— — 1 Leihbibliothek V deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von K jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5. b 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3— 4 — „ 2 2— ⸗ und Zurückſendung 75„„— 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für H „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6. efahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ — lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausehercnl Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 ———————— — — Grak Bobert von Paris. Von Sir Walter Scott. — 6— Aus dem Engtiſchen. Erſter Theil. ——-—— —-— Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Vudbanbtang 1 8 3 —y—————— Einleitung. O— Jedediah Cleisbotham, Mag. 1— wünſcht dem geneigten Leſer Geſundheit und Segen.“ — Einem Manne, dem ſeine fruͤheren Sammlungen, unter dem Titel„Erzaͤhlungen meines Gaſtwirths,« einen Namen in der Welt verſchafft haben, und den das aufrichtige urtheil einer nicht geringen Anzahl ſeiner Leſer zu dem Glauben berechtigt, daß er nicht den leeren Ruhm allein, ſondern auch die ſolidern Belohnungen einer gluͤcklichen Feder verdiene,— ei⸗ nem ſolchen Manne, ſage ich, wuͤrde es ſchlecht anſte⸗ hen, wenn er ſein juͤngſtes litterariſches Produkt, und wahrſcheinlich zugleich das letzte Kind ſeines Al⸗ ters, ohne eine befcheidene Apologie wegen deſſen Maͤngel, wie dieß ſein Gebrauch bei fruͤheren Gele⸗ genheiten dieſer Art war, in die Welt wollte aus⸗ gehen laſſen. Ich habe es oft genug ausgeſprochen, daß ich nicht der eigentliche Erfinder des Planes bin, nachdem dieſe Erzaͤhlungen, die Manche ſo unterhal⸗ tend finden, ausgearbeitet ſind.— Ich bin auch nicht derjenige, der nach dem genauen Entwurf eines ge⸗ ſchickten Baumeiſters das Gebaͤude nach allen Theilen dem Entwurfe gemaͤß ausgeführt. Nichts deſto wen⸗ ger bin ich durch Vorſetzung meines Namens verant⸗ wortlich fuͤr das Werk. Wenn ein Kriegsſchiff mit ſeiner Mannſchaft ſich in den Kampf begibt, ſo ſchreibt man nicht der Mannſchaft des Schiffs den Sieg oder den Verluſt des Schiffes bei, obgleich jeder einzelne auf ſeinem Poſten thaͤtig war, ſondern es heißt eben überall kurzweg, daß Kapitaͤn Jedediah Cleisbotham den Vierundſiebziger verloren oder von dem Feinde erobert hat, waͤhrend man doch den Sieg der verein⸗ ten Anſtrengung aller verdankt. Ebenſo waͤre es eine Schande wenn ich, der freiwillige Kapitaͤn und Gruͤn⸗ der dieſer Unternehmung, nachdem ich bei drei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten die Vortheile und den Ruhm davon mir zugeeignet, nun bei dieſer vierten und letzten Unternehmung nicht die Gefahr des Fehlſchla⸗ gens auf mich nehmen wollte. Nein! ich ſpreche lie⸗ ber mit Mathaͤus Priors Helhen; 4. Hab ich mir vorgeſetzt, mit dir zu ſchiffen, 7 Blos auf der glatten Flaͤche eines Sommerſee's Und wollte feige nach dem Ufer rudern Wenn Winde ſauſen und die Wogen bruͤllen? So wenig es deſſen ungeachtet meinen Jahren und meinem Amte anſtehen wuͤrde, wenn ich gewiſſe Feh⸗ ler wegraiſoniren wollte, die man in dieſen letzten „Erzaͤhlungen meines Gaſtwirths“ leicht wird nach⸗ weiſen koͤnnen, ebenſo wenig will ich behaupten, daß dieſes letzte Kunſtwerk des Herrn Peter Pattiſon von allen Maͤngeln frei ſey; es iſt dieß derſelbe wuͤrdige junge Mann, deſſen in dieſer Einleitung ſo oft ge⸗ dacht iſt und zwar nie ohne ſeinem Verſtande und Talenten, ja Geiſte, die gebuͤhrende Achtung zu zol⸗ len, und dem ſeine Mitwirkung bei dieſer meiner Unternehmung ein volles Recht auf die Dankbarkeit ſeines uͤberlebenden Freundes und Goͤnners giebt. Dieſe Blaͤtter, habe ich geſagt, ſind die ultimus labor meines ſinnigen Freundes; ich ſage aber nicht, wie der große Doktor Pitcairn von ſeinem Helden,— ultimus atque optimus. Ach! ſelbſt die Erſchuͤtterung auf einer Eiſenbahn iſt nicht ſo gefaͤhrlich fuͤr die Nerven, als ein zu haͤufiger Beſuch in den Gefilden der idealen Welt, wodurch die Phantaſie verwirrt, die Urtheilskraft abgeſtumpft wird,— eine uralte Be⸗ merkung, die nicht allein die Gelehrten, ſondern ſo⸗ gar manche der dummkoͤpfigen Ofelli gemacht haben. Ob aber das Gefaͤhrliche in dem ſchnellen Fluge liegt, den die Phantaſie hiebei nimmt, wo der Wunſch des 8 Schriftſtellers bei dem Leſer den Teppich des Priu⸗ zen Huſſein in der morgenlaͤndiſchen Fabel vertritt, — oder ob nicht die Schnelligkeit der Bewegung, ſondern der beſtaͤndige Aufenthalt in dieſen Reichen der Phantaſie es iſt, der dem Geiſte des Menſchen ſo wenig angemeſſen iſt, als die duͤnne Bergluft ſei⸗ ner Bruſt— dieſe Frage habe ich nicht zu entſchei⸗ den: aber gewiß iſt, daß wir oͤfters in den Werken der Vorzuͤglichſten aus dieſer Klaſſe von Menſchen Spuren einer ungeregelten und wilden Phantaſie ent⸗ decken, wie ſie bei Leuten, welche die Natur mit ei⸗ ner ſchwaͤcheren oder gemaͤßigten Phantaſie begabt, nicht ſo haͤufig vorkommen. Nicht ohne Rührung ſieht man, wie ſich ſelbſt der große Michael Cervantes, gerade wie die gemeineren Menſchenkinder, gegen die Tageskritiker vertheidigen muß, die ihn wegen ſolcher kleiner Widerſpruͤche und Nachlaͤßigkeiten angriffen, die ſelbſt einem ſolchen Geiſte begegnen koͤnnen.„Es iſt etwas ſehr gewoͤhn⸗ liches,“ ſagt Don Quixote,„daß Leute, die ſich durch ihre Schriften, ehe ſie gedruckt waren, einen großen Ruhm erworben hatten, denſelben nachher ganz oder wenigſtens zum groͤßten Theil wieder verloren.“„Der Grund iſt klar,« antwortet der Baccalaureus Car⸗ rasco;„ihre Fehler entdeckt man leichter, wenn das Buch gedruckt iſt, weil es dann mehr geleſen und genauer gepruͤft wird, beſonders wenn der Verfaſſer vorher recht geprieſen worden iſt, denn dann verfaͤhrt 9 man ſicherlich weit ſtrenger mit ihm. Diejenigen, welche ſich durch ihr Genie einen Namen erworben haben, große Dichter und beruͤhmte Geſchichtſchreiber haben gewoͤhnlich, wo nicht immer, eine Menge Nei⸗ der, die, da ſie nichts eigenes zu produciren vermö⸗ gen, ſich ein Geſchaͤft daraus machen, die Producte anderer zu tadeln“—„Das iſt kein Wunder,“ ſagt Don Quirote;„ſo giebt es auch viele Geiſtliche, die ſehr ſchlechte Prediger ſind, und doch die Fehler und Maͤngel in den Predigten Anderer ſchnell her⸗ ausfinden.“„Dieß iſt alles wahr,« ſagt Carrasco, vund deßhalb wuͤnſchte ich, ſolche Kritiker moͤchten nachſichtiger und weniger gewiſſenhaft ſeyn und nicht auf kleinen Flecken unedelmuͤthig verweilen, die ge⸗ wiſſermaſſen nur ebenſo viele Sonnenſtaͤubchen auf der klaren Sonnenſcheibe ſind. Wenn auch Homer zuweilen ſchlaͤft, ſo moͤgen ſie bedenken, wie viele Naͤchte er durchwachte, um ſeine edlen Werke, ſo feh⸗ lerfrei als moͤglich ans Tageslicht zu foͤrdern. Aber gewiß, es mag manchmal vorkommen, daß als Fehler geruͤgt wird, was eher eine Zierde iſt, wie Mutter⸗ mahle oͤfters die Schoͤnheit eines Geſichtes erhoͤhen. Kurz wer ein Buch ſchreibt, wagt immer viel, weil nichts ſo unwahrſcheinlich iſt, als daß er eines ge⸗ ſchrieben hat, das ihm den Beifall aller Leſer erwirbt.⸗ „Sicherlich,“ ſagt Don Quixote,„was von mir han⸗ delt, kann nur wenige ergoͤtzt haben.“„Gerade das Gegentheil,« ſagt Carrasco, denn ſo infinitus est nu- 7 10 merus stultorum, ſo zahlloſe Bewunderer hat Eure Geſchichte gefunden. Nur haben einige dem Autor Mangel an Gedaͤchtniß oder Aufrichtigkeit vorgewor⸗ fen, weil er vergaß zu erzaͤhlen, wer Sancho's Grauen ſtahl, denn dieß wird nicht berichtet, wir finden in der Geſchichte nur, daß er geſtohlen wurde; und doch finden wir ihn bald darauf wieder auf demſel⸗ ben Eſel reiten, ohne daß der Autor genauere Aus⸗ kunft in dieſer Sache giebt. Dann, ſagt man wei⸗ ter, habe der Autor vergeſſen, dem Leſer zu erzaͤhlen, was Sancho mit den hundert Goldſtücken anfing, die er in dem Mantelſack in der Sierra Morena fand, denn auch daruͤber ſchweigt der Autor ganz; waͤhrend doch ſo viele garzu gerne wiſſen moͤchten, was er da⸗ mit angefangen und wie er ſie verwandte; dieß iſt einer der Hauptmaͤngel des Werks.“ Wie ergoͤtzlich Sancho die von dem Baccalaureus Carrasco aufgedeckten Dunkelheiten zu heben ſich be⸗ muͤht— wird ſich noch jeder Leſer erinnern; aber es blieben doch noch genug aͤhnliche Lacunæ, Unachtſam⸗ keiten und Verſehen zuruͤck, an denen ſich der Scharf⸗ ſinn jener ſpaniſchen Kritiker uͤben konnte, die ſich fuͤr zu klug halten, als daß ſie durch die gemaͤßigte und beſcheidene Apologie des unſterblichen Autors ſich haͤtten belehren laſſen. Zweifelsohne haͤtte ſich Cervantes auch mit ſeiner ſchwaͤchlichen Geſundheit die ſehr angegriffen war, als er den zweiten Theil ſeines„Don Quixote“ beſchloß entſchuldigen koͤnnen, 11 wenn er gewollt haͤtte. Man begreift leicht, daß die geſunden Augenblicke, deren ſich Cervantes erfreute, nicht die geeignetſten waren, ſeine Schrift durchzu⸗ ſehen und wenigſtens die groͤbern Fehler und Unvoll⸗ kommenheiten zu verbeſſern, die jeder Autor, ſchon ſeines Rufes wegen aus ſeinem Werk entfernen ſollte, ehe er es dem Publikum vorlegt, wo ſie bald heraus gefunden ſind und es nicht an Leuten fehlt, die mit Vergnuͤgen das Geſchaͤft uͤbernehmen, ſie auszupo⸗ ſaunen. Doch es iſt die hoͤchſte Zeit, daß wir erklaͤren, war⸗ um wir die manchen verzeihlichen Fehler des un⸗ vergleichlichen Cervantes und jene Stellen, in denen er eher ſeinen Gegnern Trotz bietet, als ſich gegen ſie rechtfertigt, hier angefuͤhrt; denn ich glaube, man wird gerne einraͤumen, daß der Unterſchied zwiſchen dem Geiſte des Spaniers und dem unſrigen zu groß iſt, um uns zu geſtatten, einen Schild zu gebrauchen, der nur in der ſtarken Hand eines Cervantes furcht⸗ bar wird. 3 Die Geſchichte meiner erſten Schriften iſt bekannt. Auch habe ich nie die Abſicht aufgegeben, dieſe„Er⸗ zaͤhlungen meines Gaſtwirths,« die ſo auſſerordent⸗ lich gut aufgenommen wurden, zu beſchließen; aber der Tod, der uns alle mit leiſem Tritte beſchleicht, raffte den jungen geiſtvollen Mann dahin, deſſen An⸗ denken ich eine Inſchrift verfertigt und ein Grab⸗ mahl errichtet, das ſeine irdiſchen Reſte bedeckt, und das ſich am Ufer des Fluſſes Gander, dem er Un⸗ ſterblichkeit verliehen, an einem Platze, den er ſelbſt ſich ausgeleſen, unweit meiner Schule befindet. Kurz, der geiſtvolle Pattiſon wurde von⸗ ſeinem Poſten ab⸗ gerufen.* Meine Sorge beſchraͤntte ich nicht zallein auf ſeinen Nachruhm, ich unterſuchte und verzeichnete auch ſei⸗ nen Nachlaß ſorgfältig, der in einer aͤrmlichen Gar⸗ derobe und in einer Anzahl gedruckter Buͤcher beſtand; daneben fanden ſich noch in ſeinem Pulte einige uͤbel zugerichtete Manuſcripte. Als ich ſie durchſah, ent⸗ deckte ich, daß ſie zwei Erzaͤhlungen enthielten, wel⸗ che die Ueberſchrift fuͤhrten„Graf Robert von Paris“ und„das gefaͤhrliche Schloß,* mußte aber zu meinem großen Mißbehagen wahrneh⸗ men, daß ſie keineswegs jene Correktheit beſaßen, die einen Kenner zu dem urtheil berechtigt, daß eine Schrift, wie man dieß in der Kunſtſprache nennt, „zum Drucke fertig“ ſey. Da waren nicht allein hiatus valde de flendi, ſondern ſelbſt Widerſpruͤche und andere Verſehen, welche eine ſorgſame Durchſicht ohne Zweifel wuͤrde entfernt haben. Nach einer genauen Pruͤfung kam ich zu der Ueberzeugung, daß dieſe Ma⸗ nuſcripte bei allen ihren Fehlern, dennoch hie und da Stellen enthielten, die deutlich zu verrathen ſchie⸗ nen, daß die uͤble Laune des Schreibers nicht den Glanz jener Phantaſie zu verwiſchen vermocht habe, welche die Welt in den Schoͤpfungen von Old Morta⸗ 13 lityp, der Braut von Lammermoor und anderen die⸗ ſer Erzaͤhlungen bewunderte. Deſſen ungeachtet ver⸗ ſchloß ich die Manuſcripte in meinen Pult, entſchloſ⸗ ſen, ſie nicht eher ans Licht treten zu laſſen, bis ich entweder eine taugliche Perſon gefunden, durch die ich die Maͤngel ergaͤnzen und die Fehler verbeſſern laſſen koͤnnte, ſo daß ſie kuͤhn vor das Publikum tre⸗ ten duͤrften, oder es vielleicht meine Zeit mir erlau⸗ ben würde, mich dieſem Geſchaͤfte ſelbſt zu unter⸗ ziehen. In dieſer Unentſchloſſenheit beſuchte mich ein Frem⸗ der, der ſich als einen jungen Mann ankündigen ließ, der mich in einer beſondern Angelegenheit zu ſprechen wünſche. Ich vermuthete anfangs einen neuen Koſt⸗ gänger, kam aber ſogleich auf eine andere Meinung, als ich bemerkte, wie hungrig der Fremde ausſah. Seinem ſchwarzen Rock ſah man die Dienſtjahre an, das Wams von grauem ſchottiſchem Zeng trug noch deutlichere Spuren, daß es mehr als einen Feldzug mitgemacht; ſein drittes Kleidungsſtück, ſeine Schu⸗ he,— im Vergleich mit den übrigen ein völliges Al⸗ terthum— waren ſo mit Koth überdeckt, daß man ſogleich errieth, daß er ſeine Reiſe zu Fuß gemacht, und ein grauer Mantel, der um ſeine Schultern hieng, vollendete einen Anzug, wie er ſeit Juvenals Tagen die Livree eines armen Scholaren war. Ich ſchloß da⸗ ber, daß ich einen Bewerber um die vacante Stelle eines Unterlehrers vor mir habe und rüſtete mich, ſein Geſuch mit der meinem Amte geziemenden Würde anzu⸗ hören; wie groß aber war mein Erſtaunen, als ich erfuhr, daß ich in dieſem verroſteten Studenten keinen geringeren Mann vor mir habe als Paul, den Bruder Peter Patti⸗ ſons, der gekommen war ſeines Bruders Erbe einzuziehen und wie es ſchien keine geringen Vorſtellungen von dem Werthe desjenigen Theiles deſſelben hatte, der in den Producten ſeiner Feder beſtand. Wie ich in der kurzen Zeit bemerken konnte, war dieſer Paul ein geſcheidter Junge; er hatte einige Kenntniſſe in den Wiſſenſchaften, wie ſein verſtorbener Bruder, es fehlten ihm aber jene liebenswürdigen Ei⸗ genſchaften, die mich bei Peter ſo oft an John Gay erinnert hatten; er war auch wie dieſer. 4 „An Witz ein Mann, an Einfachheit ein Kind.“ Aus der Garderobe meines verſtorbenen Unterleh⸗ rers ſchien er ſich wenig zu machen, und einen eben ſo geringen Werth legte er auf die Bücher: aber mit Beſtimmtheit verlangte er in den Beſitz der Manu⸗ ſcripte geſetzt zu werden, indem er hartnäckig behaup⸗ tete, daß in dieſer Hinſicht zwiſchen ſeinem verſtorbe⸗ nen Bruder und mir kein beſtimmter Handel abge⸗ ſchloſſen worden ſey, und ſich zuletzt gar an einen Rechts⸗ gelehrten wandte, eine Klaſſe von Leuten, mit denen ich von jeher jede Berührung, ſoviel als möglich ver⸗ mieden hatte. Aber plötzlich ſiel mir ein Umſtand bei, der mir zu Hülfe kam, tanquam Deus ex machinâ. Dieſer räu⸗ 15 beriſche Paul Pattiſon ſollte mir die beſtrittenen Ma⸗ nuſcripte nicht anders entreißen, als nach Wiederer⸗ ſtattung einer beträchtlichen Summe Geldes, die ich nach und nach dem verſtorbenen Peter beſonders zum Behuf einer kleinen jährlichen Unterſtuͤtzung für ſeine alte arme Mutter vorgeſtreckt. Dieſe Vorſchüſſe be⸗ liefen ſich nebſt den Begraͤbnißkoſten und einigen an⸗ dern Ausgaben auf eine beträchtliche Summe, deren Bezahlung dem armen Studenten und ſeinem ſcharf⸗ ſinnigen Advocaten große Schwierigkeiten in den Weg legte. Deßhalb gieng beſagter Paul Pattiſon auf ei⸗ nen Vorſchlag ein, den ich wie von ungefähr fallen ließ, daß, wenn er ſich für fähig hielte, ſeines Bru⸗ ders Stelle auszufüllen und das Werk zum Drucke fertig machen könne, ich ihm gerne, während er damit beſchäftigt ſey, Koſt und Wohnung geben wolle, indem ich nur noch ſeine gelegenheitliche Hülfe bei den vor⸗ gerückten Schulen in Anſpruch nahm. Hiemit ſchien unſer Streit zur Zufriedenheit beider Parteien geſchlich⸗ tet, und das erſte, was Paul that, war, daß er eine runde Summe von mir verlangte, damit er ſeine Gar⸗ derobe wieder in gehörigen Stand ſetzen könne. Ich machte dagegen keine Einwendungen, obgleich es mir eitel vorkam, neumodiſche Kleider kaufen zu wollen, während die meiſten Kleidungsſtücke des Verſtorbenen ſehr gut noch ein ganzes Jahr konnten getragen wer⸗ den, ſondern auch ich ſelbſt erſt vor kurzem mir neue ſchwarze Kleider augeſchafft hatte, und Herr Pattiſon zwiſchen zwei Genoßen vorhergeht, die lange gegen⸗ 16 unter meinen abgelegten die Auswahl hatte, wie ich dieß immer auch mit ſeinem verſtorbenen Bruder ge⸗ halten. 3 Die Schule, das muß ich geſtehen, befand ſich ziem⸗ lich gut dabei. Mein Gehülfe war ſehr thätig und kam ſeiner Pflicht als Unterlehrer, wenn ich ihn ſo nennen darf, ſo getreu nach, daß er noch mehr that, als ihm zukam und ich mich allmählig in meiner eige⸗ nen Schule fuͤr überflüſſig anſah.— Ich tröſtete mich mit dem Gedanken, daß die Durch⸗ ſicht der Manuſcripte ſo ſchnell vorſchritt, als ich es wünſchen konnte. Hierüber ließ Paul Pattiſon, wie der alte Piſtol,„kühne Worte auf der Brücke fallen,“ und das nicht allein in unſerem Hauſe, ſondern auch in der Geſellſchaft unſerer Nachbarn, unter denen er, ſtatt das zurückgezogene und mönchiſche Betragen ſei⸗ nes verſtorbenen Bruders nachzuahmen, ein luſtiger Gaſt und Schmarozer wurde, ſo daß er bald die beſcheidene Koſt, die ſeinem hungrigen Magen anfänglich ein Ban⸗ kett dünkte, verachtete, was meinem Weibe höchlich mißfiel, die mit Recht die reichliche, ſaubere und ge⸗ ſunde Koſt preist, die ſie ihren Unterlehrern und Koſt⸗ gängern vorſetzt. Im Ganzen hoffte ich eher, als daß ich es feſt über⸗ zeugt war, es werde alles gut gehen, ich war in je⸗ nem widrigen Gemüthszuſtand, der dem offenen Bruch 17 einander erbittert ſind, die aber das gegenſeitige In⸗ tereſſe noch von einem offenen Bruch zurückhält. Das erſte, was mich erſchreckte, war ein Gerücht im Dorfe, daß Paul Pattiſon den Plan hatte, in kurzem eine Reiſe nach dem Continent zu unterneh⸗ men— ſeiner Geſundheit wegen, wie man ſagte, aber wie daſſelbe Gerücht verſicherte, mehr in der Abſicht, eine Neugierde zu befriedigen, die ihm das Leſen der Klaſſiker eingeflößt, als aus irgend einem andern Grun⸗ de. Ich war, ich geſtehe es, nicht wenig erſchrocken über dieſes Gerücht, denn wurde dieſer Verluſt nicht bald erſetzt, ſo gab dieſer Abgang Pattiſons der ganzen Anſtalt einen bedeutenden Stoß; denn, in Wahrheit, dieſer Paul hatte eine Art mit den Knaben umzugehen, die ihm alle, beſonders die ſanfteren, gewann; ſo daß ich ernſtlich zweifelte, ob ich ſelbſt mit all meiner Au⸗ torität und Erfahrung in gewiſſen Fällen ſeinen Platz in der Schule ganz ausfüllen könnte. Mein Weib, die natürlich nicht gut zu Pattiſons Abſichten ſehen konn⸗ te, rieth mir, die Sache ſogleich abzumachen und ihr mit Einem Male auf den Grund zu kommen 3 und in der That, ich hatte bei meinen Knaben immer gefun⸗ den, daß dieſer Weg der beſte ſey. Frau Cleisbotham brachte bald den Gegenſtand wieder in Anregung; denn gleich den meiſten aus Xan⸗ tippens Geſchlecht(obgleich meine Ehehälfte ein ſehr ſanftes Geſchöpf iſt), zieht ſie gerne ihre Ruder ein, W. Scott's ſaͤmmtt. Werke, 1638 Boch. 2 18 wenn ſie ſieht, daß ſie nichts damit ausrichten kann: „Ihr ſeyd ein geſcheidter Mann, Herr Eleisbotham,“ fieng ſie an,„und ein gelehrter Mann, Herr Cleisbo⸗ tham— und der Schulmeiſter von Gandercleuch, Herr Cleisbotham, damit iſt alles geſagt; aber mancher Mann, der faſt ſo groß war als Ihr, iſt aus dem Sattel gehoben worden, weil er einen Geringeren hin⸗ ter ſich aufſitzen ließ; und obgleich Ihr Herr Eleis⸗ botham, in der Welt den Ruf habt, daß Ihr alles ſelbſt thut, ſowohl in der Leitung der Schule als bei dieſer neuen vortheilhaften Unternehmung mit dem Buche, ſo ſagt man doch überall in Gandercleuch, daß der Un⸗ terlehrer dem Herrn ſeine Bücher ſchreibt und dem Herrn Schule hält. Ja, ja, fragt die Mädchen, Wei⸗ ber oder Wittwen und ſie werden es Euch ſagen, der kleinſte Bube läuft mit ſeiner Lection zu Paul Patti⸗ ſon, wie zu mir um ſein Vesperbrod, und nie fällt es einem ein, ſich wegen irgend etwas an Euch zu wenden, außer höchſtens wegen eines licet exire oder um eine alte Feder zu betteln.“ Mit dieſer Predigt überfiel ſie mich an einem Som⸗ merabende, als ich gerade ruhig mein Pfeifchen rauchte und in ſo angenehmen Träumen ſchwelgte, wie ſie der Taback beſonders in dem Gehirne von Perſonen her⸗ vorruft die musis severioribus ergeben ſind. Ich war natürlich nicht geneigt, mich in meiner behaglichen Ruhe ſtören zu laſſen und bemühte mich, Frau Cleis⸗ 19 bothams Zunge, die einen beſonders ſchrillenden und durchdringenden Ton hatte, zum Schweigen zu brin⸗ gen.„Weib,“ ſagte ich mit dem Tone der hausherr⸗ lichen Würde v»res tuas agas;— denk' Du an deine Wäſche und deine Küche und was die Burſchen ſonſt noch brauchen, und überlaß ihre Erziehungz meinem Unterlehrer Paul Pattiſon und mir.“« „Es freut mich,“ fuhr das verwünſchte Weib fort, „daß Ihr ſo höflich ſeyd und Ihn zuerſt nennt, denn wenigſtens ſteht er bei den Knaben oben an, wenn ihr nur darauf achten wolltet, was die Nachbarn ſprechen — oder flüſtern.« „Was flüſtern ſie, Du Genoſſin der Eumeniden 2⸗ rief ich,— denn die unverſchämte Zunge meines Wei⸗ bes hatte mich ganz um die Gemüthsruhe gebracht, in die mich meine Pfeife verſetzt hatte.„Flüſtern?“ ſchrie ſte mit gellendem Tone—„» nun, ſie flüſtern laut genug, wenigſtens daß ich es hören kann, daß der Schulmeiſter von Gandercleuch ein altes Weib ge⸗ worden und ſeine Zeit im Wirthshaus zubringt, wo er mit dem Wirthe zecht, ſtatt in der Schule zu ſitzen, die er ſeinem Unterkehrer überläßt; auch ſagen die Wei⸗ ber in Gandercleuch, daß Ihr den Paul Pattiſon ge⸗ dungen, ein neues Buch zu ſchreiben, das alle frühern ausſtechen ſoll, aber Ihr ſelbſt bekümmert Euch ſo we⸗ nig darum„ daß Ihr nicht einmal den Namen davon 20 wißt, noch ob es von ſo einem heidniſchen Griechen oder vom ſchwarzen Duglas handelt.“ Dieß ſagte ſie mit einer ſolchen Bitterkeit, daß es mein Innerſtes empörte und ich meine alte Pfeife er⸗ griff und ſie wie eine homeriſche Lanze, nicht in das Geſicht meiner Ehehälfte, obgleich die Verſuchung ſtark war, ſondern in den Gander ſchleuderte, der, wie die Reiſenden aus den fernſten Gegenden der Erde wiſ⸗ ſen, ſich an dem Fuße des Hügels, auf dem das Schul⸗ haus anmuthig gelegen iſt, ruhig vorbeiſchlängelt; dann ſetzte ich den gekrempten Hut auf den Kopf, erhob mich raſch und gieng das Thal hinauf. Die Stimme der Frau Cleisbotham ſchallte mir nach gleich dem Triumphgeſchnatter einer Brutgans, die ein unhöfli⸗ cher Hund oder ein müßiger Knabe in ihrem Neſte geſtört und nun vor ihr fliehen muß. In der That machte dieſes höhniſche Geſchrei, ſo lange es mir in den Ohren klang, einen ſolchen Eindruck auf mich, daß ich inſtinctmäßig meine beiden Rockſchöße unter den Arm nahm, als wäre ich wirklich in Gefahr geweſen, von einem verfolgenden Feinde gevackt zu werden. Erſt. als ich den wohlbekannten Begräbnißplatz, auf dem Peter Pattiſon das Schickſal mit der weitberühmten Perſon, Old Mortality genannt, zuſammengefuͤhrt, er⸗ reicht hatte, machte ich Halt, um meine zerſtreuten Geiſter zu ſammeln, und zu überlegen, was nun zu thun ſey; denn bis jetzt war mein Inneres von einem 21 Chaos von Leidenſchaft bewegt, unter denen der Zorn die vorherrſchende war; aber ich konnte nicht ſagen, warum oder gegen wen ich ſo aufgebracht ſey. E Nachdem ich meinen gekrempten Hut mit der gehö⸗ rigen Sorgfalt auf meine wohlgepuderte Perrücke feſt⸗ gerückt, und die Krempe hinaufgeſchlagen um meine glühende Stirne etwas abzukühlen,— nachdem ich ferner die Schößen meines ſchwarzen Rocks wieder zu⸗ rechtgelegt und ausgeſchüttelt hatte, wollte ich mir jetzt meine Fragen beantworten, die ich, ſo lange die⸗ ſes Geſchäft nicht ruhig abgemacht war, vergeblich an mich gerichtet hatte. Zuvörderſt, alſo, wie Herr Doket der Schreiber (d. h. der Anwalt) unſeres Dorfes Gandereleuch zu ſa⸗ gen pflegt, zuvörderſt wurde ich überzeugt, daß mein Zorn gegen Alle insgeſammt, oder auf lateiniſch con- tra omnes mortales und beſonders gegen die Nachbar⸗ ſchaft von Gandercleuch gerichtet war, weil ſie nach⸗ theilige Gerüchte über meine litterariſchen Talente ſo⸗ wohl als meine pädagogiſchen Eigenſchaften verbreitete und den Ruhm davon meinem Unterlehrer beilegte. Zweitens, gegen meine Fran, Dorothea Cleisbotham, weil ſie beſagte verläumderiſche Gerüchte mir mit höchſt unanſtändiger Art zu Ohren brachte und ohne den ge⸗ bührenden Reſpect vor der Perſon, mit der ſie ſprach, — von Dingen, die mich ſo nahe angiengen, auf eine Weiſe redete, als wären ſie ein paſſendes Thema zu 22 Klatſchereien für Gevatterinnen bei einer Kindtaufe, wo das weibliche Geſchlecht das Vorrecht anſpricht, die Bona Dea nach ihren geheimen weiblichen Gebräuchen zu verehren. Drittens wurde es mir klar, und dieſe Antwort hätte ich keck Jedem, der das Recht hatte, darnach zu fragen, ertheilen können, daß mein Grimm gegen Paul Pattiſon, meinem Unterlehrer, entbrannt ſey, weil er die Veranlaſſung war, einmal daß die Nachbarn von Gandereleuch ſolche Meinungen hegten, und dann daß Frau Eleisbotham auf eine unehrerbietige Weiſe mich davon in Kenntniß ſetzte, denn keins von beiden wäre geſchehen, hätte er ſeine verwünſchten Verdrehungen von Verhandlungen, die unter uns hät⸗ ten bleiben ſollen, unterlaſſen, wie auch ich ſelbſt nie einer dritten Perſon auch nur den leiſeſten Wink hier⸗ über gegeben hatte. Während ich ſo meine Gedanken geordnet, hatte ſich der Sturm in meinem Innern gelegt, die Ver⸗ nunft bekam wieder die Oberhand, und dieſe legte mit ihrer ruhigen aber klaren Stimme mir die Frage vor, ob es bei dieſen Umſtänden vernünftig ſey, meinen Haß ſo weit auszudehnen. Bei genauerer Prüfung ließ ich die feindlichen Geſinnungen gegen die ubrigen Parteien fahren, wo mir der Unwille gegen meinen treuloſen Unterlehrer blieb, und verſchlang, gleich der Schlange des Moſes, alle untergeordneten Gegenſtände meines Mißfallens. Mich mit meiner geſammten Rachbar⸗ 2 23 ſchaft in offene Fehde zu verſetzen, ohne daß ich mich zugleich auf eine wirkſame Art an ihnen rächen konn⸗ te, wäre für mich ein zu gewagtes Unternehmen ge⸗ weſen, und hätte, wenn ich unbeſonnen mich in den Streit eingelaſſen, wahrſcheinlich zu meinem Verderben aus⸗ geſchlagen. Offenen Hader mit meinem Weibe anzu⸗ fangen, wegen ihrer Meinung von meinen literariſchen Fähigkeiten, wäre lächerlich geweſen; und überdieß hätte Frau Cleisbotham alle Weiber auf ihrer Seite gehabt, die ſie als ein Weib dargeſtellt hätten, die von ihrem Ehemann verfolgt werde, weil ſie ihm ei⸗ nen guten Rath ertheilt und dieſen nur mit etwas zu begeiſterter Freimüthigkeit an den Mann gebracht. So blieb noch Paul Pattiſon übrig, zuverläßig der natürlichſte und geeignetſte Gegenſtand meines Unwillens, da ich ihn ſozuſagen in meiner Gewalt hatte und nach meinem Wohlgefallen durch Entlaſſung ſtrafen konnte. Aber ein ſolches Verfahren gegen be⸗ ſagten Paul hätte, wiewohl leicht auszuführen, den⸗ noch ernſtliche Folgen für meinen Beutel gehabt; und ich ſah zu meinem Verdruß, daß auf dieſer Welt nicht ſelten der Befriedigung unſerer Rache die Förderung unſeres Intereſſes in den Weg tritt, und daß der Wei⸗ ſe, der vere sapiens, ſelten unſchlüſſig iſt, welches von beiden er vorziehen ſoll. Auch bedachte ich, daß ich noch gar nicht genau wiſſe, wie weit gegenwärtiger Unterlehrer wirklich des 24 4 Verbrechens der Anmaßung ſchuldig ſey, deſſen ich ihn bezüchtigte. Mit Einem Wort, ich ſah ein, daß es nicht leicht ſeyn würde, ſo kurzweg und ohne reifere Ueberlegung geſammter Nebenpunctiuncula, eine ſo enge Verbin⸗ dung aufzulöſen, die, wenn ſie für ihn vortheilhaft war, mir, der ich an Jahren, Gelehrſamkeit und Ruf ſo viel vor ihm voraus hatte, keine geringeren Vor⸗ theile verſprach. Dieſe und ähnliche Betrachtungen beſtimmten mich, mit der gehörigen Vorſicht zu Wer⸗ ke zu gehen, und mit meinen Beſchwerden nicht zu ſchnell hervorzutreten, damit nicht zu einem beſtimm⸗ ten Bruche reize, was ſich als ein unbedentendes Ver⸗ ſehen ausweiſen konnte, das ſich leicht erklären oder entſchuldigen ließ, und einem Leck in einem neuen Schiff gleicht, der einmal entdeckt und ſorgfältig verſtopft, das Schiff noch tauglicher für die See macht, als zuvor. Als ich dieſen heilſamen Entſchluß faßte, hatte ich die Stelle erreicht, wo ein faſt ſenkrecht abfallender Hügel das Thal zu ſchließen ſcheint oder es vielmehr in zwei Thäler theilt, von denen jedes das Bett eines Bergſtroms bildet, nämlich des Gruff⸗quack und des kleinen aber reißenderen Guſedub zur linken, die durch ihre Vereinigung den eigentlichen Ganderfluß bilden. Jedes dieſer kleinen Thäler hat einen Spaziergang, die ſich bis in ihre tiefſten Schluchten hineinſchlängeln, 25 und von den Armen im Dorfe während der letzten har⸗ ten Jahreszeit gangbarer gemacht wurden. Der eine trägt den Namen Pattiſonsweg, während der andere nach mir benannt iſt. Hier wußte ich, daß ich meinen Genoßen Paul Pattiſon treffen würde, denn auf einem von dieſen zwei Wegen pflegte er Abends von ſeinen langen Streifereien in mein Haus zurückzukehren. Auch erblickte ich ihn bald wie er den Guſedub heraufſchritt auf dem krummen Pfade, der dieſem Thale ſo ſcharf den Charakter eines ſchottiſchen aufdrückt. Er war ſelbſt in einiger Entfernung leicht zu erkennen an der ſtolzen Art, wie er ſein Bein zur Schau ſtell⸗ te, anſcheinend mit der größten Zufriedenheit nicht al⸗ lein mit ſeinen Beinen und Stiefeln, ſondern auch mit jedem Theile ſeiner Geſtalt und dem ganzen Schnitt ſeiner Kleidung und man hüätte faſt glauben ſollen, auch mit dem Inhalt ſeiner Taſchen. In dieſer ſeiner gewohnten Weiſe ſchritt er auf den Ort zu, wo ich ſaß, an dem Zuſammenfluß der beiden Bergſtröme, und ich bemerkte ſogleich, daß er zuerſt willens war ohne Gruß an mir vorüberzugehen. Da ſich dieß jedoch bei der Stellung, in der er zu mir ſtand, nicht wohl geſchickt haben würde, ſo ſchien er ſich zum Gegentheil zu entſchließen, eilte mit heiterer und, wie ich wohl ſagen darf, zugleich unverſchämter Miene auf mich zu, und ſieng ſogleich von den wich⸗ tigen Gegenſtänden an, die ich auf eine ihrer Wichtig⸗ 26 keit angemeſſenen Weiſe zur Sprache zu bringen Wil⸗ lens geweſen war.„Ich bin ſehr erfreut, Sie hier zu treffen, Herr Cleisbotham,« ſagte er mit einer unübertrefflichen Miſchung von Verwirrung und Un⸗ verſchämtheit; ich bringe ihnen die wundervollſten Neuigkeiten, die ſeit meiner Zeit in der literariſchen Welt erhört worden ſind— ganz Gandercleuch iſt voll davon— ſie ſprechen von gar nichts anderem mehr von Miß Buskbody's jüngſtem Lehrburſchen an bis zum Pfarrer und fragen einander erſtaunt, ob die Nachricht auch wahr iſt. In der That ſind ſie auch ſehr erſtau⸗ nenswerth; beſonders für Sie und mich.“ „Herr Pattiſon,“ erwiederte ich, ves iſt mir unmög⸗ lich zu errathen, was Sie meinen. Davus sum non Oedipus— ich bin Jedediah Cleisbotham, Schulmei⸗ ſter in der Pfarrei Gandercleuch; weder ein Wahrſager, noch ein Räthſeldeuter.“ „Wohl,“ entgegnete Paul Pattiſon,„Herr Jede⸗ diah Cleisbotham, Schulmeiſter in der Pfarrei Gan⸗ dercleuch und ſo fort, alles, was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt, daß Ihr hoffnungsvoller Plan zu Waſſer ge⸗ worden iſt. Die Erzählungen, von deren Bekanntma⸗ chung wir uns ſo viel verſprochen, ſind bereits gedruckt und in ganz Amerika verbreitet, und die brittiſchen Zeitungen ſind voll davon.“ Ich hörte dieſe Nachricht mit demſelben Gleichmuth an, mit dem ich einen Schlag auf meinen Magen von 27 einem modernen Klopffechter mit aller Kraft ſeiner Fauſt geführt, aufgenommen haben würde.„Wenn dieſe Nachricht richtig iſt, Herr Pattiſon,“ ſagte ich, „ſo muß ich nothwendig Sie, als die Perſon, im Ver⸗ dachte haben, welche der fremden Preſſe die Abſchrift mitgetheilt, von der die Drucker einen ſo gewiſſenloſen Gebrauch gemacht, der mit den Rechten des ächten Ei⸗ genthümers der Manuſcripte ſo ſehr im Widerſpruche ſteht; und ich verlange zu wiſſen, ob dieſes amerikani⸗ ſche Produkt die Veräuderungen enthält, die ſowohl Sie als ich für nothwendig erachteten, ehe das Werk dem Publikum vorgelegt werden könnte?“ Hierauf mußte mir mein Mann beſtimmt antworten, denn meine Frage war nachdrücklich und mein Ton entſchie⸗ den. Seine natürliche Frechheit machte es ihm aber leicht Stand zu halten und er antwortete feſt— „Herr Eleisbotham, erſtens habe ich dieſe Manu⸗ ſcripte, die Sie mit ſehr zweifelhaftem Rechte anſpre⸗ chen, nie Jemanden mitgetheilt, und ſie müſſen entwe⸗ der von Ihnen ſelbſt nach Amerika geſandt worden ſeyn oder von irgend einem der Herren, denen Sie erlaub⸗ ten, meines Bruders ſchriftlichen Nachlaß durchzu⸗ ſehen.“ „Herr Pattiſon,“ entgegnete ich,„ich bitte ſehr, ſich zu erinnern, daß es nie meine Abſicht ſeyn konnte, weder durch meine Hand noch durch eine fremde dieſe Manuſcripte der Preſſe zu überliefern, bevor ſie nicht —ʒ 28 die nöthigen Verbeſſerungen erhalten hatten, die ſie für die Preſſe geeignet machten und die Sie ſelbſt zu machen ſich verpflichtet haben.“ Herr Pattiſon erwiederte mit Feuer:—„Mein Herr, wiſſen Sie, daß wenn ich Ihr lumpiges Aner⸗ bieten annahm, dieß bloß wegen der Ehre und dem li⸗ terariſchen Ruhm meines verſtorbenen Bruders geſchah. Ich ſah vorher, daß wenn ich es ablehnte, Sie das Geſchäft in unpaſſende Hände gegeben oder es vielleicht ſelbſt übernommen hätten, der ungeſchickteſte unter al⸗ len Menſchen, mit den Werken des Dahingeſchiedenen umzuſpringen, und dieß wollte ich mit Gottes Hülfe verhindern— aber der Himmel iſt gerecht und hat ſich der Sache ſelbſt angenommen. Peter Pattiſons letzte Arbeiten werden nun unberührt von der Feile eines falſchen Freundes auf die Nachwelt übergehen— Schan⸗ de über den Gedanken, daß dieſes unnatürliche Werk⸗ zeug je in die Hände eines Bruders hätte kommen ſollen. Bei dieſer Rede ergriff mich ein Schwindel und ich wäre wahrſcheinlich leblos zu ſeinen Füßen niederge⸗ fallen, hätte nicht ein Gedanke, ähnlich wie der in der alten Ballade. „»Graf Percy ſieht meinen Fall,“ mich daran erinnert, daß ich durch die Aeußerung mei⸗ ner Gefühle vor Paul Pattiſon ihm nur einen neuen Triumph würde bereitet haben, denn ich konnte nicht 29 zweifeln, daß er mehr oder minder bei dieſer überſeei⸗ ſchen Herausgabe betheiligt ſey und auf die eine oder die andere Weiſe ſeinen Vortheil bei dieſem nichtswür⸗ digen Handel gefunden habe. Um ſeiner verhaßten Gegenwart los zu werden, ſagte ich ihm einen froſtigen guten Abend und ſtieg den Hügel hinab mit der Miene, nicht eines Mannes, der von einem⸗Freunde Abſchied genommeu, ſondern der eines zudringlichen Gefährten los geworden. Auf dem Weg überdachte ich die ganze Sache mit einer Aengſt⸗ lichkeit, die nicht im mindeſten geeignet war, mich zu tröſten. Hätte ich das Unternehmen für ausführbar gehalten, ich hätte natürlich ſogleich eine Ausgabe mit den nöthigen Verbeſſerungen der mannigfachen Män⸗ gel und Verſehen, von den ich oben geſprochen, zu Edinburg veranſtaltet, und ſo dieſe unächte Ausgabe (aus der die Literaturzeitungen bereits Proben in Menge mittheilten) verdrängt. Ich gedachte, welchen leichten Sieg der ächte zweite Theil der„Erzählungen meines Gaſtwirths“ über das Machwerk, das von einem Schmuggler unter dem gleichen Titel war ausgegeben worden, errungen hatte; warum ſollte ich nicht auch dießmal triumphiren? Man würde dieſe Rache eines beleidigten Mannes entſchuldigt und bald mein Ta⸗ lent hierin geprieſen haben; aber meine Geſundheit hat ſich ſeit einiger Zeit ſo verſchlimmert, daß ſich jeder Verſuch dieſer Art von ſelbſt verbot. 30 So muß man eben den„Nachlaß“ Peter Pattiſons hinnehmen, wie er ſich in ſeinem Pulte vorfand. Ich lebe der Hoffnung, daß dieſe Blätter auch in dieſer Geſtalt nachſichtig von denen werden aufgenommen wer⸗ den, die immer nur zu gütige Beurtheiler der Erzeug⸗ niſſe ſeiner Feder waren und hiemit ſage ich dem ge⸗ neigten Leſer ein freundliches Lebewohl. Gandercleuch, 15. October 1831. Grak Bobert von Paris. —— Erſtes Kapitel. — Leontins. Die Macht, die freundlich droht, Durch Wolkenzuͤge, wenn der Regen naht, Den Wandrer Haͤnfling in den Schatten ſchreckt, Sah mitleidslos hinſterben Griechenland, Nicht Ein Wahrzeichen weiſſagt' unſer Loos. Demetrius. Nein, tanſend Schauerzeichen riefen's aus; Die ſchwache Herrſchaft, das verhoͤhnte Recht, Ein meut'riſch Volk, der Edlen Ueppigkeit, Und jeder Krankheit, die die Staaten faͤllt. Wo offentliche Schurkerei, zu maͤchtig Dem Necht, die freche Stirne zeigt, ſucht da Leontius, der Wackre, Wunderzeichen, Vom Trug gedeutet und dem Thoren wichtig? Irene Act. 1. Aufmerkſame Naturbeobachter im Pflanzenreiche ha⸗ ben die Bemerkung gemacht, daß ein Pfropfreis, wel⸗ ches man von einem alten Baume nimmt, aͤuſſer⸗ lich wirklich ganz das Anſehen eines jungen Schoͤß⸗ W. Scott's ſaͤmmtt. Werke. 1638 Boch. 3 34 lings darbietet, daß es in der That aber denſelben Grad der Reife oder vielmehr des Verderbens er⸗ reicht hat, wie der Stamm, worauf es gewachſen iſt. Daher kommt die haͤufige Erſcheinung, daß faſt zu derſelben Zeit gewiſſe Baͤume von beſonderer Gat⸗ tung vertrocknen und abſterben, weil ſie alle ihre Le⸗ benskraͤfte demſelben Stamme zu verdanken haben und ihr Daſeyn nicht uͤber das ſeinige hinaus zu verlaͤngern vermoͤgen. Auf dieſelbe Weiſe haben Herrſcher dieſer Erde durch eine gewaltige und ploͤtzliche Kraftanſtrengung Staͤdte, Staaten und Voͤlker zu verpflanzen geſucht, in dem Glauben, ihrem neuen Herrſcherſitze den Reichthum, den Glanz, die Pracht und endloſe Aus⸗ dehnung der alten Stadt, welche ſie zu verjuͤngen wuͤnſchten, zu verleihen; zu gleicher Zeit hoffen ſie, eine neue Reihe der Jahrhunderte werde von dem Tage der Gruͤndung ihrer neuen Hauptſtadt an be⸗ ginnen, die in ihrer Einbildung ebenſoviel Dauer und Ruf haben wird als die alte, welche der Gruͤn⸗ der im ganzen Glanze ihrer Ingend durch eine neue Metropole wieder hergeſtellt zu ſehen ſich ſchmeichelt. Aber die Natur hat ihre Geſetze, welche fuͤr das Le⸗ ben der Geſellſchaften, wie fuͤr das der Pflanzen gel⸗ ten. Eine allgemein guͤltige Erfahrung ſcheint es zu ſeyn, daß Alles, was lange beſtehen ſoll, lang ſam rei⸗ fen und ſtufenweiſe ſich vervollkommnen muß; dage⸗ gen traͤgt jede noch ſo rieſenhafte ploͤtzliche Anſtrengung⸗ 335 auf der Stelle einen Plan auszufuͤhren, deſſen Dauer auf Jahrhunderte berechnet iſt, von Grun⸗ de aus die Anzeichen des Verfalles und Todes in ſich. So erklaͤrt, in einem ſchoͤnen morgenlaͤndi⸗ ſchen Maͤhrchen, ein Derviſch dem Sultan, wie er die prachtvollen Baͤume, unter denen dieſer luſtwandelt, hat entſtehen ſehen, indem er den ausgeſtreuten Saamen gewartet hatte: und der Stolz ides Herr⸗ ſchers wurde gedemuͤthigt durch den Gedanken, daß dieſe ſo einfach gepflanzten Baͤume bei jeder Ruͤckkehr der Sonne neues Leben empfingen, waͤhrend er im Thale Orez die ſtolzen Haͤupter der entkraͤfteten Ce⸗ dern, die er durch gewaltſame Anſtrengungen dahin hatte verſetzen laſſen, verwelken ſah*). Ich bin uͤberzeugt, daß alle Leute von Geſchmack, und viele ſolche haben in neuren Zeiten Conſtantins⸗ pel beſucht, der einſtimmigen Meinung ſind, daß wenn es uͤberhaupt auf dem ganzen Erdkreiſe einen Ort giebt, der würdig iſt der Sitz eines Weltreiches zu werden, alle zu einer ſolchen Wahl Faͤhigen der Stadt des Conſtantin den Vorzug einraͤumen wuͤr⸗ den, weil ſie die groͤßten Empfehlungen der Schoͤn⸗ heit, der Sicherheit und der Groͤße in ſich vereiniget. Indeſſen trotz aller dieſer Vortheile der Lage und des Himmelsſtriches, trotz allem Glanz in der Bau⸗ *) Erzaͤhlung des Perſers Mirglip in den Geſſter⸗ maͤhrchen. 36 kunſt ſeiner Kirchen und Pallaͤſte, trotz ſeiner Mar⸗ morbruͤche und ſeiner ungeheuern Schaͤtze, muß der Kaiſer, welcher dieſe Stadt gruͤndete, ſelbſt eingeſehen haben, daß, obwohl ihm alle dieſe reichen Materia⸗ lien zu Gebote ſtanden, doch nur durch des Menſchen Geiſt, durch ſeine Verſtandeskraͤfte, welche die Alten zur hoͤchſten Stufe erhoben hatten, dieſe Mein c⸗ werke des Genies geſchaffen worden waren, welche die Beobachter mit Staunen und Bewunderung er⸗ fuͤllten. Die Macht des Kaiſers konnte wohl andere Staͤdte ihrer Bildſaͤulen und Kunſtwerke berauben, um damit ſeine neue Hauptſtadt auszuſchmuͤcken. aber die Maͤnner, welche große Thaten vollbracht und die faſt ebenſo Achtbaren, welche die Thaten der Erſte⸗ ren dr Dichtkunſt, Malerei und Muſik verherrlicht haben, en nicht mehr. Das Volk, obwohl noch immer das aufgeklaͤrteſte der Welt, hatte aber jenen Zeitraum der Bildung uͤberlebt, wo eine gerechte Nuhmliebe die alleinige oder hauptſachliche Belohnung der Werke des Geſchichtſchreibers oder Dichters, des Malers oder Bildhauers ausmacht. Die despotiſche und willkuͤhrliche im Reiche eingefuͤhrte Verfaſſung und Verwaltung hatte ſeit langen Zeiten gaͤnzlich jenen freien Geiſt erſtickt, welcher einſt die freien Geſchichtſchreiber Rom's beſeelte, und von dem nur noch ſchwache Erinnerungen uͤbrig geblieben waren, die keinen Wetteifer mehr zu erregen vermochten. Um das Gleichniß von einem belebten Gegenſtande 37 zu nehmen, ſelbſt wenn Conſtantin ſeine neue Haupt⸗ ſtadt durch die Uebertragung der lebendigen und bele⸗ benden Prinzipien des alten Roms hätte wieder ver⸗ jüngen können, ſo beſtanden dieſe Prinzipien gar nicht mehr, und Conſtantinopel konnte ſie nicht borgen, Rom ſie nicht leihen. In einem ſehr wichtigen Geſichtspunkte war die Hauptſtadt Conſtantins gänzlich verändert, und dieſe Veränderung war dieſer Stadt über alle Beſchreibung vortheilhaft. Die Welt war damals zum Chriſtenthume übergetreten, und hatte durch Abſchwörung der heid⸗ niſchen Grundſätze die Laſt eines ſchimpflichen Aber⸗ glaubens abgeworfen; ohne allen Zweifel brachte die⸗ ſer reinere Glaube auf die Geſellſchaft die natürlichen wünſchenswerthen Wirkungen hervor, daß er ſtufenweiſe den Herzen beſſere Grundſätze gab, und das Volk be⸗ lehrte, ſeine Leidenſchaften zu zügeln. Aber während eine große Menge Neubekehrter ihren neuen Glauben gelehrig annahmen, gab es Einzelne, die in der An⸗ maßung ihres Verſtandes die heiligen Schriften nach Gutdünken auslegten, und Andere benutzten ihren re⸗ ligiöſen Charakter und ihre Stelle in der geiſtigen Herrſchaft als Mittel, um zu weltlichem Anſehen zu gelangen. Daher kam es, daß in dieſem entſcheidenden Zeitabſchnitte die Wirkungen der großen in der Lan⸗ desreligion eingetretenen Veränderung, obwohl ſie auf der Stelle reichlichen Segen hervorbrachte, und vielen guten Samen ausſtreute, der in der Folge gedeihen 38 ſollte, doch ſich im vierten Jahrhunderte nicht derge⸗ ſtalt verſpüren ließen, um unverzüglich einen ſo ent⸗ ſchiedenen Einfluß auszuüben, als man davon hätte erwarten ſollen. Der erborgte Schimmer, welchen Conſtantin ſeiner Stadt verlieh, trug ſchon Etwas in ſich, was auf ei⸗ nen frühzeitigen Verfall hinzudeuten ſchien. Der Kai⸗ ſer, welcher ſie gründete, erkannte dadurch, daß er die Bildſäulen, Gemälde, Denkmäler, überhaupt alle großen Kunſtwerke der vergangenen Jahrhunderte darin aufhäufte, die Unmöglichkeit an, ſie durch die Schöpfun⸗ gen eines neuern Genie's zu erſetzen; und als man die Welt, beſonders Rom auspluͤnderte, um Conſtantino⸗ pel auszuſchmücken, da konnte ſich der Kaiſer, der die⸗ ſes Werk des Raubes gebot, mit einem jungen Ver⸗ ſchwender vergleichen, der ſeine alte Mutter ihres Ju⸗ gendſchmuckes beraubt, um damit eine prunkende Buh⸗ lerin zu ſchmücken, wo ein Jeder leicht ſieht, daß er auf ihre Stirne nicht gehört. Da ſich alſo im Jahre 324 Conſtantinopel, mit kai⸗ ſerlichem Glanze umgeben, auf der Stelle des dürfti⸗ gen Byzanz erhob, zeigte dieſe Stadt ſchon im Augen⸗ blicke ihres Entſtehens und mitten in ſeinem erborgten Schimmer, wie geſagt, einige Merkmale von dem na⸗ hen Verfalle, dem die damalige gebildete Welt in den Gränzen des roͤmiſchen Reiches unmerklich entgegen⸗ eilte; es waren nur wenige Jahrhunderte vonnöthen, um jene Vorbedeutungen vollſtändig zu bewahrheiten. 39 Im Jahre 1080 beſtieg Alexius Komnenus den Kai⸗ ſerthron, d. h. er wurde zum Herrn von Conſtantino⸗ pel, von deſſen Weichbild und Umgebungen erklärt; und wenn er geneigt geweſen wäre, in Weichlichkeit ſein Leben hinzubringen, ſo hätten die barbariſchen Einfälle der Scythen und Ungarn wohl ſelten den Schlaf des Kaiſers beunruhigt, wofern er ſich nur be⸗ ſchraͤnkte, ihn in ſeiner Hauptſtadt zu genießen. Man darf wohl annehmen, daß ſich dieſe Sicherheit nicht viel weiter ausdehnte, denn man erzählt ſich, die Kai⸗ ſerin Pulcheria habe der Jungfrau Maria eine Kirche ſoweit als möglich vor dem Stadtthore erbauen laſſen, um nicht in ihren gottesfürchtigen Andachtsübungen durch das feindliche Geheul der Barbaren geſtört zu werden, und der regierende Kaiſer hatte ſich aus dem⸗ ſelben Grunde in der Nähe deſſelben Ortes einen Pal⸗ laſt bauen laſſen. Alexius Komnenus befand ſich in der Lage der Herr⸗ ſcher, welche nur durch die Größe und Macht ihrer Vorgaͤnger, und mehr durch die große Ausdehnung ih⸗ rer früheren Beſitzungen als von den ihnen bleibenden Glückstrümmern eine Bedeutung erhalten. Mit Aus⸗ nahme des Kaiſernamens, welchen er führte, hatte die⸗ ſer Fürſt keine andere Gewalt mehr über die zerſtückel⸗ ten Provinzen ſeines Reiches, als etwa ein halbtodtes Pferd über die Theile ſeines Leibes, auf welchen ſich ſchon Raben und Geier ihren Fraß ſtreitig machen. In verſchiedenen Theilen ſeines Reiches erhoben ſich 40 7 mehrere Feinde, die den Kaiſer bald mit entſchiedenem Vortheile, bald mit abwechſelndem Glücke bekriegten. Die zahlreichen Völkerſchaften, mit denen er in Feind⸗ ſeligkeit lebte, wie die Franken, aus dem Abendlande, die Türken aus dem Morgenlande kommend, die Un⸗ garn und Seythen, deren barbariſche und zahlloſe Schaaren aus dem Norden hereinſchwärmten und einen Hagel von Pfeilen herabregnen ließen, und endlich die Sarazenen, vom Mittag herbeieilend,— betrach⸗ teten alle das griechiſche Reich als einen willkomme⸗ nen Feſtſchmaus. Jeder dieſer Feinde hatte ſeine ei⸗ genthümliche Art Krieg zu führen, und eine beſondere Anordnung ſeiner Bewegungen während der Schlacht. Aber die Römer, wie man noch die unglücklichen Un⸗ terthanen des griechiſchen Reiches nannte, waren bei weitem die ſchwächſten, die unwiſſendſten und furcht⸗ ſamſten Menſchen im Kriege. Der Kaiſer wünſchte ſich daher Glück, einen Vertheidigungskrieg dadurch zu unterhalten, daß er allmählig ſeine Feinde unter⸗ einander entzweite: ſo benutzte er die Scythen, um die Türken zu vertreiben, und ſtellte wieder dieſe bei⸗ den wilden Völker den ungeſtümen Franken entgegen, deren Wuth durch Peter den Einſiedler, zu den Zeiten des Alexius, vermittelſt des mächtigen Einfluſſes der Kreuzzüge aufgeregt worden war. Wenn alſo Alexius Kommenus während ſeines Be⸗ ſitzes von dem wankenden Throne des morgenländiſchen Kaiſerthumes genöthigt war, eine niedrige und ſchimpf⸗ 41 liche Politik anzunehmen, wenn er bisweilen Abnei⸗ gung gegen den Krieg zeigte, wo er Grund hatte, an der Tapferkeit ſeiner Soldaten zu zweifeln; wenn er gemeinſchaftlich Hinterliſt und Verſtellung anſtatt der Klugheit, und Treuloſigkeit anſtatt des Muthes an⸗ wendete; ſo fällt die Schande dieſer Mittel mehr auf ſein Jahrhundert, als auf ihn ſelbſt. Noch könnte man dem Kaiſer Alexius den Vorwurf machen, daß er ſich in übermäßiger Pracht gefallen hätte, was eine große Geiſtesſchwäche verriethe. Er ſuchte auch ſeinen Stolz darin, daß er an ſeiner Per⸗ ſon die auszeichnenden Merkmale der verſchiedenen ad⸗ ligen Stände aufzeigte, und ſie, ſelbſt noch zu einer Zeit an Andere übertrug, wo die Würde, welche dieſer Fürſt bewilligen konnte, in den Augen der freien Bar⸗ baren nur ein Grund mehr war, denjenigen, den der Kaiſer dazu erhoben hatte, zu verachten. Aber wenn der griechiſche Hof mit einem bedeutungsloſen Gepränge überladen war, um den Mangel derjenigen Ehrfurcht, welche nur wirkliches Verdienſt und wahrhafte Macht einflößen, zu erſetzen, ſo war dieß alſo nicht ein be⸗ ſonderer Fehler dieſes Fürſten, ſondern des ſeit Jahr⸗ hunderten in Conſtantinopel angenommenen Regierungs⸗ Syſtemes. In ſeinen abgeſchmackten Hofgebräuchen, welche für den ganzen Tag in den unbedeutendſten Stücken Verhaltungsregeln vorſchrieben, und in ſeinen kleinlichen Thorheiten glich das griechiſche Reich von allen jetzt beſtehenden nur dem Chineſiſchen; beide wollen 42² lächerlicher Weiſe Gegenſtänden eine Wichtigkeit bei⸗ legen, welche durch ihre gemeine Beſchaffenheit einer ſolchen Auszeichnung ganz unfähig ſind. Wir wollen alſo Alexius bis zu einem gewiſſen Punkte rechtfertigen durch die Behauptung, daß, wie niedrig immerhin die Mittel waren, wozu er ſeine Zuflucht nahm, ſie doch ſeinem Reiche nützlicher waren, als die etwaigen Maßregeln, die ein ſtolzerer und edler den⸗ kender Fürſt in denſelben Umſtaͤnden hätte ergreifen können. Er war freilich kein Held, um eine Lanze mit ſeinem fraͤnkiſchen Nebenbuhler, dem berühmten Bohemund von Antiochien, zu brechen; aber doch wagte er bei mehreren Gelegenheiten kühn ſein Leben; und ſo viel wir nach aufmerkſamer Durchleſung der Ge⸗ ſchichte ſeiner Thaten darüber zu urtheilen vermögen, ſo war der griechiſche Kaiſer nie furchtbarer in ſeiner Rüſtung, als wenn ihn ein Feind auf ſeinem Rückzuge nach einer verlorenen Schlacht aufhalten wollte. Aber ſelbſt davon abgeſehen, daß er nach der Sitte jener Zeiten bisweilen ſeine Perſon den Gefahren des Handgemenges auszuſetzen wagte, ſo beſaß Alexius auch Kenntniſſe von der Kriegskunſt, die man heutzu⸗ tage nur von einem Feldherrn verlangt. Er verſtand es wohl, die vortheilhafteſten militäriſchen Stellungen zu wählen; und er deckte oft ſeine Niederlagen, und zog aus unentſchiedenen Treffen Nutzen, ſo daß er mei⸗ ſtentheils die Erwartungen derjenigen betrog, die da waͤhnten, der Krieg entſchiede ſich nur auf dem Schlacht⸗ felde. 43³ Wenn Alexius Komnenus alſo ſich auf die Leitung des Krieges verſtand, ſo war er noch beſſer in der Politik bewandert. Da er ſtets uͤber den bekannten Zweck der Unterhandlung, in welche er ſich eingelaſ⸗ ſen, hinausſah, ſo war er verſichert, irgend einen wichtigen und dauerhaften Vortheil zu erhalten; und dennoch wurden ſeine Plaͤne am Ende oft vereitelt durch die ſchamloſe Unbeſtaͤndigkeit und offenbare Ver⸗ raͤtherei der Barbaren, wie die Griechen im Allge⸗ meinen alle anderen Voͤlker nannten, beſonders die Horden(den Namen von Staaten kann man ihnen kaum geben), welche ihr Reich umgaben. Wir koͤnnen dieſes kleine Bild von Komnenus durch die Bemerkung vollenden, daß er, wenn er nicht die Stelle eines Herrſchers haͤtte bekleiden muͤſſen, den die Noth zwang, ſich furchtbar zu machen, weil er ſowohl von Seiten der Fremden als ſeiner eigenen Familie Verſchwoͤrungen aller Art ausgeſetzt war, aller Wahrſcheinlichkeit nach in den Ruf eines tugend⸗ haften und menſchlichen Fuͤrſten gekommen waͤre. Er zeigte ohne Zweifel Herzensgüte; und er ließ weni⸗ ger Koͤpfe fallen und weniger Menſchen blinden, als ſeine Vorgaͤnger, welche gewoͤhnlich zu dieſen Mit⸗ telu griffen, um die ehrgeizigen Abſichten ihrer Ne⸗ benbuhler zu unterdrücken. Noch muͤſſen wir anfuͤhren, daß Alexius einen gu⸗ ten Theil von dem Aberglauben ſeines Zeitalters mit⸗ bekommen hatte, und daß er ihn durch eine gewiſſe 44 Heuchelei verdeckte. Man erzaͤhlt ſogar, daß ſeine Gemahlin Jrene, welche natuͤrlich den Charakter des Kaiſers am beſten kennen mußte, ihrem Gemahle auf ſeinem Sterbebette vorgeworfen, daß er noch in ſeinen letzten Augenblicken zu jener Verſtellung ſeine Zuſlucht nehme, die ihm ſein ganzes Leben hindurch eigen geweſen. Er bekuͤmmerte ſich auch ſehr eifrig um alle Angelegenheiten der Kirche, beſonders wenn er glaubte, daß Ketzerei, die der Kaiſer wirklich oder nur ſcheinbar ſehr verabſcheute, mit ihren gefaͤhrli⸗ chen Schlingen ſich einſchleichen wollte. In ſeinem Verfahren gegen die Manichaͤer oder Paulianer iſt nichts von dem Erbarmen mit den Irrthuͤmern des Verſtandes zu bemerken, welches die neueren Zeiten jenen ungluͤcklichen Sektirern wegen ihrer ausgedehn⸗ ten weltlichen Verdienſte als verdienten Lohn ge⸗ ſchenkt haben wuͤrden. Alexius zeigte keine Schonung gegen diejenigen, welche den Geheimniſſen oder Leh⸗ ren der Kirche eine falſche Auslegung gaben, und ſeiner Meinung nach war es eine eben ſo ſtrenge Pflicht fuͤr ihn, die Religion gegen die Ketzer zu be⸗ ſchuͤtzen, als ſein Reich gegen die zahlloſen Barbaren⸗ ſtaͤmme, die ſeine Graͤnzen von allen Seiten beunru⸗ higten, zu vertheidigen. Eine wunderbare Miſchung von Verſtand und Geiſtesſchwaͤche, von Niedrigkeit und Wuͤrde, von kluger Vorſicht und Mangel an Kraft(welcher nach der gegenwärtigen Anſicht an Feigheit graͤnzte), bil⸗ 45 dete die Haupt⸗Charakterzuͤge des Alexius Komnenus zu einer Zeit, wo das Schickſal Griechenland's und alles in dieſem Lande von Kunſt und Bildung noch Uebrige in der Wagſchale lag; und ſeine Rettung oder ſeinen Untergang davon zu erwarten ſchien, ob der Kaiſer faͤhig waͤre, die ihm aufgetragene ſchwierige Rolle zu ſpielen oder nicht. Dieſe wenigen Hauptzuͤge werden Jedem, der nur etwas die Geſchichte kennt, die beſonderen Umſtaͤnde des Zeitabſchnittes, welchen wir als Grundlage zu dieſem Werke gewaͤhlt haben, in das Gedaͤchtniß rufen. Zweites Kapitel. Othus. Der ſtolze Erbe Der Erdgebiet'rin, wie du eitel ruͤhmſt, Steht einſam nun, wie weit im Ocean Die letzten Truͤmmer eines großen Landes, Das im gewaltig ſchauervollen Thun Der maͤchtigen Natur das Meer verſchlang, Sie ſtreckt die dunklen Felſenklippen hoch, Die wilde Wuͤſte rings um uͤberragend Mit finſtrer Stirn in oͤder Majeſtaͤt. 3 Conſtantin Palaͤologus. Scen. 1. Unſere Scene in der Hauptſtadt des morgenlaͤndi⸗ ſchen Kaiſerthums beginnt an dem ſogenannten„gol⸗ denen Thore« von Conſtantinopel; im Vorbeigehen ſey nur bemerkt, daß dieſes glaͤnzende Beiwort nicht ſo grundlos gegeben worden iſt, wie man wohl von der ſchwuͤlſtigen, hochtrabenden Sprache der Griechen erwarten ſollte, die in allen ihren Reden uͤber ihre Gebaͤude und Denkmale unmaͤßig uͤbertreiben. Die ſtarken und ſcheinbar uneinnehmbaren Mauern, womit Conſtantin ſeine Stadt umgab, wurden von Theodoſius dem Großen betraͤchtlich ausgedehnt. Ein 47 Triumphbogen, deſſen Baukunſt noch von beſſerem, obwohl ſchon entartetem, Geſchmacke zeugte, und wel⸗ cher zugleich als Thor diente, fuͤhrte den Fremdling in die Stadt. Auf ſeiner Spitze befand ſich eine eherne Bildſaͤule der Siegesgoͤttin, welche in den Schlachten die Wage zu Gunſten des Theodoſius ge⸗ neigt hatte; und da der Kuͤnſtler wenigſtens Pracht entfalten wollte, wo er keinen Geſchmack zeigen konnte, ſo bekleidete er die Inſchriften mit goldenem Schmu⸗ cke, welcher bald dem Thore einen Namen verſchaffte der unter dem Volke Eingang fand. Bildſaͤulen aus fruͤheren, an Talenten reicheren, Zeiten glaͤnzten auf den Mauern, waren aber nicht gluͤcklich nach dem Style gemuſtert, worin ſie verfertigt worden. Der neuere Schmuck des goldenen Thores zu der Zeit un⸗ ſerer Geſchichte hatte ein ganz anderes, als der al⸗ tere, welcher die in die Stadt zuruͤckgefuͤhrte Sieges⸗ goͤttin und den ewigen Frieden anzeigte, welche Wohl⸗ thaten man nach den ſchmeichleriſchen Inſchriften dem Schwerte des Theodoſius verdankte. Vier Wurfge⸗ ſchuͤze, nehmlich woraus man die groͤßten Geſchoſſe ſchleudern konnte, waren oben auf den Triumphbogen geſtellt, und ſo war das, was urſpruͤnglich eine Zierde der Baukunſt ſeyn ſollte, in ein Werkzeug der Ver⸗ theidigung umgewandelt worden. Der Abend kam heran und ein ſanfter, erquicken⸗ der Seewind lud die Wanderer, deren Geſchaͤfte nicht ſehr dringend waren, ein, langſam zu gehen, und 48 einen Blick auf dieſes maleriſche Thor und die ver⸗ ſchiedenen anziehenden Gegenſtaͤnde der Natur und Kunſt zu werfen, mit welchen die Stadt Conſtanti⸗ nopel ihre Einwohner ebenſo wie die Fremden er⸗ freute. Ein Menſch ſchien aber doch mehr Bewunderung und Neugierde zu zeigen, als von einem in der Stadt Geborenen zu erwarten geweſen wäre. Er warf auf alle ihn umgebenden Schoͤnheiten einen raſchen und verwunderten Blick, welcher zu erkennen gab, daß ſeine Einbildungskraft durch den Anblick fuͤr ihn neuer Gegenſtaͤnde aufgeregt war. Sein Aeuſſeres verrieth einen Fremden und zwar einen Krieger; und nach ſeiner Geſichtsfarbe zu ſchließen, hatte er das Leben weit von der Hauptſtadt des Griechiſchen Kaiſerthums empfangen, durch welchen Zufall er immerhin in die⸗ ſem Augenblicke an das goldene Thor gefuͤhrt ſeyn mochte, oder welche Stelle er im Dienſte des Kaiſers etwa bekleidete. Es war ein junger Mann von ungefaͤhr zwei und zwanzig Jahren, wohlgewachſen, und zeigte die Staͤrke eines Athleten, welche Eigenſchaften von den Bewoh⸗ nern Conſtantinopels wohl gewuͤrdigt wurden, da ſie durch ihren haͤufigen Beſuch der oͤffentlichen Spiele zum wenigſten uͤber die Geſtalt der Menſchen zu urtheilen gelernt hatten; denn ſie ſahen daſelbſt in dem Kern ihrer eigenen Mitbhuͤrger die ſchoͤnſten Mu⸗ ſter des Menſchengeſchlechtes. 49 Doch waren ſie im Allgemeinen nicht von ſo hohem Wuchſe als der Fremde am goldenen Thore; ſein Haupt ſchmückte ein leichter, mit ſilbernen Zierrathen bedeck⸗ ter Helm, deſſen Buſch in einer Schlange mit geoͤffne⸗ tem Rachen beſtand. Die darunter hervorblitzenden blauen Angen und herabwallenden blonden Haare ver⸗ kündeten ihn als einen Sohn des Nordens, was auch die außerordentliche Weiße ſeiner Geſichtsfarbe be⸗ ſtärkte. Aber obwohl er ein ausgezeichnet ſchönes Aeußere und herrliche Zuͤge hatte, ſo gab dieſe Schön⸗ heit ihm doch nichts Weibiſches; im Gegentheil zeich⸗ nete er ſich ebenſoſehr durch Kraft aus, als durch eine ſichere und ruhige Miene, womit er die ihn umgeben⸗ den Wunderwerke zu betrachten ſchien. Sein Blick verrieth keineswegs das kraftloſe Staunen eines un⸗ wiſſenden und geiſtesſchwachen Menſchen, ſondern drückte vielmehr jenes ſchnelle Verſtändniß aus, das den größ⸗ ten Theil der gegebenen Lehren begreift, und den Geiſt zu Anſtrengungen auffordert, um in das noch nicht Begriffene oder falſch Beurtheilte einzudringen. Dieſer ſo ſorgfältige und verſtändige Blick des jungen Bar⸗ baren zog die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn, und während die Zuſchauer dieſes Auftrittes erſtaunt wa⸗ ren, bei einer aus einer unbekannten oder entlegenen Weltgegend angekommenen Wilden ein ſo würdevolles Ausſehen, das auf eine erhabene Seele ſchließen ließ, anzutreffen, wurden ſie von Ehrfurcht ergriffen beim Anblicke der Gemüthsruhe, womit er ſo viele Dinge, W. Scott's ſaͤmmtl. Werke, 1638 Boͤch. 4 50 deren Geſtalt, Glanz und Menge für ihn ganz neu ſein mußte, betrachtete und prüfte. Die Kleidung dieſes jungen Mannes bot eine ſon⸗ derbare Miſchung von Pracht und Weichlichkeit dar, durch welche die erfahrenern Zuſchauer ſeine Herkunft und die Art ſeines Dienſtes zu entdecken vermochten. Der wunderliche Helmbuſch, welcher den Helm des Fremdlings auszeichnete, iſt ſchon erwähnt worden; die Einbildungskraft des Leſers mag ſich einen kleinen ſilbernen Harniſch hinzudenken, der aber ſo knapp war, daß er nur ſehr unvollſtändig die breite Bruſt bedeckte, und mehr eine Zierrath als Schutzwaffe zu ſeyn ſchien; denn eine kräftig geſchleuderte Lanze oder ein wohlge⸗ führter Pfeil hätte dieſer glänzenden Wehr geſpottet, die ohnedieß nur einen Theil des Buſens bedeckte. Von beiden Schultern fiel ihm Etwas auf den Rücken herab, das wie ein Bärenfell ausſah; aber wenn man es näher prüfte, ſah man, daß es nur eine ſehr ge⸗ ſchickte Nachahmung davon war. In der That war es aber ein Mantel von ſehr grober Seide, deren haari⸗ ges Gewebe ſo eingerichtet war, daß es in gewiſſer Entfernung einem Bärenfell ziemlich ähnlich ſah. Ein leichter Säbel oder Pallaſch mit krummer Klinge in goldener und elfenbeinerner Scheide hing dem Fremd⸗ ling an der linken Seite; ſein reich verzierter Hand⸗ griff ſchien viel zu klein für die breite Fauſt des jun⸗ gen Herkules, der dieſe zierliche Waffe trug. Ein purpurnes, an ſeinen Leib anſchließendes Gewand ſiel 51 etwas uͤber ſeine Kniee herab, welche nackt waren, wie ſeine Beine. Seine Sohlen wurden von Baͤn⸗ der feſtgehalten, welche ſich kreuzten, und von der Fußbiege bis an die Waden heraufreichten, wo ſie von einer Goldſpange mit dem Namenszuge des re⸗ gierenden Kaiſers zuſammengehalten wurden. der kraͤftigem Gliederbau nicht haͤtte zu fuͤhren ver⸗ mocht, war eine Streitaxt, mit einem Stiele vom haͤrteſten Ulmenholze, welcher mit Stahl und Kupfer umlegt und mit eiſernen Platten und Ringen be⸗ ſchlagen war: ſie hatte zwei Klingen mit entgegen⸗ geſetzter Schneide, zwiſchen welchen eine ſcharfe Lan⸗ zenſpitze hervorragte. Der Stahl der Spitze und der Klingen war berrlich gearbeitet und ſpiegelhell. Trotz der Laͤnge dieſer ſchweren Waffe, welche fuͤr einen minder kraͤftigen Menſchen unertraͤglich geweſen waͤre, fuͤhrte ſie der junge Krieger mit derſelben Leichtig⸗ keit wie eine Feder. Freilich war ſie auch mit ſo vieler Kunſt gefertiget, und ihre verſchiedenen Be⸗ ſtandtheile waren ſo wohl zu einander berechnet, daß ſie bei weitem leichter zu fuͤhren war, als man haͤtte waͤhnen ſollen, wenn man ſie in den Haͤnden eines Andern ſah. Schon der Umſtand, daß er Waffen trug, haͤtte hinlaͤnglich bewieſen, daß dieſer Krieger ein Fremd⸗ ling war: denn die Griechen hatten ſchon dieſes 5²2 Merkmal der Bildung, daß ſie niemals in Friedens⸗ zeiten bewaffnet gingen, mit Ausnahme derjenigen, welche den Krieg als Handwerk trieben, ſowie der⸗ jenigen, deren Amtsverrichtungen Waffen erforderten. Dieſe Soldaten von Stande waren leicht von den friedlichen Buͤrgern zu unterſcheiden; und mit deut⸗ lichen Zeichen der Furcht, ja faſt des Abſcheus ſagten die Voruͤbergehenden zu einander, daß der Fremdling ein Waͤringer ſey, welcher Ausdruck einen Barbaren von der Leibwache des Kaiſers bedeutete. um nehmlich die ihren Unterthanen mangelnde Tapferkeit zu erſetzen, und ſich unmittelbar unter ih⸗ ren Befehlen ſtehende Soldaten zu verſchaffen, hat⸗ ten die Griechiſchen Kaiſer ſeit langen Jahren die Gewohnheit gehabt, eine gewiſſe Anzahl auserleſener Soldaten in ihren Sold zu nehmen, welche als Leib⸗ wache ihren Dienſt ſo nahe als moͤglich um die Per⸗ ſon ihres Herrn verrichteten. Da ſie mit einer ſtren⸗ gen Kriegszucht und unwandelbaren Treue Leibes⸗ ſtaͤrke und unbaͤndigen Muth verbanden, ſo waren ſie nicht allein zahlreich genug, um jedem verraͤtheriſchen Anſchlag gegen den Kaiſer zu vereiteln, ſondern ſelbſt offene Empoͤrungen zu unterdruͤcken, wenn dieſe nicht von einer zu großen Soldatenmacht unterſtuͤtzt wur⸗ den. Sie empfingen daher eine verſchwenderiſche Loͤh⸗ nung; ihre Stellung und der Ruf ihrer Heldentha⸗ ten verſchafften ihnen ein hohes Anſehn in den Au⸗ gen eines Volkes, das ſich ſeit mehreren Jahrhunder⸗ 53 ten in Tapferkeit eben nicht ſehr hervorgethan hatte; und wenn die Waͤringer als Fremdlinge und als be⸗ vorrechtete Kaſte bisweilen zur Vollziehung willkuͤhr⸗ licher Befehle gebraucht wurden, welche ihnen den oͤffentlichen Haß zuzogen, ſo waren doch die Griechen, obwohl ſie jene mit ſcheelen Blicken anſahen, in ſol⸗ cher Furcht vor ihnen, daß dieſe tapferen Fremden ſich ſehr wenig daran kehrten, was die Bewohner von Conſtantinopel von ihnen dachten. Ihre Tracht und Nuͤſtung, ſo lange ſie in der Stadt blieben, war koſt⸗ bar, ja prachtvoll, ſo wie es oben beſchrieben worden iſt, und hatte nur eine entfernte Aehnlichkeit mit der Ausruͤſtung der Waͤringer in den Waͤldern, wo ſie geboren worden waren. Aber wenn die Soldaten dieſes Corps ihren Dienſt außer der Stadt verrich⸗ ten ſollten, dann gab man ihnen Waffen und eine Ruͤſtung, welche der in ihrem Lande gewoͤhnlichen aͤhnlicher, zwar weniger glänzend, aber deſto furcht⸗ barer waren: dieſes geſchah dann, wenn ſie ins Feld ruͤcken mußten. Dieſe Schaar der Waͤringer, welcher Namen nach einer davon gegebenen Auslegung im Allgemeinen den Barbaren beigelegt wurde, haͤtte man in einem frühe⸗ ren Jahrhundert aus herumſchweifenden Menſchen und den Seeräubern des Nordens gebildet, welche durch einen außerordentlichen ſtarken Hang zu Abentenern und durch eine in der Menſchengeſchichte unvergleich⸗ liche Verachtung der Gefahr getrieben wurden, ſich neue Bahnen auf dem Weltmeere zu eröffnen. 54 „Die Serränberei,“ ſagt Gibbon mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Kraft,„war die Uebung, das Handwerk, der Ruhm und die Tugend der jungen Scandinavier. Ue⸗ drüſſig ihres eiſigen Himmelsſtriches und der engen Gränzen, die ſie umſchloſſen, erhoben ſie ſich am Schluſſe eines Gelages, ergriffen ihre Waffen, ſtießen in ihr Horn, beſtiegen ihre Schiffe, und beſuchten alle Küſten, welche ihnen Beute oder Niederlaſſungen verſprachen.“*) Die Eroberungen, welche dieſe wilden Meerkönige, wie man ſie nannte, in Frankreich machten, haben an⸗ dere Helden des Nordeus in Vergeſſenheit gebracht, welche lange vor Komnenus bis nach Conſtantinopel ihre Fahrten ausdehnten, und mit eigenen Augen den Reichthum und die Schwäche des griechiſchen Kaiſer⸗ thumes erblickten. Darauf durcheilte eine große Menge von ihnen die Steppen Rußlands, um in jene Stadt zu gelangen; Andere kamen daſelbſt über das mittel⸗ Ländiſche Meer auf ihren Seeſchlangen an, wie dieſe Räuber ihre Schiffe nannten. Die griechiſchen Kaiſer waren über dieſen Beſuch der Gäſte aus der eiſigen Zone höchſt beſtürzt, und nahmen zu dem gewöhnlichen politiſchen Syſteme reicher und unkriegeriſcher Völker ihre Zuflucht: ſie erkauften den Dienſt ihrer Waffen um Gold. Alſo entſtand eine durch ihre Tapferkeit *) Geſchichte des Verfalles und Sturzes des roͤmiſchen Reiches. Kap. 55 55⁵ ausgezeichnetere Schaar von Leibdienern als die berüch⸗ tigten prätorianiſchen Cohorten in Rom; und vielleicht weil ſie minder zahlreich waren, blieben ſie ihren neuen Fürſten getreuer. Aber in ſpäteren Zeiten wurde es den Kaiſern ſchwie⸗ riger, neuen Zuwachs für ihre auserwählte Schaar zu bekommen, weil die Völker des Nordens größtentheils ihre Gewohnheit herumſchweifender Seeräuberei aufge⸗ geben hatten, wodurch ihre Vorfahren von der Meer⸗ enge von Helſingör nach der von Seſtos und Abydos geführt worden waren. Die Schaar der Wäringer würde daher bald untergegangen oder nothwendig aus⸗ geartet ſeyn, wenn nicht die großen Eroberungen der Normänner im Abendlande dem Komnenus eine zahl⸗ reiche Verſtärkung von Männern zugeſandt hätte, welche auf den großbritanniſchen Inſeln, beſonders in England, ihres Eigenthums beraubt worden waren: dieſe erſetz⸗ ten jetzt die Lücken in ſeiner Leibwache. Dieſe waren in der That Angelſachſen; aber bei den verwirrten Anſichten des conſtantinopolitaniſchen Hofes von der Geographie nannte man ſie ſehr erklärlich Angel⸗Dä⸗ nen, indem man ihr Geburtsland mit dem Thule der Alten verwechſelten, worunter dieſe eigentlich die ſchet⸗ landiſche und orkadiſche Inſelgruppe verſtanden; aber bei den neueren Griechen galt dieſer Name auch von Dänemark und ganz Großbritanien. Außerdem ſpra⸗ chen dieſe Auswanderer eine nicht ſehr von derjenigen der erſten Wäͤringer verſchiedene Sprache, und nahmen 56 um ſo leichter deren Namen an, als er ihnen ihr un⸗ glückliches Schickſal ins Gedächtniß zu rufen ſchien, da dieſes Wort auch in der Bedeutung von Verbannten ausgelegt werden konnte. Mit Ausnahme von etlichen Oberbefehlshabern, welche der Kaiſer dieſes Beweiſes ſeines hohen Vertrauens für würdig achtete, hatten die Wäringer nur Offiziere von ihrer Abkunft. Durch ſo viele Vorrechte, und namentlich dadurch, daß ſie von Zeit zu Zeit durch Schaaren ihrer Landsleute verſtaͤrkt wurden, welche durch die Kreuzzuͤge, Pilger⸗ farthen oder Unzufriedenheit in ihren Laͤndern nach dem Griechiſchen Reiche gefuͤhrt worden waren, be⸗ ſtanden die Waͤringer bis zum Untergange des Grie⸗ chiſchen Reiches fort, und bewahrten ihre alte Spra⸗ che, ſo wie die untadelhafte Treue und den kriegeri⸗ ſchen Geiſt, welcher ihre Vaͤter ausgezeichnet hatte. Die uͤber die waͤringeriſche Leibwache gegebenen Be⸗ merkungen ſind gaͤnzlich der Geſchichte getreu; wie die meiſten Byzantiniſchen Geſchichtſchreiber und Ville⸗ hardouin in ſeiner Beſchreibung von der Einnahme Conſtantinopels durch die Franken und Venetianer be⸗ weiſen koͤnnen, welche zu wiederholten Malen dieſer beruͤhmten und eigenthuͤmlichen Engliſchen Leibwache im Solde der Griechiſchen Kaiſer Erwaͤhnung thun. Doch wir haben hinlaͤnglich daruͤber geſprochen, um zu erklaͤren, wie es kam, daß ein Waͤringer ſich am goldenen Thor befand, und koͤnnen den Faden unſerer Erzaͤhlung wieder aufnehmen, 57 Man darf ſich nicht wundern, daß dieſer Soldat der Leibwache von den Voruͤbergehenden mit einer gewiſſen Neugierde betrachtet wurde. Denn man muß bedenken, daß ſie wegen ihrer beſonderen Pflichten in weniger Beziehung oder Verkehr mit den Einwohnern ſtanden. Außerdem hatten ſie von Zeit zu Zeit bei denſelben Polizeigeſchaͤfte zu verrichten, welche ſie im Allgemeinen mehr zu Gegenſtaͤnden der Furcht als der Zuneigung machten; und ſie wußten zugleich, daß ihre hohe Loͤhnung, ihre glaͤnzende Kleidung und ihr Dienſt zunaͤchſt der Perſon des Kaiſers, fuͤr die an⸗ dern Truppen ein Grund des Neides waren. Sie blieben daher faſt beſtaͤndig in der Naͤhe ihrer Caſecr⸗ nen, und entfernten ſich nur davon, um Sendungen der Regierung zu beſtellen! Danach wird es leicht erklaͤrlich, wie ein ſo neu⸗ gieriges Volk, als die Griechen waren, dieſen Fremd⸗ ling betrachten konnten, der bald an einem Orte ſtill ſtehen blieb, bald in verſchiedenen Richtungen auf und abging, und einem Menſchen glich„ der die ge⸗ wuͤnſchte Stelle nicht finden konnte, oder einen An⸗ dern erwartete, der ihm eine Zuſammenkunft ver⸗ ſprochen hatte. Der Sinn der Voruͤbergehenden fand tauſenderlei verſchiedene und widerſprechende Weiſen, ſein Betragen zu erklaͤren.—„Das iſt ein Waͤringer, ſagte ein Buͤrger zum andern; und er hat ein Ge⸗ ſchaͤft auszurichten.— Hm!— Ich kann euch wohl leiſe ſagen... 58 Welches Geſchaͤft ſoll er haben nach eurer Mei⸗ nung? fragte der, zu dem der Erſte geſprochen hatte. Alle Goͤtter und Goͤttinnen! antwortete der Con⸗ ſtantinopolitaniſche Neuigkeitskraͤmer, ihr denkt, ich könnte euch das ſagen? Aber er iſt wahrſcheinlich hier, um zu ſchnuffeln, was man vom Kaiſer ſpricht. Das glaube ich nicht. Dieſe Waͤringer ſprechen ja nicht unſere Sprache, und koͤnnen deßhalb nicht die Rolle von Spionen ſpielen, weil nur ſehr Wenige darunter eine oberflaͤchliche Kenntniß vom Griechi⸗ ſchen haben; der Kaiſer kann doch Keinen zum Spionen gebrauchen, der der Landesſprache nicht maͤch⸗ tig iſt. Aber wenn es unter dieſen barbariſchen Soldaten, entgegnete der Politikus, wie alle Welt weiß, Leute giebt, welche faſt alle Sprachen verſtehen, ſo werdet ihr doch eingeſtehen, daß dieſe zu dieſem Handwerke tauglicher ſind als jeder Andere, weil Niemand auf ſie den geringſten Argwohn hat. Das iſt allerdings moͤglich, ſagte ſein Beglei⸗ ter; aber da wir ſo deutlich den Fuß und die Kral⸗ len des Fuchſes aus dem vermeintlichen Schafsfelle, oder um mich mit eurer Erlaubniß beſſer auszudruͤk⸗ ken, aus der Baͤrenhaut hervorragen ſehen, ſo thaͤten wir wohl beſſer nach Hauſe zu gehen, ehe man uns den Vorwurf machen kann, eine waͤringiſche Leibwache beleidigt zu haben. Die Furcht vor einer Gefahr, worauf der letzte 59 Sprecher anſpielte, der ein bei weitem aͤlterer und erfahrener Politiker, als ſein Freund war, beſtimmte ſie alle beide einen ſchleunigen Ruͤckzug zu nehmen. Sie orneten ihre Maͤntel, nahmen einander am Arme, und ſchlugen, ſich aneinander ſchmiegend und mit raſcher aber leiſer Stimme neue Gruͤnde des Argwohns erhebend, den Weg nach ihren Wohnun⸗ gen ein, welche in einem entgegengeſetzten und ent⸗ legenen Stadtviertel Conſtantinopels lagen. Inzwiſchen war die Sonne beinahe untergegangen, und die laͤnger gewordenen Schatten der Mauern, der Waͤlle und des Triumphbogens dehnten ſich gen Oſten aus und verbreiteten eine noch tiefere Dunkel⸗ heit. Der Waͤringer ſchien von dem engen Kreiſe ermuͤdet, worin er ſich ſeit laͤnger als einer Stunde bewegt hatte, und worin er noch fortwaͤhrend blieb wie ein gebannter Geiſt, welcher ſeinen Aufenthalt nicht eher verlaſſen kann, als bis der Zauber, der ihn dahin gebannt hat, geloͤst worden iſt. Der Barbare ſandte einen ungeduldigen Blick nach Weſten, wo die Sonne in einer Lichtmaſſe hinter einem ſchoͤnen Cy⸗ preſſenwalde unterging, und ſuchte es ſich dann auf einer der ſteinernen Baͤnke, welche im Schatten des Triumphbogens angebracht waren, ſo bequem als moͤg⸗ lich zu machen: er lehnte ſeine Streitart, welches ſeine Hauptwaffe war, wider ſich, huͤllte ſich in ſeinen Mantel, und obwohl ſein Anzug nicht der geeignetſte zum Ausruhen, noch der Ort der ſchicklichſte zum 60 Schlafen war, ſo war er doch nach wenigen Minuten entſchlummert. Der unwiderſtehliche Trieb, an ei⸗ nem ſo unpaſſenden Orte Ruhe zu ſuchen, konnte aus der Ermuͤdung entſpringen, in welche ihn ſeine Pflicht, die ganze vorhergehende Nacht zu durchwachen ver⸗ ſetzt hatte. Aber als er ſich dieſem voruͤbergehenden Anfalle von Vergeſſenheit aller ſeiner Umgebungen uͤberließ, blieb ſein Geiſt ſo thaͤtig, daß er mit ge⸗ ſchloſſenen Augen zu wachen ſchien; nie war der Schlummer eines Spuͤrhundes leiſer als der unſeres Angelſachſen an dem goldenen Thore von Conſtanti⸗ nopel. Und jetzt wurde der Fremdling waͤhrend ſeines Schlafes ein Gegenſtand der Beobachtung fuͤr die Voruͤbergehenden, welche der Zufall herbeifuͤhrte, wie er es waͤhrend ſeines Spazierengehens geweſen war. Zwei Maͤnner traten zugleich in den Triumphbogen: das Aeuſſere des Einen verrieth mehr Gewandtheit als Staͤrke: er hieß Lyſimachus, und war Maler von Profeſſion. Eine Papierrolle, welche er in der Hand hielt und ein kleiner Sack mit ſeinen Farben oder Bleiſtiften machten im Grunde ſeinen ganzen Han⸗ del aus, und die Kenntniſſe, die er von den Ueber⸗ bleibſeln der Hauptkunſtwerke der Alten beſaß, gab ihm leider mehr Leichrigkeit davon zu ſprechen, als Faͤhigkeit dergleichen auszufuͤhren. Sein Begleiter, deſſen Geſtalt bewundernswuͤrdig war, und der in dieſer Hinſicht dem jungen Barbgren glich, deſſen 61 Zuͤge aber einen rauhen und bäuriſchen Ausdruck hat⸗ ten, war der in der Ringſchule(Palaͤſtra) wohlbe⸗ kannte Kaͤmpfer Stephanos. Verweilen wir etwas hier, mein Freund, ſagte der Kuͤnſtler, und holte ſeine Bleiſtifte, bis daß ich die Umriſſe dieſes jungen Herkules genommen habe. Ich daͤchte, Herkules waͤre ein Grieche, antwortete der Kaͤmpfer; aber dieſes eingeſchlafene Vieh iſt ein Barbare. Sein Ton verrieth, daß er beleidigt war, und der Maler beeilte ſich, ſeinen Mißmuth zu ſtillen, den er, ohne daran zu denken, erregt hatte. Stephanos, unter dem Beinamen Kaſtor bekannt, war durch ſeine Leibesuͤbungen ſehr beruͤhmt, und war fuͤr den armen Kuͤnſtler eine Art von Schutzherr; der Ruf, den er genoß, konnte auch dazu beitragen, die Faͤhigkeiten ſeines Freundes bekannt zu machen. Die Schoͤnheit und Staͤrke, ſagte der geſchickte Zeichner, gehoͤren keinem Volke ausſchließlich an; und moͤge mir unſere Muſe niemals ihre Gunſt ſchenken, wenn ich nicht das groͤßte Vergnuͤgen darin finde, jene beiden Eigenſchaften zu vergleichen ſowie ſie ſich in den wilden und unwiſſenden Nordlaͤndern vorfin⸗ den, und wie ſie in dem Guͤnſtlinge eines gebildeten Volkes vorhanden ſind, welcher die hoͤchſte gymnaſti⸗ ſche Kunſt mit den ausgezeichnetſten natuͤrlichen Ga⸗ ben verbindet, was wir nur in den Meiſterwerken des Phidias und Praxiteles oder in den lebendigen 62 Muſterbildern von den Kaͤmpfern des alten Gymna⸗ ſiums vereinigt finden koͤnnen. Ich gebe zu, daß dieſer Waͤringer ein ſchoͤner Mann iſt, erwiederte der Ringkaͤmpfer mit beſaͤnftig⸗ ter Stimme; aber der arme Wilde hat vielleicht in ſeinem ganzen Leben keinen Tropfen Oel auf ſeine Bruſt gegoſſen bekommen. Herkules fuͤhrte die Iſth⸗ miſchen Spiele ein.. Aber was hat er da neben ſich im Schlafe und unter ſeiner Baͤrenhaut? rief der Kuͤnſtler aus. Iſt das nicht eine Keule? Gehen wir, gehen wir, mein Freund! ſagte Stephanos, waͤhrend ſie den Schlaͤfer in der Naͤhe be⸗ trachteten. Weißt du nicht, daß dieß gewoͤhnliche Waffe dieſer Barbaren iſt? Sie kriegen nicht mit Schwertern und Lanzen, um Weſen von Fleiſch und Blut zu bekämpfen; ſondern ſie gebrauchen Keulen und Streitaͤrte, als wollten ſie Glieder von Stein und Muskeln von Eichenholz abhauen. Ich wollte meinen Kranz verwetten, daß er hier iſt, um irgend einen Vornehmen gefangen zu nehmen, der die Re⸗ gierung beleidigt hat; denn ſonſt wuͤrde er nicht ſo furchtbar gewaffnet ſeyn. Komm, mein Freund Ly⸗ ſimachus, komm, wir wollen den Schlaf des Baͤren nicht ſtoͤren. Bei dieſen Worten ging der Kaͤmpfer der Ring⸗ ſchule ſeines Weges, und ſah aus, als haͤtte er weni⸗ 63 ger Selbſtvertrauen, als ſein Wuchs und ſeine Staͤrke ihm haͤtte einflößen ſollen. Neue Wanderer kamen vorbei, aber ihre Zahl nahm mit zunehmender Nacht ab. Zwei Weiber aus der niederen Klaſſe warfen einen Blick auf den Schlaͤfer — Heilige Marie! ſagte die Eine, dieſer junge Menſch erinnert mich an das morgenlaͤndiſche Maͤhrchen von dem Geiſte, welcher einen tapferen und jungen Fuͤr⸗ ſten Egyptens aus ſeinem Brautgemache entfuͤhrte, und ihn ſchlafend am Thore von Damaskus nieder⸗ legte. Ich will dieſes arme Lamm wecken, damit ihm der Abendthau nicht ſchade. Nicht ſchade! wiederholte ihre aͤltere Begleite⸗ rin, deren Miene etwas Muͤrriſches hatte; kommt, kommt, er wird ihm nicht mehr ſchaden, als einem wilden Schwane das kalte Waſſer des Cydnus.— Ein Lamm, wahrhaftig! meiner Treu! es iſt ein Wolf oder Baͤr, oder zum allerwenigſten, ein Waͤringer; kein ehrbares Frauenzimmer moͤchte einem ſo unge⸗ ſchliffe nen Barbaren ein Wort goͤnnen. Ich will euch zaaihlen⸗ was mir einer dieſer Angeldaͤnen gethan aL... Bei dieſen Worten zog ſie ihre Gefaͤhrtin mit fort, welche ihr etwas ungerne folgte, und ihr Geſchwaͤtz kaum anhoͤrte, aber ſich oͤfters umwendete, um den ſchlafenden Fremdling zu betrachten. Der voͤllige Untergang der Sonne, und das faſt gleichzeitige Verſchwinden der Abenddämmerung, wel⸗ 64 che in dieſem an den Wendekreis ſo nahe graͤnzenden Lande nur von ſehr kurzer Dauer iſt(ein großer Vortheil der noͤrdlicheren Himmelsſtriche iſt die laͤngere Dauer dieſes ſanften und ruhigen Lichtes) war fuͤr die Stadt⸗ waͤchter das Zeichen, die beiden Fluͤgel des goldenen Thores zu ſchließen; ein kleines Pfoͤrtchen nur ver⸗ ſchloſſen ſie mit einem einzigen Riegel, um diejenigen, welche durch Geſchaͤfte noch ſpaͤter außerhalb der Stadt verweilen konnten, und ſich zur Entrichtung eines kleinen Trinkgeldes verſtanden, einzulaſſen. Die Lage des Waͤringers und ſein Schlaf entgingen nicht den Blicken der Stadtwaͤchter, welche zu dem gewoͤhnlichen Griechiſchen Militaͤr gehoͤrten, von dem hier ein Po⸗ ſten war. 3 8 Bei Kaſtor und Pollur! ſagte der Centurione; denn die Griechen ſchwuren noch bei ihren alten Gott⸗ heiten, obwohl ſie ſie nicht mehr anbeteten, und hat⸗ ten auch noch, obwohl in ihren Sitten ausgeartet, die militairiſchen Grade beibehalten, mit welchen die tapferen Römer die Welt erſchuͤttert hatten. Bei Kaſtor und Pollux! Kameraden! wir koͤnnen an die⸗ ſem Thore kein Gold ärnten, wie uns die Sage ver⸗ heißen hat; aber unſer Fehler iſt es, wenn wir hier nicht eine gute Aernte in Silber machen: und obgleich das goldene Zeitalter das älteſte und ehrwürdigſte iſt⸗ ſo iſt es doch in dieſem entarteten Jahrhunderte ſchon viel, wenn man das minder gute Metall zu Geſichte bekommt. 65 Wir waͤren nicht werth, den braven Centurio⸗ nen Harpax an unſerer Spitze zu haben! antwortete ein Soldat von der Wache, deſſen bis auf einen Haar⸗ buͤſchel geſchorener Kopf den Muſelmann verrieth, wenn wir das Silber nicht als hinlaͤnglichen Grund, uns in Bewegung zu ſetzen, betrachteten, wo es un⸗ moͤglich iſt uns Gold zu verſchaffen. Und bei der Treue eines braven Mannes! ich glaube, wir koͤn⸗ nen kaum die Farbe davon angeben, denn es iſt wohl viel Silber aus dem kaiſerlichen Schatze gekommen, und in den Beuteln der Privatleute, von dem wir nichts geſehen haben. Aber das Silber, von dem ich ſpreche, ſollſt du mit eigenen Augen ſehen, und du ſollſt es in dem Beutel klingeln hoͤren, der unſern gemeinſchaftlichen Schatz enthaͤlt. Der ihn enthielt, wollt ihr ſagen, tapfrer An⸗ fuͤhrer. Aber ich wuͤßte nicht, was dieſer Beutel heute enthaͤlt, außer einigen elenden Kupferſtuͤcken, für die wir uns etwas eingemachtes Gemuͤſe und geſalzene Fiſche kaufen koͤnnen, um unſere Ration verfaͤlſchten Wein hinunterzuarbeiten. Ich ſchenke gern dem Teufel meinen Theil an dem, was darin iſt, wenn unſer Beutel oder Topf einige Anzeichen eines reicheren Zeitalters als des kupfernen darbie⸗ ten ſollte. Ich will unſern Schatz fuͤllen, entgegnete der Centurione, und wenn er noch trockener waͤre, als W. Spott's ſaͤmmtl. Werke. 1638 Böoch, 5 66 er iſt. Stellt euch an das Pfoͤrtchen, ihr Herren, bedenket, daß wir die kaiſerliche Wache ſind, oder was daſſelbe iſt, die Wache der Kaiſerſtadt; und laſſet Nie⸗ manden zu ſchnell an euch vorbeigehen.— Jetzt, wo wir an unſerem Poſten ſind, will ich euch erklaͤren... Doch noch einen Augenblick Geduld, ſetzte der tapfere Conturione hinzu. Sind wir denn hier lauter wahre Bruͤder? kennet ihr denn auch alle alten und loͤbli⸗ chen Gewohnheiten unſerer Wache,— das Geheim⸗ niß uͤber Alles zu bewahren, was zum Vortheil und Nutzen unſerer Compagnie iſt, die gemeinſchaftliche Sache zu unterſtuͤtzen und beguͤnſtigen, ohne Ange⸗ berei und Verrath? Ihr ſeyd ja dieſe Nacht ganz erſtaunlich arg⸗ wöhniſch, antwortete derſelbe Wachſoldat. Ich denke, zwer haben euch in viel wichtigeren Geſchichten unter⸗ ſtuͤtzt, ohne Angeber zu machen.— Habt ihr die mit dem Juwelenhaͤndler vergeſſen? Das war weder das goldene, noch ſilberne Zeitalter, ſondern wenn je Dia⸗ manten. 3 Ruhig! guter unglaͤubiger Ismael;— Dank dem Himmel, wir haben hier alle Religionen, und wir koͤnnen folglich hoffen, daß die rechte unter uns iſt.— Ruhig! ſage ich dir; du brauchſt nicht alte Geheimniſſe auszuſchwatzen, um zu beweiſen, daß du neue bewahren kannſt. Komm hierher; ſieh durch das Pfoͤrtchen auf die Steinbank im Schatten des . 67 großen Thores.— Sage mir, alter Kamerad: was ſiehſt du da? Einen ſchlafenden Mann.— Beim Himmel! ſo⸗ viel ich beim Mondlichte ſehen kann, ich glaube, es iſt einer dieſer Barbaren, einer dieſer Inſulaner⸗Hunde, worauf der Kaiſer ſo großes Vertrauen ſetzt. Und findet dein fruchtbares Gehirn in ſeiner. Lage nichts, was ſich zu unſerem Vortheil kehren koͤnnte?. e n. Ja wahrlich. Sie haben eine ſtarke Loͤhnung obwohl ſie nur Barbaren, nur heidniſche Hunde ſind im Vergleich mit uns übrigen Muſelmaͤnnern und Nazarenern. Dieſer Dummkopf hat ſich betrunken, und hat nicht fruͤhe genug den Weg nach ſeiner Ca⸗ ſerne finden koͤnnen. Er wird eine harte Strafe be⸗ kommen, wenn wir ihn nicht herein laſſen wollen, und um uns dazu zu vermoͤgen, muß er den ganzen Inhalt ſeines Guͤrtels in unſere Haͤnde ausleeren. Zum allerwenigſten! zum allerwenigſten! riefen die Soldaten von der Stadtwache mit haſtiger Stim⸗ me aus, ſuchten aber leiſe zu ſprechen. Und das iſt Alles, wozu ihr eine ſolche Gelegen⸗ heit benutzen wollt? ſagte Harpax mit Verachtung. Nein, meine Kameraden. Wenn dieſes auslaͤndiſche Thier uns entſchluͤpft, ſo ſoll es uns wenigſtens ſeine Haut laſſen. Seht ihr nicht den Glanz ſeines Hel⸗ mes und Harniſches? er ſcheint mir ſchoͤnes und gu⸗ tes Silber zu verrathen, obwohl es moͤglich iſt, daß 68 die Platte nicht große Dicke hat. Das iſt die Silber⸗ mine, von der ich euch ſprach, und welche die geſchickten Haͤnde bereichern wird, welche ſie zu bearbeiten ver⸗ ſtehen. Aber, ſagte ſchuͤchtern ein junger Grieche von der Wache, welcher vor kurzem erſt in dieſes Corps getreten war, und der ſeinen Geiſt noch nicht kannte, dieſer Barbare, wie ihr ihn nennt, iſt ebenſo gut ein Soldat des Kaiſers, und wenn wir uͤberführt werden, daß wir ihm ſeine Waffen genommen haben, ſo kann man uns mit Recht, wegen dieſes Militair⸗ vergehens beſtrafen. Hoͤret doch den neuen Lykurg an, der uns unſere Pflichten lehren will! ſagte der Centurione. Wiſſe, junger Menſch, erſtens daß die Metropolitanwache niemals ein Verbrechen begehen kann, zweitens, daß ſie folglich niemals eines ſolchen uͤberfuͤhrt werden kann. Nehmt an, wir ſehen einen Barbaren, einen Waͤringer, wie dieſen Schlaͤfer da, vielleicht einen Franken oder irgend einen Andern dieſer Fremdlinge, deren Namen gar nicht auszuſprechen ſind, herum⸗ ſtreifen, ſollen wir da, waͤhrend ſie uns dadurch be⸗ ſchimpfen, daß ſie die Tracht und Waffen der wahren Noͤmiſchen Soldaten tragen, ſollen wir, die wir mit der Vertheidigung eines wichtigen Poſtens beauftragt ſind, einen ſo verdaͤchtigen Menſchen durch unſre heim⸗ liche Thuͤre ſchluͤpfen laſſen, und Gefahr laufen, zu⸗ gleich das goldene Thor und die goldenen Herzen“ 69 welche es vertheidigen, zu verrathen, das Thor Preis zu geben und unſre Haͤlfe im eigentlichſten Sinne ab⸗ ſchneiden zu laſſen? 3 Dann laſſet ihn vor dem Thore draußen, erwie⸗ derte der neugeworbene Soldat, wenn ihr ihn zu gefaͤhrlich findet. Was mich anbelangt, ſo wuͤrde ich mich nicht vor ihm fuͤrchten, wenn er dieſe zwei⸗ ſchneidige Art nicht haͤtte, die unter ſeinem Mantel hervorſieht, und deren Glanz unheilverkuͤndender iſt, als der des Kometen, von dem die Sterndeuter ſo viel Seltſames prophezeiht haben. Wir ſind voͤllig einig, antwortete Harpar. Du ſprichſt als beſcheidener junger Menſch und mit Ver⸗ ſtand; und ich verſpreche dir, daß, wenn wir dieſen Barbaren auspluͤndern„ der Staat nichts dabei ver⸗ liert. Jeder dieſer Wilden hat eine doppelte Bewaff⸗ nung: die eine Art iſt damascirt, und mit Gold, Silber und Elfenbein belegt, wegen des Dienſtes, den ſie im Pallaſte des Kaiſers zu verrichten haben; die andern ſind mit dreifachem Erze beſchlagen, ſchwer, plump und unwiderſtehlich. Wenn wir daher dieſem verdaͤchtigen Dummkopfe ſeinen ſilbernen Helm und Harn iſch nehmen, ſo fuͤhren wir ihn nur zu ſeinen gewoͤhnlichen Waffen zuruͤck, und er kann darum im⸗ mer diejenigen behalten, welche er zur Erfuͤllung ſei⸗ ner Pflichten noͤthig hat. Sehr wohl; aber dieſe Vernunftſchluͤſſe berech⸗ tigen uns zu nichts weiter, als dieſem Waͤringer ſeine 70 Waffen zu nehmen, um ſie ihm morgen fruͤhe wie⸗ der zurückzugeben, wenn ihm nichts vorzuwerfen ſeyn ſollte. Dagegen iſt es mir in den Sinn gekommen, daß wir ſie zu unſerem Vortheile einziehen ſoll⸗ ten. Verſteht ſich von ſelbſt; das iſt auch der Ge⸗ brauch unſeres Corps ſeit den Zeiten des trefflichen Centurionen Siſyphos geweſen; denn damals wurde zum erſten Male beſchloſſen, daß alle eingeſchwaͤrzten Waaren, alle verdaͤchtigen Waffen u. ſ. w., welche waͤh⸗ rend der Nacht in die Stadt eingefuͤhrt wuͤrden, zum Vortheile der Wachſoldaten eingezogen werden ſoll⸗ ten; und wenn der Kaiſer findet, daß die Waaren oder Waffen ungerechter Weiſe ergriffen worden ſind, ſo denke ich, daß er genug Reichthum hat um den verletzten Theil zu entſchädigen. Aber doch.... aber doch, ſagte Sebaſtes von Mitylene, der junge Griechiſche Rekrute, wenn der Kaiſer entdeckte.. Eſel der du biſt! entgegnete Harpar, er koͤnnte es nicht entdecken, und wenn er alle Augen des Ar⸗ gus haͤtte. Wir Zwoͤlfe hier ſind nach den Geſetzen unſeres Corps gehalten alle dieſelbe Geſchichte zu er⸗ zaͤhlen; der Barbare da, wenn er noch etwas Erin⸗ nerung von der Geſchichte behaͤlt, woran ich aber ſehr zweifle, weil die Schlafſtelle, die er gewaͤhlt hat, be⸗ weist, daß er ſtark dem Weinkruge zugeſprochen, wird nur ein dummes Maͤhrchen erzaͤhlen koͤnnen, 71 wie er ſeine Waffen verloren, was wir meine Her⸗ ren, ſetzte er hinzu, und warf rings herum auf alle ſeine Geſellen einen bedeutungsvollen Blick, natuͤr⸗ lich ſtracks laͤugnen werden; ich denke wir haben da⸗ zu Muth genug; wem wird man am meiſten glau⸗ ben? ich denke doch wahrlich den Cavalieren von der Stadtwache. Gerade das Gegentheil, ſagte Sebaſtes; ich bin zwar weit von hier zu Hauſe, aber doch habe ich auf der Inſel Mitylene ſprechen hoͤren, daß die Cavaliere von der Conſtantinopolitaniſchen Stadtwache ſo aus⸗ gemachte Luͤgner waͤren, daß man dem Schwure ei⸗ nes einzigen Barbaren mehr Glauben beimaͤße, als dieſem ganzen chriſtlichen Corps, wenn nehmlich ei⸗ nige Chriſten darunter ſind; ſo zum Beiſpiel ſehe ich ein ſchwarzbraunes Geſicht, das auf dem Kopfe nur einen Haarbuͤſchel hat. Trotz dem, entgegnete der Centurione mit duͤ⸗ ſterer und unheilweiſſagender Miene, giebt es einen Ausweg, daß uns die Geſchichte keine Unannehmlich⸗ keiten zuziehen kann. Sebaſtes heftete ſeine Augen auf den Anfuͤhrer; legte die Hand an den Griff eines orientaliſchen Dol⸗ ches, den er bei ſich fuͤhrte, um zu fragen, ob er ihn recht verſtanden haͤtte. Der Centurione nickte beja⸗ hend mit dem Kopfe. So jung ich bin, ſagte Sebaſtes, ſo war ich doch ſchon fuͤnf Jahre Seeraͤuber auf verſchiedenen Mee⸗ 7² ren; drei Jahre habe ich in den Gebirgen wegegela⸗ gert und jetzt habe ich zum erſten Male geſehen und gehoͤrt, wie ein Mann in einem ſolchen Falle ſich be⸗ ſinnen kann, das einzige Mittel zu ergreifen, das ei⸗ nem Tapferen in einer dringenden Angelegenheit zu⸗ kommt. Harpar ſchuͤttelte dem jungen Soldaten die Hand zum Zeichen, daß er ſeine entſchiedene Meinung theilte; aber doch zitterte ſeine Stimme, als er wie⸗ der das Wort nahm.— Wie ſollen wir's anfangen? fragte er den Sebaſtes, welchen er als Rekruten an⸗ fangs als den ſchlechteſten Soldaten des Corps be⸗ trachtet hatte, der aber ploͤtzlich in ſeiner Achtung aufs Hoͤchſte geſtiegen war. Eiinerlei wie, antwortete der Inſulaner, ich ſehe da Bogen und Pfeile; und wenn kein Anderer ſie zu fuͤhren verſteht.... 4 Das ſind nicht die gewoͤhnlichen Waffen unſres Corps, ſagte der Centurione. Ihr ſeyd wirklich herrlich die Stadtthore zu be⸗ wachen, erwiederte der junge Soldat mit höhniſchem Lachen. Immerhin! ich verſtehe wie ein Scythe zu ſchießen. Gebet mir nur ein Zeichen mit dem Kopfe und ein Pfeil ſoll ihm den Hirnſchaͤdel zerſchmettern und ins Gehirn dringen, einen zweiten ſende ich ihm gerade ins Herz. 3 Brav! mein edler Kamerad, ſagte Harpar mit erzwungener Freude, aber ganz leiſe, aus Achtung 73 vor dem Schlafe des Waͤringers:— gerade ſo waren die Räuber des Alterthumes, ein Diomedes, Cory⸗ netes, Sinius, Scyron und Prokruſtes. Halbgoͤtter mußten zur Huͤlfe gerufen werden, um, wie man es unrichtig nannte, uber ſie Gericht zu halten; und ihre Nachfolger und Handwerksgenoſſen werden eben⸗ falls ſo lange auf dem Feſtlande und den Inſeln Griechenlands Herren bleiben, bis wieder Herkules und Theſeus auf der Erde erſcheinen. Doch ſchieße lieber nicht, mein tapferer Sebaſtes; ſpanne nicht die⸗ ſen Bogen, mein achtbarer Mitylener:— du moͤch⸗ teſt ihn nur verwunden, ohne ihn zu toͤdten. Weil ich darin ſo wenig geuͤbt bin! ſagte Se⸗ baſtes und lies abermals ein mißtoͤniges und ſpoͤtti⸗ ſches Lachen erſchallen, welches die Ohren des Centu⸗ rionen zerriß, obwohl er ſich kaum zu ſagen vermochte warum er es ſo beſonders unangenehm fand. Wenn ich mich nicht vorſehe, ſagte Harpax zu ſich, ſo kann es zwei Centurionen der Wache ſtatt Eines geben. Ich muß auf dieſen Mitylener ein wachſames Auge haben. Dann nahm er einen gebie⸗ teriſchen Ton an, und ſagte laut zu ihm:— Höre, junger Menſch; es iſt zwar traurig, einen Anfaͤnger zu entmuthigen. Doch wenn du ſo, wie du uns⸗ ſagſt, auf dem Meere und in den Vaͤldern gelebt haſt, ſo mußt du verſtehen mit dem Dolche umzuge⸗ hen: da iſt ein betrunkener oder ſchlafender Menſch, 74 wir wiſſen nicht wer.— Auf jeden Fall wirſt du mit ihm fertig.. Und was wird es mir eintragen, wenn ich ei⸗ nen trunkenen oder ſchlafenden Menſchen ermorde, edler Centurio? fragte der Grieche.— Doch vielleicht moͤchtet ihr lieber ſelbſt dieſe Muͤhe uͤbernehmen, ſetzte er etwas ſpoͤttiſch hinzu. Thue, was dir befohlen iſt, Freund, entgegnete Harpax, und zeigte ihm die Thurmtreppe, welche von der Mauerſpitze bis zum gewoͤlbten Eingang un⸗ ter der Halle fuͤhrte. Er hat wirklich einen ſchleichenden Katzenſchritt, brummte halblaut der Centurio, waͤhrend die Schild⸗ wache von der Mauer herabſtieg, um ein Verbrechen zu begehen, das ſie ihrer Pflicht gemaͤß haͤtte verhin⸗ dern ſollen.— Man muß dieſem jungen Hahn den Kamm ſtutzen, ſonſt wird er Herr im Huͤhnerhaus. Doch wollen wir abwarten, ob ſeine Hand ſo fertig iſt, als ſeine Zunge, und dann ſehen, wie man ſich zu benehmen hat. Während Harpax ſo zwiſchen ſeinen Zähnen murmelte, und mehr mit ſich ſelbſt als ſeinen Spießgeſellen ſprach, trat der Mitylener unten aus dem gewölbten Thore, und ging auf den Fußſpitzen, aber ſehr ſchnell und in dem tiefſten Schweigen vorwärts. Sein Dolch, den er im Herunterſteigen aus der Scheide gezogen hatte, glänzte in ſeiner Hand, welche er aber etwas hinter ſich hielt, um ihn nicht ſehen zu laſſen. Der Mörder 75 neigte ſich kaum eine Sekunde über den Schläfer, um den Zwiſchenraum zwiſchen dem ſilbernen Harniſch und ſeinem Leibe, welcher kaum davon bedeckt wurde, zu erſpähen; aber in dem Angenblicke, wo der Stoß ge⸗ ſchah, erhob ſich der Wäringer mit Blitesſchnelle, drückte den bewaffneten Arm des Meuchelmörders mit dem Stiele ſeiner Streitaxt zurück, und verſetzte, in⸗ dem er alſo den ihm beſtimmten Stoß abwendete, dem Griechen einen ſo furchtbaren dagegen, wie dieſer nie in der Ringſchule gelernt hatte, auszuführen. Se⸗ baſtes hatte kaum Zeit, ſeine Kameraden, welche auf der Mauer waren, zur Hülfe zu rufen. Sie hatten den ganzen Vorgang mit angeſehen, und wurden nun gewahr, wie der Wäringer einen Fuß auf ihren am Boden liegenden Spießgeſellen ſetzte, und ſeine furcht⸗ bare Waffe in der Luft ſchwang, ſo daß das Gewölbe von ihrem unheilweiſſagenden Pfeiffen widerhallte; doch hielt er einen Augenblick mit erhobener Axt inne, bevor er ſeinem Feinde den letzten Schlag verſetzte. Unter der Wache entſtand eine Bewegung, als wollten Einige hinabgehen, um dem Sebaſtes beizuſtehen, ohne jedoch einen großen Eifer zu bezeigen; aber Harpay befahl ihnen eiligſt mit halblauter Stimme, davon ab⸗ zuſtehen. Jeder bleibt auf ſeiner Stelle, was da auch kom⸗ men mag, ſagte er zu ihnen. Ich ſehe einen Haupt⸗ mann von der Leibwache herannahen. Das Geheimniß weiß Niemand als wir, wenn der Wilde den Mitylener 76 getödtet hat, wie ich großen Grund habe zu glauben, da er weder Hand noch FJuß rührt. Aber wenn er noch kebt, Kameraden, ſo zeigt. ihr eine gleichgültige Stirne: er iſt Einer gegen uns Zwölfe. Wir wiſfen nichts von ſeinem Vorhaben, als daß er hinabgegangen iſt, um zu ſehen, warum dieſer Barbar ſo nahe bei unſrem Poſten ſchlief. Während der Centurio ſich auf dieſe Weiſe beeilte, ſeinen Wachkameraden halblaut ſeine Verhaltungsbe⸗ fehle zu ertheilen, trat ein Krieger von achtunggebie⸗ tender Geſtalt in reichem Waffenſchmucke auf: ſein hoher Helmbuſch erglänzte noch im Mondſcheine, als er in den Schatten des Gewölbes getreten war. Die Wachen, welche oben auf dem Thore waren, ſprachen einige Worte leiſe zu einander in's Ohr. Schiebt den Riegel vor; ſchließt das Thor; mag aus dem Mitylener werden, was da will, ſagte der Centurio; wir ſind verloren, wenn wir eingeſtehen, daß er zu uns gehört. Da iſt Akoluthos ſelbſt, der Befehlshaber der Wäringer. 1 4 Nun! Hereward, ſagte der Offizier, welcher zu⸗ letzt auf den Schauplatz getreten war, in einer Art fränkiſcher Sprache, welche im Allgemeinen unter den Barbaren der Leibwache gebräuchlich war, haſt du einen Nachtfalken gefangen? Ja, bei Sankt Georg! erwiederte der Soldat; doch würde man ihn in meinem Lande nur Sperber nennen. 77 Wer iſt es? Das mag er euch ſelber ſagen, wenn ich ihm den Fuß von der Kehle genommen habe. So nimm ihn weg. Der Engländer that, was ihm befohlen wurde; aber ſobald ſich der Mitylener befreit ſah, entſchlüpfte er mit einer unglaublichen Behendigkeit, und trat ei⸗ lends aus dem Bogengange; dann benuttte er die ver⸗ ſchlungenen Zierrathen, welche urſprünglich das Aeußere des Thores geſchmückt hatten, und lief an den Strebe⸗ pfeilern und Vorſprüngen herum, wobei ihm der Wä⸗ ringer ſtets auf den Ferſen folgte, aber durch die Laſt ſeiner Waffen den leichtfüßigen Griechen einzuholen verhindert wurde, der ihm ein Hinderniß nach dem an⸗ dern zu überſteigen gab. Der Offizier lachte aus vol⸗ lem Halſe, als er dieſe beiden Geſtalten mit derſelben Geſchwindigkeit in ihrem Laufe um den Triumphbogen des Theodoſius herum verſchwinden und wieder zum Vorſchein kommen ſah. Beim Herkules! ſagte er, das iſt als wie Hektor von Achilles um die Mauern von Troja gejagt wurde; aber mein Pelide wird ſchwerlich den Sohn des Pria⸗ mus erreichen. Heda! Sohn der Göttin! Sohn der weißfüßigen Thetis! Aber der Barbar verſteht nicht die Anſpielung. Holla, Hereward! halt ein! Höre doch wenigſtens deinen barbariſchen Namen. Dieſe tetzten Worte wurden nur halblaut geſprochen, dann ſetzte er mit erhobener Stimme hinzu:— Bringe dich 78 nicht zu ſehr außer Athem, guter Hereward; ſpare deine Lunge: Du kannſt ſie noch dieſe Nacht brauchen. Wenn doch mein Gebieter gewollt haͤtte, antwor⸗ tete der Wäringer, welcher mißmuthig zurückkam, und von dem ſtarken Laufen kaum athmen konnte, ich hätte ihn, ehe ich von der Jagd abgelaſſen, ſo ſicher bekom⸗ men, wie je ein Windhund einen Haſen. Ohne dieſe dumme Waffe, welche einen Menſchen belaͤſtigt ohne ihn zu ſchützen, hätte ich ihn in zwei Sätzen an der Kehle gehabt. Es iſt gut, daß du ihn nicht erreicht haſt, ſagte der Offizier, welcher in der That ſeinem Namen Ako⸗ luthos nach ein Verfolger war: er hieß nehmlich alſo wegen der Pflicht, die dem Anführer der Wäringer oblag, beſtändig der Perſon des Kaiſers zu folgen. Aber denken wir daran, wie wir in die Stadt kommen wol⸗ len; denn wenn, wie ich vermuthe, dieß Einer von der Wache war, der dir einen Streich ſpielen wollte, ſo können ſeine Geſellen nicht geneigt ſeyn uns einzulaſſen. Und iſt es da nicht die Pflicht Eurer Edlen, dieſes Bergehen gegen Kriegszucht zu beſtrafen! Stille, mein einfältiger Wilder! ich habe dir, höchſtungebildeter Hereward, ſchon oft geſagt, daß die Schädel der Leute, welche aus eurem kalten und ſchmutzi⸗ gen Böotien des Nordens kommen, tauglicher ſind⸗ zwanzig Schläge eines Schmiedehammers auszuhalten, als nur einen einzigen geiſtreichen oder erfinderiſchen Gedanken hervorzubringen. Aber folge mir, Here⸗ 79 ward; und obwohl ich weiß, daß es beinahe heißt, die Perlen den Schweinen vorwerfen, was die heilige Schrift verbietet, wenn man die feinen Fäden der griechiſchen Politik den groben Augen eines unerfahre⸗ nen Barbaren, wie du biſt, zeigen will, ſo haſt du doch ein gutes und getreues Herz, wie man ſo leicht keines, ſelbſt unter meinen Wäringern, wiederfindet, und ich wünſche, während du mich begleiteſt, dich über einige Punkte dieſer Politik zu beleh⸗ ren. Ich ſelbſt, der Akoluthos, der Anführer der Wä⸗ ringer, der ich durch ihre Streitäxte zum Tapferſten der Tapfern erhoben bin, ich laſſe mich von den Grund⸗ ſatzen dieſer Politik leiten, obwohl ich in jeder Bezie⸗ hung im Stande bin, dem Strome des Hofes durch Ruder und Segel entgegen zu fahren. Es wäre alſo von mir eine Herablaſſung, wenn ich zu der Ausfüh⸗ rung eines Planes mich dieſer Politik bequeme, da doch an dieſem kaiſerlichen Hofe kein Anderer ſo gut als ich mit offener Gewalt zu Werke gehen könnte. — Was meinſt du dazu, mein lieber Wilder? Ich meine, antwortete der Wäringer, der unge⸗ fähr anderthalb Schritte hinter ſeinem Anführer ging, wie heutzutage eine Ordonnanz auf der Seite hinter ſeinem Offizier, ich meine, ich würde mir ungerne den Kopf darüber zerbrechen, was ich auf einmal mit mei⸗ nen Armen ausführen könnte. Das iſt's ja, was ich ſagte, gab Akoluthos zur Antwort, welcher ſich ſeit einigen Minuten von dem 80 goldnen Thore entfernte, und im Mondſcheine längs den Mauern hinging, und einen andern Eingang ſuchen zu wollen ſchien. Aus ſolchem Stoffe iſt das, was ihr euern Kopf nennet, gemacht; eure Hände und Aerme ſind vollkommene Ahitophel dagegen. Höre mich nun an, du unwiſſendſtes aller Thiere, aber darum eben ſicher⸗ ſter Vertrauter und tapferſter Soldat, ich will dir das Geheimniß dieſes nächtlichen Geſchäftes erklären: obwohl ich zweifle, daß du mich ſelbſt nach dieſer Er⸗ klärung verſtehen wirſt... Meine Pflicht iſt jetzt, Ihro Tapferkeit begrei⸗ fen zu ſuchen, ſagte der Wäringer; ich wollte ſa⸗ gen eure Politik zu begreifen, da ihr ſo gütis ſeyn wollt, ſie mir zu erklären. Was eure Tapferkeit be⸗ trifft, ſetzte er hinzu, ſo würde ich ſehr unglücklich ſeyn, wenn ich ſie nicht in die Länge und Breite zu begreifen glaubte. Der griechiſche General erröthete etwas, aber er antwortete in demſelben Tone:— das iſt wahr, mein guter Hereward; wir haben uns beide auf dem Schlacht⸗ felde geſehen! Hereward konnte ein leichtes Huſten nicht unter⸗ drücken; was die damaligen Grammatiker, welche in der Kunſt die Accente zu ſetzen, ſehr geübt waren, für ein eben nicht großes Lob des kriegeriſchen Mu⸗ thes dieſes Offiziers ausgelegt haben würden. In der That während ihrer ganzen Unterhaltung verrieth das Geſpräch des Generals, trotz ſeines angenommenen 81 wichtigen und hohen Tones, eine ſichtbare Ehrfurcht vor ſeinem Begleiter, wie vor einem Menſchen, der, wenn es die Probe gälte, in einem Gefechte ſich in vieler Hinſicht als einen beſſern Soldaten wie er ſelbſt zei⸗ gen könnte. Wenn ihm auf der andern Seite der kräftige normänniſche Krieger antwortete, ſo beobach⸗ tete dieſer freilich die Gebote der Pflicht und der Kriegszucht, aber die Unterhaltung glich dann biswei⸗ len einer ſolchen, wie ſie vor der Umgeſtaltung der engliſchen Armee durch den Herzog von York zwiſchen einem Offizier, einem unwiſſenden Stutzer, und einem erfahrenen Sergeanten ſeines Regimentes Statt ge⸗ funden haben mochte. Unter einem Anſchein von Ehr⸗ erbietung war ein inniges Gefühl der Ueberlegenheit verborgen, welches der General auch halb und halb anerkannte. Du wirſt wiſſen, mein ſchlichter Freund, fuhr der Anfuͤhrer in demſelben Tone wie vorher fort, um dich nämlich auf dem kürzeſten Wege zu dem wichtig⸗ ſten Grundſatze der am Hofe von Conſtantinopel herr⸗ ſchenden Politik zu führen, daß die Gunſt des Kai⸗ ſers...(hier nahm der Offizier ſeinen Helm ab, und der Soldat ſtellte ſich, als ob er daſſelbe thäte), wel⸗ cher— geheiliget ſey der Ort, wohin er ſeinen Fuß ſetzet!— das belebende Prinzip des Luftkreiſes iſt, worin wir athmen, ſo wie die Sonne, das der Menſch⸗ heit iſt.. W. Scott's ſäͤmmtl. Werke. 1638 Boͤch. 6 82 Ich habe unſere Ofüziere etwas Aehnliches ſagen hören, ſagte der Wäringer. Das iſt ihre Pflicht, euch zu unterrichten, entgeg⸗ nete der Anführer, und ich hoffe, daß auch die Prie⸗ ſter, ſo weit es ſie angeht, nicht verſäumen, meine Wäringer in den fortwährenden Dienſten, welche ſie dem Kaiſer ſchuldig ſind, zu unterrichten. Sie vergeſſen es nicht, antwortete der Soldat, ob⸗ gleich wir Verbannten alle unſere Pflichten ſchon kennen. Gott wolle nicht, daß ich daran zweifle, ſagte der Befehlshaber der Streitäxte. Aber ich wünſche dir begreiflich zu machen, mein lieber Hereward, daß es, obwohl vielleicht nicht unter deinem düſteren und traurigen Himmel, eine Gattung Inſekten gibt, welche beim erſten Strahl des Tageslichtes entſtehen, und mit Sonnenuntergang auch vergehen; weßhalb ſie Ephe⸗ meren genannt werden, d. h. die nur einen einzigen Tag dauern. Daſſelbe iſt der Fall mit einem Günſt⸗ ling am Hofe, ſo lange er die Gewogenheit Seiner hochheiligen Majeſtät beſitzet. Wohl dem, deſſen Glück ſich erhebet, wenn der Herrſcher ſich ſelbſt über die um den Thron ausgebreitete Menſchenmenge erhebt, wohl ihm, wenn es ſich im erſten Schimmer des kai⸗ ſerlichen Ruhmes entfalten kann, und wenn er ſeine Stelle waͤhrend des Glanzes, welchen die kaiſerliche Krone in ihrer Mittagshoͤhe ausſtrahlt, das Vorrecht hat, erſt mit dem letzten Strahle der Kaiſerlichen Sonne zu verſchwinden und zu ſterben. 83 Ihro Tapferkeit, ſagte der Inſulaner, ſpricht eine zu hohe Sprache, als daß ſie mein nordiſcher Verſtand begreifen koͤnnte. Doch duͤnkt es mir, wenn ich denn ein Mal ein Inſekt ſeyn ſollte, rathſamer eine Motte, waͤhrend zwei oder drei Stunden der Finſterniß zu ſeyn, als mit dem Untergang der Sonne zu ſterben. Das iſt der gemeine Wunſch des gewoͤhnlichen Menſchen, Hereward, antwortete Akoluthos, und nahm einen Ton der Ueberlegenheit an; dieſe ſind zufrieden, wenn ſie nur das Leben haben, ohne Aus⸗ zeichnungen zu begehren. Wir dagegen, wir auser⸗ kohrene Weſen, welche den innerſten naͤchſten Kreis um den Kaiſer Alexius bilden, der ſelbſt der Mittel⸗ punkt davon iſt, wir bewachen mit der Eiferſucht ei⸗ nes Weibes die Vertheilung ſeiner Gunſtbezeugungen und bald uns mit Dieſem, bald mit Jenem verbuͤn⸗ dend, laſſen wir keine Gelegenheit entſchluͤpfen, um uns perſoͤnlich vor ſeinen Augen im guͤnſtigſten Lichte darzuſtellen. Ich glaube zu begreifen, was ihr ſagen wollt. Aber ein ſolches raͤnkevolles Leben zu fuͤhren... Doch das kuͤmmert mich nicht. 3 In der That kümmert dich das wenig, mein guter Hereward, und du biſt gluͤcklich, wenn du an dem Leben, das ich geſchildert habe, keinen Geſchmack fin⸗ deſt. Indeſſen habe ich Barbaren im Reiche zu ſehr hohen Aemtern emporſteigen ſehen; und wenn ſie auch .84 nicht ganz jene Biegſamkeit, Schmiegſamkeit, wie man zu ſagen pflegt, und jene gluͤckliche Dehnbar⸗ keit, welche ſich den Umſtaͤnden anzupaſſen weiß, be⸗ ſitzen, ſo habe ich doch Perſonen aus den barbariſchen Staͤmmen gekannt, welche, zumal wenn ſie ſeit ihrer Jugend die Hofluft eingeathmet hatten, mit einem gewiſſen Grade jenes biegſamen Geiſtes eine Hart⸗ näckigkeit des Charakters verbanden, und welche, ohne in der Benutzung der Gelegenheiten ſich auszuzeich⸗ nen, doch eine große Faͤhiakeit in der Schoͤpfung der⸗ ſelben beſaßen, welche gar nicht zu verachten iſt. Aber ohne uns bei Vergleichungen aufzuhalten, ſo geht aus dieſem Wetteifer nach dem Ruhme, d. h. nach der kaiſerlichen Gunſt, welcher unter den Hofdienern Seiner Hochheiligen Majeſtaͤt herrſcht, klar hervor, daß Jeder ſich auszuzeichnen wuͤnſcht, indem er nicht allein dem Herrſcher beweist, daß er die Pflichten des ihm aufgetragenen Amtes vollkommen verſteht, ſondern daß er im Nothfalle auch die der Andern zu erfuͤllen im Stande iſt. 1 Ich begreife, ſagte der Sachſe; und deßwegen ſind die Unterbedienten, die Soldaten, die Gehuͤlfen der Großoffiziere der Krone beſtaͤndig beſchaͤftigt⸗ nicht ſich gegenſeitig zu unterſtuͤtzen, ſondern ihre Handlungen wechſelſeitig auszuſpuͤren. Genau ſo, und vor wenigen Tagen noch habe ich davon einen unangenehmen Beweis gehabt. Ein Jeder, ſo beſchraͤnkt auch ſeine Einſichten ſein moͤgen/ weiß vollkommen, daß der Groß⸗Protoſpathaire, wel⸗ cher Titel, wie du wiſſen mußt, den Oberbefehlshaber aller Streitkraͤfte des Reiches bedeutet, auf mich ei⸗ nen Groll geworfen hat, weil ich der Anfuͤhrer dieſer furchtbaren Waͤringer bin, welche ihrem Verdienſte gemaͤß das Vorrecht genießen, ſeiner unumſchraͤnkten Gewalt, die er uͤber alle andern Theile des Heeres ausuͤbt, nicht unterworfen zu ſeyn: welche Gewalt dem Nikanor ohngeachtet des ſiegreichen Klanges ſei⸗ nes Namens ſo anſteht, wie der Sattel eines Schlacht⸗ roſſes einem Ochſen ſtehen wuͤrde. Wie! rief der Waringer, der Protoſpathaire maßt ſich eine Gewalt uͤber die edeln Verbannten an? Bei dem rothen Drachen, unter welchem wir leben und ſterben wollen, wir werden keiner lebenden Seele gehorchen als dem Alexius Comnenus in Per⸗ ſon und unſern Offizieren. Wohl und brav geſprochen, mein guter Here⸗ ward! aber dein gerechter Unwille darf dich nicht ſo weit hinreißen, daß du den Namen Seiner hochhei⸗ ligen Majeſtaͤt ausſprichſt, ohne die Hand an deinen Helm zu fuͤhren, und ohne die ſeiner Wuͤrde gebuͤh⸗ renden Ehrennahmen beizuſetzen.. Ich werde die Hand ſo hoch und ſo oft als moͤg⸗ lich erheben, wenn es der Dienſt des Kaiſers er⸗ fordert, gab der Bewohner des Nordens zur Antwort. Und ich wollte dafuͤr Bürge ſein, ſagte Achilles Tatius, Befehlshaber der kaiſerlichen Leibwache der 86 Waͤringer, welcher den Augenblick nicht fuͤr gelegen hielt, ſich durch das Beſtehen auf der ſtrengen Beo⸗ bachtung der Foͤrmlichkeitsgeſetze geltend zu machen, obwohl darin eine ſeiner Hauptanfoderungen an den Soldaten beſtand. Indeſſen, fuhr er fort, ohne die heharrliche Wachſamkeit eures Anfuͤhrers, mein Sohn, wuͤrden die edlen Waͤringer in der großen Heeres⸗ maſſe unter den heidniſchen Schaaren der Hunnen, der Scythen und dieſer unglaͤubigen Turbanhaͤupter, dieſer abtruͤnnigen Tuͤrken, verſchwunden ſein; wenn wirklich euer Befehlshaber hier in Gefahr ſchwebt, ſo kommt es daher, weil er den Vorzug ſeiner Streit⸗ aͤrte uͤber die elenden Pfeile der orientaliſchen Horden und über die Wurfſpieße der Mauren, welche nur zum Kinderſpiele taugen, aufrecht erhaͤlt. Ihr ſeid keiner Gefahr ausgeſetzt, wovor euch dieſe Streitaͤxte nicht beſchuͤtzen koͤnnten, ſagte der Soldat, und naͤherte ſich dem Achilles mit zutrauli⸗ cher Miene. Das weiß ich ſehr wohl! Aber deinem Arme al⸗ lein vertraut jetzt der Akoluthos Seiner hochheiligen Majeſtaͤt ſeine Sicherheit an. Berechnet ſelbſt Alles, was ein Soldat leiſten kann, und dann zaͤhlet dieſen einzigen Arm doppelt gegen Jeden, der im Dienſte des Kaiſers ſteht, und nicht von unſerem Corps iſt. Hoͤre mich an, mein tapferer Freund: dieſer Ni⸗ kanor hat die Freiheit gehabt, unſrem edlen Corps — 87 den Vorwurf zu machen, daß es auf dem Schlacht⸗ feld gepluͤndert habe, ja bei allen Goͤttern und Got⸗ tinnen! des noch gottloſeren Verbrechens zu beſchuldi⸗ gen, daß es den koſtbaren Wein, welcher fuͤr den ge⸗ weihten Mund Seiner hochheiligen Majeſtaͤt beſtimmt war, getrunken habe. Da dieſe Anklage in Gegen⸗ wart der hochheiligen Perſon des Kaiſers gemacht wurde, ſo kannſt du dir leicht denken, daß ic... Daß ihr dieſem Unverſchaͤmten geſagt habt, er habe in den Hals hineingelogen, ſchrie der Waͤringer; daß ihr ihm irgendwo in ſeiner Naͤhe einen Beſuch verſprochen, und daß ihr deßhalb eurem armen Sol⸗ daten Hereward d'Hampten den Befehl ertheilt habt euch zu begleiten, fuͤr welche Ehre er euch ſein Le⸗ benlang unterwuͤrfig ſein wird. Ich haͤtte nur ge⸗ wuͤnſcht, ihr haͤttet mich meine gewoͤhnlichen Waffen nehmen laſſen; aber, thut nichts, ich habe meine Streitaxt, und..... Sein Begleiter ergriff den Augenblick um ihn zu unterbrechen, denn er war etwas verlegen uͤber die begeiſterte Sprache des jungen Soldaten. Stille, mein Sohn! ſagte er zu ihm; ſprich nicht ſo laut, mein tapferer Hereward. Du haſt mich falſch verſtanden. Mit dir an meiner Seite wollte ich es ſicherlich mit Fünfen wie Nikanor aufnehmen; aber das erlauben nicht die Geſetze dieſes hochheiligen Kaiſerthumes; dieſes iſt gegen den Willen des drei⸗ mal beruͤhmten Fuͤrſten, welcher jetzt daruͤber gebie⸗ 88 tet. Mein guter Soldat, du haſt dich durch die Prahlereien der Franken, von denen wir mit jedem Tage mehr ſprechen hoͤren, verderben laſſen. Es wuͤrde mir ſehr leid thun, wenn ich etwas von Denjenigen, welche ihr Franken nennet, und die bei uns Normaͤnner heißen, entlehnt haͤtte, ant⸗ wortete der Waͤringer mit unmuthiger Miene und mürriſchem Tone. 2 So höre mich doch, ſagte ihm der Offizier, wäh⸗ rend ſie ihren Weg fortſetzten. Höre die Beweg⸗ gründe meines Verfahrens, und bedenke, ob eine Ge⸗ wohnheit wie das Duell in einem gebildeten, aufge⸗ plärten Lande, und was noch viel mehr iſt, in einem Lande Statt finden kaun, welches das unbeſchreibliche Glück genießt, unter der Herrſchaft eines ſo ſeltenen Fürſten wie Alexius Comnenus zu ſtehen. Zwei Große des Reiches, zwei Großoffiziere haben am Hofe einen Streit in Gegenwart der verehrten Perſon des Kaiſers. Der Zweck betrifft eine Thatſache. Nimm an, auſtatt daß Jeder ſeine Meinung durch Thatſa⸗ chen und Vernunftgründe unterſtützt, bedienen ſie ſich der Gewoynheit dieſer barbariſchen Franken.— Du lügſt in deinen Hals hinein, ſagte der Eine.— Und du bis in deine Lunge, entgegnete der Andere.— Und ſie wollen ſich auf der nächſten Aue in Turnierſchranken bekämpfen. Ein Jeder von ihnen ſchwört, er vertheidige die gute Sache, obwohl wahrſcheinlich Beide nicht genau die Thatſachen kennen. Der Eine davon, vielleicht der 89— Tapferſte, der Tugendhafteſte, der, welcher Recht hat, der Akoluthos des Kaiſers, der Vater der Wäringer — denn der Tod ſchont Niemanden, mein treuer Soldat — bleibt auf dem Platze, und der andere übt wieder an dem Hofe ſeinen Einfluß aus: dagegen, wenn die Sache nach den Vorſchriften der geſunden Vernunft und des Rechtes entſchieden worden wäre, ſo hätte man den Sieger auf das Schaffot gebracht. Und doch iſt ſo das Geſetz der Waffen, wie eure Einbildungskraft es zu nennen beliebt, Freund Hereward!— Wie Ihro Ta⸗ pferkeit beliebt, antwortete der Barbar, in eurer Rede iſt ein Anſchein von Verſtand; aber ihr würdet mir eher glauben machen, daß dieſer ſchöne Mondſchein ſo ſchwarz iſt wie ein Wolfsrachen, als daß ihr mir die Ueberzeugung beibringen könntet, daß ich mich Lügner nennen laſſen ſoll, ohne dieſes Beiwort mit der Spitze meiner Streitaxt in die Kehle desjenigen, der es mir gegeben, zurückzuſchicken. Ein Lügenſtrafen iſt für einen Menſchen ein Schlag, und ein Schlag entwuͤrdigt den Menſchen bis zum Sclaven und Laſtthiere, wenn er ihn hinnimmt, ohne ſich zu rächen. Ja da haben wir's! ſagte Achilles Tatius. Wenn ich euch doch belehren koͤnnte, dieſe eingeborne Bar⸗ barei abzuſchüteln, welche euch, die ihr im Uebrigen die am beſten gezogenen Soldaten im Dienſte Seiner hochheiligen Majeſtät ſeyd, antreibt, Händel und Kaͤm⸗ pfe auf Tod und Leben zu ſuchen.... Herr Befehlshaber, ſagte der Waͤringer mit duͤ⸗ 5 90 ſterem Tone, folget meinem Rathe, und nehmet die Waͤringer ſo wie ſie ſind. Denn glaubt mir auf mein Wort, wenn ihr ihnen beibringen könntet, Beſchul⸗ digungen zu dulden, ſich Lügen ſtrafen zu laſſen und Schlaͤge hinzunehmen, ſo würdet ihr, wenn ihr ſie alſo gezogen hättet, bald erfahren, daß ſie kaum die Ration Salz werth waͤren, welche ſie taͤglich Seiner Heiligkeit koſten, wenn das ſein Titel iſt. Außerdem muß ich euch, tapferer Herr, erklaͤren, daß die Wäringer ihrem Anführer nicht großen Dank wiſſen würden, wenn er ſie heimliche Plünderer, Trunkenbolde und ich weiß nicht was ſchimpfen hörte, und nicht dieſe Anklage im Au⸗ genblicke zurückwieſe. Wenn ich nicht die ſchlimme Laune meiner Bar⸗ baren kennte, ſprach Tatius in ſich hinein, ſo würde ich einen Streit mit dieſen unbaͤndigen Inſulanern an⸗ fangen, welche der Kaiſer ſo leicht dem Joche der Kriegszucht unterwerfen zu können glanbte. Doch werde ich das bald ins Reine bringen.— Demzufolge redete er den Sachſen in einem ſanften Tone an: Mein treuer Soldat, ſagte er zu ihm, wir Rö⸗ mer machen uns einen gleichen Ruhm daraus, nach dem Beiſpiel unſerer Vorfahren die Wahrheit zu ſagen, wie ihr es für rühmlich haltet, euch über eine Lügenſtrafung zu raͤchen. Ich konnte den Nikanor mit Ehren darüber nicht anklagen, weil ſeine Ausſage im Grunde wahr war. Wie! daß wir Wäringer Plünderer, Trunken⸗ „,— 91 bolde und ich weiß nicht was ſonſt noch ſind? ſchrie Hereward mit groͤßerem Ungeſtümme als vorher. Nein, gewiß nicht; nicht in einem ſo ausgedehn⸗ ten Sinne. Und doch war ſeine Anklage nur zu ge⸗ gründet. Wann 2 wo? fragte der Angel⸗Sachſe. Du erinnerſt dich des langen Marſches in der Nähe von Laodicäa, wobei die Wäringer einen unzäh⸗ ligen Schwarm Türken in die Flucht trieben, und ei⸗ nen Zug Kaiſerlichen Gepäckes wiedernahmen? Du weißt, was bei dieſer Gelegenheit vorging.— Soll ich noch ſagen, wie ihr euren Durſt geſtillt habt 2 Ich habe wohl einigen Grund mich daran zu er⸗ innern, ſagte Hereward d'Hampton: wir waren von Staub erſtickt, halb todt vor Müdigkeit, und, was das ſchlimmſte war, beſtändig im Rücken in Kampf verwickelt, als wir einige Weinfäſſer auf zerbrochenen Wagen fanden; und dieſer Wein ging uns durch die Kehle, als wenn es die beſte Ale von Southampton geweſen wäre. Ach! Unglückliche! ſaht ihr denn nicht, daß dieſe Fäſſer das unverletzliche Siegel des dreimal ausgezeich⸗ neten Großkellermeiſters trugen, und für die hochhei⸗ ligen Lippen Seiner Kaiſerlichen Majeſtät beſtimmt waren? Beim guten Sankt Georg des freundlichen Eng⸗ lands, welcher ein Dutzend eurer Sankt George von Kappadocien aufwiegt! ich habe gar nicht daran ge⸗ 9² dacht, Ihro Tapferkeit. Und ich weiß, daß ihr ſelbſt einen guten Schluck davon aus meinem Helme genom⸗ men habt,— zwar nicht aus dieſem ſilbernen Spiel⸗ zeuge, ſondern aus meinem ſtählernen Helme, welcher zwei Mal ſo viel faßt.— Und ich erinnere mich auch daß ihr, als ihr den Staub in eurer Kehle herabge⸗ ſchwemmt hattet, ein anderer Menſch wurdet, und da ihr noch kurz vorher den Befehl zum Rückzuge gabet, auf ein Mal anfinget zu ſchreien:— Noch einen An⸗ griff, meine tapferen und muthigen Britannier! Ja, ich weiß, daß ich in einem Gefechte nur zu ſehr zu verwegenen Handlungen hingeriſſen werde. Aber du irreſt dich, guter Hereward; der Wein, den ich in der höchſten Erſchoͤpfung vom Kampfe getrun⸗ ken habe, war nicht für den perſönlichen Gebrauch Seiner hochheiligen Majeſtaͤt beſtimmt. Er war von ſchlechterem Gehalte und für den Großkellermeiſter be⸗ ſtimmt; und da ich einer der Großoffiziere des kaiſer⸗ lichen Hauſes bin, ſo konnte ich nach den Geſetzen dar⸗ an Theil nehmen.— Es war immer ein unglücklicher Fehler..85 Bei meiner Seele! ich ſehe nicht ein, daß es ein großes Unglück iſt zu trinken, wenn man vor Durſt ſtirbt. Aber beruhige dich, mein edler Kamerade, ſagte Achilles nach ſeiner kurzen Entſchuldigung, und ohne auf das wenige Gewicht, das der Waͤringer auf dieſen Fehler legte, Ruͤckſicht zu nehmen. Seine Kaiſerliche — 95 Majeſtaͤt in ihrer unausſprechlichen Guͤte macht es Keinem von euch zum Vorwurfe, daß er dieſen un⸗ freiwilligen Irrthum begangen hat. Der Kaiſer verwies es dem Protoſpathaire, daß er einen ſolchen Grund zur Klage aufgeſucht hatte, und ſagte ihm, nachdem er ihm die Verwirrung und das Getuͤmmel jenes heißen Tages ins Gedaͤchtniß gerufen hatte:— Es kam mir ſelber ſehr erwuͤnſcht, als ich mitten in dieſem ſiebenfach geheizten Ofen einen Schluck Ger⸗ ſtenwein, wie ihn meine armen Waringer trinken, nehmen konnte; und ich trank auf ihre Geſundheit, nicht ohne Grund; denn ohne ihre getreuen Dienſte waͤre es mein letzter Schluck geweſen. Moͤge es ih⸗ nen wohl ergehen, wenn ſchon ſie meinen Wein dagegen getrunken haben!— Und nach dieſen Wor⸗ ten wandte er ſich um, als haͤtte er ſagen wollen:— Ich habe genug gehoͤrt! Das ſind dumme Geſchich⸗ ten und grundloſe Beſchuldigungen gegen Achilles Tatius und ſeine braven Waͤringer. Der Segen Gottes komme uͤber ihn fuͤr dieſe Rede! ſagte Hereward mit mehr Aufrichtigkeit als Ehrerbietung. Ich will auf ſeine Geſundheit trinken, ſobald ich irgend etwas, das den Durſt loͤſcht, an meine Lippen bringen kann, ſey es Ale, Wein oder Waſſer aus der erſten beſten Pfuͤtze. Brav geſprochen! aber rede nicht ſo laut; und vergiß niemals die Hand an deine Stirne zu fuͤh⸗ ren, ſo oft du den Namen des Kaiſers nenneſt, oder 94 auch nur an ihn denkeſt.— Nun gut! du kannſt dir denken, ehrenwerther Hereward, daß ich, da ich der⸗ geſtalt einen Vortheil errungen hatte, wohl einſah, daß der Augenblick, wo man einen Angriff zurückge⸗ ſchlagen hat, immer günſtig iſt, einen Gegenangriff zu machen. Ich warf alſo dem Protospathairen Nikanor die am goldenen Thore und an anderen Eingängen der Stadt verübten Räubereien vor, namentlich, daß ein Kaufmann, welcher Juwelen für den Patriarchen bei ſich führte, ganz neuerlich angehalten und ermordet worden iſt. Wahrhaftig? Und was ſagte Alex.... ich woll⸗ te ſagen Seine hochheilige Majeſtät, als er dieſes Betragen der Stadtwachen erfuhr?— Zwar hat er ſelbſt, wie ein Sprüchwort auf unſerer Inſel iſt, den Fuchs zum Hüter der Gänſe geſetzt. Sehr möglich; aber er iſt ein Herrſcher, deſſen Politik ſehr tief iſt, und er hat beſchloſſen, nicht eher gegen dieſe meineidigen Wächter und ihren Befehls⸗ haber, den Protospathairen, einzuſchreiten, als bis er entſchiedene Beweiſe in Händen hat. Seine hochhei⸗ lige Majeſtaͤt hat mich daher beauftragt, mir ganz ge⸗ naue durch deine Mitwirkung zu verſchaffen. Und ich hätte ſie auch in zwei Minuten geliefert, wenn ihr mich nicht zurückgerufen hättet, als ich die⸗ ſen herumſtreifenden Strauchdieb verfolgte. Aber Seine Majeſtät weiß, was das Wort eines Wäringer's gilt, und ich kann dieſelbe verſichern, daß die Begier, 95 mein ſilbernes Wamms, das man ſehr unrichtig Har⸗ niſch nennt, zu bekommen, oder der Haß gegen meine Perſon den Erſten beſten dieſer Niederträchtigen be⸗ wegen können, einem ſcheinbar ſchlafenden Waͤringer, die Kähle abzuſchneiden. Daher, mein Befehlshaber denke ich, daß wir dem Kaiſer über den Vorfall dieſer Nacht Bericht abſtatten werden? Nein, mein eifriger Soldat. Wenn du ſelbſt dieſen elenden Flüchtling eingeholt haͤtteſt, ſo hätte ich ſogleich darauf bedacht ſein müſſen ihn wieder in Freiheit zu ſetzen; und es ergehet jetzt mein Befehl an dich, dieſes Abenteuer zu vergeſſen. Ah! das iſt in der That eine Veränderung der Politik, Ja wohl, mein tapferer Hereward. Bevor ich dieſen Abend aus dem Pallaſte ging, ließ mir der Pa⸗ triarch Anerbietungen zur Ausſöhnung mit dem Pro⸗ toſpathairen machen; und weil es für den Staat ſehr wichtig iſt, daß wir in gutem Vernehmen zu ein⸗ ander ſtehen, ſo konnte ich mich weder als guter Sol⸗ dat, noch als guter Chriſt dagegen weigern. Alles, was meine Ehre beleidigen konnte, ſoll vollſtaͤndig vergütet werden; dafür bürgt mir das Wort des Pa⸗ triarchen. Der Kaiſer, der lieber die Augen zudrük⸗ ken, als Zwietracht ſehen will, wünſcht, daß die Sache ſo beigelegt wird. Und die Vorwürfe gegen die Waͤringer. Die ſollen vollſtändig zurückgenommen werden; und 96 als Schadloshaltung wird dem Corps der Angel⸗ Däniſchen Streitäxte ein Geſchenk in Gold gemacht. Du kannſt den Vertheiler davon machen, mein guter Hereward; und wenn du dich dabei verſtaͤndig benimmſt, ſo kannſt du deine Streitaxt mit Gold uͤberziehen. Ich mag ſie lieber, ſo wie ſie iſt, ſagte der Waͤ⸗ ringer. Mein Vater trug ſie in der Schlacht von Ha⸗ ſtings gegen die Normänniſchen Räuber.— Eiſen ſtatt Gold, das iſt meine Münze. Du haſt die Wahl, Hereward, antwortete ſein Anführer. Aber, wenn du arm bleibſt, ſo haſt du es nur dir zuzuſchreiben. In dieſem Augenblicke kamen der Offizier und der Soldat bei ihrem Wege um die Mauern Conſtan⸗ tinopel's vor einem fehr kleinen Pförtchen oder Aus⸗ fallthore an, welches in ein großes und ſtarkes Außen⸗ werk führte, das bis zu einem Eingange der Stadt fortlief. Hier blieb der Offizier ſtehen mit denſelben Zeichen von Ehrerbietung, wie ein Andächtiger ehe er in die Kapelle einer Schutzheiligen tritt. „ 97 Drittes Kapit el. Hier, Juͤngling, ab den Schuh, Hier, Juͤngling, blos das Haupt, Du trittſt der Schwelle zu, Die jeden Schmuck Dir raubt. Wandle verſtohlen hin, Wie ſich der Hirſch gewoͤhnt, Wenn durch des Waldes Gruͤn, Des Jaͤgers Horn ertoͤnt. Der Hof. Ehe er eintrat, machte Achilles Tatius verſchie⸗ dene Geberden, welche der unerfahrene Wäringer un⸗ geſchickt und täppiſch nachmachte. Er war faſt immer mit ſeinem Corps im Felddienſte geweſen, und erſt ganz vor Kurzem, als die Reihe an ihn kam, zur Garniſon von Conſtantinopel berufen worden. Er kannte daher nicht die kleinlichen Gebräuche, welche die Griechen, die umſtändlichſten und ceremoniöſeſten Soldaten und Hofleute von der Welt, nicht allein hiu⸗ ſichtlich der Perſon des Kaiſers beobachteten, ſondern ſelbſt in dem ganzen Umkreiſe, worauf ſich ſein Ein⸗ fluß im Beſondern erſtreckte. Nach ſeinen eigenthümlichen Geberdungen klopfte der Offizier endlich beſcheiden aber deutlich an die Pforte. Er wiederholte dreimal dieſes Zeichen, und W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1638 Bdoch, 7 98 ſagte zu ſeinem Angelſaͤchſiſchen Begleiter— im In⸗ nern— bei deinem Kopfe thuſt du Alles, was du mich thun ſehen wirſt. In demſelben Augenblicke trat er ſchen zurück, ließ ſeinen Kopf auf die Bruſt ſinken, hielt ſeine Haͤnde vor die Augen, als ob er befürchtete, von dem zu ſtarken Glanze eines plötzlichen Lichtes geblendet zu werden, und wartete auf eine Antwort. Der Soldat, welcher ſeinem Anführer Folge leiſten wollte, ahmte ihn ſo gut als moͤglich nach, und blieb ihm zur Seite ſtehen in einer demüthigen orientali⸗ ſchen Stellung. Das Pförtchen öffnete ſich nach in⸗ nen, aber man ſah keinen Lichtglanz; vier Waͤringer erſchienen am Eingange, ein Jeder mit erhobener Streit⸗ axt, als wollten ſie die Zudringlichen treffen, welche die Stille ihrer Wachtſtube geſtört hatten. Der Akolnthos, ſagte der Offizier nach Art eines Loſungswortes. Tatius und Akoluthos, ſagten halblaut die Wa⸗ chen als Antwort auf die Loſung. Und Jeder von ihnen ſenkte ſeine Waffe. 3 Achilles erhob alsbald ſein Haupt mit der würde⸗ vollen Miene eines Mannes, welcher in den Augen ſeiner Soldaten gerne den Einfluß zu zeigen ſuchte, welchen er am Hofe genoß. Hereward beobachtete eine un⸗ veränderliche Ernſthaftigkeit zur großen Verwunderung ſeines Offiziers, welchem es unbegreiflich war, wie ein Soldat ſo barbariſch ſeyn könnte, einen Auftritt gleich⸗ gültig mit anzuſehen, der nach ſeiner Meinung ganz 99 beſondere Ehrfurcht hätte einflößen ſollen. Er ſchrieb dieſe Gleichgültigkeit auf Rechnung der dummen Fühl⸗ loſigkeit ſeines Begleiters. Sie ſchritten durch die Schildwachen hindurch, welche ſich zu beiden Seiten der Pforte in Reihen geſtellt hatten, und die beiden Fremd⸗ linge auf einem langen ſchmalen Brette über den Stadtgraben gehen ließen, worauf ſie daſſelbe in eine Ecke des äußeren Walles außerhalb der Hauptmauer der Stadt zurückzogen. 8 Dieß nennt man die Brücke der Gefahr, ſagte Ta⸗ tius ganz leiſe zu Hereward, und man erzaͤhlt, man habe darauf bisweilen Oel oder trockene Erbſen ge⸗ ſchüttet, und es wären Leichen von Menſchen, welche mit der hochheiligen Perſon des Kaiſers zuſammen ge⸗ weſen waren, aus dem goldenen Horne*), wohin ſich die Waſſer dieſes Grabens ergießen, gezogen worden. Ich hätte nicht geglaubt, ſagte der Inſulaner in ſeinem gewöhnlichen Tone, daß Alexius Comnenus.... Schweige, Unvorſichtiger, wenn dir dein Leben lieb iſt! Die Tochter der kaiſerlichen Halle**s) zu wecken, hat auf alle Fälle furchtbare Züchtigungen zur Folgez aber wenn gar ein unbeſonnener Miſſethäter ihre Stille durch Bemerkungen über ſeine hochheilige Hoheit den Kaiſer ſtört, ſo iſt der Tod eine zu gelinde Strafe *) Der Hafen von Conſtantinopel. **) Dieſen Namen gab man am Hofe dem Echo, wie es Akoluthos ſelbſt nachher erklaret. 4 400 für die Unverſchämtheit, welcher ihren Schlaf unter⸗ brochen hat. Mein böſes Geſchick hat gewollt, daß ich den beſtimmten Befehl bekam, in den heiligen Kreis ein Weſen zu führen, das von dem Salze der Bil⸗ dung nur ſo viel bekommen hat, um ſeinen ſterblichen Leib vor Verderbniß zu bewahren, das aber für jede gei⸗ ſtige Belehrung vollkommen unfähig iſt. Wende deine Augen auf dich ſelbſt, Hereward, und bedenke, wer du biſt. Ein armer Barbare von Herkunft, kaunſt du dich nur rühmen, einige Muſelmaͤnner in der Sache deines hochheiligen Herren getödtet zu haben; und jetzt biſt du in die unverletzliche Umgebung des Blakernals zu⸗ gelaſſen, und darfſt nicht allein zu der königlichen Tochter der Kaiſerlichen Halle, das heißt dem Echo der hohen Gewölbe, ſprechen, ſondern auch,(der Himmel ſey uns gnädig!) ſoviel ich davon weiß, zum hochheili⸗ gen Ohre ſelbſt! Ganz wohl! mein Führer, ich wage es nicht zu ſa⸗ geu, was ich von allem dem denke, antwortete der Wäringer; aber ich kann mir leicht einbilden, daß ich nicht tauge in Gegenwart des Hofes zu ſprechen, und folglich habe ich den Entſchluß gefaßt, kein Wort zu reden, ſofern man mich nicht fragt, und ausgenommen, wenn wir in keiner beſſeren Gſellſchaft als wir ſelbſt ſind. Kurz ich finde es ſehr ſchwierig, meiner Stimme einen tieferen Ton zu geben als wie ſie von der Natur bekommen hat. Alſo, mein tapfe⸗ rer Führer, ich bin von dieſem Augenblick an ſtumm, 2 101 ihr müßtet mir denn ein Zeichen geben, daß ich ſpre⸗ chen ſoll. Das wird das Klügſte ſeyn. Es giebt hier Perſonen von hohem Rang, Einige ſelbſt im Purpur geboren, welche(ſieh dich vor, Hereward!) in ihrem Hof⸗Tone die Tiefe deiner beſchränkten und barbariſchen Kennt⸗ niſſen zu ergründen ſuchen werden. Wenn du ſie huld⸗ voll lächeln ſiehſt, ſo platze dann nicht mit deinem wil⸗ den Gelächter heraus, welches dem Lärm des Donners gleicht, wenn du es mit deinen Kameraden zuſammen anſtimmeſt. Ich ſage euch ja daß ich ſchweigen will, ſagte der Wäringer etwas ungeduldiger als gewöhnlich. Wenn ihr euch auf mein Wort verlaſſen wollt, gut; ſeht ihr mich aber für eine Elſter an, die nothwendig ſchwatzen muß, ſo will ich zurücktreten, und die Sache iſt abgethan. Achilles, der es nicht für klug hielt, den Soldaten auf's Aeußerſte zu treiben, ſtimmte etwas ſeinen Ton herab, als er auf die Rede, welche ſo wenig nach der Hofluft ſchmeckte, antwortete, und zeigte einige Nach⸗ ſicht mit den groben Sitten eines Menſchen, deſſen Gleichen in Stärke und Tapferkeit er ſelbſt unter den Wäringern nicht mehr zu finden hoffen durfte: denn auch Tatius gab im Grunde ſeines Herzens dieſen Ei⸗ genſchaften trotz der wenigen Feinheit des Hereward den Vorzug vor allem noch ſo unbeſchreiblichen An⸗ 10² ſtande eines Soldaten, der ein vollkommener Hofmann war als jener. Der in den Krümmungen der kaiſerlichen Reſidenz bewanderte Steuermann führte den Wäringer durch zwei oder drei kleine Höfe, welche eine Art Labyrinth bildeten und zum großen Pallaſte des Blakernal gehör⸗ ren. Sie traten in dieſes Schloß durch ein Seiten⸗ thor, welches ebenfalls von einer Schildwache der Wãa⸗ ringer Garde bewacht wurde zsdieſe ließ ſie hinein, ſo⸗ bald ſie ſich zu erkennen gegeben hatten. Das nächſte Zimmer war die Wachſtube, worinn mehrere Solda⸗ ten von demſelben Corps ſich an verſchiedenen Spie⸗ len, welche große Aehnlichkeit mit den heutigen Wür⸗ fel⸗ und Damſpielen hatten, vergnügten, und ihren Zeitvertreib zugleich mit häufigen Spenden Ale würz⸗ ten, welche man ihnen reichte, um ihnen ihre Stunden der Wache zu verkürzen. Hereward wechſelte mit ſei⸗ nen Kameraden einige Blicke, und er haͤtte ſich gerne zu ihnen geſetzt, oder wenigſtens mit ihnen geſprochen; denn ſeit dem Abenteuer mit dem Mitylener hatte Hereward in ſeinem Spaziergange mit ſeinem Befehls⸗ haber im Mondſcheine mehr Langeweile als Ehre ge⸗ funden, wenn man nur die kurze und anziehende Zeit aus⸗ nimmt, während welcher er geglaubt hatte, ſie waͤren auf dem Wege zu einem Zweikampfe. Aber obgleich die Waͤringer in der Bevbachtung der ſtrengen Hofge⸗ bräuche nicht ſehr genau waren, ſo hatten ſie doch in ihrer Weiſe ſcharfe Anſichten über ihre militairiſchen 10³ Pflichten; demzufolge durchſchritt Hereward, ohne ſeine Kameraden anzureden, hinter ſeinem Anführer die Wachſtube und ein oder zwei Vorzimmer, welche mit einer Pracht ausgeſchmückt waren, daß er ſich über⸗ zeugte, er müſſe in der geheiligten Behauſung ſeines Herrn und Kaiſers ſelbſt ſeyn. Nachdem ſie endlich mehrere Gänge und verſchiedene Zimmer durchgangen waren, welche der Anführer ge⸗ nau zu kennen ſchien, und welche er flüchtigen Fußes und ſchweigend durcheilte, was ſeine Ehrfurcht ver⸗ rieth,(als ob er, um mich ſeiner ſchwuͤlſtigen Sprache zu bedienen, befürchtet hätte, die Echo dieſer erhabe⸗ nen und denkwürdigen Gewölbe zu erwecken), ſo begann eine neue Art von Bewohnern zu erſcheinen. An ver⸗ ſchiedenen Thüren und in mehreren Zimmern ſah der Soldat des Nordens dieſe unglücklichen Sklaven, mei⸗ ſtens Afrikaniſcher Herkunft, welche von den Griechi⸗ ſchen Kaiſern, die hierin einen der unmenſchlichſten Züge des orientaliſchen Deſpotismus nachahmten, bis⸗ weilen mit Ehrenbezeigungen überhäuft und zu großem Anſehen erhoben wurden. Dieſe Sklaven beſchäftigten ſich auf verſchiedene Weiſe: ein Theil ſtand aufrecht an den Thüren oder in den Gängen mit dem Säbel in der Hand, wie wenn ſie ſchildwache ſtuͤnden; Andere ſaßen auf orientaliſche Weiſe auf Teppichen, und ruh⸗ ten entweder aus oder ſpielten verſchiedene Spiele, aber ſtets im tiefſten Schweigen. Keine Sylbe wurde geſprochen, weder vom Führer des Hereward, noch von 10⁴ den geſchändeten Weſen, welche ſie alſo antrafen. Ein mit dem Akoluthos gewechſelter Blick ſchien hinläng⸗ lich, um ihm das Recht des Durchganges mit ſeinem Gefährten zu ſichern. Nachdem ſie noch durch mehrere leere oder auf die frühere Weiſe beſetzte Zimmer gekommen waren, tra⸗ ten ſie endlich in einen theils mit ſchwarzem Marmor, theils mit anderen dunklen Steinen gepflaſterten Saal, deſſen Höhe und Länge beträchtlicher war als von al⸗ len früheren. Seitengänge führten hinein, und liefen, ſo viel der Inſulaner bemerken konnte, nach verſchie⸗ denen in der Mauer angebrachten Thüren; aber da das Oel und das Gummi, welches die Lampen in die⸗ ſen Gängen ernährte, einen dicken Dampf verbreitete, ſo war es ſchwierig, die Geſtalt und Banart dieſes Zimmers zu unterſcheiden. An den beiden Enden war das Licht ſtaͤrker und heller. Als ſie in der Mitte dieſes großen und langen Sales waren, ſagte Achilles Tatius zum Soldaten mit jener erſtickten Stim⸗ me, welche er anſtatt ſeiner natürlichen Stimme ſeit dem Uebergange über die Brücke der Gefahr ange⸗ nommmen hatte: Bleibe hier, bis ich zurückkomme, und gehe nicht aus dem Saale, es mag kommen was da will. Hören iſt gehorchen, antwortete der Wäringer; ein gehorſamer Ausdruck, welchen das Kaiſerthum, das ſich den Namen des Römiſchen anmaßte, von den Barba⸗ ren des Orients ſo wie viele andere Redensarten und 1⁰5⁵ Gewohnheiten entliehen hatte. Achilles ſtieg alsdann eilends die Stufen hinauf, welche zu einer der Seiten⸗ thüren dieſes Zimmers führte; er gab ihr einen leich⸗ ten Druck, worauf ſie ſich ohne Geräuſch in ihren An⸗ geln drehte und ihn eintreten ließ. Der allein gebliebene Wäringer begab ſich, um ſich die Zeit ſo gut als möglich in dem ihm vorgeſchriebe⸗ nen Umkreiſe, den er nicht verlaſſen durfte, zu ver⸗ treiben, abwechſelnd von einem Ende des Saales zum andern, weil hier die Gegenſtände ſichtbarer waren als an den andern Theilen. In der Mitte des inner⸗ ſten Endes befand ſich eine kleine eiſerne gewölbte und ſehr niedrige Thüre. Darüber war ein griechiſches Kreuz von Bronce angebracht, und ringsherum aufallen Seiten waren Feſſeln, Ketten und andere aͤhnliche Zier⸗ rathen, ebenfalls aus Bronce, aufgehaͤngt, als würdi⸗ ges Zubehör dieſes Einganges. Die Thüre dieſes dunk⸗ len gewölbten Einganges ſtand halb offen, und Here⸗ ward warf natürlich einen Blick hinein, weil ihm die Befehle ſeines Anführers nicht verboten, in dieſer Hin⸗ ſicht ſeine Neugierde zu befriedigen. Ein trüber ro⸗ ther Schein, welcher mehr von einem entfernten Fun⸗ ken herzukommen ſchien, als von einer an die Mauer befeſtigten Lampe, beleuchtete Etwas, was ihm wie eine enge Wendeltreppe und an Geſtalt und Größe einem Brunnen ähulich, vorkam, deren oberes Ende an denAbſatz der eiſernen Thuͤre ſtieß; er ſah in einen Abgrund, welcher zu den hölliſchen Schluͤnden zu füͤh⸗ 106 ren ſchien. So dumm der Wäringer dem feineren Geiſte der Griechen vorkommen mochte, ſo begriff er doch ſehr ſchnell, daß eine Treppe von ſo duͤſterem Aus⸗ ſehen, und wozu man durch eine ſo traurig geſchmückte Pforte gelangte, nur zu den Gefaͤngniſſen des Palla⸗ ſtes führen konnte, welche durch ihre Beſchaffenheit und ihre Anzahl zu den bemerkenswertheſten und furchtbarſten Theilen des heiligen Gebäudes gehörten. Es dünkte ihm ſelbſt, wenn er aufmerkſam horchte, als höre er ſolche Laute, wie ſie aus dieſen Graͤbern der Lebendigen aufſteigen, einen ſchwachen Wiederhall der Seufzer und des Stöhnens, welches tief unten aus dem Abgrunde zu kommen ſchien. Aber in dieſer Hin⸗ ſicht mahlte ſeine Einbildungskraft ohne Zweifel die Umriſſe aus, welche ſeine Vermuthungen gezeichnet hatten.— 5 Ich habe nichts gethan, dachte er, weßhalb ich ver⸗ diente in eine dieſer unterirdiſchen Höhlen eingeſperrt zu werden. Sicherlich, obwohl mein Hauptmann Achil⸗ les Tatius, mit Reſpect zu ſagen, nicht viel beſſer iſt als ein Eſel, ſo kann er doch kein ſolcher Verraͤther ſeyn, daß er mich unter falſchen Vorwaͤnden ins Ge⸗ fängniß ſchleppte. Aber ſollte dieſes ihm dieſen Abend belieben, ſo ſchmeichele ich mir, daß er vorher zum letzten Male noch ſehen wird, was die engliſche Streit⸗ art vermag.— Doch wollen wir einmal das andere Ende dieſes ungeheuren Saales betrachten, vielleicht finden wir da beſſere Vorbedeutungen. 107 Während er dieſe Betrachtungen machte, und nicht eben daran dachte, ſeine Schritte nach dem Hofge⸗ brauche zu mäßigen, kam der Saͤchſiſche Koloß nach dem oberen Ende des mit ſchwarzem Marmor gepflaſterten Saales; der Schmuck dieſes Theils des Zimmers war ein kleiner Altar, ähnlich denjenigen in den Tempeln der heidniſchen Gottheiten, und er reichte über die Mitte der daſelbſt befindlichen gewölbten Pforte hin⸗ aus. Auf dieſem Altare brannte eine Art Weihrauch, deſſen Dampf in Bogen bis zur Decke aufſtieg, und ein durchſichtiges Gewölke bildete, das ſich im ganzen Saa⸗ te ausdehnte, und deſſen Säulen ein geheimnißvolles Gebilde umhüllten, von welchem der Wäringer nichts begriff: es beſtand in zwei Menſchenhäͤnden und Aer⸗ men, welche aus der Maner herauszukommen ſchienen; dieſe Haͤnde waren geöffnet und ausgeſtreckt, als woll⸗ ten ſie denjenigen, die dem Altar naheten, eine Gunſt ſpenden. Dieſe Aerme waren von Bronce, und da ſie hinter dem Altar angebracht waren, ſo ſah man ſie durch den aufſteigenden Rauch in der Beleuchtung zweier Lampen, welche den ganzen⸗ untern Theil der Thüre erhellten.— Ich wollte wohl die Bedeutung dieſes Sinnbildes erklären, dachte der ſchlichte Bar⸗ bar, wenn dieſe Faͤuſte geballt, und dieſer Saal dem Fauſt⸗Kampfe geweiht wäre, was bei uns Boxen heißt; aber da dieſe armen Griechen ſelbſt nie ihre Hände gebranchen, ohne die Finger zuzumachen, ſo kann 108 ich, beim Sanct Georg! wahrlich nicht begreifen, was dieſes Bild bedeuten ſoll. In demſelben Augenblicke kam Achilles in den ſchwar⸗ zen Marmorſaal durch dieſelbe Thüre zurück, durch welche er hinaus gegangen war, und gieng auf ſei⸗ nen Neubekehrten zu, wie man den Wäringer nen⸗ nen könnte. Folge mir jetzt, Hereward, denn der eutſcheidenſte Augenblick zum Handeln iſt gekommen. Beweiſe jetzt allen Muth, womit du dich waffnen kannſt, denn glaube mir, deine Ehre und dein Ruf ſtehen dabei auf dem Spiele. Fürchtet nichts fuͤr das Eine oder das Andere, ant⸗ wortete Hereward, wenn Herz und Arm einen Men⸗ ſchen in einem Abenteuer vermittelſt eines ſolchen Spielzeuges, wie dieſes da, unterſtützen können. Sgpyprich doch leiſer und unterwürfiger; ich habe dir es ſchon zwanzig Mal geſagt, und laſſe deine Streit⸗ axt nieder. Ich glaube ſelbſt du thäteſt beſſer, ſie im Vorzimmer zu laſſen. Mit eurer Erlaubniß, edler Fuͤhrer, ich möchte mich nicht gerne von meinem Brodverdienſte entfernen. Ich bin einer von jenen ungeſchickten Menſchen, welche ſich nicht anſtändig zu betragen wiſſen, wenn ſie nicht et⸗ was für ihre Haͤnde haben, und meine getreue Streit⸗ art iſt das Gemachteſte für die meinigen. So behalte ſie; aber erinnere dich ja daran, daß du ſie nicht deiner Gewohnheit gemäß ſchwingeſt, und 109 nicht ſchreieſt, brüllſt und heuleſt, als wenn du auf dem Schlachtfelde wäreſt. Vergiß nicht den heiligen Charakter dieſes Ortes, wo jedes Geräuſch eine Ent⸗ weihung iſt; denke an die Perſonen, welche dir mög⸗ licher Weiſe begegnen können, und worunter es eini⸗ ge giebt, gegen welche eine Beleidigung ein eben ſo großes Verbrechen iſt als eine Läſterung gegen den Himmel ſelber. Während dieſer Warnung waren der Meiſter und der Schüler bis zur Seitenthüre gekommen. Durch dieſe traten ſie in eine Art Vorzimmer, wodurch Achil⸗ les Tatius ſeinen Wäringer an eine Flügelthüre brach⸗ te, welche in eines der Hauptzimmer des Pallaſtes führte; als ſie ſich öffnete, ſo bot ſich den Augen des noch rohen Bewohner des Nordens ein ebenſo neues als überraſchendes Schauſpiel dar. Er ſah nehmlich in ein Zimmer des Pallaſtes Bla⸗ kerual, welches zum beſonderen Dienſte der geliebten Tochter des Kaiſers Alexius beſtimmt war, jener Prin⸗ zeſſin Anna Comnena, welche bei uns wegen ihren ſchriftſtelleriſchen Fähigkeiten bekannt iſt, und uns eine Geſchichte von der Regierung ihres Vaters hinterlaſ⸗ ſen hat. Sie ſaß als Königinn und Herrſcherinn in einem Kreiſe Gelehrter, ſo wie ihn damals eine kai⸗ ſerliche Prinzeſſin verſammeln konnte, die in Purpur geboren war, das heißt in dem purpurnen Zimmer; ein auf den Kreis geworfener Blick wird uns einen 11¹⁰ hinlänglichen Begriff von den Gäſten oder der ver⸗ ſammelten Geſellſchaft geben. Die Prinzeſſin Schriftſtellerin hatte glänzende Au⸗ gen, regelmäßige 3 uͤge und ein angenehmes, einneh⸗ mendes Betragen; Vorzüge, die freilich alle Welt der Tochter des Kaiſers eingeräumt haben würde, wenn es auch der ſtrengen Wahrheit nicht gemaͤß geweſen waͤ⸗ re. Sie ſaß auf einer kleinen Bank oder Sopha, denn das ſchöne Geſchlecht durfte ſich in Conſtantinopel nicht niederlegen, wie die Römiſchen Frauen zu thun pfleg⸗ ten. Ein vor ihr ſtehender Tiſch war mit Büchern, Pflanzen, Kräutern und Zeichnungen bedeckt; ihr Sitz war etwas höher, und diejenigen, welche das Ver⸗ trauen der Prinzeſſin genoſſen, oder welche ſie be⸗ ſonders zu ſprechen wünſchte, durften während dieſer erhabenen Unterredung ihre Kniee auf den Rand ihres Sitzes ſtützen, und ſo halb aufrecht, halb knieend blei⸗ ben. Drei andere Stühle von verſchiedener Höhe ſtan⸗ den auf derſelben Erhöhung und unter demſelben prächtigen Thron⸗Himmel wie der Sitz der Prin⸗ zeſſin Anna. Der erſte, welcher in Größe und Bennemlichkeit vollkommen dem ihrigen glich, war für ihren Gemahl Nicephorus⸗Briennes beſtimmt. Man ſagte er hät⸗ te oder heuchle wenigſtens eine große Verehrung für die Gelehrſamkeit ſeiner Frau, obwohl die Höflinge meinten, er ſuche ſich häufiger dieſen Abendgeſellſchaf⸗ ten zu entziehen, als es die Prinzeſſin Anna und ihre 111 erhabenen Eltern wünſchten. Die Hofklatſchen erklär⸗ ten dieſe Thatſache durch die Behauptung, daß die Prinzeſſin Anna Comnena ſchöner wäre, wenn ſie nicht ſo gelehrt thäte; auch hätte ſie, obwohl ſie noch ſchön wäre, ſchon etwas von ihren Reizen durch die Erwerbung ſo vieler Kenntniſſe verloren. Der Sitz des Nicephorus⸗Briennes war von den Kammerdienern ſo nahe als möglich bei den der Prin⸗ zeſſin geſtellt worden, damit ſie keinen einzigen Blick auf ihren ſchönen Gemahl verloͤre, und damit ihm nicht das geringſte Theilchen von der Weisheit, welche aus den Lippen ſeiner gelehrten Gemahlinn ausſtrömen konnte, entgienge. Zwei andere Ehrenſitze, oder richtiger zu ſagen zwei Throne, da ſie Fußſchemel, Lehnen für die Arme und geſtickte Kiſſen zum Anlehnen hatten, ohne den ſie bedeckenden Prachthimmel zu erwaͤhnen, waren für den Kaiſer und ſeine erhabene Gemahlin beſtimmt, welche häufig den gelehrten Uebungen ihrer Tochter beiwohn⸗ ten, die ſie, wie vorhin bemerkt wurde, in Geſellſchaft betrieb. Bei dieſen Gelegenheiten genoß die Kaiſerinn Irene den Triumph, welchen jede Mutter einer voll⸗ kommenen Tochter empfindet, während daß Alexius nach Umſtaͤnden bald wohlgefällig die Schilderung ſeiner eigenen Thaten anhörte, bald dem Patriarchen Zoſi⸗ mus und den andern Gelehrten Zeichen der Zufrieden⸗ heit gab, wenn ſie ihre Geſproͤche über die Geheimniſſe der Philoſophie vorlas. 11² Alle dieſe ausgezeichneten, für die Mitglieder der kaiſerlichen Familie beſtimmten Sitze waren in dem Augenblicke, welchen wir vorhin geſchildert haben, be⸗ ſetzt, mit Ausnahme des für den Nicephorus⸗Brien⸗ nes beſtimmten, den Gemahl der ſchönen Anna Com⸗ nena. Vielleicht hatte ſeine Nachläßigkeit und Abwe⸗ ſeuheit die Wolke erzeugt, welche die Stirne ſeiner ſchönen Gemahlin verdunkelte. Hinter ihr, an ihrem Sitze knieten zwei Mädchen ihres Gefolges in weißen Gewändern, mit einem Worte zwei Sclavinnen auf Kiſſen, ſo lange ihre Gebieterin ihrer Hülfe als le⸗ bender Pulte nicht nöthig hatte, um die Pergament⸗ rollen, auf welchen die Prinzeſſin ihre wiſſenſchaftli⸗ chen Schätze aufgezeichnet oder diejenigen Anderer an⸗ geführt hatte, aufzuwickeln und zu halten. Das Eine dieſer jungen Mädchen, Namens Aſtarte, war durch ihre Kalligraphie, d. h., durch die Schönheit ihrer Schrift in verſchiedenen Sprachen ſo ausgezeichnet, daß man im Begriff war, ſie dem Kalifen— der weder leſen noch ſchreiben konnte— in einem Augenblicke als Geſchenk zu ſchicken, wo man ihn gewinnen mußte, um ihm Neigung zum Frieden einzuflößen. Violanta, die andere Dienerin der Prinzeſſin, gewöhnlich die Muſe genanut, beſaß die größten Fertigkeiten in der BVocal⸗ und Inſtrumental⸗Muſik, und war wirklich dem Robert Guiscard, Erzherzog von Appulien, zum Geſchenk gemacht worden. Aber da dieſer Fürſt alt und taub war, und Violanta damals noch keine zehn 113 Jahre zaͤhlte, ſo ſchickte er dem Kaiſer dieſes Geſchenk zurück, worauf man einen ſo großen Werth gelegt hatte, aber mit jenem Eigennutz, welcher einen der bezeichnendſten Züge dieſes ſchlauen Normanen aus⸗ machte, ließ er ihn bitten, ihm eine Perſon zu ſchik⸗ ken, die zu ſeinem Vergnügen mitwirken könnte, an⸗ ſtatt eines ſchreienden Kindes. Tiefer als dieſe erhabenen Sitze ſaßen die zugelaſ⸗ ſene Günſtlinge, oder lagerten auf dem Fußboden des Saales. Der Patriarch Zoſtmus und ein Paar Greiſe hatten die Erlaubniß, ſich auf gewiſſe ſehr niedrige Schemel zu ſetzen: dieſes waren aber die einzigen Sitze, welche man für die den Soirées der Prinzeſſin, wie man heutzutage dieſe Vereine genannt haben würde, beiwohnenden Gelehrten bereitet hatte. Hinſichtlich der jüngeren Günſtlinge ſah man die Ehre, an der kaiſerlichen Unterhaltung Theil zu nehmen als Ent⸗ ſchädigung für einen niedrigen Schemel an. Fünf bis ſechs Hoͤflinge von verſchiedenem Alter und Anzuge, mochten den aufrechtſtehenden Theil der Geſellſchaft ausmachen: Andere ruhten von dieſer Stellung aus, indem ſie ſich auf den Rand eines Springbrunnens knieten, welcher das Waſſer durch ſo feine Roͤhren aus⸗ ſprützte, daß es einen Regen bildete, welcher ſich un⸗ ſichtbar zertheilte, und die balſamiſchen Biumen und Stauden erquickte, die ihre Wohlgerüche im ganzen Saale verbreiteten. Ein großer, dicker und wohlge⸗ nährter Greis, Namens Michel Agelaſtes, welcher wie W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1638 Bdch. 8 114 ein eyniſcher Philoſoph des Alterthums gekleidet war, zeichnete ſich dadurch aus, daß er großentheils die zer⸗ lumpte Tracht und Schamloſigkeit der Stoiker zeigte, jodoch zugleich auf's Genaueſte die fuͤr die kaiſerliche Familie vorgeſchriebenen Hofgebräuche erfuͤllte. Er hatte ſich durch ſeine Nachäffung der Grundſätze und Sprache der Cyniker und republikaniſchen Philoſophen ausgezeichnet, womit ſeine thätliche Unterwürfigkeit gegen die Großen in grellem Widerſpruche ſtand. Es war zum Erſtaunen, wenn man dieſen mehr als ſech⸗ zigjährigen Mann die gewöhnliche Erlaubniß, ſich zur Unterſtützung ſeiner Glieder anzulehnen, verſchmähen und beſtaͤndig aufrechtſtehen oder knieen ſah. Die erſtere Stellung war ihm ſo gewöhnlich, daß ihm ſeine Freunde am Hofe den Beinamen Elephant gegeben hatten, weil nehmlich die Alten ſich einbildeten, daß dieſes halb⸗ verſtändige Thier, wie man es nennt, ſeine Fußgelenke nicht biegen könne. Dennoch habe ich deren ſich niederknieen ſehen, als ich im Lande der Gymnoſophiſten war, ſagte Einer, welcher an dem Abend in der Geſellſchaft war, an dem Hereward daſelbſt eingeführt wurde. Um ſeinen Herrn auf ſeinen Rücken zu nehmen? Das wird der unſere auch thun, ſagte der Patriarch Zoſimus mit einem feinen Laͤcheln, welches ſo ſehr an Spott gränzte, als es die Sitte des Griechiſchen Hofes erlaubte. Denn bei allen gewöhnlichen Gelegenheiten haͤtte man kein größeres Verbrechen der verletzten Hof⸗ 11⁵ ſitte durch Entblößung eines Dolches begangen, als wenn man ſich im Kaiſerlichen Kreiſe einen beißenden Ausfall erlaubte. Selbſt jener Scherz, ſo leicht er war, wuͤrde von dieſem ceremoniöſen Hofe in dem Munde jedes Anderen als des Patriarchen, deſſen hoher Stellung man einige Freiheit vergab, gerügt worden ſein. In dem Augenblicke, wo er alſo die Schicklichkeit verletzt hatte, traten Achilles Tatius und ſein Soldat Hereward in das Gemach. Der Erſtere trat vor, und nahm in einem ungewöhlichen Grade die Miene und Manier eines Hofmannes an, als hätte er den Abſtand ſeiner Lebensart mit der Unbeholfenheit ſeines unerfahre⸗ nen Begleiters recht hervorheben wollen. Uederdieß fühlte ſich ſeine Eitelkeit heimlich geſchmeichelt, daß er einen Mann, welchen er als einen der ausgezeichnet⸗ ſten Soldaten von dem ganzen Heere des Alexius ſo⸗ wohl wegen ſeines Aeußern, als ſeiner wahren Eigen⸗ ſchaften betrachtete, als unter ſeinen ausdrücklichen und unmittelbaren Befehlen ſtehend, vorſtellen konnte. Der plötzliche Eintritt dieſer beiden neuen Ankömm⸗ linge verurſachte einige Ueberraſchung. Achilles trat mit der ruhigen und ehrfurchtsvollen Leichtigkeit vor, welche bewies, daß er in dieſen Gegenden nicht fremd war; aber Hereward fuhr beim Eintritt zuſammen, als er ſah, daß er den ganzen Hof vor ſich hatte, doch ſuchte er ſchnell ſeine Unruhe zu beſchwichtigen. Sein Führer warf einen kaum bemerklichen Blick um ſich, 116 wie um Nachſicht für ſeinen Soldaten zu bitten, und gab dem Hereward ein vertrautes Zeichen, um ihn zu belehren, was er zu thun hätte. Er wollte ihm be⸗ greiflich machen, daß er ſeinen Helm abnehmen und ſich niederwerfen ſollte mit zur Erde gebuͤckter Stirne. Der Angelſachſe, wenig geübt in der Auslegung dunk⸗ ler durch Zeichen gegebener Befehle, dachte natürlich an die gewöhnliche Pflicht ſeines Standes, und gieng ge⸗ rade auf den Kaiſer los, um ihm die militairiſchen Ehren zu bezeigen. Er gruͤßte ihn, indem er ſein Knie beugte und die Hand an ſeinen Helm führte; dann er⸗ hob er ſich raſch wieder, lehnte ſeine Streitaxt auf ſeine Schulter, und blieb vor dem kaiſerlichen Throne wie eine Schildwache auf dem Poſten ſtehen. Der ganze Kreis zeigte ein leichtes Lächeln der Ueberraſchung, als man die männliche und kriegeriſche, obwohl wenig foͤrmliche, Miene des Soldaten des Nor⸗ dens ſah. Die verſchiedenen Zeugen dieſes Auftrittes befragten das Geſicht des Kaiſers, weil ſie nicht wuß⸗ ten, ob ſie das ungeſtüme Eintreten des Waͤringer's als einen Verſtoß gegen die Lebensart betrachten und darüber ihren Abſcheu äußern, oder das Bekragen der Leibwache als einen Beweis von aufrichtigem und kuͤh⸗ nem Eifer, der Lob verdiente, anſehen ſollten. Einige Augenblicke verſtrichen, ehe der Kaiſer in ſo⸗ weit zu ſich kam, um ſeinen Hoͤflingen den Ton anzu⸗ geben, wie das bei ähnlichen Gelegenheiten der Brauch war. Alexius Comnenus war auf einen Augenblick 147 in eine Art von leichtem Schlummer oder wennigſtens von Nachdenken verſunken. Bei ſeinem Erwachen ſchrak er zuſammen, als er ploͤtzlich den Wäringer vor ſich erblickte; denn obwohl dieſes vertrante Corps ge⸗ wöhnlich mit der äußeren Bewachung des Pallaſtes beauftragt war, ſo geſchah doch der Dienſt im Innern gewöhnlich von häßlichen Schwarzen, von welchen ſchon geſprochen worden iſt, und welche ſich bisweilen bis zur Würde von Staatsminiſtern und Oberbefehlshabern des Heeres aufſchwangen. Als Alexius aus dieſer Art Schlummer aufwachte, wo ſein Ohr noch von dem kriegeriſchen Style ſeiner Tochter angefüllt war, welche ihm aus ihrem großen Geſchichtswerke über die unter ſeiner Regierung gelie⸗ ferten Schlachten eine Beſchreibung vorlas, ſo war er wenig auf die Erſcheinung und den kriegeriſchen Gruß eines Soldaten von ſeiner Sächſiſchen Leibwache vor⸗ bereitet, deren Bild ſich nur im Gefolge von Sce⸗ nen der Schlacht, der Gefahr und des Todes vor ſeinen Geiſt ſtellte. Nachdem er einen verwirrten Blick um ſich gewor⸗ fen, blieben ſeine Augen auf Achilles Tatius ruhen.— Was führt dich hierher, mein treuer Akoluthos? ſprach er zu ihm; warum iſt dieſer Soldat hier zu dieſer Stunde der Nacht?— Dieſes war natürlich für alle Geſichter am Hofe der Augenblick ſich nach dem kaiſerlichen Muſter zu richten; aber ehe der Pa⸗ triarch noch Zeit hatte, ſeinen Zügen den Ausdruck 118 andächtiger Beſorgniß vor einer Gefahr zu geben, hatte Achillus Tatius einige Worte geſprochen, welche den Kaiſer wieder erinnerten, daß er ſelbſt den Befehl ge⸗ geben, dieſen Soldaten vor ihn zu führen.— Ja! das iſt auch wahr, meine Tapfern, ſagte Alexius, während ſich ſeine Stirne wieder aufheiterte; die Staatsſorgen hatten uns dieſen Befehl vergeſſen laſ⸗ ſen. Dann redete er den Wäringer mit einer offne⸗ ren Miene und herzlicherem Tone an, als er gewoͤhn⸗ lich gegen ſeine Höflinge that; denn für einen Despo⸗ ten iſt ein treuer Leibwächter ein Vertrauter, während ein Diener von hoher Würde ſtets bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte ein Gegenſtand des Mißtrauens iſt.— Nun wohl! ſagte er, wie geht es denn unſerm wür⸗ digen Angeldänen? Dieſe ohne irgend eine Rückſicht auf die Hofſitte gemachte Frage überraſchte alle Hö⸗ rer mit Ausnahme Desjenigen, an den ſie gerichtet war. Hereward beantwortete ſie, indem er ſeine Worte mit einem militäriſchen Gruße begleitete, wel⸗ cher mehr Herzlichkeit als Ehrerbietung bewies, mit lauter und dreiſter Stimme, worüber alle Hörer um ſo beſtuͤrzter wurden, als er in Sächſiſcher Sprache, welche bisweilen dieſe Fremden gebrauchten, redete:— Waes hael, kaisar mirrig und machtigh! d. h. Heil euch, ſtarker und maͤchtiger Kaiſer! Alexius, welcher durch ein Lächeln zu erkennen gab, daß er verſtanden. hätte und beweiſen wollte, daß er mit ſeinen Wachen in ihrer Sprache ſich unterhalten könnte, antwor⸗ 119 tete ihm mit dieſen wohlbekannten Worten: Drink hael! In demſelben Augenblick brachte ein Page eine ſil⸗ berne Schaale voll Wein. Der Kaiſer netzte nur ſeine Lippe, und ließ ſie, obwohl er kaum den darin befindlichen Trank gekoſtet hatte, dem Hereward reichen, mit dem Befehl zu trinken. Der Sachſe ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen und leerte die Schaale ohne Zaudern. Der ganzen Verſammlung entſchlüpfte, ohne jedoch die durch die Anweſenheit des Kaiſers ge⸗ botene Schicklichkeit zu verletzen, ein leichtes Lächeln beim Anblick einer That, welche zwar nichts Auſſer⸗ ordentliches bei einem Hyperboreer war, aber doch den an Nüchternheit und Mäßigkeit gewöhnten Grie⸗ chen wunderbar vorkam. Alexius ſelbſt lachte lauter, als es ſich ſeine Höflinge zu erlauben wagten, und ſagte, indem er die wenigen ihm bekannten Wäring⸗ ſchen Worte zu Hülfe rief, und dieſe mit einigen Griechiſchen Worten verknuͤpfte, zu ſeiner Leibwache: Nun! mein tapferer Britannier Eduard, wie man dich nennet, kennſt du den Geſchmack dieſes Weines? Ja, antwortete der Wäringer ohne eine Miene zu verziehen; ich habe ihn ſchon ein Mal bei Laodi⸗ cäa genoſſen. 1 Jetzt fühlte Achilles Tatius, daß ſein Soldat einen ſchlüpfrigen Boden betraͤte, und beſtrebte ſich vergeb⸗ lich deſſen Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, indem er ihm Zeichen gab ſtill zu ſchweigen, oder wenigſtens 120⁰ ſich vorzuſehen, was er in einer ſo erhabenen Geſell⸗ ſchaft ſpräche. Aber der Soldat, welcher mit der Ge⸗ nauigkeit der Kriegszucht beſtändig auf den Kaiſer ſah und ihm alle ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte, weil er ſich für verpflichtet hielt, ihm zu gehorchen und zu antworten, bemerkte keines von den Zeichen des Achil⸗ les, welcher ſie endlich ſo offenbar machte, daß Zoſi⸗ mus und der Protoſpathaire ſich gegenſeitig Blicke des Einverſtändniſſes zuwarfen, um ſich einander das ſtumme Spiel des Anführers der Wäringer bemerklich zu machen. Inzwiſchen dauerte die Unterredung zwiſchen dem Kaifer und ſeinem Soldaten fort:— Wie haſt du die⸗ ſen Wein im Vergleich zum andern gefunden? fragte Alexius. Ew. Majeſtät, die Geſellſchaft iſt hier beſſer als die der Arabiſchen Bogenſchützen, antwortete Here⸗ ward, indem er die Geſellſchaft rings herum mit einem Inſtinkte von Höflichkeit grüßte. Indeſſen fehlte dem Wohlgeſchmacke dieſes Weines die Würze, welche durch Sonnenhitze, durch den Staub der Schlacht und die Ermattung vom achtſtündigen fortdauernden Tragen einer Waffe wie dieſe da(dabei brachte er ſeine Streit⸗ axt vor) eine gute Schale Wein bekommen kann. Es kann dabei noch etwas Anderes fehlen, ſagte Agelaſtes der Elephant, von dem ſchon geſprochen wurde, wenn es mir verſtattet iſt, darauf eine An⸗ ſpielung zu machen, ſetzte er hinzu, die Augen zum 12¹1 Throne erhebend. Dieſe Schaale iſt vielleicht kleiner als die du bei Laodicäa gebrauchteſt. Bei Taranisl das iſt wahr, antwortete die Leib⸗ wache; denn bei Laodicäa diente mir mein Helm als Trinkgeſchirr. Wir wollen die beiden Schalen zuſammen vergleichen Freund, ſagte Agelaſtes in demſelben ſpöttiſchen Tone, damit wir uns überzeugen, daß du jene nicht verſchluckt baſt; denn ſowie ich dich trinken ſah, befürchtete ich, ſie möchte mit ihrem ganzen Inhalte durch deine Kehle ſpazieren. Zwei Dinge giebt es, welche ich nicht leicht ver⸗ ſchlucke, entgegnete der Wäringer mit ruhigem und gleichgültigem Tone; aber ſie müſſen von einem jünge⸗ ren und kräftigeren Menſchen kammen, als ihr ſeid. Die Geſellſchaft lächelte von Neuem, und Einer ſchien dem Andern mit den Augen ſagen zu wollen, daß der Philoſoph, obgleich Schöngeiſt von Handwerk, doch in dieſem Kampfe nicht den Vortheil gehabt. Der Kaiſer fiel zu gleicher Zeit ein:— Und ich habe dich nicht hierher kommen laſſen, mein Tapferer, um die Zielſcheibe dummer Spöttereien zu werden. Agelaſtes zog ſich ſtille hinter den Kreis, wie ein Hund, den der Jäger über ſein unzeitiges Bellen ge⸗ ſtraft hat. Die Prinzeſſin Anna Comnena, deren ſchöne Züge ſchon einige Ungeduld verrathen hatten, nahm endlich das Wort:— Wollt ihr geruhen, mein Herr und vielgeliebter Vater, ſagte ſie, diejenigen, welche das Glück gehabt haben in den Tempel der Mu⸗ 12² ſen zugelaſſen zu werden, zu belehren, warum ihr be⸗ fohlen habt, dieſen Soldaten heute Abend an einem über ſeinen Rang in der Welt ſo erhabenen Orte zu empfangen? Erlaubet mir zu ſagen, daß wir euch nicht in eitlen und unnützen Scherzen eine Zeit ver⸗ lieren laſſen dürfen, welche dem Wohle eures Reiches geweiht ſeyn muß, wie jeder Augenblick eurer Muſe. Unſere Tochter ſpricht ſehr weiſe, ſagte die Kaiſe⸗ rin Irene, welche, wie die meiſten Mütter, die ſelbſt nicht viele Anlagen beſitzen, und auch wenig fähig ſind ſie an andern zu ſchätzen, dennoch eine große Verehre⸗ rin derjenigen ihrer Lieblingstochter war, und ſtets ſie bei jeder Gelegenheit im glänzendſten Lichte zu zeigen ſuchte. Erlaubet mir die Bemerkung, daß in dieſem göttlichen und von den Muſen begünſtigten Pallaſte, welcher den gelehrten Bemühungen unſrer Tochter ge⸗ weiht iſt, deren Feder euren Ruhm, unſer theurer und kaiſerlicher Gatte, bis zum Weltende fortpflanzen wird, und welche die Seele und der Reiz dieſer Geſellſchaft die Blume des Geiſtes an unſrem erhabenen Hofe iſt; erlaubet mir, ſage ich, die Bemerkung, daß ſchon durch den Empfang eines Gemeinen von der Leibwache an dieſem Orte unſere Unterhaltung den Charakter einer Kaſernenunterhaltung bekommen hat. Dem Kaiſer Alexius Comnenus war es dabei zu Muthe, wie manchem ehrenwerthen Manne aus den gewöhnlichen Klaſſen, wenn ſeine Frau eine lange Rede hält; um ſo mehr, als die Kaiſerin IJrene ſich nicht immer ſtrenge an die ſcharfen Geſetze der wegen 123 der Oberherrſchaft ihres erhabenen Gemahls vorgeſchrie⸗ benen Hofſitte band. Deßhalb fühlte er, obwohl er über die kurze Erholung, die er von der eintönigen Vorleſung ſeiner Geſchichte durch die Prinzeſſin erhal⸗ ten hatte, nicht ungehalten war, doch jetzt die Noth⸗ wendigkeit ſie fortſetzen zu laſſen, oder die eheliche Be⸗ redſamkeit der Kaiſerin anzuhören. Er ſeufzte alſo und ſprach:— Ich bitte euch um Verzeihung, unſre gute und kaiſerliche Gemahlin, ſowie euch, unſre in Purpur geborene Tochter. Ich denke noch daran, un⸗ ſere höchſt liebenswürdige und höchſt vollkommene Toch⸗ ter, daß ihr geſtern Abend die Einzelnheiten der Schlacht von Laodicäa mit den heidniſchen Arabern (welche Gott verwirren möge!) kennen zu lernen wünſch⸗ tet. Und nach gewiſſen Betrachtungen, welche uns be⸗ bewogen, unſer eigenes Gedächtniß mit anderen Nach⸗ forſchungen zu unterſtützen, gaben wir dem Achilles Tatius, unſrem höchſttreuen Akoluthos den Befehl ei⸗ nen der unter ſeinem Befehle ſtehenden Soldaten hier⸗ her zu bringen, welchen ſein Muth und ſeine Geiſtes⸗ gegenwart am fähigſten gemacht hätten, das zu beo⸗ bachten, was um ihn an dieſem denkwürdigen und blu⸗ tigen Tage vorging. Und ich vermuthe, daß er die⸗ ſen Soldaten da, in Gemäßheit meiner Befehle bringt. Wenn es mir vergönnt iſt zu reden und zu leben, ſagte der Akoluthos, ſo ſehen Ew. kaiſerliche Majeſtät und dieſe göttlichen Prinzeſſinnen, deren Namen für uns, wie der der ſeligen Heiligen iſt, vor ſich die Blüthe meiner Angeldänen, oder welchen andern unchriſtlichen 12²24 Namen man meiner Soldaten geben mag. Ich kann ſagen, er iſt ein Barbare unter den Barbaren; aber obgleich er durch ſeine Herkunft und Erziehung nicht werth wäre, mit ſeinen Füßen den Teppich dieſer Be⸗ hauſung der Talente und Beredſamkeit zu berühren, ſo iſt er doch ſo tapfer, ſo treu, ſo ergeben, ſo eifrig⸗ ſo bereitwillig zu Allem.... Genug, guter Akoluthos! ſagte der Kaiſer; ſaget mir nur, ob er kaltbluͤtig und ein guter Beobachter während des Gefechtes, ob er alsdann nicht erſchüttert und unruhig iſt, wie wir es wohl bisweilen an euch und andern hohen Anführern bemerkt haben, und um die Wahrheit zu ſagen, wie wir es wohl auch an uns ſelbſt bei außerordentlichen Gelegenheiten gewahr geworden ſind. Dieſe Verſchiedenheit in der Stim⸗ mung der Menſchen iſt nicht etwa Folge geringe⸗ ren Muthes; bei uns kommt ſie aus der innigen Ueberzeugung von der Wichtigkeit unſerer Erhaltung für das Wohl des Staates, und aus den unzaͤhligen Pflichten, welche uns zugleich auferlegt ſind. Antwor⸗ te mir alſo, und zwar kurz, Tatius; denn ich ſehe, daß unſere vielgeliebte Gemahlin und unſere dreimal glückliche, in dem kaiſerlichen Purpur⸗Gemach geborne Tochter etwas Ungeduld verrathen. 3 Hereward, antwortete Achilles, iſt eben ſo ruhig und ein eben ſo guter Beobachter in einer Schlacht, wie ein anderer in einem luſtigen Tanze. Der Staub des Kampfes iſt der angenehmſte Geruch fuͤr ihn; und er wird ſeine Tapferkeit beweiſen, indem er Viere von denen bekämpft, welche, mit Ausnahme der Waͤringer, ſich als die tapferſten Diener Ew. kaiſ. Majeſtät aus⸗ geben werden. Akoluthos, ſagte der Kaiſer mit Unzufriedenheit in Miene und Ton, anſtatt. daß ihr dieſen armen und unwiſſenden Barbaren Lehren der Aufklärung geben, 125 und ſie in den Geſetzen dieſes gebildeten Reiches unter⸗ eichten ſolltet, nährt ihr durch ſolche prahleriſche Reden ihren eitlen Stolz und ihren natürlichen Ungeſtüm, welcher ſie zu Händeln mit den Schaaren anderer frem⸗ den Länder und ſelbſt untereinander anreizen. Wenn mein Mund ſich aufthun darf, um die demü⸗ thigſte Entſchuldigung vernehmen zu laſſen, ſagte Achil⸗ les Tatius, ſo werde ich mir die Freiheit nehmen zu antworten, daß ich noch vor einer Stunde zu dieſem Angel⸗Dänen von der väterlichen Sorge Ew. K. M. für die Erhaltung dieſer Eintracht ſprach, welche alle diejenigen umſchließt, die ihren Fahnen folgen, und daß ich ihm ſagte, wie ſehr Ihr dieſe Einſtimmigkeit auf⸗ zmuntern ſucht, beſonders unter den verſchiedenen Völ⸗ kerſchaften, welche das Gluͤckehaben Euch zu dienen, trotz der blutigen Haͤndel der Franken und der andern Bewohner des Nordens, welche nie ohne inneren Zwiſt ſind. Ich glaube, daß die Einſicht des armen jungen Menſchen hinreichen wird, mir dieſes Zeugniß zu ge⸗ ben. Bei dieſen Worten warf er einen Blick auf He⸗ reward, welcher ernſt den Kopf neigte, um die Aus⸗ ſage ſeines Führers zu beſtätigen. Als Achilles ſeine Eutſchuldigung auf ſoͤlche Weiſe unterſtuͤtzt ſahe, ſetzte er ſeine Rechtfertigung mit mehr Sicherheit fort. — Das, was ich vor wenigen Augenblicken Ew. Maj. geſagt habe, war unüberlegt geſprochen. Anſtatt zu behaupten, daß Hereward vier Diener Ew. Kaiſ. Ho⸗ heit die Stirne bieten würde, hätte ich ſagen ſollen, daß er entſchloſſen wäre, ſechs Feinde Ew. M. zu be⸗ ſiegen, und ihnen die Wahl der Zeit, des Ortes und der Waffen zu überlaſſen. Das klingt beſſer, ſagte der Kaiſer; und in der That zur Belehrung meiner vielgeliebten Tochter, wel⸗ che mit kindlicher Dankbarkeit unternommen hat, die Geſchichte Deſſen, was mir der Himmel für das Wohl 126 dieſes Reiches zu thun vergönnt hat, zu ſchreiben, ſei es geſagt, daß ich lebhaft wünſche ſie daran zu erin⸗ nern, daß, obgleich das Schwert des Alexius nicht in der Scheide geroſtet iſt, er doch niemals um den Preis des Blutes ſeiner Unterthanen Ruhm zu erwer⸗ ben geſucht hat. 5 Ich ſchmeichle mir, ſagte Anna Comuena, daß ich in meiner unterwuͤrfigen Schilderung von dem Leben des edlen Fuͤrſten, dem ich das Daſein verdanke, nicht ver⸗ geſſen habe, ſeiner Friedensliebe, ſeiner ſchonenden Ruͤck⸗ ſichten für das Leben ſeiner Soldaten, und ſeines Ab⸗ ſcheues vor den blutigen Gebräuchen der Franken, als einiger Hauptzuͤge ſeines Charakters Erwähnung zu thun. Jetzt nahm ſie eine ehrfurchtgebietendere Haltung an, machte, um die Aufmerkſamkeit der Geſellſchafti in Anſpruch zu nehmen, eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe im Kreiſe ihrer Hoͤrer herum, und empfing dann eine Pergamentrolle aus den Händen der ſchoͤnen Sclavin, welche ihr als Schreiber diente, und unter der Eingebung ihrer Gebieterinn in den ſchönſten Buch⸗ ſtaben geſchrieben hatte; Anna Comneua wollte nun das darauf Niedergeſchriebene vorleſen. In dieſem Augenblicke aber fielen die Augen der Prinzeſſin plötzlich auf Hereward, und ſie geruhte ihn folgendermaßen anzureden:— Tapferer Barbare, deſ⸗ ſen ſich meine Einbildungskraft nur verworren ent⸗ ſinnet, als ob ich aus einem Traume erwachte, du wirſt gegenwaͤrtig die Vorleſung eines Werkes hören, welches, wenn man den Verfaſſer mit dem Gegenſtande vergleichen wollte, jenem Gemälde Alexanders aͤhnlich ſeyn würde, das ein Schmierer mit den Pinſeln des Apelles verfertigt hatte. Aber, ſo unwürdig dieſer Verſuch des Gegenſtandes in den Augen vieler Leute ſcheinen mag, ſo muß er doch einige Eiferſucht in dem Geiſte derjenigen erregen, welche den Inhalt davon unpar⸗ 127 theiiſch prüfen, und welche an die Schwierigkeit denken, die große Perſon, welche der Gegenſtand davon iſt, würdig darzuſtellen. Ich bitte dich alſo, meiner Vorleſung alle Aufmerkſamkeit zu widmen; denn dieſe Schilde⸗ rung der Schlacht von Laodicaͤa, deren Einzelheiten mir hauptſaͤchlich durch Seine Kaiſerliche Majeſtät, meinen edlen Vater, durch ſeinen unbeſiegbaren Gene⸗ ral den tapfern Protoſpathairen, und durch Achilles Tatius den treuen Akoluthos unſres ſiegreichen Kai⸗ ſers überliefert worden ſind, kann dennoch in einigen Punkten ungenau ſeyn; denn man darf glauben, daß die hohen Verrichtungen dieſer hohen Befehlshaber ſie in einiger Entfernung vom heftigſten Gedränge hiel⸗ ten, um die Mittel zu haben, mit mehr Kalblütigkeit und Genauigkeit uͤber das Ganze der Handlung zu urtheilen, und ihre Befehle frei von jeder Beſorgniß für ihre perſönliche Sicherheit zu ertheilen. Auf die⸗ ſelbe Weiſe iſt es mit der Kunſt des Stickens, tapfe⸗ rer Barbare; und wundre dich nicht, daß wir auch dieſe mechaniſche Kunſt treiben, weil ſie Minerva zur Beſchützerin hat, die unſere wiſſenſchaftlichen Beſtre⸗ bungen leitet; hier behalten wir uns auch die Ober⸗ aufſicht des ganzen Werkes vor, und vertrauen unſeren Frauen und Anderen die Ausführung der einzelnen Theile an. Alſo und auf dieſelbe Weiſe, tapferer Wä⸗ ringer, da du an dem dichteſten Gedränge der Schlacht von Laodicäa Theil genommen haſt, ſo kannſt du uns, der unwürdigen Beſchreiberin eines ſo beruͤhmten Krieges, die Vorfälle angeben, welche im Gewühle des Kampfes ſich begeben haben können, als das Schickſal der Schlacht durch die Schärfe des Schwerts entſchie⸗ den wurde. Scheue dich alſo nicht, du Tapferſter der Angel⸗Dänen, welchen wir dieſen Sieg ſo wie ſo viele andere verdanken, die Irrthümer und Fehler zu rügen, welche wir hinſichtlich der Einzelheiten dieſes ruhm⸗ vollen Ereigniſſes haben begehen koͤnnen. 128 1 Prinzeſſin, erwiederte der Wäringer, ich werde Alles mit Aufmerkſamkeit anhören, was Ew. Hoheit belieben wird mir vorzuleſen; aber weit entfernt ſey von mir der Gedanke, eine Geſchichte, die von einer im Purpur gebornen Prinzeſſin geſchrieben iſt, richten zu wollen. Noch weniger würde es ſich für einen bar⸗ bariſchen Wäringer ſchicken, über das kriegeriſche Be⸗ tragen des Kaiſers, der ihn reichlich bezahlt, oder über den Befehlshaber, von dem er gut behandelt wird, ein Ur⸗ theil zu fällen. Wenn unſer Rath vor einer Schlacht begehrt wird, ſo geben wir ihn immer aufrichtig; aber nach meiner beſchränkten Einſicht würde unſer Urtheil nach beendigter Schlacht mehr mißfällig als nützlich ſeyn. Was den Protoſpathairen anbelangt, ſo kann ich, wenn es die Pflicht des Feldherrn erheiſcht, nicht im Handgemenge zu ſeyn, mit vollkommener Gewiſ⸗ ſensruhe verſichern, ja ſchwören im Nothfalle, daß ich niemalen unſeren unbeſigbaren Oberbefehlshaber an ir⸗ gend einem Orte, wo einige Gefahr vorhanden war, in der Wurfweite geſehen habe. Dieſe mit Dreiſtigkeit und Freimüthigkeit geſpro⸗ chene Rede machte auf die ganze Geſellſchaft einen großen Eindruck. Dem Kaiſer ſelbſt und dem Achilles Tatius ſah man es an, daß ſie der Gefahr beſſer, als ſie erwartet hatten, entgangen waren. Der Protoſpa⸗ thaire ſuchte aus allen Kräften eine zornige Bewe⸗ gung zu unterdrücken. Agelaſtes, welcher nahe bei dem Patriarchen ſtand, ſagte ihm ins Ohr:— Der nordiſchen Streitaxt fehlt weder Spitze noch Schneide. Stille! ſagte Zoſimus, warten wir den Verlauf der Sache ab. Die Prinzeſſin will ſprechen. (Fortſetzung folgt.) 7