7 — S * Se—— 5 Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Cdnard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Veſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— f. 1 Mr 50 Pf 2 Pf. „„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Eine grauenvolle Scene eroͤffnete ſich, als Martha Trapbois, ein Licht in der Hand, zuruͤckkehrte; ihre hagern, widrigen Zuͤge waren mehr noch entſtellt durch den Ausdruck des Kummers, der Furcht und der Lei⸗ denſchaft; doch war die Letztere vorherrſchend. Auf dem Boden lag der Koͤrper des erſchoſſenen Raͤubers, der, ohne einen Laut von ſich zu geben, ſein Leben ausgehaucht und mit ſeinem Blute alles um ſich her geroͤthet hatte; daneben lag ein andrer Koͤrper, auf den im tieſſten Schmerz die ungluͤckliche Jungfrau ſich hinwarf; es war die Leiche ihres Vaters. Doch im nächſten Augenblick raffte ſie ſich auf, mit dem Ausruf:„vielleicht iſt noch Leben in ihm!“ Dann verſuchte ſie, den Koͤrper aufzuheben, wozu ihr Nigel 3 —— behuͤlflich war, jedoch nicht ohne auf das offne Fen⸗ ſter einen Blick zu werfen, deſſen Bedeutung Martha eben ſo richtig errieth, als waͤr ſie weder durch Schrecken noch Leidenſchaft verwirrt. „Fuͤrchtet nichts,“ rief ſie,„furchtet nichts; ſie ſind zu feige, die Elenden, und kennen eben ſo wenig Muth als Erbarmen. Hätt' ich Waffen ge⸗ habt, ich wuͤrde mich gegen ſie ohne Beiſtand und Schutz vertheidigt haben; o! mein armer Vater! der Schutz kommt zu ſpaͤt fuͤr dieſe kalte— erſtarrte Leiche: er iſt todt, todt!“— Bei dieſen Worten verſuchten Beide, die Leiche des alten Geizhalſes aufzurichten; aber ſchon die Un⸗ biegſamkeit der Gelenke und die gänzliche Erſtarrung des Körpers zeigten deutlich, daß alles Leben von ihm gewichen war. Vergebens ſuchte Nigel nach einer Wunde; mit einer Geiſtesgegenwart, die man von der Tochter des Ermordeten nicht haͤtte erwarten ſol⸗ len, entdeckte Martha das Werkzeug ſeiner Ermor⸗ dung,— eine Art von Schaͤrpe, die ſo feſt um ſeine Kehle geſchnuͤrt war, daß ſie gleich anfangs jeden Nothruf erſticken und bald ſeinen Tod herbeifuͤhren mußte. Sie loͤſ'te den Knoten der todtenden Schaͤr⸗ pe, legte den Obertheil des Koͤrpers in Nigels Arme, holte eilig Waſſer und geiſtige Eſſenzen herbei, in der vergeblichen Hoffnung, daß die Lebenskraft blos ge⸗ hemmt ſehn konnte, richtete den Kopf in die Höhe, — 8 3 —— rieb dem Verblichenen die Schlaͤſe, öffnete den Schlaf⸗ rock, denn es ſchien, als habe er ſich beim Eintritt der Moͤrder vom Lager erhoben, brach ihm die feſt⸗ zuſammengeklemmten Hände auf, aus deren einer ein Schluͤſſel, aus der andern aber das nämliche Goldſtuͤck ſiel, weshalb der ungluͤckliche Alte noch kurz vor ſeinem Tode ſo beſorgt geweſen war, und welches er wahrſcheinlich in ſeinem geſchwäͤchten Ge⸗ muthszuſtande eben ſo verzweiflungsvbll vertheidigen wollte, als waͤre es zur Friſtung ſeines Lebens noͤthig geweſen. 2 „Alles vergebens!“ rief Martha, ablaſſend von ihrem fruchtloſen Streben, den entflohnen Geiſt, wie⸗ der zuruͤck zu rufen, denn die Moͤrder hatten ihn durch Anwendung aller ihrer Kraft das Genick gebrochen; „er iſt gemordet; immer ſagte ich, es wuͤrde ſo kom⸗ men; und nur zu richtig war meine Vorausſagung.“ Dann ergriff ſie den Schluͤſſel und das Gold⸗ ſtuͤck und warf ſie auf den Boden, mit dem Ausruf: „verwuͤnſcht ſeyd ihr beide, denn ihr wart die Uuf⸗ chen dieſer That!“ Nigel begann, ſie zu erinnern, daß augenblic⸗ lich Maßregeln getroffen werden muͤßten, den ent⸗ ſlohenen Moͤrder zu verfolgen und ſie gegen deſſen Ruͤckkehr zu ſichern. „Schweigt,“ ſagte ſie,„ſchweigt.“„Glaubt ihr daß die Gedanken meines eigenen Herzens bei 6 einem ſolchen Anblick nicht hinreichen, meine Sinne zu zerruͤtten. Schweigt,“ wiederholte ſie noch ein⸗ mal mit ernſterem Tone;„kann eine Tochter, des Vaters Leiche vor Augen, irgend Jemandem ihr Ohr leihen?“ So ſehr auch Nigel durch die deftigkeit ihres Schmerzes uͤberwaͤltigt war, fuͤhlte er ſich dennoch nicht minder in Verlegenheit uͤber ſeine Lage. Seine beiden Piſtolen hatte er abgeſchoſſen; der entflohene Moͤrder konnte zuruͤckkehren;— wahrſcheinlich hatte er außer dem Erſchoſſenen noch andere Helfershelfer, und wirklich duͤnkte ihm, als hoͤre er ein Gemurmel unter dem Fenſter. Er erklaͤrte daher augenblicklich ſeiner Gefaͤhrtin, daß es dringend noͤthig ſey, neue Munition herbeizuholen. „Ihr habt Recht,“ erwiederte ſie in einem et⸗ was verächtlichen Tone:„ſchon habt ihr mehr ge⸗ wagt, als ich jemals von einem Manne erwartete. Geht, und ſorgt fuͤr euch ſelbſt, denn dies ſcheint doch eure Abſicht zu ſeyn;— mich meinem Schickſale.“ Ohne ſich mit nutzloſen gtirn ten, eilte Nigel mittelſt der geheimen Treppe auf ſein Zimmer, verſah ſich mit Pulver und Kugeln, und kehrte mit der nämlichen Schnelligkeit zuruͤck, wobeiler ſich ſelbſt wunderte, wie es moͤglich geweſen ſey, in einem Moment ſo heſtiger Gemuͤthsbewegung S— ——— ————— im Dunkeln vie Schlangengaͤnge dieſes maͤandriſchen Durchganges, den er nur einmal betreten hatte, genau zu finden. Bei ſeiner Ruͤckkehr fand er die ungluckliche Toch⸗ ter ſtarr, gleich einer Bildfaͤule neben der Leiche des Vaters ſtehend, die ſie auf den Fußboden ausgeſtreckt und mit dem Saume des Schlafrocks verhuͤllt hatte. Sie bezeigte weder Befremden noch Vergnuͤgen bei Ni⸗ gels Ruͤckkehr, ſondern ſagte ihm mit Ruhe:„Meine Wehklage,— mein Kummer, wenigſtens inſoweit ſie beim Menſchen tadelnswerth ſind, haben mich ver⸗ laſſen; aber ich will Gerechtigkeit fordern, und der Moͤrder dieſes wehrloſen Alten, der nach dem Laufe der Natur kein Jahr mehr zu leben hatte, ſoll nicht mehr lange nach ihm die Erde belaſten. Fremdling, vom Himmel geſandt, die dieſer Mordthat harrende Rache zu beſchleunigen, geht zu Hildebrod, in deſſen Hauſe jede Nacht von Zechern durchſchwaͤrmt wird; heißt ihn hieher kommen; nach ſeiner Pflicht kann, darf und wird er ſeinen Beiſtand nicht weigern, den jch, wie ihm belant iſt, belohnen kann.— zau⸗ dert ihr?— geht ſogleich!“ „Gern thaͤt ich es,“ verſetzte Nigel,„allein ich wag es nicht, euch allein zu laſſen, die Boſewich⸗ ter koͤnnten zuruͤckkehren.“ „Sehr wahr;“ zwar iſ mir wenig dran gele⸗ gen, ob der Entflohene mich ermordet; allein er 8 wuͤrde ſich dann deſſen, was ihn am meiſten verſucht hat, bemäͤchtigen; verwahrt dieſen Schluͤſſel und dies Goldſtüͤck: beide ſind von Wichtigkeit; verthei⸗ digt euer Leben, wenn ihr angegriffen werdet, und todtet ihr den Buben, ſo will ich euch reich wchen Ich eile ſelbſ nach Huͤlfe.“ Nigel wollte ihr Gegenvorſtellungen nachen, al⸗ . ſchon war ſie verſchwunden, und in demſelben Augenblick hoͤrte er die Hausthuͤr hinter ihr zuſchla⸗ gen. Anfangs wollte er ihr folgen, allein erwaͤgend die Naͤhe der Schenke Hildebrods, ſchloß er, daß ſie auf dem Wege dohin wenig zu beſorgen habe und daß er immittelſt wohlthue, ihrem Verlangen gemß Wache zu halten. 4 Fuͤr den ſolcher Ungewohnten war es eine nichtsweniger als angenehme Lage, in einem und dem nämlichen Zimmer mit zwei Leichen allein zu bleiben, die noch vor einer halben Stunde unter den Lebenden waren, und deren eine, deren Blut immer noch der Halswunde entſtroͤmte, und den gan⸗ zen Fußboden roͤthete, durch des Zuſchauers eigne, wenn gleich gerechte, Gewaltthat ſiel. Mit Abſcheu, gemiſcht mit aberglaͤubiſchen Empfindungen, wandte er ſeine Blicke von dieſen elenden Ueberbleibſeln der Sterblichkeit, und fand, daß das Bewußtſeyn der Gegenwart dieſer gräßlichen Gegenſtaͤnde ihm, wenn er ſie nicht anſah, noch unheimlichere Empfindun⸗ ———— gen erregte, als wenn er ſeine Blicke auf ſie richtete, und ihre ſtarren, lebloſen Augen betrachtete. Die Einbildungskraft trieb ihr gewoͤhnliches Spiel mit ihm; bald glaubte er den ihm wohlbekannten dama⸗ ſtenen Schlafrock des abgeſchiedenen Wucherers ra⸗ ſcheln, bald den Stiefel des erſchoſſenen Moͤders auf den Fußboden ſcharren zu hoͤren, als ob er im Be⸗ griff ſey, ſich zu erheben; dann duͤnkte es ihn, als hoͤrte er die Fußtritte und das Fliſtern des Entflohe⸗ nen unter dem Fenſter, aus dem er entſprungen war, zu vernehmen. Um der letzten und weſentlichſten Ge⸗ fahr ins Auge zu ſchauen, und die Schrecken abzu⸗ wenden, welche die Einbildungskraft ihm ſchufß, ging Nigel an's Fenſter und war ſehr erfreut, die Straße durch mehrere Fackeln erleuchtet zu ſehen, de⸗ nen verſchiedene mit Flinten und Hellebarden be⸗ waſntt⸗ von Hildebrod angefuͤhrte Männer ſolgten. Letzterer erſchien hier nicht in ſeiner phantaſtiſchen herzoglichen Wuͤrde, ſondern vermoge ſeines Amts als Voigt der Freiſtatt von Whitefriars, um uͤber den Thatbeſtand des begangenen Verbrechens die erſte Un⸗ terſuchung anzuſtellen. Einen ſeltſamen, traurigen Contraſt i der Anblick dieſer, in ihrer naͤchtlichen Schwärmerei geſtörten Zechbruͤder, bei der Ankunft auf den Schau⸗ platz einer ſolchen Schreckensſcene. Bald ſtarrten ſie ſich gegenſeitig, bald das vor ihnen liegende blutige — 10 —— Werk mit matten Augen an und ſchwankten mit un⸗ ſichern Schritten uͤber den vom Blute ſchluͤpfrigen Boden hin; ihre ſonſt lauten lärmenden Stimmen verwandelten ſich in ein ſtammelndes Fliſtern; und kleinmuͤthig geworden durch den ihnen dargebotenen Anblick, verbunden mit den Wirkungen des genoſſe⸗ nen Brantweins, glichen ſie Nachtwandlern. Der alte Hildebrod machte eine Ausnahme von den Uebrigen. Dies perſonificirte Brantweinfaß war, ſo ſehr es auch angefuͤllt ſeyn mochte, jederzeit einiger Beweglichkeit fähig, ſobald ein hinreichender Antrieb vorhanden war, es fort zu rollen. Er ſchien ſehr er⸗ ſchuͤttert uͤber dasjenige, was er ſah und hoͤrte; und ſein Verfahren war weit regelmaͤßiger und angemeſ⸗ ſener, als man haͤtte erwarten ſollen. Die zuerſt von ihm vernommene Martha ſagte mit bewunderns⸗ werther Genauigkeit und Beſtimmtheit aus: wie das, durch die an ihrem Vater veruͤbte Gewaltthaͤtigkeit und durch ſeinen vergeblichen Widerſtand verurſachte Gerauſch ſie um ſo ſchneller aufgeſchreckt habe, da ſie, einigermaßen beunruhigt durch den Zuſtand ſeiner Ge⸗ ſundheit, wach erhalten ſey. Bei ihrem Eintritt in des Vaters Zimmer habe ſie ihn der angeſtrengten Kraft zweier Männer erliegen ſehen, und ſey ſo⸗ gleich mit der großten Wuth auf ſie losgeſtuͤrzt. Da ihre Geſichter geſchwaͤrzt, und ihre Geſtalten durch Verkleidung entſtellt geweſen waͤren, ſo habe ſie in ——— 11 —.— jenem ſchrecklichen Augenblick, in keinem von Beiden eine Perſon erkannt, die ſie ſchon fruͤher geſehen zu haben, ſich erinnere. Von den naͤchſtfolgenden Au⸗ genblicken erinnere ſie ſich faſt nichts, bis ſie zwei Schuͤſſe fallen gehoͤrt, und ſich mit ihrem mann allein befunden habe. Nigel erzählte auf Befragen die Geſchichte eben ſo, wie wir ſie den Leſer mittheilten. Hiernaͤchſt un⸗ terſuchte Hildebrod, den oͤrtlichen Thatbeſtand. Er fand, daß die Moͤrder durch das nämliche Fenſter ein⸗ geſtiegen waren, aus welchem der Ueberlebende die Flucht genommen hatte, doch ſchien dies ſehr befrem⸗ dend, da das Fenſter mit ſtarken eiſernen Gittern ver⸗ ſehen war, die der alte Trapbois bei einbrechender Abenddämmerung mit eigener Hand zu verſchließen pflegte. Mit der groͤßten Genauigkeit brachte Hilde⸗ brod den Zuſtand aller Dinge im Zimmer zu Papier und unterſuchte auf's ſorgfaͤltigſte die Zuͤge des er⸗ ſchoſſenen Moͤrders. Er war gekleidet, wie ein See⸗ mann von der niedrigſten Klaſſe, aber ſeine Geſichts⸗ zuͤge waren keinem der Anweſenden bekannt. Hier⸗ auf ſandte der Inquirent zu einem, in Whitefriars wohnenden Wundarzt, der ſich durch Vergehungen, ungeachtet ſeiner Geſchicklichkeit, in dieſem elenden Stadtbezirk aks praktiſcher Chirurgus wohnhaſt ge⸗ macht hatte. Man ließ ihn die Leichen unterſuchen und die Anzeigen ihrer Lodesart kunſtmaͤßig keſcii 12 * ben. Die Schaͤrpe entging nicht der Aufmerkſamkeit des gelehrten Inquirenten; und nachdem er alle Aus⸗ ſagen und Muthmaßungen uͤber dieſen Gegenſtand ſo wie uͤber die ganze Mordthat protocollirt hatte, ließ er das Zimmer bis zum nachſten Morgen verſchließen, und befragte die ungluͤckliche Martha in der Kuͤche, blos in Nigels Gegenwart: ob ſie Niemanden als Thäter in beſonderem Verdacht habe. „Dieſe Frage,“ erwiederte ſie, ihn feſt ins Auge ſaſſend,„ mochte ich vielmehr an euch richten.“ „Es könnte vielleicht der Fall ſeyn, daß lich ſie bejahte, Miß; jetzt aber iſt es an mir, zu fragen, an euch zu antworten. Das iſt die Regel des Spiels.“ „Nun denn, wenn ich eure Frage beantworten ſoll, ſo argwohne ich natuͤrlich denjenigen, wel⸗ cher jene Schaͤrpe trug. Wißt ihr nun wen ich meine?“ k „Wenn ich auf Ehre gefragt werde, ſo muß ich freilich ſagen, daß ich den Capitain eine ſolche Schaͤrpe tragen ſah; und er war nicht der Mann, der ſeine Kleidung oft wechſeln konnte.“ „Nunn, ſo ſchickt doch aus,“ rief Martha,„und laßt ihn in Verhaft nehmen.“ „Iſt er ſchuldig, ſo wird er jetzt ſchon weit von hier ſeyn; doch will ich mit meinen Vorgeſetzten daruͤber Ruͤckſprache halten,“ erwiederte der In⸗ quirent.* 13 „Vielleicht moͤchtet ihr ihn gern entkommen laſſen,“ verſetzte Martha, indem ſie ihn mit ſnle Blicke ſcharf ins Auge ſah. „Auf Chre,“ erwiederte Hildebrod,„hing' es von mir ab, ſo ſollte der verdammte Halsabſchneider ſo hoch als Haman baumeln, allein er hat, wie ihr wißt, Freunde unter uns; und Alle, die mir bei ſeiner Verhaſtung helfen muͤßten, ſind ſo betrunken, als Bierfiedler. „Ich fordere Rache,“ fiel Martha ein;„und huͤtet euch, euren Scherz mit mir zu treiben!“ „Scherz! Lieber wollte ich mit einer aufgehetz⸗ ten Bäͤrin ſcherzen. Seyd ruhig Miß, wir wollen ſeiner ſchon habhaft werden, ich kenne alle ſeine ge⸗ woͤhnlichen Gaͤnge, die er nicht lange meiden kann; und will ihm Fallſtricke legen. Ueberhaupt kann es euch, Miß, nicht fehlen, Gerechtigkeit zu erlangen, denn ihr habt die Mittel dazu in Häͤnden.“ „Wer mir zur Rache behuͤlflich iſt, ſol ſeinen Antheil an dieſen Mitteln haben.“ „Genug geſagt;“ erwiederte Hildebrod;„und jetzt wollte ich, daß ihr in mein Haus ginget und etwas Warmes zu euch nehmet; es wird euch ſo al⸗ lein hier im Hauſe oͤde und ſchauerlich ſeyn.“ „Ich will zur alten Aufwaͤrterin ſchicken,“ er⸗ wiederte Martha,„auch haben wir ja den fremden Gentleman.“ 14 „Hm, hm,— den fremden Gentleman!“ ſagte Hildebrod zu Nigeln, ihn bei Seite ziehend.„Ich glaube, der Capitain hat des fremden Gentlemans Gluͤck gemacht, indem er einen kuͤhnen Streich wagte um ſein eigenes zu machen, ich glaube ſogar, der Umſtand, daß ich dem ſpitzbubiſchen Eiſenfreſſer einen Wink von meinem heutigen Vorſchlage gab, hat ihn zu dieſem verwegenen Streiche angetrieben; um ſo beſſer fuͤr euch; ihr werdet jetzt die Caſſe ohne den Schwiegervater erhalten.— Nun ich verlaſſe mich drauf, daß ihr mir Wort haltet.“ „Ich wuͤnſchte ihr hättet Niemanden von eu⸗ rem abgeſchmackten Plane etwas geſagt,“ verſetzte Nigel. „Abgeſchmackt? wie? denkt ihr denn, daß ſie euch nicht wird haben wollen? nehmt ſie mit der Thrane in ihrem Auge. Verſteht ihr mich? laßt mich morgen etwas von euch hoͤren. Gute Nacht, benutzt meinen Wink, ich muß jetzt an mein amtliches Ver⸗ ſiegelungsgeſchaͤft. Beilaͤuſig geſagt ſo hab' ich uͤber dieſe Schreckensſcene alles andere vergeſſen; unter andern auch, daß ein Menſch, der, wie er ſagt, als Eilbote von Loweſtoffe abgeſchickt iſt, nach euch ge⸗ fragt hat. Der Senat ließ ihn nur ein paar Maͤß⸗ chen leeren, und eben wollte er eure Hausgenoſſen wecken, um euch ſeine Beſtellung zu uͤberbringen als —— 15 der Lerm hier losging.— He daFreund! hier iſt Herr Rigel Graham.“ Ein junger Mann in einem gruͤnpluͤſchnen Wamſe mit einem Wappenſchilde auf den Aermel und dem Aeußern eines Schiffers nahte ſich und zog Nigeln bei Seite, waͤhrend Herzog Hildebrod hin⸗ und herging um ſeine amtliche Auctoritaͤt auszuuͤben und Fenſter und Thuͤren verſchließen zu laſſen. Die von Loweſtoffes Boten mitgebrachten Nachrichten wa⸗ ren eben nicht erſreulich. Der Nigeln vom Ueber⸗ bringer zugefluſterte Inhalt war folgender: Loweſoffe lies naͤmlich ſeinen Freund inſtaͤndigſt bitten, ſich durch augenblickliche Entfernung aus Whitefriars in Sicherheit zu bringen, indem ein Verhaftsbefehl vom Lord⸗Oberrichter gegen ihn erlaſſen ſey, der am ſol⸗ genden Morgen mit Huͤlfe eines Infanterie⸗Deta⸗ ſchements, welchem die Elſaͤſſer ſich zu widerſetzen nicht wagen koͤnnten oder durften, ausgefuͤhrt wer⸗ den ſolle. „Deshalb Sir,“ fuhr der Schiffmann fort, „bin ich beordert, euch am heutigen Morgen um fuͤnf Uhr mit meinem Boot an der Tempeltreppe dort zu erwarten. Wollt ihr nun daß euch die Bluthunde zuvorkommen, nun ſo ſtehts bei euch.“ „Warum ſchrieb mir aber Herr Loweſtoffe nicht?“ fragte Nigel. 16 „Ach der gute Gentleman iſt in engem Gewahr⸗ ſam, und hat eben ſo wenig mit 5 Inn Dinte zu thun, als wenn er ein Pfarrer wäre.“ „Gab er euch denn kein Merkzeichen der Aecht⸗ heit eures Auftrages?“ fragte Nigel weiter. „ Ei freilich,“ erwiederte jener, indem er ſeine Schifferhoſen in die Hoͤhe zog.„Ha jetzt hab ichs, mich duͤnkt, er ſagte mir, ihr wuͤrdet mir glauben ſobald ich als Erkennungszeichen nur gegen euch erwaͤhnte, daß euer urſpruͤnglicher Familienname mit dem Buchſtaben O begänne. Nun iſts ſo recht?— Nun wohl, ſo treffen wir uns in zwei Stunden wie⸗ der, wenn es Ebbe zu werden beginnt, ſo daß wir mit der Geſchwindigkeit einer zwoͤlfrudrichen Barke ſtromabwaͤrts s fahten koͤnnen.“ „Wißt ihr, mein Freund, wo ſich eben ſt der Koͤnig aufhaͤlt?“ Er iſt zu Waſſer nach gennic gegangen, wie es denn einem edlen Souverain gleich ihm ge⸗ buͤhrt, allenthalben, wo es nur thunlich iſt, zu Waſ⸗ ſer zu reiſen. Es war ſeine Abſicht, in dieſer Woche auf die Jagd zu gehen, allein dieſer Plan iſt aufge⸗ geben; der Prinz, der Herzog und alle Andere, ſind, wie man ſagt, zu Greenwich luſtig und guter Dinge.“ 17 „Nun wohl,“ verſetzte Nigel,„ich will fruͤh⸗ morgens zur Abfahrt bereit ſeyn, kommt her und holt meine Sachen.“ „Es ſoll geſchehen Sir,“ erwiederte der Schi⸗ fer, der ſich unter das ordnungsloſe Gefolge des Her⸗ zogs Hildebrod miſchte, welches ſich jetzt zuruͤckzog. Hildebrod drang ſehr in Rigeln, die Thuͤren hinter ihm feſt zuzumachen/ und indem er auf Martha deu⸗ tete, die ſich neben dem erloͤſchenden Feuer mit ge⸗ ballten Faͤuſten niedergekauert hatte, fliſterte er ihm ins Ohr: „Nehmt euer Spiel in acht und denkt an un⸗ ſern Handel, ſonſt will ich eure Bogenſehne abſchnei⸗ den, bevor ihr ſie noch ſpannen koͤnnt.“ Tief fuͤhlend die unſaͤgliche Rohheit, welche darin lag, ſolche Abſichten auf ein ungluͤckliches Geſchoͤpf in einer ſolchen Lage zu verfolgen, behielt Nigel doch Faſſung genug, dieſen Rath ſchweigend anzuhoͤren und den erſten Theil deſſelben befolgend, die Haus⸗ thuͤr hinter Hildebrod und ſeinen Begleitern ſorgfäl⸗ tig zu verriegeln, in der ſtillſchweigenden Hoffnung, daß er von der ganzen Geſellſchaft nie wieder etwas ſehen oder hoͤren werde. Dann kehrke er in die Kuͤche zuruck, wo Martha noch immer in der vorigen krampf⸗ haften Stellung ſtarr vor ſich hinſchaute. Innig geruͤhrt durth ihre Lage und durch die ihrer harrenden Aus⸗ ſichten in die Zukunſt, ſtrebte er, ſie durch jedes ihm 11I. 18 zu Gebote ſiehende Mittel ins Leben zuruͤck zu rufen; endlich gelang es ihm, ihre Starrſucht dem Anſchein nach zu verſcheuchen und ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Er eroͤffnete ihr⸗ daß er im Begriff ſey, Whitefriars in wenig Stunden zu verlaſſen, daß ſeine kuͤnftige Beſtimmung ungewiß ſey, daß er aber innigſt wuͤnſche, zu vernehmen, ob er entwe⸗ der durch Benachrichtigung irgend eines Freundes von ihrer Lage, oder auf andere Weiſe zu ihrem Schutze beitragen könne. Nur mit einiger Schwie⸗ rigkeit ſchien ſie den Sinn ſeiner Worte zu begrei⸗ fen, und dankte ihm in ihrer kurzen anmuchloſen nier.„Ihr moͤgt es wohl gut mit mir meinen,“ ſagte ſie,„aber ihr ſolltet wiſſen, daß der Elende keine Freunde hat.“ „Es iſt keinesweges meine Abſicht, zudringlich zu ſeyn,“ verſetzte Nigel,„da ich aber im Begrif bin, Whiteſriars zu verlaſſen“— „Ihr wollt uns verlaſſen?“ ſiel ſie fragend ein, und fugte dann hinzu:„ich will mit euch gehen.“ „Ihr wollt mit mir gehen?“ rief Nigel ver⸗ wundert dus. „Ja,“ antwortete ſie,„ich will meinen Vater bereden, daß er dieſe Moͤrderhoͤle verlaßt;“ aber indem ſie dies ſprach, drang das Bewußtſeyn des Vorgegangenen mit ſeiner ganzen Kraſt auß ihre 5 Seele ein. Sie verhuͤllte das Geſicht mit den Häͤn⸗ —.—— den und brach in ein furchtbares Klaggeſchrei aus, welches mit hyſteriſchen Zuf fällen endete, die um ſo cheſtiger waren, je groͤßere Koͤrper⸗ und See lenkräſte ſie beſaß. Der erſchrockene und bei ſeiner Unerfah⸗ renheit in ſolchen Fällen aͤußerſt verlegene Nigel, war im Begriff, das Haus zu verlaſſen und ärztliche oder wenigſtens weibliche Hulfe herbei zu holenz al⸗ lein ſobald der Parorismus ſich etwas gelegt hatte, hielt ihn die Patientin mit einer Hand beim Aermel feſt, wahrend ſie mit der andern ihr Geſicht bedeckte und ein Thraͤnenſtrom den heſtigen Anfall ihres Kum⸗ mers linderte. „Verlaßt mich nicht,“ rief ſie,„und ruſt Nie⸗ manden herbei, nie hatte ich ſonſt ſolche Zufuͤlle; und auch jetzt,“ fugte ſie, ſich aufrichtend und ihre Thraͤnen mit der Schuͤrze trocknend, hinzu,„wuͤrden ſie mich nicht befallen haben, haͤtte ich nicht gewußt, daß ich unter allen menſchlichen Weſen das einzige war, welches er wahrhaft liebte:— und ach! er mußte eines ſolchen Todes und ach von ſolchen Hän⸗ den ſterben!“ Hier uberließ ſich das ungluͤckliche Geſchöpf aufs neue, einem heſtigen Anſall des hoͤchſten Schmerzes, der ſich in Thränen, Schluchzen und Klagen Luft machte. Endlich kehrte allmaͤhlich die natuͤrliche Fe⸗ ſtigkeit und Härte ihrer Gemuͤthsart zuruͤck, die ſie durch die aͤußerſte Anſtrengung behauptete, indem ſie 2* F 20 die drohende Wiederkehr ihrer hyſteriſchen Zufälle zu⸗ ruͤckhielt. Gleichwohl vermochte ſie bei aller ihrer Entſchloſſenheit nicht, ein heftiges minutenlanges Zittern zu unterdruͤcken, welches ihre ganze Geſtalt auf eine furchtbar anzuſchauende Weiſe erſchuͤtterte. Nigel vergaß ſeine eigne Lage, und alles andere uͤber der Theilnahme welche ihm dies ungluͤckliche Weſen einfloßte,— eine Theilnahme„ wodurch ein ſtolzes Gemuͤth um ſo tiefer ergriffen ward, da ſie ſelbſt vermoͤge ihrer nicht minder ſtolzen Gemuͤthsart ent⸗ ſchloſſen ſchien, der Menſchlichkeit und dem Mitlei⸗ den Anderer, ſo wenig als moͤglich zu verdanken. „Nie kannt' ich ſonſt ſolche Anfaͤlle,“ wieder⸗ holte ſie noch einmal,„aber die Natur fordert ihre Rechte uͤber die gebrechlichen Weſen, die ſie ſchuf. Ueber euch, Sir, habe ich einiges Recht; denn ohne euch hätte ich dieſe Schreckensnacht nicht uͤberlebt. Ich wuͤnſchte, eure Huͤlfe waͤre entweder fruͤher oder ſpäter gekommen; aber ihr habt mein Leben geret⸗ tet, ihr ſeyd verpflichtet es mir ertrglich machen zu helfen.“ „Wenn ihr mir zeigen wollt, wie dies moͤglich iſt;“— verſetzte Nigel. „Ihr wollt unverzuglich von hier chen ſagt ihr;— nehmt mich mit euch. Allein werd' ich nie aus dieſer Wildniß voll Verbrechen und Clend ent⸗ kommen.“ 2¹ „Ach, was kann ich fuͤr euch thun? Mein Weg, von dem ich nicht abweichen darf, fuͤhrt mich wahr⸗ ſcheinlich in einen Kerker. Ich koͤnnt' euch in der That von hier wegfuͤhren, wenn ich nur die Moͤg⸗ lichkeit ſahe, nachher euch irgend einem Freunde zu uͤbergeben.“ „Einem Freunde!“ rief ſie aus,„ich habe kei⸗ nen Freund; unſre Freunde hatten uns laͤngſt ſchon gemieden;— ein von den Todten erſtandenes Ge⸗ ſpenſt, wuͤrde willkommner ſeyn, als ich an der Thuͤr derjenigen, die nichts von uns wiſſenlwollten; und wollten ſie mir jetzt ihre Freundſchaſt wieder zu⸗ wenden, ſo wuͤrde ich ſie verachten, weil ſie ſie ih m entzogen,—(hier ward ſie von einer heſtigen, aber kraftvoll unterdruͤckten Gemuͤthsbewegung ergriffen,) ihm der dort am Boden liegt,“ fugte ſie mit feſtem Ton hinzu.—„Ich habe keinen Freund.“ Hier ſchwieg ſie, und fuhr nach einer Pauſe als ob ſie ſich beſänne, ploͤtzlich fort:„ich habe keinen Freund, aber ich habe Mittel, mir noch viele zu erkaufen,— Freunde und Raͤcher. Dieſe Mittel ſollen nicht die Beute von Raͤubern und Betruͤgern werden. Fremd⸗ ling, ihr muͤßt noch einmal in jene Schreckenszim⸗ mer zuruͤckkehren, von dort kuͤhn in ſein Schlafge⸗ mach gehen, und die Bettſtelle zur Seite ſchieben; unter jeder Bettpfoſte befindet ſich eine kupferne Platte ſo befeſtiget als ob ſie blos beſtimmt waͤre, die Laſt 22 7 der Bettſtelle von dem Fußboden abzuhalten; wenn ihr die Platte zur Linken zunaͤchſt der Mauer nieder⸗ druͤckt ſo wird ſie mittelſt einer Springſeder ſich er⸗ heben und ein Schluͤſſellochzeigen, wozu dieſer Schluͤſ⸗ ſel paßt. Mitteſt deſſelben offnet ihr eine verborgene Fallthuͤr und findet in einer Aushoͤhlung des Vodens eine kleine Kiſte. Bringt ſir hieher; ſie ſoll uns auf unſter Reiſe beg gleiten; und es muͤßte, ſonderbar zu⸗ gehen, wenn ich mir nicht durch ihren« Jhalt einen Zufluchtsort erkaufen könnte.“ „Aber die Thuͤr welche zut der Kuͤche in jents gimmer fuͤhrt, iſt von Hildebrod und ſeinen Beglei⸗ tern verſchloſſen,“ entgegnete Nigel. „Es iſt wahr; das hatt' ich vergeſſen,“ erwie⸗ derte ſie;„aber der geheime Durchgang von eurem Zimmet iſt offen, und deſſen koͤnnt ihr euch bedienen. Nigel nahm den Schlůſſel; ſie glaubte jedoch beim Schein der Lampe, die ſie ihm hinreichte, damit er den ihm ertheilten Auftrag ausfuͤhren konne, einige Abneigung gegen denſelben wahrzunehmen.„Ihr fuͤrchtet euch,“ ſagte ſie,„warum das? der Moͤr⸗ der und ſein S ſchlafen beide den ewigen Shlaf;— ſfaßt Muth;— kommt, ich will euch ſelbſ begleiten;— ihr koͤnntet den Druck an der Springſeder verfehlen, auch moͤchte die Kiſte euch zu ſchwer ſehn.“ 93 „Hier iſt von keiner Furcht die Rede,“ verſette Nigel, ſich ſchamend der Deutung die ſie ſeiner vor⸗ uͤbergehenden Bedenklichkeit gab, und die allerdings aus einem Abſcheu vor jenem ſchrecklichen Anblicke entſprang,— einem Abſcheu, der oft hochherzigen keine wirklichen Gefahren ſcheuenden Gemuͤthern ei⸗ gen iſt.„Ich will euer Geſchaͤft nach eurem Ver⸗ langen ausfuͤhren; aber ihr duͤrft, ihr ſollt nicht in jene Zimmer gehen.— „Ich kann, ich will!“ erwiederte ſie.„Ich bin gefaßt, und ich will euch zeigen, daß ich es bin.“ Damit zog ſie eine unvollendete weibliche Ar⸗ beit hervor, und fädelte Seide in eine feine Näh⸗ nadel. „Haͤtte ich dies thun koͤnnen,“ fragte ſie mit einem Läͤcheln, welches ihre Geſichtszuͤge noch ab⸗ ſchreckender machte, als ihr vorheriger verzweiflungs⸗ voller Blick war;—„haͤtte ich dies thun koͤnnen, ohne eine feſte Hand und ein gefaßtes Gemuͤth zu haben?“ Hierauf ging ſie raſchen Schrittes Nigeln voran auf ſein Zimmer, und die geheime Treppe hinab, mit ſolcher Schnelligkeit als ob ſie fuͤrchtete, die Ent⸗ ſchloſſenheit moͤge ihr ſehlen, bevor ihr Vorhaben ausgefuͤhrt ſey. Am Fuß der Treppe weilte ſie einen Augenblick vor dem Eintritt in das verhaͤngnißvolle Zimmer, eilte dann mit beflügelten Schritten durch daſſelbe ins Schlafgemach, wohin ihr Nigel auf dem 24 —— Fuße folgte, deſſen Widerwillen, dem Schauplatz der Mordſtene zu nahen, ſich gaͤnzlich in der Beſorgniß um die nachgebliebene Tochter des Gemordeten verlor. Ihr erſtes Geſchaͤft war, die Vorhaͤnge der Bett⸗ Relle zuruͤckzuziehen; die Betttuͤcher waren in Ver⸗ wirrung zur Seite geſchoben, ohne Zweifel waͤhrend er aufſtand, um ſich dem Eindringen der Moͤrder ins naͤchſte Zimmer zu widerſetzen. Die Untermatratze zeigte kaum eine Spur der Stelle, wo der hagere Koͤrper des alten Geizhalſes gelegen hatte. Seine Tochter ſank neben dem Bett auf die Knie und ſchickte ein kurzes, aber ruͤhrendes Gebet zum Himmel, ſie in ihren Leiden auftecht zu erhalten und die That, wodurch ſie eine Waiſe ward, an den Moͤrdern zu raͤchen. In gedämpfterem Tone befahl ſie dem Him⸗ mel die Seele des Gemordeten und flehte um Verge⸗ bung ſeiner Suͤnden um des Erloͤſers willen. Nach Erfuͤllung dieſer frommen Pflicht winkte ſie Nigeln, ihr zu helſen; nachdem ſie die ſchwere Bettſtelle von der Stelle geruͤckt hatten, zeigte ſich die Kupferplatte,— auf Marthas Druck das Schluͤſ⸗ ſelloch, und ein großer eiſerner Ring, womit ſie die Fallthuͤr aufhob, welche die von ihr erwaͤhnte Geld⸗ kiſte dem Blicke darbot, die ſo ſchwer war, daß Nigel, ſo viel Kraͤſte er auch beſaß, ſie kaum allein hätte tragen köͤnnen. Nachdem Alles wie⸗ der in die vorige Ordnung gebracht war, trug ———— 25 ——— Nigel die Kiſte mit Huͤlſe ſeiner Gefäͤhrtin ins naͤchſte Zimmer, wo ihr ungluͤcklicher Eigenthuͤmer ausge⸗ ſtreckt lag, gefuͤhllos fuͤr Toͤne und Handlungen, die, wenn irgend etwas fähig geweſen waͤre, ſeinen letzten langen Schlaf zu unterbrechen, ihn gewiß erweckt haben wuͤrden. Seine Tochter, nahend der Leiche, hatte den Muth, die uͤber dieſelbe ausgebreitete Bedeckung ab⸗ zuheben. Sie legte ihre Hand auf das Herz des Verblichenen, aber es hatte aufgehoͤrt zu ſchlagen,— ſie hielt eine Feder an ſeine Lippen, aber keine Be⸗ wegung; dann kuͤßte ſie ehrfurchtsvoll die blaſſe Stirn und die hagern Häͤnde. „O Vater!“ rief ſie,„koͤnnteſt du doch mei⸗ nen Schwur hoͤren, daß ich, wenn ich jetzt rette, was du am meiſten auf Erden ſchätzteſt, ich es ein⸗ zig dazu anwenden will, mir Rache fuͤr deinen Tod erlangen zu helſen!“ Dann bedeckte ſie aufs neue die Leiche, und ohne eine Thraͤne,— ohne einen Seufzer half ſie Nigeln mit ſtarker Hand, die ſchwere Geldkiſte auf ſein Schlafzimmer tragen.„Sie muß,“ ſagte ſie,„fuͤr einen Theil eures Gepaͤcks gelten. Ich will mich bereit halten, ſobald uns der Schiffer abruſt.“ Hierauf zog ſie ſich zuruͤck, und Nigel, der die Stunde ihrer Abreiſe herannahen ſah, riß einen Theil der alten Fenſtervorhaͤnge herunter und band ſie mit 26 Stricken um die Geldkiſte, damit nicht ihre unge⸗ wöhnliche Form und die vielen ſtäͤhlernen Stangen, mit denen ſie kreuzweis beſchlagen war, den Inhalt E derſelben beargwohnen ließen. Nach dieſen Vor⸗ *„ ſichtsmaßregeln vertauſchte er die Spitzbubentracht, wodurch er ſich beim Eintritt in Whitefriars verklei⸗ det hatte, gegen einen ſiandesmäßigen Anzug, und unſähig zu ſchlafen, wenn gleich erſchoͤpft von den Ereigniſſen der Nacht, warf er ſich aufs Bett, um den Ruf des Schiffers abzuwarten. Zweites Kapitel. Ein graugelbliches Licht begann die Nebel von Whitefriars zu durchſchimmern, als ein leiſes Klo⸗ pfen an der Hausthuͤr des ungluͤcklichen Geizhalſes die Ankunſt des Bootfuhrers verkuͤndigte. Er eilte hinab und ſand an der Thuͤr den Mann, den er Abends zuvor geſehen hatte, begleitet von einem Ge⸗ fährten. „Kommt, Sir, laßt uns zu Schiffe gehen,“ ſagte einer von ihnen in einem rauhen, doch gedaͤmpf⸗ ten Tone;„Zeit, Ebbe und Flut warten auß Nie⸗ manden.“„* 08 27 .—— „Meiner brauchen ſie nicht zu warten,“ erwie⸗ derte Nigel;„ich habe blos einiges Gepaͤck mitzu⸗ nehmen.“ „Nun Jack, nimmt doch jetzt Niem ein Boot mit ein paar Rudern, wenn er nicht die Ab⸗ ſicht hat, es mit einer ſechsſpaͤnnigen Fracht zu bela⸗ den. Wenn ſie nicht mit Sack und Pack von dan⸗ nen ziehen wollen, ſo nehmen ſie einen elenden Na⸗ chen.— Nun Sir, wo habt ihr denn eure Habſe⸗ ligkeiten?“ Einer von den Schiffern war, wie er wenig⸗ ſtens meinte, zur Genuge belaſtet mit Nigels Cha⸗ toulle und anderm Zubehoͤr, womit er der Tempel⸗ treppe zuzuwandern begann. Sein Kamerad,— dem Anſchein nach der Vornehmſte,— begann die Geldkiſte mit dem Schatze des Geizhalſes zu heben, ſetzte ſie aber augenblicklich wieder hin, mit einem kraͤftigen Schwure betheuernd: das Anmuthen⸗ dieſe Kiſte zu tragen, ſey eben ſo unvernuͤnftig, als wenn man von Jemandem verlangen wollte, die Pauls⸗ kirche außzuhocken. Martha, die immitteſt, gehuͤllt in eine lange ſchwarze Kapuze und einen Mantel⸗ zu ihnen geſtoßen war, rief Nigeln zu:„Moͤgen ſie ſie laſſen wo ſie wollen,— mag Alles zuruͤckbleiben; wenn wir nur dieſem Schreckensorte entkommen.“ Wir haben ſchon fruͤher bemerkt, daß Nigel iſe Körperkraͤſte beſaß, die er, angetrieben . 25 von Mitleid und Unwillen, bei dieſer Gelegenheit in hohem Grade an den Tag legte; denn er ergriff die gewichtvolle Geldkiſie bei dem von ihm herumge⸗ wundene Stricke, ſetzte ſie auf ſeine Schultern und ging feſten Schritts vorwaͤrts unter einem Gewicht, welchem die vereinten Kraͤfte von wenigſtens drei jungen Stutzern unſerer ausgearteten Generation er⸗ legen haben wuͤrden. Der Schiffer folgte ihm mit Erſtaunen.„Ei, Sir, ſo laßt mich doch wenig⸗ ſtens das eine Ende anfaſſen!“— Ein Anerbieten, welches Nigel nach Ablauf von ein paar Minuten anzu⸗ nehmen genoͤthigt geweſen ſeyn wuͤrde. Wirklich waren ſeine Kraͤfte faft ganz erſchoͤpft bei der Ankunſt am Boot, welches verabredtetermaßen an der Tempeltreppe lag und beim Einladen der Kiſte ſo tief in's Waſſer ſank⸗ daß es beinahe umgeſchlagen wäre. „Wir werden eine eben ſo große Laſt fortzuſchaf⸗ fen haben,“ ſagte der eine Schiffer zum andern,„als ob wir einen ehrlichen Falliten mit allen ſeinen heim⸗ lich geretteten Schaͤtzen uͤberſchifften.— Aber wie kommt ihr dazu, meine gute Frau, mit einzuſteigen? Un⸗ ſer Boot geht ohnehin tief genug im Waſſer, und erlaubt nicht, noch ſonſt Jemanden einzunehmen.“ „Dies Frauenzimmer faͤhrt mit mir,“ ſagkte Nigel;„ſie ſteht jetzt unter meinem Schutze.“ „Hort, Sir, das geht uͤber meinen Auftrag hinaus. Ihr muͤßt meine Laſt nicht verdoppeln; 29 und was den Schutz betrifft, ſo wird ihr Geſicht von einem Ende des Reichs bis zum andern ihr zum Schutz dienen.“ „Aber wenn ich euch nun verſpreche, das Faͤhr⸗ geld zu verdoppeln, wenn ich die Ladung verdopple?“ ſagte Nigel, entſchloſſen, auf keinen Fall den Schutz dieſes ungluͤcklichen Frauenzimmers aufzugeben, fuͤr die er bereits einen Plan ausgeſonnen hatte, der jetzt in Begriff war, durch die characteriſtiſche Rohheit der beiden Themſeſchiffer vereitelt zu werden. „Nein bei Gott! ich ſchlag' es aus,“ verſetzte der Schiffer in der gruͤnpluͤſchnen Jacke;„weder aus Gefaͤlligkeit noch fuͤr Geld will ich mein Boot uͤber⸗ laden; ich lieb' es eben ſo zärtlich, als mein Weib⸗ und noch etwas mehr.“ „Ei, Kamerad,“ ſiel ſein Gefaͤhrte ein,„das iſt keine wahre Schifferſprache; fuͤr doppeltes Fähr⸗ geld ſind wir verpflichtet, ſelbſt eine Hexe einzuneh⸗ men, wenn ſie's befiehlt; drum laßt uns ohne wei⸗ teres Geſchwaͤtz mit ihr. fortrudern.“ So geſchah es nnd ohngeachtet der ſchweren Ladung begannen ſie, mit Femlicher Schnelligkeit im Fahrwaſſer ſromabwötis zu rudern. Die Bootfuͤhrer der vruͤberfahrenden, oder ih⸗ nen begegnenden leichterd Fahrzeuge ermangelten nicht, ſie mit dem damals beliebten Schifferwitz zu beläſtigen, wozu Martha's Geſichtszuͤge und Geſtalt, 30 —— im hoͤch ſten Grade Contraſtirend mit dem ſchönen Ni⸗ gel, den Hauptſioff darboten; auch die ſichtliche lleber⸗ ladung des Boots entging nicht ihrer Bemerkung. Bald hieß es:„ſeht dort ein Krämerweib, das mit * ihrem aͤlteſten Lehrburſchen eine Luſtfahrt macht;“ bald ward Martha als eine Großmutter begrußt, die ihren Enkel in eine Schulanſtalt geleite, oder als eine alte Jungfer, entfuͤhrt von einem jungen hand⸗ feſten irlaͤndiſchen Abenteurer, um ſich vom Doctor Rigmarole zu Revriff fuͤr ſechs Pence und einem Schnaps Genever,— ſeine gewohnliche Taxe,— mit ihr zuſammengeben zu laſſen.„Aller dieſer plumpe Witz ward auf gleiche Weiſe von dem Boots⸗ mann mit der gruͤnen Joacke und ſeinen Gefaͤhrten erwiedert. Inmmitteſt fragte Nigel ſeine troſtloſe Gefährtin: ob ſie irgend einen ſichern Zufluchtsort fuͤr ſich und ihre Habe wiſſe? Sie geſtand jetzt umſtändlicher als zuvor, daß der Ruf ihres Vaters ihr keine Freun⸗ de uͤbrig gelaſfen, und daß ſie, ſeitdem er in White⸗ friars anſaͤſſig geworden ſey, um gewiſſen geſetzlichen Folgen ſeiner zuweit getriebenen Gewinnſucht zu ent⸗ gehen, ein gaͤnzlich abgeſchiedenes Leben g gefuͤhrt habe, indem ſie, meidend die oͤrtlichen Geſellſchaften, ſowohl durch ihren dortigen Aufenthalt, als durch ihres Vaters Kargheit von allem andern Umgange gaͤnzlich abgeſchnitten ſey. Jetzt wuͤnſche ſie nur 31 —— eine anſtaͤndige Wohnung, und den Beiſtand irgend einer rechtſchaffenen Familie, wenn auch aus den un⸗ terſten Staͤnden, bis ſie von den Mitteln, gegen ihres Vaters Moͤrder Gerechtigkeit zu erlangen, gerichtliche Kunde erhalten wuͤrde. Sie trage kein Bedenken, den ſogenannten Capitain Colepepper(gewöhnlich Peppercole genannt,) der That zu beſchuldigen, da ſie ihn jeder verraͤtheriſchen Greuelthat eben ſo ſöhig halte, als unfaͤhig zu jeder wahren, Muth erfordern⸗ den Handlung. Schon fruͤher hatte man ihn wegen zweier Raͤubereien, deren eine mit einer ſchrecklichen Mordthat verbunden war, im Verdacht gehabt. Er habe, fugte ſie hinzu, um ihre Hand angehalten, als das leichteſte und ſicherſte Mittel, ſich den Beſitz der Reichthuͤmer ihres Vaters zu verſchaſfen; und als ſie ſeine Beweibungen, falls ſie uͤberall ſo ge⸗ nannt wzrden koͤnnten, in den beſtimmteſten Aus⸗ druͤcken abgewieſen, habe er Rache gedroht, und dar⸗ uͤber einige dunkle Winke hingeworfen, die, verbun⸗ den mit einigen ſpaͤtern, nicht gelungenen Angriffen auf ihr Haus, ſie nicht nur uͤber ihre, ſendern auch ihres Vaters Sicherheit in ſteter Unruhe erhalten haͤtten. Nigel häͤtte, wenn er nicht durch ſein Zartge⸗ fuͤhl daran verhindert worden waͤre, der ungluͤckli⸗ chen Martha einen ihm kürzlich vorgekommenen, ih⸗ ren Argwohn beſtätigenden Umſtand mittheilen kon⸗ nen. Er erinnerte ſich nämlich des ihm in voriger Nacht, vom alten Hildebrod gegebenen Winks, daß ein Geſpraͤch zwiſchen ihm und Colepepper wahr⸗ ſcheinlich die Cataſtrophe beſchleunigt habe. Er konnte nicht zweifeln, daß dies ſich auf Hildebrods Plan zu Nigels Verheirathung mit Trapbois reicher Erbin beziehe. Hatte er denſelben wirklich dem Ca⸗ pitain mitgetheilt, dem es nicht eingefallen ſeyn wuͤrde, daß der beabſichtigte Bräutigam aus Zart⸗ gefuͤhl das mindeſte Bedenken tragen koͤnne, eine ſo gewinnvolle Partie von der Hand zu weiſen, ſo ward es ſehr wahrſcheinlich, daß die Furcht, den er⸗ ſtrebten Schatz unwiderbringlich zu verlieren, ver⸗ bunden mit der angebornen Boͤsartigkeit dieſes Men⸗ ſchen, ihn zu jener Mordthat angeſpornt habe. Der Gedanke, daß ſein Name, wenn auch nur entfernt, mit den Veranlaſſungen zu jener Schreckensthat in Verbindung ſtehe, verdoppelte Nigels lebhafte Sorg⸗ — falt fuͤr vas durch ſeine Dazwiſchenkunſt gerettete Schlachtopſer, ſo daß er, bei ſich ſelbſt den feſten Entſchluß faßte, ſobald ſeine Angelegenheiten eini⸗ germaßen geordnet ſeyn wuͤrden, aus allen Kraͤften zur Erforſchung dieſer Greuelthat beizutragen. Nachdem ihm ſeine Gefaͤhrtin auf Befragen, be⸗ ſtimmt verſichert hatte, daß ſie zu ihrem Unterkom⸗ men keinen beſſern Plan zu entwerfen wiſſe, em⸗ pfahl er ihr, vorlaͤufig, ihre Wohnung bei ſeinem 6 — 33 ehemaligen Hauswirth, dem Schiffhaͤndler Chriſtie, am Paulswerft zu nehmen, indem er ihr die Ehr⸗ lichkeit und Gefälligkeit dieſes rechtſchaffenen Ehe⸗ paars auf das vortheilhafteſte ſchilderte und die Hoff⸗ nung aͤußerte, man werde ſie dort willig aufnehmen, oder ſie wenigſtens andern Perſonen, fuͤr welche man verantwortlich ſeyn koͤnne, empſehlen, damit ſie dort ſo lange weilen koͤnne, bis ſie im Stande ſeyn werde, eine andere Einrichtung fur ſich zu treffen. Die bedaurenswerthe Martha nahm dieſen in ihrer ſo verlaßnen Lage willkommnen Rath mit Aus⸗ druͤcken der Dankbarkeit an, die zwar kurz, aber in⸗ niger waren, als er ſie je ihrer herben Gemuͤthsart hatte entlocken koͤnnen. Dann ſetzte er ſie in Kenntniß, daß gewiſſe, mit ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit in Beziehung ſtehende Gruͤnde ihn unverzuͤglich nach Greenwich riefen, und es daher nicht in ſeiner Macht ſtehe, ſie ſelbſt nach Chriſties Hauſe zu begleiten, welches er ſonſt mit Vergnuͤgen wuͤrde gethan haben; allein er riß ſo⸗ gleich ein Blatt Papier aus ſeiner Schreibtafel, wor⸗ auf er einige Zeilen an ſeinen ehemaligen Hauswirth ſchrieb, indem er ihm die Ueberbringerin, als eine Perſon empfahl, die ſeines einſtweiligen Schutzes und guten Rathes dringend beduͤrſe, wofuͤr ſie ſich 6 erkenntlich zu beweiſen, durch ihre guten Vermoͤ⸗ gensumſtände vollkommen in den Stand geſetzt werde. III. 3 Er erſuchte daher den Meiſter Chriſtie als ſeinen al⸗ ten guten Freund, der ihm als ein rechtlicher, men⸗ ſchenliebender Mann bekannt ſey⸗ ihr unter ſeinem Dache auf eine kurze Zeit einen Aufenthalt zu ge⸗ währen, oder falls dies nicht thunlich ſey⸗ ihr eine angemeſſene Wohnung zu verſchaffen. Endlich bela⸗ ſtete er ihn mit dem etwas ſchwierigern Auftrage ihr einen rechtſchaffenen oder wenigſtens in gutem Rufe ſte⸗ henden geſchickten Sachwalter nachzuweiſen um ihr in einer ziemlich wichtigen Rechtöſache beizuſtehen. Dies Billet unterzeichnete er mit ſeinem wahren Natnen und haͤndigte es ſeinem Schuͤtzling ein. Martha em⸗ pfing es mit einem herzlichen:„ ich danke euch;“ welches die innern Gefuͤhle ihrer Dankbarkeit, deut⸗ licher ausſprach, als tauſend ſtudirte Phraſen; dann befahl er den Schiffern, am nahen Paulswerft zu landen. „Wir haben keine Zeit,“ verſetzte der Schiffer mit dem gruͤnen Wams,„jeden Augenblick anzu⸗ halten.“ Als aber Nigel auf der Befolgung ſeines Be⸗ ſehls beharrte und hinzufuͤgte: es ſey blos ſeine Ab⸗ ſicht, die Dame ans Land zu ſetzen⸗ erkläͤrte der Schi⸗ fer: der hierdurch zu gewinnende Raum ſey ihm lie⸗ ber, als ihre Geſellſchaft, und ruderte unverzůͤglich dem Paulswerft zu. Hier fanden ſich ſogleich zwei vovn den Laſtträgern, die auf ſolchen Plaͤtzen der Arbeit 35 zu harren pflegen, bereit, die gewichtvolle Geldkiſte in die ihnen wohlbekannte Wohnung John Chriſties zu tragen und der Ankoͤmmlingin dahin zu Wegwei⸗ ſern zu dienen. Waͤhrend Martha ſich mit ihnen auf den Weg machte, fuhr Nigel in ſeinem jetzt merklich erleichter⸗ ten Boot mit verhaͤltnißmaͤßig erhoͤhter Schnelligkeit die Themſe ſtromabwaͤrts; doch wir muͤſſen uns auf einige Minuten von ihm und ſeinem Fahrzeuge tren⸗ nen um zuvoͤrderſt des Erſolgs der Empfehlung Ni⸗ gels zu erwaͤhnen. Miß Martha Trapbois erreichte gut und wohl John Chriſties Laden, und war im Begriff, ihn zu betreten, als ein niederdruͤckendes Gefuͤhl der Unge⸗ wißheit ihrer Lage und der Nothwendigkeit der pein⸗ lichen Aufgabe, ihre Geſchichte zu erzaͤhlen, ſie der⸗ geſtalt uͤberwäͤltigte, daß ſie an der Schwelle ihres gehofften Zufluchtsorts einen Augenblick anhielt, um zu uͤberdenken, auf welche Weiſe ſie die Empfeh⸗ lung des Freundes, den die Vorſehung ihr zugeführt hatte, am beſten geltend machen könne. Hätte ſie Kenntniß der Welt, wovon ihre Lebensweiſe ſie ſo gänzlich ausgeſchloſſen hatte, beſeſſen, ſo wuͤrde ſie gewußt haben, daß die große Geldſumme, die ſie mit ſich führte/ in die Wohnſitze des Adels und ſelbſt in fuͤrſtliche Palläſte ein Eintrittspaß ſey. Zwar war ſie im Ganzen nicht unkundig der Allgewalt des Gel⸗ 3* . 36 des, die ſo manche Formen und Farben annimmt, allein das Bewußtſeyn der Mittel, wodurch ihre Schätze großentheils erworben waren, floͤßte ihr ſol⸗ ches Mißtrauen in ihre Wirkſamkeit ein, daß ſie be⸗ ſorgte, ihr Beſitz werde die Erbin derſelben ſelbſt von dem Obdach im Hauſe eines beſcheidenen Kraͤmers ausſchließen. Wäͤhrend ſie zögerte, erhob ſich ein laͤrmender Zank innerhalb des Hauſes, der immer lauter und lauter ward, ſo wie die Zankenden aus der Haus⸗ thuͤr hervortraten und Zank auf der Gaſſe fort⸗ ſetzten. Der Erſie unter den Streitenden, der ſich auf dem Schauplatze zeigte, war ein langer, hagerer Mann mit einem nichts weniger als angenehmen Aeußern, der haſtig aus dem Laden hervorſchritt, mit einem Gange, gleich dem eines zornigen Spa⸗ niers, welcher es unter ſeiner Wuͤrde hält, ſeine Fortbewegung durch Lauſen zu beſchleunigen, und ſich blos dazu herablaͤßt, ſolche durch Verlaͤngerung ſeiner Schritte zu erreichen. Sobald er außer dem Hauſe war, wandte er ſich augenblicklich zu einem ihm folgenden, ältlichen Manne von anſtaͤndigem⸗ einfachen Aeußern, gleich einem Kraͤmer oder Hand⸗ werksmann; auch war es wirklich niemand Geringe⸗ res als John Chriſtie der Eigenthuͤmer des Ladens und Hauſes, der ihn in heftigerer Bewegung zu ver⸗ folgen ſchien, als Perſonen ſeiner Claſſe gewohnlich an den Tag legen.„Ich will nichts mehr davon hoͤren,“ ſagte der anſcheinend Verfolgte;„ich will nichts mehr davon hoͤren, Sit; um ſo weniger da es eine unverſchaͤmte Erdichtung iſt, wie ich bezeugen kann; es iſt ein wahres Scandalum Sir, ein wahres Scandalum, ich ſage ein Scandalum, wiederholte er; in der auf den Hochſchulen zu Edin⸗ burgh und Glasgow uͤblichen Ausſprache des Latei⸗ niſchen*), die den regierenden Monarchen, der dieſe von ihm fuͤr die einzig wahre gehaltene und eif⸗ riger als ſeine koͤniglichen Vorrechte verfochtene Aus⸗ ſprache des roͤmiſchen Idioms, unendlich gefreut haben wuͤrde, waͤre er gegenwaͤrtig geweſen. „Ich gebe nicht einen Pfifferling um verdorbe⸗ nen Käͤſe,“ erwiederte John Chriſtie;„aber es iſt wahr, und ich habe das Recht die Wahrheit in mei⸗ nen eignen Angelegenheiten zu ſprechen; und euer Herr iſt nicht viel beſſer, als ein Spitzbube, und ihr ſeyd nichts weiter, als ein Vagabund, und ein Das heißt in der einzig wahren und vernünftigen Ausſprache des Lateiniſchen, ſo wie ſie in Deutſchland, Italien, Spa⸗ nien und der großen Mehrheit aller gebildeten Nationen ange⸗ nommen iſt, anſtatt daß der Engländer, wie ſchon in einem frühern Theile dieſes Werks vorgekommen iſt, dies Idiom nach den Regeln des Engliſchen ausſpricht; ſo daß z. B. das Wort Scandalum ſo wie im Deutſchen Skändälüm ausge⸗ ſprochen wird. d. ü. 38 Prahlhans, dem ich auf der Stelle eins über den Kopf geben will, wie es ihm ſchon einmal bei einer weit geringfugigeren Gelegenheit ergangen iſt. Mit dieſen Worten ergriff er die Schaufel, welche zum reinigen der zu ſeinem Laden fuͤhrenden Stufen ge⸗ braucht ward, als der bereiteſten Waffe, und ging damit ſeinem Gegner zu Leibe. Der vorſichtige Schot⸗ te,— denn fuͤr einen ſolchen muͤſſen unſre Leſer ihn an ſeiner Ausſprache und Pedanterie bereits erkannt haben,— zog ſich bei der Annaͤherung des wuͤthen⸗ den Kraͤmers zuruͤck, jedoch mit finſterer Miene und mit der Hand am Degengefaͤß, als ob er im Begriff ſey, die gewohnte Maͤßigung und Umſicht in ſeinem Benehmen zu verlieren, und keinesweges als ob ihn der Angriff eines Gegners der ihm an Jugendkraft, Stuͤrke und Waffen weit nachſtehen mußte, gefähr⸗ lich werden koͤnne. „Bleibt mir vom Leibe Meiſter Chriſtie,“ rief er, „ich ſage euch bleibt mir vom Leibe, wenn ihr eure geſunden Glieder behalten wollt, ich wollte euch nicht in eurem eignen Hauſe durchpruͤgeln, ſo ſehr ihr mich auch dazu reiztet, weil ich nicht wußte ob nicht die Geſetze eine ſolche Handlung fuͤr eine Art von Einbruch oder einem haͤuslichen Ueberfall erklaͤren koͤnnten; eben ſo ungern wuͤrde ich euch auf der Gaſſe, wo wir beide gleiche Freiheit genießen, thät⸗ lich behandeln, weil ich mich noch immer der Guͤte ———— erinnere, die ihr mir bei meinem fruͤhern Aufenthalte in eurem Hauſe bewießt und weil ich euch fur ein ar⸗ mes getaͤuſchtes Geſchoͤpf halte. Aber der Teufel ſoll mich holen Sir,— und ich pflege nicht zu fluchen,— aber wenn ihr euch unterfangt, meine ſchottiſche Schul⸗ ter mit eurem Werkzeuge dort, auch nur zu beruͤh⸗ ren, ſo will ich meine gute italieniſche Klinge euch wenigſtens ſechs Zoll tief in die Eingeweide rennen.“ Und damit er ſich zwar immer etwas weiter von der geſchwungenen Schaufel zuruͤck, entbloͤßte aber ein Drittel der Klinge ſeines breiten Raufdegens. Chriſties Zorn war immittelſt, theils durch ſeine na⸗ tuͤrliche gemaͤßigte Gemuͤthsart, theils durch den An⸗ blick des entblößten Stahls etwas gemindert. „Du haͤtteſt verdient, daß ich Leute mit Knit⸗ teln herbeiriefe und dich einigemal am Werft unter's Waſſer tauchen ließe,“ verſetzte er, ſeine Schaufel bei Seite legend,„weil ſo ein lumpicher Prahlhans ſich unterſteht, ſeinen Lerchenſpies gegen einen ehr⸗ lichen Buͤrger vor ſeiner eignen Hausthuͤr zu ziehen; aber geh' mir aus den Augen und rechne auf eine tuͤchtige Prugelſuppe zum Abendeſſen, wenn du dich noch einmal meinem Hauſe naͤherſt. Ich wollte es wäre in der Themſe verſunken geweſen als es zum erſtenmal dem glattzuͤngigen ſchottiſchen Diebsgeſin⸗ del ein Obdach gewaͤhrte.“ 40 „Es iſt ein ſchlechter Vogel der ſein eignes Neſt beſchmutzt,“ erwiederte ſein Gegner, der keinesweges den Muth dadurch verlor, daß er den Streit in eine friedlichere Dehatte verwandelt ſah;„und es iſt Schade, daß ein gutmuͤthiger Schotte ſich außerhalb ſeines Geburtslandes verheirathete und ſo einen geld⸗ ſtolzen, puddingkoͤpfigen, dickbaͤuchigen, hirnloſen Englaͤnder als ihr ſeyd, in die Welt ſetzte.“ Lebt wohl auf niemals wiederſehen. Wenn ihr noch ein⸗ mal mit einem Schotten Haͤndel anfangt, ſo ſagt ſo viel Böſes von ihm ſelbſt, als ihr wollt, aber nicht von ſeinem Patron oder von ſeinen Landsleuten, ſonſt wird eure flache Kappe nicht hinreichen, eure langen Ohren vor einiger Abkuͤrzung durch ein hochländi⸗ ſchen Schwert zu ſichern.“ „Und wenn ihr noch zehn Minuten fortfahrt, hier meiner vor Thuͤr ſo unverſchämt zu ſeyn,“ erwie⸗ derte John Chriſtie,„ſo will ich den Konſtable ru⸗ ſen und eure ſchottiſchen Knoͤchel mit ein paar engli⸗ ſchen Bloͤcken bekannt machen laſſen.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich, um mit trium⸗ phirender Miene in ſeinen Laden zuruͤckzukehren, denn ſein Feind zeigte, trotz ſeiner angebornen Tapferkeit, kein Verlangen, es aufs aͤußerſte kommen zu laſſen, vermuthlich uberzeugt, daß, ſo ſehr er auch Mann gegen Mann, uͤber John Chriſtie den Vortheil habe, er dennoch ſehr den kuͤrzern ziehen wuͤrde, ſobald ſich 6 k 41 die Behoͤrden von Altengland in die Sache miſchten; denn dieſe waren damals keinesweges geneigt, in den vielen ſiets obhandenen Unterſuchungen wegen Strei⸗ tigkeiten zwiſchen den Individuen zweier ſtolzen Ra⸗ tionen, die immer noch ein ſtaͤrkeres Gefuͤhl ihres eingewurzelten wechſelſeitigen Nationalhaſſes, als ihrer noch neuen Vereinigung unter der Regierung eines gemeinſchaftlichen Monarchen hatten, ihren neuen Landsleuten, den Schottlaͤndern, guͤnſtig zu ſehn. Miß Martha Trapbois hatte zu lange in Whi⸗ tefriars gelebt um uͤber den mit angehoͤrten Zank be⸗ fremdet oder erſchreckt zu ſeyn; im Gegentheil wun⸗ derte ſie ſich, daß die Zänkerei ſich nicht mit irgend einer Gewaltthat endete, wie dies gewoͤhnlich in der Freiſtätte der Fall war. Als die beiden Widerſacher ſich getrennt hatten, trug ſie, nicht ahnend, daß die Urſache des Streits tiefer eingewurzelt war, als ge⸗ woͤhnlich in den Elſäſſer Haͤndeln der Fall zu ſeyn pflegte, kein Bedenken, den Meiſter Chriſtie bei ſei⸗ ner Ruͤckkehr in den Laden anzureden und ihm Ni⸗ gels Billet einzuhändigen. Hätte ſie mehr Men⸗ ſchenkenntniß gehabt, ſo wuͤrde ſie ohne Zweifel ei⸗ nen gemaͤßigteren Augenblick abgewartet haben; auch hatte ſie Urſache, ihre Uebereilung zu bereuen; denn kaum hatte der erboßte Schiffhaͤndler die Un⸗ terſchrift des Billets angeſehen, ſo warf er es ohne ——— ein Wort zu ſagen, oder ſich nach den näheren Um⸗ ſtaͤnden ſeines Inhalts zu erkundigen, auf den Bo⸗ den, trat es verachtungsvoll mit Fuͤßen, und ohne der Ueberbringerin ein Wort zu ſagen, außer eini⸗ gen mit ſeinem Aeußern in vollkommenen Einklange ſtehenden Fluͤchen, ging er in ſein Haus und riegelte die Thuͤre hinter ſich zu. Mit unausſprechlichem Kummer ſah die verlaſ⸗ ſene, freundloſe Martha ihre einzige Hoffnung auf Beiſtand und Schutz ploͤtzlich verſchwunden, ohne daß ſie ſich den Grund davon erklaͤren konnte; denn um ihr Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ſo war die Idee, daß ihr Freund, den ſie unter dem Namen Nigel Graham kannte, ſie getäuſcht haben koͤnne,— eine Loͤfung des Räthſels, die Manchem in ihrer Lage eben nicht fern geweſen ſeyn wuͤrde,— ihr niemals in den Sinn gekommen. Zwar lag es eben nicht in ihrer Gemuͤthsart, ſich zum Bitten herab zu laſſen; ollein unter den damaligen Umſtaͤnden konnte ſie ſich nicht enthalten, dem ergrimmten Krämer nachzuru⸗ ſen:„Meiſter, hoͤrt mich doch nur einen Augenblick an,— aus Erbarmen und Mitleid.“ „Erbarmen und Mitleid von ihm, Miſtres?“ rief der Schotte, der, wenn er gleich den Ruͤckzug ſeines Gegners nicht hinderte, dennoch auf dem Sochlachtfelde feſten Fuß geſaßt hatte;„ihr koͤnntet eben ſo gut Feigen lefen von den Diſteln und Trau⸗ 43 —— ben von den Dornen*). Der Menſch dort iſt toll, rein toll.“ „Ich muß mich in der Perſon geirrt haben, an welche der Zettel gerichtet iſt,“ ſagte Martha, indem ſie ſich buͤckte, um das ſo unhoͤflich aufgenommene Papier vom Boden aufzuheben. Aus natuͤrlicher Hoͤflichkeit kam der Schotte ihrer Abſicht zuvor; allein minder gemaͤß war es der Etikette, daß er, waͤhrend er der Dame den Brief einhaͤndigte, einen Blick auf die Unterſchrift warf.„Nigel Olifaunt, Lord Glen⸗ varloch!— kennt ihr den Lord Glenvarloch Mis⸗ tres? 2 „Ich weiß nicht, von wem ihr redet,“ erwie⸗ derte Miß Martha kleinmuthig.„Ich hatte ein Billet von einem gewiſſen Nigel Graham in Haͤn⸗ den.“ „Nigel Graham?— Doch ja,— ich hatte vergeſſen, daß— Richt wahr, es iſt ein wohlgebil⸗ deter junger Mann, etwa von meiner Groͤße, mit klaren blauen Falkenaugen, einer angenehmen Spra⸗ che, und etwas vom Schottiſchen Accent, doch nur wenig, in Betracht ſeines längeren Aufenthalts außer⸗ halb Landes.“ „Das Alles trifft zu,“— ſiel Martha ein. *) Worte der Bibel. 44 „Sein Haar hat die Farbe des meinigen.“ „Das trifft nicht zu,“ verſetzte die Dame, „denn ihr habt rothes Haar.“ „Laßt mich nur ausreden,“ ſagte der Schotte; „ich wollte ſagen, es ſey von der Farbe des meinigen; jedoch von einem dunkleren Nußbraun. Kurz, Mis⸗ tres, wenn mich nicht Alles trugt, ſo iſt er ein Mann, mit dem ich in vertrauter Bekanntſchaft geſtanden habe und noch ſtehe; ja ich kann in Wahrheit ſagen, daß ich ihm einſt viele Dienſte geleiſtet habe und viel⸗ leicht kuͤnftig noch leiſten werde. Ich hatte aufrich⸗ tige Anhaͤnglichkeit fur ihn, und ich beſorge, daß er ſeit unſerer Trennung in großer Verlegenheit gewe⸗ ſen iſt, aber es iſt nicht meine Schuld. Ihr könnt alſo ſicher glauben, daß der Himmel dieſen Brief, der euch bei demjenigen, an den er gerichtet war, nichts nutzt, deswegen in meine Haͤnde hat fallen laſſen, weil ich beſondere Achtung fuͤr den Briefſteller, und ſo viel Mitleid und Höflichkeit habe, als mit meinen Pflichten gegen mich ſelbſt beſtehen kann und daß ich ſtets bereit bin, die Freunde meiner Freunde, wenn ſie in Noth ſind, mit Rath und That zu unterſtutzen, inſofern es nicht uͤber meine Kraͤfte geht; denn auch ich bin hier ein Fremdling, der ſein Geburtsland verlaſſen hat, und in jedem Englaͤnder einen Feind zu ſehen genoͤthigt iſt.“ Wäaͤhrend er dies ſagte, las er ohne weitere Umſtaͤnde den Inhalt des Brieſes und 45 —— fuhr dann fort:„Und ſo beduͤrft ihr weiter nichts, als dies, mein Taͤubchen?— Nichts als eine ſichere und anſtandige Wohnung und Tiſch, auf eigne Koſten?“ „Nichts weiter,“ verſetzte ſie.„Wenn ihr ein chriſtlicher Mann ſeyd, ſo werdet ihr mir dazu ver⸗ helſen.“ „Daß ich ein Mann bin,“ eine der for⸗ melle Caledonier,„ſeht ihr mir ohne Zweifel an; und einen Chriſten nenne ich mich, obwohl ich, ſeit ich hieher kam, wenig von der wahren chriſtlichen Lehre gehoͤrt habe;— und, wenn ihr ein rechtliches Frauenzimmer ſeyd,“ hier that er einen Blick unter ihre Kapuze,— und das hat allerdings den An⸗ ſchein, wenn gleich ihrer in den Londoner Straßen nicht ſo viele zu finden ſind, als ich wuͤnſchte,— denn noch geſtern wollten mich zwei ſolcher elenden Weibsbilder in ein verdaͤchtiges Haus locken,— ja, wollt' ich ſagen, wenn ihr ein anſtaͤndiges rechtliches Frauenzimmer ſeyd,“— hier warf er einen zweiten Blick auf Martha's reizloſe, unverdaͤchtige Zuͤge,— und davon hat es allerdings den Anſchein, ſo will ich euch in ein ſchickliches Haus fuͤhren, wo ihr um billigen Preis eine gute Wohnung, Koſt und Be⸗ handlung finden und nebenbei den Vortheil haben werdet, von Zeit zu Zeit, inſoweit es meine Be⸗ rufsgeſchäfte erlauben, meines guten Raths zu ge⸗ nießen.“ 46 „Darf ich es aber wagen, ein ſolches Anerbie⸗ ten von einem mir ganz fremden Manne anzuneh⸗ men?“ „Traun! ich ſehe nichts, was euch daran hin⸗ dern kann,“ erwiederte der gutmuͤthige Schotte;„ihr koͤnnt ja nur das Local in Augenſchein nehmen und, gefaͤllt es euch nicht, nach Gefallen handeln. Ueber⸗ dies ſind wir einander nicht ſo ganz fremd, denn euer Freund iſt auch der meinige, und ſchon dies iſt ein Bindungsmittel unter uns. Aber ich will mich hier⸗ uͤber unterwegs naͤher erklren, wenn es euch beliebt, jenen beiden faulen Bengeln, die euer kleines Kiſtchen, das Einer fuglich unterm Arme tragen koͤnnte, ſelb⸗ ander tragen, zu befehlen, daß ſie uns folgen ſollen. Daß ſage ich euch, Miſtres, wenn ihr fortfahren wollt, in London zwei Schufte zu miethen, um Ar⸗ beiten zu verrichten, die kaum einen beſchaͤftigen koͤnnen, ſo werdet ihr bald mit eurem Gelde fertig ſeyn.“ Mit dieſen Worten ging er voran, geſolgt von der Miß Martha, die, durch ihr ſeltſames Schickſal mit Reichthum uͤberhäuft, dennoch fuͤr den Au⸗ genblick keinen weiſeren Rathgeber und keinen aus⸗ gezeichneteren Beſchuͤtzer hatte, als den ehrlichen Ri⸗ chard Moniplies, einen dienſtloſen Lakaien. 47 Drittes Kapitel. * Wir verließen Nigeln, deſſen Schickſale der Hauptgegenſtand unſerer Geſchichtserzaͤhlung ſind, auf der Barke raſch die Themſe hinabgleitend. Er war, wie dem Leſer nicht entgangen ſeyn wird, ver⸗ moͤge ſeiner Stimmung, eben nicht ſehr leutſelig und geſpraͤchig gegen Perſonen mit denen ihn blos der Zufall zuſammen fuͤhrte. In der That war dies ein verkehrtes Benehmen, welches weniger in ſeinem Stolze lag,— wovon wir ihn im uͤbrigen nicht ganz frei ſprechen wollen,— als in einer Art von Scheu gegen die Unterhaltung mit Perſonen, mit denen er keinen genauen Umgang hatte;— ein Fehler, der blos durch Erſahrung und Weltkenntniß zu heben iſt, woraus jeder Kluge und Scharfſichtige bald den wich⸗ tigen Satz lernt, das jedes Individuum, womit uns der Zufall zuſammen bringt, durch ſeine Unterhal⸗ tung Vergnuͤgen, und ſelbſt Belehrung gewaͤhren kann. Wir ſelbſt köͤnnen dem Leſer verſichern, daß, wenn wir jemals im Stande waren, zu ſeiner Unter⸗ haltung beizutragen, dies großentheils der Befolgung dieſer Regel zuzuſchreiben iſt„und daß wir ſelbſt mit den ſtupideſten oder uͤberlaͤſtigſten unter allen Reiſege⸗ fährten auf einer Poſcchaiſe oder Su nie zuſam⸗ 48 mengetroffen ſind, ohne im Laufe dieſes Geſprächs durch ſie zu irgend einer uns willkommenen Idee veranlaßt zu ſeyn. Allein Nigel war, um mit Tho⸗ mas Paine zu reden, in der Baſtille ſeines Ranges und Standes dergeſtalt eingemauert geweſen, daß jene Scheu ihm eigen geworden war, welche nicht ſelten Perſonen von hohem Range belaͤſtigt,— nicht ſowohl aus ariſtokratiſchem Stolze, als aus Unge⸗ wißheit, gegen wen, und in welchem Grade ſie ver⸗ traulich ſeyn duͤrfen. Ueberdies beſchaͤftigte Nigels druͤckende Lage ausſchlieslich ſeine Aufmerkſamkeit. Eingehuͤllt in ſeinen Mantel, ſaß er im Hinter⸗ theil des Boots, nachdenkend uͤber den wahrſcheinli⸗ chen Ausgang der beabſichtigten Audienz bei ſeinem Souverain;— ein Gegenſtand, wozu ihm einige Erkundigungen bei ſeinen Booffuͤhrern vielleicht er⸗ hebliche Beitraͤge häͤtten liefern koͤnnen. Doch Nigel beharrte in ſeinem Schweigen bis die Barke ſich der Stadt Grenwich naͤherte. Jetzt befahl er den Schiffern, am naͤchſten Landungsplatz anzulegen, da er die Abſicht habe, dort auszuſteigen, und ſie weiterer Dienſte zu entlaſſen. „Das iſt nicht thunlich,“ ſagte der Schiffer mit dem gruͤnen Wamſe, der, wie wir ſchon oben er⸗ wähnten, das Steuermannsgeſchaͤft uͤbernommen zu haben ſchien.„Wir muͤſſen,“ fuhr er fort, „euch nach Graveſand bringen, wo ein ſchottiſches 49 Schiff, welches ausdruͤcklich zu dieſem Zweck mit der letten Ebbe ſtromabwaͤrts ſegelte, vor Anker liegt, um euch in euer geliebtes Vaterland zu fuͤhren. Eure Hangmatte iſt ſchon bereit;— und jetzt ſchwatzt ihr davon, zu Greenwich an's Land zu gehen, gleich als ob die Sache uͤberhaupt moͤglich wäre.“ „Ich ſehe nicht ein, wie es euch unmoͤglich ſeyn kann, mich allenthalben, wo ich will, an's Land zu ſetzen; wohl aber ſcheint es mir unmoͤglich, daß ihr mich irgend wohin bringt, wo ich nicht ſeyn will.“ „Wie,“ fragte der Gruͤnwamms, in einem Tone zwiſchen Scherz und Ernſt;„ſind wir es, oder ſeyd ihr es Sir, der unſere Barke lenkt? Mir ſcheint es, daß ſie ihre Richtung dahin nehinen wird, wohin wir ſie rudern.“ „Aber ich denke,“ verſetzte Nigel,„ihr werdet eure Richtung blos nach meinen Beſehlen nehmen; denn ſonſt wuͤrdet ihr auf Bezahlung wenig Ausſicht haben.“ „Nehmt einmal an, Sir, daß wir es darauf wagten,“ erwiederte der unerſchrockene Schiffer; „was wolltet ihr, der ihr,— nichts fuͤr ungut,— ſo großprahleriſch ſprecht, wohl anfangen?“ „Ihr ſah't mich,“ erwiederte Nigel,„vor einer Stunde eine Kiſte, die keiner von euch zu heben ver⸗ mochte, ohne Huͤlfe in's Boot tragen; wenn ihr mir alſo die Beſtimmung unſerer Reiſeroute ſtreitig III. 4 50 *———— macht, ſo ſolltet ihr doch bedenken, daß die naͤmliche Koͤrperkraft, welche jene Kiſte in das Boot werſen konnte, hinreichen wird, euch hinauszuwerfen.“ „Großen Dank fuͤr eure Gute,“ verſetzte der Gruͤnwamms;„jetzt aber erlaubt mir, dagegen zu bemerken, daß mein Kamerad und ich, zwei Perſonen ſind, und daß ihr, wäret ihr auch ein zweiter Her⸗ kules, doch nur ſuͤr eine gelten könnt, und zwei Perſonen immer Eine uͤberwältigen können.“ „Ihr irrt euch,“ antwortete Nigel, dem es warm vor der Stirn ward;„ich bin wie drei gegen zwei zu betrachten; denn ich trage in meinem Guͤrtel die Mittel, uͤber zweier Menſchen Leben zu verfü⸗ gen.“ Bei dieſen Worten ſchlug er ſeinen Mantel aus⸗ einander und zeigte ſeine beiden im Guͤrtel ſeckenden, Piſtolen;— ein Anblick der jedoch den Gtuͤnwamms keineswegs aus der Faſſung zu bringen ſchien. „Auch ich,“ ſagte er,„bin mit zwei guten Sattelpiſtolen, die es mit den eurigen aufnehmen, verſehen,“ und damit bewies er durch den Augen⸗ ſchein die Wahrheit ſeiner Verſicherung;„alſo koͤnnt ihr den Kampf beginnen, ſobald ihr wollt.“ „Nun dann,“ verſetzte Nigel, indem er eine von den ſeinigen herauszog und den Hahn ſpannte, je eher wir beginnen, je beſſer iſt's. Merkt euch wohl, daß ich euch fuͤr einen Spitzbuben halte, da ihr ——— 31 —— erklaͤrt habt, Gewalt gegen mich gebrauchen zu wollen, und daß ich euch auf der Stelle vor den Kopf ſchießen werde, falls ihr mich nicht ſogleich zu Greenwich an's Land ſetzt.“ Der andere Schiffer, beunruhigt durch Nigels drohende Stellung, lehnte ſich auf ſein Ruder, al⸗ lein der Grůnwamms erwiederte kaltblutig:„Seht, Sir, ich wuͤrde fuͤr meine Perſon nicht einen Pfiffer⸗ ling drum geben, ob ihr euch nach Graveſend brin⸗ gen laßt; aber, offen geſprochen, ich bin beauſtragt, euch Gutes, und nicht Boͤſes zu erweiſen. „Wer hat euch dazu beauftragt?“ fragte Nigel; „wer wagt es, ſich ohne meine Zuſtimmung um mich und meine Angelegenheiten zu bekuͤmmern?“ „Was das betrifft,“ antwortete der Gruͤn⸗ wamms in gleichʒuͤltigem Tone,„ſo werde ich euch meine Vollmacht nicht vorzeigen. Uebrigens wieder⸗ hole ich, daß es mir fuͤr meine Perſon ganz einerlei iſt, ob ihr zu Greenwich landet, um euch haͤngen zu laſſen, oder ob ihr nach Graveſend geht, um das, euer dort harrende Schiff„voyal Thistle«« zu be⸗ ſteigen und in euer Geburtsland zu entkommen. In beiden Faͤllen werdet ihr ganz aus meinem Bereich kommen. Doch iſt es allerdings recht und billig, euch zwiſchen dieſen beiden Dingen freie Wahl zu laſſen.“ ———— „Meine Wahl iſi getroffen,“ ſagte Nigel.„Schon dreimal ſagt' ich euch, daß es mein Wille iſt, in Greenwich ans Land zu gehen“ „Schreibt mir nur auf ein Stuͤckchen vne. verſetzte der Schiffer,„daß dies euer ſeſter Wille iſt; ich muß mich bei meinen Vollmachtgebern rechtferti⸗ gen koͤnnen, daß die Hintanſetzung ihrer Befehle le⸗ viglich in euch ſelbſt, und nicht in mir ihren Grund hat.“ „Ich finde es noͤthig, fuͤr jetzt i Piſtol in der Hand zu behalten,“ antwortete Nigel,„und ich will euch die verlangte Beſcheinigung geben, ſobald wir am Lande ſind.“ „Nicht fuͤr hundert Golvſtuͤcke ginge ich mit euch ans Land,“ ſagte der Schiffer.„Stets hat Miß⸗ geſchick euch begleitet, ausgenommen im niedrigen Spiel; ſeyd gerecht gegen mich, und gebt mir das verlangte Zeugniß. Beſorgt ihr etwa, daß ich, waͤh⸗ rend ihr ſchreibt, hinterliſtig gegen euch handle, ſo will ich euch, wenn ihr es verlangt, meine Piſtolen einhaͤndigen.“ Zugleich bot er ſie Nigeln dar, der ſie annahm, und ſo, geſichert gegen jeden Ueberfall⸗ nicht länger Bedenken trug, fur die Schiffer Beſcheinigung niederzuſchreiben: 5 „Dem Fuͤhrer des Kahns Jolly Raven, der 6 „Jack im Gruͤnen“ nennt, nebſt ſeinem Gehuͤlfen. beſcheinige ich hiedurch, vaß ſie ihre Schuldigkeit g * 5 gen mich getreulich erfuͤllt, und mich auf meinen ausdruͤcklichen Befehl zu Greenwich ans Land geſetzt haben, nachdem ſie mir zuvor ihre Bereitwilligkeit und das Verlangen erklaͤrt hatten, mich an Bord des gegenwaͤrtig zu Graveſend vor Anker liegenden Schiffs„royal Thistle“ zu bringen. Nach der Vollendung dieſes Atteſtats, welches er mit den An⸗ fangs⸗Buchſtaben ſeines Namens und Titels N. O. G.(Nigel Olifaunt Glenvarkoch) unterzeichnete, fragte er den Schiffer, welchem er es einhaͤndigte, zum zweitenmale nach dem Namen ſeiner Vollmacht⸗ geber. „Sir,“ erwiederte Jack im Gruͤnen,„ich habe euer Geheimniß i in Chren gehalten; ſrebt nicht, mir das meinige zu entlocken. Es wuͤrde euch keinen Vortheil bringen, zu wiſſen, in weſſen Auftrag ich dies muͤhvolle Geſchäft uͤbernommen habe; kurz, ihr ſollt es nicht wiſſen; und wenn es, wie ihr vorhin erkläͤrtet, unter uns zu Thätlichkeiten kommen ſoll, ſo laßt ſie je eher, je lieber beginnen. Nur dar⸗ auf koͤnnt ihr felſenſeſt bauen, daß wir nichts Uebles gegen euch im Sinne hatten, und daß ihr, wenn euch etwas dergleichen widerfährt, es lediglich eurem eignen Willen zuzuſchreiben habt.“ Bei dieſen Wor⸗ ten erreichten ſie den Landungsplatz, wo Niget au⸗ genblicklich ans Ufer ſprang. Der Schiffer ſetzte ſein weniges Gepaͤck auf die Landungstreppe, mit der Be⸗ 54 — merkung, daß dort eine Menge muͤſſiger Haͤnde be⸗ reit waͤren, es hinzuſchaffen, wo er wolle. „Hoffentlich, lieben Leute, trennen wir uns als Freunde,“ ſagte Nigel, indem er ihnen ein Goldſtuͤck darbot, welches mehr als den doppelten Betrag des fuͤr dieſe Fahrt gewoͤhnlichen Schiffer⸗ lohns ausmachte. „Wir trennen uns, wie wir uns trafen,“ er⸗ wiederte Jock;„und was euer Geld anlangt, ſo bin ich durch dies Papierchen hinreichend bezahlt. Wenn ihr mir jedoch einigen Dank dafuͤr ſchuldig zu ſeyn glaubt, daß ich euch in eure jetzige Lage verſetzt habe, ſo beweiſet ihn dadurch, daß ihr die Taſchen des näch⸗ ſten Ladenburſchen, der thoͤrigt genug iſt, den Cava⸗ lier mit euch zu ſpielen, nicht zu rein ausſegt. Und du, gieriger Menſch,“ ſagte er zu ſeinem Gefähr⸗ ten,„der das von Nigeln immer noch dargebotene Goldſtuͤck mit verlangenden Augen betrachtete,„mach, daß du vom Lande ſtoͤßt, ſonſt geb' ich dir eins uͤber deinen ſchelmiſchen Hirnkaſten.“ Der Schiffer chat, wie ihm geboten ward, doch konnte er ſich nicht ent⸗ halten, in den Bart zu brummen:„das war durch⸗ aus keine Schiffermanier.“ Jetzt hatte Nigel ihn endlich erreicht,— „Den geheiligten Boden, der einſt das Leben Eliſen,— Albions großer Fürſtin, zum Heil ihres Volks gegeben;“— 55 Einen Boden auf dem damals minder ruhmpoll ihr Thronfolger hauſete, nicht als ob es Jacob an Talenten oder an guten Abſichten gemangelt hätte; denn im Gegentheil war Eliſabeths Regierungs⸗ praxis wenigſtens eben ſo willkuͤhrlich, als die Theo⸗ rie ihres Nachfolgers. Allein während Cliſabeth einen Grad von maͤnnlicher Strenge und Entſchloſ⸗ ſenheit beſaß, der ſelbſt ihre Schwaͤchen, von denen einige an ſich ſelbſt in hohem Grade laͤcherlich waren, gewiſſermaßen achtungswerth machte, fehlte es auf der andern Seite dem Konig Jacob an Entſchloſſen⸗ heit und Feſtigkeit, ſo daß ſelbſt ſeine Tugenden und ſeine guten Abſichten durch ſein grillenhaftes, ſchwan⸗ kendes Benehmen lächerlich wurden; und daß ſeine klugſten Aeußerungen und ſeine beſten Handlungen nicht ſelten einem Anſtrich des Laͤcherlichen, welches in ſeinem ganzen Charakter lag, an ſich trugen. Ob⸗ gleich es ihm daher in verſchiedenen Perioden ſeiner Regierung gelungen war, bei ſeinem Volke einen ge⸗ wiſſen Grad von Popularität zu erlangen, ſo uͤber⸗ lebte ſie nie lange die Gelegenheit, wodurch ſie her⸗ vorgebracht war. So wahr iſt es, daß der große Haufe einen wirklich ſrafbaren Monarchen nicht ſel⸗ ten hoͤher achtet, als einen ſolchen, der durch ſeine Schwaͤchen laͤcherlich gemacht worden iſt. Doch um von dieſer Digreſſion einzulenken, ſo fand Nigel, wie der Gruͤnwamms ihm vetſichert 56 ——— hatte, zwar bald Jemanden bereit, ſein Gepaͤck zu tragen wohin er wollte; allein eben das Wohin war eine Frage, deren Beantwortung ihn fuͤr einen Augenblick zweifelhaft ließ. Endvlich erinnerte er ſich der Nothwendigkeit, Haupthaar und Bart gehoͤrig ordnen zu laſſen, bevor er verſuchte, beim Konig Zutritt zu erhalten; und da er zu gleicher Zeit ei⸗ nige Kunde uͤber das Regen und Treiben des Hofes zu erlangen wuͤnſchte, ſo ließ er ſich in die naͤchſte Barbierſtube geleiten;— ein Vereinigungspunkt, wo, wie wir oben bemerkt haben, in den damaligen Zeiten Neuigkeiten jeder Art, wie in einem Brenn⸗ punkt zuſammen trafen. Bald fand er, daß der Stapelplatz der Neuigkeiten, zu dem man ihn gelei⸗ tet hatte, ihm, waͤhrend er ſein Haupt der Kunſt des gewandten Haarſcheerers darbot, deſſen gelaͤufige Zun⸗ ge mit der Gewandtheit ſeiner Finger gleichen Schritt hielt, alle Kunde gab, und mehr noch verſprach, als er verlangte. Hier ein Pröbchen ſeines deſultoriſchen Vortrages: Ja das kann ich euch verſichern, Sir, der jetzige Aufenthalt des Hofes in dieſer Stadt bringt den hieſigen Gewerben großen Vortheil und erhöht ſehr die Einnahme der Zoͤlle. Se. „ kajeſtät hält viel auf Greenwich,— jagt jeden Morgen im Park, erlaubt allen anſtoͤndigen, hoffahigen Perſonen den Zutritt; doch darf kein gemeines Volk ihm nahen; damit des Koͤnigs Pferd durch den lauten Zuruf der 37 ungekaͤmmten Sclaven nicht Scheu werde.— Ja Sir, der Bart muß ſpitziger geſtutzt ſeyn; ſo iſt die neuſte Mode.— Ich bediene mehrere Herren vom Hofe, einen Kammerdiener, zwei Leibpagen, den Hof⸗ kuͤchenſchreiber, drei Lakaien, zwei Hundejungen und einen ehrenwerthen ſchottiſchen Ritter, Sir Munko Malgrowler.“ „Malagrowther, wird vermuthlich ſein Name ſeyn,“ ſiel Nigel ein, dem es mit Muͤhe gelang, ſeine Conjectur dem Vortrage des Barbiers einzu⸗ ſchalten. „Ja Sir, heißt er,— verzweiſelt ſchwer ſind die ſchottiſchen Namen einem engliſchen Munde auszuſprechen.— Sir Mungo, vielleicht kennt ihr ihn, Sir, iſt ein huͤbſcher Mann, abge⸗ rechnet den Verluſt ſeiner Finger, ſein lahmes Bein und ſein langes Kinn. Ich ſchwoͤre euch, Sir, es nimmt mir eine Minute und zwolſ Sekunden mehr Zeit hin, ſein Kinn zuzuſtutzen, als irgend ein mir bekanntes Kinn in ganz Greenwich; aber er iſt bei dem Allen ein ſehr artiger, unterhaltender Herr 5— leider iſt er ſo taub, datz er nie etwas Gutes von Je⸗ mandem hören, und ſo weiſe, daß er es niemals glauben will; bei dem Allen iſt er aber ein ſehr gut⸗ muͤthiger ausgenommen, wenn man zu leiſe ſpricht, oder wenn bei dem Barbieren ein Haar aus⸗ ſpringt.— Habe ich euch geritzt Sir? Wartet nur, 58 —— wir wollen das Ding gleich wieder in Ordnung brin⸗ gen; ein einziger Tropfen meines blutſtillenden Mit⸗ tels wird hinreichen.— Doch vielmehr gebuͤhrt mei⸗ ner Frau die Ehre davon; denn ſie verfertigt es ſelbſt. Ein einziger Tropfen dieſes Stypticums auf einem Stuͤckchen ſchwarzen Tafft, nicht groͤßer als um ei⸗ nem Floh zum Sattel zu dienen.— Ja Sir, es iſt ein wahres Verſchoͤnerungsmittel. Vor einigen Tagen hatten der Prinz von Wales und der Herzog von Buckingham ein jeder ein ſolches Diminutiv⸗ Pflaͤſterchen und ihr könnt es mir glauben Sir, ſie ſind ſo ſehr unter den Hofleuten Mode, daß zu die⸗ ſem Gebrauch, blos fuͤr Hofleute, trotz ihrer Klein⸗ heit, uͤber zwei Ellen Tafft verſchnitten ſind.“ „Aber Sir Munge Malagrowther?“ 4 Nigel mit Muͤhe ein. „Ja ja, Sir, Sir Mungo, wie ihr ihn nen⸗ net; wie geſagt ein angenehmer, gutmuͤthiger Gent⸗ leman,— ſehr leutſelig gegen Jedermaun, das heißt in ſo weit es ſeine Schwaͤchlichkeit verſtattet. Er wird eben jetzt bei meinem Nachbar Ned Kilderkin ſein Rooſibeef zu ſich nehmen, wenn ihn nicht Je⸗ mand zum Fruͤhſtuͤck geladen hal. Ned hält ein Speiſehaus, welches ſehr beruͤhmt iſt wegen ſeiner Schweinscarbonade; aber Sir Mungo kann kein Schweinefleiſch vertragen, eben ſo wenig als Se. Majeſtaͤt der Koͤnig und der Herzog von Lennor und Lord Dalgarno;— nun Sir, wenn ich euch in die⸗ ſem Augenblick ritzte, iſt die Schuld euer, und nicht die Meinige.— Aber ein Troͤpfchen von dem Styp⸗ ticum, und ein zweites Pfläſterchen, gerade unter dem linken Stutzbart, ſo groß, daß man ein Wamms fuͤr einen Floh daraus machen koͤnnte, wird euch treff⸗ lich ſtehen wenn ihr locht, eben ſo ſchoͤn, als ein Gruͤb⸗ chen; und wenn ihr eure Schoͤne gruͤßt,— doch ich bitte um Verzeihung, ihr ſeyd ein ſehr ernſter Gent⸗ leman, ſehr ernſt fuͤr ſo junge Jahre.— Ich hoffe, ihr habt mir nichts uͤbel genommen; es iſt meine Schuldigkeit, meine Kunden zu unterhalten,— meine angenehme Pflicht, Sir. Ja Sir, das darf ich behaupten, daß Sir Mungo Malagrowther jetzt in Ned's Speiſehauſe iſt; denn ſeit Lord Huntinglen nach London gegangen iſt, wird er wenig ausgebe⸗ ten. Aber Sir, nehmt euch in Acht, daß ich euch nicht noch einmal ritze;— ja Sir, dort werdet ihr ihn ſinden bei ſeiner Kanne einfachen Bieres, umge⸗ ruͤhrt mit einem Rosmarinzweige, denn nie trinkt er ſtarke Getraͤnke, Sir, ausgenommen wenn es aus Gefälligkeit für Lord Huntinglen oder ſonſt Je⸗ mand der ihn zum Fruͤhſtuͤck ladet, geſchieht;— nehmt euch in acht, Sir, daß ihr nicht geſchnitten werdet,— aber in Ned's Hauſe trinkt er allemal Duͤnnbier mit Rooſtbeef oder geroͤſtetes Hammel⸗ oder Lammfleiſch; aber kein Schweinefleiſch, obgleich Ned, wie ich ſagte, wegen ſeiner Schweinscarbonade beruͤhmt iſt; aber die Schotten eſſen nie Schweine⸗ ſleiſch; ſonderbar! Drum glauben auch Manche, daß ſie eine Art von Juden ſind. Aber damit haben ſie nicht die mindeſte Aehnlichkeit; glaubt ihr nicht auch ſo, Sir? Sie nennen unſern allergnaͤdigſten Souverain den zweiten Salomo, und Salomo war, wie ihr wißt, Koͤnig der Juden; dadurch bekommt die Sache einen Anſtrich. Jetzt denke ich, Sir, wer⸗ det ihr euch zu eurer Zufriedenheit aufgeſtutzt finden, laßt einmal die Dame eures Herzens daruͤber urthei⸗ len. Verzeiht mir, nichts fuͤr ungut. Seyd ſo gů⸗ tig, euch im Spiegel zu betrachten; wartet, dies ein⸗ zelne Haͤrchen dort muß ich noch abſtutzen.—— Meinen verbindlichſten Dank fuͤr eure Freigebigkeit, Sir; ich hoſſe, ihr werdet meine Kunde bleiben, ſo lange ihr in Greenwich weilet. Ich moͤchte euch gern etwas auf der Zither ſpielen, um euch in gute Laune zu verſetzen; aber,(hier that er einen Griff in die Saiten) das Inſtrument iſt etwas verſtimmt; zu viele Haͤnde beruͤhren es.— Erlaubt mir, Sir, euch euren Mantel umzuhaͤngen.— Wellt ihr viel⸗ leicht ſelbſt etwas ſpielen, Sir? oder ſoll ich euch nach Sir Mungos Speiſehaus fuͤhren? Wohl zu verſtehen, Sir, es iſt Ned's Speiſehaus, nicht Sir Mungos, der ißt blos dort und macht es dadurch in gewiſſem Sinne zu ſeinem Speiſehnuſe. Dort ————— —— 6¹ ſeht ihr es, etwas abwaͤrts vom Wege,— weiß ge⸗ tuncht und mit einem rothem Stakett. Seht ihr dort den wohlbeleibten Mann im Wamſe in der Hausthuͤr ſtehen, es iſt Ned Kilderkin ſelbſt, ein Mann der ſeine tauſend Pfund im Vermögen hat, wie man ſagt; man kommt weiter damit, Schweinskopfe zu ſengen, als Hoflingsköpfe zu ſtutzen; aber unſer Beruf iſt we⸗ niger mechaniſch. Lebt wohl, Sir; ich hoffe euch ferner zu bedienen.“ Mit dieſen Worten verſtattete er endlich Nigeln, von dannen zu gehen; in deſſen Ohren, ſo lange gepeinigt durch das unaufhoͤrliche Geſchwätz, des Bartkuͤnſtlers, es nachtoͤnte, als wäre in ihrer Naͤhe eine Glocke geläutet. Von dieſer Empfindung befreite ihn ſeine An⸗ kunft im Speiſehauſe, wo er mit Sir Mungo Ma⸗ lagrowther zuſammenzutreffen wuͤnſchte, der ihm, wie er hoffte, in Ermangelung beſſern Rathes uͤber die beſte Art und Weiſe, beim Koͤnige Zutritt zu er⸗ halten, einige Kunde geben ſollte. Er fand an dem Wirth, an den er ſich wandte, die folgerechte Schweig⸗ ſamkeit eines Englaͤnders, ganz geeignet, in der Welt fortzukommen. Ned Kilderkin ſprach, wie ein Bankier ſchreibt,— nur das Allernothigſte. Befragt, ob Sir Mungo Malagrowther dort ſey, erwiederte er: Nein. Befragt, ob er erwartet werde? antwor⸗ tete er: Ja. Auf die ſernere Frage, wann man ihn erwarte, hieß es: Eben jetzt. Auf Nigels Erkun⸗ digung, ob er ein Fruhſtuͤck haben koͤnne, verſchwen⸗ dete der Wirth keine Sylbe in Antwort; ſondern nachdem er ihn in ein huͤbſches Zimmer gefuͤhrt hatte, wo mehrere Tiſche bereit ſtanden, ſtellte er einen der⸗ ſelben vor einen Armſeſſel, winkte Nigeln, in dem⸗ ſelben Platz zu nehmen und ſetzte ihm nach einigen Minuten ein kraͤftiges Fruͤhſtuͤck vor, beſtehend aus Rooſt⸗Beef nebſt einem Deckelkruge voll heißen Bie⸗ res, ein Imbiß, welchem er vermoͤge der zehrenden Luft, die er auf ſeiner Flußſchifffahrt eingeathmet hatte, ungeachtet ſeiner Gemuͤthsunruhe alle Ehre machte. Waͤhrend Nigel ſein Fruͤhſtuͤck verzehrte, dabei aber, ſo oft die Stubenthuͤr ſich offnete, das Haupt erhob, um Sir Mungo's Ankunft zu erſpaͤhen,— ein Ereignis, welches ſelten mit ſo großem Verlan⸗ gen erſehnt war,— trat ein Mann herein, deſſen Aeußeres eine mindeſtens eben ſo wichtige Perſon verkuͤndete, als den Ritter, und begann ein ernſtes Geſpräch mit dem Gaſtwirth, der fuͤr angemeſſen hielt, waͤhrend deſſelben ſein Haupt zu entbloͤßen. Dieſes wichtigen Mannes Beruf ließ ſich aus ſeinem Anzuge errathen, beſtehend aus einem milchweißen Wamſe und Beinkleidern von weißem Kirſey, einer weißen, mit einer Art von Guͤrtel um den Leib be⸗ feſtigten Schuͤrze, worin anſtatt des Dolches ein ge⸗ wohnliches langes Meſſer mit hoͤrnenem Griff, ſteckte,— 63 — einer weißen Nachtmuͤtze, unter welcher das zierlich geordnete Haar zu ſehen war; ſo daß das Ganze ei⸗ nen jener Prieſter des Comus in ihm erkennen ließ, welche der gemeine Haufe„Köche“ nennt;— eine Muthmaßung, beſtätigt durch die Miene, womit er dem Gaſtwirth zuͤrnend vorhielt, die Lieferung ge⸗ wiſſer Vorräthe in den königlichen Pallaſt verab⸗ ſäumt zu haben. „Das kann nicht laͤnger fortgehen, Meiſter Kil⸗ derkin,“ ſprach der Mann mit dem weißen Wams; „der Koͤnig fragte zweimal nach Kälberbrößchen und fricaſſirten Hahnenkaͤmmen,— bekanntlich ſeiner geheiligten Majeſtaͤt Lieblingsgerichte,— und ſie waren nicht zu haben, weil Meiſter Kilderkin ſie nicht pflichtmaͤßig gelieſert hatte.“ Hier brachte Kilderkin einige nach ſeiner Weiſe nur kurze Entſchuldigungen vor, die in einem demuͤthigen Tone geſprochen wur⸗ den, wie er denen eigen zu ſeyn pflegt, die ſich in der Klemme befinden. Entſchuldigt euch nicht etwa da⸗ mit, daß der Kärner von Notfolk mit dem Gefluͤgel ausgeblieben ſey; ein loyaler Mann wuͤrde einen Eilboten dahin geſchickt haben, oder noͤthigenfalls ſelbſt dahin gelaufen ſeyn. Denkt nur, wenn der Koͤnig ſeinen Appetit nicht hůtte ſtillen können! Oder wenn Se. geheiligte Majeſtät gar das gewohnte Mit⸗ tagsmahl daruͤber eingebuͤßt haͤtte! O, Meiſter Kil⸗ derkin, wenn ihr doch nur das mindeſte Gefuͤhl fuͤr 64 —— die Wuͤrde unſeres Berufs haͤttet, wovon der ſinn⸗ reiche afrikaniſche Sclave, wie der Koͤnig den Publius Terentius nennt,— geſagt hat:„Panquam in speculo— in patinas inspicere ju- beo!“ „Ihr ſeyd ein gelehrter Mann, Herr Linklater,“ erwiederte der engliſche Gaſtwirth, indem er mit Muͤhe ſeinen Mund zur Hervorbringung dieſer weni⸗ gen Worke zu zwingen ſchien. „Ich bin nur ein Halbgelehrter,“ verſetzte Herr Linklater;„aber wir, Sr. Majeſtaät Landsleute, muͤßten uns ſchämen, wenn wir uns nicht diejenigen Wiſſenſchaften, in die er ſo vollkommen eingeweihet ——— iſt, einigermaßen zu eigen gemacht hätten: Regis ad exemplar totus componitur or⸗ bis, das heißt ohngefaͤhr ſo viel als das Sprich⸗ wort: wie der Herr, ſo der Knecht.— Kurz, Meiſter Kilderkin, da ich das Gluͤck gehabt habe, in einem Lande erzogen zu ſeyn, wo man die Humaniora das Maß zu ſechs Pence engliſcher Waͤhrung haben kann, ſo habe ich gleich Andern gelernt“— hier unterbrach raͤuſpernd der Redner, indem ſein Blick auf Nigeln fiel, ploͤtzlich ſeinen gelehrten Vortrag mit ſolchen Symptomen der Verlegenheit, daß der Wirth ſeine Schweigſamkeit in dem Grade bei Seite ſetzte, den Gaſt nicht nur zu fragen, was ihm ſehle, ſondern 65 —— ſich auch zu erkundigen, ob er— mit irgend etwas dienen koͤnne? „Mir fehlt nichts,“ aiene der Nebenbuh⸗ ler des philoſophiſchen Syrus.— Nichts, als daß ich etwas Schwindel fuͤhle; gebt mir ein Glas von eurem aqua mirabilis.“ „Ich will es holen,“ erwiederte der Wirt kopf⸗ nickend. Kaum hatte er den Ruͤcken gewandt, als der Hofkoch, ſich Nigels Tiſche nahend, ihn mit be⸗ deutungsvollem Blicke ſo anredete:„Ihr ſeyd ein Fremdling in Greenwich, Sir. Ich rathe euch, die Gelegenheit wahr zu nehmen, jetzt in den Park zu gehen; das weſtliche Pfoͤrtchen ſtand halb offen, als ich hieher kam; ich glaube aber, es wird bald geſchloſ⸗ ſen werden. Wenn ihr alſo den Park zu ſehen wuͤnſcht, ſo muͤßt ihr eilen. Die Zeit der hohen Jagd beginnt eben jetzt, und es iſt ein wahres Ver⸗ gnuͤgen, die ſtarken Hirſche zu ſehen; ich denke immer bei ihrem Anblick an die Freude, die es mir machen wird, ihre fetten Keulen am Spieß zu braten, und aus dem Bruſiſtuck eine wohhzepſeſerte Paſtete zu be⸗ reiten.“ Als bei dieſen Worten der Wirth mit der Herz⸗ ſtaͤrkung hereintrat, zog ſich der Hoſtoch, ohne auf eine Antwort zu warten, mit dem vorigen bedeu⸗ tungsvollen Blicke von Nigeln zuruͤck. Nichts er⸗ hoͤht ſo ſehr den Scharfſinn und die Entſchloſſenheit, 11I. 5 66 — als perſönliche Gefahr. Nigel ergriff die erſte Gele⸗ genheit, welche des Wirths Aufmerkſamkeiten fuͤr den königlichen Kuͤchenbeamten verſtatteten, ſeine Rech⸗ nung zu bezahlen und ſich den Weg zum obbeſagten Hinterpfortchen des Parks zeigen zu laſſen. Er fand es wirklich unverſchloſſen und gewahrte einen engen Füßpfad, der durch ein Dickigt fuͤhrte, beſtimmt zum Schutz fuͤr die Hindinnen und Rehkaͤlber. Hier glaubte er am zweckmäßigſten verweilen zu können: kaum hatte er fuͤnf Minuten dort geſtanden/ als der Hofkoch, erhitzt, als käme er von dem coloſſalen ko⸗ niglichen Feuerheerde, durch das Hinterpfoͤrtchen in den Park trat und es mit ſeinem Hauptſchluͤſſel ſchnell hinter ſich zuſchloß. Bevor Nigel Zeit hatte, uͤber dieſe Handlung nachzudenken, nahte ihm der Ein⸗ tretende.„Großer Gott, Mylord Glenvarloch,“ redete er ihn an,„warum wollt ihr euch ſo in Ge⸗ ſahr ſetzen? 2* „Ihr kennt mich alſo, mein Freund?“ fragte Nigel. „Nicht ſowohl euch, Mylord, als euer edles Geſchlecht. Mein Name iſt Lorenz Linklater. „Linklater,“ wiederholte Nigel.„Ich glaube mich zu erinnern“— „Ich war,“ ſuhr jener fort,„Lehrburſche bei dem alten Mungo Moniplies, Fleiſcher am Weſt⸗ — Thore in Edinburg, welches ich vor meinem Ende noch einmal wiederzuſehen wuͤnſchte. Seitdem Ew. Lordſchaft edler Vater Mungo's Sohn, Richard Moni⸗ plies zu eurer Bedienung ins Haus genommen hatte, war, wie ihr ſeht, eine Art von Verbindung zwi⸗ ſchen uns geknuͤpft.“ „Ach, jetzt entſinne ich mich,“ erwiederte Ni⸗ gel;—„ich habe zwar euren Namen, nicht aber die guten Abſichten vergeſſen, die ihr in Hinſicht mei⸗ ner hattet. Ihr verſuchtet, Richarden die Mittel zu verſchaffen, dem Koͤnige eine Bittſchrift zu uͤberrei⸗ chen.“ „Sehr wahr, Mylord,“ erwiederte der koͤni⸗ gliche Koch.„Es fehlte nicht viel, ſo waͤre ich durch dieſe Sache ſelbſt mit in große Ungelegenheit gekom⸗ men; denn Richard, der jederzeit eigenſinnig war, wollte ſich nicht von mir rathen laſſen. Aber keiner unter meinen engliſchen Mitkoͤchen weiß den gehei⸗ ligten Gaumen Sr. Majeſtät mit unſern guten ſchot⸗ tiſchen Gerichten dergeſtalt zu kitzeln, als ich. So begab ich mich ans Werk, und bereitete nach ſchot⸗ tiſcher Weiſe eine Mahlzeit, beſtehend aus einer ſo genannten Moͤnchsſuppe von jungen Huͤhnern, und einem wohlſchmeckenden Gerichte von gehacktem Flei⸗ ſche, welches die ganze Kabale meiner Mictkoͤche zu Schanden machte, ſo daß ich ſtatt in Ungnade zu fallen, vorgezogen ward. Ich bin nämlich jetzt einer 5* 68 von den Kůchenſchreibern und zugleich Gehuͤlſe des Proviantmeiſters, dem ich kunftig in ſeinem Amte zu ſolgen hoffen darf.“ „Ich freue mich vom Herzen, daß ihr um mei⸗ netwillen keine Ungelegenheit gehabt habt, und vor allen Dingen, daß ihr nicht in eurem Forkommen zuruͤckgeſetzt ſeyd.“ „Ihr habt ein gutes Herz, Mylord, und ver⸗ geßt des Geringen nicht. Ich bin Ew. Lordſchaſt auf der Straße gefolgt, um den Anblick eines ſo ſtattli⸗ chen Sprößlings einer alten Eiche noch laͤnger zu ge⸗ nießen; es that mir vom Herzen weh, euch in ſo gro⸗ ßer Gefahr zu wiſſen, waͤhrend ich euch ſo offen und frei in Ned's Speiſehauſe ſitzen ſah. Ja es iſt nur zů wahr, Mylord, daß es Leute giebt, die euch, ſo ſehr ſie nur koͤnnen, anzuſchwärzen ſuchen; 5 Gott vergebe denen, die ein ſo achtungswerthes Seſclecht zu Grunde richten wollen.“ „Amen!“ ſagte Nigel. „Denn wenn auch Ew. Lordſchaft ein bischen wild geweſen iſt, wie andere junge Herren“— „Wir haben jetzt nicht Zeit, davon zu reden, mein Freund,“ ſiel Nigel ein;„jetzt iſt die Frage, wie ich es anfange, mit dem Koͤnig zu ſprechen./ „Mit dem Koͤnige, Mylord?“ fragte Lintlater verwundert;„heißt das nicht, ſich Ge⸗ 69 fahr ſtuͤrzen und ſich, wenn ich ſo ſagen mag, mit ſeinem eignen Kochloͤffel verbrennen?“ „Freund, meine Erfahrungen uͤber den Hof und die genaue Kunde der Umſtaͤnde, in denen ich mich befinde, lehrt mich, daß der geradeſte und maͤnnlichſte Weg in meinem Falle der ſicherſte iſt. Des Koͤnigs Verſtand weiß zu erkennen, was recht iſt und ſein Herz treibt ihn zur Milde.“ „Sehr wahr, Mylord, davon ſind wir, ſeine treuen Diener vollkommen uͤberzeugt,“ fuͤgte Linkla⸗ ter hinzu;„aber ach! wuͤßtet ihr doch nur, wie Viele, Tag und Nacht drauf ſinnen, Kopf und Herz bei ihm in Widerſpruch zu bringen und ihn zur Haͤrte zu ver⸗ leiten, weil man ſie Gerechtigkeit nennt, ſo wie zu Un⸗ gerechtigkeiten, die man ihm als Gnade darſtellt! Lei⸗ der geht es mit Sr. geheiligten Majeſtaͤt und den Guͤnſt⸗ lingen, welche Einfluß auf ihn haben, ſo wie unſer vaterlaͤndiſches Sprichwort ſagt, womit man meines Berufs zu ſpotten pflegt: Gott ſchickt gute Nahrungs⸗ mittel, aber der Teuſel ſchickt die Koche.“ „Es iſt von keinem Nutzen mein guter Freund, daß ihr hieruͤber ſchwatzet; ich muß der Gefahr trot⸗ zen; die Ehre gebietet es mir, moͤgen ſie mich ver⸗ ſtuͤmmeln oder zum Bettler machen; wenigſtens ſol⸗ len ſie nicht ſagen, daß ich vor meinen Anklagern ge⸗ ſlohen bin; meine Pairs ſollen meine Rechtſertigung hoͤren.“ 2 „Eure Pairs?— ach, Mylord wir ſind nicht in Schottland, wo der Adlige ſeine Sache, ſelbſt mitunter gegen den Koönig, tapfer ausfechten kann. Dieſe Mahlzeit wird in der Sternkammer) das heißt in einem ſiebenfach geheizten Ofen bereitet werden. Und dennoch, wenn ihr entſchloſſen ſeyd, den Koͤnig zu ſehen, ſo halt' ich's nicht fuͤr unmoglich, daß ihr ſeine Gunſt einigermaßen wieder erlangt; denn er hat eine Vorliebe füͤr Alles, woruͤber man ſich un⸗ mittelbar auf ſeine eigene Weisheit beruft, und manch⸗ mal habe ich in ſolchen Follen wahrgenommen, daß er ſteif und feſt bei ſeiner Meinung beharrt, die im⸗ mer richtig iſt. Nur erlaubt mir zu bemerken, Mylord, daß ihr euren Vortrag ſtark mit Latein ſpicken muͤßt. Ein Körnchen griechiſch kann auch nicht ſchaden, und koͤnnt ihr etwas uͤber Salomons Urtheil in der hebraiſchen Urſprache einmiſchen und es mit einem ſcherzhaften Einfall wuͤrzen, ſo wird das Gericht um ſo mehr munden. In der That, ich glaube, daß ich außer der Geſchicklichkeit in meiner Kunſt vie⸗ les den Schlaͤgen des Schulrectors der mir einpraͤgte“— „Laßt das jetzt bei Seite, Freund,“ fiel ne ein,„und ſagt mir, wenn ihr könnt, wie ich den Koͤnig am leichteſten ſehen und ſprechen kann?“ „Ihn zu ſehen iſt leicht genug,“ entgegnete Lin⸗ klater;„er galloppirt in jenen Baumgaͤngen dort umher, um Hirſche ſchießen zu ſehen und ſich ein gu⸗ tes Schlaͤſchen fuͤr den Nachmittag zu bereiten;— doch dies erinnert mich daran, daß ich jetzt in der Küche ſeyn ſollte. Den Koͤnig zu ſprechen, wird euch nicht leicht gelingen, wenn ihr ihn nicht allein trefft, welches ſelten der Fall ſeyn kann, oder, wenn ihr nicht unter dem Hauſen, der zuſammenläuſt, um ihn vom Pferde ſteigen zu ſehen, ſeiner harrt; und jetzt lebt wohl, Mylord! Gott ſey bei euch, koͤnnt ich mehr fuͤr euch thun, ich würd' es euch willig an⸗ bieten.“ 6 „Schon durch das, was ihr that, habt ihr euch vielleicht in Gefahr geſetzt,“ erwiederte Nigel;„geht⸗ ich bitte euch, und uͤberlaßt mich meinem Schick⸗ ſole“ uzdg tinh Der ehrliche Koch zauderte noch; aber ein nahender Hoͤrnerklang verkuͤndete ihm, daß keine Zeit zu verlieren ſey; doch vor ſeiner Entfernung ver⸗ ſprach er Nigeln, die Hinterpforte des Parks unver⸗ ſchloſſen zu laſſen, damit ihm ſolche zum ſichern Ruͤck⸗ zug dienen koͤnne. In dem freundſchaftlichen Benehmen dieſes ſei⸗ nes beſcheivnen Landsmannes, welches zum Theil aus Nationalvorliebe, theils aus Gefuͤhlen der Dank⸗ barkeit fuͤr lange zuvor genoſſene Wohlthaten ent⸗ ſprang, glaubte Nigel die letzten Spuren der Theil⸗ nahme zu ſehen, die ihm in dieſen kalten, hoͤfiſchen 72 Regionen zu Theil werden ſollten, und fuͤhlte, daß er jetzt ſich ſelbſt genuͤgen, oder gaͤnzlichen Ueim gewaͤrtigen muͤſſe. „Mehrere Baumgaͤnge durchſtreiſte er, geleitet vom Jagdgetoͤn und traf verſchiedene Unterbediente von des Koͤnigs Jagdgefolge, die ihn blos als einen der Zuſchauer betrachteten, denen man zu Zeiten mit Vorwiſſen der Hofbeamten den Eintritt in den Park verſtattete. Doch immer ließ ſich weder Jacob, noch irgend einer ſeiner erſten Hoſcavaliere blicken, und ſchon beſann ſich Nigel, ob er, auf die Gefahr, ſich, wie fruͤherhin Richard Moniplies, einer oͤffentlichen Beſchimpfung auszuſetzen, am Thore des Pallaſtes der Ruͤcktehr des Koͤnigs harren ſolle, um ihn anzu⸗ reden, als Fortuna ihm die Selexeei Sin uner⸗ wartet darbot. In einer von jenem langen, den park durch⸗ ſchneidenden Alleen hoͤrte er ein fernes Raſcheln, dann die ſchnelle Annaherung von Huſſchlaͤgen, welche ſelbſt den feſten Boden, auf dem er ſtand, erſchuͤtter⸗ ten und endlich ein fernes Halloh, welches ihn mahnte, zur Seite zu treten um den Jagdzuge nicht hinderlich zu ſeyn. Der Hirſch, ſchon ſchwankend in ſeinem Lauf, mit Schaum bedeckt und geſchwaͤrzt vom Schweiße, mit geſpreizten Naſenloͤchern nach Luft ſchnappend, ſtrengte alle ſeine Kraͤſte an, um den Jägern zu entkommen; allein an dem Orte, wo Ni⸗ 73 glel ſtand, packten ihn zwei große Jagdhunde von der noch immer in den ſchottiſchen Hochlanden von den ruͤſtigſen Waidmännern gebrauchten Gattung, die jedoch in England lange Zeit unbekannt geweſen iſt. Der eine Hund ſaßte ihn in die Kehle, der andre ſchlug ſeine ſcharfen Fuͤnge faſt bis in die Eingeweide des Thiers. Sehr natuͤrlich wäre es geweſen, wenn Nigel, ſelbſt verfolgt gleich einem gejagten Reh, bei dieſer Gelegenheit gdacht haͤtte, wie der ſchwer⸗ můthige Jaques/ allein Gewohnheit iſt ein ſeltſames Ding, und ich fürchte, daß die in ihm erweckten Ge⸗ fuͤhle vielmehr die des geuͤbten Waidmannes, als die des Moraliſten waren. Uebrigens hatte er keine Zeit, ihnen nachzuhaͤngen, denn— was geſchah! Ein einzelner Reiter folgte der Jagd auf einem ſo trefflich dreſſirten Roß, daß es der Beruͤhrung des Zuͤgels ſo gehorſam war, als waͤre ſie ein mechani⸗ ſcher Antrieb, wirkend auf den empfaͤnglichſten Theil des Maſchinenweſens; ſo daß der Reiter, ſeſt ſitzend in ſeinem hochgepauſchten/ kurzen Sattel, der jedes Herabfallen faſt unmoͤglich machte, unbeſorgt die Schnelligkeit ſeines Ritts ſteigern oder mindern konnte. Der Reiter erreichte jedoch faſt nie völlig den Galopp⸗ ſondern das Pferd blieb genau in den Grenzen des ihm ſchulmäßig angewohnten Ganges. Die Vorſicht⸗ womit der Reiter und ſelbſ ſein Gefolge die Parfocejagd vieſen/ ſelbſ im gewoͤhnlichem Wege gefahrvodlen Theil des edlen Waidwerks trieb, herkändigte den König Jacob. Niemand von ſeinem Gefolge war zu ſehen; denn oft blieben ſeine Begleiter abſichtlich zuruͤck, um dem Souverain dadurch zu ſchmeicheln, daß ſie ihn glauben ließen, er ſey ſeinem Jagdgefolge voraus⸗ — daß es hn W habe e „Brav Bash— Battie!“ rief er den ſ& den Doggen zu, als er den Schauplatz ihres Sie⸗ ges erreichte.„Auf Koͤnigsehre, ihr ſeyd der Stolz der Bracken von Balwhither!— haltet mein Pferd, Mann,“ rief er dem naheſtehenden Nigel zu, ohne ihn genau genug anzuſehen, um ihn erkennen zu koͤn⸗ nen, haltet mein Pferd und helſt mir aus dem Sattel; ei ſo hole euch der Henker, koͤnnt ihr euch nicht ſputen, daß ich herabkoimme bevor dieſe faulen Menſchen nachkommen?— ſaßt den Zuͤgel locker, daß es ruhig bleibt, haltet mir den Steigbugel; ſo recht lieber Mann; ſo, nun haben wir ſeſten Bo⸗ den.“ Mit dieſen Worten zog Konig Jacob ohne einen nähern Blick auf den huͤlfreichen Fremdling zu werfen, ſeinen kurzen, ſcharfen Hirſchfänger,— die einzige Gattung von Schwertern, deren entbloßte Klinge er ohne widrige Empfindung anſehen konn⸗ te,— durchſtieß mit großer Zufriedenheit die Kehle des Hirſchbocks und machte damit dem langen Todes⸗ kampf des armen Thieres auf einmal ein Ende. 75 Nigel der die bei ſolchen Gelegenheiten uͤblichen Regeln der Jagd genau kannte, hing den Zuͤgel des koniglichen Jagdroſſes uͤber einen Baumaſt, wandte knieend den erlegten Hirſchbock auf den Ruͤcken, und hielt ihn in dieſer Stellung, während der Koͤnig, z eifrig beſchaͤftigt mit ſeiner Jagdluſt, um irgend et⸗ was andres wahrzunehmen, mit ſeinem Hirſchfänger die Bruſt des Thieres durchſtieß; dann machte er ei⸗ nen Kreuzſchnitt, um die Dicke des Fetts auf der Bruſt zu unterſuchen, und rief entzuckt:„drei Zoll weißen Fetts auf dem Bruſtbein!— Nun der Preis iſt mein! Ich bin der gekroͤnte S ieger; o ber die ſchlaͤfrigen Menſchen!— Bei Gott, ein Achtender, und der erſte von dieſem Jahr! Nun Bash und Bat⸗ tie, Lob und Preis ſey euch, kuͤßt mich ihr guten Beſtien, kuͤßt mich.“ Die Doggen ſäumten nicht. der Aufforderung zu folgen ſprangen an ihm in die Hoͤhe, leckten ihn mit ihren blutigen Schnautzen und ſetzten ihn bald in einen ſolchen Zuſtand, daß man haͤtte glauben ſollen, der Hochverrath habe an ſeinem geſalbtem Körper ſein Werk vollendet.„Geht mir vom Leibe„nun ſo geht mir vom Leibe,“ rief der Konig, faſt zu Boden geworfen von den zudring⸗ lichen Liebkoſungen der rieſenmaͤßigen Thiere.„Aber ihr ſeyd gerade wie die Menſchen, giebt man ihnen einen Finger, ſo nehmen ſie die ganze Hand.— Und wer ſeyd ihr, guter Freund?“ fragte er, jetzt zum 76 Erſtenmale Muße ſindend, Nigeln zu betrachten und zu bemerken, was ihm in der erſten Regung des Vollgenuſſes der Jagdluſt entgangen war;—„ihr ſeyd keiner von unſerm Jagdgeſolge, aber um Got⸗ teswillen, wer Teufel ſeyd ihr?“ Mn „Ich bin ein ungluͤcklicher W er⸗ wiederte Nigel. „Das muß ich allerdings vprnuiſeheni⸗ ant⸗ wortete der Koͤnig hohniſch,„denn ſonſt wuͤrde ich euch nicht zu Geſichte bekommen haben. Im Gluͤcke bekuͤmmern ſich meine Vaſallen nicht um mich; geht es aber ſchief mit„ dann wiſſen nic iu ſin⸗ den. mn „Und zu wem zipiluin wir unſere Zuflucht nehmen, als bei Ew. Majeſtät, den uͤber uns geſet⸗ ten Statthalter des Himmels?“ antwortete Nigel. „Da habt ihr Recht;— wohlgeſprochen,“ ver⸗ ſeszte der Koͤnig;„aber ihr ſolltet auch dem Statt⸗ halter des Himmels einige Ruhe auf Erden laſſen.“ „Wenn Cw. Majeſtät mich anſehen will,“ (denn bis dahin war der Koͤnig anfangs mit den Hunden und hiernächſt mit der myſtiſchen Operation *) Es iſt eine hiſtoriſche bewahrheitete Thatſache, daß Jacob den guten und böſen Geiſt in ſeinen eben nicht immer gewähl⸗ ten Ansdrücken oft in einer Periode unter einander miſchte⸗ d. U. 77 des Aufſchneidens des Hirſches ſo beſchaͤftigt geweſen, daß er nur einen fluͤchtigen Blick auf ſeinen Gehuͤl⸗ ſen geworſen hatte,) ſo werdet ihr ſehen, wer es iſt, den die Noth ſo kuͤhn macht, eine Gelegenheit zu be⸗ nutzen, die vielleicht nie wiederkehrt.“ Nachdem König Jacob ihn genauer betrachtet hatte, erbleichten ſeine Wangen; doch blieben ſie immer noch geſärbt mit dem Blute des erlegten Hir⸗ ſches. Der Hirſchfänger ſiel ihm aus der Hand,— er warf ruͤckwärts einen umherſchweifenden Blick, als ob er entweder auf Flucht ſänne oder ſich nach Bei⸗ ſtand umſaͤhe und rief dann aus:„Warlich es iſt Glenvarlochides, ſo wahr ich Jacob Stuart getauſt ward!— Nun, hier iſt ein zweckmaͤßiger Fleck zum Werke;— ich bin allein, zu Fuß!“ fügte er hinu, ſeinem Roſſe zueilend. „Vergebt mir, mein Souverain, daß ich euch unterbreche,“ ſiel Nigel ein, indem er ſich zwiſchen den Koͤnig und ſein Pferd ſtellte;„hoͤrt mich nur einen Augenblick.“ „Ich werde euch am beſten anhoͤren, wenn ich zu Pferde ſitze,“ ſagte der König.„ Zu Fuße kann ich kein Wort hören,— kein Wort; und es iſt nicht paßlich, daß wir hier in dieſer Stellung einander ſo nahe gegenuͤberſtehen.„ Geht uns aus dem Wege, Sir, wir befehlen es euch bei eurer Unterthanen⸗ 78 ——— pflicht.— Sie haben alle den Teufel im Leibe.— Was kann es ihnen helfen?“ „Bei der Krone, die ihr tragt, mein Soune⸗ 3 rain, und fuͤr die meine Vorfahren tapfer gefochten haben,“ ſprach Nigel,„beſchwoͤre ich euch, mich nur einen einzigen Augenblick ruhig anzuhoren. Dieſe Bitte zu gewähren, dazu war der Mo⸗ narch gänzlich außer Stande. Die Furchtſamkeit, die er an den Tag legte, war keine wahre Feigherzig⸗ keit, die gleich einem natuͤrlichen Impuls den Men⸗ ſchen zur Flucht treibt, und nur Mitleid oder Ver⸗ achtung verdient, ſondern es war eine weit laͤcherli⸗ chere und gemiſchtere Empfindung. Der arme Koͤ⸗ nig fuͤhlte zugleich Schrecken und Unwillen,— Ver⸗ langen nach perſoͤnlicher Sicherheit und Furcht,. ner Wuͤrde zu nahe zu treten; ſo daß er, ohne abzu worten, was Nigel ihm vorzutragen im Begriff war, ſeinem Pferde zu nahen fortſuhr und wiederholt aus⸗ rief: wir ſind ein freier Koͤnig und wollen uns von keinem Unterthan etwas abzwingen laſſen.— Aber um Gotteswillen wo bleibt Steenie?— Gelobt ſey ſein Name, dort kommen ſie.— Sit halloh, Steenie hieher, hieher!“ Der Herzog von Buckingham Rtengt herbei, gefolgt von mehreren Hofleuten und Jagdbedienten;— „ich ſehe, Fortuna iſt meinem lieben Papa, wie ge⸗ woͤhnlich, gunſtig geweſen.— Aber was iſt das?“ 79 —— „Was es iſt, es iſt Verrath, wie ich nicht an⸗ ders glauben kann,“ ſagte der Koͤnig;„und waͤret ihr nicht hinzugekommen, Steenie, ſo koͤnnte euer theurer Papa vielleicht ermordet ſeyn.“ „Ermordet? Ergreift den Elenden!“ rief der Herzog.„Bei Gott, es iſt Dlifaunt ſelbſt!“ Ein Dutzend Jäger ſprangen ſogleich von ihren Pferden, ohne ſich Zeit zu laſſen, ſie anzubinden. Einige er⸗ griffen mit Rauhheit den jungen Lord, der es fur Thor⸗ heit hielt, ſich widerſetzen zu wollen, waͤhrend andere um den Koͤnig beſchäftigt waren.„Seyd ihr ver⸗ wundet, mein König, ſeyd ihr verwundet?“ rief Buckingham. „Soviel ich weiß, nicht,“ ſagte der Konig, im Parorismus ſeiner Furcht,(die, beilaufig geſagt, ei⸗ nem Fuͤrſten zu verzeihen war, der, von Natur be⸗ ſorglich, ſo vielen ſeltſamen Angriffen ausgeſetzt ge⸗ weſen war.)—„Durchſucht ihn, durchſucht ihn, ich weiß zuverlaͤſſig, daß ich Feuergewehr unter ſei⸗ nem Mantel gewahrte, und daß ich einen Pulverge⸗ ruch an ihm wahrnahm;— ich weiß es ganz ge⸗ wiß. Als man Nigeln den Nante abiahm und ſeine Piſtolen entdeckte, erhob ſich ein allgemeiner Ruf der Verwunderung und des Abſcheu's vor dem vermeint⸗ lichen Attentat unter der immer zahlreicher herbeiſtré⸗ menden Menge. Selbſt nicht jenes beruhmte Piſtol, 80 welches, obwohl ruhend an einer eben ſo tapfern und loyalen Bruſt, als die des Lord Glenvarloch, bei ei⸗ ner neuerlichen hohen Feſtlichkeit unter Rittern und Damen ſo grundloſe Unruhe verbreitete,— ſelbſt dieſes Piſtol verurſachte keine groͤßere, wenn gleich voruͤbergehende Beſtuͤrzung, als die Waffen die man bei Nigeln fand; und M'hic Allastair More konnte nicht mit groͤßerer Verachtung und mit groͤßerm Un⸗ willen als er, die Andeutungen ablehnen, daß ſie zu verderblichen Zwelen beſtimmt geweſen waͤren. „Fort mit dem Elenden,— dem Koͤnigsmoͤr⸗ der,— dem Bluthund!“ wiederhallte es von allen Seiten; und der Koͤnig, der natuͤrlich den nämli⸗ chen Werth auf ſein Leben ſetzte, welchen es in den Augen Anderer hatte oder zu haben ſchien, ſchrie lau⸗ ter, als alle Uebrigen: „Ja, ja, ſort mit ihm. Ich bin ſeiner muͤde, ich hab ihn ſatt, und das hat auch das Land. Aber thut ihm kein Leides, und um Gotteswillen, wenn ihr vergewiſſert ſeyd, daß ihr ihn gaͤnzlich entwaffnet habt, ſo ſteckt nur Schwerter, Dolche und Hirſch⸗ fänger ein ſonſt werdet ihr einander ohnſehlhar be⸗ ſchaͤdigen. Bei dieſen Worten des Koͤnigs ſieckte urploͤtzlich ein Jeder ſein Seitengewehr in die Scheide; denn diejenigen, die es bis dahin zur Schauſtellung ihrer Loyalitaͤt enthloͤßt gelaſſen hatten, wurden dadurch * 81¹ an den außerſten Widerwillen des Koͤnigs gegen ent⸗ bloͤßte Seitengewehre erinnert;— eine Schwaͤche die eben ſowohl als ſeine Furchtſamkeit gewoͤhnlich dem an Rizzio in Gegenwart ſeiner ungluͤcklichen Mutter, waͤhrend ſie mit ihm ſchwanger wat, veruͤbten grau⸗ ſamen Morde zugeſchrieben ward*). In dieſem Augenblick kam der Prinz von Wa⸗ les, der in einem andern Theile des damals ſehr weit ausgedehnten Parks gejagt, und einige ver⸗ wirrte Nachrichten uͤber das Vorgegangene vernommen hatte, mit einem Gefolge von einigen Edelleuten, un⸗ ter denen ſich auch Lord Dalgarno befand, herange⸗ ſprengt. Er ſprang vom Pferde und fragte haſtig, ob ſein Vater verwundet ſey. „Nein, mein Sohn Carl, wenigſtens fuͤhlen vit nichts; wohl aber einige Erſchoͤpfung von der An⸗ ſtrengung, die uns die Abwehrung des Meuchelmoͤr⸗ ders verurſacht hat. Steenie, gieb uns einen Be⸗ cher Wein;— die glaͤſerne Flaſche haͤngt an unſerm Sattelknopf.— Umarme mich, mein Sohn Farl,“ fuhr der Monarch ſort, nachdem er den herzſtaͤrkenden Trunk zu ſich genommen hatte;„ja, mein Sohn, der Stnat und du, ſeyd mit genauer dch dem Der Sänger David Rizzio ward von Mariens Gemahl, Hein⸗ rich Darnley, einem Stuart, jedoch von einer andern Linie, im J. 1367 im Zimmer der anweſenden Königin aus Eifer⸗ ſucht erſtochen d. u. I1. 82. ſchweren, blutigen Verluſte eines geliebten Vaters entgangen; denn wir ſind eben ſowohl pater pa⸗ ſriae als pater familias— Quis desi⸗ derio sit pudor aut modus tam cari capitis!— Weh mir! das ſchwarze Tuch wuͤrde in England theuer, und vielleicht ſehr ſelten gewor⸗ den ſeyn!“ Bei dieſen Worten ward der gutherzige xna durch den Gedanken an die allgemeine Trauer, worin das Land durch ſeinen Tod geſtuͤrzt ſeyn wuͤrde, bis u Thraͤnen geruͤhrt. „Iſt's moͤglich?“ rief Carl mit finſterm Blicke, denn einerſeits verdroß ihn ſeines Vaters Benehmen, andererſeits fuͤhlte er als Sohn und Unterthan den hoͤchſten Unwillen uͤber den vermeintlichen Angriff. „Laßt doch Jemanden ſprechen der das Vorgefallene mit angeſehen hat, Mylord Buckingham!“ „Ich kann nicht ſagen, mein Prinz,“ erwie⸗ derte der Herzog,„daß ich Sr. Majeſtät irgend eine Gewaltthaͤtigkeit zufuͤgen ſah, ſonſt wuͤrde ich ſie auf der Stelle am Thäter geraͤcht haben.“ „Dann waͤret ihr in eurem Eifer zu weit ge⸗ gangen;“ antwortete der Prinz;„dergleichen Miſſe⸗ thaͤter muͤſſen vom Geſetze gerichtet werden. Aber rang nicht der Elende mit ſeiner Majeſtät?“ „Das was ich ſah, kann ich nicht ſo nennen,“ ſagte der Herzog, der bei vielen Fehlern es dennoch — 2 . 53³ * ——— unker ſeiner Wuͤrde gehalten haben wuͤrde, eine Un⸗ wahrheit zu ſagen;„es ſchien als zeige er großes Verlangen, Se. Majeſtät zuruͤckzuhalten, der im Ge⸗ gentheil den Wunſch zu aͤußern ſchien, ſein Pferd zu beſteigen, allein man hat der Verordnung zuwider Piſtolen bei ihm gefunden, und da der Ergriffene Nigel Olifaunt iſt, von deſſen Zuͤgelloſigkeit Ew. Koͤnigl. Hoheit ſchon einige Beweiſe kennt, ſo ſchei⸗ nen wir gerechtfertiget zu ſeyn, wenn wir das Schlimmſte vermuthen.“ „Nigel Olifaunt!“ rief der Prinz verwundert; „wie konnte dieſer ungluͤckliche Mann ſich ſchon wie⸗ der neuen Vergehungen hingeben! Laßt mich dieſe Piſtolen ſehen.“ „Seyd doch nicht ſo unvorſichtig, mein Sohn Carl,“ fiel Jacob ein,„euch mit dieſen gefäͤhrlichen Dingern abzugeben; gebt ſie ihm nicht Steenie, ich befehle es euch bei eurer Unterthanenpflicht; ſie koͤnnten von ſelbſt losgehen, wie dies ſich vft zuträgt— und dennoch ergreift ihr ſie mein Sohn?— Hat man je ſolche eigenſinnige Kinder geſehen, als die meinigen?— haben wir nicht Leibwachen und Sol⸗ daten genug? und ihr entladet dieſe Waffen mit eig⸗ ner Hand,— ihr, der Erbe unſter Reiche und Wuͤr⸗ den, umgeben von ſo vielen Männern, die bezahlt werden, ihr Leben fuͤr uns zu wagen.“ 6* uͤbergeben, draͤngt ihr euch hier mit verbotenen Waf⸗ 84 f —————— Allein Prinz Carl, hartnackig in Kleinigkeiten ſo wie in wichtigen Dingen, beſtand darauf, mit Hintanſetzung der väterlichen Ermahnungen, mit eigner Hand die doppelten Kugeln, womit beide Pi⸗ ſtolen geladen zu ſeyn ſchienen, herauszuziehen. Alle Umſtehende hielten voll Entſetzen ͤber, die vermeint⸗ lich beabſichtigte Greuelthat, und uber die nahe Gefahr, welcher der Koͤnig, wie ſie glaubten, nur 1 mit genauer Noth entgangen ſey/ die Hůͤnde empor. Noch hatte Nigel kein Wort geſprochen;— jetzt äußerte er mit Ruhe das Seia„gehoͤrt zu werden. „Zu welchem ʒwec⸗ verſetzte der Prinz mit Kälte.„Ihr wußtet, daß ihr einer ſchweren Ver⸗ gehung halber angeklagt waret, und anſtatt euch⸗ Gemäßheit der Verordnung, der Gerechtigkeit zu ſen⸗ bei Sr. Majeſtät zu.“ „Haltet zu Gnaden Sir,“ antwortete Nigelz „ich trug dieſe ungluͤcklichen Waffen zu meiner eignen Vertheivigung, und noch vor wenigen Stunden, waren ſie nothwendig, das Leben Anderer zu be⸗ ſchuͤtzen.“ „Ohne Zweifel Mylord,“ verſetzte der Prinz mit immer gleicher Ruhe und Kaͤlte,„hat eure letzte Lebensweiſe und die Geſellſchaft, in der ihr lebtet, euch mit Scenen und Werkzeugen der Gewaltthat vertraut gemacht. Doch nicht vor mir, habt ihr euch wegen eurer Sache zu rechtfertigen.“ „Hoͤrt mich, hoͤrt mich evler Prinz,“ rief Ni⸗ gel mit Feuer.„Hoͤrt mich! Ihr ſelbſt koͤnnt einſt verlangen gehoͤrt zu werden, und vergebens.“ „Wie Sir,“ fragte der Prinz mit ſtolzer Miene; „wie ſoll ich dies deuten?“ „Wir alle muͤſſen, wo nicht auf Erden doch in einer andern Welt um ruhiges und geneigtes Gehoͤr flehen.“ „Sehr wahr Mylord,“ ſprach der Prinz mit ſtolzem, beifallgebendem Kopfnicken;„auch wuͤrde ich euch dies Gehoͤr nicht verweigern, wenn es euch nutzen koͤnnte. Aber euch ſoll kein Unrecht geſchehen, wir ſelber wollen ein Auge auf die Verhandlung eu⸗ rer Sache halten.“ „Ja, ja,“ fiel der Konig ein,„er hat ap- pellationem ad Caesarem eingelegt, wir wollen den Glenvarlochidem zu ſeiner Zeit am gehö⸗ rigen Orte vernehmen; immittelſt entfernt ihn und ſeine Waffen aus meinem Angeſichte, denn ich bin ihres Anblicks muͤde.“ Zufolge dieſer raſch ertheilten Beſehle, ward Ni⸗ gel aus der Umgebung des Königs abgefuͤhrt, wo je⸗ doch ſeine Worte nicht ganz verloren gegangen wa⸗ ren.„Das iſt eine ſeltſame Geſchichte, Georg,“ ſprach der Prinz zum Guͤnſtling;„dieſer junge Edel⸗ 86 —— mann hat ein gutes Außere, viel Geiſtesgegen⸗ wart, Ruhe und Feſtigkeit in Blick und Sprache.] Ich kann nicht glauben, daß er ein ſo verzweiflungs⸗ volles und fuͤr ihn nutzloſes Verbrechen beabſichti⸗ get hat.“ „Ich habe weder Zuneigung noch Vorliebe fuͤr den jungen Mann,“ erwiederte Buckingham, deſſen hochſinnige Ehrſucht jederzeit den Charakter der Of⸗ fenheit trug;„allein ich muß Ew. Hoheit darin bei⸗ ſtimmen, daß unſer lieber Vater in ſeiner Beſorgniß vor perſoͤnlicher, ihm drohender Gefahr etwas uͤber⸗ eilt geweſen iſt.“ „Meiner Seel, Steenie, das iſt ſehr dreiſt von euch geſprochen;“ ſiel der Koͤnig ein.„Meint ihr denn, daß ich keinen Pulvergeruch kenne? Wer war es denn anders als wir ſelbſt, der den fuͤnften November*) auswitterte. Cecil, Suffolk und alle die Andern waren gleich Blendlingen auf einer falſchen Föhrte, als ich die Sache erſpähte; und doch glaubt ihr, daß ich kein Pulver riechen kann? Joannes Barclaius glaubte, ich waͤre gewiſſermaßen in⸗ ſpirirt geweſen, und nannte daher ſeine Geſchichte des Complotts: Seri ies patefacti divinitus † ————— „ *) Den s. Novbr. 1605 war der Taß der Entdeckung der von Jeſuiten und andern mißvergnügten Catholiken angeſtifteten, ſogenannten Pulververſchwörung. W 87 parricidii; Spondanus ſagte auf gleiche Weiſe von uns: Divinitus evasit.“ „Es war ein Gluͤck fuͤr das Land, daß Ew. Ma⸗ jeſtaͤt jener Gefahr entrann,“ ſagte der Herzog von Buckingham,—„ein Gluͤck, welches lediglich der Scharfſicht zu verdanken war, womit ihr den feinen, ſaſt unſichtbaren Faden aufſandet, der euch durch je⸗ nes Labyrinth von Verraͤtherei fuͤhrte.“ „Meiner Seel Steenie! ihr habt Recht; wenig 3 junge Leute follen uͤber die Klugheit Aelterer ein ſo richtiges Urtheil als ihr; und was dieſen falſchen, verrätheriſchen Menſchen anlangt, ſo glaub' ich, er iſt ein Raubvogel aus dem naͤmlichen Neſte. Be⸗ merktet ihr nicht, daß er etwas papiſtiſches in ſeinem Weſen hatte? Seht einmal zu, ob er nicht ein Cru⸗ cifir oder andere ſolche römiſch⸗ catholiſche Spielereien an ſich trägt.“ „Es wuͤrde mir ubel anſtehen, die Entſchuldi⸗ gung dieſes ungluͤcklichen Mannes zu verſuchen,“ ſagte Lord Dalgarno,„in Betracht des hohen Gra⸗ des von Strafbarkeit ſeines jetzigen Attentats, wel⸗ ches jedem braven Mann das Blut in den Adern ge⸗ rinnen macht. Dennoch kann ich nicht umhin, mit aller ſchuldigen Unterwerfung unter Sr. Ma eſtaͤt untruͤgliches lirtheil, einem Manne, der ſich bis dahin blos als meinen Feind und erſt jetzt unter weit ſchwärzeren Farben zeigte in dem Punkte Gerechtig⸗ 88 keit wiederfahren zu laſſen, daß er mir jederzeit mehr Puritaner als Papiſt zu ſeyn ſchien.“ „Ah ha, ſeyd ihr jetzt da Dalgarno?“ rief der Koͤnig;„auch ihr bliebt zuruͤck, und uͤberließt uns unfter eignen Kraft und der Sorge der Vorſehung, als wir mit dem Elenden Handgemein waren.“ „In einer ſolchen Noth— Cw. Majeſtaͤt hal⸗ ten zu Gnaden,— wo es darauf ankam, Jammer und Thraͤnen von drei Koͤnigreichen abzuwenden, 3 durfte man ſich feſt auf die Vorſehung verlaſſen,“ er⸗ ½ wiederte Lord Dalgarno. „Gewiß, gewiß,“ verſetzte der Koͤnig—„doch wuͤrde mir der Anblick eures Vaters, des Lord Hun⸗ tinglen, mit ſeinem langen Haudegen in jenem Au⸗ genblick ſehr willkommen geweſen ſeyn; und in Zu⸗ kunft wollen wir die uns guͤnſtigen Abſichten der Vorſehung dadurch unterſtuͤtzen, daß wir immer zwei handſeſte Gardiſten in unſter Naͤhe behalten.— Alſo iſt dieſer Olifaunt ein Puritaner?— O! um des⸗ willen iſt ſeine Hinneigung zum Papismus nicht minder wahrſcheinlich; oft beruͤhren ſich zwei einan⸗ der gerade entgegengeſetzte Dinge, wie der Scholiaſt beweiſt. Es wie ich in meinem S*) be⸗ 1 Wer neugierig iſt, von den, dem Könige Jacob I. zugeſchrie⸗ benen Schriften nähere Kunde zu erlangen, findet ſie geſant⸗ melt unter dem Titel: Opera Jacobi, imaguae Britanniae ten g Francof. et Läps. 1089. 6 n. 89 wieſen habe, Puritaner von papiſtiſchen Grundſaͤtzen; es beduͤnkt mich gerade ſo als wenn einer einem al⸗ ten Woldhorn einen neuen Ton entlockt.“ Hier erinnerte den Koͤnig der Prinz, vielleicht furchtend, daß ſein Vater ihnen das ganze Basili⸗ oon Doron vortragen werde, daß es am beſten ſeyn wuͤrde, ſich in den Pallaſt zu begeben, um zu erwägen, was zu thun ſey, die oͤffentliche Meinung zu befriedigen, die wahrſcheinlich durch den Vorfall des heutigen Morgens ſehr zur Neugier aufgeregt ſey. Am Thore des Pallaſtes nahte ſich dem Koͤnige ein Frauenzimmer, welches mit einer Verneigung ihm ein Papier uͤberreichte, welches er annahm und mit einem Seußzer in ſeine Seitentaſche ſteckte. Der Prinz aͤußerte einige Neugier, den Inhalt zu wiſſen. „Der dienſthabende Kammerdiener kann ihn dir ſa⸗ gen, wenn er mir den Leibrock auszieht. Denkſt du denn mein Sohn, daß ich alles leſen kann, was mit in die Hand geſteckt wird. Sieh nur einmal Carl,“— chiebei zeigte er auf die Taſchen ſeiner weiten Hoſen, die von Papieren ſtrotzten,)—„wir ſind, ſo zu ſa⸗ gen, bepackt wie ein Eſel,— Asinus fortis accumbens inter terminos, wie die Vul⸗ gata ſagt.— Ja, ja, Vici terram quod esset optima, etsupposui humerum adportändum et factus sum tributis 9⁰ serviens. Ich ſah England und ward der mit Geſchaͤften uͤberladene Koͤnig dieſes Landes.“ „Ihr ſeyd in der That uͤberladen, mein theurer Vater,“ ſagte der Herzog von Buckingham, indem er die Papiere in Empfang nahm, von denen Koͤnig Jacob ſeine Pumphoſen entlud. „Ja, ja,“ fuhr der Monarch fort;„nehmt ſie alle zu euch, in Pauſch und Bogen, meine Kinder, die eine Taſche iſt vollgepfropft von Bittſchriften, die andere von Pasquillen; nun, das muß wahr ſeyn, wir leben in ſchoͤnen Zeiten. Wahrlich ich glaube die Erzahlung von Cadmus war hieroglyphiſch und die Drachenzäͤhne, die er ſäete, waren die Buch⸗ ſtaben die er erfand. Du lachſt mein Sohn Carl?— denk an das was ich ſage. Als ich zuerſt aus meinem Geburtslande, wo die Menſchen eben ſo rauh ſind als das Wetter, hieher kam, haͤtte man glauben ſol⸗ len, der Koͤnig habe wenig zu thun als auf ruhigem Waſſer per aquam r efectidnis einherzuſchif⸗ fen. Aber ich weiß nicht wie, oder wodurch ſich die Dinge hier ſo veraͤndert haben, les't einmal dies Pasquill auf uns und unſre Regierung. Die Dra⸗ chenzaͤhne ſind geſaͤet, mein Sohn Carl; ich bitte zu Gott, daß ſie weder unter meiner, noch unter deiner Regierung ihre Erndte an bewaffneten Maͤnnern lieſern moͤgen. Denn der Tag der Erndte wird ſchrec⸗ lich ſeyn.“ — 2 eine Canone und Schildwache zeigte, die aber ſonß ——. „Ich werde die Erndte im Halme zu zertreten wiſſen,“ ſagte der Prinz, zum Guͤnſtling gewandt, mit einem Blicke, der einige Verachtung gegen ſei⸗ nes Vaters Beſorgniſſe, und Vertrauen in ſeine eigne Feſtigkeit und Entſchloſſenheit ausſprach. Während dieſe Geſpraͤche vorſielen, ward Nigel⸗ unter der Oberaufſicht eines Juſtizbeamten durch die kleine Stadt geſchleppt und geſtoßen, deren ſammt⸗ liche Einwohner, beunruhigt durch einen Angriff auf des Koͤnigs Leben, ſich um ihn herdrangten um den vermeintlichen Verräther zu ſehen. In der Verwir⸗ rung des Augenblicks unterſchied er das Geſicht des Hoftochs, hinſtarrend in dumpfem Staunen, und die grinſenden Zuͤge des Barbiers, welche Abſcheu und lebhafte Neugier ausdruckten; auch glaubte er ſeinen Schiffer im gruͤnen Wamſe zu erkennen, doch hatte er nicht Zeit, Bemerkungen zu machen, denn er ward ſogleich vom Juſtizbeamten, begleitet von zwei Gardiſten in ein Boot gefuͤhrt, und ſo ſchnell ſtrom⸗ aufwaͤrts gerudert, als die Arme von ſechs ſtarken Ruderern es nur immer vermochten. Man fuhr die Waͤlder von Maſten voruͤber, die ſchon damals bei den Fremdlingen das groͤßte Erſtaunen uͤber Londons ousgedehnten Handel erregten; jetzt nahten ſie jenen niedrigen, geſchwaͤrzten, mit Baſteien und Courti⸗ nen verſehenen Mauern, auf denen ſich hie und da 92 ——————— X ſehr wenig von den militäriſchen Schrecken einer Ci⸗ tadelle einfloͤßten. Ein niedriggewoͤlbter Schwibbo⸗ gen, der ſchon über manches ſchuldloſe und manches ſchuldige Haupt unter aͤhnlichen Umſtaͤnden ſeine drohenden Schrecken verbreitet hatte, huͤllte jetzt Ni⸗ geln in ſeine duͤſtern Schatten. Das Boot landete dicht an den breiten, von den Fluthen beſpuͤlten Stu⸗ fen. Der dienſthabende Aufſeher ſah zum Pfoͤrtchen heraus und der Juſtizbeamte fliſterte ihm etwas ins Ohr. Nach einigen Minuten erſchien der Lieutenant des Towers und ſtellte uber die Ablieferung des Ge⸗ fangenen, Nigels, Lord Glenvarloch, den Beglei⸗ tern deſſelben einen Schein aus. Viertes Kapitel. „Ihr Thürme Julius!*) Londons ew'ge Schande, Ihr Zengen mancher blut'gen Frevelthat!“ So ruft der Dichter Gray aus; und ſchon lange vor ihm, faſt eben ſo Bandello. Das naͤmliche Ge⸗ fuͤhl muß in einer oder der andern Geſtalt haͤufig die⸗ jenigen ergriffen haben, die, ſich erinnernd des Schickſals anderer Gefangenen in jenem denkwuͤrdi⸗ ²) Eine Auſpielung auf die lange Zeit vorherrſchend geweſene, iedoch unerwieſene Meinung, daß der Towers die ſpätere Um⸗ geftaitung eines römiſchen Forts ſey. d.. 93 gen Staatsgefängniſſe, nur zu vielen Grund gehabt haben moͤgen, ihr eignes zu ahnen. Der finſtre, niedrige Schwibbogen, der gleich dem Eingange zu Dantes Hoͤlle, jede Hoffnung auf Ruͤckkehr zu ver⸗ bieten ſchien,— das dumpfe Gemurmel der Thurm⸗ waͤchter und die kleinlichen Foͤrmlichkeiten bei der Oeffnung und Schließung des Gitterthores,— der kalte, gezwungene Gruß des Lieutenants der Fe⸗ ſtung, der ihm jene entfernte, abgemeſſene Achtung erwieß, die von oͤffentlichen Beamten blos dem aͤußern Anſtande gezollt wird,— dies alles erfuͤllte Nigels Herz mit dem grauſamen Bewußtſeyn der Gefangenſchaft. „Ich bin ein Gefangener,“ rief er faſt unwill⸗ kuͤhrlich,—„ein Gefangener im Tower!“ „Es iſt meine Schuldigkeit Mylord,“ erwie⸗ derte der Lieutenant mit einer Verbeugung,„euch euer Zimmer zu zeigen, wo ich meinen Befehlen zu Folge euch in ſtrengem Gewahrſam halten muß, den ich euch jedoch ſo ſehr erleichtern will, als meine Pflicht es nur immer verſtattet.“ Nigel erwiederte dieſen Gruß blos mit einer Ver⸗ beugung und folgte dem Lieutenant in die alten Ge⸗ bäude an der Weſtſeite des Paradeplatzes, anſtoßend an die Kapelle, deren man ſich zu jener Zeit als ei⸗ nes Staatsgefaͤngniſſes bediente, die aber in unſerm *3 Tagen als gemeinſchaftliches Speiſezimmer fuͤr die dienſthabenden Gardeoffiziere im Tower gebraucht 94 wird. Die doppelten Thuͤren wurden aufgeſchloſſen; der Gefangne, gefolgt vom Lieutenant und einem Aufſeher hoͤherer Claſſe ſtieg einige Treppen hinauf, und betrat ein großes, vuͤſtres, und ſpaͤrlich mit Hausrath verſehenes Zimmer. Der Aufſeher hatte Ordre, Feuer zu machen, und Nigels Befehlen in allen mit ſeinen Pflichten vereinbaren Dingen zu folgen. Hierauf entfernte ſich der Lieutenant mit einer nochmaligen Verbeugung und dem gewoͤhnli⸗ chen Compliment, daß er hoffe, Se. Lordſchaft werde nicht lange in ſeinem Gewahrſam bleiben. Nigel haͤtte gern einige Fragen an den Aufſeher gerichtet der bei ihm blieb, um das Zimmer in Ord⸗ nung zu bringen; allein dieſer hatte ſich ſo ganz mit dem Geiſte ſeines Amtes vertraut gemacht, daß er mehrere Fragen des Gefangenen, obwohl ſie hoͤchſt gewoͤhnliche Gegenſtaͤnde betrafen, zu uͤberhoͤren ſchien, andere unbeantwortet ließ, und wenn er ſprach, ſolches in einem kurzen muͤrriſchen Tone that, der, wenn auch nicht gerade unehrerbietig⸗ doch von der Art war, daß er zu keinen weitern Mit⸗ theilungen aufmunterte. Nigel ließ ihn daher ſein Amt ugenb⸗ ver⸗ richten und vertrieb ſich die Zeit mit der Entzifferung der Namen, Mottos, Verſe und Hieroglyphen, wo⸗ mit ſeine Vorgaͤnger in der Gefangenſchaft die Waͤnde ihres Gefängniſſes bedeckt hatten. Hier ſah' er vie —— Namen vieler vergeßnen Dulder, vermiſcht mit an⸗ dern, die bis zum Untergange der engliſchen Ge⸗ ſchichte im Andenken bleiben werden;— fromme Er⸗ gießungen andaͤchtiger Catholiken, auſgezeichnet am Vorabende des Tages, wo ſie ihr Glaubensbekennt⸗ niß zu Tyburn mit dem Tode beſiegeln ſollten, ver⸗ miſcht mit denen, mancher unerſchutterlichen Prote⸗ ſtanten, die im Begriff ſtanden, Schlachtopſer der Scheiterhaufen von Smithſield zu werden. Hier miſchten ſich die zarten Zuͤge der Handſchrift der un⸗ gluͤcklichen Johanna Gray, deren Beſtimmung es war. kunftigen Geſchlechtern Thränen zu entlocken, mik den kuͤhneren, tief in die Waͤnde eindringenden Em⸗ blemen der ſtolzen Dudleys. Kurz, vieſe Schriftzuͤge waren der Rolle des Propheten zu vergleichen,— eine Folgereihe von Klagen und Trauer, jedoch nicht ungemiſcht mit kurzen Ausrufungen der Ergebung und der feſteſten Entſchloſſenheit. In dieſer traurigen Beſchaͤftigung mit dem Elende ſeiner Vorgaͤnger in der Gefangenſchaft, ward Nigel durch die ploͤtzliche Eroͤffnung der Thuͤren ſei⸗ nes Kerkers unterbrochen. Es war der Aufſeher, der ihn benachrichtigte, daß Se. Lordſchaft auf Befehl des Lieutenants vom Tower einen Mitgefange⸗ nen in dieſem Zimmer erhalten werde. Haſtig er⸗ wiederte Nigel: er wuͤnſche keine Geſellſchaft, und wolle lieber allein bleiben; allein der Gefangenwaͤr⸗ ter gab ihm mit muͤrriſcher Höflichkeit zu verſtehen⸗ der Lieutenant werde am beſten zu beurtheilen wiſ⸗ ſen, welche Einrichtung mit ſeinen Gefangenen zu treffen ſey; auch wolle er ſich mit dem Burſchen keine beſondere Muͤhe machen, der kaum der Muͤhe werth ſey, ihn unter Schloß und Riegel zu hal⸗ ten.—„Giles,“ rief er einem Unterbedienten zu, „bringt das Kind rein.“ Es geſchah, und beide entfernten ſich, nachdem ſie die raſſelnden Riegel des Gefangenzimmers vor⸗ geſchoben hatten. Der Burſche war in Unterkleidern vom feinſten grauen, mit Silber beſetzten Tuche geklei⸗ det und trug einen lederfarbenen Mantel. Seine ſchwarzſammetne Jagdmuͤtze war tief ins Geſicht ge⸗ zogen, ſo daß ſie, verbunden mit ſeinen langen ful⸗ lereichen Ringellocken ſein Geſicht faſt ganz verſteckte. Er ſtand noch an dem naͤmlichen Flecke, wo der Ge⸗ fangenwaͤrter, der ihn bei der Hereinfuͤhrung am Kragen gefaßt hatte, ihn losließ, zwei Schritt von der Stubenthuͤr, die Augen auf den Boden geheftet und am ganzen Leibe zitternd vor Verwirrung und Schrecken. Nigel ware ſeiner Geſellſchaft gern ent⸗ hoben geweſen, allein es lag nicht in ſeiner Natur⸗ irgend ein körperliches oder Seelenleiden mit anzuſe⸗ hen, ohne deſſen Erleichterung zu verſuchen. „Sey gutes Muths, mein hubſcher Burſche,“ ſo tedete er ihn an;„wir werden, wie es ſcheint, auf — 97 eine Zeitlang Gefaͤhrten ſeyn; wenigſtens eure Ge⸗ fangenſchaft wird ohne Zweifel nur kurz ſeyn, weil ihr zu jung ſeyd, um irgend etwas gethan zu haben, was lange Haſt verdienen koͤnnte. Kommt„kommt, laßt den Muth nicht ſinken, eure Hand iſt kalt und zittert, ſetzt euch ans Feuer; wie! die Thraͤnen ſie⸗ hen euch in den Augen, mein kleiner Mann? freilich habt ihr noch keinen Bart, den ihr durch Thränen entehren koͤnntet, aber dennoch ſolltet ihr nicht wei⸗ nen, wie ein Maͤdchen; bildet euch ein, ihr waͤret blos deswegen eingeſperrt, um mit Fug die Schule ſchwaͤnzen zu koͤnnen; dann werdet ihr hier gewiß ei⸗ nen Tag ohne Thraͤnen hinbringen.“ Der Knabe ließ ſich ruhig ans Feuer fuͤhren und nahm den ihm dargebotenen Platz am Camin ein. Lange behielt er unbeweglich ſeine erſte Stel⸗ lung; dann rang er ploͤtzlich die Haͤnde mit der Miene des heſtigſten Schmerzes, hielt ſie vor das Geſicht und weinte ſo bitterlich, daß die Thraͤnen ſich zwiſchen ſeinen zarten Fingern einen Weg bahnten. Nigel ward faſt gefuͤhllos gegen ſeine eigne Lage, durch ſein Mitgefuͤhl fuͤr den hohen Grad des Schmerzes, der den jungen lieblichen Knaben ſo ganz uͤberwaͤltigte; er ſetzte ſich neben ihn, und ſuchte in den heſänſtigendſten Ausdruͤcken, die ihm ſeine Em⸗ pfindung eingab, ſeinen Kummer zu mildern. Mit einer Zaͤrtlichkeit, ſehr natuͤrlich herbeigefuͤhrt durch III.. 3 1 98 die Verſchiedenheit ihres Alters, ſtreichelte er das ſchoͤne lange Haar des troſtloſen Kindes; aber ſo ſcheu war der Knabe, daß er ſelbſt bei dieſer unbe⸗ veutenden Vertraulichkeit zuſammenfuhr; als aber Nigel, dies gewahrend, ſich etwas weiter von ihm entfernt am Feuer niederließ, ſchien ihm wohler zu ſeyn, und er begann Nigels Troſtgruͤnden mit an⸗ ſcheinendem Intereſſe Gehor zu geben. Seine im— mer noch fließenden Thraͤnen wurden nicht mehr ſo haͤuſig von convulſiviſchem Schluchzen unterbrochen und verwandelten ſich allmaͤhlig in leiſe Seußzer, die eben ſo tiefen Kummer, aber weniger Beſorgniß per⸗ riethen, als die erſten Ausbruͤche ſeines Schmerzes. „Sag mir, wer du biſt, mein lieblicher Knabe?“ fragte Nigel.—„Betrachte mich als einen Gefähr⸗ ten, der von Herzen wuͤnſcht, dir behuͤlflich zu ſeyn, wenn er nur weiß, was er fur dich thun kann.“ „Sir,— Mylord wollt ich ſagen,“ antwor⸗ tete der Knabe furchtſam, und in einem kaum ver⸗ nehmbaren Tone,„ihr ſeyd ſo gut,— und ich— ach, ich bin ſo ungluͤcklich!“— hier unterbrach ein neuer Thranenſtrom dasjenige, was er hatte ſagen wollen, und Nigel mußte noch einmal alle nur er⸗ denkliche Troſtgruͤnde und Aufmunterungen anwen⸗ den, um den Knaben in den Stand zu ſetzen, ſich verſtändlich auszudrücken. Endlich ſagte er:„tief fuhle ich eure Guͤte, Mylord;aber ich bin ein ar⸗ — 90 —— mes ungluͤckliches Weſen; und was das Schlimmſte iſt, ich habe nur mir allein mein ungluͤck zu verdan⸗ ken.“ *„Selten iſt der Menſch ganz igiclicht mein nger Freund,“ verſetzte Nigel,„ohne ſelbſt mehr oder weniger verantwortlich dafuͤr zu ſeyn; auch ich wuͤrde heute nicht hier ſeyn, wäre dies nicht mit mir der Fall. Aber du biſt noch ſehr jung und kannſt noch wenig zu verantworten haben.“ 8 Sir! wollte Gott, ich könnte dies von mir ſagen! ich war eigenſinnig und hartnaͤckig, unbeſon⸗ nen und unlenkſam,— und jetzt— jetzt, wie theuer bezahle ich dies Alles!“— „Ei mein Kind,“ erwiederte Nigel;„was kann das anders ſeyn, als einige Kinderſtreiche, eine kleine Ausgelaſſenheit oder eine Schulvergehung. Und doch — wie kann dich ſo etwas in den Tower bringen? es umhuͤllt dich irgend ein Geheimniß, junger Freund, welches ich erforſchen muß.“ „In der That, Mylord, es iſt nichtz urges i in mir,“ ſagte der Knabe, wie es ſchien mehr durch Ni⸗ gels letzte Worte als durch alle ſeine Troſtgruͤnde zum Bekenntniß angetrieben.„Ich bin ſchuldlos,— das heißt ich handelte Unrecht⸗ aber ich that nichts, wodurch ich einen Aufenthalt in bn fusctůnn DOrte verſchuldete.“ nnn 7* W —— 100 ——— „So ſag mir denn die Wahrheit;“ verſetzte Ni⸗ gel in einem halb befehlenden, halb aufmunternden Tone;„du haſt nichts von mir zu fuͤrchten, und vielleicht eben ſo wenig zu hoffen, demungeachtet moͤchte ich in meiner gegenwaͤrtigen Lage wuͤnſchen, zu wiſſen, mit wem ich ſpreche.“ „Mit einem ungluͤcklichen Knaben, Sir,— choricht, unbeſonnen und wie ihr vorhin ſehr richtig erriethet, zur Zuchtloſigkeit und zum Muͤſſiggange ge⸗ neigt,“ ſagte der Knabe, in deſſen Geſichte, Blaͤſſe und Erroͤthen wechſelten, je nachdem Furcht und Scham auf ihn einwirkten.„Ich verließ meines Vaters Haus heimlich, um den Koͤnig im Park zu Greenwich jagen zu ſehen; dort erſcholl plotzlich das Geſchrei: Verrath, Verrath! alle Thuͤren des Parks wurden geſchloſſen, erſchrocken verſteckt ich mich in einem Dickigt, wo ich von einigen Auſſehern des Parks gefunden und verhoͤrt ward. Sie behaupte⸗ ten, ich hätte keine genuͤgende Auskunſt uber mich gegeben und ſo ward ich hieher geſchickt.“ „Ich bin ein ungluͤckliches, hoͤchſt ungluͤckliches Weſen!“ rief Nigel, auſſtehend und im Zimmer auf⸗ und abgehend;„nichts naht mir, ohne mein un⸗ gluckliches Schickſal zu theilen. Tod und Gefangen⸗ ſchaft folgen meinen Schritten, und verwickeln Alle, die in meiner Nähe gefunden werden, in mein Ge⸗ ſchic. Dennoch klingt dieſes Knaben Erzählung 104 ſehr ſeltſam.„Du wurdeſt, ſagſt du⸗ verhoͤrt, mein junger Freund; ſagtſt du denn nicht deinen Namen und die Mittel, wie du Zutritt in den Park erhiel⸗ teſt? Wäre dies geſchehen, ſo wuͤrde man dich ſicher nicht in Verhaft genommen haben.“ „O, Mylord,“ erwiederte der Knabe,„ich huͤtete mich wohl, den Namen des Freundes zu nen⸗ nen, der mich hereinführte; und was meinen Vater betrifft, ſo möchte ich nicht, um alle Reichthuͤmer Londons, daß er wuͤßte, wo ich jetzt bin.“ „Aber du darſſt nicht erwarten,“ ſagte Nigel, „daß man dich entlaſſen wird, bevor du deinen und deiner Angehoͤrigen Namen nennſt.“ i „Was kann es ihnen nutzen⸗ ein ſo nutzloſes Geſchoͤpf als mich eingeſperrt zu halten?“ entgegnete der Knabe;„ſie muͤſſen mich entlaſſen, und waͤr es nur aus Scham.“ „Verlaß dich darauf nicht, nenne mir deinen und der deinigen Namen, Stand und Wohnung, ich will ſie dem Lieutenant des Towers mittheilen;ʒ er iſt ein Mann vom Stande und Ehre, und wird nicht nur bereit ſeyn, dir die Freiheit zu verſchaffen⸗ ſondern ſich auch bei deinem Vater fuͤr dich verwen⸗ den. Ich bin zum Theil verantwortlich fuͤr den dir widerfahrnen Unfall und daher ſchuldig, alles beizu⸗ tragen was in meinen Kräften ſteht, um dir aus veiner Verlegenheit zu helfen, da ich den Allarmruf 102 veranlaßte, der deine Verhaftung herbeifuͤhrte; drum nenne mir deinen und deines Vaters Namen.“ „Euch meinen Namen nennen? O! niemals! niemals!“ antwortete der Knabe im Tone der tief⸗ ſten Gemüthsbewegung, deren urſache un⸗ begreiflich war. „Fuͤrchteſt du dich vielleicht um deswillen ſo ſehr junger Freund; weil ich angeklagt und hier ge⸗ ſangen bin?“ fragte Nigel;„bedenke, daß man Beides ſeyn und dennoch weder Argwohn noch Ein⸗ ſperrung verdienen kann. Welchen Grund haſt du, mir zu mißtrauen? Du ſcheinſt freundlos zu ſeyn, und ich bin ſelbſt ſo ſehr in dem naͤmlichen Falle, daß ich deine Lage bemitleiden muß, wenn ich an die meinige denke. Sey vernuͤnftig, mein Rath kommt aus gutem Herzen, und ich meine es ſo— mit dir, wie ich ſpreche.“ „O! daran zweifle ich nicht, Nylit⸗ ⸗ erwie⸗ derte der Knabe;„und ich könnte euch Alles,— faſt Alles cijthlei ⸗ „Du brauchſt mir nichts zu erzählen, junger Freund, als was mich in den Stand ſetzen kann, dir nuͤtzlich zu ſeyn„ verſetzte Nigel. „Ihr ſeyd edelmuͤthig, Mylord,“ ſagte der Knabe;„und ich bin verſichert,— o vollkommen ver⸗ ſichert, daß ich mich eurer Ehre unbeſorgt anver⸗ trauen koͤnnte; aber dennoch,— bin ich ſo in mei⸗ 5 — 103 — nem Innerſten verwundet,— habe ſo unbeſonnen, ſo unvorſichtig gehandelt, daß ich euch nie meine Thorheit ganz offenbaren kann.“ 16n „Es liegt etwas hochſt ſonderbares in deinem Benehmen, mein Kind,“ ſagte Nigel, indem er mit ſanfter Gewalt die Hand wegzog mit welcher der Knabe aufs neue die Augen bedeckt hielt;„groͤme dich in dieſem Augenblick nicht weiter mit dem Ge⸗ danken an deine Lage, dein Puls ſchlägt hoch und deine Hand verräth Fieberhitze; lege dich auf jenes Feldbette und verſuche, dein Blut durch Schlaf zu beruhigen; es iſt das bereiteſte und ſicherſte Mit⸗ tel, die Grillen zu verſcheuchen, mit denen du dich quaͤlſt.“ „Ich danke euch fuͤr euren wohl uͤberdachten Rath, Mylord, aber erlaubt ihrs, ſo bleib ich eine WVeile ruhig in dieſem Armſtuhl, wo mir beſſer ſeyn wird, als auf jenem Lager. Ich kann dann unge⸗ ſtört bedenken, was ich that und werde immer beſchaͤf⸗ tigt ſeyn, bis Gott einen willkommnen Schlaf auf meine muͤden Glieder herabſenkt.“ Mit dieſen Worten zog der Knabe die Hand aus der des Lord Nigel, und invem er ſich in ſeinen wei⸗ ten Mantel huͤllte und zum Theil das Geſicht damit bedeckte, gab er ſich dem Schlummer oder dem Nach⸗ denken hin: waͤhrend ſein Gefaͤhrte, ungeachtet der erſchöpfenden Stenen dieſes und des vorhergehenden 104⁴ Tages, fortfuhr, gedankenvoll im Zimmer auf⸗ und niederzuwandeln. Jeder Leſer wird aus Erfahrung wiſſen, daß es Zeiten giebt, wo man, weit entfernt, uͤber aͤußere Umſtaͤnde zu gebieten/ ſogar unfaͤhig iſt, das ſeltſame Reich ſeiner eignen Gedanken zu lenken. Es war Nigels ſehr natuͤrlicher Wunſch, ſeine Lage kaltbluͤ⸗ tig zu uͤberdenken, und den Gang zu beſtimmen, welchen er als ein vernuͤnftiger, muthvoller Mann einzuſchlagen habe; und dennoch wollte es das Schick⸗ ſal, daß, trotz ſeines Strebens, und ungeachtet des vollkommenen Bewußtſeyns der bedenklichen Lage, worin er ſich befand, der Zuſtand ſeines Mitgefan⸗ genen ihn mehr als ſein eigner, beſchäͤftigte. Uner⸗ klärbar war eine ſolche Flatterhaſtigkeit der Einbil⸗ dunskraft; gleichwohl ließ ſie ſich nicht bekämpfen; die ſuͤßen Toͤne eine der lieblichſten Stimmen, die er je gehoͤrt hatte, hallten wieder in ſeinen Ohren, ungeachtet der Schlaf jetzt den Mund, aus dem ſie hervorgingen/ geſchloſſen zu haben ſchien. Auf den Zehen nahte er ſich, um ſich zu uͤberzeugen, ob dem wirklich ſo ſey. Die Falten des Mantels verbargen den untern Theil des Angeſichts ſeines jungen Ge⸗ fährten gaͤnzlich; aber das etwas zur Seite geſcho⸗ bene Barett, verſtattete ihm, die mit blauen Adern durchſchlängelte Stirn, die geſchloſſenen Augen und die langen Augenwimpern zu betrachten. - 105 —— „Armes Kind!“ ſprach Nigel zu ſich ſelbſt, verloren im Anſchauen des in den Mantel dicht eingehuͤllten Knaben,„noch perlt der Thau deiner Thränen in deinen Augen, und du haſt dich in den Schlaf geweint. Der Kummer iſt eine unſanfte pflegerin fuͤr ein ſo junges, zartes Weſen als du biſt; Friede ſey mit deinem Schlummer, ich will ihn nicht ſtoͤren, mein eignes Misgeſchick heiſcht meine Aufmerkſamkeit, und auf ſie muß ich mich be⸗ ſchraͤnken.“ Aber vergebens verſuchte er es; in jedem Augen⸗ blick drangen, wie zuvor, Muthmaßungen auf ihn ein, die alle des Schlafers Angelegenheiten mehr als ſeine eigne betrafen. Er zurnte mit ſich ſelbſt ob der vorherrſchenden Theilnahme an den Mißgeſchicke, eines ihm gänzlich fremden Weſens, von dem er nichts wußte, als daß viejenigen, deren Bewachung er anvertraut war, ihm ſeine Geſellſchaft aufgedrun⸗ gen hatten;— allein der Zauber konnte nicht gebro⸗ chen werden, und die Gedanken, die er zu verſcheu⸗ chen ſtrebte, verfolgten ihn unaufhoörlich. So verging eine halbe Stunde, als ſich plotzlich die rauhen Toͤne der raſſelnden Bolzen ſeiner Stu⸗ venthur vernehmen ließen und die Stimme des ein⸗ rretenden Gefangenwärters einen Mann ankuͤndigte der den Lord Glenvarloch zu ſprechen wuͤnſche.„Es wuͤnſcht Jemand mit mir zu ſprechen,— und in 106 meiner gegenwaͤrtigen Lage, wer kann das ſeyn? Aber unverzuͤglich ward das Raͤthſel geloſt, durch die Erſcheinung— ſeines ehemaligen Hauswirths John Chriſtie vom Paulswerft. „Willkommen, herzlich willkommen mein hr⸗ licher Hauswirth!“ rief Nigel dem Eintretenden ent⸗ gegen.„Nie hätte es mir getraͤumt, euch in meiner jetzigen wohlverwahrten Wohnung zu ſehen.“ Bei dieſen Worten ging er mit der unter alten Bekann⸗ ten gewöhnlichen Freimuͤthigkeit dem Meiſter Chriſtie entgegen und bot ihm die Hand; allein dieſer fuhr⸗ wie vor dem Blicke eines Baſilisten, von ihm zuruͤck. „Behaltet eure Höflichteiten fuͤr euch M y⸗ lord!“ rief er verdruͤßlich; vic hab ihrer lebens⸗ lang ſatt.“ „Wie, Meiſter ie gigel verwun⸗ dert,„was ſoll das bedeuten? Ich hoffe doch nicht, daß ich euch beleidigt habe.“ „Thut mir keine Fragen, Wylord,“ entgegnete Chriſtie;„ich bin ein friedliebender Mann, und kam nicht hieher um an dieſem Orte mit euch in eurer ge⸗ genwaͤrtigen Lage zu hadern. Wißt, ich kenne vollkommen alle Verbindlichkeiten, die ich eurem ho⸗ hen Stande ſchuldig bin, und dann ſagt mir in ſo kurzen Worten, als nur immer möglich, wo iſt das ungluͤckliche Weib? Wo habt ihr ſie gelaſſen?“ 107 „Wen meint ihr? ich weiß nicht, von wem ihr redet?“ zi „O! Mylord,“ entgegnete Chriſtie,„ſpielt den Verwunderten, ſo gut ihr wollt, ihr werdet ſchon errathen, daß ich von der armen Bethoͤrten rede, die einſt mein Weib war, bis Ew. Lordſchaft ſie ver⸗ fuͤhrte.“ „Wie? hat eure Frau euch verlaſſen? Und wenn dem ſo iſt, wie kommt ihr dazu, ſie von mir zu fordern 20 „Ja Mylord, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag,“ erwiederte Chriſtie in einem Tone bitterer Jronie und mit einem Hohnlachen, ſchrecklich contraſtirend mit ſeinen verſtoͤrten Geſichtszuͤgen, ſeinen vor Zorn funkelnden Augen und ſchͤumenden Lippen;„ich kom⸗ me, ſie von Ew. Lordſchaft zuruͤckzufordern. Ohne Zweifel ſeyd ihr verwundert, daß ich mir dieſe Mühe nehme; aber ich weiß ſelbſt nicht wie es zugeht, das Vornehme und Geringe daruͤber ſo verſchieden den⸗ ten. Sie hat an meiner Bruſt geruht und aus mei⸗ nem Becher getrunken; und ſo wie ſie iſt, kann ich ſie nicht vergeſſen; zwar will ich ſie nie wiederſehen; aber ſie ſoll nicht Hungers ſterben, Mylord, oder et⸗ was noch ſchlimmeres beginnen, um ſich ihr Brod zu erwerben; obgleich Cw. Lordſchaft vielleicht den⸗ ken mag, daß ich das Publikum beraube, wenn ich ihren Lebenswandel zu andern verſuche.“ 105 „So wahr ich ein Chriſt und ein Edelmann bin,“ verſetzte Nigel;„iſt eurem Weibe irgend et⸗ was ſchlimmes begegnet, ſo weiß ich nichts davon; ich hoffe zu Gott, daß ihr euch eben ſo ſehr darin irrt, ſie fuͤr ſchuldig zu halten, als in der Ver⸗ muthung, vaß ich der Theilnehmer ihrer Schuld ſep.“ „Pfui, pfui Mylord,“ verſetzte Chriſtie; „warum wolltet ihr ſo hartnaͤckig hinter dem Berge halten, ſie iſt ja nur das Weib eines alten, toͤlpel⸗ haften Krämers, der einfͤltig genug war, ein Maͤd⸗ chen zu heirathen, zwanzig Jahr juͤnger als er. Dies Laͤugnen kann Cw. Lordſchaft nicht mehr Ehre brin⸗ gen, als ihr ſchon hattet; und was den Vortheil und das Vergnuͤgen betrifft, ſo darf ich mit Gewißheit vorausſetzen, daß Nelly jetzt zu eurem Zeitvertreibe unnothig iſt. Es wuͤrde mir ſonſt leid thun, den Lauf eurer Vergnuͤgungen zu unterbrechen; ein alter Hahnrei muß mehr Ruͤckſicht auf ſeinen Zuſtand neh⸗ men. Da aber Ew. preiswuͤrdige Lordſchaft unter andern auserleſenen Kleinodien des Koͤnigreichs hier eingeſperrt iſt, ſo kann ich freilich mit Gewißheit annehmen, daß Dame Nelly nicht an den Vergnuͤ⸗ gungen eurer Erholungsſtunden Theil nehmen kann.“ — Hier begann der erzuͤrnte Ehemann vor Zorn zu ſammeln, und aus ſeinem ironiſchen Tone heraus⸗ zufallen.„O du Falſcher!“ rief er, wuͤthend mit 5 ———————— * „doch ich verzeihe ſie, weil eine ſeltſame Täuſchung —— geinem Stabe auf den Boden ſchlagend,„wäͤren doch deine Glieder gelähmt geweſen, als ſie zuerſt meine friedliche Schwelle betraten, oder waͤren ſie jetzt frei von den wohlverdienten Feſſeln, ſo wollte ich bei aller Ueberlegenheit deiner Jugend und deiner Waffen mit dieſem Knittel allen undankbaren, ein⸗ ſchmeichelnden Hoͤflingen ein Beiſpiel geben, wel⸗ ches bis an's Ende der Tage ſprichwoͤrtlich verkuͤn⸗ digen ſollte, wie John Chriſtie ſich an dem Buhlen ſeines Weibes rächte.“ „Zwar verſtehe ich nicht den ganzen Sinn eu⸗ rer uͤbermuͤthigen Schmaͤhungen;“ ſagte Nigel; auf euch laſtet; in ſo weit ich ihn aber ahnen kann, ſind jene Schmaͤhungen meinerſeits gaͤnzlich unver⸗ dient. Ihr ſcheint mir die Verfuͤhrung eures Weibes beizumeſſen; ich kann nicht anders glauben, als daß ſie unſchuldig iſt. Ich wenigſtens ließ ſie ſchuldlos, wie einen Engel im Himmel; nie dachte ich daran⸗ ſie zu verfuͤhren;— nie beruͤhrte ich ihre Hand oder ihre Wange anders, als aus anſtaͤndiger Hoͤflich⸗ keit.“ „Höflichkeit! das iſt das rechte Wort, immer prieß ſie Ewr. Lordſchaft anſtändige Hoflichkeit. Ihr habt mich mit eurer Höflichkeit beruͤckt. Mylord! Mylord! ihr kamt, wie ihr wißt, in ſehr mittel⸗ mäßigen Vermoͤgensumſtänden zu uns. Nicht des Gewinns halber nahm ich euch und euren bramarba⸗ ſirenden Don Diego unter mein beſcheidenes Dach auf. Wenig lag mir daran, ob das kleine Stuͤb⸗ chen vermiethet ward oder nicht; ich konnte ohnedies 7 leben. Hättet ihr nicht dafuͤr bezahlen können, ſo haͤtte man euch nichts dafuͤr abgefordert. Alle An⸗ wohner des Paulswerft wiſſen, das John Chriſtie den Willen und die Mittel hat, Gutes zu thun. Als ihr zuerſt meine friedliche Schwelle betratet, war ich ſo gluͤcklich als ein Mann ſeyn kann der kein Juͤngling mehr iſt, und die Gicht hat. Nelly war das freund⸗ lichſte, gutmuͤthigſte Weib unter der Sonne;— hat⸗ ten wir gleich zu Zeiten einen kleinen Wortwechſel. uͤber ein Kleid oder ein Band, ſo gab es doch⸗ bis ihr kamt, fuͤr ihr noch jugendliches Alter im ganzen tein beßres Weib als ſie; und was iſt ſi jetzt?— doch bin ich nicht ein Thor, zu weinen, wenn ich velſen kann? Es frägt ſich nicht, was ſie iſt, ſon⸗ dern wo ſie iſt; und das muß ich von euch, Sir, erfahren.“ „Wie koͤnnt ihr das,“ antwortete Nigel,„wenn ich euch ſage, daß ich eben ſo wenig und noch viel weniger als ihr, davon weiß? Bis dieſen Augenblick hoͤrt' ich nie das Mindeſte von einer Uneinigkeit zwi⸗ ſchen euch und eurer Gattin.“ „Das, iſt eine Luͤge,“ ſprach John Chriſtie, zornig. 114 „Wie, du niedertraͤchtiger Bube?“ zuͤrnte Ni⸗ gel,„wagſt du es, dir meine Lage zu Nutze machen zu wollen? Hielt ich dich nicht fuͤr wahnſinnig, und vielleicht von Sinnen gebracht durch irgend ein dir widerfahrnes Unrecht, ſo ſollteſt du finden, daß, ob⸗ wohl ich waffenlos bin, nichts dich vor der Staͤrke meines Armes ſchuͤtzen koͤnnte. Ich wuͤrde deinen Hirnkaſten an der Wand zerſchmettern.“ „Ei prahlt ſo viel wie ihr wollt,“ erwiederte Chriſtie,„ihr habt in den Speiſehaͤuſern und in Whitefriars ohne Zweifel die Spitzbubenſprache gruͤndlich erlernt, aber ich wiederhole es, ihr habt die Unwahrheit geredet, als ihr behaupten wolltet, ihr wuͤßtet nichts von meines Weibes Untreue; denn⸗ als euch in der Geſellſchaft eurer luſtigen Kumpane das Verhaͤltniß zu ihr vorgeworfen wurde, ward es ein gemeinſchaftlicher Gegenſtand des Scherzes unter euch, und Ew. Lordſchaft ließ ſich den, euch von euren Kumpans deshalb beigelegten Ruhm der Ga⸗ lanterie und Dankbarkeit willig gefallen.“ „In dieſem Theile der Vorwuͤrfe Chriſties war eine Miſchung von Wahrheit, die Nigeln faſt außer Faſſung brachte; denn er konnte als Mann von Ehre nicht läugnen, daß Lord Dalgarno zu Zeiten mit ihm uͤber ſein Verhaͤltniß zur Dame Nelly geſcherzt hatte, und daß er, wenn er gleich, genau geſagt. nicht den Fanfaron des vices, qu'il wa⸗ 11⁸ ——— voit pas, geſpielt hatte, er wenigſtens nicht eiftig genug bemuht geweſen war, ſich von dem Verdachte eines Verbrechens zu reinigen, in den Augen von Maͤnnern die es als Verdienſt betrachteten. Er ge⸗ ſtand daher einigermaßen ſtockend, und bedingend⸗ daß einige muͤſſige Scherze in jener Vorausſetzung, die jedoch ohne den mindeſten Grund geweſen ſey, vorgefallen wären. John Chriſtie wollte jetzt keine weitere Rechtfertigung anhoͤren.„Nach eurem eig⸗ nen Geſtaͤndniſſe,“ ſagte er,„verſtattetet ihr, daß im Scherze Luͤgen von euch erzählt werden durften. Wie kann ich denn wiſſen, ob ihr, da ihr jetzt im Ernſte redet, die Wahrheit ſagt? Ohne Zweifel hieltet ihr es fur etwas ſchones, im Rufe zu ſtehen, als haͤttet ihr eine rechtſchaffene Familie entehrt;— wer wird nicht glauben, daß ihr wirklich Gruͤnde hattet, wor⸗ auf eure niedertraͤchtige Ruhmredigkeit beruhte? Nie⸗ mand wird es bezweifeln; und daher merkt euch wohl, Mylord, was ich zu ſagen habe. Ihr ſeyd jetzt ſelbſt in Noth; ſo wahr ihr euch wohlbehalten und ohne Verluſt eures Lebens und eures Eigenthums daraus zu retten hofft, ſagt mir, wo das ungluͤckliche Weib iſt.— Sagt es mir, ſo wahr ihr einſt den Himmel zu ererben hofft,— ſagt es, wenn ihr die Hoͤlle fuͤrchtet,— ſagt es, wenn ihr nicht wollt, daß der Fluch eines zu Grunde gerichteten Weibes, und ei⸗ nes Mannes, dem der Kummer das Herz brach, euch verfolgen, und an jenem Tage wider euch zeugen!— Ihr ſeyd bewegt, Mylord,— ich ſehe es euch an. Nie kann ich die Schmach vergeſſen, die ihr mir zu⸗ füͤgtet, ich kann nicht einmal verſprechen, ſie zu verge⸗ ben, aber ihr ſollt mich nie wiederſehen, nie einen Vor⸗ wurf von mir hoͤren, wenn ihr mir Auskunft gebt.“ „Ungluͤcklicher Mann,“ entgegnete Lord Glen⸗ varloch;„ihr ſagtet mehr, weit mehr als noͤthig war, mich tief zu erſchuͤttern. Waͤr' ich in Freiheit, ſo wuͤrde ich euch aus allen Kräſten beiſtehen, den⸗ jenigen aufzuſuchen, der euch eine ſolche Schmach zufuͤgte, um ſo mehr, da ich argwohne, der Umſtand, daß ich euer Miethsmann war, ſey gewiſſermaßen die entfernte Urſache geweſen, den Raͤuber in die Schafhuͤrde zu bringen.“ „Ich freue mich, daß mir Ew. Lordſchaft ſo viet eingeſteht,“ verſetzte John Chriſtie, indem er den vorigen ironiſchen, bittern Ton wieder annahm, mit dem er dies ſeltſame Geſpräch eroͤffnet hatte;„ich will euch weitere Vorwuͤrfe und Gegenteden erſparen, euer Entſchluß iſt gefaßt und auch der meinige.— Holla, Gefangenwaͤrter!“— rief er mit lauter Stimme, der Waͤrter erſchien und John ſuhr fort: „laßt mich hinaus, Bruder; nehmt euten Geſang⸗ nen wohl in Obacht; es waͤre beſſer, daß die Haͤlfte aller reißenden Thiere, die in der Menagerie des To⸗ wers aufbewahrt werden, auf dem Tower⸗Hill los⸗ 111. 8 gelaſſen wuͤrde, als daß jener Menſch dort mit dem glatten Geſichte und der Schmeichelzunge wieder in ehrlicher Leute Geſellſchaft zuruͤckkehrte.“ Mit dieſen Worten verließ er haſtig das Zim⸗ 4 mer, und Nigel hatte volle Muße, ſein verhängniß⸗ volles Schickſal zu beklagen, welches nicht muͤde zu werden ſchien, ihn wegen ſolcher Verbrechen zu ver⸗ ſolgen, an denen er unſchuldig war, und ihn mit dem Anſchein der Schuld an Frevelthaten zu belaſten, die ſein Herz verabſcheute. Gleichwohl konnte er nicht umhin, ſich zu geſtehen, allen Kummer, den ihm Chriſties jetzige Anklage verurſachte, in ſo weit ver⸗ dient zu haben, daß er aus Eitelkeit, oder vielmehr aus Abneigung, ſich laͤcherlich zu machen, geduldet habe, eines ſchaͤndlichen, den Rechten der Gaſffreundſchaft zuwiderlaufenden Vergehens faͤhig geachtet zu wer⸗ den, und zwar blos deswegen, weil Thoren es eine bloße Galanterie nannten; es war daher keineswegs Balſam auf ſeine Wunde, als er ſich erinnerte, wie Richard ihm bei ſeinem Abſchiede erzaͤhlte, man habe ſich hinter ſeinem Ruͤcken uͤber ihn aufgehalten, daß er ſich das Anſehen eines Liebeshandels gebe, den er anzuſpinnen und durchzufuͤhren doch nicht Geiſt und Muth genug gehabt habe. Dieſe Verſtellung hatte ihn daher in die ungluͤckliche Lage verſetzt, als ein Großprahler unter jungen Leuten zu gelten, bei de⸗ nen die Wirklichkeit eines ſolchen Liebeshandels ihm —— zum Ruhme gereicht haben wuͤrde, wůhrend er auf der andern Seite von einem beleidigten, hartnaͤckig von ſeiner Schuld uͤberzeugten Ehemanne als ein ſchaͤndlicher Verfuͤhrer und Uebertreter des Gaſtrechts gebrandmarkt wurde. Fuͤnftes Kapitel. Sehr natuͤrlich waͤr' es geweſen, wenn Chri⸗ ſties Beſuch, durch die Kette der dadurch herbeige⸗ fuͤhrten neuen Ideen Nigels Aufmerkſamkeit von ſei⸗ nem ſchlummernden Gefaͤhrten gaͤnzlich abgelenkt, und wenigſtens eine Zeitlang unterbrochen hätte. Allein bald nach der Entfernung des beleidigten Che⸗ manns fand Nigel es ſonderbar, daß der Knabe waͤhrend des ganzen, ihm ſo nahe geweſenen, ſehr lauten Zwie⸗ ſprachs ſo feſt zu ſchlafer ſchien; und doch ward klar, daß er ſeine Stellung durchaus nicht verändert hatte. War es ein wirklicher oder nur ein verſtellter Schlaf? Er nahte ihm daher leiſen Schritts um ihn zu beob⸗ achten, und bemerkte, daß er geweint hatte, und immer noch weinte, ungeachtet ſeine Augen verſchloſ⸗ ſen waren. Er beruͤhrte ſanſt ſeine Schulter, der Knabe fuhr zuſammen, erwachte aber nicht⸗ 8* — 116 Fett ruͤttelte er ihn ſünn auf, und fragte 8 er ſchlafe. „Weckt man bei euch zu Lande die Leute auf, wenn man wiſſen will, ob ſie ſchlafen oder nicht?“ fragte der Knabe in einem verdrüßlichen Tone. „Nein mein junger Herr; aber wenn ſie, wie du, im Schlafe weinen, ſo weckt man ſie, um zu wiſſen, was ihnen fehlt.“ „Es iſt Niemanden viel daran gelegen, zu wiſ⸗ ſen, was mir fehlt,“ ſagte der Knabe. „Aber du wußteſt, bevor du einſchlieſſt, wie wenig ich zur Abhuͤlfe deiner bedenklichen Lage beitra⸗ gen könne, und ſchieneſt gleichwohl geneigt, einiges Vertrauen in mich zu ſetzen.“ „Wenn ich es that, ſo habe ich meine Meinung geändert,“ entgegnete der Knabe. „Und wodurch iſt dieſe veraͤnderte Stimmung bewirkt worden?“ fragte Nigel?—„Einige Men⸗ ſchen reden im Schlafe, vielleicht haſt du die Gabe, im Schlafe zu hoͤren.“ „Nein, aber ſelbſt der Patriarch Joſeph, träumte nie wahrer als ich.“ † „In der That,“ fragte Nigel;„und welchen Traum, wenn ich fragen darf, haſt du gehabt, der mich in deiner Meinung herabgeſetzt hat? denn, daß dies durch jenen Traum bewirkt iſt„ſcheint doch das Ende vom Liede zu ſeyn.“* 117 „Ihr moͤgt ſelbſt urtheilen,“ antwortete ſein Stubengenoſſe;„mir traͤumte, ich ſey in einem großen Walde, wo ſich Hundegebell und Hoͤrnerklang vernehmen ließ, genau ſo, wie ich es im Park von Greenwich hoͤrte.“ „Der Traum war ſehr natuͤrlich, du einfaͤlti⸗ ges Kind, da du am heutigen Morgen in jenem Parke warſt!“ bemerkte Nigel. „Hoͤrt zu, Mylord, ich fuhr in meinem Traume fort, bis ich am Ende eines breiten Baumganges ei⸗ nen edlen Hirſch ſah, der ſich in den ihm geſtellten Netzen gefangen hatte; und es duͤnkte mir, als ſey es der nämliche Hirſch, dem der ganze Jagdzug nach⸗ jagte, und daß, wenn die Jagd herangekommen waͤre, die Hunde ihn zerriſſen oder die Jäger ihm die Kehle abgeſchnitten haben wuͤrden. Ich hatte,— ſo träͤumte ich weiter, Mitleid mit dem edlen Hirſch, und obgleich er mir einige Furcht einfloͤßte, ſo dachte ich doch, ich wollte etwas wagen, um ein ſo edles Geſchoͤpf zu befreien ½ zog daher mein kleines deſſer heraus, und eb s ich im Begriff war, die Maſchen des Netzes zu loͤſen, erhob ſich das Thier vor meinen Augen in der Geſtalt eines Tigers, weit groͤßer und wilder als ihr je einen in der Menagerie des Towers geſehn habt; und eben war er im Be⸗ griff, mich in Stuͤcke zu zerreißen, als ihr mich wecktet.“ 118 „Mich duͤnkt,“ entgegnete Nigel;„ich ver⸗ diente mehr Dank als ich erhielt, fuͤr deine Erloͤſung aus einer ſolchen Gefahr; aber es ſcheint mir, daß dieſe ganze Erzahlung von dem Tiger und dem Hirſch, mit deiner veränderten Gemuͤthsſtimmung gegen mich nichts zu thun hat.“ „Ich weiß nicht ob es der Fall iſt oder nicht; aber ſo viel weiß ich, daß ich euch nicht ſagen wibl, wer ich bin.“ „Nun dann magſt du dein Geheimniß für dich behalten, muckiſcher Knabe,“ verſetzte Rigel, ſich von ihm abwendend und von neuem ſeine Stuben⸗ wanderung beginnend; dann wandte er ſich ploͤtzlich wieder SMnen Gefährten, mit den Worten:„und dennoch ſollſt du mir nicht entſchluͤpfen, ohne zu wiſ⸗ ſen, daß ich dein Geheimniß durchſchaue. 4 „Mein Geheimniß!“ ſagte der Knabe, zgli beunruhigt und gereizt,„ was meint ihr damit, Mylord?“ „Weiter nichts, als deinen Traum ohne Beiſtand eines chaldaͤiſchen Auslegers deuten kann; und dieſe Auslegung beſteht darin, daß ich ſo gluͤck⸗ lich bin, mich einer Stubengenoſſenſchaft zu erfreuen⸗ vie nicht die Kleidung ihres Geſchlechts traͤgt.“ „Und wenn dem ſo waͤre, Mylord,“ ſagte der angebliche Knabe, haſtig aufſpringend, und ſich dicht 6. 119 ——— 1 in den Mantel huͤllend,„ſo deckt meine Kleidung ſo, wie ſie iſt, ein Weſen, daß ſie nie entehren wird.“ „Viele wuͤrden dieſe Erklaͤrung eine ſchoͤne Aus⸗ forderung nennen,“ verſetzte Nigel, ſie feſt anblik⸗ kend;„denn Frauenzimmer verkleiden ſich nicht als Mäͤnner, um ſich maͤnnlicher Waffen zu bedienen.“ „Ich habe keinen ſolchen Zweck,“ ſagte der an⸗ gebliche Knabe;„ich habe andere Mittel zu meinem Schutze, und zwar kräftige; aber zuerſt wuͤnſchte ich zu wiſſen, was euer Zweck iſt.“— „Ein ehrenwerther und hoͤchſt achtungsvoller,“ ſagte Lord Nigel;„wer ihr auch ſeyn moͤgt, welcher Beweggrund euch auch in dieſe zweideutige Lage ver⸗ ſetzt haben mag, ſo fuͤhle ich,— jwerer Blicke, Worte und Handlungen, ſagte es mir,— vaß ihr kein Gegenſtand ſeyd, geeignet fuͤr Unbeſcheidenheit und Zudringlichkeiten. Welche Umſtuͤnde euch hieher ge⸗ bracht haben, kann ich nicht errathen; doch bin ich uͤberzeugt, daß ihr unmoͤglich etwas Schlimmes im Sinne haben koͤnn as euch einer Beſchimpfung auszuſetzen mir habt ihr nichts zu fuͤrchten.“ „Ich erwartete nichts Geringeres von eurem Edelmuth, Mylord,“ erwiederte die Dame,„mein Abenteuer, ſo gewagt und thoͤrigt es auch war, iſt dennoch nicht in dem Grade unbeſonnen, und meine Sicherheit an dieſem Orte ißt nicht ſo ganz ſchuslos, 120 als es beim erſten Anblick und in dieſer ſeltſamen Kleidung ſcheinen koͤnnte. Ich habe genug, und mehr als noͤthig, gelitten durch die Erniedrigung, in dieſem unweiblichen Anzuge erkannt zu ſeyn, und durch die Vemerkungen, die ihr nothwendigerweiſe uͤber mein Benehmen gemacht haben muͤßt; aber ich danke Gott, daß ich eines hinreichenden Schutzes genieße, um nicht ungeraͤcht Beleidigungen erdulden zu duͤrfen.“ Als dieſe ſeltſame Erklaͤrung bis dahin gekom⸗ men war, erſchien der Gefangenwaͤrter und ſetzte Nigeln eine Mahlzeit vor, die im Betracht ſeiner dermaligen Lage ſehr gut genannt werden konnke, und die, wenn gleich nicht erreichend die Ergebniſſe der Kochkunſt des beruͤhmten Chevalier Beaujeu, bie Mahlzeiten von Alſatien an Reinlichkeit und Wohl⸗ ſchmack weit uͤbertraf. Ein anderer Waͤrter uͤber⸗ nahm die Aufwartung bei der Tafel, und gab dem verkleideten Knaben ein Zeichen, ihm in der Auf⸗ wartung behuͤlflich zu ſey llein Nigel erklaͤrte, daß er die Eltern des ju Nenſchen kenne und verlange, daß er mit ihm ſpeiſen ſolle. Die junge Schoͤne erfullte dies Verlangen mit einer Verlegen⸗ heit, die ihre reizenden Zuͤge noch anziehender machte. Mit natuͤrlicher Anmuth verband ſie die Formen, welche eine gute Erziehung lehrt, und es ſchien Ni⸗ geln,— ſep es nun, daß er ſchon zu ihren Gunſten 121¹ —— engenommen war durch die außerordentlichen Um⸗ ſaͤnde ihres Zuſammentreffens⸗ oder daß eine wirk⸗ liche Thatſache ſeinem Urtheile zu Grunde lag,— als habe er ſelten ein junges Frauenzimmer mit meh⸗ rerem Anſtande, verbunden mit Freimuth und Ein⸗ fachheit, ſich benehmen ſehen⸗ Wirklich gab das Be⸗ wußtſehn ihrer ſonderbaren Lage, ihrer ganzen Art zu ſeyn einen eigenthuͤmlichen Anſtrich, den man weder zu foͤrmlich, noch leichtfertig, noch verlegen, wohl aber eine Miſchung von allen drei Abſchattungen nen⸗ nen konnte. Von dem auf die Tafel geſetzten Wein wollte ſie nichts koſten. Die Unterhaltung zwiſchen den beiden Tiſchgenoſſen war natuͤrlich durch die Ge⸗ genwart des Wäͤrters auf die Angelegenheiten der Tafel beſchränkt; doch hatte Nigel ſchon vor deren Aufhebung den Entſchluß gefaßt, wo moͤglich die Ge⸗ ſchichte des reizenden Maͤdchens in Erfahrung zu bringen,— ein Entſchluß, worin ihn die immer ſtärker werdende Ueberzeugung beſtäͤtigte, daß der liebliche Ton ihrer S⸗ und ihre einnehmenden Zuͤge ihn. nicht ſo gal fremd ſeyen, als er anfangs geglaubt hatte. Dieſe Ueberzeugung war jedoch erſt allmählig in ihm gereift, und vorzuglich durch ein⸗ zelne Umſtände, die ihm während der Mahlzeit be⸗ merklich wurden. Endlich war das Gefangenmahl geendet, und Rigel beganu über die Art und Weiſe nachzuſinnen, — ů Ü·“ Ü· 122 wie er das erſehnte Geſpraͤch am leichteſten einleite koͤnne, als der Wäͤrter einen Beſuch ankuͤndigte. „Ach!“ rief Nigel mißmuͤthig aus,“ ſo ſchuͤtzt denn ſelbſt das Sſitgniß nicht vor zudringlichen Beſuchen!“ Er bereitete ſich jedoch zum Enpfänge des neuen Gaſtes, waͤhrend ſeine beunruhigte Gefährtin zu dem großen Lehnſtuhl ihre Zuflucht nahm, der ihr an⸗ fangs zum Ruheplatz gedient hatte; ſie huͤllte ſich in ihren Mantel ein, und nahm eine Stellung, geeignet, ſo ſehr als moͤglich der Beobachtung zu entgehen. Kaum war dies geſchehen, als die Thuͤr ſich oͤffnete und— „der ehrenwerthe Buͤrger George Heriot in das Gefan⸗ genzimmer trat. Er warf rund umher ſeinen gewoͤhnlichen, ſcharf beobachtenden Blick, und Nigeln ſich nahend, redete er ihn mit den Worten an:„ Mylord, ich wuͤnſchte, ſagen zu können, ich fuͤhle mich gluͤcklich, euch wiederzuſehen.“ „Der Anblick der Unglu e gewaͤhrt ſelten ihren Freunden Gluͤck. bin ſehr froh, euch zu ſehen.“ Dabei reichte er ihm die Hand darz aein He⸗ riot verbeugte ſich mit formeller Höflichkeit, anſtatt die dargebotene Rechte anzunehmen;— ein Gruß, der in jenen Zeiten, als noch der Unterſchied der Staͤnde durch Etikette und Ceremonien ſreng be⸗ —— — 123 — wacht wurde, fuͤr eine ausgezeichnete Gunſt gehalten ward. pict „Ihr ſeyd unzufrieden mit mir⸗ Meiſter Heriot,“ ſagte Nigel erroͤthend; denn des rechtſchaffenen Buͤr⸗ gers angenommene tiefe Ehrerbietung gegen ihn täuſchte ihn nicht. „Keinesweges⸗ Mylord,“ erwiederte Heriot; „ollein ich bin in Frankreich geweſen, und hielt es fuͤr wichtig, neben andern weſentlichen Artikeln auch ein kleines Probchen jener guten Lebensart mitzubrin⸗ gen, weshalb die Franzoſen ſo beruͤhmt ſind.“ „Es iſt nicht freundlich von euch gehandelt,“ verſetzte Nigel,„den erſten Gebrauch dieſer Erwer⸗ bung an einem alten, euch ſo ſehr verpflichteten Freunde auszulaſſen.“ Heriot beantwortete dieſe Bemerkung blos mit einem kurzen, trocknen Huſten. Dann fuhr er nach „ einer Pauſe fort:„ Mylord, da meine franzoͤſiſche Hoflichkeit mich nicht weit fuͤhren wuͤrde, ſo wuͤnſchte ich zu wiſſen, ob ich, wie ein Freund, reden ſoll, da es Ew. Lordſchaft gefaͤllt, mich ſo zu nennen, oder ob ich, wie es meinem Stande geziemt, mich auf die noͤthigen Geſchaͤfte beſchraͤnken ſoll, die wir mit einander abzuthun haben.“ „Ich bitte euch um Alles in der Welt willen, Meiſter Heriot, redet als Freundz ich bemerke, daß ihr einige der vielen, wo nicht gar alle Vorurtheile, —— ——— 124 die gegen mich vorherrſchen, angenommen habt. Sprecht euch freimuͤthig aus;— Alles, was ich nicht mit Wahrheit tann, will ich frei ge⸗ ſtehen.“ 50 „Unv auch, wie ich hoffe, Pylord, wieder gut machen,“ ſiel Heriot ein. „Allerdings, ſo Heit es in meiner ſhr ſagte 2 Nigel. „Ach! Mylord!“ fuhr Heriot fort,„dies iſt eine eben ſo traurige als nothwendige Beſchraͤnkung; denn wie leicht kann man hundertmal mehr uͤbles thun, als es moͤglich iſt, gegen die Benachtheiligten und gegen die burgerliche Geſellſchaft wieder gut zu ma⸗ chen. Aber wir ſind hier nicht allein,“ ſagte er ein⸗ haltend und ſeinen ſcharfen Blick auf die verhuͤllte Geſtalt des verkleideten Maͤdchens werfend, deren außerſte Anſtrengungen ſie nicht in den Stand geſetzt hatten, ihre Stellung ſo zu nehmen, daß ſie ganz un⸗ bemerkt bleiben konnte. Eifriger bemüht, der Ent⸗ deckung des Maͤvchens vorzubeugen, als ſeine eig⸗ nen Angelegenheiten geheim zu halten, ſiel Nigel haſtig ein: „Es iſt mein Page; ihr könnt vor ihm frei reden.“ „Nun ſo will ich denn frei reden,“ verſetzte He⸗ riot, nach einem zweiten Blick auf den Lehnſtuhl; 125 vielleicht werden meine Worte minder willkommen als freimuͤthig ſeyn.“ „Fahrt fort Sir,“ ſagte Nigel,„ich habe euch ſchon verſichert, daß ich Vorwuͤrſe ertragen kann.“ „Mit einem Worte, Mylord, wie kommt es⸗ daß ich euch anz ieſem Orte finde, und zwar belaſtet mit Anſchuldigungen, die einen Namen, der Jahr⸗ hunderte lang wegen der Tugenden derer, die ihn trugen, beruͤhmt war⸗ beflecken muͤſſen?“ „Hierauf antworte ich euch in der Kuͤrze: ihr findet mich hier, weil ich, um mit meinem erſten Irrthume zu beginnen⸗ kluger ſeyn wollte, als mein Baten „Das war eine ſchwere Aufgabe, Mytord,“ er⸗ wiederte Heriot;„euer Vater galt allgemein fuͤr den kluͤgſten und für einen der tapferſten Maͤnner Schott⸗ lands.“ „Er befohl mir, das Spiet ganz zu meiden;ʒ und ich maaßte mir an, dies Gebot dahin zu ermaͤßigen⸗ daß ich mein Spiel nach meiner Geſchicklichkeit, mei⸗ nen Geldmitteln und meinem Gluͤcke regelte.“ „O, der Cigenliebe! Angetrieben durch Ge⸗ winnſucht, vergaßt ihr das Sprichwort: wer Pech angreift, beſudelt ſich. Genug, Myhlord, ihr braucht hieruͤber nichts weiter zu ſagen/ denn ich habe mit großem Bedauern vernommen, wie ſehr dies Beneh⸗ men eurem Rufe geſchadet hat. An den Fehler, deſ⸗ 126 ſen ihr euch gegen Lord Dalgarno ſchuldig machtet, darf ich euch unbedenklich erinnern⸗ Mylord, My⸗ lord, wie ſehr er ſich auch immer gegen euch vergan⸗ gen haben mochte, ſo mußte der Sohn eines ſolchen Vaters vor euren Gewaltthaͤtigkeiten geſichert ſeyn.“ „Ihr ſprecht hieruber mit kaltenBlute, Meiſter Heriot; und ich war gekraͤnkt durch tauſend Belei⸗ digungen, die mir unter der Maske der Freundſchaft zugefuͤgt waren.“ „Das heißt, er Ew. en ſchlechten Rath, und ihr,— „Ich war thoͤricht genug, ſeinem zu fol⸗ gen; aber wir wollen dieſen Punkt mit Stillſchwei⸗ gen uͤbergehen, Meiſter Heibt alte und junge Mäͤn⸗ ner,— Maͤnner vom Wehrſande und vom Naͤhr⸗ ſtande, denken uͤber ſölche Gegenſtaͤnde immer ver⸗ ſchieden.“„ „Ich gebe den Unterſchied zwiſchen einem alten Goldſchmidt und einem jungen Lord gern zu; gleich⸗ wohl hättet ihr um Lord Huntinglens willen Ge⸗ vuld haben, und um eurer ſelbſt willen mit Klug⸗ heit handeln ſollen. Nehmen wir an, daß eure Sa⸗ che gerecht war— „Ich bitte euch, laßt uns zu iegeni einer an⸗ dern Beſchuldigung uͤbergehen,“ ihn Nigel. 127 „Ich bin nicht euer Anklaͤger, Mylord; aber ich hoffe zu Gott, daß euer eignes Herz euch laͤngſt ſchon der Uebertretung des Gaſtrechts angeklagt hat, deren ihr euch gegen euren vorigen Hauswirth John Chri⸗ ſtie ſchuldig gemacht habt.“ „Haͤtte ich die Beſchuldigung, worauf ihr hin⸗ deutet, wirklich verdient,“ erwiederte Nigel,— „hätte ein Augenblick der Verſuchung mich hingeriſ⸗ ſen, ſo wuͤrde ich ihn laͤngſt ſchon innig bereut haben. Wer aber auch immer das arme Weib ungluͤcklich ge⸗ macht hat, ich war es nicht; bis vor einer Stunde hoͤrt ich nie etwas von ihrer Thorheit.“ „Hört Mylord,“ ſagte Heriot in einem ſtren⸗ gen Tone,„dies hat zu ſehr den Anſchein der Ver⸗ ſtellung. Ich weiß, daß unter unſern heutigen jun⸗ gen Leuten nicht nur uͤber Ehebruch, ſondern auch uͤber den Todtſchlag ein ganz neues Glaubensbekennt⸗ niß herrſcht. Lieber moͤcht ich euch von einer Revi⸗ ſion der zehn Gebote und Einfuͤhrung gelinderer Stra⸗ fen, zu Gunſten der privilegirten Staͤnde, reden, als eine Thatſache läugnen hoͤren, deren ihr euch be⸗ kanntlich ſelbſt geruͤhmt habt.“ „Geruͤhmt? nie that ich das; nie wuͤrde ich mir ſo etwas zur Ehre rechnen,“ verſetzte Nigel;„frei⸗ lich konnte ich nicht verhindern, daß andere muͤßige Zungen und Köͤpfe falſche Schluͤſſe machten.“ 128 „Ihr wuͤrdet ihnen ſchon Stillſchweigen aufzu⸗ erlegen gewußt haben,“ erwiederte Heriot;„wenn ſie etwas geſagt haͤtten, das euren Ohren unange⸗ nehm und nicht der Wahrheit gemäß geweſen waͤre. Hoͤrt Mylord, erinnert euch eures Verſprechens, zu geſtehen; und in der That iſt in dieſem Falle das Ge⸗ ſtͤndniß ein Mittel, die Sache wenigſtens einiger⸗ maßen wieder gut zu machen. Gern beruͤckſichtige ich zur Milderung eurer Schuld, eure Jugend und die Reitze des verfuͤhrten Weibes, die wie ich ſelbſt bemerkte, ziemlich leichtſinnig war. Laßt mich wiſ⸗ ſen, wo ſie iſt; ihr thörichter Chemann hat immer noch einiges Mitleid fur ſie, will ſie von der Schande erretten, und vielleicht mit der Zeit wieder zu ſich nehmen. Denn wir Främer und Handwerker ſind ein gutmüthiges Völkchen; ahmt nicht denen nach Mylord, die Unheil anrichten, blos, um des Ver⸗ gnugens willen, es zu thun; ſelbſt der Teufel kann nichts ſchlimmeres thun.“ „Eure ernſten Ermahnungen werden mich noch raſend machen,“ ſagte Nigel;„ in dem was ihr ſagt liegt ein Anſtrich von Vernunft und Billig⸗ keit; und doch beharrt ihr bei dem allen auf dem Verlangen, daß ich den Zufluchtsort eines Fluͤcht⸗ lings, von dem ich nicht das mindeſte weiß, euch nennen ſoll.“ — ,— 129 „Wohl Mylord,“ erwiederte Heriot mit Käͤlte, „ihr habt, ſo wie die Sache liegt, ein Recht, euer Geheimniß zu bewahren; da aber mein Geſprach uͤber dieſen Punkt ſo ganz nutzlos zu ſeyn ſcheint, ſo thaͤ⸗ ten wir beſſer, auf Geſchaͤftsgegenſtände uͤberzugehen⸗ Dennoch erhebt ſich eures Vaters Bild vor meinem innern Auge, und es duͤnkt mich, als fordere es von mir, daß ich fortfahren ſolle.“ „Handelt hierin nach eurem Belieben Sir; wem mein Wort nicht zur Bekraͤſtigung der Wahrheit ge⸗ nuͤgt, dem will ich ſie durch keine andere Sicher⸗ heit verbuͤrgen.“ „Wohlan venn Pylord: in der Freiſtte von Whitefriars,— einem fuͤr junge Maͤnner von Stande und gutem Character ſo unpaßlichen Zu⸗ ſluchtsorte,— ward, wie ich vernehme, eine Mord⸗ that begangen.“. „Und ohne Zweifel glaubt ihr, daß ich auch hier der Thaͤter war.“ „Gott bewahre Mylord!“ entgegnete Heriotz „ie geſchwornen Leichenbeſchauer haben uͤber den Befund des Thatbeſtandes ihre Erklaͤrung gegeben, woraus hervorging, daß eure Lordſchaft unter dem Namen Graham ſich mit der äußerſten Beſigb benommen hat.“ „Kein Compliment, ich bitte euch,“ veiſitte Nigel,„ich bin nur zu glucklich zu vernehmen, daß Ill. 5 136 ich nicht auch fuͤr den WMörd rjenes alten Mannes gehalten bin.“ „Aber auch in cizer ungelegenpeit„ fuhr He⸗ viot fort, fehlt es an näherer Aufklärung. Ew. Lord⸗ ſchaſt ſchiffte ſich am heutigen Morgen mit einem Frauenzimmer ein, die, wie man ſagt, eine uner⸗ meßliche Summe an baarem Gelde und andern Koſt⸗ barkeiten bei ſich hatte, ohne daß man von dem Frau⸗ enzimmer weiter etwas gehört hat.“ „Ich trennte mich von ihr am Paulswerſt,“ antwortete Nigel,„wo ſie mit den bei ſich habenden Sachen ans Land ging. Ich gab ihr ein Schreiben an John Chriſtie, den nämlichen Mann, der ſich durch den Verluſt ſeiner Frau ſo ungluͤcklich fuͤhlt.“ „Eben ſo erzaͤhlt der Schiffer die Geſchichte,“ verſetzte Heriot;„allein John Chriſtie läͤugnet, daß er ſich irgend etwas von der Sache erinnere.“ „Ich bedaure, dies zu vernehmen,“ ſagte Ni⸗ gel;„und hoffe zu Gott, daß ſie nicht etwa ihrer Schaͤtze wegen entfuͤhrt iſt.“ „Auch ich will dies nicht hoffen Wylord,“ ver⸗ ſetzte Heriot;„allein das Publicum fuͤhlt ſich ſehr dadurch beunruhigt. Unſer ſchottiſcher Nationalcha⸗ rakter leidet von allen Seiten; man erinnert ſich des unglucklichen Vorfalls mit Lord Sanquhar, der fuͤr die Ermordung eines Fechtmeiſters mit dem Strange beſtraft ward, und man hoͤrt Londoner Buͤrger aus⸗ 131 rufen, daß ſie ſich vom ſchottiſchen Adel nicht ihre Weiber verfuͤhren und ihr Eigenthum Fehlen laſſen wollen.“ „Und dies alles wird mir aufgebuͤrdet?“ fragte Rigel;„aber leicht iſt meine Rechtſertigung.“ „Davdn halte ich mich uͤberzeugt. Ja in dieſem Punkte bezweifle ich keinesweges eure Schuldloſigkeit. Aber warum verließet ihr F unter ſolchen Umſtänden?“ „Reginald Loweſtoffe ſandte mir ein Brot, mit der dringenden Aufforderung, mich deſſen zu meiner Rettung zu bedienen.“ „Ich bedaure, euch ſagen zu muͤſſen,“ verſehte Heriot,„daß er behauptet, von Ew. Lordſchaſt nichts weiter gehoͤrt und geſehen zu haben, ſeit er einen Boten mit einigem Gepaͤcke an euch abſandte.“ „Die Schiffer verſicherten mir, Loweſtoffe habe ſie gemiethet und abgeſchickt.“ „Schiffer?“ ſiel Heriot ein,„es hat ſich gefun⸗ den, daß einer von ihnen ein nichtsnutziger Lehrbur⸗ ſche iſt, den ich wohl gekannt habe; der andere hat ſich aus dem Staube gemacht; aber der erſtere, der ſich jetzt im Verhaft beſindet, beharrt bei der Verſi⸗ cherung, Ew. Lordſchaft, und ihr allein ihn beſtellt.“ Wnn 9* 132 „Er luͤgt,“ fiel Rigel haſtig ein;„er ſagte mir⸗ Loweſtoſſe ſende ihn.— Hoffentlich iſt dieſer gutden⸗ kende Mann in Freiheit.“ „Er iſt mit einem gerichtlichen Verweiſe, daß er ſich in eine Angelegenheit wie die eurige eingelaſſen habe, frei gekommen. Haͤtte nicht der Gerichtshof gewünſcht, in vieſen unruhigen Zeiten mit den jun⸗ gen Rechtsbefliſſenen von Templars⸗Jun in gutem Vernehmen zu bleiben, ſo moͤchte es ihm nicht ſo gut ergangen ſeyn. „Dies iſ das einzige utſende Wort, welches ich aus eurem Munde vernahm,“ verſetzte Nigel.— Das bedauernswerthe Frauenzimmer, die ich am Jauls⸗ Werft ans Land ſetzte, ward nebſt ⸗ iſe zwei Laſträgern anvertraut.“ „So ſagt auch der vorgebliche Schifer; allein keiner von den Arbeitern, die ſich am Pauls⸗ Werft in der Hoffnung auf Beſchaͤftigung aufzuhalten pfle⸗ gen, will eingeſtehen, dieſen Auſtrag erhalten zu haben. Ich ſehe, daß ihr hierdurch beunruhigt ſeyd, Mylord; allein es ſind alle moͤgliche Anſtalten getroffen, den Aufenthalt dieſes Frauenzimmers auszuforſchen,7 wenn ſie anders noch am Leben iſt; und nun, Mylord, iſt mein Geſchaͤft, ſo weit euch allein betrifft, beendigt; was mir noch zu ſagen ůbrig bleibt/— eine for⸗ . ungeaenheit⸗ 133 „Nun, ſo laßt uns unverzuglich dazu ſchreiten,“ erwiederte Nigel.„Lieber hoͤre ich von den Angele⸗ genheiten jedes Andern, als von den meinen.“ „Ihr konnt der Verhandlung nicht vergeſſen ha⸗ ben, Mylord, die vor einigen Wochen in Lord Hun⸗ tinglens Hauſe uͤber den Vorſchuß einer betraͤchtli⸗ chen Summe zur Einloͤſung eurer Guͤter boeſchlol⸗ ſen ward.“ „Ich erinnere mich ihrer vollkommen, und euer jetziges hartes Benehmen gegen mich wird das An⸗ denken an eure damalige Guͤte nicht aus meinem Ge⸗ vaͤchtniß vertilgen.“ Mit ſeierlicher Verbeugung fuhr Heriot fort: „Jenes Geld ward in der Erwartung und Hoffnung vorgeſtreckt, daß es durch die Ergebniſſe des vom Koͤ⸗ nige unter ſeinem Handſiegel erlaſſenen Beſehls zur Ruͤckzahlung der durch die Krone von eurem Vater angeliehenen Gelder wieder erſtattet werden wuͤrde. Ich darf vorausſetzen, daß Cw. Lordſchaft damals den Sinn dieſer Verhandlung ganz gefaßt hat, daß ihr daher auch jetzt begreiſt, warum ich den Gegen⸗ ſtand derſelben wieder in Anregung bringen muß, und daß ihr meine Anſpruͤche als gegrün⸗ det anerkennet.“ „Ganz vollkommen,“ antwortete Nigel.„Wenn die in dem königlichen Zahlungsbeſehl be faßten Sum⸗ men nicht beigetrieben werden können, ſo bleiben 134 ———— meine Guͤter das Eigenthum derer, welche die ur⸗ ſpruͤnglichen pfandinhaber abbezahlen und dadurch in deren Rechte treten.“ „So iſt es Mylord; und da eurs unglůcllice Lage, wie es ſcheint, jene Glaubiger fuͤr ihre Capi⸗ talien beſorgt gemacht hat, ſo dringen ſie, wie ich mit Bedauern ſagen muß, auf die Alternative des Land⸗ beſitzes oder der Aushezahlung ihrer Schuld. 4 „Und mit Recht,“ ſiel Nigel ein;„da ich alſo in meiner gegenwaͤrtigen Lage nicht zur Zahlung ra⸗ chen kann, ſo iſt ihnen die Beſitznahme ſchwerlich zu verweigern. 4 „Haltet ein,“ Nylord„wenn ihr auch aufge⸗ hort habt, mich euren perſoͤnlichen Freund zu nen⸗ nen, ſo ſollt ihr wenigſtens ſehen⸗ daß ich bereit bin, mich einen Freund eures väterlichen Hauſes zu nen⸗ nen, wäre es auch nur, um eures Vaters Anden⸗ ken zu ehren. Wolt ihr mir den koniglichen Zah⸗ lungsbefehl anvertrauen, ſo ſind⸗ glaube ich, die umſtaͤnde bei Hofe jetzt ſo beſchaffen, daß ich dadurch in den Stand geſetzt werden koͤnnte, das Geld ür euch zu heben.“ „Sehr gern äbergäbe ich euch jenes Hriginal⸗ document,“ antwortete Nigel;„allein die Chatoulle⸗ in der es ſich befindet, iſt nicht in meinen Beſitz⸗ Man bemachtigte ſich ihrer, als ich zu Greenwich in Verhaſt genommen ward.“ 135 „Sie wird euch nicht länger vorenthalten wer⸗ den,“ ſagte Heriot;„denn ich erhielt die Kunde⸗ daß des Koͤnigs geſunder Menſchenverſtand⸗ verbun⸗ den mit einigen Nachrichten⸗ die et ſich, ich weiß nicht wie, verſchaffte⸗ ihn bewogen haben, die ganze Beſchuldigung, als hättet ihr einen Angriff auf ſeine Perſon beabſichtigt, aufzugeben. Sie iſt gänzlich vertuſcht, und ihr werdet blos wegen eures gewalt⸗ thaͤtigen Verfahrens gegen Lord Dalgarno im Be⸗ zirk des königlichen Pallaſtes, vor Gericht geſtellt werden;— eine Verantwortung, die ſchwer genus auf euch laſten wird.“ „Ich werde unter ihrem Gewichte nicht erlie⸗ gen;“— entgegnete Nigel;„Dies aber iſt nicht der gegenwärtige Hauptpunkt. Hůtte ich jene gehabt.“— „Euer Gepäck ſtand, als ich zu euch kam, in dem kleinen Vorzimmer,“ fiel der Buͤrger ein. „Ich erkannte die Geldkiſte, weil ihr ſie von mir er⸗ halten habt, und ſie einſt einem alten Freunde, Sir Faithfull Frugal, zugehoͤrte. Ach! auche er ei⸗ nen Sohn.—“ Hier hielt er ein. „Einen Sohn, der gleich dem des alten Lord Glenvarloch ſeinem Vater keine Ehre machte. Wol⸗ tet ihr nicht mit dieſen Worten euren Satz enden?“ fragte Nigel.“ 136 —————— „Mylord, es war ein uͤbereilt geſprochenes Wort,“ ſprach im gemilderten Tone der gutmuͤthige Herivt. „Gott beſſere Alles zu ſeiner Zeit! Nur ſo viel will ich ſagen, daß ich manchmal meinen Freunden ihre ſchoͤnen, bluͤhenden Kinder beneidet, und nach dem Tode der Familien⸗Haͤupter viele Soͤhne reicher Männer verarmk,— die Erben vieler ade⸗ ligen Gutsbeſitzer aller ihrer Güter beraubt ſah, daß aber mein Vermögen und mein Andenken, ungeach⸗ tet Gott mir keinen Erben meines Namens ſchenkte, nach den von mir getroffenen Anordnungen, wahr⸗ ſcheinlich laͤnger erhalten werden wird, als das, vie⸗ ler groͤßeren Männer. Doch dies war eine Abſchwei⸗ fung.— Heda, Wärter! Bringt Lord Glenvarloch's Gepaͤck herein!“ Es geſchah. Sowohl der Koffer als die Chatoulle waren verſiegelt geweſen, nachher aber die Siegel abgenomnen⸗ und zwar in Folge ei⸗ nes Hof⸗Befehls⸗ vermoͤge deſſen Alles zu des Ge⸗ fangenen freier Verfuͤgung geſtellt war. Voll Verlangen, dieſes peinlichen Beſucks öt lich los zu werden, öffnete Nigel haſtig die Chotoulle und durchſah die darin enthaltenen Papiere anfangs nur oberflaͤchlich, dann aber langſam und genau; aber ach!— Der Zahlungsbefehl mit dem chen Handſiegel war verſchwunden. „Dachte und erwartete ich doch nichts Seſe rief Heriot im bittern Tone:„Ach! gleicht doch der 2— Anfang jedes Uebels einem aus ſeinen Ufern getrete⸗ nen, in ſeinem Forkgange Alles mit ſich hinreißen⸗ den Strome! Hier iſt ein ſchoͤnes Erbgut, vielleicht durch einen Wurf mit falſchen Wuͤrfeln, oder gegen betrugeriſche Karten verſpielt. Mylord, ihr ſpielt ſehr gut die Rolle des Verwunderten. Ich wuͤnſche euch Gluͤck zu den erworbenen Talenten. Ich ſah viele eben ſo junge Zaͤnker und Verſchwender, aber nie einen ſo jungen Mann der es in der Verſtellungskunſt zu einer ſo großen Fertigkeit gebracht hatte. Runzelt nicht ſo zornig die Stirne gegen mich, junger Mann. Ich rede in der Bitterkeit des Herzens; denn das Andenken an euren wuͤrdigen Vater ſchwebt mir in dieſem Augenblicke vor; und wenn dem Sohne nie⸗ mand anders ſeine Entartung verhaͤlt, ſo ſoll es von dem alten Goldſchmidt geſchehen. „Dieſer neue Verdacht trieb Nigels Geuld aufs äußerſte; dennoch gereichten ſowohl die Beweggruͤnde und der Eifer des guten Alten, als die verdachtigen Um⸗ ſtaͤnde, welche ſeinen Unwillen erregten, ihm ſo ſehr zur Entſchuldigung, daß ſie Nigels Zorne maͤchtigen Ein⸗ halt thaten und ihn nach einigen heſtigen Aeußerun⸗ gen des groͤßten Unwillens, zur Beobachtung eines ſtolzen, finſtern Stillſchweigens nöthigten. Endlich begann Heriot auf's neue ſeine Ermahnungen. ött, Mylord! Es iſt faſt unmöglich, daß dies wichtige Papier unwiederbringlich veraͤußert ſeyn ſollte. Laßt 138 mich wiſſen, in welchem dunkeln Winkel und fuͤr welches Spottgeld es verſetzt iſt; vielleicht iſt dann noch etwas zu thun, um es wieder zu erhalten.⸗ „Eure Anſtrengungen zu meinen Gunſten ſind um ſo evelmuͤthiger,“ antwortete Nigel,„da ihr ſie einem Manne anbietet, den ihr fur ſo ſchlecht halten zu muͤſſen glaubt, daß er ihrer in euren Augen nicht wuͤrdig ſeyn kann. Aber ſie ſind alle nutzlos. Das Schickſal beſtuͤrmt mich von allen Seiten; moge immerhin der Sieg bleiben!“ „Sapperment!“ rief Heriot voll ungeduld aus; „ihr könntet einem Heiligen einen Fluch abnothi⸗ gen.— Ich ſage euch, wenn dies Papier, deſſen Verluſt ihr auf die leichte Achſel zu nehmen ſcheint⸗ nicht wieder gefunden wird, dann fahre wohl, du ſchöne Baronie Glenvarloch, mit deinen herrlichen Waͤldern, Aeckern, Jagdrevieren, Landſeen und Strömen,— kurz mit Allem, was ſeit den Tagen Wilhelm's des Löwen ein Eigenthum des Hauſes Dlifaunt war.“ „So mag denn dies Alles Die— tlage über dieſen Verluſt wird bald vorüber ſeyn;“ rief Nigel gefaßt. „Wahrlich, Mylord! Bevor ihr ſerbt, werdet ihr dieſen Verluſt noch bitterlich Heriot ungeduldig. 139 „Das werde ich nicht, alter Freund,“ erwie⸗ derte Jigel.„Wenn ich traure, ſo wird es deswe⸗ gen geſchehen, weil ich die gute Meinung eines wuͤr⸗ digen Mannes verlor, und zwar⸗ wie ich frei und offen ſagen kann, hoͤchſt unverdienter Weiſe.“ „Ei, ei junger Mann,“ ſagte Heriot kopfſchuͤt⸗ telnd,„davon uͤberzeugt mich, wenn ihr koͤnnt. Eben ſo leicht,“ fügte er, ſich vom Stuhle erhebend und dem von der verkleideten Dame eingenommenen Seſſel nahend, hinzu,„koͤnntet ihr mich uͤberzeu⸗ gen, daß dies vermummte Weſen, auf welches ich jetzt die Hand des väterlichen Anſehens lege, ein fran⸗ zöſiſcher Page iſt, der kein Engliſch verſteht.“ Mit dieſen Worten faßte er den Mantel des vor⸗ geblichen Pagen, und zog, nicht ohne ſanfte Gewalt, die verkleidete Schoͤne, die vergebens ihr Geſicht an⸗ fangs mit dem Mantel und dann mit den Haͤnden zu bedecken ſuchte, in die Mitte des Zimmers. Mei⸗ ſter Heriot räumte ohne viele Umſtände jene Hinder⸗ niſſe ihres Anſchauens aus dem Wege und enthuͤllte dadurch das Antlitz— der ſchoͤnen Tochter des alten Uhrmachers, ſeiner reizenden Pathin Margaretha Ramſay.„Das iſt ja ein trefflicher Anputz,“ ſagte er, indem er ſich nicht enthalten konnte ſie bei dieſen Worten ein wenig zu ſchuͤtteln; denn er war, wie wir ſchon oben bemerkt haben, ein geſchworner Freund guter Disciplin.„Nun, wie kommt es, mein 140 Püppchen, daß ich euch in einer ſo unanſtändigen Kleidung und in einer ſo unwuͤrdigen Lage finde? Jetzt iſt eure Beſcheidenheit nicht an ihrem Orte; ihr hättet ſie fruͤher an den Tag legen ſolleu. Sprecht⸗ oder ich will“— i „Meiſter Heriot,“ rief Nigel;„ welche Rechte ihr auch immer uber dies Mädchen an andern Orten haben moͤget, ſo iſt ſie, ſo lange ſie ſich in meinem Zimmer aufhält, unter meinem Schutze. „Unter eurem Schutze, Mylord?— wahr⸗ lich ein ſchoner Schutz! Und⸗ wie lange Miß, ſteht ihr unter Mylords Protection? Nun zum Henker, ſo antwortet mir.“ 65 „Erſt ſeit zwei Stunden⸗ mein Pathe,“ ant⸗ wortete das Mädchen hocherröthend mit geſenktem Blicke;„aber es war gegen meinen Willen.“ „Zwei Stunden!“ wiederholte Heriot—„Zeit ge⸗ nug, um Unheil anzurichten. Mylord, dies iſt vermuth⸗ lich ein zweites Schlachtofer⸗ welches ihr eurem Ruhm der Galanterie darbringt;— ein zweites Abenteuer, wo⸗ mit ihr euch in Beaujeus Hauſe ruͤhmen könnt. Mich vuͤnkt, das Dach, unter welchem ihr zum erſtenmale vas alberne Mävchen ſaht, ſollte ſie wenigſtens vor einem ſolchem Schickſale geſichert haben.“ i „Auf meine Ehre, Meiſter Heriot,“ verſetzte Nigel,„das, was ihr eben ſagt⸗ erinnert mich zum erſtenmale, daß ich dieſe junge Dame in eurem Hauſe — 141 ſah. Ihre Geſi S laſſen ſich nicht ſo leicht ver⸗ geſſen, und dennoch verſuchte ich vergebens, mich zu erinnern, wo ich ſie zuletzt geſehen hatte. Was euern Verdacht betrifft, ſo iſt er eben ſo ungegruͤn⸗ det als beleidigend fur ſie und mich. Als ihr herein⸗ tratet, hatte ich ſo eben erſt ihre Verkleidung ent⸗ deckt. Ihr ganzes Benehmen uͤberzeugt mich, daß ihre Gegenwart an dieſem Orte und zwar in dieſer Klei⸗ dung unwillkuͤhrlich war; und Gott verhuͤte, daß ich je haͤtte faͤhig ſeyn können, dieſe Umſtände zu ihrem Nachtheile zu benutzen!“ „Wohl geſprochen, Mylord ſiie Meiſter Heriot;„aber ein verſchlagener Geiſtlicher kann die apokryphiſchen Buͤcher eben ſo laut vorleſen als die Buͤcher der Offenbarung. Frei geſprochen, My⸗ lord, es iſt jetzt mit euch dahin gekommen, daß man euern Worten nicht ohne Buͤrgſchaft glaubt.“ „Ich ſollte vielleicht nicht reden,“ ſagte Mar⸗ garethe, deren natuͤrliche Lebhaſtigkeit ſich in keiner, ſelbſt der unangenehmſten Lage, lange unterdruͤcken ließ;„aber ich kann jetzt nicht ſchweigen. Mein Pathe, ihr thut. mir Unrecht und nicht minder die⸗ ſem jungen Lord. Ihr ſagt, ſeine Worte heiſchen eine Buͤrgſchaft. Fuͤr einige derſelben weiß ich eine Buͤrgſchaft zu finden; und von der Wahrheit der uͤbrigen bin ich 65 ohne Siwlnu imig ůber⸗ zeugt.“ E „Herzlich dank“ ich euch, liebes Mbdchen, für eure gute Meinung von mir,“ erwiederte Nigel, be⸗ wegt.„Ich bin, ſo ſcheint es jetzt, ich weiß nicht wie, auf den Punkt gekommen, wo jede gute Deu⸗ tung meiner Handlungen und Beweggruͤnde mir ver⸗ gert wird. Um ſo mehr bin ich der Holden ver⸗ . die mir ein Recht gewaͤhrt, welches die Welt mir verſagt. Fuͤr euch, Miß, habe ich ein Schwert und einen Arm, mit denen ich, waͤr' ich in Freiheit, euren guten Ruf zu ſchuͤtzen wiſſen wuͤrde.“ „Wahrlich, ein Paͤrchen, ganz wie Amadis und Oriane,“ rief Heribk aus.„Waͤre nicht der Halt⸗ unsfeſt ganz in der Nähe, ſo wuͤrden mich, glaub ich, der Ritter und die Prinzeſſin bald in die Mitte nehmen und mir den Hals abſchneiben. Komm⸗ komin verliebte Schöne! Wenn du dich wieder mit mir verſtändigen willſt, ſo muß es durch klare That⸗ ſachen, und nicht durch Deklamationen aus Roma⸗ nen und Schauſpielen geſchehen. Sag mir ums Himmels willen, wie kamſt du hieher?“ — da ich reden muß, ſo ſollt ihr es ho⸗ ren,“ antwortete Margat.„Dieſen Morgen ging ich mit Monna Paula nach Greenwich um Namens der Lady Hermione dem eine itſhrit— überreichen.. „Nun das ſey Gott geklagt!“ rief Heriot— „auch ſie iſt alſo im Spiele? Häͤtte ſie nicht meine 3 — ——— Ruͤckkehr abwarten können, um in ihren Angelegen⸗ heiten thätig zu werden? Aber ich glaube, die Nach⸗ richt, die ich ihr ſchrieb, hat ihr dieſe Raſtloſigkeit eingefloßt. Ach Weiber! Weiber!— Wer mit euch gemeinſchaftliche Angelegenheiten zu betreiben hat⸗ bedarf einer doppelten Portion Geduld; denn ihr bringt keine mit in den gemeinſchaftlichen Fond.— Aber was in aller Welt hatte dieſe Sendung Pauli⸗ nens mit eurer abgeſchmackten Verkleidung gemein? Sprecht rein heraus!“ „Sie fuͤrchtete ſich und wußte nicht, wie ſie ſich bei ihrem Auftrage benehmen ſollte, denn ihr wißt, daß ſie faſt nie vor die Thuͤr kommt;— und ſo— und ſo— uͤbernahm ich es, ſie zu begleiten um ihr Muth einzuſprechen. Was die Kleidung anbetrifft, ſo erinnert ihr euch ohne Zweifel, daß ich ſie auf der Weihnachtsmaskerade trug, und daß ihr ſie nicht un⸗ anſtändig fandet.“ „Ja, in einem Geſellſchaftsſaal, aber keines⸗ weges, um damit im Lande umherzulaufen. Wohl erinnere ich mich dieſes Anzuges, mein Schaͤtzchen, und ich erkannte ihn ſogleich. Dieſer Anputz und euer kleiner niedlicher Schuh dort, verbunden mit einem Wink den mir heute Morgen ein wirklicher oder vorgeblicher Freund gab, fuͤhrte mich zu eurer Entdeckung.“. 144 —— Hier konnte Nigel nicht umhin, einen Blick auf das Fůßchen zu werfen, welches ſelbſt dem ern⸗ ſten Buͤrger im Andenken geblieben war;— es war blos ein Blick; denn er ſah, wie ſehr der mindeſte Grad der Beobachtung Margarethens Verlegenheit ſteigerte.„Nun ſag mir, Mädchen,“ fuhr Heriot fort;„wußte Lady Hermioneum dies ſaubere Un⸗ ternehmen?“ „Ich haͤtte es um Preis ihr etwas davon zu ſagen,“ antwortete Margarethe; „ſie glaubte, einer unſerer Lehrburſce begleite Paulinen. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß S Worte:„unſere Lehrburſche„ irgend ein wirkſames Mittel in ſich zu faſſen ſchienen, um den Zauber zu loͤſen, womit Lord Nigel bis dahin den abgeriſſenen, aber anziehenden Einzelnheiten der Seſchichte Mar⸗ garethens zugehoͤrt hatte. „Und warum ging denn keiner von euren Lehr⸗ burſchen mit?— Er waͤre, mein' ich, ein paßli⸗ cherer Begleiter fuͤr Paulinen geweſen, als ihr. „Er war auf andere Weiſe beſchaͤftigt,“ erwie⸗ derte Martha mit kaum vernehmlicher Stimme. Meiſter Georg warf bei dieſen Worten einen durchdringenden Blick auf Nigeln, und als er ſah, daß ſeine Zuͤge kein Bewußtſeyn der Mitwiſſenſchaft verriethen, ſagte er halblaut zu ſich ſelbſt.„ Es muß ——— 145 —————— nicht ſo ſchlimm ſeyn, als ich fuͤrchtete. So war alſo dieſe verwuͤnſchte Spanierin, die, wie alle ihre Lands⸗ „. e„„ maͤnninnen nur Verkleidungen, Fallthuͤren, Stricklei⸗ tern und Masken im Kopſfe hat, thoricht genug, euch bei dieſem phantaſtiſchen Abenteuer mitzunehmen?— Und wie erging es euch?“ „Eben als wir das Thor des Parks erreicht hat⸗ ten, erhob ſich der Ruf: Verrath! Verrath! Was aus Paulinen geworden iſt, weiß ich nicht; ich aber lief umher, bis ich einem ſehr anſtaͤndigen Hofbedien⸗ ten, Namens Linklater, in die Arme ſank und ſehr froh war, ihm erzählen zu koͤnnen, daß ich eure Pathe ſey, worauf er die uͤbrige Dienerſchaft abhielt, ſich meiner zu bemaͤchtigen und mir auf meine Bitte beim Koͤnige Gehoͤr verſchaffte.“ „Dies iſt der einzige Beweis den ihr bei dieſem ganzen Abenteuer gabt, daß der geſunde Menſchena verſtand euren kleinen Hirnkaſten nicht ganz verlaſſen hatte.“ „Se. Majeſtät war ſo gnaͤdig mich ganz allein zu empfangen, wenn gleich die Hofleute ausriefen, daß es fuͤr ſeine Perſon Gefahr bringend ſeyn könne, und mich zuvor durchſuchen laſſen wollten, ob ich Waffen bei mir fuͤhrte; aber Gott Lob! der Koͤnig verbot es. Ich glaube Linklater hatte dem König einen Wink gegeben, wie es um mich ſtäͤnde.“ Iu. 35 146 ————— „Nun Maͤdchen, ich frage nicht, was in dieſem Zwieſprach vorſiel. Es geziemt mir nicht, in die Geheimniſſe meines Gebieters eindringen zu wollen⸗ Wäret ihr mit ſeinem Großvater*) eingeſchloſſen ge⸗ weſen, ſo wuͤrde ich meiner Treu, meine eignen Ge⸗ danken bei der Sache gehabt haben; allein unſer Ge⸗ bieter— Gott ſegne ihn!— iſt ſanft und gemaͤßigt und gleicht in allen Dingen dem Koͤnig Salomo, ausgenommen im Punkt der Weiber und Concu⸗ binen.“ „Ich weiß nicht, was ihr meint, Sir;“ ver⸗ ſetzte dargarethe,„Se. Majeſtaͤt war ſehr freund⸗ lich und theilnehmend, ſagte mir aber, ich muͤßte in den Tower gebracht werden, wo die Gemahlin des Lieutenants, Lady Manſel, fur mich ſorgen wuͤrde, daß mir nichts Uebles widerfuͤhre; auch verſprach der König, mich in einer von ſeinen Barken und unter der Obhut eines geſetzten, hoͤflichen Mannes hieher bringen zu laſſen; und ſo bin in den Tower ge⸗ kommen.“ „Aber wie kamt ihr in dies Zimmer, kleine Nymphe?“ fragte Heriot;—„erklaͤrt mir das; denn dies Raͤthſel bedarf der Aufloͤſung.“ *) Jacob V., König von Schottland, der Vater der ungrückki⸗ chen Maria, ein großer Freund der Franzoſen, die ihn je⸗ doch nicht gegen die Engläuder zu ſchützen vermochten, gegen welche das Kriegsglück ihm ſehr ungünſtig war. d. U. ———. f 147 — „Ich kann daruͤber nichts weiter ſagen, Sir, als das Lady Manſel mich, trotz meiner Bitten und Thranen, hereinfuͤhren ließ. Nicht als ob ich mich vor irgend etwas gefuͤrchtet haͤtte; denn ich wußte, daß man mich ſchuͤtzen wuͤrde; aber ich haͤtte damals vor Schaam und Verlegenheit ſterben moͤgen, und moͤchte es noch jetzt.“* „Wenn eure Thraͤnen aus reinem Herzen fließen, ſo werden ſie um ſo ſchneller das Andenken eures Feh⸗ lers ausloͤſchen. Weiß euer Vater etwas von dieſem eurem Streifzuge?“ „Nicht um aller Welk Schaͤtze willen mocht ich, daß er Nachricht davon haͤtte.— Er glaubt, daß ich bei Lady Hermionen bin.“ „Der ehrliche David Ramſay weiß beſſer ſeine Uhren, als ſeine Familie zu regeln. Kommt, Däm⸗ chen, jetzt will ich euch zur Lady Manſel fuͤhren und ſie bitten, in Zukunft, wenn ihr noch einmal ein Gaͤnschen anvertraut wird, es nicht wieder dem Fuchs in Verwahrung zu geben. Die Waͤrter werden uns ohne Zweifel auf mein Erſuchen, in Miladys Woh⸗ nung fuͤhren.“ „Wartet noch einen Augenblick,“ bat Nigel; „ſo hart auch das Urtheil iſt, welches ihr uͤber mich gefällt haben mögt,— ich vergebe es euch; denn die Zeit wird lehren, daß ihr mir Unrecht thut; und 10* 143 ihr ſelbſt werdet, denk ich, der erſte ſeyn, der das mir zugefugte Unrecht bedauret. Aber darum bitt' ich euch, erſtreckt euren Argwohn nicht auf dieſes junge Mädchen, fuͤr deſſen Herzensreinheit ſelbſt Engel burgen wurden. Ich beobachtete jeden ihrer Blicke⸗ jede Bewegung; und bis zu meinem letzten Athem⸗ zuge werde ich ſtets ihrer gedenken mit—“ „Gedenkt ihrer nie, Mylord,“ unterbrach ihn Heriot;„dies iſt meines Erachtens das Wuͤnſchens⸗ wertheſte, was ihr fuͤr ſie thun koͤnnt;— oder ge⸗ denkt ihrer als der Tochter des Uhrmachers David Ramſay, die fur ſchoͤne Worte, romanhafte Aben⸗ teuer, oder ſchwuͤlſtige arkadiſche Suͤßigkeiten kein paſſender Gegenſtand iſt. Nun lebt wohl, Mylord⸗ Meine Geſinnungen ſind nicht ganz ſo herbe, als meine Worte geweſen ſeyn moͤgen. Kann ich hel⸗ fen,— das heißt, kann ich mir durch dies Labyrinth einen Weg bahnen—— doch was hilfts, ſchon jetzt davon zu ſchwatzen. Nochmals lebt wohl, Mylord. Wärter, erlaubt uns, ins Zimmer der Lady Manſel zu gehen.“. Der Waͤrter erwiederte: er můſe erſt die Be⸗ fehle des Lieutenants einholen; waͤhrend es geſchah⸗ ſtanden alle drei, ſchweigend und nur verſtohlen ſich anblickend, einander gegenüber;— eine Stellung, die, wenigſtens fuͤr die beiden Gefangenen peinlich * — 14⁰ war. Der Unterſchied des Standes, ſo ernſtlich er auch in jenem Zeitalter beruͤckſichtiget ward, ver⸗ mochte ſo wenig Nigeln an der Bemerkung zu hin⸗ dern, daß Margarethe Ramſay eines der reizendſien Mädchen ſey, als an einer leiſen Ahnung, deren Grund er ſich kaum zu geſtehen wagte, daß er ihr nicht gleichgultig, und die Urſache eines großen Theils ihres jetzigen Misgeſchicks zu ſeyn ſcheine.— Bewun⸗ derung, Eigenliebe und Edelmuth, wirkten im Ein⸗ klange zu Gunſten des naͤmlichen Gegenſtandes; und als der Waͤrter mit der erbetenen Erlaubniß zuruͤck⸗ kehrte, druͤckte Nigels Abſchiedsgruß der ſchoͤnen Uhr⸗ macherstochter Gefuͤhle aus, die ihre Wangen hoͤher roͤtheten als irgend einer von den Vorgaͤngen jenes verhaͤnißvollen Tages. Schuͤchtern und unentſchloſ⸗ ſen erwiederte ſie den Gruß, ſaßte dann ihres Pathen Arm und verließ das Zimmer, welches, ſo finſter es auch war, dennoch Nigeln niemals ſo duͤſter ge⸗ duͤnkt hatte, als da die Thuͤr hinter dem reizenden Maͤdchen verſchloſſen ward. 450 Sechſtes Kapitel. Meiſter Georg Heriot und ſein Muͤndel, wie man ſie mit Fug nennen konnte, weil er aus Zunei⸗ gung fuͤr Margarethen alle Sorgen eines Vormundes uͤbernahm, wurden in des Lieutenants Wohnung gefuͤhrt wo ſie ihn in Geſellſchaft ſeiner Gattin an⸗ trafen. Von beiden wurden ſie mit jenem hoͤflichen Anſtande empſangen, den Heriots Anſehen und muth⸗ maßlicher Einfluß beim Koͤnige, ſelbſt in den Augen eines puͤnctlichen alten Soldaten und Hofmannes, wie Sir Eduard Manſel, heiſchte. Lady Manſel empfing Margarethen mit gleicher Höflichkeit und be⸗ nachrichtigte den Meiſter Heriot, das junge Frauen⸗ zimmer ſey jetzt blos ihr Gaſt. „Sie hat ihre Freiheit,“ fuhr ſie fort, und kann unter eurer Aufſicht zu den ihrigen zuruckkehren; dies iſt Sr. Majeſtaͤt Wille.“ „Das freut mich ſehr, Mylady,“ antwortete Heriot;„doch hätte ich gewuͤnſcht, ſie waͤre vor ihrer thorichten Zuſammenkunft mit jenem ſeltſamen jun⸗ gen Manne in Freiheit geſetzt; und ich wundere mich, daß ihr, Mylady, ſolche verſtattetet.“ „Mein guter Meiſter Heriot,“ erwiederte Sir Evuard,„wir handeln nach den Befehlen eines —— — 15⁴ —— heren und Weiſeren, als wir ſelbſt ſind; Sr. Ma⸗ jeſtaͤt Befehle muͤſſen ſtreng und buchfäblich befolgt werden; und ich brauche nicht zu ſagen, daß Sr. Majeſtät Weisheit mehr als hinreichende Sicherheit gewährt“— „Ich kenne Sr. Majeſtaͤt Weisheit ſehr wohl,“ fiel Heriot ein;„man hat ein altes Sprichwort vom Feuer und Werg;— doch laſſen wir es gut ſeyn.“ „Ich ſehe Sir Mungo Malagrowther gleich ei⸗ nem lahmen Kranich auf die Thuͤr unſerer Wohnung zuſchreiten,“ ſagte Lady Manſel;„dies iſt ſchon der zweite Beſuch, den er uns dieſen Morgen abſtattet.“ „Er uͤberbrachte das Decret, welches den Lord Glenvarloch der Beſchuldigung des Verraths ent⸗ hebt,“ fuͤgte Sir Eduard hinzu. „Von ihm hoͤrte ich Vieles von dem, was vor⸗ gefallen iſt; denn erſt geſtern Abends ſpät kam ich⸗ etwas unerwartet, aus Frankreich zuruͤck,“ ſagte Heriot. Indem trat Sir Mungo in's Zimmer, gruͤßte den Lieutenant des Towers mit formeller Höflichkeit, beehrte den Meiſter Heriot mit einer Protections⸗ miene, und redete Margarethen mit den Worten an: „Ei, mein junger Schuͤtzling, ihr habt, wie ich ſehe, eure maͤnnliche Kleidung noch nicht abgelegt.“ „Sie iſt Willens, ſolche nicht eher abzulegen⸗ Sir Mungo,“ ſiel Heriot ein,„bis ſie von euch Genugthuung dafur erhalten hat, daß ihr gleich ei⸗ nem falſchen Ritter mir ihre Verkleidung verriethet. Und in der That, Sir Mungo, mich duͤnkt, als ihr mir erzaͤhltet, daß ſie in dieſem ſeltſamen Aufzug herumſtreiche, haͤttet ihr fuͤglich hinzuſetzen koͤnnen, ſie beſinde ſich unter Lady Manſel's Schutze.“ „Dies war das Geheimniß des Konigs,“ erwie⸗ derte Sir Mungo, indem er ſich mit verdrießlicher, und zugleich wichtiger Miene in einen Lehnſeſſel warf; „was ich euch ſagte, war ein wohlgemeinter Wink fuͤr euch, als den Freund des Mädchens.“ „Ja, ein Wink, ganz nach eurer Weiſe,“ er⸗ wiederte Heriot;„ihr ſagtet genug, um mich ihrent⸗ wegen in den tieſſten Kummer zu ſtuͤrzen; aber nicht ein Wort, was meine Beſorgniß mindern konnte.“ „Sir Mungo will dieſe Bemerkung nicht höͤ⸗ ven,“ ſiel Lady Manſel ein,„wir muͤſſen von et⸗ was Anderm reden.— Giebt's etwas Neues bei Hoſe, Sir Mungo? Ihr ſeyd in Greenwich ge⸗ weſen.“ „Ihr koͤnntet mich eben ſo gut fragen,“ erwie⸗ derte der Ritter,„ob es Neuigkeiten aus der Hoͤlle gäbe.“ „Wie, Sir Mungo? Sprecht ihr ſo von Koͤ⸗ nig Jacobs Hofe? Ich bitte, eure Worte etwas beſſer zu waͤhlen.“ —————— „Und ſpräche ich von dem Hoſe der zwölf Kai⸗ ſer, ſo wuͤrde ich ſagen, es geht dort in dieſem Au⸗ genblick ſo verwirrt zu, als in den hoͤlliſchen Regio⸗ nen. Hofleute von vierzigjaͤhrigem Dienſtalter, wor⸗ unter ich mich ſelbſt rechnen darf, koͤnnen die Urſache davon eben ſo wenig auffinden, als eine Ellritze im Maelſtrom. Einige ſagen, der Koͤnig habe mit dem Prinzen gezuͤrnt,— Andere der Prinz habe dem Her⸗ zog finſtere Geſichter geſchnitten,— noch Andere, Lord Glenvarloch werde wegen Hochverraths gehan⸗ gen werden, und wieder Andere: es ſeyen gegen Lord Dalgarno Beſchuldigungen angebracht, die ihm ſo viel koſten werden, als ihm ſein Kopf werth iſt.“ „Und was denkt ihr,— der Hofmann von vierzigjährigem Dienſtalter,— von dieſem Allen?“ fragte Sir Eduard. „Ei, ſo laßt ihn doch ungeftagt,“ erinnerte Lady Manſel ihren Gemahl. „Sir Mungo iſt klug genug, ſich zu erinnern,“ fiel Heriot ein,„daß, wer Dinge aͤußert, die zu ſei⸗ nem Nachtheil wieder geſagt werden können, fuͤr je⸗ den Anweſenden ein Feuergewehr ladet, womit er ihn nach Gefallen erſchießen kann.“ „Wie?“ rief der kuͤhne Ritter,„denkt ihr, daß ich fuͤr meine Hirnſchale fuͤrchte? Wie wär's, wenn ich ſagte: Dalgarno hat mehr Witz, als Revlich⸗ keit,— der Herzog mehr Segel, als Ballaſt,— der 154 Prinz mehr Stolz als Klugheit,— und der Koͤnig—“ Hier hielt Lady Manſel den Finger auf den Mund; „und der Koͤnig, mein herzensguter Gebieter, hat mir vierzig Jahre und druͤber Hundelohn, naͤmlich Knochen und Pruͤgel gegeben.— Nun denn, dies Alles iſt geſagt, und Archie Armſtrong ſagt täglich noch viel ſchlimmere Dinge, ſelbſt von dem Beſten unter ihnen allen.“ „Um deſto naͤrriſcher iſt er;“ bemerkte Heriot; „gleichwohl hat er nicht ſo ganz unrecht; denn Narr⸗ heit iſt ſeine beſte Weisheit. Aber wie könnt ihr⸗ Sir Mungo, euren Witz dem, eines Narren an die Seite ſtellen, wenn er gleich ein Hofnarr iſt?“ „Ein Narr, ſagt ihr?“ verſetzte Sir Mungo, der nicht deutlich hoͤrte, oder hoͤren wollte, was He⸗ riot ſagte;„freilich bin ich ein Thor geweſen, daß ich mich dieſem filzigen Hofe ſo feſt angeſchloſſen habe, während Maͤnner von Verſtand und Thatkraft an jedem andern Hofe Europens ihr Gluͤck gemacht ha⸗ ben. Aber hier macht niemand ſein Gluͤck, der nicht etwa ein großes Schlüſſelamt erhaſcht,(hiebei warf er einen Seitenblick auf Sir Eduard) oder mit ei⸗ nem Hammer auf einer ehernen Platte den Zapfen⸗ ſtreich ſchlagen kann.— Nun meine Herren, muß ich eben ſo eilig meinen Geſchaͤſten nachgehen, als waͤre ich ein Bote, der in Tagelohn gemiethet iſt.— Mylady⸗ und Sir Eduard, ich empfehle mich gehor⸗ 3 2 155 ſamſt, Gott gruͤß euch, Meiſter Heriot,— und was dieſen kleinen Ausreißer betrifft, ſo wird meines Erachtens eine kleine Kaſteiung durch Faſten und zweckmaͤßigen Gebrauch der Ruthe die beſte Cur fuͤr ihre Anfaͤlle vom Schwindel ſeyn.“ „Wenn ihr die Abſicht hattet, jetzt nach Green⸗ wich zu gehen, Sir Mungo,“ ſagte der Lieutenant, „ſo kann ich euch die Muͤhe ſparen, denn der Koͤnig wird ſogleich in Whitehall eintreffen.“ „Nun das iſt alſo die Urſache der eiligen Zuſam⸗ menberufung des geheimen Raths,“ verſetzte Sir Mungo.„So will ich denn mit eurer Erlaubniß den armen Glenvarloch beſuchen, und ihm einigen Troſt bringen.“ Der Lieutenant ſchwieg einen Augenblick, als ob er in Zweifel waͤre, was er antworten ſolle. „Dem armen Jungen wird ein Geſellſchafter angenehm ſeyn, der ihm die Natur der, ſeiner har⸗ renden Strafe und andere ihn betreffende Dinge mit⸗ theilen kann. Ich werde ihn nicht verlaſſen bis ich ihm klar gezeigt habe, wie unwiederbringlich er ſich zu Grunde gerichtet hat, und wie beklagenswerth und hoffnungslos ſein Zuſtand iſt.“ „Wohl, Sir Mungo,“ verſetzte der Feten „wenn ihr wirklich dies Alles geeignet ſindet, dem Ge⸗ fangenen ſehr troͤſtlich zu ſeyn, ſo will ich euch durch einen Waͤrter zu ihm geleiten laſſen.“ „Und ich,“ ſagte Georg Heriot,„erſuche die Molady Manſel aufs angelegentlichſte, dieſem ſchwin⸗ delkopfigen Mädchen den Anzug eines ihrer Haus⸗ jungfern zu leihen; denn ich will meines guten Leu⸗ munds verluſtig ſeyn, wenn ich mit ihr in dieſer Kleidung üͤber den Tower⸗Hill geheʒ— und dennoch ſteht ſie dem albernen Kinde nicht uͤbel.“ „Ich will euch ſogleich in meiner Kutſche zu Hauſe fahren laſſen, erwiederte die verbindliche Dame.“ „Gern, Mylady, nehm ich dieſe Hoͤflichkeit aus euren Haͤnden an,“ erwiederte der Buͤrger;„denn Geſchäfte draͤngen mich, und ſchon iſt mir der Vor⸗ mittag faſt nutzlos verloren gegangen.“ ungeſaumt fuͤhrte die Kutſche der Lady Manſel ven ehrenwerthen Buͤrger und ſeine Pathin vor die Thuͤr der Wohnung des erſtern in der Lombardſtraße. Hier ward ſeine Gegenwart dringend erſehnt von Lady Hermionen, die ſo eben Befehl erhalten hatte in einer Stunde zur Erſcheinung vor dem ksniglichen geheimen Rathe bereit zu ſeyn. Dieſe unerwartete Vorladung hatte auf Hermionen, unerfahren in Geſchaͤften, und ſeit langer Zeit zuruͤckgezogen von der Welt und den geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen, ei⸗ nen tiefen Eindruck gemacht, als ob dieſe Ladung nicht eine nothwendige Folge der Bittſchrift geweſen waͤre, die ſie durch Paulinen dem Koͤnige hatte uͤber⸗ —.————— 157 reichen laſſen. Georg Heriot tadelte ſie mit freundli⸗ chen Worten, daß ſie in einer ſo wichtigen Angelegen⸗ heit vor ſeiner Ruͤckkehr irgend einen Schritt gethan habe, um ſo mehr, da er ſie in einem Begleitungs⸗ Schreiben der ihr aus Paris geſandten Beweiſe ge⸗ beten hatte, ruhig zu ſeyn. Zu ihrer Rechtfertigung konnte ſie blos anfuͤhren, daß ihre unmittelbare Be⸗ treibung der fraglichen Angelegenheit, wahrſcheinlich Einfluß auf die Sache ihres Vetters Lord Glenvar⸗ loch, haben muͤſſe; denn ſie ſchaͤmte ſich einzugeſte⸗ hen, wie ſehr ſie durch das dringende Anliegen ihrer jungen Freundin zu dieſem Schritte bewogen worden ſey. Margarethens Beweggrund zu dieſer Dringlich⸗ keit war natuͤrlich die Rettung Nigels; wir muͤſſen es jedoch der Zeit uͤberlaſſen, aufzuklaͤren, auf welche Weiſe dieſe mit dem Gegenſtande der Bittſchrift Her⸗ mionens in Verbindung ſtand. Immittelſt kehren wir zu dem Beſuche zuruͤck, womit Sir Mungo Ma⸗ lagrowther den bekuͤmmerten jungen Lord in ſeiner Gefangenſchaft begluͤckte. Rach den gewoͤhnlichen gtrunzen und einer Einleitungsrede, voll von Beileidsbezeugungen uͤber Nigels Lage, ſetzte der Ritter ſich neben ihn, und in⸗ dem er ſeinen grotesken Geſichtszuͤgen den jammer⸗ vollen Ausdruck des tieſſten Kummers mitzutheilen ſuchte, begann er folgendermaßen ſein W⸗ krächz: 158 „Gottlob! Mylord, daß mir das Vergnuͤgen aufbehalten war, Sr. Majeſtaͤt milde Botſchaft an den Lieutenant des Towers zu uͤberbringen„wodurch ihr von der ſchwereren Beſchuldigung, als hättet ihr einen Angriff gegen Sr. Majeſtaͤt geheiligte Perſon beabſichtiget, losgeſprochen wurdet; denn angenom⸗ men, daß ihr wegen des geringeren Vergehens der Verletzung des Burgfriedens mit dem Verluſte eines Gliedes, wie es hoͤchſt wahrſcheinlich der Fall ſeyn wird, beſtraft werdet, ſo iſt dies nichts gegen die Strafe des geſchaͤrft, ſo wie die Criminal⸗ geſetze gegen Verraͤther es erfordern.“ „Ich wuͤrde die Schande, eine ſolche Strafe ver⸗ dient zu haben, weit tiefer fühlen, als den Schmerz, ſie zu erleiden,“ ſagte Nigel. „Ohne Zweifel, Mylord, muß das Gefuhl, die Strafe, wie ihr ſagt, verdient zu haben, eine Mar⸗ ter fuͤr euer Herz ſeyn,“ erwiederte der Quaͤl⸗ geiſt;—„Faſt eben ſo, als ob ihr im Geiſte gehan⸗ gen und geviertheilt wuͤrdet, welches einigermaßen der Anwendung des Stricks, des Beils und anderer Hinrichtungswerkzeuge auf eurem Koͤrper, gleich zu achten iſt.“ „Ich bitte euch, Sir Mungo, meine Wort⸗ nicht*. unrichtig zu deuten; ich bin mir keines Vergehens bewußt, ausgenommen, daß 8 irrthuͤmlich verord⸗ —— 159 nungswidrige Waffen trug, als mich der Zufall in die Naͤhe meines Souverains brachte.“ „Ihr thut recht daran, Mylord, nichts zu ge⸗ ßehen, si kecisti nega. Und in der That fuͤhlt Se. Majeſtät eine beſondere Abneigung gegen alle Arten von Waffen, insbeſondere auch gegen Piſtolen. Aber, wie geſagt, dieſer Punkt iſt abgethan. Ich wuͤnſche nur, daß es auch mit dem andern, der von ganz verſchiedener Art iſt, oben ſo gut geht.“ „Gewiß, Sir Mungo,“ erwiederte Nigel;„ihr ſelbſt koͤnntet im Betreff der Angelegenheit im Park, etwas zu meinen Gunſten ſagen, Niemand weiß beſ⸗ ſer als ihr, daß ich damals aufs aͤußerſte gereizt war, durch die mir vom Lord Dalgarno zugefuͤgten Belei⸗ digungen von der gehaͤſſigſten Art, deren viele mir durch euch ſelbſt hinterbracht wurden, und ſehr zur Entflammung meiner Leidenſchaft beitrugen.“ „Hilf Himmel!“ verſetzte Sir Mungo,„nur zuwohl entſinne ich mich, wie heftig euer Zorn war, trotz meiner wiederholten Gegenvorſtellungen im Be⸗ treff der Heiligkeit des Orts. Ach! ihr koͤnnt nicht ſagen, daß ihr aus Mangel an Warnung ſo tief in die Dinte gekommen ſeyd.“ „Ich ſehe, Sir Mungo, ihr ſeyd entſchloſſen, euch an nichts zu erinnern, was mir nuͤtzen kann.“ „Gern wollt ich euch nuͤtzlich ſehn,“ erwiederte der Ritter;„und dies glaub ich am beſten dadurch 160 bewirken zu koͤnnen, wenn ich euch den ganzen Her⸗ gang der Vollſtreckung der Strafe, wozu ihr ohne Zweifel werdet verurtheilt werden, genau erzaͤhle, da ich das Gluͤck hatte, ſie zu Eliſabeths Zeiten an einem Menſchen der ein Pasquill auf ſie geſchrieben hatte, vollziehen zu ſehen. Ich war damals im Ge⸗ ſolge des Lord Gray, der ſich als ſchottiſcher Geſand⸗ ter hier aufhielt; und da ich jederzeit begierig war, Alles mit anzuſehen, was mir Vergnuͤgen und Nut⸗ zen gewaͤhren konnte, ſo ermangelte ich nicht, auch hiebei gegenwaͤrtig zu ſeyn.“ „Es ſollte mich in der That wundern,“ bemerkte Nigel;„wenn ihr eurer wohlwollenden Denkweiſe in ſo weit hättet Gewalt anthun tönnen, euch eines ſolchen Anblicks zu berauben.“ „Verſtehe ich recht, ſo erſucht Ew. Lord⸗ ſchaft, bei der an euch zu vollziehenden Execution ge⸗ genwaͤrtig zu ſehn,“ erwiederte der Ritter;„traun Mylord, es wird ein ſchmerzlicher Anblick fuͤr einen Freund ſeyn; aber lieber will ich mich ſelbſt ſtrafen⸗ als mich vor eurem Anblicke wegſchleichen. In der That, eine ſolche Execution iſt im Ganzen eine ſehr huͤbſche Schauſtellung. Der Verurtheilte erſchien bei derſelben mit einem ſo kuͤhnen Blicke, daß es ein Vergnügen war, ihn anzuſehen. Er war ganz weiß gekleidet, als Symbol ſeiner Schuldloſigkeit: Das Schaffot war in Pauls⸗Croß aufgeſchlagen;— — — 161 wahrſcheinlich wird das eurige zu Charing⸗Croß er⸗ richtet werden.— Bei der Epecution befanden ſich die Sheriffs, die Marſchaͤlle und eine große Anzahl anderer obrigkeitlicher Perſonen. Der Nachrichter erſchien mit ſeinem Beil und Schlaͤgel, und ſein Ge⸗ huͤlfe mit einer Pfanne voll gluͤhender Steinkohlen und dem Brenneiſen; er war ein gewandter Kerl. Der jetzige iſt nicht werth, ihm die Schuhriemen auf⸗ zuloͤſen; es waͤre der Mühe werth, daß Ew. Lord⸗ ſchaft den Fant zu einem Wundarzte ſchicken ließe, damit er einige Begriffe von den ihm noͤthigen Grund⸗ ſatzen der Anatomie erhielte;— es kann euch ſelbſt und andern Ungluͤcklichen, die in euren Fall kom⸗ men, nuͤtzlich ſeyn, und waͤre uberdies eine Gefällig⸗ keit, die ihr dem Nachrichter erwieſet.“ „Ich will mir die Muͤhe nicht geben,“ ſiel Ni⸗ gel ein,—„fordern die Geſetze meine Hand, ſo mag der Nachrichter ſie, ſo gut er kann, von meinem Koͤr⸗ per trennen. Laͤßt mir der Koͤnig ſie, ſo kann der Fall eintreten, daß ſie ihm noch beſſere Dienſte thut, als auf die Weiſe, welche ihr mir ſo eben darſtellt.“ „Sehr edel, ſehr groß gedacht Mylord,“ rief Sir Mungo;„uͤbrigens iſt es ein anziehender An⸗ blick, einen braven Mann leiden zu ſehen. Der Menſch, von dem ich euch erzählte,— er war ein Plebejer, und hieß, glaub' ich Tubbs oder Stubbes, — trat kuͤhn und ſtolz wie ein Kaiſer hervor, und 11 162 redete das Volt mit den Worten an: Liehen Freunde, ich erſcheine hier, um auf dieſem Schaffot die Hand eines ͤchten Englaͤnders zuruͤckzulaſſen;— und da⸗ mit druͤckte er ſie eben ſo gleichmuͤthig auf den Block, als haͤtte er ſie auf ſeines Liebchens Schulter gelegt, worauf der Scharfrichter die Schneide ſeines Beils gerade auf das Handgelenk hielt, und mit ſeinem Hammer ſo kraͤftig darauf ſchlug, daß die Hand ſo⸗ weit abwaͤrts flog, als ein Handſchuh, den der Aus⸗ forderer in die Turnierbahn wirft. Der Plebejer ver⸗ lor keinesweges die Faſſung, bis der Gehuͤlſe des Nachrichters das ziſchende Eiſen an den blutenden Stumpf hielt. Mylord, es ziſchte wie eine bratende Speckſchnitte, und preßte dem Menſchen einen hef⸗ tigen Schrei aus, woraus einige ſchloſſen, der Muth wäͤre ihm geſunken. Aber nichts weniger als das, denn mit der linken Hand nahm er den Hut ab und ſchwenkte ihn mit dem Ausruf: Heil der Koͤnigin! und Verderben allen uͤblen Rathgebern! Das Volk rief ihm ein dreimaliges Lebehoch, welches ſein muth⸗ volles Benehmen wohl verdiente. Ich hoffe zuver⸗ ſichtlich, Ew. Lordſchaft eben ſo hochſinnig eure Strafe erleiden zu ſehen.“ „Ich danke euch, Sir Mungo,“ erwiederte Ni⸗ gel, der waͤhrend dieſer lebhaften Darſtellung ſich einiger unangenehmen Gefuhle nicht hatte erwehren koͤnnen.—„Ich zweifle nicht, dies Schauſpiel wird ———— 163 fuͤr euch und die uͤbrigen Zuſchauer ſehr anziehend ſeyn; welche Gefuͤhle es auch immer der Hauptperſon derſelben erregen mag.“ Sehr anziehend,“ verſicherte Sir Mungo, „ſehr anziehend, in der That; obwohl nicht ganz ſo ſehr als eine Hinrichtung wegen Hochverraths. Ich ſah Digby, die Winters, Fawkes und die übrigen Theilnehmer der Pulververſchwoͤrung wegen dieſes Hochverraths hinrichten. Welch ein großes Schau⸗ ſpiel ſowohl in Betracht ihrer Leiden, als ihrer Standhaftigkeit in deren Erduldung.“ „Um ſo mehr bin ich euch fuͤr die Guͤte verpflich⸗ tet, die euch bewog, mir zur Enthebung von dieſer Straſe Gluͤck zu wuͤnſchen, obgleich ihr dadurch ei⸗ nes ſo erbaulichen Schauſpiels verluſtig geworden ſeyd.“ „Sehr wahr, Mylord,“ erwiederte Sir Mungo, „es iſt wahrhaft erbaulich, die Guͤte der Natur zu be⸗ wundern, die uns von einigen koͤrperlichen Organen Duplicate gegeben hat, damit wir den Verluſt eines derſelben leichter ertragen können, wenn uns ſolcher auf unſerer Lebensreiſe zuſtößt. Seht hier meine rechte Hand, beraubt des Daumes, des Zeigefingers und der Haͤlſte eines zweiten Fingers, wenn gleich durch die Waffen meines Gegners, und nicht durch Henkers⸗ hand. Dieſe verſtuͤmmelte Hand thut mir in mancher Hinſicht eben ſo viel Dienſte, als jemals; und wenn 164 gleich die eurige bis ans Gelenk abgenommen wird, ſo habt ihr doch noch die linke zu eurem Gebrauch, und ſeyd beſſer dran, als der kleine hollaͤndiſche Zwerg, der hier umher geht, und mit den Fůͤßen eine Nadel einfaͤdelnd, mahlend, ſchreibend, und eine Pike werfend, den Verluſt beider Haͤnde erſetzt.“ „Freilich iſt dies Alles ſehr troͤſtend,“ entgegnete Nigel;„llein ich hoffe, der Koͤnig wird mir meine Hand laſſen, damit ſie in der Schlacht fuͤr ihn fech⸗ ten kann, wo ich ungeachtet eurer guͤtigen Aufmun⸗ terungen mein Blut viel bereitwilliger fur ihn vergie⸗ ßen wuͤrde, als auf dem Schaſſot.“ „Es iſt eine nur zu traurige Wahrheit, daß Cw. Lordſchaft ſehr nahe daran war, auf dem Schaffot zu ſterben,“ verſetzte Sir Mungo.„Keine Seele war euer Fuͤrſprecher, als jenes getaͤuſchte Mädchen, Mar⸗ get Ramſay.“ „Wen meint ihr?“ fragte Nigel mit mehrerem Intereſſe, als er bis dahin bei des Ritters Mitthei⸗ lungen gezeigt hatte. „Ei, wen ſollt' ich anders meinen, als die ver⸗ kleidete Dirne, mit der wir einſt beim Goldſchmidt Heriot zu ſpeiſen die Ehre hatten? Wie ihr ihre Zuneigung gewonnen habt, wißt ihr ſelbſt am be⸗ ſten. So viel weiß ich aber, daß ich ſie zu des Kö⸗ nigs Fuͤßen fur euch bitten ſah. Sie ward meiner Aufſicht anvertraut, mit dem Auſtrage, auf ihrer —„ — — —„ — 165 Fahrt hieher fuͤr ihre Ehre und Sicherheit zu ſorgen. Hätte ich meinen freien Willen gehabt, ſo wuͤrde ich ſie ins Zuchthaus nach Bridewell geſchickt haben, um dem ſchamloſon Geſchoͤpfe, daß ſich unterfaͤngt, ſchon vor der Ehe Hoſen tragen zu wollen, das ver⸗ dorbene Blut auspeitſchen zu laſſen.“ „Hoͤrt, Sir Mungo, ich verlange, daß ihr von dieſem jungen Maͤdchen mit Achtung redet.“ „Mit aller Achtung die der Geliebten Ew. Lord⸗ ſchaft und der Tochter des Uhrmachers Ramſay ge⸗ buͤhrt,“ erwiederte Sir Mungo ironiſch. So ſehr auch Nigel ſich zu einem ernſten Streite mit Sir Munge gereizt fuͤhlte, ſo bekaͤmpfte er doch ſeinen Zorn und beſchwor den Ritter, ihm alles was er uͤber dieſe junge Perſon gehoͤrt und geſehen habe, mitzutheilen. „Ich war im Vorzimmer„ antwortete er,„als ſie Auvienz hatte und hoͤrte den König zu meiner gro⸗ ßen Verwunderung ſagen:„Pulchra sane pu- ellal“ Dem Kaͤmmerer Marwell, der ſehr maͤßige Kenntniß in der lateiniſchen Sprache hat, klang das Wort sane wie ſein Familien⸗Name Sawney; er eilte daher zum Konige, und hier ſah ich ihn mit ei⸗ genen Häͤnden das in Mannskleider gehuͤllte Maͤd⸗ chen aufheben. Ich wuͤrde meine eigenen Gedanken dabei gehabt haben; allein unſer allergnaͤdigſter Sou⸗ verain iſt alt und war ſelbſ in ſeiner Jugend kein * f 166 großer Mädchenheld. Der Koͤnig troſtete ſie auf ſeine eigene Weiſe: Sey unbeſorgt, gutes Maͤdchen; Glen⸗ varlochides ſoll rechtlich behandelt werden. Als wir uns von unſerm erſten Schrecken erholt hatten, konn⸗„ ten wir ſelbſt nicht glauben, daß er boͤſe Abſichten ge⸗ gen unſere Perſon gehabt habe. Und was ſeine an⸗ dern Vergehungen betrifft, ſo wollen wir in eigener Perſon die Sache mit aller Weisheit und Sorgfalt unterſuchen und erwagen.— Hierauf erhielt ich den Befehl, die junge Ausreißerin in den Tower zu gelei⸗ ten, und ſie der Aufſicht det Lady Manſel anzuver⸗ 1* trauen; Se. Majeſtät befahl mir jedoch, ihr nicht ein Wort von euren Vergehungen zu ſagen; denn,„ — ſagte er,— dem armen Dinge bricht das Herz um ihn.“ „Und hierauf habt ihr mildchriſtlich die nachthei⸗ lige Meinung uͤber dies junge Maͤdchen gebaut, die ihr ſo eben die Gute hattet, gegen mich zu ußern?“ fragte Nigel. „Auf mein Wort, Mylord,“ erwiederte Sir Mungo;„was ſoll ich von einem Maͤdchen denken, die ſich in Mannskleider ſteckt und dem Koͤnige in der Geſtalt eines ausgelaſſenen jungen Gentlemans zu Fůßen fällt? Ich weiß nicht, was das paſſende Wort dafuͤr ſeyn mag; mag man nun dies Beneh⸗ men nennen wie man wolle, ſo bleibt die Sache die — ——— 167 nämliche, und ihr Betragen gleicht mehr dem eines Freudenmuͤdchens als eines Frauenzimmers von Ehrt.⸗ „Ihr thut ihr im hoͤchſten Grade Unrecht, Sir Mungo,“ ſagte Nigel,„oder vielmehr ihr ſeyd durch den Anſchein irre geleitet.“ „Auf die naͤmliche Weiſe wird die ganze Welt irre geleitet werden; falls ihr nicht/ um ſie aus dem Irrthum zu reißen, etwas thut, was ver Sohn ei⸗ nes folchen Vaters ſchwerlich fuͤr ſich paſſend finden wird.“ „Und was meint ihl damit?“ „Das Maͤdchen hoirathen,— ſie zur Lady Glenvarloch machen.— Ihr ſtaunt?— und voch ſeyd ihr auf dem Wege dahin.. Lieber heirathen, als etwas Schlimmeres thun, wenn das Schlimmſte nicht ſchon geſchehen iſt.“ „Sir Mungo, ich bitte euch, uͤber dieſen Ge⸗ genſtand zu ſchweigen, und lieber zu der Materie von der Verſtuͤmmelung zuruͤckzukehren, woruͤber ihr euch ſo eben mit großem Vergnuͤgen weitlauftig ausließet.⸗ „Ich habe jetzt nicht laͤnger Zeit,“ ſiel der Rit⸗ ter ein, indem er die Uhr vier ſchlagen hoͤrte;„allein ihr könnt euch darauf verlaſſen, daß ihn, ſobald ihr euer Urtheil erhalten habt, den ausfuͤhrlichſten Be⸗ richt uͤber die ganze Feierlichkeit durch mich erhalten ſollt; auch gebe ich euch mein Wort als Ritter und Edelmann, daß ich euch in Petſon aufs Schaffot be⸗ 168 gleiten will, und ſollte man mir auch noch ſoviel ſaure Geſichter daruͤber machen. Mein Herz treibt mich an, meinen Freunden auch in der ſchlimmſten Lage bei⸗ zuſtehen.“ Mit dieſen Worten ſagte er Nigeln Le⸗ bewohl, der ſich nie der Endigung eines Beſuchs herzlicher gefreut hatte. Als er aber ſeinen eigenen Betrachtungen uͤber⸗ laſſen war, füͤhlte er ſeine Einſamkeit faſt eben ſo lä⸗ ſtig, als Sir Mungos Geſellſchaft. Der gaͤnzliche Ruin ſeiner Vermoͤgensumſtaͤnde, der jetzt unver⸗ meidlich ſchien durch den Verluſt des koͤniglichen Zah⸗ lungsbefehls, der einzig ihm die Mittel darbot ſeine väterlichen Guͤter einzulöſen, war ein neuer uner⸗ warteter Schlag. Nicht ganz genau konnte er ſich erinnern, wann er dies Document zum letztenmale geſehen hatte; doch duͤnkte ihn, er habe es noch in ſeiner Chatoulle wahrgenommen, als er in Whitefriars Geld herausnahm, um dem Geizhals die Miethe fuͤr ſein Zimmer zu bezahlen. Seitdem war das Käſt⸗ chen faſt ununterbrochen unter ſeinen Augen gewe⸗ ſen, ausgenommen die kurze Zeit, als er durch ſeine Verhaftung im Park von Greenwich von ſeinem Ge⸗ půck getrennt war. Freilich hatte es waͤhrend dieſer Zeit entwandt werden koͤnnen; denn er hatte keinen Grund zu glauben, daß er und ſeine Habe ſich in den Haͤnden ſolcher Perſonen befand, die ihm wohl wollten; es war jedoch an den Schloͤſſern der Cha⸗ —— * — —— toulle keine Spur gewaltſamer Eroͤffnung wahrzuneh⸗ men; auch waren ſie ſo kuͤnſtlich gearbeitet, daß ſie ſich kaum ohne ein ausdrucklich dazu verfertigtes Werk⸗ zeug oͤffnen ließen,— zu deſſen Anſchaffung die Zeit zu kurz geweſen war. Kurz, trotz alles Gruͤbelns war in der Sache nichts klar, als daß dies wichtige Dotument verſchwunden und wahrſcheinlich nicht in Freundes Hand ſey.„Mag dem nun ſeyn wie ihm wolle,“ ſprach Nigel zu ſich ſelbſt,„ſo bin ich doch in Hinſicht meiner Ausſicht auf die Wiederherſtellung meiner Vermoͤgensumſtaͤnde nicht ſchlimmer dran, als da ich in dieſer verwuͤnſchten Stadt eintraf. Aber mit den ſchrecklichſten Beſchuldigungen belaſtet, mit ſchaͤndlichem Verdachte befleckt, und der Gegenſtand des herabwuͤrdigendſten Mitleids jenes rechtſchaffenen Buͤrgers und der Bosheit eines neidiſchen gallſuͤchti⸗ gen Hoͤflings zu ſeyn, der an Andern eben ſo wenig Gluͤck und gute Eigenſchaften als der Maulwurf den Sonnenſchein leiden kann,— dies iſt wahrlich ein hoͤchſtbeklagenswerther Zuſtand, deſſen Folgen un⸗ fehlbar meinem ganzen kuͤnftigen Lebenslaufe ankle⸗ ben, und jedes Streben, zur Verbeſſerung meines Schickſals, wozu Kopf und Hand, falls ſie mir ge⸗ laſſen werden, mich befähigen könnten, laͤhmen muͤſſen.“ Das Bewußtſeyn, ein Gegenſtand allgemeiner Abneigung und von aller Welt verlaßen zu ſeyn, iſt 170 —— eines der unertraͤglichſten, peinlichſten Gefuͤhle die auf einem menſchlichen Weſen laſten konnen. Den abſcheulichſten Verbrechern, die ſelbſt vor den ſcheuß⸗ lichſten Grauſamkeiten nicht zuruͤckbebten, iſt das Be⸗ wußtſehn, daß Niemand fuͤr ihre Leiden Theilnahme fuͤhlt, weit druͤckender als die Furcht vor den koͤrper⸗ lichen Schmerzen der nahenden Straſe; und man weiß, daß ſie oft den Verſuch machten, klar erwie⸗ ſene, ſchaͤndliche Vetbrechen, noch unmittelbar vor ihrem Tode in gemildertem Lichte darzuſtellen oder gar zu läugnen, um nur nicht belaſtet mit dem all⸗ gemeinen Fluche der Menſchheit, das Leben zu ver⸗ laſſen;— kein Wunder, daß Nigel im Schmerz⸗ gefuͤhl des allgemein, wenn gleich ungerechter Weiſe, gegen ihn herrſchenden Verdachtes ſich erinnerte, we⸗ nigſtens ein menſchliches Weſen, habe ihn nicht nur fur unſchuldig gehalten, ſondern alle ſeine ſchwa⸗ chen Kräfte aufgeboten, ſich zu ſeinen Gunſten zu verwenden. „Armes Maͤdchen!“ rief er aus,„armes, un⸗ bedachtſames, aber großmuͤthiges Maͤdchen! Dein Schickſal gleicht dem, jenes edlen Weibes, das, wie Schottlands Geſchichte erzaͤhlt, ihren Arm ſtatt eines Riegels vor die Hausthuͤr ſchob, um die nach dem Le⸗ ben ihres Souverain ſtrebenden Moͤrder vom Eindrin⸗ gen abzuhalten. Dieſe edle Aufopferung hatte keinen andern Rutzen, als den Namen des heldenmuͤthigen 17¹ Weibes, deſſen Blut, wie die Annalen ſagen, in den Adern meines Geſchlechtes fließt, unſterblich zu ma⸗ chen.“ DerVerfaſſer vermag nicht, den Leſern beſtimmte Auskunft zu geben, ob die Crinnerung an dieſe hi⸗ ſtoriſche Thatſache und die lebhafte Einwirkung, wel⸗ che die vielleicht etwas verſchoͤnerte Vergleichung zu Gunſten Margarethens Ramſay hervorbringen mußte, nicht durch die davon unzertrennlichen Begriffé uͤber altem Adel etwas gemindert ward. Allein die ſtrei⸗ tenden Gefuͤhle boten ihm eine neue Folgereihe von Ideen dar.„Uralte Abkunſt,“ ſo dachte er bei ſich ſelbſt,„und eine lange Ahnenreihe,— was ſind ſie mir, deſſen Erbgut veräußert, deſſen Geburtsrang fuͤr ihn ein Vorwurf geworden iſt,— denn was kann abgeſchmackter ſeyn, als betitelte Bettelei,— mir, deſſen Charakter beargwohnt wird? Ich will nicht in dieſem Lande bleiben; und ſollte ich bei mei⸗ ner Entfernung mir eine ſo liebenswuͤrdige, muth⸗ volle, treue Gefährtin erringen,— wer koͤnnte dann ſagen, daß ich einen Stand, worauf ich factiſch ve zichte, hiedurch beeintraͤchtigte?“ Es lag etwas anziehend⸗romantiſches i durch ihn ausgemalten Bilde eines ſich treu un lich liebenden Paares, welches in der wechſelſe Anhaͤnglichkeit die ganze Welt findet, und ſich in Arm dem Strome des Schickfals entgegenſt 172 Der Gedanke, innigſt verbunden zu ſehn mit einem ſo reizenden Geſchopfe, welches ſich ſo uneigennůtzig der Verbeſſerung ſeines Schickſals hingegeben hatte, bildete ſich in ſeiner Phantaſie zu einem jener roman⸗ tiſchen Gemaͤlde aus, bei deren Betrachtung die Ju⸗ gend am liebſten weilt. Ploͤtzlich ward dieſer ſchöne Traum aufs ſchmerz⸗ lichſte verſcheucht durch die Erinnerung, daß die Grundlage deſſelben auf der ſelbſtfüchtigſen Undank⸗ barkeit von ſeiner Seite beruhe. Als Gebieter ſeines Schloſſes, mit allen ſeinen Thuͤrmen,— als Eigen⸗ thůmer ſeiner Waͤlder, Aecker, ſeines ganzen ſchoͤnen Erbtheils, geeignet, den glaͤnzenden Namen ſeines alten Geſchlechtes aufrecht zu erhalten, würde,— ſo dachte er weiter,— ſeine Seele den Gedanken, die Tochter eines Handwerkers zu ſeinem Range zu erhe⸗ ben, gewiſſermaßen als eine Unmoͤglichkeit verwor⸗ fen haben; und er ſchamte ſich daher, jetzt, entwuͤr⸗ digt ſeines hohen Adels, in Armuth geſtuͤrzt und in unzaͤhlige Verlegenheiten verwickelt, auch nur die dee faſſen zu können, daß dies arme Maͤbchen blinder Zuneigung alle beſſern Ausſichten ihrer men geſicherten Lage, aufopfern ſollte, um wankende, zweifelhafte Schickſal, wozu er nmt zu ſeyn ſchien, mit ihm zu theilen. Sein Herz ſchreckte zuruͤck vor der Selbſtſucht des von tworfenen Planes zu ſeiner Gluckſeligkeit und ——— er ſtrengte ſich aufs äußerſte an, alle Gedanken an dies bezaubernde Maͤpchen fuͤr den Reſt des Abends zu verſcheuchen, oder wenigſtens nicht bei dem gefaͤhr⸗ lichen Umſtande zu verweilen, daß ſie jetzt das ein⸗ zige lebende Geſchoͤpf ſey, das ihn als einen Gegen⸗ ſtand des Wohlwollens zu betrachten ſchien. Es gelang ihm jedoch nicht, den Gedanken an dies liebliche Weſen aus ſeinem Schlummer zu ver⸗ bannen, als er nach einem ermuͤdenden Tage, ſich auf ſein ruheloſes Lager warf. Margarethens Geſtalt miſchte ſich unaufhoͤrlich in die wilden Maſſen der Träume, die ihm ſeine letzten Abenteuer eingaben; und ſelbſt wenn die Phantaſie Sir Mungos lebhafte Schilderungen verwirklichte,— wenn er ſein Blut in Stroͤmen fließen ſah und an des Nachrichters gluͤ⸗ hendem Eiſen ziſchen hoͤrte, ſtand Margarethe hinter ihm, gleich einem Geiſte des Lichts, um Heilung in die Wunde zu athmen. Endlich erſchoͤpfte ſich die Natur durch dieſe Bilder der Phantaſie, und Nigel fiel in einen tiefen Schlaf, woraus ihn am andern Morgen der Ton einer ihm wohlbekannten Stimme weckte, die oft ſchon um die nämliche Stunde ſeinen Schlummer unterbrochen hatte. S Kapitel. Siebentes Der Ton, deſſen wir am Schluß des letzten Ka⸗ pitels erwaͤhnten, war kein anderer, als die mur⸗ melnde Stimme Richard Moniplies. Dieſer Ehren⸗ mann hatte gleich Andern, ſehr von ſich eingenom⸗ menen Perſonen, eine große Neigung, wenn ſie kei⸗ nen andern Zuhoͤrer hatten, ſich einen zu waͤhlen, auf deſſen Bereitwilligkeit zum Zuhoͤren ſie ſich ver⸗ laſſen konnten, nämlich ſich ſelbſt. Er war beſchaͤf⸗ tigt, Nigels Kleidungsſtuͤcke mit der noͤmlichen Faſ⸗ ſung und ruhigen Aemſigkeit zu reinigen und zu ord⸗ nen, als hätte er deſſen Dienſte nie verlaſen, und hielt dabei folgendes Selbſtgeſpräͤch:„Hm, ſollte man doch glauben, daß, ſeit ich dies Wams und dieſen Mantel aus den Haͤnden ließ, keine Buͤrſte daruͤber hergefahren ſey. Die Stickerei iſt ſchön zu⸗ gerichtet, und von den goldnen K Knöpfen des Man⸗ tels iſt auf Ehre ein ganzes Dutzend zum Henker! Das kommt von den Nachtſchwaͤrmereien in White⸗ friars;— Gott, bewahre uns in Gnaden und ver⸗ gilt uns nicht nach unſern Thaten!— Ich ſehe kei⸗ nen Degen;— doch den wird man dem Gefangenen vorenthalten haben.“ Nigel konnte ſich nicht enthalten, auf einige Au⸗ genblicke zu glauben, daß er noch immer träume, ſo unwahrſcheinlich ſchien es ihm, daß ſein Bedienter ihn aufgefunden und in ſeiner jetzigen Lage Zutritt zu ihm erhalten haͤben koͤnne. Als er jedoch vie Bett⸗ vorhaͤnge oͤffnete, ward er von der Thatſache vollkom⸗ men uͤberzeugt, beim Anblick der ſteiſen, knochigen Geſtalt Richards, deſſen Geſicht noch einmal ſo wich⸗ tig ausſah als gewöhnlich, und der eifrig beſchaͤftigt war, ſeines Herrn Kleidungsſtuͤcke auszubuͤrſten,— ein Geſchaͤft, welches er von Zeit zu Zeit mit Pfeiſen oder mit dem Trällern einer alten melancholiſchen Balladenmelodie abwechſeln ließ. War gleich Nigel jetzt von der Identität der Perſon Richards vollkom⸗ men uͤberzeugt, ſo konnte er ſich dennoch nicht ent⸗ halten, ſein Befremden, durch die uͤberfluͤſſige Frage zu aͤußern:„Ums Himmels willen Richard, biſt du es?“— „Und wer ſollt es anders ſeyn, Mylord?“ ant⸗ wortete Richard;„denn Ew. Lordſchaft mußte doch an dieſem Orte bei eurem Lever gebuͤhrendermaßen von Jemandem bedient werden, der pflichtmaͤßig dazu verbunden war.“ „Ich bin im Gegentheil verwundert,“ antwor⸗ tete Nigel,„daß ich uͤberhaupt und vorzuglich durch dich Richard hier beim Aufſtehen Bedienung finde; 176 ——— da ich dich nach deinen Aeußerungen bei unſerer Tren⸗ nung langſt in Schottland glaubte.“ „Ich bitte um Verzeihung, Mylord, wir ha⸗ ben uns keinesweges getrennt, und werden es wahr⸗ ſcheinlich nicht ſobald thun; denn ſowohl zur Aufhe⸗ bung als zur Abſchließung eines Handels gehoͤren be⸗ kanntlich zwei Perſonen. Zwar geſiel es Ew. Lord⸗ ſchaft, ſich ſo zu benehmen, daß unſere Trennung ſehr wahrſcheinlich war; allein bei näherer Ueberle⸗ gung war es nicht mein Wille, euch zu verlaſſen. Oder deutlicher zu ſprechen, wenn Ew. Lordſchaſt es gleich nicht zu erkennen weiß, wenn ihr einen guten Be⸗ dienten habt, ſo weiß ich es doch zu erkennen, wenn ich einen guͤtigen Gebieter habe; und die Wahrheit zu ſagen, werdet ihr jetzt leichter als jemals zu be⸗ vienen ſeyn, denn es iſt wenig Wahrſcheinlichkeit vor⸗ handen, daßt ihr wieder auf freien Fuß kommt.“ „Ich bin dir in der That fuͤr dein rechtliches Benehmen ſehr verbunden,“ verſetzte Nigel;„doch hoffe ich,“ fugte er gutlaunig hinzu,„daß du meine Lage nicht benutzen wirſt, um zu ſtrenge gegen meine Thorheiten zu ſeyn.“ wiederte Richard in einem Tone, der eine Miſchung von eingebildetem Bewußtſeyn uͤberlegener Klugheit und von wahrem Mitgefuͤhl ausſprach.—„Wie ſollte ich eines ſolchen Mißbrauchs faͤhig ſeyn, ins⸗ „Gott bewahre, Mylord, Gott bewahre,“ er⸗ ——— — i —— 177 beſondere, da Ew. Lordſchaft zum gehoͤrigen Selbſt⸗ gefuͤhl derſelben gekommen iſt. Freilich hielt ich es für meine Schuldigkeit, Gegenvorſtellungen zu ma⸗ chen; doch enthalte ich mich billig ihrer Wiederho⸗ lung. Nein, nein, ich ſelbſt bin ein irrendes Ge⸗ ſchöpf, und weis mich mehrerer kleinen Schwachhei⸗ ten ſchuldig. Giebt es doch unter den Menſchen nichts Vollkommenes.“ „Aber mein guter Richard,“ ſagte Nigel,„ſo ſehr ich dir auch für dein neues Dienſtanerbieten ver⸗ bunden bin, ſo koͤnnen doch in meinem hieſigen Auf⸗ enthalte deine Dienſte mir von wenigem Nutzen, dir ſelbſt aber nachtheilig ſeyn.“ „Ich bitte nochmals um Verzeihung,“ entgeg⸗ nete Richard, deſſen gewoͤhnlicher Dogmatismus durch das wechſelſeitige Verhältniß beider Theile um das zehnfache geſteigert war;„ich will es ſo einrich⸗ ten, daß meine Dienſte Ew. Lordſchaft ſehr nuͤtzlich, mir aber keinesweges nachtheilig ſeyn werden.“ „Ich e nicht ein, wie das moͤglich iſt, mein Freund, vorzuglich auch in Hinſicht deiner Sub⸗ ſiſenz?“ „Ich bin ziemlich mit Geld ehiſhe erwie⸗ derte Richard,„und mein Unterhalt wird weder Gw. Lordſchaft belsſtigen, noch mich ſelbſt in Verlegenheit ſetzen. Nur bitte ich um Erlaubniß, meinen Dienſ⸗ III. 12 — verhältniſſen zu Cw. Lordſchaft einige Bedingungen zum Grunde zu legen.“ „Lege ihnen zum Grunde, was du willſt,“ ſagte Nigel,„denn da du mich einmal nicht verlaſ⸗ ſen willſt, was, wie mich dunkt, das Klugſte fuͤr dich wäre, ſo mußt und wirſt du ohne Zweifel mir nur unter ſolchen Bedingungen dienen, die dir ſelbſt genehm ſind.“ „Alles, was ich erbitte,“ erwiederte Richard ſehr ernſthaſt und mit dem Tone großer Mäßigung, „beſteht darin, daß ich ununterbrochen uͤber meine Bewegungen gebieten darf,— eine Freiheit, deren ich zu gewiſſen wichtigen, jetzt obhandenen Zwecken nothwendig bedarf, wobei ich jedoch verſpreche, Cw. Lordſchaft jederzeit die Troͤſtung meiner Geſellſchaft und die Bequemlichkeit meiner Aufwartung zu Theil werden zu laſſen, wo euer Dienſt mit meinen Zwek⸗ ken vereinbar iſt.“ „Woruͤber du dir ohne Zweiſfel das Urtheil al⸗ lein vorbehäͤltſt,“ fiel Nigel lächelnd ein. „Ohne Zweifel, Mylord; denn ihr koͤnnt blos —————— wiſſen, was ihr beduͤrft; ich hingegen ſehe beide Seiten des Gemaͤldes und weiß was fuͤr eure Ange⸗ legenheiten am beſten und fur die meinigen am noth⸗ wendigſten iſt.“ „Mein guter Richard, ſo wenig auch dieſe Ein⸗ richtung, die den Herrn großentheils den Verfuͤgun⸗ — b NN —— 179 gen des Dieners unterwirft, unſern Vechältniſen angemeſſen ſeyn duͤrſte, wenn wir beide in Freiheit waͤren, ſo kann ich doch als Gefangener mich eben ſo gut deinen als ſo vieler andern Perſonen Verfuͤgun⸗ gen unterwerfen, die jetzt uͤber mich zu gehieten ha⸗ ben. So magſt du alſo nach Belieben kommen und gehen, da du doch, wie es ſcheint, meinem Rathe, in dein Vaterland zuruͤckzukehren und mich meinem Schickſale zu uͤberlaſſen, nicht folgen willſt.“ „So moͤge der Teufel mir in die Füße fahren, wenn ich hiezu den Verſuch mache. Ich bin nicht der Mann, Ew. Lordſchaft bei ſchlechtem Wetter zu verlaſſen, da ich in eurem Dienſte meinen Unterhalt fand, ſo lange euch noch die Sonne ſchien. Ueber⸗ dies koͤnnen euer noch ſchoͤne Tage harren. Ach nach meiner Heimath Höhen Zieht mich Sehnſucht mächtig hin! Ihre Küſten zwar umwehen Stürme, doch die Wolken fliehn⸗ Lieblicher lacht dann die Sonne Mir im Vaterland, als hier; Noch einmal wird mir die Wonne, Hoffend ſagt mein Herz es mir. Nachdem Richard dieſe Stanze nach der Weiſe der Balladenſaͤnger, deren Stimme durch das Wett⸗ eifern ihrer Luftroͤhre mit dem Geheul des Nordwin⸗ des, gebrochen iſt, abgeſungen hatte, half er Nigeln 42* 180 ————— beim Aufſtehen und Ankleiden mit allen moͤglichen Zeichen der feierlichſten, ehrerbietigſten Unterwuͤrſig⸗ keit; dann wartete er ihm beim Fruͤhſtüͤck auf, und eniſennt⸗ ſich, mit der Entſchuldigung, daß er wich⸗ tige Geſchaͤfte habe, die ihn auf einige Stunden— halten wuͤrden. Obgleich Nigel erwarten mußte, durch Richards Eigenduͤnkel und Dogmatismus mitunter ſehr belaͤ⸗ haͤnglichkeit dieſes treuen Dieners im gegenwaͤrtigen Augenblick, und verſprach ihm durch ſeine Dienſte Milderung des Kummers der Gefangenſchaft. Er vernahm daher mit Vergnuͤgen von dem Gefangen⸗ wärter, daß ſein Bedienter zu jeder Zeit, wenn die Fremden den Eingang verſtatteten, Zutritt bei ihm habe. tung einige zudringliche Ruderer ab, und rief einen der vornehmſten Kahnfuͤhrer herbei, die bei ſeiner Er⸗ ſtigt hatten„beſieg den Kahn, ſetzte ſich, mit uͤber⸗ einandergeſchlagenen Armen, in ſeinen weiten Mantel gehuͤllt, in den Hintertheil des Fahrzeuges, und be⸗ rudern. Nachdem er den koniglichen Pallaſt erreicht ſtigt zu werden, ſo freute ihn doch die ſtandhafte An⸗ in der Feſtung geltenden allgemeinen Vorſchriften Immittelſt hatte der edelmüthige Richard bereits den Towerwerft erreicht. Hier wies er mit Verach⸗ ſcheinung ihn nicht mit ihren Dienſtanerbietungen belà⸗ fahl, ihn an die Landungstreppe von Whitehall zu 181 — hatte, fragte er nach dem Hofkoch und Unterkuͤchen⸗ ſchreiber Linklater. Man gab ihm zur Antwort: Herr Linklater ſey nicht zu ſprechen, weil er beſchaf⸗ tigt ſey, fuͤr Sr. Majeſtaͤt hochſteigenen Mund einen jungen Hahn mit einer Lauchbruhe zu bereiten. „Sagt ihm,“ erwiederte Moniplies:„einer ſeiner Landsleute und vertrauteſten Freunde wuͤnſche ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen.“ „Ein Landsmann und vertrauter Freund?“ rief Linklater, als ihm dieſe dringende Botſchaft be⸗ ſtellt ward.„Ei ſo hol ihn der Teufel!— Nun, ſo laßt ihn hereinkommen. Ohne Zweifel iſt es ein rothkoͤpfiger, langbeiniger Menſch vom Cvinburger Weſtport, der von meiner Befoͤrderung gehort hat, und durch meine Verwendung die Stelle eines Bra⸗ tenwenders oder Unterkuͤchenjungen zu erlangen hofft. Iſt's doch Jedem, der in der Welt emporkommen will⸗ äußerſt hinderlich, ſolche Freunde zu haben, die ihm wie Kletten anhaͤngen, in der Hoffnung, mit ihm emporgehoben zu werden.— Ha! Richard biſ du es? Und was fuhrt dich hieher? Denk. nur, wenn man dich als den Fant wieder ertennte, der jüngſt des Koͤnigs Pferd ſcheu machte!“ „Nichts mehr davon, Nachbar!“ erwiederte Richard;„ich bin gerade in derſelben Abſicht hier, als damals, naͤmlich— den Koͤnig zu ſprechen.— 182 „Den Koͤnig?— Biſt du toll?“ fragte Lin⸗ klater; dann rief er ſeinen Kuͤchengehuͤlfen zu:„ſeht nach den Bratſpießen, ihr Schlingel!— pisces purga— Salsamenta fac macerentur pulchre—*). Ich will euch Latein verſtehen lernen, ihr Schlingel, ſo wie es König Jacobs Kuͤ⸗ chenjungen geziemt!“ Dann fliſterte er Richarden in's Ohr:„weißt du nicht wie ſchlimm es deinem Herrn ergangen iſt? Ich kann dir ſagen, daß ge⸗ wiſſe Leute dieſer Sache wegen die Dienſtentſetzung furchteten.“ „Sey dem wie ihm wolle, ſo mußt du mir doch diesmal helfen, dieſe Bittſchrift dem Koͤnige zu Haͤn⸗ den zu bringen.“ „Ich will weder Hand noch Fuß in dieſer Sache haben,“ erwiederte der vorſichtige Unterkuͤchenſchrei⸗ ber;„allein ſo eben wird Sr. Majeſtät eins ſeiner Lieblingsgerichte,— ein junger Hahn mit einer Lauchbruͤhe auf ſein Cabinet gebracht; wenn ihr das Schreiben zwiſchen die vergoldete Schaale und dem Unterſatz legen wollt, ſo kann ich euch nicht daran hindern;„Se. geheiligte Majeſtät wird es ſehen, *) Eine Stelle aus dem Terenz, die Erasmus in ſeine Geſpräche aufgenommen hat;(zu deutſch:„Rehmt die Fichſche aus— marinirt ſie wohl ein).“ d. 1. — — — —,—— 183 ——— wenn er die Schaale aufhebt, denn er pflegt immer aus derſelben die Bruͤhe zu trinken.“ Geſagt, gethan! Einen Augenblick vor dem Eintritt des Pagen, der Sr. Majeſtaͤt das Gericht uberbrachte, legte Richard ungeſehen ſein Papier un⸗ ter die Schale. „Nun, Nachbar,“ ſagte Linklater, als der Page ſich mit dem Gericht entfernt hatte,„wenn du irgend etwas gethan haſt, was dir Gefaͤngniß oder Auspeitſchung zuwege bringen it„fo iſt es deine eigne Schuld.“ „Auch will ich keinem Andern die Schuld bei⸗ meſſen,“ entgegnete Richard; und mit jener uner⸗ ſchuͤtterlichen Beharrlichkeit des Eigenduͤnkels, der einen Hauptzug ſeines Characters ausmachte, erwar⸗ tete er den Erfolge, der ſich bald kund that. Nach einigen Minuten trat der Kaͤmmerer Max⸗ well in das Zimmer des Unterkuͤchenſchreibers und fragte haſtig: wer eine Schrift unter des Koͤnigs Suppennapf gelegt habe. Linklater leugnete, die mindeſte Kunde davon zu haben; allein Richard Moniplies trat kuͤhn hervor, mit dem emphatiſchen Bekenntniſſe:„Ich bin der Mann.“„So folgt mir,“ ſagte Marwell, nachdem er ihn mit großer Neugier betrachtet hatte. „Sie gingen eine Nebentreppe hinauf,— die naͤmliche, welche demjenigen, der ſich ihrer Vorzugs⸗ 184 weiſe bedienen darf, groͤßere Hoffnung zum Empor⸗ ſteigen gewährt als ſelbſt die grandes entrées. Angekommen im Vorzimmer machte ihm ſein Fuͤhrer ein Zeichen, ſtill zu ſtehen, während er in des Koͤ⸗ nigs Cabinet ging. Marwells Unterredung mit ihm war kurz, und als der erſtere die Thuͤr öffnete, um wieder hinauszugehen, hoͤrte Richard folgenden Schluß derſelben. „Ihr ſeyd alſo gewiß, daß der Menſch nicht ge⸗ fährlich iſt.— Ich bin einmal angeführt.— Bleibt ſo nahe, daß ich euch abrufen kann; aber nicht naͤher der Thuͤr meines Cabinets, als fuͤnf Fuß. Wenn ich laut ſpreche, dann eilt zu mir mit der Schnelligkeit eines Falken. Spreche ich leiſe, ſo haltet eure langen Ohren außerhalb der Gehoͤrweite; — und jetzt laßt ihn hereinkommen.“ Auf Maxwells ſtummen Wink trat Richard her⸗ ein und ſtand vor dem Koͤnige. Die meiſten Men⸗ ſchen von Richards Geburt und Erziehung, und viele Andere wuͤrden ſich verlegen gefuͤhlt hahen, mit ihrem Souverain allein zu ſeyn; Richard Moniplies hatte jedoch eine zu hohe Meinung von ſich, um durch eine ſolche Idee außer Faſſung gebracht zu werden. Nach einer ſteifen Verbeugung erhob er ſich wieder bis zur perpendiculaͤren Hoͤhe und ſtand vor Jacob ei⸗ ner 185 „Habt ihr ſie erhalten, habt ihr ſie erhalten?“ fragte der Koͤnig haſtig, in einem Zuſtande, der eine Miſchung von Hoffnung, Neugier und argwöhni⸗ ſcher Furcht andeutete.„Gebt mir ſie, gebt mir ſie, bevor ihr ein Wort ſprecht. Ich befehle es euch bei eurer Unterthanenpflicht.“ Richard zog ein Käſichen aus ſeinem Buſen und bot es, auf ein Knis ſich niederlaſſend, dem Könige dar, der es raſch oͤffnete, und nachdem er ſich uͤber⸗ zeugt hatte, daß es ein Geſchmeide von Rubinen enthielt, womit der Leſer fruͤher bekannt gemacht ißt, konnte er ſich nicht enthalten, die Edelgeſteine voll Entzuͤcken zu kuͤſſen, als ob ſie Empfindungsvermo⸗ gen häͤtten, und mit kindiſcher Freude wiederholt auszurufen:„Onyx cum prole, silexque— Onyx cum prole! Ach meine ſchoͤnen, funkeln⸗ den Steinchen, das Herz huͤpft mir im Leibe bei eu⸗ rem Anblick.“ Dann wandte er ſich zu Richard, in deſſen ſtoiſcher Miene Sr. Majeſtät Benehmen ein ſauerfuͤßes Läͤcheln hervorgebracht hatte, welches Ja⸗ cob veranlaßte, ſeine Freudensbezeugungen zu unter⸗ brechen. „Huͤtet euch, Sir, uns nicht usuluchen wir ſind euer geſalbter Souverain.“ „Gott verhuͤte, daß ich lachen n erwie⸗ derte Richard, indem er ſeine Geſichtszuͤge wieder in ihre natuͤrlichen ſtrengen Falten legte.„Ich laͤchelte 186 blos deswegen, um meine Geſichtszuge in Ueberein⸗ ſtimmung und Gleichfoͤrmigkeit mit Ew. Majeſtaͤt Phyſiognomie zu bringen.“ „Ihr ſprecht wie ein pflichtmaͤßig geſinnter lin⸗ terthan, und wie ein rechtlicher Mann,“ ſagte der Koͤnig;„aber wer Teuſel ſeyd ihr, mein Freund?“ „Ich heiße Richard Moniplies und bin der Sohn des alten Mungo Moniplies, am Weſt⸗Port von Evinburg, der ehemals die Ehre hatte, ſowohl Ew. Majeſtät koͤniglichen Frau Mutter, als auch al⸗ lerhochſtdero eigene Tafel mit Fleiſch und andern Lebensmitteln zu verſehen.“ „Ei,“ verſetzte der Koͤnig lachend,— denn er beſaß das gewoͤhnliche Attribut ſeiner hohen Wuͤrde,— ein ſcharfes Gedaͤchtniß, welches ſich eines Jeden er⸗ innerte, der Jemals mit ihm in zufällige Beruͤhrung gekommen war;—„ihr ſeyd der naͤmliche Verraͤther, der uns vor einiger Zeit beinahe uͤber Hals und Kopf vom Pferde auf das Steinpflaſter unſeres Schloß⸗ hofes herabgeworfen hätte; aber wir ſaßen feſt im Sattel. Aequam memento rebus in arduis Servare mentem*). Borazene Oden. B. II. Ode ko d. U. ———— — ———— — 187 Nun, fuͤrchtet euch nicht, Richard, denn da ſo viele Menſchen Verraͤther geworden ſind, ſo es nicht mehr als billig, daß auch hin und wieder ein Verraͤther ſich contra exspectanda als ein ehrlicher Mann zeigt. Aber ſagt mir, wie kamt ihr zu dieſen Juwelen? Kommt ihr etwa von Georg Heriot?“ „Keinesweges,“ erwiederte Richard.„Ew. Majeſtät halten zu Gnaden, ich komme ſo wie Harry Wynd ſocht,— ganz auf meine eigene Hand, und in Niemandes Auftrag, denn ich nenne Niemanden Gebieter, als Gott im Himmel, der mich ſchuf, mei⸗ nen allergnaͤdigſten Koͤnig, der mich regiert und den edlen Nigel Olifaunt, Lord Glenvarloch, der mir Brod gab, ſo lange er ſelbſt etwas hatte,— der arme Lord!“ „Schon wieder der Sitr rief der Koͤnig,„auf meine Ehre, er liegt für uns in jedem Winkel im Hinterhalt.“— Marwell klopfte an die Thuͤr.„Es iſt Georg Heriot, der uns anzeigen will, daß er dieſe Juwelen nicht finden kann. Höͤre, Richard, tritt hinter dieſen Tapetenbehang, halt dich ſtille, nieſe nicht, huſte nicht, athme nicht laut.— Der klingende Goͤrge iſt ſo verdammt bereit mit den Schaͤtzen ſeiner Weisheit, und ſo verflucht zurückhal⸗ tend mit den Schaͤtzen ſeiner Geldvorräthe, daß wir bei unſrer koͤniglichen Seele froh ſind, ihm einmal etwas anhaben zu koͤnnen. Richard trat beſohlner⸗ 188 maßen hinter den Tapetenbehang, den der gutmuͤ⸗ thige Monarch, der ſich niemals durch ſeine Wuͤrde von einem Spas abhalten ließ, mit eigner Hand der⸗ geſtalt ordnete, daß der Hinterhalt gaͤnzlich verſteckt ward. Dann befahl er Maxwelln, ihm zu ſagen, was draußen vorgehe. Maxwell antwortete ſo leiſe, daß Richard, deſſen Neugier ungeachtet ſeiner ſeltſa⸗ men Lage um nichts gemindert war, nichts davon verſtehen konnte. „Laßt Heriot hereinkommen,“ ſagke der Konig 3 und Richard bemerkte durch einen Riß in der Tapete, daß der ehrliche Buͤrger, wenn auch nicht außer Faſ⸗ ſung, doch wenigſtens ſehr verlegen war. Der Koͤ⸗ nig, deſſen Witz und gute Laune gerade von der Art mar, ſich beſonders an Scenen, wie die folgende zu ergötzen, nahm Heriots ehrerbietige Begruͤßung mit Kaͤlte auf, und mit ernſtem, wuͤrdevollen Anſtande, ſehr verſchieden von ſeinem gewöhnlichen zwangloſen Benehmen, redete er ihn folgendermaßen an:„Mei⸗ ſter Heriot, wenn wir uns recht erinnern, ſo ver⸗ pfaͤndeten wir euch gewiſſe Kron⸗Juwelen für eine beſtimmte Geldſumme.— Geſchah es oder geſchah es nicht?“ „Mein gnädigſter Souverain,“ antwortete Heriot,„allerdings geruhte Ew. Majeſtät, es zu thun.“ ——.— 189 — „Das Eigenthum dieſer Juwelen und Gime⸗ lia blieb uns vorbehalten,“ fuhr der Koͤnig in dem vorigen ſeierlichen Tone fort,„und ihr hattet keine andern Anſpruͤche, als auf die Ruͤckzahlung des dar⸗ auf vorgeſchoßnen Geldes, nach deren Beſchaffung ihr ſchuldig waret, uns wieder in den gehoͤrigen Beſitz des Pfandſtuͤcks zu ſetzen. Voetius, Vin- nius, Groenwegenius, Pagensteche- rus, kurz, alle Autores, welche de Contractu oppignorationis geſchrieben haben, con⸗ sentiunt in eundem,— ſtimmen in dieſem Punkte uͤberein. Das romiſche Recht, die engliſchen gemeinen Rechte und die Municipalrechte unſers al⸗ ten eigenthuͤmlichen Königreichs Schottland, weichen zwar in Hinſicht mehrerer beſonderer Gegenſtände, weiter von einander ab, als ich wuͤnſchte, allein ge⸗ rade in dieſem Punkte greifen ſie ſo feſt in einander, als die drei Straͤnge eines gedrehten Taues.“ „Ew. Majeſtaͤt halten zu Gnaden,“ verſetzte Heriot;„es bedarf nicht ſo vieler gelehrten Auctori⸗ täten, um einem ehrlichen Mann zu heweiſen, daß ſein Recht auf ein Unkerpfand geendigt iſt, wenn die Ruͤckzahlung des darauf hergeſchoſſenen Geldes erfolgt.“ „Wohl Sir, ich biete euch die Ruͤckzahlung der hergeſchoßnen Summe dar, und verlange wieder in den Beſit, ver bei euch verpfaͤndeten Juwelen ge⸗ 190 ſetzt zu werden. Ich gab euch vor Kurzem einen Wink, daß der Beſitz dieſer Juwelen für meinen Dienſi dringend nothwendig ſey; weil nahende Er⸗ eigniſſe uns wahrſcheinlich noͤthigen wuͤrden, offent⸗ lich zu erſcheinen, und es ſeltſam ſeyn wuͤrde, wenn wir uns ohne dieſe Zierrathen zeigen wollten, welche Erbſtuͤcke der Krone ſind, und deren Mangel die Achtung unſrer treuen Unterthanen gegen uns min⸗ dern und Argwohn bei ihnen erregen koͤnnte.“ Meiſter Heriot ſchien durch dieſe Anrede ſeines Souverains ſehr geruͤhrt zu ſeynz„ich rufe den Him⸗ mel zum Zeugen,“ erwiederte er in heſtiger Ge⸗ muͤthsbewegung,„daß ich in dieſer Sache gäͤnzlich ſchuldlos bin, und daß ich gern die vorgeſchoſſene Summe verlieren wollte, koͤnnte ich hiedurch die Juwelen herbeiſchaffen, deren Mangel Ew. Majeſtät mit ſo vielem Rechte bedauret; waͤren die Juwelen in meinen Haͤnden geblieben, ſo würde der Abſchluß dieſes Geſchäfts ſehr leicht geweſen ſeyn; allein Ew. Majeſtaͤt wird ſo gerecht ſeyn, ſich zu erinnern, daß ich ſie auf eurem Befehl an einen Andern uͤbertrug, der gerade um die Zeit meiner Abreiſe nach Paris eine große Geldſumme vorſchoß; die Herbeiſchaffung des Geldes war dringend noͤthig, und ich wußte kein anderes Mittel, dazu zu gelangen. Ich ſagte Ew. Majeſtät, als ich die noͤthige Summe brachte, daß derjenige von dem ich ſie haͤtte, keinen guten Ruf ————————C ——, ————— ——, ————————C 191 habe; allein eure wahrhaft fuͤrſtliche Antwort war, indem ihr das Geld berochet: non oler,— es riecht nicht nach den Mitteln, wodurch es erworben ward.“ „Das Alles mag ſeine Richtigkeit haben,“ enk⸗ gegnete der Koͤnig;„aber was nuͤtzt dies Geſchwätz? gabt ihr meine Juwelen einem ſolchen Manne als Unterpfand, mußtet ihr dann nicht als treuer Unter⸗ than Sorge tragen, daß die Wiedereinloſung in un⸗ ſrer Macht blieb? Und ſollen wir ruhig dulden, daß wir durch eure Nachläͤſſigkeit nicht nur unſte Cime⸗ lia verlieren, ſondern auch dem Tadel unſrer treuen Unterhanen und der fremden Geſandten ausgeſetzt werden?“ „Mein Herr und Koͤnig,“ antwortei Heriot; „Gott weiß, wuͤßt ich, daß wenn ich ſelbſt allen Tadel, der in dieſer Sache Ew. Majeſtaͤt treffen kann, auf mich naͤhme, ihr deſſen gaͤnzlich enthoben waret, ich als ein treuer, fuͤr viele Wohlthaten dankbarer Diener, dazu ſo bereit als ſchuldig ſeyn wuͤrde; wenn aber Ew. Majeſtaͤt den gewaltſamen Tod des Pfandinha⸗ bers, das Verſchwinden ſeiner Tochter und ſeines Reichthums erwaͤgt, ſo hege ich das Vertrauen, ihr werdet euch auch erinnern, daß ich euch ſchuldiger⸗ maßen vor der Moͤglichkeit ſolcher Zufälligkeiten warnte, und euch bat, nicht in mich zu dringen, 192 mit dieſem Manne in eurem Namen in Unterhand⸗ lung zu treten.“ F „Aber ihr wußtet kein beſſeres Mittel⸗ mir Geld zu verſchaffen,“ verſetzte der Koͤnig.„Ich war ei⸗ nem verlaſſenen Manne zu vergleichen. Was konnte ich anders thun, als nach dem erſten, beſten Gelde zu greifen, was mir dargeboten ward, ſo wie derjenige, welcher im Begriffe iſt, zu ertrinken, den erſten Wai⸗ denzweig erfaßt, der ihm in die Naͤhe kommt; und dann Goͤrge, warum habt ihr die Juwelen, die doch ſicherlich noch über der Erde ſind, nicht durch ſtrenge Nachſuchungen wieder herbeigeſchaft?“ „Cw. Majeſtat halten zu Gnaden, es ſind al⸗ lenthalben die ſtrengſten Hausſuchungen geſchehen und oͤffentliche gerichtliche Bekanntmachungen zur Wieder⸗ aufſindung der verloren gegangenen Kleinodien er⸗ laſſen; aber alles vergebens; man hat es unmoͤglich gefunden, ſie wieder herbeizuſchaffen.“ „Schwierig hat man es gefunden, wollt ihr ſa⸗ gen, aber nicht unmoͤglich,“ ſagte der Koͤnig;„denn das Unmoͤgliche kann entweder phyſiſch ſo genannt werden, wie zum Beiſpiel zu bewirken, daß zweimal zwei fuͤnf ſind, oder moraliſch, das heißt, wenn man Wahrheit in Unwahrheit verwandeln wollte; allein was blos ſchwierig iſt, kann durch Klugheit und Ge⸗ duld bewerkſtelligt werden. So zum Beiſpiel, ſeht hieher, klingender Goͤrge.“ Jetzt breitete er den ———————— 193 wiedererlangten Schatz vor den Augen des erſtaun⸗ ten Hofjuweliers aus, mit dem triumphirenden Aus⸗ ruf:„nun was ſagt ihr dazu, klingender Goͤrge? Bei Kron und Zepter! der Mann ſtaunt, als ob er ſeinen angebornen Fuͤrſten fuͤr einen Zauberer an⸗ ſaͤhe,— uns, den malleus maleficarum, uns, den Bekämpfer aller Heren, Zauberer, Magiker und was dem angehoͤrt; er denkt/ daß wir ſelbſt uns et⸗ was mit der ſchwarzen Kunſt abgeben. Geh heim, ehrlicher Goͤrge; du biſt ein guter aufrichtiget Mann, aber keiner von den ſieben Weiſen Griechenlands; geh' heim und gedenke des wahren Worts, welches du noch vor kurzer Zeit ſprachſt, daß es Einen in die⸗ ſem Lande giebt, der dem Koͤnig von Iſrael, Salo⸗ mo, in allen ſeinen Gaben gleich kommt, ausge⸗ nommen in ſeiner Liebe zu auslaͤndiſchen Frauen⸗ zimmern.“ Wenn Heriot erſtaunt war, die Juwelen ſo un⸗ erwartet vor Augen zu haben, und zwar in dem naͤm⸗ lichen Augenblicke, als der Koͤnig ihm den Verluſt derſelben vorwarf, ſo vollendete dieſe Anſpielung auf eine Bemerkung, die ihm in der Unterredung mit Ni⸗ geln im Tower entſchluͤpft war, den hochſten Grad ſei⸗ nes Befremdens, und der Köͤnig ergoͤtzte ſich ſo ſehr an dem augenblicklichen Uebergewicht, welches er da⸗ durch gewann, daß er ſich die Hoͤnde rieb, kicherte und endlich vergeſſend ſeiner Wuͤrde, im Vollgenuß ſei⸗ III. 13 194 — nes Triumphs ſich in den Lehnſtuhl warf, und ſo heftig auflachte, daß er faſt den Athem verlor und die Thraͤnen ihm uͤber die Wangen liefen. Ploͤtzlich ließ ſich hinter dem Tapetenbehange ein mißtoͤnender, furchtbarer Wiederhall des koͤniglichen Gelaͤchters vernehmen, verkuͤndigend einen Lacher, der, unge⸗ wohnt ſolchen Antrieben nachzugeben, ſich in ei⸗ nem beſondern Moment unfaͤhig fuͤhlt, ſeine uͤber⸗ muͤßige Frohlichkeit in Zaum zu halten. Heriot wandte ſeine Blicke mit neuem Befremden nach der Stelle, von woher dieſe rauhen, in Gegenwart ei⸗ nes Monarchen ſo unſchicklichen, laut ſchallenden Toͤne hervorzubrechen ſchienen. Auch der Koͤnig, dem das Ungeziemende dieſer La⸗ he nicht entging,/ trocknete ſich die Augen, und rief: „nun du Buſchklepper, komm hervor aus deinem Ver⸗ ſteck. Dann zog er die lange Geſtalt des immer noch unaufhaltſam lachenden Richard in die Mitte des Zimmers;„Ruhe, Ruhe, lieber Mann,“ ſagte der König;„ihr wiehert ja wie ein Pferd, das den Hafer wittert. Freilich war es ein luſtiger Spas von unſter eignen Erfindung, und wirklich konnte nichts drolliger ſeyn, als den klingenden Goͤrge zu ſehen, der ſich immer weiſer duͤnkt als andere Leute, und doch wie Euclio beim Plautus, aufs kläglichſte den Verluſt einer Sache bejammerte, die ihm faſt vor der Naſe lag: eeii 195 ———— Peri, interü, vecide— quo currum quo nön currum Tene, tene, quem? quis? nescio— nihil video.“ Ei, Goͤrge, eure Augen ſind ſcharf genug, wenn es darauf ankoͤmmt, Gold, Silber und Evdelſteine zu unterſuchen; und doch wißt ihr ſie nicht wieder zu finden, wenn ſie verloren gegangen ſind; ſeht nur mein Geſchmeide an!— alle Steine ſind nebſt der Faſſung noch im beſten Stande und keiner iſt mit ei⸗ nem andern vertauſcht.“ Georg Heriot war ein zu alter Hofmann, um, nachdem ſein erſtes Befremden voruͤber war, des Koͤ⸗ nigs eingebildeten Triumph zu unterbrechen; doch warf er einen unwilligen Blick auf den ehrlichen Ri⸗ chard, der immer noch mit aufgeriſſenem Maule da⸗ ſtand. Dann unterſuchte er genau die Steine, und nachdem er ſie ſaͤmmtlich im vollkommen guten Zu⸗ Kande fand, wuͤnſchte er Sr. Majeſtät Glůck zu der Wiedererlangung eines Schatzes, der nicht ohne ei⸗ nige Unehre fur die Krone hätte verloren gehen koͤn⸗ nen. Zugleich fragte er, an wen er die Summe zu bezahlen habe, wofür ſie verſetzt geweſen waͤren, mit der Bemerkung, daß das Geld bei ihm in Bereit⸗ ſchaſt ſey. „Ihr habt eine verdammte Eile, Goͤrge, wenn die Rede vom Bezahlen iſt,“ ſagte der Koͤnig;— 13* 196 warum ſolche Haſt? Die Juwelen ſind von einem unſrer ehrlichen, guten Landsleute wieder herbei ge⸗ ſchafft. Dort ſteht er, und wer weiß, ob er das Geld im Augenblick gebraucht und nicht eben ſowohl mit einer in ſechs Monaten faͤlligen Zahlungsanweiſung auf unſre Schatzkammern zufrieden iſt? Ihr wißt, daß eben jetzt in unſrer Caſſe Ebbe eingetreten iſt, und ihr ſeyd ſo dringlich mit eurem Zahlungsaner⸗ bieten, als ob uns alle Gold⸗ und Silber⸗Minen von Ophir zu Gebote ſtaͤnden.“ „Ew. Majeſtät halten zu Gnaden,“ entgegnete Heriot;„wenn dieſer Mann ein wirkliches Recht auf jene Gelder hat, ſo ſteht es allerdings in ſeinem Wil⸗ len, uns eine Zahlungsfriſt zu verſtatten. Wenn ich mich aber des Zuſtandes erinnere, in welchem ich ihn zuerſt ſah, uaͤmlich in einem zerriſſenen Mantel und mit zerſchlagenem Kopf, ſo kann ich kaum glau⸗ ben, daß ihm dies Recht zuſteht. Seyd ihr nicht Richard Moniplies?— Cw.. erlauben mir vieſe Frage.“ „Allerdings, Meiſter Heriot; und ich ſtamme aus dem alten ehrenwerthen Hauſe Caſtle Collop, nahe um Weſtport von Cdinburg.“ „Et iſt ein armer Dienſtbote,“ verſetzte Heriot. „Ew. Majeſtät werden daher leicht erachten, daß dies Geld unmoglich auf eine ehrliche Weiſe zu i rVer⸗ fuͤgung gclommen ſeyn kann.“ „Warum nicht?“ fragte der Koͤnig,„glaubt ihr, daß Niemand empor kommen kann, als ihr, klingender Goͤrge? Auch ener Mantel war ziem⸗ lich abgeſchabt, als ihr hieher kamt;z und wie ſchoͤn ſeyd ihr nicht jetzt ausſtaffirt? Und uns ſeinen Stand als Dienſtbole betrifft,— wie mancher rothköpfige Spindelbein iſt nicht mit ſeines Herrn Felleiſen auf den Schultern, aus Schottland heruͤber gekommen, der jetzt mit einem Gefolge von ſechs Bedienten ein⸗ herſtolzirt. Doch dort ſteht der Mann ſelbſt, befragt ihn Goͤrge.“— „Sein Zeugniß moͤchte eben nicht glaubhaft in dieſer Sache ſeyn,“ antwortete der vorſichtige Bürger. „Aber mein guter Goͤrge,“ ſagte der König; „ihr ſeyd auch gar zu gewiſſenhaft, wer die Waare bringt, hat auch das Recht, uͤber den Preis zu verfü⸗ gen. Hört, Freund Moniplies, ſprecht die Wahrheit und beſchaͤmt den Teuſel. Habt ihr volle Gewalt, uͤber die Einloͤſungsſumme in ſo weit zu verfuͤgen, daß ihr eine Zahlungsfriſt bewilligen koͤnnt? Sprecht ja oder nein.“ „Ich habe dazu volle Gewalt,“ antwortete Ri⸗ chard;„und bin von Herzen bereit, in Hinſicht der Zahlungszeit der Einloͤſungsſumme, Alles zu bewil⸗ Ew. Majeſtaͤt angenehm ſeyn kann, im Vertrauen, daß mein gnädigſter Souverain geruhen 198 werde, mir eine geringe Gnadenbezeugung zu be⸗ willigen.“ „Ei, ei, Freund,“ erwiederte der Koͤnig,„pfeift ihr aus dem Loche? Dacht ichs doch, daß ihr in dieſem Stuͤcke meinen uͤbrigen Unterthanen gleichen wuͤrdet. Man ſollte glauben, unſrer Unterthanen Leben und Güter ſtaͤnden uns ſaͤmmtlich zu Gebote; ſobald wir aber Geld oder Geldeswerth von ihnen beduͤrfen, welches leider weit öfterer der Fall iſt, als wir wuͤnſchten, ſo iſt nichts von ihnen zu erlangen, wenn ſie nicht ſicher ſind, mit der Wurſt nach dem Schinken zu werfen.— Nun Freund, womit iſt euch gedient? Ohne Zweifel verlangt ihr irgend ein Monopol, oder die Verleihung einiger Kirchenlande⸗ reien und Zehnten, oder die Erhebung in den Ritter⸗ ſtand, oder etwas Aehnliches. Aber ihr muͤßt billig in euren Forderungen ſeyn, es waͤre denn, daß ihr euch erboͤtet, noch mehr Geld fuͤr unſre Beduͤrfniſſe vorzuſchießen.“ „Mein gnaͤdigſter Monarch,“ antwortete Ri⸗ chard Moniplies,„der Eigenthuͤmer des Geldes laͤßt ſolches zu eurer Majeſtät Verfuͤgung ohne Unterpfand oder Zinſen, ſo lange es euch gefällt, es zu behalten, vorausgeſetzt, daß Cw. Majeſtät geruhen will, dem edlen Lord Glenvarloch,— jetzt gefangen i zu London, Gnade widerfahren zu laſſen.“ N 199 „Wie?“ rief der Koͤnig erroͤthend und ſtockend, zedoch in einer Gemuͤthsbewegung, edler als dieje⸗ nigen, wovon er ſich manchmal ergriffen fuͤhlte.— „Wie duͤrft ihr uns ſo etwas ſagen? Sollen wir un⸗ ſere Rechtspflege, unſere Gnade verkaufen?— Wir⸗ ein gekroͤnter Konig, eivlich verpflichtet, uͤber unſere Unterthanen Gerechtigkeit zu uͤben, und verantwort⸗ lich fuͤr unſre Stellvertretung des Schertſchers* aler Koͤnige?“ 5 Hier ſchlug er ehrfurchtsvoll ſeine Augen gen Himmel, griff an ſeine Mutze und fuhr mit Nach⸗ druck fort:„Mit ſolchen Waaren duͤrfen wir nicht handeln, Sir; und wäret ihr nicht ein armes unwiſ⸗ ſendes Geſchöpf⸗ das uns heute einen nicht unange⸗ nehmen Dienſt geleiſtet hat, ſo wuͤrden wir Andern zum Schrecken, euch ein gluͤhendes Eiſen dutch die Zunge ſtoßen laſſen. Fort mit ihm, Goͤrge,— be⸗ zahlt ihm aus unſern in euren Haͤnden befindlichen Geldern Capital und Zinſen, und vergewiſſert euch⸗ daß es in die rechten Haͤnde köͤmmt.“ Richard, der mit der groͤßten Zuperſicht— den Erfolg dieſes Meiſterſtreichs der Politik gerech⸗ net hatte, glich einem Baumeiſter, deſſen ganzeß Ge⸗ baͤude plötzlich unter ihm einſtuͤrzt. Er ergriff jedoch das letzte Huͤlfsmittel, wodurch er, wie er glaubte, alle vorbeugen könnte.„Nicht nur die wofuͤr die Juwelen verpfaͤndet waren,“ ſagte er/„ſondern, wenn es nöthig iſt, der doppelte Belauf derſelben ſoll, ſelbſt ohne Hoffnung der Wie⸗ Dderbezahlung zu Ew. Majeſtat Verfugung geſteli wer⸗ wenn nur—“ Allein der König verſtattete ihm nicht, den Satz zu vollenden, ſondern mit großerer Heftigkeit als zu⸗ vor,— als ob er ſeinen eigenen Wankelmuth in dem gefaßten Entſchluſſe fuͤrchtete, rief er aus:„Fort mit ihm, ſag' ich. Es iſt Zeit, baß er geht, bevor er das Ergebniß ſeines Anerbietens in dieſem Ver⸗ hältniſe erhoͤht. Und bei eurem Leben verbiete ich euch, laßt weder Steenie noch ſonſt Jemanden von dieſem Bot etwas wiſſen; denn wer weiß, in welche Verlegenheit uns dies ſetzen koͤnnte. Ne induoas in tentationem-— Vade retr o Sat nas.— Ament 6 Dem königlichen Befehle zu Folge führte Ge⸗ org Heriot den beſchaͤmten Supplicanten haſtig aus dem Cabinet und dem Pallaſte hinweg. Als ſie ſie Schloßhofe waren, erinnerte ver Bürger Richarden etwas beißend an das Anſehn der Gleichheit, wel⸗ ches er ſich im Anbeginn der eben vorgefallenen Scene gegen ihn gegeben hatte, und wuͤnſchte ihm mit iro⸗ niſchem Laͤcheln Gluck zu der erlangten Hofgunſt, ſo wie zu ſeiner vermehrten in Suppliken anzubringen. 201 „Bekuͤmmert euch darum nicht, Meiſter Heriot⸗ entgegnete Richard, ohne ſich aus der Faſſung brin⸗ gen zu laſſen,„aber ſagt mir, wann und wo ich bei euch mit Erfolg die Supplik anbringen darf, mir die achthundert Pfund Sterling einzuhandigen⸗ wofur jene Edelgeſteine verpfaͤndet waren?“ „Sits ſollen augenblicklich ausgezahlt werden, ſobald ihr mir den wirlichen Eigenthuͤmer des Gel⸗ des bringt,“ erwiederte Heriot,„da ich ihn aus mehr als einem Grunde nothwendig ſehen mu „Dann will ich ſogleich wieder zu Sr. Majeſtůt zuruͤck kehren,“ trotzte Richard,„und entweder das Geld oder die Juwelen zuruͤck fordern, wozu fommen befugt bin.“ „Das kann ſeyn, Richard,“ entgegnete der Buͤrger;„vielleicht aber kann es auch nicht ſo ſeyn, denn nicht alle eure Erzhlungen ſind Evangelia; und daher verlaßt euch darauf, ich will mich uͤber⸗ zeugen, daß es ſo iſt, bevor ich euch dieſe große Geld⸗ ſumme ausbezahle. Ich will euch einen Schein ge⸗ ben, daß das Geld jeden Augenblick zur Zahlung bereit liegt. Aber mein guter Richard Moniplies von Caſtle Collops am Weſtport von Edinburg, in⸗ wiſchen muß ich in wichtigen Angelegenheiten zu Sr. ajeſtit zuruͤck kehren.“ Mit dieſen Worten ging wieder in den Pallaſt zuruͤck, indem er halb er raſc 202 laut hinzufuͤgte, Georg Heriot iſt zu alt, um ſich ei⸗ nen blauen Dunſt vormachen zu laſſen.“ Richard ſtand wie verſteinert, als er ſeinen Be⸗ gleiter in den Pallaſt treten und ſich, wie er glaubte, im Stiche gelaſſen ſah.„Hol' der Henker,“ mur⸗ melte er bei ſich ſelbſt,„dieſen alten pfiffigen Geld⸗ wucherer! Daß doch ein ehrlicher Mann, wie ich, alle Leute, mit denen er Geſchaͤfte treibt, fuͤr Spitz⸗ buben halten muß! Aber der Teufel ſoll mich holen, wenn es dir gelingt, die Oberhand uͤber mich zu ge⸗ winnen.— Dort kommt Lorenz Linklater; er wird von mir wiſſen wollen, wie es mit der Supplik gegangen iſt; aber ich will ihm aus dem We gehen.“ Mit dieſen Worten verzichtete er auf den ſtol⸗ zen Schritt, womit er am Morgen den Vorhof des Pallaſtes betreten hatte, und ſchlich ſich mit einer Eile, die faſt einer Flucht glich, zu dem ſeiner har⸗ renden Kahn. „ 203 Achtes Smh Kaum war Meiſter Georg Heriot in des Köni 95 Cabinet zuruͤckgekehrt, als Jacob den Kämmerer Maxwell fragte, ob Graf Huntinglen im Vorzimmer ſey⸗ und da er eine bejahende Antwort erhielt, be⸗ fahl, daß er hereintreten ſolle. Nachdem der alte Schottiſche Lord den Koͤnig auf die gewohnte Vei ehrfurchtsvoll begruͤßt hatte, reichte ihm dieſer die Hand zum Kuſſe dar, und redete ihn hierauf i im ernſten Tone des Mitgefuͤhls folgendermaßen an: „In unſerm eigenhändigen Senicreihen vom heutigen Morgen ſetzten wir euch, zum 2 Beweiſe un⸗ ſeres Andenkens an eure treuen Dienſte, in Kennt⸗ niß, daß wir euch Dinge mitzutheilen haͤtten, die eure ganze Geduld und Seelenſtaͤrke erforderten, und wir ermahnten euch daher, einige der kraſtvollſten Stellen aus dem Seneca und aus Boethius de con- solatione zu leſen, damit euer Ruͤcken, wie wir zu ſagen pflegen, der euer harrenden Laſt gewachſen ſey. Dieſen Rath geben wir euch aus eigner Erfaährung. Haud experta miscris succurrerc disco ſagte Dido, und ich möchte fuͤt meine Perſon ſagen haud S*per tus: allein das Geſchlecht zu aͤn⸗ dern, wuͤrde wider die Regeln der Proſodie ſeyn, 204 worauf meine ſuͤdlichen lUnterthanen ſo ſrenge halten. Alſo, Mylord Huntinglen, ich hoffe, chr habt un⸗ ſern Rath befolgt, und Geduld gelernt, bevor ihr ſie noͤthig hattet— venienti occurrite morbo— bereitet die Arzneien, wenn die Krank⸗ heit herannahet.“ „Cw. Majeſtaͤt halten zu Gnaden,“ antwortete Lord Huntinglen,„ich bin mehr Soldat, als Litte⸗ ratus, und wenn im Mißgeſchick mein natuͤrlicher, rauher Sinn mir nicht aushilft, ſo werde ich hoffent⸗ ich eine Stelle in der heiligen Schrift auffinden, die mir zu Huͤlfe kommen wird.“ „Freilich,“ entgegnete der Konig,„iſt die Bi⸗ bel principium et fons— allein es iſt Schade, daß Ew. Lordſchaft ſie nicht in der Urſprache keſen kann. Denn obgleich ihr im Anfange jeder engliſchen Bibelausgabe leſen koͤnnet, daß, zwar nach den Untergange jenes glänzenden weſtlichen Sterns, der Königin Eliſabeth, einige dunkle Ge⸗ woͤlke das Land ſchienen uͤberſchatten zu wollen, den⸗ noch unſere Erſcheinung, gleich der Mittagsſonne, augenblicklich die nahenden Nebel verſcheuchte; indem wir das Predigen des Evangeliums, und beſonders die Ueberſetzung der heiligen Schrift aus den Urſprachen befoͤrderten, ſo geſtehen wir, daß wir Troſt darin gefunden ſie in der hebraͤiſchen Urſprache zu Rathe zu ziehen,— 7 7 205 eine Tröſtung, die uns weder die lateiniſche Ueber⸗ ſetzung der Septuaginta noch auch die engliſche eber⸗ tragung gewaͤhrt hat.“ „CEw. Majeſtät halte zu Gnade,“ ſiel Lord Huntinglen ein,„wenn ihr die Mittheilung der ſchlimmen Nachricht, womit euer geehrtes Send⸗ ſchreiben mich bedroht, ſo lange verſchieben wollt, bis ich im Stande bin, ſo fertig als Ew. Majeſtät, hebraͤiſch zu leſen, ſo fuͤrchte ich, zu ſterben„ bevor ich von dem Mißgeſchick, welches mein Haus betrof⸗ ſen hat, oder noch betreffen wird, in Kenntniß ge⸗ ſetzt bin.“ „Ihr werdet es nur zu bald erfahren, Mylord,“ erwieberte der König.„Es thut mir leid, euch ſa⸗ gen zu muͤſſen, daß euer Sohn, Dalgarno, den ich fuͤr einen Heiligen hielt, da er mit Steenie und mei⸗ nem Sohn Carl ſo vielen Umgang hatte ſich als ei⸗ nen wahren Boͤſewicht gezeigt hat.“ „Ein Boͤſewicht!“ wiederholte Lord Huntinglen in einem heſtigen Tone, dem er ſogleich Einhalt that, mit den Worten:„doch es iſt mein Koͤnig der dies Wort ausſpricht.“ „Bei des Lords erſtem Ausruf war der König zuruͤckgefahren, als ob jemand nach ihm ſchlůge. Jeszt erholte er ſich wieder, und ſagte in einem ver⸗ drießlichen Tone, der ihm eigen war, wenn er ſein Mißfallen ausdruͤcken wollte:„ja, Mylord, wir wa⸗ 206 —————— ren es, der es ſagte,— non surdo canes,— wir ſind nicht taub,— und bitten euch daher, im Geſpräch mit uns die Stimme nicht zu erheben.— Hier iſt die ſchoͤne Senſchriſtz— 6 und urtheil't ſelbſt.“ Mit dieſem Worten ſteckte er dem Lord eine Schrift in die Hand, enthaltend die ganze Geſchichte der Lady Hermione, mit vollſtaͤndigen Beweiſen, woraus klar und deutlich hervorging, daß Lord Dal⸗ garno der Liebhaber war, der ſie ſo ſchaͤndlich betrog. Aber nicht ſo leicht giebt ein? Vater die Sache ſeines Sohnes auf. „Ew. Majeſtaͤt halten zu Gnaden;“ erwiederte er,„warum ward dieſe Geſchichte nicht fruͤher er⸗ zaͤhlt? Dies Frauenzimmer hält ſich ſchon Jahre lang hier auf; warum machte ſie nicht im Augenblick ihrer Ankunft auf engliſchem Boden ihre Anſpruͤche auf meinen Sohn geltend?“ „Sagt ihm, wie dies zuging, Goͤrge,“ ver⸗ ſetzte der König, zu Heriot ſich wendend. „Es thut mir leid, den Lord Huntinglen zu be⸗ truͤben;“ ſo begann Heriot zu erzählen;„aber ich muß die Wahrheit ſagen. Lange Zeit konnte Lady Hermione den Gedanken nicht ertragen, ihre Lage of⸗ fentlich bekannt werden zu laſſen; und als ſie ihre Meinung in dieſer Hinſicht änderte, war es noth⸗ wendig, ſich die Beweiſe uber die falſche Heitath ———— ————— bie 207 nebſt den daruͤber vorhandenen Brieſen und andern Papieren wieder zu verſchaffen, die ſie, als ſie nach Paris kam, und kurz zuvor ehe ich ſie ſah, bei einem Coreſpondenten ihres Vaters in jener Hauptſtadt nie⸗ dergelegt hatte. Dieſer fallirte in der Folge, und die Papiere der Lady kamen in andere Hände, ſo daß ich erſt vor wenig Tagen den Beſitzer ausforſchen und ſie wieder herbeiſchaffen konnte. Ohne die Ur⸗ kunden wuͤrde ſie unvorſichtig gehandelt haben, ihre Klage anzubringen, um ſo mehr, da Lord Dalgarno maͤchtige Freunde hat.“ „Ihr ſeyd unverſchaͤmt, ſo zu ſprechen,“ ſagte der Koͤnig;„ich weiß wohl, was ihr damit ſagen wollt;— ihr denkt, Steenie wuͤrde das Gewicht ſeines Einfluſſes in die Wagſchale der Gerechtigkeit werfen, und ſie zu Dalgarno's Gunſten lenken. Aber ihr vergeßt, Goͤrge, weſſen Hand die Wage aufrecht erhaͤlt; und ihr thut dem armen Steenie um ſo große⸗ res Unrecht, da er vor uns und unſerm geheimen Rathe erklaͤrte: Dalgarno habe das bedauernswer⸗ the, einfaͤltige Kind an ihn abtreten wollen, indem er ihm vorſpiegelte, ſie ſey ein leichtfertiges Mäd⸗ chen, in welcher Ueberzeugung er geblieben ſey, bis er ſich von ihr getrennt habe; obſchon Steenie wohl haͤtte denken koͤnnen, daß ein Frauenzimmer dieſer Claſſe ihm nicht ſo heftigen Widerſtand geleiſtet haben wuͤrde.“ 208 „Lady Hermione,“ ſiel Heriot ein,„hat alle⸗ mal dem Benehmen des Herzogs im hoͤchſten Grade Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Denn obwohl er die unguͤnſtigſten Vorurtheile wider ihren Charakter hatte, ſo hielt er es dennoch unter ſeiner Wuͤrde, ſich ihre Verlegenheit zu Nutze zu machen, und verſchaffte ihr im Gegentheil die Mittel, ſich herauszuhelfen.“ „Das ſieht ihm in der That aͤhnlich,“ erwie⸗ derte der Koͤnig;„und um ſo mehr traue ich der Er⸗ zählung der Lady, Mylord Huntinglen, da ſie nichts Uebles von Steenie redete. Kurz, Mhlord, es iſt unſern und unſeres geheimen Raths, auch meines Sohnes und Steenies Meinung, daß euer Sohn ſein Vergehen durch ſeine Verheirathung mit dieſer Dame wieder gut machen, oder das volle Maaß un⸗ ſerer Ungnade gewaͤrtigen muß.“ Graf Huntinglen war unfaͤhig, ihm zu antwor⸗ ten: Er ſtand vor dem Könige, als ob er in eine alte Bildſaͤule aus der Ritterzeit verwandelt waͤre, ſo plotzlich waren ſeine rauhen Geſichtszuͤge und ſeine ſtarken Glieder durch das ihn betreffende Schickſal er⸗ ſtarrt; und als ob die Biloſaͤule von einem Blitz⸗ ſtrahle getroffen waͤre, ſtuͤrzte er einen Augenblick nachher mit tiefem Stoͤhnen zu Boden. Der Koͤnig war in der groͤßten Unruhe, rief Heriot und Max⸗ well zu Huͤlfe, und da Geiſtesgegenwart eben nicht ſeine Staͤrke war, lief er im Cabinet hin und her 209 —— mit dem Ausruf:„Mein alter treuer Diener, der unſer geſalbtes Haupt rettete, Vae atque do- lor! Mylord Huntinglen, oͤffnet die Augen! Mag euer Sohn die Koͤnigin von Saba en wenn er will!“ Immittelſt hatten Marwell und Heriot den al⸗ ten Lord aufgehoben und in einen Lehnſeſſel geſetzt, waͤhrend der Koͤnig, bemerkend, daß er ſich zu erho⸗ len begann, ſeine Troͤſtungen methodiſcher fortſetzte. „Erhebt euer Haupt und hoͤrt, was euch euer angeborner, liebender Fuͤrſt ſagen will. Wenn auch dieſe Heirath eurem Sohne Schande braͤchte, ſo wuͤrde ſie wenigſtens nicht mit leerer Hand kommen; denn hier iſt Geld, ſie zu vergolden; allein das Frauen⸗ zimmer iſt von gutem Adel und altem Geſchlechte. Iſt ſie gleich ein verfuhrtes Frauenzimmer, ſo war euer Sohn der Verfuͤhrer und kann ſie wieder zu Ehren bringen.“ Dieſe Gruͤnde, ſo vernuͤnſtig ſie auch waren, gewäͤhrten dem Lord Huntinglen, wenn er ſie üͤber⸗ haupt vollkommen verſtand, keinen Troſt; allein das Weinen ſeines alten gutherzigen Gebieters, welches ſeine Troſtrede zu begleiten und zu unterbrechen be⸗ gann, brachten eine raſchere Wirkung hervor. Große Thraͤnen draͤngten ſich aus ſeinen Augen als er die dürren Haͤnde kuͤßte, welche der Koͤnig mit im⸗ mer geringerer Ruͤckſicht auf ſeine Wuͤrde, an⸗ III. 14 210 fangs wechſelnd, und dann beide zufammen ihm uͤberließ, bis die Gefuͤhle des Menſchen, die des Souverains gaͤnzlich uͤbermannten, ſo daß er des Grafen Hand mit innigem Mitgefuhl druͤckte und ſchuttelte, als ob er ſeines Gleichen und ſein vertrau⸗ ter Freund waͤre. „Compone lachrymos, ſey getroſt Freund, mögen Carl und Steenie mit ſammt dem geheimen Rath zum Teufel gehen; er ſoll ſie nicht heirathen, weil es euch ſo ſehr zu Herzen geht!“ „Er ſoll ſie heirathen, bei Gott!“ antwortete der Graf, indem er ſich mit Anſtrengung erhob, ſeine Augen trocknete und Faſſung zu gewinnen ſtrebte. „Ich bitte Cw. Majeſtät um Verzeihung, er ſoll ſie heirathen, er ſoll ſie heirathen, und mag er ihre Schande als Brautſchatz hinnehmen, wäre ſie auch das anerkannteſte Freudenmaͤdchen in ganz Spa⸗ nien.— Gab er ihr ſein Wort, ſo ſoll er es auch halten, und waͤre es das niedrigſte Geſchoͤpf, welches ſich auf den Straßen herumtreibt; er ſoll es thun, oder mein eigner Dolch ſoll ihm das Leben nehmen, das ich ihm gab. Wenn er ſich zu einem ſo niedri⸗ gen Betruge herablaſſen konnte, geſchah es auch nur, um die Schande zu betruͤgen, ſo laßt ihn die Schande hei athen!“ „Nein, nein,“ unterbrach ihn der König,„die Sache ſteht nicht ſo ſchlimm, als ihr glaubt. Stee⸗ 211 —————— nie ſelbſt hielt ſie für kein gemeines, offentliches Mäd⸗ chen, ſelbſt damals, als er am ſchlechteſten uͤber ſie dachte.“* „Wenn es dem Lord Huntinglen zum Troſt ge⸗ reichen kann,“ ſiel der Buͤrger ein,„ſo darf ich ihm verſichern, daß dieſe Dame von adliger Abkunft und vom unbefleckteſten Rufe iſt.“ „Das thut mir leid,“ ſagte der Graf, und fuhr dann nach einer Pauſe fort:„Gott behuͤte, daß ich fuͤr dieſen Troſt undankbar ſeyn ſollte; allein faſt mocht ich es bedauern, daß die Sache ſich ſo verhalt, wie ihr ſagt; denn ſo wäre der Elende weit beſſer daran als er es verdient. Es iſt keine Strafe fuͤr ihn, zur Chelichung eines ſchoͤnen, ſchuldloſen und ebenbuͤrtigen Frauenzimmers verdammt zu wer⸗ den—“ „Setzt hinzu, eines reichen Frauenzimmers 2 unterbrach ihn der König.„In der That ein beſſe⸗ res Urtheil, als ſeine Treuloſigkeit verdiente.“ „Schon lange bemerkte ich, daß er ſelbſiſuͤchtig und herzlos war; aber nie fuͤrchtete ich, daß mein Beſchlecht durch einen meineidigen Lugner befleckt werden wuͤrde. Ich will ihn niemals wiederſe⸗ hen.“ „Nicht ſo haſtig, Mylord, nicht ſo haſtig; left ihm immer tuchtig den Text, und zwar, wenn ich rathen darf, mehr in der Rolle der Demea als des 14* Mitio, vi nempe et via pervulgata patrum. Daß ihr aber euern einzigen Sohn nicht wiederſehen wollt, iſt ein wahrhaft unvernuͤnftiger Gedanke. Ich ſage euch,(aber um Vieles moͤchte ich nicht, daß mein Sohn Carl mich hoͤrte;) er konnte der Hälfte aller Londoner Maͤdchen einen ähnlichen Streich ſpielen, und dennoch wuͤrde ich es nicht uͤbers Herz bringen, ſo harte Worte gegen ihn zu ſagen, als ihr gegen dieſen euern ausgearteten Sohn.“ „Erlaubt, mein Koͤnig, daß ich mich zuxic ziehe,“ ſagte Lord Huntinglen,„und lediglich Cw. Majeſtät Gerechtigkeitsliebe die Verfuͤgung uͤber die vorliegende Sache anheimſtelle, denn ich verlange keine Beguͤnſtigung.“ „Wohl, Mylord; dem ſey alſo! Und wenn Ew. Lordſchaft glaubt, daß ich euch durch irgend Etwas, das in meiner Macht ſteht, erfreuen und troſten kann,“— „Ew. Majeſtaͤt gnaͤdiges Pitgefuhl,“ erwie⸗ derte der Graf,„hat mir bereits den hoͤchſten Troſt gewaͤhrt, der mir auf Erden verliehen werden kann; das Uebrige muß vom Koͤnig der Koͤnige kommen.“ „In ſeine Haͤnde befehle ich euch, meinen alten treuen Diener,“ ſprach ſegnend der Monarch, als der Graf das Zimmer verließ. Der König blieb ei⸗ nige Zeit in Gedanken vertieft.„Hoͤrt, klingendet Si ihr wißt Alles was ſeit dreißig Jahren an 213 unſerm Hofe vorgeht und habt, wie einem klugen Manne gebuͤhrt, gehort, geſehen, und nichts geſagt. Jetzt wuͤnſchte ich auf dem Wege philoſophiſcher For⸗ ſchung, Eins zu wiſſen: Hoͤrtet ihr jemals, daß die verſtorbene Lady Huntinglen, des Grafen Gemahlin, einſt in einem ſonderbaren Aufzuge, angethan mit einem ledernen Guͤrtel und dergleichen zu Fuße in der Welt umhergezogen iſt?“ Auf mein Wort,“ antwortete Heriot, etwas befremdet uͤber dieſe Frage,„nie hoͤrte ich etwas Nach⸗ theiliges von ihr. Sie war eine wuͤrdige Dame, ſehr vorſichtig in ihrer Lebensweiſe, und lebte in der groͤßten Einigkeit mit ihrem Gemahl, ausgenommen, daß die gute Dame etwas puritaniſch geſinnt war, und mit den Geiſtlichen dieſer Secte haͤufigern Um⸗ gang hielt, als dem Lord Huntinglen lieb war, der, wie Cw. Majeſtät weiß, ein Mann nach der alten Velt iſt, die das Trinken und Fluchen liebte.“ Gorge!“ rief der Konig aus: „Eies parentum pejor avis tulit, Mos nequiores“— Dieſer Dalgarno trinkt und flucht nicht ſo viel wie ſein Vater; allein um's Weibſen bricht er ſein Wort und ſeinen Eid. Anlangend dasjenige, was ihr von der Lady und ihren Geiſtlichen ſagt, ſo ſind wir ſaͤmmtlich irrende Geſchoͤpfe, ſowohl Prieſter und Ko⸗ 2¹4 nige als Andere; und dies allein kann die große Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen dieſem Dalgarno und ſeinem Vater erklaͤren. Der Graf iſt das perſonificirte Ehr⸗ gefuͤhl und fragt nach eitlem, weltlichen Prunke nicht mehr, als ein edler Spuͤrhund nach der Fahrte eines Faulmarders; allein ſein Sohn haͤtte uns Alle, Stee⸗ nie, meinen Sohn Carl und unſern geheimen Rath, durch ſeine eiſerne Stirn faſt hinters Licht gefuͤhrt. Dieſes ſind Abweichungen die ſich nach Baptista, Porta, Michael Scott, de Secretis und Andern, nicht natuͤrlich erklären laſſen. Ach klingen⸗ der Goͤrge, wenn euer vieles Herumklimpern mit Toͤpfen, Pfannen und metallnen Gefäͤßen, nicht eure Schulkenntniſſe aus eurem Kopſe herausgeklim⸗ pert haͤtte, ſo koͤnnte ich uber dieſen Gegenſtand aus⸗ füͤhrlicher mit euch reden.“ Heriot war zu aufrichtig, um uͤber das Aus⸗ ſchwitzen ſeiner Schulkenntniſſe, großes Bedauern an den Tag zu legen, doch bemerkte er mit Beſcheiden⸗ heit, daß er Viele gekannt habe, die nicht im Stande geweſen ſeyen, den Platz ihres Vaters auszufuͤllen, und fragte dann,„ob Lord Dalgarno eingewilliget habe, Lady Hermionen Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen?“ „In der That, kaum bezweifle ich, daß er es thun wird,“ erwiederte der Koͤnig;„ich uͤbergab ihm die Darſtellung ihrer buͤrgerlichen Verhaͤltniſe, 21³ 1 die ihr uns im geheimen Rath uͤberreichtet; und wir verſtatteten ihm eine halbe Stunde, um daruͤber nachzudenken. Dieſe Verſammlung iſt ganz geeig⸗ net, die Leute zur Vernunft zu bringen, ich verließ. meinen Sohn Carl und Steenie in der Beſchaͤftigung, ihm ſeine Pflichten vorzuhalten und ich weiß nicht⸗ wie er es anfangen will, ihrem Verlangen zu wi⸗ derſtehen, o! Goͤrge, es war merkwuͤrdig, meinen Sohn Carl uͤber die Strafbarkeit der Verſtellung, und Steenie uͤber das Schaͤndliche der Unenthalt⸗ ſamkeit eine Vorleſung halten zu hoͤren.“ „Ich fuͤrchte,“ außerte Heriot, etwas unvor⸗ ſichtigerweiſe,„waͤre ich zugegen geweſen, ich haͤtte an das alte Sprichwort vom Satanas, der die Suͤnde verdammt, unwilkkuͤhrlich denken muͤſſen.“ „Wahrlich Goͤrge,“ bemerkte der Koͤnig erro⸗ thend,„ihr ſeyd nicht bloͤde; ich gab euch Erlaubniß, frei zu ſprechen und wahrlich ihr laßt das Privilegium keinesweges durch Nichtgebrauch verloren gehen.— Haltet ihr es denn fur paßlich, daß Carl ſeine Ge⸗ danken öffentlich kund werden laßt? Rein, nein, die Gedanken der Fuͤrſten ſind arcana imperii. Oui nescit dissimulare, nescit re- gnare. Jever Unterthan iſt verbunden, ſeinem Monarchen die ganze Wahrheit zu ſagen; allein dieſe Verbindlichkeit iſt keinesweges wechſelſeitig. Und iſt es an euch, dem Steenie, deſſen Goldarbeiter ihr ſeyd⸗ 246 und der euch, wie ich glaube, eine ſehr betraͤchtliche Summe ſchuldig iſt, zum Vorwurfe zu machen, daß er zu Zeiten extra gegangen iſt?“ Heriot fand ſich nicht berufen, die Rolle des Zeno zu ſpielen und ſich fuͤr die Vertheidigung der Sache der moraliſchen Wahrheit aufzuopfern; doch ward er ihr keinesweges durch Zuruͤcknahme ſeiner Aeußerungen abtrunnig, ſondern bedauerte nur, ſeine Majeſtaͤt beleidiget zu haben, welches dem verſoͤhn⸗ lichen Koͤnige genůgte. „Und jetzt Goͤrge,“ ſprach der König,„wollen wir uns wieder zum Inquiſiten begeben, und ver⸗ nehmen, was er zu ſeiner Rechtfertigung zu ſagen hat, denn die Sache ſoll noch heute ins Reine ge⸗ bracht werden; ihr muͤßt mit mir kommen; denn euer Zeugniß moͤchte nothig ſeyn.⸗ Heriot folgte hierauf dem Koͤnige in ein große⸗ res Zimmer, wo der Prinz, der Herzog von Bucking⸗ ham und zwei geheime Räthe an einem Tiſche ſaßen, vor welchem Lord Dalgarno in einer ſo zwangloſen, eleganten Stellungſtand, als nur immer die ſteife Klei⸗ dungs⸗ und Haltungsweiſe jener Zeiten es verſtattete. Alle erhoben und verbeugten ſich ehrfurchtsvoll, als der der Koͤnig nach ſeiner gewoͤhnlichen Manier mit geſpreizten Beinen ſeinem Sitze oder Throne zu⸗ ſchritt, waͤhrend er dem Meiſter Heriot einen Wink gab, ſich hinter ihn zu ſellen.“ 247 „Wir hoffen,“ ſo begann Se. Majeſtaͤt das Verhoͤr wieder anzuknuͤpfen,„daß Lord Dalgarno bereit iſt, dieſer ungluͤcklichen Dame und ſeinem eig⸗ nen Character, ſo wie ſeiner Ehre Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen.“ „Darf ich mich demuͤthigſt nach der Strafe er⸗ kundigen,“ erwiederte Lord Dalgarno,„falls ich ungluͤcklicherweiſe die Erfuͤllung des Verlangens Sr. Majeſtät unmoͤglich finden ſollte?“ „Verbannung von unſerm Hofe, und unſere hoͤchſte Ungnade“ erklaͤrte der König. „So ungluͤcklich ein ſolches Exil mich auch ma⸗ chen wird,“ verſetzte Lord Dalgarno im Tone unter⸗ vruckter Ironie,„ſo ſoll mich doch wenigſtens das Bild Ew. Majeſtaͤt begleiten; denn nie werde ich wieder einen ſolchen Koͤnig ſehen.“ „Auch wird euch,“ fiel der Prinz mit finſtrer Miene ein;„Verbannung aus unſeren Staaten treffen.“ „Ew. koͤnigliche Hoheit halte zu Gnaden, dies muͤßte in geſetzlicher Form geſchehen,“ ſagte Dal⸗ garno mit affectirter, tiefer Ehrfurcht;„und nie habe ich gehoͤrt, daß irgend ein Statut uns unter Androhung ſolcher Strafe noͤthigt, jedes Frauenzim⸗ mer zu heirathen, womit wir vielleicht unſern Scherz treiben. Vielleicht kann Se. Gnaden, der Herzog von Buckingham etwas Naͤheres darüber ſagen.“ 218 „Ihr ſeyd ein ſchlechter Menſch, Dalgarno,“ ſiel der ſtolze, heſtige Guͤnſtling ein. „Pfui, Mylord, pfui!— So etwas zu einem Gefangenen und zwar in Gegenwart eures ſo vä⸗ terlich geſinnten Monarchen zu ſagen!“ verſetzte Lord Dalgarno;„aber ich wil dieſer Berathung ein ſchnel⸗ les Ende machen. Ich habe das mir zur Einſicht ge⸗ gebene Verzeichniß der Guͤter und Effecten der Dame Erminia Pauletti, Tochter des verſtorbenen Nobile, — ja, wenn ich recht leſe, wird er Nobile titulirt,— Giovanni Pauletti aus dem Hauſe Sanſovido in Genua und der hochadeligen Dame Mathilde Oli⸗ faunt aus dem Hauſe Glenvarloch, aufmerkſam durch⸗ geleſen. Nun wohl, ich erklaͤre, daß ich in Spanien mit dieſer hochadeligen Dame ein Eheverſprechen ein⸗ gegangen bin, auch zwiſchen uns eine gewiſſe prae- libatio matrimonii ſtatt gefunden hat: und was fordert dieſe ehrwuͤrdige Verſammlung jetzt wei⸗ ter von mir?“ „Daß ihr die grobe, ſchaͤndliche Schmach, wel⸗ che ihr dieſer Dame angethan habt, dadurch wieder gut macht,“ ſiel Prinz Carl einz„daß ihr euch vor Ablauf einer Stunde mit ihr trauen laßt.“ „Ew. konigl. Hoheit halte zu Gnaden, ich ſtehe in einiger Verbindung mit einem gewiſſen alten Gra⸗ ſen, der ſich meinen Vater nennt, und vermuthlich in vieſer Angelegenheit auf eine Stimme Anſpruch 2¹19 ————— machen wird. Ach! nicht jeder Sohn iſt mit einem gehorſamen Vater geſegnet.“ Hiebei wagte er, einen kleinen Seitenblick auf den Thron zu werfen, um ſeinen letzten Worten eine Deutung zu geben. „Wir ſelbſt haben mit dem Lord Hunkinglen ge⸗ ſprochen,“ erklaͤrte der Koͤnig,„und ſind beauftragt⸗ in ſeinem Namen in die Ehe einzuwilligen.“ „Nie haͤtte ich die Dazwiſchenkunft eines ſo er⸗ habenen proxeneta erwartet. Und mein Vater hat eingewilligt? Gleichwohl pflegte er, bevor wir Schottland verließen, zu ſagen, das Blut der Hun⸗ tinglens und Glenvarlochs werde ſich nie vermiſchen⸗ und wuͤrde es auch in eine Schaale zuſammenge⸗ goſſen. Vielleicht hat er Luſt, das Experiment zu verſuchen.“ „Mylord,“ ſo unterbrach ihn Jacob,„ wir wollen nicht laͤnger mit uns ſcherzen laſſen, ſondern Fragen euch hiedurch: Wollt ihr auf der Stelle und sine mora dieſe Lady euch in unſerer Capelle als Ehegenoſſin antrauen zu laſſen 22 „Statim atque instanter,“ antwor⸗ tete Lord Dalgarno,„denn ich ſehe ein, daß ich hie⸗ durch in den Stand geſetzt werde, dem Gemeinweſen große Dienſite zu leiſten. Ich werde Reichthum er⸗ langen um den Geldbevuͤrfniſſen Ew. Majeſtäͤt abzu⸗ helſen und eine ſchoͤne Frau zur Verfuͤgung Sr. Gnaden, des Herzogs von Buckingham.“ 220 ——— Beim Schluß dieſer Worte erhob ſich der Her⸗ zog⸗ ging an die Seite des Tiſches, wo Lord Dal⸗ garno ſtand, und fliſterte ihm ins Ohr:„Schon früher habt ihr eure ſchoͤne Schweſter zu meiner Ver⸗ füͤgung geſtellt.“ Dieſer Stich brachte den Lord Dalgarno ſehr aus ſeiner angenommenen Faſſung. Er fuhr zuruͤck, als haͤtte ihn eine Natter geſtochen; doch augenblick⸗ lich nahm er ſi ich wieder zuſammen, und des Herzogs ſtets laͤchelnde Miene mit einem Blicke voll unaus⸗ ſprechlichen Haſſes ins Auge ſaſſend, deutete er mit dem Vorderfinger ſeiner linken Hand auf den Griff ſeines Schwertes; jedoch auf eine nur dem Herzog bemerkbare Weiſe. Der Herzog warf ihm ein Lä⸗ cheln bittern Hohnes zu, und kehrte dann auß ſeinen Sitz zuruͤck, zufolge der Befehle des Koͤnigs, der wiederholt ausrief: Setzt euch Steenie, ſetzt euch, wir befehlen es euch,— wir wollen hier keinen Wort⸗ wechſel haben.“ „Ew. Majeſtät braucht nicht zu fuͤrchten, daß ich die Geduld verliere,“ erwiederte Lord Dalgarno; „und damit dies um ſo weniger geſchehen kann, will ich weiter nichts ſprechen, als diejenigen beſeligenden Worte, die mir durch das Formularbuch bei der ehe⸗ lichen Einſegnung vorgeſchrieben werden.“ „Ihr ſeyd ein verhaͤrteter Boͤſewicht, Datzamo⸗ ſagte der König;„und wäre ich das Frauenzimmer⸗ 221 bei meines Vaters Seele! lieber wollte ich die Schmach verſchmerzen, eure Beiſchläferin geweſen zu ſeyn, als mich der Gefahr ausſetzen, eure Gattin zu werden. Aber ſie ſoll unter unſerm beſondern Schutze ſtehen; kommt Mylords, wir ſelbſt wollen dieſer froͤhlichen Vermaͤhlung beiwohnen.“ Jetzt gab er das Zeichen, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob, und ſich, gefolgt von den Anweſenden, der Thuͤr des Zimmers naͤherte. Lord Dalgarno, ſchwei⸗ gend und von Niemandem angeredet, ſchien in ſei⸗ ner Haltung und in ſeinem Benehmen eben ſo zwang⸗ los und unverlegen zu ſeyn, als waͤre er in der That ein gluͤcklicher Brautigam. Ein beſonderer, mit den Zimmern des Koͤnigs in Verbindung ſtehender Eingang fuͤhrte ſie in die Capelle. Der Biſchof von Wincheſter ſtand in pon⸗ tificalibus neben dem Altar; an der andern Seite zeigte ſich, unterſtutzt von Monna Paula, die far⸗ benloſe, bleiche, halb lebloſe Geſtalt der Lady Her⸗ mione oder Erminia Pauletti. Lord Dalgarno machte ihr eine tiefe Verbeugung; Prinz Carl, wahr⸗ nehmend den Abſcheu, mit dem ſie ihn betrachtete, nahte ihr mit den wuͤrdevoll geſprochenen Worten: „Mylady, bevor ihr euch unter die eheliche Gewalt dieſes Mannes begebt, erlaubt mir, euch zu benach⸗ richtigen, daß er im Betreff eurer fruͤheren Verhaͤlt⸗ niſſe eure Ehre vollkommen wieder hergeſtellt hat, 222 jetzt habt ihr zu erwogen, ob ihr euer Vermoͤgen und Glůͤck einem Manne in die Hände geben wollt, der ſich alles Vertrauens unwurdig gezeigt hat.“ Nur mit Muͤhe fand die Dame Worte, Folgen⸗ des zu erwiedern:„Ich verdanke der Guͤte Sr. Ma⸗ jeſtät die Sorgfalt, mir einen Theil meines Verms⸗ gens zu meinem anſtaͤndigen Unterhalte ausbedungen zu haben. Der Reſt kann nicht beſſer angewandt werden, als zum Ruͤckkauf des mir geraubten guten Namens, mit der Freiheit, mein Leben in Friede und Einſamkeit zu beſchließen.“ „Der Contract iſt unter unſern Augen aufſge⸗ ſetzt,“ ſagte der Koͤnig;„und insbeſondere die Po- testas maritalis darin ausgenommen, auch ſeſtge⸗ ſetzt worden, daß die Contrahenten von einander ge⸗ trennt leben ſollen.— Nun ſo gebt ſie ſo ſchnell als moͤglich zuſammen, Mylord Biſchof, damit ſie ſich trennen koͤnnen.“ Der Biſchof oͤffnete ſein Formularbuch und be⸗ gann unter ſo neuen, unerfreulichen Umſtaͤnden die Heirathsceremonie. Die Braut antwortete durch Verneigungen des Kopfs und Koͤrpers; der Braͤuti⸗ gam hingegen dreiſt und deutlich, in einem leichtſin⸗ nigen, faſt hohniſchen Tone. Als die Ceremonie ge⸗ ſchloſſen war, trat er hervor, als ob er die Braut grußen wollte; als ſie aber mit der Miene der Furcht und des Abſcheus zuruͤcktrat, begnůgte er ſich damit, ihr — 223 eine tiefe Verbeugung zu machen. Dann richtete er ſich ſo hoch er konnte, jedoch nicht ohne Eleganz, empor, als ob er die Dehnbarkeit ſeiner Glieder er⸗ proben wollte, und ſagte, ohne ſeine Stellung ge⸗ waltſam zu veraͤndern:„Ich koͤnnte noch allerlei Spruͤnge machen, obgleich ich in Feſſeln bin; aber ſie ſind von Goͤld und leicht zu tragen.— Ich ſehe, daß Aller Augen mich kalt anblicken, und es iſt Zeit, daß ich mich zuruͤck ziehe. Auch außerhalb England ſcheint die Sonne. Doch zuvoͤrderſt muß ich fragen, was aus der ſchoͤnen Lady Dalgarno werden ſoll? Mich duͤnkt, es iſt nicht mehr als billig, daß ich es erfahre. Soll ſie in den Harem Sr. Gnaden, des Herzogs von Buckingham geſchickt wrden? Oder ſoll dieſer ehrenwerthe Buͤrger, wie zuvor—“ „Schweig, du niedertraͤchtiger Wuͤſtling,“ rief ſein Vater, Lord Huntinglen, der ſich waͤhrend der Ceremonie iſt den Hintergrund der Capelle zuruͤck ge⸗ zogen hatte und jetzt ploͤtzlich hervortrat, die Dame bei der Hand faßte und ſie ihrem unwuͤrdigen Gatten gegenuͤber ſtellte.—„Lady Dalgarno,“ fuhr er fort, „ſoll als Wittwe in meinem Hauſe leben. Als Witt⸗ we betracht ich ſie, ganz ſo, als ob das Grab ihren — Gemahl ſchon umfangen haͤtte.“ „Lord Dalgarno zeigte bei dieſen Worten einige voruͤbergehende Symptome großer Verwirrung, und ſagte in einem unterwuͤrfigen Tone:„wenn ihr, My⸗ 224 lord, meinen Tod wuͤnſcht, ſo kann ich, obwohl euer Erbe, euch dennoch dies Compliment nicht zu⸗ ruͤck geben. Doch bevor ich von dannen gehe, will ich euch uͤberzeugen, daß ich ein aͤchter Abkömmling eines Hauſes bin, welches von jeher den Ruf hatte, erduldete Beleidigungen nie zu vergeſſen.“ „Ich wundere mich, daß Ew. Majeſtaͤt ihm noch laͤnger zuhoͤrt,“ fiel Prinz Carl ein.„Mich duͤnkt, wir haben lange genug dieſen verwegenen Uebermuth geduldet.“ Allein Jacob, der bekanntlich das Schwatzen liebte, konnte ſich nicht entſchließen, die weitere Er⸗ oͤrterung der Streitfrage abzubrechen. „Schweig, mein Sohn,“ rief er,„wie es ei⸗ nem guten Kinde gebuͤhrt; ich will hoͤren was der unverſchůmte Fant ſagen kann.“ „Blos ſo viel, Ew. Majeſtät,“ verſetzte Dal⸗ garno,„daß nur eine einzige Zeile in dieſem Con⸗ tracte, und ſonſt nichts auf der Welt, mich bewegen konnte, die Hand dieſes Frauenzimmers in die mei⸗ nige zu legen.“ „Ohne Zweifel war die Summa totalis ihres Vermogens dieſe Zeile,“ ſagte der Koͤnig. „Dem iſt nicht ſo, Sire,“ erwiederte Dalgarno. „Freilich moͤgte dieſe Summa totalis, vor nichtuzar langer Zeit, ſelbſt fuͤr einen ſchottiſchen Koͤnig ein erheblicher Gegenſtand geweſen ſeyn; allein ſie wuͤrde 223 für mich wenig Reize gehabt haben, hötte ich nicht in ihrem Vermoͤgens⸗Verzeichniß ein Mittel gefun⸗ den, mich an dem Hauſe Glenvarloch zu raͤchen; denn jene blaſſe Braut gab mir zugleich mit ihrer Hand, auch die Macht, ihrer Mutter Haus zu Aſche zu verbrennen.“ „Was will er damit ſagen, Goͤrge?“ fragte der König verwundert. „Dieſer dienſtwillige Buͤrger,“ fiel Dalgarno ein,„hat eine, meiner Gemahlin, und Gottlob! jetzt mir zugehörende Summe Geldes, fur die Er⸗ werbung des Pfandrechts auf die Beſitzungen des Hauſes Glenvarloch ausbezahlt. Wird dieſe Sum⸗ me nicht ſpaͤtſtens um die morgende Mittagsſtunde entrichtet, ſo trete ich in den Beſitz der ſchoͤnen Do⸗ mainen des Hauſes, welches ſich einſt den Neben⸗ buhler des unſrigen nannte.“ „Iſt das wahr?“ fragte der zu Heriot ſich wendend. „Nur zu wahr, Ew. Majeſtät,“ antwortete der Puͤrger,„da Lady Hermione das Geld fuͤr den ur⸗ ſpruͤnglichen Glaͤubiger vorgeſchoſſen hat, ſo verpflich⸗ tete mich mein Gewiſſen ihr deſſen Rechte uͤbertragen zu laſſen; und unbezweifelt gehen ſie jetzt auf ihren III. 226 „Aber koͤnnte nicht der Zahlungsbeſehl an unſte Schatzkammer dem jungen Glenvarloch die Mittel zur Einloͤſung ſeiner Guͤter verſchaffen?“ „Ungluͤcklicherweiſe, mein Koͤnig, hat er ihn verloren oder daruͤber verfugt,— er iſt nicht zu fin⸗ den. Der junge Mann iſt ſehr ungluͤcklich.“ „Das iſt eine ganz eigne Sache,“ ſagte der Koͤnig, der, wie er zu thun pflegte, wenn er ſich in Verlegenheit befand, mit den Zierrathen ſeiner Un⸗ terkleider ſpielend, hin und her wandelte. „Ihr habt mir da etwas neues erzählt, Meiſter Heriot,“ ſagte Lord Dalgarno,„doch wil ich dieſen Vortheil nicht benutzen.“ „Thu' es nicht,“ fiel ſein Vater ein,„ſey ein kuͤhner Boͤſewicht, da du doch einmal ein Boͤſe⸗ wicht ſeyn mußt, und raͤche dich mit den Waffen, nicht wie ein Wucherer.“ „Verzeiht mir, Mylord,“ eianete Lord Dal⸗ garno;„Feder und Dinte ſind jetzt meine ſicherſten Mittel zur Rache, und gerichtliche Decrete verſpre⸗ chen mir groͤßern Gewinn, als die ſchoͤnſte italieni⸗ ſche Klinge. Aber wie geſagt, ich will die mir in die Haͤnde gegebenen Vortheile nicht benutzen, ſondern in meiner Wohnung neben Covent⸗Garten bis Son⸗ nenuntergang abwarten, ob ſich irgend jemand einfin⸗ det, die Ausloſungsſumme zu bezahlenʒ geſchieht es, de⸗ ſto beſſer fůr den Lord Glenvarloch, wo nicht, ſo reiſe 227 —— ich mit Sonnenuntergang in aller Eile nach Schott⸗ land und nehme Beſitz.“ „Dann nimm die Verwuͤnſchungen eines Va⸗ lers mit dir, du Clender,“ rief Lord Huntinglen. „Und die deines Koͤnigs,— des patris pa⸗ tiae,« fuͤgte Jacob hinzu. „Ich hege das Vertrauen, daß ich beide leicht ertragen werde,“ erwiederte Dalgarno, waͤhrend er ſich mit einer Verbeugung gegen alle Anweſende ent⸗ fernte. 6 Die ganze Geſellſchaft, die ſich, durch eine ſo beiſpielloſe Unverſchaͤmtheit, gewiſſermaßen bedruͤckt gefuhlt hatte, fand daß ſie, befreit von ſeiner Gegen⸗ wart, freier athmen konnte. Auch Lord Huntinglen, beſchͤftigt, ſeine neue Schwiegertochter zu troͤſten, entfernte ſich mit ihr, und der Koͤnig, der ſeinen ge⸗ heimen Rath noch nicht entlaſſen hatte, kehrte mit den anweſenden Mitgliedern deſſelben wieder in das Sitzungszimmer zuruͤck, ungeachtet es ſchon ſpät am Tage war. Auch Heriot erhielt Befehl, gegenwaͤrtig zu bleiben; ohne jedoch von der Urſache dieſer ß forderung Kirbe zu erhalten. — 5 Neuntes Kapitel. Kaum hatke Jacob ſeinen Sitz im Verſamm⸗ lungszimmer des geheimen Raths wieder eingenom⸗ men, ſo begann er hin und her zu ruͤcken, zu huſten, ſich ſeines Taſchentuchs zu bedienen, und durch an⸗ dere untruͤgliche Merkzeichen zu verkuͤndigen, daß er eine lange Rede beabſichtige. Die Rathsverſamm⸗ lung bereitete ſich daher zu dem geziemenden Grade der Aufmerkſamkeit. Carl, der eben ſo hohe Begriffe vom außern Anſtande hatte, als ſein Vater mitunter gleichgultig dagegen war, ſetzte ſich in eine Stellung, welche die ſtrengſte und ehrfurchtsvollſte Aufmerkſam⸗ keit verkuͤndigte, waͤhrend der uͤbermuͤthige Guͤnſtling im Bewußtſeyn ſeines Uebergewichts uͤber Vater und Sohn, ſich zwanglos auf ſeinem Seſſel dehnte und weniger der Pflicht, als dem Ceremoniel ſeine Schuld cbiutregen ſchien. „Ohne Zweifel, Siei ſp begann der Mo⸗ narch;„werden einige unter euch denken, die Stunde der Erwägung ſey voruͤber, und es ſey Zeit, mit dem Sclaven in der Comodie zu fragen:— quid de sVmbolo?— Gleichwohl iſt es gewiſſermaßen unſer Eſſen und Trinken, Gerechtigkeit zu uͤben, und unſer Urtheil vollſrecken zu laſſen. Wir erſuchen euch 229 daher, den Fall, worin ſich der ungluckliche Lord Glenvarloch befindet, zu erwaͤgen und zu erortern, ob es mit unſrer Ehre vereinbar iſt, irgend etwas zu ſeinen Gunſten zu thun.“ „Ich bewundere die von Ew. Majeſtaͤt in die⸗ ſer Unterſuchung an den Tag gelegte Weisheit,“ ſagte der Herzog von Buckingham;„es iſt klar, daß dieſer Dalgarno, ſich als einen der unverſchaͤmteſten Böſewichter auf Erden gezeigt hat; und eben ſo klar liegt es daher am Tage, daß wenn Lord Glenvar⸗ loch ihm den Degen durch den Leib geſtoßen haͤtte, ein Nichtswürdiger aus der Welt geſchafft ſehn wuͤrde, der ſchon zu lange den Erdboden belaſtet hatte. Ich glaube allerdings, Lord Glenvarloch hat ſich vieles zu Schulden kommen laſſen, und ich beklage, daß ich, verleitet durch die Ueberredungen dieſes falſchen Menſchen, ſelbſt einigermaßen dazu mitgewirkt habe.“ „Ihr ſprecht wie ein Kind, Steenie,— My⸗ lord Buckingham wollt' ich ſagen,“ entgegnete der König;„und wie ein Mann, der die Logik nicht wiſſenſchaftlich ſtudirt hat; denn eine Handlung kann ſolgenlos oder gar verdienſtlich ſeyn duoad homi- nem, das heißt im Betreff desjenigen, auf welchen eingewuͤrkt worden iſt, und dennoch ſehr verbreche⸗ riſch uoad locum, oder in Bettacht des Orts, an welchem die Handlung vorgefallen iſt. So kann zum Beiſpiel Jedermann ſich mit Fug und Recht in 230 einer Schenke mit dem ſchottiſchen Triller oder irgend einem andern Volkstanze beluſtigen, keinesweges aber inter parietes ecclesiae.— So daß es zwar moͤglicherweiſe eine gute That geweſen ſeyn koͤnnte, den Lord Dalgarno, ſo wie er ſich gezeigt hat, an ir⸗ gend einem andern Orte zu erſtechen, wogegen er je⸗ doch durch die im Bezirt des koͤniglichen Pallaſtes gegen ihn verſuchten Gewaltthaͤtigkeiten, in vollem Maße gegen das in dieſer Hinſicht geltende Statut handelte. Denn ich muß euch, Mylords, bemerklich machen, daß jenes Statut fuͤr unſern Hof von geringem Nutzen ſeyn wuͤrde, wenn es durch den Beweis umgangen werden koͤnnte, der Gemißhandelte ſey ein Boͤſewicht. Es iſt ſehr zu beklagen, daß ich in der Chriſtenheit keinen Hof kenne, wo nicht Schurken zu finden ſind; und wenn man unter dem Vorwande, ſie zu zcien den Burgfrieden hrechen duͤrſte, ſo wuͤrde es ſelbſt in unſerm Vorzimmer hald Pruͤgel regnen.“ „Was Ew. Majeſtät ſagt“ bemerkte Prinz Carl, „trägt den Stempel eurer gewohnten Weisheit;— der Bereich furſtlicher Palläſte muß eben ſowohl als die Perſon der Herrſcher geheiligt ſeyn; denn ſelbſt unter den roheſten Voͤlkern werden ſie als Weſen, die nur eine Stufe unter der Gottheit ſiehen, tief ver⸗ ehrt. Allein Ew. Majeſtät kann die Strenge dieſes und jedes andern Geſetzes in der Ausſuͤhrung mil⸗ dern, und es ſteht in eurer Macht, dieſen unbevacht⸗ 231 ſamen jungen Mann im Betracht der eintretenden Um ſtͤnde voͤllig zu begnadigen,“ „Rem acu tetigisti, Carole mi pus- rule,“ erwiederte der König;„und wißt, Mylords, daß wir laͤngſt die ſcharfe Beurtheilungskraft unſers Sohnes erforſcht haben.— Jetzt will ich euch eine ſchlaue, aus unſerm Kopfe gekommene Erfindung mit⸗ theilen. Wir laſen nmlich, daß Dionyſius, Koͤnig von Syracus, welchen die Hiſtoriker Tyrannos nennen⸗ welches im Griechiſchen nicht wie in unſrer Sprache einen gewaltthätigen Uſurpator, ſondern blos einen regierenden Koͤnig bedeutet,— wir laſen, ſage ich, daß. vieſer Dionyſius von Syracus durch geſchickte Werk⸗ leute ein Ohr einrichten ließ. Wißt ihr⸗ was dies Wort in dieſem Sinne ſagen Milord Bi⸗ ſchof?“ „Vermuthlich ſo viel als Cathedralkirche,“ antwortete der Biſchof. „Den Teufel auch,— doch ich bitte Ew. Lord⸗ ſchaft um Verzeihung, daß ich ſluche, es war nichts weiter, als ein Horchzimmer, welches man: des Koͤ⸗ nigs Ohr nannte, wo er unbemerkt die Geſpraͤche ſeiner Gefangenen anhoͤren konnte. Nun nahmen wir dieſen Dionyſius um ſo mehr zum Muſter, da er ein großer Sprachkenner und Grammatiker war⸗ und nach der Niederlegung ſeiner Krone, entweder er ſelbſt oder wie Andere wollen, ſein Sohn gleiches 232 mit großem Beifall eine hielt. ir ließen alſo neben unſerm Staatsgefängniſſe auf dem Tower ein Horchzimmer anlegen, welches mit dem Zimmer des Lieutenants Verbindung hat, wo⸗ ſelbſt wir hinter dem Tapetenbehange ſitend, unbe⸗ merkt die Reden der Staatsgefangenen hoͤren, mit⸗ hin auf dieſe Weiſe von den Geheimniſſen unſerer Feinde Kunde erhalten koͤnnen.“ Der Prinz warf bei dieſen Worten dem Herzog einen Blick zu, welcher großen Aerger und Wider⸗ derwillen ausſprach, und von Buckingham durch ein leichtes kaum bemerkbares A9ſelii beantwor⸗ tet ward. „Nun, Mylords,“ fuhr der Koͤnig fort;„iſt euch der Lerm bei der letzten Jagdparthie bekannt, — und in der That wird uns dieſer Schrecken nicht eher aus den Gliedern kommen, als bis wir einer gu⸗ ten Nachtruhe genoſſen haben.— Gleich nach dieſem Auflauf fuhrte man einen im Park angetroffenen Pa⸗ gen herbei; unſre Umgebungen warnten uns, aus aͤngſtlicher Sorge fuͤr unſre Perſon, ihn nicht ſelbſt zu verhören; da wir jedoch ſtets bereit ſind, unſer Leben dem Dienſte unſrer Königreiche aufzuopfern, ſo befahlen wir, daß Jedermann das Zimmer verlaſ⸗ ſen ſollte, um ſo mehr da wir argwohnten, dieſer Knabe ſey ein verkleidetes Maͤdchen. Was denkt ihr, Wyloros?— Wenige unter euch hůtten wohl ge⸗ 233 glaubt, daß wir fur ſolche Dinge ein Falkenauge haͤt⸗ ten; allein obgleich wir alt ſind, ſo verſtehen wir Gott Lob ſo viel davon, als einem ernſten, wuͤrde⸗ vollen Mann geziemt. Wir befragten daher in eig⸗ ner Perſon das verkleidete Maͤdchen, und geſtehen gerne, daß das Verhoͤr uns viel Vergnuͤgen machte. Zwar behauptete ſie anfangs, dieſe Verkleidung blos deswegen angenommen zu haben, um dein Frauen⸗ zimmer, welches uns die Bittſchrift der Lady Her⸗ mione uͤberreichen ſollte, fuͤr welche ſie große An⸗ haͤnglichkeit ͤußerte, Geſellſchaft leiſten zu können; allein als wir argwohnten, daß anguis in herba verborgen liege, ſo fand ſie ſich auf unſer ferneres Beftagen genoͤthigt, ein tugendhafte Neigung für den Glenvarlochidem zu geſtehen, wobei Schaam und Furcht auf eine ſo reizende Weiſe mit einander kaͤmpften, daß wir genug zu thun hatten, nicht mit ihr zu weinen. Auch legte ſie uns die fal⸗ ſchen Practiken des Dalgarno gegen den Glenvar⸗ lochidem vor Augen. Sie ſtellte uns naͤmlich vor: Jener habe ihn in uͤbel berichtigte Hauſer ge⸗ fuͤhrt, und ihm unter dem Vorwande aufrichtiger Freundſchaft ſchlechten Rath gegeben, wodurch der unerfahrne junge Menſch zu Handlungen verleitet ſey⸗ die ſeinen guten Ruf verletzt, und ihm unſer Wohlwollen geraubt haͤtten. So artig ſie jedoch ihre Erzählung vorbrachte, ſo wollten wir dennoch ihren 234 Worken nicht vollkommen Glauben beimeſſen, ſon⸗ dern vielmehr das fuͤr aͤhnliche Faͤlle von uns erfun⸗ dene Pruͤfungsmittel in Wirkſamkeit ſetzen. Wir er⸗ hoben uns daher ſchnell von Greenwich und begaben uns nach dem Tower, um dort in eigner Perſon zu vernehmen, was zwiſchen dem G lenvarlochi⸗ des und dieſem angeblichen Pagen vorfallen wuͤrde, welchen Letztern wir zu dem Erſteren ins Zimmer fuͤh⸗ ren ließen, uͤberzeugt, daß wenn ſie mit einander Abrede genommen haͤtten, uns zu betriegen, unfehl⸗ bar in ihren Geſpraͤchen etwas davon vorkommen wuͤrde.— Und ſolltet ihr es glauben, Mylords?— es ſiel zwiſchen ihnen nichts vor, was euch, Steenie, nur den mindeſten Anlaß zum Scherzen und Belä⸗ cheln geben konnte; denn ich moͤchte die Frage auf⸗ werfen, ob ihr im Stande geweſen ſeyn wuͤrdet, gleich dieſem armen Glenvarloch die Rolle der chriſt⸗ lichen Maͤßigung und Enthaltſamkeit zu ſpielen. Wahrlich, er benahm ſich wie einer der Kirchenvaͤter, im Vergleich mit euch, wofern ihr in keinem aͤhnli⸗ chen Falle geweſen wäret. Um die Geduld des Ge⸗ fangenen auf eine ſernere Probe zu ſetzen, ſchickten wir nach einander einen Hofmann und einen Buͤrger zu ihm, nämlich den Sir Mungo Malagrowther und unſern hier gegenwaͤrtigen Diener, Georg Heriot, welche dem armen Menſchen tuͤchtig zuſetzten, und zu dem Ende ſelbſt unſere konigliche Perſon eben nicht 235 ſchonten.— Ihr erinnert euch Goͤrge, was ihr, als bei dieſer Gelegenheit von uns die Rede war, von Weibern und Concubinen ſagtet; aber ich ver⸗ zeihe euch,— ihr braucht nicht zu knien, ich verzeihe euch, um ſo bereitwilliger, da es einen Punct be⸗ trifft, der Salomons Ruhm eben nicht erhoͤht, mit⸗ hin den unſrigen nicht verringern kann. Nun My⸗ lords, trotz aller Verſuchung, durch die Darſtellung des ſeiner harrenden, großen Mißgeſchicks und der ihm vorgehaltenen boͤſen Beiſpiele konnte der arme Menſch nicht vermocht werden, auch nur ein unge⸗ ziemendes Wort gegen uns zu ſagen, welches uns um ſo geneigter macht, jenen Vorfall im Park,— dafern ihr mich nicht durch euern weiſen Rath auf andere Meinung bringt,— als eine Handlung zu betrachten, die in der Hitze der Leidenſchaft, erregt durch heftige Anreizungen, begangen iſt, und daher den Lord Glenvarloch gänzlich zu begnadigen.“ „Ich bin ſehr erfreut, allergnaͤdigſter König,“ ſagte der Herzog von Buckingham,„daß ihr zu die⸗ ſem Beſchluſſe gekommen ſeyd, obwohl ich nie den Weg errathen haben wuͤrde, auf welchem ihr dazu ge⸗ langtet.“. „Ich hege das Vertrauen,“ ſiel Prinz Carl ein, „daß Ew. Majeſtät es mit eurer hohen Wuͤrde unvertroglich finden wild, dieſen Weg oſt zu be⸗ treten.“ 236 „So lange ich lebe, wird es nie wieder geſche⸗ hen, mein Sohn Carl, darauf gebe ich euch mein knigliches Wort. Ein altes Volksſprichwort ſagt: Der Horcher an der Wand, hoͤrt ſeine eigne Schand! Und wahrlich, noch hallen des alten, verdrießlichen Sir Mungo's Sarkasmen in meinen Ohren wieder. Er nannte uns filzig; ich glaube, daß ihr, Steenie, dem widerſprechen koͤnnt. Aber es iſt bloßer Neid bei dem alten verſtuͤmmelten Suͤnder. Wir muͤſſen dem alten Murrkopf nur den Mund ſtopfen, ſonſt wird er uns von Dan bis gen Berſaba beſpötteln.— Und jetzt, Mylords, laßt unſern Gnadenbrief fuͤr den Lord Glenvarloch unverzuglich ausfertigen und ihn in Freiheit ſetzen. Da er auch mit dem Verluſte ſeiner Beſitzungen auf eine ſo ſchaͤndliche Weiſe bedro⸗ het iſt, ſo wollen wir die Mittel erwägen, wie wir ihm auch hierin einen Beweis unſerer Gnade geben koͤnnen.— Uebrigens wuͤnſche ich euch, Mylords, guten Appetit zu einem fruͤhen Abendeſſen; denn waͤhrend unſter anhaltenden Beſchäͤftigungen iſt die Zeit dazu herangenahet.— Mein Sohn Carl und Steenie, ihr bleibt bei mir bis zum Schlafenge⸗ hen.— Moylord Biſchof, ſeyd ſo guͤtig zu verwei⸗ len und bei der Abendtafel den Segen zu ſprechen.— Georg Heriot, mit euch habe ich ein Wort im Ver⸗ mauen zu reden.“ ———— Während diejenigen Mitglieder des geheimen Raths, welche nicht aufgefordert waren, zu verwei⸗ len, ſich beurlaubten, zog der König den Buͤrger bei Seite.„Goͤrge, mein guter, treuer Diener,“ ſo redete er ihn an, indem er ſeine Finger unaufhoͤr⸗ lich mit den Troddeln und Baͤndern ſeiner Unter⸗ kleider beſchäͤftigte,„ihr ſeht, daß wir aus eigenem Antriebe und angeborner Gerechtigkeitsliebe dasjenige bewilligt haben, was jener langbeinige Menſch,— ich glaube er nannte ſich Moniplies,— durch eine ungemein große Beſtechungsſumme von uns erkau⸗ ſen wollte, die wir ausſchlugen als ein gekroͤnter Koͤnig, der weder Gerechtigkeit noch Gnade um Geld und Geldeswerth verhandeln darf. Nun, was iſt nach eurer Anſicht das Ergebniß von dem Allen?“ „Lord Glenvarlochs Freiheit, und ſeine gegruͤn⸗ dete Hoffnung auf die eatr der Gunſt Ew. Majeſtät.“ „Das verſteht ſich,“ ſagte der Koͤnig verdrieß⸗ lich,„ihr ſeyd heute ſehr ſchwer von Begriffen. Ich meine, was eurer Meinung nach der Moniplies wohl jetzt von der Sache denken follte?“ „Ohne Zweifel:„daß Ew. Majeſtaͤt der beſte und gnädigſte Monarch iſt.“ „Freilich beduͤrfen wir hochſt noͤthig der Güte und Gnade,“ ſagte der Koͤnig im immer verdri eßli⸗ cherm Tone,„da wir von Dummköpfen umgeben 238 —— ſind, die, was wir andeuten wollen, nur dann ver⸗ ſtehen, wenn wir es ihnen auf gut Schottiſch vorſa⸗ gen. Geht zu dieſem ſonderbaren Menſchen,— dem Moniplies,— und ſagt ihm, was wir fuͤr den Lord Glenvarloch, für welchen er ſo große Theilnahme zeigt, aus eigenem gnaͤdigen Antriebe gethan haben, obgleich wir uns weigerten, es fuͤr irgend einen uns dargebotenen Privatvortheil zu bewilligen. Dann gebt ihm ſo, als ob es euer eigner Einfall waͤre, zu erwaͤgen, ob es ſeinerſeits anſtändig oder pflichtmaͤßig gehandelt ſeyn wuͤrde, auf die augenblickliche Ruͤck⸗ zahlung einiger hundert elender Pfund Sterlinge zu dringen, wofuͤr wir unſere Juwelen verpfänden muß⸗ ten? In der That, Mancher mogte der Meinung geweſen ſeyn, daß ihr als guter Buͤrger gehandelt haben wuͤrdet, wenn ihr es ohne weiteres auf euch genommen haͤttet, ihm geradezu ſeine Bezahlung zu verweigern, da ihr ſahet, daß er ſeinen geſtändigen Zweck vollkommen erreicht hatte, und daß er des Geldes, was wir jetzt ſo hochſt noͤthig haben, keines⸗ weges dringend bedurfte.“ Bei dieſen Worten beſeufzte Heriot im Innern ſeines Herzens, daß ſein geliebter Gebieter nie einem edlen, wahrhaft koniglichen Gefuͤhle Naum geben koͤnne, ohne es durch irgend einen ſelbſiſuͤchtigen Nebengedanken zu beflecken. 239 Indeß faßte der Koͤnig, unbekuͤmmert um He⸗ riots Gedanken, ihn beim Kragen, mit den Wor⸗ ten:„ihr kennt jetzt meine Meinung, Goͤrge;— nun fort mit euch! handelt wie ein kluger Mann, und vergeßt nicht unſere gegenwaͤrtige Geldnoth;“ worauf der Buͤrger mit einer Verbeugung ſich beur⸗ laubte. „ Nun, Kinder,“ ſagte der Finis zum Prin⸗ zen und dem Herzog gewandt,„warum ſeht ihr ein⸗ ander an, und was wollt ihr 1 weiter von eurem liebenden Vater?“ „Nichts weiter„ verſetzte der Prinz,„als daß es Ew. Majeſtät gefallen moͤge, Befehl zu erthei⸗ len, das Horchzimmer neben den Staatsgefaͤngniſ⸗ ſen im Tower zu vermauern— die Klagen eines Ge⸗ fangenen ſollten billig nicht als Zeugniß wider ihn dienen.“ „Wie! Mein Horchzimmer ſollt ich verbauen laſſen, mein Sohn? Und dennoch iſt's beſſer, taub zu ſeyn, als Uebles von ſich reden zu hoͤren. So laßt es denn augenblicklich feſt vermauern, um ſo mehr da uns von dem ſtundenlangen Horchen noch ietzt der Ruͤcken ſchmerzt. Und jetzt Kinder laßt uns ſehen, was die Koͤche aufgetiſcht haben. —.— Zehntes Kapitel. Unſere Leſer werden ſich noch eines gewiſſen glakt⸗ zuͤngigen, ſchwarzgekleideten ſchottiſchen Schreibers mit langem, ſchlichten Haar erinnern, der im erſten Bande dieſer Geſchichte in der Rolle eines Schuͤtzlings des Meiſter Heriot erſchien. Wir ſind im Begriff, uns in ſeine Wohnung zu begeben; ablein hier haben die Zeiten ſich geändert. Sein kleiner Verſchlag hat ſich in ein anſehnliches Etpeditions-Zimmer, und der grobe Stoff ſeines Anzuges in ſchwarzen Sam⸗ met verwandelt. Zwar hat der junge Mann immer noch ſeine puritaniſche Demuth und Hoflichkeit ge⸗ gen reiche und vornehme Clienten beibehalten; allein er kann jetzt Andere mit dem Bewußtſeyn uberlegener Wohlhabenheit und dem daraus entſtehenden Ueber⸗ muth behandeln und ihnen ſtarr ins Geſicht ſehen. Ein ſehr kurzer Zeitraum hatte dieſe Umwandlungen bewirkt; auch war er noch nicht ganz daran gewohnt; allein von Tage zu Tage ſetzte ihn dieſe Veraͤnderung minder in Verlegenheit. Unter andern Gegenſtaͤn⸗ den des Lurus die er ſich angeſchafft hatte, war auch eine von David Ramſay's beſten Taſeluhren, deren Bewegungen er haͤufig beobachtete, da end er einem Knaben, den er als Schreibgehulfen ge⸗ brauchte, von Zeit zu Zeit Fie um den Gang * 244 ſeines neuen Zeitmeſſers mit der Thurmuhr der St. Dunſtans⸗Kirche zu vergleichen. Der Schreiber ſchien in heftiger Bewegung zu ſeyn. Aus einer Chatoulle zog er ein Buͤndel pergamentner Urkunden hervor und durchlas mehrere Stellen derſelben mit großer Aufmerkſamkeit; dann begann er folgendes Selbſtgeſpraͤch:„nein, hier giebt die Rechtskunde keinen Ausweg,— keinen Winkelzug an die Handz;— wenn die Baronie Glenvarloch nicht eingeloͤſt wird, bevor die Uhr zwoͤlf ſchlaͤgt, ſo wird ſie um einen Spottpreis Lord Dalgarno's Eigenthum. Seltſam, daß er endlich im Stande iſt, ſeinem Patron Trotz zu bieten und die ſchoͤnen Guter, mit deren Erwer⸗ bung der machtige Buckingham ſich ſo lange geſchmei⸗ helt hatte, fuͤr ſich ſelbſt zu erlangen. Konnte nicht Andre's Skurliewhitter eben ſo viel fuͤr Jenen thun? Freilich iſt Dieſer mein Beſchuͤtzer geweſen;— aber doch nicht mehr, als Buckingham der ſeinige war. Auch kann er jetzt nicht mehr mein Protektor ſeyn, dait ſogleich nach Schottland abreiſ't. Ich bin froh daruͤber.— Ich haſſe und fuͤrchte ihn. Er weiß zu viel von meinen Geheimniſſen und ich zu viel von den ſeinigen.— Aber nein!— Ich darf es nicht wagen;— es giebt kein Mittel, ihn zu uͤberliſten.— Nun, William, wie hoch iſts an der St. Dunſtans⸗ uhr?“ „So eben Eilf Uhr vorbei, Sir.“ 1II. 16 242 „Geh ſogleich an deinen Schreibtiſch, Kind.— Was ſoll ich jetzt thun? Ich werde die Kundſchaft der rechtlichen, und was noch ſchlimmer iſt, der un⸗ rechtlichen Geſchaͤfte dieſes Lords verluſtig gehen. Der alte Heriot iſt zu gut in Geſchaͤften bewandert, um mich mehr gewinnen zu laſſen, als die gewöhnlichen elenden Gebuͤhren. Die Praris in Whitefriar's war gewinnvoll; aber ſie iſt eben jetzt mit vieler Gefahr verbunden.— Doch wie kommt mir dies gerade in dieſem Augenblick in den Kopf?— Kaum kann ich die Feder halten.— Wenn mich jemand in dieſem Zuſtande ſaͤhe!— William, reich mir eine Herzſtaͤr⸗ kung;— ſo! nun kann ich dem Teufel ins Auge ſchauen.“ Die letzten Worte ſprach er laut und nahe bei der Stubenthuͤr, die plötzlich geoͤffnet ward durch— Richard Moniplies, dem zwei Laſtträger folgten. „Wenn ihr dem Teufel ins Auge ſchauen koͤnnt, Sir, ſo weddet ihr euch um ſo leichter entſchließen können, einige gefullte Geldſäͤcke zu beaugenſcheinigen, welche ich mir die Freiheit nehme, euch zu uͤberbringen, denn Satanas und Mammon ſind nahe Bluts verwandte.“ Zu gleicher Zeit reihten die Laſttraͤger mehrere Beu⸗ tel mit Geld auf dem Fußboden. „Ich— ich,“— ſtammelte der betroffene Schrei⸗ ber—„ich kann nicht errathen, was ihr meint, Sir.“ 243 „Weiter nichts, als daß ich euch hier Namens des Lord Glenvarloch die Geldſumme uͤberbringe, wo⸗ fur die Erbguͤter ſeiner Familie verpfaͤndet ſind, und durch deren Zahlung er beſagte Guͤter hiemit einloſet. Und hier kommt eben zu rechter Zeit Hr. Reginald Lo⸗ weſtoffe und noch ein anderer ehrenwerther Rechts⸗ gelehrter von Templars⸗Inn, um Zeugen dieſer Ver⸗ handlung zu ſcyn.“ „Ich— ich— bin der Meinung, daß der Einloſungskermin verſtrichen iſt,“ ſtammelte der Schreiber. „Nicht ſo, Meiſter Schreiber,“ entgegnete Lo⸗ weſtoffe.„Wir laſſen uns nichts aufbinden; nach allen Thurmuhren in der City ſchlen noch drei Vier⸗ telſtunden am Mittage.“ „Ich muß Zeit haben, cnune das ge zu zählen und zu wiegen.“ „Thut das mit beliebiger Muße, Meiſter Schrei⸗ ber. Wir haben bereits den Inhalt jedes Geldſacks gezahlt, gewogen und beſiegelt. Hier ſtehen in einen Reihe zwanzig an der Zahl; jeder enchaͤlt dreihun⸗ dert Goldammern; wir ſind Zeugen der verordnungs⸗ mͤßigen ablieſerung des Geldes.“ „Gentlemen,“ entgegnete der Schreiber,„es iſt ein vielvermogender Lord, der jetzt die Einlöſungs⸗ ſumme zu fordern hat. Ich muß euch daher erſuchen, nicht ſo haſtig zu ſeyn, und mir zu verſtatten, daß 16* 244 ich den Lord Dalgarno rufen laſſe, oder ich will viel⸗ mehr ſelbſt zu ihm eilen.“ Mit dieſen Worten ergriff er ſeinen Hut; allein Loweſtoffe rief ſogleich:„Freund Moniplies, beſetzt die Thür, und laßt ihn um keinen Preis heraus; er will die Sache nur hinhalten. Meiſter Schreiber, ihr moͤgt meinetwegen den Teuſel ſelbſt herbeirufen laſſen, der doch der vielvermoͤgendſte Lord iſt, von dem ich je gehoͤrt habe; aber ihr geht nicht von der Stelle, bis ihr euch uͤber die dargebotene Zahlung er⸗ klärt, und den Empfang der Einlöſungsſumme ge⸗ horig beſcheinigt habt. Ich habe Rechtskenntniſſe ge⸗ nug um zu wiſſen, daß in Großbritannien die Ge⸗ ſetze maͤchtiger ſind, als irgend ein Lord. So viel habe ich in Templars⸗Inn gelernt. Uebrigens hůͤ⸗ tet euch, daß ihr nicht euern Scherz mit uns treibt; eure langen Ohren koͤnnten ſonſt leicht einen Zoll breit kurzer werden, Meiſter Scurliewhitter.“ „Wenn ihr mir droht, Gentlemen,“ verſetzte der Schreiber,„ſo muß ich der Gewalt weichen.“ „Nichts von Drohungen, nichts von Drohun⸗ gen, mein lieber Andre's;“ fiel Loweſtoffe ein;„nur einen kleinen freundſchaftlichen Rath will ich euch ge⸗ ben: vergeßt nicht, daß ich euch in Alſatien geſehen habe.“ 245 Ohne ein Wort zu erwiedern, ſetzte ſich der Schreiber und brachte einen vollſtändigen Empfangs⸗ ſchein uͤber das dargebotene Geld zu Papiere.. „Ich nehme das Geld auf eure Verſicherung, Hr. Loweſtoffe, und hoffe, ihr werdet im Gedaͤchtniß be⸗ halten, daß ich ſo hoͤflich geweſen bin, es ungewo⸗ gen und ungezaͤhlt zu empfangen; fehlt etwas daran, ſo muß ich fuͤr den Verluſt einſtehen.“ „Werſt ihm ein Goldſtuͤck an den Hals, Ri⸗ chard,“ rief der Tempelgenoſſe.„Nehmt den Em⸗ pfangſchein hin, und nun wollen wir frohlich S Mittagseſſen mit einander einnehmen.“ „Allenthalben, wo ihr wollt, Gentlemen; nur⸗ wenn ich bitten darf, nicht in jenem ſchaͤndlichen Speiſehauſe.“. 0 „Aber in Beaujeu's Speiſehauſe,“ ſagke einer der beiden Tempelbewohner,„hat man die auserle⸗ ſenſten Weine und Gerichte die beſte Aufwar⸗ tung in ganz London, und— „Und die theuerſten Preiſe,“ ſiel Richard ein; „doch Gentlemen, wie ich ſchon vorher ſagte, ihr habt ein Recht, in dieſem Puncte uͤber mich zu befeh⸗ len, da ihr mir in dieſer kleinen Angelegenheit ſo be⸗ reitwillig eure Dienſte angeboten habt, ohne euch ir⸗ gend eine andere Gebuͤhr dafuͤr ube als ein bloßes Mittagsmahl.“ 246 Der letzte Theil vieſes Geſprächs ſiel in einer Straße vor, wo ihnen gleich nachher Lord Dalgarno begegnete. Er ſchien ſehr eilig, und grußte leichthin Hrn. Loweſtoffe, der ſeinen Gruß eben ſo nachläſſg etwiederte und mit ſeinem Gefährten langfam ſeines Weges ging, waͤhrend Lord Dalgarno Richarden durch einen gebieteriſchen Wink, dem dieſer inſtinct⸗ maͤßig Folge leiſtete, gebot, ſtill zu ſtehen. „In weſſen Gefolge ſeyd ihr jetzt, he?“ fragte der Lord. „Im Gefolge desjenigen, der zunaͤchſt vor mir hergeht,“ antwortete Moniplies.„Keine Unver⸗ ſchaͤmtheiten, du Schlingel; ich will wiſſen, ob du noch bei Nigel Olifaunt dienſt,“ ſagte Dalgarnv. „Ich bin der Freund des edlen Lords Glen⸗ varloch,“ antwortete Moniplies mit Wuͤrde. „In der That,“ verſetzte Dalgarno,„dieſer edle Lord iſt jetzt ſo tief herabgeſunken, Freunde un⸗ ter Lakaien zu ſuchen. Doch ſey dem wie ihm wolle, ſag' ihm, falls er noch dieſelben Geſinnungen ha⸗ ben ſollte, als da wir uns zuletzt im Park trafen: morgen Rachmittag um vier Uhr wurde ich uͤber En⸗ field⸗Chace nach Schottland abreiſen, und zwar mit einer ſchwachen Begleitung, da ich mein Gefolge uͤber Barnet gehen laſſe. Es iſt mein Vorſatz, lang⸗ ſam durch den Wald zu reiten, und in Camlet Moat etmas zu verweilen; er kennt den Oit, den er als 237 ein nunmehriger Elſaſſer Haudegen fuͤr gewiſſe Zwecke geeigneter finden wird, als den Park. Er iſt, wie ich hoͤre, in Freiheit; oder er wird doch nächſtens freigelaſſen werden. Wenn wir uns an dem genann⸗ ten Orte verfehlen, ſo muß er mich in Schottland ſuchen, wo er mich im Beſitz ſeiner vaͤterlichen Guͤter finden wird.“ „Hm!“ murmelte Richard;„es gehoͤren Zwei zum Kauf.“ Schon ſann er auf einen Scherz, wodurch er ſich uͤber die nahe Taͤuſchung der Hoffnungen Dal⸗ garnos im Voraus luſtig machen wollte. Allein er fand in den Blicken des Lords, etwas ſo Durchdrin⸗ gendes und Gefahrdrohendes, das fuͤr diesmal die Vorſicht ſeinen gewoͤhnlichen Hang zu Fe ůber⸗ mannte, und er blos antwortete: „Gotrt gebe, daß die neue Eroberung,— wenn ihr ſie erlangt, euch wohl bekommen moͤge. Ich werde euren Auſtrag an Lord Glenvarloch beſtellen.“ Lord Dalgarno betrachtete ihn einen Augenblick mit forſchendem Blicke, als ob er den Sinn des trockenen, ironiſchen Tones erforſchen wollte, der ſich trotz Richards Scheu vor Dalgarno in ſeine Antwort miſchte; dann winkte er ihm mit der Hand, zum Zei⸗ chen, daß er ſeinen Weg fortſetzen ſolle. Hierauf ging auch Dalgarno langſam weiter, bis er dem Trio aus dem Geſichte war, und kehrte hiernaͤchß mit ra⸗ 248 —— ſchen Schritten bis zu der Wohnung des Schreibers zuruͤck, an der er ſchon voruͤbergegangen war; er klopfte und ward eingelaſſen. Lord Dalgarno fand den Geſchaͤftsmann vor den gefuͤllten Geldſaͤcken ſtehend, und es entging nicht ſeinem ſcharfſichtigen Auge, daß Scurliewhitter bei ſeiner Annäherung beunruhigt und außer Faſ⸗ ſung war. „Wie, mein Freund, du empfaͤngſt mich ohne allen Gluͤckwunſch zu meiner erfreulichen Vermaͤh⸗ lung;— ohne ein tröſtendes Wort uͤber meine Un⸗ gnade bei Hofe? Oder hat meine Miene„verkundi⸗ gend den Hahnrei und verabſchiedeten Hofguͤnſtling, die Eigenſchaft des Meduſenhaupts.“ „Mylord ich freue mich,— Mylord ich beklage,“ ſammelte der zitternde Schreiber, der, bekannt mit Dalgarnos Heſtigkeit, die Folgen der Mittheilung fuͤrchtete, die er ihm zu machen hatte. „Freude und Klage?“ erwiederte Dalgarno. „Das heißt, heiß und kalt aus einem Munde bla⸗ ſen. Hoͤre, du perſoniſicirter kleiner Diebſtahl, wenn du beklagſt, daß ich Hahnrei bin, ſo denke⸗ daß ich mich ſelbſt dazu gemacht habe, denn meine jetzige Gemahlin hat zu wenig Blut in den Wangen⸗ um ſich auf andre Irrwege leiten zu laſſen; wohlan denn, ich will meine ehelichen Wuͤrden ſo gut tragen als ich kann; Reichthum ſoll ſie vergolden; und 249 was meine Ungnade betrifft, ſo ſoll Rache ſie ver⸗ ſuͤßen.— Ha! da ſchlaͤgt die gluͤckliche Stunde!“ Wirklich ſchlug es von der St. Dunſtanskirche zwölf Uhr. „O welch ein. Ton!“ rief Dal⸗ garno triumphirend,„die Baronie Glenvarloch er⸗ ſtirbt unter den Hammerſchlaͤgen, welche dieſe lau⸗ ten Toͤne hervorbringen. Wenn mein Stahl morgen nur eben ſo gut trifft, als heute euer Eiſen, ihr Häm⸗ mer, ſo wird der arme heimatloſe Lord, dasjenige, was ihm eure Tone raubten, nur wenig vermiſſen.— Nun her mit den Papieren, Andres! ich gehe morgen nach Schottland!— nachmittags um vier Uhr muß ich in Camlet⸗Moat ſeyn; ſchon heute Abend geht der groͤßte Theil meines Gefolges ab. Drum mach fort! und gieb mir die Papiere.“ „Mylord! Die Papiere uͤber Glenvarlochs Pfandverſchreibung,— habe ich nicht.“ „Du haſt ſie nicht?— ohne Zweifel ſchickteſt du ſie in meine Wohnung; aber ſagte ich nicht, ich wollte hieher kommen? Warum deuteſt du auf dieſe Geldſäcke? Die Summe ſcheint zu groß, als daß du auf eine ehrliche Weiſe dazu gekommen ſehn koͤnnteſt.“ 6 „Ew. Lordſchaft weiß es am beſten,“ antwor⸗ tete der Schreiber in der großten S„dies gehoͤrt euch. Es iſt— es iſt— 250 „Doch nicht etwa die Einloͤſungsſumme fuͤr die Baronie Glenvarloch?“ rief Dalgarno;„unter⸗ ſtehe dich nicht, meine Frage zu bejahen, oder ich will auf der Stelle deine rabuliſtiſche Seele von dei⸗ nem halb verfaulten Leichnam ſcheiden.“ Mit dieſen Worten ergriff er den Schreiber beim Kragen und ſchuttelte ihn ſo heftig, daß er den Kragen vom Leib⸗ rock herunterriß. „Mylord, ich muß um Huͤlfe rufen,“ rief zit⸗ ternd der Elende in der ſchrecklichſten Todesangſt.— „Hier ſprachen die Geſetze; was konnte ich dagegen thun?“ „Und du frägſt noch, du lumpigter Galgen⸗ ſchwengel? Waren alle deine falſchen Cide, deine Kniffe und Lugen verbraucht, oder hältſt du dich zu gut, um ſie in meinem Dienſte anzuwenden? Du hätteſt luͤgen und trugen,— und lieber die Wahr⸗ heit ſelbſi Lügen ßrafen, als dich zwiſchen mich und meine Rache ſtellen ſollen.„Aber bedenke es wohl,“ fuhr er fort;„ich weiß mehr von deinen Schelmereien, als nöthig iſt, dich an den Galgen zu bringen; es bedarf nur einer Zeile von mir an dem Generalan⸗ wald, um dich dahin zu befördern.“ „Was wünſcht ihr, Mylord, daß ich noch thun ſoll?“ fragte der Schreiber in groͤßter Herzensangſt. „Alles was Kunſt und Rechtskenntniß vermag, will ich verſuchen.“ 2351 „Thue es, oder zittre fuͤr dein Leben,“ ver⸗ ſetzte der Lord;„und erinnere dich, daß ich ſtets meine Drohungen erfuͤlle.— Behalte das verwuͤnſchte Gold bei dir; oder nein, ich will es dir nicht anver⸗ trauen; ſchicke es mir ſogleich in meine Wohnung, ich eile nach Schottland; und es muͤßte ſchlimm ſeyn, wenn ich nicht das Schloß Glenvarloch gegen den Ei⸗ genthuͤmer mittelſt ſeiner eignen Amunition behaup⸗ tete. Biſt du bereit mir zu dienen?“ Der Schrei⸗ ber verſprach den unbedingteſten Gehorſam. „Du mußt hehaupten, die Zahlungsſtunde ſey ſchon verfloſſen geweſen, bevor das Geld dargeboten ward; und um dies zu beweiſen, mußt du m⸗ werfliche Zeugen anſchaffen.“ 1 „Ich will noch mehr thun Mylord; ich will be⸗ weiſen, das Lord Glenvarlochs Freunde drohten, pochten und ihre Schwerter gegen mich zogen. Glaubt denn Ew. Lordſchaſt, daß ich ſo undankbar gegen euch gehandelt haben wuͤrde, irgend etwas zu eurem Nachtheile zuzugeben, wenn nicht blanke Schwerter meine Kehle bedroht haͤtten?“ „Genug geſagt,“ erwiederte Dalgarno;„ſo ſeyd ihr wie ihr ſeyn ſollt; bleibt auf dieſem Wege, ſo lieb es euch iſt, die Folgen meiner Wuth zu ver⸗ meiden; ich laſſe meinen Pagen unten im Hauſe;— beſorgt Laſttraͤger und ſchickt mir ihn augenbliclich mit dem Gelde nach.“ 252 —— Mit dieſen Worten verließ Dalgarno die Woh⸗ nung des Schreibers. Nachdem Scurliewhitter ſeinen Burſchen nach zuverlaͤſſigen Trägern ausgeſchickt hatte, ſann er in ſeiner Einſamkeit, von Todesſchrecken geaͤngſtiget, auf Mittel, wie er ſich aus den Feſſeln dieſes rachfuch⸗ tigen, grauſamen Lords, der mit einer gefahrvollen Kunde ſeines Charakters, die Macht verband, ihn durch deſſen Schauſtellung zu Grunde zu richten, be⸗ freien ſollte. Zwar hatte er in Dalgarnos raſch ent⸗ worfenen Plan cingewilliget, ſich in dem Beſit der eingeloͤſeten Baronie zu ſetzen; allein ſeine Erfahrung lehrte ihn die Unmöglichkeit der Ausfuͤhrung. Auf der andern Seite konnte er nicht ohne Zittern an die mannichfaltigen Folgen der Rache Dalgarno's den⸗ ken, vor welchen ſeine gemeine Seele zuruckbebte. Der Gewalt und den Launen eines jungen verſchwen⸗ deriſchen Lords unterworfen zu ſeyn, und zwar in dem naͤmlichen Zeitpunkte, als ſeine Verſchlagenheit ſich Mittel zum Reichthume geſchaffen hatte,— war der häͤrteſte Schlag, der den beginnenden Wucherer von der Haͤrte des Schickſals treffen konnte. Waͤhrend der Schreiber ſo angſtvoll üͤber das ihn bevorſtehende Schickſal nachdachte, klopfte Jemand an die Stu⸗ benthuͤr; und nachdem„herein“ gerufen war, erſchien in einem groben Reitmantel, ein Mann, umguͤrtet mit einer breiten ledernen Degenkoppel mit kupſerne 253 Schnalle,— der damals gewoͤhnlichen Tracht der Vieh⸗ maͤſter und Landbewohner. Scurliewhitter glaubte da⸗ her in dem Eintretenden einen wohlhabenden Clien⸗ ten zu ſehen, und oͤffnete ſchon den Mund um ihn zum Sitzen zu nothigen, als der Fremde ſeine tief ins Geſicht gezogene Frießkapuze abnahm und ihn wohlbekannte Zuͤge ſehen ließ, die er jedoch nie ohne Hinneigung zu einer Ohnmacht angeſchaut hatte. „Seyd ihr es?“ fragte er mit ſchwacher Stim⸗ me, während der Fremde ſeine Kapuze wieder auf⸗ ſetzte, welche ſeine Geſichtszuge verbarg. „Wer ſollte es ſonſt ſeyn?“ erwiederte der Fremde.„Du Sohn der Pergamente, gezeugt zwi⸗ ſchen dem Dintenfaß und dem gefuͤllten Actenbeutel, du koͤnnteſt die Feder Vater, das Dintenfaß Mutter, das Siegellack Bruder, den Streuſand Schweſter und den Schandpfahl Vetter nennen.— Steh auf und bezeuge mir, der beſſer iſt als du, deine Ehrer⸗ bietung.“ „Ich erſtaune, daß ihr nach ſo vielen Warnun⸗ gen, die Stadt noch nicht verlaſſen habt,“ ſagte der Schreiber;„glaubt nicht, daß eure Viehhoͤndlerklei⸗ dung euch durchhelſen wird, Capitain, eben ſo wenig als eure Schauſpielbrocken.“ „Aber ſagt mir, was ſoll ich denn anfangen?“ fragte der Capitain.„Soll ich Hungers ſterben? Wollt ihr, daß ich fluͤchte, ſo mußt ihr meine Fluͤgel 2354 durch einige Federn vervollkommnen. Mich duͤnkt, ihr koͤnnt ſie wohl miſſen.“ „Ihr habt ja ſchon fuͤnf Goldſtuͤcke Sirten Was habt ihr damit gemacht? „Sie ſind fort,“ antwortete Capitain Colepep⸗ per,„gleichviel wohin,— ich wollte Jemanden uͤbers Ohr hauen, und ward ſelbſt uͤbers Ohr ge⸗ hauen, das iſt Alles. Ich glaube, meine Hand zit⸗ terte bei dem Gedanken an das Geſchaͤft von der vori⸗ gen Nacht; denn ich ruͤhrte die Knochen wie ein Kind.“ „Und ihr habt Alles verloren? Nun nehmt dies und macht, daß ihr fortkommt.“ „Wie, zwei armſelige Goldſtuͤcke? Hol der Henker den Bettel!— Aber bedenkt, daß ihr eben ſo tief in der Suppe ſitzt als ich.“ „Nicht ſo, beim Himmel!“ fiel der Schreiber ein; ich wollte den Alten blos eines Theils ſeiner Schaͤtze entledigen, und ihr nahmt ihm das Leben.“ „Haͤtte er es noch,“ erwiederte Colepepper,„er wuͤrde es lieber miſſen, als ſein Geld. Aber davon iſt nicht die Rede, Meiſter Skurliewhitter. Ihr wa⸗ ret es, der die innern Rigel der Fenſterladen un⸗ brauchbar machte, als ihr den alten am Tage vor ſeinem Tode in Geſchäften des alten Heriot beſuch⸗ tet;— genug, um euch begreiflich zu machen, daß ich nicht allein baumeln werde, wenn man mich 255 fängt. Leider iſt der alte Jack Hempsſield kodt; und unſer altes Dreiblatt dadurch getrennt. „Es waren einmal drei luſtige Brüder, Die waren ſo iniig vereint; Sie ſangen zuſammen ſo fröhliche Lieder und trotzten gemeinſam den Feind.“ „Um Gotteswillen ſprecht leiſer,“ erinnerte der Schreiber,„Ort und Zeit paſſen ſich nicht fuͤr eure mitternaͤchtlichen Zechlieder. Nun wie viel Geld muͤßt ihr denn haben? Ich muß euch ſagen, daß ich ſchlecht bei Caſſe bin.“ „Ihr ſagt mir da eine grobe, handgreifliche Luͤge.— Wie viel ich haben muß, fragt ihr? Ei⸗ ner von dieſen Geldſaͤcken wird mir fuͤr jetzt aus⸗ helſen.“ „Ich ſchwoͤre euch, daß ich uͤber dieſe Beutel mit Geld keinesweges zu verfügen habe.“ „Vielleicht nicht rechtmaͤßigerweiſe,“ verſetzte der Capitain;„allein das macht zwiſchen uns beiden keinen Unterſchied.“ „Ich verſichere euch nochmals, daß es auf keine Weiſe moͤglich iſt, daruͤber zu verfuͤgen; das Geld iſ mir zugezaͤhlt, und ich muß es dem Lord Dal⸗ garno auszahlen, deſſen Burſche darauf wartet; ich könnte kein einziges Goldſtuͤck daraus wegkapern, ohne mich einer gerichtlichen Hausſuchung auszu⸗ ſetzen.“ 256 „Koͤnnt ihr nicht die Anszahlung verzsgern?“ fragte der Haudegen, während er mit ſeinen coloſſa⸗ len Faͤuſten an einem der Geldſaͤcke herumgriff, als ob ſeinen Fingern verlange, ihn zu packen. „Unmoͤglich,“ verſetzte der Schreiber,„er rei⸗ ſet morgen nach Schottland ab.“ „Sagt mir doch,“ fragte der Capitain nach augenblicklichem Nachſinnen,„nimmt er die noͤrd⸗ liche Straße mit dieſem vielen Gelde?“ „Er hat eine ſtatke bemerkte der Schreiber;„aber dennoch— „Aber dennoch— nun was denn?“ fragte be⸗ gierig der Meuchler. „Nein, es iſt nichts,“ erwiederte der Schreiber. „Gewiß hatteſt du etwas Geſcheutes im Sinne. Gleich einem wohldreſſirten Huͤhnerhunde ſah ich dich ſtehen und dadurch deutlich verrathen, daß du auf einer guten Faͤhrte ſeyſt.“ „Ich wollte weiter nichts ſagen Capitain, als daß ſeine Bedienten den Weg uͤber Barnet nehmen, und er mit ſeinem Pagen, wie er mir ſagte, langſa⸗ men Schrittes durch den Wald reiten wird.“ „Aha, pſfeifſt du aus dem Loche, mein guter Burſche?“ unterbrach ihn der Capitain. „In Camlet⸗Moat,“ fuhr der Schreiber 6 „wird er etwas verweilen.“ 257 „Nun das iſt beſſer als ein Hahnengeſecht,“ be⸗ merkte der Capitain. „Ich ſehe nicht, welchen Vortheil ihr hieraus ziehen koͤnnt,“ erwiederte der Schreiber.„Sie koͤn⸗ nen ohnmoͤglich ſchnell reiten, denn ſein Page fuͤhrt das Packpferd, beladen mit allem dieſen Gelde. Aber Lord Dalgarno hat ein ſcharfes Auge auf die Schätze dieſer Welt.“ „Das Pferd wird demjenigen, der es von die⸗ ſer Laſt befreit, ſehr verpflichtet ſeyn, ſcherzte Co⸗ lepepper;„ohne Zweifel hat der Lord noch ſeinen vorigen Pagen Lutin. Dieſer Kobold hat mich fruͤ⸗ her einmal zum Beſten gehabt. Auch an dem Lord will ich mich fuͤr eine Beleidigung in Beaujeus Hauſe rächen. Nun, laßt ſehen, wen ich mit mir nehmen könnte;— da iſt der ſchwarze Feltham und Dick Shakebag. Nun muͤſſen wir noch einen Vierten ha⸗ ben, denn ich mag meiner Sache gerne gewiß ſeyn⸗ Die Beute theilen wir, ausgenommen, was ich den Andern außerdem noch abjagen kann. Flugs Schrei⸗ ber leih mir zwei Goldſtuͤcke.— Brav! Das war großmuͤthig gehandelt. Nun leb wohl!“ Mit dieſen Worten huͤllte er ſich dichter in ſeine Verkleidung und ging ſeines Weges. Als er das Zimmer verlaſſen hatte, rie pande⸗ ringend der Schreiber aus:„So ſoll denn noch mehr Blut vergoſſen werden! Ich dachte, es ſollte UI. 17 258 ——— jetzt damit vorbei ſeyn; aber diesmal habe ich kei⸗ ne,— nein gar keine Schuld; und dennoch werde nur ich Vortheil davon haben. Faͤllt der Schurke, ſo bin ich ſeiner Anreizungen und Betteleien los; verliert Dalgarno das Leben,— und wahrſcheinlich wird dies der Fall ſeyn, denn furchtet gleich Colepep⸗ per ein blankes Schwert eben ſo ſehr, als der Schuld⸗ ner den Mahner, ſo iſt er ein nie fehlender Schutze hinter dem Strauche,— dann bin ich in aller Hin⸗ ſicht geſichert.“ Gern laſſen wir den Vorhang vor ihm und ſei⸗ nen weiteren Bemerkungen fallen. Eilftes Kapitel. —— Die beiden Tempelgenoſſen waren in einem he⸗ ſondern Zimmer in Beaujeu's Speiſehauſe von Ri⸗ chard Moniplies bewirthet worden, der jetzt nach ſeinem Aeußern fuͤr einen Mann von guter Geſell⸗ ſchaft angeſehen werden konnte:; denn er hatte ſeine Bedientenkleidung gegen einen ſchoͤnen tuchenen An⸗ zug vertauſcht, der nach damaliger Mode, jedoch dergeſtalt geformt war, daß er einen Mann von hö⸗ herem Alter als dem ſeinigen zu verkuͤndigen ſchien. 259 ——————— Entſchieden hatte er es abgelehnt, ſich an die gemein⸗ ſchaftliche Tafel zu ſetzen, ſo ſehr ihn auch ſeine Be⸗ gleiter dazu zu bereden ſuchten; ohne Zweiſfel weil ſie nicht abgeneigt waren, ſich auf Koſten des rauhen pedantiſchen Schottlaͤnders etwas luſtig zu machen; nicht zu gedenken die Ausſicht, ihn um einige Gold⸗ ttuͤcke leichter zu machen, von denen ihm ein bedeu⸗ tender Vorrath zu Gebote zu ſtehen ſchien. Aber ſelbſt eine Folgereihe von Flaſchen funkelnden Sectes in denen kleine im Sonnenſchein glaͤnzende Atomen krei⸗ ſeten, hatten nicht die mindeſte Gegenwirkung auf Ri⸗ chards Sinn fuͤr den äußern Anſtand. Zwar zeigte er ſich als ein guter Zecher, theils aus Liebhaberei fur auserleſene Getraͤnke, theils um mit ſeinen Gäſten auf gute Freundſchaft zu trinken, allein bei dem Allen be⸗ hielt er unausgeſetzt den Ernſt eines Richters bei. Als der Wein in den Haͤuptern der Tempelmaͤnner eine kleine Revolution hervorzubringen begann, that Lowe⸗ ſtoffe, vielleicht muͤde der Stimmung Richards, der an⸗ ſtatt im Verlauf des Mahles heiterer zu werden, immer mehr und mehr ſtviſchen Widerſpruchsgeiſt und Dog⸗ matismus verrieth, ſeinem Freunde den Vorſchlag, die Tafel außuheben und ſich zu den Spielern zu geſellen. WMan rief den aRchnch herbe i⸗ i. Vichard belahlt⸗ die Zeche und helohnte wärter. 17* 260 —— „Ich bedaure, daß wir uns ſchon ſo bald tren⸗ nen, meine Herren,“ ſagte er zu ſeinen beiden Tiſch⸗ genoſſen;„ich haͤtte gewuͤnſcht, noch eine Flaſche mit euch zu leeren, oder euch ſpaͤterhin ein kleines Abendeſſen und eine Flaſche Rheinwein vorſetzen zu vuͤrfen. Inzwiſchen danke ich euch, daß ihr bis dahin mit mir habt vorlieb nehmen wollen und wuͤnſche euch viel Gluͤck im Spiel, was nie mein Element war, iſt, oder ſeyn wird.“ „So lebt denn wohl, mein weiſer, ſpruchrei⸗ cher Freund,“ verſetzte Loweſtoffe;„moͤchtet ihr doch bald wieder ein verpfändetes Gut einzuloͤſen haben, moͤcht' ich zur Hand ſeyn, um dabei als Zeuge zu dienen, und moͤchtet ihr euch dann wieder, ſo wie heute, als einen liberalen, gaſtfreien Wirth gegen mich zeigen!“ „Ihr ſeyd gar zu guͤtig,“ erwiederte Richard; „doch wuͤnſchte ich, daß ihr nur noch einige Ermah⸗ nungsworte in Hinſicht dieſes gottloſen Speiſehauſes von mir anhoͤren wolltet.“ „Spart eure Lection, ehrenwerther Richard, bis ich all mein Geld verloren habe,(bei dieſen Worten zeigte er eine ziemlich geſpickte Boͤrſe,) dann werden eure Ermahnungen einiges Gewicht bei mir haben.“ „Dann laßt mich auch Antheil daran nehmen,“ ſiel der andere Tempelgenoſſe mit Vorzeigung einer faſt leeren Boͤrſe ein;„auch ich verſpreche, euch 264 in dieſem Falle mit der naͤmlichen S anzu⸗ hoͤren.“ m1 „Gebt acht, meine jungen Hen ſo pro⸗ phezeihte Richard,„moͤgen eure Boͤrſen mehr oder weniger gefullt ſeyn, ihr Inhalt wird einen und den naͤmlichen Weg nehmen; die Zeit wird nicht fern ſeyn. 7 30 „Schon naht ſie,“ the Loweſtoffe;— „man ordnet den Tiſch fuͤr Hazardſpiele.“ Nach nochmaligem Abſchiede trennte Richard ſich von ſeinen Gaͤſten und verließ das Haus. Nur wenige Schritte von der Hausthuͤr kam ein Mann, den er, verloren in ſeinen Betrachtungen uͤber Hazardſpiele, Speiſehaͤuſer und uͤber die Sitten der Zeit, nicht wahrgenommen hatte, und deſſen Aufmerkſamkeit er gleichfalls entgangen war, gerade auf ihn zu, ſo daß Richard ihn ſeie Nan geht * denn der Weg durch die Leute?“— „Verflucht ſey Schottland und was ihm duge hoͤrt!“ das war alles was der Andere hierauf erwie⸗ derte. Selbſt eine minder unhoͤfliche Bemerkung uͤber ſein Vaterland wuͤrde zu allen Zeiten Richards Zorn entflammt haben; um ſo mehr alſo, da ein Maaß Canarienſect ihm im Kopfe ſpuckte; eben war er im Brgriff, dem unhöſlichen Bemerker eine derbe Antwort zu geben, und ſie handgreiflich zu verſtärken⸗ als der nahere Anblick des Beleidigers ſeinen Vorſotz 7 262 ———— änderte.„Ei, ihr ſeyd gerade der Mann,“ rief er ihm jetzt zu,„den ich am liebſten auf der Welt zu treffen wuͤnſchte.“ „Und ihr,“ verſetzte ſein gegntz„mit allen euren bettelhaften Landsleuten, ſeyd diejenigen, de⸗ ren Anblick mir das Unangenehmſte auf der Welt iſt. Im Umkreiſe eurer freundlichen Falſchheit kann kein ehrlicher Mann gedeihen.“ „Was unſre Armuth betrifft,“ erwiederte Ri⸗ chard,„ſo iſt ſie eine Schickung des Himmels; was aber unſre Falſchheit anlangt, ſo will ich euch bewei⸗ ſen, daß des Schotten Herz eben ſo warm fuͤr ſeine Freunde ſchlaͤgt, als jemals eines in der Bruſt eines Englaͤnders klopfte.⸗ „Das Alles iſt mir einerlei,“ erwiederte der An⸗ dere;„laßt mich gehen!— was unterſteht ihr euch, mich am Mantel feſt zu halten? laßt mich gehen oder ich werfe euch in die Goſſe.“ „Ich glaube, ich koͤnnt' es euch vergeben; im Betracht des großen Dienſtes, den ihr mir einſt da⸗ durch leiſtetet, daß ihr mir aus der Goſſe halft,“ verſetzte der Schotte. „Ich fluche meinen Händen, daß ſie es thaten! Wollt' ich doch, daß ihr ſammt eurer ganzen Nation in der Goſſe lägt; warum hemmt ihr noch immer meinen Weg?“ fragte der Fremde trotzig. 263 „Weil ihr auf einem ſchlechten Wege ſeyd⸗ Freund Jenkin,“ antwortete Richard.„Erſchreckt nicht dar⸗ uͤber, daß ihr erkannt ſeyd. Eines ehrlichen Man⸗ nes Sohn ſollte nie davor erſchrecken, daß er bei ſei⸗ nen wahren Namen genannt wird.“ Bei dieſen Worten ſchlug ſich Jenkin mit geballter Fauſt vor die Stirn. „Hoͤrt Freund,“ fuhr Richard ſort,„dieſe Lei⸗ denſchaftlichkeit hilſt zu nichts, ſagt mir, wo euer Weg hingeht?“ „Zum Teufel,“ antwortete Jenkin Vincent. „Das iſt ein duͤſtrer Weg, wenn ihr buchſtäb⸗ lich redet;“ ſagte Richard;„ſprecht ihr aber bildlich⸗ ſo giebts in dieſer großen Stadt noch andere Plätze als des Teufels Schenke, und ich mache mir nichts daraus, euch dahin zu begleiten, um euch eine Flaſche gegluͤhten Sect vorzuſetzen; ſie wird die Ver⸗ dauungskraft meines Magens ſtaͤrken, und ein gu⸗ tes Vorbereitungsmittel zu einem kalten Huhn ab⸗ geben.“ „Ich erſuche euch in der Guͤte, mich. zu laſſen,“ wiederholte Jenkin;„ihr moͤgt es vielleicht gut mit mir meinen, und ich wuͤnſche, daß ihr nicht an mir verſchuldet haben moͤgt, aber ich bin in der Stimmung, mir ſelbſt oder jedem Andern gihiig zu werden.“ 264 „Darauf will ich's wagen,“ verſetzte der Schotte; „wenn ihr nur mit mir kommen wollt; hier iſt ein paſſender Ort, einen guten Schritt naͤher als der Teufel;— ein Haus, wo ich zur Zeit, da ich mit dem Lord Glenvarloch in der Nähe des Tempels wohnte, mitunter meine Zunge genetzt habe. Was Teufel fehlt euch, warum fahrt ihr ploͤtzlich ſo auf?“ „Nennt mir nicht den RNamen jenes falſchen Schottlaͤnders,/ erwiederte Jenkin 3„wenn ihr mich nicht raſend machen wollt. Ich war gluͤcklich, bevor ich ihn ſah; er iſt die Urſache alles Uebels, das mich betroffen hat; er hat einen Schurken,— einen Ra⸗ ſenden aus mir gemacht.“ „Wenn ihr ein Schurke ſeyd, ſo will ich die Rolle eures Richters, und ſeyd ihr raſend, die eines Aufſehers bei euch üͤhernehmen; aber beides mit Güte, in der beſten Abſicht und im freundſchaſtlichſten Sinne. Hoͤrt Freund, man hat über den Lord, deſſen Name euch ſo verhaßt iſt, zwanzigerlei Dinge geſagt, an denen kein wahres Wort iſt. Das Schlimmſte, was man von ihm ſagen kann, iſt, daß er nicht allemal ſo willig guten Rath annimmt, als jeder junge Mann thun ſollte. Kommt mit mir, und wenn etwas we⸗ niges an Gelde und eine Fuͤlle trefflicher Rathſchlaͤge euren Kummer mildern kann, ſo habt ihr das Gluck gehabt, den rechten Mann zu finden, der euch mit Beidem aushelſen kann.“ 265 Endlich behielt die Beharrlichkeit des Schotten die Oberhand uͤber die duͤſtre Stimmung Vincents⸗ der ſich in der That im Zuſtande einer ſo heſtigen Ge⸗ muͤthsbewegung befand, daß er unfůhig war⸗ für ſich ſelbſt zu denken, welches ihn den um ſo eichi vermochte, den Ueberredungen eines Andern zu wei⸗ chen. Er ließ ſich daher in eine kleine von Richard empfohlne Schenke ſchleppen, wo ſie in einem trau⸗ lichen, freundlichen Winkel Platz nahmen, und bald eine Schaale duftenden Gluͤhweins nebſt Pfeifen und Taback vor ſich hatten, welchen letztern jedoch nur Richard benutzte, der dieſe Gewohnheit erſt neuerlich angenommen hatte, da ſie ſehr viel zur Erhohung ſeiner Gravität und der Wichtigkeit ſeiner Manieren beitrug, und die ſeinem Munde entſtroͤmenden Worte der Weisheit auf eine angenehme Weiſe begleiteten. Nachdem ſie ſchweigend die Glaͤſer gefullt und geleert hatten, wiederholte Richard die Frage: wohin ſein Gaſt den Weg habe nehmen wollen, als ſie ſich ſo gluͤcklicherweiſe getroffen häͤtten⸗ „Schon vorhin gab ich euch zu verſtehen,“ er⸗ wiederte Jenkin;„daß ich der Vernichtung entgegen ging, das heißt ins Spielhaus. Ich bin naͤmlich entſchloſſen, dieſe drei Goldſtuͤcke daran zu wagen⸗ um ſo viel zu gewinnen, daß ich mit dem Capitain Sharker, deſſen Schiff nach Amerika ſegelfertig liegt⸗ abgehen kann. Ich traf auf meinem Wege ſchon ei⸗ 266 nen Teufel, der mich von meinem Vorſatze abbrin⸗ gen wollte; allein ich wieß ihn verächtlich von mir. Mit euch wird es, ſo viel ich jetzt einſehen kann, der naͤmliche Fall ſeyn; denn welchen Grad der Ver⸗ dam mniß habt ihr mir vorzuſchlagen, und was iſt der Preis davon?“ „Ich muß euch ſagen,“ antwortete Richard, daß ich weder als Kaͤufer noch Verkaͤufer in ſolchen Artikeln Geſchaͤfte treibe. Allein, wenn ihr mir die Urſache eures Mißgeſchicks aufrichtig mittheilen wollt, ſo will ich Alles thun, was in meinen Kraͤſten ſteht, um euch zu helfen, ohne jedoch verſchwenderiſch mit Verſprechungen ſeyn zu wollen, bis ich den Grund des Uebels kenne; ſo wie ein geſchickter Arzt erſt dann ſeinen Rath ertheilt, wenn er die unterſcheidenden Kennzeichen der Krankheit erforſcht hat.“ „Fuͤr mich giebts keine Huͤlfe,“ klagte der arme junge Menſch, kreuzte die Arme auf dem Tiſche und ſenkte ſein Haupt in verzweiflungsvoller Niederge⸗ ſchlagenheit, gleich einer uͤberladenen Kameelziege, wenn ſie ſich, harrend des Todes, zu Boden wirſt. Gleich den meiſten Menſchen, die eine hohe Mei⸗ nnng von ſich ſelbſt haben, liebte Richard ſehr das Geſchaͤft eines Tröſters, welches zugleich ſein Ueber⸗ gewicht an den Tag legte(denn der Troͤſter iſt alle⸗ mal wenigſtens fuͤr den Augenblick uͤber den Bedruͤck⸗ ten erhaben), und ihm uͤberdies Gelegenheit gab, 267 ſeiner Redſeligkeit freien Lauf zu laſſen. Er peinigte daher den armen Buͤßenden aufs unbarmherzigſte durch eine lange Rede, ausſtaffirt mit den gewoͤhnli⸗ chen Floskeln uͤber die Wandelbarkeit menſchlicher Dinge, die großen Vortheile der Geduld im Leiden, die Thorheit, ſich um Dinge zu härmen, die ſich ein⸗ mal nicht aͤndern ließen, die Nothwendigkeit, in Zu⸗ kunſt vorſichtiger zu ſeyn, nebſt einigen milden Ver⸗ weiſen uͤber das Vergangene,— eine Saͤure, die er einmiſchte, um die Widerſpenſtigkeit des Patien⸗ ten zu uͤberwinden, ſo wie einſt Hannibal ſich des Eſſigs bediente, um ſich zwiſchen Felſen einen Weg zu bahnen.— Es lag nicht in der menſchlichen Na⸗ tur, eine ſolche Fluth von Gemeinplaͤtzen ſchweigend zu ertragen, und Jenkin Vincent, entweder ange⸗ trieben durch das Verlangen, dieſen ſeinen Ohren aufgedrungenen Wortfluß zu hemmen„oder vertrau⸗ end auf Richards Freundſchaftsverſicherungen, wel⸗ chen der Ungluckliche, wie Fielding bemerkt, ſo gern glaubt, oder auch aus bloßem Beduͤrfniß, ſeinem Kummer durch Worte Luft zu machen,— erhob ſein Haupt und blickte Richarden mit hent Au⸗ gen an, mit den Worten: „Ei zum Henker, ſo ſchweigt doch nur! 3 ſollt Alles wiſſen, und dann bitte ich euch um nichts weiter, als mit einem Haͤndedruck von mir zu ſchei⸗ den.— Saht ihr Matget Ramſay?“ 268 „Einmal,“ erwiederte Richard;„in Meiſtet Georg Heriots Hauſe, in der Lombardſtraße;— ich war im Zimmer, wo die Geſellſchaft zu ſpeiſte.⸗ „Ja, ich erinnere mich, ihr halſt beim Aufwar⸗ ten,⸗ verſetzte Jenkin;—„nun denkt, dies reizende Maͤdchen,— denn ich behaupte, daß ſie im ganzen Bezirk, von der Paulskirche bis nach Temple⸗ Bar die Schoͤnſte iſt,— ſie wird ſich mit eurem. heirathen 4 Das iſ unmglich,⸗ fiel Richard ein;„es iſt baarer Unſi inn; hat man doch euch eingebildete junge Leute aus der tity gewoͤhnlich zum Narren!— Der Lord Glenvarloch, Pair von Schottland, ſollte die Tochter eines Londoner Handwerkers heirathen! Eben ſo leicht wuͤrde ich glauben, daß der Kaiſer von Abyſ⸗ ſinien die Tochter eines wamernden heirathet. „Hoͤrt, Bruder,“ Jenkin,„trotz meines Kummers„werde ich nie zugeben„daß irgend Je⸗ mand verachtungsvoll von der City ſpricht.— „Verzeiht mir greund,“ bat Richard,—. hatte nichts Arges dabei im Sinne; was aber die Heirath betrifft, ſo iſt ſie ein Ding von der puren ig⸗ lichkeit.“ vSn 269 „Sie iſt ein Ding, welches dennoch unbezwei⸗ felt Statt finden wird; denn der Herzog und der Prinz und mehrere Andere, befoͤrdern die Sache, be⸗ ſonders der alte Thor, der Koͤnig, der eine vor⸗ nehme ſchottiſche Dame aus ihr machen will; und alle Schotten wollen, wie ihr wißt, gern S ſeyn.“ „Hoͤrt Vincent, nur eurem tellainhwerchiñ Zuſtande verzeih ich's, daß ihr von meinen Lands⸗ leuten nachtheilig redet,“ fiel der jetzt ſeinerſeits be⸗ leidigte Troͤſter ein;„aber laßt mich keine ſolche Be⸗ merkungen wieder hoͤren.“ Nach einigen Entſchuldigungen entgegnete der bekuͤmmerte Juͤngling:„Es iſt ganz zuverlaͤßig wahr, daß der Koͤnig behauptet, Marget Ramſay ſey ein Stuͤck von einem altadlichen Fraͤulein; und daß er große Theilnahme fuͤr dieſe Heirath bezeigt, und daß er, ſeit er ſie in Wamms und Hoſen ſah, immer um ſie herum iſt, wie ein alter Gänſerich;— Ach, kein Wunder!“ fuͤgtẽ der arme Jenkin tiefſeufzend hinzu. „Dies alles mag wahr ſeyn,“ ſagte Richard; „obgleich es mir ſehr ſeltſam klingt; aber dennoch ſolltet ihr nichts uͤbles von hohen Herrſchaften reden, und vor allen Dingen nicht den Koͤnig verwuͤnſchen, ſelbſt nicht in eurem Schlaßzimmer, denn vie Waͤnde haben Ohren,— niemand weiß das beſſer als ich.“ 270 „Ich verwunſche ja nicht den alten thörigten Mann,“ erwiederte Jenkin,„doch wollte ich nur, daß er gelindere Saiten aufzöge. Wenn er einmal dreißigtauſend ſolcher Piken auf ebnem Felde ver⸗ ſammelt ſaͤhe, ſo wie ich ſie einſt im Artillerie⸗Garten ſah, ſo wuͤrden es wahrlich nicht ſeine vornehmen Grafen und Herren mit ihren lang herabhaͤngenden Haaren ſeyn, die ihm helfen könnten.“ „Stille, ſtille,“ ſiel Richard ein,„bedenkt, woher die Stuarts entſprungen ſind, und glaubt, daß es ihnen weder an Speeren noch an Grund und Boden fehlen wurde. Aber laſſen wir ſolche Dinge bei Seite, von denen man nicht ohne Gefahr reden darf, und ſagt mir, was das Alles euch angeht?“ „Was es mich angeht?“ fragte Jenkin;„wie! hab' ich nicht Marget, ſeit dem Tage, da ich ihres Vaters Laden betrat, zu meiner Geliebten erwaͤhlt? habe ich ihr nicht drei Jahre lang ihre Ueberſchuhe und ihr Gebetbuch in die Kirche nachgetragen und das Kiſſen zum Knien abgebuͤrſtet, und hat ſie es jemals verweigert?“ „Wenn Alles, was ihr fur euch anzufuͤhren habt,“ entgegnete Richard,„in ſolchen kleinen Dienſtlei⸗ ſtungen liegt, ſo finde ich nicht, daß ihr euch zu be⸗ klagen habt. Ach Freund! es giebt ſowohl unter den Thoͤrigten als unter den Klugen nur wenige, ſehr wenige, die ein Weib zu lenken wiſſen.“ 271 ————— „Wie? diente ich ihr nicht mit Gefahr meiner Freiheit und ſelbſt meines Lebens? Und verwan⸗ delte ſie mich nicht, mit Huͤlfe jenes verdammten Weibes, die ihr zum Werkzeuge diente, in einen Schiffer, um dem verwuͤnſchten Lord zur Flucht nach Schottland behuͤlflich zu ſeyn? und drohte er mir nicht mit Piſtolen, anſtatt ſich ruhig in Graveſend einzu⸗ ſchiffen, ſo daß ich ihn in Greenwich ans Land ſetzen mußte, wo er einige verwegne Streiche machte, die ſowohl ihn als mich in den Tower brachten?“ „So waret ihr alſo der Schiffer mit der gruͤ⸗ nen Jacke, der den Lord Glenvarloch ſtromabwaͤrts ruderte,“ fragte Richard, mit einem Blicke, dem er den Ausdruck einer mehr als gewoͤhnlichen Schlau⸗ heit zu geben ſuchte. „Freilich, aber ich war ein großer Narr, daß ich ihn nicht in die Themſe warf; auch war ich der nàm⸗ liche, der nicht ein Wort von allem was vorgefallen war, geſtehen wollie, obwohl man mich zu zwingen drohte, des Herzogs von Exeter Tochter zu herzen.“ „Was iſt das fur eine Dame,“ fragte Richard, „die muß ſehr garſtig ſeyn, da ihr euch vor dieſer hen Verbindung ſo ſehr fuͤrchtetet.“ „Wo ſeyd ihr denn geboren,“ fragte Imin, „daß ihr nie von der Tochter des Herzogs von Exeter gehoͤrt habt? Man verſteht darunter die Tortur. Aber alle Herzoge und Herzoginnen in England haͤt⸗ 272 ten nicht vermocht, irgend etwas von mir heraus zu bringen. Zum Gluͤck kam der wahre Zuſammenhang der Sache auf irgend eine mir unbekannte Weiſe an den Tag, und ich ward in Freiheit geſetzt; ich eilte zu Hauſe und hielt mich fur einen der glücklich⸗ ſten Menſchen im ganzen Stadtviertel, und ſie— ſie— wollte mich mit Gelde fuͤr alle meine treuen Dienſte belohnen, und ſprach dabei ſo ſuͤß und doch ſo kalt, daß ich mich in den tieſſten Kerker zuruͤckwuͤnſchte. Ach haͤtten ſie mich doch zu Tode gemartert, bevor ich erfuhr, daß dieſer Schotte mich um meine Geliebte prellen werde.“ „Aber ſeyd ihr denn gewiß, ſie verloren zu ha⸗ ben?“ fragte Richard;„es klingt mir gar zu ſeltſam in den Ohren, daß Mylord Glenvarloch die Tochter eines Kraͤmers und Handwerksmannes heirathen werde, wenn ich gleich geſtehen muß, daß in London ſehr viele Mißheirathen geſchloſen werden.“ „Nun denkt nur! kaum war dieſer Lord aus dem Tower frei gelaſſen, als er mit Meiſter Heriot zu David Ramſay kam und mit des Koͤnigs Zuſtim⸗ mung um ſie anhielt;— ſchoͤne Ausſichten! denn hei aller Hofgunſt hat dieſer Lord keinen Fuß breit Landes.“ „Nun, und was ſagte der alte Uhrmacher dazu,“ fragte Richard;„ohne Zweifel wollte er vor Freuden aus der Haut fahren?“ „Er ſtellte ſich durch ſechs verſchiedene Berech⸗ nungen das Horoſcop, und nachdem er das Facit ge⸗ zogen hatte, gab er ſeine Einwilligung.“ „lind was thatet ihr?“ „Ich eilte auf die Straße,“ klagte der arme Burſche, „mit gebrochenem Herzen und flammenden Augen und wo glaubt ihr, daß ich mich zuerſt wiederfand?— Bei der ſaubern Dame Suddlechop, und ſolltet ihrs glauben? ſie ſchlug mir vor, mich auf den Straßenraub zu legen; da ſie ohne Zweifel mein Stillſchwei⸗ gen fuͤr Einwilligung hielt und mich ſo unwiederruß⸗ lich verdammt glaubte, daß kein Gedanke an Beſſe⸗ rung bei mir moͤglich ſey, nannte ſie mir ſchon den Räuberhauptmann, unter deſſen Anfuͤhrung ich ſte⸗ hen ſollte. Und wer war es?— Niemand anders als der Schurke, den ich, als ihr noch beim Lord Glenvarloch dientet, in Beaujeu's Hauſe in eurem Beiſeyn durchprugelte,— ein feigherziger, ſchmaro⸗ zender, diebiſcher Eiſenfteſſer, der ſich irgendwo hier herum treibt und ſich Colepepper nennt.“ „Colepepper?— hm— ich weiß etwas von dem Menſchen,“ fiel Richard ein,„konnt ihr mir etwa zufaͤlligerweiſe ſagen, wo man ſeinen Aufenthalt erfahren kann, es geſchaͤhe mir dadurch ein großer Dienſt.“ ſe „Ich hoͤre, daß er ſich wegen Verdachts irgend einer Schandthat,— ich glaube gar des ſchrecklichen III. 18 274 in Whitefriars begangenen Mordes,— verborgen haͤlt. Alles Naͤhere uͤber ihn hätte ich von der Dame Suddlechop erfahren koͤnnen; denn ſie ſchlug mir vor, zu Enfield⸗Chaſe mit ihm und einigen andern tuͤchtigen Kerls zuſammen zu treffen, um einen Rei⸗ ſenden, der mit großen Schätzen an baarem Gelde nach Schottland geht, zu berauben.“ „Hoffentlich nahmt ihr doch dieſen ſaubern Vor⸗ ſchlag nicht an?“ fragte Moniplies. „Ich ſchalt ſie eine Hexe und ging heim an meine Geſchaͤfte;“ antwortete Jenkin. „Und was ſagte ſie dazu, daß ihr euch ſo ſchnell entferntet? denn es mußte ihr doch ſehr auffallen.“ „Keinesweges; lachend ſagte ſie, es ſey alles nur Scherz geweſen,“ verſetzte Jenkin;„aber ich weiß ſo gut als irgend Jemand, den Scherz dieſes weiblichen Teufels von ihrem Ernſte zu unterſcheiden, doch wußte ſie, daß ich ſie nie verrathen wuͤrde.“ „Verrathen?“ wiederholte Richard,„ich hoffe doch nicht, daß ihr auf irgend eine Weiſe gegen die⸗ ſen ſchurkiſchen Colepepper oder Peppercole, Verbind⸗ lichkeiten habt, ſo daß ihr ihn ruhig einen Straßen⸗ raub an einem ehrlichen Manne veruͤben laſſen woll⸗ tet, der vielleicht ein braver, nach Norden reiſender Schotte iſt?“ „Ja, und der mit einer Ladung engliſchen Gel⸗ des heimkehrt,“ fiel Jenkin ein.„Sey er, wer er 275 ————— wolle,— moͤgen ſie die ganze Welt berauben ſo viel ſie Luſt haben, bin doch auch ich beraubt und zu Grunde gerichtet!“ Richard fullte ſeines Freundes Becher bis an den Rand, und beſtand darauf, daß er ihn bis auf den Grund leeren ſolle.„Dies iſt fuͤr einen raſchen, jun⸗ ⸗ gen Mann wir ihr, lieber Jenkin, ja nur eine Klei⸗ nigkeit. Muͤßt ihr nothwendig eine Geliebte haben, ſo giebt es ja noch eben ſo ſchoͤne Maͤdchen in Lon⸗ don, als Marget Ramſay; ihr muͤßt nicht ſo tief ſeufzen; denn mit Recht ſagt das Sprichwort: es giebt immer noch ſo gute Fiſche in der See, als je⸗ mals heraus kamen. Ein junger, huͤbſcher, raſcher Burſche wie ihr, ſollte nicht ſo den Kopf haͤngen laſ⸗ ſen, ſondern kuͤhn einen andern Wes einſchlagen⸗ ſein Gluͤck zu machen.“ „Ich muß euch ſagen, Freund Moniplies,“ verſetzte Jenkin,„ich bin ſo arm, als ein Schotte nur ſeyn kann,— ich habe meinen Lehrbrief ver⸗ wirkt und denke jetzo darauf, mein Vaterland zu verlaſſen.“ ⁰ „Ei bewahre,“ rief Richard,„das muß nicht ſeyn, Freund, Armuth raubt Muth. Aber faßt euch ein Herz! ihr habt mir fruͤher einen Dienſt geleiſtet. ietzt will ich euch wieder dienen. Wollt ihr mir dazu verhelfen, daß ich den Capitain Colepepper ſprechen 18* 276 kann, ſo wird dies das verdienſtlichſte Werk ſeyn, das ihr jemals thatet.“ „Ich rathe, was ihr wollt, Freund Moniplies; ihr wollt eures Landsmanns gefuͤllten Geldſack ret⸗ ten,“ erwiederte Jenkin.„Freilich ſehe ich nicht, welchen Vortheil mir dies bringen koͤnnte; doch bin ich nicht abgeneigt, euch zur Erfuͤllung eures Wun⸗ ſches behuͤlflich zu ſeyn. Ich haſſe den Bramarbas, den blutduͤrſtigen, feigherzigen Eiſenfreſſer. Koͤnnt ihr mir ein Pferd verſchaffen, ſo will ich euch den Ort zeigen, wo ich ihn nach der Verſicherung der ſaubern Dame Suddlechop treffen koͤnnte. Aber ihr muͤßt die Gefahr auf euch nehmen; denn iſt er gleich füͤr ſeine Perſon ein feigherziger Schurke, ſo weiß ich doch, daß er mehr als einen Kerl bei ſich haben wird.“ „Wir wollen einen Verhaſtsbefehl gegen ihn bewirken und zu deſſen Vollſtreckung obrigkeitliche Huͤlfe aufbieten.“ „Nichts von dem Allen, wenn ich euch begleiten ſoll,“ entgegnete Jenkin;„ich bin nicht der Mann der irgend Jemanden durch Verrath an den Galgen bringen mag. Was ihr thut, muß durch Mann⸗ haftigkeit geſchehen, wenn ihr wollt, daß ich mit euch gehe; denn ich will keines Sii ver⸗ kaufen,“ — 277 „Nun wohl,“ verſetzte Richard,„e nem eigen⸗ ſinnigen Manne muß man ſeinen Willen laſſen; uͤberdies habe ich hier zwei treffliche Freunde,— Herrn Loweſtoffe von Templars⸗Inn und ſeinen Vet⸗ ter Ringwood, die uns gern bei einem ſo edlen Un⸗ ternehmen beiſtehen werden.“ „Loweſtoffe und Ringwood,“ ſagte Jenkin; „ſind beide brave Maͤnner und werden zuverläͤſſige Gefaͤhrten fuͤr uns abgeben. Wißt ihr, wo ſie zu finden ſind?“ „Freilich weiß ich das,“ erwiederte Richard, „ſie ſind eben jetzt am Spieltiſch in Beaujeu's Hauſe, und ich ſchaffe ſie.“ „Run wohl, dann unternehme ich das Aben⸗ teuer,“ verſetzte Jenkin;„ſeht ob ihr ſie hieher brin⸗ gen könnt, um das Noͤthige mit ihnen zu verabreden · Wir muͤſſen uns nicht mit einander außerhalb Hauſe ſehen laſſen, ich weiß nicht wie es koͤmmt,“ fuhr Jenkin fort, deſſen Miene ſichtlich heiterer ward, waͤhrend er jetzt unaufgefordert die Becher fullte,—„daß nir das Herz leichter wird, ſeit von dieſer Sache die Rede iſt.“ „Das kommt davon, wenn man gute Rathge⸗ ber hat,“ meinte der weiſe Moniplies,„und ich bin uͤberzeugt, daß ihr euch nach wenig Tagen ſo leicht fählen werdet, wie ein Vogel in der Luft.— Laßt nur das Lächeln und Kopſſchuͤtteln ſeyn, und behal⸗ 278 tet was ich euch voherſagte.— Immitteſt erwartet mich hier, waͤhrend ich dieſe braven Maͤnner herbei⸗ hohle. Ich wette, daß nichts in der Welt ſie abhal⸗ ten wird, das Abenteuer, worauf wir wol⸗ len, zu beſtehen.“ Zwoͤlftes Kapitel. —— Schon hoch ſtand die Sonne uͤber den waldigen Ebenen von Enfield⸗Chaſe, und das Wild, wel⸗ ches ſich damals in großer Menge dort aufhielt, huͤpfte in maleriſchen Gruppen unter den uralten Eichen des Waldes umher, als ein Herr und eine Dame, beide zu Fuß, jedoch in Reitkleidern, lang⸗ ſam einen der langen Baumgoͤnge entlang ſchlender⸗ ten, welche zur Bequemlichkeit der Jäger durch den Park gehauen waren. Ihr einziger Begleiter war ein in ehrfurchtsvoller Ferne folgender Page, reitend einen ſpaniſchen Hengſt, der einen ſchweren Mantel⸗ ſack zu tragen ſchien. Die Dame, aufgeputzt mit dem phantaſtiſchen Prunk der damaligen Mode, ge⸗ ſchmuͤckt mit einer mehr als gewoͤhnlichen Menge Corallen, Spitzen und Troddeln, in einer Hand ih⸗ ren Faͤcher von Straußfedern, und in der andern ihre Reitmaske von ſchwarzem Sammt haltend, ſchien 279 emſig bemuͤht, durch alle bei ſolchen Gelegenheiten uͤbliche Mittel der Koketterie die Aufmerkſainkeit ihres Begleiters auf ſich zu ziehen, waͤhrend er mitunter auf ihr Geſchwaͤtz nicht zu achten ſchien, zu Zeiten aber das ernſte Nachdenken, worin er dem Anſchein nach verſunken war, unterbrach, um ihr zu ant⸗ worten.„Aber Mylord,“ ſprach die Dame,„ihr geht ſo ſchnell, daß ich euch nicht folgen kann, ihr muͤßt mir euren Arm reichen; aber wo laß ich meine Maske und meinen Fäͤcher. Warum wolltet ihr auch meiner Kammerdame nicht verſtatten uns zu folgen und meine Sachen zu halten? Aber wartet nur, ich will meinen Fächer in den Guͤrtel ſtecken, ſo,— jetzt habe ich die eine Hand frei, wemit ich euch ſeſthal⸗ ten kann, jetzt ſollt ihr mir nicht entlaufen.“ „Da ihr euch einmal nicht bereden laſſen woll⸗ tet, mit eurer Kammerdame, wie ihr ſie nennk,— bei dem Reſt des Gepaͤcks zu bleiben, ſo muͤßt ihr auch jetzt mit mir Schritt halten.“ Sie faßte hierauf ſeinen Arm; doch nachdem ſie eine kurze Strecke zuruͤckgelegt hatten, ließ ſie ihn fahren, indem ſie ihren Begleiter klagte, er habe ihr am Arm Wehe gethan. Der Begleiter unterſuchte ſogleich die niedliche Hand und den ſchoͤnen Arm, die ihm mit Klagen uͤber ſeine Grauſamkeit datgeboten wurden.„Ich darf behaupten,“ ſagte ſie indem ſie 280 das Handgelenk und einen Theil des Arms entbloͤßte, daß Alles bis zum Ellbogen braun und blau iſt.“ „Und ich darf ſagen, daß ihr eine kleine Närrin ſeyd,“ verſetzte der Begleiter, den angeblich verletz⸗ ten Arm leichthin kuſſend;„ich ſehe nichts als ein ſchoͤnes Roth, welches lieblich gegen das dunkle Ges⸗ der abſticht.“ „Jetzt, Mylord ſeyd ihr ein reines Naͤrrchen,“ antwortete die Dame;„aber ich freue mich, daß ich euch am heutigen Morgen nur auf irgend eine Weiſe ein Wort oder ein Lachen abgewinnen kann. Daß ich darauf drang, euch in den Wald zu folgen, geſchah blos deswegen, um euch zu zerſtreuen. Denn ich bin doch fuͤr euch eine beßre Geſellſchaft, als euer Page.— Nun ſagt mir, ſind dieſe huͤbſchen Thiere mit Hoͤrnern wirklich Hirſche?“ „Freilich ſind ſie das, Nelly;“ erwiederte der Begleiter nachlaͤfſi ig. * „Und was machen die Vornehmen einer ſo. großen Menge dieſer Geſchöpſfe?“ „Sie ſchicken ſie in die Stadt, Relly, wo kluge Maͤnner aus dem Fleiſche Wildpaſteten machen laſſen und die Hoͤrner als Ehrenzeichen tragen,“ antwor⸗ tete Lord Dalgarno, den Zweifel unſre Leſer ſchon erkannt haben. „Ihr lacht mich aus, Mylord,“ vrihit die Dame;„und doch weiß ich recht au was Wild iſt 281 einmal im Jahre koſtete ich gewoͤhnlich Wildbralen, wenn wir beim Herrn Stadtdeputirten zu Mittage ſpeiſten. Ach!“ rief ſie traurig, indem das Gefuͤhl der Herabwuͤrdigung durch ihr in Eitelkeit und Thor⸗ heit verſunkenes Gemuͤth fuhr,„jetzt wurde der Herr Deputirte mich keines Wortes wuͤrdigen, und wenn wir auch im engſten Gäͤßchen des Stadtviertels zu⸗ ſammentraͤfen.“ „Freilich wuͤrde er nicht mit dir reden, Nelly,“ verſetzte Lord Dalgarno,„weil du ihn mit einem einzigen Blicke niederſchlagen koͤnnteſt; aber hoffent⸗ lich haſt du zu viel Verſtand, um kuͤnftig deine Worte an einen ſolchen Menſchen zu verſchwenden.“ „Ihr habt Recht,“ erwiederte Dame Relly; „nein, ich verachte den ſtolzen, eingebildeten Patron zu ſehr. Wißt ihr, daß alle Leute im ganzen Stadt⸗ viertel mit entbloßtem Haupte vor ihm muß⸗ ten; auch mein armer, alter John Chriſtie.“ Bei der Nennung Namens preßte die Erinnerung an den Gatten ihr Thraͤnen aus „Der Henker hole dein ewiges Witnſelnz“ ſagte Dalgarno etwas rauh;„kuͤmmre dich doch um nichts, Nelly; zwar bin ich nicht böſe auf dich, du einfaͤl⸗ tiges Naͤrrchen, aber, was ſoll ich von dir denken⸗ wenn du unaufhörlich an deine“ Huͤtte am Themſeuſer zuruͤckvenkſt, wo es arger näch Pech und altem Käſe roch, als ein Walliſer nach Zwiebein;— und das 282 ein einem Augenblick, wo ich dich auf ein Schloß fuͤhre, ſo ſchoͤn als der Pallaſt der Feenkonigin.“ „Werden wir heute Abend dort ſeyn, Mylord,“ fragte Nelly, ihre Thraͤnen trocknend. „Heute Abend, Nelly? wo denkſt du hin! noch nicht in vierzehn Tagen.“ „Nun, Gott behuͤte und bewahre uns!— Aber werden wir nicht zur See gehen, Mylord? ich dachte, Jedermann kaͤme zur See von Schottland; ſo viel weiß ich, daß Lord Glenvarloch und Richard Moni⸗ plies zur See kamen.“ „Es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen dem Wege von Schottland nach England, und umgekehrt,“ be⸗ merkte Lord Dalgarno, der ſeine Schoͤne zum Beſten haben wollte. „Freilich, da habt ihr Recht,“ erwiederte die einfaltige Nelly;„doch duͤnkt mich ich hoͤrte ebenſo⸗ wohl von Leuten reden die zur See nach Schottland abgingen als von ſolchen, die zu Waſſer von dort ankamen. Kennt ihr den Weg dahin genau? und ſeyd ihr eurer Sache gewiß, daß man zu Lande dahin kommen kann, mein geliebter Lord?“ „Es kommt blos auf einen Verſuch an, meine ſuße Lady,“ verſetzte Lord Dalgarno.„Die Leute ſagen, daß England und Schottland auf einer und der naͤmlichen Inſel liegen, und ſo ſollte man hof⸗ 283 ſen, daß es irgend einen Landweg zwiſchen ihnen⸗ giebt.“ „Ich werde nicht im Stande ſeyn, ſo weit zu reiten,“ ſagte die Lady.“ „Ich will deinen Sattel beſſer auspolſtern laſ⸗ ſen.— Du mußt bedenken, daß du jetzt den Schmutz der City abwirfſt und dich aus einer Raupe, die in einer häßlichen, engen Gaſſe herum kroch, in einen Schmetterling verwandelſt, der einem furſtlichen Gar⸗ ten zufliegt. Du ſollſt ſo viele Kopfzeuge haben, als der Tag Stunden, ſo viele Hausmägde, als Tage in der Woche, ſo viele Dienſiboten, als Wochen im Jahre, und mit einem Lord auf die Falkenjagd rei⸗ ten, anſtatt einem alten Krämer aufzuwarten, der nichts kannte, als höcein und unaufhoͤrlich aus⸗ ſpucken.“ „Nun Mylord, ihr werdet mich doch zu eurer Lady machen?“ fragte Nelly. „Ei freilich, zu was ſonſt?“ verſetzte der Lord;— „zu meiner geliebten Lady.“ „ Nein, ich meine zu eurer angetrauten S erwiederte Nelly. „In der That, Nelly, in dieſem Punkt n ich nicht verſprechen, euch zu Willen zu ſeyn. Eine angetraute Lady und eine geliebte Lady, ſind zwei ſehr verſchiedene Dinge.“ 284 —— „Ich hoͤrte von der Miſtres Taleporter, bei der ihr mich einmiethetet, ſeitdem ich den alten John Chriſtie verließ, daß Lord Glenvarloch die Tochter des Uhrmachers David Ramſay heirathen wuͤrde.“ „Es iſt noch nicht aller Tage Abend gekommen, liebe Nelly,“ entgegnete Dalgarno;„ich trage et⸗ was bei mir, wodurch die Ausſicht auf dies hoff⸗ nungsvolle Chebuͤndniß noch vor Ende des heuti⸗ gen Tages vereitelt werden koͤnnte.“ „Ich wollte nur ſo viel ſagen„daß mein Vater ein eben ſo guter Buͤrgersmann war, als der alte Da⸗ vid Ramſay, und eben ſo viel Lebensart hatte; und warum koͤnntet ihr mich denn nicht eben ſo wohl hei⸗ rathen als Lord Glenvarloch die uhrmacherstochter? Ihr habt mir, mein' ich, Nachtheil genug zuge⸗ fuͤgt; was konnte euch hindern, mir dieſen Erſatz zu geben?“ „Zwei Gruͤnde, meine gute Nelly.— Das Schickſal gab dir einen Ehemann und der Koͤnig zwang mir ein Weib auf,“ erwiederte Lord Dal⸗ garno. „Aber Mylord,“ entgegnete Nelly,„ſie blei⸗ ben teide in England, und wir gehen nach Schott⸗ land. „Dein Grund,“ bemerkte der Lord,„iſt beſet als du ſelbſt weißt. Ich habe Schottiſche Rechtsge⸗ lehrte ſagen hören, die Ehe konne in Scholtland 285 durch den gewoͤhnlichen Rechtsgang aufgeloͤſet wer⸗ den, wogegen in England eine Parlamentsacte daz noͤthig ſey. Hoͤre Nelly, wir wollen üͤber die Sache nachdenken, und moͤgen wir nun miteinander verhei⸗ rathet werden oder nicht, ſo wollen wir wenigſtens unſer Beſtes thun, unſerer jetzigen Ehebande los zu werden.“ „Nun, wenn dem ſo iſt, mein lieber, ſußer Lord, ſo will ich auch weniger an John Chriſtie den⸗ ken; denn ohne Zweifel wird er ſich wieder verheira⸗ i, weil er ein umgänglicher Mann iſt; auch wuͤnſchte ich, daß der gute alte Mann Jemanden um ſich haͤtte, um ihn an meiner ſtatt zu pflegen. Er war ein liebender Gatte, wenn er gleich zwanzig Jahre mehr zählte als ich, und ich hoffe, er wird niemals wieder einen iungen Lord uͤber ſeine fien⸗ liche Schwelle kommen laſſen.“ Hier war die Dame aufs neue dem Weinen nahe; allein Lord Dalgarno beſchwichtigte ihre Gemuͤthsbewegung durch die mit einiger Rauhheit geſprochenen Worte:„Ich bin dieſer Aprilthraͤnen mude, mein ſchoͤnes Kind, und ihr thätet beſſer eure Zaͤhren bis zu irgend einer dringlicheren Gelegenheit aufzuſparen; denn wer weiß, welcher Schickſals⸗ wechſel in wenig Minuten mehr Thraͤnen von euch fordern kann, als ihr außzubringen vermogend ſeyd.“ . 286 ——— „Großer Gott! was wollt ihr damit ſagen, Mylord? Der gute John Chriſtie pflegte vor mir kein Geheimniß zu haben, und ich hoffe, auch ihr, Mylord, werdet euer Vorhaben nicht vor mir ver⸗ hehlen.“ „Setzt euch neben mich, auf dieſe Bank,“ er⸗ wiederte der Lord.„Ich muß hier eine Weile war⸗ ten, und wenn ihr ſchweigen konnt, ſo hätte ich Luſt, einen Theil dieſer Zeit auf die naͤhere Erwaͤ⸗ gung der Frage zu verwenden„ inwiefern ich bei die⸗ ſer Gelegenheit das reſpectable Beiſpiel, was ihr mir vorhaltet, zu befolgen im Stande bin.“ Der Ort, wo er anhielt, war damals faſt nichts weiter, als ein Damm, oder Wall, zum Theil um⸗ geben von einem Teich, wovon er den Namen Cam⸗ let Moat erhalten hatte. Einige behauene Stei⸗ ne, die dem Schickſale vieler andern entgangen wa⸗ ren, zur Erbauung einiger Jagdhuͤtten fuͤr die koͤni⸗ glichen Beſitzer des Waldes gebraucht zu werden,— die einzigen Spuren, woraus man ſehen konnte, daß hier in ͤlteren Zeiten Menſchenhaͤnde thaͤtig ge⸗ weſen waren,— bezeichneten die Ruinen des Wohn⸗ ſitzes des ehemals beruͤhmten Geſchlechts der Mande⸗ villes, Grafen von Eſſer, denen Enfield Chaſe und *) Moat oder Mote,— ein Graben, 287 die weiten umliegenden Domainen in alteren Zeiten zugehoͤrt hatten. Eine wilde, waldige Ausſicht bot dem Auge in verſchiedenen Richtungen mehrere breite, anſcheinend endloſe Baumgaͤnge dar, die an dieſem Orte, wie in einem gemeinſchaftlichen Mit⸗ telpuncte zuſammentraſen, der deshalb vom Lord Dalgarno zum Stelldichein erwaͤhlt war, wohin er ſeinen beleidigten Vetter, Lord Glenvarloch durch Richard Moniplies zum Zweikampf gefordert hatte. „Ohne Zweifel wird er kommen;“ ſagte er bei ſich ſelbſt;„Feigheit war nie ſein Fehler,— we⸗ nigſtens im Park war er kuͤhn genug. Aber vielleicht hat der Kerl meine Botſchaft nicht beſtellt.— Doch nein; er iſt ein verwegener Schurke. Solche Art Menſchen achten die Ehre ihrer Herren hoͤher als ihr Leben.— Sieh nach den Pferden, Luͤtin, und huͤte vich, daß du ſie nicht losläßt.— Spaͤhe mit dei⸗ nem Falkenblick in jedem Baumgange, ob jemand kommt.— Buckingham hat meine Ausforderung erhalten; allein der ſtolze Guͤnſtling haͤlt ſich durch ves Koͤnigs nichtsſagende Befehle berechtigt, mir die Antwort zu verweigern.— Wenn ich dieſen Glen⸗ varloch prellen oder ihn niederſtechen kann,— wenn ich ihm die Ehre oder das Leben raube, dann werde ich in Schottland Einfluß genug haben, das anfaͤngliche Mißgluͤcken meiner Plaͤne mit Geld zu verdecken. Ich kenne meine lieben Landsleute. Nie fangen ſie mit 288 ——— einem Manne Haͤndel an, der Geld oder Kriegsruhm in vie Heimath zuruͤckbringt.“ 5 Waͤhrend er in dieſe Betrachtungen verſunken war, und der erlittenen Schande, ſo wie der einge⸗ bildeten Urſachen ſeines Haſſes gegen Lord Glenvarloch gedachte, bewirkte der Kampf der Gemuͤthsbewegun⸗ gen eine ſolche Veränderung in ſeinen Geſichtszugen, daß Nelly, die unbeachtet zu ſeinen Fuͤßen ſaß, und ihm aͤngſtlich ins Angeſicht ſah, heftig daruͤber er⸗ ſchrack. Seine Wangen ergluͤhten, der Mund zog ſich krampfhaft zuſammen, die Augen erweiterten ſich und ſeine ganze Miene verkuͤndigte die verzweiflungs⸗ vollen, unheilbringenden Entſchluͤſſe eines Man⸗ nes, der des nahenden, entſcheidenden ui mit einem Todfeinde harrt. Die Abgeſchiedenheit des Ortes, die waldige Gegend,— ſo ganz verſchieden von der Umgebung, woran Relly von Kindheit auf ausſchließlich gewöhnt war, die duͤſtere Miene, welche ſich ſo ploͤtzlich auf dem Geſicht ihres Verfuͤhrers zeigte, und ihr Still⸗ ſchweigen gebot, und endlich das ſeltſame, anſcheinend nutzloſe Weilen bei einer noch bevorſtehenden langen Tagereiſe fuͤllte ihren ohnehin ſchwachen Geiſt mit ſeltſamen Gedanken. Sie hatte Geſchichten von Wei⸗ bern geleſen, die durch Zauberer, verbunden mit den hoͤlliſchen Mäͤchten, ja ſogar mit dem boͤſen Feinde ſelbſt, zur Verletung ihrer chelichen Pflichten verlei⸗ 289 tet und in Wuͤſten, entſernt von allen Menſchen, ge⸗ ſchleppt waren, wo ihre Verfuͤhrer die liebliche Ge⸗ ſtalt, in der ſie ihre Zuneigung gewannen, gegen ihre urſpruͤnglichen ſchrecklichen Formen vertauſch⸗ ten. Sie verſcheuchte indeß dieſe phantaſtiſchen Ideen ſobald ſie auf ihre ſchwache, aufgeſchreckte Einbil⸗ dungskraft eindrangen; leicht haͤtte ſie es jedoch erle⸗ ben koͤnnen, ſolche allegoriſch, wenn auch nicht buch⸗ ſtblich verwirklicht zu ſehen, wenn nicht das Ereig⸗ niß, wovon wir eben jetzt Bericht abſtatten— eingetteten waͤre. Der fernſichtige Page, mit dem Finger auf einen der Baumgaͤnge deutend, verkuͤndigte endlich ſeinem Herrn, daß in jener Richtung Reiter herankaͤmen. Lord Dalgarno fuhr in die Hohe, und ſchaute, die Au⸗ gen mit der Hand beſchattend, forſchend die Allee hinab, als er in dem nämlichen Augenblick einen Schuß erhielt, der/ ſeine Hand ſreifend, ihm gerade durchs Herz ſuhr und ihn leblos zu den Fuͤßen, oder vielmehr in den Schoos des ungluͤcklichen Schlacht⸗ opfers ſeiner Sittenloſigkeit niederſtreckte. Die Ge⸗ ſichtszuge, deren wechſelnden Ausdruck ſie waͤhrend der letzten fuͤnf Minuten genau beobachtet hatte, ver⸗ raͤuber ſüͤrzten jetzt aus dem Gebuͤſch hervor, aus III. 19 zogen ſich auf einen Augenblick mit krampfhaſtem Zuk⸗ een, und erſtarrten dann auf immer. Drei Straßen⸗ welchem der Schuß gefallen war; und bevor noch 250 ——— der Pulverdampf ſich verzogen hatke, ergrif der eine unter vielen Verwuͤnſchungen den Pagen, und der zweite die Schoͤne, deren Nothruf er durch die hef⸗ rigſten Drohungen zum Stillſchweigen zu bringen ſuchte, waͤhrend ein dritter des Pagen Pferd ſeiner Laſt zu entledigen begann.— Allein die unverzug⸗ liche Rettung der Bedraͤngten hinderte die Raubmor⸗ der an der Benutzung der erlangten Vortheile. Man kann leicht denken, daß Richard Moni⸗ plies, nachdem er ſich den Beiſtand der beiden Lem⸗ pelgenoſſen, ſtets bereit, einen Strauß ausfechten zu helfen, geſichert hatte, nicht faul geweſen wor, mit ihnen, unter der Anfuͤhrung Jenkins, als Weg⸗ weiſer, ſich wohl beritten und bewaffnet auf den Weg zu machen, und zwar ſo zeitig, daß ſie ihrer Berech⸗ nung nach, Camlet⸗Moat früher als die Raͤuber erreichen und ſie auf der That betreffen mußten; ſie hatten jedoch nicht darauf gerechnet, daß die Räuber nach der Gewohnheit der Menſchen ihres Gelichters in andern Gegenden, aber gegen die Gewohnheit der engliſchen Straßenraͤuber, ihren Raub durch vorgaͤn⸗ gigen Mord zu ſichern ſtreben wuͤrden. Auch hielt ein Zufall ſie unterwegs eine Weile auf. Als ſie durch einen Holzweg ritten, fanden ſie unter einem Baume einen Mann ſitzen, der ſo bitterlich jammerte und ſeufzte, daß Loweſtoffe ſich nicht enthalten konnte, ihn zu fragen, ob er ſich beſchaͤdigt habe. Er ant⸗ —————— 284 wortete: er ſey ein ungluͤcklicher Mann, der ſein Weib aufſuche, das von einem Boͤſewicht entfuͤhrt ſey. Mit Erſtaunen erkannte Richard an der Stim⸗ me des Klagenden den ehrlichen John Chriſtie. „Um Gotteswillen helft mir, lieber Herr Mo⸗ niplies,“ rief der Ungluͤckliche,„ich erfuhr, daß meine Frau nur eine kleine Meile vor mir voraus iſt, in Geſellſchaft ihres Verführes, des Lord Dal⸗ garno.“* „Laßt uns ihm vor allen Dingen vorwärts hel⸗ fen,“ rief Loweſtoffe;„er iſt ein zweiter Orpheus per ſeine Eurydict ſucht. So werden wir Lord Dal⸗ garno's Geld retten und ihn zugleich von ſeiner Schs⸗ nen beſteien. Der Mann muß mit uns, und wäre es auch nur wegen der Seltenheit der Sache. Se. Lordſchaft hat noch einen Schinken bei mir im Salz, weil er mich im Spiel geprellt hat. Wir haben noch zehn Minuten Zeit.“ Aber es iſt gefahrvoll, in Dingen, wo es auf Leben und Tod ankommt, die Zeit zu ſcharf zu be⸗ rechnen;— wahrſcheinlich haͤtten die Minuten, wel⸗ che darauf hingingen, den alten John Chriſtie hin⸗ ter einem der Reiter auf's Pferd zu helfen, dem Lord Dalgarno das Leben gerettet. So ward ſeine ver⸗ botene Liebe die mittelbare Urſache ſeines Todes, und ſo werden unſere Lieblingslaſter die Geißeln zu un⸗ ſerer Zuͤchtigung. 292 — Im vollen Gallopp erreichten die Reiter den Schauplatz der Mordthat einen Augenblick nach de⸗ ren Vollbringung; und Richard, der ſeine beſondern Urſachen hatte, vorzuglich Colepeppern zu ſeinem Augenmerk zu nehmen, welcher beſchaͤftigt war, den Mantelſack von des Pagen Sattel abzuloͤſen, ſprengte ſo heftig auf ihn los, daß er zu Boden ſtuͤrzte; doch ſtrauchelte zugleich auch Richards Pferd und warf ſei⸗ nen Reiter ab, der ohnehin in der Reitkunſt eben nicht erfahren war. Der unerſchrockene Richard balgte ſich jetzt mit dem Straßenraͤuber ſo tapfer herum⸗ daß er, ohngeachtet dieſer ein ſtarker Menſch, und als eine zur Verzweiflung gebrachte ſeige Memme ſehr zu fuͤrchten war, die Ueberhand uͤber ihn gewann, ihm ſein langes Meſſer aus den Haͤnden wand, ihm mit ſeiner eigenen Waffe einen todtlichen Stoß ver⸗ ſetzte, ſich in die Hoͤhe ſchwan und als der Verwun⸗ dete ſich beſtrebte, ſeinem Beiſtiele zu folgen, ihm n ſo mächtigen Streich uͤber den Kopf verſetzte, daß er todt niederſank. „Bravo! Richard,“ rief Loweſtoffe, der im⸗ mittelſt mit einem der Raͤuber ins Gefecht gerathen war und ihn bald in die Flucht trieb;„bravo! dort liegt die Suͤnde, zu Boden geſchlagen gleich einem Ochſen, und der Bosheit iſt die Kehle abgeſchnitten wie einem Kalbe.“ 293 ———— „Es iſt unrecht, daß ihr mich mit meiner Ab⸗ kunft aufzieht, Herr Loweſtoffe,“ verſetzte Richard mit großer Faſſung;„aber das kann ich euch im Ernſte verſichern, daß die Fleiſchbank ein ganz geeigneter Ort iſt, ſich zu aͤhnlichen Unternehmungen vorzubereiten. Ploͤtzlich rief der andere Tempelge⸗ noſſe:„hieher, hieher, wenn ihr Maͤnner ſeyd, hier liegt Lord Dalgarno ermordet!“ Während Loweſtoffe und Richard dem Ruſe folg⸗ ten, und der Page ſich von allen Seiten unbeachtet fand, benutzte er die Gelegenheit, in entgegengeſetz⸗ ter Richtung davon zu reiten; und niemals hat man weder von ihm noch von der großen Geldſumme, wo⸗ mit ſein Pferd belaſtet war, etwas wieder gehoͤrt. Der dritte Raͤuber hatte den Angriff des Tem⸗ pelgenoſſen und Vincents, der immittelſt dem alten Chriſtie vom Pferde half, nicht abgewartet, und gleichfalls die Flucht genommen; jetzt waren die ubrigen fuͤnf Maͤnner verloren im ſchreckenvollen Anblick der blutigen Leiche des jungen Lords, und des grenzenloſen Kummers der verfuͤhrten Relly, die ihr Haar zerraufte und die jammervollſten Schmer⸗ zenstoͤne ausſtieß, bis plotzlich ihr Schmerz gehemmt ward, oder vielmehr eine neue Richtung erhielt, durch das unerwartete Anſchauen ihres Chemannes, der mit einem kalten, ernſten Blicke und dem ihm eignen Tone ſie mit den Worten anredete:„Weib, 294 du nimmſt dir den Verluſt deines Geliebten unge⸗ mein zu Herzen!“— Dann zeigte er auf die blu⸗ tige Leiche ſeines Beleidigers, und wiederholte die Worte der heiligen Schrift:„Die Räche ißt mein; ich will vergelten, ſpricht der Herr.“— Ich, den du ſo tief beleidigt haſt, ich will der Erſte ſeyn, der dir die Dienſte leiſtet, welche der Anſtand den Todten zu leiſten gebietet.“ Mit dieſen Worten bedeckte er den Leichnam mit ſeinem Mantel; dann betrachtete er ihn einen Au⸗ genblick und ſchien darüber nachzudenken, was jetzt zu⸗ nůͤchſt fuͤr ihn zu thun ſep. Langſam ließ hierauf der be⸗ leidigte Chemann ſeinen Blick von der Leiche des Ver⸗ fuͤhrers auf die Theilnehmerin ſeines Verbrechens hinabgleiten, die ihm immittelſt zu Fußen geſunken war· und ſeine Knie umklammerte, ohne ſeinen An⸗ blick ertragen zu können. Seine von Natur rau⸗ hen und graͤmlichen Zuͤge nahmen einen wuͤrdevollen Ausdruck an, der ſelbſt den muntern jungen Tem⸗ pelgenoſſen eine achtungsvolle Scheu einflößte und die voreilige Dienſtſertigkeit Richards, der ſchon im Begriff war, ſich mit ſeinen Rathſchlaͤgen und Mei⸗ nungen darein zu miſchen, zuruͤckhielt.„Weib, knie nicht vor mir,“ ſprach feierlich John Chriſtie; „aber knie vor Gott, den du ſtärker beleidigt haſt⸗ als du einen Erdenwurm, wie du ſelbſt biſt, belei⸗ digen konnteſt. Wie vft habe ich dich, wenn du einen 295 ——— leichtſinnigen Hang zum Putze an den Tag legteſt, gewarnt, daß Stolz vor der Bernichtung und Hoch⸗ muth vor dem Falle kömmt. Eitelkeit fuͤhrte Thor⸗ heit,— Thorheit die Suͤnde, und die Sunde Tod, ihren urſpruͤnglichen Gefaͤhrten herbei. Vernachläͤſ⸗ ſigung des Anſtandes und Mangel an Ehrbarkeit ver⸗ leiteten dich zur Abneigung gegen Häuslichkeit, und zur Vorliebe ſur den Verkehr mit ausgelaſſenen, ver⸗ derbten Menſchen. Jetzt liegſt du hier, gleich einem zertretenen Wurm, dich windend neben dem lebloſen Koͤrper deines Geliebten.— Tief haſt du mich be⸗ leidigt, mich entehrt unter Freunden,— den Credit meines Hauſes geſchwaͤcht und den Frieden von mei⸗ nem Heerde verbannt. Aber du warſt meine erſte und einzige Liebe, und ich will nicht dulden, daß du ein Auswurf der Menſchheit wirſt, wenn es in mei⸗ ner Macht ſteht, es zu hindern. Meine Herren, ich danke euch ſo innig als ein tief gekraͤnkter Gatte es vermag.— Richard, empfehlt mich eurem achtungs⸗ werthen Gebieter.— Ich miſchte Galle in den bit⸗ tern Kelch ſeines Kummers, aber ich war getäuſcht. Steh' auf Weib! und folge mir.“ Er erhob beim Arm die Buͤßende, die durch Weinen und Schluchzen ihre Reue an den Tag zu legen ſuchte. Das Geſicht mit den Häͤnden be⸗ deckt, ließ ſie ſich von ihm wegfuͤhren; erſi als ſie ſich um ein Gebuͤſch wandten, welches den eben ver⸗ „ 296 Schauplatz ihren Blicken zu entziehen im Be⸗ griff war, wendete ſie noch einmal das Haupt, warf einen Blick auf Dalgarnos Leiche, ſchrie heftig auf, und Mannes Arm krampfhaſt erfaſſend, rief ſie Tone der aufgeregten Phantaſie:„rette mich! ſie ihn gemordet!“ Loweſtoffe war tief bewegt beim Anblick dieſer Scene; aber als ein ſtädtiſcher Stutzer ſchaͤmte er ſich dieſer unmodernen Rührung und that ſeinen in⸗ nern Gefuͤhlen Gewalt an, indem er ausrief:„laßt ihn gehen, den gutherzigen, leichtglaͤubigen, ver⸗ ſöhnlichen Chemann„— den liberalen, geſchmeidi⸗ gen Gatten. O! welch ein großmuͤthiges Geſchöpf iſt doch ein wahrer Londoner Eheherr!— Zwar hat er Hörner, aber er iſt zahm wie ein gemaͤſteter Ochſe; er ſtößt nicht. Ich bin neugierig, ſie zu ſehen, wenn ſie ihre Reitmaske und ihren Caſtorhut wieder mit ih⸗ rem beſcheidenen Haͤubchen vertauſcht haben wird; wir wollen ſie am Paulswerft beſuchen. Was mein du, Vetter? das wird eine paßliche Bekanntſchaft ſeyn.„ „Anſtatt eures Geſchwaͤtzes ſolltet ihr der m ver⸗ dammten Zigeunerburſchen, Luͤtin, nacheilen,“ ſiel Richard Moniplies ein;„denn meiner Seel! er iſt mit ſeines Herrn Gepaͤck und dem Gelde davon ge⸗ ritten.“ 297 ——— Eben jetzt traf ein Häſcher mit den noͤthigen Ge⸗ huͤlfen und mehrern andern Perſonen an Ort und Stelle ein. Sie ſetzten dem Pagen in allen Richtun⸗ gen nach; doch vergebens. Ihrer Obhut uͤbergaben die Tempelgenoſſen die Leichen der Gebliebenen und kehrten dann, nachdem ſie ſich einigen geſetzlichen For⸗ malitäten unterzogen hatten, mit Richarden und Vin⸗ cent nach London zuruͤck, wo ſie fuͤr ihre Herzhaftig⸗ keit großen Beifall einerndteten. Vincents Fehltritte wurden willig verziehen, im Betracht, daß er die Mittel angegeben hatte, dieſe Raͤuberbande zu vernichten; und man hat einigen Grund zu glauben, daß dasjenige, was unter an⸗ dern Umſtaͤnden den Ruhm ſeiner That gemindert haben wuͤrde,— naͤmlich der Umſtand, daß er mit ſeinen Begleitern zu ſpät eintraf, um den Lord Dal⸗ garno retten zu koͤnnen, den Werth derſelben in den Augen Vieler erhoͤhte. Georg Heriot, errathend Vincents Herzenszu⸗ ſtand, erbat und erlangte von ſeinem Herrn die Er⸗ laubniß, den armen jungen Menſchen in erheblichen Geſchaͤften nach Paris zu ſenden. Von ſeinem ſer⸗ nern Schickſale haben wir nichts Naͤheres in Erfah⸗ rung bringen koͤnnen, als daß es gluͤcklich war, und daß er mit ſeinem Lehrlingsgenoſſen Tunſtall einen vortheilhaften Geſellſchaftshandel unternahm, als der alte David in Folge der Vermählung ſeiner Tochler 298 ſich von den Geſchäften zuruͤczog. Noch jetzt iſ der ausgezeichnete Alterthumsforſcher, Dr. Dryasduß, im Beſitz einer antiken Taſchenuhr mit ſilbernem Ziſ⸗ ferblatt, auf welcher die Namen Vincent und Tun⸗ ſtall zu leſen ſind. Loweſtoffe ermangelte nicht, ſeinem Ruf als Lebemann Chre zu machen und ſich nach John Chriſtie und der Dame Nelly in ihrer bisherigen Wohnung zu erkundigen; allein zu ſeinem großen Befremden„und mit um ſo groͤßerem Verdruſſe, da er um zehn Goldſtuͤcke gewettet hatte, daß es ihm ge⸗ lingen wuͤrde, ſich als Hausſteund in der Familie ein⸗ zuniſten, vernahm er, daß der bisherige Beſitzer des Hauſes, nebſt ſeiner Frau, nach öffentlichem Ver— kaufe ihrer liegenden Gründe und fahrenden Habe von dannen gezogen ſey, Niemand wiſſe wohin. Doch ſey die vorherrſchende Meinung, daß ſie nach Ame⸗ rika ausgewandert waͤren und ſich in einer der neuen dortigen Riederlaſſungen angeſiedelt hätten. Lady Dalgarno empſing die Nachricht von dem Tode ihres unwuͤrdigen Gemahls mit verſchieden⸗ artigen Gemuͤthsbewegungen, unter denen der Schrek⸗ ken den ihr ſein Hinſcheiden mitten in der Laufbahn ſeiner Gottloſigkeiten verurſachte, vorherrſchend war. Dies Ereigniß ſieigerte ihre Schwermuth und ſcha⸗ dete ihrer ſchon vurch vorhergehende Vorfaͤlle ſo ſehr 2 erſchutterten Geſundheit. Durch den Tod ihres Ge⸗ mahls wieder in den Beſis ihres Vermoͤgens geſetzt, eilte ſie, dem Lord Glenvarloch durch den Abſchluß der Verhandlungen uͤber die Ruͤckgabe ſeiner Guͤter, Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Allein der Schreiber, in Furcht geſetzt durch die letzten Ereig⸗ niſſe, hatte die Stadt verlaſſen, und hielt ſich ver⸗ borgen, ſo daß es unmoglich war, zu entdecken⸗ in weſſen Haͤnden die Papiere ſich dermalen befan⸗ den. Richard Moniplies ſchwieg aus beſondern Gruͤnden, und die Tempelgenoſſen, welche der Ver⸗ handlung als Zeugen beigewohnt hatten, bewahr⸗ ten auf ſeine Bitte das Geheimniß, ſo daß man allgemein glaubte, der Schreiber habe die ſich dar⸗ auf beziehenden Papiere mitgenommen. Der alte ehrenveſte Lord Huntinglen folgte mit Kolzer Haltung und thraͤnenloſen Augen dem Lei⸗ chenbegaͤngniſſe ſeines einzigen Sohnes; und die Thräne die beim Einſenken der Leiche auf den Sarg iel, galt minder dem Schickſal des Hingeſchiedenen⸗ als der Erloͤſchung des männlichen Stammes ſei⸗ ner Familie. 300 Dreizehntes Kapitel. So wie in andern irdiſchen Dingen, wechſelt die Mode auch in Novellen, wie die vorliegende. Es gab eine Zeit, wo der Novelliſt ſeine Geſchichte durch eine umſtaͤndliche Beſchreibung der Hochzeit und der Auswerfung des Strumpfbandes, als der großen Cataſtrophe, wohin er ſeinen Helden und ſeine Hel⸗ din durch ſo manche zweifelhafte und ſchwierige Um⸗ ſtaͤnde am Ende gluͤcklich geleitet hatte, aufzuwin⸗ den verpflichtet war. Kein Umſtand ward ausge⸗ laſſen, vom Liebesdrange des Brautigams und dem ſchamhaften Erroͤthen der Braut, bis zu des Prie⸗ ſters neuem Ornate, und dem ſeidnen Mantel der Brautjungfer herab. Allein ſolche Beſchreibungen werden in unſern Tagen beſeitigt; und zwar, wie ich vermuthe, aus dem nämlichen Grunde, weshalb öf⸗ fentliche Einſegnungen nicht mehr uͤblich ſind, und weshalb die Neuvermaͤhlten, anſtatt ihre Freunde zum ſeſtlichen Mahle und Tanze zuſammen zu bitten, in der Abgeſchiedenheit einer Poſtchaiſe ſo heimlich davon eilen, als ob ſie die Abſicht haͤtten, nach Grotna⸗Green*) zu reiſen, oder etwas noch ſchlim⸗ * Ein ſchottiſcher Grenzort, ſeit langer Zeit berüchtigt als Zu⸗ fucchtsort für entfü,rte Ehecandidatinnen und ihre Entfüh⸗ 301 — meres zu thun. Ich bin nicht undankbar gegen eine Abaͤnderung, welche dem Verſaſſer die Muͤhe eines vergeblichen Verſuchs erſpart, den abgedroſchenen Schilderungen ſolcher Gegenſtaͤnde ein neues Colo⸗ rit zu geben ʒ allein nichts deſtoweniger ſinde ich mich im gegenwaͤrtigen Falle hiezu genoͤthigt, ſo wie manch⸗ mal die Umſtaͤnde den Reiſenden zwingen, eine alte, ſeit langer Zeit nicht mehr gebrauchte Landſtraße ein⸗ zuſchlagen. Der erfahrne Leſer wird bereits bemerkt haben, daß das letzte Kapitel dazu benutzt ward, den Schluß der Geſchichte aller minder anziehenden Per⸗ ſonen unſers Drama's in der Kuͤrze mitzutheilen, um fuͤr eine luſtige Hochzeit Platz zu machen. Es wuͤrde in der That unverzeihlich ſeyn, uͤber eine Feſtlichkeit, die bei unſrer Hauptperſon, dem Koͤnig Jacob, ſo große Theilnahme erregte, hinweg⸗ zuſchluͤpfen. Dieſer gelehrte, gutherzige Monarch ſpielte in der europaͤiſchen Politik keine große Rolle; dagegen aber war er äußerſt geſchäſtig, wenn ihm eine angenehme Gelegenheit dargeboten ward, ſich in die Privatangelegenheiten ſeiner liebenden Unkerthanen einzumiſchen. So zeigte er auch für die nahende rer; wo ſe ſich ohne.. in den engiſchen Geſten lichen Förmlichkeiten. für eine unbebeutende Gebühr trauen iaſfen können;— ein unfug, gegen den man höbern Drts abſichtlich ein Auge zuzudrücken ſcheint. 2bn Vermählung des Lord Glenvarloch das höchſte Inte⸗ reſſe. Auch hatte die Schönheit und Verlegenheit der reizenden Marget Ramſay, als er ſie zuerſt ſah', auf ihn, der ſonſt fuͤr ſolche Regungen eben nicht em⸗ pfaͤnglich war, einen großen Ei ndruck gemacht, und er ruͤhmte ſich ſehr des Scharfſinns, den er in der Entdeckung ihrer Verkleidung und in der Leitung der ganzen dadurch veranlaßten Unterſuchung an den Tag gelegt hatte. Er war mehrere Wochen lang, waͤhrend Nigels Bewerbungen im Gange waren, aͤmſig beſchaͤftigt, mit eignen koͤniglichen Augen ſo ſorgfältig, daß er ſeiner Erklaͤrung nach, eine von ihers Vaters ſchoͤn⸗ ſten Brillen verbrauchte, alte Buͤcher und Urkunden durchzuſtudiren, um die Anſpruͤche der Braut auf eine altadeliche Abkunft zu begruͤnden, und dadurch den einzigen Einwand aus dem Wege zu raͤumen, den der Neid gegen die beabſichtigte Heirath machen konnte. Wenigſtens ſeiner Meinung nach gelang ihm dies vollkommen; denn als Sir Mungo Malagrow⸗ er es einſt im Audienzzimmer bitterlich zu klagen, daß der Braut ein Stammbaum fehle, tigte ihn der Monarch kurz ab, mit den Worten: Spart euer Bedauern fuͤr irgend eine andere Gele⸗ Senheit, Sir Mungo, denn bei unſter königlichen Seele! wir wollen gegen Jederman behaupten, daß David Ramſay ein alter Edelmann iſt, deſſen gro⸗ ——— ————— ßer Ahnherr aus dem alten kriegeriſchen Hauſe Dal⸗ wolſey abſtammt. Und Niemand hat fuͤr König und Vaterland je wuͤrdiger das Schwert gezogen, als die Zweige dieſes edlen Stammes; Niemand wird ſie jemals hierin uͤbertreffen. Hörtet ihr nie von Sir William Ramſay von Dalwolſey, von dem John Fordoun ſagte: Noch ſteht ſeine Veſte und zeugt fur ſich ſelbſt; ſie liegt drei Meilen von Dalkeith, kaum eine Meile von Bannock-rigg. Aus dieſem alten ehrenwerthen Hauſe ſtammt David Ramſay⸗ und gewiß hat er durch ſein jetziges Gewerbe ſeinen Ahnen keine Schande gemacht. Gleich ihnen, ar⸗ beitet er mit Stahl; nur mit dem Unterſchiede, daß die alten Ritter mit ihren Schwertern Loͤcher in die Warniſche ihrer Feinde bohrten, und er mit ſeiner Stahlſäge meſſingene Raͤder kerbt. Auch denke ich, iſts eben ſo ehrenvoll, den Blinden Augen zu geben⸗ als den Sehenden die ihrigen mit dem Schwerte aus⸗ zuſchlagen,— eben ſo ruhmvoll, uns den Werth der dahin eilenden Zeit deutlich zu zeigen, als ſie mit Trinken, Lärmen, Lanzenbrechen und ſolchen un⸗ chriſtlichen Dingen zu verſchwenden. Und ihr ſollt wiſſen, daß David Ramſay kein Handwerker iſt, ſon⸗ dern eine freie Kunſt treibt, die ſich faſt der Hervor⸗ bringung eines lebenden Weſens nähert; denn von einer Uhr kann man ſagen, was Claudius von der Himmelskugel des Spracuſers Archimedes ſagt: ————— * „Inclusus variis famulatur spiritus astris vivum certis motibus urget opus.“ vid zugleich mit dem Stammbaum auch ein Wappen zu verleihen,“ ſagte Sir Mungo. „Es iſt geſchehen, Sir Mungo,“ verſetzte der Koͤnig;„und ich denke doch, daß wir, die Quelle aller irdiſchen Ehre in unſern Reichen, die Freiheit haben, einige Ausfluſſe dieſer Machtvollkommenheit einem unſrer Diener zu Theil werden zu laſſen, ohne daruͤber zu beſchweren. Schon haben wir mit den gelehrten Mitgliedern des Heroldsamtes geredet, und den Vorſchlag gethan, des alten Ramſay väterliches Wappen als Auszeichnung mit einem Uhrrade zu vermehren, und die Symbole der Zeit und Ewigkeit als Schildhalter beizufügen. Nur tritt dabei noch die Schwierigkeit ein, daß der Wappenkonig noch nicht weiß, unter welchem Symbol er die Ewigkeit darſtellen ſoll.“ „Waͤre ich an ſeiner Stele,⸗ fiel der zufͤllig anweſende Hofnarr, Archie Armſtrong ein,„ich wollte ellen*).“ —— * Sn ſagt: es zieor nichts Neues unter der Sonne. Der ſchottiſchen Anführer unſerer Zeiten beigetegt if. Anm. d. Verf. „Ew. Majeſtaͤt thaͤte am beſten, dem alten Da⸗ daß der Ritter von Caſtle Girnigo ein Recht hat, ſich 3 die Ewigkeit noch einml ſo groß, als die Zeit dar⸗ 57 Leſer erhält hier eine Hriginal⸗Anekdote, die neuerlich einem 305 „Ruhig, Archie!“ zuͤrnte der Koͤnig;„du ſollſt fuͤr dieſen Wink ausgepeitſcht werden; und meine engliſchen Unterthanen moͤgen das, was ich ſagte, als Wink benutzen, um unſere ſchottiſchen Stamm⸗ baͤume nicht ſo zu belachen, wenn ſie gleich etwas weit hergeholt und ſchwierig zu beweiſen ſind. Ihr ſeht, daß ein Mann von aͤchtadeligem Blute auf eine Zeitlang ſeinen Adel ruhen laſſen, und dennoch wiſſen kann, wo er ihn zu finden hat, wenn die Ge⸗ legenheit es giebt. Fuͤr einen hauſtrenden Kraͤmer, — ein Gewerbe, welchem unſere ſchottiſchen Unter⸗ thanen vorzugsweiſe ergeben ſind, wuͤrde es unpaß⸗ lich ſeyn, denen, die ihm etwa ein Band oder ſonſt eine Kleinigkeit abkaufen, ſeinen Stammbaum vor⸗ zuhalten; ein Haudegen an der Seite und ein geſie⸗ derter Caſtorhut auf dem Kopſe, wuͤrde ſich bei dem Packen auf der Schulter ſehr ſchlecht ausnehmen. Nun wohl! Er legt Schwert und Federhut bei Seite, ſteckt den Stammbaum in die Taſche, und geht ſo ruhig dem Hauſirergewerbe nach, als ob ſein Blut nicht beſſer waͤre als Grabenwaſſer. Aber laßt unſern Tablettkräͤmer nur in einen reichen Kaufmann verwandelt werden, dann ſeht ihr eine Umwandlung, Mylords. In novas fert animas mutatas dicere formas. Er zieht ſeinen Stammbaum heraus, umguͤrtet ſich mit ſeinem Schwerte, buͤrſtet ſeinen Federhut⸗ und tritt aller Welt als Edelmann kuͤhn unter die Augen. Wir erwaͤhnen dieſer Dinge ausfuhulicher, weil wir euch kund thun wollten, daß wir nicht ohne Beruͤckſichtigung der Umſtände den Vorſatz gefaßt ha⸗ ben, vie Hochzeitsfeier des ko Glenvarloch mit Ma⸗ III. 20 306 gatethen Ramſay, der Tochter und Erbin David Ramſay's, unſeres Hofuhrmachers, im vritten Grade abſtammend von dem uralten Geſchlechte der Dal⸗ wolſey's, privatim mit unſerer koͤniglichen Gegen⸗ wart zu beehren. Wir bedauern, daß nicht auch die edlen Haͤupter jenes Hauſes bei der Ceremonie gegen⸗ waͤrtig ſeyn koͤnnen; wo aber auswaͤrts Ehre zu ge⸗ winnen iſt, ſindet man den Lord Dalwolſey ſelten daheim. Sic fuit, est, et erit.— Klingen⸗ der Goͤrge, da ihr das Hochzeitsfeſt auf eure Koſten ausrichtet, ſo erwarten wir eine gute Bewirthung.“ Heriot verbeugte ſich ehrerbietigſt. In der That hatte der Koͤnig, der in Kleinigkeiten ein großer Po⸗ litiker war, mit vieler Umſicht die Einrichtung ge⸗ troffen, den Prinzen und Buckingham mit einem beſondern Auftrage nach Newmarket zu ſchicken, um ſich in ihrer Abweſenheit ſeiner Neigung zum Schwa⸗ tzen und zu der alten Gewohnheit des Einkehr⸗ rechtes ungeſtoͤrt hingeben zu können,— einer Ge⸗ wohnheit, wogegen Carl, ein Freund der Formalitaͤ⸗ len, entſchiedenen Widerwillen hegte, und wofuͤr der Guͤnſtling Vorliebe zu heucheln, kuͤrzlich nicht mehr der Muͤhe werth gehalten hatte. Nach Endigung des Levers erfaßte Sir Mungo Malagrowther den ehrenwerthen Buͤrger im Schloßhofe, und hielt ihn feſt, trotz Heriots Anſtrengungen, ſich von ihm los⸗ zumachen.—„Dies iſt für euch eine große Laſt, Mei⸗ ſter Georg,“ ſo begann der Quaͤlgeiſt;„der Koͤnig muß dies nicht gehörig bedacht haben;— das Hoch⸗ zeitmahl wird euch eine ſchoͤne Summe Geldes koſten.“ „Es wird mir den Hals nicht brechen, Sir Mungo,“ erwiederte Heriot;„der Koͤnig iſt berech⸗ —— 307 tigt, den Tiſch, der durch ſeine gůtige Furſorge ſchon ſeit ſo vielen Jahren fuͤr mich gedeckt iſt, wenigſtens auf einen einzigen Tag auch fuͤr ſich gut gedeckt zu ſehen.“ 3 „Sehr wahr, ſehr wahr!— Nun ohne Zwei⸗ fel wird ſein ganzes Gefolge, mithin auch ich, ein Hochteitsgeſchenk zu entrichten haben;— es wird eine Art von Pfennigshochzeit werden, wo alle Gaſte zur Einrichtung des jungen Ehepaars mehr oder we⸗ niger beitragen, damit es nicht blutarm ins Ehebett kömmt. Was wollt ihr geben, Meiſter Heriot? Denn wenn vom Gelde und Geldeswerth die Rede iſt, ſo beginnen wir billig mit der City.“ „Nur eine Kleinigkeit, Sir Mungoz ich ſchenke meiner Pathin einen Trauring; ich kaufte ihn in Italien,— er gehoͤrte ehemals dem Cosmus von Medicis. Uebrigens bedarf die Braut nicht meiner Huͤlfe; ſie hat Vermogen von ihrem Großvater muͤt⸗ terlicher Seite geerbt.“ „Ah, von dem alten Seifenſieder,“ ſiel Sir Mungo ein;„es wird ein Theil der von ihm nach⸗ gelaſſenen Seife noͤthig ſeyn, den Flecken von Glen⸗ varlochs Wappenſchild abzuwaſchen; auch hoͤrte ich⸗ daß dieſes Vermoͤgen nicht betraͤchtlich iſt.“ „Es bringt wenigſtens eben ſo viel ein, als ge⸗ wiſſe Hofämter, die doch von Perſonen hohen Stan⸗ des ſehr angelegentlich geſucht Heriot. „Von Hofgunſt ſprecht ihr?“ fragte Sir Mungo, mißbrauchend ſeine Gehorſchwaͤche zum vorgeblichen Mißverſtehen;„Hofgunſt iſt Mondſchein im Waſſer⸗ Wenn das Alles iſt, womit ſie ausgeſtattet 20* 308 ſo bin ich in Wahrheit beſorgt fuͤr das Auskommen der jungen Leute.“ „Nun dann will ich euch ein Geheimniß anver⸗ trauen, welches euch dieſer zärtlichen Sorgfalt enthe⸗ ben wird. Die verwittwete Lady Dalgarno giebt der Braut ein angemeſſenes Vermoͤgen, und vermacht den Reſt deſſelben ihrem Vetter, dem Braͤutigam.“ „Ohne Zweifel um ihre Achtung fuͤr das Anden⸗ ken ihres im Grabe liegenden Gemahls zu beweiſen,“ verſetzte Sir Mungo.„Es iſt ein Gluͤck, daß ihr Vetter ihn nicht ſelbſt in die andere Welt ſchickte. Das iſt eine ſeltſame Geſchichte mit dem Tode des Lord Dalgarno;— einige glauben, der arme Mann habe großes Unrecht gehabt. Es kommt ſelten etwas Gutes heraus, wenn man die Tochter eines Hauſes heirathet, mit welchem man in Privatfehden befan⸗ gen war. Doch ich freue mich, daß die jungen Leute etwaß zu leben haben werden, ſey es von der Mild⸗ choͤtigkeit Anderer oder durch Erbſchaft; wenn aber auch Lady Dalgarno Alles verkauft was ſie hat, ſo kann ſie dennoch dem jungen Lord däs ſchoͤne Schloß Glenvarloch nicht wieder verſchaffen; das iſt auf im⸗ mer verloren.“ „Leider iſt das nur zu wahr,“ erwiederte Georg Heriot;„wir koͤnnen nicht herausbringen, wo der ſchaͤndliche Andres Skurliewhitter geblieben iſt, oder was Lord Dalgarno mit der durch ſeine Heirath auf ihn uͤbergegangenen Pfandverſchreibung angefangen vat.“ „Ohne Zweifel,“ bemerkte Sir Muns„hat er das ihm daraus zuſtehende Recht an Jemanden Metann, ſo daß ſeine Frau es nach ſeinem Tode * ——— 7 —— 309 nicht wieder erlangen kann; denn er wuͤrde ſich im Grabe umwenden, wenn es denkbar waͤre, daß Glen⸗ varloch wieder in dem Beſitz der väterlichen Guͤter käme. Verlaßt euch darauf, daß er ſichere Maaßre⸗ geln getroffen hat, dieſe ſchoͤne Baronie niemals wieder in die Haͤnde ſeiner Gattin oder ihres Vetters kommen zu laſſen.“ „Allerdings iſt dies nur zu wahrſcheinlich,“ er⸗ wiederte Heriot;„doch da ich noch Manches fuͤr die bevorſtehende Feſtlichkeit zu beſorgen habe, ſo muß ich euch verlaſſen, in der Hoffnung, daß ihr euch mit dem Inhalte eurer letzten Bemerkung troͤſten werdet.“ „Verſtehe ich recht, ſo iſt die Hochzeit am drei⸗ zehnten dieſes Monats?“ rief Sir Mungo dem Buͤr⸗ ger nach;„ich werde zu rechter Zeit bei euch ſeyn.“ „Der Koͤnig ladet die Gaͤſte ein,“ erwiederte Heriot, ohne ſich umzuſehen. „O! uͤber den ungezogenen Handwerksmann! ſprach Sir Mungo bei ſich ſelbſt;„haͤtte er mir nicht in der vorigen Woche die elenden zwanzig Pfund Sterling geliehen, ſo wollt' ich ihn lehren, wie man ſich gegen Leute von Stande zu benehmen hat, aber ihm zum Trotze, will ich doch bei der Hochzeit ſeyn.“ Wirklich wußte es Sir Mungo ſo einzurichten, daß er eingeladen, oder vielmehr vom Koͤnig beor⸗ dert ward, der Hochzeitfeier beizuwohnen, bei wel⸗ cher nur wenige Perſonen gegenwaͤrtig waren, denn Jacob liebte bei ſolchen Gelegenheiten eine kleine, trauliche Geſellſchaft, in der er die Laſt der koͤnigli⸗ chen Wuͤrde,— denn das war ſie fuͤr ihn,— ab⸗ werſen konnte. In dieſem kleinen Kreiſe fehlten we⸗ nigſtens zwei Perſonen, deren Gegenwart man er⸗ ——.- 31⁰0 warten konnte. Die eine war Lady Dalgarno, de⸗ ren ſchlechter Geſundheitszuſtand, verbunden mit dem erſt kuͤrſtlich erfolgten Tode ihres Gemahls, ſie hin⸗ derte, bei der Feſtlichkeit zu erſcheinen. Die andere war Richard Moniplies, deſſen Benehmen ſeit eini⸗ ger Zeit aͤußerſt geheimnißvoll geweſen war. In der Einrichtung ſeiner Auſwartung bei Nigeln hatte er lediglich ſeinen eignen Willen befolgt. Zwar war er ſeit dem Gefecht in Enſield⸗Chaſe jeden Morgen und Abend bei Nigeln erſchienen, um ihn an⸗ und auskleiden zu helfen; allein uͤber den Reſt des Tages hatte er nach Gefallen verfuͤgt⸗ ohne daß ſein Dienſt⸗ herr, der ohnehin jetzt eine vollzählige Dienerſchaft angenommen hatte, etwas dabei zu erinnern fand. Indeß war Nigel etwas neugierig, zu erfahren, wo⸗ mit Richard den ganzen Reſt ſeiner Zeit hinbringe; denn in dieſer Hinſicht war er ſehr zuruͤckhaltend. Am Morgen des Hochzeittages zeigte Moniplies die groͤßte Aufmerkſamkeit in der Anordnung des An⸗ zuges ſeines Gebieters, und leiſtete alle von einem Kammerdiener nur immer zu erwartende Dienſte, um die ausgezeichnet ſchoͤne Geſtalt des jungen Lords, im vortheilhafteſten Lichte darzuſtellen. Nachdem ihm dies nach Wunſch gelungen, und Nigels langes, gelocktes Haar mit der größten Sorgfalt geordnet war, ließ Richard ſich mit großem Ernſt auf ein Knie vor ihm nieder, kuͤßte ihm die Hand, ſagte ihm lebe⸗ wohl, und bat ehrfurchtsvoll, daß Sr. Lordſchaft die Gnade haben moge, ihn ſeiner Dienſte zu entlaſſen. „Was iſt dies einmal wieder fuͤr eine Grille?“ fragte Lord Glenvarloch;„wenn du auch meine + 34 Dienſte verlaſſen willſt, ſo wirſt du doch hoffentlich in die Dienſte meiner Frau treten.“ „Ich wuͤnſche, daß ſowohl Milady dls Ew. Lordſchaft zu ſeiner Zeit einen eben ſo guten Diener⸗ als ich bin, durch Aufnahme in eure Dienſte begluͤk⸗ ken werdet,“ verſetzte Richard;„allein das Schick⸗ ſal hat gewollt, daß ich in Zukunft nur auf dem Wege freundſchaftlicher Dienſtbefliſſenheit euer Die⸗ ner ſeyn kann.“ „Nun wohl, Richard; wenn du des Dienens muͤde biſt, ſo wollen wir dir irgend eine beſſere Ver⸗ ſorgung zu verſchaffen ſuchen; auf jeden Fall aber wirſt du mich doch in die Kirche begleiten, und das Hochzeitmahl mit uns theilen.“ „Haltet zu Gnaden, Mylord,“ antwortete Ri⸗ chard;„ich muß euch an unſte Uebereinkunft erin⸗ nern, und mich entſchuldigen, daß ich, abgehalten durch eigene dringende Geſchaͤfte, nicht bei der Cere⸗ monie gegenwärtig ſeyn kann; doch werde ich nicht er⸗ mangeln, mir Meiſter Georgs gute Bewirthung be⸗ reitwillig gefallen zu laſſen, in Betracht, daß es un⸗ dankbar ſeyn wuͤrde, an den Genuͤſſen, die er den Gaͤſten mit großem Koſtenaufwande bereitet hat, nicht Theil zu nehmen.“ „Mach' es wie du willſt,“ antwortete Lord Glen⸗ varloch, und mit einer fluͤchtigen Bemerkung uͤber die ſonderbaren Grillen ſeines Exkammerdieners, dachte er fuͤr jetzt nicht weiter daran, und wandte ſeine Ge⸗ danken auf andere ihm naͤher liegende Gegenfände des Tages. Wir muͤſſen es der Einbildungskraft des eſerz uͤberlaſſen, ſich den mit Blumen beſtreuten Pfad des 312 glůcklichen Paares zur Kirche, die lautſchallende, den Zug begleitende Muſik, die Trauungsceremonie, ver⸗ richtet durch einen Biſchof, und endlich den Koͤnig zu denken, der dem Brautpaare in der Paulskirche entgegen trat und die Braut dem Bräutigam zuführte, zur großen Erleichterung ihres Vaters, der dadurch Muße gewann, während der Ceremonie den Quv⸗ tienten zu berechnen, den er zur Verfertigung des Ge⸗ triebes einer eben damals in Arbeit habenden Uhr anzuwenden hatte. Nach Endigung der Feierlichkeit fuhr die Ge⸗ ſellſchaft in koͤniglichen Kutſchen nach Heriots Hauſe, wo ein glaͤnzendes Mahl ihrer in den ehemaligen Zimmern von St. Roch harrte. Kaum ſah ſich der Koͤnig in dieſer traulichen Zuruͤckgezogenheit, ſo legte er Degen und Gehenke mit ſolcher Haſt ab, als ob er ſich die Finger daran verbrannt hätte, und warf ſeinen Hut auf den Tiſch, als wollte er dadurch eine einſtweilige Entäußerung alles koͤniglichen Anſehns andeuten; dann leerte er raſch einen vollen Becher Wein auf das Wohl der Neuvermählten, und be⸗ gann hierauf im Zimmer umher zu gehen, etwas in den Bart zu brummen, zu lachen und Späßchen zu machen, die weder die witzigſten noch die zarteſten waren, von ihm ſelbſt aber durch lautes, frohliches Lachen applaudirt wurden, um die Geſellſchaft zu gleichem Ausdruck der Fröhlichkeit aufzumuntern. Mitten in dieſen Ausbruchen des königlichen Froh⸗ ſinns und waͤhrend Alles des Rufs zur Tafel gewär⸗ tig war, ward Heriot durch einen Bedienten, der ihm etwas ins Ohr fliſterte, aus dem Zimmer gerufen, als er wieder herein trat, ſagte er, dem König etwas — „ — 313 ins Ohr, woruͤber Jacob ſehr befremdet ſchien. „Er bedarf doch nicht etwa ſeines Geldes?“ fragte der Koͤnig, kurz abgebrochen und bedeutungsvoll. „Keinesweges, mein Koͤnig; dieſer Gegenſtand iſt ihm hochſ gleichgůltig, ſo lang es Ew. Majeſtät nicht ſelbſt gefällt, ihn wieder in Anregung zu bringen.“ „Beim Himmel!“ erwiederte der Koͤnig,„das iſt die Sprache eines braven Mannes und eines mich liebenden Unterthans; und daß wir ihn dafuͤr hal⸗ ten, ſoll er aus unſern Gnadenbeweiſen erkennen. Geſchwind! laßt ihn hereintreten pandite kores! Moniplies?— Man ſollte ihn Monypenuies“) genannt haben, wenn ich gleich wette, daß kein Eng⸗ länder glaubt, ein ſolcher Name koͤnne in Schottland eriſtiren.“ „Die Monypennies ſind ein uralter, ehrenwer⸗ ther Stamm,“ ſagte Sir Mungo Malagrowther; „ſchade nur, daß es ſo wenige dieſes Namens giebt!“ „Dieſe Familie ſcheint unter euren Landsleu⸗ ten, Sir Mungo, zahlreicher zu werden,“ bemerkte der von Nigeln eingeladene Loweſtoffe,„ ſeit Sr. Majeſtät gluͤcklichen Thronbeſteigung, ſo viele derſel⸗ ben zu uns fuͤhrt.“ „Sehr wahr Sir,“ erwiederte Sir Mungo, auf Heriot hindeutend;„einige unter uns haben es *) Wenn das engliſche Wort many nach ſchottiſcher Mundark mony ausgeſprochen wird, ſo würde die dem Könige in den Mund gelegte Namenvariante, ſo viel heißen, als:„Viel⸗ pfennig,“ ungefähr gleichgeltend mit dem in Deutſchland nicht ungewöhnlichen Anusdrucke Geldmann oder Thalermann; wo⸗ durch ſich denn des Königs Bemerkung, daß die Engländer. welche vekanntlich den Schotten allgemein ihre Dürftigkeit vorwerfen, dieſen Namen auf ihre Rachbarn unanwendbar fin: den würden, von ſelbſt erktärt. S 314 in Hinſicht ver Segnungen dieſer Familie ſogar den engliſchen Mitgliedern derſelben zuvorgethan.“ Bei dieſen Worten offnete ſich die Thuͤr, und zu Nigels groͤßtem Erſtaunen trat herein— ſein Erkam⸗ merdiener, Richard Moniplies, prachtvoll gekleidet im koſtbaren Brocat, und an der Hand fuhrend die lange, hagere, verwitterte Geſtalt der Martha Trap⸗ bois, angethan mit einem vollſtaͤndigen Anzuge von ſchwarzem Sammet, der ſo ſeltſam zu ihren blaſſen, ernſten und ſchwermuͤthigen Geſichtszugen paßte, daß der Koͤnig verwundert ausrief:„wer Teufel! iſt die Geſtalt, die der Menſch uns hieher gebracht hat? Mei⸗ ner Seel! es iſt eine Leiche, die in ihrem Sterbe⸗ kleide davon gelaufen iſt.“ „Mag ich Ew. Majeſtät allerunterthaͤnigſt bit⸗ ten, gegen dies Frauenzimmer gnaͤdig zu ſeyn, indem ſie zufolge der am heutigen Morgen vollzogenen heili⸗ gen Handlung meine angetraute Ehegenoſſin, mit Namen Miſtres Martha Moniplies iſt.“ „Meiner Seele! lieber Mann, ſie ſieht verzwei⸗ felt muͤrriſch aus;“ verſetzte Koͤnig Jacob.„Seyd ihr eurer Sache gewiß, daß ſie nicht etwa zu ihrer Zeit Chrendame bei unſerer Muhme, der Koͤnigin Maria, flammenden Andenkens*) geweſen iſt?“ „Ew. Majeſtät halten zu Gnaden, ich bin mei⸗ ner Sache gewiß, daß ſie mir über funßzigtauſend Pfund Sterling zugebracht und mich dadurch in den Stand geſetzt hat, Ew. Majeſtäͤt und andern Leuten gefaͤllig zu ſeyn.“ *) Jeder Leſer, der ſich aus der Geſchichte der bigotten Maria der zahlreich lodernden Scheiterhaufen erinnert, die unter ih⸗ rer Regierung an der Tagesordnung waren, wird dies Epithet eben ſo verſtandlich als paſſend finden. d. u. —— „Ihr hattet aber nicht noͤthig gehabt, davon zu reden,“ ſagte der König;„wir kennen unſre Ver⸗ bindlichkeiten in dieſer kleinen Angelegenheit, und freuen uns, daß eure Ehefrau ihre Schaͤtze einem Manne zugebracht hat, der ſie zum Beſten ſeines Mo⸗ narchen und ſeines Vaterlandes zu gebrauchen weiß. Aber wie Teufel! kommt ihr zu dieſer Frau?“ „Um auf gut ſchottiſch zu reden, mein Koͤnig, ſo habe ich ſie mir durch die Schaͤrfe meines Schwer⸗ tes erkaͤmpft,“ antwortete Moniplies.„Wir hatten den Vertrag geſchloſſen, daß ſie mich heirathen ſolle, wenn ich ihres Vaters Tod raͤchte;— ich toͤdtete den Moͤrder, und erkämpfte mir dadurch ihren Beſitz.“ „Sie iſ die Tochter des alten Trapbois,“ ſiel Loweſtoffe ein.„Aber wie konntet ihr ſie ſo feſt ein⸗ ſchließen, Richard?“ „Nennt mich in Zukunft gefälligſt Meiſter Ri⸗ chard, oder wenn ihr lieber wollt, Meiſter Richard Moniplies,“ entgegnete der neugebackne Geldmann. „Was das Einſchließen anbelangt, ſo that ich weiter nichts, als daß ich ihr im Hauſe eines ehrenwerthen Landsmannes einen ſichern und anſtaͤndigen Zufluchts⸗ ort verſchaffte; und was die Geheimhaltung ihres Aufenthalts betrifft, ſo war dies eine Maßregel der Klugheit, ſo lange noch muthwillige junge Leute, wie ihr, Meiſter Loweſtoffe, umherſchwaͤrmten.“ Alles lachte uͤber Richards hochſinnige Antwort, nur nicht ſeine Gattin, die ihm ihre Ungeduld vurch Zeichen zu erkennen gab, und mit ihrer gewöhnlichen, ernſten Kuͤrze ihm zurief: Ruhe! Ruhe! Ich bitte euch, laßt uns das Vorhaben ausfuͤhren, weshalb wir hieher kamen.“ Mit dieſen Worken iog ſie ein 316 Buͤndel pergamentner Urkunden hervor und uͤbergab ſie den Lord Glenvarloch mit folgender lautgeſproche⸗ ner Erklärung:„Se. königl. Majeſtät und alle hier Anweſende rufe ich zu Zeugen, daß ich die eingeloͤſ'te Baronie Glenvarloch, hiemit ihrem rechtmaͤßigen Ei⸗ genthuͤmer, ſo frei als ſie je von einem ſeiner Vor⸗ fahren beſeſſen ward, zuruͤckgebe.“ „Ich war Zeuge der baaren Einloͤſung der Pfand⸗ verſchreibung,“ ſprach Loweſtoffe 5„doch ahnete ich nicht, in weſſen Namen der Loskauf geſchah.“ „Es that nicht Noth, daß ihr dies erſuhrt,“ he⸗ merkte Richard;„es wäre eben nicht klug von mir gehandelt geweſen, euch auf die Faͤhrte zu helfen.“ „Ruhe!“ wiederholte Miſtres Moniplies;„dies Papier,“ fuhr ſie fort, indem ſie Nigeln eine andere Schrift uͤberreichte,„ iſt ebenfalls euer Eigenthum.— Nehmt es hin; aber erſpart mir die Frage, wie es in meine Haͤnde kam?“ Der Koͤnig hatte ſich haſtig neben Nigeln geſtellt, während dieſer das Papier oͤffnete, und die Hand⸗ ſchrift erblickend, rief er aus:„Bei Gott! es iſt die ſo lange verlorne, von uns unkerzeichnete und unter⸗ ſiegelte Anweiſung an unſre Schatzkammer. Wie kam ſie in eure Haͤnde, Miſtres?“ „Das iſt ein Geheimniß,⸗ erwiederte Martha trocken. „Ein Geheimniß, welches nie uͤber meine Zunge kommen ſoll,“ ſil Richard mit Entſchloſſenheit ein; „es waͤre denn, daß Se. Majeſtät mir bei meiner Un⸗ terthanenpflicht beföhle, es zu ſagen.“ „Ich befehle es euch;“ ſprach Jacob, zitternd und ſtammelnd vor ungeduldiger Neug'er, waͤhrend Sir Mungo, voll boshaften Verlangens, dieſem Geheim⸗ . —6 317 niß auf den Grund zu kommen, ſeine lange, hagere Ge⸗ ſtalt, gleich einer gekruͤmmten Angelruthe vorwaͤrts bog, ſeine duͤnnen, grauen Locken hinters Ohr ſtrich und die Hand daran hielt, um jede Vibration des Gehoͤrorgans bei Mittheilung der erſehnten Kunde aufzufangen. Im⸗ mittelſt warf Martha ihrem Richard finſtere, Unheil dro⸗ hende Blicke zu, wodurch jedoch Letzterer ſich nicht abhal⸗ ten ließ, den Koͤnig unerſchrocken in Kenntniß zu ſetzen: 8 daß ſein verſtorbener Schwiegervater, im Ganzen ein guter, ſorgſamer Mann, eine Art von Wißbegierde ge⸗ habt habe, die mitunter der Rechtlichkeit ſelnes Wan⸗ dels nachtheilig geweſen ſey; er habe naͤmlich eine große Neigung gehabt, in ſeiner Nachbarn Habe herumzu⸗ wuͤhlen, bei welcher Gelegenheit denn manchmal etwas davon an ſeinen Fingern hängen geblieben ſey.“ „Schaͤme dich!“ fiel Martha ein;„nun, weil doch das Schaͤndliche der Handlung dargelegt werden muß, ſo ſoll es wenigſtens in der Kuͤrze geſchehen. Ja Mylord,“ fuͤgte ſie, zu Nigeln ſich wendend, hinzu, „das Goldſtuͤck war nicht die einzige Lockſpeiſe, die den ungluͤcklichen Alten in jener Schreckensnacht in euer Zimmer fuͤhrte,— ſein Zweck, den er auch er⸗ reichte, war die Entwendung dieſes Papieres. Der ſchaͤndliche Schreiber war am Morgen jenes Tages bei ihm geweſen, und ich zweifle nicht, daß er es war, der den faſelnden Alten zu dieſer ſchlechten Handlung verleitet hatte, um die Einloͤſung eurer Guͤter zu hin⸗ dern. Wenn ein noch maͤchtigerer Agent im Hinter⸗ grunde dieſes Complotts ſtand, ſo wolle Gott es ihm, in dieſem Augenblicke vergeben.“ „Amen!“ rief Nigel und alle Rneſend wie⸗ derholten den Ausruf. 318 „Was meinen Vater betrifft,“ fuhr ſte mit un⸗ willkuͤrlichem convulſiviſchen Zucken ihrer finſtern Ge⸗ ſichtszuge fort,„ſo koſtet ihm ſeine Strafbarkeit und Thorheit das Leben; denn ich bin feſt uͤberzeugt, daß der Boͤſewicht, der ihm an jenen Morgen den Rath gab, das Papier zu entwenden, das Fenſter entrie⸗ gelte, durch welches die Moͤrder eindrangen.“ Alles ſchwieg auf einen Augenblick; der Koͤnig brach zuerſt das Stillſchweigen durch den Befehl, un⸗ verzuͤglich dem ſchaͤndlichen Schreiber nachzuſpuͤren. „1, Lictor,“ ſo ſchloß er ſeinen Befehl,„co1- lega manus,— caput obnubite,— in- Felici suspendite arbori.“ Loweſtoffe bemerkte ehrſurchtsvoll, daß der Schrei⸗ ber ſeit der Ermordung des Lord Dalgarno ver⸗ ſchwunden, und ſeitdem nichts weiter von ihm gehoͤrt worden ſey. „Laßt ihn aufſuchen!“ wiederholte der Koͤnigz „und jetzt wollen wir von etwas Anderem reden. Bei ſolchen Geſchichten draͤngt ſich das Blut zum Her⸗ zen; ſie taugen keinesweges fuͤr ein Hochzeitsfeſt; o Hy⸗ men vergieb uns! Nun Lord Glenvarloch, was ſagt ihr zu dieſer guten Miſtres Moniplies, die euch an eurem Hochzeitstage euer väterliches Erbgut zuruͤckbringt?“ „kaßt ihn nichts ſagen, mein Koͤnig,“ fiel Martha ein;„dies wird ſeinen und meinen Gefuͤhlen am beſten zuſagen.“ „Wenigſtens muß ich die Einloſungsſumme zu⸗ ruͤckbezahlen;“ verſetzte Lord Glenvarlochz„hierin kann ich nicht Schuldner bleiben.“ „Wir wollen nachher davon reden,“ ſagte Mar⸗ tha;„mein Schuldner koͤnnt ihr niemals ſeyn.“ —————— 319 Bei dieſen Worten verſtummte ſie, als ob ſie entſchloſ⸗ ſen waͤre, nichts weiter uber dieſen Gegenſtand zu reden. Sir Mungo aber, eben ſo feſt entſchloſſen, ihn nicht fahren zu laſſen und das augenblickliche Still⸗ ſchweigen zu benutzen, ſagte zu Richard:„die Ge⸗ ſchichte mit eurem Schwiegervater iſt doch hoͤchſt ſon⸗ derbar, mein guter Mann; mich duͤnkt, eure Frau ſchien es euch eben nicht Dank zu wiſſen, daß ihr ſie offenbartet.“ „Ich hab es mir zur Regel gemacht,“ erwiederte Ri⸗ chard,„von meinerFamilie jederzeit alles Böſe zu reden, was ich von ihr weiß/ weil ich bemerkt habe, daß, wenn ich es nicht thue, es unfehlbar von Andern geſchieht.“ „Aber Richard,“ bemerkte Sir Mungo,„es ſcheint mir, daß ihr in eurem Eheſtande wahrſcheinlich unter dem Pantoffel eurer Frau ſtehn werdet.“. „Wenn es bei Worten bleibt, Sir Mungo, ſo doanke ich Gott, daß ich ſo taub ſeyn kann, als irgend jemand auf der Welt; und kommt es zu Thaͤtlichkei⸗ ten, ſo weiß ich die Kraſt meines Arms zu gebrauchen.“ „Wohl geſprochen, Richard,“ ſagte der Koͤnigz „Traun! Miſtreß Moniplies, fuͤr einen Narren hat euer guter Mann recht huͤbſche Einfälle.“ „Sire,“ erwiederte die Neuvermaͤhlte,„es giebt Narren die witzig ſind, und Narren die große Herzhaf⸗ tigkeit beſitzen, und dennoch große Narren ſind und blei⸗ ben. Ich wählte dieſen Mann, weil er mein Beſchuͤt⸗ zer war, als ich mich von aller Welt verlaſſen fuͤhlte, und weder um ſeines Witzes noch um ſeiner Weisheit willen. Er iſt ein wahrhaft rechtlicher Mann, deſſen Herz und Hand fur einige Thorheiten Erſatz gewaͤhren, Da ich dazu verdammt war, in der ganzen Welt, die 32⁰ fur mich eine Wildniß iſt, mir einen Beſchutzer zu ſu⸗ chen, ſo kann ich Gott danken, daß ich an keinen ſchlim⸗ meren E bin.“ „Das iſt ſo vernuͤnftig geſprochen, daß ich meiner Seel' verſuchen will, ob ich nicht etwas Beſſeres aus ihm machen kann. Kniet nieder, Richard!— Leihe mir doch jemand einen Degen;— gebt mir euren, Mſtr. Langstuffz lein ſchoͤner Name fur einen Juriſten]*). Ihr braucht das Schwert nicht ſo blinken zu laſſen⸗ nach der Weiſe der Tempelgenoſſen, wenn ſie einen Gerichtsdiener in Schrecken ſetzen wollen.“. Koͤnig Jacob nahm das entbloͤßte Schwert, und mit abgewandten Augen,(denn bekanntlich war er kein Liebhaber vom Anblick des blanken Stahles) ver⸗ ſuchte er, es auf Richard s Schulter zu legen. Doch beinahe hätte er ihn in's Auge geſtoßen; Richard fuhr zuruͤck, und verſuchte aufzuſtehn, ward aber von Lo⸗ weſtoffe zuruͤckgehalten, während Sir Mungo des Kö⸗ nigs Schwert leitete, ſo, daß der Monarch den Rit⸗ terſchlag vollzog, wobei er dem Erhoͤhten die feierli⸗ chen Worte zurief: Surge carnifen! Steh auf, Sir Richard Moniplies von Cäſtle⸗Cöl⸗ lop!**) Und nun, Mhlords, und ihr, meine andern getreuen Unterthanen, laßt uns ſaͤmmtlich zur Tafel gehen, denn der Hahn mit der Lauchbruͤhe wird kalt. E n. n6 . — *) eine Namenvariante, die auf die Weitſchweifigkeit ſten anſpielt. d. **) Komiſcher wird der Titel des neuen Ritters im ie durch die Bedeutung des Wortes Gollop,— Kälber⸗ ſchnitts— ein Lieblingsgericht der Schotten. d. U. —————— i m S. 6 3. 9 — 33— 12 — 84— 12 — 104— 11 — 136— 6 — 148— 6 — 151— 5 — 169— 5 — 179— 5 — 184— 12 — 223— 8 ——— 11 — 224— 5 — à50—* — 258— 7 — 253— 10 — 58— 14 — 260— 6 Druckſehler —— E 1 1. ſt. Mys Lady— Mylady —— dem— den —— euch— dir —— ich frage Henker— ich frage ven Senker —— Beſitzers— Beſitzes —— die beiden— den beiden v. u. l. ſt. uns— und v. u. k. ſt. chmidts— ſchmidts l. ſt. ſo nennen eine— ſo nennen ſie eine muß nach wahrſcheinlich— ihr und, weofallen 1. ſt. us fallor— ni fallor, und —— sucessor— successor v. u. l. ſt. Exeten— Epeter v. u. l. ſt. ſeuzend— ſeufzend 1. ſt. hatte— habe —— meine— meiner —— ernſten— erſten —— ihrem— ihren — 375— 13—— Jene— Jener. Im S. v 3. 14 ——— 13 v. u. — vI—1⁴ —— zweiten Bande. l. ft. Gehurtsland— Geburtsland 1. ſt. den Befinden— dem Befinden⸗ l. ſt. unwiderſtehler-— unwiderſtehlicher — 113— 4 v. u. 1. ſt. Auctorität— Autorität — 23— 61. ſt. vom groben— von grobem ſ nd m — 148— sv. u. 1 ſ. abboſagten— obbeſagten 322 —————— S. 05 Z. 9. ſt. einen Hrhofd— ein Drhofd — 09— 10—— dem— den — 256— 6 b. u. k. R. eine— einen — i. ſi. bezeugen— bezeigen. — Im dritten Bande. S. 3 3. 6 t. ſt. Möders— Wörders —*5— 12 v. u. I. ſi. zwölfrudrichen— zwölfrudrigen — 57— 5 b. u. l. ſt. ihn— ihr — 6— in der Anmerkung, 1. ſt. Fichſche— Fiſche — 205— 6 1. ſt. Gnade— Gnaden — 16— 4 v. u. muß einmal der weafallen „ b. u. I. ß. berichtigte= berüchtigte 1. F. wir— wie 5 — 76— b. u. I. f. ſtämmichen— ſtämmigen ——. u. l. ſi. Grotna— Gretna — 514— 6. K. im kofibaren— in koſtbarem I. ſi. den= dem —— — ſ 6 8 9 10 11 2 13 14 9 . 5 „ 3 d 3 — —