's Schiff rief. Eine Zeitlang heftete er ſeine An⸗ gen noch auf die luſtige Gefellſchaft, die er verlaſ⸗ ſen hatte, und ſtrengte ſeine Ohren an, um wo *) Fairſord heitzt wörtlich, einer, der gut über's Waſſer watet. 42 möglich etwas von ihrer Unterhaltung zu vernehmen. Er fand aber bald, daß ihm dieß nicht gelang; denn was auch wirklich ſeine Ohren erreichte, war ſo ſehr mit einem janneriſchen Rothwelſch vermengt, daß er keinen Sinn hinein brachte. Endlich ſchlief er ein. Nach einem drei oder vierſtuͤndigen Schlafe wurde er durch Stimmen aufgeweckt, welche ihn baten, aufzuſtehen und ſich zur Abfahrt bereit zu machen. Er ſprang alſo auf, und befand ſich noch in derſel⸗ ben luſtigen Geſellſchaft, die gerade mit ihrer unge⸗ heuren Punſchbowle fertig geworden war. Zu Alans Erſtaunen hatte das Getränk nur wenig Wirkung auf das Gehirn von Menſchen gehabt, die gewohnt waren, zu jeder Stunde zu trinken und in den un⸗ gewöhnlichſten Quantitaten. Der Wirth ſprach zwar ein wenig ſchwer, und auch mit der Zunge des Mr. Thomas Trumbull wollte es nicht recht fort, Nanty aber war einer von den Säufern, die fruͤhe das wur⸗ den, was man Bonvivants nennt, und Tag und Nacht auf dem nemlichen Punkte der Berauſchung bleiben; da ſie aber ſelten ganz nuͤchtern ſind, ſind ſie auch eben ſo ſelten ganz betrunken. und in der That hätte Fairſord nicht gewußt, womit Ewart während ſeines Schlafs beſchäftigt war, er wuͤrde beim Erwachen faſt geſchworen haben, der Mann ſey nüchteruer, als da er zuerſt in's Zimmer trat. Er wurde in dieſer Meinung beſtaͤrkt, als ſie in das uutere Zimmer hinabgingen, wo zwei oder 43 drei Matroſen und Spitzbubengeſichter auf ihre Be⸗ fehle warteten. Ewart nahm die ganze Leitung auf ſich, gab ſeine Vefehle mit Kuͤrze und Veſtimmtheit, und ſah darauf, daß ſie mit der Stille und Schnel⸗ ligkeit vollzogen wurden, wie es die beſonderen Um⸗ ſtände erforderten. Alle wurden jetzt auf die Brigg geſchickt, welche, wie man Fairford zu verſtehen gab, ein wenig weiter unten am Fluß lag, welcher fuͤr Schiffe von leichter Ladung bis faſt eine Meile von der Stadt ſchiffbar iſt. Als ſie aus dem Wirths⸗ baus gingen, wuͤnſchte ihnen der Wirth Gluͤck auf den Weg. Der alte Trumbull ging ein wenig mit, aber die Luft hotte, wie es ſchien, eine bedeutende Wirkung auf den Zuſtand ſeines Gehirns geaͤußert, denn nachdem er Alan Fairford erinnert hatte, daß der naͤchſte Tag ein Sabbath ſey, ermahnte er ihn äußerſt weitlaͤufig, ja denſelben heilig zu halten. End⸗ lich merkte er vielleicht, daß er unverſtaͤndlich wuͤrde, druͤckte Fairford ein Buch in die Hand, und ſagte un⸗ ter vielem Schlucken:„Gutes Buch, gutes Buch, ſch⸗ nes Geſangbuch, paſſend fuͤr den morgenden Sabbath.“ Hier ſchlug die Glocke von Annan fuͤnf, woruͤber die ſchon verwirrten Gedanken Mr. Trumbulls noch ver⸗ wirrter wurden.„Ei? Iſt der Soontag ſchon gekom⸗ men und vergangen? Der Himmel ſey geprießen! Nur iſts erſtaunlich, daß der Nachmittag fuͤr dieſe Jahrs⸗ zeit zu dunkel iſt.— Der Sabbath iſt ruhig voruͤber⸗ geſchlupft, doch haben wir Urſache, uns Gluͤck zu wuͤn⸗ 44 ſchen, daß er nicht ganz ſchlecht angewendet worden iſt. Ich hoͤrte wenig von der Predigt— ein kalter Moraliſt iſts, glaube ich, geweſen, aber— das Ge⸗ bet, ich erinnere michs, als haͤrte ich die Worte ſelbſt geſagt.“ Hier wiederholte er ein paar Stellen, ver⸗ muthlich aus ſeiner Hausandacht, die er vor der Auß⸗ forderung zu dem, was er ſeinen Geſchäftsweg nann⸗ te, abgehalten hatte.„Ich erinnere mich nicht, daß mir je ein Sabpath ſo gut voruͤbergegangen wäre.“ Dann faßte er ſich ein wenig, und ſagte zu Alan:„Ihr koͤnnt dieß Buch leſen, Mr. Fairford, morgen, es thut nichts, daß es ſchon Montgg iſt; denn Ihr ſeht, es war Samſtag, als wir veiſammen waren, und nun iſts Sonntag und es iſt dunkle Nacht,— ſo iſt 1 8 der Sabbath rein durch die Finger geſchluͤpft, Hie Weſſer durch ein Sieb, das nichts haͤlt; und wir muͤſ⸗ ſen nun morgen fruh wieder anfangen, in den müh⸗ ſamen, niedrigen, unbedeutenden irdiſchen Geſchäf⸗ ten, die eines unſterblichen Geiſtes unwuͤrdig ſind,— den Geſchaͤftsweg immer ausgenommen,“ Dret von den Leuten kehrten jetzt nach der Stadt zuruͤck und brachen auf Ewarts Befehl des Patriarchen Ermahnungen kurz ab, indem ſie ihn zuruͤck nach ſei⸗ ner Behauſung fuͤhrten. Die uͤbrige Geſellſchaft ging vorwarts zu der Briag, die nur auf ihre Ankunft war⸗ tete, um die Anker zu lichten und den Fluß hinab zu fahren. Nanty Ewart ſetzte ſich ſelbſt ans Steuerru⸗ der, und die bloße Beruͤhrung davon ſchien die noch 45 abrige Wirkung des zu ſich genommenen Getraͤnks voll⸗ ends zu zerſtreuen, denn er wußte ſein kleines Schiff mit der groͤßten Genauigkeit und Sicherheit durch einen engen und gefährlichen Kanal zu lenken. Alan Fairford benutzte eine Zeitlang den hellen Sommermorgen, um die noch ziemlich dunkeln Kuͤſten, zwiſchen denen ſie hingleiteten, zu betrachten; als ſie aver endlich mehr und mehr ſeinen Blicken entſchwau⸗ den, machte er ſein kleines Buͤndel zum Kiſſen, wi⸗ celte ſich in den Oberrock, womit ihn der alte Trum⸗ bull ausſtaffirt hatte, und ſtreckte ſich hin aufs Ver⸗ deck, um wo möglich den Schlummer zuruͤckzurufen, aus dem er erweckt worden war. Kaum hatte ſich der Schlaf auf ſeinen Augen niedergelaſſen, als er merkte, daß jemand um ihn beſchäftigt war. Mit ſchneller Ge⸗ genwart des Geiſtes uͤberdachte er ſeine Lage, und be⸗ ſchloß, keine Unruhe zu zeigen, bis er nicht genuͤgen⸗ den Grund dazu hatte; er wurde aber bald von ſeiner Angſt befreit, als er bemerkte, daß der um ihn be⸗ ſorgte Nanty ſo ſanft wie moͤglichzeinen großen Schif⸗ fermantel um ihn ſchlug, damit er gegen die Morgen⸗ luft geſchuͤtzt ſey. „Du biſt kaum aus dem Ei geſchluͤpft,“ murmelte er,„es waͤre aber Schade, wenn Du wieder abfahren müßteſt, ohne ein wenig mehr von Leid und Freud' dieſer Welt geſehen zu haben. Obgleich es, meiner Treu, wenn Du das gewoͤhnliche Schickſal haſt, das Beſte wäre, ich uberließe Dich der Gefahr eines kal⸗ 46 ten Fiebers.“ Dieſe Worte und die rauhe Höoflich⸗ keit, mit der der Patron der kleinen Brigg den Schif⸗ fermantel um Fairford zu ſchlagen ſich bemuͤhte, gaben dieſem ein Gefuͤhl von Sicherheit, das er bis jetzt noch nicht gehabt hatte. Sorgloſer ſtreckte er ſich auf die harten Bretter, und verfiel bald in einen Schlaf, der aber fieberiſch und nicht erquickend war. Es iſt ſchon anderwaͤrts bemerkt worden, daß Alan Fairford von ſeiner Mutter eine zarte Conſtitution mit einer Anlage zur Auszehrung geerbt hatte, und da er außer dieſem Grunde zur Befürchtung das einzige Kind war, ſo ſtieg die Sorge, ihn vor feuchten Vetten, naſſen Füßen und den mancherlei Unbequemlichkeiten zu be⸗ wahren, woran Kinder in Schottland auch von weie boͤherer Geburt meiſtens gewoͤhnt ſind, bis zur Ver⸗ weichlichung. Bei dem Menſchen haͤlt der Geiſt die korperliche Schwäche auf, wie bei den Voͤgeln die Fe⸗ dern den Korper tragen. Aber dieſe Kraft hat ihre Grenze, und wie die Schwingen des Vogels endlich ſchwer werden muͤſſen, ſo bricht bei fortgeſetzter An⸗ ſtrengung auch die geiſtige Kraft des Menſchen endlich zuſammen. Als der Reiſende durch die Strahlen der bereits hochſtehenden Sonne erweckt wurde, fuͤhlte er faſt unertraͤgliche Kopfſchmerzen, nebſt Hitze, Durſt, ſtechende Schmerzen durch Ruͤcken und Lenden und an⸗ dere Anzeigen eines heftigen, mit Fieber verbunde⸗ nen Froſts. Die Art, wie er den vergangenen Tag und die 47 Nacht zugebracht hatte, welche fuͤr die meiſten jungen Menſchen von geringen Folgen geweſen wäre, war fuͤr ihn bei ſeiner zärtlichen Conſtitution und Erziehung von ſchlimmen, und ſogar gefaͤhrlichen Folgen beglei⸗ tet. Er fühlte dieß, doch wollte er die Symptome der Unpäßlichkeit bekaͤmpfen, weil er ſie vorzuͤglich der Seekrankheit zuſchrieb. Er ſetzte ſich auf das Verdeck und ſchaute auf die Scene ringsumher, wie das kleine Schiff, das den Solway hinabgefahren war, mit guͤn⸗ ſtigem Nordwind ſuͤdwärts zu ſteuern begann, die Muͤndung des Wampol⸗Fluſſes durchſchnitt, und ſich ruͤſtete, die noͤrdlichſte Spitze von Cumberland zu um⸗ ſegeln. Fairford fuͤhlte ſich aber im hoͤchſten Grade unpaͤß⸗ lich, ſeine Schmerzen waren von einer entmuthigenden und niederdruͤckenden Art und weder der Criffel, der ſich auf der einen Seite majeſtätiſch erhob, noch auf der andern Seite die entfernten, jedoch noch maleri⸗ ſchern Umriſſe ven Skiddaw und Glaramara, konn⸗ ten ſeine Aufmerkſamkeit in dem Maaße feſſeln, wie dieß ſonſt bei ſchonen Scenen der Foll war, und be. ſonders, wenn ſie etwas Neues und Ergreifendes hat⸗ ten. Doch lag es nicht in Alan Fairford's Charakter, ſich der Muthloſigkeit hinzugeben, auch wenn ſie von Schmerzen begleitet war. Er nahm zuerſt Zuflucht zu ſeiner Taſche, aber anſtatt des kleinen Salluſts, den er mitgenommen hatte, um durch das Leſen eines Liek⸗ lin gsklaſſikers ſich eine boͤſe Stunde zu vertreiben, ————— 48 brachte er das vermeintliche Geſangbuch heraus, das ihm wenige Stunden vorher der maͤßige und gewiſſen⸗ hafte Mr. Thomas Trumbull, ſonſt auch Turnpenny genannt, geſchenkt hatte, Das Buch war ſchwarz ge⸗ bunden, und ſein Aeußeres paßte ganz fur ein Pſalm⸗ buch. Wie erſtaunte aber Alan, als er auf dem Li⸗ telblatt folgende Worte las: Luſtige Gedanken fuͤr luſtige Leute, oder Mutter Mitternachts Miscella⸗ neen zum Zeitvertreib; als er aber die Blaͤtter um⸗ ſchlug, wurde er durch ſittenloſe Erzaͤhlungen empoͤrt und durch noch ſittenloſere Lieder, welche mit Figuren geziert'waren, die dem Tept an Abſcheulichkeit nicht nachſtanden. Guter Gott, dachte er, und dieler ver⸗ worfene Grauhyrt ruft ſeine Familie zuſammen, und wagt es, mit einem ſo ſchaͤndlichen Beweiſe der Ver⸗ worfenheit in ſeinem Buſen, dem Throne ſeines Schoͤ⸗ pfers ſich zu nahen? Es muß ſo ſeyn; das Buch iſt wie diejenigen gebunden, welche frommen andaͤchtigen Gegenſtänden gewidmet ſind, und ohne Zweifel ver⸗ wechſelte der Elende in ſeiner Betrunkenheit die B⸗ cher, die er mit ſich nahm, eben ſo gut, als die Wo⸗ chentage.— Ergriffen von Unwillen, womit edelmuͤ⸗ thige Juͤnglinge gewoͤhnlich die Laſter des vorgeruͤckten Alters betrachten, warf Alan, als er die Blätter mit unwilliger Haſt umgewendet hatte, das Vuch, ſo weit er konnte, in die See hinaus. Er nahm dann ſeine guflucht zu dem Salluſt, den er anfangs vergeblich geſucht hatte. Als er das Buch oͤffnete, gab Nanty Ewart⸗ v— 49 Ewart, der ihm über die Schulter goblickt hatte, ſei⸗ uen Gedanken Worte. Ich denke, Bruder, wenn Ihr Euch uͤber ein Paar kuſtige Schnaken ſo ärgert, die am Ende doch nieman⸗ den Schaben thun, ſo hättet Ihr das Buch lieber mir gegeben, als es in den Solway hineingeworfen. „Ich hoffe, Sir,“ erwiederte Fairford hoͤftich, „Ihr ſeyd beßfere Bücher zu leſen gewohnt.“ „Meiner Treu,“ antwortete Ranty,„mit Huͤlfe einer kleinen Genfer⸗Ausgabe könnte ich mei⸗ nen Salluſt ſo gut leſen, als Ihr;“ er nahm das Buch aus Plans Hand, und begann mit ſchottiſchem Accent zu leſen:„Igitur ex divitiis juventutem luxu- ria atque avaritia cnm superbia invasere, rapere, con- Sumere, sua parpi pendere aliena capere, pudorem, amicitiam, pudicitiam, divina atque humann promſs- cua, nihil pensi neque moderati habere(Mit dem Reichthum bemaͤchtigte ſich der Jugend Schwelgerei, Habſucht und Stolz; man raubte und verſchwendete, achtete eigenes Gut gering, und ſtrebte nach frem⸗ dem; Scham, Freundſchaft, Keuſchheit, goͤttliche und menſchliche Rechte achtete man gleich wenig, und kannte weder Maaß, noch Ziel mehr.) Das iſt ein Schlag in's Geſicht fuͤr einen ehrlichen Kerl, der ſo ein wenig Flibuſtier geweſen iſt. Nie konnte er einen Pfennig von dem behalten, was er bekam, oder ſeine Finger von dem zuruͤckhalten, was einem andern gehorte? ſagt Ihr. Pfui, pfni, Freund Cris⸗ W. Scott's Werke. XVIII. 80 pus; Deine Moral iſt ſo ſtrenge und ſauertoͤpſiſch, als Dein Styl; die eine kennt ſo wenig Erbarmen, als der andere Anmuth. Vei meiner Seele, es iſt nicht artig, perſoͤnliche Anmerkungen zu machen uͤber einen alten Bekannten, der nach einer faſt zwanzig⸗ jährigen Trennung eine kurte, freundliche Unterre⸗ dung mit Euch ſucht. Wahrhaftig, Meiſter Salluſt verdient noch mehr auf dem Solway zu ſchwimmen, als Mutter Mitternacht ſelbſt.“ „In einiger Hinſicht vielleicht moͤchte er eine beſ⸗ ſere Behandlung von Euren Haͤnden verdienen,“ ſagte Alan Fairford,„denn wenn er das Laſter offen be⸗ ſchreibt, ſo ſcheint er es unt zu thun, um daſſelbe allgemein verabſcheut zu machen.“ „Gut, ſagte der Seemann, ich habe von sortes virgilianae*) gehoͤrt, und ich glaube, die sortes Sal- lustianae werden vollig eben ſo wahr ſeyn. Ich habe den ehrlichen Criſpus meinethalben befragt, und eine Maulſchelle fuͤr meine Muͤhe bekommen. Aber ſeht, ietzt will ich das Buch fuͤt Euch öffnen, und ſehen, was ſich dem Ange zuerſt darſtellt! Seht hier! Catilina“. omnium Hagitiorum atque kacinorum eircum se habe- bat. Und dann wiedert Btiam si quis a culpa vacuus in amicitiam ejus inciderat, quotidiano usu par simi- *) Man ſchlug den Virgil auf, und welche Stelle dem Auf⸗ ſchtagenden zuerſt in die Augen fiel, wurde als ein Schick ſalsauspruch gedeutet, wie man es heut zn ag noch mit der Bibet macht⸗ 1 §1 bisque ceteris efßciebatur(Catilina vereinigte aſle Schandthaten und Verbrechen um ſich her— und wenn einer auch ſchuldlos in ſeine Genoſſenſchaft kam, ſo wurde er durch den täglichen Umgang bald den andern vollig gleich). Das nenne ich ehrlich geſprochen von dem alten Romer, Mr. Fairword(Schoͤnwort); wahr⸗ haftig, das iſt ein herrlicher Name fuͤr einen Rechts⸗ gelehrten“ „Ob ich gleich Rechtsgelehrter bin,“ ſagte Fair⸗ ford,„ſo verſtehe ich doch Euern Wink nicht.“ „Run denn,“ ſagte Ewart,„ich kann es auf einem andern Wese verſuchen, ſo gut als der henchleriſche, alte Schurke Turnpenny ſelbſt. Ihr ſollt wiſſen, daß ich mit meiner Vibel ſo gut bekannt bin, als mit mei⸗ nem Freund Salluſt. Dann fagte er in einem ſonder⸗ baren, naͤſelnden Tone den Vers her: Deshalb ging David hinweg, und kam zur Hoͤhle von Adullan. Und ale, die im Elend, alle, die in Schulden, alle, die mißverguuͤgt waren, ſammelten ſich unter ihm, und er wurde ein Hauptmann über ſie. Wos duͤnkt Euch davon, ſagde er, indem er plotzlich den Ton änderte, habe ich Euch jetzt getroffen, Sir?“ „Ihr ſeyd ſo weit davon, als je,“ erwiederte Fair⸗ ford. „Nun, zum Teufel! Und Ihr ſegelt zwiſchen dem Snmmertrees und dem Laird hin und her! Sagt das den Matroſen, und ſie glaubens nicht. Aber Ihr habt Recht, vorſichtig zu ſeyn, da Ihr nicht ſagen konnt, wer Recht hat, oder nicht.— Ihr ſeht aber übel aus; das iſt die kalte Morgenluft. Wollt Ihr ein Glas Flip*) oder eine Flaſche heißen Rumbo*8)? Bder wollt Ihr eins vom aͤchten(hier zeigte er eine Branntweinflaſche), wollt Ihr einen Mund voll Tabak,— oder eine Pfei⸗ fe,— oder eine Cigarre?— eine Priſe; das n das Hirn hell und ſchaͤrft den Blick?“ Fairford wies alle dieſe freundlichen Anerbietun⸗ gen ab. „Nun denn,“ fuhr Ewart fort,„wenn Ihr nichts fur den freien Handel thun wollt, ſo muß ich ihn in Schutz uͤehmen.“ Hier trank er ein großes Glas Branntwein aus⸗ „Ein Haar von dem Hunde, der mich biß, fuhr er fört,— von dem Hunde, der mich bold zerreißen wird; und doch muß ich Dummkopf ihn immer in der Kehle haben. Aber das alte Trinklied ſagt: hier ſang er und zwar gut: „Ich witl trinken, trinken⸗ ſo lana ich's Leben habez Wir finden nur kalten, kalten Trank im Grabe.“ „Alles diß aber, fuhr er fort,„hilft nicht gegen das Kopf⸗ weh. Ich wünſche, ich haͤtte etwassanderes, das Euch zut thaͤte; doch wir haben ja Thee und Caffee an Vord; ich werde eine Kiſte oder ein Faß offnen laſſen, und Ihr * Flin iſt ein engliſches Getränk aus Bier, Branntwein und Zitronenſaſt. ) Ein Geträut der Matroſen aus Vranntwein, Zucker und Waſſer. 53 ſollt im Augenblick etwas haben. Ihr ſeyd in dem Al⸗ ter, wo man ſo ſchwaches Zeus mehr liebt, als die ſtar⸗ ken Getraͤnke.“ Fairford dankte ihm und nahm den Dhee an. Bald rief Nanty Ewarts Stimme:„Brecht eine Kiſte auf, Ihr Baſtard von einem Schiffsjungen; wir brauchen ſchon wieder— kein Zucker mehr? Alles zu zrog verbraucht; ſast Ihr? Schlagt ein anderes Brod in Stücke, hoͤrt Ihr! Setzt den Dheekeſſel uͤbers Feuer, Ihr Hoͤllengezuͤcht, oder Euch ſoll———!“ Durch ein ſo energiſches Verfahren ſah er in kur⸗ zer Zeit ſich im Stande, zu dem Platze, wo ſein Paſſa⸗ gier krank und erſchopft lag, mit einer Laſſe oder viel⸗ mehr mit einer Kanne voll Dhee zuruͤckzukehren. Denn auf der ſpringenden Jenny macht man alles nach einem großen Maaßſtabe. Alan trank mit Begierde und ſchien ſo ſehr dadurch erquickt zu werden, daß Nanty Ewart ſchwor, er wolle auch davon trinken, aber nur, wie er ſich ausdruckte, mit einem Glaſe Branntwein aus⸗ ſtaffirt. Di e Alan Fairford's Erzaͤhlung. (Fortſetzung.) Wir verließen Alan Fairford auf dem Verdeck der kleinen Schmuggler-Brigg in dem troſtloſen Zuſtande, 54 den Krankheit und Ekel bei einem fieberiſch erhitzten Menſchen von aͤngſtlichem Gemuthe hervorbringen. Die Seekrankheit war indeſſen bei ihm nicht ſo ſark, daß ſie ihn voͤllig der Empfindung beraubt oder ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gaͤnzlich von dem abgewandt haͤtte, was um ihn vorging. Wenn er uͤber die Schnelligkeit und Beweg⸗ lichkeit, womit„die kleine Fregatte“ die Wogen durch⸗ ſchnitt, ſich nicht freuen oder auf die Schoͤnheit der See⸗ anſichten um ihn her nicht Acht haben konnte, wo der entfernte Skiddaw ſein Haupt erhob, gleichſam der in Wolken gehüllten Spitze des Criffels zum Trotz, der die ſchottiſche Seite der Solway-Muͤndung beherrſchte, ſo hatte er doch Kraft und Beſonnenheit genug, um dem Schiffskapitain, von deſſen Charakter nach aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit ſeine eigene Sicherheit abhing, eine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Nanty Ewart hatte das Steuerruder einem ſeiner Leute gegeben,— einem kahlkoͤpfigen alten Mann mit grauen Augenbraunen, der ſein ganzes Leben damit hin⸗ gebracht hatte, die Zollgeſetze zu umgehen, und hie und da ein paar Monate Gefaͤngnißſtrafe auszuhalten, we⸗ gen Mißhandlung von Zollbeamten, Widerſetzung gegen Beſchlagnahme von Waaren und dergleichen. Kanty ſetzte ſich bei Fairford nieder, brachte ihm noch zu ſeinem Dhee andere Erfriſchungen, die er für yaſſend hielt, und ſchien in ſeiner Art aufrichtig bemuͤht, deſſen Lage ſo angenehm zu machen, als die Umſtaͤnde es zulie ßen. Fairford hatte auf dieſe Weiſe Gelegen⸗ 20 heit, ſeine Geſchtszuge und ſein Benehmen naͤher zu betrachten. Dffenbar war Ewart, obgleich ein guter Seemann, doch nicht fuͤr dieſes Element erzogen. Er war ziemlich gut unterrichtet, und ſchien es auch gern zu zeigen, denn er kam wieder auf den Salluſt und Juve⸗ nal zurück; waͤhrend auf der andern Seite ſeemaͤnniſche Ausdruͤcke ſelten in die Unterredung hineinkamen. Von Perſon war er ein kleiner, artiger Mann, aber die tro⸗ piſche Sonne hatte ſeine urſprünglich ſchoͤne Geſichts⸗ farbe in ein Dunkelroth verwandelt, und die Galle, die ſich oft durch ſein Blut ergoß, hatte etwas ſchwarzgel⸗ bes hineingemiſcht beſonders war der weiße Theil des Auges ſo dunkel, als ein Topas. Er war ſehr duͤnne, oder vielmehr abgemagert, und ſein ganzes Weſen, wenn es gleich noch immer Gewandtheit und Dhaͤtigkeit zeigte, bewies doch wegen des uͤbertriebenen Gebrauchs ſeines Lieblingsreizmittels, einen erſchopften Körperzu⸗ ſtand. „Ihr ſehet mich ſcharf an,“ ſagte er zu Fairford. „Waͤret Ihr ein ſo verdammter Zollauffeher, meine Hun⸗ de würden Euch bald genug gepackt haben.“ Er ſchlug ſein Oberkleid auseinander, zeigte Alan ein Paar Piſto⸗ len zwiſchen dieſem und der Weſte, und leste zugleich ſeinen Finger auf den Hahn der einen.„Aber laſſen wir das, Ihr ſeyd ein ehrlicher Kerl, obsleich ziemlich verſchloſſen. Ich wette, Ibr haltet mich für einen ſelt⸗ ſamen Menſchen, aber ich kann Euch ſagen, die, welche das Schiff den Hafen verkaſſen ſehen, wiſſen wenig von 56 den Gewaͤſſern, die es durchſegeln wird. Mein Vater, ein rechtſchaffener alter Herr, hätte wohl nie daran ge⸗ dacht, mich als Befehlshaber der ſpringenden Jenny zu ſehen.“ Fairford aͤnßerte, Mr. Ewarts Erziehung ſcheine weit über ſeiner jetzigen Beſchaftigung zu ſtehen. „Die mich nur vom Criffel nach den Solway⸗ Mo⸗ räſten führt,“ ſagte der andere.„Ja, Freund, kch hätte ſollen ein Auskeger des Worts werden, mit einer Per⸗ rücke, wie ein Schneekranz und einer Beſoldung von— von— von 100 Pfund Sterling des Jahrs, denke ich. Ich kann aber, obgleich in meiner jetzigen Stellung, dreimal ſo viel ausgeben.“ Hier fang er einen Vers aus einem alten northumbriſchen Liede, indem er dabei die Bewegungen der Landes⸗Einwohner nachmachte: „Wilty Foſter ging auf die See, Silberne Schnallen an ſeinem Knie, Er kommt zurück, und freiet mich, Der ehrliche Willy Foſter.“ „Ich zweifle nicht,“ ſagte Fairford,„daß Eure jetzige Beſchäͤftigung einträglicher iſt; ich ſollte aber denken, die Kirche würde Euch——“ Er hielt inne und bedachte ſich, daß er hier nichts unangehehmes ſagen dürfe. „Eine ehrenvollere verſchafft haben, meint Ihr?“ ſagte Ewart hoͤhniſch, und ſpritzte den Tabaksſaft durch ſeine Vorderzaͤhne; dann ſchwieg er einen Au⸗ genblick, und fuhr dann in einem Done von Auf⸗ 57 richtigkeit, die aus einer innern Gewiſſensregung her⸗ vorging, fort:„ja wahrhaftig, und eine tauſend⸗ mal gluͤchlichere dazu, ob ich gleich auch ſo meine vergnügten Stunden gehakt habe. Mein Vater(Gott ſegne den alten Mann) war ein aͤchter Sproſſe von dem alten presbyterianiſchen Stamm, ging in ſei⸗ ner Warre umher, wie ein Kapitain auf ſeinem Hin⸗ terverdec, und war ſtets bereit, zu Armen und zu Reichen zu gehen. Der Laird zog ſeinen Hut ſo raſch vor dem geißtlichen Herrn ab, als der arme Mann ſeine Muͤze. Wenn das Auge ihn fah— puh! Was hab ich jetzt damit zu ſchaffen?— Er war in der That, wie Virsil ſagt: Ein Mann, groß an Weis⸗ heit und Frömmigkeit. Aber er waͤre wohl noch wei⸗ ſer geweſen, wenn er mich zu Hauſe behalten haͤtte, ſtatt mich in meinem 19ten Jahre auf die Univerſitaͤt zu ſchicken, um die Gottesgelahrtheit zu ſtudiren. Das war ein verdammter Mißgriff von dem alten Manne. Ja, und Mrs. Cauttips von Kittlebasket (denn anders ſchrieb ſie ſich gar nicht) war unſre Couſine im fünften Grad; die nahm mich deßhalb in Koſt und Wohnung um 6 Schillinge die Woche, anſtatt um 7; das war eine ſchlechte Erſparniß, wie ſich nachher auswies. Doch ihr nürdevolles Weſen haͤtte mich in Ordnung erhalten können, denn ſie las nie ein Kapitel in der Bibel, außer in der Cam⸗ bridger Ausgabe bei Daniel gedruckt, und in geſtickten Sammt gebunden. Mir iſts, als ſehe ich ſie noch! — ————— ——————— 58 Und wenn wir ſtatt Buttermilch ein Qust⸗ Zweipfennig⸗Bier zu unſerer Suppe bekamen, wurde es immer in einem ſilbernen Kruge aufgeſetzt. Sie hatt auch eine in Silber gefaßte Brille, waͤhrend die meines Vaters nur in Horn gefaßt war. Dieſe Dinge machten anfangs ihren Eindruck, doch gewoͤhnten wir uns bald an den Glanz. Nun, Sir!— D Himmel! ich kann kaum in meiner Geſchichte fortfahren, es ſteckt mir im Halſe, ich muß es in der That hinabflößen. Num alſo, dieſe Dame hatte eine Tochter— Jeß Cantrips, ein ſchwarzaͤugiges, ſtattliches Ding— und als obs der Teufel haͤtte ſo haben wollen, da war die verdammte Treppe zum fuͤnften Stock und ihr Fuß kam nie davon weg, ich mochte nun aus dem Collegium kommen, oder dahin gehen. Ich waͤre ihr gern Sir, gern bei meiner Seele! Denn ich war ein ſo unſchuldi⸗ ger Junge, als je einer von Lammerumir kam; da war aber keine Moͤglichkeit, zu entkommen, mich zuräckzu⸗ ziehen, oder zu fliehen, wenn ich nicht ein paar Flügel bekam, oder eine Leiter erhielt, ſieben Stock hoch, um durchs Fenſter in meine Dachkammer hineinzukommen. Doch was ſoll ich Euch weiter erzaͤhlen— Ihr wißt ſchon, wie all das enden mußte, ich wurde das Maͤd⸗ chen geheurathet und mein Heil verſucht haben, beim Himmel! das wuͤrde ich, denn ſie war ein artiges und gutes Maͤdchen, bis ſie und zuſammenkamen, Ihr kennt ja aber das alte Lied: Die Kirch' wuͤrd' uns nicht laſſen ſeyn. Ein wohlhabender Mann an meiner Stelle 59 wuͤrde die Sache mit dem Kirchenſchatzmeiſter um ein geringes Geld abgemacht haben, aber der arme Schlu⸗ cker, der nicht einen Pfennig daran zu wenden hatte, und feine Conſine von Kittlebasket geheurathet hätte, wuͤrde durch Beſßteigung des presbyterianiſchen Buß⸗ throns in kurzem ihre Schwaͤche dem ganzen Kirchſpiel haben verkuͤndigen, und wie Othello ſagt, im Ange⸗ ſichte der ganzen Verſammlung„ſeine Geliebte fuͤr eine H e erklaͤren muſſen.“ „In dieſer entſetzlichen Verlegenheit wagte ich nicht zu bleiben, wo ich war, und gedachte, heim zu meinem Vater zu gehen. Vorher aber trug ich Jack Hadaway, einem Burſchen aus dem näͤmlichen Kirchſpiele, und der im naͤmlichen hoͤlliſchen Stockwerk mit mir wohnte, auf, ein wenig nachzuforſchen, wie der alte Herr die Soche aufgenemmen habe. Bald vernahm ich zu gro⸗ ßer Vermehrung meiner troſtlichen Betrachtungen, daß der gute alte Mann einen ſolchen Laͤrmen gemacht hatte, als ob ſeit Adams Zeiten niemand noch ſein Mittags⸗ mahl ohne Dankgebet zu ſich genommen habe. Sechs Tage lang rief er aus: Iſchabod! Iſchabod, der Ruhm iſt gewichen von meinem Hauſe; und am ſiebenten hielt er eine Predigt, worin er ſich uͤber den Vorfall als über eine der großen Aufforderungen zur Demuͤthigung vor dem Herrn und als über eine Art von National⸗Verge⸗ hen ausbreitete. Ich hoſſe, diß trug zu ſeinem eigenen Troſte bei, ich aber ſchaͤmte mich ſo, daß ich meine Naſe nicht in das Haus meines Vaters ßecken wollie. eig — —————— ———— 4 60 Ich ging deßhalb nach Leith, vertauſchte meinen groben grauen Rock, wozu meine Matter ſelbſt das Garn ge⸗ ſponnen hatte, gegen eine Jacke wie diefe, ließ meinen tamen ins Schiffregiſter einſchreiben, und ſegelte nach Plymvuth, wo ſie gerade eine Escadre nach Weſtindien ausrüſteten. Hier kam ich an Vord des Fearnought, Capitain Daredevil, unter deſſen Mannſchaft ich bald den Deufel, das Schrecken meiner frühern Jugend, ſo wenig fuͤrchten lernte, als den ßaͤrkſten Schißsjungen. Anfangs regten ſich einige Gewiſſensbiſſe, aber ich nahm das Gegenmittel(ier zeigte er auf ſeine Flaſche), wel⸗ ches ich Euch empfahl, und das fuͤr Seelenkrankheit ſo gut iſt, als für Magenkrankheit. Was? Ihr wollt nicht? Nun denn, ſo muß ich; anf Eure Geſundheit.“ „Ihr werdet, fuͤrchte ich, Eure Erziehung in Eu⸗ rer neuen Lage von geringem Nutzen befunden haben,“ ſagte Fairford. „Verzeiht, Sir,“ erwiederte der Capitain der ſpringenden Jenny;„mein Bischen Latein und Grie⸗ chiſch nuͤtzte mir freilich ſo nenig, als ein altes Stuͤck Tauv, aber mein Leſen, Schreiben und Rechnen kamen mir gut zu ſtatten und brachten mich vorwaͤrts. Ich waͤre mit der Zeit Schulmeiſter, vielleicht noch etwas mehr geworden, aber dieſer maͤchtige Trank, der Rum, be⸗ ſiegte mich zu oft, und ſo kam ich, mochte ich auch Se⸗ gel aufſetzen, ſo viel ich wollte, doch nie recht von der Stelle. Vier Jahre brachten wir in dem gluhenden Himmelsſtrich zu, und ich kam endlich zuruͤck mit ein 61 wenig Priſen⸗Geld, und hatte noch den Gedanken, meine alte Univerſitaͤtsgeſchichte in Ordnung zu bringen und mich mit meinem Vater zu verſoͤhnen. Ich fand Jack Hadaway, der mit einem Duzend erbaͤrmlicher Schul⸗ jungen die griechiſchen Conjugationen ableierte und eine huͤbſche Anzahl Geſchichten in Bereitſchaft hatte, um mich damit zu bewirthen. Mein Vater hatte uͤber das, was er meinen Abfall nannte, ſieben Sonntage ge⸗ predigt, und eben, als ſeine Pfarrkinder zu hoffen be⸗ gannen, daß der Strom nun zu Ende ſeyn werde, wurde er am sten Sonntas Morgens todt in ſeinem Bett ge⸗ funden. Jack Hadaway verſicherte mich, daß ich, um durch das Schickſal des erſten Maͤrthrers meine Irrthuͤ⸗ mer abzubuͤßen, nurein meinen Geburtsort gehen duͤrfe, wo die Steine in den Straßen ſich gegen mich, als den Moͤrder meines Vaters, erheben wuͤrden. Hier war aber auch ein hübſches,— nun die Zunge blieb mir eine Stunde im Munde ſtille, und war am Ende nur faͤhig, Mrs. Canttips herauszubringen. Diß war wieder neuer Grund, zu meinem Sroͤſter Zuflucht zu nehmen. cp Meine plotzliche Abreiſe, meines Vaters eben ſo ploͤtzli⸗ cher Tod hatte die Zahlung der Rückſtaͤnde von meinem Koſtgelde verhindert; der Wirth war ein Kraͤmer, und ſein Herz ſo verfault, als die Baumwollenwaare, wo⸗ mit er handelte. Ohne Rückſicht auf ihr Alter oder ihre Art der Verwandtſchaft, wurde Mylady Kittlebasket aus ihrer luftigen Wohnung herausgeworfen, ihre Sup⸗ prnſchuſſel, ihr ſilberner Bierkrug, ibre mit Silber ein⸗ gefaßte Brille und ihre Cambridger Bibel von Daniel wurden am Gerichtshof von Edinburgh an den Meiſt⸗ bietenden verkauft, und ſie ſelbſt ins Arbeitshaus ge⸗ bracht, wohin ſie freilich ſehr ungern ging; vollig draus erlößt, wie es ihre Freunde nur wünſchen konnten, wurde ſie aber, naͤmlich durch den Tod. Angenehme Zeitungen für mich, der ich der verdammte(er hielt ei⸗ nen Augenblick an) Origo mali geweſen war. Der beſte Spaß way aber noch zurück; ich hatte gerade noch Kraft, den Namen Jeß herauszuſtammeln, und meiner Treu, er hatte auch dafuͤr eine Antwort! Ich hatte die Jeß einen Handel gelehrt, und als ein kluges Maͤdchen hatte ſte einen zweiten fuͤr ſich ausgefunden; unglücklicher Weiſe waren aber beide Contreband, und Jeß Kantrips, Tochter der Lady Kittelbasket, hatte die Ehre, wegen umherſtreichens auf den Straßen und Daſchen⸗Ausler⸗ ren unsofaͤhr 6 Monate, ehe ich das Ufer betrat, nach den Colonien transportirt zu werden.“ Er aͤnderte den bittern Don des affektirten Scher⸗ zes, und verſuchte zu lachen; dann fuhr er mit ſeiner braunen Hand über ſeine braunen Augen und ſagte in einem natülichen Lone:„Arme Jeß!“ Hier entſtand eine Panſe, bis Fairford in Mitleiden uber des armen Mannes Seelenzuſtand, und in der Ueberzeugung, daß etwas in ihm ſey, was ohne den fruͤhen Irrthum und die darauf folgende Verworfenheit zu etwas Ausgezeich⸗ netem und Eblem haͤtte heranwachſen konnen, die Un⸗ terredung durch die im Tone des Mitleids ausgeſpro⸗ 63 chene Frage fortzuführen ſuchte,„wie er denn eine ſolche Laſt von Elend habe ertragen koͤnnen.“ „Gut, ſehr gut,“ antwortete der Seemann;„aus⸗ nehmend gut, wie ein ſarkes Schiff einen ploͤtzlichen Win ſtoßs laßt mich ein wenig beſinnen!— Ich erin⸗ nere mich, daß ich dem Jack für ſeine intereſſanten und angenehmen Nachrichten ſehr gefaßt dankte, zog dann meinen Geldbeutel heraus mit meinem Schaz von Goldſtücken, nahm zwei Stüͤcke heraus, und bat Jack, den Reſt aufzubewahren, bis ich wieder kaͤme, denn ich wollte nach Alt⸗Reckie fahren; der arme Leufel ſah angſtvoll aus, aber ich ſchüttelte ihm die Hand, und rannte dee Freppe hinab in ſoicher Ver⸗ witrung, daß ich trotz dem, was ich gehoͤrt hatte, bei jedem Schritte Jeß zu ſehen hoffte. „Es war Matkttag, und die genoͤhnliche Menge Landſtreicher und Narren hatte ſich bey dem Gerichts⸗ gebäude verfammelt. Ich ſah, daß jedermann ver⸗ wundert auf mich ſah, und ich glaubte, einige hůͤt⸗ ten gelacht. Ich mag wohl auch ſonderbare Geſichter genug geſchnitten, und bielleicht mit mir ſelbſt geſpro⸗ chen haben. Als ich mich ſo behandelt ſah, ſreckte ich die geballten Fäuſte gerade vor mich hin, den Kopf vorwärts, und rannte nun wie ein Bock, wenn er ei⸗ nen Gang machen will, gerade die Straße hinab, ſtieß Gruppen von alten Lairds und Buͤrgern in Perruͤcken auseinander, und ſtreckte alles vor mir nieder. Ich hörte den Ruf:„haltet den Raſenden!“ und die Stadt⸗ 64 wache wiederholte ihn, aber Verfolgung und Wider⸗ ſtand waren vergebens. Ich verfolgte meinen Lauf, der Seeduft, glaube ich, führte mich nach Leith, wo ich mich bald nachher wieder fand, ganz ruhig am Ufer auf und abſpazierend, um das ßtraffe Tauwerk der Schiffe zu bewundern, wobei ich daran dachte, wie eine Schlinge mit einem, der darin hänge, wie eine Quaſte ſich ausnehmen nuͤrde. „Ich befand mich an dem Verfammlungkort der Matroſen, fruͤher ſchon mein Zufluchtsort, ich ſtuͤrzte hinein, fand eine oder zwei alte Bekanntſchaften, machte ein halbes Duzend neue, trank zwei Tage lang, ging dann an Vord eines kleinen Schiffes,— hin nach Portsmouth, und wurde dann in einem artigen, hisigen Fieber ans Land in das Haslaar⸗Hoſpital ge⸗ bracht. Was thuts?— Ich wurde beſſer— nichts kann mich umbringen— ich kam abermals nach Weſtindien und da ich in der andern Welt noch nicht dahin kam, wohin ich zu kommen verdiente, ſo kam ich ſchon in dieſer in ein Quartier, das ſchwarze Teufel zu Ein⸗ wohnern, Flammen und Erdbeben u. ſ. w. zur Unter⸗ haltung hatte. Nun, Bruder, ich that oder ſagte et⸗ was, ich kann nicht ſagen, was— wie Leufels ſollte ich auch, denn ich war betrunken, wie Davids Sau*), Ihr *) Eine wrichwörtliche Redensart für eine ſtarke Betrunken⸗ heit. Die Frau eines gewiſſen David Cloyd, wel her eine ſechsfüſſige Sau im Stalle hatte, war dem Trunke ſehr ergeben, weßhalb ſie oft von ihrem Manne gezüchtigt wur⸗ 65 Ihr wißt ſchun? Aber ich würde geſtraft, mein Junge, denn wan ließ mich das Maͤdchen kuſſen, das nicht ſpricht, als wenn es boͤſt iſt, und das iſt des Kano⸗ niers Dochter*), Kamerad. Ja, des Predigers Sohn von— ich weiß nicht mehr, woher,— hat das Kra⸗ zen der Kaze auf ſeinem Ruͤcken. Dieß brachte mich auf, und als wir am Ufer waren, ſtieß ich nach einem heftigen Streite dem Burſchen, den ich am meiſten haßte, das Meſſer drei Zoll tief in den Leib, und fiüch⸗ tete mich in den Wald. Es gab da eine Menge wilder Kerle an der Küſte, und mag's wiſſen, wer es will, ich machte gemeinſchaftliche Sache mit ihnen, ſeht Ihr— ſegelte unter der ſchwarzen Flagge und den Todtenbeinen,— war gut Freund mit der See, und Feind allem, was darauf ſchiffte.“ Obaleich es Fairford als einem Rechtsgelehrten nicht wohl bei der Sache war, ſich mit einem ſo ge⸗ ſetzloſen Menſchen in naher Verbindung zu ſehen, hielt er es doch für das Beſte, gute Miene zum boͤ⸗ ſen Spiel zu machen, und fragte Mr. Ewart ſo un⸗ de. Eines Tages ging ſie völlig betrunken an den Stall, ließ die Sau heraus, und legte ſich hinein, um der Züch⸗ tigung zu entgehen; unalückticher Weiſe kam aber eine Ge⸗ ſehiſchaft, um die berühmte Sau zu ſehen; als die Thüre des Schweinſtalls geöffnet wurde, ſah man die Frau darin liegen, die von nun an Davids Sau hieß. * Ein bei den Matroſen gewöhnlicher Ausdruck für eine Are von Züchtigung. uW. Scotts Werke XVIII. 5 66 vefangen als möglich,„ob er als Raͤuber glücklich geweſen ſey?“ „Nein, beim Leufel! nein,“ erwiederte Nanty; ich konnte kein Stückchen Butter gewinnen, mir das Brod zu ſchmieren. Es war keine Dronung unter uns der, welcher heute Capitain war, mußte mor⸗ gen das Schiff fegen, und was die Beute betrifft, ſie ſagen, der alte Avery und ein Paar andere Erz⸗ kniker haͤtten ſtc Geld gemacht; zu meiner Zeit ging aber alles wieder fort, und zwar aus gutem Grunde, denn wenn ſo ein Burſche ſich fünf Dhaler erſpart haͤtte, ſo wuͤrden ſie ihm in ſeiner Hangematte den Hals abgeſchnitten haben. Und dann war es immer ein grauſames, bluriges Handwerk.— Pah!ich will nichts mehr davvn ſagen Ich brach endlich mit ih⸗ nen, denn was ſie einmal an Bord einer Schnaue thaten,— nun ich will nichts ſagen— ſchlecht ge⸗ nug war's, denn es ſchauderte mich. Ich nahm in der Stille Abſchied benutzte die Amneſtie, und war von der ganzen Sache los. Und ſo ſize ich nun bier, als Steuermann der ſpringenden Jenny, einer Nußſchale von einem Schiffe, aber ſie geht durch das Waſſer, wie ein Delphin. Wenn der heuchleriſche Schurke zu Annan nicht waͤre, der den groͤßten Vortheil und keine Gefahr dabei hat, ſo ſtünde es um mich ſo gut, als ich's bedarf. Hier iſt kein Mangel an meinem beſten Freunde,“ dabei wies er auf ſeine Brannt⸗ weinflaſche;„aber ich will Euch ein Geheimniß ſa⸗ gen, er und ich ſind ſo gut mit einander bekannt wor⸗ den, daß ich ihn allmählig wie einen Spaßmacher von Profeſſion anſehe, der Euch zum Lachen bringt, daß Euch die Seite ſchmerzt, wenn Ihr ih nur hie und da ſeht; wohnt Ihr aber in einem Hauſe mit ihm zuſammen, ſo macht er Euch nur den Kopf dumm. Ich wette aber, der alte Burſche thut endlich noch das Beſte für mich, was er thun kann.“ „Und was iſt dieſes?“ ſagte Fairford. „Ertoͤdtet mich, und es thut mir nur leid, daß es ſo lange dauert.“. 67 So ſprach er, ſprang auf ſeine Füße, lief auf dem Verdecke hin und her, und gab ſeine Befeh'e mit der gewöhnlichen Deutlichkeit und Beſtimmtheit, trotz der betraͤchtlichen Menge Branntwein, die er allmählig während ſeiner Geſchichte zu ſich genom⸗ men hatte. Vbgleich Fairford ſich nichts weniger als wohl fuͤhlte, verſuchte er doch, aufzuſtehen und nach dem Vordertheil der Brigg ſich zu begeben, ſowohl um des ſchönen Anblicks zu genießen, als auch um den Lauf, den die Brigg naͤhme, ſich zu merken. Zu ſeinem g.oßen Erſtaunen ging das Schiff, anſtatt guer über nach dem entgegengeſetzten Ufer zu ſteuern, den Fluß hinab, und anſcheinend in das iriſche Meer hinaus. Er rief Nanty Ewart herbei, drückte ſein Erſtaunen daruͤber aus, und fragte, warum ſie nicht gerade hinüber nach einem Hafen in Cumberland ſteuerten? „Warum, das iſt einmal eine vernünftige Frage,“ erwiederte Nanty;„als ob ein Schiff ſo gerade in ſeinen Hafen einlaufen koͤnnte, wie ein Pferd in den Stall; oder als wenn ein Schleichhaͤndler den Sol⸗ way ſo ſicher durchſchiffen koͤnnte, als ein koͤniglicher Kutter! Warum, das will ich Euch ſagen, Bruder. — Wenn ich nicht einen Rauch aufſteigen ſehe von Bowneß, das iſt das Dorf dort an dem Vorgebirge, muß ich 24 Stunden wenigſtens in See bleiben, denn wir müſſen das Wetter danach meſſen, ob die ſchlauen Fuͤchſe fort ſind.“ „Und wenn Ihr das Signal der Sicherheit ſe⸗ het, Meiſter Ewart, was iſt dann zu thun?“ „Nun dann, in dieſem Falle muß ich die Nacht abwarten, und dann ſetze ich Euch nebſt den Faͤſſern und dem andern Gerumpel ans Land bei Skin⸗ burneß.“ 5 „Und werde ich dann den Laird trefſen, fuͤr den ich den Brief hier habe?“ fuhr Fairford fort. „Das,“ ſagte Ewart,„wird ſich hernach aus⸗ weiſen; das Schiff hat ſeinen Lauf, der Schleichhaͤnd⸗ 5 „. ler ſeinen Hafen; aber es iſt nicht ſo leicht zu ja⸗ gen, wo man den Laird finden kann; aber weiter als 20 Meilen auf oder ab, kann er nicht von hier ſeyn, und es wird meine Sorge ſeyn, Euch zu ihm zu fuͤhren.“ Fairford konnte dem Schauder nicht widerſtehen, der ihn durchzuckte, wenn er ſich erinnerte, daß er ſo ganz in der Gewalt eines Mannes ſey, der nach ſeinem eigenen Geſtändniſſe ein Seeraͤuber, und al⸗ ker Wahrſcheinlichkeit nach ein Geaͤchteter und ein Schleichhaͤndler war. Nanty Ewart vermuthete die Urſache ſeines unwillkührlichen Schauders. „Was zum Henker! würde ich gewinnen,“ ſagte er,„wenn ich eine ſo niedere Karte, als Ihr ſeyd, in der Hand behielte? Hab ich nicht ſchon manches Trumpf⸗Aß in der Hand gehabt, und ehrlich wie⸗ der ausgeſpielt. Ja, die ſpringende Jenny kann auch etwas anderes tragen, als Faͤſſer. Setzet nur vor Ewart ein S und ein D, und buchſtabirt es dann zuſammen. Verſteht Ihr mich jetzt?“ „Wahrhaftig nicht,“ faste Fairford;„ich weiß durchaus nicht, worauf Ihr anſpielt.“ „Nun, beim Jupiter, du biſt entweder der un⸗ ergruͤndlichſte vder der dümmſte Burſche, den ich je ge⸗ ſehen habe,— oder es iſt mit Dir nicht richtig. Ich wundere mich, wie Summertrees ſo ein zaͤrtliches Ding laͤngs dem Ufer aufgabeln konnte. Wollt Ihr mich ſeinen Brief ſehen laſſen?“ Fairford nahm keinen Anſtand, ſeinen Wunſch zu erfüllen, dem er, wie er wohl merkte, nicht fug⸗ lich widerßehen konnte. Der Befehlshaber der ſprin⸗ genden Jenny blickte ſehr aufmerkſam die Auf⸗ ſchrift an, drehte dann den Brief hin und her, un⸗ terſuchte genau jeden Federzug, als ob er eine ge⸗ zierte Handſchrift beurtheilen wollte; dann händigte er den Brief Fairford wieder ein, ohne eine einzige Pemerkung. „Nun, iſt es jetzt richtig mit mir?“ Fragte der junge Rechtsgelehrte. 69 „In der Hinſicht, ja,“ antwortete Nanty; „mit dem Briefe hat es ſeine voͤllige Richtigkeit; ob aber Ihr richtig daran ſeyd, oder nicht, das iſt Eure Sache mehr, als die meinige.“ Er ſchlug hierauf mit einem Meſſerrücken an einen Feuerſtein, zuͤndete eine Zigarre an, ſo dick als ſein Finger, und be⸗ gann mit großer Emſigkeit zu rauchen. Alan Fairford horte nicht auf, ihn mit ſchwer⸗ muͤthigen Blicken zu bet achten, getheilt zwiſchen dem Intreſſe, das er on dem unglücklichen Manne nahm, und einer ſehr natürlichen Beſorglichkeit wegen des Ausgangs ſeines eigenen Abentheuers. Trotz der betaͤubenden Kraft ſeines Zeitvertreibs ſchien Ewart doch zu errathen, was in der Stele ſei⸗ nes Paſſagiers vorging, denn nachdem ſie eine Zeit⸗ lang ſchweigend einander betrachtet hatten, warf er plotzlich ſeine Zigarre auf das Verdeck hen und ſagtet „wohlan denn, wenn Ihr um mich bekuͤmmert ſeyd, ſo bin ich es um Euch; der Henker hole mich, wenn ich ſeit den 2 Jahren, da ich Jack Hadeway zum letz⸗ tenmale ſah, mich um irgend ein Menſchenkind be⸗ kummerte. Der Menſch war ſo fett geworden, wie ein norwegiſcher Wallfiſch, hatte eine große, dicke Hollaͤnderin geheirathet, die ihn mit 6 Kindern be⸗ ſchenkt hatte. Ich glaube, er kannte mich nicht, und dachte, ich wolle ihn berauben; indeß nahm ich eine demüthige Miene an, und ſagte ihm, wer ich waͤre. Der arme Jack würde mir Obdach und Kleider gege⸗ ben haben, und ſprach von meinen Goldſtücken, die in der Bank laͤgen, wenn ich ſie bedürfte. D Him⸗ mel, wie ſtimmte der den Ton um, als ich ihm mei⸗ nen Lebenslauf erzaͤhlle, und daß er mir mein Geld heraus geben ſollte, um mich los zu ſehn. Nie ſah ich ein ſo verſtörtes Geſicht, ſaste ihm aber, es ſey alles nur ein Schnack, die Goldſtucke ſeyen alle ſein, von nun an bis in Ewigkeit, und ſo rannte ich hin⸗ weg. Ich befahl einem unſerer Leute, ihm eine Kiſte Shee und ein Faß Branntwein zuruͤck zu laſſenz dann „ 70 erſt verließ ich den armen Jack. Ich glaube, Ihr ſeyd in 10 Jahren die zweite Perſon, fuͤr die Nanty Ewart etwas mehr gegolten hat, als ein Tabaks⸗ ſtepfer.“ „Vieſleicht, Mr. Ewart, lebt Ihr hauptſaͤchlich mit Menſchen, die zu ſehr für ihre eigene unmittel⸗ bare Sicherheit beſorgt ſind, um viel an das Ungluͤck Anderer zu denken.“ „Und mit wem lebt Ihr denn,erwiederte Nanty ſcharf.„Wie mit Verſchwörern, die zu keinem beſ⸗ ſern Ende es bringen mit ihren Verſchwoͤrungen, als zum Galgen; mit Vrandſtiftern, welche die Funken mit naſſem Zunder auffangen. Ihr mogt ſo leicht Todte erwecken, als die Hochlande zum Aufſtand bringen; Ihr mögt eben ſowohl ein Grunzen von einem tod⸗ ten Schweine hoͤren, als Unterſtützung erhalten aus Wales oder Cheſhire. Ihr denkt, weil da ein Dopf ſiedet, müſſe nur Euer Schaum oben auf kommen. Ich weiß das beſſer, beim—— All dieß Getoſe und dieſe Aufſtäͤnde, die nach Eurer Meinung Euch die Bahn brechen ſollen, haben auf Eure Angelegenheit gar keine Beziehung, und das beſte Mittel, dem gan⸗ zen Reich auf einmal zur Einigkeit zu verhelfen, waͤre das Gerücht eines ſolchen Unternehmens, worein ſich die alten, tollen Geſellen einlaſſen wollen.“ „Ich bin in der That nicht in ſolchen Geheim⸗ niſſen, worauf Ihr anzuſpelen ſcheint,“ ſagte Fair⸗ ford; und mit einem Lacheln ſetzte er, entſchloſſen, Nanty Ewarts mittheilende Stimmung zu gleicher Zeit moglichſt zu benüzen, hinzu:„und wenn ich es waͤre, ſo wuͤrde ich es nicht für klug halten, ſie ſo ſehr zum Gegenſtand des Geſpräͤchs zu machen. Aber 4 tſole kluge wie Summer⸗ rees und der Laird werden wohl Briefe wechſeln ot Gefahr fuͤr den Staat.“ S „Ich verſtehe, Freund, ich berſtehe,“ ſagte Nanty Ewart, bei welchem endlich doch die genoſſene Fläſſigkeit und der Tabaksdampf eine bedeutende Aen⸗ — — 71 derung hervor zu bringen ſchien.„Worüber die bei⸗ den Herren korreſpondiren, die Frage können wir übergehen, pflegte unſer alter Profeſſor zu ſigens und was Summertrees betriſſt, ſo ſage ich nchts, denn ich kenne ihn als einen alten Fuchs. Aber der Laird iſt ein Feuerbrand in dem Lande, der alle ehr⸗ liche Leute aufregt, die ihr Glas Branntwein in Ruhe trinken ſolten; der erzaͤhlt ihnen Geſchichten von ihren Vorfahren und vom Jahre fünf und vier⸗ zig, ſucht aſes Waſſer auf ſeine Mühle zu leiten, und ſpannt ſeine Segel nach allen Winden auf. Und weil das Volk zu London wegen einiger Laſten und Beſchwerden murrt, ſo glaubt er, er durfe nur den Finger aufheben, um ſie für ſeine Sache zu gewin⸗ nen Auch bekommt er von einigen Aufmunterung, weil ſie ſeiner Geldſpenden bedürfen, und von an⸗ dern, weil ſie für die nemliche Sache fochten, und ſich ſchaͤmen, zurück zu treten; von andern, weil ſie nichts zu verlieren haben; und endlich von Narren, die mit allem unzufrieden ſind. Wenn er aber Euch oder irgend jemand, ich ſage nicht wen, in dieſen Handel berwickelt hat, durch die Hoffnung, daß ir⸗ gend etwas Gutes herauskommen ſoll, ſo iſt er eine verdammte Lockente, und das iſt alles, was ich von ihm ſagen kann; Ihr aber ſeyd eine Gans, und dieß iſt ſchlimmer, als eine Lockente oder eine lahme Ente zu ſeyn*). Hier wird nur auf dos Wohl Koͤnig Georgs III. und der wahren presbyterianiſchen Re⸗ ligivn, und auf das Verderben des Pabſts, des Deu⸗ fels und des Pratendenten getrunken! Ich ſage Euch etwas, Mr. Fairford; ich bin nur zum zehnten Theil Eigenthuͤmer des kleinen Dings hier, der ſpringenden Jenny, nur zum zehnten Theile und muß ſegeln, wenn —— *) Lahme Ente; ſo nennen die Stockiobbers diejenigen Spie⸗ ler, weiche durch übertriebene Spekulationen ſich zu Grunde gerichtet haben. Hier iſt es alſo wrichwörtlich von Jemand zu verſtehen, deſſen Unternehmen mißglückt iſt⸗ 7 die andern Eigenthͤmer wollen. Wenn ich aber ganzer Eigenthuͤmer deſſelben waͤre, ich wuͤrde dieſe Brigg nicht zur Fähre Eures alten jacobitiſchen Geſindels machen, Mr. Fairford,— ich würd' es nicht thun, meiner Seel'; ſie ſollten aufs Brett treten*) bei den Goͤttern. wie ich es von beſfern Leuten geſehen habe, als ich noch unter einer gewiſen Farbe ſegelte. Da es aber Contre⸗ band iſt, und an Bord meines Schiffes, und ich den Befehl, wie ich ſegeln ſoll, in der Hand habe, ſo muß ich ſie dahin bringen, wohin ſie beſtimmt ſind.— Nun, John Roberts, hebt ein wenig das Steuer!— Und ſo, Mr. Fairford, was ich thue, das thue ich nur, wie der verdammte Schurke Durnpenny ſagt, im Geſchafts⸗ wege.“ Er hatte die letzten fuͤnf Minuten nur mit Schwie⸗ rigkeit geſprochen, und ſiel jetzt der Laͤnge nach aufs Verdeck hin, durch die Menge der eingenommenen gei⸗ ſtisen Getranke enblich zum Schweigen gebracht, ohne ledoch eine Spur von der Froͤhlichkeit oder Ausgelaſſen⸗ heit eines Berauſchten gezeigt zu haben. Der alte Matroſe kam vorwaͤrts und ſchlug einen Schiffermantel um die Schultern des Schlafenden, blickte auf Fairford und ſagte:„Schade um ihn, daß er dieſen Fehler haben muß; denn ohne ihn würde er ein ſo wackrer Burſche ſeyn, als jemals einer mit Rindsleder auf dem Verdecke umherging.“ „Und was müſſen wir denn thun,“ ſagte Klan Fairford. „Laviren, um ſicher zu gehen, bis wir das Zeichen ſehen, und dann dem weitern Befehle gehorchen.“ So ſprach der alte Mann, kehrte zu ſeinem Ge⸗ ſchaͤft zuruck, und überließ es dem Pafagiere, ſich an ſeinen eigenen Gedanken zu ergötzen, kurz darauf ſah *) Auf das Brett treten iſt ſoviel, als an den Galgen kom⸗ men, weil der Verurtheilte auf ein Brett treten muß, das nachher unter ihm wesgezogen wird. 73 man eine lichte Rauchſaͤule von dem kleinen Vorgebirge aufſteigen. „Jetzt kann ich Euch ſagen, Herr, was wir zu thun haben,“ ſagte der Matroſe, wir halten jetzt die See und laufen dann mit der Abendfluth bei Skinburneß ein; oder wenn dort kein Licht iſt, ſo ſegeln wir in den Wam⸗ pvol⸗Fluß, und ſetzen Euch bei Kirkbride oder Legths mit dem langen Boot ans Land.“ Fairford, ſchon vorher unwohl, ſah ein, daß dieß ihn noch auf mehrere Stunden zu dem leidenden Zu⸗ ſtande verdamme, welchen ſein zerruͤtteter Magen und ſein ſchmerzhaft angegriffener Kopf nur mit Muͤhe aus⸗ dauern wurden. Hier gab es aber kein Gegenmittel, als Geduld und die Erinnerung, daß er fur ſeinen Freund leide. Als die Sonne hoͤher ſtieg, wurde ihm ſchlimmer und ſein Geruchſinn ſchien einen krankhaften Grad von Schaͤrfe zu erhalten, nur um die verſchiedenen Geruͤche, von denen er umgeben war, von dem Pechgeruch an bis zu den zuſammengeſetzten Gerüchen der Schiffsladung, deſto beſſer einzuzichen und zu unterſcheiden. Sein Herz ſchlug bei der Hitze heftig und er fühlte, daß ein heftiges Fieber in vollem Anzus ſey. Die Seeleute, die, ſo weit es ihr Beruf erlaubte, ſehr hoͤflich und aufmerkſam waren, bemerkten ſein Lei⸗ den, und der eine war bemüht, ihm einen Sonnen⸗ ſchirm aus einem alten Segel zu machen, waͤhrend ein anderer ihm Limvnade bereitete, das einzige Getraͤnk, zu deſſen Genuß man ihn bewegen konnte. Nachdem er. dieſe getrunken hatte, ſiel er in einen, obwohl nicht er⸗ qickenden Schlummer. ———— Viertes Kapitel. Alan Fairford's Erzaͤhlung. (Fortſetzung.) Alan Fairford fühlte mehr Muth in ſich, Beſchwer⸗ den zu beſtehen, als ſein Koͤrper zu ertragen im Stande 74 war. Als er nach einem 5 oder éſtundigen Schlummer erwachte, befand er ſich wegen Schwindel im Kopfe und Schmerzen in ſeinen Gliedern dergeſtaft entkraͤftet, daß er trotz ſeiner Anſtrengung, ſich nicht ohne Hülfe erheben konnte. Er hörte mit einigem Vergnügen, daß ſie ge⸗ rade in den Wampoolfluß einliefen, und daß er in ganz kurzer Zeit ans Land geſetzt werden würde. Das Fahr⸗ zeug legte alſo bei, aͤnderte ſeine Flagge und dieß wurde vom Ufer aus durch Sisnale ſogleich beantwortet. Man ſah Menſchen und Pferbe den unebenen Pfad herabkom⸗ men, der an das Ufer führt, die letztern paſſend ausge⸗ rüſtet, um ihre Laduns ſortbringen zu koͤnnen. Zwan⸗ zis Fiſcherbarken wurden auf einmal ſtott, und draͤngten ſich unter Geſchrei, Gelaͤchter, Fluchen und Scherzen um die Brigg her. Bei aller ſcheinbaren Unordnung herrſchte boch burchaus Ordnung. Nanty Ewart ging wieder auf ſeinem Hinterverdech umher, als haͤtte er in ſeinem Leben keine geiſtigen Getränke zu ſich genommen; er gab bie nöthiaen Beſehle nrit Genauigkeit, und ſad ſie mit Puͤnktlichkeit ausgeführt. In einer halben Stunde war bie Ladung ber Briag großtentheils in die Boore vertheilt, in einer Viertelſtunde darauf war ſie am Ge⸗ ſtade gelandet und ungefaͤhr die naͤmliche Zeit bedurfte es, um ſie auf die beveit gehaltenen Packpferde zu ver⸗ theilen, die ſich ſosleich jedes nach ſeiner beſondern Be⸗ ſtimmung, zerſtreuten. Mehr Geheimniß wurde bei der Ladung bes Schifbvots mit einer Menge kleiner Fäß⸗ chen, welche Munition zu enthalten ſchienen, beobach⸗ tet. Dieß geſchah erſß, als die Handlungskunden be⸗ reits weg waren, und erßt, als dieß geſchehen war, ſchlug Ewart Alan, welcher von Schmerz und Geraͤuſch ganz betaͤubt war, vor, ihn ans ufer zu begleiten. Nur mit Schwierigkeit konnte Fairford ſich über Vord helfen, und nur durch Unterſtützung des Capitains und ſeiner Leute, vermochte er, ſich auf dem Hintertheile des Boots zu erhalten. Nanty Ewart, welcher daran nichts Schlimmers, als einen Anfall von Seekrankheit ſah, brachte die gewoͤhnlichen Troſtgruͤnde an. Er ver⸗ 75 ſicherte ſeinem Paſſagier, daß ihm vollkommen wohl ſeyn wurde, wenn er nur einmal eine halbe Stunde am Land geweſen waͤre, und er huffe, mit ihm bei Vater Cracken⸗ thorp eine Flaſche zu rinken, und eine Pfeife zu rau⸗ chen, dann werde er ſich gleich von der Unbequemlich⸗ keit erholen, die ihm das ungewohnte Reiten auf dem hoͤlzernen Pferde zugezogen habe. „Wer iſt Vater Crackenthorp 2 fragte Fairford, obgleich kaum im Stande, die Frage hervorzubringen. „Ein ehrlicher Mann, wie kaum einer unter tau⸗ ſenden,“ antwortete Nanty;„ach, wie viele Flaſchen Branntwein haben er und ich zu unſrer Zeit mit einan⸗ der ausgeſtochen. Bei meiner Seele! er iſt der Füurßt aller Gaſtwirthe und der Vater der Schleichhaͤndler— kein filziger heuchleriſcher Leufel, wie der alte Turn⸗ penny Harthaut, der nur auf anderer Leute Koſten trinkt und es für Süͤnde haält, wenn er dafür zahlen ſoll,— nein, ein alter ehrlicher Gebirgshahn;— die Hayſiſche ſind ſchon manchen Tag um und neben ihm her gewe⸗ ſen, aber Vater Crackenthorp weiß ſeine Segel zu rich⸗ ten; da wird kein Verhaftsbefehl ausgefertigt, oder er hoͤrt davon, ehe die Tinte trocken iſt. Er iſt gut Freund mit den Gemeindevorſtehern und Conſtablern. Des Koͤ⸗ nigs Schatz würde keinen Mann beſtechen, um gegen ihn zu zengen; wenn ja ein ſolcher Schurke ſo etwas ſich vornehmen wuͤrde, ſo wurde er am naͤchſten Morgen ſeine DPhren vermiſſen, oder ſie ſelbſt im Solway ſuchen muͤſ⸗ ſen. Er iſt ein Staatsmann, obgleich er nur ein Wirths⸗ haus hat, dieß geſchieht aber nur der Bequemlichkeit wegen, und um eine Entſchuldigung zu haben, daß er große Keller und viele Leute hat; ſeine Frau iſt eine ſtattliche Perſon, und eben ſo ſeine Tochter Doll. Wahr⸗ haftig, Ihr werdet da im Hafen ſeyn, bis Ihr wieder Euch auf die Fahrt begebt, ich aber will mein Wort halten und Euch zum Laird bringen, daß Ihr mit ihm fprechen könnt. Meine einzige Sorge iſt nur, wie ich Euch wieder aus dem Hauſe bringe, denn die Doll, das ſi ein rares Mädchen, die Mutter immer luſtig, und 76 Vater Crackenthorp der beſte Geſellſchafter! Er trinkt Euch eine Flaſche Rum oder Branntwein, ohne zu muchſen, aber nie macht er ſeine Lippen mit dem elen⸗ den ſchoitiſchen Getraͤnke naß, das der alte Spitzbube Durnpenny in die Mode gebracht hat. Er iſt ein Eh⸗ renmann, jeder Zoll*) von ihm, der alte Crackenthorp, auf ſeine Weiſe heißt dieß; dabei hat er Antheil an der ſpringenden Jennh, und noch uͤberdieß manchen Vor⸗ theil beim Wondlicht. Er kann der Doll ſchon einen huͤbſchen Pfennig geben, wenn ihm der hübſche Burſche anſteht, der ſie auf ſein Leben lang nehmen will.“ Mitten unter dieſer zangen Lobrede guf Vater Cra⸗ ckenthorp, ſtieß das Boot ans Ufer, die Ruderer ſtemm⸗ ten ihre Ruder an, um das Schiff ſott zu halten, wäh⸗ rend die anderen Burſche geradezu ins Waſſer ſprangen, und mit großer Behendigkeit und Geſchicklichkeit ſie ans Ufer brachten. „Auf mit, höher hinauf an das Ufer, ihr Bürſch⸗ chen!“ rief Nanty Cwart,„hoch und trocken, hoch und trocken; dieſe Waare vertragt keine Feuchtigkeit. Run auch für unſern Kranken hier geſorgt, hoch und trocken auch ihn. Was iſt das? P erdegalopp! Yha, ich hoͤre ſchon das Geraͤuſch der Packſaͤttel,— es ſind unſre eignen Leuté.“ Unterdeſſen war die ganze Ladung des Bopts, die aus den kleinen Faͤßchen beſtand, ans Ufer gebracht, und die Mannſchaft ſtellte ſich in ihren Waffen dapor auf, und wartete auf die Ankunft der Pferde, welche mit Geklirr links der Bucht daher kamen. An der Spitze dieſer Cavalcade, welche aus zuſammengekop⸗ pelten und mit Packfötteln verſehenen Pferden veſtand, erſchien keuchend unter ſeiner Anſtrengung, ein ſo un⸗ geheuer dicker Mann, daß man ihn auch im Mondlicht unterſcheiden konnte; die Ketten, die ſie bei ſich hatten, um die Ballen zu befeſtigen, klirrten furchthar. *) Anwielung auf eine Stelle Shakespeare's im König Legr, wo es beißt: jeder Zoll ein König. — —— 77 „Nun, Vater Crackenthorp?“ ſagte Ewart,„war⸗ um ſo eilig mit Euren Pferden? Wir gedenken eine Nacht bei Euch zu bleiben, Euren alten Branntwein zu koſten, und Eurer Frau eigenes Gebraͤu. Das Sig⸗ nal iſt aufgeſteckt, uns alles geht gut.“ „Alles geht ſchlecht, Capitain Nanty,“ ſchrie der Mann, zu dem er ſprach,„und Ihr werdet es ſo ſin⸗ den, wenn Ihr Euch nicht aus dem Staube macht; es ſind geſtern neue Beſen zu Carlisle gekauft worden, um das Land von Euch und Eures Gleichen rein zu fe⸗ gen;— Ihr thaͤtet wohl beſſer, Euch ins Innere des Landes hinein zu machen.“ „Wie viel ſolche Spitzbuben ſind es denn? Wenn es nicht mehr als zehn ſind, ſo ſchlag ich mich mit ih⸗ nen. „Zum Deufel auch!“ antwortete Crackenthorp, ih haben die rothroͤckigten Dragoner von Carlisle bei „Nun dann,“ ſagte Nanty;„ſo müſſen wir wie⸗ der unter Segel, kommt Mr. Faivford. Ihr müßt aufſitzen und reuten.— Er hoͤrt mich nicht,— ich glaube, er iſt ohnmaͤchtig.— Was zum Teufel ſoll ich thun? Vater Crackenthorp, ich muß Euch dieſen jungen Mann laſſen, bis der Sturm eusgeblaſen hat,— hoͤrt Ihr? er hat eine Botſchaft an den Laird von einem an⸗ dern Alten; er kann weder reuten noch gehen, ich muß ihn zu Euch ſchicken.“ „Schickt ihn zum Galgen hin,“ ſagte Crackenthorp; „da liegt der Quartiermeiſter Thwacker in meinem Haus mit 20 Mann, und haͤtte er keine Neigung gefaßt für die Doll, ſo haͤtte ich keinen Augenblick hieher kommen können.— Ihr mäßt aber den Angenblick gehen, oder ſie kommen her, uns zu ſuchen, denn ſeine Befehle ſind ungehener ſtreng, und dieſe Faͤßchen hier enthalten etwas Schlimmeres, als Whisky,— eine Galgengeſchichte denk' ich.“ „Ich wollte, ſie kaͤgen im Grunde des Wampool⸗ Fluſſes mit denen, welchen ſie gehoͤren,“ ſagte Nanty 78 Ewart.„Aber ſie ſind ein Dheil der Ladung, und was ſoll ich mit dem armen jungen Menſchen anfangen,— „Ei was; ſchon mancher beſſere Burſche hat ſich auf den Boden legen muͤſſen, mit einem Mantel über ſich,“ ſagte Crackenthorp.„Wenn er ein Fieber hat, nichts iſt ſo kühlend, als die Nachtluft.“ „Ja, er würde morgen fruͤhe talt genug ſeyn ohne weifel, aber es iſt eine gute Seele, er ſoll nicht ſobald alt werden, wenn ich helfen kann,“ antwortete der Ca⸗ pitain der ſpringenden Jenny. „Gut, Capirain, wenn Ihr Euren eigenen Hals für den eines andern wagen wollt, warum bringt Ihr ihn nicht zu den alten Fraͤulein zu Fairladies?“ „Was? zu den Miß Arthuret's, den papiſtiſchen Mrn! doch was machts! ich will es thun,— ich habe gehort, ſie häͤtten einmal die ganze Mann⸗ ſchaft einer Brigg aufgenommen, die am Ufer ſtran⸗ „Ihr lauft dennoch einige Gefahr, wenn Ihr nach Fairladies geht; denn ich ſage Euch, ſie ſind in dem ganzen Lande herum auf den Beinen.“ „Thut nichts, ich moͤchte es ſchon verſuchen, eini⸗ gen von ihnen den Garaus zu machen,“ ſagte Nanty freudigen Muths.—„Kommt, Burſche, macht, daß Ihr fertig werdet. Habt Ihr alle geladen?“ „Ja, ja, Capitain, wir werden in einem Augen⸗ blick fertig ſeyn,“ ſagte die Truppe. „Zum Teufel mit Eurem Capitain, habt Ihr Luſt, mich gehangen zu ſehen, wenn ich gefangen genvmmen werde? Nun Gluͤck zu.“ „Ein Schluck zum Abſchied,“ ſagte Vater Cra⸗ ckenthorp, und bot Nanty Ewart die Flaſche hin.. „Nicht den zwanzigſten Theil eines Tropfens,“ ſagte Nanty.„Ich brauche keinen hollaͤndiſchen Muth⸗ — ich bin ohnehin hitzig genug, wenn's ans Fechten geht; uͤberdieß, wenn ich betrunken lebe, ſo möchte chrduch nüchtern ſterben.— Hier, alter Jephfon— 1 70 Ihr ſeyd das gutartigſte Dhier uiter ihnen, ſetzet den Burſchen zwiſchen uns auf ein ruhiges Pferd und wir wollen ihn dann ſicherlich aufrecht halten.“ Als ſie Fairford vom Boden aufhoben, ſtoͤhnte er ſön und fragte mit matter Stimme, wo ſie ihn hin⸗ ührten? „An einen Ort, wo Ihr ſo verborgen und ſo ruhig eyn koͤnnt, als eine Maus in ihrem Loch,“ ſagte anty,„wenn wir Euch nur erſt glücklich hinbrin⸗ gen.— Lebt wohl, Vater Crackenthorp, und vergif⸗ tet den Quartiermeiſter, wenn Ihr könnt.“ Die beladenen Pferde ſprangen vorwaͤrts in einem harten Trabe, indem ſie einander in einer Linie folg⸗ ten, und auf jedem zweiten Pferde ſaß ein ſtarker Burſche in einem Weiberrock, der dazu diente, die Waffen zu verbergen, womit dieſe verzweifelten Men⸗ ſchen verſehen waren. Ewart ſchloß den Zug oder die Caravane, und hielt mit der gelegentlichen Unterſtuͤ⸗ tzung des alten Jephſon den jungen Mann aufrecht im Sattel. Er ſtöhnte von Zeit zu Zeit ſchwer, und Ewart, der für ſeine Lage mehr Mitleid fuͤhlte, als man von ſeiner Lebensweiſe haͤtte erwarten ſollen, bemuͤhte ſich, ihn zu erheitern, und zu troͤſten, indem er ihm einige Nachricht von dem Brte gab, wo ſie ihn hinfahrten; ſeine Troſtes worte aber wurden haͤufig unterbrochen durch die Nothwendigkeit, ſeine Leute zu rufen, und viele von ihnen verloren ſich unter dem Geraſſel der Faͤſſer und unter dem Klirren der kleinen Ketten, womit ſie bei ſolchen Gelegenheiten die Ballen befeſtigen. „Und Ihr ſeht, Bruder, Ihr werdet in ſicherer Verwahruns ſeyn zu Fairladies, ein gutes altes Zu⸗ fluchtshaus,— recht gute alte Maͤdchen, wenn ſie nur keine Papiſtinnen waͤren.— Hallo, Jack Lowther, haltet die Linie, koͤnnt Ihr nicht?“ „Und es ſind recht ordentliche Leute, haben genug zu leben, die alten Maͤdchen, ſind ſo eine Art Heilige, Nonnen u. ſ. w. geworden. Der Drt, worin ſie leben, war oyr langer Zeit eine Art Nonnenkloſter, wie man 80 ſie noch jetzt in Flandern hat, manche Leute nennen ſie die Veſtalinnen von Fairladies; dieß mögen ſie nun ſeyn, oder nicht, ich kummre mich nicht darum. Blin⸗ kinſop, haltet das Maul oder es foll Euch—— So unter großen Almofen und bei gutem Eſſen, ſind ſie bei Armen und Reichen wohl angeſehen, und ihre Verhand⸗ lungen mit Papiſten, darüber ſieht man hinweg. Es ſind eine Menge Prieſter und ſtaͤmmige junge Schtler und dergleichen um das Haus her, es iſt wie ein Bie⸗ nenſtock.— Es iſt doch eine Schande, daß die Regierung Dragoner nach ein Paar ehrlichen Leuten ausſendet, die den alten Weibern in England einen Tropfen Brannt⸗ wein bringen, und dieſe Lumpenkerls ſo ohne weiters den Papismus einſchwaͤrzen laͤßt, und— Horch!— was war das für ein Pfeifen?— Nein, es war nur ein Kibitz. Ihr Jem Collier, ſest Euch ein wenig um, wir muſſen ihnen auf der Höhe von Whins oder im Grunde von Brotthole begegnen, ſonſt nirgends.— Reite nur eine Laulaͤnge voraus, und ſieh ſcharf um Dich. — Dieſe Miß Arthurets ſpeiſen den Hungrigen und ge⸗ ben den Nackenden Kleider und dergleichen,— mein Vater nannte ſie zwar nur elende Lumpen, kleidete ſich aber doch ſelbſt darein, wie viele andere Leute. Was Teufel iſt das für ein ſtolperndes Pferd! Den Vater Erackenthorp ſoll doch gleich ſelbſt der T— l holen⸗ daß er einen ehrlichen Kerl auf ſo einen Stolperer ſetzt!“ Durch ſolche und aͤhnliche Geſpraͤche, ſo wie durch ſeine wohlgemeinte Zudringlichkeit, vermehrte Nanty den leidenden Zuſtand Fairford's, der von guälenden Schmerzen im Ruͤcken und in den Lenden, welche der harte Trab ſeines Pferdes ihm zur Folter machte, ge⸗ peinigt wurde, und die rauhe Stimme des Seemanns, welche hart an ſeinem Dhre toͤnte, hatte ſchon früher ſeinen Kopf, wie mit ſcharfen Meſſern zerſchnitten. Voͤllig leidend, verfuchte er nicht einmal, eine Ant⸗ wort zu geben; und in der That war auch ſein körper⸗ liches Uebelbefinden jetzt ſo groß, daß es ihm 81 lich war, an ſeine Lage zu denken, auch wenn er ſie dadurch haͤtte verbeſſern können. Ihr Weg ging landeinwarts, aber in welcher Rich⸗ tung, das konnle Alan nicht beſtimmen⸗ Sie zogen anſangs uber Haiden und Sandhügel hin, ſetzten über mehr als einen Bach, zum Dheil von beträchtlicher iefe, und erreichten endlich eine angebaute Gegend⸗ die nach engliſcher Art in kleine Felder abgetheilt war, die von Gräben umſchloſſen wurden, deren hohe Auf⸗ würfe mit Buſchwerk bedeckt waren, woruͤber groͤßere Bäume emporwuchſen; unter dieſen wand ſich eine Menge ungangbarer und verwickelter ge hin, wo die von allen Seiten hereinhangenden Zweige der Baͤume das Mondlicht nicht durchließen, und die Sicherheit der Reiter gefaͤhrdeten. Aber die erfahrenen Führer ſeiteten ſie durch dieſes Labyrinth ohne allen Anſtoß, und ohne daß man den Schritt maͤßigen durfte. An vielen Drten konnten indeß nicht drei Leute neben ein⸗ ander reiten, und daher ſiel die kat, Alan Fairford zu unterſtutzen, bald an den alten Jephſon, wie man ihn nannte, bald an Nanth, und nur mit vieler Mühe konnten ihn dieſe aufrecht im Sattel erhalten⸗ Endlich, als ſeine Krafte völlig erſchoͤpft waren, und er grade ſie bitten wollte, ihn in der erſten beſten Hütte oder Scheune, oder unter einem Heuhaufen, oder einem Zaune, oder ſonſt irgendwo ſeinem Schickſal zu uberlaſſen, wenn man dieß ohne Gefahr fuͤr die andern chun koͤnne, ließ Collier, der an der Spitze ritt, zuruck⸗ ſagen, man ſey am Eingange nach Fairladies;— ob er dahin einbiegen ſolle? Nanty uberließ Jephſon die Sorge fuͤr Fairford, eilte zur Spitze des Haufens und gab ſeine Befehle.— „Wer kennt das Haus am beſten?“ „Sam Skelton iſt ein Katholik,“ fagte Lowther. „Verdammte Religion,“ ſagte Ranty, deſen presbyterianiſche Erziehung nichts als einen Haß gegen das Papſtthum zuruͤckgelaſſen zu haben ſchien.—„Doch, ich bin froh, daß einer unter uns iß— Ihr, Sam, kennt Fairladies da Ihr ein Papiſt ſesd“ ſo wie die as. Scotts Werke. XVIII. 6 — 82 Maͤdchen drin; reitet denn aus der Linie, und wartet hier bei mir; und Ihr, Collier, führt den Haufen hin⸗ uͤber nach Walkinford, dann wendet Ihr Euch dem Ba⸗ che zu, bis Ihr zu der alten Muͤhle kommt, und Good⸗ man Chriſt, der Müller, oder Peel Lauſewag werden Euch ſagen, wo Ihr halten ſollt, aber ich werde Euch vorher noch einholen.“. Die Reihe der Laſtpferde bewegte ſich in ihrem früͤ⸗ heren Schritte vorwaͤrts, waͤhrend Nanth mit Jack Skel⸗ ton an der Seite des Wegs wartete, bis der Zug vor⸗ über und Jephſon mit Fairford bei ihnen war; zur großen Erleichterung des Letztern ging es nun in einem gemaͤßigtern Schritte vorwaͤrts, als fruͤher, da ſie die Truppe vorausgehen ließen, worauf denn allmählich das Klappern und das Geraſſel in der Entfernung erſtarb. Sie wuren noch keine Pißtvlenſchußweite von dem Platze entfernt, wo ſie ſich getrennt hatten, als eine kurze Bie⸗ gung ſie vor einen alten verfallenen Thorweg brachte, deſſen plumpes Fronton im Style desg 17ten Fahrhun⸗ derts, mit nicht weniger plumpen architektoniſchen Ver⸗ zierungen ausgeſchmuͤckt war; manche von dieſen waren herabgefallen und lagen zerſtreut am Boden, jum) die man ſich auch weiter nicht bekümmerte, als daß man ſie aus dem geraden Zugang entfernte. Die großen ſteiner⸗ nen Pfeiler, welche im Mondlicht glaͤnzten, hatten einige phantaſtiſche Aehnlichkeit mit übernatürlichen Erſchei⸗ nungen, und das Anſehen von Vernachlaͤſſigung rings umher erregte bei denen, welche den Zugang⸗paſſirten, keine vortheilhafte Idee von der Wohnung. Hier pflegte doch ſonſt kein Thor zu ſeyn, ſagte Skelton, da er unerwärtet ſeinen Weg geſperrt fand. „Da iſt aber jetzt ein Thor und ein Pförtner dazu,“ ſagte eine rauhe Stimme von innen.„Wer ſeyd Ihr, undzwas verlangt Ihr in dieſer Stunde der Nacht?“ „Wir wollen mit den Damen ſprechen,— mit den Miß Arthuret's,“ fagte Nanty,„und für einen kranken Mann um Unterkunft birten.“ „Zu dieſer Stunde der Nacht'kann man mit den Miß Arthuret's nicht ſprechen, und Ihr kkoͤnnt Euren 83 kranken Mann zum Doktor fuͤhren,“ antwortete ver⸗ drießlich der Mann von innen;„denn ſo gewiß als Ge⸗ ſchmack im Salz iſt, und der Rosmarin riecht, hier werdet Ihr nicht eingelaſſen; ſteckt Eure Pfeifen ein und macht Euch davon.“ „Vie, Dick Gardener,“ ſagte Skelton,„biſt Du denn Pfoͤrtner geworden?“ „Was, wißt Ihr denn, wer ich bin?“ fragte der Diener lebhaft. „Ich kenne Euch an Eurer Ausſprache,“ erwie⸗ derte der Andere;„was? habt Ihr denn den kleinen Jack Skelton vergeſſen, und wie wir das Faß anbohr⸗ ten?“ „Nein, ich habe Euch nicht vergeſſen,“ ſagte Jack Skelton's Bekannter;„„ aber meine Befehle ſind be⸗ ſtimmt, niemand in diefer Nacht herein zu laſſen, und darum———“ „Wir ſind aber bewaffnet, und laſſen uns nicht zu⸗ rückhalten. Hoͤrt Ihr, Burſche, wäre es nicht beſſer für Euch, Ihr nähmr eine Guinee, und ließt uns ein, als daß wir zuerſt die Thüre einbrechen und Deinen Kvpf nachher, denn ich will meinen Kameraden hier nicht vor Eurer Thüre ſterben ſehen,— das ſeyd verſi⸗ ert.“ 9„Nun, ich weiß nicht“— ſagte der Burſche⸗ „was war denn aber das für Vieh, das in ſolcher Eile vorüberzog?“ „Run, einige von unſern Leuten von Bowneß, Stonincultrum und der Gesend umher;% antwortete Skeltons„Jack Lowther, und der alte Jephſon und der breite Will Lamplugh und andre dergleichen.“ „Nun gut,“ ſagte Dick Gardener,„ſo gewiß als Geſchmack im Salz iſt⸗ und der Rosmarin riecht, ich glaubte, es ſeyen die Banden von Carlisle und Wiston, und der Ton brachte mein Herz auf die Zunge“ „Ich haͤtte gedacht, Du könnteſt das Raſſeln eines Faſſes vom Klang eines breiten Saͤbels unterſcheiden⸗ ſo gut als ein Säufer in Cumberland,“ ſagte Skelton. „Komm, Bruder, weniger mit Eurer Kinnlade, „* 84 und mehr mit Euren Beinen, wenn's gefaͤllt,“ ſagte Nanty;„jeder Augenblick, den wir hier ſtehen, iſt ver⸗ loren. Geht zu den Damen, und ſagt ihnen, daß Nanty Ewart von der ſpringenden Jenny einen jungen Herrn mitgebracht hat, der Briefe von Schottland an einen gewiſſen wichtigen Herrn in Cumberland mit ſich führt,— daß die Soldaten weg ſind, und der Herr fehr krank iſt, und wenn er nicht zu Fairladies aufgenommen wird, ſo ſtirbt er entweder hier am Thore, oder wipd von den Rothroͤcken mit allen ſeinen Papieren gefangen.“ Hinweg rannte Dick Gardener mit dieſer Vot⸗ ſchaft, und in wenigen Minuten ſah man Lichter ſchimmern, was Fairford, der in Folge des Haltens zu ſich ſelbſt gekommen war, überzeugte, daß man die Fronte eines ziemlich großen Wohnhauſes durchlief. „Wie nun, wenn Dein Freund Dick Gardener nicht wiederkommt?“ ſagte Jephſon zu Skelton. „Nun dann,“ erwiederte der Angeledete,„bin ich ihm ein eben folches Traktament ſchuldig, wie Du, alter Jephſon, von Dan Cooke erhalten haſt, und ich werde nicht weniger ehrlich und redlich zahlen.“ Der alte Mann wollte eben eine bittere Antwort geben, als ſeine Zweifet zum Schweigen gebracht wurden durch Dick Gardeners Ruͤckschr, weſcher an⸗ kundigte, daß Miß Arthuret ſelbſt an den Thorweg kommen würde, um mit ihnen zu fprechen. Na⸗ty Ewart verwünſchte leiſe das Mißtrauen der akten Frauenzimmer und die laͤcherlichen Sérs⸗ peln der Katboliken, welche ſo viele Umſtaͤnde mach⸗ ten, einem Mitmenſchen zu belfen, und wünſchte der Miß Arthuret zum Lohne fuͤr ihren Ausgans einen derben Revmatismus oder Zahnweh an den Hals; aber ſo eben zeigte ſich die Dame, und ſchnitt alles weitete Brummen kurz ab. Sie war von einem Dienſtmadchen mit einer Laterne begleitet, bei deren Licht ſie die Außenſtehenden ſo genau betrachtete, als die aeringe Helle und die Gitterſtube des neuen Dho⸗ res es geſtatteten. „Es thut mir leid, Madame Arthuret, daß 85 wir Euch ſo ſpät geſtört haben,“ ſagte Nanty;„aber der Fall iſt der——“ „Heilige Jungfrau!“ ſagte ſie,„warum ſprecht Ihr ſo laut? Wie? ſeyd Ihr nicht der Kapitain der heiligen Genovera?“ „Ja, ja, Madame,“ erwiederte Ewart,„ſo nen⸗ nen ſie wahrhafiig die Brigg zu Dünkirch n, aber laͤngs dem Ufer hier nennt man ſie die ſpringende Jenny.“ „Ihr brachtet den heiligen Vater Buonaventura heriber, nicht wahr?“ „Ja, ja, Madame, ich habe genug von dem ſchwarzen Pieh heruͤbergebracht,“ antwortete Nanty. „Pfui, pfui, Freund,“ ſagte Miß Arthuret, „es iſt Schade daß die Heiligen ſolche gute Maͤn⸗ ner der Sorge eines Ketzers anvertrauen muͤſſen.“ „Das würden ſie auch nicht thun, Madame, wenn ſie einen Schlingel von einem Papiſten finden Innten, der die Kuͤſte ſo gut kennt, als ich; für die Eigenthümer bin ich ſo feſt, wie Stahl, und ſehe immer nach der Ladung— mag es nun leben⸗ diges oder todtes Fleiſch ſeyn, oder geiſtige Getraͤnke, das iſt mir alles eins; und Eure Katholiken haben ſo verdammte weite Moͤnchskappen, daß ſie manch⸗ mal zwei Geſichter darunter verbergen koͤnnen. Hier der Herr aber iſt am Sterben, und hat Briefe bei ſich von dem Laird von Summertrees an den Laird der Secen am Solwah, wie ſie ihn nennen; und jede Minute, die er hier liegt, iſt ein Nagel zu ſei⸗ nem Sarge.“ „Heilige Maria! was ſollen wir thun?“ ſagte Miß Arthuret,„wir müſſen ihn aufnehmen auf jede Gefahr.— Ihr, Richard Gardener, helft einem von dieſen Leuten, den Herrn hinauf ins Haus zu ſchaf⸗ fen, und Ihr, Seibn, ſorst dafür, daß er am Ende der langen Gallerie ſein Zimmer bekoͤmmt.— Ihr ſeyd ein Kezer, Tapitain, aber ich denke, Ihr ſeyd red⸗ lich, und ich weiß, man hat Euch ſonſt ſchon getraut, wenn Ihr mich aber betrügt——“ „Nein, Madame, ich habe nie verſucht, Damen 86 von Eurer Erfahrung zu taͤuſchen, meine Praxis hat ſich auf die jungen beſchraͤnkt; nun auf, Mr. Fair⸗ ford, Muth gefaßt, Ihr werdet hier gut aufgenom⸗ men ſeyn,— verſucht zu gehen.“ Alan that es, und erfriſcht durch diefen Aufent⸗ halt erklaͤrte er, er koͤnne mit alleiniger Huͤlfe des Gärtners, bis zum Hauſe gehen. „Nun, das iſt herzhaft; Dank Dir Dick, daß Du ihm Deinen Arm leihſt,“ hier ließ er in Jeine Hand die verſprochene Guinee fallen.— „Leht wohl denn, Mr. Fairford, und auch Ihr, Madame Arthuret, denn ich bin ſchon zu lange hier geweſen.“ Dieß ſagend warf er ſich, ſo wie ſeine beiden Begleiter aufs Pferd, und ſprengte im Galopp da⸗ von. Doch trotz des Geraͤuſches der Hufe ihrer Pferde, hoͤrte man den unverbeſſerlichen Nanty die alte Ballade ſingen: Ein hübſches Mädel zum Prieſter kam, Zur Beicht' eines Morgens früh. Von Deiner Sünde, wie iſt der Nam'? Komm, ſag' aufrichtig mir ſie Ach, ach, mich drückt meines Fehlers Scham, Mein Eekiebter mich liebte, wie nie. „Heilige Junsfran!“ rief Miß Seraphina aus, als die unheiligen Done ihr Ohr erreictten;„was für Heiden ſind doch dieſe Menſchen, und welchen Schre⸗ cken und Verlegenheiten ſind wir unter ihnen aus⸗ geſetzt! Die Heiligen mögen uns gnaͤdig ſeyn, was iſt dieß für eine Nacht geweſen!— Nie ſah ich eine folche zu Fairladies!— Hilf mir das Shor feſt zuma⸗ chen, Richard, und komm dann wieder herab, um aufzu⸗ paſſen, daß keine unwillkommneren Beſuche kommen; — nicht daß Ihr unwillkommen waͤret, junger Mann, denn es iſt genug, daß Ihr ſolcher Hülfe bedurft, wie wir ſie geben können, um Euch zu Fairladies willkom⸗ men zu machen,— ich wollte nur ſagen, zu einer andern Zeit— doch es iſt ja auch alles recht gut ſo. Der Gang nach dem Hauſe iſt nicht der angenehmſte, 87 Sir, ſeht bor Euch auf den Boden, kder Gaͤrtner Richard haͤtte ihn freilich in beſſerem Stande erhalten und ebnen ſollen, aber er mußte auf eine Pilger⸗ fahrt nach St. Winfredsbrunnen in Wallis gehen.“ — Hier huſtete Dick trocken, was er in ein ſtilles Sanota Winifreda, ora pro nobis verwandelte, da er merkte, daß er ein innres Gefuͤhl verriethe, das mit dem, was die Dame ſagte, ein wenig in Widerſpruch war. Miß Arthuret fuhr indeſſen fort,„wir hin⸗ dern unſere Diener nie an ihren Geluͤbden oder Bu⸗ ßungen, Mr. Fairford,— ich kenne einen ſehr wür⸗ digen Vater Eures Namens, vielleicht ein Verwand⸗ ter,— ich ſage, wir hindern unſere Dienſtboten nie an Erfuͤllung ihrer Gelubde. Verhuͤte unſere Frau, daß ſie keinen Unterſchied kennen ſollten zwiſchen un⸗ ſerem Dienſte und dem eines Kezers.— Nehmt Euch in Acht, Sir, Ihr werdet fallen, wenn Ihr nicht aufmerkt. Ach! hei Dag und bei Nacht liegen ſo viele Steine des Anſtoßens auf unſern Pfaden. Mit noch manchem Gerede gleicher Art, das ein zwar mitleidi⸗ ges, aber auch einfaͤltiges Frauenzimmer, mit einer ſtarken Neigung zu aberglaͤubiſcher Froͤmmigkeit ver⸗ rieth, unterhielt Miß Arthuret ihren neuen Gaſt, welcher, ſtolpernd an jedem Hinderniß, das die Froͤm⸗ migkeit ſeines Führers Richard hatte im Weg liegen laſſen, endlich eine kieinerne Treppe hinauf ſtieg, welche auf der Seite mit Greifen oder andern heral⸗ diſchen Sonderbarkeiten geziert war, und eine Ter⸗ raſſe erreichte, die ſich in der Fronte des Hauſes von Fairladies hinzog; es glich der Wohnung eines alt⸗ vaͤteriſchen Edelmanns bon einiger Vedeutung mit ſeinen Neihen von eingekerbten Gibeln und engen Fen⸗ ſtern, hie und da noch mit einem alten Thuͤrmchen in Form einer Pfefferbüͤchſe ausſtaffirt. Die Thüre war waͤhrend der kurzen Abweſenheit der Dame verſchloſſen worden, ein düſteres Licht ſchimmerte durch die Gitter⸗ thure der Halle, welche auf einen großen gepflaſterten Raum führte, der mit Jasmin und andern Gewaͤchſen bedeckt war. Alle Fenſter waren finſter, wie Pech. — c 8 8 Miß Arthuret Flopfte ans Senſter:„Schweſter. Schweſter Angelika.“ „Wer iſt da,“ war die Antwort von innen, „ſeyd Ihr es, Schweſter Seraphina?“ „Ja, ja, oͤffnet die Dhüre, kennt Ihr meine Stimme nicht?“ „Ach ja, Schweſter,“ ſagte Angelika und ſchob alle Riegel weg,„aber Ihr kennt unſere Pflicht, und der Feind iſt wachſam uns zu uͤberfallen— in- cedit vicut leo vorans Ler geht umher, wie ein brül⸗ lender Loͤwe), ſagt das Breviarium.— Wen habt Ihr hiehergebracht? O Schweſter, was pabt Ihr gethan?“ „Es iſt ein junger Mann,“ ſagte Seraphina, eilig ihrer Schweſter Widerrede unterbrechend,„ein Verwandter, glaube ich, von unſrem würdigen Pater Fairförd; er wurde am Thor zurückgelaſſen von dem Capitain des geſegneten Schifſes„die heilige Geno⸗ veva“— faſt todt— und mit Briefen verſchen an——“ Dieſe letzten Worte murmelte ſie nur mit leiſer Stimme. „MNun, da iſt freilich nicht zu helfen,“ fagte Angelika,„aber es iſt ein unglucklicher Zufall.“ Waͤhrend dieſes Swiegeſpraͤchs zwiſchen den Ve⸗ ſtalinnen von Fairladies ſetzte Dick Gardener ſeine Laſt in einem Seſſel ab, wo die juͤngere Dame nach augenbliclichem Bedenken, das ein geziemendes Wi⸗ derſtreben ausdrückte, die Hand eines Fremden zu be⸗ rüͤhren, ihren Zeigefinger und Daumen an Fairfords Hand legte, und ſeinen Puls befuͤhlte. „Das iſt Fieber, Schweſter,“ ſagte ſie;„Ri⸗ chard muß Ambroſtus rufen, und wir muͤſſen ihm et⸗ was gegen das Fieber ſenden.“ Lmbroſtus kam ſogleich an, ein ſehr ordentlich und achtbar ausſehender, alter Diener, in der Fa⸗ milie aufgewachſen, und von Stufe zu Stufe in der Arthurets Dienſte geſtiegen, bis er endlich Halbarzt, Halbalmoſenier, Halbkellermeiſter und ganzer Haus⸗ vogt geworden war, d. h. wenn der Pater Beichtiger, welcher ihn oft in der Mühwaltung ſeiner Hausbogtei. 89 unterftutzte, gerade abweſend war. Unter der Leituns und mit Beihulfe dieſer verehrungswerthen Perſon wurde der ungluͤckliche Alan Fairford in ein anſtaͤndi⸗ ges Zimmer am Ende der langen Gallerie geführt, wo zu ſeiner unausſprechlichen Erleichterung ihm ein gutes Bett angewieſen wurde. Er verſuchte nicht, den Vorſchriften des Mr. Ambroſins Widerſtand zu leiſten, welcher ihm nicht allein den erwaͤhnten Trank darreichte, ſondern auch ſo weit ging, ihm eine be⸗ traͤchtliche Menge Blut abzulaſſen, welche letztere Dperation dem Patienten ſehr gute Dienſte leiſtete.“ Fünftes Kapitel. Alan Fairfords Erzählung. (Fertetzung.) Als Fairford am naächſten Morgen nach einem nicht ſehr erguickenden Schlummer erwachte, in wel⸗ chem wilde Träume unter einander gemengt waren, von ſeinem Vater und von Darſie Latimer,— von der jungen Dame im gruͤnen Mantel und von den Veſtalinnen von Fairladies,— von Dünnbier, das er mit Nanty Ewart trank, und vom Unterſinken im Solway mit der ſpringenden Jehuh,— fand er ſich nicht in der Lage, dem Befehl des Mr. Ambroſius zu wi⸗ derſprechen, daß er das Belt püten ſolle, denn er haͤtte in der That nicht ohne Huͤlfe aufſtehen können. Er bemerkte, daß ſeine Angſt und ſeine unablaͤſſigen An⸗ ſtrengungen waͤhrend der letzten Dage für ſeine Ge⸗ ſundhrit zuviel geweſen ſeven, und daß er vor Wie⸗ derhe ſtellung ſeiner Kraͤfte ſein Unternehmen nicht fortſetzen könne, wie groß auch ſeine Ungeduld ſeyn mochte. Unterdeſſen konnte man fur einen Invaliden kein beſſeres Quartier finden. Die Diener beſprachen ſich nur gans leiſe, und gingen auf den Zehen— alles geſchah nur par ordonnznce du inédeein,— Aes⸗ culap herrſchte unumſchraͤnkt in den Wohnungen zu Fairladies. Einmal des Tages kamen die Damen in 90 großem Staat zu ihm, um ihm ihre Aufwartung kzu machen, und ihn nach ſeiner Geſundheit zu fragen; dann hoben Alan ſeine natürliche Hoͤflichkeit und der Dank, den er für ihre ſchleunige und milde Hulfe ausdrückte, ſehr inz ihrer Achtung. Am dritten Dag wurde er in ein beſferes Zimmer gebracht, als das⸗ jenige war, das man zuerſt für ihn in Bereitſchaft geſetzt hatte. Als ihm geſtattet wurde, ein Glas Wein zu trinken, war dieſer von vorzüglicher Qualitaͤt; eine von jenen ſonderbaren, altvaͤteriſchen, mit Spinn⸗ geweben überzogenen Flaſchen wurden bei dieſer Ge⸗ legenheit vorgebracht, welche nur noch in den Gewoͤl⸗ ben alter Landſitze zu ſinden ſind, wo ſie ſeit mehr als einem halben Jahrhundert in ungeßtoͤrter Verbor⸗ genheit gelegen haben moͤgen. So angenehm indeſſen der Aufenthalt zu Fair⸗ ladies für einen Kranken ſeyn mochte, ſo war er es doch, wie ſein jetziger Inwohner bald bemerkte, nicht in eben dem Grade für einen Geneſenden. Als er das erſtemal, ſo wie er nur aus dem Bette kriechen konnte, an das Fenſter trat, ſo war dieſes eng vergit⸗ tert und geſtattete keine Ausſicht, als auf einen klei⸗ nen gepflaſterten Hof. Dieß war nichts auffallendes, denn viele alte Haͤuſer an der Grenze hatten ihre Fen⸗ ſter auf dieſelbe Art geſchützt. Dann aber bemerkte Fairford, daß jeder, der ins Zimmer trat, oder es verließ, die Thüre mit großer Sorgfalt jedesmal ver⸗ ſchloß; und einige Aeußerungen, die er machte, in der Gallerie oder auch im Garten umherzugehen, wur⸗ den von den Damen ſowohl, als von ihrem Premier⸗ m niſter, Mr. Ambroſius, ſo kalt aufgenommen, daß er wohl ſah, eine ſolche Ausdehnung feiner Vorrechte als Gaſt würde ihm nicht geſtattet werden. Voll Be⸗ gierde, ſich zu verſichern, ob dieſe außerordentliche eßfreundſchaft ihm das Vorrecht, frei zu handeln, geſtatten würde, kundigte er dieſem wichtigen Beamten nebſt herzl chem Danke für die Sorgfalt, womit er behandelt worden war, ſeinen Vorſatz an, am naͤch⸗ ſten Morgen Fairladies zu verlaſſen, und verlangte 91 nur als eine Fortſetzung der Gunſtbezeugungen, wo⸗ mit er überſchüttet worden war, ein Pferd bis in die naͤchſte Stadt, und verſicherte Mr. Ambroſius(hier drückte er ihm drei Guineen in die Hand, um ſei⸗ nen Vorſchlag zu unterſtutzen) daß er ſeine Dank⸗ barkeit nicht auf eine ſolche Kleinigkeit beſchraͤnken werde. Die Finger des wuͤrdigen Dieners ſchloſſen ſich maſchinenmaͤßig über dem honorarium, als ob ein Grad in der gelehrten Facultaͤt ihm ein Recht gege⸗ ben haͤtte, die Fanſt zuzumachen; ſeine Antwort rückſichtlich Vlans vorgeſchlagener Abreiſe war aber fürs erſte ausweichend, und als er gedraängt m irde, ſtieg ſie zu der veremptoriſchen Verſicheruns, daß ihm morgen noch nicht geſtattet werden könne, abzureiſen; ſein Leben habe in den Augen der Damen allzuviel Werth, und ſie koͤnnten es nicht zugeben. „Ich weiß am beſten, was mein eigenes Leben werth iſt,“ ſagte Alan;„und ich ſchaͤtze es nicht, in Vergleichung mit dem Geſchaͤfte, das meine augen⸗ blickliche Dhaͤtig eit erfordert.“ Da er von Mr. Ambroſius noch keine genügende Antwort erhielt, ſo hielt er es fuͤr das Beſte, den Damen ſelbſt ſeinen Entſchluß in den gimaͤßigtſten, achtungsvollſten und dankendſten Ausdruͤcken zu eröff⸗ nen; doch aber in der Art, daß er ſeinen feſten Ent⸗ ſchluß ausdrückte, am Morgen, oder ſpaͤteſtens den naͤchſten Tag abzureiſen. Nach einigen Verſuchen, ihn durch Ruͤckſicht auf ſeine Geſundheit zum Bleiben zu bewegen, Verſuche, die ſo ausgedruͤckt waren, daß er überzeugt wurde, man wolle nur auf dieſe Weiſe ſeine Vbreiſe aufkalten, erklaͤrte ihnen Fairford gera⸗ dezu, daß er Briefe von Wichtigkeit bei ſich trage, an den Herrn, der unter dem Namen Herries, Red⸗ gauntktt und der Laird von den Seen bekannt ſey; und daß es ſich um Tod und Leben handle, ſie früh⸗ zeitig abzulitfern. „Ich wage es, zu ſagen, Schweſter Angelika,“ ſagte die aͤltere Miß Prthuret,„daß dic ein ehren⸗ werther Mann iſt; und iſt er wirklich mit Vater Fair⸗ 92 e verwandt, ſo koͤnnen wir keine Gefahr lau⸗ en.“ „Jeſus Maria!“ rief die jüngere aus;„Pfui doch, Schweſter Seraphina, pfui doch! vade reiro, — begiv Dich hinter mich.“. „Gut, gut; aber Schweſter— Schweſter Ange⸗ lika ich moͤchte mit Euch ſprechen in der Gal⸗ lerie.“ Nun rauſchten die Damen in ihren ſeidenen Kleidern und Silberſtoffen hinaus, und es waͤhrte eine gute halbe Stunde, ehe ſie wieder herein rauſchten, mit dem Ausdrucke der Wichtigkeit und einer gehei⸗ men Furcht auf ihren Geſſchtern. „Um Euch die Wahrheit zu ſagen, Mr. Fairford, die Urſache, warum wir Euern längern Aufenthalt wünſchen, iſt,— es iſt wirklich ein Geißtlicher in die⸗ ſem Hauſe——“ „Ein ganz ausgezeichneter Mann in der That,—“ ſagte die Schweſter Engelikg. „Ein Geſalbter des Herrn!“ ſtimmte Seraphina ein,„und wir würden uns unſeres Gewiſſens wegen freuen, wenn Ihr vor Eurer Abreiſe ein wenig mit ihm ſprechen möͤchtet.“ Aha! dachte Fairford, von Mord iſt nicht die Rede, ſondern auf eine Bekehrung iſt es abgeſchen! Ich darf die guten, alten Damen nicht vor den Kopf ſtoßen, aber den Prieſter werde ich bald abführen, denke ich.— Er antwortete ſodann laut;„daß er mit großem Vergnügen mit jebem Ihrer Freunde ſich be⸗ ſprechen wuͤrde,— daß er in religioſer Hinſicht die groͤßte Achtung vor jeder Form des Chriſtenthums ha⸗ be, ob er gleich ſagen muͤſſe, daß er bei dem Glau⸗ ben bleiben werde, bei dem er erzogen worden ſey; nichts deſto weniger wuͤrde er dem Geißlichen, den ſie empfahlen, wenn er ihn ſehe, ſeine Ehrfurcht be⸗ zegen—— „Es iſt nicht gerade das,“ ſagte Schweſter Se⸗ raphing,„obgleich ich verſichert bin, daß der Tag zu kurz ißt, um ihn— ich meine den Vater Buona⸗ — —— 95 ventura, über die Angelegenheiten unſrer Seele ſpre⸗ chen zu hören; aber——“ „Kommt, kommt, Schweſter Seraphina,“ ſagte die jüngere,„es iſt unnsthig, ſo viel daruͤber zu ſprechen. Seine— Seine Eminenz— ich meine der Vater Buonaventürg wird ihm ſelbſt erklaͤren, was daß dem jungen Mann bekannt werden bl. „Seine Eminenz“ ſagte Fairford erſtaunt;„ſeht denn dieſer Mann ſo hoch in der katholiſchen Kirche? — Dieſer Titel wird ja nur Cardinaͤlen gegeben, glaube ich.“. „Er iſt noch nicht Cardinal,“ antwortete Sera⸗ phina;„aber ich verſichere Euch, Mr⸗ Faipford, er hat einen eben ſo hohen Rang, als er mit hohen Ga⸗ ben geſegnet iſt, und— „Kommt hinweg,“ ſaste die Schweſter Angelika. „Heilige Jungfrau wie ſprecht Ihr doch! Was hat Mr. Fairford mit Vater Bubnaventura's Rang zu thun?— Nur daran, Sir, will ich Euch erinnern, daß der Vater ſtets gewohnt geweſen iſt, mit dertiefſten Ehrfurcht behandelt zu werden.— In der That—— „Kommt hinweg, Schweſter,“ ſagte Schweſter Seraphina jetzt in ihrer Reihe;„wer ſpricht denn jetzt? Mr. Fairford wird wiſſen, wie er ſich zu beneh⸗ men haben wird!“ „Und wir wuͤrden am. beſten thun, das Zimmer zu verlaſſen,“ ſagte die juͤngere Dame,„denn hier kommt Seine Eminenz.“ Bei den letzten Worten ſank ihre Stimme zu ei⸗ nem Gefluͤſter herab; und als Fairford antworten und ſie verſichern wollte, daß jeder von ihren Freunden von ihm mit aller Achtung, die er erwarten koͤnne, behan⸗ delt werden würde, legte ſie ihm Stillſchweigen auf, indem ſie den Finger emporhob. Man hoͤrte jett ei⸗ nen feierlichen und feſten Schritt in der Gallerie, der nicht nur die Annaͤherung eines Biſchofs oder Cardi⸗ nals, ſondern die des Pabſtes ſelbſt Haͤtte ankuͤndigen können. Auch hatten die beiden Damen nicht ehrfurchts 94 voller auf den Ton horchen koͤnnen, haͤtte er auch ver⸗ kündigt, daß ſich das Haupt der Kirche in eigener Per⸗ ſon nahe. Sie ßtellten ſich gleich Schildwachen, an beide Seiten der Thüre, durch welche ſich die lange Gallerie in Fgirfords Zimmer endigte; hier ſtanden ſie unbeweglich, und ihre Geſichter drückten die tiefſte Ehrfurcht aus. Die Annaͤherung Vater Buvnabentu⸗ ra's geſchah ſo langſam, daß Fairford Zeit genug hat⸗ te, alles dieß zu bemerken, und ſich im Stillen zu verwundern, wie ein ſchlauer, ehrgeiziger Prieſter es dahin gebracht habe, ſeine wuͤrdigen, aber etwas einfaͤl⸗ tigen Wirthinnen folchen aberglaͤubiſchen Ceremonien zu unterwerfen Vater Buvnaventuras Eintritt und Erſcheinen machte das jedoch einigermaßen begreiflich. Er war ein Mann von mittlerem Alter, unge⸗ fähr vlerzig oder drüber; aber Sorgen oder Anſtren⸗ gungen, oder ein nachläſſiges Weſen hatten ihm einen Anſchein von frühzeitigem Alter und ſeinen Zuͤgen einen gewiſſen Ernſt, man moͤchte faſt ſagen, Trau⸗ rigkeit gegeben. Edle Züge blieben aber noch immer, und obgleich ſeine Geſichtsfarbe etwas bleich war, und die ſeiner Stirne aufgedrückten Falten ihm ei⸗ nen melancholiſchen Anſtrich gaben, ſo zeigte doch die hohe Stirne, das große wohl geformte Auge und die ſchoͤn gebildete Naſe, wie ſchoͤn der Mann in beſſern Tagen geweſen ſeyn müſſe. Er war ſchlank, aber ſein gebuͤckter Gang entzog ihm den Vortheil ſeines hohen Wuchſes, und der Stock, den er immer in der Hand trug, und gelegentlich gebrauchte, ſo wie ſein lang⸗ ſamer, obgleich majeſtaͤtiſcher Gang ſchienen anzuzei⸗ gen, daß ſeine ſchöne Geſtalt bereits etwas an Schwaͤche leide. Die Farbe ſeines Haars konnte man nicht ent⸗ decken, weil er, wie es Mode war, eine Perruͤcke trug. Seine weltliche Kleidung war ſchoͤn, obwohl feierlich, und er hatte eine Kokarde auf ſeinem Hut, ein Umſtand, der Fairford nicht in Erſtaunen ſetzte, weil er wußte, daß Prieſter, deren Beſuch oder Auf⸗ enthalt in England ſie den geſetzlichen Strafen un⸗ terwarfen, oft ſich einer militaͤriſchen Verkleidung be⸗ 95 dienten. Als dieſer ſtattliche Mann ins Zimmer trat, machten die beiden Damen, die einander das Geſicht zukehrten, wie Soldaten auf ihrem Poſten, wennſie einen Dberofficier ſalutiren wollen, auf jeder Seite des Paters eine ſo tiefe Verbeugung, daß die Reif⸗ röcke der Damen ganz auf den Boden, jg durch den⸗ ſelben hindurch zu ſinken ſchienen, als haͤtte ſich eine Fallthüre geoͤffnet, um die Damen aufzunehmen, welche dieſe Verbeugung machten. Der Pater ſchien an ſol⸗ che Ehrenbezeugungen, ſo tief ſte auch waren, gewoͤhnt, er wandte ſich ein wenig zuerſt gegen die eine, dann gegen die andere Schweſter, wahrend er mit einer zierlichen Neigung des Körpers, die gewiß nicht bis zur Verbeugung ging, ihre Artigkeit anerkannte. Er ſchritt aber vorwaärts, ohne ſie anzureden, und ſchien dadurch anzuzeigen, daß ihre Gegenwart im Zimmer nicht nothwendig ſey. Sie entfernten ſich alſo, indem ſie ruͤcklings mit gefalteten Händen und emporgehobenen Augen hinaus gingen, als wollten ſie den Segen des Himmels auf den von ihnen ſo hoch verehrten Diener der Religion herabflehen. Die Thüre des Zimmers wurde hinter ihnen geſchloſſen; doch hatte Fairford Zeit zu bemer⸗ ken, daß in der Gallerie ein oder zwei Maͤnner ſtan⸗ den, und daß dießmal nicht, wie er fruͤher bemerkt hatte, die Thüre, obgleich geſchloſſen, auch noch von aupen verriegelt wurde. Koͤnnen die guten Seelen, dachte Fairford, von mir für den Gegenſtand ihrer abgottiſchen Verehrung Gefahr befurchten? Aber er hatte nicht Zeit, fernere Bemerkungen zu machen, denn der Freide war be⸗ reits bis in die Mitte des Zimmers vorgetreten. Fairford erhob ſich, ihn ehrfurchtsvoll zu empfan⸗ gen, als er aber die Augen auf ſeinen Beſuch rich⸗ tete, glaubte er zu bemerken, daß der Pater ſeine Blicke vermied. Seine Gruͤnde, unbekannt zu blei⸗ ben, waren auch dringend genug, um diß erklaͤrlich zu machen, und Fairford eilte, ihm den Zwang ab⸗ zunehmen, indem er ſeine. Blicke zu Boden ſchlus; 96 als er ſie aber wieder erhob, fand er das große, helle Auge des Fremden ſo feſt auf ſich gerichtet, daß er durch die Unveränderlichkeit des Blicks faſt aus der Faſſung gekommen waͤre. Während dieſer Zeit ſtan⸗ den beide. „Setzt Euch wieder, Sir,“ ſagte der Pater, „Ihr ſeyd krank geweſen.“ Er ſprach dieß mit dem Tone eines Mannes, der einen Niederern in ſeiner Gegenwart zum Sitzen noͤthigt, und ſeine Stimme waär voll und ſonoriſch⸗ Fairford war etwas erſtaunt, daß er ſich imponi⸗ ren laße durch das Anſehen von Superivritat, das doch eigentlich nur gegen ſolche ausgeubt werden konn⸗ te, über welche die Religion dem Sprechenden eine Gewalt verlieh; er ſetzte ſich aber faſt unwillkuhrlich nicder, und war in Verlegenheit, wie er den Fuß der Gleichheit erhalten ſollte, auf welchem ſie, wie er wohl fuͤhlte, eigentlich ſtehen follten. Der Fremde bediente ſich des Vortheils, den er behalten hatte. „Man hat mir geſagt, Euer Name ſey Fair⸗ ford,“ ſagte der Pater. Alan antwortete durch eine Verbeugung. „Ein ſchottiſcher Advokat,“ fuht jener fort;„in den weſtlichen Gegenden, glaube ich, lebt eine Familie Geburt und Rang, genannt Fairford von Fair⸗ ord.“ lan hielt dieß für eine ſonderbare Bemerkung von einem fremden Geiſtlichen, denn dafür mußte er den Pater Buonaventura wegen ſeines Namens hal⸗ ten, er antwortete alſo nur, er glaube, es ſey ſo eine Familie da. Ihr verwandt mit ihnen,“ fuhr der Fra⸗ ger fort. „Ich darf auf dieſe Ehre keinen Anſpruch ma⸗ chen,“ ſagte Fairford,„der Fleiß meines Vaters hat ſeine Familie aus ihren niedern und dunkeln Verhaͤlt⸗ niſſen herausgehoben, ich habe keine erblichen Anſpruͤche auf Auszeichnung irgend einer Art. Darf ich mich nach den Urſachen dieſer Fragen erkundigen? 3 „Ihr —,— 97 „Ihr werdet es ſogleich erfahren,“ ſagte Buona⸗ venturä, der bei des jungen Mannes Anerkennung ſei⸗ ner plebejiſchen Abkunft ein trockenes und unbefriedig⸗ tes Hem! hatte ertoͤnen laſſen. Er bedeutete ihm hier⸗ auf, ſich zu beruhigen, und fuhr dann mit ſeinen Fragen fort. „Wenn auch nicht bon Stande, ſo ſeyd Ihr doch Zweifels ohne durch Geſinnung und Erziehung ein Mann von Ehre?“ „Ich hoffe, Sir,“ ſagte Alan, vor Unwillen er⸗ roͤthend.„Ich bin nicht gewohnt, dieß in Zweifel ge⸗ zogen zu ſehen.“ „Geduid, junger Mann,“ ſagte der unerſchüt⸗ terliche Frager,„wir ſind in einem ernſten Geſchäft, und keine unnütze Ziererei muß uns hindern, ernſt⸗ haft darber zu ſprechen. Ihr wißt wahrſcheinlich, daß Ihr mit einem durch die ſtrengen und ungerech⸗ ten Geſetze der jetzigen Regierung geachteten Manne ſp.echt.“ „Ich kenne das Statut vom Jahre 1700, welches Prieſter und papiſtiſche Handelsleute aus dem Koͤnig⸗ reiche verbannt, und im Betretungsfale auf ſumma⸗ riſche Ueberfuͤhruns hin zum Tode verdammt. Das engliſche Geſetz iſt, glaube ich, eben ſo ſtrenge. Aber ich kenne Euch keineswegs, und weiß nicht, ob Ihr eine von dieſen Perſonen ſeyd; und Eure eigne Klug⸗ heit wird Euch ſchon rathen, Euer Geheimniß nicht kund werden zu laſſen,“ „Genug, Sir,“ ſagte der Prieſter;„ich be⸗ fürchte keine unangenehmen Folgen, weil Ihr mich in dieſem Hauſe geſehen habt.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Alanz ich betrachte mich ſelbſt, als für mein Leben, den Damen von Fairla⸗ dies berſchuldet, und es waͤre eine ſchlechte Vergel⸗ tung von meiner Seite, wenn ich das, was ich un⸗ ter dieſem gaßtfreundlichen Dache geſehen und ge⸗ hort habe, naͤher zu erforſchen ſuchen, oder bekannt machen wollte. Ja, wenn ich dem Praͤtendenten ſelbſt in ſolcher Lage begegnete, er würde, wenn auch meine 26. Scott's Werke XVIIP 7 98 Loyalität etwas barunter litte, vor aller Sefahr durch eine Indiscretion von meiner Seite geſichert ſeyn. 44 „Der Prätendent,“ ſagte der Prieſter mit einem etwas zornigen Nachdruck, maͤßigte aber bald ſeinen Ton, und ſetzte hinzu:„ohne Zweifel iſt dieſer Mann ein Prätendent, und einige Leute glauben, daß ſeine Anſprüche nicht uͤbel begrunbet ſind. Allein ehe wir uns in's Politiſche verlieren, erlaubt mir die Bemer⸗ kung, daß ich erſtaunt bin, einen Mann von Euren Meinungen mit Mr. Mapwell von Summertrees und Mr. Redgauntlet in vertrauten Verhaͤltniſſen zu finden, und die Mittelsper ſon zwiſchen ihnen machen zu ſehen.“ „Verzeiht mir, Sir,“ erwiederte Alan Fairford, „ich“ ſtrebe nicht nach der Ehre, ihr Vertrauter oder Mitteismann zu ſeyn. Mein Verhältniß mit dieſen Leuten' iſt auf ein einziges Geſchaͤft beſchränkt, das mich ſehr nahe angeht, weil es die Sicherheit, viel⸗ leicht das Leben meies theuerſten Freundes betrifft. 6 „Findet Ihr irgend Bedenken, mich mit der Ur⸗ ſache Eurer Reiſe bekannt zu machen?“ ſagte Pater Buonabentura.„Mein Rath könnte Euch nutzlich ſeyn, und mein Einfluß bei dieſen beiden S iſt bedeutend. Fairford ſchwankte einen Augenblick, erwog in der Eile die Umſtaͤnde, und kam zu dem Schluſſe, daß es ihm vielleicht Vortheil gewähren koͤnnte, ſich dieſe Perſon geneigt zu machen, waͤhrend er auf der andern Seite nichts wagte, wenn er ihr den Gegenſtand ſeiner Reiſe mittheilte. Nachdem er daher kürzlich die Hoff⸗ nung ausgeſprochen hatte, Mr. Buonaventura wuͤrde das nemliche Vertrauen gegen ihn beweiſen, das er von ihm verlange, gab er ihm kurz N achricht von Darſie Latimer,— von dem Geheimniß, das über ſeiner Ge⸗ burt walte,— und von dem Unglück, das ihn betrof⸗ fen hatte; endlich von ſeinem eigenen Entſchluß, ſei⸗ nen Freund aufzuſuchen und zu befreien, wenn auch mit Gefahr ſeines eigenen Lebens. Der katholiſche Prieſter, deſſen Sitte es zu ſeyn ſchien, jede Unterredung zu verwickeln, zu der er nicht — ——— 99 ſelbſt den Anſtoß gegeben hatte, machte keine Bemer⸗ eungen uͤber das, was er hoͤrte, ſondern that nur ein Paar abgeriſſene Fragen, wo Alans Erzaͤhlung ihm nicht recht klar ſchien; dann erhob er ſich von ſeinem Sitze, ging zweimal im Zimmer auf und ab, und murmelte mit Nachdruck zwiſchen den Zaͤhnen das Wort:„Tollkopf!“ Augenſcheinlich aber war er ge⸗ woͤhnt, alle heftigen Vewegungen zu beherrſchen, denn er wandte ſich im Augenblick mit der groͤßten Unbefan⸗ genheit an Fairford. „Wenn Ihr glaubt,“ ſagte er,„ohne Euer Wort zu biecht nſo handeln zu koͤnnen, ſo wünſche ich, Ihr moͤchtet die Güte haben, mir den Brief des Mr. Max⸗ well von Summertrees zu zeigen. Ich mochte beſon? ders die Aufſchrift ſehen.“ Alan ſah keine Urſache, warum er nicht ſein Ver⸗ trauen auch ſo weit ausdehnen ſollte, und gab ihm ohne weiteres den Brief in die Hand. Nachdem er den Brief, wie fruͤher Nanty Ewart und der alte Srumbull herumgewendet, und, wie ſie, die Addreſſe mit vieler Genauigkeit unterſucht hatte, fragte er Alan, ob er dieſe Worte bemerkt haͤtte, und wieß zugleich auf einige an der untern Seite des Briefs mit gemachte Schriftzuge. Fairford antwortete verneinend, ſah auf den Brief, und las mit Erſtaunen; cave, ne litteras Bellerophontis adferres(huͤte Dich, Bellerophons Brief zu überbringen)z dieſe Warnung traf mit der Ermah⸗. nung des Mr. Crosbie, er wuͤrde wohl thun, in den Brief hinein zu ſehen, deſſen leberbringer er ſey, ſo genau zuſammen, daß er im Begriff war, aufzuſprin⸗ gen, und einen Verſuch zur F Flucht zu machen, ohne zu wiſſen; wohin und weßwegen. „Bleibt ſitzen, junger Mann,“ ſag'e der Pater mit dem nemlichen Tone der Autvritaͤt, der in ſeinem ganzen Weſen herrſchte, wenn er ſchon mit einer an⸗ ſtaͤndigen Höflichkeit gemiſcht war.„Ihr ſeyd in kei⸗ ner Gefahr, mein Charakter wird Euch für Eure Si⸗ Gerheit buͤrgen. Von wem glaubt Ihr, daß dieſe Worte beigeſchrieben ſeyn moͤgen?“ ** TOO Fairford haͤtte antworten können:„von Nanty Ewart,“ denn er erinnerte ſich, daß dieſer etwas mit Bleiſtift krizelte, obgleich er wegen ſeines Uebelbefin⸗ dens nicht genau darauf gemerkt hatte, wo und auf was. Da er aber nicht wußte, welchen Verdacht oder welche ſchlimmen Folgen der Antheil des Seemanns an ſeinen Angelegenheiten auf ihn bringen koͤnnte, ſo hielt er fuͤr's beſte, zu antworten, er kenne die Hand nicht. Pater Buvnaventura ſchwieg wieder einige Augen⸗ bliche, die er dazu anwandte, den Brief mit der ſtreng⸗ ſten Aufmerkſamkeit zu betrachten; dann trat er an ein Fenſter, gleichſam um die Aufſchrift, und das, was auf dem Umſchlage ſtand, bei ſtaͤrkerem Lichte genau zu unterſuchen, und Alan Fairford ſah mit eben ſoviel Erßaunen, als Mißvergnügen, wie er kalt und beſonnen, das Siegel erbrach, den Brief oͤffnete und las.„Halt, Str, halt!“ rief er aus, ſobald ihm ſein Erſtaunen erlaubte, ſeinem Unwillen Worte zu geben; mit wel⸗ chem Rechte wagt Ihr es... „Ruhig, junger Mann,“ ſagte der Pater und wies ihn mit einem Wink der Hand zurück;„ſeyd ver⸗ ſichert, daß ich nicht ohne Autoritaͤt handle; nichts kann zwiſchen Mr. Maxwell und Mr. Redgauntlet vorgehen, das ich nicht zu wiſſen volkommen berech⸗ tigt wäre.“ „Das kann ſeyn,“ ſagte Alan hoͤchſt aufgebracht; „obgleich Ihr aber dieſer beiden Herren Beichtvater ſeyn möget, ſo ſeyd Ihr doch nicht der meinige, und da Ihr das Siegel eines Briefs erbrecht, der meiner. Sorge anvertraut wurde, ſo thut Ihr mir——“ ein Unrecht, ich verſichre Euch,“ antwortete der unerſchütterliche Prieſter;„im Gegentheil vielleicht ei⸗ nen Dienſt.“ „Ich verlange keinen Vortheil um ſolchen Preis, oder der auf ſolche Weiſe erhalten wird,“ antwortete S„gebt mir den Brief augenblicklich zuruͤck, oder— „So lieb Euch Eure Sicherheit iſt“ ſagte der Prie⸗ ſter,„ſo unterlaſſet alle beleidigenden Ausdrücke und alle ——— — 101 drohenden Geberden, ich bin nicht der Mann, der ſich ungeſtraft drohen oder beleidigen laͤßt, und es ſind genug Leute da, um jede Beleidigung und Kraͤnkung zu ſtra⸗ fen, die mir angethan wird, im Fall ich es fuͤr unſchiek⸗ lich halten ſollte, mich mit eigener Hand zu ſchuͤtzen oder zu räͤchen.“ Als er dieß ſaste, nahm der Pater ein ſo furchtloſes Weſen und ein ſo ruhiges Anſehen an, daß der junge Rechtsgelehrte uberraſcht und eingeſchuͤchtert ſeinen Vor⸗ ſatz vergaß, ihm den Brief aus der Hand zu reißen, und ſich auf bittre Hlagen über das Ungeeignete ſeines Be⸗ nehmens beſchränkte, in welchem Lichte er dem Red⸗ gauntlet erſcheinen muͤſſe, wenn er ihm einen Brief mit erbrochenem Siegel überreiche. „Dafür,“ ſagte Pater Buonaventura,„ſoll hinrei⸗ chend geſorgt werden. Ich will ſelbſt an Redsauntlet ſchreiben, und Mazwell's Brief einſchließen, vorausge⸗ ſetzt, daß Ihr noch Luſt bezengt, ihn zu üͤberliefern, wenn Ihyr ſeinen Inhalt kennt.“ Er gab ſodann den Brief an Fairford zurück, und da er bemerkte, daß dieſer zanderte, ihn zu leſen, ſagte er mit Nachdruck:„Lest nur, denn es betrifft Euch.“ Dieſe Anmahnung, verbunden mit der frühepen des Mr. Crosbie und der Warnung, welche zweifelsohne Nanty durch ſeine claſſiſche Anſpielung beabſichtigte, entſchied Fairford's Entſchluß; wenn dieſe Correſpon⸗ denten, dachte er, ſich gegen mich verſchwören, ſo habe ich ein Recht, ihnen entgegen zu arbeiten; Selbſterhal⸗ tung ſowohl, als meines Freundes Sicherheit verlangen, daß ich nicht allzu gewiſſenhaft bin. So dachte er und las den Brief, der folgenderma⸗ en lautete: hr ten lautetes Dheurer, Wilder und Gefaͤhrlicher! Wollt Ihr nie aufhoren, Euern alten Spitznamen zu verdienen? Ihr habt endlich Euer Wilb aufgeſtöbert, höre ich, und was iſt die Folge? Nichts anders, als daſ man Euch jetzt mit Laͤrm und Geſchrei verfolgt. Der Ueberbringer dieſes iſt ein junger naſenweiſer Adookat, welcher eine formliche Klase Leben Euch angebracht hat, 102 zum Gluͤck vor einem freundſchaftlichen Gerichte. So gunſtig aber auch der Richter geſtimmt ſeyn mag, ſo konnten doch Conſine Jenny und ich ihn nur mit Muͤhe an Bord behalten. Er beginnt furchtſam, mißtrauiſch und unbiegſam zu werden und ich fuͤrchte, Jenny wird bald ihre Stirne vergebens gegen ihn falten. Ich weiß mir keinen Rath,— der Junge, der dieß uberbringt, iſt ein guter Junge— thätig für ſeinen Freund,— undich habe meine Ehre verpfaͤndet, daß er keinen perſönlichen Unannehmlichkeiten ausgeſetzt ſeyn ſoll,— meine Ehre verpfändet! merke Dir dieſe Worte, und erinnere Dich, daß ich auch wild und gefaͤhrlich ſeyn kann, ſo gut als . meine Nachbarn. Ich habe ihn aber nicht gegen eine kurze Gefangenſchaft geſichert, und da er ein regſamer, thaͤtiger Burſche iſt, ſo ſehe ich kein andres Mittel, ihn ſo lange aus dem Wege zu ſchaffen, bis dieß Geſchäft des guten Pater B.. glücklich vorüber iſt; wollte Gott, es waͤre ſchon!— immer der Deine, ſollt ich auch noch einmal ſeyn Craig— in— Peril. „Was denkt Ihr, junger Mann, von der Gefahr, in die Ihr Euch ſo willig begeben wolltet?“ „Sie kommt mir ſo ſeltſam vor, als das ungewoͤhn⸗ liche Mittel, deſſen Ihr Euch ſo eben bedient habt, Max⸗ well's Vorhaben zu entdecken.“ „Kümmert Euch nicht um mein Benehmen,“ ſagte der Pater,„ich bin ſicher bei allem, was ich thue, und fürchte keine Verantwortlichkeit. Aber ſagt mir, was iſt Euer jetziges Vorhaben.“ „Ich ſollte es Euch vielleicht nicht nennen, da es ſich auch um Eure Sicherheit dabei handelt.“ „Ich verſtehe Euch,“ antwortete der Pater;„Ihr wollt an die beſtehende Regierung Ench wenden?— Das kann auf keinen Fall geſtattet werden.— Eher halten wir Euch mit Zwang zu Fairladies zuruͤck.“ „Ihr werdet doch wahrſcheinlich,“ fagte Fairford, „zuerſt das Gef aͤhrliche eines ſolchen Verfahrens in ei⸗ nem freien Lan de erwaͤgen.“ „Ich bin furchtbarern Gefahren entgegen getreten,“ 103 ſagte der Prieſter läͤchelnd,„doch ich bin Willens, ein milderes Auskunftsmittet zu ſuchen. Kommt, laßt uns die Sache zu einem Vergleich bringen.“ Er nahm hierauf ein ſo artiges Weſen an, daß es Fairford in dieſem Falle für gar zu nachgebend hielt;„ich nehme an, Ihr werder es zufrieden ſeyn, hier noch einen Tag oder zwei in Verwahrung zu bleiben, vorausgeſetzt, daß ich Euch mein feierliches Wort gebe, Ihr ſollt den Mann, den Ihr ſuchet, treffen,— ihn in volliger Si⸗ cherheit treffen, und hoffentlich auch ganz geſund, und nachher beide frei nach Schottland zuruͤckkehren, oder nach Eurem Gefallen uͤber Euch felbſt beſtimmen.“ „Ich achte das Wort des Prieſters, ſo weit man es vernünftiger Weiſe von einem Proteſtanten erwarten kann,“ erwiederte Fairford;„aber mir ſcheint, Ihr könnt kaum von mir erwarten, daß ich auf das Wort eines mir unbekannten Menſchen ſo diel Vertrauen ſetzen ſoll, als in der Bürgſchaft liegt, die Ihr mir anbietet.“ „Ich bin nicht gewohnt, Sir,“ ſagte der Pater in einem ſehr ſtolzen Tone,„meine Worte bezweifelt zu ſe⸗ hen.“ Doch nach augenblicklichem Bedenken verflog die Röthe des Zorns von feinen Wangen⸗ und er fetzte hin⸗ zu:„Ihr kennt mich nicht, und muͤßt darum entſchuldigt werden. Ich will mehr Vertrauen auf Eure Ehre ſetzen, als Ihr Willens ſcheint, zu der meinigen zu faſſen; und da wir einmal ſo geſtellt ſind, daß einer ſich auf das Wort des andern verlaſſen muß, ſo will ich Euch ſogleich in Freiheit ſetzen, und mit den Mitteln verſehen laſſen, Enern Brief zu uberliefern; oorausgeſetzt, daß Ihr jetzt, da Ihr den Inhalt kennt, es noch mit Eurer Sicherheit vertraͤglich haltet, den Auftrag auszurichten.“ Alan Fairford ſchwieg einen Angenbtick;„ich ſehe nicht,“ erwiederte er endlich,„wie ich in Bezug auf die Erreichung meines einzigen Vorhabens, naͤmlich der Be⸗ freiung meines Freundes verfahren ſoll, ohne mich an das Gefetz zu wenden und den Beiſtand eines Friedens⸗ richters zu verlangen. Wenn ich dieſen ſonderbaren Brief des Mr. Maxwell, mit deſſen Inhalt ich auf eine 104 ſo unerwartete Weiſe bekannt nurde, uͤberliefere, ſo theile ich nur ſeine Gefangenſchaft.“ „Und wenn Ihr Euch an einen Friedensrichter wen⸗ det, junger Mann, ſo ſtürzt Ihr dieſe gaſtfreundlichen Damen ins Verderben, welchen Ihr, aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach, Euer Feben verdankt. Ihr koͤnnt keinen Verhaftsbefehl zu Eurem Vorhaben erlan⸗ gen, ohne eine genaue Angabe alles defſen, was Ihr in den letzten Tagen erlebt habt, zu machen. Ein Friedens⸗ richter wuͤrde Euch verpflichten, eine vollſtaͤndige Nach⸗ richt von Euch ſelbſt zu geben, ehe er Euch mit ſeiner Autorität gegen einen Dritten bewaffnete; und wenn Ihr dieſe Nachrichten gebt, ſo iſt die Sicherheit dieſer Sa⸗ men nothwendig gefährdet. Hundert Spione haben ſchon ihre Augen auf dieſe: Aufenthaltsort gerichtet, und rich⸗ ten ſie noch, aber Gott wird die Seinen beſchützen.“— Hier kreuzigte er ſich andaͤchtig, und fuhr dann fort— „Ihr koͤnnt nun eine Stunde über den beſten Plan nach⸗ denken, den Ihr auszufuͤhren gedenkt, und ich verpfaͤnde mein Wort, Euch ſoweit behuͤlflich zu ſeyn, ohne daß ich verlange, daß Ihr Euch auf mein Wort mehr verlaßt, als Eure Klugheit Euch räth.— Ihr ſollt zu Redgaunt⸗ let gehen,— ich nenne ihn gerädezu, um Euch mein Vertrauen zu zeigen,— und Ihr ſpllt ihm dieſen Brief von Mr. Maxwell uberliefern mit einem von mir, worin ich ihn ermahne, Euern Freund in Freiheit zu ſetzen, oder wenigſtens Eure Perſon nicht anzutaſten, weder durch Gefangenhaltung, noch auf eine andere Weiſe. Wenn Ihr mir ſo weit trauen könnt“„ſagte er mit einem ſtolzen Nachdruck auf dieſen Worten,„ſo will ich Euch von mei⸗ ner Seite von hier abreiſen ſehen mit dem vollkommen⸗ ſten Zutrauen, daß Ihr nicht zurückkehren werdet mit obrigkeitlicher Gewaſt bewaffnet, um die Bewohner die⸗ ſes Hauſes zum Verderben hinwegzuſchleppen. Ihr ſeyd jung und unerfahren, erzogen zu einem Gewerbe, das den Verdacht ſchaͤrft, und falſche Anſichten von der menſchli⸗ chen Natur erzeugt. Ich habe viel von der Welt geſe⸗ hen, und beſſer, als die meiſten Menſchen erkannt, wie 105 ſehr gegenſeitiges Vertrauen in Behandlung wichtiger Gegenſtände erforderlich iſt.“ Er ſprach dieß mit einem Anſehen Lvon Ueberlegen⸗ heit, ja von Autvritaͤt, wodurch Fairford, trotz ſeines in⸗ nern Gegenſtrebens, ſo ſehr zum Schweigen gebracht und eingeſchuchtert wurde, daß er erſt, als der Pater ſich ge⸗ wandt hatte, um das Zimmer zu verlaſſen, die Worte fand, ihn zu fragen,„was die Folge ſeyn wurde, wenn er es ablehnte, auf die vorgeſchlagenen Bedingungen abzu⸗ reiſen.“ Dann müßt Ihr zur Sicherheit aller Theile für einige Dage ein Einwohner von Fairladies bleiben, wo wir die Mittel haben, Euch zuruͤckzuhalten, und die Selbſterhaltung wird uns in dieſem Falle zwingen, Ge⸗ brauch davon zu machen. Eure Gefangenſchaft wird kurz ſeyn; die Sachen koͤnnen nicht lange ſo bleiben, wie ſie ſind.— Die Wolke muß bald aufſteigen, oder ſich fuͤr immer über uns niederlaſſen— benedicite!“ Bei dieſen Worten verließ er das Zimmer. Nach ſeiner Entfernung fühlte ſich Fairford ſehr in Verlegen⸗ heit, was er nun thun ſolle. Seine Erziehung ſowohl, als ſeines Vaters Grundſaͤtze in Sachen der Kirche und des Staats, hatten ihm einen heiligen Schauder gelehrt vor Papiſten, ſo wie einen feſten Glauben an alles, was ihm von der puniſchen Treue der Jeſuiten und von dem Auskunftsmittel eines Vorbehalts in Gedanken geſagt worden war, wodurch die katholiſchen Prieſter, wie man allgemein glaubte, der Verpflichtung zu entgehen ſuch⸗ ten, gegen Ketzer Dreue und Glauben zu halten; doch war in dem Anſtand und den Worten des Pater Buvna⸗ venturg ein Anſtrich von Majeſtät, wenn gleich nieder⸗ gedrückt, und wie von einer Wolke uͤberſchattet, doch im⸗ mer noch groß und imponirend; es war ſchwer fuͤr ihn, dieß mit ſelnen vorgefaßten Meinungen zu vereinigen, die ſeinem Orden und ſeiner Religionsparthei Liſt und Falſchheit Schuld gaben. Vor allem aber ſah Alan ein⸗ wenn er nicht ſeine Freiheit nach den ihm angebotenen Bedingungen annehme, ſo werde er wahrſcheinlich mit Gewalt zuruͤckbehalten werden; in jeber Hinſicht gewann er alſo durch Annahme derſelben. Eine Beaͤngſtigung 9 106 durchflog ihn indeß, wenn er als Rechtsgelehrter bedach⸗ te, daß dieſer Pater wahrſcheinlich in den Augen des Ge⸗ ſetzes ein Verraͤther ſey, und daß es nach dem Criminal⸗ geſetzbuche ein ſchändliches Verbrechen ſey, einen Hoch⸗ verräther nicht anzugeben. Auf der andern Seite, was er auch denken oder argwohnen mochte, ſo konnte er es doch nicht auf ſich nehmen, zu ſagen, der Mann ſey ein Prieſter, denn er hatte ihn nie in ſeinem Amtskleide und nie Meſſe halten ſehen, ſo daß er wohl daran zweifeln konnte, da er keinen geſetzlichen Beweis beſaß. Er kam alſo zu dem Schluß, daß er ſeine Freiheit annehme, und unter des Pater Buvnaventura Gewaͤhrleiſtung zu Red⸗ gauntlet gehen wolle, denn dieſe wuͤrde ihn, wie er kaum zweifelte, gegen perſoͤnliche Unannehmlichkeiten ſchutzen. Sollte er einmal dazu kommen, dieſen Edelmann zu ſpre⸗ chen, ſo fuhlte er noch das naͤmliche Zutrauen zu ſich, wie früher, daß er ihn von der Unbedachtſamkeit ſeines Be⸗ nehmens würde uberzeugen können, wenner auch Darſie Latimers Freiheit nicht erwirkte. Auf alle Fälle wurde er erfahren, wo ſich fein Freund befinde, und unter wel⸗ chen Umſtaͤnden. Da Alan nun entſchloſſen war, ſo wartete er mit Begierde bis die Stunde zu Ende ſey, die ihm zur Ue⸗ berlegung geſtattet worden war. Er wurde keinen Augen⸗ blick länger auf die Folter der Ungeduld geſpannt, als bis die beſtimmte Zeit verfloſſen war, denn ſo wie die Glocke ſchlug, erſchien Ambroſius an der Thüre der Gal⸗ lerie und machte ein Zeichen, daß Alan ihm folgen ſolle. Er that es und trat, nachdem er, wie es in ſo alten Haͤu⸗ ſern gewöhnlich iſt, mehrere verwickelte Gänge durchwan⸗ delt hatte, in ein kleines Zimmer, das beguem eingerich⸗ tet war, und worinne er den Pater Buonaventura auf einem Ruhebette liegen fand, in der Stellung eines von Krankheit und Anſtrengung erſchoͤpften Menſchen. Auf einem kleinen Diſche neben ihm war ein katholiſches Ge⸗ betbuch, ein Flaͤſchchen mit Arznei und eine kleine Thee⸗ taſſe von chineſiſchem Porcellan. Ambroſius trat nicht ins Zimmer, ſondern verbeugte ſich nur tief und verſchloß — † —— 107 die Thure ſo leiſe wie moͤglich, ſobald Fairford eingetre⸗ ten war. „Setzt Euch nieder, junger Mann,“ ſagte der Pa⸗ ter mit demſelben Tone der Herablaſſung, der Fairford ſchon vorher in Verwunderuns geſetzt, ja beleidigt hatte. „Ihr ſeyd krank geweſen, und ich weiß nur zu gut an mir ſelbſt, daß Unpäßlichkeit Nachſicht verlangt.— Habt Ihr,“ fuhr er fort, ſobald er ſah, daß ſich Alan niederge⸗ ſetzt hatte,„habt Ihr Euch entſchloſſen zu bleiben oder abzureiſen?“ „Abzureiſen,“ ſagte Alan,„wenn Ihr mir Bürg⸗ ſchaft leiſten wollt für meine Sicherheit bei dem ſonder⸗ baren Menſchen, der ſich auf eine ſo ungeſetzliche Weiſe gegen meinen Freund Darſie Latimer benommen hat.“ „Urtheilt nicht zu raſch, junger Mann,“ erwiederte der Pater.„Redgauntlet hat in Beziehung auf den jun⸗ gen Mann die Anſpruͤche eines Vormunds über ſeinen Mundel und ein Recht, uͤber ſeinen Aufenthaltsort zu verfügen, obgleich er in der Wahl der Mittel, wodurch er ſeine Autorität geltend zu machen gedenkt, unbeſon⸗ nen geweſen feyn mag.“ „Seine Lage als Geaͤchteter vernichtet dieſe Rech⸗ te,“ ſagte Fairford haſtig. „Sicherlich,“ erwiederte der Prieſter, lächelnd uͤber die Raſchheit des jungen Rechtsgelehrtenz„in den Au⸗ gen derer, welche die Rechtmäßigkeit der Aechtung aner⸗ kennen, aber das thue ich nicht. Indeſſen, Sir, hier iſt meine Buͤrgſchaft, leſet den Inhalt, und nehmt nicht wieder einen Uriasbrief mit Euch.“ Fairford las folgende Worte: Guter Freund! Wir ſenden Euch hier einen jungen Mann, der die Lage Eures Mündels kennen zu lernen wuͤnſcht, ſeit er unter Eure väterliche Autvrität kam, und mit Euch un⸗ terhandeln will, um Eueren Verwandten in Freiheit zu ſetzen. Dieß empfehlen wir Eurer Klugheit, und miß⸗ billigen zu gleicher Zeit hoͤchlich jede Gewalt oder Zwang, wenn ſolches vermieden werden kann, und wir wünſchen daher, daß dieſe Unterhandlung einen guten Ausgang 108 haben moge. Auf alle Fälle indeſſen hat der Ueberbrin⸗ er unſer verpfaͤndetes Wort für ſeine Sicherheit und reiheit, was Ihr daher ſtrenge beobachten ſollt, ſo lieb Euch unſre und Eure eigene Ehre iſt. Ferner wuͤnſchen wir uns mit Euch zu beſprechen, ſobald als moͤglich, da wir Euch Gegenſtände von der hoͤchſten Wichrigkeit mit⸗ zutheilen haben. Wir wuͤnſchen daher, daß Ihr Euch in aller Eile hieher begebet, und ſagen Euch hiemit ein herzliches Lebewohl P. B „Ihr werdet einſehen, Sir,“ ſagte der Pater, als er ſah, daß Alan den Brief geleſen hatte,„daß Ihr bei Uebernahme dieſer Botſchaft Euch verbindlich macht, erſt die Wirkung davon zu verſuchen, ehe Ihr zur Befreiung Eures Freundes zu einem geſetzlichen Mittel, wie Ihr es nennt, Eure Zuflucht nehmet.“ „Es ſind noch einige Chiffern dem Brief beigefuͤgt,“ ſagte Fairford, als er den Brief aufmerkſam geleſen hatte,„darf ich fragen, was ſie bedenten?“ „Sie betreffen meine eigenen Angelegenheiten,“ antwortete der Pater kurz,„und haben gar keine Be⸗ ziehung auf die Eurigen.“ 6 „Mir ſcheint indeſſen die Vermuthung natürlich, ——“ erwiederte Alan. „Nichts darf vermuthet werden, was mit meiner Ehre unverträglich iſt,“ erwiederte der Prieſter ihn un⸗ terbrechend;„wenn Maͤnner, wie ich, Gunſtbezeugun⸗ gen erweiſen, ſo erwarten wir, daß ſie mit Dankbarkeit angenommen, oder mit dankbarer Achtung abgelehnt, nicht lange unterſucht und bekrittelt werden.“ „Ich nehme Euern Brief alſo an,“ ſagte Fairford nach Minutenlangem Ueberlegen,„und der Dank, den Ihr erwartet, ſoll Euch aufs reichlichſte gezollt werden, wenn der Erfolg dem entſpricht, wozu Ihr mir Hoff⸗ nung gemacht habt.“ „Gott allein gebietet uͤber den Ausgang,“ ſagte Pater Buonaventura.„Der Menſch gebraucht die Mit⸗ tel.— Ihr ſehet ein, daß Ihr durch Uebernahme die⸗ ſes Auftrags Eure Ehre verpfandet, die Wirkung mei⸗ 109 nes Briefs auf Mr. Redgauntlet zu verſuchen, ehe Ihr die Sache bei Gericht anbringt, oder einen geſetzlichen Verhaftbefehl auswirkt?“ „Ich halte mich fuͤr verbunden, ſo zu handeln, als ein Männ von Wort und Ehre,“ ſagte Fairford. „Gut, ich traue Euch,“ ſagte der Pater.„Ich will Euch jetzt noch ſagen, daß ein Expreſſer, den ich die letzte Nacht abfertigte, Redgauntlet wahrſcheinlich um viele Meilen dieſem Drte näher gebracht hat, wo er es nicht ſicher finden wird, irgend eine Gewaltthat gegen Eueren Freund zu verſuchen, ſollte er auch unbeſonnen genug ſeyn, den Rath des Mr. Maxwell vvn Summer⸗ trees eher zu befolgen, als meine Befehle. Wir verſte⸗ hen jetzt einander.“ Er ſtreckte ſeine Hand gegen Alan aus, welcher eben im Begriff war, ſie zum Unterpfand ſeiner Treue, auf die gewohnliche Weiſe zu faſſen, als ſie der Pater ſchnell zuruͤckzog. Ehe Alan Zeit hatte, über dieſe Wei⸗ gerung nachzudenken, oͤffnete ſich eine kleine Seiten⸗ thüre, die mit einer Tapete verdeckt war, die Vorhänge wurden bei Seite gezogen, und eine Dame trat, wie eine plotzliche Erſcheinung, leiſe ins Gemach. Es war keine von den Miß Arthuret's, ſondern eine Frau in der Blüthe des Lebens und der vollig entfalteten weiblichen Schoͤnheit; artig, ſchlank und von imponirendem Anſe⸗ hen. Ihre goldenen Locken ſielen uber die Stirne, die nebſt dem herrlichen Glanze der großen, offenen, blauen Augen eine Juno ſelbſt geziert haben würde; ihr Nacken und Buſen waren wunderſchoͤn geformt und von blen⸗ dender Weiße. Sie war ein wenig zur Fülle geneigt, doch nicht mehr, als ihrem Alter paßte, das ungefahr 3o Jahre betragen mochte. Ihr Gang war der einer Koͤ⸗ nigin, aber nicht einer Koͤnigin Eſther, ſondern der ei⸗ ner Vaſthi, einer kuͤhnen und befehlenden, nicht einer ſchuͤchternen Schoͤnheit. Pater Buvnaventura erhob ſich unwillig von ſeinem Lager, als ob ihm bas raſche Eintreten mißfalle.„Nun, Madame,“ ſagte er mit einiger Strenge,„warum ha⸗ ben wir jetzt die Ehre Eurer Gelellſchaft?“ 110 „Weil es mir ſo beliebt,“ erwiederte die Dame ganz ruhig. „Beliebt? Madame!“ wiederholte er in dem naͤm⸗ lichen unwilligen Tone. „Ja, beliebt, Sir,“ fuhr ſie fort,„und dieß mein Belieben halt immer genauen Scheitt mit meiner Pflicht. Ich hatte gehört, Ihr waͤret unwohl, laßt mich hoffen, daß es nur ein Geſchaͤft iſt, welches dieſe Abſonderung veranlaßt.“ „Ich bin wohl,“ erwiederte er,„vollkommen wohl, und ich danke Euch für Eure Sorgfalt, aber wir ſind nicht allein, und dieſer junge Mann——“ „Dieſer junge Mann,“ ſagte ſie und heftete ihr großes ernſtes Auge auf Alan Fairford, als vb ſie jetzt erſt ſeine Gegenwart bemerkt haͤtte,—„darf ich fragen, wer es iſt?“ „Ein andermal Madam, Ihr ſollt ſeine Geſchichte erfahren, wenn er weg iſt. Seine Gegenwart macht es mir unmöglich, mich weiter zu erklaͤren.“ „Wenn er gegangen iſt, mag es wohl zu ſpat ſeyn,“ ſagte die Dame,„und was iſt ſeine Gegenwart fur mich, wenn Eure Sicherheit auf dem Epiele ſteht? Es iſt der ketzeriſche Advokat, den die einfaͤltigen Narren, die Ar⸗ thuret's, ins Haus eingelaſſen haben, zu einer Zeit, wo ſie ihren eigenen Vater haͤtten vergebens an die Thuͤre klopfen laſfen ſollen. Ihr werdet ihn doch ſicher nicht von Euch laſſen?“ „Eure eigene Ungeduld kann allein dieſen Schritt gefaͤhrlich machen,“ ſagte der Pater,„ich habe mich⸗ entſchloſſen, ihn zu thun,— laßt nicht Euren unbeſchei⸗ denen Eifer, ſo gut auch ſeine Duelle ſeyn mag, die Sache unnoͤthigerweiſe gefaͤhrlich machen.“ „Iſts möglich?“ ſagte die Dame im Tone des Vor⸗ wurfs, mit dem ſich jedoch Achtung und Beſorglichkeit verband.„Und ſo wollt Ihr immer vorwärts gehen, wie ein Hirſch in die Schlingen des Jaͤgers, mit unge⸗ meſſenem Vertrauen, jetzt noch, nach allem dem, was vorgefallen iſt?“ „Stille, Madame,“ ſagte der Pater Buonaven⸗ 11I tura aufſtehend;„ſchweigt oder verlaßt das Zimmer; meine Plane vertragen keine weibliche Kritik.“ Die Dame ſchien im Begriff, auf dieſen beſtimmt ausgeſprochenen Befehl eine ſcharfe Antwort zu geben; doch ſie bezwans ſich, preßte ihre Lippen feſt zuſammen, als wollte ſie die Worte, die ſich ſchon auf der Zunge ge⸗ bildet hatten, verhindern, herauszubrechen; ſie machte eine tiefe Verbeugung, die zum Theil wie ein Vorwurf, zum Theil wie eine Achtungsbezeugung ausſah, und verließ das Zimmer ſo ſchnell als ſie eingetreten war. Der Pater ſchien beunruhigt durch dieſen Vorfall, denn er ſchien zu fuͤhlen, daß derſelbe Fairfords Einbil⸗ dungskraft mit neuem, weitgreifendem Verdacht erfullen muͤſſe; er biß die Lippen zuſammen, und murmelte eini⸗ ges vor ſich hin, wie er durchs Zimmer ging; dann wandte er ſich ploͤtzlich zu Alan mit einem ſo angench— men Laͤcheln, und mit einer Haltung, in welcher jeder rauhere Ausdruck dem der Artigkeit und Freundlichkeit gewichen war. „Der Beſuch, mit dem wir ſo eben beehrt wurden, mein junger Freund,“ ſagte er,„gibt Euch noch mehr Geheimniſſe zu bewahren, als ich Euch aufbuͤrden wollte. Die Lady iſt eine Dame von Rang und Vermoͤgen; den⸗ noch aber ſind die Umſtände von der; Art, daß das bloße Bekanntwerden ihrer Anweſenheit im Lande viele unan⸗ genehme Folgen haben wuͤrde. Ich wünſchte, daß Ihr dieſen Umſtand geheim haltet, auch gegen Redgauntlet. und Maxwell obgleich ich in allen meinen Angelegen⸗ heiten ihnen durchaus vertraue.“ „Ich kann keine Veranlaſſung haben,“ erwiederte Fairford,„irgend eine Unterredung mit dieſen Herrn oder mit andern über den Umſtand zu haben, wovon ich ſo eben Zeuge geweſen bin,— es konnte einzig durch Zufall der Gegenſtand meines Geſpraͤchs werden, und ich werde jetzt darauf bedacht ſeyn, dieſe Sache ganzlich zu vermeiden.“ „Ihr werdet wohl thun, Sir, und ich danke Euch,“ ſagte der Pater, und legte viel Würde in dieſen Aus⸗ druck ſeiner Verbindlichkeit.„Die Zeit moͤchte wohl 112 einmal kommen, wo Ihr erfahren werdet, was es heißt, einen Mann, wie mich, zu verbinden. Was die Dame betrifft, ſo iſt ſie eine hoͤchſt würdige Perſon, und man kann durchaus nichts von ihr ſagen, das nicht ihr Lob verkündigte. Nichtsdeſtoweniger— kurz, Sir, wir wandern in dieſem Augenblick in einem Morgennebel— die Sonne wird, wie ich hoffe, bald ſteigen, und ihn zerſtreuen, wo dann alles, was jrtzt geheimnißvoll ſcheint, voͤllig entſchleiert werden wird;— oder er wird ſich in Regen auflöſen,“ ſetzte er in einem feierlichen Tone hin⸗ zu,„und dann iſt lede Aufklärung von geringer Beden⸗ tung.— Adieu, Sir, ich wuͤnſche Euch alles Gute!—“ Er machte eine artige Verbeugung und verſchwand durch dieſelbe Seitenthüre, durch welche die Dame ein⸗ getreten war, und Alan glaubte ihre Stimmen in hef⸗ tigem Streit aus dem anſtoßenden Zimmer zu hoͤren. Im Augenblick darauf trat Ambroſtus ein und ſag⸗ te, ein Pferd und ein Fuͤhrer warteten auf ihn unten an der Terraſſe. „Der gute Pater Buonabentura,“ ſetzte der Kel⸗ lermeiſter hinzu,„iſt ſo gnädig, Eure Lage zu beruck⸗ kchtigen, und hat mich erſucht, Euch zu fragen, ob Ihr für irgend einen Fall Geld noͤthig hattet.“ „Bezeugt Sr. Ehrwürden meine Achtung,“ erwie⸗ derte Fairford,„und verſichert ihn, daß ich damit hin⸗ länglich verſehen bin. Ich bitte Euch gleichfalls, den Miß Arthuret's meine Hankbarkeit zu bezeugen, und ſte zu berſichern, daß ich ihrer gütigen Gaſtfreundſchaft der ich vermuthlich mein Leben danke, ſo lange ich lebe, mit Dankbarkeit eingedenk ſeyn werde. Auch Euch, Mr. Ambroſius, danke ich verbindlichſt, daß Ihr mir Eure Geſchicklichkeit und Aufmerkfamkeit gewidmet habt.“ Unter dieſen Aeußerungen der Dankbarkeit verlie⸗ ßen ſte das Haus, ſtiegen die Terraſſe hinab, und ge⸗ langten an den Ort, wo der Gärtner, Fairfords alter Bekannter, auf ihn wartete, ſitzend auf dem einen Pferde, und das andere an der Hand fuͤhrend. Unſer junger Rechtsgelehrter ſagte dem Mr. Am⸗ broſius Lebewohl, beſtieg das Pferd, und ritt d hin⸗ 1T3 hinab, indem er oft nach dem melancholiſchen und ver⸗ nachlaͤßigten Gebaͤude zurüͤckſah, in welchem er Zeuge von ſo ſonderbaren Scenen geweſen war; er dachte noch uͤber den Charakter feiner geheimnißvollen Bewohner, beſonders des edlen und faſt koͤniglich ausſehenden Prie⸗ ſters, und der ſchönen, aber launenhaften Dame nach, welche, wenn ſie wirklich Pater Buonaventura's Beicht⸗ kind war, gegen die Autorität der Kirche weit ungeleh⸗ riger war, als nach Alans Meinung die katholiſche Kirchenzucht geſtattete. Er konnte nicht umhin, zu be⸗ merken, daß das ganze Benehmen dieſer Perſonen ſehr gegen ſeine vorgefaßten Begriffe von einem Prieſter und ſeinem Beichtkind abſtach. Pater Buonaventurg beſon⸗ ders hatte mehr nalürliche Wuͤrde und weniger Kunſt und Affectation in ſeinem Weſen, als ſich mit der Idee vertrüg, welche die Calbiniſten von dem liſtigen und ſchrecklichen Charakter eines jeſuitiſchen Miſſtvnärs zu hegen pflegten. Während er über dieſe Dinge nachdachte, ſchaute er ſo oft nach dem Hauſe zurüͤck, daß Dick Gardener, ein vorlauter, geſchwaͤtziger Menſch, den das Schweigen zu langweilen begahn, endlich zu ihm ſagte:„Nun, ich denke, Ihr werdet Fairladies kennen, wenn Ihr es wie⸗ der ſehet, Sir.“ „Das wage ich zu behaupten,“ ſagte Fairford in guter Laune.„Ich wuͤnſchte, ich wüßte eben ſo gut, wo es zunächt hingeht; doch das koͤnnt Ihr mir viel⸗ leicht ſagen, Richard.“ „Euer Gnaben ſollten es beſſer wiſſen, als ich,“ ſagte Dick Gardener;„nichts deſtv weniger, denke ich mir, Ihr werdet dahin gehen, wohin alle Schotten! ge⸗ ſchickt werden ſollten, ſie moͤgen nun wollen oder nicht.“ „Zum Teufel doch nicht, hoffe ich, guter Dick,“ ſagte Fairford. „Warum nicht? Das iſt ein Weg, den Ihr als Ketzer macht; aber als Schotten mͤchte ich Euch nurdrti Viertheile des Weges ſchicken, das heißt, nach Schortland zurück,— Euer Gnaden müſſen mir dieß aber verzeihen.“ „Geht un ahin fragteiairford. „ W Scoit's 114 „Soweit als es an der Waſſerſeite ſortgeht,“ ſagte Richard.„Ich ſoll Euch zu dem alten Vater Eracken⸗ thorp fuͤhren, und dann ſeyd Ihr nur noch einen Spruns weit von Schottland. Viellricht aber bedenkt Ihr Euch erſt zweimal, Alt⸗England iſt doch ein fetter Weide⸗ grund für das Vieh aus dem Norden.“ Sechstes KHapitel. Erzaͤhlung von Darſie Latimer. Unſre Geſchichte muß nun, wie die alten Roman⸗ dichter zu ſagen pflegen,„aufhoͤren zu erzählen“ von den Nachforſchungen Alan Fairford's, und unſre Leſer von den Abentheuern Darſie Latimers unterrichten, den wir in dem Gewahrſam ſeines ſich ſo nennenden Vor⸗ munds, des Lairds der Seen vom Solway, verließen, nach deſſen Willkühr er ſich in dem Augenblick zu rich⸗ ten nöthig fand. In Folge des klugen Entſchluſſes, und obgleich er nicht ohne ein Gefuͤhl von Schaam und Erniedrigung eine ſolche Verkappung anlegte, erhielt Chriſtal Nizon von Darſite die Erlaubniß, über ſein Geſicht eine von jenen ſeidenen Masken zu befeſtigen, welche Damen gewoͤhnlich trugen, um thre Geſichts⸗ farbe zu ſchutzen, wenn ſie auf langen Keiſen zu Pferde ber Luft ausgeſetzt waren. Etwas heftiger ßritt er ge⸗ gen den langen Reitrock, welcher ſeine Perſon von der Mitte des Leibes an in weibliche Kleidung huͤllte, aber er mußte auch hierin nachgeben. Die Metamorphoſe war nun vollentet, denn die ſchöne Leſerin muß wiſſen, daß die Damen in jenen ro⸗ hen Zeiten, wenn ſie der maͤnnlichen Kleidung durch Anleguns eines Theils derſelben eine Ehre erwieſen, ge⸗ rade dieſelben Hüte, Röcke und Weſten trugen, als die maͤnnlichen Thiere ſelbſt, und noch nichts von jenem eleganten Mittelding zwiſchen maͤnnlicher und weiblicher Kleidung wußten, das jetzt par excellence, den Namen habit erhalten hat. Poſſierlich genug müſſen unſre Müt⸗ 115 ter ausgeſehen haben in den langen, viereckig geſchnitte⸗ nen Roͤcken ohne Kragen mit Weſßten, deren ungeheure Taſchen in der Mitte des Leibs weit hinabreichten. Doch hatten ſie einen Vortheil in den glänzenden Farben, den Treſſen und der ſchoͤnen Stickerei, welche die maͤnnliche Kleidung jener Zeit erlaubte, und wie es in vielen Faͤl⸗ len zu geſchehen pſflegt, die Feinheit des Stoffs gab ei⸗ nen Erſatz für den Mangel an Symmetrie und Schoͤn⸗ heit der Form in den Kleidungen ſelbſt. Doch dieß iſt eine Abſchweifung. Im Hofe des alten Gebaͤudes, das halb Edelſitz, halb Pachterhaus, oder vielmehr ein verfallener Edelſitz war, der zu einem Aufenthaltsort für einen cumberlän⸗ diſchen Pätter umgewandelt worden, ſtanden mehrere geſattelte Pferde. Vier oder fünf derſelben waren von Dienern oder nieberern Paͤchtern beſtiegen, welche alle mit Schwert, Piſtolen und Karabinern wohl bewaffnet waren. Zwei davon waren aber für Frauenzimmer ge⸗ ſattelt; das eine davon trug einen Ouerſattel, das an⸗ dre blos ein Kiſſen hinter dem Sattel. Darſie's Herz ſchlug lebhafter, denn er begriff leicht, daß eines von dieſen für ihn beſtimmt ſey, und er naͤhrte die Hoffnung, das andre wuͤrde vvn dem ſchö⸗ nen grünen Mantel beſtiesen werden, welche er nach ge⸗ wohnter Praxis zur Koͤnigin ſeines Herzens erkohren hatte, wenn gleich die Gelegenheiten, wo er mit ihr hatte zuſammen ſeyn koͤnnen, ſich das eine Mal auf ein ſiilles Abendeſſen, das andremal auf einen ländlichen Tanz beſchränkten. Dieß war indeſſen bei Darſie Lati⸗ mer keine ungewohnte Art, ſich zu verlieben, denn Cu⸗ pido triumphirte über ihn nur nach Art eines marat⸗ tiſchen Eroberers, der die Provinz mit der Schnelligkei des Blitzes überfällt, ſie aber auch nur auf eine kurze Zeit behaupten kann. Dieſe neue Liebe war indeſſen et⸗ was ernshafter, als die leichten Ritzwunden, welche ſein Freund Fairford laͤcherlich zu machen gewohnt war. Die junge Dame hatte eine aufrichtige Theilnahme an ihm bezeugt, und das geheimnißvolle Weſen, womit dieſer Antheil verſchleiert war, gab 4 bei ſeiner leb⸗ 116 haften Einbildungskraft den Charakter eines wohlwol⸗ lenden und ſchuͤtzenden Geiſtes, eben ſo wohl als den eines ſchonen Weibes. In früheren Zeiten war der Roman ſeiner kurzen Neigungen ſtets ſein eigenes Werk geweſen, und war verſchwunden, je naͤher e, der Perſon kam, die der S genſtand deſelben war. Bei dieſer Gelegenheit ſioß wirklich aus den außern umſtaͤnden, von denen auch 6 weniger reizbares Gefühl und eine minder lebhafte Ein⸗ bildungskraft ergriffen worden waͤre, als der junge, unerfahrene und ſchwaͤrmeriſche Darſie Latimer beſaß. Er wartete daher aͤngſtlich, zu weſſen Dienſt der Zelter mit dem Damenſattel beſtimmt ſey. Ehe aber eine Frau erſchien, denſelben einzunehmen, wurde er ſelbſt gufgefordert, auf dem Liſſen henter Chriſtal Nixon ſeinen Sitz zu nehmen unter dem Grinſen ſeines alten S Jan, der ihm auf's Pferd half, und dem naufhaltſamen La hen Cicelys, welche bei ieſ Ge⸗ knenhei rine Reihe Zähne zeigte, welche dem Elfenbein den Rang haͤtte ſtreitig machen koͤnnen. Latimer war in einem Viter, worin es ihm nicht gleichgüttig war, der Gegenſtand eines allgemeinen Ge⸗ lächters zu ſeyn, weun nut fuͤr Bauern und Milch⸗ maͤdchen, und er it ſ de ſchnlich, ſeine Reitpeitſche ein paarmat auf Jans Schtllern herumtanzen; zu laſ⸗ ſen. Tneinefolche Plußgun ſeiner Gefühle war aber in dieſem Augenblicke nicht zu denken, und Chriſtal Niron m achtefeiner unangenehmen Lage ſogleich ein En⸗ de, ven u Reitehn aufzubrer hen befahl. Er ſelbſt kitte des Truy*s, wei Manm ritten vor, ünd 3 wei ue ihm, de en Aute, w ie es Darſie vor⸗ kam, ſteis auf ihn gerichtet 8 um jedem Verſuch zur Flucht inb Von Zeit zu Zeit— wenn ein Süge es ihm ge⸗ drei oder vier andere igeſaͤhr einer Wertel⸗ onnte er die ſehlanke wie das mäch⸗ varzen Noſſes r — 2 117 zweifelte kaum, daß der Gruͤnmantel mit dabei ſey, ob⸗ gleich er ihre Geſtalt von den andern nicht unterſchei⸗ den konnte. Auf dieſe Weiſe ritten ſie von 6 Uhr mor⸗ gens bis beinahe 10 Uhr, ohne daß Darſie mit irgend jemand ein Wort gewechſelt haͤtte, denn ihm widerte der bloße Gedanke, ſich in eine Unterredung mit Chri⸗ ſtal Nixon einzulaſſen, gegen den er eine inſtinktartige Abneigung fühlte; auch war die duͤſtere und unſteund⸗ liche Gemüthsart dieſes Dieners nicht bon der Art, daß er dadurch zu einer Annaͤherung ermuthigt worden waͤre, wenn er auch Luſt dazu gehabt hätte. Endlich hielt man in der Abſicht, ſich zu erquicken, und auszuruhen; wie man aber bisher alle Doͤrfer und bewohnte Berter auf dem Wege vermieden hatte, ſo machte man auch jetzt bei einer jener großen verfallenen hollaͤndiſchen Scheunen Halt, die man manchmal auf den Feldern findet in einiger Entfernung von den Pacht⸗ haͤuſern, wozu ſie gehören. Doch waren an dieſem ein⸗ ſamen Drte einige Vorbereitungen zu ihrem Einpfang ge⸗ macht worden. Am Ende der Scheune befanden ſich Raufen mit Futter fuͤr die Pferde, und eine Menge Le⸗ bensmittel jür die Menſchen wurden unter Strohbün⸗ deln hervorgezogen, unter welchen die Körbe verßteckt waren, welche die Lebensmittel enthielten. Die beſten davon wurden von Chriſtal Nixon ausgewaͤhlt und bei Seite geſtellt, waͤhrend die Leute über die übrigen her⸗ fielen, die er ihnen Preis geseben hatte. Wenige Mi⸗ nuten nachher traf auch der Nachtrab ein, ſtieg ab, und Redgauntlet trat ſelbſt mit dem Maͤdchen im grü⸗ nen Mantel an der Seite in die Scheune. Er ſtellte ſie Darſie mit den Worten vor:„Es iſt Zeit, daß Ihr beide einander kennen lernt. Ich verſprach Euch mein Vertrauen, Darſie, und die Zeit iſt gekommen, mein Wort zu loͤſen. Zuerſt aber wollen wir ſtühſtücken, und dann wenn wir wieder im Sattel ſind, will ich Euch ſagen, was Euch zu wiſſen noͤthig iſt. Darſie, grüͤßt Lilias.“ Der Befehl war ſchnell, und uͤberraſchte Latimer, deſſen Verwirtung durch die volle Unbefangenheit und 118 Leichtigkeit ſties, womit Lilias ihm ihre Wange und ihre Hand bot, und die ſeinige druͤckte, welche ſie mehr ergriff, als die ihrige gab; dann ſagte ſie freimüthig: „Theuerſter Darſie, wie erfreut bin ich. daß unſer Dheim endiich uns geſtattet hat, mit einander bekannt zu werden!“ Darſie's Kopf ſchwindelte, und es war vielleicht gut, daß Redgauntlet ihn aufforderte, ſich niederzuſetzen, denn gerade dieſe Bewegung diente ihm dazu, ſeine Verwirrung zu verbergen. Es gibt ein altes Lied: „——— Wenn Frauen ſind zu willig, So ſteht der Mann nur wie ein Thor.“ Eine gute Darſtellung und Darſie Latimers Blicke bei dieſer unerwarteten Unbefangenheit bei'm Empfang wuͤr⸗ den eine bewunderungswerthe Vignette geben zur Er⸗ laͤuterung diefer Stelle.„Theuerſter Darſie,“ und ſo ein bereitwilliger Gruß mit Lippe und Hand!— Das war alles recht angenehm ohne Zweiſel, und hätte mit aller Dankbarkeit aufgenommen werden ſollen; aber ſo wie unſers Freundes Temperament war, konnte ſich nichts weniger mit ſeiner Denkart vertragen⸗ Haͤtte ihm ein Eremite angeboten, eine Kanne Bier mit ihm aur⸗ zuſtechen, ſo würde die Taͤuſchung über ſeine Heiligkeit nicht wirkſamer vernichtet worden ſeyn, als die goͤttli⸗ chen Eigenſchaften des Grünmantels vor der übel an⸗ gebrachten Unbefangenheit dahin ſchwanden. Durch ihr Entgegenkommen unangenehm überraſcht, und aͤrgerlich, daß er ſich noch einmal ſo betrogen hatte, konnte Darſie nicht umhin, die zwei Zeilen des Liedes vor ſich hin zu murmeln, das wir ſchon einmal angeführt haben: „Die Frucht, die ohne Schütteln fält,„ Iſt gar zu ſüß für mich!“ Und doch war es Schade um ſie,— ſie war ein recht artiges, junges Frauenzimmer,— ſeine Phantaſte harte ſte in der Hinſicht kaum uͤberſchaͤtzt, und tie leichte nordnung det ſchöten braunen Locken, welche in va⸗ türlichen Ringeln unter dem Reiſe ute herbor ſchtüͤpf⸗ ten, verbunden mit der Roͤthe, welche dir Anſtrengung des Ritts auf ihren Wangen bervorgerufen hatte, macht⸗ 119] ſie noch reizender, als ſonſt. Redgauntlet ſelbſt mil⸗ derte die Strenge ſeines Blicks, wenn er ſich zu ihr wandte, und ſein Ton, wenn er ſie anredete, war weit ſanfter/ als ſein genöanlicher tiefer Baß. Selbſt die ſtarren Süze Chriſtal Nixon's erheiterten ſich, wenn er ſie bediente, und ſein miſanthropiſches Geſicht druͤckte dann, wenn je einmal, ein Mitgefühl mit der übrigen Menſchheit aus. Wie kann ſie duch, dachte Latimer, ſo wie ein Engel ausſehen, und doch nur eine Sterbliche ſeyn? So viel Entgegenkommen, wenn ſie Kußerſt zuruͤck⸗ haltend ſeyn ſollte? Wie laͤßt ſich Jhr Betragen mit der Anmuth und Leichtigkeit ihres ſonſtigen Benehmens vereinen? Dieſe verworrenen Gedanken, welche Darſie's Ein⸗ bildungskraft beſchaͤftigten, gaben ſeinen Blicken ein verſtörtes Anſeben, und das Nichtbeachten der Speiſe, die ihm vorgeſetzt wurde, verbunden mit ſeinem Schwei⸗ gen und ſeiner Geiſtesabweſenbeit brachte Lilias dahin, ihn mit dem Ausdruck der Vekuͤmmerniß zu fragen, ob nicht die Unpaͤßlichkeit zurückkehre, woran er kürzlich ge⸗ litten hatte. Bei dieſer Frage erbob Mr. Redgauntlet, welcher ebenfalls in ſeine Betrachtungen verloren ſchien, ſeine Augen, und forſchte gleichfalls mit einem Anſchein von Theilnahme nach ſeinem Befinden. Latimer erklärte beiden daß ihm vollkommen wohl ſey. „Gut, daß es ſo iſt, denn das, was wir vorbha⸗ ben, leidet keinen Aufſchub durch Unpäßlichkeit,— wir baben, wie Hotſpur zu ſagen pflegte, keine Zeit, krank zu ſehn.“ Lilias ihrer Seits bemuͤhte ſich, Darſie zn bewegen, von den Speiſen zu koſten, die ſie ihm mit der freund⸗ lichen, liebevollen Artigkeit anbot, welche mit dem war⸗ men Antheil uͤbereinſtimmte, den ſie bei ihrem Zuſam⸗ mentreffen gezeigt hatte; dieſe Artigkeit war aber ſo na⸗ türlich, unſchuldig und rein, daß auch der eitelſte Geck ſie nicht hätte tür Koketterte nehmen, oder als den Wunſeh auslegen können, einen ſo werthgeſchaͤtten Preis als ſein Zuneigung zu gewinnen. Darſie, welcher nur den gewoͤhnlichen Theil don Selbſtgenuͤglamkeit beſaß, 120 welchen junge Leute gewöhnlich haben, die ſich dem ein fund zwanzigſten Jahre naͤhern, wußte ſich ſihr, Be⸗ nehmen nicht zu ertlären. Manchmal war er verſucht, zu glauben, ſeine ei⸗ genen Verdienſte haͤtten waͤhrend der kurzen Augen⸗ blicke, in denen ſie einander geſehen hatten, ihm ſo ſehr die Anhaͤnglichkei einer jungen Perſon geſichert, welche wahrſcheinlich in Unkenntniß der Welt und ihrer For⸗ men erzogen worden war, daß ſie ihre Vorliebe nicht zu verbergen vermoͤchte. Manchmal argwohnte er, daß ſie nach ihres Vormunds Befehl handle, welcher bemerkt hatte, daß er, Darſie, ein betraͤchtliches Vermoͤgen anzuſprechen habe, was ihn vielleicht bewog, dieſen khnen Streich zu thun, eine Heirath zwiſchen ihm und einer ſo nahen Verwandten zu Stande zu bringen. Keine von dieſen Vermuthungen aber war auf den Charakter der betreffenden Perſonen anwendbar. Miß Lilias Benehmen, obgleich ſanft und natüͤrlich, entfal⸗ tete in ſeiner Leichtigkeit und Beweglichkeit eine bedeu⸗ tende Bekanntſchaft mit den Gebräuchen der Welt. In den wenigen Worten, die ſie waͤhrend des Frühſtuͤcks ſagte, lag ſo viel Verſchlagenheit und Verſtand, wie ihn kaum ein Frauenzimmer haben konnte, das die ein⸗ faͤltige Rolle eines liebeſiechen Maͤdchens ſo ungeſchickt ſpielte. Was Redgauntlet anlangte mit ſeinem ſtolzen Gange, ſeiner duͤſtern Stirne, und ſeinem drohenden und befehlenden Blicke, ſo konnte ihn Darſie unmoͤglich im Verdacht haben, daß er einen Plan hege, der nur auf ſein eigenes Intereſſe berechnet waͤre; eben ſo wohl haͤtte er glauben können, Caſſius habe Caͤſars Taſchen ausleeren wollen, ſtatt den Dolch gegen den Diktator zu ziehen. 5 Waͤhrend er ſo ſeinen Gedanken nachhing, unfaͤ⸗ hig zu eſſen, zu trinken, oder Lilias Artigkeit zu erwie⸗ dern, hoͤrte auch ſie bald auf, zu ihm zu ſprechen, und ſaß ſchweigend da, wie er ſelbſt. Sie waren faſt eine Stunde an ihrem Ruheplatze geblieben, als Redgauntlet laut ſagte,„ſieh hinaus, Chriſtal Nixon, wenn wir nichts von Fairladies hoͤren, 121 ſo müſſen wir unſere Reiſe fortſetzen.“ Chriſtal begab ſich vor die Thüre, kehrte aber ſogleich zuruͤck, und ſagte zn ſeinem Herrn mit einer Stimme ſo rauh, wie ſeine Zuͤge;„Gilbert Gregſon kommt, ſein Pferd iſt ganz weiß bom Schaume, als wenn es der boͤſe Feind geritten hätte.“ Redgaunilet warf den Teller von ſich, von dem er eben gegeſſen hatte, und eilte nach der Shuͤre der Scheu⸗ ne, durch welche der Bote im nemlichen Augenblicke eintrat; ein munterer Burſche mit einer ſchwarz ſamm⸗ tenen Jagdmüse und einem breiten Gürtel um ſeinen Leib, woran feine Botentaſche hing. Der Koth, womit er vom Kopf bis zu Fuße beſprützt war, zeigte an, daß er auf einem ſchlechten Wege einen raſchen Nitt gemacht pabe. Er überlieferte an Wr. Redgauntlet einen Brief mit einer ehrerbietigen Verbeugung, und zog ſich dann an das Ende der Scheune zurück, wo die andern Die⸗ ner auf dem Stroh ſaßen oder lagen, um einige Erfri⸗ ſchungen zu ſich zu nehmen. Redgauntlet erbre ch ha⸗ ſiig den Vrief, und las ihn mit Blicken, worin ſich einige Aengßlichkeit und Unruhe ſpiegelte. Beim zwei⸗ ten Durchleſen ſchien fein Mißvergnügen zu wachſen, ſeine Stirne verfinſterte ſich, und deutlich war das unglückliche Zeichen ſeiner Familie und ſeines Hauſes darauf gezeichnet. Noch nie hatte Darſie auf ſeiner Stirne ein ſo treffendes Bild jenes Zeichens bemerkt, das die Sage derſelben beilegte. Redgauntlet hielt den offenen Brief in der einen Hand, und ſtieß mit dem Zeigefinger der andern dar⸗ auf hin, indem er zu Chriſtal Nixon halb laut, aber unwillig ſagte:„Gegenbefehl!— Wir ſollen abermals gegen Norden!— Nordwaͤrts, wenn alle unſere Hoff⸗ nungen gegen Suͤden liegen, zum zweitenmal nach Derby zu, wo wir dem Ruhme den Rücken wandten, und un⸗ ſerem Sturz entgegen gingen!“ Chriſtal Niron nahm den Brief, üͤberlas ihn raſch⸗ und gab ihn dann ſeinem Herrn wit der kalten Bemer⸗ kung zurück:„Weiblicher Einfluß herrſcht vor. 4. „Aber er ſoll nicht laͤnger vorherrſchen,“ ſaste 122 Rednauntlet;„er ſoll ſchwinden, wie der unſrige ſich am Horizont erhebt. Unterdeſſen wilich voraus, und Ihr Chriſtai, brinat die Leute an den im Brief heſeich⸗ neten Ort. Pri beiden jungen Leuten da koͤnnt Ihr nun geſtatten, daß ſie ſich unaehindert unterhalten; merkt nur darnuf, daß Ihr den jungen Mann genau genug beohachtet, um ſein Entfliehen zu verhindern, wenn er Pinſel genug ſeyn ſolte, es u verſichen; aber reitet nicht ſo nahe, um ihre freie Unterhaltung belau⸗ ſchen zu können⸗ 6 Ich künmere mich gar nichts um ihr Geſpraͤh,“ ſagte Piron verdrüßlich. „Ihr koͤrt meine Befehle, Lilias,“ ſagte der Laird, indem er ſich zu der jungen Dame wandte.„Ihris nun von meiner Erlaubniß und meiner Autorttä brauch'machen, um ihm bon unſern Familien⸗2 genheiten ſo wiel zn entdecken, als Ihr ſeibſt wißt. unſrer nächſten Zuſammenkunft werde ich das Geſchä der Ehthüͤltung bolle enden, un d ich boſe ich werde nor) einen Redgauntlet dem Schooße ſeiner Familie zurüge⸗ ben. Lagt Latimern, wie er ſich ſelbſt nennt, allein ein Pferd heſteigen; er muß noch eine Ze itlang keine Verkap⸗ pung beibehalten.— Mein Pferd, mein Pferd!“ In zwer Mintte ſie ihn von der? hüre der Schehne binnegreiten, eilig gefolgt von zwei bewaff⸗ neten Leuten aus der Truppe. Die Befehle Chriſtal Nirons brachten unterde ſen ale ͤbrigen in Bewegung, aber der Laird ſel bſt war iet lange ſchon aus dem Geſichte, als ſie in Bereitſchaft waren, ihre Reiſe forz⸗ zuſetzen Als ſie endlich aufprachen, wurde Darſie mit einem eigenen Pferde ſo daß er nicht mehr ns⸗ thig batte, ſeinen Platz auf dem Kiſſen hinter dem ver⸗ abſcheuten Nixon ein; zunchmen. Er war in deſſen ge⸗ zwungen, ſeinen Reitrogk zu behalten und die Maske wieder vorzunetmen. Trot dieſes 1 mangenebmen Un⸗ ſtandes, und obgteich er bemerkte, daß ſie ihm das ſchwerſte und langſamſte Pferd auswählt en, und daß er zur beſſern Vorforge gegen eine Flucht auf jeder Seite nahe bewacht wurde, ſo war doch der Umſtand, 123 daß er in Geſellſchaft der artigen Lilias ritt, ein Vor⸗ theil fuͤr ihn, der dieſe Unbequemlichkeiten üͤberwog. Wahr iſt es, dieſe Geſeüſchaft, nach der er dieſen Morgen noch, wie nach einem Strahl vom Himmel auſ⸗ geſchaut haben wuͤrde, hatte jetzt, da ſie ihm ſo uner⸗ wartet vergsnnt wurde weitweniger Reit für ibn, als er erwartet haͤrte. Vergebens bemuͤhte er ſich, um die guͤn⸗ ſtige Lage ſeiner romantiſchen Stimmung freien Lauf zu iaſſen gepörig zu benützen, den angenehmen Draum ei⸗ ner glühenden und zaͤrtlichen Leidenſchalt wieder zuruͤck⸗ zuſchmeicheln: er fühlte nur eine ſolche Ideenverwirtung, wenn er den Unterſchied zwiſchen dem Weſen ſeiner Phan⸗ taſie und der Perſen⸗ die ſich ihm in der Wirklchkeit darſtelte, erwog, daß es ihm ſchien als wirke Zau⸗ berei auf ihn ein. Was ihn am meiſten in Erſtaunen fezte, war, daß dieſe plötzliche Flamme ſo raſch ent⸗ fewunden ſeyn ſollte, trotz dem, daß des Maͤdchens körperliche Schönheit groͤßer war, als er etwartet hatte, und ihr Beneymen, wenn es gleich in Beziehung auf ihn, zu freundlich ſchien, ſo anmuthsvoll und geziemend, als er ſich in ſeinen heiterſten Traͤumen hatte einbilden können. Es waͤre zu hart von ihm geurtheilt, wenn man annehmen wollte, daß die Meinung atein, er habe ihre Zunei ung leichter gewonnen, als er erwortete, die Ur⸗ ſache ſeiner undankbaren Herabſetzung eines zu leicht gewonnenen Preiſes geweſen ſey. oder daß feine ſuͤchtige Neigung nur um ſein Herz geſpielt habe, wie der ftim⸗ mernde Strahl der winterlichen Sonne, der auf eine Eisſcholle faͤllt, und ſie zwar auf einen Augenblick zu erleuchten, aber nicht zu ſchmelzen vermag. Nichts von allem dem, war genau ſein Fall, obgleich eine ſolde Unbeſtuͤndigkeit der Stimmung wohl auch ihren Einfluß in die Wagſchaale legen mochte. Die Wahrheit iſt viel⸗ leist die, daß das Veranügen eines Liebhabers, wie das eines Jägers, in der Jasd beſteht, und daß die glaͤnzendſie Schönbeit, wie die ſchönſte Blume ibren Duft, zur Hälfte wenigſtens ihren Reiz verlert, wenn de begehrliche Hand ſie gar zu leicht erreichen kann. Da muß noch 3weifel,— da muß noch Gefahr,— 124 da muß noch Schwitrigkeit ſeyn; und wenn, wie der Dichter ſast, der Strom der gluͤhenden Leidenſchaft niemals ſanft dahin fließt, ſo iſt dieß vielleicht darum, daß ohne den Eintritt von Hinderniſſen das, was man das romantiſche in der Liebe'nennt, in ſeinem hoch poe⸗ tiſchen Charatter und Glanze ſich vorfinden kannz eben ſo wenig, als in einem Fluß eine heftige Strömung ſeyn kann, wenn er nicht durch ſteile Ufer eingeenst oder durch entgegen ſehende Felſen zurückgeſteßen wird. Indeſſen dürfen diejenigen, welche eine Verbindung für das Leben eingehen ohne dieſe Hinderniſſe, welche ei⸗ nem Darſie Latimer oder einer Lydia Languiſch in Scheridan's„Nebenbuhlern“ Vergnuͤgen bereiten mö⸗ gen, und welche vielleicht nothwendig ſind, um in min⸗ der feſtern Gemüthern, als die ihrigen, eine ſchwaͤrme⸗ riſche Neigung zu erzeugen, keine ͤble Vorbedeutung für ihr kuͤnftiges Gluͤck faſſen, weil ihre Verbindung anf eine ruhigere Weiſe geſchloſſen wurde. Gegenſeitige Neigung, eine genaue Kenntniß des beiderſeitigen Cha⸗ rakters, den man in ihrem Falle unberhüllt von den Nebeln einer partheiiſchen Leidenſchaft erblickt,— ein paſſen des Verhaͤltniß in Hinſicht auf Rang und Vermoͤ⸗ gen, in Geſchmack und Lebensanſichten,— werden weit haͤufiger in einer Verſtandesehe gefunden, als da, wo die Verbindung auf eine romantiſche Zuneigung ſich gründet; wo die Einbildungskraft, welche die Tugenden und Vollkommenheiten, womit ſie den geliebten Gegen⸗ ſtand ausſtattete, wahrſcheinlich erſt erſchuf, nachher haͤu⸗ fig angewendet wird, um die quaͤlenden Folgen der eige⸗ nen Taͤuſchung zu vergroͤßern, und die Stacheln ver⸗ fehlter Hoffnung noch tiefer einzudrücken. Die, welche dem Panier der Vernunft folgen, gleichen den wohl⸗ disciplinirten Linientruppen, welche eine einfachere Uni⸗ form tragen, und deren Anblick weniger glaͤnzend iſt, als die leichten Truppen, die von der Einbildungskraft be⸗ fehligt, einer größern Sicherheit, ja auch einer beſſern Laune in den Kaͤmpfen des menſchlichen Lebens genießen. — Alles dieß iſt jedoch unſrem jetzigen Swecke fremd. Ungewiß, wie er biejenige anreden ſolle, deren 125 Naͤhe er vor kurzem noch ſo heiß herbeigewuͤnſcht hatte und verlegen über ein téte-àtéte, welchem ſeine eignt furchtſame Unerfahrenheit einen gewiſſen Ernſt gab, hatte Darſie den Trupp ſchon eine gute Strecke hinzie⸗ hen laſſen, ehe er den Muth faßte, ſeiner Gefährtin zu nahen, oder auch nur ſie anzuſehen. Indeſſen fuͤhlte er bas Unſchickliche ſeines Schweigens und wandte ſich, um mit ihr zu ſprechen; da er trotz ihrer Maske be⸗ merkte, daß etwas wie getaͤuſchte Erwartung und Nie⸗ dergeſchlagenheit in ihrem Weſen lag, ſo machte er ſich felbſt Vorwurfe über ſeine Kälte, und eilte, ſie im freund⸗ lichſten Tone anzureden, den er nur finden konnte. „Ihr müßt mich für hoͤchſt undankbar halten, Miß Lilias, daß ich ſo lange ſchon in Eurer Geſelſchaft ge⸗ weſen bin, ohne Euch für den Anthel zu danken, dem es Euch gefallen hat, an meinen ungluͤcklichen Angele⸗ genheiten zu nehmen.“ „Ich freue mich, daß Ihr endlich geſprochen habt,“ ſagte ſie,„obgleich ich geſtehen muß, daß es kaͤlter iſt, als ich erwartete— Miß Lilias Antheil zu nehmen ge⸗ fallenhat!— An wem, theurer Darſie, kann ich An⸗ theil nehmen, als an Euch? Und warum kellt Ihr dieſe Scheidewand des Ceremoniels zwiſchen uns, welche die Ungunſt der Umſtaͤnde ſchon lange genug getrennthatte Darſie war abermäls in Verwirrung uͤber dieſe Ue⸗ beroffenheit, wenn wir uns dieſes Ausdrucks bedienen dürfen,— dieſes freien Geſtaͤndniſſes.— Man muß die Rebhühner ſehr lieben, dachte er, wenn man ſt noch annehmen kann, wenn ſie einem ſo ins Geſicht ge⸗ worfen werden; wenn das ſich nicht deutlich erklaͤren heißt, ſo weiß ich nicht mehr, was man ſo nennen ſoll. In Verlegenheit geſetzt durch ſolche Betrachtungen und ßon Natur in hohem Grade, ja faſt bis zum Ekel delikat, konnte er blos damit antworten, daß er einen Dank fur die Güte ſeiner Gefährtin hervorſtammelte. Sieantwor⸗ tete in einem Tone von Kummer und Ungebuld, und wie⸗ derholte mit unwilligem Nachdruck die einzigen beſtimm⸗ ten Worte, die er hatte vorbringen koͤnnen:„Gätel Dank⸗ barkeit!— D Darſte, ſollten ſolche Worte zwiſchen Euth 126 und mir Statt finden— ach, ich bin nur zu gewiß, daß Ihr auf mich unwillig ſeyd, obgleich ich nicht einmal 5 muthen kann, we eßwegen; vielleicht denkt Ihr, ich ſey zu frei geweſen, daß ich den Beſuch bei Eurem Freunde wagte. Aber erinnert Euch doch, daß es um Euretwillen geſchah, und daß ich keinen beſſern Weg wußte, Euch vor den Unfaͤllen und der Gefangenſchaft zu warnen, die Ihr erduldet habt, und noch erduldet.“ „Th ure Lady“— ſagte ſeine Erinnerung erweckend, und in der Vermuthung, daß er ſich vielleicht in ſeiner Befuͤrchtung geirrt habe,— eine Vermuthung, wel ve ſeine Art, Lilias anzureden, dieſer ſogleich mit⸗ zutheilen ſchien⸗ denn ſie unterbrach ihn.— „Lady! Theure Lady! ums Himmelswillen, fuͤr wen oder wab haltet Ihr mich denn?“ Wäre die Frage in einem bezauberten Pallaſte im Feenland an ihn gerichtet worden, wo man auf alle mit der groͤßten Aufrichtigkeit antworten muß, ſo haͤtte Dar⸗ ſte gewiß erwiedert, er halte ſie fuͤr die frechſte und ul⸗ traliberalſte Dirne, welche je gelebt, ſeit Mutter Eva den Apfel aß, ohne ihn zu ſchaͤlen. Da er aber noch auf der ſchlichten Erde war, und Freiheit hatte, ſich ein wenig artiger auszudrücken, ſo antwortete er trocken,„er glaube, die Ehre zu haben, mit der Nichte Mr. Red⸗ gauntlet's zu ſprechen.“ „Allerdings,“ erwiederte ſie;„aber waͤre es nicht eben ſo leicht geweſen, wenn Ihr geſagt haͤttet, mit Eurer eigenen einzigen Schweſter?“ Darſie fuhr guf in ſeinem Sattel, als haͤtte ihn eine Kugel getroffen. „Meine Schweſter!“ rief er aus. „Und Ihr nußtet dieß alſo nicht?“ ſagte ſie, „ich fand Euern Empfang kalt und gleie Pgůltig! Eine recht herzliche Umarmung fand jetzt zwiſchen ben beiden Verwandten ſtatt, und Darſte war jetzt ſo leichten Sinnes, daß er ſich in der That erleichterter fühlte, der Vertegenheit der letzten halben Stunde los zu ſeyn, waͤhrend welcher er ſich in Gefahr glaubte, von der Neigung einer zudringlichen Dirne verfolgt zu wer⸗ 127 den, als er betroffen wurde, durch das Verſchwinden ſo manches Traums, dergleichen er am hellen Tage waͤh⸗ rend der Zeit, wo der Grunmantel der Gegenſtand ſei⸗ ner Verehrung geweſen war, ausgebildet hatte. Er war ſchun von ſeinem romantiſchen Pegaſus herabgeworfen worden, und war glücklich genüg, ſich ſelbſt mit unzer⸗ brochenen Beinen zu finden, obwohl er auf dem Boden lag. Er war überdieß bei allen ſeinen Grillen und Thor⸗ heiten ein edelmüthiger, gutherziger Jüngling, und freute ſich, eine ſo ſchoͤne und liebenswürdige Verwandte entdeckt zu haben, und ihr in den wärmſten Ausdruͤcken ſeine innigſte Zuneigung und in Zutuntt ſeinen Schutz zu verſich ild ſie aus ihrer jetzigen Lage befreit ſeyn wuden. nf heln und Shraͤnen miſchten ſch auf Lilias Wangen, wie Regenguͤſſe und Sountnſchein beim Aprilwetter. „Fern ſeh es von mir,“ ſagte ſie,„daß ich ſo kindiſch ſeyn ſollte, mich über das zu beklagen, was mich ſo wahrhaft glücklich macht! denn, Gott weiß, Familien⸗ liebe iſt es, nach der mein Herz am laͤngſten ſich geſehnt hat, und der ich am fremdeſten geblieben bin. Mein Dheim ſagt, daß Ihr, Darſte und ich nur halbe Red⸗ gauntlets ſeyen, und daß das Metall, woraus unſres Va⸗ ters Familie geformt worden waͤre, in den Kindern unſrer Mutter bis zum wetbiſchen Weſen weich geworben ſey.“ „Ach,“ ſagte Darſie,„ich weiß ſo wenig von unſerer Familiengeſchichte, daß ich faſt zweifelte, zum Hauſe Red⸗ gauntlet zu gehören, ob mich gleich bas Oberhaupt der Familie ſelbſt es ziemlich deutlich hat ahnen laſſen.“ „Das Pberhaupt der Familie!“ ſagte Lilias, „Ihr muͤßt in der That ſehr wenig von Eurer eigenen Pbkunft wiſſen, wenn Ihr meinen Dheim damit meint⸗ Ihr ſelbſt, mein theurer Darſie, ſeyd der Erbe und Repraͤſentant unſres alten Hauſes, denn unſer Vater war der aͤltere Bruder, jener tapfere und unglückliche Sir Henry Darſie Redgauntlet, welcher im Jahre 1746 zu Carlisle hingerichtet wurde. Er verband den Na⸗ men Darſie mit dem ſeinigen von unſerer Mutter, der Erbin einer cumberlaͤndiſchen Familie von großem Ver⸗ 128 moͤgen und hohem Alterthum, zu deren großen Laͤndereien Ihr der unzweifelhafte Erbe ſeyd, obgleich die Eures Va⸗ kers in der allgemeinen Confiscation mit begriſffen waren. Aber alles dieſes muß Euch nothwendig unbekannt ſehn.“ „In der That, ich hoͤre es zum erſtenmal in mei⸗ nem Leben,“ antwortete Darſie. „Und Ihr wußtet nicht, daß ich Eure Schweſter ſey,“ fragte Lilias.„Nun iſt's tein Wunder, daß Ihr mich ſo kalt empfingt. Fuͤr was für eine ſeltſame, wilde und freche Dirne muͤßt Ihr mich gehalten haben, — daß ich mich in das Schickſal eines Fremden einmiſch⸗ te, den ich ein einziges Mal geſprochen hatte, daß ich es wagte, mit ihm durch Zeichen zu verkehren.— Guter Gott! was müßt Ihr von mir gedacht haben?“ „Und wie ſollte ich zur Kenntniß unſerer Verwandt⸗ ſchaft gelangt ſehn?“ ſagte Darſie.„Ihr mi ₰ ißt bemerkt haben, daß ich nichts davvn wußte, als wir zu Broken⸗ burn mit einander tanzten.“ „Ich ſah das mit Betrübniß, und gerne würde ich Euch gewarnt haben,“ antwortete Lilias;„aber ich war genau bewacht, und ehe ich eine Gelegenheit finden, oder herbei führen konnte, um mit Euch zu einer vol⸗ len Erklaͤrung über den beunruhigenden Gegenſtand zu gelangen, mußte ich das Zimmer verlsſſen. Was ich ſagte, war, wenn Ihr Euch erinnert, eine Warnung, die ſuͤbliche Graͤnze zu verlaſſen, denn ich ſah vraus, was ſich ereignen wuͤrde. Seit Ihr aber in der Ge⸗ walt meines Hheims Euch befunden habt, zweifelte ich nicht mehr, daß er Euch unſere ganze Familiengeſchichte mitgetheilt habe.“ „Ich ſollte ſie von Euch erfahren, Lilias; und ich ber⸗ ſichere Euch, daß ich es mit weit mehr Vergnügen von Eu⸗ renLippen hoͤre, als von den ſeinen⸗Ich habe keinenGrund, mit ſeinem Benehmen gegen mich zufrieden zu ſeyn.“ „Darüber,“ ſagte Lilias,„werdet Ihr beſſer urthei⸗ len, wenn Ihr gehoͤrt habt, was ich Euch zü fagen babe,“ und ſie begann ihre Mittheilung in folgender Weiſe. Ende des vierten Bändchens. —