Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſehedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die S ſteht zur Em⸗ 6 pfangnahme und der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet witd. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt 3. 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M 5 P 2 Pf. „3. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher tli mit Ku Ladenpreis erſe brene oder vefecte Buch ein e er Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ —— S Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ind Zuräckſendung PFigels Schickſale, Novelle von W ah ter S eo 1. Frei nach dem Engliſchen, . mit Anmerkungen, von . 3 3 weiter Band. e 5 bei Friedrich Ludwig Herbig. 8 2 2 . ſten brittiſchen Zeitſchriften erhobenen, und von Zeit zu Zeit Einleitungsepiſtel. Capitain Clutterbuck an Se. Ehrwürden, den Herrn Doctor Dryasduſt.*) Werthgeſchaͤtzter Herr! Gen genehmige und erwiedere ich die Hoͤflichkeiten, womit Sir mich in Ihrem verbindlichen Schrriben bechrt *) Bekanntlich macht ſich Sir Walther Scott ſchon ſeit einiger Zeit einen Scherz daraus, ſein Publikum in einiger Ungewißheit zu erhalten, ob er von den ihm allgemein und ohne beſtimmten Widerſpruch von ſeiner Seite zugeſchriebenen Novellen, denen er niemals auf dem Titel ſeinen Namen vorſetzt, der alleinige Verfaſſer ſey, oder vb ſie, wenigſtens zum Theil nach ſeinemPlan, unter ſeiner Leitung und unter ſeinen Augen, von Andern aus⸗ gearbeitet werden. Er ſcheint ſich an den darnber in den geleſen⸗ erneuerten Debatten, die ſich ſogar auf die Errathung der Per⸗ ſonen ſeiner vorgeblichen Mitäarbeiter erſtrecken, zu ergötzen, und ſie ebſichtlich anzuſchüren; ohne Zweifel, weil er im Herzen diejenigen belacht, die blos auf den Grund einer, bei einem Manne von Scotts Beri mtheit in anderen ernſtes ren Fächern der Literatur ſehr vegreiflichen Quaſi⸗Anonymität jene unwahrſcheinlichen durch rauſend Umſtände widerligten Conjecturen ins Publikum prachten. Das nachſtehende, großentheils ſaty e Schreiben verbihdet ſichtlich dieſen den Geſichtspunkt feſtzuſtelen, aus dem man„ ſale“ im Vergleich mit einigen ſeiner vorhergeh c en zu betrachten hat, und mit der witzig er dieſelben laut Bewordenen Kritiken. anche Loealfatyren und andere Bezte⸗ hungen können nur denen, welche regelmäßig brittiſche Literaturblätter leſen und mit den angezogenen frühern No⸗ vellen des Verf. vertraut ganz verſtändlich ſeyn. Das Weſenkliche wird ſcheinkich jeder Leſer ſich keicht herausnehmen k6 ndig erklärende Anmer⸗ kungen würden an umfange den Text dieſer Eingangsepiſter bei weitem überſteigen⸗ Anmerk. d. U⸗ 1 ⁵ 3 4 LV haben, und ganz ſtimme ich mit Ihnen in das„quom bonum et jncundum“ ein. Wir koͤnnen uns in der That als Abkoͤmmlinge einer und der nämlichen Familte, oder nach der in unſerm Vaterlande uͤblichen Redensart, als Kinder eines Vaters betrachten; es bedurfte daher Ihrer— ſeits, ehrwuͤrdiger und werthgeſchatzter Herr, keiner Entſchuldigung, daß Sie mich um einige Nachricht uͤber den Gegenſtand Ihrer Reugier erſuchen. Unſere Zu⸗ ſammenkunft, deren Sie erwaͤhnen, fand im letzt ver⸗ gangenen Winter ſtatt, und iſt meinem Gedächtniſſe ſo ſehr eingeprägt, daß ich keiner Muͤhe dedarf, mir alle ihre Einzelnheiten zuruͤck zu rufen. Sie wiſſen, daß mein Antheil än der Herausgabe des Romans: das Kloſter*) mir in unſerer ſchotti⸗ ſchen Hauptſtadt einigen literariſchen Ruf venſchafft hat. Jetzt ſtehe ich nicht mehr im Außenladen unſerer Buch⸗ handler, handelnd um Gegeüſtaͤnde meiner Neugierde mit Ladenburſchen, zwiſchen Maͤgden, die fuͤr einen Pfennig Papier, oder Schulbuben, welche Schreibe⸗ buͤcher kaufen; ſondern der Buchhaͤndler in eigener Per⸗ ſon heißt mich freundlich willkommen mit den Worten: „ich bitte, treten Sie naͤher, Herr Capitain;— Heda, ein Stuhl fuͤr den Herrn Capitain Clutterbuck!— Hier haben Sie die heutige Zeitung,— hier das neueſte Werk; ſchneiden Sie ohne Umſtaͤnde die Blaͤtter auf; hier iſt ein Meſſer, oder nehmen Sie es mit nach Hauſe; wollen Sie es behalten, ſo geben wir Ihnen den vollen Buchhaͤndler⸗Rabatt.“ Iſt es des Buchhaͤndlers eige⸗ ner Verlagsartikel, ſo heißt es wohl gar:„ich werde Ihnen doch nicht eine ſolche Kleinigkeit in Rechnung ſtellen. Haben Sie die Guͤte, des Buches gegen Ihre literariſchen Freunde zu erwahnen.“ Nicht zu gedenken der literariſchen Mahle bei einer auserleſenen Meerbutte, einer trefflichen Hammelskeule und Robert Cockburns beſten Weinen, um unſer Geſpraͤch uͤber alte Buͤcher oder unſere Pläne zu neuen zu beleben. Dies Alles ſind Senüſſe, die mir in groͤßter Vollkommenheit beſchie⸗ pf he Monastery. 7 ——— den ſind,— aufbewahrt den Freiſaſſen der Koͤrperſchaft der Wiſſenſchaften. Doch alles unter der Sonne iſt wandelbar; und mit nicht geringem Bedauern vermiſſe ich bei meinen jährlichen Beſuchen in der Hauptſtadt jetzt den herzlichen Willkommen von Seiten meines guͤtigen, aufgeweckten Freundes, der mich zuerſt beim Publitum eingefuͤhrt hat, — eines Mannes, der mehr natürlichen Verſtand hat, als nöthig waͤre, um ein Dutzend Schoͤnredner, und mehr aͤchte Laune, um das Gluͤck eben ſo viel Anderer zu machen. Zu dieſem großen Verluſte hat ſich,— hof⸗ fentlich nur vorübergehend,— der eines andern buch⸗ haͤndleriſchen Freundes geſellt, deſſen gefunder Verſtand und liberale Ibeen ſein Gehurtsland nicht nur zum Stas pelplatz der heimiſchen Literatur gemacht, ſondern auch dort ein wiſſenſchaftliches Tribunal geſtiftet hat, welches ſelbſt denen, die von viclen ſeiner Lehrſätze abweichen, Achtung gebieten muß. Die Wirkung dieſer Umwand⸗ lung, großentheils verurſacht durch den Scharfſinn und die ſchlauen Berechnungen eines Indipiduums, welches in einem unerwarteten Grade die verſchiedenen Arten von Talenten, welche ſein Geburtsland hervorbringt, zu benutzen wußte, werden wahrſcheinlich der naͤchſtfolgen⸗ den Generation in groͤßerer Klarheit anſchaulich werden, als der jetzigen.*) Ich ging in den Laden, im mich nach den Befin⸗ den meines würdigen Freundes zu erkundigen und ver⸗ nahm zu meiner großen Zufriedenhett, daß ſein Aufent⸗ halt in Suͤden die Symptome ſeines Uebelbefindens gemildert habe. Benutzend die oben angedeuteten Vor⸗ rechte, wanderte ich umher in jener dunkeln Zimmern, welche die ſtuben dieſes beruͤhmten 2 ich jedoch von einer önnklen ſhritt, gefuͤllt, theils mit jolchen, die ich für minder v. Labyrinth von engen, Reihe von Hinter⸗ ilden. Während Kammer zur andern fort⸗ n Bäaͤnden, theils mit ufliche neue Buͤcher hielt, konute ich mich nicht enthalten, mich von einem heilb⸗ *) Dhnt Zweifel das Edinburgh Rewis. d. ü⸗ 3 vx ——— gen Schauer ergriffen zu fuͤhlen, wenn ich an die Ge⸗ fahr dachte, mich irgend einem ceſtatiſchen Barden auf⸗ zudringen, der ſeiner poetiſchen Wuth den Zugel ſchie⸗ hen läßt; oder vielleicht auch einer Bande von Kritikern, beſchaͤftigt, das ſo eben erlegte Wild zu zerreißen. In der Vorausſetzung eines ſolchen Falls, fuͤhlte ich in Vor⸗ aus die Schrecken der hochländiſchen Seher, welche ver⸗ moge ihre Gabe der Deuteroscopie gensrhiget ſind, oft Dinge wahrzunehmen, ungeeignet fuͤr ſterbliche Au⸗ gen, und, um mit Collins zu reden: „Voll Perdruß und Wahnſinn herzlos ſiarren, Wenn ſie ſchau'n den Zug der, allen Andern Unſichtbaren Geiſter heimlich wirken.“ Bileichwohl zog mich ein unwiderſtehler Antrieb der keugier durch dieſe Folgereihe ſinſtrer Zimmer, bis ich gleich dem Juwelier von Delhi in dem Hauſe des Zau⸗ berers Bennaskar endlich eine gewölbte dem Geheimniß und dem Schweigen gewidmete Halle erreichte, und beim Schein einer Lampe, beſchaͤftigt, ein beflecktes kritiſches Zeitblatt zu leſen, die Perſon oder vielmehr das Schat⸗ tenbild des Verfaſſers vom„Waverley“ ſitzen ſah. Sie werden ſich nicht wundern uͤber den kindlichen Inſtinkt, der mich auf einmal in den Stand ſetzte, die Zuge dieſer ehrwuͤrdigen Erſcheinung zu erkennen; und der mich an⸗ trieb, ploͤtzlich die Knie zu beugen, mit dem claſſiſchen Grußer Salve maßne paréns! Die Erſcheinung unterbrach mich jedoch, indem ſie auf einen Stuhl deu⸗ tete und zu erkennen gab, daß meine Gegenwart nicht unerwattet ſey und daß ſie mir etwas zu ſagen habe. Demuͤthig gehorchend, ſetzte ich mich, und ſtrebte, mir die Zuͤge deſſen, mit dem ich mich jetzt ſo unerwartet zuſammen fand, zu metken. Doch kann ich in dieſer Hinſicht Ew. Ehrwuͤrden keine befriedigenden Auskunft geben, denn außer der Dunkelheit des Orts und dem aufgeregten Zuſtande meines Nervenſyſtems, fuͤhlte ich mich uͤberwältigt durch eine gewiſſe kindliche Scheu, wel⸗ che mich abhielt, mir dasjenige anzumerken, was die Er⸗ ſcheinung vermuthlich zu verhehlen am dringendſten „ In der That war ihre Geſtalt ſo dicht ver⸗ vRT huͤllt mit einem Mantel, Schlafrock oder irgend einem weiten Gewande, daß Spenſers bekannte Strophen„ auf ſie anwendbar geweſen ſeyn wuͤrden: „Kein menſchlich Weſen konnte unterſcheiden An Antlitz und 6 tatt, ob männiſchem, Db weiblichem Geſchlecht ſie angehöre.“ Ich muß jedoch fortfahren, wie ich begann, ſie in meiner Mittheilung zum maͤnnlichen Geſchlechte zu zäh⸗ len; denn obgleich ſehr ſcharfſinnige Gruͤnde, die in der That einem beſtimmten Beweiſe nicht unahnlich ſahen, angefuͤhrt ſind, um darzuthun, daß der„Wavkrley““ zwei talentvolle Damen zu Verfaſſerinnen habe, ſo ſtim⸗ me ich doch dem allgemeinerem Urtheil bei, daß dies Werk einen Mann zum Verfaſſer hahe. Die Schrift enthalt zu viele Dinge, „Quae maribus sola tribuuntur.“ als daß ich in dieſer Hinſicht zweifelhaft ſeyn könnte. Ich will vesſuchen, dasjenige, was zwiſchen uns vorging, in Form eines Zwieſprachs ſo genau als ich kann, zu berich⸗ tenz wobei ich nur bemerke, daß im Laufe des Geſprächs meine Furchtfamkeit allmalig der Vertraulichkeit ſeiner Mittheilungsweiſe wich, ſo daß ich am Ende, wie ich„ glaube, mit gebuͤhrendem Selbſtvertrauen disputirte. Verfaſſer des Waverle y. Ich wuͤnſchre Sie zu ſehen, Capitain Clutterbuck, als dasjenige Mitglied meiner Familie, welches ich ſeit dem Tode Jededia Cleishbothams am meiſten achte; ich fürchte, Ihnen einigermaßen Unrecht gethan zu haben, indem ich Ihnen ————— 1„das Kloſter“ als einen Theil meiner Ausfluͤſſe zuſchrieb. Ich haͤtte wohl Luſt, dies bei Ihnen dadurch wieder gut zu machen, daß ich Sie zum Pathen bei dieſem noch ungetauften Kindlein*) Chier deutete er mit dem Fin⸗ ger auf einen Probebogen) ernennte. Allein um wieder auf„das Kloſter“ zu kommen, was ſagt die Welt hieruͤber? Sie reiſen haufig im Lande umher, und koͤnnen Manches erfahren. — *) Rigels Schickſale. VI1T Capitain Clutterbuck. Die Frage iſt ver⸗ fänglich.— So viel iſt 6 gewiß, daß ich den Verleger nicht lagen hoͤrte. Verfaſſer. Dies iſt die Hauptſaches gleichwohl wird mirtelmäßiges Werk manchmal von denjenigen,* die eine Hetterge dafür haben, mit guͤnſtigem Winde fortbugſirt. Was ſagen die Rerenſenten? Capitain. Es ſcheint, daß die„weiße Frau“ im Ganzen kein Liehlin des Publicums iſt. Verfaſſer. Ich glaube ſelbſt; der Character iſt verfehlt, doch mehr in der Ausfuͤhrung als im Entwurf. Hatte ich einen esprit follet**) hervorzaubern koͤn⸗ nen,— zu gleicher Zeit phantaſtiſch und anziehend, lau⸗ niſch und zutherzig⸗— eine Art von griechiſchem Feuer der Elemente, gefeſſelt durch keine beſtimmten Geſetze oder Beweggruͤnde ſeiner Handlungen,— tren und lie⸗ bend, und dennoch ein unzuperlaͤſſiger Quaͤlgeiſt.— Capitain. Verzeihung, wenn ich unterbreche; Sht, dies iſt die Schilderung eines reizenden Zerfa ſſer. In der That, ich glaub' es ſelbſt. Ich muß meine Elementargeiſter mit etwas Fleiſch und „Blut bekleiden; ſonſt ſind ſie fuͤr den jetzigen Seſchmack. des Publicums zu zart gezeichnet. . Capitain. Auch wendet man ein, daß der Zweck Ihrer Nixe gleichförmig edler hätte ſeyn ſollen, und daß das Bad, was ſie dem Prieſter bereitete, eben kein Zeit⸗ vertreib war, wuͤrdig einer Najade. Ver faſſer. Man hätte bedenken ſollen, daß ſie im Grunde nur einer höheren Gattung von Kobolden 3 angehört, und ihr daher eine Reckerei nachgeſehen wer⸗— 5 den muß. Das Bad, welches Ariel, eines der zarteſten Geſchoͤpfe der Einbildungsktaft Shakeſpeares, dem Trin⸗ culo bereitet, duftete ebenfalls nicht nach Ambra und Roſenwaſſer. Doch Niemand ſoll von mir ſagen, daß ich gegen den Strom ſchwimme. Jedermann mag es wiſſen, daß ich für die Beluſtigung des Publicums *) voltetgeiſt, Sobeld. ₰ IX —— ſchreibe. Zwar werde ich nie durch Mittel, die ich fur unwuͤrdig halte, nach Popularität ſtreven; allein eben ſe wenig will ich in der Verthlidigung meiner Irrthuͤmer gegen die Stimme des Publicuns hartnackig ſeyn. Capitain. Sie verzichten alſo in dem jetzt die Preſſe ve laſſenden Werke(hiebet deutete ich auf den vor mir liegenden Probebogen) auf alles Myſtiſche, Ma⸗ giſche und auf das ganze Syſtem von Zeichen, Wundern und Vorbedeutungen? Kommen keine ahnun Träume, keine dunkle Anſpielungen auf kuͤnftige Eveig niſſe darin vor? Vevfäſſer. Durchaus nich Picken einer Todtenuhr im Ta vor Augen; ein iſt Capitain. Alſo tuͤrlich und w in natuͤrlic dem Laufe ei n. Soſh ſcheinlich, beginnt ſchoͤnen Stromes, entſp dunkeln ro tiſchen Grotte,— ſanft fortfließend, nie ſtockend, nie herabſtuͤrzend, oft gleichſam durch natuͤrli⸗ chen Inſtinet beſpulend alle anziehende Gegenſte Orte, welche er durchſtroͤmt,— ſich in ſeinem Laufe tereſſe, und endlich er⸗ lußlich e geich eim eſicheren chiffe aller 2 egel und Seegelſtangen Hafen, wo S einziehen? Verfaſſer. Was ſoll das Alles bedeuten? Wird's doch einen zweiten Herkules, der ich keinesweges bin, erfordern, eine Erzählung zu Tage zu foͤrdern, die auf ſolche Weiſe entſpränge, fortglitte, nie ſtockte, ſich erweiterte⸗ veptiefte, und was es ſonſi noch mehr war. Ich waͤrde läͤngſt im Grabe liegen, bevor ich eine ſolche Aufgabe löſen könnte; immittelſt wuͤrden alle witzigen Einfälle, die ich zur Unterhaltung meiner Leſer etwa ausgeſonnen haͤtte, ſo wie Sancho's Spaͤße, waͤhrend er bei ſeinem Gebieter in Ungnade war, verloren gegan⸗ gen ſeyn.— Rie, ſo lange die Welt ſteht, ward eine Novelle nach Ihrem Plane geſchrieben. L —— Capitain. Verzeihen Sie, Tom Jones.— Verfaſſer. Freilich wahr— und viclleicht eben⸗ falls Amelia. Fielbing hatte hohe Begtiffe von der Wuͤrde einer Kunſt, als deren Gruͤnder er angeſechen werden kann. Er machte eine Vergleichung zwiſchen der Novelle und dem epiſchen Gedichte. Smollet, le Sage und Andere, befreiten ſich von den ſtrengen Regeln, die er aufgeſtellt hatte, und ſchrieben Erzählungen der man⸗ nigfaltigen Abenteuer, welche einem Individuum in ſei⸗ nem Lebenslaufe ereignet waren, nicht aber Darſtellun⸗ gen, entworfen nach den Regeln der Epopäe, wo jeder Schritt uns der Schlußrataſtrophe um einen Punkt naͤher bringt. Dieſe großen Meiſter waren zufrieden, wenn ſie den Leſer in ih em Laufe angenehm unterhielten, und wenn auch der Schluß blos dadurch herbeigefuͤhrt ward, daß die Er⸗ zaͤhlung ein Ende haben mußte, ehen ſo wie der Reiſende im Gaſthofe abſteigt, weil es Abend iſt. Capitain. Eine ſehr bequeme Art zu reiſen, we⸗ nigſtens fur den Verfaſſer. Kurz, Sie ſind einer Mei⸗ nung mit Bayes;—„was Henker, bedeuten alle Plaͤne anders, als anziehende Dinge aufs Papier zu bringen?“ Verfaſſer. Angenommen, daß ich auch dieſer Meinung wäre, und daß ich mit Geiſt und Leben einige Scenen ungekuͤnſtelt und locker zuſammengeſetzt haͤtte, die jedoch hinreichendes Intereſſe darböten, um dem Ei⸗ nen körperliche Beſchwerden, einem Zweiten Seelenleiden lindern zu helfen, einem Dritten die von täglichen Be— rufsgeſchaͤften gefurchte Stien zu entrunzeln, im Gemuͤ⸗ the eines Vierten ſchlechte Gedanken dnrch beſſere zu er⸗ ſetzen, einen Muͤßigaͤnger zum Studium der Geſchichte ſeines Vaterlandes zu veranlaſſen, und uͤberhaupt in allen, nicht etwa ernſteren Pflichten gewidmeten Mo⸗ menten einen harmloſen Zeitvertreib zu gewaͤhren,— könnte nicht der Verfaſſer eines ſolchen Buches, ſo kunſt⸗ los es auch abgefaßt ſeyn mochte, zur Enſchuldigung ſei ner Jrrthuͤmer und Nachlaͤſſigkeiten das Nämliche anfuͤh⸗ ren, womit jener athenienſiſche Sclave, der fuͤr die Verbreitung einer falſchen Siegesnachricht beſtraft wer⸗ den ſollte, ſich entſchuldigte:„Sorll ich dafuͤr beſtraft —— 1 — werden, das ich euch, o ihr Achenienſer! einen glucklu chen Tag bereitete?“ Capitain. Wollen Sie mir erlauben, eine Anccdote von mäiner trefflichen Großmutter zu erzahlen? Verfaſſer. Welche Beziehung kann denn dieſe auf den vorlicgerden Gegenſtand haben? Capitain. Auf unſer Geſpräch uͤber Bayes Grundſaͤtze.— Die ſcharfſinnige alte Dame, ſeel. Andenkens, war eine große Freundin der Kirche, und konnte nie von einem ſtlichen Boͤſes reden hoͤren, me ſeine Partei zu nehmen. Gleich⸗ ohne mit großer We wohl gab es einen einzigen Punkt, der ſie auf der Stelle veranlaßte, die Partei ihres ehrwuͤrdigen Schuͤtzlings aufzugeben,— dies geſchah nämlich, ſobald ſie ver⸗ nahm, er habe gegen Verlaͤumder und Ohrenbläſer eine Straſpredigt gehalten. Verfaſſer. Und was hat dies mit unſerer Sa⸗ che zu thun? Capitain. Gerade eben ſo viel, als die Bemerz kung; daß ich von Ingenieurs den Gundſatz aͤußern ge⸗ hoͤrt habe: man verrathe dem Feinde die ſchwache Seite einer Feſtung, wenn man die Verſtärkung derſelben ihm zu ſehr zur Schan ſtelle. Oder ohne weitere Metapher; ich beſorge, dies neue Product, woran Ihre Großmuth mir einigen Antheil zu bewilligen geneigt iſt, werde einer großen Apologie beduͤrfen, da Sie es noͤthig glanben, Ihre Vertheidigung zu beginnen, bevor Sie noch daruͤ⸗ ber zur gerichtlichen Verantwortung gezogen ſind. Ich wette eine Pinte Claret, die Geſchichte iſt in der Eile zuſammen geſtoppelt. Verfaſſer. Ohne Zweifel wollen Sie ſagen: eine Pinte Portwein? Capitain. Ich ſage Claret,— guten Claret aus dem„Kloſter.“ Ach! wenn Sie nur den Rath Ihrer Frennde annehmen, und verſuchen wollten, wenig⸗ ſtens die Hälfte der oͤffentlichen Gunſt, die man Ihnen wi⸗ derfahren laßt, zu verdienen, ſo koͤnnten wir Alle To⸗ kaier trinken. XIT — Verfaſſer. Ich frage nichts darnach, was ich trinke, wenn nur der Trunk geſund iſt. Capitatn. So ſorgen Sie doch wenigſtens für Ihren Ruf. Verfaſſer. Meinen Ruf?— Ich will Ihnen eben ſo antworten wie ein ſinnreicher, geſchickter und er— fahrner Sachwalter, als er den berufenen Jem Mac Coul vertheidigte. Der Generalanwald legte großes Gewicht darauf, daß der Angeklagte ſich welgerte, ge⸗ wiſſe Frogen zu beantworten, die, wie er ſagte, Jeder⸗ mann, der nur einige Achtung fuͤr ſeinen guten Ruf hatte, zu beantworten kein Bedenken tragen wuͤrde. „Mein Client,“ ſagte der Sachwalter,„iſt ſo ungluck⸗ lich, keine Achtung für ſeinen Ruf zu haben und ich wuͤr⸗ de nicht mit der gehoͤrigen Offenherzigkeit gegen den Ge⸗ richeshof verfahren, wenn ich behaupten wollte, er habe irzend einen Ruf, der ſeiner Aufmerkſamkeit werth waͤ⸗ re“— Ich bin, obwohl aus ganz verſchiedenen Gruͤn⸗ den in Jem Mac⸗Couls gluͤcklichem Zuſtande der Gleich⸗ guͤligkeit. Möge der Ruf denen folgen, die eine koͤr⸗ perliche Geſtalt haben, ein Schatten,— und ein un— perſonlicher Verfaſſer iſt nichts weiter, als dies,— kann keinen Schatten werfen. Capitain. Sie ſind jetzt vielleicht nicht mehr ſo unperſönlich als zuvor. Die Briefe an ein Mitglied der Univerſitaͤt Oxford.— Verfaſſer. Zeigen den Witz, das Genie und das Zartgefuͤhl des Autors, welche ich von Herzen an einen wichtigeren Gegenſiand verwandt zu ſehen wuͤnſchte; ſie zeigen uͤberdies, daß die Beibehaltung meines Inco⸗ gnito früh ſchon Talente mit der Etoͤrterung eines ſeltſa⸗ men Beweisſatzes beſchäftigt haben. Allein eine Streit⸗ ſache, ſo ſinnreich ſie auch verfochten wird, iſt darum noch nicht gewonnen. Erinnern Sie ſich nur an die ſchoͤn⸗ verflochtene Kette artificieller Beweisgruͤnde, wodurch man die Anſpruͤche des Philipp Francis auf„Junius Briefe“ darthun wollte. Anfangs ſchienen Sie unwi⸗ derleglich; gleichwohl iſt ihr Einfluß auf die oͤffentliche Meinung jetzt ganz dahingeſchwunden und der Verfaſſer 3 „ —— xrIt jener Vriefe wüd fuͤr eben ſo unbekannt gehalten als jes mals. Ich will mich jedoch auf keine verleiten ſen uͤber dieſen Gegenſtand auch nur ein einziges W t mehr zu ſagen. Denn kund zu thun, wer ich nicht bin, wuͤrde ein Schritt ſeyn, zu offenbaten, wer ich bin. Ich werde daher auch ferner ſchweigen uͤber einen Gegenſtand, der meines Erachtens keinesweges des Aufhebens werth iſt, das man davon gemacht hat, und noch minder wuͤr— dig des Scharfſinnes, welchen der junge Briefſteliet dar⸗ uf verwandt hat. Aber zugegeben, daß Sie ſich nicht chen Ruf oder um den, irgend einer li— n, auf deren Schultern Ihre Fehler ge— nen, bekuͤmmern, ſo ſcheint es mir doch, ₰ it gegen das Publicum, ifnahm und gegen die Kriri⸗ e ſ milde behandelt wurden, Ihnen eit auferlege, grohere Muͤhe auf Ihre um Jh terariſchen waͤlzt w daß die welches E ker, vo Rovelle zu v erfaſſer. Ich bitte Sie, Herr Sohn mit Dr. b Johnſons Worten:„Entwoöhnen Sie ſich ſolcher Ge⸗ meinplatze.“ Denn die Recenſenten haben ihre Berufs⸗ pflichten und ich die meinigen; oder wie das Sprichwort Hollands Kindern Freude bringt, zu machen t Englands Kinder, zu zerbrechen.“ Ich bin zu ſehr beſchäftigt, ihnen Genuß zu bereiten, als daß mir noch Zeit uͤbrig bleiben ſollte, zu erwaͤgen, ob ſie das Ergebniß meiner Beſchaͤftigung genießen oder ver⸗ werfen werden.— Zum Publicum ſtehe ich ungefähr in dem nämlichen Verhaͤltniß als der Brieftraͤger zu den Empfaͤngern der Briefe. Enthalten ſie angenehme Nach⸗ richten von einer Geliebten,— einem abweſenden Sohne, oder gar eine Rimeſſe von einem bankerott geglaubten Lorreſpondentèn, ſo iſt der Brief willkommen, wird ge⸗ leſen, und nocheinmal geleſen, ſorgfältig gefaltet und im Buͤrcau aufbewahrt. Iſt hingegen der Inhalt unange⸗ nehm; iſt es z. B. ein Mahnbrief, ſo wird der Brief⸗ 6 XIV ſteller verwuͤnſcht, das Schreiben ins Feuer geworfen und die Ausgabe fuͤr Poſtgeid beklatzt; wogegen man in bei⸗ den Faͤllen ſo wenig an den Brieftrager denkt, als an den Schnee vom letzten Weihnachten. Die moglichſt große Austehnung des guten Vernehmens zwiſchen dein Autor und dem Publicum kann in Wahrheir nur darin beſtehen, daß die Welt geneigt iſt, etwas nachſichtig gegen die nach⸗ folgenden Werke eines vorheigen Lieblingsſchriftſtellers zu ſeyn, waͤte es auch bios aus Gewohnheit; wahrend der Verfaſſer von dem Geſchmacke derer, welche ſeinen fruͤ— heren Erzeugniſſen jo freigebig Betfall zollten, natuͤrlich eine gute Meinung hegt. Doch behaupte ich, daß keiner von beiden Theilen dem andern Dankbarkeit im eigentli⸗ chen Sinne des Worts ſchuldig iſt. Capitain. Selbſtachtung ſollte Sie dann wenig⸗ ſtens Vorſicht lehren. Verfaſſer. Ja, wenn Vorſicht die Ausſicht auf Erfolg ſteigern koͤnnte. Aber die Wahrheit zu geſtehn, gerade diejenigen Werke und einzelnen Stellen, worin ich den größten Erfolg gehabt habe, wurden am ſchnell⸗ ſten zu Papier gebracht; und wenn einige andere in Ver⸗ gleichung mit ihnen, weniger gelobt wurden, ſo waren es gerabe ſolche, die ich am ſorgfaͤltigſten ausgearbeitet hatte. Ueberdies bezweifle ich, daß zu langes Zoͤgern beides, fuͤr den Autor und das Publicum eine wohlthaͤtige Wirkung äußern köunte. Man muß das Eiſen ſchmieden weil es warm iſt, und die Segel ſpannen wenn der Wind guͤnſtig iſt. Wenn ein beliebter Autor nicht auf der Buͤhne bleibt, ſo nimmt ein Anderer augenblich ſeine Stelle ein. Liegt er zehn Jahre brach, ſo ſticht ihn ein Andrer aus; oder iſt das Zeitalter ſo arm an Genie, daß dies nicht der Fall iſt, ſo wird der eigne Ruf ſein groͤßtes Hinderniß. Das Publikum erwartet dann, daß das neue Weik zehnmal beſſet ſevn wird, als das Vorletzte; der Autor erwartet, daß es zehnmahl populärer ſeyn werde, und es iſt hun⸗ dert gegen eins zu wetten, daß Beide ſich taͤuſchen. Capitain. Dies kann einen gewiſſen Grad von Schnelligkeit in der Herausgabe rechtfertigen. Aber im⸗ mer gilt das Sprichwort: Eile mit Weile, und Sie —— + XV ſollten ſich wenigſtens Zeit nehmen Ihre Geſchichte zu ordnen. Verfaſſer. Das iſt ein kitzlicher Punkt bei mir; zwar bin ich nicht thoͤrigt genug geweſen, die gewoͤhnli⸗ chen Vorſichtsmaßregeln zu verabſäumen; wiederholt er⸗ wog ich das jetzt im Druck befindliche Werk, theilte es in Baͤnde und Capitel, und ſtrebte, eine Goſchichtser⸗ erzaͤhlung zu entwerfen, die ſich allmählich und auf eine anziehende Weiſe entwickeln, den Leſer in Spannung und Neugier erhalten und mit einer uͤberraſchenden Cataſtro⸗ phe enden ſolte; allein ich glaube ein Däͤmon bemaͤchtigt ſich meiner Feder, wenn ich zu ſchreiben beginne und lei⸗ tet ſie von meinem Vorſatze ab. Charaktere erweitern ſich unter meiner Hand, Epiſoden vervielfalligen ſich,—“ der Stoff der Geſchichte waͤchſt an,— mein regelmaͤßi⸗ ges Gebaude wird zu einem regelloſen gothiſchen Bau⸗ werke, ſo daß mein Buch ſchon die beabſichtigte Lange erreicht hat, bevor ich zu dem mir vorgeſetzten Endpunkte gelangt bin Capitain. Entſchloſſenheit und Selbſtuͤberwin⸗ dung kann dieſem Uebel vorbeugen. Verfaſſer. Ach mein Beſter! Sie kennen nicht die Macht der Vaterliebe.— Wenn mir ein Charakter vorkoͤmmt, wie z. B. Bailie Jatvie, oder Dalgetty ſo erhellet ſich meine Einbildungskraft und wird auf jedenm Schritte, den ich in ſeiner Geſellſchaft zhruͤcklege, klarer, wenn er mich gleich von den regelmaͤß'gen Wege ablenkt und mich noͤthigt, uͤber Hecken und Graͤben zu ſpringen um auf die Hauptſtraße zuruͤck zu kommen. Widerſteh ich der Verſuchung, wie Sie mir rathen, ſo werden meine Gedanken proſaiſch, flach und ſchwerfaͤllig; kurz, es kommt mir in ſolchen Faͤllen vor, als wär' ich bezanbert. Capitain. Nun wenn dem ſo iſt, ſo läßt ſich nichts weiter ſagen. Denn wen der Boͤſe treibt, der muß wohl gehen. Und dies, vermuth' ich iſt der Grund, weshalb Sie den Verſuch, für die Buͤhne zu arbeiten, wozu man Sie ſo oft bereden wollte, nicht gemacht haben. V erfaſſer. Ein hinreichender Grund, weshalb ich kein Schauſpiel ſchreibe, liegt darin„daß ich keinen FV Plan entwerfen kann. Aber die Wahrheit iſt, daß die Idee einiger zu guͤnſtiger Beurtheiler, als haͤtte ich eini⸗ ges Talent fuͤr dieſes Fach der Dichtkunſt, großentheils auf jene Fragmente alter Schauſpiele gegruͤndet iſt, die ich aus Quellen, welche für Andere unzuganglich ſind, ent⸗ lehnte und die ſie für das Ergebniß meines Mutterwitzes hielten. Die Beweiſe, wie ich zum Beſitz dieſer Frag⸗ mente kam, iſt ſo ſeltſam, daß ich mich nicht nthalten kann, ſie Ihnen mitzucheil Sie ſollen nämlich ß ich vor einigen zwan⸗ zig Jahren einen alten Freund in Worceſtershire beſuchte der mit mir unter den— Dragonern diente.. Capitain. Alſo haben Sie in Kriegsdienſten ge⸗ ſtanden Sir? 3 Verfaſſer. Ja,— oder Nein, was im Grunde auf eins hinauskommt,—„Herr Hauptmann“ iſt ein guter Titel auf Reiſen.— Ich fand meines Freundes Haus tnerwartet gedraͤngt voll von Gäſten und da ſeine Wohnnng ein alter Ritterſitz war, wo es ein Zimmer gab in welchem es ſpuckte, ſo ward ich, wie im ähnlichen Fällen, gewoͤhnlich mein Schickſal war, dazu verdammt, in dieſem Zimmer mein Auartiet zu nehmen. Ich habe, wie ein großer Schrifiſteller neuerer Zeit zu ſagen pflegte, zu viele Geiſter geſehen, um an ſie zu glauben; und uberlicß mich daher dem Schlafe, eingelullt vom Winde, welcher durch die Linden rauſchte, deren Zweige das durch die Fenſterflͤgel fallende Mondlicht vielgeſtaltet auf den Fußboden fallen ließen, als plötzlich ein größerer Schat⸗ ten ſich auf demſelben zeigte und ich eine weibliche Geſtalt in eiter runden Nachthäube, einer Kuchenſchuͤrze und Aermiln, die bis an den Elbogen aufgeſtreift waten, einen Kochloͤffel in einer und eine Streubüchſe in der andern Hand, erblickte. Natuͤrlich glaubte ich, es ſeh meines Freun⸗ des Koͤchin, die vielleicht eine Rachtwandlerin ſch; und da ich wußte, daß er einige Vorliecbe fur ſeine Sally hatte, die ſo gur als irgend eine Koͤchin in der ganzen Grafſchaft einen Pfannkuchen zu wenden wußte, ſo erhob ich mich vom Lager, um ſie ſicher bis an die Thuͤr zu geleiten. Al⸗ ijn als ſch ihr nahte, ſagte ſie:„alt Sir! ich bit XVII nicht dicjenige, wofuͤr Sie mich halten;“ dieſe Worte wuͤrden meine Aufmerkſamkeit eben nicht ſehr erregt ha⸗ ben, wären ſie nicht in einem ganz eigenthuͤmlichen hoh⸗ len Tone geſprochen worden.„So wiſſen Sie denn,“ ſagte ſie in demſelben uͤberirdiſchen Tone,„daß ich der Geiſt der Berty Barnes bin.“— Ha! dacht' ich, ohne Zweifel der namlichen, die ſich aus Liebe füͤr einen Po⸗ ſtillion erhing; nun dies iſt ein paßlicher Fleck zu ſo et⸗ was;—„jener ungluͤcklichen Betiy Barnes,“ führ ſie fort,„jener unglucklichen Köchin des Herrn Warburton, der die groͤßte, jemals betannte Sammlung alter Schau⸗ ſpiele zuſammenbrachte, aber ach! ſie nur zu ſchlecht be⸗ wahrte,— eine Sammlung von Schauſpielen, von de⸗ nen meiſtens nur die Titel uͤbrig geblieben ſind, um die Prolegomena zu den notis variorum zum Shakesprare zu vermannigfaleigen. Ja Fremder, es wareu dieſe un⸗ vände, welche die Dutzende kleiner Quartbaͤnde, die, wenn ſie jetzt noch exiſtirten, den ganzen Cluß von Rorburgh vor Frenden von Sinnen bringen wuͤrden, zu ſchmutzigen Kächenärbeiten misbräuchten, und die Hand⸗ ſchriften verlorengegangener Werke Beaumonts und Flet⸗ chers, Maſſingers, Johnſonsz, Webſters und ſogar Shakspeares zum Abſengen des Gofluͤgels den Flammen opferten.“ „Du nnachtſames Geſchoͤpf,“ ſo begann ich zu ſchel⸗ ten, als Betty, ſchwingend ihren Kochloffel, erwiederte: „Hutet euch, daß ihr nicht durch unzeitigen Zorn mir die noch uͤbrige Gelegenheit benehmt, die Welt fuͤr die Irrthuͤniet meiner Unwiſſenheit ſchadlos zu halten. Dort in jenem ſeit vielen Jahren nicht mehr gebrauchten Koh⸗ lenſpeicher befinden ſich noch einige beſchmutzte Fragmente der älteſten, nicht ganz verhichteten Schauſpiele— Aber warum ſehen Sie ſo verwundeit aus, Capi⸗ tani?„Auf Ehre,“ wie mein Freund der Major Long⸗ bow zu ſagen pflegt, es iſt Alles wahr; warum ſollte ich Ihnen auch Lügen erzählen? Capitatn. Lugen, Sir? Rein Gott bewahreé, daß ich dies Wort äuf eine ſo wahrheitsliebende Perſon anwenden ſollte. Sie ſind am heutigen Morgen in det —— —— 8 XVIIT Laune, Ihrer Einbilbungskraft freien Lauf zu laſſen, das iſt Alles. Waäre es aber nicht zweckmaͤßig, dieſe Legende als Einleitung zu einem Werke, etwa unrer dem Titel: „drei wiederaufgefundene alte Schaulpiele, zu ße⸗ Verfaſſer⸗ Sie haben Recht; Gewohnheit iſt ein ſeitſames Ding. Ich hatte vergeſſen, mit wem ich ſprach— Aber die Schauſpiele muͤßten mit der Be⸗ mel kung angekuͤndigt werden, baß ſie nur fuͤr die Lectuͤre, nicht fuͤr die Böhne beſtimmt ſeien. Capitain. Ganz in der Ordnung: dann könn⸗ ten Sie um ſo ſicherer ſeyn, daß ſie aufgefuͤhrt wer⸗ den*).—— Aber nun wieder auf Ihr neueſtes Er⸗ zeugniß) zuruͤckzukommen, ſind Sie entſchloſſen, bei Ihrem eig'n huͤmlichen Syſtem zu beharren? Sühlen Sie nicht, daß dieſer ſo raſch aufeinander folgenden Erſchei⸗ nung Ihrer Werke ein unwürdiger Beweggrund unter⸗ geſchoben werden kann? Man wird vorausſetzen, daß Sie bios des Gewinns halber arbeiten. 8 Verfafſer. Wenn man auch annimmt, daß ich die großen Vortheile, welche nothwendigerweiſe aus dem Erfolge in der Luerstur entſpringen muͤſſen, unter andern Beweggruͤnden meiner haͤufigen Erſcheinung vor dem Pu⸗ blikum mit in Auſchlag brachte, ſo iſt doch dieſer Nutzen das Eigebniß einer freiwilligen Abgabe, welche das Pu⸗ blikum fuͤr eine gewiſſe Gattung literariſchen Zeitvertrei⸗ bes entrichtet, die von Niemandem erpreßt, und wie ich vorausſetzen darf, nur, von denen, die ſie tragen koͤnnen, und eine ihnen genuͤgend ſcheinende Verguͤtung dafuͤr er⸗ halten, entrichtet wird. Wenn das durch meine Werke in Umlauf geſetzte Capital ſehr bedeutend war, ſo hat es nicht nur mir, ſondern Hunderten von Menſchen, vom 6) Eine Anſpielung auf Lord Byrons„Doge von Benedig,“ der bekannlich ungeachtet aller Proteſtationen des Verfaſſers gegen die Einführung ſeines Stücks auf die Bühne, dennoch gegeben ward, und wie Lord Byron vorausgeſagt hatte, des von der Direction gehofften Beifalls verfehlte⸗ d. U⸗ 3* Rigels Schickſale⸗ XK1R Papierfabrikanten an bis herab zu dem unterſten Buch⸗ druckerburſchen, der täglich ſeine funfzehn Pence verdient, Vortheil gebracht. Ich denke, unſer neues Athen iſt mir Verbindlichkeit ſchuldig, daß ich einer Manufacturarbeit ſo ausgedehnte Beſchaͤftigung gegeben habe; und wenn wirklich die allgemeine Stimmfuͤhrung*) Mode werden ſollte, ſo bin ich entſchloſſen, mich als Candidat zu einem Sitz im Unterhanſe als Stellvertreter ſammtlicher unge⸗ waſchenen Handwerker, deren Arbeiten auf Literatur Be⸗ zichung haben, zu melden.—— Trotz Adam Smith und ſeinen Anhaͤngern behaupte ich, daß ein Autor, deſ⸗ ſen literariſche Erzeugniſſe bedeutenden Erfolg haben, ein productiver Arbeiter iſt, und daß ſeine Werke ein eben ſo wirkſamer Theil des Nationalreichthums ſind, als das Ergebniß irgend eines andern Fabricats. Wenn eine neue Waare, die einen wirklichen innern, commerciellen Werth hat, das Reſultat der Operation iſt, warum ſind denn des Autors Buͤcherballen als ein minder gewinnvol⸗ ler Theil des Nationalvermoͤgens anzuſehen, als die Fa⸗ vricate anderer Manufacturiſten? Ich rede hier in Be⸗ ziehung auf die Verbreitung derjenigen Fonds und desje⸗ nigen Grades von Induſtrie, welche ſelbſt durch ein ſo unerhebliches Werk, wie das gegenwaͤrtige, angeſpornt und belohnt wird, bevor es noch des Verlegers Buchladen verlaͤßt. Ohne mich haͤtte es nicht exiſtiren koͤnnen; mit⸗ hin bin ich in dieſer Hinſicht ein Wohithäter meines Va⸗ terlandes. Was meinen eignen Gewinn betrifft, ſo er⸗ warb ich ihn durch meine Anſtrengung, und halte mich lediglich dem Himmel verantwortlich fuͤr die Art und Weiſe, wie ich ihn verwende. Der Redliche wird von mir erwarten, daß ich ihn nicht ganz zu ſelbſuͤchtigen Zwecken verbrauche, ſondern unter der Leitung des Him⸗ mels einen Theil deſſelben den Armen zuwende. Capitain. Gleichwohl wird es im Ganzen fuͤr erniedrigend gehalten, aus bloßer Liebe zum Gewinn Schriftſteller zu ſeyn⸗ d. U. * 4 *) Der bekannte Plan der Radical⸗Reformer, ——— Verfaſſer. Freilich wuͤrde es erniedrigend ſeyn, den Gewinn zum ausſchlieslichen, oder nur zum Haupt⸗ beweggrund literariſcher Thätigkeit zu machen. Ja, ich behaupte ſogar, daß kein Wert der Einbildungskraft, wel⸗ ches dirſem Beweggrunde ſeinen Urſprung verdankt, je⸗ mals Erfolg hatte, oder haben wird. So wird auch der Sachwalter, der Soldat, der Arzt, der Geiſtliche, der ſeinen Beruf ohne Eifer für die Würde deſſelben, und lediglich in Betracht ſeines Lohns treibt, hiedurch in die Claſſe gemeiner Handwerker herabgeſetzt. Deshalb be⸗ trachten auch wenigſtens zwei der gelehrten Fakultäten ihre Dienſtleiſtungen als unſchatzbar, und bezeichnen die Anerkennung derſelben, durch das Wort honorarium oder eine freiwillige Recognition. Mache aber ein Client oder Patient den Verſuch, die kleine Ceremonie des Ho⸗ norartuins zu unterlaſſen und ſehe dann, wie der gelehrte Herr ſeine Sache wahrnimmt. Eben ſo geht es auch mit literariſchen Emolumenten. Kein vernuͤnftiger Mann, ſo vornehm er auch ſeyn mag„haͤlt es, oder ſollte es un⸗ ter ſeiner Wurde halten, eine billige Vergutung ſeiner Zeit und einen rechtmaͤßigen Antheil des Capitals anzuneh⸗ men, deſſen Exiſtenz blos ſeiner Thatkraft zu verdanken iſt. Als der Czar Peter in den Laufgraͤben arbeitete, ließ er ſich den Sold des gemeinen Soldaten ausbezahlen: und die ausgezeichnetſten Edellente, Stnatsmaͤnner und Gottesgelehrten aller Zeiten, trugen kein Bedenken, ſich wegen der von ihnen herausgegebenen literariſchen Er⸗ zeugniſſe mit ihrem Buchhaͤndler zu berechnen. Capitain.(Singend:) unmöglich kann's was Schlechtes ſehn, Sonſt ging der Adel nicht d'rauf ein; und wenn es gar'ne Sünde wär', Liebt' es der Prieſter nicht ſo ſehr⸗ Verfaſſer. Sehr wahr, aber kein Mann von Ehre, Genie, oder Geiſt wird Liebe zum Gewinn zum auptſäͤchlichen, viel weniger zum einzigen Zweck ſeiner literariſchen Arbeiten machen. Was mich betrifft, ſo mißfaͤllt es mir keinesweges, dieſe Beſchaͤftigung gewinn⸗ XXT ——— voll zu finden ¹); doch ſo lange ich dem Publikum gefiele, wuͤrte ich wahrſcheinlich ohne allen Gewinn bloßes Ver⸗ gnuͤgens wegen, zu ſchreiben fortfahren; denn ſo ſehr als irgend Jemand habe ich jenen Bildungstrieb gefuͤhlt, der vielleicht der ſtaͤrkſte unter allen Inſtineten iſt, und den Autor zur Feder, ſo wie den Maler zur Palette treibt; und zwar oft ohne Ausſicht auf Ruhm oder Gewinn.— Vielleicht habe ich uber dieſen Gegenſtand zu viel geredet. Ich konnte mich vielleicht mit eben ſo vieler Wahrheit als die meiſten Andern von der Beſchuldigung der Gewinn⸗ ſucht losſprechen; allein ich bin um deshalb nicht ſo heuch⸗ leriſch geſinnt, die gewoͤhnlichen Beweggruͤnde abzuläug⸗ nen, welche die ganze mich umgebende Welt antreiben, ſelbſt mit Aufopferung vieler Bequemlichkeiten und Ge⸗ nuͤſſe, ja der Geſundheit und des Lebens ſich unabläſſig zu überarbeiten. Ich will mir daher keinesweges den Anſchein einer ſolchen Uneigennuͤtzigkeit geben, als jene von Goldſmith erwahnte Societät von Gentlemen, die bloß zum Vergnugen ihr ganzes Waaren⸗d kagazin, durch die Bank für ſechs Pence das Stück verkaufte. Capitain. Nur noch eins hab' ich zu bemerken. — Die Welt ſagt: Sie werden ſich bald ausſchreiben; der Stoff wird Ihnen ausgehen. Verfaſſer. Darin hat die Welt recht; und was denn? Wenn das Publikum aufhoͤrt, zu tanzen, ſo werde ich nicht laͤnger pfeifen; und es wird mir nicht an Denkzetteln fehlen, die den mich etwa betreffenden Schlagfluß mir in Erinnerung bringen. Capitain. Und was ſoll denn aus uns, Ihrer armen Familie, werden? Wir werden in Verachtung und Vergeſſenheit verſinken. Verfaſſer. Gleich manchem armen T det bereits mit einer ͤbergroßen Familie beläſtigt iſt, kann ich dennoch nicht umhin, ſie zu vergrößern. Es iſt mein Beruf.— Diejenigen unter euch, welche Vergeſſenheit ver⸗ *) Sehr begreiflich, wenn Scotts coloſſales Honorar für ſeine letzten Novellen, von engliſchen Blättern, woraus auch die deut⸗ ſchen Zeitungen den Belauf deſſelben nachgeſchrieben haben, richtig angegeben iſt. XXIT dienen,— vielleicht trifft es euch Alle— moͤgen vergeſſen wer⸗ den. Auf jeden Fall hat man euch zu eurer Zeit geleſen, wel⸗ ches mehr iſt als man von einigen eurer Zeitgenoſſen, die weniger Gluͤck und mehr Verdienſte hatten, ſagen kann. Sie koͤnnen nicht umhin, zu ſagen, daß ihr die Krone hattet. Was mich betrifft, ſo werde ich we⸗ nigſteus allemal den unfreiwilligen Tribut verdienen, wel⸗ chen Johnſon Churchill'n mit den Worten zollte:„Wenn hleich dieſes Menſchen Genie ein Baum ſey, welcher nur olzäpfel trage, ſo ſey er dennoch fruchtbringend und trage eine Fuͤlle von Fruͤchten.“ Es iſt doch keinesweges etwas Geringes, die oͤffentliche Aufmerkſamkeit ſieben Jahre beſchaͤftigt zu haben. Haͤtt' ich auch nichts ge⸗ ſchrieben als„Waverley“, ſo wuͤrde ich doch vermöge der eingefuͤhrten Phraſis:„der ſinnreiche Verfaſſer einer zu ſeiner Zeit ſehr bewunderten Novelle“ genannt wer⸗ den. Ich glaube, der Ruf des„Waverley“ wird ſehr unterſtützt durch die Lobpreiſungen derer, welche geneigt ſind, dieſe Novelle ihren Nachfolgerinnen vorzuziehen. Capitain. Sie ſind alſo geneigt, kuͤnftigen Ruf gegenwärtiger Popularitaͤt vorzuziehen? Verfaſfer. Meliora spero. Selbſt Horaz erwartete nicht, in allen ſeinen Werken fortzuleben. Ich darf hoffen, der Ruf einiger von den meinigen werde auf die Nachwelt uͤbergehen;— non omnis moriar- Es liegt etwas Tröſtendes in dem Gedanken, daß die be⸗ ſten Schriftſteller aller Laͤnder die baͤndereichſten waren; und oft hat es ſich zugetragen, daß diejenigen, welche zu ihrer Zeit am beſten aufgenommen wurden, auch der Nachwelt gefielen. Ich denke nicht ſo ſchlecht von der gegenwärtigen Generation, um zu vermuthen, daß ihre Gunſt den Tadel der Nachwelt nothwendig in ſich faſſe. Capitain. Wenn Alle nach ſolchen Grundſaͤtzen handelten, ſo wuͤrde das Publikum uͤberſchwemmt werden. Verfaſſer. Sie ſprechen, als ob das Publicum blos deswegen genoͤthigt wäre, Buͤcher zu leſen, weil ſie gedruckt ſind;— Ihre Freunde, die Buchhaͤndler, wuͤrden es Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie dieſen Satz practiſch bewahrheiten konnten. Die ernſteſte Beſchwerde, XXI1I welche ſich gegen ſolche Ueberſchwemmungen, von deneu Sie reden, erheben läßt, iſt die, daß ſie die Lumpen vertheuern. Die Menge der herauskommenden Buͤcher ſchadet der Mitwelt nicht, und kann der naͤchſtfolgenden Generation großen Vortheil bringen. Capitain. Ich ſehe nicht ein, wie das zuge⸗ hen ſoll. Verfaſſer. Zu den Zeiten Eliſabeths und Jacobs eklagte man ſich eben ſo ſehr als jetzt uͤber die beunruhi⸗ gende Fruchtbarkeit der Preſſe;— und dennoch,— be⸗ trachten Sie nur die Ufer, welche in jenem Zeitalter uͤberſchwemmt wurden;— ſie gleichen jetzt dem uͤppigen Strande „des Feenreichs, beſtreut mit großem Schmuck Von Edelſtein und Perlen hohen Werths, Wo aller Sand mit Golderz iſt vermiſcht.“ Glauben Sie mir, das naͤchſtfolgende Jahrhundert wird ſelbſt in den vernachlaͤſſigtſten Werken des jetzigen Schaͤtze entdecken. Capitain. Einige Buͤcher werden aller Alchymie Trotz bieten. Verfaſſer. Ihrer werden nur wenige ſeyn; denn Schriftſteller ohne alles Verdienſt, ausgenommen dieje⸗ nigen, die ihre Werke auf eigne Koſten drucken laſſen, werden ihre Macht, dem Publicum laͤſtig zu fallen, bald durch die Schwierigkeit, Verleger zu finden, beſchraͤnkt ſchen. Sie ſind der Beſſerung unfaͤhig. Hat denn Ihre Kuͤhnheit keine Grenzen? Verfaſſer. Es giebt noch die geheiligten und ewigen Grenzen der Ehre und Tugend. Mein Lauf gleicht Britomarts bezauberten Gemächern, „wo über jeder Thüre ſtand geſchrieben, Sey kühn,— ſey kühn,— und allenthalben: kühn; Doch zeigte ſich am Ende dieſer Reihe Von Zimmern eine and're Thür von Eiſen, Woran geſchrieben ſtand: Sey nicht zu kühn!“ Capitain. Wohlan denn, ſo moͤgen Sie ſelbſt die Gefahr der Befolgung ihrer Grundſätze tragen. — „Verfaſſer. Handeln Sie nach den ihrigen, und bleiben Sie hier nicht müßig, bis die Mittagsſtunde voruͤber iſt.— Ich will dies Werk Ihrem Erbtheil bei⸗ fügen; valeat quantum. Hier endete unſer Zwieſprach; denn ein kleiner Apol⸗ lyon mit rußigem Angeſicht erſchien, um Namens des Hrn. M'. Corkindale aus der Canongate den Probebogen zu verlangen, und ich hoͤrte in einem andern Zimmer des eben von mir beſchriebenen Stubenlabyrinths Hrn. C. mit Hrn F. zuͤrnen, daß er Jedermann ſo tief in die Penetralia ihres Tempels eindringen ließe. Ich uͤberlaſſe es Ew. Ehrwuͤrden eigenem Ermeſſen, uͤber die Bedeutung dieſes Zwieſprachs eine Meinung zu faſſen, und zweifle nicht, daß ich den Wuͤnſchen unſetes gemeinſchaftlichen Vaters entgegenkomme, wenn ich dies Schreiben dem Werke, welches der Hauptgegenſtand deſ⸗ ſelben iſt, voranſchicke. Mit aufrichtiger Zuneigung hab' ich die Ehre zu ſeyn Kennaguhair, ſten Aptil 1822. Ew. Ehrwuͤrden gehorſamer Diener Euthbert Clutterbuck. 1 1 Nigels Schickſale. Sweiter Band. Erſtes K 4. Die Speiſehaͤuſer, bekannt unter der Benennung: Ordinary,(jetzt ein gemeiner Ausdruck,) waren zu Jacobs Zeiten eine neue Einrichtung, eben ſo ſehr in der Mode unter den jungen Leuten jenes Zeital⸗ ters, als die vornehmſten unter den modernen Club⸗ haͤuſern in unſern Tagen. Sie unterſchieden ſich vorzuglich dadurch, daß ſie jedem wohlgekleideten Manne von gutem Aeußeren offen ſtanden. Die Ge⸗ ſellſchaft ſpeiſete zuſammen zu einer beſtimmten Stunde, und der Unternehmer der Anſtalt fuhrte als Ceremo⸗ nienmeiſter den Vorſitz. Monsieur Le Chevalier Saint Priest de Beaujeu, Cſo nannte er ſich,) war ein liſtiger/ La⸗ gerer Gascogner, etwa ſechzig Jahre alt, verbannt aus ſeinem Vaterlande, wie er ſagte, wegen einer 1* 2 Chrenſache, worin er das Ungluͤck gehabt hatte, ſei⸗ nen Gegner, obwohl dieſer der beſte Fechter im ſudlichen Frankreich geweſen ſey, zu tödten. Seine Anſpruͤche auf hohen Stand wurden unterſtutzt durch einen Federhut, einen langen Raufdegen und einen eben noch nicht ſehr abgetragenen Anzug von ge⸗ ſtickter Seide, der nach der neueſten Pariſer Hof⸗ mode gemacht, und gleich einer Pfingſtmaye mit un⸗ zähligen Bändern geziert war, von denen er wenig⸗ ſtens fuͤnfhundert Ellen an ſich trug. Doch ungeach⸗ tet dieſer Verſchwendung von Decorationen gab es Viele, welche den Rikter ſo ganz fuͤr ſeine der⸗ mglige Lage geeignet fanden, daß ihrer Meinung nach die Natur nie die Abſicht gehabt haben konnte, ihn auch nur einen Zoll breit hoͤher zuſtellen. Lord Dalgarno und andere junge Maͤnner von Stande trieben daher ihren Zeitvertreib damit, den Herrn von Beaujeu mit verſtellter, ceremonieuſer Höflichkeit zu behandeln. Seit dies der einfoͤltigere Theil der Gäſte wahrnahm, bezeigten ſie ihm, mißkennend die Jronie, im Ernſte viele Achtung. Da des Gas⸗ cagners natuͤrliche Anmaßung hiedurch noch geſtei⸗ 9 gert ward, ſo uͤberſchritt er nicht ſelten die Grenzen ßiner Lage und hatte mithin manchmal den Verdruß, guf eine höchſt unangenehme Weiſe in jene Grenzen unichewieſn zu werden. 5 — Als Nigel das Hotel dieſes vielgeprieſenen Man⸗ nes betrat, welches noch vor Kurzem der Wohnſitz eines vornehmen Lords vom Hofe der Königin Eli⸗ ſabeth geweſen war, der ſich beim Abſterben dieſer Fuͤrſtin auf ſeine Guͤter zuruͤckgezogen hatte, erſtaunte er uͤber die vielen Bequemlichkeiten, welche es dar⸗ bot, und uͤber die große Anzahl von Gäſten, die er be⸗ reits verſammelt fand. Federbuͤſche wehten, Sporen klirrten, Borten und Stickereien ſchimmerten allent⸗ halben; und wenigſtens beim erſten Anblick, ſchien ſich Lord Dalgarnos Lobpreiſung zu bewaͤhren, daß die Geſellſchaft faſt ganz aus jungen Leuten vom er⸗ ſten Range beſtehe. Doch eine naͤhere Anſicht derſelben war nicht ganz ſo guͤnſtig. Einige Individuen ſchie⸗ nen ſich in ihren glaͤnzenden Anzugen nicht voll⸗ kommen wohl zu beſinden, ſolglich an aͤhnlichen Kleiderſtaat nicht ganz gewoͤhnt zu ſeyn. Andere hingegen, deren Kleidung beim erſten Anblicke nicht ſchlechter zu ſeyn ſchien, als die des Reſtes der Ge⸗ ſellſchaft, zeigten bei genauerer Beobachtung einige jener kleinen Huͤlfsmittel, wodurch Eitelkeit ſich be⸗ ſtrebt, Armuth zu verhehlen. Nigel hatte ſehr wenig Zeit, ähnliche Bebech tungen zu machen; denn bei Lord Dalgarno's Ein⸗ tritt entſtand ſogleich ein Gersuſch und eine allge⸗ meine Bewegung unter der Geſellſchaft; ſein Name ging von Mund zu Munde. Einige traten hervor, 6 um zu gaffen/ Andere zogen ſich zuruͤck um ihm Platz zu machen; ſeine Standesgenoſſen eilten herbei, ihn zu begruͤßen, Perſonen unteren Ranges ſtrebten, ir⸗ gend eine neue Mode in Geſten, Manieren oder Trachten von ihm zu erhaſchen, um ſie bei einer kunſtigen Gelegenheit als die neueſte claſſiſche Hofma⸗ nier in Anwendungzu bringen. Der Genius looi, der Chevalier ſelbſt, war nicht der Letzte in der Be⸗ willkommnung dieſer vornehmſten Stutze und Zierde ſeines Inſtituts. Er kam herangewackelt mit hun⸗ dert geckenhaften Complimenten und chers Mi- lors, um ſeine Gluͤckſeligkeit beim Wiederſehen des Lord Dalgarno zu erkennen zu geben.—„Ich hoffe, ihr bringt die Sonne wieder mit, Mylord,“— ihr nehmt ſie allemal mit euch von dannen, zuſammt dem Monde, wenn ihr den armen Chevalier ſo lange verlaßt. Pardien! Ich glaube, ihr ſteckt ſie in die Taſche, wenn ihr weggeht.“ „Das muͤßte daher gekommen ſeyn, weil ihr mir ſonſt nichts in der Taſche ließet, Chevalier,“ ant⸗ wortete Lord Dalgarno;„hier Monsieur le Che⸗ valier, habe ich die Ehre, euch mit meinem Freunde und Landsmanne, Lord Glenvarloch, bekannt zu machen. „Ah, ha! tres honoré— Je m'en sou⸗- viens,— oui jai connu autrefois un Milor Ken- farloque en Ecosse. Ja, ja, ich erinnere mich,— 7 vermuthlich war es der Vater von Mhlord,— wir wa⸗ ren ſehr vertraute Freunde als ich noch mit Monsieur de la Motte in Holyrvod war. Ich ſpielte oft Federball mit Mylord Kenfarloque in der Abtei Holyrood; My⸗ lord hatte viel Ungluͤck— und doch war Mylord plus fort que moi.— Ich erinnere mich noch, daß My⸗ lord wie ein kleiner Teufel hinter die huͤbſchen Mäd⸗ chen war,— ach ich erinnere mich noch“— „Nun genug der Erinnerungen an den verſtor⸗ benen Lord Glenvarloch,“ ſagte Lord Dalgarno, den Chevalier ohne Umſtande unterbrechend, da es ihm ſchien, daß das Lob, welches er dem Seligen zu ertheilen im Begriff war, dem Sohne eben nicht willkommen ſey, zumal, da es ſehr unverdient, und der Vater weit entſernt geweſen war, ein Spieler oder ein Mädchenjaͤger zu ſeyn, wie des Ritters Re⸗ miniscenzen ihm faͤlſchlich eingaben, der verſtorbene Lord vielmehr im Gegentheil in ſeiner Lebensweiſe faſt bis zum Uebermaaß ſireng geweſen war. „Ihr habt recht, Mylord,“ antwortete der Che⸗ valier,„qu' est ce que nous avons d faire avec le tems passé? Die Vorzeit gehoͤrte unſern Vaͤ⸗ tern,— à nos ancétres; die gegenwaͤrtige Zeit ge⸗ hoͤrt uns. Sie haben ihre ſchoͤnen Grabſteine mit Denkſchriften und Wappen, alle in Erz und Mar⸗ mor— wir haben die petits plats exquis und die 122 3 soupe à la Cheyalier; z ich will ſie gleich ſerviren laſſen.“ 1 Bei dieſen Worten machte er eine Pirouette und ſetzte ſeine Aufwaͤrter in Bewe egung, um das Mit⸗ tagseſſen aufzutragen; Dalgarno lachte, und wahr⸗ nehmend Nigels ernſten Blick, ſagte er im Tone des Vorwurfs:„Vie? ich hoffe doch nicht, daß ihr thö⸗ richt genug ſeyd, uͤber einen ſolchen Gecken unwillig zu werden.“ „Freilich ſpare ich meinen Unwillen fuͤr geeig⸗ netere Fälle,“ erwiederte Lord Glenvarloch;„aber ich geſtehe, es verdroß mich, einen ſolchen Menſchen meines Vaters Namen auch nur nennen zu hoͤren;— und ihr, der mich verſicherte, dies ſey kein Spiel⸗ haus, aͤußertet voch gegen den Unternehmer, daß ihr es mit leeren Taſchen verlaſſen hattet.“ „Ey wenn's weiter nichts iſt;“ entgegnete Lord Dalgarno,„das war nur ſo eine Art zu reden; uͤber⸗ dies muß man zu Zeiten einmal ein oder zwei Goldſtuͤcke ſetzen, wenn man nicht fuͤr einen lumpi⸗ gen Filz gehalten ſeyn will,— oaber ich ſehe, es wird aufgetragen, und es wird ſich ausweiſen, ob euch des Chevaliers Tafel beſſer gefaͤllt, als ſeine Unterhaltung. 46 Bei Tiſche wurden die beiden Freunde an den Ehrenplatz geſetzt, von dem Chevalier mit beſonderer Feierlichkeit auſgewartet und ihnen ſo wie allen an⸗ 9 dern Gäſten das Mahl durch ſeine angenehme Un⸗ terhaltung gewuͤrzt. Die Speiſen waren in der That trefflich, und in jener pikanten Manier bereitet, wel⸗ che die Franzoſen ſchon damals eingefuͤhrt hatten, und die jeder daheim erzogene junge Englaͤnder, wenn er auf den Ruhm eines Kenners und Mannes von Ge⸗ ſchmack Anſpruch machte, zu bewundern ſich gens⸗ thigt ſah. Auch die Weine waren auserleſen, man⸗ nichfaltig und in Fuͤlle vorhanden. Die Unterhal⸗ tung unter ſo vielen jungen Maͤnneri war natuͤrſich leicht, lebhaft, und gewaͤhrte Nigeln Zeitvertreib, um ſo mehr, da er ſo lange von Kummer niederge⸗ vruͤckt geweſen war und ſich gern aufheitern ließ. Einige von der Geſellſchaft hatten wirklichen Wit und wußten ihn mit vieler Feinheit geltend zu machen; Andere waren Gecken und wurden, ohne daß ſie es merkten, verlacht; noch Andere waren Drigi⸗ nale, und es ſchien als ob ſie nichts dabei zu erin⸗ nern haͤtten, daß die Geſellſchaft ſich auf ihre Koſten die Zeit vertrieb. Faſt alle diejenigen unter den uͤbrigen Anweſenden die in der Unterhaltung eine ir⸗ gend ausgezeichnete Rolle ſpielten, hatten entweder den Ton der guten Geſellſchaſt, ſo wie er in jener Zeit ublich war, oder doch den Jargon, der die Stelle deſſelben vertritt. Kurz, die Unterhaltung war ſo angenehm, daß Nigels Ernſt dadurch gemildert ward, ſelbſt gegen 10 den Ceremonienmeiſter, und daß er geduldig man⸗ cherlei Einzelnheiten anhoͤrte, welche der Chevalier de Beaujeu gegen ihn auskramte, weil er, wie er ſagte⸗ zu ſehen glaube, daß Mylord Geſchmack am Merk⸗ wuͤrdigen und Nuͤtzlichen finde. Insbeſondere un⸗ terhielt er ihn uͤber die Kochkunſt und uͤber die großen Meiſter in derſelben, die er in ſeiner Jugend gekannt habe. Namentlich pries er einen ehemali⸗ gen Kuͤchenmeiſter des Marſchall Strozzi, der uͤbri⸗ gens von altadlicher Abkunft geweſen ſey und die Kunſt verſtanden habe, ſeines Herrn Tafel, während der langen und ſchweren Belagerung von„le petit Leithe“ täglich mit zwoͤlf Couverts zu„fourniren“ obgleich er keine beſſeren Vorräthe zu henutzen gehabt habe, als ein Viertel von einem verreckten Pferde und das Gras und Unkraut, welches auf den Waͤllen wuchs,„de par Dieu, c'etoit un homme su- perbe!“ Mit einem Diſtelkopf und einer oder zwei Neſſeln wußte er eine Suppe fuͤr zwanzig Gäſte zu machen; das Hintertheil eines jungen Hundes gab einen trefflichen Braten ab; aber ſeinen„coup de maitre machte er bei der Uebergabe der Feſtung; damals bereitete er„dieu me damne“ aus dem Hinterviertel eines eingeſalzenen Pferdes eine Mahl⸗ zeit von fuͤnf und vierzig Couverts; ſo daß die eng⸗ liſchen und ſchottiſchen Offiziere, welche die Ehre hatten, bei der Uebergabe mit Monseigneur, 11¹ — zu ſpeiſen, nicht begreiſen konnten, woraus das Al⸗ les zugerichtet ſey. Der gute Wein hatte um dieſe Zeit ſo fleißig ge⸗ kreiſet, und eine ſo geniale Wirkung auf die Gäſte hervorgebracht, daß die, am untern Ende der Ta⸗ ſel, welche bis dahin blos Zuhoͤrer geweſen waren, eben nicht ſehr zu ihrer und des Speiſehotels Ehre aus paſſiven in active Theilnehmer der Unterhaltung verwandelt wurden. „Ihr ſprecht von der Belagerung von Leith,“ bemerkte ein langer, hagerer Mann mir einem ſtar⸗ ken militaͤriſch geflochtenen Zwickelbart, einer brei⸗ ten Degenkuppel von Buͤffelleder, einem langen Raufdegen, und anderen aͤußeren Symbolen des eh⸗ renwerthen Berufs, der vom Toͤdten andrer Men⸗ ſchen lebt,„ihr ſprecht von der Belagerung von Leith; ich habe den Platz geſehen,— es iſt weiter nichts, als eine Art von Dorf mit einem einfachen Walle oder einer Mauer und in jedem Winkel ein elendes Thuͤrmchen, gleich einem Taubenhauſe. Potz Bomben und Granaten!— Häͤtten Belagerer unſrer Tage, vier und zwanzig Stunden, geſchweige denn ſo viele Monate vor dem Reſte gelegen, ohne es nebſt allen ſeinen Huͤhnerſteigen, eine nach der an⸗ dern, blos durch Sturm einzunehmen, ſo wuͤrde ih⸗ nen die häͤnfene Decoration des Generalprofoſes nur zu gewiß geweſen ſeyn.“ Tiſche;„mit Ewr. Lordſchaft Erlaubniß, kann ich „Monsieur 1e Capitaine, ich war nicht bei der Belagerung von petit Leith; aber ich will von Mouseigneur le Marechal de Strozzi, behaup⸗ ten, daß er verſtand den großen Krieg und war groß Capitaͤn,— mehr groß, als mancher Capitän in England der ſehr laut ſpricht; teuéz Monsieur, cay c'est à vous!“ „O wir kennen die Franzoſen,“ entgegnete der Mann mit dem Zwickelbart,„ſie fechten gut hinter Wall und Mauern, oder wenn ſie von Kopf bis zu Fuß geharniſcht, und daneben mit einem guten Eßtopf verſehen ſind.“ „Topf?“ rief der Chevalier aus;„wollt ihr mich inſultiren vor meinen noblen Gaͤſten? ich habe meine Schuldigkeit gethan unter le grand Henri qatre bei Courtrai und Vvri, und, ventre Saint gris! wir hatten weder pot noch marmite ſondern trugen die Speiſen alenal in unſern Hem⸗ den auf.“ „Dies widerlegt alſo einen andern Vorwurf,“ ſiel Lord Dalgarno lachend ein,„naͤmlich den, daß unter den franzoͤſiſchen Edelleuten Leinenzeug ſehr ſelten ſey.“— „ Gewöhnlich guckt bei ihnen der Clbogen zum Aermel heraus,“ rief der Kriegsmann unten am 13* etwas von dieſen franzöſiſchen adlichen Kriegern nachſagen.“ „Wir wollen uns die nähere Kunde davon fuͤr jetzt verſagen und eurer Beſcheidenheit die Muͤhe er⸗ ſparen, zu erzählen, wie jene Kunde erworben ward,“ antwortete Lord Dalgarno verachtungsvoll. „Ich brauche nicht davon zu ſprechen, Mylord,“ ſagte der Kriegsmann;„die Welt weiß Alles, nur vielleicht wiſſen es nicht jene niedrig denkenden Lon⸗ doner Buͤrger, die lieber ſähen, wenn ein braver Kriegsmann vor Hunger ſeine Degenkoppel verzehrte, als daß ſie einen Pfennig aus ihren langen Geldbör⸗ ſen zoͤgen, ihm aus der Noth zu helfen. O, wenn doch nur ein Trupp braver Kerle, die ich einſt kann⸗ te, dieſem ihren Kukuksneſt einmal nahe kame!“ „Ein Kukuksneſt!— Wer wagt es, ſo von der City von London zu reden?“ ſagte ein ſtattlicher Mann an der entgegengeſetzten Seite des Tiſches, der jedoch in ſeiner prachtvollen, eleganten Kleidung noch nicht recht zu Hauſe zu ſeyn ſchien;— daß ich dieſen deſpectirlichen Ausdruck nicht noch einmal hoͤre!“ „Wie!“ rief der Soldat, mit furchtbar gerun⸗ zelten Augenbrauen, während er mit der einen Hand an ſein Degengefoͤß griff, und mit der andern ſeinen gewaltigen Zwickelbart ſtrich,„wollt ihr fuͤr eure City Streit anfangen?“ 14. „Freilich will ich das,“ erwiederte der Andere⸗ „Ich bin ein Buͤrger, das mag jeder wiſſen; und wer auch nur ein einziges Wort zur Verachtung der Buͤrger ſpricht, iſt ein Dummkopf und ein ausge⸗ machter Tropf; ich will ihm den Hirnſchaͤdel zerſchel⸗ len, um ihn Vernunft und Sitte zu lehren.“ Die Geſellſchaft, die wahrſcheinlich gute Grän⸗ de hatte, den Muth des Capitains nicht ſo hoch an⸗ zuſchlagen, als er ſelbſt zu thun ſchien, beluſtigte ſich ſehr an der Art und Weiſe, wie dieſer Kampf von dem erzuͤrnten Buͤrger aufgenommen ward und rief von allen Seiten:„Sturm gelaͤutet!— der Hahn von St. Pauls hat wohl gekraͤht!*) Zum Angriff geblaſen! ſonſt mißkennt der Soldat die Kampfloo⸗ ſung und iieht ſich zuruͤck, wenn er vorruͤcken ſollte.“ „Ihr verkennt mich, Gentlemen,“ ſo nahm jetzt der Capitain, wuͤrdevoll umherſchauend, das Wort.„Ich will mich nur erkundigen, ob dieſer Buͤrgerheld wirklich an Rang und Stand geeignet iſt, mit einem im activen Dienſten ſtehenden Krieger eine Klinge zu meſſen;(denn, wohlverſtanden, Gent⸗ lemen, nicht Jeden kann ich, ohne meinen Ruf auf's Spiel zu ſetzen, mit mir gleichſtellen;) und in *) Das Symbot der Bürger gus der Eity von London. d. u⸗ — dieſem Falle ſoll er auf dem Wege einer Ausforderung bald auf ehrenvolle Weiſe von mir hoͤren.“ „Und ihr ſollt auf eine ſehr ſchimfliche Weiſe mich fuͤhlen, und zwar auf dem Wege meines Pruͤgels“ verſetzte der Buͤrger aufſpringend, und ſein in einen Winkel geſtelltes Schwert ergreifend; „ſolgt mir!“ „Ich habe nach allen Regeln des Zweikampfs das Recht, den Kampfplatz zu beſtimmen,“ ſagte der Kapitain.„Ich bezeichne als ſolchen den Irr⸗ garten in Tothill⸗Fields,— als Zeugen werde ich zwei unparteiiſche Gentlemen namhaft machen, und heute uͤber vierzehn Tage bei Sonnenauſgang ſoll der Zeitpunct des Kampſfes ſeyn.“ „Und ich,“ ſagte der Buͤrger,„beſtimme zum Kampſplatz die Kegelbahn hinter dem Hauſe, die an⸗ weſende ehrenwerthe Geſellſchaft zu Zeugen, und zum Zeitpunkt des Kampfes den jetzigen Augenblick.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeinen Hut auf, ſchlug den Krieger mit ſeinem in der Scheide ſtecken⸗ den Schwerte uͤber die Schulter und lief die Treppe hinab. Der Capitain zeigte anfangs keine Luſt, ihm zu folgen; endlich aber, aufgeregt durch das ſpoͤtti⸗ ſche Lachen rund um ihn her, verſicherte er die Ge⸗ ſellſchaft, daß er Alles mit Bedacht thun wolle, ſetzte mit gravitätiſchem Anſtande den Hut auf und ging zum Kampſplatz hinab, wo ſein raſcherer Gegner 16 ſchon mit gezogenem Schwerte bereit ſiand. Die Ge⸗ ſellſchaft, die ſammt und ſonders großen Scherz an dem nahenden Kampfe zu finden ſchien, lief zum Theil an die Fenſter, aus denen man die Kegelbahn uͤberſehen konnte, und andere folgten den Kaͤmpfern bis an die Schranken. Nigel konnte ſich nicht ent⸗ halten, den Lord Dalgarno zu fragen, ob er ſich nicht in's Mittel legen wolle, um Ungluͤck zu verhindern. „Das wuͤrde ein Verbrechen gegen das oͤffentli⸗ che Intereſſe ſeyn,“ antwortete ſein Freund;„zwi⸗ ſchen zwei ſo originellen Menſchen kann ſich kein Un⸗ fall ereignen, woraus nicht fuͤr die Geſellſchaft und insbeſondere fuͤr des Chevaliers Inſtitut,— wie er es zu nennen pflegt,— etwas entſchieden Gutes het⸗ vorgehen wird. Schon einen Monat lang hat mich der Capitain dort mit ſeiner buͤffelledernen Degen⸗ koppel und ſeinem rothen Wammſe angeekelt; jetzt hoffe ich, wird dieſer kecke Tuchhändler den Eſel aus ſeiner ſchmutzigen Lowenhaut herauspruͤgeln. Seht Rigel! Seht! der tapfere Buͤrger hat etwa um ei⸗ nen Kugelwurf vorwaͤrts in der Mitte der Kegelbahn Poſto gefaßt;— das wahre Modell eines geharniſch⸗ ten Schweines. Seht, wie er mit ſchwerfäͤlligen Tritten einherſchreitet und ſeine Klinge ſchwingt, un⸗ 1 gefähr als wollke er einige Ellen Kammertuch vamit abmeſſen.— Scht, jetzt fuͤhren ſie den ſich ſträu⸗ benden Krieger herhei und pflanzen ihn ſeinen feuri⸗ 17 gen Widerſacher gegenuͤber; doch immer noch trennt ſie ein Zwiſchenraum von zwoͤlf Schritten;— jetzt zieht der Capitain ſein Handwerksgeraͤth hervor; zu⸗ gleich aber ſchaut er, wie ein guter General uͤber die Schulter zuruͤck, um ſich im ſchlimmſten Falle den Ruͤckzug zu ſichern,— ſeht, der tapfere Kraͤmer beugt ſein Haupt voruͤber, ohne Zweifel vertrauend auf die burgerliche Sturmhaube, womit ſein Ehgeſpons ihm den Hirnſchaͤdel verwahrt hat;— nun wahrlich dies iſt ein Hauptſpas! bei Gott er will gegen ihn anren⸗ nen, wie ein Mauerbrecher gegen eine Feſtung.“ Und ſo geſchah es denn; der Buͤrgersmann, zu ernſtem Kampf entſchloſſen, und wahrnehmend, daß der Kriegsmann noch nicht gegen ihn anruͤcke, 1ann⸗ te mit eben ſo viel Gluͤck als Muth auf ihn zu, hieb ihm durch die Parade, drang auf ihn ein und ſtieß, wie es ſchien, ſein Schwert dem Gegner gerade durch den Leib, ſo daß dieſer mit tiefem Stoͤhnen alle Viere von ſich ſtreckte. Ein Dutzend Stimmen jriefen ſo⸗ gleich dem uͤber ſeine eigne Waſfenthat erſtaunten Sieger zu:„Fort, fort! flieht durch die Hinterthuͤr, macht, daß ihr nach Whitefriars kommt, oder uͤbers Waſſer nach der Bankſeite; wir wollen ſo lange den Poͤbel und die Conſtables abzuhalten ſuchen;“— ein Rath, welchen der triumphirende Kraͤmer in al⸗ ler Eile befolgte, während ſein beſiegter Feind auf dem Boden ausgeſtreckt blieb⸗ II. 6 2 18 —— „Beim Himmel,“ rief Lord Dalgarno,„ich hätte nie geglaubt, daß der Menſch gegen einen ſol⸗ chen Angriff Stand gehalten haben wuͤrde; ohne Zweifel hat ihm der Schreck die Glieder gelaͤhmt.— Seht, ſie heben ihn auf.“ Der Koͤrper des Kriegers ſchien ganz erſtarrt, als ihn zwei Gaͤſte vom Boden erhoben; als ſie aber ſein Wamms zu luͤften begannen, um die Wunde zu ſuchen, welche nirgends zu finden war, ſammelte er ſeine Lebensgeiſter, und im Bewußtſeyn, daß das Speiſehotel des Chevaliers de Beaujeu ihm nicht lan⸗ ger zum Schauplatze ſeiner Tapferkeit dienen koͤnne, machte er ſich raſch auf die Beine, und lief ſo ſchnell, als er nur konnte, davon, verfolgt vom lauten Hohn⸗ gelaͤchter der Geſellſchaft. „Auf meine Ehre,“ ſagte Lord 2 Dalgarno,„er ſchlaͤgt den naͤmlichen Weg ein, den ſein Uberwinder genommen hat; ich hoffe, er wird ihn einholen, und dann wird der tapfere Buͤrger glauben, es ſei der Geiſ des Getödteten, der ihn verfolge.“ „Par dieu! Milord,“ rief der Chevalier, „waͤr' er noch einen einzigen Augenblick geblieben, ſo haͤtten wir ihn ſtatt eines Sterbekittels mit einem Scheuerlappen angethan, um zu zeigen, daß er der Geiſt von einem großen Fanfaron ſei „Immittelſt,“ ſagte Lord Dalgarno,„werdet ihr uns verbinden, Monsieur le Cheralier, un M S— N —— 19 —— zugleich eure große Reputation aufrecht erhalten, wenn ihr den Krieger, falls er ſich unterſtehen ſollte, wieder hieher zu kommen, durch eure Kůper hinaus⸗ pruͤgeln ließet.“ „Ventre Saint gris, Milord„ verſetzte der Chevalier,„dafuͤr will ich ſchon ſorgen; die Magd ſoll dem grand Poltron den Spuͤhlicht über den Kopf gießen.“ Nachdem die Geſellſchaft an dieſer kurzweiligen Stene ſich ſatt gelacht hatte, theilte ſie ſich in kleine Gruppen;— einige nahmen Beſitz von dem bishe⸗ rigen Kampſplatze, und bedienten ſich deſſelben, ſeiner Beſtimmung gemaͤß zum Kegelſpiel und bald hallte er wieder von den techniſchen Ausdruͤcken dieſes be⸗ liebten Spiels, welche das Sprichwort wahr mach⸗ ten: daß beim Kegelſpiel, drei Dinge im Uebermaß verſchwendet werden, nämlich Zeit, Geld und Im Hauſe vertrieb man ſich großentheils die Zeit mit Karten und Wuͤrfeln, Lhombre, Baſſet, Treſchack, Primero, Paſch, und andern damals, zum Theil auch noch jetzt, uͤblichen Spielen. Doch ſchien nicht übertrieben hoch geſpielt zu werden. Alles ging ſehr anſtändig und rechtlich zu, und nichts* ließ Nigeln die Wahrheit der Verſicherung ſeines Ge⸗ fährten bezweifeln, daß dies Haus von Maͤnnern ⸗ 20 —.— von Stand⸗ beſucht werde und nur ſchickliche Zeit⸗ vertreibe dort ſtatt faͤnden. Lord Dalgarno ſchlug ſeinem Freunde kein Spiel vor, und ſpielte auch ſelbſt nicht, ſondern ſchlenderte von einem Spieltiſch zum andern, machte Bemer⸗ kungen uͤber das Gluck der Spielenden und ihre Ge⸗ ſchicklichkeit in der Benutzung deſſelben und unterhielt ſich mit den vornehmſten und angeſehenſten Gäſten. Endlich ſchien er ſich ploͤtzlich zu beſinnen, daß an jenem Nachmittage der beruͤhmte Schauſpieler Bur⸗ bage die Hauptrolle in Shakespears Konig Richard ſpiele und daß er einem Fremden in London wie Lord Glenvarloch keinen hoͤhern Genuß gewäͤhren konne, als ihn in dieſe V Vorſtellung zu fuͤhren;„wofern nicht etwa,“ fliſterte er ihm ins Ohr,„auch das Theater ſo wie das Speiſehaus mit einem vaͤterlichen Inter⸗ dicte belegt iſt.“ „Ich hoͤrte meinen Vater nie von Schauſpielen ſprechen; denn ſie ſind erſt ſpaͤter Sitte geworden und waren damals in Schottland noch unbekannt, doch, wenn das wahr iſt, was ich zu ihrem Nach⸗ theile gehort habe, ſo zweifle ich ſehr, daß er ſie ge⸗ billigt haben würde.“ „Nicht gebilligt?“ rief Lord Dalgarno aus;— „wie? Georg Buchanan ſchrieb Trauerſpiele, und ſein königlicher Zoͤgling, gelehrt und weiſe wie er ſelbſt, beſucht ſie; es iſt daher faſt Hochverrath, ſich 4 das Theater verſagen zu wollen. Die rechtlichſten Maͤnner in England ſchrieben fuͤr die Bühne, und die reizendſten Londoner Damen beſuchen die Schau⸗ ſpielhaͤuſer. Ich habe ein paar Klepper vor der Thuͤr, die uns gleich einem Sturmwinde durch die Straßen tragen, unſre Ortolanen verdauen und die Wein⸗ duͤnſte zerſtreuen werden; drum zu Pferde, Rigel!— Gott gruͤß euch meine Sun— Adieu Chevalier de la Fortune.“ Lord Dalgarnos Reitknechte hielten mit zwei Pferden vor der Thuͤr. Der Eigenthuͤmer beſtieg ſein ſchoͤnes Lieblingsroß und Nigel einen faſt eben ſo ſchoͤnen, trefflich zugerittenen Spaniſchen Hengſt. Auf dem Wege zum Schauſpiel verſuchte Lord Dal⸗ garno ſeines Freundes Meinung uͤber die Geſellſchaft, worin er ihn eingefuͤhrt hatte, zu erſorſchen, und die Einwendungen die er dagegen haben mochte, zu be⸗ ſtreiten.„Und warum iſt dein Blick ſo finſter,“ fragte er,„mein gedankenvoller Neophyt? Weiſer Sohn der alma mater niederländiſcher Gelehrſam⸗ keit, was fehlt dir? Iſt das Blatt aus dem Buche der lebenden BWelt, welches wir in jener Geſellſchaft dort flůͤchtig uͤberlaſen, minder gut geſchrieben, als man dich hatte erwarten laſſen? Sey gutes Muthes und uͤberſieh einen oder ein paar kleine Flecken; es wird dein Loos ſeyn, viele Seiten zu durchleſen, ſo ſchwarz als Schande mit ihren rußigen Schwingen ſie nur machen kann. Erinnere dich, unbefleckter Nigel, daß wir in London ſind, nicht in Leyden,— daß wir das Leben, nicht Buͤcherweisheit ſtudiren; halte Stand gegen die Vorwuͤrfe deines gar zu zarten Ge⸗ wiſſens, und wenn du, wie ein guter Rechner die Handlungen des Tages außhlſt, ſo ſage dem zuͤr⸗ nenden Geiſte deines Vaters, bevor du, in dein Kiſſen gehuͤllt, die Rechnung abſchließeſt, daß, wenn auch deine Ohren das Geklapper der Teuſelsknochen vernahmen, deine Hand ſie nicht beruͤhrte,— daß wenn dein Auge einer Schläͤgerei zwiſchen zwei zan⸗ kenden Burſchen zuſchaute, deine Klinge in ihrem Streite nicht entbloßt ward.“ „Nun dies Alles mag weiſe und auch witzig ſeyn,“ erwiederte Nigel;„doch geſtehe ich, daß Cw. Lordſchaft und andere Männer vom Stande, mit denen wir ſpeiſeten, meines Beduͤnkens fuͤglich einen Verſammlungsort haͤtten waͤhlen koͤnnen, wo ſich keine Renommiſten eindrängen duͤrfen, und wo ein beſſerer Ceremonienmeiſter, als jener ſtemde Aben⸗ teurer der Geſellſchaft vorſteht.“ „Alles wird beſſer werden, Sanct Nigel, wenn du erſt als ein neuer Peter der Eremit auſtre⸗ ten wirſt, einen Kreuzzug gegen Wuͤrfeln, Zechen und Schmauſen zu predigen. Wir wollen zum Mit⸗ tagsmahle in der Kirche zum heiligen Grabe zuſam⸗ menkommen, auf dem Chor ſpeiſen, und in der 23 Sacriſtei unſere Flaſche trinken; der Pfaffe ſoll jeden Stöpfel abziehen, und der Kuͤſter zu jedem Trink⸗ ſpruche Amen ſagen. Komm Freund, ſey guker Dinge und verſcheuche dieſen muͤrriſchen, ungeſelli⸗ gen Humor. Glaube mir, daß die Puritaner, wel⸗ che uns die Thorheiten und Schwaͤchen der menſchli⸗ chen Natur vorwerfen, ſelbſt von den teufliſchen La⸗ ſtern der Argliſt, Verlaͤumdung, Heuchelei und geiſt⸗ lichem Stolze mit aller ſeiner Anmaßung angeſteckt ſind. Auch giebt's Vieles im Leben, was wir ſehen muͤſſen, waͤr's auch nur, um es meiden zu lernen. Shakespeare, der noch nach dem Tode lebt, und dir am heutigen Abend ein Vergnuͤgen ohne Gleichen gewaͤhren wird, laͤßt den braven Falconbridge ſagen: Der iſt ein Baſtard gegen ſeine Zeit Der nicht für Menſchenkenntniß regen Sinn hat. Nicht Andre täuſchend, üb' ich das Erternte, Doch lern' ich es, um Täuſchung zu vermeiden. Doch hier ſind wir an der Thuͤr des Fortuna⸗ Theaters, wo der unvergleichliche Shakespeare fur ſich ſelbſt ſprechen mag.— Nun Luͤtin, und ihr andern Luͤmmel, laßt den Reitknechten die Pferde und macht Platz fuͤr uns durch das Gedraͤnge. Sie ſtiegen ab, und Luͤtin, laut verkuͤndigend ſeines Herrn Namen und Litel, bahnte ihm tobend und mit den Ellbogen rechts und links um ſich her⸗ 24 ſtoßend einen Weg durch den Haufen murrender Buͤr⸗ ger und lärmender Lehrburſchen bis an die innere Thuͤr, wo Lord Dalgarno fur ſich und ſeinen Gefhr⸗ ten ein Paar Stuͤhle auf der Buͤhne bereit ſetzen ließ; hier ſaßen ſie zwiſchen andern Elegants ihres Stan⸗ des, welche die Gelegenheit benutzten, ihre ſchoͤnen Kleider und ihre Hofmanieren zur Schau zu ſtellen, und das Stuͤck waͤhrend der Vorſtellung zu kritiſiren; ſo bildeten ſie zu gleicher Zeit einen in die Augen fal⸗ lenden Theil des Schauſpiels und einen n Theil des Auditoriums. Nigel war ſo ganz verloren im Genuſſe der dra⸗ matiſchen Darſtellung, daß er unfahig blieb, die ſei⸗ nem Platze gebuͤhrende Rolle zu ſpielen. Er fuͤhlte die ganze Magie jenes Zauberers, der in dem kleinen Umkreiſe einer holzernen Bude die langen Kriege der Haͤuſer Bork und Lancaſter geſchildert und die Helden beider Linien gezwungen hatte, ganz ſo wie ſie lebten und webten, über die Buͤhne zu ſchrei⸗ ten, gleich als ob ſie zur Beluſtigung und Belehrung der Lebenden dem Grabe entſtiegen waͤren. Burba⸗ ge/ der bis zu Garricks Zeiten in der Rolle Richards am ſtärkſten geweſen ſeyn ſoll, ſpielte den Tyrannen und Uſurpator mit ſolcher Wahrheit und Lebhaftig⸗ keit, daß, als die Schlacht von Bosworth durch ſei⸗ nen Tod geendet ſchien, Wirklichkeit und Taͤuſchung in Nigels Einbildungskraſt ſo heſtig kämpften, vuß 25 ———— man ihn mit Gewalt aus ſeiner Träumerei aufrüt⸗ teln muste; ſo ſeltſam klang ihm anfangs der Vor⸗ ſchlag ſeines Gefaͤhrten, mit dem Koönig Richard Abends nach dem Schauſpiel im Gaſthofe zum . zu ſpeiſen. Zu gleicher Ziit ſtießen einige von den Gentle⸗ men, mit denen ſie zu Mittage gegeſſen hatten, zu ihnen, die ſie durch Einladung von zwei oder drei witzigen Koͤpfen und Dichtern, welche im Fortuna⸗ Theater nie zu fehlen pflegten, und nur zu bereit wa⸗ ren, einen vergnuͤgten Tag mit einem ſrohen Abend zu beſchließen, bewogen, von der Partie zu ſeyn. Das Meerweibchen vereinigte die ganze Geſellſchaft, die beim kreiſenden Becher, bei erhoͤhten Lebensgei⸗ ſtern und wetteiferndem Witze jene Strophen eines Zeitgenoſſen Ben Johnſons verwirklichte, worin er den Barden erinnert an jene lyriſchen Feſte, Wo Traubenſaft begeiſtert, nicht verwildert; Und dennoch mehr als Mahl und Wein erfreuet, Was deine Muſ' im frohen Kreis geſpendet. 26 Zweites Kapitel. Selten erſcheint ein Tag, dem Vergnügen ge⸗ widmet, dem Theilnehmer beim Ruͤckblick auf den⸗ ſelben, ſo genußreich, als er in ſeinem Laufe ſi ich ihm darſiellte. Nigel wenigſtens befand ſich in dieſem Falle, und es bedurfte eines Beſuches von ſeinem neuen Freunde, um ihn ganz mit ſich auszuſoͤhnen. Zeitig nach dem Frühſtuͤck erſchien Lord Dalgarno und begann mit der Frage: wie ihm die geſtrige Abendgeſellſchaft gefallen habe? „Vortrefflich,“ erwiederte Nigel;„nur wuͤrde mir der Wit beſſer gefallen haben, wenn er unge⸗ zwungener herbeigefloſen waͤre; Jeder ſchien ſch uͤber⸗ mäßig anzuſtrengen, um neue Einfalle zu erfinden; jede ausſchweifende Vergleichung verſetzte die Haͤlſte eurer witzigen Köpfe in tiefes Nachdenken, um ſe 3 durch etwas Andres zu überbieten. „Und warum ſollten ſie dies nicht thun? 2. frag⸗ te Lord T Dalgarno,„zu was taugen denn dieſe Men⸗ ſchen, als die geiſtigen Klopffechter vor uns zu ſpie⸗ * len? Derjenige unter ihnen, welcher im Kampfe tni wuͤrde, ſollte billig auf ſchalichtes Bier be⸗ ſchränkt, oder in die Geſellſchaft der Waſſertrinker verſetzt werden. Ich verſichere euch, daß mancher 7 brave Kerl im„Meerweibchen“ durch ein Wortſpiel oder einen witzigen Einfall toͤdtlich verwundet, und von dort in einem kläglichen Zuſtande ins Hopital geſchict iſt. „Das mag ſeyn,“ entgegnete Nigel,„doch moͤcht' ich ſchwoͤren, daß ich geſtern Abend mit mehr als einem Manne in Geſellſchaft geweſen bin, deſſen Talente und Gelehrſamkeit ihn entweder in unſerm Kreiſe auf eine hoͤhere Stufe haͤtten erheben, oder ihn auch ganz von einer Scene entfernen ſollen, wo er, um gelinde zu reden, eine ſo unterge⸗ ordnete Rolle ſpielte.“ 6, uͤber euer zartes Gewiſſen!“ rief Dalgar⸗ no.„Was iſt denn an ſolchen Auswuͤrflingen des Parnaſſes gelegen!“ Das ſind die Reſte jenes no⸗ blen Bankets von geſalzenen Heringen und Rhein⸗ wein, welches London um ſo manchen ſeiner Witz⸗ 8 und Unfug ſtiftenden Barden brachte. Was wuͤrdet ihr geſagt haben, häͤttet ihr Naſh oder Green geſehen, wenn ihr ſchon fuͤr die elenden Mimiker, mit denen ihr geſtern zu Abend ſpeiſetet, ſo große Theilnahme beweiſet? Es ſei euch genug, daß ſie ihren Trunk und ihr Schlaͤſchen hatten, und daß ſie ſo viel tranken und ſchlieſfen, um bis zum heutigen Abend Beides nicht wieder zu beduͤrſen; dann wer⸗ den ſie, wenn ſie erwerbfleißig ſind, ſchon Patrone 28 und Schauſpieler finden, die ihnen wieder zu eſſen geben. Was den Reſt ihrer Beduͤrfniſſe betriſt, ſo können ſie um kaltes Waſſer nicht verlegen ſeyn, ſo lange die neue Flußquelle Waſſer haͤlt, und parnaſ⸗ ſiſche Gewänder dauern ewig.“ „Virgil und Horaz hatten wirkſameren Schutz,“ bemerkte Nigel. „Aber dieſe Menſchen,“ verſetzte ſein Lands⸗ mann,„ſind weder Virgile noch Horaze; uͤberdies haben wir Genies von anderer Gattung, mit denen ich euch bald einmal bekannt machen will. Unſer Schwan an den Ufern des Avon*) hat ausgeſungen; allein wir haben noch den alten wackern Ben, der ſo viel Genie und Gelehrſamkeit beſitzt, als je einem tra giſchen oder komiſchen Dramatiker zu Theil ward. Doch nicht von ihm wollte ich jetzt reden, ſondern ich komme, euch zu bitten, daß ihr mit mir zu Waſ⸗ ſer nach Richmond fahret, wo zwei oder drei von 3 eleganten jungen Männern, die ihr geſtern ſahet, ei⸗ nigen Schoͤnheiten, unter denen es ſtrahlende Augen giebt, die einen Sterndeuter von der Verehrung der Milchſtraße abwendig machen koͤnnten, bei Muſik und Sillabub unterhalten wollen. Meine Schweſter fuͤhrt den Reigen an; und ich wuͤnſche euch ihr vor⸗ zuſtellen. Sie hat ihre Bewunderer bei Hofe, und * ) Spencer.. 2½ — wird, ohne ſie zu ruͤhmen, fuͤr eine der Schoͤnheiten des Tages gehalten.“ Eine ſolche Einladung ließ ſich nicht ablehnen von einem jungen Manne, der noch kuͤrzlich in ſei⸗ nen eignen Augen auf einer ſo niedrigen Stufe der großen Welt ſtehend, jetzt von einer det erſten Schoͤnheiten unter den Damen von Stande durch ihren Bruder perſoͤnlich eingeladen ward. Willig folgte Nigel dem ſchmeichelhaften Rufe und verlebte einen angenehmen Tag im frohen, ſchoͤnen Kreiſe. Er machte bei dieſem Feſte den dienenden Ritter der Schweſter ſeines Freundes, der ſchoͤnen Graͤfin von Blackcheſter, die zugleich in den Reichen der Mode, der Macht und des Witzes nach der Oberhertſchaſt ſtrebte. Zwar war ſie bedeutend aͤlter als ihr Bru⸗ der, und hatte wahrſcheinlich ſchon ihr ſechſtes Luſtrum zuruͤckgelegt; allein den Mangel an Jugendſtiſche er⸗ ſetzte ſie vollkommen durch hohe Sorgfalt und Ge⸗ ſchmack im Anzuge, durch ſchnelle Kunde von jeder auslaͤndiſchen Mode und durch eine beſondere Gabe, das Ergebniß dieſer Kunde ihren reizenden Zuͤgen und ihrer Geſtalt anzueignen. Bei Hoſe wußte ſie ſo gut als irgend eine Dame im ganzen Zirkel genau zu beurtheilen, ob man dem Monarchen nach ſeinem vorherrſchenden Humor im moraliſchen, politiſchen, gelehrten oder ſcherzhaften Tone zu antworten habe 3 auch glaubte man, ſie ſei ſehr thaͤtig geweſen, durch — perſoͤnlichen Einfluß ihrem Gemahl eine hohe Stelle zu verſchaffen, welche der podagriſche alte Vicomte bei ſeinem flachen Verſtande und der Unbedeutſamkeit ſeines Benehmens durch ſonſt nichts haͤtte verdienen koͤnnen. Es war dieſer Dame weit leichter, als ihrem Bruder, einen ſo jungen Hofmann als Lord Glen⸗ varloch mit den Sitten und Gewohnheiten einer ihm 3 ſo neuen Sphaͤre zu verſoͤhnen. In jeder civiliſirten Geſellſchaft geben Damen, ausgezeichnet an Rang und Schoͤnheit, in Sitten und Gewohnheiten, und durch dieſe ſelbſt in der Moralität den Ton an. UUe⸗ berdieß hatte Lady Blackcheſter einen ſolchen Einfluß, entweder bei Hofe oder auf den Hof(denn der Duelle deſſelben ließ ſich nicht genau nachſpüren) der ihr Freunde verſchafte und diejenigen, die etwa ge⸗ neigt geweſen ſeyn moͤchten, die Rolle ihrer Feinde zu ſpielen, in Furcht hielt. Es gab eine Zeit, wo ſie, wie man glaubte, mit der Familie Buckingham in ſehr genauen Ver⸗ hältniſſen and, welches mit ihrem Bruder immer noch der Fall war; und wenn gleich zwiſchen der Graͤfin und der Herzogin von Buckingham einige Kälte eingetreten war, ſo, daß man ſie wenig zu⸗ ſammen ſah, und die erſtere ſich einigermaßen ins Privatleben zuruͤckgezogen hatte, ſo raunte man ſich doch in die Ohren, daß der Einfluß der Lady Black⸗ 3. . 31 cheſter bei dem allgewaltigen Guͤnſtlinge keines⸗ weges in Folge ihres Bruchs mit ſeiner Gemahlin vermindert ſey. Unſere Nachrichten uͤber die geheimen Hofintri⸗ guen jener Zeit und uͤber die Lenker derſelben ſind nicht vollſtändig genug, um uns zu einem Urtheile uͤber die verſchiedenen aus den eben mitgetheilten Umſtänden entſprungenen Geruͤchte in den Stand zu ſetzen. Genug,— Lady Blaccheſter hatte durch Schoͤnheit, geiſtige Bildung und anerkanntes Ta⸗ lent fuͤr Hofintriguen, großen Einfluß auf den ſie um⸗ gebenden Zirkel; und bald fuhlte Nigel die Macht dieſes Einfluſſes, indem er gewiſſermaßen ein Sclave jener Art von Gewohnheit ward, die ſo viele Män⸗ ner zu einer beſtimmten Stunde in eine beſtimmte Geſellſchaft fuͤhrt, ohne dort großes Vergnuͤgen oder auch nur Zeitvertreib zu erwarten und zu genießen. Mehrere Wochen lang war ſeine Lebensweiſe ge⸗ woͤhnlich folgende: Das Speiſehotel fuhrte ihn nicht unangemeſſen in das Geſchaͤft des Taged ein, und ſehr bald fand der junge Lord, daß, wenn die Ge⸗ ſellſchaft dort nicht immer untadelhaft war, ſie wenig⸗ ſtens den paßlichſten und angenehmſten Verſamm⸗ lungsort bildete, wo er ſich mit Leuten von Welt zu Partien nach Hyde⸗Park, ins Schauſpiel und nach andern oͤffentlichen Beluſtigungsorten zuſammenfand, oder mit ihnen die muntern, glänzenden Zirkel der 32 Lady Blackcheſter beſuchte. Auch verlor er allmaͤhlig die Bedenklichkeiten und den Abſcheu gegen Orte, wo das Spiel erlaubt war; und begann ſich ſogar mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß es nicht unrecht ſeyn koͤnne, einem ſolchen Zeitvertreibe, wenn er mit Maße getrieben werde, zuzuſehen, auch aus gleichem Grunde und unter der naͤmlichen Voraus⸗ ſetzung gegen das Mitſpielen nichts zu erinnern ſeyn könne. Aber der junge Lord war ein Schotte, ge⸗ wohnt an fruͤhes Nachdenken und abgeneigt jeder Wagniß, welche Geldverſchwendung zur Folge haben konnte. Ueberhaupt war Verſchwendung kein Feh⸗ ler zu dem er von Natur Hang hatte, oder zu dem er durch ſeine Erziehungsweiſe hatte hingeleitet werden können; und wahrſcheinlich hatte der edle Abſcheu ſeines Vaters vor dem Gedanken, daß ſein Sohn einem Spieltiſche nahen könne, und das darauf ge⸗ gruͤndete Verbot mehr noch in der Beſorgniß ſeinen Grund gehabt, daß er ein gewinnvoller Spieler wer⸗ den, als daß er das Seinige im Spiel verlieren koͤnne. Das Letztere, ſo urtheilte er, ließ wenig⸗ ſtens ein Ende abſehen;— freilich ein trauriges,— den Verluſt der zeitlichen Guͤter; das Erſtere hinge⸗ gen drohte mit einem immer ſteigenden Uebel, wel⸗ ches Leib und Seele zugleich in Gefahr ſetzte. Worauf aber auch immer der alte Lord ſeine Be⸗ forgniſſe gegruͤndet haben mochte, ſo waren ſie doch „ 33 ſo weit entfernt, durch ſeines Sohnes Benehmen be⸗ wahrheitet zu werden, daß er aus einem Beobachter der verſchiedenen, in ſeiner Gegenwart getriebenen Gluͤcksſpiele allmaͤhlig ein Mitſpieler ward und durch maͤßige Wagniſſe ein Intereſſe daran gewann. Auch berechtigten ihn allerdings ſein Rang und ſeine Hoff⸗ nungen, mitunter einige Goldſtuͤcke aufs Spiel zu ſetzen,(denn hoͤher trieb er es nicht,) und zwar nur gegen ſolche Perſonen, aus deren Bereitwilligkeit, ihr Geld zu wagen, man ſchließen mußte, daß ſie es ohne Unbequemlichkeit verlieren koͤnnten. Das Schickſal wollte, oder vielleicht hatte es ſein boͤſer Genius beſchloſſen, daß Nigel ausgezeich⸗ netes Gluͤck im Spiele haben ſollte. Er war gemaͤ⸗ ßigt, vorſichtig, kaltbluͤtig, hatte ein ſtarkes Gedächt⸗ niß und eine ſchnelle Berechnungsgabe; dabei war er von kuͤhnem und unerſchrockenen Charakter, ſo daß Niemand der ihn nur fluchtig geſprochen hatte, leicht gewagt haben wuͤrde, ſich irgend etwas, einem hinter⸗ liſtigen Streiche Aehnelndes gegen ihn heraus zu neh⸗ men, am wenigſten, wenn man haͤtte verſuchen wol⸗ len, ihn dabei in Furcht zu jagen. Gewoͤhnlich pflegte Nigel ſelb Vierte zu ſpielen, und wenn er entweder fand, daß ſein Gluck ihn verließ, oder wenn er ſein Gluͤck nicht laͤnger verſuchen wollte, ſo pflegte er den Spieltiſch zu verlaſſen, ohne daß ſelbſt die ſpielluſtigſen Beſucher des . 3 34 —— Hötels de Beaujen es wagten, laut itgende ein Miß⸗ vergnuͤgen daruͤber an den Tag zu legen. Als dies aber mehrmals geſchah, begannen die Spieler ſowohl uͤber das Gluͤck, als auch über die Vorſichtigkeit des jungen Schotten zu murren, ſo daß er in ihrer Ge⸗ ſelſchaft nicht mehr populär war. Kein geringer Antrieb zur Fortſetzung dieſer uͤblen Spielſitte, ſobald ſie einmal gewiſſermaßen zur Ge⸗ wohnheit ward, war der, daß ſie den von Natur ſtolzen Nigel der Nothwendigkeit enthob, ſich neuen Geldverbindlichkeiten zu unterwerfen, die ſein ver⸗ längerter Aufenthalt in London ſonſt unvermeidlich gemacht haben wuͤrde. Er mußte bei den Miniſtern die Vollziehung gewiſſer amtlicher? Foͤrmlichkeiten nach⸗ ſuchen, um ſeinen koͤniglichen Zahlungsbefehl wirk⸗ ſam zu machen; und dieſe Foͤrmlichkeiten wurden, obgleich ſie ihm nicht abgeſchlagen werden konnten, auf ſolche Weiſe verzögert, daß Nigel auf den Arg⸗ wohn kam, ein— Wiverſtand verzoͤgere ab⸗ ſichtlich ſein Geſchaͤft. Waͤr' er ſeinem eigenen An⸗ triebe gefolgt, ſo wuͤrde er zum zweitenmale, den königlichen Zahlungsbefehl in der Taſche, bei Hoſe erſchienen ſeyn, um aus des Monarchen Munde zu erfahren, ob denn ein Ausfluß ſeines Edelmuths durch Zögerungen der Beamten fruchtlos gemacht werden könne? Allein Lord Huntinglen, jener gute alte Pair, der bei einer fruͤhern Gelegenheit ſich ſo frei⸗ 35 „ muͤthig fur ihn verwandt hatte, und den er zu Zei⸗ ten beſuchte, rieth ihm ſehr von dieſem Wasſtck ab⸗ und ermahnte ihn, ruhig die Ausfertigungen der Miniſter abzuwarten, welche ihn von der Nothwen⸗ digkeit, in London, wie er ſich ausdruͤckte, Compli⸗ mente zu ſchneiden, befreien wuͤrden. Lord Dal⸗ garno ſtimmte ſeinem Vater darin bei, ſeinen jungen Freund von einer zweiten Aufwartung bei Hofe ab⸗ zuſchrecken, wenigſtens ſo lange bis er mit den Her⸗ zog von Buckingham ausgeſöhnt ſey,—„ wozu ich,“ ſagte er, zu ſeinem Vater ſich wendend,„meinen geringen Beiſtand angeboten habe, ohne jedoch Lord Nigeln zu der mindeſen Unterwuͤrfigkeit gegen den Herzog von Buckingham vermoͤgen zu koͤnnen.“ „Meiner Treu, ich glaube, der junge Menſch thut recht daran, Malcolm,“ antwortete der ehrenveſte ſchottiſche Lord.„Welches Recht hat Buckingham, oder genau zu reden, der Sohn des Sir Georg Villiers, Huldigungen und Unterwuͤr⸗ figkeit von einem Edelmanne zu erwarten, der acht Ahnen mehr zaͤhlt, als er. Ich ſelbſt hoͤrte ihn ohne Anfuͤhrung irgend eines Grundes, Lord Nigeln ſei⸗ nen Feind nennen; und nie will ich durch meinen Rath Schuld daran ſeyn, daß der junge Mann, auch nur ein freundliches Wort zu ihm ſpricht, bevor er ſeine harten Worte zuruͤckgenommen hat,“ 36 „Dies iſt auch mein Rath,“ antwortete Lord Dalgarno;„dann aber werdet ihr zugeben, lieber Vater, daß es fuͤr unſern Freund das hoͤchſte Wag⸗ ſtuͤck ſeyn wuͤrde, wieder zum Koͤnige zu gehen, ſo lange noch der Herzog ſein Feind iſt;— beſſer iſt's, man uͤberlaͤßt es mir, den Unwillen, den einige Oh⸗ renblaͤſer dem Herzog gegen Nigeln eingefloͤßt bsn zu daͤmpfen.“ „Kannſt du Buckingham von ſeinem Irthum uͤberzeugen, Malcolm,“ ſagte ſein Vater,„ſo will ich es als ein ſeltnes Beiſpiel von Freundſchaſt und Rechtlichkeit am Hofe, anerkennen. Oſt habe ich einer Schweſter und dir ſelbſt geſagt, daß ich von der Wirkſamkeit jener beiden Antriebe in dieſer Sphaͤre im Ganzen nur eine ſehr geringe Meinung habe.“ „Zweifelt nicht, daß ich in Nigels Angelegen⸗ heiten mein Beſtes thue,“ verſetzte Lord Dalgarno; „allein ihr muͤßt denken, lieber Vater, daß ich mich nothwendig fanfterer Mittel bedienen muß, als die⸗ jenigen wodurch ihr vor zwanzig Jahren des Koͤnigs Guͤnſtling wurdet.“ „Meiner Treu, ich fürchte ſelbſt, daß es lang⸗ ſam gehen wird;“ verſetzte der Vater;„doch, das ſag' ich dir mein Sohn, lieber moͤcht ich im Grabe liegen, als deine Rechtlichkeit und Ehrliebe bezwei⸗ ſeln. Ich weiß nicht, wie es zugegangen iſt, daß der Begriff von aufrichtiger Dienßfertigkeit, am Hoſe 37 nicht mehr die nämliche Bedeutung hat, die er in meinen jungen Jahren hatte;— gleichwohl kamſt du dort empor.“ „Die Zeiten, lieber Vater, verſtatten nicht mehr die Anwendbarkeit eurer Dienſte nach der alten Welt,“ ſagte Lord Dalgarno;„wir haben jetzt keine täglichen Inſurrectionen, keine naͤchtlichen Mord⸗ verſuche, wie ſie am ſchottiſchen Hofe Sitte waren. Es iſt nicht mehr noͤthig, dem Souverain nach eurer raſchen und etwas derben Manier mit dem Schwert in der Hand, zur Seite zu ſtehn; dies wuͤrde eben ſo unpaßlich ſcheinen, als eure altmodigen Diener mit ihren Wappenſchildern und Haudegen auf einem heutigen Hofball. Ueberdies, lieber Vater, kann ein gar zu ſeine Unzutraͤglichkeiten haben. Ich hoͤrte, und zwar aus des Koͤnigs Munde, daß, als ihr den Verraͤther⸗Ruthven erdolchtet, dies mit ſo weniger Bedaͤchtlichkeit geſchah, daß die Dolch⸗ ſpitze durch den Koͤrper des Verraͤthers einen viertel Zoll tief in das koͤnigliche Stiefgeſicht fuhr. Der Koͤnig ſpricht nie davon, ohne den beſchaͤdigten Theil zu reiben und ſein infandum renovare do- lorem dabei auszurufen. Das koöͤmmt von den altfraͤnkiſchen Sitten, und von der Gewohnheit, lange Fangmeſſer von Liddesdahle anſtatt kurzer par⸗ meſaniſcher Dolche zu tragen. Und doch, lieber Va⸗ ter, nennt ihr dies: raſche, tapſere Dienſtleiſtungen. 38 Der König konnte, wie ich höre, vierzehn Tage lang nicht aufrecht ſitzen, obgleich alle Kiſen aus Falk⸗ land in ſeinen Stoatslehnſtuhl aufgehäuft wurden, die der Oberſchöffe von Dunfermline zuſammen⸗ orgte.“ „Nichts als Luͤgen,“ verſetzte der alte Graf. „Freilich nug ich einen gehorigen Dolch, geeignet zum raſchen Dienſte, und nicht eine Spicknadel, wie die eurigen, die ſich beſſer zu Zahnſtochern paſſen. Nun zum Henker, eine ſolche Waffe muß doch brauch⸗ bar ſeyn fur den Fall, wenn Könige, kreiſchend wie eine halberwuͤrgte Henne, uͤber Mord und Hochver⸗ rath ſchreien. Aber ihr jungen Höflinge wißt nichts von ſolchen Dingen, und ſeyd faſt um nichts beſſer als die grunen Gaͤnſe, die man aus Indien erhaͤlt), und deren einziges Verdienſt darin beſteht, daß ſie ihren Beſitzern nachſchnattern,— nicht unähnlich den Augendienern, Schmeichlern und Ohrenblä⸗ ſern.— Nun das ſage ich dir, wär' ich nicht alt, und außer Stande, meinen Aufenthalt zu verändern, ſo zög' ich von dannen, und hoͤrte noch einmal wie⸗ der den Tay ſeine Gewaͤſſer uber Campſie Linn ſtur⸗ zen.“ *) Vermuthlich iſt hier von Papageien die Rede, die in je⸗ ier Zeit leicht noch ſo ſelten ſeyn konnten, daß ihr richtiger Name noch nicht allgemein geläufig war. d. U. 39 „Aber, hoͤrt Vater, die Eßglocke ertoͤnt,“ ſiel Lord Dalgarno ein,„und wenn das Wild, welches ich euch ſandte, gut ausfaͤllt, ſo iſt der Ton dieſer Glocke wohl eben ſo lieblich, als der, der Waſſerfälle des Tay.“ „Nun ſo folgt mir denn, ihr jungen Leute, wenn ihr Luſt habt,“ ſagte der alte Graf, und ſchritt aus dem Cabinet, wo dies Geſpraͤch vorfiel, den bei⸗ den Freunden in den Speiſeſaal voran. In ihrem Zwieſprach hatte Lord Dalgarno we⸗ nig Muͤhe, Nigeln von einer nochmaligen unmittel⸗ baren Vorſtellung beim Koͤnige abzurathen; dagegen wurden ſeine Anerbietungen, ihn zuvoͤrderſt beim Herzog von Buckingham einzufuͤhren, mit entſchiede⸗ ner, verachtungsvoller Weigerung abgeſchlagen;— eine Weigerung die Dalgarno blos mit Achſelzucken beantwortete, als ob er wenigſtens das Verdienſt in Anſpruch naͤhme, einem hartnackigen Freunde den beſten Rath ertheilt zu haben, und ſich der Verant⸗ wortlichkeit fur die Folgen dieſer Weigerung zu ent⸗ heben wuͤnſche. Was den Vater betraf, ſo ſtand freilich Nigeln ſein Tiſch und ſein beſter Wein, mit welchem er ver⸗ ſchwenderiſcher war, als nothig ſchien, eben ſo be⸗ reitwillig zu Dienſten, als ſein wohlgemeinter Rath und Beiſtand in der Betreibung ſeiner Angelegenhei⸗ ten; allein Lord Huntinglens Einfluß war mehr an⸗ 40 ſcheinend als wirklich; und die Gunſt, die er ſich durch ſeine tapfere Vertheidigung der Perſon des Koͤnigs erworben hatte, benutzte er ſo ſorglos, daß ſie von den Guͤnſtlingen und Miniſternhes Souve⸗ rains leicht umgangen ward, und, ausgenommen einen oder zwei Fälle, wo er den Konig gewiſſer⸗ maßen uͤberraſchte, wie z. B. in der Angelenheit des Lord Glenvarloch, die Gnade des Koͤnigs ſich nie ge⸗ gen ihn oder ſeine Freunde heſonders wirkſam bewies. „Nie gab es einen Mann,“ aͤußerte gegen Nigeln Lord Dolgarno, der, mit großerer Scharf⸗ ſicht durchſchauend den Engliſchen Hof, deutlich er⸗ kannte, woran es ſeinem Vater fehlte,„der es ſo vollkommen in ſeiner Gewalt hatte, den Gipfel des Glucks zu erreichen, als mein armer Vater. Er hatte das Recht erlangt, ſich eine Stufe nach der andern langſam, aber ſicher zu erbauen, wenn er jede jährlich zu erbittende Gnadenbezeigung zum Ru⸗ heplat fur das naͤchſtfolgende Jahr dienen ließ; aber euer Gluͤck, lieber Nigel.“ fuhr er fort,„ſoll nicht an der nämlichen Kuͤſte ſcheitern. Hab' ich gleich wenigere Mittel, mir Einfluß zu verſchaffen, als mein Vater hat, oder vielmehr hatte, bis er ſie füͤr Fäſſer mit Sect, fuͤr Falken, Jagdhunde, und ähnliche Erbärmlichkeiten wegwarf, ſo kann ich weit beſſer als er, den Einſluß benutzen, den ich be⸗ ſite; und dieſer, mein lieber Rigel, iſt ganz eurem 41 —— Dienſte gewidmet. Wundert euch nicht, und nehmt es nicht uͤbel, daß ihr mich jetzt ſeltener ſeht, als zu⸗ vor; die Hirſchjagd hat begonnen, und der Prins verlangt höufiger meine Begleitung; auch muß ich öfterer beim Herzog erſcheinen, um eure Sache zu betreiben, wenn die Gelegenheit es verſtattet.“ „Ich habe beim Herzog keine Sache zu betrei⸗ ben,“ verſetzte Nigel ernſt;„oſt ſchon ſagt' ich es euch.“ „Nun du hartnaͤckiger, argwoͤhniſcher Disputir⸗ geiſt,“ entgegnete Dalgarno,„ich wollte nichts an⸗ ders damit ſagen, als daß ich deine Sache beim Her⸗ zog auf eben dieſelbe Weiſe verfechte, wie die Sei⸗ nige bei dir. In der That ich wuͤnſche nur das Mei⸗ nige beizutragen, den Lieblingsſpruch unſers koͤni⸗ glichen Gebieters: Beati pacifioi! in Erfuͤl⸗ lung zu hringen.“ Bei mehreren Gelegenheiten nahmen Nigels Un⸗ terredungen mit dem alten Grafen und ſeinem Sohne eine aͤhnliche Wendung und endigten ſich auf gleiche Weiſe; manchmal duͤnkte es ihn freilich, daß durch den vereinten Einfluß beider, nicht zu gedenken den unſichtbareren, der Lady Blackcheſter, der, wenn ſie ſich deſſen gleich nie geruͤhmt hatte, dennoch nicht minder gewiß war, ſeine jetzt ſo ſehr vereinfachte Angelegen⸗ heit leicht haͤtte beſchleunigt werden koͤnnen; doch war es ihm auf der andern Seite auch unmoͤglich, die un⸗ 42 verſtellte Redlichkeit des Vaters und die eifrige, dienſt⸗ fertige Freundſchaft des Sohnes zu bezweiſeln; eben ſo wenig konnte er vermuthen, daß es ihm an der Unterſtuͤtzung der Tochter, die ihn mit ſo großer Aus⸗ zeichnung behandelte, in irgend einem Falle, wo ſie ihm nuͤtzlich ſeyn konnte, ermangeln wuͤrde. Auch fühlte er die Wahrheit der vſt wiederholten Aeußerung Dalgarno's, daß, ſo lange der Günling fuͤr ſeinen Feind gehalten ward, jeder untergeordne⸗ te Beamte, durch deſſen Hände ſeine Angelegenheit gehen mußte, ſich ein Verdienſt daraus machen wuͤr⸗ de, ihm Hinderniſſe in den Weg zu legen, die er nur durch Standhaftigkeit und Geduld uͤberwinden koͤnne, wofern er nicht vorzöge, die Breſche auszu⸗ fuͤllen, oder wie Dalgarno ſich auszudruͤcken pflegte, mit dem Herzog von Buckingham Frieden zu machen. igel pitte ſich hieräber bei ſeinem Freunde Georg Heriot Raths erholen können und wuͤrde es, da er ſolchen fruͤher ſo vortheilhaft gefunden hatte, auch ohne Zweifel gethan haben, wenn er nicht den wuͤrdigen Buͤrger das einzige Mal als er ihn nach ihrem gemeinſchaftlichen Hofbeſuche ſah, mit eiligen Vorbereitungen zu einer Reiſe beſchaͤftigt gefunden haͤtte, die er in wichtigen und zugleich für ihn ſelbſt äußerſt gewinnvollen Geſchften ſeines Berufs ver⸗ moge beſondern Auſtrags vom Hofe und dem Herzoge von Buckingham unternehmen ſollte, Der gute Mann 43 lochelte, als er gegen Nigeln des Herzogs von Buk⸗ kingham erwaͤhnte;„er ſey,“ ſagte er,„gleich an⸗ fangs ſicher geweſen, daß ſeine Ungnade bei dieſem Herrn nicht von langer Dauer ſeyn werde.“ Lord Glenvarloch bezeigte ihm ſeine Freude uͤber ihre Ausföhnung, mit der Bemerkung: es ſey ihm ein peinlicher Gedanke geweſen, daß Heriot ſich um ſeinetwillen das Mißfallen eines ſo mächtigen Guͤnſt⸗ lings zugezogen, und ſich den damit verhunenen Nachtheilen ausgeſetzt habe. „Mylord,“ verſetzte Heriot,„als dem Sohne eures Vaters fuͤhlte ich mich euch verpflichtet; und dennoch wuͤrde ich, wenn ich anders mich ſelbſt ken⸗ ne, fuͤr die bloße Sache der Gerechtigkeit, zum Be⸗ ſten eines weniger bedeutenden Mannes eben ſo viel gethan,— und das Naͤmliche gewagt haben, als für euch. Da wir uns aber in einiger Zeit nicht wiederſehen werden, ſo muß ich eurer Klugheit die weitere Betreibung dieſer Angelegenheit uͤberlaſſen.“ Nach dieſen Worten ſagten ſie einander ein herz⸗ liches Lebewohl. Doch jetzt ereigneten ſich Veränderungen in Ni⸗ gels Lage, die zur Kunde des Leſers gebracht werden muͤſſen. Seine dermaligen Beſchäͤftigungen und die Zeitvertreibe, an die er ſich gewoͤhnt hatte, machten es ihm ſehr unbequem, ſo tief in der City zu woh⸗ nen. Auch mochte er ſich ſeiner Cajuͤte auf dem 3 44 — Paulswerft allmählig etwas ſchämen und ſtandes⸗ maßiger zu wohnen wuͤnſchen; deshalb hatte er ſich eine kleine Wohnung unfern Temple⸗Bar gemiethet. Aber ſchon bedauerte er, daß er es gethan hatte, als er wahrnahm, daß ſein Umzug dem ehrlichen John Chriſtie und mehr noch ſeiner gefälligen, dienſtferti⸗ gen Hauswirthin Kummer machte. Der erſtere, der in Allem, was er that, ernſt und grämlich war, ͤuſ⸗ ſerte blos die Hoffnung, daß in ſeinem Hauſe dem Lord Glenvarloch Alles nach ſeinem Sinne geweſen ſey, und daß er ihm keinen Grund zur Unzufriedenheit gegeben habe; allein in Nellys Augen perlten Thraͤ⸗ nen, als ſie ihm die mancherlei Verbeſſerungen be⸗ merklich machte, die ſie in ſeinem Zimmer, blos um es Sr. Lordſchaft bequemer zu machen, angebracht habe.„Eine große Schiffskiſte,“ ſagte ſie,„ſei aus ſeinem Zimmer weggeſchaft und eine Treppe hoͤ⸗ her mit großer Muͤhe auf des Ladenburſchen Dach⸗ kämmerchen gebracht, obgleich ſie dem armen Men⸗ ſchen kaum achtzehn Zoll breit Raum laſſe, um in ſein Bette zu kriechen, und der Himmel wiſſe, wie ſie ſich die enge Treppe wieder hinabbringen laſſen werde. Die Anlegung eines Alcovens habe ganzer zwanzig Schillinge gekoſtet, und doch ſey das Zim⸗ mer fuͤr jeden andern Miethsmann außer Sr. Lord⸗ ſchaft, brauchbarer ohne Alcoven; nicht zu gedenken des vielen Leinengeraͤthes, welches ſie ſich blos um . ſeinetwillen angeſchaſt habe. Doch ſie můſ⸗ ſich dar⸗ ein ergeben.“ Jedermann liebt Beweiſe perſoͤnlicher Anhäng⸗ lichkeit; und Nigel, der ſich ſelbſt Vorwuͤrfe machte, als ob er bei ſeinen verbeſſerten Gluͤcksumſtaͤnden die beſcheidene Wohnung und die Hoͤfllichkeiten wohl⸗ wollender Menſchen geringen Standes, welche noch kuͤrzlich wahre Wohlthaten fuͤr ihn geweſen waren, gering ſchatze, unterließ nicht, durch alle moͤgliche Verſicherungen und durch eine ſo freigebige Bezah⸗ lung, als ſeine Wirthe anzunehmen nur immer ver⸗ mocht werden konnten, ihre unangenehmen Gefuhle bei ſeinem Abzuge zu mildern; und ein Abſchiedskuß von den ſchoͤnen Lippen ſeiner Hauswirthin beſiegel⸗ te ihre Vergebung. Richard Moniplies blieb etwas hinter ſeinem Gebieter zuruͤck, um bei John Chriſtie anzufragen, ob er einem ehrlichen Schotten, wenn es nöthig waͤ⸗ re, zur Ruͤckfahrt in ſein Vaterland verhelfen koͤnne; und als ihn John dies hoffen ließ, ſagte er dend: bald werde er ihn an dies Verſprechen erin⸗ nern.„Denn,“ fuͤgte er hinzu,„wenn Mylord des Lebens hier in London nicht uͤberdruͤßig iſt, ſo bin ich es, und habe den ſeſten Vorſatz gefaßt, Schott⸗ land wieder zu ſehen, ehe ich noch viele Wochen äl⸗ ter bin.“ . „ Drittes Kapitel. Richard Moniplies fuͤhrte ſeinen Vorſatz aus. Am dritten Morgen nach Nigels Einzuge in ſeine neue Wohnung erſchien er vor ſeinem jungen Lord, der ſein Lager um eine Stunde ſpäter als gewöhnlich verlaſſen hatte, und eben im Begriff war, ſich an⸗ zukleiden. Beim erſten Blick auf ſeinen Diener bemerkte er, daß ſich auf ſeinen feierlichen Zuͤgen eine finſtre Wol⸗ ke zuſammenzog, die entweder eine erhoͤhte Wichtig⸗ keit, oder Unzufriedenheit/ oder auch Etwas von Beiden anzeigen ſollte. „Was fehlt dir heute Morgen, Richard?“ frag⸗ te er,„du machſt ja ein Geſicht, faſt wie die grotes⸗ ken Figuren dort unten am Springbrunnen,“ wo⸗ bei er auf die Umgebung der Templekirche deutete, deren gothiſches Gebaͤude ſie aus den Fenſer ſehen konnten. Nichard wandte ſein Haupt etwas zur Rechten, ſo langſam als ob er einen ſteifen Hals haͤtte, nahm aber augenblicklich ſeine vorige Stellung wieder an und begann zu huſten, als ob das, was er ſagen wollte, ihm im Halſe ſtecken bliebe. 3 47 „Ah ich merke ſchon,“ ſagte Nigel,„es fehlt dir etwas Geld, Richard, reichen dieſe 5 Stuͤcke hier zu deinem Beduͤrfniß hin?“ „Mylord,“ erwiederte der Diener,„ich werde freilich etwas Geld bevuͤrfen; und es iſt mir zugleich lieb und unangenehm, daß Ew. Lordſchaft mehr als bisher im Ueberfluſſe lebt.“ „Lieb und unangenehm? Du ſprichſt in Räth⸗ ſeln Richard.“ „Mein Räthſel wird ſich bald loͤfen; ich kom⸗ me, mich bei Ew. Lordſchaft zu erkundigen, ob ihr etwas nach Schottland zu befehlen habt?“ „Nach Schottland? biſt du toll, kannſt du nicht warten, bis wir zuſammen dahin zurückreiſen?“ „Ich koͤnnte euch ohnehin wenig Dienſte lei⸗ ſten, da ihr die Abſicht habt, einen andern Pagen und einen Reitknecht zu miethen.“ „Wie? Du eiſerfuͤchtiger Menſch,“ ſchalt Ni⸗ gel,„wird dir nicht dein Dienſt um ſo leichter wer⸗ den?— Geh' zum Fruͤhſtuͤck und trink einen Becher Doppelbier, um dir die Grillen zu vertreiben.— Ich haͤtte Recht, uͤber deine Thorheit zu zuͤrnen, wenn ich mich nicht erinnerte, daß du mir im Miß⸗ geſchick Anhänglichkeit bewieſen haſt.“ „Mißgeſchick, Mylord wuͤrde uns nie getrennt haben; und woͤre auch das Schlimmſte erfolgt, ſo waͤr' ich eben ſo muthvoll verhungert als Cw. Lord⸗ 5 ſchaft, und vielleicht noch muthvoller, weil ich ein⸗ germaßen daran gewoͤhnt war; denn ob ich gleich in einem Fleiſcherhauſe geboren und erzogen bin, ſo ward ich doch keinesweges blos mit Kaͤlberſchnitten groß gefuttert.“ „Nun was ſoll denn alles dieſes Geſchwaͤtz? Willſt du etwa meine Geduld auf die Probe ſtellen? Du kennſt mich genug, um zu wiſſen, daß, haͤtte ich auch zwanzig Dienſtboten, der treue Diener, der mich im Mißgeſchick nicht verließ, mir der Liebſte ſeyn wuͤrde. Es iſt alſo ſehr unvernuͤnſtig, mich mit deinen launenhaften Einfallen zu quaͤlen.“ „Mylord,“ entgegnete Richard,“ wenn ihr mich eures Vertrauens verſichert, ſo gereicht dies euch ſelbſt zur Ehre, falls ich ohne Unbeſcheidenheir ſo re⸗ den darf, und iſt meinerſeits keinesweges unverdient; gleichwohl muͤſſen wir ſcheiden.“ „Warum denn?“ ſtagte Nigel,„wenn wir heide mit einander zufrieden ſind?“ „Ew. Lordſchaft Beſchäftigungen,“ antwortete Richard,„ſind von der Art, daß ich ſie durch meine Gegenwart nicht genehmigen oder befordern darf.“ „Was unterſtehſt du dich Menſch?“ zuͤrnte der Gebieter. „Haltet zu Gnaden Mylord; iſt es Recht, daß ihr eben ſo ſehr uͤber mein Reden als uͤber mein SWweigen zuͤrnet? Wenn ihr die Grunde meines 49 ——— Abzuges geduldig anhoͤrt, ſo kann es euch, glaub' ich, hienieden und dort oben erſprießlich ſeyn; wo nicht, ſo laßt mich ſchweigend meinen Abſchied in Empfang nehmen, und dann nichts mehr davon!“ „Nun, ſo fahre fort,“ verſetzte Nigel,„und ſprich dich rein aus, nur vergiß nicht, mit wem du ſprichſt.“ „Nun wohl, Sieh ich will mit aller De⸗ muth ſprechen,“(nie nahm Richard eine trotzigere Haltung an, als wenn er das Wort Demuth aus⸗ ſprach,)„aber glaubt Ew. Lordſchaft, daß das Wuͤr⸗ ſeln und Kartenſpielen und das ewige Laufen in Schenken und Spielhaͤuſer euch wohl anſteht?— Mir wenigſtens ſteht es nicht an.“ „Wie, du biſt doch nicht etwa ein Puritaner geworden, naͤrriſcher Menſch?“ fragte Nigel la⸗ chend, obwohl ihm, in einem Mittelzuſtande zwi⸗ ſchen Unwillen und das Lachen Muͤhe ko⸗ ſtete. „Mylord,“ entgegnete der Diener,„ich kenne die Streitfrage uͤber den Punkt, wovon hier die Re⸗ de iſt, ich bin vielleicht ein Stuͤck von einem Puri⸗ taner, und wollte Gott, ich waͤre des Namens noch wuͤrdiger; aber laſſen wir das bei Seite; ich habe die Pflichten eines Dieners ſo weit ausgedehnt als mein ſchottiſches Gewiſſen nur immer verſtatten will. Ich kann meinem Herrn oder meinem Vaterlande I. 4 50 das Wort geben, daß ich weder dem einen noch dem andern im Auslande auch nur um ein Haar zu nahe treten laſſe; aber dieſer Saus und Braus, dies Wuͤr⸗ feln und Kartenſpielen iſt nicht mein Element,— ich kann nicht darin athmen,— und wenn ich hoͤre, daß Cw. Lordſchaft Geld gewinnt, was vielleicht ein duͤrftiger Menſch ſchwer entbehrt,— meiner Seel, dann wollte ich lieber, wenn Ew. Lordſchaft das Geld zur dringenden Nothdurft brauchte, mich mit euch hinter einer Hecke wegelagern, und dem erſten be⸗ ſien Viehhaͤnvler, der mit dem Verkaufspreiſe ſeiner Kaͤlber vom Markte zu Smithfield kaͤme, ſeine lederne Geldkatze abnehmen!“ „Du biſt ein einfältiger Menſch,“ ſagte Nigel, der jedoch ſein Gewiſſen ſehr getroffen fand;„ich Fi le nur ſehr niedrig.“ „Um ſo ſchlimmer, Mylord,“ erwiederte der ſchonungsloſe, wiewohl immer in den Grenzen der Chrerbietung bleibende Diener.„Spieltet ihr mit eures Gleichen, ſo wäre die Suͤnde eben ſo groß; ihr häͤttet aber doch mehr weltliche Ehre davon. Cw. Lordſchaft hat noch erſt kuͤrzlich an ſich ſelbſt erfahren, daß tleine Summen von denen, die keine groͤßeren haben, ſehr ſchwer entbehrt werden konnen; und oß⸗ ſen zu reden, giebt es Leute, welche bemerken, daß Cw. Lordſchaft mit keinen andern als mit mißleiteten —— 54 Creaturen ſpielen, die nur mit Muͤhe und Noth ih⸗ ren Einſatz aufbringen koͤnnen.“ „Das kann niemand ſagen!“ verſetzte Nigel ſehr zornig.„Ich ſpiele mit wem ich will, und nicht hoͤher, als es mir gefaͤllt.“ „Das iſts eben, was man von euch ſagt, My⸗ lord,“ entgegnete Richard, den ſein natuͤrlicher Hang zum Hofmeiſtern, ſo wie ſein Mangel an feinem Ge⸗ fuͤhl nicht einſehen ließ, wie peinlich dieſe Vorleſung ſeinem Herrn ſeyn mußte.„Noch geſtern, als es Ew. Lordſchaft gefiel, dort im Speiſehauſe dem Gent⸗ leman mit dem rothſammetnen Wammſe und der Hahnenfeder am Hut,— dem Nämlichen, der ſich mit dem Prahlhans von Capitain ſchlug,— etwa fuͤnf Pfund abzugewinnen, ſah ich ihn durch die Hal⸗ le gehen, ganz mit der Miene eines Mannes, der rein ausgezogen iſt, wenn ich je in meinem Leben einen zu Grunde gerichteten Menſchen geſehen habe.“ „Unmoͤglich!“ rief Nigel,„wer iſt er denn? „Er hatte das Aeußere eines vermoͤgenden Mannes.“ „Nicht Alles iſt Gold, was glaͤnzt, Mylord,“ erwiederte Richard;„Stickerei und Metallknoͤpſe ſind nur Windmacherei. Ihr fragt, wer er iſt,— wenn ich es auch errathen habe, ſo finde ich doch nicht fuͤr gut, es zu ſagen.“ „Wenigſtens ſetze mich doch in den Stunbt den Nachtheil, den ich etwa einem ſolchen Menſchen zu⸗ 4* 52 gefügt habe, wieder gut zu machen,“ verſetzte Nigel. Kummert euch darum nicht, Mylord, es wird auf paßliche Weiſe fuͤr ihn Sorge getragen werden; nur das moͤgt ihr euch denken, daß dieſer Menſch ſchon auf der Ertrapoſtreiſe zum Teufel begriffen war und Ew. Lordſchaft ihm durch euren Gewinn noch einen Nachſchub auf ſeiner Reiſe gab. Doch ich will dieſe Reiſe hemmen, wenn Vernunftgruͤnde es ver⸗ mogen; und Ew. Lordſchaft braucht nicht weiter dar⸗ nach zu fragen; denn es iſt von keinem Nutzen; vielmehr iſt es nachtheilig, daß ihr das Naͤhere er⸗ fuhrt.“ „Hoͤre Menſch!“ rief Nigel zornig,„bis jett habe ich aus guten Gruͤnden Geduld mit dir gehabt, aber mißbrauche nicht laͤnger meine Gutmuͤthigkeit: und da du mich durchaus verlaſſen willſt, nun ſo geh' in Gottes Namen und hier iſt Reiſegeld.“ Bei die⸗ ſen Worten ſteckte er ihm eine Summe in Golde in die Hand, welche Richard Stuck fuͤr Stuck mit der groͤßten Sorgfalt nachzahlte.„Nun iſts richtig oder iſt das Gold etwa zu leicht? Denn was Henker zau⸗ derſt du jetzt, da du doch noch vor fuͤnf Minuten ſo große Eile hatteſt?“ fragte der Lord, jetzt vollends erbittert uͤber die anmaßenden Sittenlehren ſeines Bedienten. + 53 ——— „Die Summe iſt vollzaͤhlig,“ erwiederte Ri⸗ chard mit unerſchuͤtterlichem Ernſt und Gleichmuth; „und was die Vollwichtigkeit der Goldſtuͤcke betrift, ſo iſt man zwar hier in London in dieſem Puncte ſo bedenklich, daß man ſchiefe Maͤuler macht, wenn nur ein Haͤrchen daran ſehlt; allein in Edinburg ſind Goldſtuͤcke ſo ſeltene Vögel, daß man dort beim An⸗ blick der meinigen deckenhoch ſpringen wird.“ „Um ſo groͤßer iſt deine Thorheit,“ bemerkte Nigel, deſſen Zorn nur voruͤbergehend war,„daß du ein Land verlaͤßt, wo es deren genug giebt.“ „Mylord,“ erwiederte Richard,„um offenher⸗ zig gegen euch zu ſeyn, ſo iſt mir die Gnade Gottes lieber denn viel tauſend Stuͤck Goldes und Sil⸗ bers.*) Wenn Monsieur Lutin,— den man fug⸗ licher nach dem Orte, wo er wahrſcheinlich ſein Leben enden wird, Galgenvogel nennen konnte,— euch einen Pagen empfehlen wird, ſo werdet ihr freilich ſolche Lehren nicht zu hoͤren haben, wie von mir. Aber waͤren es auch meine letzten Worte,“ fuhr er mit erhobener Stimme fort,„ſo wuͤrde ich ſagen, ihr ſeyd mißleitet und verlaßt den Weg, den euer wuͤr⸗ diger Vater betrat; und was noch mehr iſt, ihr ſeyd im Begriff,— nichts fuͤr ungut,— geſchmuͤckt mit 8* *) Worte des pſalmiſten. d. u. 54 einem Scheuerlappen, zum Teufel zu fahren; denn diejenigen, die euch auf dieſen Irrweg leiteten, la⸗ chen euch aus.“ „Wer wagt's, mich auszulachen!“ rief Nigel, der gleich allen jungen Maͤnnern ſeines Alters em⸗ pfindlicher fuͤr das Lacherliche als fuͤr Vernunſtgruͤn⸗ de war.“ „Mylord, ſo wahr ich lebe und ein ehrlicher Mann bin,— und ich denke, daß ihr mich nie auf einer Unwahrheit betraft, wenn nicht etwa Ew. Lordſchaft oder meines Vaterlandes Vortheil oder vielleicht irgend eine kleine von mir ſelbſt herruͤhren⸗ de Veranlaſſung die Verkuͤndigung der ganzen Wahrheit unnothig machte;— ſo wahr ich alſo ein ehrlicher Mann bin, verſichere ich euch, daß, als ich den bedauernswerthen Menſchen, von dem ich vor⸗ hin ſprach, aus jenem Speiſehauſe, welches, der Him⸗ mel verzeih mir die Suͤnde, von Gott und Menſchen erflucht iſt, durch die Halle weggehen ſah, Zähne⸗ knirſchend mit geballten Fäuſten, die Muͤtze wie ein ee, ins Geſicht gezogen, Luͤtin zu mir ſag⸗ te: Dort laͤuft ein Huͤhnchen, das euer Herr tuͤch⸗ tig kahl gerupft hat; Sr. Lordſchaft kann lange war⸗ ten, bis er wieder einen Hahn im Spiele zu rupfen kriegt; und Mylord, wenn ich es ſagen mag, die La⸗ kaien und eleganten Herrn, unter ihnen aber ganz beſonders euer geſchworner Bruder, Lord Dalgarno, —————— 55 haben euch den Beinamen: der Finkenfalk gegeben. Anfangs wollte ich den Luͤtin fuͤr dieſe Reden den Kopf zerſchellen, bei reiflichem Nachdenken aber dach⸗ te ich, es waͤr nicht der Muhe werth, Streit darà⸗ ber anzufangen.“ „Tod und Teufel!“ rief Nigel,„ſo ſpricht man von mir?“ „Freilich, Mylord, ſind nicht nur Tod und Teufel, ſondern auch des Teufels Großmutter in Lon⸗ don geſchäͤftig,“ fiel Richard ein.„Denn Luͤtin und ſein Herr lachten uͤber euch, daß ihr die Ver⸗ muthung erregtet,— ich ſchaͤme mich es zu ſagen— als ſtaͤndet ihr in vertrauten Vechaltniſſen mit der Frau des guten ehrlichen Lords, deſſen Haus ihr ſo oſt beſucht und eben jetzt erſt verlaßt; und,— ſo ſagten ſie, die unzuͤchtigen Spoͤtter,— ihr wärt noch zu ſehr Neuling, um auf eine ſolche Gunſibe⸗ zeugung Anſpruch zu machen, und hättet nicht Muth genug zu einem ſo ſchönen Kampfe; waͤre doch der Finkenfalk ſo verzagt geweſen, daß er vor dem huͤb⸗ ſchen Weibe eines Käſekrämers geflohen ſey.“ Hier hielt der Erzaͤhler einen Augenblick ein und ſchaute ſeinem Herrn in das vor Scham und Zorn gluͤhende Geſicht. Dann fuhr er fort:„Mylord, ich ließ euch in Gedanken Gerechtigkeit widerfahren, und auch mir ſelbſt; denn, dachte ich, er wuͤrde jetzt in dieſe ſo wie in andre Verderbtheiten tief verſunken 36 ſeyn, haͤtte nicht Richard wenigſtens dies verhin⸗ dert.“ „Was fuͤr neuen Unſinn bringſt du da wieder zu Markte, um mich zu plagen, doch fahr nur fort, da es das Letztemal iſt, daß du mich mit deiner Un⸗ verſchämtheit qulſt; mach' fort und benutze deine Zeit.“ „Nun,“ erwiederte Richard,„das will ich thun, und da der Himmel mir eine Zunge zum Spre⸗ chen und Rathen gegeben hat,“— „Eine Gabe die du wahrlich nicht ungebraucht läßt, dies muß dir Jedermann nachſagen,“ ſiel Nigel ein. „Und zwar zu eurem Beſten Mplord, wie ihr in der Folge gewiß noch einſehen werdet.— Und da ich im Begriff bin, euren Dienſt zu verlaſſen, ſo ſollt ihr auch die ganze Wahrheit wiſſen, damit ihr die Schlingen kennen lernet, denen eure Jugend und Unſchuld ausgeſetzt ſeyn kann, wenn ältere und kalt⸗ bluͤtige Köpfe euch nicht mehr zur Seite ſind. Da war ein munteres Weib von gutem Aeußern, von etwa vierzig Jahren, das ſich genau nach euch erkundigte, Mylord.“ „Nun, was wollte ſie von mir?“ fragte Nigel neugierig. gen an vernuͤnftiger Unterhaltung zu finden ſchien, „Da ſie eine ſchickliche Frau war und Vergnuͤ⸗ 57 — ſo war ich keinesweges abgeneigt, mich mit ihr in's Geſpraͤch einzulaſſen.“ „Und vermuthlich auch nicht abgeneigt, fiel Ni⸗ gel ein,„ihr von meinen Privat-Angelegenheiten Bericht zu erſtatten.“ „Das geſchah keinesweges Mylord; zwar that ſie mir viele Fragen uͤber euren Ruf, euer Vermoͤ⸗ gen, eure Geſchafte in London und dergleichen; al⸗ lein ich hielt nicht fuͤr gut, ihr die ganze Wahrheit zu ſagen.“ „Ich ſehe nicht ein, was du fuͤr Beruf hatteſt, dem Weibe Wahrheit oder Luͤgen uͤber Dinge zu ſa⸗ gen, die ſie nichts angingen.“ „So dacht' auch ich, und deswegen erzaͤhlt' ich ihr weder das Eine noch das Andere.“ „Und was erzhlteſt du ihr denn, du ewiger Schwaͤtzer,“ fragte ungeduldig ſein Herr. „Ich erzählte ihr,“ war die Antwort,„von euren irdiſchen Guͤtern und was dazu gehoͤrt, ei⸗ nige Dinge die zwar in dieſem Augenblicke nicht ganz wahr ſind, wohl aber in fruͤhern Zeiten ganz wahr geweſen ſind, es noch jetzt ſeyn ſollten, und kuͤnftig wieder ſeyn werden,— naͤmlich daß ihr ſchoͤne Be⸗ ſitungen hättet, worauf euch jedoch bis jetzt nur noch die Rechtsanſpruͤche zuſtänden. Ueber dieſe und andre Dinge ſprachen wir, bis der Pferdeſuß bei ihr hervor⸗ guckte und ſie anfing von einer Dirne zu ſprechen, die, 58 — wie ſie ſagte, große Neigung zu Ew. Lordſchaft haͤtte, und uͤber welche ſie gern mit euch insgeheim zu ſpre⸗ chen wuͤnſchte. Als ich aber von ſolchen Dingen hoͤrte, argwohnte ich, ſie ſeh nicht viel beſſer als eine Kupplerin!“ Hier ſchloß er ſeine Geſchichts⸗ erzahlung mit einem ſe aber ſehr bedeutungsvol⸗ len Pfeifen. „Und was rieth dir deine Klugheit unter dieſen Umſtänden?“ fragte Nigel, der ungeachtet ſeines vorherigen Unwillens ſich kaum des Lachens enthal⸗ ten konnte. „Ich nahm eine Miene an,“ verſetzte Richard, indem er ſeine Augenbraunen mit großer Feierlichkeit in die Hoͤhe zog,„die ihr ernſtlich ans Herz legen ſollte, daß ſie ein ſolches Gewerbe rriebe. Ich hielt ihr das Schaͤndliche deſſelben vor und drohte ihr mit der Strafe des Tauchſchemels;*)— ſe ſchalt mich da⸗ gegen einen groben tölpelhaften Schotten, und ſo ſchieden wir, um uns, wie ich hoffe, nie wieder zu ſehen. Jetzt war ich Cw. Lordſchaft Schutzwehr ge⸗ gen eine Verſuchung, die gefahrvoller haͤtte werden können, als das Speiſe- und Spielhaus, denn ihr wißt, was Salomo, Koͤnig der Juden, hieruber *) Eine Art von Stuhl, worauf in frühern Zeiten überführte Kupplerinnen befeſtigt und unter Waſſer getaucht wurden. 59 ſagt). Denn, ſagte ich bei mir ſelbſt, dem Wuͤr⸗ feln haben wir uns ſchon ergeben; koͤmmt nun noch der Verkehr mit leichtſertigen Weibsbildern hinzu, ſo weiß Gott, wo das enden kann.“ „Deine Unverſchämtheit verdiente Zuͤchtigung; doch da es die letzte iſt, die du dir, wenigſtens vors erſte, gegen mich kannſt zu Schulden kommen laſſen, ſo verzeih' ich ſie,“ ſagte Nigel;„und da wir ſchei⸗ den, ſo ſchweige ich uͤber die ungebuͤhrlichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die du dir in Hinſicht meiner her⸗ ausgenommen haſt, anſtatt daß du mich nach mei⸗ nem eignen Urtheil haͤtteſt handeln laſſen ſollen.“ „Beſſer, ich that es nicht,“ verſetzte Richard;— „wir Alle ſind ſchwache Geſchoͤpſe, und konnen beſ⸗ ſer uͤber Andere, als uͤber uns ſelbſt urtheilen. Und ſogar ich ſelbſt habe jederzeit bemerkt, daß ich,— ausgenommen den Vorfall mit der Bittſchrift, der auch jedem Andern haͤtte ereignen koͤnnen,— in Al⸗ lem was ich fuͤr euch that, weit kluger handelte, als in dem, was ich zu meinem eignen Nutzen betrieb, welches ich meiner Schuldigkeit gemaͤß jederzeit hint⸗ anſetzte.“ „Ich glaube, daß du dies thateſt,“ erwiederte Nigel,„wenigſtens hab' ich dich immer treu und 2 Vermuthlich meint Richard hier das öte Capitel der Sprüche Salomonis. d. u. 60 ehrlich gefunden. Und da dir London nicht gefallt, ſo ſage ich dir hiemit ein kurzes Lebewohl und hoffe, daß du, wenn ich nach Edinburg komme, wieder in meine Dienſte treten wirſt.“ „Nun Gott ſegne euch, Mylord!“ ſagte Ri⸗ chard, gen Himmel blickend,„ein Wort, das we⸗ nigſtens gottesfuͤrchtiger klingt, als irgend eines, welches ich ſeit vierzehn Tagen aus eurem Munde vernahm. Gott ſegne euch, Mylord,“ wiederholte er, ergriff mit ſeiner gewaltigen, knochigen Fauſt Lord Nigels Hand, druckte ſie an ſeine Lippen und verließ raſch das Zimmer, als ob er befuͤrchtete, mehr Ruͤhrung zu zeigen, als mit ſeinen Begriffen von Anſtand vereinbar ſchien. Lord Nigel, beſfremdet uͤber ſeine plotzliche Entfernung, fragte, ihm nach⸗ rufend, ob er auch hinreichend mit Gelde verſehen ſey; allein Richard lief kopfſchuͤttelnd, raſch die Treppe hinab, warf die Hausthuͤr hinter ſich zu, und ſchritt den Strand entlang. Unwillkuͤhrlich folgte ſein Su mit den Augen der langen hagern Knochenſigur des ſcheidenden Die⸗ ners, bis er ſich unter den Haufen der Voruͤbergehen⸗ den verlor. Bei näherem Nachdenken war Nigel keinesweges ganz mit ſich ſelbſt zufrieden. Es war kein gutes Merkmal ſeiner Lebensweiſe,— das mußt' er ſich ſelbſt ſagen,— daß ein ſo treuer Diener nicht mehr die vorige Anhänglichkeit an ſeine Perſon zu w— 3 * 61 —— haben ſchien, die er bisher an den Tag gelegt hatte. Auch konnte er ſich einiger Gewiſſensbiſſe nicht er⸗ wehren, da er Richards Vorwuͤrfe in gewiſſem Grade gegruͤndet fand, und ſich ſchämte und gekraͤnkt fuͤhlte, daß man ſeinem Benehmen beim Spiel, welches er blos als Vorſicht und Maͤßigung betrachtete, einen ſo gehaͤſſigen Anſtrich gegeben hatte, da ihm doch⸗ wie er ſich bewußt zu ſeyn glaubte/ nichts ei in den Sinn gekommen war. Auf der andern Seite troͤſteten Stolz und Selbſ⸗ liebe ihn mit dem Gedanken, daß Richard trotz ſei⸗ ner guten Abſicht nur ein eingebildeter, naſeweiſer Dienſtbote ſey, der ſich herausnehme, mehr den Hoſ⸗ meiſter als den Lakeien ſpielen zu wollen, und ſeiner Verſicherung nach, lediglich aus perſoͤnlicher Liebe zu ſeinem Herrn ſich das Privilegium anmaßte, ſich in ſeine Handlungen zu miſchen und die Auſſicht dar⸗ uͤber zu fuͤhren; nicht zu gedenken„ daß er ihn durch die altfrankiſche Foͤrmlichkeit und zudringliche An⸗ maßung ſeiner Manieren in der feinen Welt laͤcher⸗ lich machte. Kaum hatte Nigel die Augen vom Fenſer gewandt, als ſein neuer Wirth hereintrat, und ihm ein ſorgfältig zuſammengefaltetes, mit einem ſeidnen Faden umwundenes und verſiegeltes Papier über⸗ reichte, welches, wie er ſagte, ein Frauenzimmer, ohne auch nur einen Augenblick zu verweilen, uͤber⸗ 62 5 X Pracht habe.“ Aus dem Juhalte toͤnte ihm die n * liche Leyer entgegen die ihn aus Richards Munde ſo unangenehm angeſchnarrt hatte. Folgendes waren * die Worte dieſer Epiſtel:— An den ſehr Lord glenvarloch, 3⸗ genhaͤndig.— vz ſenen lunnten Zreunde. 6 7 Mylord!„ „„Ihr ſetzt euer Vertrauen in einen Freund und ſchadet dadurch eurem guten Rufe. Ein“ unbekannter Freund Cwr. Lordſchaft ſagt euch hie⸗ purch mit wenig Worten, was ihr von Schmeichlern in eben ſo viel Tagen nicht erſahren koͤnnt, und was, wenn ihr euch nicht huͤtet, euren gnzlichen Untergang nach ſich ziehen kann. Der Mann, den ihr fuͤr euren treuſten Freund haltet,— Lord Dal⸗ garnd,— handelt gaͤnzlich falſch gegen euch und ſucht unter dem Vorwande der Freundſchaft eure * Gluͤrksumſtaͤnde und den guten Namen, wodurch ihr ſie verbeſſern konntet, zu untergraben. Sein anſchei⸗ nend fteundſchaftliches Benehmen gegen euch iſt ge⸗ fahrvoller, als die gerunzelte Stirn des Prinzen. Selbſt in Beaujeu's Speiſehauſe im Spiel zu ge⸗ winnen, iſt eürem Ruſe nachtheiliger als zu verlieren. Huͤtet euch vor Beidem. Dies ſei genug von eure 6 aufrichtigen, aber namenloſen Freunde Ign otv.“ Nach der Durchleſung knitterte Höigel, einen Augenblick nachſinnend, das Papier heftig zuſammen, entfaltete es wieder, las es mit zuſammengezogenen „„Augenbraunen aufmerkſam zum zweitenmal⸗ und rief, es in Stuͤcken zerreißend:„ſort mit dieſer ſchaͤndli⸗ —. chen Verläumdung⸗ Aber ich will auf meiner Hut ſeyn,— ich will ſcharf becbachten.) Ein Gedunke nach dem andern beſtuͤrmte ſein Gemüth; doch im Ganzen war das Ergebniß ſeiner Bemerkungen fuͤr ihn ſo wenig erfreulich, daß er beſchloß, ſie durch einen Spaziergang in den Park zu verſcheuchen, Mantel und Hut ergriff und ſch auf den Weg machte. fur ⸗ 9—* 2.* PBierces Kapitel. Der Park von St. James, erſt ſpaͤter unter Carl 1l. erweitert, und mit Baumgängen und an⸗ dern Verzierungen verſchoͤnert, war gleichwohl in den Zeiten ſeines Großvaters ſchon ein angenehmer oͤffentlicher Spazierplatz, haͤuſig Seſchtu von den vor⸗ Claſſen.„ Auch Nigel fand ſich hier ein, um die unangenth⸗ men Reflexionen zu verſcheuchen, herbeigefuͤhrt durch die von ſeinem treuen Knappen⸗ und zwar auf 64 eine Weiſe, die weder ſeinem Stolze noch ſeinem ge⸗ fuͤhlvollen Herzen zuſagte, und durch die Beſtätigung der Winke des Scheidenden in Ignoto's Schreiben. Er fand im Park eine Menge Spaziergänger; da jedoch ſein Gemuͤthszuſtand ihn bewog, Geſell⸗ ſchaft zu vermeiden, ſo blieb er fern von den beſuch⸗ teſten Alleen in der Richtung von Weſtminſter und Whitehall und nahm ſeinen Weg in den noͤrdlichen Theil des Parks, oder, wie man ſich jetzt ausdruͤcken 3 wuͤrde, in der Richtung von Piccadilly in der Hoff⸗ nung, dort ungeſtoͤrt ſeinen Gedanken nachhaͤngen, oder vielmehr ſie beſtreiten zu koͤnnen. Allein in dieſer Hoffnung ward der arme Nigel ſehr getaͤuſcht; denn als er, die Arme in den Man⸗ tel gewickelt, und den Hut tief in die Augen gedruckt, langſam einherſchlenderte, fing ihn plotzlich Sir Mungo Malagrowther auf, der andre Geſellſchaft meidend, oder von ihr gemieden, ſich freiwillig oder unſteiwillig in den nämlichen wenig beſuchten Win⸗ kel des Parts zuruͤckgezogen hatte. Nigel ſtutzte bei dem ſcharfen, ſchrillen Tone der klagenden Stimme des Ritters, und war nicht min⸗ der erſchrocken als er deſſen lange hagre Geſtalt auf ſich zu humpeln ſah, eingehuͤllt in einen abgeſchab⸗ ten Mantel, auf deſſen Oberfläche zehntauſend viel⸗ farbige Flecken die urſpruͤngliche Scharlachfarbe ver⸗ dunkeltenz ſein Haupt war bedeckt mit einem abge⸗ —— 65 ——— tragenen Hute, ſtatt einer Kette umwunden mit ei⸗ nem ſchwarzſammtnen Bande, ſtatt eines Straußes hatte ein Kapaun ihm die Hutfeder geliefert. Gern wäre Nigel ihm entflohen; aber eben ſo leicht koͤnnte ein junger Haſe einem Jagdgewohnten Windhunde entfliehen. Schon zu lange geubt war Sir Mungo in der Kunſt, ſeinem Wilde auf der Fähr⸗ te zu bleiben und es ſicher zu erſchnappen. So fand ſich auch Nigel gezwungen, ſin Stand zu halten und die abgedroſchene Frage:„Was giebts Neues?“ zu beantworten. „Nichts Beſondres, ſo viel ich weiß,“ erwie⸗ derte er, und verſuchte, voruber zu gehen. „Ohne Zweifel geht ihr ins franzoſiſche Speiſe⸗ haus; aber es iſt noch fruͤh am Tage und wir wollen zuvor einen Gang im h mit einander machen; dies vin eure Eßluſt reizen.“ Bei dieſen Worten ſchob er ſeinen Arm trotz. les beſcheidenen Straubens unter den ſeines Schlacht⸗ opfers, und nachdem er ſolchergeſtalt die Priſe geen⸗ tert hatte, nahm er ſie ins Schlepptau. Nigel war murriſch und ſchweigend, in der Hoffnung, ſeines unwillkommnen Begleiters los zu werden, allein Sir Mungo hatte beſchloſſen, daß er⸗ wo nicht ſprechen, doch wenigſiens zuhoͤren ſolle. „Ihr geht alſo ins franzoͤſiſche Speiſehaus, Mylord,“ begann der Gyniler„Nun, ihr koͤnnt — 5 66 nichts beſſeres thun;— es iſt dort ausgefuchte,— ganz beſonders auserleſene Geſellſchaſt, wis ich höre, und ohne Zweifel ganz geeignet fuͤr einen jungen Mann vom hohen Adel; ſo daß euet evler Vater gewiß hoch erfreut enci ſehn wuͤrde, euch unter ſo wuͤrdigen Geſellſchaftern zu ſehen.“ „Ich denke,“ verſetzte Nigel, der wenigſtens etwas ſagen zu muͤſſen glaubte,„daß die Geſellſchaft ſo gut iſt, wie man ſie durchgaͤngig an ſolchen Or⸗ ten finden kann, wo die Thuͤr Niemandem, der ſein Geld verzehren will, füglir verſchloſſen werden kann.“ „Sehr wahr, Mylord,“ ſagte der Quslgeiſt mit wivrigem Kichern;„dieſe Grobiane von Buͤr⸗ gern und Bauern drängen ſich zu unſers Gleichen, wo nur irgendwo eine Thuͤr einen Zoll breit offen ſteht, und was iſt dagegen zu machen? Nichts beſ⸗ ſeres, als daß man ihnen ihr Geld, was ſie ſo zu⸗ verſichtlich macht, abnimmt. Ihr macht es ganz recht, Mylord, daß ihr ſie ratzenkahl auszieht, dann werden ſie kein Verlangen tragen, wieder zu kom⸗ men. Brav, recht brav! Rupſt ſie tuͤchtig, dann werden die geſpickten Kapaune nicht mehr Luſt haben, ihren Flug zwiſchen die Finkenfalken und hn⸗ liche Raubvögel zu nehmen“ Dabei heftete Sir Mungo ſeine durchdri den grauen Augen feſt auf Nigeln, um die W 67 ſeiner beißenden Sathre genau zu erforſchen, ſo wie ein Wundarzt bei einer wichtigen Operation den Fortgang ſeines Inciſionsmeſſers mit den Augen ver⸗ folgt. Nigel, ſo gern er auch ſeine Empfindungen ver⸗ hehlen wollte, konnte ſich dennoch nicht enthalten, unter der Operation Zeichen des Schmerzes von ſich zu geben und dadurch den Wunſch ſeines Quaͤlgei⸗ ſtes zu erfuͤllen; er erroͤthete vor Zorn und Aerger; doch fuͤhlte er, daß ein Streit mit Sir Mungo im hoͤchſten Grade lächerlich ſeyn wuͤrde und murmelte blos halblaut die Worte:„Unverſchaͤmter Geck!“ die jedoch Mungos Hörorgane, ſo unvollkommen es auch war, nicht entgingen. „Ey, ſehr wahr,“ rief der kauſtiſche alte Hof⸗ ling aus,„wohl ſind es unverſchaͤmte Gecken, die ſich auf ſolche Weiſe in die Geſellſchaft Vornehmerer eindraͤngen, aber Ew. Lordſchaft verſteht es, ſie zu gebrauchen, wozu ſie gut ſind. Man hat ſich ver⸗ gangenen Freitag ſehr daran ergoͤtzt, wie ihr einen jungen Kraämer rein ausgezogen, ihm alles baare Geld, was er bei ſich hatte, ſogar die ſilbernen Knoͤpfe ſeines Mantels abgenommen, und ihn fort⸗ geſchict habt, mit Nebukadnezar, Koͤnig von Ba⸗ bylon zu graſen. Das hat Ew. Lordſchaft große Eh⸗ re gemacht, man ſagt, der Fant habe ſich aus Ver⸗ zweifelung in die Themſe geſtͤrzt. Nun, was iſt ½ 5.. 5 66 dran gelegen? Es iſt noch genug von dem Volke uͤbrig.“ „Man hat euch da, in ſo weit es mich betrift, ein ganzes Pack Luͤgen aufgeheſtet, Sir Mungo,“ verſetzte Nigel mit lautem, ernſten Tone. „Hoͤchſt wahrſcheinlich, hoͤchſt wahrſcheinlich,“ erwiederte der Ritter, der ſich nicht außer Faſſung bringen ließ;„nichts als Luͤgen ſind im Umlauf,— ſo iſt alſo der Burſche nicht ertrunken?— Nun, um ſo ſchlimmer,— auch glaubt' ich nie an dieſen Theil der Geſchichte;— ein Londoner Kraͤmer behaͤlt in ſeinem Verdruſſe mehr Klugheit bei; ich wette, der Bengel hat in dieſem Augenblick einen tuͤchtigen Be⸗ ſen in der Hand und durchſucht die Kanale nach ver⸗ roſteten Naͤgeln und dergleichen, um ſich zu helſen, damit er es wieder anfangen kann, wo er es gelaſſen hat.)— Er ſoll drei Baͤlge haben, die werden ihm ſchon in den Kloaken tuͤchtig herumkrabbeln hel⸗ ſen. Wenn ſie gut Gluͤck auf ihren Streifzuͤgen ha⸗ ben, ſo kann Ew. Lordſchaft vielleicht noch einmal das Vergnuͤgen haben, ihn zu Grunde zu richten.“ „Nein, das iſt unertraglich,“ fagte Nigel, ungewiß,„ob er ſeinem Zorn freien Lauf laſſen und ſich gegen dieſe Anſchuldigungen ſeines Charakters Die allerniedrigſte und verachtetſte Beſchäftigung des ver⸗ ſunkenſten Londoner Pöbeis.. d. U. 65 rechtfertigen, oder den alten Plagegeiſt von ſich ſio⸗ ßen ſollte. Allein bei einiger leberlegung fand er, daß beides den nachtheiligen Geruͤchten die, wie er jetzt ſah, wider ſeinen guten Ruf in hoͤhern und nie⸗ dern Cirkeln in Umlauf waren, nur einen noch groͤ⸗ ßern Anſchein von Wahrheit und Beſtandbarkeit ge⸗ ben wuͤrde. Er faßte daher den klugern Entſchluß⸗ Sir Mungo's ſtudirte Unverſchämtheit zu dulden, in der Hoffnung, von ihm, wo moͤglich, herauszubrin⸗ gen, aus welcher Quelle jene uͤblen Rhie gefloſ⸗ ſen ſeien.“ Sir Mungo faßte inmittelſt, ſeiner Sewohnheit zufolge, Nigels letzte Worte, oder vielmehr nur den letzten Schall derſelben auf, und deutete ſie nach ſei⸗ ner eignen Manier.„Ihr ſagt, Mylord, daß ihr erträglliches Gluͤck habt? Ja, das hort' ich auch; und zwar ſollt ihr euch, dem Vernehmen nach, trefflich darauf verſtehen, die launige Dame Fortu⸗ na zu benutzen, wenn ihr ihr ein Laͤcheln abgewinnt, ohne euch ihren muͤrriſchen Blicken auszuſetzen; und vas nenn' ich das Gluck beim Schopf haben.“ „Sir Mungo,“ verſetzte Nigel mit ernſtem Blicke,„habt die Guͤte, mich einen Augenblick an⸗ zuhoren. „So gut ich kann, Mylord,“ antwortete Sir Mungo kopfſchuͤttelnd und mit dem Finger ſeiner linken Hand aufs Ohr deutend. 70 „Ich will ſo deutlich reden, als ich nur kann,“ verſetzte Nigel, bewaffnet mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Geduld. „Ihr haltet mich fuͤr einen verrufenen Spieler; ich gebe euch mein Wort, daß ihr unrecht berichtet ſeyd; ich bin kein Spieler. Ihr ſeyd mir wenig⸗ ſtens einige Erklaͤrung ſchuldig, aus welcher Quelle ihr dieſe falſche Nachricht geſchoͤpft habt.“ „Nie horte ich, ihr waͤrt ein hoher Spieler, Mylord, und habe dies auch nie gedacht oder ge⸗ ſagt,“ erwiederte Sir Mungo, der es unmoͤglich fand, ſich den Anſchein zu geben, als habe er nicht gehoͤrt, was Nigel mit abſichtlich deutlichem und lauten Tone geſagt hatte.„Ich wiederhol' es, nie hoͤrte, ſagt' oder dacht' ich, daß ihr zu den Spielern erſter Claſſe gehoͤrtet; hiezu, Mylord, rechne ich die⸗ jenigen, die mit gleicher Wagniß und Geſchicklichkeit ſpielen, und es lediglich auf das Gluͤck des Spiels ankommen laſſen. Allein denjenigen, Mylord, der ſo viel Geduld und Klugheit hat, nie hoͤher zu ſpie⸗ len als ſo, daß er hochſtens die Sparbüͤchſe eines Ladenburſchen ſprengen kann,— der blos mit ſol⸗ chen Menſchen ſpielt, die wenig zu wagen haben, und der mithin, da ſeine Caſſe ſtaͤrker iſt, ſie allemal rupfen kann, wenn er ſein Gluͤck wahrnimmt, und dann den Spieltiſch verläßt— einen ſolchen, My⸗ —. „— ——————— 7⁴ lord, nenne ich keinen Spieler erſter Claſſe, zu welcher Benennung er auch ſonſt berechtigt ſeyn mag“ „Und ein ſolcher niederträchtiger, ſchmutzig hab⸗ ſuͤchtiger Menſch,— ſo wollt ihr andeuten,— wä⸗ re ich?“ fragte Nigel.„Ein Menſch, der einen geſchickten Spieler furchtet und den unwiſſenden zum Ziel ſeiner Raubſucht wa zhlt,— der es vermeidet, mit ſeines Gleichen zu ſpielen um Geringere zu be⸗ rauben?— verſtehe ich recht, daß mich, eurer Mit⸗ theilung zufolge, das Geruͤcht als einen ſolchen Men⸗ ſchen bezeichnet hat?“ „Glaubt mir, Mylord, ihr werdet nichts da⸗ bei gewinnen, wenn ihr euch gegen mich entruͤſtet,“ entgegnete Sir Mungo, der⸗ ungerechnet, daß ſeine ſarkaſtiſche Laune wirklich durch große animaliſche Herzhaſtigkeit unterſtuͤtzt ward, ſich voͤllig auf die Privilegien verließ, welche er aus den ihm durch Sir Rullion Rattray's Haudegen und die Knittel der Sattelliten der Lady Cockpen mit ihm vorgenomme⸗ nen Operationen herleitete.„Und⸗ die Wahrheit zu ſagen,“ fuhr er ſort,„Ew. Lordſchaft weiß am beſten, ob ihr jemals mehr als fuͤnf Goldſtuͤcke auf einmal verloret, ſeit ihr Beaujeu's Speiſehaus be⸗ ſucht,— ob ihr nicht gewoͤhnlich den Spieltiſch als Gewinner verlaſſen habt, und ob die jungen Män⸗ ner von Stande und angemeſſenem Vermögen, wel⸗ 2 che dort eſcheinen, in dieſer Manier zu pielen pfle⸗ gen.“ „Ach! wie ſehr hatte mein Vater recht,“ cief Nigel in höchſter Erbitterung;„und wie ſehr ver⸗ dient ich, daß mir ſein Fluch folgte, als ich jenes Haus betrat! Dort iſt ſelbſt die Luft verpeſtend, und * wer dem Verluſte ſeines Vermögens entgeht, verliert Chre und guten Ruf.“ eir Mungo, der ſein Schlachtopfer, ſo wie ein erfahrner Angler den anbeißenden Fiſch, mit frohen, aber wachſamen Blicken verfolgte, nahm jetzt wahr, daß, zoͤge er die Schnur zu ſtraff an, ſeine Beute ihm entgehen koͤnne. Um ihm daher Spielraum zu geben, bat er Nigeln,„ſeine freimuͤthige Rede nicht in malam partem zu nehmen.“„Wenn ihr,“ fuhr er fort,„es in eurem Spiele etwas gar zu ge⸗ wiß nahmt, ſo laͤßt ſich nicht laͤugnen, daß dies der ſicherſte Weg war, einer noch groͤßern Zerruttung eurer ohnehin etwas in Verfall gerathenen Vermö— gensumſtände zuvorzukommen; und wenn ihr mit Geringern ſpielt, ſo ſeyd ihr des Verdruſſes uͤberho⸗ ben, das Geld eurer Freunde und Standesgenoſſen einzuſtecken; nicht zu gedenken, daß die plebejiſchen Schurken den Vortheil haben, tecum certasse wie der Dichter den Ajax ſagen läßt, und daß die Ehre, mit einem ſchottiſchen Lord geſpielt zu haben, ihnen den Verluſt ihres Geldes, welches uͤberdies, wie ich —— ſagen darf, dieſe Filze großentheils wohl miſſen kön⸗ nen, uͤberreichlich erſetzt wird.“ „Sey dem, wie ihm wolle, Sir Mungo,“ ſiel S ein,„ſo nůnſchte ich dringend, zu wiſ⸗ ſen— „Und im Grunde,“ unferbrach ihn Sir Mun⸗ go,„wer frägt auch darnach⸗ ob die ſetten Ochſen von Baſan es miſſen können oder nicht? Leute von Stande brauchen ihr Vergnuͤgen nicht um ihrentwe⸗ gen zu beſchraͤnken.“ „Ich wuͤnſche zu wiſſen, Sir Mungo wie⸗ derholte Nigel,„in welcher Geſellſchaft ihr jene be⸗ leidigenden Nachrichten uͤber mich gehoͤrt habt?“ „Freilich, freilich, Mylord,“ antwortete Sir Mungo ausweichend,„habe ich immer gehoͤrt und immer geſagt, daß eure Lordſchaft die beſtmoͤglichen Privatgeſellſchaften beſuchte.— Da iſt die ſchoͤne Graͤfin Blackcheſter;— aber ich glaube, ſie geht ſeit ihrem M isverſtändniſſe mit der Herzogin von But⸗ kingham nicht viel aus; und da iſt der gute, alt⸗ fräͤnkiſche, ſchottiſche Lord Huntinglen, unſtreitig ein Mann von hohem Stande; nur iſt es Schade, daß er mitunter zu tief in den Becher gukt; und da⸗ durch ſeinen Ruf benachtheiliget;— und da iſt der lebhafte junge Lord Dalgarno, der eine Verſchla⸗ genheit, die ſonſt nur grauen Haaren eigen zu ſeyn pflegt, unter ſeinen ſchoͤn geringelten Locken birgt;— kurz⸗ Vater, Tochter und Sohn bilden zuſammen eine ſehr ehrenwerthe hohe Familie. Von dem ehr⸗ lichen Georg Heriot kann hier nicht die Rede ſeyn, da wir nur vom Adel ſprechen. Dies iſt alſo der Privatzirkel den ihr, Mylord, außer dem Spiſhe ſehauſe beſucht.“ „In der That iſt meine Geſellſchaft wenig uͤber die von euch erwähnten Graͤnzen ausgedehnt⸗⸗ ver⸗ ſetzte Nigel;„und an Hof“— „Davon wollt' ich eben reden,“ unterbrach ihn Sir Mungo.„Lord Dalgarno ſagt; er könne euch nicht bewegen, an Hof zu gehen, und das iſt Ew. Lordſchaft nachtheilig; der Koͤnig hoͤrt von Andern uͤber euch reden anſtatt daß er euch perſönlich ſehen ſollte;— ich ſage euch dies aus wahrer Freundſchaft. Als ihr kuͤrzlich im Hoßzirkel genannt wurdet, hoͤrte man den Koͤnig ſagen: Jacta est alea! Glen- varlochides iſt ein Spieler und Trinker geworden. — Lord Dalgarno nahm eure Partie, allein ihn uͤbertaͤubte die allgemeine Stimme der Höflinge, wel⸗ che behaupteten, ihr hättet euch einem unordentlichen Stadtleben uͤberlaſſen und die Ehre eurer Freiherrn⸗ krone in die Schanze geſchlagen, indem ihr ſie unter die platten Mutzen der Buͤrger aus der City miſch⸗ tet.. „Dies ward öffentlich von mir fragte Nigel,„und in des Koͤnigs Gegenwart?“ —,— ½ 75 ——— „Oeffentlich geſagt, ſo wahr ich lebe!“ verſi⸗ cherte Sir Mungo;„das heißt, man raunte es ſich in die Ohren, welches ſo gut iſt, als eine laute Verkuͤndigung an andern Orten; denn ihr muͤßt be⸗ denken, daß der Hof kein Ort iſt, um ſeine Meinung ſo laut auszuſprechen, als in einem Speiſehauſe.“ „Hol der Henker den Hof und das Speiſehaus!“ rief Nigel voll Ungeduld⸗ „Ich ſtimme von ganzem Herzen mit ein,“ ver⸗ ſetzte der Ritter;„und ich habe durch meine Dienſte am Hoſe wenig gewonnen; als ich das letztemal auf dem Speiſehauſe war, verlor ich vierzig Schillinge.“ „Darf ich euch bitten, Sir Mungo, mir die Namen derer zu nennen, die ſolchergeſtalt den guten Wamen eines Mannes auf's Spiel ſetzen, der ihnen nur wenig bekannt ſeyn kann, und niemals einen unter ihnen beleidigte?“ „Hab' ich euch nicht ſchon geſagt,“ erwiederte Sir Mungo„daß der König früher etwas ähnliches geäußert hatte?— und das that auch der Prinz;— nun unter dieſen Umſtaͤnden koͤnnt ihr dreiſt einen Glaubenseid ablegen, daß Jedermann im ganzen Hofkreiſe, der nicht etwa ſchwieg, mit dem Könige und Prinzen aus einem Loche pfiff.“— Aber ihr ſagtet vorhin,“ ſiel Nigel ein,„daß Lord Dalgarno meine Partie genommen habe?“ „ 76 —— „In Wahrheit, das that er,“ antwortete Sir Mungo mit hoͤhniſchen Lächeln,„aber der jun⸗ ge Lord war ſehr bald zum Schweigen gebracht; vermuthlich trug ein Katarrh der ihm eine Heiſer⸗ keit zugezogen hatte, vieles dazu bei. Hätte der ar⸗ me Mann den ganzen Umfang ſeiner natürlichen Stimme gehabt, ſo wuͤrde er ſich eben ſowohl Gehor zu verſchaffen gewußt haben, als in eignen Sachen, die Niemand in der Welt zweckmaͤßiger vorzutragen weiß, als er.— Und erlaubt mir beilaufig zu fra⸗ gen, ob Lord Dalgarno Ew. Lordſchaft beim Prinzen oder dem Herzog von Buckingham eingefuͤhrt hat, die doch eure Angelegenheit ſehr ſchnell haͤtten durch⸗ ſetzen können?“ „Ich mache keine Anſpruͤche auf die Gunſt des Prinzen oder des Herzogs von Buckingham,“ ent⸗ gegnete Nigel.„Da ihr aber meine Angelegenhei⸗ ten, obwohl vielleicht unnoͤthiger Weiſe zu eurem Studium gemacht zu haben ſcheint, ſo werdet ihr ge⸗ hoͤrt haben, daß ich bei meinem Souverain mit einer Bittſchrift um Bezahlung eines ihm von meiner Fa⸗ milie geleiſteten Vorſchuſſes eingekommen bin. Ich kann des Koͤnigs Willen, gerecht zu ſeyn, nicht be⸗ zweiſeln, und ſchicklicher Weiſe nicht um die Fuͤrbit⸗ te des Prinzen und des Herzogs nachſuchen, um von Sr. Majeſtät dasjenige zu erlangen, was mir ent⸗ * 4* 6 „ — — weder als ein Recht zugeſtanden oder gaänzlich ver⸗ weigert werden ſollte.“ „Ihr ſiellt die Lage eurer Sache in einem ſehr klaren und deutlichen Lichte dar,“ erwiederte Sir Mungo, indem er ſeine ſonderbaren Geſichtszuge zu einem äußerſt grotesken Hohnlaͤcheln verzerrte;„und wenn ihr euch auf dieſe Lage der Dinge verlaßt, ſo zeigt ihr in der That eine vollkommne unverbeſſerliche Kenntniß des Koͤnigs, des Hofs und der Menſchen im Allgemeinen.— Aber ſeht, wer kommt dort? Laßt uns Platz machen, Mylord!— Auf meine Ehre, der Wolf in der Fabel!— Gerade eben die Leute, von denen wir ſprachen.“ Es muß hier vorangeſchickt werden, daß Nigel woͤhrend ſeines Zwieſprachs mit Sir Mungo, viel⸗ leicht in der Hoffnung, ſich von ihm los zu machen, ſeinen Weg in die beſuchteren Theile des Parks ge⸗ nommen hatte; ohne daß ſich jedoch der gute Ritter hiedurch abhalten ließ, ſeinem Begleiter einer Klette gleich anzuhängen. Doch waren ſie immer noch in einiger Entſernung von dem belebteſten Theile der Seene, als Sir Mungo's geuͤbtes Auge die Erſchei⸗ nungen gewahrte, wodurch ſeine letzten Aeußerungen veranlaßt wurden⸗ Ein dumpfes, ehrfurchtsvolles Gemurmel erhob ſich unter den zahlreichen Gruppen im unteren Theile des Parks. Anfangs ſchloſſen ſie ſich, die Geſichter 8 ——— nach Wilhehall zugekehrt, einander an, dann zogen ſie ſich zu beiden Seiten zuruͤck, um einem glänzen⸗ den Zuge ſchoͤn gekleideter Männer, der vom Palla⸗ ſe her durch den Park herannahte, Platz zu machen. Wöhrend die ganze uͤbrige Geſellſchaft den Spazier⸗ weg verließ, und mit unbedecktem Haupte ihn vor⸗ uͤberziehen ſah⸗ Die meiſten vieſer eleganten Hofleute waren in jene Tracht gekleidet, welche durch Vandyks Pinſel noch nach zweihundert Jahren dem Andenken der heutigen Welt aufbehalten iſt, und die eben damals begann, an die Stelle der frivoleren Kleidungsweiſe zu treten, die man von dem franzoͤſiſchen Hein⸗ richs IV. angen ommen hatte. Der ganze Zug wandelte mit unbevecktem Haup⸗ te, ausgenommen den Prinzen von Wales,— in der Folge unter dem Namen Carl I., der ungluͤck⸗ lichſte unter den Brittiſchen Monarchen,— deſſen lange, kohlſchwarze Locken und ſchwermüthige Ge⸗ ſichtszuͤge,(denn ſchon in fruͤher Jugend hatten ſie einen Anſtrich von Melancholie,) von einem Spa⸗ niſchen durch eine einzige Straußfeder gezierten Hute beſchattet waren. Zu ſeiner Rechten ging Bucking⸗ ham, deſſen gebietende und zu gleicher Zeit anmuths⸗ volle Haltung ſelbſt das perfonliche Benehmen des Prinzen an Majeſtät noch uͤbertraf. Die Blicke, Bewegungen und Geſten dieſes großen Höflings wa⸗ 79 ren ſo regelmoßig nach der, ſeiner Lage angemeſſenen Etikette geordnet, daß ſie einen auffallenden Contraſt mit der vorlauten Munterkeit und Frivolität bilde⸗ ten, wodurch er ſich ſo ſehr bei ſeinem„lieben Papa und Gevatter“ dem König Jacob eingeſchmeichelt hatte. Dieſer vollendete Hoͤfling hatte, wie ſchon oben bemerkt iſt, das ſeltene Gluͤck, zugleich der re⸗ gierende Guͤnſtling eines Vaters und eines Sohnes zu ſeyn, die an Charakter und Sitten einander ſo ganz entgegengeſetzt waren, daß er hoͤchſt ſonderbarer Weiſe, um ſich bei dem fuͤrſtlichen Juͤnglinge in Gunſt zu ſetzen, genothiget war, ſeinen froͤhlichen, offnen Humor, der den bejahrten Vater ſo ſehr fuͤr ihn einnahm, in die ſtrengſten Graͤnzen ehrfurchts⸗ voller Etikette einzuzwangen. Freilich kannte Buckingham genau die Neigun⸗ gen Jacobs und Carls und fand daher keine Schwie⸗ rigkeit, ſich ſo zu benehmen, daß er ſich bei beiden auf der hoͤchſten Stufe der Gunſt erhalten konnte. Zwar hat man geglaubt, daß der Herzog, als er auch Carls Zuneigung voͤllig gewonnen hatte, ſich in der des Vaters einzig durch die Tyrannei der Ge⸗ wohnheit erhalten habe, und daß Jacob, hätte er nur einen kraftvollen Entſchluß faſſen können, ins⸗ beſondere in ſeinen letzten Lebensjahren, wahrſchein⸗ lich dem Herzog von Buckingham ſeine Gunſt und ſeinen Miniſterpoſten entzogen haben wuͤrde; allein — 80 wenn er wirklich jemals an einen ſolchen Wechſel dachte, ſo war er doch zu ſurchtſam und zu ſehr ge⸗ wohnt an den Einfiuß, welchen der Herzog ſchon lange uͤber ihn ausgeubt hatte, um einen ſolchen Ent⸗ ſchluß in Ausfuͤhrung zu bringen. Auf alle Fälle iſt es gewiß, daß dem Herzog von Buckingham, obwohl er den Gebieter, der ihn zu ſeiner Groͤße erhoben hat⸗ te, uͤbherlebte, das ſeltene Loos zu Theil ward, wäh⸗ rend zweier Regierungen in der glaͤnzendſten Hof⸗ gunſt keinen Wechſel zu erfahren, bis ſie durch den Dolch ſeines Moͤrders, Felton in ſeinem Blute er⸗ loſch.) Doch kehren wir zu dem Faden unſerer Geſchichtserzählung zuruͤck: immer naͤher ruͤckte der Prinz mit ſeinem Zuge heran, und ſchon war er na⸗ he dem Orte, wo Nigel und Sir Mungo ſich der her⸗ gebrachten Form gemäß, zur Seite geſtellt hatten⸗ — *) Buckingham, gleich Lerhaßt von dem Volke und dem Parla⸗ ment, berriegte zwar,(1627) dem Volksgeiſte nothgedrungen gehorchend, Frankreich, dem äußern Anſcheine nach zum be⸗ ſten der gedrängten Proteſtanten in Rochelle; allein dies Un⸗ ternehmen, welches er,— wahrſcheinlich in der Abſicht, es um ſo gewiſſer fruchtlos zu machen, in Perſon leitete, lief ſo ſchtecht ab, daß die immer wachſende Partei ſeiner Gegner einen kühnen enthuſiaſtiſchen Proteſtanten, den Lieutenant Felton, anſpornte, den Herzog zu erdolchen(16 28 den 25. Auguſt.) Eine ſehr unglückliche Parallele iſt neuerlich zwiſchen dieſer That und einem allbekannten, jüngſt in Deutſchland vor⸗ gefallenen Meuchelmorde gezogen worden. d. U. 8¹ —— um der Hoheit Platz zu machen und ihr die ublichen Ehrfurchtsbeweiſe zu zollen. Nigel bemerkte, daß Lord Dalgarno unmittelbar hinter dem Herzog von Buckingham ging und ihm, ols ſie herannaheten, etwas ins Ohr fliſterte; ſo viel war gewiß, daß ſo⸗ wohl des Prinzen, als Buckinghams Aufmerkſam⸗ keit durch irgend einen Umſtand auf Nigeln gelenkt zu ſeyn ſchien; denn beide betrachteten ihn aufmerk⸗ ſam,— der Prinz mit einer Miſchung von Stren⸗ ge in ſeinen ernſten, ſchwermuͤthigen Zuͤgen, und Buckingham mit einer Miene, in der ſich hoͤhniſcher Triumph malte. Lord Dalgarno ſchien ſeinen Freund nicht zu bemerken, vielleicht weil die Sonnenſtrahlen von der Seite des Spaziergangs fielen, wo Nigel ſtand, und ihn noͤthigten, die Augen durch Vorhal⸗ tung des Hutes zu ſchuͤtzen. Als Nigel und Sir Mungo ſich vor dem Prin⸗ zen, wie er voruͤberging, ehrerbietig verbeugten, und der Thronerbe ihren Gruß mit jener gravitätiſchen Etikette erwieverte, welche jedem Stande und Range die gebuͤhrende Hoͤflichkeit, aber auch nicht um ein Haar breit Mehr zu Theil werden ließ, winkte er dem Sir Mungo, naͤher zu treten. Nach einer Ent⸗ ſchuldigung ſeiner Laͤhmung, die er gerade in dem naͤmlichen Momente vollendete, als er zum Prinzen herangehinkt war, lieh Sir Mungo ein aufmerkſa⸗ mes, und wie es ſchien, vollkommen empfaͤngliches 82 Ohr verſchiedenen Fragen, die in einem ſo leiſen Ton an ihn gerichtet wurden, daß der Ritter unfehl⸗ bar taub fuͤr ſie geweſen ſeyn wuͤrde, wenn ſie nicht aus kronprinzlichem Munde gekommen waͤren. Nachdem die Unterredung etwa eine Minute ge⸗ dauert hatte, warf der Prinz auf Nigeln einen zwei⸗ ten ſeſten Blick, der ihn in Verlegenheit ſetzte, gruͤß⸗ te den Ritter durch leichte Beruͤhrung ſeines Hutes und ſetzte dann ſeinen Spaziergang weiter ſort. „Was ich fuͤrchtete, Mylord, iſt nur zu wahr,“ ſagte Sir Mungo mit einer Miene, welche Kümmer unb Theilnahme andeuten ſollte, die aber in der That dem Grinſen eines Affen glich, wenn er in eine heiße Kaſtanie beißt;—„ihr habt Unfreunde, oder gerade herausgeſprochen, Feinde in der Umgebung des Prinzen.“ „Das vernehm' ich mit Bedauern,“ erwieder⸗ te Nigel,„doch moͤcht' ich wiſſen, was ſie mir Schuld geben.“ „Ihr ſollt des Prinzen eigne Worte hoͤren,“ verſetzte der Ritter:„Ich freue mich, euch zu ſehen, Sir Mungo,““ ſo ſprach er zu mir,„„ und daß eure rheumatiſchen Beſchwerden verſtatten, euch hier Bewegung zu machen,““ ich verbeugte mich ſchul⸗ digermaßen, und dies war der erſte Abſchnitt unſerer Unterredung. Dann ſragte Se. Ho⸗ heit, ob mein Begleiter, der junge Lord Glen⸗ 83 varloch ſey? Ich antwortete bejahend, und dies war der zweite Abſchnitt;— Drittens geruhte Se. Hoheit zu erwaͤhnen, daß man es ihm geſagt Kße(naͤmlich, daß ihr dieſe Perſon w irt; daß aber er, Se. Hoheit, un⸗ moͤglich glauben Uons. daß der Erbe eines ſo alt ad⸗ lichen, wiewohl in Verfall gerathenen Hauſes ein ſo muͤ⸗ ßiges, aͤrgerliches und auf keine ſichere Einnahme ge⸗ gruͤndetes Leben in den Londoner Speiſehaͤuſern und Schenken fuͤhren koͤnne, waͤhrend der Koͤnig fuͤr die Sa⸗ che ſeines Schwiegerſohns/ des Churfuͤrſten von der Pfalz, in Deutſchland unter Trommelſchlag und flie⸗ genden Fahnen Truppen wuͤrbe“—„Ich konnte, wie Ew. Lorvſchaft ſelbſt erwaͤgt, nichts weiter thun, als mich verbeugen; und ein gnaͤdiges„„Guten Tag, Sir Mungo,““„beurlaubte mich, um zu Ew. Lordſchaft zuruͤckzukehren! Und jetzt⸗ Mylord, wenn eure Geſchäfte oder Vergnuͤgungen euch in das Spei⸗ ſehaus oder ſonſt wohin auf den Weg nach der City rufen, ſo ſputet euch; venn ohne Zweifel werdet ihr jetzt der Meinung ſeyn, daß ihr lange genug im Park verweilet habt, da der Prinz vermuthlich am Ende des Spazierwegs in der naͤmlichen Richtung zuruͤck⸗ kehren wird; und ihr habt jetzt, duͤnkt mich, einen derben Vint erhalten, dem nicht wieder ſo raſch in den Weg zu treten.“ Ihr koͤnnt bleiben oder gehen, wie es euch ge⸗ Föllt, Sir Mungo,“ ſagte Nigel mit dem Ausdrucke 6* gefaßten, aber tief gefühlten Unwillens;„was aber mich betrifft, ſo ſteht mein Entſchluß feſt. Nieman⸗ des Belieben ſoll mich vermoͤgen, dieſen offentli⸗ chen Spaziergang zu verlaſſen; um ſo weniger will ich ihn verlaſſen als ein Mann, unwuͤrdig, ſich an oͤffentlichen Orten zu zeigen. Ich hoffe, der Prinz und ſein Gefolge werden, wie ihr erwartet, dieſen Ruͤckweg nehmen; denn ich will bleiben, Sir Mungo und ihnen Trotz bieten.“ „Trotz bieten!“ rief Sir Mungo in der aͤußer⸗ ſten Beſtuͤrzung;„trotzen dem Prinzen von Wales? — dem Thronerben dreier Koͤnigreiche? nun meiner Seel! das ſollt ihr allein thun.“ „Eben war er im Begriff, Nigeln ſo raſch als er konnte, zu verlaſſen, als eine ungewohnte Regung von gutmuͤthiger Theilnahme an ſeiner Jugend und Unerfahrenheit ploͤtzlich ſeine gewohnte haͤmiſche Laune zu mildern ſchien.„Ich glaube, daß ich al⸗ ter Narr vom Teuſel beſeſſen bin! Denn ich, der dem Schickſale und meinen Nebenmenſchen ſo wenig verdanke, kann es nicht laſſen, mich dieſes jungen Springinsfeld anzunehmen, der meiner Seel! ſo hartnaͤckig iſt, wie eine vom boͤſen Feinde beſeſſene Sau; doch das iſt ihm von ſeinen Voraͤltern ange⸗ boren; ſei dem, wie ihm wolle, ich muß ihm einen vernuͤnſtigen Rath geben.— WMein allerliebſter junger Lord Glenvarloch, hoͤrt mir jetzt wohl zu, V V 85 — venn hier iſt von keinem Kinderſpiel die Rede. Was der Prinz mir ſo eben ſagte und ich euch treulich wie⸗ derholte war gleichgeitend einem Beſehle, nicht wie⸗ der vor ſeinen Augen zu erſcheinen. Befolgt daher den Rath eines alten Mannes, der es gut mit euch' meint, und vielleicht beſſer als er Grund hat, es mit irgend Jemandem auf der Welt zu meinen. Seyd vernuͤnftig, wie ein gehorſames Kind; geht heim in eure Wohnung haltet eure Schritte ſern von⸗ Eß⸗ und Spielh uſern und eure Finger ſern von Wuͤr⸗ ſeln und Korten, ordnet in Ruhe eure Angelegenhei⸗ ten mit Huͤlſe eines Mannes, der bei Hofe beſſer in: Gunſt ſteht, als ihr; dann werdet ihr euch leicht eis ne runde Summe Geldes verſchaffen, um nach' Deutſchland oder anderswohin gehen zu können⸗ und dort euer Gluck zu verſuchen. Ein gluͤcklicher Soldat war vor vier bis fuͤnfhundert Jahren der Gruͤnder eurer Familie, und ſeyd ihr brav und gluͤck⸗ lich, ſo koͤnnt ihr vielleicht Mittel finden, ſie wieder in Flor zu bringen. Doch glaubt mir auf mein Wort, daß ihr an dieſen Hofe nie gedeihen werdet:“ Als Sir Mungo dieſe Ermahnung velſenwei hatte, worin er mehr aufrichtige Thei ilnahme am Schickſale eines Andern zeigte⸗ als, ſo viel man wußte, jemals geſchehen war⸗ erwiederte Nigel? „ich bin euch verbunden, Sir Mungo,— ihr habt, glaub ich, aufrichtig geſprochen und ich danke eh 86 ———— Allein aus Dankbarkeit fuͤr euren guten Rath bitte ich euch herzlich, mich zu verlaſſen; ich ſehe den Prin⸗ zen und ſein Geſolge hieher zuruͤckommen, und es könnte euch nachtheilig ſeyn, wenn er euch wieder bei mir traͤfe, ohne daß es mir helfen kann,“ „Ihr habt Recht,“ verſetzte Mungo;„doch waͤr ich zehn Jahr juͤnger, ſo wuͤrde ich mich ver⸗ ſucht fuͤhlen, euch zur Seite zu bleiben und hnen die Stirn zu bieten. Wenn man aber die ſechsziger auf den Ruͤcken hot, ſo erkaltet der Muth; und wer dann nicht ſelbſt ſein Auskommen hat, darf im Alter nicht den ſpaͤrlichen Lebensunterhalt, der ihm zuge⸗ theilt wird, gefäͤhrden. Ich wuͤnſche euch alles Gu⸗ te, Mylord, aber es iſt ein ungleicher Kampf.“ Bei dieſen Worten humpelte er ſeines Weges; oſt aber ſah' er ſich um, als ob er ſelbſt in ſeinem dermaligen untergeordneken Zuſtande, angetrieben durch die ihm eigne Sucht, zu widerſprechen ungern den zu ſriner Selbſterhaltung nothigen Weg einſchlůge.“ Verlaſſen von ſeinem Begleiter von dem er ſich mit einer beſſern Meinung uͤber ihn trennte, als er bei deſſen Erſcheinung gehabt hatte, lehnte ſich Nigel mit uͤbereinanber geſchlagenen Armen an einen ein⸗ zeln ſtehenden, uͤber den Pfad hervorhängenden Baum, und hielt ſich gefaßt auf einen Moment, den er fuͤr ſein Schickſal entſcheidend glaubte. Allein er hatte ſich in der Vermuthung gelaͤuſcht, daß der 2 —— Prinz von Wales ihn an einem ſo ffentlichen Orte S wie der Park anreden oder ihm Crörterungen geſtat⸗ ten wuͤrde. Gleichwohl blieb Nigel nicht unbemerkt; denn als er eine ehrerbietige aber ſtolze Verbeugung machte, und dabei in Blick und Manieren andeutete, daß die unguͤnſtige Meinung des Prinzen von ihm zu ſeiner Kunde gekommen ſey„und ihn keinesweges rleinmuͤthig gemacht habe, erwiederte Carl ſeinen Gruß mit einer ſo finſteren Stirn, die bei Gewalthabern Anſehn und Entſcheidung ausſpricht. Der Zug ging voruͤber, ohne daß der Herzog von Buckingham Ri⸗ geln auch nur zu bemerken ſchien; Lord Dalgarno, obwohl nicht länger belaͤſtigt durch die Sonnenſtrah⸗ len, hielt ſeine Augen, die vielleicht durch den vori⸗ gen Glanz des Tagesgeſtirns geblendet waren⸗ ſeſt auf den Boden gerichtet. Nigel hatte Muͤhe, einen Unwillen zuruͤck zu halten, dem er nicht ohne Wahnſinn haͤtte freien Lauf laſſen können. Er verließ ſeine zuruͤckgelehnte Stellung am Baume und folgte dem Zuge des Ptin⸗ zen, ſo daß er ihn deutlich im Auge behielt, welches ſehr leicht war, da er ſich langſam fortbewegte Ni⸗ gel ſah' ihn den Pallaſt erreichen, wo der Prinz im Thore die Cdelleute ſeines Gefolges mit einer Ver⸗ beugung entließ und blos begleitet von dem Herzos von Buckitgham und zwei Stallmeiſtern den Pallaſt betrat. Das uͤbrige Gefolge begann nach ehrerbieti⸗ im Park zu verbreiten⸗ Genau beobachtelte Nigel dies Alles;;„Dalgar⸗ no,“ ſprach er, ſo 3 0 MWantel orönend und den Griff ſeines Schwertes näher zur PHond bringend, halblaut zu ſich ſelbſt,—„Dalgarns ſoll mir tehn, denn es iſt klar, er iſ im Scheiniiſe“ * 5 nftes Kapitel. Bald ſah Nigel den Lord Dalgarno, begleitet von einem andern jungen Manne von Stande aus des Prinzen Gefolge auf ſich zukommen/ und da ſie ihre Richtung in einen mehr oͤſtlichen Theil des Parks nahmen, glaubte er, ſie waͤren im Begriff, nach Lord Huntinglens Houſe zu gehn. Sie blieben jedoch ſte⸗ hen und nahmen ihre Richtung nach Rorden,— wie es Nigeln ſchien, nachdem ſie ihn erblickt hatten; ſo daß er nicht ohne Grund daraus ſchloß, ſie haͤtten ihn vermeiden wollen. Allein raſch folgte ihnen Ni⸗ gel auf einem Pfade, der, um ein Dickicht ſich win⸗ dend, ihn wieder in den unbeſuchteren Theil des Parks fuͤhrte. Er bemerkte, welche Seite des Dik⸗ kichts Dalgarno und ſein Begleiter einſchlugen, ſo ger Erwiederung des Prinzlichen e ſich — 85 —— daß er, die andere Seite umgehend⸗ wu veu vor eugen ſiand. „Guten Morgen, Mhlord Dilannsy⸗ pate Nisl mit finſterem Blicke. 5 „Ha! Freund Nigel,“ erwiederte Dalgarns in ſeinein gewohnten ſorgloſen, gleichgultigen Tone; —„mein Freund Nigel mit ſo ernſter Miene?— aber ihr muͤßt warten, bis wir uns zu Mittag bei Beaujeu's treffen. Sir Ewes Haldimund und ich ſind jeßt in des Prinzen Dienſte beſchaͤftiget.“ „Und waͤrt ihr es im Dienſie des Konigs ſelbſ⸗ ſo ſollt ihr mir Rede ſichen, Mhlord!“ „ „Wie!“ rief Dalgarno mit der Miene des Er⸗ ſtaunens,„ welcher leidenſchaftliche Ton? Ihr habt ohne Zweiſel kürzlich das Schauſpiel zu oft beſucht; das ſcheint eine Stelle aus der Rolle des Koͤnigs Cambyſes zu ſeyn. Fort mit dieſen Thorheiten, Ni⸗ gel; geht und eßt Suppe mit Salat, trinkt Cicho⸗ rienwaſſer, um euer Blut abzukuͤhlen, legt euch mit Sonnenuntergang zur Ruhe, und bannt die boͤſen Feinde, Zorn und Mißdeutung.“ „Es hat mich Mißdeutung genug in eurem Kreiſe getroffen,“ verſetzte Nigel in dem Tone des entſchiedenen Unwillens,„und insbeſondere von euch⸗ Mylord Dalgarnd, und dies Alles unter der Larve der Freundſchaft.“ 90 —— „Nun, das iſt eine ganz eigne Geſchichte!“ rief Dalgarno, zu Sir Ewes Haldimund gewandt, als ob er ſich auf ihn berufen wolle;„ſeht doch dieſen aufgebrachten Zänter, Sir Ewes! Noch vor einem Monat hatte er nicht gewagt, einem jener Schaſe dort ins Geſicht zu ſchauen, und jetzt iſt er ſchon ein Koͤnig der Prahlhänſe, ein Taubenrupſer, ein Kri⸗ tiker von Spielern und Poeten; und zum Dank da⸗ für, daß ich ihm zur Erlangung des hohen Rufs, den er ſich in der Stadt erworben hat, den Weg ge⸗ zeigt hobe, kömmt er hierher„mit ſeinem beſten, wo nicht einzigen Freunde Haͤndel anzufangen.“ „Ich entſage einer ſolchen falſchen Freundſchaſt Mylord,“ entgegnete Nigel.„ Ich leugne den Grund der Nachrede, die ihr wider mich in Umlauf zu bringen ſtrebt und mir ſogar eben ins Geſicht ſagt⸗ und ihr ſollt nicht von der Stelle, bevor ihr n mir da⸗ fuͤr Rede geſtanden habt. Moylords„“ fiel Sir Cwes Haldimund ein, „laßt mich euch beiderſeits in Erinnerung bringen, daß der königliche Park kein Ort iſt, wo man Haͤn⸗ del ausmachen darf.“ „Ich mache meine Hirdel aus, wo n meinen Feind treffe;“ rief Nigel, der jene oͤrtlichen Vor⸗ rechte nicht kannte, oder ſich ihrer im Zorn er⸗ innern mochte. . — 94 —— 8h aut Haͤndel genug finden,“ erwiederte Dalgarno mit Ruhe⸗ ſobald ihr nur einen hinreichen⸗ den Grund dazu anfuͤhrt. Sir Ewes Haldimund, der den Hof kennt⸗ kann bezeugen, daß ich ſolche Dinge nicht ſcheue. Aber woruͤber beklagt ihr euch jetzt, nachdem ihr von mir und meiner Familie mit der uerlannenſten Guͤte whnit ſeid? —„Ueber eure Familie beklage mich it er⸗ wiederte Nigel;„Fie that fuͤr mich Abes was ſie konn⸗ te,— weit mehr, als ich erwarten durfte; aber ihr, Mylord, habt geduldet, daß man mich, während ihr mich Freund nanntet, ſchaͤndlich verläumdete, da doch ein einziges Wort aus eurem Munde hingereicht ha⸗ ben wuͤrde, meinen Character in ſeinem wahren Lich⸗ te darzuſtellen; Daher die beleidigende Botſchaft, die ich ſo eben vom Prinzen von Wales erhielt. Einen Freund unwiderſprochen verläumden laſſen, Mylord, heißt die Schuld der Verlaͤumder theilen.“ „Ihr ſeid unrecht berichtet, Mylord Glenvar⸗ loch,“ ſiel Sit Ewes Holdimund ein;„mehrmals habe ich ſelbſt mit angehoͤrt, daß Lord Dalgarno eu⸗ ern Character vertheivigte und ſein Bedauern äußerte; daß eurs ausſchließliche Anhoaͤnglichkeit an die Ver⸗ gnügungen des Londoner Stadtlebens euch abhalte, dem Koͤnige und Prinzen regelmaͤßig eure Auſwar⸗ tung zu machen.“ —— „Und doch war er es ſelbſt,“ fiel Rigel ein⸗ „der mir abrieth, bei Hofe zu erſcheinen.“ Ich will dieſe Materie kurz abbrechen,“ ſiel Dalgarno mit ſtolzer Kälte ein.„Ihr ſcheint euch eingebildet zu haben, Mylord, wir Beide wären Oreſt und Pylades,— eine zweite Edition von Da⸗ mon und Pythias,— wenigſtens doch Theſeus und Pirithous. Ihr irrtet euch, und nanntet Freund⸗ ſchaft, was meinerſeits blos Guthetzigkeit und M itleid fur einen rohen, unwiſſenden Landjunker war, ver⸗ punden mit dem laſigen Auſtrage, welchen mein Va⸗ ter mir in Hinſicht eurer auſbuͤrdete. Euer Ruf, Wylord is Riemandes Werk als euer eigenes. Wo ich euch einführte, gab es, wie an allen ſolchen O Or⸗ ten, gute und mittelmůßige Geſellſchaft; eure Ge⸗ wohnheiten und euer Geſchmack, zogen euch zu der ſchlechteren hin. Euer heiliger Schrecken beim An⸗ blick der Karten und Wuͤrſel artete in den vorſichti⸗ gen Entſchluß aus, bloß an den Tageszeiten und mit ſolchen Perſonen zu ſpielen, wo ihr die meiſte Ausſicht hattet, zu gewinnen, welches niemand lange fortſez⸗ zen kann ohve ſeinen Ruf als Gentleman zu benach⸗ theiligen. Dies habt ihr gethan, und ſeid daher kei⸗ nesweges berechtigt, unwillig zu ſeyn, daß ich einer Sache, deren Wahrheit euch bekannt iſt, nicht wider⸗ ſpreche, Laßt uns daher ungeſtoͤrt weiter gehen, My⸗ lord; und wenn ihr fernere Erklaͤrungen verlangt, 93 ſo wöhlt dazu eine andere Zeit und einen. ren Ort.“ „Keine Zeit kann W. beſſer ſeyn, als dieſer Augenblick“, entgegnete Nigel, deſſen Zorn durch Dalgarnos kalte, beleidigende Rechtfertigung aufs Hoͤchſte gereizt war;—„kein Ort kann ſchicklicher ſeyn, als der, wo wir jetzt ſtehen.“ Stets raͤchten die Mitglieder meines Hauſes Beleidigungen in dem Augenblick und an der Stelle, wo ſie ihnen wider⸗ fuhren, und wenn es am Fuße des Thrones war. „Lord Dalgarno, ihr ſeid ein elender Bube, zieht, und vertheidigt euch!“ Und im Augenblicke blinkte der Stahl in ſeiner Rechten. „Seid ihr wahnſinnig?“ rief Dalgarno, zu⸗ ruͤcktretend,„wir ſind im Bezirk des Hofes!“ „Deſto beſſer,“ erwiederte Nigel,„ich will den Hofbezirk von einem Verläumder und einer feigen Memme reinigen.“ Bei dieſen Worten drang er auf Dalgarno ein und ſchlug ihn mit der flachen Klinge⸗ Inmittelſt hatte der lautgewordene Streit Auf⸗ merkſamkeit erregt und man hoͤrte rund umher den Ruf:„Haltet den Burgfrieden! Haltet den Burg⸗ frieden!— Entbloͤßte Schwerter im Park! Herbei Wachen, Thorwaͤrter, Trabanten!“ Von allen Sei⸗ ten lief Volk herzu. Lord Dalgarno, der, als er den Schlag ſeines Gegners erhielt, ſein Schwert halb aus der Scheide 94 dezogen hatte, ſteckte es, als er die Volksmenge zu⸗ nehmen ſah, wieder ein, faßte Haldimunds Arm, und eilte davon, mit den an Nigel gerichteten Wor⸗ ten:„Ihr ſollt dieſe Beleidigung theuer bezahlen,— wir ſehen uns wieder.“ Ein ältlicher Mann von anſtändigem Aeußern, der Nigel ruhig an Ort und Stelle bleiben ſah und mit ſeiner Jugend Mitleid hatte, rief ihm zu: wißt ihr auch, Sir, daß dieſe Sache vor die Sternkammer ge⸗ hort, und daß ſie euch die rechte Hand koſten kann? Sorgt fuͤr eure Sicherheit/ bevor die Conſtables und Thorwaͤrter herbeikommen; Sucht, daß ihr in White⸗ friars oder ſonſt wo eine Freiſtaͤtte oder einen Verſteck findet, bis ihr euch Freunde verſchaffen oder die Stadt verlaſſen könnt.“ Dieſer Rath war nicht zu verachten. Nigel eil⸗ te zum Ausgange des Parks beim Pallaſt von St. James, damals dem St. James Hospital. Immer aͤrger ward das Laͤrmen hinter ihm, und mehrere beim königlichen Hoſe angeſtellte Polizeibeamte kamen her⸗ bei, den Delinquenten zu greifen. Zum Gluck fuͤr Nigeln war von der Geſchichte des Streits eine volks⸗ maͤßige Edition in Umlauf gekommen. Man hatte erzählt, Einer vom Gefolge des Herzogs von Bucking⸗ habe einen Landedelmann beleidigt, und letzterer ihn tuͤchtig durchgepruͤgelt. Gegen einen Guͤnſtling und ſeine Gefährten hegt John Bull allemal einen großen 95 Bbenilen, und iſt uberhaupt partheiiſch fur dieje⸗ nigen eingenommen, welche, wie die Juriſten es nen⸗ nen, via facti vorfahren; beide Vorurtheile ſprachen zu Nigels Gunſten. Als daher die zur Verhaſtung des Fluͤchtlings ausgeſandten Amtsperſonen ſich bei den umherſtehenden Zuſchauern des Streits erkun⸗ digten, welchen Weg er genommen habe, konnten ſie nichts erſahren, ſo daß er fur den Augenblick dem Ver⸗ haft entging. Was indeß Nigel im Vorbeigehen aus den Reden der umherſtehenden Volkshaufen vernahm, reichte hin, ihn zu uͤberzeugen, daß ſeine Leidenſchaft⸗ lichkeit ihn in eine ſehr gefahrvolle Lage geſetzt habe. Nicht unbekannt war ihm das ſtrenge und willkuͤrli⸗ che Verfahren ver unter der Benennung Sternkam⸗ mer bekannten Behoͤrde, insbeſondere in Föéllen, welche die Verletzung der königlichen Vorrechte be⸗ trafen,— ein Verfahren, welches dieſen Gerichtshof zum Gegenſtande des allgemeinen Schreckens machte; und noch unter Eliſabeths Regierung war eine Ver⸗ gehung ähnlichet Art dem erlaſſenen urtheile zufolge, mit Abhauung der Hand beſtraft worden. Auch drang ſich ihm die troſtliche Bemerkung auf, daß er durch ſeinen heſtigen Streit mit Dalgarno die Freundſchaft und guten Dienſte des Vaters und der Schweſter ſei⸗ nes Gegners, faſt der einzigen Perſonen von Stande, auf deren Verwendung er ſich einige Hoffnung machen konnte, verſcherzt habe, und daß in dem vorliegen⸗ * 56 den Falle, wo nothwendigerweiſe Vieles auf den gu⸗ ten Ruf des Angeklagten ankommen mußte, alle, wi⸗ der ihn in Umlauf gebrachten nachtheiligen Geruͤchte unfehlbar ſchwer auf ihn laſten würden. Einet ju⸗ gendlichen Einbildungskraft mußte die Idee der Straſe einer ſolchen Verſtuͤmmelung graͤßlicher ſeyn, als ſelbſt die, des Todes; und doch bezeichnete jedes Wort, welches er unter den Volksgruppen vernahm, unter die er ſich im Vorbeigehen miſchte, ſie als die ſeines Vergehens harrende Strafe. Er wollte ſeine Schritte nicht beſchleunigen, aus Furcht, Verdacht auf ſich zu ziehen, und mehr als einmal ſah er einen Trabantenofficier ſo nahe bei ſich hergehen, daß er in ſeinem Handgelenk eine krampfhafte Empfindung zu fuͤhlen glaubte, als waͤre es ſchon unter der Klinge eines Strafwerkzeuges. Endlich war er aus dem Be⸗ zirk des Parks, und nur wenig Muße blieb ihm uͤbrig, zu erwäͤgen, was er zunaͤchſt thun ſolle. Whitefriars, anſtoßend an den Temple, und da⸗ mals bekannt unter der Volksbenennung Elſaß, hatte in jenen Zeiten, und faſt noch hundert Jahre ſpäter, das Vorrecht einer Freiſtaͤtte, nur nicht gegen die Be⸗ fehle des Lord⸗Oberrichters oder der Lords des tonig⸗ lichen geheimen Raths. Die Folge davon war, daß dieſer Bezirk von Wagehoͤlſen und Tollkoͤpfen jeder Claſſe,— bankerotten Buͤrgern, zu Grunde gerichte⸗ ten Spielern, unverbeſſerlichen Verſchwendern, Du⸗ 97 ellanten, Meuchelmoͤrdern, und liederlichen Men⸗ ſchen wimmelte, die ſaͤmmtlich feſt zuſammenhielten, die Vorrechte ihrer Freiſtatt zu behaupten; ſo daß es fuͤr die Gerichtsbedienten eben ſo ſchwierig als gefahr⸗ voll war, Befehle, ſelbſt wenn ſie von den höchſten Behoͤrden erlaſſen waren, unter dieſen Menſchen zur Ausführung zu bringen, deren Sicherheit mit jeder geſetzlichen Autorität unvereinbar ſeyn mußte. Dies alles wußte Nigel; und ſo verhaßt auch dieſer Zufluchtsort ihm ſeyn mochte, ſo ſchien es ihm doch der einzige, wo er, wenigſtens auf eine Zeit⸗ lang, ſich verborgen halten, und ſich vor dem Arm des Geſetzes ſichern konnte, bis er Muße haben wuͤr⸗ de, beſſere Maßregeln zu ſeiner Nettung zu nehmen oder dieſe unangenehme Sache auf irgend eine Weiſe beizulegen. Auf dem raſchen Wege zu dieſer Freiſtatt machte er ſich bittere Vorwuͤrfe, daß er ſich vom Lord Dal⸗ garno zum Beſuche jener Wohnſitze der Schlemmerei hatte verleiten laſſen; nicht minder warf er ſich ſeine ungemaͤßigte leidenſchaftliche Hitze vor, deren Folgen ihn jetzt dahin gebracht hatten, in dem Aufenhalte des uͤberwieſenen Laſters und der Liederlichkeit eine Zu⸗ flucht zu ſuchen. „Nur zu wahr iſt's, was Dalgarno ſagte,“ ſo ſprach er zu ſich ſelbſt,„es iſt meine Schuld, wenn ich mir durch Befolgung ſeiner argliſtigen Rathſchlaͤge II. 7 98 einen boͤſen Namen machte, und die heilſamen Er⸗ mahnungen vernachlaͤſſigte, welche blinden Gehor⸗ ſam von mir heiſchten, als ſie mir verboten, dem Uebel auch nur von ferne zu nahen. Wenn ich aber dem gefahrvollen Labyrinth ent⸗ komme, worin Thorheit, Mangel an Erfahrung und Leidenſchaftlichkeit mich verwickelten, ſo will ich ir⸗ gend ein edles Mittel finden, den Glanz eines Na⸗ mens, der, bis ich ihn trug nie befleckt ward, wieder⸗ herzuſiellen. 4 Waͤhrend Nigel dieſe vernuͤnftigen Entſchluͤſſe faßte, betrat er die Gaͤnge des Tempels, von wo aus damals ein Thor in den Bezirk von Whitefriars fuͤhrte, welches er, weil es der unbemerkteſte Ein⸗ gang war, gewaͤhlt hatte. So wie er ſich jenent Au⸗ fenthalt der Schande näherte, vor welchem ſeine Seele ſelbſt in dem Augenblick wo er ihm eine Zu⸗ ſlucht gewaͤhren ſollte, zuruͤckbebte, wurden ſeine Schritte langſamer und die ſteilen, zerbrochenen Trep⸗ penſtufen erinnerten ihn an das: Facilis descensus Averni; er begann zu zweifeln ob es nicht beſſer ſey, ſelbſt dem Aergſten, was ihn an Orten, welche frei und offen von rechtlichen Menſchen beſucht werden duͤrſen, treffen konne, Trotz zu bieren, als Strafe durch einen Verſteck im Wohnſitze erwieſener Laſter und Verderbtheiten zu vermeiden. Waͤhrend er noch ſchwankte, nahte ihm ein junger Gentleman,— ein — 99 Rechtsbefliſſener von Templars⸗Inn den er in Beau⸗ jeus Hauſe oft geſehen und manchmal geſprochen hatte. Hier war er ein oftmaliger, ſtets willkomm⸗ ner Gaſt, und bekannt als ein ausgelaſſener, ziemlich mit Gelde verſehener junger Lebemann, der im Schauſpiel und an andern oͤffentlichen Beluſtigungs⸗ orten die Zeit verbrachte, die er nach ſeines Vaters Willen dem Rechtsſtudium widmen ſollte. Allein Reginald Loweſtoffe,— ſo war ſein Name,— fand, daß wenig Juriſterei nothig ſey, ihn zu Verzehrung der Einkuͤnfte der ihm kuͤnftig zufallenden Laͤndereien zu befoͤhigen, und gab ſich daher wenig Muͤhe, von jener Wiſſenſchaft mehr zu erlernen, als ſich zugleich mit der gelehrten Atmosphaͤre der Region worin er ſeite Zimmer hatte, einſaugen ließ. Im Uebrigen war er einer der Witzlinge ſeiner Umgebung, las ſei⸗ Ovid und Martial, haſchte nach witzigen Einfaͤllen und Wortſpielen, die oft ziemlich weit hergeholt waren, tanzte, focht, ſpielte Federball und konnte verſchiede⸗ ne Melodien auf der Violine und auf dem Horn her⸗ vorbringen,— zum großen Verdruß des alten, un⸗ mittelbar unter ihn wohnenden Advocaten Baratter. Dies war eine getreue Schilderung des verſchlagenen⸗ gewandten und mit allen Schlupfwinkeln der Stadt bekannten Reginald Lowestoffe, der, Nigeln mit Namen und Titel grußend, ſich erkundigte, ob Se. Lordſchaſt heute zu Beaujeu gehen wuͤrden, mit der * . 100 Bemerkung, daß es bald Mittag ſey, und die Schnep⸗ ſen auf dem Tiſche ſtehen wuͤrden, bevor ſie das Spei⸗ ſehaus erreichen koͤnnten. „Ich gehe heute nicht hin,“ antwortete Nigel. „Wohin geht ihr denn Mylord?“ fragte der junge Rechtsgelehrte, der vielleicht nicht ungerne, wenig⸗ ſtens eine Strecke, in Geſellſchaft eines Lords,— wenn auch nur eines ſchottiſchen,— auf der Straße ſtolziren wollte. „Ich,— ich,—“ ſtammelte Nigel, dem inmit⸗ telſt der Gedanke eingefallen war, ſich der Ortskunde dieſes jungen Mannes zu bedienen, und der ſich doch ſchaͤmte, ſeine Lage und die Abſicht einzugeſtehen, ei⸗ nen ſo verrufenen Zufluchtsort zu waͤhlen;—„ich bin neugierig, Whitefriars zu ſehen.“„Wie! Ew. Lordſchaft will ſich im Elſaß einen Spas machen?“ verſetzte Lowestoffe,„nehmt euch in Acht, Mylord; ihr koͤnnt in dieſen holliſchen Regionen keinen beſſern Fuͤhrer haben, als mich; ich verſichre euch, es giebt dort wohlgeputzte Freudenmaͤdchen, guten Wein, fi⸗ dele Kerls, die mittrinken; freilich kehrt ihnen Dame Fortuna ein Bischen den Ruͤcken zu. Doch Ew. Lord⸗ ſchaft wird mir verzeihen; ihr ſeyd der Letzte unter unſern geſellſchaftlichen Bekannten, dem ich eine ſol⸗ che Entdeckungsreiſe vorgeſchlagen haben wuͤrde.“ „Ich danke euch, Sir, fuͤr die gute Meinung,“ erwiederte Nigel;„allein meine gegenwaͤrtige Lage könnte ſogar einen Aufenthalt von einem oder zwei Tagen in der Freiſtätte nothwendig machen.“ „In der That?“ rief Lowestoffe im Ton des hochſten Erſtaunens.„Ich glaubte, Ew. Lordſchaſt hätte jederzeit Sorge getragen, im Spiele nicht be⸗ deutend zu wagen; aber, verzeiht mir, ſind die Kno⸗ chen euch untreu geworden, ſo verſteh' ich gerade ſo viel Juriſterei, um zu wiſſen/ daß ein Pair das Vor⸗ recht hat, nicht in Verhaft genommen werden zu koͤn⸗ nen; und wegen bloßen Geldmangels kann man ſich beſſer verſtecken, als in Whitefriars, wo Alle ſich vor lauter Armuth einander ſelbſt verzehren moͤchten.“ „Mein Mißgeſchick hat mit Geldmangel nichts gemein,“ erwiederte Nigel. „Ha! ich merke es ſchon,“ ihr habt euch ge⸗ ſchlagen, Mylord, und euren Mann getroffen;“ Nun in dieſem Falle könnt ihr mit einer wohlgefull⸗ ten Boͤrſe ein ganzes Jahr lang in Whitefriars ver⸗ ſteckt bleiben. Aber freilich muͤßt ihr euch herablaſ⸗ ſen, in jene wurdige Geſellſchaft als Miglied einzu⸗ treten und offen und ſtei als Elſaͤßer Buͤrger aufge⸗ nommen zu werden; ſonſt habt ihr dort weder Ruhe noch Sicherheit. „Mein Vergehen iſt nicht ſo moͤrderiſch,“ er⸗ wiederte Nigel,„als ihr zu vermuthen ſcheint; ich habe einen Mann von Stande im Park geſchlagen⸗ das iſt Alles.“ 102 ——— „Wahrlich Mylord,“ verſetzte Lowestoſſe,„ihr häͤttet beſſer gechan, ihm bei Baretelms das Schwert durch den Leib zu rennen. Im Bezirk des Hofes zu ſchlagen! Nun, das wird eine ſchlimme Sache fuͤr euch werden insbeſondere wenn euer Gegner von ho⸗ hem Range iſt, und in Gunſt ſteht.“ „Ich will offen gegen euch ſeyn“ erwieder⸗ te Nigel,„da ich einmal ſo weit gegangen bin. Der⸗ jenige den ich ſchlug, war Lord Dalgarno, den ihr oft bei Beaujeu's ſaht.“ „Wie! den Guͤnſtling und ſteten Begleiter des Herzogs von Buckingham?— dies iſt ein hoͤchſt un⸗ glucklicher Vorfall, Mylord; aber ich fuͤhle ein brit⸗ tiſches Herz im Buſen und kann es nicht ertragen, einen jungen Pair unsluͤcklich werden zu ſehen; ein Schickſal welches euch wahrſchelnlich droht. Allein wir ſprechen hier viel zu öffentlich von einer Sache dieſer Art. Die Studirenden von Templars⸗Inn wuͤrden ſonſt nicht leiden, daß im Tempelbezirk Ge⸗ richtsbediente einen Befehl zur Ausuͤbung braͤchten, oder einen Gentleman wegen eines Zweikampfs in Verhaft nähmenz allein in dieſer zwiſchen Lord Dalgar⸗ no und Ew. Lordſchaft vorgefollenen Sache wuͤrden ſich vermuthlich zwei Parteien bilden. Ihr muͤßt mich au⸗ genblicklich auf meine beſcheidenen Zimmerchen hier in der N he begleiten, und dort etwas verweilen, bevor ihr euch in die Freiſtatt begebt; ſonſt wird die ganze 103 —— Spitbuben⸗Compagnie von Whitefriars uͤber euch herfallen, wie Kraͤhen uͤber einen Falken, der in den Umkreis ihrer Geniſte abſtreift. Ich muß euch ein Bischen ausſtaffieren, ſo daß ihr den eingebornen El⸗ ſaͤßern ähnelt, ſonſt wuͤrde dort fuͤr euch keines Blei⸗ bens ſeyn.“ Bei dieſen Worten zog er Rigeln mit ſich fort in ſeine Zimmer, wo er eine ſchoͤne Buͤcherſammlung fand, enthaltend alle damals beliebten poetiſchen und dramatiſchen Werke. Dann ſchickte der junge Rechtsbefliſſene ſeinen Burſchen zum naͤchſten Koch, um ein Paar Gerichte holen zu laſſen.„Mit dieſem Mittagseſſen,“ ſagte er,„muß Ew. Lordſchaft ſich heute ſchon begnuͤgen; ich will ein Glas alten Sect hinzufuͤgen wovon meine Großmutter,— Gott lohn' es ihr— mir ein Dutzend Flaſchen geſchickt hat, jedoch mit dem Befehl, ihn, wenn ich vom uͤbermäßigen Studiren Bruſiſchmerzen haͤtte, nur ge⸗ miſcht mit abgeklaͤrten Molken zu trinken. Nun, wir wollen ihn auf das Wohl der guten alten Dame trinken, wenn es Ew. Lordſchaft gefäͤllig iſt, und ihr ſollt ſehen, wie wir armen Studenten unſern ge⸗ meinſchaſtlichen Tiſch in der Halle durch Supple⸗ mente verbeſſern.“ Die äußere Thuͤr der Zimmer ward, ſobald der Burſche mit den Speiſen zuruͤckkehrte, verriegelt, und dem Pagen befohlen, auf ſeiner Hut zu ſeyn und 104 ——— Niemanden einzulaſſen. Lowestoffe ſuchte durch Bei⸗ ſpiel und freundliche Aufforderung ſeinen vornehmen Gaſt zur Theilnahme an der Mahlzeit zu vermögen. Sein freimuͤthiges, zuvorkommendes Benehmen war, wenn gleich ſehr abweichend von Lord Dalgarnos hoͤfiſcher Abgeſchliffenheit, dennoch ganz geeignet, ei⸗ nen guͤnſtigen Eindruck zu machen. Zwar hatte Dal⸗ garno's Treuloſigkeit Nigeln durch Erfahrung belehrt, im Vertrauen auf Freundſchaftsverſicherungen vor⸗ ſichtig zu ſeyn, allein er konnte ſich wenigſtens nicht enthalten, dem jungen Manne, der fuͤr ſeine Si⸗ cherheit und Bequemlichkeit ſo eifrig beſorgt zu ſeyn ſchien, ſeine herzliche Dankbarkeit zu bezeigen. „Ihr habt mir weit weniger Verbindlichkeit, als ihr vielleicht glaubt, Mylord,“ entgegnete Lowes⸗ toffe.„Allerdings bin ich ſo bereit als willig, jedem Gentleman, dem Fortuna den Ruͤcken wendet, nuͤtz⸗ lich zu ſeyn und insbeſondere bin ich ſtolz darauf, Cw. Lordſchaft zu dienen; außerdem habe ich die Wahrheit zu ſagen, auch einen alten Groll gegen eu⸗ ren Widerſacher, Lord Dalgarno.“ Als Nigel ſich nach der Veranlaſſung deſſelben erkundigte, erwiederte der Studioſus:„es ſiel vor etwa drei Wochen bei Beaujeu's eines Abends, als Ew. Lordſchaft uns, wo ich nicht irre, ſchon verlaſ⸗ ſen hatte, wie ihr gewoͤhnlich thatet, bevor das hohe Spiel begann, zwiſchen Lord Dalgarno und mir im 105 — Treſchack⸗„Syiel ein Wortwechſel vor. Se. Lordſchaſt hatten vier As, ich hielt auf Koͤnig und Koͤnigin, wir parirten immer hoͤher, bis der Satz bis auf ſunfzig der ſchoͤnſten Goldfuͤchſe ſtieg. Nun denkt, Mylord, ich gewann die Karten und ſieh' da! es ge⸗ fallt Sr. Lordſchaft, zu behaupten⸗ daß wir ohne Tiddy geſpielt hätten; und da die uͤbrige Geſellſchaſt und insbeſondere der gauneriſche Franzoſe ſeine Par⸗ tei nahmen, ſo mußte ich mir gefallen laſſen, mehr zu verlieren, als ich im ganzen Jahr gewinnen kann; ihr ſeht alſo/ daß ich mit ſeiner Lordſchaft ein Huͤhn⸗ chen zu pfluͤcken habe. Hatte man je zuvor gehört, daß bei Beaujeu's im Treſchack der Tiddy nicht mit⸗ gezählt wurde? Ich frage den Henker nach Sr. Lord⸗ ſchaft! Jeder, der mit ſeinem Gelde dorthin kommt, hat eben ſowohl das Recht, neue Spielgeſetze zu ma⸗ chen, als er. Das Spiel macht Alle gleich; gleiche Bruͤder, gleiche Kappen.“ Bei dem Vortrage dieſer Spielangelegenheit und der dabei von dem jungen Studioſus aufgetiſchten Standesmaximen, fuͤhlte Nigels ariſtokratiſcher Stolz ſich eben ſo ſehr beſchaͤmt als gekraͤnkt durch den Schlußſatz, daß das Spiel, wie das Grab, jene geſellſchaftlichen Unterſchiede aufhebe, welchen Nigels fruͤh eingeſogene Vorurtheile vielleicht zu feſt anklebten. Es ließ ſich jedoch gegen die Vernunftſchluͤſſe des jun⸗ gen Rechtsbefliſſenen nichts einwenden; Nigel be⸗ 106 —— gnuͤgte ſich daher, das Geſpräch auf etwas Anderes zu bringen, indem er ſich nach dem dermaligen Zu⸗ ſtande von Whitefriars, vulgo Alsatia, erkun⸗ digte. Auch in dieſer Materie war ſein Wirth ganz zu Hauſe. „Ihr wißt, Mylord,“ bemerkte Lowestoffe, „daß wir Mitglieder der Genoſſenſchaft von Tem⸗ plars⸗Inn eine fuͤr uns ſelbſt beſtehende Macht ſind, und ich bin ſtolz darauf, zu ſagen, daß ich in unſerm Freiſtaate einen ziemlich hohen Rang bekleide; denn im vorigen Jahre ward ich zum Schatzmeiſter des Richters uͤber die Geldſtrafen erwoͤhlt, und darf mir in dieſem Augenblick auf die letztere Wuͤrde gegruͤnde⸗ te Hoffnung machen. Unter dieſen Umſtaͤnden beſin⸗ den wir uns in der Nothwendigkeit, mit unſern Nachbarn im Elſaß freundſchaftlichen Verkehr zu unterhalten, ſo wie ſelbſt die chriſtlichen Staaten oft aus bloßer Politik genoͤthiget ſind, mit dem Groß⸗ tuͤrken und den Staaten der Barbarei Allianzen zu ſchließen.“ „Ich haͤtte gedacht, ihr Cichn von Tem⸗ plars Inn waͤr't unabhaͤngiger von euren Nach⸗ barn?“ bemerkte Nigel. „Ihr erzeigt uns etwas zu viel Ehre, Mylord,“ verſetzte der Tempelbewohner;„die Elſaßer und wir haben einige gemeinſchaſtliche Feinde und auch sub rosa einige gemeinſame Freunde. Wir ſchließen her⸗ 107 —— kömmlich alle Gerichtsbediente von unſern Grenzen aus, und werden hierin kraftvoll unterſtuͤtzt von un⸗ ſern Nachbarn, die keine Seele von dieſer Menſchen⸗ claſſe in ihrem Umkreiſe dulden. Ueberdies haben die Elſaßer,— verſteht mich wohl, eylord,— die Macht, unſre maͤnnlichen oder weiblichen Freunde, die etwa genoͤthiget ſind, unter ihnen eine Freiſtaͤtte zu ſuchen, zu beſchuͤtzen oder ins Ungluͤck zu bringen. Kurz, die beiden Gemeinweſen leiſten ſich wechſelſei⸗ tige Dienſte, obwohl di ieſe Allianz zwiſchen Staaten ungleichen Ranges beſteht; und ich ſelbſt darf ſagen⸗ daß ich wegen verſchiedener wichtigen Angelegenheiten als Unterhaͤndler zwiſchen ihnen aufgetreten und von beiden Theilen durch Beifall belohnt worden bin.— Aber hoͤrt!— hört! Was iſt das? Der Ton, wo⸗ durch Lowestoffe unterbrochen ward, war ein ſchar⸗ ſer, lauter Hoͤrnerklang, dem ein ferner Freudenruf folgte.“ B iſ etwas los in Whiteſtiars,“ rief Lowes⸗ toffe.„Der Hoͤrnerklang iſt das Signal, wenn die Privilegien der Elſaßer durch Gerichtsdiener beein⸗ trchtigt werden; bei dieſem Tone ſtrömen ſie alle herbei, gleich Bienen, wenn ihr Korb geſtoͤrt wird. — Spute dich Jim,“ rief er ſeinem Aufwaͤrter zu, „und ſieh, was im Elſaß los iſt.“ Als der Bur⸗ ſche, gewoͤhnt an die uͤbereilte Haſt ſeines Gebieters, die Treppe mehr hinabſtürzte als lief, fuhr Lowes⸗ 108 toffe fort:„der verdammte Bengel iſt in dieſer Ge⸗ gend der Stadt Geldes werth er wartet ſechs Herren auf, die in ſechs verſchiedenen Abtheilungen dieſes Bezirks wohnen, und man ſollte glauben, daß er ſich gleich einem Zauberer vervielfaͤltigen und jeder⸗ zeit auf den Wunſch deſſen, der ihn eben am noͤthig⸗ ſten hat, gegenwaͤrtig ſeyn koͤnne. Kein Auskund⸗ ſchafter in Orford oder Cambridge kommt ihm an Schnelligkeit und Verſchlagenheit gleich. Den Fuß⸗ tritt eines Creditors kann er von dem eines Clienten, ſchon wenn er die erſte Treppenſtufe, und das Trip⸗ peln eines huͤbſchen Maͤdchens von dem Gange eines Hausinſpectors ſchon, wenn er am obern Ende des Vorhofs iſt, unterſcheiden.— Doch ich ſehe, Ew. Lordſchaft iſt aͤngſtlich. Darf ich bitten, noch einen Becher von der Herzſtaͤrkung meiner guten Großmut⸗ ter zu trinken, oder wollt ihr erlauben, daß ich euch in mein Ankleidezimmer fuͤhre, und dort die Rolle eures Kammerdieners uͤbernehme?“ Nigel trug kein Bedenken, zu geſtehen, daß er ſeine gegenwaͤrtige Lage ſehr ſchmerzlich fuͤhle, und daß es ihn draͤnge, den Schritt zu thun, der, um ihn herauszuwickeln, einmal unvermeidlich ſey. Der gutherzige, ſorgloſe Tempelbewohner fuͤhrte ihn hier⸗ auf in ſein kleines Schlafzimmer, wo er aus Band⸗ ſchachteln, Mantelſoͤcken und einem alten Kleider⸗ ſchranke die Beſtandtheile zuſammenſuchte, die er am 109 geeignetſten hielt, ſeinen Gaſt zum Eintritt in vas geſetz⸗ und ordnungsloſe Gemeinweſen des Pſeudo⸗ Elſaß auszuſtaffiren. — Sechſtes Kapitel. „Ew. Lordſchaft muß ſich ſchon gefallen laſſen,“ begann Reginald Lowestoffe,„euren huͤbſchen, hof⸗ mäßigen Degen, den ich wohl aufbewahren will, gegen dies roſtige ſchwere Raufſchwert zu vertauſchen, und ſtatt eurer zierlich gearbeiteten Beinkleider dieſe ſchlottrigen weiten Schifferhoſen anzulegen; auch ge⸗ ſtatte ich keinen Mantel; denn unſere Elſaßer Wuͤſt⸗ linge gehen allemal im bloßen Wammſe, und dies leckige, leider durch manche Weinſeufzer verunzierte Wamms von oabgeſchabtem Sammet und mit ver⸗ bleichter Stickerei wird am beſten zu eurer Rolle paſ⸗ ſen. Sobald ihr ſo weit fertig ſeyd, daß ich euch hel⸗ ſen kann, werde ich wieder bei euch ſeyn.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Lowestoffe, waͤhrend Nigel zoͤgernd ſeine Anweiſungen befolgte. Er fuͤhlte Mißvergnügen und Widerwillen uͤber die Spitbubenverkleidung⸗ die er anlegen mußte; be⸗ dachte er aber die blutigen Folgen, welche das Geſetz mit ſeiner unbeſonnenen Gewaltthat verknuͤpfte,— 2 — Jacobs ſorgloſe, gleichguͤltige Gemuthobrt, ſeines Sohnes Vorurtheile und den uͤbermuͤthigen Einfluß Buckinghams, der unfehlbar ihm entgegenwirken wuͤrde, vor allen Dingen aber die bittere Feindſchaft des thätigen, beharrlichen und einſchmeichelnden Dalgarno, ſo ſagte ihm die Vernunft, daß er in ei⸗ ner gefahrvollen Lage ſey, die ihn zu jeder mit der Ehre, wenn gleich nicht ganz mit außerem Anſtande vereinbaren Maßregel berechtige, um ſich zu retten.; Waͤhrend er ſich beim Umkleiden mit dieſen Ge⸗ danken beſchaͤſtigte, trat ſein freundlicher Wirth wie⸗ der ins Schlaſgemach.„Sapperment, Mylord,“ rief er,„es war ein Gluͤck, daß ihr nicht gerade zu in den Elſaß ginget, wie ihr beabſichtigtet; denn die Raubvoͤgel ſind auf dieſen Bezirk niedergeſchoſſen; ſo eben kommt mein Burſche zuruͤck, mit der Nach⸗ richt, daß er dort einen Gerichtsdiener ſah verſehen mit einem Geheimerathsbefehl und begleitet von zwanzig ſtark bewaffneten Trabanten; das Horn⸗ deſſen Schall wir hoͤrten, war das Signal zum Auf⸗ gebot der Elſaßer. Als aber der Herzog Hildebrod ſah, daß man unter ihnen einen Mann ſuche, von dem er nichts wußte, ſo erlaubte er aus Dienſtbereit⸗ willigkeit dem Haltunsfeſt, ſein Gebiet zu durchſto⸗ bern, uͤberzeugt, daß man nichts finden wuͤrde; denn der Herzog Hildebrod iſt ein hoͤchſt umſichtiger Poten⸗ tat.“ Nachdem Lowestoffe den Burſchen wieder nach —————— 11¹ Whitefriars zuruͤck geſchickt hatte, mit dem Beſehl⸗ ihm Beſcheid zu ſagen, wenn alles ruhig ſeyn wuͤr⸗ de, fragte Nigel:„wer dieſer Herzog Hildebrod ſey?“ „Wie, Mylord,“ verſetzte der Rechtsbefliſſene, „ihr ſeyd ſchon ſo lange in der Stadt geweſen, und habt noch nie von dem tapfern⸗ weiſen und politi⸗ ſchen Herzog Hildebrod gehoͤrt, dem großen Beſchuͤz⸗ zer der Freiheiten Alſatia's? Ich dachte, jeder, der jemals einen Wuͤrfel ruhrte, ſey mit dem hohen Ruſe dieſet Mannes bekannt.“ „Und doch habe ich nie von ihm gehoͤrt,“ er⸗ wiederte Nigel,„oder was das Nämliche iſt, ich habe auf nichts, was in meiner Gegenwart uͤber ihn vorgekommen ſeyn mag, geachtet.“ „Zuvörderſi, Mylord,“ ſagte Lowestoffe,„muß ich mir die Ehre erbitten, euch vollends anzukleiden. Bemerkt wohl, daß ich abſichtlich euren Anzug an einigen Stellen ganz offen gelaſſen oder doch ſchief zugemacht habe; laßt auch gefaͤlligſt das Hemde hin und wieder zwiſchen dem Wamſe und der Halskrauſe ſehen, das wird euch,— verzeiht mir,— ein ete was liederliches Anſehn geben und euch in Elſaß, wo Leinenzeug etwas Seltenes iſt, Reſpect verſchaffen.“ „Macht's nach eurem Gefallen,“ ſiel Nigel ein,„nur laßt mich wenigſtens etwas von den Be⸗ 112 dingungen meines Eintritts in jenen unſeligen Bezirk vernehmen.“ „Unſer Nachbarſtaat, von uns Elſaß, vom Geſetze aber„„die Freiſtäͤtte von Whitefriars““ genannt, hat gleich großen Koͤnigreichen ſeine wech⸗ ſelnden Schickſale und Revolutionen gehabt. Und da er gewiſſermaßen unter einer geſetzloſen, willkuͤhr⸗ lichen Regierung beſeht, ſo folgt daraus, daß dieſe Revolutionen haͤufiger waren, als in unſern beſſer geordneten Geweinweſen des Tempeldiſtricts, oder in dem, von Gray's⸗Inn. Unſre muͤndlichen Ue⸗ bertragungen und ſchriftlichen Nachrichten berichten uns, daß in den letzten zwoͤlf Jahren unſer Nachbar⸗ ſtaat zwanzig Revolutionen erlebte, in denen er wech⸗ ſelnd vom unumſchraͤnkten Despotismus zum Repu⸗ blikanismus uͤberging; nicht zu gedenken der Mittel⸗ ſtufen der Oligarchie, der beſchraͤnkten Monarchie und ſelbſt der Gynocratie; denn ich erinnere mich noch, daß Alſatia faſt neun Monate lang von einem alten Fiſcherweibe regiert ward; hierauf gerieth es unter die Herrſchaft eines verdorbenen Advokaten⸗ der von einem abgedankten Capitain entthront ward; da dieſer ſich als Tyrann zeigte, ward er von einem Bettelpfaffen abgeſetzt, der nach einiger Zeit ſeine Wuͤrde niederlegte, und den Herzog Jacob Hildebrod, den Erſten ſeines Namens, den Gott erhalten wolle, zum Nachfolger hatte.“ 115 „Und iſt die Regierung dieſes Potentaten,“ fragte Nigel, der ſich zu einiger Theilnahme an der Unterhaltung zu zwingen ſuchte,„despotiſcher Na⸗ tur?“ „Die Weisheit dieſes Souverains,“ erwieder⸗ te Lowestoffe,„iſt zu groß, als daß er gleich vielen ſeiner Vorgaͤnger ſich dadurch verhaßt machen ſollte, eine ſo hohe Macht einzig nach eigner Willkuͤhr aus⸗ zuuͤben. Er hat einen Staatsrath eingefuͤhrt, der ſich um ſieben Uhr Morgens zum Fruͤhtrunk, um eilf uhr zum Vormittagsſchnaps, und Nachmittags zwei Uhr zum feierlichen Conclave verſammelt, um ſich uͤber das Wohl des Gemeinweſens zu berathen, und mit ſeinen Arbeiten im Staatsdienſte ſo verſchwen⸗ driſch iſt, daß er ſelten vor Mitternacht aus einander geht. In dieſen erhabenen Senat, zum Theil beſte⸗ hend aus des Herzog Hildebrod Vorgängern in ſeiner Wuͤrde, die er ſich beigeſtellt hat, um dem Reide vor⸗ zubeugen, der gewöhnlich die Alleinherrſchaft verſolgt, muß ich Ew. Lordſchaſt jetzt einfuͤhren, damit er euch als Genoſſen der Freiheiten und Vorrechte der Alſa⸗ tier aufnimmt, und euch einen Aufenthaltsort an⸗ weiſt.“ „Erſtreckt ſich die Auctoritst dieſer Verſammlung auf dieſe Befugniſſe?“ fragte Nigel. „Der Geheimerath rechnet ſolche zu ſeinen Haupt⸗ vorrechten,“ antwortete Lowestoffe;„und in der 114 — That ſind ſie die kraͤftigſten Mittel, wodurch er ſein Anſehn erhält. Denn wenn Herzog Hildebrod und ſein Senat finden, daß irgend ein angeſehener Haus⸗ beſitzer in Whitefriars unzuftieden und widerſpenſtig wird, ſo brauchen ſie ihm nur einen wohlhabenden Bankeroutier oder einen neuen Ankoͤmmling, der einer Freiſtäͤtte bedarſ und bezahlen kann, zum Miethsmann anzuweiſen, und der Misvergnuͤgte wird ſo lenkſam wie ein Lamm. Die ärmeren Fluͤchtlinge laſſen ſie fuͤr ſich ſelbſt ſorgen, ſo gut ſie koͤnnen; allein die Einſchreibung ihrer Namen in des Herzogs Eintritts⸗ buch und die Bezahlung eines Wilkommens nach Maasgabe ihrer Vermogensumſtaͤnde, iſt eine uner⸗ laoͤßliche Obliegenheit, und Withefriars wuͤrde ein ſehr unſichrer Aufenthalt fuͤr den Fremden ſeyn, wenn er die Entrichtung dieſer Iructus jurisdictionis ſreitig machen wollte.“ „Nun, ich ſehe wohl,“ verſetzte Nigel,„daß ich den Umſtaͤnden nachgeben muß, die mich zu die⸗ ſem Verſteck noͤthigen; doch wuͤnſche ich, wie ihr leicht erachtet, aufs dringendſte, meinen Namen und Rang nicht zu verrathen.“ „Das wird hoͤchſt rathſam ſeyn, Mylord; iR in den Statuten der Republik oder Monarchie, wie ihr ſie nennen wollt, folgendes hieruͤber verord⸗ net: Derjenige, welcher verlangt, daß ihm uͤber ſeinen Namen, ſo wie uͤber die Veranlaſſung der geſuchten Freiſtatt und was dem anhaͤngig iſt, keine Fragen vorgelegt werden, kann dies vermeiden, wenn er das Doppelte des ihm nach ſeinen Umſtänden ob⸗ liegenden Willkommens entrichtet. Erfullt ihr dieſe weſentliche Bedingung, ſo kann Ew. Lordſchaft ſich meinetwegen ols Koͤnig von Bantam einſchreiben laſſen, wenn ihr wollt, denn es wird euch Niemand um etwas fragen.— Doch, hier kommt unſer Kundſchafter mit der Nachricht, daß Alles in Ruhe und Frieden iſt. Jetzt will ich Ew. Lordſchaft beglei⸗ ten und euch ſelbſt dem hohen Rathe von Alſatia vor⸗ ſtellen, wobei ich meinen nicht geringen Einſtuß als Großwuͤrdentrager im Gemeinweſen des Tempels, geltend machen werde. Wie bedeutend dieſer iſt, ſeht ihr daraus, daß die Alſatier jedesmal, wenn wir Par⸗ tei gegen ſie nahmen, ihre Unternehmungen anſtehen ließen.— Jetzt, Mylord, werft euren Mantel um⸗ um eure jetzige Verkleidung bis an die Freiſtatt zu verbergen; am Fuß der in das Heiligthum fuͤhrenden Treppe gebt ihr ihn meinem Burſchen; im Temple⸗ garten laßt ihr den Kord zuruͤck und ſteht in White⸗ friars als Elſaͤßer wieder auf.“ Begleitet von dem kleinen Spion durcheilten ſie den Garten und gelangten gluͤcklich an den Fuß der Treppe, wo Lowestoffe ſeinen Schuͤtzling mit Ovid's Worten begruͤßte: „ln novas fert animas mutatus dicere formas.“ 8* 416 ——— „Aber wie, Molord?“ fragte Lowestoffe, als er wahrnahm, das Nigel von Kummer uͤber den herabwuͤrdigenden Wechſel ſeiner Lage tief ergriffen war,„ich hoffe doch nicht, daß ihr mein Geſchwatz uͤbel genommen habt? ich wollte euch nur aufmuntern und euch in den Ton dieſes ſeltſamen Auſenthalts einweihen. Seid gutes Muthes; ich bin uͤberzeugt, daß ihr nur wenige Tage hier weilen werdet.“ Leiſe erwiederte Nigel mit einem Haͤndedruck: „ich fuͤhle ganz eure Gute. Wohl weiß ich, daß ich den Becher leeren muß, den eigne Thorheit fuͤr mich gefuͤllt hat. Verzeiht mir, daß ich beim erſten Tro⸗ pfen ſeine Bitterkeit doppelt fuhle.“ Bei aller ſeiner geſchaͤftigen Dienßfertigkeit und Gutmuͤchigkeit hatte Lowestoffe, gewöhnt an ein her⸗ umſtreifendes, ordnungsloſes Leben, nicht den min⸗ deſten Begriff von Nigels tiefem Schmerzgefuͤhl und dachte ſich deſſen voruͤbergehende Verborgenheit blos als den muthwilligen Streich eines Knabens, der mit ſeinem Aufſeher Verſteckens ſpielt. Auch war er mit den Oertlichkeiten vertraut, die auf ſeinen Ge⸗ fährten ſo tiefen Eindruck machten. DDie uralte Freiſtätte zu Withefriars lag weit tie⸗ ſer, als die Terraſſen und Gaͤrten des Teipels und war daher gewoͤhnlich in die aus der Themſe aufſtei⸗ genden Duͤnſte und Nebel eingehuͤllt. Die von Zie⸗ gelſteinen aufgefuͤhrten Haͤuſer waren dicht nebenein⸗ 117 ——— ander gedrängt; denn an einem Orte, begabt mit ſo ſeltenen Vorrechten, war jeder Fußbreit Landes koſt⸗ bar; doch, da die Haͤuſer großentheils von Perſonen erbaut waren, deren Vermoͤgen nicht zu ihrer Spe⸗ culation hinreichte, ſo waren ſie durchg ngig nicht gehörig ausgebaut und verfielen, wäͤhrend ſie noch neu waren. Das Geſchrei der Kinder, das Schel⸗ ten der Muͤtter, der widrige Anblick zerlumpter Waͤ⸗ ſche, die zum Trocknen vor den Fenſtern prangke, bildete ein Seitenſtuͤck zu dem lauten Rufen, Fluchen und Singen unzuͤchtiger Lieder in den Schenken, de⸗ ren Zahl, wie die Schilder zeigten, der aller uͤbrigen Häuſer gleich kam; und um das Gemaͤlde vollſtändig zu machen, ſchauten mehrere verwelkte, ausgeflit⸗ terte und bemahlte Schoͤnheiten hinter halb geoͤff⸗ neten Gittern hervor, den Fremden frech ins Geſicht, oder beſchäftigten ſich anſcheinend mit Scherben von Blumentoͤpfen, gefuͤllt mit Rosmarin und Barknel⸗ ken, die ſie mit nicht geringer Gefahr der Voruͤberge⸗ henden, auf dem äußern Rande der Hausmauer ge⸗ ordnet hatten. „Semi reducta Venus,“ bemerkte der Tempelbewohner, hindeutend auf eine dieſer Nym⸗ phen, die, einer kleinen Amſel, welche in einem Kaͤ⸗ ſig von Flechtwerk an der ſchwarzen Außenmauer von Ziegelſteinen hing, etwas vorpfeifend, ſich den Blik⸗ —46 ten der Voruͤbergehenden hinter der Senit halb zu entziehen ſuchte. „Ich kenne das Geſicht jenes Daͤmchens,“ fuhr der Wegweiſer fort;„und ich wollte, nach der Stel— lung die ſie annimmt, einen Roſenoble wetten, daß ſie zwar ein reines Kopßzeug, aber einen ſchmutzigen Nachtmantel traͤgt. Aber hier kommen zwei moͤnnli⸗ che Einwohner, rauchend, gleich wandelnden Vul⸗ kanen. Dies ſind läͤrmende Haudegen, denen der Taback ohne Zweifel anſtatt Rindfleiſch und Pudding dient; denn ih muͤßt wiſſen, Mylord, daß des Koͤ⸗ nigs Verbot gegen dies indiſche Kraut im Elſaß eben ſo wenig gilt, als ſeine Verhaftsbeſehle.“ Immittelſt nahten die beiden Schwaucher;— rohe ungekämmte Wuͤſtlinge, deren ungeheure Zwik⸗ kelbaͤrte uͤber die Ohren zuruͤckgeſchlagen und mit ih⸗ rem verwirten Haupthaar vermengt waren, wovon„ ein großer Theil unter ihren alten, auf ein Ohr ge⸗ druͤckten, abgeſchabten Huͤten, oder durch deren Riſſe hervor ſah, ihre verbleichten pluͤſchenen Jacken, ihre weite Matroſenkleidung oder Pluderhoſen, ihre brei⸗ ten, ſchmierigen, uͤber die Schulter geſchlagenen Degengehenke und verwitterten Schaͤrpen, vor allen Dingen aber die prahlende Manier, wie der Eine ſeinen Haudegen und der Andere ſein uͤbermaͤßig lan⸗ ges Raufſchwert nebſt einem Dolche angeſchnallt hat⸗ 5 te, bezeichneten ganz einen Elſaßer Renomiſten„— 11¹9 damals und noch hundert Jahre nachher ein wohlbe⸗ kannter Character. „Sieh doch,“ ſagte der eine Eiſenfreſſer zum andern,„wie die Dirne dort mit den fremden Stut⸗ zern liebäugelt!“ 3 „Mich duͤnkt, ich wittre einen Spion,“ ver⸗ ſetzte der Andre, mit einem Blick auf Nigeln;„gieb ihm eins mit dem Hieber uͤbern Kopf.“ „Nicht doch,“ nohm ſein Gefahrte das Wort, „Jener dort iſt das Plappermaul, Reginald Lowes⸗ toffe aus Templars⸗Inn; ich kenne ihn, er iſt ein guter Burſche und kein Landeonfect.“ Bei dieſen Worten huͤllten ſie ſich aufs neue in eine dicke Rauchwolke und gingen ohne in grüßen ih⸗ res Weges. „Crasso in rief Lowestoffe, 2 ho rt, wie die unverſchöͤmten Schurken mich ſchildern; aber wenn mich dies Urtheil nur in den Stand ſest, E Cw. Lordſchaft zu dienen, ſo laſſe ich mir es gern gefallen. Jetzt aber ſagt mir, welchen Namen ihr annehmen wollt; denn wir nahen jetzt Hildebrod' 5 herzoglichem Pallaſte.“ „Ich will mich Graham nennen,“ iederte Nigel,„dies war meiner Mutter Name.“ Grim,“ bemerkte der Lempelbewohner⸗ „wir ſich fuͤr den Elſaß gut paſſen, denn dies Wort 120 ——— bezeichnet dieſen Zufluchtsort zugleich als ſcheuß⸗ lich und verdrießlich. „Ich ſagte Graham, nicht Grim“ verſetz⸗ te Nigel etwas nachvruͤcklich,„denn die Schotten verſtehen keinen Spas in Hinſicht ihrer Namen.“ „Ich bitte um Verzeihung, Mylord,“ erwie⸗ derte der Wortſpieler etwas außer Faſſung gebracht; „aber das Wort Graham*) wird eben ſo gut „ den Umſtaͤnden angemeſſen ſeyn; denn es bedeutet im Hochdeutſchen ſo viel als Kummer;— ein Gemuͤthszuſtand, in welchem Eu⸗ Lordſchaft ſich un⸗ Kreitig befindet.“ Nigel lachte uͤber die beharrliche Wortpielſucht des jungen Rechtsgelehrten, der jetzt auf ein Bier⸗ haus zeigte, welches im Schilde einen Bullenbeißer fuhrte, im Begriff, einem Stier zu Leibe zu gehen. „Dort ſpendet,“ ſagte er,„der brave Herzog Hildebrod ſeinen treuen Elſaßern ſowohl Geſetze als Bier und Brantewein. Da er ſelbſt ein entſchloſſe⸗ ner Klopfſechter iſt, ſo waͤhlte er ſich ein analoges Symbol fuͤr ſein Bierhaus. Er machte es uͤberdies zu ſeinem Beruf, dem Durſtigen zu Trinken zu ge⸗ *) Beides Bedeutungen des Adjectibs: Grim. d. u. **) Dieſer Name wird in der engliſchen Ausſprache dergeſtalt abgekürzt, daß er genau ſo klingt, wie im Deutſchen das Wort Gram,(Kummer). d. U⸗ 124 ben, damit er ſelbſt unentgeldlich mittrinken und aus dem, was andere trinken, Gewinn ziehen kann.— Laßt uns jetzt in die immer offene Thuͤr dieſes zwei⸗ ten Arylus eingehen!“ Bei dieſen Worten betraten ſie ein verfallenes Wirthshaus, welches jedoch groͤßer und in etwas beſ⸗ ſerem Zuſtande war, als viele Haͤuſer in der ſauberen Nachbarſchaft. Zwei oder drei hagere, zerlumpte Küper liefen hin und her; den Eulen gleich, ſchie⸗ nen ſie blos geeignet fuͤr die Mitternacht, wenn an⸗ dere Menſchen ſchlafen, beim Tageslicht hingegen⸗ ſtumpfſinnig, triefäugig und nur halb wachend. Un⸗ ter der Leitung eines dieſer blinzelnden Ganymede, traten ſie in ein Zimmer, wo die ſchwachen Strah⸗ len der Sonne faſt gänzlich verdunkelt wurden durch Wolken von Tabacksrauch, entſteigend den Pfeifen der wuͤrdigen Geſellſchaft, während aus dem wolkenum⸗ huͤllten Heiligthume die uralte Hymne ertoͤnte: König Simon lebe hoch? Oft ſteck' er die Purpurnaſe, Noch in ſeine mächt'ge Laſe! F plüſchne Jacke prange, Nit Bierſeufzern noch recht Lnge⸗ König Simon lebe hoch! Herzog Hildebrod, der ſich ſelbſ pnbliß, ſ ſei⸗ nen ihn zaͤrtlich liebenden Unterthanen dieſe dymne votzuß ngen, war ein unfoͤrmlich She⸗ einaͤugiger X 122 Mann, mit einer Naſe, welche klar bewies, wie oft, wie tief und wie herzhaft er in den Becher ſah. Er trug eine dunkelbraune pluͤſchne Schifferhoſe, be⸗ fleckt durch uͤberſtroͤmende Deckelkruge, mehr noch durch langjährigen Gebrauch, und nur halb zuge⸗ knöpft zur Bequemlichkeit ſeines ungeheuren Wan⸗ ſtes. Hinter ihm lag ein Lieblingsbullenbeißer, der durch ſein einziges ſchwarzes, glaͤnzendes Auge und durch große Koͤrperfuͤlle eine burleske Aehnlichkeit mit ſeinem Gebieter hatte. Die wohlbelobten Geheimen Räthe, welche den herzoglichen Thron umgoben, huͤllten ihn in Ta⸗ backswolken ein, thaten dem Beſitzer deſſelben in dik⸗ kem Biere Beſcheid, und ließen ſeine Hhinnen aus ihren rauhen Kehlen wiederhallen; kurz ſie waren Satropen, wuͤrdig eines ſolchen Großſultans. Ein ledernes Kollet, ein breites Degenkoppel und ein langes Schwert bezeichneten den Einen als einen 8 niederlaͤndiſchen Soldaten, der ſich, halb betrunken, durch eine finſtere Miene und ein unverſchͤmtes We⸗ ſen eine gewiſſe Wichtigkeit geben und auf den Titel eines Nenommiſten Anſpruch machen zu wollen ſchien. MNigeln duͤnkte es, daß er dieſen Menſchen ſchon ſonſt wo geſehen habe. Ein Bettelpfaffe, wie man dieſe Claſſe der Prieſterſchaft ſehr unehrbietig betitelt hat, * Bucklebeggars oder Hedge- parsons, nennt man im brit „ 123 —— ſaß zur Linken des und ließ ſich leicht an ſei⸗ nem zerriſſenen Kragen, niedergekrempten Hute und den Reſien eines abgetragenen Leibrocks erkennen⸗ Neben dem Prieſter ſaß ein kläglich ausſehender ha⸗ gerer alter Mann, mit einer um den Hals zuge⸗ knopften Kaputze vom groben Kirſey deſſen abgezehr⸗ te Geſichtszuge gleich denen des alten Daniel: „Ein Aug' belebte, das den Aberwitz Des Alters noch mit Liſt und Schlauheit paart.“ Zur Linken dieſes Mannes ſaß ein verdorbener Advocat, der wegen einiger ſchlechten Streiche aus der Liſte der Practikanten ausgeſtrichen, und dem von ſeinem Berufe nichts weiter uͤbrig geblieben war, als Schelmerei. Zwei andere Menſchen von minder ausgezeichneten Geſtalten, von denen einer gleich dem Soldaten Nigeln nicht unbekannt zu ſeyn ſchien, ohne daß dieſer doch wußte, wo er ihn geſehn hatte, ver⸗ vollſtändigte das Geheimerathscollegium des Herzogs Jacob Hildebrod. Die Ankömmlinge hatten Muße genug, dies Al⸗ les zu beobachten; denn Se. Durchlaucht, der Her⸗ tiſchen Inſelteice die herumziehenden Pſeudo⸗Geiſtlichen, auch wohl Methodiſtenprediger, die unter freiem Himmel ein Polksauditorium um ſich verſammein und es bvei dieſer Gele⸗ genheit gewöhnlich in Contribution ſetzen; wobei ſie iedoch weit beſcheidener uud genügſamer zu ſeyn pflegen, als u Bettelmönche in den meiſten catholiſchen Ländern., de u. 224 —— zog, ſey es, daß ihn ver Strom der Harmonie unwi⸗ derſtehlich mit ſich fortriß, oder daß er den Fremden eine angemeſſene Wichtigkeit von ſeiner Perſon ein⸗ flößen wollte, fand fuͤr gut, ſeine Hymne zu Ende zu ſingen, bevor er ihnen Gehör gab; doch unterließ er nicht, ſie die ganze Zeit mit ſeinem einzigen Sehorgan aufs genauſte zu beobachten. Als der Herzog ſeinen Ge⸗ ſang zu Ende gebracht hatte, ſetzte er ſeine Pairs in Kenntniß: es ſey ein hochachtbarer Beamter von Tem⸗ plars⸗Inn bei ihnen eingetroffen; zugleich befahl er dem Soldaten und dem Prieſter, ihre Sitze zu ver⸗ Jaſſen, um ſie den beiden Fremden einzursumen, die er zu ſeiner Rechten und Linken neben ſich Platz neh⸗ men ließ. Die wuͤrdigen Repraͤſentanten der Armee und der Kirche zu Whitefriars nahmen Platz auf ei⸗ ner zerbrechlichen Bank unten am Tiſche, die, nicht geeignet, Männer von ſolchem Gewichte auf ſich zu nehmen, unter ihnen wich, ſo daß die beiden Zierden des Wehr⸗ und Lehrſtandes auf dem Boden uͤber ein⸗ ander her rollten, und zwar unter dem lauten Freu⸗ dengeſchrei der edlen Compagnie. Zornig erhoben ſie ſich, wetteifernd in Fluchen und Schwuͤren, in denen jedoch des Pfaffen geuͤbterer Redefluß den Krieger weit uͤbertraf, bis endlich die Zuͤrnenden durch die Ankunft der beunruhigten Aufwärter mit einigen Kuͤchenſtuͤhlen und vollen Bierlaſen mit Mühe be⸗ ruhigt wurden. Nachdem dieſe Bewegung geſtillt * 125 und die Fremden hoͤſlich gleich den uͤbrigen Anweſen⸗ den mit vollen Deckelkruͤgen verſehen waren, trank der Herzog ſehr gnaͤdig auf das Wohl von Templars⸗ Inn, und insbeſondere hieß er das eben angelangte Mitglied dieſer Genoſſenſchaft willkommen; als ſei⸗ ne Hoͤflichkeit dankbar erwiedert war, erbat Lowes⸗ toffe die Erlaubniß, bei einem Becher Rheinwein ſeinen Antrag machen zu duͤrfen. Die Erwähnung eines Trunkes der uͤber die ge⸗ wöhnlichen Genuͤſſe der Zechgeſellſchaft ſo ſehr erhaben war, brachte beim Senate eine aͤußerſt guͤnſtige Wir⸗ kung hervor, und ſchon die Erſcheinung des köſtlichen Naß,— das konnte man dreiſt behaupten,— ſicherte dem Antrage des Tempelbewohners eine gute Auf⸗ nahme. Nachdem der Becher mit dem Saft der rhei⸗ niſchen Traube zweimal die Runde gemacht hatte, trug Lowestoffe auf die Zulaſſung ſeines Freundes⸗ den er Nigel Graham nannte, zu den Wohlthaten der Freiſtatt und uͤbrigen Vorrechte Alſatiens, und zwar in der Eigenſchaft eines Theilnehmers erſter Claſſe an; denn ſo nannte mon diejenigen Mitglieder die⸗ ſes Gemeinweſens, die bei ihrer Einſchreibung dop⸗ pelte Aufnahmegebuͤhren entrichteten, um der Oblie⸗ genheit enthoben zu ſeyn, dem Senat die beſondern Umſtände vorzutragen, wodurch ſie zur Nachſuchung der Freiſtatt genoͤthiget wurden. Der edle Herzog vernahm den Antrag mit inne⸗ — 126 —— rer Zufriedenheit, die aus ſeinem einzigen Auge mit hinreichender Klarheit hervorſtrahlte. Kein Wunder: denn der vorliegende Fall war ſelten, und ſeinen Pri⸗ vateinkuͤnften ſehr erſprieslich. Er befahl daher, ſein herzogliches Regiſter herbeizubringen, worauf ihm ſ⸗ gleich ein dicker Foliant mit metallnen Spangen, glei⸗ chend einem kaufmaͤnniſchen Handlungsbuche, vor⸗ gelegt wurde, deſſen Blaͤtter, illuminirt mit Wein und Tabacksjauche, wahrſcheinlich eben ſo viele Spitz⸗ bubennamen enthielten, als das Verzeichniß von Newgate. Es ward hierauf Nigeln kund gethan, daß er als Gebuͤhr zwei Roſenoble zu erlegen und in folgen⸗ den ihm vom Herzog vorgeſagten Knittelverſen um den Genuß der Privilegien der Freiſtatt anzuſuchen habe:— Nigel Graham bin ich genannt, Bin gekommen in dies freie Land, Dem weißen Stabe des Haltunsfeſt Zu entgehn, der keine Ruhe mir läßt, und des grimmen Geſetzes Klauen, Nerger als Lbwenkrallen zu ſchauen, Ihr wollet mich, bitt' ich, durch Waffen und Liſt, Vor des Haltunsfeſt Händen, und was es ſonſt iſt, Beſchützen; drum hab', ich mich hieher begeben, Um euch zu vertrauen ſo Freigeit⸗ als Leben.— Als Herzog Hildebrod mit zitternder Hand die Einſchreibung Rigels begonnen, und bereits die erſte 127 ———— Sylbe ſeines Namens mit einem doppelten G verſe⸗ hen hatte, unterbrach ihn der Exgeißtliche.¹) Dieſer ehrwuͤrdige Herr hatte einige Minuten lang mit demjenigen Mitgliede des geheimen Raths gefliſtert, welches, wie wir oben bemerkten, Nigel ſchon irgendwo geſehen zu haben glaubte; und da der Repräſentant der Kirche ohnehin vielleicht etwas miß⸗ vergnuͤgt uͤber den ihm nach der Ankunft der Frem⸗ den bei der Veraͤnderung ſeines Sitzes widerfahrnen Unfall ſeyn mochte, bat er, bevor noch die Einregiſtrirung uͤber das doppelte G hinausgeſchritten war, um Gehoͤr. „Der Quidam, der ſo eben die Dreiſtigkeit ge⸗ habt hat, ſich als Candidaten der Privilegien und Freiheiten dieſer ehrenwerthen Geſelſſchaft varzuſtellen, *) Dies merkwürdige Regiſter iſt noch jetzt vorhanden und im Beſitze des verühmten Alterthumsforſchers, Doctor Dryas⸗ duſt,() der dem Verfaſſer ſehr gütig verſtattete, ein Pac si- mile der Handſchrift des Herzogs Hildebrod dieſer Stelle als Erläuterung veizufügen. Da er jedoch unglücklicherweiſe ein eben ſo großer Rigoriſt als Ritſon ſelbſt in der Anhänglich⸗ keit an den Buchſtaben ſeines alten Manuſcripts war, ſo füg⸗ te der alte Doctor ſeiner Dienſtbereitwilligkeit die Bedingung bei, daß ich, der herzoglich hildebrodſchen Rechtſchreibung ge⸗ mäß, dies Werk: Niggels Schickſale betiteln ſolle⸗ welches ich nicht für gut fand⸗ N. d. Verfaſſers. —— () Dry as dust(zu deutſch: dürr wie Staub,) ein Name, der hinreicht, die Satyre der obigen Anmerkuns vollends verſtändlich zu machen. „ 128 iſt, gerade heraus zu ſagen, ein Schottiſcher Bettler; und ſchon haben wir genug von dieſen Heuſchrecken in London. Laſſen wir ſolche Wanderraupen in un⸗ ſer Heiligthum zu, ſo werden wir bald die ganze Na⸗ tion auf dem Halſe haben. wendung zu bringen.“ „Wir ſind nicht berechtigt,“ erwiederte Herzog Hildebrod,„zu fragen, ob er Schotte, Franzoſe oder Englaͤnder iſt; die bereitwillige Entrichtung ſeines Willkommnens giebt ihm Anſpruch auf unſern Schutz.“ „Das ſey ferne von mir, Durchlauchtiger Her⸗ zog, erwiederte der Pfaffe, daß ich ihm Fragen vorle⸗ gen ſollte, denn ſeine Sprache verraͤth ihn; er iſt ein Galiläer, und das gezahlte Geld iſt verfallen durch die Kuͤhnheit, ſich in unſerem Reiche blicken zu laſ⸗ ſen; ich trage darauf an, die Geſetze gegen ihn in An⸗ Hier erhob ſich der Tempelgenoſſe, und war im Begriff, die Berathungen der hohen Verſammlung zu unterbrechen, als der Herzog ihm mit wuͤrdevoller Miene verſicherte, er ſolle zu Gunſten ſeines Freundes gehoͤrt werden, ſobald die Verſammlung ihre Bera⸗ thungen geendigt haben werde. Hierauf erhob ſich der Generalanwald, und nch vorheriger Anzeige, daß er uͤber den Puntt des Ge⸗ ſetzes zu reden habe, machte er bemerklich: dieſer Gentleman ſei offenbar wegen keines Civilvergehens hieher gekommen; vielmehr glaube er, ſeine Flucht 129 ſtehe in Verbindung mit der im ksͤniglichen Park vorgefallenen Geſchichte, wovon ſie ſaͤmmtlich bereits gehoͤrt hätten; die Rechte der Freiſtatt wuͤrden aber den Uebertreter der koͤniglichen Privilegien des Parks nicht ſchuͤtzen, und der querkopfige alte Herr*) wuͤrde einen tuͤchtigen Beſen ſchicken, Alſatiens Straßen von der Eingangstreppe bis zum Strande rein zu fegen; die Politik erfordere auch ernſtlich, zu beden⸗ ken, welch großes Uebel ihrer Republik durch Beher⸗ bergung eines Fremden unter ſolchen Umſtaͤnden er⸗ wachſen koͤnne.“ Der Soldat, der dieſem Vortrage voll Ungeduld zugehoͤrt hatte, ſprang jetzt mit einer Heſtigkeit, gleich der eines Stoͤpſels, emporgetrieben von einer Flaſche ſchͤumenden Bieres, von ſeinem Sitze auf, warf, ſei⸗ nen Zwickelbart mit kriegeriſchem Anſtande ſtreichend, einen verachtungsvollen Blick auf den Rechtsgelehr⸗ ten und den Mann der Kirche, und redete wie folget: „Durchlauchtiger Herzog! Wenn ich ſo niedrige, gemeine, ſchaͤndliche Antraͤge von Ew. Durchlaucht Räthen vernehme, und wenn ich dann mich jener großen Maͤnner,— eines Huff, Mun und Anderer mehr erinnere, welche euren Vorfahren und Vorgan⸗ gern bei ſolchen Gelegenheiten ihren Rath ertheilten, ———— Der König. d. u. II. 9 130 —— ſo ſollte ich faſt glauben⸗ alle Thatkraſt ſey in Alſatien erſtorben; und dennoch wuͤrde, wer ſo denkt, ſich groblich irren; denn, ich will mich anheiſchig ma⸗ chen in Whitefriars laͤrmende Burſche genug zuſam⸗ men zu bringen, um unſre Freiheiten gegen alle Gaſ⸗ ſenfeger von Weſtminſter zu behaupten; und ſollten wir auf einen Augenblick uͤbermannt werden,— Tod und Teufel!— bleibt uns nicht Zeit genug, den Gentleman zu Waſſer, entweder nach Paris⸗ Garden oder nach der Bankſeite uͤberzuſchiffen? Und wenn er ein braver Mann von achtem Schrot und Korn iſt, wird er dann nicht unſte Muͤhe reichlich loh⸗ nen? Mögen andere Geſellſchoften durch Geſetze be⸗ ſtehen, ich behaupte, daß wir kuͤhnen Strandburſche zum Trotz der Geſetze leben und am beſten gedeihen, wenn wir uns kuͤhn allen obrigkeitlichen Befehlen, Gerichtsdienern, Stabtraͤgern, Haͤſchern und Scher⸗ gen widerſetzen.“ S Lautes Beifallsgemurmel durchrollte die Ver⸗ ſammlung beim Schluß dieſer Rede, und Lowestoffe, benutzend den guͤnſtigen Augenblick, bevor noch dieſer Ton verhallte, erinnerte den Herzog und ſeinen ge⸗ heimen Rath, wie ſehr die Sicherheit ihres Staats, von der Freundſchaft der Tempelgenoſſen abhinge, die durch Schließung ihrer Thore den Alſatiern die Ge⸗ meinſchaft zwiſchen Whitefriars und dem Tempelbe⸗ öirk abſchneiden könnten, und daß, je nachdem ſie ſich P 143¹ bei dieſer Gelegenheit benähmen, er ihnen ſeinen be⸗ kanntlich nicht geringen Einfluß beiſeiner Genoſſenſchaft ferner zu Nutzen kommen laſſen, oder entziehen werde. „Uund,“ fuhr er fort,“ was denlUmſtand betrifft, daß mein Freund ein Schotte und ein Fremvling iſt, wie der ehr⸗ wuͤrdige Geiſtliche und der gelehrte Rechtskundige dort, bemerklich gemacht haben, ſo muͤßt ihr erwaͤgen, aus welcher Urſache er hieher zu ſliehen genoͤthiget iſt;— nicht etwa, weil er einem Englaͤnder, ſondern weil er einem ſeiner eigenen Landsleute eine Baſtonade gegeben hat; und was meine eigene Meinung betrifft,“ fuhr er fort, indem er Nigeln unbemerkt anſtieß, um ihm zu perſtehen zu geben, er ſpreche nur im Scherz;„ſo glaube ich, daß, wenn alle Schotten in London ein allgemeines Gefecht mit einander begoͤnnen und ſich einander bis auf den letzten Mann toͤdteten, der Ue⸗ berlebende auf unſre und ganz Altenglands Dankbar⸗ keit die groͤßten Anſpruͤche haben wuͤrde.“ Ein lautes Lachen des Beifalls folgte dieſer witzi⸗ gen Rede, wodurch der Tempelgenoſſe den ſchottiſchen Urſprung ſeines Clienten rechtfertigte. Hiedurch aufge⸗ muntert, fuhr er in folgenden kraͤftigen Worten fort: „wohl weiß ich, daß es die Sitte der Väter dieſer alten ehrenwerthen Republik iſt, alle ihre Maßre⸗ geln bei einer gehörigen Quantitaͤt ſtarker Geträͤnke zu erwaͤgen, und ſern ſey es von mir, die Abſchaffung einer ſo löblichen Gewohnheit zu beabſichtigen, oder 132 zu behaupten, daß eine Angelegenheit wie die vorlie⸗ gende, reiflich und verfaſſungsmaͤßig bei einer elenden Gallone Sekt berathen werden kann. Da es aber dieſem ehrenwerthen Conclave einerlei iſt, ob es erſt trinkt und dann uͤberlegt, oder ob es erſt deliberirt und dann trinkt, ſo mache ich mit praͤſumtiver Zu⸗ ſtimmung eurer weiſen und maͤchtigen Senatoren Ew. Durchlaucht den Vorſchlag, zuvoͤrderſt das Edict zu erlaſſen, wodurch meinem ehrenwerthen Freunde die oͤrtliche Freiheit bewilligt, und ihm nach Vorſchrift eurer weiſen Formen, eine Wohnung angewieſen wird, wohin er ſich auf der Stelle zuruͤckziehen kann, da er von den Vorfaͤllen des heutigen Tages ermuͤdet iſt; worauf ich ſogleich ein Faͤschen Rheinwein nebſt einer angemeſſenen Quantität Rindszungen und Picklin⸗ gen werde herbeiſchaffen laſſen, um euch allen einen frohlichen Abend zu machen.“ Neuer Beifallruf durchtoͤnte das und erſtickte die Stimme der Oppoſitions-Männer, wenn es deren nach einem ſo populaͤren Antrage im gan⸗ zen Senate noch hätte geben koͤnnen. Der Zuruf: braver, edler, großmuͤthiger Gentleman, floß von Mund zu Munde; die Einſchreibung des Supplikan⸗ ten in das große Buch ward raſch vollendet, und ihm von dem wuͤrdigen Doge der vorſchriſtmaͤßige Eid zur Abſtattung vorgeſagt. Gleich den Geſetzen der KII Tafeln, der alten Cambro⸗Britten und anderer Ur⸗ völker, war er in Verſen abgefaßt und lautete fol⸗ gendermaßen: „Du ſchwöreſt beim Zapfen und Faſſe, Du ſchwöreſt beim Koller und Schwert, Daß nie der Muth dich verlaſſe, Das Böſe, was uns widerfährt, N Zu bekämpfen,— nur fechtend zu fallen Im Streit für Alſatiens Recht,— Doch, wie Hoſenbandsritter, vor Allen Für des Freiſtaats ſchönes Geſchlecht. Nigel konnte ſich nicht enthalten, den Widerwil⸗ len, den er bei dieſer Mummerei fuhlte, ſich einiger⸗ maßen merken zu laſſen, allein da ſein Freund ihn erinnerte, daß er jetzt zu weit gegangen ſey, um zu⸗ ruck zu gehen, ſo wiederholte er die ihm von Herzog Hildebrod vorgeſagten Worte, oder gab vielmehr dem Einhelfenden durch Zeichen ſeine Zuſtimmung zu er⸗ kennen, worauf das Staatsoberhaupt die Ceremonie dadurch beſchloß, daß er ihn durch nachſtehende ſta⸗ tutariſche Formel in die Vorrechte der Freiſtatt ein⸗ weihete: „Pon des Weißſtabes ſengender Berührung, Von drohender Verhaftsbefehle Schrecken, Von heimlich ſchleichenden, wachſamen Schnurren und von des grimmen Schließers harten Worten, Der freie Menſchen Sclaven gleich vehandelt, Vom Knüpfauf auch, und ſeinen Helfershelfern⸗ Von Allem dem befreit mein Zauber Dich. 134 Zum ächten Wüſtling wirſt Du eingeweiht. Zu prellen und geprellt zu werden,— und Zu knuffen, fluchen, prahlen, aufzuſchneiden ⸗ Zu zechen, bis Du taumelſt; für Dein Liebchen Den Dolch zu ſchwingen, Dich herumzuſtechen; um Anſtand unbekümmert, Dir's, im Winter In grobe Wolle eingehüllt, im Sommer Hübſch luftig ſtets und recht bequem zu machen und Branntwein trinkend, ſchmauchend Trotz zu bieten Fortunens Tücken, ſie gewandt zu beſſern Durch Liſt. durch Droh'n und den Gebrauch der Klinge; Durch Kniffe leben und auf Ehre ſchwören,— Dies ſind die Rechte, die ich Dir verleihe.“ Als dieſe Homilie zu Ende war, erhob ſich ein Streit uͤber das dem Neuaufgenommenen anzuwei⸗ ſende Quartier; denn da die Alſatier in ihrem Ge⸗ meinweſen den Grundſatz hatten, daß Eſelsmilch nahrhaft ſey, ſo pflegten gewoͤhnlich die Einwohner zu wetteifern, wer von ihnen ein neues Mitglied der Geſellſchaft in Obſorge nehmen ſolle. Der Hector, welcher in Nigels bedenklichem Falle ſo warm fuͤr ihn geſprochen hatte, verwandte ſich jetzt ritterlich fuͤr eine gewiſſe Blowſelinda Bon⸗ ſtrops, die ein Zimmer zu vermiethen hatte, welches eine Zeitlang der Aufenthalt des beruͤchtigten, neuer⸗ lich zu Tyburn gehangenen, Slicing Dic von Pad⸗ dington geweſen war, de ſſen vorzeitiges Hinſcheiden 135 das Dömchen bis dahin im einſamen Vittwenſtande nach Turteltaubenart betrauert hatte. Des Kriegers Einſtuß ward jedoch überwogen zum Beſten des alten Gentleman in der Kapuze von Kirſey, den man ſeines hohen Alters ungeachtet fuͤr den geſchickteſten Taubenrupfer in ganz Elſaß hielt. Dieſer ehrwuͤrdige Mann war ein beruͤhmter Wucherer, Namens Trapbois, und hatte noch neu⸗ erlich dem Gemeinweſen dadurch groß Dienſte gelei⸗ ſtet, daß er die noͤthigen Subſidien zu einer neuen Einfuhr von ſtarken Getränken in den herzoglichen Keller vorſchoß, indem der Weinhindler in der Vin⸗ try Bedenken trug, mit einem Manne von ſo ho⸗ hem Stande anders als fuͤr baares Geld zu handeln. Als daher der alte Gentleman ſich erhob und mit vielem Huſten den Herzog erinnerte, daß er ein Zim⸗ mer zu vermiethen habe, ſo wurden die Anſpruͤche al⸗ ler Andern beſeitigt und Nigel ward dem verdienſt⸗ vollen Greiſe als Miethsmann zugelegt. Kaum war dieſe Anordnung getroffen, ſo bezeig⸗ te Nigel ſeinem Freunde ein ungeduldiges Verlan⸗ gen, dieſe ſeinem Geſchmacke ſo wenig zuſagende Ver⸗ ſammlung zu verlaſſen und beurlaubte ſich in ſorglo⸗ ſer Haſt, welches ihm, wäre nicht eben, als er das Zimmer verließ, das beſiellte Faß Rheinwein ihm entgegen getragen, uͤbel genommen ſeyn wuͤrde. Lo⸗ ef begleitete ſeinen i in das Haus des al⸗ 136 ten Wucherers, wohin er und mehrere andere Tem⸗ pelgenoſſen den Weg nur zu gut kannten. Unterwegs verſicherte er Nigeln, dies ſey das einzige einigerma⸗ ßen reinliche Haus in Whitefriars;— eine Eigen⸗ ſchaft, die es lediglich den Bemuͤhungen der einzigen Tochter des Greiſes verdanke, einer ältlichen Jung⸗ frau, haͤßlich genug, um die Suͤnde zu ſchrecken, doch reich genug, um einen Puritaner zu verſuchen⸗ ſobald der Boͤſe ihren alten Vater verdientermaßen in den Klauen haben wuͤrde. Jetzt klopften ſie an die Hausthuͤr, und die muͤrriſche, mißvergnügte Mie⸗ ne der Dame, welche ſie oͤffnete, beſtaͤtigte Alles, was der Tempelbewohner von der Wirthin geſagt hatte. Mit unzufriedenen, finſteren Blicken ver⸗ nahm ſie aus kowestoffes Mittheilung, daß ſein Be⸗ gleiter ihres Vaters Miethsmann werden wuͤrde, und murmelte etwas uͤber die Unruhe, die dies verurſa⸗ chen werde, zwiſchen den Zaͤhnen; doch endlich zeigte ſie dem Fremden ſein Zimmer, welches er beſſer fand, als er nach der allgemeinen Anſicht der Oertlichkeit erwarten konnte, und weit groͤßer, wenn gleich min⸗ der reinlich, als das, was er am Paulswerft be⸗ wohnt hatte. Nachdem Lowestoffe ſeinen Freund ge⸗ hoͤrig in ſeine neue Wohnung eingefuͤhrt und ihm die Preistare der noͤthigen Speiſen von einem benachbar⸗ ten Koche verſchafft hatte, ſagte er ihm Lebewohl, mit dem Erbieten, ihm ſein ganzes Gepaͤck oder einen 137 Theil veſſelben aus ſeiner bisherigen Wohnung in die jetzige zu ſchicken; allein Nigel nannte ſo wenig Artikel, daß Lowestoffe ſich der Bemerkung nicht ent⸗ halten konnte, Se. Lordſchaft ſchiene keinen langen Genuß ſeiner neuen Privilegien zu beabſichtigen. „Sie ſind meinem Geſchmack und meinen Ge⸗ wohnheiten zu unangemeſſen, als daß ich die Ver⸗ längerung ihrer Dauer wuͤnſchen koͤnnte,“ verſetzte Nigel. „Villeicht koͤnntet ihr Morgen eure Meinung aͤndern,“ erwiederte Lowestoffe;„jetzt wuͤnſch' ich euch gute Nacht und werde euch Morgen zeitig be⸗ ſuchen.“ Der Morgen kam, aber anſtatt des Tempelbe⸗ wohners ein Schreiben von ihm. Seine Beſuche im Elſaß,— ſo meldete er,— haͤtten ihm den Unwil⸗ len einiger alten Murrkoͤpfe unter den Lehrern zuge⸗ zogen, weshalb er es der Klugheit gemaͤß halte, Ni⸗ geln fur jetzt nicht zu beſuchen, damit deſſen Aufent⸗ halt nicht zu ſehr bemerkt werde. Ueberdies meldete er ihm, daß er zur ſicheren Aufbewahrung ſeines Ge⸗ paͤcks Maßregeln getroffen habe, und ihm durch eine vertraute Perſon ſeine Chatoulle und die andern ver⸗ langten Artikel ſenden wolle. Dann folgten einige weiſe Rathſchlaͤge, eingegeben von Lowestoffes Be⸗ kanntſchaft mit dem Pſeudo⸗Elſaß und deſſen Sit⸗ ten. Namentlich rieth er ihm, den Wucherer in gaͤnz⸗ 138 licher ungewißheit uͤber den Zuſtand ſeiner Kaſſe zu erhalten, ſich nie mit dem Krieger ins Spiel einzu⸗ laſſen, der gewöhnlich ohne Geld zu ſpielen pflege, und endlich ſich vor dem Herzog Hildebrod zu huͤten, der ein abgefeimter Gauner ſey. Siebentes Kapitel. Es iſt noͤthig, daß wir unſern Helden, Nigel, auf eine Zeitlang verlaſſen, wenn gleich in einer weder ſicheren und gemuͤthlichen, noch auch ehren⸗ vollen Lage, um den Leſern einige mit ſeinen Schickſalen in unmittelbarer Verbindung ſtehende Einzelnheiten mitzutheilen. Es war am dvritten Tage nach ſeiner Aufnahme im Hauſe des alten Trapbois, des beruͤchtigten Wu⸗ cherers von Whiteftiars, mit dem Beinamen,„der goldne Trapbois,“ als die reizende Tochter des alten uhrmachers Ramſay, nachdem ſie ehrerbietig dem Fruͤhſtuͤck ihres Vaters beigewohnt hatte, um Sorge zu tragen, daß er nicht gedankenlos etwa das Salz⸗ faß ſtatt einer Kruſte Schwarzbrod hinunterſchlucke, ſich, ſobald der Alte wieder in ſeine Berechnungen verſunken war, begleitet von ihrem alten treuen 139 —.— ſchottiſchen Nhmäͤdchen, der ihre Launen Geſetze we⸗ ren, in die Lombardſtraße begab und zur ungewohn⸗ ten Stunde, nämlich Morgens um 8 Uhr die Tante Judith, ihres wuͤrdigen Pathen Schweſter⸗ ſtorte. Die ehrenwerthe alte Jungfrau empfing das jun⸗ ge Dämchen eben nicht ſehr freundlich; denn natuͤr⸗ lich hegte ſie weder die naͤmliche Bewunderung fuͤr ihre niedliche Geſtalt, noch war ſie ſo nachſichtig ge⸗* gen die thoͤrigte, kindiſche Ungeduld ihres Tempera⸗ ments, als Meiſter Georg Heriot; da jedoch Miß Margarethe⸗der Guͤnſtling ihres Bruders, und deſſen Ville der Tante Judith hochſtes Geſetz war, ſo be⸗ gnuͤgte ſie ſich, die unwillkommne Beſucherin zu fra⸗ gen,„was ſie ſo fruͤh mit ihrem blaſſ en Milchgeſicht auf den Londoner Straßen mache.“ „Ich wollte mit der Lady Hermione ſprechen,“ antwortete faſt athemlos das Mädchen, indem ihr das Blut ſo ſchnell ins Geſicht ſtieg, daß Judiths Vorwurf der Bläſſe durchaus nicht mehr auf ſie an⸗ wendbar ſeyn konnte. „Mit Lady Hermionen,“ fragte Judith,„und in dieſer Fruͤhſtunde,— ſie, die ſelbſt in paßlichen Stunden niemand von der Familie ſieht? Du biſt nicht geſcheut, albernes Maͤdchen oder du mißbrauchſi die Nochſicht, die dir mein Bruder und die kady ge⸗ vigt 140 „Gewiß, das that ich nicht,“ entgenete Mar⸗ garetha, ſtrebend, eine unwillkuͤhrliche Thraͤne, die in ihrem Auge zitterte, zurück zu halten.„Sagt nur der Lady, eures Bruders Pathin wuͤnſche drin⸗ gend, ſie zu ſprechen, dann wird ſie ſich gewiß nicht weigern, mich zu ſehen.“ Tante Judith warf einen ernſten, argwhni ſchen und ſorſchenden Blick auf das junge Daͤmchen; „ihr konntet mich eben ſowohl zu eurer Vertrauten machen, mein Kind, als Lady Hermione, ich bin älter und beſſer mit der Welt bekannt, als ein Frauenzimmer, die ſich in ihr Zimmer einſchließt; auch habe ich mehr Mittel, euch beizuſtehen.“ „O, Nein!“ verſetzte Margarethe mit mehr Aufrichtigkeit als Höflichkeit;„es giebt manche Dins ge, worin ihr mir keinen Rath geben könnt, Tan 3 Judith; und hier iſ,— verzeiht mir, liebe Tante, — von einem ſolchen Fall die Rede.“ „Das iſt mir recht lieb, Juͤngferchen,“ p⸗ derte Judith etwas empfindlich;„denn die Thorhei⸗ ten der heutigen jungen Leute ſollten einen alten Kopf, wie den Meinigen, faſt toll machen. So zum Beiſpiel lauft ihr durch halb London, um Unſinn mit einer Dame zu ſchwatzen,/ die des lieben Gottes Sonne nicht anders ſieht, als wenn ſie ihre Waͤn⸗ de beſcheint. Doch, ich will ihr ſagen, daß ihr hier ſeyd.“ 4. 141 Sie ging und kehrte mit der Antwort zuruͤck: „Der Lady wird es angenehm ſeyn, euch zu ſe⸗ hen; und das iſt mehr, Dämchen, als ihr erwarten konntet.“ Miß Margaretha ließ ſchweigend ihr Kopſchen hangen, zu beſtuͤrzt durch die Folgenreihe ihrer eignen verwirrten Gedanken, um einen Verſuch zu Judiths Verſohnung zu machen, oder, was in andern Faͤl⸗ len ihrem Character ganz angemeſſen geweſen ſeyn wuͤrde, ihre kritiſchen Bemerkungen zuruͤck zu geben; ſie folgte daher der Tante Judith ſchweigend bis an die ſtarke eichne Thuͤr, welche Hermionens Zimmer⸗ reihe von dem Reſt des gerzumigen Heriotſchen Hau⸗ ſes ſonderte. An der Thuͤr dieſes Heiligthums iſt es nothwen⸗ dig, daß wir Halt machen, und die Geſchichts⸗Er⸗ zählungen des Richard Moniplies uber die ſeltſame, beim Abendgottesdienſt in Heriots Hauſe erſchienene Dame, die, wie wir jetzt ſehen, keine andere iſt, als Lady Hermione, zu berichtigen. Ein Theil der uͤber⸗ triebenen Geruͤchte, die Richard ſeinem Herrn vor⸗ ſchwazte, war dem ehrenwerthen ſchottiſchen Diener von Jenkin Vinzent aufgebunden, der ſehr erfah⸗ ren war in jener Gattung von Witz, die unter den verſchiedenen Benennungen: Aufziehen, Vexiren, zum Haͤnschen haben, Foppen und dergleichen, in der City lange beliebt waren; eine Beluſtigung, wo⸗ fuͤr Richard mit ſeiner Gravität, ſeiner Unbekanntheit mit Scherzen und ſeiner natuͤrlichen Hinneigung zum Wunderbaren, ein treffliches Subject abgab. Auch hatte er jene Erzählungen ſelbſt noch weiter ausge⸗ ſchmuͤckt, denn ſeine Z Zunge hatte, insbeſondere wenn ſie durch geiſtige Getraͤnke angefeuchtet war, eine große Hinneigung zu Hyperbeln. Er unterließ daher keinesweges, als er ſeinem Herrn Vinzents wunder⸗ bare Mittheilungen wieder erzaͤhlte, eine bedeutende Anzahl von eignen Conjecturen, die ſeine Einbil⸗ dungskraft in Thatſachen umwandelte, hinzu zu fuͤgen Gleichwohl war die Lebensweiſe der Lady Her⸗ mione in den zwei Jahren, die ſie in Heriots Hauſe zugebracht hatte, ſo ſeltſam geweſen, daß ſie viele der auf ihre Koſten umhergehenden Geruchte faſt be⸗ ſtaͤtigte. Das Haus, welches der wuͤrdige Gold⸗ ſchmidt bewohnte, hatte in fruͤhern Zeiten, einer maͤchtigen, reichen, freiherrlichen Familie zugehoͤrt, die unter Heinrichs V1II. Regierung i in einer ver⸗ witweten, ſehr reichen, andaͤchtigen und eifrig ca⸗ tholiſchen Dame erloſch. Die auserwaͤhlte Freun⸗ din der ehrenwerthen Lady Foljambe war die Aebtiſ ſin des Kloſters von St. Roch,— gleich ihr eine ge⸗ wiſſenhafte, ſirenge und eifrige Catholikinn. Als das Kloſter von St. Roch durch den despotiſchen Befehl. des gebieteriſchen Monarchen aufgelsſet ward, nahm 1 143 — Lady Foljambe ihre Freundin in ihren gerzumigen Wohnſitz auf, und mit ihr zwei Kloſterſchweſtern, die, gleich der Aebtiſün, entſchloſſen waren, dem Weſen ihrer Kloſtergelubde treu zu bleiben, anſtatt der profanen Freiheit zu genießen, die des Monar⸗ chen Wille zu ihrer Wahl geſtellt hatte. Zu ihrem Aufenthalte ließ Lady Foljambe mit groͤßter Geheim⸗ haltung(denn Heinrich, furchtete ſie, moͤchte ihre Einmiſchung in ſolche Dinge misbilligen) eine Reihe von vier Zimmern, nebſt einer kleinen Kapelle in Stand ſetzen, und ſo einrichten, daß das Ganze durch eine ſtarke eichne Thuͤr verſchloſſen, Fremden unzugänglich gemacht und mit einer Maſchine ver⸗ ſehn ward, mittelſt welcher man durch das Drehen eines Rades,(wie das hauſig in Nonnenkloͤſtern ge⸗ brauchlich iſt,) die noͤthigen Lebensbeduͤrfniſſe hin⸗ einſchaffen konnte. In dieſer Zuruͤckgezogenheit brach⸗ te die Aebtiſſin von St. Roch und ihre bisherigen Kloſtergenoſſinnen viele Jahre zu, ohne mit anders Jemandem als der Lady Foljambe Gemeinſchaft zu haben, die kraft ihrer Gebete und als Lohn fuͤr den den frommen Schweſtern geleiſteten Beiſtand ſich faſt ſchon auf Erden fuͤr ein Heilige hielt. Die Aebtiſſin ſtarb vor ihrer freigebigen Beſchuͤtzerin, die erſt um die Mitte der Regierung Eliſabeths mit Tode abging. Der Lady Foljambe folgte im Beſitz jenes Hau⸗ ſes, ein entſernter Seitenverwandter, ein muͤrriſcher, darinn ſuchte, die„Baalsprieſterinnen“ zu vertrei⸗ ben als ſeine Vorgaͤngerin in der Unterßuͤtzung der Himmelsbraͤute. Von den beiden ungluͤcklichen Non⸗ nen, vertrieben aus ihrem langjshrigen Zufluchts⸗ orte, ging die eine uͤber's Meer; die Andere, vor Al⸗ tersſchwäche unfaͤhig zu einer ſolchen Reiſe, ſtarb un⸗ ter dem wirthlichen Dache einer glaͤubigen catholiſchen Chriſtinn von niederm Stande. Nachdem der fanati⸗ ſche Ritter— Sir Paul Crambagge war ſein Na⸗ me,— ſich die Nonnen vom Halſe geſchafft hatte, beraubte er die Kapelle ihrer Zierrathen, und ſchon wollte er die ganze Einrichtung jener Zimmerreihe zerſtören, als er bedachte, daß dies ihm unnoͤthige Ko⸗ ſten machen wuͤrde, da er nur drei Zimmer im gan⸗ zen großen Hauſe bewohnte, mithin für Vergroͤße⸗ rung ſeines Raumes zu ſorgen, durchaus nicht noͤ⸗ thig hatte. Sein Sohn war ein Verſchwender und verkaufte das Haus an unſern Freund Georg Heriot, der, eben ſo wie Sir Paul Crambagge, es mehr als hinreichend fuͤr ſeine Bequemlichkeit fand und daher die von der Lady Foljambe eingerichtete Wohnung, die ſeitdem den Namen der„Zimmerreihe Lon St. Roch“ behielt, in dem Zuſtande ließ, worin er ſie gefunden hatte. Etwa drittehalb Jahre vor dem Zeitpuncte, in welchem unſere Geſchichtserzählung begann, ſchicte „ fanatiſcher Ritter, der ein eben ſo großes Verdienſt — * 145 Heriot, waͤhrend er ſich in Geſchäften auf dem Feſt⸗ lande aufhielt, ſeiner Schweſter und ſeinem Caſſirer gemeſſenen Befehl die Zimmer von St. Roch huͤbſch, abet einfach zum Empfang einer Dame in Stand zu ſetzen, die ſich einige Zeit dort aufhalten und nach ihrem Gefallen mit, oder ohne ihre Familie leben wuͤrdez auch befahl er, daß die noͤthigen Arbeiten mit großer Geheimhaltung geſchehen, und uͤber⸗ haupt von dem Gegenſtande ſeines Schreibens ſo wenig als moͤglich die Rede ſeyn ſolle. Als die Zeit ſeiner Ruͤckkehr nahle, war Tante Judith und die ganze Hausgenoſſenſchaft in der un⸗ geduldigſten Spannung⸗ Wirklich kam Meiſter Georg⸗ wie er geſchrieben hatte, in Begleitung einer Dame zuruͤck, die von ſo ausgezeichneter Schoͤnheit war, daß ſie, abgerechnet ihre ſtete Todtenbläͤſſe, fuͤr eines der reizendſten Geſchopfe auf Erden gelten konnte. Sie hatte eine Geſellſchafterin bei ſich, die kein an⸗ deres Geſchaft zu haben ſchien, als ihr aufzuwarten⸗ — ein ſehr ernſtes Frauenzimmer von etwa funßzig Jahren, nach ihrer Mundart eine Auslaͤnderin, und von ihrer Gebieterin Monna Paula, von Meiſter Heriot und Andern Mavemoiſelle Pauline genannt. Sie ſchlief und ſpeiſete in dem naͤmlichen Zimmer mit ihrer Dame und entfernte ſich faſt nie von ihr. Dies waren die beiden weiblichen Gäſie, die von dem klöſterlichen Aufenthalte der andächtigen Aebtiſ⸗ 11. 10 * 146 ſin Beſit nahmen/ und ohne den naͤmlichen Grad ſirenger Abgeſchiedenheit zu beobachten, ſich wenig⸗ ſtens demſelben ſehr näherten. Sie lebten und ſpei⸗ ſeten abgeſondert vom Reſt der Familie. Mit Heriots Dienſtboten hatte Lady Hermione,— ſo ward ſie genannt,— gar keine, und ihre Geſellſchafterin nur die nothwendigſte Gemeinſchaft, die ſie ſo ſehr ab⸗ kuͤtzte, als nur immer moͤglich war. Haͤufige und freigebige Geſchenke ſoͤhnten die Dienerſchaft des Hau⸗ ſes mit dieſem Benehmen aus; ſo daß ſie zu einan⸗ ver zu ſagen pflegten: Paulinen einen leiſten eben ſo gut als einen Schatz finden. Gegen Tante Judilh war Lady cn hoͤflich, doch auch mit ihr hatte ſie wenig Verkehr, wodurch denn freilich die gute alte Jung⸗ ſrau ihre Neugier unbefriedigt, und ihre Wuͤrde ver⸗ letzt fand. Allein ſie kannte ihren Bruder ſo gut und liebte ihn ſo zärtlich, daß ſein einmal ausgeſproche⸗ ner Wille wirklich ihr eigner wurde. Der rechtſchaſ⸗ ſene Buͤrger hatte einen Anſtrich von jenem Dog⸗ matismus, der aus den beſten Geſinnungen ent⸗ ſpringt, und dem zufolge ein Wort fuͤr den ganzen Bereich als Geſetz gilt. Meiſter Georg geſtattete ſeiner Familie durchaus nicht, ihn zu befragen; und als er entſchieden ſeinen Willen ausgeſprochen hatte, vaß Lady Hermione ganz nach ihrem Gefallen leben und Niemand ſich ihrer Geſchichte vder nach * 147 den Beweggruͤnden ihrer Abgeſchiedenheit erkundigen ſolle, ſo wußte ſeine Schweſter, daß jeder Verſüch, in das Geheimniß einzudtingen, ernſen un⸗ willen erregen wuͤrde. Obgleich aber Herioks Dienfbotin durch Ge⸗ ſchenke gewonnen und ſeine Schweſter durch Furcht zur ſchweigenden Einſtimmung in dieſe Anordnungen gebracht war, ſo waren ſie doch von der Art, vaß ſie den kritiſchen Bemerkungen der N achbarſchaft un⸗ moͤglich entgehen konnten. Einige glaubten, der rei⸗ che Goldſchmidt ſey im Begriff, tatholiſch zu werden, und den klöſterlichen Wohnſitz der weiland Aebtiſſin ganz wieder herzuſtellen; Andere, daß er nicht recht bei Sinnen ſey, und noch Andere, daß er eine Hei⸗ rath, dver etwas Schlimmeres beabſichtige⸗ Doch Meiſter Georgs unausgeſetzte Kirchenbeſuche und die ſichere Kunde, daß ſeine des Catholicismus bearg⸗ wohnten Hausgenoſſinnen regelmaͤßig ſeinem nach dem Ritual der engliſchen Kirche gehaltenen Haus⸗ gottesdienſte beiwohnten, befteiten ihn von dem erſt gedachten Argwohn; Jeder, der an der Vorſe mit Heriot Geſchäſte abzumachen hatte, konnte unmoͤg⸗ lich ſeinen geſunden Menſchenverſtand bezweifeln; und was das dritte Gerücht betraf, ſo hatten diejeni⸗ gen, welche dieſe Angelegenheit zu ihrem beſondern Studium machten, glaubhaft herausgebracht, daß Heriot ſeinen weiblichen Gaſt nie anders als 10* 148 in Gegenwart Paulinens beſuchte, die mit ihrer Ar⸗ beit in einem entfernten Theile des Zimmers blieb⸗ wo ihre Unterredungen vorſielen. Auch wollte es verlauten, daß dieſe Beſuche faſt nie laͤnger als eine Stunde vauerten und gewöhnlich nur einmul in der Woche vorfielen;— ein zu kurzer und zu ſeltener Verkehr, um es natetheioiic zu machen, daß Liebe dabei zum Grunde liege. Die Forſcher waren daher ginueht in nihrer doſ⸗ nung getaͤuſcht, Heriots Geheimniß herauszubringen; doch waren nichts deſtoweniger unter den Unwiſſen⸗ den und Abergläubigen tauſend lächerliche Maͤhrchen uͤber dieſen Gegenſtand in umlauf, von denen, wie wir geſehen haben, der ſchelmiſche Lehrburſche des ehrenwerthen David Ramſay unſerm Freunde Ri⸗ chard Moniplies einige Specimina aufgeheftet hatte. Doch gab es Jemanden, der, wie man glaubte, von der Lady Hermione mehr als irgend ein Anderer in ganz London, Heriot ausgenommen, haͤtte erzäh⸗ len koͤnnen; und dies war des abbeſagten David Ramſays einziges Kind, Margaretha. Dies Maͤdchen war kaum funßzehn Jahre alt, als Lady Hermione nach England kam, und beſuchte ſehr haͤufig ihren Pathen, der ſich ſehr an ihren kindi⸗ ſchen Einfaͤllen und an der natuͤrlich ſchoͤnen Stimme beluſtigte, womit ſie die vaterlaͤndiſchen Volkslieder ſang. Sie ward von allen Seiten verwoͤhnt,— durch 149 —————— * die Nachſicht ihres Pathen, durch die oͤfteren Abwe⸗ ſenheiten und die Sorgloſigkeit ihres Vaters, und von allen ihren Umgebungen, die ihr als einer werden⸗ den Schoͤnheit und als einziger Erbin eines bedeu⸗ tenden Vermögens jede Laune nachſahen. Doch wenn gleich durch dieſe Umſtaͤnde das ſchoͤne Buͤrger⸗ maͤdchen ſo eigenſinnig, launig und geziert geworden war, als unbegrenzte Nachſicht faſt immer zu machen pflegt, und ſie oſt eine angenommene, uͤbertriebene Schuͤchternheit, Einſylbigkeit und Zuruͤckhaltung zur Schau ſtellte, welche junge Maͤdchen bis zum zwan⸗ zigſten Jahre fuͤr liebenswuͤrdige Beſcheidenheit zu nehmen pflegen; und obwohl ſie dann wieder nicht ſelten eine gewiſſe Leichtfertigkeit an den Tag legte, welche die Jugend manchmal mit Witz verwechſelt, ſo hatte doch Miß Margarethe ſehr viele wirkliche Schlauheit und Beurtheilungskraft, welche nur der Gelegenheit harrte, durch Beobachtungen ausgebildet zu werden,— große Lebhaftigkeit, einen gutherzigen, nithwilligen Humor und ein treffliches Herz⸗ Die 82 Thorheiten welche ſie angenommen hatte, waren 5 geſteigert durch ihre Schauſpiel- und Roman⸗Ler re, der ſie einen großen Theil ihrer Zeit widmete, und die ihr Jdeen einfloßten, im hoͤchſten Grade ab⸗ weichend von denen, die ſie durch die ausgezeichnete Erziehung einer trefflichen, liebenden Mutter wuͤrde ingeſogen haben. Ihre ſonderbaren Grillen zegen 150 * ihr manchmal nicht ohne Grund den Vorwurf der Ziererei und Koketterie zu; aber die kleine Schelmin war ſchlau genug, ihre kleinen Schwachheiten in die⸗ ſem Puncte der Kunde ihres Pathen fuͤr den ſie die herzlichſte Zuneigung hatte, vorzuenthalten; und ſo hoch ſtand ſie in ſeiner Gunſt, daß ſie auf ſein Fuͤr⸗ wort Erlaubniß erhielt, die Se Hermione zu beſuchen. Die ſeltſame Lebensweiſe dieſer S ihre große Schoͤnheit, noch anziehender durch ihre ungewoͤhnli⸗ che Blaͤſſe, das ſiolze Selbſibewußtſeyn, zu einem ver⸗ trauteren Umgange mit dieſem geheimnißvollen We⸗ ſen zugelaſſen zu ſeyn, als irgend jemand in der Welt,— dies Alles machte einen tiefen Eindruck auf Margarethens Gemuͤth; zwar waren ihre Geſpräche mit der Dame weder ausfuͤhrlich noch vertraulich; al⸗ lein ſchon das was ſie ſah und hoͤrte, hielt ſie ſo ge⸗ heim, als ob jedes verrathene Wort ihr das Leben koſten wuͤrde. Selbſt die liſtigſten, durch Schmeiche⸗ lei unterſtuͤtzten Ausforſchungen der Dame Urſula und anderer Reugierigen vermochten nicht, hieruͤber etwas von ihr herauszubringen. Die mindeſte Fra⸗ ge uͤber„Meiſter Heriots Geiſt“ war hinreichend, in den froheſten Augenblicken den Lauf ihrer Redſeligkeit zu hemmen und ihr Stillſchweigen außzuerlegen. Wir erwähnen dies hauptſéchlich als einen Zug von Margarethens fruͤher Characterſtärke, verborgen 151 —— unter hundert grillenhaften Ideen und Launen, ſo wie eine alte maſſive Saͤule⸗ phantaſtiſch umrankt. von Epheu und Feldblumen, verſteckt bleibt. Uebri⸗ gens wuͤrde die Neugier der Forſcher ſehr wenig be⸗ friedigt ſeyn, wenn auch Marget Alles was ſie in den Zimmern von St. Roch ſah und hoͤrte, wieder er⸗ zahlt haͤtte. an Anfangs pflegte Lady Hermione die Aufmerkſam⸗ keiten ihrer kleinen Freundin mit geringen, aber nied⸗ lichen Geſchenken zu belohnen und ihr allerlei fremde Seltenheiten und Merkwuͤrdigkeiten, worunter man⸗ che ſehr koſtbare, zu ihrer Unterhaltung zu zeigen. Manchmal ward die Zeit auf eine fuͤr Margarethen minder angenehme Weiſe durch den Unterricht den ihr Pauline im Sticken gab, hingebracht; allein ſo groß auch die Fertigkeit ihrer Lehrerin in allen hieher gehörigen Kuͤnſten war, die man damals nur in aus⸗ waͤrtigen Kloͤſtern kannte, ſo zeigte doch die Schuͤlerin bei dieſer Arbeit eine ſo unverbeſſerliche Trägheit und Mangel an Gewandheit, daß dieſe Lehrſtunden end⸗ lich aufgegeben wurden und Muſikunterricht an deren Stelle trat.. Auch hiezu war Pauline trefflich geeignet, und Margarethe machte, bei ihrer natuͤrlichen Anlage zur Muſik, bedeutende Fortſchritte im Geſang und Spiel. Lady Hermione war bei den Lehrſtunden gegenwuͤrtig und ſchien Vergnugen daran zu finden. Ranchmal * miſchte ſie ihre klare, melodiſche Stimme in den Ge⸗ ſang; doch nur dann wenn geiſtliche Lieder ertonten. So wie Margarethe aͤltet ward, nahm ihr Verkehr mit der Einſiedlerin einen andern Character an. Man erlaubte ihr und munterte ſie ſogar auf, zu er⸗ zählen, was ſie außerhalb Hauſes bemerkt hatte, und Lady Hermione, der die ſchnelle, ſcharfe Bebbach⸗ tungsgabe ihrer jungen Freundin, verbunden mit dem Talent, das Beobachtete dem Gedächtniß tief einzu⸗ praͤgen, nicht entging, fand oft hinreichende Veran⸗ laſſung, ſie vor ubereilt gefaßten und mit gedankenlo⸗ ſem Muthwillen geäußerten Meinungen zu warnen. Die zur Gewohnheit gewordene ehrerbietige Scheu vor dieſem ſeltſamen Weſen, vermochte Margarethen, ſo wenig ſie auch ſonſt Widerſpruch oder Tadel ertra⸗ gen konnte, Hermionens Ermahnungen geduldig an⸗ zuhoͤren und ihren guten Abſichten volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen; obwohl ſie im kHerzen kaum begreifen konnte, wie eine Einſiedlerin, die niemals die Zimmer von St. Roch verließ, ſich anmaßte, in der Weltkenntniß die Lehrerin eines Maͤdchens zu werden, das wochentlich zweimal den Weg von Dem⸗ ple⸗Bar nach der Lombardſtraße zuruͤcklegte und an jedem ſchoͤnen Sonntage ſich im Park zeigte. In der That behagten der ſchoͤnen Margarethe ſolche Ermah⸗ nungen ſo wenig, daß ihr Umgang mit den Bewohne⸗ rinnen von St. Roch ſeltener geworden ſeyn wuͤrde ſo 1⁵3 wie der Kreis ihrer übrigen Bekannten ſich erweiterte, hůͤtte ſie nicht eine ihr zur Gewohnheit gewordene Ehr⸗ erbietung gegen die warnende Freundin gefuͤhlt, vie ſi nicht zu unterdruͤcken vermochte, und wäre es ihr nicht auf der anderen Seite ſchmeichelhaft geweſen, wenigſtens bis auf einen gewiſſen Grad⸗ eines Ver⸗ trauens zu genießen, wonach Andre vergebens ſo ſehnlich ſtrebten. Hiezu kam, daß Hermoniens Unter⸗ haltung zwar immer ernſt! nie aber pedantiſch oder ſtrenge war, und daß ſie ſich nicht durch wie kleinen Ausbruche der Leichtſertigkeit, die Margarethen manch⸗ mal in ihrer Gegenwart entſchluͤpften beleidigt fuͤhl⸗ te,— ſelbſt dann nicht, wenn Pauline daruͤber ihre Augen gen Himmel richtete und ihr einer jener mit⸗ leidsvollen Seufzer entfuhr, welche die Weltkinder den Andaͤchtlerinnen nicht ſelten zu entlocken pflegen. Im Ganzen war daher Miß Heriot geneigt, ſich, wie⸗ wohl mit einigem Widerwillen, Hermionens Erinne⸗ rungen zu unterwerſen; um ſo mehr, da das ihre Perſon umhuͤllende Geheimniß in Margets Gemuͤth fruͤh ſchon vergeſellſchaftet war mit einer dunkeln Idee von Reichthum und Anſehn, welches durch viele nachher zu ihrer Kunde gekommene Umſtaͤnde mehr beſtätigt als verringert war. Oſt trägt es ſich zu⸗ daß ein Nath, den wir für zuvringlich halten, wenn er uns ungefordert gegeben wird, in unſern Augen großen Werth erlangt, wenn der Drang ſchwieriger Umſtände uns auf unſere eigene Ur⸗ theilskraft macht, als wir in ruhigen Momenten zu ſehn pflegen; und dies iſt mehr noch der Fall, wenn wir vorausſetzen, daß unſer Rathgeber auch Kraft und Reigung beſitzen werde, ſeinen Rath mit wirk⸗ ſamen Beiſtande zu unterſtuͤtzen. In dieſer Lage war Marget. Sie war, oder glaubte wenigſtens in einem Zuſtande zu ſeyn, wo ihr Rath und Beiſtand Noth thaͤten, und beſchloß daher nach einer ſorgenvollen, ſchlafloſen Nacht zu Lady Hermionen, von der ſie den erſteren mit Zuverſicht erwarten konnte, und auch den letzteren zu erlangen hoffte, ihre Zuflucht zu nehmen. Von dem naͤheren Zwecke ihres Beſuchs wird die Mittheilung ihres Geſpraͤchs die heſte Auskunſt geben. Achtes Kapitel. ————— Als Miß Margarethe die Zimmer von St. Roch betrat, fand ſie die Bewohnerinnen auf ihre gewoͤhn⸗ liche Weiſe beſchäftigt;— die Dame mit Leſen, und ihre Geſellſchafterin mit der Stickerei an einem gro⸗ ßen Teppich, an dem ſie, ſeit Margaretha in dieſen einſamen Zimmern zugelaſſen war, fortwährend ge⸗ arbeitet hatte. ih enzi⸗ Hermione empfing die Ankommende mit freund⸗ —— lichem Kopfnicken, ohne jedoch zu reden; Margarethe, gewoͤhnt an dieſe Aufnahme, und jetzt um ſo weniger unzufrieden daruͤber, da ſie dadurch Zeit gewann, ihre Gedanken zu ſammeln, lehnte ſich uͤber Paulinens Stickrahmen, und ſagte, halb fliſternd:„bis an jene Roſe wart ihr gekommen, als ich euch zum erſtenmale ſah,— ſeht, dort iſt noch das Zeichen, wo ich das Ungluͤck hatte, die Blume zu verderben, als ich ver⸗ ſuchte die Sticknadel zu nehmen;— ich war da⸗ mals kaum funfzehn Jahre alt. Dieſe Blumen⸗ Pau⸗ line, machen mich zu einer alten Jungfer.“ „Ich wuͤnſchte, mein Kind, ſie koͤnnten dich zu einer klugen Jungfrau machen,“ erwiederte Mon⸗ na Paula, in deren Achtung die ſchoͤne Miß Marget nicht ganz ſo hoch ſtand als in der⸗ ihrer Gebieterin; cheils wegen ihrer natuͤrlichen Strenge, die mitunter gegen Jugend und Munterkeit unduldſam war und theils aus Eiſerſucht, womit gewoͤhnlich beguͤnſtigte Hausbediente jeden betrachten, den ſie als einen Nebenbuhler in der Gunſt ihrer Gebieter anſehen. „Was ſagteſt du eben Paulinen, du Kleine?“ fragte Lady Hermione. „Nichts Mylady,“ erwiederte Marget, als daß ich die natuͤrlichen Blumen dreimal bluͤhen ſah, ſeit ich zuerſt Paulinen in ihrem kuͤnſtlichen Garten arbeitend fand und, daß ihre Veilchen noch nicht aufgebluͤhet ſind. . 156 „Du haſt Recht, kleiner Schmetterling,“ ver⸗ ſetzte Hermione;„aber am laͤngſten bluhen die Blu⸗ men, die am laͤngſten Knospen bleiben. Dreimal ſahſt du ſie ſeitdem in natuͤrlichen Gärten bluͤhen;— aber auch verwelken ſahſt du ſie dreimal; und Mon⸗ na Paula's Blumen werden immer blüten,— nicht Sturm und Froſt ſcheuen.“ „Aber Mylady,“ antwortete Marget,„ſie le⸗ ben und duften nicht.“ „Du vergleichſt,“ entgegnete die ſchöne Einſied⸗ lerin,„ein Leben, bewegt durch Furcht und Hoff⸗ nung, durch Gluͤck und Mißgeſchick, ſiberiſch durch⸗ bebt von den Wirkungen der Liebe und des Haſſes,— ein Leben von Leidenſchaſten und tiefer Gefuͤhle, ge⸗ truͤbt und verkürzt durch erſchoͤpfenden Wechſel,— ein ſolches Leben, du Kleine, vergleichſt du mit einem ruhigen, ſtillen Daſeyn, beſeelt durch Pflichtgefuͤhl, und in ſeinem ſanften Laufe einzig unermuͤdeter Pflichterfuͤllung gewidmet. Iſt nicht dies der Sinn deiner Antwort?“ „Ich weiß nicht Mylady,“ antworfete Marget; „aber unter den Vögeln in den Lüſten mochte ich doch lieber eine Lerche ſeyn, die ſingend den ſommerlichen Aether durchſchweht, als der Wetterhahn, der dart auf jener eiſernen Stange befeſtigt iſt, und nur gerade ſoweit ſich bewegt als noͤthig iſt, ſeine Pflicht zu er⸗ fuͤllen und uns zu ſagen⸗ woher der Wind wehet.“ „Metaphern ſind keine Beweiſe, liebes Mad⸗ chen,“ verſetzte lächelnd Hermione. „Das chut mir leid, Mylady,“ fiel Marget ein;„denn ſie ſind ein ſo huͤbſcher, mittelbarer Weg⸗ ſeine Meinung zu ſagen, wenn ſie von der Mei⸗ nung Hoͤherer abweicht,— ſie laſſen ſich unendlich vervielfältigen, und bei dieſen ſo wie bei allen andern Gegenſtaͤnden ſo paßlich anbringen.“ „Meinſt du?“ erwiederte die Lady;„nun ſo laß mich doch einige horen, ich bitte.“ „So wuͤrde es zum Beiſpiel ſehr kuͤhn von mir ſeyn,“ fuhr Marget fort,„euch zu ſagen⸗ daß mir ein ruhiges Leben nicht ſo lieb ſeyn wuͤrde, als ein kleiner Wechſel von Furcht und Hoffnung, von Ge⸗ fallen und Mißfallen— und— und— die übri⸗ gen Gefuͤhle, wovon ihr redetet, Mylady; aber das darf ich ungetadelt ſagen, daß mir ein Schmetterling beſſer gefaͤllt, als ein Roßkäfer, und eine Zitterpap⸗ pel beſſer als eine duͤſtere Tanne, die niemals ein Blatt bewegt, oder als die Maſchinen, die mein Va⸗ ter von Holz, Erz und Eiſendrath zuſammenſetzt. Insbeſondere haſſe ich ſeine plumpe alte Hausuhr von deutſcher Form, die Stunden, halbe Stunden⸗ Vier⸗ tel⸗ und halbe Viertelſtunden ſchlaͤgt, als ob es von ſo großer Wichtigkeit waͤre, daß die Welt wiſſe, ſie ſey auſgezogen und im Gange. Nun bitte ich euch, beſte Lady, vergleicht nur einmal dieſe plumpe Maſchine, 15⁵8 mit der ſchoͤnen Wanduhr, die Meiſter Heriot bei meinem Vater fuͤr euch machen ließ, die hundert lu⸗ ſtige Melodieen ſpielt, und wenn die Stunde ſchlägt, einen ganzen Trupp Mohriſcher Tänzer hervortreten läßt, die nach dem Tacte in die Runde tanzen.“ „Aber welche von dieſen beiden Uhren geht am richtigſten?“ fragte die Lady. „Ich muß geſtehen, daß die alte beutſche Uhr hierin den Vorzug hat,“— antwortete Margarethe, „und faſt ſcheint es mir, ihr habt Recht, Mylady, daß Vergleichungen keine Beweiſe ſind; wenigſtens hat mir meine Metapher nicht ausgeholfen.“ „Ich wette Marget,“ verſetzte läͤchelnd die La⸗ dy,„du haſt ſehr viel uͤber nachgedacht.“ 3 „Vielleicht zu viel,“ ſahie witith p teſe daß einzig die Dame es hoͤren konnte, hinter deren Stuhl ſie immittelſt Platz genommen hatte; ſie ſagte indeſ⸗ ſen dieſe Worte ſehr ernſt, und begleitet von einem halben Seußzer der Hermoniens Aufmerkſamkeit nicht entging. Sie wandte ſich mit ernſtem Blicke zu Mar⸗ garethen, ſah ſie einen Augenblick ſchweigend an, und hieß dann Paulinen mit ihret Stickerei ins Vorzim⸗ mer gehen. Sthald ſi ſie allein waren, forderte ſie ihre junge Freundin auf, mit ihrem an. Seite zu rücken. ihr's, beſte Lady“ erwiederte das ½ 15⁵9 Mädchen,“ ſo bleib ich hier ſitzen, damit ihr mich an⸗ hoͤren koͤnnt, ohne mich zu ſehen.“ „In Gottes Namen,“ verſetzte ihre Gönnerinn; was kannſt du mir aber zu ſagen haben, wobei du einer ſo treuen Freundin als nict ins ſchauen koͤnnteſt?“ Ohne beſtimmt hierauf zu aundetin erwieder⸗ te Marget: wohl hattet ihr Recht, beſte Ladyz nur zu ſehr gab ich mich kuͤrzlich meinen Gefühlen hin. Ich that unrecht daran, und ſowohl ihr als mein Pa⸗ the werdet auf mich zuͤrnen; aber ich kann es ict aͤndern,— er muß gerettet werden.“ „Er?““ wiederholte die Dame mit gchoruct „Dies kleine Wortchen enthuͤllt in der That einen großen Theil veines Geheimniſſes, aber ſo komm doch binter ven Stuhl hervor du kleine alberne Plapper⸗ taſche. Ich wette du haſt eurem muntern jungen Lehrburſchen zu viel in deinem Herzen eingeräumt; zwar habe ich dich ſeit langer Zeit des jungen Vin⸗ zent nicht erwaͤhnen hoͤren; aber vielleicht iſt er dir nur um deſto weniger aus dem Sinn gekommei Biſt du thoͤrigt genug geweſen, ernſtliche Antroͤge von ihm anzuhoͤren? So viel ich vernehme iſt er ein tuͤh⸗ ner junger Menſch.“. „Nicht kuͤhn genug um mir Eze etwas zu ſagen, das mir misfallen konnte,“ ſagte Margarethe. „Vielleicht hat dir alſo, was er ſagte, nicht 160 mißfallen, oder vielleicht hat er dir nichts geſagt; das waͤre kluͤger und beſſer geweſen. Sey offenherzig liebes Maͤdchen; dein Pathe wird bald zuruͤckkehren; ihn wollen wir bei unſern Berathungen zuziehen. Iſt der junge Menſch fleißig und von guten Leuten, ſo wird vielleicht ſeine Armuth kein ſo unuͤberſteigli⸗ ches Hinderniß ſeyn; aber ihr ſeyd beide noch ſehr jung, Marget; ich weiß, dein Pathe wird erwar⸗ ten, daß der junge Menſch ſeine— bal ten ſoll. So weit lies Mngatethe die in Fu irri⸗ hn Vorausſetzung fortreden, und zwar blos deswe⸗ gen, weil ſie es nicht anzufangen wußte, ihr zu wi⸗ derſprechen; doch ermuthigt durch den Unwillen uͤber der Lady letzte Aeußerung, unterbrach ſie die Dame mit den Worten:„Verzeiht mir, Mylady, weder der junge Menſch deſſen ihr erwaͤhnt, noch irgend ein Lehrburſche oder Meiſter in der City von London.“— „Der verachtungsvolle Ton,“ entgegnete Her⸗ mione,„in dem du deines Gleichen erwaͤhnſt,— eine Buͤrgerklaſſe, worunter es Hunderte wo nicht Tauſende giebt, die in aller Hinſicht beſſer ſind als du, und die dir große Ehre erzeigen wuͤrden, wenn ſie ihre Gedanken auf dich richteten, giebt, duͤnkt mich, keine guͤnſtige Vermuthung fuͤr die Klugheit deiner Wahl;— denn eine Wahl— ſo ſcheint es, iſt ge⸗ troffen.— Aber wer iſt es, fuͤr den du ſo plötzlich An⸗ ——— hanglichkeit fuhlſt? Sehr furcht ich, du haſt zu gewählt.“ „Es iſt der junge ſottiſche Lord Glenvarloch,“ antwortete Margarethe in einem gedaͤmpften, beſchei⸗ denen, den Umſtänden nach aber ziemlich feſten Tone. „Der junge Lord Glenvarloch?“ wiederholte die erſtaunte Hermione;„ Maͤdchen du biſt wahn⸗ ſinnig!“ Ich wußte daß ihr dies ſagen würdet,“ erwie⸗ derte Marget,„auch eine andere Perſon hat ſo zu mir geſprochen; die ganze Welt wird das Nämliche ſagen, und ich ſelbſt bin mitunter geneigt, dieſelbe Sprache gegen mich zu fuͤhren. Aber ſeht mich an, Milady, denn jetzt will ich euch vor Augen treten;— und ſagt mir, ob ich in Blicken und Worken Wahn⸗ ſinn verrathe, wenn ich euch noch einmal wiederhole, daß mein Hetz dieſem jungen Poir gehoͤrt.“ „Wenn in deinen Blicken und Worten kein Wahnſinn liegt, ſo verraͤth doch, was du ſagſt, den hoͤchſten Grad von Thorheit,“ verſetzte Hermione mit Strenge.„Wann hoͤrteſt du je, daß ein zartliches Verhaͤltniß zwiſchen Perſonen verſchiedenen Standes irgend etwas anders als Elend zur Folge hatte?— Wäͤhle dir einen Gatten unter deines Gleichen, Mar⸗ garethe, und vermeide die zahlloſen Gefahren einer Reigung fuͤr einen Vornehmeren.— Warum lächelſt II. 14 —— du, Maͤdchen? liegt in dem was ich ſage, Veranlaß⸗ ſung zum Laͤcheln?“ „Keinesweges Milady, war Margarethens Ant⸗ wort; ich laͤchelte nur bei dem in mir aufſteigenden Gedanken, daß ungeachtet Rang und Geburt einen ſo weiten Abſtand machen zwiſchen Geſchöpfen, geformt aus dem naͤmlichen Thone, gleich wohl die gemeineren Staͤnde mit ihren Verſtandeskraͤften eben ſo weit kommen, als die höheren und verfeinerten Claſſen, und daß nur die Benennung ſie ſcheidet. Dame Ur⸗ ſula ſagte mir das Naͤmliche, was ihr, Milady, mir oben jetzt vorſtelltet; nur mit dem Unterſchiede, daß ihr mir unabſehbares Elend drohtet, und Urſula mir von dem Galgen vorſprach, an dem Miſtres Tur⸗ ner gehangen ward.“ „Und wer,“ ſragte Hermione,„ii denn, dieſe Urſula, die mir deine kluge Wahl, in dem ſchweren Ge⸗ ſchäft, einer Thörinn Rath zu geben, beigeſellt hat?“ „Des Barbiers Frau hier gegenuͤber, Milady“ erwiederte Margarethe mit verſtellter Einfalt, doch im Herzen nicht unzufrieden, daß ſie einen mittelba⸗ ren Weg ausgefunden hatte, die unwillkommene War⸗ nerinn einigermaßen zu kraͤnken.„ urſula iſt, naͤchſt euch, Milady, die kluͤgſte Frau, die ich kenne.“ „Eine recht paſſende Vertraute, bemerkte die Lady, und gewählt mit dem Zartgefüͤhl, wovon du 163 — gegen dich ſelbſt und andere beſeelt biſt.— Aber was fehlt dir Mädchen? Wohin willſt du gehen?“ „Blos zur Dame urſula, um ihren Rath zu er⸗ vitten;“ verſetzte Marget, als ob ſie im Begriff ſey, ſich zu entſernen;„denn ich ſehe, ihr zuͤrnt zu ſehr mit mir, um mir zu rathen⸗ und die Noth iſt zu dringend.“ „Welche Noth? einfältiges Geſchöpf?“ fragte die Dame in freundlicherem Tone.„Setze dich und erzshle mir deine Geſchichte. Zwar biſt du eine Thoͤ⸗ rin, und zwar eine hartnaͤckige Thoͤrin; aber du biſt ein Kind und zwar bei allem deinen Eigenſinn ein gutes Kind, und man muß dir helfen, wenn man kann. Setze dich, ſetze dich, ſag' ich noch einmal, und du wirſt in mir eine zuverläͤſſigere Rathgeberin finden als in der Barbiersfrau. Zuerſt ſage mir, wie du auf den Gedanken kamſt vorauszuſetzen dein Herz ſey unwandelbar an einen Mann gefeſſelt, den du, glaub' ich, nur ein einzigesmal geſehen haſt.“ „Ich habe ihn öfterer geſehen,“ entgegnete Mar⸗ get mit niedergeſchlagenen Augen,„och nur ein ein⸗ zigesmal geſprochen. Ich waͤre im Stande geweſen, mir jenes einzigemal aus dem Sinne zu ſchlagen, vbwohl es einen ſo tiefen Cindruck auf mich machte, daß ich noch jetzt jedes unbedeutendſte Wort, das er ſprach, wiederholen tönnte; aber andere Dinge ha⸗ 11* 164 ben ſeitdem ſein Andenken auf immer in meinem Her⸗ zen befeſtigt.“ „Auf immer,“ icrethalte die„ſind Worte, die unter ſolchen Umſtönden mit der groͤßten Leichtigkeit unſern Lippen entſchluͤpfen, die aber faſt die letzten ſeyn ſollten, die wir im Munde fuͤhren. Die Leidenſchaften und Gewohnheiten dieſer Welt, ihre Freuden und ihre Leiden, ſchwinden dahin wie ein gefluͤgelter Zephyr; nichts dauert auf immer, als das, was der Welt jenſeits des Grabes angehört.“ „Mit Recht, Milady, habt ihr mich getadelt,“ ſagte Marget mit Ruhe;„ich haͤtte von meinem jetzigen Gemuͤthszuſtande nur als Etwas reden ſollen, welches ſo lange dauern wird, als mein Leben und dies kann unfehlbar nur noch kurz ſeyn.⸗ „Und wodurch hat denn dieſer ſchottiſche Lord dich ſo unaufloͤßlich an ſich gefeſſelt?“ fragte Hermio⸗ ne.„Ich gebe zu, daß er ein wohlgebildeter Mann iſt, denn ich habe ihn geſehen und will vorausſetzen, daß er feine und angenehme Manieren hat; aber wor⸗ in beſtehen denn ſeine ſonſtigen Vorzuͤge? Denn ohne Zweifel muͤſſen ſie ganz auſſergewöhnlich ſeyn.“ „„Er iſt ungluͤcklich, Milady, hoͤchſt ungluͤcklich und umgeben von Schlingen mancherlei Art, kunſt⸗ lich erſonnen, ſeinen Ruf und ſein Vermögen zu Grunde zu richten, und vielleicht ihm ans Lebenzu kom⸗ men. Dieſe Plaͤne urſpruͤnglich entworfen aus Hab⸗ 165 ——— ſucht, ſind erweitert durch Rache und Ehrſucht, und wie ich glaube, durch abgeſeimte denn Lord Dalgarno— ₰ Bei dieſem Namen Hermione die Ge⸗ ſchichtserzahlung ihrer jungen Freundin durch Herbei⸗ rufung Paulinens, und als dieſe auf ihren Ruf nicht gleich erſchien, ging ſie hinaus, ſie aufzuſuchen, kehrte aber ſehr bald zuruͤck.„Du erwaͤhnteſt eines Na⸗ mens deſen ich mich genau zu erinnern glaubte; doch hat Pauline meinen Irrthum berichtigt. Ich weiß nichts von dieſem Lord;— wie nannteſt du ihn doch?“ „Lord Dalgarno,“ erwiederte Margetz„der verderbteſte Menſch auf Erden. Unter dem Vor⸗ wande der Freundſchaft fuhrte er den Lord Glenvar⸗ loch in ein Spielhaus, in der Abſicht, ihn zum ho⸗ hen Spiele zu verleiten; aber der Verräther hatte mit einem jungen Manne zu thun, der zu tugend⸗ haft, gemaͤßigt und vorſichtig war) um in eine ſo plump gelegte Schlinge zu fallen. Was that aber jetzt der Treuloſe, um ſelbſt die Mäßigung Glenvar⸗ lochs zu deſſen Rachtheil zu benutzen und Andere zu berreden, daß er, weil er nicht die Beute der Wolſe werden wollte, gemeinſchaftliche Sache mit ihnen mache, um ihren Raub zu theilen? Waͤhrend ſo der niedertraͤchtige Dalgarno das Gluͤck ſeines argloſen Landsmannes untergrub, traf er die noͤthigen Maaß⸗ 166 regeln, ihn durch ſeine Creaturen zu umgarnen, ihn von der Beſuchung des Hoſes und der Geſellſchaſt ſei⸗ ner Standesgenoſſen abzuziehen. Seit der Pulver⸗ verſchworung gab es nie ein tiefer angelegtes, nieder⸗ traͤchtiger und beſonnener ausgeſponnenes Complott.“ Mit einer Miſchung von Kummer und Mitleid belächelte Hermione Margarethens Heftigkeit in ihrem Vortrage, dann aber machte ſie ſeufzend ihrer jungen Freundin bemerklich, wie wenig ſie die Welt kenne, worin ſie einzutreten im Begriff ſey, da es bei ihr ſo großes Befremden errege, ſie voll von Bosheit zu finden. „Aber durch welches Mittel,“ fragte ſie,„konn⸗ teſt du in die geheimen Abſichten eines Mannes, wie Lord Dalgarno, der gleich allen Boͤſewichtern, du⸗ berſt vorſichtig iſt, eindringen?“ „Erlaubt mir, dies geheim zu halten,“ erwie⸗ derte das Mädchen;„ich kann mich hieruͤber nicht erklären, ohne Andere zu verrathen;— moͤge es euch genuͤgen, daß meine Nachrichten eben ſo gewiß, als die Mittel, wodurch ich ſie erlangte, geheimnißvoll und zuverlaͤſſig ſind; doch darf ich dieſe ſelbſt euch nicht offenbaren. „Du biſt zu verwegen, Margarethe,“ zuͤrnte Hermione,„dich in deinem Alter in ſolche Angelegen⸗ heiten einzulaſſen;— dies iſt nicht nur gefahrvoll⸗ 167 ſondern auch unſchicklich und ungeziemend fuͤr eine Jungfrau.“. „Ich wußte vorher, daß ihr ſo urtheilen wur⸗ det,“ ſagte Margarethe mit mehr Sanftmuth und Geduld als ſie gewöhnlich bei Anhoͤrung tadelnder Bemerkungen zu zeigen pflegte;„aber Gott weiß es⸗ mein Herz ſpricht mich frei von jedem andern Gefuͤhl, als dem, daß ich dieſem ſchulvloſen, verrathenen Mann beizuſtehen wuͤnſche.— Es gelang mir, ihm eine Warnung vor ſeines Freundes Falſchheit zuzu⸗ ſchicken;— ach! meine Sorgfalt wird ſein Ungluͤck nur beſchleunigt haben, wenn nicht ſchnell Rath und Huͤlſe geſchafft wird. Er warf dem falſchen Freunde ſein verrätheriſches Benehmen vor, zog im Park ge⸗ gen ihn den Degen, und hat ſich dadurch der ſchreck⸗ lichen, auf die Verletzung der Vorrechte des koͤnigli⸗ chen Pallaſtes geſetzten Straße ſchuldig gemacht.“ „In der That eine ſeltſame Geſchichte!“ rief Her⸗ mione;„iſt den Lord Glenvarloch im Gefaͤngniſſe?“ „Nein Milady, Gott ſey Dank! ſondern in der Freiſtotte zu Whitefriars;— es iſt jedoch zwei⸗ felhaft ob ſie ihn in einem ſolchen Falle ſchuͤtzen wer⸗ de;— man ſpricht von einem Verhaſtsbeſehl des Lord⸗Oberrichters.— Ein Gentleman von Tem⸗ plars⸗Inn iſt verfolgt und ins Gefaͤngniß geſetzt⸗ weil er ihm zur Flucht behuͤlflich geweſen iſt. Selbſt der Umſtand, daß er nothgedrungen ſeine einſtweilige 168 Zuflucht an dieſem verruſenen Orte geſucht hat, wird benutzt werden, ihm einen noch ſchlechtern Namen zu machen. Dieſes Alles weiß ich und kann ihn doch nicht retten,— nicht retten, wenn ihr mir nicht die Mittel dazu verſchafft.“ „Ich ſoll dir die Mittel verſchaffen?“ entgeg⸗ nete Hermonie,„biſt du bei Sinnen, Maͤdchen?— wo naͤhm' ich in meiner Einſamkeit Mittel her, die⸗ ſem ungluͤcklichen Lord beizuſtehen?“ „Ihr beſitt dieſe Mittel,“ ſiel! Marget lebhaft ein,„ihr beſitzt wenn ich mich nicht ſehr irre, jene Mittel, die Alles,— Alles vermögen, nicht nur in dieſer Stadt, ſondern in der ganzen Welt; ihr habt Geld, und die Verfuͤgung uber einen unerheblichen Theil deſſelben wird mich in den Stand ſetzen, ihn aus ſeiner jetzigen Gefahr zu retten. Man wird ihm Rath und Mittel geben, zu fliehen,— und ich—“ hier ſchwieg ſie— „Will ihn begleiten,“ fiel Hermione koniſch „und die Fruͤchte meiner klugen Verwendung fuͤr hn genießen; Nicht wahr?“ „Der Himmel vergebe euch dieſen ungerechten Argwohn Milady,“ antwortete Margarethe.„Nie will ich ihn wiederſehen;— ihn gerettet zu haben, ſol mein einziges Gluͤck ſeyn.“ „Ein kaltes Ende einer ſo heſtigen, ʒunſligen Lei⸗ denſchaft!“ Hermione mit einem S6iln welches Unglauben anzudeuten ſchien. „Gleichwohl iſt es das einzige Ende welches ich erwarte, Milady, faſt möchte ich ſagen, das Einzige, welches ich wuͤnſche.— Wenigſtens bin ich entſchloſ⸗ ſen, kein anderes herbeizufuͤhren. Wenn ich in ſei⸗ ner Sache Kuͤhnheit zeige⸗ ſo bin ich um ſo furchtſa⸗ mer in meiner eigenen. Während unſers einzigen Beiſammenſeyns war ich unfähig, auch nur ein Wort mit ihm zu ſprechen. Er kennt ſelbſt nicht den Ton meiner Stimme, und Alles was ich wagte und noch wagen muß, thue ich fuͤr einen Mann, der langſt vergeſſen hat, d daß er je ein ſo unbedeutendes Geſchoͤpf als ich bin, ſah, mit ihm ſprach oder an ſeiner Seite ſaß.“ „Eine ſeltſame, unbeſonnene Leidenſchaft, eben ſo phantaſtiſch als gefahrvoll,“ verſetzte Hermonie. „Ihr wollt mir alſo nicht helfen, Milady?“ erwiederte Marget,„ſo lebt denn wohl,— mein Ge⸗ heimniß, darauf verlaß ich mich⸗ iſt ſicher 2 in ſo ehrenwerthen Haͤnden. 4 „Nun ſo wart' doch,“ fiel die Lady ein,„und ſog mir, welche Mittel dir zu Gebote ſtehen, dem jun⸗ gen Manne zu helfen, wenn man dir Geld verſchafft?“ „Es iſt uͤberfluͤſſig, mir dieſe Frage zu thun, Milady,“ antwortete Margarethe,„wenn ihr nicht den Vorſatz habt, mir beizuſtehen; und habt ihr ihn⸗ 170 ſo iſt dennoch die Frage uͤberfluͤſſig; denn ihr könntet die Mittel, deren ich mich bedienen muß, nicht be⸗ greifen, und die Zeit iſt zu kurz, um ſie zu erklaͤren.“ „Aber ſtehen dir wirklich ſolche Mittel zu Se⸗ bote?“ fragte die Dame. „Eine mäßige Geldſumme,“ antwortete Mar⸗ garethe Ramſay,„ verſchaft mir die Gewalt, alle ſeine Feinde zu täuſchen, ausweichend der Leidenſchaft des erzuͤrnten Koͤnigs und dem kälteren aber entſchie⸗ deneren Unwillen des Prinzen,— der Rache Bucking⸗ hams die mit Blitzesſchnelle jeden verfolgt, der ſeiner Ehrſucht in den Weg tritt, und der kalten beſonne⸗ nen Bosheit Dalgarnos;— ſie Alle kann ich dann tuſchen!“ „Kann dies aber ohne deine perßoͤnliche Gefahr geſchehen,“ fragte Hermione,„denn ſey dein Plan wie er will, ſo ſollſt du weder deinen guten Ruf, noch deine Perſon in dem romanhaften Verſuche, einem Andern zu dienen, gefährden;; und ich, Maͤdchen, bin es deinem Pathen,— deinem und meinem Wohl⸗ thaͤter ſchuldig, dir zu keinem gefahrvollen und dei⸗ ner unwuͤrdigen Benehmen behuͤlflich zu ſeyn.“ „Verlaßt euch auf mein Wort,— auf meinen Schwur, beſte Lady,“ erwiederte die Bittende,„daß ich Andere als Werkzeug brauchen will, und nicht die Abſicht habe, mich in irgend ein Unternehmen einju⸗ —— laſſen, wo meine Erſcheinung gefahrvoll oder unweib⸗ lich ſeyn koͤnnte.“ „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll⸗“ ſagte Lady Hermione,„vielleicht iſt es unvorſichtig, unbedacht⸗ ſum von mir gehandelt, ein ſo ausſchweiſendes Pro⸗ ject zu befoͤrdern; und dennoch ſcheint der Zweck eh⸗ renvoll zu ſeyn, wenn die Mittel ſicher ſind. Welche Sfrafe harrt des jungen Lords, wenn er ſeinen Wi⸗ derſachern in die Hände faͤllt?“ „Ach! der Verluſt ſeiner rechten Hand,“ erwie⸗ derte ſchluchzend Margarethe. „Sind Englands Geſetze ſo grauſam? ſo iſt denn im Himmel allein Gnade,“ ſagte Hermione, „wenn ſelbſt in dieſem freien Lande die Menſchen gleich Wolſen gegen einander wuͤthen;— Faße dich Margarethe und ſag mir, wie viel Geld zu Lord Glen⸗ varlochs Flucht erforderlich iſt.“ „Zweihundert Goldſtuͤcke,“ erwiederte Marga⸗ rethe; ich ſchweige uͤber den Punkt der Wiederbezah⸗ lung, wozu ich, wie ihr wißt, einſt im Stande ſeyn werde;— ich weiß oder glaube wenigſtens, ihr werdet in dieſer Hinſicht ohne Bedenklichkeit ſeyn.“ „Nicht ein Wort hievon! ruf mir Paulinen hieher.⸗ Neuntes Kapitel. Als Marget mit Pavlinen hereintrat, ſaß Her⸗ mione am Tiſche, endigend einige Zeilen, die ſe auf ein tleines Papier geſchrieben harte, welches ſie ihrer Seſellſhafterin einhaͤndigte. „Monna Paula,“ ſagte ſie, ſich erchebend, „trag' dies Papier zum Caſſterer Roberts, und ſag' ihm, daß er dir den Betrag dieſer Note ſogleich mitgiebt 3 Nochdem Pauline das Zimmer verhiſen hatte⸗ fuhr ihre Gebieterin fort:„ich weiß nicht, Margek⸗ ob ich in dieler Sache recht handle. Ich habe mein Leben in einer ſonderbaren Abgeſchiedenheit hinge⸗ bracht, und bin gaͤnzlich unbekannt mit dem Regen und Treiben dieſer Welt,— eine Unkunde, die ich nicht durch bloßes Leſen ergaͤnzen kann.— Ich furchte, das ich gegen dich, und vielleicht auch gegen die Ge⸗ ſetze des Landes, welches mir eine Zuflucht gewaͤhrt⸗ unrecht handle, wenn ich deinen Wuͤnſchen nachgebez und dennoch ſpricht etwas in meinem Herzen fuͤr die Gewährung deiner Bitte.“ „O! folgt dieſem Etwas! folgt i gioins chige Lady,“ rief Margarethe ihr zu Fuͤßen fallend, und die Knie ihrer Wohlthaͤterin umfaſſend,— das 173 ſchoͤne Bild einer reizenden Sterblichen, flehend zu ihrem Schutzengel;„menſchliche Geſetze ſind nur Befehle der Sterblichen; aber die Antriebe des Her⸗ zens ſind der Wiederhall der innern Stimme vom Himmel.“ „Sieh' auf Mädchen, ſteh auf!“ rief Her⸗ mione;„du ruͤhrſt mich tieſer, als ich durch irgend Etwas, das mir nahen konnte, je geruͤhrt zu werden glaubte. Steh' auf und ſag mir, woher es kommt, daß in ſo kurzer Zeit, deine Gedanken, deine Blicke, deine Worte, und ſelbſt deine kleinſten Handlungen ſo ganz umgewandelt ſind,— daß an die Stelle der eigenſinnigen Launen eines grillenhaften Maͤdchens dieſe Energie, dieſe leidenſchaſtliche Beredſamkeit in Worten und Bewegungen getreten iſt.“ 1. „Gewiß, ich weiß es nicht, beſte Lady,“ ver⸗ ſette Margarethe mit niedergeſchlagenem Blicke; „doch glaub' ich, als ich tändelte, dacht' ich nur an Tandeleien. Jetzt erfuͤllen mich tiefe, ernſte Gedan⸗ ken, und ich freue mich, wenn meine Sh und Geſten dieſem Gedanken entſprechen.“ „Das ſcheint mir ſelbſt ſo;“ verſetzte Hermione; „doch duͤnkt mich, iſt dieſe Unmnitg eben ſo rraſch als ſeltſam. Es iſt, als ob ein kindiſches Maͤd⸗ en plotzlich zu einem tiefdenkenden, leidenſchaftli⸗ chen Weibe herangewachſen wäre,— fuͤr einen ge⸗ liebten Gegenſtand bereit zu jeder Kraftaͤußerung⸗ zu Aufopferungen, die nur zu oſt ſchaͤndlich gelohnt werden.“ Tief ſeufzte hier Senie doch ward das Ge⸗ ſpraͤch durch Paulinens Ruͤckkehr unterbrochen. Sie ſprach mit ihrer Gebieterin in dem nömlichen, Mar⸗ garethen unbekannten, fremden Idiom, deſſen ſie ſich haͤufig unter einander bedienten. „Wir muͤſſen ein Weilchen Geduld haben,“ ſagte die Lady;„der Caſſirer iſt in Geſchaͤften ausge⸗ gangen, wird aber in einer halben Stunde zuruͤck kommen.“ „Margaretha rang die Haͤnde vor Kummer und ungeduld. „Minuten ſind koſtbar,“ fuhr Hermione fort; „wohl weiß ich das, und wenigſtens wollen wir uns keine entſchluͤpfen laſſen. Pauline ſoll unten weilen und dein Geſchaͤft in der nämlichen Minute abma⸗ chen, wenn Roberts zuruͤck kommt.“ Um ihren Befehl auszufuͤhren ſich die Geſellſchafterin aufs neue. „Ihr ſeyd ſo guͤtig, ſo freundlich mileny,⸗ ſagte die arme kleine Marget, deren zitternde Lippen und Haͤnde ganz die krankhafte Bewegung des Her⸗ zens zeigten, die aus S Hoffnung ent⸗ ſpringt. „Faſſe dich in w Margarethe, und ſammle dich,“ ermahnte Hermione;„du kannſt,— . 17⁵ du mußt einer großen Thaͤtigkeit bedurſen, um die⸗ ſen deinen kuͤhnen Plan durchzuſetzen; ſchone deine Lebensgeiſter, deren du ſo ſehr bedarfſt,— Gevuld iſt vas einzige Mittel gegen die Unbilden des Lebens.“ „Oſt, recht oft hort' ich dies ſagen;“ erwie⸗ derte Marget die Augen trocknend und vergebens verſuchend, ihre natuͤrliche Ungeduld zu unterdruͤcken; „und ich ſelbſt, der Himmel vergeb' es mir, habe eben ſo zu manchem Beſtuͤrzten und Bekümmerten geſprochen; aber ach, ich hatte damals ſelbſt noch keinen Kummer, keine Seelenangſt gefuͤhlt; und gewiß will ich jetzt keinem menſchlichen Weſen wieder Geduld predigen, ſeit ich weiß, wie ſehr dieſe Arznei dem Magen widerſteht.“ „Du wirſt uͤber die Sache beſſer denken lernen liebes Mädchen,“ entgegnete Hermione;„auch ich, als ich zum erſtenmal tiefen Kummer fuͤhlte, zurnte mit denen, die mir von Geduld vorredeten; aber meine Bekuͤmmerniſſe kehrten wieder, und ſo oft, bis ich lernte, daß ſie außer den Religionspflichten, von denen freilich die Geduld einen Theil ausmacht, die einzige Milderung iſt, welche das Leben Leiden gewaͤhren kann.“ Marget, der es weder an Verſtand, noch an Gefuͤhl fehlte, trocknete ſchnell ihre Thraͤnen und bat ihre Sieein um Verzeihung ihrer unbeſonnenen Aeußerung.„Ich hätte bedenken ſollen,“ fuhr ſie fort,„daß ihr, wie ſchon eure Lebensweiſe zeigt, Kummer gehabt haben muͤßt, Milady; und doch, Gott weiß es, berechtigt die Geduld, die ich euch im⸗ mer an den Tag legen ſah, euch vollkommen, An⸗ dern als Muſter vorgeſtellt zu werden.“ „Margarethe,“ verſetzte nach einer Pauſe Lady Hermione,„ich bin im Begriff, dir hohes Ver⸗ trauen zu beweiſen; du biſt nicht mehr Kind, ſon⸗ dern ein denkendes, fuͤhlendes Weib,— du haſt mir von deinem Geheimniß ſo viel erzählt, als du durfteſt; ich will dich von dem meinigen ſo viel wiſ⸗ ſen laſſen, als ich zu erzählen wagen darf. Du wirſt mich vielleicht fragen, warum ich in einem Moment, wo dein eignes Herz bewegt iſt, dein Mitgefuͤhl fuͤr meinen Kummer auſfordere? Ich antworte, daß ich dem Drange, der mich eben jetzt dazu antreibt, nicht zu widerſtehen vermag; vielleicht iſt mein eigner Kummer dadurch, daß ich ſeit drei Jahren zum er⸗ ſtenmal Zeugin der natuͤrlichen Wirkung menſchlichet Leidenſchaft geweſen bin, aufs neue erwacht und iſt für dieſen Augenblick zu ſchwer fuͤr die eigne Bruſt; — vielleicht kann ich hoffen, daß du, die jetzt mit vollen Segeln auf die nämliche Klippe zuſchifft, an der ich auf immer ſcheiterte, dich durch die Geſchichte die ich dir zu erzählen habe, warnen läßt. Genug⸗ willſt du mir zuhoren, ſo ſollſt du vernehmen, wer die ſchwermuthspolle Bewohnerin der Zimmer von 3 177 —— St. Roch iſt, und warum ſie hier weilt. Es wird wenigſtens vazu dienen, dir die Zeit zu verkurzen⸗ bis Monna Paula uns Roberts Antwort zuruͤck bringt.“. In jedem andern Augenblicke ihres Lebens wuͤrde Margaretha Ramſay mit ungetheiltem Intereſſe eine ſchon an ſich ſelbſt, und insbeſondere in Beziehung auf einen, allgemeine Neugier erregenden Gegen⸗ ſiand ſo ſchmeichelhafte Geſchichtserzählung mit un⸗ getheiltem Intereſſe angehoͤrt haben. Und ſelbſt in dieſem bewegten Moment, wo ſie unauthoͤrlich mit pochendem Herzen auf die Fußtritte der zuruͤckkehren⸗ den Pauline horchte, nahm ſie ſich zuſammen, um wie Dankbarkeit und Klugheit, gemiſcht mit einem Theile ihrer gewohnten Neugier es heiſchten, Her⸗ mionen, wenigſtens dem Anſchein nach die groͤßte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und dankte ihr ehrer⸗ bietig fuͤr das in ſie geſetzte Vertrauen. Lady Her⸗ mione begann hierauf, mit der naͤmlichen Ruhe, die ſtets ihre Reden und Handlungen begleitete, mit fol⸗ genden Worten der jungen ihre Geſchichte zu erzaͤhlen. „Mein Vater war Kaufmann; abet er war es in einer Stadt, deren Kaufleute Fuͤrſten ſind. Ich bin die Tochter eines edlen Genueſiſchen Hauſes, deſ⸗ ſen Name ſo hoch geehrt und von ſo hohem Alter⸗ thum war, als irgend eines von die in den A. 12 178 ——— * Verzeichniſſen des goldenen Buchs jener weltberuͤhm⸗ ten Ariſtocratie eingetragen ſind. — „Meine Mutter war eine Schottlaͤnderin von Adel. Sie ſtammte,— laß es dich nicht befrem⸗ den,— und zwar keinesweges entfernt, aus dem Hauſe Glenvarloch. Kein Wunder, daß ich mich leicht zur Theilnahme an dem Mißgeſchick des jungen Lords bewegen ließ. Er iſt mein naher Anverwand⸗ ter, und meine Mutter, die mehr als noͤthig auf ihre Abkunft ſtolz war, lehrte mich fruͤh ſchon An⸗ Puͤnglichkeit an ihre Familie. Mein Großvater můt⸗ terlicher Seite, ein juͤngerer Sohn jenes Hauſes Glenvarloch, hatte ſich den Schickſalen des ungluͤck⸗ lichen Fluͤchtlings, Franz, Grafen von Bothwell angeſchloſſen, der, nachdem er ſein Elend an vielen auswaͤrtigen Hoͤſen zur Schau geſiellt hatte, ſich endlich in Spanien niederließ, wo er von einem elenden Jahrgehalt lebte, erlangt durch Annahme der catholiſchen Religion. Mein Großvater, Ralph Slifaunt, trennte ſich von ihm in Unfrieden, und ließ ſich in Barcellona nieder, wo man durch die Freundſchaft des Gouverneurs mit ſeiner Ketzerei, wie ſie genannt ward, Nachſicht hatte. Handelsge⸗ ſchaͤfte veranlaßten meinen Vater, ſich mehr in Bar⸗ cellona als in ſeiner Vaterſtadt aufzuhalten, wo er iedoch zu Zeiten weilte. —,— 1— —,— 1— 179 —————— „In Barcellona machte er die Bekanntſchaft meiner Mutter, liebte ſie, und ward ihr Gatte; ſie waren verſchiedener Religion, aber innige Zunei⸗ gung vereinte ſie. Ich blieb die einzige Frucht ihrer Ehe. Oeffentlich ſolgte ich den Lehren und Gebraäu⸗ chen der romiſchen Kirche; allein meine Mutter, ver⸗ abſcheuend den Glauben dieſer Kirche, erzog mich heimlich in der reformirten Religion, und mein Va⸗ ter entweder gleichguͤltig in dieſem Puncte, oder ab⸗ geneigt, der geliebten Gattin Kummer zu machen, nahm keine Kenntniß davon, oder duldete nach⸗ ſichtig, daß ich insgeheim an den gottesdienſilichen Uebungen meiner Mutter Theil nahm. „Als aber ungluͤcklicherweiſe mein Vater, noch in der Bluthe des Lebens, von einer langſam aus⸗ zehrenden Krankheit, deren Unheilbarkeit er fühlte, ergriffen ward, ſah er die Gefahren voraus, denen ſeine Witwe und ſein unmuͤndiges Kind in einem dem Catholicismus ſo aberglaͤubiſch ergebenen Lande als Spanien, nach ſeinem Tode ausgeſetzt ſeyn wuͤr⸗ den. Er machte es ſich daher in ſeinen zwei letzten Lebensjahren zum Geſchäft, einen großen Theil ſei⸗ nes Vermoͤgens in Fonds zu verwandeln und nach England zu uͤbermachen. Durch die Treue und Ehr⸗ liebe ſeines Correſpondenten,/ des trefflichen Mannes, unter deſſen Dach ich jetzt lebe, wurden dieſe Fonds auf das vortheilhafteſte angelegt. Haͤtte mein Vater S 12 180 lange genug gelebt, um das Vorhaben, ſein ganzes Vermögen aus dem Handel zu ziehen, völlig auszu⸗ fähren, ſo wuͤrde er ſelbſt uns nach England beglei⸗ tet, und ſeiner Abſicht gemaͤß Zeuge unſerer friedli⸗ chen und ehrenvollen Niederlaſſung in dieſem Lande geweſen ſeyn. Aber der Himmel hatte es anders be⸗ ſchloſen. Er ſtarb mit Hinterlaſſung bedeutender, in den Händen ſeiner Spaniſchen Schuldner befind⸗ lichen Summen; insbeſondere hatte er eine ſehr be⸗ traͤchtliche Waarenverſendung an eine reiche Handels⸗ geſellſchaft in Madrid gemacht, die nach ſeinem Tode keine Bereitwilligkeit zeigte, von dieſem Geſchafte Rechnung abzulegen. Wollte Gott, wir haͤtten dieſe habgierigen, ſchlechten Menſchen im Beſitz ihrer Beute gelaſſen; denn als ſolche ſchienen ſie das Eigenthum ihres abgeſchiedenen Correſpondenten und Handels⸗ ſreundes zu betrachten. Das uns in England be⸗ reits geſicherte Vermoͤgen reichte hin, um mit Be⸗ quemlichkeit und ſelbſt mit Glanz davon leben zu können; aber viele unſerer Freunde erklärten es fuͤr Thorheit, dieſen gewiſſenloſen Menſchen den Raub unſeres rechtmäßigen Eigenthums zu geſtatten. Der Betrgg der Summe war ſchon an ſich ſelbſt ſehr groß, und da wir ihn einmal zu dieſem Belaufe gel⸗ tend gemacht hatten, ſo glaubte meine Mutter, daß meines Vaters Andenken es heiſche, ihn beizutrei⸗ ben, insbeſondere, da die Einwendungen der Han⸗ 181 ——— delsgeſellſchaft die Rechtlichkeit der Verfahrungsweiſe des Verſtorbenen einigermaßen angriffen.. „Wir gingen ſelbſt nach Madrid. Ich war da⸗ mals in deinem Alter, liebe Margarethe⸗ jung und gedankenlos, wie du bis jetzt warſt. Unſere Reiſe hatte den Zweck, den Schutz des Hofes und des Konigs zu erbitten, ohne welchen wir, wie man uns ſagte, vergebens Gerechtigkeit gegen jenen reichen und maͤch⸗ tigen Handelsverein erwarten wuͤrden. „Unſer Aufenthalt in der Hauptſtadt Spaniens verlängerte ſich von Wochen zu Monaten. Was mich betraf, ſo war die natuͤrliche Betruͤbniß eines Kindes uͤher den Verluſt eines guͤtigen, wenn gleich nicht eben zärtlichen Vaters allmählig gemindert⸗ und ich ware es zufrieden geweſen, wenn auch un⸗ ſere Proceßſache uns auf immer in Madrid zuruͤckge⸗ halten haͤtte. Meine Mutter verſtattete ſich und mir weit mehr Freiheiten, als wir bisher genoſſen hatten. Sie ſand Verwandte unter den Schottiſchen und Ir⸗ laͤndiſchen Officieren, deren viele einen hohen Rang in der Spaniſchen Armee bekleideten. Ihre Gattin⸗ nen und Toͤchter wurden unſere Freundinnen und Gefellſchafterinnen und ich hatte beſtändige Gelegen⸗ heit die Landesſprache meiner Mutter⸗ die ich ſchon in meiner Kindheit lernte, zu uͤben. Da ſowohl die Geiſteskräfte als die Geſundheit meiner Mutter ſehr abnahmen, ſo hatte ſie aus Liebe für mich die 182 —— Schwachheit, mich zuweilen in Geſellſchaften gehen zu laſſen, die ſie ſelbſt nicht beſuchte, und zwar un⸗ ter der Obſorge der Gattin eines Generals, die aus uͤbertriebener Nachſicht oder aus Falſchheit die erſte Urſache meines Mißgeſchicks wurde. Ich war ſo gedankenlos,— noch einmal wiederhole ich es, — als du noch kuͤrzlich warſt, und meine Auß⸗ merkſamkeit ward, wie es dir gegangen iſt, plötz⸗ lich auf einen einzigen Gegenſtand und auf eine ein⸗ zige Empfindung gelenkt. „Der Gegenſtand, der ſie zu feſſeln wußte, war jung, ſchoͤn, von edler Geburt, ausgebildet, ein Krieger und ein Britte. Bis dahin Margarethe, waren wir beide faſt in gleichem Falle; aber Gott verhuͤte, daß die Parallele jemals vollſtändig werde! Dieſer Mann, aus ſo edlem Blute entſproſſen, von der Natur ſo ſchoͤn gebildet, mit ſo manchen ſchaͤtz⸗ baren Eigenſchaften begabt und ſo tapfer,— dieſer niederträchtige Bube,— denn dies war der am meiſten fuͤr ihn geeignete Name,— ſprach mir von Liebe vor, und ich gab ihm Gehoͤr. Konnte ich ſeine Aufrichtigkeit beargwohnen? Wenn er reich, und von altadliger Abkunft war, ſo war auch ich eine adelige, reiche Erbin. Freilich war der ganze Um⸗ fang meines vaͤterlichen Vermoͤgens ihm weder be⸗ kannt, noch theilte ich ihn den mir, glaub' ich, da⸗ ——— — F2 183 mals ſelbſt noch nicht bekannten⸗ wichtigen Umſtand mit, daß der größte Theil jenes Vermogens den Klauen unumſchraͤnkter Macht entriſſen, und den vespotiſchen Beſchluͤſen willkhrlicher Richter nicht unterworfen war. Mein Liebhaber mochte vielleicht glaubrn, wie meine Mutter abſichtlich verbreiten ließ, daß faſt unſer ganzes Vermoͤgen von dem un⸗ gewiſſen Ausfall des Proceſſes abhinge, zu deſſen Be⸗ treibung wir nach Madrid gekommen waren,— ein Geruͤcht, welches ſie aus Politik beſtätigte, uͤber⸗ zeugt, daß die Kunde der Uebermachung eines ſo großen Theils meines väterlichen Vermoͤgens nach England in keiner Hinſicht der Wiedererlangung un⸗ ſerer Spaniſchen Fonds förderlich ſeyn könne. Je⸗ doch ohne groͤßere Begriffe von meinem Vermoͤgen zu haben, als diejenigen, welche im Publicum in Um⸗ lauf waren, hegte, glaub ich, der Mann, von dem ich ſpreche, anfangs redliche Abſichten. Er ſelbſt hatte Einfluß genug, um bei den Gerichtshöfen eine fuͤr uns guͤnſtige Entſcheidung unſerer Rechtsſache zu bewirken, und dann wuͤrde ſchon der in Spanien be⸗ findliche Theil meines Vermoͤgens ſehr betraͤchtlich geweſen ſeyn. Kurz, was auch immer ſeine Beweg⸗ gruͤnde geweſen ſeyn moͤgen, ſich ſoweit einzulaſſen⸗ ſo hielt er bei meiner Mutter mit meiner Zuſtimmung um meine Hand an. Waͤhrend ihrer ſtets abnehmenden Geſundheit war die urtheilskraft meiner Mutter ſehr 164 geſcwicht, ihre Leidenſchaſtlichkeit Sin nur noch reizbarer geworden. DOhne Zweifel haſt du von der qintenz ge⸗ hoͤrt, womit in fruͤhern Zeiten in Schottland die Privatfehden unter den adligen Geſchlechtern gefuͤhrt wurden; ſo daß man von ihnen mit den Worten der Schrift ſagen konnte. Die Väter eſſen ſaure Trau⸗ ben, daß den Kindern die Zoͤhne davon ſtumpf wer⸗ den. Ungluͤcklicherweiſe,— oder vielmehr gluͤck⸗ licherweiſe, wenn ich erwaͤge, wie dieſer Mann ſich in der Folge zeigte, hatte eine ſolche Fehde auch zwiſchen ſeinem Hauſe und dem meiner Mutter ob⸗ gewaltet und der zwiſchen ihnen vorherrſchende Fa⸗ milienhaß war in vollem Maße auf ſie vererbt. Als daher ein Abköͤmmling ihrer ehemaligen Erbfeinde um meine Hand anhielt, war ſie nicht länger im Stande, ihre Leidenſchaftlichkeit im Zaume zu halten; ſie rief jede Beleidigung wieder ins Leben zuruͤck, welche die beiden im Streit befangenen Familien ſich waͤhrend einer blutigen zweihundertjährigen Fehde einander zugefuͤgt hatten, uͤberhaͤufte ihn mit ſchmach⸗ vollen Beinamen, und at ſeinen Heirathsan⸗ trag mit ſolchem Hohn, als ob er von dem niedrig⸗ ſten aller Menſchen kaͤme. „Im hoͤchſten Zorn entfernte ſich mein Liebha⸗ ber; ich ſchwamm in Thränen, murrte gegen das Schickſal und— ich geſtehe meinen Fehler— gegen 185 meine liebende Mutter. Mir waren bei meiner Er⸗ ziehung ganz andere Geſinnungen eingeflößt, und die Traditionen von den Fehden und Streitigkeiten der Familie meiner Mutter in Schottland, woruͤber ſie ſchriftliche Nachrichten beſaß, ſchienen mir ſo un⸗ bedeutend und nichtsſagend, als Don Quiyotes phantaſtiſche Thaten, und bitter tadelte ich meine Mutter, daß ſie mein Glück einer erträumten Fami⸗ lienwuͤrde aufopferte. „Wäͤhrend ich in dieſer Stimmung war, ſuchte mein Liebhaber die Erneuerung unſeres Einverſtaͤnd⸗ niſſes. Wir ſahen uns mehrmals in dem Hauſe der oben erwaͤhnten Dame, die aus Leichtſinn oder aus Geſchmack an Intriguen einen geheimen Brießwechſel zwiſchen uns unterhielt. Endlich trieb mich meine blinde Leidenſchaft ſo weit, daß ich mich insgeheim mit ihm verheirathete, wozu mein Liebhaber ſich den Beiſtand eines Geiſtlichen von der Engliſchen Kirche verſchafft hatte. Monna Paula,— ſeit meiner Kindheit meine Geſellſchafterin,— war eine der Zeuginnen unſerer Vermaͤhlung; ich muß dem treuen Geſchöpfe die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß ſie mich beſchwur, mein Vorhaben ſo lange auszufetzen, bis der Tod meiner Mutter mir verſtatten wuͤrde, uns oͤffentlich durch Prieſterhand zu verbinden; allein die dringenden Bitten meines Liebhabers und meine eigne ungluͤckliche keidenſchaft . 186 behielten die Oberhand uͤber ihre Gegenvorſtellungen. Die oben erwaͤhnte Dame war die zweite Zeugin unſrer ehelichen Einſegnung; doch ob ſie ganz in das Geheimniß meines Braͤutigams eingeweiht war, hab' ich nie erfahren. In ihrem Hauſe und unter dem Schutze ihres Namens fanden wir Mittel, oſt zuſammen zu kommen, und die Liebe meines Gatten ſchien eben ſo aufrichtig und unbegrenzt, als die Meinige. „Sein Stolz auf meinen Beſitz veranlaßte ihn, wie er mir verſicherte, zu dem Wunſche, mich in die Geſellſchaft einer oder zwei ſeiner engliſchen Freunde von Stande einzufuͤhren. Dies konnte nicht bei der Lady D— geſchehen; allein auf ſein Verlangen, wel⸗ ches ich jetzt als Befehl anſehen mußte, wußte ich es ſo einzurichten, daß ich, blos begleitet von Monna Paula, ihn in ſeinem Hotel zweimal beſuchen konnte. Die Geſellſchaft beſtand nur aus zwei Damen und zwei Herren, und man war bei Muſik und Tanz fröhlich und guter Dinge. Oſt hatte ich von dem Freiſinn der engliſchen Nation reden hoͤren, doch konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieſe geſellſchaftlichen Unterhaltungen und das dar⸗ auf folgende Mahl an Ausgelaſſenheit grenzten; indes ſchob ich meine Bedenklichkeiten blos auf meine Unerfahrenheit, und glaubte dieſe Beluſtigungen nicht fuͤr unſchicklich halten zu duͤrfen, da mein Gemohl 3 187 ——— „Bald harrten meiner andere Scenen. Die Krankheit meiner Mutter vrohte ihr mit einem nahen Ende.— Wohl mir, daß es erfolgte, bevor ſie eine Entdeckung machte, die ſie im Innerſten verwundet haben wuͤrde. „Ohne Zweifel haſt du gehoͤrt, wie in Spanien die catholiſchen Prieſter und beſonders die Moͤnche die Sterbebetten umlagern, um von dem Hinſchei⸗ denden Vermaͤchtniſſe zum Beſten der Kirche zu er⸗ preſſen. Schon vorhin ſagte ich, daß die Gemuͤths⸗ ſtimmung meiner Mutter krankhaft aufgeregt und ihre Beurtheilungskraft im gleichem Grade geſchwächt war. Der Unwille uͤber die Zudringlichkeit der ihr Lager umgebenden Prieſter, rief ihren Muth und ihre Kraͤfte noch einmal ins Leben zuruͤck, und der Geiſt der ſtrengen reformirten Secte, welcher ſie insgeheim angehangen hatte⸗ ſchien die Zunge der Sterbenden zu beleben. Frei geſtand ſie ihren ſo lange verhehlten Glauben; ſie entſagte jedem prie⸗ ſterlichen Beiſtande, der ihr nicht nach den Vor⸗ ſchriften ihrer Religion zu theil werden wuͤrde; ſie ver⸗ warf mit Verachtung die Ceremonien der roͤmiſchen Kirche, üͤberhaͤufte die erſtaunten Prieſter mit Vorwur⸗ 8 ſen uͤber ihre Habſucht und Heuchelei; und befahl ihnen, ihr Haus zu verlaſſen⸗ Voll Wuth und Er⸗ bitterung gingen ſie von dannen⸗ aber nur um be⸗ affnet mit inquiſitoriſcher Macht, ihren Strafbefeh⸗ 188 len und ihren Schergen zuruͤckzukehren.— Sie fan⸗ den nur den erkalteten Leichnam des gehofften Gegen⸗ ſtandes ihrer Rache. Bald kam es an den Tag, daß ich die Ketzerei meiner Mutter getheilt hatte; man riß mich mit Gewalt von der Seite des entſeelten Koͤr⸗ pers, kerkerte mich in ein einſames Kloſter ein und behandelte mich mit Haͤrte; dies ſei— verkuͤndigte mir die Aebtiſſin,— die gebuͤhrende Strafe meines leichtfertigen Lebens und meiner Religions⸗Irrthuͤ⸗ mer. Ich geſtand meine Verheirathung, um den Zu⸗ ſtand, worin ich mich befand, zu rechtfertigen,— ich ſehte um den Beiſtand der Superiorin, um mei⸗ nen Gatten von meiner Lage in Kenntniß zu ſetzen. Mit kaltem Laͤcheln erwiederte ſie, die Kirche habe ei⸗ nen beßſern Gatten fuͤr mich auserſehen; ſie rieth, mir die gottliche Gnade in jener, und mildere Behand⸗ lung in dieſer Welt durch umgeſuͤumte Annahme des Schleiers zu ſichern. Um mich zu uͤberzeugen, daß mir kein andres Huͤlfsmittel ubrig bliebe, zeigte ſie mir ein koͤnigliches Decret, wodurch mein ganzes Vermoͤgen dem Magdalenen-Kloſter verpfaͤndet und zugleich erklaͤrt ward, daß es demſelben nach meinen Tode oder nach meiner Einkleidung als Nonne, ei⸗ genthuͤmlich zufallen ſolle. Da Religionsgrundſätze und innige Zuneigung fuͤr meinen Gemahl meinen Entſchluß, den Schleier zu verwerſen, unerſchuͤtterlich machten, ſo hegte die Aebtiſſin,— Gott vergebe mir, „ wenn ich ihr Unrecht thue,— das dringende Ver⸗ langen, ihre Beute durch Beſchleunigung meines To⸗ des zu ſichern. Es war ein kleines, armes Kloſter in den Gebir⸗ gen von Guadarrama. Einige unter den Nonnen waren Toͤchter der benachbarten Hidalgos, eben ſo Folz als arm und unwiſſend; Andere waren zur Straſe ihres laſterhaſten Lebens hier eingeſperrt. Die Superiorin war von vornehmer Familie⸗ welcher ſie ihre Stelle verdankte; man ſagte, ſie habe in der Jugend durch ihre Auffuͤhrung ihre Verwandſchaft entehrt, und in ſpaͤtern Jahren ſey Herrſchſucht, Haͤr⸗ te und Grauſamkeit an die Stelle ihrer fruͤhern Sit⸗ tenloſigkeiten getreten. Schreckliche Leiden fugte mir dies Weilezu, und immer verfolgt mich gleich einem Geſpenſte in meinen naͤchtlichen Träumen ihr ſchwar⸗ zes, glasartiges Auge, ihre lange knoͤcherne— und ihre ſtrenge Miene. „Das Schickſal wollte nicht, daß ich Mutter⸗ freuden genießen ſollte. Ich war ſehr krank, und meine Wiederherſtellung langwierig und zweiſelhaft. Man reichte mir ungewoͤhnlich ſtarke Arzeneimittel, wenn es uͤberall Arzeneimittel waren. Dennoch er⸗ holte ich mich endlich, ganz gegen meine eigne, und aller meiner Umgebungen Erwartung. Als ich aber zum erſtenmal nach meiner Krankheit den Wieder⸗ ſchein meines Geſichts erblicte, glaubte ich einen 1 190 Geiſt zu ſehen. Ich war gewohnt, von Allen, ins⸗ beſondere von meinem Gatten uͤber meine bluͤhende Geſichtsfarbe Schmeicheleien zu hoͤren;— ſie war ganzlich verſchwunden, und was am ſeltſamſten iſt, nie iſt ſie wieder zuruͤckgekehrt. Ich habe bemerkt, daß die wenigen Menſchen, die mich jetzt fehen, mich als ein lebloſes Geſpenſt betrachten; ſo unvertilgbar war die Wirkung der ſchrecklichen Behandlung die man mir widerfahren ließ; Gott vergebe den Werkzeugen derſelben! Ich danke dem Himmel, daß ich dies mit eben ſo aufrichtigem Gemuͤthe ſagen kann, als ich um Vergebung meiner eigenen Suͤn⸗ den bete. Als ich in dieſem Zuſtande mein Kranken⸗ lager verlaſſen hatte, begannen meine Peinigerin⸗ nen, mich etwas gelinder zu behandeln,— vielleicht zum Mitleiden bewegt durch meine ſeltſame, geiſter⸗ bleiche Geſtalt,— die Zeugin meiner Leiden;— oder fuͤrchtend, daß die Sache die Aufmerkſamkeit des Biſchofs erregen moͤchte, den man naͤchſtens zur Klo⸗ ſterviſitation erwartete. Als ich eines Tages im Klo⸗ ſtergarten wandelte— eine Erlaubniß die mir erſt kuͤrzlich zu Theil geworden war,— ſprach ein alter mohriſcher Sclave, dem die Bearbeitung des kleinen Gartenſieckchens anvertraut war, als ich ihm vor⸗ uͤberging, mit gedaͤmpfter Stimme, indem er ſein runzliches Geſicht und ſeine abgelebte Geſtalt unaus⸗ geſett zur Erde gebeugt hielt, die Worte aus; am 19¹ Hinterpförtchen des Gartens iſt Jelängerjelieber.“ „Ich verſtand etwas von der ſinnbildlichen Blumen⸗ ſprache, die einſt unter den Mauren in Spanien zu großer Vollkommenheit gebracht war; allein wäre ich ihrer auch ganz unkundig geweſen, ſo hätte ich den⸗ noch jeden Wink, der auf Befreiung zu deuten ſchien ſchnell begriffen.“) So ſchnell als es mit der groͤß⸗ ten Vorſicht vereinbar war,— dennt die Aebtiſſin oder eine der Nonnen hätte mich vom Fenſter aus beobachten koͤnnen,— eilte ich ans Hinterpfoͤrtchen. Es war wie gewoͤhnlich feſt verſchloſſen; doch ein lei⸗ ſes Huſten ward von der andern Seite wiederholt⸗ und eine männliche Stimme,— o Himmel es war die meines Gatten!— ſagte in gedaͤmpftem Tone: weile hier keinen Augenblick; doch finde dich wenn heute die Veſperglocke ertoͤnt an dieſer Stelle wieder ein.“„Faſt außer mir vor Freuden zog ich mich zuruͤck, ich hatte weder das Recht noch die Erlaubniß der Veſper beizuwohnen, ſondern pflegte fruͤher, ſo lange die Nonnen im Chor waren, in meine Zelle eingeſchloſſen zu werden. Seit meiner Wiederherſtel⸗ lung geſchah dies nicht mehr, doch verbot man mir *) Noch faßlicher ſteut ſich dieſer Wink im Engliſchen, durch den ſchönen, aber unüberſetbaren Doppelſinn des Worts Heart's Ease dar, welches zugleich,„Hersſtärkung“ und„Jelängers ſelieher“ bezeichnet. d. i. 192 ————— ſtrenge, waͤhrend der Veſper meine Clauſe zu verlaſ⸗ ſen. Trotzend der meiner harrenden Strafe, ſchlich ich beim letzten Schall der Veſperglocke aus meiner Zelle, erreichte unbemerkt den Garten, eilte ans Hin⸗ terpfoͤrtchen, ſah es mit Entzuͤcken geoffnet, und lag im naͤchſten Augenblick in meines Gatten Armen. Er hatte noch einen andern Mann von edlem Anſtande bei ſich, beide waren verlarvt und bewaffnet. Ihre Pferde nebſt einem fuͤr mich beſtimmken geſattelten Handpferde wurden im nahen Dickicht bereit gehal⸗ ten, wo zwei andere verlarvte Reiter,— dem An⸗ ſchein riach Bediente,— unſer harrten. In weniger als zwei Minuten waren wir zu Roß und ritten auf rauhen Abwegen, wo einer der Bedienten den Weg⸗ weiſer zu machen ſchien, ſo ſchnell als moͤglich davon. „Das ſchnelle Reiten, und meine Aengßlichkeit in jenen gefahrvollen Momenten, raubten mir die Sprache, ſo daß ich meine Ueberraſchung und meine Freude nur in wenigen gebrochenen Worten auszu⸗ druͤcken vermochte. Dem naͤmlichen Grunde ſchrieb ich auch meines Gemahls Schweigen zu. Endlich hielten wir vor einer einſamen Huͤtte; die Reiter ſtie⸗ gen ab, und es half mir jemand vom Pferde; allein es war nicht mein Gemahl, der bei ſeinem Pferde be⸗ ſchaͤftigt ſchien, ſondern der ihn begleitende Reiter. „Geh in die Huͤtte,“ ſagte mein Gatte, wechs⸗ le mit Blitzesſchnelle deine Kleidung,— du findeſt 193 — jemanden der dir helſen wird; wnſ d. ic umge⸗ kleider haſt, muͤſſen wir weiter.“ „Beim Eintritt in die Hütte umfing mich die treue Monna Paula, die in der angſtvollſten Furcht hier meiner Ankunft viele Stunden geharrt hatte. Mit ihrer Huͤlfe warf ich ſchnell das verhaßte Kloſter⸗ gewand von mir, und vertauſchte es mit einem Reiſe⸗ kleide nach Engliſcher Form. Ich bemerkte, daß Monna Paula gleiche Kleidung trug. Käum war ich reiſeſertig, ſo beſtiegen wir unſere Roſſe, deren eines fuͤr Paulinen bereit war. Unterwegs ward mein Kloſtergewand, welches wir in der Eile um ei⸗ nen Stein gewickelt hatten, in einen Landſee gewor⸗ ſen, deſſen Ufer wir entlang ritten. Die beiden Rei⸗ ter machten den Vortrab, ihnen folgte ich mit meiner Begleiterin, und die Bedienken bildeten den Nach⸗ trab. Monna Paula bat mich wiederholt, auf dem Wege das ſtrengſte Schweigen zu bebbachten, da un⸗ ſer Leben vavon abhinge. Leicht ließ ich mich bewe⸗ gen) mich leidend zu vethalten; denn nachdem die erſte fieberiſche Aufregung der Lebensgeiſter,— die Virkung des Gefuͤhls der Befreiung und des Wieder⸗ ſehens des Geliebten,— voruͤber war, fͤhlte ich Ab⸗ ſpannung und Schwindel von ver raſchen Bewe⸗ gung; und kaum war ich noch fähig, mich im Sattel zu halten, als wir plötzlich(es war jetzt ganz finſter ge⸗ worden) einen ſehr hellen Schein vor uns erblickten“ I. 43 194 „Mein Gemahl hielt ſein Pferd an, und gab durch ein leiſes zweimaliges Pfeiſen ein Signal, wel⸗ ches aus einiger Fern e beantwortet ward. Der ganze Zug nioen Ha unter den Aeſten eines großen Korkbaumes, wo mein Mann nahe an mich heran⸗ ritt, und mir mit bebender Stimme die ich damals blos fuͤr die Wirkung der Furcht vor meiner Sicher⸗ heit hielt, mit kurzen Worten ſagte:„Wir muͤſſen uns jetzt trennen. Die Leute, denen ich dich anver⸗ traue, ſind Schleichhaͤndler, die dich blos als Eng⸗ länderin kennen und fuͤr einen hohen Lohn uͤbernom⸗ men haben, dich ſicher durch die Engpoͤſſe der Pyre⸗ näen nach St. Jean de Luͤz zu begleiten.“ „Und du begleiteſt uns nicht?“ ſragte ich mit dem Ausdrucke des hoͤchſten Schmerzes. „Es iſt unmoͤglich,“ erwiederte er;„dies wuͤr⸗ de uns alle zu Grunde richten. Laß dieſe Leutezu Zeiten hoͤren, daß du Engliſch ſprichſt, und laß dir nie merken, daß du verſtehſt, was ſie auf ſpaniſch ſa⸗ gen; dein Leben haͤngt davon ab; denn wenn ſie gleich durch Verletzung der ſpaniſchen Geſetze ihren Lebensunterhalt gewinnen, ſo wuͤrden ſie doch bei dem Gedanken zittern, die Geſetze der Kirche zu uͤber⸗ treten. Doch ich ſehe⸗ ſie kommen;— leb' wohl— leb' wohl.“ „Haſtig ſprach er S dieſe tt Worte Noch einen Moment ſtrebte ich, ihn mit ſchwacher —.—— Hand durch Ergreifung ſeines Mantels zuruͤckzu⸗ halten.“ „Aber ich darf mich doch darauf verlaſſen, dich zu St. Jean de Luͤz zu treffen.“ „Ja ja,“ antwortete er eben ſo haſtig,„in St. Jean de Lůz wirſt du deinen Beſchuͤtzer finden.“ „Dann entwand er ſeinen Mantel meiner Hand⸗ und entſchwand meinen Blicken im naͤchtlichen Dun⸗ kel. Jetzt nahte ſein Gefaͤhrte, mir die Hand kuͤſſend, welches ich im Drange dieſes verhaͤngnißvollen Au⸗ genblicks kaum bemerkle, und folgte, begleitet von ei⸗ nem der Diener, meinem Gatten.“ Hier floſſen Hermionens Thranen ſo unaufhalt⸗ ſam, daß ſie ihre Geſchichtserzahlung unterbrachen.— Dann fuhr ſie, etwas gefaßt, mit einer Entſchuldi⸗ gung gegen Margarethen fort: „Jeder Umſtand, der in jenen Momenten vor⸗ ging, wo mich noch eine taͤuſchende Hoffnung auf Gluͤckſeligkeit belebte, iſt meinem Gedaͤchtniſſe tief ein⸗ gepragt; Alles hingegen was ſich ſeitdem mit mir ereignete, ſtellt es mir oͤde und einformig wie eine Arabiſche Wuͤſte dar. Doch ich habe kein Recht, dir, liebe Marget, jetzt ſelbſt i im Innerſten durch Kummer bewegt, die nichtsſagenden Einzelnheiten meiner nutzloſen Erinnerungen aufzudringen.“ Auch Margarethens Augen ſchwammen in Lhri⸗ nenz war doch die Eyzählerin ihre leidende Wohlthaͤ⸗ 13* 196 rerinn, deren Geſchichte in mehrerer Hinſicht mit ihrer eignen Lage Aehnlichkeit hatte; gleichwohl verdient ſie Verzeihung, wenn ihr Auge, ſo ſehr ſie auch in Her⸗ mionen drang, ihre Erzählung fortzuſetzen, unwill⸗ ichrlich die Thuͤr ſuchte, mit einem Blicke, der uͤber Paulinens Zogerung zu zuͤrnen ſchien. Hermione gewahrte und vergab den Kampf die⸗ ſer Gemüthsbewegüngen; und auch ſie verdient Ver⸗ zechung, wenn die Ausführlichkeit ihrer Geſchichtser⸗ zählung zeigte, daß der Drang, ihren ſo lang im Innerſten des Herzens verſchloſſenen Gefuͤhlen, Luſt zů machen, ſie zu ſehr die Empfindungen vergeſſen ließ, die, wie ſie vorausſetzen konnte, die ihrer Zuhörerin erfüllten. 1 „Ich ſagte dir,“ fuhr Hermidne ſn„daß ein Diener dem Begleiter meines Mannes folgte, 8 der andere blieb bei uns zuruͤck, wie es ſchien, in der bſcht, uns mit zwei Perſonen bekannt zu machen, welche das Signal meines Mannes herbeigefuͤhrt hatte. Nur wenige Worte wurden zwiſchen ihnen und vem Bedienten gewechſelt, und zwar in einem Pawis, welches ich nicht verſand. Hierauf faßte einer der Freinden mein Pferd, der andere das mei⸗ iet Geſellſchafterin am Zuͤgel, und ſo führten ſi ſie uns dem hellen Scheine entgegen, durch veſſen Anblich wie ich vir ſchon geſagt häbe, das Signäl meines Mannes vetalaßtibürde. Als ich Paulinen beruͤhrte, füͤhlte ic, 197 daß ſie heftig zitterte, welches mich, da ich ihre faſt maͤnnliche Characterfeſtigkeit kannke, ſehr beſremdete 2 „Bald erreichten wir ein hellloderndes Feuer, umgeben von zigeunerartigen Geſtalten, die durch ihre ſchwaͤrzlichen Geſi ſchtszůge, ihre großen niederge⸗ klappten Huͤte,— durch ihre Guͤrtel voll Piſtolen, Dolche und andere Apparate eines gefahrvollen Ne⸗ madenlebens, mir in jedem andern Augenblic Schrecken eingefloͤßt haben wuͤrden; damals aber hatte ich fur nichts Sinn; als fuͤr den Schmerz⸗ mich von einem geliebten Gatten, faſt in dem Augenblice meiner Erloͤſung zu trennen. Die weiblichen Mit⸗ glieder der Schleichhaͤndler Bande, vier oder fuͤf an der Zahl, empfingen uns mit rohen Hoflichkeits⸗ bezeugungen. An Tracht und Manieren waren ſie von ihren männlichen Gefährten nicht ſehr verſchie⸗ den: Gleich ihnen waren ſie bewaffnet, kuͤhn und keine Gefahr ſcheuend, und wie wir nachher zu bemerken Gelegenheit hatten, faſt eben ſo geuͤbt im Gebrauch ihrer Waffen als die Männer.“ „Gleichwohl gaben uns dieſe Leute, trotz ihres geſetzloſen Lebens und ihres wilden Aeußern, keinen Grund, uns uͤber ſie zu beklagen; ſie benutzten viel⸗ mehr jede Gelegenheit, ſich mit zuvorkommender Ge⸗ ſölligkeit in unſte Beduͤrfniſſe zu ſchicken, wenn wir ſiee gleich unter einander uͤber unſre Verweichlichung murren hoͤrten,— gleich plumpen Frachtfuͤhrern, 198 die, beauftragt mit einem Transport koſtbarer und zerbrechlicher Waaren, alle moͤgliche Vorſichtsmaßre⸗ geln anwenden, ſie unbeſchdigt zu erhalten, waͤh⸗ rend ſie die dadurch verurſachte ungewohnte Muͤhe verwuͤnſchen. Ein paarmal„als ihnen ihr Schleich⸗ yandel mißglůckte, einige Waaren im Gefecht mit ſpa⸗ niſchen Accisbeamten verloren gingen und ſie endlich gar von einem Militairdetaſchement verfolgt wurden, nahmen die Aeußerungen ihrer Unzuftiedenheit uͤber uns in meinen und meiner Begleiterin erſchrockenen Ohren, einen weit beunruhigenderen Ton an, ohne daß wir uns merken laſſen durften, daß wir ſie ver⸗ ſtaͤnden. Wir hoͤrten ſie naͤmlich„die inſulariſchen Ketzerinnen“ verfluchen, um derentwillen Gott, der heilige Johannes und die heilige Jungfrau ihre Hoff⸗ nung auf Gewinn vereitelt haͤtten.“—„Dies ſind furchtbare Erinnerungen, liebe Marget!“ „Aber warum, beſte Lady, verweilt ihr denn bei ihnen,“ fragte Margarethe? „Es geſchieht blos daraum,“ erwiederte Her⸗ mione,„weil ich gleich dem Verbrecher auf dem Wege zum Blutgeruͤſt, zoͤgere, um den Augenblick zu verſchieben, der mich zur unvermeidlichen Cata⸗ ſrophe fuͤhren muß. Ja, liebe Marget, gern ver⸗ weile ich bei den Vorfällen jener Reiſe, ſo ermuͤdend und gefahrvoll ſie auch war,— durch wilde, gebir⸗ gige Einsden und in Geſellſchaft roher, geſesloſer — Menſchen, die ſiets der erbarmungsloſeſien Vergel⸗ tung von Seiten derer⸗ mit denen ſie unaufhörlich kämpften; ausgeſetzt waren⸗— Trotz dem Allen, ſage ich, verweile ich lieber bei dieſen gefahrvollen Creigniſſen, als bei der Erzählung deſſen, was mei⸗ ner in St. Jean de Lüz harrte.“ Aber ihr kamt doch glucklich dort an?“ fragte Morgarethe. 1 „Ja mein Kind,“ verſetzte Hermione;„der Führer unſter geſetzloſen Bande geleitete uns, in das fuͤr unſre Aufnahme beſtimmte Haus, und zwar⸗ mit der nämlichen Sorgfalt, womit er einen Ballen un⸗ verzollter Waaren an einen ſeiner Correſpondenten abgelieſert haben wuͤrde. Man ſagte mir bei meiner Ankunft: ſchon ſeit zwei Tagen erwarte mich ein Herr von Stande, ich ſtuͤrzte in ſein gimmer, erwar⸗ tend, meinen Gatten zu umarmen⸗ und— ſand mich in den Armen ſeines Freundes!“ „Der Schaͤndliche!“ rief Marget, deren eigne Beſorgniſſe durch Hermionens Erzahlung unwillkuͤhr⸗ lich auf einen Augenblick gehemmt waren⸗ „Ja,“ verſetzte Hermione ruhig, aber mit be⸗ bender Stimme,„ſo verdient er mit vollem Rechte k genannt zu werden. Er, fur den ich Alles aufgeop⸗ ſert hatte,— deſſen Liebe, deſſen Andenken mit während meines Aufenthalts im Kloſter theurer wa⸗ ren, als meine Freiheit,— theurer als mein Leben, 200 auf meiner gefahrvollen Reiſe,— dieſer Mann hatte Maßregeln getroffen, ſich meiner zu entledigen und mich gleich einem privilegirten Freudenmaͤdchen den Haͤnden eines Wolluͤſtlings,— ſeines Freundes zu uͤberliefern. Anfangs lachte der Fremde meiner Thraͤ⸗ nen und meiner Verzweiflung, als der krampfhaften Leidenſchaft eines getaͤuſchten und uͤberliſteten leicht⸗ ſertigen Weibes, oder als der verſchmitzten Ziererei einer Buhlſchweſter. Meine Anſpruͤche auf die Rechte eine Gattin verlachte er, mit der Verſi icherung; er wiſſe, daß die eheliche Einſegnung ein bloßes Poſſenſpiel geweſen ſey, der ſein Freund ſich nur auf mein drin⸗ gendes Verlangen und um ſich einigen Anſchein von Zartgefuͤhl zu geben, unterworſen habe. Zugleich aͤußerte er ſein Beftemden, daß ich eine Ceremonie, die weder in Spanien noch in England gältig ſey⸗ je aus einem andern Geſichtspuncte habe betrachten koͤnnen; ja er trieb ſeinen Hohn ſo weit, daß er, um meine Bedenklichkeiten zu heben, ſich erbot, eine ähn⸗ liche Verbindung mit mir einzugehen. Auf meinen Ruf erſchien zu meinem Beiſtande Monna Paula, die in der Naͤhe geblieben war, weil ſie eine ſolche Scene einigermaßen geahnet hatte. „Himmel!“ rief Margarethe,„war ſie die Vertraute eures verworfenen Gatten?“ „Nein,“ erwiederte Hermione,„ſey nicht ſo ungerecht, ſie deſſen fahig zu halten. Ihren aus⸗ 201 dauernden Forſchungen verdanke ich die Entdeckung des Orts meiner Gefangenſchaft, ſe ſette meinen Mann davon in Kenntniß, und ſchon damals bemerkte ſie, daß dieſe Nachricht weniger ihn als ſei⸗ nem Freund erfreute, ſo daß ſi ie fruͤh ſchon argwohnte, es ſey die Abſicht des Clenden, meiner los zu werden. Auf der Reiſe beſttigte ſich ihr Argwohn. Sie hoͤrte, daß er ſeinem Gefohrten die gaͤnzliche umwandlung bemerklich machte, welche meine Gefangenſchaft und Krankheit in meiner Geſi chtsfarbe verurſacht habe, worauf ſie jenen erwiedern hoͤrte: ein wenig ſpaniſ che Schminke könne dieſem Mangel abhelfen. Dieſe und andete Umſtände hatten daher Paulinen auf den Verrath vorbereitet; weshalb ſie auch ſo ſchnell und voͤllig gefaßt zu meiner Huͤlfe herbeieilte. Ihre ruhi⸗ gen Gegenvorſtellungen machten groͤßeren Eindruck auf den Fremden, als meine verzweiflungsvollen Klagen. Glaubte er auch nicht Alles, was wir ihm ſagten, ſo ſpielte er wenigſtens die Rolle eines Man⸗ nes von Ehre, der ſich wehrloſen Frauen nicht mit Gewalt aufdringen wollte, was auch immer ihr wahrer Character ſeyn mochte. Er hörte auf, uns ſiets durch ſeine Gegenwart zu beläſtigen, gab Pau⸗ linen Anleitung zu unſerer Reiſe nach Paris und verſah uns mit dem noͤthigen Gelde. Aus dieſer Hauptſtadt ſchrieb ich an Meiſter Heriot als meines Vaters vertrauteſten Correſpondenten. Nach Empſang 2b2 meines Schreibens kam er ungeſäumt nach Paris und— aber hier kommt Monna Paula, und bringt mehr Geld als du verlangteſt. Nimm es, liebes Mädchen, und wenn du willſt, ſo hilf dem jungen Manne. Aber, Wargareibe, erwarte Dank⸗ barkeit!“ Mit dieſen Worten nahm Hermione den Beutel mit Gold ihrer Geſellſchafterin ab und gab ihn ihrer zungen Freundin, die ſich ihr in die Arme warf, ihre blaſſen Wangen kußte, auf denen der durch ihre Er⸗ zählung neuerweckte Kummer einen Thränenßrom hervorgelockt hatte, raffte ſich ſchnell auf und verließ⸗ nachdem ſie ſich die Augen getrocknet hatte, mit ra⸗ ſchem, entſchloſenem Schritte die von St. Zehntes Kapitel. ——— Wir ſehen uns genoͤthigt, die Leſer in die Woh⸗ nung Benjamin Sudvlechvps, des Gemahls der chätigen und wirkſamen Dame Urſula zu verſetzen; — eines Mannes, der in ſeiner Perſon ebenfalls mehr als ein Berufsgeſchaͤft vereinigte. Denn außer der Kunſt, das Haupthaar und den Bart zu kraäu⸗ ſeln, auch Zwickelbäͤrte in martialiſch ſolzirende oder — nach der Sitte der Civilperſonen in herabhaͤngende Formen zu bilden,— außer der Kunſt, durch Schröpfköpfe oder durch die Lanzette Blut zu laſſen⸗ oder einen Zahnſtumpf auszuziehen und andere zur niederen Wundarzneikunſt gehoͤrige Geſchaͤfte eben ſowohl zu verrichten als ſein Nachbar, der Apotheker Raredrench, konnte er, wenn es die Gelegenheit gab⸗ eben ſo gut einen Spund aus einem Faſſe Bier, als einen Zahn ausziehen, eben ſo gewandt einen Oxhofd Wein, als eine Ader abzapfen und die durch ſeine Kunſt aufgeſtutzten Zwickelbärte durch einen Trunk guten Bieres benetzen. Doch trieb er dieſe Gewerbe ſorgfaͤltig von einander abgeſondert. Seine Barbierſtube ward bezeichnet durch einen langen, geheimnißvollen Barbierſchild, vielfarbig bemahlt, um durch die Mannigſaltigkeit der Farben die Bander darzuſtellen, welche in älteren Zeiten die⸗ ſen weit in die Fleetſtraße voruͤberhangenden Schild zierten. Im Fenſter waren Zähne, gleich Roſen⸗ kraͤnzen auf Schnuͤre gereiht, zu ſchauen, nebſt Scha⸗ len, auf deren Boden ein rother, an Farbe dem Blute ähnelnder Lumpen lag als Zeichen, daß man hier zur Ader gelaſſen, geſchropft und mit Blaſen⸗ pflaſtern verſehen werden, auch„den noͤthigen Rath und Beiſtand“ erhalten koͤnne, wie es in einem kur⸗ zen Anſchlag hieß, der zugleich die minder ehrenvol⸗ len Operationen am Haupt⸗ und Barthaar in ge⸗ drängter Kuͤrze darlegte. Innerhalb des Zimmers ſtand ein ſehr abgenutzter lederner Lehnſtuhl fuͤr Kunden; auch hing dort eine Guitarre, damals eine Cither genannt, womit ſie ſich die Zeit vertrieben waͤhrend ſich ihre Vorgänger unter Benjamins Haͤnden befanden, die mithin nicht ſelten ſich ſinnbildlich die Ohren, und zugleich buchſtablich den Bart kratzen ließen. Kurz, Alles, was zu dieſem Berufszweige Benjamins ge⸗ hoͤrte, verkuͤndigte den wundaͤrztlichen Bartkuͤnſtler oder den bartkratzenden Wundarzt. Doch gab es noch ein kleines Hinterſtuͤbchen, deſſen er ſich als geheimer Trinkſtube bediente, und wohin ein abgeſonderter, ſinſterer und gekruͤmmter Durchgang fuhrte, der mit der Fleetſtraße mittelſt eines Umweges durch verſchiedene Nebengäßchen und Hoͤfe Gemeinſchaft hatte. Dieſer verſteckte Bacchus⸗ tempel hatte gleichfalls Verbindungen mit Benja⸗ mins oͤffentlichem Trinkladen durch einen langen, engen Eingang, der in eine geheime Kammer fuͤhrte, wo einige alte Becherhelden ihren Morgentrunk, und mehrere Zechbruͤder ihre Quantitaͤt Brantwein ver⸗ ſtohlen zu ſich zu nehmen pflegten, nachdem ſie zuvor unter dem Vorwande, ſich den Bart abnehmen zu laſſen, die Barbierſtube beſucht hatten. Ueberdies bildete dieſes dunkle Zechſtuͤbchen den Eingang zu den Zimmern der Dame Urſula, von denen ſie, wie man ſagte, im Laufe ihrer vielfältigen Geſchaͤfte Ge⸗ 205 ——— prauch machte, um ihre Kunden verſtohlen herein und heraus zu laſſen. Nach zwoͤlf Uhr Mittags⸗ wenn die verſtohlnen Zecher, welche Benjamins beſie Kunden waren, jeder ſein Maͤschen gehabt hatte, war das Schenkgeſchft mehrentheils geendet, und das Amt des Thuͤrſtehers an der Hinterthuͤr ging dann von einem der Barbierlehrlinge auf das kleine Mu⸗ lattenmäͤdchen, die ſchwärzliche Iris der Dame Sudd⸗ lechopp uͤber. Dann folgte eine geheimnißvolle Zu⸗ ſammenkunſt auf die andere; verhuͤllte Liebhaber und verlarvte, auf mancherlei weiſe verkleidete Damen, ſchlichen durch den dunklen Gang; und ſelbſt das kleine Zechſtuͤbchen an der Thuͤr, welches nicht ſelten die Wochſamkeit der kleinen Kreolin heiſchte, hatte noch eine andre geheimnißvolle Beſtimmung. „Es war am Abend des naͤmlichen Tages, an welchem Marget die lange Conferenz mit Lady Her⸗ mionen gehalten hatte, als urſula ihre kleine Thuͤr⸗ ſteherin beorderte, die Thuͤr ſo feſt verſchloſſen zu yalten, als der Geizhals ſeinen Geldbeutel, und ſo lieb ihr ihre ſchwaͤrzliche Haut ſey⸗ niemanden her⸗ ein zu laſſen, als—“ den Namen fliſterte ſie ihr ins Ohr. Daos kleine Geſchoͤpf gab kopfnickend zu erkennen, daß ſie den Befehl ganz gefaßt haͤtte, ſtellte ſich an ihren Poſten, und nicht lange währte es, ſo ließ ſie zur Hinterthuͤr den nämlichen jungen Bir⸗ gersmann herein, den wir oben unter den Gaſten in 206 Beaujeu's Hauſe dadurch bemerklich machten, daß er ſich in ſeinen ſchoͤnen Kleidern etwas linkiſch benahm, und bei Nigels erſtem Beſuche in jenem Hauſe, den prahlenden Krieger als Ehrenretter der City ſo herz⸗ haft herausforderte und ſo tapſer bekaͤmpfte.„Miſtreß, der ſchoͤne junge Gentleman, ganz in Sammet mit Gold gekleidet, verlangt zu euch hereingelaſſen zu werden,“ ſo meldete das Mulattenmaͤdchen den Antmmling bei ihrer Gebieterin, murmelte aber bei ſich ſelbſt, indem ſie die Thuͤr wieder zuſchloß: das mag mir ein ſchoͤner Gentleman ſeyn; iſt er doch nichts weiter als der Lehrburſche des Mannes der die Ticktack's macht.“ Und in der That,— mit Be⸗ dauern muͤſſen wir es ſagen, in der Hoffnung, die Leſer werden mitfuͤhlend unſer Intereſſe fuͤr dieſe An⸗ gelegenheit theilen,— es war wirklich der ehrliche Jenkin Vinzent, den ſein guter Engel ſo weit ver⸗ laſſen hatte, daß er ſich zu Zeiten auf die von der ſchwärzlichen Iris bemerklich gemachte Weiſe verklei⸗ dete und in der Tracht eines eleganten Herrn nach der damaligen Mode, jene Vergnuͤgungsorte beſuchte, in denen er ſich in der Tracht ſeines wahren Standes⸗ falls ſeine Zulaſſung in vieſer Geſtalt auch denkbar geweſen waͤre, nie hätte ſehen laſſen duͤrfen, ohne bei ſeinen Standesgenoſſen, waͤre es ihnen zu Ohren gekommen auf immer ſeinen guten Ruf zu verlieren. Eine dunkle Wolke umſchwebte jetzt ſeine Stirnz 207 ſeine reiche, haſtig übergeworfene Kleidung, war ſchief zugeknoͤpft, ſein Degengehenk war verkehrt um⸗ geſchnallt, ſo daß der Degen anſiatt mit anmuthsvoller Nachläſſigkeit herab zu hängen⸗ unbeholſen an der Seite ſaß, und ſein ſchoͤn gearbeiteter vergoldeter Dolch gerade ſo im Guͤrtel ſteckte, als eines Fleiſchers Schlachtmeſſer im Gurt ſeiner blauen Schuͤrze. Per⸗ ſonen vom Stande hatten beiläufig geſagt, damals den Vortheil, von dem gemeinen Haufen beſſer un⸗ terſchieden zu ſeyn, als heutiges Tages; denn was nachmals die Reifroͤcke und ſpater die falſchen Huͤf⸗ ten den Hofdamen waren, das war in jenen Zeiten fur den Gentleman der Degen;— ein weſentlicher Artikel, der diejenigen, welche ungewohnt, ihn zu tragen, ſich abſichtlich damit herausputzten, nur laͤ⸗ cherlich machte. So gerieth Vinzents Raufdegen ihm unaufhoͤrlich zwiſchen die Beine, und als er zur Dame Urſula hereintretend, daruͤber ſtolperte, rief er unwillig:„Ei verdammt! das iſt ſchon das zweite⸗ mal, daß mir dies ereignet; ich glaube, der ver⸗ wuͤnſchte Lerchenſpies weiß, daß ich kein wahrer Gentleman bin, und thut es mir zum Poſſen.“ „Komm, komm mein ehrlicher Vinzent, komm mein guter Burſche,“ ſagte vie Dame in beſänfti⸗ gendem Tone,„kehre dich nicht an dieſe kleinen Un⸗ fälle, ein tuͤchtiger, freiſinniger Londoner Lehrbur⸗ ſche, wiegt alle feine Herren vom Hofe auf.“ 208 „Ich war ein tuͤchtiger, freiſinniger Londoner Lehrburſche, bevor ich euch kannte Dame Urſula,“ ſagte Vinzent;„was eute Rachſchſchlage aus mir gemacht haben, dafuͤr moͤgt ihr ſelbſt einen Namen erſinnen; denn wahrlich, ich ſchame daran zu denken.“ „Ei, ſteht es ſo mit dir?“ verſetzte die Da⸗ me,„nun dann weiß ich nur ein Mittel zu dei⸗ ner Heilung;“ und damit ging ſie an einen kleinen Eckſchrank von ausgeſchnitztem Täfelwerk, oͤffnete ihn mit einem Schluͤſſel, den ſie, nebſt einem halben Dutzend anderer, an einer ſilbernen Kette im Guͤrtel trug holte eine lange Korbflaſche nebſi zwei Roͤmern hervor, fuͤllte den einen ganz fuͤr ihren Gaſt, und den andern beſcheiden bis auf ein Drittel fuͤr ſich ſelbſt. „Hier iſt aͤchter Roſolis*), um die Grillen zu vertrei⸗ ben,“ ſagte ſie, dem jungen Manne den klaren⸗ oͤhlichten Trank darreichend. Aber wenn gleich Vinzent ſeinen Roͤmer unbe⸗ denklich in einem Zuge leerte, waͤhrend die Dame den ihrigen langſamer hinunter ſchluͤrfte, ſo ſchien doch der Sonnenthau nicht die erwartete Verbeſſerung ſeiner Laune hervorzubringen. Im Gegentheil er⸗ lärte er ch, indem er den großen ledernen B — . Solis, die et wueiooiſch⸗ win d vrrunpirten Worts Roſolis. 12 6 u. 209 —— ſtuhl einnahm, deſſen Urſula ſich Abends zur Entla⸗ ſtung von Sorgen zu bedienen pflegte,„fur den elendſten Hund im ganzen Stadtviertel.“ „Und warum das, du alberner Burſche,“ fragte Dame Sudvlechopp?„aber ſo gehls immer, Thoren und Kinder wiſſen es niemals zu erkennen, wenn es ihnen wohl geht. Giebt's doch keinen jun⸗ gen Mann im ganzen Paulsviertel, ſey es daß er in der flachen Kappe oder im Federhute herum wandle, der ſo viele freundliche Blicke, von dem Weihſen er⸗ halt, als du, wenn du, die Kappe auf einem Ohr, mit dem Knittel unterm Arme, die Fleetſtraße ent⸗ lang wandelſt. Du weißt recht gut⸗ daß ſie alle, von des Aldermanns Frau bis zu den Schneiders⸗ toͤchtern, nach dir ſchielen, wenn du voruͤbergehſt; und doch nennſt du dich einen elenden Hund! Und ich muß dir das alles immer wieder vorſagen, wie man einem ubellaunigen Kinde etwas vorſingt um es aufzuheitern!“ urſula's Schmeicheleien ſchienen gleiches Schick⸗ ſal mit ihrem Roſolis zu haben; ſie wurden nicht ohne Wohlſchmack von ihrem Gaſte verſchlungen, wirkten aber nicht als Linderungsmittel auf den ver⸗ ſtimmten Gemuͤthszuſtand des Juͤnglings ein. Mit einem Lächeln des Hohns, gemiſcht mit befriedigter Eitelkeit, welches jedoch ſehr bald einem finſtern Blicke auf Urſula weichen mußte, erwjeverte er: II. 14 61 210 „Freilich behandelt ihr mich wie ein Kind, in⸗ dem ihr mich immer die alte Leyer hoͤren laßt, wofuͤr ich nicht einen Pfifferling gebe.“ „Das heißt wohl ſo viel,“ verſetzte Urſula, „als daß du nichts darnach fraͤgſt ob du Allem ge⸗ föllſt, wenn du nicht den Beifall der Auserwaͤhlten haſt. Du biſt, glaub' ich, ein treuer Liebhaber, und fraͤgſt nichts nach allen Weibſen in der City, von hier bis nach Whitechapel, wenn du nur in dem Herzen der ſchoͤnen Miß Ramſay den erſten Platz einnaͤh⸗ meſt.— Nur Geduld, mein guter Burſche; vertraue dich meiner Leitung; denn ich will der Ring ſeyn, der euch am Ende noch zuſammen verbindet.“ „Nun, dann wäre es auch Zeit damit,“ ver⸗ ſetzte Jenkin;„denn bis jetzt ſeyd ihr vielmehr der Spaltkeil zu unſrer Trennung geweſen.“ urſula hatte jetzt ihren Labetrunk ausgeſchluͤrft;— es war nicht der erſte, den ſie an jenem Tage zu ſich nahm, und wenn ſie gleich viel vertragen konnte, und wenigſtens eine umſichtige, wenn auch nicht ent⸗ hoaltſame Trinkerin war, ſo kann man dennoch vor⸗ ausſetzen, daß ihre Geduld durch die von ihr beobach⸗ tete Diaͤt eben nicht probeſeſt geworden war. „Wie? du abſcheulicher, undankbarer Menſch“ rief Dame Urſula⸗„habe ich nicht Alles gethan, um dich bei der Miß Marget in Gunſt zu ſetzen?— Sie hat eine Vorliebe fuͤr den Adel und fuͤr die ſiolzen 211 Schottiſchen Zieraffen, eben ſo wie der Italiäner fuͤr den Käſe; und ihres Vaters angebliche Abkunft von einem gewiſſen Herzog von Daldevil, oder wie ſie ihn ſonſt nennt, iſt eben ſo feſt in ihrem Herzen, als Gold in der Kiſte eines Geizhalſes verſchloſſen, ob⸗ gleich ſie ſelten davon ſpricht, ſie will Niemanden haben als einen Gentleman,— und einen Gentle⸗ man habe ich ja aus dir gemacht Iin Vin⸗ das ſelbſt der Teuſel nicht leugnen.“ „Einen Narren habt ihr aus mir gemacht:“ verſetzte Jenkin, mit einem Blick auf geſtick⸗ ten Aermel. „Darum biſt du kein ſchlechterer Gentleman,“ bemerkte Urſula lachend. „Und was das Schlimmſte iſt, fuͤgte Jenkin hinzu, indem er, ihr ploͤtzlich den Ruͤcken zukeh⸗ rend, ſich in ſeinem Lehnſtuhl mit dem Ausdruck des Schmerzes umwandte,„ihr habt einen Schurken aus mir gemacht.“ „Auch darum biſt du nicht minder ein Gentle⸗ man,“ erwiederte Urſula in dem naͤmlichen lachen⸗ den Tone;„wer heutiges Tages ſeine Thorheit durch Aufgewecktheit, und ſeine Schurkerei durch Unver⸗ ſwämtheit zu unterſtuͤtzen weiß, vor dem muͤſſen Ernſt und Ehrlichteit die Segel ſtreichen. Nur in Koͤnig Arthurs oder in Koͤnig Luds Tagen war man der W6 ein Gentleman ſeinen Wappenſchild 14* 212 durch einen kleinen Sprung uͤber die Grenzlinie der Vernunft oder der Ehrlichkeit beflecke. Ein kuͤhner Blick, Gewandtheit, ſchoͤne Kleider, Unbedenklich⸗ keit in Schwüren und toller Sinn machen heu⸗ tiges Dages einen Mann von Welt.“ „Ich weiß nicht, wozu ihr mich gemacht habt,“ verſetzte Jenkin, ſeit ich das Kegel⸗ und Steckenball⸗ ſpiel fuͤr Karten, gutes Engliſches Bier fuͤr ſchwachen Franz⸗ und ſauern Rheinwein, Rodſt⸗Beef und Pudding fuͤr Schnepſen und allerlei wunderliche Ge⸗ richte, meinen Prugel fuͤr einen Degen, meine Kappe für einen Caſtorhut, meine einfachen Betheurungen auf Treu und Glauben fuͤr modiſche Schwuͤre, meine Sparbuͤchſe fuͤr einen Wuͤrfelbecher, meine Religion für des Teufels Fruͤhmetten, und meinen ehrlichen Namen fuͤr— Weib! ich koͤnnte dir den Kopf zer⸗ ſchmettern, wenn ich bedenke, weſſen Rath mich zu dem Allen verleitete!“ „Weſſen Rath? nun, ſag' es rein heraus, du erbaͤrmlicher Schuhputzer, ſag' es nur, wer deine Rathgeberin war!“ erwiederte Urſula, zornig auf⸗ fahrend;„ei ſeht doch den erbaͤrmlichen Geſellen! Sag' es nur, auf weſſen Rath du einen Spieler und einen Dieb aus dir gemacht haſt. Sag' es, wenn du das Herz haſt!— Gott erloͤſe uns vom Ulebel,“ fuͤgte Urſula, ſich andaͤchtig bekreuzend, hinzu. 243 .„ „Hört, Frau Urſula Suddlechop„ rief plotz⸗ lich, aufſpringend Jenkin, deſſen ſchwarze Augen Zorn ſprühten;„vergeßt nicht daß ich nicht bin wie auer Benjamin;— und wär' ich es, ſo wuͤrdet ihr wohlthun, nicht zu vergeſſen, vor weſſen Thuͤrſchwelle pei der letzten Pantoffelprozeſſion gefegt ward⸗ und daß ihr dadurch als Haustyrannin gebrandmark? wurdet“*).* „Geh an den Galgen,“ rief Urſula, vor Zorn und ganz vergeſſend all ihre ſuͤßen Honie worte.„Das kann leicht ſo kommen,“ erwied Jenkin mit Bitterkeit,„wenn ich euern Rathſchlä⸗ N — *) unter der Benennung Skimmington war ehemals in Groſ⸗ prittannien zur Bezeichnung weiblicher Hausthranninnen ihrer 3 Ehemänner, wenn nämlich ihr Despotismus zu einer ſolchen Höhe ſtieg, daß er die Aufmerkfamkeit der Nachbarſchaft auf ſich zog, eine, im Hudibras(Th. II. zweiter, Geſang) aus⸗ führlich beſchriebener Triumphzug eingeführt⸗ Wenn die Pro⸗ zeſſion an einem Hauſe vorüber zog, wo nach dem allgemeineß Gerüchte die Frau das ausſchließliche Hausregiment führte, kehrten amtliche Begleiter des Zuges die Schwelle des Hauſes mit einem Beſen ab, wodurch ein Wink gegeben und als ſol⸗ cher angenommen ward, daß die Bewohner des Hauſes in Perſon die Wirkungen einer ähulichen Ovation verdienten. Der Sbimmington der, mit einer Procedur in Mumbo Jumbo, ei⸗ nem afrikaniſchen Dorfe, viele Aehnlichkeit hat, iſt ſchon ſ ranger Zeit in England außer Gebrauch gekommen, lich weil das Weiberregiment entweder milder oder worden iſt, als es unter unſern Voreltern war⸗ Anm. d. 214 gen fernerhin ſo folge, wie ich begonnen habe; aber bevor jener Tag herankommt, ſollt ihr erfahren, daß Iin Vin immer noch alle muntern Burſche von der Fleetſtraße zu Gebote hat.— Ja, Metze! Du ſollſt als Kupplerin und Hexe auf einem Karren ins Zucht⸗ haus geſchleppt, und auf dem Wege dahin aus jedem Hauſe zwiſchen Temple-Bar und der Paulskirche mit Kohlenſtaub beſchuͤttet werden, bis du ſo ſchwarz biſt, daß jedermann glaubt, du ſeyſt der Teufel. Dame Urſula ward roth wie ein welſcher Hahn⸗ Miene, ſie ihrem Gegner an den Kopf zu werfen; allein ploͤtzlich hemmte ſie gleichſam durch eine innere Anſtrengung den Ausdruck ihres Unwillens, machte einen legitimeren Gebrauch von der Korbflaſche und fuͤllte mit wunderbarer Faſſung die beiden Glaͤſer, deren eines ſie mit einem Laͤcheln, welches ihr bei ih⸗ ren einnehmenden Geſichtszuͤgen und ihrer belebten Miene beſſer ſtand, als der Furienblick, der es einen Augenblick vorher entflammte, Vincenten zutrank. trink ich dir aus vollem Herzen zu, ſo veraͤchtlich du mir auch eben begegneſt,— mir, die jederzeit als Mutter an dir gehandelt hat.“ „Jenkins ächtengliſche Gutherzigkeit konnte die⸗ ergriff eine halblevige Flaſche mit Roſolis und machte „Nun, du ſollſt leben, mein guter Burſche, das ſöhnungstrunk Beſcheid, und ſuchte ſeine Heſtigkeit —— luſt als Gewinn erwarten. Der ausharrende Spie⸗ ler fegt den Spieltiſch rein.“ 215 ——— zu rechtfertigen. „Ihr wißt,“ ſagte er, daß ihr diejenige waret die mich beredete, mir dieſe ſchoͤnen Sachen anzu⸗ ſchaffen, jenes ſchaͤndliche Speiſehaus zu beſuchen⸗ mich unter die Vornehmen zu miſchen, und euch al⸗ les, was dort vorfiel, zu berichten; ihr ſagtet: ich, der in unſerm Stadtviertel Hahn im Korbe ſey⸗ wuͤrde es auch bald auf dem Speiſehauſe ſeyn, und wuͤrde zehnmal mehr im Treſchak gewinnen, als ich im„beſten Bauern“ und„Schaafkopf“ zu gewin⸗ nen pflegte, und im Wuͤrfelſpiel eben ſo oft die klei⸗ nen Eilf als beim Kegeln alle Neune werfen, dann ſagtet ihr auch noch, ich ſollte euch aus dem Speiſe⸗ hauſe ſolche Nochrichten bringen⸗ die uns, wenn ihr ſie nach eurer Weiſe benutztet⸗ glucklich machen wur⸗ den;— und jetzt ſeht ihr, was bei dem Allen her⸗ ausgekommen iſt.“ „Das Alles iſt freilich wahr, mein guter Bur⸗ ſche,“ entgegnete die Dame;„aber du mußt Geduld haben. Rom iſt nicht in einem Tage gebaut; du kannſt dich eben ſo wenig in Monatsftiſt an deine hoͤſiſche Kleidung, als ehemals an die Vertauſchung deines Fluͤgelkleides gegen Wamms und Hoſen ge⸗ wöhnen; und im Spiel mußt du ebenſowohl Ver⸗ 516 216 —— „Diesmal hae, ſo viel weiß ich, der Spieltiſch mich geſegt, und zwar rein ausgeſes Und doch wollte ich, baß dies nur d immſte wäre; aber noch bin ich das Geld fuͤr allen dieſen Flitterſtaat ſchuldig. Der Tag kommt heran, wo ich meinem Meiſter von dem fuͤr ihn gehobenen Gelde Rechnung oblegen muß: was wird et ſagen, wenn er findet, daß an meiner Caſſe zwanzig Goldſtuͤcke fehlen! Er wird von meinem alten Vater Erſatz fordern, und ich,— kann dem Knuͤpfauf eine Muͤhe ſparen und ſelbſ ſein Amt an mir verrichten, oder nach nien auswandern.“ „Sprich nicht ſo laut, mein guter Burſche,“ er⸗ wiederte Urſula,„aber ſag mir, warum borgſt du nicht für den Ablieferungstag die ſehlende Summe von einem Freunde, der ſie einſtweilen aus ſeiner Caſſe nehmen, und wenn ſein Ablieferungstag her⸗ ankömmt, von dir zuruͤckerhalten könnte?“ „Nein, nein, ich bin dergleichen Umſätze muͤde,“ entgegnete Vincent.„Mein Camerad Tunſtall wuͤrde mir das Geld leihen, wenn er es hätte; aber der arme Junge wird von ſeinen vornehmen, bettelſtvl⸗ zen Verwandten rein ausgepluͤndert und immer rat⸗ zenkahl gehalten. Nein,— ich habe mich darein ergeben,— ich bin unwiderbringlich verloren.“ „Ei du verzagte Memme,“ verſetzte die Dame⸗ „Hoͤrteſt du niemals, daß, wenn die Noth am groß⸗ 6 27 ten iſt, die Huͤlfe nahet? So wird ſich auch fuͤr dich noch Huͤlſe ſinden, und viebeicht noch eher, als du glauben kannſt. Nie hätte ich dir zu dem Wege ge⸗ rathen, den du eingeſchlagen haſt⸗ hätteſt du nicht mit Herz und Sinnen an der ſchoͤnen Marget gehan⸗ gen, ohne von ihr laſſen zu wollen. Was konnte ich dir unter ſolchen Umſtaͤnden beſſeres rathen, als veine buͤrgerliche Barenhaut abzuwerſen und dein Gluͤck zu ſuchen, wo andere Menſchen es finden?“ „Ei, ich erinnere mich ſehr wohl eures Rathes,“ ſagte Jenkin;„ihr ließt mich hoffen, daß ich, ſobald ich ein vollkommen galanter Herr und reich wie ein König wäre, bei Mis Marget eingefuͤhrt werden und ſie dann mit freudigem Erſtaunen den armen Jenkin Vincent in mir wiederfinden wuͤrde, der von Mor⸗ gen bis zum Abend nach einem Blicke aus ihrem zingen haſchte. Und ſatt deſſen hat ſie jetzt ihr Herz an jenen verwuͤnſchten ſchottiſchen Finkenfalken ge⸗ hangen, der mir juͤngſt mein letztes Kopfſtuͤck abge⸗ wann. So bin ich alſo bankerott an Liebe, Ver⸗ mögen und Charakter, bevor noch meine Lehrjahre zu Ende ſind— und dies Alles kommt von euch, Mama Mitternacht!“ „Gieb mir keine Ekelnamen, guter Burſche,“ erwiederte Urſula in einem halb zornigen, halb ſchmei⸗ helnden Tone;„zwar bin ich keine Heilige ſondern ein armes, fündiges Weib, daß nicht mehr Geduld 218 hat, als ſie bedarf, um ihr aus tauſend Roͤthen zu helfen; aber wenn ich dir durch uͤblen Rath Schaden gethan habe, ſo will ich ihm abhelfen und dich durch gute Rathſchlaͤge auf den rechten Weg bringen. Zu⸗ voͤrderſt haſt du in dieſem gruͤnen Beutel eine Summe, die vollkommen hinreicht, am Abrechnungstage deine Caſſe vollzählig zu machen und dem alten Schneider Croßpatch will ich ſchon bedeuten, daß er dir eine geraume Friſt zur Bezahlung deiner Kleider läßt.“ „Mutter, ſprecht ihr im Ernſt?“ rief Jin Vin, der kaum ſeinen Augen und Ohren trauen konnte. „Freilich red' ich im Ernſt mein guter Bur⸗ ſche.— Nun? wirſt du mich noch Mama Mitter⸗ nacht nennen?“ „Nein,“ rief Jenkin, ſie vor Entzuͤcken umar⸗ mend, mit einem herzlichen, nicht unwillkommnen, lautſchallenden Schmatze auf ihre immer noch huͤb⸗ ſchen Wangen. „Mutter Mittag ſollſt du heißen,— du die mich aus meinen tieſſten Kuͤmmerniſſen ans Licht hervorgezogen hat,— eine Mutter, theurer mir, als diejenige die mich gebar; denn das arme Weib ſetzte mich nur in eine Welt voll Suͤnden und Leiden; aber eure zeitige Huͤlfe erloͤſte mich von Beiden.“ Bei dieſen Worten warf ſich der gutmuͤthige Burſche wieder in ſeinen Lehnſtuhl und trocknete ſich wit der Hand die Augen. 2¹9 „Non ſoll ich alſo nicht mehr als Haustyrannin gebrandmarkt oder mit Kohlenſtaub geſchwaͤrzt ins Zuchthaus gekarrt werden?“ fragte Urſula. „Lieber wollt' ich mich ſelbſt nach Tyburn karren laſſen,“ verſetzte der Reuige. „Nun wohlan denn! erhebe dich wie ein Mann⸗ trockne deine Augen, und wenn dir, was ich fur dich that, wohlgefüllt, ſo will ich dir ein Mittel zeigen, wie du mir vollkommen lohnen kannſi.“ „Wie?“ fragte Jenkin, ſich im Lehnſtuhl auf⸗ richtend,„ihr verlangt alſo, daß ich euch fuͤr dieſe eure Freundſchaft einen Dienſt leiſten ſoll?“ „Eifreilich verlange ich das,“ erwiederte Urſula, „denn du ſollſt wiſſen⸗ daß, obgleich ich ſchon froh genug bin, dir einen Freundſchaſtsdienſt geleiſtet zu haben, das Gold, was ich dir gab, nicht mein eigen war, ſondern es mir eingehändigt ward, um zur Er⸗ reichung eines gewiſſen Zwecks, einen vertrauten Agenten zu finden; alſo— aber was fehlt dir?— biſt du thoricht genug, es ubel zu nehmen, das man dir keine Goldboͤrſe fuͤr Nichts giebt? ich moͤchte wiſ⸗ ſen wo das geſchieht. Ich wenigſtens fand derglei⸗ chen nie auf meinem Wege liegen, das verſichere ich dir.“ „Nein, nein,“ verſetzte der arme Jenkin,„es iſt nicht deswegen; denn ſeht nur⸗ ich wollte lieber von meiner Haͤnde Abeit leben, und mir dieſe zehn Knochen bis auf die Gelenke abarbeiten, aber,“— hier ſchwieg er. „Nun was heißt das“ fiel Urſula ein?„Du biſt bereitwillig, fuͤr dasjenige, was dir mangelt, zu arbeiten, und wenn ich dir Gold biete, um es zu ver⸗ dienen, ſo ſiehſt du mich an, wie der Teufel aus der Hoͤlle.“ „Es iſt nicht gut vom Teufel reden Mutter,“ entgegnete Jenkin,„eben jetzt dachte ich an ihn; denn ſeht nur, ich ſtehe auf dem Punkte, wo er, wie man ſagt, ungluͤcklichen Geſchoͤpfen zu erſcheinen und ihnen Gold zu bieten pflegt, als Lohn der Entſagung auf ihr Seelenheil. Nun habe ich aber in den bei⸗ den letzten Tagen den Entſchluß geſaßt, lieber in Schanden und Suünden und Kummer ſtecken zu blei⸗ ben, wie wahrſcheinlich der Fall ſeyn wird, als auf meiner jetzigen uͤbeln Laufbahn fortzufahren, um mir aus meiner gegenwärtigen Noth zu helfen; und ſo nehmt euch in Acht, Urſula, mich nicht zur Aufgebung eines ſo guten Entſchluſſes in Verſuchung zu fuͤhren. 4 „Ich fuͤhre euch zu nichts in Verſuchung, junger antwortete Urſula;„und da ich ſehe, daß ihr zu eigenſinnig ſeyd, um klug zu ſeyn, ſo will ich meine Goldbörſe wieder einſtecken, und mich nach Je⸗ mand anders umſehen, der mein Geſchaͤft bereitwilli⸗ ger und dankbarer verrichten wird. Ihr mögt dann euren eignen Gang gehen, euren Lehrbrief verwirken, euren Vater ins Ungluͤck bringen, euren guten Ruf verliehren und der ſchoͤnen Mis Marget auf immer Lebe wohl ſagen.“ „Halt, halt!“ ſiel Jenkin ein;„dies Weib iſt ſo haſtig als ein Backer der ſeinen Oſen uͤberheizt hat, laßt mich doch erſt hoͤren, was ihr von mir verlangt.“ „Nichts weiter, als einen Gentleman von Rang und Vermoͤgen, der ſich in großer Verlegenheit befin⸗ det, insgeheim ſromabwuͤrts an die Hunde⸗Inſel oder in deren Umgebung zu bringen, wo er verſteckt bleiben kann, bis er Gelegenheit finbet ins Ausland zu entkommen. Ich weiß, du kennſt jedes Fleckchen am Strande ſo genau als der Teufel einen Wucherer, und ver Bettler den Ort, wo er ſeinen Hunger ſtil⸗ len kann.“ „Der Henker hohle eure Vergleichungen, Dame Urſula,“ verſetzte der Lehrburſche;„denn der Teuſel gab mir jene genaue Kunde, und der Bettelſtab kann das Ende davon ſeyn.— Aber was hat dieſer Gent⸗ leman gethan, daß er ſich verſtecken muß? Hoffentlich iſt er kein Papiſt, oder nicht etwa ein Verſchwörer wie 6 Catesby und Piercy, oder wie die Mitſchuldigen an der Pulververſchworung?“ „Pfui, Pfui! was denkſt du von mir?“ erwie derte Urſula,„ich bin eine eben ſo treue unhängerin der engliſchen Kirche, als unſers Pfarrers Frau, aus 222 oͤfterer als am Weihnachtstage das Gotteshaus zu beſuchen. Nein, hier iſt von keiner papiſtiſchen An⸗ gelegenheit die Rede. Dieſer Gentleman hat blos einem Andern in Park geſchlagen.“ „Was!“ ſiel Vincent erſchrocken, auffah⸗ rend ein. „Ey, ich ſehe, 6 erraͤthſt wen ich meine,— es iſt der Naͤmliche, von dem wir ſo oft ſprachen,— kein anderer als Lord Glenvarloch.“ Vincent ſprang von ſeinem Sitze auf und lief mit raſchen, aber ſchwankenden Schritten in der Stube hin und her. „Da haben wir's nun,“— fuhr Urſula fort,„im⸗ mer ſeyd ihr entweder Eis oder Schießpulver. Da ſitt ihr in eurem großen ledernen Armſtuhl ſo ruhig als eine Rakete am Geſtell eines Luſtſeuerwerkers, bis die Lunte angebrannt wird und dann huſch! ſeyd ihr im dritten Himmel ohne daß euch eine menſch⸗ liche Stimme, ein menſchliches Auge oder ein menſch⸗ 3 ſeyd⸗ in der Stube hin und her zu ſteigen, ſo laßt mich kunen Entſchluß wiſſen; denn die Sache iſt ilig.— Wollt ihr mir in iele Angelegenheit en oder nicht?“ „Nein, nein! und nein,“ erwie⸗ ſtanden, daß Margarethe ihn liebt?“ genommen daß noͤthige Geſchaͤfte mir nicht verſtatten, licher Verſtand erreichen kann. Wenn ihr es mude erte Jenkin,„habt ihr mir nicht zwanzigmal ge⸗ 223 „Ich habe euch geſagt, daß ſie glaubt, ihn zu lieben; daß dies aber nicht von langer Dauer ſeyn wird.“ „Und hab' ich euch nicht ſo eben erſt erz zählt, daß dieſer näͤmliche Glenvarloch mir im Speiſehauſe mei⸗ nen letzten Pfennig abnahm, und mich noch dazu zum Schurken machte, indem er mehr von mir ge⸗ wann, als mein eigen war?— Verflucht ſey das Gold, was mir an dem naͤmlichen Morgen der Kra⸗ mer Schortyard auf Abſchlag der Reparations⸗Ko⸗ ſten der Thurmuhr von St. Stephans fuͤr meinen Meiſter ausgezahlt hatte! Haͤtte ich es nicht zum Ungluck noch bei mir gehabt, ſo wuͤrde ich blos mei⸗ nen Geldbeutel bis auf den Grund geleert haben⸗ ohne meine Ehrlichkeit zu beflecken; ſo aber fand ich mich gedrungen, nachdem ich alles uͤbrige in dieſer Geſellſchaft verloren hatte, auch noch dieſe letzten fünf Goldſtuͤcke gegen jenen Erzſpieler zu wagen.“ „Das alles weiß ich,“ ſiel Urſula ein,„und ich geſtehe, daß, da Lord Glenvarloch der Letzte war, mit dem du ſpielteſt, du ein Recht haſt, ihn als die Veranlaſſung deines Mißgeſchicks zu betrachten. Ue⸗ bervies gebe ich zu, daß Marget ihn⸗ wie geſagt, zu deinem Nebenbuhler gemacht hat. Doch wahr⸗ lich! jetzt, da er in Gefahr iſt, ſeine Hand zu ver⸗ lieren, iſt's nicht der Augenblick, ſich an dies Mes zu erinnern.“ „Meiner Treu,“ verſetzte der junge Buͤrger, „ſie moͤgen meinetwegen auch ſeinen Kopf hinnehmen, denn durch Kopf und Hand hat er mich elend ge⸗ macht.“ „Waͤre es aber nicht beſſer, mein Prinz von der flachen Kappe,“ fuhr Urſula fort,, daß die Sache upter euch ausgeglichen wuͤrde, und zwar, durch die Vermittelung des nämlichen ſchottiſchen Lords, der dir, wie du ſagſt, dein Geld und deine Geliebte geraubt hat, und daß er dir in Kurzem beides wie⸗ der zuruckgäbe?“ „Und wie kann eure Weisheit euch einen ſolchen Vorſchlag eingeben?“ fragte der Lehrburſche;„was das Geld betrift, ſo laͤßt der Vorſchlag ſich begreifen, — das heißt, wenn ich euren Antrag annehme; aber wie es mir bei meiner ſchoͤnen Marget, Vor⸗ cheil bringen kann, wenn ich dieſen Lord, den ſie ſich unfinnigerweiſe in den Kopf geſetzt hat, 2 Dienſie leiſte, dabei ſteht mein Verſtand ſtille.“— „Das kommt daher,“ verſetzte Urſula,„daß du das Herz des Weibes nicht beſſer kennſt, als ein MNorfolker Gaͤnschen; ſieh nur, junger Mann; muͤßte ich Margarethen berichten, daß der junge Lord durch * deinen Mangel an Bereitwilligke it, ihm zu helfen, ins Ungluͤck gekommen wäre, ſo wuͤrdeſt du ihr auf immer verhaßt ſeyn. Sie wuͤrdé dich dann eben ſo ſehr verabſcheuen, als den Nachrichter, der dem Lord 225 Glenvarloch mit ſeinem Beil die Hand abhau't,— und ſie wuͤrde nur noch unerſchuͤtterlicher in ihrer Zuneigung fuͤr den Ungluͤcklichen werden. London wird dann wenigſtens drei Wochen lang, nur von ihm hoͤren und reden,— nur an ihn denken und dies Alles wird dazu dienen, ihm den erſten Platz in ihrem Herzen zu bewahren; denn nichts gefällt einem Madchen ſo ſehr, als mit einem Gegenſtande des all⸗ gemeinen Geſprachs der ganzen ſie umgebenden Welt in Verbindung zu ſtehen. Leidet der junge Lord die Strafe des Geſetzes, ſo iſt ſehr zu bezweifeln, ob ſie ihn jemals vergißt. Unter der Regierung Eliſabeths ſah ich den ſchönen jungen Babington hinrichten. Zwar war ich damals nur noch ein junges Maͤdchenz allein noch ein ganzes Jahr nachher konnte ich den liebenswuͤrdigen, ungluͤcklichen Gentleman nicht aus dem Kopfe bringen. Vor allen Dingen aber mußt du bedenken, daß Glenvarloch, mag er Verzeihung erhalten oder beſtraft werden, wohrſcheinlich in Lon⸗ don bleiben, und ſeine Gegenwart des albernen Mädchens unſinnige Leidenſchaft fuͤr ihn naͤhren wird⸗ — Entkommt er hingegen“— „Nun,“ ſiel Jenkin ein,„was kann mir das nuͤtzen?“ „Entkommt er,“ fuhr Urſula fort,„ſo muß er den Hof Jahrelang, wo nicht lebenslänglich mei⸗ 1l. 45 den; und du kennſt das alte Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn.“ „Wahr, ſehr wahr,“ ieſeci ſprochen wie ein Orakel, weiſe Urſula.“ „Ei ich wußte wohl, daß du ihr endlich Gerech⸗ rigkeit wiederfahren laſſen, und Vernunft annehmen wuͤrdeſt;“ erwiederte die verſchmitzte Dame. „Und wenn nun der junge Lord ſich fuͤr immer auf und davon gemacht hat, wer, ſag' mir, wird dann der ſchoͤnen Marget Vertrauter ſeyn, wer wird die Luͤcke in ihrem Herzen ausfuͤllen?— wer anders als du, Perle unter den Lehrburſchen? Dein iſt dann das Verdienſt, die eigne Leidenſchaft bezwun⸗ gen zu haben, um der ihrigen zu dienen; und dage⸗ gen iſt kein Frauenzimmer gefuͤhllos;— du wirſt dich ſogar einigen Gefahren zuttite um ihre Wuͤnſche in Erfuͤllung zu bringen,— und was iſt anziehender fir ein Weib, als Herzhoſtigkeit und Hingabe fur die Vollziehung ihres Willens? Du biſt dann in ihrem Geheimniß, haſt Anſpruch auf ihre Gunſt und Achtung, ſie muß Vertrauen in dich ſetzen und geheimen Verkehr mit dir unterhalten, bis ſie endlich mit einem Auge um den abweſenden Liehaber weint, den ſie nie wieder ſehen kann, und mit dem andern, dem anweſenden freundliche Blicke zuwirft. Wenn du dann dein Verhaͤltniß zu ihr nicht zu be⸗ nutzen weißt, ſo biſt du nicht der lebhafte ſeurige 227 Burſche, wofuͤr Jedermann dich hält.— Nun, hab ich die Wahrheit geredet?“ „Ihr habt geredet wie eine Kaiſerin, moͤchtige Urſula,“ erwiederte Jenkin;„und euer Wille ſoll geſchehen.“ „Du kennſt doch den Elſaß zie⸗ fragte ſeine Hofmeiſterin weiter. „Vollkommen,“ erwiederte er kopfnickendz;„ich habe dort in fruͤhern Zeiten die Wuͤrfel klappern hoͤ⸗ ren, bevor ich mich zum Gentleman ſtempeln, und mich unter die galanten Herren bei dem alten ſran⸗ zoͤſiſchen Ritter miſchen mußte,— deſſen Haus im Grunde eine aͤrgere, wenn gleich ſchoͤner geſchmuͤckte Gauner⸗Herberge iſt, als die Kneipen im Elſaß.“ „Und ohne Zweifel wird man dort Reſpett für dich haben?“ „Das mein ich,“ antwortete Vincent;„wenn ich nur erſt mein pluͤſchnes Wams wieder am Leibe und meinen Knittel unterm Arm habe, ſo kann ich ganz Elſaß eben ſo ſicher um Mitternacht, als die Fleetſtraße Mittags durchwandeln. Es wird dort nicht einmal Jemand gegen den Prinzen der Lehr⸗ burſchen und König der Knittel, Großprahlereien wagen; denn man weiß, daß ich ihnen alle tuchtige Burſche in meinem Stadtviertel auf dem Hals ſchicken koͤnnte.“ „Und du kennſt alle Kahnfuͤhrer und andere Leute dieſer Claſſe?“ „Ich kann mit jedem Bootfuͤhrer am ganzen Strande von Richmond bis nach Graveſend in ſeiner eignen Mundart ſprechen, und kenne alle Strand⸗ fahrer von John Taylor, dem Poeten, bis herab, zu dem kleinen zaͤhnefletſchenden Grigg⸗ der niemals ans Schiffziehen geht, ohne alle ſeine Zaͤhne von einem Ohr zum andern zu zeigen.“ „Kannſt du wohl in Kleidung und Panier einen Bootfuͤhrer, Fleiſcher oder Fußknecht und an⸗ dere ſolche Leute täuſchend nachahmen?“ fragte ur⸗ ſula weiter. „Niemand in der Stadt verſteht es beſſer als ich, ſich zu verkleiden und fremde Charaktere anzu⸗ nehmen, wovon auch ihr, Dame Urſula, ſchon Be⸗ weiſe gehabt habt; ich thue es darin ſogar den Schau⸗ ſpielern gleich, und kann Alles, nur keinen Gentle⸗ man vorſtellen. Helſt mir nur dieſen verwunſchten Flitterſtaat vom Leibe, in den mich, glaub ich, der Teufel geſteckt hat, und ihr mogt mir anziehen, was ihr wollt, ſo ſollt ihr ſehen, daß es mir als wär' ich drinn geboren.“ „Nun, wohl denn, wir wollen uns jetzt mit deinet Umwandlung beſchaͤftigen, und dir“ Kleidung und Geld verſchaffen; denn es wird viel koſten, die Sache gehoͤrig durchzuſetzen.“ * 229 —— „Aber woher wollt ihr das Geld nehmen? fragte Jenkin;„dieſe Frage moͤchte ich noch beant⸗ wortet hoben, bevor ich es anruhre.“ „Welche thörigte Frage! Nimm den F Fall an, daß ich bereit bin, es der eiungtn Miß zu Gefallen vorzuſchießen, was iſt denn Schlimmes daran 2 „Den Fall kann ich aber, nic t annehmen fiel Jenkin haſtig ein;„ich weiß, daß ihr, Urſula, kein Geld habt, um ſolche Vorſchuͤſſe zu chen; und haͤttet ihrs, ſo gäbt ihr's nicht dazu her; da laß' ich mir keinen blauen Dunſt vormachen. Da Geld kommt unſehlbar von Margorethen ſelbſt.“ „Nun, du argwoͤhniſches Geſchoͤpf, w waͤr's auch der Fall, was waͤre denn daran gelegen?“ entgeg⸗ nete Urſula. „Blos ſo viel,“ erwiederte Jenkin,„daß 3 dann ſogleich zu ihr ginge, und mich erkundigte, ob ſie auch rechtlicherweiſe zu ſo vielem baaren Gelde ge⸗ kommen wäre; denn ehe ich durch die Finger ſähe⸗ daß ſie es ſich auf unrechtem Wege verſchafſt haͤtte, woltte ich mich lieber ſogleich hängen. Was ich ſelbſt gethan habe, iſt ſchon ſchlimm genug;— die arme Marget ſoll ſich nicht auch in folche Schlechtigkeiten einlaſſen. Ich gehe zu ihr und warne ſie vor der Gefahr,— beim Himmel, das thu ich!“ „Du biſt wahnſinnig, einen ſolchen Einfall zu haben,“ erwiederte Urſula, nicht wenig beunruhigt; . 230 „hor' mich nur einen Augenblick an, ich weiß nicht genau, von wem ſie das Geld erhielt; davon aber bin ch glaubhaft unterrichtet, daß ſie es in ihres Pathen Hauſe empfing.“ „Wie? Meiſter Heriot iſt ja noch nicht aus Frankreich heimgekehrt,“ entgegnete Jenkin⸗ „Das iſt freilich wahr,“ bemerkte Urſula; „aber Tante Judith iſt daheim, und die fremde Lady, die man Meiſter Heriots Geiſt zu nennen pflegt, und die nie das Haus verlaͤßt.“ , Ihr habt Recht, Frau Urſula,“ verſetzte Jen⸗ kin,„und ich glaube, daß ihr richtig gerathen habt. Man ſagt, die fremde Lady hat auf ihren Wink Geld wie Heu, und wenn Marget ſich eine Hand voll Feengold verſchaffen kann, nun, dann darf ſie es nach Gefallen wegwerfen.“ „Ei, lieber Jenkin,“ ſagke die Dame mit im⸗ mer leiſerem Tone, auch uns ſollte es auf unſern Wink an Geld wie Heu nicht fehlen, koͤnnten wir nur das Rächſel der Geſchichte dieſer Dame loͤſen!“ „Loſe dies Räthſel, wer da will!“ meinte Jen⸗ kin;„ich bekuͤmmere mich nicht um Dinge, die mich nichts angehen. Meiſter Heriot iſt ein wuͤrdiger, braver Buͤrgersmann, der der Stadt London Ehre macht und das Recht hat, ſeine Haushaltung nach Gutduͤnken einzurichten.“ Es ging am vorletzten fnften November die Rede, daß der Jan Hagel gegen 234 ——— ihn aufgehetzt wäre, um ſein Haus anzugreifen, weil es hieße, er hielte in ſeiner Wohnung einen Nonnen⸗ convent, wie einſt die alte Lady Foljambe; allein Meiſter George iſt ſehr beliebt unter den Lehrburſchen, und wir brachten ſo viele derbe Burſche unter uns zuſammen, daß wir den Jan Hagel, haͤtte er ſich nur blicken laſſen, tuͤchtig zurecht gewieſen haben wuͤrden.“ „Nun, laß das bei Seite,“ fiel Urſula ein, „und ſag' mir, wie du es anfangen willſt, ein Paar Tage aus dem Laden abweſend zu ſeyn, denn du mußt bedenken, daß die Sache ſich nicht ſchneller zu Stande bringen laͤßt.“ „Ja, was das betrifft, ſo habe ich nicht das Herz, auf ſo lange Zeit die Schule zu ſchwaͤnzen, und den Meiſter um meine Zeit, ſo wie um ſein Geld zu prellen; denn immer habe ich meinen Dienſt pflicht⸗ mäßig wahrgenommen.“ „Ei, es iſt hier ja eben die Rede davon, dir Geld zu erwerben, damit du ihm das Seinige wie⸗ der erſtatten kannſt, was ſonſt ſchwerlich der Fall ſeyn wuͤrde. Koͤnnteſt du nicht unter dem Vorwande der Krankheit deines Oheims in Eſſer einen zwei bis dreitägigen Urlaub erbitten?“„Freilich,“ ſeufzte Jenkin,„muͤßte ich das ſchon thun; aber ſo viel weiß ich, daß ich mich zu ſolchen Schleifwegen nicht leicht wieder verleiten laſſen werde.“ „Nun, ſo ſpute dich,“ draͤngte ihn Urſula; „verſchaffe dir noch fuͤr den heutigen Abend Urlaub, und eile zu mir zuruͤck, damit ich dich auf andere Weiſe zweckmaͤßig ausſtaffiren kann.“— Ei, der Burſche iſt ganz verdutzt;— ſo renne doch nicht in dieſer Kleidung von dannen! Willſt du dich in die⸗ ſem Anputz in deines Meiſters Laden ſehen laſſen? In jenem Koͤmmerchen dort ſteht deine Kiſte mit dem Lehrlingsanzuge. Kleide dich ſo ſchnell als moͤg⸗ lich um.“ „Ich glaube wahrlich, ich bin behert, oder dieſe Narrentracht hat einen eben ſo großen Eſel aus mir gemacht, als aus vielen Andern, die ich ſie tra⸗ gen ſah; aber laßt ſie mich nur einmal vom Halſe haben;— ſeht ihr mich dann noch ein einzigesmal mit dieſem Trodel behangen, ſo geb' ich euch das Recht, mich einem Zigeuner zu verkaufen, um Le⸗ benslang Toͤpfe, Pfannen und Bettler-Bankerte herumzuſchleppen.“ Bei dieſen Worten zog er ſich zum Umkleiden zuruͤck. 28 33 —— Eilftes Kapitel. Wir verließen Nigeln, deſſen Schickſale wir ver⸗ moͤge der auf dem Titelblatt üͤbernommenen Ber⸗ vindlichkeit darzuſtellen uns anheiſchig gemacht ha⸗ ben, traurig und einſam in der Wohnung des Wu⸗ cherers Trapbois, und zwar in dem Augenblick, als er von ſeinem Freunde, dem Rechtsbefliſſenen von Templars⸗Inn anſtatt eines Beſuches eine Zuſchrift erhalten hatte, worin die Gruͤnde ſeiner Nichter⸗ ſcheinung angefuͤhrt wurden; ſo, daß ſein Verkehr mit den beſſeren und achtungswertheren Claſſen der buͤrgerlichen Geſellſchaſt gaͤnzlich abgeſchnitten zu ſehn ſchien;— ein Gedanke, der fuͤr einen ſtolzen, hochfinnigen jungen Mann, wie Nigel, eben ſo betruͤbend als heräbwuͤrdigend ſeyn mußte. Er ging an's Fenſter ſeines Zimmers und ſand die Straße eingehuͤllt in jenen dichten ſchwarz⸗gelben Nebel, der oft den unteren Theil von London und Weſtminſter bedeckt. In dieſer faſt mit Haͤnden zu greifenden Finſterniß ſah man Geſpenſtern gleich ein Paar Nachtſchwaͤrmer umherwandeln, die der Mor⸗ gen uͤberraſcht hatte, wo der Abend ſie ließ, und die jetzt mit ſchwankenden Schritten und vermoͤge eines Inſtincts, welchen der Rauſch nicht ganz 234 Fonnte, durch Umhertappen den Weg in ihre Woh⸗ nung ſuchten, um den Tag in Nacht zu verwandeln, und ihre geſßtrige Schwelgerei, wodurch die Nacht in Tag verwandelt war, auszuſchlafen. Schon war es heller Tag in andern Theilen der City; aber kaum tagte es im Pſeudo⸗Elſaß; und kein Ton, ver⸗ kuͤndigend Gewerbſleiß und Beſchäftigung, der laͤngſt ſchon die Schlummerden in allen andern Stadtvier⸗ teln aus der Ruhe geweckt hatte, ließ ſich vernehmen. Zu ermuͤdend und unangenehm war dieſer Anblick, um Nigeln am Fenſter zuruͤck zu halten; er verließ daher dieſen Standpunct und unterſuchte genauer das Innere ſeines Zimmers und deſſen Hausrath. Ein großer Theil deſelben war zu ſeiner Zeit koſtbar und von kunſtreicher Arbeit geweſen;— hier ſah man eine coloſſale, eichene, mit Schnitzwerk ver⸗ zierte Himmelbettſtelle, woran ſo viel Holz ver⸗ ſchwendet war, daß man heutiges Tages das Ver⸗ deck eines Kriegsſchiffes daraus machen konnte, und deren weite Tapetenbehaͤnge zu vollſtändigen Segeln hingereicht haben würden. Ein nicht minder coloſ⸗ ſaler Spiegel in einem Rahmen von vergoldetem Erz und von venetianiſcher Arbeit, der von betraͤchtlichem Werthe geweſen ſeyn mußte, bevor er den furchtba⸗ ren Riß erhalten hatte, der, von einem Winkel bis zum andern reichend, das naͤmliche Verhaͤltniß zur Oberflaͤche hatte, als der Nil zur Charte von Aegyp⸗ 7 ten. Die Stuͤhle waren von verſchiedener Form und Groͤße; einige waren ehemals mit Schnitzwerk ver⸗ ziert, andere verguldet und noch andere mit gebluͤm⸗ tem Leder oder mit geſticktem Zeug uͤberzogen, alle aber waren beſchaͤdigt und wurmſtichig. Auch war uͤber dem Kamin ein Gemaͤlde von der Suſanna und den beiden Aelteſten zu ſchauen, welches fuͤr ein auserleſenes Kunſtwerk hatte gelten koͤnnen, waͤren nicht die Ratzen mit der Naſe der keuſchen Schoͤne und mit dem Barte eines ihrer ehrwuͤrdigen Bewun⸗ derer gar unbarmherzig umgeſprungen. Kurz, Alles, was Rigel hier ſah, ſchienen Ge⸗ genſtände zu ſeyn⸗ zuſammengebracht durch Auspfän⸗ dungen, oder Ankaͤufe bei kleinen Winkeltrodlern, und im Zimmer als wie in einem Verkaufsſaale ohne Geſchmack und Paßlichkeit zuſammengerafft. Das Ganze ſchien Nigeln jenen Haͤuſern an der Seekuͤſte zu gleichen, die er nur zu oft mit der Beute geſtrandeter Schiffe, ſo wie dies wahrſcheinlich mit dem Nachlaß zu Grunde gerichteter Verſchwender, ausmeublirt fand.—„Auch mein Schiff iſt mitten in der Brandung,“ dachte Nigel;„doch wird mein Schiffbruch den Strandräubern wenig Nutzen bringen. 6 Am meiſten ward NRigels Aufmerkſamkeit ange⸗ zogen durch eine im Camin ſtehende Anzahl verroſte⸗ ter eiſernen Stangen, ruhend auf drei ehernen Fuͤßen⸗ 236 ——— in der Form von Löwenklauen; ein vierter, wie es ſchien zufaͤllig krumm gebogener, gab der Loͤwenklaue eine ſtolze, auſgehobene Form, als ob ſie im Begriff waͤre, fortzuſchreiten. Unwillkuhrlich lächelte Nigel⸗ als dieſe phantaſtiſche Idee ihm durch den Kopf ſuhr.—„Ich muß ihren Lauf hemmen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„denn der heutige Morgen iſt kalt und rauh genug, um einheizen zu laſſen.“ Von einem großen Treppenſtuhl mit einer ſtar⸗ ken eichnen Gallerie, die zu ſeinem und andern Zim⸗ mern des alten gerͤumigen Hauſes fuͤhrte, rief er herab, daß man das Camin heizen ſolle; da er jedoch auf mehreres Ruſen keine Antwort erhielt, ſo mußte er hinunter gehen, um Jemanden aufzuſuchen der ſeinen Befehl genuͤgen konnte. „Nigel hatte nach der Sitte der alten ſchottiſchen Welt, eine Erziehung erholten, die in den meiſten Stuͤcken, einfach, unverzoͤrtelt und prunklos ge⸗ nannt werden konnte; aber nichts deſtoweniger war er an große perſoͤnliche Ehrfurchtsbeweiſe, und an ſtete Bedienung durch eine oder mehrere Domeſiiken gewoͤhnt. Dies war allgemeine Sitte in Schottland, wo der Dienſtlohn kaum nennenswerth war, und wo ein Mann von Rang oder Einſluß ſo viele Be⸗ dienten als er nur wollte, fuͤr bloße Koſt und Klei⸗ dung haben konnte. Es verdroß ihn daher, als er —— ſich ohne Bedienung fand, und Niemand auf ſeinen Befehl achtete; zugleich aber zurnte er mit ſich ſelbſi⸗ daß er bei ſo vielen wichtigern Urſachen des Kum⸗ mers ſich vurch eine ſo große Kleinigkeit in uͤble Laune ſetzen ließ.„Und doch muͤſſen in einem ſo großen Hauſe, nothwendig Dienſtboten ſeyn,“ ſägte er bei ſich ſelbſt, indem er uͤber einen Platz ging, wohin ihn ein von der Gallerie abgehender Durchgang fuͤhrte. Auf dem Wege dahin verſuchte er den Eingang zu mehrern Zimmern, deren einige verſchloſſen und an⸗ dere ohne Hausrath waren; alle ſchienen unbewohnt⸗ ſo daß er endlich auf den Treppenſtuhl vor ſeinem Zimmer zuruͤckkehrte, mit dem Entſchluſſe, in den untern Theil des Gebaͤudes hinab zu gehen, wo er wenigſiens den alten Hausherrn und ſeine unſchoͤne Tochter zu finden glaubte. nit dieſem Vorſatze be⸗ trat er zuerſt ein kleines niedriges dunkles Sprach⸗ zimmer, enthaltend einen abgenutzten ledernen Lehn⸗ ſtuhl, vor demſelben einen eichnen Tiſch und darun⸗ ter ein paar Pantoffeln, rechts einen Kruͤckenſtab⸗ und auf dem Tiſche ein plumpes mit Eiſen beſchlage⸗ nes Schreibpult und ein ſchweres kupſfernes Dinten⸗ ſaß. Im Zimmer waren rund umher Schraͤnke, Repoſitorien und andre Einrichtungen, zur Aufbe⸗ gwahrung von Papieren; ein Schwert, eine Stand⸗ vuchſe und ein paar Piſtolen waren uͤber den Camin zur Schau ausgehangen⸗ als ſollten ſie andeuten⸗ — daß der Eigenthuͤmer bereit ſey, ſich ihrer zur Ver⸗ theidigung ſeiner Habe zu bedienen. „Dies muß die Hoͤhle des Wucherers ſeyn,“ dachte Nigel; und eben war er im Begriff, laut zu rufen, als er den Alten, geweckt durch das leiſeſte Ge⸗ raͤuſch,(denn ſelten hat der Geizhals einen geſun⸗ den Schlaf) im innern Zimmer mit zorniger Stimme die durch ſeinen Morgenhuſten noch zitternder ge⸗ macht wurde, ſprechen hoͤrte. „Wer iſt da? ich ſage, wer iſt da?— Martha wy biſt du, Martha Trapbois, hier ſind Diebe im Hauſe, Martha! Diebe! Diebe!“ Hier ward er von heftigerem Huſten unterbrochen. Nigel verſuchte vergebens, ſich zu erkennen zu geben; allein die Idee von Dieben hatte ganz von des alten Mannes Zirbeldruſe Beſitz genommen, und er fuhr mit Schelten und Huſten fort, bis die anmuths⸗ volle Martha hereintrat. Sie begann damit, ihren Vater zu uͤberſchreien, um ihn zu uͤberzeugen, daß keine Gefahr vorhanden ſey, und ihm zu verſichern, der Zudringliche ſey ihr neuer Miethsmann. Erſt nachdem der Alte mehrmals ausgerufen hatte:„Halt den Dieb! Halt ihn bis ich komme,“ gelang es ihr, ſeine Beſorgniſſe und ſein Schreien zu beſchwichtigen; worauf ſie Rigeln kalt und trocten fragte: was er in ihres Vaters Zimmer zu ſchaffen habe? † † 239 Ihr Miethsmann hatte immitteſt Muße gehabt⸗ ihr Aeußeres zu beaugenſcheinigen, deſſen Anblick keinesweges die bei Lichte am vergangenen Abend da von gefaßte Idee zu erhohen im Stande war. Sie trug einen ſteifen Kragen, und einen Reifrock, von der Form die man damals nach der Koͤnigin Maria von Schottland benannte; jedoch nicht ſo, wie dieſe beides wirklich zu tragen pflegte und wie ſie ge⸗ woͤhnlich abgebildet iſt; ſondern ihren Hals umſchloß ein ſteifer ſpaniſcher Kragen, der ihr widriges Haupt nur noch mehr emporhob. Dieſer altfraͤnkiſche An⸗ zug paßte ſich ſehr wohl zu der verwitterten Geſichts⸗ farbe, den grauen Augen, duͤnnen Lippen und der muͤrriſchen Miene der alten Jungſer, welches Alles eine noch wivrigere Wirkung that durch eine ſchwarze Kappe, deren ſie ſich als Kopfzeug bediente, und die mit großer Sorgfalt ſo aufgeſetzt war, daß ihr Haupt⸗ haar dem Anblick ganz entzogen ward,— vermuth⸗ lich deswegen, weil die Einfachheit der damoligen Zeiten noch nicht die Kunſt kannte, die Farbe, wo⸗ mit der Lauf der Jahre die Locken geſprenkelt hatte, umzuwandeln. Sie war von langer hagerer Geſtalt⸗ ihre Arme und Hände, waren nichts als Haut und Knochen, und ihre coloſſalen Fuͤße waren umſchloſſen von plumpen Schuhen mit hohen Abſätzen, welche die Ungeſtalt ihrer Figur noch ſieigerten. Wahrſcheinlich hatte die Kunſt des Schneiders einen kleinen Man⸗ 240 gel ihrer Formen, verurſacht durch die zufällige Er⸗ hoöhung einer Schulter uͤber die andere, verſteckt; aber die preiswuͤrdigen Anſtrengungen des talentvollen Handwerkers hatten nur die Wirkung gehabt, die Aufmerkſamkeit des Beobachters auf ſein wohlgemein⸗ tes Streben zu richten, ohne zu beweiſen, daß er im Stande geweſen ſey, den Zweck deſſelben vollſtändig zu erreichen. Dies war eine möglichſt treue Schilderung der Miß Martha Trapbois, deren trockene Frage:„was ſuchtet ihr in dieſem Zimmer Sir?“ Nigeln aufs neue mit gellendem Tone ins Ohr ſchallte, wäͤhrend er ihre Geſtalt ins Auge faßte und ſie bei ſich ſelbſt mit einer der verbleichten, häßlichen Figuren an den alten Teppichen, welche ſeine Bettſtelle ſchmuͤckten, verglich. Die Frage mußte indeß beantwortet wer⸗ den, und dies geſchah durch ſeine Erklärung, daß er gekommen ſey, um die Dienſtboten aufzuſuchen, weil er an dem kalten rauhen Morgen Heizung in ſeinem Zimmer verlange. „Die Frauensperſon, welche unſere kleinen Hausarbeiten verrichtet, kommt erſt Morgens acht uhr,“ antwortete Miß Martha;„verlangt ihr, frůͤ⸗ her Heizung, ſo findet ihr Reisbuͤndel und ein Faß Steinkohlen in dem Koͤmmerchen oben an der Treppe, und Stahl und Feuerſtein findet ihr oben auf einem Bret; da koͤnnt ihr euch ſelbſt Feuer anmachen, wenn ihr wollt.“ „Nein, nein Martha,“ ſiel der Alte ein, der im mittelſt ſeinen ſchmutzigen Schlaftock umgeworfen hatte und mit halb herabhaͤngenden Beinkleidern und unbeſchuhten Fuͤßen haſtig hereintrat,— vermuth⸗ lich noch erfuͤllt von dem Gedanken an Diebe, denn er hatte einen entbloßten Raufdegen in der Hand, der, ungeachtet ſein Glanz durch Roſt etwas verdunkelt war, ihm immer noch ein drohendes Anſehn gab. „Nein, nein, nein,“ rief er, und zwar ſo, daß jede Verneinung immer nachdruͤcklicher wurde als die vorhergehende.—„Dieſer Gentleman ſol ſch nicht die Muhe geben, Feuer anzumachen. Aus Ruͤck⸗ ſicht fur ihn will ich es ſelbſt thun.“ „Das Wort„Ruͤctſicht“ war ein Lieblingsaus⸗ druck des Alten, worauf er in vorkommenden Fällen einen beſondern Nachdruck legte, um ſich gegen alle nachtheilige Folgen garzu raſcher Dienſterbietungen ir⸗ gend einer Art zu bewahren, die, wenn ſie ſchnell an⸗ genommen werden, nicht ſelten dem Darbietenden Ur⸗ ſache geben, ſeine Bereitwilligkeit zu bereuen.“ „Schämt euch doch Vater,“ erwiederte Mar⸗ tha;„das ſoll nicht ſeyn. Hr. Graham wird ſich ſein Feuer ſelbſt anmachen, oder warten, bis die Aufwärterin kommt, um es fur ihn zu thun, wie es ihm gefaͤllt.“ II. 16 4 ——— „Nein, Kind, nein,“ wiederholte der alte Geizhals,„nie ſoll eine Aufwaͤrterin einen Kohlen⸗ roſt in meinem Hauſe anruͤhren; dieſe Menſchen le⸗ gen immer das Reisbuͤndel oben auß, ſo daß die Koh⸗ len nicht anbrennen, die Flamme in den Schornſtein geht und Feurung und Hitze weggeworfen iſt. Drum will ich ſelbſt dem Gentleman das Feuer zweckmäßig anmachen, und zwar aus„„Ruͤckſichten;““ ſo daß es den ganzen Tag heizen ſoll.“ Hier ward der Hu⸗ ſten des Alten ſo heftig, daß Nigel von ſeinen ferne⸗ ren Worten nur ſo viel verſtehen konnte, wie der Alte ſeiner Tochter empfahl, die Feuerzange und das Schuͤreiſen vom Kamin des Fremden wegzunehmen, und ihm zu verſichern, daß der Hauswirth, ſo oft es noͤthig waͤre, ſelbſt erſcheinen wuͤrde, um es wie⸗ der anzuſchuͤren, und zwar„aus Ruͤckſichten.“ „Martha kehrte ſich eben ſo wenig an des al⸗ ten Vaters Befehle, als eine tyranniſirende Haus⸗ frau an die ihres unterm Pantoffel ſtehenden Ehe⸗ mannes. Sie wiederholte blos in einem nachdruck⸗ licheren Tone:„ſchaͤmt euch Vater, ſchaͤmt euch!“ Dann wandte ſie ſich an ihren Miethsmann und ſagte in ihrer gewoͤhnlichen hoͤchſt widrigen Manier: es wird am Beſten ſeyn Sir, wenn ich gleich an⸗ fangs offenherzig gegen euch bin. Mein Vater iſt ein alter, ſehr alter Mann, und ſeine Verſtandes⸗ kraͤfte ſind, wie ihr bemerken werdet, etwas ge⸗ 243 ſchwaͤcht; obwohl ich ich euch eben nicht rathen wollte, einen Handel mit ihm abzuſchließen; denn in dieſem Falle wuͤrdet ihr ſie immer noch zu ſtark fuͤr die euri⸗ gen finden. Was mich betrifft, ſo bin ich ein einſam lebendes Frauenzimmer, und die Wahrheit zu ſagen, trage ich kein ſonderliches Verlangen, irgend Jeman⸗ den zu ſehen oder zu ſprechen. Wenn euch Haus⸗ raum, Obdach und Sicherheit genügt, ſo koͤnnt ihr ſie bei ur finden, welches nicht allenthalben in dieſem beklagenswerthen Stadtviertel der Fall iſt; wenn ihr aber ehrerbietige Aufmerkſamkeiten und Aufwartung verlangt, ſo muß ich euch ein fuͤr allemal erklaͤren, daß ihr ſie hier nicht findet.“ „Ich bin weder gewohnt, Miß, mich als Ge⸗ ſellſchafter aufzudringen, noch Jemandem unnoͤthige Muͤhe zu machen;“ verſetzte der Miethsmann,„doch bedarf ich einen Bedienten, der mir beim Ankleiden hilft;— vielleicht koͤnnt ihr mir einen empfehlen.“ „Zwanzig fuͤr einen,“ antwortete Miß Martha, „Menſchen, die euch die Geldboͤrſe ſtehlen, waͤhrend ſie euch die Halskrauſe ordnen und euch den Hals ab⸗ ſchneiden, waͤhrend ſie euch das Kopfkiſſen zurecht legen.“ ſelbſt will ſein Bedienter ſeyn,“ ſagte der Alte, deſſen Erkenntni ißvermoͤgen,— auf einen Au⸗ genblick abweſend,— jetzt den Sinn des Geſpraͤchs einigermaßen wieder auſſaßte.„ Ich will ſeinen 16* ⸗ Mantel ausburſten, ihm ſeinen Halskragen zubin⸗ den, ſeine Schuhe reinigen, und ſeine Beſtellungen ſicher und ſchnell ausrichten,— aus„„Ruͤckſich⸗ ten.““ Alle dieſe Dienſterbietungen wurden durch ein ſtetes Huſten unterbrochen, welches gegen die Mglichkeit ihrer Ausfuͤhrung einigen Zweifel er⸗ regte. Ich wuͤnſche euch guten Ne Sir,“ mit dieſen im Tone einer beſtimmten Entlaſſung ausge⸗ ſprochenen Worten brach Martha, gegen Nigeln ge⸗ wandt, das Geſpräch ab.„Es kann einer Tochter nicht angenehm ſehn,“ fugte ſie hinzu,„daß ein Fremder ihren Vater ſo ſprechen hoͤrt. Wenn ihr wirklich ein Genkleman ſeyd, ſo werdet ibr euch auf euer Zimmer zuruͤckziehen.“ „Das ſoll ſogleich geſchehen,“ erwiederte Nigel achtungsvoll; denn er fuͤhlte, daß die Umſtande die Rauhheit der alten Jungfer einigermaßen entſchul⸗ digten. Ich wollte euch nur noch fragen, ob es im Ernſt gefaͤhrlich ſeyn koͤnnte, in dieſem Stadtbezirk einen Bedienten anzunehmen?„Junger Gentleman,“ antwortete Martha,„ihr muͤßt ſehr wenig von Whitefriars wiſſen, um dieſe Frage zu thun. Wir leben allein in dieſem Hauſe, und ſelten hat ein Fremder es betreten. Auch euch wuͤrde dies, aufrich⸗ rig zu reden, nicht geſtattet worden ſeyn, haͤtte man meinen Willen dabei zu Rathe gezogen. Seht nur * 245 ——— die Hausthuͤr an, und ſagt, ob das Thor einer Fe⸗ ſtung ſorgfaͤltiger verſchloſſen ſeyn kann; die Fenſter des Erdgeſchoſſes ſind von Außen mit Gittern, und von Innen, wie ihr ſeht⸗ mit verriegelten Fenſterla⸗ den verſehen.“* Sie ſchob einen derſelben zur Seite und zeigte Nigeln einen ſchweren eiſernen Apparat von Bolzen unv Ketten zur Verriegelung der Fenſterladen, waäh⸗ — rend ihr Vater, ſie mit zitternder Hand am Rocke zupſend, ihr ins Ohr Kuſterte:„zeig' ihm nicht das Geheimniß, wie man ſie auf? und zuriegelt, Mar⸗ cha zeig es ihm nicht, ohne alle„„Ruͤckſicht.““ Martha fuhr, ohne ſich daran zu kehren, fort: „Und doch, Sir, ſind wir mehr als einmal nahe daran geweſen, alle dieſe Sicherungsmaßregeln zu ſchwach zu finden, um unſer Leben zu ſchuͤtzen; eine ſo üble Wirkung hat das ungluͤckliche Gerücht von meines armen Vaters Reichthum auf die ver⸗ derbte Menſchenclaſſe in unſerer Umgebung hervor⸗ gebracht.“ „Ei ſo ſchweig doch davon Martha,“ ſiel der Geizhals ein, deſſen Reisbarkeit ſchon durch Erwaͤh⸗ nung der bloßen Vermuthung ſeines Reichthums ge⸗ ſteigert ward;„ ſchweig davon oder du ſollſt meinen Kruckenſtock fuͤhlen, weil du Luͤgen verbreiteſt, die uns noch am Ende unſer Leben koſten werden. Ich bin nur ein armer Mann,“ fuhr er, zu Nigeln ge⸗ 246 wandt, ſort:„ein ſehr armer Mann, der bereitwil⸗ lig iſt, jedes ehrliche Geſchaͤft auf der Welt, fuͤr eine maäͤßige„„Beruͤckſichtig gung““ zu uͤbernehmen.“ „Ich warne euch Sir, ſeyd vorſichtig in eurer Lebensweiſe,“ ſiel Martha ein,„die arme Frauens⸗ perſon, die unſre kleinen haͤuslichen Geſchaͤfte ver⸗ richtet, wird euch, ſo weit es in ihren Kräften ſteht, auſwarten; aber der kluge Mann kann ſich ſelbſt am beſten bedienen und helſen.“ „Ihr gebt mir da eine Lehre, Miß, wofuͤr ich euch dankbar bin und die ich zu benutzen Piſen werde.“ „Daran werdet ihr wohl thun,“ verſetzte Mar⸗ tha;„und da ihr guten Rath annehmt, ſo will ich, obwohl ich kein Geſchft daraus mache, Andern zu rathen, euch noch mehr Rachſchlage geben. Macht mit Niemandem in Whitefriars eine vertraute Be⸗ kanntſchaft; borgt unter keiner Bedingung von Je⸗ mandem Geld, am wenigſten von meinem Vater. Denn wenn er gleich ein alter Faſelhans zu ſeyn ſcheint, ſo wird er euch doch uͤbers Ohr hauen. Mein letzter und beſter Rath iſt der: verweilt hier keinen Augenblick laͤnger, als die hochſte Noth erfordert. Lebt wohl, Sir.“ „Ein knorriger Baum kann auch 9 Fruͤchte tragen, und eine Perſon von rauhem Charakter gu⸗ ten Rath ertheilten,“ dachte Nigel, waͤhrend er auf 247 ——————— ſein Zimmer ging, wo die nämliche Bemerkung⸗. ſich ihm immerfort aufdrang, waͤhrend er, unfaͤhig, ſich mit dem Gedanken vertraut zu machen, ſein eig⸗ ner Einheizer zu werden, das Zimmer auf⸗ und ab⸗ ging, um ſich durch Bewegung zu erwärmen.“ „Endlich kam er mit ſeinen Ideen ins Reine, und zwar durch folgendes Selbſtgeſpräch,— ein Ausdruck womit ich,— ein fuͤr allemal ſey es be⸗ merkt,— nicht ſo viel ſagen will, daß Nigel mit ſei⸗ nen Sprachorganen buchſtäblich dieſe Worte vom Munde gab, ſondern daß ich es fuͤr zweckmäßig halte, dem lieben Leſer den Gemuͤthszuſtand meines Hel⸗ den, ſeine Betrachtungen und Entſchluͤſſe, lieber in der Form eines Selbſtgeſpraͤchs, als in der⸗ einer Geſchichtserzaͤhlung zu ſchildern. Mit andern Wor⸗ ten, ich habe ſeinen Gedanken Worte geliehen;— der Zweck aller Selbſigeſpraͤche, ſowohl auf der Buͤh⸗ ne, als im Zimmer, der zugleich der natuͤrlichſte, und vielleicht der einzige Weg iſt, dem Zuſchauer kund zu thun, was⸗ muthmaßlich im Innern der dar⸗ geſtellten Perſon vorgeht. In der Natur giebt es freilich keine ſolche Selbſtgeſpraͤche; allein waͤren ſie nicht als conventionelles Communicationsmittel zwi⸗ ſchen dem Dichter und dem Publicum angenommen⸗ ſo wuͤrden unſre Schauſpieldichter in die Nothwen⸗ digkeit verſetzt ſeyn Meiſter Puff's Methode nach⸗ zuahmen, der dem Lord Burleigh eine lange Folge⸗ 248 reihe politiſcher Vernunftſchluͤſſe ſeinen Zuhoͤrern durch ein einziges bedeutungsvolles Kopſſchuͤtteln zu erkennen geben läßt. Im geſchichtlichen Vortrage hat freilich der Schriftſteller ganz die Wahl, ob er er⸗ zählen will, daß ſeine Helden, ſo und nicht anders dachten, folgerten und ſchloſſen; allein das Selbſt⸗ geſpräch iſt ein deutlicheres und belebteres Mittel, dem Leſer davon in Kenntniß zu ſetzen. Es dachte alſo Nigel oder hätte doch denken koͤnnen: „Sie hat Recht und ihren Rath will ich be⸗ nutzen. Mein ganzes Leben lang habe ich diejenigen Dtenſtleiſtungen, welche die wahre Wuͤrde des Men⸗ ſchen nur von ſich ſelbſt heiſcht, nur von Andern er⸗ wartet. Ich ſchaͤme mich, daß die geringe Un⸗ bequemlichkeit, mich ſelbſt zu bedienen, mir durch lange Gewöhnung an ſremde Huͤlfe, ſo wichtig ge⸗ worden iſt; aber weit mehr noch ſchaͤme ich mich, daß die naͤmliche Gewohnheit, meine eignen Laſten An⸗ dern aufzubuͤrden, mich, ſeit meiner Ankunft in die⸗ ſer Stadt zum Opfer jener Vorfaͤlle, wovon ich kei⸗ nen ſelbſt veranlaßte,— zu einem nie handelnden Weſen, gemacht hat, worauf ſtets Andere einwirk⸗ ten;— beſchutzt von einem Freunde, betrogen von einem andern. Allein bei allen Vortheilen die mir der eine zu Wege brachte, und durch das Boͤſe, wel⸗ ches mir der andere zufuͤgte, gleiche ich jetzt einem von Stuͤrmen und Wogen ohne Steuer und Ruber 5 * 249 hulflos umhergetriebenen Fahrzeuge. Ich ward ein Hoſ⸗ mann, weil Heriot mir dazu rieth⸗— ein Spieler, durch Dalgarnos Hinterliſt,— ich ward ein foͤrmli⸗ ches Mitglied der verworſenen Fluͤchtlingsgenoſſen⸗ ſchaft in Whitefriars, weil Loweſtoffe darauf drang Alles Gute und Boſe, was mir widerfuhr, entſprang aus fremder, nicht aus eigner Einwirkung. Meines Vaters Sohn ſoll nicht länger dieſen unthätigen, kna⸗ benhaften Weg einſchlagen. Leben oder ſterben! ſin⸗ ken oder ſchwimmen! Nigel Olifaunt ſoll von die⸗ ſem Augenblick an Sicherheit, Gluͤck und Ehre ſeiner eigenen Thatkraft verdanken, oder ſinkt er, ſo ſoll ihm wenigſtens der Nachruf bleiben, daß ſein freier Wille die Urſachen ſeines Falls bereitete. Marthas eigene Worte will ich in meiner Schreibtafel außzeich⸗ nen:„„Ein weiſer Mann findet in ſich ſelbſt ſeine beſte Stuͤtze.““ Eben hatte er ſein Denkbuch wieder in die Ta⸗ ſche geſteckt, als die alte Aufwaͤrterin, die, dem An⸗ ſchein nach eben nicht zur Erhoͤhung ihrer Regſam⸗ keit, ſehr mit der Gicht behaftet war, ins Zimmer humpelte, um zu verſuchen/ ob ſie durch Bedienung des Fremden ein kleines Trinkgeld gewinnen koͤnne. Bereitwillig uͤbernahm ſie, aus dem benachbarten Speiſehauſe Nigeln ein Fruͤhſtuͤck zu holen, und brachte es ſchneller als er geglaubt hatte. Kaum hatte er ſein einſames Fruͤhmahl geendet, ſo ward ½ —— einer der Thuͤrſteher oder Hauptofſicianten von Tem⸗ plars⸗Inn bei ihm angemeldet, der Herrn Graham von ſeinem Freunde, Herrn Loweſtoffe, eine Botſchaft zu beſtellen wuͤnſchte, und von der alten Aufwarterin hereingefuͤhrt, Nigeln ein kleines Felleiſen mit den verlangten Kleidungsſtuͤcken nebſt einer Chatvulle, die er ſorgfaͤltig unterm Mantel verſteckt hielt, uͤber⸗ reichte.„Ich bin froh, der Chatoulle los zu ſeyn,“ ſagte der Bringer, ſie auf den Tiſch ſtellend. „Nun ſie kann doch eben nicht ſehr ſchwer ſeyn,“ erwiederte Nigel,„und ihr ſeyd ein handveſter jun⸗ ger Mann.“ „Glaubt mir Sir,“ erwiederte der Tempelbe⸗ wohner,„ſelbſt Simſon wuͤrde ein ſolches Ding nicht ſicher durch den Elſaß transportirt haben, haͤtte die wilde Bruderſchaft gewußt, was darin ſteckte. Ich bitte, nehmt alles in Augenſchein, und ſeht, ob auch etwas fehlt. Ich bin ein ehrlicher Mann und liefere es euch ab, wie ich es empfing. Wie lange es in der Folge in dieſem Zuſtande bleibt, wird auf eure eigne Sorgfalt ankommen. Ich will wenigſtens in keinem Falle uͤble Nachrede haben.“ Um den Bedenklichkeiten des Ueberbringers Ge⸗ nuge zu leiſten, oͤffnete Nigel in ſeiner Gegenwart die Chatoulle und ſah, daß ſein kleiner Geldvorrath nebſt zwei bis drei wichtigen Papieren, die er hier aufbewahrt hatte, worunter das Original des vom König zu ſeinen Gunſten erlaſſenen Zahlungsbeſehls, ſich in der nämlichen Ordnung befanden, worin er ſie gelaſſen hatte. Auf des Bringers fernere Bitte beviente ſich Nigel der in der Chatoulle enthaltenen Schreibmaterialien, um an Loweſtoffe einige Zeilen zu ſchreiben, worin er den richtigen Empfang ſeines Eigenthums beſcheinigte; welchem er nachmalige Danktſagungen fuͤr Loweſtoffes Dienſtleiſtungen bei⸗ fuͤgte. Eben als er das Billet ſiegelte und dem Bo⸗ ten einhundigte, trat ſein alter Hauswirth ins Zim⸗ mer. Seine abgetragene ſchwarze Kleidung war jetzt etwas ſorgfältiger geordnet, als das erſtemal, da Ni⸗ gel ihn ſah, und ſeine Nerven und Verſtandeskraͤfte ſchienen in einem weniger verwirrten Zuſtande zu ſeyn, als bei Nigels unwillkommenem Morgenbe⸗ ſuche in des Wucherers Zimmer; denn ohne vieles Huſten und ohne Bedenklichkeit lud er Nigeln zur Theilnahme an einem Morgentrunk, beſtehend aus einfachem, geſunden Bier, das er in einem großen Deckelkruge von gepreßtem Leder in der Rechten trug, während die Linke den Inhalt mit einem Rosmarin⸗ zweige umruͤhrte, um, wie er ſagte, dem Biere einen Wohlgeſchmack zu geben. Nigel lehnte das hoͤfliche Anerbieten ab, und zwar mit einer ſolchen Manier, daß ſein Wunſch, auf ſeinem Zimmer durch keine Zudringlichkeit beläſtigt zu werden deutlich daraus hervorging;— ein Ver⸗ 252 langen, zu deſſen Aeußerung er um ſo mehr berechtigt war, da man ihn bei ſeinem heutigen Streifzuge in den naͤheren Bereich ſeines Hauswirths ſo kalt em— pfangen hatte. Allein die offene Chatoulle enthielt Gegenſtaͤnde, die fur den alten Trapbois ſo anziehend waren, daß er gleich einem Huͤhnerhunde die vorge⸗ haltene Naſe empor hielt und die Rechte ausſtreckte, ſo wie die aufgehobene Vorderpfote und die dem Winde entgegen gehaltenen Naſenloͤcher eines guten Spuͤrhun⸗ des die Naͤhe des Wildes anzeigen. Nigel war im Begriff, den Zauber, der den alten Trapbois an ſeine Stelle feſſelte, durch Verſchließung der Chatoulle zu löſen, als ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand gelenkt wurde durch die Frage des Boten, ob er den Brief in Herrn Loweſtoffes Zimmern im Temple zuruͤcklaſſen oder ihn in das Gefaͤngniß des Marſchallgerichts abliefern ſolle? „Was hat denn dieſes Billet mit den Marſchall⸗ gefangniß zu thun?“ fragte Nigel. „Wie Sir?“ war die Antwort,„ihr wißt alſo nicht, daß der arme junge Mann eingeſperrt iſt, weil er ſich aus Gutherzigkeit an eines Andern Bruͤhe die Finger verbrannt hat?“ Raſch nahm Nigel ſeinen Brief wieder zurück, öffnete ihn, und fuͤgte dem Inhalt die dringende Bitte an ſeinen Freund hinzu, ihn augenblicklich die Ur⸗ ſache ſeiner Verhaftung wiſſen zu laſſen, mit der Ver⸗ 253 ſicherung, daß, wenn der Grund in ſeiner eignen un⸗ gluͤcklichen Angelegenheit laͤge, Loweſtoffs Gefangen⸗ ſchaft nur von kurzer Dauer ſeyn werde, da er MNigeh fruher ſchon, als er dieſe Nachricht erhalten, den ihn, wenn ſein Argwohn ſich bewahrheite, ohnehin jetzt vollends zur unerläßlichen Pflicht gewordenen Ent⸗ ſchluß ausfuͤhren werde, ſich ſelbſt der Obrigkeit zu uͤberliefern. Dies ſey der mannhafteſte und einzig angemeſſene Schritt, den ſein Misgeſchick und ſeine Unbeſonnenheit ihm uͤbrig gelaſſen habe. Er beſchwor daher ſeinen Freund, in dieſer Hinſicht ſich durch kein Zartgefuhl abhalten zu laſſen, fur ſeine eigne Be⸗ freiung zu ſorgen, da er ohnehin zu ſeiner Ausliefe⸗ rung, als zu einem Opfer⸗ welches er ſeinem Cha⸗ rakter ſchuldig zu ſeyn glaube, entſchloſſen ſey. Fer⸗ ner bat er ihn inſtaͤndig, ihm frei und offen die Art und Weiſe kund zu thun, wie die Sache am beſten ſich ſo einrichten ließe, um ihn, Loweſtoffen, aus der unangenehmen Lage zu reißen⸗ worin er, wie zu fürch⸗ ten ſtehe, nur durch edelmuͤthige, thätige Theilnahme an ſeinen Angelegenheiten verſetzt ſey. Zum Schluß fugte Nigel hinzu: er wolle noch vier und zwanzig Stunden nach Abſendung dieſes Schreibens auf fer⸗ nere Nachricht von ihm warten, nach deren Ablauf aber ſeinen Vorſatz ohne Weiteres in Ausfuͤhrung bringen. Dann haͤndigte er das Billet dem Boten wieder ein, und gab dem Erſuchen, es ungeſaͤumt in X 254 Loweſtoffes Haͤnde zu liefern, durch ein Stuͤck Geld noch groͤßeres Gewicht. „Fuͤr die Hälſte dieſer Verguͤtung,“ fiel der alte Wucherer ein,„will ich es ihm ſelbſt uͤberbrin⸗ gen. Doch der Empfaͤnger des Geldes, vernehmend dieſen Verſuch, ihm ſein Trinkgeld aus den Händen zu winden, verlor keine Zeit, es einzuſtecken, und entfernte ſich eiligſt, ſeinen Auftrag auszurichten. „Sir, ſteht noch etwas zu eurem Befehl?“ fragte Nigel, ſich in etwas ungeduldigem Tone zum alten Trapbois wendend. „Ich kam blos mich zu erkundigen wie ihr ge⸗ ſchlafen habt,“ antwortete der Alte,„und euch meine Dienſte anzubieten, wenn ich euch in irgend einer „„Ruͤckſicht““ nuͤtzlich ſeyn koͤnnte.“ „Ich danke euch Sir,“ erwiederte Nigel; be⸗ vor er aber noch mehr ſagen konnte, ließ ſich ein ſchwerer Fußtritt auf der Treppe horen,„Gott!“ rief der Alte, angſtvoll auffahrend,„Martha, De⸗ bora! ſchiebt die Riegel vor!— Ach Gott, die Haus⸗ thuͤr wird unverſchloſſen geblieben ſeyn.“ „In dem noͤmlichen Augenblick ward die Stu⸗ benthuͤr weit geoͤfnet, und herein ſchritt— die ſiatt⸗ liche Koͤrpermaſſe des Kriegshelden, den Nigel am vorhergehenden Abend im herzoglichen Pallaſt getrof⸗ fen und ſchon fruͤher irgendwo geſehen zu haben Flaubte. — 255⁵ Zwoölftes Kapitel. —— Der edle Capitain Colopepper oder Peppercull⸗ Ddenn unter dieſen beiden und noch einigen andern Namen war er bekannt,— hatte ein martialiſches, großprahleriſches Aeußere, welches in jenem Augen⸗ blick durch ein Pflaſter uͤber dem linken Auge und einem Theil der Wange noch erhoͤht ward. Die Aer⸗ mel ſeines Wamſes von geſchornem Sammet glaͤnz⸗ ten von Fettflecken, ſeine buͤffelledernen Handſchuhe hatten ungeheure, faſt bis an den Ellbogen reichende Stuͤlpen, in ſeiner Degenkoppel von demſelben Ma⸗ terial, reichend in der Breite von dem Huͤſtknochen bis an die Rippen, ſteckte an der einen Seite ſein unge⸗ heurer Pallaſch mit ſchwarzem Gefäß, an der andern ein Dolch von verhäͤltnißmaͤßiger Groͤße. Er begrußte Nigeln mit jener Unverſchaͤmtheit in Mienen und Haltung, welche verkuͤndigt, daß ſie ſich durch einen kalten Empfang keinesweges abſchrecken zu laſſen, entſchloſſen iſt; dann fragte er den alten Trapois, dem er mit dem vertrauten Namen Peter Pillory*) anredete, nach ſeinem Befinden, ergriff hierauf ohne umſtände das lederne Deckelgefüß und leerte es auf ²) Pilory, zu dentſch Schandpfahl. 256 einen Zug aufs Wohl des zuletzt Aufgenommenen und juͤngſten Freiſaſſen Alſatiens, des edlen, liebens⸗ wuͤrdigen Nigel Graham, bis auf den Grund aus. Nachdem er das geleerte Trinkgefaͤß hingeſetzt hatte und wieder zu Athem gekommen war, begann er den ſo eben in ſeinen Magen gefloſſenen Trank zu recenſiren.—„Nichts als einfaches Bier, alter Pil⸗ lory,— ein? Brauerei von einer Nußſchale voll Malz auf ein Stuͤckfaß voll Themſewaſſer,— ſo geiſtlos als eine Leiche,— beim Jupiter! es floß mir ziſchend und ſprudelnd wie kaltes Waſſer auf ein gluͤhendes Eiſen, die Gurgel hinab.— Ihr ver⸗ ließt uns geſtern ſehr zeitig, edler Graham, aber meiner Seel', wir hatten euch zu Ehren ein tuchtiges Saufgelag,— wir ſchieden nicht, bis wir den Bo⸗ den des Faſſes ſahen; wir waren beim Zechen unter einander ſo traulich wie Garnweber und zur Veran⸗ derung ſchlugen wir uns zum Schluſſe des Feſies. Der Prieſter hat mir hier noch einige Denkzeichen da⸗ von zuruͤck gelaſſen; dies hier ſollte vermuthlich eine Note zu einer ſeiner Predigten ſeyn, und war gegen mein Ohr gerichtet, verfehlte aber ihr erreichte mein linkes Auge. Doch, der tes tragt auch von mir ein Denkzeichen; endlich ſoͤhnte der Herzog uns wieder aus; es koſiete mich aber mehr Sect als ich tragen kann und allen noch uͤbrigen Rheinwein in den Kauf, um den heiligen 257 Mann zur Erneuerung des Bundes der Liebe und Verſohnung zu vermoͤgen. Aber bei dem allen iſt und bleibt er, das ſchwoͤr ich, ein niedertraͤchtiger alter Sclave, den ich nächſtens einmal aus ſeiner Teufelslivree herauspruͤgeln will, ſo daß er alle Re⸗ genbogenfarben an ſich tragen ſoll.— Baſta!— Hab ich recht/ alter Trapbois? Wo iſt deine Toch⸗ ter?— Was ſagt ſie zu meinem Heirathsantrage? — Er iſt ehrlich gemeint.— Willſt du einen Sol⸗ daten zum Schwiegerſohn haben/ alter Pillory? um vein diebiſches, ſilziges Blut mit Heldenblut zu ver⸗ miſchen, ſo wie man Brantwein unter truͤbes Bier miſcht?“ „Meine Tochter empfaͤngt ſo früͤh am Tage keine Geſellſchaft, mein lieber Capitain,“ entgegnete der Wucherer mit einem bedeutungsvollen Huſten. „Und warum nicht, Alter? Sie hat, duͤnkt mich, nicht viel Zeit zu verlieren, wenn ſie noch un⸗ ter die Haube will.“ „Capitain,“ ſagte Trapbois,„ich war eben im Begriff, mit unſerm edlen Freunde hier ein klei⸗ nes Geſchůft abzumachen.“— „Und ihr wollt mich gerne fort haben, nicht wahr?“ ſagte der Capitain.„Aber Geduld, alter pillorp, deine Stunde iſt noch nicht gekommen. Du ſiehſt,“ fuhr er auf die Chatulle deutend fort,„un⸗ ſer edler Freund hat noch Moſen und die Propheten.⸗ II. 17 * 25 —— * „Wovon ihr, Capitain, ihn ohne Zweifel gerne befreien moͤchtet,“ verſetzte der Wucherer; wenn ihr nur wuͤßtet, wie ihr's anſangen ſolltet; aber ihr ſeyd einer von denen, die da ausgehen Andere zu rupfen und unfehlbar gerupft heimkehren. Haͤtte ich mich nicht verſchworen, nie zu wetten, ſo wollte ich pariren, daß dieſer mein geehrter Miethsmann, wenn ihr euch mit ihm in irgend ein in guter Geſoll⸗ ſchaft uͤbliches Spiel 6 euch ratzenkahl nach Hauſe ſchickt.“ 2„Wie? du alter Kaninchenfaͤnger, du ſcheinſt mich hier formlich auf's Korn genommen zu haben,“ erſetzte der Capitain, indem er Paſch⸗Wuͤrfel aus den Aermel ſeines Wamſes hervorzog;„ich kann es nicht laſſen, die verwuͤnſchten Knochen immer bei mir zu haben, obgleich jedes Kind mir das Geld da⸗ mit abgewinnt, ſo daß meine Boͤrſe ſehr ſchwindſüch⸗ tig iſt; doch gleichviel drum, ſie vertreiben die Zeit ſo gut als irgend etwas anderes. Was ſagt ihr da⸗ von, Sir?“ Hier ſchwieg der Held eine Weile; allein ſelbſt der hohe Grad ſeiner Unverſchaͤmtheit vermochte nicht, dem kalten, verachtungsvollen Blicke zu widerſtehen, womit Nigel ſeinen Vorſchlag aufnahm.„Ich ſpiele nur da, wo ich meine Ge⸗ ſellſchaft kenne, und nie des Morgens;“ dies war das einzige, was er darauf antwortete.“ * 259 „Vielleicht ſind euch Karten angenehmer,“ verſetzte Capitain Colepepper;„und was den Um⸗ ſtand anlangt, daß ihr eure Geſellſchaft zu kennen wuͤnſcht, ſo kann der alte ehrliche Pillory euch bezeu⸗ gen, daß Jack Colopepper ein ſo ehrlicher Spieler iſt als einer, der jemals die Knochen regierte. Zwar hat man viererlei Arten von falſchen Wuͤrfeln, und vier Hauptarten, ſie zum Betruͤgen anzuwenden, hundert anderer Prellkuͤnſte nicht zu gedenken; aber ich will mich wie eine Speckſchnitte roͤſten laſſen⸗ wenn ich je eine von dieſen Kuͤnſten begreifen konnte.“ „Die Theorie derſelben ſcheint ihr wenigſtens ſtudirt zu haben;“ bemerkte Nigel in dem naͤmlichen kalten Tone.. „Ja auf Ehre, das hab' ich; auch ſ es dazu in der Stadt nicht an Gelegenheit.— Aber viel⸗ leicht habt ihr mehr Luſt zu einer Partie Federball oder Ballon; wir haben hier in der Nachbarſchaft einen ziemlich guten Raum fuͤr dieſe Spiele, auch fehlt es nicht an einer Anzahl gewandter und anſtaͤn⸗ diger Spielgenoſſen.“ „Ich bitte fuͤr jetzt um Entſchuldigung,“ erwie⸗ derte Nigel,„und aufrichtig zu ſagen, hoffe ich, un⸗ ter die Vorrechte, welche die Genoſſenſchaft, worin ich geſtern auſgenommen ward, mir eingeräumt hat, auch das zählen zu duͤrfen, in meinem Zimmer allein zu ſeyn, wenn es mir gefaͤllt.“ 260 „Euer ergebner Diener, Sir,“ verſetzte der „itainz„ich danke euch fuͤr eure Hoͤflichkeit,— L Colepepper kann Geſellſchaft genug finden und dringt ſich Niemandem auf. Aber vielleicht habt ihr Luſt zu einer Partie Kegel?“ „Auch daran finde ich keinen Gefallen.“ „Oder zu einem Wettkampf in Boͤten?“ „Nichts von dem Allen,“ antwortete Nigel. „Hier zupfte der Alte, der mit ſeinen kleinen durchdringenden Augen die beiden redenden Perſonen ſortwaͤhrend beobachtet hatte, den Capitain am Saume des Wamſes und fluſterte ihm ins Ohr: „macht ihm doch unſere Genoſſenſchaſt nicht zuwider; 3 ihr ſeht ja, nichts von dem Allen will anſchlagen, laßt das Fiſchchen noch ungeſtoͤrt im Waſſer ſpielen, es wird ſchon von ſelbſt in die Hoͤhe kommen und bald an den Angel beißen.“ Allein der Eiſenfreſſer, vertrauend ſeiner Kraſt, und irrig den ruhigen, verachtungsvollen Ton, wo⸗ mit Nigel ſeine Vorſchlaͤge aufnahm, fuͤr Furchtſam⸗ keit haltend, vor allen Dingen aber angeſpornt durch die offen ſtehende Chatoulle nahm einen lauteren und drohenderen Ton an. Er warf ſich in die Bruſt, zog die Augenbrauen zuſammen, und mit ſoldatiſchem, rauhen Blick fuhr er fort:„Im Elſaß muß Jeder⸗ mann geſellig ſeyn. Sapperment, Sir! Jedem, der gegen uns ehrliche Kerls die Naſe hoch tragen 261 —— wollte, wuͤrden wir ſie bis an den Knorpel auf⸗ ſchlitzen, und haͤtte ſie nie etwas anderes gerochen, als Moſchus, Ambra und hoͤſiſche Wohlgeruͤche.— Ich bin ein Soldat, und auf Ehre, ich ſchere mich eben ſo wenig um einen Lord, als um einen Lampen⸗ putzer.“ „Sucht ihr Haͤndel, Sir?“ fragte ruhig Nigel⸗ der in der That nicht Luſt hatte, ſich an einem ſol⸗ chen Orte und mit einem ſolchen Menſchen in einem wenig Ehre bringenden Kampf einzulaſſen · „Haͤndel, Sir?“ ſagte der Capitain,„ich ſuche ſie nicht, wenn ich gleich nichts varnach frage⸗ ſie zu finden. Ich wollte euch nur zu verſtehen geben/ daß ihr geſellig ſeyn müßt und das iſt Alles. Wie war's, wenn wir uns an dieſem ſchönen Morgen nach Paris⸗Garden übers Waſſer ſetzen ließen und einen Stier hetzen ſähen? Zum Henker! ſolltet ihr denn an Nichts Gefallen finden?“ „Mlerdings giebt es etwas, wozu ich mich in dieſem Augenblicke ſehr verſucht fuͤhle,“ lerwiederte „Und das wäre?“ fragte Colepepper mit An⸗ maßung in Ton und Haltung.„Laßt uns doch hoͤren, wozu ihr euch verſucht fuͤhlt?“ „Ich bin verſucht, euch über Hals und Kopf zum Fenſter hinaus zu werfen⸗ wofern ihr euch nicht 262 auf der Stelle, ſo ſchnell als moͤglich die Treppe hinab verfuͤgt.“ „Mich zum Fenſter hinaus zu werfen? 2— Hoͤll' und Teufel!“ rief der Capitain;„mich, der ſich bei Ofen zwanzig Tuͤrkenſäbeln einzig mit ſeinem Pal⸗ laſch entgegengeſtellt hat, von mir und einer Fenſter⸗ paſſade auch nur in einem Athem zu reden, will ſich ein ſo bettelhaftes, ſchottiſches Milchgeſicht von einem Lord unterſtehen? Geht aus dem Wege, alter Pillory, laßt mich ſchottiſche Kaͤlberſchnitte aus ihm machen! er iſt ſo gut als todt.“ „Ums Himmelswillen ihr Herren,“ rief der alte Geizhals, ſich zwiſchen ſie werfend,„keinen Friedensbruch, in keiner„„Ruͤckſicht.““„Mein edler Miethsmann, ſeyd nachſichtig gegen den Capi⸗ tain, er iſt ein wahrer Hector;— mein tapferer Hector verzeiht meinem Miethsmann, wahrſcheinlich wird er ſich tapfer zeigen wie Achill. Hier ward er von ſeinem Aſthma unterbrochen, fuhr aber nichts deſtoweniger fort, ſich zwiſchen Colepepper(der ſeinen Haudegen gezogen hatte, und vergebens verſuchte, ſich ſeinem Gegner zu naͤhern) und Nigeln, der ſei⸗ nen Degen ergriffen hatte und ihn ohne zu ziehen in der Linken hielt, ins Mittel zu ſtellen. „Mach' dieſen Narrenspoſſen ein Ende, du Schuft!“ rief Nigel,„hier koͤmmſt du an den Un⸗ mechten, mit deinen Fluͤchen und deiner aus dem 263 —— Becher geholten Herzhaftigkeit. Du ſcheinſt mich wohl zu kennen, und ich ſchme mich, daß auch ich mich envlich erinnert habe, wer du biſt; denk an die Kegelbahn hinter Beaujeu's Hauſe, du ſeige Memme, ⁰ wo dich funfzig Menſchen vor einem bloßen Degen in groͤßter Eile davon laufen ſahen. Geh' mir aus den Augen und mache mir nicht vie herabwuͤrdigende Muͤhe, einen ſo feigherzigen Schurken die Treppe hinunter zu pruͤgeln.“ Die Miene des Eiſenfreſſers verhuͤllte ſich in. naͤchtliches Dunkel bei dieſer unerwarteten Wiederer⸗ kennung, wogegen er ſich ohne Zweifel durch ſeine veränderte Tracht und durch ſein ſchwarzes Pflaſter geſichert glaubte, um ſo mehr, da er wußte, daß Nigel ihn nur einmal geſehen hatte. Zaͤhneknirſchend und mit geballten Händen, ſchien er einen Augenblick nach der nöthigen Herzhaftigkeit zu ſuchen, um auf ſeinen Gegner ſoszuſtuͤrzen, allein es fehlte ihm an Muth; er ſteckte das Schwert in die Scheide, wandte im tiefſem Schweigen, ſtinem Gegner den Ruͤk⸗ ken, und erſt in der Stubenthuͤr ſagte er ſich um⸗ wendend, mit einem ſchregtlichen Schwur:„Wenn ich mich nicht in wenig Tggen für dieſen Uebermuth räche, ſo ſoll mein Galgen, und meine Seele dem Teufel angehören.“ „ Mit dieſen Worten und einem Blicke voll Inn⸗ grimm und entſchloſſener Vosheit, die jedoch immer 264 noch der Furcht zu weichen ſchien, verließ er das Haus. Nigel folgte ihm bis an die Treppe, um ihn abſtehen zu ſehen, und begegnete auf der Gallerie der Miß Martha, herbeigefüͤhrt vom geraͤuſchvollen Streite. Nigel konnte ſich nicht enthalten, ihr voll WVerdruß uͤber dieſe Stene zu ſagen:„ich wuͤnſchte, Miß Martha, ihr könntet eurem Vater und ſeinen Freunden die Lehre einſchaͤrfen, die ihr die Guͤte hattet, mir am heutigen Morgen zu geben, und ſie vermoͤgen, mich auf meinem Zimmer unbelaſtigt zu laſſen. „Wenn ihr hieher gekommen ſeyd, um in nihi⸗ ger Zuruͤckgezogenheit zu leben,“ anwortete ſie,„ſo hat man euch einen ſchlechten Zufluchtsort angera⸗ then. Cher koͤnnte es euch gelingen, vor der Stern⸗ kammer Gnade, oder Frömmigkeit in der Höͤlle zu finden, als Ruhe in Whitefriars, allein das will ich euch verſprechen, mein Vater ſoll euch nicht lan⸗ ger läſtig fallen.“ Mit dieſen Worten hetrat ſie Nigels Zimmer⸗ und, zenhren die Chatulle, ſagte ſie mit Nach⸗ druck!„wenn ihr einen ſölchen Magnet zur Schau ſtelſt„ſo wird manches Me ürc zu Ryle pingezogen werden.“ Waͤhrend Nigel huſig di⸗ Chatulle verſchloß, wandte ſie ſich an ihren Vater, und warf ihm auf eine eben nicht ſehr ehrerbietige Weiſe, ſeinen umgang * 265 ———— mit dem feigherzigen, großprahleriſchen, ſpitzbuͤbiſchen Schuft, John Colepepper vor. „Nun, nun, Kind,“ verſetzte der Alte, mit ij ſchlauen Seitenblick, der vollkommne Selbſt⸗ zufriedenheit mit ſeiner uͤberwiegenden Gewandheit ausdruckte,„ich kenne ihn von innen und von außen⸗ aber ich will ihn ſchon fangen; ich kenne ſie Alle, aber ich verſtehe mich drauf, ſie meinem Willen zu lenken.“ „Ihr wollt ſie lenken Vater?“ fragte die ſtrenge Jungfrau;„ihr werdet die Sachen am Ende ſo zu lenken wiſſen, daß man euch nächſtens den Gar⸗ aus macht. Ihr koͤnnt jetzt nicht mehr wie ſonſt euren Gewinn und euer Gold vor ihnen verſtecken.“ „Meinen Gewinn,— mein Gold? Du ein⸗ ſältiges Geſchoͤpf⸗“ ſchalt der Wucherer,„Beides iſt nicht der Rede werth, unbedeutend muͤhſam er⸗ worben.“. „Alle dieſe Reden werden euch hinſort zu nichts helſen, Vater,“ erwiederte Martha,„und wuͤrden euch auch bis dahin nicht geholfen haben, haͤtte nicht der Eiſenfreſſer Colepepper einen wohlfeilern Weg zur Auspluͤnderung eures Haes erſonnen, nämlich die Bewerbung um meine gkeit.— Aber was hilſt mir's, ihm dies alles vorzureden,“ ſagte ſie, mit einer Miſchung von Mitleid und Verachtung die Achſeln zuckend.„Er hort und ſieht mich nicht.— 266 Iſt's nicht ſeltſam, daß die Sucht, Gold zu häufen, dauernder iſt, als die Sorgfalt, Gut und Leben zu bewahren?“ 6. „Miß Martha,“ ſiel Nigel ein, der ſich nicht enthalten konnte, den geſunden Menſchenverſtand den dieſe bedaurenswerthe Perſon bei aller ihrer Rauh⸗ heit und Haͤrte an den Tag legte, zu achten,„eu⸗ res Vaters Geiſteskraͤfte ſcheinen noch ſehr thaͤtig zu ſeyn, wenn er in ſeinem gewoͤhnlichen Beruf beſchaͤf⸗ tigt iſt, ich wundere mich doher, daß er die Eindring⸗ lichkeit eurer Vernunftſchlaͤſſe nicht fuͤhlt.“ „Die Natur macht ihn gefuͤhllos gegen Gefah⸗ ren und dieſe Gefuhlloſigkeit iſt das Beſte, was ich von ihm angenommen habe,“ ſagte ſie;„Das Al⸗ ter hat ihm Schlauheit genug uͤbrig gelaſſen, um ſei⸗ nen alten ſo lange betretenen Pfad fortzuwandeln und keinen neuen außzuſuchen. Ein altes blindes Pferd ſetzt in der Muͤhle lange noch ſeinen unaufhoͤrlichen Kreislauf fort, wenn es lungſt ſchon auf Sfn Vieſe geſtolpert ſeyn wuͤrde.“ „ohter, ſiel endlich der ut e i aus einem Traume, in dem er mithſelhſasſßligem kicherndem Hohnlachen her irgend eine gelungene Spitzbuberei„Thchter, geh in das Unterzimmer, ſieh genau nach der Thuͤr, ver⸗ riegle ſie mit Bolzen, und Ketten und laß Niemand herein, als unk hochgeehrten Miethsmann. Ich⸗ muß meinen 2 dantel umnehmen und zum Herzog Hildebrod gehen. Ach! es gab eine Zeit, wo meine eignen Befehle alleine galten; aber je tiefer man ſteht, je heſſer iſt man vor dem Sturme geſichert.“ Mit dieſen Worten verließ der Alte, wie ge⸗ woͤhnlich, huſtend und brummend, das Zimmer. Seine Tochter ſah' ihm mit der ihr eignen unzufried⸗ nen und bekuͤmmerten Miene einen Augenblick nach, bis Nigel das Schweigen durch die Bemerkung un⸗ terbrach: „Ihr ſolltet euren Vater, wenn ihr wirklich fur ſeine Sicherheit beſorgt ſeyd, bereden, dieſe ſchlechte Nachbarſchaft zu verlaſſen.“ „Er wird in keinem andern Stadtviertel ſicher ſeyn,“ ſagte die Tochter;„lieber wollt ich, der alte Mann waͤre todt, als oͤffentlich entehrt. In andern Stavtbezirken wuͤrde man ihn verfolgen und dem all⸗ gemeinen Spott preis geben gleich einer Eule die ſich in den Sonnenſchein wagt. Hier war er ſicher ſo ſo lange ſeine Kameraden ſeine Talente benutzen konnten; jetzt rupfen ſie ihn unaufhorlich unter aller⸗ lei Vorwänden. Sie betrachten ihn als ein geſtran⸗ detes Schiff aus welchem jeder eine Beute zu er⸗ ſchnappen ſucht; und nür der wechſelſeitige Neid, den ſie in Hinſicht ſeiner gegen einander hegen, weil ſie ihn als gemeinſchaftliches Eigenthum anſehen, ſchutzt ihn vor verwegeneren Angriffen Einzelner.“ 2683 „Dennoch glaub' ich, ſolltet ihr dieſen Ort verlaſſen,“ verſetzte Nigel;„denn wenigſtens könn⸗ tet ihr doch in einer entfernteren Gegend einen chern Zufluchtsort finden.“ „Ohne Zweifel meint ihr Scoilila, ſagte ſie, ihn mit ſcharfem argwoͤhniſchen Blicke betrach⸗ tend,„um Fremde mit unſerm geretteten Vermoͤgen zu bereichern. Nicht wahr junger Mann?“ „Kenntet ihr mich beſſer, Miß Martha, ſo wuͤrdet ihr mich mit dem in euren Worten liegenden Argwohn verſchonen.“ „Wer iſt mir Buͤrge, daß ich euren Warten trauen darf?“ fragte Martha, ihre Worte ſcharf be⸗ tonend. „Man ſagt, ihr ſeyd ein Zaͤnker und Spieler; und ich weiß, wie wenig Ungluͤckliche ſolchen Leuten vertrauen duͤrfen.“ „Beim Himmel! ihr thut mir“ ent⸗ gegnete Nigel. „Das mag ſeyn;“ verſetzte Martha;„ich ite wenig Intereſſe an dem Grade eurer Laſter oder Thor⸗ heiten; aber ſo viel iſt klar, das Eines oder das An⸗ dere euch hieher gebracht hak, und daß ihr nur dann Ruhe, Sicherheit und Gluͤck hoffen duͤrft, wenn ihr ſo ſchnell als möglich, einen Ort verlaßt der immer ein det ſchmutzigſten Voͤllerei und nicht 269 ſelten der ſchaͤndlichſten Mordſcenen iſt.“ Mit die⸗ ſen Worten verließ ſie das Zimmer. Es lag in vem abſchreckenden Benehmen dieſes Frauenzimmers gegen Nigeln etwas Verachtungvol⸗ les, dem er trot ſeiner Duͤrſtigkeit nie perſoͤnlich aus⸗ geſetzt geweſen war, und welches daher ein vor⸗ uͤbergehendes, peinliches Beftemden bei ihm erweckte. Auch klangen die duͤſtern Winke/ welche Martha, in Hinſicht der Gefahren dieſes Zufluchtsorts hinwarf, keinesweges angenehm in ſeinen Ohren. Der herz⸗ hafteſte Mann, umgeben von verdaͤchtigen Perſonen, entbehrend alles Rathes und Beiſtandes, beſchraͤnkt auf ſeinen Muth und die Kraft ſeines Arms, fuͤhlt einen gewiſſen Grad von Kleinmuth, ein Bewußt⸗ ſeyn ſeines verlaßnen Zuſtandes⸗ welches auf einen Augenblick ſein Blut durchſchauert, und ſeine natuͤr⸗ liche Entſchloſſenheit ſchwaͤcht. Wenn aber traurige Betrachtungen in Nigels Gemuͤth ſich erhoben, ſo hatte er nicht Zeit, ihnen nachzuhaͤngen; und war gleich wenig Ausſicht vor⸗ handen, in Alſatien Freunde zu finden⸗ ſo hatte es keinesweges den Anſchein, daß es ihm an Beſuchen fehlen werde. Denn kaum war er zehn Minuten lang in ſei⸗ nem Zimmer auf⸗ und abgegangen und verſuchte, ſeine Ideen uͤber den beim Abzuge aus Alſatien ein⸗ zuſchlagenden Weg zu ordnen, ſo ward er unterbro⸗ 270 ——— chen durch die perſoͤnliche Erſcheinung des Soube⸗ rains ſeiner Umgebung, des großen Herzog Hildebrod, bei deſſen Annaͤherung die Bolzen und Ketten der Hausthuͤr des Geizhalſes geſunken waren, und beide Flugelthuͤren ſich geoͤffnet hatten, damit er ſeine Kör⸗ permaſſe, ähnelnd an Umfang, Form und Inhalt einem koloſſalen Stuͤckfaß voll Brantwein, bequem ins Haus rollen koͤnne. „Guten Morgen Mylord,“ begruͤßte der Mo⸗ narch, ſeinen Schmeerbauch in Nigels Zimmer her⸗ einſchiebend, den Bewohner deſſelben, indem er ihn mit ſeinem einzigen weit aufgeriſſenen Auge, welches die unverſchaͤmteſte Vertraulichkeit ausſprach, an⸗ blickte, waährend ſein grimmiger Bullenbeißer, der ihm auf den Fuße folgte, brummend auf aͤhnliche Weiſe eine halb verhungerte Katze begrußte,— das einzig lebende Weſen in Trapbois Hauſe, wel⸗ ches wir noch nicht namhaft machten, und das auf dem Betthimmel geflohen war, von wo aus es dem Bullenbeißer die Zaͤhne wieß, deſſen Gruß ihm nicht minder unwillkommen war, als Nigeln der ſeines Herrn. „Ruhig Belzie!— Thiere und Narren ſtecken in alles ihre Naſe hinein, nicht wahr Mylord?“ „Ich Haube Sir,“ verſetzte Nigel mit einer ſtolzen Miene, geeignet zu der kalten Entfernung von ſeinem Gaſte, die er beizubehalten ſich feſt vorgenom⸗ —— men hatte.„Ich hatte euch geſagt mein jetziger Name ſey Nigel Graham.“ Se. Durchlaucht brach bei dieſer Aeußerung in ein anhaltendes unverſchaͤmtes Lachen aus;„Niggle Green, Riggle Green, hoͤrt Mylord, man muß nicht eher Feuer ſchreien als bis es brennt; denn eben jetzt wuͤrdet ihr mir euer Geheimniß verrathen haben, haͤtte ich nicht ſchon vorher etwas davon geahnet. Allein jetzt gab ich euch blos deswegen den Lords⸗Titel, weil wir euch in der vergangnen Nacht, als der Sect vorherrſchte zum Pair von Alfatien er⸗ nannten.— Nun was ſagt ihr davon 2 Ha! ha! ha!“ ni Im Bewußtſeyn, daß er ſich unnoͤthigerweiſe verrathen habe, erwiederte Nigel haſtig:„Er ſey ſehr dankbar fuͤr die ihm ertheilte Wuͤrde, werde aber nicht lange genug in der Freiſtätte weilen, um ſie zu genießen.“ „Nun ſey dem wie ihm wolle, ihr werdet hierin nur weiſe Rathſchläge beſolgen;“ antwortete der herzogliche Dickwanſt; und obgleich Nigel ſiehen blieb, in der Hoffnung, die Entſernung ſeines Ga⸗ ſtes zu beſchleunigen, ſo warf dieſer ſich ohne Um⸗ ſände in einen alten, mit einem gewuͤrkten Teppiche uͤbetzogenen, unter ſeinem Gewichte krachenden Lehn⸗ ſtuhl und fragte nach dem alten Trapbois? Und als ſtatt ſeiner die alte Aufwärterin erſchien, ſchalt der ————————— 272 Herzog ſie ein nachlaͤſſiges Menſch, daß ſie einen fremden Gentleman ohne Morgentrunk gelaſſen habe. „Ich nehme dergleichen niemals,“ ſiel Ni⸗ gel ein. „Es iſt Zeit, daß ihr das lernt,“ verſetzte der Herzog; 5 geſchwind du alter Satan, geh in unſern Pallaſt und hole fuͤr Se. Lordſchaft einen Morgen⸗ trunk,— laßt ſehen Mylord, laßt ſehen, was ſoll es ſeyn, ein Krug ſchaͤumenden Doppelbiers, mit einem geroͤſteten Holzapfel, oder,— junge Leute lieben das Suͤße,— ein Quart gegluͤhten Sect, mit Zucker und Gewuͤrz, gut gegen neblichte Luft? oder was ſagt ihr zu einer Pinte Doppel⸗Brannt⸗ wein? vielleicht iſts am beſten, das Alles kommen zu laſſen, damit Se. Lordſchaft die Wahl hat, geh, alte Jeſabel, ſag meinem Thim*), daß er, das Doppel⸗ bier, den Sect, und das halbe Noͤſel Doppel⸗Brannt⸗ wein„nebſt etwas Backwerk zum Inbis bringe und es dem neuen Ankoͤmmling in Rechnung ſtellt.“ Nigel hielt dafuͤr, daß es am beſten ſey, die Unverſchaͤmtheit dieſes Menſchen fuͤr den kurzen Reſt ſeines dortigen Aufenthalts zu dulden, um ſich nicht neue, eben nicht ehrenvolle Haͤndel zuzuziehen; er ließ ihm daher ſeinen Willen, nur bemerkte er,„ihr thut als wenn ihr zu Hauſe wärt'; doch mogt ihr * Eine Abkürzung von Thimotheus⸗ du. 273 ——— dies fur jetzt nach Gefallen thun: Immittelſt wunſchte ich zu vernehmen, was mir die Ehre eures uner⸗ warteten Beſuchs verſchafft hat.“ „Das ſollt ihr erfahren ſobald die Alte das Ge⸗ trank gebracht hat; denn nie rede ich mit trocknem Munde von Geſchaͤften; nun ſeht nur, wie ſie wat⸗ ſchelt; ich wette ſie zaudert unter wegs, um ein Schluͤck⸗ chen zu nehmen; und dann werdet ihr denken ihr habt unchriſliches Maas erhalten; inzwiſchen be⸗ trachtet doch einmal meinen Hund, und ſagt mir ob ihr jemals ein herrlicheres Thier ſaht; ich gebe euch mein Wort, daß er, wenn man ihn auf Menſchen oder Vieh hetzt, immer gerade nach dem Kopfe zu⸗ fährt.“ Nach dieſer Lobpreiſung begann er eine Geſchichte von einem Stiere und einem Hunde, die ſehr lang zu werden drohte, als er durch die Ruͤcktehr der alten Aufwärterin unterbrochen ward, die von zweien ſei⸗ ner Kuͤper begleitet war, welche die befohlnen Ge⸗ traͤnke brachten,— die einzige Art der Unterbre⸗ chung, die er mit Gleichmuth wuͤrde ertragen haben. Als die Becher und Kannen auf dem Tiſche ge⸗ hoͤrig geordnet waren und als die alte Debora von der herzoglichen Freigebigkeit beehrt mit einem Trenk⸗ gelde von einem Pfennig, ſich mit ihren Beglei⸗ tern entfernt hatte, und der großmuͤthige Potentat, 1I. 15 274 Nigeln nur ſo obenhin eingeladen hatte, an dem Getraͤnke, welches er bezahlen ſollte, Theil zu neh⸗ men, begann er, mit der Verſicherung, daß er außer einem Dutzend geſottner Eyer und einem Noͤßel ab⸗ gezogenen Branntweins noch ganz nuͤchtern ſey, ſehr ernſtlich mit den vor ihm ſtehenden Getraͤnken dies ſogenannte Faſten zu brechen. Nigel hatte ſchottiſche Gutsbeſitzer und hollaͤndiſche Buͤrgermeiſter,— bei⸗ des durſtige Menſchenclaſſen,— beim Trunke zu beobachten Gelegenheit gehabt; allein ſie waren im Trinken Pygmäen im Vergleich mit Se. Durchlaucht, dem Herzog Hildebrod, der einer Sandbank zu ver⸗ gleichen war, die jede gegebene Quantitaͤt Fluͤſſigkei⸗ ten einſaugt. Das Bier trank er aus, um, wie er ſagte, ſeinen Durſt zu ſtillen, der ihn wie ein Fieber⸗ vom Morgen bis zum Abend, und vom Abend bis zum Morgen quaͤle; den Sect ſchluͤrfte er hinein, um dem Bier ſeine Unverdaulichkeit zu benehmen, ſetzte den Doppelbranntwein auf den Sect um Ruhe im Magen zu erhalten, und erklaͤrte dann, daß er jetzt wahrſcheinlich vor dem Nachmittag keine ſtarken Getraͤnke anruͤhren wuͤrde, es muͤßte denn aufs Wohl irgend eines genauen Freundes ſeyn. Endlich gab er zu erkennen, daß er jetzt bereit ſey, dem Ge⸗ ſchaͤfte zu ſchreiten, welches ihn zu ſo früher Tages⸗ zeit hieher gefuͤhrt habe;— ein Vorſchlag welchen Nigel gern annahm, obwohl er ſich des Argwohns ——— —— 275 nicht erwehren konnte, daß der Hauptzweck des her⸗ zoglichen Beſuchs bereits erlediget ſey. Hierin irrte jedoch Lord Nigel. Bevor der Mo⸗ narch eroͤffnete, was er zu ſagen hatte, unterſuchte er aufs genauſte das Zimmer, indem er von Zeit zu Zeit den Finger an die Naſe legte, Nigeln mit ſeinem einzigen Auge anblinzelte, die Thuͤren oͤffnete und verſchloß, die Tapetenbehange aufhob, welche an mehrern Stellen die verheerenden Wirkungen der Zeit am Tafelwerk der Wand verſteckten und endlich in die anſtoßenden Cabinette und unter das Bett ſchaute, um ſich zu vergewiſſern, daß die Luft von Horchern rein ſey; dann nahm er ſeinen Sitz wieder ein und winkte Nigeln vertraulich, ſeinen Stuhl ihm naͤher zu rucken. „Ich befinde mich an dieſer Stelle recht wohl Sir,“ erwiederte der Lord, eben nicht geneigt, die Vertraulichkeit ſeines Gaſtes aufzumuntern; aber der Herzog ließ ſich durch nichts abſchrecken, und fuhr folgendermaßen fort: „Verzeiht mir, Mylord(denn jetzt gebe ich euch dieſen Titel ganz im Ernſt) wenn ich euch be⸗ merklich mache, daß ihr ein ſcharfes Auge auf eure Sachen haben muͤßt; obgleich der alte Trapbois ſtock⸗ taub iſt, ſo hat doch ſeine Tochter ein ſehr feines Ge⸗ hor und ein ſcharfes Geſicht, und davon wollt ich eben reden.“ 18* 276 „Nun ſo ſagt denn heraus Sir, was ihr auf dem Herzen habt,“ ſagte Nigel, ſeinen Stuhl der wohlbefeuchteten Sandbank etwas naͤher bringend; „wenn ich gleich nicht begreifen kann, was ich mit meinem Wirth oder ſeiner Tochter zu thun habe.“ „Wir werden das in einem Augenblick ſehen,“ antwortete der gnaͤdige Fürſt;„zuvörderſt Mylord muͤßt ihr nicht glauben, daß der alte Jack Hildebrod der, wie Koͤnig Richard, mit allen Backenzahnen zur Welt kam, zugeben wird, daß ihr vor ſeinen Augen in eine Falle geht.“ „Nun Sir fahrt fort,“„nit Nigel. „Nun wohl Mylord, ich vermuthe, daß ihr der naͤmliche Lord Glenvarloch ſeyd, der jetzt der Gegen⸗ ſtand des allgemeinen Geſpraͤchs iſt,— der naͤmliche brave junge Mann der alles das Seine bis auf einen duͤnnen Mantel und eine leichte Boͤrſe verthan hat, — laßt euch dies Geruͤcht nicht verdrießen Mylord,— der nämliche den man den Beinamen Finkenfalk ge⸗ geben hat, ver jedem zu Leibe geht und waͤr' es auch im Park, laßt es euch nicht verdrießen Mylord.“ „Ich ſchaͤme mich in der That,“ erwiederte Ni⸗ gel,„daß mich eure Unverſchaͤmtheit verdrießt, aber nehmt euch in Acht, und wenn ihr wirklich errathet wer ich bin, ſo bedenkt, wie lange ich im Stande ſeyn kann, euren uͤbermuͤthigen, vertraulichen Ton zu ertragen.“ 277 „Ich bitte um Verzeihung Mylord,“ verſetzte Hildebrod, mit einem finſteren doch entſchuldigenden Blicke;„wenn ich meines Herzens Meinung ſagte, ſo dachte ich nichts ubels dabei. Ich weiß nicht, in wie weit es ehrenvoll ſeyn mag⸗ mit Ew. Lordſchaft auf einem vertraulichen Fuße zu ſtehen; allein ich muß glauben, daß es eben keine große Sicherheit gewaͤhrt, denn Loweſtoffe iſt blos darum eingeſperrt⸗ weil er euch den Weg nach Alſatien gezeigt hat. Und ſo uͤberlaß ich es Ew. Lordſchaft eigenem urtheil, wie man gegen diejenigen verfahren wird, die euch waͤh⸗ rend eures hieſigen Aufenthalts ſchuͤtzen und fuͤr eure Sicherheit ſorgen, und ob ſie nicht wahrſcheinlich größere Verlegenheit, als Ehre davon haben wer⸗ den.“ „Ich will Niemanden meinetwegen in Verle⸗ genheit bringen,“ verſetzte Nigel,„ich will White⸗ ſriars ſchon morgen,— nein, bei Gott! ich will es ſchon heute verlaſſen.“ „Ohne Zweifel werdet ihr euch durch euren Un⸗ willen zu keiner Unbedachtſamkeit verleiten laſſen;“ erwiederte Herzog Hildebrod;„wenigſtens hort erſt, was ich euch zu ſagen habe, und wenn der ehrliche Jack Hildebrod euch nicht in den Stand ſetzt, ſie alle zu Schanden zu machen, möge er dann nie wieder einen Vuͤrfelbechet antuͤhren, nie einen Paſch wer⸗ 278 fen. Mit andern Worten Mylord ihr muͤßt wagen und gewinnen.“ „Ihr muͤßt euch deutlicher erkläͤren, wenn ich euch verſtehen ſoll,“ ſagte Nigel. „Was Henker! ein Mann der mikt den Teufels⸗ knochen eben ſo gut bekannt iſt, wie ihr, verſteht nicht, das Rothwelſch der Spieler von Profeſſion? Wohlan ſo muß ich auf gut engliſch mit euch ſpre⸗ chen.“ „Nun ſo laßt denn hoͤren Sir,“ verſetzte Ni⸗ gel;„und ich bitte euch, ſeyd ſo kurz als moͤglich, denn ich kann euch nur wenig Zeit widmen.“ „Wohlan denn Mylord! um kurz zu ſeyn, wie ihr und die Juriſten es nennet; ich vernehme, ihr habt eine Beſitzung in Schottland, welche aus Man⸗ gel an der zu ihrer Einlöſung erforderlichen Summe baaren Geldes in fremde Häͤnde uͤbergeht.— Ihr ſcheint befremdet, aber ihr ſollt, wie ich ſchon vorhin ſagte, mit meinem Vorwiſſen in keine Falle gehen. Der König iſt unwillig auf euch, Hofleute uͤbervor⸗ theilen euch, der Prinz von Wales machte euch lange Geſichter, der Guͤnſtling leiſtet 6 ſchlechte Dienſte⸗ und des Guͤnſtlings Guͤnſtling— 3 „Fahrt nicht weiter fort, Sir,“ unterbrach ihn Nigel;„nehmt einmal an, daß dies alles wahr wäre,— was folgt daraus?“ 239. —— „So viel,“ antwortete Herzog Hildebrod,„daß ihr Demjenigen großen Dank ſchuldig ſeyd, der euch den Weg zeigt, eben ſo dreiſt als wenn ihr der Graf von Kildare waͤrt, mit eurem Federhut vor den Koͤ⸗ nig zu treten, die Hofleute zu Schanden zu machen, den Verderben bringenden Blicken des Prinzen mit dreiſter Stirne entgegen zu treten, euch dem Guͤnſt⸗ ling kuͤhn gegenuber zu ſtellen, die Plaͤne ſeines Sendlings zu vereiteln, und—“ „Das waͤre allerdings ſehr wuͤnſchenswerth,“ entgegnete Nigel;„aber wie ſind alle dieſe Zwecke zu erreichen?“ Dadurch, daß ihr ein Prinz von Peru werdet, Mylord von der nordlichen Breite,— daß ihr euer altes Schloß mit Gold und Silberbatren anfuͤllt, und euer in Verfall gerathenes Vermoͤgen durch Gold⸗ ſtaub beſruchtet. Es wird euch weiter nichts koſten⸗ als eure Freiherrnkrone dem Beſitz einer alten Jung⸗ frau,— der Tochter eures jetzigen Hauswirths,— aufzuopfern, und ihr ſeyd Gebieter der Maſſe von Reichthum, die dies Alles fuͤr euch bewerkſtelliget und,— 4. „Was, ich ſollte dieſe alte Jungfer heirathen?“ unterbrach ihn Nigel befremdet, und unwillig, je⸗ doch unfuͤhig, einer kleinen Anwandlung von Lcheln zu widerſtehen. ———— „Ja, Mylord, ihr ſollt Funßzigtauſend pfund erheirathen, denn dies und noch mehr hat der alte Trapbois angehaͤuft; und zugleich wird es eine Wohl⸗ that fur den alten Mann ſeyn, der ſonſt ſeine Schäͤtze auf einem ſchlimmern Wege verlieren wird; denn jetzt, da ſeine Erwerbszeit bald voruͤber iſt, werden wahrſcheinlich in Kurzem die Tage kommen, wo er ausbeuteln muß.“ „In der That ein aͤußerſt hoͤfliches Anerbieten!““ erwiederte Nigel;„aber darf ich euch, erhabner Her⸗ zog, um eine freimuͤthige Beantwortung der Frage bitten: was euch dazu veranlaßt, uͤber eine ſo reiche Erbin zu Gunſten eines Fremden, wie ich, der euch morgen wahrſcheinlich verlaſſen wird, zu verfügen?“ „In der That, Mylord,“ verſetzte der Herzog, „dieſe F Frage ſchmeckt mehr als irgend ein Wort, das ich bis jetzt von euch hoͤrte, nach dem im Beaujeu's Speiſehauſe einheimiſchen Witze, und die Vernunft erfordert, ſie zu beantworten. Von meinen Pairs will Miß Martha keinen heirathen, mag er geiſtlich oder weltlich ſeyn. Der Capitain und der Prieſter haben beide um ſie angehalten, aber ſie will keinen von ihnen,— ſie will hoͤher hinaus, und iſt, die Wahrheit zu ſagen, ein vernuͤnftiges Frauenzimmer, zu einſichtsvoll und hochſinnig, um ſich mit ſchmutzi⸗ gen Kollern, oder abgeſchabten Prieſterroͤcken einzu⸗ laſſen. Was Uns ſelbſt betriſt, ſo brauchen Wir — 281 —— blos anzudeuten, daß Wir noch eine Gemahlin im Lande der Lebenvigen haben, und daß der Miß Mar⸗ tha dieſer wichtige Umſtand bekannt iſt. Da ſie nun ihre Kapuze von Kirſey nur an eine Freiherrnkrone knuͤpfen will, ſo ſeyd ihr, Mylord, der rechte Mann, euch jene Funßzigtauſend Pfund, erbeutet von Fuͤnf⸗ tauſend Eiſenfteſſern, Taugenichtſen und Verſchwen⸗ dern, zu Gemuͤthe zu fuͤhren,— jedoch nach Abzug von Fuͤnſtauſend Pfund fuͤr Unſern hochfuͤrſtlichen Rath und Beiſtand, ohne welchen ihr es nach der Lage der Dinge im Elſaß ſehr ſchwer finden wuͤrdet, das Kleinod zu erjagen.“ „Aber habt ihr in eurer Weisheit erwogen Sir,“ erwiederte Nigel,„auf welche Weiſe dieſe Vermaͤh⸗ lung, mich aus meiner jetzigen Verlegenheit könnte?“ „Was das betriſt,“ ſte Herzog Hildebrod, „ſo verdientet ihr den Kopf wegen eurer Thorheit, und die Hand zur Strafe eurer Kargheit zu verlieren, wenn ihr mit Vierzig bis Funfzigtäuſend Pfund Sterling in der Taſche, euch nicht aus allen Verle⸗ genheiten ziehen koönntet.“ „Da ihr aber einmal edelmuͤthig genug ſeyd, meine Angelegenheiten in ernſte Erwaͤgung zu zie⸗ hen,“ fuhr Nigel fort, der es der Klugheit nicht ge⸗ miß e mit einem Menſchen zu brechen, der ihn 282 — in gegenwaͤrtigem Falle nicht beleidigen, ſondern ihn vielmehr ſein Wohlwollen bezeugen wollte,„viel⸗ leicht könntet ihr mir eure Meinung ſagen, auf wel⸗ che Weiſe meine Verwandten die mir von euch empfohlne Braut wahrſcheinlich aufnehmen wuͤrden?“ „Was dieſen Punkt anlangt, Mylord, ſo habe ich immer gehoͤrt, eure Landsleute wuͤßten ſo gut als andere, wo ihr Waizen bluͤht und dem Geruͤchte nach, giebt es kein Land, wo mit Funßzigtauſend Pfund ein Frauenzimmer willkommner ſeyn wird, als in Schottland. Auch hat Miß Martha Trapbois, abgerechnet den kleinen Verdruß an der Schulter, ein Achtung gebietendes, ſehr majeſtätiſches Aeußere, und mag vielleicht aus vornehmerem Blute entſproſ⸗ ſen ſeyn, als irgend jemand weiß; denn es hat eben keinen großen Anſchein, daß der alte Trapbois wirk⸗ lich ihr Vater iſt; indem ihre Mutter eine ſehr frei⸗ ſinnige, gefaͤllige Dame war.“ „Ich beſorge,“ antwortete Nigel;„daß dieſer Umſtand zu wenig vergewiſſert iſt, um ihr eine freundliche Aufnahme in einem Hauſe zu bereiten.“ „Ich halte es fuͤr wahrſcheiniich, Mylord, daß ſie wenigſtens in einem Puncte es mit einem gan⸗ zen ſchottiſchen Clan aufnehmen kann, nämlich an Boͤsartigkeit.“ — 283 „Dies konnte doch einige Unzutrglichkeiten fuͤr mich haben,“ meinte Nigel. „Nicht im mindeſten,“ ſagte der an Auskunfts⸗ mitteln ſruchtbare Herzog;„ſollte ſie ganz unertraͤg⸗ lich werden, welches nicht unwahrſcheinlich iſt, ſo hat euer ehrenwerthes Haus,— vermuthlich ein altes feſtes Schloß,— ohne Zweiſel Thuͤrme und unterirdiſche Kerker genug, um eure artige Braut aufzunehmen, euch der unangenehmen Wirkung ihrer Zunge auf euer Gehoͤrorgan zu entheben und ſie uͤber oder unter den Bereich der Verachtungsbe⸗ weiſe eurer Verwandten zu ſetzen. „In der That ein eben ſo weiſer als gerechter Plan, Sir,“ verſetzte Nigel;„und eine ſolche Ein⸗ ſperrung waͤre allerdings ein angemeſſener Lohn fuͤr die Thorheit, mir Hand und Vermoͤgen zu ſchenken!“ „Das Project ſindet alſo Eingang bei euch, Mylord?“ „Ich muß es vier und zwanzig Stunden lang reiflich erwagen, Herr Herzog und bitte euch nur, die Einrichtung zu treffen/ daß ich durch keine wei⸗ tere Beſuche unterbrochen werde.“ „Wir wollen ein Edict erlaſſen, wodurch eure Einſamkeit vollig geſichert wird,“ erwiederte der Herzog;„und ohne Zweifel ſeyd ihr der Meinung,“ fugte er mit etwas leiſerer Stimme hinzu, ſo wie ſie im Handelsverkehr uͤblich iſt:„daß Zehntauſend Pfund fuͤr den Souverain, der Pupillin nicht zu viel ſind.“ „Zehntauſend?“ fragte Nigel;„aber ihr be⸗ ſtimmtet ja vorhin nur Fuͤnftauſend Pfund.“ „Ah! erinnert ihr euch deſſen?“ fragte der Herzog,„da ihr mir ſo genau zugehort habt,“ fugte er, den Finger an die Naſe legend, hinzu,„ſo ſchließ' ich daraus, daß ihr meinen Vorſchlag naͤher beruckſichtigt, als ich glaubte, bevor ihr mich ertapp⸗ tet; nun, nun, wir wollen uns uͤber die Verguͤtung oder wie der alte Trapbois es nennen wuͤrde, uͤber die„Beruͤckſichtigung“ meiner guten Dienſte nicht zanken, ſeht nur, das ihr das Herz der Dame ge⸗ winnt, was bei eurem Geſichte und einer ſolchen Ge⸗ ſtalt nicht ſchwer ſeyn wird; ich will immittelſt Sorge tragen, daß euch Niemand unterbricht, und zu dem Ende durch den Senat, ſobald er ſich zum Mittags⸗ trunke verſammelt, ein Edict ausſfertigen laſſen.“ Mit dieſen Worten beurlaubte ſich Se. Durch⸗ laucht. 3 —— — — Dreizehntes Kapitel. Nigels erſte Empfindung nach Herzog Hilde⸗ brods Entfernung/ war ein unwiderſtehlicher Antrieb zur Belachung des weiſen Rathgebers, der ihn mit einem alten, häßlichen und boͤsartigen Geſchöpfe verbinden wollte; ſeine zweite Empfindung war die des Mitleids mit Vater und Tochter, die als die ein⸗ zigen Reichen in dieſem ganzen ungluͤcklichen Bezirk⸗ gleich einem an der Seekuſte eines barbariſchen Lan⸗ des geſcheiterten Schiffsvolks, ihre voruͤbergehende Sicherheit vor Beraubungen einzig der wechſelſeiti⸗ gen Eiferſucht der Volksſtämme verdanken, in deren Mitte ſie an's Land geworſen waren; auch drang ſich Nigeln das Bewußtſeyn auf, daß ſein dortiger Aufenthalt nicht minder unſicher ſey, und daß er von den Alſatiern eben ſo betrachtet werde, wie von den Kuͤſtenbewohnern Cornwalls die Habe ungluͤckli⸗ cher Schifbrüͤchigen, womit nach ihrem Ausdrucke, „Gott den Strand ſegnet,“ oder wie eine ſchwache, aber reiche, Arabiens Wuͤſten durchziehende Carava⸗ ne, welche von den Raͤuberſtaͤmmen, deren Regio⸗ nen ſie auf ihrem Zuge beruͤhrt Dummalafang (d. h. eine gemeinſame Beute Aller) genannt wird⸗ Nigel hatte bereits ſeinen Plan entworſen, wie et ſich, was es auch koſten mochte, aus ſeiner gefahr⸗ 286 vollen und demuͤthigenden Lage reißen wollte, und harrte, um ihn in augenblickliche Ausfuͤhrung zu bringen, blos der Antwort Loweſtoffes. Doch ſein Harren war vergebens; er vertrieb ſich daher die Zeit mit der Durchſuchung des aus ſeiner bisherigen Woh⸗ nung ihm zugeſandten Gepaͤcks. Er that dies haupt⸗ ſaͤchlich in der Abſicht, ein kleines Paket aus den nothwendigſten Artikeln zu machen, die er mitneh⸗ men wollte, falls er ſeine dermalige Wohnung ſchnell und heimlich verlaſſen muͤßte, welches, wie er vor⸗ ausſah, insbeſondere dann noͤthig ſeyn wuͤrde, wenn er dem Könige unmittelbar unter die Augen treten wollte, wie ihm ſowohl ſeine Freimuthigkeit und ſein Intereſſe in gleicher Maße rathſam zu ma⸗ chen ſchienen. Zu ſeiner großen Zufriedenheit fand er, daß Loweſtoffe ihm nicht nur ſeinen Degen und Dolch, ſondern auch ein paar Piſtolen geſchickt hatte, deren er ſich gewoͤhnlich auf Reiſen bediente, kleiner und beſſer geeignet, ſie im Guͤrtel oder in der Taſche zu tragen, als die damals allgemein uͤblichen großen Sattelpiſtolen. Naͤchſt dem Bewußtſeyn, handfeſte, freundſchaſtlich geſinnte Gehuͤlfen zu haben, erhoͤht nichts ſo ſehr den Muth, als zweckmaͤßige Bewaff⸗ nung, auf den Fall der Noth, und Nigel, der mit einiger Beſorgniß an die Wagniß gedacht hatte, ſein Leben im Fall eines Angriffs, dem Schutze des 287 ——— plumpen Haudegens anzuvertrauen, womit Lowe⸗ ſtoſſe ihn zur Vervollſtaändigung ſeiner Verkleidung bewaffnet hatte, fuhlte gewiſſermaßen ein triumphi⸗ rendes Vertrauen, als er ſeinen trefflichen, erprobten Degen aus der Scheide zog, ihn mit ſeinem Taſchen⸗ tuch abwiſchte, die Spitze unterſuchte, die Klinge auf den Fußboden bog, um die ihm wohlbekannte Trefflichkeit des Metalls noch einmal zu probiren und ſie dann um deſto eiliger in die Scheide ſteckte, da er vor ſeiner Thuͤr Fußtritte hoͤrte und ſich nicht gern dem Verdacht ausſetzen wollte, als treibe er mit ge⸗ zogenem Degen auf ſeinem Zimmer einſame Waffen⸗ uͤbungen. Der eintretende war ſein alter Hauswirth, der ihm nach vielen Umſchweifen eroffnete, der Preis ſei⸗ nes Zimmers betrage täglich einen Kronthaler, wel⸗ cher nach der in Whitefriars eingefuͤhrten Sitte vor⸗ aus zu bezahlen ſey; doch trage er niemals Bedenken⸗ das Geld acht bis vierzehn Tage oder ſelbſt einen Monat, jedem ehrenwerthen Gaſte, ſo wie Herr Graham, in Haͤnden zu laſſen, eine Bewilligung, deren„billige Beruckſichtigung“ er jedoch erwarte. Um des zudringlichen Alten los zu werden, warf er ihm zwei Goldſtuͤcke hin, mit dem Erſuchen, ſein jetziges Zimmer noch auf acht Tage zu ſeinem Ge⸗ brauche bereit zu halten, obgleich er nicht glaube, daß er ſo lange weilen werde. 288 Mit blitzenden Augen und zitternder Hand packte der Geizhals das dargebotene Gold, wog es 3 mit ſichtlichem Vergnuͤgen auf den Spitzen ſeiner knochernen Finger und zeigte, daß ſelbſt der Beſitz des Goldes denjenigen, der ihm am eifrigſten nach⸗ jagt, nur einen Augenblick befriedigen kann. Denn eines Theils konnte die Muͤnze zu leicht ſeyn, wes⸗ halb er raſch eine kleine Goldwage aus dem Buſen zzog, ſie erſt zuſammen und dann einzeln wog und behaglich belaͤchelte als er ſie vollwichtig fand,— ein Umſtand, der um ſo gewinnvoller fuͤr ihn war, da, wie man allgemein ſagte, faſt alle in Alſatien im Umlauf kommende Goldmuͤnzen dort beſchnitten wur⸗ den und nur in dieſem Zuſtande die Freiſtaͤtte von Whitefriars verließen. Anderntheils ward die Freude des Geizhalſes vurch die Beſorgniß verringert, daß Nigel da er nach ſeiner Aeußerung Whitefriars noch vor Ab⸗ lauf der Zeit zu verlaſſen gedenke, wofuͤr er die Miethe ſo eben ſeinen Händen anvertraut hatte, falls er ſeinen Vorſatz ausfuͤhre, die Wiederbe⸗ zahlung des zu viel bezahlten erwarten mochte. Da aber der Begriff der Wiedererſtattung unter allen Ar⸗ ten von Geldverkehr ſich am wenigſten mit den Grund⸗ ſätzen des Alten vertrug, ſo begann er in die Eror⸗ terung hypothetiſcher Vorſichtsmasregeln einzugehen⸗ und mehrere Gruͤnde geltend zu machend, weshalb * 259 von einer einmal als Zimmermiethe bezahlten Geld⸗ ſumme; ohne großen Nachtheil fuͤr den Vermiether nichts zuruck gezahlt werden konne. Endlich erklaͤrte ihm Nigel, deſſen Ungeduld immer hoher ſtieg, daß die beiden Goldſtuͤcke unwiderruflich ſein Eigenthum pleiben ſollten, und er dafuͤr weiter nichts verlange, als ungeſtörten und unbelaͤſtigten Aufenthalt in dem gemietheten Zimmer. Der alte Trapbois, der immer noch einen gro⸗ ßen Theil der Schmeichelworte in Bereitſchaft hatte, wodurch er zu ſeiner Zeit den Untergang manches jungen Verſchwenders beſchleunigte, begann ſie zum Preiſe der edelmuͤthigen Denkweiſe ſeines neuen Miethsmannes in ſo reichlichem Maße zu ergießen, daß Nigel, deſſen Ungeduld den hoͤchſten Grad erreichte, ihn bei der Hand faßte, ihn hoͤflich, aber unwiderſtehlich an ſeine Stubenthuͤr fuͤhrte und ihn mit ſolchem Anſtande und ſo gemäßigtem Gebrauch ſeiner uͤberwiegenden Körperkraft zur Thuͤr hinaus ſchob, daß dieſe Handlung keinesweges unſchicklich ſcheinen konnte. Dann verſchloß er die Thuͤr und begann den Zuſtand ſeiner Piſtolen eben ſo genau zu unterſuchen, als vorhin ſeinen Lieblingsdegen. Er erprobte Schloͤſſer und Steine und nahm ſeinen klei⸗ nen Vorrath von Pulver und Kugeln in Augenſchein, als er zum zweitenmale durch ein Klopfen an der Stubenthuͤr unterbrochen ward. Nicht zweifelnd, es II. 19 ——— 290 ſey Loweſtoffes Bote, oͤffnete er die Thuͤr; und her⸗ ein trat— die anmuthloſe Tochter des alten Trap⸗ bvis, die, uͤber einen Irrthum ihres Vaters etwas zwiſchen den Zähnen murmelnd, eines der beiden Goldſtuͤcke, welche Nigel ihm gegeben hatte, auf den Tiſch legte, mit der Erklärung: das zuruckbehaltene Goldſtuͤck ſey der volle Betrag der Miethe füͤr die von ihm beſtimmte Zeit. Nigel erwiederte: da er ein⸗ mal das Geld bezahlt habe, ſo verlange er keines⸗ weges, etwas davon wieder zuruͤck zu nehmen. „Macht mit dem Gelde was ihr wollt,“ erwie⸗ verte ſeine Wirthin;„ich nehme es nicht wieder an; ſeyd ihr auch thoricht genug, mehr zu bezahlen als recht iſt, ſo ſoll doch mein S nicht ſo ſchlecht handeln, es zu nehmen.“ „Aber euer Vater ſagte mir— „O! mein Vater, mein Vater, ſiel die Jung⸗ frau ein,—„mein Vater bekrieb dieſe Grſchäfte, als er noch dazu im Stande war; jetzt hab' ich ſie unter Händen, und dies wird fuͤr uns beide auf die Länge am beſten ſeyn.— Ihr habt Waffen, ſehe ich,“ fuhr ſie, ſolche auf dem Tiſche erblickend, ſort,„wißt ihr damit umzugehen?“ „Das iſt von mir zu erwarten, da ihre Gebrauch meine Beſchaͤſtigung geweſen iſt.“ „Ihr ſeyd alſo Soldat?“ fragte ſie. 29⁴ „Bis jetzt nur in ſo weit, als in meinem Va⸗ terlande jeder Edelmann Soldat iſt.“ „Eialſo iſt es wohl ein Ehrenpunkt fuͤr euch, den Armen die Kehle abzuſchneiden,— eine ſchoͤne Beſchäftigung fuͤr die ihnen Schutz ſchul⸗ dig ſind!“ „Kehlen abzuſcneiden iſt nicht mein Gewerbe,“ ewiederte Nigel;„ſondern ich trage Waffen, um mich und mein Vaterland zu vertheidigen, wenn dies meiner bedarf. .„Schöne Worte; aber: man ſagt, ihr ſeyd eben ſo K als Andere, Händel anzufangen, ohne daß eure Sicherheit oder euer Vaterland in Gefahr iſt und daß, wäre dem nicht ſo geweſen, ihr jetzt nicht in der Freiſtatt von Whitefriars ſeyn wuͤrdet.“ „Vergebens wuͤrd' ich verſuchen,“ antwortete Nigel, euch, Miß⸗ begreiflich zu machen, daß die Ehre, die Jedem theurer iſt, oder doch ſeyn ſollte, als das Leben, uns oft nörhigen kann, unſer oder anderer Leben an Dinge zu wagen, die manchem unbedeutend ſcheinen konnen.“ „Die goͤttlichen Geſetze ſagen iege⸗ nichts bemerkte die Dame;„ich las hieruͤber weiter nichts: als: du ſoliſt nicht tödten.— Doch, ich habe weder Zeit noch Luſt, euch etwas vorzupredigen; ihr wer⸗ det hier Händel genug ſinden, wenn ihr ſie liebt, und wohl euch, wenn ſie euch nicht zu einer Zeit 19 202 ——— ſuchen, wo ihr am wenigſten darauf vorbereitet ſeyd. Lebt wohl fur jetzt; die Aufwärterin wird die Beſehle, die ihr etwa wegen eurer Mahlzeiten zu habt, půnttlic aus führen.“ Sie verließ das Zimmer gerade in dem Augen⸗ blick, als Nigel, gereizt durch ihren anmaßenden, be⸗ lehrenden und tadelnden Ton, im Begrif war, hochſt uberfluͤſſiger Weiſe ſich mit der Tochter eines alten Pfanderverleihers uͤber die Materie des Chrenpunctes —— in eine Pe einzulaſen; und belsclt ſebn die beinahe tiß hitt⸗ Dann ließ er uich die alte unſrii De⸗ bora ſein Mittagseſſen kommen, welches ziemlich gut und anſtändig ausfiel; nur ſetzte ihn der faſt gewalt⸗ ſame Eintritt ſeines alten faſelnden Hauswirths, der darauf beharrte, in Perſon ſeinen Tiſch zu decken, in einige Verlegenheit. Nigel fand einige Schwierig⸗ keit, ihn an der Ausfuͤhrung des Beginnens zu ver⸗ hindern, ſeine Waffen und einige Papiere, die auf einem kleinen Tiſche lagen, an welchem er geſeſſen hatte, abzuraͤumen, um auf dieſem Tiſche zu decken, obwohl noch ein andrer im Zimmer ſtand; und nichts als ſein ernſtes und beſtimmtes Verlangen konnte den Alten vermoͤgen, ſich eines andern Tiſches zu bedienen. 293 ————— Nachdem er ihn endlich bewogen hatte, ſein Vorhaben aufzugeben, konnte er nicht umhin, zu bemerken, daß die Aufmerkſamkeit des Alten unauf⸗ hoͤrlich mit forſchenden Blicken auf den kleinen Tiſch gerichtet war, worauf Degen und Piſtolen lagen⸗ und daß er, waͤhrend der kleinen Dienſte, die er ſeinem Miethsmanne zu leiſten⸗ eifrig beſchäſtigt ſchien, jede Gelegenheit wahrnahm, ſich dieſth Ge⸗ genſtänden mit aller Aufmerkſamkeit zu naͤhern; als envlich der alte Trapbois glaubte, daß ſein Gaſt ihn gaͤnzlich aus den Augen gelaſſen habe, ſah Nigel in einem der zerbrochnen Spiegel,— einem vom Alten nicht in Rechnung gebrachten Beobachtungsmittel⸗— daß er ſeine Hand nach dem erwaͤhnten Tiſche aus⸗ ſreckte. Jetzt glaubte er⸗ weiter keiner Ceremonien zu bedürfen, ſondern befahl ſeinem Hauswirth mit ernſter Stimme und mit der Bemerkung, daß er Riemandem erlaube, ſeine Waffen anzuruͤhren, au⸗ genblicklich das Zimmer zu verlaſſen. Der Wuche⸗ rer begann murrend eine Art von Entſchuldigung, wovon Nigel weiter nichts verſtand⸗ als das haͤuſig wieverholte Lieblingswort des Alten:„Ruͤckſichten,“ welches ihm jedoch keine andre Antwort zu erfordern ſchien, als den wiederholten Befehl, bei Strafe ſchlimmerer Folgen das Zimmer zu verlaſſen. Die bejahrte Hebe, welche bei Nigeln das Mund⸗ ſchenken⸗Amt verſah⸗ nahm ſeine Partei gegen die —— —— 294 ——— Zudringlichkeit des noch bejahrteren Ganymeds und beſtand darauf, daß der alte Trapbois augenblicklich das Zimmer verlaſſen ſolite, indem ſie ihm widrigen⸗ ſalls mit der Ungnade ſeiner Tochter drohte. Der Alte ſtand im weiteſten Umfange des Worts unterm Pantoffel, und die Drohung der Aufwärterin brachte groͤßere Wirkung bei ihm hervor, als Nigels anſchei⸗ nend furchtbarere Weiſung. Brummend und mur⸗ rend entſernte er ſich und Nigel hörte ihn eine große Thuͤr am Ende der Gallerie verriegeln, wel⸗ che den uͤbrigen Theil des großen Hauſes von den Zimmern ſeines Miethsmanns ſonderte und welche, wie der Leſer ſchon weiß, von der Seite des Lan⸗ dungsplatzes, die große Treppe hinauf, ihren Zu⸗ gang hatte. Sehr willkommen war Nigeln der Schall, der von des alten Trapbois zitternden Händen mehrmals mit großer Anſtrengung vorgeſteckten Bolzen, indem er ſie als eine Vorbedeutung anſah, daß der Haus⸗ herr nicht die Abſicht habe, ihn im Laufe des Abends noch einmal zu beſuchen und herzlich freute er ſich der Ausſicht, endlich in mgö Einſamkeit zu bleiben. Die alte Debora, neuverjuͤngt durch das Ver⸗ gnuͤgen, ihn zu bedienen oder vielmehr durch die Hoffnung auf die erwartete Belohnung, fragte, ob ſonſt noch etwos zu ſeinem Beſehle ſey?— Nigel ————— 295 verlangte Licht, Feuer im Kamin und einige Holz⸗ ſcheite daneben, um bei dem kalten, neblichten Abend und der niedrigen Lage des der Themſe ganz nahen Hauſes nachheizen zu können. Während die Alte, um dieſe Aufträge auszurich⸗ ten, abweſend war, ſann er darauf, wie er den ihm drohenden langen, einſamen Abend hinbringen ſolle. Selbſtbetrachtungen verſprachen ihm wenig Un⸗ terhaltung, und noch weniger Selbſtzufriedenheit. Seine gefahrvolle Lage hatte er aus jedem denkbaren Geſichtspunkte erwogen, und verſprach ſich eben ſo wenig Nutzen als Troſt durch eine wiederholte Erwäͤ⸗ gung derſelben. Das zweckmoßigſte Mittel, ſeinen Ideen eine andre Richtung zu geben, waren freilich Buͤcher; zwar hatte Nigel, wie die Meiſten unter uns, zu ſeiner Zeit mehrere ungemein große Buͤcher⸗ ſammlungen beſucht, und ſogar ziemlich lange darin verweilt, allein mit dem gelehrten Inhalte derſelben hatte er ſich eben nicht ſehr vertraut gemacht. Jetzt befand er ſich in einer Lage, wo ſelbſt ein ſehr mittel⸗ mäßiges Buch ein wahrer Schatz wird. Die alte Aufwaͤrterin kehrte bald nachher mit Holzſcheiten und einigen Stuͤcken halb abgebrannter Wachslichter zu⸗ ruͤck,— wahrſcheinlich das gebuͤhrende oder uſur⸗ pirte Accidenz irgend eines erfahrnen Kammerdieners in einem vornehmen Hauſe;— zwei Stuͤcke ſtellte ſie auf große eherne Leuchter⸗ ungleich an Groͤße und 296 Form, und legte die uͤbrigen auf den Tiſch, damit Nigel die ausgebrannten erneuern koͤnne. Mit großem Intereſſe vernahm ſie den Auftrag des jungen Lords, ihm, um ſich am Abend die Zeit zu vertreiben, ein Buch beliebigen Inhalts zu verſchaffen, erwie⸗ derte aber,„daß, ſo viel ſie wiſſe, es im ganzen Hauſe, keine Buͤcher gaͤbe, als die Bibel der Miß Martha, die ſie ſchwerlich verleihen wuͤrde, und zwei ihrem Herrn gehoͤrige Buͤcher uͤber die Rechenkunſt, deren Erborgung Nigel ablehnte, ſie erbot ſich jedoch, ihm einige Buͤcher vom Herzog Hildebrod zu holen, worauf der gute Herr, wenn ihm die Staatsangele⸗ genheiten des Elſaß Muße dazu ließen, bisweilen einen Blick wuͤrfe.“ Dieſen Vorſchlag nahm Nigel an, und die un⸗ ermuͤdete Iris watſchelte von dannen, um ihre zweite Sendung auszufuͤhren. Bald kehrte ſie mit einem halbzerriſſenen Quartbande und einer großen Flaſche Sect zuruͤck, denn der Herzog, urtheilend, daß die Lectüre angeſeuchtet werden muͤſſe, hatte geglaubt, den Wein als Bruͤhe, um ſie hinunter zu ſpuͤlen, mitſenden zu muͤſſen, nicht vergeſſend, die ſchon ziem⸗ lich angelaufene Rechnung uͤber die Vormittagszeche beizulegen. Nigel ergriff das Buch, ohne den Wein zu ver⸗ ſchmähen, da er wirklich gut war und kein uͤbles In⸗ termezzo fuͤr ſeine Studien darzubieten ſchien. Er — —— — — ——— — 297 entließ mit Dank und dem Verſprechen einer Beloh⸗ nung die alte, dienſteifrige Aufwaͤrtin, ſchuͤrte ſein Feuer, zundete die Lichter an und ruͤckte den bequem⸗ ſten unter den alten Lehnſeſſeln⸗ zwiſchen das Camin⸗ ſeuer und den Tiſch an dem er geſpeiſt hatte, und auf den er jetzt den Sect und däs Licht ſtellte. Nach⸗ dem er auf dieſe Weiſe Anſtalt getroffen hatte, ſeine Studien mit ſo vielen phyſiſchen Genuͤſſen als er in ſeiner Macht hatte zu vergeſellſchaften, beſah er das einzige Buch, womit ihn die herzogliche Bibliothek in Alſatien zu verſehen, im Stande geweſen war. Der Si war nicht geeignet, ſeinen Truͤbſinn zu vertreiben. Der Titel des Buches hieß:„Gottes Rache gegen Mord;“ es war, wie der Buͤcherkun⸗ dige Leſer leicht denken kann, nicht das von Reynolds unter dieſem Namen herausgegebene Werk, ſondern ein weit früher erſchienenes, bei dem alten Wolfe ge⸗ drucktes und verlegtes Buch, welches, wenn jetzt noch ein Exemplar davon außzufinden waͤre, weit hoͤher verkauft werden wuͤrde, als ſein Gewicht in Sut betraͤgt. *) Anmerkung des Capitain Clutterbuck. So viel man weiß, exiſtiren nur drei Exemplare davon;— das eine in der Bibliothek zu Kennaquhair, und zwei andere,— wo⸗ von eines unvollſtändig, das andere gut conditionirt— im Beſitz eines ausgezeichneten Mitgliedes des Elubs von Rorburah, jetzt Profeſſors auf einer großen univerſität ſich beſindet*). ) Ers bedarf kaum einer Erwähnung, daß die ganze Note ——— 298 ——— Bald war Rigel uͤberſattigt von den traurigen Geſchichten, welches dieſes Buch enthaͤlt, und ver⸗ ſuchte, auf andere Weiſe die Zeit zu tödten. Er ſchaute zum Fenſter hinaus, aber die Nacht war reg⸗ nicht und ſtuͤrmiſch; er verſuchte das Feuer anzuſchuͤ⸗ ren, aber die Reisbuͤndel waren gruͤn und rauchten ohne zu brennen: da er von Natur maͤßig war, fuhlte er ſein Blut ohnehin durch den genoſſenen Canarien⸗ ſect etwas erhitzt, und hatte weder Beduͤrfniß, noch Luſt, ſich ferner mit vergeblichen Verſuchen zum An⸗ ſchuͤren des Feuers die Zeit zu vertreiben. Dann be⸗ ſchäͤſtigte er ſich eine Weile mit der Abfaſſung einer Denkſchriſt an den Koͤnig, worin er ſeine Angelegen⸗ heit und ſeine Beſchwerden auseinander ſetzte; allein bald ergriff ihn der Gedanke, daß ſeine Bittſchriſt veraͤchtlich aufgenommen werden wuͤrde; er warf das Concept ins Feuer und nahm in einer Art von Ver⸗ zweiflung das weggelegte Buch wieder zur Hand. Bei der zweiten Lectuͤre gewaͤhrte es ihm mehr Intereſſe, als bei der erſten. Damals hatten ſelt⸗ ſame, ſchauderhafte Erzählungen noch auf die Le⸗ —.——— ein ſatyriſcher Ausfall des PVerfaſſers auf die den Englän dern wohl nicht ganz mit unrecht vorgeworfene Biblio⸗ manie, namentlich auf ihre Vorliebe für Werke die oft kein anderes Verdienſt haben, als Alterthum und Selten⸗ heit, ſehn ſoll. Ueber die Perſon des vorgeblichen Anmer⸗ kers erhalten die Leſer in der Einleitungsepiſtel einige Auskunft. A. d. U⸗ . ———— 299 er eine Virkung, ähnlich verjenigen, welche Zau⸗ bergeſchichten dadurch herverbringen, daß ſie durch Schrecken das Gemuͤch aufregen und die Aufmerkſam⸗ keit ſchrfen. Dos Buch enthielt Schilderungen, ſeltſamer, ſchrecklicher Mordthaten, wodurch Men⸗ ſchen, trotzend den Gefuͤhlen der Natur und der Menſchheit, aus Rachgier, Golddurſt oder Ehrſucht, ihren Nebenmenſchen das Leben geraubt hatten⸗ Doch noch uͤberraſchender und geheimnißvoller, wa⸗ ren viele Erzählungen von den wunderſamen Mit⸗ teln, wodurch ſolche Blutthaten entdeckt und geraͤcht wurden. Bald hatten Thiere und Voͤgel unter dem Himmel das Geheimniß entdeckt und verbreitet;— bald ſchien es, als ob ſelbſt die Elemente Schand⸗ thaten verriethen, wodurch ſie befleckt waren;— die Erde war unter den Tritten des Moͤrders gewichen;— ſeine Dienſte verweigerte das Feuer zur Erwaͤrmung ſeiner erſtarrten Glieder,— das Waſſer zur Erfri⸗ ſchung ſeiner duͤrren Lippen,— die Luſt zum auf⸗ athmen der beklemmten Bruſt. Kurz, Alles trug zur Entdeckung der Schuld des Moͤrders bei. In vie⸗ len Faͤllen verfolgte auch das erwachte Gewiſſen den Verbrecher und rief den raͤchenden Arm des Geſetzes uͤber ihn herab;— ja, ſelbſt die Gräber, ſo wollte die Sage, hatten ſich geoͤffnet, um den Geiſt des Gemordeten hervorſteigen und Rache ſordern zu laſſen. —— 300 Schon war es ſpaͤt in der Nacht, und immer noch hatte Nigel das Buch in der Hand, als der Ta⸗ petenbehang an der Wand hinter ihm, gegen die Mauer ſchlug und die Flamme des Lichts, bei deſſen Scheine er las, von einem in Zimmer ſich erhebenden Zugwinde bewegt ward. Nigel fuhr vom Stuhle auf, und wandte ſich, auſgeregt von dem Inhalt ſei⸗ ner Lectuͤre, der in jenen Zeiten als noch ein gewiſ⸗ ſer Grad von Aberglauben als Religionspunct einge⸗ ſchaͤrft ward, von groͤßerer Wirkung war, als in un⸗ ſern Tagen. Man denke ſich daher, mit welchen Em⸗ pfindungen Nigel, als er ſich umwandte, die geiſter⸗ bleiche, hagre Geſtalt des alten Trapbois noch ein⸗ mal vor ſich ſtehen ſah, ausſtreckend die knoͤcherne Rechte nach dem Tiſche, wo ſeine Waffen lagen. Ueberzeugt, daß dieſe unzeitige Erſcheinung, etwas Böſes gegen ihn beabſichtige, ergriff er ſein Schwert, entbloͤßte es und ſetzte dem Alten die Spitze auf die Bruſt, mit der ernſten Frage:„was er in dieſer mitternäͤchtlichen Stunde in ſeinem Zimmer zu ſchaf⸗ ſen habe? Ohne Furcht oder Befremden zu zeigen, antwortete der Alte, nur in abgeriſſenen Worten: „lieber wolle er ſein Leben als ſein Eigenthum ver⸗ lieren.“ Nigel in groͤßter Verlegenheit, was er von den Beweggruͤnden dieſer Erſcheinung denken und noch weniger, wie er ihrer los werden ſollte, ver⸗ ſuchte noch einmal, den Alten auf die vorige Weiſe — in Schrecken zu ſetzen, als er durch eine zweite hin⸗ ter der Tapete hervorkommenden Erſcheinung,— es war Miß Martha, eine Lampe in der Hand,— uͤber⸗ raſcht ward. Auch ſie ſchien ihres Vaters Gefuͤhllo⸗ ſigkeit gegen Gefahr zu beſitzen; denn, Nigeln na⸗ hend, ſtieß ſie heftig ſein entbloßtes Schwert von der Seite und verſuchte ſogar es ihm aus der Hand zu winden. „Schämt euch,“ ſchalt ſie,„ den Degen gegen einen achtzigjaͤhrigen Mann zu ziehen!— iſt dies die Ehre eines ſchottiſchen Edelmannes,“ gebt mir den Degen, damit ich eine Spindel daraus mache.“ „Drei Schritte vom Leibe!“ rief Nigel;„ ich will euren Vater nichts zu leide thun, aber ich will wiſſen, was ihn veranlaßt hat, den ganzen Tag und jetzt ſogar in dieſer mitternaͤchtlichen Stunde, nach meinen Waffen zu trachten.“ „Nach euren Waffen?“ wiederholte ſie;„ach junger Mann! alle Waffen im Zeughauſe des To⸗ wers ſind von geringem Werthe fuͤr ihn, im Ver⸗ gleich mit jenem elenden Goldſtuͤcke, welches ich die⸗ ſen Morgen auf den Tiſch eines jungen Verſchwen⸗ ders legte, der zu ſorglos iſt, um ein ihm zugehoͤriges Stuͤck Geld in ſeinen Geldbeutel zu ſtecken.“ Mit dieſen Worten zeigte ſie auf das Goldſtuͤck, welches immer noch auf der naͤmlichen Stelle des Ti⸗ ſches liegend, wo ſie es bei der Zurückgabe an Ni⸗ — . 3 . 302 —————— geln morgens hingelegt hatte, der Koder geweſen war, der den alten Trapbois ſo oft, zu dieſem An⸗ ziehungspuncte hingelockt hatte, und welches ſelbſt im mitternächtlichen Schweigen ſeine Einbildungs⸗ kraft ſo ganz erfuͤllte, daß er auf der geheimen lange außer Gebrauch geweſenen Treppe, durch eine Tape⸗ tenthuͤr in ſeines Miethmanns Zimmer ſchlich um ſich, während er ſchliefe, dieſes Schatzes zu bemochtigem Auch jetzt rief er ſo laut, als Stimme es zuließ: i tr „Es gehort mir!— es gehört mir!— er gäb es mir aus beſonderer Ruͤckſicht. Lieber laß' ich mein Leben, als mein Eigenthum!—“ „Es gehoͤrt ihm in der That miß,“ verſetzte Nigel,„und ernſtlich erſuche ich euch, es der Per⸗ ſon zuruͤckzugeben, der ich es ſchenkte; und dann laßt mich auf meinem Zimmer in Ruhe.“ „Wohlan denn, ſo bleibe ich wegen dieſes Golbſtuͤcks eure Schuldnerin,“ entgegnete die Jung⸗ frau, indem ſie mit ſichtlichem Widerwillen dem Va⸗ ter das Stuͤckchen Mamon einhaͤndigte, bei deſſen Ergreifung ſeine knochigten Finger ganz die Form der Krallen eines ſeine Beute erfaſſenden Raubvogels an⸗ nahmen. Mit dem ſelbſtzufriedenen Schnurren ei⸗ nes eben gefutterten alten Hundes, der, um ſich zur Ruhe zu legen, ſich dreimal herum wendet, folgte — der Alte ſeiner Tochter durch die int der Zeptt ſich zeigende geheime Thuͤr. „Ich verſpreche euch,“ ſugte Martha zu Rigeln ſo leiſe, daß ihr Vater, ohnehin taub, und jetzt vollends beſchäſtigt mit ſeiner neuen Erwerbung, ſi ſie nicht horen konnte,„daß dieſe Thuͤr mprgen verna⸗ gelt werden ſoll; dieſe Nacht will ich ihn unauſhör⸗ lich bewachen, ich wuͤnſche euch wohl zu ruhen.“ Dieſe Worte, geſprochen in einem hoͤflicheren Tone, als demjenigen, den ſie bis jetzt gegen ihren Miethsmann angenommen hatte, enthielten einen Wunſch der unerfullt blieb, obgleich ihr Gaſt ſich un⸗ mittelbar nach ihrer Entfernung zu Bette legte⸗ Ein leichtes Fieber, verurſacht durch die Ereig⸗ niſſe des Abends, durchſchauerte Nigels Blut und raubte ihm die Ruhe. Verwirrte, peinliche Gedan⸗ ken durchkreuzten ſeine Seele und je mehr er ſtrebte, ſich in Schlaf zu lullen, je weiter ſchien Morpheus von ſeinem Lager zu fliehen. Vergebens verſuchte er alle in ſolchem Fäͤllen uͤbliche Huͤlfsmittel,— er zählte von eins bis tauſend bis ihm der Kopf ſchwin⸗ delte,— er ſchaute in die gluͤhende Aſche des Ca⸗ minfeuers bis es ſeine Augen verblendete,— er horchte dem Heulen des Windes, dem kreiſchenden Tone der vom Sturme hin?⸗ und herbewegten Wirths⸗ hausſchilder und dem Bellen einiger heimathloſen Hunde, bis ſeine Ohren ermuͤdeten. Ploͤtzlich ließ ſich jedoch zwiſchen allem dieſem einfoͤrmigen Geraͤuſche ein Ton vernehmen der ihn nicht wenig erſchreckte. Er klang wie ein weibliches Zetergeſchrei.— Rigel ſetzte ſich auftecht im Bette, um zu horchen; dann erinnerte er ſich, daß er in Al⸗ ſatien ſey, wo laͤrmende Haͤndel aller Art unter dem ordnungsloſen Bewohnern gewoͤhnliche Dinge waren. Allein ein zweites, drittes und ein viertes Angſtge⸗ ſchrei folgten ſo nahe auf einander, daß ungeachtet der Schrei etwas entfernt und halb erſtickt zu ſeyn ſchien⸗ überzeugt war, die Quelle deſſelben muͤſſe mit ihm unter einem Dache ſeyn. Raſch ſprang er aus dem Bette warf einen Theil ſeiner Kleidungsſtuͤcke um, ergriff Degen und Piſtolen und eilte an die Stubenthuͤr. Hier vernahm er deutlich, daß das Angſtgeſchrei ſich verdoppelte, auch duͤnkte es ihm, als käme der Ton aus des Wucheres Zimmer. Aller Zugang zur Gallerie war gehemmt durch die verſchloſ⸗ ſene Mittelthuͤr, welche der junge Lord mit ungedul⸗ diger Anſirengung vergebens einzuſtoßen ſich beſtrebte. Allein plotzlich fiel ihm der geheime Durchgang mit⸗ telſt der Tapetenthuͤr ein. Er eilte in ſein Zimmer zuruͤck; ſchrecklich bewegt durch das fortwaͤhrende Angſtgeſchrei und mehr noch durch die Furcht, daß es aufhoren moͤchte, gelang es ihm nur mit großer Muͤhe, ein Licht anzuzuͤnden; er folgte dem langen⸗ krummen Zugange, geleitet durch das immer ſchrek⸗ kenvoller und heftiger in ſein Ohr dringende Angſt⸗ geſchrei; und als er eine enge den Durchgang en⸗ dende Treppe hinabſtieg, hoͤrte er gedämpfte Män⸗ nerſtimmen, die ſich, wie es ihm duͤnkte, einander aufmunterten.„Schlagt ſie zu Boden,— knebelt ſie,— zerſchellt ihr die Hirnſchale!“— ſo toͤnte es ihm ins Ohr, abwechſelnd mit einer faſt erſchopften weiblichen Stimme, welche er jetzt fur die ſeiner Wirthin erkannte und die den Nothruf„Mord!— Huͤlfe!—“ wiederholte. Am Fuß der Treppe be⸗ fand ſich eine kleine Thuͤr, die Nigels Andrange wich, als er, ein Piſtol mit geſpanntem Hahn in der Rechten, ein Licht in der Linken und ſein ent⸗ blößtes Schwert unterm Arm den Schauplatz der Mordſcene erreichte. Zwei Böſewichter hatten die Tochter des Wu⸗ cherers uͤberwaͤltigt, oder waren vielmehr auf dem Punct, ſie zu uͤberwaͤltigen. Verzweiflungsvoll ſchien ihr Widerſtand geweſen zu ſeyn, denn der Fußboden war bedeckt mit Fragmenten ihrer Kleidungsſtuͤcke und ganzen Buͤſcheln ihrer Haare. Eben ſtand ſie im Begriff, ihre Vertheidigung mit dem Leben zu bezahlen; denn einer von den beiden Boͤſewichtern hatte ein langes Einſchlagemeſſer herausgezogen, als Nigel hereintrat, der, als ſie ſich gegen ihn wand⸗ ten, denjenigen, welcher das Meſſer gezogen hatte⸗ auf der Stelle erſchoß und dem andern, als er auf 1I. 2% ihn losging, den metallnen Leuchter an den Kopf warf und ihn mit dem Schwerte angriff. Es war dunkel, und nur ein ſchwaches Mondlicht drang durch die Fenſter; der Böſewicht feuerte ein Piſtol ab, ohne jedoch Jemanden zu treffen; und nachdem er mit ſeinem Schwerte einige vergebliche Kreuzhiebe gegen Nigeln gefuͤhrt hatte, verlor er den Muth, eilte ans Fenſter, ſprang uͤber die Bruͤſtung und ent⸗ kam. Nigel feuerte ſein zweites Piſtol ihm nach und rief dann nach Licht.— „Es iſt Licht in der Kuͤche,“ antwortete Mar⸗ tha, mit weit mehr Geiſtesgegenwart, als man haͤtte erwarten können,„wartet, ihr findet den Weg nicht; ich will es ſelbſt holen.— O! mein Va⸗ ter!— O mein Vater! ich wußte, daß es dahin kommen wuͤrde,— und das Alles des verwuͤnſchten Goldes wegen! Sie haben ihn gemordet. Ende des zweiten Bandes. ————— ſſſ mn ſſiſſiſnm 8 9 6 18 2 9 S