Leihbibliothek 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Eduard Oklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 5 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— I(Chor: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 8„„ 2„—„=.„— ⸗ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ; der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗, 1˙lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben =e— 7 5 Ritte r Gottfried Peveril. 8 Eine romantiſche Darſtellung von Waller Scott. 4 4 Aus dem Engliſchen von 1 C. F. Michaeli s.* Leipzig 1823, Herbig. Erſtes Kapitel. Wir ſagten am Schluſſe des letztern Bandes, daß eine weibliche Geſtalt an der Thuͤre von Moultraſ⸗ ſie⸗Hall erſchien, und daß man die wohlbekannte Stimme der Alexie Bridgenorth ihren Vater bewill⸗ kommnen hoͤrte, als er von einem Beſuch im Schloß Martindale zuruͤckkam, da ſie Grund gehabt hatte, ſeinetwegen ſehr beſorgt zu ſein. Julian, der ſeinem Fuͤhrer mit klopfendem Herzen in den erleuchteten Saal folgte, war daher darauf vorbereitet, ſie zu ſehen, die er am innigſten liebte, wie ſie ihren Nater mit den Armen um⸗ ſchlang. Sobalb ſie ſeine vaͤterliche Umarmungen verlaſſen hatte, erblickte ſie den unerwarteten Gaſt, der in ſeiner Geſellſchaft zuruͤckgekehrt war. Ein tiefes Erroͤthen, worauf ſchnell eine Todtenblaͤſſe folgte, und wieder ein leichteres Roth, verrieth ihrem Geliebten deutlich genug, daß ſeine ploͤtzliche Erſchei⸗ nung ihr nicht gleichguͤltig war. Er verbeugte ſich tief— eine Hoͤflichkeit, die ſie eben ſo foͤrmlich er⸗ III. A 1. 4 1— S wiederte; doch wagte er nicht, naͤher zu treten, in⸗ dem er das zarte Verhaͤltniß ſeiner und ihrer Lage gleichmaͤßig empfand. Major Bridgenorth wandte ſeinen kalten, ſtarren, ſchwermuͤthigen Blick erſt auf ihn, dann auf ſie.„Mancher,“ ſagte er ernſthaft, „wuͤrde in meinem Falle dieſe Zuſammenkunft vermie⸗ den haben; aber ich habe das Vertrauen zu euch beiden, wiewohl ihr jung und mit den Schlingen umgeben ſeid, die eurem Alter zu drohen pflegen. Es ſind Perſonen in dieſem Zimmer zugegen, die nichts von eurer Bekanntſchaft wiſſen ſollten. Da⸗ her ſeid klug, und verhaltet euch als Fremde gegen einander.“ Julian und Alexie tauſchten gegenſeitig Blicke, als ſich ihr Vater von ihnen abwandte, und mit ei⸗ nem Lichte, das im Vorſaale ſtand, ſie den Weg zu den Zimmern fuͤhrte. Es war wenig Troſt in dieſem Austauſch der Blicke; denn das Traurige in Alexiens Miene war mit Furcht vermiſcht, und auf Julians truͤbem Geſicht verrieth ſich ein aͤngſtliches Gefuͤhl des Zweifels. Auch waren dieſe Blicke nur fluͤchtig; denn Alexie ſprang auf ihren Vater zu, nahm ihm das Licht aus der Hand, und ging vor ihm her, um, gleichſam in der Verrichtung eines Bedienten, beide in das große eichene Zimmer zu bringen, welches ſchon als dasjenige erwaͤhnt worden iſt, worin Brid⸗ —,— f — — 3 genorth die Stunden der Niedergeſchlagenheit nach dem Tode ſeiner Frau und ſeiner Familie zugebracht hatte. Es war jetzt, wie zum Empfang einer Ge⸗ ſellſchaft, erleuchtet, und fuͤnf bis ſechs Perſonen ſaßen darin, in der einfachen, ſchwarzen, foͤrmlichen Tracht, auf welche die foͤrmlichen Puritaner dieſer Zeit hielten, zum Zeichen ihrer Verachtung der Sitten an dem uͤppigen Hofe Karls des Zweiten, wo Aus⸗ ſchweifung im Putz, gleich den Ausſchweifungen jeder andern Art, ſehr zum herrſchenden Tone gehoͤrte. Julian warf erſt nur fluͤchtige Blicke auf die Reihe ernſthafter und finſterer Geſichter, aus welchen dieſe Geſellſchaft von Maͤnnern beſtand, die es viel⸗ leicht aufrichtig meinten mit ihren Anſpruͤchen auf eine hoͤhere Reinheit des Betragens und der Sitten, bei welchen aber dieſer hohe Ruhm durch eine af⸗ fectirte Strenge in der Tracht und den Manieren etwas beſchraͤnkt wurde, wie bei jenen Phariſaͤern vor Alters, welche ihre Denkzettel breit machten, und ihr Faſten und ihre ſtrenge Puͤnktlichkeit in Beobachtung des Geſetzes vor den Leuten ſehen laſ⸗ ſen wollten. Ihre Kleidung waren gleichfoͤrmig ein ſchwarzer Mantel und ein ſteif und dicht anliegen⸗ des Wams, ohne Beſetzung oder irgend eine Sticke⸗ rei, ſchwarze niederlaͤndiſche Beinkleider und Struͤm⸗ pfe, und eckig auslaufende Schuhe mit großen von A 2 3 Serſcheband gemachten Roſen. Zwei oder drei hatten große weite Stiefeln von Kalbleder, und faſt Jeder war mit einem langen Rapier umguͤrtet, welches an leder⸗ nen Riemen um einen einfachen Gurt von Buͤffel⸗ oder ſchwarzem Leder hing. Einer oder zwei von den aͤl⸗ tern Gaͤſten, deren Haare durch die Zeit duͤnn ge⸗ worden waren, trugen den Kopf mit einem Kaͤppchen von ſchwarzer Seide oder Sammet bedeckt, welches zwiſchen die Ohren und uͤber den Schedel gezogen, und kein Haar hervorlaſſend, die erſtern auf jene un⸗ gefaͤllige Art hervorragen ließ, die man auf alten Gemaͤlden bemerken kann, und welche den Purita⸗ nern die ihnen von ihren Zeitgenoſſen beigelegte, ſo unartige Benennung„ſpitzoͤhriger Stutz⸗ oder Rund⸗ koͤpfe“ zuzog. Dieſe Ehrenmaͤnner ſaßen an der Wand, jeder in ſeinem alten, hochlehnigen, langbeinigen Stuhl, ohne einander anzuſehen, noch, wie es ſchien, mit einander zu ſprechen, ſondern in ihre eignen Gedan⸗ ken vertieft, oder, gleich einer Verſammlung von QAuaͤkern, die belebende Kraft der goͤttlichen Einge⸗ bung erwartend. Major Bridgenorth glitt mit geraͤuſchloſem Schritt und mit einem, ihrem eigenen aͤhnlichen, ge⸗ ſetzten und ernſten Weſen an dieſer Geſellſchaft voruͤber. Er hielt vor jedem nach der Reihe, und — 5 theilte, wie es ſchien, im Voruͤbergehen die Vor⸗ gaͤnge des Abends und die Umſtaͤnde mit, unter wel⸗ chen der Erbe vom Schloß Martindale gegenwaͤrtig ein Gaſt zu Moultraſſie⸗Hall waͤre. Jeder ſchien bei ſeinem kurzen Bericht ſich zu regen, gleich einer Reihe Bildſeulen in einem bezauberten Saale, wel⸗ che in eine Art Leben emporzucken, ſobald der Tar lisman ſie nach und nach beruͤhrt. Die meiſten von ihnen warfen, als ſie die Erzaͤhlung ihres Wirthes hoͤrten, auf Julian einen Blick der Neugier, gemiſcht mit ſtolzer Verachtung und dem Bewußtſein ihrer geiſtigen Ueberlegenheit, obgleich in einem oder ein paar Faͤllen der mildere Einfluß des Mitleidens ſicht⸗ bar genug war. Julian wuͤrde dieß Spießruthen⸗ geben der Augen mit groͤßerer Ungeduld ausgehalten haben, waͤren die ſeinigen in dieſer Zeit nicht mit Beobachten der Bewegungen Alexiens beſchaͤftigt geweſen, welche durchs Zimmer ſchluͤpfte, und blos ſehr kurz und leiſe mit einem und dem andern der Geſellſchaft, die ſie anredeten, ſprechend, ihren Platz neben einer alten Dame nahm, die eine drei⸗ fache Haube trug, das einzige Frauenzimmer in der Verſammlung war, und ein ſo eifriges Geſpraͤch mit ihr anknuͤpfte, daß Alexie wohl entſchuldigt werden konnte, wenn ſie den Kopf nicht emporrichtete oder nach Niemand weiter in der Geſellſchaft ſich umſah. 4 A3 Ihr Vater that eine Frage an ſie, auf die ſie zu antworten genoͤthigt war; naͤmlich wo die Debora Debbitch waͤre. „Sie iſt bald nach Sonnenuntergang ausgegan⸗ gen,“ antwortete Alexie,„um einige alte Bekannte in der Naͤhe zu beſuchen, und iſt noch nicht wieder zuruͤck.”“ Major Bridgenorth ließ in der Miene ſeinen Unwillen merken, und nicht zufrieden damit, erklaͤrte er ſeinen beſtimmten Entſchluß, daß die Debora Debvith nicht laͤnger ein Mitglied ſeiner Familie bleiben ſollte.„Ich will,“ ſagte er laut und ohne auf die Anweſenheit der Gaͤſte Ruͤckſicht zu nehmen, „ſolche Perſonen, und nur ſolche um mich haben, welche ſich in den nuͤchternen und ſittſamen Graͤnzen einer chriſtlichen Familie zu halten wiſſen. Wer mehr Freiheit verlangt, muß uns verlaſſen, da er nicht zu uns gehoͤrt.“ Ein tiefes und emphatiſches ſummendes Geraͤuſch, die damalige Art und Weiſe der Puritaner, ſowohl uber die von einem beliebten Geiſtlichen auf der Kanzel vorgetragenen Lehren, als auch uͤber die in Privat⸗ geſellſchaft geaͤußerten Gedanken, ihren Beifall aus⸗ zudruͤcken, erklaͤrte die Billigung der Anweſenden, und ſchien die Entlaſſung der ungluͤckichen Gouver⸗ ante zu entſcheiden, die, wie nun entdeckt worden — — ten geaͤrntet hatte, konnte von ihrer Entlaſſung nicht Alexie, in der Stunde der Verlegenheit, die bald beſſern Sitten und unzweideutigerer Rechtſe chaffenheit, als Debora Dehbitch beſaß, wohlthaͤtig unterſtuͤtzt Dienſtbote in Trauer ſein hageres, eingeſchrumpftes einer Stimme, die mehr einer Todtenglocke, als dem mer Erfriſchungen aufgetragen waͤren. Ernſthaft der oben bezeichneten puritaniſchen Dame auf oder Zerimonie folgte, in das Speiſezimmer, wo —— 7 war, uͤber die Graͤnzen hinausgeſchweift war. Selbſt Peveril, ob er gleich bei ſeiner fruͤhern Bekanntſchaft mit Alexien, betraͤchtliche Vortheile aus der intereſ⸗ ſirten und ſchwatzhaften Dispoſition ihrer Vorgeſetza ohne Billigung hoͤren; ſo ſehr wuͤnſchte er, daß kommen koͤnnte, durch das entſchloſſene Benehmen und den Rath einer Perſon ihres Geſchlechts von wuͤrde. Faſt ſogleich nach dieſer Eroͤffnung zeigte ein und runzliges Geſicht im Zimmer, und meldete mit Herold eines Gaſtmahls, zukam, daß im Nebenzim⸗ vorangehend, mit ſeiner Tochter auf der einen, und andern Seite, fuͤhrte Bridgenorth ſelbſt ſeine G ſchaft, die ihm mit wenig Ruͤckſicht auf O nahrhaftes Abendeſſen angerichtet war. 4 Auf dieſe Art wurde Peveril, ob er gleich nach dem gewoͤhnlichen Zerimoniell auf den Vortritt eini⸗ A 4 gen Anſpruch hatte— eine Sache, die damals fuͤr eben ſo wichtig galt, als ſie jetzt fuͤr unbedeutend angeſehen wird— unter den letzten gelaſſen, die das Zimmer verließen, und er haͤtte gar den Nachzug beſchloſſen, wenn nicht einer von den Gaͤſten, der ſelbſt zuruͤckgeblieben war, ſich verbeugt und dem jungen Peveril den Vorrang in der Geſellſchaft ab⸗ getreten haͤtte, deſſen ſich andere angemaßt hatten. Dieſer Zug von Hoͤflichkeit bewog Julian natuͤr⸗ lich, die Geſichtszuͤge der Perſon zu unterſuchen, die ihm dieſe Artigkeit erwies; und er ſtutzte, als er un⸗ ter dem niedergedruͤckten Sammtkaͤppchen und uͤber den kurzen Kragenbaͤndern das Angeſicht Gangleſſe's, wie er ſich nannte, ſeines Gefellſchafters vom vori⸗ gen Abend, entdeckte. Er betrachtete ihn immer wieder von Zeit zu Zeit, beſonders als ſich alle an die Tafel geſetzt hatten, und er folglich oͤfter Gelegen⸗ heit erhielt, dieſen Mann genauer zu beobachten, ohne wider den Anſtand zu verſtoßen. Erſt wankte er in em Glauben, und war ſehr geneigt, die Wahr⸗ i r Vermuthung zu bezweifeln; denn der Un⸗ d der Tracht war ſo groß, daß er das Anſehen etraͤchtlich veraͤnderte; und die Phyſiognomie ſelbſt, weit entfernt, etwas Ausgezeichnetes oder Intereſſan⸗ tes zu haben, war eins von jenen alltaͤglichen Ge⸗ 3 ſichtern⸗ die wir ſehen, faſt ohne ſie zu bemerken, — 9 und die wir vergeſſen, ſobald ſie uns aus den Augen gekommen ſind. Aber der Eindruck auf ſeine Seele erneute und verſtaͤrkte ſich, bis er ſich entſchloß, mit beſonderer Aufmerkſamkeit das Benehmen der Per⸗ ſon zu belauſchen, die ſeine Blicke ſo auf ſich gezogen hatte. Waͤhrend der Zeit eines ſehr langen Tiſchgebets, welches einer von der Geſellſchaft hielt,— der nach ſeinem Genfer⸗Kragen und ſeinem Serſche⸗Wamms zu urtheilen, wie Julian glaubte, einer gewiſſen diſ⸗ ſentirenden Gemeinde vorſtand— bemerkte er, daß jener Mann dieſelbe, von den Puritanern gewoͤhnlich affectirte geſetzte und ernſthafte Miene behauptete, welche eher eine Karikatur auf die bei ſolcher Gele⸗ genheit unſtreitig geziemende Ehrerbietung aus⸗ druͤckte. Seine Augen waren emporgerichtet, und. 4 ſein ungeheures Wetterdach von Hut, mit einem 5 hohen Kopf und breitem Rande, in beiden Haͤnden vor ſich gehalten, ſtieg und fiel mit dem Ton der Stimme des Sprechenden, ſo zu den Perioden des Tiſchgebets gleichſam den Takt gebend. Doch als das leichte Geraͤuſch ſtatt fand, welches das Setzen der Stuͤhle u. dgl. begleitet, wenn man ſich zur Ta⸗ fel ſetzt, begegnete Julians Auge dem Blicke des Fremden, und bei dieſem Begegnen der Augen blickte aus denen des Fremden ein Ausdruck ſatiriſcher A 3 10 Laune und Verachtung hervor, welcher ein inneres Belaͤcheln der Ernſthaftigkeit ſeines gegenwaͤrtigen Benehmens zu verrathen ſchien. Julian ſuchte wieder ſein Auge zu fixiren, um ſich zu uͤberzeugen, daß er ſich nicht uͤber die Bedeu⸗ tung dieſes fluͤchtigen Ausdrucks geirrt haͤtte; aber der Fremde gab ihm keine weitere Gelegenheit dazu. Er haͤtte durch den Ton ſeiner Stimme entdeckt werden koͤnnen; aber die beſagte Perſon ſprach we⸗ nig, und nur leiſe, was freilich die Sitte der ganzen Geſellſchaft war, deren Betragen bei Tiſche dem Benehmen der Leidtragenden bei einem Trauermahle glich. Die Bewirthung ſelbſt war von grober Koſt, aber reichlich; und mußte, nach Julians Meinung, einem, der ſich ſo auf feine Speiſen verſtand, und ſo kritiſch und wiſſenſchaftlich die ſinnreichen Zurichtun⸗ gen ſeines Geſellſchafters Smith zu genießen wußte, als Ganleſſe am vergangenen Abend gezeigt hatte, ziemlich unſchmackhaft vorkommen. Dem zu Folge bemerkte er bei genauer Beobachtung, daß die Spei⸗ ſeo, die er auf ſeinen Teller nahm, unverzehrt liegen blieb, und daß ſeine wirkliche Mahlzeit nur aus einer Rinde Brot und einem Glaſe Wein beſtand.— Das Mahl wurde mit der Eile derjenigen be⸗ ſchleunigt, die es fuͤr Schande, wo nicht fuͤr Suͤnde ——-— —— — 11 halten, blos mit thieriſchen Genuͤſſen Zeit zu ver⸗ ſchwenden oder ſich Vergnuͤgen zu machen; und als die Maͤnner ſich den Mund und den Knebelbart ab⸗ wiſchten, bemerkte Julian, daß der Gegenſtand ſeiner Neugierde ein Handtuch vom feinſten Cambrick dazu gebrauchte, was mit der aͤußern Einfachheit, um nicht zu ſagen, mit der groben Beſchaffenheit ſeines Ausſehens ziemlich in Widerſpruch ſtand. Er be⸗ diente ſich auch noch verſchiedener groͤßerer Verfeine— rungen, die damals nur an vornehmen Tafeln vorkamen; und Julian glaubte an ihm bei jeder Wendung Etwas von Hofmanieren und Hofgebaͤrden unter der ſtrengen und baͤueriſchen Einfalt des von ihm angenommenen Charakters zu entdecken. Wenn dieß aber wirklich derſelbe Gangleſſe war, mit welchem Julian am verfloſſenen Abend ſich in Geſellſchaft befunden, und welcher ſich der Faͤhigkeit geruͤhmt hatte, jede eben beliebige Rolle zu ſpielen, was konnte die Abſicht ſeiner gegenwaͤrtigen Ver⸗ kleidung ſein? Er war, wenn man ſeinen Worten glauben durfte, ein Mann von einiger Bedeutung, der es wagte, der Gefahr jener Officiere und Bericht⸗ erſtatter Trotz zu bieten, vor welchen damals alle Staͤnde zitterten; auch wuͤrde er, wie Julian meinte, ſich wahrſcheinlich nicht ohne irgend einen wichtigen 12 Zweck einer ſolchen Maske, wie dieſer, unterzogen haben, die demjenigen nur laͤſtig ſein konnte, deſſen Unterhaltung ihn als einen Freund eines leichtſinni⸗ gen Lebens und einer freien Denkungsart ankuͤn⸗ digte. Erſchien er hier aus guter oder boͤſer Ab⸗ ſicht? Betraf ſeine Anweſenheit das Haus des Rit⸗ ters Peveril, oder deſſen Sohn, oder Bridgenorths Familie? War Ganleſſe's wirklicher Charakter dem Herrn des Hauſes bekannt, der ſo unbiegſam in Al⸗ lem war, was ſowohl Sitten als Religion anging? Wo nicht, konnten nicht die Raͤnke eines ſo ſchlauen Kopfs den Frieden und das Gluͤck der Alexie Brid⸗ genorth Kren Dieß unn Fragen, die ſich Peveril mit aller Ueberlegung waihe zu beantworten wußte. Seine Blicke flogen von Alexien auf den Fremden; und neue Beſorgniſſe und neue Arten von unbeſtimmtem Argwohn, welche die Wohlfahrt dieſes geliebten und liebenswuͤrdigen Maͤdchens betrafen, miſchten ſich mit der tiefen Bangigkeit, die ſchon ſein Herz in Nuͤckſicht ſeines Vaters und des Hauſes ſeines Va⸗ ters erfuͤllte. In dieſem Aufruhr ſeines Gemuͤths befand er ſich, als die Geſellſchaft nach einem eben ſo langen Dankgebet, als das erſte Tiſchgebet war, von der Tafel aufſtand, und ſogleich zum Halten der Fami⸗ lienandacht berufen ward. Ein Zug von Dienſtbo⸗ ten, ernſt, traurig und ſchwermuͤthig, wie ihre Herr⸗ ſchaft, trat herein, dieſer Andachtsuͤbung beizuwohnen, und ſtellte ſich an das untere Ende des Zimmers. Die meiſten dieſer Leute waren mit langen Stoßde— gen bewaffnet, wie die langen Degen, die bei Crom⸗ well's Soldaten ſehr uͤblich waren, damals genannt wurden. Mehrere hatten auch große Piſtolen, und man hoͤrte die Bruſtharniſche oder Kuͤraſſe von Ei⸗ nigen klirren, als ſie bei der Andachtsuͤbung nieder⸗ knieten. Die Amtsverrichtung deſſen, den Julian fuͤr einen Prediger hielt, wurde jetzt nicht gebraucht. Major Bridgenorth ſelbſt las und erklaͤrte ein Ka⸗ pitel aus der heil. Schrift mit v. Staͤrke und Maͤnnlichkeit des Ausdrucks, obgleich ſo, daß er dem Vorwurf der Schwaͤrmerei nicht entgehen konnte. Das neunzehnte Kapitel des Jeremias war das bi⸗ bliſche Stuͤck, das er waͤhlte, worin der Prophet, unter dem Bilde des Zerbrechens eines irdenen Ge⸗ faͤßes, die Zerſtreuung der Juden weiſſagt. Der Vorleſer hatte von Natur keine Beredſamkeit; aber eine ſtarke, tiefe und aufrichtige Ueberzeugung von der Wahrheit deſſen, was er ſagte, erfuͤllte ihn mit der Kraft und dem Feuer der Sprache, als er zwi⸗ ſchen dem Graͤuel des Goͤtzendienſtes von Baal und den Verderbniſſen der Kirche Roms eine Parallele zog— ein Lieblingsthema der Puritaner zu jener Zeit; und als er gegen die Katholiken und ihre Un⸗ terſtuͤtzer das Verſpotten und die Veroͤdung aus⸗ ſprach, welche der Prophet auf die Stadt Jeruſalem bezieht. Seine Zuhoͤrer machten eine noch ſtrengere Anwendung davon, als der Vorleſer ſelbſt angab, und manches finſtre, ſtolze Auge verrieth durch einen Blick auf Julian, daß an ſeines Vaters Hauſe zum Theil ſchon dieſe furchtbaren Verwuͤnſchungen in Erfuͤllung gegangen waͤren. Als Bridgenorth ſeinen Vortrag geendigt hatte, forderte er die Verſammlung auf, ſich mit ihm im Gebete zu vereinigen; und bei einer kleinen Veraͤn⸗ derung, die in der Stellung der Perſonen beim Nie⸗ derknieen entſtand, fand Julian ſeinen Platz neben dem aufrichtigen und ſchoͤnen Weſen, das er liebte, als ſie niederkniete, in ihrer Liebenswuͤrdigkeit, um ihren Schoͤpfer anzubeten. Eine kurze Zeit war zum ſtillen Gebet eingeraͤumt, waͤhrend welcher Pe⸗ veril ihre leiſe Bitte um den verheißenen Seegen des Friedens und um Huld gegen die Menſchheit hoͤren konnte. Das Gebet, welches nun folgte, war von einer ganz andern Art. Es wurde von demſelben Mann herausgeſtoßen, der als Kapellan bei der Tafel das Amt verrichtet hatte; und es war im Tone eines — ——— — 15 Boanarges, oder Sohns des Donners— eines An⸗ klaͤgers der Verbrechen— eines Aufrufers der Straf⸗ gerichte— faſt eines Propheten von Unheil und Zerſtoͤrung. Die Zeugniſſe und die Suͤnden des Tages wurden nicht vergeſſen— bei dem geheim⸗ nißvollen Morde des Sir Edmondbury Godfrey wurde verweilt— und Dank und Preis wurde dar⸗ gebracht, daß dieſelbe Nacht, in welcher ſie verſam⸗ melt waren, kein anderes Opfer einer proteſtantiſchen Magiſtratsperſon fuͤr die blutduͤrſtige Furie der rach⸗ ſuͤchtigen Katholiken geſehen hatte. Nie hatte Julian es ſchwerer gefunden, waͤhrend einer gottesdienſtlichen Handlung ſein Gemuͤth in einer der Stellung und der Gelegenheit angemeſſenen Stimmung zu erhalten; und als er den Redner fuͤr den Sturz und die Veroͤdung ſeiner Familie Dank bringen hoͤrte, war er in ſtarker Verſuchung, aufzu⸗ ſtehen, und ihm die Darbringung eines mit Falſch⸗ heit und Verleumdung befleckten Dankopfers am Throne der Wahrheit ſelbſt vorzuwerfen. Er wi⸗ derſtand jedoch einem Antriebe, welchem zu folgen Raſerei geweſen ſein wuͤrde, und ſeine Geduld blieb nicht ohne Belohnung. Denn als ſeine holde Nach⸗ barin von ihrem Knieen ſich erhob, nachdem das ausgedehnte und verlaͤngerte Gebet endlich geſchloſ⸗ ſen war, ſah er ihre Augen von Thraͤnen ſtroͤmen, 16 I— und ein Blick, mit dem ſie in dieſem Moment ihn anſah, zeigte mehr zaͤrtliche Theilnahme fuͤr ihn in ſeinen verfallenen Gluͤcksumſtaͤnden und in ſeiner abhaͤngigen Lage, als er von ihr hatte damals erlan⸗ gen koͤnnen, da ſein zeitliches Vermoͤgen ſo ſehr das ihrige zu uͤbertreffen ſchien. Erfreut und geſtaͤrkt durch die Ueberzeugung, daß ein Herz in der Geſellſchaft, und zwar dasjenige, in welchem er am innigſten ein Intereſſe ſich zu ſichern wuͤnſchte, mit ſeinem Kummer ſympathiſirte, fuͤhlte er ſich ſtark genug, Alles, was noch folgen moͤchte, auszudauern, und erſchrak nicht vor dem finſtern, ſtillen Laͤcheln, mit welchem einer nach dem andern in der Verſammlung ihn anſah, als ſie, zu ihren ver⸗ ſchiedenen Nachtquartieren zuruͤckkehrend, ſich beim Abſchiede mit einem triumphirenden Blicke an einem Menſchen weideten, den ſie als ihren gefangenen Feind betrachteten. Alexie ging auch bei ihrem Liebhaber vorbei, mit niedergeſenkten Augen, und erwiederte ſeine tiefe Verbeugung, ohne ſich empor zu richten. Das Zim⸗ mer war nun leer bis auf Bridgenorth und ſeinen Gaſt oder Gefangenen; denn es iſt ſchwer zu ſagen, in welcher Qualitaͤt ſich Peveril zu betrachten hatte. Der Major nahm einen alten meſſingenen Leuchter vom Tiſch, und ſagte, indem er den Weg zeigte: — 17 „Ich muß einen unhoͤflichen Kammerdiener machen, und Sie zu einem Schlafzimmer fuͤhren, das viel⸗ leicht unbequemer iſt, als Sie einzunehmen gewohnt ſind.“ Julian folgte ihm ſtillſchweigend eine altmodiſche Wendeltreppe innerhalb eines Thurmes hinauf. An dem Landungsplatz in der Hoͤhe war eine kleine Kammer, wo ein gewoͤhnliches Wachbett, zwei Stuͤhle und ein kleiner ſteinerner Tiſch die einzige Geraͤth⸗ ſchaft ausmachten.„Ihr Bett,“ fuhr Bridgenorth fort, als wuͤnſchte er ihr Beiſammenſein zu verlaͤn⸗ gern,„iſt nicht das weichſte; aber Unſchuld ſchlaͤft ſo gut auf Stroh, als auf Flaumfedern.“ „Betruͤbniß, Herr Major,“ antwortete Julian, „findet auf keinem von beiden Ruhe. Allein, ſagen Sie mir doch— denn Sie ſcheinen eine Frage von mir zu erwarten— was wird das Schickſal meiner Eltern ſein, und warum trennen Sie mich von ihnen?“ 1. Bridgenorth wies, ſtatt der Antwort, mit dem Finger auf das Zeichen, das ſein Geſicht noch vom Losſchießen des Piſtols Julians wahrnehmen ließ. „Das,“ ſagte Julian,„iſt nicht der wahre Grund Ihres Verfahrens gegen mich. Es iſt nicht moͤglich, daß Sie, der Sie Soldat geweſen und ein Menſch ſind, uͤber meinen Verſuch zur Vertheidigung meines 18 Vaters betroffen oder unwillig ſind. Ueber Alles aber koͤnnen Sie nicht glauben, und ich muß hinzu⸗ ſetzen, glauben Sie auch wirklich nicht, daß ich meine Hand gegen Ihre Perſon erhoben haben wuͤrde, waͤre nur ein Augenblick Zeit zum Wiedererkennen geweſen.“ „Ich mag das Alles zugeben,“ ſagte Bridge⸗ north; aber was gewinnen Sie damit in meiner guten Meinung oder in Hinſicht der Leichtigkeit, wo⸗ mit ich Ihnen das Unrecht vergeben kann, das Sie an mir veruͤben wollten? Sie ſind in Haft bei mir, als einer Magiſtratsperſon, angeklagt der Beguͤnſti⸗ gung des abſcheulichen, blutigen und heidniſchen An⸗ ſchlags zur Errichtung des Papſtthums, der Ermor⸗ dung des Koͤnigs und der allgemeinen Niedermetze⸗ lung aller echten Proteſtanten.“ „Und aus welchen Gruͤnden, entweder von That⸗ ſachen oder von Verdacht, darf mich Jemand eines ſolchen Verbrechens beſchuldigen?“ ſagte Julian. „Ich habe kaum von dem Complot gehoͤrt, außer etwa auf dem Wege des gemeinen Geruͤchts, welches, weil es von ſonſt nichts ſpricht, ſich huͤtet, ſelbſt uͤber dieſen Gegenſtand etwas Beſtimmtes zu ſagen.“ „Es mag fuͤr mich hinreichen, Ihnen zu ſagen,“ gab Bridgenorth zur Antwort,„und vielleicht iſt es ſchon ein Wort zu viel— daß Sie entdeckter Raͤn⸗ — — 19 kemacher— ein ausgeſpuͤrter Spion ſind, der Zei⸗ chen und Botſchaften zwiſchen der paͤpſtiſchen Graͤfin von Derby und der katholiſchen Partei in London uͤberbringt. Sie haben Ihre Sache nicht mit ſon⸗ derlicher Klugheit gefuͤhrt; ſondern dieß iſt wohl be⸗ kannt, und kann genugſam bewieſen werden. Zu dieſer Beſchuldigung, die Sie ſich wohl bewußt ſind, nicht ableugnen zu koͤnnen, ſind dieſe Maͤnner, Eve⸗ rett und Dangerfield, nicht abgeneigt, aus Erinne⸗ rung Ihrer Phyſiognomie noch andere Vorfaͤlle hin⸗ zuzufuͤgen, welche Ihnen gewiß Ihr Leben koſten werden, wenn Sie vor ein proteſtantiſches Geſchwor⸗ nen⸗Gericht kommen.“ „Sie luͤgen wie Schurken.“ ſacte Peveril,„d mich fuͤr Theilnehmer irgend eines Complots, es 5 gegen den Koͤnig, die Nation oder die Verfaſſung der Religion, halten; und, was die Graͤfin betrifft, ſo hat ſich Ihre Rechtlichkeit zu lange und zu ſtark bewieſen, um ſie in ſolchen beleidigenden Verdacht verwickeln zu duͤrfen.“ „Was ſie bereits gethan hat,“ ſagte Bridgenorth mit ſich verfinſterndem Geſicht,„gegen die treuen Kaͤmpfer fuͤr reine Religion, hat hinlaͤnglich bewie⸗ ſen, weſſen ſie faͤhig iſt. Sie hat ſich auf ihre Felſen begeben, und ſitzt, wie ſie meint, in Sicherheit, wie der Adler, der nach ſeinem blntigen Mahle ausruht. 20— 8 Aber der Bogen des Voglers kann ſie noch erreichen — der Pfeil iſt gewetzt— der Bogen iſt geſpannt — und man wird bald ſehen, ob Amalek oder Iſrael ſiegen ſoll. Was aber Dich betrifft, Julian Peveril — warum ſollt' ich dir's verhehlen?— Mein Herz jammert um dich, wie das eines Weibes um ihr Erſt⸗ gebornes. Dir wiß ich, auf Koſten meines eigenen Rufs— vielleicht a2f Gefahr perſoͤnlichen Verdachts — denn wer wird in dieſen Tagen des Zweifels da⸗ von ausgenommen ſein?— Dir, ſage ich, will ich Mittel zur Flucht reichen, die dir ſonſt unmoͤglich ſein wuͤrde. Die Treppe dieſes Thurms geht in die Gaͤrten hinab— das Pfoͤrtchen iſt aufgeklinkt— zur rechten Seite ſind die Staͤlle, wo du dein eignes echten Seite ſind die Staͤlle, w Pferd finden wirſt— nimm es und begib dich nach Liverpool.— Ich will dir Anweiſung an einen Freund, Namens Simon Simonſon, geben, einen von denen, die von den Praͤlaten verfolgt wurden, und hier wird er deine Reiſe aus dem Koͤnigreiche befoͤrdern.“ „Herr Major,“ ſagte Julian,„ich will Sie nicht taͤuſchen. Sollt' ich Ihr Anerbieten zur Ret⸗ tung annehmen, ſo wuͤrde es geſchehen, um einen hoͤhern Ruf, als den zur bloßen Selbſterhaltung, zu erwarten. Mein Vater iſt in Gefahr— meine Mutter voll Betruͤbniß— die Stimme der Religion — und der Natur ruft mich an ihre Seite; Ich bin ihr einziges Kind— ihre einzige Hoffnung— ich will ihnen helfen oder mit ihnen umkommen.“ „Du biſt toll,“ ſagte Bridgenorth,„helfen kannſt du ihnen nicht— umkommen kannſt du wohl mit ihnen, und ſelbſt ihren Untergang beſchleunigen; denn zu den Anklagen, mit denen dein ungluͤcklicher Vater belaſtet iſt, wuͤrde keine geringe Verſtaͤrkung hinzukommen, wenn, waͤhrend er die Katholiken und hohen Geiſtlichen von Cheſhire und Derbyſhire zu bewaffnen und zu verſammeln beſchaͤftigt iſt, ſein Sohn ſich als vertrauter Agent der Graͤfin von Der⸗ by zeigte, welcher ihr ihre Feſtung gegen die Prote⸗ ſtantiſchen Commiſſionaͤre behaupten half, und von ihr abgeſchickt wurde, eine Communication mit der paͤpſtiſchen Partei in London zu eroͤffnen.“ „Sie haben mich zweimal als einen ſolchen Agenten angegeben,“ ſagte Peveril, der ſein Still⸗ ſchweigen nicht fuͤr Einraͤumung der Beſchuldigung, die er doch als einigermaßen wohl gegruͤndet fuͤhlte, angenommen wiſſen wollte.“ Welche Gruͤnde haben Sie zu einer ſolchen Behauptung?“ „Wird es zum Beweiſe meiner genauen Kennt⸗ niß Ihres Geheimniſſes hinreichen,“ antwortete Bridgenorth,„wenn ich Ihnen die letzten Worte wiederhole, welche die Graͤfin zu Ihnen ſprach, als Sie das Schloß dieſes Amalekitiſchen Weibes ver⸗ ließen? So ſprach ſie:„Ich bin eine verlaſſene Witwe, welche der Kummer ſelbſtſuͤchtig gemacht hat.“ Peveril ſtutzte;; denn dieß waren die eigenen Worte der Graͤfin; aber er faßte ſich ſogleich, und erwiederte:„Verhalte es ſich mit Ihrer Kenntniß, wie es wolle; ich leugne doch Alles ſtandhaft ab, ſo fern es irgend eine Schuld auf mich bringt. Es giebt keinen Menſchen, der einer treuloſen Geſin⸗ nung oder eines verraͤtheriſchen Plans weniger ſchul⸗ dig waͤre. Was ich fuͤr mich ſelbſt ſage, das will ich auch, nach meinem beſten Wiſſen, in Hinſicht der edlen Graͤfin ſagen und behaupten, der ich für meine Erziehung verpflichtet bin.“ „So gehe denn in deiner Hartnaͤckigkeit zu Grunde!“ ſagte Bridgenorth, wandte ſich ſchnell um, und verließ die Kammer, und Julian hoͤrte ihn die enge Treppe hinab eilen, als wenn er ſeinem eignen Entſchluſſe nicht traute. Mit ſchwerem Herzen, doch mit dem Vertrauen in eine allwaltende Vorſehung, welche den Guten und Rechtſchaffenen nie verlaͤßt, begab ſich Peveril auf ſeine niedrige Ruheſtaͤtte. — 23 Zweites Kapitel. Waͤhrend Julian Peveril, von Muͤdigkeit uͤber⸗ mannt und von Beaͤngſtigung ermattet, als ein Ge⸗ fangener in dem Hauſe ſeines Erbfeindes ſchlum⸗ merte, bereitete die Gluͤcksgoͤttin ſeine Befreiung durch einen jener unvermutheten Scherze vor, womit ſie die Berechnungen und Erwartungen der Menſch⸗ heit gern in Verwirrung bringt; und wie ſie zu ſol⸗ chem Zweck ſeltſame Mittel ergreift, ſo beliebte es ihr fuͤr den gegenwaͤrtigen Fall keine geringere Per⸗ ſon, als die Gouvernante Debora Debbitch zu ge⸗ brauchen. Angetrieben ohne Zweifel durch die Er⸗ innerung voriger Zeiten, hatte dieſes hoͤchſt kluge und bedachtſame Frauenzimmer ſich kaum in der Naͤhe der Scenen ihrer fruͤhern Tage gefunden, als ſie ſich einen Beſuch bei der alten Haushaͤlterin im Schloß Martindale, Ellesmere mit Namen, vor⸗ nahm, welche, lange aus dem wirklichen Dienſt zu⸗ ruͤckgezogen, in dem Foͤrſterhauſe in der Weſtgegend des Gehoͤlzes, nebſt ihrem Neffen Lance Outram, wohnte, und von dem Erſparten ihrer beſſern Tage und einer kleinen, ihr wegen ihres Alters und ihrer treuen Dienſte vom Ritter Gottfried Peveril ge⸗ waͤhrten, Penſion lebte. Nun waren Ellesmere und Debora ehedem kei⸗ 24 neswegs auf ſo freundſchaftlichem Fuß geweſen, als dieſe Eile, ſie zu beſuchen, wuͤrde vermuthen laſſen. Aber die Jahre hatten Debora vergeſſen und verge⸗ ben gelehrt; oder vielleicht hatte ſie keine ſcheinbare Abhaltung, unter dem Vorwande eines Beſuchs bei der Ellesmere, beilaͤufig zu ſehen, was die Zeit an threm alten Verehrer, dem Foͤrſter, fuͤr Veraͤnderun⸗ gen gemacht haͤtte. Beide Bewohner waren in dem Haͤuschen, als Debora, nachdem ſie ihren Herrn auf ſeiner Verrichtung nach dem Schloſſe gehen ge⸗ ſehen hatte, angethan mit ihrem beſten Kleide, uͤber den Graben, die Steige und den gruͤnen Fußweg ging, um an der Thuͤre zu klopfen, und auf die freundliche Einladung, herein zu kommen, die Klinke aufzudruͤcken. Die Augen der Ellesmere waren ſo bloͤde, daß ſte, ſelbſt mit Huͤlfe der Brille, in der ſtattlichen und wohlbeleibten Perſon, welche hereintrat, nicht das ſchmaͤchtige wohlgebildete Maͤdchen wieder er⸗ kannte, die, in Zuverſicht auf ihr gutes Ausſehen und ihre gelaͤufige Zunge, ſie ſo oft durch Unfolg⸗ ſamkeit geaͤrgert hatte; und ihr ehemaliger Liebha⸗ ber, der gefuͤrchtete Lance, nicht bedenkend, daß das ſtarke Vier ſeiner eigenen, ſonſt ſo ſchmaͤchtigen und gewandten Geſtalt Rundung gegeben, und daß Branntwein die Farbe, welche ſonſt ſeine Wangen einnahm, auf ſeine Naſe uͤbergetragen hatte, war unvermoͤgend zu entdecken, daß Debora's franzoͤſiſche Haube, von Sarſenet und Bruͤſſeler Spitzen, die Geſichtszuͤge beſchattete, welche ihm ſo oft einen Verweis vom Dr. Dummerar zugezogen, daß er, zur Zeit des Gebets, ſeine Blicke nach der Bank der Dienſtmaͤdchen hinſchweifen ließ. Kurz, die erroͤthende Beſucherin war genoͤthigt, ſich ſelbſt bekannt zu machen; und als dieß geſchehen, ward ſie von der Tante und dem Neffen mit der aufrichtigſten Herzlichkeit aufgenommen. Das heimathliche Gebraͤude wurde aufgeſetzt; und, anſtatt einer gemeineren Koſt, gaben einige Stuͤcke Wildpret, die jetzt in der Schmorpfanne ziſchten, der ſtarken Vermuthung Raum, daß Lance Outram, in ſeiner Quualitaͤt als Foͤrſter, ſeine eigne Huͤtte nicht vetabſaumte, wenn er die Speiſekammer des Schloſſes verſorgte. Ein beſcheidener Trunk des trefflichen Derbyſhirer Doppelbiers und einige Schnitte des ſchmackhaften Fleiſches machten Debora bald ganz heimiſch vertraut mit ihren alten Be⸗ kannten. Nachdem ſie alle noͤthigen Fragen gethan, und alle paſſende Antworten erhalten, in Bezug auf die Nachbarſchaft und die noch hier wohnenden Freunde, fing die Unterhaltung etwas zu ſtocken an, bis De⸗ III. B * 4 bora den Kunſtgriff fand, ſie wieder zu beleben, in⸗ dem ſie 5— Freunden die traurige Nachricht mit⸗ theilte, daß ſie bald gefaͤhrlich boͤſen Neuigkeiten aus dem Sahes entgegen ſehen muͤßten, weil ihr ge⸗ genwaͤrtiger Herr, Major Bridgenorth, von gewiſſen großen Perſonen in London aufgefordert ſei⸗ ihnen in Verhaftung ihres alten Herrn, des Ritkers 2 veril, beizuſtehen; und daß alle Dienſtboten Brid⸗ genorths, und verſchiedene andere Perſonen, die ſie nannte, Freunde und Anhaͤnger derſelben Sache, eine Macht derſammelt bäter⸗ aum das Schloß zu uͤberfallen; und daß, da Ritter Peveril nun ſo alt und dabei g ichtiſch waren ſich ſeine gewohnte V Ver⸗ theidtzung nicht erwarten laſſe; und dam ſei er als ſo hartnaͤckig bekannt, daß ſich nicht glauben laſſe, er werde ſich ohne Schäerftreih ergeben; und dann, wenn er umgebracht ſein puͤrde, wie wahr⸗. ſcheinlich geſchehen duͤrfte, unter Leuten, denen nie eit Bein an ſeinem Leibe gefallen haͤtte, und Lady Peveril fuͤr nicht viel beſſer anſehen moͤchte, als fuͤr eine todte Frau; und ohne Zweifel wuͤrde eine allgemeine Tauer im ganzen Lande Statt ſin⸗ den, wo ſie ſo große Verwandtſchaft haͤtten; und die Seidenzeuge wuͤrden wahrſcheinlich daruͤber theu⸗ rer werden, wie Herr Luteſtring, der Seidenhaͤndler 4 von deren Gnade er nun abhinge, ſie, in dieſem Falle, — 27 von Cheſterfield, wohl in ſeiner Geldboͤrſe empfinden wuͤrde. Fuͤr ihren Theil aber moͤge es gehen, wie es wolle, und wenn der junge Herr Julian zu ſei⸗ nem Erbtheil kommen ſollte, ſo koͤnnte ſie faſt einen beſondern Wink geben, wie nur irgend einen, wer wahrſcheinlich die gnaͤdige Frau von Martindale werden wuͤrde. Der Text zu dieſem Vortrage, oder mit andern Worten, die Thatſache, daß Major Bridgenorth mit einer Partei ausgegangen war, den Ritter Peveril in ſeinem eignen Schloſſe Martindale anzugreifen, klang ſo erſtaunlich befremdend in den Ohren dieſer alten Dienſtleute ſeines Hauſes, daß ſie eben ſowohl unfaͤhig walen, die Folgerungen der Debora abzu⸗ warten, als ſie in em reiſſenden Strom ihrer Rede zu unterbrechen. Und als ſie endlich athemlos eine Pauſe machte, war lles, was Ellesmere erwiedern konnte, die nachdruͤckliche Frage; Bridgenorth ſollte dem Ritter Peveril Trotz bieten!— Iſt das Weib toll?⸗ 3 3 „Still, ſtill, gute Ellesmere,“ rief Debora, „menne mich nicht mehr Weib, als ich dich Weib nenne. Ich bin nicht ſeit ſo vielen Jahren oben an der Tafel Mamſell genannt worden, um hier von dir Weib genannt zu werder. Und was die Neuig⸗ keiten betrifft, ſo iſt es ſo wahr, als daß du in einer B 2 * 28— weißen Haube da ſitzeſt, und bald genug eine ſchwarze tragen wirſt.“ „Lance Outram,“ ſagte die alte Frau,„zeige, ob du ein Mann biſt, und horche, ob ſich Etwas am Schloſſe regt.“ „Wenn das waͤre,“ ſagte Outram,„ſo bin ich ſchon zu lange hier;“ und er ergriff ſeine Armbruſt und ein oder zwei Pfeile, und ſtuͤrzte aus der Huͤtte fort. 3 „Ei nun!“ ſagte Debora,„ſieh, ob nicht meine Neuigkeiten auch Lance Outram hinweg geſchreckt haben, den, wie man ſagte, nichts ſtutzig machen konnte. Aber nimm es nicht ſo auf, Ellesmere; denn ich traue mir zu behaupten, wenn das Schloß und die Laͤndereien an meinen neuen Herrn, Major Bridgenorth, kommen, wie 8 wahrſcheinlich iſt,— denn ich habe gehoͤrt, daß er gewaltige Schulden auf dem Grundſtuͤck hat— ſo ſollſt du mein Fuͤr⸗ wort bei ihm haben, und ich verſichere dir, er iſt kein ſchlechter Mann; etwas ſtreng in Abſicht des Predigens und Betens, und der Kleidung, die man tragen ſoll, was— ich muß es bekennen— keinem feinen Manne geziemt— denn, wahrhaftig, jede Frau weiß am beſten, was ihr ſteht. Was aber dich betrifft, Ellesmere, die du ein Gebetbuͤchlein bei deiner Hausfrauentaſche am Guͤrtel traͤgſt, und nie 29 die Mode mit der weißen Haube aͤnderſt, ich getraue mir zu ſagen, er wird dir nicht uͤber die Kleinigkeit, die du brauchſt, und nicht gewinnen kannſt, ſcheel ſehen. „Fort, du niedrige Dirne!“ rief Ellesmere aus, zitternd vor Furcht und Aerger;„und ſchweig den Augenblick ſtill, oder ich will Leute finden, die dir die Haut mit der Hundepeitſche herunterhauen ſollen. Haſt du deines edeln Herrn Brot gegeſſen, um nicht nur ſein Zutrauen zu verrathen, und aus ſeinem Dienſt zu laufen, ſondern willſt auch hieher kommen, um als ein Ungluͤcksvogel, wie du biſt, uͤber ſeinen Fall zu triumphiren?“ „Nein, Ellesmere,“ ſagte Debora, die von der Heftigkrit der Alten etwas uͤberwaͤltigt war;„ich ſage das nicht— blos die Verhaftsbefehle der Par⸗ lamentsleute ſagen es.“ „Ich daͤchte, wir haͤtten genug gehabt mit ihren Verhaftsbefehlen fuͤr immer ſeit dem geſegneten neun und zwanzigſten Mai,“ ſagte die alte Haus⸗ haͤlterin vom Schloß Martindale;„aber das muß ich dir ſagen, gutes Kind, daß ich ſolche Verhafts⸗ befehle mit der Spitze des Schwerts denen, die ſie brachten, in den Hals ſtopfen geſehen habe; und ſo wird es auch hiermit werden, ſo lange noch ein red⸗ licher Mann uͤbrig iſt.“ B 3 — So ſprach ſie, als Lance Outram wieder ins Haus trat.„Tante,“ ſagte er erſchrocken,„ich fuͤrchte, es iſt wahr, was ſie ſagt. Der Leuchtthurm iſt ſo ſchwarz, als mein Gurt. Kein Polarſtern von Peveril. Was ſoll das bedeuten?“ „Tod, Untergang und Gefangenſchaft,“ rief die alte Ellesmere aus.„Mache dich auf nach dem Schloß, Burſche. Vertraue deinem ſtarken Koͤr⸗ per. Schlage dich fuͤr das Haus, das dich erzog und ernaͤhrte; und wenn du unter den Truͤm⸗ mern begraben wirſt, ſo ſtirbſt du eines Mannes Tod.“ „Nein, Tante, ich werde nicht faul ſein,“ ant⸗ wortete Outram.„Aber da kommen Leute, die werden uns mehr davon ſagen koͤnnen.“ Ein oder zwei weibliche Domeſtiken, die waͤhrend des Laͤrms vom Schloſſe geflohen waren, ſtuͤrzten nun mit mancherlei Bericht uͤber den Vorfall in die Stube; aber alle kamen darin uͤberein, daß ein Corps bewaffneter Maͤnner im Beſitz des Schloſſes ſei, und daß Major Bridgenorth den jungen Peveril zum Gefangenen gemacht und hinab nach Moultraſſiehall geſchickt habe, und zwar mit unter dem Bauch des Pferdes zuſammen gebundenen Fuͤßen— ein ſchaͤnd⸗ licher Anblick— und er ein ſo edel geborner und huͤbſcher Menſch. 2 — 51 Lance kratzte ſich im Kopf; und ob er gleich die ihm als einem treuen Diener obliegende Pflicht fuͤhlte, die freilich beſonders durch das Geſchrei und die Ausru⸗ fungen ſeiner Tante in ihm laut ward, ſo war er doch nicht wenig ungewiß, wie er ſich benehmen ſollte.„Wollte Gott, Tante,“ ſagte er endlich, „der alte Whitaker lebte noch jetzt, mit ſeinen langen Geſchichten von Marſtonmoor und Edgehill, die uns Allen die Kinnbacken aus einander trieben, erotz geroͤſteten Speckſchwarten und Doppelbier. Wenn Jemand vermißt wird, klagt man um ihn, wie es heißt; und mir waͤr' ein Goldſtuͤck nicht ſo lieb, als wenn er hier geweſen waͤre und dieſe Sache ange⸗ ordnet haͤtte; denn ſie liegt ganz außer meinem Fache, als eines Waidmanns, der keine Kenntniß vom Kriege hat. Aber ich laſſe mich freſſen, wenn der alte Sir Geoffrey auf dem Wall ſich zeigt, ohne eins abzukriegen!—— Hoͤr' einmal, Lance(indem er mit einem der aus dem Schloſſe entflohenen Maͤd⸗ chen ſprach)— doch nein, du haſt nicht das Herz einer Katze, und erſchrickſt vor deinem eignen Schat⸗ ten im Mondſchein. Aber du, Caͤcilie, biſt eine herzhafte Dirne, und weißt einen Bock von einem Dompfaffen zu unterſcheiden. Hoͤre, Maͤdchen, wenn du zu heirathen wuͤnſcheſt, geh wieder aufs Schloß, und begieh dich— du weißt am beſten, wo⸗ B 4 32 hin— denn du biſt oft zum Pfoͤrtchen hinaus zu einem Tanze oder Schmauſe gegangen, ſo viel ich weiß.— Geh wieder aufs Schloß, wenn du hoffſt zu heirathen. Sieh, die gnaͤdige Frau— ſie koͤnnen dich daran nicht hindern— die gnaͤdige Frau hat einen Kopf, der zwanzig mal mehr werth iſt, als der unſrige— Wenn ich eine Macht verſammeln ſoll, ſo erleuchte den Leuchtthurm zum Signal; und ſpare kein Faß Theer dabei. Du kannſt es ſicher genug thun. Ich ſtehe dafuͤr, die Rundkoͤpfe ſind mit Trinken und Pluͤndern beſchaͤftigt.— Und hoͤre, ſage der gnaͤdigen Frau, ich hin zu den Bergmanns⸗ haͤuſern zu Bonadventure herunter gegangen. Die Schurken empoͤrten ſich nur geſtern wegen ihres Lohns; ſie werden zu. Allem bereit ſein, es ſei gut oder boͤs. Laß ſie mir Befehle zuſchicken; oder komm du ſelbſt, deine Fuͤße ſind lang genug.“ „Sie moͤgen lang ſein oder nicht, Herr Lance, (und Sie koͤnnen davon nichts wiſſen) ſo ſollen ſie doch dieſen Abend ihre Botſchaft verrichten, aus Liebe zu dem alten Ritter und ſeiner Gemahlin.“ So ſprang Caͤcilie Sellok, eine Art Derbyſhirer Camilla, welche bei dem Aſchbourner Wettrennen das Hemd gewonnen hatte, auf den Weg nach dem Schloſſe mit einer Eile hin, in der es ihr Wenige haͤtten gleich thun koͤnnen. e „Da geht ein wackeres Maͤdchen,“ ſprach Lance; „und nun, Tante, gieb mir das alte breite Schwert; es haͤngt uͤber dem Kopfkiſſen— und mein Wald⸗ meſſer; und ich will das Meinige thun.“ „Und was ſoll aus mir werden?“ ſchrie die un⸗ gluͤckliche Debora Debbitch. „Sie muͤſſen hier bei meiner Tante bleiben, De⸗ bora; und aus alter Bekanntſchaft wird ſie Sorge tragen, daß Ihnen kein Leid widerfahre; aber neh⸗ men Sie ſich in Acht, daß Sie nicht uͤber die Grenze zu gehen unternehmen.“ Mit dieſen Worten und ſo bei ſich ſelbſt ſein Unternehmen erwaͤgend, ritt der kuͤhne Foͤrſternim Mondſchein die Waldſchlucht hinab, kaum hoͤrend die Gluͤckswuͤnſche und Vorſichtsregeln, welche El⸗ lesmere ihm nachſtroͤmen ließ. Seine Gedanken waren nicht ganz kriegeriſch.„Was fuͤr einen ſchma⸗ len Knoͤchel die Maͤhre hat! ſie trippelt hin, wie ein Reh im Sommer uͤber den Thau. Wohlan; aber hier ſind die Huͤtten. Laßt uns in dieß Geleiſe.— Seid ihr alle im Schlaf, Teichgraͤber, Grubenleute und Bergwerksgehuͤlfen? Kommt heraus, ihr unter⸗ irdiſchen Dachſe. Hier iſt euer Herr, Ritter Gott⸗ fried Peveril, todt, ihr wiſſet oder kuͤmmert euch auch auch um gar nichts. Seht ihr nicht, der Leucht⸗ 4 B 5 34 thurm iſt finſter, und ihr ſitzt da, wie eben ſo viel Eſel.“ „Ei!“ antwortete einer von den Bergleuten, die nun aus ihren Huͤtten zu kommen anfingen. „Iſt er nun todt, So ißt er nicht mehr Brot.“ „und ihr werdet wohl auch keins mehr eſſen,“ ſagte Lance; denn die Bergwerke werden gegenwaͤr⸗ tig verſchuͤttet, und ihr alle entlaſſen werden.“ „ Gut, und was thut es, Herr Lance? Eben ſo gut, umſonſt ſpielen, als umſonſt arbeiten. Seit vier Wochen haben wir kaum die Farbe von Ritter Peverils Muͤnze geſehen, und wir ſollen uns drum kuͤmmern, ob er todt oder am Leben iſt! Fuͤr Sie, der ſie auf Ihrem Pferde herumtraben, und das als Geſchaͤft verrichten, was alle Menſchen zum Ver⸗ gnuͤgen thun, mag es ganz gut ſein; aber es iſt eine andere Sache, Gottes Tageslicht verlaſſen, und Tag und Nacht im Finſtern wuͤhlen, gleich einer Kroͤte ain der Hoͤhle— das iſt, meiner Treu, nicht umſonſt zu thun, und wenn Ritter Peveril todt iſt, ſo wird ſeine Seele dafuͤr buͤßen; und wenn er lebt, ſo wer⸗ den wir ihn vor dem Barmoot⸗Gericht haben.“ „Hoͤre, Gaffer,“ ſagte Lance,„und merkt auf, ihr Kameraden alleſammt“(denn eine betraͤchtliche Menge von dieſen rohen unterirdiſchen Leuten hatte * — 35 ſich nun verſammelt, um die Eroͤrterung anzuhoͤren); hat Ritter Peveril, glaubt ihr, jemals einen Pfen⸗ nig aus dieſem Bergwerk zu Bonadventure in ſeine Taſche bekommen?“ „Ich kann nicht ſagen, wie ich denke, daß es wohl geſchehen iſt,“ antwortete der alte Ditchley, welcher die ſtreitende Partei anfuͤhrte. „Antwortet auf euer Gewiſſen, wenn es auch ein bleiernes waͤre; wißt ihr nicht, daß er einen gu⸗ ten Pfennig Geld verloren hat?“ „Ei, es kann wohl ſein,“ antwortete Gaffer Ditchley.„Was iſt's weiter? Heute verloren, mor⸗ gen gewonnen; der Bergmann will in der Zwiſchen⸗ zeit leben.“ „Ganz recht; aber wovon wollt ihr leben, wenn Herr Bridgenorth das Land bekoͤmmt, der nichts von einem Bergwerke auf ſeinem Grund und Boden wird wiſſen wollen? Wird er auf einen todten Ver⸗ luſt hier wollen graben laſſen? Meint ihr?“ fragte der treuherzige Lance. „Bridgenorth?— der von Moultraſſiehall, der die große Gluͤcksgrube zuſchuͤtten ließ, auf welche ſein Vater zehntauſend Pfund ausgelegt haben ſoll, und nie einen Pfennig gewann? Ei, was hat der mit Ritter Peverils Eigenthum hier zu Bonadven⸗ 36— ture zu ſchaffen? Dieſe Grube war nie ſein⸗ meines Wiſſens.“ „Nein, ſo viel ich weiß,“ ſagte Lance, der den gemachten Eindruck bemerkte.„Das Recht und Schulden aber werden ihm die halbe Grafſchaft Derby verſchaffen, denk' ich, wenn ihr nicht dem alten Ritter Peveril beiſteht.“ „Wenn aber der Ritter todt waͤre,“ ſagte Ditch⸗ ley vorſichtig,„was wird unſer guter Wille, ihm beizuſtehen, helfen?“ „Ich ſagte nicht, daß er todt waͤre, aber ſo ſchlimm, als todt, in den Haͤnden der Rundkoͤpfe— ein Gefangener dort druͤben auf ſeinem eignen Schloſſe;“ ſprach Lance;„und er wird ſeinen Kopf hergeben muͤſſen, ſo gut, als der gute Graf Derby zu Bolton⸗le⸗Moors.“ „Nun dann, Kameraden,“ rief Gaffer Ditchley, „wenn's ſo iſt, wie Herr Lance ſagt, ſo denk' ich, wir ſollen eine Hand regen fuͤr den alten Ritter Gottfried wider einen niedrig gebornen niedertraͤch⸗ tigen Kerl, wie Bridgenorth, der eine Schacht zu⸗ ſchuͤttete, die Tauſende koſtete, ohne einen Pfennig Ausbeute davon zu haben. So Hurrah fuͤr Ritter Peveril, und nieder mit dem Parlament! Aber halt einen Augenblick— halt Cund er winkte mit der Hand und hielt das beginnende Hurrah zuruͤck)— 37 hoͤrt, Herr Lance, es muß Alles vorbei ſein; denn der Wachtthurm iſt finſter, wie die Nacht; und das, wißt ihr wohl, zeigt des Herrn Tod an.“ „Er wird in einem Augenblick wieder leuchten,“ ſagte Lance, innerlich hinzu ſetzend:„Gebe es Gott! — Er wird den Augenblick wieder leuchten— es liegt blos am Brennmaterial und an der Beſtuͤrzung der Familie.“ 4 „Ja, ja, kann wohl ſein;“ ſagte Ditchley;„aber ich will mich nicht ruͤhren, bis ich ihn leuchten ſehe.“ „Ha, ha! nun kommt's!“ rief Lance.„Danb dir, Caͤcilie— Dank, gutes Maͤdchen. Nun glaubt euern eignen Augen, wenn ihr mir nicht glaubt, Ka⸗ meraden; und nun Hurrah fuͤr Ritter Peveril, den Koͤnig und ſeine Freunde— und nieder mit den Rundkoͤpfen und ihrem Parlament!“ Das ploͤtzliche Wiederleuchten der Warte hatte alle Wirkung, die Lance nur wuͤnſchen konnte, auf dieſe rohen und unwiſſenden Leute, die in ihrer aber⸗ glaͤubiſchen Denkungsart den Polarſtern Peverils mit den Schickſalen der Fomilie in ſtarke Verbindung gebracht hatten. Einmal in Bewegung geſetzt, wur⸗ den ſie, nach dem Nationalcharakter ihrer Lands⸗ leute, bald enthuſiaſtiſch; und Lance ſah ſich an der Spitze von mehr als dreißig ruͤſtigen Geſellen, be⸗ waffnet mit ihren Aexten, und bereit, Alles zu un⸗ ternehmen, was er ihnen auflegen wuͤrde. In der Zuverſicht, durch das Hinterpfoͤrtchen, welches ihm und andern Domeſtiken im Nothfanl zur Bequemlichkeit gedient hatte, in das Schloß zu zie⸗ hen, war er nur beſorgt, ſeinen Einzug ganz ſtill zu halten; und empfahl ſeiner Schaar ſehr ernſtlich, ihr Feldgeſchrei bis fuͤr den Augenblick des Angriffs zuruͤckzuhalten. Sie waren nicht weit auf ihrem Wege nach dem Schloſſe vorgeruͤckt, als ihnen Caͤcilie Sellock ſo außer Athem vor Eile begegnete, daß das arme Maͤdchen ſich in Lance's Arme zu werfen ge⸗ noͤthigt ſah. „Steh auf, mein wackeres Maͤdchen,“ ſagte er, indem er ihr zugleich einen heimlichen Kuß gab, „Lund laß uns hoͤren, wie's auf dem Schloß ſteht.“ „Die gnaͤdige Frau bittet Sie, wenn Sie Gott und Ihrem Herrn dienen wollen, nicht auf das Schloß zu kommen, was nur Blutvergießen veran⸗ laſſen wuͤrde; denn ſie ſagt, der Ritter Gottfried wird geſetzmaͤßig behandelt, und muß den Ausgang abwarten; und er iſt unſchuldig an dem, weſſen man ihn anklagt, und er wird bei dem Koͤnig und Gehei⸗ menrath ſich ſelbſt rechtfertigen, und ſie wird mit ihm gehen. Und außerdem haben die rundkoͤpfigen Schurken das Hinterpfoͤrtchen gefunden; denn zwei —. —— — 39 von ihnen ſahen mich herausgehen und jagten mich; allein ich zeigte ihnen ein huͤbſches Paar Ferſen.“ „Als nur je den Thau von den Himmelſchluͤſſeln ſchuͤttelten,“ ſetzte Lance hinzu.„Aber was zum Henker iſt zu thun? Denn wenn ſie ſich des Hinter⸗ pfoͤrtchens verſichert haben, ſo weiß der Teufel, wie wir hinein kommen.“ „Alles iſt am Schloſſe mit Riegeln und Schließ⸗ haken befeſtigt, und mit Flinten und Piſtolen be⸗ wacht,“ ſagte Caͤcilie; und ſo ſcharf ſind ſie, daß ſie (wie geſagt) mich faſt gefangen haͤtten, als ich mit der Botſchaft meiner gnaͤdigen Frau fort wollte. Aber meine gnaͤdige Frau ſagte, wenn Sie ihren Sohn, Junker Julian, von Bridgenorth befreien koͤnnten, ſo wuͤrde ſie es als einen guten Dienſt an⸗ nehmen.“ „Was?“ rief Lance,„iſt der junge Herr auf dem Schloſſe? Ich habe ihn den erſten Pfeil ab⸗ ſchießen gelehrt.“ „Er war auf dem Schloſſe mitten unter dem Getuͤmmel; aber der alte Bridgenorth hat ihn als Gefangenen nach Moultraſſiehall gebracht,“ antwor⸗ tete das Maͤdchen.„Nie war Treue oder Hoͤflich⸗ keit bei einem alten Puritaner, der niemals eine Pfeife und Handpauke in ſeinem Hauſe hatee„ ſeit⸗ dem es erbaut iſt.“. „Oder der eine gluͤckverſprechende Schacht ver⸗ ſtopfte,“ ſagte Ditchley,„um einige tauſend Pfund zu erſparen, als er ſich eben ſo reich haͤtte machen koͤnnen, als der Lord von Chatsworth, und hundert gute Arbeiter die ganze Zeit haͤtte koͤnnen ernaͤhren.“ „Wohlan denn,“ rief Lance,„da ihr alle eines Sinnes ſeid, ſo wollen wir dem alten Dachs die Decke abziehen; und ich verſichere euch, Moultraſ⸗ ſiehall iſt nicht wie eins unſrer maſſiven Haͤuſer, wo die Mauern ſo dick ſind, wie Feſtungsmauern, ſon⸗ dern elendes Ziegelwerk, das unſere Bergaͤxte wie Kaͤſe durchbrechen werden. Huſſa noch einmal fuͤr Ritter Peveril! Nieder mit Bridgenorth und allen aufgeſchoſſenen Hahnreien von Rundkoͤpfen!“ Nachdem Lance den Kehlen ſeiner Schaar zu einem lauten Huſſa freien Lauf gelaſſen hatte, be⸗ fahl er ihnen, ihr Geſchrei abzubrechen, und fuͤhrte ſie weiter durch ſolche Wege, die am wahrſcheinlich⸗ ſten unbewacht waren, nach dem Hofraum von Moultraſſiehall. Auf der Straße begegneten ſie verſchiedenen ruͤſtigen Landwirthſchaftsgehuͤlfen, ent⸗ weder aus der Dienerſchaft Peverils, oder Freunden der hohen Geiſtlichkeit und der adeligen Partei, von denen die meiſten durch die, faſt in der ganzen Um⸗ gegend verbreiteten, Geruͤchte beunruhigt, mit Schwert und Piſtol bewaffnet waren. 8 1 4 — 41 Lance Outram hieß ſeinen Trupp in der Entfer⸗ nung eines Pfeilſchuſſes vom Hauſe, wie er es ſelbſt beſchrieb, Halt machen; und ruͤckte allein und ſtill zur Auskundſchaftung vor; und nachdem er Ditchley und ſeine unterirdiſchen Geſellen vorlaͤufig zum Bei— ſtande herbei zu eilen beordert hatte, ſobald er pfei⸗ fen wuͤrde, ſchlich er behutſam vorwaͤrts, und fand bald, daß diejenigen, die er uͤberfallen wollte, getreu der Lehre, die ihrer Partei ſolche Ueberlegenheit im Buͤrgerkriege gewonnen hatte, eine Schildwache aus⸗ geſtellt hatten, welche durch den Hofraum ſchritt, andaͤchtig eine Pſalmmelodie ſingend, waͤhrend ihre Arme, uͤber die Bruſt gekreuzt, eine furchtbar lange Flinte hielten. „Ein wahrer Soldat,“ ſprach Lance Outram bei ſich ſelbſt,„wuͤrde deinem naͤſelnden Geſange mit einem breiten Pfeile durch dein Herz bald ein Ende machen, und es wuͤrde kein Kummer druͤber ſein. Aber verdammt, ich habe nicht den rechten Solda⸗ tengeiſt, ich kann mit Niemand eher fechten, als bis mein Blut in Aufruhr iſt; und Einen hinter einer Mauer her zu erſchießen, iſt eben ſo grauſam, als ein Wild zu beſchleichen. Ich will auf ihn los gehen und ſehen, was zu machen iſt.“ Mit dieſem beherzten Entſchluſſe, und ohne wei⸗ tere Vorſicht ſich zu verbergen, trat er kuͤhn in den Hofraum, und war im Begriff, nach der Vorderthuͤre von Moultraſſiehall zu gehen, als wenn es etwas Gewoͤhnliches waͤre. Aber der alte Cromwellianer, der auf der Wache ſtand, hatte ſeine Pflicht nicht ſo gelernt.„Wer da?— Halt, Freund, halt!— oder wahrhaftig, ich ſchloße dich kodt!“ waren An⸗ reden, die ſchnell auf einnnder folgten, und von denen die letztere mit Borhalten der erwaͤhnten langlaͤufigen Flinte bekraͤftigt wurde. „Ei was zum Henker!“ rief Lanter,„iſt das euer Brauch, um dieſe Nachtzeit ſchießen zu gehen? Das Ziſt ja nur die Zeit zur Fackeljagd.“ Nein, mein Freund, glaube nicht,“ ſagte die erfahrne Schildwache,„daß ich nachlaͤſſig auf mei⸗ nem Poſten bin. Du kannſt mich nicht mit deiner liſtigen Rede beruͤcken, ſo einfaͤltig ſie auch in meinen Ohren klingen ſoll. Wahrhaftig, ich ſchieße, wenn du nicht Amt und Namen ſagſt.“ „Namen? nun wer zum Teufel ſoll ich denn ſein, als Robin Round— der ehrliche Robin von Redham? und was das Amt oder Geſchaͤft betrifft, wenn ihr es nothwendig wiſſen muͤßt, ich komme auf Botſchaft von einem Parlamentsmitgliede auf das Schloß dort mit Briefen an den ehrenwerthen Herrn Bridgenorth von Moultraſſiehall, und dieß iſt der Ort, denk' ich, ob ich gleich nicht errathen kann, wa⸗ —-— — 43 rum ihr hier an ſeiner Thuͤre, gleich dem Bilde des rothen Mannes, auf und ab geht, mit eurer alten Muskete da.“ „Gebt mir die Briefe, Freund,“ ſagte die Schild⸗ wache, dem dieſe Erklaͤrung ſehr natuͤrlich und wahr⸗ ſcheinlich vorkam,„und ich will ſie ſogleich in des Herrn Majors eigne Haͤnde uͤberliefern laſſen.“ Lance wuͤhlte in ſeiner Taſche, als ſuchte er die Briefe, die gar nicht exiſtirten, naͤherte ſich der Flinte des Mannes, und faßte ihn, ehe er ſich's verſah, beim Kragen, pfiff ſcharf und gellend, und uͤbte ſeine Kunſt im Ringen, in der er ſich als Juͤngling aus⸗ gezeichnet hatte, bis er ſeinen Gegner zu Boden ſtreckte, und die M auskete, um die ſie kaͤmpften, im Fallen losging. Die Bergleute ſtuͤrzten auf Lance'e Signal in den Hofraum; und ohne Hofft ffnung, ſeinen Plan noch laͤnger ſtill zu verfolgen, befahl er zweien, den Gefangenen in Sicherheit zu bringen, und den aͤbri⸗ gen, laut aufzuſchreien, und das Thor des Hauſes anzugreifen. Im Augenblick erſcholl der Hofraum des Hauſes von dem Ruf:„Ritter Peveril ſoll leben ¹⁰ nebſt all den Schmaͤhungen, welche die Royaliſten ſeit ſo vielen Jahren des Steites zur Herabſetzung der Puritaner erfunden hatten; und zu derſelben Zeit, als Einige das Thor mit ihren Bergwerksge⸗ raͤthen angriffen, richteten Andere ihren Anfall gegen den Winkel, wo eine Art Vorhalle an die Haupt⸗ fronte des Gebaͤudes graͤnzte, und arbeiteten da, in einigem Grade von der vorragenden Mauer und einem uͤber die Halle heruͤber hangenden Balcon be⸗ ſchuͤtzt, in groͤßerer Sicherheit, wie auch mit mehr Wirkung als die Andern; denn da die Thuͤren von Eichenholz und dicht mit Naͤgeln beſetzt waren, lei⸗ ſteten ſie der Gewalt mehr Widerſtand, als das Zie⸗ gelwerk. Das Getoͤs dieſes Ungeſtuͤms von außen erregte bald wilde Verwirrung und Unruhe von innen. Lich⸗ ter fiogen von Fenſter zu Fenſter, und Stimmen ließen ſich fragend hoͤren, was die Urſache dieſes Laͤrms ſei, worauf das Parteigeſchrei der Leute, die im Hofraum waren, eine hinlaͤngliche, wenigſtens die einzige Antwort gab, die man zu geben beliebte. Endlich oͤffnete ſich das Fenſter einer vorragenden Treppe, und Bridgenorths Stimme fragte mit ge⸗ bietendem Anſehen, was der Tumult bedeute, und befahl den Aufruͤhrern, auf ihre eigene unmittelbare Gefahr abzuſtehen. „Wir wollen unſern jungen Herrn haben, ihr kauderwaͤlſcher alter Dieb,“ war die Antwort;„und wenn wir ihn nicht den Augenblick haben, ſo ſoll der ———·— . 3———— hoͤchſte Stein eures Hauſes ſo tief liegen, als der Grund.“ „Wir wollen das ſogleich probiren,“ ſagte Brid⸗ genorth; denn wenn noch ein Schlag an mein fried⸗ liches Haus geſchieht, ſo feuere ich meinen Karabiner unter euch ab, und euer Blut komm' uͤber euer eig⸗ nes Haupt. Ich habe eine Partie Freunde, mit Musketen und Piſtolen wohl bewaffnet, zur Ver⸗ theidigung meines Hauſes; und ſowohl den Muth als die Mittel, unter Beiſtand des Himmels, jede von euch zu veruͤbende Gewalt zu vergelten.“ „Herr Bridgenorth,“ antwortete Lance(der ob⸗ gleich kein Soldat, doch Jaͤger genug war, um die Vortheile zu begreifen, welche ſeine Gegner, unter Schutz und im Gebrauch der Feuergewehre, uͤber ſeine ihrem Zielen groͤßtentheils ausgeſetzte, und ihr Feuern zu beantworten unvermoͤgende Partei noth⸗ wendig haben mußten), Herr Bridgenorth, laſſen Sie uns um Unterhandlungen mit Ihnen, und um billige Bedingungen bitten. Wir wollen Ihnen nichts Boͤſes anthun, aber wir wollen unſern jungen Herrn zuruͤck haben; es iſt genug, daß Sie unſern alten Herrn und ſeine Gemahlin in Ihre Gewalt bekommen haben. Es iſt ſchlechte Jagd, Hirſch, Hindin und Rehkalb zu toͤdten; und wir wollen Ih⸗ nen den Augenlick einiges Licht uͤber die Sache geben.“ Auf dieſe Rede folgte ein großes Krachen unter den untern Fenſtern des Hauſes, zufolge einer neuen Art von Angriff, welche von einigen Belagerern angegeben worden war. „Ich wuͤrde des ehrlichen Mannes Wort anneh⸗ men, und den jungen Peveril gehen laſſen,“ ſagte einer von der Beſatzung, welcher, ſorglos gaͤhnend, ſich inwendig dem Pfoſten naͤherte, an den ſich Brid⸗ genorth geſtellt hatte. „Seid ihr toll?“ ſagte Bridgenorth;„oder hal⸗ tet ihr mich arm genug an Muth, um die Vortheile aufzugeben, die ich nun uͤber die Peveriliſche Familie beſitze, aus Furcht vor einem Haufen Bauern, die der erſte Schuß zerſtreuen Wwide wie Spreu der Wirbelwind.“ „Nein,“ antwortete Jener, derſelbe, welcher dem jungen Peveril durch ſeine Aehnlichkeit mit Ganleſſe aufgefallen war;„ich liebe eine grauſame Rache; aber wir werden ſie etwas zu theuer erkau⸗ fen, wenn dieſe Schurken das Haus anzuͤnden, wie ſie wahrſcheinlich thun werden, waͤhrend Sie aus dem Fenſter unterhandeln. Sie haben Fackeln oder Feuerbraͤnde in den Saal geworfen, und Alles, was unſere Freunde thun koͤnnen, iſt, daß ſie die Flam⸗ me vom Taͤfelwerk abhalten, das alt und trocken iſt.“ „Nun ſo mag der Himmel dich richten fuͤr deinen — 47 Leichtſinn,“ antwortete Bridgenorth;„man ſollte denken, Unheil waͤre recht eigentlich dein Element, daß es dir gleichguͤltig iſt, ob Freund oder Feind der Leidende ſei.“ So ſprach er, und rannte eilig die Treppe hinab, in welche die Belagerer durch zerbrochene Fenſter⸗ fluͤgel angezuͤndetes Stroh geworfen hatten, das hin⸗ laͤnglich war, viel Rauch und etwas Feuer zu verur⸗ ſachen, und die Vertheidiger des Hauſes in große Verwirrung zu ſetzen, um ſo mehr, da von verſchie⸗ denen aus den Fenſtern haſtig abgefeuerten Schuͤſſen fuͤr die Belagerer wenig oder gar kein Schade er⸗ folgte, welche, immer mehr erhitzt in ihrem Angriff, die feindlichen Ladungen mit laut wiederholtem Ge⸗ ſchrei:„Peveril auf immer!“ beantworteten, und ſchon eine gangbare Breſche durch die Ziegelmauer des Pachterhauſes gemacht hatten, durch welche Lance, Dirchley und verſchiedene andere der kuͤhn⸗ ſten unter dem Haufen ihren Weg in den Saal nahmen. Die vollkommene Einnahme des Hauſes blieb jedoch ſo weit entfernt, als je. Die Vertheidiger verbanden mit vieler Kaltbluͤtigkeit und Geſchieklich⸗ keit jenen feierlichen und tiefen Geiſt der Schwaͤr⸗ merei, welcher das Leben fuͤr weniger als nichts achtet, in Vergleichung mit wahrer oder eingebildeter Pflicht. Aus den halb geoͤffneten Thuͤren, welche in das Hauptgebaͤnde fuͤhrten, unterhielten ſie ein Gewehrfener, das verheerend zu werden anfing. Ein Bergmann wurde todt geſchoſſen, drei oder vier verwundet, und Lance wußte kaum, ob er ſeine Streitkraͤfte aus dem Hauſe zuruͤckziehen, und dieſes den Flammen zum Raube laſſen, oder mit einem verzweifelten Angriff auf die von den Vertheidigern beſetzten Poſten den ungeſtoͤrten Beſitz des Platzes zu gewinnen ſuchen ſollte. In dieſem Augenblick wurde die Richtung ſeines Verhaltens durch einen unerwarteten Vorfall beſtimmt, deſſen Urſache wir nothwendig angeben muͤſſen. Iulian Peveril war, gleich andern Einwohnern von Moultraſſiehall, in jener bedeutungsvollen Nacht durch den Knall von der Muskete der Schildwache und das darauf folgende Feldgeſchrei der Vaſallen und Anhaͤnger ſeines Vaters aufgeweckt worden, wo⸗ von er genug vernahm, um zu vermuthen, daß Bridgenorths Haus in der Abſicht angegriffen wurde, ihn zu befreien. Sehr zweifelhaft uͤber den Aus⸗ gang eines ſolchen Unternehmens, noch ſchwindlig von dem Schlummer, aus dem er ſo ploͤtzlich war erweckt worden, und wie betaͤubt von der raſchen Folge von Ereigniſſen, von denen er neulich Zeuge geweſen war, legte er geſchwind einen Theil ſeiner — 49 Kleider an, und eilte an das Fenſter ſeiner Kammer. Aus dieſem konnte er nichts zur Erleichterung ſeiner Unruhe ſehen; denn es ging auf eine andere Ge⸗ gend, als wo der Aagriff geſchehen war. Er ver⸗ ſuchte ſeine Thuͤre, ſie war von außen verſchloſſen; und ſeine Beſtuͤrzung und Angſt ſtieg aufs hoͤchſte, als ſich ploͤtzlich das Schloß drehte, und in einem haſtig im Augenblick des Tumults umgeworfenen Negligé, mit loſe auf die Schultern fallendem Haar, und mit zwiſchen Furcht und Entſchloſſenheit glaͤn⸗ zenden Augen, Alexie Bridgenorth in ſeine Kammer ſtuͤrzte, und ſeine Hand mit dem heißen Ausruf er⸗ griff:„Julian, rette meinen Vater!“ Das Licht, das ſie in der Hand hielt, zeigte die Geſichtszuͤge, die ſchwerlich irgend Jemand ohne Nuͤhrung haͤtte ſehen koͤnnen, die aber fuͤr den Lie⸗ benden einen unwiderſtehlichen Ausdruck hatten. „Alexie,“ ſagte er,„was ſoll das heißen? Was gibt es fuͤr ein Ungluͤck? Wo iſt Ihr. Vater?“ „Zoͤgern Sie nicht mit Fragen,“ antwortete ſie; „ſondern, wenn Sie ihn retten wollen, folgen Sie mir.“ Sogleich fuͤhrte ſie ihn in der groͤßten Haſt die Thurmtreppe hinab, die zu ſeinem Zimmer fuͤhrte; dann wandte ſie ſich durch eine Seitenthuͤre, laͤngs einer langen Gallerie zu einer groͤßern und breitern III. C —;— 5⁰ Freunden ſtand, kaum erkennbar durch den Rauch des Feuers, welcher den Saal einzunehmen anfing, wie auch durch den, der von dem wiederholten Ab⸗. ſchießen ihrer Feuergewehre emporſtieg. Julian ſah, daß kein Augenblick zu verlieren V war, wenn er einen gluͤcklichen Vermittler abgeben wollte. Er flog durch Bridgenorths Anhaͤnger, ehe ſie ſeine Annaͤherung gewahr wurden, ſtuͤrzte ſich unter die Belagerer, die in großer Anzahl verſam⸗ melt waren, verſicherte ſie von ſeiner perſoͤnlichen Si⸗ cherheit, und beſchwor ſie, ſich zuruͤckzuziehen. „Nicht ohne noch einige Streiche auf das Parla⸗ ment,“ ſagte Lance.„Ich bin vornehmlich erfreut, Sie wohlbehalten zu ſehen; aber hier liegt Joe Ri⸗ megrap, ſo todt geſchoſſen, wie ein Rehbock auf der Jagd, und Mehrere von uns ſind verwundet: und wir wollen Rache haben, und die Puritaner roͤſten, wie Aepfel zum ſuͤßen Bier!“. „Dann ſollt ihr mich zugleich mit roͤſten,“ ſagte Julian;„denn ich ſchwoͤr es zu Gott, ich will Moultraſſiehall nicht eher verlaſſen, da mich mein Ehrenwort bindet, bei Herrn Bridgenorth zu blei⸗ b Treppe, an deren Fuße ihr Vater mit vier bis fuͤnf V ben, als bis ich geſetzmaͤßig entlaſſen werde.“ „Nun fort mit euch, und wenn ihr zehnmal ein Peveril waͤret!“ ſchrie Ditchley;„ſo vielen ehrlichen — 51 Leuten um euretwillen Verluſt und Beſchwerde zuzuzie⸗ hen, und ihnen keine freundlichere Miene zu machen! Facht das Feuer an, ſag' ich, und brennt Alles nieder!“ „Nein, nein, meine Freunde, ſeid ruhig, und nehmt nur vernuͤnftige Vorſtellung an,“ rief Julian; „wir ſind alle hier in ſchlimmer Lage, und ihr wer⸗ det ſie durch Streit nur verſchlimmern. Helft nur dieß Feuer ausloͤſchen; es wird uns ſonſt Alles koſten, was uns theuer iſt. Bleibt unter den Waffen. Laßt Herrn Bridgenorth und mich einige Vergleichs⸗ vorſchlaͤge eingehen, und ich hoffe, Alles wird gut ausgeglichen werden auf beiden Seiten; und wo nicht, ſo ſollt ihr meine Einwilligung und meinen Entſchluß haben, es auszufechten; und komme es, wie es wolle, ich werde die geleiſteten guten Dienſte dieſer Nacht nie vergeſſen.“ Hierauf nahm er Ditchley und Lance Outram beiſeite, waͤhrend die Uebrigen uͤber ſeine Erſcheinung und Rede betroffen da ſtanden; und nebſt der herz⸗ lichſten Dankſagung fuͤr das, was ſie bereits gethan haͤtten, bat er ſie um die groͤßte Gunſt, die ſie ihm und ſeines Vaters Hauſe erzeigen koͤnnten, ihn ſelbſt die Bedingungen ſeiner Freilaſſung aus der Gefan⸗ genſchaft unterhandeln zu laſſen; zu gleicher Zeit drang er dem Ditehley fuͤnf bis ſechs Goldſtuͤcke auf, damit die braven Leute von Bonadventure ſeine Ge⸗ C 2 ſundheit trinken koͤnnten, waͤhrend er Lancen die waͤrmſte Erkenntlichkeit ſeiner thaͤtigen Guͤte aus⸗ druͤckte, aber betheuerte, daß er es nur als einen ſeinem Hauſe geleiſteten Dienſt anſehen koͤnnte, wenn er ihm erlaubte, die Sache nun nach ſeiner eignen Weiſe zu fuͤhren. „Ja nun, Junker Julian,“ ſagte Lance,„nun iſt's auch mit mir aus; denn dieſe Sache liegt außer meinem Fache. Alles, was ich verlange, iſt, Sie wohlbehalten aus dieſem Moultraſſiehall kommen zu ſehen; denn unſere alte Muhme Whitaker wird mich ſonſt nur kalt empfangen, wann ich heim komme. Die Wahrheit iſt, ich unternahm es ungern; aber als ich den armen Joe erſchoſſen neben mir ſah, ei, dacht ich, wir muͤſſen uns etwas ſchadlos halten. Aber ich lege Alles in Ihrer Gnaden Haͤnde.“ Waͤhrend dieſer Unterredung waren beide Par⸗ teien freundſchaftlich beſchaͤftigt, das Feuer zu loͤſchen, welches außerdem Allen haͤtte verderblich werden koͤnnen. Es erforderte eine allgemeine Anſtrengung, es zu unterdruͤcken; und beide Parteien vereinigten ſich zu der Arbeit mit ſo viel Einmuͤthigkeit, als wenn das Waſſer, das ſie in ledernen Feuereimerde vom Brunnen brachten, um es ins Feuer zu gießen, einige Wirkung gehabt haͤtte, ihre Peshſeiſeoe Feindſeligkeit zu Wäigten.* — 53 Drittes Kapitel. Waͤhrend das Feuer fortbrannte, arbeiteten die beiden Parteien mit vereinigter Thaͤtigkeit, gleich den ſtreitenden Factionen der Juden waͤhrend der Belagerung Jeruſalems, da ſie genoͤthigt waren, ſich zum Widerſtande gegen einen Angriff der Belagerer zu vereinigen. Als aber der letzte Eimer Waſſer auf der wenigen noch glimmenden Aſche geziſcht hatte— als die bisher durch ein Gefuͤhl gemein⸗ ſchaftlicher Gefahr unterbrochene Empfindung gegen⸗ ſeitiger Feindſeligkeit wieder erwacht war— ſonder⸗ ten ſich die zuvor in gemeinſchaftlicher Anſtrengung vermiſchten Parteien von einander, und ſingen an, ſich auf entgegengeſetzten Seiten von Moultraſſiehall aufzuſtellen, und ihre Waffen zu ergreifen, als ſollte das Gefecht wieder erneuert werden. Bridgenorth aber unterbrach jeden weitern Fort⸗ ſchritt dieſer gedrohten Feindſeligkeit.„Julian Pe⸗ veril,“ ſprach er,„du biſt frei, deinen eignen Pfad zu wandeln, weil du nicht mit mir die Straße gehen willſt, die ſowohl ſicherer, als auch ehrenvoller iſt. Willſt du aber meinem Rath folgen, ſo begib dich bald jenſeit der Brittiſchen Meere.“ „Ralph Bridgenorth,“ ſagte einer von ſeinen Freunden,„das iſt nur ein uͤbles und ſchwaches Be⸗ C3 nehmen von deiner Seite. Willſt du deine Hand von der Schlacht zuruͤckhalten, gegen dieſe Soͤhne Belials den Gefangenen deines Bogens und deines Speers zu vertheidigen? Gewißlich, wir ſind unſer genug, um in der Sicherheit unſrer alten guten Sache mit ihnen fertig zu werden; ſo ſollten wir uns auch nicht trennen von dieſer Brut der alten Schlan⸗ ge, bis wir verſuchen, ob uns der Herr nicht den Sieg darin geben will.“ 6 Ein Geſumſe von ernſtem Beifall folgte; und waͤre nicht Ganleſſe dazwiſchen getreten, ſo haͤtte ſich der Kampf wahrſcheinlich erneuert. Er nahm den Sachwalter des Krieges bei Seite in einen Win⸗ kel der Fenſter, und ſchien ihn mit ſeinen Einwuͤrfen zu befriedigen; denn als derſelbe zu ſeinen Geſell⸗ ſchaftern zuruͤckkehrte, ſagte er zu ihnen:„Unſer Freund hatte dieſe Sache ſo wohl durchdacht, daß ich, bei ſeiner Uebereinſtimmung mit dem wuͤrdigen Major Bridgenorth, wahrhaftig der Meinung bin, der junge Mann moͤge in Freiheit geſetzt werden.“ Da kein fernerer Einwand geſchah, blieb fuͤr Julian blos uͤbrig, denen, die zu ſeinem Beiſtande thaͤtig geweſen waren, ſich dankbar und erkenntlich zu beweiſen. Nachdem er erſt von Bridgenorth ein Verſprechen der Strafloſigkeit fuͤr die Aufruͤhrer er⸗ langt hatte, ſprachen einige freundliche Worte ſeine — — 55⁵ Anerkennung ihrer Dienſte aus; und etliche Gold⸗ ſtuͤcke, dem Lance Outram in die Hand gedruͤckt, verſchafften ihnen die Mittel zu einem Feſttage. Sie wuͤrden zu ſeinem Schutze noch da geblieben fein; allein aus Furcht vor weitern Unordnungen, und im vollen Vertrauen auf Major Bridgenorth's Ehren⸗ wort, eniließ er ſie alle, Lancen ausgenommen, den er zu ſeiner Aufwartung bei ſich behielt, bis er Moultraſſiehall verlaſſen wuͤrde. Aber ehe er das Haus verließ, konnte er das Verlangen nicht unter⸗ druͤcken, mit Bridgenorth allein zu ſprechen, und er naͤherte ſich ihm, und gab ihm dieſen Wunſch zu erkennen. Stillſchweigend ſeine Bitte gewaͤhrend, fuͤhrte ihn Bridgenorth in einen kleinen an das Herrnhaus von Moultraſſie graͤnzenden Sommerſalon, wo er, mit ſeinem gewohnten ernſthaften und gleichguͤltigen Weſen, ſchweigend zu erwarten ſchien, was der junge Peveril ihm mitzutheilen haͤtte. Julian fand es ſchwer, wo ihm ſo wenig Zugang eroͤffnet war, den Ton zu finden, in dem er ſich uͤber Gegenſtaͤnde, die er auf dem Herzen hatte, erklaͤren, und der zugleich wuͤrdevoll und gewinnend ſein ſollte. „Herr Major,“ ſagte er endlich,„Sie ſind ein Sohn, und ein zaͤrtlicher Sohn geweſen— Sie koͤnnen meine gegenwaͤrtige Unruhe begreifen— C4. Mein Vater!— Was iſt uͤber ihn entſchieden worden?“ „Was das Geſetz will,“ gab Bridgenorth zur Antwort.„Haͤtte er dem Rath gefolgt, den ich ihm geben ließ, ſo wuͤrde er ruhig in dem Hauſe ſeiner Vorfahren haben bleiben koͤnnen. Sein Schickſal liegt nun außer meiner Macht— weit außer der Ihrigen. Es muß mit ihm ergehen, wie ſein Vaterland entſcheiden wird.“ „Und meine Mutter?“ fragte Peveril. „Wird, wie ſie immer gethan,ihre Pflicht zu Rathe ziehen, und dadurch ihr eigenes Gluͤck ſchaf⸗ fen,“ antwortete Bridgenorth.„Glauben Sie nur, meine Abſichten mit Ihrer Familie ſind beſſer, als ſie durch den Nebel ſcheinen moͤgen, den Ungemach uͤber Ihr Haus verbreitet hat. Ich kann als ein Menſch triumphiren, aber als Menſch muß ich auch in meiner gluͤcklichen Stunde bedenken, daß meine Feinde auch die ihrigen gehabt haben.— Haben Sie ſonſt noch Etwas zu ſagen?“ ſetzte er nach einer augenblicklichen Pauſe hinzu,—„Sie haben einmal und immer wieder die Hand verſchmaͤht, die ich Ih⸗ nen darreichte. Mich duͤnkt, nun bleibt wenig mehr zwiſchen uns uͤbrig.“ Dieſe Worte, welche eine fernere Erörterung ahs⸗ zuſchneiden ſchienen, wurden ruhig geſprochen, ſo — 57 daß ſie, ob ſie zwar den Muth zu einer fernern Frage zu benehmen ſchienen, doch das nicht unter⸗ brechen konnten, was noch auf Julians Zunge zit⸗ terte. Er machte ein oder zwei Schritte nach der Thuͤre, dann kehrte er ploͤtzlich zuruͤck.„Ihre Toch⸗ ter?“ ſagte er—„Herr Major— um Vergebung ſollt ich bitten— ja, ich bitte um Vergebung, daß ich ihren Namen erwaͤhne— aber darf ich nicht nach ihr mich erkundigen?— darf ich nicht meine Wuͤnſche fuͤr ihre kuͤnftige Gluͤckſeligkeit aͤußern?“ „Ihr Intereſſe an ihr iſe nur zu ſchmeichelhaft,“ ſagte Bridgenorth;„aber Sie haben ſchon Ihre Partei ergriffen, und Sie muͤſſen in Zukunft einan⸗ der fremd ſein. Ich mag es anders gewuͤnſcht ha⸗ ben; aber die Stunde der Guade iſt voruͤber, waͤh⸗ rend welcher Ihre Folgſamkeit gegen meinen Rath haͤtte— ich will es gerade heraus ſagen— zu Ihrer Vereinigung fuͤhren koͤnnen⸗ Was Ihre Gluͤck⸗ ſeligkeit betrifft— wenn ein ſolches Wort einer ſterblichen Pilgerſchaft zukommt— ſo werd' ich hin⸗ laͤnglich dafuͤr ſorgen. Sie verlaͤßt heute dieſen Ort unter der Aufſicht eines ſichern Freundes.“ „Nicht von—“ rief Peveril aus, und brach ab; denn er fuͤhlte, daß er Zein Recht hatte, den Namen auszuſprechen, der ihm auf den Lippen ſchwebte. C 5 „Was halten Sie inne?“ ſagte Bridgenorth. „Ein ploͤtzlicher Gedanke iſt oft ein weiſer, faſt immer ein aufrichtiger. Wem, glaubten Sie, daß ich mein Kind anvertrauen wollte, daß die Idee einen ſo aͤngſt⸗ lichen Ausruf hervortrieb?“ „Ich ſollte wieder um Verzeihung bitten,“ ſagte Julian,„daß ich mich in Etwas miſche, wozu ich wenig Recht habe.„Aber ich ſah hier ein mir be⸗ kanntes Geſicht.— Die Perſon nennt ſich Ganleſſe — Iſt es dieſer, dem Sie Ihre Tochter anvertrauen wollen?“ 1 „Eben dieſer iſt's, der ſich Ganleſſe nennt,“ ſagte Bridgenorth, ohne Verdruß oder Befremden zu ver⸗ rathen. „Und kennen Sie den Mann, dem Sie ein Allen, die ſie kennen, ſo ſchaͤtzbares, und Ihnen ſelber ſo theures Pfand uͤbergeben?“ fragte Julian. „Kennen Sie ihn, der Sie an mich die Frage an mich thun?“ antwortete Bridgenorth. „Ich geſtehe, ich kenne ihn nicht,“ erwiederte Julian;„aber ich habe ihn in einem, von ſeinem jetzigen ſo verſchiedenen Charakter geſehen, daß ich es fuͤr meine Pflicht halte, Sie zu warnen, einem Menſchen die Aufſicht uͤber Ihr Kind anzuvertrauen, der abwechſelnd den Luͤſtling oder den Heuchler ſpie⸗ 7 59 len kann, wie es ſeinem Intereſſe oder ſeiner Laune zuſagt.“ Bridgenorth laͤchelte mit dem Blick der Verach⸗ tung.„Ich moͤchte unwillig werden,“ ſagte er, uͤber den dienſtfertigen Eifer, welcher vorausſetzte, daß ſeine unreifen Begriffe meine grauen Haare be⸗ lehren koͤnnen; aber, guter Julian, ich erbitte mir von dir nur die liberale Vorausſetzung, daß ich, der ich viel Verkehr mit den Menſchen gehabt habe, wohl weiß, wem ich mein Theuerſtes anvertraue. Der Mann, von dem du ſprichſt, hat eine gewiſſe Phyſiognomie fuͤr ſeine Freunde, ob er gleich wieder eine andere fuͤr die Welt haben mag, wenn er unter Leuten lebt, vor denen ehrliche Mienen unter einer grotesken Maske verborgen werden ſollten, ſo wie in den ſuͤndigen Spielen dieſer Zeit, Maskeraden und Vermummungen genannt, wo der Weiſe, wenn er ſich uͤberhaupt zeigt, zufrieden ſein muß, den aͤffiſchen und fantaſtiſchen Narren zu ſpielen.“ „Ich wollte Ihre Weisheit nur bitten,“ ſprach Julian, ſich vor einem Menſchen in Acht zu nehmen, der, ſo wie er eine Maske fuͤr Andere hat, auch eine haben kann, mit der er ſeine wahre Phyſiognomie vor Ihnen ſelber verbirgt.“ „Das iſt nur zu viel Sorgſamkeit, junger Mann,“ antwortete Bridgenorth in kuͤrzerm Tone, als er bisher geſprochen;„wollten Sie meinem Rath folgen, ſo wuͤrden Sie ſich um Ihre eigenen Angele⸗ 4 genheiten bekuͤmmern, die, Sie koͤnnen mir glauben, alle Ihre Sorgfalt verdienen, und Andern koͤnnten 6 Sie die Beſorgung der ihrigen uͤberlaſſen.“ Dieß war zu klar geſprochen, um mißverſtanden zu werden; und Peveril war genoͤthigt, ohne weitere Verhandlung und Erklaͤrung von Bridgenorth und Moultraſſiehall Abſchied zu nehmen. Der Leſer kann ſich vorſtellen, wie oft er zuruͤckblickte, und zu errathen verſuchte, welches Licht unter denen, die noch in den verſchiedenen Theilen des Gebaͤudes zu ſchim⸗ mern fortfuhren, aus Alexiens Zimmer funkeln moͤchte. Als die Straße ſich in eine andere Rich⸗ tung zog, ſank er in tiefe Traͤumerei, aus der er endlich durch Lance's Stimme erwachte, welcher fragte, wo er ſein Nachtquartier nehmen wollte. Er war unvorbereitet, auf dieſe Frage zu antworten; aber der ehrliche Foͤrſter half ihm ſelbſt die Aufgabe loͤſen, indem er ihn bat, ein Gaſtbett im Jaͤgerhaͤus⸗ chen anzunehmen, was Julian gern zufrieden war. Die uͤbrigen Bewohner hatten ſich zur Ruhe bege⸗ ben, als ſie eintraten; aber die alte Ellesmere, wel⸗ che von einem Boten die gaſtfreundſchaftliche Abſicht ihres Neffen erfahren, hatte Alles in der beſten moͤg⸗ lichen Bereitſchaft fuͤr den Sohn ihres alten Ober⸗ — 61 herrn. Peveril begab ſich zur Ruhe; und ungeach⸗ tet ſo vieler Gegenſtaͤnde der Beaͤngſtigung, ſchlief er doch feſt, bis der Morgen ſchon weit vorge⸗ ruͤckt war. Sein Schlummer wurde zuerſt durch Lance un⸗ terbrochen, der ſchon lange auf und in ſeinem Dienſt thaͤtig war. Er meldete ihm, daß ſein Pferd, ſeine Waffen und ſein kleiner Mantelſack ihm vom Schloſſe durch einen Bedienten Bridgenorths geſchickt worden waren, welcher einen Brief zur Entlaſſung der ungluͤck⸗ lichen Debora Debbitch aus des Majors Dienſt, nebſt dem Verbot ihrer Nuͤckkehr in das Herrnhaus von Moultraſſie, mitbrachte. Der Offizier vom Unter⸗ hauſe des Parlaments hatte das Schloß Martindale, von einer ſtarken Wache escortirt, denſelben Morgen fruͤh verlaſſen, und war in Ritter Peverils Wagen gefahren, deſſen Gemahlin ihn zu begleiten Erlaub⸗ niß erhalten hatte. Dieſen Nachrichten hatte er noch beizufuͤgen, daß das Eigenthum des Schloſſes vom Herrn Win⸗the⸗fight, dem Sachwalter von Che⸗ ſterſield, und von andern Gerichtsbeamten, im Na⸗ men des Major Bridgenorth, eines anſehnlichen Glaͤubigers von dem ungluͤcklichen Ritter, in Beſitz genommen worden.. Nach Erzaͤhlung dieſer Hiobspoſt, hielt Lance inne; und nach einem kurzen Bedenken, erklaͤrte er 62— ſeinen Entſchluß, das Land zu verlaſſen, und mit ſeinem jungen Herrn nach London zu gehen. Julian uͤberlegte die Sache mit ihm, und beſtand darauf, er bliebe fuͤglicher zur Aufſicht uͤber ſeine Tante zuruͤck, falls ſie von dieſen Fremden beunruhigt werden ſollte. Lance erwiederte:„Sie wuͤrde Einen bei ſich haben der ſie gut genug beſchuͤtzen wuͤrde; denn es gaͤbe uͤberall unter ihnen Schutz zu kaufen. Fuͤr ſeine Perſon aber wolle er dem jungen Herrn Julian bis in den Tod folgen.“ Julian dankte ihm herzlich fuͤr ſeine Liebe. „Nein, es geſchieht nicht ganz aus Liebe,“ ſagte Lance;„ob ich gleich ſo liebreich bin, als irgend einer; aber es geſchieht zum Theil aus Furcht, ich moͤchte fuͤr die Affaire der letzten Nacht zur Strafe gezogen werden; denn, was die Bergleute betrifft, die werden ſie nicht beunruhigen, als Menſchen, die blos nach ihrer Weiſe handeln.“ „Ich will zu euerm Beſten an Major Bridge⸗ north ſchreiben, welcher gebunden iſt, euch Schutz zu gewaͤhren, wenn ihr deshalb in Furcht ſeid,“ ſagte Julian. „Nein, was das betrifft, es iſt eben ſo wenig ganz Furcht, als ganz Liebe,“ antwortete der raͤth⸗ ſelhafte Foͤrſter;„ob es gleich von Beiden einen Anſtrich hat. Und, die offene Wahrheit zu ſprechen, — 63 es verhaͤlt ſich ſo— Debora Debbitch und Tante Ellesmere haben ſich entſchloſſen, ihre Streitigkeiten beizulegen. Und von allen Geiſtern in der Welt iſt das der ſchlimmſte, wenn eine alte Geliebte zuruͤckkommt, einen alten Burſchen, wie ich bin, zu beſuchen. Die Mamſell Debora, ſo bekuͤmmert ſie uͤber den Verluſt ihrer Stelle iſt, hat doch ſchon von einem ihr ge⸗ ſchenkten halben Gulden u. dergl. geſprochen, als wenn man ſich ſeit ſo vielen Jahren ſolcher Dinge erinnern koͤnnte, ſelbſt wenn ſie nicht unterdeſſen, wie eine Schnepfe, uͤbers Meer gegangen waͤre.“ Julian konnte ſich des Lachens nicht enthalten. „Ich hielt euch zu ſehr fauͤr einen Mann, Lance,“ ſagte er,„um euch zu fuͤrchten, ein Weib wuͤrde euch heirathen, ihr moͤchtet wollen oder nicht.“ „Es iſt bei alledem manches ehrlichen Mannes Gluͤck geweſen; und eine Frau im Hauſe ſelbſt hat ſo viele verwuͤnſchte Gelegenheiten. Und dann hier wuͤr⸗ den Zwei gegen Einen ſein; denn Ellesmere, obgleich ſtolz genug, wenn es irgend Jemand von Ihren Leuten betrifft, ſieht doch etwas auf den Hauptſchlag; und es ſcheint, Debora iſt reich, wie ein Jude.“ „Und ihr, Lance,“ ſagte Julian,„habt nicht Luſt, fuͤr Kuchen und Pudding zu heirathen.“ „Nein, junger Herr, wahrhaftig nicht,“ ſprach Lance,„wofern ich nicht weiß, aus welchem Teige ſie gebacken werden. Was zum Henker, weiß ich, wie die Maͤhre zu ſo viel kam? Und dann, wenn ſie von Angedenken und Liebesbeweiſen ſpricht, mag ſie auch daſſelbe ſchlanke Maͤdchen ſein, mit der ich mein Trinkgeld theilte, und dann will ich auch ihr treuer Schatz ſein. Aber ich hoͤrte nie von treuer Liebe, die zehn Jahre dauerte; und ihre, wenn ſie uͤberhaupt noch lebt, muß faſt zwanzig Jahr alt ſein.“ „Wohlan denn, Lance,“ ſagte Julian,„weil ihr entſchloſſen ſeid, ſo wollen wir zuſammen nach Lon⸗ don gehen, wo ich, wenn ich euch nicht in meinem Dienſt behalten kann, und wenn mein Vater nicht aus ſeinem Ungluͤck ſich wieder erholt, ſuchen werde, euch anderwaͤrts zu befoͤrdern.“ „Nein, nein,“ ſagte Lance,„ich hoffe, in kurzer Zeit wieder nach dem guten Martindale zuruͤckzu⸗ kommen, und das Gehoͤlz zu beſorgen, wie ich ge⸗ wohnt war; denn, was Mamſell Debbitch anlangt, ſo werden die Tante und ſie, wenn ſie mich nicht mehr zu ihrer gemeinſamen Zielſcheibe haben, bald den Bogen gegen einander ſpannen. Ha, hier kommt Ellesmere mit Ihrem Fruͤhſtuͤck. Ich will nur einige Anweiſung wegen des Wildes meinem Gehuͤlfen, Rough Ralph, geben, und meinen Waldklepper und Ihrer Gnaden Pferd ſatteln, wel⸗ — 55 ches freilich kein Zelter iſt, und wir werden uns bald auf den Weg machen.“ Julian war nicht unzufrieden uͤber dieſen Zu⸗ wachs ſeiner Einrichtung; denn Lance hatte ſich am vorigen Abend als einen wackern und ruͤſtigen Mann gezeigt, der ſeinem Herrn ergeben war. Er ſuchte alſo zunaͤchſt ſeine Tante mit der einſtweiligen Tren⸗ uung von ihrem Neffen auszuſoͤhnen. Ihre unbe⸗ grenzte Ergebenheit gegen die Familie vermochte die alte Perſon, gern ſich in ſeinen Plan zu fuͤgen, wie⸗ wohl nicht ohne einen artigen Seufzer uͤber die Truͤmmern eines Luftſchloſſes, das auf die wohl er⸗ haltene Boͤrſe der Mlle. Debbitch gegruͤndet war. Auf jeden Fall, dachte ſie, war es eben ſo gut, daß Lance jener beherzten, langfuͤßigen, bettelhaften Dirne, Caͤcilie Shellock, aus dem Geſicht kaͤme. Aber fuͤr die arme Debbitch ſelbſt war Lance's Ent⸗ fernung, den ſie als einen Schiffer zu einem Hafen unter guͤnſtigem Winde betrachtet hatte, nach dem er auch bei ſchlimmen Wetter ſteuern konnte, ein zwei⸗ ter harter Schlag, der ſchnell auf die Entlaſſung aus dem vortheilhaften Dienſte des Major Bridgenorth folgte. Julian beſuchte die muthloſe Mademoiſell, in Hoffnung, uͤber Bridgenorths Plaͤne hinſichtlich ſei⸗ ner Tochter— uͤber den Charakter dieſes Ganleſſe— 66 und uͤber andere Dinge, mit denen ſie ihr Aufenthalt unter der Familie haͤtte bekannt machen koͤnnen— einiges Licht zu erhalten; aber er fand ſie bei weitem in zu großer Gemuͤthsbewegung, um von ihr einige Auskunft zu erlangen. Auf den Namen Ganleſſe ſchien ſie ſich nicht zu beſinnen— der Name Alexiens machte ſie hyſteriſch— und Bridgenorths Name wuͤtend. Sie zaͤhlte die verſchiedenen Dienſte her, die ſie der Familie geleiſtet, und verkuͤndigte das Un⸗ heil der ſchwarzen Waͤſche— die Abmagerung des Federviehes— die Theurung und Beſchimpfung der Hauswirthſchaft— und die langwierige Krankheit und den fruͤhen Tod Alexiens;— lauter Uebel, die, wie ſie betheuerte, nur durch ihre fortwaͤhrende, wachſame und unermuͤdete Sorgfalt abgehalten wor⸗ den waͤren.— Dann fing ſie von dem fluͤchtigen Lance zu ſprechen an, und aͤußerte ſich mit ſo gaͤnz⸗ licher Verachtung in einem Tone zwiſchen Lachen und Weinen, uͤber dieſen niedertraͤchtigen Kerl, daß Ju⸗ lian wohl arkannte, wie wenig dieſer Gegenſtand als Beruhigungsmittel wirken moͤchte, und daß er daher, wofern er nicht ſeinen Aufenthalt uͤber die nothwen⸗ dige Zeit ſeiner Geſchaͤfte verlaͤngerte, Deboren nicht in ſo gefaßtem Zuſtande finden duͤrfte, um von ihr einige vernuͤnftige oder nuͤtzliche Belehrung zu er⸗ halten. 8 4 O— 67 Lance, der gutmuͤthig die ganze Laſt der Geiſtes⸗ abweſenheit Deborens, oder ihrer hyſteriſchen Anfaͤlle auf ſich nahm, hatte zu viel Empfindung, um ſich vor dem Opfer ihrer eigenen Reizbarkeit und ſeiner Verhaͤrtung ſehen zu laſſen. Er ließ alſo Julian durch ſeinen Gehuͤlfen Ralph wiſſen, daß die Pferde hinter der Jaͤgerhuͤtte geſattelt ſtaͤnden, und Alles zu ihrer Abreiſe bereit waͤre.— Julian benutzte den Wink, und ſie ſaßen bald auf, und waren, als ſich der Weg erhellte, im leb⸗ haften Trott in der Richtung nach London; doch nicht auf der gewoͤhnlichen Straße. Julian berech⸗ nete, daß der Wagen, in welchem ſein Vater fortge⸗ bracht wurde, langſam fahren wuͤrde, und es war ſein Vorſatz, wo moͤglich London zu erreichen, eh' er dort ankaͤme, um Zeit zu haben, mit den Freunden ſeiner Familie aͤber die zum Beſten ſeines Vaters zu nehmenden Maaßregeln zu berathſchlagen. Auf dieſe Art kamen ſie in einer Tagesreiſe Lon⸗ don naͤher. Am Ende derſelben fand Julian ſein Nachtquartier in einem kleinen Wirthshauſe an der Straße. Auf den erſten Ruf erſchien Niemand, die Fremden und ihre Pferde zu beſorgen, obgleich das Haus wohl erleuchtet war; und man hoͤrte ein un⸗ geheures Schwatzen in der Kuͤche, dergleichen blos von einem Franzoͤſiſchen Koch zu erwarten iſt, wenn 68 ſein Geheimniß eben im Begriff iſt, zum Vorſchein zu kommen. Julian fiel den Augenblick darauf— ſo ſelten war damals der Dienſt der Galliſchen Kuͤnſtler— daß das Geſchrei, das er hoͤrte, vom Sieur Chaubert herruͤhren muͤßte, von deſſen Schuͤſ⸗ ſeln er neulich mit Smith und Ganleſſe geſpeiſt hatte. Einer oder Beide waren daher wahrſcheinlich in dem kleinen Wirthshauſe; und waͤre dieß, ſo koͤnnte er einige Gelegenheit haben, ihren wirklichen Zweck und Charakter zu entdecken. Wie er eine ſolche Zuſam⸗ menkunft benutzen ſollte, wußte er nicht, aber der Zufall beguͤnſtigte ihn mehr, als er erwarten konnte. „Ihr Herren, ich kann euch kaum aufnehmen,“ ſagte der Gaſtwirth, der endlich an der Thuͤre er⸗ ſchien;„hier ſind eine Sorte Leute von Qualitaͤt heut Nacht in meinem Hauſe, denen weniger als Alles nicht genuͤget; nicht einmal Alles, in dieſer Hinſicht.“ „Wir ſind nur gemeine Leute, Herr Wirth,“ ſagte Julian;„wir wollen auf den Moſeley⸗Markt, und koͤnnen dieſen Abend nicht weiter. Irgend ein Loch wird fuͤr uns gut ſein, es ſei, wie es wolle.“ „Ei,“ ſagte der ehrliche Wirth,„wenn das der Fall iſt, ſo muß ich den Einen von euch hinter die Gitterthuͤre ſtellen, obgleich die Herren haben fuͤr ———— — 69 ſich ſein wollen; der Andere muß fuͤrlieb nehmen, und mir in der Schenkſtube helfen.“ „Die Schenkſtube iſt fuͤr mich,“ ſagte Lance, ohne ſeines Herrn Entſcheidung abzuwarten.„Es iſt ein Element, worin ich leben und ſterben koͤnnte.“— „Die Gitterſchranken ſind alſo fuͤr mich,“ ſagte Peveril, und indem er zuruͤck trat, fluͤſterte er Lancen zu, die Maͤntel unter einander zu tauſchen, um, wo moͤglich, unerkannt zu bleiben. Der Tauſch war im Augenblick geſchehen, und ſogleich hernach brachte der Wirth ein Licht; und als er Julian in ſeine Schenkſtube fuͤhrte, ermahnte er ihn, ruhig an dem Ort zu ſitzen, wo er ihn hinpflan⸗ zen wuͤrde, und wenn man ihn entdeckte, ſollte er nur ſagen, daß er zum Hauſe gehoͤre; fuͤr das Ue⸗ brige ſollt' er ihn torgen laſſen.„Ihr werdet hoͤren, was die feinen Herren ſagen,“ ſetzte er hinzu; „aber ich denke, du wirſt wenig davon wegkriegen; denn wenn es nicht Franzoͤſiſch iſt, ſo iſt es Hof⸗ Kauderwaͤlſch; und das iſt eben ſo ſchwer zu ver⸗ ſtehen.“ Die Gitterſchranken des Gaſthauſes, in welches unſer Held eingefuͤhrt wurde, ſchienen in Bezug auf die Gaſtſtube, nach der Idee einer Citadelle einge⸗ richtet, die beſtimmt iſt, eine aufruͤhreriſche Haupt⸗ ſtadt zu beobachten und zu zuͤgeln. Hier ſaß der Wirth an den Abenden des Sonnabends, beſchirmt vor den Beobachtungen ſeiner Gaͤſte, doch mit der Faͤhigkeit, ſowohl ihre Beduͤrfniſſe als ihr Betragen zu beobachten, und auch ihre Unterredung zu behor⸗ chen— einer Gewohnheit, der er ſehr ergeben war, da er zu der zahlreichen Klaſſe der Philanthropiſten gehoͤrte, denen die Angelegenheiten ihrer Nachbarn eben ſo wichtig, oder vielmehr noch wichtiger, als ihre eigenen, ſind. Hierhin pflanzte er ſeinen Gaſt, mit der wieder⸗ holten Warnung, die Herren nicht durch Sprechen oder Bewegung zu ſtoͤren, und mit dem Verſprechen, daß er bald mit einer kalten Rindskeule und einem Krug Hausbier bedient werden ſollte. Und hier ließ er ihn mit keinem andern Licht, als dem, welches von dem wohl erleuchteten Zimmer durch eine Art Fenſterladen, der dem Wirth einen Blick in daſlhe verſchaffte, heruͤber ſchimmerte. Dieſe an ſich ziemlich unbequeme Lage war für die gegenwaͤrtige Gelegenheit gerade ſo, wie ſie Ju⸗ lian gewaͤhlt haben wuͤrde. Er wickelte ſich in Lance Qutram's abgenutzten Mantel, der durch Alter und Wetter tauſendfache Abaͤnderungen ſeines urſpruͤng⸗ lichen Lincolner Gruͤns erhalten hatte, und ſchickte ſich ſo ſtill als moͤglich an, die beiden Gaͤſte zu beobach⸗ ten, die ſich des ganzen eigentlich dem Publikum offen ſtehenden Zimmers bemaͤchtigt hatten. Sie ſaßen an einer mit ſolchen koͤſtlichen Seltenheiten wohl beſetzten Tafel, welche allein mit viel Vorbe⸗ dacht von dem geſchickten Monſieur Chaubert hatten herbeigeſchafft und zubereitet werden koͤnnen, und ſchienen ihm in beiderlei Hinſicht viel Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen. Julian fand es nicht ſehr ſchwer, ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß der eine von den Reiſenden, ſo wie er vermuthet hatte, des erwaͤhnten Chaubert Herr, oder wie ihn Ganleſſe nannte, Smith war. Den andern, der ihm ins Geſicht ſah, hatte er nie zuvor geſehen. Dieſer letztere ging wie ein Stutzer vom erſten Range gekleidet. Freilich uͤbertraf ſeine Pe⸗ ruͤcke, da er zu Pferde reiſte, nicht ſehr an Groͤße die Staatsperuͤcke eines modernen Sachwalters; aber der Wohlgeruch, den er aus ihr bei jeder Be⸗ wegung verbreitete, durchduftete das ganze Zimmer, das gewoͤhnlich nur von dem gemeinen Kraut, dem Tabak, durchraͤuchert war. Sein Reiſemantel war im neueſten und feinſten Geſchmack geſtickt; und Grammont ſelbſt haͤtte die Stickerei ſeiner Weſte und den beſondern Schnitt ſeiner Beinkleider benei⸗ den moͤgen, die, uͤber dem Knie zugeknoͤpft, die Form eines ſehr huͤbſchen Fußes vollkommen ſehen ließen. 4 2 Dieſer war von ſeinem Eigenthuͤmer auf einen Stuhl geſtreckt worden, und er betrachtete die Pro⸗ portionen deſſelben mit unendlicher Zufriedenheit. Die Unterredung dieſer Ehrenmaͤnner war ſo in⸗ tereſſant, daß wir beſchließen, ihr ein anderes Ka⸗ pitel zu widmen. Viertes Kapitel. „Und das iſt fuͤr dich,“ ſagte der modiſche Stutzer, den wir beſchrieben haben,„ehrlicher Thomas; und ein Glas dir zum Willkommen aus dem Lande der Dummkoͤpfe. Ei, du biſt ſo lange in dem Lande geweſen, daß du ſelbſt ein baͤuriſch toͤlpelhaftes An⸗ ſehen bekommen haſt. Das ſchmierige Wams paßt dir, als waͤre es dein aufbewahrter Sonntagsſtaat; und die Spitzen ſehen aus wie Schnuͤrbaͤnder, die du fuͤr deinen treuen Schatz Marjory gekauft haſt. Ich wundere mich, wie dir ein Ragout ſchmecken kann. Ich daͤchte, fuͤr einen in ſo einer Jacke einge⸗ ſchnuͤrten Magen waͤren Eier und Schinken eine paſſendere Koſt.“ „Spott beiſeite, mein werther Lord, ſo lange der Witz aushaͤlt,“ antwortete ſein Geſellſchafter; — 73 „der Ihrige iſt nicht ſo vorraͤthig, daß er viel Ver⸗ brauch vertraͤgt. Oder lieber, erzaͤhlen Sie mir Neuigkeiten vom Hofe, da wir ſo gluͤcklich zuſam⸗ mengekommen ſind.“ „Sie wuͤrden mich darum ſchon vor einer Stunde gebeten haben,“ ſagte der Lord,„wenn nicht Ihre ganze Seele bei Chauberts bedeckten Gerichten ge⸗ weſen waͤre. Sie bemerkten, Koͤnigs⸗Angelegen⸗ heiten hielten ſich kalt, und entre- mets muͤßten warm gegeſſen werden.“ „Nicht ſo, mein Lord, ich bediente mich blos des gemeinen Ausdrucks, ſo lange der ſchurkiſche Hor⸗ cher von Wirth in der Stube war; nun aber die Kuͤſte wieder einmal frei iſt, bitt' ich Sie um Hof⸗ neuigkeiten.“ „Die Klage wegen des Complotts iſt abgewie⸗ ſen,“ antwortete der Hoͤfling,—„Sir George Wa⸗ keman frei geſprochen— die Zeugen ſind durch die Jury fuͤr unguͤltig erklaͤrt— Scroggs, der fuͤr die eine Partei ſchwaͤrmte, ſchwaͤrmt nun fuͤr die andere.“ „Fort mit Complott, Wakeman, Zeugen, Papi⸗ ſten und Proteſtanten, alleſammt! Denken Sie, ich bekuͤmmere mich um ſolches Zeug da?— Bis das Complott die Treppe herauf ins Schloß kommt, und von des alten Rowley's Einbildungskraft ſelbſt III. D — Beſitz nimmt, kuͤmmere ich mich kein Haar darum, ob Jemand glaͤubig oder unglaͤubig iſt. Ich halte es mit Jedem, der mich vertheidigen will.“ „Nun gut,“ ſagte der Lord,„die naͤchſte Neuig⸗ keit iſt, Rocheſter iſt in Ungnade gefallen.“ „In Ungnade? Was?— und weßhalb? Den Morgen, als ich fortging, ſtand er ſo gut, als irgend Einer.“ „Das iſt vorbei— odie Grabſchrift hat ihm den Hals gebrochen— und nun mag er eine fuͤr ſeine eigne Hofgunſt ſchreihen; denn er iſt todt und be⸗ graben.“. „Die Grabſchrift!“ rief Thomas aus;„ei,) war dabei, als ſie gemacht wurde; und ſie galt fuͤr ein herrlich Bonmot bei dem, auf den ſie ge⸗ macht war.“ „Ja, ſo verhielt es ſich unter uns,“ antwortete ſein Geſellſchafter;„aber ſie kam auswaͤrts, und hatte einen Umlauf, wie ein Muͤhlrad. Sie war in jedem Kaffeehauſe, und in der Haͤlfte der Jour⸗ nale. Grammont uͤberſetzte ſie auch ins Franzoͤſiſche; und man hat uͤber keinen bittern Scherz ſo gelacht, als wie dieß Gelaͤchter von allen Seiten in unſere Ohren gellte. So kam der Verfaſſer in Ungnade; und nur der Herzog von Buckingham ausgenommen, war der Hof ſo dumm, als des Lordkanzlers Peruͤcke.“ * „Oder wie der Kopf, den ſie bedeckt. Gut, My⸗ lord, je Wenigere am Hofe ſind, deſto mehr Raum fuͤr die, welche ſich da hervorthun koͤnnen. Aber da ſind zwei Hauptſaiten auf Shaftesbury's Geige ge⸗ tiſſen— das paͤpſtiſche Complott, in Mißkredit ge⸗ rathen— und Rocheſter, in Ungnade gefallen. Ver⸗ aͤnderliche Zeiten— aber hier eins auf den kleinen Mann, der ſie verbeſſern kann.“ „Ich verſtehe Sie,“ erwiederte der Lord,„und komme Ihrer Geſundheit mit meiner Liebe entge⸗ gen. Glauben Sie mir, Mylord liebt Sie, und ſehnt ſich nach Ihnen.— Nein, ich habe Sie be⸗ friedigt.— Mit Ihrer Erlaubniß, die Reihe iſt jetzt an mir.— Nun, auf das Wohlſein des aufgeweck⸗ ten Herzog von Bucks.“ „Ein aufgeraͤumter Pair,“ ſagte Smith,„als je einer die Nacht in Tag verwandelte.— Nein er muß ein uͤberſtroͤmendes Kelchglas haben, wenn es Ihnen beliebt; und ich will es super naculum trin⸗ ken.— Und wie ſteht's mit der großen Frau?“ „Sie trotzt allem Wechſel,“ antwortete der Lord; —„der kleine Anton kann nichts aus ihr machen.“ „Dann wird er ihren Einfluß auf nichts zuruͤck⸗ bringen. Laß dir einmal Etwas ins Ohr ſagen. Du weißt—(Hier fluͤſterte er ſo leiſe, daß Julian keinen Laut vernehmen konnte.) G . D 2 „Ihn kennen!“ antwortete der Andere.— „Eduard von der Inſel kennen!— Sicherlich kenn' ich ihn.“ „Er iſt der Mann, der die großen Violinſaiten, die geſprungen ſind, wieder aufziehen wird. Sag' mir es wieder, daß ich es geſagt habe; und darauf trinke ich dir ſeine Geſundheit zu.“ „Und darauf thue ich gleichfalls Beſcheid,“ ſagte der junge Edelmann,„was aus jedem andern Grunde mir anekeln wuͤrde— da ich glaube, Eduard hat in Etwas den Zuſchnitt eines Schurken.“ „Zugegeben, Mann— zugegeben,“ ſagte der Andere;„er ſei ein Erzſchelm; aber geſchickt, My⸗ lord, geſchickt und nothwendig; und in dieſem Plan unentbehrlich.— Ha!— dieſer Champagner wird ſtaͤrker, wie er aͤlter wird, denk' ich.“ „Hoͤre, mein ehrlicher Freund,“ ſagte der Hoͤf⸗ ling;„ich wuͤnſchte, du gaͤbſt mir einige Winke uͤber dieß ganze Geheimniß. Du beſitzeſt es, ich weiß es; denn wem vertrauen ſonſt die Menſchen Etwas an, als dem treuherzigen Chiffinch?“ „Sie belieben ſo zu ſagen, Mylord,“(antwor⸗ tete Smith, den wir kuͤnftig bei ſeinem wahren Na⸗ men Chiffinch nennen wollen, mit vieler berauſchter Ernſthaftigkeit; denn ſeine Sprache war durch ſeine reichlichen Zechen im Verlauf dieſes Abends etwas veraͤndert morden).„Wenige Menſchen wiſſen mehr, oder ſagen weniger, als ich; und es ſteht meinem Berufe wohl an. Conticuere omnes, wie in der Grammatik ſteht; alle Menſchen ſollten ihre Zungen zaͤhmen lernen.“ „Ausgenommen bei einem Freunde, Thomas— ausgenommen bei einem Freunde. Du wirſt nie ein ſolcher Schuft ſein, einem Freunde einen Wink zu verſagen. Geh, du wirſt zu weiſe und ſtaats⸗ mannartig fuͤr dein Amt. Die Schnuren deiner hoͤchſt baͤuriſchen Jacke werden wohl von deinem Ge⸗ heimniß zerſpringen. Hoͤre, mach' einen Knopf auf, Mann; es dient zum Beſten deiner Geſundheit. Geh mit der Sprache heraus, und laſſe deinen er⸗ waͤhlten Freund wiſſen, was du denkſt. Du weißt, ich bin dem kleinen Anton eben ſo ergeben, als du, wenn er nur die Oberhand gewinnen kann.“ 3„Wenn, du lordmaͤßig Treuloſer!“ ſagte Chif⸗ finch;„ſchwatzſt du mit mir von Wenn's? In dieſer Sache iſt weder wenn noch und. Die große Frau ſoll einen Pflock tiefer geſtoßen— der große Anſchlag einen oder zwei Pflock hoͤher gebracht wer⸗ den. Du kennſt Eduard?— der ehrliche Eduard hat eines Bruders Tod zu raͤchen.“ „So— hab' ich gehoͤrt,“ ſagte der Lord;„und ſeine unterhaltene Rachſucht wegen dieſer Be⸗ 4 D. leidigung war einer von den wenigen Punkten, der eine Art heidniſcher Tugend in ihm auszumachen ſchien.“ „Gut,“ erwiederte Chiffinch,„bei den Unter⸗ nehmungen, dieſe Rache zu befriedigen, womit er ſich ſo manchen Tag angeſtrengt hat, hat er einen Schatz entdeckt.“ „Was!— Auf der Inſel Man?“ ſagte ſein Geſellſchafter. 1 „eberzeugen Sie ſich ſelbſt davon.— Sie iſt ein ſo reizendes Geſchoͤpf, daß ſie nur geſehen werden darf, um alle Lieblinge von Portsmouth und Cleve⸗ land bis zu der drei Pfennig Dirne, Miſtreß Nelly, herab zu ſetzen.“ „Auf mein Wort, Chiffinch,“ ſagte der Lord, „das iſt eine Verſtaͤrkung nach deiner eignen beſten Taktik. Aber bedenk dich, Mann! Eine ſolche Er⸗ oberung zu machen, dazu gehoͤrt mehr, als eine kirſch⸗ rothe Wange und ein glaͤnzendes Auge— dazu ge⸗ hoͤren Witz, Freund, Witz und Manieren, und ein bischen Verſtand außerdem, um Einfluß zu behal⸗ ten, wenn ſie gemacht iſt.“ „Ha! wollen Sie mir lehren, was zu dieſem Beruf noͤthig iſt?“ ſagte Chiffinch.„Hier, trinken Sie mir ihre Geſundheit in einem vollen Glaſe.— Nein, Sie ſollen es gar auf den Knieen thun.— — 79 Nie hat man noch eine ſo triumphirende Schoͤnheit geſehen.— Ich kam abſichtlich in die Kirche, zum erſten Mal ſeit dieſen zehn Jahren.— Doch ich luͤge, nicht in die Kirche— ſondern in die Kapelle.“ „In die Kapelle?— Was zum Teufel, iſt ſie eine Puritanerin?“ rief der Hofmann aus. „Freilich iſt ſie das. Glauben Sie denn, ich wuͤrde ein Mitſchuldiger ſein, eine Papiſtin in dieſen Zeiten in Gunſt zu bringen, da, wie mein guter Lord im Parlament ſagte, nicht ein papiſtiſcher Be⸗ dienter, noch eine papiſtiſche Dienſtmagd, noch ſo viel als Hund oder Katze, um den Koͤnig bellen oder miauen duͤrfte?“ „Aber bedenken Sie nur, Chiffinch, die Unaͤhn⸗ lichkeit ihres Geſchmacks,“ ſagte der adelige Hoͤfling. —„Was, der alte Rowley, mit ſeinem Witz, und ſeiner Liebe zum Witz— mit ſeiner Wildheit, und Liebe zur Wildheit— er ſollte einen Bund ſchließen mit einer einfaͤltigen, bedenklichen, geiſtloſen Puri⸗ tanerin?— Nein, auch wenn ſie eine Venus waͤre.“ „Du verſtehſt nichts von der Sache,“ antwortete Chiffinch.„Ich ſage dir, der ſchoͤne Kontraſt zwi⸗ ſchen der ſcheinbaren Heiligen und der fallenden Suͤnderin wird die Neigungen des alten Herrn ſtaͤr⸗ ker aufregen. Wenn ich ihn nicht kenne, wer kennt ihn denn?— Auf ſeine Geſundheit, Mylord, auf D4 80— Ihrem bloßen Knie, da Sie gern ſein Kammerdie⸗ ner zu ſein wuͤnſchen wuͤrden.“ „Ich thue Ihnen ganz ergeben Beſcheid,“ ant⸗ wortete ſein Freund.„Aber Sie haben mir nicht geſagt, wie die Bekanntſchaft zu machen iſt; denn Sie koͤnnten ſie doch, glaub' ich, nicht nach White⸗ hall bringen.“ „Aha! mein heeber Lord, Sie moͤchten gern das ganze Geheimniß haben! aber das kann ich nicht mittheilen.— Ich kann einem Freunde einen Blick auf mein Ziel vergoͤnnen, aber Niemand muß die Mittel ſehen, womit es erreicht wird.“— Bei die⸗— ſen Worten ſchuͤttelte er mit ſehr weiſer Miene den Kopf. Die ſchaͤndliche Abſicht, welche dieſe Unterredung in ſich ſchloß, und welche, wie dem jungen Peveril ſein Herz ſagte, auf Alexie Bridgenorth ging, ſetzte ihn in ſo ſtarke Bewegung, daß er unwillkuͤhrlich aus ſeiner Lage gerieth, und die Hand an den Griff ſeines Degens legte. Chiffinch hoͤrte ein Geraͤuſch, und brach ab, mit dem Ausruf:„Horch!— wahrlich, was ruͤhrt ſich da? Ich hoffe doch, Niemand, als dn, wird meine Rede gehoͤrt haben.“ Es koſtet Jedem ſein Leben, wer nur eine Sylbe von deinen Worten aufgefangen hat,“ ſagte der 81 Lord, nahm ein Licht, und ſah ſich im Zimmer um. — Da er aber nichts bemerkte, das ſeine gedrohte Rache ſich zuziehen konnte, ſtellte er das Licht wieder hin, und fuhr fort:—„Wohlan, angenommen, die Belle Louiſe de Querouaille ſchießt von ihrem hohen Standpunkte am Firmament, wie wollen ſie das nieder geſunkene Complott wieder erheben— denn ohne daſſelbe Complott, denke davon, was du willſt, haben wir keine Veraͤnderung zu erwarten— und die Sachen bleiben beim Alten mit einer proteſtan⸗ ciſchen Buhlſchweſter, ſtatt einer papiſtiſchen.— Der kleine Anton kann nur wenig foͤrdern ohne dieſes ſein Complott, das— glaub ich feſt— er ſelbſt an⸗ geſtiftet hat.“ „Wer es auch immer angeſtiftet habe, er hat es angenommen, und es iſt unter ihm zur Reife gedie⸗ hen. Wohlan denn, ob es gleich außer meinem Wege liegt, ich will wieder den heiligen Petrus ſpie⸗ len— auf mit dem andern Schluͤſſel, und eroͤffne das andere Geheimniß.“ „Nun du ſprichſt, wie ein guter Kamerade; und ich will mit eigner Hand dieſe friſche Flaſche anbre⸗ chen, und auf das Gluͤck deiner Unternehmung trinken.“ „Sehr wohl,“ fuhr der geſpraͤchige Chiffinch D 5 82— fort,„du weißt, daß ſie lange der alten Graͤfin von Derby Etwas zugedacht haben.— So wurde Eduard — er iſt, wie du weißt, ihr eine alte Rechnung ſchul⸗ dig— mit Privatinſtructionen hingeſchickt, ſich, wo moͤglich, mit Huͤlfe einiger Freunde der Inſel zu be⸗ maͤchtigen. Er hat immer Spione auf ſie unterhal⸗ ten; und ein gluͤcklicher Mann war er, die Stunde ſeiner Rache fuͤr ſo nahe zu halten. Aber der Streich ſchlug ihm fehl; und die alte Dirne, die auf der Hut ſein mußte, war bald in der Lage, Eduarden dafuͤr buͤßen zu laſſen. Er kam von der Inſel mit wenig Vortheil, ſie betreten zu haben, als er auf einem gewiſſen Wege— denn ich glaube, der Teufel vertritt immer ſeinen Freund— Nach⸗ richt uͤber einen Boten erhielt, den ihre elte Majeſtaͤt von Man nach London geſchickt hatte, um zu ihrem Behuf Partei zu machen. Eduard hielt ſich zu die⸗ ſem Burſchen— einem rohen, halb erzogenen Laf⸗ fen, Sohn eines alten toͤlpiſchen Cavaliers vom alten Schlage in Derbyſhire— und brachte den Burſchen dahin, daß er ihn an den Ort fuͤhrte, wo ich mit aͤngſtlichem Verlangen auf das holde Weſen wartete, von dem ich Ihnen erzaͤhlte. Bei dem heili⸗ gen Anton(denn ich will nicht niedriger ſchwoͤren), ich ſtaunte, als ich dieſen großen Luͤmmel ſah— nicht als wenn der Burſche ſo uͤbel ausſaͤhe— ich ſtarrte gleich— nun ja— helfen Sie mir zu einer Vergleichung.“ „Gleich des heiligen Antons Ferkel, wie es ſo glatt war,“ ſagte der junge Lord;„Ihre Augen, Chif⸗ finch, haben denſelben Glanz. Aber was haza as Alles mit dem Complott zu thun? Halt— ich habe Wein genug gehabt.“ „Nein, Sie duͤrfen mir's nicht abſchlagen,“ ſagte Chiffinch, und man hoͤrte ein Klirren, als wenn er ſeines Kameraden Glas mit ſehr zitternder Hand fuͤllte.„Ha! was zum Teufel iſt das?— Ich pflegte mein Glas feſt zu halten— ſehr feſt.“ „Gut, aber dieſer Fremde?“ „Nun, er ſtreifte nach Wildpret und Ragout⸗ als wollt er im Fruͤhling Rindfleiſch, oder im Som⸗ mer Schoͤpsfleiſch. Nie gab es einen ſo ungezogenen Jungen— er wußte nicht weniger, als ein Unglaͤn⸗ biger, was er aß.— Ich fluchte ihm bei meinen Goͤttern, wenn ich Chauberts Meiſterſtuͤcke von einer ſo gleichguͤltigen Kehle hinunterſchlucken ſah. Wir nahmen uns die Freiheit, ſeinen Becher ein wenig zu wuͤrzen, und ihm ſein Packet Briefe abzunehmen; und der Thor zog am naͤchſten Morgen ſeiner Wege mit einer Brieftaſche, die liſtig mit grauem Papier gefuͤllt war. Eduard wollte ihn zuruͤckgehalten ha⸗ 84— ben, in Hoffnung einen Zeugen aus ihm zu machen; aber der Burſche hatte den Muth nicht.“ „Wie wollen Sie Ihre Briefe beweiſen?“ ſagte der Hofmann.— „Seht da, Mylord!“ ſprach Chiffinch;„man kain mit einem halben Auge ſehen, daß Sie, bei all Ihrem geſtickten Wamms, von der Familie der Fur⸗ nival's geweſen ſind, ehe Ihres Bruders Tod Sie an den Hof brachte. Wie die Briefe beweiſen? Ei, wir haben nur den Sperling mit einem Bande um den Fuß fliegen laſſen.— Wir haben ihn wie⸗ der, ſobald wir nur wollen.“ „Ha, du biſt ein wahrer Machiavell geworden, Chiffinch,“ ſagte ſein Freund.„Aber wie, wenn der junge Menſch ſich halsſtarrig zeigt? Ich habe gehoͤrt, dieſe Peverils haben heiße Koͤpfe und harte Haͤnde.“ „Beunruhigen Sie ſich nicht mit dem, wofuͤr ſchon geſorgt iſt, Mylord,“ ſagte Chiffinch—„ſeine Piſtolen moͤgen bellen; aber ſie koͤnnen nicht beißen.“ „Vortrefflicher Chiffinch, du biſt ſowohl Faullen: zer, als Straßenraͤuber geworden— kannſt einen Menſchen ſowohl berauben, als entfuͤhren?“ „Faullenzer und Straßenraͤnber— was ſind das fuͤr Ausdruͤcke?“ ſagte Chiffinch.„Mich duͤnkt, das ſind Worte, auf die man vom Leder ziehen moͤchte. Sie wollen mich boͤſe machen bis zum un⸗ geſtuͤmen Ausfall.— Raͤuber und Entfuͤhrer!“ „Sie nehmen das Verbum fuͤr das Subſtantiv,“ erwiederte der Lord;„ich ſage rauben und ent⸗ fuͤhren— ein Menſch kann beides dann und wann thun, ohne es zum Beruf zu machen.“ „Aber nicht ohne ein bischen naͤrriſch edles Blut oder ſo etwas rothes Zeug zu verſpruͤtzen,“ ſagte Chiffinch auffahrend. „O ja,“ ſagte der Lord;„dieß kann alles ſein, ohne die graͤßlichen Folgen, und ſo werden Sie es morgen finden, wenn Sie nach England zuruͤckkeh⸗ ren; denn jetzt ſind Sie im Lande des Champagner, Chiffinch; und damit Sie ſo fortfahren, trinke ich Ihnen noch dieß Abſchiedsglas zur guten Nacht zu.“ „Ich ſchlage den Beſcheid nicht ab,“ ſagte Chif⸗ finch;„aber ich trinke dir in Groll und Feindſelig⸗ keit.— Es iſt ein Kelch des Grimms, und ein Un⸗ terpfand des Kampfs. Morgen, zur Daͤmmerung, will ich dich treffen, und waͤreſt du der letzte der Sa⸗ villes.— Was zum Teufel, denkſt du, ich fuͤrchte dich, weil du ein Lord biſt?“ „Nein, Chiffinch,“ antworrete ſein Geſellſchaf⸗ ter; nich weiß, du fuͤrchteſt nichts, als Bohnen und Schinken, mit ſchalem Bier hinunter geſpuͤlt.— u—õmumummöſ 86 Leb' wohl, lieber Chiffinch— zu Bette— Chiffinch — zu Bette.“ E n So ſprach er, ergriff ein Licht, und verließ das Zimmer. Und Chiffinch, den der letzte Trunk faſt uͤberwaͤltigt hatte, beſaß noch eben Kraft genug, daſſelbe zu thun, indem er beim Hinaustaumeln murmelte:„Ja, er ſoll dafuͤr buͤßen— Morgen⸗ daͤmmerung— ich bin verdammt— es iſt ſchon Zeit — da iſt die Daͤmmerung— nein, verwuͤnſcht, es iſt das Feuer, das auf dem verfluchten rothen Gat⸗ ter ſchimmert— ich bin etwas benebelt— das kommt von einer Dorfſchenke— Es iſt der Dunſt vom Branntwein in der verwuͤnſchten Stube— es kann nicht vom Wein kommen.— Gut, der alte Rowley ſoll mich nicht mehr auf Botſchaft aufs Land ſchicken— Feſt, feſt aufgetreten.“ Mit dieſen Worten wand er ſich aus dem Zim⸗ mer, und uͤberließ dem jungen Peveril die Ueberle⸗ gung dieſer außerordentlichen Unterredung, die er eben gehoͤrt hatte. Der Name Chiffinch, des wohl⸗ bekannten Maitre de plaisir von Karl, war nahe ver⸗ bunden mit der Rolle, die er in der gegenwaͤrtigen Intrigue zu ſpielen im Begriff ſchien; aber daß Chriſtian, den er immer fuͤr einen eben ſo ſtrengen Puritaner, als ſeinen Schwager Bridgenorth, gehal⸗ ten hatte, ſich mit ihm in einem ſo ſchaͤndlichen Com⸗ — 87 plott verbunden haben ſollte, ſchien eben ſo unnatuͤr⸗ lich, als ungeheuer. Die nahe Verwandtſchaft mochte Bridgenorth blenden, und ihn ſicher machen, ſeine Tochter eines ſolchen Menſchen Aufſicht anzuver⸗ trauen; aber was fuͤr ein Elender mußte er ſein, daß er kaltbluͤtig einen ſo ſchaͤndlichen Mißbrauch ſei⸗ nes Vertrauens ſich vorſetzen konnte. Im Zweifel, ob er fuͤr einen Augenblick der von Chiffinch eroͤffne⸗ ten Erzaͤhlung traue ſollte, unterſuchte er eilig ſein Paket, und fand, daß das Futteral von Seehunds⸗ fell, worin es ſteckte, nur blos eine gleiche Menge Makulatur enthielt. Wenn er fernerer Beſtaͤtigung bedurft haͤtte, ſo zeigte der Fehlſchuß, den er nach Bridgenorth gethan hatte, und von dem ihn blos der Pfropf traf, daß ſein Gewehr in fremder Hand geweſen war. Er unterſuchte das Piſtol, das immer geladen blieb, und fand die Kugel herausgezogen.—„Mag ich unkommen unter dieſen ſchaͤndlichen Raͤnken,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„aber du ſollſt ſichrer geladen werden, und zu beſſerm Zweck! Der Inhalt dieſer Papiere mag meine Wohlthaͤterin zu Grunde richten— daß man ſie bei mir gefunden, mag meinen Vater ins Verderben bringen— daß ich der Ueberbringer der⸗ ſelben geweſen, mag in dieſen feurigen Zeiten mir das Leben koſten— darum kuͤmmere ich mich am we⸗ nigſten— ſie bilden einen Zweig von dem Entwurf gegen die Ehre und das Gluͤck eines ſo unſchuldigen Geſchoͤpfs, daß es faſt Suͤnde iſt, zugleich an ſie in der Nachbarſchaft ſo niedriger Schurken zu denken. Ich will die Briefe auf alle Gefahr wieder zu erlan⸗ gen ſuchen.— Aber wie?— das iſt zu uͤberlegen. — Lance iſt tapfer und redlich; und wenn eine kuͤhne That einmal beſchloſſen iſt, fehlten da noch nie die Mittel, ſie ausfuͤhren. Der Wirth trat nun herein, mit Entſchuldigung ſei⸗ ner langen Abweſenheit; und nachdem er Peveril einige Erfriſchung vorgeſetzt hatte, bat er ihn, zu ſeinem Nachtquartiere die Bequemlichkeit eines entlegenen Heubodens anzunehmen, und mit ſeinem Kameraden zu theilen, wobei er betheuerte, er haͤtte ihnen ſchwer⸗ lich dieſe Gefaͤlligkeit erweiſen koͤnnen, wenn es nicht aus Achtung fuͤr Lance Outrams ausnehmende Ge⸗ ſchicklichkeit beim Abzapfen geſchehen; wo es freilich wahrſcheinlich war, daß er ſowohl, als der bewun⸗ dernde Gaſtwirth, den Abend faſt eben ſo viel trank, als ſie abzogen. Aber Lance war ſo an ſarse Getraͤnke gewoͤhnt, daß ſie keinen dauernden Eindruck auf ihn machten, ſo daß Peveril, als er den treuen Diener in der Morgendaͤmmerung weckte, ihn ruhig genug fand, den Plan zu faſſen und darauf einzugehen, die ihm entwandten Briefe wieder zu erlangen. — — — 89 Nachdem Lance die ganze Sache mit viel Auf⸗ merkſamkeit uͤberlegt hatte, zuckte er die Achſeln, knirſchte mit den Zaͤhnen, und kratzte ſich im Kopfe; und endlich gab er maͤnnlich ſeine Entſchloſſenheit zu erkennen.„Meine Tante ſagt wohl die Wahr⸗ heit in ihrem alten Reime: Wer Peverilen dient, darf nicht verzaͤrtelt ſein; nicht Wetters Ungemach, noch ſonſt Gefahren ſcheun. Und dann pflegte die gute Alte zu ſagen, daß, ſobald Peveril briete, Outram ſchmorte; ſo werd' ich auch nie eine niedertraͤchtige Seele zeigen, ſondern eben ſo an Ihnen halten, wie meine Vaͤter an den Ihri⸗ gen ſeit vier Generationen und druͤber gehalten haben.“ „Geſprochen, wie nur der bravſte Outram kann,“ ſagte Julian;„und waͤren wir des Gelbſchnabels von Lord und ſeines Gefolgs los, wir beide koͤnnten leicht mit den andern drei fertig werden,“ „Swei Londonern und einem Franzoſen?“ ſagte Lance; ich wollte ſie allein auf mich nehmen. Und was Lord Saville betrifft, wie Sie ihn heißen, ſo hoͤrt' ich ein Wort letzte Nacht, daß er und alle ſeine Leute von vergoldetem Pfefferkuchen— die einen ehrlichen Mann, wie mich, anſahen, als waͤren ſie das Erz, und ich die Schlacken— alle dieſen Mor⸗ gen fortreiſen werden zu einigen Wettrennen oder dergleichen Luſtbarkeiten bei Tutberry. Dieß brachte ihn her, wo er zufaͤllig dicſe andere Zibethkatze traf.“ Wirklich hoͤrte man, ſelbſt als Lance ſprach, ein Pferdetrampeln im Hofe, und aus der Oeffnung ihres Heubodens ſahen ſie Lord Saville's Begleitung aufgeſtellt, und bereit, fortzureiſen, ſo bald er er⸗ ſcheinen wuͤrde. „Nun, Herr J Jeremy,“ ſagte einer aus dem Ge⸗ folge zu einer Art Hauptbegleiter, der eben aus dem Hauſe kam,„mich deucht, der Wein hat auf Mylord dieſen Morgen wie ein Schlaftrunk gewirkt.“ „Nein,“ antwortete Jeremy,„er iſt vor Tages⸗ anbruch auf geweſen, um Briefe nach London zu ſchreiben; und zur Strafe dieſer Unehrerbietigkeit, Jonathan, ſollſt du der Mann ſein, der mit ihnen zuruͤck reitet.“ „Und ſo des Wettrennens zu entbehren,“ ſagte Jonathan verdrießlich;„ich danke Ihnen ſuͤr dieſe gute Verfuͤgung, mein guter Herr Jeremy; und der Henker hole mich, wenn ich es vergeſſe.“ Weiteres Geſpraͤch wurde durch die ploͤtzliche Er⸗ ſcheinung des jungen Edelmanns verhindert, der, als er aus dem Gaſthofe kam, zu Jeremy ſagte;„Dieß ſind die Briefe. Laß einen von den Kerlen auf Tod und Leben nach London reiten, und ſie an die Ad⸗ — dreſſe abgeben; und die uͤbrigen aufſitzen und mir folgen.“ Jeremy gab dem Jonathan das Paket mit einem boshaften Laͤcheln; und der betroffene Reitknecht wandte ſeines Pferdes Kopf muͤrriſch gegen London hin, waͤhrend Lord Saville und die uͤbrigen ſeines Gefolges lebhaft in entgegengeſetzter Richtung fort⸗ ritten, unter den Segenswuͤnſchen des Wirths und ſeiner Familie, welche mit Hoͤflichkeitsbezeugungen an der Thuͤre ſtanden, ohne Zweifel voll Dankbar⸗ keit fuͤr den Empfang einer unverantwortlich großen Rechnung. Es waren volle drei Stunden nach ihrer Abreiſe, als Chiffinch in das Zimmer, wo ſie zu Abend ge⸗ ſpeiſt hatten, geſchlendert kam, in einem brocatnen Schlafrock, mit einer gruͤnen Sammtmuͤtze auf dem Kopfe, die mit den koſtbarſten Bruͤſſeler Spitzen aufgeſchlagen war. Er ſchien nur halb wach, und forderte mit ſchlaftrunkener Stimme ein Glas kaltes leichtes Bier. Sein ganzes Weſen und Anſehen verrieth einen Menſchen, der am vorigen Abend ſtark mit Bacchus gerungen, und kaum ſich von den Wir⸗ kungen ſeines Kampfs mit dem muntern Gotte er⸗ holt hatte. Lance, den ſein Herr angewieſen hatte, die Bewegungen des Hoͤflings zu belauern, brachte ihm dienſtfertig den kuͤhlenden Trank, und entſchul⸗ 92²— digte den Wirth, ſtatt deſſen er komme, mit dem Wunſche, den er gehabt habe, einmal einen Londoner in ſeinem Schlafrock und ſeiner Schlafmuͤtze zu ſehen.“ Chiffinch hatte kaum ſeinen Morgentrank zu ſich genommen, als er nach Lord Saville fragte. „Ihre Gnaden ſind ſchon bei fruͤhem Morgen abgereiſt,“ war Lance's Antwort. „Was zum Teufel!“ rief Chiffinch aus.„Das iſt nicht ſehr hoͤffich.— Wasl fort nach dem Wett⸗ rennen mit dem ganzen Gefolge?“ „Alle, bis auf Einen,“ antwortete Lance,„den der gnaͤdige Herr mit Briefen nach London zuruͤck ſchickten.“ „Nach London mit Briefen!“ rief Chiffinch. „Ei, ich gehe nach London, und haͤtte ſeinem Boten eine Muͤhe erſparen koͤnnen.— Aber ſtill— halt — ich fange mich an zu beſinnen— verdammt; kann ich geſchwatzt haben?— ich habe— ich habe — ich beſinne mich auf Alles— ich habe geſchwatzt; und gegen das wahre Wieſel des Hofs, das aus Je⸗ dermanns Geheimniß das Eidotter ausſaugt. Tod und Hoͤlle!— daß meine Nachmittage meine Mor⸗ gen ſo verderben mußten!— Ich mußte da den gu⸗ ten Geſellſchafter und Zechbruder machen— meine Vertraulichkeiten und Zwiſte haben— meine Freunde und meine Feinde recht mir zum Verderben, als b b b 2— — 93 wenn Jemand einem Menſchen ſo viel Gutes erwei⸗ ſen oder ſo viel Boͤſes anthun koͤnnte, als ſeinem eignen Selbſt. Doch ſein Bote muß aufgehalten werden— ich will eine Speiche in ſein Rad ſetzen. — Hoͤrt, Kellner— ruft meinen Reitknecht her— ruft Thomas Beacon.“ Lance gehorchte; verfehlte aber nicht, als er den Dienſeboten hereingebracht hatte, im Zimmer zu bleiben, um zu hoͤren, was zwiſchen ihm und ſeinem Herrn vorgehen wuͤrde. „Hoͤrt, Thomas,“ ſagte Chiffinch,„hier ſind fuͤnf Pfund fuͤr euch.“ „Was hab' ich nun zu thun?“ ſagte Thomas, ſelbſt ohne die Zeremonie der Dankſagung, die, wie er wohl wiſſen mochte, nicht einmal zum Theil als Bezahlung der Schuld, in die er kommen ſollte, an⸗ genommen werden wuͤrde. „Steig' auf deinen flinken Klepper, Thomas— reite, wie der Teufel— uͤberhole den Reitknecht, den Lord Saville dieſen Morgen nach London ab⸗ ſchickte— laͤhme ſein Pferd, brich ſeine Beine— — mach ihn trunken, wie das Baltiſche Meer; oder thue’, was am beſten und wirkſamſten ſeine Reiſe aufhalten kann.— Was ſteht der Luͤmmel da, ohne mir zu antworten? Verſtehſt du mich?“ mi⸗ Ei ja, Herr Chiffinch,“ ſagte Thomas; nund 94— das, denk' ich, wird auch bei dem ehrlichen Mann hier der Fall ſein, der nicht ganz ſo viel von Ihrem Auftrage zu hoͤren noͤthig hatte, wenn es Ihr Ernſt geweſen waͤre.“* 3 „Ich bin dieſen Morgen wie behext,“ ſagte Chif⸗ finch zu ſich ſelber,„oder der Champagner brauſt noch in meinem Kopfe. Mein Gehirn iſt zu den wahren Niederlaͤndern von Holland geworden— ein Viertelnoͤſel wuͤrde es uͤberſchwemmen. Hoͤre du, Kellner,“ ſagte er zu Lance;„ſei verſchwiegen— hier iſt eine Wette zwiſchen Lord Saville und mir, wer von uns zuerſt einen Brief in London haben ſoll. Hier iſt Etwas auf meine Geſundheit zu trinken, und zum Gluͤck auf meiner Seite. Sprich nichts davon; aber hilf Thomas auf ſein Pferd.— Thomas, ehe du fortjagſt, hole deine Creditive— Ich will dir einen Brief an den Herzog von Bucks mitgeben, zum Zeugniß, daß du der erſte in der Stadt warſt.“ Thomas Beacon duckte ſich und ging hinaus; und Lance lief, nach einigen Bewegungen, ihn aufs Pferd zu helfen, zu ſeinem Herrn zuruͤck, um ihm die frohe Botſchaft zu bringen, daß ein gluͤcklicher Vorfall Chiffinchs Partei auf ihre eigne Biczab her⸗ unter gebracht habe. Peveril befahl ſogleich, ſeine Pferde bereit zu halten; und ſobald Thomas Bearon im reißenden — 95⁵ Trott nach London abgefertigt war, hatte er das Vergnuͤgen, zu bemerken, daß Chiffinch fuͤr dieſelbe Reiſe, doch in gemaͤßigterem Schritt, mit ſeinem Guͤnſtling Chaubert zu Pferde ſtieg. Er ließ ſie eine ſolche Entfernung erreichen, daß ihnen ohne Verdacht nachgeſpuͤrt werden konnte; dann bezahlte er ſeine Rechnung, beſtieg ſein Pferd, und folgte, indem er ſeine Maͤnner immer ſorgfaͤltig im Auge behielt, bis er an einen Ort kommen wuͤrde, der zur Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens ſich ſchickte. Es war Pex wals Abſicht geweſen, wann er und Lance an einen einſamen Theil der Straße gelangen wuͤrden, ihre Schritte allmaͤhlich zu verſtaͤrken, bis ſte Chaubert einholten— Lance Outram ſollte dann zuruͤckbleiben, um den Mann der Bratſpieße und Bratoͤfen zu uͤberfallen, waͤhrend er ſelbſt, weiter fortſprengend, ſich mit Chiffinch herumſchluͤge. Allein dieſer Plan ſetzte voraus, daß der Herr und der Diener auf die gewoͤhnliche Art reiſeten— der letz⸗ tere einige Fuß hinter dem erſtern. Indeſſen waren die Gegenſtaͤnde der Unterhaltung zwiſchen Chiffinch und dem Franzoͤſiſchen Koch ſo intereſſant, daß ſie, ohne die Regeln der Etiquette zu beobachten, freund⸗ ſchaftlich neben einander ritten, waͤhrend ſie ein Ge⸗ ſpraͤch uͤber die Geheimniſſe der Tafel fuͤhrten, dem der alte Komus, oder ein neuerer Gaſtronom, mit 96— Vergnuͤgen haͤtte zuhoͤren koͤnnen. Es war alſo noͤ⸗ thig, beide auf einmal anzugreifen. Als ſie nun einen langen Strich Weges vor ſch ſahen, dem keine Erſcheinung eines Menſchen, eines Thiers oder einer menſchlichen Wohnung die geringſte Abwechslung gab, fingen ſie an, nach ihrem Plan, ihre Schritte zu verſtaͤrken, um Chiffinch naͤher zu kommen, ohne ihm doch durch eine ploͤtzliche und ver⸗ daͤchtige Beſchleunigung ihres Rittes eine Beſorgniß zu erregen.— Auf dieſe Art verringerten ſie die Entfernung, welche ſie trennte, bis ſie etwa inner⸗ halb ſechzig Fuß waren, als Peveril, beſorgt, daß Chiffinch bei groͤßerer Annaͤherung ihn wieder erken⸗ nen und raſcher fortreiten moͤchte, Lancen das Zeichen zum Angriff gab. Bei der ploͤtzlich vermehrten Geſchwindigkeit ihres Reitens, und dem damit nothwendig verbundenen Getoͤſe, ſah ſich Chiffinch rings um, hatte aber zu nichts weiter Zeit; denn Lance, der ſein Pferd(das auch viel beſſer war, als Julians) in vollen Gallop gebracht hatte, drang ohne Umſtaͤnde zwiſchen den mehr als einem Ausruf Zeit hatte, war der Franzoſe aus dem Sattel geworfen; mopt bleu! erbebte von ſeiner Zunge, als er am Boden lag, mitten unter den mancherlei Artikeln ſeines Gewerbes, die aus * IWf Hoͤfling und ſeinen Begleiter; und ehe Chaubert zu —— —— der ledernen Taſche, worin er ſie trug, heraus fielen, und in ſeltſamer Unordnung uͤber die Landſtraße rollten; waͤhrend Lance, vom Pferde ſpringend, ſei⸗ nem Gegner unter keiner geringern Strafe, als der des Todes, wenn er aufzuſtehen ſuchen wuͤrde, Stille gebot. 4 Ehe Chiffinch den Sturz ſeines treuen Dieners raͤchen konnte, wurde der Zaum ſeines eignen Pfer⸗ des von Julian ergriffen, der ihm mit der andern Hand ein Piſtol vorhielt, und den Tod drohte, wenn er nicht ſtill halten wuͤrde. Chiffinch war zwar weichlich, aber doch nicht feig⸗ herzig. Er hielt ſtill, wie ihm geboten war, und ſagte mit Feſtigkeit:„Schurke, du haſt mich uͤber⸗ ffallen. Biſt du ein Straßenraͤuber, hier iſt meine Boͤrſe. Thue uns kein Leid an, und ſchone das Futteral mit Wuͤrzen und Saucen.“ „Sehen Sie wohl, Herr Chiffinch,“ ſagte Pe⸗ veril,„hier iſt keine Zeit, zu ſcherzen. Ich bin kein Straßenraͤuber, ſondern ein Mann von Ehre. Ge⸗ ben Sie mir das Paket zuruͤck, das Sie mir letzte Nacht entwandten; oder, bei Allem, was heilig iſt, ich ſchieße Ihnen ein paar Kugeln durch den Leib, und ſuche ſelbſt mit Muße nach meinem Paket.“ „Welche Nacht?— Welches Paket?“— ant⸗ wortete Chiffinch in Verwirrung, doch mit der Ab⸗ III. E 98.— ſicht, Zeit fuͤr einen zu hoffenden Beiſtand zu gewin⸗ nen, oder ſich aus Peverils Gewalt zu befreien. „Ich weiß nicht, was Sie meinen; wenn Sie ein Mann von Ehre ſind, ſo laſſen Sie mich mein Schwert ziehen, und ich will Ihnen Ihr Recht an⸗ thun, wie ein Edelmann dem andern.“ „Ehrloſer Schurke!“ ſagte Peveril;„ihr ent⸗ kommt nicht auf dieſe Art. Ihr pluͤndertet mich, als ihr mir uͤberlegen wart; und ich bin kein Thor, meinen Vortheil mir entgehn zu laſſen, da die Reihe an mich gekommen iſt. Gebt das Paket her; und dann, wenn ihr wollt, will ich mit euch auf gleicho Bedingungen mich ſchlagen. Aber erſt(wiederholte er) liefert das Paket mir aus, oder ich will euch auf der Stelle dahin ſenden, wo der Gehalt eures Lebens ſchwer zu verantworten ſein wird.“ Der Ton von Peverils Stimme, das Wilde ſeines Blicks, und die Art, wie er das geladene Ge⸗ wehr eine Hand breit von Chiffinchs Kopf hielt, aͤberzeugten dieſen, daß hier weder Raum zu einem Vertrage, noch Zeit zu leeren Ausfluͤchten war. Er ſtreckte ſeine Hand in eine Seitentaſche ſeines Man⸗ tels, und brachte mit ſichtbarem Widerwillen jene Papiere und Depeſchen hervor, welche Julian von der Graͤfin von Derby anvertraut erhalten hatte. „Es ſind fuͤnf an der Zahl,“ ſagte Julian,„und * —— ——— .—,—— — 99 Sie haben mir nur vier gegeben. Ihr Leben haͤngt an der vollſtaͤndigen Auslieferung.“ „Es entwiſchte meiner Hand,“ ſagte Chiffinch, indem er die vermißte Urkunde hervorbrachte— „Hier iſt es. Nun, Herr, iſt Ihr Wunſch erfuͤllt, wofern Sie nicht—(ſetzte er tuͤckiſch hinzu) ent⸗ weder Mord oder fernern Raub vorhaben.“ „Niedertraͤchtiger Elender!“ ſagte Peveril, ſein Piſtol zuruͤckziehend, doch Chiffinchs Bewegungen noch aufmerkſam bewachend,„du biſt des Schwerts jedes rechtſchaffenen Mannes unwuͤrdig; und doch, wenn du das deinige zu ziehen wageſt, wie du vor kurzem vorſchlugſt, ſo bin ich geneigt, dir einen Zwei⸗ kampf auf gleiche Bedingungen zu gewaͤhren.“ „Gleiche Bedingungen!“ antwortete Chiffinch ſpoͤttiſch;„ja, eine beſondere Gleichheit— Schwert und Piſtol gegen einen einzigen Degen, und zwei Naͤnner gegen einen; denn Chaubert iſt kein Fechter. Nein, Herr; ich werde mir, bei ſchicklicherer Gele⸗ genheit, und mit gleichen Waffen Genugthuung zu verſchaffen wiſſen.“. „Durch Verleumdung oder Gift, niedriger Kupp⸗ ler,“ ſagte Julian; das ſind deine Mittel zur Rache. Aber denk an mich— ich kenne deine niedertraͤchtige Abſicht auf ein gewiſſes Frauenzimmer, das zu wuͤr⸗ dig iſt, als daß ihr Name in ſo ein nichtswuͤrdiges 3 E 2 100— Ohr ſchallen ſollte. Du haſt mir eine Beleidigung zugefuͤgt, und du ſiehſt, ich habe ſie vergolten. Aber verfolge nur dieſe fernere Niedertraͤchtigkeit, und ſei verſichert, ich will dir den Tod geben, wie einem gif⸗ tigen kriechenden Thier, deſſen bloßer Geifer dem Menſchen toͤdtlich iſt. Verlaß dich darauf, als wenn es Machiavell geſchworen haͤtte; denn ſo gewiß du bei deinem Vorſatze bleibſt, ſo gewiß will ich meine Rache verfolgen.— Folge mir, Lance, und laß ihn uͤber das nachdenken, was ich ihm geſagt habe.“ Lance hatte, nach dem erſten Stoße, eine ſehr leichte Rolle in dieſem Kampf gehabt; denn Alles, was er zu thun hatte, war, das Ende ſeiner Peitſche, nach Art eines Gewehrs, auf den erſchrorkenen Fran⸗ zoſen zu richten, der, auf dem Ruͤcken liegend, und auf Gerathewohl nach dem Himmel ſehend, eben ſo wenig Macht oder Vorſatz zum Widerſtande hatte, als ein Ferkel, das einmal unter das ihm beſtimmte Schlachtmeſſer gekommen iſt. 6 Von der leichten Pflicht, einen ſolchen geduldi⸗ gen Gegner zu bewachen, von ſeinem Herrn abge⸗ rufen, beſtieg Lauce wieder ſein Pferd, und beide ritten fort, und uͤberließen ihre uͤberwundenen Gegner ihrem eigenen Troſte, ſo gut ſie ſich denſelben uͤber ihr Mißgeſchick geben konnten. Aber Troſt war ſchwer in ihren Umſtaͤnden zu ſinden. Der franzoͤſiſche — — 101 Kuͤnſtler hatte die Zerſtreuung ſeiner Gewuͤrze, und die Zerſtoͤrung ſeines Saucenmagazins zu bekla⸗ gen;— ein Zauberer, ſeines Zauberſtabs und Ta⸗ lismans beraubt, koͤnnte ſich kaum in einer groͤßern Verzweiflung befunden haben. Chiffinch hatte die Vernichtung ſeiner Intrigue und ihre vorzeitige Entdeckung zu beklagen.„Gegen dieſen Kerl wenigſtens(dachte er) kann ich nichts geprahlt haben— hier hat mich allein mein boͤſer Genius verrathen. Mit dieſer hoͤlliſchen Entdeckung, die mir von allen Seiten ſo theuer zu ſtehen kommen kann, hat der Champagner nichts zu thun. Wenn da noch eine Flaſche unzerbrochen geblieben iſt, ſo will ich ſie nach der Mittagstafel trinken, und ver⸗ ſuchen, ob ſie mir nicht noch jetzt zu einem Plan der Ausloͤſung und der Rache dienen kann.“ Mit dieſem maͤnnlichen Entſchluß ſetzte er ſeine Reiſe nach London fort. . * Fuͤnftes Kapitel. So vielfach war der Mann, daß er nicht Einen, Nein, Alle vorzuſtellen konnte ſcheinen; Fuͤr ſeine Meinung ſtarr— und niemals fuͤr die rechte— War ſtoßweiſ' Alles, doch nichts mit Beſtand; Und im Verlauf von einer Monatsfriſt Ein Staatsmann, Chemiker, Vouffon, Violiniſt, Der blos fuͤr Frauen mahlte, geigte, zechte, Und ſonſt auf tauſend Streiche ſich verſtand. Nach Dryden*). Wir muͤſſen den Leſer nun nach dem praͤchtigen Hotel in der— Straße verſetzen, das zu dieſer Zeit von dem beruͤhmten George Villiers, Herzog von Bucking⸗ ham, bewohnt wurde, welchen Dryden in den weni⸗ gen, dieſem Kapitel vorangeſetzten, Zeilen zu einer ſchmerzlichen Unſterblichkeit verurtheilt hat. Unter den aufgeweckten und den ausſchweifenden Perſonen am lachenden Hofe Karls war der Herzog der aus⸗ ſchweifendſte und aufgeweckteſte. Waͤhrend er aber *) Im Engliſchen: A man so varions, that he seem'd to be 3 Not one, but all mankind's epitome; Stiff in opinions— always in the wrong— Was every thing by staris, but nothing long; Who, in the course of one revolving moon, 8* * Was chemist, fiddler, statesman, and buffoon; Then, all for women, painting, fddling, Iriuking Besides a thousand freaks that died in thinking. Dryden. .* * —— ein fuͤrſtliches Vermoͤgen, eine ſtarke Leibesbeſchaf⸗ fenheit und vortreffliche Talente an nichtswuͤrdige Vergnuͤgungen verſchwendete, unterließ er doch nicht, tiefern und umfaſſendern Entwuͤrfen nachzuhaͤngen, wobei ihm blos der feſte Vorſatz und die geordnete Beharrlichkeit mangelten, welche zu allen wichti⸗ gen Unternehmungen, beſonders in der Politik, noth⸗ wendig ſind. Der Mittag war lange voruͤber; und die regel⸗ mäͤßige Stunde des Lever des Herzogs— wenn ir⸗ gend Etwas regelmaͤßig genannt werden konnte, wo Alles unregelmaͤßig war— hatte lange geſchlagen. Sein Saal war mit Lakaien und andern Bedienten in den glaͤnzendſten Livreen angefuͤllt; die innern Zimmer mit den Herren und Pagen ſeines Hofſtaats, gekleidet als Perſonen des erſten Ranges, und in dieſer Hinſicht den Herzog ſelbſt an perſoͤnlichem Glanze eher uͤbertreffend, als ihm nachſtehend. Aber ſein Vorzimmer insbeſondere konnte mit einer Ver⸗ ſammlung von Adlern, zu einer Raubſchlacht verei⸗ nigt, verglichen werden, waͤre die Vergleichung nicht zu edel, die niedrige Sippſchaft zu bezeichnen, welche, bei hundert, nur auf einen gemeinſchaftlichen Zweck ſich beziehenden Anſchlaͤgen, von den Beduͤrfniſſen der armſeligen Groͤße leben, oder den Genuͤſſen der fruͤhreifen Ueppigkeit dienen, oder die wilden Begier⸗ E 4 104 den der verſchwenderiſchen und verwuͤſtenden Aus⸗ ſchweifung reizen, indem ſie neue Arten und friſche Beweggruͤnde der Vergeudung angeben. Da ſtand der Projectenmacher mit ſeiner geheimnißvollen Stirne, und verſprach demjenigen unermeßlichen Reichthum, dem es gefallen wuͤrde, die kleine noͤthige Summe vorzuſchießen, um Eierſchalen in das große Areanum zu verwandeln. Da war der Capitaͤn Seagull, der Unternehmer fuͤr eine auswaͤrtige Anſiedelung, unter dem Arm haltend die Landkarte von Indiſchen oder Amerikaniſchen Koͤnigreichen, ſo ſchoͤn, als das Eden der Urwelt, welche nur auf die kuͤhnen Eroberer warteten, fuͤr welche ein freigebiger Goͤnner zwei Brigantinen und ein fliegendes Boot ausruͤſten wuͤrde. Dahin kamen ſchnell und haͤufig die Spieler unter ihren verſchiedenen Geſtalten und Berufsarten. Dieſer, leichtſinnig, jung, von munterm Anſehen, ein gedankenloſer Juͤngling, der Witz und Vergnuͤ⸗ gen liebt— mehr die Taube, als die Kraͤhe— aber im Herzen derſelbe ſchlaue, verſchlagene, kaltbluͤtige Berechner, als jener alte runzelige Bekenner derſel⸗ ben Wiſſenſchaft, deſſen Augen unter mitternaͤchtli⸗ chem Wachen beim Wuͤrfelſpiel bloͤde geworden ſind, und deſſen Finger ſelbſt jetzt noch ſeine geiſtige Be⸗ rechnung von Gluͤcks⸗ und Ungluͤcksfaͤllen unterſtuͤtzen — Alle fanden ſich hier ein. Auch die ſchoͤnen Kuͤn⸗ 105 ſte— ich wuͤnſchte, es waͤre anders— haben ihre Anhaͤnger unter dieſer ſchmuzigen Schaar. Der arme Dichter, trotz der Gewohnheit, halb beſchaͤmt uͤber die Rolle, die er ſpielen ſoll, und beſchaͤmt zu⸗ gleich im Bewußtſein ſowohl ſeines niedrigen Be⸗ weggrundes, als ſeines abgeſchabten ſchwarzen Rocks, lauert in jenem Winkel anf den guͤnſtigen Augenblick, ſeine Zueignungsſchrift zu uͤberreichen. Viel beſſer geputzt, uͤberreicht der Architekt ſeinen praͤchtigen Entwurf der Fronte und der Fluͤgel eines ebaͤudes twirft einen Palaſt, deſſen Koſte Gebaͤudes, und entwirft laſt, d Koſten den Unternehmer in ein Gefaͤngniß bringen koͤnnen. Aber vor Allen oben an ſteht der beliebte Tonkuͤnſt⸗ ler oder Saͤnger, der auf den Herzog wartet, um in gediegenem Golde den Preis der ſuͤßen Toͤne zu empfangen, welche das Gaſtmahl des vergangenen Abends erheiterten. Solche Leute und viele aͤhnliche machten dem Herzog von Buckingham ihre Morgenaufwartung— alle echte Abkoͤmmlinge der Tochter des Roßegels, deſſen Geſchrei iſt: Gib, gib. Aber das Lever ſeiner Durchlaucht enthielt andre und ſehr unterſchiedene Charaktere, und war in der That eben ſo mannichfaltig, als ſeine eigenen Mei⸗ nungen und Beſtrebungen. Außer vielen vom jun⸗ gen hohen, und vom reichen niedern Adel Englands, E 5 106 welche Seine Durchlaucht zu dem Spiegel machten, nach welchem ſie ſich den Tag uͤber kleideten, und die von ihm nach der neueſten und anmuthigſten Art den allgemeinen Weg des Verderbens reiſen lernten, gab es andere von einem ernſthaftern Cha⸗ rakter— abgedankte Staatsmaͤnner, politiſche Spione, Oppoſitionsredner, knechtiſche Werkzeuge der Staatsverwaltung, Maͤnner, die ſonſt nirgend zuſammen kamen, aber das Haus des Herzogs als eine Art neutralen Grund und Boden betrachteten; ſicher, daß, wenn er heute ihrer Meinung nicht waͤre, derſelbe Umſtand es hoͤchſt wahrſcheinlich machte, daß er morgen mit ihnen gleich denken wuͤrde. Die Puritaner ſelbſt ſcheuten nicht den Verkehr mit einem Manne, deſſen Talente ihn furchtbar gemacht haben mußten, ſelbſt wenn ſie nicht mit hohem Range und einem unermeßlichen Vermoͤgen verbunden geweſen waͤren. Verſchiedene ernſthafte Perſonen, in ſchwarzer Tracht, mit kurzen Maͤnteln und beſonders geſchnittenen Kragenbaͤndern, vermiſchten ſich, ſo wie wir ihre Bildniſſe in einer Gemaͤhldegallerie ſehen, mit den Stutzern, die in Seide und Stickerei ſich ſchmiegten. Es iſt wahr, ſie entgingen dem uͤbeln Geruͤcht, fuͤr Vertraute des Herzogs gehalten zu werden, da man annahm, ihr Geſchaͤft bezoͤge ſich nur auf Geldſachen. Ob dieſe 18 ernſthaften und anerkannten Buͤrger Politik mit Gelddarleihen vereinigten, war nicht bekannt; aber man hatte lange bemerkt, daß die Juden, welche im Ganzen ſich auf das letztere Fach beſchraͤnken, ſeit einiger Zeit bei dem Lever des Herzogs treulich ihre Aufwartung zu machen angefangen hatten. Es war Alles im hoͤchſten Zuſtroͤmen im Vorzim⸗ mer, und zwar ſchon ſeit mehr als einer Stunde, ehe der ordentliche Kammerherr des Herzogs ſich in deſſen Schlafzimmer(das ſorgfaͤltig verdunkelt war, um Mitternacht aus Mittag zu machen) wagte, um Seiner Durchlaucht Belieben zu erfahren. Sein ſanftes und heiteres Fluͤſtern, womit er fragte, ob ihre Durchlaucht aufzuſtehen beliebten, wurde kurz und ſcharf mit den Gegenfragen beantwortet:„Wex wartet auf?— Welche Zeit iſt's?“ „Es iſt Jerningham, Ihre Durchlaucht,“ ſagte der Diener.„Es iſt ein Uhr nachmittags; und Ihre Durchlaucht beſtellten einige von den Leuten nach eilf Uhr.“ „Wer ſind ſie?— Was wollen ſie?“ „ine Botſchaft aus Whitehall, Ihre Durch⸗ laucht.“ „Ha! die wird keine Eile haben. Wer alle Andere auf ſich warten laͤßt, wird am beſten thun, auch wieder auf ſie zu warten. Sollt⸗ ich mich ſchlechter Lebensart ſchuldig machen, ſo waͤr' es eher gegen einen Koͤnig, als gegen einen Bettler.“ „Die Herren aus der City.“ „Ich bin ihrer ſatt— ſatt alles ihres Gewaͤſches, und keine Religion— lauter Proteſtantismus und keine chriſtliche Liebe. Sagen Sie ihnen, ſie ſollen zu Shaftesbury— in die Aldersgate⸗Straße mit ihnen!— da iſt der beſte Markt fuͤr ihre Waaren.“ „Der Jockey, gnaͤdiger Herzog, aus Newmarket.“ „Laßt ihn zum Teufel reiten.— Er hat ein Pferd von mir, und ſeine eigne Sporen. Wer ſonſt noch?“ „Das ganze Vorzimmer iſt voll, Ihre Durch⸗ laucht— Ritter und Edelleute, Doctoren und Wuͤrfler.“ „Die Wuͤrfler mit den Doctoren in ihren Ta⸗ ſchen, vermuthe ich.“ 1„Srafen, Generale und Geiſtliche.“*) „Sie ſind alliterativ, Jerningham,“ ſprach der Herzog;„und das iſt ein Beweis, daß ſie poetiſch ſind. Geben Sie mir meine Schreibſachen.“ *⁴) Um im Teutſchen, wie im Engliſchen„Counts, captains and clergymen“ die Gleichheit der An⸗ fangsbuchſtaben(das Alliterative) beisubehalton, iſt fuͤr Capitaͤn General geſetzt worden. — 109 Halb aus dem Bette ſich erhebend— einen Arm in einen brokatnen, ſtark mit Zobel gefuͤtterten Schlafrock, und einen Fuß in einen ſammtnen Pan⸗ toffel ſteckend, waͤhrend der andere in ſeiner urſpruͤng⸗ lichen Nacktheit den reichen Fußteppich druͤckte,— begann Seine Durchlaucht, ohne weiter an die Ver⸗ ſammlung draußen zu denken, einige Zeilen eines ſatyriſchen Gedichts niederzuſchreiben; hielt dann ploͤtzlich inne— warf die Feder in den Kamin— rief aus, die Laune ſei voruͤber, und fragte den Auf⸗ wartenden nach Briefen. Jerningham brachte ein ungeheures Paket hervor. „Was der Teufel!“ ſagte ſeine Durchlaucht, „denken Sie, ich werde ſie alle leſen? Ich bin wie Clarence, der ein Glas Wein forderte, und in ein Faß Sekt getaucht wurde. Ich meine, gibt es et⸗ was Dringendes?“ „Dieſen Brief, Ihre Durchlaucht,“ ſagte Jer⸗ ningham,„der die Yorkſhirer Hypothek betrifft.“ „Hieß ich dich nicht ihn zu dem alten Gatheral, meinem Haushofmeiſter, rragen?“ „Ich that es, gnaͤdiger Herzog,“ antwortete der Andere;„aber Gatheral ſagt, es faͤnden ſich Schwie⸗ rigkeiten.“ 3 „Laßt die Wuchererer alſo die Hypothek fuͤr ver⸗ fallen erklaͤren— darin iſt keine Schwierigkeit; und 110 von hundert Landguͤtern werde ich kaum eins ver⸗ miſſen,“ antwortete der Herzog.„Und hoͤrt, bringt mir meine Chokolate.“ „Nein, Ihre Durchlaucht, Gatheral ſagt nicht, es ſei unmoͤglich— nur ſchwierig.“ „Und was nuͤtzt er, wenn er es nicht leicht ma⸗ chen kann? Aber ihr ſeid alle dazu geboren, Schwie⸗ rigkeiten zu machen,“ erwiederte der Herzog. „Nein, wenn Ihre Durchlaucht die Bedingung in dieſer Urkunde gut heißen, und zu unterzeichnen belieben, wird Gatheral die Sache annehmen,“ ant⸗ wortete Jerningham. „Und konnten Sie mir das nicht gleich anfangs ſagen, Sie Einfaltspinſel? ſagte der Herzog, indem er die Schrift unterzeichnete, ohne ihren Inhalt an⸗ zuſehen—„Was ſonſt fuͤr Briefe? Und hoͤren Sie, ich darf nicht mehr mit Geſchaͤften geplagt werden.“ „Billets doux, gnaͤdiger Herzog— fuͤnf bis ſechs. Dieſes wurde bei dem Pfoͤrtnerhaͤuschen von einer Maske zuruͤckgelaſſen.“ „Hm!“ antwortete der Herzog, indem er ſie uͤber einander warf, waͤhrend Jerningham ihm im Ankleiden behuͤlflich war—„eine Bekanntſchaft von einer Viertelſtunde.“ 111 „Dieß wurde einem der Pagen von Mylady—'s Kammerfrau uͤbergeben.“ „Hol's der Henker— eine Jeremiade uͤber Meineid und Verrath, und nicht eine einzige neue Zeile zu der alten Melodie,“ ſagte der Herzog, einen Blick uͤber das Billet werfend.„Hier iſt das alte Lied— grauſamer Menſch— gebrochene Geluͤbde— die gerechte Rache des Him⸗ mels. Die Frau denkt wohl an Mord, aber nicht an Liebe. Niemand ſollte ſich herausnehmen, uͤber einen ſo abgenutzten Gegenſtand zu ſchreiben, ohne wenigſtens einige Neuheit des Ausdrucks zu beſitzen, Die verzweifelnde Araminta— eine hier ſehr verzweifelte Luͤge.— Und dieß— woher kommt das?“ „Wurde von einem Menſchen, der in voller Eile fortlief, in das Saalfenſter geworfen,“ antwor⸗ tete Jerningham. „Das iſt ein beſſerer Text,“ ſprach der Herzog; „und doch iſt es auch ein alter— wenigſtens drei Wochen alt.— Die kleine Graͤfin mit dem eifer⸗ ſuͤchtigen Lord— ich wuͤrde mich nicht das mindeſte um ſie kuͤmmern, außer wegen eben dieſes eiferſuͤch⸗ tigen Lords.— Hol's der Henker, und er iſt aufs Land gegangen— dieſen Abend— in Ruhe und Sicherheit— geſchrieben mit einer 112— aus Cupido's Fluͤgel gezogenen Feder. Die gnaͤdige Frau hat ihm Federn genug zum Fort⸗ fliegen gelaſſen— beſſer, ſeine Fluͤgel verſchnitten, wenn Sie ihn gefangen haben, meine Gnaͤdige— Und ſo voll Zutrauen auf ihres Bucking⸗ hams Treue— ich haſſe Zutrauen bei einer jun⸗ gen Perſon.— Sie muß ſich beſſer belehren laſſen. — Ich will nicht gehen.“ „Ihre Durchlaucht werden nicht ſo grauſam ſein,“ ſagte Jerningham. „Du biſt ein mitleidiger Menſch, Jerningham; aber Einbildung muß beſtraft werden.“ „Wenn aber Ihre Durchlaucht wieder Geſchmack an ihr faͤnden?“ „Ei, dann muͤſſen Sie ſchwoͤren, der Liebesbrief ſei falſch beſtellt worden,“ antwortete der Herzog. „Doch halt, mir faͤllt Etwas ein— das ſoll in einem großen Stil geſchehen. Hoͤrt— iſt— wie heißt der Kerl?— der Dichter— iſt er dort?“ „Es ſind ſechs Herren da, Ihre Durchlaucht, welche, nach den Rießen Papier in ihrer Taſche und den abgenutzten Naͤthen an ihren Ellbogen, die Li⸗ vree der Muſen zu tragen ſcheinen.“ „Wiederum dichteriſch, Jerningham. Der, den ich meine, iſt, der das letzte Pasquill ſchrieb,“ ſagte der Herzog. — 113 „Zu dem Ihre Gnaden ſagten, Sie waͤren ihm fuͤnf Pfund und einen Schlag ſchuldig,“ erwiederte Jerningham. „Das Geld fuͤr ſeine Satire, und den Hieb fuͤr ſein Lob.— Gut— ſuch' ihn auf, gib ihm die fuͤnf Pfund, und ſteck' ihm den Liebesbrief der Graͤfin zu — Halt— nimm Araminta's und die uͤbrigen— ſtecke ſie alle in ſein Portfeuille— Alles wird auf dem Kaffeehauſe des Schoͤngeiſts herauskommen; und wenn der Bekanntmacher nicht zu allen Farben des Regenbogens ausgepruͤgelt wird, ſo iſt kein Trotz im Weibe, oder kein Mark im Herzen einer Eiche. — Araminta's Zorn wuͤrde allein fuͤr ein paar Men⸗ ſchenſchultern zu ſchwer ſein.“. „Aber, gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Jerningham, „dieſer Settle iſt ein ſo dummer Schurke, daß nichts, was er ſchreiben kann, Wirkung machen wird.“ „Nun, ſo wie wir ihm Stahl gegeben haben, den Pfeil zu ſchaͤrfen,“ ſagte der Herzog,„ſo wollen wir ihm Fluͤgel geben, ihn damit fliegen zu machen, — Holz hat er ſelbſt genug, einen Schaft oder Bol⸗ zen zu verfertigen. Gib mir mein eignes unbeendig⸗ tes Pasquill— gib es ihm mit den Briefen— laß ihn aus dem Allen machen, was er kann.“ „Mein gnaͤdiger Herzog— ich bitte um Ver⸗ *½ 114 gebung— aber der Stil Ihrer Durchlaucht wird entdeckt werden; und obgleich die Namen der Da⸗ men nicht in den Briefen ſtehen, ſo werden ſie doch errathen werden.“ „Und das will ich eben haben, du Einfaltspinſel. Haſt du ſo lange bei mir gelebt, und kannſt nicht entdecken, daß das Aufſehen, das eine Intrigue macht, bei mir ſo viel, wie alles uͤbrige werth iſt?“ „Aber die Gefahr?“ gnaͤdiger Herzog;“ erwies derte Jerningham.„Da ſind Ehemaͤnner, Bruͤder, Freunde, deren Rache erweckt werden kann.“ „Und auch wieder in Schlaf geſchlagen,“ ſagte Buckingham trotzig.„Ich habe Black Will und ſeine Peitſche fuͤr gemeine Mißvergnuͤgte; und mit denen vom Range will ich ſchon ſelbſt fertig werden. Ich brauche Luft und Bewegung von neulich her.“ „Aber doch, Ihre Durchlaucht—“ „Schweig ſtill, Narre! Ich ſage dir, dein arm⸗ ſeliger zwerghafter Geiſt kann den Umfang des mei⸗ nigen nicht meſſen. Ich ſage dir, ich wuͤnſchte den Lauf meines Lebens wie einen reiſſenden Strom— Ich bin leichter Unternehmungen muͤde, und wuͤnſche Hinderniſſe, die ich mit unwiderſtehlicher Gewalt von mir wegtreiben kann.“ Ein anderel aufwartender Herr trat nun ein. „Ich bitte Ihre Durchlaucht unterthaͤnig um Ver⸗ * — 115 zeihung,“ ſprach er;„aber Herr Chriſtian begehrt ſo zudringlich, ſogleich eingelaſſen zu werden, daß ich genoͤthigt bin, Ihro Gnaden Befehle einzuholen.“ „Sagt ihm, er ſoll drei Stunden ſpaͤter wieder anfragen. Verdammt iſt ſo ein politiſcher Starr⸗ kopf, der alle Menſchen nach ſeiner Pfeife moͤchts tanzen heißen!“ „Ich danke Ihnen fuͤr das Compliment, mein gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Chriſtian, der in etwas mehr hofmaͤßiger Tracht, aber mit derſelben anſpruch⸗ loſen und einfoͤrmigen Miene, und mit demſelben gelaſſenen und gleichguͤltigen Weſen ins Zimmer trat, womit er Julian Peveril bei verſchiedenen Ga⸗ legenheiten waͤhrend ſeiner Reiſe nach London ange⸗ redet hatte.„Es iſt gerade mein gegenwaͤrtiges Vorhaben, Ihnen zu pfeifen; und Sie köͤnnen zu Ihrem eigenen Vortheil tanzen, wenn Sie wollen.“ „Auf mein Wort, Herr Chriſtian,“ ſprach der Herzog ſtolz,„die Angelegenheit muß ſehr wichtig ſein, die ſo ganz alle Zerimonie zwiſchen uns ent⸗ fernt. Wenn ſie ſich auf den Gegenſtand unſerer letzten Unterredung bezieht, ſo muß ich Sie bitten, unſer Geſpraͤch bis auf eine kuͤnftige bequeme Zeit aufzuſchieben. Ich bin mit einer Sache von einiger Bedeutung beſchaͤftigt. 4. „Hierauf wandte der Herzog Chriſtian den Ruͤcken, „ und ſetzte ſeine Unterhaltung mit Jerningham fort. „Suche die bewußte Perſon auf, und gib ihm die Papiere; und hoͤre, gib ihm dieß Goldſtuͤck zur Be⸗ zahlung fuͤr den Schaft ſeines Pfeils— fuͤr die Stahlſpitze und die Pfauenfluͤgel haben wir ſchon geſorgt.“ „Dieß iſt alles ſehr oüt, Ihre Durchlaucht,“ ſagte Chriſtian ruhig, indem er zugleich in einem Armſtuhl in einiger Entfernung ſich niederſetzte; „aber der Leichtſinn Ihrer Durchlaucht ſteht in kei⸗ nem Verhaͤltniß zu meinem Gleichmuth. Es iſt nothwendig, daß ich Sie ſpreche; und ich will Ihrer Gnaden Muße in dieſem Zimmer abwarten.“ „Sehr wohl, Herr,“ ſagte der Herzog verdrieß⸗ lich;„doch wenn ein Uebel auszuſtehen iſt, je fru⸗ her, je beſſer.— Ich kann Maßregeln nehmen, deſſen Erneuerung zu verhindern. So laſſen Sie mich Ihre Boiſchaft hie weitern Aufſchub ver⸗ nehmen.“. „Ich will warten, bis Ihrer Gnaden Toilette fertig iſt,“ ſagte Chriſtian in dem gleichguͤltigen To⸗ ne, der ihm natuͤrlich war.„Was ich zu ſagen habe, muß unter uns beſprochen werden.“ „Geh, Jekningham, und warte, bis ich rufe,“ ſagte der Herzog,„laß mein Wams auf dem Sofa. * — 117 — Was? Ich habe dieß Kleid von Silberſtoſ ein⸗ hundert Mal getragen.“— „Nur zwei Mal, geruhen Ihre Gnaden,“ ant⸗ wortete Jerningham. „So gut als zwanzig Mal— behalt' es fuͤr dich, oder giß es meinem Kammerdiener, wenn du zu ſehr auf deinen Adel ſtolz biſt.“ „Ihre Durchlaucht haben ſchon beſſere Leute, als ich, Ihre abgelegten Kleider tragen laſſen,“ ſagte Jerningham ehrerbietig. 8 „Du biſt ſpitzig, Jerningham,“ ſprach der Her⸗ zog—„in einem Sinne iſt es wahr, und es kann wieder geſchehen. Nun ſo, das perlfarbene Ding wird zum Bande und zu dem George paſſen. Geh nun deiner Wege.— Und da er nun fort iſt, Herr Chri⸗ ſtian, kann ich nochmals nach Ihrem Anliegen Kunnen⸗ 5 „Mein gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Chriſtian,„Sie ſind ein Verehrer von Schwierigkeiten in Staatsſa⸗ chen, wie in Liebesangelegenheiten.“ „Ich denke, Sie ſind doch kein Horcher geweſen, Herr Chriſtian?“ erwiederte der Herzog;„das be⸗ weiſt ſchwerlich die mir oder meiner Wohnung ge⸗ buͤhrende Achtung.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen, gnaͤbiger Herr,“ antwoytete Chriſtian. „Nein, es kuͤmmert mich nicht, wenn die ganze Welt hoͤrte, was ich nur eben zu Jerningham ſagte. — Aber zur Sache!“ ſagte der Herzog von Buckingham. „Ihre Gnaden ſind ſo ſehr mit Eroberungen im Gebiet des Schoͤnen und des Witzigen beſchaͤftigt, daß Sie vielleicht vergeſſen haben koͤnnen, was Sie auf der kleinen Inſel Man auf dem Spiele ſte⸗ hen haben.“ „Nicht im Geringſten, Herr Chriſtian. Ich erinnere mich recht wohl, daß mein rundkoͤpfiger Schwiegervater, Fairfax, die Inſel von dem Langen Parlament hatte, und Eſel genug war, den Beſitz derſelben bei der Wiederherſtellung des Koͤnigthums fahren zu laſſen, da er, wenn er ſeine Klauen ge⸗ ſchloſſen und feſtgehalten haͤtte, ſie fuͤr ſich und die Seinigen haͤtte behalten konnten. Es waͤre eine ſel⸗ tene Sache geweſen, ein kleines Koͤnigreich zu be⸗ ſitzen— meine eignen Geſetze zu geben— meinen Kanzler mit Siegel und Zepter zu haben— ich wuͤrde Jerningham in einem halben Tage unterwie⸗ ſen haben, ſo weiſe auszuſehen, ſo ſteif einher zu gehen, und ſo einfaͤltig zu ſprechen, als Heinrich Bennet.“ „Oie haͤtten dieß und mehr thun koͤnnen, wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen haͤtte.“ 1 19 „Ja, und wenn es meiner Durchlaucht gefallen haͤtte, ſo haͤtteſt du, Eduard Chriſtian, der Scharf⸗ richter meiner Laͤndereien ſein ſollen.“ „Ihr Scharfrichter, gnaͤdiger Herzog?“ ſagte Chriſtian mehr im Tone der Verwunderung, als des Nißvergnuͤgens.. „Ei ja; du haſt immerwaͤhrend Anſchlaͤge gegen das Leben jener armen alten Dame unterhalten. Es waͤre fuͤr dich ein Köͤnigreich, deine boͤſe Laune mit deinen eignen Haͤnden zu befriedigen.“ „Ich ſuche blos Gerechtigkeit gegen die Graͤfin,“ ſagte Chriſtian.— Und das Ende der Gerechtigkeit iſt allemal ein Galgen,“ ſagte der Herzog. „Das mag ſein,“ antwortete Chriſtian.„Gut, die Graͤfin iſt in dem Complott.“ „Der Teufel hole das Complott, der es auch, wie ich glaube, zuerſt erfunden hat,“ ſprach der Her⸗ zog von Buckingham.„Ich habe Monate hindurch von nichts anderem gehoͤrt. Wenn Einer in die Hoͤlle kommen muß, ſo wuͤnſcht' ich, es geſchaͤhe auf irgend einem neuen Wege, und in feiner Herren Geſellſchaft. Es wuͤrde mir nicht gefallen, mit Oates, Bedlow und den uͤbrigen von dem beruͤchtig⸗ ten Schwarm Zeugen zu reiſen.“ „Ihre Gnaden ſind alſo entſchloſſen, alle Vor⸗ theile, die ſich darbieten koͤnnen, aufzugeben? Wenn das Haus Derby unter Confiscation fiele, ſo lebte die Verleihung an Fairfax, der jetzt ſo wuͤrdig durch Ihre Frau Herzogin repraͤſentirt wird, wieder auf, und Sie wuͤrden der Herr und Souveraͤn von Man.“ „Den Rechten einer Frau zu Folge,“ ſagte der Herzog; aber in Wahrheit, meine gottſelige Frau iſt mir einigen Dank dafuͤr ſchuldig, daß ich das erſte Jahr unſerer Ehe, mit ihr und dem alten Black Thomas, ihrem muͤrriſchen, ſtreitenden, puritaniſchen Vater, gelebt habe. Ein Mann moͤchte eben ſo gut des Teufels Tochter geheirathet, und die Haushaltung mit ſeinem Schwiegervater gefuͤhrt haben.“ „So viel ich verſtehe, gnaͤdiger Herzog, ſind Sie alſo geneigt, ſich fuͤr eine Erhebung in dem Hauſe Derby zu intereſſiren?“ „Da ſie das Koͤnigreich meiner Frau unrecht⸗ maͤßig beſitzen, ſo koͤnnen ſie gewiß keine Gunſt aus meiner Hand erwarten⸗ Aber du weißt, zu Whytc⸗ hall uͤberwiegt ein gewiſſes Intereſſe das meinige.“ „Das geſchieht blos durch Ihre Duldung, gnaͤ⸗ diger Herzog,“ ſagte Chriſtian. „Nein, nein; ich ſage dir hundert Mal, nein,“ antwortete der Herzog, der bei der Erinnerung in Zorn gerieth.„Ich ſage dir, die niedrige Buhlerin, die Herzogin von Portsmouth, nahm ſich unverſchaͤmt —— 121 heraus, mir entgegen zu ſein und zu widerſprechen; und Karl hat mir ſowohl finſtere Blicke, als harte Worte bei Hofe gegeben. Ich wollte, er koͤnnte muthmaßen, worin die Bebidigung zwiſchen ihr und mir beſteht! Ich wuͤnſchte, daß er nur das wuͤßte! Aber die Federn ſollen ihr ausgerupft wer⸗ den, oder ich will nicht Villiers heißen. Ein nichts⸗ wuͤrdiges franzoͤſiſches Freudenmaͤdchen kann mir ſo trotzen! Chriſtian, du haſt Recht; keine Leidenſchaft regt den Muth ſo auf, als Rache. Ich will das Complott beſchuͤtzen, wenn es auch nur waͤre, um ihr zu trotzen, und es dem Koͤnig unmoͤglich zu ma⸗ chen, ſie aufrecht zu erhalten.“ 8 Als der Herzog ſprach, brachte er ſich allmaͤhlich in Leidenſchaft, und durchſchritt das Zimmer mit eben ſo viel Heftigkeit, als waͤre es ſein einziger Zweck auf Erden, die Herzogin um ihre Macht und Gunſt bei dem Koͤnige zu bringen. Chriſtian laͤchelte innerlich, ihn dem Gemuͤths⸗ zuſtande ſich naͤhern zu ſehen, in welchem man am leichteſten auf ihn wirken konnte, und ſchwieg kluͤg⸗ lich ſtill, bis der Herzog in Verdruß zu ihm ausrief: „Nun, Herr Orakel, Sie, der Sie ſo manche Ent⸗ wuͤrfe gemacht haben, dieſe Galliſche Woͤlfin zu uͤberliſten, wo ſind nun alle Ihre Kunſtgriffe?— DBco iſt die ausnehmende Schoͤnheit, die das Auge des 1II. F Monarchen beim erſten Anblick feſſeln ſollte?— Hat ſie Chiffinch geſehen? Und was ſagt er, dieſer auserleſene Richter uͤber Schoͤnheit und Mandel⸗ ſuppe, Weiber und Wein?“— „Er hat ſi ſie geſehen und ihr ſeinen Beifall ge⸗ ſchenkt, hat ſie aber noch nicht gehoͤrt; und ihre Rede entſpricht allem Uebrigen. Wir kamen geſtern hierher; und heute will ich Chiffinch zu ihr fuͤhren, ſobald er vom Lande ankommt; und ich erwarte ihn alle Stunden. Ich bin nur wegen der graͤmlichen Tugend des Maͤdchens in Beſorgniß; denn ſie iſt nach der Weiſe unſerer Großmuͤtter erzogen worden; — unſere Muͤtter hatten mehr Verſtand.“ „Was] ſo ſchoͤn, ſo jung, ſo ſinnreich, und doch ſo ſproͤde?“ ſagte der Herzog.„Mit Ihrer Er⸗ laubniß, Sie ſollen mich eben ſowohl bei ihr einfuͤh⸗ ren, als Chiffinch.“ „Damit Ihre Durchlaucht ſie von ihrer unbeug⸗ ſade. Sittſamkeit heilen moͤgen,“ ſagte Chriſtian. „Ei, ich will ſie nur lehren, ſich in ihrem eignen Lichte zu zeigen. Koͤnige lieben es nicht, den Hof zu machen und zu werben; die Beute ſoll vor ihnen ſchon nieder gejagt ſein.“ „Mit Ihrer Durchlaucht Genehmigung, dieß kann nicht geſchehen— Non omnibus dormio— Ihre Durchlaucht kennen die klaſſiſche Anſpielung⸗ IHII 6 4111 [— 123 Wenn dieß Maͤdchen der Liebling eines Prinzen wird, ſo vergoldet der Rang die Schande und die Suͤnde. Aber fuͤr Jemanden unter der Majeſtaͤt darf ſie die Seegel nicht ſtreichen.“ „Ei, du argwoͤhniſcher Narre, ich ſcherzte nur,“ ſagte der Herzog.„Glaubſt du, ich wollte mich ſelbſt einmiſchen, um einen mir ſo ſehr vortheilhaf⸗ ten Plan zu verderben, wie der iſt, den du mir vor⸗ gelegt haſt?“ Chriſtian laͤchelte, und ſchuͤttelte den Kopf.„Gnaͤ⸗ diger Herzog,“ ſprach er,„ich kenne Ihre Durch⸗ laucht ſo gut, oder vielleicht beſſer, als Sie ſich ſelbſt kennen. Eine wohl uͤberlegte Intrigue durch einen Querſtrich von Ihrer eignen Erfindung zu verder⸗ ben, wuͤrde Ihnen mehr Vergnuͤgen machen, als ſie zu einer gluͤcklichen Ausfuͤhrung nach den Plaͤnen Andrer zu bringen. Allein Shaftesbury und alle damit Betheiligte haben beſchloſſen, daß unſer Ent⸗ wurf wenigſtens ungeſtoͤrt ins Werk geſetzt werde. Wir rechnen daher auf Ihre Huͤlfe; und— verzei⸗ hen Sei mir, wenn ich ſo ſpreche— wir werden uns nicht durch Ihren Leichtſinn und Wankelmuth hindern laſſen.“ „Was?— Leichtſinn und Wankelmuth?“ ſagte der Herzog.„Sie ſehen mich hier ſo entſchloſſen, als irgend Einen von Ihnen, die Maitreſſe zu ver⸗ — 2 124— draͤngen und das Complott zu befoͤrdern; dieß ſind die beiden Sachen allein, fuͤr die ich auf dieſer Welt lebe. Niemand kann den Geſchaͤftsmann ſpielen, wie ich, wann mir's beliebt, bis zum Feilen und Glaͤtten meiner Buchſtaben, Ich bin ſorgfaͤltig, wie ein Kanzelliſt.“ „Sie haben Chiffinchs Brief vom feſten Lande; er ſagee mir, er habe Ihnen uͤber einige Vor⸗ faͤlle zwiſchen ihm und dem jungen Lord Saville ge⸗ ſchrieben.“ „Ja, das hat er— das haͤt er gethan,“ ſagte der Herzog, und ſah unter ſeinen Briefen nach; „aber ich finde gerade jetzt ſeinen Brief nicht.— Ich habe kaum auf den Inhalt gemerkt.— Ich hatte Geſchaͤfte, als er kam— aber ich habe ihn aufgehoben.“ „Sie haͤtten darnach verfahren ſollen. Der Thor ließ ſich um ſein Geheimniß betriegen, und bat Sie, dahin zu ſehen, daß der Bote des Lords nicht zur Herzogin einige Depeſchen braͤchte, die er aus Derbyſhire ſchickte, und welche unſer Geheimniß verriethen.“ 4 Der Herzog war nun beunruhigt, und zog haſtig die Klingel. Jerningham erſchien.„Wo iſt der Brief,“ fragte er,„den ich vor einigen Stunden von Sai erhielt?“ . 4 — 125 „Wenn er nicht unter denen iſt, die Ihre Durch⸗ laucht vor ſich haben, ſo weiß ich nichts davon,“ ſagte Jerningham.„Ich habe keinen ſolchen Brief ankommen ſehen.“ „Du luͤgſt, Schurke,“ ſagte Bnckingham;„haſt du ein Recht, dich beſſer zu beſinnen, als ich?“ „Wenn Ihre Durchlaucht mir die Erinnerung verzeihen, Sie haben dieſe Woche kaum einen Brief erdoͤffnet,“ ſagte Jerningham. „Hoͤrte man je einen ſo erbitternden Schur⸗ ken?“ ſagte der Herzog.„Er koͤnnte bei dem Complott einen Zeugen abgeben. Er hat meinen Ruf, als ordnungsliebend, mit ſeinem verwuͤnſchten Gegenzeugniß ganz zu Boden geſchlagen.“ „Das Talent und die Faͤhigkeit Ihrer Durch⸗ laucht werden wenigſtens unbeſtritten bleiben,“ ſagte Chriſtian;„und dieſe ſind es, die Ihnen und Ihren Freunden dienen muͤſſen. Wenn ich rathen darf, ſo eilen Sie an den Hof, und legen Sie einigen Grund zu dem Eindrucke, den wir zu machen wuͤnſchen. Wenn Ihre Durchlaucht das erſte Wort nehmen, und einen Wink hinwerfen koͤnnen, um Saville zu hintergehen, ſo wird es gut ſein. Aber vor Allem halten Sie das Ohr des Koͤnigs immer in Beſchaͤf⸗ tigung, und das kann Niemand ſo wohl, als Ihre Durchlaucht. Laſſen Sie Chiffinch ſein Herz mit 3 5 126— einem paſſenden Gegenſtande erfuͤllen. Eine andere Sache iſt, da iſt ein einfaͤltiger alter Ritter, der muß nothwendig zum Beſten der Graͤfin von Derby geſchaͤftig ſein;— er iſt in Haft mit der ganzen Zunft Zeugen hinter ihm her.“ „Nun alſo, greif' ihn, Topham.“ „Topham hat ihn ſchon ergriffen, mein Herzog,“ ſagte Chriſtian;„und außerdem iſt da ein junger Stutzer, ein Sohn des erwaͤhnten Ritters, der in dem Hofſtaate der Graͤfin erzogen wurde, und Briefe von ihr an den Provinzial der Jeſuiten und an An⸗ dere in London mitgebracht hat.“ „Wie heißen ſie?“ fragte der Herzog trocken. „Ritter Gottfried Peveril auf dem Schloß Mar⸗ tindale in Derbyſhire, und ſein Sohn Julian.“ „Was! Peveril von dem Gipfel?“ rief der Herzog aus;„ein alter tapferer Cavalier, als je einer einen Eid ſchwor— Auch ein Worceſter Mann, und in Wahrheit ein ruͤſtiger Mann, wenn es was zu thun gab. Ich will nicht zu ſeinem Un⸗ tergange ſiimmen, Chriſtian. Dieſe Wichte muͤſſen von ſolchen Verlaͤumdungen fortgepeitſcht werden — fortgepeitſcht in jedem Sinne muͤſſen ſie werden und werden ſie, wenn die Nation wieder zu ihrem Geſicht kommt.“ „Es iſt indeſſen fuͤr die Befoͤrderung unſers — 127 Plans nicht unwichtig,“ ſagte Chriſtian,„daß Ihre Durchlaucht durch Ihr Dazwiſchentreten eine Zeit lang die Gunſt des Koͤnigs von ihnen abhalten. Der Juͤngling gilt Etwas bei dem Maͤdchen, und wir duͤrften das ſchwerlich unſern Abſichten vortheilhaft finden; uͤberdieß ſchaͤtzt ihn ihr Vater ſo hoch, als nur irgend Jemand kann, der kein ſo Puritaniſcher Narr iſt, wie er ſelbſt.“ „Gut, allerchriſtlichſter Chriſtian,“ ſagte der Herzog,„ich habe Ihre Befehle endlich gehoͤrt. Ich will mich bemuͤhen, den Erdboden unter dem Throne zu verſtopfen, daß weder der Lord, noch der Ritter, noch der Junker, von denen hier die Rede iſt, es moͤglich finden, ſich da einzugraben. Was das ſchoͤne Maͤdchen betrifft, ſo muß ich es Chiffinch und Ihnen uͤberlaſſen, ihre Einfuͤhrung zu ihren hohen Beſtimmungen zu beſorgen, weil) ich damit nicht beauftragt werden ſoll. Adieu, allerchriſtlich⸗ ſſter Chriſtian.“— n Er heftete die Augen auf ihn, und rief dann, als er die Thuͤre des Zimmers ſchloß, aus:„Hoͤchſt ruchloſer und verdammungswuͤrdiger Bube! und was mich am meiſten von Allem erbittert, iſt die ge⸗ laſſene Unverſchaͤmtheit des Schurken. Ihre Durch⸗ laucht werden dieß thun— und Ihre Durchlaucht werden geruhen, das zu thun.— Eine huͤbſche 34 128 Puppe ſollt' ich ſein, die zweite oder vielmehr die dritte Rolle in einem ſolchen Plane zu ſpielen! Nein, ſie ſollen Alle nach meinem Vorſatze zu Werke ge⸗ hen, oder ich werde ihnen in den Weg treten. Ich will dieß Maͤdchen wider ihren Willen ausfindig ma⸗ chen, und ſehen, ob ihr Plan gluͤcklichen Erfolg ver⸗ ſpricht. Waͤre dieß, ſo ſoll ſie mein ſein— ganz mein, ehe ſie dem Koͤnige zu Theil wird; und ich will ihr befehlen, wer Karl zu leiten hat.— Jer⸗ ningham! ſein aufwartender Herr trat wieder her⸗ ein) laß Chriſtian nachſpuͤren, wohin er geht, fuͤr die naͤchſten vier und zwanzig Stunden, und aus⸗ findig machen, wo er ein neulich in die Stadt ge⸗ kommenes Frauenzimmer beſurht— Du laͤchelſt, du Schelm?“ „Ich vermuthete nur einen friſchen Nebenbuh⸗ ler zu Araminta und der kleinen Graͤfin,“ ſagte Jerningham. „Fort zu deinem Geſchaͤft, Schurke,“ fagte der Herzog,„und laß mich an meines denken.— Einen Puritaner in Esse— eine Geliebte des Koͤnigs in Posse— das wahre Muſter weſtlicher Schoͤnheiten — zu uͤberwaͤltigen— das iſt der erſte Punkt. Die Unverſchaͤmtheit dieſes Manenſer Hundes zu zuͤchtigen — den Stolz der Madame la Duchesse nieder zu ſchlagen— eine wichtige Staatsintrigue zu befoͤr⸗ 4— 129 dern, oder zu vereiteln, wie die Umſtaͤnde es am meiſten zu meiner Ehre und meinem Ruhm erfor⸗ dern, der zweite— ich wuͤnſchte nur eben Beſchaͤf⸗ tigung, und ich habe genug erhalten. Aber Bucking⸗ ham wird ſeinen eignen Weg durch Untiefen und Ungewitter hindurch ſteuern.“ Sechſtes Kapitel. Nachdem Chriſtian, voll von den tiefen und verraͤ⸗ theriſchen Entwuͤrfen, mit denen er umging, die praͤchtige Wohnung des Herzogs von Buckingham verlaſſen hatte, eilte er nach der City, wo er in einem anſtaͤndigen, von einem Mann ſeines eignen Glaubens gehaltenen Wirthshauſe unerwartet zu einer Zuſammenkunft mit Ralph Bridgenorth von Moultraſſiehall eingeladen worden war. Er hatte ſich nicht getaͤuſcht— der Major war dieſen Morgen angekommen, und erwartete ihn mit Ungeduld. Das gewoͤhnliche Duͤſtere ſeines Anſehens war in einen noch dunklern Schatten der Unruhe gehuͤllt, welche ſelbſt kaum gemindert wurde, als Chriſtian, auf Erkundigung nach ſeiner Tochter, ihm die guͤn⸗ ſtigſte Nachricht von ihrer Geſundheit und Munter⸗ keit gab, und dieſe mit ſo natuͤrlichen und ungezwun⸗ F§ 5 130.— genen Lobreden auf ihre Schoͤnheit und Gemuͤthsart begleitete, als wohl dem Ohr eines Vaters ſehpa an⸗ genehm ſein mußten. Aber Chriſtian hatte zu viel Verſchlagenheit, um ſich uͤber dieſen Gegenſtand auszubreiten, ſo ſchmei⸗ chelnd er auch war. Er brach gerade bei dem Punkt ab, wo er als ein zaͤrtlicher Verwandter genug geſagt zu haben ſcheinen konnte.„Die Dame,“ ſagte er, bei welcher ich Alexien untergebracht, war entzuͤckt uͤber ihr Anſehen und Betragen, und verſprach, fuͤr ihre Geſundheit und Wohlfahrt verantwortlich zu ſein.“ „Er haͤtte(ſagte er) nicht ſo wenig Zutrauen von Seiten ſeines Bruders Bridgenorth verdient, daß der Major, ſeinem Vorſatze zu ihrem mit einander verabredeten Plane zuwider, noͤthig gehabt haͤtte, vom Lande herbei zu eilen, als wenn ſeine Gegen⸗ wart zu Alexiens Schutze nothwendig waͤre.“ „Bruder Chriſtian,“ ſagte Bridgenorth,„ich mußte mein Kind ſehen— ich mußte die Perſon ſe⸗ hen, der ſie anvertraut iſt.“ „Wozu das?“ antwortete Chriſtian.„Haſt du nicht oft bekannt, daß die Uebertreibung der ſinn⸗ lichen Zaͤrtlichkeit, die du fuͤr deine Tochter genaͤhrt haſt, ein Fallſtrick fuͤr dich geweſen iſt?— Biſt du nicht, mehr als einmal, auf dem Punkt geweſen, jene großen Plaͤne aufzugeben, welche die Recht⸗ — 131 ſchaffenheit als eine Rathgeberin neben den Thron ſtellen ſollten, weil du die kindiſche Leidenſchaft deiner Tochter fuͤr dieſen Abkoͤmmling deines alten Verfol⸗ gers, dieſen Julian Peveril, zu befriedigen wuͤnſchteſt?“ „Ich geſtehe es,“ ſagte Bridgenorth;„und Wel⸗ ten wuͤrde ich darum gegeben haben, und noch ge⸗ ben, dieſen Juͤngling an meine Bruſt zu druͤcken, und meinen Sohn zu nennen. Der Geiſt ſeiner Mutter blickt aus ſeinem Auge, und ſein ſtattlicher Gang iſt der ſeines Vaters, wann er taͤglich mir in meinem Kummer Troſt zuſprach, und ſagte: das Kind lebt.“ „Aber der Juͤngling wandelt,“ ſagte Chriſtian, nnach ſeinem eignen Lichte, und verwechſelt das Me⸗ teor des Sumpfes mit dem Polarſtern. Ralph Bridgenorth, ich will mit dir in freundlicher Aufrichtig⸗ keit ſprechen. Du darfſt nicht zugleich der guten Sache und dem Baal dienen wollen. Gehorche, wenn du willſt, deinen eignen fleiſchlichen Neigungen, lade dieſen Julian Peveril in dein Haus, und laß ihn deine Tochter heiraten.— Aber merke auf die Auf⸗ nahme, die er bei dem alten ſtolzen Ritter finden wird, deſſen Muth jetzt, ſelbſt jetzt, ſo wenig unter ſeinen Ketten gebeugt iſt, als nachdem das Schwert der Heiligen bei Worceſter geſtegt hatte. Sieh deine Toch⸗ ter wie einen Wegwurf von ſeinen Fuͤßen geſtoßen.“ „Chriſtian,“ ſagte Bridgenorth, ihn unterbre⸗ chend,„du draͤngſt mich hart; aber du thuſt es in Liebe, mein Bruder, und ich vergebe dir— Alexie ſoll nie verſtoßen werden.— Allein dieſer dein Freund — dieſe Dame— du biſt der Onkel meines Kindes, und nach mir biſt du der naͤchſte in Liebe und Zunei⸗ gung. Immer, biſt du doch nicht ihr Vater— haſt nicht ihres Vaters Beſorgniſſe. Biſt du des Cha⸗ rakters des Frauenzimmers, dem mein Kind anver⸗ traut iſt, gewiß?“ „Bin ich meines eignen Charakters gewiß?— Bin ich gewiß, daß mein Name Chriſtian, deiner Bridgenorth iſt?— Hab' ich nicht viele Jahre in dieſem Theile der Stadt gewohnt?— Kenn' ich nicht dieſen Hof?— Und kann ich wahrſcheinlich daruͤber getaͤuſcht werden?— Denn ich will nicht glauben, daß du von mir getaͤuſcht zu werden fuͤrchteſt.“ „Du biſt mein Bruder,“ ſagte Bridgenorth— „Blut und Gebein von meiner geſchiednen Heiligen — und ich bin entſchloſſen, dir in dieſer Sashe zu trauen.“ „Du thuſt woßl, ſagte Chriſtian,„und wer weiß, was fuͤr eine Belohnung dir aufgehoben iſt? — Ich kann nicht auf Alexie ſehen, ohne daß es meinem Geiſte ſich ſtark aufdraͤngt, daß hier fuͤr ein, an⸗ dre gewoͤhnliche ihres Geſchlechts ſo ſehr uͤbertreffendes Geſchoͤpf Etwas zu thun ſei. Muthig befreite Ju⸗ dith Bethulia durch ihre Tapferkeit, und die liebli⸗ chen Zuͤge der Eſther machten ſie zur Schutzwache und Vertheidigung fuͤr ihr Volk im Lande der Ge⸗ fangenſchaft, als ſie Gunſt fand in den Augen des Koͤnigs Ahasverus.“ „Komme es mit ihr, wie der Himmel will,“ ſagte Bridgenorth;„und nun erzaͤhle mir, was fuͤr Fort⸗ ſchritt in dem großen Werk gemacht iſt.“ „Das Volk iſt der Ungerechtigkeit dieſes Hofes muͤde,“ ſagte Chriſtian;„und wenn dieſer Mann zu regieren fortfahren will, ſo muß er zu ſeinem Ge⸗ heimen Rath Maͤnner von anderm Schlage berufen. Die Unruhe, die durch die verdammungswuͤrdigen Anſchlaͤge der Papiſten erregt worden iſt, hat die Seelen der Menſchen aufgerufen„ und ihre Augen fuͤr die Gefahren ihres Staats aufgeweckt. Er ſelbſt — denn er will beide, Bruder und Weib, aufgeben, um ſich zu retten— iſt einer Veraͤnderung der Maaß⸗ regeln nicht abgeneigt; und wiewohl wir fuͤrs Erſte noch nicht den Hof wie mit einer Schwinge gereinigt ſehen koͤnnen, ſo wird es doch des Guten genug ge⸗ ben, um das Boͤſe in Schranken zu halten— genug von der nuͤchternen Partei, um die Gewaͤhrung der allgemeinen Duldung zu erzwingen, nach der wir ſo lange geſeufzet haben, wie ein Maͤdchen nach ihrem Geliebten. Zeit und Gelegenheit werden den Weg zu einer vollſtaͤndigeren Reform zeigen; und das wird ohne Schwertſtreich geſchehen, was unſere Freunde auf einen ſicherern Grund zu bauen verfehl⸗ ten, ſelbſt als ihre ſiegreichen Klingen in ihren Haͤn⸗ den waren.“ „Gott gebe es!“ ſagte Bridgenorth;„denn ich fuͤrchte, ich moͤchte mir ein Gewiſſen daraus machen, Etwas zu thun, was noch einmal das Buͤrgerſchwert aus der Scheide zoͤge; aber willkommen ſei Alles, was auf dem friedlichen und auf dem Wege des Parlaments kommt.“ „Ja,“ ſagte Chriſtian,„und was die bittern Entſchaͤdigungen mit ſich bringen wird, die unſere Feinde ſo lange aus unſern Haͤnden verdient haben. Wie lange hat unſers Bruders Blut vom Altar um Nache geſchrieen!— Nun ſoll die grauſame Fran⸗ zoͤſin ſehen, daß weder Verlauf der Jahre, noch ihre maͤchtigen Freunde, noch der Name Stanley, noch die Oberherrſchaft der Inſel Man, den ernſten Lauf ihres Blutraͤchers aufhalten wird. Der Adel ſoll von ihrem Namen losgeriſſen werden, und ihr Erbe ſoll ein Andrer nehmen.“ „Aber, Bruder Chriſtian,“ ſagte Bridgenorth, „biſt do nicht zu heftig in der Verfolgung dieſer — 135 Sache?— Es iſt deine Chriſtenpflicht, deinen Fein⸗ den zu vergeben.“ „Ja, aber nicht den Feinden des Himmels— nicht denen, die das Blut der Heiligen vergießen,“ ſprach Chriſtian, deſſen Augen von jenem heftigen und wilden Ausdruck funkelten, welcher zu Zeuen ſeiner unintereſſanten Geſichtsbildung den einzigen Charakter von Leidenſchaft gab, den ſie je zeigte. „Nein, Bridgenorth,“ fuhr er fort,„ich halte dieſen Vorſatz der Rache heilig— ich betrachte ihn als ein Suͤhnopfer fuͤr das, was in meinem Leben boͤſe ge⸗ weſen ſein mag. Ich habe mich den Schmaͤhungen des Hochmuͤthigen unterworfen— ich habe mich wie ein Knecht gedemuͤthigt; aber in meiner Bruſt war der ſtolze Gedanke, ich, der ich dieß thue, thue es, damit ich meines Bruders Blut raͤchen koͤnne.“ „Indeſſen, mein Bruder,“ ſprach Bridgenorth, „ob ich gleich an deinem Vorhaben Theil nehme, und dir gegen dieß Moabitiſche Weib geholfen habe, muß ich doch deine Rache mir mehr als Rache nach dem Geſetz Moſes, als nach dem Geſetz der Liebe, denken.“ „Das ſteht dir gut an, zu ſagen, Ralph Brid⸗ genorth,“ antwortete Chriſtian,„dir, der du nur eben uͤber den Sturz deines eignen Feindes gelaͤchelt haſt.“ 136— „Wenn du Ritter Gottfried Peveril meinſt,“ ſagte Bridgenorth,„ſo laͤchelte ich nicht uͤber ſeinen Fall. Es iſt gut, daß er erniedrigt worden iſt; aber ſo viel an mir liegt, kann ich wohl ſeinen Stolz demuͤthigen, werde aber nie ſein Haus ſtuͤrzen.“ „Du kennſt dein Vorhaben am beſten,“ ſprach Chriſtian;„und ich laſſe der Reinheit deiner Grund⸗ ſaͤtze Recht widerfahren, Bruder Bridgenorth; aber Menſchen, die nur mit weltlichen Augen ſehen, wuͤr⸗ den wenig Abſicht von Erbarmen in der ſtrengen Magiſtratsperſon und in dem harten Glaͤubiger ent⸗ decken— und ſo haſt du dich gegen Peveril er⸗ wieſen.“ „Und, Bruder Chriſtian,“ ſagte Bridgenorth, mit erhoͤhter Geſichtsfarbe,„ich bezweifle weder dei⸗ nen Vorſatz, noch leugne ich die ausnehmende Ge⸗ wandtheit, womit du dir ſo volikommene Belehrung uͤber die Abſichten jenes Weibes von Ammon ver⸗ ſchafft haſt. Aber es ſteht mir frei, zu denken, daß du in deinem Verkehr mit dem Hofe und den Hof⸗ leuten, in deiner fleiſchlichen und weltlichen Politik, den Werth jener geiſtigen Gaben, um derentwillen du einſt unter den Bruͤdern ſo ſehr beruͤhmt wareſt, herabgeſetzt haben magſt.“ „Befuͤrchte das nicht,“ ſagte Chriſtian, der ſich wieder faßte, nachdem er durch die vorhergehende 237 Bemerkung etwas gereizt worden war.„Laß uns nur gemeinſchafzlich wirken, wie zuvor; und ich bin ſicher, jeder von uns ſoll ſich in der Arbeit eines treuen Dieners jener alten Angelegenheit finden laſſen, fuͤr die wir zuvor das Schwert gezogen haben.“ Bei dieſen Worten, nahm er ſeinen Hut, ſagte Bridgenorth Lebewohl, und verſprach, auf den Aben wiederzukommen. „Leb' wohl,“ ſagte Bridgenorth;„fuͤr dieſe An⸗ gelegenheit wirſt du mich immer als einen treuen und eifrigen Anhaͤnger finden. Ich will nach dei⸗ nem Rath handeln, und will dich ſogar nicht einmal fragen— wenn es gleich mein Vaterherz bekuͤm⸗ mern mag— bei wem oder wo du mein Kind unter Aufſicht gebracht haſt. Ich will verſuchen, ſelbſt meine rechte Hand und mein rechtes Auge mir aus⸗ zureißen und von mir zu werfen; aber, was dich betrifft, Ehriſtian, wenn du anders, als kluͤglich und ehrlich in dieſer Sache verfaͤhrſt, ſo wirſt du vor Gott und Menſchen daruͤber zur Verantwortung ge⸗ zogen werden.“ „Fuͤrchte nichts von mir,“ ſagte Chriſtian haſtig, und verließ den Ort unter Betrachtungen, die von keiner angenehmen Art waren. „Ich haͤtte ihn bereden ſollen, zuruͤckzureiſen,“ ſagte er, als er auf die Straße trat.„Selbſt ſein Schweben in dieſer Gegend kann den Plan verder⸗ ben, auf welchem das Steigen meiner Gluͤcksum⸗ ſtaͤnde— ja, und ſeines Kindes beruht. Werden die Leute ſagen, ich habe ſie ruinirt, wenn ich ſie zu der blendenden Hoͤhe der Herzogin von Portsmouth werde erhoben haben, und vielleicht zur Mutter einer langen Reihe von Prinzen gemacht haben werde? Chiffinch hat ſich fuͤr eine Gelegenheit ver⸗ buͤrgt; und das Gluͤck des Wolluͤſtlings beruht darauf, daß er den Geſchmack ſeines Herrn fuͤr Ab⸗ wechslung befriedigt. Wenn ſie einen Eindruck macht, ſo muß es ein tiefer ſein; und einmaͤl in ſeine Zuneigung geſetzt, wird ſie, hoffe ich, nicht verdraͤngt werden.— Was wird ihr Vater ſagen? Wird er, wie ein kluger Mann, ſeine Schande einſtecken, weil ſie gut vergoldet iſt? Oder wird er es ſchicklich finden, einen moraliſchen Zorn und vaͤterliche Wut auszulaſſen? Ich fuͤrchte das Letztere.— Er hat immer einen zu ſtrengen Wandel gefuͤhrt, um ſich die Nachſicht gegen ſolche Ausſchweifung zu erlau⸗ ben. Aber was wird ſein Zorn helfen?— Ich brauche bei der Sache mich nicht zu zeigen— die, welche es thun, werden ſich aus der Empfindlichkeit eines Puritaners vom Lande wenig machen. Und am Ende iſt das, was ich ſo zu Stande zu bringen 4 — 139 ſuche, das Beſte fuͤr ihn, fuͤr das Maͤdchen, und vor⸗ nehmlich fuͤr mich, Eduard Chriſtian.“ 3 Mit ſolchen niedrigen Beruhigungsmitteln be⸗ taͤubte dieſer ungluͤckliche Boͤſewicht ſein Gewiſſen, indeß er die Schande der Familie ſeines Freundes und das Verderben einer nahen Verwandten im Geiſte vorausſah, welche man voll Vertrauen ſeiner Sorge uͤbergeben hatte. Der Charakter dieſes Man⸗ nes war von keiner gemeinen Art; auch war er nicht auf einem gewoͤhnlichen Wege zu der gegenwaͤrtigen Stufe der gefuͤhlloſen und niedertraͤchtigen Selbſt⸗ ſucht emporgeſtiegen. Eduard Chriſtian war, wie der Leſer weiß, der Bruder jenes Wilhelm Chriſtian, welcher das Haupt⸗ werkzeug zur Uebergabe der Inſel Man an die Re⸗ publik ausmachte, und deßhalb das Schlachtopfer der Rache der Graͤfin von Derby ward. Beide waren als Puritaner erzogen worden; aber Wilhelm war ein Soldat, was einigermaßen die Strenge ſei⸗ ner religioͤſen Maungen maͤßigte; Eduard, ein Ci⸗ viliſt, ſchien dieſe Grundſaͤtze in der aͤußerſten Strenge zu behaupten. Aber es war bloßer Schein. Die Regelmaͤßigkeit ſeiner Auffuͤhrung, die ihm große Ehre und Macht bei der n uͤchternen Partei, wie ſie ſich ſelbſt zu nennen pflegten, verſchaffte, ver⸗ huͤllte ein wolluͤſtiges Naturell, deſſen Befriedigung 140— ihm ſo ſuͤß war, wie geſtohlnes Waſſer, und ſo an⸗ genehm, wie insgeheim verzehrtes Brod. Waͤhrend ihm daher ſeine ſcheinbare Froͤmmigkeit zeitlichen Gewinn brachte, entſchaͤdigten ihn ſeine heimlichen Genuͤſſe fuͤr ſeine aͤußerliche Strenge, bis die Wie⸗ derherſtellung des Koͤnigthums und das gewaltſame Verfahren der Graͤfin gegen ſeinen Bruder den Fort⸗ gang von Beidem unterbrachen. Er entfloh dann von ſeiner heimatlichen Inſel, entbrannt von Be⸗ gierde, ſeines Bruders Tod zu raͤchen— der einzi⸗ gen Leidenſchaft, welche ſeinem immer genaͤhrten Lieblingshange fremd, aber auch wenigſtens zum Theil ſelbſtſuͤchtig war, weil ſie die Wiederherſtellung ſeiner Vermoͤgensumſtaͤnde betraf. Er fand bei Villiers, Herzoge von Buckingham, leichten Zutritt, da dieſer, zufolge des Rechts ſeiner Gemahlin, große Anſpruͤche auf ſo viel von den Der⸗ by'ſchen Beſitzungen machte, als ſeinem beruͤhmten Schwiegervater vom Parlament zuerkannt worden war. Sein Einfluß am Hofe Karls, wo ein Scherz ein beſſerer Rechtsgrund war, als ein langer Beweis treuer Dienſte, ward ſo gluͤcklich ausgeuͤbt, daß er zu der Unterdruͤckung jener rechtlichen und ſchlecht belohnten Familie bedeutend beitrug. Allein Bucking⸗ ham war nicht im Stande, ſelbſt fuͤr ſein eigenes Beſte, den feſten Plan, den ihm Chriſtian angab, zu — 1 41 verfolgen: und ſein Schwanken rettete wahrſcheinlich den Reſt der großen Beſitzungen des Grafen von Derby. Unterdeſſen war Chriſtian ein zu nuͤtzlicher An⸗ haͤnger, um abgedankt zu werden. Vor Buͤcking⸗ ham und Andern dieſes Schlages gab er ſich nicht das Anſehen, ſeine freie Denkungsart im Sittlichen zu verbergen; aber gegen die zahlreiche und maͤchtige Partei, zu der er gehoͤrte, wußte er ſie geſchickt un⸗ ter einem Scheine des aͤußerlichen Ernſtes, den er nie ablegte, zu verhuͤllen. In der That war damals der Unterſchied zwiſchen dem Hofe und der Stadt ſo groß und entſchieden, daß ein Mann eine Zeit lang zwei verſchiedene Rollen, wie in zwei unterſchiedenen Sphaͤren, haͤtte ſpielen koͤnnen, ohne daß man in der einen entdeckt haben wuͤrde, daß er ſich in der andern in einem entgegengeſetzten Lichte zeigte. Ueberdieß wird ſich, wenn ſich ein Mann von Talenten als einen tuͤchtigen und nuͤtzlichen Parteigaͤnger erweiſt, ſeine Partei fortfahren, ihn zu ſchuͤtzen und ihm Zu⸗ trauen zu ſchenken, trotz der ihren eigenen Grund⸗ ſaͤtzen hoͤchſt widerſprechenden Auffuͤhrung. Einige Thatſachen werden in ſolchen Faͤllen geleugnet— andere beſchoͤnigt— und dem Parteigeiſt iſt es er⸗ laubt, wenigſtens eben ſo viele Fehler zu bedecken, als die Menſchenliebe immer bedecken mag. 1 42— Eduard Chriſtian bedurfte oft der parteiſſchen Nachſicht ſeiner Freunde; aber er erfuhr ſie auch; denn er war ihnen aͤußerſt nuͤtzlich. Buckingham und andere Hofleute von derſelben Klaſſe, ſo aus⸗ ſchweifend in ihrer Lebensart ſie auch ſein mochten, wuͤnſchten doch mit der diſſentirenden oder puritani⸗ ſchen Secte, wie ſie genannt wurde, einige Ver⸗ bindung zu haben. In ſolchen Intriguen war Chri⸗ ſtian ein vorzuͤglicher Geſchaͤftsfuͤhrer; und haͤtte einmal beinahe einen vollſtaͤndigen Verein zwiſchen einer Klaſſe, welche ſich zu den ſtrengſten Grundſaͤtzen der Religion und Sittlichkeit bekannte, und zwiſch3en den freidenkenden Hoͤflingen, die allen Grundſaͤtzen Hohn ſprachen, zu Stande gebracht. Unter den Abwechſelungen eines den Naͤnken ge⸗ widmeten Lebens, waͤhrend deſſen Buckingham's und ſeine eigenen ehrgeizigen Entwuͤrfe ihn zu wie⸗ derholten Malen uͤber das Atlantiſche Meer fuͤhrten, ruͤhmte ſich Eduard Chriſtian, daß er nie ſeinen Hauptgegenſtand aus dem Geſicht verloren— die Rache an der Graͤfin von Derby. Er unterhielt einen genauen und vertrauten Briefwechſel mit ſei⸗ ner heimatlichen Inſel, ſo daß er von Allem, was da vorging, genau unterrichtet war; und bei jeder guͤnſtigern Gelegenheit reizte er die Begierde Bucking⸗ ham's, ſich dieſes kleinen Koͤnigreichs dadurch zu be⸗ — 143 maͤchtigen, daß er die Verwirkung ihres Beſitzes bei ihrem jetzigen Gebieter zuwege braͤchte. Es war nicht ſchwer, die ungezaͤhmten Wuͤnſche ſeines Goͤn⸗ ners uͤber dieſen Punkt lebendig zu erhalten; denn ſeine eigene merkurialiſche Einbildungskraft knuͤpfte beſondere Reize an den Gedanken, eine Art Sou⸗ veraͤn ſelbſt auf dieſer kleinen Inſel zu werden; und er war, wie Catilina, eben ſo begierig nach frem⸗ dem Eigenthum, als verſchwenderiſch mit ſeinem eigenen. Sit Aber nicht eher, als bis zur vorgeblichen Ent⸗ deckung des papiſtiſchen Anſchlags, konnten Chriſtians Entwuͤrfe zur Reife gebracht werden; und damals waren die Katholiken in den Augen des leichtglaͤubi⸗ gen Volks von England ſo verhaßt, daß auf die An⸗ klagen der ehrloſeſten Menſchen, gemeiner Angeber, des Auswurfs der Gefaͤngniſſe und des Schandpfahls, die graͤßlichſten Beſchuldigungen gegen Perſonen vom hoͤchſten Range und redlichſten Charakter be⸗ reitwillig angenommen undgeglaubt wurden. Dieß war ein Zeitpunkt, den Chriſtian nicht un⸗ terließ zu benutzen. Er knuͤpfte ſeine Vertraulichkeit mit Bridgenorth, die wirklich nie unterbrochen wor⸗ den war, noch enger, und gewann ihn leicht fuͤr ſeine Entwuͤrfe, welche in den Augen ſeines Schwa⸗ gers gleich ruͤhmlich und patriotiſch waren. Allein waͤhrend er Bridgenorth mit Vollbringung einer voͤlligen Reform im Staate— mit Verbannung der Zuͤgelloſigkeit des Hofes— mit Befreiung der Gewiſſen der anders Denkenden vom Druck der Strafgeſetze— und endlich mit Abhuͤlfe der ſchreien⸗ den Beſchwerden der Zeit ſchmeichelte— waͤhrend er ihm auch die Ausſicht auf Rache an der Graͤfin von Derby, und auf eine demuͤthigende Verfuͤgung gegen das Haus von Peveril, von dem Bridgenorth ſo Unwuͤrdiges erlitten, zeigte, verſaͤumte doch Chri⸗ ſtian unterdeſſen nicht, zu uͤberlegen, wie er bei dem von ſeinem argloſen Verwandten genoſſenen Zutrauen ſich ſelbſt am beſten in Vortheil ſetzen koͤnnte. Die ausnehmende Schoͤnheit der Alexie Bridge⸗ north— der große Reichthum, welchen Zeit und Wirthſchaftlichkeit auf ihren Vater gehaͤuft hatten — ließen ſie als eine hoͤchſt erwuͤnſchte Partie be⸗ trachten, um die zerruͤtteten Vermoͤgensumſtaͤnde gewiſſer Perſonen am Hofe wieder emporzubringen; und er ſchmeichelte ſich, eine ſolche Unterhandlung ſo einleiten zu koͤnnen, daß ſie ihm ſelbſt zum hoͤch⸗ ſten Vortheil gereichte. Er fand, es wuͤrde nicht viel Schwierigkeit haben, den Major Bridgenorth zu vermoͤgen, ihm ſeine Tochter zur Aufſicht anzu⸗ vertrauen. Dieſer ungluͤckliche Mann hatte ſich ge⸗ woͤhnt, ſchon von der Zeit ihrer Geburt an, die — 145 Gegenwart ſeines Kindes als ein zeitliches Gluͤck zu betrachten, das zu groß waͤre, um ihm vergoͤnnt zu ſein; und Chriſtian hatte wenig Muͤhe, ihn zu uͤber⸗ zeugen, daß die ſtarke Neigung„ die er fuͤhlte, ihre Hand dem jungen Peveril zu geben, wofern dieſer nicht zu ſeinen eignen politiſchen Geſinnungen ge⸗ bracht werden koͤnnte„ eine tadelswerthe Abwei⸗ chung von ſeinen ſtrengen Grundſaͤtzen ſei. Neuere Umſtaͤnde hatten ihn von der Unfaͤhigkeit der Gou⸗ vernante Debbitch zur einzigen Pflege eines ſo theuern Pfandes belehrt; und bereitwillig und voll Dank nahm er den guͤtigen Antrag Chriſtians, ihres muͤtterlichen Oheims, an, Alexie unter die Aufſicht einer Dame vom Range in London zu bringen, waͤh⸗ rend er ſelbſt in die unruhigen und blutigen Auftritte verwickelt werden ſollte, die er mit allen guten Pro⸗ teſtanten, bei einem allgemeinen Aufſtande der Pa⸗ piſten, ſehr bald erwartete, wofern ſie nicht durch die thaͤtigen und kraftvollen Maßregeln des guten Volks von England verhindert wuͤrden. Er geſtand ſogar ſeine Beſorgniſſe, daß ſeine parteiiſche Ruͤckſicht auf Alexiens Wohlfahrt ſeine Anſtrengungen zum Beſten ſeines Vaterlandes ſchwaͤchen moͤchte; und Chriſtian hatte wenig Muͤhe, ihm ein Verſprechen abzulocken, daß er ſich eine Zeitlang der Erkundigung nach ihr enthalten wollte. III, G 146 So verſichert, der weltliche Aufſeher ſeiner Nichte fuͤr einen hinreichend langen Zeitraum zur Ausfuͤhrung ſeines Plans, wie er ſich ſchmeichelte, zu werden, ſuchte Chriſtian ſich den Weg durch Be⸗ rathung mit Chiffinch zu bahnen, deſſen bekannte Gewandtheit in der Hofpolitik ihn am meiſten zum Rathgeber bei dieſer Gelegenheit geſchickt machte. Aber dieſer Ehrenmann, der in der That fuͤr die Vergnuͤgungen ſeiner Majeſtaͤt zu ſorgen hatte, und deßhalb in ihrer großen Gunſt ſtand, glaubte, es gehoͤre in das Gebiet ſeines Amtes, einen andern Plan anzugeben, als den, uͤber welchen ihn Chriſtian zu Rathe zog. Ein Frauenzimmer von ſo ausneh⸗ mender Schoͤnheit, als Alexie beſchrieben worden war, hielt er fuͤr wuͤrdiger, eine Theilnehmerin der Neigungen des muntern Monarchen, deſſen Geſchmack an weiblicher Schoͤnheit ſo ausgezeichnet war, als die Frau eines herunter gekommenen Verſchwenders von vornehmem Stande zu werden. Und dann (wobei er ſeinem eigenen Charakter vollkommen Ge⸗ rechtigkeit erwies) fuͤhlte er, die Sache wuͤrde um kein Haar breit verſchlimmert, waͤhrend ſeine Gluͤcks⸗ umſtaͤnde in aller Hinſicht ſehr verbeſſert wuͤrden, wenn Alexie Bridgenorth, nachdem ſie die kurze Herrſchaft der Gwyns, der Davis, der Roberts u. ſ. f. getheilt, ſich aus dem Stande einer koͤniglichen Geliebten in das niedrige Verhaͤltniß der Madame Chiffinch zuruͤckzoͤge. Nachdem Chiffinch den Herrn Chriſtian vorſichtig erforſcht hatte, und fand, daß die nahe Ausſicht auf Vortheil fuͤr ihn ſelbſt ihn wirklich abhielt, ſein Be⸗ fremden uͤber dieſen heilloſen Plan zu erkennen zu geben, entwickelte er ihm ihn vollſtaͤndig, behielt ſorgfaͤltig das endliche Reſultat zuruͤck, und ſprach von der Gunſt, welche die ſchoͤne Alexie erlangen wuͤrde, als von keiner voruͤbergehenden Laune, ſon⸗ dern als einer eben ſo langen und unbeſchraͤnkten Herrſchaft, als die der Herzogin von Portsmouth ge⸗ weſen, deren Habſucht und herrſchſuͤchtiger Charakter jedoch, ſo viel man wiſſe, dem Koͤnig Karl endlich Ueberdruß erregten, ob ihn gleich die Macht der Gewohnheit unfäͤhig mache, ſich von ihrem Joche zu befreien. So entworfen, war die vorbereitete Scene nicht mehr die Intrigue eines Hofkupplers und ein nieder⸗ traͤchtiger Entſchluß zum Verderben eines unſchuldi⸗ gen Maͤdchens, ſondern ward eine Staatsintrigue zur Entfernung einer uͤbel beruͤchtigten Favorite, und zu der daraus folgenden Veraͤnderung der Geſinnun⸗ gen des Koͤnigs uͤber verſchiedene weſentliche Punkte, in welchen er gegenwaͤrtig nter dem Einfluſſe der Herzogin von Portsmouth ſtand« In dieſem Lichte G 2 148. 8— wurde die Sache dem Herzog von Buckingham vor⸗ geſtellt, welcher, entweder um ſeinen Charakter als unternehmender Liebhaber zu behaupten, oder um irgend einer fantaſtiſchen Laune zu huldigen, zu einer gewiſſen Zeit der herrſchenden Favorite Liebesantraͤge gemacht, und eine Zuruͤckweiſung erfahren hatte, die er nie verzeihen mochte, Aber ein Plan war zu wenig, den thaͤtigen und unternehmenden Geiſt des Herzogs zu beſchaͤftigen. Ein Anhang zu dem papiſtiſchen Complott wurde leicht ſo ausgedacht, daß die Graͤfin von Derby darein verwickelt ward, welche, nach ihrem Charakter und ihrer Religion, gerade die Perſon war, die der leicht⸗ glaͤubige Theil des Publikums geneigt war fuͤr eine wahrſcheinliche Mitſchuldige einer ſolchen Verſchwoͤ⸗ xung anzunehmen. Chriſtian und Bridgenorth uͤber⸗ nahmen den gefaͤhrlichen Auftrag, ſie ſelbſt in ihrem kleinen Koͤnigreiche Man zu verhaften, und hatten Vollmachten zu dieſem Zweck, die nur, im Fall ihr Plan zur Ausfuͤhrung kaͤme, vorgezeigt werden ſollten. Er mißlang aber, wie der Leſer weiß, durch die ſchleunigen Vertheidigungsanſtalten der Graͤfin; und weder Chriſtian noch Bridgenorth hielt es fuͤr ge⸗ ſunde Politik, ſelbſt unter Parlamentariſcher Auto⸗ ritaͤt, gegen eine Dame offen zu verfahren, welche — 149 uͤber die dienlichſten Maßregeln zur Sicherung ihrer Lehnsoberherrſchaft ſo wenig verlegen zu ſein pflegte; indem ſie kluͤglich bedachten, daß es ſelbſt der All⸗ macht des Parlaments(wie es im etwas zu großen Stile betitelt worden iſt) fehlſchlagen koͤnnte, ſie von den perſoͤnlichen Folgen eines Mißlingens zu befreien. Auf dem feſten Lande Britanniens war jedoch kein Widerſtand zu befuͤrchten; und ſo gut bekannt war Chriſtian mit allen Bewegungen im Innern des kleinen Hofſtaats oder der Hausverfaſſung der Graͤfin, daß Peveril den Augenblick, als er den Fuß ans Ufer ſetzte, verhaftet worden ſein wuͤrde, wenn nicht der Wind das Schiff, wo er Paſſagier war, nach Liverpool zu gehen genoͤthigt haͤtte. Hier traf Chriſtian, unter dem Namen Ganleſſe, unerwartet mit ihm zu⸗ ſammen, und bewahrte ihn vor den Klauen der un⸗ ermuͤdlichen Zeugen der Verſchwoͤrung, in der Ab⸗ ſicht, ſich ſeiner Depeſchen oder im Nothfall auch ſeiner Perſon zu verſichern, und zwar auf ſolche Art, daß er ihn ſeinem eigenen Verfuͤgen unterwuͤrfe— ein gefaͤhrliches Wagſtuͤck, das er jedoch zu unter⸗ nehmen beſſer fand, als dieſe untergeordneten Agen⸗ ten, die allezeit bereit waren, gegen alle ihre Ver⸗ duͤndeten ſich aufzulehnen, das Zutrauen erlangen zu laſſen, welches ſie durch Auffangen der Depeſchen G 3 150— 4 85 der Graͤfin von Derby ſich erwerben mußten. Es gehoͤrte uͤberdieß weſentlich zu Buckinghams Plaͤnen, daß dieſe nicht in die Haͤnde eines oͤffentlichen Beam⸗ ten, wie Topham, gelangen ſollten, der, obgleich hochtrabend und dumm, doch aufrichtig und wohl⸗ meinend war, bis ſie die Durchſicht einer Privat⸗ commiſſion erfahren haͤtten, wo wahrſcheinlich Eini⸗ ges haͤtte koͤnnen unterdruͤckt werden, ſelbſt voraus⸗ geſetzt, daß nichts hinzu geſetzt worden waͤre. Kurz Chriſtian handelte in Betreibung ſeiner eigenen ab⸗ geſonderten und eigenthuͤmlichen Intrigue, mittels des Werkzeugs des großen papiſtiſchen Complotts, wie es genannt wurde, gleich einem mechaniſchen Kuͤnſtler, der die Triebfeder der Bewegung, die ſeine Maſchine dreht, aus der Dampfmaſchine oder dem großen Waſſerrade zieht, welche eingerichtet ſind, eine abgeſonderte und groͤßere Maſchine zu treiben. Er war folglich entſchloſſen, allen moͤglichen Vortheil aus ihren etwanigen Entdeckungen zu ziehen, aber zugleich alle Einmiſchung in ſeine eigennuͤtzigen und rachſuͤchtigen Plaͤne abzuhalten. Chiffinch, der aus Begierde, ſich mit eigenen Augen von jener ſo hoch geprieſenen unvergleichlichen Schoͤnheit zu uͤberzeugen, abſichtlich nach Derby⸗ ſhire hinab gereiſt war, freute ſich unendlich, als er, waͤhrend einer zweiſtuͤndigen Predigt in der Kapelle — 151 der Diſſenters zu Liverpool, die ihm reichliche Muße zu einer bedaͤchtigen Betrachtung gab, am Ende zu dem Reſultat gelangte, daß er nie eine einnehmen⸗ dere Geſtalt oder Geſichtsbildung geſehen hatte. Da ſeine Augen beſtaͤtigten, was ihm geſagt worden, eilte er zuruͤck in das kleine Wirthshaus, den Ort ihrer Zuſammenkunft, und erwartete da Chriſtian und ſeine Nichte mit einem Grade von Zuverſicht auf den gluͤcklichen Erfolg ihres Plans, als er zuvor nicht genaͤhrt hatte; und mit einer Zubereitung von Luxus, welche, nach ſeiner Meinung, einen guͤnſtigen Ein⸗ druck auf das Gemuͤth eines Maͤdchens vom Lande machen muͤßte. Er war etwas betreten, als, ſtatt der Alexie Bridgenorth, bei welcher er in jener Nacht eingefuͤhrt zu werden erwartet hatte, Briſtian in Begleitung Julian Peverils erſchien. Es war allerdings eine harte Taͤuſchung; denn er hatte es uͤber ſeine Traͤgheit vermocht, ſich ſo weit vom Hofe zu wagen, um mit ſeinem eigenen entſcheidenden Ge⸗ ſchmack zu urtheilen, ob Alexie wirklich das Wunder von Schoͤnheit waͤre, fuͤr das ſie ihres Oheims Lob⸗ preiſungen ausgegeben hatten, und ob ſie als ein ſolches ihrem beſtimmten Schickſal zum Opfer ge⸗ bracht zu werden verdiente. Wenige Worte zwiſchen den wuͤrdigen Verbuͤn⸗ deten vereinigten ſie zu dem Plan, dem jungen Pe⸗ G 4 152— veril die Depeſchen der Graͤfin abzunehmen, indem Chiffinch eine Theilnahme an deſſen Verhaftung ſchlechthin verweigerte, als einer Sache, auf deren Billigung bei ſeinem Herrn nur ſehr ungewiß zu rechnen waͤre. Chriſtian hatte auch ſeine eigenen Gruͤnde, ſich eines ſo entſchiedenen Schrittes zu enthalten. Ein ſolcher durfte wahrſcheinlich dem Major Bridgenorth keinesweges angenehm ſein, den er doch nothwendig bei guter Laune erhalten mußte; — er war auch nicht noͤthig; denn die Depeſchen der Graͤfin waren von weit groͤßerer Wichtigkeit, als Julians Perſon. Endlich war es auch in dieſer Hinſicht uͤberfluͤſſig, da Julian auf dem Wege nach ſeines Vaters Schloſſe ſich befand, wo er wahrſcheinlich, dem Lauf der Dage zufolge, mit den andern verdaͤchtigen Per⸗ ſonen, die unter Tophams Verhaftsbefehl und die Anklagen ſeiner verrufenen Gehuͤlfen fielen, ergriffen werden wuͤrde. Entfernt von aller Gewaltthaͤtig⸗ keit gegen Peveril, nahm er daher einen ſo freundli⸗ chen Ton gegen ihn an, der ihn vor Schaden von Seiten Anderer zu warnen ſcheinen, und ihn ſelbſt von irgend einer Theilnahme an der Entwendung ſeiner Briefſchaften freiſprechen moͤchte. Dieſer letz⸗ tere Kunſtgriff wurde durch Eingießen eines Schlaf⸗ trunks in Julians Wein bewerkſtelligt, der ihn in ſo feſten Schlaf brachte, daß die Verbuͤndeten leicht im Stande waren, ihr unfreundſchaftliches Vorhaben auszufuͤhren. Die Begebenheiten des folgenden Tages ſind dem Leſer bereits bekannt. Chiffinch reiſete weiter, um mit dem Paket nach London zuruͤckzukehren, wel⸗ ches er ſo bald als moͤglich in Buckinghams Haͤnde gebracht wuͤnſchte; waͤhrend Chriſtian nach Moul⸗ traſſie ging, um Alexien von ihrem Vater zu empfan⸗ gen, und ſicher nach London zu bringen— da ſein Mitſchuldiger es ſich gefallen ließ, ſeine Neugierde, ſie zu ſehen, ſo lange unbefriedigt zu laſſen, bis ſie in dieſer Stadt ankommen wuͤrden. Ehe Chriſtian von Bridgenorth ſchied, hatte er ſeine hoͤchſte Kunſt angewandt, ihn in Moultrafſie zuruͤck zu halten; er hatte ſogar die Grenzen der Klugheit uͤberſchritten, und durch ſein Dringen eini⸗ gen Verdacht von unbeſtimmter Art erweckt, den er ſchwierig fand wieder zu ſtillen. Bridgenorth ſolgte daher ſeinem Schwager nach London; und der Leſer iſt ſchon mit den Kuͤnſten vertraut gemacht worden, die Chriſtian gebrauchte, um ſeine fernere Einmi⸗ ſchung in die Beſtimmung ſeiner Tochter oder in die heilloſen Plaͤne ſeines uͤbel gewaͤhlten Aufſehers zu verhindern. Doch ſah der letztere, als er in tiefem Nachdenken die Straße entlang ſchritt, immer die tauſend Gefahren, die ſein Unternehmen begleiteten; G 5 und die Tropfen ſtanden wie Perlen auf ſeiner Stir⸗ ne, als er den anmaßenden Leichtſinn und den Wan⸗ kelmuth Buckinghams— die Frivolitaͤt und Un⸗ maͤßigkeit Chiffinch's— den Argwohn des ſchwer⸗ muͤthigen und froͤmmelnden, doch ſcharfſichtigen und ehrlichen Bridgenorth uͤberlegte.„Haͤtt' ich,“ dachte er,„nur paſſende Werkzeuge, jedes fuͤr ſeinen Theil am Werke, wie leicht koͤnnt' ich die Macht, die mir widerſteht, aus einander ſprengen und zertheilen; aber mit dieſen gebrechlichen und unzureichenden Ge⸗ raͤthſchaften bin ich in taͤglicher, ſtuͤndlicher, augen⸗ blicklicher Gefahr, daß ein oder der andere Hebel weicht, und daß der ganze Ruin auf meinen eigenen Kopf zuruͤckfaͤllt. Und doch ohne dieſe Maͤngel, uͤber die ich mich beklage, wie waͤre es mir moͤglich gewe⸗ ſen, jene Macht uͤber ſie alle zu erlangen, welche ſie zu meinen leidentlichen Werkzeugen macht, ſelbſt wenn ſie am meiſten ihren freien Willen zu gebrau⸗ chen ſcheinen? Ja, die Andaͤchtler haben nicht ganz Unrecht, wenn ſie behaupten, daß Alles zum Beſten dient.“ Es mag ſonderbar ſcheinen, daß unter den man⸗ nichfachen Gegenſtaͤnden der Beſorgniſſe Chriſtians er nie von einem lang anhaltenden oder bleibenden Zweifel heimgeſucht wurde, daß die Tugend ſeiner Nichte ſich als die Klippe zeigen moͤchte, an welcher — 155 er Schiffbruch leiden koͤnnte. Aber er war ſowohl ein Erzſchurke, als ein abgehaͤrteter Luͤſtling, und in beiden Charakteren ein erklaͤrter Leugner der Tugend des ſchoͤnen Geſchlechts. Siebentes Capitel. London, der große Mittelpunkt von Intriguen jeder Gattung, hatte jetzt in ſeine dunkle und ſchattige Gegend die groͤßere Anzahl der Perſonen gezogen, die wir zu erwaͤhnen Gelegenheit gehabt haben. Unter andern Perſonen des Dramas war Julian Peveril angelangt, und hatte in einem abgelegenen Wirthshauſe der Vorſtaͤdte ſeiner Wohnung genom⸗ men. Er hielt es fuͤr nothwendig, incognito zu blei⸗ ben, bis er insgeheim ſich wuͤrde mit den Freunden beſprochen haben, welche wahrſcheinlich ſowohl ſeinen Eltern als ſeiner Goͤnnerin in ihrer gegenwaͤrtigen zweifelhaften und bedraͤngten Lage Beiſtand leiſten wuͤrden. Unter dieſen war der maͤchtigſte der Her⸗ zog von Ormond, deſſen treue Dienſte, hoher Rang und anerkannte Rechtſchaffenheit und Tugend immer noch einen Einfluß an demſelben Hofe behaupteten, an dem er ſonſt als nicht in Gunſt ſeehend betrachtet wurde. In der That zeigte Karl in ſeinem Beneh⸗ men gegen dieſen beruͤhmten Edelmann und Diener ſeines Vaters ſo viel Betroffenheit, daß Buckingham ſich einmal die Freiheit nahm, den Koͤnig zu fragen, ob der Herzog von Ormond die Gunſt Seiner Ma⸗ jeſtaͤt, oder Seine Majeſtaͤt des Herzogs Gunſt ver⸗ loren habe. Denn ſobald ſie zufaͤllig zuſammen ka⸗ men, erſchien der Koͤnig am verlegenſten unter bei⸗ den. Aber Julian Peveril hatte nicht das Gluͤck, den Rath oder die Unterſtuͤtzung dieſes ausgezeichne⸗ eten Mannes zu erlangen. Seine Durchlaucht war zu dieſer Zeit nicht in London. 8 Der Brief, fuͤr deſſen Beſtellung, naͤchſt jenem an den Herzog von Ormond, die Graͤfin von Derby am meiſten beſorgt geweſen zu ſein ſchien, war an 1 Capitaͤn Barſtow(einen Jeſuiten, der eigentlich Fenwicke hieß) gerichtet, welcher in dem Hauſe eines gewiſſen Martin Chriſtal in der Savoy zu finden oder doch zu erfragen ſein ſollte. An dieſen Ort eilte Peveril, nachdem er die Abweſenheit des Herzogs von Ormond erfahren hatte. Ihm war die Gefahr nicht unbekannt, in die er ſich ſetzte, wenn er ſo eine Mittelsperſon zu Mittheilungen zwiſchen einem pa⸗ piſtiſchen Prieſter und einer verdaͤchtigen Katholikin abgab. Als er aber den gefaͤhrlichen Auftrag ſeiner Goͤnnerin uͤbernahm, hatte er es mit der Offenheit und mit der unbeſchraͤnkten Entſchließung, ihr auf diejenige Art zu dienen, gethan, wie ſie am meiſten wuͤnſchte, ihre Angelegenheiten beſorgt zu wiſſen. Doch konnte er ſich einer geheimen Beſorgniß nicht erwehren, als er ſich in das Labyrinth von Gallerieen und Gaͤngen verwickelt ſah, welche zu den verſchie⸗ denen Abtheilungen von Zimmern in dem alten Ge⸗ baͤude, die Savoy genannt, fuͤhrten. Dieſes veraltetete und faſt verfallene Gebaͤude nahm einen Theil von dem Platze der oͤffentlichen Gebaͤude am Strand, gewoͤhnlich Sommerſet⸗Houſe genannt, ein. Die Savoy war ehemals ein Palaſt geweſen, und fuͤhrte den Namen von einem Grafen von Savoyen, der denſelben erbaut hatte. Er war die Wohnung Johannes von Gent und mehrerer Perſonen vom Range geweſen— war ein Kloſter, ein Hospital, und endlich zu Karl des Zweiten Zeit eine Wuͤſte von verfallenen Haͤuſern und Gemaͤchern geworden, die vornehmlich von Solchen bewohnt wurden, welche einige Verbindung mit dem nahen Palaſt Sommerſet⸗Houſe hatten, welcher, gluͤckli⸗ cher als die Savoy, noch ſeinen koͤniglichen Titel be⸗ halten hatte, und der Aufenthalt eines Theils vom Hofe, auch gelegentlich des Koͤnigs ſelbſt war, der daſelbſt Zimmer hatte. Nicht ohne mehrere Erkundigungen und neßr — 158— als ein Mißverſtaͤndniß, fand Julian am Ende eines langen und duͤſtern Ganges, der aus ſo durch die Zeit verwuͤſteten Bretern beſtand, daß ſie unter ſei⸗ nen Fuͤßen zu wanken drohten, endlich den Namen Kartin Chriſtal, Maͤkler und Taxator, an einer zerbrochenen Thuͤre. Er war im Begriff, zu klopfen, als ihn Jemand an ſeinem Mantel zupfte; und als er ſich umſah, erblickte er zu ſeinem großen Erſtau⸗ nen, das in Wahrheit faſt bis zum Schreck ſtieg, das kleine ſtumme Maͤdchen, welches ihn einen Theil des Weges auf ſeiner Abreiſe von der Inſel Man begleitet hatte.„Fenella!“ rief er aus, vergeſſend, daß ſie weder hoͤren noch antworten konnte;„Fe⸗ nella! kannſt du es ſein?“ Fenella, mit der angenommenen Miene der War⸗ nung und des Anſehens, die ſie ehemals gegen ihn anzunehmen geſucht hatte, ſtellte ſich zwiſchen Julian und die Thuͤre, an die er pochen wollte— wies mit dem Finger nach derſelben auf verbietende Weiſe, und runzelte zu gleicher Zeit die Stirne, und ſchuͤt⸗ telte ernſthaft den Kopf. Nach der Ueberlegung eines Augenblicks konnte Julian ſich Fenella's Erſcheinung und Benehmen nur auf die einzige Art erklaͤren, daß ihre Gebieterin nach London gekommen ſei, und dieſe ſtumme Die⸗ nerin als eine Vertraute abgeſchickt habe, ihn von einer Abaͤnderung ihres vorgehabten Verfahrens zu unterrichten, wodurch die Abgabe ihrer Briefe an Barſtow, ſonſt Fenwicke genannt, uͤberfluͤſſig oder vicneicht gefaͤhrlich werden koͤnnte. Er machte Fe⸗ nellen Zeichen, ſie zu fragen, ob ſie etwan einen Auf⸗ trag von der Graͤfin haͤtte. Sie nickte. Ob ſie ei⸗ nen Brief habe, fuhr er fort, auf dieſelbe Art zu erfragen. Sie ſchuͤttelte ungeduldig den Kopf, und machte ihm, haſtig den Gang entlang gehend, ein Zeichen, ihr zu folgen. Er that es, wenig zweifelnd, daß er zur Graͤfin ſelber gefuͤhrt werden ſolle. Aber ſeine zuerſt uͤber Fenella's Erſcheinen erregte Ver⸗ wunderung wurde erhoͤht durch die Schnelligkeit und Leichtigkeit, womit ſie die ſtaubigen und verfallenen Irrgaͤnge der verfallenen Savoy aufzufinden ſchien, auf aͤhnliche Art, wie er ſie vordem ihn durch die dunkeln Gewoͤlbe des Schloſſes Ruſhin auf der In⸗ ſel Man hatte fuͤhren geſehen. Als er ſich jedoch beſann, daß Fenella die Graͤfin vormals auf einem langen Beſuche in London be⸗ gleitet hatte, ward es ihm nicht unwahrſcheinlich, daß ſie damals dieſe ſo richtig ſcheinende Ortkenntniß erlangt haben moͤchte. Viele Fremde, die mit der Koͤnigin oder der verwitweten Koͤnigin in Verbin⸗ dung ſtanden, hatten Zimmer in der Savoy. Viele katholiſche Prieſter fanden auch Zuflucht in ihren 160 Schlupfwinkeln, unter mancherlei Verkleidungen, und trotz der Strenge der Geſetze gegen das Papſtthum. Was war wahrſcheinlicher, als daß die Graͤfin von Derby, eine Katholikin und Franzoͤſin, geheime luf⸗ traͤge unter ſolchen Leuten haben moͤchte; und daß die Ausrichtung derſelben, wenigſtens gelegentlich, Fenellen aufgetragen waͤre? Unter dieſen Gedanken fuhr Julian fort, ihren leichten und behenden Schritten zu folgen, als ſie vom Strand zu Spring⸗Garden, und von da in den Park ſchluͤpfte. Es war noch fruͤh Morgens, und die Mail⸗Bahn war unbeſetzt, außer von einigen Spaziergaͤngern, welche dieſe ſchattigen Gaͤnge zur heilſamen Leibes⸗ bewegung und Einathmung der friſchen Luft beſuch⸗ ten. Glanz, Munterkeit und das Sich ſehen⸗laſſen kamen in jener Zeit nicht eher zum Vorſchein, als bis der Mittag herannahte. Alle Leſer haben ge⸗ hoͤrt, daß der ganze Raum, wo die Horse- Guards jetzt gebaut ſind, zur Zeit Karls II. einen Theil des James⸗Parks ausmachte; und daß das alte Ge⸗ baͤude, welches jetzt Treasurey heißt, ein Theil des alten Palaſtes Whitehall war, welcher ſo mit dem Park unmittelbar zuſammenhing. Der Kanal war von dem beruͤhmten Le Notre zur Ableitung des Waſſers vom Park erbaut, und ſtand mit der Themſe — 161 durch einen Aentenfang in Verbindung, welcher mit einer Menge ſeltener Waſſervoͤgel verſehen war⸗ Gegen dieſen Aentenfang hin lenkte Fenella ihren Weg mit unverminderter Eile; und ſie naͤherten ſich einer Geſellſchaft von zwei oder drei Herren, die an den Ufern hinſchlenderten, als Julian, beim naͤhern Anblick desjenigen, der unter der Geſellſchaft der vornehmſte zu ſein ſchien, das Herz ungewoͤhn⸗ lich zu klopfen aufing, als ahnte er, daß er einer Perſon von der hoͤchſten Bedeutung nahe kaͤme. Die Perſon, die er erblickte, war uͤber das mitt⸗ lere Lebensalter hinaus, und von dunkler Geſichts⸗ farbe, zu welcher die lange, ſchwarze, dicke Peruͤcke, die er ſtatt des eigenen Haares trug, wohl paßte⸗ Sein Kleid war von einfachem ſchwarzem Sammet, jedoch mit einem Diamantſtern auf dem Mantel, welcher nachlaͤſſig uͤber der einen Schulter hing. Seine ſtark, ſelbſt bis zur Haͤrte, gezeichneten Ge⸗ ſichtszuͤge hatten doch einen edlen Ausdruck von guter Laune; er war wohl und ſtark gebaut, ging aufrecht und doch ungezwungen, und hatte im Ganzen das Anſehen einer Perſon vom hoͤchſten Range. Er hielt ſich in einiger Entfernung vor ſeinen Beglei⸗ tern, kehrte ſich aber von Zeit zu Zeit um und ſprach mit ihnen mit vieler Leutſeligkeit, und wahrſcheinlich mit ziemlich aufgewecktem Weſen, nach dem Laͤcheln 162 8— und bisweilen kaum zuruͤckgehaltenen Lachen zu ur⸗ theilen, womit ſeine Einfaͤlle von ſeinen Begleitern aufgenommen wurden. Dieſe waren auch nur in der Morgentracht; aber ihre Blicke und Manieren verriethen Maͤnner vom Range in Gegenwart einer noch mehr uͤber ſie am Stande erhabenen Perſon. Sie theilten die Aufmerkſamkeit ihres Gebieters in Gemeinſchaft mit ſieben oder acht kleinen ſchwarzen, kraushaarigen Huͤhnerhunden die ihren Herrn ſo nahe und vielleicht mit eben ſo tiefen Empfindungen der Anhaͤnglichkeit begleiteten, als die Zweifuͤßler der Geſellſchaft, und deren Spruͤnge, die ihm viel Un⸗ terhaltung zu gewaͤhren ſchienen, es bald maͤßigte, bald aufmunterte. Zu dieſem Zeitvertreibe kam noch ein Lakai oder Stallknecht mit einem oder zwei klei⸗ nen Koͤrben und Beuteln, aus welchen der beſchrie⸗ bene Herr von Zeit zu Zeit eine Hand voll Samen⸗ koͤrner nahm, und ſich damit unterhielt, ſie den Waſ ſervuͤgeln hin zu werfen.— Dieſes, des Koͤnigs⸗ Kenüngeroſotfegu nebſt ſeiner ausgezeichneten Geſichtsbildung, und das Be⸗ nehmen der uͤbrigen Geſellſchaft gegen ihn, uͤber⸗ zeugte Julian Peveril, daß er im Begriff war, viel⸗ leicht unſchicklicher Weiſe, ſich der Perſon Karl Stuart's, des Zweiten mit dieſem ungluͤcklichen Na⸗ men, zu naͤhern. ——. 1 6³ Waͤhrend er anſtand, ſeiner ſtummen Fuͤhrerin irgend weiter zu folgen, und die Verlegenheit fuͤhlte, ihr ſeinen Widerwillen gegen weiteres Hinzudraͤngen verſtaͤndlich zu machen, begann Einer aus dem koͤ⸗ niglichen Gefolge eine leichte und muntre Arie auf dem Flageolet, wozu der Koͤnig ein Zeichen gegeben hatte, da er eine Melodie, welche auf ihn am vorher⸗ gehenden Abend im Theater beſonders Eindruck ge⸗ macht, wiederholt wuͤnſchte. Indeß der gutmuͤthige Monarch mit dem Fuße und mit der Bewegung der Hand den Takt dazu gab, fuhr Fenella fort, ſich ihm zu naͤhern, und nahm in ihrem Weſen die Manier einer Perſon an, die unwillkuͤrlich von den Toͤnen des Inſtruments angezogen wird. Begierig zu wiſſen, wie das enden wuͤrde, und erſtaunt, das ſtumme Maͤdchen das Benehmen einer die muſikaliſchen Toͤne wirklich hoͤrenden Perſon ſo treffend nachahmen zu ſehen, ſchritt Peveril auch naͤher, jedoch in etwas groͤßerer Entfernung. Der Koͤnig blickte gutmuͤthig auf Beide, als wenn er ihren muſikaliſeſen Enthuſiasmus fuͤr eine Entſchuldigung ihrer Zudringlichkeit gelten ließe; aber ſeine Augen wurden auf Fenella geheftet, deren Geſicht und Ausſehen, obgleich mehr ſonderbar als ſchoͤn, etwas Wildes, Fantaſtiſches und hierin ſelbſt etwas Einnehmendes fuͤr ein Auge hatten, das viel⸗ 164— leicht bis zum Ueberdruß an den gewoͤhnlichen For⸗ men weiblicher Schoͤnheit ſich geweidet hatte. Sie ſchien nicht zu bemerken, wie genau ſie beobachtet wuͤrde; ſondern, wie unter einem unwiderſtehlichen Antriebe handelnd, der von den Toͤnen, auf die ſie zu horchen ſchien, herkam, loͤſte ſie die Haarnadel, um welche ihre langen Locken gewunden waren, und ploͤtzlich ſie um ihren ſchmaͤchtigen Leib ſchlingend, als wenn ſie ihr zu einem natuͤrlichen Schleier dienten, begann ſie mit unendlicher Anmuth und Gewandtheit zu der Melodie, welche das Flageolet ſpielte, zu tanzen. Peveril vergaß faſt des Koͤnigs Gegenwart, als er ſah, mit welcher bewundernswuͤrdigen Grazie und Geſchmeidigkeit Fenella zu den Noten Takt hielt, die ſie nur aus den Bewegungen der Finger des Mu⸗ ſikers erkennen konnte. Er hatte freilich unter an⸗ dern wunderbaren Erſcheinungen von einer Perſon in Fenellens ungluͤcklicher Lage gehoͤrt, daß ſie durch ein gewiſſes unerklaͤrliches und raͤthſelhaftes Gefuͤhl die Faͤhigkeit erlangte, wie ein Inſtrumentalmuſikus zu verfahren, ja ſelbſt ſo ein genauer Spieler zu werden, um ein Muſikcorps anfuͤhren zu koͤnnen; und er hatte auch von Taubſtummen gehoͤrt, die ziemlich richtig tanzten, indem ſie auf die Bewegun⸗ gen ihrer Mittaͤnzer Acht gaben. Aber Fenella's — — 165 Ausfuͤhrung ihres Tanzes ſchien wunderbarer, als beides, weil der Muſikus durch ſeine geſchriebenen Noten geleitet wurde, und der Taͤnzer durch die Be⸗ wegungen der Andern, waͤhrend Fenella keine Kunde bekam, außer dem, was ſie mit unendlicher Genauig⸗ keit durch Beobachtung der Bewegung der Finger des Tonkuͤnſtlers auf ſeinem kleinen Inſtrument auffaßte. Was den Koͤnig betraf, dem die beſondern Um⸗ ſtaͤnde, welche Fenella's Tanz ſo bewundernswerth machten, unbekannt waren, ſo vergnuͤgte es ihn, bei ihrem erſten Anfange, das, was bei dieſem ſonderba⸗ ren Maͤdchen ein froͤhlicher Ausbruch ſchien, mit einem gutmuͤthigen Laͤcheln zu genehmigen; als er aber ſowohl die ausnehmende Richtigkeit und Ge⸗ nauigkeit, als auch die bewundernswuͤrdige Verbin⸗ dung zwiſchen Anmuth und Behendigkeit bemerkte, womit ſie zu ſeiner Lieblingsmelodie einen ihm ganz neuen Tanz ausfuͤhrte, verwandelte Karl ſeine bloße Genehmigung in eine Art enthuſiaſtiſchen Beifalls. Er gab den Takt zu ihren Bewegungen mit der Be⸗ wegung ſeines Fußes— applaudirte mit Kopf und Hand— und ſchien, wie ſie ſelbſt, vom Entthuſias⸗ mus der Gebaͤrdenkunſt ganz hingeriſſen zu ſein. Nach einer ſchnellen, doch anmuthigen Reihe von Entrechats, fuͤhrte Fenella eine langſame Bewegung ————-—.,—õÿyg— — 2—— — 166— ein, welche den Tanz ſchloß; dann verneigte ſie ſich tief, und blieb bewegungslos vor dem Koͤnige ſtehen, die Arme uͤber den Buſen gefaltet, den Kopf herab⸗ geſenkt, und die Augen niedergeſchlagen, nach Art eines morgenlaͤndiſchen Sklaven; waͤhrend man durch den nebligen Schleier ihrer ſchattigen Locken bemerken konnte, daß die Roͤthe, welche die Bewe⸗ gung in ihre Wangen gerufen hatte, ſchnell ver⸗ ſchwand und ihrer natuͤrlichen dunkeln Farbe Platz machte, „Bei meiner Ehre!“ rief der Koͤnig aus,„ſie gleicht einer Fee, die im Mondſchein huͤpft. Da muß mehr Luft und Feuer, als Erde, in ihrer Zu⸗ ſammenſetzung ſein. Es iſt gut, daß die arme Lenore Gwynn ſie nicht ſah; ſie waͤre vor Gram und Neid geſtorben.— Nun, ihr Herren, wer von Ih⸗ nen hat dieß huͤbſche Stuͤck Morgenzeitvertreib aus⸗ gedacht?“ Die Hofleute ſahen einander an; aber keiner fuͤhlte ſich befugt, auf das Verdienſt einer ſo ange⸗ nehmen Unterhaltung Anſpruch zu machen. „So muͤſſen wir die ſchnellblickende Nymphe ſelbſt befragen,“ ſagte der Koͤnig, und fuhr, Fenella anſehend, fort:„Sag' uns, holdes Kind, wem ver⸗ danken wir das Vergnuͤgen, dich zu ſehen?— Ich — 167 vermuthe, dem Herzog von Buckingham; denn das iſt ganz ein tour de son metier.“ Fenxella, da ſie ſah, daß der Koͤnig ſie anredete, verbeugte ſich tief, und ſchuͤttelte den Kopf, zum Zeichen, daß ſie nicht verſtaͤnde, was er ſagte.„Auf Ehre, das iſt wahr,“ ſprach der Koͤnig;„ſie muß durchaus eine Fremde ſein— dafuͤr ſpricht ihre Farbe und ihre Behendigkeit. Frankreich oder Ita⸗ lien hat nicht Form und Stoff zu dieſen elaſtiſchen Gliedern, braunen Wangen und feurigen Augen.“ Er legte ihr dann auf Franzoͤſiſch und hernach wieder auf Italiaͤniſch die Frage vor, von wem ſie hieher geſchickt worden waͤre. Bei der zweiten Wiederholung warf Fenella ihre verhuͤllenden Locken zuruͤck, und zeigte ſo die Melan⸗ cholie, die auf ihrer Stirne ſchwebte, waͤhrend ſie traurig den Kopf ſchuͤttelte, und durch unvollkomme⸗ nes, doch hoͤchſt ſanftes und klaͤgliches Murmeln ih⸗ ren organiſchen Fehler zu erkennen gab. „Iſt es moͤglich, daß die Natur einen ſolchen Fehler begangen hat?“ ſagte Karl.„Kann ſie ſo ein wunderbares Stuͤck, wie du biſt, ohne die Melo⸗ die der Stimme gelaſſen haben, waͤhrend ſie dich ſo ausnehmend empfaͤnglich fuͤr die Schoͤnheit des To⸗ nes machte?— Halt; was bedeutet dieß? und was fuͤr einen jungen Menſchen bringt man da herbei? Ha, ohne Zweifel, den Herrn des Kunſtſpiels, wie ich vermuthe.— Freund(ſetzte er hinzu, indem er Peveril anredete, der, auf Fenella's Zeichen, faſt inſtinktmaͤßig vorgeſchritten war, und niederkniete) wir danken dir fuͤr das Vergnuͤgen dieſes Morgens. — Mein Herr Marquis, Sie betrogen mich letzte Nacht im Piket; fuͤr dieſe treuloſe That ſollſt du nun buͤßen, indem du ein paar Goldſtuͤcke dieſem braven jungen Mann, und fuͤnf dem Maͤdchen gibſt.“ Als der Edelmann ſeine Boͤrſe zog, und hervor⸗ trat, den freigebigen Auftrag des Koͤnigs zu vollzie⸗ hen, fuͤhlte Julian einige Verlegenheit, eh' er zu erklaͤren vermochte, daß er keinen Anſpruch auf eine Belohnung fuͤr den Tanz des jungen Maͤdchens habe, und daß ſeine Majeſtaͤt uͤber ſeinen Stand und Cha⸗ rakter in Irrthum ſei⸗ „und wer biſt du denn, mein Freund?“ ſagte Kaͤrl;„aber vor allen Dingen und insbeſondere, wer iſt dieſe tanzende Nymphe, auf die du wie ein begleitendes Reh warteteſt?“ „Dieſe junge Perſon, geruhen Ihre Majeſtaͤt, iſt eine Bedienung der verwitweten Graͤfin von Derh, ſagte Peveril in leiſem Ton; eaund ich bin—“ „Halt, halt,“ ſagte der Koͤnig;„das 6 ein — 169 Tanz zu einer andern Melodie, und nicht paſſend fuͤr ſo einen oͤffentlichen Ort. Hoͤre, Freund; du und das junge Maͤdchen folge Empſon, wohin er dich fuͤhren wird.— Empſon, bringe ſie— hoͤrſt du wohl?“ „Geruhen Ihre Majeſtaͤt, ich muß ſagen, daß ich mich keiner abſichtlichen Zudringlichkeit ſchuldig weiß— bei—“ „Nun der Henker hole den, der keinen Wink verſteht,“ ſagte der Koͤnig, Julians Rechtfertigung ſchnell unterbrechend.„Traun, Mann, es gibt Zei⸗ ten, wo Hoͤflichkeit die groͤßte Impertinenz von der Welt iſt. Folge du nur Empſon, und unterhalte dich auf eine halbe Stunde mit der Geſellſchaft der Fee, bis wir nach euch ſchicken werden.“ Karl ſprach dieß, nicht ohne aͤngſtlich umherzuſe⸗ hen, und in einem Tone, der Beſorgniß verrieth, be⸗ horcht zu werden. Julian konnte blos ſich gehorſam verbeugen und Empſon folgen, welcher dieſelbe Per⸗ ſon war, die ſo fein auf dem Flageolet ſpielte. Als ſie dem Koͤnig und ſeiner Geſellſchaft aus dem Geſicht waren, wuͤnſchte der Muſikus mit ſei⸗ ner Begleitung eine Unterredung anzuknuͤpfen, und wandte ſich erſt an Fenella mit einem breiten Com⸗ pliment:„Beim Himmel, ihr tanzt praͤchtig— niemals zeigt ein Weibsbild auf den Bretern einen III. H f, 170 ſolchen Schenkel. Ich wollte zufrieden ſein, euch zu ſpielen, bis meine Kehle ſo trocken waͤre, als meine Pfeife. Friſch auf, ſeid ein bischen frei— der alte Rowley wird den Park bis neun Uhr nicht verlaſſen. Ich will euch zu den Spring⸗Gardens bringen, und Zuckerkuchen und ein Quart Rheinwein euch beiden geben laſſen, und wir wollen Kameraden ſein. Was Teufel, keine Antwort? Was heißt das, Bruder? — Iſt euer nettes Maͤdchen taub oder ſtumm, oder alles beides? Sie trippelt doch ſo gut zum Flageolet.“ Um ſich vom Geſpraͤch dieſes Geſellen zu be⸗ freien, antwortete ihm Peveril auf Franzoͤſiſch, er ſei ein Fremder, und ſpreche kein Engliſch; froh, auf dieſe Art, obgleich mit einer Erdichtung, von der neuen Verlegenheit im Umgange eines Narren los zu kommen, der wahrſcheinlich mehr Fragen thun mochte, als ſeine eigne Klugheit ihn moͤchte beant⸗ worten laſſen koͤnnen. „Etranger— das heißt Fremder—“ murmelte ihr Fuͤhrer;„manche Franzoͤſiſche Hunde und Maͤh⸗ ren kommen doch her, um die gute Engliſche Butter von unſerm Brote zu lecken; oder vielleicht iſt es ein Italiaͤniſches Marionettenſpiel. Gut, haͤtten ſie nicht eine toͤdtliche Feindſchaft gegen die ganze Ton⸗ leiter, ſo waͤre dieß ſchon genug, einen ehrlichen Kerl dahin zu bringen, ein Puritaner zu werden. Wenn 171 ich ihr aber bei der Herzogin ſpielen ſoll, ich will verdammt ſein, wenn ich ſie nicht in der Melodie herausbringe; denn ich will ſie wohl die Unverſchaͤmt⸗ heit haben lehren, nach England zu kommen und nicht Engliſch zu ſprechen.“ Nachdem der Muſikus dieſe wahrhaft Brittiſche Entſchließung vor ſich hin gemurmelt hatte, ging er lebhaft auf ein großes Haus nah' am Ende der St. Jakobsſtraße los, und trat durch eine Gitter⸗ thuͤre vom Park in den Hof, wo das Wohnhaus eine ausgebreitete Ausſicht beherrſchte. Da Peveril ſich an der Fronte einer artigen Gallerie fand, unter welcher ſich eine ſtattliche Fluͤ⸗ gelthuͤre oͤffnete, war er eben im Begriff, die Stu⸗ fen, die zum Haupteingange fuͤhrten, hinan zu ſtei⸗ gen, als ſein Fuͤhrer ihn am Arme faßte und aus⸗ rief:„Halt, Monſieur. Aus Mangel an Muth, das ſeh' ich wohl, werden Sie nichts verlieren; allein Sie muͤſſen den hintern Weg einſchlagen, trotz Ihrem feinen Kleide. Hier heißt es nicht: klopft und es G wird euch aufgethan werden, ſondern vielmehr, klopft, und ihr werdet wieder geklopft werden.“ Von Empſon gefuͤhrt, lenkte Julian von der Hauptthuͤre ab, und zu einer andern hin, die mit weniger Prunk ſich in einem Winkel des Hofraut s H 2 172— oͤffnete. Auf einen maͤßigen Schlag des Floͤtenſpie⸗ lers wurde ihm und ſeinen Begleitern Einlaß von einem Aufwaͤrter gewaͤhrt, der ſie durch mancherlei ſteinerne Gaͤnge zu einem ſehr huͤbſchen Sommer⸗ zimmer fuͤhrte, wo eine Dame, oder etwas einer ſolchen Aehnliches, auf hoͤchſt geſchmackvolle Art ge⸗ kleidet, mit einem Komoͤdienbuche taͤndelte, waͤhrend ſie ihre Schokolade austrank. Kaum kann ſie Je⸗ mand beſſer ſchildern, als durch Abwaͤgung ihrer na⸗ tuͤrlichen guten Eigenſchaften gegen die affectirten, welche ihnen das Gegengewicht hielten. Sie wuͤrde huͤbſch geweſen ſein, ohne ihr aufgelegtes Roth und gezwungenes Mienenſpiel— hoͤflich, ohne ihre uͤber⸗ triebenen Wiederholungen von Gunſt, Goͤnnerſchaft und Herablaſſung,— ſie wuͤrde eine angenehme Stimme gehabt haben, haͤtte ſie in ihrem natuͤrlichen Ton geſprochen— und ſchoͤne Augen, haͤtte ſie nicht einen ſo verzweifelt gezwungenen Gebrauch von ih⸗ nen gemacht. Sie konnte einen niedlichen Fuß nur durch zu freies Zeigen deſſelben entſtellen; aber ihre Geſtalt hatte, ob ſie gleich noch nicht dreißig Jahre alt ſein konnte, die Fuͤlle, welche einer um zehn Jahre aͤlteren Perſon vortheilhaft geweſen ſein moͤchte. Mit der Miene einer Herzogin wies ſie Empſon einen Sitz an, und fragte ihn ſchmachtend, wnes ihm in dieſer ewig langen Zeit gegangen, ſeit⸗ — — — 3 173 dem ſie ihn nicht geſehen, und was das fuͤr Leute waͤren, die er da mitgebracht. ni„Fremde, Madam, verdammte Fremde,“ ant⸗ wortete Empſon;„verhungerte Bettler, die unſer alter Freund dieſen Morgen im Park aufgeleſen hat; die Dirne tanzt, und der Burſche blaͤſt, glaub⸗ ich, auf dem Brummeiſen. Bei meinem Leben, Madam, ich fange an, mich des alten Rowley zu schaͤmen; ich muß ihn abdanken, wenn er nicht kuͤnf⸗ tiig beſſere Geſellſchaft haͤlt.“ her„Pfui, Empſon,“ ſagte die Dame;„bedenke, es iſt unſere Pflicht, ihn zu unterſtuͤtzen, und im Gange zu erhalten; und wahrhaftig, ich mache mir das immer zum Grundſatze. Hoͤre, kommt er die⸗ ſen Morgen nicht hieher 4“ 2 Er wird hier ſein,“ antwortete Empſon,“ im Gange einer Menuett.⸗ „Mein Gotti“ rief die Dame mit unverſtellter Unruhe aus; und mit gaͤnzlicher Vernachlaͤſſigung ihrer gewoͤhnlichen Mienen eines gefaͤlligen Schmach⸗ tens, trippelte ſie ſo geſchwind, wie ein Milchmaͤd⸗ ſcchen, in ein anſtoßendes Zimmer, wo man ſogleich einen hitzigen und lebhaften Wortwechſel hoͤrte⸗ Vermuthlich iſt etwas aus dem Wege zu raͤumen,“ ſagte Empſon.„Gut fuͤr Madam, daß ich ihr den Wink gab. Da geht er, der gluͤckliche Burſche.4 H 5 174— Julian war in ſo einer Lage, daß er aus demſel⸗ ben Fenſterfluͤgel, durch welches Empſon guckte, einen Mann in einem beſetzten Rokelor, mit ſeinem Rapier unter dem Arme, aus der Thuͤre, durch die er ſelbſt gekommen war, und aus dem Hofe ſchluͤpfen ſah, indem er ſich immer ſo viel als moͤglich unter dem Schatten der Haͤuſer hielt⸗ Die Dame trat in dieſem Augenblicke wieder herein, und ſagte, indem ſie bemerkte, wohin Empſogs Augen gerichtet waren, mit einem leichten Anſchein von Haſtigkeit:„Ein Herr von der Herzogin von Portsmouth mit einem Billet; und ſo beſchwerlich auf Antwort dringend, daß ich genoͤthigt war, ohne meine Diamantfeder zu ſchreiben. Ich habe. meine Finger befleckt, wage ich zu ſagen,“ ſetzte ſie hinzu, eine ſehr huͤbſche Hand betrachtend, und ſogleich darauf ihre Finger in eine kleine ſilberne Vaſe mit Roſenwaſſer eintauchend.„Aber das kleine exotiſche ſeltſame Weſen da, Empſon, verſteht doch, hoff ich, wirklich nicht Engliſch?— Bei meinem Leben, ſt ſie verfaͤrbte ſich.— Iſt ſie ſo eine ſeltene Taͤnzerin? — Ich muß ſie tanzen ſehen, und ihn auf der Maul⸗ trommel Wielen hoͤren.,“ „Tanzen!“ erwiederte Empſon;„ſie tanzte gut genug, als ich ihr ſpielte. Ich kann jedes Ding tanzen machen. Der alte Rath Clubfoot tanzte, — — —. 175 wann er einen Anfall von der Gicht hatte; Sie haben kein ſolch pas seul im Theater geſehen. Ich wollte mich verbuͤrgen, den Erzbiſchof von Canterbury im Kreiſe tanzen zu machen, wie einen Franzoſen. Das Tanzen will nichts ſagen; Alles liegt an der Muſik. Rowley kennt das jetzt nicht. Er ſah dieß arme Maͤdchen tanzen, und machte ſo viel daraus, da doch alles von mir herruͤhrte. Ich haͤtte ihr wol⸗ len Trotz bieten, ſtill zu ſitzen. Und Rowley lobt ſie darum, und gibt ihr fuͤnf Goldſtuͤcke zum Lohn, und ich habe nur zwei fuͤr mein Morgenwerk. „Wahr, Herr Empſon,“ ſagte die Dame;„aber Sie ſind von der Familie, obgleich in einem niedri⸗ geren Stande; und Sie ſollten bedenken— „Bei G—, Madam,“ antwortete Empſon, „Alles, was ich bedenke, iſt, daß ich das beſte Fla⸗ geolet in England ſpiele; und daß man eben ſo we⸗ nig meinen Platz beſetzen koͤnnte, wenn man mich abdankte, als man die Themſe aus dem Fleetgraben fuͤllen koͤnnte.“ „Sehr wohl, Herr Empſon, ich beſtreite es nicht, daß Sie ein Mann von Talenten ſind,“ erwie⸗ derte die Dame;„ich ſage jedoch, bedenken Sie den Gluͤckswechſel— heute vergnuͤgen Sie das Ohr— morgen hat ein Anderer den Vortheil uͤber Sie.. „Nimmermehr, Madam, ſo lange das Gehoͤr 54 176 die Himmelsgabe beſitzt, einen Ton vom andern zu unterſcheiden.“ „Himmelsgabe, ſagen Sie, Herr Empſon?“ erwiederte die dame.. „Ja, Madam, eine Gabe des Himmels; denn einige ſehr huͤbſche Verſe, die wir an unſerm Feſte hatten, ſagen: „Was iſt des Himmels Seligkeit, Wo nicht Geſang und Lieb' erfreut?“ Herr Waller machte ſie, glaub' ich; und, auf mein Wort, er verdient Aufmunterung.“ „Und die verdienen Sie auch, mein lieber Empſon,“ ſagte die Dame gaͤhnend,„waͤre es auch nur wegen der Ehre, die Sie Ihrer Kunſt machen. Aber indeſſen, wollen Sie dieſen Leuten nicht einige Erfriſchungen anbieten?— und wollen Sie nicht ſelbſt Etwas genießen?— Dieſe Schokolate hat der Begleiter des Portugieſiſchen Ambaſſadeurs der Koͤ⸗ nigin heruͤber gebracht.“ „Wenn ſie echt iſt,“ ſagte der Muſikus. „Wie, Herr?“ ſprach das Frauenzimmer, halb von ihrem Haufen weicher Polſter ſich erhebend— „Nicht echt, und in dieſem Hauſe!— Ich kann wohl ſagen, Herr Empſon, als ich Sie zuerſt ſah, wußten Sie kaum Schokolate vom Kaffee zu unterſcheiden.“ „Bei G—, Madam, antwortete der Flageolet⸗ — 177 ſpieler,„Sie haben vollkommen Recht. Und wie kann ich beſſer zeigen, wie viel ich durch Ihrer Gna⸗ den herrliche Bewirthung gewonnen habe, außer dadurch, daß ich nun einen feinen Geſchmack be⸗ ſitze?“ „Sie ſind entſchuldigt, Herr Empſon,“ ſagte die zierliche Frau, ſanft auf ihr weiches Kuͤſſen zu⸗ ruͤckſinkend, aus dem ſie eine fluͤchtige Aufregung er⸗ hoben hatte.—„Ich denke, die Schokolate wird Ihnen gefallen, wiewohl ſie jener kaum gleich kommt, die wir vom Spaniſchen Reſidenten Men⸗ doza hatten.— Aber wir muͤſſen dieſen fremden Leuten Etwas vorſetzen. Wollen Sie ſie nicht fra⸗ gen, ob ſie Kaffee und Schokolate, oder kaltes Vo⸗ gelwildpret, Obſt und Wein haben wollen. Sie muͤſſen auch ſo bewirthet werden, daß ſie ſehen, wo ſie ſind, weil ſie einmal hier ſind.“ „Unſtreitig, Madam,“ ſagte Empſon;„aber ich habe gerade in dieſem Augenblicke die franzoͤſiſchen Ausdruͤcke fuͤr Schokolate, Biscuit, Kaffee, Wild⸗ pret und Getraͤnke vergeſſen.“ 3 „Es iſt ſeltſam,“ ſagte die Dame;„und ich habe in demſelhen Augenblick mein Franzoͤſiſch und Italiaͤniſch vergeſſen. Aber das hat wenig zu be⸗ deuten— Ich will die Sachen bringen laſſen, und Sie werden ſich ſchon ihrer Namen erinnern.“ 5 178 Empſon lachte laut uͤber dieſen Scherz, und ſetzte ſein Leben zum Pfande, daß das kalte Nieren⸗ ſtuͤck, das gleich darauf hereinkam, das beſte Sinn⸗ bild von Roaſtbeef in der ganzen Welt waͤre. Er⸗ friſchungen im Ueberfluß wurden der ganzen Geſell⸗ ſchaft angeboten, und Peveril und Fenella zaßmen daran Theil. Unterdeſſen ruͤckte der Hlageolerſpieler naͤher an die Seite der Dame vom Hauſe— ihre Vertrau⸗ lichkeit wurde befeſtigt und ihre Lebensgeiſter wur⸗ den befeuert durch ein Glas Liqueur, welches ihnen noch mehr Offenheit gab, die Charaktere ſowohl der hoͤheren als der niederen Hofbedienten zu beſprechen, zu denen ſie vielleicht ſelbſt gehoͤren mochten. Die Dame zeigte allerdings in dieſer ganzen Un⸗ terredung haͤufig ihre vollkommene und entſchiedene Ueberlegenheit uͤber Herrn Empſon; und dieſer Muſikus fuͤgte ſich demuͤthig darein, ſo oft ihm dieß Verhaͤltniß zu Gemuͤth gefuͤhrt wurde, es ſei auf dem Wege des geraden Widerſpruchs, der ſpoͤttiſchen Andeutung, der unumwundenen Annahme eines hoͤ⸗ hern Anſehens, oder auf irgend eine andere man⸗ nichfaltige Art, wodurch ſolche Ueberlegenheit ge⸗ woͤhnlich unterſtuͤtzt und behauptet wird. Aber die augenſcheinliche Neigung der Dame zum Laͤſtern brachte ſie ſehr bald von der auf einen Augenblick angenommenen Wuͤrde des Betragens herab, und ſetzte ſie wieder auf gleichen Fuß mit ihrem ge⸗ ſchwaͤtzigen Geſellſchafter. Ihre Unterredung war zu gemein und zu ſehr mit kleinlichen Hofintrignen verbunden, um Julian, der damit ganz unbekannt war, im Geringſten zu intereſſiren. Da ſie laͤnger als eine Stunde waͤhrte, höͤrte er bald auf, einem aus Spottnamen, Bruch⸗ ſtuͤkken und bloßen Vermuthungen beſtehenden Ge⸗ ſpraͤch die geringſte Aufmerkſamkeit zu widmen, und beſchaͤftigte ſich vielmehr mit Ueberlegung ſeiner ei⸗ genen verwickelten Angelegenheiten, und des wahr⸗ ſcheinlichen Ausganges ſeiner herannahenden Audienz bei dem Koͤnig, welche durch eine ſo ſonderbare Mit⸗ telsperſon und auf ſo unerwartete Art herbeigefuͤhrt worden war. Oft ſah er nach ſeiner Fuͤhrerin Fe⸗ nella, und fand, daß ſie die meiſte Zeit in tiefes und abgezogenes Nachdenken verſunken war. Aber drei „ oder vier Mal— und dieß war, als die angenom⸗ menen Mienen und die affectirte Wichtigkeit des Muſikus und ihrer Wirthin bis zum ausſchweifend⸗ ſten Grade ſtiegen— bemerkte er, daß Fenella ihnen einige jener bittern und faſt verzehrenden elfenmaͤßi⸗ gen Seitenblicke zuwarf, welche auf der Inſel Man fuͤr Zeichen der Verachtung und Verwuͤnſchuns gal⸗ aten. In ihrem ganzen Weſen war etwas ſo außer⸗ ———.—— — ordentliches, das ſich an ihre ploͤtzliche Erſcheinung und ihr Benehmen vor dem Koͤnig knuͤpfte, womit ſie ſo ſeltſam und doch ſo geſchickt ihm eine Privat⸗ audienz bei demſelben verſchaffte— die er mit ernſt⸗ hafteren Mitteln vergebens geſucht haben moͤchte— daß ihm der, zwar innerlich belaͤchelte, Gedanke faſt gerechtfertigt wurde, die kleine ſtumme Geſchaͤftstraͤ⸗ gerin werde in ihren Unternehmungen von den ver⸗ wandten Geiſtern unterſtuͤtzt, von welchen, dem Manenſer Aberglauben zufolge, ihre Abſtammung herzuleiten waͤre. Ein anderer Gedanke entſtand bei Julian zuwei⸗ len, den er jedoch als eben ſo fantaſtiſch verwarf, wie jene Zweifel, welche vorausſetzten, Fenella ge⸗ hoͤre nicht zum Geſchlecht der Sterblichen,— naͤm⸗ lich:„hatte ſie wirklich jene organiſchen Maͤngel, die ſie immer von der vollkommenen Menſchheit ab⸗ zuſondern geſchienen hatten?— Wo nicht, was konnte ein ſo junges Geſchoͤpf bewogen haben, ſich eine ſo ſchreckliche Buße fuͤr ſo eine ununterbrochene Reihe von Jahren aufzulegen? Und wie furchtbar mußte die Staͤrke der Seele ſein, welche ſich zu ſo einem entſetzlichen Opfer verdammen konnte?— Wie tief und ſtark der Vorſatz, fuͤr den es unter⸗ nommen wurde!“ Aber eine kurze Ueberlegung der vergangenen — 181 Begebenheiten vermochte ihn, dieſe Muthmaßung als ganz grundlos und ſchwaͤrmeriſch aufzugeben⸗ Er durfte ſich nur der mancherlei liſtigen Streiche ſeines leichtſinnigen Geſellſchafters, des jungen Gra⸗ fen von Derby, gegen dieß ungluͤckliche Maͤdchen— der in ihrer Gegenwart gepflogenen Geſpraͤche erin⸗ nern, wenn der Charakter eines bei allen Gelegen⸗ heiten ſo reizbaren und empfindlichen Geſchoͤpfs frei und bisweilen ſatiriſch beurtheilt wurde, ohne daß ſie die geringſte Kunde deſſen, was um ſie her vor⸗ ging, ausdruͤckte— um ſich zu uͤberzeugen, daß eine ſo tief angelegte Taͤuſchung nie ſo viele Jahre lang von einem Weſen, das ein ſo eiferſuͤchtiges und jaͤh⸗ zorniges Naturell hatte, durchgeſetzt werden konnte. Er entſagte daher dieſer Idee, und richtete ſeine Gedanken auf ſeine eigenen Angelegenheiten und auf ſeine nahe Unterredung mit ſeinem Souveraͤn. In dieſer Ueberlegung wollen wir ihn jetzt verlaſſen, bis wir kuͤrzlich die Veraͤnderungen uͤberſehen haben, welche in Alexie Bridgenorths Lage indeß Statt gefunden hatten. zen 182— Achtes Kapitel. Julire Peveril war kaum nach Whitehaven unter Seegel gegangen, als Alexie Bridgenorth und ihre Gouvernante, auf den haſtigen Befehl ihres Vaters, mit gleicher Eile und Heimlichkeit auf einer nach Li⸗ verpool beſtimmten Barke eingeſchifft wurden. Chri⸗ ſtian begleitete ſie auf ihrer Fahrt, als derjenige Freund, deſſen Aufſicht Alexie, waͤhrend irgend einer kuͤnftigen Trennung von ihrem Vater, uͤbergeben werden ſollte, und deſſen unterhaltendes Geſpraͤch, in Verbindung mit ſeinen gefaͤlligen, doch kalten Ma⸗ nieren und ſeiner nahen Verwandtſchaft, Alexie in ihrer einſamen Lage bewogen, ihr Schickſal unter einem ſolchen Aufſeher noch fuͤr gluͤcklich zu halten. Zu Liverpool, wie die Leſer ſchon wiſſen, that Chri⸗ ſtian den erſten offnen Schritt in ſeinem niedertraͤchti⸗ gen Beginnen gegen das unſchuldige Maͤdchen, indem zer ſie in einer Kapelle den unheiligen Blicken Chif⸗ finchens ausſtellte, um ihn zu uͤberzeugen, daß ſie eine ſo ſeltene Schoͤnheit waͤre, die wohl die ehrloſe Be⸗ foͤrderung verdienen moͤchte, zu welcher ſie das Maͤd⸗ chen zu erheben gedachten.— Hoͤchſt zufrieden mit dem Aeußern ihrer Perſon, war Lhiffinch es nicht weniger mit der Feinheit und dem Verſtaͤndigen ihrer Unterhaltung, als er ſie — 183 nachher in Geſellſchaft ihres Onkels in London traf. Die Einfachheit, und zugleich das Geiſtreiche ihrer Bemerkungen, ließ ſie ihn ſo betrachten, wie ſein kunſterfahrner Begleiter, der Koch, eine neu erfun⸗ dene Sauce betrachtet haben moͤchte, die in ihren Beſchaffenheiten pikant genug waͤre, den abgeſtumpf⸗ ten Appetit eines uͤberladenen und geſaͤttigten Epi⸗ kureers zu wecken. Sie waͤre, ſagte und ſchwor er, der wahre Eckſtein, auf welchen, mit gehoͤriger Be⸗ handlung und nach ſeiner Anleitung, einige wenige rechtſchaffene Burſche ein Hofgluͤck bauen koͤnnten. Damit die nothwendige Einfuͤhrung ſtatt finden moͤchte, hielten es die Verbuͤndeten fuͤr ſchicklich, ſie ſollte untex die Aufſicht einer erfahrenen Dame ge⸗ bracht werden, welche Einige Madame Chiffinch, Andere Chiffinchens Maitreſſe nannten— eins von jenen gefaͤlligen Geſchoͤpfen, welche geneigt ſind, alle Pflichten einer Frau zu vollziehen, ohne ſich der un⸗ bequemen und unaufloͤslich bindenden Zerimonie zu unterwerfen. Es war eine, und vielleicht nicht die am wenigſten nachtheilige Folge der Ungebundenheit jener ſchlecht verwalteten Zeit, daß die Grenzen zwiſchen Tugend und Laſter ſo weit nieder getreten und gleich gemacht wurden, daß das ſchwache Weib, oder die zaͤrtliche Freundin, die keine Gattin war, nicht nothwendig ihren Platz in der buͤrgerlichen Geſellſchaft verlor; ſondern im Gegentheil, wenn ſie ſich in den hoͤhern Zirkeln bewegte, Erlaubniß und Aufmunterung fand, ſich unter Frauen zu miſchen, deren Rang beſtimmt, und deren Ruf unbefleckt war. Eine regelmaͤßige liaison, wie die zwiſchen Chif⸗ finch und ſeiner Schoͤnen, gab wenig Anſtoß; und ſo groß war ſein Einfluß als erſter maitre de plaisir ſeines Gebieters, daß, wie Karl ſelbſt es ausdruͤckte, die Dame, die wir unſern Leſern im letzten Kapitel vorfuͤhrten, einen Begnadigungsbrief erhalten hatte, mit einer verheiratheten Frau gleichen Rang zu ha⸗ ben. Und um der edlen Dame Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, keine Frau konnte aufmerkſamer geweſen ſein, ſeine Plaͤne zu befoͤrdern, oder freige⸗ biger uͤber ſein Einkommen zu ſchalten.— Sie bewohnte eine Partie Zimmer, die Chiffin⸗ chiſchen genannt— den Ort mancher Intrigue, der Liebe ſowohl, als der Politik; und wo Karl oft ſeine Privatgeſellſchaften fuͤr den Abend hielt, wann, wie es oft geſchah, die uͤble Laune der Herzogin von Portsmouth, ſeiner regierenden Sultanin, ihn ab⸗ hielt, mit ihr zu ſpeiſen. Die Stuͤtze, welche eine ſolche Einrichtung einem Mann, wie Chiffinch, gab, ſo gebraucht, wie er ſie wohl zu gebrauchen wußte, machte ihn nur zu wichtig, um ſelbſt von den erſten 1 Perſonen im Staate nicht geringſchaͤtzig behandelt zu werden, wenn ſie nicht von allen politiſchen An⸗ gelegenheiten und Hofintriguen entfernt ſtanden. Unter die Aufſicht der Miſtreß Chiffinch und des⸗ jenigen, deſſen Namen dieſe fuͤhrte, brachte Eduard Chriſtian die Tochter ſeiner Schweſter und ſeines vertrauenden Freundes, ihren Untergang ruhig als einen gewiſſen Erfolg betrachtend, und in der Hoff⸗ nung, darauf ſeine Ausſicht zu einem ſicherern Gluͤck zu gruͤnden, als ein an Intriguen verſchwendetes Leben ihm bisher zu verſchaffen vermocht hatte. Die unſchuldige Alexie, die weder in den Scenen des ungewoͤhnlichen Luxus, mit denen ſie umgeben war, noch in dem Betragen ihrer Wirthin, welches ſo⸗ wohl von Natur, als aus Klugheit guͤtig und freund⸗ lich war, irgend etwas Unrechtes entdecken konnte— fuͤhlte nichts deſto weniger eine inſtinktmaͤßige Be⸗ ſorgniß, daß nicht Alles recht waͤre— ein Gefuͤhl in dem menſchlichen Gemuͤthe, das vielleicht dem Ge⸗ fuͤhle von Gefahr verwandt iſt, welches Thiere zeis gen, wann ſie in die Naͤhe der natuͤrlichen Feinde ihret Raſſe gebracht worden ſind, und welches Voͤgel ſich niederſenken macht, wann der Habicht in der Luft iſt, und das Wild erzittern, wann der Tiger in der Wuͤſte umherſchweift. Sie fuͤhlte eine Beklom⸗ menheit, von der ſie ſich nicht befreien konnte; und 186— die wenigen Stunden, die ſie bei Chiffinchens zuge⸗ bracht hatte, glichen denen, die Jemand im Gefaͤng⸗ niß zubringt, ohne die Urſache und den Ausgang ſeiner Gefangenſchaft zu wiſſen. Es war der dritte Morgen nach ihrer Ankunft in London, als folgender Auftritt ſtatt fand⸗ Die Grobheit und Poͤbelhaftigkeit Empſons, die ihm als einem ausgezeichneten Virtuoſen auf ſeinem Inſtrumente nachgeſehen wurden, erſchoͤpften ſich auf Unkoſten aller andern Muſiker; und Mad. Chiffinch hoͤrte mit ſorgloſer Gleichguͤltigkeit zu, als man Je⸗ mand laut und lehhaft im innern Zimmer ſprechen hoͤrte. „O Jemine!“ rief die Dame aus, indem ſi ſi e auf einmal aus ihrem feinen Tone in ihre natuͤrliche Ge⸗ meinheit des Ausdrucks gerieth, lief an die Seiten⸗ thuͤre, und ſagte:„wenn er nur nicht gar wie⸗ der zuruͤck gekommen iſt!— und wenn der alte Rowley—“ *Ein Klopfen an der entfernteren und gegenuͤber ſtehenden Thuͤre hielt ihre Aufmerkſamkeit an— ſe ließ die Klinke jener, die ſie oͤffnen wollte, ſo ſchnell los, als wenn ſie ſich die Finger verbrannt haͤtte, und fragte, ſich zuruͤck nach ihrem Sofa be⸗ wegend:„Wer iſt da?“ „Der alte Rowley ſelbſt, Madam,“ ſagte der — 187 Koͤnig, indem er mit ſeiner gewoͤnnlichen aufgeraͤum⸗ ten Miene ins Zimmer traa. 3 29 Himmel!— Ihre Majeſtaͤt!— ich glaub⸗ te— Pn ich nicht hoͤren könnte, 35 Zweifel, 4 ſagte der Koͤnig;„und ſo von mir ſprechen, wie man von abweſenden Berundan ſpricht. Nur keine Schutzrede gehalten. Mich duͤnkt, ich habe Damen von ihren Spitzen ſagen gehoͤrt, ein Riß ſei beſſer, als eine Stopfnaht.— Nun, nur nuͤeergeſebt.e— Wor iſt Chiffinch 4 1 „Er iſt nach York; Houſe⸗ Ihre Majeſtit gze die Dame, die, obwohl mit nicht geringer Schwie⸗ rigkeit, die ruhige Affectation ihres gewoͤhnlichen Betragens wieder annahm.„Soll ich Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt Befehle ihn wiſſen laſſen?¹“ „Ich will ſeine Zuruͤckkunft abwarten,“ antwor⸗ tete der Koͤnig.— wbalfen Sie mich Ihre Schorz⸗ late koſten.“ „Da iſt einige friſc ee im Kabinek⸗, ant⸗ wortete ſie; und auf ihren Ruf, wozu ſie ſich einer kleinen ſilbernen Pfeife bediente, erſchien ein ſchwarzer Knabe, gleich einem morgenlaͤndiſchen Pa⸗ gen koͤſtlich gekleidet, mit goldenen Armbaͤndern an ſeinen nackenden Armen, und mit einer goldenen Halskette um ſeinen gleichfalls bloßen Hals, und bediente mit dem beliebten Morgengeträͤnk auf einem OGerviet vom praͤchtigſten Porcellan. Waͤhrend der Koͤnig ſeine Taſſe Scjakalne ſchluͤrfte, ſah er ſich im Zimmer um, und da er Fe⸗ nella, Peveril und den Muſi kus bemerkte, welche neben einem großen Indianiſchen Schirm ſtehen bblieben, ſagte er mit feiner Gleichguͤltigkeit zu Mi⸗ ſtreß Chiffinch::„Ich ſchickte Ihnen dieſen Morgen den Violiniſten⸗— oder vielmehr den Floͤtiſten— Empſon, und eine Feen⸗Elfe, die ich im Park traf; ſie tanzt himmliſch. Sie hat uns die allerneuſte „Sarabande vom Hofe der Königin Mab gebracht, und ich ſchickte ſie hieher, dbie Sie ie mit Muße ſehen ſollten. 22 l 11„Ihre Majeſtaͤt thun mir bei weitem zu viel Ehre an,“ ſagte die Chiffinch, die Augen gehoͤrig miederſchlagend, und ihre Aecente zum Ton der ſchicklichen Demuth herabſtimmend. 122 223 „Nein, kleine Chiffinch,“ antwortete der Aöns in einem Tone von ſo geringſchätziger Vertraulichkeit, als ſich mit ſeiner guten Lebensart vertrug,„es war nicht ganz fuͤr dein eigenes Ohr allein, ſo ſehr es auch alle ſuͤßen Toͤne verdient, ſondern ich glaubte, Lenore waͤre dieſen Morgen bei dir geweſen.“ „Ich kann Bajazet nach ihr ſchicken, ihen Ma⸗ jeſtaͤt, antwortete die Dame. 189 „Nein, ich will Ihren kleinen heidniſchen Sul⸗ tan nicht ſo weit bemuͤhen. Doch es faͤllt mir auf, daß Chiffinch ſagte, Sie haͤtten Geſellſchaft— eine Couſine vom Lande oder ſo Etwas— Iſt nicht ſo eine Perſon da?“ „Es iſt eine junge Perſon vom Lande da,“ fagte Mad. Chiffinch, mit dem Beſtreben, eine ziemliche Verlegenheit zu verbergen;„aber ſie iſt nicht auf ſolche Ehre vorbereitet, vor Ihrer Majeſtaͤt dorge⸗ laſſen zu werden, und— „Und daher deſto geſchickter, ſie zu erfahren, Chiffinch. Es gibt in der Natur nichts ſo Schoͤnes, als das erſte Erroͤthen eines kleinen Landmaͤdchens zwiſchen Freude und Furcht, und Bewunderung und Neugierde. Es iſt der Flaum an der Pfirſich— Schade, daß er ſo bald vergeht!— die Frucht bleibt, aber die erſte hohe Farbe und der ausnehmende Duft ſind voruͤber,— Oeffne deine Lippen nicht daruͤber, Chiffinch; denn es iſt, wie ich ſage. Nun ich bitte, laßt uns la belle cousine ſehen.“ Mad. Chiffinch ging, verlegner als je, wieder nach der Seitenthuͤre, die ſie hatte oͤffnen wollen, als ſeine Majeſtaͤt eintrat. Aber eben als ſie ziemlich laut huſtete, vielleicht zum Zeichen fuͤr Jemand, der ſich innerhalb des Zimmers befand, hoͤrte man da⸗ gegen Stimmen im lebhaften Tone des Streits— 190 die Thuͤre wurde aufgeworfen, und Alexie ſtuͤrzte aus dem innern Zimmer hervor, verfolgt bis an die Thuͤre deſſelben von dem unternehmenden Herzog von Buckingham, welcher ſtarr vor Erſtaunen ſtehen blieb, zu ſehen, daß ihn ſeine Verfolgung der flie⸗ henden Schoͤnen in die Gegenwart des Rdune ge⸗ trieben hatte, Alexie Bridgenorth ſchien zu ſehr vor Zoun außer ſich geſetzt, um dem Range oder Charakter der Ge⸗ ſellſchaft, unter die ſie ſo ploͤtzlich trat, Aufmerkſam⸗ keit ſchenken zu koͤnnen,„Ich bleibe nicht laͤnger hier, Madam,“ ſagte ſie zur Miſtreß Chiffinch, in einem Tone der entſchiedenſten Entſchloſſenheit;„ich verlaſſe den Augenblick ein Haus, wo ich einer Ge⸗ ſellſchaft ausgeſetzt bin, die ich verabſcheue, und Sn dringlichkeiten, welche ich verachte.“ Die beſtuͤrzte Miſtreß Chiffinch konnte ſe e blos in gebrochenem Fluͤſtern anflehen, zu ſchweigen; und — indem ſie auf Karl wies, der mehr auf ſeinen kuͤhnen Hoͤfling, als auf deſſen verfolgte Beute den Blick heftend daſtand— hinzuſetzen, dai Koͤnig— der Koͤnig!“ „Wenn ich mich in des Koͤnigs Gegenwart be⸗ finde,“ ſagte Alexie laut und in demſelben Strom des leidenſchaftlichen Gefuͤhls, waͤhrend ihre Augen durch Thraͤnen der Erbitterung und der gekraͤnkten — 1921 Sittſamkeit funkelten—„ſo iſt es deſto beſſer— es iſt die Pflicht ſeiner Majeſtaͤt, mich zu beſchuͤtzen; und in ſeinen Schutz begebe ich mich.“ Dieſe Worte, welche laut und dreuſt geſprochen wurden, brachten auf einmal Julian wieder zu ſich ſelber, welcher bisher wie betaͤubt da geſtanden hatte. Er naͤherte ſich, Alexien, fluͤſterte ihr ins Ohr, daß ſie Einen neben ſich habe, der ſie mit ſetnem Leben vertheidigen wuͤrde, und bat ſie, ſich auf ſeinen Schutz in dieſer Bedraͤngniß zu verlaſſen. In aller Entzuͤckung der Dankbarkeit und Freude haͤngte ſie ſich an ſeinen Arm, und der Muth, der Alexien nur eben zu ihrer Selbſtvertheidigung be⸗ lebt hatte, machte nun einer Flut von Thraͤnen Platz, als ſie ſich von demjenigen unterſtuͤtzt ſah, den ſie vielleicht am meiſten fuͤr ihren Beſchuͤtzer zu erkennen wuͤnſchte. Sie ließ ſich von Peveril ſanft gegen den Schirm zuruͤckziehen, vor welchem er ge⸗ ſtanden harte, wo ſie, indem ſie ſich an ſeinen Arm hielt und zugleich ſich hinter ihm zu verbergen ſuchte, den Schluß eines ſo ſonderbaren Auftritts erwar⸗ teten. Der Koͤnig ſchien fuͤr's Erſte von der unerwar⸗ teten Erſcheinung des Herzogs von Buckingham ſo ſehr uͤberraſcht zu ſein, daß er Alexien, welche die Veranlaſſung geweſen war, ſeine Durchlaucht in dem unſchicklichſten Augenblick ſo geradezu in ſeine Ge⸗ genwart zu bringen, wenig oder gar keine Aufmerk⸗ ſamkeit widmete. An dieſem intriguenvollen Hofe war es nicht das erſte Mal geweſen, daß der Herzog als Nebenbuhler ſeines Souveraͤns ſich in das Gebiet der Galanterie gewagt hatte, und dieß machte die gegenwaͤrtige Beleidigung deſto unertraͤglicher. Sein Vorhaben, in dieſen geheimen Zimmern verborgen zu liegen, ergab ſich aus den Ausrufungen Alexiens; und Karl empfand, ungeachtet ſeines gelaſſenen Temperaments, und ſeiner Gewohnheit, uͤber ſeine Leidenſchaften zu wachen, dieß Unternehmen, ſeine ihm beſtimmte Geliebte zu verfuͤhren, wie ein Mor⸗ genlaͤndiſcher Sultan den Uebermuth eines Veziers empfunden haben wuͤrde, welcher ſeinem beabſichtig⸗ ten Kauf einer gefangenen Schoͤnen auf dem Skla⸗ venmarkt vorgegriffen haͤtte. Karls ſchwarzbraune Geſichtszuͤge roͤtheten ſich, und die ſtarken Linien ſeiner dunkeln Phyſiognomie ſchienen aufzuſchwellen, als er mit einer vom Affekt ſtotternden Stimme ſagte:„Buckingham, Sie wuͤrden nicht Ihres Gleichen ſo zu beleidigen gewagt haben! Ihrem Ge⸗ bieter koͤnnen Sie ſicher jeden Schimpf anthun, weil ſein Rang ſein Schwert an die Scheide bindet.“ Der ſtolze Herzog konnte dieſen Hohn nicht un⸗ beantwortet uͤber ſich ergehen laſſen.„Mein — — 193 Schwert,“ ſagte er mit Nachdruck,„war nie in der Scheide, als der Dienſt Ihrer Majeſtaͤt es zu ent⸗ bloͤßen forderte.“ „Ihre Durchlaucht meinen, als ſein Dienſt fuͤr ſeines Beſitzers Vortheil nothwendig war,“ ſagte der Koͤnig;„denn Sie konnten die Krone eines Herzogs nur durch Fechten fuͤr die koͤnigliche Krone gewinnen. Aber das iſt vorbei— ich habe Sie als Freund— als Gefaͤhrten— faſt als einen Gleichen behandelt — Sie haben mich mit Uebermuth und Undank be⸗ lohnt.“ „Sire,“ antwortete der Herzog feſt, aber ehr⸗ erbietig,„ich bin ungluͤcklich, Ihnen zu mißfallen; jedoch inſofern gluͤcklich, daß, waͤhrend Ihre Worte Ehre ertheilen koͤnnen, ſie dieſelbe doch nicht zu verrin⸗ gern oder zu entziehen vermoͤgen.— Es iſt hart,“ fuhr er mit gedaͤmpfter Stimme fort, ſo daß er blos vom Koͤnige gehoͤrt werden konnte,„daß das Geſchrei eines graͤmlichen Maͤdchens die Dienſte ſo vieler Jahre ausloͤſchen ſoll.“. „Es iſt noch haͤrter,“ ſagte der Koͤnig, in dem⸗ ſelben gemaͤßigten Tone, den Beide in der uͤbrigen Unterredung beibehielten,„daß die glaͤnzenden Augen eines Maͤdchens einen Edelmann die Anſtaͤndigkeit vergeſſen machen koͤnnen, die er den vertrauten Ver⸗ haͤltniſſen ſeines Souveraͤns ſchuldig iſt.“ III. 3 194 „Darf ich ſo frei ſein, Ihre Majeſtaͤt zu fragen, was dieß fuͤr eine Anſtaͤndigkeit iſt?“ Karl biß ſich in die Lippe, um ſich des Laͤchelns zu enthalten.„Buckingham,“ ſagte er,„das iſt ein naͤrriſcher Handel; und wir duͤrfen nicht vergeſſen (wie wir beinahe gethan haben), daß wir Zuhͤrer zu Zeugen dieſes Auftritts haben, und auf der Buͤhne mit Wuͤrde einhergehen ſollten. Ich will Ahnen Ihre Fehler privatim zeigen.“ „Es iſt genug, daß Ihre Majeſtaͤt unwillig ge⸗ worden ſind, und daß ich ungluͤcklicherweiſe die Ur⸗ ſache geweſen bin,“ ſagte der Herzog knieend;„je⸗ doch mir keiner Abſicht bewußt, außer ein paar Wor⸗ ten galanter Art; und ich bitte ſo demuͤthig Ihre Majeſtaͤt um Vergebung.“, So ſprechend kniete er mit Anmuth nieder.„Du haſt ſie,“ ſagte der verſoͤhnliche Fuͤrſt.„Ich glaube, du wirſt eher der Beleidigung, als ich der Verge⸗ bung muͤde ſein.“ „Lange moͤge Ihre Majeſtaͤt leben, um das Aer⸗ gerniß zu geben, welches Ihr koͤnigliches Belieben jetzt meiner Unſchuld zur Laſt legt,“ ſagte der Herzog. „Was meinen Sie damit, mein Herzog? 8 ſprach Karl, dem wieder ein Schatten des Unwillens fuͤr einen Augenblick uͤber die Stirne zog. * 195 „Mein Fuͤrſt,“ erwiederte der Herzog,„Sie ſind zu aufrichtig, um Ihre Gewohnheit abzuleugnen, mit Cupido's Vogelpfeilen in anderer Leute Gehaͤge zu ſchießen. Sie haben das doͤnigliche Recht der freien Jagd uͤber Jedermanns Park ausgeuͤbt. Es iſt hart, daß Sie ſo mißvergnuͤgt ſein koͤnnen, einen zufaͤlligen Pfeil neben Ihren eignen Grenz⸗Pfaͤhlen vorbeiſauſen zu hoͤren.“ „Nichts mehr davon,“ ſagte der Koͤnig;„ſon⸗ dern laßt uns ſehen, wo die Taube ſich beherbergt hat.“ „Die Helena hat einen Paris gefunden, waͤh⸗ rend wir im Streit waren,“ erwiederte der Herzog. „Eher einen Orpheus,“ ſagte der Koͤnig;„und was ſchlimmer iſt, einen, der ſchon mit einer Eury⸗ dice verſorgt iſt.— Sie hat ſich an den Geiger ge⸗ haͤngt.“ „Es iſt bloße Furcht,“ ſagte Buckingham,„wie bei Rocheſter, als er in die Baßviole kroch, um ſich vor Sir Dermont OCleaver zu verbergen.“ „Wir muͤſſen dieſe Leute ihre Talente zeigen laſſen,“ aͤußerte der Koͤnig,„und ihnen den Mund mit Geld und Hoͤflichkeit ſtopfen, oder wir werden dieſen naͤrriſchen Vorfall uͤber die halbe Stadt aus⸗ gebreitet ſehen.“ Der Koͤnig naͤherte ſich hierauf Julian, und for⸗ & J 2 1 8 derte ihn auf, ſein Inſtrument zu nehmen, und ſeine Begleiterin eine Sarabande tanzen zu laſſen.“ „Ich hatte bereits die Ehre, Ihrer Majfeſtaͤt zu berichten,“ ſagte Julian,„daß ich nicht auf die Art, wie Sie mir befehlen, zu Ihrem Vergnuͤgen beitra⸗ gen kann, und daß dieſe junge Perſon—“ „Zur Bedienung der Lady Powis gehoͤrt,“ ſagte der Koͤnig, auf welchen Dinge, die nicht ſeine Ver⸗ gnuͤgungen betrafen, nur einen ſehr fluͤchtigen Ein⸗ druck machten.„Die arme Dame; ſie iſt in Anuuhe uͤber die Lords im Tower.“ „Vergeben Ihre Majeſtaͤt,“ ſagte Julian;,„ſe iſt eine Dienerin der Graͤfin von Derby.“ 21 „Ganz recht, ganz recht,“ antwortete Karl;„ſie iſt allerdings von der Graͤfin Derby, die auch ihre eignen Widerwaͤrtigkeiten in dieſen Zeiten hat. Wiſſen Sie, wer die junge Perſon tanzen gelehrt hat? Ei⸗ nige ihrer Pas haben gewaltig viel von denen Le Jeune's in Paris.. 13 „Ich vermuthe, ſie iſt im Auslande unterrichtet worden, Ihre Majeſtaͤt,“— ſagte Julian;„was mich angeht, ſo bin ich mit einigen wichtigen Ange⸗ legenheiten von der Graͤfin beauftragt, welche ich ſehr gern Ihrer Majeſtaͤt mittheilen wollte.. „Wir wollen Euch zu unſerm Staatsſecretaͤr ſchicken,“ ſagte der König.„Aber dieſe tanzende 197 Geſandte wird uns noch einmal erfrenen, wird ſie nicht?— Empſon, nun erinnere ich mich, ſie tanzte zu deiner Pfeife. Setz' an, Mann, und bringe Le⸗ ben in ihre Fuͤße.“ 1 „Empſon fing an, einen wohl” aunten Tauz zu ſpielen, und griff, wie er gedroht hatte, mehr als eine falſche Note, bis der Koͤnig, der ein ſehr richti⸗ ges Gehoͤr hatte, es ihm mit den Worten verwies: „Burſche, biſt du betrunken in dieſer fruͤhen Tageszeit, und mußt auch du deine ſchluͤpfrigen Streiche mit mir ſpielen? Du denkſt, du biſt zum Taktſchlagen geboren, aber ich will auf dir den Takt ſchlagen.“ Der Wink war zureichend, und Empſon gab ſich alle Muͤhe, ſein Stuͤck ſo zu ſpielen, wie es ſeinem hohen und verdienten Ruf entſprach. Aber auf Fe⸗ nella machte es nicht den geringſten Eindruck. Sie ſchien weniger zu ſtehen, als an die Wand des Zim⸗ mers ſich anzulehnen; ihr Geſicht war todtenbleich, ihre Arme und Haͤnde hingen, wie erſtarrt, herab, und ihr Leben verrieth ſich blos durch das Schluch⸗ zen, das ihren Buſen bewegte, und durch die Zaͤh⸗ ren, die aus ihren halbgeſchloſſenen Augen ſloſſen. „Der Henker hole das,“ ſagte der Koͤnig;„ir⸗ gend ein boͤſer Geiſt iſt dieſen Morgen in Bewegung; und die Maͤdchen ſind alle behext, glaub' ich. Friſch auf, mein Kind! Was, in Teufels Namen hat dich 2 ₰ 3 * 198 auf einmal aus einer Nymphe in eine Niobe ver⸗ wandelt? Wenn du da laͤnger ſtehſt, wirſt du ſelbſt mit der Marmorwand verwachſen.— Oder— Georg, haben Sie etwa auch in dieſem Quartier Voͤgel ge⸗ ſchoſſen?“ Ehe Buckingham auf dieſe Beſchuldigung ant⸗ worten konnte, kniete Julian vor dem Koͤnige nieder, und bat, waͤr' es auch nur auf fuͤnf Minuten, um Gehoͤr.„Das junge Maͤdchen,“ ſagte er,„iſt lange in der Begleitung der Graͤfin von Derby geweſen. Sie war der Faͤhigkeit der Sprache und des Gehoͤrs beraubt.“ „Was Tauſend, Mann, und tanzt ſo gut?“ ſagte der Koͤnig.„Nein, das ganze Gresham⸗Col⸗ legium ſoll mich nicht das glauben machen.“ „Ich wuͤrde es gleichfalls fuͤr unmoͤglich gehalten haben, waͤr' ich nicht heute Zeuge davon geweſen,“ ſprach Julian;„aber geruhen Ihre Majeſtaͤt nur, daß ich Ihnen die Bittſchrift der Graͤfin uͤberreichen darf.“ „und wer biſt du denn ſelbſt, Mann?“ ſagte der Souveraͤn;„denn obgleich Alles, was Schnuͤr⸗ bruſt und Bruſtſchleife traͤgt, ein Recht hat, einen Koͤnig zu ſprechen, und eine Antwort zu erhalten, ſo weiß ich doch nicht, daß ſie einen Anſpruch auf — 199 Audienz durch einen außerordentlichen Geſandten haben.“ „Ich bin Julian Peveril von Derbyſhire,“ ant⸗ worte der Supplicant,„der Sohn Sir Gottfried Peverils vom Schloß Martindale, der—“ „Hilf Himmel!— der alte Worceſter Mann? ſagte der Koͤnig.„Ei ja, ich erinnere mich ſeiner wohl— Einiges Leid iſt ihm widerfahren, denk' ich. — Iſt er nicht todt, oder wenigſtens ſehr krank?“ „Schlecht befindet er ſich in ſeiner Lage, aber nicht in Anſehung ſeiner Geſundheit, Ihre Majeſtaͤt. Er iſt wegen vorgeblicher Theilnahme an dieſem Complott verhaftet worden.“ „Hoͤr' einmal an,“ ſagte der Koͤnig;„ich weiß wohl, er war in Noth; und doch, wie dem braven alten Ritter zu helfen waͤre, kann ich kaum ſagen. Ich kann faſt ſelbſt dem Verdacht des Complotts nicht ent⸗ gehen, obgleich der Hauptzweck davon iſt, mir ſelber das Leben zu nehmen. Wollt' ich mich regen, einen Verſchwoͤrer zu retten, ſo wuͤrde ich gewiß als ein Mit⸗ ſchuldiger eingebracht werden.— Buckingham, du haſt einiges Gewicht bei denen, die deine ſchoͤne Staatsmaſchine gebaut oder wenigſtens in Gang ge⸗ bracht haben— ſei einmal gutmuͤthig,, ob das gleich deine Art ſchwerlich iſt, und nimm dich des Schutzes un⸗ J 4 200 ſers alten Worceſter Freundes, Ritter Godfreys, an. Du haſt ihn doch nicht vergeſſen?“ „Nein, Sire,“ antwortete der Herzog;„denn ich habe nie den Namen gehoͤrt.“ „Es iſt Sir Geoffrey, wie Seine Majeſtaͤt ſagen wollten,“ bemerkte Julian. „Und wenn Seine Majeſtaͤt wirklich ſagten Sir Geoffrey, Herr Peveril, ſo kann ich doch nicht ſehen, was ich Ihrem Vater helfen koͤnnte,“ antwortete der Herzog mit Kaͤlte.„Er iſt eines ſchweren Ver⸗ brechens angeklagt; und ein Brittiſcher Unterthan kann weder von einem Prinzen, noch von einem Pair Schutz erhalten, ſondern muß ſich dem Rechts⸗ ſpruch und der Gnade Gottes und ſeines Vaterlan⸗ des uͤberlaſſen.“ „Nun, der Himmel moͤge dir deine Heuchelei vergeben, Georg,“ ſagte der Koͤnig haſtig.„Ich wollte lieber den Teufel Religion predigen, als dich Patriotismus lehren hoͤren. Du weißt ſo gut, als ich, die Nation hat ein Scharlachfieber, aus Furcht vor den armen Katholiken, deren doch nicht zwei ge⸗ gen fuͤnfhundert ſind; und die Gemuͤther des Volks werden mit neuen Erzaͤhlungen von Verſchwoͤrung, und mit friſchen Schreckensſcenen jeden Tag ſo be⸗ aͤngſtigt, daß die Leute eben ſo wenig mehr wahres Gefuͤhl fuͤr Recht oder Unrecht haben, als Menſchen, — — 8 7 die im Schlafe von Sinn oder Unſinn ſprechen. Ich habe dadurch gelitten, und viel gelitten,— ich habe Blut auf dem Schaffott fließen geſehen, in Furcht, die Nation in ihrer Wut aufzuhalten— und ich bete zu Gott, daß ich oder die Meinigen nicht dafuͤr zur Rechenſchaft gefordert werden. Ich will nicht laͤnger mit dem Strome ſchwimmen, welchen Ehre und Gewiſſen zu hemmen mich auffordern— ich will die Rolle eines Souveraͤns ſpielen, und mein Volk, ihm ſelber zum Trotz, abhalten, Unrecht zu thun.“ Karl ging haſtig im Zimmer auf und ab, als er dieſe ungewohnten Geſinnungen mit eben ſo unge⸗ wohntem Nachdrucke aͤußerte. Nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe antwortete ihm der Herzog ernſt⸗ haft:„Geſprochen gleich einem koͤniglichen Koͤnig, Sire; allein— verzeihen Sie mir— nicht gleich einem Koͤnige von England.“ Karl blieb, als der Herzog ſprach, neben einem Fenſter ſtehen, das die volle Ausſicht auf Whitehall hatte, und ſein Auge ward unwillkuͤrlich von dem verhaͤngnißvollen Fenſter des Gaſthauſes angezogen, aus welchem ſe ein ungluͤcklicher Vater zur Hinrichtung gefuͤhrt worden war. Karl war von Ratur, oder vielmehr verfaſſungsmaͤßig, tapfer; aber ein Leben zum Vergnuͤgen, nebſt der Gewohnheit, ſein Ver⸗ halten mehr nach dem Vortheilhaften, als nach dem J 5 202 Rechten einzurichten, machte ihn ungeſchickt, denſel⸗ ben Auftritt von Gefahr oder Maͤrtyrerthum zu wa⸗ gen, welcher ſeines Vaters Leben und Regierung ge⸗ ſchloſſen hatte; und dieſer Gedanke kam uͤber ſeine halbgebildete Entſchließung, wie der Regen auf einen angezuͤndeten Leuchtthurm. Bei einem andern Mann wuͤrde ſeine Verlegenheit faſt drollig geſchienen haben; aber Karl konnte, ſelbſt unter dieſen Umſtaͤnden, die Wuͤrde und Anmuth nicht verlieren, welche ihm eben ſo natuͤrlich waren, als ſeine Gleichguͤltigkeit und ſeine gute Laune.„Unſer Geheimer Rath muß in dieſer Sache entſcheiden,“ ſagte er, den Herzog anſe⸗ hend;„und ſein Sie verſichert, junger Mann,“ fuhr er gegen Julian fort,„Ihr Vater ſoll an ſeinem Koͤnige keinen Fuͤrſprecher vermiſſen, ſo weit die Geſetze meine Vermittlung zu ſeinem Beſten geſtatten werden.“ Julian war im Bexgriff ſich zuruͤckzuziehen, als Fenella, mit einem bedeutenden Blick, ihm einen Streif Papier in die Hand legte, auf den ſie haſtig geſchrieben hatte:„das Paket— gib ihm das Paket.“ Nach einem augenblicklichen Zaudern, waͤhrend deſſen er bedachte, daß Fenella das Werkzeug zur Vollziehung der Wuͤnſche der Graͤfin waͤre, entſchloß ſich Julian zu gehorchen.„Erlauben mir nun Ihre Majeſtaͤt,“ ſprach er,„in Ihre koͤniglichen Haͤnde dieß Paket zu legen, das mir von der Graͤfin Der⸗ 7 203 by anvertraut worden iſt. Die Briefe ſind mir ſchon einmal entwendet worden, und ich habe wenig Hoffnung, ſie jetzt ſo zu uͤberliefern, wie ſie adreſſirt ſind. Ich lege ſie daher in Ihre koͤniglichen Haͤnde, gewiß, daß ſie die Unſchuld der Verfaſſerin bewei⸗ ſen werden.“ Der Koͤnig ſchuͤttelte den Kopf, als er das Pa⸗ ket mit Widerſtreben annahm.„Sie haben ſich kei⸗ nem ſichern Geſchaͤft unterzogen, junger Mann. Einem Boten iſt bisweilen die Kehle abgeſchnitten worden, wegen des Gegenſtandes ſeiner Depeſchen. — Aber geben Sie ſie mir; und Chiffinch, gib mir Siegellack und eine Kerze.“ Er beſchaͤftigte ſich nun damit, dem Paket der Graͤfin einen andern Umſchlag zu geben. „Buckingham,“ ſagte er,„Sie ſind Zeuge, daß ich ſie nicht leſe, bis das Conſeil ſie ſehen wird.“ Buckingham naͤherte ſich, und bot ſeine Dienſte an, das Paket zuſammen zu legen; aber Karl lehnte ſeinen Beiſtand ab; und nachdem er das Geſchaͤft beendigt hatte, ſiegelte er das Paket mit ſeinem eig⸗ nen Handſiegel. Der Herzog biß ſich in die Lippe, und zog ſich zuruͤck. „und nun, junger Mann,“ ſagte der Koͤnig, „Ihre Botſchaft iſt beſorgt, ſo weit ſie fuͤr jetzt be⸗ ſoͤrdert werden kann.“ 204— Julian verbeugte ſich tief, um bei dieſen Worten, die er mit Recht als ein Zeichen zu ſeiner Entfernung auslegte, Abſchied zu nehmen. Alexie Bridgenorth hing noch an ſeinem Arme, und machte Bewegung, zugleich mit ihm fortzugehen. Der Koͤnig und Buckingham ſahen einander betroffen und erſtaunt an, und doch nicht ohne eine Neigung, zu laͤcheln; ſo ſonderbar ſchien es ihnen, daß eine Beute, um die ſie einen Augenblick zuvor geſtritten hatten, ihnen ſo aus den Haͤnden ſchluͤpfen, oder vielmehr von einem dritten und ſehr untergeordneten Bewerber entfuͤhrt werden ſollte. „Miſtreß Chiffinch,“ ſagte der Koͤnig mit einem Stottern, das er nicht verbergen konnte,„ich hoffe, Ihr ſchoͤner Pflegling iſt nicht im Begriff, Sie zu verlaſſen?“ „Gewiß nicht, Ihre Majeſtaͤt,“ antwortete die Chiffinch.„Alexie, meine Liebe— Sie irren ſich— die Thuͤre gegenuͤber fuͤhrt zu Ihren Zimmern.“ „Verzeihen Sie mir, Madam,“ antwortete Alexie;„ich habe mich allerdings auf meinem Wege verirrt; es war aber, als ich hieher kam.“ „Das irrende Maͤdchen,“ ſagte Buckingham, ſo bedeutſam den Koͤnig anſehend, als die Etikette ihm durch Winke zu zeigen erlaubte, und dann ſich zu Alexien wendend, als ſie ſich noch an Julian's Arm hielt,—„iſt entſchloſſen, ihren Weg nicht zum zwei⸗ — 205 ten Mal zu verfehlen. Sie hat einen hinreichenden Fuͤhrer erwaͤhlt.“ „Und doch melden Geſchichten, daß ſolche Fuͤhrer Maͤdchen irre gefuͤhrt haben,“ ſagte der Koͤnig. Alexie erroͤthete tief, gewann aber im Augenblick ihre Faſſung wieder, als ſie ſah, daß ihr wahrſchein⸗ lich die Freiheit, ihren Entſchluß unmittelbar auszu⸗ fuͤhren, gelaſſen werden wuͤrde. Sie verließ aus be⸗ leidigtem Zartgefuͤhl den Arm Julians, an dem ſie bisher gehangen hatte; aber als ſie ſprach, fuhr ſie fort, ſich leicht an ſeinem Mantel zu halten.„Ich habe in der That meinen Weg verfehlt,“ wiederholte ſie, indem ſie ſich noch an Madame Chiffinch wandte;„aber es geſchah, als ich uͤber dieſe Schwelle ſchritt. Die Behandlung, der ich in Ihrem Hauſe ausgeſetzt worden bin, hat mich beſtimmt, es augenblicklich zu verlaſſen.“ „Ich werde das nicht zugeben, meine junge De⸗ moiſell,“ antwortete die Chiffinch,„bis Ihr Onkel, der Sie unter meine Aufſicht gegeben hat, mich der Sorge fuͤr Sie entbinden wird.“ „Ich will mein Verhalten, ſowohl bei meinem Onkel, als auch, was noch mehr bedeutet, dei mei⸗ nem Vater verantworten,“ ſagte Alexie.„Sie muͤſſen mir erlauben, fort zu gehen, Madam; ich bin frei geboren, und Sie haben kein Recht, mich zuruͤck zu halten.“ 2⁰06— „Verzeihen Sie mir, junges Frauenzimmer,“ ſagte Mad. Chiffinch,„ich habe ein Recht, und ich will es auch behaupten.“ „Ich will das erfahren, ehe ich dieſe goße Per⸗ ſon verlaſſe,“ ſagte Alexie mit Feſtigkeit; und einen oder zwei Schritte vortretend, fiel ſie auf das Knie vor dem Koͤnige nieder, und ſprach:„Ihre Majeſtaͤt iſt, wenn ich wirklich vor dem Koͤnig Karl kniee, der Vater Ihrer Unterthanen.“ „Von einem guten Theil derſelben,“ ſagte der Herzog von Buckingham heimlich. „Ich bitte um Ihren Schutz, im Namen Gottes und des Eides, den Ihre Majeſtaͤt ſchworen, als Sie die Krone dieſes Koͤnigreichs auf Ihr Haupt ſetzten.“ „Sie haben meinen Schutz,“ ſagte der Koͤnig, ein wenig betroffen durch eine ſo unerwartete und ſo feierliche Berufung.„Bleiben Sie nur ruhig bei dieſer Dame, welcher Sie Ihre Aeltern uͤbergeben haben; weder Buckingham, noch ſonſt Jemand, ſoll ſich Ihnen aufdraͤngen.“ „Seine Majeſtaͤt,“ ſetzte Buckingham in demſel⸗ ben Tone, und beſeelt von dem unruhigen und Unheil ſtiftenden Geiſte des Widerſpruchs hinzu, den er nie zuruͤckhalten konnte, ſelbſt wenn deſſen Befriedigung nicht nur der Schicklichkeit, ſondern auch ſeinem eig⸗ 2⁰7 nen Intereſſe zuwider war,—„Seine Majeſtaͤt, holdes Maͤdchen, wird Sie vor aller Zudringlichkeit beſchuͤtzen, außer vor der, die nicht ſo genannt wer⸗ den darf.“ Alexie warf einen ſcharfen Blick auf den Herzog, als wollte ſie ſeine Meinung erforſchen, und einen andern auf Karl, um zu erfahren, ob ſie recht ge⸗ muthmaßt haͤtte. Da war ein ſchuldiges Bekennt⸗ niß auf des Koͤnigs Stirne, welches Alexie beſtimmte, zu ſcheiden. „Ihre Majeſtaͤt werden mir vergeben,“ ſprach ſie;„hier iſt es nicht, wo ich den Vortheil Ihres koͤ⸗ niglichen Schutzes genießen kann. Ich bin ent⸗ ſchloſſen, dieß Haus zu verlaſſen. Wenn ich zuruͤck⸗ gehalten werde, ſo muß es durch Gewalt geſchehen, die mir, wie ich vertraue, Niemand in Ihrer Maje⸗ ſtaͤt Gegenwart anzuthun wagen wird. Dieſer junge Mann, den ich lange gekannt habe, wird mich zu meinen Freunden bringen.“ „Wir machen nur eine ſchlechte Figur bei dieſem Auftritt, duͤnkt mich,“ ſagte der Koͤnig heimlich zum Herzog von Buckingham;„aber ſie muß gehen,— ich will weder, noch wage ich, ſie von der Ruͤckkehr zu ihrem Vater zuruͤck zu halten.“ „Und wenn ſie es thut,“ ſchwor der Herzog ins⸗ geheim,„ſo wollte ich, wie Sir Andreas ſagt, ich 2⁰8— moͤchte nie die Hand eines ſchoͤnen Maͤdchens beruͤh⸗ ren.“ Und zuruͤcktretend, ſprach er ein paar Worte mit dem Muſikus Empſon, welcher auf einige Augen⸗ blicke das Zimmer verließ, und ſogleich zuruͤckkam. Der Koͤnig ſchien unentſchloſſen, was er fuͤr eine Rolle unter ſo eigenen Umſtaͤnden ſpielen ſollte. In einer Liebesintrigue uͤbermeiſtert zu werden, hieß ſich dem Geſpoͤtt ſeines luſtigen Hofes ausſetzen; auf denſelben durch Mittel, die ſich dem Zwange naͤher⸗ ten, zu beſtehen, wuͤrde tyranniſch geweſen ſein; und was er vielleicht als einen eben ſo ſtrengen Tadel an⸗ ſehen mochte, es wuͤrde einem braven Mann nicht geziemt haben. „Auf meine Ehre, junge Dame,“ ſagte er mit einem Nachdrucke,„Sie haben nichts zu fuͤrchten in dieſem Hauſe. Aber es iſt nicht paſſend, um Ihrer ſelbſt willen, wenn Sie es auf dieſe ploͤtzliche Art verlaſſen wollen. Wenn Sie die Guͤte haben wollen, nur eine Viertelſtunde zu warten, ſo wird die Kutſche der Mad. Chiffinch zu Ihrem Befehl ſein, Sie da⸗ hin zu bringen, wohin Sie wollen. Erſparen Sie ſich ſelber das Geſpoͤtt, und mir den Schmerz, Sie das Haus eines meiner Diener ſo verlaſſen zu ſe⸗ hen, als wenn Sie aus einem Gefaͤngniß entwichen waͤren.“ Der Koͤnig ſprach in gutmuͤthiger Aufrichtigkeit, — 20⁰9 und Alexie war fuͤr einen Augenblick bereit, ſeinem Rath Gehoͤr zu geben; als ſie ſich aber beſann, daß ſie ihren Vater und ihren Oheim, oder wenn ſie die⸗ ſelben nicht faͤnde, einen paſſenden Ort zum ſichern Aufenthalt aufſuchen muͤßte, ſiel es ihr ploͤtzlich ein, daß die Bedienten der Mad. Chiffinch wahrſcheinlich keine ſichern Fuͤhrer oder Gehuͤlfen in einem ſolchen Vorhaben abgeben duͤrften. Feſt und ehrerbietig kuͤndigte ſie daher ihre Abſicht an, ſogleich fortzuge⸗ hen. Sie beduͤrfte keiner andern Bedeckung, ſagte ſie, als der, welche dieſer Herr, Julian Peveril, ein guter Bekannter ihres Vaters, ihr gern gewaͤhren wuͤrde; auch habe ſie dieſe nicht weiter noͤthig, als bis ſie ihres Vaters Aufenthalt wuͤrde erreicht haben. „So leben Sie denn wohl, junge Dame, und gehen Sie in Gottes Namen,“ ſagte der Koͤnig;„es thut mir leid, daß ſo viel Schoͤnheit mit ſo viel bit⸗ terem Argwohn verbunden ſein mußte.— Was Sie betrifft, Herr Peveril, ſo ſollt' ich meinen, Sie haͤt⸗ ren genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu thun, ohne ſich in die Grillen des ſchoͤnen Geſchlechts zu miſchen. Die Pflicht, alle verirrte Maͤdchen auf den rechten Weg zu bringen, iſt, ſo wie die Sachen in dieſer guten Stadt gehen, faſt ein zu wichtiges Unternehmen fuͤr Ihre Jugend und Unerfahr enheit.“ 2 Julian, voll Verlangen, Alexie ſicher von einem Orte hinyeg zu bringen, deſſen Gefahren er voͤllig zu ermeſſen anfing, antwortete nichts auf dieſen Aus⸗ fall, ſondern fuͤhrte ſie, nach einer ehrerbietigen Ver⸗ beugung, aus dem Zimmer. Ihr ploͤtzliches Erſchei⸗ nen und die darauf folgende lebhafte Scene hatten, fuͤr den Augenblick, gaͤnzlich die Erinnerung an ihren Vater und an die Graͤfin von Derby verſchlungen; und waͤhrend die ſtumme Dienerin der letzteren als eine ſchweigende und gleichſam erſtaunte Zuſchauerin alles Vorgefallenen im Zimmer zuruͤckblieb, hatte Pe⸗ veril, in der vorherrſchenden Theilnahme an Alexiens zweifelhafter Lage, ihre Anweſenheit gaͤnzlich ver⸗ geſſen. Aber kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ohne ſie zu bemerken, oder zu erwarten, als Fenella, wie aus tiefem Sinnen auffahrend, ſich aufrichtete, und wild um ſich her blickte, wie Jemand, der aus einem Traum erwacht, als wollte ſie ſich uͤberzeugen, daß ihr Begleiter fort waͤre, und fort, ohne ihr die geringſte Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Sie faltete die Haͤnde zuſammen, und warf die Blicke aufwaͤrts mit einem Ausdruck von ſolchem Seelenkampf, wel⸗ cher Karlen(wie es ihm ſchien) die peinlichen Ge⸗ danken in ihrer Seele erkennen ließ. „Dieſer Peveril iſt ein vollkommenes Muſter gluͤcklicher Treuloſigkeit,“ ſagte der Koͤnig;„es iſt ihm nicht blos gelungen, auf den erſten Anblick dieſe Koͤnigin der Amazonen zu entfuͤhren, ſondern er hat uns auch, glaub' ich, eine troſtloſe Ariadne an ihrer Stelle zuruͤck gelaſſen.— Aber weine nicht, Prin⸗ zeſſin ſchoͤner Taͤnze,“ ſagte er zu Fenella;„wenn wir Bacchus nicht herbei rufen koͤnnen, dich zu tro⸗ ſten, ſo wollen wir dich der Sorge Empſons uͤberge⸗ ben, der es mit dem Liber Pater wenigſtens im Trinken aufnimmt.“ Als der Koͤnig dieſe Worte ſprach, fuhr Fenella wit der gewohnten Schnelligkeit ihrer Schritte bei ihm vorbei, und eilte mit viel weniger Hoͤflichkeit, als der Gegenwart des Koͤnigs gebuͤhrte, die Treppe hinab und aus dem Hauſe, ohne irgend eine Mit⸗ theilung gegen den Monarchen verſucht zu haben. Er ſah ihre ploͤtzliche Entfernung mit mehr Ueberra⸗ ſchung, als Mißvergnuͤgen, und gleich darauf in ein Gelaͤchter ausbrechend, ſagte er zum Herzog:„Wahr⸗ haftig, Georg, dieſe junge Dirne koͤnnte den Beſten von uns lehren, wie man Maͤdchen behandeln muß. Ich habe meine eigne Erfahrung gehabt, aber ich konnte es nie dahin bringen, ſie mit ſo wenig Um⸗ ſtaͤnden zu gewinnen oder zu verlieren.“ „Erfahrung, Sire,“ erwiederte der Herzog, kann nie ohne Jahre erlangt werden.“ „Wahr, Georg; und Sie wollten, glaub' ich, zu verſtehen geben,“ ſagte Karl,„daß der Liebhaber, der ſie erwirbt, eben ſo viel an Jugend verliert, als er an Kunſt gewinnt? Ich biete Ihrer Behauptung Trotz, Georg. Sie koͤnnen nicht Ihren Herrn uͤber⸗ treffen, ſo alt als Sie ihn denken moͤgen, weder in der Liebe, noch in der Politik. Sie haben nicht das Geheimniß plumer la poule sans la faire crier(das Huhn zu rupfen, ohne daß es ſchreit), wie dieß Mor⸗ genſtuͤck belbeiſt. Sie ſollen in allen Spielen den Kuͤrzern ziehen— ja, und auch im Mailſpiel, wenn du meine Herausforderung anzunehmen wagſt.— Chiffinch, warum verdirbſt du dir dein huͤbſches Ge⸗ ſicht mit Schluchzen und mit Auspreſſen von Thraͤ⸗ nen, die ziemlich ungern zum Vorſchein kommen zu wollen ſcheinen?“ „Es iſt aus Furcht,“ winſelte die Chiffinch,„daß Ihre Majeſtaͤt denken moͤchten— daß Sie erwarten ſollten—“ 1 „Daß ich Dankbarkeit von einem Hoͤfling oder Treue erwarten ſollte?“ antwortete der Koͤnig, in⸗ dem er ihr zugleich unter das Kinn griff, damit ſie ihr Geſicht erhoͤbe—„Pah, Taͤubchen, ich bin nicht ſo wunderlich.“ „So iſt es nun,“ ſagte die Chiffinch, indem ſie um ſo mehr zu ſchluchzen fortfuhr, je unfaͤhiger ſie ſich fuͤhlte, Thraͤnen hervorzuhringen;„ich ſehe, — 213 Ihre Majeſtaͤt iſt entſchloſſen, mir die ganze Schuld zu geben, da ich doch ſo unſchuldig bin, wie ein un⸗ gebornes Kind— Seine Durchlaucht ſoll mich richten.“ „Kein Zweifel, kein Zweifel, Chiffinch,“ ſagte der Koͤnig. Seine Durchlaucht und Ihr werdet herrliche Richter ſein in euern gegenſeitigen Angele⸗ genheiten, und eben ſo gute Zeugen zu euerm gegen⸗ ſeitigen Vortheil. Aber um die Sache unparteiiſch zu unterſuchen, muͤſſen wir unſern Zeugen fuͤr ſich verhoͤren. Mein Herzog, wir treffen uns bei dem Mail zu Mittage, wenn Ihre Durchlaucht meine Herausforderung annehmen will.“ Der Herzog von Buckingham verbeugte ſich, und ging fort. Neuntes Capitel. Julian Peveril hatte, Alexie Bridgenorth halb fuͤh⸗ rend, halb unterſtuͤtzend, die Mitte der St. Jakobs⸗ ſtraße erreicht, eh' er bedachte, wohin ſie ihre Rich⸗ tung nehmen ſollten. Er fragte daher Alexie, wohin er ſie fuͤhren ſollte, und erfuhr, mer Erſtaunen und Beſtuͤrzung, daß ſie, weit enernt, zu wiſſen, wo ihr Vater zu finden waͤre, nicht einmal gewiſſe Kennt⸗ niß hatte, daß er ſich in London befaͤnde; und blos hoffte, daß er daſelbſt angekommen ſein wuͤrde, nach dem, was er beim Abſchiede geaͤußert hatte. Sie erwaͤhnte ihres Oheims, Chriſtians, Adreſſe, aber mit Zweifeln und Bedenklichkeiten, die aus den Verhaͤlt⸗ niſſen des Hauſes entſtanden, in dem er ſie eben un⸗ tergebracht hatte; und ihr Widerwille, ſich wieder unter ſeinen Schutz zu begeben, wurde von ihrem jungen Fuͤhrer ſtark beſtaͤtigt, als wenige Worte ihn in der Ueberzeugung bekraͤftigt hatten, daß Chriſtian und Ganleſſe eine und dieſelbe Perſon waren. Was war alſo zu thun? „Alexie,“ ſagte Julian nach kurzer Ueberlegung, „Sie muͤſſen Ihre fruͤheſte und beſte Freundin— naͤmlich meine Mutter, aufſuchen. Sie hat jetzt kein Schloß, in welchem ſie Sie aufnehmen koͤnnte ſſie hat nur eine elende Wohnung, ſo nahe dem Gefaͤngniß, in welchem mein Vater verhaftet iſt⸗ daß ſie faſt eine Zelle deſſelben Gefaͤngniſſes zu ſein ſcheint. Ich habe ſie nicht geſehen, ſeit ich hieher gekommen bin; aber ſo viel hab' ich durch Erkundi⸗ gung erfahren. Wir wollen nun nach ihrem Quar⸗ tier gehen; wie es auch ſein mag, ich weiß, ſie wird es mit einem ſo unſchuldigen und ſchutzloſen Maͤd⸗ chen, wie Sie ſind, theilen.“ 3 — 215 „Guͤtiger Himmel!“ ſagte das arme Maͤdchen, „bin ich denn ſo ganz verlaſſen, daß ich mich in die Arme derjenigen werfen muß, die in der ganzen Welt am meiſten Urſache hat, mich von ſich zu ſtoßen?— Julian, koͤnnen Sie mir dieß rathen?— Iſt ſonſt Niemand, der mir auf einige Stunden Zu⸗ flucht gewaͤhren wollte, bis ich Nachricht von mei⸗ nem Vater bekommen kann?— Gibt es keine an⸗ dere Beſchuͤtzerin, als die, deren Untergang, wie ich fuͤrchte, beſchleunigt worden iſt durch—. Julian, ich wage nicht, vor Ihrer Mutter zu erſcheinen! Sie muß mich um meiner Familie willen haſſen, und wegen meiner Niedrigkeit verachtes Zum zweiten Nal mich unter ihren Schutz zu begeben, nachdem ihr erſter ſo ſchlecht vergolten worden iſt— Julian, ich wage nicht, mit Ihnen zu gehen.“ „Sie hat nie aufgehoͤrt, Sie zu lieben, Alexie,“ ſagte ihr Fuͤhrer, deſſen Schritten ſie zu folgen fort⸗ fuhr, ſelbſt als ſie ihren Entſchluß erklaͤrte, nicht mit ihm zu gehen;„ſie fuͤhlte nie etwas anders, als Wohlwollen gegen Sie, ja gegen ihren Vater; denn obgleich ſein Verfahren mit uns hart geweſen iſt, ſo kann ſie doch Vieles darauf rechnen, daß er ſehr ge⸗ reizt worden iſt. Glauben Sia mir, bei ihr werden Sie ſo ſicher ſein, wie bei einer Mutter— koͤnnen vielleicht das Mittel zur Ausgleichung der Zwiſtig⸗ 216— keiten abgeben, durch die wir ſo viel gelitten haben.“ „Gebe es Gott!“ ſagte Alexie.„Doch wie ſoll ich Ihrer Mutter ins Geſicht ſehen? Und wird ſie vermoͤgend ſein, mich gegen dieſe maͤchtigen Maͤnner zu ſchuͤtzen?— gegen meinen Onkel Chriſtian? Ach, daß ich ihn meinen aͤrgſten Feind nennen muß!“ „Sie hat die Ueberlegenheit, welche Rechtſchaf⸗ fenheit uͤber Niedertraͤchtigkeit, und Tugend uͤber Laſter hat,“ ſagte Julian;„und ſie wird Sie keiner menſchlichen Macht, ohne Ihres Vaters Willen, uͤbergeben, wern Sie ſie zu Ihrer Beſchuͤtzerin er⸗ waͤhlen wollen. So kommen Sie alſo mit mir, Alexie, und—“ 1 Julian wurde von Jemand unterbrochen, der, ihn ohne Umſtaͤnde bei ſeinem Mantel faſſend, dieſen mie ſolcher Gewalt zerrte, daß er ſich genoͤthigt ſah, ſtill zu halten, und die Hand an ſein Schwert zu le⸗ gen. Er wandte ſich zugleich um, und als er ſich umkehrte, erblickte er Fenella. Die Wange der Stummen gluͤhte, wie Feuer; ihre Augen funkelten, und ihre Lippen waren gewaltſam zuſammen gezogen, als wenn ſie mit Muͤhe jenes wilde Geſchrei zuruͤck⸗ hielte, das gewoͤhnlich den Kampf ihrer Affekte be⸗ gleitete, und auf der offenen Straße ausgeſtoßen, — 217 ſogleich einen Volkshaufen herbeigezogen haben wuͤrde. Bei dem Allen war ihr Ausſehen ſo ſon⸗ derbar, und ihre Gemuͤthsbewegung ſo auffallend, daß die Leute ſtehen blieben, als ſie heran kamen, und als ſie weiter gegangen waren, ſich noch umſa⸗ hen, die ſeltſame Lebhaftigkeit ihrer Gebaͤhrden zu betrachten, waͤhrend ſie, mit einer Hand Peveril's Mantel haltend, mit der andern die heftigſten und gebieteriſcheſten Zeichen machte, daß er Alexie Brid⸗ genorth verlaſſen, und ihr folgen ſollte. Sie be⸗ ruͤhrte die Feder an ihrem Hut, um ihn an den Gra⸗ fen zu erinnern— zeigte auf ihr Herz, die Graͤfin anzudeuten— erhob ihre geſchloſſene Hand, gleich⸗ ſam um ihm im Namen Beider zu befehlen— und faltete im naͤchſten Augenblick beide Haͤnde, als wolite ſie ihn in ihrem eigenen Namen anflehen; indeß ſie, mit einem Ausdruck von Zorn und perach⸗ tendem Spott auf Alexien zeigend, ihre Hand zu wiederholten Malen und unwillig hin und her be⸗ wegte, um zu erklaͤren, daß Peveril, ſie als etwas ſeines Schutzes Unwuͤrdiges, von ſich ſtoßen ſollte.“ Erſchrocken, ſie wußte nicht, warum, uͤber dieſe wilden Gebaͤhrdungen, haͤngte ſich Alexie dichter an Julians Arm, als ſie vorher zu thun gewagt hatte; und dieß Zeichen von Vertrauen in ſeinem Schutz ſchien Fenella's Leidenſchaftlichkeit zu vermehren. III. K 218 Julian war in furchtbarer Verlegenheit; ſeine Lage war unſicher genug, ſelbſt ehe Fenella's unbe⸗ zwingbare Leidenſchaften den einzigen Plan, den er anzugeben faͤhig war, zu vernichten drohten. Was ſie von ihm verlangte— wiefern das Schickſal des Grafen und der Graͤfin davon abhangen koͤnnte, daß er ihr folgte, davon war ihm nicht einmal eine Muth⸗ maßung moͤglich; aber wie gebieteriſch die Forderung immer ſein mochte, er beſchloß, ſie nicht zu erfuͤllen, bis er Alexien in Sicherheit gebracht haͤtte. Unter; deſſen ſetzte er ſich vor, Fenella nicht aus dem Ge⸗ ſichte zu verlieren; indem er ihr wiederholtes, unwil⸗ liges und ungeſtuͤmes Ausſchlagen der Hand, die er ihr darreichte, nicht achtete, ſchien er endlich in ſo weit ſie beſaͤnftigt zu haben, daß ſie ſeinen rechten Arm ergriff, und, wie in Verzweiflung, daß er ihrem Wege nicht folgen wuͤrde, zufrieden ſchien, ihn auf den zu begleiten, den er ſelbſt waͤhlen moͤchte. So mit einem jungen Frauenzimmer an jedem Erme, jedem hinlaͤnglich geeignet, wiewohl aus ſehr verſchiedenen Gruͤnden, die Augen des Volks auf ſich zu ziehen, beſchloß Julian, den kuͤrzeſten Weg an der Waſ⸗ ſerſeite zu machen, und dort ein Boot nach Blackfriars zu nehmen, als dem naͤchſten Landungsplatz bei Fleetpriſon, wo er vermuthete, daß Lance ſeine An⸗ kunft zu London bereits dem Ritter Gottfried, wel⸗ cher damals dieſe traurige Gegend bewohnte, und ſeiner Gattin, welche, ſo weit es die Strenge des Kerkermeiſters erlaubte, ſeine Gefangenſchaft theilte und linderte, gemeldet haben wuͤrde. Julians Verlegenheit, als er bei Charing⸗Croß und Northumberland⸗Houſe vorbeikam, war ſo ſichtbar, daß ſie die Aufmerkſamkeit der Voruͤberge⸗ henden erregte; denn er mußte ſeine Schritte ſo einrichten, daß er den ungleichen und ſchnellen Gang Fenella's wegen des furchtſamen und ſchwachen Schrittes ſeiner Gefaͤhrtin am linken Arm maͤßigte; und waͤhrend es unnoͤthig geweſen ſein wuͤrde, ſich an die erſtere zu wenden, die ihn nicht verſtehen konnte, wagte er doch ſelbſt nicht, zu Alexien zu ſprechen, aus Furcht, die Eiferſucht oder wenig⸗ ſtens die Ungeduld Fenella's bis zur Wut aufzu⸗ regen. Viele Voruͤbergehende betrachteten ſie mit Ver⸗ wunderung, und Einige mit Laͤcheln; aber Julian bemerkte, 1; es beſonders zwei Perſonen waren, die ſie nie aus dem Geſichte verloren, und welchen ſeine Lage und das Benehmen ſeiner Begleiterinnen Stoff zu unverſtellter Beluſtigung darzubieten ſchie⸗ nen. Dieß waren junge Maͤnner, wie man noch heutiges Tages in denſelben Bezirken ſehen kann, den Unterſchied in der Art ihrer Tracht abgerechnet. K 2 Sie trugen große Peruͤcken, und viele hundert Ellen Band, das auf den Aermeln, den Beinkleidern und Weſten, nach den Uebertreibungen der herrſchenden Mode, in Schleifen gebunden war, flatterten um ſie her. Eine Menge Borten und Stickerei machte ihre Kleider mehr zierlich, als geſchmackvoll. Mit einem Worte, ſie waren in die Caxicatur der Mode gekleidet, welche bisweilen einen Gecken vom Range bezeichnet, der fuͤr einen Stutzer der erſten Klaſſe zu gelten Luſt hat; es iſt aber ſehr haͤufig die Ver⸗ kleidung derer, welche wegen ihrer Tracht fuͤr Leute vom Stande gehalten zu werden wuͤnſchen, indem ſie keinen andern Anſpruch auf Auszeichnung haben. Dieſe zwei Stutzer gingen mehr als einmal, Arm in Arm geſchlungen, bei Peveril voybei; ſchlender⸗ ten dann ſo einher, daß ſie ihn noͤthigten, wieder beĩ ihnen vorbei zu kommen, lachten und fuͤſterten zu einander waͤhrend dieſer Mandͤvers, gafften ſtier Peveril und ſeine weibliche Begleitung an, und er⸗ wieſen ihnen, als ſie mit einander in Beruͤhrung ka⸗ men, nicht die Gefaͤlligkeit, auszuweichen, welche die gewoͤhnlichen Regeln fuͤr die Bequemlichkeit auf dem Straßenpflaſter erfordern. Peveril bemerkte nicht ſogleich ihre Unart; als ſie aber zu auffallend ward, um ſeiner Wahrnehmung zu entgehen, fing ſich ſeine Galle zu regen an, und -— — 221 zur Vermehrung aller uͤbrigen Verlegenheiten ſeiner Situation, hatte er nun die lebhafte Begierde zu bekaͤmpfen, die er fuͤhlte, die zwei Laffen, die ihn ſo zu beleidigen ſuchten, weidlich durchzupruͤgeln. Nach⸗ ſicht und Duldung waren ihm freilich durch die Um⸗ ſtaͤnde ſtark geboten; aber auf die Laͤnge war es kaum moͤglich, ihre Forderungen ferner zu erfuͤllen. Als Julian ſich genoͤthigt ſah, zum dritten Mal mit ſeinen Gefaͤhrtinnen bei dieſem beſchwerlichen Paar Gecken voruͤber zu gehen, hielten ſie ſich dicht hinter ihm, und ſprachen ſo laut, daß man ſie hoͤren konnte, und in einem Tone vollkommener Gleich⸗ guͤltigkeit, ob man auf ſie hoͤrte oder nicht. „Das iſt ja ein ungeheures Gluͤck fuͤr den Bauer⸗ toͤlpel,“ ſagte der laͤngſte von Beiden(welcher in der That ein Menſch von betraͤchticcher Groͤße war), indem er auf den einfachen Anzug Peveris anſpielte, der kaum fuͤr die Londoner Straßen ſchicklich war. „Zwei ſolche ſchoͤne Maͤdchen, und unter dem Schutz eines Graurocks mit einem eichenen Reiſeſtock!“ „Nein, fuͤr einen Puritaner, und zwar ein uͤber⸗ großes,“ ſagte ſein Begleiter.„Man kann den Puritaner aus ſeinem Schritt und aus ſeiner Gedule⸗ erkennen.“ „Recht wie ein voller Humpen, Thomas,“ ſagte K 3 1 222— ſein Freund—„Iſſaſchar iſt ein Eſel, der ſich zwi⸗ ſchen zwei Laſten buͤckt.“. „Ich habe Luſt, den langoͤhrigen Lorenz von einer ſeiner Buͤrden zu befreien,“ ſagte der kleine Geſelle.„Die ſchwarzaͤugige Liebſte ſieht aus, als haͤtte ſie Luſt, von ihm weg zu laufen.“ „Ja,“ antwortete der Lange,„und die blauaͤu⸗ gige Zitternde ſieht aus, als wollte ſie zuruͤck fallen in meine liebenden Arme.“ Bei dieſen Worten verſtaͤrkte Alexie, noch feſter als zuvor ſich an Julians Arm haltend, ihre Schritte faſt bis zum Laufen, um Menſchen zu entkommen, die eine ſo beunruhigende Sprache fuͤhrten; und Fe⸗ nella eilte auf gleiche Art vorwaͤrts, da ſie vielleicht aus den Gebaͤhrden und aus dem Benehmen dieſer Menſchen dieſelhe Beſorgniß, wie Alexie aus ihren Reden, geſchoͤpft hatte. Voll Furcht eines Streites auf den Straßen, der ihn nothwendig von dieſen unbeſchuͤtzten Frauenzim⸗ mern trennen mußte, ſuchte Peveril zwiſchen der zu ihrem Schutz nothwendigen Klugheit und ſeiner eig⸗ nen aufgereizten Empfindlichkeit eine Ausgleichung; und als dieß beſchwerliche Paar noch einmal bei ih⸗ nen nahe an der Hungerford⸗Treppe vorbei zu ge⸗ hen ſuchte, ſagte er zu ihnen mit erzwungener Ge⸗ laſſenheit: — 223 „Meine Herren, ich bin Ihnen Etwas ſchuldig fuͤr die Aufmerkſamkeit, die Sie den Angelegenhei⸗ ten eines Fremden bewieſen haben. Wenn Sie ei⸗ nigen Anſpruch auf den Namen haben, den ich Ih⸗ nen gegeben habe, ſo werden Sie mir ſagen, wo Sie zu finden ſind.“ „und aus welcher Abſicht,“ ſagte der groͤßere von ihnen hoͤhniſch,„verlangt Ihre hoͤchſt baͤueriſche Gravitaͤt oder Ihre hoͤchſt gravitaͤtiſche Bauerhaftig⸗ keit von uns eine ſolche Nachricht?“ Bei dieſen Worten wandten ſich beide auf ſolche Art um, daß ſie es Julian unmoͤglich machten, ir⸗ gend weiter zu gehen. „Nur die Treppe hinauf, Alexie,“ ſagte ern nich will den Augenblick wieder bei dir ſein.* Dann be⸗ freiete er ſich mit Schwierigkeit aus den Armen ſei⸗ ner Begleiterinnen, ſchlug ſeinen Mantel haſtig um ſeinen linken Arm, und ſagte ernſt zu ſeinen Geg⸗ nern:„Wollen Sie mir Ihre Namen angeben, meine Herren; oder wollen Sie ſo gefaͤllig ſein, Platz zu machen?“ „Nicht eher, als bis wir wiſſen, fuͤr wen wir Paatz machen ſollen,“ ſagte Einer von ihnen. „Fuͤr Einen, der Ihnen ſonſt lehren will, was Ihnen fehlt— gute Lebensart,“ ſagte Peveril, K 4 224 und ruͤckte vor, als wollte er zwiſchen ihnen durch⸗ dringen. Sie trennten ſich nun von einander, aber Einer von ihnen ſtreckte ſeinen Fuß vor Peveril, als wollte er ihm ein Bein unterſchlagen. Das Blut ſeiner Adern kochte ſchon in ihm, er ſchlug den Mann mit dem eichenen Stabe, uͤber den er eben geſpottet hatte, ins Geſicht, warf ihn dann weg, und zog ſo⸗ gleich ſein Schwert. Aber die andern zogen auch, und ſtießen zugleich; allein er fing die Spitze des einen Rapiers in ſeinem Mantel auf, und parirte dem andern mit ſeinem eigenen Degen aus. Julian mochte bei dem zweiten Handgemenge weniger gluͤck⸗ lich geweſen ſein; aber ein Geſchrei erhob ſich unter den Faͤhrleuten:„Schande, Schande! Zwei gegen Einen?“ „Das ſind Leute vom Herzog von Buckingham,“ ſagte der eine Kerl—„denen bleibt man ſichrer vom Halſe.“ 5 1L „Sie moͤgen des Teufels Leute ſein, wenn ſie wollen,“ ſagte ein alter Triton, ſein Ruder ſchwen⸗ kend;„aber ich ſage, ehrliches Spiel, und alt England fuͤr immer; und ich ſage, ſchlagt die Laffen mit ihren goldenen Treſſen nieder, wenn ſie nicht nach der Reihe, wie ehrliche Kerle, mit dem Grau⸗ —— —— — 225 rock fechten wollen. Einer nieder— uun mag der Andere kommen.“ Die niederen Staͤnde des Volks in London haben ſich zu allen Zeiten durch ihre Luſt am Fauſtrecht und an der Billigkeit und Unparteilichkeit, womit ſie es ausgeuͤbt ſehen, ausgezeichnet. Die edle Ver⸗ theidigungskunſt war damals ſo allgemein bekannt, daß ein Gefecht auf ein einzelnes Napier zu jenen Zeiten eben ſo viel Theilnahme und eben ſo wenig Verwunderung erregte, als ein Fauſtkampf in un⸗ ſern Tagen. Die in ſolchen Schlaͤgereien erfahrnen Zuſchauer bildeten ſogleich einen Kreis, innerhalb deſſen Peveril und der groͤßere und vorſchnellere ſei⸗ ner Gegner bald in einen harten Zweikampf mit ih⸗ ren Degen verwickelt waren, waͤhrend der Andere, von den Zuſchauern in Schranken gehalten, ſich ein⸗ zumiſchen verhindert blieb. „Recht ſo, der lange Kerl!—„Gut geſtoßen, Langfuß!— Huſſa auf zwei Ellen und ein Viertel!“ waren die Worte, womit der Kampf zuerſt aufge⸗ muntert wurde; denn Peverils Gegner zeigte nicht nur große Behendigkeit und Geſchicklichkeit im Fech⸗ ten, ſondern hatte auch einen entſchiedenen Vortheil aus der Unruhe, mit der Julian ſich nach Alexie Bridgenorth umſah, da ſeine Sorge füͤr ihre Sicher⸗ heit ihn beim erſten Ausfall von demjenigen ab⸗ K 5 226— lenkte, den er zur Vertheidigung ſeines eignen Lebens ausſchließend haͤtte machen ſollen. Eine leichte Fleiſchwunde in der Seite beſtrafte und warnte zu⸗ gleich ſeine Unachtſamkeit, und er richtete eben ſeine ganzen Gedanken auf das Geſchaͤft, das ihm oblag, und brannte vor Zorn uͤber den frechen Ruheſtoͤrer, als der Kampf ploͤtzlich eine andere Geſtalt anzuneh⸗ men begann, unter dem Zuruf:„Recht ſo, Grau⸗ rock!“„Probire das Metall ſeiner Goldweſte!“ —„Brav geſtoßen!“—„Herrlich ausparirt!“ „Da kommt ein anderes Loch in ſein geſticktes Wamms!“—„Schoͤn geſtochen, bei G—t!“ Wirklich geſchah der letzte Ausruf unter einem allge⸗ meinen Beifallsgeſchrei uͤber einen gluͤcklichen und entſcheidenden Ausfall, mit welchem Peveril ſeinen gigantiſchen Gegner durch den Leib rannte. Er ſah einen Augenblick auf ſeinen hingeſtreckten Feind, er⸗ holte ſich dann bald, und rief laut, um ſich zu erkun⸗ digen, wie es um das Frauenzimmer ſtaͤnde. „Fragen Sie nicht nach dem Maͤdchen, wenn Sie klug ſind,“ ſagte einer von den Faͤhrleuten;„der Polizeidiener wird im Augenblick hier ſein. Ich will Ihre Gnaden im Augenblick uͤber das Waſſer brin⸗ gen. Es koͤnnte ſo viel als Ihren Hals koſten. Aber jetzt ſoll's blos einen Jacobus koſten.“ 4 „Verdammt ſei'ſt du!“ ſagte Einer von den Ri⸗ 22 valen ſeines Gewerbes,„wie dein Vater vor dir war; fuͤr einen Jacobus will ich den Herrn nach Alſatia bringen, wohin ſich weder Gerichtsdiener noch Conſtable wagt.“ „Die Dame, ihr Schurken, die Dame!“ rief Peveril,— wo iſt das Frauenzimmer?“ „Ich will Ihre Gnaden dahin bringen, wo Sie Damen genug haben werden, wenn das Ihr Wunſch iſt,“ ſagte der alte Triton; und als er ſprach, er⸗ neuerte ſich das Geſchrei unter den Faͤhrleuten, indem jeder hoffte, aus Julians Bedraͤngniß ſeinen Vortheil zu ziehen. „Ein Kahn wird am wenigſten verdaͤchtig ſein, Ihre Gnaden,“ ſagte ein Kerl. „Ein paar Ruder werden Sie wie eine wilde Ente durchs Waſſer bringen,“ rief ein Andrer. „Aber du haſt keine Decke uͤbergeſpannt, Bru⸗ der,“ ſagte ein Dritter.„Ich kann den Herrn ſo verſteckt fortbringen, als wenn er unter einem Ver⸗ deck waͤre.“ 1 Mitten unter den Fluͤchen und dem Geſchrei, welches dieſen Waſſerſtreit um eine neue Kundſchaft begleitete, ließ Julian ſie endlich wiſſen, daß er nicht dem, deſſen Boot am erſten zum Abrudern fertig waͤre, ſondern Jedem, der ihm uͤber das Schickſal — 228 des Frauenzimmers Nachricht gaͤbe, einen Jacobus zahlen wollte. „Welches Frauenzimmers?“ ſagte ein ſchlauer Burſche;„denn, nach meinen Gedanken, waren ih⸗ rer zwei.“ „Von beiden, von beiden,“ antwortete Peveril; „doch zuerſt Nachricht von der ſchoͤn gelockten Dame.“ „ Ja, ja, das war ſie, die ſo aufſchrie, als der Kamerade des Goldjackigen ſie in Nr. 20 fuͤhrte.“ „Was— wer— wer wagte ſie zu fuͤhren?“ rief Peveril aus. 3 „Nein, Herr, Sie haben genug von mir erfah⸗ ren, ohne ein Trinkgeld,“ ſagte der Faͤhrmann. „Schmuziger Schurke!“ ſagte Peveril, indem er ihm ein Goldſtuͤck gab,„ſag' Alles heraus, oder ich renne dir meinen Degen durch den Leib.“ „Was das anlangt, Herr,“ antwortete der Kerl, „wohl nicht, ſo lange ich dieſen Ladeſtock handhaben kann,— aber Handel iſt Handel, und ſo will ich Ihnen fuͤr Ihr Goldſtuͤck erzaͤhlen, daß der Kame⸗ rade des Menſchen eines von Ihren Maͤdchen, die mit dem ſchoͤnen Haar, ſie mochte wollen oder nicht, auf Tickling Tom's Faͤhre ſchleppte; und ſie ſind in dieſer Zeit, bei Wind und Flut, weit genug die Themſe hinauf.“ 5. — 229 „Heiliger Himmel, und ich ſtehe hier!“ rief Julian aus. „Das kommt daraus, weil Ihre Gnaden kein Boot nehmen wollen.“ „Ihr habt Recht, mein Freund!— Ein Boot, ein Boot auf der Stelle!“ „So folgen Sie mir nur, gnaͤdiger Herr.— Hier, Thomas, reiche eine Hand— der Herr iſt unſer Paſſagier.“ Eine Ladung Waſſerſprache wurde nun zwiſchen dem gluͤcklichen Vewerber um Julians Kundſchaft und zwiſchen ſeinen leer ausgegangenen Kameraden gewechſelt, welche der alte Triton mit dem alle uͤber⸗ ſtimmenden Ausrufe ſchloß,„daß der Herr auf huͤb⸗ ſchem Wege waͤre, eine Fahrt nach der Inſel des Betrugs zu machen; denn der ſchlaue Hans habe ihn nur zum Beſten.— Nr. 20 habe nach York⸗ Bulldings gerudert.“ „Nach der Galgen⸗Inſel,“ ſchrie ein Andrer; „denn hier kommt Einer, der wird ſeine Fahrt, die Themſe hinauf verderben, und ihn nach der Hinrich⸗ tungsdocke hinab bringen.“ Wirklich kam, indem er das Wort ſprach, ein Polizeibeamter mit drei oder vier Gehuͤlfen, bewaff⸗ net mit den altmodiſchen Hellebarden, welche noch zur Ruͤſtung dieſer Waͤchter der oͤffentlichen Ruhe 230 gehoͤrten, und ſchnitt unſerm Helden den fernern Weg am Waſſer hin ab, indem er ihn im Namen des Koͤnigs verhaftete⸗ Widerſtand zu verſuchen, waͤre Tollheit geweſen, da Julian von allen Seiten umringt war; alſo wurde er entwaffnet, und vor den naͤchſten Friedensrichter zum Verhoͤr gebracht. Der Richter, vor welchen Julian gefuͤhrt wur⸗ de, war ein ſehr ehrlicher Mann in ſeinen Abſichten, ſehr beſchraͤnkt in ſeinen Faͤhigkeiten, und ziemlich furchtſam in ſeinen Verfuͤgungen. Vor der allge⸗ meinen Unruhe, in welche England, und die Stadt London insbeſondere, durch die denkwuͤrdige Ent⸗ deckung des papiſtiſchen Complotts geſetzt wurde, hatte Herr Maulſtatute mit heiterm und ungeſtoͤrtem Stolz und Vergnuͤgen ſeine Pflichten als Friedens⸗ richter, nebſt allen dieſer Wuͤrde zukommenden Pri⸗ vilegien und einer Ehrfurcht einfloͤßenden Autoritaͤt, ausgeuͤbt. Aber der Mord des Ritter Edmondbury Godfrey hatte einen ſtarken, ja einen unausloͤſchlichen Eindruck auf ſein Gemuͤth gemacht, und er durch⸗ wandelte die Hallen der Themis mit Furcht und Zit⸗ tern nach jener merkwuͤrdigen und traurigen Bege⸗ benheit. Bei einer hohen Meinung von ſeiner amtlichen Wichtigkeit, und bei einem ziemlich hohen Begriff von ſeiner perſoͤnlichen Bedeutung, ſah Seine Ehr⸗ — 231 wuͤrden, von jener Zeit an, nichts als Stricke und Dolche vor ſeinen Augen, und that nie einen Schritt aus ſeinem Hauſe,(das er befeſtigte und gewiſſer⸗ maßen durch ein halbes Dutzend ſtarker Schildwa⸗ chen und Polizeibeamten mit einer Beſatzung verſah) ohne ſich von einem verkleideten Papiſten, mit einem gezogenen Schwert unter ſeinem Mantel, belauert zu ſehen. Man raunte ſich eben ins Ohr, daß der ehr⸗ wuͤrdige Herr Maulſtatute, in ſeinen aͤngſtlichen Be⸗ ſorgniſſen, oft die Kuͤchenmagd mit dem Feuerzeuge fuͤr einen Jeſuiten mit einem Piſtol anſaͤhe; haͤtte aber Jemand uͤber einen ſolchen Irrthum zu lachen gewagt, ſo wuͤrde er wohl gethan haben, ſeine Bes luſtigung zu verbergen, damit er nicht unter die ſchwere Beſchuldigung ſiele, ein Spoͤtter und Un⸗ terdruͤcker des Complotts zu ſein— eines faſt eben ſo großen Verbrechens, als ſelbſt zum Complott zu gehoͤren. In Wahrheit wurden die Beſorgniſſe des ehrlichen Richters, ſo laͤcherlich uͤbertrieben ſie auch waren, durch das laute Geſchrei des Tages und das allgemeine hitzige Fieber, das jeden guten Proteſtan⸗ ten plagte, ſo ſehr unterſtuͤtzt, daß Herr Maulſtatute fuͤr den beherzteren Mann und fuͤr die beſſere obrig⸗ keitliche Perſon galt, waͤhrend er, unter den Schrecken des in die Luft gemahlten Dolches, den die Phantaſie immerfort vor ſeine Augen hielt, fort⸗ fuhr, in den verborgenen Winkeln ſeines Privat⸗ zimmers die Gerechtigkeit zu handhaben, ja gele⸗ gentlich Quartalſitzungen beiwohnen, wenn der Saal von einem hinlaͤnglichen Corps der Miliz bewacht war. Von dieſer Art war der Wicht, an deſſen wohl verwahr⸗ ter und doppelt verriegelter Thuͤre der Polizeibeamte, welcher Julian in Gewahrſam hatte, ſeinen bedeu⸗ tenden und wohlbekannten Schlag that. Ungeachtet dieſes offiziellen Signals wurde die Partei nicht eher eingelaſſen, als bis der Schreiber, welcher die Rolle eines Oberwaͤchters ſpielte, ſie durch ein vergittertes Pfoͤrtchen recognoſcirt hatte; denn wer koͤnnte ſagen, ob nicht die Papiſten ſich des Zeichens des Herrn Polizeibeamten bemeiſtert, und eine falſche Wache angeſtellt haben koͤnnten, um ein⸗ zudringen und den Richter zu ermorden, unter dem Vorwande, einen Verbrecher vor ihn zu bringen?— Weniger hoffnungsvolle Entwuͤrfe hatten in der Er⸗ zaͤhlung der papiſtiſchen Verſchwoͤrung figurirt. Nachdem Alles richtig befunden worden war, wurde der Schluͤſſel gedreht, wurden die Riegel aufgeſchoben, und die Sperrkette wurde losgehakt, ſo daß der Eintritt dem Polizeibeamten, den Gehuͤl⸗ fen und dem Gefangenen frei ſtand; dann wurde aber die Thuͤre eben ſo ſchnell gegen die Zeugen ge⸗ ſchloſſen, welche, als weniger des Vertrauens werthe —. 233 Perſonen, im Hofe zu bleiben(durch das Pfoͤrtchen) gebeten wurden, bis ſie nach der Reihe wuͤrden her⸗ ein gerufen werden. Waͤle Julian zum Scherz aufgelegt geweſen, wovon er freilich jetzt weit entfernt war, ſo haͤtte er uͤber den unpaſſenden Anzug des Schreibers laͤcheln muͤſſen, welcher iber ſeinen ſchwarzen ſteifen Lein⸗ wandrock ein ledernes Degengehaͤnke mit einem brei⸗ ten Schwert, und ein paar ungeheuren Reiterpiſtolen, geguͤrtet hatte; und ſtatt des niedrigen platten Huts, welcher, an der Stelle der Buͤrgermuͤtze, die Tracht eines Notarius vollendete, auf ſeine fettigen Locken eine roſtige Stahlhaube, die Marſton⸗moor geſehen, geſetzt hatte, uͤber welcher ſein wohlgebrauchter Fe⸗ derkiel nach Art eines Federbuſches hervorragte— indem die Geſtalt des Helms nicht erlaubte, ſie, wie gewoͤhnlich, hinter das Ohr zu ſtecken. Dieſe wunderliche Geſtalt fuͤhrte den Polizeibe⸗ amten, ſeine Gehuͤlfen und den Gefangenen in den untern Saal, wo ſein Principal Recht ſprach; ein Mann von einem noch ſonderbareren Anſehen, als ſein Untergebener. Verſchiedene gute Proteſtanten, welche eine ſo hohe Meinung von ſich hatten, daß ſie ſich fuͤr werth hielten, als Gegenſtaͤnde katholiſcher Grauſamkeit ausgezeichnet zu werden, hatten bei dieſer Gelegen⸗ 234—. heit zum Schutz eine Ruͤſtung angelegt. Aber man hatte bald gefunden, daß ein undurchdringlicher Bruſt- und Ruͤckenharniſch, mit eiſernen Hefteln zuſammen befeſtigt, keine bequeme Umgebung fuͤr einen Mann war, der Wildpret und Eierkaͤſe eſſen wollte; und daß ein Lederpanzer oder ein Panzer⸗ hemd zu den bei ſolchen Gelegenheiten noͤthigen Be⸗ wegungen kaum bequemer waͤre. Außerdem gab es andere Einwuͤrfe, z. B. den beunruhigenden und dror henden Anblick, den ſolche kriegeriſche Trachten bei der Boͤrſe und an andern Orten, wo ſich die Kauf⸗ leute am haͤufigſten zu verſammeln pflegen, erregen mußte; und gewaltſame Beraubungen des Vermoͤ⸗ gens wurden von Vielen bitterlich beklagt, welche, weil ſie nicht zum Artilleriecorps oder zu Buͤrgermi⸗ lizen gehoͤrten, im Tragen der Schutzwaffen uner⸗ fahren waren. Um dieſen Einwuͤrfen zu begegnen, und zu glei⸗ ccher Zeit die Perſonen aller wahren proteſtantiſchen Buͤrger gegen offene Gewalt oder geheimen Meu⸗ chelmord von Seiten der Papiſten zu ſichern, hatte ein gewiſſer ſinnreicher Kuͤnſtler, der, wie wir an⸗ nehmen duͤrfen, zur loͤblichen Seidenhandelsgeſell⸗ ſchaft gehoͤrte, eine Art Ruͤſtung erfunden, von wel⸗ cher weder das Zeughaus der Reiterei im Tower, noch Gwynnap's Gothiſche Halle, noch Dr. Mey⸗ der Kugel, als dem Stahl widerſtand; waͤhrend eine dicke Muͤtze von demſelben Stoffe mit eingeſetz⸗ ten Ohrenklappen, und im Ganzen ziemlich einer die Sicherheit deſſen, der ſie trug, vom Kopf bis zum Knie verbuͤrgte. Buͤrgern dieſe ſonderbare volle Ruͤſtung, die den Vortheil hatte, weich, warm und biegſam ſowohl, als ſicher zu ſein, angenommen. Und nun ſaß er „Figur, ringsherum gleichſam mit Kiſſen behaͤngt; denn ſo ſah der gepolſterte Anzug aus; und mit einer 235 rick's unſchaͤtzbare Sammlung alter Waffen, irgend eine Probe aufbehalten hat. Sie wurde die ſeidene Ruͤſtung genannt, weil ſie aus einem Wamms und Beinkleidern von ausgeſtopfter Seide beſtand, ſo dicht genaͤht, und von ſolcher Dicke, daß ſie ſowohl Nachtmuͤtze aͤhnlich, die Ausruͤſtung vollendete, und Herr Maulſtatute hatte unter andern achtbaren in einem richterlichen Armſtuhl— eine kurze runde unter dem ſeidenen Helm hervorragenden Naſe, de⸗ ren Groͤße, nebſt der Unbehuͤlflichkeit der ganzen Geſtalt ſeiner Ehrwuͤrden, ziemliche Aehnlichkeit mit dem Schilde des„Schweins in Ruͤſtung,, gab, welche noch dadurch betraͤchtlich vermehrt wurde, daß die ſchuͤtzende Bekleidung eine dunkle Pomeranzenfarbe hatte, nicht ganz unaͤhnlich der Farbe jener wilden Schweine, welche in den Forſten von Hampfhire ge⸗ funden werden. Geſichert in dieſen unverwundbaren Umhäͤlungen, hatte ſeine Ehrwuͤrden zufrieden geruht, obgleich ge⸗ trennt von ſeinen ſelbſt Tod bringenden Waffen, Rapier, Dolch und Piſtolen, welche jedoch in nicht großer Entfernung von ſeinem Stuhl lagen. Ein Angriffswerkzeug fand er jedoch fuͤr klug, auf dem Tiſche neben ſeinem ungeheuren Coke upon Little- ton*) zu behalten. Dieß war eine Art Taſchen⸗ Dreſchflegel, beſtehend aus einem Stuͤck von ſtarkem Aeſchenholz, gegen achtzehn Zoll lang, an welches eine Schwenkkeule von Lignum vitae, faſt zweimal ſo lang, als der Griff, befeſtigt, aber ſo eingefuͤgt war, um ſich leicht zuſammenlegen legen zu laſſen. Dieß Werkzeug, welches zu jener Zeit den ſeltſamen Namen des Protenſtantenflegels fuͤhrte, konnte un⸗ ter dem Rocke verborgen werden, bis Umſtaͤnde ſeine öffentliche Erſcheinung forderten. Eine beſſere Vor⸗ ſicht gegen Ueberfall, als ſeine Waffen, war ein ſtar⸗ kes Eiſengitter, welches, quer uͤber das Zimmer an der Vorderſeite vom Tiſche des Richters gehend, und mit einer Gitterthuͤre, die gewoͤhnlich verſchloſſen ge⸗ halten wurde, zuſammenhangend, die angeklagte Partei von ihrem Richter wirkſam asſonderte. Einem gelehrten Werke. Niccter Maulſtatute, ſo wie wir ihn geſchildert haben, wollte lieber die Anklage der Zeugen hoͤren, ehe er Peveril zu ſeiner Vertheidigung rief. Das Detail des Streits wurde kuͤrzlich von den Umſte⸗ henden angegeben, und ſchien den Geiſt des Ver⸗ hoͤrenden tief zu ruͤhren. Er ſchuͤttelte nachdruͤcklich ſeinen ſeidenen Helm, als er vernahm, daß nach ei⸗ nigem Geſpraͤch zwiſchen den Parteien, welches die Zeugen nicht ganz verſtanden, der junge im Gewahr⸗ ſam gehaltene Mann den erſten Streich gethan, und ſein Schwert gezogen hatte, ehe die verwundete Partei das ihrige entbloͤßt hatte. Dagegen ſchuͤt⸗ telte er ſeinen behelmten Kopf noch feierlicher, als das Reſultat des Handgemenges bekannt wurde; und wiederum noch mehr, als einer von den Zeugen er⸗ klaͤrte, daß, ſo viel er wiſſe, der im Gefecht Geblie⸗ bene ein Herr waͤre, der zu dem Hofſtaat ſeiner Durchlaucht, des Herzogs von Buckingham, ge⸗ hoͤrte. „in wuͤrdiger Pair,“ ſagte die bewaffnete Ma⸗ giſtratsperſon—„ein echter Proteſtant, und ein Freund ſeines Vaterlandes. Sott ſei uns gnaͤdig! zu welcher Hoͤhe von Verwegenheit iſt dieſes Zeital⸗ alter emporgeſtiegen! Wir ſehen wohl, und koͤnnten es ſehen, waͤren wir auch blind, wie ein Maulwurf, aus welchem Koͤcher dieſer Pfeil gezogen iſt.“ 238— Er ſetzte dann ſeine Brille auf, und nachdem er Julian hatte vor ſich bringen laſſen, betrachtete er ihn voll Scheu mit dieſen glaͤſernen Augen unter dem Schatten ſeines ausgeſtopften Turbans. „So jung,“ ſprach er,„und ſo verhaͤrtet— hilf Himmel!— und ein Papiſt, ganz ſicher.“ Peveril hatte Zeit genug, zu uͤberlegen, daß er hier ſich umſtaͤndlich erklaͤren mußte, wenn er mit Wahrſcheinlichkeit ſeine Freiheit erlangen ſollte, und legte einen hoͤflichen Widerſpruch gegen ſeiner Ehr⸗ wuͤrden gnaͤdige Vorausſetzung ein.„Er ſei kein Katholik,“ ſagte er,„ſondern ein unwuͤrdiges Mit⸗ glied der Engliſchen Kirche.“ „Vielleicht dennoch nur ein lauer Proteſtant,“ ſagte der weiſe Richter;„es gibt ſolche unter uns, die mit verhaͤngtem Zuͤgel nach Nom reiten, und ſchon die halbe Reiſe vollendet haben— hm 124 Poeveril leugnete, ein ſolcher zu ſein. „Und wer biſt du denn?“ fragte der Richter. „Denn, offen zu ſprechen, Freund, dein Geſicht ge⸗ faͤllt mir nicht— eheh!“ Dieſes kurze und heftige Huſten war immer von einem kurzen Nicken begleitet, zum Ausdruck der vollen Ueberzeugung des Sprechenden, daß er die beſte, die weiſeſte und die ſcharfſinnigſte Bemerkung gemacht habe, welche die Vorausſetzungen zuließen. 239 Gereizt von allen Umſtaͤnden ſeiner Feſthaltung, beantwortete Julian die Frage des Richters in einem ziemlich ſtolzen Tone:„Mein Name iſt Julian Pe⸗ veril!“ „Nun, der Himmel bewahre uns!“ ſagte der erſchrockene Richter—„der Sohn des boͤs geſinnten Papiſten und Verraͤthers, Ritter Gottfried Peverils, der jetzt in den Haͤnden und in der Gewalt der ge⸗ richtlichen Unterſuchung iſt.“ „ Wie, mein Herr!“ rief Julian aus, ſeine Lage vergeſſend, und an das Gitter mit einer Heftigkeit vortretend, welche die Stangen klirren machte, wo⸗ durch er den erbleichenden Richter ſo aufſchreckte, daß Herr Maulſtatute ſeinen Proteſtantenflegel ergriff, und einen Schlag nach ſeinem Gefangenen richtete, um einen, wie er glaubte, beabſichtigten Angriff zu⸗ ruͤck zu treiben. Aber lag es an der Haſtigkeit des . Richters, oder an ſeiner Unerfahrenheit im Gebrauch dieſer Waffe, er verfehlte nicht nur ſein Ziel, ſon⸗ dern brachte den ſchwingenden Thein der Maſchine mit ſeinem eigenen Schedel in einem ſo ernſthaften Gegenſtoß zuſammen, der vollkommen die Wirkſam⸗ keit ſeines gepolſterten Helms erprobte, und, trotz ſeinem Schutze eine betaͤubende Empfindung hervor⸗ brachte, welche er ziemlich haſtig der Folge eines von Peveril empfangenen Schlages zuſchrieb. 240—— Seine Gehuͤlfen beſtaͤtigten zwar nicht geradezu die ſo unbefugt angenommene Meinung des Richters, aber erklaͤrten mit einer Stimme, man wuͤßte nicht, was fuͤr Unheil, ohne ihre thaͤtige und augenblickliche Zwiſchenkunft, von einer ſo gefaͤhrlichen Perſon, als ihr Gefangener, haͤtte angerichtet werden koͤnnen. Die allgemeine Meinung, daß er in Angelegenheit ſeiner eignen Befreiung zu Thaͤtlichkeiten habe ſchrei⸗ ten wollen, war aber allen Anweſenden ſo tief ein⸗ gepraͤgt, daß Julian einſah, jede angebotene Ver⸗ theidigung wuͤrde vergeblich ſein, beſonders da er ſich nur zu wohl bewußt war, daß die beunruhigenden und wahrſcheinlich traurigen Folgen ſeines Gefechts ſeine Verhaftnehmung unvermeidlich machten. Er begnuͤgte ſich alſo, zu fragen, in welches Gefaͤngniß er geworfen werden wuͤrde; und als das ſchauder⸗— hafte Wort Newgate als volle Antwort erſcholl, hatte er wenigſtens die Befriedigung, zu erwaͤgen, daß, ſo duͤſter und gefaͤhrlich der Schutz unter dieſem Dache auch war, er denſelben doch wenigſtens in Ge⸗ ſellſchaft mit ſeinem Vater genießen wuͤrde; und daß ſie, auf eine oder die andere Art, vielleicht die Zu⸗ friedenheit einer melancholiſchen Zuſammenkunft un⸗ ter den Umſtaͤnden gegenſeitiger Widerwaͤrtigkeit, die uͤber ihrem Hauſe zu ſchweben ſchien, erlangen wuͤrden. 5 — 241 Indem Julian die Tugend der Geduld mehr uͤbte, als er ſie ſonſt beſaß, gab er der Magiſtratsperſon (die jedoch alle Milde ſeines Benehmens nicht ver⸗ ſoͤhnen konnte) die Adreſſe nach dem Hauſe, wo er wohnte, und bat, daß ſein Bedienter, Lance Outram, die Erlaubniß erhalten moͤchte, ihm ſein Geld und ſeine Kleidungsſtuͤcke zu ſchicken; mit dem Zuſatze, daß er Alles, was entweder an Waffen oder an Schriften in ſeinem Beſitz waͤre(die erſtern beſtaͤn⸗ den blos in ein paar Reiſepiſtolen, und die letztern in wenigen Notizen von geringer Bedeutung) willig der Verfuͤgung der Obrigkeiten uͤberlaſſe. In die⸗ ſem Augenblicke uͤberließ er ſich der troͤſtlichen Erin⸗ nerung mit aufrichtiger Zufriedenheit, daß die wich⸗ tigen Papiere der Graͤfin von Derby ſchon im Be⸗ ſitze des Koͤnigs waren. Der Richter verſprach auf ſein Verlangen Be⸗ dacht zu nehmen; erinnerte ihn aber mit großer Wuͤrde, daß ſein gegenwaͤrtiges gefaͤlliges und unter⸗ wuͤrfiges Betragen, zu ſeinem eigenen Beſten, haͤtte vom Anfange an angenommen werden ſollen, anſtatt die obrigkeitliche Perſon mit ſolchen heilloſen Zeichen des boshaften, aufruͤhreriſchen und moͤrderiſchen Geiſtes der Papiſterei zu beunruhigen, wie er an⸗ fangs verrathen habe.„Doch,“ ſagte er,„da er ein gutartiger junger Mann und von angeſehenem III. L 42— Stande waͤre, ſo wollte er ihn nicht, wie einen Schelm, durch die Straßen ſchleppen laſſen, ſondern habe eine Kutſche zu ſeiner Bequemlichkeit be⸗ ſtellt.“ Seine Ehrwuͤrden, Herr Maulſtatute, ſprach das Wort„Kutſche“ mit der Wichtigkeit eines Mannes aus, der, wie Dr. Johnſon in ſpaͤterer Zeit ſagt, ſich der Wuͤrde bewußt iſt, Pferde an ſeinen Wagen ſpannen laſſen zu koͤnnen. Der ehrwuͤrdige Herr Maulſtatute that jedoch bei dieſer Gelegenheit Julian nicht die Ehre an, an ſeine große Familien⸗ karoſſe die zwei Pferde ſpannen zu laſſen, welche dieſe Arche zu dem religioͤſen Verſammlungshauſe des lautern und ſchaͤtzbaren Herrn Howlaglaß Don⸗ nerstags Abends zur Vorleſung, und Sonntags zu einer vierſtuͤndigen Predigt zu ſchleppen gewohnt waren. Er nahm vielmehr zu einer ledernen Gele⸗ genheit ſeine Zuflucht, die damals ſeltener, aber eben mit jeder Ausſicht auf die große Leichtigkeit einge⸗ fuͤhrt worden war, welche ſeitdem die Miethkutſchen zu Verkehr aller Art, ehrlichem und unehrlichem, geſetzlichem und ungeſetzlichem, gewaͤhrt haben. Un⸗ ſer Freund Julian, bisher weit mehr an den Sat⸗ tel, als an irgend ein anderes Mittel der Fortſchaf⸗ fung gewoͤhnt, fand ſich bald neben dem Polizeidie⸗ ner und ſeinen zwei Aſſiſtenten, die bis an die Zaͤhne — 243 in Ruͤſtung ſtaken, als ſeinen Geſellſchaftern, in ei⸗ nem Miethwagen, da der Hafen der Beſtimmung, wie ſie ſchon zu verſtehen gegeben hatten, die alte Feſtung Newgate war. Zehntes Kapitel. Die Kutſche hielt vor jenen furchtbaren Thoren⸗ welche denen des Tartarus gleichen, ausgenommen daß ſie oͤfter einen ſichern und ehrenvollen Ausgang geſtatten; obgleich um den Preis derſelbigen Angſt und beſchwerlichen Arbeit, womit Hercules, und einer oder zwei der Halbgoͤtter, ſich aus der Hoͤlle der alten Fabellehre befreiten. Julian ſtieg aus dem Fuhrwerk, ſorgfaͤltig auf jeder Seite von ſeinen Gefaͤhrten und auch von ei⸗ nem oder zwei Schließern unterſtuͤtzt, welche die er⸗ ſten Schlaͤge der tiefen Glocke am Thore zu ihrem Beiſtande herbei gerufen hatten. Dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit wurde, wie ſich denken laͤßt, nicht ſowohl darum bewieſen, daß er keinen Fehltritt thun moͤchte, als vielmehr aus Furcht vor einem Verſuch des Ent⸗ weichens, den er jedoch nicht zur Abſicht hatte. Ei⸗ L 2 244 nige Lehrburſche und herumſchwaͤrmende Buben des benachbarten Marktes, welche, zufolge der zahlrei⸗ chen Verhaftungen wegen des papiſtiſchen Complotts, vom Zuwachs der Kundſchaft betraͤchtlichen Vortheil zogen, und welche daher eifrige Proteſtanten waren, begruͤßten ihn bei ſeinem Ausſteigen mit Jubelge⸗ ſchrei:„Halloh, Papiſt! halloh! Papiſt! Verd—t ſei der Papſt mit allem ſeinem Anhang!“ Unter ſolchen Vorbedeutungen wurde Peveril unter jenen duͤſtern Thorweg gefuͤhrt, wo ſo Manche bei ihrem Eintritt zugleich von der Ehre und dem Leben Abſchied nahmen. Das finſtere und traurige Gewoͤlbe, unter dem er ſich bald befand, oͤffnete ſich auf einen weiten Hofraum, wo eine Menge Schuld⸗ ner ſich mit Ballſchlagen und andern Spielen be⸗ ſchaͤftigten; Erholungen, zu denen die Strenge ihrer Glaͤubiger ihnen volle Muße gab, waͤhrend dieſelbe ſie von den Mitteln ausſchloß, ihre ehrliche Arbeit fortzuſetzen, wodurch ſie ſich aus ihrer Noth haͤtten reißen und ihre verhungerten und bettelnden Familien erhalten koͤnnen. Aber unter dieſe ſorgloſe und verzweifelte Gruppe war Julian nicht zu zaͤhlen, indem er von ſeinen Fuͤhrern in eine niedrig gewoͤlbte Thuͤre gefuͤhrt oder vielmehr gedraͤngt wurde, welche, durch Riegel und Stangen ſorgfaͤltig geſichert, ſich fuͤr ſeine Aufnahme — 245 auf einer Seite des Bogenganges oͤffnete, und im Augenblick nach ſeinem ſchnellen Eintritt mit allen ihren Befeſtigungen wieder ſchloß. Dann wurde er durch zwei oder drei dunkle Gaͤnge gefuͤhrt, die, wo ſie einander durchſchnitten, durch eben ſo viele ſtarke Pfoͤrtchen verwahrt waren— das eine von eiſernem Gitterwerk, die andern von feſtem Eichenholz, mit Platten von Eiſen belegt, und mit eiſernen Naͤgeln beſetzt. Man ließ ihn nicht ſtill halten, bis er ſich in einer kleinen, rings gewoͤlbten Stube befand, in welche ſich verſchiedene dieſer Gaͤnge oͤffneten, und welche, in Hinſicht des Labyrinths, durch das er zum Theil gekommen war, dem Mittelpunkt eines Spin⸗ nengewebes zu gleichen ſchien, worin ſich die Haupt⸗ ſaͤden von dem kuͤnſtlichen Irrgange dieſes Inſekts allezeit endigen. Die Nehnlichkeit hoͤrte hier noch nicht auf; denn in dieſem kleinen gewoͤlbten Gemach, deſſen Waͤnde ringsherum mit Muſketen, Piſtolen, Hirſchfaͤngern und andern Gewehren ſowohl, als mit vielen Reihen Feſſeln und Eiſen von verſchiedener Form, ſaͤmtlich in großer Ordnung und zum Gebrauch bereit, be⸗ haͤngt waren, ſaß ein Mann, der nicht unpaſſend mit einer ungeheuern aufgeſchwollenen und glaͤnzen⸗ den Spinne verglichen werden konnte, die ſich dahin L 3 246— geſtellt hatte, die Beute feſt zu halten, die in ihre Netze gefallen war.. Dieſer Beamte war urſpruͤnglich ein ſehr ſtarker vierſchroͤtiger Mann von großer Geſtalt geweſen, aber jetzt ſo außer Proportion, vielleicht von Ueber⸗ fuͤtterung und Mangel an Bewegung, daß er die⸗ ſelbe Aehnlichkeit mit ſeinem vormaligen Selbſt hatte, wie ein im Stalle gefuͤtterter Ochſe noch mit einem wilden Stier behaͤlt. Der Blick von Nie⸗ manden iſt ſo unguͤnſtig, als der von einem fetten Mann, auf deſſen Zuͤge Uebelwollen einen gewohn⸗ ten Staͤmpel gepraͤgt hat. Er ſcheint das alte Sprichwort umgekehrt zu haben, und unter dem Einfluſſe der ſchlechteſten Neigung des Gemuͤths ſein Gedeihen gefunden zu haben. Leidenſchaftlich zu ſein, koͤnnen wir einem bluͤhenden Sterblichen er⸗ lauben; aber es ſcheint unnatuͤrlich fuͤr ſeine ſchoͤne Huͤlle, muͤrriſch und brutal zu ſein. Jetzt wa⸗ ren die Geſichtszuͤge dieſes Mannes muͤrriſch und talgfarbig; ſeine Glieder aufgeſchwollen und unpro⸗ portionirlich; ſein ungeheurer Bauch und unbehuͤlf⸗ licher Knochenbau fuͤhrte auf den Gedanken, daß er, nachdem er einmal ſeinen Weg in dieſen verborgenen Mittelpunkt gefunden, ſich daſelbſt, wie das Wieſel in der Fabel, gemaͤſtet und reichlich genaͤhrt hatte, bis er unfaͤhig geworden, durch einen der engen in — — — 247 ſeiner Zelle endigenden, Gaͤnge zuruͤck zu kehren; und daher da zu bleiben gezwungen war, wie eine Kroͤte unter dem kalten Stein; unter den ſchmuzigen Duͤnſten der ihn umgebenden Kerker, die jedem an⸗ dern, als einem ſolchen gleichartigen Bewohner, ver⸗ giftend geweſen ſein wuͤrden, wohl gedeihend. Ge⸗ waltige, mit Eiſenſchloͤſſern verſehene Buͤcher lagen vor dieſem ominoͤſen Muſter der Corpulenz— die Urkunden des Reichs des Elends, wo er als erſter Miniſter diente; und waͤre Peveril zum unbefange⸗ nen Beſuch hieher gekommen, ſo wuͤrde ihm der Muth geſunken ſein, bei Betrachtung der Maſſe von menſchlichem Elend, welche nothwendig in dieſen traurigen Baͤnden verzeichnet ſein mußte. Aber ſeine eigenen Bekuͤmmerniſſe lagen zu ſchwer auf ſeinem Herzen, um ihm irgend allgemeine Betrach⸗ tungen dieſer Art zu erlauben. Der Polizeibeamte und dieſe dicke Gerichtsperſon fluͤſterten gegen einander, nachdem jener dem letztern die Urkunde uͤber Julians Verhaftung uͤberliefert hatte. Das Wort fluͤſterte iſt nicht ganz richtig; denn ihre gegenſeitige Mittheilung geſchah weniger durch Worte, als durch Blicke und bedeutende Zei⸗ chen, durch welche in allen ſolchen Faͤllen Menſchen den Gebrauch der Sprache erſetzen, und dem, was an ſich ſelbſt dem Gefangenen ſchon ſchrecklich genug L2 4 248 iſt, noch etwas Geheimnißvolles geben lernen. Die einzigen Worte, die gehoͤrt werden konnten, waren die des Aufſehers, oder, wie er damals genannt wurde, des Capitaͤns des Gefaͤngniſſes:„Ein andrer Vogel in den Kaͤfig?— „Der mit jedem Staar in Ihres Ritters Ge⸗ wahrſam pfeifen wird:„lieber Papſt von Rom,“ — antwortete der Polizeibeamte mit einer ſcherzhaf⸗ ten Miene, die jedoch durch die gebuͤhrende Ehrer⸗ bietung vor der Gegenwart eines Obern, bei dem er ſich befand, in Schranken gehalten wurde. Der Mann mit den grimmigen Geſichtszuͤgen ließ ſie ſich in Etwas, wie ein Laͤcheln, entfalten, als er die Bemerkung des Beamten hoͤrte; aber augen⸗ blicklich wieder die feierliche Strenge annehmend, die eine Minute lang geſtoͤrt worden war, blickte er wild auf ſeinen neuen Gaſt, und ſprach mit einer ſchauerlichen und nachdruͤcklichen, doch ziemlich ge⸗ daͤmpften Stimme das einzige Andeinglche Wort: „der Willkommen.“* Julian erwiederte mit angenommener Gelaſſenheit (denn er hatte von den Gebraͤuchen ſolcher Orte ge⸗ *) Garnish, ein Geſchenk, das ein Gefangner beim Eintritt in das Gefaͤngniß zum Vergnuͤgen der Mitgefangenen macht. * A. d. U. — 249 hoͤrt, und war entſchloſſen, ſich in ſie zu fuͤgen, um, wo moͤglich, die Erlaubniß zu erhalten, ſeinen Vater zu ſehen, welche, wie er ſchlau vermuthete, von Befriedigung der Habſucht des Aufſehers abhangen muͤßte).„Ich bin ganz bereit,“ ſagte er,„den Ge⸗ braͤuchen des Ortes nachzukommen, an welchem ich ungluͤcklicherweiſe mich befinde. Sie haben mir nur Ihre Forderungen zu nennen, und ich will ſie befrie⸗ digen.“ Bei dieſen Worten zog er ſeine Boͤrſe, ſich daber gluͤcklich duͤnkend, daß er eine betraͤchtliche Summe in Golde bei ſich behalten hatte. Der Capitaͤn be⸗ merkte ihre Weite, Tiefe, Ausdehnung und Nieder⸗ ſenkung mit einem unwillkuͤrlichen Laͤcheln, welches kaum ſeine hangende Unterlippe und den drahtaͤhnli⸗ chen und fettigen Knebelbart, der die Oberlippe be⸗ deckte, verdreht hatte, als es durch die Ueberlegung gehemmt wurde, daß es Vorſchriften gaͤbe, die ſeiner Raubſucht Grenzen ſetzten, und ihn verhinderten, wie ein Habicht, ſeine Beute zu packen, und Alles auf einmal wegzuhaſchen. Dieſe abkuͤhlende Betrachtung erzeugte folgende graͤmliche Antwort an Peveril:—„Es waͤren ver⸗ ſchiedene Taxren. Herren vom Stande muͤßten nach Belieben verfahren. Er verlange nichts, als ſeine L 5 230— Gebuͤhren. Aber Hoͤflichkeit,“ murmelte er,„muͤſſe bezahlt werden.“ 11= 2 „Und ſoll auch, wenn ich ſie fuͤr Bezahlung ha⸗ ben kann,“ ſagte Peveril;„aber der Preis, mein guter Herr, der Preis?“ Er ſprach mit einem Grade von Verachtung, die er um ſo weniger zu unterdruͤcken beſorgt war, weil er ſah, daß ſelbſt in dieſem Kerker ihm ſeine Boͤrſe einen mittelbaren, aber maͤchtigen Einfluß auf ſeinen Kerkermeiſter gab. Der Capitaͤn ſchien daſſelbe zu fuͤhlen; denn, als er ſprach, zog er faſt unwillkuͤrlich eine Art abgenutz⸗ ter Pelzmuͤtze vom Kopfe, die ihm zur Bedeckung diente. Allein ſeine Finger ſtraͤubten ſich wider ſo eine ungewoͤhnliche Handlung der Hoͤflichkeit, und fingen an, ſich durch Kratzen ſeines Krauskopfs zu entſchaͤdigen, indem er in einem Tone, aͤhnlich dem Knurren eines Kettenhundes, wenn er aufhoͤrt, den Eindringenden, der keine Furcht vor ihm zeigt, an⸗ zubellen— murmelte:„Es ſind verſchiedene Taxen. Da iſt das kleine Gemach fuͤr die gewoͤhnliche Zah⸗ lung der Krone— ziemlich finſter, und die Schleuſe geht darunter weg; und einige Herren ſtoßen ſich an die Geſellſchaft, welche meiſt in Straßenraͤubern beſteht. Dann iſt die Hauptſeite— der Preis be⸗ traͤgt ein Pfund— und Niemand liegt da in Haſt, — 231 außer die zum wenigſten des Mordes wegen herein kamen.“ „Nennen Sie Ihren hoͤchſten Preis, Herr, und nehmen Sie ihn,“ war Julian's kurzgefaßte Ant⸗ wort. „Drei Pfund fuͤr den Haftbezirk des Ritters,“ antwortete der Befehlshaber des irdiſchen Tars tarus. „Nehmen Sie fuͤnf, und bringen mich zu Ritter Gottfried,“ war wieder Julians Antwort, der ihm das Geld auf das Pult vor ihm hinwarf. „Ritter Gottfried?— Hum!— ja, Ritter Gottfried,“ ſagte der Aufſeher, als er uͤberlegte, was er thun ſollte.„Gut, gar Mancher hat Geld be⸗ zahlt, um Sir Gottfried zu ſehen— doch kaum ſo⸗ viel, als Sie. Aber dann werden Sie wahrſchein⸗ lich der letzte ſein, der ihn ſieht.— Ha, ha, ha!“ Dieſe gebrochen hergemurmelten Ausrufungen, die mit einem Lachen— dem frohen Geheul eines Tiegers uͤber ſein Mahl in etwas aͤhnlich— ſchloſſen, konnte Julian nicht begreifen, und er antworteter darauf blos mit der Bitte, mit Ritter Gottfried inn dieſelbe Zelle gebracht zu werden. „Ja, Herr,“ ſagte der Kerkermeiſter;„fuͤrchten Sie nichts; ich will Ihnen Wort halten, da Sie: von dem, was zu Ihrer und meiner Station gehoͤrt, 252— Etwas zu wiſſen ſcheinen. Und hoͤren Sie, Jacob Clink wird Ihnen die darbies*) holen.“ „Derby's!“ unterbrach ihn Julian,—„hat der Graf von Derby oder die Graͤfin—“ „Graf oder Graͤfin! Ha, ha, ha!“ lachte oder heulte vielmehr wieder der Aufſeher.„Was kommt Ihnen in den Kopf? Sie ſind von vornehmem Stande, wie es ſcheint; doch hier iſt Alles eins. Die Daͤrbies ſind die Fußeiſen— die Feſthalter, mein Kind; und wenn Sie nicht ſich mehr beque⸗ men, ſo kann ich Ihnen noch dazu eine ſtaͤhlerne Nachtmuͤtze und einen Buſenfreund geben, Sie warm zu halten in einer Winternacht. Doch ſein Sie nicht muthlos; Sie haben ſich artig bewieſen; und Sie ſollen nicht betrogen werden. Und was hier dieſe Sache betrifft, zehn gegen eins, es wird im ſchlimmſten Falle ein unvorſetzlicher Todſchlag, oder zufaͤlliger Mord daraus werden; und dann iſt s aur ein verſengter Daumen ſtatt eines zugeſchnuͤrten Halſes, doch nur wenn keine Papiſterei dabei iſt; *) Dieß Wort, das ſich in der Folge erklaͤrt, und in den Woͤrterbuͤchern fehlt, mußte wegen des aͤhnli⸗ chen Lautes mit Derby's, der hier zu einer Verwechſelung Anlaß gibt, unuͤberſetzt gelaſſen werden. A, d. U. denn ſonſt ſteh' ich fuͤr nichts.— Fuͤhre den wohled⸗ len Herrn weg, Clink.“ Ein Schließer, einer von den Leuten, die Peveril vor dieſen Cerberus gefuͤhrt hatten, brachte ihn nun ſtillſchweigend hinaus; und unter ſeiner Leitung wurde der Gefangene durch ein zweites Labyrinth von Gaͤngen, mit in dieſen, auf jeder Seite ſich oͤff⸗ nenden, Zellen, zu derjenigen gefuͤhrt, welche fuͤr ſeine Aufnahme beſtimmt war.. Auf dem Wege durch dieſe traurige Gegend rief der Schließer mehr als einmal aus:„Ei, der Herr muß ganz verruͤckt ſein! Konnte die beſte Kronzelle fuͤr ſich um weniger als den halben Preis gehabt haben, und muß doppelt ſo viel zahlen, um in ein Neſt mit Sir Gottfried zu kriechen. Ha, ha!— Iſt Sir Gottfried ein Verwandter von Ihnen, wenn man ſo frei ſein darf, zu fragen?“ „Ich din ſein Sohn,“ antwortete Peveril ernſt, in Hoffnung, der Unverſchaͤmtheit des Kerls einen Zaum anzulegen; aber der Menſch lachte noch lauter, als zuvor. „Sein Sohn!— Ei, das iſt's Beſte von Allem — Ei, Sie ſind ein großer junger Mann— fuͤnf Fuß und zehn Zoll; wenn Sie ein Zoll waͤren— und Sir Gottfrieds Sohn!— Ha, ha, ha!“ „Haltet ein mit eurer Grobheit,“ ſagte Ju⸗ lian.„Meine Lage gibt euch kein Recht, mich zu mißhandeln.“ „Nichts weiter,“ ſagte der„Schließer, der feinen Muthwillen vielleicht durch die Ueberlegung daͤmpfte, daß die Boͤrſe des Gefangenen noch nicht erſchoͤpft waͤre.„Ich lachte blos, weil Sie ſagten, Sie waͤ⸗ ren Ritter Gottfrieds Sohn. Aber das bedeutet nichts— es iſt ein kluges Kind, das ſeinen eignen Vater kennt. Und hier iſt Sir Gottfrieds Zelle; ſo moͤgen Sie und er die Vaterſchaft unter einander ausmachen.“ Mit dieſen Worten brachte er ſeinen Gefangenen in eine Zelle oder vielmehr in eine feſte Stube der beſſern Klaſſe, worin vier Stuͤhle, ein Wachbett und ein oder zwei andere Geraͤthſchaften ſtanden. Julian ſah ſich begierig nach ſeinem Vater um; aber zu ſeiner Beſtuͤrzung ſchien die Stube ganz leer. Er wandte ſich unwillig an den Schließer, und warf ihm vor, ihn falſch gefuͤhrt zu haben; aber der Kerl antwortete:„Nein, nein, junger Herr; ich habe Ihnen Wort gehalten. Ihr Vater, wenn Sie ihn ſo nennen, iſt nur in einem Winkel verhuͤllt; aber ich will ihn ſogleich fuͤr Sie aufrufen.— Hier, he⸗ da!— Auf, Sir Gottfried!— Hier iſt— ha, ha, ha!— Ihr Sohn— oder der Sohn Ihrer Frau— denn, ich denke, Sie koͤnnen nur wenig — 255 Theil an ihm haben— Dekößamen⸗ Ihnen aufzu⸗ warten.“ Peveril wußte nicht, wie er den Uebermuth des Kerls ahnden ſollte; und in der That miſchte ſich ſeine Angſt und Furcht vor irgend einem ſonderbaren Irrthum mit ſeinem Zorn, und hielt ihn etwas zuruͤck. Er ſah ſich von neuem rings im Zimmer um, bis er am Ende Etwas zuſammengekruͤmmt in einem dun⸗ keln Winkel entdeckte, das mehr einem kleinen Buͤn⸗ del von carmoſinrothem Tuch, als einem lebenden Geſchoͤpf aͤhnlich ſah. Auf den lauten Ruf des Schlie⸗ ßers jedoch ſchien der Gegenſtand Leben und Bewe⸗ gung zu erlangen— entwickelte ſich einigermaßen, und gewann, nach einer oder ein paar Anſtrengungen, eine aufrechte Stellung, noch vom Kopf bis an die Zehen mit dem carmoſinrothen Gewande bedeckt, in das er anfangs eingehuͤllt war. Julian glaubte, bei dem erſten Anblick, der Groͤße nach, ein Kind von fuͤnf Jahren zu ſehen; aber ein ſcharfer und beſon⸗ derer Ton der Stimme uberfuͤhrie ihn bald von ſei⸗ nem Irrthum. „Waͤrter,“ ſagte dieſer nicht irdiſche Laut,„was bedeutet dieſe Stoͤrung? Habt ihr noch mehr Belei⸗ digungen uͤber das Haupt eines Mannes zu haͤufen, der immer die Zielſcheibe des boshaften Schickſals geweſen iſt? Aber ich habe eine Seele, die mit allen 256— meinen Widerwaͤrtigkeiten kaͤmpfen kann; ſie iſt ſo groß, als jeder von euern Leibern.“ „Nun, Sir Gottfried, wenn das die Art iſt, wie Sie Ihren eigenen Sohn bewillkommnen!“ ſagte der Schließer;„aber Ihr vornehmen Leute kennt Eure eigne Manier am beſten.“ „Mein Gohtehe ¹ rief die kleine Geſtalt aus. „Verwegener— „Hier iſt irgend ein ſeltſames Mißverſtaͤndniß,“ ſagte Julian in demſelben Tone.„Ich ſuchte Sir Gottfried—“ „Und Sie haben ihn vor ich, junger Mann,“ ſagte der Pygmaͤe, der die Zelle bewohnte, mit ei⸗ nem Anſtand voll Hohheit, indem er ſeinen carmo⸗ ſinrothen Mantel an den Fußboden warf, und in ſei⸗ ner vollen Wuͤrde, drei Fuß, ſechs Zoll hoch, ſich vor ihnen hinſtellte.„Ich bin der beguͤnſtigte Diener drei auf einander folgender Souveraͤne der Krone Englands, jetzt der Bewohner dieſes Kerkers, und der Spott der brutalen Aufſeher deſſelben! Ich bin Sir Gottfried Hudſon.“ Obgleich Julian nie zuvor dieſe wichtige Perſon geſehen hatte, ſo erkannte er doch aus Beſchreibung ohne Schwierigkeit den beruͤhmten Zwerg der Hen⸗ riette Maria, welcher die Gefahren des buͤrgerlichen Kriegs, und des Privatzwiſtes— die Ermordung — 25⁷ ſeines koͤniglichen Oberhaupts, Karls I., und die Verbannung der Witwe deſſelben uͤberlebt hatte— um unter boͤſe Zungen und boͤſe Tage zu gerathen, unter den Niemand ſchonenden Anklagen, die mit dem papiſtiſchen Complott zuſammenhingen. Julian verbeugte ſich vor dem ungluͤcklichen alten Mann, und beeilte ſich, ihm und dem Schließer zu erklaͤren, daß es Sir Gottfried Peveril vom Schloſſe Mar⸗ tindale in der Grafſchaft Derby ſei, deſſen Gefaͤng⸗ niß er zu theilen gewuͤnſcht habe. „Das haͤtten Sie ſagen ſollen, ehe Sie ſich von Ihrem Golde trennten, mein Herr,“ antwortete der Schließer.„Denn der andere Sir Gottfried, das iſt der dicke, große Mann mit grauen Haaren, wurde letzte Nacht in den Tower gebracht; und der Capitaͤn wird glauben, er habe Ihnen ſein Wort gut genug gehalten, da er Sie hier bei dieſem Sir Gottfried Hudſon logirte, der unter beiden der ſe⸗ henswertheſte iſt.* „Ich bitte, geht zu euerm Herrn, erklaͤrt den Nißverſtand, und ſagt, ich baͤte ihn, mich nach dem Tower zu ſchicken,“ ſagte Peveril. „Dem Tower!— ha, ha, ha!“ rief der Kerl aus.„Der Tower iſt fuͤr Lords und Ritter, und nicht fuͤr den niedern Adel— fuͤr Hochverrath, und nicht fuͤr Raufereien auf den Straßen mit Rapier 258— und Dolch; und da iſt die Vollmacht eines Secre⸗ taͤrs noͤthig, Sie dahin zu bringen.“ „Wenigſtens laßt mich nicht dieſem Herrn zur Laſt fallen,“ ſagte Julian.„Es kann zu nichts die⸗ nen, uns zuſammen zu logiren, weil wir nicht ein⸗ mal Bekannte ſind. Geht, erklaͤrt euerm Herrn den Irrthum.“ „Ja das wollt ich wohl,“ ſagte Clink, immer noch mit hohnlachender Miene,“ waͤr' ich nicht ſicher, daß er es ſchon wuͤßte. Sie bezahlten, um zu Sir Gottfried geſchickt zu werden, und er ſchickt Sie zu Sir Gottfried. Sie ſind ſo in die Regiſter geſetzt, und er wird es fuͤr Niemand ausſtreichen. Wohlan, fuͤgen Sie ſich darein, und Sie ſollen leichte und be⸗ queme Eiſen haben— das iſt Alles, was ich fuͤr Sie thun kann.“ Da Widerſtand und Wortwechſel hier nicht an⸗ gebracht waren, ergab ſich Peveril darein, ſich ein paar leichte Feſſeln an ſeine Knoͤchel legen zu laſſen, die ihm jedoch erlaubten, uͤber das Zimmer zu gehen. Waͤhrend dieſer Verrichtung uͤberlegte er, daß der Kerkermeiſter, der den Vortheil der Verwechs⸗ lung der beiden Sir Gottfriede benutzt hatte, ſo, wie ſein Gehuͤlfe andeutete, gehandelt und ihn mit vor⸗ bedachter Bosheit getaͤuſcht haben mußte, weil die — 259 ueberlieferungsurkunde ihn als den Sohn Sir Gott⸗ fried Peverils beſchrieben hatte. Es war daher ver⸗ geblich ſowohl, als herabwuͤrdigend, ſich ferner an einen ſolchen Mann wegen der Sache zu wenden. Julian beſchloß, ſich ſeinem Schickſal als einem Ver⸗ haͤltniß zu unterwerfen, das durch ſeine Anſtrengung nicht abgewendet werden konnte. Selbſt der Schließer war durch ſeine Jugend, ſeine gute Miene und durch die Geduld, womit der Gefangene, nach dem erſten Aufbrauſen uͤber die Taͤu⸗ ſchung, ſich in ſeine Lage ergab, in einigem Grade geruͤhrt.„ie ſcheinen ein braver junger Edelmann zu ſein,“ ſprach er;„und ſollen wenigſtens ein gutes Mittagseſſen, und ein ſo gutes Wachbett zum Schla⸗ fen haben, als es in den Mauern von Newaate im⸗ mer gibt.— Und Herr Ritter Gottfried, Sie ſoll⸗ ten viel auf ihn halten, da Ihnen lange Leute nicht gefallen; denn ich kann Ihnen ſagen, daß Herr Pe⸗ veril deßhalb hier iſt, weil er den langen Jack Jenkins erſtochen hat, welcher Lehrer der Vertheidigung war — ein ſo langer Mann, als nur einer in London iſt, ausgenommen des Koͤnigs Thuͤrſteher, Herrn Evans, der Sie in ſeiner Taſche herumtrug, Sir Gottfried, wie alle Welt ſich hat erzaͤhlen laſſen.“ „Geht eurer Wege, Kerl!“ antwortete der Zwerg.„Kerl, ich verachte euch!6 260— 1 Der Kerl grinſte, entfernte ſich, und ſchloß die Thuͤre hinter ſich zu. Eilftes Capitel. 2 Zum erſten Mal nach den Begebenheiten dieſes un⸗ wenn auch nicht allein gelaſſen, warf ſich Julian auf einen alten eichenen Sitz neben der gluͤhenden Aſche eines Steinkohlenfeuers, und fing an, die elende Lage voll Angſt und Gefahr, in der er ſich befand, zu bedenken; wo, er mochte die Angelegenheiten ſei⸗ ner Liebe, die Neigungen zu ſeiner Familie oder ſeine Freundſchaften betrachten, Alles eine ſolche rers, der vom Verdeck eines Schiffs, das nicht mehr dem Steuer gehorcht, lauter Brandungen um ſich ſieht. Als Peveril in Verzweiflung verſunken ſaß, zog ſein Ungluͤcksgefaͤhrte einen Stuhl auf die entgegen⸗ geſetzte Seite des Kaminwinkels, und fing an, auf hen, welche ihn endlich, obgleich faſt wider Willen, noͤthigte, der ſonderbaren Figur, die ſo ſehr mit ſei⸗ ruhigen und abwechſelnden Tages, wenigſtens ruhig, Ausſicht zu geben ſchien, wie die des Seefah⸗ ihn mit einer Art feierlicher Ernſthaftigkeit hinzuſe⸗ — 261 ner Betrachtung beſchaͤftigt ſchien, einige Aufmerk⸗ ſamkeit zu widmen. Gottfried Hudſon(wir laſſen bei dieſer Gele⸗ genheit den Titel der Ritterwuͤrde weg, welchen ihm der Koͤnig im Scherz verliehen hatte, die aber einige Verwirrung in unſere Geſchichte bringen koͤnnte), ob⸗ gleich ein Zwerg von der kleinſten moͤglichen Geſtalt, hatte nichts entſchieden Haͤßliches in ſeinem Anſehen, oder nichts wirklich Verdrehtes in ſeinen Gliedern. Sein Kopf, ſeine Haͤnde und Fuͤße waren freilich groß und unverhaͤltnißmaͤßig zu der Hoͤhe ſeines Koͤrpers, und ſein Leib ſelbſt war viel dicker, als ſich mit dem Ebenmaße vertrug, aber in einem Gra⸗ de, der mehr drollig als unangenehm anzuſehen war. Seine Geſichtsbildung insbeſondere wuͤrde, wenn er etwas laͤnger geweſen waͤre, in der Jugend fuͤr huͤbſch, und nunmehr im Alter fuͤr intereſſant und ausdrucksvoll gegolten haben; es war nur das unge⸗ meine Mißverhaͤltniß zwiſchen dem Kopf und dem Rumpf, welches die Zuͤge ſeltſam und bizarr erſchei⸗ nen ließ— eine Wirkung, welche durch den Kne⸗ belbart des Zwergs betraͤchtlich verſtaͤrkt wurde, da er dieſen ſo groß zu tragen beliebte, daß er ſich hinten mit ſeinen graulichen Haaren verwickelte und ver⸗ miſchte. Die Kleidung dieſes ſonderbaren Wichts verrieth, 262— daß er nicht ganz frei von dem ungluͤcklichen Ge⸗ ſchmack war, welcher Menſchen, die von der Natur durch perſoͤnliche Mißgeſtalt ausgezeichnet ſind, ver⸗ leitet, ſich durch den Gebrauch auffallender Farben und fantaſtiſch und außerordentlich geformter Klei⸗ dungsſtuͤcke bemerklich und zugleich laͤcherlich zu ma⸗ chen. Aber die Stickereien und Verbraͤmungen des armen Gottfried Hudſon, und ſein uͤbriger Putz wa⸗ ren ſehr abgenutzt und verblichen durch die Zeit, die er im Gefaͤngniß unter der unbeſtimmten und bos⸗ haften Anklage zugebracht hatte, daß er auf die eine oder die andere Art ein Mitſchuldiger in dieſem Alles an ſich ziehenden, Alles verſchlingenden Strudel ei⸗ ner papiſtiſchen Verſchwoͤrung waͤre— einer Be⸗ ſchuldigung, die, wenn ſie auch vom Munde des Schlechteſten und Boshafteſten ausgeſprochen wurde, zu jener Zeit uͤbermaͤchtig genug war, den lauterſten Ruf zu beflecken. Es wird ſich ſogleich zeigen, daß in der Denkungsart und dem Tone der Unterhaltung des ungluͤcklichen Mannes etwas der abgeſchmackten Art ſeiner Tracht Aehnliches war; denn ſo wie in der letztern ein guter Stoff und koſtbare Verzierun⸗ gen durch die fantaſtiſche Form, in der ſie aufgeſtutzt waren, laͤcherlich gemacht wurden, ſo wurden die Funken von geſundem Verſtande und edlem Gefuͤhl, die der kleine Mann oft hervorſchimmern ließ, zum 263 Gegenſtande des Lachens durch ſein unruhiges Be⸗ ſtreben, gewiſſe Mienen von Wichtigkeit anzuneh⸗ men, und durch einen ſtarken Argwohn, wegen der Eigenſchaften ſeiner aͤußerlichen Bildung verachtet zu werden. Nachdem die Gefaͤngnißgenoſſen einige Zeit ein⸗ ander ſtillſchweigend angeſehen hatten, hielt es der Zwerg, im Bewußtſein ſeiner Wuͤrde als erſter In⸗ haber ihres gemeinſchaftlichen Zimmers, fuͤr noͤthig, den neuen Ankoͤmmling in demſelben zu bewillkomm⸗ nen.„Mein Herr,“ ſagte er, indem er die abwech⸗ ſelnd harten und kreiſchenden Toͤne ſeiner Stimme in ſo harmoniſche Accente ſtimmte, als ſie annehmen konnten,„wie ich hoͤre, ſind Sie der Sohn meines wuͤrdigen Namensverwandten und alten Bekannten, des tapfern Ritters Gottfried Peveril von dem Gipfel. Ich verſichere Ihnen, ich habe Ihren Vater geſehen, wo reichlicher Hiebe, als Goldſtuͤcke ausge⸗ theilt wurden; und als ein großer ſtarker Mann, der, wie wir martialiſchen Maͤnner glaubten, Etwas von der Leichtigkeit und Behendigkeit unſerer zarter gebauten Cavaliere brauchte, vollzog er ſeine Pflicht, wie man nur wuͤnſchen konnte. Es macht mich gluͤcklich, Sie, ſeinen Sohn, zu ſehen; und es freut mich, daß wir, obwohl durch ein Mißverſtaͤndniß, dieſe troſtloſe Huͤtte mit einander theilen ſollen.“ 264— Julian verbeugte ſich, und dankte fuͤr ſeine Hoͤf⸗ lichkeit; und da Gottfried Hudſon einmal die Bahn gebrochen hatte, fragte er Julian ohne weitere um⸗ ſtaͤnde:„Sie ſind kein Hofmann, veniiinih ich, jun⸗ ger Herr?“ Julian verneinte es. „Das glaubte ich,“ ſagte der Zwerg;, denn ob ich gleich jetzt keine Amtsverrichtung am Hofe habe, als der Sphaͤre, in welcher ich meine fruͤhern Jahre verlebte, und wo ich einmal ein anſehnliches Amt fuͤhrte, ſo beſuchte ich doch immer, da ich noch meine Freiheit hatte, die Audienz von Zeit zu Zeit, als vom ehemaligen Dienſt an meine Pflicht gebunden; und ich bin, aus alter Sitte noch, gewohnt, einige Kenntniß von feinen Mitgliedern zu nehmen, jenen auserleſenen Geiſtern des Zeitalters, in deren Liſte ich ſonſt aufgenommen war. Sie ſind, Herr Peve⸗ ril, ohne Ihnen zu ſchmeicheln, eine ausgezeichnete Figur— doch etwas von der laͤngſten Art, wie auch bei Ihrem Vater der Fall war; ich glaube, ich koͤunte Sie kaum irgendwo geſehen haben, ohne mich Ihrer nicht zu erinnern.“ Peveril dachte, er duͤrfte das Compliment mit gutem Fug zuruͤckgeben, begnuͤgte ſich aber zu ſagen: „er habe kaum den Brittiſchen Hof geſehen.“ „Das iſt Schade,“ ſagte Hudſon;„ein feiner Mann kann kaum gebildet werden, ohne ihn oft zu beſuchen. Doch Sie ſind vielleicht in einer ranhern Schule geweſen; Sie haben gedient, unſtreitig—“ „Meinem Schoͤpfer, hoff' ich,“ ſagte Julian. „Pfui, Sie mißverſtehen mich. Ich meinte,“ ſprach Hudſon,„à la Française,— Sie haben in der Armee gedient?“ „Nein, ich habe noch nicht dieſe Ehre gehabt,“ ſagte Julian. „Was? weder Hofmann, noch Soldat, Herr Peveril?“ ſagte der wichtige kleine Mann:„Ihr Vater iſt zu tadeln. Wahrhaftig, er verdient Tadel deßhalb, Herr Peveril! Wie ſoll ein Mann bekannt oder ausgezeichnet werden, außer durch ſein Ver⸗ halten im Krieg und Frieden! Ich ſage Ihnen, jun⸗ ger Herr, bei Newberry, wo ich mit meinen Trup⸗ pen an der Seite des Prinzen Rupert angriff, und als wir, wie Sie koͤnnen gehoͤrt haben, alle Beide von jenen elenden Kerlen der Buͤrgermiliz in London geſchlagen wurden— wir thaten, was Tunner thun konnten; und ich denke, es war eine Sache von drei oder vier Minuten, nachdem die meiſten unſerer Herren vertrieben worden waren, daß ſeine Hohheit und ich fortfuhren, mit unſern Schwertern nach ihren langen Piken zu hauen; und ich glaube, ich wuͤrde eingedrungen ſein, wenn ich nicht eine III. N 266— große, langbeinige Beſtie von Pferd e habt haͤtte, und mein Schwert etwas kurz geweſen waͤre,— endlich und zuletzt waren wir genoͤthigt, ihnen den Ruͤcken zu zeigen, und dann, wie ich ſagen wollte, waren die Kerle ſo froh, unſer los zu werden, daß ſie ein großes Jubelgeſchrei erhoben:„da geht Prinz Robin und Cock Robin!“ Ja, ja, jeder Schuft unter ihnen kennt mich recht wohl. Aber dieſe Tage ſind vorbei.— Und wo wurden Sie er⸗ zogen, junger Herr?“ Peveril nannte den Hofſtaat der Graͤfin von Derby. „Eine hoͤchſt achtungswerthe Dame, auf mein Wort als Edelmann,“ ſagte Hudſon.—„Ich kannte die edle Graͤfin wohl, als ich um die Perſon meiner koͤniglichen Gebieterin, Henriette Maria, war. Sie war in der That eine von den funfzehn Schoͤ⸗ nen am Hofe, denen ich erlaubte, mich Piccoluomini zu nennen;— ein naͤrriſcher Scherz uͤber meine etwasrkleine Figur, die mich immer von gewoͤhnlichen Weſen auszeichnete, ſelbſt als ich jung war.— Ich habe nunmehr viel von Statur durch Buͤcken ver⸗ loren; aber beſtaͤndig hatten die Damen ihren Scherz mit mir.— Vielleicht, junger Mann, hatte ich meine eigne Schadloshaltung bei einigen von ihnen irgendwo, und auf eine oder die andere Art— ich — 274 ſage nichts, hatt' ich ſie oder nicht. Aber gewiß, den Damen zu dienen, und ſich zu ihren Launen herab zu laſſen, ſelbſt wenn ſie etwas frei oder fan⸗ taſtiſch ſind, iſt die wahre Lebensart eines Mannes von edlem Gebluͤt.“ Bei aller Niedergeſchlagenheit konnte ſich Peveril doch kaum des Laͤchelns enthalten, als er auf das pygmaͤenartige Geſchoͤpf hinſah, welches dieſe Ge⸗ ſchichten mit nnendlicher Selbſtgefäͤlligkeit erzaͤhlte, und geneigt ſchien wie ſein eigner Herold, zu ver kuͤndigen, daß er ein wahres Muſter der Tapferteit und der Galanterie geweſen, obgleich Liebe und Waffen bei ſeinem runzligen und verwitterten Anſe⸗ hen und ſeinen eingeſchrumpften Gliedern ganz un⸗ vereinbare Beſtrebungen zu ſein ſchienen. Julian vermied es aber ſogfaͤltig, ſeinem Geſellſchafter wehe zu thun, daß er ſich vielmehr in ſeine Laune zu ſchicken ſuchte und ſagte:„unſtreitig muͤßte ein Mann, wie Sir Gottfried Hudſon, an Hoͤfen und im Lager erzogen, genau wiſſen, wann er perſoͤnliche Freiheiten ſich gefallen laſſen, und wann er ſie in Schranken halten ſollte.“ Der kleine Ritter fing an, mit großer Lebhaf⸗ tigkeit, jedoch mit einiger Schwierigkeit, ſeinen Sitz von der gegenuͤber ſtehenden Seite des Feuers zu der, wo Julian ſaß, zu ſchleppen, und endlich gelang M 2 263— es ihm, ihn naͤher zu bringen, zum Zeichen zuneh⸗ mender Vertraulichkeit.— „Sie haben Recht, Herr Peveril,“ ſagte der Zwerg;„und ich habe von Beidem, vom Ertragen und vom Entſagen, Proben gegeben.— Ja, mein Herr, da gab es nichts, was meine hoͤchſt koͤnigliche Gebieterin, Henriette Maria, von mir haͤtte verlan⸗ gen koͤnnen, das ich nicht wuͤrde gewaͤhrt haben, mein Herr; ich war ihr geſchworner Diener, im Kriege und bei Feſten, in der Schlacht und im Schauſpiel. Auf ihrer Majeſtaͤt Befehl ließ ich mich herab— Damen haben, wie Sie wiſſen, ſelt⸗ ſame Einfaͤlle— eine Zeitlang der Bewohner des Innern einer Paſtete zu werden.“ „Einer Paſtete!“ ſagte Julian, etwas ver⸗ wundert. „Ja, mein Herr, einer Paſtete. Ich hoffe, Sie finden nichts Laͤcherliches in meiner Gefaͤlligkeit?“ erwiederte ſein Geſellſchafter etwas argwoͤhniſch. „Nein, mein Herr,“ ſagte Peveril;„ich habe andere Dinge, als Lachen, jetzt in meinem Kopfe.“ „So war es mit mir auch,“ ſagte der zwerg⸗ hafte Held,„da ich mich als Gefangener in einer ungeheuern Schuͤſſel befand, von nicht gewoͤhnlichem Umfange, wie Sie glauben koͤnnen, weil ich der Laͤnge nach in ihr liegen konnte, und als ich gleich⸗ — 269 ſam zwiſchen Waͤnden von ſtehender Rinde und einer ungeheuern Paſtetendecke,(groß genug zur Grab⸗ ſchrift eines Generals oder Erzbiſchofs) begraben wurde. Ungeachtet der Einrichtungen, die man ge⸗ macht hatte, mir Luft zu ſchaffen, mein Herr, war es doch mehr einem Lebendig⸗Begrabenſein aͤhnlich, als irgend ſonſt Etwas, das ich mir denken koͤnnte.“ „Das begreife ich wohl, mein Herr,“ ſagte Julian. „Hneberdieß, mein Herr,“ fuhr der Zwerg fork, „wußten Wenige um das Geheimniß, welches zur Unterhaltung der Koͤnigin veranſtaltet wurde, zu deren Befoͤrderung ich in eine Lambertsnuß gekrochen ſein wuͤrde, waͤre es moͤglich geweſen; und da We⸗ nige, wie geſagt, mit dem Plane vertraut waren, ſo war hier eersas auf ungluͤckliche Zufaͤlle gewagt. Ich zweifelte, waͤhrend ich in meinem dunkeln Auf⸗ enthaltsorte war, ob mich nicht ein ungeſchickter Aufwaͤrter moͤchte fallen laſſen, wie ich bei einer Wildpretpaſtete ſich zutragen geſehen habe; oder ob nicht irgend ein hungriger Gaſt dem Augenblick mei⸗ ner Auferſtehung zuvorkommen, und ſein Meſſer in meine Oberrinde ſtecken moͤchte. Und ob ich gleich meine Waffen bei mir hatte, junger Mann, wie mein Gebrauch in jedem gefaͤhrlichen Falle geweſen iſt, ſo wuͤrden doch, wenn ſo eine raſche Perſon tief M 3 270 in die Eingeweide der muthmaßlichen Paſtete einge⸗ drungen waͤre, mein Schwert und Dolch blos zur Rache, ſicherlich aber nicht zur Verhinderung einer dieſer Kataſtrophen haben dienen koͤnnen.“ „Ganz gewiß, das begreif' ich,“ ſagte Julian. der jedoch zu fuͤhlen anfing, daß die Geſellſchaft des kleinen Hudſon, ſo geſchwaͤtzig als er ſich zeigte, die Beſchwerlichkeiten eines Gefaͤngniſſes eher vermeh⸗ ren, als erleichtern duͤrfte. „Nein,“ fuhr der kleine Mann fort, ſich weiter uͤber ſeinen vorigen Gegenſtand verbreitend,„ich hatte andere Anlaͤſſe zur Beſorgniß; denn es beliebte dem Lord Buckingham, dem Vater ſeiner Durch⸗ laucht, der jetzt den Titel traͤgt, auf dem hoͤchſten Gipfel der Hofgunſt, zu befehlen, daß die Paſtete hinunter in die Kuͤche getragen und von neuem dem Ofen uͤbergeben wuͤrde, aus dem widerſinnigen Grunde, es waͤre beſſer, ſie warm, als kalt zu eſſen.“ „Und ſtoͤrte dieß nicht Ihren Gleichmuth, mein Herr?“ fragte Julian. „Mein junger Freund,“ ſagte Gottfried Hut ſon „ich kann es nicht leugnen.— Die Natur will ihre Rechte behaupten bei dem Beſten und Beherzteſten von uns.— Ich dachte an Nebukadnezar und ſeinen feurigen Ofen, und mir ward warm vor Furcht. — 271 Aber ich danke dem Himmel, ich dachte auch an meine beſchworne Pflicht gegen meine koͤnigliche Ge⸗ bieterin, und war dadurch verbunden und faͤhig zam Widerſtand gegen alle Verſuchung, mich vor der Zeit zu erkennen zu geben. Nichts deſto weniger ging der Herzog— wenn aus Bosheit, ſo mag es ihm der Himmel vergeben— ging ſelbſt mit in die Kuͤche hinunter, und drang ſehr ſcharf bei dem Oberkoch darauf, daß die Paſtete, waͤre es auch nur auf fuͤnf Minuten, erhitzt wuͤrde. Allein der Kuͤchenmeiſter, der von den ſehr unterſchiedenen Abſichten meiner koͤnigli⸗ chen Gebieterin unterrichtet war, widerſetzte ſich hoͤchſt maͤnnlich dieſem Befehl; und ich wurde wohlbehalten auf die koͤnigliche Tafel wieder zuruͤckgebracht.“ „Und zu gehoͤriger Zeit aus Ihrer Gefangen⸗ ſchaft erloͤſt, ohne Zweifel?“ ſagte Peveril. „Ja, mein Herr, dieſer gluͤckliche, und ich kann ſagen, glorreiche Augenblick kam endlich heran,“ fuhr der Zwerg fort.„Die Oberrinde wurde abge⸗ nommen— ich fuhr empor beim Schall der Trom⸗ pete und des Clarins, gleich der Seele eines Krie⸗ gers, wann der letzte Aufruf erſchallen wird— oder vielmehr(wenn dieſe Vergleichung gar zu kuͤhn waͤre) gleich einem feſt gezauberten Helden, der aus ſeinem bezauberten Zuſtande befreit wird. Damals war es, da ich, mit meinem Schilde am Arm, und M 4 272— mit meinem treuen Bilboa⸗Degen in der Hand, eine Art von kriegeriſchem Tanz ausfuͤhrte, worin merne Geſchicklichkeit und Gewandtheit mich damals vorzuͤglich auszeichneten, indem ich zugleich meine Stellungen ſowohl zur Vertheidigung, als zum An⸗ griff, auf eine ſo ganz unnachahmliche Art ſehen ließ, daß ich von dem Beifall Aller um mich her faſt betaͤubt, und durch die wohlriechenden Waſſer, mit denen mich die Hofdamen aus ihren Spritzflaſchen uͤberſchwemmten, faſt erſtickt wurde. Ich hatte auch Entſchaͤdigungen von ſeiner Durchlaucht von Bucking⸗ ham; denn als ich einen Mohrentanz hin und her auf der Speiſetafel tanzte, meine Klinge bald aus⸗ ſtrockend, bald zuruͤckziehend, that ich einen Hieb nach ſeiner Naſe— eine Art Estramaçon— wo⸗ von die Geſchicklichkeit darin beſteht, daß man dem Gegenſtande, nach welchem man zu zielen ſcheint, gewaltig nahe kommt, ohne ihn doch zu treffen. Sie koͤnnen einen Barbier einen ſolchen Schwung mit ſeinem Raſirmeſſer haben machen ſehen. Ich be⸗ theure, ſeine Gnaden ſprangen wenigſtens eine halbe Elle zuruͤck. Es beliebte ihm, mir zu drohen, mir mit einem Huͤnerbein meinen Schedel zu zerſchmet⸗ tern, wie er ſich voll Unwillen ausdruͤckte; aber der Koͤnig ſagte:„Georg, Sie haben nur einen Roland kuͤr einen Oliver.“ Und ſo huͤpfte ich fort, und — 275 zeigte eine kuͤhne Verachtung ſeines Mißfallens, wie Wenige zu jener Zeit zu thun gewagt haͤtten, ob⸗ gleich aufs Aeußerſte aufgemuntert, wie ich, durch das Zulaͤcheln der Tapfern und der Schoͤnen. Aber ach! mein Herr, Jugend, ihre Moden, ihre Thor⸗ heiten, ihre Scherze, und all ihr Prunk und Stolz, ſind ſo eitel und voruͤbergehend, als das Kniſtern von Dornen unter einem Topfe.“ „Die Blume, die in den Ofen geworfen wird, waͤre ein beſſeres Gleichniß /“ dachte Peveril.„Gu⸗ ter Gott, daß ein Menſch leben mußte, um es zu bedauern, daß er nicht jung genug waͤre, um noch wie gebacknes Fleiſch behandelt und in einer Paſtete aufgetragen zu werden!“ Sein Geſellſchafter, deſſen Zunge ſeit vielen Ta⸗ gen in eben ſo enger Gefangenſchaft geweſen war, als ſeine Perſon, ſchien entſchloſſen, ſich durch ſeine Geſchwaͤtzigkeit zu entſchaͤdigen, welcher er ſich jetzt auf Koſten ſeines Gefaͤhrten uͤberließ. Er fuhr da⸗ her fort, und moraliſirte in einem feierlichen Tone uͤber die erzaͤhlten Begebenheiten. „Junge Maͤnner,“ ſagte er,„werden ohne Zwei⸗ fel einen Mann fuͤr beneidet halten, der ſo im Stande war, der Liebling und die Bewunderung des Hofes zu ſein—(Julian war von dem Verdachte durch ſich ſelbſt frei geſprochen)— und doch iſt es M. 5 274— beſſer, weniger Mittel zur Auszeichnung zu beſitzen, und frei zu bleiben von der Verleumdung, dem Schimpf und Haß, welche immer die Hofgunſt be⸗ gleiten. Menſchen, die keine andere Urſache hatten, blickten veraͤchtlich auf mich, weil meine Groͤße von dem gewoͤhnlichen Verhaͤltniß etwas abwich; und unuͤberlegte Scherze ergingen bisweilen uͤber mich von Seiten derer, denen ich verpflichtet war; ſie be⸗ dachten in dieſem Falle vielleicht nicht genug, daß der Zaunkoͤnig von derſelben Hand gemacht iſt, die den Trappen ſchuf, und daß der Diamant, obgleich von geringer Groͤße, zehntauſendmal den rohen Gra⸗ nit an Werth uͤbertrifft. Nichts deſto weniger uͤber⸗ ließen ſie ſich ihrer ſpoͤttiſchen Laune; und da ich aus Pflicht und Dankbarkeit ihnen nichts vergelten konnte, ſo war ich genoͤthigt, bei men zu uͤberlegen, wie ich meine Ehre gegen Jene retten koͤnnte, die, in demſelben Range mit mir als Diener und Hofleute, dennoch ſich ſo gegen mich betrugen, als waͤren ſie von einer hoͤhern Klaſſe, ſowohl im Range der Ehre, als in dem zufaͤlligen Umſtande der Statur. Und als eine Lection fuͤr meinen eignen Stolz und fuͤr den Stolz Anderer, ereignete es ſich, daß das Schaugericht, von dem ich eben erzaͤhlt habe,— welches ich mit Recht fuͤr den ehrenvollſten Augen⸗ blick meines Lebens anſehe, ausgenommen vielleicht — 275 meinen ausgezeichneten Antheil in der Schlacht von Round=way-down— die Urſache eines hoͤchſt tragiſchen Ereigniſſes ward, in welchem ich das groͤßte Ungluͤck meines Daſeins erkannte.“ Der Zwerg hielt hier inne, und holte einen tiefen Seufzer, voll Betruͤbniß, und zugleich im Gefuͤhl ſeiner Wichtigkeit, als des Gegenſtandes einer tra⸗ giſchen Geſchichte; dann fuhr er folgendermaßen fort: „Sie wuͤrden, junger Herr, in Ihrer Aufrich⸗ tigkeit geglaubt haben, daß das huͤbſche Schauſpiel, das ich erwaͤhnte, blos zu meinem Vortheil haͤtte angefuͤhrt werden koͤnnen, als eine ſeltene Art maſkir⸗ ter Beluſtigung, von artiger Erfindung und eben ſo feiner Ausfuͤhrung; und doch boten die Hoͤflinge, die mir uͤbelwollten und mich beneideten, aus Bos⸗ heit ihren Witz auf, und erſchoͤpften ihren Scharf⸗ ſinn, die Sache falſch und laͤcherlich auszulegen. Kurz, meine Ohren wurden mit Anſpielungen auf Paſteten, Auflauf, Backoͤfen u. dgl. ſo ſehr belei⸗ digt, daß ich gezwungen war, unter Strafe meines unausbleiblichen und ernſten Mißfallens, einen ſolchen Gegenſtand des Scherzes zu verbereen. Aber da traf ſich's, daß ein ſtattlicher Mann am Hofe war, ein Mann von gutem Stande, Sohn eines Ritters und Baronets, und bei den Beſten in jener Sphaͤre in hohem Anſehen, auch einer meiner eignen ver⸗ trauten Freunde, von dem ich alſo keinen Grund haben konnte, irgend eine ſolche Art Spott zu er⸗ warten, wie ich fuͤr beleidigend zu halten erklaͤrt hatte. Deſſen ungeachtet, beliebte es ihm eines Abends bei dem vornehmſten koͤniglichen Thuͤrſteher, als er vom Wein berauſcht und voll muthwilliger Streiche war, dieſen abgenutzten Gegenſtand aufs Tapet zu bringen, und Etwas von einer Gaͤnſepaſtete zu ſagen, das ich nur als auf mich gemuͤnzt nehmen konnte. Nichts deſto weniger aber bat ich ihn nur gelaſſen und ernſthaft, einen andern Gegenſtand zu waͤhlen; widrigenfalls ich ihn wiſſen ließ, daß ich meine Empfindlichkeit keinen Augenblick zuruͤckhalten wuͤrde. Deſſen ungeachtet fuhr er in demſelben Tone fort, und vermehrte ſelbſt die Beleidigung, indem er von einer kleinen Meiſe und andern unnoͤ⸗ thigen und anſtoͤßigen Vergleichungen ſprach; worauf ich genoͤthigt war, ihm eine Herausfoderung zuzu⸗ ſchicken, und wir fanden uns dieſer zufolge mit ein⸗ ander ein. Da 1ch nun deden nzaig wirklic liebte, ſo war es meinezelbſi zwei leichte zunden 5 ee henne und) wolltc gern, daß er das Schwert zu ſeiner Waffe erwaͤhlte, dennoch ſiel ſeine Wahl auf das Piſtol; und als er nun zu Pferde war, brachte er, neben ſeinem eignen — 277 Gewehr, eine naͤrriſche Maſchine hervor, welche Kinder in ihrer Schelmerei zum Waſſerſpruͤtzen zu gebrauchen pflegen; eine— eine— kurz, ich habe den Namen vergeſſen.“ „Eine Spruͤtze, unſtreitig,“ ſagte Peveril, der ſich beſann, Etwas von dieſem Abenteuer gehoͤrt zu haben. „Sie haben Recht,“ ſagte der Zwem;„Sie kennen wirklich den Namen der kleinen Maſchine, von welcher ich, als ich durch die Hoͤfe von Weſt⸗ muͤnſter ging, Erfahrung gemacht hatte.— Gut, mein Herr, dieſes Zeichen von Geringſchaͤtzung noͤ⸗ thigte mich, gegen den Herrn eine ſolche Sprache zu fuͤhren, welche es fuͤr ihn bald nothwendig machte, zu ernſthafteren Waffen zu greifen. Wir fochten zu Pferde, und ſprengten auf ein gegebenes Zeichen auf einander los, und wie ich nie ein Ziel verfehle, ſo hatt' ich hier das Mißgeſchick, den achtbaren Herrn Crofts auf den erſten Schuß zu toͤdten. Ich wollte meinem aͤrgſten Feinde den Schmerz nicht wuͤnſchen, den ich fuͤhlte, als ich ihn in ſeinem Sattel wanken, und ſo zu Boden fallen ſoh!— und als ich wahr⸗ nahm, daß ſein Lebensblut ſchnell dahin ſtroͤmte, konnt' ich nur wuͤnſchen, daß es mein eigenes ſtatt des ſeinigen geweſen ſein moͤchte. So ſielen Jugend, Hoffnungen und Tapferkeit, als Opfer eines abge⸗ ſchmackten und unuͤberlegten Scherzes; doch ach! was blieb mir fuͤr eine Wahl, da die Ehre glelchſam der Athem unſerer Bruſt iſt, und da wir in keinem Verſtande zu leben behaupten koͤnnen, wenn wir uns derſelben berauben laſſen?“ Der Ton des Gefuͤhls, in welchem der zwerg— hafte Held ſeine Geſchichte ſchloß, gab Julian eine beſſere Meinung von ſeinem Herzen, und ſelbſt von ſeinem Verſtande, als er ſich hatte von demjenigen machen koͤnnen, der ſich ruͤhmte, bei einer großen Gelegenheit den Inhalt einer Paſtete ausgemacht zu haben. Er war allerdings nun im Stande, zu vermuthen, daß der kleine Held zu ſolchen Darſtel⸗ lungen und Leiſtungen durch die an ſeine Lage ge⸗ knuͤpfte Nothwendigkeit, durch ſeine eigene Eitelkeit, und durch die ihm von denen, die in handgreiflichen Spaͤßen Vergnuͤgen ſuchten, bewieſene Schmeichelei, verleitet worden war. Das Schickſal des ungluͤckli⸗ chen Crofts eben ſowohl, als verſchiedene Heldentha⸗ ten des kleinen Hudſon, waͤhrend der buͤrgerlichen Kriege, in welchen er wirklich und mit großer Tapferkeit einen Trupp Reiterei anfuͤhrte, machten die meiſten Menſchen vorſichtig, ihn oͤffentlich aufzu⸗ ziehen, und dieß war um ſo weniger noͤthig, da er, wenn man ihn gehen ließ, ſelten ermangelte, ſich von einer ſcherzhaften Seite zu zigen. 279 Um Ein Uhr Nachmittags verſorgte der Schließer, ſeinem Worte getreu, die Gefangenen mit einem ſehr leidlichen Mittagseſſen, und einer Flaſche ſchmackhaf⸗ tem, doch leichtem Claretwein, die, wie der alte Mann, der etwas von einem Bonvivant war, mit Bedauern be⸗ merkte, faſt ſo klein Par, als er ſelbſt. Der Abend ver⸗ ſtrich auch, jedoch nicht ohne fortdauernde Symptome der Redſeligkeit von Seiten Gottfried Hudſon's. Dieſe waren zwar von einem ernſthaftern Charakter, als er bisher gezeigt hatte; denn, als die Flaſche leer war, ſagte er ein langes lateiniſches Gebet her. Aber die religioͤſe Handlung, mit der ee ſich beſchaͤf⸗ tigt hatte, gab blos ſeiner Unterredung eine ernſtere Richtung, als ſeinen vorherigen Thema's von Krieg, Frauenliebe und Hofglanz zukam. Der kleine Ritter hielt fuͤr's Erſte eine Rede uͤber ſtreitige Punkte der Theologie, und lenkte von dieſem dornigen Pfade auf die nahe und daͤmmerige Gegend des Myſticismus hin. Er ſprach von gehei⸗ men Warnungen— von den Vorherſagungen der truͤbaͤugigen Propheten— von den Beſuchen war⸗ nender Geiſter— von den Roſenkreuzeriſchen Ge⸗ heimniſſen der Cabbala; auter Gegenſtaͤnde, die er mit ſolcher ſcheinbarer Ueberzeugung, ja, mit ſo mancher Berufung auf perſoͤnliche Erfahrung behan⸗ delte, daß man ihn haͤtte fuͤr ein Mitglied der Bruͤ⸗ 280— derſchaft der Gnomen oder Feen halten moͤgen, de⸗ nen er im Punkt der Groͤße ſo ſehr aͤhnlich war. Kurz er blieb eine volle Stunde in einem ſolchen Strome unndoͤthigen Geſchwaͤtzes, daß Peveril be⸗ ſtimmt wurde, auf alle Faͤlle eine abgeſonderte Woh⸗ nung zu ſuchen. Nachdem Hudſon ſein Abendgebet, wie vorher, Lateiniſch hergeſagt hatte(denn der alte Edelmann war ein Katholik), fing er, waͤhrend ſie ſich auskleideten, vom neuen ſeine Reden an, und fuhr fort zu plaudern, bis er ſich und ſeinen Geſell⸗ ſchafter ganz artig in Schlaf geſchwatzt hatte. Zwoͤlftes Capitel. Juliaws Kopf war, als er in Schlaf gefallen war, mehr mit ſeinen eigenen traurigen Betrachtun⸗ gen, als mit der myſtiſchen Lehre des kleinen Ritters erfuͤllt geweſen; und doch ſchien es, als wenn in ſei⸗ nen naͤchtlichen Viſionen die letztere mehr, als die erſtern, ſeinem Geiſte gegenwaͤrtig geweſen waͤre. Er traͤumte von vorbei ſchwebenden Geiſtern, kauderwaͤlſch ſprechenden Phantomen, blutigen Haͤn⸗ den, welche, im Zwielicht matt erblickt, ihm vor⸗ waͤrts zu winken ſchienen, gleich einem irrenden Rit⸗ 7 — 281 ter, der auf ein trauriges Abenteuer ausgeht. Mehr als einmal fuhr er aus ſeinem Schlaf empor, ſo lebhaft war der Eindruck dieſer Geſichte auf ſeine Einbildungskraft; und erwachte immer unter der Vorſtellung, daß Jemand an der Seite ſeines Bet⸗ tes ſtaͤnde. Die Kaͤlte ſeiner Knoͤchel, das Gewicht und Klirren der Feſſeln, als er ſich auf ſeinem Wach⸗ bett umwandte, erinnerte ihn bei dieſer Gelegenheit, wo er war, und unter welchen Umſtaͤnden. Alles, was ihm theuer war, jetzt in die aͤußerſte Noth ge⸗ bracht zu ſehen, das fiel ſchwerer auf ſein Herz, als das Eiſen an ſeinen Gliedern; auch konnte er ſich nicht wieder zur Ruhe begeben, ohne ein ſtilles Ge⸗ bet zum Himmel um Schutz zu ſenden. Als er aber ein drittes Mal durch dieſe ſich ſtark aufdraͤn⸗ genden Fantaſieen ans der Ruhe erweckt worden war, machte ſich der Kummer ſeines Gemuͤths durch Sprechen Luft, und er vermochte nicht den faſt ver⸗ zweifelnden Ausruf zu unterdruͤcken:„Gott erbarme ſich unſer!“ „Amen!“ antwortete eine Stimme, ſo ſuͤß und ſanft wie Honigthau, welche klang, als wenn das Wort dicht an der Seite ſeines Bettes waͤre geſpro⸗ chen worden. Die natuͤrliche Vermuthung war, daß Gottfried Hudſon, ſein Ungluͤcksgefaͤhrte, dem Gebete, das 282— ihrer gemeinſchaftlichen Lage ſo angemeſſen war, den Nachruf gegeben hatte. Aber der Ton der Stimme war ſo unterſchieden von den harten und diſſoniren⸗ den Lauten der Ausſprache des Zwergs, daß Peveril uͤberzeugt war, er koͤnnte nicht von Hudſon herkom⸗ men. Er war von unwillkuͤrlichem Schreck erſchuͤt⸗ tert, fuͤr den er keinen hinlaͤnglichen Grund angeben konnte; und nicht ohne Anſtrengung war er im Stande, die Frage hervor zu bringen,„Sir Gott⸗ fried, haben Sie jetzt geſprochen?“ Keine Antwort erfolgte. Er wiederholte die Frage lauter; und dieſelbe Silberſtimme, die vorher Amen zu ſeinem Gebet geſagt hatte, antwortete auf ſeine Frage:„Ihr Geſellſchafter wird nicht erwachen, ſo lange ich hier bin.“ „Und wer ſind Sie?— Was ſuchen Sie?— Wie kamen Sie an dieſen Ort?“ ſagte Peveril, ha⸗ ſtig Frage auf Frage haͤufend. „ Ich bin ein elendes Weſen, aber eines, das Sie ſehr liebt.— Ich komme zu Ihrem Beſten.— Bekuͤmmern Sie ſich nicht weiter.“ Es ſiel nun Julian ein, daß er von Perſonen gehoͤrt hatte, welche das wunderbare Talent beſaͤßen, Toͤne ſo genau nachzuahmen, daß ſie ihren Zuhoͤrern den Glauben abzwangen, ſie kaͤmen von einem ganz andern und entgegen geſetzten Punkte des Zimmers, 283 als dem, welchen der wirklich Sprechende einnahm. Ueberzeugt, daß er nun die Tiefe des Geheimniſſes ergruͤndet hatte, antwortete er,„dieſe Taͤndelei, Sir Gottfried, iſt außer der Zeit. Sagen Sie, was Sie zu ſagen haben, mit Ihrer eigenen Stimme und nach Ihrer Weiſe. Die affenmaͤßigen Scherze ſchicken ſich nicht fuͤr Mitternacht in einem Kerker von Newgate.“ „Aber das Weſen, das mit Ihnen ſpricht,“ ant⸗ wortete die Stimme,„iſt paſſend fuͤr die finſterſte Stunde, und fuͤr die Hoͤhlen der tiefſten Melan⸗ cholie.* Nicht laͤnger die Ungewißheit duldend, und ent⸗ ſchloſſen, ſeine Neugier zu befriedigen, ſprang Julian ſogleich von ſeinem Wachbett, in Hoffnung, ſich der ſprechenden Perſon zu verſichern, deren Stimme ſo nahe ſchien. Allein ſein Verſuch ſchlug ihm gaͤnzlich fehl, und er ergriff nichts, als duͤnne Luft. Ein oder ein paar Mal tappte Peveril mit aus⸗ geſtreckten Armen auf Gerathewoyl in der Stube umher; dann beſann er ſich aber, daß er, gehindert von ſeinen Feſſeln, und bei dem Geraͤuſch, das ſeine Bewegungen nothwendig begleiten mußte, und ver⸗ rieth, wo er war, nicht vermoͤgend ſein wuͤrde, an Jemand Hand zu legen, der ſich von ihm entfernt zu halten geneigt waͤre. Er ſuchte daher wieder 4 284 in ſein Bette zuruͤck zu kommen; aber indem er nach ſeinem Wege tappte, ſtieß er erſt an das ſeines Mitgefangenen. Der kleine Gefangene ſchlief tief und ſchwer, wie ſein Athem bewies; und bei augen⸗ blicklichem Horchen wurde Julian wieder uͤberzeugt, daß entweder ſein Geſellſchafter der ſchlaueſte und verſtellteſte Bauchredner ſein muͤßte, oder daß wirk⸗ lich innerhalb des Bezirks dieſes bewachten Zimmers irgend ein drittes Weſen waͤre, deſſen Gegenwart ſelbſt zu verrathen ſchiene, daß es nicht zu der ge⸗ woͤhnlichen Gattung der Menſchheit gehoͤre. Julian war an ſich ſelbſt nicht geneigt, an das Uebernatuͤrliche zu glauben; aber jenes Zeitalter war weit entfernt, in Hinſicht geiſtiger Erſcheinungen ſo unglaͤubig zu ſein, als das unſrige; und es gereichte keinesweges ſeinem geſunden Verſtande zum Nach⸗ theil, daß er die Vorurtheile ſeiner Zeit theilte. Sein Haar fing ſich an zu ſtraͤuben und der Schweiß ihm auf die Stirne zu treten, als er ſeinen Gefaͤhr⸗ ten um des Himmels willen ſich zu ermuntern bat. Der Zwerg antwortete— aber er ſprach, ohne zu erwachen—„der Tag mag anbrechen, und ich will verdammt ſein. Sag' dem Stallmeiſter, ich werde nicht auf die Jagd gehen, wenn) nicht den kleinen Zelter habe.“ en „Sch ſage Ihnen,“ ſprach Julian, 18s iſt Jes mand im Zimmer. Haben Sie nicht ein Feuerzeug, Licht anzuzuͤnden?“ „Ich kuͤmmere mich nicht drum, wie klein mein Pferd ſei,“ ſagte der Schlafende, ſeinen Zug von Gedanken verfolgend, die ihn ohne Zweifel in die gruͤnen Waͤlder von Windſor zuruͤck verſetzten, und zu den koͤniglichen Jagdhunden, die er da geſehen hatte.„Ich bin nicht zu ſchwer.— Ich mag nicht die Holſteiner Beſtie reiten, zu der ich auf einer Leiter hinauf klettern muß, um dann darauf zu ſitzen, wie ein Nadelkiſſen auf einem Ele⸗ fanten.“ Julian legte am Ende ſeine Hand auf die Schul⸗ ter des Schlafenden, und ſchuͤttelte ihn, ſo daß er ihn aus ſeinem Traum erweckte. Da fragte der Zwerg nach zwei⸗ oder dreimaligem Schnarchen und Stoͤhnen verdrießlich:„was zum Teufel fehlt Ihnen?“ 3 „Der Teufel ſelbſt, ſo viel ich weiß,“ ſagte Pe⸗ veril,„iſt in demſelben Augenblick in der Stube ne⸗ ben uns.“ Bei dieſer Nachricht fuhr der Zwerg auf, kreuzte ſich, und fing an, mit Stahl und Funtenſtein in aller Eile Feuer anzuſchlagen, bis er ein kleines Stuͤck Licht angezuͤndet hatte, das, wie er ſagte, der heiligen Brigitta geweiht, und eben ſo maͤchtig waͤre, als die fuga daemonum, oder die von Tobins im Hauſe der Rahel gebrannte Fiſchleber, alle Ko⸗ bolde und boͤſe oder bedenkliche Geiſter vom Platze, wohin es ſtrahlet, zu verjagen;„wenn ſie wirklich,“ wie der Zwerg ſorgfaͤltig ſeinen Satz verwahrte,„ir⸗ gendwo vorhanden waͤren, außer in der Einbildungs⸗ kraft ſeines Mitgefangenen.“ 3 Dieſem zufolge war das Zimmer kaum von die⸗ ſem heiligen Lichtſtuͤckchen erleuchtet, als Julian an dem Zeugniß ſeiner eignen Ohren zu zweifeln an⸗ fing; denn es war nicht nur Niemand in der Stube, außer Sir Gottfried Hudſon und er ſelbſt, ſondern alle Befeſtigungen der Thuͤre waren ſo ſicher, daß es unmoͤglich ſchien, daß ſie ohne ein ziemliches Ge⸗ toͤſe koͤnnten geoͤffnet und wieder geſchloſſen worden ſein, welches, bei dem letzten Vorfall wenigſtens, ſeinem Geh' nicht haͤtte entgehen koͤnnen, indem er ja auf den Fuͤßen hatte muͤſſen geweſen ſein und ſich mit Durchſuchen des Zimmers beſchaͤftigt haben, in dem Augenblicke, wo die unbekannte Erſcheinung, wenn ſie ein irdiſches Weſen war, im Begriff war, ſich aus benſelben zuruͤck zu ziehen. Julian fah fuͤr einen Augenblick mit großer Ernſthaftigkeit und nicht wenig Betroffenheit erſt auf die Thuͤre, dann auf das Gitterfenſter, und fing an, ſeine Einbildungskraft zu beſchuldigen, ihm einen — 287 unangenehmen Streich geſpielt zu haben. Er ant⸗ wortete wenig auf Hudſons Fragen; und hoͤrte, zu ſeinem Bette zuruͤckkehrend, mit Stillſchweigen eine lange, ausſtudirte Rede uͤber die Ver⸗ dienſte der heiligen Brigitta an, welche den groͤß⸗ ten Theil ihrer weitlaͤufigen Legende enthielt, und mit der Verſicherung ſchloß, daß, nach allen uͤber ſie erhaltenen Nachrichten, dieſe Heilige die kleinſte aller moͤglichen Frauen war, ausgenommen die vom Pygmaͤengeſchlecht. Mittlerweile hatte der Zwerg aufgehoͤrt zu ſpre⸗ chen; Julians Wunſch zu ſchlafen war zuruͤckgekehrt; und nach wenig Blicken im Zimmer herum, das noch von den erloͤſchenden Strahlen der heiligen Kerze erleuchtet war, waren ſeine Augen wieder in Vergeſſenheit geſchloſſen, und ſeine Ruhe wurde im Verlauf der Nacht nicht wieder geſtoͤrt. Der Morgen daͤmmert auf Newgate ſo gut, als auf dem freieſten Bergraſen, den der Walliſer oder die wilde Ziege je betrat; aber auf eine ſo verſchie⸗ dene Art, daß dieſelben Strahlen von des Himmels herrlicher Sonne, wann ſie in die Winkel des Ge⸗ faͤngnißgebaͤudes dringen, das Anſehen ben, in den Kerker gebracht zu werden. Mit dem Tageslicht um ſich her, uͤberzeugte ſich Peveril noch immer von der Eitelkeit ſeiner Viſionen in der verfloſſenen Nacht, 288.— and laͤchelte, als er bedachte, daß aͤhnliche Fantaſteen, wie jene, denen ſein Gehoͤr oft auf der Inſel Man ausgeſetzt geweſen war, faͤhig geweſen waren, ſich auf eine ſo lebhafte Art zu ordnen, als er ſie aus dem Munde einer ſo ſonderbaren Perſon, wie Hud⸗: ſon und in der Einſamkeit eines Gefaͤngniſſes vere nahm. Ehe Julian erwacht war, hatte der Zwerg be: reits ſein Bette verlaſſen, und ſich in den Kamin⸗ winkel des Zimmers geſetzt, wo er mit eigenen Hän⸗ den ein wenig Feuer angemacht hatte, theils das Kochen eines kleinen Topfes abwartend, theils mit einem ungeheuern Foliobande beſchaͤftigt, der auf adem Tiſche vor ihm lag, und faſt eben ſo groß und dick, als er ſelbſt, zu ſein ſchien. Er hatte ſich in den ſchon erwaͤhnten dunkeln carmoſinrothen Mantel gehuͤllt, der ihm ſowohl zur Morgenkleidung, als zu einem Mantel gegen die Kaͤlte diente, und zu einer großen Reiſemuͤtze, die ſeinen Kopf umgab, wohl paßte. Die Sonderbarkeit ſeiner Geſichtszuͤge und der mit einer Brille bewaffneten Augen, die bald auf den Gegenſtand ſeines Studirens, bald auf ſei⸗ nen kleinen Zeſſel gerichtet waren, wuͤrden Rem brandt gereizt haben, ihn auf der Leinwand darzu⸗ ſtellen, entweder im Charakter eines Alchemiſten oder in dem eines Schwarzkuͤnſtlers, der mit irgend 289 einem ſeltſamen Experiment unter der Anleitung eines jener gewaltigen Handbuͤcher, welche von der Theorie dieſer geheimnißvollen Kuͤnſte handeln, be⸗ ſchaͤftigt iſt. Die Aufmerkſamkeit des Zwergs war jedoch auf einen mehr haͤuslichen Gegenſtand gerichtet. Er war nur mit Bereitung einer Suppe, von nicht un⸗ ſchmackhafter Art, zum Fruͤhſtuͤck beſchaͤftigt, und Peveril wurde von ihm eingeladen, daran Theil zu nehmen. „Ich bin ein alter Soldat,“ ſagte er,„und ich muß hinzu ſetzen, ein alter Gefangener; und ver⸗ ſtehe, mir beſſer durchzuhelfen als Sie im Stande ſind, junger Mann.— Verwuͤnſcht ſei der Schuele Clink, er hat die Wuͤrzbuͤchſe mir zu hoch geſetzt! — Wollen Sie mir ſie vom Kaminſims herunter reichen?— Ich will Sie, wie die Franzoſen ſagen, faire la cuisine lehren; und dann wollen wir, wenn es Ihnen gefaͤllt, wie Bruͤder die Arbeiten unſers Gefaͤngniſſes theilen.“ „Julian willigte gern in des kleinen Mannes freundlichen Vorſchlag, ohne irgend einen Zweifel einzumiſchen, ob er ein Bewohner derſelben Zelle bleiben wuͤrde. Die Wahrheit war, daß, ob er gleich, im Ganzen genommen, geneigt war, die Ilf. N 290— liſpelnde Stimme des vorhergehenden Abends als den Eindruck ſeiner eignen aufgeregten Fantaſie zu betrachten, er dennoch die Neugierde fählte, zu ſe⸗ hen, wie eine zweite Nacht in derſelben Zelle ab⸗ laufen wuͤrde; und der Ton des unſichtbar einge⸗ drungenen Weſens, den er um Mitternacht mit Schrecken gehoͤrt hatte, erregte nun in der Erinne⸗ rung eine ſanfte und nicht unangenehme Art von Un⸗ ruhe— die vereinigte Wirkung von Furcht und von erweckter veugierde. 1— Tage der Gefangenſchaft haben wenig Bemer⸗ kenswerthes, indem ſie verſtreichen. Derjenige, welcher auf die beſchriebene Nacht folgte, brachte keinen Umſtand von Bedeutung mit ſich. Der Zwerg theilte ſeinem jungen Geſellſchafter einen aͤhnlichen Band mit, wie der, in welchem er ſtudirte, und wel⸗ cher, wie ſich zeigte, ein Theil von einem der nun vergeſſenen Romane Seuderi's war, die Gottfried Hudſon ſehr bewunderte, und welche damals an Franzoͤſiſchen und Engliſchen Hoͤfen ſehr in der Mode waren; wiewohl ſie in ihren ungeheuren Fo⸗ liobaͤnden alle Unwahrſcheinlichkeiten und Abge⸗ ſchmacktheiten der alten Ritterromanzen, ohne jenen Ton der Einbildungskraft, der dieſe durchdringt, und alle die metaphyſiſchen Ungereimtheiten in ſich zu — 293 rigkeit, die er gelegentlich auf die Gewandtheit gruͤn⸗ dete, womit ein alter Soldat an jede Sache Hand anlegen koͤnne, und andere Male auf das Bewun⸗ dernswerthe, daß ein Hofmann vom erſten Range ſich herablaſſe, an Alles ſelbſt Hand anzulegen. Als⸗ dann kam das Herſagen ſeines gewohnten Gebets; aber ſein Hang zum Geſpraͤch ward nach ſeiner An⸗ dachtsuͤbung dieß Mal nicht wieder ſo rege, wie bei der vorigen Gelegenheit. Im Gegentheil lange ehe Julian ein Auge geſchloſſen hatte, bewies das ſchwere Athemholen von Sir Gottfried Hudſon's Wachbette, daß der Zwerg ſchon in den Armen des Morpheus war. In der gaͤnzlichen Finſterniß des Zimmers, und mit einem ſehnlichen Wunſche, und zugleich keiner geringen Furcht, der Wieder ehr der geheimnißvollen Anrede des vorhergehenden Abends, lag Julian lan⸗ ge wach, ohne daß ſeine Gedanken irgend eine Un⸗ terbrechung erlitten, ausgenommen, wann die Glocke des benachbarten Thurms vom heiligen Grabe die Stunde anzeigte. Endlich ſank er in Schlummer; hatte aber, nach ſeiner Meinung, nicht uͤber eine Stunde geſchlafen, als er durch den Ton aufgeweckt wurde, den ſein waches Ohr ſo lange vergebens er⸗ wartet hatte. 3 N 3 „Koͤnnen Sie ſchlafen?— Wollen Sie ſchla⸗ fen?— Wagen Sie zu ſchlafen?“ waren die Fra⸗ gen, die in ſein Ohr mit derſelben hellen, weichen und melodioͤſen Stimme drangen, welche ihn in der vorigen Nacht angeredet hatte. „Wer iſt's, der mich ſo fragt?“ antwortete Ju⸗ lian.„Aber ſei der Fragende gut oder boͤs, ich er⸗ wiedere, daß ich ein ſchuldloſer Gefangener bin, und daß Unſchuld ruhig zu ſchlafen wuͤnſchen kann und darf.“ 15 „Thue keine Fragen an mich,“ ſagte die Stim⸗ me;„verſuche auch nicht, zu entdecken, wer mit dir ſpricht; und ſei verſichert, daß Thorheit allein ſchla⸗ fen kann, mit Betrug umher und Gefahr vor ſich.“ „Kannſt du, der du mir von Gefahren ſagſt, mir rathen, wie ich ſie bekaͤmpfe oder vermeide?“ ſagte Julian. „Meine Macht iſt beſchraͤnkt,“ ſagte die Stim⸗ me;„doch Etwas kann ich thun, wie ein Johannis⸗ wuͤrmchen einen Abgrund zeigen kann. Aber du mußt mir vertrauen.“ „Vertrauen muß Vertrauen erzeugen,“ antwor⸗ tete Julian.„Ich kann kein Zutrauen in das oder in den ſetzen, was und wen ich nicht kenne.“ 291 vereinigen ſuchen, welche Cowley und die Dichter des Zeitalters auf die Leidenſchaft der Liebe gehaͤuft hatten, gleich ſo vielen Ladungen kleiner Holzkohlen auf ein ſchwaches Feuer, welches ſie eher erſticken, als befoͤrdern. Aber Julian hatte keine andere Wahl, als ent⸗ weder uͤber die Leiden des Artamenes und der Man⸗ dane, oder uͤber die verwickelten Bedraͤngniſſe ſeiner eignen Lage nachzuſinnen; und unter dieſer unange⸗ nehmen Unterhaltung ſchlich der Morgen heran, ſo gut er konnte. Erſt der Mittag und nachher die Abenddaͤmmerung waren durch einen kurzen Beſuch ihres ſinſtern Schließers beye znet, der mit geraͤuſch⸗ loſem Schritt und muͤrriſchem Betragen ſtillſchwei⸗ gend die nothwendigen Geſchaͤfte in Bezug auf die Mahlzeiten der Gefangenen beſorgte, und ſo wenig Worte mit ihnen wechſelte, als ein Offizial in der Spaniſchen Inquiſition bei aͤhnlicher Gelegenheit ſich erlaubt haben moͤchte. Mit demſelben verſchwiege⸗ nen Ernſte, ſehr verſchieden von der lachenden Laune, in welcher er bei einer fruͤhern Gelegenheit betroffen worden war, ſchlug er ihre Feſſeln mit einem kleinen Hammer, um ſich durch den hervorgebrachten Schall zu uͤberzeugen, ob ſie mit einer Feile oder ſonſt waͤ⸗ ren bearbeitet worden. Drauf ſtieg er auf einen N 2 V 292— Tiſch, und machte dieſelbe Probe an den Fenſter⸗ gittern.— Julians Herz klopfte; denn mochte nicht eines von dieſen Gittern ſo bearbeitet geweſen ſein, um dem naͤchtlichen Beſuch Eingang zu verſchaffen? Aber ſie gaben dem erfahrnen Ohr des Heern Clink, als er ſie nach der Reihe mit dem Hammer ſchlug, einen klaren und hellen Ton zuruͤck, welcher ihn ver⸗ ſicherte, daß ſie unbeſchaͤdigt waren. „Es wuͤrde fuͤr Jedermann ſchwer ſein, durch dieſe Schutzgitter herein zu kommen,“ ſagte Julian, um ſeinen Gefuͤhlen in Worten Luft zu machen. „Wenige wuͤnſchen das—“ antwortete der finſtere Warter, indem er das, was in Peveril's Seele vor⸗ ging, falſch auslegte;„und laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Herr, die Leute werden es eben ſo ſchwer fin⸗ den, dadurch heraus zu kommen.“ Er ging fort, und die Nacht brach herein. Der Zwerg, der fuͤr den Tag alle Verrichtungen des Zimmers auf ſich nahm, kehrte faſt die Stube um, indem er ein ſehr wichtiges Geraͤuſch machte, als er ihr Feuer ausloͤſchte, und verſchiedene im Verlaufe des Tages gebrauchte Sachen aufraͤumte, wobei er die ganze Zeit in einem Tone von nicht ge⸗ ringer Wichtigkeit mit ſich ſelber ſprach„ einer Wich⸗ — 295 „Sprich nicht ſo laut,“ erwiederte die Stimme, die ſich faſt in ein Fluͤſtern verlor. „Letzte Nacht ſagteſt du, mein Gefaͤhrte wuͤrde nicht erwachen,“ ſprach Julian. „Heute Nacht verbuͤrge ich nicht, daß er ſchla⸗ fen wird,“ ſagte die Stimme. Und als ſie ſprach, wurden die heiſern, ſcharfen, unharmoniſchen Toͤne des Zwergs gehoͤrt, der Julian fragte, warum er im Schlafe ſpraͤche— warum er nicht ſelbſt ruhete, und andere Leute ruhen ließe— und endlich, ob ſeine Erſcheinungen der letztern Nacht wieder zu ihm zuruͤck gekommen waͤren?“ „Sage: ja,“ ſagte die Stimme in einem ſo lei⸗ ſen, jedoch ſo deutlichen Fluͤſtern, daß Julian faſt zweifelte, ob es nicht ein Wiederhall ſeines eigenen Gedankens waͤre,— Sage nur ja— und ich ſcheide, um nicht wieder zu kommen.“ In verzweifelten Umſtaͤnden greifen die Men⸗ ſchen nach ſeltſamen und ungewoͤhnlichen Mitteln; und obgleich unfaͤhig, den zufaͤlligen Vortheil, wel⸗ chen dieſe ſonderbare Mittheilung ihm darbot, zu be⸗ rechnen, fuͤhlte Julian ſich doch nicht geneigt, die Ausſicht darauf ſich auf einmal entgehen zu laſſen. Er antwortete dem Zwerg, daß er durch einen beun⸗ ruhigenden Traum ſei geſtoͤrt worden. N 4 = 296 „Ich haͤtte darauf ſchwoͤren wollen, aus dem Ton Ihrer Stimme,“ ſagte Hudſon.„Es iſt ſeltſam, daß ihr uͤbergroßen Leute niemals die aͤußerſte Feſtig⸗ keit der Nerven beſitzt, die uns eigen iſt, die wir aus einer mehr zuſammengedraͤngten Form gegoſſen ſind. Meine eigene Stimme behaͤlt ihre maͤnnlichen Toͤne bei allen Gelegenheiten. Doctor Cockerel war der Meinung, daß derſelbe Antheil von Nerven und Sehnen den Menſchen von jeder Groͤße zugekommen ſei, und daß die Natur den Vorrath nur duͤnner oder ſtaͤrker nach der Ausdehnung, welche ſie bedecken ſollten, ausgeſponnen habe. Daher ſind die kleinſten Geſchoͤpfe oftmal die ſtaͤrkſten. Legt einen Roßkaͤfer unter einen großen Leuchter, und das Inſekt wird ihn durch ſeine Anſtrengungen, herauszukommen, bewegen; das iſt, im Punkt der comparativen Staͤr⸗ ke, als wenn Einer von uns Seiner Majeſtaͤt Ge⸗ faͤngniß Newgate durch aͤhnliche Anſtrengungen er⸗ ſchuͤttern ſollte. Auch Katzen und Wieſel ſind Ge⸗ ſchoͤpfe von groͤßerer Thaͤtigkeit und Ausdauer, als Hunde oder Schafe. Und im Allgemeinen koͤnnen Sie bemerken, daß kleine Menſchen beſſer tanzen, und unter Anſtrengungen jeder Art mehr unermuͤd⸗ lich ſind, als diejenigen, denen ihr eignes Gewicht nothwendig laͤſtig ſein muß. Ich achte Sie, Herr — — 297 Peveril, weil ich gehoͤrt habe, daß Sie einen von jenen rieſenhaften Kerlen getoͤdtet haben, die mit prahleriſchem Stolz einhergehen, als wenn ihre See⸗ len groͤßer, als die unſrigen, waͤren, weil ihre Naſen den Wolken ein oder zwei Zoll naͤher ſind. Aber ſchaͤtzen Sie ſich deßhalb nicht, als wenn es etwas Ungewoͤhnliches waͤre. Ich wollte Ihnen zeigen, daß es allezeit ſo geweſen iſt; und daß, in der Ge⸗ ſchichte aller Zeitalter, der feine, dicht gewachſene, flinke Mann eine Ueberlegenheit uͤber ſeinen großge⸗ bauten Gegner bewieſen hat. Ich darf nur aus der heiligen Schrift den beruͤhmten Fall Goliaths und eines andern Toͤlpels anfuhren, der mehr Finger an ſeiner Hand und mehr Zolle an ſeiner Statur hatte, als fuͤr einen rechtſchaffenen Mann zu gehoͤren ſchei⸗ nen, und welcher von einem Neffen des guten Koͤ⸗ nigs David erſchlagen wurde; und vieler anderer, deren ich mich nicht mehr erinnere; indeſſen, ſie wa⸗ ren alle Philiſter. Und in Wahrheit koͤnnen Sie, ſowohl in der heiligen, als in der profanen Ge⸗ ſchichte, bemerken, daß dieſe Rieſen immer Ketzer und Gotteslaͤſterer, Raͤuber und Unterdruͤcker, rohe Beleidiger des weiblichen Geſchlechts, und Spoͤtter des geſetzmaͤßigen Anſehens ſind. Solche waren Gog und Magog, die, wie unſere glaubwuͤrdigen ———— 298— Chroniken verſichern, bei Plymouth von dem guten kleinen Ritter Corineus, der Cornwall den Namen gab, erſchlagen worden ſind. Auch Aſcaparte wurde von Bevis, und Colbrand von Guy uͤberwaͤltigt, wie Southampton und Warwick bezeugen koͤnnen. Von ſolcher Art war auch der Rieſe Hoel, den Koͤ⸗ nig Arthur in Bretagne erſchlug. Und wenn Ryence, Koͤnig von Nord⸗Wallis, der von demſelben wuͤrdigen Helden der Chriſtenheit getoͤdtet wurde, nicht wirklich ein Rieſe genannt wird, ſo iſt doch offenbar, daß er nicht viel beſſer geweſen, weil er vier und zwanzig Koͤnigsbaͤrte, die damals ſtark und lang getragen wurden, verlangte, um ſeinen Nock damit zu fuͤttern; denn ſetzen wir jeden Bart auf achtzehn Zoll an,(und weniger koͤnnen Sie ei⸗ nem koͤniglichen Barte nicht geben), und laſſen den Rock nur auf der Vorderſeite damit beſetzt ſein, wie wir den Hermelin gebrauchen; und den Ruͤcken, ſtatt der Katzen- und Eichhoͤrnchenfelle, mit den Baͤrten von Grafen und Herzoͤgen und andern Per⸗ ſonen von geringern Wuͤrden ausfuͤttern— ſo mag ſich das belaufen auf— doch ich will die Berechnung morgen ausfuͤhren.“ Nichts iſt fuͤr jeden, außer einem Philoſophen oder einem reichen Mann, einſchlaͤfernder, als die — 299 Beſchaͤftigung mit Zahlen; und, befindet man ſich im Bette, ſo iſt die Wirkung unwiderſtehlich. Sir Gottfried ſank in Schlaf, waͤhrend er Koͤnig Ryence's Hoͤhe nach der voransneſetzten Laͤnge ſeines Mantels zu berechnen ſuchte. Freilich, waͤre er nicht auf die⸗ ſen abgezogenen Gegenſtand des Rechnens gerathen, ſo iſt nicht abzuſehen, wie lange er ſich noch bei der Ueberlegenheit der Maͤnner von kleiner Statur auf⸗ gehalten haben moͤchte, einer ſo großen Lieblingsma⸗ terie fuͤr den Zwerg, daß er, ſo zahlreich auch der⸗ gleichen Erzaͤhlungen ſind, faſt alle Beiſpiele ihrer Siege uͤber Rieſen, wele die Geſchichte oder die Romanzen darboten, geſammelt hatte. Kaum hatten unzweideutige Zeichen von dem fe⸗ ſten Schlafe des Zwergs Julians Ohren erreicht, als er wieder begierig auf die Erneuerung jener geheim⸗ nißvollen Mepheilung zu horchen anfing, welche zu⸗ gleich intereſſant und ſchauerlich war. Selbſt waͤh⸗ rend Hudſon ſprach, hatte er, anſtatt ſeiner Lobrede auf Perſonen von niedrigem Wuchs ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken, immer ſeine Ohren auf wachſa⸗ mer Hut erhalten, wo moͤglich, die leiſeſten Toͤne irgend einer Art, die im Zimmer ſich regen moͤchten, zu bemerken, ſo daß er es kaum fuͤr moͤglich hielt, daß ſelbſt eine Fliege es haͤtte verlaſſen koͤnnen, ohne 3 00— daß er ihre Bewegung gehoͤrt haͤtte. Wenn daher ſein unſichtbarer Ermahner wirklich ein Geſchoͤpf die⸗ ſer Welt war— eine Meinung, der Julians geſun⸗ der Verſtand ungern entſagen mochte— ſo konnte dieſes Weſen das Zimmer nicht verlaſſen haben, und er wartete ungeduldig auf eine Erneuerung ſeiner Mittheilung. Seine Erwartung ſchlug fehl; nicht der leiſeſte Ton erreichte ſein Ohr; und der naͤchtliche Beſucher, wenn er noch im Zimmer war, ſchien ent⸗ ſchloſſen, zu ſchweigen. Es war umſonſt, daß Peveril huſtete, ſich raͤu⸗ ſperte und andere Zeichen ſeines Wachſeins gab; endlich wurde ſeine Ungeduld ſo groß, daß er ſich entſchloß, auf jede Gefahr, zuerſt zu ſprechen, in Hoffnung, die Mittheilung zwiſchen ihnen zu er⸗ neuen.„Wer du auch biſt,“ ſagte er mit einer hin⸗ laͤnglich lauten Stimme, um von einer wachenden Perſon gehoͤrt zu werden, doch nicht ſo ſtark, um ſeinen ſchlafenden Gefaͤhrten zu ſtoͤren—„Wer oder was immer du auch biſt, der du einigen Antheil an dem Schickſal eines ſolchen Wegwurfs, wie Ju⸗ lian Peveril, bewieſen haſt, ſprich noch einmal, ich beſchwoͤre dich, und laute deine Eroͤffnung gut oder boͤſe, glaube mir, ich bin gleichmaͤßig berelr⸗ den Ausgang zu erwarten.“ ——— — 301 Keine Antwort irgend einer Art wurde auf die⸗ ſen Aufruf gegeben; auch verrieth nicht der geringſte Schall die Gegenwart des Weſens, an das er ſo feierlich war gerichtet worden. „Ich ſpreche umſonſt,“ ſagte Julian;„und viel⸗ leicht rufe ich nur dasjenige Weſen an, das fuͤr menſchliches Gefuͤhl unempfindlich iſt, oder ein bos⸗ haftes Vergnuͤgen an menſchlichen Leiden findet.“ Da erhob ſich ein ſanfter und halbgebrochener Seufzer aus einem Winkel des Zimmers, der, als Antwort auf dieſen Ausruf, der Beſchuldigung, die er ausdruͤckte, zu widerſprechen ſchien. Julian, von Natur herzhaft, und in dieſer Zeit mit ſeiner Lage vertraut, erhob ſich im Bette, und ſtreckte den Arm aus, um ſeine Beſchwoͤrung zu wiederholen, als die Stimme, wie beunruhigt durch ſeine Thaͤtigeeit und Entſchloſſenheit, in einem ſchnellern Tone als bisher, fluͤſterte:„Sei ſtill— bewege dich nicht— oder ich binn ſtumm fuͤr immer!“ „Iſt es denn ein ſterbliches Weſen, das bei mir gegenwaͤrtig iſt,“ war die natuͤrliche Folgerung Ju⸗ lians,„und eines, das wahrſcheinlich beſorgt iſt, entdeckt zu werden; ſo hab' ich folglich einige Macht uͤber meinen Beſucher, ob ich gleich im Gebrauch 302 derſelben vorſichtig ſein muß.— Wenn deine Ab⸗ ſichten wohlwollend ſind,“ fuhr er fort,„ſo gab es nie eine Zeit, in der ich Freunde mehr bedurfte, oder dankbarer fuͤr Wohlwollen ſein wuͤrde. Das Schick⸗ fal Aller, die mir theuer ſind, liegt auf der Wag⸗ ſchale, und mit Welten wuͤrde ich die Botſchaft von ihrer Rettung erkaufen.“ „Ich habe geſagt, meine Macht iſt beſchraͤnkt,“ erwiederte die Stimme.„Sie kann ich im Stande ſein zu erhalten; das Schickſal Ihrer Freunde liegt außer meiner Gewalt.“ „Laß mich es wenigſtens wiſſen,“ ſagte Julian, „und ſei es, wie es wolle, ich werde mich nicht ſcheuen, es mit ihnen zu theilen.“ „Nach wem wollen Sie ſich erkundigen?“ ſagte die ſanfte ſuͤße Stimme, nicht ohne ein Beben des Tones, als wenn die Frage mit mißtrauiſchem Straͤuben gethan wuͤrde. „Nach meinen Eltern,“ ſagte Julian, nach ei⸗ 4 nem augenblicklichen Bedenken;„wie geht es ihnen? — Was wird ihr Schickſal ſein?“ 3* „Es geht ihnen, wie der Feſtung, unter welcher der Feind eine verderbliche Mine gegraben hat. Das Werk mag Jahre lange Arbeit gekoſtet haben, ſolche Hinderniſſe fanden die Ingenieurs; aber — 305 er konnte den Namen nicht uͤber ſeine Zunge brin⸗ gen)—„Sage mir,“ ſprach er, 2 das edle Haus Derby— „Laß ſie ihren Felſen huͤten, wie der Seevogel im Ungewitter; und es kann ſo ausfallen,“ ſprach die Stimme,„daß ihr Felſen ein ſicherer Zufluchts⸗ ort iſt. Aber es iſt Blut an ihrem Hermelin; und Rache hat ſie ſeit manchem Jahre auf dem Fuße verfolgt, gleich einem Schweißhunde, der auf der Morgenjagd zuruͤckgelaſſen worden, aber doch bald die Beute umklammern kann, ehe die Sonne nie⸗ dergeht. Fuͤr jetzt jedoch ſind ſie in Sicherheit.— Soll ich nun ferner uͤber Ihre eigenen Angelegenhei⸗ ten ſprechen, welche nicht wenig von Ihrem Leben und Ihrer Ehre in ſich ſchließen? oder gibt es noch andere Angelegenheiten, die Sie den Ihrigen vor⸗ ziehen?“ „Es iſt eine Perſon,“ ſagte Julian,„eine, von der ich geſtern gewaltſam getrennt wurde; wenn ich nur ihre Sicherheit wuͤßte, ſo wollt' ich mich wenig um meine eigenen Angelegenheiten kuͤmmern.“ „Eine!“ erwiederte die Stimme,„nur Eine, von der Sie geſtern getrennt wurden?“ „Aber bei deren Trennung,“ ſagte Julian,„ich 8 306— mich von aller Gluͤckſeligkeit geſchieden fuͤhlte, welche die Welt mir geben kann.“ „Sie meinen Alexie Bridgenorth,“ ſagte der Unſichtbare, mit einiger Bitterkeit des Tons;„aber Sie werden ſie niemals wieder ſehen. Ihr eignes Leben as das ihrige beruhen darauf, einander zu vergeſſen.“ „Ich kann mein Leben nicht um dieſen Preis er⸗ kaufen,“ antwortete Julian.— „So ſterben Sie in Ihrer Hartnaͤckigkeit,“ erwiederte das unſichtbare Weſen; auch waren alle dringenden Bitten, die er im Verlauf dieſer merk⸗ wuͤrdigen Nacht anwandte, unvermoͤgend, noch ein Wort von ihr zu erlangen. Ende des dritten Theils. — 3⁰3 die Zeit bringt guͤnſtige Gelegenheit auf ihren Fluͤ⸗ geln.“ „Und was wird der Ausgang ſein?“ fragte Peveril. „Kann ich die Zukunft leſen,“ antwortete die Stimme,„außer durch Vergleichung mit der Ver⸗ gangenheit?— Wer iſt auf dieſe finſtern und unzu⸗ beſaͤnftigenden Anklagen verfolgt worden, und iſt nicht am Ende in die aͤußerſte Noth gebracht wor⸗ den?— Befreiten Gelehrſamkeit, Faͤhigkeit zur Intrigue, oder hohe Hofgunſt, Coleman, ob er gleich der vertraute Diener des vorauszuſetzenden Erben der Krone Englands war?— Retteten Scharfſinn und Genie, und die Anſtrengungen einer zahlreichen Secte Fenwicke oder Whitbread, oder irgend einen andern der angeklagten Prieſter?— Waren Gro⸗ ves, Pickering, oder die andern Ungluͤcklichen, die gelitten haben, ſicher in ihrer Verborgenheit? Es gibt keinen Stand des Lebens, keinen Grad des Ta⸗ lents, keine Form der Grundſaͤtze, welche Schutz gegen eine Anklage gewaͤhrten, die Staͤnde gleich⸗ macht, Charaktere vermiſcht, Tugenden der Menſchen zu ihren Suͤnden macht, und ſie alle fuͤr gefaͤhrlich achtet, je nachdem ſie Einfluß haben, wiewohl ſte deſelben auf die edelſte Art erlangten und zu den —(er wuͤrde Alexie Bridgenorth geſagt haben, aber beſten Zwecken gebrauchten. Man nenne einen ſol⸗ chen nur einen Theilhaber des Complotts— laſſe ihn in dem Zeugniſſe von Oates oder Dugdale auf⸗ gefuͤhrt werden— und der Blindeſte wird den Aus⸗ gang ihres Verhoͤrs vorausſehen.“ „Ungluͤcksprophet!“ ſagte Julian;„mein Vater hat ein unverwundbares Schild zu ſeinem Schutze. Er iſt unſchuldig.“ „Laß ihn ſeine Unſchuld vor dem Gerichtshofe des Himmels beweiſen,“ ſagte die Stimme;„ſie wird ihm wenig helfen, wo Scroggs den Vorſitz fuͤhrt.“ „Doch fuͤrcht' ich nichts,“ ſprach Julian, mit mehr angenommenem Zutrauen, als er wirklich hatte, „meines Vaters Sache wird vor zwoͤlf Englaͤndern gefuͤhrt werden.“ „Beſſer vor zwoͤlf wilden Thieren,“ antwortete der Unſichtbare,„als vor Englaͤndern, die von Par⸗ teivorurtheil, Leidenſchaft, und der epidemiſchen Furcht vor einer eingebildeten Gefahr beſeelt ſind.“ „Verkuͤndiger ſchlimmer Vorbedeutungen,“ ſagte Julian,„deine Stimme eignet ſich fuͤrwahr nur mit der Mitternachtsglocke und der Nachteule zu ertoͤnen. Doch ſprich wieder. Sage mir, wenn du kannſt“ Subſcriptions⸗Ankuͤndigung einer neuen, voellſtaͤndigen dem gegenwaͤrtigen Standpunkte der Wiſſenſchaften angemeſſenen Aus⸗ gabe von Gehler's physicalischem Wörterbuch in 8 Baͤnden bearbeitet von Brandes, Gmelin, Horner, Muncke und Pfaff. Um die Anſchaffung dieſer neuen Ausgabe zu erleichtern, eroͤffne ich den Weg der Subſcription. Der Subſcriptionspreis fuͤr jeden Band, 58 Bo⸗ gen in gr. 8. nebſt den dazu erforderlichen vielen Kupfertafeln, betraͤgt 3 Thlr. 12 Gr. auf ſchoͤnem weißen Druckpapier und 4 Thlr. 8 Gr. auf Schreib⸗ papier. Bis Ende dieſes Jahres bleibt der Sub⸗ ſcriptionspreis offen, der nachherige Ladenpreis wird bedeutend erhoͤhet. Der Druck beginnt zu Anfange kuͤnftigen Jah⸗ res, und wird von da an alle 6 Monate ein Band ausgegeben, ſo daß das Ganze; im Jahre 1827 been⸗ diget ſein wird. 1 Eine ausfuͤhrliche Ankuͤndigung iſt durch jede Buchhandlung gratis zu erhalten. Leipzig im April 1825. E. B. Schwickert. ————————— ————. TIſſinſnſnfmſinſinſinnmnſnſnſiſtnſſſiſſiſſn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 U 9 v 8. ar 11 E Aʒeenn