6nnard Ollmunn in Gieſten, hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. S 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nochengich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 4 Monat: 1 Mt.— f. 1 M 50 Pf 2 M.— Pf. 7 S„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage eſgeſ. etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ℳ Nigels Schickſale, 1 . W alter Se d 1* Frei nach dem Engliſchen, mit Anmerkungen, von B. J 6 4 S 6 B a Le bei Friedrich Ludwig 1 6 2 3 Herbig. 7— Nigels Schickſale. Erſtes Kapitel. Die anhaltenden Feindſeligkeiten, welche Jahr⸗ hunderte lang den fuͤdlichen und noͤrdlichen Theil der großbrittaniſchen Inſel geſchieden hatten, wa⸗ ren durch des friedliebenden Jacobs I. Gelangung auf Englands Thron glücklich beendigt. Allein⸗ wenn gleich Englands und Schottlands Kronen jetzt auf dem naͤmlichen Haupte vereinigt waren, ſo erforderte es dennoch einen großen Zeitraum und eine Folgereihe von mehr als einer Generation, be⸗ vor die eingewurzelten Nationalvorurtheile, die ſo lange zwiſchen den Schweſterreichen votgeherrſcht hatten, verſchwanden, und die Brittiſchen Unter⸗ thanen an beiden Ufern des Tweed dahin gekommen waren, ſich wechſelſeitig als S, und Bruͤder anzuſehen. Unter Koͤnig Jacobs Regierung waten dahen jene Vorurtheile noch ſehr feſt eingewurzelt. Die Engländer beſchuldigten ihn der Parteilichkeit fuͤr —. die Bewohner ſeines alten Koͤnigreichs; und die Schotten warfen ihm mit eben ſo großem Unrecht vor, daß er ſein Geburtsland vergeſſen habe, und ſeine fruͤheren Freunde, deren Treue er ſo vieles verdanke, vernachlaͤſſige. Die faſt bis zur Furchtſamkeit ricdlieendon Geſinnungen des Koͤnigs machten ihn ſtets geneigt, als Vermittler zwiſchen die ſtreitenden Factionen zu treten, deren Hader die Ruhe des Hoſes ſtörte. Allein ungeachtet aller ſeiner Vorſichtsmaßregeln gab es, wie die Geſchichtſchreiber jener Zeit uns lehren⸗ viele Fälle, wo der wechſelſeitige Haß zwiſchen beiden, nach tauſendjähriger Feindſchaft verein⸗ ten Voͤlkern mit einer Wuth hervorbrach, die eine allgemeine Erſchuͤtterung drohte, und, verbreitet unter den höchſten ſo wie unter den niedrigſten Volksclaſſen, Streitigkeiten im Cabinet und im Parlamente, Factionen am Hofe, Zweikämpfe un⸗ ter dem Adel, Zäͤnkereien und Tumult unter den niederen Ständen erzeugte. Waͤhrend dieſer Groll den hoͤchſten Grad er⸗ reicht hatte, lebte in der Altſtadt London ein wohl⸗ habender und ſinnreicher, aber grillenhafter Hand⸗ werker, Namens David Ramſay. Er war ſehr von ſich eingenommen, widmete ſich mit Vorliebe abſtracten Studien, und hatte entweder durch vor⸗ zůgliche Geſchicklichkeit in ſeinem Gewerbe, wie die „. 5 Hoͤftinge behaupteten, oder, wie ſeine Nachbarn einander in die Ohren raunten, durch den Um⸗ ſtand, daß er in der guten Stadt Dalkeith ohn⸗ weit Edinburg geboren war, den Poſten als Koͤnig Jacobs Hofuhrmacher erlangt. Gleichwohl hielt er es nicht unter ſeiner Wuͤrde, in Temple⸗Bar, ei⸗ nige Schritte oſtwaͤrts der St. Dunſtans⸗Kirche, einen offnen Laden zu halten. Der Laden eines Londoner Kraͤmers war in jenen Zeiten, wie man leicht denken kann, ſehr ver⸗ ſchieden von denen, die man jetzt in den nämlichen Oertlichkeiten erblickt. Die ſeilgebotenen Waaren ſtellte man in Kaſten aus, die blos durch eine Be⸗ deckung von Packleinwand gegen rauhe Witterung geſchuͤtzt wurden, und das Ganze glich einem Kra⸗ merſtand oder einer Bude, ſo wie man ſie jetzt auf Dorfjahrmaͤrkten außgeſchlagen findet, keinesweges aber dem dauernden Waarenmagazin eines ange⸗ ſehenen Buͤrgers. Doch hatten die meiſten bedeu⸗ tenden Kraͤmer, und unter ihnen David Ramſay⸗ hinter ihrer Bude ein mit dem Hintergrunde der⸗ ſelben in Verbindung ſtehendes Zimmerchen, wel⸗ ches ſich zum Vorderladen eben ſo verhielt, wie zu Robinſon Cruſpes Hoͤhle das vor derſelben ausge⸗ ſpannte Zelt. In dieſen Verſteck pflegte ſich Mei⸗ ſter Ramſay oſt zuruͤckzuziehen, um ſich mit ſeinen tiefſinnigen Berechnungen zu beſchaͤftigen; denn er — 6 ſtrebte nach Vervollkommnungen und neuen Ent⸗ deckungen in ſeiner Kunſt, und trieb ſogar ſeine Forſchungen ſo wie Napier und andere Mathema⸗ tiker jenes Zeitalters bis zum Studium abſtracter Wiſſenſchaften. War er hierin vertieft, ſo uͤberließ er die Wahrnehmung der Außenwerke ſeiner Handels⸗ niederlaſſung zwei ſtämmigen, mit Stentorſtimmen be⸗ gabten Lehrburſchen, welche den unaufhoͤrlichen Ruf „was ſucht ihr⸗ Sir, was iſ euch gefäͤllig, Mys Lady?“ mit angemeſſenen Empfehlungen ihrer Ladenartikel hegleiten mußten. Dies unmittelbare perſonliche Anruſen der Voruͤbergehenden iſt jetzt, wie wir glau⸗ ben, auf die jüdiſchen Trödelbuden in der Mon⸗ mouthſtraße beſchraͤnkt; allein in den Zeiten, von denen wir reden, war es bei Juden und Heiden uͤb⸗ lich, und vertrat die Stelle aller unſerer jetzigen prahlenden Anzeigen, die man in offentliche Blaͤtter einruͤckt, um die Aufmerkſamkeit des Publicums, und insbeſondere„ſeiner Freunde“ auf die uner⸗ reichte Vortrefflichkeit der Waaren zu lenken, welche man um ſo geringe Preiſe ausbietet, daß es wirklich ſcheint, die Verkäuſer beabſichtigten mehr das allge⸗ meine Beſte des Publicums/ als ihren Privatvortheil. Die muͤndlichen Verkuͤndiger der Se ihrer Waaren hatten vor denen⸗ die ſich heutiges T ges der öffenklichen Blätter zu dieſem Zwecke zei nen⸗ den Vortheil voraus, daß ſie in vielen S 5 6 bei der Empfehlung ihrer Handelsartikel das Aeußere und den anſcheinenden Geſchmack der Voruͤbergehen⸗ den zu Rathe ziehen konnten. Wir erinnern uns noch, daß auch dies in der Monmouthſtraße der Fall war, wo wir einſt auf die Maͤngel unſerer Beinkleider aufmerkſam gemacht, und ermahnt wur⸗ den, uns ſchicklichere Kleidungsſtuͤcke) zuzulegen. Doch um wieder auf unſere beiden Spaßvögel zu⸗ ruͤckzukommen, ſo war dieſe unmittelbare perſoͤnliche Anlockung der Kaͤufer eine gefährliche Verſuchung fuͤr die jungen Leute, beſchaͤftigt, in Abweſenheit ihres Meiſters Kundleute herbeizuziehen; denn die Londo⸗ ner Lehrburſche, vertrauend auf ihre Zahl und den unter ihnen beſtehenden Verein, ließen ſich oft ver⸗ leiten, gegen die Vorubergehenden ſich Freiheiten her⸗ auszunehmen, und auf Koſten derer, die ſie durch ihre Veredſamkeit in Kundleute umzuſchaffen nicht hoffen konnten, ihrem Witze freien Lauf zu laſſen. Wenn dies durch irgend eine gewaltſame Handlung geraͤcht wurde, ſo waren alle Ladendiener zum Bei⸗ ſinde bereit, und, um mit den Worten eines alten Lides zu reden, welches Dr. Johnſon zu trällern pflegte: „Londons Lehrlinge ſtrömten herbei, Einander zu helfen kräftig und treu.“ Oſt erhoben ſich bei ſolchen Gelegenheiten⸗ insbeſon⸗ dere, wenn die Studirenden im Juriſtencollegium . S trefflichen Stiftung des Hospitals der Chriſt⸗Kirche erzogen und beſaß ganz den Scharfſinn, die Gewandt⸗ 8 von Templars⸗Inn, oder andere der Ariſtocratie an⸗ gehoͤrige junge Leute beleidigt waren oder zu ſeyn glaubten, wuͤthende Kämpfe. Nicht ſelten ward dann der blanke Stahl den Knuͤtteln der Buͤrger ent⸗ gegengeſetzt, ſo, daß es an beiden Seiten Todte gab. Die zoͤgernde, unwirkſame Polizei jener Zeiten hatte kein anderes Huͤlfsmittel, als durch den Alderman des Stadtviertels ſaͤmmtliche Hausväter aufbieten zu laſen, und durch Uebermacht dem Streite ein Ende zu machen, ſo wie in Shakespeares Romeo und Ju⸗ lie die Capulets und Montague's nebſt ihrem Sefolge auseinander getrieben werden. Zur Zeit, als dieſe Sitten in den Läden der an⸗ geſehenſten, wie der unbedeutendſten Londoner Kräͤ⸗ mer herrſchten, uͤberließ eines Abends,— ein Zeit⸗ punct, auf welchen wir die Leſer ihre Aufmerkſamkeit zu richten bitten,— David Ramſay, als er ſich zu ſeinen abſtracteren Privatarbeiten zuruͤckzog, die Wahrnehmung ſeines äußeren Ladens den obbeſagten ſchlauen, thaͤtigen, wohlgewachſenen und mit lau⸗ ten Stimmen begabten Lehrburſchen, Namens Vincent und Frank Tunſtall. Bincent, ein geborner Londoner, war in der heit und die Fuͤhnheit, welche den Juͤnglingen in Fauptitn eigen zu ſeyn pflegt. Er war da⸗ . ———— —— B ——— mals etwa zwanzig Jahre alt, nicht lang gewachſen, aber ungemein ſtark gebaut, beruͤhmt wegen ſeiner Kraftaͤußerungen beim Ballonſchlagen und andern gymnaſtiſchen Uebungen, und unerreicht im Rappie⸗ ren, welches jedoch damals nur mit Sttoͤcken ge⸗ trieben ward; er kannte jedes Nebengäͤßchen, jeden Kehrwieder, und jeden verſteckten Hof im ganzen Stadtviertel beſſer als ſeinen Catechismus, war eben ſo chaͤtig in ſeines Meiſters Angelegenheiten, als in kurzweiligen und muthwilligen Streichen, die er je⸗ doch dergeſtalt zu treiben wußte, daß der gute Ruf, den er ſich durch die erſtere Eigenſchaft erwarb, ihm zur Entſchuldigung gereichte, wenn der letztere Hang ihn zu manchem Unfug verleitete, der indeß bis da⸗ hin nichts Herabwuͤrdigendes und Ehrenwidriges wi⸗ der ihn zur Folge gehabt hatte. Einige Ausſchrei⸗ tungen gab es freilich, die aber ſein Meiſter, David Ramſay, wenn er ſie entdeckte, ins regelmaͤßige Gleis zuruͤckzubringen ſuchte, auch gab es andere, bei de⸗ nen er ein Juge zudruͤckte, weil er ſie mit den Ab⸗ weichungen einer Uhr verglich, entſpringend aus dem Uebermaße der Federkraft des Triebwerks. Die Geſichtsbildung„Jin Vin's,“— eine Ab⸗ kuͤrzung ſeines Namens, unter welcher er dem gan⸗ zen Stadtviertel bekannt war,— entſprach unſerer Skizze von ſeinem Character. Sein Kopf, mit ſeinem auf ein Ohr geworfenen Leholin ——— chen ſorglos bedect hatte, war dicht bewachſen mit rabenſchwarzem„ in natuͤrliche Locken gekraͤuſeltem Haar, welches ſehr lang geworden ſeyn wuͤrde, haͤtte nicht die beſcheidene Sitte ſeines Standes, worauf ſein Meiſter ſehr ſtreng hielt, ihn genoͤthigt, es kurz abzuſchneiden,— eine Sitte, der er ſich nicht ohne Widerwillen unterwarf, da er neidiſch die, uͤber die Schultern herabwallenden Ringellocken betrachtete, welche die Höflinge und adligen Studenten als Zei⸗ chen ihres hoͤheren Standes zu tragen pflegten. Vin⸗ rent hatte tiefliegende, kohlſchwarze ſchelmiſche Au⸗ gen, voll Feuer und Leben, die ſelbſt während ſeines gewohnlichen Lavengeſchwaͤtzes einen humoriſtiſchen Ausdruck hatten, als ob er ſich uͤber diejenigen, wel⸗ che auf ſeine kaufmaͤnniſchen Gemeinplaͤtze einiges Gewicht legten, luſtig machte. Er hatte jedoch Ge⸗ wandtheit genug, einige Zuſätze von eigner Erſindung anzubringen, die jenen Gemeinplaͤtzen einè ſcherz⸗ hafte Wendung gaben, und ſein munteres Weſen, ſeine Dienſifertigkeit⸗ Klugheit und Hoͤflichkeit,— wenn er letztere fuͤr nöthig hielt, machten ihn zum Liebling der Kunden ſeines Herrn. Seine Geſichts⸗ zuge waren nichts weniger als regelmäßig, denn er hatte eine etwas platte Raſe, einen ziemlich großen Mund, und eine braͤunlichere Geſichtsfarbe, als man damals mit maͤnnlicher Schoͤnheit vereinbar hielt, allein ungeachtet er ſtets die Luft einer übervölkerten E— 2½ —— Stadt geathmet hatte, bezeichneten ſeine V die friſche, maͤnnliche Fuͤlle der Geſundheit. Seine auf⸗ geworfene Naſe gab Allem, was er ſagte, einen An⸗ ſtrich von Witz und Scherz, erhoͤht durch ſeine lů⸗ chelnde Miene; und ſchön geformte, rothe Lippen, die, wenn er lächelte, zwei Reihen blendend weißer Perlenzäͤhne enthuͤllten, machten die Groͤße ſeines Mundes vergeſſen. Dies war das Bild des aͤlteren Lehrlings David Ramſahs, Hofuhrmachers Sr. koͤ⸗ niglichen Majeſtät Jacobs l. Jenkins Seet war juͤnger als Lehrling, ob⸗ wohl alter an Jahren, und von weit geſetzterem, ern⸗ ſierem Weſen. Francis Tunſtall ſtammte aus einer jener Familien, die ſich mit Stolz„unbefleckt“ nann⸗ ten, weil ſie waͤhrend des mannigfaltigen Gluͤcks⸗ wechſels der langen, blutigen Kriege zwiſchen der rothen und weißen Roſe mit unerſchuͤtterlich r Treue dem Hauſe Lancaſter von Anfang bis zum Ende an⸗ gehangen hatten. Der geringſte Sproͤßling eines ſolchen Geſchlechts legte große Wichtigkeit auf ſeine Abſtammung, und man glaubte, daß auch Tun⸗ ſtall einen Theil dieſes Familienſtolzes ererbt habe, der ſeiner verwittweten, faſt duͤrftigen Mutter Thraͤ⸗ nen auspreßte, als ſie ſich genoͤthigt fand, ihren Sohn einem Berufe zu widmen, der ihren Vorur⸗ theilen zufolge unter der Wuͤrde ſeiner Vorfahren war. Gleichwohl fand trotz allen dieſen ariſtocrati⸗ 12 ſchen Vörurtheilen Meiſter David den auf ſeine Her⸗ kunſt ſtolzen Juͤngling gelehriger, Ordnung lieben⸗ der und aufmerkſamer auf ſeine Dienſtpflicht, als ſei⸗ nen weit thaͤtigeren und gewandteren Genoſſen. Auch dadurch machte ſich Tunſtall beim Meiſter beliebt, daß er einen Hang zum Studium der abſtracten theo⸗ retiſchen Kenntniſſe der Uhrmacherkunſt verrieth, de⸗ ren Grenzen mit der Vervollkommnung der Mathe⸗ matik täͤglich erweitert wurden. Vincent uͤbertraf ſeinen Kameraden viel weiter als das Verhaͤltniß ih⸗ rer Dienſtzeit mit ſich brachte, in allen practiſchen und mechaniſchen Zweigen der Kunſt, und noch mehr in allen Handelsgeſchaͤften des Ladens. Dennoch pflegte Meiſter David zu ſagen: zwar wiſſe Vincent Alles beſſer anzugreifen, allein Tunſtall kenne weit genauer die Grunvſätze, nach welchen es geſchehen muͤſſe, und mitunter aͤußerte er gegen den Letzteren: er habe zu genaue Kunde von theoretiſcher Vollkom⸗ menheit, als daß er jemals mit practiſcher Mittel⸗ maͤßigkeit zufrieden ſeyn werde. Tunſtall war von Natur ſchuͤchtern, und hatte großen Hang zum Studiren; dagegen fuͤhlte er ſich in den Ladengeſchaͤften, wenn er gleich gegen jeder⸗ mann hoflich und verbindlich war, nie an ſeinem Platze. Uebrigens war er gut gewachſen und wohl⸗ gebildet, hatte hellblaue Augen, eine griechiſche Naſe, ſchones Haar, und Geſichtszuge, in denen ſich Ver⸗ —— —— 13 ſtand und Gutherzigkeit, zugleich aber ein fuͤr ſeine Jahre nicht paſſender, an Niedergeſchlagenheit gren⸗ zender Ernſt ausſprach. Er lebte im beſten Verneh⸗ men mit ſeinem Gefaͤhrten und ſtand ihm bereitwil⸗ lig bei, ſo oſt er in eine der haͤufigen Schlägereien verwickelt ward, die, wie wir oben bemerkten, in jenen Zeiten ſo haͤufig die Ruhe der Altſtadt London ſtoͤrten. Doch, wenn gleich Tunſtall den Knuͤttel,— die Lieblingswaffe der Nordenglaͤnder,— tuͤchtig zu fuͤhren wußte, und von Natur handfeſt und thaͤtig war, ſo ſchien er ſich dennoch nur durch Nothwendig⸗ keit gezwungen, in ſolche Haͤndel zu miſchen; daher er auch in der Meinung der jungen Leute des Stadt⸗ viertels eine weit geringere Stelle einnahm, als ſein zutraulicherer, regſamerer Freund Jin Vin. Nur auf die Verwendung dieſes ſeines Kameraden nah⸗ men ihn ſeine Ebenalter gleichen Standes, die ihm den Beinamen„Ritter Cuddy oder auch der vorneh⸗ me Tunſtall“ gaben, in ihren Zirkel auf. Uebri⸗ gens ward der junge Menſch, beraubt des ſteten Ge⸗ nuſſes friſcher Luft, woran er ſeit ſeiner Kindheit ge⸗ wohnt war, und entbehrend der Leibesubungen, die er auf dem elterlichen Wohnſitze getrieben hatte, all⸗ maͤhlig blaͤſſer und hagerer, ohne eigentlich krank zu ſeyn; er vermied die Geſellſchaft und die Spiele ſei⸗ ner Jugenvgenoſſen und widmete ſeine Mußeſtunden dem einſamen Studium. Er lies ſelbſt das Schauſpiel 14 — unbeſucht,— damals ein allgemeiner Sammelplatz der jungen Leute ſeiner Claſſe, wo ſie ſich um halb⸗ zerbiſſene Aepfel herumbalgten, Nuͤſſe knackten und auf der oberſten Gallerie großen Laͤrm machten. Dies war eine getreue Schilderung, der beiden Juͤnglinge, welche den alten David Ramſay Mei— ſter nannten, und die er vom Morgen bis zum Abend zu bekritteln pflegte, ſo oft ihre Eigenthuͤm⸗ lichkeiten den ſeinigen, oder dem ruhigen, gewinn⸗ vollen Gange ſeines Gewerbes in die Queere kamen. Im Ganzen genommen hatten jedoch die jungen Leute große Anhaͤnglichkeit fuͤr ihren Meiſter, und ſo launig und zuruͤckhaltend er war, hielt er ſeinerſeits doch faſt eben ſo viel auf ſie; ſo daß er, wenn beim Schmauſe der Wein ihn zuweilen etwas erwaͤrmte, ſeiner beiden huͤbſchen Burſchen und der Blicke zu erwaͤhnen pflegte, welche die Hofdamen ihnen zu⸗ wuͤrfen, wenn ſie bei Gelegenheit einer Luſtbarkeit in der City, in ihren Hoſtaroſſen bei ſeinem Laden vor⸗ fuͤhren. Wenn ſich aber ſolche vornehmen Beſuche bei ihm einfanden, unterließ er niemals, auch ſeine eigne lange hagere Geſtalt zur Schau zu ſtellen, ſeine duͤr⸗ ren Kinnbacken zu einem widrigen Schmunzeln zu verzerren, und durch ein Nicken ſeines ellenlangen Geſichts oder durch ein Blinzeln ſeiner kleinen grauen Augen anzudeuten, daß es in Fleet⸗Street noch an⸗ dere des Anſehens werthe Geſichter gebe, als Franks ———— —— 15 und Jenkins Lärvchen. Seine alte Nachbarin, die Naͤherin, Witwe Simmons, welche in ihren ſchoͤ⸗ nen Tagen die vornehmſten Wuͤſtlinge unter den jun⸗ gen Juriſten von Templars⸗Inn mit Halskrauſen, Kragen und Aufſchlaͤgen bedient hatte, unterſchied genauer die Art der Aufmerkſamkeit, welche die Da⸗ men von Stande, die ſo regelmaͤßig Ramſays La⸗ den beſuchten, deſſen Bewohnern bezeigten.„Frank,“ ſagte ſie,„zieht die jungen Damen durch ſein ſanf⸗ tes, verſchaͤmtes Weſen und ſeine niedergeſchlagenen Augen an; allein er vermag nicht, in ihrer Gunſt zu ſteigen, weil der arme junge Menſch nicht ein Wort zu ſprechen weiß. Jenkins aber hat ſo viele ſcherz⸗ hafte Einfaͤlle, iſt ſo dienſtſertig und manierlich, da⸗ bei leichtfußig wie ein junger Vock im Walde von Cpping, und ſeine kohlenſchwarzen Augen werſen ſo lebhafte Blicke, daß alle Damen, welche die Welt kennen, ihn ſeinem Gefaͤhrten vorziehen. Was den guten Ramſay betrift, fuhr ſie fort, ſo iſt er ein hoͤſ⸗ licher Nachbar, ohne Zweifel ein gelehrter Mann, und koͤnnte reich ſeyn, wenn er Verſtand genug haͤtte, ſeine Gelehrſamkeit bei Seite zu ſetzen, auch iſt er uͤberhaupt kein uͤbler Mann, wenigſtens ſo gut als ein Schotte ſeyn kann; aber immer iſt er ſo ge⸗ ſchwaͤrzt vom Rauch, durch Feilſpaͤne vergoldet, und beſchmutzt mit Lampenſchwaͤrze, daß er ſchon ſein ganzes Uhrenmagazin hingeben muͤßte, um ein ſchick⸗ ————— liches Frauenzimmer zu bewegen, ihn anders als mit der Zange anzuruͤhren.“ Gleicher Meinung mit der beſagten vnilh war eine noch hoͤhere Autorität, Dame Urſula, die Cheliebſte des Barbiers. Es war an einem ſchoͤnen Apriltage, als die obbeſchriebenen Juͤnglinge, nachdem ſie zuvor ihrem Meiſter und ſeiner Tochter bei dem um 1 Uhr auf⸗ getragenen Mittagseſſen aufgewartet hatten,— denn dies, ihr Londoner Lehrburſche, erforderte die ſirenge Zucht, welche ſich eure Vorgaͤnger in jenen Zeiten gefallen laſſen mußten,— und nachdem ſie die Reſte der Mittagstafel in Geſellſchaft zwei weiblicher Dienſt⸗ boten verzehrt hatten, deren eine der Kuͤche und allen andern Hausarbeiten vorſtand, die andere hingegen den Titel: Miß Margarethens Magd fuͤhrte, ihren Herrn in den Geſchaͤften des aͤußeren Ladens abloͤſeten und nach gewohnter Sitte durch Anlockungen und Anpreiſungen der Fabricate ihres Herrn die Aufmerk⸗ ſamkeit der Voruͤbergehenden zu erregen ſuchten. Daß in dieſem Dienſizweige Jenkin Vincent ſei⸗ nen zuruͤckhaltenderen und verſchämteren Kameraden weit uͤbertraf, iſt leicht zu erachten. Der letztere konnte nur mit Muͤhe und als eine Dienſtpflicht, de⸗ ren er ſich faſt zu ſchamen ſchien, die herkoͤmmlichen Anlockungsworte:„Was iſt gefaͤllig?— Hausuh⸗ ren, Taſchenuhren, Brillen?“ hervorbringen. Mein —— ganz anders klang dieſer unaufhoͤrlich wiederholte einfoͤrmige Anruf, wenn er durch die unerſchoͤpfliche, anpreiſende Beredſamkeit des kecken, witzigen, mit einer Stentorſtimme begabten Jenkin Vincent ver⸗ mannigfaltigt wurde.„Was beſehlt ihr, edler Herr? — was iſt zu euren Dienſten, ſchoͤne Dame?“— fragte er in einem zugleich kuͤhnen und ſanften Tone, der oft ſo modulirt ward, daß er den Angeredeten ge⸗ fiel, und andern Zuhoͤrern ein Laͤcheln entlockte. „Gott ſegne Ew. Hochwuͤrden,“ ſo redete er z. B. einen feiſten Domherrn an,“ ohne Zweifel hat das viele Leſen des Griechiſchen und Hebraͤiſchen Ew. Hochwuͤrden Augen angegriffen; kauft eine von Da⸗ vid Ramſays Brillen. Der Konig,— Gott ſegne Se. geheiligte Majeſtät,— lieſt nie Hebräiſch oder Griechiſch, ohne ſich einer von unſern Brillen zu be⸗ dienen“*). „Biſt du deſſen gewiß, mein guter e. fragte ein hinzukommender wohlgenaͤhrter Pfarrer aus dem Thale von Evesham.„Denn, wenn das Haupt der Kirche ſie traͤgt,— Gott ſegne Se. gehei⸗ ligte Majeſtat!— ſo will ich verſuchen, welche Dienſte ſie mir leiſten. Leider habe ich keinen hebräiſchen Buchſtaben vom andern unterſcheiden können, ſeit, — ich erinnere mich nicht genau der Zeit,— ſeit ich *) Eine Anſpieluns auf Jacobs bekanntt für theologi⸗ ſche Studien. d. U. ein bitziges Fieber hatte. Such mir eine Brille aus, genau wie Se. Majeſtät ſie traͤgt.“. „Hier haben Ew. Hochwuͤrden,“ erwiederte t kin, indem er dem wohlbeleibten Geiſtlichen eine vorzeigte, die er mit großer Ehrerbietung beruͤhrte,— „eine Brille, die Se. geheiligte Majeſtät drei Tage lang auf Ihrer geheiligten Naſe getragen hat und 3 noch jetzt dieſem heiligen Gebrauche widmen wuͤrde, wenn nicht die Einfaſſung, wie Ew. Hochwürden ſehen, von dem reinſten Gagat, und wie Se. ge⸗ heiligte Majeſtät zu ſagen beliebte, paſſender fuͤr ei⸗ nen Biſchof, als fur einen weltlichen Fuͤrſten waͤre.“— „Se. geheiligte Majeſtät, der Koͤnig,“ ſagte der wuͤrdige Geiſtliche,„war immer ein wahrer Da⸗ niel in ſeinen Urtheilen; gieb mir die Brille, mein guter Burſche; wer weiß, ob ſie nicht in zwei Jah⸗ ren die Naſe eines Geiſtlichen von hoͤherem Range deckt? denn, unſer Hochwuͤrdiger Bruder, der Bi⸗ ſchof von Glouceſter iſt ſchon hochbejahrt.“ Hierauf zog der Pfarrer die Boͤrſe, bezahlte die Brille und verließ den Laden mit noch ſtolzeren Schritten, als diejenigen waren, welche ihn hereingefuͤhrt hatten. „Schaͤme dich,“ ſagte Tunſtall,„dieſe Brille wird nie fuͤr die Augen eines Mannes von ſeinen Jahren paſſen.“ „Du biſt ein Thor, Frank,“ erwiederi⸗ Vin⸗ eent;„haͤtte der gute Pfarrer wirklich eine Brille 19 verlangt, um dadurch zu leſen, ſo wuͤrde er ſie ver⸗ ſucht haben/ bevor er ſie kaufte; allein er bedarf ih⸗ rer nicht, um ſelbſt dadurch zu ſehen; und fuͤr Andre mag ſie vielleicht eben ſo gut ſeyn, als die beſten Vergroͤßerungsglaͤſer in unſerm Laden.“—„Was beſehlt ihr?“ fuhr er jetzt in ſeinem Anruf fort. „Hier ſind Spiegel für euer Ankleideziminer, ſchoͤne Dame; eure Haube ſitzt etwas ſchieß,— ſchade drum⸗ — denn die Form iſt allerliebſt.“ Die Dame nahete ſich und kaufte einen Spiegel.—„Was befehlt ihr, Herr Licentiat? Iſt euch nicht eine Uhr gefällig? Hier iſt eine, die einen eben ſo richtigen und zuper⸗ läſſigen Gang hat, als eure Beredtſamkeit.“ „Laß mich ungeſtört,“ erwiederte der junge Rechtsgelehrte, der durch Vincents Anruf in einer eifrigen Berathung mit einem beruͤhmten Advocaten unterbrochen wurde:„Du biſt der vorlauteſte unter allen Ladenburſchen auf der ganzen Strecke zwiſchen der Teufelsſchenke und Guildhall.“ „Kauſt eine Uhr,“ wiederholte der unerſchrockne Jenkin,—„eine Uhr, die nicht dreizehn Minuten in einem dreizehnzährigen Proceſſe verlieren ſoll.“— Als er ſah, daß ihn der Licentiat nicht hoͤrte, wandte er ſich an einen ihm als Theaterdichter bekannten Poeten.„Kauft eine Uhr, welche euch zeigen wird, wie lange bei der Vorſtellung eures naͤchſten Stücks die Geduld des Publikums ausdauert.“ Lachend ſuchte der Barde in den Taſchen ſeiner faltigen Bein⸗ kleider herum, bis er in einem Winkel ein 5 Pence⸗Stuͤck aufſand.„Dies fur deinen Witz, mein guter Burſche.“ „Großen Dank,“ erwiederte Vincent.„Bei der Vorſtellung eures naͤchſten Stuͤcks will ich einen Trupp laͤrmender Burſche mit ins Theater bringen, welche alle Kritiker im Parterre und die Stutzer hin⸗ ter den Couliſſen hoflich machen ſollen, oder der Vor⸗ hang ſoll in Rauch aufgehn.“ „Nun, das nenn' ich ſchlecht,“ ſagte Lunna, als der Poet ſeines Weges gegangen war,„dem ar⸗ men Reimer ſein Bischen Geld abzunehmen.“ „Ey du Murrkopf,“ entgegnete Vincent;„hat er nichts mehr uͤbrig, ſich Kaͤſe und Radieschen zu kauſen, ſo wird er nur um einen Tag fruͤher bei ir⸗ gend einem Beſchuͤtzer oder bei einem Schauſpieler zu Mittage eſſen; denn dies iſt 5 Tage in der Woche ſein Schickſal. Es iſt unnatuͤrlich, daß ein Poet fur ſich ſelbſt eine Flaſche Bier bezahlt; ich will ſein 5 Pence⸗Stuͤck fur ihn vertrinken, um ihn vor ſolcher Schande zu retten; und wenn der Abend der Vor⸗ ſtellung ſeines Schauſpiels herankommt, ſo ſoll er die Valuta ſeines 3 Pence⸗Stuͤcks haben; das ver⸗ ſpreche ich dir.— Aber hier koͤmmt ein anderer muth⸗ maßlicher Kunde. Sieh' doch dieſen närriſchen Kerl, wie er jeden Laden angafft, als wollte er die Waaren verſchlingen.— Sieh'! jetzt hat er die St. Dun⸗ —————— ſtanskirche ins Auge gefaßt; Gott gebe, daß er nur nicht die Bildſoulen verſchlingt; ſieh', mit welchem Erſtaunen er Adam und Eva mit ihrem Apfelbaum betrachtet! Komm, Frank, du biſt ein Gelehrter; erklaͤre mir, was das fuͤr ein Menſch ſeyn kann; durch ſeine blaue Mutze mit der Hahnenſeder ſcheint er eine vornehme Abkunſt anzeigen zu wollen; ſeine grauen Augen, ſein gelbes Haar, ſein Schwert mit eiſenbeladenem Griff, ſein grauer, abgeſchabter Man⸗ tel, und ſein Blick verrathen einen Spanier, ſein Gang einen Franzoſen; das Buch in ſeinem Guͤrtel und der Dolch an der andern Seite zeigen, daß er halb Pedant und halb Eiſenfreſſer iſt. Sag' mir Frank, was machſt du aus dem Prunker?“ „Ich glaube,“ erwiederte Tunſtall,„es iſt ein ungehobelter Schotte, ſo eben angekommen, um dem Reſt ſeiner hier weilenden Landsleute, Alteng⸗ lands uͤbrig gelaſſene Knochen abnagen zu helfen;— eine Wanderraupe, die verzehren will, was die Heu⸗ ſchrecken verſchont ließen. „Gerade ſo,“ bemerkte Vinenti„wie der Dichter ſingt: „Genug, daß er ein Schotte iſt, um uns K Den unterhalt des Bettlers aufzubürden.“ „Still! ſtill!“ ſiel Tunſtall ein,„vergiß nicht unſers Meiſters Geburtsland.“ „Ey was!“ entge nete ſein lebhafter Gefährte, 22 „unſer Meiſter kann mehr als Brod eſſen, und hat zu lange unter Engländern und von Englaͤndern gelebt, als daß er mit uns zanken ſollte, weil wir ein engliſches Herz im Buſen tragen. Aber ſieh, un⸗ ſer Schotte hat ſich jetzt an der Dunſtanskirche ſatt gegafft und kommt auf uns zu. Jetzt erſt ſehe ich, daß er trotz ſeiner Sommerſproſſen und ſeines ge⸗ bräunten Geſichtz ein flinker Kerl von kecker Miene iſt.— Er kommt naͤher; wart, 3 will ihn ein Bißchen außiehen.“ „Ich ʒurchte, Kamerad,“ entgegnete Francis, „du wirſt dir eine Kopfbeule holen; denn er ſieht nicht aus, als ob er ſich zum Beſten haben ließe.“ „Was kümmert mich deine Drohung,“ verſetzte Vintent.„Kauft eine Uhr, edler Herr aus Nor“ den,“ ſo redete er den Fremden an,„kauft eine Uhr, um die Stunden des Ueberfluſſes zu zählen, ſeit ihr Schottlands Gränzen hinter euch ließet.— Kauft eine Brille, um das engliſche Gold auf den erſten Griff fuͤr euch bereit liegen zu ſehen.— Kauſt was ihr wollt; ihr ſollt auf 3 Tage Credit haben; denn waͤren eure Taſchen auch noch ſo leet/ ihr ſeyd ein Schotte in London, und werdet in 3 Tagen bei Caſſe ſeyn.“ Mit finſterm Blicke den muthwilligen La⸗ venburſchen betrachtend, ſchien der Fremde einen ziemlich drohenden Griff an ſeinen Knuͤttel zu thun.„Kauft, Arzneimittel,“ fuhr der kecke Vin⸗ rent fort,„wenn ihr weder Zeit noch Licht kaufen wollt,— Arzneimittel fuͤr einen ſtolzen Magen, ed⸗ ler Herr;— hier gerade gegenuͤber iſt eine Apotheke.“ Eben ſtand der empiriſche Schuͤler Galens in ſeiner platten Muͤtze und canevas'nen Aermeln mit einem großen hölzernen Stoͤßel in der Hand, vor der Hausthuͤr ſeines Herrn, und, bereitwillig ein⸗ ſtimmend in den von ſeinem Nachbar gegenuͤber an⸗ geſtimmten Ton, rief ér dem Fremden zu:„Was befehlt ihr, edler Herr?— kauft eine auserleſene caledoniſche Salbe, Schweſelblumen mit Butter ge⸗ miſcht*). „Einzureiben mit einem engliſchen eichnen Hand⸗ tuch,“*) fiel Vincent ein. Der ehrliche Schotte hatte der leicten Artillerie dieſes Kroͤmerwitzes durch Beibehaltung ſeines ab⸗ gemeßnen Schritts vollen Spielraum gegeben, indem er wechſelnd die beiden Angreifenden rechts und lints mit finſterm Blicke anſah, als ob er mit einer muͤnd⸗ lichen Erwiederung oder mit thaͤtlicher Rache dro⸗ he. Doch Phlegma oder Klugheit uͤberwogen ſeinen unwillen; den Kopf in den Nacken werfend und, ) Eine Anſpielung auf eine gewiſſe Hautkrankheit, die, wie der engliſche Pöbel den Schotten aitt unter dieſen ſehr näuſg herrſchen ſoll. d. U. **) Es verſteht ſich, daß hier von einem Prügel die Rede iſt. d. U. 2⁴ wie es ſchien, nicht achtend der auf ihn abgeſchoßnen Witzpfeile, wanderte er, verfolgt von dem unmäßi⸗ gen Gelaͤchter ſeiner Swhn die Fleet⸗ hinab. „Kein Schotte ſligt ſich, bis er ſein eignes Blut fließen ſieht,“ bemerkte Tunſtall,„der, gebo⸗ ren und erzogen in Nordengland, mit allen Gemein⸗ plätzen gegen die Schotten vertraut war.“ „Meiner Treu',“ rief Jenkin,„der Kerl hat eine gefährliche Miene,— der wird nicht weit ge⸗ hen, ohne irgend jemandem eins uͤber den Hirnkaſten zu verſetzen.— Hört!— hort! ſchon giebt's Laͤrm.“ Wirklich erſcholl die Fleet⸗Straße entlang der wohlbekannte Ruf:„Lehrburſche, heraus!— Knuͤttel her!— Knuͤttel her!“ Jenkin, ergreifend ſeine ge⸗ wohnte Waffe, die unter der Zahlbank auf den erſten Griff bereit lag, ſchwang ſich uͤber die Halbthuͤr des aͤußeren Ladens, und indem er ſeinem Cameraden zurief, ihm zu folgen, lief er, ſo ſchnell er konnte, der Gegend zu, woher der Ruf erſcholl, indem er laufend das Signal:„Lehrburſche heraus!“ unauf⸗ hoͤrlich wiederholte und Alles was ihm im Wege ſtand mit dem Ellbogen auf die Seite ſchob. Sein Came⸗ rad rief zuvörderſt den Meiſter herbei, um ſeinen La⸗ den wahrzunehmen und lief dann eiligſt ſeinem Ge⸗ noſſen nach, ohne jedoch, wie dieſer, die Nebenſte⸗ henden zur Seite zu ſtoßen, waͤhrend der alte David 25 Ramſay, wohl wiſſend, daß er, wenn der Knuͤttel⸗ ruf erſcholl, nicht auf die Huͤlfe ſeiner Lehrburſchen rechnen konnte, in gruͤner Schuͤrze, und in der Hand ein Augenglas, mit deſſen Polirung er eben beſchäſ⸗ tigt war, hervor kam, ſeine Habe zu bewahren. Zweites Kapitel⸗ Verdrießlich uͤber die ploͤtzliche Unterbrechung ſeiner abſtracteren Beſchaͤftigungen, bewegte ſich der alte Herr in ſeinem Laden hin und her, gedankenvoll in den gewohnten Anruf der Voruͤbergehenden mi⸗ ſchend die arithmetiſchen Berechnungen, worin er bei ſeiner Arbeit vertieft geweſen war, und Aeuße⸗ rungen des Unwillens uͤber den Muthwillen ſeiner Lehrlinge. Bald rief er:„Was iſt gefallig? Haus⸗ uhren, Taſchenuhren, Nachtuhren?“ und bald: „das Schlagrad angenommen zu 48 und die ruck⸗ wirkende Kraft zus, muͤſſen der Schrauben ſeyn ——“ Dann rief er wieder, ſich unterbrechend:„was iſt gefäͤllig, ehrenwerther Herr?“— abwechſelnd mit Duotienten, Multiplicanden und dem Ausruf:„Daß doch die Schlingel eben jetzt fortlaufen mußten! Nun, ich ſchwore es bei den Gebeinen des unſterblichen Napier, wenn ſie zu Hauſe kommen, will ich ſie beide durchpeitſchen!“ Hier ward der verdrießliche Mechaniker durch den Eintritt eines ernſten Buͤrgers deſſen Aeußeres große Wohlhabenheit verrieth, unterbrochen.„Nun, mein alter Freund,“ fragte vertraulich der Eintretende mit herzlichem Haͤndedruck,„was hat euch ſo außer Faſ⸗ ſung gebracht?“ Der Fremde war einfach aber reicher als ge⸗ wöhnlich gekleidet; er trug weite, faltige Beinklei⸗ der von ſchwarzem Sammet, gefüttert mit purpur⸗ ner Seide, welche den Rand des Schlitzes zierte. Sein Wamms war von purpurfarbenem Tuche, und ſein kurzer ſammtner Mantel von gleicher Farbe mit den Beinkleidern, beides geſchmuͤckt mit einer großen Menge kleiner Knoͤpſe von künſtlicher ſlberner Fili⸗ granarbeit, Um den Hals trug et eine dreifache goldne Kette, und im Guͤrtel anſtatt eines Schwer⸗ tes oder Dolchs ein Tiſchmeſſer nebſt einer ſilbernen Capſel, welche Schreibmaterialien zu enthalten ſchien. Man haͤtte ihn fuͤr einen in Staatsdienſten ſtehenden Secretair oder Schreiber halten koͤnnen, waͤren nicht ſeine niedrige, platte und ungeſchmuͤckte Muͤtze und ſeine wohlgeſchwaͤrzten glaͤnzenden Schuhe ein ſiche⸗ res Zeichen geweſen⸗ daß er ein Buͤrger aus der City ſey. Er war wohlgewachſen, mittler Groͤße, und ſchien, obwohl vorgeruͤckt in Johren, einer trefflichen Geſundheit zu genießen. Sein Blick verkundigte Scharfſinn und gute Laune, und das Anſehn von 27 ———— Wohlhebenheit welches in ſeinem Anzuge lag, ſtand mit ſeinem klaren Auge/ ſeiner friſchen Geſichtsfarbe und ſeinem grauen Haar im Einklange⸗ Bei der er⸗ ſten Anrede ſprach er im ſchottiſchen Accent; jedoch auf ſolche Weiſe, daß man kaum unterſcheiden konnte⸗ ob er ſich uͤber ſeinen Freund ſcherzend luſtig machen wollte, oder ob er im heimiſchen Dialect redete, denn im gewohnlichen Geſpräch verrieth er wenig Provin⸗ cialismen · Auf die Frage ſeines anſehnlichen Freundes: Was ihm fehle? erwiederte David Ramſay mit ei⸗ nem tieſen Seufzer:„Was mir fehlt, Meiſter Georg? Ey! mir fehlt Alles! Ich verſichere euch, daß ich oben ſo lieb im Feenlande leben moͤchte, als im Stadt⸗ viertel von Faringdon; meine Lehrburſche ſind wahre Kobolde geworden, ſie erſcheinen und verſchwinden gleich Irrlichtern und ſind eben ſo regellos, als eine Taſchenuhr ohne Regulator. Wenn's an's Ballon⸗ ſchlagen geht, wenn ein wuͤthender Ochſe umher⸗ laͤuft, eine öffentliche Metze wegen Schimpfreden un⸗ ters Waſſer getaucht wird, oder eine Schlaͤgerei ab⸗ handen iſt, ſo iſt Jenkin allemal dabei, und dann ſumt auch Francis Tunſtall nicht, ihm Geſellſchaft zu leiſten. Scheinen doch alle Preiskaͤmpfer, Bären⸗ fuͤhrer und Marktſchreier gegen mich verſchworen zu ſeyn und zehnmal oͤfterer bei meiner Wohnung vor⸗ uͤber zu ziehn, als bei irgend einer andern in der 28 City. So iſt ja neulich ein italiäniſcher Kerl ange⸗ kommen, den ſie Punchinello und all ſol⸗ ches Volk“— „Schon gut,“ unterbrach ihn Meiſter Georg; „aber was hat dies alles mit dem jetzigen Falle zu thun?“ „Ey,“ erwiederte Ramſey,„man hat hier ein Diebs⸗ oder Mord⸗Geſchrei erhoben,—(denn ohne Zweifel wird dies das wenigſte ſeyn, was unter die⸗ ſen engliſchen Puddingfreſſern vorgefallen iſt)— aber ich bin daruͤber in der ſchwerſten Verechnung, worin ſich je ein Sterblicher vertiefte, geſtoͤrt worden.“ „Nun Freund!“ erwiederte Meiſter Georg, „ihr mußt Geduld haben. Ihr ſeyd ein Mann, deſ⸗ ſen Handelszweig die Zeit iſt, und der ſie nach Ge⸗ fallen ſchnell und langſam verfließen laſſen kann; niemand hat alſo weniger Grund, ſich zu beklagen, wenn mitunter etwas davon verloren geht. Aber hier kommen eure Burſche, und bringen wie es ſcheint einen erſchlagnen Mann geſchleppt,— hier iſt, fuͤrcht' ich, ein Ungluck geſchehen.“ „Je mehr Unfug, deſto beſſerer Spaß fur ſolche Wildfaͤnge,“ verſetzte der alte ſauertoͤpfiſche Uhrma⸗ cher.„Ich bin nur froh, daß keiner von den beiden Bengels der Erſchlagene iſt.— Warum bringt ihr mir eine Leiche ins Haus, ihr Schlingel?“ ſo ſchalt er die beiden Lehrlinge, die an der Spitze ei⸗ 29 — nes großen Haufens ihrer Conſorten, deren einige ſehr deutliche Spuren einer eben vorgefallnen Schlaͤ⸗ gerei an ſich hatten, den Koͤrper zwiſchen ſich trugen. 5„Er iſt noch nicht todt, Herr,“ entgegnete Tunffal. „So tragt ihn in die Apotheke,“ erwiederte ſein Meiſter.„Glaubt ihr, daß ich ein Menſchenleben in Bewegung ſetzen kann, als ob es eine Uhr oder ein Chronometer waͤre?“ „Um Gottes Willen, alter Freund,“ fiel Mei⸗ ſter Georg ein,„laßt uns ihn ganz in der Naͤhe be⸗ halten; er ſcheint blos in Ohnmacht zu liegen.“ „Warum treibt ſich auch der Kerl auf den Gaſ⸗ ſen herum? doch wenn meinem Freunde, Meiſter Georgen ein Gefallen damit geſchieht, ſo nehm' ich alle todte Menſchen aus St. Dunſtans Kirchſpiel in meinem Hauſe auf. Ruft Samuel, daß er nach dem Laden ſieht!“ Jetzt ward der Scheintodte, der kein anderer war, als der näͤmliche Schotte, den vor kurzem die Lehrburſchen im Voruͤbergehn verſpottet hatten, in den hintern Laden des Kuͤnſtlers getragen und in ei⸗ nen Armſtuhl geſetzt, bis der gegenuͤber wohnende Apo⸗ theker zu ſeiner Huͤlfe herbeikommen wuͤrde. Dieſer Gentleman, der wie es mitunter den Herrn von ge⸗ lehrten Profeſſionen zu gehen pflegt, weit mehr ge⸗ lehrten Wortkram, als aͤcht practiſche Kenntniſſe inne 30 hatte, begann vom Sinciput und Occiput, vom Cerebrum und Cerebellum zu ſchwatzen, bis er David Ramſays geringen Geduldsvorrath erſchoͤpſt hatte. „Bellum hin, bellum her,“ ſiel dieſer 1 willig ein, was hilſt all das Zeug, wenn ihr dem Manne nicht ein Pflaſter auf den Hirnkaſten Meiſter Georg, angetrieben von überlegterem Dienſteifer„ fragte den Apotheker, ob nicht ein Ader⸗ laß zweckmaͤßig ſeyn moͤchte? Worauf der Pharma⸗ ceutiker, unfaͤhig, ein anderes Huͤlfsmittel anzuge⸗ ben, brummend aͤußerte: ein Aderlaß wuͤrde auf alle Fälle das Cerebrum erleichtern, wenn etwa eine Hinneigung zur„Depoſitation“ extravaſirten Bluts, einen Druck auf jenes zarte Organ bewirkt habe. Gluͤcklicher Weiſe wußte der Pharmateutiker dieſe Speration zu bewerkſtelligen, und trůftig un⸗ terſtuͤtzt von Jenkin Vincent, der in allen Fällen, wo von zerſchlagenen Koͤpfen die Rede war, große Erfahrung hatte, verband er die Wunde mit einem Umſchlage von kaltem Waſſer und Eſſig; worauf der Beſchädigte ſich von ſeinem Armſtuhle zu erheben be⸗ gann und in ſeinen Mantel ſich huͤllend umherſchaute wie ein Mann, der ſeiner Sinne wieder zu werden ſtrebt. 3¹ „Beſſer, wir legten ihn auf's Bett' im Hinter⸗ kämmerchen,“ bemerkte Meiſter Georg, der mit des Hauſes Gelegenheit bekannt ſchien. „Gern trat' ich ihm meinen Antheil an unſerm Rollbett ab,“ ſiel Jenkin ein,— denn in dem be⸗ ſagten Hinterkämmerchen ſchliefen die beiden Lehrbur⸗ ſche zuſammen in einem dergleichen Ruhevehikel,— „ich kann unter der Zahlbank ſchlafen.“ „Auch ich kann das,“ fuͤgte Tunſtall hinzu, „dann hat der arme Mann das Bett allein.“ „Der Schlaf,“ ſprach pathetiſch der Apotheker, „iſt nach Galens Meinung ein herſtellendes, dem Fieber entgegenwirkendes Heilmittel und iſt am na⸗ tuͤrlichſten in einem Ruhebett abzuwarten.“ „Vorzuͤglich, wenn man kein beſſeres haben kann,“— ſagte Meiſter Georg;„aber brav iſts von euch gehandelt, ihr Burſche, daß ihr ſo bereit⸗ willig euer Bett aufgebt. Kommt! herab mit dem Mantel des Patienten! damit wir ihn aufs Lager bringen, ich ſchicke zum Wundarzt des Konigs Dr. 4 Irving, der nicht weit von hier wohnt; dies, Nach⸗ bar Ramſay, ſoll mein Antheil an dem guten Werke des barmherzigen Samariters ſeyn⸗“ „Wohl, Hetr,“ ſiel der Apotheker ein,„es ſteht bei euch, einen Andern zu Rathe zu ziehen, und auch die fuͤr den Kranken noͤthigen Arzneimittel an⸗ derswo als in meiner Pharmakopaa bereiten zu laſ⸗ 32 ſen. Was aber auch immer Dr. Irving, der, wie ich glaube, in Edinburg promovirt hat,(mag er geborner Schottlaͤnder oder Englaͤnder ſeyn), ſagen mag, ſo bleibt es doch wahr, daß zeitiger Schlaf ein Febrifugum oder Seditivum, mithin ein Reſtaura⸗ tivum iſt.“ Er murmelte noch einige gelehrte Worte, und ſchloß damit,„daß er auf gut engliſch, und zwar weit verſtändlicher als ſein Latein war, dem Meiſter Georg zu erkennen gab, er werde in ſeiner Forderung fuͤr Medicin, Bemuͤhung und aͤrztliche Aufwartung, deren dieſer ihm unbekannte Patient bedurft habe, oder noch beduͤrfen wuͤrde, ihn, den Meiſter Georg, als ſeinen Zahlmeiſter betrachten.“ Letzterer antwortete hierauf blos durch die Bitte, ihm ſeine Rechnung fuͤr die bisher aufgelaufenen Ko⸗ ſten zuzuſenden und ſich weiter keine Muͤhe zu geben, bis man nach ihm ſchicken wuͤrde. Der Empiriker, der durch einen Seitenwurf des den Verwundeten umhuͤllenden Mantels Entdeckungen gemacht hatte, die ihm keine große Meinung von der Zahlungs⸗ fähigkeit deſſelben einfloͤßten, hatte kaum geſehen, daß ein wohlhabender Buͤrger ſich ſeiner annehme, ſo zeigte er einige Abneigung, den Kranken aus ſeinen Haͤnden zu laſſen, und es erforderte einen kurzen, ernſten Wink des Meiſters Georg, der bei aller ſeiner guten Laune ſich in vorkommenden Föaͤllen ſehr ver⸗ 33 ſtändlich auszudruͤcken wußte, um dieſen Aeschlap von Templebar heimzuſchicken. Jetzt waren Jenkin und Francis eifrig bemuͤht, den Patienten von ſeinem langen grauen Mantel zu entkleiden. Allein dieſer wiverſetzte ſich ihren Bemuͤ⸗ hungen, indem er kaum verſtändlich die Worte mur⸗ melte: ich laſſe mir eher mein Leben nehmen, als mei⸗ nen Mantel. Doch dies Ueberkleid war von zu zar⸗ ter Beſchaffenheit, als daß es einer ſo entgegengeſetz⸗ ten Handhabung haͤtte widerſtehen koͤnnen. Endlich wich es der Uebermacht mit einem hoͤrbaren Riſſe, der dem Kranken faſt zum Zweitenmale ohnmaͤchtig ge⸗ gemacht häͤtte; denn er zeigte ſich jetzt den Anweſen⸗ den in Unterkleidern, die dergeſtalt zerriſſen, geflickt, und in einem ſo ärmlichen Zuſtande waren, daß ſie zugleich Mitleiden und Lachen erregten und die Ur⸗ ſache vergewiſſerten, weshalb der Beſitzer ſich des Mantels nicht hatte entaußern wollen, der gleich der Tugend der Barmherzigkeit, ſo viele Unvollkommen⸗ heiten entdeckte. Der Fremde warf den Blic auf ſeine armſelige Tracht, und ſchien ſich ihrer Enthuͤllung ſo ſehr zu ſchaͤmen, daß er, zwiſchen den Zäͤhnen murmelnd: „er muͤſſe zu einer verabredeten Zuſammenkunſt eilen,“ ſich anſtrengte, außzuſtehn und den Laden zu verlaſ⸗ ſen, woran ihn jedoch auf Meiſter Georgs Wink Jenkin und ſein Gefaͤhrte verhinderten, indem ſie 3 34 —— ihn mit leichter Muͤhe auf ſeinem Armſtuhle feſthiel⸗ ten. Jetzt ſchaute der Patient einen Augenblick um⸗ her und ſagte mit ſchwacher Stimme in ſeiner brei⸗ ten ſchottiſchen Mundart:„Was iſt das fuͤr ein Be⸗ nehmen, Gentlemen, gegen einen in eurer Stadt weilenden Fremden? Ihr zerſchlagt mir den Kopf, ihr zerreißt meinen Mantel und nun wollt ihr mir gar die perſönliche Freiheit vorenthalten? Diejeni⸗ gen, welche mir riethen, in Londons Straßen meine ſchlechteſte Kleidung anzuziehen, waren kluͤger als ich; und haͤtte ich etwas noch ſchlechteres anziehen koͤnnen, als dieſe meine geringen Kleidungsſtuͤcke,“— „daß wurde ſehr ſchwer geweſen ſeyn,“ fliſterte Vincent ſeinem Gefährten zu,—„ſo wuͤrden ſie noch zu gut fuͤr Leute geweſen ſeyn, die ſich ſo ſchlecht auf die Regeln der Hoͤflichkeit verſtehn.“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ hemerkte Jenkin, unfaͤhig ſich zuruckzuhalten, obgleich die haͤusliche Zucht jener Zeiten jungen Leuten in ſeiner Lage in Gegenwart von Eltern, Meiſtern und bejahrten Per⸗ ſonen eine ehrfurchtsvolle Beſcheidenheit vorſchrieb, wovon wir in unſern Zeiten keinen Begriff haben, „die Wahrheit zu ſagen, des guten Gentlemans Kleidungsſtuͤcke ſcheinen nicht vertragen zu koͤnnen, daß man ſie ſtark angreiſt.“ „Ruhig, junger Mann,“ ſiel Meiſter Georg mit gebietendem Tone ein,„ſpoltet nie des Fremd⸗ 35 lings und des Armen; ihr ſeyd noch ein Gelbſchna⸗ bel und wißt nicht, wohin euch das Schickſal fuͤhren und zu welcher Kleidung eß euch noͤthigen kann, be⸗ vor ihr euer Haupt in die Grube legt.“ Vincent ſchlug beſchaͤmt die Augen nieder; al⸗ lein der Fremdling verſchmaͤhte die von dem revlichen Buͤrger zu ſeinen Gunſten gemachte Apologie. „Ich bin ein Fremvling,“ fiel er ein,„das iſt gewiß; doch mich duͤnkt, ich bin als ſolcher in dieſer eurer Stadt ziemlich rauh behandelt worden; was aber meine Armuth betrifft, ſo ſcheint es mir, daß ſie mir nicht vorgeworfen werden darf, bis ich Geld von Jemandem verlange.“ „Ganz im Geiſte unſrer theuren Landsleute ge⸗ redet,“ raunte Meiſter Georg ſeinem Landsmann David ins Ohr:„Stolz und Armuth!“ Allein Savit hatte inzwiſchen ſein Schreibzeug hervorgezogen, und vertieft in Berechnungen, die durch alle Regeln der Arithmetik von der einfachen Einheit bis zu den Millionen, Billionen und Trillionen gin⸗ gen, hoͤrte und beantwortete er nicht die Bemerkun⸗ gen ſeines Freundes, der, die Abweſenheit ſeines Geiſtes gewahrend, ſich aufs neue zu dem ſchottiſchen Fremdling wandte. „Ich denke, Jockey*), wenn ein 8 *) Ein damals nicht ungewöhnlicher und nicht für beleidigend 3* 36 ————— einen Roſenobel anboͤte, ihr wuͤrdet ihm ſolchen nicht an den Kopf werfen.“. „Keinesweges, wenn ich ihm ehrliche Dienſte dafur leiſtete“ entgegnete der Schotte.„Ich bin zu allen nuͤtzlichen Dienſten, deren ich fähig bin, bereit, obgleich ich aus einem angeſehenen Hauſe abſtamme, und in ziemlich guten Umſtanden bin.“ „Und welches Geſchlecht,“ fragte Meiſter Georg, „darf auf die Ehre Anſpruch machen, euch das Da⸗ ſeyn gegeben zu haben?“—„Nun heraus damit Jockey!“ fuhr der Fragende fort, bemerkend, daß der Schottlaͤnder, gemaͤß der Gewohnheit ſeiner Lands⸗ leute, wenn ihnen geradezu eine unausweichliche Frage vorgelegt wird, ſich mit der Antwort etwas Zeit nehmen. „Ich habe keinen groͤßern Anſpruch auf den Na⸗ men Jockey, als ihr auf den Namen John“*), ſagte der Fremde, als ob er ſich durch eine Benennung be⸗ leidigt fuͤhlte, wodurch in jenen Zeiten die ſchottiſche Nation bezeichnet ward, ſo wie heutiges Tages durch gehaltner Beiname der Schoitländer, obwohl dies Wort außer der Hauptbedeutung: Vorreiter oder Stallknecht, unter an⸗ dern auch die Nebenbedeutung eines Prellers oder Betrügers hat. d. u. *) Eine Anſpielung auf den Beinamen des engliſchen Volks: John Bull. d. u. —— das Wort:„Sawney“*).„Mein Name, wenn ihr ihn wiſſen müßt, iß Richard Moniplies, und ich ſtamme aus dem alten und ehrenwerthen Hauſe Gaſtle Collop, wohlbekannt im Weſt Port von Edinburg.“ „Was verſteht ihr unter dem Weſt Port?“ fuhr Fragende fort. „Der Weſt Port, ehrenwerther Herr,“ erwie⸗ derte Richard, der jetzt ſeine Sinne hinreichend ge⸗ ſammelt hatte, um das anſehnliche Aeußere des Mei⸗ ſter Georg wahrnehmen zu können,„der Weſi Port iſt, euch zu dienen, ein Thor unſrer Stadt, ſo wie jene Schwibboͤgen von Ziegelſteinen in Whitehall hier den Eingang zum koniglichen Pallaſte bilden; nur mit dem Unterſchiede, daß der Weſt Port von ge⸗ hauenen Steinen erbaut und mehr mit Verzierun⸗ gen und Bildhauerarbeiten geſchmuͤckt iſt.“ „Ey, mein guter Mann,“ entgegnete Meiſter Georg,„zum Einfahrtsthor von Whitehall entwarf der große Holbein den Plan.“ Ich fuͤrchte, euer Un⸗ fall hat euch das Gehirn erſchuͤttert. Ohne Zweifel behauptet ihr auch, daß ihr in Eyinbulg einen eben *) anni iſt dies Epithet aus dem Worte Saw(Sprüch⸗ wort) gebildet, weil man den Schottländern mit Grund nachſagt, daß ſie beſonders viet auf Sprüchwörter valten und ſolche mehr als andere Nationen in ihren Reden an⸗ bringen. 5 d. 3. ⸗ 38 ſo herrlichen, ſchiffbaren und ſchifreichen Fluß habt, als die Themſe?“ „Die Themſe!“ rief Richard im Tone der groͤß⸗ ten Verachtung:„euer Urtheil in Ehren, wertheſter Herr, wir haben in Edinburg den Fluß Leith und das Nor⸗ loch!“*). „Mich wundert, daß ihr nicht auch den Gänſe⸗ teich mitzählt,“ fiel Meiſter Georg im ächt ſchotti⸗ ſchen Dialect heftig ein!„ſolche Landläufer als ihr und eures gleichen, ziehen durch ihre Aufſchneidereien unſerm ganzen Vaterlande Vorwuͤrfe zu.“ „Gott verzeih mir meine Suͤnde,“ erwiederte Richard, erſtaunt, den geglaubten Engländer in einen gebornen Schotten verwandelt zu ſehen;„ ich hielt euch, geehrter Herr, fuͤr einen Englaͤnder; aber ich hielt es fur nichts Böſes, ſein Vaterland zu er⸗ heben in einem fremden Lande, wo jedermann es herabzuſetzen „Glaubt ihr, euer Vaterland zu erheben, wenn ihr zeigt, daß es aufſchneideriſche Windbeutel hervor⸗ hringt, wie ihr?“ fragte zuͤrnend Meiſter Georg. „Aber nichts fuͤr ungut. So wie ihr einen Landsmann an mir gefunden habt, ſ ihr auch Ein ſtehendes Waſſer. ueberhaupt werden in Schottland eingeſchloſne Gewäſſer, Landſeen oder große Teiche mit dem altſchottiſchen, ſichtlich aus dem Deutſchen berſtanmenden Worte: 1o ch bezeichnet. — . 39 —— einen Freund finden, wenn ihr einen verdient, und insbeſondere, wenn ihr mir auſrichtig antwortet.“ „Was haͤlfe es mir, wenn ich gegen euch Un⸗ wahrheit reden verſetzte der ehrenwerthe Nordbritte. „Nun, wohlan denn!“ ſo begann Meiſter Georg ſein Verhoͤr,„ich vermuthe, ihr ſeyd ein Sohn des alten Mungo Monoplies, des Fleiſchers unſern dem Weſtthore.“ „Ich glaube, ihr ſeyd ein Zauberer, g Herr,“ ſagte Richard mit erzwungenem Lächeln.“ Und wie konntet ihr vorhin andeuten, daß ihr aus einem adlichen Hauſe abſtammtet?“ „Genau genommen kann ich zwar auf keine adliche Abkunſt Anſpruch machen,“ entgegnete Ri⸗ chard,„ aber ich hoͤrte viel von einem gewiſſen Gra⸗ fen Veit von Warwick, der ehemals hier in Suͤd⸗ brittannien gelebt und wegen ſeiner Geſchicklichkeit im Tödten wilder Schweine und aͤhnlicher Thiere be⸗ ruhmt geweſen iſt, und bin doch vollkommen über⸗ zeugt, daß mein Vater mehr Eber, Ochſen, Kuͤhe, Kälber, Schaaſe, Lämmer und Saͤue getödtet hat, als die geſammte Pairſchaſt von England.“*) „Ihr ſeyd ein loſer Schelm,“ verſetzte Meiſter ) Eine Anſpielung auf die bekannte Jaadluſt des engliſchen hohen Adels. d. u. 40 —— Georg:„bewahrt eure Zunge und nehmt euch in Acht, daß ihr nicht derbe Antworten erhaltet. Euer Vater war ein ehrlicher Buͤrgersmann und der Vor⸗ ſteher ſeiner Zunft; es thut mir leid, ſeinen S in ſ aͤrmlichem Aufzuge zu finden.“ „Meine Kleidung,“ erwiederte Richard Moni⸗ plies, mit einem Blick auf ſeinen abgeſchabten, zer⸗ rißnen Mantel“ iſt freilich mittelmßig, ſehr mit⸗ telmaͤßig; aber dies iſt die gewoͤhnliche Tracht armer Buͤrgersſohne in unſerm Vaterlande. Uns bleibt nichts als Geduld; mit des Konigs Entfernung aus Schottland iſt alle Nahrung von Edinburg gewichen; auf den öffentlichen Plätzen waͤchſt ſo hohes Gras, daß man eine treffliche Heuerndte davon halten koͤnn⸗ te, und an der Stelle, wo ſonſt meines Vaters Stall lag, ſteht es ſo dicht, daß es fuͤr ſein zum Schlachten beſtimmtes Vieh ein herrliches Futter wuͤrde abgege⸗ hen haben.“ „Dies iſt leider nur zu wahr,“ ſel Meiſter Georg ein,„und während wir hier Vermoͤgen er⸗ werben, muͤſſen unſere ehemaligen Nachbarn und ih⸗ re Familien daheim Hungers ſterben. Daran ſollte man öfterer denken.— Aber nun erzählt mir auf⸗ richtig, wie kam es, daß man euch den Kopfzer⸗ „Verlaßt euch p geehrter Herr, ich will euch nichts vorluͤgen;“ ſo begann Moniplies ſeinen — ————————————— ₰ 44 Bericht.„Als ich hier die Straße entlang kam, trieb⸗ Jedermann ſeinen Scherz und Muthwillen mit mir; allein ich dachte bei mir ſelbſt: ihr ſeyd mir an Zahl zu weit uͤberlegen, als daß ich mich mit euch einlaſ⸗ ſen koͤnnte; kämet ihr mir aber ſo in Edinburg, ſo wollt ich einige unter euch ein anderes Liedchen ſin⸗ gen laſſen. Eben als ich dieſen Gedanken nachhing, trat mir ein verwuͤnſchter hinkender Toͤpfer in den Weg, und bot mir ein Gefäß zum Verkauf an, um⸗ wie er ſagte, meine ſchottiſche Salbe*) darin aufzu⸗ bewahren; natuͤrlich verſetzte ich ihm einen derben Stoß, ſo daß der hinkende Teuſel zwiſchen ſeine Toͤp⸗ ſe ſtuͤrzte und etwa ein Dutzend zerbrach. Dies er⸗ regte einen großen Aufſtand wiver mich, und häͤtten nicht dieſe beiden Gentlemen mich gerettet, ſo waͤre ich ohne Gnade ums Leben gebracht; denn eben als ſie mich beim Arm ergriffen, um mich aus dem Ge⸗ draͤnge zu ziehen, hatte mich ein plumper Schiffer gepackt, aus deſſen Haͤnden ſie mich glucklicherweiſe befreiten.“ Meiſter George ſah die beiden Lehrburſchen an⸗ als ob er ſie um die Wahrheit dieſer Geſchichtserzah⸗ lung befragen wolle. 3. „Die Sache verhaͤlt ſich genau ſo wie er ſagt,“ ſiel Jenkin ein. Die Umſtehenden ſagten, er habe *) PW. ſ. die obige Anmerk. über dieſen Gegenſtand. ————— einige Toͤpferwaare zerbrochen und fügten hinzu:— „verzeiht, Sir, daß ich es erwaͤhne:— im Bereich eines Schotten koͤnne Niemand ſortkommen.“ „Gleichviel, was die Leute ſagten,“ fuhr Mei⸗ ſter George fort;„ihr habt euch als brave Burſche benommen, als ihr dem Schwaͤcheren zu Huͤlfe kamt. Und ihr,“— zu ſeinem Landsmann ſich n —„ſprecht morgen fruͤh bei mir vor.“ „Ich will mich bei euch einſtellen, geehrter Herr,“ erwiederte der Schotte mit tiefem Buͤckling; „das heißt, wenn mein edler Herr es erlaubt.“ „Dein Herr?“ fragte Georg,„haſt du noch ei⸗ nen andern Herrn außer dem Mangel, deſſen kivree du trägſt?“ „In der That, gewiſſermaßen diene ich zwei Herren; denn meine beiden Herren und ich ſind Sclaven jener verwuͤnſchten Here⸗ welcher wir durch unſere Abreiſe aus Schottland den Ruͤcken zuzukehren hofften; ihr ſeht alſo geehrter Herr, daß ich der Die⸗ ner eines Dieners, und gewiſſermaßen ein afterlehns⸗ mann bin, wie man es bei uns zu Lande nennt.“ „Und wie heißt euer Herr?“ fragte Georg. Als Richard mit der Antwort zauderte, fugte er hinzu: „ſagt es mir nicht, wenn es ein Geheimniß iſt.“ „Ein Geheimniß, welches man ſelten zu be⸗ wahren pflegt,“ entgegnete Richard;„doch wißt ihr, daß unſere Schottiſchen Mägen es nicht ver⸗ ———————— ———— 43 —,— dauen koͤnnen, Zeugen unſerer Duͤrſtigkeit herbeizu⸗ ₰. rufen. Zwar iſt mein Herr nur augenblicklich in der Klemme;“ fugte er mit einem Seitenblicke auf die beiden engliſchen Lehrburſche hinzu,„da er in der königlichen Schatzkammer eine beträchtliche Summe ſtehen hat;— der König iſt ihm viel Geld ſchul⸗ dig,“ raunte er Meiſter Georgen ins Ohr;„aber dergleichen Schulden ſind uͤbel einzucaſſiren. Mein Herr iſt der junge Lord Glenvarloch.“ Sehr befremdet bei der Nennung dieſes Namens fragte Meiſter Georg:„ihr gehoͤrt zu des jungen Lord Glenwarlochs Dienerſchaft und ſeyd in ſo aͤrmlichem Zuſtande?“ „So wahr ich lebe; und noch dazu beſteht ſeine ganze Dienerſchaft aus mir allein; recht herzlich wollt' ich mich freuen, waͤr' er viel beſſer dran als ich, wenn ich auch bliebe was ich bin.“ „Einſt kannt' ich ſeinen Vater⸗ als er ein Ge⸗ folge von vier Edelleuten und zehn Lakeien hatte, die in goldbeblechten und ſammetnen Kleidern einhergin⸗ gen;“ fiel Meiſter Georg ein.„Wie ſind doch die Schickſale dieſer Welt ſo wandelbar! Wohl uns, daß es jenſeit des Grabes eine beſſere giebt! Fuͤnf⸗ hundert Jahre lang diente das gute alte Geſchlecht der Glenvarlochs dem Koͤnige und dem Vaterlande!“ „Sagt nur: tauſend Jahre, geehrter Herr;“ bemerkte Richard. 44 „Ich ſage, was ich genau weiß, mein Freund,“ entgegnete der Buͤrgersmann,„und nicht ein Wort mehr.— Ihr ſcheint jetzt wieder hergeſtellt; könnt ihr gehen?“ „Sehr gut Sir,“ erwiederte Richard,„es war nur ein Uebergang. Ich bin am Weſtthore von Edinburg aufgewachſen, und kann ſchon einen i vertragen.“ „Wo hat euer Herr ſein Quartier?“ „In einem kleinen Hauſe an einem der Neben⸗ gaͤßchen, welche den Strand hinabfuͤhren, bei einem rechtlichen Manne, Namens John Chriſtie, einem Schiffhuͤndler. Sein Vater war aus Dundee ¹) geburtig. Den Namen des Gäßchens weiß ich nicht; doch fuͤhrt es gerade auf die große Kirche dort unten. Uebrigens werdet ihr, geehrter Herr, nicht vergeſſen, daß wir hier blos unſern Familiennamen: Nigel Oli⸗ ſaunt angegeben haben, weil wir für jetzt unbekannt bleiben wollen, obgleich wir in Schottland Lord Ni⸗ gel genannt werden.“ „Daran handelt euer Her ſehr eug, ſagte der Buͤrger.„Ich will eure Wohnung ſchon auffin⸗ den, obgleich ihr ſie eben nicht deutlich bezeichnet habt.“ Bei dieſen Worten ſteckte er dem Richard Moniplies ein Stuͤtt Geld in die Hand, und hieß *) In Schottland. 4 — 45 ihn heimgehen, ermahnte ihn aber, ſich untetwegs vor weiteren Haͤndeln zu huͤten. „Ich will mich ſchon in Acht nehmen, Sir,“ ſagte Richard mit wichtiger Miene,„und ſo wuͤnſche ich euch ein herzliches Lebewohl; dieſen beiden jun⸗ gen Gentlemen aber meinen beſondern Dank!“ „Ich bin kein Gentleman,“ ſagte Jenkin, ſei⸗ ne Muͤtze auf's Ohr werfend.„Ich bin ein ächter Londoner Lehrburſche, und hoffe einſt ein Freiſaſſe zu werden. Frank mag ſich inen Gintlemsn nennen⸗ wenn er will.“ „Ich war einſt ein Gentleman/ fiel Tunſtall ein,„und ich hoffe, nichts gethan zu haben, um mich dieſer Benennung verluſtig zu machen.“ „Wie ihr wollt,“ ſagte Richard,„immer blei⸗ be ich euch beiden von Herzen dankbar, ſo wenig ich auch jetzt meine Geſinnungen ausſprechen kann. Gu⸗ te Nacht, mein guͤtiger Landsmann!“ Mit dieſen Worten ſteckte er aus dem Aermel ſeines zerlumpten Wamſes eine lange knoͤcherne Hand und einen der⸗ gleichen Arm hervor, aus welchem die Muskeln gleich Peitſchenſchnuͤren hervortraten. Meiſter Georg entließ ihn mit herzlichem Haͤn⸗ dedruck, während Jenkin und Frank ſich einander ſchlaue Blicke zuwarſen. Richard wollte ſich auch beim Herrn des Ladens bedanken, begnuͤgte ſich aber⸗ als er ihn in ſeine Studien vertieſt ſah, mit einem 46 gialing und Entbloͤßung des Sanp und v den Laden. Dört geht er hin, der ſchottiſche Jockey, mit allen ſeinen guten und ſchlechten Eigenſchaſten,“ ſagte Meiſter Georg zum Meiſter David, der, wie⸗ wohl ungern, die Berechnungen, worin er vertiſt war, unterbrach und vie Feder nur einen Zoll breit über der Schreibtafel haltend, ſeinen Freund mit weit geoͤffneten, glanzloſen Augen anſchaute, die nichts weniger als Intereſſe fuͤr die an ihn gerichtete Rede verkuͤndigten.„Dieſer Menſch,“ fuhr Mei⸗ ſter Georg fort, ohne auf die Zerſtreuung ſeines Freundes zu achten,„ſchildert durch ſeine Perſoͤn⸗ lichkeit mit den lebhafteſten Farben, welche arge Luͤgner und Großprahler unſer ſchottiſcher Bettelſtolz hervor⸗ bringt; und dennoch bin ich uͤberzeugt, daß dieſer Prahlhans, der, wenn er mit einem Englaͤnder re⸗ det, um das dritte Wort eine Luͤge ſagt, ein treuer Freund und Diener ſeines Herrn iſt, und ihn viel⸗ leicht bei rauher Wilterung ſeinen Mantel lieh, wah⸗ rend er ſelbſt kaum ſeine Bloͤße decken konnte. Selt⸗ ſam, daß Muth und Treue,— denn ich wette, der Kerl iſt unerſchrocken,— nicht beſſer vergeſellſchaftet ſind, als mit dieſem Hange zur Großprahlerei. Aber ihr hoͤrt mir nicht zu, Freund David.“ „Freilich, freilich, ſehr genau,“ entgegnete David;„denn da die Sonne in 24 Stunden ihren —— —— Lauf vollendet, ſo muͤſſen vir 50½ Minute fuͤr den Mond hinzurechnen.*)— „Ihr ſeyd im ſiebenten Himmel,“ erwiederte ſein Freund. „Verzeiht mir,“ verſetzte David;„ha, jetzt hab' ichs! wenn das Rad A in 24 Stunden, und das Rad B in 24 Stunden 30 ½ Minute ſich um ſei⸗ ne Axe dreht, und 57 ſich zu 54 verhaͤlt, wie 69 zu 2u Stunden 60 und eine halbe Minute, oder— doch beinahe ſo,— ich bitte euch um Verzeihung Meiſter Georg und wuͤnſche euch von Herzen gute Nacht!“ „Gute Nacht?“ entgegnete Meiſter Georg. „Vie? ihr habt mir noch nicht einmal guten Tag v Kommt, alter Freund, legt eure Schreib⸗ taſel bei Seite, oder ihr werdet das innere Maſchi⸗ nenwerk eures Hirnkaſtens verderben, ſo wie un⸗ ſer Landsmann das Gehaͤuſe des ſeinigen beſchaͤdigt hatte.— Cyl! ihr ſagt mir, gute Nacht, und ich war doch keinesweges gemeint, euch ſobald zu ver⸗ laſſen, ſondern ich wollte mein Vesperbrod, daß ich, wie ihr wißt, um 4 Uhr einnehme, bei euch verzeh⸗ *) Man darf hiebei ni icht vergeſſen, daß in dem Ztitpuncte, wohin der Verfaſſer ſeine Rovelle verlegt hat, das koperni⸗ caniſche Syſtem noch nicht vorherrſchend wat. d⸗ U. xen und mir dabei von meiner Pathin, eurer Toch⸗ ter Marget, ein Liedchen auf der Laute vorſpielen laſſen.“ „Wahrlich, Meiſter Georg, 9 war ganz in Gedanken vertieft,“ verſetzte Ramſay;„aber ihr kennt mich, wenn ich einmal zwiſchen meine Räder komme.“— „Es iſt ein Gluͤck, daß euer Beruf euch nut mit teiten beſchaͤftigt,“ bemerkte ſein Freund, wäh⸗ rend der Uhrmacher, erwacht aus ſeinen Träume⸗ reien, ſeinen Gaſt eine Hintertreppe hinauf in das erſte Stockwerk fuͤhrte, welches von ſeiner Tochter und ſeiner kleinen häͤuslichen Einrichtung eingenom⸗ men ward. Die Lehrlinge mhinn ihre Stelle im Vorder⸗ laden wieder ein, und loͤſten Samueln ab. „Sahſt du wohl Frank,“ fragte Jenkin ſeinen Gefahrten, wie der alte Goldſchmidt ſich mit ſeinem bettelhaften Landsmann ſo gemein machte? Wann häͤtte wohl ein Mann von ſeinem Vermoͤgen einem armen Englaͤnder ſo ſteundlich die Hand gedruͤckt? Nun, das behaupte ich ſteif und feſt, daß ſelbſt der beſte Schotte, der fuͤr einen Landsmann vurchs Feuet läuft, um ihm zu dienen, ſich keinen Nagel ſeines Fingers benetzen wird, wenn es darauf ankommt⸗ einen Suͤdbritten, wie ſie uns nennen, vom Ertrin⸗ ken zu retten Und doch iſt Meiſter Georg in dieſem —— i 6 5 . ———,———— * 5 49— Punct nur ein halber Schotte; denn oft ſah'* auch Englaͤndern viel Gutes erweiſen.“ „Aber hoͤre, Jenkin,“ ſagte Tunſtall, u ſelbſt biſt ja wohl nur ein halber Englaͤnder; denn wie waͤrſt du ſonſt dazu gekommen, bei der Schlaͤ⸗ gerei fuͤr den Schottlaͤnder Partei zu nehmen?“ „Du thateſt es ja auch,“ erwiederte Vincent. „Ich folgte deinem Beiſpiel, und uͤberdies iſt es in der Graſſchaft Cumberland nicht Sitte, ſelb funſzig uͤber Einen herzufallen,“ entgegnete Tunſtall. „Auch in der Erziehungsanſtalt der Chriſtkirche iſt es kein Gebrauch,“ bemerkte Jenkin.„Ich lobe mir eine rechtliche, offne Fehde und Alt⸗England. Ueberdies muß ich dir im Vertrauen ſagen, die Stimme des Schotten hatte etwas in ihrem Tone, das mich an den Klang eines allerliebſten Stimm⸗ chens erinnerte, die in meinen Ohren lieblicher ſchallt, als der Schlag der Thurmuhr von St. Dun⸗ ſtan mir ertoͤnen wird, wenn er die Stunde ver⸗ kuͤndigt, in der ich von meinen Lehrjahren losge⸗ Procen werde. Du rathſt ſchon, was ich meine, Frank.“ „Nicht doch,“ erwiederte Tunſtall.„Vielleicht denkſt du an Janet, die ſchottiſche Waͤſcherin.“ „Fort mit der Janet und ihrem Waſchkorbe! Nein, nein! du blinder Jobſt! merkſt du nicht, daß ich unſere huͤbſche Miß Marget meine?“ 2 50 „Dm!“ brummte Lunſtall mit gleichgultiger Miene. Ein unwiliger, mit Argwohn gemiſchter Blick ſchoß aus Jenkins durchdringenden ſchwarzen Augen. „Was bedeutet dies Hm? Ich waͤre nicht der erſte Lehrling, der ſeines Herrn Tochter heirathete.“ „Die es thaten,“ entgegnete Tunſtall,„hiel⸗ ten, glaub' ich, wenigſtens ihre Wuͤnſche geheim, bis ſie ihre Lehrjahre zuruͤckgelegt hatten.“ 3 „Hoͤre Frank,“ verſetzte Jenkin bitter,„das mag unter euch vornehmen Leuten Sitte ſeyn, die ihr von der Wiege an gewoͤhnt werdet, zwei Geſich⸗ ter unter einer Muͤtze zu tragen; aber nie ſoll dies bei mir Sitte ſeyn.“ Nun,“ ſagte Tunſtall mit Kälte,„ſo mach⸗ denn einmal jetzt ſogleich den Verſuch bei unſerm Meiſter, um Miß Marget anzuhalten, und ſieh' was fuͤr ein e er ii Muͤtze tragen wird.“ „Ein ſolcher. werd' ich nicht ſeyn; aber ich will ſchon meine Zeit wahrnehmen; und alle Grafen in ganz Cumberland ſollen mich nicht daran hindern, darauf kannſt du dich verlaſſen.“ Frank erwiederte nichts; ſie gingen an ihre ge⸗ woͤhnliche Ladenbeſchäſtigung, die Herbeirufung der Voruͤbergehenden. 51 Drittes Kapitel. Am folgenden 2 Morgen ſaß Nigel gunt der junge Lord Glenvarloch, kraurig und einſum in ſeinem Zimmerchen beim Schiffhaͤndler John Chri⸗ ſtie,— einem Stuͤbchen, welchem dieſer ehrliche Handelsmann, vielleicht aus Dankbarkeit fuͤr das Gewerbe, woraus er ſeinen Unterhalt zog ſo ge⸗ nau als moͤglich die Form einer Schiffscajute gge ben hatte. Das Haus lag nahe am Pauls⸗Kay, am En⸗ de einer von jenen engen, krummen Gößchen, die, bis dieſet Theil der City durch die große Feuers⸗ brunſt im Jahre 1666 von den Flammen verzehrt ward, ein ſeltſames Labyrinth von engen, finſtern⸗ dunkeln und ungeſunden Durchgaͤngen bildete, wo ſich damals in einer oder der andern Ecke die Peſt eben ſo, als in unſern Tagen in den finſtern Win⸗ keln von Conſtantinopel verſteckte. John Chriſtie's Haus hatte jedoch die Ausſicht auf den Fluß, und mithin den Vortheil freier Luft, die freilich mit den ſtarken Geruͤchen der Waarenartikel, mit denen der Schiffbauer handelte, insbeſondere des Pechs, ver⸗ miſcht mit den natuͤrlichen Duͤnſten des von der Ebbe zuruckgelaſſenen Schlammes⸗ geſchwängert war. Im Goanzen genommen genoß der junge Lord in dieſer Wohnung, abgerechnet, daß ſie nicht 6 Fuch⸗ 52 zeit flott ward, und ſich nicht bei eintretender Ebbe auf den Grund legte, ungefaͤhr des naͤmlichen Gra⸗ des von Bequemlichkeit, der ihm am Bord der klei⸗ nen Handels⸗Brigg zu Theil geworden war, wor⸗ auf er von der Stadt Kirkcaldy in der Grafſchaft Fife als Paſſagier nach London gekommen war. Sein ehrlicher Wirth John Chriſtie bewies ihm jedoch alle moͤgliche Aufmerkſamkeit; denn Richard Moniplies hatte es nicht fur nothig gehalten, das Incognito ſeines Herrn ſo ſorgfältig zu bewahren, daß der ehr⸗ liche Schiffbauer uͤber den Umſtand hätte in Unge⸗ wißheit bleiben koͤnnen: ſein Gaſt ſey vom hoͤherm Stande, als ſein Aeußeres verrathe. Anlangend ſeine Hausehre, Dame Nelly, ein rundes, flinkes, lachluſtiges Weibchen, mit ſchwarzen Augen, einem knappen Korſet, gruͤner Schuͤrze und einem rothen am Saume mit ſilbernen Schnuͤren beſetzten Rock⸗ chen, welches kurz genug war, ihre huͤbſchen Fuͤßchen, umſchloſſen von blanken Schuhen, dem Auge nicht zu entziehen. Es iſt begreiflich, daß die ſo beſchrie⸗ bene Dame fuͤr einen jungen Mann Intereſſe fuͤhlte, der ſehr huͤbſch, gutmuͤthig, mit ihrer Bewirthung zufrieden und unverkennbar an Rang und Erziehung weit erhaben war uͤber ie ſogenannten Schiffscapi⸗ taine oder Befehlshaber von Kaufſahrteiſchiffen,— ihre gewoͤhnlichen Miethsleute,— nach deren Ab⸗ reiſe ſie ihre wohlgeſcheuerten Fußboͤden, allemal mit 53 —— den Reſten von Tabak,(der damals trotz Koͤnig Ja⸗ kobs Gegenmitteln ſtark in Gebrauch kam,) be⸗ ſchmutzt und ihre beſten Vorhaͤnge von Brandwein⸗ vuͤnſten verunreinigt fand;— ein Zuwachs⸗ deſſen, wie ſie zu ſagen pflegte, die ohnehin uͤblen Duͤnſte ihres Ladens und Waarenmagazins nicht noch be⸗ duͤrften. Ihr neuer Gaſt hingegen war ſehr ordnunglie⸗ bend und reinlich; ſein Benehmen und ſeine Manie⸗ ven, obwohl offen und einfach, verriethen doch hin⸗ reichend den Hofmann, um mit dem läͤrmenden We⸗ ſen, den groben Spaͤßen und dem plumpen Beneh⸗ men ihrer ſeegewohnten Miethsleute einen ſtarken Contraſt zu bilden. Dame Nelly ſah uͤberdies, daß ihr Gaſt ungeachtet ſeiner Anſtrengungen⸗ froh und zufrieden zu ſcheinen, ſchwermuͤthig war; kurz ſie fuͤhlte in einem ſolchen Grade Theilnahme fuͤr ihn, daß ein minder gewiſſenhaſter Gegenſtand derſelben verſucht geweſen ſeyn wuͤrde, ſie zum Nachtheil des ehrlichen John, der wenigſtens ein Dutzend Jahre älter war, als ſeine Chegenoſſin, zu benutzen. Al⸗ lein Nigel hatte nicht nur an andere Sachen zu den⸗ ten, ſondern hätte auch ein ſolcher Gedanke bei ihm aufſteigen koͤnnen, ſo wuͤrde er eine Liebſchaft dieſer Art als einen verabſcheuungswuͤrdigen und undank⸗ baren Eingriff in das Gaſtrecht betrachtet haben; denn ſein verſtorbener Vater hatte ihm Religionsbe⸗ 54 — griffe eingeflößt, die auf feſte Treue und Glauben, und eine Moral, die auf das zarteſte Ehrgefuͤhl ſich ſiuͤtzten. Auch der vorherrſchenden Schwaͤche des ſchottiſchen Nationalcharakters,— einem uͤbertrieb⸗ nen Geburtsſtolze, und einem Hange, den Werth und die Wichtigkeit Anderer nach der Zahl und dem Ruhme ihrer verſtorbenen Ahnherrn abzuwagen, war er nicht entgangen; allein dieſer Familienſtolz war durch Urtheilskraft und feine Lebensart faſt ganz verſteckt, und dadurch kaum merklich geblieben. Der junge Nigel Olifaunt, Lord Glenvarloch, deſſen Bild wir hier auſſtellten, war in dem Augenblick, wo unſre Geſchichtserzäͤhlung ſich mit ihm zu beſchaͤf⸗ tigen begann, in der groͤßten Verlegenheit uͤber das Schickſal ſeines treuen und einzigen Dieners. Richard Moniplies war von ſeinem jungen Gebieter am vor⸗ hergehenden Tage, Morgens fruͤh in die königliche Reſidenz zu Weſtminſter abgeſchickt, und noch nicht zuruͤck gekehrt. Von demjenigen, was ihm Abends begegnet war, iß der Leſer bereits unterrichtet, und weiß in ſoweit von Richard mehr, als ſein Herr, der ſeit vier und zwanzig Stunden nichts von ihm gehoͤrt hatte. Dame Nelly beobachtete inzwiſchen ihren Gaſt mit einiger Aengſtlichkeit und großem Ver⸗ langen, ihn wo moͤglich zu troͤſten. Sie beſetzte den Fruͤhſtuͤcktiſch mit einem vortrefflichen Stuͤck kalten Poͤkelfleiſches nebſt ſeinen gewohnlichen Begleitern, 4 — Ruͤben und Moͤhren, empfahl ihren Senf als ein unmittelbares Geſchenk ihres Vetters zu Tewksbury⸗ und mit eignen Haͤnden legte ſie das Fruͤhſtuͤck vor und ſchenkte ſtarkes ſchäumendes Bier ein,— Alles Beſtandtheile eines guten Fruhſtuͤcks in jenen Zeiten. Als ſie ſah, daß Sorgen ihren Gaſt abhielten, ihrer guten Bewirthung durch die That Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, begann ſie ihre woͤrtlichen Tro⸗ ſtungen mit der gewohnten Geſpraͤchigkeit der Frauen ihres Standes und Gewerbes, die im Bewußtſeyn eines guten Aeußeren, guter Abſicht und einer guten Lunge, weder ſich noch ihre Zuhoͤrer zu ermuͤden furchten. „Nun Potstauſend! edler Herr, ſollen wir euch denn eben ſo hager nach Schottland zuruͤckreiſen laſ⸗ ſen, als ihr bei eurer Ankunft waret? Das wäre ja wider den Lauf der Natur. Da war mein guter Schwiegervater, der alte Sandie Chriſtie, ſeeligen Andenkens, der ſoll klapperduͤrre aus Schottland hieher gekommen ſeyn; und, das verſichere ich euch⸗ als er ſtarb,— auf St. Barnabas waren es zehn Jahre,— wog er ſeine zwei hundert achtzig Pfund. Ich war damals noch ein junges Ding, und lebte in der Nachbarſchaft, ohne daß es mir einfiel, je⸗ mals Johns Frau zu werden⸗ weil er ein Dutzend Jahre älter iſt, als ich. Aber er iſt wohlhabend und ein guter Chemann⸗ und ſein Vater, wie ich —— ſchon geſagt habe, ſtarb ſo wohlbeleibt, als ein Kir⸗ chenvorſteher. Nun edler Herr, nichts fuͤr ungut. Ich hoffe doch, ihr nehmt mein Spaͤschen nicht ubel und findet mein Bier und mein Poͤkelfleiſch und mei⸗ nen Senf nach eurem Geſchmack?“ „Alles vortrefflich,— Alles nur gar zu gut antwortete Nigel;„ſo reinlich und wohlſchmeckend, daß ich es daheim ſehr vermiſſen werde, wenn ich je in mein Vaterland zuruͤcktehre.“ Der letzte Zuſatz ſchien ihm unwillkuͤhrlich zu entſchluͤpfen und war von einem tiefen Seuſzer begleitet. „Ich wette, edler Herr, ihr kehrt heim, wenn es euch gefaͤllt,“ verſetzte die Wirthin;„wofern ihr nicht etwa die Abſicht habt, eine huͤbſche, reiche eng⸗ liſche Lady zu heirathen, wie einige eurer Landsleute gethan haben. Ich verſichere euch, mehrere der vor⸗ nehmſten Kaufmannstoͤchter aus der City haben ſich mit Schottlaͤndern verheirathet. Da war Lady Tre⸗ bleplumb, die Wittwe des großen Kaufmanns, der nach der Turkei handelte; die heirathete den Sir Awley Macauley, den ihr ohne Zweifel kennt; und die ſchöͤne Miß Doublefee, die Tochter des alten rei⸗ chen Advocaten, ſprang aus dem Fenſter, lief davon und ließ ſich auswaͤrts mit einem Schotten trauen, wie hieß er doch? ſo viel weiß ich noch, daß er einen ſchwer auszuſprechenden Namen hatte. Die Toͤchter des alten Holzhändlers Pitchpoſt machten es nicht 5 ——— viel beſſer; denn ſie heiratheten Beide Irlaͤnder. Und wenn mich die Leute damit außziehen, daß ich einen Schottländer zum Miethsmann habe,— womit ſie euch meinen, edler Herr,— ſo frage ich ſie, ob ihnen etwa fur ihre Tochter und ihre Geliebten bange iſt; denn ich habe gewiß das Recht, die Schottlaͤn⸗ der zu vertheidigen, weil, wie geſagt, John Chriſtie ein halber Schotte, und ein wohlhabender Mann und ein guter Chemann iſt, wenn er gleich ein Dut⸗ zend Jahre mehr auf dem Ruͤcken hat, als ich. Drum laßt die Sorgen fahren,/ edler Herr, und nehmt ei⸗ nen Biſſen und einen Trunk zum Fruͤhſtuͤck.“ „Aufs Wort, meine guͤtige Wirthin,“ erwie⸗ derte Nigel,„ich vermag's nicht. Ich bin zu beſorgt um meinen Schlingel von Bedienten, der mir in dieſer eurer gefahrvollen Stadt ſo lange ausbleibt.“ Im Vorbeigehen bemerken wir, daß Dame Nelly die Gewohnheit hatte, ihre Troſigruͤnde in den Beweis der Nichteriſtenz irgend einer Urſache zum Kummer zu ſetzen, und ſie ſoll dieſe Troͤſtungsme⸗ thode einſtmals ſo weit getrieben haben, einer ver⸗ witweten Nachbarin zu demonſtriren, ihr ſo eben ver⸗ ſchiedener Ehemann werde morgen wieder hergeſtellt ſeyn,— ein Troſtgrund der vielleicht ſeines Zweckes verfehlt haben wuͤrde, wenn auch deſſen Verwirkli⸗ chung möglich geweſen waͤre. So leugnete ſie auch jetzt dem jungen Lord beharrlich ab, daß ſein Bedien⸗ *„ 58 ter bereits vier und zwanzig Stunden von Hauſe ſey.⸗ „und,“ fuhr ſie fort:„was die Gefahr betrift, in den Siraßen von London umgebracht zu werden, ſo iſt es freilich wahr, daß vorige Woche zwei Männer im Tower⸗Graben todt gefunden ſind; aber das war im ößlichen Theile der Stadt; und der arme Menſch, dem juͤngſt auf der Landſtraße der Hals abgeſchnitten wurde, fand den Tod in der Naͤhe von Islington; der Mann, der kuͤrzlich von dem jungen Stu⸗ denten von Templars⸗Inn im trunkenen Muthe am Strande erſtochen ward, war nur ein Irländer.“ Durch alle dieſe Thatſachen ſuchte ſie zu beweiſen, daß keine derſelben unter Umſtänden vorgefallen ſey, welche genau auf den Schottländer Richard und ſeine Sendung paßten. „Mein beſter Troß iſt,“ perſetzte gigel,„daß der Burſche kein Zäͤnker iſt, wenn er nicht heſtig ge⸗ reizt wird, und daß er nichts bei ſich hat, als Pa⸗ piere, die aber von einiger Wichtigkeit ſind.“ „Ihr habt recht, edler Herr,“ erwiederte die unerſchopfliche Wirthin, die das Geſchäft des Abräu⸗ mens in die Länge zog, um ihr Geſchwätz fortzuſet⸗ zen.„Ich bin uͤberzeugt, Muſieh Moniplies iſt weder ein lockerer Zeiſig, noch ein Zänker; ſonſt hätte er ſich zwiſchen dem jungen Volke in der Nach⸗ barſchaft herumtreiben koͤnnen, welches ihm nie ein⸗ gefallen iſt; und wenn ich ihn fragte, ob er nicht ein⸗ —— 2„ mal zu meiner Gevatterin, der Frau Trinkwaſſer, gehen wolle, um ein Glas Aniſette und ein Stück guten Kaͤſe zu ſich zu nehmen,— ihr ſeht edler Herr, ich meinte es gut mit dem jungen Menſchen,— ſo blieb er lieber zu Hauſe bei meinem Manne, der doch ein Dutzend Jahre aͤlter iſt, als ich, und Ew. Gnaden Bedienter ſcheint von meinem Alter zu ſeyn⸗ Ich moͤchte wiſſen, was ſie ſich einander zu ſagen ge⸗ habt haben können; als ich meinen John darum fragte, hieß er mich zu Bette gehen.“ „Koͤmmt er nicht bald,“ fiel Lord Nigel ein, „ſo werde ich euch bitten, mir die obrigkeitliche Per⸗ ſon zu nennen, an welche ich mich wegen ſeiner Auf⸗ ſuchung zu wenden habe; denn nicht nur für den armen Burſchen, ſondern auch fur die wichtigen Pa⸗ piere, die er bei ſich hat, bin ich in Sorgen.“ „Verlaßt euch darauf, edler Herr, in einer Viertelſtunde iſt er wieder da,“ entgegnete Frau Nelly;„er iſt kein Menſch darnach, dpaß er vier und zwanzig Stunden in einem Strich ausbleiben ſollte, und was die Papiere betrifft, ſo hoffe ich, Cw. Gnaden wird mir verzeihen, wenn ich bekenne, daß ich, als er ſie wegtragen wollte und ich ihm ein kleines Schnaͤpschen gab, ſich gegen die boͤſen Mor⸗ geduͤnſte zu ſchuͤtzen, einen fluchtigen Blick hinein⸗ warf, und fand, daß ſie an des Koͤnigs geheiligte Majeſtaͤt gerichtet waren. Ohne Zweiſel hat alſo 60 Se. Majeſtät den Richard aus Achtung für Gw. Gnaden Sendſchreiben zurückbehalten, um ihm eine paſſende Antwort mitzugeben.“ Frau Relly brachte hier ohne es zu wiſſen einen wirkſameren Troſtgrund vor, als die bisherigen; denn der junge Lord hegte ſelbſt einige entfernte Hoff⸗ nung, ſein Bote koͤnnte bei Hofe aufgehalten ſeyn, bis man eine angemeſſene, vielleicht guͤnſtige Ant⸗ wort ausgefertiget habe. Doch uͤberzeugte er ſich„ſo unerfahren er auch in öffentlichen Geſchäſten war, bei einigem Nachdenken, von der Unwahrſcheinlich⸗ keit der Epfüllung einer mit der Hofetikette und den gewoͤhnlichen Verzögerungen der Beſcheide auf Geſu⸗ che bei Hofe unvereinbaren Erwartung und erwiederte daher ſeufzend ſeiner gutmuͤthigen Wirthin: er zweif⸗ le, der Koͤnig werde die an ihn gerichtete Schrift auch nur einſehen, geſchweige denn, ſie in augenblickliche Erwaͤhnung ziehen., „Nun, edler Herr, ſeyd doch nicht ſo kleinmü⸗ thig,“ entgegnete die gute Frau;„warum ſollte der Konig nicht das naͤmliche fur uns thun, was unſte Koͤnigin Eliſabeth that? Biele Leute ſagen dies und jenes uͤber eine Königin und einen Koͤnig; aber ich glaube, ein Koͤnig paßt ſich beſſer fuͤr uns Englaͤn⸗ der; und unſer jetziger guter Herr fährt eben ſo oft, als unſre vorige Koͤnigin, zu Waſer nach Green⸗ wich, hat eben ſo viele Bootsleute und Schiffer aller — ,——— 6 61 Art in ſeinem Dienſte, und behaͤlt den Waſſerpoeten, John Taylor, in ſeiner koniglichen Gnade, läͤßt auch ein Boot und ein paar Ruderer zu ſeinen Dien⸗ ſten. Auch hat er eine ſtattliche Hofhaltung zu Whi⸗ tehall nahe beim Fluſſe eingerichtet; und da der Koͤ⸗ nig die Themſe ſo ſehr liebt, ſo ſehe ich nicht ein, warum man glauben könnte, daß er nicht allen ſei⸗ nen Unterthanen und beſonders euch, edler Herr⸗ Gerechtigkeit wiederfahren laſſen werde.“ „Nun, gute Frau, wir wollen das Beſte hof⸗ fen; doch jetzt muß ich Mantel und Schwert neh⸗ men und euren Mann hoͤflich bitten, mir den Weg zu einer obrigkeitlichen Perſon zu bezeichnen, My⸗ lord.“„In der That,“ ſagte die mundfertige Dame, „das kann ich eben ſo gut thun, als er, der ſein Lebelang ſehr einſilbig geweſen iſt, obwohl ſonſt ein liebender Ehemann und ein Mann, der ſich in der Welt eben ſo gut als irgend einer in unſerer ganzen Gaſſe zu benehmen weiß. Und da iſt der dienſtha⸗ bende Alderman, der jederzeit in Guildhall ſeine Sit⸗ zungen haͤlt, der ordnet in der City Alles, was durch Weisheit in Ordnung gebracht werden kann; für das Uebrige giebt es keine andere Huͤlfe, als Geduld. Aber ich wuͤnſchte, daß ich eben ſo gewiß waͤre, vier⸗ zig Pfund Sterling zu gewinnen, als daß Ew. Gna⸗ den Bedienter geſund und wohl wieder heimkehren wird.“ 62 Nigel, in aͤngſtlichem Zweifel uͤber dasjenige, was die gute Frau ſo zuverſichtlich behauptete, warf ſeinen Mantel uͤber die Schulter und war im Be⸗ griff, ſich mit dem Schwerte zu umguͤrten, als Ri⸗ chard Moniplies Stimmne ſich auf der Treppe verneh⸗ men ließ, und vann dieſer treue Sendling i in eigner Perſon im Zimmer erſchien. Nachdem die Dame Nelly dem Heimkehrenden Gluͤck gewuͤnſcht und ihrem Scharfſinn, welcher das nunmehr Bewahtheitete vor⸗ ausgeſagt, viele Complimente gemacht hatte, geruhte ſie endlich das Zimmer zu verlaſſen. Ein inſtinct⸗ maͤßiges Gefuͤhl von guter Lebensart, welches ihre Neugier bekaͤmpfte, und der Umſtand, daß ſie wohl einſah, Richard werde in ihrer Anweſenheit nicht in ſeiner Erzählung fortfahren, veranlaßte ſie zur Ent⸗ fernung, im zuverſichtlichen Vertrauen, ihre Ge⸗ wandtheit werde das Geheimniß von einem oder dem andern der beiden jungen Maͤnner unter vier Augen herauszubringen wiſſen. „Nun, um's Himmelswillen, was iſt dir zu⸗ geſtoßen?“ fragte Nigel.„Wo biſt du geweſen, und was haſt du gemacht? Du biſt todtenblaß. Du haſt Blut an den Haͤnden, und deine Kleidungsſtuͤcke ſind zerriſſen. Was haſt du fuͤr Unfug getrieben? Ver⸗ muthlich biſt du betrunken geweſen und haſt dich ge⸗ ſchlagen. 6 63 ———— „Wohl habe ich mich ein Bißchen geſchlagen;“ entgegnete Richard;„was aber die Trunkenheit be⸗ teift, ſo hat es in dieſer Stadt ſeine großen Schwie⸗ rigkeiten, ſich ohne Geld ſtarke Getraͤnke zu verſchaf⸗ fen; und ich weiß von keinem andern Unfug als von demjenigen, der an meinem Kopfe veruͤbt iſt. Leider iſt mein Hirnkaſten nicht von Eiſen, und meine Kleider ſind nicht unzerreißbar. Einige unverſchaͤmte Schur⸗ ken ſchimpften auf mein Vaterland; aber bald rei⸗ nigte ich die Straße von dieſen Buben; doch endlich fiel ein ganzer Schwarm uͤber mich her, und ich er⸗ hielt dieſen Hieb hier uͤber den Schädel, worauf ich bewußtlos in eine kleine Bude, dicht beim Tempel⸗ thor gebracht ward, wo ſie die Drehmaſchinen ver⸗ kaufen, womit man die Zeit ausmißt*); dann ließen ſie mir zur Ader, ich mochte wollen oder nicht; wa⸗ ren aber ſonſt ziemlich hoͤflich; insbeſondere ein be⸗ jahrter Landsmann von uns, von dem ich mohe mehr ſagen werde.“ „um welche Tageszeit war dies?“„ C6 ſchlug auf ver Kirche neben dem Tempelthor eben ſechs?“ „Und warum kehrteſt du nicht ſogleich heim nach deiner Wiederherſtellung?“ fragte Nigel.„Dies *) Man darf hiebei nicht vergeſſen, daft die Taſchenuhren da⸗ mals bei weitem noch nicht allgemein in allen Ländern Eu⸗ ropens, und am wenitſten unter den niedern Ständen ein⸗ veführt waren. d. U. 64 ——— aber den Namen unſeres Gäßchens aus dem Gedaͤcht⸗ niß verloren, und jemehr ich fragte, um deſtomehr logen mit die Leute vor, und je weiter ſchickten ſie mich in der Irre herum. So mußte ich die Heim⸗ kehr aufſchieben, bis Gott das Tageslicht ſchicken wuͤrde, mir zurecht zu helfen; und da ich mich eben bei einer Kirche befand, ſchlich ich mich auf den Kirch⸗ hof, um dort mein Nachtquartier außzuſchlagen.“ „Auf den Kirchhof?“ fragte Nigel;„aber was trieb dich denn ſo aufs Aeußerſte?“ „Glaubt nicht, daß es der Mangel an Geld war, Mylord,“ entgegnete Richard mit geheimniß⸗ voller Wichtigkeit,„denn ich war nicht ſo ratzenkahl, als ihr vielleicht denkt; aber ich dachte, du ſollſt den unverſchaͤmten Kammerdienern hier in den Schenken teine ſechs Pence Sterling hintragen, ſo lange du noch eine ſchone Fruͤhlingsnacht in freier Luft durch⸗ ſchlafen kannſt. Manchmal, wenn ich daheim ſpät zu Hauſe kam, und der Thorwaͤrter am Weſt⸗Port keine Luſt hatte, mir das Gitterthor zu oͤffnen, nahm ich mein Nachtquartier auf St. Cuthberts Kirchhof⸗ Aber dort waͤchſt dichtes, ſchoͤnes Gras, wo man ſchläͤft, wie auf Flaumfedern, bis man die Lerche in der Hoͤhe des Schloſſes ſingen hort. Dagegen ſind hatte ſeinen guten Grund, Mylord,“ etwiederte der Diener.„Um heimzukehren, mußte ich wiſſen, wo ich mein Quartier finden ſollte. Nun hatte ich 65 ————— vieſe Londoner Kirchhoͤfe ganz mit dicken, feſt zuſam⸗ mengeklammerten Quaderſteinen gepflaſtert, ſo daß mein etwas abgenutzter und zerrißner Mantel mein Lager eben nicht ſehr weich machte, und ich eilen mußte, es zu verlaſſen, bevor mir alle Glieder ge⸗ lähmt wurden. Todte Menſchen moͤgen dort gut ge⸗ nug ſchlafen, aber fuͤr Lebendige hol's ver Kuckuck.“ „Und was begannſt du hierauf?“ fragte der Lord⸗ „Ich legte mich unter das Vordach einer Bude und ſchlief dort ſo ſanft, als waͤr' es ein Schloß ge⸗ weſen. Zwar ſtoͤrten mich einige nachtwandelnde Metzen; als ſie aber fanden, daß nichts von mir zu holen ſey, als etwa ein Hieb von meiner Klinge, ſchalten ſie mich einen ſchottiſchen Bettler und wuͤnſch⸗ ten mir gute Nacht, und ich war herzlich froh, ihrer um dieſen Preis los zu werden. Morgens hatte ich große Noth, meinen Weg zu finden, denn ich hatte mich weit, weit oſtwaͤrts verirrt—— „Nun wohl Richie,“ unterbrach ihn Lord Ni⸗ gel,„ich bin froh, daß dies alles ſo gut abgegangen iſt. Geh' und laß dir zu eſſen geben, du wirſt deſſen bevuͤrſen.“ „Meiner Treu, mich hungert,“ verſetzte Moni⸗ plies;„aber mit Cw. Lordſchaft Erlaubniß—“ „Setze fuͤr jetzt die Lordſchaft bei Seite, wie ich dir ſchon oft geſagt habe.“ „Daß ihr ein Lord ſeyd, edler Herr,“ entgeg⸗ nete Richie,„koͤnnt' ich allenfalls vergeſſen; dann aber muͤßte ich auch vergeſſen, daß ich eines Lords Diener bin; und das iſt nicht ſo leicht. Das fuͤhlte ich, als ich meinen Auftrag am Hofe ausrichtete; denn dahin nahm ich meinen Weg; und mein Freund, der mir verſprochen hatte, mich Sr. Majeſtät gnaͤ⸗ diges Antlitz ſchauen zu laſſen, hielt ſein Wort und fuͤhrte mich in die Hinterzimmer des koniglichen Schloſſes, wo er mir das beſte Fruͤhſtuͤck vorſetzte, das ich ſeit unſrer Hierkunft genoſſen habe; und es that mir wohl fuͤr den Reſt des Tages; denn, Alles was ich außerdem in dieſer verwuͤnſchten Stadt gegeſſen habe, ward mir durch den berunruhigenden Gedanken vergallt, daß es bezahlt werden muͤſſe. Uebrigens beſtand das Fruͤhſtuͤck aus Rindsknochen und fettem Gekroſe; aber ihr wißt, edler Herr, was das Spruͤch⸗ wort ſagt: des Konigs Spreu iſt beſſer, als andrer Leute Korn, und auf alle Fälle koſtet es mich nichts. Aber ich ſehe, daß ihr ungeduldig werdet.“ „Keinesweges Richard,“ verſetzte der junge Lord mit der Miene der Ergebung; denn er wußte wohl⸗ daß ſein Bedienter trotz alles Antreibens den gewohn⸗ ten Gang nicht beſchleunigen wuͤrde;„deine Leiden auf dieſer Sendung geben dir das Recht, ſie in deiner eignen Manier zu erzählen. Nur nenne mir erſt den Namen des Freundes, der dich vor den Koͤnig fuͤh⸗ 67 ren ſollte. Du warſt in dieſem Puncte ſehr geheim⸗ nißvoll, als du uͤbernahmſt, auf dieſem Wege deine Bittſchrift Sr. Majeſtät eigenhaͤndig zu uͤberreichen, da du hoͤrteſt, daß meine fruͤher eingeſandten Papiere vermuthlich nicht weiter gekommen ſind, als in die Haͤnde ſeiner Geheimſchreiber.“ „Das iſt wahr, Mylord,“ verſetzte Richar, „ich verſchwieg euch ſeinen Namen und Stand, weil ich dachte, ihr wuͤrdet euch beleidigt finden, daß ein Mann ſeines Gleichen ſich in Cw. Lordſchaft Angele⸗ genheiten miſche. Aber Mancher ſteigt bei Hofe durch unſcheinbare Mittel. Hier war es Loren; Linklater, einer von den Kuͤchen⸗Trabanten Sr. Majeſtät, der lange als Lehrburſche bei meinem Vater gedient hatte, an welchen ich mich wandte.“ „Ein Kuͤchen⸗Trabant,— ein Kuͤchen⸗Juͤnge?“ rief Lord Nigel, unwillig die Stube auf und ab ge⸗ hend. „Aber bedenkt, edler Herr,“ entgegnete Richard ernſthaft,„daß alle eure großen Freunde euch ver⸗ ließen, und euch weder kennen, noch eure Bittſchrift bevorworten wollten! Und obgleich ich meinem Freunde Lorenz, zu Ew. Lordſchaft, ſowie auch zu ſeinem und meinem Beſten ein hoͤheres Hofamt wuͤnſche, ſo hat doch ein koͤniglicher Kuͤchenjunge, wenn an⸗ ders ein Trabant in des Koͤnigs allerhoͤchſter Kuͤche ein Junge genannt werden kann, wenigſtens 5* den Rang eines Kuͤchenmeiſters in andern Dienſten, nach meinem vorhin bemerken des Koͤnigs Spreu beſſer iſt, als— X „Du haſt Recht, und ich hatte Unrecht,“ un⸗ terbrach ihn der junge Lord.„Mir bleibt leider keine Wahl unter den Mitteln, meine Sache vorzu⸗ bringen, wenn ſie nur ehrlich ſind.“ „Lorenz iſt der redlichſte Burſche, der je einen Kochloͤffel ſchwang,“ verſetzte Richard;„und weiß uͤberdies eben ſo gut, wo Bartel den Moſt holt, als andere Leute. Aber daß ich's kurz mache— denn ich ſehe, Ew. Gnaden werden ungeduldig;— endlich bracht er inich vor den Pallaſt, wo Alles regſam war; denn der Koͤnig wollte auf die Jggd gehen an einen Ort, den ſie, glaub' ich, Blackheath nannten. Und im Hofe ſtand ein praͤchtig aufgeſchirrter Grau⸗ ſchimmel, ſo ſchoͤn, als je einer geworſen iſt; Sattel⸗ beſchlag, Steigbuͤgel, Zaumbeſchlag und Gebiß wa⸗ ren von purem Golde, oder wenigſtens von vergol⸗ detem Silber; und herab kam der Koͤnig mit allen ſeinen Edelleuten, angethan mit einer gruͤnen, mit breitem Golde beſetzten Jagdkleidung. Ich erkannte ganz genau ſein Geſicht, ob es gleich lange her iſt als ich ihn ſah. Ach, dacht' ich, mein guter Herr, wie haben die Zeiten ſich verandert, als ihr, von eurem alten Pallaſt Holyrood-Houſe fliehend, in großer Furcht die Hintertreppe hinab eiltet, die Bein⸗ 5 kleider in der Hand, weil ihr nicht Zeit hattet, ſie anzuziehen, und der wilde Graf Bothwell euch auf den Hacken war; und hätte nicht der alte Lord Glen⸗ varloch euch ſeinen Mantel umgeworfen, und ſichin eu⸗ rer Vertheidigung mehr als eine Wunde geholt, ſo wuͤrdet ihr an jenem Tage nicht ſo gut davon gekom⸗ men ſeyn*). Bei dieſen Gedanken konnté ich nicht zweifeln Cw. Lordſchaft Biktſchrift wuͤrde ſehr will⸗ kommen ſehn; und ſo' drang ich durch den dichten Haufen der Lords, die den Koͤnig umgaben. Lorenz glaubte, ich wäre toll und hielt mich am Mantel feſt; doch ich riß mich los, und ließ ihm ein Stuͤck davon in der Hand. So drang ich geradezu bis vor den Koͤnig, eben als er aufs Pferd ſtieg, und druͤckte ihm vie Bittſchrift feſt in die Hand. Gewiſſermaßen be⸗ ſtuͤrzt, oͤffnete er ſie; eben als er die erſte Zeile las, wollte ich einen tiefen Buͤckling wachen, und hatte vas Ungluck, ſeinen Schimmel mit meiner Kappe an die Naſe zu ſchlagen; dadurch ward die Beſtie ſcheu⸗ ſprang zur Seite, und nicht viel fehlte, ſo haͤtte der Konig, der nicht ſattelfeſt iſt, einen Purzelbaum ge⸗ macht, der mir Kopf und Kragen gekoſtet haben wuͤrde. Er warf das Papier unier die Fuͤße der Beſtie und rief: Fort mit dem Menſchen der es gebracht hat, und damit packten ſie mich und riefen:„Hochver⸗ 5 Sn Keſentlichen hiſtoriſche Thatſachen. d. u. rath!“ und ich dachte an die Ruthvens die in ihrem eignen Hauſe wegen eines nicht groͤßeren Verbrechens umgebracht wurden ²). Doch ſprachen diejenigen, die mich packten blos vom Durchpeitſchen, und fuͤhr⸗ ten mich in das Zimmer des Thuͤrſtehers, um den Ochſenziemer auf meinem Ruͤcken zu verſuchen; aber ich ſchrie um Gnade, ſo laut ich konnte, ſo daß der Koͤnig, als er ſich wieder im Sattel feſtgeſetzt hatte und zu Athem gekommen war, ihnen zurief, ſie ſoll⸗ ten mir nichts zu Leide thun; denn, ſagte er, es iſt einer von unſern nordlaͤndiſchen Tölpeln; ich kenne den Vogel an ſeinen Federn; dabei lachten ſie Alle aus vollem Halſe. Und dann ſagte er: gebt ihm ein Eremplar von der Proclamation, und dann ſchickt ihn mit dem naͤchſten Kohlenſchiff nach Schottland zuruͤck. Darauf ließen ſie mich gehen, und der ganze Zug ritt lachend davon. Einen ſchlimmen Stand hatte ich mit Lorenz Linklater; denn der meinte, dieſe Sache wuͤrde ihn ins Ungluͤck bringen. Als ich ihm aber ſagte, die Bittſchrift waͤre fuͤr Cw. Gnaden ein⸗ gereicht, antwortete er: haͤtte er das gewußt, ſo hätte er es um euretwillen auf einen Wiſcher ankommen laſſen, weil er noch des alten braven Lords, eures Vaters gedaͤchte. Und dann zeigte er mir, wie ich meine Sache haͤtte anfangen ſollen,— und daß ich *) Ebenfalls geſchichtliche Thatſache. d. u. —— 71 die Hand an die Augenbraunen hätte halten muͤſſen⸗ gleich als ob die Große des Koͤnigs und die ihn um⸗ gebende Pracht meine Augen verblendet haͤtte*) und mehr ſolche Affenſreiche, die ich hätte ſpielen ſollen, anſtatt die Bittſchrift dem Koͤnige ſo plump zuzuſtek⸗ ten, als wenn man einem Viehe ſein Futter hin⸗ wuͤrfe. Denn, ſagte er: der Koͤnig iſt von Natur ein gutmuͤthiger, gerechter Mann, aber er hat ſeine eignen Grillen, die man vorſichtig behandeln muß; und dann, ſagte er mir leiſe ins Ohr: ich moͤchte es niemanden erzählen als einem klugen Manne. wie du; der Koͤnig iſt von ſolchen Menſchen umgeben⸗ die einen Engel vom Himmel verleiten wuͤrden. Aber ich haͤtte dir einen Rath geben können, wie du ihn behandeln muͤßteſt; doch jetzt wäre es, wie man zu ſagen pflegt/ Senf nach dem Eſſen!“—„Wohl⸗ Lorenz,“ ſagte ich,„du magſt wohl Recht haben; aber mich freut nur, daß ich der Thuͤrſteherloge und dem Ochſenziemer entgangen bin; ſupplicire ferner, wer da will; der Henker hole Richard Moniplies⸗ wenn er jemals wieder hieher kommt, Bittſchriften zu uͤbergeben.— Und ſo ging ich von dannen und war nicht weit von Temple⸗Bar, als mir der Unfall zuſtieß, den ich euch vorhin erzählt habe.“ *) Dies war wirklich die eben ſo ſeltſame als knechtiſche Sitte zener Zeiten, wenn Perſonen niedern Standes, ſich Herr⸗ ſchern nahten. d. U. ————— 72 „Nun, mein ehrlicher Richard,“ ſagte Lord Nigel,„dein Verſuch war gut gemeint, und wie es mir ſcheint nicht ſo uͤbel ausgefuͤhrt, um einen ſo ſchlechten Ausgang w verdienen; jetzt verzehre dein Rindfleiſch mit Senf; dann wollen wir weiter davon reden.“ „Es iſt nichts weiter davon zu reden, edler Herr,“ entgegnete der Diener,„ausgenommen, daß ich einen ſehr rechtſchaffnen, ſehr getreu denkenden und ſchoͤn gekleideten Gentleman oder vielmehr Buͤr⸗ ger in der Bude des Uhrmachers antraf, der von Ge⸗ burt ein Schotte, und was noch mehr iſt, ein Edin⸗ burger war und, als er hoͤrte, wer ich ſey, mich zwang, dies portugieſiſche Goldſtuͤck anzunehmen, um wie er ſagte, eins dafuͤr zu trinken;— traun! dacht' ich, wir können's beſſer gebrauchen, denn wir wollen dafuͤr eſſen. Auch ſchwatzte er davon, Ew. Lordſchaft einen Beſuch zu machen.“ „Hoffentlich ſagteſt du ihm nicht wo ich wohne, du Schlingel?“ fragte Lord Nigel unwillig. Beim Himmel, das waͤr' mir eben recht, jedem plumpen Bürger aus Edinburg den Anblick meiner Duͤrftig⸗ keit zu geben, damit er ſagen kann, er habe fuͤr ſein Geld das Original zum bekannten Marionettenſpiel: „„der arme Edelmann““ geſehen.“ „Ich ſollte ihm geſagt haben, wo ihr wohn⸗ tet?“ entgegnete Richard, der Antwort ausweichend; * 73 „wie konnte ich ihm etwas ſagen, wäs ich ſelbſt nicht wußte? denn hätte ich mich des Namens unſrer Gaſſe erinnert, ſo wuͤrde ich nicht noͤthig gehabt ha⸗ ben, auf dem Kirchhofe zu ſchlafen.“ „Nimm dich ja in Acht, daß du Niemandem von unſter Wohnung Kunde giebſt,“ ſagte der junge Lord;„diejenigen, mit denen ich Geſchaͤfte abzuma⸗ chen habe, koͤnnen mich in St. Pauls oder im Sup⸗ plicanten⸗Zimmer des Bittſchriſtgerichts finden.“ Bei dieſen Worten dachte Richard bei ſich ſelbſt: „das heißt die Stallthuͤr verſchließen, wenn das Pferd geſtohlen iſt; aber ich muß ihm ein anderes Schloß davor haͤngen.“ Dieſer Gedanke veranlaßte ihn zu der Frage an den jungen Lord, was in der ihm auf Befehl des Königs eingehänvigten Proclamation ſtehe/ die noch unentfaltet in Nigels Haͤnden war;„denn,“ fuhr er fort,„da ich keine Zeit hatte, ſie zu buchſtabiren, ſo konnte ich, wie Ew. Lordſchaft weiß, nichts vom Inhalte erkennen, als das große Wappen druͤber,— und habe nur ſo viel geſehen, vaß jetzt der Loͤwe un⸗ ſer altes ſchottiſches Schild in ſeinen Klauen haͤlt; aber mich duͤnkt, es ward eben ſo gut aufrecht gehal⸗ ten, als es noch ein Einhorn an jeder Seite hatte.“ Lord Nigel las die Proclamation, und hochroth farbte ſich ſein Geſicht vor Scham und Unwillen; denn der Inhalt that auf ſein verletztes Ehrgefuͤhl 4 — die Wirkung aͤtzender Fluͤſſigkeiten auf eine friſche Wunde. „Was Henker mag in dem Papier ſtehen, My⸗ lord?“ fragte Richard, der ſeine Neugier nicht zu unterdruͤcken vermochte, als er ſeinen Herrn die Far⸗ be wechſeln ſah;„Ich wuͤrde nicht darnach fragen, wenn ich nicht wuͤßte, daß die Proclamation nicht fuͤr Einen beſonders, ſondern fuͤr Jedermanns Kun⸗ de beſiimmt iſt.“ „Freilich ſoll ſie zu Jedermanns Kenntniß ge⸗ bracht werden;“ verſetzte Lord Nigel;„ſie verkuͤn⸗ viget die Schande unſers Vaterlandes und die Un⸗ dankbarkeit unſers Fuͤrſten.“ 16 „Nun, Gott hewahre uns! Und eine ſolche Verordnung auch in London zu verkuͤndigen!“ rief Richard aus. „Hoͤr nur,“ ewiederte Nigel,„in dieſem Pa⸗ pier erklären die Lords des königlichen geheimen Naths: daß, da häuſig muͤßige Perſonen niedern Standes aus Sr. Majeſtät Konigreich Schottland ſich an Allerhochſtderoſelben Hoflager in England begeben, daſſelbe mit Bitten und Supplicationen zur Ungebuͤhr beſchweren und die koͤnigliche Umge⸗ bung durch ihre niedrige, aͤrmliche und bettelhafte Perſoͤnlichkeit zur Herabſetzung ihres Vaterlandes in der Meinung der Englaͤnder entehren, den Schif⸗ fern und Kahnfuͤhrern in allen Gegenden Schott⸗ 75 lands bei Geld⸗ und Gefaͤngnißſtrafe verboten wer⸗ de, ſolche elende, ſich an das königliche Hoflager be⸗ gebende Geſchoͤpfe, nach England uͤberzufahren.“ „Ich wundre mich, daß der Schiffer uns noch an Bord genommen hat,“ bemerkte Richard. „Wenigſtens brauchſt du dich nicht uͤber die Art und Weiſe zu wundern, wie du heimkehren wirſt,“ ſiel Lord Nigel ein,„denn hier heißt es weiter: daß ſolche muͤßige Supplicanten auf Sr. Majeſtaͤt Koſien nach Schottland zuruͤckgeſchaft und nach Maß⸗ gabe ihrer Strafbarkeit durch Schlage oder Gefaͤng⸗ niß gezuͤchtiget werden ſollen.— Das heißt wohl ſo viel,“ ſetzte Nigel hinzu,„nach Maßgabe des Grades ihrer Armuth; denn ich ſinde nicht, daß ir⸗ gend eine andre Gattung der Strafbarkeit bezeich⸗ net iſt.“ „Dieſes Alles,“ bemerkte Richard,„paßt nicht zu unſerm alten Sprichwort:“ „„Nur Gnade ſoll ein Königsantlitz ſpenden.““ „aber was ſagt das Papier weiter Mylord?“ „O, es enthält nur noch eine kleine Clauſel⸗ die insbeſondre uns angeht; denn ſie bedroht noch härter diejenigen Supplicanten⸗ welche ſo kuͤhn ſind, ſich dem Hoſe zu nahen, unter dem Vorwande, die Bezahlung alter Forderungen, die ſie an den Koͤnig machen, in Anſpruch zu nehmen,— eine Zudring⸗ „ 76 lichkeit, die, wie es in der Proclamation heißt, Sr. Majeſtͤt unter allen am verhaßteſten iſt.“ „Der König hat in dieſem Punkte ſeines Glei⸗ chen,“ ſagte Richard;„doch nicht Jedermann kann dieſer Plage ſo leicht los werden, als er.“ Hier ward die Unterredung durch ein Klopfen an der Hausthuͤr unterbrochen, Nigel ging ans Fen⸗ ſter und ſah einen ihm unbekanntem altlichen Mann von anſehnlichem Aeußern. Auch Richard warf ei⸗ nen Blick auf ihn und erkannte, ohne es ſich jedoch merken zu laſſen, ſeinen Freund vom vorhergehenden Abend. Voll Angſt, daß ſein Antheil an dieſem Beſuche entdeckt werden moͤchte, ſchluͤpfte er aus dem Zimmer, unter dem Vorwande, zu fruͤhſtuͤcken; und uͤberließ der Wirthin das Geſchäft, den Meiſter Georg zum Lord Nigel hereinzufuͤhren, welches ſie mit großer Hoͤflichkeit vollzog, Viertes Kapitel. Der junge ſchottiſche Lord empfing den Buͤrger mit derjenigen zuruͤckhaltenden Hoͤflichkeit, wodurch Standesperſonen nicht ſelten dem Plebejer fuhlbar machen, daß er ihnen ungelegen kommt. Allein Meiſter Georg ſchien dadurch weder beleidiget, noch aus der Faſſung gebracht zu werden. Er nahm den 77 Stuhl an, welchen ihm Lord Nigel in Ruͤckſicht ſei⸗ nes Achtung gebietenden Aeußern anbot, und ſagte nach einer augenblicklichen Pauſe, in der er den jun⸗ gen Mann mit einer Miſchung von Ehrerbietung und Ruͤhrung aufmerkſam betrachtete:—„Ver⸗ zeiht meiner Unbeſcheidenheit, Mylord; ich ſtrebtẽ in eurer jugendlichen Geſichtsbildung die Zuͤge des guten alten Lords, eures trefflichen Vaters, wieder aufzuſinden.“ Nigel zoͤgerte einen Augenblick, und verſetzte dann mit Beibehaltung ſeines zuruͤckhaltenden We⸗ ſens:„Man hat geſagt⸗ ich gliche meinem Vater, und es macht mir Freude Sir, einen Mann zu ſe⸗ hen, der ſein Andenken ehrt, allein das Geſchaͤft, welches mich in dieſe Stadt ruft, iſt eben ſo drin⸗ gend als geheim, und—“ „Ich verſtehe den Wink Mylord,“ unterbrach ihn Meiſter Georg,„und will euch nicht lange von Geſchaͤften oder angenehmerer Geſellſchaſt abhalten. Mein Anbringen wird mehrentheils zu Ende ſeyn⸗ wenn ich euch geſagt habe, daß mein Name Georg Heriot iſt, daß ich durch Ew. Lordſchaft trefflichen Vater ſeit länger als zwonzig Jahren der königlichen Familie von Schottland dringend empfohlen und in deren Dienſten angeſtellt bin, und daß ich, von ei⸗ nem eurer Leute vernehmend, Ew. Lordſchaft ſeh we⸗ gen eines wichtigen Geſchaͤfts in dieſer Stadt, es fuͤr 78 eine angenehme Pflicht gehalten habe, dem Sohne meines hochgeachteten Beſchuͤtzers aufzuwarten, um ihm, da ich am Hofe und in der City ziemlich be⸗ kannt bin, zur Befoͤrderung ſeiner Angelegenheiten alle Dienßtleiſtungen anzubieten, wozu mein Ein⸗ fluß und meine Erfahrung mich etwa in den Stund . konnten.“ „An keinem von beiden zweifle ich, Meiſter He⸗ riot,“ erwiederte Lord Nigel,„und danke euch herz⸗ lich fuͤr den guten Willen, den ihr mir durch das Anerbieten eurer Dienſte bezeigt; allein mein Ge⸗ ſchaͤft am Hofe iſt beendet, und ich gedenke London und vielleicht Großbrittannien zu verlaſſen, um ins Ausland zu reiſen und vielleicht Kriegsdienſte zu neh⸗ men. Ich darf hinzufuͤgen, daß ich wegen meiner plotzlichen Abreiſe wenige Zeit zu meiner Verfuͤgung habe.“ Meiſter Heriot that, als verſtände er den Wink nicht, und bewegte ſich nicht von ſeinem Sitze; doch ſah er verlegen aus, als ob er etwas zu ſagen haͤtte, ohne recht zu wiſſen, wie er es vorbringen ſolle. Endlich ſagte er mit dem Laͤcheln des Zweifels:„Ihr ſeyd gluͤcklich, Mylord, daß ihr euer Seſchaͤft bei Hoſe ſo ſchnell zu Ende gebracht habt. Cure geſchwaͤ⸗ tzige Wirthin erzaͤhlte mir, ihr waͤr't erſt vierzehn Tage in der Hauptſtadt. Gewöhnlich vergehen Mon⸗ 79 den und Jahre, bevor ein Bittſteller ſeine Sache bei Hoſe durchſetzt.“ „Mein Geſchaͤft,“ verſetzte Lord Nigel,„mit einer Kuͤrze, welche die Abbrechung jeder weitern Er⸗ rterung beabſichtigte,„ward ſummariſch abge⸗ fertigt.“ Immer noch blieb Meiſter Heriot auf ſeinem Sitze, und es vereinigte ſich in ſeinem Weſen ſo viel Herzliches und Gutmuͤthiges mit der Achtung⸗ die ſein Aeußeres einfloßte, daß es dem Lord Nigel un⸗ moͤglich wur, den Wunſch, er moͤge ihn verlaſſen⸗ deutlicher auszuſprechen. „Cw. Lordſchaft hat noch keine Zeit gehabt,“ ſagte der Buͤrgersmann, bemuͤht das Geſpraͤch im Gange zu erhalten,„die Schauſpielhaͤuſer und andre Vergnuͤgungsorte, wo die Jugend ſich zu beluſtigen pflegt, zu beſuchen. Doch ich ſehe in Cw. Lordſchaft Haͤnden eine von den neu eingefuͤhrten gedruckten Schauſpielanzeigen, die man ſeit einiger Zeit aus⸗ zutheilen pflegt. Darf ich fragen⸗ welches Si man ankuͤndigt? „O! ein wohlbekanntes Stuͤck,“ antwortete Lord Nigel, indem er die königliche Proclamation, die er bis dahin in der Hand zerknittert hatte, un⸗ willig auf den Boden warf,—„ein treffliches, hoͤch⸗ ſien Orts ſehr approbirtes Stuͤck ein neues Mit⸗ tel, alte Schulden zu bezahlen.“ 80 Meiſter Heriot hob das Papier auf, und ſagte, es entfaltend:„Ha! hier ſehe ich die Mitunterſchrift meines alten Bekannten Philipp Maſſingers;“ als er aber den Inhalt geleſen hatte, warf er einen Blick des Befremdens auf den jungen Lord, mit den Wor⸗ ten:„Ich hoffe doch, Ew. Lordſchaft wird nicht glauben, dies Verbot ſey auf eure Perſon doer Gt eure Anſpruͤche anwendbar?“ „Ich ſelbſt haͤtte es kaum geglaubt,“ erwiederte der Lord;„und dennoch iſt es wahr. Um dem Ge⸗ ſpraͤch uͤber dieſe Materie auf einmal ein Ende zu machen, brauche ich weiter nichts zu ſagen, als daß Se. Majeſtaͤt geruhet hat, mir dieſe Proclamation auf eine ehrerbietige Bittſchrift um Wiederbezahlung beträchtlicher Anleihen, die mein Vater zum Beſten des Staatsvienſtes, als der König in der dringend⸗ ſten Geldnoth war, leiſtete, als Antwort zuzu⸗ ſchicken.“ „Das iſt unmoͤglich!“ entgegnete der Buͤrger, —„durchaus unmoͤglich! Koͤnnte der Koͤnig ver⸗ geſſen, was er dem Andenken eures Vaters ſchuldig iſt?— Nein, er kann nicht,— er darf nicht ſo ſchreiend ungerecht gegen das Andenken eines Man⸗ nes ſeyn, wie euer Vater war, der im Grabe lan⸗ ge noch im Gedaͤchtniß des Schottiſchen Volkes leben wird⸗ 3 —————— — „Ich wuͤrde eurer Meinung ſeyn,“ antworte⸗ te Lord Nigel in kaltem Tone,„wenn nicht unwi⸗ derſprechliche Thatſachen mir das Gegentheil zeigten.“ „Welchen Inhalts war den eure Bittſchrift?“ fragte Heriot;„oder durch wen ward ſie uͤberreicht? Entweder muß irgend etwas Seltſames im Inhalte vorgekommen ſeyn, oder—“ „Hier könnt ihr den Originalentwurf meiner Supplik leſen, Sir,“ unterbrach ihn der junge Lord, indem er denſelben aus einer kleinen Chatoulle hervorzog;„der techniſche Theil iſt von meinem Rechtsconſulenten in Schottland, einem geſchickten, gefuͤhlvollen Manne, und der Reſt von mir ſelbſt,— ich hoffe mit gebüͤhrender Ehrerbietung und Beſchei⸗ denheit,— aufgeſetzt. 3 Raſch durchlief Meiſter Fr die Schrift. „Nichts,“ ſagte er,„kann gemäßigter und ehrer⸗ bietiger ſeyn. Iſt's moͤglich, daß der Koͤnig dieſe Bittſchrift mit Verachtung behandelt haben koͤnnte?“ „Er warf ſie auf das Steinpflaſter ſeines Schloßhofes,“ entgegnete Lord Glenvarloch, und ſchickte mir als Antwort dieſe Proclamation, worin er mich mit den Armen und Bettlern aus Schott⸗ land, die ſeinen Hof in den Augen der ſtolzen Eng⸗ laͤnder entehren, in eine Claſſe ſetzt. Nun wißt ihr Alles.— Und doch iſt's gewiß, daß er ſelbſt, wenn nicht mein Vater ihm mit ſeinem Herzen, Schwert 6 82 und Vermoͤgen beigeſtanden haͤtte, nie Englands Hof erblickt haben wuͤrde.“ „Aber durch wen ward dieſe Bittſchrift uͤber⸗ reicht?“ fragte Heriot;„denn der Widerwille, wel⸗ chen der Sendling einfloͤßt, erſtreckt ſich nicht ſelten auf die Botſchaft.“ „Durch meinen Bedienten,“ antwortete Lord Nigel;„durch den naͤmlichen, den ihr ſahet, und dem ihr, wie ich glaube, Gutes erzeigtet.“ „Durch euern Bedienten, Mylord?“ Er ſcheint ein ſchlauer Menſch zu ſeyn und iſt ohne Zwei⸗ fel ein treuer Diener;— aber in der That—“ „Ihr wollt ſagen,“ unterbrach ihn Lord Ni⸗ gel,„er iſt kein paßlicher Abgeſandter, um einem Könige unter die Augen zu treten.— Das iſt er freilich nicht, aber was konnt' ich thun? Jeder Verſuch, meine Angelegenheit dem Koͤnige vor Au⸗ gen zu bringen, war mißgluͤckt, und meine Bitt⸗ ſchriſten kamen nicht weiter, als in die Geſchaftszim⸗ mer der Abſchreiber und Secretaire; mein Bedienter verſicherte, er habe einen Freund unter den Hausof⸗ ficianten des Konigs, der ihn dem Monarchen unter vie Augen bringen wuͤrde,— und ſo—“ „Ich verſtehe,“ unterbrach ihn Heriot;„aber, Mylord, warum bedientet ihr euch nicht des Rechts, welches euch Rang und Geburt geben, bei Hofe zu — 83 ——— erſcheinen und um eine Audienz zu bitten, die euch nicht verweigert werden konnte?“. Eine leichte Röthe überflog des jungen Lords 3 Wangen, waͤhrend er einen Blick auf ſeine hoͤchſt einfache und etwas abgetragene, wenn gleich anſtaͤn⸗ dige Kleidung warf. „Ich weiß nicht,“ ſagte er nach augenblickli⸗ chem Zoͤgern,„warum ich mich ſchaͤmen ſollte, die Wahrheit zu reden.— Ich hatte keine ſchickliche Kleidung, um bei Hofe zu erſcheinen. Ich bin ent⸗ ſchloſſen, keine Schulden zu me en⸗ die ich nicht bezahlen kann, und ich glaube, ihr ſelbſt, Sir, wuͤrdet mir nicht rathen, mich in Perſon an die Pforte des Pallaſtes zu ſtellen, um in der Reihe de⸗ rer, die durch die That ihre Duͤrftigkeit geltend ma⸗ chen, und ein Almoſen erbetteln, meine Bittſchrift zu uͤberreichen.“ „Dies wuͤrde freilich unſchicklich geweſen ſeyn““ verſetzte der Buͤrger;„ aber dennoch, Mylord, kann ich den Gevanken nicht aus dem Sinn bringen, daß bei der Ueberreichung eurer Supplik ein Irrthum obgewaltet haben muß.— Darf ich mit eurem Be⸗ dienten reden?“* „Zwar ſehe ich nicht ein, wozu es nutzen kann,“ antwortete der junge Lord;„da aber eure Theilnah⸗ me an meinem Mißgeſchick aufrichtig zu ſeyn ſcheint, ſo will ich ihn kommen laſſen.“ Bei dieſen Worten ———— 34 ſtampfte er auf den Fußboden und in einigen Secun⸗ den erſchien Richard, ſeinen Stutzbart von Brot⸗ krumen und Bierſchaum reinigend, als klarem Be⸗ weiſe der Beſchaͤftigung, worin er unterbrochen worden.— „Wollt ihr erlauben Mylord, daß ich eurem Burſchen eine Frage vorlege?“ „Ich bin Seiner Lordſchaft Page, Meiſter Georg,“ ſiel Richard ein,„wenn ihr euch richtig ausdruͤcken wollt.“ „Schweig,“ gebot ſein Herr,„und antwor⸗ te beſtimmt auf die euch vorzulegenden Fragen,“ „Und aufrichtig, wenn's Ew. Pagenſchaft gefaͤllt,“ ſiel der Buͤrger ein,„denn du erinnerſt dich, daß ich die Gabe beſitze, Luͤgen zu entdecken.“ Wohl,“ verſetzte der Bediente, etwas verle⸗ gen, trotz ſeiner Unverſchaͤmtheit„„obgleich ich glaube, daß das, was mein Herr als Wahrheit von mir annimmt, auch jedem Andern fuglich genuͤgen koͤnnte.“ „Pagen haben das Gewohnheitsrecht, ihrem Herren etwas vorzuluͤgen,“ bemerkte der Buͤrger; „und du rechneſt dich ſelbſt zu dieſer Bande, obgleich ich glaube, daß du unter dieſen Wildfängen bei wei⸗ tem der älteſte ſeyn wuͤrdeſt; aber gegen mich mußt du die Wahrheit reden, wenn die Sache nicht mit dem Pranger endigen ſoll.“ — 85 „Ey, das iſt ein ſchlechter Ruheſtand,“ be⸗ merkte der herangewachſene Page;„ſo kommt denn hervor mit euren Fragen, Meiſter Georg.“ „Wohlan denn,“ ſo begann der Buͤrgers⸗ mann ſein Examen:„ich weiß, daß du geſtern eine Bittſchrift dieſes edlen Lords, deines Herrn, Sr. Majeſtät eingehaͤndigt haſt.“ „In der That, Sir, das iſt unbeſtreitbar“ verſetzte der Befragte;„es waren Menſchen genug dabei, die es ſahen.“ „Und du verſicherſt, daß Se. Majeſtät die Bitt⸗ ſchrift mit Verachtung von ſich warf,—“ fuhr der Frager fort;„aber nimm dich in Acht; denn ich ha⸗ be Mittel, die Wahrheit zu erfahren; und du win deſt beſſer daran ſeyn, wenn du bis an den Hals im Nor⸗Loch zu Edinburg ſäßeſt, wovon du uns geſtern ſo viel Wahres erzahlteſt, als wenn du uns eine Luge vorſagteſt, wodurch Sr. Majeſtät Name yerabgewuͤrdigt wird.“ „Hier iſt keine Veranlaſſung zum Luͤgen,“ ank⸗ wortete Richard mit feſtem Tone;„Se. Majeſtät ſchleuderte das Papier ſogar auf eine ſolche Weiſe von ſich, als ob er ſich die Finger damit beſchmutzt hoͤtte.“ „Jetzt hoͤrt ihr es ſelbſt, Sir,“ bemerkte Ni⸗ gel, zu Heriot gewandt. 86 ———— „Verſchiebt euer Urtheil ein wenig, edler Herr,“ erwiederte der ſcharfſchtige Buͤrgersmann.„Dieſer Menſch fuͤhrt ſeinen Familiennamen mit der That; er hat eben ſo viel Falten in ſeinem Charakter, als in ſeinem Mantel.*) Bleib' Patron,“ denn Ri⸗ chard begann, ruͤckwaͤrts gegen die Thuͤr zu avanci⸗ ren, indem er etwas vom unvolendeten Fruͤhſtuͤck zwiſchen den Zähnen murmelte;„beantworte mir die Frage: ob du bei der Ueberreichung der Bittſchrift deines Herrn, Sr. Majeſtät nicht zugleich noch etwas Anders einhändigteſt?“ „Nun, was ſollte ich denn mit dieſer Bittſchrift einreichen, Meiſter Georg?“ „Das iſt's eben, was ich zu wiſſen teilange verſezte der Fragende.. 6„Wohlan denn!— Ich will nicht leugnen, daß ich eine kleine Supplik, die ich fuͤr mich ſelbſt einzugeben hatte, dem Konige, um ihm doppelte Muͤhe zu erſparen, zugleich mit der Supplik meines Herrn einhaͤndigte, damit er ſie beide mit einander in Erwaͤgung ziehen könne.“ „Eine eigene Bittſchriſt? du S ſchalt ſein Herr. *) Richards Familienname Moniplies iſt znſammengeſetzt aus many plies(viele Falren); das engliſche Wort many wird nach ſchottiſcher Mundart: morſ ausgeſprochen. d. U. „Ey, Mylord,“ entgegnete Richard,„arme Leute haben eben ſowohl ihr Anliegen als Vorneh⸗ mere.“ „Aber ſag mir doch, was deine wichtige Bikt⸗ ſchrift betraf?“ fragte Heriot—„um Gottes Willen Moylord verlieren ſie nicht die Geduld; ſonſt werden wir dieſer ſeltſamen Geſchichte nicht auf den Grund kommen.— Sprich Alles rein heraus; dann ver⸗ ſprech ich dir, deinen Herrn mit dir auszuſoͤhnen.“ „Es iſt eine lange Geſchichte, die ich zu erzäh⸗ len haͤtte;— aber die Hauptſache beſteht darin, daß es ein Stuͤckchen von einer alten Rechnung war, die Ihro Majeſtät, des Koͤnigs allergnaͤdigſte Mutter⸗ als ſie im Schloß zu ECdinburg lebte, meinem Vater ſchuldig geblieben iſt. Damals ließ ſie verſchiedene 4 Vickualien aus unſter Fleiſchbank holen, welches al lerdings fuͤr meinen Vater eine große Ehre war, ſo wie ohne Zweifel die Bezahlung der Rechnung Mojeſtät zur Ehre gereichen und mir ſehr zutraͤglich ſeyn wird.“ „Welche ungeheure unverſchaͤmtheit!“ rief Nigel. „Alles was ich ſage, iſt die ſtrengſte Wahrheit,“ fiel Richard ein;„hier iſt das Concept meiner Sup⸗ plik.“ deiſter Georg empfing aus des Burſchen Hand ein altes, zerknittertes Stuͤck Papier, und murmel⸗ 88 te, es durchlauſend, zwiſchen den Zaͤhnen:„ſtellt unterthaͤnig vor—— Sr. Majeſtaͤt allergnädigſte Frau Mutter—— ſchuldig geblieben die Summe von 13 Mark— wovon die Rechnung beifolget—— 12 Kalbsfuͤße zum Gallert— 1 Lamm, zu Weih⸗ nachten, 1 gebrarner Kapaun, als Lord Bothwell mit Ihrer Majeſtät zu Abend ſpeiſte. ²)“—„Ich glaube Mylord, ſie koͤnnen ſich ſchwerlich verwun⸗ dern, daß der Koönig dieſe Bittſchrift etwas unfreund⸗ lich aufnahm; und ich vermuthe, Meiſter Page, daß du Sorge trugſt, deine eigne Supplik vor der deines Herrn zu uͤberreichen.“ „Meiner Seel,“ erwiederte Richard,„ich wollte Mylorvs Papier zuerſt uͤberreichen, aber es und ein ſolches Hin- und Herlaufen, daß ich ihn beide Schriften in einandergelegt feſt in die Hand druͤckte, und da kann es denn leicht ſeyn, daß die *) Jeder kennt aus der Geſchichte Mariens von Schottland, der unglücklichen Mutter Jakob's l., ihre Verhältniſſe zu Bothwelln, ſchon vor ihrer Vermählung mit ihm, und die Feindſchaft zwiſchen dem Grafen und ihrem Sohne, dem nachherigen König Jakob VI. von Schottland, der unter dem Namen Fakob I. den engliſchen Thron beſtieg;— eine der Schattenſeiten ihres Lebens. Nicht ſcharfſinniger hätte daher der Verfaſſer einen Gegenſtand auswählen können, um den * Misgriff des tölpelhaften Richard als verletzend die innerſten Gefühle des Königs darzuſtellen. di war alles in ſolcher Confuſion uͤber die ſcheue Beſtie, —— 39 — meinige oben lag; und wenn daran was Schlimmes iſt, ſo we ich warlich ſelbſt alle und Gefahr davon— „Nun ſollſt du auch alle Pruͤgel davon haben, du Schurte,“ drohte Nigel;„ſoll ich mich durch deine unerhörte Unverſchoͤmtheit, ſolche elende Lum⸗ pereien mit meinen Angelegenheiten zu vermiſchen⸗ beſchimpfen und entehren laſſen?“ 6 „Ruhig! ruhig! Mylord, ich bitt' euch inſtän⸗ digſt,“ ſiel der gutmuͤthige 2 Buͤrgersmann vermi telnd ein;„ich war das Werkzeug, der Enideckung des tölpelhaften Streiches dieſes Burſchen,— geſtattet mir ſo viel Einfluß bei euch, daß ich ihm ſeine ge⸗ ſunden Knochen verbuͤrgen darf. Ihr habt Urſache, unwillig zu ſeyn, edlu Herr; aber ich glaube, der Tolpel that dieſen Misgriff mehr aus Eigenduͤnkel, als aus boͤſer Abſicht, und ich denke, ihr werdet tan⸗ tig beſſere Dienſte von ihm haben, wenn ihr dieſen Fehler uͤberſehet.— Nun mach' daß du fortkommſt! ich will ſuchen, dir bei deinem Herrn Vergebung aus⸗ zuwirken.“ „Nicht ſo!“ verſetzte Richard,„ich geh' nicht von der Stelle. Will Mylord einen Burſchen ſchla⸗ gen, der ihm aus bloßer Liebe gefolgt iſt,— denn ich meine, daß ſeit unſrer Abreiſe von Schottland von Dienſtlohn wenig die Rede geweſen iſt,— ſo laßt es Se. Lorbſchaft nur immer thun, und ſehen⸗ 90 ob er Ehre davon haben wird. Wohl dank' ich euch freundlich fuͤr euer Anerbieten, Meiſter Georg; aber lieber wollt' ich mich von meinem Herrn durchprügeln laſſen, als daß man jemals von mir ſagen koͤnnte, ein Fremder habe ſich zwiſchen uns beide ins Mittel gelegt.“ „So geh' doch,“ zuͤrnte ſein Herr,„und mache, daß du mir aus dem Geſichte kommſt.“ Das iſt bald geſchehen,“ entgegnete Richard, langfam der Thuͤr zugehend;„ich kam nicht ungerufen yerauf und wuͤnſchte, als ich gerufen ward, ich waͤre eine halbe Stunde Weges von hier entfernt. Nur daß Meiſter Georg mich zwang ſeine Fragen zu beant⸗ worten, hat allen dieſen Laͤrm verurſacht.“ So entfernte er ſich brummend, als ob er ſich ſehr beleidigt fuhlte und keinen Begriff davon hätte, vas Unrechtes gethan zu haben. „Niemand war je geplagter als ich mit diſemtöl⸗ pelhaften Schurken. Der Kerl iſt ſchlau, und ich habe lichkeit fuͤr mich, denn er hat Beweiſe davon gegeben; allein dabei hat er ſo viel Eigenduͤnkel und iſt ſo ei⸗ genſinnig, daß wir die Rollen des Herrn und Die⸗ ners mit einander zu vertauſchen ſcheinen; und bei allen ſeinen täppiſchen Stteichen iſt er es; der ſich immer laut beklagt, als ob der ganze Fehler an mir laͤge, und keinesweges an ihm.“ ihn treu befunden; auch glaube ich, er hat Anhaͤng⸗ ————— 8 „Seyd demohngeachtet guͤtig gegen ihn, My⸗ lord, und behaltet ihn,“ rieth der Buͤrger;„denn, — glaubt es meinen grauen Haaren,— Anhäͤng⸗ ligkeit und Treue ſind jetzt bei einem Diener ſeltnere Eigenſchaften, als in fruͤheren Zeiten. Aber, mein guter Lord, vertraut ihm keine Auftraͤge an, die uͤber die Graͤnzen ſeiner Bildung gehen; denn ihr ſeht, was daraus entſtehen kann.“ „Es iſt nur zu klar, Meiſter Heriot,“ verſetzte Nigel,„und ich beklag es⸗ daß ich meinem Souve⸗ rain,— eurem Dienſtherrn,— Unrecht gethan habe. Allein ich bin, als ein aͤchter Schotte, erſt klug nach geſchehner That;— der Misgriff iſt geſchehen, meine Bittſchriſt verworfen, und mir bleibt einzig das Huͤlfsmittel, den Reſt meiner Habe zur Aufſuchun der Laufgräben irgend einer Feſtung oder einer Schlachtlinie zu verwenden, wo ich gleich mein Ahnhertn einen ehrenvollen Tod ſinden kann.“ „Beſſer wär's, Mylord,“ entgegnete Meiſter 6 Georg,„zu leben und gleich eurem edlen Vater, dem 6 Lande zu dienen. Nein⸗ nein! ſenkt nicht ſo mis⸗ muthig den Blick zu Boden und ſchuͤttelt nicht den Kopf! Der Koͤnig hat eure Bittſchrift nicht verwor⸗ ſen; denn er hat ſie nicht geſehn. Ihr fordert nur Gerechtigkeit, und dieſe ſeinen Unterthanen wieder⸗ fahren zu laſſen, dazu verpflichtet ihn ſeine Koͤnigs⸗ wuͤrde. Auch kann ich dreiſt behaupten, daß hierin 92 ———— ſein natürlicher Hang mit der Pflicht gleichen Schritt hält.“ „Auch ich dachte ſo,“ verſetzte Nigel,„und dennoch— ganz abgeſehen von dem mir ſelbſt wi⸗ derfahrnen Unrecht,— hat mein Vaterland mit Grund viele Beſchwerden gefuͤhrt, die unabgeſtellt geblieben ſind.“ „Mylord,“ erwiederte Meiſter Heriot,„ich ſpreche von meinem koniglichen Herrn nicht blos mit der ſchuldigen Ehrfurcht eines Unterthans und der Dankbarkeit eines beguͤnſtigten Dieners, ſondern auch mit der Freimuͤthigkeit eines freien, rechtlichen S trländers. Der Koͤnig ſelbſt hat den feſten Willen, Lage der Gerechtigkeit im Gleichgewicht zu hal⸗ nz allein es giebt unter ſeinen Umgebungen Men⸗ en, welche unentdeckt ihre eignen ſelbſtſuͤchtigen ſche und niedrigen Eigennutz in die Wagſchale Auch ihr, edler Herr, ſeyd, ohne daß ihr es wißt, ſchon ein Opfer dieſer Unbilde geworden.“ „Ich bin betroffen, Meiſter Heriot, euch nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft uͤber meine Angelegen⸗ heiten reden zu hoͤren, als ob ihr genau damit be⸗ kannt wäret.“ „Mylord,“ erwiederte der Goldſchmidt,„die Beſchaffenheit meiner Anſtellung bei Hofe verſchafft mir unmittelbaren Zutritt ins Innere des Pallaſtes; man kennt mich als einen Mann, der ſich nicht mit ——— gehemmt oder gefoͤrdert werden. Wenn mir ſolche des Fortganges eurer Angelegenheit einzuziehen: 93 umtrieben oder Parteiſachen befaßt, ſo daß kein Gůͤnſt⸗ ling bis jetzt noch verſucht hat, mir die Thuͤr des koͤniglichen Cabinets zu verſchließen; im Gegentheil habe ich mich mit jedem, ſo lange er in Snaden war, gut geſtanden, und keiner hat mich in ſeinen Sturz mit fortgeriſſen. Nun iſt es bei dieſer Verbindung mit dem Hofe unmoͤglich, daß ich nicht, ohne es zu wollen, erfahren ſollte, welche Triebräder in Bewe⸗ gung ſind, und auf welche Weiſe ſie in ihrem Laufe Kunde wuͤnſchenswerth wird, ſo kenne ich die Quel⸗ len, woraus ſie zu ſchoͤpfen iſt. Ich habe euch er⸗ zählt, was mir fuͤr Cw. Lordſchaft Schickſal Theil⸗ nahme einfloͤßte. Erſt geſtern Abend erfuhr ich, da ihr in dieſer Stadt war't; und dennoch bin ich im Stande geweſen, am heutigen Morgen auf meinem Wege zu euch einige Hichrichten uͤber die Hinderniſſe „Sir, ich danke euch herzlich fuͤr euren Dienſt⸗ eifer, den ich ſo wenig verdient habe;“ antwortete Nigel, immer noch mit einiger Zuruͤckhaltung. „Zuvoͤrderſt will ich euch uͤberzeugen, daß er ernſtlich gemeint iſt,“ verſetzte der Buͤrger;„ich ver⸗ arge es euch nicht, daß ihr Bedenken tragt, den Freundſchaftsverſicherungen eines Fremden aus einer untergeordneten Claſſe der burgerlichen Geſellſchaft zu trauen, da eure Verwandte und andere eurer Standes⸗ * 94 genoſſen, die durch ſo viele Bande zu eurem Bei⸗ ſtande verpflichtet waren, ſich ſo unfreundſchaftlich gegen euch benommen haben. Aber hoͤrt hievon die wahre Urſache. Eures Vaters betraͤchtliche Guͤter ſind mit einer hypothecariſchen Schuld von 40000 Mark belaſtet, welche zum Scheine Peregrin Pe⸗ terſon, der Bewahrer der Schottiſchen Privilegien zu Campvere zu fordern hat.“. „Ich weiß nichts von einer ypotheturiſhei Schuld;“ entgegnete der junge Lord;„allein es iſt eine Geldverſchreibung auf eine Summe dieſes Be⸗ laufs vorhanden, die, wenn ſie uneingeloͤſt bleibt, i Hingabe meiner geſammten vaͤterlichen Guͤter fuͤr ein Viertheil ihres Werths herbeifuͤhren wird; und eben deswegen dringe ich ſo ſehr in die koͤnigliche Re⸗ gierung, die Vorſchuͤſſe meines Vaters zu berichti⸗ „damit ich im Stande bith, meine Guͤter aus den änden dieſes raubſuͤchtigen Gläubigers zu retten.“ „Eine ſolche Geldverſchreibung in Schottland,“ verſetzte Heriot,„hat gleiche Wirkung mit einer hy⸗ pothecariſchen Schuld in England. Aber ihr kennt noch nicht euren wahren Gläubiger. Peterſon lei⸗ het blos ſeinen Namen, um einem weit Vornehme⸗ ren, näͤmlich dem Lord⸗Canzler von Schottland zum Deckmantel zu dienen; denn dieſer hofft, vermoͤge jener Schuldforderung ſich in den Beſitz eurer Guter zu ſetzen oder vielleicht einem noch můchtigeten Drit⸗ glied des hohen Adels die Verſtellung ſo weit treiben legenheit, wobei ich kein anderes Intereſſe habe, als Auch bitt' ich, euch zu beſinnen, ob die euch vom 95 ten einen Gefallen dadurch zu erweiſen. Vermuth⸗ lich wird er ſeine Creatur, den eben genannten Pe⸗ terſon Beſitz ergreifen laſſen, und wenn das Ver⸗„ haßte dieſer Verhandlung vergeſſen iſt, wird das Ei⸗ genthum und der damit verbundene, der Baronie Glenvarloch anklebende Pairstitel auf den vor mir angedeuteten Großen mittelſt eines Scheinkaufs oder auf andere ähnliche Weiſe, uͤbertragen weren.“ „Iſts moͤglich?“ rief Lord Nigel;„der Canz⸗ ler weinte, als ich von ihm Abſchied nahm, nannte mich ſeinen lieben Vetter,— ſeinen Sohn, verſah mich mit Briefen; und ob ich ihn gleich um keine Geldunterſtuͤtzung bat, entſchuldigte er ſich unnoͤthi⸗ gerweiſe, daß er mir ſolche nicht ungeforde f dringe, weil, wie er ſagte, ſein Rang und zahlreiche Familie ihn zu großen Ausgaben nbthig⸗ ten. Nein! Ich kann nicht glauben, daß ein Wit ſollte.“ „Freilich fließt kein adliges Blut in meinen Adern“, entgegnete der Buͤrger;„aber noch einmal bitte ich euch, meine grauen Haare zu betrachten, und zu bedenken, daß nichts mich veranlaſſen koͤnnte, ſie durch Unwahrheiten zu entehren, in einer Ange⸗ inſofern ſie den Sohn meines Wohlthaͤters betrift: 5 96 Lord Canzler mitgegebenen Briefe irgend euch einigen Vortheil gewaͤhrt haben?“ „Nicht den mindeſten,“ antwortete Nigel, „nichts als ſchoͤne Worte, und Lauigkeit im Handeln. Mitunter kam es mir ſo vor, als wuͤnſche man, mich aus dem Wege zu ſchaffen, denn geſtern wollte mir Jemand Geld auforingen, als ich davon ſprach, außer Landes zu gehen; gleich als ob er wuͤnſchte, daß es mir nicht an Mitteln fehlen moͤchte, mich freiwil⸗ lig zu verbannen.“ euch Fluͤgel zu eurer Flucht.“ „Auf der Stelle eil' ich zu dem Niedertraͤchtigen,“ aufgebrachte Juͤngling,„und halte ihm die chkeit ſeines Benehmens vor.“ „Um Gotteswillen,“ rief Heriot, ihn richt ins Ungluͤck; und wollt ich gleich gern den hal⸗ ben Werth meines Kaufladens dran wenden, Cw. Lordſchaft zu helfen, ſo wuͤrdet ihr mich doch ſchwer⸗ lich in Schaden bringen, und uͤberdies außer Stand ſetzen wollen, euch zu dienen.“ Das Wort Kaufladen ſchallte widrig in den Oh⸗ . xen des jungen Edelmannes; raſch verſetzte er:„ich euch in Schaden bringen? Sir, davon bin ich ſo⸗ weit entfernt, daß ich von Herzen wunſchte, ihr „Sehr wahr,“ bemerkte Heriot,„gern liehen ſie haltend,„thut es nicht! Fangt ihr Haͤndel mit ihMm an, ſo ſtuͤrzt ihr mich als den Mittheiler jener Nach⸗ wenn er es nicht thaͤte, ſo geb' ich daru 5 5 noch nicht ganz auf.“ Worte flößen mir ſolches Vertrauen ein, und meine icht einem Fremden anzunehmen.“ 97 mochtet aufhoͤren, einem Manne, fuͤr den es keine Hoffnung auf wirkſame Huͤlfe mehr giebt, fruchtlos eure Dienſte anzubieten.“ „Das iſt meine Sorge“ entgegnete der Buͤr⸗ ger;„bis dahin ſeid ihr nun in der Irre gegangen⸗ Jetzt erlaubt mir, das Concept zu eurer Bittſchrift mitzunehmen. Ich will ſie gehoͤrig ins Reine ſchrei⸗ ben laſſen, und recht bald einen angemeſſenen Zeit⸗ punct wahrnehmen, ſie, wie ich mir ſchmeichle, auf eine klugere Weiſe, als euer Bedienter, dem Koͤnige zu uͤberreichen. Faſt moͤcht' ich verbuͤrgen, daß er die Sache nach eurem Wunſche betrachtet; und 2 „Sir,“ verſetzte Nigel,„eure freu e iſt ſo huͤlflos, daß ich euer guͤtiges Anerbiet abzulehnen vermag, obwohl ich errothe, es von „WVir ſind uns, hoff ich, einander nicht laͤn⸗ ger fremd,“ entgegnete der Goldſchmidt;„glckt meine Vermittelung, und werden eure Vermoͤgens⸗ umſtände wieder hergeſtellt, ſo ſey es mir Lohn, daß ihr euer erſtes Silbergeräͤth bei Georg Heriot beſtellt.“ „Ihr werdet einen ſchlechten Zahlmeiſter ha⸗ ben ₰ meinte Lord Nigel. . 98 „Dafuͤr iſt mir nicht bange,“ erwiederte der Grlvſchmidt,„uͤbrigens freut mich's, euch lächeln zu ſehen. Ihr ſeht ſo dem guten, alten Lord, eurem Vater, noch ähnlicher; und dies macht mich dreiſt genug, eine kleine Bitte zu wagen, naͤmlich die, daß ihr morgen ein freundſchaſtliches Mittagsbrod bei mir einnehmen wollet. Ich wohne nicht weit von hier, in der Lombardſtraße. Ihr ſollt eine gute Kraftſuppe, einen wohlgeſpickten Capaun, und zu Ehren unſers gemeinſchaftlichen Vaterlandes ein Gericht ſchottiſcher Kälberſchnitte bei mir finden, nebſt einem Becher aͤchten alten Weines, aufgefüllt, bevor Schottland and eine Nation bildeten. Unſre Geſell⸗ aus einem oder zwei unſerer vaterl ds⸗ den Landsleute beſehen⸗ denen ni igeſelen witii⸗ „Gern nähm ich eure ſezei La hatt ich nicht vernommen, daß die Frauen! ſtadt London die Maͤnner gern zierlich gelleidet ſeh da ihr ihnen nun ohne allen Zweifel von unſerm ar⸗ men Vaterlande die beſtmoglichen Begriffe eingefloͤßt habt, ſo moͤcht' ich doch ihre Ideen von einem Mit⸗ gliede des ſchottiſchen hohen Adels*) W he *) Das Wort: noPleman durch„Edelmann“ zu übertra⸗ wie häuſig Leſchieht⸗ würde, wenigſtens in den meiſten 99 denn es fehlen mir fuͤr jetzt alle Mittel, mich herauszuputzen.“ „Mylord, eure Offenheit fuͤhrt mich einen Schtitt weiter,“ fiel Meiſter Georg ein.„Ich,— ich war eurem Vater einiges Geld ſchuldig; und— nein, wenn Ew. Lordſchaft mir ſo feſt ins Auge ſieht, kann ich meine Geſchichte nicht weiter erzahlen— und die Wahrheit zu ſagen,— denn mein Leben lang konnte ich keine Luge gut zu Ende bringen,— es iſt paß⸗ lich, daß Cw. Lorſchaft, um die bewußte Angele⸗ genheit wirkſam zu betreiben, auf eine eurem Stande angemeſſene Weiſe bei Hoſe erſcheint. Ich bin ein Goldſchmidt und lebe ſowohl vom Geldverleihen als vom Handel mit Silbergeräth. Ich wuͤrde eine Ehr darin ſeten, ein Copital yon etwa hundert P Sterling, bis eure Sache berichtigt iſt, zinsbar v euch anzulegen-“ „Und wenn ſie nun v gůnſig 5 ic aus⸗ fällt,“ ſragte Nigel. „Dann Mylord,“ erwiederte der gürtger witd der Verluſt einer ſolchen Summe im Vergleich mit Fällen unangemeſſen ſeyn, weil ſich ringſt ſcon die berſchie⸗ denen Claſſen des brittiſchen niederen Adels in den 6 gen- üeman“— der ſich, vielleicht durch die umſchreibung: „Witglied der gebildeten Stände“ am genaueſten bezeich⸗ net,— aufgelöfet haben; ſo, daß unter:„Nobleman“ jetzt in der Regel ausſchließlich ein Mitglied des hohen Adels verſtanden wird.* d. U. * 100 andern, die ich erlitten habe, von keiner Erheblich⸗ keit fuͤr mich ſeyn.“ „Euer edelmuͤthiges Anerbieten⸗ Meiſter Heriot, nehm ich freimuͤthig an. Ich muß vorausſetzen, daß ihr Ausſicht zu haben glaubt, mein Geſchäͤft gluͤcklich zu beenden, obwohl ich dieſe Anſicht nicht mit euch cheilen kann. Denn ich denke, ihr wuͤrdet mir nicht vie neue Laſt aufladen wollen, mich zu Anleihen zu bereden, zu deren Wiederbezahlung ihr keine Aus⸗ ſicht fuͤr mich haͤttet. Ich will daher euer Geld an⸗ nehmen, in der Hoffnung und dem Vertrauen, daß 8 u bezahlen.“ „Ich will euch ͤberzeugen, Mylord,“ ſagte der olvſchmidt,„daß ich euch als einen Gläubiger be⸗ handle; ihr ſollt daher, wehn es euch recht iſt, eine ierauf zog er aus dem Güriel ſeine Capſel mit Schreibmaterialien hervor, brachte einige Zei⸗ len des erwaͤhnten Inhalts zu Papier, zog einen kleinen Beutel mit Gold aus einer Seitentaſche unter ſeinem Mantel, und begann mit der Bemerkung, methodiſch auf den Tiſch zu zählen. Nigel konnte ſich der Aeußerung nicht enthalten, daß dieſe Foͤrm⸗ lichkeit unnoͤthig ſey, und daß er den Beutel mit ihr mich in den Stand ſetzen werdet, euch puͤnctlich 1 auf dieſe Summe unterzeich⸗ daß er hundert Pfund enthalten muͤſſe, das Geld wirklich aufzuzählen.— So wirds richtig ſeyn— ſal eines in der City geſammleten Vermoͤgens.“ — Geld aufs Wort ſeines verbindlichen Gläubigers an⸗ nehmen wolle; allein dies widerſtrebte der Geſchaͤſts⸗ weiſe des alten Handelsmannes. „Laßt mich bei meiner Weiſe, mein guter Lordz wir Buͤrgersleute ſind ein vorſichtiger⸗ bedaͤchtlicher Menſchenſchlag, und ich wuͤrde auf immer meinen guten Ruf im ganzen Kirchſpiel von St. Pauls ver⸗ lieren, wenn ich mir einen Empfangſchein oder eine Schuldverſchreibung ausſtellen ließe, ohne das Geld 3 meiner Treu,“ rief er, aus dem Fenſter ſchauend, vort kommen meine Burſche mit meinem Maulthier; denn ich muß noch weiter nach Weſten. Thut euer Geld bei Seite; es iſt nicht wohlgethan, in Lon iethzimmern ſich merken zu laſſen, daß ma ſolchen Goldſinken unijwitſchert wird. Ich de doch, daß das Schloß eurer Chatoulle ziemlich g iſt, ſonſt kann ich euch um billigen Preis eine uͤber⸗ laſſen, die ſchon Tauſende bewahrte;— ſie gehoͤrte dem guten alten Treumund Sparmann;— ſein verſchwenderiſcher Sohn verkaufte die Schaale, als er den Kern verzehrt hatte;— das gewoͤhnliche Schick⸗ „Ich hoffe, das eurige, Meiſter Heriot, wird ein beſſeres Schickſal haben,“ verſetzte Lord Nigel. „Auch ich hoffe es, Mylord,“ erwiederte der Alte lächelnd.„Es hat Gott gefallen, mich durch den * Verluſt zweier Kinder zu průfen. Zwar habe ich noch ein adoptirtes Kind am Leben, aber— ach! weh mir!— aber ich bin geduldig und dankbar; und zu dem Vermögen, womit mich Gott geſegnet hat, wird es nicht an Erben fehlen, ſo lange es noch verwaiſete Knaben giebt.— Ich euch gu⸗ ten Morgen, Mhlord.“ Schon hat ein verwaiſeter Jinglig Urfache, euch dankbar zu ſehn,“ ſagte Nigel, als er ihn bis on die Stubenthůr begleitete, wo der alte Buͤrgers⸗ ann, weitetes ſich raſch von ach Wieh Manne und erhielt die Ant⸗ — ey nach Veylfein gereiſt, um mit tinem ländiſchen Schifspatron einen abzu⸗ chließen. 5 „unſer Gewerbszweig nothigt ihn oſt außerhalb Hauſes zu ſeyn,“ bemerkte Frau Chriſtie, und mein Mann iſt der Sclave jedes Matroſen, der nur ein Pfund Werg nöthig hat.“ „Kein Seſchaͤft muß aus den Augen gelaſſen werden, meine gute Frau,„bemerkte der Gold⸗ ſchmidt.„Gruͤßt mir euren guten Mann von Georg Heriot aus der Lombardſtraße. Ich habe Geſchaͤfte mit ihm gemachtz er iſt redlich und puͤnktlich in ſei⸗ Parlament von Schottland,— ſeinem Vaterl 103 —— nem Handel. Hoͤrt, gute Frau, ſeyd freundiich ge⸗ gen euren edlen Gaſt, und ſorgt, daß er an nichts Mangel leide. Zwar findet er jetzt fuͤr gut, in der Zuruckgezogenheit zu leben; allein es giebt Perſonen, die fuͤr ihn Sorge tragen, und ich bin beauftragt, dahin zu ſehen, das ihm nichts abgehe. Laßt mich alſo durch euren Mann wiſſen⸗ liebe Frau, wie My⸗ lord ſich befindet und ob er irgend etwas bedarf.“ „Alſo iſt er doch wirklich ein Lord?“ fragte die Dame.„Daß er wie ein Lord ausſehe, habe ich immer gedacht. Aber warum nimmt er denn nicht ſeinen Sit im Parlament ein?“ 2 B5 „Das wird er,“ antwortete Heriot,„aber im „Ol er iſt alſo nur ein ſchottiſcher Lordz“ ſetzte die Hausſrau;„deswegen ſchaͤmt er ſich auch wohl, den Lords⸗Titel zu füͤhren.“ „Daß er dies um Gotteswillen nicht aus eu⸗ rem Munde hoͤrt,“ etwiederte der Buͤrger. „Aus meinem Munde Sir? Das wuͤrde mir nicht einfallen. Er mag Schotte oder Englaͤnder ſeyn, auf jeden Fall iſt er ein huͤbſcher, hoͤflicher Mann; und ehe ich ihn an etwas Mangel leiden ließe, wuͤrde ich ihm in Perſon aufwarten und ſelbſt nach der Lombardſtraße gehen, um auch Ew. Edlen die verlangten Nachrichten uͤber ihn zu bringen.“ 1 5 „Schickt mir euren Mann, gute Frau,“ ent⸗ gegnete ver Goldſchmidt, der bei aller ſeiner Erfah⸗ rung nicht von Pedanterei und uberttiebener Sit⸗ tenſttenge frei war,„das Sprichwort ſagt:“ „Schlecht wird es im i ſtehn Wenn die Weiber nicht nach der Wirthſchaft ſehn;“ „Auch laßt Se. Lordſchaft durch ſeinen eignen Be⸗ dienten aufwarten, das iſt ſchicklicher,— ich wun⸗ ſche euch guten Morgen.“ i Guten Morgen, geehrter Herr,“ erwiederte die Wirthin mit einiger Kaͤlte;„ich frage Hen⸗ ker nach dem Rathe eines alten ſchottiſchen Blech⸗ ſhläe ers, wie du biſt!!“ murmelte ſie zwiſchen den — als kaum der Rathgeber ihr aus den Au⸗ chen ſo alt als du, und es iſt genug, wenn ich es nf ſeinem Maulthier mit zwei blau gekleideten Bur⸗ ſchen hinter ſich, eben ſo wohl als dich, einherreiten zu ſehen.“ 5 „mein Mann iſt eben ſo klug und faſt em recht mache, iſt er gleich noch nicht ganz ſo rreich, als gewiſſe Leute, ſo hoffe ich ihn doch bald ——— — 105 ——— Fuͤnftes Kapitel. Nicht blos aus Prunkſucht ritt der menſchen⸗ freundliche Buͤrgersmann auf ſolche Weiſe und in ſolcher Begleitung einher, die, wie der Leſer geſehen hat, bei der Dame Nelly etwas uͤble Laune erregte, welche jedoch, wie wir ihr zum Ruhme nachſagen muͤſſen, waͤhrend des oberwaͤhnten kleinen Selbſige⸗ ſprächs gaͤnzlich verſchwand⸗ Der gute Heriot, der uͤberhaupt einen Hang hatte, ſich auch im Aeußern als angeſehener Mann zu zeigen, war eben damals auf dem Wege nach Whitehall, um dem Koͤnig Jacob ein kuͤnſtlich gearbeitetes koſtbares ſilbernes Gefäß zum Anſchau'n oder zum etwaigen Kauf vorzulegen. Er hatte deshalb ſein ſchoͤn aufgezſumtes Maulthier be⸗ ſtiegen, um beſſer die engen, ſchmutzigen, gedrängt vollen Straßen zu paſſiren; und während einer ſei⸗ ner Leute das Silbergeraͤth eingewickelt in rothem Boy, unterm Arme trug, wachten zwei andere Be⸗ gleiter fur ſeine Sicherheit; denn ſo ſchlecht war da⸗ mals die Polizei der Hauptſtadt beſchaffen, daß oft Leute auf oͤffentlicher Straße aus Rachſucht oder Raubgier angefallen wurden; ſo daß Perſonen, die ſolche Angriffe furchteten, ſich, wenn es ihre Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde geſtatteten, durch bewaffnete Die⸗ ner begleiten ließen. Dieſe Gewohnheit, die An⸗ fangs auf den Adel und andere Perſonen hoͤherer Stnde beſchränkt war, dehnte ſich almählig auf an⸗ geſehene Buͤrger aus, welche Sachen von Werth bei ſich fuͤhrten, wodurch ſonſt Straßenräuber haͤtten an⸗ gelockt werden können. Auf ſeinem ſtattlichen Zuge nach Weßen, hielt Meiſter Georg vor dem Laden ſeines Landsmanns und Freundes, des alten Uhrmachers an, und nach⸗ dem er ſeine Uhr durch Tunſtall, der eben zur Hand war, genau hatte ſtellen laſſen, ließ er ſeinen Herrn herbeirufen, der, nicht unaͤhnlich einer bronzenen Buͤſte, geſchwaͤrzt von Staub, und hin und wieder glänzend von Kupfer-Feilſpänen, aus ſeinem Käm⸗ merchen hervortrat, ſo vertieft in Berechnungen, daß er ſeinen Freund, den Goldſchmidt, eine Minute lang anſah, bevor e ihn zu erkennen ſchien und deſſen Einladung an ihn und ſeine huͤbſche Tochter, Miß Margaretha, des folgenden Mittags zwölf Uhr in Geſellſchaft eines jungen Landsmannes vom hohen Adel bei ihm anhoͤrte, ohne darauf zu antworten. „Ich will dich beim eoren ſchon ſprechen leh⸗ ren,“ murmelte Heriot bei ſich ſelbſt; und ploͤtzlich den Ton andernd, ſagte er laut:„ Ich erſuche euch, Nachbar David, mir zu ſagen, wann wir wegen des Goldes und Silbers Abrechnung halten wollen, wel⸗ ches ich euch zur Schloßuhr in Theobalds Caſtle und für die Uhr des Herzogs von Buckingham lieferte? 9—— 107 —— Ich habe dem ſpaniſchen Handelshauſe das Mefall bezahlen muͤſſen und muß euch erinnern, daß ihr ſeit acht Monaten mit der Wiederbezahlung bei mir im Ruͤckſtande ſeyd. Es liegt etwas ſo ſcharfes und durchdringendes in einer ernſten Mahnung, daß kein menſchliches Gehörorgan, ſo unzugäͤnglich es auch andern Toͤnen ſeyn mag, ihr ſeine Aufmerkſamkeit zu entziehen im Stande iſt. Auch David Ramſay fuhr ploͤtzlich aus ſeinen Träumereien auf⸗ und antwortete in einem verdrießlichen Tone:„Nun Meiſter Georg, wozu ſoviel Aufhebens um etwa hundert und zwanzig Pfund? Jedermann weiß, daß ich Jeden, der et⸗ was an mich zu fordern hat, bezahlen kann und ihr 3 botet mir mit dieſer Zahlung Friſt an, bis Se. Majeſtät und Se. Gnaden, der Herzog ihre Rechnung bei mir berichtigen wuͤrden; ihr wißt aber aus eigner Erfahrung⸗ daß ich dieſen hohen Herrſchaften nicht wie ein ungeſchliffener Hochländiſcer Grobian ins Haus ruͤcken konn, ſo wie ihr zu mir kommt.“ Lachend verſetzte Heriot:„Nun David, ich ſehe, daß eine Geldforderung die naͤmliche Wirkung bei euch thut, als, wenn man euch einen Eimer Waſſer uber den Kopf ſchuͤttete; ſie macht euch auf einmal zu einem Menſchen, mit dem ſich vernuͤnftig reden laͤßt. Nun ſagt mir Freund, wollt ihr Mor⸗ gen Rittig um zwoͤlf u in, unſeres 108 Landsmannes, des jungen Lord Glenvarloch, bei mir ſpeiſen und die huͤbſche Miß Margaretha, meine Pathin mitbringen?“ „Des jungen Lord Glenvarloch?“ wiederholte der Mechaniker.„Von ganzem Herzen; ich werde mich ſehr freuen, ihn wieder zu ſehen. Es ſind jetzt vierzig Jahre, als wir uns zuletzt trafen; er kam zwei Jahre fruͤher als ich in die lateiniſche Schule;— er iſt ein allerliebſter junger Menſch.“ „Das war ſein Vater, du alter Geck,“ er⸗ wiederte der Solvſchmidt.„Dies iſt ſein Sohn, Lord Rigel.“* „Sein Sohn!“ entgegnete Ramſay, n leicht hat er ein Chronometer oder eine Taſchenuhr nothig; denn faſt alle Herren von der feinen Welt ſchaffen ſich heutzutage dergleichen an. „Er könnte euch wohl die Haͤlſte eures ganzen Waarenvorraths abkaufen, käme er je wieder zum Beſitz ſeines Eigenthums,“ ſagte ſein Freund;„aber David erinnert euch an euer Verſprechen und habt mich nicht wieder zum Beſten als damals, da meine Hausftau ihren Lammskopf und ihren mit Lauch ge⸗ daͤmpften Hahn fuͤr euch bis Nachmittags zwei Uhr ſieden laſſen mußte.“ „Deſto mehr Ruhm brachte ihr ihre Kohtunſt“ antwortete David, der jetzt vollig zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen war;„denn bei uns ſagt man: ein Lamms⸗ —, 5 — 109 ————— kopf, der zu lange gekocht hat, iſt Gift; und doch hat uns der ihrige nicht geſchadet.“ „Wohl,“ erwiederte Meiſter Georg;„da aber morgen kein Lammskopf auf den Tiſch kommt, ſo könntet ihr ein Mittagseſſen verderben, welches kein Sprichwort verbeſſern kann. Vielleicht trefft ihr auch euren Freund, Sir Mungo Malagrowther; denn ich habe die Abſicht. Se. Geſtrengen zu bitten; ſeyd al⸗ ſo puͤnktlich, David.“ „Das will ich,— puͤnktlich wie ein Chronome⸗ ter,“ verſicherte Ramſay. „Und doch will ich mich nicht auf euch allein verlaſſen,“ verſetzte Heriot;„Hoͤre Jenkin, beauf⸗ tragt die ſchottiſche Janet, die ſchoͤne Miß Margaret, meine Pathin, zu benachrichtigen, daß ſie ihren Va⸗ ter erinnern muͤſſe, morgen ſein beſtes Wamms an⸗ zulegen und ſich Mittags 12 Uhr mit ihr in die Lom⸗ bard⸗Straße zu begeben. Auch ſoll ſie meiner Pa⸗ thin ſagen, daß ein braver junger ſchottiſcher Lord von der Geſellſchaft ſeyn wird.“ Jenkin ließ bei den letzten Worten jenes trockne kurze Huſten vernehmen, hinter welches man die Un⸗ zufriedenheit mit einem erhaltenen unangenehmen Auſtrage oder mit der Anhoͤrung ſolcher Meinungen⸗ denen man nicht widerſprechen darf, zu verſiecken pflegt. 110 „Was bedeuket dein Hm?“ fragte Meiſter Georg, der, wie wir ſchon bemerkt haben, etwas ſtreng uͤber die hüuslice Disciplin hielt.„Willſt du meinen Auftrag vollziehen oder nicht? Wie?“ „Allerdings, Meiſter Heriot,“ erwiederte v Lehrling, ſeine Muͤtze luͤftend.„Ich meinte nur, daß Miß Margaret wahrſcheinlich eine ſolche Ein⸗ ladung nicht vergeſſen wird.“ „Freilich,“ verſetzte Meiſter Georg,„ſie iſt folgſam gögen ihren Gevatter, obgleich ich ſie zuwei⸗ len eine Flattertaſche ſchelte. Und hore Jenkin, du und dein Kamerad thaͤtet wohl, der Sicherheit we⸗ gen, euren Herrn und ſeine Tochter, bewaffnet mit euren Knitteln zu begleiten; vergeßt aber nicht, zu⸗ vor den innern Laden zu verſchließen, den Bullenbei⸗ ßer loszulaſſen und den Thorſteher bis zu eurer Ruͤck⸗ kehr im Vorderladen acht geben zu laſſen. Ich will euch zwei von meinen Burſchen zur Begleitung ſchik⸗ ken; denn ich hoͤre, die jungen Wildfänge von Tem⸗ plars⸗Inn treiben es jetzt ärger als jemals.“ „Wir können ihren Stahl mit guten Knitteln hinreichend abwehren,“ ſagte Jenkin;„bemuͤht des⸗ balb eure Diener nicht.“ „Und wenn's noͤthig iſt,“ fiel Tunſtall ein⸗ „haben wir eben ſo gut Schwerter, als die jungen Leute von Temple⸗ Bar.“ . 14½ „Pfui doch, junger Mann,“ verſetzte der Buͤr⸗ ger;„einen Lehrling mit dem Schwerte!— Gott bewahre! eben ſo lieb moͤchte ich ihn in einem Feder⸗ hute ſeh'n.“ „Verlaßt euch drauf, Sir,“ nahm Jenkin das Wort,„wir werden ſchon Waffen finden, die ſich fuͤr unſern Stand paſſen, und unſern Herrn nebſr ſeiner Tochter vertheidigen, und ſollten wir auch die Steine aus dem Straßenpflaſter reißen.“. „Das iſt die Sprache eines beherzten Londoner Lehrburſchen,“ erwiederte der Buͤrger;„und zur Labung ſollt ihr bei mir einen Becher Wein auf das Wohl der Vaͤter der City leeren. Ich habe auf euch beide ein gutes Auge, ihr werdet ſchon euer Fortkom⸗ men ſinden, jeder auf ſeine Weiſe. Lebt wohl, Da⸗ vid. Vergeßt nicht, Morgen Mittag um 12 Uhr!“ Mit dieſen Worten wandte er ſein Maulthier weſt⸗ wärts, ritt im langſamen, anſtändigen Schritte, der fuͤr ſeinen Stand und ſeine buͤrgerliche Wichtigkeit paßte und ſeine Begleiter in den Stand ſetzte, ihm ohne Unbequemlichkeit zu folgen, durch Temple⸗Bar. Am Tempelthor ſtieg er ab, und ging in eine der kleinen Buden, beſetzt von den öffentlichen Schrei⸗ bern der Umgegend. Ein junger Mann, mit ſchoͤ⸗ nem glatt hinter die Ohren gekämmten und dann kurz abgeſchnittnem Haar, trat mit tiefem Buͤckling hervor und nahm ſeinen niedergekrempten Hut ab, 442 den er jedoch auf Heriots Wink wieder auſſetzte.„Wie gehn die Geſchäfte Andres?“ fragte ihn der Gold⸗ ſchmidt;„immer beſſer, Dank ſey's eurer edlen⸗ gů⸗ tigen Unterſtutzung.“ „Nehmt ſchnell einen großen Bogen gapier zur Hand, ſchneidet eine neue Feder mit ſcharfem Schna⸗ bel, ſo dah ſie Striche macht, fein wie ein Hdar.— Ey, ſo ſpaltet doch die Federſpule nicht ſo weit in die Höhe; das iſt eine nur zu gewoͤhnliche Verſchwen⸗ dung in eurem Gewerbe, Andres; wer im Kleinen nicht ſpart, wird zu nichts Großem kommen. Ich kannte einen gelehrten Mann der tauſend Seiten mit einer Federſpule ſchrieb.“ „O Sir,“ erwiederte in ſchottiſcher Mundart der junge Menſch, der ehrerbietig dem Goldſchmidt zuhoͤrte, obwohl dieſer ihn über ſein eignes Fach be⸗ lehrte,„die Lehren eines Mannes wie Ew. Edlen⸗ müſſen ſelbſt einem armen Menſchen wie mir bald in der Welt forthelfen!“ „Meine Lehren, Andres, ſind kurz, und nicht ſchwer zu befolgen: ſeyd ehrlich, fleißig und ſparſam, und ihr werdet euch bald Vermoͤgen und Achtung erwerben.— Hier copirt mir dieſe Supplik, ſo gut ihr nur immer könnt in formeller, kanzleimäͤßiger Handſchrift. Ich will warten, bis ihr ſertig ſeyd.“ Der junge Mann verlor keinen Augenblick und wandte kein Auge vom Papier, bevor er die Aubeit — „ ————,——— — ———— ————„——— 113 zu des Beſtellers Zufriedenheit vollendet hatte. Hier⸗ auf gab der Goldſchmibt dem jungen Manne ein Zehn⸗Schillings⸗Stuͤck, ſchaͤrfte ihm auf's drin⸗ gendſte ein, in allen ihm anvertrauten Geſchaͤften das Geheimniß zu bewahren, beſtieg ſein Maulthier und ritt weſtwaͤrts den Strand entlang. Es wird hier nicht am unrechten Orte ſeyn, unſ⸗ re Leſer zu erinnern, daß die Tempelpforte, durch welche Heriot ſeinen Weg nahm, nicht, wie heutiges Tages, ein bevecktes, aus Schwibboͤgen beſtehendes Thor, ſondern einvoffnes Gitter war, welches bei Nacht, und wenn ein Auflauf ſtatt fand, mit Kek⸗ ten und Pfoſten verrammelt ward. Auch der Strand, welchen er entlang ritt, war nicht wie jetzt, eine fortlaufende Straße, wenn er gleich ſchon begann, ſich als ſolche zu geſtalten. Doch konnte man ihn immer noch als eine offne Landſtraße betrachten, an deren ſuͤplicher Seite viele Haͤuſer und Pallaͤſte des Adels lagen, mit Gaͤrten, aus denen bis an das Flußufer Stufen hinabfuͤhrten, um mit Bequemlich⸗ keit Boͤte beſteigen zu koͤnnen. Dieſe Wohnſitze ha⸗ ben vielen Straßen, die jetzt vom Strande zur Themſe hinabfuͤhren, die Namen ihrer ehemali⸗ gen vornehmen Eigenthuͤmer gegeben. Auch die noͤrd⸗ liche Seite des Strandes war ſchon mit einer langen Haͤuſerreihe beſetzt, hinter denen, wie in der St Martinsſtraße ſchnell ſch andere Haͤuſer erhoben; al⸗ 8 114⁴ lein Covent⸗Garden war noch im buchſtäblichen Sin⸗ ne des Worts ein Garten, oder wenigſtens ſing man erſt an, ihn unregelmaͤßig mit Gebsuden zu beſetzen. Alles rund umher bezeichnete jedoch den raſchen An⸗ wachs einer Hauptſtadt, die eines langen Friedens⸗ großen Wohlſtandes und einer regelmaͤßigen Regie⸗ rung genoſſen hatte. In allen Richtungen erhoben ſich Haͤuſer, und der Scharfblick unſres Buͤrgers⸗ manns ſah ſchon den nicht fernen Zeitpunct voraus, wo der, faſt offene Heerweg, welchen er entlang ritt in eine zuſammenhaͤngende,„gelmaͤßige Straße, vereinigend den Wohnſitz des Hoſes und die Reuſtadt mit der Altſtadt von London oder der City, wuͤrde verwandelt werden. Hiernaͤchſt fuͤhrte ihn ſein Weg vn Charing Croß, welches ſchon damals nicht mehr das ange⸗ nehme, einſame Dorf war, wo vormals die Richter auf ihrem Wege nach Weſtminſterhall zu fruhſtuͤcken pflegten; ſchon begann es, um mit Johnſon zu re⸗ den, die„Pulsader“ zu werden, wodurch ſich„die Fluth der Londoner Volksmenge ergoß.“ Auch hier vermehrten ſich mit reißender Schnelligkeit die Ge⸗ bäude; doch waren ſie kaum ein Schatten ihrer jetzi⸗ gen aͤußern Geſtaltung. Endlich nahm WVhitehall unſern Buͤrgersmann auf, der unter einem der ſchoͤnen, von Holbein ent⸗ worſenen, aus wuͤrfelformig gearbeiteten Ziegeln er⸗ . — 115 bauten Thore durchritt,— dem naͤmlichen, welches Richard Moniplies durch eine Vergleichung mit dem Weſtthore von Edinburg herabgewuͤrdigt hatte; dann gelangte er in den weiten Vorhof des Pallaſtes von Whitehall,— in jenem Zeitpuncte das Bild einer der Verbeſſerung harrenden Verwirrung. Eben da⸗ mals war Jacob, nicht ahnend, daß er im Begriff ſey, einen Pallaſt zu erbauen, aus deſſen Fenſter einſt ſein einziger Sohn ein vor demſelben errichte⸗ tes Blutgeruͤſt beſteigen ſollte*), beſchaͤftigt, die alten verfallenen Gebäude De Burghs, Heinrichs VIII. und der Koͤnigin Eliſabeth wegraͤumen zu laſſen, um fur die trefflichen Werke der Baukunſt, in welchen Inigo Jones ſein Genie glaͤnzen ließ, Raum zu ſchaffen. Der Konig, nicht ahnend die Zukunft, beeilte dies Werk, und blieb deshalb immer noch in ſeinen königlichen Gemaͤchern zu Whitehall, mitten unter dem Schutt alter Gebaͤude und der Verwirrung, welche von der Errichtung neuer Bauwerke unzer⸗ trennlich iſt, und die damals ein wahres Labyrinth bil⸗ dete, durch welches man kaum den Weg finden konnte. *) Bekanntlich ward bei Carls 1. Hinrichtung die Vorrichtung getroffen, daß ein Fenſter ſeines Zimmers bis auf den Fuß⸗ voden erweitert ward, ſo daß der unglückliche König mit⸗ telſt einer Art von Fallbrücke, das in der Höhe des Fußbo⸗ dens ſeines Zimmers nahe am Fenſter errichtete Schaffot, bo⸗ tchreiten konnte. d. u. 116 Der koͤnigliche Hof⸗Goldſchmidt, der dem Ge⸗ ruͤchte nach oft auch die Stelle eines Hofbanquiers verſah,(denn dieſe beiden Gewerbe waren damals noch nicht ſo weit von einander getrennt als jetzt,) war ein zu wichtiger Mann, als daß Schildwachen oder Thuͤrſteher ſeinem Eintritte die mindeſten Hin⸗ derniſſe haͤtten in den Weg legen duͤrfen. Er ließ vaher ſein Maulthier und zwei ſeiner Leute im aͤußern Hofe zuruͤck, klopfte leiſe an eine Hinterthuͤr des Ge⸗ bäudes und ward ſogleich hereingelaſſen, waͤhrend der Vertrauteſte ſeiner Begleiter ihm mit dem Sil⸗ bergeraͤthe unter dem Arm unmittelbar folgte. Auch dieſen ließ er im Vorzimmer zuruͤck, wo drei oder vier Pagen in königlicher Livree, nachlſſ iger geklei⸗ det als die Naͤhe eines Koͤnigs zu verſtatten ſchien, ſich mit Wuͤrfeln und Bretſpiel die Zeit vertrie⸗ ben, waͤhrend andere auf Baͤnken ausgeſtreckt mit halbgeſchloſſenen Augen ſchlummerten- Eine daran ſtoßende Gallerie fuͤhrte in ein zweites Vorzimmer⸗ wo ſich zwei Kammerjunker aufhielten, die ſich beim Eintritt des reichen Goldſchmidts einander durch ei⸗ nen laͤchelnden Blick andeuteten, daß ſie ihn erkann⸗ ten. Kein Wort ward von beiden Seiten gewechſelt⸗ ſondern einer der Kammerjunker ſah den Meiſter Herivt an, und dann eine kleine durch die Tapete halb bedeckte Thuͤr,— ein Blick, der ſo deutlich als ohne Worte geſchehen konnte, die Frage aus⸗ * 147 ſrach:„habt ihr dort Geſchaͤfte?“ Auf ein beja⸗ hendes Kopfnicken des Buͤrgers ſchlich der Hoͤfling auf den Zehen, und ſo vorſichtig, als ob der Fuß⸗ boden mit Eiern belegt waͤre, an die Tapetenthuͤr, oͤffnete ſie langſam und ſprach mit gedaͤmpfter Stimme einige Worte, worauf ſich Koͤnig Jacobs Antwort in rauher ſchottiſcher Mundart vernehmen ließ:„Laßt ihn ſogleich herein, Maxwell! Wie? ihr ſeyd ſo lange am Hofe geweſen, und wißt noch nicht, daß Gold und Silber immer willkommen ſind?“ Auf einen Wink des Cammerjunkers nahte der ehrliche Buͤrgersmann und betrat das Cabinet! des Souve⸗ rains. „Die ordnungsloſe Umgebung, in deren Mitte er den Koͤnig ſitzend fand, war ein redendes Bild von Ja⸗ cobs Gemuͤthszuſtand und Charakter. Hier ſah man viele koſtbare Gemälde und praͤchtige Zierrathen; aber ſie wa⸗ ren nachlaͤſſig geordnet, mit Staub bedeckt nnd verloren die Haͤlfte ihrer Wirkung durch die Art und Weiſe, wie ſie ſich dem Auge darſtellten. Der Tiſch war be⸗ laſtet mit großen, dicken Foliobaͤnden, zwiſchen de⸗ nen Vademecums und andere leichtfertige Schriften umher lagen, gemiſcht mit Anmerkungen zu unge⸗ mein langen Predigten, Verſuchen uͤber Regierungs⸗ politik, ſchlechten Rundgeſängen und Balladen,— Erzeugniſſen des„königlichen Lehrlings in der Dicht⸗ kunſt,“ wie Jacob ſich ſelbſt nannte,— mit Plaͤnen zur Begrundung eines allgemeinen Friedens in Eu⸗ ropa,— mit einer Namenliſte der Jngdhunde des Konigs und Recepten gegen die Hundswuth. Der Koͤnig war gekleidet in gruͤnem Sammet, ſo dick geſteppt, daß er gegen jeden Dolchſtoß geſi⸗ chert war, welches ihm ein plumpes, ſeltſames An⸗ ſehen gab, und da noch uͤberdies ſein Wamms ſchief zugeknuͤpft war, glauben lies, er ſey geſchwollen und ſchief gewachſen. Ueber ſeinem gruͤnen Wammſe trug er einen dunkelſarbigen Schlafrock, aus deſſen Ta⸗ ſche ſein Hifthorn hervorragte. Sein hochkoͤpfiger grauer Hut, geſchmuͤckt mit einem Stirnbande von großen Rubinen, lag ſtaubbedeckt auf dem Fußboden. Des Koͤnigs Haupt deckte eine blauſammtene Nacht⸗ muͤtze, auf welcher die Feder eines Reihers prangte, gebeizt von einem Lieblingsfalken, und zwar in ei⸗ nem gefahrvollen Augenblicke der Flucht des Koͤnigs, zu deren Andenken er dieſe ihm ſehr werthe Feder trug. Dieſe Sonderbarkeiten im Anzuge und der Ein⸗ richtung des Monarchen waren Sinnbilder der Ei⸗ genheiten ſeines Characters,— eines Raͤthſels in den Augen ſeiner Zeitgenoſſen, deſſen Loſung ſie kuͤnf⸗ tigen Geſchichtſchteibern als Vermaͤchtniß hinter⸗ ließen. Er war ſehr gelehrt, ohne nutzliche Kennt⸗ niſſe zu beſitzen; ſcharſſichtig in vielen einzelnen Fäl⸗ len, jedoch ohne wahre Klugheit; ſehr eingenommen — 1¹9 von ſeiner Macht, voll Verlangen, ſie zu behaup⸗ ten und zu vermehren, und dennoch bereit, die Leis tung derſelben, ſo wie ſeiner perſoͤnlichen Handlun⸗ gen den unwuͤrdigſten Guͤnſtlingen zu uͤberlaſſen; mit großem Redefluß und vieler Kuͤhnheit wußte er ſeine Rechte zu vertheidigen, wenn es auf Worte ankam; doch ließ er ſie, wo es Thaten galt, verzagt mit Fuͤßen treten; er hatte große Vorliebe füͤr Unter⸗ handlungen, in welchen er gleichwohl allemal uͤber⸗ liſtet ward, und furchtete den Krieg, ſelbſt dann, wenn er ihm leichte Eroberungen darbot. Sehr ein⸗ genommen von ſeiner Wuͤrde, ſetzte er ſie dennoch unaufhoͤrlich durch ungebuͤhrliche Vertraulichkeiten herab; fäͤhig zu den anhaltendſten Arbeiten in Staats⸗ geſchäften, vernachlaͤſſigte er ſie gleichwohl nicht ſelten⸗ um ſich den kleinlichſten Zeitvertreiben hinzugeben; er war ein Witzling, und dabei doch ein Pedant;— ein Gelehrter, und gleichwohl liebte er die Unter⸗ haltung mit unwiſſenden und ungebildeten Men⸗ hen. Selbſt in ſeiner natuͤrlichen Furchtſamkeit war er nicht conſequent, und es gab in ſeinem Leben Momente, und zwar mitunter ſehr eritiſche, in denen er den Geiſt ſeiner Vorfahren zeigte; er war arbeit⸗ ſam in Kleinigkeiten, und ein Kleinigkeitskrämer, wenn es ernſte Arbeit galt;— ein Andächtler in ſei⸗ nen Geſinnungen, und dennoch nur zu oft unheilig in ſeinen Ausdruͤcken; von Natur gerecht und wohl⸗ 120 thaͤtig, ließ er gleichwohl den Ungerechtigkeiten und Be⸗ druͤckungen Anderer freien Lauf. Er war karg mit Geldern, die er unmittelbar unter ſeinen Augen mußte auszahlen laſſen; jedoch unbedachtſam und verſchwenderiſch in der Verſuͤgung uͤber Summen, deren Verwendung er nicht ſah. Kurz,— die gu⸗ ten Eigenſchaften, die er in einzelnen Fällen und Gelegenheiten an den Tag legte, waren nicht feſt und nicht eingreiſend genug, um das Ganze ſeines Benehmens zu regeln; und nur in einzelnen Faͤllen hervortretend, konnten ſie ihn zu keiner guͤnſtigeren Characterſchilderung berechtigen, als derjenigen, wel⸗ che Suͤlly von ihm gab: er ſey der weiſeſte Thor in der ganzen Chriſtenheit. Die Schickſale dieſes Monarchen waren eben ſo wenig folgerecht, als ſein Character; denn er, un⸗ beſtreitbar der unfäͤhigſte unter den Stuarts, beſtieg friedlich den Thron jenes Reiches, gegen deſſen Macht ſeine Vorgänger mit ſo großer Schwierigkeit ihren heimiſchen Thron vertheidigt hatten, und endlich, obwohl ſeine Regierung ganz darauf berechnet zu ſeyn ſchien, Großbritannien jene dauernde Ruhe und den innern Frieden zu ſichern, welcher den Neigungen des Koͤnigs ſo ganz angemeſſen war, ſo ward den⸗ noch waͤhrend ſeiner Regierung die Saat jener Zwiſtig⸗ keiten ausgeſtreut, die gleich den fabelhaſten Drachen⸗ zähnen, in einem allgemeinen blutigen Buͤrgerkriege . — — — ————— ——— geerndtet ward. Dies war der Monarch, der, ſei⸗ nen Hofgoldſchmidt vertraulich gruͤßend mit dem Namen„klingender Goͤrge,“(denn bekanntlich war es ſeine Gewohnheit, allen ſeinen Vertrauten Beinamen zu geben,) ihn mit der Frage anredete: „was haſt du denn nun ſchon wieder fuͤr ein neues Spielwerk mitgebracht, um deinen rechtmaͤßigen und angebornen Fuͤrſten um ſein Geld zu prel⸗ len?“ „Gott bewahre mich, mein Koͤnig,“ entgegnete der Burger,„vor ſolchen unrechtlichen Abſichten! ich bringe Ew. Majeſtaͤt blos zum Anſehn, ein Sil⸗ bergerath, welches ich ſowohl wegen ſeiner meiſter⸗ haſten Arbeit, als wegen der Gegenſtaͤnde, welche ſie darſtellt, ungern in die Haͤnde eines Unterthans brin⸗ gen wollte, bis ich wuͤßte, was Ew. Majeſtät dar⸗ uͤber zu verfugen beliebten.“ „Meiner Treu, Heriot, ich muß es ſehen, ob⸗ gleich Steenie's Silberſervice ein ſo theurer Kauf war, daß ich mich ſaſt verſchworen hatte, kuͤnſtig mein Gold und Silber zu behalten, und dir, klin⸗ gender Goͤrge, das deinige zu laſſen.“ „Was das Silherſervice des Herzogs von Buc⸗ kingham anlangt,“ entgegnete der Goldſchmidt,„ſo geruhten Ew. Majeſtät zu daß keine Ko⸗ ſten geſpart werden ſollten, und—“ 122 „Du hätteſt dich nicht daran kehren muͤſſen, was ich zu befehlen geruhte. Denn wenn ein weiſer Mann von Thoren und Verſchwendern umgeben iſt⸗ ſo ſtimmt er am Ende in ihren Ton mit ein. Du aber hätteſt ſo viel Vernunft und Umſicht haben ſol⸗ len, den kindiſchen Carl und dem Steenie ihren eig⸗ nen Willen zu laſſen; die wären im Stande, ſelbſt die Fußboͤden ihrer Zimmer mit Silber belegen zu laſſen, und mich wundert, daß ſie's nicht thaten.“ Heriot verbeugte ſich ſchweigend; er kannte zu wohl ſeinen Gebieter, um ſich weiter, als durch eine entfernte Anſpielung auf deſſen Beſehle zu rechtferti⸗ gen. Auch bezeugte Jacob, bei dem die Sparſamkeit nur ein voruͤbergehender, augenblicklicher Gewiſſensdrang war, im naͤchſten Moment das groͤßte Verlangen, das Silbergeräth, welches der Goldſchmidt ihm dar⸗ bieten wollte, zu ſehen, und ſchickte Maxwell'n ab, es herbeizuholen. Immittelſt fragte er den Buͤrger, „woher er es erhallen habe?“„Aus Italien, Ew. Majeſtät zu dienen,“ war die Antwort. „Hoffentlich enthalten die Verzierungen nichts, was auf das Pabſtthum Bezug hat?“ fragte der Koͤ⸗ nig, ernſter als gewoͤhnlich. „Ganz und gar Nichts, Ew. Majeſtät zu die⸗ nen,“ erwiederte Heriot;„es wuͤrde wohl ſehr un⸗ weiſe ſeyn, irgend ein Sinnbild dieſes Unthiers vor Cw. Majeſtaͤt Antlitz zu bringen.“ 123 „Du ſelbſt wuͤrdeſt ein Unthier geweſen ſeyn⸗ wenn du es gethan haͤtteſt,“ verſetzte der Koͤnig; „es iſt bekannt, daß ich in meiner Jugend mit Da⸗ gon kaͤmpfte und ihn an der Schwelle ſeines eig⸗ nen Tempels zu Boden warf; ein gutes Vorzeichen, daß ich dereinſt, obwohl unwuͤrdig,„Beſchuͤßer des Glaubens“ genannt werden ſollte.*)— Doch hier koͤmmt Maxwell, gebeugt unker ſeiner Laſt, wie der goldne Eſel des Apulejus.. 4. Heriot eilte, den Cammerjunker von ſeiner Laſt zu befreien und ſetzte das ungemein große, mit er⸗ habner Arbeit verzierte Gefäß in einem fur die Beob⸗ achtung der kuͤnſtlichen Arbeit guͤnſtigen Lichte vor den Koͤnig. „Meiner Seel', Gorge,“ rief Jacob,„das iſt ein ſeltenes Stück! Ganz geeignet fuͤr einen königli⸗ chen Schenktiſch; auch der Gegenſtand der erhabnen Arbeit iſt paßlich, denn„iſt, wie ich ſehe, das Urtheil Salamons,— eines Fuͤrſten in deſſen Fuß⸗ *) Als Theologe bekämpfte Jacob früh ſchon eben ſo ſehr Genfs als Roms Lehren und zeigte bei mehreren Gelegenhei⸗ ten in ſeinen theologiſchen Disputationen einen ſo heftigen Widerwillen gegen die Reformation, ſo wie ſie ſich in ſeinen Geburtslande in den presbyterianiſchen und puritaniſchen Leh⸗ ren entwickelte, daß ihn ſowohl Freunde als Feinde des Ka⸗ tholicismus für einen geheimen Anhänger deſſelben hielten. d. u. 124 —— tapfen zu treten, jeder jetzt lebende Monarch ſi be⸗ ſtreben ſollte.“ „Aber nur einer unter ihnen,“ bemerkte Mar⸗ well,—„wenn ein Unterthan ſich erdreiſten darf, ſo ſrei zu reden,— hat jemals Solamons Beiſpiel uͤbertroffen,“ Der Koͤnig gebot dem Hoͤflinge Stillſchweigen, jedoch mit einem Läͤcheln, welches zeigte, daß die Schmeichelei ihre Wirkung gethan hatte.„Von welchem Kuͤnſtler mag die Arbeit ſeyn, Goͤrge?“ „Sie iſt von einem beruͤhmten Florentiner Ben⸗ venuto Cellini, und das Werk war beſtimmt fuͤr Franz I. Koͤnig von Frankreich; doch ich hoffe, es wird einen angemeſſenern Beſitzer finden.“ „Franz von Frankreich?“ erwiederte der Koͤnig;„ſchick Salomon, den Judenkoͤnig an Franz, den Koͤnig von Frankreich. Hätte Cel⸗ lini im Auslande keine andern Geſchaͤfte ge⸗ macht, als mit ihm, ſe waͤre er raſend geworden. Franz war ein kampfſuͤchtiger Thor, und nichts wei⸗ ter als das;— ließ ſich da bei Pavia gefangen neh⸗ 4 men, wie vor Alters unſer Koͤnig David bei Dur⸗ ham;)— hůtte man Franzen Salomons 3*) peh König von Schottland, aus dem Hanſe Bruce, ward. im J. 1546 im Kriege gegen die Engländer im Treffen bei 3 Durham gefangen und erlanate erſt nach eilf Jahren gegen ein ſchweres Löſegeld ſeine Freiheit. d u 125 Friedensliebe und Froͤmmigkeit zuſchicken koͤnnen, ſo haͤtte man ihm einen beſſern Dienſt geleiſtet. Aber Sa⸗ lomo ſollte in anderer als Franzens Geſellſchaft ſeyn.“ „Ich hoffe, daß er dies Gluͤck haben wird,“ verſetzte Heriot. „Es iſt ein n trefflich gearbeitetes Kunſtwerk,“ fuhr der Koͤnig ſort;„doch duͤnkt mich, der Nachrichter dort ſchwingt ſein Richtſchwert zu nahe dem Angeſichte des Konigs, welches offenbar im Bereich ſeiner Waffe iſt. Es gehoͤrte meines Er⸗ achtens weniger Weisheit, als die des Koͤnigs Sch lomo dazu, um ihn zu lehren, daß ſchneidende Werkzeuge gefahrbringend ſind, und daß dem Kerl entweder befohlen werden muͤſſe, ſein Schwert in die Scheide zu ſtecken, oder ſich weiter von ihm zuruͤckzu⸗ ziehen“ 0. Heriot ſuchte dieſem Einwande durch die Bemer⸗ kung zu begegnen, daß die Naͤhe des Nachrichters beim Koͤnige nur ſcheinbar ſey, und die Regeln der Perſpective dabei beruͤckſichtigs werden muͤßten. „Geh' zum Henker mik deiner Perſpective,“ verſetzte Jacob;„es giebt fuͤr kinen rechtt igen Koͤ⸗ . nig, der in Frieden zu regieren, und in Ruhe und CEhren zu ſterben keine ſhinwere Perſperti⸗ *) Eine ſinnvolle Sn auf 5 bekanhte Idioſynkraſis gegen blanke Schwerter. d. U⸗ ve, als blanke Schwerter vor ſeinen Augen blitzen zu ſehen. Man giebt mir das Zeugniß, daß ich ſo rapfer bin, als die meiſten Leute ſind; doch geſtehe ich, daß ich nie ein blankes Schwert ſehen konnte, ohne mit den Augen zu blinzeln. Doch bei dem Allen iſt es ein ſchoͤnes Stuͤck. Und was iſt der Prei§ davon. Goͤrge?“ Der Goldſchmidt bemerkte, es ſey nicht ſein Ei⸗ genthum, ſondern das, eines Landsmannes, der ſich in Geldnoth befinde. „Ich merke es ſchon,“ antwortete der Koͤnig, „dies ſoll eine Entſchuldigung ſeyn, daß du das Doppelte des Werths forderſt. Ich kenne eure Knif⸗ ſe ihr Handelsleute aus der City.“ Ich duͤrſte nicht hoffen, Ew. Majeſtät Scharf⸗ ſichtigkeit hinters Licht zu fuͤhren,“ entgegnete He⸗ riot; das Kunſtwerk iſt wirklich nicht mein Eigen⸗ thum, und der Preis hundert und funßzig Pfund Sterling, wenn es Ew. Majeſtät gefͤllig iſt, unmit⸗ telbare Zahlung zu verfuͤgen.“ „Hundert und funfzig Pfund! Es gehoͤrten eben ſo viele Zauberer und Hexenmeiſter dazu, um ſie an⸗ zuſchaffen;“ rief der aufgebrachte Monarch.„Mei⸗ ner Seel, klingender Goͤrge, du haſt die Abſicht, dei⸗ ne Boͤrſe einen ſchoͤnen Flang von ſich geben zu laſ⸗ ſen!— Wie ſoll ich dir hundert und funfzig Pfund außzhlen für ein Ding, was nicht ſo viele Mark —,. . 127 ——— wiegt? Und du weißt, daß ſelbſ meine Hofdiener⸗ ſchaft mit ihrem Solde noch ſechs Monate im Ruͤck⸗ ſtande iſt. Der Goldſchmidt ließ ſich durch alles Schelten nicht irre machen, denn er war ſchon dar⸗ an gewoͤhnt; ſondern er erwiederte blos, daß, wenn Se. Majeſtät an dem Stuͤcke gefallen finde, man leicht wegen des Preiſes uͤbereinkommen werde. Zwar könne der Beſitzer das Geld nicht entbehren, allein er, Georg Heriot, wolle es fuͤr Sr. Majeſtät Rech⸗ nung, wenn es genehm waͤre, vorſchießen, und der König koͤnne dieſe und andere Zahlungen nach ſeiner Bequemlichkeit verfuͤgen; das Geld liege bereit. „Bei meiner Ehre,“ rief Jacob,„das heißt wie ein ehrlicher und vernuͤnſftiger Handelsmann ge⸗ redet. Wir duͤrfen uns, um die Schuld abzutragen, nur eine neue Subſidie von den Gemeinen verſchaſ⸗ fen. Trag' es fort, Maxwell, trag' es fort, und ſetz' es hin, ſo daß Steenie und Carl es gleich nach ihrer Ruͤckkehr von Richmond zu ſehen bekommen.*)— Und jetzt, da wir unter uns ſind, mein guter alter Freund Görge, muß ich dir ſagen, daß ich, da doch „ Die Geſchichte dieſes ßibernen Gefäßes beruht großentheits auf hiſtoriſchen Thatſachen die in Benvenuto Cellinis net herausgekommener Lebensbeſchreibung, ſo wie auch in Lady Morgan„Itaiy“ näher nachzuleſen ſind. v. n. 128 vom König Salomon und mir die Rede geweſen iſt, wirklich der Meinung bin, daß alle Weisheit aus Schottland gewichen iſt, ſeit wir gen Suͤden zogen.“ Georg Heriot war Hofmann genug, um zu ant⸗ worten:„Natuͤrlich folgt der Weiſe dem Weißs⸗ ſo wie Hirſche ihrem Fuͤhrer.“ „Traun! Ich glaube, es iſt in dem, was du ſagſt, etwas wahres; denn wir ſelbſt und unſere Hofleute und Hausofſicianten, wie zum Beiſpiel du⸗ werden von den Engländern, ſo viel Eigenduͤnkel ſie auch haben, als ziemlich gute Köpfe anerkannt; al⸗ lein im Gehirn derer, die wir daheim gelaſſen haben, iſi's nicht richtig; und ſie rennen eben ſo bunt durch einander als die Hexen in der Walpurgisnacht.“ „Es thut mir leid, dies horen zu muͤſſen,“ ver⸗ ſetzte Heriot,„wollte ECw. Majeſtät ſo gnädig ſeyn, mir zu ſagen, was unſere Landsleute gethan haben, um eine ſolche Schilderung zu verdienen?“ „Sie ſind raſend geworden, rein toll,“ ant⸗ wortete der Koͤnig.„Durch alle meine Proclama⸗ tionen, an denen die Herolde ſich heiſer ſchreien, kann ich ſie nicht vom Hofe abhalten. So z. B. geſtern, als wir ausreiten wollten und ſchon zu Pferde ſaßen, ſturzte ein aͤchter Cdinburger Schlucker herbei,— ein zerlumpter Kerl, durch deſſen Rock und Hut man Erbſen werſen konnte, und druͤckte uns ohne alle Ce⸗ remonien und Buͤckinge, wie der unverſchämteſte 129 Bettler eine Supplik wegen Schuldforderungen an unſere hochſelige Mutter in die Hand; woruͤber das Pferd einen Seitenſprung machte; und ich verſichere euch, ſaͤßen wir nicht ſo trefflich zu Pſerde, worin wir nach dem Urtheil Sachkundiger ſowohl die mei⸗ ſten Souveraine als Unterthanen in Europa uͤber⸗ treffen, wir hätten, ſo lang wir nd⸗ auf dem Stein⸗ pflaſer gelegen.“ „Cw. Majeſtaͤt,“ ſugte Heriot,„iſt ihr gemein⸗ ſamer Vater, und dieſer Gedanke macht ſie um ſo kuͤhner, ſich in die Gnade ſpendende Naͤhe ihres Mo⸗ narchen zu draͤngen.“ „Ich weiß, daß ich den Namen eines Baters des Vaterlandes wohl verdiene,“ erwiederte Jacob; „allein man ſollte glauben, ſie gingen drauf aus, mich ratzenkahl zu machen; und glaub' mir's Goͤrge, keiner unter ihnen verſteht, eine Supplic zu uͤberrei⸗ chen, ſo wie es ſich im Angeſichte der Majeſtät gebuͤhrt.“ „Ich wuͤnſchte, die ſchicklichſte und paßlichſte Weiſe zu kennen, wie man ſich dabei benehmen muß,“ verſetzte Heriot,„waͤr' es auch nur, um meine ar⸗ men Landsleute in beſſern Manieren zu unterrichten.“ „Potz kauſend,“ verſetzte der Koͤnig,„du biſt ein gebildeter Menſch, Goͤrge, und ich habe nicht Luſt, meine Zeit in deiner Belehrung zu verſchwen⸗ den. Zuvoͤrderſt, ſiehſt du, muß man, der Majeſtaͤt nahend, die Augen mit der Hand beſchatten, um zu 130 zeigen, daß man in der Naͤhe des Stellvertreters der Gottheit iſt. Siehſt du, Goͤrge, das iſt die paßliche Manier. Dann muß man knien und thun, als ob man den Saum des koͤniglichen Kleides, den Schuh⸗ riemen des Souverains oder irgend einen aͤhnlichen Theil ſeines Anzuges kuͤſſen wolle.— Doch ich ſehe, du bringſt ſogleich alle meine Anweiſungen in Aus⸗ uͤbung, und zwar recht gut. Solche Manieren wer⸗ den uns, ſiets geneigt., freundlich und wohlwollend gegen unſre Unterthanen zu ſeyn, fuͤr den Bittenden einnehmen, und wir werden ihn dann auffordern, ſich zu erheben;— eine Aufforderung, welche jedoch der Supplicant nicht benutzt, ſondern ſeine Bittſchrift in die Hoͤhe hebt und ſie ehrfurchtsvoll in unſre ihm of⸗ ſen dargebotene Hand legt.“ Der Goldſchmidt, der mit der größten Genauigkeit alle vorſchriftmßige Puncte in Ausubung gebracht hatte, vollendete hier zu Jacobs großem Erſtaunen das Ceremoniel, indem er Lord Glenvarlochs Bittſchrift in des Köͤnigs dar⸗ gebotene Hand legte.„Was ſoll das, du hinterli⸗ ſtiger Menſch?“ fragte der Konig erroͤthend und auf⸗ ſahrend;„habe ich dich darum in den Handgriffen unterrichtet, daß du ſie augenblicklich an unſrer eig⸗ nen koͤniglichen Perſon verſuchen ſollteſt, und noch dazu in meinem Cabinet, wo niemand ohne beſondre Erlaubniß Zutritt hat? Das iſt ja, als wenn man eine Piſtole auf mich anlegte.“ 131 „Ich hege das Vertrauen,“ antwortete Heriot, immer noch knieend,„Ew. Majeſtaͤt wird mir ver⸗ geben, daß ich den Unterricht, den mein gnaͤdiger Koͤnig mir ſo herablaſſend ertheilte, zu Gunſte⸗ eines Freundes ins Werk ſetzte.“ „Eines Freundes?“ entgegnete der Koͤn! um deſto ſchlimmer, ſage ich dir. Häͤtteſt du zu deinem eignen Beſten etwas vorzutragen gehabt, ſo wäͤre noch etwas Sinn in deinem Benehmen geweſen, und wahrſcheinlich wuͤrdeſt du dann auch nicht ſo ploͤtzlich auf mich eingedrungen ſeyn; aber man kann hundert Freunde haben, fuͤr jeden eine Bittſchriſt bei ſich fuͤhren und ſie eine nach der andern uͤberreichen.“ „Ich ſchmeichle mir,“ entgegnete Heriot,„Ew Majeſtät wird mich nach fruͤherer Erfahrung beur⸗ theilen, und mich keiner ſolchen Anmaßung faͤhig halten.“ „Das kann ich freilich nicht,“ verſetzte der ver⸗ ſoͤhnliche Monarch,„aber die Welt wird ſchlimmer, denk ich, und semelinsanivimns omnes. Du biſt mein alter treuer Diener, das iſt wahr; und bäteſt du um irgend etwas zu deinem eignen Beſten, du ſollteſt nicht zweimahl bitten. Aber, mei⸗ ner Treu, Steenie*) hat eine ſo zaͤrtliche Liebe fur mich, daß er es ungern ſieht, wenn irgend jemand anders, * Jacobs und ſeines Sohnes, Carl, Günſtling, Georg PVilliers erhoben zum Herzog von Buckingham. d. U. 9 als er, Gnadenbezeugungen von mir erbittet.— Maywell!(beſahl der Koͤnig dem wieder hereinge⸗ tretnen Kammerjunker) geh' ins Vorzimmer mit dei⸗ nen langen Ohren.— Wahrlich, Goͤrge, du biſt mein alter Vertrauter, und warſt ſchon mein Gold⸗ ſchmidinls ich mit dem heidniſchen Poeten ſagen konnte: non mea renidet in domo lacunar— denn meiner Treu, ſie hatten meiner Mutter altes Haus ſo rein ausgepluͤndert, daß wir uns mit hoͤl⸗ zernem Tiſchgeraͤth behelſen mußten und nur froh waren, wenn wir was darauf zu eſſen hatten. Erin⸗ nerſt du dich noch,— denn du warſt in unſern me ſten Complotten eingeweiht,— wie wir genöthigt waren, ſechs von der blauen Bande abzuſchicken, um den Taubenſchlag und den Huͤhnerhof der Lady Loganhouſe in Contribution zu ſetzen und welch' eine urchtbare Klage die arme Dame gegen die Diebe von Annandale und insbeſondere uber Jock Milch fuͤhrte, die ale eben ſo unſchuldig an der That waren, als wir an einem Morde.“ „Es war ein Gluͤck fuͤr Jock,“ verſetzte Heriot; „denn wo ich mich recht erinnere, ſo rettete dieſer Muthwille ihn von der Auspeitſchung zu Dumfries, die er wegen andern Unſugs wohl verdient hatte.“ „Ey! erinnerſt du dich deſſen noch? Aber der Jock hatte andere Tugenden, denn er war ein treff⸗ licher Jäger, und konnte, wenn es einen Jagdhund herbeizurufen gab, ſo laut halloen„Daß alle Waͤlder wiederhallten. Aber er endete, wie es bei den Leuten von Annandale nur zu gewöhnlich war, denn Lord Torthorwald vurchſtach ihn mit der Lanze. O⸗ Goͤrge, wenn ich an dieſe wilden Streiche denke, meiner Treu, dann weiß ich nicht, ob wir nicht in jenen unruhigen Tagen in dem alten Hauſe zu Holyrvod luſtiger lebten, als jetzt, wo wir vollauf haben⸗ Cantabit vacnus— Wir hatten nur wenig, wofuͤr wir Sorge zu tragen brauchten.“ „Erinnert ſich Cw. Majeſtät noch wohl,“ ſiel der Golvſchmidt ein,„in welcher furchtbaren Verle⸗ genheit wir waren, das nothduͤrftige Gold⸗ und Silbergeraͤth aufzutreiben, um vor dem ſpaniſchen Geſandten etwas Staat zu machen?“ „Ey wohl,“ erwiederte der Koͤnig, der jetzt mit ſeinem Gevattergeſchwätz recht im Gange war,„nur vergaß ich den Namen des redlichen Lords, der uns mit Allem, was er in ſeinem Hauſe an edlen Me⸗ tallen nur irgend auffinden konnte, aushalf, damit nur ſein angeborner Fuͤrſt in den Augen derer, die uͤber beide Indien geboten, nicht allen Credit verlie⸗ ren moͤchte.“ „Wenn Ew. Majeſtät,“ ſiel der Buͤrger ein, „einen Blick auf das Papier in Curer Hand werfen will, ſo werdet Ihr Cuch ſeines Namens erinnern.“ 3 , Ey! ihr habt recht Goͤrge, es war Lord Glen⸗ varloch, justus et tenax propositi,— ein gerechter Mann, aber ſo eigenſinnig, als ein gereizter Ochſe. Manchmal widerſetzte er ſich uns, dieſer Lord Glen⸗ varloch; aber in der Hauptſache war er ein treuer, anhänglicher Unterthan. Dieſer Supplicant iſt wohl ſein Sohn. Sein Vater Randal iſt laͤngſt dahin gegangen, wohin ſowohl Koͤnige und Lords, als deines Gleichen gehen muͤſſen. Und was ver⸗ langt ſein Sohn von uns?“ „Die Wiedererſtattung einer großen Summe, die Ew. Majeſtäͤt Schatzkammer ihm ſchuldig iſt, wegen Vorſchuͤſſe, welche er Euch, gnadigſter Herr in der dringenden Verlegenheit zur Zeit der Ruthvens leiſtete.“ „Wohl erinnere ich mich der Sache,“ verſetzte Koͤnig Jacob,„meiner Treu, Goͤrge, es war eben damals, als ich mich aus den Klauen des Herrn von Glamis und ſeiner Helfershelfer gerettet hatte; und nie war Geld einem Prinzen willkommner; um ſo mehr Schande war es, daß ein gekröntes Haupt we⸗ gen einer ſo unerheblichen Summe in Verlegenheit kommen mußte. Aber warum braucht er uns darum ſo dringend zu Leibe zu gehn, als ob wir in medi- tatione fugae wären; wir ſind ihm das Geld ſchul⸗ dig und wollen es ihm nach unſrer Bequemlichkeit 135 ———————— bezahlen, oder es auf andere Weiſe gut machen; dies iſt genug zwiſchen Fuͤrſten und Unterthan.“ „Ach! Ew. Majeſtät halten zu Gnaden,“ ent⸗ gegnete kopfſchuͤttelnd der Goldſchmidt,„es iſt die äußerſte Noth und nicht ſteier Wille, wodurch der arme junge Lord zur Unbeſcheidenheit gezwungen wird; denn er muß Geld haben, und zwar ſehr bald, um eine Forderung, welche er dem Conſervator der Privilegien zu Campvere, Peregrin Peterſon, ſchul⸗ dig iſt, oder die ganze von ſeinen Vorfahren ererbte Baronie Glenvarloch iſt kraft der uneingeloͤſten Schuldverſchreibung dem Glaͤubiger verfallen.“ „Wie ſagſt du Goͤrge?“ rief der Koͤnig voll Ungeduld aus;„der Kerl,— der Conſervator, der Sohn eines hollaͤndiſchen Schiffers, ſollte die uralte Baronie und Lordſchaſt des Hauſes Olifaunt in Beſitz nehmen?— da ſey Gott fuͤr, Görge, das ſoll nicht ſehn— wir muͤſſen die Rechtsverfolgung durch einen Gnadenbrief oder auf andere Weiſe hemmen.“ „Ew. Majeſtät halten zu Gnaden,“ entgegnete der Buͤrger;„Euer Rechtsconſulent der in Schott⸗ lands Geſetzen wohl erfahren iſt, verſichert, daß es kein anveres Gegenmittel giebt, als das Geld zu be⸗ zahlen.“ „Potz tauſend!“ erwiederte der Koͤnig,„er muß ſich mit bewaffneter gegen den Kerl im 136 Beſitz behaupten, bis wir Maasregeln treffen kon⸗ nen, ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.“ „Ach! Ew. Majeſtät friedliche Regierung und Eure unparteiiſche Gerechtigkeit gegen Jedermann hat außerhalb der Gränzen der ſchottiſchen Hochlande die Ergreifung und Behauptung des Beſitzers durch bewaffnete Macht zu einem ganz unwirkſamen Huͤlfs⸗ mittel gemacht.“ „Nun wohl dann, Goͤrge!“ ſagte der betroffne Monarch, deſſen Begriffe von Gerechtigkeit, Schnel⸗ ligkeit und Convenienz bei ſolchen Gelegenheiten ſich ſeltſam verwirrten;„es iſt nicht mehr als Recht, daß wir unſre Schuld abtragen, damit der junge Mann die ſeinigen bezahlen kann; er muß be⸗ zahlt werden und, in verbo regis, er ſoll bezahlt werden;— aber wie mir zu dem Gelde kommen wollen, Goͤrge, das iſt ein ſchwieriges Ca⸗ pitel,— du mußt in der City dein Heil verſu⸗ chen.“„Die Wahrheit zu ſagen,“ antwortete He⸗ riot:„Cw. Majeſtaͤt halten zu Gnaden, durch An⸗ leihen, Kne Subſidien iſt die City in dieſem Augenblick— „Erzähl' mir nicht lange, was die City iſt,“ entgegnete Koͤnig Jacob,„unſre Schatzkammer iſt ſo trocken, als des Dechanten Giles Predigten uͤber die Bußpſalmen— ex nihilo nihil fit.— Man darf dem Beiſpiele eines wilden Hochländers nicht 137 — folgen; wer alſo Geld von mir haben will, ſollte mich lehren, wie ich mir welches verſchaben kann. Noch einmal Heriot, du mußt bei der City dein Heil ver⸗ ſuchen und darſſt nicht glauben, daß du fuͤr nichts der klingende Goͤrge genannt witſt;— in verbo re⸗ gis, ich will den jungen Mann bezahlen, wenn du mir ein Anlehen verſchaffſt; wegen den Bedingungen will ich nicht knauſern; und wir beide, du und ich, wollen es uͤbernehmen, das tapfere uralte Haus Glenvarloch aufrecht zu erhalten. Aber warum er⸗ ſcheint der junge Lord nicht bei Hofe, Heriot, iſt er huͤbſch,— weiß er ſich zu praͤſentiren?“ „Ganz vollkommen,“ antwortete Heriot; „aber—“ „Ah, ich verſtehe ſchon,— res angusta domi, der arme junge Mann!— und ſein Vater war doch ein ſo aufrichtiger, rechtſchaffner Maun mit einem aͤcht ſchottiſchen Herzen, wenn gleich hartnaͤckig in ſeinen Meinungen. Hoͤre Heriot, gieb dem jungen Menſchen 200 Pfund Sterling zur Ausſtattung. Und, hier—(indem er die Stirnbinde von Ru⸗ binen von ſeinem alten beſtaubten Hute ablöſete) hier haſt du ein Unterpfand, hinreichend für eine noch groͤßere Summe, du alter Levite, der du biſt. Be⸗ halt es bis ich dir das Geld von der naͤchſten Sub⸗ ſidie wiederbezähle.“ 138 „Wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt, mir dieſe eure Willensmeinung ſchriftlich zu geben.“ „Der Deufel hole deine Accurateſſe alter Görge,“ entgegnete der König,„du biſt ſo formell wie ein YPuritaner, und ein mißtrauiſcher Menſch. Muß nicht ein Konigswort dir genugen, elende 200 Pfund her⸗ zuſchießen?“ „Dazu wohl,“ entgegnete Heriot;„aber nicht zur Zuruͤckbezahlung der Kronjuwelen.“ Hierauf ſchrieb der König, durch lange Erfah⸗ rung gewohnt, mit argwöhniſchen Gläubigern zu ſchaffen zu haben, eine Anweiſung, lautend auf Georg Heriot, ſeinen wohlbelobten Hoſgoldſchmidt und Hofjuwelier, zum Belauf von 200 Pfund Ster⸗ ling, augenblicklich zu zahlen an Nigel Olifaunt Lord Glenvarloch, in Abſchlag der Summe, welche ihm die Krone ſchuldig ſep; zugleich ermächtigte er den Auszahler des Geldes zur Zuruͤckbehaltung des im Verzeichniß Sr. Maheſtät Juwelen, unter der angegebenen Nummer naͤher beſchriebenen Stirnban⸗ des von Rubinen, mit einem großen Diamant, bis der beſagte Georg Heriot, als Darleiher der erwähn⸗ ten Summe, dieſerhalb gehorig befriediget und be⸗ zahlet ſey. Durch ein andres Schreiben beauſtragte Se. Majeſtät den Meiſter Heriot, mit einigen Ka⸗ pitaliſten in Unterhandlung zu treten, um unter bil⸗ ligen Bedingungen wegen eines Anlehns von 30000 139 Mark oder ſo viel mehr als fuͤglich angeſchaft werden koͤnnte, fuͤr Rechnung Sr. Majeſtaͤt und zu des Koͤ⸗ nigs augenblicklichem Gebrauch, zu negociiren. „Hat dieſer Lord Nigel einige wiſſenſchaftliche Kenntniſſe?“ fragte der Koͤnig. Heriot konnte dieſe Frage nicht genau beantworten, aͤußerte jedoch:„der junge Lord habe, wie er glaube, im Auslande ſtu⸗ „Wir ſelbſt werden ihm Rath ertheilen,“ ſagte der Koͤnig,„wie er ſeine Studien am vortheilhafte⸗ ſten einzurichten hat; und vielleicht berufen wir ihn an Hof, um mit Steenie und Carl zu ſtudiren. Doch mir fäͤllt ein, ſie werden eben jetzt zuruͤckkommen und wir wollten nicht gern, daß ſie jetzt ſchon von dem heute unter uns verhandelten Gegenſtande Kunde be⸗ kämen. Mach', daß du fort kommſt, Goͤrge, Pro- pera pedem. Beſteige dein Maulthier und leb wohl.“ So endete der ʒwieprach zwiſchen dem milden Koͤnig Jacob und ſeinem gutdenkenden Luſ und Sirt 140 Sechſtes Kapitel. Die von dem gaſifreundlichen Buͤrgersmann ge⸗ ladene gute Geſellſchaft verſammelte ſich in ſeinem Hauſe an der Lombardſtraße zur Stunde der größten Eßluſt, das heißt Mittags um 12 Uhr, um diejeni⸗ ge Mahlzeit einzunehmen, welche den Tag in zwei gleiche Theile ſcheidet;— einer Stunde, in welcher heutiges Tages Leute von Welt ſich auf ihren Kiſſen herumwaͤlzen und nicht ohne manchen Zweifel und vieles Zoͤgern daran denken, den Tag allmaͤhlig zu beginnen. Auch der junge Nigel fand ſich ein; ein⸗ fach, doch ſeinem Range angemeſſener gekleidet als vorher, und begleitet von ſeinem Diener Moniplies, deſſen Außenſeite ebenfalls beträchtlich vervollkommnet war. Seine feierlichen, ernſten Geſichtszuͤge blickten hervor unter einer blauſammetnen, ſonderbar auf ein Ohr geſtuͤlpten Muͤtze; er trug ein gutes Kleid von derbem blauen engliſchen Tuche, welches ganz ungleich der bisherigen Kleidung, dem Zerren aller Lehrburſche in der Fleetſtraße widerſtanden haben wuͤrde. Ein zierliches, ſilbernes Schild mit dem Wappen ſeines Herrn und ein Haudegen, die damals gewoͤhnliche Waffe der Leute ſeines Standes, ver⸗ kuͤndigte, daß er ein Anhängſel der Ariſtocratie ſey. Er war ſehr froh, in der Ausſicht, die Muͤhe der Auſwartung bei Tiſche durch eine gute Mahlzeit im . 141 ——— Domeſtikenzimmer des guten Buͤrgers belohnt zu ſin⸗ den, ſo wie er ſie ſelten genoſſen hatte. Meiſter David Ramſey ward verſprochenerma⸗ ßen, wohlgewaſchen, wohlgebuͤrſtet und vom Ruß des Schmelzofens und der Schmiede gereinigt, in Si⸗ cherheit in die Lombardſtraße geleitet. Ihn begleitete ſeine Tochter, ein Maͤdchen von etwa zwanzig Jah⸗ ren, ſehr huͤbſch, ſehr ernſt und zuchtig, jedoch mit 3 lebhaſten, ſchwarzen Augen, welche unaufhorlich dem Ausdrucke der Sprodigkeit widerſprachen, wozu Schweigen, Zuruͤckhaltung, ein einfaches ſchwarz ſammetnes Kaͤppchen und eine ſteife Halskrauſe von Kammertuch Miß Margaretha verdammten, um ſich als die Tochter eines ruhigen Buͤrgers zu bezeichnen. Auch hatten ſich zwei Kaufleute aus der Cith, in weiten Maͤnteln, mit vielgegliederten goldnen Ket⸗ ten, und wohl erfahren in ihrem Beruf, eingeſun⸗ den, die jedoch keiner beſondern Beſchreibung beduͤr⸗ ſen. Ein aͤltlicher Geiſtlicher in ſeiner Amtstracht, — ein ehrwuͤrdiger Mann, der an Einfachheit ver Manieren ſeinen Pfarrkindern glich,— war gleich⸗ falls von der Geſellſchaft. * Etwas ausfuͤhrlicher als die genannten Gäſte muß ein anderer, Namens Sir Mungo Malagrow⸗ ther von Girnigo Caſtle, als ein Originalcharakter ſei⸗ ner Zeit beſchrieben werden. „ Dieſer gute Ritter klopfte an Meiſter Heriots Thuͤr, gerade als die Uhr 12 zu ſchlagen begann, und ſaß auf ſeinem Stuhle, bevor noch der letzte Schlag erſchollen war. Dies gab dem Ritter treffliche Gelegen⸗ heit zu ſarkaſtiſchen Bemerkungen uͤber alle nach ihm eintretenden Gaͤſte, nicht zu gedenken einige kleine Sticheleien auf Koſien derer, die noch fruͤher als er erſchienen waren. — Da Sir Mungo wenig oder gar kein Verms⸗ gehabt hatte, ſo war er ſchon in ſeinem Knaben⸗ alter bei Hofe in der Eigenſchaft eines Suͤhnbocks oder„Pruͤgelknaben;“*)— denn ſo ward damals dies Hofamt officiell benannt,— bei dem jungen Koͤnig Joacob angeſtellt und mit ſeiner Majeſtät in gelehrten Kenntniſſen von ſeinem berühmten Lehrer Georg Buchanan unterrichtet. Das Amt eines Suͤhn⸗ bocks oder Prugelknaben vodammte den Ungluͤckli⸗ chen, der ſolches bekleidete, alle körperlichen Zuͤchti⸗ — *) Bekanntlich ward im J. 1367 Jacob ſchon als einjähriger Prinz unter dem Titel: Jacob VI. als König von Schottland snerkannt, und war mithin im ganzen Laufe ſeiner Erzie⸗. hung allerdings als ein geſalbtes Haupt zu betrachten. Es iſt hiſtoriſche Thatſache,(ein merkwürdiger Charakterzug je⸗ ner Zeiten), daß auch an andern Höfen, namentlich am franzöſiſchen in ſolchen Fällen das Hofamt eines Sühnbocks, (Engliſch whippiug- boy und ungefähr daſſelbe, welches im Franzöſiſchen durch bouc d'emissaire bezeichnet wird,) pffi⸗ ciell eingeführt war. d. u. * 3 143 gungen zu erleiden, welche der Geſalbte des Herrn, deſſen Perſon, wie ſich von ſelbſt verſteht, gehei⸗ ligt war, im Laufe ſeines Unterrichts ſich zuzog. Zwar mußte Jacob unter der ſtrengen Zucht Georg Buchanans, welcher dieſe ſtellvertretende Strafmethode nicht billigte, die Schuld ſeiner Fehler in Perſon buͤßen, und Mungo Mala⸗ growther genoß waͤhrend dieſer Zeit eine Sinecure; allein Jacobs zweiter Erzieher, Patrick Young, ging förmlicher zu Werke und erſchreckte das Gemuͤth des jungen Königs durch Peitſchenhiebe, die er dem Suͤhnbock außaͤhlen ließ, wenn der Monarch ſein Penſum nicht gemacht hatte. Uebrigens muß man es dem Sir Mungo zum Ruhme nachſagen, daß er manche Eigenſchaften beſaß, die ihn im hoͤchſten Grade fuͤr ſein Hofamt paßlich machten. Er hatte ſchon in ſeinen Knabenjahren ſehr unregelmaͤßige und groteske Geſichtszuͤge, die, wenn ſie durch Furcht, Kummer oder Zorn verzerrt wurden, den ſeltſamen phantaſtiſchen Geſtalten glichen, die man an gothi⸗ ſchen Carnießen ſieht. Auch ſeine Stimme war ſchrill und klagend, ſo daß, wenn er unter Patrick Youngs ſchonungsloſen Zuͤchtigungen ſich vor Schmerzen kruͤmmte, der Ausdruck ſeiner grotesken Geſichtsbil⸗ dung, verbunden mit ſeinem ſurchtbaren Geſchrei, ganz geeignet war, die beabſichtigte Wirkung auf den Monarchen hervor zu bringen, welcher die Schlaͤ⸗ — 144 ge verdient hatte, in ſofern ſie moglicherweiſe durch den Anblick der Leiden eines ſuͤr deſſen eignes Verge⸗ hen buͤßenden Individuums hervorgebracht werden konnte. Sir Mungo Malagrowther, der in den Ritter⸗ ſtand erhoben ward, gewann auf dieſe Weiſe fruͤh ſchon feſten Fuß am Hofe, wo Andere an ſeiner Stel⸗ le ihre Lage benutzt haben wuͤrden, ihr Gluͤck zu ma⸗ chen. Als er aber herangewachſen war, ſo daß er ncht fuͤglich mehr ausgepeitſcht werden konnte, wußte er kein Mittel, ſich nuͤtzlich zu machen. Eine bittere, tauſtiſche und verlaͤumderiſche Gemuͤthsart, boshaf⸗ ter Witz und Reid gegen Gluͤcklichere, dies Alles ſind freilich nicht immer Hinderniſſe des Fortkommens ei⸗ nes Hoͤflings; allein dann muͤſſen ſie mit einem ge⸗ wiſſen Grade ſelbſtſuͤchtiger Verſchlagenheit und Klug⸗ heit verſchmolzen ſeyn, woran es dem Sir Mungo gaͤnzlich fehlte. Seine Satyre war ſo beleidigend, daß ſie ihm ernſte Händel zuzog; er konnte ſeinen Neid nicht verhehlen, und kaum war er volljährig, ſo hatte er ſo viele Zweikaͤmpfe auf dem Halſe, daß das zaͤheſte Katzenleben nicht hinreichend geweſen waͤre, ſie durchzufechten. In einem dieſer Duelle erhielt er, gewiſſermaßen zu ſeinem Gluͤcke, eine Wunde, die ihm zur Entſchuldigung gereichte, kuͤnf⸗ tig ähnliche Ausforderungen abzulehnen; denn Sir Rullion Nattray hieb ihm in einem Zweikampfe auf —————— 145 Leben und Tod drei Finger ſeiner rechten Hand ab, ſo daß Sir Mungo nie wieder ein Schwert fuͤhren konnte. Als er in der Folge mehrere ſatyriſche Stro⸗ phen auf Lady Cockpen dichtete, erhielt er von eini⸗ gen dazu angeſtellten Perſonen eine ſo heſtige koͤrper⸗ liche Zuͤchtigung, daß man ihn halb todt auf dem Schauplatze dieſer Gewaltthat mit zerbrochenen Schen⸗ keln liegend fand. Mit dieſer ſchlecht geheilten Be⸗ ſchaͤdigung hinkte er zu Grabe und die Lähmung ſeiner Hand und Schenkel vermehrte noch ſein gro⸗ teskes Aeußere; allein dagegen befreite ſie ihn von den gefaͤhrlichen Folgen ſeiner ſatyriſchen Laune. So ward er allmaͤhlig alt im Dienſte des Hofes und ſicherte ſein Leben und ſeine geſunden Glieder, ohne ſich je⸗ doch Freunde zu erwerben, oder Befoͤrderung zu er⸗ langen. Zwar beluſtigte ſich zuweilen der Koͤnig an ſeinen cauſtiſchen Einfällen; aber nie beſaß er die Kunſt, einen guͤnſtigen Augenblick fuͤr ſich zu benuz⸗ zen, und ſeine Feinde, worunter der ganze Hof zu rechnen war, fanden immer Gelegenheit, ihm des Koͤnigs Gunſt wieder zu entziehen. Der beruͤhmte Archie Armſtrong bot ihm einſt ſehr großmuͤthig ſei⸗ ne eigne Narren-Livree an, um ihn dadurch die Vorrechte und Freiheiten eines Spaßmachers von Profeſſion zu verſchaffen. „Denn,“ ſagte der berufene luſtige Rath,„ſo wie es Sir Mungo jetzt treibt, bringt ihm ein guter 10 146 Einfall hichts weiter ein, als des Koͤnigs— — et ihn gehabt hat.“ Wirklich chatte auch in London Sir vas Gluͤck, duß von dem auf ſeine Umgebungen am Hoſe herabſtroͤmenden goldnen Regen, ihn auch nur ein Tropfen benetzte. Er ward alt, taub und graͤm⸗ lich; er verlor ſelbſt den Geiſt, der fruͤher ſeine Ein⸗ fälle belebte, und ward nur noch geduldet von Ja⸗ eob, der, obgleich er mit ihm faſt von gleichem Al⸗ ter war, bis zu einem ungewöhnlichen und ſelbſt abgeſchmackten Grade den Hang beibehielt, von jun⸗ gen Leuten umgeben zu ſeyn. Sir Mungo, geal⸗ tert und verarmt, zeigte feine ausgemergelte Geſtalt und ſeine unſcheinbar gewordenen geſtickten Hofklei⸗ der ſo ſelten, als nur immer die Pflicht erlaubt, am koͤniglichen Hofe, und ließ gewoͤhnlich auf oͤf⸗ ſentlichen Spatziergaͤngen und in den Chorgaͤngen der Paulskirche,— damals dem allgemeinen Zu⸗ ſammenkunftsort der Neuigkeitskraͤmer, ſeinem Hange zur Satyre freien Spielraum, wobei er hauptſächlich diejenigen unter ſeinen Landsleuten aufſuchte, de⸗ ren Geburt und Rang in ſeiner Meinung dem ſeini⸗ gen nachſtand. So lebte er, haſſend und verachtend den Hanvelsſtand, dennoch großentheils mit denje⸗ nigen ſchottiſchen Handwerkern und Kaufleuten, wel⸗ che dem Hofe nach London gefolgt waren. 147 Gegen dieſe konnte er ſeine unangenehme Laune mit weniger oder gar keiner Beleidigung an den Tag legen; denn einige ertrugen ſeine Spöttereien aus Achtung fuͤr ſeine Geburt und ſeinen Ritter⸗ ſtand, welcher in jenen Tagen große Vorrechte ver⸗ lieh*); und andere Vernuͤnftigere bemitleideten und duldeten den alten Mann, den ſeine Schickſale eben ſo ungluͤcklich machten, als ſeine Gemuͤthsart. Zn den letzteren gehoͤrte Georg Heriot, der, ob⸗ wohl ihn Gewohnheit und Erziehung bewogen, ari⸗ ſtocratiſche Geſinnungen bis auf einen Punct zu trei⸗ ben, der heutiges Tages fuͤr uͤbertrieben gehalten werden wuͤrde, dennoch zu vielen geſunden Men⸗ ſchenverſtand beſaß, um einem Manne, wie Sir Mungo, den er uͤbrigens mit achtungsvoller Hoͤflich⸗ keit behandelte, und ihm großmuͤthig weſentliche Dienſte leiſtete, zu erlauben, aͤhnliche Geſinnungen im Uebermaß an den Tag zu legen, und ſich hierin ungebuͤhrliche Freiheiten herauszunehmen.. Dies aber ſchien bei dem Benehmen des Sit Mungo beim Eintritt in das Zimmer der Fall zu ſeyn. Achtungsvoll gruͤßte er den Meiſter Heriot und ein anſtändiges, ältliches, etwas ernſtes, mit eines Haube geziertes Frauenzimmer, welches: Tante Ju⸗ *) Erſt ſpäter verſchmolzen ſich dieſe Vorrechte mit dem Baronets⸗ adel, welchen Jacob I. im J. 461 ½. einführte. d. u. 10* * dith genannt ward, und die Stelle der Haus⸗ und Tiſchwirthin vertrat, ohne jedoch das gebieteriſche ſauertopfiſche Weſen in ſeinem Benehmen gegen ſie an den Tag zu legen, welches ſeine ſeltſame Phyſio⸗ gnomie annahm, als er dem David Ramſay und die beiden andern einfachen Buͤrger ſein Compliment machte. Mit den beiden letzteren begann er das Ge⸗ ſpräch durch die Bemerkung, er habe in der St. Paulskirche vernommen, daß der Banquerott des großen Kaufmanns Pindivide, der, wie er ſich aus⸗ druͤckte, den Raben eine Mahlzeit gegeben habe, und un deſſen Vermoͤgensmaſſe die beiden ehrenwerthen Buͤrger, den nämlichen Nachrichten zufolge, gleichfalls einige Forderungen haͤtten, wahrſcheinlich einem ganz⸗ lichen Verluſte gleich zu achten ſeyn werde, indem Schiff und Ladung des Semeinſchuldners unwider⸗ bringlich verloren ſey.“ „Die beiden Buͤrger lachelten einander ſ zu; allein zu klug, um ihre Privatangelegenheiten zum Gegenſtande des oͤffentlichen Geſprächs zu ma⸗ chen, ſteckten ſie die Koͤpfe zuſammen, und vermie⸗ den durch ein leiſes Geſpraͤch die weitere laute Un⸗ terhaltung. Der alte ſchottiſche Ritter wandte ſich hierauf mit der naͤmlichen ſchonungsloſen Vertrau⸗ lichkeit an den Uhrmacher.„David, ihr alter Dumm⸗ kopf, ſeyd ihr nicht etwa auch ſo toll geweſen, eure mathematiſchen Viſſenſchaſten, wie ihr ſie nennt, auß v eehe 149 — die Offenbarung Johannis anzuwenden 7 Ich er⸗ wartete, das Zeichen des Thieres wuͤrde durch eure Auslegung eben ſo deutlich werden, als der Ton ei⸗ ner Kinderpfeiſe.“ „Nun Sir Mungo,“ erwiederte der Mechaniker⸗ nachdem er ſich mit Muͤhe erinne hatte, welche Frage ihm vorgelegt war und von wem?„vielleicht ſeyd ihr der Auslegung naͤher, als ihr ſelbſt wißt; denn wenn ihr die zehn Horner des Thieres*) in Erwaͤ⸗ gung zieht, ſo konnt ihr nach eurer Fingerzahl leicht abmeſſen“— „Meine Fingerzahl! ihr verwünſchter alter roſti⸗ ger Zeitmeſſer!“ rief Sir Mungo, wäͤhrend er halb ſcherzhaft und halb im Ernſt ſeine Hand, oder viel⸗ mehr ſeine Klaue,— denn Sir Rullions Haudegen hatte ihr durch Verminderung der Fingerzahl dieſe Form gegeben, an den Degen legte—„unterſteht ihr euch, mir meine Verſtuͤmmelung vorzuwerfen?“ „Ich kann unſern Freund David nicht uͤberzeu⸗ gen,“ fiel Heriot vermittelnd ein,„daß die Prophe⸗ zeihungen in der heiligen Schrift beſtimmt ſind⸗ im Dunkeln zu bleiben, bis ihre unerwartete Erfuͤllung, wie in der Vorzeit, das, was geſchrieben ſteht, zur Vollziehung bringen wird. Aber ihr muͤßt deshalb nicht eure ritterliche Tapferkeit an ihm autuͤben.“ *) So viel hat bekanntlich das apocalyptiſche unthier. d. U⸗ 150 „Meiner Seel,“ verſetzte Sir Mungo lachend; „das waͤre, als wenn ich mit Hunden und Hifthorn gegen ein toll gewordnes Schaaf auf die Jagd ginge; denn er iſt wieder in Traͤumereien vertieft und ſteckt bis ans Kinn in Zahlen, Quotienten und Dividen⸗ den.“—„Nun Miß Margaretha, mein ſchoͤnes Kind,“— denn die Schönheit ver jungen Buͤrgers⸗ tochter verlieh ſelbſt den muͤrriſchen Zugen Sir Mungo Malagrowthers einige Milde;„iſt euer Vater immer ſo unterhaltend, wie er eben jetzt zu ſeyn ſcheint?“ Miß Margaretha laͤchelte verſchaͤmt, ſah bald zur Seite, bald vor ſich nieder, und nachdem ſie alle Mienen der Blödigkeit und Verlegenheit angenom⸗ men hatte, welche ihrer Meinung n ach noͤthig waren, eine gewiſſe, ihrem Charakter eigne Schnelligkeit im Antworten zu verſtecken, erwiederte ſie;„ihr Vater ſey in der That oft ſehr in Gedanken vertieſt; doch habe er, wie ſie vernommen, dieſe Gewohnheit von ihrem Großvater angenommen.“„Eurem Großva⸗ ter?“ fragte Sir Mungo, als zweifle er, ob er recht gehoͤrt habe.„Das junge Maͤdchen irrt ſich. Ich weiß kein Frauenzimmer dieſſeits Temple Bar, wel⸗ ches ihre Abkunft ſo fern her abzuleiten vermag.“ „Aber ſie hat einen Pathen, Sir Mungo,“ ſagte Georg Heriot;„und ich hoffe, ihr werdet mir erlau⸗ ben, daß ich mich in dieſer Eigenſchaft meiner huͤb⸗ 154 ſchen Pathin annehme und euch bitte, kein ſolches Hochroth auf ihre Wangen zu treiben.“ 1 zepne „Um ſo beſſer,“ entgegnete Sir Mungo,„es macht ihr Ehre, daß ſie bei ihrer( Geburt und Erzie⸗ hung fuͤr irgend etwas erroͤthen kann; und meiner Seel', Meiſter Georg,“ fuhr er fort, das gereizte und ſich ſräubende Mädchen ans Kinn greiſendr„ſie iſt artig genug, um ihren Mangel an Ahnen vergeſ⸗ ſen zu laſſen, wenigſtens in einer Gegend r wie Cheap⸗ ſide, wo der Keſſel den Suppentopf nicht——“ Die Jungfrau erroͤthete, doch nicht ſo unpillig⸗ als zuvor. Meiſter Georg Heriot eilte, den Schluß von Sir Mungos ſchottiſchem Sprichworte dadurch zu unterbrechen, daß er den Rikter perſönlich dem Lord Nigel vorſtellte. Sir Mungo konnte anfangs nicht verſtehen, was ſein Wirth ſagte. Als ihm aber der volle Name des Lords laut in die Ohren gerufen ward, machte er dem Hausherrn mit ernſter Miene Vorwuͤrſe, daß er Standesperſonen nicht fruͤher mit einander in Bekanntſchaft braͤchte, damit ſie ſich auf gebuͤhrende Weiſe begruͤßen⸗ koͤnnten, bevor ſie ſich mit andern Leuten abgäben. Dann machte er ſeinem neuen Bekannten ein ſo hoͤfliches uns zierliches Com⸗ pliment, als ſeine Fuß⸗ und Handlähmung es zu⸗ laſſen wollte. Mit der Bemerkung, daß er M ylords Vater gekannt habe, hieß er ihn willkommen in Lon⸗ don und àußerte die Hoffnung⸗ ihn bei Hofe zu ſehen. Nigel begriff augenblicklich, ſowohl aus Sir Mungos Art zu ſeyn, als aus dem verhaltenen La⸗ chen des Wirths, daß er mit einem originellen Men⸗ ſchen zu thun habe, und erwiederte daher deſſen hof⸗ lichen Gruß mit aller moͤglichen Foͤrmlichkeit. Sir Mungo betrachtete ihn mit großem Ernſt. Und da das Anſchauen eines natuͤrlich ſchönen Aeußern ihm eben ſo verhaßt war, als das der Wirkung des Reich⸗ thums oder anderer zufalliger Wohlthaten, ſo hatte er kaum die huͤbſche Geſtalt und die regelmaͤßigen Ge⸗ ſichtszuͤge des jungen Lords betrachtet, als er ihm, ſo wie dem Manne von Uz einer ſeiner Tröſter*)„na⸗ hete, um ſich uber die ehemalige Große der Lords von Glenvarloch herauszulaſſen und ſein Bedauern zu äußern, daß, wie er vernommen habe, das gegen⸗ waͤrtige Haupt dieſes Hauſes die Beſitzungen ſeiner Vorfahren wahrſcheinlich nicht wieder erhalten werde. Er erhob die Schoͤnheiten des Hauptſitzes der Baro⸗ nie Glenvarloch/ die weite, herrliche Ausſicht vom al⸗ ten Schloſſe, die ſchoͤne Spiegelfläche des Landſees, bewohnt von wildem Geflugel, und die ergiebige Waſ⸗ ſerjagd, die trefflichen Waldſtrecken, endend auf ei⸗ nem von einer Fülle von Wild bewohnten Bergrük⸗ ken, und alle andern Vorzuge der ſchoͤnen alten Ba⸗ *) Minder biberfeſten Leſern wird hier in Erinnerung gebracht, daß von Hiob die Rede iſt. d. u. 153 ronie, bis Nigel trotz aller ſeiner vbne wi⸗ der ſeinen Willen ſeufßßen mußte. Sir Mungo, der ſich ſehr darauf verſtand, zu unterſcheiden, wann der Geduldsfaden derer, mit denen er ſich unterhielt, auf dem Punkte ſtand, zu zerreißen, bemerkte, daß ſein neuer Bekannter in dieſem Falle war und gern die Unterhaltung abge⸗ brochen hätte, als des Kochs ungeduldiges Klopfen auf der Anrichte mit dem Heft ſeines Kuͤchenmeſſers ein ſo lautes Signal fuͤr die Aufwartenden zum Auf⸗ tragen der Speiſen gab, daß man es durchs ganze Haus hoͤren konnte. Sir Mungo, ein großer Ver⸗ ehrer eines guten Tiſches,— ein Geſchmack, der, bei⸗ läufig geſagt, etwas darauf einwirken mochte, ſeine Wuͤrde mit dieſen Buͤrgermahlen auszuſoͤhnen, ward durch den Ton des Anrichtemeſſers unterbrochen, und ließ Nigel nebſt den andern Gäſten in Frieden, bis ſeine aͤngſtliche Beſorgniß, ſich an den gehoͤrigen Platz zu ſetzen, welchen ſein Rang erforderte, nach Wunſch befriedigt war. Zur Linken der Tante Judith, ſah er den Lord Nigel auf den noch hoͤhern Ehrenplatz zu ihrer Rechten, zwiſchen dieſer Matrone und der huͤb⸗ ſchen Miß Margaretha; allein er litt es um ſo ge⸗ duldiger, da zwiſchen ihm und dem jungen Lord ein trefflicher, geſpickter Capaun ſeinen Platz einnahm. Das Mittagseſſen war nach der Zeitſitte einge⸗ richtet; Alles war trefflich in ſeiner Art, und außer F 154 den verſprochenen ſchottiſchen Gerichten wurden Rind⸗ ſleiſch und Pudding, die ſtatutariſchen Leckerbiſſen Altenglands, auf die Tafel gebracht. Ein kleiner trefflich gearbeiteter ſilberner Schwenkkeſſel, der von einigen Gäͤſten bewundert ward, veranlaßte von Sei⸗ ten Sir Mungos einige mit Naſenrümpfen begleitete Anſpielungen auf des Wirths in ſi⸗ nem Handwerke. „Ich ſchame mich dieſerArbeit nicht, SirMungo ſagte der ehrliche Buͤrger.„Man ſagt im Sprich⸗ worte: wer's Kreuz hat, ſegnet ſich; daher ſchien es mir unpaßlich, daß ich, der ich die Hälſte aller ſilber⸗ nen Schwenkkeſſel in Großbrittannien geliefert habe, meinen eignen Schenktiſch blos mit einem tinnernen beſeßen ſollte.“ 2 Das ausgeſprochene Tiſchgebet des Geiſtlichen gab jetzt den Gäſten die Freiheit, auf dasjenige was vor ihnen ſtand, einen Angriff zu machen. Und das Mahl nahm mit dem größten Anſtande ſeinen Fort⸗ gang⸗ bis die Tante Jubith zur Empfehlung ihres Capauns, der Geſellſchaft verſicherte, er ſtamme von Zuchthuͤhnern ab, die ſie ſelbſt aus Schottland nit her gebracht habe. „Dann, Mademt ſagte der Sir Mungo, nicht ohne einen Seitenblick auf ſeinen Wirth,„iſt er in England ſehr gut geſpickt.“ 155 „Es giebt einige andere unter ſeinen Landsleu⸗ ten,“ antwortete Meiſter Heriot,„denen alles Speck in England nicht im Stande geweſen iſt, die nàmli⸗ chen guten Dienſte zu leiſten.“ Sir Mungo ruͤmpfte die Naſe und erroͤthete; der Reſt der Geſellſchaft lachte; der Satiriker aber, der ſeine guten Gruͤnde hatte, es mit Meiſter Geor⸗ gen nicht auſs Aeußerſte kommen zu laſſen, ſchwieg fur den Reſt des Mittagseſſens. Die Gerichte wi⸗ chen einem vollſtaͤndigen Nachtiſche und den ausge⸗ ſuchteſten, trefflichſten Weinen; ſo daß Nigel die Gaſtmahle der reichſten Buͤrgermeiſter, denen er im Auslande beigewohnt hatte, durch die Gaſtfreiheit eines Londoner Buͤrgers uͤbertroffen ſah. Dennoch bemerkte man keinen Prunk, und uͤberall nichts, was fuͤr den Stand eines wohlhabenden Buͤrgers unpaß⸗ lich war. Waͤhrend der Tafel richtete Nigel nach den da⸗ maligen Regeln der guten Lebensart hauptſaͤchlich die Rede an Miſtreß Judith, an der er eine ver⸗ ſtändige, kluge Schottlaͤnderinn fand, die fuͤr die Puritaner mehr Anhaͤnglichkeit hatte, als ihr Bru⸗ der Georg(denn dies war er, obwohl er ſie gewoͤhn⸗ lich Tante hieß). Uebrigens liebte ſie ihren Bruder zaͤrtlich und trug fuͤr ſeine Bequemlichkeit unablaͤſſig Sorge. Da die Unterhaltung dieſer guten Dame weder lebhaſt noch anziehend war, ſo wandte ſich hi⸗r⸗ naͤchſt der junge Lord ſehr natuͤrlich an des alten Uhr⸗ machers ſehr huͤbſche Tochter zu ſeiner Linken. Er konnte jedoch nur einſilbige Worte von ihr heraus⸗ bringen; und wenn der artige junge Mann die ſchoͤn⸗ ſten und gefälligſten Dinge vorbrachte, die ſeine feine Lebensart ihm darbot, ſo war das Lächeln, welches ihr niedliches Muͤndchen umſchwebte, ſo leicht und voruͤbergehend, daß man es kaum bemerken konnte⸗ Nigel begann, ſeiner Geſellſchaft uberdruͤßig zu wer⸗ den, denn die alten Buͤrger ſprachen mit dem Wirth uͤber Handelsgegenſtaͤnde in einer ihm ganz unver⸗ ſtaͤndlichen Sprache, als Sir Mungo Malagrowther ploͤtzlich ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Dieſes liebenswuͤrdige Individuum hatte ſich auf einige Augenblicke von der Geſellſchaft in die Vertie⸗ fung eines hervorſpringenden Fenſters zuruͤckgezogen, von wo aus man den Blick auf die Hausthuͤr und auf die Straße hatte. Dies waren Sir Mungos Lieblingsplaͤtze, vermuthlich deshalb, um die Stra⸗ ßenſcenen einer Hauptſtadt, die gewohnlich den Spleen eines Mannes von ſeiner Gemuͤthsart anzuſprechen pflegen, zu beobachten. Was er bis dahin vorbei⸗ paſſiren ſah, war vermuthlich unbedeutend geweſen; jetzt aber hoͤrte man vor dem Hauſe Pferdegetrappel, und ploͤtzlich rief der Ritter aus:„Meiner Treu, Mei⸗ ſer Georg, ihr thätet beſſer, in eurem Laden zuzuſe⸗ n hier kommt Knighton, des Herzogs von 157 Buckingham Stallmeiſter und zwei Reitknechte hin⸗ ter ihm, als ob es der Herzog ſelbſt waͤre.“ „Mein Caſſirer iſt unten,“ erwiederte Heriot, vhne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen;„er wird mich wiſſen laſſen, ob Sr. Gnaden daß ich mich ſelbſt einfinden ſoll.“ „Hm!— der Caſſirer?“ murmelte Sir Mungo zwiſchen den Zaͤhnen,„der wuͤrde ein leichtes Ge⸗ ſchaͤft gehabt haben, als ich euch zuerſt kennen lernte; aber,“ fuhr er mit lauterer Stimme fort,„wollt ihr nicht wenigſtens ans Fenſter kommen? denn Knighton hat ein ſilbernes Gefäß in euer Haus ge⸗ rollt— ha! ha! ha! als ob es ein Tonnenreif waͤre, ich muß uͤber dieſes 4 b Unverſchaͤmtheit la⸗ chen.“ „Ich glaube, ihr könntet das Lachen nicht laſſen,“ ſagte Heriot, das Zimmer verlaſſend;„wenn euer beſter Freund in den letzten Zuͤgen läge.“ „Das war bitter, Mylord,“ ſagte Sir Mungo zu Nigeln gewandt,„unſer Freund iſt nicht umſonſt ein Goldſchmidt,— er hat keinen bleiernen Witz⸗ — aber ich will doch Wbse und ſehen, was daraus wird.“ Als Heriot die Treppe hinunter kam, begegnete ihm ſein Caſſirer mit etwas verlegener Miene,„nun Roberts,“ ſprach der Goldſchmidt,„was ſoll das Alles bedeuten?“„es iſt Knighton, in Dienſten 158 Herzogs; er kommt von Hoſe, und brachte das große ſilberne Gefäß zuruͤck, welches ihr nach Whitehall mitnahmt; er warf es in die Hausthuͤre, als waͤre es eine alte zinnerne Schuͤſſel, und trug mir auf⸗ euch zu ſagen, der Koͤnig wolle nichts von eurem Plunder haben. 7 „Ey! nichts von meinem Plunder?“ viet 6 riot,„kommt mit mir in mein Comptoir, Roberts.“ —„Sir Mungo,“ fuͤgte er mit einer Verbeugung ge⸗ gen den Ritter hinzu, der im Begriff war, ihm zu folgen,„ich bitte um Verzeihung, wenn ich euch auf einige Augenblicke verlaſſe.“ Kraft dieſes Verbots ſah ſich Sir der ſo wie der Reſt der Geſellſchaft einiges von dem zwi⸗ ſchen Heriot und ſeinem Caſſirer Vorgefallenen mit angehoͤrt hatte genoͤthiget, im äußeren Geſchaͤſtszim⸗ mer zu warten, wo er hatte verſuchen wollen, ſeine heftige Neugier durch Knightons Ausforſchung zu be⸗ friedigen. Allein dieſer Senvling herzoglicher Groͤße, war, nachdem er der Boiſchaft ſeines Gebieters noch etwas von ſeiner eigenen Grobheit beigefugt hatte, mit ſeinen Begleitern ſchon weſtwaͤrts davon geritten. Inzwiſchen hatte der Name des Herzogs von Buckingham, des allmächtigen Guͤnſtlings des Koͤ⸗ nigs und des Prinzen von Wallis, den im Geſell⸗ ſchaftszimmer zuruͤckgebliebenen Perſonen einige Be⸗ wraniß eingeſloßt; der Herzog war mehr gefuͤrchtet 4 als beliebt, uns man hielt ihn fuͤr einen, wenn auch nicht entſchieden despotiſcugæM wenigſtens ſür ei⸗ nen uͤbermuͤthigen, heftigen und rachſuchtigen Mann. Für Nigels Herz war der Gedanke peinlich, daß er ſelbſ, ohne jedoch zu begreiſen, auf welche Weiſe, vielleicht die urſprungliche Urſache des herzoglichen Unwillens gegen ſeinen Wohlthaͤter geweſen ſeyn koͤnnte. Die uͤbrigen machten fliſternd ihre Com⸗ mentare, bis envlich auch einige Toͤne derſelben Ramſeys Ohr erreichten, der kein W Wot von dem fruher Vorgefallenen gehoͤrt hatte, ſondern vertieft in Nachdenken uͤber ſeine Studien, die ihn allent⸗ halben begleiteten, blos die aufgefangenen Stichworte wiederholte:„der Herzog— Georg Villiers— Her⸗ zog von Buckingham— ich babe mit Lambe uͤber ihn geſprochen—“. „Mein Gott! Vater, wie könnt ihr ſo reden? 2 fiſterte ihm ſeine Tochter zu, die verſchlagen genug war, einzuſehen, daß der Alte hrpale Seiten beruͤhre. „Aber mein Kind,“ erwiederte Ramſey⸗„weißt du denn nicht, daß die Geſtirne ſich nur neigen, aber keine Triebkraft haben? und doch iſt es dir bekannt, daß diejenigen, welche die Kunſt verſtehen, Nativi⸗ täten zu ſtellen, von Sr. Gnaden dem Herzog aus — *) Georg Villiers war der Familienname dieſes nach Robert Carr's Sturz zum Herzog von Buckingham erhobenen Günſt⸗ lings Jacobs I. und Carls I. d. U. 160 einer merkwuͤrdigen Conſtellation des Mars und Sa⸗ turn geurtheilt haben⸗— deren wahrer oder anſchei⸗ nender Zeitpunkt, wenn man des Eichſtadius Berech⸗ nungen, worin die Breite von Dranienburg ange⸗ nommen iſt, auf die von London reducirt, ſieben Stunden fuͤnf und funfzig Minuten und ein t vierzig Sekunden giebt“— „Schweigt, alter Wahrſager!“ ſiel Heriot ein, der in dieſem Augenblicke mit ruhiger Miene und fe⸗ ſter Haltung herein trat;„eure Berechnungen uͤber Metall und mechaniſche Kraͤfte ſind ohne Zweifel rich⸗ tig und unbeſtreitbar; allein kuͤnſtige Creigniſſe haͤn⸗ gen von dem Willen desjenigen ab, der die Herien der Koͤnige in Haͤnden traͤgt.“ „Aber Georg,“ erwiederte der Uhrmacher,„es war bei der Geburt dieſes Herrn ein Zuſammentref⸗ fen ſolcher Vorzeichen, welche andeuteten, ſeine Lauſ⸗ bahn wuͤrde ſehr außergewoͤhnlich ſeyn. Schon lan⸗ ge hat man von ihm geſagt, er ſey gerade im Mo⸗ ment des Wechſels zwiſchen Nacht und Tag gebo⸗ ren, womit ſich gewiſſe andere Conſtellationen durch⸗ kreuzten, die ſowohl auf uns als auf ihn Einfluß haben können. So hat man auf ihn den Vers ge⸗ macht: „Bei boher Fluth und Vollmondſchein, Sahſt du die Welt. Groß wirſt du ſeyn; Doch röthlich ging die Sonne auf; und blutig endet einſt dein Lauf.“ 161 ———— „Es iſt nicht gut von ſolchen Dingen zu ſpre⸗ chen,“ ſagte Heriot,„insbeſondere wenn von den Großen die Rede iſt; Waͤnde haben Ohren, und ein Vogel in der Luſt kann eine Sache unter die Leute bringen.“ Mehrere unter den Gäſten ſchienen der Mei⸗ nung des Wirths zu ſeyn; die beiden Kaufleute nah⸗ men in der Kuͤrze Abſchied, als ob ſie ahneten, daß hier Etwas nicht waͤre, wie es ſeyn ſollte. Miß Mar⸗ garethens harrte ſchon ihre Leibgarde von Lehrbur⸗ ſchen; ſie zupfte daher ihren Vater beim Rocke und befreite ihn dadurch von duͤſtern Gedanken;(ob ſie ſich auf die Raͤder der Zeit oder des Schickſals bezogen, iſt ungewiß.) Sie wuͤnſchte ihrer Freundin, Miſtreß Judith gute Nacht, empfing den Segen ihres Pa⸗ then, der zu gleicher Zeit einen geſchmackvollen Ring von einigem Werthe an ihren niedlichen Finger ſteck⸗ te; denn ſelten entließ er ſie ohne ein Zeichen ſeiner Zuneigung; ſo beſchenkt begab ſie ſich, begleitet von ihrer Bedeckung, in die Fleet⸗Straße. Sir Mungo hatte dem Meiſter Heriot Lebewohl geſagt, als dieſer aus dem Comptoir zuruͤckkam; allein ſo ſehr intereſ⸗ ſirten ihn die Angelegenheiten ſeines Freundes, daß er ſich, als Meiſter Georg wieder zur Geſellſchaft ging, nicht enthalten konnte, im Allerheiligſten zu⸗ zuſehen, womit ſich Heriots Caſſirer, Roberts be⸗ ſchaͤftige. Der Ritter ſand ihn chaͤtig, Auszuͤge zu 1¹ 162 machen, aus jenen coloſſalen, in Leder gebundenen, mit metallnen Spangen verſehenen handſchriftlichen Foliobaͤnden, die der Stolz und das Vertrauen des Kaufmanns und der Schrecken ihrer Kunden ſind, wenn das Creditjahr abgelaufen iſt. Der gute Rit⸗ ter lehnte ſich mit dem Ellbogen auf den Schreibtiſch und redete den Caſſirer im Tone des Bedauerns mit den Worten an:„Ich fuͤrchte, ihr habt eine gute Kunde verloren, lieber Roberts, und ſeyd beſchaͤf⸗ tigt, die Rechnung eures bisherigen Kundmanns zu ertrahiren.“ Zufällig war Roberts, wie Sir Mungo ſelbſt, etwas taub, und wußte dies eben ſo wie Letzterer ſehr zweckmaͤßig zu verkehrten Antworten zu be⸗ nutzen.„So? ihr verlangt eure Rechnung, Sir Mungo? ich bitte um Verzeihung, daß ich ſie nicht fruͤher eingeſchickt habe, aber mein Meiſter befahl mir, euch nicht fruͤher zu belaͤſtigen; doch ich will in einem Augenblick eure Rechnung ausziehen.“ Mit dieſen Worten begann er auf der Stelle, die Blätter ſeines verhaͤngnißvollen Buches umzuſchlagen, und murmelnd herzuleſen:„Ausbeſſerung eines ſilbernen Petſchafts,— ein neuer Haken in ſeine Amtskette, — ein vergoldeter Zierrarh fuͤr ſeinen Hut, beſtehend in einem Andreaskreuz mit Diſteln,*)— ein kupfer⸗ *) Eine bekannte Wappen⸗ und DOrdensverzierung. d. u. 163 nes, vergoldetes Paar Sporen,(Notabene an den Guͤrtler Daniel Driver abzugeben, mit der Bemer⸗ kung, daß wir uns mit dieſen Artikeln nicht beſchäf⸗ tigen.)“ So wuͤrde es noch weiter fortgegangen ſeyn wenn nicht Sir Mungo, keinesweges beabſichtigend, die Vorleſung ſeines eignen Schuldenverzeichniſſes anzuhoͤren und noch weniger darauf vorbereitet, ſie auf der Stelle zu bezahlen, dem Buchhalter ohne Umſtande gute Nacht gewuͤnſcht, und das Haus ver⸗ laſſen häͤtte. Der Schreiber ſah ihn mit jenem in der City uͤblichen, halb hoͤflichen, halb ſpoͤttiſchen Laͤcheln nach, und ging ſogleich wieder an ſeine ern⸗ ſteren Arbeiten, welche Sir Mungo's Zudringlichkeit unterbrochen hatte. 5 Siebentes Kapitel. Als der Reſt der Geſellſchaft vom Meiſter Heriot Abſchied genommen hatte, machte auch der junge Lord Glenvarloch Miene, ſich zu entſernen; allein der Wirth hielt ihn noch einige Minuten zuruͤck, bis Alle, mit Ausnahme des Geiſtlichen, ſich entfernt hatten. „Mylord,“ ſo redete ihn dann der rechtſchafſe⸗ ne Buͤrger an:„Wir haben jetzt unſre erlaubte 3 6 164 Stunde zu anſtandigen Zeitvertreiben benutzt; jetzt wuͤnſchte ich euch zu einem andern ernſteren Zwecke noch etwas zuruͤck zu halten,— einem Zwecke, den wir gewoͤhnlich zu erreichen ſtreben, wenn wir des Vortheils der Geſellſchaft des guten Geiſtlichen, des ehrwuͤrdigen Herrn Windſor genießen, der uns dann Abends, bevor wir ſcheiden, das Kirchengebet vorzu⸗ leſen pflegt. Euer trefflicher Vater, Mylord, wuͤr⸗ de nie vor dem Familiengottesdienſte heimgegangen ſeyn. Ich hoffe von Ew. Lordſchaft das wämliche.“ „Mit Vergnuͤgen Sir, folge ich ſeinem Bei⸗ ſpiele,“ antwortete Nigel und ihr erhoͤht durch dieſe Einladung die Verbindlichkeiten, mit denen ihr mich uͤberhaͤuft habt. Wenn junge Leute vergeſſen, was ihre Pflicht iſt, ſo ſind ſie denen, welche ſie daran et⸗ innern, den groͤßten Dank ſchuldig.“ Waͤhrend beide ſo untereinander ſprachen, hat⸗ te der Bediente die Tafeltiſche weggeräumt, ein trag⸗ bares Leſepult hergeſetzt, und fuͤr den Herrn, die Hausftau und den vornehmen Gaſt Stuͤhle und Kniepolſter herbeigebracht. Ein anderer niederer Stuhl oder vielmehr eine Art von Schemel wurde dicht neben den Stuhl des Meiſter Heriot geſetzt; und obgleich dieſer Umſtand an und für ſich unerheb⸗ lich war, ſo bemerkte ihn doch Nigel, weil er, im Begriff⸗ ſich auf dieſen niedrigen Seſſel nieder zu laſſen, durch ein Zeichen des Hausherrn daran ver⸗ ——— * — 165 hindert und ihm ein etwas erhoͤhterer Sitz angewie⸗ ſen ward. Der Geiſtliche trat hinter das Leſepult. Die Hausbevienten,— eine bedeutende Anzahl von Schreibern und Bedienten,— wohnten, mit Inbe⸗ griff von Moniplies, mit großer Andacht auf Ban⸗ ken dem Gottesdienſte bei. Nachdem die ganze Haushaltung auf pli⸗ zen ſich niedergelaſſen und wenigſtens im Aeußern eine andaͤchtige Haltung angenommen hatte, vernahm man ein leiſes Klopfen an der Stubenthuͤr. Tante Judith warf einen aufmerkſam fragenden Blick auf ihren Bruder, der mit ernſtem Kopfnicken die Augen bejahend gegen die Thuͤr wandte. Judith offnete ſogleich die Thuͤr und fuͤhrte ein ſchoͤnes weibliches Geſchoͤpf herein, deſſen außergewoͤhnliche Geſtalt man faſt fuͤr eine Erſcheinung haͤtte halten ſollen. Dies uͤberirrdiſche Weſen war todtenblaß,— ohne das mindeſte Leben verkuͤndende Incarnat auf ihren treff⸗ lich geformten Zügen. Ihr langes, ſchwarzes Haar fiel glatt und regelmaͤßig geordnet von ihren Schul⸗ tern und den Ruͤcken hinab, jedoch ohne den minde⸗ ſten Anſchein von Verzierung, welches einen außer⸗ gewöhnlichen Anblick gewaͤhrte, zu einer Zeit, als alles eine oder die andere Gattung von Kopfputz trug. Ihr Anzug war ganz weiß, von der einfach⸗ ſten Form, und verhuͤllte ihre ganze Perſon, aus⸗ genommen den Hals, das Geſicht und die Haͤnde. Ihr Wuchs war mehr unter als uͤber der mittle⸗ ren Große, jedoch von ſo ſchonen Verhaͤltniſſen, und von ſo anmuthsvoller Form, daß ihr Anſchaun den Mangel einer hohen Geſtalt gänzlich vergeſſen ließ⸗ Im Widerſpruch mit der großen Einfachheit des Reſts ihres Anzuges trug ſie ein Halsband von ſo großen und glaͤnzenden Edelgeſteinen, daß eine Her⸗ zogin es haͤtte beneiden koͤnnen, und einen faſt eben ſo koſtharen Guͤrtel von Rubinen. Als ſie ins Zimmer trat, warf ſie ihre Augen auf Nigel, und machte eine Pauſe, als waͤre ſie un⸗ gewiß, ob ſie hervortreten oder ſich wieder zuruͤckzie⸗ hen ſolle. Doch ſchien dieſer Blick mehr Ungewiß⸗ heit und Unentſchloſſenheit, als Schuͤchternheit und Furchtſamkeit zu verrathen. Tante Judith ſaßte ſie bei der Hand, und fuͤhrte ſie langſamen Schritts vorpaͤrts; noch immer blieben ihre ſchwarzen Augen auf Nigeln geheftet, mit einem Ausvruck von Schwer⸗ muth, der ihn ſeltſam ergriff. Selbſt, als ſie auf dem ledig gebliebenen Seſſel, der, wie es ſchien, fuͤr ſie in Bereitſchaft geſtellt war, Platz genommen hatte, betrachtete ſie den Lord mehr als einmal mit dem nämlichen gedankenvollen, ſchmachtenden und dabei ſorglichen Ausdrucke, jedoch auch jetzt ohne alle Bloͤ⸗ digkeit oder Verlegenheit, ſo, daß auch nicht die mindeſte Veraͤnderung ihrer Geſichtsfarbe zu bemer⸗ ken war. — 167 ———— Sobald ſie ihr Gebetbuch zur Hand genommen hatte, ſchien ſie in Andacht verſunken; und wenn gleich Nigels Aufmertſamkeit auf den Gottesdienſt durch dieſe außerordentliche Erſcheinung ſo ſehr ge⸗ ſtoͤrt war, daß er im Laufe deſſelben ſie wiederholt an⸗ blickte, ſo konnte er doch nie wahrnehmen/daß ihreAugen oder ihre Gedanken auch nur einen einzigen Moment von dem Gegenſtande, der jetzt ganz ſie beſchaͤftigte, abſtreifte. Weit minder aufmerkſam war Lord Nigel; denn ſo außergewoͤhnlich duͤnkte ihm die Erſcheinung dieſer Dame, daß ſeine Gedanken, trotz der ehrfurchtsvol⸗ len Andacht waͤhrend des Gottesdienſtes, wozu ihn ſein Vater aufs ſtrengſte gewoͤhnt hatte, durch die Gegenwart der ſchoͤnen Ueberirrdiſchen abgelenkt wur⸗ den und er das Ende der Gebete ernſtlich wuͤnſchte, um ſeine Neugierde befriedigen zu koͤnnen. Endlich ſchloß der Geiſtliche den Gottesdienſt, und nachdem jeder nach der erbaulichen und anſtaͤndigen Sitte der Kirche einige Momente in ſtille Andacht verſunken geblieben war, erhob ſich die geheimnißvolle Erſchei⸗ nung zuerſt von ihrem Sitze, und Nigel bemerkte, daß ſelbſt keiner von den Hausbedienten ſich von der Stelle bewegte, bevor ſie ſich auf ein Knie vor Heriot niedergelaſſen hatte, der ſie mit Auflegung der Hand, und ſchwermuͤthig feierlicher Miene und Be⸗ wegung zu ſegnen ſchien. Dann verbeugte ſie ſich⸗ jedoch ohne zu knien, vor der Tante Judith und ver⸗ 168 —— ließ das Zimmer, indem ſie im Augenblick des Schei⸗ vens ihr durchdringendes Auge mit feſtem Blick auf Nigeln wandte, ſo, daß er ſich gedrungen fuͤhlte, das ſeinige zur Seite zu wenden. Als er noch ein⸗ mal den Blick auf ſie richtete, ſah er nur noch den Saum ihres weißen Gewandes im Augenblick des Scheidens. Jetzt erſt entfernte ſich die Dienerſchaft;— Wein, Fruͤchte und Eingemachtes wurde Lord Nigeln und dem Geiſtlichen vorgeſetzt, und der Letztere empfahl ſich. Gern haͤtte der junge Lord ihn begleitet, in der Hoffnung, uͤber die Erſcheinung jener himmliſchen Geſtalt einige Aufklaͤrung zu erhalten, aber ſein Wirth erſuchte ihn, noch einige Worte in ſeinem mit ihm reden zu duͤrſen. „Ich hoffe, Mylord,“ ſo redete ihn der Buͤr⸗ ger an,„daß eure Vorbereitungen, den Hof zu be⸗ ſuchen, ſo weit gediehen ſind, daß ihr uͤbermorgen dort erſcheinen koͤnnt. Dies iſt vielleicht auf einige Zeit der letzte Tag, wo Se. Majeſtäͤt offnen Hof fuͤr diejenigen halten wird, die durch Geburt, Rang, oder Aemter Anſpruͤche haben, ihm aufzuwarten. Denn am naͤchſifolgenden Tage wird er nach Theo⸗ balds abgehen, wo ihn die Jagd und andere Ver⸗ gnuͤgungen ſo ſehr beſchäͤftigen, daß ihm dort jede Vorſtellung laͤſtig iſt.“ „In Hinſicht meiner äußern Einrichtung werde — — 169 ich in Bereitſchaft ſeyn, dem Koͤnige meine Schul⸗ digkeit zu bezeigen,“ entgegnete der junge Lord; „und dennoch habe ich kaum den Muth dazu. Die Freunde, deren Pflicht es geweſen waͤre, mich dazu aufzumuntern und mich zu ſchutzen, haben ſich kalt und hinterliſig gegen mich benommen. Warlich! nicht an ſie werde ich' mich wegen meiner Einfuͤh⸗ rung und Vorſtellung wenden;— und doch muß ich meine kindiſche Abneigung geſtehen, eine mir ſo neue Scene ganz allein zu betreten.“ „Wenn es von einem Handwerker, wie ich, nicht zu kuͤhn iſt, einem Mitgliede des hohen Adels einen ſolchen Antrag zu machen,“ verſetzte Heriot,„ſo er⸗ ſuche ich euch, Mylord, zu erwaͤgen, daß ich mor⸗ gen nach Hoſe muß, und euch vermoͤge meines Vor⸗ rechts als Hausbeamter bis ins Audienzzimmer be⸗ gleiten, auch eure Vorſtellung erleichtern kann, wenn ſie Schwierigkeit finden ſollte. Auch bin ich im Stande, die Zeit und Weiſe, wann und wie ihr dem Koͤnige am zweckmaͤßigſten nahen koͤnnt, auszuforſchen. Doch weiß ich nicht,“ fuͤgte er läͤchelnd hinzu,„ob nicht dieſe kleinen Vortheile durch die Unſchicklichkeit uͤbet⸗ wogen werden, ſie aus den Haͤnden eines alten Gold⸗ chmidts anzunehmen.“ „Sagt lieber: aus den Haͤnden des einzigen Freundes, den ich in London gefunden habe,“ er⸗ wiederte Nigel mit einem Häͤndedruck. 170 „Nun, wenn ihr ſo uͤber die Sache denkt,“ verſetzte der rechtſchaffne Buͤrger,„ſo bleibt nichts weiter daruͤber zu verabreden.— Ich will euch morgen in einer fuͤr den vorliegenden Fall paß⸗ lich eingerichteten Barke abholen.— Aber erinnert euch, mein guter junger Lord, daß ich nicht, wie an⸗ dere Leute meines Standes, die Gelegenheit wahr⸗ zunehmen wuͤnſche, mich über denſelben zu erheben und mich Vornehmeren beizugeſellen. Seyd daher keinesweges beſorgt, meinen Stolz zu kraͤnken, wenn ihr euch dort, wo es fuͤr uns beide paßlich iſt, etwas von mir entfernt haltet oder euch von mir trennt. Ue⸗ brigens werde ich mich ſchon dadurch wahrhaft gluͤck⸗ lich fuͤhlen, wenn ich dem Sohne meines alten Be⸗ ſchutzers Dienſte leiſten kann“ Der Ton dieſer Unterhaltung lenkte den jun⸗ gen Lord ſo weit ab von dem Gegenſtande ſeiner Reugier, daß es kein Mittel gab, an jenem Abende auf denſelben zuruͤckzukommen. Mit Dank und Gruß ſchied er daher von Heriot, unter dem Verſprechen, am uͤbermorgenden Vormittage um 10 Uhr zur Be⸗ ſteigung der Barke in Bereitſchaft zu ſeyn. Die Zunft der Fackelträger, welche Graf Anton Hamilton als eine Eigenthuͤmlichkeit Londons be⸗ ruhmt gemacht hat, hatte bereits unter Jacobs I. Regierung ihre Amtsverrichtungen begonnen; und es war einer vieſer Leute mit ſeiner rauchenden Fak⸗ — kel beſtellt worden, um dem jungen ſchottiſchen Lord und ſeinem Diener zu Hauſe zu leuchten. Die Ge⸗ fahr, dennoch irre zu gehen, gab dem verſchlagenen Richard einen Vorwand, ſich ſeinem Herrn enge an⸗ zuſchließen, nachdem er ſeinen linken Arm durch den Handgriff ſeines Haudegens geſteckt, und die Klinge in der Scheide geluͤftet hatte, um auf alle Faͤlle zur Vertheidigung bereit zu ſeyn. „Haͤtte nicht jener alte Mann,“ ſo ſprach der weiſe Bediente zu ſeinem Herrn,„uns ſo trefflich bewirthet, und kennte ich ihn nicht dem Rufe nach als einen in mehrerer Hinſicht rechtſchaffenen Mann und als eine aͤchte Edinburger ehrliche Haut, ſo haͤtte ich Luſt gehabt zu unterſuchen, wie ſeine Fuͤße beſchaffen ſind, und ob nicht unter ſeinen mit Bandroſen ge⸗ zierten corduanenen Schuhen ein Pferdeſuß verbor⸗ gen iſt.“ „Wie, du Schurke,“ entgegnete Nigel,„du biſt ſo guͤtig bewirthet und jetzt, da du deinen gefraͤßi⸗ gen Magen gefuͤllt haſt, ſpotteſt du uͤber den guten Mann, der dir Wohlthaten erzeigte.“ „Haltet zu Gnaden Mylord,“ verſetzte Ri⸗ chard,„ich moͤchte nur etwas Näheres von ihm wiſ⸗ ſen. Freilich habe ich an ſeinem Tiſche gegeſſen. Schande genug, daß ſeines Gleichen Mahle zu ſpen⸗ den haben, waͤhrend Ew. Lordſchaft und ich uns fuͤr 172 eigne Rechnung kaum Haferkuchen*) verſchaffen konn⸗ ten. Ich habe auch ſeinen Wein getrunken.“ „Das ſehe ich,“ fiel ſein Herr ein,„und zwar W weit mehr, als du hatteſt thun ſollen.“ „Haoltet zu Gnaden, Mylord,“ entgegnete Ri⸗ chard, ich habe nur mit dem muntern Lehrburſchen Jenkin aus bloßer Dankbarkeit fur ſeine neuliche Guͤte fuͤr mich einen Becher geleert. Doch leugne ich nicht, daß ich ihm uͤberdies das gute alte Volkslied von Elſe Marley vorgeſungen habe, was er noch nie ge⸗ hoͤrt hatte.“— Und dabei begann er das Lied lu⸗ ſtig zu wiederholen: Sagt, kennt ihr Elſe Marley nicht? Seht! ſie verkauft jetzt Gerſtenkuchen: Denn viel zu ſchön ward ihr Geſicht, um noch im Viehſtall ſie zu ſuchen. Sagt, kennt ihr Elſe Marley nicht? Hier ward der Saͤnger durch einen derben Rip⸗ penſtoß von ſeinem Herrn unterbrochen, mit der Dro⸗ hung, ihn tuͤchtig durchzupruͤgeln, wenn er ihn vurch ſeine unzeitigen Melodien der Gefahr ausſetze, dem Nachtwächter in die Haͤnde zu fallen. „Ich bitte von ganzem Herzen um Vergebung, Nylord! Wenn ich an den luſtigen Jin Vin denké, *) Ein beliebtes Nahrungsmittel unter den niedern Ständen Schottlands iſt Hafer- und Gerſtenkuchen. d. U. wie ſie ihn nennen, ſo kann ich unmoͤglich unterlaſ⸗ ſen das Lied von der Elſe Marley zu trällern.“ „Nun laß das Singen,“ ſagte Nigel,„und ſchwatze nur lieber fort; denn du kannſt es doch ein⸗ mal nicht laſſen. Sag' mir einmal, was haſt du denn gegen Meiſter Heriot?“ Es ſcheint mehr als daß der junge Lord durch Ertheilung der Erlaubniß zum Schwatzen ſeinem Diener Gelegenheit geben woblte, auf die junge Dame zu kommen, die beim Gebet auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe hereingetreten war. Mochte dies nun der Fall ſeyn oder mochte er blos beabſichtigen, daß Richard ſeine fröhliche Laune nicht in laͤrmendem Geſange, ſondern in leiſem Geſchwaͤtz auslaſſen möchte, ſo iſt ſo viel gewiß, daß er ſeinem Diener erlaubte, ſeine Erzählung in ſeiner eignen Manier fortzuſetzen. „5 Fuͤr mein Leben gern moͤcht' ich wiſſen,“ fuyr Moniplies, die Erlaubniß benutzend, fort,„was fur ein Kerl dieſer Meiſter Heriot iſt. Er hat Ew. Lordſchaft, wie ich gemerkt habe, mit einer Menge Goldes ausgeholſen; und hat er dies gethan, ſo iſt nichts gewiſſer, als daß er, wie es in der Welt geht, ſeinen beſondern Zweck dabei hatte. Hättet ihr nun uͤber eure ſchoͤnen Laͤndereien zu ſchalten, Mylord⸗ ſo wuͤrde ohne Zweifel dieſer Mann, ſo wie die mei⸗ ſien ſeines Handwerks, die man Goldſchmiede, das 174⁴ iſt ſo viel als Wucherer, nennt, ſehr froh ſeyn, jeden Acker ergiebigen Schottiſchen Landes gegen eben ſo viele Pfunde Africaniſchen Staubes, worunter ich Gold verſtehe, einzutauſchen.“ „Aber du weißt, ich habe kein Land,“ ent⸗ gegnete der junge Lord;„wenigſtens keines, worauf ich jetzt rechtsverbindliche Schulden machen kann;— ich daͤchte, du haͤtteſt nicht noͤthig, mich daran zu erinnern.“ „Das iſt wahr, Mylord, ſehr wahr. Wenn nun alſo Meiſter Heriot als Beweggrund ſeiner Frei⸗ gebigkeit nicht etwas ganz anderes als den Beſitz eu⸗ rer Guͤter anzufuͤhren hat, da er durch den Beſitz eu⸗ rer Perſon wenig gewinnen konnte, warum ſollte es denn nicht eure Seele ſehn, die er zu erjagen ſtrebte.“ „Meine Seele? Du Schurke!“ rief Nigel; „was ſollte ihm meine Seele helfen?“ „Was weiß ich davon?“ verſetzte Richard. „Der Boͤſe gehet umher wie ein bruͤllender Löwe, und ſuchet, welchen er verſchlinge. Ohne Zweifel traͤgt er Verlangen nach dem Futter, welchem er ſo gierig nachſtrebt,— und Mylord, man ſagt,“ fuͤgte WMoniplies, ſich nahe an ſeinen Herrn vraͤngend, le ſer hinzu,„man ſagt, Meiſter Heriot habe ſchon eine arme Seele in ſeinem Hauſe.“ „Was willſt du damit ſagen?“ ſragte Nigel. „Ich will dir den Kopf zerſchlagen, du betrunkener —— 75 Schurke, wenn du mich noch einen Augenblick län⸗ ger zu Beſten haſt. „Betrunken!“ verſetzte der Diener,„wie konnte ich es abſchlagen, Cw. Lordſchaft Geſundheit zu trin⸗ ken, als Jenkin ſie mir zubrachte? Wehe dem, der mir dies abgeſchlagen hätte! Ich wuͤrde ihm Naſe und Ohren abgehaen haben. Was aber den Geiſt anbetrifft, den Meiſter Heriot im Hauſe hat, ſo hat Cw. Lordſchaft ihn mit eignen Augen geſehen.“ „Ich ſah keinen Geiſt,“ entgegnete Lord Glen⸗ varloch; doch fragte er in einem Tone, als ob er ir⸗ gend eine ſeltſame Aufloͤſung erwarte:„was willſt du mit dieſem Geiſte ſagen?“ „Ihr ſaht eine junge Dame zum Gebet herein⸗ treten, die Niemandem ein Wort zuſprach, ſondern einzig dem alten Herrn und der Hausfrau zunickte und ſich gegen ſie verbeugte. Wißt ihr, wer ſie iſt?“ „Nein— ohne Zweifel iſt es eine Angehoͤrige der Familie.“ „Den Henker auch!“ verſetzte haſtig Moniplies; „kein Blutstropfen von Heriots Familie fließt in ih⸗ ren Adern, wenn ſie anders einen Tropfen Blut im Koͤrper haͤtte, ich will euch blos wievererzählen, was alle Leute in Umkreiſe der Lombardſtraße ſagen; die⸗ ſes Frauenzimmer oder, wie ihr es ſonſt nennen wollt, iſt ſeit vielen Jahren koͤrperlich kodt geweſen; obgleich ſie ſich, wie wir geſehen haben, ſelbſt bei den Gbt⸗ 4761 tesberehrungen der Familie einfindet.“—„Dann wirſt du doch wenigſtens geſtehen, daß ſie ein guter Geiſt iſt,“ verſetzte Nigel,„da ſie einen ſolchen Zeit⸗ punct waͤhlt, ihre Freunde zu beſuchen.“ „Das weiß ich nicht, Mylord,“ entgegnete der aberglaͤubiſche Diener;„ich bin gewiß, daß kein Geiſt es gewagt haben wuͤrde, den ehrenfeſten John Knor zu nahe zu kommen,“) dem mein Vater in ſeinen ſchlimmſten Tagen beiſtand, als er verfolgt ward vom Hofe, welcheni, wie ihr wißt, mein Vater das Fleiſch lieferte. Aber jener Geiſtliche dort in Heriots Hauſe hatte ein andres Anſehn, ungefaͤhr ſo wie der viel⸗ geltende Rollock und David Black aus Nord⸗Leith und andre ihres Gleichen.— Ach du großer Gott, wer weiß, ob ſolche Gebete, wie die Suͤdmenſchen**), aus ihren alten ſchwarzen Meßbuͤchern leſen, nicht eben ſo große Macht haben, den boͤſen Feind herbei⸗ zurufen, als ein aufrichtiges, aus warmen Herzen *) John Knox, einer der heftigſten Vertheidiger der Reforma⸗ tion, hatte bei ſeiner Rückkehr in ſein Vaterland Schottland, Calvins Reformationsweiſe dort eingeführt. Er war durch unerſchütterliche Characterloſigkeit und tnbiegſamkeit ganz geeig⸗ net, in die Fußtapfen ſeines Meiſters zu treten und reizte die Schotten zum Aufruhr, der endlich die Entthronung der unglücklichen Maria und deren verhängnißvolle Flucht in das Gebiet ihrer eiferſüchtigen Rebenbuhlerin zur Folge hatte. *) Schimpfname, welchen die Schotten den Engländern geben. d. U⸗ 7 ——— kommendes Gebet zur Vertreibung deſſelben, ſo wie er durch den Geruch der Fiſchleber aus der Brautkam⸗ mer vertrieben ward;— eine bibliſche Geſchichte, deren Wahrheit ich uͤbrigens mit Andern, die gelehr⸗ ter ſind, als ich, bezweifle“*). „Schon gut,“ rief Nigel ungeduldig;„wir ſind jetzt nicht weit von Hauſe und ich habe dir er⸗ laubt, ein fuͤr allemal von dieſer Sache zu ſprechen, um deinen Thorheiten und aberglaͤubiſchen dummen Einfaͤllen ein Ende zu machen. So ſag' denn: fuͤr wen wird jene Dame von dir oder deinen abge⸗ ſchmackten Berichterſtattern gehalten?“ „Daruͤber kann ich nichts genaues ſagen,“ ant⸗ wortete Moniplies;„ſo viel iſt gewiß, daß ihr Koͤr⸗ per ſchon vor langer Zeit geſtorben, und ins Grab gelegt iſt, demungeachtet aber noch immer auf Erden herumwandelt und insbeſondere unter Meiſter Heriots Familie; obwohl auch Andere, die ſie genau kann⸗ ten, ſie an mehrern Orten geſehen haben. Wer ſie aber iſt, und wie es zugeht, daß ſie gleich einem hoch⸗ laͤndiſchen Geſpenſte fuͤr gewiſſe Familien beſondere Anhaͤnglichkeit hat, das weiß ich nicht zu ſagen. Man *) Dieſer ganze Satz bezieht ſich auf den damals, vorzüglich unter den niedern Ständen in Schottland aufs höchſte getrie⸗ benen Haß der Puritaner gegen die Episcopalen, die in ihrem Ritus noch viele Ueberbleibſel des Catholicismus beibehalten hatten und noch jetzt demſelben in manchen Stücken nahe kom⸗ men. 5. 12 — ſagt, ſie hat eine Reihe eigner Zimmer, ein Vorzim⸗ mer, Beſuchzimmer und Schlafzimmer; aber ſie mag den Henker in einem andern Bette ſchlafen, als in ihrem Sarge, und die Waͤnde, Thuͤren und Fenſter ſind ſo dicht gemacht, daß durch keine Ritze Tages⸗ licht hereinzudringen vermag, ſo daß ſie nur bei Fackel⸗ ſchein ſehen kann.“— „Wozu das, wenn ſie ein Geiſt iſt?“ fragte Nigel.. „Wie kann ich das Ew. Lordſchaft erklären? Ich danke Gott, daß ich ihren Geſchmack nicht kenne. Nur weiß ich, daß ſie ihren Sarg bei ſich hat; und Ew. Lordſchaft wird ſich eben ſo wenig erklaͤren kön⸗ nen, was ein lebendiger Menſch mit einem Sarge, als was ein Geiſt mit einer Laterne zu thun hat.“ „Welchen Grund,“ fragte Nigel weiter,„kann ein ſo junges, ſchoͤnes Geſchoͤpf haben, ſchon jetzt ihre letzte Ruheſtätte unaufhorlich vor Augen zu ſehen?“ „Meiner Treu! ich weiß es nicht, Mylord; aber Leute, die den Sarg ſahen, erzählten mir, daß er aus Ebenholz verſertigt, mit ſilbernen Naͤgeln be⸗ ſchlagen und mit ſchwerem Damaſt gefuttert ſey, ſo daß eine Prinzeſſin darin beerdigt werden könnte.“ „Seltſam!“ verſetzte Nigel, deſſen Phantaſie gleich der, der meiſten regſamen jungen Gemuͤther, leicht vom Sonderbaren und Romantiſchen ergriffen ward.„Speiſt ſie nicht mit der Familie?“ 179 ——— „Wer?— Sie?—“ rief Moniplies aus, als befremdete ihn dieſe Frage;„wer mit ihr ſpeiſen wollte, wuͤrde eines langen Loͤffels beduͤrſen. Doch wird allemal etwas fůr ſie in den Thurm geſetzt;— ſo nennen eine Drehmaſchine welche ſich halb nach der einen, halb nach der andern Seite umdreht. „Ich habe dieſe Einrichtung in auswaͤrtigen Nonnenkloͤſtern geſehen,“ verſetzte Lord Glenvar⸗ loch. „Und ſo erhaͤlt ſie ihre Speiſen. Man erzaͤhlte mir, es werde taͤglich zum Scheine etwas in die Ma⸗ ſchine gelegt; vermuthlich aber genießt ſie eben ſo we⸗ nig etwas davon, als der Bel zu Babel irgend et⸗ was von den ihm vorgeſetzten Leckerbiſſen, welche die ſiebenzig Goͤtzenprieſter mit ihren Weibern und Kin⸗ dern verzehrten; eben ſo wie die ruͤſtigen Kerle und Kammermaͤdchen in Heriots Hauſe ohne Zweifel dieſe Schaugerichte verzehren werden.“ „Sieht man ſie denn nie anders in der Fami⸗ lie, als in der Betſtunde?“ fragte der Herr. „Nie, ſo viel ich gehoͤrt habe.“ „Seltſam!“ rief, in Traͤumereien verſunken, Lord Rigel.„Truge ſi nicht ſo koſtbare Edelgeſtei⸗ ne, und beſuchte ſie nicht den proteſtantiſchen Gottes⸗ dienſt, ſo wuͤrde ich ſie fuͤr eine Catholikin halten, der man aus dringenden Gruͤnden verſtattet hat, zur . 12* 180 Erfuͤllung irgend eines Geluͤbdes, ihre Zelle hieher nach London zu verlegen; oder ich wuͤrde glauben, ſie waͤre eine ungluͤckliche catholiſche Andaͤchtlerin, beſchaͤftigt, eine ſchwere Schuld abzubuͤßen. Wie aber die Sache jetzt ſteht, ſo weiß ich nicht, was ich davon denken ſoll.“ Nigels Traͤumereien unterbrach des Factltri⸗ gers Klopfen an die Thuͤr des ehrlichen John Chriſtie, deſſen Frau mit freundlichem Kopfnicken und anlok⸗ kendem Läͤcheln hervortrat, ihren vielgeehrten Gaß bei ſeiner Ruͤckkehr auf ſeinem Zimmer zu empfangen. Achtes Kapitel. Wir muͤſſen jetzt den Leſer mit einer Perſon be⸗ kannt machen, die weit wichtiger und geſchäftvoller war, als ihre anſcheinende Stufe in der buͤrgerlichen Geſellſchaft zu verkuͤndigen ſchien. Wir reden von der Dame Urſula Suddlechop, der Ehegenoſſin Ben⸗ jamin Suddlechops, des beruͤhmteſten Bartkuͤnſtlers in der ganzen Fleetſtraße. Dieſe Dame hatte ihre ganz eigenthuͤmlichen Verdienſte, die, wenn man ihren eignen Berichten trauen darf, in einem unbe⸗ grenzten Verlangen beſtanden, ihren Nebenmenſchen zu dienen. Sie berließ ihrem hageren, halbverhun⸗ gerten Checonſorten den Ruhm der groͤßten Finger⸗ ſertigkeit unter allen Barbieren in London, und die Sorge für eine Barbierſtube, wo abgezehrte Lehrburſche die Angeſichter derer, die einfaͤltig genug waren, ihnen zu vertrauen, erbaͤrmlich mishandelten. Dagegen trieb die Dame einen abgeſonderten, gewinnvolleren Han⸗ del, der jedoch ſo mannichfaltige, ſeltſame Richtun⸗ gen nahm, daß ſie ſich in vieler Hinſicht einander zu widerſtreiten ſchienen. Ihr hochſter und wichtigſter Be⸗ ruf erſorderte die ſtrengſte Geheimhaltung und das großte Vertrauen, und nie hatte Dame Urſula, ſo⸗ viel man wußte, ein ihr anvertrautes Geſchaͤft ver⸗ rathen, es mochte denn ſeyn, daß jemand ſie fuͤr ihre Dienſte nicht reichlich genug bezahlt, oder ihr einen doppelten Lohn gegeben hatte, um ſie zum Ausplau⸗ dern ihres Geheimniſſes zu vermoͤgen; und beides er⸗ eignete ſich ſo ſelten, daß der Ruf ihrer Zuverlaͤſſig⸗ keit ſo vorwurfsfrei blieb, als der ihrer Rechtlichkeit und Dienſifertigkeit. 6 In der That war ſie eine bewundernswuͤrdige Matrone, und konnte Verliebten und Schwachen im Urſprunge, im Fortgange und in den Folgen ihrer Leidenſchaſt nuͤtzlich ſeyn. Sie wußte Liebenden, die etwa beſondere Gruͤnde hatten, ſich insgeheim zu ſe⸗ hen, eine Zuſammenkunftzu verſchaffen, ſchwache Scho⸗ nen der laͤſtigen Folgen einer ſtrafbaren Leidenſchaft zu entheben und den hoffnungsvollen Sproͤßling einer un⸗ erlaubten Liebe als Erben irgend eines Paares, deſ⸗ — 182 ſen geſetzliche Liebe ohne Nachkommen geblieben war, unterzuſchieben. Doch mehr als dies hatte ſie ge⸗ lernt, und war in tieferen, wichtigern Geheim⸗ niſſen eingeweiht. Sie war eine Schuͤlerin der be⸗ rufenen Miſtreß Turner geweſen, und hatte von ihr mehrere wichtige Geheimniſſe erlernt, unter denen ſie jedoch vielleicht keines in dem verbrecheriſchen Gra⸗ de ausgeuͤbt hatte, als diejenigen, deren ihre Lehre⸗ rin angeklagt war. Alles, was in ihrem wahren Character finſter und verſchloſſen war, verſteckte ſie unter dem Schleier anſcheinender Froͤhlichkeit, guter Laune, herzlicher Lachluſt, und Scherzhaftigkeit, wo⸗ durch die Dame den aͤlteren Theil ihrer Nachbarn mit den kleinen Kuͤnſten ſehr gut zu vereinigen wuß⸗ te, die ſie bei dem juͤngeren, insbeſondere weiblichen Geſchlechts, empfahlen. Dame Urſula war dem Anſcheine nach kaum Vierzig paſſirt, und die Fuͤlle ihrer Formen, die je⸗ doch eben nicht coloſſal waren, verbunden mit einem immer noch huͤbſchen Geſichte, wiewohl etwas hoch⸗ roth gefaͤrbt durch die Freuden der Tafel und des Bechers, gaben ihr einen Anſtrich von Frohſinn, der die Reſie ſchwindender Schoͤnheit hervorhob. Selten wurden Hochzeiten, Geburten und Kindtaufen in der ganzen Umgebung feſtlich gefeiert, ohne daß ſie gegenwärtig war. Sie wußte alle Arten von Zeit⸗ vertreiben und geſellſchaftlichen Spielen anzuord⸗ —— S—— 183 — nen; jene großen Zuſammenkuͤnfte zu beluſtigen, welche die Gaſtfreiheit unſerer Voreltern bei ſolchen Gelegenheiten zu verſa nmeln pflegte, ſo daß ihre Gegenwart in allen Familiengeſellſchaften der Buͤr⸗ ger vom Mittelſtande in ſolchen Fallen im buchſtaͤb⸗ lichen Sinne fuͤr unentbehrlich gehalten ward. Auch hielt man ſie für ſo kundig aller Labyrinthe des Le⸗ bens, daß ſie die bereitwillige Vertraute aller lieben⸗ den Paare in der ganzen Nachbarſchaft war, die ihr ihre Geheimniſſe mitzutheilen und ihren Rath zu vernehmen pflegten. Die Reichen belohnten ihre Dienſte durch Ringe, andere Kleinodien oder Gold⸗ ſtuͤcke, die ſie am liebſten hatte; und großmuͤthig half ſie den Armen, nach den namlichen vermiſchten Grundſätzen, wie junge Practiker dieſer Menſchen⸗ klaſſe behuͤlflich ſind, nämlich theils aus Mitleid, theils um in der Uebung zu bleiben. Der Ruf der Dame Urſula in der City war um ſo groͤßer, da ihre Praxis ſich uͤber Temple⸗Bar hinaus verbreitet hatte, und ſie Bekannte, ja ſogar Be⸗ ſchuͤtzer und Beſchuͤtzerinnen unter Standesperſonen hatte, deren Rang, weil es ihrer damals weit weni⸗ ger gab, und die Ausſicht, ſich der Hoſſphaͤre zu näͤ⸗ hen, weit entſernter war, einen Grad der Wichtig⸗ keit mit ſich brachte, wovon man heutiges Tages, wo der Abſtand zwiſchen dem Hoſmanne»dem Buͤr⸗ ger ſo gering iſt, keinen Begriff hat. Dame Urſula 184 behauptete ihren Verkehr mit dieſen ihren Kunden hoͤ⸗ heren Ranges zum Theil durch einen kleinen Handel mit wohlriechenden Sachen, Eſſenzen, Pomaden, franzöſiſchen Kopfzeugen, Porcellantellern und Por⸗ cellangefaͤßen, welche damals Mode zu werden be⸗ gannenz nicht zu gedenken mancherlei Kraͤuter, haupt⸗ ſaͤchlich zum Gebrauche der Damen; zum Theil machte ſie ſich auch bei dieſer Klaſſe durch die oben angedeute⸗ ten geheimeren Gewerbszweige nothwendig. Ungeachtet dieſer vielen, mannichfaltigen und gewinnvollen Beſchäftigungen war Dame Urſula ſo arm, daß ſie wahrſcheinlich ihr und ihre Vermoͤgens⸗ umſtaͤnde verbeſſert haben wuͤrde, wenn ſie auf alle Haushaltung und der Unterſtuͤtzung ihres Mannes in ſeinem Betriebe gewidmet haͤtte. Allein Urſula war uͤppig und genial in ihrer Lebensweiſe, und konnte eben ſo wenig die beſchraͤnkte Oeconomie der Taſel ihres Cheherrn als das leere Geſchwatz ſeiner Unterhaltung ertragen. chen Goldſchmidt zu Mittage ſpeiſte, iſt der Zeitpunct, wo wir Frau Urſula Suddlechop auf die Buͤhne ein⸗ fuͤhren muͤſſen. Sie hatte am Morgen jenes Tages einen langen Weg nach Weſtminſter zuruͤckgelegt, war Gebrauch geglätteten großen Lehnſtuhl eingenommen, jene Gewerbszweige verzichtet und ſich ruhig ihrer Der Abend des Tages, wo Lord Nigel beim rei⸗ ermudet, und hatte ihren beliebten durch haͤuſigen —— . 485 —— 2 6 und an die eine Seite des Kamins geruͤckt, wo ein kleines, aber helles Feuer brannte. Hier beobachtete ſie zwiſchen Schlaf und Wachen das gelinde Kochen eines Topfes mit wohlgewuͤrztem Bier, auf deſſen brauner Oberflaͤche ein kleiner gebratner Holzapfel ſchwamm*), waͤhrend ein junges Mulattenmadchen aufmerkſamer beſchaͤftigt war, eine gefuͤllte Kalbs⸗ bruſt in einer ſilbernen Schmorpfanne zu bereiten. Mit dieſem Gerichte, gewuͤrzt vom ſtärkenden Trunke, wollte ohne Zweifel Dame Urſula den wohl benutzten Tag, deſſen Arbeiten ſie uͤberrechnete, beſchließen und zuvor uͤber den Reſt nach ihrem Gefallen verfügen. Allein ſie betrog ſich in ihrer Rechnung; denn als eben die Herzſtaͤrkung zum Genuſſe bereit war, und das kleine farbige Mädchen die gefuͤllte Kalbsbruſt auftragen wollte, ließ ſich von unten herauf Ben⸗ jamins klangloſe, ſchnarrende Stimme vernehmen: „Komm doch herab, Urſula, liebes Weib, es will dich jemand ſprechen. Hler iſt von etwas An⸗ derm die Rede, als vom Abziehen ſtumpfer Scheer⸗ meſſer,— nun ſo komm doch!—“ „Ich wollte, daß irgend Jemand dir ein Scheer⸗ meſſer durch die Gurgel zöge, du alter polternder Eſel,“ murmelte die Dame verdrießlich zwiſchen den * Dieſe Riſchung iſt auch in einigen Theilen Deutſchlands, un⸗ ter andern in der Lauſitz, als Stärkungstrank veliebt. d. U. bin eben im Begriff ſchlafen zu gehen; ich bin den ganzen Tag nicht von den Beinen gekommen.“ „Es iſt nicht meinetwegen, Engel, ſondern Nach⸗ bar Ramſey's ſchottiſches Naͤhmaͤdchen verlangt dich augenblicklich zu ſprechen,“ war die Antwort des ge⸗ duldigen Benjamin. Beim Worte, Engel, warf Dame Urſula einen geheimnißvollen Blick auf das fuͤr zwei Perſonen an⸗ gerichtete Eſſen, und erwiederte dann mit einem Seußer:„laß die ſchottiſche Jenny herauftreten, lie⸗ ber Suddlechop; es wird mir ſehr angenehm ſeyn, zu vernehmen, was ſie zu ſagen hat;“ dann fuͤgte ſie in leiſerem Tone hinzu:„und ich wollte, ſie fuͤhre zum Teufel, wie ſchon manche ſchottiſche alte Hexe vor ihr gethan hat.“ Das ſchottiſche Nähmaäͤdchen, die den letzten chriſtlichen Wunſch der Dame Suddlechop uͤberhoͤrt hatte, ſagte mit achtungsvollem Gruß:„ihre Gebie⸗ terinn ſey unpaͤßlich zu Hauſe gekommen und wuͤnſche ihre Nachbarinn, Dame Urſula, augenblicklich zu ſprechen.“„Sollte es morgen fruͤh nicht noch Zeit genug ſeyn, gute Jenny?“ fragte Dame Urſula; „denn ich bin heute ſchon bis nach Whitehall gewe⸗ ſen, und kann kaum auf den Fuͤßen ſtehen.“ „Nun, wenn es ſo iſt,“ antwortete Jenny, o muß ich weiter gehen, und mich an den Strand zur Zähnen.„Nun, was ſoll ich,“ rief ſie endlich,„ich * 187 alten Mutter Rothkäppchen neben der Hungerford⸗ Treppe verfugen, die, ſo wie ihr, eine Rathgeberinn junger Frauenzimmer iſt; denn mit einer von euch beiden muß ſie noch vorm Schlafengehen ſprechen; das iſt Alles, was ich davon weiß.“ Mit dieſen Worten wollte ſich der weibliche Send⸗ ling ohne weiteres entſernen, als Dame Urſula aus⸗ rief:„Nein, nein; wenn das liebe Kind, eure Ge⸗ bieterinn, meines Raths und Beiſtandes nothwen⸗ dig bedarf, ſo braucht ihr nicht zur Mutter Roth⸗ kaͤppchen zu gehn, Janet. Die mag gut genug ſeyn fuͤr Schifferweiber, Hoͤkerstoͤchter und dergleichen Volk; aber keine andere als ich, ſoll der huͤbſchen Miß Margaretha, der Tochter des königlichen Hoſ⸗ uhrmachers aufwarten. Ich will nur die Kappe auf⸗ ſetzen und den Mantel umnehmen, und bin in einem Augenblicke in Nachbar Ramſeys Hauſe. Aber ſagt mir, gute Jenny, werdet ihr nicht zuweilen der taglich zwanzigmal wechſelnden Launen eurer jungen Dame muͤde?“ „Meiner Treu, das ſicht mich ni an,“ erwie⸗ derte die geduldige Dienerinn,„ausgenommen, wenn ſie mit dem Waſchen ihrer Spitzen zu eigen iſt; aber ich diene ihr ſchon, ſeit ſie noch ein junges Ding war, Frau Suddlechop, und das veraͤndert die Sache.“ „Ihr wißt alſo gewiß?“ fragte Dame Urſula, immer noch beſchftigt, neue Schutzmittel gegen die 188 Abendluft anzulegen,„daß ſie jährlich zweihundert Pfund Renten von guten Laͤndereien zu ihrer eignen freien Verfuͤgung hat?“ 4 „Sie ſind ihr von der ſeeligen Großmutter ver⸗ macht,“ erwiederte die Schottländerinn;„und einem huͤbſchern Mäͤdchen haͤtte ſie ein ſolches Vermaͤchtniß nicht hinterlaſſen koͤnnen.“ „Sehr wahr, ſehr wahr, denn bei allen— Grillen habe ich immer geſagt, Miß Margaretha Ramſey iſt das huͤbſcheſte Maͤdchen im ganzen Stadt⸗ viertel;— aber Jenny ich wette, ihr habt nichts zu Abend gegeſſen.“ Jenny konnte dies nicht leugnen, weil die bei⸗ den Lehrburſchen ausgeweſen waͤren, die Herrſchaft heim zu geleiten, und ſie mit ihrer Cameradin einen Freund aus Schottland beſucht hatte. „Sehr natuͤrlich,“ verſetzte Dame Urſula, die ihr Intereſſe dabei fand, Leuten aller Staͤnde recht zu geben. „Und ſo ging mir das Feuer aus,“ fuhr Jenny fort. „Daß natuͤrlichſte von Allen,“ fiel Dame Sudd⸗ lechop ein;„deswegen will ich das Bischen Abend⸗ eſſen, was ich eben zu mir nehmen wollte, zu euch heruͤber tragen laſſen. Zu Mittage habe ich nichts gegeſſen, und vielleicht wird die huͤbſche Miß Mar⸗ garetha einen 2 Biſſen mit mir vorlieb nehmen; denn 189 — oft iſt es nur ein leerer Magen, der jungen Leuten eingebildete Unpaͤßlichkeiten in den Kopf ſetzt. Mit dieſen Worten gab ſie die ſilberne Schale mit ſtaͤrken⸗ dem Biere der Magd in die Hand, verbarg mit einer Munterkeit, woraus deutlich hervorging, daß ſie ent⸗ ſchloſſen ſey, ihre Neigung der Pflicht aufzuopſern, die Schmorpfanne unter dem Mantel und befahl dem Mulattenmaͤdchen Wilſa, ihr uͤber die Straße zu leuchten. „Wohin ſo ſpaͤt?“ fragte der Bartkuͤnſtler, als ſie die Barbierſtube vorbeigingen, wo er mit ſeinen ausgehungerten Burſchen ein ſpaͤrliches Mahl von Stockfiſchen und Paſtinaken verzehrte. „Und erzahlt' ichs dir auch, Benjamin,“ entgeg⸗ nete die Dame, mit verachtungsvoller Kaͤlte,„ſo koͤnnteſt du mir doch mein Geſchaͤft nicht abnehmen; darum will ich's bei mir behalten.“ Zu ſehr gewoͤhnt an den Unabhaͤngigkeitsſinn ſei⸗ ner Ehehaͤlſte, unterſtand er ſich nicht, weiter zu ſra⸗ gen, und die Gebieterinn des Hauſes befahl dem äl⸗ teſten Lehrburſchen, bis zu ihrer Ruͤckkehr ghble ben, und auf das Haus zu achten. Die Nacht war düſter und regnigt, und war gleich die Entfernung zwiſchen den beiden Läden nur gering, ſo ließ ſie doch der Dame Urſula Muße ge⸗ nug zu einigen zwiſchen den Zaͤhnen gemurmelten „ Bemerkungen:„Weiß ich doch nicht, wie ich dazu komme, daß ich jeder alten Matrone und jedem Zier⸗ äſſchen auf den Wink zu Dienſten ſtehen muß! Von Temple⸗Bar muß' ich nach Whitechapel laufen, um einer Nadelmacherftau zu helfen, die ſich in den Fin⸗ ger geſtochen hatte; hatte doch ihr Mann ſelbſt die Waffe gemacht, womit ſie ſich verwundete; darum waͤr es an ihm geweſen, ihr zu helſen. Und über das eingebildete Aeffchen, die ſchoͤne Miß Marget! Das waͤre mir meine Schoͤnheit! ſo mache ich ſie alle Tage aus einer Hlländiſchen Kinderpuppe; und doch i ſie ſo eigenſinnig und ſo launig, als wäre ſie eine Herzogin, ſo veränderlich wie ein Chamaͤleon und ſo hartnaͤckig wie ein Maulthier. Ich mochte wiſſen, ob ihr eingebildetes Kopfnicken oder ihres Vaters, des alten Grobians, Berechnungen größere Albernheiten ſind. Und was wollen denn ihre zweihundert Pfund jaͤhrliche Landrenten ſagen? Doch ſoll der Vater ein alter wohlhabender Knauſer ſeyn; und er iſt uͤber⸗ dies unſer Hauseigner, auch hat die Tochter neulich fuͤr uns um Nachſicht mit der Hausmiethe gebeten, drum, ich mag wohl oder uͤbel, ſo muß ich mich ſchon fuͤgen. Auch iſt der kleine eigenſinnige Teufel der ein⸗ zige Schlüſſel, wodurch ich zu Meiſter Georg Heriots Geheimniſſe Helangen kann; und es gehoͤrt zu mei⸗ nem Berufe, es auszuforſchen. So wollen wir alſo gedulvig in den fauren Apſel beißen.“ 191 Woͤhrend dieſes halblauten Selbſtgeſpraͤchs nahten ſie ſich der Wohnung des Uhrmachers; das Aufwartemaͤdchen ließ die Ankommenden mittelſt ei⸗ nes Nachſchluͤſſels herein. Stolpernd uͤber Reſte al⸗ ter Maſchinen und Modelle neuer Erſindungen in mancherlei Zweigen der Mechanik, womit der ſcharf⸗ ſinnige Kuͤnſtler ſeine Zimmer unaufhörlich ange⸗ ſuͤllt hatte, erreichte Dame Urſula endlich auß einer engen Treppe das Zimmer der ſchoͤnen Miß Marga⸗ rethe, wo die Augenluſt jedes unternehmenden Jung⸗ geſellen in der Fleetſtraße in einem Mittelzuſtande zwiſchen Mißmuth und Troßtloſigkeit vor einem Ti⸗ ſche ſaß; ihr ſchoͤner Nacken und ihre wohlgeformten Schultern waren ſanft voruͤbergebogen ihr rundes Kinn ruhte mit ſeinen Gruͤbchen in der Höhlung ih⸗ res niedlichen Haͤndchens; die Finger waren uͤber dem Muͤndchen gefaltet; der Ellbogen ruhte auf dem Tiſche und ihr Auge ſchien uf ein Becken mit faſt er⸗ loſchenen Kohlen geheftet zu ſeyn. Bei Urſula's Ein⸗ tritt wandte ſie kaum das Haupt, und ſelbſt als die Anweſenheit der ehrenwerthen Matrone ihr von der alten ſchottiſchen Dienerin laut verkuͤndiget ward, murmelte Margarethe ohne ihre Stellung zu verän⸗ dern, ſtatt aller Antwort, nur einige unverſtändliche Worte. „Geht hinunter in die Kuͤche mit Wilſa,“ mahnte Dame Urſula,„ſetzt aber erſt die Schmor⸗ pfanne und den Suppennapf ans Kamin; ich muß mit meiner ſuͤßen Margarethe allein ſprechen,— und das iſt ein Vorrecht, warum mich gewiß je⸗ der Junggeſelle in der ganzen Fleetſtraße beneiden wuͤrde.“ Die Dienerinnen thaten, was ihnen befohlen war, und Dame Urſula die zuvor ihre Schmorpfanne auf den wiederangeblaſenen Kohlen auf das zweck⸗ maͤßigſte zurecht geſtellt hatte, ruͤckte ſo nahe als moͤg⸗ lich an ihre Patientin, und begann, ſich mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme in ſanftem vertraulichem Tone zu erkun⸗ digen, was denn der reizendſten unter ihren Nachba⸗ rinnen ſehle. „Nichts, Frau Suddlechop,“ erwiederte Mar⸗ garetha etwas verdrießlich, indem ſie ihre Stellung auf ſolche Weiſe veränderte, daß ſie der freundlichen Forſcherin aufs neue den Ruͤcken zukehrte.“ „Nichts? Richts, ſie kleine Flatterhafte?“ fragte Frau Sudvlechop;„pflegt ihr denn eure Freun⸗ de bei dieſer ſpaͤten Zeit um Nichts aus dem Bette holen zu laſſen?“ „Ich war es nicht, die zu euch ſchickte,“ erwie⸗ derte die verdrießliche Marget. „Und wer war es denn?“ fragte Urſula?„denn das verſichere ich euch, haͤtte man nicht nach mir ge⸗ ſchickt, ich waͤre warlich zu dieſer naͤchtlichen Stunde nicht bei euch!“ 193 „Jenny, die alte Schottiſche Närrin, that es ohne Zweiſel aus ihrem eigenen Kopfe; denn ſie hat mir ſeit zwei Stunden uͤber euch und Mutter Roth⸗ kaͤppchen die Ohren voll geſchwatzt.“ „Mich und Mutter Rothtaͤppchen!“ rief Frau Urſula aus.„Da muß ſie in der That eine alte Naͤtrin ſeyn, wenn ſie die Leute ſo uͤbel zuſammen⸗ paart.— Aber kommt, kommt, kleine ſuͤße Nach⸗ barin; Jenny iſt keine ſolche Thoͤrin; ſie weiß, daß junge Madchen beſſeren Rathes bedurſen als ſie ſich ſelbſt geben können; und ſie weiß auch, wo er zu fin⸗ den iſt. Drum faßt euch ein Herz, ſchoͤne Jungfrau, ſagt mir, was euch fehlt, und dann ſey es Urſula's Sorge, ein Heilmittel fuͤr euch auszufinden.“ „Nun, wenn ihr doch ſo weiſe ſeyd, Mutter Urſula,“ erwiederte das Maͤdchen,„ſo mögt ihr, ohne daß ich es euch ſage, errathen, was mir fehlt.“ „Nun Kind,“ verſetzte die gefaͤllige Matrone, „niemand verſteht beſſer als ich das alte gute Pfän⸗ derſpiel: Gedanken errathen. Ich moͤchte wetten, daß eurem Koͤpfchen nach einem neuen Kopfputz ver⸗ langt, einen Fuß hoͤher, als die, welchen unſere Damen aus der City tragen, oder daß ihr fuͤr euer Leben gern eine Luſtfahrt nach Islington oder Ware machen möchtet und euer Vater es nicht zugeben will.“ 13 194 „Oder daß ihr eine alte Thoͤrin ſeyd, Frau Sud⸗ dlechop,“ fiel Margaretha unwillig ein,„und euch in Dinge miſchen wollt, von denen ihr nichts wißt.“ „Thoͤrin, ſo viel ihr wollt, Miß,“ entgegnete die beleidigte Urſula;„doch an Jahren nicht ſogar viel älter als ihr.“ „Ihr ſeyd boͤſe, nicht wahr?“ verſetzte die junge Schoͤne;„aber wie kommt ihr auch dazu, ſolchen Unſinn von Kopfputz und Spazierfahrten nach Is⸗ lington zu reden, da ihr wißt, daß ich mir aus der⸗ gleichen nichts mache?“ „Nun wohl, meine junge Miß,“ entgegnete die weiſe Rathgeberin, ſich vom Stuhle erhebend, „ich ſehe, daß ich hier nichts nuͤtzen kann, und da ihr euch auf eure eignen Angelegenheiten weit beſſer verſteht, als andere Leute, ſo koͤnntet ihr ihnen fuͤg⸗ lich die Muͤhe erſparen, ſich in der Nachtruhe ſtoren zu laſſen, um euch Rath zu ertheilen.“ „Nun, ſeyd ihr im Ernſt boͤſe, Mutter?“ fiel Marget ein, indem ſie die Scheidende zuruͤckhielt; „dieß koͤmmt blos davon, daß ihr noch ſpät ausge⸗ gangen ſeyd, ohne euer Abendeſſen zu euch zu neh⸗ men; denn nie hoͤrte ich euch ein empfindliches Wort vom Munde geben, ſobald ihr eure Mahlzeit geen⸗ digt hattet.— Janet!— ein Tiſchgedeck und Salz fuͤr Frau lrfula! Und was habt ihr in jenem Sup⸗ pennapfe?— So wahr ich lebe, nichts weiter als 195 elendes Bier.— Laßt Janet es zum Fenſter hinaus⸗ gießen, oder es meinem Vater zum Morgentrunk aufbewahren; dagegen ſoll ſie euch die Flaſche Cana⸗ rienſect heraufbringen, die fuͤr ihn zurecht geſetzt war;— der gute Mann wird den Tauſch ganz un⸗ bemerkt laſſen, denn Bier wird den Staub, den er bei ſeinen Berechnungen einſchluckt, eben ſo gut, als Wein hinunterſpuͤlen.“ „Traun! Herzenskind, ich bin eurer Meinung,“ ſagte Urſula, deren voruͤbergehendes Mißvergnuͤgen bei dieſen Vorbereitungen auf einmal verſchwand; worauf ſie ſich ungeſäumt in einen großen Lehnſtuhl vor einem dreibeinigten Tiſch ſetzte, und mit treffli⸗ cher Eßluſt ihr wohlſchmeckendes Gerichtchen zu ver⸗ zehren begann, nachdem ſie, um nicht die Pflichten der Höflichkeit unerfullt zu laſſen, Miß Margarethens Theilnahme an ihrer Leckerei dringend⸗ wiewohl ver⸗ gebens erbeten hatte. „Wenigſtens thut mir Beſcheid mit einem Trunk Sect,“ bat Dame Urſula;„meine Großmutter pfiegte zu ſagen, daß, bevor die Reſormirten ins Land kamen, die alten catholiſchen Paters mit ihren Beichtkindern allemal vor der Beichte einen guten Becher Sect zu leeren pflegten; und jetzt ſeyd ihr mein Beichtkind.“ „Ich werde keinen Sect trinken, verlaßt euch darauf,“ verſetzte Marget;„und ich wiederhole, was 13 196 ich euch vorhin ſagte: könnt ihr nicht rathen, was mir ſehlt, ſo werde ich nie das Herz haben, es euch zu offenbaren.“ Mit dieſen Worten wandte ſie ſich wieder von der Dame Urſula ab, und nahm ihre vorige gedan⸗ kenvolle Stellung an, die Hand auf den Ellbogen geſtutzt, und den Rucken, oder wenigſtens eine Schul⸗ ter der Vertrauten zugewandt. „Wohlan denn!“ begann Urſula,„ich muß in allem Ernſt meine Wahrſagungskunſt verſuchen.— Ihr můßt mir dies niedliche Haͤndchen zeigen, dann will ich euch nach den Regeln der Chiromantie ſo gut als irgend eine Zigeunerin wahrſagen, wo euch der Schuh druͤckt.“ „Als ob mich irgendwo der Schuh druͤckte;“ entgegnete Margarethe etwas unwillig; doch reichte ſie ihre Linke der Frau Urſula, behielt indeß ihre ab⸗ gewandte Stellung bei.“ „Ich ſehe hier trefliche Linien,“ verkuͤndigte die Wahrſagerin,„und ziemlich deutlich;— Vergnu⸗ gen, Reichthum, frohliche Nächte und ſpäte Morgen harren meiner jungen Schoͤnen,— und Kutſche und Pferde, die ſelbſt am Hofe von Whitehall Aufſehn machen werden. Ha! laͤchelt ihr, mein Herzchen, und hab ich den rechten Fleck getroffen?— Und warum konnte er auch nicht einſt Lord Mayor werden und in S 197 —— ſeiner vergoldeten Kutſche nach Hofe fahren, wie viele 5 Andere vor ihm gethan haben?“ „Lord Mahor? Hm!“. „Warum das Hm, bei meinem Lord Mayor, Herzchen? Oder vielleicht gilt das Hm meiner Pro⸗ phezeiung; aber ſowohl in eurer, als in Jedermanns Lebenslinie giebt es einen Querſtrich. Und obgleich ich in dieſem niedlichen Händchen eine platte Lehr⸗ lingsmotze entdecke, ſo ſehe ich doch unter derſelben ein ſeuriges, ſchwarzes Auge, das im ganzen Stadt⸗ viertel nicht ſeines Gleichen hat.“ „Wen meint ihr damit Frau urſula?“ fragte Margarethe mit Kälte. „Wen ſollt' ich anders damit ant⸗ wortete die Matrone;„als den Fuͤrſten aller Lehr⸗ burſchen und den Koͤnig der guten Geſellſchaft, Jen⸗ kin Vincent.“ „Fort mit Jenkin! dem Tolpel,— dem einge⸗ bildeten Stadtkinde!“ rief unwillig das Daͤmchen. „Ho! pfeift der Wind aus dem Loche, mein Schatz?“ ſiel Urſula ein; mich duͤnkt, mein Herz⸗ chen, die Sachen haben ſich etwas geaͤndert, ſeit wir zuletzt mit einander ſprachen; denn damals hätt' ich drauf geſchworen, er blieſe guͤnſtiger fuͤr den ar⸗ men Jin Vin; der arme Burſche iſt ſterblich in euch verliebt und ein Blick aus eurem Augen iſt ihm lie⸗ 198 ber, als der erſte Sonnenſtrahl am großen Maitags⸗ feſte.“ „Dann wollt' ich, daß meine Augen die Kraft der Sonne haͤtten, um die ſeinigen blind zu ma⸗ chen,“ entgegnete Margarethe,„und den Laden⸗ ſchwengel zu lehren, wo ſein Platz iſt.“ „Freilich giebt es einige,“ bemerkte Urſula, „die den Frank Tunſtall fuͤr einen eben ſo huͤbſchen Burſchen halten, als Jin Vin; und ſoviel iſt gewiß, daß er im dritten Grade an eine ritterſchaftliche Fa⸗ milie verwandt iſt und aus einem guten Hauſe im noͤrdlichen England abſtammt; vielleicht ſind alſo eure Gedanken nach Norden gerichtet; wie?“ „Das koͤnnte ſeyn,“— war die Antwort,„aber ſie ſehnen ſich nicht nach der Begleitung des Lehrbur⸗ ſchen meines Vaters, dafuͤr danke ich, Frau Urſula.“ „Nun denn, der Henker mag eure Gedanken errathen, und nicht ich;— das iſt ſchwerer, als der Verſuch ein junges Fohlen zu beſchlagen, welches keinen Augenblick auf einem Flecke bleibt.“ „Nun ſo hört mich an,“ begann Margarethe, „und gebt Acht, was ich ſage.— Heute ſpeiſete ich außerhalb Hauſes—“ „Ich kann euch ſagen, wo?“ antwortete Ur⸗ ſula,—„bei eurem Pathen, dem reichen Gold⸗ ſchmidt, nun ſeht ihr, daß ich etwas weiß,— auch koͤnnte ich euch ſagen, in welcher Geſellſchaft.“ 199 ——— „In der That?“ fragte Margarethe, plotlich hoch erroͤthend und von der Wahrſagerin ſich abwen⸗ dend. „Mit dem alten Sir Mungo Malagrowthet;— er ließ ſich in meines Benjamins Barbierſtube auf ſeinem Wege nach der City aufputzen. 4 „Huh! das ſcheußliche, alte vermoderte Ske⸗ let!“ rief das Dämchen. Wohl wahr, mein Schas,“ bemerkte die Vertraute,—„er ſollte ſich ſchaͤmen, daß er nicht ſchon läͤngſt im Beinhauſe zu St. Pancraz liegt; denn ich weiß keinek andern Platz⸗ wohin er paßt,— der Läſterer mit ſeinem loſen Maule! Er ſagte mei⸗ nem Manne—“ „Irgend etwas, was gewiß nicht zu unſter Sache gehoͤrt,“ fiel Margarathe ein.„Ich muß alſo reden.— Mit uns ſpeiſte ein Lord—“ „Ein Lord? Das Maͤdchen iſt toll!“ rief Ur⸗ ſula aus. „Ein ſchottiſcher Lord,“ fuhr Margaretha fort. „Nun, Gott ſey ihr gnaͤdig!“ entgegnete die Vertraute,„nun iſt ſie rein wahnſinnig! Hat man jemals gehoͤrt, daß eine uhrmachers⸗Tochter ſich in einen Lord verliebt hat,— und vollends in einen ſchottiſchen Lord; denn, ſeines Gleichen ſind alle ſo ſtolz als Luciſer und ſo arm als Hiob. Eben ſo lieb waͤr es mir, von euch zu hoͤren, ihr hittet euch in 200 — einen hauſirenden Juden verliebt. Bedenkt wohl, wie dies Alles enden ſoll, mein ſchoͤnes Kind, bevor ihr euch ins Verderben ftuͤrzt.“ „Das geht euch nichts an, Urſula; euren Bei⸗ ſtand, und nicht euren Rath will ich haben, und ihr wißt, ich bin im Stande, eure Muͤhe gebuhrend iu belohnen.“ „O, es iſt nicht um des Gewinnes willen, Miß Margaretha,“ entgegnete verbindlich Frau Urſula; „doch warlich, ich wuͤnſchte, ihr hoͤrtet auf meinen Rath, und bedaͤchtet euren Stand.“ „Mein Vater iſt ſeinem Berufe nach zwar nur ein Handwerker,“ bemerkte Marget,„aber wir ſind von hoͤherer Abkunft; denn ich hoͤrte von mei⸗ nem Vater, daß wir, freilich weitlaͤuftig, von den großen Grafen von Dalwolſey abſtammen.“ „Ey!“ verſetzte Urſula,„kannt' ich doch nie einen Schotten, der nicht aus irgend einem großen Hauſe abſtammen wollte; und wie klaͤglich iſt nicht oft eine ſolche Abkunſt; die weitlauftigen Ver⸗ wandtſchaften, wie ihr die eurige nennt, ſind oft ſo entfernt, daß ſie gar nicht anerkannt werden.— Aber ſchuttelt nicht ſo unwillig euer niedliches K Koͤpf⸗ chen, ſondern nennt mir den Namen S keit, dieſes nordluͤndiſchen Liebhabers.“ „Es iſt Lord Glenvarloch, e Lord Ni⸗ gel genannt„A ſagte Marget mit gedůͤmpf⸗ 207 ter Stimme und abgewandtem Haupte, um ihr Er⸗ roͤthen zu verbergen. ſi „Gott behuͤte!“ rief Frau Suddlechop aus; „der iſt ſo ſchlimm wie der Teuſel ſeht⸗ und aͤrger!“ „Wie meint ihr das?“ das P erſchrocken uͤber die Lebhaſtigkeit ihres Ausruſs. „Wie? wißt ihr denn nicht,“ antwortete Ur⸗ ſula,„wie machtige Feinde er am Hofe hat? Wißt ihr nicht— nicht— doch ich habe ſo viel zu ſagen⸗ daß meine Zunge nicht mitkommen kann, genug,— ihr thaͤtet beſſer, euer Brautbett unter einem einſtuͤr⸗ zenden Hauſe aufzuſchlagen, als an den jungen Glen⸗ varloch zu denken.“ „Er iſt unglucklich,“ erwiederte Margarethe, „ich weiß es,— ich errieth es,— Kummer lag in ſeiner Stimme, ſelbſt wenn er etwas Frohliches ſagte, ein Anſtrich von Ungluͤck blickte aus ſeinem ſchwer⸗ muͤthigen Lächeln hervor,— nie haͤtt er ſo mein Innerſtes ergriffen, waͤr' er mir im Mittagsglanze des hoͤc ten Wohlſtandes erſchienen.“ „Romane haben ihr Gehirn erſchuͤttert!“ ſiel Urſula ein;„„ſie iſt verloren, das arme Maͤdchen,— ins Ungluck geſtuͤrzt,— liebt einen ſchottiſchen Lord, und ſelbſt ſein Ungluck erhoͤht ihre Liebe! Hört Miß! Ich beklage, daß dies eine Angelegenheit iſt, worin ich euch nicht helſen kann, ſie laͤuft wider mein Ge⸗ 202 wiſſen, und liegt außer meinem Bereich; allein ich ve rſpreche euch, die Sache geheim zu halten.“ „Ich hoffe, ihr werdet nicht ſo ſchlechtdenkend ſeymn, mich zu verlaſſen, nachdem ihr mir mein Ge⸗ hei mniß abgelockt habt,“ entgegnete Miß Marga⸗ retiha voll Unwillen;„thut ihr es, ſo weiß ich mich zu rächen; vergeßt nicht, daß mein Vater euer Haus⸗ eigenthuͤmer iſt; thut ihr es nicht, ſo will ich euch gut belohnen.“ „Nur zuwohl erinnere ich mich meines Ver⸗ holt niſſes zu eurem Vater,“ antwortete urſula, nach kurzer Ueberlegung,„und gern dient' ich euch in al⸗ len Dingen die zu meinem Kreiſe gehoͤren; mich aber in ſo wichtige Angelegenheiten zu miſchen.— Nie vergeß ich die arme Miſtreß Turner, meine vielgeehrte Beſchuͤtzerin,— Friede ſey mit ihr!— Sie hatte das Ungluͤck, in die Sache der Somerſets und Over⸗ burys verwickelt zu werden; der vornehme Graf und ſeine Gemahlin zogen den Kopf aus der Schlinge und ließen die Arme nebſt etwa einem halben Dut⸗ zend Anderer an ihrer ſtatt leiden. Nie werd' ich den Anblick vergeſſen, wie ſie am Pranger ſt ſtand; ihr ſchöner Hals war umſchloſſen mit dem Halseiſen, welches rund umher mit Portionen ihrer beruͤhmten gelben Staͤrke und anderer geheimnißvollen Mittel, die ich ihr ſo oft bereiten half, behangen war. Ach, nur zu bald mußte das eiſerne Holsband dem haͤnf⸗ ————— — 203 nen Stricke Platz machen. Solcher Anblick, mein Herzenskind, ſchreckt ab von Einmiſchungen in Sa⸗ chen, woran man ſich die Finger verbrennen kann.“ „O du Thoͤrin!“ antwortete Miß Marget; „wer ſpricht denn von ſolchen verbrecheriſchen Um⸗ trieben, wofuͤr jene Elende mit dem Tode buͤßte? Nichts weiter verlang' ich von euch, als genaue Nachricht uber die Angelegenheit, vie den jungen Lord nach Hofe fuͤhrt.“ „Und wenn ihr nun dies Geheimniß erfahrt,“ verſetzte Urſula,„wozu ſoll es ench helfen?— Und dennoch wollt' ich euren Auſtrag uͤbernehmen, koͤnn⸗ tet ihr etwas Aehnliches fuͤr mich thun.“ „Und was verlangt ihr von mir?“ „Ich habe den nämlichen Wunſch⸗ uͤber den ihr fruͤher ſo ſehr zuͤrntet,“ verſetzte Urſula—„ich ſehne mich nach einiger Auskunſt uͤber die Geſchichte des Geiſtes, der beim Hausgottesdienſte eures Pathen zu erſcheinen pflegt.“ „Nicht um aller Welt Schätze,“ 6 Miß Marget,„moͤgt' ich meines guͤtigen Pathen Geheimniſſe auskundſchaften. Nein, Urſula, nie will ich in dasjenige einzudringen ſuchen, was er verborgen zu halten wuͤnſcht. Aber ihr wißt, daß ich eignes Vermoͤgen habe, welches in nicht gar lan⸗ ger Zeit meiner Verwaltung uͤbergeben wird; ſinnet auf einen andern Lohn.“ 204 „Ey, das iſt mir wohl bekannt,“ erwiederte die Rathgeberin.„Ohne Zweifel macht die jährliche Rente von 200 Pfund, die ihr durch eures Vaters Nachſicht genießt, euch ſ teric in Anerbie⸗ tungen.“ „Das will ich nicht leugnen,“ vüttte Mar⸗ garetha Ramſey;„um euch aber, wenn ihr mir treu dient, euren Lohn zu ſichern, geb' ich euch hier einen Ring von Werth zum Pfande, und verſpreche, ihn, ſobald ich mein Vermögen in Händen habe, nit s0 großen Goldſtuͤcken einzulöſen. „Funßzig große Geldſtüͤcke,“ niederpolte Urſu⸗ la;„und dieſen Ring, den ich als ächt und ſchoͤn gnerkenne, als Unterpfand eures Verſprechens!— Wohlan denn, mein Herzchen! Und ſollt' ich auch meinen Hals in Geſahr ſetzen, ſo weiß ich doch, daß ich ihn fuͤr keine großmuͤthigere Freundin wagen konn⸗ te, als ihr ſeyd. Ich wuͤrde nichts weiter verlangen als das Vergnuͤgen, euch zu dienen, wenn nicht mein Benjamin taͤglich fauler wuͤrde und unſere Familie.“— „Nichts weiter,“ ſiel Marget ein;„wir ver⸗ ſtehen uns einander und nun ſagt mir, was wißt ihr von dieſes jungen Mannes Angelegenheiten, was euch ſo großen Widerwillen einfloͤßt, damit ein⸗ zulaſſen?“ 205 „Hieruͤber kann ich bis jetzt noch nicht viel ſa⸗ gen,“ erwiederte Urſula;„nur weiß ich, daß die dächtigſten unter ſeinen eignen Landsleuten, ſo wie unter den Großen des hieſigen Hoſes ſeine Feinde ſind. Doch ich werde mehr davon erfahren; denn es muͤßte eine ſehr undeutliche Schrift ſeyn, deren Sinn ich nicht um euretwillen, meins allerliebſte Miß Mar⸗ garetha, herausbringen wollte. Wißt ihr, wo die⸗ ſer liebenswuͤrdige Herr wohnt?“ 5 „Zufaͤllig hoͤrte ich,“ ſagte Marget, als ob ſie ſich ſchaͤmte, einen ſolchen Umſtand im Gedaͤchtniß behalten zu haben,„daß er bei einem gewiſſen Schiffhaͤndler Chriſtie am Pauls Werſt wohnt.“ „Welch' eine Wohnung fur einen jungen Lord! — Nun ſeyd gutes Muthes, Miß Margaretha, wenn er wie einige ſeiner Landsleute als Raupe hie⸗ her gekommen iſt, ſo kann er vielleicht, gleich ihnen als Schmetterling aus ſeiner Puppe hervorgehn. Drum dieſen Trunk zur guten Nacht, und noch einen auf ſuͤße Träume; innerhalb 24 Stunden ſoklt ihr von mir horen, Perle aller Perlen und M argaretha aller Margarethen.“ Mit dieſen Worten kuͤßte ſie ihter jungen ſ6 ſtraͤubenden Freundin und Patronin die Wange und verſchwand leichten und verſtohlnen Schritts, ſo wie ſie es in ihren geheimen und eiligen Unkernehmun⸗ gen gewohnt war. Marget ſah' ihr einige Augenblicke 206 in aͤngſtlichem Schweigen nach.„Ich that unrecht,“ ſagte ſie halb laut bei ſich ſelbſt,„mir mein Geheim⸗ niß von ihr entreißen zu laſſen; doch ſie iſt verſchla⸗ gen, kuͤhn und dienſtfertig,— auch treu, wie ich glaube; ſchon ihr eigner Vortheil wird ſie dazu an⸗ treiben.— Und dennoch wuͤnſchte ich, ich h ſchwiegen.— Ich beginne ein hof Un⸗ ternehmen. Denn, was ſprach er zu mir, das mich rechtfertigen könnte, mich um ſein Schickſal zu be⸗ kuͤmmern?— Nichts, als unerhebliche Worte— bloßes Tiſchgeſpraͤch. Doch, wer weiß“— hier un⸗ terbrach ſie ihr Selbſtgeſpraͤch, und blickte in den Spiegel, der, zurückſtrahlend den Abglanz ihrer Schhoͤnheit, wahrſcheinlich ihrem Gemuͤthe eine gun⸗ ſtigere Schlußfoige eingab, als ſie ihrer Zunge anzu⸗ vertrauen wagte. Neuntes Kapitel. Am Morgen des Tages, wo Georg Heriot ſich bereit hielt, den jungen Lord Glenvarloch an den Hof zu Withehall zu geleiten, war der junge Mann, deſſen Schickſal wahrſcheinlich von dieſem Wurf ab⸗ hing, ängßlicher als gewoͤhnlich beſorgt. Fruͤh er⸗ hob er ſich, kleidete ſich mit beſonderer Sorgfalt, und da er durch die Großmuth ſeines plebejiſchen Lands⸗ ——————„. 207 ————— manns in den Stand geſetzt war, ſein ſchoͤnes Aeu⸗ ßere in das vortheilhafteſte Licht zu ſetzen, ſo hatte er dies, wie ihm ein fluͤchtiger Blick in den Spiegel ſagte⸗ zu ſeiner Zufriedenheit benutzt; vor allen Dingen aber zollte ihm ſeine Hauswirthin den lauteſten Bei⸗ ½ fall. Er muͤſſe,— meinte ſie,— Jeden, der ſich mit ihm meſſen wolle, durch ſeine koͤrperlichen Vorzu⸗ ge ausſtechen. Meiſter Heriots Barke, ſchoͤn eingerichtet und bemannt, verſehen mit einem Zeltdach, worauf ſei⸗ ne Namenschiffer und das Wappen ſeiner Zunft prangte, traf zur beſtimmten Stunde ein. Der jun⸗ ge Lord Glenvarloch empfing den Freund, der ihm eine ſo uneigennuͤtzige Anhaͤnglichkeit bewieſen hatte, mit einer Herzlichkeit, die ihn nur noch liebenswuͤr⸗ diger machte. Neiſter Heriot ſetzte hierauf ſeinen jungen Freund in Kenntniß von der Verfuͤgung ſeines Souverains⸗ ihm die oben erwaͤhnte abſchlaͤgliche Summe auszu⸗ zahlen, und vollzog auf der Stelle den erhaltenen Auſtrag; doch weigerte ſich der edle Buͤrger, ſeinen eignen Vorſchuß davon abzuziehn. Nigel fuͤhlte ganz die Dankbarkeit, welche die uneigennuͤtzige Freund⸗ ſchaft dieſes trefflichen Mannes verdiente, und ſprach ſie in eben ſo herzlichen als verbindlichen Worten aus. Als jedoch der junge Lord, um vor ſeinen Fuͤr⸗ ſten zu treten, ſich unter dem Schutze eines Mannes 208 einſchiffte, deſſen groͤßter Standesvorzug darin be⸗ ſtand, daß er ein ausgezeichnetes Mitglied der Gold⸗ ſchmidts⸗Innung war, konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, uͤber ſeine Lage zu erroͤthen und Richard mur⸗ melte, als er das Boot beſtieg, um ſeinen Platz im Vordertheile einzunehmen, halb laut:„Nun, das muß ich ſagen, es iſt ein großer Abſtand zwiſchen Meiſter Heriot und ſeinem ſeligen Vater, dem ehrli⸗ chen Zinngießer; aber freilich iſt es auch ein anderes Ding, in klingendem Golde und Silber herumzuar⸗ beiten, als mit Zinn hexumzuklappern.“ Gefuͤhrt von vier ſtarken Ruderern, glitten ſie die Themſe hinab, welche damals zum Hauptcom⸗ municativnswege zwiſchen London und Weſtminſter diente; denn nur Wenige wagten ſich zu Pferde durch die engen, gedraͤngt vollen Straßen der City und Kutſchen waren damals ein Lurus, der blos dem ho⸗ hen Adel vorbehalten war, und den kein Buͤrger, ſo reich er immer ſeyn mbchte, ſich anzumaßen wagte. Die Schoͤnheit der Ufer, insbeſondere des noͤrdlichen, wo die Gärten des Adels von ihren Hotels an vielen Orten, ſich bis an den Strand hinabſenkten, ward Nigeln durch ſeinen guͤtigen Geleitsmann bemerklich gemacht, aber vergebens. Das Gemuͤth des jungen Lords bewegten eben nicht die erfreulichſten Vorge⸗ fühle des ſeiner harrenden Empfanges bei dem Mo⸗ narchen, fuͤr deſſen Dienſt ſeine Familie faſt zu Grun⸗ — 209 de gerichtet war, und er war verſunken in Nachden⸗ ken uͤber die Fragen, die der Koͤnig ihm etwa vorle⸗ gen koͤnnte, und uͤber die darauf zu ertheilenden Antworten. Sein Fuͤhrer gewahrte den Kampf in ſeinem Innern und wollte ihn nicht durch fernere Ge⸗ ſpräche ſteigern; nachdem er ihm daher in der Kuͤrze die bei ahnlichen Vorſtellungen am Hoſe üͤblichen Ce⸗ remonien auseinander geſetzt hatte, ward der Reſt ihrer Fahrt ſchweigend vollendet. Sie landeten an den Stufen des Pallaſtes von Whithehall, in welchen man ihnen nach Abgebung ihrer Namen den Eintritt verſtattete, nachdem die Wache dem Lord Glenvarloch die ſeinem Range ge⸗ buͤhrenden Ehrenbezeigungen erwieſen hatte. Hoch klopfte des Juͤnglings Herz, als er des Koͤnigs inne⸗ re Gemaͤcher betrat. Da er im Auslande auf einem beſchraͤnkten Fuße erzogen war, ſo hatte er nur un⸗ vollkommene Begriffe von der Groͤße eines Hofes; und es zeigte ſich, daß die philoſophiſchen Betrach⸗ tungen, die ihn lehrten, dem Ceremoniell und äuße⸗ rem Glanze Trotz zu bieten, gleich andern blos phi⸗ loſophiſchen Maximen unwirkſam waren, in dem Augenblick, als ſie durch den Eindruck, welchen der ungewohnte Glanz der Scene natuͤrlich auf den un⸗ erfahrnen Juͤngling hervorbringen mußte, aufgewv⸗ gen wurden. Die prachtvollen Zimmer, durch wel⸗ che ſie gefuͤhrt wurden, der Prunk zahlreicher Pagen⸗ 14 210 Garden und Hofbedienten und das ungewöͤhnliche Ceremoniell beim Durchgehen der langen Reihe von Zimmern, ſo unbedeutend und alläglich es dem an Hofbeſuche Gewoͤhnten auch immer ſcheinen mag, mußte einen jungen Mann, der zum Erſtenmale ſich dieſen Formen unterwarf, und zweifelhaſt war, welcher Empfang ihm bei ſeiner erſten Erſcheinung vor ſeinem Souverain zu Theil werden wuͤrde, noth⸗ wendig in Verlegenheit ſetzen. Heriot, ſorgfältig bemuͤht, ſeinem jungen Freun⸗ de auch die mindeſte vorübergehende Verlegenheit zu erſparen, hatte den Thuͤrſtehern, Pagen, Kaͤmmer⸗ lingen und andern aufwartenden Hof Bedienten zu⸗ vor das noͤthige Paßwort gegeben, ſo daß er mit ſei⸗ nem Schuͤtzling, ohne Aufenthalt weiter ging. So kamen ſie durch mehrere Vorzimmer, meh⸗ rentheils gefuͤllt mit Leibgarden, Schuͤtzlingen des Hoſes und deren maͤnnlichen und weiblichen Bekann⸗ ten, die angethan mit ihren beſten Kleidern mit be⸗ ſcheibner Neugier an der Wand gereiht waren, und zwar auf ſolche Weiſe, daß man ſie als Zuſchauer, und nicht als Schauſpieler dieſer Hoſſcene erkannte. Aus dieſen aͤußern Vorzimmern trat Lord Glen⸗ varloch mit ſeinem Freunde in ein großes prachtvol⸗ les, an den Audienzſaal ſtoßendes Nebenzimmer, wo nur diejenigen zugelaſſen wurden, die vermoͤge ih⸗ rer Geburt, ihrer Staats, und Hofbedienung oder ———FÜFÜGÜGÜ⅛Y§GÜ˖ÜFYF „—————— ——„—————— ———— 211 beſonderer Erlaubniß des Konigs, düs Recht hatten, Zutritt zu ihrem Souverain zu verlangen, um u ihre Ehrfurcht zu beweiſen. In dieſem beguͤnſtigten Kreiſe gewahrte Nigel den Sir Mungo Malagrowther, der, gemieden und hintangeſetzt von denen, welche wußten, wie wenig er bei Hoſe galt, nur zu willig die Gelegenheit er⸗ griff, ſich einem Manne von Lord Glenvarlochs Range anzuſchließen, der noch ſo unerfahren war, daß er es ſchwer fand, eines zudringlichen los zu werden. Der Ritter verzog augenblicklich ſeine widrigen Geſichtszuͤge zu einem graͤßlichen Laͤcheln, und nach dem er den Hofgoldſchmidt mit einer Protektionsmi⸗ ne, begleitet von einer ariſtokratiſchen, zugleich Standesuͤberlegenheit und Goͤnnerſchaft andeutenden Handbewegung begruͤßt hatte, ließ er den ehrlichen Buͤrger, dem er ſo manches Mittagseſſen verdankte, gaͤnzlich linker Hand liegen, um ſich einzig dem jun⸗ gen Lord anzuſchließen, obgleich er argwohnte er könne zu Zeiten in den Fall kommen, den Erſtern ſo ſehr als irgend Jemand zu beduͤrfen. Die Bekannt⸗ ſchaft dieſes originellen Menſchen, ſo ſeltfam und unliebenswuͤrdig er auch ſeyn mochte, war Nigeln nicht ganz gleichguͤltig, da 8 etwas zwangvolle Stillſchweigen ſeines Freundes Heriot ihn ſeinem beunruhigenden Gemuͤthsbewegungen uͤberließ, mit⸗ 14* 242 hin ſeine peinliche Lage durch Sir Mungo etwas er⸗ leichtert ward; denn er konnte ſich nicht alles Inte⸗ reſſes an dem beißenden, ſarkaſtiſchen Witze er⸗ wehren, der ihm von einem beobachtenden, wenn gleich unzufriedenen Hofmanne aufgedrungen ward, fur welchen ſeiner Seits ein geduldiger Zuhoͤrer, und noch dazu ein Mann von hohem Range, einen eben ſo großen Werth hatte, als fuͤr Nigeln des Sir Mun⸗ go's Unterhaltungsgabe. Immittelſt ſrebte Lord Glenvarloch, mit dankbarer Höflichkeit, den von Sir Mungo vernachläſſigten Heriot wieder ins Geſpräch zu ziehen; allein Letzterer vermied es, und beharr⸗ te im Schweigen mit einer halblächelnden Miene, oh⸗ ne daß man deutlich unterſcheiden konnte, ob ſie ein Lächeln des Beifalls oder des Spotts uͤber den Witz des Höflings andeuten ſollte. Wäͤhrend das Trio einen Winkel des Vorzim⸗ mers neben der noch nicht geoͤffneten Thuͤre des Au⸗ dienzſaals einnahm, trat Marwell, der Kämmerling mit ſeinem Amtsſtabe ſehr geſchaͤftig ins Zimmer, wo die Meiſten, ausgenommen Maͤnner von hohem Range, ihm Platz machten. Unſerm Trio nahend, warf er einen Blick auf den jungen ſchottiſchen Lord, machte dem Meiſter Heriot eine leichte Verbeugung, und wandte ſich dann an Sir Mungo, heftig klagend uͤber das Mißbenehwen der Gardiſten und Thuͤrſteher, die Leuten von allen Buͤgertlaſſen, Sollicitanten und 2¹3 —— Schreibern verſtatteten, ſich unanſtändiger Weiſe in die Kußern Vorzimmer einzuſchleichen. „Die Englaͤnder,“ fuhr er fort,„halten ſich mit Grund daruͤber auf; denn zu Cliſabeths Zeiten durfte ſo etwas nicht geſchehen. Damals war der Vorhof fuͤr die untern Stände und die Zinimer fur den Adel;*) es iſt eures Amts Sir Mungo, derglei⸗ chen Dinge beſſer in Ordnung zu halten.“ „Kein Wunder,“ erwiederte Sir Mungo hier⸗ uͤber verdrießlich;„daß die niedern Stände ſich Frei⸗ heiten heraus nehmen, da Maͤnner, die ſie hohere Hofaͤmter bekleiden ſehen, an Abkunft und Manieren wenig beſſer ſind, als ſie ſelbſt.“ „Ihr habt Recht, Sir, vollkommen Recht,“ ſagte Maxwell, mit der Hand die verwitterte Sticke⸗ rei auf des alten Ritters Aermel beruͤhrend,—„wenn ſolch gemeines Volk Hofbeamte gleich lumpigen Co⸗ moͤdianten in obgeſchabten Kleidern einhergehen ſieht, ſo iſts kein Wunder, wenn es am Hofe von zuvring⸗ lichen Menſchen wimmelt.“ 0 Das feine Wortſpiel:„the court yard for the mobi- lity, and che for the nobility“ iſt um ſo nnüberſetzbarer, da ſchon ſeit länger als einem halben Jahr⸗ hundert ſchwerlich irgend ein brittiſcher Höfling gewagt ha⸗ ven würde, das, wie es ſcheint, früher als gewiſſermaßen techniſch recipirte Wort mobili dieſem Gegenſatze vei Hofe laut auszuſprechen. d. U. 214 „Verſtehe ich recht, ſo lobt ihr den Geſchmack meiner Stickerei, Sir,“ verſetzte der Ritter, benuz⸗ zend, wie er bei ſolchen Gelegenheiten nicht ſelten that, das Privilegium ſeiner Taubheit;„ſie iſt nach einem alten trefflichen Muſter von eurem Großvater muͤtterlicher Seite, dem alten James Stitchel, ei⸗ nem beruͤhmten Schneidermeiſter in Merlins Wynd verfertigt; ich machte es, wie ich mir noch ſehr deut⸗ lich erinnere, mir zur Pflicht, ihn in Arbeit zu ſetzen, ſobald ich ſah, daß euer Vater es paßlich fand, ſich mit der Tochter einer ſolchen Perſon zu verheira⸗ then.“ Aus Maxwells finſterm Blick ſprach das Bewußt⸗ ſeyn, daß auf dem Wege der Genugthuung von Sir Mungo nichts zu erlangen ſey, und daß die Fort⸗ ſetzung der Zänkerei mit einem ſolchen Gegner ihn nur laͤcherlich und eine Mißheirath, worauf er nicht ſtolz zu ſeyn Urſache hatte, öffentlich bekannt machen wuͤrde. Er verſieckte daher ſeinen Unwillen hinter einem hoͤhniſchen Lächeln und äußerte ſein Bedauern, daß Sir Mungo zu taub geworden ſey, um zu ver⸗ ſtehen, oder zu befolgen, was man ihm ſage; dann ging er weiter und pflanzte ſich neben der Fluͤgelthuͤr des Audienzſaales, wo er, ſobald ſie ſich oͤffnen wuͤr⸗ de, das Amt hatte. icekàmmerers zu verſehen —,—— —,————— ———————— 215 „Die Audienz wird ſogleich beginnen,“ fliſterte der Goldſchmidt ſeinem jungen Freunde zu;„mein Stand erlaubt mir nicht, euch weiter zu begleiten. Unterlaßt nicht, euch mit dem kuͤhnen Selbſtbewuſt⸗ ſeyn eurer Geburt vorzuſtellen und eure Bittſchrift zu uͤberreichen, die der Koͤnig anzunehmen ſich nicht wei⸗ gern, und wie ich hoffe, in guͤnſtigem Lichte betrach⸗ ten wird.“. Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thuͤr des Au⸗ dienzſaales, und wie es bei ſolchen Gelegenheiten ge⸗ wöhnlich iſ begannen die Hofleute, ſich in einem lang⸗ ſamen, ununterbrochenen Zuge in denſelben zu be⸗ geben. Als NRigel an der Eintrittsthuͤr erſchien und ſeinen Namen und Titel nannte, aͤußerte Maxwell Bedenklichkeiten, ihn eintreten zu laſſen.„Ihr ſeyd hier Niemandem bekannt,“ ſagte er;„s iſt meine Pflicht, Nylord, Niemanden in die Naͤhe des Koͤ⸗ nigs zuzulaſſen, der mir von Perſon unbekannt iſt; es ware denn, daß irgend eine geeignete Perſon fur ihn verantwortlich wuͤrde.“ „Ich kam mit dem Meiſter Heriot,“ ſagte Nigel, in einiger Verlegenheit uber dieſen unerwarteter. Auf⸗ enthalt. „Meiſter Heriots Name i wort fuͤr Gold und Silbe und Rang. Mein Amt noͤ allerdings ein Paß⸗ aber fuͤr Geburt ich, hierin ſireng 216 zu ſeyn. Es thut mir herzlich leid, es ſagen zu muͤſ⸗ ſen, Ew. Lordſchaft muß zuruͤckbleiben.“ „Wovon iſt hier die Rede?“ fragte ein alter Schottiſcher Lord, der mit Georg Heriot nach deſſen Trennung von Nigeln geſprochen hatte, und jetzt⸗ wahrnehmend den Wortwechſel zwiſchen und Maxwell hervortrat. „Es iſt weiter nichts,“ fiel Sir Mungo waln⸗ growther ein,„als ein Gluckwunſch, welchen der Vi⸗ tekämmerer Maxwell dem jungen Lord Glenvarloch, deſſen Vater ihm ſein Hofamt gab, zu ſeiner Erſchei⸗ nung bei Hofe abſtattet; wenigſtens glaubte ich, wenn mich anders mein ſchwaches Gehoͤr nicht truͤgt, et⸗ was Aehnliches zu verſtehen.“ Ein halbverhaltenes Lachen, inſoweit es die Oertlichkeit zuließ, lief unter allen Zuhoͤrern dieſes ſarkaſtiſchen Witzproͤbchens des Sir Mungo umher. Aber der alte Schottiſche Lord trat inmittelſt weiter hervor, mit den Worten:„Wie? der Sohn meines braven alten Gegners, Ochtred Olifaunt?— Ich will ihn ſogleich ſelbſt einfuͤhren.“ Mit dieſen Worten faßte er ohne Umſtände Ni⸗ gels Arm und war im Begriff, ihn einzufuͤhren, als Marwell, der immer noch ſeinen Amtsſtab quer vor der Thuͤr hielt, ſtockend und etwas verlegen ſagte: „Mylord, dieſer Gentleman iſt unbekannt und ich habe Befehl, behu ſeyn.“ „Behutſam utfam her,“ verſetzte der alte 1 217 ———————— Lord;„ich ſiehe dafür ein, vaß er ſeines Vaters Sohn iſt; ſchon die Form ſeiner Augenbrauen zeigt dies;+ und du Maxwell, kannteſt ſeinen Vater genau ge⸗ nug, um deine Bedenklichkeiten zu ſparen. Laß uns durch!“ Mit dieſen Worten ſchob er den Kämme⸗ rerſtab bei Seite und betrat, immer noch den jungen Mann am Arm, das Audienzzimmer. „Ich muß eure Bekanntſchaft machen, junger Mann;“ ſo redete er Nigeln an.„Ich kannte eu⸗ ren Vater wohl, und habe mit ihm eine Lanze gebro⸗ chen, auch meine Klinge mit der ſeinigen gemeſſen. Ich rechne es mir zur Ehre, daß ich noch lebe⸗ um mich deſſen ruͤhmen zu koͤnnen. Er war auf der Seite des Koͤnigs und ich ein Anhaͤnger der Konigin in den Kriegen der Douglas,— wir waren beide junge Leute, die weder Feuer noch Stahl fuͤrchteten. Au⸗ ßerdem hatten wir auch einige Lehnsſtreitigkeiten, die mit unſern Siegelringen, Schlachtſchwertern, Waf⸗ fenroͤcken und Helmbuͤſchen von Vater auf Sohn ver⸗ erbt waren.“ „Ihr ſprecht zu ü Mylord Huntinglen,“ fliſterte ein Kammerling;—„der Koͤnig!“ Der alte Graf(denn das war er), befolgte den Wink und ſchwieg. Jacob, aus einer Seitenthuͤr her⸗ vortretend, empfing nach einander die Ehrfurchtsbe⸗ zeigungen mehrerer Fremden, wäͤhrend eine kleine Gruppe beguͤnſtigter Hofleute oder Hofbeamten, an 218 die er ſich von Zeit zu Zeit im Geſpräch wandte, ihn ungaben. Der Monarch hatte ſich etwas ſorgfaͤltiger gekleidet, als bei der Gelegenheit, wo wir ihn zuerſt unſern Leſern darſtellten; allein immer hatte er et⸗ was Linkiſches an ſich, ſo, daß ihm ſeine Kleidungs⸗ ſtuͤcke niemals gut ſaßen; und die ſchon oben erwaͤhnte Gewohnheit, die er aus Klugheit oder Furchtſamkeit angenommen hatte, ſich durch einen dick geſteppten Anzug gegen Dolchſtiche zu ſichern, ſteigerte die unbe⸗ holfene Steifheit in ſeinem ganzen Aeußern, welche ſeltſam mit den frivolen, ungefälligen und raſtloſen Bewegungen, womit er ſeine Unterredungen zu be⸗ gleiten pflegte, contraſtirte. Allein, wenn es gleich ſeiner Haltung ſehr an Wuͤrde mangelte, hatte er den⸗ noch ein ſo freundliches, vertrauliches und gutherzi⸗ ges Benehmen,— er war ſo wenig geeignet, ſeine eignen Schwächen zu verhehlen, und ſo nachſichtig und mitleidsvoll fuͤr die Schwächen Anderer, daß ſeine Unterhaltungsweiſe, verbunden mit ſeinen ge⸗ lehrten Kentniſſen und einigem Mutterwitz, jederzeit auf diejenigen, welche ihm nahten, einen guͤnſtigen Eindruck machte. Als der Graf Huntinglen den Lord Nigel ſeinem Souverain vorgeſtellt hatte,— eine Ceremonie, die der gute Poir in eigner Perſon uͤbernahm,— be⸗ grußte der Koͤnig den jungen Mann ſehr gnädig, und äußerte gegen den„Er freue ſich, ſi ie beide ——.— ——.— —— 219 —— einander zur Seite ſtehen zu ſehn; denn,“ fuhr er fort,„ich weiß, Mylord Huntinglen, daß eure Vorfahren und ſogar Ew. Lordſchaft und dieſes jun⸗ gen Mannes Vater Stirn gegen Stirn und Schwert gegen Schwert, einander gegenuͤber geſtanden haben; und das war, Traun! eine weit ſchlimmere Stellung.⸗ „Bis Ew. Majeſtaͤt,“ verſetzte Lord Hunting⸗ len,„zwiſchen Lord Glenvarloch und mir Frieden ſtiftete, an jenem denkwuͤrdigen Tage, als Ew. Ma⸗ jeſtät allen mit einander in Fehde begriffenen Edelleu⸗ ten ein Feſt gab und ſie in Eurem Beiſeyn einander die Haͤnde geben ließet—“ „Wohl entſinn' ich mich deſſen,“ ſiel der König ein;„es war ein ſeegenvoller Tag, der 19. Septbr. der ſeegenvollſte unter allen Tagen im Jahre.— Ein Spaß war es, anzuſehen, wie einige von den alten Knaſterbärten brummten, als ſie die Hande in einan⸗ der ſchlugen. Meiner Seel, ich dachte, einige unter ihnen, insbeſondere die hochländiſchen Häuptlinge, wuͤrden in unſerm eigenen Beiſeyn losgebrochen ſeyn; allein wir ließen ſie unter unſerer eigenen Anfuͤhrung Hand in Hand dem Kreuze ſich nahen, und dort auf die Abſchaffung aller Privatfehden und auf dauernde Freundſchaft froͤhlich mit einander einen Becher lee⸗ ren. Der alte John Anderſon war damals Lan⸗ desälteſter; der alte Kerl ſprang vor Freuden, und 220 die Beamte und Räthe tanzten in unſerer Gegenwart vor lauter Fröhlichkeit mit bloßem Kopfe herum.“ „Es war in der That ein gluͤcklicher Tag,“ ſagte Lord Huntinglen,„der in der Regiekungsgeſchichte Cw. Majeſtaͤt niemals vergeſſen werden wird.“ „Auch moͤcht' ich nicht, daß er in unſern Anna⸗ len uͤbergangen wuͤrde, Mylord, Beati pacifici! Meine engliſchen Unterthanen moͤgen mich wohl in Ehren halten und bedenken, daß der einzige friedlie⸗ bende Mann, der jemals aus meiner Familie hervor⸗ ging, ihr Koͤnig geworden iſt. Waͤre Jacob„mit dem feurigen Geſichte“ unter euch gekommen, ſagte er, um ſich her ſchauend, oder mein Großvater ¹),“— ſo hätten wir ihn wieder nach Norden zuruͤckgeſchickt, fliſterte ein engliſcher Lord.“ „Wenigſtens,“ ſagte ein Anderer in dem nämli⸗ chen kaum hoͤrbaren Tone,„wuͤrden wir einen Mann zum Souverain gehabt haben, war er gleich nur ein Schotte.“ „Und nun, junger Sprößling,“ redete der Kö⸗ nig den Lord Glenvarloch an,„wo habt ihr denn eure Jugendjahre verlebt?“ 4 —— *) Jacob Il. und IV. von Schottland, beides kriegeriſche Fürſten, die den Engländern viel zu ſchaffen machten, wenn gleich Beide in Kriegen gegen England,— der Erſtere 1460 vor Rorburg, der Letztere 1513 in der Schlacht bei Flowdonhill,— den Tod fanden. d. u. 224 „Zuletzt in Leyden, Ew. Mojeſtät zu dienen,“ antwortete Lord Nigel. „Ah! alſo ein Gelehrter,“ verſetzte der Koͤnig; „und, meiner Seel', ein beſcheidener, gutgearteter Juͤngling, der nicht verlernt hat, zu erroͤthen, wie die meiſten unſerer gereiſeten Monſieurs; wir wollen uns auf eine angemeſſene Weiſe mit ihm unterhalten.“ Dann warf er ſich in die Bruſt, rauſperte ſich⸗ blickte mit dem Bewuſtſeyn uberwiegender Gelehrſam⸗ keit rund umher, während alle Höflinge, welche La⸗ tein verſtanden oder nicht verſtanden, ſich herandraͤng⸗ ten, um zuzuhoͤren; und darn fuhr der weiſe Mo⸗ narch in ſeinem Examen folgendermaßen fort:„Salve bis, quaterque salve, Glenvarlochides noster! Nuperumne ab Lugduno Batavorum PBritan- niam rediisti?“ Der junge Lord erwiederte mit tiefer Verbeu⸗ gung:„lmo, Rex augustissime— biennium fere apud Lugdunenses moratus sum. Jacob fuhr fort: „Bienninm dicis? bene, pene optume fac- tum est— Non uno die quod dicunt,— intelli- gieti, Domine Glenvarlochiensis? Aha!“ Nigel antwortete durch eine ehrerbietige Verbeu⸗ gung, worauf der Koͤnig, ſich zu den hinter ihm Ste⸗ henden wandte, mit den Worten: „Adolescens quidem ingenui vnlins inge- 222 nniqne pudoris.“ Dann begann er aufs Neue ſeine gelehrten Forſchungen.„Bt quid hodie Lug- dunenses loqunntur— Vossius vester nihil ne novi scripsit?— nihil certe, quod doleo, ypis recenter edidit.“ „Valet quidem Vossins, Rex benevole,“ erwiederte Nigel,„ast senex veneratissimus an- num agit, ne fallor, septuagesimum.“ „Virum, mehercle, vix tam grandaevum crediderim,“ verſetzte der Monarch.„Et Vorstius iste?— Arminii improbi sucessor aeque ac seclator— Herosne adhuc, ut cum Homero lo- quar, Zoos eo7. nu em⸗ Xov Jepnuyhe Gluͤcklicherweiſe erinnerte ſich Nigel, daß Vor⸗ ſtius, den der Koͤnig in ſeinen Fragen uͤber den Zu⸗ ſtand der hollaͤndiſchen Litteratur zuletzt erwaͤhnt hatte, eine perſoͤnliche Controvers mit Jacob gefuͤhrt hatte, worin der Koͤnig ſo lebhaft geſtritten hatte, daß er am Ende von den Generalſtaaten in einem diplo⸗ matiſchen Schreiben verlangke, ſich des weltlichen Armes zu bedienen, um die Fortſchritte der Ke⸗ tzerei durch gewaltſame Masregeln gegen die Per⸗ ſon des Profeſſors zu hemmen,— ein Anſuchen, welchem jedoch Ihro Hochmoͤgenden kraft ihrer Grund⸗ ſätze allgemeiner Duldung auswichen, wiewohl nicht ohne Schwierigkeiten. Lord Glenvarloch, dem dies Alles bekannt war, hatte, obwohl er erſt ſeit — 223 fünf Minuten In Hofmann war, Gewandheit ge⸗ nug, zu erwiedern: „Vivum quidem, haud din est, hominem videbam— vigere autem quis dicat qui snb ful- minibus eloquentiae tuae, Rex magne, jamdu- dum pronus jacet, et prostratus?“. Dieſer letzte, ſeinen polemiſchen Talenten ge⸗ zollte Tribut vollendete Jacobs Gluͤckſeligkeit, welche der Triumph, ſeine Gelehrſamkeit auszukramen, be⸗ reits zu einer betraͤchtlichen Hoͤhe geſteigert hatte. „ *) Damit Niemand unter unſern Leſerinnen oder Leſern arg⸗ wöhne, es koͤnnte irgend etas Geheimnißvolles unter den, mit Antiquaſchrift gedruckten Sätzen zu verſtehen ſeyn, ſo werden ſie von uns die Verſicherung anzunehmen belieben, daß ſie blos einige lateiniſche Geninplätze in Beziehung auf den Zuſtand der Wiſſenſchaften in Holland enthalten, die eine wörtliche ueberſetzung weder verdinnen, noch auch dazu geeignet ſind. Anm. des Verfaſſers*). *) Da der Verfaſſer nur eine woͤrtliche Verſion dieſes la⸗ teiniſchen Geſprächs, welches haup ſächlich Jacobs geſchicht⸗ lich bewahrheitete Sucht, mit ſeiner unter den Monar⸗ chen jener Zeit nicht gemeinen Latinität zu prunken, be⸗ zeichnen ſoll, verbietet, ſo wird es dem Ueberſetzer we⸗ nigſtens verſtattet ſeyn, bemerklich zu machen, daß der Mo⸗ narch, bevor er ſeine Forſchungen über den Zuſtand der Holländiſchen Li ratur beginnt, den Stammerben des Hau⸗ ſes Glenvarloch in zierlichem Latein nochmals feierlich be⸗ grüßt, ihn lobt, daß er ſeine Studien in Leyden auf faſt zwei Jahre verlängert habe, und gegen die Umſtehenden ſeine Zufriedenheit mit Rigels freimüthigen und beſcheide⸗ nen Antworten äußert. d. 1. 224 Er rieb die Haͤnde, ſchlug Schr ppchen mit den Fingern, bewegte ſich unruhig hin und her und rief mit ſelbſtzufriedenem Lächeln:„Euge! belle optu- me.“ Dann wandte er ſich zu den Biſchoͤfen von Ereter und Oxford, die zunaͤchſt hinter ihm ſtanden, mit den Worten: Hier ſahet ihr, Mylords, kein uͤb⸗ les Specimen unſrer ſchottiſchen Latinitaͤt. Moͤchten doch nur alle unſre engliſchen Unterthanen und andere Juͤngiinge von ehrenvoller Geburt in unſerm alten Koͤnigreiche im Lateiniſchen ſo wohl bewandert ſeyn, als dieſer junge Mann. Auch behalten wir die wahre roͤmiſche Ausſprache bei, gleich andern unterrichteten Nationen des Feſtlandes, ſo daß wir mit jedem Ge⸗ lehrten in der ganzen Welt Verbindungen unterhal⸗ ten koͤnnen, wenn er nur die lateiniſche Sprache re⸗ den kann; dagegen habt ihr, unſere gelehrten engli⸗ ſchen Unterthanen, auf euren uͤbrigens ſehr ge⸗ lehrten Univerſitäten eine haͤrtere Ausſprache einge⸗ fuͤhrt, die,— nehmt es nicht uͤbel, daß ich es ge⸗ rade heraus ſage,— von keiner Nation auf Erden, außer von euch verſtanden werden kann, wodurch das Latein, quoad Anglos, aufhoͤrt, communis lingua und der allgemeine Dolmetſcher unter den Nationen zu ſeyn. Der Biſchof von Exeten verbeugte ſich und ließ es bei dem Tadel des Konigs bewenden. Der Bi⸗ ſchof von Oyford hingegen, eingedenk der beruͤhmten 5 —..—————————————— — ee— X — 22⁵ Univerſität, uͤber welche ſich ſein Kirchſprengel er⸗ ſtreckte, ließ den Ruͤcken ungebeugt, als wollte er zu erkennen geben, daß er ebenſowohl fuͤr die Verthei⸗ digung der Latinität der Hochſchule zu Orſord, als fuͤr jeden Artikel ſeines Religionsglaubens den Schei⸗ terhaufen zu beſteigen bereit ſey). Ohne eine Antwort von den beiden Prälaten zu erwarten, fuhr der Koͤnig fort, den Lord Nigel zu befragen, jedoch in ſeiner Mutterſprache.„Nun, ihr wohlgerathner Muſenzögling, was fuͤhrt euch ſo weit aus Norden her?“ „Das Verlangen, Cw. Majeſtaͤt meine Ehr⸗ furcht zu bezeigen„ erwiederte der junge Lord; ſich auf ein Knie niederlaſſend;„und euch dieſe meine demuͤthige Bittſchrift zu uͤberreichen.“ Hätte Jemand ei Piſtole auf den König ange⸗ legt, ſo häͤtte ihm dies, die Furcht abgerechnet, kaum unangenehmer ſeyn koͤnnen, als die Ueberreichung dieſer Supplik. „Und kann denn,“ rief der Koͤnig aus,„keine Menſchenſeele, und waͤr' es auch nur der Seltenheit 13 von Schottland heruͤber kommen, die nicht *) Bekanutlich ſprechen die Engländer das Lateiniſche genan ſo aus, wie ihre Mutterſprache; ſo daß es dem nicht daran gewöhnten Ausländer unmöglich iſt, auch nur das Mindeſte, davon zu verſtehen⸗ d. u. 226 ein Anliegen hat, um zu ſehen, was von dem lie⸗ benden Souverain herauszupreſſen iſt? Noch vor drei Tagen haͤtten wir bald unſer Leben eingebuͤßt und drei Koͤnigreiche in Trauer verſetzt, durch die taͤppiſche Voreiligkeit eines plumpen Bauern der uns ein Paket in die Hand ſchob; und jetzt werden wir ſogar an unſerm Hofe von dergleichen Dingen heimgeſucht; geht mit dem Zeuge zu umſerm Secre⸗ tair, hoͤrt ihr Mylord?“ „Schon habe ich meine ehrerbietige Bittſchrift Ew. Majeſtät Staatsſecretair uͤberreicht,“ entgegnete Lord Glenvarloch,„aber es ſcheint—“ „Daß er ſie nicht annehmen will; nicht wahr?“ unterbrach ihn der Koͤnig;„meiner Seel', unſer Secretair verſteht ſich auf jenen Zweig ver Regenten⸗ politik, Nichtbeantwortung genannt, beſſer als wir, und pflegt nichts anzuſehem, als was ihm geféllt. Ich glaube, ich wuͤrde ein beſſerer Secretair fur ihn, als er fuͤr mich ſeyn; nun Mylord ſeyd willkommen in London, und da ihr ein ſcharfſinniger und kenntnißreicher junger Mann zu ſeyn ſcheint, ſo rath' ich euch, eine Zeitlang in St. Andrews euch aufzuhalten; wir werden uns ſehr freuen, zu vernehmen, daß ihr in euren Studien weitere Fort⸗ ſchritte macht.— Incnmbite remis fortiter.“ Wäͤhrend der Koͤnig ſo redete, hielt er die Bitt⸗ ſchriſt des jungen Lord ſorglos in der Hand, gleich ————— als ob er blos wartete, bis der Supplicant den Ruͤcken gewandt haben wuͤrde, um ſie wegzuwerfen, oder wenigſtens auf immer bei Seite zu legen. Der Bitt⸗ ſteller, der dies in Jacobs kalten und gleichguͤltigen Blicken und in der Art, wie er das Papier zerknit⸗ terte, zu leſen glaubte, erhob ſich mit einem bittern Gefuͤhle des Unwillens und der Taͤuſchung, machte eine tiefe Verbeugung und war im Begriff, ſich ha⸗ ſtig zuruͤckzuziehen. Allein der neben ihm ſtehende Lord Huntinglen hielt ihn durch eine faſt unmerkliche Beruͤhrung ſeines Mantels zuruͤck, worauf Nigel, den Wink verſtehend, ſich nur einige Schritte vom Koͤnige entfernte und dann ſtehen blieb. Immittelſt ließ Lord Huntinglen ſich vor Jacob auf ein Knie nieder, mit den Worten:„Geruht Ew. Najeſtät ſich zu erinnern, daß ihr mir bei einer gewiſſen Gelegen⸗ heit verſpracht, mir in jedem Jahre eures geheiligten Lebens eine Gnadenbezeigung zu gewaͤhren?“ „Wohl erinnere ich mich deſſen,“ erwiederte Jacob,„und ich hatte gute Gruͤnde dazu. Es war damals, als ihr uns aus den Klauen des Verrä⸗ thers Ruthven rettetet, und ihm, wie ein treuer Un⸗ terthan, den Dolch in die Bruſt ſtießet. Wir ver⸗ ſprachen damals,(wie ihr uns unnoͤthigerweiſe in Erinnerung bringt,) noch halb außer uns ſelbſt vor Freuden uͤber unſere Befreiung, wir wollten euch jedes Sh von freien Stuͤcken eine Gnade ge⸗ 45* 228 ——— waͤhren;— eine Zuſage, die wir nach voͤlliger Wie⸗ dererlangung unſerer Fniglichen Geiſteskraͤfte beſtaͤ⸗ tigten, jedoch restrictive und conditionaliter, in der 2 Vorausſetzung, daß Ew. Lordſchaft Bitte nach unſerm königlichen Dafuͤrhalten zulaͤſſig ſeyn wuͤrde.“ „So war es, gnaͤdigſter Souverain,“ verſetzte der alte Graf;„und darf ich ferner mich unterſte⸗ hen, zu fragen, ob ich je die Grenzen eures koͤnigli⸗ chen Wohlwollens uͤberſchritten habe?“ „Auf mein Wort, nein!“ exwiederte der Koͤ⸗ nig;„ich kann mich nicht erinnern, daß ihr jemals viel fuͤr euch ſelbſt erbeten habt,— etwa einen Jagd⸗ hund, oder einen Falken, oder einen Rehbock aus unſerm Park zu Theobalds oder etwas dem Aehnli⸗ ches. Aber wozu dient dieſe Vorrede?“ ———— „Zu dem Gnadengeſuch, welches ich vorzubrin⸗ gen habe,“ antwortete Lord Huntinglen;„welches darin beſteht, daß es Eurer Majeſtät gefallen moͤge, ſofort einen Blick auf die Bittſchrift des jungen Lord Glenvarloch zu werfen, und was euer gerechtigkeit⸗ liebendes, wahrhaft koͤnigliches Gemuͤth euch als recht und billig eingeben wird, ohne Zuziehung eures Secretairs oder irgend eines eurer S zu verfuͤgen.“ „Meiner Seel' Slon, das iſt„ ſagte der Konig;„ihr verwendet euch fuͤr den Sohn eures Feindes!“ —— 25 „Eines Mannes, der mein Feind war, bis Ew. Majeſtät ihn zu meinem Freunde machte,“ ver⸗ ſetzte Lord Huntinglen. „Wohl geſprochen, Mylord, und im cht chriſt⸗ lichen Sinne,“ erwiederte der Koͤnig.„Und was die Bittſchrift dieſes jungen Mannes betrifft, ſo er⸗ rathe ich zum Theil den Inhalt; aufrichtig geſagk⸗ ich hatte dem alten Georg Heriot verſprochen, dem jungen Menſchen mein Wohlwollen zu beweiſen.— Aber wie dies anzufangen iſt, da liegt der Hund be⸗ graben. Steenie und Carl koͤnnen ihn nicht leiden;— eben ſo wenig euer eigner Sohn, Mylord; und ſo duͤnkt mich, er thaͤte beſſer, nach Schottland zuruͤck⸗ zugehen, bevor ſie ihn ins Ungluͤck bringen.“ „Mein Sohn,— Ew. Majeſtät halten zu Gna⸗ den,— in ſo weit dieſer mit der Sache zu thun hat,“ erwiederte der Graf,„ſoll eben ſo wenig meine Handlungen leiten, als irgend ein junger Brauſekopf.“ „Das ſoll auch mein Sohn ſich nicht bei mir herausnehmen,“ fiel der Monarch ein;„bei meines Vaters Seele, keiner unter ihnen Allen ſoll den Koͤ⸗ nig bei mir ſpielen,— ich will thun was ich will und was ich muß, wie ein freier Koͤnig.“ „Will mir alſo Ew. Majeſtät mein Gnadenge⸗ ſuch bewilligen?“ fragte Lord Huntinglen. „Ey ja doch, ich will es,“ entgegnete der Kö⸗ nig;„aber folgt mir in dies Cabinet, Mylord, wo wir ungeſtoͤrter ſind.“ Raſchen Schritts fuͤhrte er den alten Grafen mitten durch die Reihen der Hoͤflinge, welche dieſe ungewohnte Scene, wie es an allen Hoͤfen in aͤhnli⸗ chen Faͤllen Sitte iſt, neugierig angafften. Kaum hatten ſie das Cabinet betreten, als der König dem Lord Huntinglen befahl, die Thuͤr zu verriegeln— ein Befehl, den er jedoch im naͤchſten Augenblick wi⸗ derrief, mit den Worten:„Nein! nein! ſo wahr ich lebe, Mylord, ich bin ein freier König,— und werde thun, was ich will und muß— justus et tenax pro- Positi. Seht aber doch nach der Thuͤr, wenn etwa Steenie in ſeinem tollen Sinne hereintreten ſollte.“ „O! mein armer Gebieter,“ ſagte ſeuzend Graf Huntinglen;„als ihr noch in eurem kalten Ge⸗ burtslande waret, floß waͤrmeres Blut in euren Adern.“ „Der Koͤnig warf haſtig einen Blick in die Bitt⸗ ſchrift, waͤhrend er von Zeit zu Zeit die Augen auf die Thuͤr und dann ſchnell wieder auf das Papier richtete, aus Schaam, das Lord Huntinglen, fuͤr den er große Achtung hatte, ihn im Verdacht der Furchtſamkeit zu haben ſchien.* „Die Wahrheit zu geſtehen,“ ſagte er nach ſchnel⸗ ler Durchleſung der Schrift,„dies iſt eine ſchwierige ———— „————— 231 — Sache; zwar hatte ich ſchon fruͤher einen Wink da⸗ von erhalten; allein ſie iſt ſchwieriger als ſie mir anfangs vorgeſiellt war. Alſo der junge Menſch ver⸗ langt blos deswegen die Bezahlung unſter Schuld, um ſeine väterlichen Guter zuruͤckzufordern? Aber Huntinglen, er wird auch andre Schulden haben,— und warum will er ſich mit ſo vielen Morgen unbe⸗ „ bauter Waldſtrecken belaſten? Er muß dieſe Lände⸗ reien fahren laſſen; unſer Canzler von Schottland⸗ hat dem Steenie verſprochen⸗ ſie ihm zu verſchaffen; ſie ſind das beſte Jagdrevier in ganz Schottland, und Carl und Steenie haben ſich vorgenommen, im naͤch⸗ ſten Jahre einen Hirſchbock dort zu ſchießen; in der That, ſie muͤſſen dieſe Ländereien haben; unſte Schuld ſoll dem jungen Mann bis auf den letzten Heller bezahlt werden; und er kann ſein Geld an unſerm Hoſe verzehren; oder wenn ihn ſo ſehr nach Landbe⸗ ſitz hungert, nun ſo wollen wir ihm den Magen mit engliſchem Lande fullen, welches zweimal, ja zehn⸗ mal ſo viel werth iſt, als dieſe verwuͤnſchten Huͤgel und Thaͤler, Suͤmpfe und Moraͤſte, nach denen ihn ſo ſehr verlangt. 1. Der arme Konig wandelte, waͤhrend er ſo ſprach, in einem bemitleidenswerthen Zuſtande der Unent⸗ ſchloſſenheitunaufhorlich im Zimmer auf und ab— ein Zuſtand der durch ſeine Gewohnheit, wenn er ſich verlegen fuͤhlte, im Gehen die Beine zu ſpreizen⸗ ſie zirkelfoͤrmig zu bewegen und unaufhörlich mit den Bandſchleifen an ſeinen Unterkleidern zu ſpielen, noch laͤcherlicher ward. Lord Huntinglen hörte ihm aufmerkſam zu und erwiederte mit großer Faſſung:„Eure Majeſtät er⸗ laube, daß ich euch an die Antwort erinnere, welche Nahoth gab, als Ahab ſeinen Weinberg begehrte: „„Das laſſe der Herr ſerne von mir ſeyn, daß ich dir meiner Väter Erbe ſollte geben““*). „Ey, eh, Mylord,“ rief Jacob, hocherroͤthend bis an die Naſenſpitze;„ich hoffe, ihr wollt mich keine Bibelkunde lehren! ihr braucht nicht zu fuͤrch⸗ ten, Mylord, daß ich mich ſcheuen werde, Jeder⸗ mann ſein Recht wiederfahren zu laſſen, und da Gw. Lordſchaft mir nicht behuͤlflich ſeyn will, dieſe Sache auf eine friedliche Weiſe abzumachen,— welches, wie mir?s ſcheint, fuͤr den jungen Mann, wie ich euch vorhin ſagte, beſſer geweſen ſeyn wuͤrde,— nun — wenn es ſo ſeyn muß,— beim Himmel, ich bin ein freier König, und er ſoll ſein Geld haben, und ſein Land einlöſen und damit machen, was er will.“ Bei dieſen Worten ſchrieb er haſtig eine Anweiſung auf die ſchottiſche Schatzkammer, zur Bezahlung der ſchuldigen Summe, und fügte dann hinzu:„Wie ſie das Geld anſchaſſen wollen, ſehe ich freilich nicht *) Wörtlich nach der lutheriſchen Bibelüberſetzung. d. u. 233 —— ein; aber ich wette, er verſchafft ſich auf dieſen Zah⸗ lungsbefehl Geld bei der Goldſchmidts⸗Innung⸗ die fuͤr Jeden Andern, nur nicht fuͤr mich, Anſtalt dazu treffen kann.— Und jetzt ſeht ihr, Mylord Huntinglen, daß ich weder ein ſo wortloſer Mann bin, um euch das Gnadengeſuch, deſſen Bewilligung ich euch in voraus verſprochen hatte, abzuſchlagen, noch ein Ahab, um Naboths Weinberg zu begehren, noch auch ein Koͤnig mit einer waͤchſernen Naſe, die ſich durch Guͤnſtlinge und Rathgeber rach deren Ge⸗ fallen hin und her drehen läßt. Ich denke, ihr wer⸗ det mir jetzt das Zeugniß geben, daß ich zu keiner dieſer Claſſen gehöre.“ „Ihr ſeyd mein angeborner edelmuͤthiger Fuͤrſtz““ erwiederte Huntinglen, knicend des Koͤnigs Hand kuͤſ⸗ ſend,„ihr ſeyd gerecht und großmuthig, ſo oft ihr den Antrieben eures eignen Herzens folgt.“ „So ſprecht ihr Alle,“ verſetzte der Koͤnig mit gutmuͤthigem Lachen, den treuen Vaſallen erhebend⸗ „wenn ich euch gefällig bin. Hier nehmt den Zah⸗ lungsbefehl mit meinem Handſiegel und macht, daß ihr mit dem jungen Manne ſortkommt; mich wun⸗ dert, daß Steenie und mein Sohn Carl uns nicht ſchon hier überfallen haben.“ N Lord Huntinglen eilte aus dem Cabinet, vor⸗ ausſehend eine Scene, welcher er ungern beiwohnen wollte, und dergleichen manchmal vorſiel, wenn Ja⸗ — 234 rob ſich ein Herz faßte, ſeinem freien Willen, deſſen er ſich ſo ſehr ruͤhmte, wirklich zu folgen, trotz dem, ſeines gebieteriſchen Guͤnſtlings Steenie;— ein Bei⸗ name, den er dem Herzog von xuctinghom wegen einer angeblichen Aehnlichkeit zwiſchen der ausgezeich⸗ net ſchoͤnen Geſichtsbildung dieſes Favoriten und der des Maͤrtyrers Stephanus, ſo wie der Letztere von großen italieniſchen Kuͤnſtlern dargeſtellt wird, bei⸗ gelegt hatte.*) In der That hatte der uͤbermuͤthige Guͤnſtling, welcher des ſeltenen Gluͤcks genoß, eben' ſo ſehr bei dem Thronerben, als bei dem Monarchen in Gnade zu ſtehen, in ſeinen Ehrfurchtsbeweiſen gegen den Letztern ſehr nachgelaſſen, und die ſcharfſichtigeren Hof⸗ leute ſahen ſehr deutlich, daß Jacob des Guͤnſtlings vorherrſchende Macht mehr aus Gewohnheit und Furcht vor den Wirkungen der Leidenſchaftlichkeit Buc⸗ kinghams duldete, als aus wahrer Achtung fuͤr den dann, deſſen Größe das Werk ſeiner eignen Haͤnde war. Um ſich den peinlichen Anblick der bei des Herzogs Ruͤckkehr zu erwartenden Scene, und dem Koͤnig die demuͤthigende Gegenwart eines ſolchen Zeu⸗ gen zu erſparen, verließ der Graf, verſehen mit der 5 Bekanntlich werden die Eigennamen im Engliſchen oft ſo ſehr abgekürzt oder corrumpirt, daß ihr urſp rung faſt unkenntlich wird, ſo auch Steente von Stephan. d. ü. j —— — A — — wichtigen vom König unterſtegelten Zahlungsordre, ſo ſchnell als moͤglich das Cabinet. Im Audienzſaale ſuchte er eilig den Loͤrd Glen⸗ varloch auf, der ſich den Blicken der Hofleute wegen, fuͤr welche er ein allgemeiner Gegenſtand des Beſremdens und der Neugier zu ſeyn ſchien, in eine Fenſterver⸗ tiefung entzogen hatte; ſchweigend zog der Graf Ni⸗ geln mit ſich fort in das erſte Vorzimmer. Hier fan⸗ den ſie den rechtſchaffnen Goldſchmidt, der ihnen mit neugierigen Blicken nahete, als der alte Lord ſchnell jeder Frage mit den Worten vorbeugte:„Alles ſieht gut.— Iſt eure Barke bereit?“ Auf Heriots be⸗ jahende Antwort fuhr er fort:„dann ſollt ihr mir einen Platz darin einräumen; zur Vergeltung will ich euch beiden heute Mittag zu eſſen geben; denn wir muͤſſen nothwendig ungeſtört mit einander ſpre⸗ chen.„ Beide ſolgten ſchweigend dem Grafen und wa⸗ ren bis ins zweite Vorzimmer gekommen, als die mit wichtiger Miene von den Kämmerlingen verkuͤn⸗ digte Nachricht, und das plotzlich unter allen Anwe⸗ ſenden umherlaufende Gemurmel:„der Herzog der Herzog!“ ſie von der Annaͤherung des allgewaltigen Guͤnſtlings in Kenntniß ſetzte. Jetzt trat er herein,— das ungluͤckliche Schooß⸗ kind der Hofgunſt, prachtvoll gekleidet in jenem ma⸗ leriſchen Anzuge, den Vandyk's unſterblicher Pinſel 236 —— verewigt hat,— eine treue Abbildung der Sitten jenes prunkvollen Zeitalters, wo der Ariſtokratismus, obwohl ſchon untergraben, und zu ſeinem Falle ſich hinneigend, immer noch in Prachtliebe und Ver⸗ ſchwendung ſeinen hohen Vorrang und ſein großes Uebergewicht uͤber die untern Stönde zu behaupten ſtrebte. Dieſer maleriſche Anzug kleidete den Herzog von Buckingham bei ſeiner ſchoͤnen, Achtung gebie⸗ tenden Geſichtsbildung, ſeiner ſtattlichen Geſtalt und ſeinen anmuthsvollen Manieren, vor allen Maͤnnern ſeiner Zeit. In jenem Augenblicke ſchienen jedoch ſeine Geſichtszuge etwas verſtört, ſeine Kleidung nicht ganz dem Orte angemeſſen geordnet, ſein Schritt haſtig und ſeine Stimme heftig zu ſeyn. Jeder gewahrte die finſtern Wolken auf ſeiner Stirn und zog ſich ſo ſchnell zurück, um ihm Platz zu machen, daß der Graf Huntinglen, der bei dieſer Gelegenheit keine außergewöhnliche Eile zeigen woll⸗ te, mit ſeiner Geſellſchaſt, die ihn ſchicklicherweiſe nicht verlaſſen konnte, faſt allein in der Mitte des Zimmers und gerade auf dem Wege des zornigen Guͤnſtlings zuruͤckblieb. Als dieſer den Grafen in's Auge faßte, gruͤßte er denſelben mit finſterer Miene und blos durch eine leichte Beruͤhrung ſeines mit ho⸗ hen Federn geſchmuͤckten Baret's, welches er hinge⸗ gen, als er dem Meiſter Heriot nahte, mit tiefer Ver⸗ beugung und ſpottiſchem Reſpect, faſt bis auf den § 1 „——— 237 Boden ſenkte. Der Buͤrger, dieſe hohniſche Chr⸗ furchtsbezeugung mit einem einfachen, ungezwunge⸗ nen Gruße erwiedernd, ſagte blos die Worte:„Ue⸗ bertriebene Höflichkeit, Herr Herzog, ſpricht oft das Gegentheil von Wohlwollen aus.“ „Ich bedaure, daß ihr ſo etwas denken fiei Meiſter Heriot,“ erwiederte der Herzog,„ich woltte durch meine tiefe Ehrfurchtsbezeugung blos vie Bitte um eure Protection ausdruͤcken. Ihr ſeyd, wie ich hoͤre, ein Patron,— ein Verſechter und Goͤnner ſolcher Perſonen von Rang und Verdienſt geworden, die bei Hofe etwas zu ſuchen haben, und ſich zufͤl⸗ lig in Duͤrftigkeit befinden. Ich zweifle nicht, eure Geldſuͤcke werden hinreichen, euch in dieſem ehren⸗ vollen Berufe auszuhelfen.“ „Sie werden um ſo leichter dazu hinreichen⸗ Herr Herzog, da ich nur ſehr beſcheidene Anſpruͤche mache.“„ „Ihr laßt euch nicht Gerechti igkeit wiederfahren⸗ guter Meiſter Heriot,“ fuhr der Herzog im ironiſchen Tone fort,„ihr habt eine maͤchtige Stuͤtze bei Hoſe in dem Umſtande, daß ihr der Sohn eines Evdinbur⸗ ger Zinngießers ſeyd. Habt die Guͤte, mich mit dem hochgebornen Herrn, den ihr mit eurer Protection Sc bekannt zu machen.“ „Das ſoll mein Geſchaͤſt ſeyn,“ ſiel Graf Huntinglen mit Nachbruck ein.„Hert Herzog, ich 238 —— ſtelle euch den Lord Nigel Olifaunt, Freiherrn von Glenvarloch vor, das Haupt eines der älteſten und maͤchtigſten freiherrlichen Haͤuſer Schottlands.— Mylord Glenvarloch, es iſt Se. Herrlichkeit, der Her⸗ zog von Buckingham, Sohn des Ritters Georg Vil⸗ liers*), aus Brookesby in der Graſſchaſt Leiceſter, dem ich euch vorzuſtellen die Ehre hatte.“ Hoch erroͤthend gruͤßte der Herzog verachtungs⸗ voll den Lord Glenvarloch,— ein Gruß, den Letzte⸗ rer mit ſtolzer Miene und zuruͤckgehaltenem Unwil⸗ len erwiederte.„Wir kennen alſo einander,“ ſagte der Herzog. Nach einer augenblicklichen Pauſe, und als ob er in den Zuͤgen des jungen Lords irgend et⸗ was wahrgenommen haͤtte, welches gegen ihn einen ernſteren Ton heiſchte, als den bittern Hohn, in dem er ſich ſo eben ausgeſprochen hatte, fuͤgte er hin⸗ zu:„Wir kennen einander— und ihr, Mylord, erkennt von nun an in mir euren Feind!“ „Ich danke euch fuͤr eure Offenheit, Herr Her⸗ *) Bekanntlich gehörten in Großbritannien die Freiherren(Ba- rons) zum hohen, die Ritter(knights) als ſolche, aber zum niedern Adel. Der, wie an einem andern Orte be⸗ merkt iſt, erſt, von Jacob I. eingeführte Baronets⸗Lldel iſt als eine Mittelſtufe zwiſchen dem Hohen- und Riedern⸗Adel zu betrachten. um deſto größer war, alſo damals der Ab⸗ ſtand der Geburt Nigels, von der des emporgekommenen Günſtlings, und um deſto kränkender für dieſen die Vorſtel⸗ tungs⸗Formel des alten Lords. d. U. 239 zog,“ entgegnete Nigel,„ein— iſt beſſer als ein falſcher Freund.“ „Was euch betrift, Mylord Huntinglen,“ fuhr der Herzog fort,„ſo duͤnkt mich, ihr habt jetzt die Grenze der Nachſicht uͤberſchritten, worauf ihr als Vater eines jungen Mannes Anſpruch machen konn⸗ tet, der des Prinzen Freund, ſo wie der Meini⸗ ge iſt. „Auf meine Ehre, Herr Herzog,“ erwiederte der Graf;„ov iſt ſehr leicht möglich, Grenzen zu uͤber⸗ ſchreiten, deren Daſeyn man nicht kannte; und we⸗ der durch meine Protection, noch mit meiner Zuſtim⸗ mung hat mein Sohn nähern Umgang mit ſo hohen Perſonen.“ „O! Mylord, wir kennen euch, und haben gnc⸗ ſicht mit euch; ihr ſeyd einer von denen, die ein gan⸗ zes langes Leben hindurch auf das Verdienſt einer ein⸗ zigen guten Handlung Anmaßungen gruͤnden.“ „In der That, Mylord, und wenn dem auch ſo waͤre,“ entgegnete der alte Graf,„ſo habe ich wenigſtens einen Vorzug vor denen, die noch weit anmaßender ſind als ich, ohne auch nur eine einzige verdienſiliche Handlung fuͤr ſich anfuͤhren zu koͤnnen. Doch, ich will mich mit euch nicht zanken, Mylord⸗ wir koͤnnen weder Freunde noch Feinde ſeyn.— Ihr geht euren Weg und ich den Meinigen.“ 240 Buckingham luͤftete mit ſorgloſem, verächtli⸗ chen Kopfſchuͤtteln das hochgefiederte Barett, und ſo ſchieden ſie,— der Herzog vorwaͤrts ſchreitend durch die koͤniglichen Gemaͤcher, und die Andern hinabſtei⸗ gend an Bord der Barke des Buͤrgersmannes. Zehntes Kapitel. „Sobald das Dreiblatt auf der Themſe einge⸗ ſchifft war, zog der Graf Nigels Bittſchrift hervor, zeigte dem Meiſter Georg den in dorso eigenhaͤndig decretirten koͤniglichen Zahlungsbefehl und fragte ihn, ob er in gehoriger, regelmäßiger Form abgefaßt ſeh? Der redliche Buͤrger uͤberlas ihn haſtig, zog dann ſeine Brille,— ein Geſchenk des alten David Ram⸗ ſey,— hervor, las ihn zum Zweitenmale, und zwar, mit der Aufmerkſamkeit und Kennermiene eines Ge⸗ ſchoͤftsmannes.„Inhalt und Form ſind vollkom⸗ men regelmäͤßig,“ ſagte er, zum Grafen gewandt; „ich freue mich daruber herzlich.“ „Ich zweifle keineswegs an der Genauigkeit der Formen⸗“ verſetzte dieſer;„der Koͤnig verſteht ſie vollkommen; und wenn er ſich nur ſelten practiſch mit Geſchaͤſten befaßt, ſo iſt daran eine gewiſſe Traͤg⸗ heit ſchuld, welche ſein natuͤrliches Geſchaͤftstalent verdunkelt. Aber was iſt jetzt zunächſt fuͤr unſern 241 jungen Freund zu thun, Meiſter Heriot? Ihr kennt meine ſinanzielle Lage; ſchottiſche Lords, die am engliſchen Hofe leben, haben ſelten Geld zu ihrer Verfuͤgung; und dennoch, da die Sachen ſo ſtehen, wie ihr mir vorhin in der Kuͤrze andeutetet, wird die Hypothek unverzuͤglich fur verfallen erklaͤrt wer⸗ den, wenn nicht ſogleich auf dieſen Zahlungsbeſehl eine angemeſſene Summe gehoben werden kann.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Heriot etwas verlegen; „die zur Einloͤſung der Pfandverſchreibung erforder⸗ liche Summe iſt groß;— und die dazu verſtattete geſetzliche Friſt iſt im Begriff abzulaufen.“— „Meine großmuͤthigen Freunde, die ihr euch meiner Sache ſo unverdienter und unerwarteter Wei⸗ ſe angenommen habt,“ ſagte Nigel,„laßt mich eu⸗ rer Guͤte nicht zur Laſt werden, ſchon habt ihr un⸗ endlich mehr an mir gethan, als ich je verdienen kann.“ „Still! ſtill!“ entgegnete Lord Hunkinglen, „laßt den alten Heriot und mich den Knoten löſen. Ich ſehe, der gute Mann iſt damit beſchaͤftigt; hort, was er ſagen wird!“ „Mylord,“ begann der Buͤrger, der Herzog von Buckingham ſpottet unſ'rer Geldſäcke in der City; gleichwohl konnen ſie ſich manchmal oͤffnen, ein ſin⸗ kendes adliches Haus zu unkerſtuͤtzen.“ 16 „Daß ſie dies koͤnnen, wiſſen wir,“ fiel der Graf ein;„laßt Buckingham ſchwatzen, was er will; er wird ſchon noch gelindere Saiten auſſpan⸗ nen; denken wir auf ein Huͤlfsmittel!“ „Schon gab ich dem Lord Glenvarloch zu ver⸗ ſtehen, daß die zur Einloͤſung ſeiner Guͤter erforder⸗ liche Summe auf einen Zahlungsbeſehl, wie der jetzt bewirkte, hergeſchoſſen werden koͤnnte, und daß ich meinen Eredit zur Erreichung dieſes Zwecks verwen⸗ den wolle. Allein dann muß der Darleiher, wenn er geſichert ſeyn ſoll, in die Schuhe des Glaͤubigers treten, den er vorſchußweiſe ausbezahlt.“ „In ſeine Schuhe treten?“ fragte der Graf, „was haben Stiefeln oder Schuhe bei Angele⸗ genheit zu thun?“ „Es iſt einer von jenen ſprichwortlichen juriſti⸗ ſchen Ausvruͤcken, deren ich in meiner practiſchen Geſchaͤftserfahrung mehrere aufgefangen habe;“ ver⸗ ſetzte Heriot,„und der weiter nichts bedeutet, als daß der Darleiher dieſes Geldes vermoͤge eines Ceſ⸗ ſionscontracts mit dem jetzigen Inhaber des Pfand⸗ rechts auf die Baronie Glenvarloch dergeſtalt in deſ⸗ ſen Stelle tritt, daß ihm dieſe Guͤter fuͤr ſein Dar⸗ lehn unterpfaͤndlich haften, falls auf die Anweiſung an die ſchottiſche Schatzkammer keine Zahlung erfolg⸗ te. Ich fuͤrchte, daß es bei der gegenwaͤrtigen Un⸗ ſicherheit des ichen Credits ohne Ciſiun des 243 Pfandrechts ſehr ſchwer ſehn wuͤrde, eine ſo große Summe anzuſchaffen.“ „Aber eins fällt mir ein,“ bemerkte Graf Hunting⸗ len,„wenn nun der neue Creditor an den Guͤtern, die bekanntlich ein treffliches Jagdrevier ſind, eben ſo als Se. Gnaden, der Herzog von Buckingham, Ge⸗ fallen finden und den Wunſch hegen ſollte, dort zur Sommerszeit einen Hirſchbock zu ſchießen? Es ſcheint mir, Meiſter Georg, daß in einem ſolche Falle nach eurem Plane der neue Creditor eben ſo leicht im Stande ſeyn wuͤrde, den Lord Glenvarloch um ſein Erbtheil zu bringen als der jetzige Pfandinhaber.“ „Ich ſtehe dafuͤr ein,“entgegnete lachend der Buͤrger,„daß ſelbſt der eifrigſte Waidmann, an welchen ich mich bei dieſer Gelegenheit wenden koͤnn⸗ te, ſeine Jagdgedanken nicht weiter erſtrecken wird, als bis auf des Lord⸗Mayors gewoͤhnlichen Jagdzug um Oſtern im Eppinger Walde. Doch iſt Ew. Lord⸗ ſchaft Vorſicht ſehr zweckmaͤßig; und der neue Credi⸗ tor muß ſich verpflichten dem Lord Glenvarloch hin⸗ längliche Zeit zu geſtatten⸗ ſeine Guter durch Reali⸗ ſrung der koͤniglichen Anweiſung einzuloſen, zu dem Ende auch die Ausuͤbung ſeines Rechts⸗ die Hypo⸗ thek im Nichtzahlungsfall einzuziehen, auf eine be⸗ ſtimmte Zeit auszuſetzen, welches meines Erachtens leicht zu bewerkſtelligen iſt.“ 16* 244 *———— „Ich kenne,“ fuhr Heriot fort,„einen Schrei⸗ ber,— einen verwaiſeten jungen Mann in der Naͤhe von Temple⸗Bar, der ſowohl nach Engliſcher als Schottiſcher Weiſe urkunden aufzuſetzen weiß. Dieſen laß ich durch einen meiner Leute ſogleich her⸗ beiholen und in Ew. Lordſchaft Gegenwart koͤnnen die erforderlichen Urkunden vollzogen werden; denn ſo wie die Sachen ſtehen, darf keine Zei ſtatt finden.“ Der Graf ſtimmte bereitwillig dem Vorſchlage bei, und da ſie jetzt an den Stufen der Treppe lan⸗ deten, welche aus den Gärten ſeines ſchoͤnen Hotels an den Fluß hinabfuͤhrte, ward ſogleich zum Schrei⸗ ber geſandt. Rigel, der waͤhrend dieſe dienſteifrigen Freunde aus eignem Antriebe die Maaßregeln zur Wiederherſellung ſeiner Vermögensumſtaͤnde verab⸗ redeten, ihnen in ſchweigender Bewunderung zuge⸗ hört hatte, verſuchte jetzt noch einmal, ihnen geruͤhrt ſeinen Dank zu ſtammeln; aber auch jetzt erklaͤrte Lord Huntinglen, daß er hieruͤber kein Wort hören wolle; zugleich ſchlug er vor, einen Spaziergang in den Schlangenpfaden des Gartens zu machen und dann auf einer Bank, welche eine Ausſicht auf die Themſe gewährte, zu ruhen, bis die Ankunft ſeines Sohnes des jungen Lord 2 die kooſung zum Mittagseſſen Fien wuͤrde. „ 245 „Mich verlangt, Lord Glenvarloch und meinen Sohn mit einander bekannt zu machen, da ſie kuͤnf⸗ tig Gutsnachbarn, und wie ich hoffe, beſſere Freunde ſeyn werden, als einſt ihre Vaͤter waren. Die Ent⸗ fernung zwiſchen beiden Schloͤſſern betraͤgt nur drei ſchottiſche Meilen und man ſieht wechſelſeitig die Thuͤrme des Einen von den Mauerzinnen des An⸗ dern.“ Hier verſank der alte Graf bei den Erinnerungen⸗ welche vie Erwähnung der Nachbarſchaft beider Schloͤſſer in ihm rege machte, in gedankenvolles Schweigen/ woraus ihn Heriot, um das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand zu lenken, durch die Frage erweckte, ob Lord Dalgarno den Hof in der naͤchſten Woche nach Newmarket begleiten werde?“ „Es iſt, glaub' ich, ſeine Abſicht;“ antworte⸗ te Lord Huntinglen; dann verſiel er wieder auf eini⸗ ge Augenblicke in ſein fruheres Rachdenken und wand⸗ te ſich hierauf ploͤtzlich zu Nigeln mit den Worten? „Mein junger Freund, wenn ihr wieder im Beſis eures Erbcheils kommt, wie hoſfentlich bald dir Fall ſehn wird; ſo hab' ich das Vertrauen zu euch, ihr werdet eiter von den muͤßigen Leuten werden die in der Umgebung des Hoſes leben, ſondern ih Fh⸗ det eure angeſtammten Guͤter bewohnen, euten alten Paͤchtern ein liebender Gutsherr ſehn, eure duͤrftigen Verwanvten unterſtuͤtzen, die Armen gegen die Be⸗ 246 druͤckungen untergeordneter Beamten ſchuͤtzen und thun, was unſere Voreltern bei geringeren Kennt⸗ niſſen und wenigeren Huͤlſsmitteln, als wir beſitzen, zu thun pflegten.“. „Gleichwohl kommt dieſer Rath⸗ nu dem Lan⸗ de zu leben, von einem Edelmanne, der ſeit langer Zeit uvatagt eine Zierde des iſtz“ 8 He⸗ riot ein. „Freilich er von einem alten ſagte der Graf,„und von dem erſten meines Hau⸗ ſes, der ſich ſo nennen konnte; mein grauer Bart ruht auf einer kammertuchnen Halskrauſe und auf einem ſeidnen Wamſe; der Bart meines Vaters hin⸗ gegen hing auf ein ledernes Kollet und einen Kuͤraß herab. Zwar moͤchte ich nicht, daß jene Tage der Fehden zuruͤckkehrten; wohl aber moͤcht' ich, daß einſt die Eichen meines alten Waldes von Dalgarno wie⸗ der von Jagdruß, Hoͤrnerſchall und Hundegebell erton⸗ ten und daß meine alte gewoͤlbte Halle auf's neue beim kreiſenden Becher erklaͤnge vom herzlichen Freudenruf meiner Vaſallen und Paͤchter; und ich ſehne mich⸗ noch einmal, bevor ich ſterbe, zu erſchauen die Ufer des breiten Tay, die meinem Herzen theurer ſind⸗ als ſelbſt die der Themſe.“ 82 „Wahrlich, Mylord,“ verſetzte der Buͤrger⸗ „leicht koͤnnte dies Alles werwirklicht werden;— nur der Entſchluß eines Augenblicks und eine Reiſe 247 —————— von wenig kurzen Tagen, ſo waͤret ihr, wo iu ſeyn wuͤnſcht. Was holt euch ab?“ „Gewohnheiten, Meiſter Görge; 4. erwiederte der Graf,„Gewohnheiten, die gleich ſeidenen Föden bei jungen Leuten ſich ſchnell abnutzen und zerreißen; die aber unſern alten Gliedmaßen ſich ſo feſt an⸗ ſchließen, als ob die Zeit ſie allmohlig in eiſerne Feſ⸗ ſeln umgepandelt haͤtte. Auf kurze Zeit nach Schoit⸗ land zu gehen, wäͤre vergebene Muͤhe; und fänmt mir auch zu Zeiten der Gedanke, dort zu wohnen, ſo kann ich mich nicht entſchließen, meinen alten p⸗ narchen zu verlaſſen, dem ich, wie ich mir einbilde, manchmal nuͤtzlich bin, und deſſen Wohl und Weh ich ſo viele Jahre getheilt habe. Mein Sohn ihet ſoll gunz ſchottiſcher Landedelmann ſeyn.“ „Hat er ſein Geburtsland beſucht?“ Heriot. Im vorigen Jahre⸗ und er eine vot⸗ theilhaſte Beſchreibung von Schottland, daß der Prinz von Wales Verlangen bezeigte, es zu ſchen.“— „Lord Dalgarno ſteht ſehr in Gnaden, ſowohl bei Sr. Hoheit, als beim Herzog von Vuch zr4n bemerkte der Goloſchmidt. tu hruch „Dem iſt ſo;“ erwiederte der Graf; hutd ich bitte Gott täglich, daß es allen Dreien erſprießlich ſeyn möge. Der Prinz iſt gerecht und billig in ſeinen 248 Geſinnungen, wenn gleich kalt und ſtolz in ſeinen Manieren, und hartnäckig in ſeinen unbedeutend⸗ ſten Vorſaͤtzen; der Herzog iſt großmuͤthig, beherzt und offen, aber heftig, ehrſuͤchtig und leidenſchaft⸗ lich. Mein Sohn Dalgarno hat keinen dieſer Feh⸗ ler, und andre, die ihm eigen ſind, koͤnnen viel⸗ leicht durch die Geſillſchoſt in der er lebt, verbeßſert werden.— Seht, hier kömmt er.“ ord D algarno nahte, die Allee herabkommend, der Ruhebank, auf welcher ſein Vater mit ſeinen Ga⸗ ſten ſaßs, ſo daß Nigel volle Muße hatte, ſeine Ge⸗ ſalt und Geſichtszuͤge zu beobachten. Er war mit faſt uͤbertriebener S Sorgfalt nach der prachtvollen Zeit⸗ ſite gekleivet, die. ſeinem etwa fuͤnf und zwanzigjäh⸗ rigen Alter wohl anſtand. Er hatte eine edle Ge⸗ ßalt und eine ſchone Geſichtsbildung, in der man leicht die maͤnnlichen Züge ſeines Vaters erkannte, gemildert durch die Hofmanieren, die ihm mehr zur Gewohnheit geworden waren, als dem kiten ehren⸗ veſten Grafen, der ſich in ſeinem ganzen Benehmen, nie herabgelaſſen hatte, ſich ſolche in dieſem Grade zu eigen zu machen. Im Uebrigen hatte er im Um⸗ gange ein anmuthsvolles, freimuͤthiges, weder durch Stolz noch durch Foͤrmlichkeit zwangvoll gewordenes Benehmen, gleich weit entſernt von anmaßender Kälte und uͤbermuͤthiger Heſtigkeit. Es hatte alſo in dieſer Hinſicht ſein Vater ihn mit Grund von den, 245 —— dem Prinzen und deſſen Guͤnſtlinge, venn beigelegten Fehlern freigeſprochen. Genau beobachtete Nigel, waͤhrend ihn der alte Graf ſeinem Sohne mit dem Wunſche, daß er ihn lieben und ehren moͤge, bekannt machte, Lord Dal⸗ garnos Mienen, um zu ſehen, ob er irgend etwas von jener geheimen Abneigung gegen ihn entdecken könne, worauf der Konig in ſeinen abgeriſſenen Aeu⸗ ßerungen hingedeutet hatte, und die der Monarch Buk⸗ kinghams und Nigels widerſtreitendem Intereſſe bei⸗ zumeſſen ſchien. Allein keine Spur dieſer Abneigung war bemerkbarz im Gegentheil empfing Lord Dalgarno ſeinen neuen Bekannten mit jener freimuͤthigen Höf⸗ lichkeit, die jeden hochherzigen jungen Mann im er⸗ ſien Augenblick einnimmt. Es bedarf kaum einer Erwaͤhnung, daß dies auch bei Nigeln der Fall war. Dieſer war viele Mo⸗ nate, und zwar im Alter von etwa zwei und zwan⸗ zig Jahren, durch eingetretene Umſtaͤnde vom Um⸗ gange mit ſeinen Ebenaltern abgehalten worden Als er bei ſeines Vaters plötzlichem Abſterben aus den Nieherlanden nach Schottland zurückkehrte, fand er⸗ ſich in onſcheinend unentw irrbare gerichtliche Weit⸗ läuftigkeiten verwickelt, die in der Veräußerung des Erbtheils, wodurch er den ihm angeſtammten Rang behaupten ſollte, zu enden drohten. Aufrichtige Trauer um den Tod ſeines Vaters, verbunden mit 250 verletztem Stolze, tiefer Kummer uͤber ein ſo uner⸗ erwartetes, unverdientes Mißgeſchick, und die Un⸗ gewißheit des Ausganges ſeiner Angelegenheiten hat⸗ ten den jungen Lord Glenvarloch bewogen, waͤhrend ſeines Aufenthalts in Schottland ein ſehr eingezoge⸗ nes Leben zu fuͤhren. Wie er ſeine Zeit in London hinbrachte, davon iſt der Leſer bereits in Kenntniß geſetzt. Allein dieſe ſchwermuthsvolle, eingezogene Lebensweiſe war weder ſeinem Alter, noch dem ihm angebornen Hange zur Geſelligkeit angemeſſen. Herz⸗ lich willkommen war ihm daher die naͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit einem Manne ſeines Alters und Standes; und ſobald er mit dem Lord Dalgarno einige jener Loſungsworte gewechſelt hatte, wodurch junge Leute eben ſo ſicher, als Freimaurer durch ihre Erkennungs⸗ zeichen, den wechſelſeitigen Wunſch wahrnehmen, ſich einander zu gefallen, ſchien es, als ob die beiden jungen Lords ſchon ſeit laͤngerer Zeit mit einander bekannt wären. Als eben dieſer ſtillſchweigende Ver⸗ ein geſchloſſen war, kam einer von Lord Huntinglens Bedienten die Allee herab, und hinter ihm her ein ſchwarzgekleideter Mann, der ſich ſchnell genug ſort⸗ bewegte, wenn man in Betracht zog, daß er, ſobald ihn die Geſellſchaft, welcher er ſich vorzuſtellen im Begriff war, ins Auge faſſen konnte, die obere Haͤlfte ſeines Koͤrpers unausgeſetzt in horinzontaler Richtung hielt. „Wer iſt der Mann dort, du Erzſchlingel?“ fragte ſcheltend der alte Lord, der trotz ſeiner lan⸗ gen Entfernung vom Geburtslande die geſunde Eß⸗ luſt eines Schottiſchen Edelmannes beibehalten hatte; „der Henker hole den Koch⸗ daß er uns nicht ſchon laͤngſt zu eſſen gegeben hat. 4. „Ich glaube,“ ſiel Georg Heriot ein, daß wir ſelbſt an der Zudringlichkeit jenes Mannes ſchuld ſind; es iſt der Schreiber, den wir holen ließen.— Schaut uns ins Geſicht, junger Mann, wie es einem ehrlichen Kerl gebuͤhrt, und hoͤrt endlich auf, eure Hirn⸗ ſchale wie einen Mauerbrecher gegen uns zu richten.“ „Gleich einem Automat, welches plötzlich dem Antriebe einer, es in Bewegung ſetzenden Springfe⸗ der folgt, ſchaute der Schreiber in die Hoͤhe. Aber, (ſeltſam war es anzuſehen;) ſelbſt ſeine Eilfertigkeit, dem Ruf ſeines Beſchuͤtzers zur Wahrnehmung eines ihm als wichtig bezeichneten Geſchaͤftes zu gehor⸗ chen,— ja ſogar das Demuthsgefuhl⸗ welches ſeit dem Eintritt in den Garten des Grafen Huntinglen ſein Haupt zur Erde gebeugt hatte, vermochte nicht, ihm die mindeſte Farbe ins Geſicht zu treiben. Dicke Schweißtropfen ſtanden ihm vor der Stirn; aber ſeine Wange war blaß und fahl, wie zuvor, und ſein Haar hing, als er das Haupt ehob„ uͤber beide Backen eben ſo ſchlicht und glatt gekämmt, als wir es in dem Augenblicke fanden⸗ wo ihn unſtttle 252 an ſeinem beſcheidenen Wriheiſche ev Bar trafen. 675 5 Beim Anblick dieſer laͤcherlicher Puritanerge⸗ ſtalt*), die ſich der Geſellſchaft wie ein ausgehunger⸗ tes Skelett darſtellte, konnte ſich Lord Dalgarno ei⸗ nes halbverbiſenen Lachens nicht erwehren und fli⸗ ſterte Nigeln die Strophen des Engliſchen. kers ins Ohr: „Hol dich der Teufel, du blaßgelber Langbein ² Wie kamſt du doch zu dieſem Schafsgeſicht?“ Nigel war zu wenig bekannt mit der Engliſchen Böhne, um die Beziehung dieſer Stelle, die bereits in London zu einer ſprichwoͤrtlichen Anſpielung ge⸗ worden war, zu verſtehen. Als Lord Dalgarnd ſah⸗ daß er nicht verſtanden ward, fuhr er fort„Nach dem Geſicht dieſes Menſchen zu urtheilen, muß er ent⸗ weder ein Heiliger oder ein heuchleriſcher Schutkè ſehn,— und ich habe eine ſo treffliche 2 Neinung von der menſchlichen Natür, daß ich allemal das Sch limm⸗ ſie argwoͤhne.— Aber die Herren dort ſcheinen ganz in Geſchäfte vertieft. Wollt ihr mit mir einen Spa⸗ ziergang in nei Vih. uder wolt 1. F 37 5 Die Engliſcher. Puritaner haben, wie in nien Figene grundſätzen, ſo auch in Bieles von der ſu⸗ Qu i . 253 „Gern begleit' ich euch, Mylord, erwiederte Ni⸗ gel; und ſchon begannen ſie, ſich auf den Weg zu begeben, als Georg Heriot mit der ſeinem Stande ei⸗ genen Förmlichkeit bemerkte: daß, da ihr Geſchaͤft den Lord Glenvarloch betreffe, er beſſer thue, bei ihnen zu bleiben, und Zeuge deſſelben zu ſeyn, um ſich ganz darin einzuweihen.“ „Meine Gegenwart,“ verſetzte Rigel,„iſt gänz⸗ lich nutzlos; wenn ich euch auch in dieſen Angelegen⸗ heiten mit meine Unwiſſenheit belaͤſtige, ſo nhrde ich darum nicht mehr davon verſtehen, und kann am Ende nur das Naͤmliche daruͤber ſagen, was ich jetzt im Anfange des Geſchaͤfts ſage; daß ich naͤmlich das Steuerruder den Haͤnden der guͤtigen Piloten nicht entreißen darf, die ſchon meinen Lauf ſo gluͤcklich lei⸗ teten, daß ich unverhofft die Ausſicht auf einen ſichern Hafen habe. Ich werde Alles unterzeichnen und un⸗ terſiegeln, was ſo großmuͤthige Freunde mir als zweck⸗ maͤßig vorlegen laſſen und den Inhalt der entworfe⸗ nen Urkunden werde ich durch eine kurze Erklaͤrung Meiſter Heriots,— wenn er ſich damit bemuͤhen will,— beſſer als durch tauſend techniſche Deſini⸗ tionen dieſes rechtskundigen jungen Mannes be⸗ greifen.“ „Er hat Recht,“ ſiel Lord Huntinglen ein;„un⸗ ſer junger Freund thut wohl, dieſe Angelegenheiten lediglich euch, Meiſter Heriot, und mir anzuhertrauen; 254 denn in der That, ſein Vertrauen iſt— uͤbel ange⸗ bracht.“ „Das kann zwar Ew. Lordſchaft mit nei ſagen,“ verſetzte Heriot, nachdem er den beiden, Arm in Arm luſtwandelnden jungen Lords gedankenvoll nachgeſchaut hatte; allein bei dem Allen iſt Lord Ni⸗ gel nicht auf dem rechten Wege; denn Jedem, der eigne Angelegenheiten hat, die der Beachtung werth ſind, geziemt es, ſich genau damit bekannt zu machen. Nch dieſer Bemerkung begannen Nigels beide Freunde, mit dem Schreiber mancherlei Papiere durch⸗ zuſehen, und zu verabreden, auf welche Weiſe die zu vollziehenden Urkunden abgefaßt werden ſollten, ſo, daß ſie zugleich den Darleihern des Geldes hinrei⸗ chende Sicherheit gewaͤhrten, und Nigels Recht auf die Einloͤſung ſeiner Familienbeſitzung, in ſofern der Darleiher aus der Schottiſchen Schatzkammer oder auf andere Weiſe befriedigt wuͤrde, unbeeintraͤchtigt ließen. Die Darlegung der Einzelnheiten dieſes Ge⸗ ſchaͤſts wuͤrde ohne Intereſſe ſeyn; nur bemerken wir als einen Charakterzug, daß Heriot in die kleinſten juriſtiſchen Details mit einer Genauigkeit einging, welche zeigte, daß Erfahrung ihn ſelbſt in die verwik⸗ kelten Schottiſchen Rechtsregeln über die Abſchließung von Vertraͤgen eingeweiht hatte, und daß Graf Hun⸗ tinglen, obwohl weit minder bekannt mit den techni⸗ ſchen Einzelnheiten, dennoch keinen Schritt in dem 255* * Geſchaͤfte vorwaͤrts ging, bis er ſich den weſentlichen Grund deſſelben deutlich hatte erklären laſſen. Beide wurden trefflich unterſtutzt in ihren wohl⸗ wollenden Abſichten gegen den jungen Lord Glenvar⸗ loch durch die Geſchicklichkeit und den Eifer des Schrei⸗ bers, der von Heriot zu dieſem Geſchaͤfte herbeigeru⸗ ſen war,— dem wichtigſten, welches Andre's jemals verhandelt hatte, und das uͤberdies in ſeiner Gegen⸗ wart von einem Grafen und von einem Buͤrger be⸗ trieben ward, welchen Reichthum und allgemeine Ach⸗ tung bald zur Wuͤrde eines Aldermans oder gar ei⸗ nes Lord⸗Mayors fuͤhren konnten. Während ſo die beiden trefflichen Männer in em⸗ ſiger Unterredung uͤber ihr Geſchäft begriffen waren, und der Graf ſogar ſeine Eßluſt vergaß, uͤber dem eifri⸗ gen Streben, den Schreiber gehoͤrig inſtruirt, auch die vorliegenden Verhandlungen vor ſeiner Entlaſſung zu den noͤthigen Ausfertigungen reiflich erwogen zu ſehen, luſtwandelten die beiden jungen Maͤnner mit einander auf der Terraſſe am Abhange des Flußufers und ſchwatzten uͤber Gegenſtände, welche Lord Dal⸗ garno, als der aͤlteſte und erfahrenſte, fuͤr ſeinen neuen Freund am anziehendſten hielt. Natuͤrlich ſiel das Geſpräch auf die Vergnuͤgun⸗ gen des Hoflebens; und Lord Dalgarno aͤußerte gro⸗ ßes Befremden, als er hoͤrte, daß Nigel die Abſicht habe, ſofort nach Schottland 3 256 3 „Ihr treibt euren Scherz mit mir;“ erwiederte er.„Am ganzen Hofe ſpricht man,— was ſoll ich es verhehlen?— von Nichts als von dem außerordent⸗ lichen Erfolge eurer Angelegenheit; und noch dazu, wie man ſagt, trotz der Gegenwirkung hoher Perſo⸗ nen, die auf den Horizont von Whitehall den groͤß⸗ ten Einfluß haben. Man fraͤgt ſich einander: wer iſt der junge ſchottiſche Lord, der in einem einzigen Tage ſo große Fortſchritte gemacht hat? Man raunt ſich Vorherſagungen in die Ohren, wie hoch und wie weit ihr euer Gluͤck bringen werdet; und— am Ende wollt ihr alle dieſe gluͤcklichen Vorbedeutungen zu nichts weiter benutzen, als nach Schottland zuruͤck⸗ zukehren, am Torffeuer gebackene Haferkuchen zu eſ⸗ ſen, euch von jedem Fant, dem es beliebt, Vetter zu ſchelten, die Hand druͤcken zu laſſen, und wenn auch eure Verwandtſchaft von Noah herkaͤme,— ſchottiſches Zweipfennigbier zu trinken, halb verhun⸗ gertes Rothwild zu eſſen, und umher reitend auf einem Klepper,„ehrenwerther Lord“ genannt zu werden.“ 6 „Ich geſtehe,“ verſetzte der Lord Glenvarloch,„ich habe eben keine Ausſicht auf ein luſtiges Leben, ſelbſt wenn es eurem Vater und dem guten Meiſter gelin⸗ gen ſollte, meine Angelegenheiten auf einen ſolchen Fuß zu ſetzen, daß ſie eine erwuͤnſchte Beendigung hoffen laſſen. Immer aber bleibt mir dann die Aus⸗ ſicht, ſo wie meine Vorfahren, das Wohl meiner Va⸗ ſallen zu befordern und meine Kinder zu lehren, ſo wie man mich ſelbſt gelehrt hat, einige perſoͤnliche Aufopferungen zu machen, um mit Wuͤrde die Stufe einzunehmen, worauf die Vorſehung ſie geſtellt hat.“ Lord Dalgarno hoͤrte Nigels Vortrag eine Weile mit verhaltnem Lachen an, welches endlich mit ſo unwiderſtehlicher, ſchalkhafter Laune losbrach daß Nigel, ſo unwillig er im Grunde daruͤber war, durch Sympathie mit hingeriſſen ward, und unwill⸗ kuͤhrlich in ein Gelaͤchter mit einſtimmte, welches ihm nicht nur unveranlaßt, ſondern kaſ unbeſcheiden und anmaßend ſchien. Er nahm ſich jedoch bald zuſammen; und ſagte in einem Tone, geeignet, Lord Dalgarno's uͤbertrie⸗ bene Lachluſt zu maͤßigen:„dem ſey wie ihm wolle; allein, Mylord, wie ſoll ich dies Lachen verſtehen?“ Lord Dalgarno antwortete ihm nur mit verdop⸗ peltem Lachen, und faßte endlich Lord Glenvarlochs Mantel, als ob er ſich im Lachparorismus nicht auf den Beinen halten koͤnnte. Nigels Scham und Un⸗ willen, von ſeinem neuen Bekannten auf ſolche Art belacht zu werden, wuͤrde unfehlbar in empfindliche Aeußerungen ausgebrochen ſeyn, hätte nicht das Be⸗ wuſtſeyn ſeiner Verbindlichkeiten gegen den alten BGrafen ihn davon abgehalten. Endlich erholte ſich Lord Dalgarno von ſeinem convulſiviſchen Lachen, 17 258 — und begann, noch halb athemlos und mit Thränen in den Augen:„Ich bitte euch zehntauſendmal um Verzeihung, mein theurer Lord Glenvarloch; aber eure letzte Schilderung einer laͤndlichen, wuͤrdevol⸗ len Exiſtenz, verbunden mit eurem ernſten, unwilli⸗ gen Befremden, als ich uͤber Dinge lachte, die ſogar jeden am Hofe aufgewachſenen Jagdhund, der auch nur ein einzigesm l den Mond vom Schloßhofe zu Whitehall angebellet hatte, zu lachen gemacht haben wuͤrde, brachte mich ganz außer Faſſung. Wie? mein beſter, theuerſter Lord, ihr, ein junger huͤbſcher Mann von hoher Geburt und angebornem Range und Titel, ſo wohl aufgenommen vom Koͤnige, bei eurer ernſten Ausflucht, daß eure weiteren Fortſchritte kaum zu bezweifeln ſind, wenn ihr ſie zu benutzen wißt,— denn der Koͤnig hat ſchon geaͤußert: ihr wäret ein braver junger Mann und wohl bewandert in humanioribus,— ihr, den alle Damen, und ſelbſt die ausgezeichnetſten Schoͤnheiten bei Hofe, zu ſehen verlangen, weil ihr von Leyden kommt, aus Schottland gebuͤrtig ſeyd und in England einen ſchwe⸗ ren Kampf gegen maͤchtige Widerſacher gewonnen habt,— ihr, ſage ich, mit einer wahrhaft fuͤrſtlichen Geſtalt, einem Auge voll Feuer, ein Mann von leb⸗ haſtem Geiſte,— ihr habt den Einfall, eure Kar⸗ ten auf den Tiſch zu werfen, in dem naͤmlichen Au⸗ genblicke, wo ihr das Spiel in Haͤnden habt? Ihr 259 wollt in dãs kalte froſtige Schottland zuruͤckeilen und heirathet dann ein lang gewachſenes, blaudugiges, rothboͤckiges, gutmuͤthiges Geſchoͤpf mit ſechzehn Ah⸗ nen,— eine Art von Salzſäule, wie Loth's Weib,— um euch mit ihr in eure altfraͤnkiſch austapezierten Zimmer einzuſchließen! O Gott! ſchon bei dem Ge⸗ danken ſchaudert mich!“ Selbſt der hochherzigſte Jungling iſt ſelten faͤhig, durch bloße Charakterſtaͤrke und feſte Grundſäͤtze der Gewalt des Lächerlichen zu widerſtehen. Halb un⸗ willig, halb gekränkt und, die Wahrheit zu ſagen, halb ſich ſchoͤmend ſeiner maͤnnlicheren, beſſeren Vor⸗ ſätze, fuͤhlte ſich Nigel unfaͤhig und ſchmeichelte ſic es ſey unnoͤthig, die Rolle eines ſtreng mor Patrioten in Gegenwart eines jungen Mannet ſpielen, deſſen Redefluß und Erfahrungen in den ochſten Geſellſchaftszirkeln ihm trotz Nigels hochher⸗ zigeren Geſinnungen ein voruͤbergehendes Ueberge⸗ wicht uber ihn gaben. Er ſuchte daher einen Mit⸗ telweg einzuſchlagen und weitere Eroͤrterungen dieſes Gegenſtandes zu umgehen durch das offene Geſtäͤnd⸗ niß, daß wenn die Ruͤckkehr in ſein Geburtsland auch nicht auf eigner Wahl beruhete, ſie wenigſtens durch die Nothwendigkeit herbei gefuͤhrt werde; weil ſeine Vermögensangelegenheiten noch unberichtigt, und ſeine Einkuͤnfte unſicher wären. * 32 260 „Und iſt unter allen denen, die am Hofe leben, wohl ein Einziger zu finden, der ſeine Vermoͤgens⸗ angelegenheiten geordnet nennen kann, und deſſen Einkuͤnfte nicht weniger als unſicher ſind?“ erwie⸗ derte Lord Dolgarno;„Jeder verliert oder gewinnt. Die Reichen kommen hieher, um ihrem Reichthum los zu werden; dagegen winkt den durch Hofgunſt Begluͤckten die, ſo wie ihr, mein theurer Glenvar⸗ loch und ich ſelbſt, wenig oder gar kein bedeutendes Vermoͤgen beſitzen, die Ausſicht, Rbeilmhmer an der † Beute der Reichen zu werden.“ „Ich habe keine Ehrſucht dieſer Art,“ entgeg⸗ nete Nigel,„und haͤtte ich ſie, ſo muß ich euch offen erklaͤren, Mylord, daß ich keine Mittel in Haͤnden habe, eine ſolche Laufbahn zu beginnen; denn bis jetzt kann ich ſelbſt den Anzug, den ich trage, noch nicht mein eigen nennen; ich bin den Preis deſſelben noch ſchuldig und,— ich ſchaͤme mich nicht, es zu ſagen,— der Freundſchaft jenes braven Mannes dort.“ „Nun, ich nicht wieder lachen, wenn ich mich deſſen nur irgend enthalten kann,“ verſetzte Lord Dalgarno.„Aber Mylord, warum wandtet ihr euch an einen reichen Goldſchmidt, um euch die noͤthigen Ausruſtungskoſten zu verſchaffen? Ich hätte euch zu einem ehrlichen, willig creditirenden Kleidermacher fuͤhren koͤnnen, der euch ein halbes Dutzend Anzuge 264 geliefert haͤtte, blos aus Vorliebe fuͤr das Wörtchen: Lordſchaft vor eurem Namen;— und wenn ein⸗ mal euer Goldſchmidt wirklich freundſchaftlich gegen euch geſinnt iſt, ſo ſollte er euch mit einer Boͤrſe voll Roſenobles verſehen haben, womit ihr euch wenig⸗ ſtens dreimal ſo viel Anzuge hättet anſchaffen, und uberhaupt eure Lage ſogleich hättet verbeſſern konnen.“ „Ich verſiehe dieſe Verſahrungsart nicht,“ er⸗ wiederte Nigel, bei dem jetzt das Mißfallen an den Aeußerungen ſeines neuen Bekannten die Schaam uͤberwog;„ollte ich mich an den Hof meines Sdu⸗ verains begeben, ſo würde es erſt denn geſchehen, wenn ich, ohne mich zu behelfen oder zu borgen⸗ auch in Kleidung und Geſolge meinen Rang auf angemoſ⸗ ſene Weiſe behaupten könnte.“ „Ihr wollt durch ein Geſolge euren Rang be⸗ haupten?“ wiederholte Lord Dalgarno fragend;„das klingt, als kame es aus dem Munde meines Vaters. Ich glaube gar, ihr wuͤrdet Geſchmack daran ſinden, gleich ihm nach Hoſe zu ziehen, begleitet von einem ganzen Dutzend alter Blaurscke mit weißen Schei⸗ teln und rothen Naſen, mit altfrankiſchen Schildern und Haudegen, wovon ihre von Alter und Brandt⸗ weingenuß zitternden Haͤnde keinen Gebrauch mehr machen koͤnnen,— mit ſchweren ſilbernen Wappen am Arm, woraus ſich ein Schwenkkeſel für den koni⸗ glichen Schenktiſch machen ließe,— Alles um zu zei⸗ z. 262 gen, weſſen Narren ſie ſind,— unnutze Tagediebe, zu nichts tauglich, als die Vorzimmer ihres Herrn mit Zwiebel⸗ und Brandtweingeruch anzufuͤllen,— Pfui!“ „Die armen Menſchen!“ rief Lord Glenvar⸗ loch,„vielleicht haben ſie eurem Vater in ſeinen ehe⸗ maligen Fehden gedient. Was wurde aus ihnen werden, wenn er ſie abdankte?“ „Ey nun, ſie mogen ins Hospital gehen,“ er⸗ wiederte Dalgarno,„oder auf der Bruͤcke Reitger⸗ ten feil bieten. doch der Koͤnig ein ganz anderer Mann wie mein Vater, und doch ſeht ihr diejenigen, die in ſeinen Fehden gedient haben, dies täͤglich thun; ſonſt wuͤrden ſie, wenn ihre blauen Waͤmſer abgetragen ſind, ſchoͤne Vogelſcheuchen abgeben. Seht, dort kommt einer von unſern Leuten die Allee herab; wuͤrde ſich wohl die dreiſteſte Kraͤhe bis auf drei Fuß dieſer Kupfernaſe zu naͤhern wagen? Da iſt, wie ihr bald ſehen ſollt, mein Kammerdiener ein ganz anderer Kerl, und mein Page, Luͤtin, iſt ein ſo ge⸗ ſchmeidiger Burſche, daß er ein Dutzend dieſer alten* Denkmaͤhler aus den Kriegszeiten der Douglas auf⸗ wiegt, wo man ſich einander die Halſe brach um kei⸗ nen andern Lohn als die Hoffnung, von den Getoöͤd⸗ teten etwa zwoͤlf Schottiſche Pfennige zu erbeuten. Jetzt ſuchen dieſe Leute ſich dafuͤr bei ſchlechten Nah⸗ 263 ——— rungsmitteln und ſchalem Bier⸗ womit ſie ſich den Magen uͤberfuͤllen ſchadlos zu halten. Doch ich hoͤre die Eßglocke ertoͤnen;— auch eins von den geraͤuſchvollen Uperbleibſeln des Alter⸗ tchums, daß, wenn ich Herr waͤre, bald in die Themſe geworfen werden ſollte. Was, zum Henker, geht es die Bauern und Handwerker am Strande an⸗ zu wiſſen, daß eben jetzt Graf Huntinglen an Tafel geht? Doch mein Vater ſieht uns an; wir muͤſſen ja nicht zu ſpät zum Tiſchgebet erſcheinen, ſonſt fal⸗ len wir in Ungnade. Uebrigens werdet ihr Alles bei uns gleichartig finden; und da ihr im Auslande ge⸗ woͤhnt ſeyd aus Bruͤhnaͤpſchen Saucengerichte zu eſſen, ſo ſchaͤme ich mich vor euch unſerer geſpickten Capaunen, unſerer Berge von Rindfleiſch, und un⸗ ſerer Oceane von Brodſuppen,— ſo groß wie die Huͤgel und Seen des Hochlandes. Doch morgen ſollt ihr beſſer ſpeiſen. Wo wohnt ihr? Ich will euch abholen. Ich muß euer Wegweiſer durch dieſe volk⸗ reiche Wuͤſte ſeyn, um ch in ein Feenland zu fuh⸗ ren, welches ihr ſchwerlich ohne Charte und Piloten entdecken wuͤrdet. Sagt, wo wohnt ihr?“ „Ich will euch zu jeder Stunde die ihr mir be⸗ ſtimmen wollt, in den Chorgaͤngen der Paulskirche treffen;“ verſetzte Nigel verlegen. „Ah' ich merk's ſchon, ihr wollt euer Quartier nicht bekannt wiſſen; nun ſeyd unbeſorgt, ich will nicht zudringlich ſeyn. Doch hier ſind wir angelangt in unſerer ungeheuren Speiſekammer voll Fleiſch, Gefluͤgel und Fiſchen. Mich wundert, daß die eich⸗ nen Tiſche nicht unter der Laſt erſeufzen.“ Jetzt betraten ſie den Speiſeſaal des grͤflichen Ho⸗ tels, wo die Tafel wirklich bis zum Ueberfluß beladen war, und die zahlreiche Dienerſchaft einigermaßen die Sarcasmen des jungen Lords rechtfertigte. Der Haus⸗Caplan und Sir Mungo Malagrowther waren von der Geſellſchaft. Letzterer wuͤnſchte Nigeln Gluͤck zu dem Eindruck, den er hei Hofe gemacht habe. „Man ſollte glauben, Mylord, ihr haͤttet den Zank⸗ apfel in der Taſche mit nach Hofe gebracht, oder ihr waͤret der Feuerbrand, welchen Althea zur Welt brachte, und ſie hätte ihr Wochenbett in einer gefüll⸗ ten Pulvertonne aufgeſchlagen; denn der Koͤnig, der Prinz und der Herzog wären euretwegen beinahe einander in die Haare gerathen; das Naͤmliche iſt auch mit Andern der Fall geweſen, die vor jenem gluͤcklichen Tage nicht einmal wußten, daß ein Mann eures Namens auf Erden exiſtirte.“ 6 „Laßt uber dem Schwatzen euer Eſſen nicht kalt werden;“ ſiel der Graf ein. „Meiner Treu,“ entgegnete der Ritter;„an Ew. Lordſchaft Wittagsmahlzeiten pflegt man ſich oh⸗ nehin ſelten den Mund zu verbrennen;— eure Be⸗ 265 dienten werden alt, wie wir und es iſt ein weiter Weg von der Kuͤche in den Speiſeſaal.“ An dieſem kleinen Ausbruche ſeines Spleens be⸗ gnuͤgte ſich Sir Mungo, bis die Speiſen abgetragen wurden. Doch dann begann er, das ſtattliche neue Wamms des Lord Dalgarno zu betrachten, und wuͤnſchte ihm Gluͤck zu ſeiner Sparſamkeit, indem er vorgab, er erkenne darin das namliche, welches einſt ſein Vater zu Edinburg waͤhrend des dortigen Aufent⸗ halts des Spaniſchen Geſandten getragen habe. Lord Dalgarno, zu ſehr Weltmann, um ſich durch irgend eine Spoͤtterei eines ſolchen Mannes aus der Faſſung bringen zu laſſen, fuhr fort, ſeine Nuͤſſe zu knacken mit der Bemerkung: das Wamms waͤre in der That gewiſſermaßen das Eigenthum ſeines? Vaters, indem es demſelben wahrſcheinlich funfzig Pfund koſten wuͤrde. Sir Mungo eilte nach ſeiner Manier dieſe angenehme Nachricht dem Graſen mitzutheilen, mit der Bemerkung, ſein Sohn wiſſe beſſer Geſchaͤfte zu machen, als Se. Lordſchaft; denn er habe ſich ein Wamms angeſchafft, eben ſo prachtvoll als dasjenige, welches Se. Lordſchaft bei der Anweſenheit des Spa⸗ niſchen Geſandten im Schloſſe Holyrood⸗Houſe ge⸗ tragen, und welches ihm doch nur funfzig Pfund Schottiſcher Muͤnze gekoſtet habe. Das ſey kein thoͤrigter Handel. 266 „Funfzig Pfund Sterling, mit Eurer Er⸗ laubniß,“ antwortete der Graf ruhig;„und ein thoͤrigter Handel iſt es in aller Hinſicht. Mein Sohn war ein Thor, als er es kaufte, ich werde ein Thor ſeyn, wenn ich es bezahle, und ihr Sir Mungo mit eurer Erlaubniß ſeyd ein Thor in praesenti, weil ihr von Dingen ſprecht, die 6 nichts ange⸗ hen. 7. 4 Mit dieſen Worten begann der Graf ſich eifrig mit dem Becher zu beſchäftigen, und ihn fleißig krei⸗ ſen zu laſſen, wodurch die Froͤhlichkeit ſehr geßteigert, oder vielmehr die Mäßigkeit der Geſellſchaft gefäͤhrdet ward, bis ſie durch die Ankuͤndigung geſtoͤrt ward: der Schreiber ſey mit der Ausſertigung derjenigen Ur⸗ kunden, welche augenblicklicher Vollziehung ten, zuruͤckgekommen. Georg Heriot erhob ſich von der Tafel, mit der Bemerkung, daß der Becher ſich nicht mit gerichtli⸗ chen Urkunden vertrage. Der Graf fragte den Schrei⸗ ber, ob man im Nebenzimmer einen Tiſch fuͤr ihn gedeckt, und ihm einen Becher Wein gereicht habe?“— „Gott behuͤte mich,“ entgegnete der junge Mann, daß ich ſo undankbar geweſen ſeyn ſollte, irgend et⸗ was von Speiſe oder Trank zu mir zu nehmen, bis der mir von ſo hohen und werthen Wfens anver⸗ traute Auftrag war. — 267 ———— „Du ſollſ ſpeiſen, bevor du von dannen gehſt, junger Menſch,“ ſagte Lord Huntinglen,„und ich will verſuchen, ob ein Becher Sect nicht etwas Farbe auf deine blaſſen Wangen bringen kann. Es waͤre eine Schande fuͤr meine Haushaltung, dich mit die⸗ ſem geiſterbleichem Geſicht wieder an den Strand zu⸗ ruͤctzuſchicken. Sorge fuͤr ihn, Dalgarno, denn die Ehre unſeres Hauſes ſteht hier auf dem Spiele.“ Waͤhrend zur Befolgung des gräflichen Befehls Anſtalt getroffen ward, unterzeichneten Lord Glen⸗ varloch und Meiſter Heriot die ausgefertigten Urkun⸗ den, wechſelten ſie aus, und beendigten eine Ver⸗ handlung, worin der Hauptpacistent von den Ein⸗ zelnheiten faſt nichts weiter verſtand, als daß ſein eifriger, getreuer Freund uͤbernahm, das erforderliche Geld anzuſchaffen, um die Baronie Glenvarloch ein⸗ zuloſen, und es auf den naͤchſtbevorſtehenden Petri⸗ termin, Mittags zwolf Uhr in der Aegidienkirche zu Cdinburg am Grabmahle des Regenten, Grafen von Murray, auszuzahlen. „Nach Endigung des Geſchäfts wollte der alte Graf das Gelag von neuem beginnen; allein der Buͤrger entſchuldigte ſich mit der Wichtigkeit der Ur⸗ kunden, die er bei ſich fuͤhre und mit den darauf Be⸗ zug habenden Geſchaͤften⸗ die er am naͤchſten Morgen fruh betreiben muͤſſe; auch veranlaßte er den jungen 268 5 Lord Glenvarloch, der ſonſt leichter zu halten gewe⸗ ſen ſeyn moͤchte, mit ihm die Barke zu beſteigen. Sebald ſie wieder ſlott waren, warf Georg He⸗ riot einen ernſten Ruckblick auf den eben verlaſſenen gräͤflichen Wohnſitz.„Dort wohnt,“ ſagte er,„die alte und die neue Sitte. Der Vater gleicht einem trefflichen alten Schlachtſchwerte, das jedoch durch Vernachlaͤſigung und Unthäͤtigkeit vom Roſt ange⸗ freſſen und dadurch an Werth verringert iſt;— der Sohn hingegen iſt euren neumodigen Raufdegen zu vergleichen, die mit einem ſchoͤn gearbeiteten, vergol⸗ deten Griffe verſehen, und nach dem neueſten Ge⸗ ſchmacke geformt ſind, deren Brauchbarkeit aber erſt die Zeit an den Tag legen muß. Gott gebe, daß ſich das Metall der Klinge bewähren moge! Dies iſt der Wunſch eines alten Freundes der Familie. Nichts von Bedeutung ſiel weiter zwiſchen den beiden Heimkehrenden vor; Lord Glenvarloch, lan⸗ dend am Paulswerſt, nahm Abſchied von ſeinem Freunde, dem Buͤrger und begab ſich auf ſein Zim⸗ mer, wo ſein Diener Richard, der ſich nicht wenig mit den Creigniſſen des Tages und der Gaſtfreiheit des Lord Huntinglen bruͤſtete, der flinken Dame Relly von dem Allen einen großprahleriſchen Bericht abſtattete, der ſeine Zuhoͤrerin mit Freude uͤber die ihrem Gaſie leuchtende Gluͤcksſonne erfuͤllte. 269 ——— Eilftes Kapitel. Als am naͤchſten Morgen Nigel, beendigend ſin Fruͤhſtuͤck, hin und her ſann, wie er den Tag 3 bringen ſolle, machte ein kleines Geraͤuſch auf der Treppe ſeine Aufmerkſamkeit rege, und augenblicklich trat mit hochrothen Wangen ſaſt außer Athem Dame Nelly herein, mit den Worten:„ ein junger Lord, Sir,— wahrlich Niemand Geringeres,“ und da⸗ bei ſtrich ſie mit der Hand leicht uͤber die Lippen, „wollte ſo unverſchaͤmt ſeyn,—— ein junger Lord wollte ich ſagen— wuͤnſcht euch aufzuwarten.“ Bei dieſen Worten folgte ihr in die kleine Quaſi⸗ Cajuͤte Lord Dalgarno mit aufgeràumtem, ungezwun⸗ genem Weſen und dem Anſchein nach eben ſo ſehr er⸗ freut, ſeinen neuen Bekannten wieder zu ſehen, alshaͤtte er ihn in den Zimmern eines Pollaſtes gefunden. Nigel hingegen,(denn junge Leute ſind gewoͤhnlich Sclaven ſolcher Nebenumſtaͤnde), war außer Faſ⸗ ſung gebracht und gekränkt durch den Gedanken, von einem ſo feinen, ſtattlichen Herrn in einem Zimmer uͤberraſcht zu ſeyn, welches beim Eintritt des elegan⸗ ten Ritters ſeinem Bewohner noch ſchlechter, niedri⸗ ger, enger und dunkler vorkam, als es ihm bis da⸗ hin geſchienen hatte. Er wollte deshalb einige Ent⸗ ſchuldigung machen, allein Lord W die Materie kurz ab. „Kein Wort davon, kein einziges Wort! Jetzt weiß ich, warum ihr hier vor Anker liegt. Eine ſo huͤbſche Wirthin wuͤrde ein noch weit— Quartier verſchoͤnern.“ „Auf mein Wort,— auf meine Ehre“— ſtammelte Lord Glenvarloch— „Ey ſo laß't es doch gut ſeyn!“ rief Lord Dal⸗ garno;„ich bin kein Plauderer und werde euch auch nicht ins Gehege kommen. Es iſt Gottlob Wild ge⸗ nug im Reviere, und ich kann fuͤr mich ſbt eine Hindin erlegen.“ Dieſes alles ſagte er in leichtem Tone, und die Deutung, welche er Nigels Verhäͤltniſſen zur ſchoͤ⸗ nen Wirthin gegeben hatte, ſchien ſür die Galanterie des Letzteren zu ehrenvoll zu ſeyn, als daß nicht die⸗ ſer mit vergeblichen Verſuchen haͤtte aufhoͤren ſollen, ihn aus dem Irrthum zu reißen; ſo ſchwach iſt der Menſch, daß Nigel, weniger ſich ſchämend Hor dem Verdachte eines Laſters, als vor wirkliche Armuth, das Geſpraͤch abbrach, es auf einen andern Gegen⸗ ſtand lenkte und ſeinen, ſo wie der armen Nelly gu⸗ ten Ruf der willkuͤhrlichen Mißdeutung des jungen Hoͤflings uͤberließ. Nach einiger Unentſchloſſenheit bot er dem Lord Dalgarno Erſriſchungen an. Laͤngſt ſchon hatte die⸗ ſer gefruͤhſtuͤckt; allein eben hatte er, wie er erzaͤhl⸗ te, Federball geſpielt, und wuͤnſchte daher zur Er⸗ „ 274 friſchung einen Trunk Bier aus den Haͤnden der huͤbſchen Wirthin. Villig brachte ſie ihn; er ward getrunken, gelobt, und Lord Dalgarno benutzte die⸗ ſe Gelegenheit, die Schöne aufmerkſamer zu beaͤu⸗ geln; dann trank er ſehr ernſthaft auf das Wohl ih⸗ res Mannes, indem er Nigeln verſtohlen zuwinkte. Dame Nelly fand ſich ſehr durch den Toaſt geehrt, ſtrich ihre Schuͤrze mit den Haͤnden glatt, und dank⸗ te in ihres Mannes Namen, mit der Verſicherung, er ſey ein guter, fuͤr ſeine Familie zärtlich beſorgter Mann, ſo wie es nur immer einen in der ganzen Gaſſe und ſelbſt im gan 1 Umkreiſe bis nach Pauls⸗ Chain gebe. Ohne Zweifel wuͤrde ſie, wie gewöhnlich, in ihre Lieblingsmaterie uͤber den Unterſchied zwiſchen ihrem Alter und dem ihres Mannes, welcher ihren fruͤhern Verſicherungen zufolge einzig ihrem ehelichen Gluͤcke eeinigen Eintrag that, naͤher eingegangen ſeyn, haͤt⸗ eenicht ihr Miethsmann, der keine Luſt hatte, ſich länger den Scherzreden ſeines aufgeraͤumten Freundes auszuſetzen, ihr gegen ſeine Gewohnheit einen Wink gegeben, das Zimmer zu verlaſſen. Lord Dalgarno ſah ihr nach, warf dann einen Blick auf Nigeln und ſprach die wohlbekannten Wor⸗ e des Schauſpieldichters: „O Myiord, hütet euch für Eiferſucht?— „Dem ungeheuer mit den grünen Augen. „Das ſeine Nabrung ſiets ſich ſelbſt bereitet.“ W 5 2 „Aber ich weiß nicht,“ ſagte er mit veraͤnder⸗ tem Tone/„warum ich euch ſo quaͤle,— ich, der ich ſelbſt ſo viele eigne Schwaͤchen habe. Statt deſ⸗ ſen ſollte ich mein Hierſeyn entſchuldigen und 66 ſagen, weshalb ich kam.“ Bei dieſen Worten nahm er ſich einen Stuhl und ſetzte auch einen für Nigeln, der ſich vergebens bemuͤhte, ihm in dieſem Höflichkeitsbeweiſe zuvorzu⸗ kommen. Dann fuhr er in dem naͤmlichen vertrau⸗ lichen, ungezwungenen Tone ſort:„wir ſind Nach⸗ barn, Mylord, und ſo eben erſt mit einander bekannt geworden. Nun kenne ich das theure Schottland inreichend⸗ um zu wiſſen, daß ſchottiſche Gutsnach⸗ parn entweder vertraute Freunde oder Todfeinde ſeyn, — entweder Hand in Hand wandeln oder mit gezo⸗ genem Schwerte einander gegenuͤber ſtehen muͤſſen; ich meinerſeits waͤhle den freundſchaftlichen Haͤnde⸗ vruck, woſern ihr die dargebotene Rechte ver⸗ . „Wie wär' es moglich, Mylord, daß ich ein ſo freundliches Anerbieten, ſelbſt dann, wenn euer Va⸗ ter nicht auch mein zweiter B Vater geworden waͤre, verſchmoͤhen könnte?“ Und Dalgarnos dargebotene Hand faſſend, fuͤgte er hinzu:„Waohrlich! ich habe keine Zeit verloren; denn erſt ſeit vier und zwanzig Stunden bin ich bei Hoſe vorgeſtellt und ſchon h —— — ich mir einen tigen Freund, und einen maͤchtigen Feind erworben.“ „Der Freund vhet euch fuͤr eure gute Meinung; aber, mein theurer Glenvarloch— oder ſagt mir lieber euern Geburtsnamen, denn Guttstitel ſind un⸗ ter uns Leuten von beſſerem Schlage zu foͤrmlich.“ „Mein Geburtsname iſt Nigel.“ „Dann wollen wit uns unter einander Nigel und Malcolm nennen, und nur fuͤr die plebejiſche Welt rund um uns her Mylord ſeyn.— Aber wen haltet ihr fuͤr euren Feind?“ „Keinen Geringeren, als den allgewaltigen Guͤnſtling, den großen Herzog von Buckingham.“ „Ihr traͤumt; was konnte euch auf dieſen Ein fall bringen?“ entgegnete Dalgarno. „Er ſelbſt ſagte es mir,“ verſetzte Rigel,„und benahm ſich dadurch eben ſo ehrenvoll als freimuͤthig gegen mich.“ „Ey, ihr kennt ihn noch nicht.— Des Her⸗ zogs reger Sinn iſt eine Miſchung von hundert edlen Eigenſchaften, die ihn, wie ein feuriges Roß anſpor⸗ nen, bei dem mindeſten Hinderniſſe in ſeinem vor⸗ waͤrtsſtrebenden Lauf ungeduldig zur Seite ſpringen. Allein was er in einer ſolchen voruͤbergehenden Hitze ſagt, meint er nicht ſo. Ich vermag, Gottlob, mehr uͤber ihn, als die meiſten ſeiner Umgebungen. Wir 1 274 — wollen ihn zuſammen beſuchen; dann ſollt ihr ſehen⸗ wie ihr empfangen werdet.“ 5„Ich ſagte euch⸗ WMylord verſetzte Glenvar⸗ loch mit Feſtigkeit und einigem Stolz,„daß der Herzog von Buckingham ſich ohne die mindeſte Belei⸗ digung von meiner Seite, im Angeſichte des Hofes fur meinen Feind erklaͤrte; und er ſoll dieſen Angriff eben ſo offentlich, als er ihn that, widerrufen, bevor ich ihm auf irgend eine Weiſe entgegenkommen will.“ „Dies wuͤrde in jedem andern Falle paſſend ſeyn,“erwiederte Lord Dalgarno;„allein im vorlie⸗ genden wuͤrdet ihr verkehrt handeln. Am Horizont des Hoſes iſt Buckingham die aufgehende Sonne und „as Gluͤck eines Sollicitanten ſinkt oder ſteigt, je nachdem er ihm guͤnſtig oder unguͤnſtig iſt. Der Koͤnig wuͤrde euch hier an jene Stelle des Phädrus erinnern: Arripiens geminas, ripis cedentibns, vi u. ſ. w. Ihr ſeyd das irdene Gefaͤß; huͤtet euch, daß ihr nicht gegen das eiſerne anſtoßt.“ „Das irdene Gefaß,“ bemerkte Lord Glenvar⸗ loch,„wird das Zuſammenſtoßen vermeiden, wenn es aus der Stroͤmung an's Ufer treibt; mit andern Worten, ich werde nicht mehr an den Hof gehen.“ „An Hof muͤßt ihr nothwendig gehen; eure ſchottiſche Angelegenheit wird ſonſt ſchlechten Fortgang haben; denn Gunſt und Protection ſind nothwendig, um den erlangten koniglichen Zahlungsbefehl in Wirkſamkeit zu ſetzen; doch davon nachher; aber ſagt mir immittelſt, mein theurer Nigel, ob ihr euch nicht wundert, mich bei ſo fruͤher Tageszeit hier zu ſehn?“ „Es wundert mich nur, daß ihr mich in dieſem Stadtwinkel auffinden konntet,“ erwiederte Lord Glenvarloch. „Mein Page, Luͤtin, iſt ein kleiner Teufel in ähnlichen Entdeckungen;“ entgegnete Lord Dalgar⸗ no.„Ich brauche ihm blos zu ſagen, daß ich zu wiſſen verlange, wo Der oder Jene wohnt⸗ und er fuͤhrt mich, wie durch Zauberkunſt, dahin.“ „Ich hoffe doch nicht, daß er auf der Straße eurer harrt,“ ſogte Nigelz„ich will meinen Bevien⸗ ten abſchicken, ihn aufzuſuchen.“ „Seyd deshalb unbeſorgt,“ verſetzte Lord Dal⸗ garno,„ich zweifle nicht, daß er ſich die Zeit damit vertreibt, mit den ſchmutzigſten Straßenjungen auf dem Paul swerft Grubchen zu ſpielen, er muͤßte denn die alte Gewohnheit ganz abgelegt haben.“ Aber furchtet ihr nicht,“ fragte Nigel,„daß in ſolcher Geſellſchaft ſeine Moralitat leide?“ „Wenn nur die Moralitst ſeiner Geſpielen nicht durch ihn leidet;“ antr tete Lord Dalgarno gleich⸗ 18* 276 gultig;„denn es muͤßte eine Geſellſchaft junger ein⸗ gefleiſchter Teufel ſeyn, welche von Luͤtin nicht mehr Unfug lernen, als ſie ihn lehren kann: er iſt Gott ſey Dank, fuͤr ſeine Jahre in allem Boͤſen ſo erfah⸗ ren, als nur immer möglich iſt; ſo daß ich der Muͤhe uͤberhoben bin, auf ſeine Moralitat ein Auge zu ha⸗ ben, denn es iſt nichts daran zu beſſern oder zu ver⸗ ſchlimmern.“ „Ich wundere mich, daß ihr dies bei ſeinen Eltern verantworten koͤnnt, Mylord,“ bemerkte Nigel.. „Ich wuͤßte nicht, wo ich ſeine Eltern aufſuchen ſollte, um ihnen Rechenſchaft zu geben,“ erwiederte Dalgarno. „Wenn er auch eine Waiſe iſt,“ entgegnele Nigel,„ſo wird er doch, da er Page in Ew. Lord⸗ ſchaft Familie iſt, von adligem Stande ſeyn.“ „Der Stand ſeiner Eltern war ſo hoch, als der Galgen ihn machen konnte;“ erwiederte Dalgar⸗ no mit der nämlichen Gleichguͤltigkeit;„denn beide wurden gehangen, wie mir die Zigeuner verſicherten, von denen ich den Burſchen vor fuͤnf Jahren kaufte.— Dies befremdet euch?— aber iſts nicht beſer, ei⸗ nen ſolchen Burſchen zum Pagen zu nehmen, als einen faulen, eingebildeten adligen Bengel mit einem Buttermilchsgeſichte, dem ich nach unſern altfraͤnki⸗ 77 ſchen Begriffen zum Erzieher dienen und dahin ſehen muͤßte, daß er gehoͤrig Geſicht und Haͤnde wuͤſche⸗ den Morgen⸗ und Abendſegen betete, in die Schule ginge, kein ſchlechtes Zeug ſpraͤche, ſeinen Hut bůr⸗ ſtete, und ſein beſie, Wamms nur Sonntags an⸗ zoͤge?“ Hierauf pfiff er in einem durchdringenden Tone, und plotzlich ſprang mit der Schnelligkeit einer Gei⸗ ſtererſcheinung der Page ins Zimmer. Nach ſeiner Größe hétte man ihn fuͤr vierzehn, nach ſeiner Miene füͤr drei Jahr olter halten ſollen; er war wohlgebaut⸗ reich gekleidet, hatte ein ſchmales, braunes, ſeine Zigeunerabkunſt verkuͤndigendes Geſicht, mit fun⸗ kelnden ſchwarzen Augen und einem durchdringenden Blick.* „Hier iſt er,“ ſagte Lord Dal arno,—„hei⸗ miſch in jedem Elemente,— bereitwillig, jeden gu⸗ ten, ſchlechten oder gleichgultigen Auftras raſch zu vollziehen und ſeines Gleichen ſuchend in Schelme⸗ reien, Spitbübereien und Luͤgen.“ „Lauter Eigenſchaften“— fiel der kecke Page ein;„die nach der Reihe Ewr. Lordſchaft gute Dien⸗ ſte geleiſtet haben.“ „Fort, du Satansjunge,“ rief ſein Herr; mach' daß du fort kemmſt, oder mein Zauberſtab ſoll dir um die Ohren ſchwirren.“ Der Knabe mach⸗ te linksum und verſchwand eben ſo plotzlich, als er gekommen war. „Ihr ſeht,“ ſagte Lord Dalgarno,“ daß ich dem Adel keine größere Achtung beweiſen kann, als wenn ich ihn von meinem Dienſte ausſchließe; denn dieſer Galgenvogel koͤnnte ein ganzes Vorzimmer voll Pa⸗ gen verderben, und wenn ſie auch von Kaiſern und Koͤnigen abſtammten.“ „Kaum kann ich glauben, daß ein Lord der Dienſte eines ſolchen Kobolds beduͤrfen konnte,“ ſag⸗ te Nigel;„ihr treibt blos mit meiner Unerfahren⸗ heit euren Sher 4 „Die Zeit wird's lehren, mein n theurer igel ob ih ſcherze oder nicht,“ verſetzte Dalgarno;„im⸗ mittelſt ſchlage ich euch vor, die Fluthzeit zu einer Luſtfahrt ſtromaufwärts zu benutzen und dann mit mir zu Mittage zu ſpeiſen.“ Nigel nahm den Vorſchlag an, der ihm Zeit⸗ vertreib verſprach; und die beiden Freunde, beglei⸗ tet von Lutin und Richard die gepaart, dem Ver⸗ ein eines Bären und Affen glichen, beſtiegen Dal⸗ garno's Bärke, d die beſetzt von Ruderern, die des Lords Wappen am Arme trugen, bereit lag, ſie auf⸗ zunehmen. Die Luft war heiter und lieblich, und — —— Dalgarno's lebhaſte Unterhaltung wuͤrzte das Ver⸗ gnuͤgen der kleinen Luſtfahrt. Er machte Nigeln auf⸗ merkſam auf die am Themſeufer liegenden öffentlichen Gebude und adlichen Wohnſitze und miſchte ſeiné Mittheilungen mit einer Fülle von Anekdoten, zum Theil aus der Chronique Scandaleuse und aus der politiſchen Welt. Hatte er gleich nicht viel Witz, ſo war er doch vollkommen eingeweiht im Ton der gro⸗ ßin Welt, der in jenen, wie in unſern Zeiten obi⸗ gen Mangel uͤberreichlich erſetzte. 1 56 Dieſer Ton war ſeinem Gefährten eben ſo neu als die Welt, welche Dalgarnd vor ihm entfaltete; und man konnt⸗ ſich nicht wundern, daß Nigel un⸗ geachtet ſeiner geſunden Vernunft und ſeiner hochher⸗ zigen Denkweiſe den etwas gebieteriſchen, belehren⸗ den Ton, welchen ſein neuer Freund gegen ihn an⸗ nahm, ſich bereitwilliger gefalle ließ⸗ als mit jenen lobenswerthen Eigenſchaften vereinbar ſchien. Frei⸗ lich wurde es etwas ſchwierig geweſen ſeyn, dem Vortrage ſeines Freundes Einhalt zu thun. Hart⸗ naͤckig auf einem hochtrabenden moraliſchen Ton zu bwarren, haͤtte pedantiſch und laͤcherlich geſchienen. Bei dem leichten Gange der Unterhaltung Dalgat⸗ nos, die ſich ſtets in den Gränzen zwiſchen Scherz und Ernſt heelt; und jeder Verſuch, Nigels, die 280 Grundſätze ſeines Geſaͤhrten ſcherzend zu beſtreiten, zeigte ihm blos, wie weit ihm ſein Freund in der Po⸗ lemik uͤberlegen war. Ueberdies muß man geſtehen, daß Lord Glenvarloch durch die Sprache und Sitten ſeines neuen Bekannten weniger beunruhiget war, als er der Klugheit gemaͤß haͤtte ſeyn ſollen. Hierzu kam, daß Lord Dalgarno es vermied, bei Gegenſtaͤnden zu verweilen, die zu ſehr den Gewohn⸗ heiten und Grundſätzen ſeines Proſelpten zuwider liefen, um ihn nicht ſtutzig zu machen, und daß er. vielmehr Scherz und Ernſt mit ſolcher Gewandheit miſchte, daß Niger unmöglich zu entdecken vermochte, wie weit ſeines Begleiters Aeußerungen ernſtlich ge⸗ meint, oder bloße Ausfluſſe eines uͤbertriebenen Han⸗ ges zur Spoͤtterei waren. Auch ward Dalgarnos Unterhaltung unaufhoͤrlich von einzelnen Zuͤgen durchkreuzt, die eben ſo ſehr von Geiſt als von Ehr⸗ gefuͤhl zeigten, und zu beweiſen ſchienen, daß er, durch höhere Antriebe in Thaͤtigkeit geſetzt, keineswe⸗ ges jenen nur Wolluſt und Mußiggang liebenden Höf⸗ lingen gleichen wuͤrde, denen er ſich abſichtlich beizu⸗ geſellen ſchien. Als ſie ſtromabwaͤrts zuruͤckkehrtes, bemerkte Lord Glenvarloch, daß das Boot Lord Hun⸗ tinglens Hotel vorbeifuhr, und fragte ſeinen Beglei⸗ ter: ob ſie nicht dort zu Mittage ſpeiſen wuͤrden? ————— 281 —— „Ey nicht doch,“ entgegnete Dalgarno„ihr ſeyd mir zu lieb, um euch noch einmal mit halb rohem Rindfleiſch und Canarienſect den Magen zu fuͤllen; ich habe euch etwas Beßres zugedacht, als ſolch' ein Scythiſches Gaſtmahl. Und mein Vater ſpeiſt heute bei dem alten ernſten Grafen Northampton, jenem vormals als Lord Henry Howard ſo beruͤhmtem Pro⸗ pheten.“ „Und ihr begleitet euren Vater nicht?. „Was ſoll ich dort?“ antwortete Dilgorno, „den weiſen Lord flache politiſche Bemerkungen aus⸗ kramen hoͤren, und noch dazu in fehlerhaftem La atein, welches der alte Fuchs allemal ſpricht, um Sr. boch⸗ gelehrten Majeſtät von England Gelegenheit zu ge⸗ ben, ſeine grammatikaliſchen Schnitzer zu berichti⸗ gen? Das waͤre mir ein ſchoͤner Zeitvertreib!“ „Nun, ihr könntet auch blos aus Reſpect fuͤr euren Vater mitgehen,“ bemerkte Nigel. „Mein Vater,“ verſetzte Dalgarno,„hat Blaurocke genug zu ſeiner Begleitung, und kann ei⸗ nes Schmetterlings/ wie ich, ſehr gut entbehren,“ ſinen Becher mit Sect kann er ohne meine Huͤlfe, ſehr gut zum Haupte echeben; und ſollte das beſagte vaͤterliche Haupt vom Rebenſafte etwas taumlich wer⸗ den, ſo ſind Leute genug da, um Se. Herrlichkeit 232 auf Hochdero Lager zu geleiten. Nun, ſeht mich nicht ſo an, Nigel, als ob das Boot unter meinen Wor⸗ ten verſinken muͤßte; ich liebe meinen Vater; ich liebe ihn zaͤrtlich, und achte ihn nicht minder, was ich von wenigen Dingen in dieſer Welt ſagen kann. Nie gab es einen ehrlichern alten Degenknopf, als ihn, aber er gehoͤrt der alten Welt, und ich der neuen an; er hat ſeine Schwaͤchen und ich die meinigen⸗ und je weniger wir wechſelſeitig von unſern kleinen Suͤnden wahrnehmen, je mehr werden wir uns ein⸗ ander ehren und achten, denn meiner Meinung nach muß auch die Achtung zwiſchen Vater und Sohn gegenſeitig ſeyn. Sind wir getrennt, ſo iſt Jeder ganz der, wozu ihn Natur und Umſtaͤnde machten; feſſeln wir uns aber zu ſehr aneinander, ſo wird ei⸗ ner von uns oder wir werden beide an Heuchelei ge⸗ L werden. Bei dieſen Worten landete das Boot u Blackfriars. Lord Dalgarno ſprang ans Ufer, be Mantel und Degen dem Pagen zu, und em⸗ pfahl ſeinem Begleiter, es ſich auf aͤhnliche Weiſe bequem zu machen.„Wir kommen jetzt in eine zahlreiche Geſellſchaft von Maͤnnern aus der feinen Welt;“ ſagte er,„und ſo ausſtaffirt, wuͤrden wir eurem ſchwarzgelben Don aͤhneln, der ſich dicht in ſeinen Mantel hullt, um vielleicht die Maͤngel ſeines Wanſes zu verbergen.“ —— ———— 253 „Ich habe manchen ehrlichen Mann gekannt⸗ der dies that, Cw. Lordſchaft halten zu Gnaden,“ ſiel Richard ein, welcher nur einer Gelegenheit ge⸗ harrt hatte, ſich ins Geſpraͤch zu miſchen und ſich wahrſcheinlich des Zuſtandes erinnerte, in welchem ſich noch ganz neuerlich ſeine Garderobe befunden hatte. 3 Lord Dalgarno ſtarrte ihn mit verwunderten Blicken an, und antwortete ſchnell:„du magſt man⸗ herlei gekannt haben, mein Freund, doch kennſt du nicht die Art und Weiſe, wie du deines Herrn Man⸗ tel dergeſtalt tragen mußt, daß die golvbeſetzten Naͤ⸗ the und der Zobelrand auf die vortheilhaſteſte Weiſe ins Auge fallen. Sieh, wie Luͤtin den Degen haͤlt, ſo daß nur ein Theil vom nantel bedeckt wird, ohne vaß jedoch die in Silber gearbeiteten Verzierungen des Gefuͤßes verſieckt werden.— Gebt eurem Bedienten den Degen lieber Nigel, damit er in einer ſo wichti⸗ gen Kunſt practiſchen Unterricht nehmen kann.“ „Aber iſt es auch der Vorſicht gemäß,“ fragte Nigel, indem er ſein Schwert abſchnallte und es Richarden einhändigte,„ſo ganz unbewaffnet zu bleiben?“„Und wom nicht?“ verſetzte ſein Ge⸗ fährte;„ihr glaubt, noch in eurer guten ſchottiſchen Hauptſtadt zu ſeyn, wo es ſo viele Privatfehden und ——— ——— ————— 3 4 ſir 7 284⁴ oͤſfentliche Factionen giebt, daß ein irgend bedeuten⸗ der Mann nicht zweimal uͤber die Hauptſtraße gehen kann, ohne dreimal ſein Leben in Geſahr zu bringen. Hier, Sir, ſind keine Gewaltthätigkeiten auf den Straßen erlaubt. Die plumpen Buͤrger ſchlagen gleich mit Keulen drein ſobald nur ein Schwert gezo⸗ gen wird, und Knittel ſind die Loſung.“ „Eine ſehr unerfreuliche Loſung,“ ſagte Ri⸗ chard,„von deren Folgen mein Hirnkaſten nachzu⸗ ſagen weiß.“ „Waͤr' ich dein Herr,“ erwiederte Lord Dal⸗ garno,„ſo wuͤrde ich deinem Hirnkaſten ebenfalls uͤbel mitſpielen, wenn du auch nur ein einziges Wort ſagteſt, ohne daß man dich anredete.“ Richard murmelte einige unverſtändliche Worte, benutzte aber den Wink und ſtellte ſich hinter ſeinen Herrn neben den Pagen, der nicht unterließ, ſeinen neuen Gefährten in den Augen der Voruͤbergehenden durch Nachaͤffung ſeiner ſteifen Haltung und ſauerto⸗ pfiſchen Miene, ſo oſt es von Richarden unbemerkt geſchehen konnte, lächerlich zu machen. 8 „Jetzt ſagt mir, mein thesrer Malcolm,“ fragte Nigel,„wohin geht denn unſer Lauf? Sollen wir in einem euch zugehoͤrigen Zimmer ſpeiſen?“ + 285 „Freilich ſollt ihr in einem Zimmer ſpeiſen, wel⸗ ches mir zugehort; allein auch euch und zwanzig an⸗ dern Männern von der feinen Welt gehort es zu; und ihr ſollt dort eine weit beſſere Kuͤche, beſſern Wein und beſſere Aufwartung finden, alb in allen ubrigen Häuſern. Wir gehen naͤmlich in das be⸗ ruͤhmteſte Speiſehotel von London.“ „Alſo ohne Zweifel in einen Gaſthof oder in eine Schenke.“ „Gott bewahre! wo denkt ihr hin!“ rief Dal⸗ garno aus; in Gaſthoͤfe und Schenken gehen Spieß⸗ buͤrger um Bier zu trinken und Tabak zu rauchen; vort ſaugen ſchottiſche Nabuliſten ihre ungluͤcklichen Schlachtopfer aus,— junge Juriſten von Temple⸗ Bar geben ihren ſch⸗len Witz zum Beſten,— und unvermogende Leute von niederem Adel fullen ſich den Magen mit duͤnnem Biere, welches ihnen ſtakt eines Rauſches die Waſſerſucht zuzieht. Ein Speiſehokel iſt eine kuͤrzlich erſt erfundene Anßalt, dem Bacchus und Komus heilig, wo die vornehmſten Evelleute von der ſeinen Welt mit den geiſtreichſten witzigen Kö⸗ pfen des Zeitalters zuſammenkommen,— wo die auserleſenſten Weine, alt und rein wie das Blut der avligen Gaͤſte, das Hetz erfreuen, und die Spei⸗ ſen ſich weit uͤber die gemeinen Nahrungsmittel er⸗ 286 heben. Meer und Land muͤſſen Alles aufbieten, zur Beſetzung der Tafel ihren Tribut zu zollen, und ſechs talentvolle Koͤche ſtrengen unausgeſetzt ihre Er⸗ findungskraft an, mit der Trefflichkeit der angeſchaff⸗ ten Leckereien Schritt zu halten.“ „Aus dieſer ganzen Lobrede,“ verſetzte Nigel, „geht am Ende doch, wie ich vorhin ſagte, nichts. anderes hervor, als daß wir in ein gutes Speiſehaus gehen, wo das Eſſen gut iſt und die Zeche ſich ver⸗ haͤltnißmaͤßig hoch belaufen wird.“ „Zeche!“ rief Lord Dalgarno in dem vorigen hochtrabenden Tone aus:„Pereat dieſer gemeine † Ausdruck! Welche Entheiligung! Monsieur le Che- valier de Beaujen, die Zierde der Hauptſtadt Frank⸗ reichs, und die Krone aller Gascogner,— der Mann, der das Alter ſeiner Weine ſchon am bloßen Geruch erkennt, der ſeine Bruͤhen nach den Regeln der Che⸗ mie deſtillirt,— der mit ſo bewundernswerther Ge⸗ nauigkeit vorſchneidet, daß er von jedem Faſan dem Lord ſo wie dem Ritter genau dasjenige Stück zu⸗ theilt, welches ihm nach ſeinem Range gebuͤhrt, der eine Feigendroſſel mit ſo gewiſſenhaſter Sorgfalt in zwolf Portionen theilt, daß keine auch nur um ein Haar breit,— auch nur um ein Zwanzigſtel einer Drachme großer iſt, als die andere.“ Einen ſolchen 287 —— Mann und eine„Zeche“ durftet ihr nicht an einem Tage nennen! Denkt nur, er iſt der allgemeine Schiedsrichter in allen Angelegenheiten, welche auf die Geheimniſſe der Karten- und Wuͤrfelſpiele Be⸗ zug haben;— Beaujeu iſt Monarch des Reichs der vier Könige und Fuͤrſt aller? Wuͤrfelbecher. Er ſollte gleich einem gemeinen gruͤngeſchuͤrzten rothnaſigen Kuͤper ſeinen Gäſten eine„Zeche“ machen! O mein beſter Nigel. Wie konntet ihr von einem ſol⸗ chen Manne ſo etwas uͤber die Zunge bringen. Ein⸗ zig der Umſtand, daß ihr ihn nicht kanntet, entſchul⸗ digt dieſe Laͤſterung; und dennoch nicht ganz; denn auch nur einen einzigen Tag in London geweſen zu ſeyn und Beaujeu nicht zu kennen, iſt ein Ver⸗ gehen. „Aber er naht heran, der ſegenvolle Moment, wo ihr ihn kennen und die Blasphemie, die ihr ausge⸗ ſtoßen habt, in ihrem ganzen Umfange verabſcheuen lernen ſollt.“ „Dieſer ehrenwerthe Ritter,“ fragte Nigel, „wird doch die Unkoſten dieſer trefflichen Tafel aus eigenem Vermoͤgen beſtreiten?“ „Nein, nein,“ antwortete Dalgarno;„es giebt eine gewiſſe Ceremonie, worin ſaͤmmtliche Freunde und Vertraute des Ritters eingeweiht ſind, mit . — ——— ———— 283. der ihr jedoch fuͤr heute nichts zu thun habt. Es iſt, wie Se. gelehrte Majeſtaͤt ſich ausdruͤcken wuͤr⸗ de, ein symbolum oder mit andern Worten ein wechſelſeitiger Austauſch von Hoſtichkeiten, zwiſchen Beaujeu und ſeinen Gäͤſten eingefuͤhrt. Er macht ihnen ein freiwilliges Geſchenk mit ſeinen Mittags⸗ mahlen und Weinen, ſo oft ſie durch einen Mit⸗ tagsbeſuch in ſeinem Hauſe ihre eigene Gluͤckſelig⸗ keit zu erhöhen fuͤr gut finden; und ſie machen da⸗ gegen dem Ritter aus Dankbarkeit ein Geſchenk von einem Jacobus*). Ueberdies muͤßt ihr wiſſen, daß außer Komus und Bacchus auch jene Beherr⸗ ſcherin ſublunariſcher Angelegenheiten,— die Diva Forluna— nicht ſelten in Beaujeus Hauſe ver⸗ ehrt wird, und daß er als fungirender Hoherprie⸗ ſter, wie billig, eines beträͤchtlichen Antheils an den dargebrachten Opfern genießt.“ „Dos heißt alſo mit andern Worten,“ be⸗ merkte Nigel,„der Mann haͤlt ein Spielhaus.“ „Allerdings könnt ihr in ſeinem Hauſe ſpie⸗ len,“ erwiederte Lord Dalgarno,„eben ſo wie es euch in eurem eigenen Zimmer frei ſieht, wenn ihr *) Eine Engliſche Goldmünze, geprägt unter der Regierung Ja⸗ cobb I.„Ein alter Jacobiner“ wie ſie auch genannt zu wer⸗ werden pflegt, gilt 6 rtl. 1 gr. 5 pf. im Golde. d. U. „ 289 Luſt habt. Erinnere ich mich doch ſogar, daß einſt der alte Tom Tally mit dem franzöſiſchen Ritter Quinzeleva waͤhrend des Morgenſegens in der Paulskirche Pharo ſpielte; es war ein truͤber Mor⸗ gen, der Prediger ſchlaftrunken, und das ganze Au⸗ ditorium beſtand aus den beiden Spielenden und einem blinden alten Weibe, ſo, daß ſie der Entdek⸗ kung ihres Verbrechens entgingen.“ „Bei dem Allen,“ verſetzte der junge Lord mit ernſter Miene,„kann ich in dieſem Hauſe nicht mit euch ſpeiſen.“ „Um Gotteswillen! warum wollt ihr euer Wort zuruͤc nehmen?“ ftagte Dalgarno. „Aelter, mein lieber Malcolm, iſt ein, in fruͤ⸗ hern Zeiten meinem Vater gegebenes Wort, nie die Schwelle eines Spielhauſes zu betreten.“ „Aber ich ſage euch,“ entgegnete Lord Dal⸗ garno;„es iſt kein Spielhaus ſondern im Ernſt geſprochen, nichts weiter, als ein Speiſehaus, ele⸗ ganter eingerichtet und von beſſerer Geſellſchaft be⸗ ſucht, als andere in London; und wenn ſich einige Gäſte mit Gläcks⸗ und andern Spielen die Zeit vertreiben, ſo ſind dies Maͤnner von Ehre, die nur als ſolche ſpielen, und nicht hoͤher, als ihre Ver⸗ moͤgensumſtunde es erlauhen. Euer Vater hätte euch alſo eben ſowohl den Schwur abnehmen kon⸗ 290 5 nen, nie ein Wirthshaus, Speiſehaus, eine Schenke oder irgend einen oͤffentlichen Verfammlungsort zu betreten; denn an allen dergleichen Orten kann euer Auge durch den Anblick einer Anzahl bunt ge⸗ malter Blätter und euer Ohr, durch das Geklap⸗ per gewiſſer kleinen ſchwarzgefleckten, elſenbeinernen Wuͤrfel entheiligt werden. Der Unterſchied liegt blos darin, daß in dem Hauſe, wohin ich euch fuͤhren will, Männer von Stande ſich mit dem Spiel die Zeit vertreiben, anſtatt daß ihr in ge⸗ woͤhnlichen Trink- und Speiſehaͤuſern, Beutelſchnei⸗ der oder Gauner findet, die euch mit Liſt oder Ge⸗ walt euer Geld abnehmen.“ „Ich habe das Vertrauen zu euch,“ erwiederte Nigel,„ihr wuͤrdet mich nicht abſichtlich zu etwas Unrechtem verleiten; allein mein Vater hatte, ſo⸗ wohl aus Religionsgrundſätzen, als auch wie ich glaube, aus Gruͤnden der Klugheit einen Abſcheu vor Gluͤcksſpielen. Er ſchloß aus irgend einem mir unbekannten Umſtande,— wie ich hoffe mit Unrecht,— daß ich einen Hang zu Hazardſpielen hätte; und dies war die Veranlaſſung zu dem mir abgeforderten Verſprechen.“ „Nun auf meine Ehre,“ entgegnete Dal⸗ garno,„was ihr mir da eben ſagt, iſt fuͤr mich 294 ——— ein Grund mehr, darauf zu beſtehen, daß ihr mit mir geht; wer eine Gefahr ſliehen will, ſollte doch zuvor mit der Natur und Groͤße derſelben bekannt zu werden ſuchen; zumal menn dies in Geſellſchaft eines zuverlaͤſſigen Fuͤhrers und Beſchutzers geſche⸗ hen kann. Glaubt ihr denn, daß ich ſelbſt ſpiele? Meiner Tteu! meines Vaters Cichenwäͤlder ſind zu weit von London entfernt, und ſind zu ſeſt gewur⸗ zelt in den Felſen der Graſſchaft Perth, als daß ich ſie mit Wuͤrſeln foͤllen koͤnnte, obwohl ich ſchon ganze Waͤlder mittelſt dieſer kleinen Werkzeuge gleich Kegeln fallen ſah; nein, nein, das ſind Beluſtigun⸗ gen fuͤr die reichen Englaͤnder, und nicht fuͤr arme ſchottiſche Edelleute. Wir beide wollen jenen Ver⸗ ſammlungsort blos als Speiſehaus benutzen; wol' len Andere ſich dort mit Spielen die Zeit vertrei⸗ ben, ſo haben ſie ſelbſt, und weder wir, noch das Haus es zu verantworten.“ Unbefriedigt durch dieſe Vernunftſchluͤſſe beharrte Nigel immer noch bei dem Entſchluſſe, das ſeinem Vater gegebene Verſprechen zu erfuͤllen, bis ſein Gefaͤhrte im Ernſt unwillig zu werden und ihm einen beleidigenden ungerechten Argwohn beizumeſ⸗ ſen ſchien. Gegen dieſe Veraͤnderung des Tons vermochte Lord Glenvarloch nicht Stand zu halten; er erinnerte ſich, wie viel er den bereitwilligen⸗ * — — 292 —— wirkſamen Dienſtleiſtungen des Vaters, und zum Theil auch den offenen, freimuͤthigen Freundſchafts⸗ erbietungen des Sohnes ſchuldig ſey. Auch hatte er keinen Grund, den Verſicherungen des Letztern zu mißtrauen, daß das Haus, wo ſie zu Mittage ſpeiſen ſollten, keinesweges in die Categorie der Orte gehoͤre, worauf ſich das väterliche Verbot be⸗ zog; und endlich war er feſt entſchloſſen, jeder Ver⸗ ſuchung zu Gluͤcksſpielen zu widerſtehen; deshalb glaubte er, ſeinen neuen Freund durch die Erklaͤ⸗ rung, daß er ihn begleiten wolle, zufrieden ſtellen zu muͤſſen, worauf die gute Laune des jungen Hoͤf⸗ lings augenblicklich zuruͤckkehrte, der aufs neue ſeine grotesken Lobpreiſungen der Verdienſte des Ritters Seaujeu begann und nicht eher damit aufhörte, bis ſie den Tempel der Gaſtfreiheit, welchem der Hoch⸗ geprieſene als Oberprieſter vorſtand, erreicht hatten. Ende des erſten Bandes. ——————— ſ 2 13 16 17 18 19 8 10 11 2 9 8 † 6 lllllil „ DU S* .. —