* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pffen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — — — —,— wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 8* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————. auf 1 Monat: 1 Nel.— Pf. 1 Pik. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 „„„— n. u— 82 7— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —————— — 9 Ritter Gottfried Peveril. Eine romantiſche Darſtellung von Walter Scott. Aus dem Engliſchen von C. F. Michaelii s. Zweiter Theil. 1 Mee. 3 Erſtes Kapitel. Erdlich trat Alexie Bridgenorth in das Zimmer, wo ihr unruhiger Liebhaber ſie ſo lange erwarter hatte. Sie kam mit langſamen Schritten und ge⸗ laſſenem Weſen. Ihr Anzug war mit einer Sorgfalt geordnet, welche nicht nur den Ausdruck ſeiner puri⸗ taniſchen Einfachheit erhoͤhete, ſondern auch dem jungen Peveril als eine ſchlimme Vorbedeutung auf⸗ ſiel. Denn obgleich die auf die Toilette verwandte Zeit in vielen Faͤllen den Wunſch verraͤth, bei ſolch einer Zuſammenkunft einen vortheilhaften Eindruck zu machen, ſo deutet doch eine zeremonioͤſe Anord⸗ nung der Tracht gar ſehr auf Foͤrmlichkeit und die Abſicht hin, einen Liebhaber mit kalter Hoͤflichkeit zu ehandeln. Der dunkelfarbige Rock, die niedergedruͤckte und in Falten gelegte Haube, welche ſorgfaͤltig das reich⸗ II. A * * 7 liche dunkelbraune Haar verbarg, der ſchmale Kra⸗ gen und die langen Aermel, wuͤrden einer weniger reizenden Geſtalt, als die der Alexie Bridgenorth war, ſehr zum Nachtheil gereicht haben; aber ein vorzuͤglicher Wuchs, wiewol die Umriſſe bis jetzt noch nicht zum Ausdruck vollkommener weiblicher Schoͤn⸗ heit genug abgeruͤndet waren, vermochte ſelbſt dieſe unpaſſende Tracht zu unterſtuͤtzen und ihr Anmuth zu leihen. Ihre holde und zarte Geſichtsbildung, mit hellbraunen Augen und einer alabaſterweißen Stirne, hatte jedoch weniger regelmaͤßige Schoͤnheit, als ihr Wuchs, und wuͤrde noch manche gegruͤndete Ausſtellung erlaubt haben. Allein es war ein Geiſt und Leben in ihrer Munterkeit, und eine Tiefe des Gefuͤhls in ihrem Ernſte, wodurch Alexie im um⸗ gange mit den ſehr wenigen Perſonen, zu dee nen ſie ſich geſellte, ſo bezaubernd in ihren Ma⸗ nieren und Aeußerungen—, es ſei durch Spra⸗ che oder Benehmen,— ſo einnehmend auch in der Einfalt und Reinheit ihres Sinnes ward, daß wol blendendere Schoͤnheiten in ihrer Geſellſchaft uͤberſehen werden konnten. Es war daher kein Wun⸗ der, daß ein feuriger Charakter, wie Julians, ſowohl dieſer Reize, als des Verborgenen und Geheimniß⸗ vollen ſeines Umgangs mit Alaxien wegen, die Ab⸗ geſchiedenheit Blackforts allen andern Orten vorzog, — 3 die er im Verkehr mit der Welt kennen gelernt hatte. Sein Herz klopfte ſtark, als ſie ins Zimmer trat, und faſt ohne ein Wort hervorbringen zu koͤnnen, bewillkommnete er ſie bei ihrem Eintritt mit einer tie⸗ fen Verbeugung. „Das iſt eine Verhoͤhnung, Herr von Peveril,“ ſagte Alexie mit einem Streben nach Feſtigkeit im Ton, das jedoch durch ein leichtes Zittern ihrer Stimme geſtoͤrt wurde,—„eine Verhoͤhnung, und zwar eine recht grauſame. Sie kommen an dieſen abgelegenen Ort, der blos von zwei Frauensperſonen bewohnt wird, die zu arglos ſind, Ihre Entfernung zu gebieten,— zu ſchwach, ſie zu erzwingen— Sie kommen, trotz meiner ernſtlichen Bitte,— mit Verſaͤumniß Ihrer eigenen Zeit— und zum Nach⸗ theil, wie ich fuͤrchten darf, fuͤr meinen Charakter.— Sie mißbrauchen die Macht, die Sie uͤber die arg⸗ loſe Perſon haben, der ich anvertraut bin,— dieß Aues thun Sie, und glauben, es mit tiefen Buͤck⸗ lingen und erzwungener Hoͤflichkeit gut zu machen! Iſt dieß rechtſchaffen, oder iſt es edel?—„Iſt es,“ — ſetzte ſie nach einem augenblicklichen Stocken hin⸗ zu,—„iſt es freundlich?“ 8 Der zitternde Accent fiel vornehmlich auf das letzte Wort, das ſie ſprach, und es wurde in einem A 2 4 leiſen Tone unſten Verweiſes geſprochen, welcher Julians Herz ruͤhrte. „Alexie,“ ſagte er,„gaͤbe es eine Art und Weiſe, bei der ich, mit Gefahr meines Lebens, Ihnen meine Achtung, meine Ehrerbietung, meine zaͤrtliche Ergeben⸗ heit beweiſen koͤnnte, die Gefahr wuͤrde mir theurer ſein, als mir je ein Vergnuͤgen war.“ „So haben Sie oft geſprochen,“ antwortete Alexie,„und das ſind Sachen, die ich nicht hoͤren ſollte, und nicht zu hoͤren wuͤnſche. Ich habe Ihnen keine Unternehmungen aufzulegen,— keine Feinde, die zu vernichten waͤren,— keinen Schutz noͤthig oder zu verlangen,— keinen Wunſch, der Himmel weiß es, Sie in Gefahr zu ſetzen.— Ihre Beſuche hier ſind es allein, was mit Gefahr verbunden iſt. Sie duͤrfen nur Ihr eigenſinniges Temperament be⸗ herrſchen,— Ihre Gedanken und Sorgen ander⸗ waͤrts hinwenden, und ich kann nichts zu verlangen, nichts zu wuͤnſchen haben. Gebrauchen Sie Ihre eigne Vernunft— bedenken Sie das Unrecht, das Sie ſich ſelber anthun— die Ungerechtigkeit gegen uns— und laſſen Sie mich noch einmal in der Guͤte Sie bitten, ſich von dieſem Orte zu entfernen— bis — bis—“ Sie hielt inne, und Julian ſiel hitzig ihr in die Rede:„Bis wann, Alexie?— bis wann? Legen — — 5 Sie mir irgend eine Dauer der Abweſenheit auf, die Ihre Strenge uͤber mich verhaͤngen kann, und welche gegen eine entſchiedene Trennung immer kurz iſt— Sagen Sie, entferne Dich auf Jahre, aber komme wieder, wenn dieſe Jahre voruͤber ſind; und ſo lang⸗ ſam und laͤſtig ſie hinſchleichen muͤſſen, ſo wird doch der Gedanke, daß ſie endlich ablaufen muͤſſen, mich faͤhig machen, ſie zu durchleben. Laß mich alſo dich beſchwoͤren, Alexie, mir eine Friſt zu nennen— einen Termin zu beſtimmen— zu ſagen, bis wann?“ „Bis Sie es ertragen koͤnnen, mich nur als eine Freundin und Schweſter zu betrachten.“ „SDas iſt freilich ein Ausſpruch ewiger Verban⸗ nung,“ ſagte Julian;„es ſcheint allerdings einen Ter⸗ min der Verweiſung feſtzuſetzen, jedoch unter einer unmoͤglichen Bedingung.“ 3 „Und warum unmoͤglich, Julian?“ ſagte Alexie in einem Tone von Ueberzeugung;„waren wir nicht gluͤcklicher, ehe Sie die Maske von Ihrem 3 ichte nahmen und den Schleier von meinen bethoͤrten Au⸗ gen hinwegzogen? Kamen wir nicht froh zuſammen, brachten unſere Zeit gluͤcklich zu, und ſchieden ver⸗ gnuͤgt, weil wir keine Pflicht verletzten, und uns kei⸗ ne Selöſtverweiſe zuzogen? Bringen Sie dieſen Zuſtand gluͤcklicher Unwiſſenheit zuruͤck, und Sie ſol⸗ len keine Urſache haben, mich unfreundlich zu nennen. A 3 6 Aber waͤhrend Sie Entwuͤrfe ausſinnen, die, wie ich weiß, ſchimaͤriſch ſind, und eine ſo heftige und leiden⸗ ſchaftliche Sprache fuͤhren, werden Sie mich ent⸗ ſchuldigen, wenn ich jetzt und ein fuͤr allemal erklaͤre, daß ich, da Debora ſich dem in ſie geſetzten Vertrauen nicht entſprechend zeigt, und mich nothwendig Ver⸗ folgungen ſolcher Art ausſetzen muß, an meinen Va⸗ ter ſchreiben werde, daß er mir einen andern Aufent⸗ haltsort beſtimme; und unterdeſſen will ich bei mei⸗ ner Tante zu Kirk⸗Truagh Zuflucht nehmen.“ „Hoͤren Sie mich an, unbarmherziges Maͤdchen,“ ſagte Peveril,„hoͤren Sie mich, und Sie werden ſe⸗ hen, wie willig zum Gehorſam ich in Allem bin, wo⸗ mit ich Sie verbinden kann. Sie ſagen, wir waren gluͤcklich, als wir nicht uͤber ſolche Gegenſtaͤnde ſpra⸗ chen— gut— auf Koſten meiner eignen unter⸗ druͤckten Gefuͤhle ſoll dieſe gluͤckliche Zeit wiederkom⸗ men. Ich will Sie beſuchen— mit Ihnen gehen— mit Ihnen leſen— aber nur ſo, wie es ein Bruder mit ſeiner Schweſter, oder ein Freund mit ſeinem Freunde thun wuͤrde; die Gedanken, die ich haͤge, moͤgen ſie Hoffnung oder Verzweiflung in ſich ſchlie⸗ ßen, ſoll meine Zunge nicht ins Leben rufen, und ſo kann ich nicht beleidigen. Debora ſoll immer an Ih⸗ rer Seite ſein, und ihre Gegenwart ſoll mich abhal⸗ ten, ſelbſt entfernt auf einen Gegenſtand hinzudeu⸗ 1 „ ,— — „— — 7 ten, der Ihnen mißfallen koͤnnte. Nur machen Sie mir nicht jene Gedanken zum Verbrechen, welche der theuerſte Beſtandtheil meines Daſeins ſind: denn glauben Sie mir, es waͤre beſſer und freindläher gehandelt, mir das Daſein ſelbſt zu rauben. Das iſt die bloße Extaſe der Leidenſchaft, Ju⸗ lian,“ antwortete Alexie Bridgenorth;„was unan⸗ genehm iſt, will zinſere Selbſtſucht und Hartnaͤckig⸗ keit als unmoͤglich vorſtellen. Ich habe kein Zu⸗ trauen zu Ihrem vorgeſchlagenen Plan— kein Zu⸗ trauen zu Ihrem Entſchluß, und noch weniger zu dem Schutz der Debora. Bis Sie aufrichtig und ausdruͤcklich Ihren neulich geaͤußerten Wuͤnſchen entſagen, muͤſſen wir einander fremd ſein;— und koͤnnten Sie denſelben ſelbſt dieſen Augenblick ent⸗ ſagen, ſo waͤre es doch beſſer, daß wir uns auf eine lange Zeit trennten; und, um des Himmels willen, laſſen Sie es ſo bald als moͤglich geſchehen— viel⸗ leicht iſt es ſelbſt jetzt zu ſpaͤt, einen unangenehmen Vorfall zu verhuͤten— Mich deucht, ich hoͤre ein Geraͤuſch.“ „Es war Debora,“ antwortete Julian.„Fuͤrch⸗ ten Sie nichts, Alexie; wir ſind ſicher gegen einen Ueberfall.“ „Ich weiß nicht, was Sie unter einer elha Sicherheit verſtehen,“ ſagte Alerie.—„Ich habe A 4 3— nichts zu verbergen. Ich ſuchte dieſe Zuſammenkunft nicht; wandte ſie im Gegentheil ſo lange als moͤglich ab— und wuͤnſche nun ſehnlich, ſie abzubrechen.“ „und warum, Alexie„da Sie fagen, es muͤſſe unſere letzte ſein? warum wollen Sie den Sand ſchuͤtteln, der ſo ſchnell genug verlaͤuft? Selbſt der Scharfrichter beſchleunigt die Gebete der Ungluͤckli⸗ chen auf dem Blutgeruͤſte nicht.— Und ſehen Sie nicht— ich will ſo kalt urtheilen, als Sie nur wuͤn⸗ ſchen moͤgen,— ſehen Sie nicht, daß Sie ſelbſt Ihr eignes Wort brechen, und die Hoffnung zuruͤckrufen, die Sie mir ſelbſt vorhielten?“ „Was fuͤr eine Hoffnung hab' ich eingefloͤßt? Welches Wort hab' ich gegeben, Julian?“ antwor⸗ tete Alexie.„Sie bauen ſich Luftſchloͤſſer, und be⸗ ſchuldigen mich, das zu zerſtoͤren, was nie einen ſichern Grund hatte. Schonen Sie ſich, Julian,— ſchonen Sie mich— und, aus Mitleiden fuͤr uns beide, ſcheiden Sie und kehren nicht eher zuruͤck, als bis Sie vernuͤnftiger ſein koͤnnen. „Vernuͤnftiger?“ antwortete Julian;—„Sie ſind es, Alexie, welche mich ganz der Vernunft berauben wollen. Sagten Sie nicht, daß, wenn unſere Ael⸗ tern zur Einwilligung in unſere Verbindung gebracht werden koͤnnten, Sie meinem Geſuch nicht laͤnger widerſtehen wuͤrden?“ —,— ———— „Nein— nein— nein,“ ſagte Alexie heftig, und tief erroͤthend,—„nein, Julian, ſo hab' ich nicht geſagt— es war Ihre eigene wilde Fantaſie, die mein Stillſchweigen und meine Verwirrung ſo aus⸗ legte.“ „So ſprachen Sie denn nicht ſo,“ antwortete Julian;„und wenn alle andere Hinderniſſe entfernt waͤren, muͤßte ich eines in dem kalten ſteinernen Herzen eines Maͤdchens finden, welches die zaͤrtlich⸗ ſte und aufrichtigſte Ergebenheit mit Verachtung und Unwillen vergilt.— Iſt es das,“ ſetzte er im tiefen Tone des Gefuͤhls hinzu,„iſt es das, was Alexie Bridgenoth dem Julian Peveril ſagen kann?“ „Wahkhaftig,— wahrhaftig, Julian,“ ſagte das faſt weinende Maͤdchen,„ich ſpreche nicht ſo,— ich ſage nichts, und ich ſollte gar nichts daruͤber ſagen, was ich thun koͤnnte in einem Verhaͤltniß, das nie⸗ mals eintreten kann. In der That, Julian, Sie ſoll⸗ ten mich nicht ſo draͤngen. So ohne Schutz, wie ich bin— Ihnen wohlwollend— ſehr wohlwollend— warum ſoll ich von Ihnen genoͤthigt werden, Etwas zu ſagen oder zu thun, was mich in meinen eigenen Augen herabſetzen wuͤrde? eine Zuneigung fuͤr den zu bekennen, von dem mich das Schickſal auf immer g getrennt hat? Es iſt unedelmuͤthig,— es iſt grauſam es heißt eine augenblickliche und eigennuͤtzige Befrie⸗ digung fuͤr Sie ſelbſt ſuchen, auf Koſten jedes Ge⸗ fuͤhls, das ich unterhalten ſollte.“ „Sie haben genug geſagt,“ erwiederte Julian mit funkelnden Augen;„Sie haben genug geſagt, in⸗ dem Sie meine Zudringlichkeit verbitten, und ich will Sie nicht weiter draͤngen. Aber Sie uͤberſchaͤtzen die Hinderniſſe, die zwiſchen uns liegen— ſie muͤſſen und werden weichen.“ 3 „So ſagten Sie zwar,“ antwortete Alexie; „und mit welcher Wahrſcheinlichkeit, mag Ihre eigne Erklaͤrung zeigen. Sie wagten nicht, das Verhaͤlt⸗ niß Ihrem eigenen Vater zu erwaͤhnen; wie ſollten Sie ſich getrauen, es dem meinigen zu eroͤffnen?“ „Daruͤber will ich Sie bald in Stand ſetzen, zu entſcheiden. Major Bridgenoth iſt, nach der Angabe meiner Mutter, ein rechtſchaffener und ein achtungs⸗ wuͤrdiger Mann. Ich will ihn daran erinnern, daß er der Sorgfalt meiner Mutter den theuerſten Schatz und Troſt ſeines Lebens verdankt, und ich will ihn fragen, ob es eine gerechte Vergeltung ſei, dieſe Mutter kinderlos zu machen. Laſſen Sie mich nur wiſſen, wo ich ihn finde, Alexie, und Sie ſollen bald erfahren, ob ich mich fuͤrchte, meine Sache bei ihm zu fuͤhren.“ „Ach!“ antwortete Alexie,„Sie wiſſen ja wohl meine Ungewißheit uͤber meines Vaters Aufenthalt. —,— — — 3 — 11 Wie oft hab' ich ihn inſtaͤndig gebeten, mich ſeinen einſamen Aufenthalt oder ſeine verborgenen Wande⸗ rungen mit ihm theilen zu laſſen! Aber die kurzen und ſeltenen Beſuche, die er in, dieſem Haufe macht, ſind Alles, was er mir von ſeiner Geſellſchaft ver⸗ goͤnnt. Etwas vermoͤcht' ich doch gewiß zu thun, wenn auch wenig, um ihm die Melancholie, die ihn niederdruͤckt, zu erleichtern.“ „Etwas vermoͤchten wir beide zu thun,“ ſagte Peveril.„Wie gern wuͤrde ich Sie in einem ſo an⸗ genehmen Geſchaͤft unterſtuͤtzen! Aller alte Kummer ſollte vergeſſen werden— alle alte Freundſchaften ſollten wieder aufleben. Meines Vaters Vorurtheile ſind die eines Englaͤnders— freilich ſtark, doch der Vernunft nicht unuͤberwindlich. Sagen Sie mir alſo, wo Major Bridgenorth iſt, und uͤberlaſſen mir das Ue⸗ brige; oder laſſen Sie mich nur wiſſen, unter welcher Adreſſe ihn Ihre Briefe treffen, und ich will ſofort ſeinen Aufenthalt zu entdecken ſuchen.“ „Verſuchen Sie es nicht, ich bitte Sie,“ ſagte Alexie.„Er iſt ſchon ein bedraͤngter Mann; und was wuͤrde er denken, wenn ich faͤhig waͤre, ein Ge⸗ ſuch zu unterſtuͤtzen, das ſo wahrſcheinlich ſeinen Kummer noch vermehren wuͤrde? Ueberdieß koͤnnte ich, auch wenn ich wollte, Ihnen nicht ſagen, wo er jetzt zu finden waͤre. Meine Briefe erreichen ihn von Zeit zu Zeit durch meine Tante Chriſtian; aber ſeine Adreſſe iſt mir gaͤnzlich unbekannt.“ „Nun, beim Himmel,“ antwortete Julian,„ſo will ich ſeine Ankunft auf dieſer Inſel und in dieſem Hauſe abwarten; und ehe er dich in ſeine Arme ge⸗ ſchloſſen hat, ſoll er mir uͤber den Gegenſtand meines Geſuchs Antwort geben.“ „So verlangen Sie dieſe Antwort jetzt!“— rief eine Stimme außerhalb der Thuͤre, welche zu gleicher Zeit langſam ſich oͤffnete.„Verlangen Sie dieſe Antwort jetzt; denn hier ſteht Ralph Bridge⸗ north.“ Indem er ſo ſprach, trat er mit ſeinem gewohnten kangſamen und ruhigen Schritte ins Zimmer,— nahm ſeinen niedergekraͤmpten und thurmfoͤrmigen Hut ab, und betrachtete abwechſelnd ſeine Tochter und Julian Peveril mit einem feſten und durchdrin⸗ genden Blick. „Vater!“ ſagte Alexie, durch ſeine ploͤtzliche Er⸗ ſcheinung unter einem ſolchen Verhaͤltniß hoͤchſt uͤber⸗ raſcht und uͤberdieß erſchreckt,—„Vater, ich verdiene keinen Vorwurf.“ „Davon bald, Alexie,“ ſagte Bridgenorth;„indeß begieb dich auf dein Zimmer.— Ich habe dieſem jungen Mann Etwas zu ſagen, was deine Gegenwart nicht vertragen wird.“— 5 „Wahrhaftig, Vater, wahrhaftig,“ ſagte Alexie, betroffen uͤber den vermeinten Sinn dieſer Worte, „Julian verdient eben ſo wenig Vorwuͤrfe, als ich! Es war Zufall, es war Ohngefaͤhr, was uns hier zu⸗ ſammenbrachte.“ Dann eilte ſie aber ploͤtzlich auf ihren Vater zu, umſchloß ihn mit den Armen, und ſprach:„O thue ihm kein Unrecht— er hatte keine ſchlechten Abſichten gegen mich! Vater, du warſt immer ein vernuͤnftiger, und frommer, friedlicher Mann.“— „Und warum ſollt' ich es jetzt nicht auch ſein, Alexie?! ſagte Bridgenorth, indem er ſeine Tochter vom Boden aufhob, wo ſie in der Innigkeit ihres Flehens faſt niedergeſunken war.„Weißt du Et⸗ was, Maͤdchen, was meinen Zorn gegen dieſen jun⸗ gen Mann mehr entflammen muͤßte, als Vernunſt oder Religion denſelben bezaͤhmen koͤnnte? Geh,, geh' auf dein Zimmer. Beruhige deine eignen Lei⸗ denſchaften— lerne dieſe beherrſchen, und uͤberlaff es mir, mit dieſem hartnaͤckigen jungen Mann mich zu beſprechen.“ Alexie ſtand auf, und begab ſich mit niederge⸗ ſenkten Augen langſam aus dem Zimmer. Julian folgte mit ſeinen Blicken ihren Schritten, bis das letzte Wallen ihres Gewandes an der Thuͤre ſichtbar war. Dann richtete er ſeine Augen auf Major Brid⸗ 14— genorth, und dann ſenkte er ſie niederwaͤrts. Der Major fuhr fort, ihn in tiefem Stillſchweigen zu be⸗ trachten; ſeine Miene war melancholiſch und ſelbſt finſter; aber doch war nichts darin, was entweder heftige Unruhe oder bittere Empfindlichkeit anzeigte. Err hieß Julian Platz nehmen, und ſetzte ſich ſelbſt. Hierauf eroͤffnete er die Unterredung auf folgende Weiſe: „Sie ſchienen, junger Herr, nur eben begierig, zu erfahren, wo ich anzutreffen waͤre. Dieß vermuthete ich wenigſtens aus den wenigen Aeußerungen, die ich zufaͤllig zu hoͤren bekam; denn ich war ſo kuͤhn,— ob es gleich dem Geſetzbuch der heutigen Hoͤflichkeit zuwider ſein mag,— einen oder zwei Augenblicke zu horchen, um zu vernehmen, uͤber was fuͤr einen Gegenſtand ein ſo junger Mann, wie Sie, ein ſo junges Frauenzimmer, wie Alexie, in einer Privat⸗ unterredung unterhielte.“ „ ‚Ich bin verſichert, Herr Major,“ ſagte Julian, der im Gefuͤhl des Dranges der gegenwaͤrtigen Lage ſich wieder zu ſammeln ſuchte,„Sie haben von mei⸗ ner Seite nichts gehoͤrt, was einen Mann beleidigen koͤnnte, den ich, wiewol unbekannterweiſe, ſo hoch zu verehren gedrungen bin.“ „Im Gegentheil,“ ſagte Bridgenorth mit dem⸗ ſelben feierlichen Ernſte,„es iſt mir lieb, zu ſinden, 18. — 15 daß Ihre Angelegenheit mehr mich, als meine Toch⸗ ter, betrifft, oder zu betreffen ſcheint. Ich glaube nur, Sie vaen beſſer gethan, ſich ſogleich unmittel⸗ bar an mich zu wenden, da die Sache mich allein angeht.“ Julian konnte mit der ſchaͤrfſten Aufmerkſamkeit nicht entdecken, ob Bridgenorth dieß im Ernſt oder ironiſch in Bezug auf den obigen Gegenſtand ſagte. Er war jedoch ſcharfſinniger, als ſeine noch beſchraͤnkte Erfahrung vermuthen ließ, und hatte bei ſich be⸗ ſchloſſen, zu verſuchen, ob er Etwas von dem Cha⸗ rakter und Temperament des Mannes, mit dem er ſprach, ausforſchen koͤnnte. In dieſer Abſicht richtete er ſeine Antwort nach Bridgenorths Aeußerung ein, und ſagte: da er nicht ſo gluͤcklich ſei, den Ort ſeines Aufenthalts zu wiſſen, ſo habe er ſich deßhalb an ſeine Tochter gewandt, um daruͤber Erkundigung ein⸗ zuziehen. „Mit welcher Sie jetzt zum erſten Mal bekannt geworden ſind?“ ſagte Bridgenorth;„wenn ich Sie recht verſtehe.“ „Keinesweges,“ antwortete Julian, indem er die Augen niederſchlug;„ich bin mit Ihrer Tochter ſchon ſeit vielen Jahren bekannt, und was ich zu ſa⸗ gen wuͤnſchte, betrifft ſowohl ihr Gluͤck, als das meinige.“ 4 „Ich muß Sie ſo verſtehen,“ ſagte Bridgenorth, „wie fleiſchliche Menſchen einander uͤber Dinge die⸗ ſer Welt verſtehen. Sie ſind an meine Tochter durch die Bande der Liebe geknuͤpft; ich habe es lange gewußt.“ „Sie, Herr Major,“ rief Peveril aus, WSie haben es lange gewußt?“ „Ja, junger Mann, glauben Sie, daß ich, als der Vater eines einzigen Kindes, Alexie Bridgenorth, — das einzige lebende Pfand von ihr, die nun een Engel im Himmel iſt— haͤtte in dieſer Abgeſchieden⸗ heit laſſen koͤnnen, ohne die ſicherſte Kenntniß voen „ allen ihren weſentlichen Handlungen zu haben? Ich habe in Perſon mehr von ihr und von Ihnen geſe⸗ hen, als Sie ſich einbilden konnten; und wann ich koͤrperlich abweſend war, hatte ich die Mittel, die⸗ ſelbe Oberaufſicht fortzufuͤhren. Junger Mann, ſolche Liebe, als Sie zu meiner Tochter haͤgen, lehrt, wie man ſagt, viel Verſchlagenheit; aber glauben Sie nicht, daß dieſe die Zaͤrtlichkeit uͤberliſten kann, mit der ein verwitweter Vater an ſeinem einzigen Kinde haͤngt.“ „Wenn Sie,“ ſagte Julian mit hochklopfendem und frohem Herzen,„wenn Sie dieſen Umgang ſo 3 lange gewußt haben, darf ich nicht h hoffen, daß er nicht Ihr Mißfallen erregt habe?“ —, — u— e . —,—— — 17 Der Major hielt einen Augenblick inne, und ant⸗ wortete dann:„In einigen Ruͤckſichten, gewiß nicht. Waͤre es der Fall geweſen— haͤtte Etwas von Ih⸗ rer Seite, oder von Seiten meiner Tochter, Ihre Beſuche hier bei ihr gefaͤhrlich oder mir mißfaͤllig zu machen geſchienen, ſo wuͤrde ſie nicht lange die Be⸗ wohnerin dieſer Einſamkeit oder dieſer Inſel geblie⸗ ben ſein. Aber ſein Sie nicht ſo voreilig, voraus⸗ zuſetzen, Alles, was Sie in dieſer Sache wuͤnſchen moͤgen, ſei ſo leicht oder ſo ſchnell auszufuͤhren.“ „Ich ſehe freilich Schwierigkeiten voraus,“ antz wortete Julian;„aber, mit Ihrer guͤtigen Geneh⸗— migung, es ſind ſolche, die ich zu entfernen hoffte. Mein Vater iſt edelmuͤthig— meine Mutter iſt auf⸗ richtig und wohlgeſinnt. Beide liebten Sie einſt, und ich glaube ſicher, ſie werden Sie wieder lieben. Ich will der Vermittler zwiſchen Ihnen ſein— Friede und Harmonie— von neuem unſere Nach⸗ barſchaft bewohnen, und— Bridgenorth na ede ihn mit einem finſtern Laͤcheln; denn ſo ſchien es auf einem Geicahte voll tiefer Melancholie.„Meine Tochter ſagte nur vor einer kleinen Weile ganz recht, Sie waͤren ein Traͤu⸗ mer ſchoͤner Traͤume, ein Bildner von Plaͤnen und fantaſtiſchen Hoffnungen, gleich den Erſcheinungen der Nacht. Es iſt eine große Sache, die Sie von 18— mir verlangen;— die Hand meines einzigen Kin⸗ des— die Summe meines weltlichen Beſtands; doch iſt das nur ein Schatten in Vergleichung. Sie verlangen den Schluͤſſel zu der Quelle, aus welcher ich noch hoffen kann, einen Labetrank zu trinken; Sie verlangen, der einzige und unumſchraͤnkte Be⸗ wahrer meiner ydiſchen Gluͤckſeligkeit zu ſein— und was haben Sie dargeboten, oder was haben Sie darzubieten, zum Exrſatz der Uebergabe, welche Sie von mir fordern?“— „Ich fuͤhle nur zu wohl,“ ſagte Peveril, betrof⸗ fen uͤber ſeine raſchen Schluͤſſe,„wie ſchwierig es ſein mag.“ „Nein, unterbrechen Sie mich nicht,“ erwiederte Bridgenorth,„bis ich Ihnen den Betrag desjenigen zeige, was Sie mir fuͤr den Austauſch eines Gutes darbieten, welches, was auch immer ſein innerer Wetth ſei, eifrig von Ihnen gewuͤnſcht wird, und Alles in ſich begreift, was ich Schaͤtzbares auf Erden darzubringen habe. Sie koͤnnen gehoͤrt haben, daß ich in den letzten Zeiten der Gegner von Ihres Va⸗ ters Grundſaͤtzen und ſeiner profanen Partei, jedoch nicht von ſeiner Perſon, war.“ „Ich habe immer gerade das Gegentheil gehoͤrt,“ antwortete Julian;„und nur eben jetzt erwaͤhnte ich Ihnen, daß Sie ſein Freund geweſen waren.“ u—⸗ʒʒ 19 „Ja. Als er in Bedraͤngniß und ich im Wohl⸗ ſtande war, war ich weder abgeneigt, noch ganz un⸗ faͤhig, mich als ſolchen zu beweiſen. Wohl, das Blatt hat ſich gewendet— die Zeiten haben ſich geaͤndert. Ein friedliebender und Niemand beleidi⸗ gender Mann haͤtte von einem nunmehr maͤchtig gewordenen Nachbar einen ſolchen Schutz bei ſeinem Wandeln auf dem Wege des Rechts erwarten koͤn⸗ nen, als alle Unterthanen deſſelben Reichs ſelbſt von Fremden zu erwarten berechtigt ſind. Was geſchieht aber? Ich verfolge, mit der Vollmacht des Koͤnigs und des Geſetzes, eine Moͤrderin, die an ihrer Hand das Blut meines nahen Verwandten traͤgt, und ich hatte in ſolchem Falle ein Recht, jeden Lehnsherrn zum Beiſtande in der Vollziehung aufzurufen. Mein ehemaliger freundlicher Nachbar, verbunden als Menſch und als obrigkeitliche Perſon, zu einer recht⸗ lichen Handlung bereitwillig Beiſtand zu leiſten— verbunden als ein dankbarer und verpflichteter Freund, meine Rechte und meine Perſon zu achten — wirft ſich zwiſchen mich— mich, den Naͤcher des Bluts— und meine geſetzliche Gefangene; ſchlaͤgt mich zu Boden, indem er zugleich mein Leben gefaͤhrdet, und in blos menſchlichen Augen meine Ehre befleckt; und unter dieſem Schutz erreicht das Midianitiſche Weib, gleich einem Seeadler, das 20 Neſt, das ſie ſich auf dem Felſen gebaut hat, und bleibt daſelbſt, bis gehoͤrig am Hofe uͤberreichtes Gold alles Andenken an ihr Verbrechen auswiſcht, und die, dem Gedaͤchtniß des beſten und wackerſten der Menſchen gebuͤhrende Rache vereitelt.— Aber, (ſetzte er hinzu, indem er ſich an Chriſtian's Bildniß wandte)„du biſt noch nicht vergeſſen! die Rache, die deiner Moͤrderin auf dem Fuße folgt, kommt lang⸗ ſam,— aber ſie bleibt nicht außen!“ Hier war eine Pauſe von einigen Augenblicken, welche Julian Peveril, im Verlangen nach dem Schluſſe, zu dem Major Beidgenorth endlich gelan⸗ gen wuͤrde, nicht zu unterbrechen ſuchte.—„Dieſe Dinge,“ fuhr Bridgenorth fort,„rufe ich nicht mit Bitterkeit ins Andenken zuruͤck, ſofern ſie mich per⸗ ſoͤnlich angehen— nicht mit einem innern Groll, wiewohl ich dadurch aus meinem Wohnorte verbannt worden bin, wo meine Vorfahren lebten, und wo meine irdiſchen Hoffnungen begraben liegen. Allein die oͤffentliche Angelegenheit bringt Streit zwiſchen Ihrem Vater und mir. Wer war ſo thaͤtig, als er, das feindſelige Edict des ſchwarzen St. Bartho⸗ lomaͤustages in Ausfuͤhrung zu bringen, da ſo viele hundert Prediger des Evangeliums von Haus und Hof— von Heerd und Altar— von Kirche und Pfarre vertrieben wurden, um den Bauchgoͤtzen und —um — 2 Dieben Platz zu machen? Wer war, als ein klei⸗ ner Haufe vom Volke des Herrn ſich vereinigte, die geſunkene Standarte aufzurichten, und noch einmal die gute Sache zu befoͤrdern, wer war da am behen⸗ deſten, ihr Vorhaben zu vereiteln— ſie auszuſpuͤ⸗ ren, zu verfolgen, und zu ergreifen? Weſſen Athem fuͤhlt' ich warm an meinem Halſe— weſſen bloßes Schwert wurde einen Fuß breit von meinem Koͤrper geſchwungen, waͤhrend ich im Dunkeln, wie ein Dieb im Verborgenen, lauerte, im Hauſe meiner Vaͤter? Es war die Naͤhe Gottfried Peverils— es war das Schwert Ihres Vaters! Was koͤnnen Sie auf dieß Alles antworten, oder wie koͤnnen Sie es mit Ihren gegenwaͤrtigen Wuͤnſchen verein⸗ baren? Julian konnte hierauf zur Erwiederung blos be⸗ merken,„daß dieſe Beleidigungen ſchon lange her waͤren— daß ſie im Drange der Zeiten und in der Hitze des Temperaments ausgeuͤbt worden, und daß Major Bridgenorth aus chriſtlicher Liebe keine bit⸗ tere Empfindlichkeit uͤber dieſelben unterhalten ſollte, da eine Thuͤre der Verſoͤhnung ſich oͤffnete.“ „Still, junger Menſch,“ ſagte Bridgenorth,„dn ſprichſt von Etwas, das du nicht verſtehſt. Unſere menſchlichen Beleidigungen zu vergeben, iſt chriſtlich und loͤhlich; aber wir haben keinen Auftrag, dieleni⸗ 22— gen zu vergeben, welche der Sache der Religion und der Freiheit zugefuͤgt worden ſind; wir haben kein Recht, Befreiungen zu gewaͤhren, oder denen die Hand zu ſchuͤtteln, die das Blut unſrer Bruͤder ver⸗ goſſen haben.“ Er blickte auf Chriſtian’s Bildniß, und ſchwieg einige Minuten, als fuͤrchtete er, in ſei⸗ ner Heftigkeit zu weit fortgeriſſen zu werden, und nahm dann das Geſpraͤch in einem mildern Tone wieder auf.— „Dieſe Dinge fuͤhre ich Ihnen an, Julian, um Ihnen zu zeigen, wie unmoͤglich, in den Augen eines blos weltlichen Menſchen, die von Ihnen gewuͤnſchte Verbindung ſein wuͤrde. Allein der Himmel hat zu Zeiten eine Thuͤre geoͤffnet, wo der Menſch kein Mittel zum Ausgange ſiehet. Ihre Mutter, Ju⸗ lian, iſt, als eine Perſon, welcher die Wahrheit un⸗ bekannt iſt, nach der Sitte der Welt, eine der be⸗ ſten und eine der weiſeſten Frauen; und die Vorſe⸗ hung, welche ihr eine ſo holde Geſtalt gab, und dieſer Geſtalt ein ſo lauteres Gemuͤth verlieh, als nur die urſpruͤngliche Gebrechlichkeit unſerer geringen Natur verſtatten will, hat— ich habe das Vertrauen — nicht die Abücht, daß ſie bis ans Ende ein Ge⸗ faͤß des Grimmes und Verderbens bleiben ſoll. Von Ihrem Vater ſag' ich nichts— er iſt, was die Zei⸗ ten und das Beiſpiel Anderer, und die Rathgebungen — ———— — 23 ſeines gebieteriſchen Prieſters aus ihm gemacht ha⸗ ben; und von ihm, ich wiederhole es, ſage ich nichts, ausgenommen, daß ich Macht uͤber ihn habe, welche ter ehemals empfunden haben moͤchte, wenn nicht Jemand innerhalb ſeiner Zimmer waͤre, der bei ſei⸗ nen Leiden wuͤrde gelitten haben. Auch wuͤnſche ich nicht, Ihre alte Familie auszurotten. Wenn ich gleich Ihren Stolz auf Ahnenruhm und Stamm⸗ baum nicht ſchaͤtze, ſo wuͤrde ich doch nicht dieſe Dinge abſichtlich zerſtoͤren, eben ſo wenig, als ich einen moosbewachſenen Thurm niederreißen oder eine alte Eiche faͤllen wuͤrde, es ſei denn, um die gemeine Straße gerade zu machen, und zum Vortheil des Publikums. Ich habe daher keine Erbitterung ge⸗ gen das gedemuͤthigte Peveriliſche Haus— nein, ich achte es in ſeiner Erniedrigung.“ Hier machte er eine zweite Pauſe, als erwartete er, daß Julian Etwas ſagen wuͤrde. Aber ungeach⸗ tet des Eifers, mit dem der junge Mann ſeine Be⸗ werbung betrieben hatte, war er doch zu ſehr in Ideen von der Bedeutung ſeiner Familie, und in der beſſern Sitte der Ehrerbieturg gegen ſeine Ael⸗ tern aufgezogen, um ohne Misvergnuͤgen einen Theil von Bridgenorth's Rede anhoͤren zu koͤnnen. Das Peveriliſche Haus,“ antwortete er,„iſt nie gedemuͤthigt worden.“ —ꝛ ——ꝛ— 264— „Haͤtten Sie geſagt, die Soͤhne dieſes Hauſes ſind nie de muͤthig geweſen,“ ſagte Bridgenorth „ſo wuͤrden Sie der Wahrheit naͤher gekommen ſein.— Sind Sie nicht gedemuͤthigt? Leben Sie nicht hier, als der Lakai einer hochmuͤthigen Frau, als der Spielkamerade eines ſeichten Juͤnglings? Wenn Sie dieſe Inſel verlaſſen und nach England an den Hof gehen, ſo ſehen Sie, was fuͤr Achtung man da dem alten Stammbaum erweiſen wird, der Ihre Abkunft von Koͤnigen und Eroberern herleitet. Ein poſſenhafter oder zweideutiger Scherz, ein un⸗ verſchaͤmtes Betragen, ein verbraͤmter Mantel, eine Hand voll Gold, und die Bereitwilligkeit, es in Kar⸗ ten oder Wuͤrfeln aufs Spiel zu ſetzen, wird Sie beſſer an Karls Hofe befoͤrdern, als der alte Name Ihres Vaters und ſklaviſche Aufopferung von Blut und Vermoͤgen fuͤr die Sache ſeines Vaters.“ „Das iſt freilich nur zu wahrſcheinlich,“ ſagte Peveril.„Aber der Hof ſoll nie mein Element ſein. Ich will, wie meine Vorfahren, unter meinen eignen Unterthanen leben, fuͤr ihre Zufriedenheit ſor⸗ gen, ihre Streitigkeiten ſchlichten— „Maibaͤume pflanzen, und um ſie herum tanzen,“ ſagte Bridgenorth mit einem finſtern Laͤcheln, das uͤber ſein Geſicht zog, wie das Licht der Fackel eines Todtengraͤbers, wenn es von dem Kirchenfenſter 25 zuruͤckſchimmert, indem es vom Zuſchließen eines Grabgewoͤlbes herkommt.„Nein, Julian, dieß ſind keine Zeiten, in welchen durch das traͤumeriſche Buͤf⸗ feln eines Dorfſchulzen, und durch die kleinlichen Geſchaͤfte eines Landeigenthuͤmers ein Mann ſeinem ungluͤcklichen Vaterlande dienen kann. Es ſind ge⸗ waltige Plaͤne im Werke, und die Menſchen aufge⸗ fordert, zwiſchen Gott und Baal zu waͤhlen. Der alte Aberglaube— der Graͤuel unſerer Vorfahren — iſt im Begriff ſein Haupt zu erheben, und ſeine Schlingen, unter dem Schutz der Fuͤrſten der Erde, auswaͤrts umher zu legen; aber er erhebt ſein Haupt nicht unbemerkt oder unbewacht; der wahren Engli⸗ ſchen Herzen giebt's zu Tauſenden, welche nur auf ein Signal warten, als ein einziger Mann aufzuſte⸗ hen, und den Koͤnigen der Erde zu zeigen, daß ſie ſich vergebens verbunden haben! Wir werden ihre Fallſtricke von uns werfen— den Kelch ihrer Graͤuel wollen wir nicht koſten.“ „Sie ſprechen, als waͤren Sie hierin uͤber mich im Dunkeln, Herr Bridgenorth,“ ſagte Peveril. „Da Sie ſo viel von mir wiſſen, ſo koͤnnen Sie vielleicht auch begreifen, daß ich wenigſtens zu viel von Roms Blendwerken geſehen habe, um zu wuͤn⸗ ſchen, daß ſie in unſerer Heimath verbreitet werden moͤchten.“ II. B 26— „Weßhalb denn ſonſt rede ich zu dir ſo freund⸗ ſchaftlich und ſo frei?“ ſagte Bridgenorth.„Weiß ich nicht, mit welcher Gewandtheit eines fruͤhzeitigen Verſtandes du die liſtigen Verſuche jenes Weibes ver⸗ eitelteſt, dich vom proteſtantiſchen Glauben abwendig zu machen? Weiß ich nicht, wie du gedraͤngt wur⸗ deſt, als du auswaͤrts wareſt, und daß du dennoch ſowohl deinen eigenen Glauben feſthielteſt, als auch den ſchwankenden Glauben deines Freundes ſicher ſtellteſt? Sagt ich nicht, das war gehandelt, wie der Sohn der Margarethe Peveril zu handeln pflegt? Sagt’ ich nicht, er haͤlt bis jetzt nur am todten Buchſtaben— aber der Saamen, welcher geſäet iſt, wird einmal keimen und gedeihen?— Jedoch genug hiervon. Fuͤr heute iſt dieß deine Wohnung. Ich will in dir weder den Diener jener Tochter Ethbaals, noch den Sohn deſſen ſehen, der meinem Leben nachſtellte und meine Ehre beſchimpfte, ſondern du ſollſt mir fuͤr heute das Kind derjenigen ſein, ohne die meine Familie verloſchen ſein wuͤrde.“ „Mit dieſen Worten ſtreckte er ſeine duͤnne knoͤ⸗ cherne Hand aus, und faßte die des jungen Peveril; aber es war ſo ein trauernder Blick in dieſer Bewill⸗ kommnung, daß,— was fuͤr Freude auch immer der junge Mann im voraus empfand, ſo lange Zeit in er Naͤhe, vielleicht in der Geſellſchaft Alexiens zu⸗ — 27 zubringen, oder ſo ſtark ihm auch die Klugheit ein⸗ leuchtete, ihres Vaters Wohlwollen zu gewinnen— er doch das Gefuͤhl ſich nicht verleugnen konnte, als wenn in Bridgenorths Geſellſchaft ſein Herz kaͤlter geworden waͤre. Zweites Kapitel. Debora Debbitch, welche nun auf das Geheiß ihres Herrn erſchien, kam mit vor die Augen gehaltenem Tuch, und verrieth große Gemuͤthsunruhe.„Es war meine Schuld nicht, Herr Major,“ ſagte ſie;„wie konnt' ich mir helfen? Gleich und gleich geſellt ſich gern— der junge Menſch wollte kommen— das Maͤdchen wollte ihn ſehen.“ „Sei ſtille, du Thoͤrin) ſa gke Bridgenorth,„und hoͤre, was ich zu ſagen habe.“ Sn „Ich weiß recht wohl, Herr Major, was Sie zu ſagen haben werden,“ antwortete Debora.„Der Dienſt, ich weiß es, iſt heutzutage kein Erbgut— einige ſind kluͤger, als manche andere— waͤre ich nicht von Martindale weggelockt worden, ſo haͤtt ich mein eignes Haus in dieſer Zeit haben koͤnnen.“ . B 2 28 — „Schweig', Unverſtaͤndige!“ rief Bridgenorth; aber Debora war ſo eifrig in ihrer Rechtfertigung, daß er ſeine Ausrufung nur gleichſam wie duͤnne Streifen zwiſchen ihre Declamationen einweben konn⸗ te; denn dieſe erfolgten ſo ſchnell hinter einander, wie in Faͤllen zu geſchehen pflegt, wo Leute dieſer Art einen verdienten Tadel durch heftige Schutzre⸗ den abzuwenden ſuchen, ehe noch ein Vorwurf ge⸗ macht worden iſt. „Kein Wunder,“ ſagte ſie,„daß ſie in Hinſicht ihres eigenen Vortheils ſei betrogen worden, als ſie die liebe Alexie habe warten ſollen. All Ihr Gold, Herr Major, wuͤrde mich nicht verſucht haben, wenn ich nicht wußte, daß die arme Unſchuldige wuͤrde verloren geweſen ſein, ſobald ſie von meiner gnaͤdi⸗ gen Frau oder mir weggenommen wuͤrde.— Und das iſt alſo das Ende davon!— fruͤh auf und ſpaͤt zu Bette— und dieß iſt mein ganzer Dank!— aber der Herr Major thaͤten beſſer, Sorge zu tra⸗ gen, was zu thun iſt— ſie hat den kurzen Huſten noch bisweilen— und ſollte Arznei nehmen, im Fruͤhling und Herbſt.“ „Stille, ſchwatzhafte Thoͤrin!“ ſagte ihr Herr, obald ihr ausgehender Athem ihm Gelegenheit gab, zwiſchenein zu fallen;„denkſt du, ich wußte nichts von den Beſuchen dieſes jungen Herrn auf Black⸗ — 29 fort, und— wenn ſie mir mißfallen haͤtten, ich wuͤrde ſie nicht zu verhindern gewußt haben?“ „Wußte ich nicht, Herr Major, daß Sie von ſeinen Beſuchen wuͤßten?“ rief Debora im trium⸗ phirenden Tone aus,— denn, gleich den meiſten ihres Standes, ſuchte ſie zu ihrer Vertheidigung niemals Etwas mehr, als eine Luͤge, ſo ungereimt und unwahrſcheinlich ſie immer ſein mochte.— „Wußt' ich nicht, daß der Herr Major davon wuß⸗ ten?— Ei, wie wuͤrde ich ſeine Beſuche ſonſt er⸗ laubt haben? Ich weiß nicht, was Sie von mir den⸗ ken. Haͤtt ich nicht Gewißheit gehabt, daß Sie keine Sache in der Welt ſo ſehr wuͤnſchten, wuͤrde ich mich denn unterſtanden haben, zur Befoͤrderung die Hand zu bieten? Ich glaube meine Pflicht beſſer zu kennen. Fragen Sie, ob ich je einen andern jun⸗ gen Mann ins Haus gebeten habe, außer ihn— denn ich wußte, Sie ſind ein weiſer Mann, Herr Major, und Uneinigkeiten koͤnnen nicht ewig waͤhren, und Liebe faͤngt an, wo der Haß aufhoͤrt: und mei⸗ ner Treu', ſie ſehen aus, als wenn ſie fuͤr einan⸗ der geſchaffen waͤren— und dann die Grundſtuͤcke Moultraſſie und Martindale paſſen zu einander, wie Meſſer und Scheide.“ „Halt dein Maul, du Papagei!“ rief Bridge⸗ north, deſſen Geduld nun faſt gaͤnzlich erſchoͤpft war; , 3 „oder willſt du ſchwatzen, ſo plaudre mit deinen Ka⸗ meraden in der Kuͤche, und laß ſie uns nun etwas Mittagseſſen zubereiten; denn Herr Peveril iſt weit von Hauſe entfernt.“ „Das will ich, und von Herzen gern,“ antwor⸗ tete Debora;„und wenn es auf der Inſel Man ein paar fettere Voͤgel gibt, als jetzt auf der Tafel mit ihren Fluͤgeln ſchlagen ſollen, ſo moͤgen mich der Herr Major eben ſo gut Gans als Papagei nennen.“ Und hiermit verließ ſie das Zimmer. „Glauben Sie,“ ſagte Bridgenorth, indem er ihr einen bedeutenden Blick zuwarf,„daß ich einer ſolchen Frauensperſon⸗ wie dieſer, die Pflege meines einzigen Kindes preisgegeben haͤtte? Doch genug hiervon! Wir wollen ausgehen, wenn es Ihnen beliebt, waͤhrend ſie in einem Fache geſchaͤftig iſt, fuͤr das ihr Verſtand beſſer paßt.“ „So ſprach er, und verließ das Haus in Julian Peveril's Geſellſchaft, und bald giengen ſie wie alte Bekannte neben einander⸗ Es mag vielen unſerer Leſer, wie uns ſelbſt, wi⸗ derfahren ſein, daß ſie durch Zufall mit einer Per⸗ ſon in Geſellſchaft gerathen, deren Anſpruͤche auf das, was man einen ernſthaften Charakter nennt, betraͤchtlich ſtrenger ſind, als unſere eigenen, und mit denen wir daher unſere Zeit auf eine ſteife und — 31 gezwungene Art zuzubringen, wahrſcheinlich finden muͤſſen; waͤhrend, auf der andern Seite, unſer be⸗ ſtimmter Geſellſchafter einigen Widerwillen von der vorausgeſetzten leichtſinnigen und gedankenloſen Mun⸗ terkeit eines von ſeinem eigenen ſo verſchiedenen Temperaments beſorgt haben mag. Nun hat es ſich oft ereignet, daß, als wir, mit der Artigkeit und gu⸗ ten Laune, die ein Hauptzug unſers Charakters iſt, uns nach unſerm Geſellſchafter bequemten, indem wir ſo viel Ernſtes, als unſere Gewohnheiten er⸗ laubten, in unſere Unterhaltung brachten, er, auf der andern Seite, durch unſer edelmuͤthiges Beiſpiel⸗ bewogen, ſeine Manieren zum Theil von ihrer ſin⸗ ſtern Strenge befreite; und unſere Unterredung hat folglich die gefaͤllige Miſchung des Nuͤtzlichen und des Angenehmen erhalten, welche am beſten„dem Feen⸗Gewebe von Tag und Nacht“ d. h. der Daͤmmerung verglichen werden kann. Beide Par⸗ teien moͤgen wahrſcheinlich, bei ſolchen Gelegenheiten, um ſo beſſer ſich bei ihrem Zuſammentreffen befun⸗ den haben, ſelbſt wenn es nicht weiter kam, als vor der Hand eine Gemeinſchaft der Gefuͤhle zwiſchen Menſchen zu ſtiften, die, vielleicht mehr durch Tem⸗ perament als durch Grundſaͤtze von einander abwei⸗ chend, nur zu geneigt ſind, einander mit profaner B 4 Frivolitaͤt auf der einen, oder mit Schwaͤrmerei auf der andern Seite zu belaͤſtigen. So ergieng es bei Peverils Spaziergange mit Bridgenorth, und in der Unterredung, die er mit ihm hiett. Major Bridgenorth vermied ſorgfaͤltig den ſchon beſprochenen Gegenſtand, und richtete ſein Geſpraͤch vornehmlich auf ſeine Reiſen im Auslande, und auf die in entfernten Laͤndern geſehenen Merkwuͤrdigkei⸗ ten, die er mit forſchendem und beobachtendem Blicke betrachtet zu haben ſchien. Dieſe Unterhaltung be⸗ fluͤgelte die Zeit; denn obgleich die ſo mitgetheilten Anekdoten und Beobachtungen alle von dem ernſthaf⸗ ten und faſt duͤſtern Geiſte des Erzaͤhlers einen An ſtrich hatten, ſo enthielten ſie doch Zuͤge des Inter⸗ eſſanten und Wunderbaren, von der Art, welche ge⸗ woͤhnlich fuͤr einen jugendlichen Zuhoͤrer anziehend iſt, und es beſonders fuͤr Julian war, der in ſeinem Naturell einen Hang zum Romantiſchen und Ge⸗ fahrvollen hatte. Bridgenorth ſchien das ſuͤdliche Frenkreich zu kennen, und konnte manche Vorfaͤlle von den fran⸗ zoͤſiſchen Hugenotten erzaͤhlen, welche ſchon die Be⸗ draͤngniſſe zu erdulden anfingen, die wenige Jahre nachher durch den Widerruf des Edicts von Nantes ihr Hoͤchſtes erreichten. Er war ſogar in Ungarn —— — 33 geweſen; denn er ſprach wie aus perſoͤnlicher Kennt⸗ niß von dem Charakter verſchiedener Haͤupter des großen proteſtantiſchen Aufſtandes, der zu dieſer Zeit unter dem beruͤhmten Tekeli ſtatt gefunden hatte; und gab triftige Gruͤnde an, warum ſie befugt wa⸗ ren, eher gemeinſchaftliche Sache mit dem Tuͤrkiſchen Großherrn zu machen, als ſich dem Roͤmiſchen Pap⸗ ſte zu unterwerfen. Er ſprach auch von Savoien, wo die Anhaͤnger der reformirten Religion noch eine grauſame Verfolgung erlitten; und erwaͤhnte mit erhoͤhtem Gefuͤhl den Schutz, welchen Oliver Crom⸗ well den unterdruͤckten proteſtantiſchen Kirchen hatte angedeihen laſſen;„worin er ſich(wie er hinzuſetzte) „faͤhiger zeigte, die oberſte Macht zu handhaben, als jene, welche, blos auf Erbrecht geſtuͤtzt, ſie allein fuͤr ihre eiteln und wolluͤſtigen Zwecke gebrauchen.“ „Ich haͤtte nicht erwartet,“ ſagte Peveril be⸗ ſcheiden,„von Ihnen eine Lobrede auf Oliver Crom⸗ well zu hoͤren, Herr Bridgenor⸗h.“ „Ich halte ihm keine Lobrede; antwortete der Major;„ich ſpreche nur die Wahrheit von dieſem außerordentlichen Mann, der nun todt iſt; dem ich aber, wenn er noch lebte, mich nicht ſcheuen wuͤrde, ins Angeſicht Widerſtand zu leiſten. Es iſt ein Fehler des gegenwaͤrtigen ungluͤcklichen Koͤnigs, wenn er uns mit Bedauern auf die Tage zuruͤck ſe⸗ 8 B 5 34— hen laͤßt, da die Nation auswaͤrts gefuͤrchtet, und da Froͤmmigkeit und Maͤßigkeit im Lande geuͤbt wurde.— Aber ich bin nicht geſonnen, Ihren Geiſt mit Streitigkeiten zu beunruhigen. Sie haben un⸗ ter denen gelebt, welche es leichter und angenehmer finden, die Penſionaͤre Frankreichs, als deſſen Ober⸗ aufſeher zu ſein— das Geld zu verzehren, das es ihnen austheilt, als die Tyrannei abzuwehren, wo⸗ mit es unſre armen Glaubensbruͤder unterdruͤckt. Wann die Schuppen von deinen Augen fallen wer⸗ den, wirſt du dieß Alles ſehen; und wenn du es ſieheſt, wirſt du es verabſcheuen und veracgten lernen.“ Waͤhrend dieſer Zeit hatten ſie ihren Spazier⸗ gang vollbracht, und waren auf einem andern Wege, als von dem ſie das Thal durchwanderten, auf Blackfort zuruͤckgekommen. Die Bewegung und der allgemeine Ton der Uuterhaltung hatten in einigem Grade bei dem jungen Peveril die Schuͤchternheit und Verlegenheit entfernt, welche er anfaͤnglich in Bridgenorth⸗ s Gegenwart empfunden, und welche der Inhalt ſeiner erſten Bemerkungen eher vermehrt, ats vermindert hatte. Debora's verheißenes Mahl war bald auf der Tafel, und entſprach in der Ein: fachheit ſowohl, als in der Sauberkeit und guten Anordnung, den erregten Erwartungen. In einer — 35 Hitſicht allein fand ſich etwas Unangemeſſenheit, viel⸗ lächt Affektation. Die meiſten Schuͤſſeln waren von Silber, und die Teller waren von demſelben Metall, ſtatt des hoͤlzernen und zinnernen Geſchirres, welches Peveril gewoͤhnlich bei aͤhnlichen Gelegen⸗ heiten zu Blackfort gebraucht geſehen hatte. Mit dem Gefuͤhl eines Menſchen, der in einem angenehmen Traume, aus dem er zu erwachen fuͤrch⸗ tet, luſtwandelt, und deſſen Ergoͤtzen mit Verwun⸗ derung und Ungewißheit gemiſcht iſt, fand ſich nun Julian Peveril ſitzend zwiſchen Alexie Bridgenorth und ihrem Vater— dem Weſen, das er auf Erden am meiſten liebte, und dem Manne, den er immer als das groͤßte Hinderniß ihrer Gemeinſchaft betrach⸗ tet hatte. Seine Gemuͤthsverwirrung war ſo groß, daß er kaum die beſchwerlichen Hoͤflichkeiten der Debora erwiedern konnte, welche, in ihrer Qualitaͤt als Gouvernante, mit ihnen an der Tafel ſitzend, nun die guten Gerichte veutheilte, die unter ihrer Aufſicht waren zubereitet worden. Was Alexie betraf, ſo ſchien ſie dießmal den Entſchluß gefaßt zu haben, die Stumme zu ſpielen: denn ſie antwortete auf die Fragen der Debora hoͤchſtens ganz kurz; j. ſelbſt, wenn ihr Vater, was ein oder ein paar Mal geſchah, ſie mehr zum Spre⸗ chen zu bringen ſuchte, erwiederte ſie nicht mehr, 36— als die hrrenng een ihn ſchlechterdings er⸗ forderte. Auf Bridgenorth ſelbſt ſiel daher das ganze Ge⸗ ſchaͤft, die Geſellſchaft zu unterhalten, und, wider ſeine gewohnte Weiſe, ſchien er ſich nicht davor zu ſcheuen. Sein Geſpraͤch war nicht nur gefaͤllig, ſon⸗ dern faſt froͤhlich, wiewohl immerfort durchkreuzt von einigen Aeußerungen, die ſeinen natuͤrlichen und gewoͤhnlichen Truͤbſinn verriethen oder kuͤnftiges Un⸗ gluͤck und Leiden prophezeieten. Auch Flammen von Schwaͤrmerei ſchoſſen durch ſeine Reden, wie das Wetterleuchten an einem Herbſtabend, welches eine ſtarke, jedoch nur augenblickliche Helligkeit durch die ſanfte Daͤmmerung und auf alle nahen Gegenſtaͤde wirft, die, von ihm getroſfen, einen wildern und auf⸗ fallendern Charakter annehmen. Im Allgemeinen aber waren Bridgenorth's Bemerkungen plan und verſtaͤndig; und da er nicht nach Anmuth des Aus⸗ drucks ſtrebte, ſo entſprang jede Ausſchmuͤckung, die ſie empfingen, nur aus dem Intereſſe, womit er ſie ſeinen Zuhoͤrern einſchaͤrfte. Zum Beiſpiel, als De⸗ bora, im Stolz und in der Gemeinheit ihres Her⸗ zens, Julian auf das Silbergeſchirr, auf dem ſie ge⸗ ſpeiſt hatten, aufmerkſam machte, fand Bridgenorth eine Entſchuldigung eines ſolchen uͤberüüſſigen Auf⸗ wandes nothwendig. „Es war ein Zeichen nahender Gefahr,“ ſagte er,„als Menſchen, die nicht gewoͤhnlich an den Ei⸗ telkeiten des Lebens hingen, viel Geld auf Zierrathen von koſtbarem Metall wandten. Es war ein Merk⸗ mal, daß der Kaufmann keinen Gewinn fuͤr das Kapital erhalten konnte, welches er, um der icher⸗ heit willen, in dieſe unnuͤtze Form kleidete. Es war ein Beweis, daß die Adeligen oder Vornehmen die Raubſucht der Gewalt fuͤrchteten, als ſie ihren Reichthum in die tragbarſten und am leichteſten zu verbergenden Formen legten; und es bewies die Unſicherheit des Kredits, wenn ein verſtaͤndiger Mann den wirklichen Beſitz einer Maſſe Silber der Bequemlichkeit des Empfangſcheines von einem Gold⸗ ſchmied oder Banquier vorzog. So lange ein Schat⸗ ten von Freiheit uͤbrig blieb,“ ſagte er,„wurden haͤusliche Rechte am wenigſten angegriffen; und da⸗ her vertheilte man ſeinen Reichthum auf ſeine Cre⸗ denztiſche und Tafeln, weil er an dieſen Orten am laͤngſten bleiben wuͤrde, wiewohl ſie am Ende viel⸗ leicht auch nicht vor den Eingriffen einer tyranniſchen Regierung geſichert waren. Man laſſe aber einmal ein Kapital zum Behuf eines vortheilhaften Han⸗ dels geſucht werden, und die Maſſe wird auf einmal dem Schmelzofen uͤberliefert, und wird, indem ſie aufhoͤrt, eine eitle und beſchwerliche Zierde der Tafel 38 zu ſein, zu einer maͤchtigen und wirkſamen Trieb⸗ feder, den Wohlſtand des Landes zu befoͤrdern.“ „Auch im Kriege,“ ſagte Peveril,„iſt Silberge⸗ ſchirr eine ſchnelle Huͤlfe geweſen.“ „Doch nur zu ſehr,“ antwortete Bridgenorth. „In den letzten Zeiten ſetzte das Silberzeug des ho⸗ hen und niedern Adels, nebſt dem der Collegien und dem Verkauf der Kronjuwelen, den Koͤnig in die Lage, ſeinen ungluͤcklichen Stand zu behaupten, wo⸗ durch die Wiederherſtellung des Friedens und der guten Ordnung gehindert wurde, bis das Schwert eine ungebuͤhrende Ueberlegenheit zugleich uͤber Koͤnig und Parlament erlangt hat.“ Er blickte auf Julian, als er ſo ſprach, ziemlich wie Einer, der ein Pferd probirt, und ihm einen Ge⸗ genſtand ploͤtzlich vor die Augen haͤlt, um zu ſehen, ob es davor ſtutzt oder zuruͤckfaͤhrt. Aber Julians Gedanken neigten ſich zu ſehr auf andre Gegenſtaͤnde, als daß er irgend eine Bewegung verrathen haͤtte. Seine Antwort bezog ſich auf einen fruͤhern Theil von Bridgenorth's Rede, und wurde erſt nach einer kurzen Pauſe erwiedert.„Krieg alſo,“ ſagte er, „Krieg, der große Verbreiter der Armuth, iſt auch der Schoͤpfer des Reichthums, den er verwuͤſtet und verſchlingt.“ „Ja,“ erwiederte Bridgenorth,„eben 3 wie die 39 Schleuſe die ſtockenden Gewaͤſſer des See's in Thaͤ⸗ tigkeit bringt, welchen ſie am Ende austrocknet. Die Nothwendigkeit erfindet Kuͤnſte und entdeckt Huͤlfs⸗ mittel; und welche Nothwendigkeit iſt ernſter, als die des buͤrgerlichen Krieges? Eben deßwegen iſt der Krieg an ſich kein ungemiſchtes Uebel; denn er iſt der Schoͤpfer von Antrieben und Kraftaͤußerungen, welche auf keine andere Art in der buͤrgerlichen Ge⸗ ſellſchaft haͤtten entſtehen koͤnnen.“ „Die Menſchen ſollten alſo in den Krieg gehen,“ ſagte Peveril,„damit ſie ihr Silbergeſchirr in die Muͤnze ſchicken koͤnnen, und von zinnernen Schuͤſſeln und hoͤlzernen Tellern eſſen?“ „Das nicht, mein Sohn,“ antwortete Bridge⸗ north. Dann hielt er ſchnell inne, da er eine tiefe Roͤthe auf Julians Wangen und Stirne bemerkte, und fuhr fort:„Ich bitte wegen meiner vertrauten Sprache um Vergebung; allein ich wollte das, was ich eben ſagte, nicht auf ſolche geringfuͤgige Folgerun⸗ gen beſchraͤnkt wiſſen, ob es gleich etwas Heilſames ſein mag, die Menſchen von ihrer Pracht und Uep⸗ pigkeit loszureißen, und Diejenigen Roͤmer ſein zu lehren, welche außerdem Sybariten ſein wuͤrden. Aber ich wollte ſagen, daß Zeiten der allgemeinen Gefahr, eben ſo wie ſie den Schatz des Geizhalſes und das ungemuͤnzte Gold und Silber des Stolzen 40— in Umlauf bringen, und ſo den eirkulirenden Reich⸗ thum des Landes vermehren, auch manchen wackern und edeln Geiſt in Thaͤtigkeit ſetzen, der außerdem erſtarrt liegen, den Lebenden kein Beiſpiel geben, und kuͤnftigen Zeitaltern keinen Namen hinterlaſſen wuͤrde. Die buͤrgerliche Geſellſchaft kennt nicht und kann nicht die geiſtigen Schaͤtze kennen, welche in ihrem Schooſe ſchlummern, bis Noth und Gelegen⸗ heit den Staatsmann und den Krieger aus den Schatten des niedrigen Lebens zu den Rollen hervor⸗ rufen, die ihnen die Vorſehung beſtimmt hat, und zu den Poſten, fuͤr welche die Natur ſie faͤhig machte. So ſtieg Oliver— ſo ſtieg Milton— ſo ſtieg mancher andere Name empor, der nicht vergeſſen werden kann— eben ſo wie der Gewitterſturm die Gewandtheit des Seemannes auffordert und ent⸗ wickelt.“ „Sie ſprechen,“ ſagte Peveril,„als wenn Un⸗ gluͤcksbegebenheiten der Nation gewiſſermaßen ein Vortheil waͤren.“ „Und wenn es nicht ſo waͤre,“ erwiederte Brid⸗ genorth,„ſo haͤtten ſie in dieſem Pruͤfungsſtande nicht ſtatt gefunden, wo alles zeitliche Uebel durch etwas Gutes in ſeinem Fortſchritt erleichtert wird, und wo Alles, was gut iſt, ſich mit dem, was an a ſich ein Uebel iſt, gepaart findet.“ 41 „Es muß ein edler Anblick ſein,“ ſagte Julian, „die ſchlummernden Faͤhigkeiten einer großen Seele zur Kraftaͤußerung erwacht, und die Obergewalt an⸗ nehmen zu ſehen, die ihr uͤber geringer begabte Geiſter zuſteht.“ „Ich war einmal Zeuge von etwas Aehnlichem,“ ſagte Bridgenorth, und da die Erzaͤhlung kurz iſt, ſollen Sie ſie hoͤren, wenn es Ihnen gefaͤllt: „Auf meinen Reiſen ſind mir die Anſiedelungen jenſeit des Atlantiſchen Meeres nicht entgangen, be⸗ ſonders Neu⸗England, in welches unſer Vaterland, gleich einem Trunkenbolde, der ſeine Schaͤtze von ſich ſchleudert, aus ſeinem Schooſe ſo viel, was in den Augen Gottes und ſeiner Kinder koſtbar iſt, ge⸗ ſchleudert hat. Da ſind Tauſende unſerer beſten und gottſeligſten Menſchen— ſolche, deren Recht⸗ ſchaffenheit zwiſchen den Allmaͤchtigen und ſeinen Zorn treten und den Untergang ganzer Staͤdte ab⸗ wenden koͤnnte— zufrieden, die Bewohner der Wuͤ⸗ ſte zu ſein, indem ſie lieber die unerleuchteten Wil⸗ den bekaͤmpfen, als ſich herablaſſen, unter der in Britannien ausgeuͤbten Unterdruͤckung, das Licht, das in ihren eignen Seelen iſt, auszuloͤſchen. Da blieb ich einige Zeit waͤhrend der Kriege der Kolonie mit Philipp, einem großen Indiſchen Befehlshaber oder Sachem, wie ſie genennt werden, welcher vom 4²— Satan abgeſandt ſchien, ſie zu ſchlagen. Seine Grauſamkeit war groß— ſeine Verſtellung tief; und die Geſchicklichkeit und Gewandtheit, womit er einen verderblichen und raſchen Krieg fuͤhrte, brachte uͤber die Kolonie vieles furchtbare Ungemach. Ich war zufaͤllig in einem kleinen Dorfe in den Waldun⸗ gen, uͤber dreißig Meilen von Boſton, aͤußerſt einſam gelegen und mit Dickicht umgeben. Nichts deſto weniger war kein Gedanke irgend einer Gefahr von Seiten der Indianer zu dieſer Zeit; denn man ver⸗ ließ ſich auf den Schutz eines betraͤchtlichen Trup⸗ penkorps, welche das Feld zur Bedeckung der Graͤn⸗ zen beſetzt hatten, und zwiſchen dem Doͤrſchen und der feindlichen Gegend lagen oder liegen ſollten. Aber ſie hatten mit einem Feinde zu thun, welchem der Teufel ſelbſt Liſt und Grauſamkeit zugleich ein⸗ gegeben hatte. Es war an einem Sabbatmorgen, als wir uns, um guten Rath zu pflegen, in dem Hauſe des Herrn verſammelt hatten. Unſer Tem⸗ pel war nur von hoͤlzernen Staͤmmen erbaut; allein wann wird der Geſang abgerichteter Miethlinge oder der Schall blecherner und meſſingener Blasinſtru⸗ mente unter den Fluͤgeln eines Muͤnſters, ſich ſo lieblich gen Himmel erheben, als der Pſalm ſich er⸗ hob, in welcher wir zugleich unſere Herzen und Stimmen vereinigten! Ein herrlicher Mann Got — 43 tes, der nun in dem Herrn ruht, Nehemiah Sols⸗ grace, lange Zeit der Gefaͤhrte meiner Pilgrim⸗ ſchaft, hatte eben angefangen, im Gebet zu ringen, als ein Weib mit verſtoͤrten Blicken und fliegenden Haaren voll Beſtuͤrzung in unſere Kapelle trat, und unaufhoͤrlich ſchrie:„die Indianer! die Indianer!“ — In jenem Lande traut ſich Niemand, ſich von ſeinen Vertheidigungsmitteln zu trennen; und es ſei in der Stadt oder auf dem Felde, auf dem gepfluͤg⸗ ten Lande oder im Walde, die Menſchen tragen ihre Waffen bei ſich, wie die Juden bei dem Wie⸗ deraufbauen ihres Tempels. So ſprangen wir her⸗ vor mit unſern Gewehren und Piken, und hoͤrten das Geſchrei dieſer eingefleiſchten Teufel, die ſchon in Beſitz von einem Theile der Stadt waren, und⸗ ihre Grauſamkeit an den wenigen ausuͤbten, welche wichtige Urſachen oder Kraͤnklichkeit von dem oͤffent⸗ lichen Gottesdienſt abgehalten hatten; und man be⸗ merkte es als ein goͤttliches Strafgericht, daß an dieſem blutigen Sabbat Adrian Hanſon, ein Nie⸗ derlaͤnder, ein ziemlich guter Mann gegen die Men⸗ ſchen, aber gaͤnzlich dem weltlichen Gewinn erge⸗ ben, erſchoſſen und ſcalpirt wurde, als er eben ſeine woͤchentlichen Einnahmen in ſeinem Waarenhanſe zuſammenrechnete. Am Ende wurde viel Schaden angerichtet, und obgleich unſere Ankunft und unſer begonnenes Gefecht ſie einigermaßen zuruͤckſchlug, ſo ſchoß doch der teufliſche Feind bald maͤchtig auf uns los, und gewann einigen Vortheil uͤber uns, da wir in der Beſtuͤrzung und Verwirrung waren, und keinen beſtimmten Anfuͤhrer hatten. Es war ruͤh⸗ rend, das Geſchrei der Weiber und Kinder unter dem Knallen der Flinten und dem Pfeifen der Ku⸗ geln zu hoͤren, vermiſcht mit dem graͤßlichen Geheul dieſer Wilden, das ſie ihr Kriegsgeſchrei nennen. Mehrere Haͤuſer in dem obern Theile des Dorfs ſtanden ſchon in Flammen, und das Krachen der Balken bei dem Brande, vermehrte die ſchauder⸗ hafte Verwirrung; waͤhrend der Rauch, den der Wind auf uns zutrieb, dem Feinde noch mehr Vor⸗ theil gab, gleichſam ungeſehen und unter einer Be⸗ deckung zu fechten, indeſſen wir ſchnell unter ihrem nie fehlenden Feuer fielen. In dieſem Zuſtande der Verwirrung, und waͤhrend wir im Begriff waren, den verzweifelten Plan, der Raͤumung des Dorfs, anzunehmen, die Weiber und Kinder in den Mit⸗ telpunkt zu bringen, und einen Ruͤckzug in die naͤchſte Anſiedelung zu verſuchen, gefiel es dem Him⸗ mel, uns einen unerwarteten Beiſtand zu ſenden. Ein langer Mann von ehrwuͤrdigem Blick, welchen Niemand von uns zuvor geſehen hatte, war ploͤtz⸗ lich in unſerer Mitte, da wir eilig den Entſchluß — 45 des Nuͤckzugs ins Werk ſetzen wollten. Seine Ge⸗ waͤnder waren von der Haut des Elennthieres, und er trug ein Schwert, und fuͤhrte eine Flinte; ich ſah nie etwas Ehrwuͤrdigeres, als ſeine Geſichts⸗ zuͤge, uͤberſchattet von grauen Locken, welche ſich mit einem langen Barte von derſelben Farbe ver⸗ miſchten.„Maͤnner und Bruͤder,“ ſagte er mit einer Stimme, wie die, welche die Leute von der Flucht zuruͤck ruft;„warum laßt ihr euern Muth ſinken? und warum ſeid ihr ſo unruhig? Fuͤrchtet ihr, der Gott, dem wir dienen, werde uns jenen heidniſchen Hunden uͤbergeben? folget mir, und ihr ſollt heute ſehen, daß es einen Feldherrn in Iſrael gibt.“ Er gab einige kurze, aber deutliche Befehle, im Tone eines Mannes, der zu befehlen gewohnt war; und ſo groß war die Macht ſeines Anſehens, ſeiner Miene, ſeiner Sprache und ſeiner Geiſtesge⸗ genwart, daß Menſchen, die ihn nur dieſen Augen⸗ blick zum erſten Mal geſehen hatten, ihm blind⸗ lings gehorchten. Wir wurden auf ſeinen Befehl ſchnell in zwei Corps abgetheilt, von welchen das eine die Vertheidigung des Dorfs mit mehr Muth, als je, fuͤhrte, in der Ueberzeugung, daß der Un⸗ bekannte von Gott zu unſerer Rettung geſandt waͤre. Auf ſeinen Befehl nahmen ſie die beſten und ſicher⸗ ſten Stellungen an, wo ſie mit ihrem moͤrderi⸗ ſchen Feuer die Anfaͤlle der Indianer erwiederten; waͤhrend der Fremde, unter dem Schutze des Dampfs, an der Spitze der andern Abtheilung der Neu⸗Eng⸗ 4 laͤnder Mannſchaft von der Stadt aus einen Ausfall that, und auf einem Umwege die Rothen Krieger im Ruͤcken angriff. Der Ueberfall hatte, wie ge⸗ wöhnlich bei Wilden, ſeine volle Wirkung; denn ſie zweifelten nicht, daß ſie in ihrer Richtung angegrif⸗ fen, und durch die Ruͤckkehr eines Detachements von der Provinzialarmee zwiſchen zwei feindliche Par⸗ ceien gebracht waͤren. Die Heiden flohen in Ver⸗ wirrung, gaben das halb eroberte Dorf preis, und ließen eine ſolche Menge von ihren Kriegern hinter ſich zuruͤck, daß der Stamm nie ſeinen Verluſt wie⸗ der erſetzen konnte. Niemals werde ich die Geſtalt nnſers ehrwuͤrdigen Anfuͤhrers vergeſſen, als unſere Leute, und nicht blos ſie, ſondern auch die Weiber und Kinder des Dorfs, vom Scalpirmeſſer errettet, gedraͤngt um ihn ſtanden, doch kaum ſeiner Perſon ſich zu naͤhern wagten, und ihn vielleicht mehr wie einen herabgekommenen Engel anbeten, als ihm, gleich einem ihrer Mitmenſchen, Dank bringen wollten.„Nicht mir gebuͤhrt der Ruhm,“ ſag⸗ 4 te er; ich bin nur ein Werkzeug in der Hand deſſen, der maͤchtig iſt, zu befreien. Bringt mir eine Schale Waſſer, daß ich meine vertrocknete — 47 Kehle erquicke, eh' ich meine Dankſagung da darzu⸗ bringen ſuche, wo ſie am meiſten ſich gebuͤhrt.“ Ich war ihm am naͤchſten, als er ſprach, und gab ihm das verlangte Waſſer in die Hand. In dieſem Augen⸗ blick tauſchten wir Blicke, und ich meinte einen edlen Freund wieder zu erkennen, den ich lange verklaͤrt geglaubt hatte; aber er ließ mir keine Zeit zu ſpre⸗ chen, wenn Sprechen auch kluͤglich geweſen waͤre, Er ſank auf die Knie, gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen, und ergoß ſich nun in einer ſtarken und kraͤf⸗ tigen Dankſagung fuͤr die gluͤckliche Wendung des Kampfs, eine Dankſagung, die mit der hellen und lauten Stimme, gleich einer Kriegstrompete, ausge⸗ ſprochen, den Zuhoͤrern durch Mark und Bein drang. Ich habe manche Ausuͤbung des Gottesdienſtes mit angehoͤrt, wenn der Himmel mir die Gnade gewaͤhr⸗ ke, ſie mir zu Nutze zu machen; aber ſolch ein Ge⸗ bet, wie dieſes, ausgeſprochen unter den Todten und den Sterbenden, in dem vollen Tone der Vereini⸗ gung von Triumph und Anbetung, uͤbertraf ſie alle — es glich dem Geſange der Propheten, welche un⸗ ter dem Palmbaum zwiſchen Ramah und Berhel weilten. Jetzt ſchwieg er; eine kurze Zeit blieben wir mit unſern Geſichtern zur Erde gebeugt— Nie⸗ mand wagte ſein Haupt zu erheben. Endlich blickten wir auf; aber unſer Befreier war nicht mehr unter ————— 40 uns; auch wurde er nie wieder geſehen in dem Lande, das er errettet hatte.“ Nachdem Bridgenorth dieſe ſonderbare Begeben⸗ heit mit einer Beredſamkeit und Lebhaftigkeit der Schilderung erzaͤhlt hatte, die von der gewoͤhnlichen Trockenheit ſeiner Unterhaltung ſehr abſtach, hielt er einen Augenblick inne, und fuhr dann fort:— „Du ſiehſt, junger Mann, daß Maͤnner von Tapfer⸗ keit und Einſicht berufen werden unter Umſtaͤnden des Nationalbeduͤrfniſſes zu befehlen, obgleich in dem Lande, das ſie zu befreien beſtimmt ſind, felbſt ihr bloßes Daſein unbekaunt iſt. „Aber was dachten die Leute von dem geheimniß⸗ vollen Fremden?“ ſagte Julian, welcher der Ge⸗ ſchichte begierig zugehoͤrt hatte, da ſie fuͤr den Iüng ling intereſſant war. „Mancherlei,“ antwortete Bridgenorth,„und wie gewöhnlich, wenig der Sache angemeſſenes. Die vor⸗ herrſchende Meinung war, ung geachtet ſeines eigenen Wi⸗ derſpruchs, der Fremde ſei wirklich ein uͤbernatuͤrliches Weſen; Andre hielten ihn fuͤr einen inſpirieten Hel⸗ den, der von irgend einer entfernten Himmel lsgegend in den Koͤrper verſetzt ſei, um uns den Weg zur Rettung zu zeigen; wieder Andre erklaͤrten ihn fuͤr 4 einen Einſiedler, der entweder aus Triebfedern der 8 Froͤmmigkeit, oder aus andern noͤthigenden Beweg⸗ 4 — 49 gruͤnden ein Bewohner der Wildniß geworden war, und den Anblick der Menſchen geflohen hatte⸗“ „Und, wenn ich mich zu fragen unterſtehen darf,“ ſagte Julian,„welcher von dieſen Meinungen waͤren Sie geneigt, beizutreten?“ „Die letzte ſtimmte am beſten mit der zwar fluͤchtigen, doch genauen Anſicht zuſammen, mit wel⸗ cher ich die Zuͤge des Fremden gemuſtert hatte,“ gab Bridgenorth zur Antwort;„denn, ob ich gleich nicht beſtreite, daß es dem Himmel gefallen koͤnne, bei hohen Veranlaſſungen, ſelbſt einen von den Todten zur Vertheidigung ſeines Vaterlandes aufzuwecken, ſo zweifelte ich doch damals nicht, wie ich auch jetzt nicht zweifle, daß ich die lebendige Geſtalt eines Mannes erblickte, welcher allerdings maͤchtige Gruͤn⸗ de hatte, ſich in der Kluft des Felſen zu verbergen.“ „Sind dieſe Gruͤnde ein Geheimniß?“ fragte Julian Peveril. 3 „Nicht eigentlich ein Geheimniß,“ erwiederte Bridgenorth;„denn ich fuͤrchte nicht, daß du verra⸗ then wuͤrdeſt, was ich dir in vertrauter Unterredung erzaͤhlen koͤnnte; und uͤberdieß, waͤreſt du ſo niedrig, ſo liegt die Beute fuͤr jedweden Jaͤger zu entfernt, dem du etwa die Spur anzeigen koͤnnteſt. Aber der Name dieſes Edlen wird hart in deinem Ohr klin⸗ gen, wegen einer Handlung ſeines Lebens— indem C 0 ſein Beitritt zu einer großen Maaßregel es war, welcher die aͤußerſten Inſeln der Erde zittern machte. Haben Sie nie von Richard Whalley ge⸗ hoͤrt?“ 1 K. 3 55 „Von dem Koͤnigsmoͤrder?“ rief Peveril ſtutzend aus. „Nenne ſeine Handlung, wie du willſt,“ ſagte Bridgenorth; nee war nicht weniger der Retter je⸗ nes heimgeſuchten Dorfs weil er mit andern den Ton angebenden Geiſtern der Zeit auf dem Richter⸗ ſtuhle ſaß, als Karl Stuart vor Gericht gefuͤhrt war, und weil er das uͤber ihn vollzogene Urtheil unterzeichnet hatter ataens e „Ich habe mer gehoͤrt,“ ſagte Iulian, mit peränderter Stimme und mit tief erroͤthendem Ge⸗ ſicht,„daß Sie, Herr Bridgenorth, nebſt andern Presbyterianern, gaͤnzlich jenem abſcheulichen Ver⸗ brechen abgeneigt, und bereit waren, mit der adeli⸗ gen Partei gemeinſchaftliche Sache zu machen, um ſo einen ſchrecklichen Mord zu verhindern.“ 3 „Wenn dieß ſo waͤre,“ gab Bridgenorth zur Antwort,„ſo ſind wir von ſeinem Vorfahren reichlich belohnt worden.“ 2 .„Belohnt!“ rief Julian aus.„Haͤngt der Un⸗ terſchied des Guten und des Boͤſen, und unſre Ver⸗ bindlichkeit, jenes zu thun und dieſes zu unterlaſſen, “ 51 von der Belohnung ab, die mit unſern Handlungen verbunden ſein mag?“ „Gott bewahre!“ antwortete Bridgenorth; al⸗ lein wer die Verheerung betrachtet, welche dieß Haus Stuart in der Kirche und dem Staate angerichtet hat— die Tyrannei, die es uͤber die Perſonen und die Gewiſſen der Menſchen ausuͤbt,— der mag wohl zweifeln, ob es rechtlich ſei, die Waffen zur Verthei⸗ digung deſſelben zu fuͤhren. Dennoch hoͤren Sie mich nicht den Tod des Koͤnigs ruͤhmen, ober ſelbſt rechtfertigen, ob derſelbe gleich inſofern verdient war, als er ſeinem Eide als ein Fuͤrſt und eine obrigkeitli⸗ che Perſon untren war. Ich erzaͤhle Ihnen blos, was Sie wiſſen wollten, daß Richard Whalley, einer von den verſtorbenen Richtern des Koͤnigs, derjenige war, von dem ich eben ſprach. Ich kannte ſeine hohe Stirne, obgleich die Zeit ſie kahler und hoͤher ge⸗ macht hatte; ſein graues Auge hatte noch allen ſei⸗ nen Glanz behalten; und obgleich der grauliche Bart den untern Theil ſeines Geſichts bedeckte, ſo ward es mir dadurch doch nicht unkenntlich. Man trach⸗ tete ihm eifrig nach dem Leben; aber durch den Bei⸗ ſtand jener Freunde, die der Himmel zu ſeiner Er⸗ rettung erweckt hatte, wurde er ſorgfaͤltig verborgen gehalten, und er trat nur hervor, um den Willen der Vorſehung, in Hinſicht jener Schlacht, zu voll⸗ C 2 52— bringen. Vielleicht kann ſeine Stimme noch einmal im Felde ſich hoͤren laſſen, ſollte England eines ſei⸗ ner hochherzigſten Maͤnner beduͤrfen.“ „Das verhuͤte Gott!“ ſagte Julian. „Amen,“ ſetzte Bridgenorth hinzu.„Gott moͤge Buͤrgerkrieg abwenden, und denen vergeben, deren Tollheit ihn wieder uͤber uns bringen wuͤrde.“ Hier war eine lange Pauſe, waͤhrend welcher Julian, der kaum ſeine Augen nach Alexien erhoben hatte, einen geheimen Blick auf ſie warf, und uͤber den Ausdruck tiefer Melancholie betroffen war, der ſich uͤber ihre Geſichtszuͤge geſchlichen hatte, welchen ein heiteres, wo nicht munteres, Anſehen ſo natuͤrlich eigen war. So bald ſie ſeinen Blick wahrnahm, außerte ſie die Bemerkung, daß die Schatten ſich verlaͤngerten und der Abend herankomme. Er hoͤrte es; und, obwohl zufrieden, daß ſie ihn an ſeine Heimkehr erinnerte, konnte er ſich doch den Augenblick nicht entſchließen, den Zauber zu brechen, der ihn zuruͤckhielt. Die Sprache, welche Bridge⸗ north fuͤhrte, war nicht nur neu und beunruhigend, ſondern auch den Maximen, in denen Iulian erzo⸗ gen war, ſo entgegengeſetzt, daß er, als ein Sohn des Ritter Peveril von dem Gipfel, in einem andern Falle, ſich zur Beſtreitung der von dem Major ge⸗ machten Folgerungen, ſelbſt mit dem Schwert in der — 53 Hand aufgefordert gefuͤhlt haben wuͤrde. Aber Brid⸗ genorth trug ſeine Meinungen mit ſo viel Ruhe vor — ſchien ſo ſehr von ihnen uͤberzeugt— daß ſie in Julian mehr Bewunderung, als einen Geiſt hitzigen Widerſpruchs erregten. Es war ein Ausdruck nuͤch⸗ terner Entſcheidung und gelaſſener Melancholie in Allem, was er ſagte, wodurch, ſelbſt wenn er nicht Alexiens Vater geweſen waͤre,(ein Umſtand, deſſen Einfluß vielleicht Julian ſelbſt nicht bemerkte), es ſchwer ward, perſoͤnlichen Anſtoß daran zu nehmen. Seine Sprache und Gedanken waren von der ruhi⸗ gen, doch entſchiedenen Art, woran man nicht leicht Widerſpruch oder Streit knuͤpfen kann, ob es gleich unmoͤglich iſt, ſich mit den Folgerungen, zu denen ſie fuͤhren, zu beruhigen. Waͤhrend Julian, wie auf ſeinen Stuhl feſtge⸗ zaubert, noch blieb, und kaum mehr uͤber die Geſell⸗ ſchaft, in der er ſich befand, als uͤber die Meinun⸗ gen, denen er zuhoͤrte, befremdet war, erinnerte ihn ein anderer Umſtand, daß die Zeit ſeines Aufenthalts auf Blackfort voruͤber waͤre. Sein kleines Pferd, das, an die Nachbarſchaft von Blackfort wohl ge⸗ woͤhnt, in der Naͤhe des Hauſes zu weiden pflegte, waͤhrend ſein Herr da ſeine Beſuche machte, fing an, ſeinen jetzigen Aufenthalt etwas zu lang zu fin⸗ den. Julian hatte es noch jung von der Graͤfin C 3 54— zum Geſchenk erhalten, und es ſtammte von einer muthigen gebirgigen Raſſe, welche ſich durch Kuͤhn⸗ heit, langes Leben und eine gewiſſe ſonſt dem Hunde eigene Klugheit auszeichnete. Julians Pferd zeigte die letztere Eigenſchaft durch die Art und Weiſe, womit es ſeine Ungeduld, nach Hauſe zu kommen, ausdruͤckte. Wenigſtens ſchien dieß die Abſicht ſeines lauten Wieherns, mit dem es die weibliche Geſell⸗ ſchaft im Zimmer aufſchreckte, welche ſich, den Au⸗ genblick darauf, des Laͤchelns nicht enthalten konnte, als ſie die Naſe des Thieres durch den offenen Fen⸗ ſterfluͤgel hereinragen ſah. „Mein Pferdchen erinnert mich,“ ſagte Julian, auf Alexie blickend, und aufſtehend,„daß die Zeit meines Hierſeins abgelaufen iſt.“ „Sprechen Sie nur noch einen Augenblic mit mir,“ ſagte Bridgenorth, indem er ſich mit ihm in eine Niſche des alten Gothiſchen Zimmers zuruͤck⸗ 3og, und ſo leiſe ſprach, daß er von Alexien und ih⸗ rer Gouvernante, welche indeß das Pferd liebkoſ'ten und mit Stuͤckchen Brod fuͤtterten, nicht verſtanden werden konnte. „Nach alledem,“ ſagte Bridgenorth, haben Sie mir die Urſache Ihres Hieherkommens nicht geſagt.“ Er hielt inne, als wollte er ſich an ſeiner Verlegen⸗ heit weiden, und fuhr fort:„Und freilich waͤre es — 55 ſehr unnoͤthig, daß Sie das thaͤten. Ich habe noch nicht ſo ſehr die Tage meiner Jugend vergeſſen, oder die Neigungen, welche die arme gebrechliche Menſchheit nur zu ſehr an die Dinge dieſer Welt binden. Wer⸗ den Sie keine Worte finden, mich um das große Gut zu bitten, das Sie ſuchen, und das Sie viel⸗ leicht nicht angeſtanden haben wuͤrden, ohne mein Wiſſen und wider meine Einwilligung ſich zuzueig⸗ nen?— Nein, verantworte dich nicht, ſondern hoͤre mich ferner. Der Patriarch erkaufte ſeine Geliebte durch vierzehnjaͤhrigen ſchweren Dienſt bei ihrem Vater Laban, und ſie ſchienen ihm nur wenige Tage zu ſein. Aber der, welcher meine Tochter heirathen will, muß, in Vergleichung hiermit, nur wenige Tage dienen, jedoch in Angelegenheiten von ſolcher hohen Wichtigkeit, daß ſie als der⸗ Dienſt von vielen Jah⸗ ren erſcheinen werden.— Antworte mir jetzt nicht, ſondern geh', und Friede ſei mit dir./ Nachdem er dieß geſprochen, zog er ſich ſo ſchnell zuruͤck, daß Pe⸗ veril buchſtaͤblich auch nicht einen Augenblick zur Er⸗ wiederung uͤbrig behielt. Dieſer ſah ſich nun im Zimmer um, und fand, daß Deborah und ihr Pfleg⸗ ling auch verſchwunden waren. Sein Blick weilte einige Minuten auf Chriſtians Bildniß, und ſeine Phantaſie ſpiegelte ihm vor, als wuͤrde die duͤſtere Phyſiognomie deſſelben von einem ſtolz triumphiren⸗ C 4 56— den Laͤcheln erheitert. Er ſtutzte, und betrachtete es noch genauer; aber es war nur die Wirkung eines Strahls der Abendſonne, welcher das Gemaͤlde in dieſem Augenblicke traf. Die Wirkung war voruͤ⸗ ber, und es blieben nur die feſten, ernſten, unbiege ſamen Zuͤge des republikaniſchen Kriegers zuruͤck. Julian verließ das Zimmer, wie Jemand, der in einem Traume wandelt; er beſtieg ſein Roß, und kehrte, unter in ihm ſich draͤngenden mannichfalti⸗ gen Gedanken, die er zu ordnen unvermoͤgend war,⸗ nach dem Schloſſe Ruſhin vor Einbruche der Nacht zuruͤck. Hier fand er alles in Bewegung. Die Graͤfin, nebſt ihrem Sohne, hatte ſich, auf den Empfang ge⸗ wiſſer Nachrichten, oder zufolge eines in ſeiner Ab⸗ weſenheit gefaßten Entſchluſſes, mit einem Haupt⸗ theile ihrer Familie in das noch ſtaͤrkere Schloß Holm⸗Peel begeben, welches gegen acht Meilen quer uͤber die Inſel hin entfernt lag, und noch mehr, als Caſtletown verfallen war, in ſo fern man es als eine Reſidenz betrachtete. Aber als Feſtung war Holm⸗Peel ſtaͤrker, als Caſtle⸗Town, ja wenn auch regelmaͤßig belagert, faſt unbezwingbar, und hatte immer eine Beſatzung, die den Herren von Man ge⸗ hoͤrte. Hier kam Peveril bei Einbruch der Nacht an. Man ſagte ihm in dem Fiſcherdorfe, daß die — 57 Nachtglocke des Schloſſes fruͤher als gewoͤhnlich ge⸗ zogen worden waͤre, und die Wache mit Umſtaͤnden von ungewoͤhnlicher und argwoͤhniſcher Vorſicht ge⸗ halten wuͤrde.. Er beſchloß daher die Garniſon nicht durch eine ſo ſpaͤte Ankunft in Bewegung zu ſetzen, und erhielt ein ſchlechtes Nachtquartier in der Stadt, von wo aus er am folgenden Morgen ins Schloß gehen wollte. Es that ihm nicht leid, ſo einige einſame Stunden zu gewinnen, um uͤber die beunruhigenden Begebenheiten des vergangenen Tages nachzudenken. —— Drittes Kapitel. Sodor oder Holm„Peel— ſo heißt das Schloß wohin unſer Julian fruͤh am folgenden Morgen ſei⸗ nen Weg nahm— iſt eines jener ſonderbaren Dent⸗ maͤler des Alterthums, woran dieſe merkwuͤrdige und intereſſante Inſel reich iſt. Es nimmt das Ganze einer hohen felſigen Halbinſel, oder vielmehr eine Inſel ein; denn es iſt bei hohem Waſſer von der See umgeben, und kaum zugaͤnglich, ſelbſt wenn C 3 53— die Flut voruͤber iſt, obgleich ein Steindamm von großer Feſtigkeit, zu dieſem ausdruͤcklichen Zweck er⸗ richtet, die Inſel mit dem feſten Lande verbindet. Der ganze Raum iſt von doppelten ſehr ſtarken und dicken Mauern umſchloſſen; und der Zugang zum Innern geſchah zu der Zeit, von der wir handeln, blos durch zwei Treppen von ſteilen und ſchmalen Stufen, die durch einen ſtarken Thurm und ein Wachthaus von einander getrennt waren; unter dem erſtern befindet ſich ein gewoͤlbter Thorweg. Der offene Raum innerhalb der Mauern erſtreckt ſich auf zwei Morgen Landes, und enthaͤlt viele Merk⸗ wuͤrdigkeiten fuͤr den Alterthumsforſcher. Hier wa⸗ ren, außer dem Schloß ſelbſt, zwei Kathedralkirchen, die fruͤhere dem heiligen Patrik, die ſpaͤtere dem heiligen Germain gewidmet; uͤberdieß zwei kleine Kirchen, welche alle, ſelbſt in jener Zeit, mehr oder weniger verfallen waren. Ihre verwitterten Mauern, Proben der rohen und maſſiven Bauart der entfern⸗ teſten Perioden, beſtanden aus einem rohen und grauen Steine, der mit dem hellen rothen Quader⸗ ſteine, woraus die Fenſtergewaͤnde, die Eckſteine, Bogen und andere Zierrathen des Gebaͤudes beſtan⸗ den, einen ſonderbaren Contraſt machten. Außer dieſen vier verfallenen Kirchen bot der von den feſten aͤußern Mauern Holm⸗Peels einge⸗ * 1 — 59) ſchloſſene Boden in ſeinem Raume viele andre Spu⸗ ren der alten Zeit dar. Da fand ſich ein viereckiger Erdwall, der mit ſeinen nach den Strichen des Com⸗ paſſes gehenden Winkeln, einen jener mit einem Erdwall umgebenen Plaͤtze bildete, wo in alten Zei⸗ ten die nordiſchen Staͤmme ihre Anfuͤhrer erwaͤhlren oder anerkannten, und ihre feierlichen Volksver⸗ ſammlungen oder Comitia hielten. Da befand ſich auch einer jener ſonderbaren Thuͤrme, die in Irland ſo haͤufig ſind, daß ſie ein Lieblingsgegenſtand der dortigen Alterthumsforſcher wurden, deren wirklicher Nutzen und Zweck aber noch in dem Nebel der Zeiten verhuͤllt zu ſein ſcheint. Dieſer Thurm von Holm⸗* Peel war zu einem Wachtthurm gebraucht worden. Außerdem gab es dort Runiſche Denkmaͤler, deren Inſchriften nicht entziffert werden konnten; auch ſpaͤtere Inſchriften zum Gedaͤchtniß von Helden, de⸗ 4 ren bloße Namen der Vergeſſenheit entriſſen worden 4 ſind. Aber Ueberlieferung und Aberglaube,, immer am geſchäftigſten, wo die wirkliche Geſchichte ſhweigt, hat die große Luͤcke genauer⸗ Belehrung mit Erzaͤh⸗ lungen von Seekoͤnigen und Seeraͤubern, Hebridi⸗ ſchen Anfuͤhrern und Norwegiſchen Helden ausge⸗ fuͤllt, die vormals dieſes. beruͤchtigte Schloß bekrieg⸗ ten oder vertheidigten. Der Aberglaube that ferner auch ſeine Marchen von Feen, Geiſtern und Ge⸗ 60— ſpenſtern— ſeine Legenden von Heiligen und Daͤmo⸗ nen, von Zauberern und Kobolden hinzu, welche auf keinem Winkel des Brittiſchen Reichs mit mehr un⸗ bedingter Leichtglaͤubigkeit erzaͤhlt und angenommen worden ſind, als auf der Inſel Man. uunter allen dieſen Ruinen einer aͤltern Zeit er⸗ hob ſich das Schloß ſelbſt— jetzt verfallen— aber unter Karl des Zweiten Regierung mit guter Be⸗ ſatzung verſehen, und in militaͤriſcher Hinſicht in voͤlliger Ordnung erhalten. Es war ein ehrwuͤrdi⸗ ges und ſehr altes Gebaͤude, und enthielt mehrere Zimmer von hinlaͤnglicher Groͤße und Hoͤhe, um edel genannt werden zu können. Allein bei der Ue⸗ bergabe der Inſel durch Chriſtian wurde die innere Verzierung und Ausſtattung des Schloſſes von den republikaniſchen Soldaten großentheils gepluͤndert und zerſtoͤrt, ſo daß es, wie wir ſchon angedentet ha: ben, zur Reſidenz der edeln Eigenthuͤmerin ſich we⸗ nig eignete. Doch war es oft der Aufenthalt nicht nur der Herren der Inſel Man, ſondern auch der Staatsgefangenen geweſen, welche die Koͤnige von Britannien bisweilen ihrer Aufſicht uͤbergaben. In dieſem Schloſſe Holm⸗Peel wurde der große Koͤnigmacher, Nichard, Graf von Warwick, waͤhrend einer Periode ſeines ereignißreichen Lebens gefangen geſetzt, um mit Muße ſeinen fernern ehrgeizigen — —y—. — — 61 Entwuͤrfen nachhaͤngen zu koͤnnen. Und hier auch verſeufzte Eleonore, die ſtolze Frau des guten Herr⸗ zogs von Glouceſter, in Abgeſchiedenheit die letzten Tage ihrer Verbannung. Die Schildwachen behaup⸗ teten, daß ihr unwilliges Geſpenſt oft zur Nacht er⸗ ſchiene, die Zinnen der aͤußern Mauern durchkreuzte, oder bewegungslos neben einem beſondern einſamen Thuͤrmchen auf der Seite eines der Wachtthuͤrme ſtaͤnde, aber beim Hahnenſchrei oder wann die Glocke von dem noch uͤbrigen Thurm der St. Germains⸗ Kirche laͤutete, in Luft zerfloͤſſe. Von dieſer Beſchaffenheit war Holm⸗Peel, wie Nachrichten melden, bis gegen Ende des ſiebenzehn⸗ ten Jahrhunderts. 1 Es war in einem der hohen, doch faſt unmoͤblir⸗ ten Zimmer dieſes alten Schloſſes, wo Julian Pe⸗ veril ſeinen Freund, den Grafen von Derby, fand, welcher ſich dieſen Augeunblick zu einem Fruͤhſtuͤck von verſchiedenen Arten Fiſchen niedergeſetzt hatte.„Wil⸗ kommen, kaiſerlichſter Julian,“ ſagte er,„willkom⸗ men in unſrer koͤniglichen Feſtung, in der wir fuͤr jett wahrſcheinlich nicht Hungers ſterben, obwohl faſt vor Kaͤlte erſtarren werden.“ Julian antwortete mit der Frage nach der Be⸗ deutung dieſer ploͤtzlichen Ortsveraͤnderung. „Auf mein Wort“ ſagte der Graf,„Sie wiſſen 62— beinahe eben ſo viel davon, als ich. Meine Mutter hat mir nichts daruͤber geſagt, wie ich glaube, in der Vorausſetzung, daß ich am Ende verſucht werden moͤchte, darnach zu fragen; aber ſie wird ſich darin ſehr getaͤuſcht finden. Ich ſchenke ihr eher mein Zutrauen in die volle Weisheit ihres Verfahrens, als daß ich ihr die Muͤhe machen ſollte, einen Grund da⸗ von anzugeben, obgleich wohl kein. Seibec einen n boſſ ern angeben koͤnnte.“ „Still, ſtill, das it giererei lieber Freunde⸗ ſage te Julian.„Sie ſollten ſich nach dieſen Sachem et⸗ was ſorgfaͤltiger erkundigen.“* „Zu welcher Abſicht?“ ſagte der Graf. Alle Geſchichten zu hoͤren uͤber die Tynwalds⸗Geſetze und die ſtreitenden Rechte der Grundherren und der Geiſt⸗ lichkeit, und den Reſt jener Celtiſchen Barbareit, welche, gleich Burgeſſe's abgenutzten Lehren, zu einem Ohre herein, und zu dem andern wieder henaus gehen?“ „Still, lieber Graf,“ ſagte Julinn,„Sie fnd nicht ſo gleichguͤltig, als Sie ſich ſtellen— Sie ſter⸗ ben faſt vor Begierde, zu wiſſen, was dieſe Eile be⸗ deuten ſoll; Sie halten es nur fuͤr Hofton, ſorglos uͤber Ihre eigenen Angelegenheiten zu erſcheinen.“ „Ei, was ſoll es denn geben?“ antwortete der junge Graf,„als etwa einen Faktionsſtreit zwiſchen — 63 dem Miniſter unſerer Majeſtaͤt, Gouverneur Nowel, und unſern Vaſallen? oder vielleicht zwiſchen unſerer Majeſtaͤt und den geiſtlichen Gerichtsbarkeiten? Um das Alles bekuͤmmert ſich unſere Majeſtaͤt ſo wenig, als irgend ein Koͤnig in der Chriſtenheit.“ „Ich vermuthe eher, man hat Nachrichten aus England,“ ſagte Julian.„Ich hoͤrte letzte Nacht in Peel⸗Town, daß Greenhalgh mit unangenehmen Neuigkeiten heruͤber gekommen ſei.“ „Er brachte mir nichts, das angenehm war; ich weiß es wohl,“ ſagte der Graf.„Ich erwartete Etwas von St. Evremond oder Hamilton— einige neue Stuͤcke von Dryden oder Lee; und einige Poſ⸗ ſen oder Pasquille vom Roſen„Kaffeehauſe; und der Kerl brachte mir nichts, als ein Buͤndel Tractate uͤber Proteſtanten und Papiſten, und ein Komoͤdien⸗ buch in Folio, eins von den Geiſtesproducten der al⸗ ten Naͤrrin, der Herzogin von. Newcaſtle.“ „Um's Himmels willen ſtill, Herr Graf„le rief Peveril;„hier kommt die Graͤfin; und Sie wiſſen, ſie faͤngt Feuer bei dem erſten Angriff auf ihre alte Freundin.“ „So mag ſie die Werke ihrer alten Freundin ſelbſt leſen,“ ſagte der Graf„„und ſie fuͤr ſo ein⸗ ſichtsvoll halten, als moͤglich; ich moͤchte nicht eins von Wallers Liedern oder eine von Denman's Sa tiren fuͤr einen ganzen Karren voll Plunder ihrer Durchlaucht hingeben.— Aber hier kommt unſre Mutter, mit Sorgen auf der Stirne.“ „Die Graͤfin von Derby trat ins Zimmer, mit einer Menge Papieren in der Hand. Sie trug ein Trauerkleid mit einer langen Schleppe von ſchwar⸗ zem Sammt, welche ein kleiner Liebling von ihrer Bedienung, ein taubſtummes Maͤdchen, hielt, das die Graͤfin aus Mitleid mit ihrem Ungluͤck ſeit einie gen Jahren bei ſich erzogen hatte. Dieſer Ungluͤck⸗ lichen hatte ſie aus einem Hange zum Romantiſchen, der manche ihrer Handlungen bezeichnete, nach einer gewiſſen alten Prinzeſſin der Inſel, den Namen Fenella gegeben. Die Graͤfin hatte ſich, ſeitdem wir ſie zuerſt unſern Leſern vorfuͤhrten, nicht ſehr veraͤn⸗ dert. Das Alter hatte ihren Schritt langſamer, aber nicht weniger majeſtaͤtiſch gemacht; und ob es gleich einige Runzeln auf ihrer Stirne gezogen, hatte es doch das ruhige Feuer ihres ſchwarzen Auges nicht ausgeloͤſcht. Die jungen Maͤnner ſtanden auf, ſie mir der foͤrmlichen Ehrerbietung zu empfangen, wel⸗ de ſie, wie ſie wußten, gern hatte, und wurden von ihr mit gleicher Freundlichkeit begruͤßt. „Couſin Peveril,“ ſagte ſie(denn ſo nannte ſie ihn ſtets, weil ſeine Mutter eine Verwandte ihres Mannes geweſen war,)„Sie waren zur Unzeit 7 — 65 letzte Nacht von Hauſe entfernt, als wir gerade Ih⸗ ren Rath am meiſten noͤthig hatten.“ Julian antwortete mit einem Erroͤthen, das er nicht verhindern konnte:„er habe ſein laͤndliches Vergnuͤgen unter den Bergen zu weit verfolgt— ſei ſpaͤt zuruͤckgekommen— und da er Ihre Gnaden nicht mehr in Caſtletown getroffen, ſei er ſogleich der Familie hieher gefolgt; weil aber die Nachtglocke ge⸗ laͤutet und die Wache ausgeſtellt worden, habe er es anſtaͤndiger gefunden, in der Stadt das Nachtquartier zu nehmen.“— „Sehr wohl,“ ſagte die Graͤfin;„und ich muß Ihnen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Julian, Sie ſind ſelten ein muͤßiger Verſaͤumer beſtimmter Stunden, wenn Sie gleich, wie die uͤbrige Jugend dieſer Tage, Ihren Erholungen bisweilen zu viel von der Zeit aufopfern, welche auf etwas Anderes verwandt werden ſollte. Was aber Ihren Freund Philipp betrifft, der iſt ein erklaͤrter Veraͤchter der guten Ordnung, und ſcheint Vergnuͤgen daran zu finden, die Zeit zu verſchwenden, ſelbſt wenn er ſie nicht genießt.“ 4 „Ich habe meine Zeit doch wenigſtens jetzt genoſ⸗ ſen,“ ſagte der Graf, indem er vom Tiſche aufſtand, und ſich die Zaͤhne fluͤchtig reinigte.„Dieſe friſchen Meeraale ſind koͤſtlich; ſo auch die Laerymae Christi, Ich bitte Sie, ſetzen Sie ſich zum Fruͤhſtuͤck, Julian, und nehmen an den Guͤtern Theil, fuͤr die meine koͤ⸗ nigliche Vorausſicht geſorgt hat. Niemals war der Koͤnig von Man ſo nahe dran, ſich an den abſcheuli⸗ chen Branntwein ſeiner Beſitzungen halten zu muͤſſen. Der alte Geiffiths haͤtte bei unſerm eiligen Ruͤckzuge in der letzten Nacht gewiß nicht Verſtand genug ge⸗ habt, einige Flaſchen zu retten, wenn ich ihm nicht uͤber den wichtigen Gegenſtand einen Wink gegeben haͤtte. Aber Geiſtesgegenwart unter Gefahr und Getuͤmmel iſt ein Kleinod, das ich immer beſeſſen habe."“ nRnh bn 8 „So wuͤnſcht ich nur, Philipp, du moͤchteſt ſie zu beſſerer Abſicht gebrauchen,“ ſagte die Graͤfin, halb laͤchelnd, halb mißvergnuͤgt; denn ſie ſchwaͤrmte fuͤr ihren Sohn mit aller Zaͤrtlichkeit einer Mutter, ſelbſt wenn ſie am unwilligſten uͤber ihn war, daß ihm die eigenthuͤmliche und ritterliche Faͤhigkeit und Neigung fehlte, welche ſeinen Vater ausgezeichnet hatte, und ihrem eignen romantiſchen und hochherzi⸗ gen Charakter ſo entſprach.„Leihe mir dein Inſie⸗ gel,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu;„denn es waͤre, fuͤrcht ich, doch umſonſt, dich zu bitten, dieſe Depeſchen aus England durchzuleſen, und die Voll⸗ machten zu vollziehen, welche ich demnach ausfertis gen zu laſſen noͤthig fand.“ 2 4 67 „Mein Inſiegel ſteht Ihnen von Herzen gern zu Befehl, Frau Mutter,“ ſagte der Graf Philipp; „aber verſchonen Sie mich mit der Durchſicht deſſen, woruͤber Sie weit faͤhiger ſind, zu entſcheiden. Ich bin, wie Sie wiſſen, ein hoͤchſt vollendeter Roi fai- néant, und mengte mich nie in das Verfahren mei⸗ ner Maire de palais.“ Die Graͤfin gab ihrer kleinen Schleppentraͤgerin ein Zeichen, welche ſogleich Wachs und Licht holte und damit zuruͤckkam. Unterdeſſen fuhr die Graͤfin gegen Peveril fort: „Philipp laͤßt ſich ſelbſt zu wenig Gerechtigkeit wi⸗ derfahren. Als Sie abweſend waren, Julian,(denn waͤren Sie hier geweſen, Sie haͤtten, ich traue es Ihnen zu, Ihrem Freunde eingeholfen) hatte er einen lebhaften Streit mit dem Biſchof, wegen des Un⸗ terfangens, eine arme Ungluͤckliche mit Kirchenſtrafe zu belegen, indem er ſie in das Gewoͤlbe unter der Kapelle einſperren laſſen wollte.“ 11 „Denken Sie nicht beſſer von mir, als ich ver⸗ diene,/“ ſagte der Graf zu Peveril;„meine Mutter hat Ihnen vergeſſen zu ſagen, daß die Schuldige die huͤbſche Margrete von Ramſay, und ihr Verbrechen das war, was man an den Gerichtshoͤfen Cupido's ein peccadillo genannt haben wuͤrde.“ 1 „Machen Sie ſich nicht ſelbſt ſchlimmer, als Sie meinen das mit den drei monſtroͤſen Fuͤßen, welche, 68— ſind,“ antwortete Peveril, da er die Graͤfin erroͤthen ſah,—„Sie wiſſen, Sie haͤtten eben ſo viel fuͤr den aͤlteſten und aͤrmſten Kruͤppel auf der Inſel ge⸗ than. Warum? das Gewoͤlbe iſt unter den Todten⸗ gruͤften der Kapelle, und ſo viel ich weiß, unter dem Ocean ſelber, ſo ein Brauſen machen die Wellen in ſeiner Naͤhe. Ich glaube, niemand kann da lange ausdauern, und ſeine Vernunft behalten.“ „Es iſt ein hoͤlliſches Loch,“ antwortete der Graf, „und ich will es einmal zumauern laſſen— das iſt ausgemacht.— Aber halt, halt, ums Himmels willen, Frau Mutter, was wollen Sie machen? Sehen Sie das Siegel erſt an, ehe Sie es auf die Urkunde druͤcken— Sie werden ſehen, es iſt eine auserleſene antike Kamee des Cupido, der auf einem fliegenden Fiſche reitet— ich hatte es fuͤr zwanzig Ze⸗ chinen von Signor Furaboſco zu Rom gekauft als eine große Seltenheit fuͤr den Alterthumsfreund, aber von wenigem Credit fuͤr einen Befehl von der Inſel Man.“ „Wie kannſt du ſo ſpaßen, du einfaͤltiger Menſch?“ ſagte die Graͤfin, aͤrgerlich in Ton und Miene.„Gieb mir dein Inſiegel, oder lieber, nimm dieſe Vollmachten, und ſiegle ſie ſelyſt.“ „Mein Inſiegel— mein Inſiegel— ach Sie — 69 wie mir ſcheint, als das widerſinnigſte Sinnbild er⸗ ſonnen wurden, unſre hoͤchſt abgeſchmackte Majeſtaͤt von Man vorzuſtellen. Das Inſiegel— ich habe es nicht geſehen, ſeitdem ich es Gibbon, meinem Af⸗ fen, zum Spiel gegeben habe. Er winſelte erbaͤrm⸗ lich darnach.— Ich hoffe, er wird doch nicht die gruͤne Bruſt des Oceans mit meinem Sinnbilde der Souverainitaͤt beſiegelt haben.“ „Nun, beim Himmel,“ ſagte die Graͤfin zitternd und hoch erroͤthend vor Aerger;„es war deines Va⸗ kers Inſiegel! das letzte Pfand, das er mit ſeiner Liebe gegen mich, und mit ſeinem Segen fuͤr dich, die Nacht zuvor abſandte, ehe ſie ihn bei Bolton er⸗ mordeten!“ „Mutter, theuerſte Mutter,“ ſagte der Graf, aufgeweckt aus ſeiner Gleichguͤltigkeit, und ihre Hand ergreifend und zaͤrtlich kuͤſſend,„ich ſcherzte nur— das Siegel iſt unverſehrt— Peveril weiß es.— Geh', hol' es, Julian, um's Himmels wil⸗ len— hier ſind meine Schluͤſſel— es liegt in dem linken Schubfache meines Reiſeneceſſairs.— Nein, Mutter, vergeben Sie mir, es war nur eine mau- Vaise plaisanterie; blos ein uͤbel erfundener, unar⸗ tiger, geſchmackloſer Spas, ich geſtehe es, aber nur eine von Philipps Thorheiten. Sehen Sie mich an, theuerſte Mutter, und verzeihen mir.“ 70— Die Graͤfin wandte die Augen auf ihn, aus wel⸗ chen ſchnell Thraͤnen herabrollten. „Philipp,“ ſagte ſie,„du ſetzeſt mich auf eine zu unfreundliche und zu harte Probe. Wenn ſich die Zeiten geaͤndert haben, wie ich dich anfuͤhren gehoͤrt habe— wenn die Wuͤrde des Ranges, und die ho⸗ hen Gefuͤhle von Ehre und Pflicht, nunmehr in laͤp⸗ piſchen Scherzen und eitlen Zeitvertreiben ſich verlo⸗ ren haben, ſo laß mich wenigſtens, die ich von allen andern abgeſchieden lebe, ſterben, ohne die Veraͤndee rung zu empfinden, die vorgegangen iſt, und vor allem, ohne ſie an meinem eignen Sohne wahrzu⸗ nehmen. Laß mich nicht das allgemeine Ueberge⸗ wicht dieſes Leichtſinns, welche uͤber jedes Gefuͤhl von Wuͤrde oder Pflicht lacht, durch deine perſoͤnliche Geringſchaͤtzung erfahren— Laß mich nicht denken, daß⸗ wann ich ſterbe— „Reden Sie nicht davon, Mutter,“ ſagte der Graf, indem er ſie zaͤrtlich unterbrach.„Es iſt wahr, ich kann nicht verſprechen, das alles zu ſein, was mein Vater und ſeine Vorfahren waren; denn wie tragen ſeidene Weſten, ſtatt ihrer ſtaͤhlernen Pan⸗ zer, und Kaſtorhuͤte mit Federn ſtatt ihrer bebuſch⸗ ten Helme. Aber glauben Sie mir, ob es gleich nicht in meiner Natur liegt, ein vollkommener Pal⸗ merin von England zu ſein, ſo liebt doch kein Sohn — 71 ſeine Mutter inniger, oder wuͤrde mehr thun, ſie ſich zu verbinden. Und damit Sie dieß anerkennen, will ich nicht nur die Urkunden mit großer Gefahr mei⸗ ner Finger ſogleich ſiegeln, ſondern ſie auch ſogleich von Anfang bis zu Ende leſen, wie auch die dazu gehoͤrenden Depeſchen.“ Eine Mutter wird leicht beſaͤnftigt, ſelbſt wenn ſie aufs hoͤchſte beleidigt iſt; und mit frendigem Herzen ſah die Graͤfin ihres Sohnes ſehr ange⸗ nehme Geſichtszuͤge, waͤhrend er dieſe Papiere las, einen Ausdruck tiefen Ernſtes annehmen, den ſie ſel⸗ ten trugen. Es ſchien ihr, als wenn die Familien⸗ aͤhnlichkeit mit ſeinem tapfern, aber ungluͤcklichen Vater zunaͤhme, da der Ausdruck der Phyſiognomie ihm in der Ernſthaftigkeit aͤhnlicher ward. Der Graf hatte kaum die Depeſchen durchgeleſen, was mit großer Aufmerkſamkeit geſchah, als er aufſtand und ſagte:„Julian, komm mit mir.“ Die Graͤfin ſtutzte.„Ich war gewohnt,“ ſagte ſie,„deines Vaters Rathſchlaͤge zu theilen, mein Sohn; aber glaube nicht, daß ich mich in deine Plaͤne eindraͤngen will. Ich bin es nur zu wohl zu⸗ frieden, zu ſehen, daß du die Macht und die Pflicht uͤbernimmſt, fuͤr dich ſelbſt zu denken, worauf ich ſo lange bei dir gedrungen habe. Nichts deſto weniger mͤchte doch, da ich ſo lange deine Oberherrſchaft —— 5 72— auf der Inſel Man verwaltet habe, meine Erfah⸗ rung, wie mich duͤnkt, bei dem Vorhaben nicht uͤber⸗ fluͤſſig ſein. „Entſchuldigen Sie mich, Seneeffe Mutter,“ ſagte der Graf ernſthaft,„ich habe nicht darnach geſtrebt, mich hier einzumiſchen; waͤren Sie Ihren eignen Weg gegangen, ohne mich zu Rathe zu zie⸗ hen, ſo waͤre es recht gut geweſen; aber ſeitdem ich an der Angelegenheit Theil genommen habe— und ſie ſcheint wichtig genug— muß ich ſie aufs beſte nach meinem eignen Vermoͤgen durchfuͤhren.“ „So geh denn, mein Sohn,“ ſagte die Graͤfin, „und der Himmel mag dich erleuchten mit ſeinem Rathe, da du den meinigen nicht haben willſt.— Ich vertraue auf Sie, Herr Peveril, daß Sie ihn en das erinnern werden, was ſeiner Ehre geziemt, und daß blos ein Feigherziger ſeine Rechte preis⸗ giebt, und nur ein Thor ſeinen Feinden trauet.“ Der Graf antwortete nicht, ſondern nahm Pe⸗ veril bei dem Arm, und fuͤhrte ihn eine Wendeltreppe hinauf in ſein eigenes Zimmer, und von da in einen hervorragenden Thurm, wo, mitten unter dem Brauſen der Wellen und dem Geſchrei der Seemoͤ⸗ ven, er mit ihm folgende Unterredung hielt:— „Peveril, es war gut, daß ich dieſe Urkunden durchlas. Meine Mutter ſpielt die Koͤnigin in einem — 73 Grade, der mir nicht nur meine Krone, um die ich mich wenig kuͤmmere, ſondern vielleicht meinen Kopf koſten konnte, deſſen beraubt zu werden mir doch eine Unannehmlichkeit ſein wuͤrde, ſo wenig Andre auch aus ihm machen moͤgen.“ 44 „Was in aller Welt geht denn vor?“ fragte Pe⸗ veril mit bedeutender Unruhe. „Es ſcheint,“ antwortete der Graf von Derby, „daß Alt⸗England, das alle zwei oder drei Jahre in ein luſtiges Gehirnfieber geraͤth, zum Beſten ſeiner Aerzte, und zur Reinigung von der dumpfen Schlaf⸗ ſucht, welche ihm Friede und Wohlſtand zugezogen haben, nun uͤber den Gegenſtand eines wirklichen oder vermeinten paͤpſtlichen Anſchlags ganz toll ge⸗ worden iſt. Ich las eine Abhandlung uͤber dieſe Materie, von einem gewiſſen Oates, und fand die abgeſchmackteſte Thorheit darin, die ich je geleſen. Aber der verſchlagene Burſche Shaftesbury, und einige andre unter den Großen, haben die Sache aufgenommen, und treiben nun darauf los, daß das Geſchirr brechen und die Pferde ſchaͤumen moͤchten. Der Koͤnig, welcher geſchworen hat, niemals das Kiſſen zu beruͤhren, auf dem ſein Vater ſich ſchlafen legte, ſchickt ſich in die Zeit, und gibt dem Strome Aach der Herzog von York, wegen ſeiner Religion verdaͤchtig und verhaßt, iſt im Begriff, auf das feſte Ir. D 74⁴— Land getrieben zu werden; verſchiedene der vornehm⸗ ſten katholiſchen Edelleute ſind bereits im Tower; und die Nation wird, wie ein Stier bei dem Tut⸗ burger Rennen, mit ſo vielen entflammenden Ge⸗ ruͤchten und giftigen Flugſchriften verfolgt, daß ſie den Schweif in die Hoͤhe gerichtet, mit den Fuͤßen ausgeſchlagen, das Gebiß zwiſchen die Zaͤhne ge⸗ nommen hat, und eben ſo wuͤtend und unbaͤndig iſt, als im Jahr 1642.7 „Dieß Alles muͤſſen Sie bereits nwuſt haben, 3 ſagte Peveril.„Ich wundere mich, daß Sie mir von ſo wichtigen Neuigkeiten nichts erzaͤhlten.“ „Das wuͤrde weitlaͤufig geweſen ſein,“ ſagte der Graf;„uͤberdieß wuͤnſchte ich mit Ihnen allein zu ſein; drittens war ich im Begriff, davon zu ſprechen, als meine Mutter kam; und zum Schluß, es ge⸗ hoͤrte nicht zu meinen Geſchaͤften. Aber dieſe De⸗ peſchen von der Privatcorreſpondenz meiner politiſchen Mutter geben nun der Sache eine neue Geſtalt; denn wie es ſcheint, haben einige von den Bericht⸗ erſtattern— ein Gewerbe, das, da es gedeihlich ge⸗ worden, nun von vielen getrieben wird— ſich er⸗ kuͤhnt, die Graͤfin ſelbſt als ein Werkzeug in demſel⸗ ben geheimen Anſchlage zu betrachten— ja, und ha⸗ den diejenigen gefunden, die bereitwillig genug wa⸗ ren, ihrem Bericht zu glauben,“ 1 „Auf meine Ehre,“ ſagte Peveril,„Sie beide nehmen die Sache mit großer Kaltbluͤtigkeit auf. Ich halte die Graͤfin fuͤr die gelaſſenſte unter den beiden; denn, ihr Hierherziehen ausgenommen, zeigte ſie kein Merkmal von Unruhe, und uͤberdieß ſchien ſie keinesweges begieriger, Ihnen die Sache mitzutheilen, als der Anſtand nothwendig machte.“ „Meine gute Mutter,“ ſagte der Graf,„liebt Macht, ob ſie ihr gleich theuer zu ſtehen kommt. Ich wuͤnſchte, ich koͤnnte in Wahrheit ſagen, daß meine Vernachlaͤſſigung der Geſchaͤfte blos den Be⸗ weggrund habe, ſie in ihren Haͤnden zu laſſen; aber jene beſſere Triebfeder verbindet ſich mit natuͤrlicher Traͤgheit. Allein ſie ſcheint gefuͤrchtet zu haben, ich moͤchte nicht ganz ſo, wie ſie, bei dieſem Vorfalle denken, und ſie hatte darin wohl Recht.“- „Wie kommen denn Sie zu dem Vorfall? fragte Julian,„und was fuͤr eine Geſtalt nimmt die Gefahr an?“ „Die Sache verhaͤlt ſich ſo,“ ſagte der Graf: „Ich darf Sie nicht erſt an den Vorfall mit dem Oberſten Chriſtian erinnern. Dieſer Mann hinter⸗ ließ außer ſeiner Witwe, welche ein großes Vermoͤ⸗ gen beſitzt— Madam Chriſtian von Kirk Truagh, von der Sie oft gehoͤrt und die Sie vielleicht geſehen haben— einen Bruder, Namens Eduard Chriſtian, D a —-—mmõõ — den Sie niemals geſehen haben. Nun dieſer Bru⸗ der— doch ich glaube, Sie wiſſen alles Uebrige.“ „Nein, auf Ehre, ich weiß nichts,“ antwortete Peveril;„Sie wiſſen, die Graͤfin beruͤhrt ſelten oder nie dieſen Gegenſtand.“— „Warum?“ ſagte der Graf,„ich glaube, ſie ſchaͤmt ſich in ihrem Herzen einigermaßen jener tap⸗ fern That des Koͤnigthums und der oberſten Gerichts⸗ barkeit, deren Folgen mein Vermoͤgen ſo grauſam zerruͤtteten. Wohl, Couſin, derſelbe Eduard Chri⸗ ſtian war einer von den damaligen Richtern, und natuͤrlich genug ungeneigt, dem Urtheilsſpruch beizu⸗ treten, welcher ſeinen aͤltern Bruder verdammte, gleich einem Hunde erſchoſſen zu werden. Meine Mutter, die damals hohe Macht hatte, und unter keiner hoͤhern Aufſicht ſtand, wuͤrde den Richter mit derſelben Bruͤhe bedient haben, wie ſeinen Bruder, waͤre er nicht klug genug geweſen, von der Inſel zu entfliehen. Seit der Zeit hat die Sache von allen Seiten geſchlafen; und ob wir gleich wußten, daß der Richter Chriſtian gelegentlich ſeinen Freunden auf der Inſel geheime Beſuche machte, nebſt zwei oder drei andern Puritanern von demſelben Schlage, und beſonders einem ſ pitzoͤhrigen Schurken, Namens Bridgenorth,— ſo hat doch meine Mutter, dem Himmel ſei Dank! den Verſtand gehabt, ihnen durch — — die Finger zu ſehen, wiewol ſie, aus einem oder dem andern Grunde, auf dieſen Bridgenorth beſonders aufgebracht iſt.“ „Und warum,“ ſagte Peveril, der ſich zu ſprechen zwang, um das Gefuͤhl ſeiner ſchmerzhaften Ueber⸗ raſchung zu verbergen,„warum geht nunmehr die Graͤfin von einer ſo klugen Maͤßigung ab?“ „Sie muͤſſen wiſſen, der Fall iſt jetzt anders. Die Schurken ſind nicht mit Duldung zufrieden— ſie wollen die Obergewalt haben. Sie haben in der gegenwaͤrtigen Hitze der Volksſtimmung Freunde ge⸗ funden. Der Name meiner Mutter, und insbeſon⸗ dere der ihres Beichtvaters, des Jefuiten Aldrick, iſt in dieſem ſchoͤnen Gewirr eines Complots erwaͤhnt worden, von dem, wenn ein ſolches uͤberhaupt exiſti⸗ ret, ſie ſo wenig weiß, als Sie oder ich. Jedoch ſie iſt eine Katholikin, und das iſt genug; und ich zweifle nicht, daß, wenn die Kerle ſich unſers Stuͤcks von Koͤnigsreich hier bemaͤchtigen, und uns allen die Keh⸗ len abſchneiden koͤnnten, ſie dafuͤr den Dank des ge⸗ genwaͤrtigen Unterhauſes eben ſo bereitwillig erhalten wuͤrden, als der alte Chriſtian den des Parlaments fuͤr einen aͤhnlichen Dienſt hatte.“ „Von wem erhielten Sie alle dieſe Nachricht?“ ſagte Peveril,„der nun wieder ſprach, aber mit der⸗ D 3 78— 7 ſelben Anſtrengung, wie ein Menſch, der im Schlafe ſpricht. „Aldrick hat den Herzog von York insgeheim ge⸗ ſehen, und ſeine koͤnigliche Hohheit, welche weinte, waͤhrend er ſeinen Mangel an Macht, ſeine Freunde zu beſchuͤtzen, bekannte— und es iſt keine Kleinig⸗ keit, ihm Thraͤnen auszupreſſen— ſagte ihm, er moͤchte uns Nachricht ſchicken, daß wir auf unſere Sicherheit ſaͤhen, weil der Richter Chriſtian und Bridgenorth mit geheimen und ſtrengen Befehlen auf der Inſel waͤren; daß ſie da eine bedeutende Partei gebildet haͤtten, und wahrſcheinlich in Allem, was ſie gegen uns unternehmen moͤchten, anerkannt und beſchuͤtzt werden wuͤrden. Das Volk von Ram⸗ ſay und Caſtletown iſt ungluͤcklicherweiſe uͤber einige neue Einrichtung der Auflagen mißvergnuͤgt; und, Ihnen die Wahrheit zu geſtehen, ob ich gleich das geſtrige ploͤtzliche Wegziehen fuͤr einen bloßen Einfall meiner Mutter hielt, ſo bin ich doch feſt uͤberzeugt, ſie wuͤrden uns im Schloß Ruſhin blockirt haben, wo wir aus Mangel an Vorraͤthen uns nicht wuͤrden haben halten koͤnnen. Hier ſind wir beſſer verſorgt, und da wir auf unſerer Hut ſind, wird wahrſcheinlich der beabſichtigte Aufſtand nicht ſtatt haben.“ „Und was iſt nun in dieſer gefaͤhrlichen Lage zu thun?“ ſagte Peveril. — 73 ‚Das iſt eben die Frage, mein lieber Couſin,“ antwortete Graf Derby.„Meine Mutter ſieht nur eine Art zu Werke zu gehen, und das iſt durch koͤnig⸗ liche Gewalt. Hier ſind die Verhaftsbefehle, die ſie hat ausfertigen laſſen, aufzuſuchen und zu ergrei⸗ ſen die Perſonen von Eduard Chriſtian und Robert — nein Nalph Bridgenorth, und ſie zu augenblickli⸗ chem Verhoͤr zu bringen. Ohne Zweifel wuͤnſchte ſie ſte bald im Schloßhofe zu haben, nebſt einem Dutzend alter Musketen gegen ſie gerichtet— das iſt ihre Manier, alle ploͤtzlichen Schwierigkeiten zu loͤſen.“ „Die Sie aber, lieber Graf, gewiß nicht geneh⸗ migen;“ antwortete Peveril, deſſen Gedanken ſo⸗ gleich zu Alexien zuruͤckkehrten— wenn ſie anders je von ihr entfernt geweſen waren. „ Nein ſicherlich, ſo Etwas laſſ' ich mir nicht ge⸗ fallen,“ ſagte der Graf.„Wilhelm Chriſtians Tod koſtete mich eine ſchoͤne Haͤlfte meines Erbtheils. Ich habe keine Luſt, mir das Mißfallen meines koͤnig⸗ lichen Bruders Karl fuͤr einen neuen Streich dieſer Art zuzuziehen. Aber wie ich meine Mutter zufrie⸗ den ſtellen ſoll, weiß ich nicht. Ich wollte, der Auf⸗ ſtand faͤnde ſtatt, und dann koͤnnten wir, da wir beſ⸗ ſer verſehen ſind, als ſie, die Schurken aufs Haupt ſchlagen; und doch, wenn ſie den Streit anfingen, wuͤrden wir das Recht auf unſerer Seite behalten.“ 4 8⁰— „Waͤr es nicht beſſer,“ ſagte Peveril, wenn dieſe I NRaͤnner auf irgend eine Weiſe bewogen werden koͤnnten, die Inſel zu verlaſſen?“ „Gewiß,“ antwortete der Graf;„aber das wird keine leichte Sache ſein— ſie ſind hartnaͤckig aus Grundſaͤtzen, und leere Drohungen werden ſie nicht bewegen. Dieß Ungewitter in London iſt Wind in ihre Seegel, und ſie werden ihren Lauf verfolgen, Sie koͤnnen ſich darauf verlaſſe en. Ich habe jedoch Befehl gegeben, diejenigen Leute auf der Inſel, auf deren Beiſtand ſi⸗ 3 zaͤhlen muͤſſen„ aufzugreifen, und wenn ich die beiden Helden finden kann, ſo ſi ind hier Schaluppen genug im Hafen— Ich will mir die Freiheit nehmen, ſie auf eine huͤbſche weite Reiſe zu ſchicken, und ich hoffe, die Sachen werden in Ord⸗ nung gebracht werden, ehe ſie zuräckkommen, um Bericht davon zu geben.”) In dieſem Augenblicke naͤherte ſi 6 ein zur Be⸗ ſatzung gehoͤrender Soldat den beiden jungen Maͤn⸗ nern mit vielen Verbeugungen und Zeichen der Ehr⸗ erbietung.„Was giebt's, Freund?“ ſagte der Graf zu ihm.„Laß deine Lomplimente, und richte deine Sache aus.“ Der Mann, ein Eingeborner der Inſel, antwor⸗ tete in ſeiner Landesſprache, er habe einen Brief fuͤr 81 Ihre Gnaden, Herrn Julian Peveril. Julian ergriff haſtig das Billet, und fragte, woher es kaͤme. Es ſei ihm von einem jungen Frauenzimmer uͤber⸗ geben worden, die ihm ein Stuͤck Geld gegeben habe, um den Brief in Herrn Peveril's eigene Haͤnde zu uͤberliefern. „Du biſt ein gluͤcklicher Menſch, Julian,“ ſagte der Graf.„Mit deiner ernſten Miene und deinem geſetzten Weſen und fruͤhreifem Verſtande ziehſt du die Maͤdchen an dich, ohne daß ſie warten, bis um ſie geworben wird; waͤhrend ich, ihr Knecht und Va⸗ ſall, Sprache und Muße verſchwende, ohne ein freundlich Wort oder Geſicht, vielweniger einen Lie⸗ besbrief zu gewinnen.“ Dieß ſagte der junge Graf mit einem Laͤcheln wohlbewußten Triumphs, da er ſich wirklich nicht wenig auf ſein vermeintes Anſehen bei dem ſchoͤnen Geſchlecht zu gute that. Indeſſen erregte der Brief in Peveril eine ganz andere Gedankenreihe, als ſein Geſellſchafter vermu⸗ thete. Er war von Alexiens Hand, und enthielt dieſe wenigen Worte: „Ich fuͤrchte, mein Vorhaben iſt unrecht; aber ich muß Sie ſehen. Treffen Sie mich Mittags bei Goddard Crovan's Steine, aber ſo geheim als moͤglich.“ 8²2— Der Brief war blos mit den Anfangsbuchſtaben A. B. unterzeichnet; aber Julian erkannte ſogleich die Handſchrift, wie er ſie oft geſehen hatte, und welche ausgezeichnet ſchoͤn war. Er ſtand unent⸗ ſchloſſen da; denn er ſah die Schwierigkeit und Un⸗ ſchicklichkeit ein, ſich von der Graͤfin und ſeinem Freunde in dieſem Augenblick der drohenden Gefahr zu entfernen; und doch, dieſe Einladung zu verſaͤu⸗ men, daran war nicht zu denken. Er ſchwieg in der aͤußerſten Verlegenheit. „Soll ich Ihnen Ihr Naͤthſel loͤſen?“ ſagte der Graf.„Gehen Sie, wohin Sie Liebe ruft.— Ich will fuͤr Sie bei meiner Mutter eine Entſchuldi⸗ gung machen. Aber, mein hoͤchſt ernſthafter Ein⸗ ſiedler, ſein Sie dann nur auch nachſichtsvoller gegen die Gefuͤhle Andrer, als bisher, und laͤſtern nicht die Macht des kleinen Gottes.“ „Nein, Couſin Derby—,“ ſagte Peveril, und brach ab; denn er wußte in der That nicht, was er ſagen ſollte. Selbſt durch eine tugendhafte Leiden: ſchaft vor dem anſteckenden Einfluß der Zeit geſichert, hatte er mit Bedauern ſeinen edlen Verwandten ſich mehr in ihre Unregelmaͤßigkeiten einlaſſen geſehen, als er billigte, und hatte bisweilen die Rolle eines Er⸗ mahners geſpielt. Die Umſtaͤnde ſchienen jetzt dem Grafen ein Recht der Wiedervergeltung zu geben —————— —— — —— — 83 Er heftete ſeinen Blick feſt auf ſeinen Freund, als wartete er, bis er ſeine Rede vollenden wuͤrde, und rief endlich aus:„Was, Couſin, ganz à la mort? O einſichtsvoller Julian! O puͤnktlicher Peveril! Haben Sie mir ſo viel Weisheit ausgetheilt, daß Sie keine fuͤr ſich uͤbrig behalten haben? Gehen Sie frei heraus, ſagen Sie mir Namen und Ort— oder doch nur die Farbe der Augen des reizenden Ge⸗ ſchoͤpfs— oder mache mir nur das Vergnuͤgen, und laß mich die Worte hoͤren: Ich liebel— Be⸗ kenne einen Zug menſchlicher Gebrechlichkeit— Con⸗ jugire das Wort amo, und ich will ein gelinder Schulmeiſter ſein, und du ſollſt, wie Pater Richard, als wir unter ſeiner Ruthe ſtanden, zu ſagen pflegte, licentiam exeundi haben.“ Machen Sie ſich immer auf meine Unkoſten lu⸗ ſtig, Herr Graf,“ ſagte Peveril;„ich will aufrichtig ſo viel geſtehen, daß ich, wenn es ſich mit meiner Ehre und Ihrer Sicherheit vertraͤgt, zwei Stunden zu meiner Verfuͤgung zu haben wuͤnſchte, um ſo mehr, da die Art, wie ich ſie anwenden werde, ſehr viel Bezug auf die Sicherheit der Inſel haben wird.“ „Hoͤchſt wahrſcheinlich, moͤchte ich ſagen,“ ant⸗ wortete der Graf, immer lachend. Ohne Zweifel ſind Sie von einer politiſchen Dame Gerngroß vor⸗ geladen, uͤber einige Buſenrechte zu plaudern. Aber immerhin— gehn Sie, und gehn Sie bald, damit Sie ſo ſchnell als moͤglich zuruͤckkommen koͤnnen. Ich erwarte keinen unmittelbaren Ausbruch dieſer großen Verſchwoͤrung. Wann die Schurken uns auf unſrer Hut ſehen werden, werden ſie vorſichtig ſein, her⸗ vorzubrechen. Nur noch einmal, machen Sie ge⸗ ſchwind.“ Peveril glaubte dieſen letzten Rath nicht verach⸗ ten zu duͤrfen; und froh, ſich aus dem Geſpoͤtt ſei⸗ nes Couſins herauszuziehen, ging er hinab nach dem Thor des Schloſſes, in der Abſicht, auf dem Wege durch das Dorf aus den Staͤllen des Grafen ein Pferd zu nehmen, und nach dem Ort der Beſtellung hin zu reiten. Viertes Kapitel. Oben an dem erſten Abſatze der Treppe, welche zu deem ſchwierigen und wohl vertheidigten Eingang des Schloſſes Holm⸗Peel hinabfuͤhrte, wurde Peveril⸗ von der Schleppentraͤgerin der Graͤfin getroffen und”* — 8⁵ aufgehalten. Dieß kleine Geſchoͤpf(denn ſie hatte die kleinſte und zarteſte Geſtalt ihres Geſchlechts) war in allen ihren Gliedern ausnehmend wohl gebil⸗ det, und ihre gewoͤhnliche Tracht(ein gruͤnſeidenes Unterkleid von beſonderer Form) kleidete ſie ſehr vortheilhaft. Ihr Geſicht war dunkler, als die ge⸗ woͤhnliche Farbe der Europaͤer; und ihr reichliches, langes und ſeidenartiges Haar, das, wenn ſie die Flechten, in denen ſie es gewoͤhnlich trug, loͤſte, faſt bis auf die Knoͤchel herabfiel, hatte auch etwas Aus⸗ laͤndiſches. Ihr Geſicht glich einem ſehr ſchoͤnen Mi⸗ niaturbilde; und es war eine gewiſſe Lebhaftigkeit, Entſchloſſenheit und Glut in Fenella's Weſen, und beſonders in ihren Augen, welche wahrſcheinlich da⸗ durch noch wachſamer und ſchaͤrfer wurden, weil ſie, bei der Unvollkommenheit ihrer andern Sinnwerk⸗ zeuge, blos durch das Geſicht uͤber das, was um ſie her vorging, Belehrung erhalten konnte. Die ſchoͤne Stumme beſaß manche kleine Geſchick⸗ lichkeiten, welche ihr die Graͤfin aus Mitleid mit ihrer traurigen Lage hatte beibringen laſſen, und welche ſie mit der bewundernswuͤrdigſten Geſchwindig⸗ keit erlernt hatte. So war ſie zum Beiſpiel ſehr geſchickt im Gebrauch der Nadel, und eine ſo fertige und ſo ſinnreiche Zeichnerin, daß ſie, wie die alten Mexicaner, bisweilen mit dem Zeichenſtift zur Mit⸗ — 86 theilung ihrer Ideen, entweder durch unmittelbare oder durch ſinnbildliche Darſtellung, behend eine Skizze entwarf. Ueber alles war Fenella in der da⸗ mals ſehr betriebenen zierlichen Schreibekunſt ſo weit gekommen, daß ſie mit dem Rufe der Herren Snow, Shelley und anderer Meiſter der Feder wetteifern konnte, deren in den Bibliotheken der Liebhaber auf⸗ bewahrte Vorſchriften die Kuͤnſtler noch auf dem Titel in aller Stattlichkeit der wallenden langen Roͤcke und großen Lockenperuͤcken, zum ewigen Ruhm der Schoͤnſchreibekunſt, erblicken laſſen. Das kleine Maͤdchen hatte außer dieſen Gaben viel behenden Witz und ſcharfen Verſtand. Bei der Graͤfin Derby und den beiden jungen Edelleuten war ſie ein großer Liebling, und genoß viel Freiheit in der Unterhaltung mit ihnen durch ein Syſtem von allmaͤhlich unter ihnen feſtgeſetzten Zeichen, welche zu allen gewoͤhnlichen Zwecken der Mittheilung hin⸗ reichten. Aber, ſo gluͤcklich Fenella in der Nachſicht und Gunſt ihrer Gebieterin war, von der ſie ſich wirklich ſelten trennte, ſo war ſie doch keinesweges bei den uͤbrigen Mitgliedern des Hauſes beliebt. In der That ſchien es, daß ihr, vielleicht durch ein Gefuͤhl ihres Ungluͤcks erbittertes Temperament gar nicht zu ihren Talenten in gleichem Verhaͤltniß ſtand. Sie 14 —,— 87 war ſehr ſtolz in ihrem Betragen, ſelbſt gegen obere Domeſtiken, welche in dieſer Reſidenz von viel hoͤ⸗ herm Range und beſſerer Geburt waren, als in den Familien des hohen Adels uͤberhaupt. Dieſe beklag⸗ ten ſich oft nicht nur uͤber ihren Hochmuth und ihre Zuruͤckhaltung, ſondern auch uͤber ihr hitziges und jaͤhzorniges Temperament und ihr rachſuͤchtiges Na⸗ turell. Ihre leidenſchaftliche Reizbarkeit war freilich durch die jungen Maͤnner und beſonders den Grafen auf eine laͤppiſche Art genaͤhrt worden, welcher ſich bisweilen damit unterhielt, ſie zu plagen, damit er ſich an den mancherlei ſonderbaren Bewegungen und dem Murren beluſtigen konnte, womit ſie ihre Em⸗ pfindlichkeit ausdruͤckte. Gegen ihn waren dieß folglich blos muthwillige und launiſche Aeußerungen des Unwillens. Aber wenn ſie gegen Andere von niederem Stande, vor denen ſie ſich nicht zu ſcheuen hatte, aufgebracht war, ſo war der Ausdruck ihrer Leidenſchaft, dem die Sprache nicht zu Gebote ſtand, ſogar etwas Furchtbares; ſo fonderbar waren die Laute, die Verdrehungen und Gebaͤhrden, zu denen ſie ihre Zuflucht nahm. Die niederen Dienſtboten, gegen die ſie faſt uͤber ihr ſcheinbares Vermoͤgen hinaus freigebig war, bezeugten ihr viel Ehrerbie⸗ tung und Unterwuͤrfigkeit, doch weit mehr aus Furcht, als aus einer wirklichen Ergebenheit; denn die Lau⸗ 88 nen ihres Temperaments zeigten ſich ſelbſt bei ihren Geſchenken; und die, welche am reichlichſten ihre Guͤtigkeit erfuhren, ſchienen keineswegs von dem Wohlwollen uͤberzeugt, das ihre Freigebigkeit be⸗ ſtimmte. Alle dieſe Eigenheiten fuͤhrten zu einem Schluſſe, der mit dem Aberglauben auf der Inſel Man zuſam⸗ menſtimmte. Im frommen Glauben an alle, den Celtiſchen Staͤmmen ſo theure, Feenmaͤhrchen hielt es das Volk von Man fuͤr gewiß, daß die Elfen ſterbliche Kinder vor der Taufe wegzutragen, und in der Wiege des neugebornen Saͤuglings ein Kind von ihrer eigenen Brut zuruͤck zu laſſen pflegten, welches faſt immer in einem oder andern Organ der menſch⸗ lichen Natur unvollkommen waͤre. Fuͤr ein ſolches Weſen hielten ſie Fenella; und ihre kleine Geſtalt, ihre braune Farbe, ihre langen Locken von Seiden⸗ haar, die Sonderbarkeit ihrer Manieren und Laute ſowohl, als die Launen ihres Temperaments, waren nach ihrer Meinung alles Eigenſchaften des reizba⸗ ren, veraͤnderlichen und gefaͤhrlichen Geſchlechts, von welchem ſie entſprungen ſein ſollte. Und es ſchien, daß, obgleich kein Scherz ſie dem Anſchein nach mehr beleidigte, als wenn ſie Lord Derby zum Spaß die Elfenkoͤnigin nannte, oder ſonſt auf ihre vermeinte Verwandtſchaft mit dem Pygmaͤenvolk anſpielte, — 39 doch ihre beſtaͤndige Neigung, die den Feen eigene graue Farbe zu tragen, nebſt andern Eigenthuͤmlich⸗ keiten, von ihr freiwillig angenommen worden war, um den Aberglauben zu beguͤnſtigen, vielleicht weil er ihr mehr Anſehen unter den geringern Klaſſen aas. Mancherlei waren die Sagen, welche uͤber die elfe der Graͤfin, wie Fenella auf der Inſel gewoͤhn⸗ lich hieß, umhergingen; und die Unzufriedenen von dem ſtrengern Glauben waren doch uͤberzeugt, daß Niemand, als eine Papiſtin und eine Uebelgeſinnte eine Creatur von ſo zweifelhafter Herkunft um ihre Perſon leiden koͤnne. Sie meinten, die Taubheit und Sprachloſi igkeit der Fenella gehe allein auf die Menſchen dieſer Welt, und man habe ſie hoͤchſt el⸗ fenartig mit den Unſichtbaren ihres eigenen Geſchlechts ſprechen und ſingen und lachen gehoͤrt. Sie fuͤhrten auch an, ſie habe ein Ebenhild, eine Art ihr gleichen⸗ der Erſcheinung, welche in dem Vorzimmer der Graͤ⸗ fin ſchlafe oder ihre Schleppe trage, oder in ihrem Kabinet arbeite, waͤhrend die wirkliche Fenella in den Geſang der Meernymphen auf den mondhellen Sandbaͤnken einſtimme, oder ſich zu dem Tanz der Feen in dem unheimlichen Thale Glenmoy oder auf den Hoͤhen von Snawfell und Barool geſelle. Auch die Sahlldwachen wollten ſchwoͤren, ſie haͤtten das 90— kleine Maͤdchen auf ihren einſamen Nachtwanderun⸗ gen bei ſich vorbei trippeln geſehen, ohne vermoͤgend zu ſein, ſte anzurufen, als waͤren ſie ſo ſtumm, wie ſie ſelbſt, geweſen. Aller dieſer Maſſe von Abge⸗ ſchmacktheiten widmete der beſſer Unterrichtete nicht mehr Aufmerkſamkeit, als den gewoͤhnlichen laͤppi⸗ ſchen Uebertreibungen des Pöbels, welche ſo haͤuſig das Seltene mit dem ebernatirtihen in Verbin⸗ dung bringen. Von dieſer Art, in Geſtalt und Benehmen, war das kleine Maͤdchen, das einen kleinen altmodiſchen Stab von Ebenholz, der fuͤr einen Zauberſtab haͤtte gelten koͤnnen, in der Hand haltend, oben auf den Stufen der aus dem Schloßhofe den Felſen hinab⸗ fuͤhrenden Treppe mit Julian zuſammentraf. Wir muͤſſen bemerken, daß, weil Julians Betragen gegen das ungluͤckliche Maͤdchen immer freundlich und von jenen quaͤlenden Naͤckereien, die ſich ſein luſtiger Freund, mit weniger Ruͤckſicht auf ihre Lage und ihre Gefuͤhle ,gegen ſie erlaubte, frei geweſen war, ſo auch Fenella von ihrer Seite ihm weit mehr Ehr⸗ erbietung als ſonſt Jemanden vom Hauſe, die Graͤ⸗— fin, ihre Gebieterin, immer ausgenommen, ai er⸗ weiſen pflegte. Bei der gegenwaͤrtigen Gelegenhait ſtellte ſie ſich mitten auf die enge Treppe, ſo daß Peveril nicht bei — — 9¹ ihr vorbeikonnte, und richtete durch eine Reihe von Gebaͤhrden, welche wir zu beſchreiben verſuchen wol⸗ len, Fragen an ihn. Sie ſtreckte naͤmlich zuerſt die Hand ein wenig aus, und verband damit den ſchar⸗ fen, forſchenden Blick, der ihr zum Zeichen der Fra⸗ ge diente. Dieß ſollte die Nachfrage bedeuten, ob er in eine gewiſſe Entfernung gehen wollte. Julian ſtreckte zur Antwort ſeinen Arm mehr als zur Haͤlfte aus, um anzuzeigen, daß die Entfernung betraͤchtlich ſei. Fenella fah ernſthaft aus, ſchuͤttelte den Kopf, und wies nach dem Fenſter der Graͤfin, welches von der Stelle aus, wo ſie ſtanden, ſichtbar war. Pe⸗ veril laͤchelte, und nickte, um anzudeuten, es ſei da keine Gefahr, ihre Gebieterin auf kurze Zeit zu ver⸗ laſſen. Das kleine Maͤdchen beruͤhrte hierauf eine Adlerfeder, die ſie in ihren Haaren trug, ein Zeichen, das ſie gewoͤhnlich brauchte, um den Grafen anzu⸗ zeigen, und dann blickte ſie noch einmal forſchend auf Iulian, als wollte ſie ſagen: Geht er mit Ihnen? Peveril ſchuͤttelte den Kopf, und laͤchelte mit eint⸗ gem Ueberdruß an dieſen Fragen, und machte einen Verſuch, vorbeizukommen. Fenella nahm eine fin⸗ ſtere Miene an, und ſchlug das Ende ihres Ebene holzſtabes ſenkrecht auf den Boden, und ſchuͤttelte wieder den Kopf, als wollte ſie ſich ſeinem Fortgehen widerſetzen. Da ſie aber Julians Beharren auf ſei⸗ 9²— nem Vorſatz bemerkte, nahm ſie ploͤtzlich eine andere und mildere Manier an, hielt ihn mit der einen Hand bei dem Saum ſeines Mantels, und erhob die an⸗ dere in einer flehenden Stellung, waͤhrend jeder Zug ihrer lebhaften Phyſiognomie zu dem gleichen Aus⸗ druck de. inſtaͤndigen Bitte ſich fuͤgte; und das Feuer der groß en dunkeln Augen, welche uͤberhaupt ſo ſcharf und durchdringend waren, daß ſie ihre kleine Sphaͤre mit Leben faſt auͤberfuͤllten, ſchien fuͤr den Augenblick in den großen Tropfen verloſchen, die, ohne doch herabzufallen, an ihren großen Augenwim⸗ pern hingen. Julian Peveril war weit entfernt vom Mangel an Mitgefuͤhl gegen das arme Maͤdchen, deren Hauptgruͤnde, ſich ſeinem Fortgehen zu widerſetzen, in der zaͤrtlichen Beſorgniß fuͤr die Sicherheit ihrer Gebieterin zu liegen ſchienen. Er ſuchte ſie durch Laͤcheln zu beruhigen, und zugleich durch Zeichen, die er erſinnen konnte, ihr anzudeuten, daß keine Gefahr da ſei und er ſogleich zuruͤckkommen wolle; und nach⸗ dem es ihm gelungen war, ſeinen Mantel ihr aus der Hand zu winden, und auf der Treppe bei ihr vorbei zu kommen, ſtieg er die Stufen ſo ſchnell als moͤglich hinab, um fernern Zudringlichkeiten zu ent⸗ gehen. Aber mit viel groͤßerer Behendigkeit, als die eſei⸗ 1 V — —. 9³ nige, eilte das ſtunme Maͤdchen, ihn aufzuhalten, und es gelang ihr, indem ſie ſich mit augenſcheinlicher Gefahr des Lebens und der Glieder, ein zweites Mal in den Weg ſtellte, wo er im Hinabſteigen war, und ſo ſein Vorhaben unterbrach. Um dieß zu vollbrin⸗ gen, mußte ſie ſich eine betraͤchtliche Hoͤhe von der Mauer einer kleinen Seitenbefeſtigung herablaſſen, wo beſondere Sicherheitsanſtalten gegen die Kuͤhn⸗ heit des Feindes getroffen waren. Julian hatte kaum Zeit, vor ihrem Vorhaben zuruͤckzuſchaudern, als er ſie im Begriff ſah, von der Bruſtwehr herab⸗ zuſpringen, und als ſie ſchon, gleich einem Gewebe der Sommerfaͤden, leicht herabgeſchwebt, unverletzt unten auf der felſigen Platte ſtand. Er bemuͤhete ſich, durch ernſte Mienen und Gebaͤhrden ihr anzu⸗ deuten, wie ſehr er ihre Raſchheit tadele; aber der Verweis, wiewohl offenbar ganz verſtaͤndlich, ward voͤllig verachtet. Eine haſtige Bewegung ihrer Hand gab zu verſtehen, wie ſie Gefahr und Gegenvorſtel⸗ lung nicht ruͤhre, waͤhrend ſie zugleich im Augenblick mit mehr Eifer als zuvor die ernſten und nachdruͤck⸗ lichen Geſticulationen wiederholte, womit ſie ihn in der Feſtung zuruͤckzuhalten ſuchte. Julian war durch ihre Hartnaͤckigkeit etwas wan⸗ kend geworden.„Iſt es moͤglich,“ dachte er,„daß der Graͤfin irgend eine Gefahr drohen kann, von welcher dieß arme Maͤdchen durch die aͤußerſte Schaͤrfe ihrer Beobachtung eine Kenntniß erlangt hat, die Andern entgangen iſt?“ Er gab der Fenella haſtig zu verſtehen, ihm die Schreibtafel und den Stift zu geben, welche ſie im⸗ mer bei ſich trug, und ſchrieb die Frage auf:„Iſt denn fuͤr Ihre Gebieterin hier ſo nahe Gefahr vor⸗ handen, daß Sie mich ſo aufhalten?“ 4 „Nings um die Graͤfin iſt Gefahr,“ war die ſo⸗ gleich niedergeſchriebene Antwort;„aber es iſt noch groͤßere in Ihrem eigenen Vorhaben.“ „Wie?— was?— was wiſſen Sie von mei⸗ nem Vorhaben?“ ſagte Julian, der in ſeiner Be⸗ ſtuͤrzung vergaß, daß die Perſon, an die er ſich wandte, weder ein Ohr, noch eine Stimme hatte, ſeine Reden zu hoͤren und zu beantworten. Sie hatte indeß ihre Schreibtafel wieder zuruͤckerhalten, und ſkizirte mit fluͤchtiger Hand auf einem Blatte eine Scene, welche ſie Julian zeigte. Zu ſeinem unendlichen Erſtaunen erblickte er Goddard Crovan's Stein, ein merkwuͤrdiges Denkmal, von dem ſie die Umriſſe ziemlich genau gegeben hatte, nebſt einer maͤnnlichen und einer weiblichen Figur, welche, ob⸗ gleich nur durch einige leichte Striche angedeutet, doch, wie es ihm ſchien, einige Aehnlichkeit mit ihm und Alexie Bridgenorth hatten. — — — Als er die Skize einen Augenblick mit Verwun⸗. derung angeblickt hatte, nahm Fenella die Schreibe tafel ihm aus der Hand, legte ihren Finger auf die Zeichnung, und ſchuͤttelte langſam und ernſt den Kopf, mit einem finſtern Blick, welcher die da vor⸗ geſtellte Zuſammenkunft zu verbieten ſchien. Julian jedoch war, obgleich etwas irre gemacht, auf keine Art geneigt, ſich unter das Verbot ſeiner Ermahnerin zu fuͤgen. Auf welche Art auch immer ſie, welche ſo ſelten das Zimmer der Graͤfin verließ, mit einem Ge⸗ heimniß bekannt geworden ſein mochte, das er ganz fuͤr ſein eigenes hielt, ſo fand er doch es um ſo noͤ⸗ thiger, die vorgeſchlagene Zuſammenkunft zu halten, damit er, wo moͤglich, von Alexien erfuͤhre, wie das Geheimniß ruchbar geworden. Er hatte auch den Plan gebildet, Bridgenorth aufzuſuchen, indem er den Gedanken haͤgte, daß ein Mann„ der ſich ſo ge⸗ ſetzt und vernuͤnftig, wie bei ihrer letzten Unterre⸗ dung, gezeigt hatte, wenn er erfuͤhre, daß die Graͤ⸗ fin gegen ſeine Intriguen auf der Hut ſei, uͤberredet werden koͤnnte, durch ſeine Entfernung von der In⸗ ſel ihrer und ſeiner eignen Gefahr ein Ende zu ma⸗ chen. Und koͤnnte es ihm in dieſem Stuͤcke gelingen, ſo wuͤrde er, wie er glaubte, zugleich dem Vater ſei⸗ ner geliebten Alexie einen weſentlichen Dienſt leiſten — den Grafen aus dem Zuſtande der Unruhe reißen T — — die Graͤfin abhalten, zum zweiten Mal ihre Lehnsgerichtbarkeit der Jurisdiction der Krone Eng⸗ lands entgegen zu ſetzen— und ihr und ihrer Fami⸗ lie den ruhigen Beſitz der Inſel ſichern. Mit dieſem Vermittlungsplane in ſeiner Seele, beſchloß Peveril, ſich von Fenella's Widerſtande ge⸗ gen ſeine Abreiſe mit weniger Umſtaͤnden, als er bisher beobachtet hatte, los zu machen, und ploͤtzlich hob er das Maͤdchen in ſeine Arme, ehe ſi e ſeine Abſicht merkte, drehte ſie um, ſetzte ſie auf die Stu⸗ fen uͤber ihm, und fing an, den Paß ſelbſt moͤglichſt ſchnell hinabzuſteigen. Da geſchah es denn, daß das ſtumme Maͤdchen ihrem heftigen Temperamente vol⸗ len Ausbruch ließ, und mit wiederholtem Zuſam⸗ menſchlagen der Haͤnde ihren Unwillen in einem aͤußerſt widrig klingenden Laute oder vielmehr Ge⸗ ſchrei ausdruͤckte, welches mehr dem Geſchrei eines wilden Thieres, als irgend einem durch weibliche Sprachorgane hervorgebrachten Laute aͤhnlich war. Peveril war durch dieß Geſchrei, das durch die Fel⸗ ſen drang, ſo erſchreckt, daß er hielt und ſich umſah, um ſich zu uͤberzeugen, daß ſie nicht etwa eine Ver⸗ letzung erhalten haͤtte. Er ſah ſie jedoch vollkommen wohlbehalten, wiewohl ihr Geſicht von Leidenſchaft entflammt und verzerrt war. Sie ſtampfte nach ihm mit dem uße⸗ ſchuͤttelte ihre geballte Hand, kehrte 2 r 97 ihm den Ruͤcken zu, ohne weitern Abſchied, und rannte die rohen Stufen ſo leicht hinauf, wie nur eine junge Ziege die rauhe Anhoͤhe hinan klimmen koͤnnte, und ruhete einen Augenblick auf der Hoͤhe der erſten Treppenreihe. Julian konnte nur Verwunderung und Mitlei⸗ den in Hinſicht der ohnmaͤchtigen Leidenſchaft eines ſo ungluͤcklichen, gleichſam von der uͤbrigen Menſch⸗ heit abgeſchnittenen Weſens fuͤhlen, das unfaͤhig ge⸗ weſen war, in der Kindheit den moraliſchen Unter⸗ richt zu erhalten, welcher uns Beherrſchung unſerer verkehrten Leidenſchaften lehrt, ehe ſie ihre hoͤchſte Staͤrke und Heftigkeit erreicht haben, Er ſchwang die Hand nach ihr, zum Zeichen eines freundlichen Lebewohls; aber ſie antwortete nur durch nochmali⸗ ges Drohen mit der kleinen geballten Hand; ſtieg dann die Felſentreppe mit faſt uͤbernatuͤrlicher Schnelligkeit hinan und verſchwand bald aus dem Geſichte. Julian, ſeinerſeits, dachte nicht weiter uͤber ihr Benehmen oder deſſen Beweggruͤnde nach, ſondern eilte aus dem Dorf nach dem feſten Lande, wo die Staͤlle des Schloſſes lagen, nahm wieder ſein Reit⸗ pferd aus dem Stalle, ſaß bald auf und war auf dem Wege nach dem beſtimmten Orte der Zuſam⸗ menkunft, und uͤberließ ſich( waͤhrend ihn ſein Thier II. E 98— ſchneller fortbrachte, als ſeine geringe Groͤße ver⸗ ſprach) der Verwunderung, wie in Alexiens Betra⸗ gen gegen ihn eine ſolche Veraͤnderung habe entſte⸗ hen koͤnnen, daß ſie, anſtatt, wie gewoͤhnlich, ſeine Abweſenheit zu verlangen, oder ihm ſeine Abreiſe von der Inſel anzuempfehlen, ihn jetzt freiwillig zu einer Zuſammenkunft einlud. Unter dem Eindruck der mancherlei Zweifel, die in ſeiner Phantaſie ein⸗ ander folgten, druͤckte er bisweilen die Seiten ſeines Pferdes mit ſeinen Fuͤßen, bald legte er ihm die Gerte an den Hals, bald trieb er es durch Zuruf an; denn das muthige Thier bedurfte weder der Peitſche noch des Sporns, und legte die Entfernung zwiſchen dem Schloſſe Holm⸗Peel und dem Stein zu Goddard Crovan von zwoͤlf(Engl.) Meilen in einer Stunde zuruͤck. Der Denkſtein, beſtimmt zum Gedaͤchtniß der That eines alten Koͤnigs von Man, welcher lange vergeſſen worden iſt, war auf der Seite eines engen und einſamen Thals errichtet, das der Betrachtung durch die Steilheit ſeiner Ufer ſich entzog, wo auf einer Verengung derſelben der hohe, unfoͤrmliche, verlaſſene Fels ſtand, finſter, wie ein eingehuͤllter Rieſe, ſich erhebend uͤber dem Getoͤs des kleinen Fluſſes, der den Graben traͤnkte. — ,— —,— —— 99 Fuͤnftes Kapitel. Als Julian dem Denkmal von Goddard Crovan ſich naͤherte, warf er manchen unruhigen Blick auf die Gegend, um zu ſehen, ob irgend ein ſichtbarer Ge⸗ genſtand neben dem ungeheuern grauen Steine ihm kund thue, daß er an dem beſtimmten Platze der Zuſammenkunft von ihr, die ihn dazu erwaͤhlte, er⸗ wartet werde. Wirklich waͤhrte es nicht lange, als das Flattern eines Schleiers, den die Luft leicht be⸗ wegte, und das Zuruͤcklegen deſſelben auf die Schulter, ihn wahrnehmen ließ, daß Alerie ſchon den Ort ihrer Zuſammenkunft erreicht hatte. Ein Augenblick ſetzte ſeinen Zelter in Freiheit, mit ge⸗ loͤſtem Sattelgurt und Zuͤgel den Weg durch das Thal nach Belieben zu nehmen; ein anderer ſtellte Julian Peveril an die Seite der Alexie Bridge⸗ north. Daß Alexie dem Geliebten die Hand reichte, als er mit dem Eifer eines jungen Windſpiels uͤber die Hinderniſſe des rauhen Pfades hinwegſprang, war eben ſo natuͤrlich, als daß Julian eine ſo guͤtig dar⸗ gereichte Hand ergriff und mit Kuͤſſen bedeckte, und fuͤr einen oder zwei Augenblicke ohne Verweis; waͤh⸗ rend die andere Hand, welche der Befreiung der Lin⸗ ken haͤtte zu Huͤlfe kommen ſoſſen, das Errdthen ih⸗ E 2 rer holden Beſitzerin zu verbergen dienen mußte. Aber Alexie, ſo jung ſie war, und durch ſo lange Gewohnheit freundlicher Vertraulichkeit an ihn ge⸗ knuͤpft, wußte doch wohl den Drang ihrer eigenen verraͤtheriſchen Neigungen zu bezaͤhmen. † „Das iſt nicht recht,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand aus der ſeinigen loswand,„das iſt nicht recht, Julian. Wenn ich zu raſch eine ſolche Zuſammen⸗ kunft, wie dieſe, zugelaſſen habe, ſo ſollten Sie mich nicht meine Thorheit empfinden laſſen.“ Julian Peveril's Gemuͤth war fruͤhzeitig mit dem romantiſchen Feuer erhellt worden, welches die Leidenſchaft von dem Selbſtſuͤchtigen laͤutert, und ihr den hohen und feinern Ton edelmuͤthiger und 3 unintereſſirter Verehrung mittheilt. Er ließ Alexiens Hand mit eben ſo viel Ehrfurcht los, als er nur einer Fuͤrſtin dabei haͤtte beweiſen koͤnnen; und als ſie ſich auf das Bruchſtuͤck eines Felſens ſetzte, uͤber welches die Natur ein Kiſſen von Moos, mit wilden Blux men untermiſcht, gebreitet, und eine Lehne von Strauchholz geſtellt hatte, nahm er neben ihr Platz, und zwar in einer ſolchen Entfernung, welche ihn blos als einen Aufwartenden bezeichnete, der nur z hoͤren und zu gehorchen haͤtte. Alexie Bridgenorth. ward beruhigter, da ſie die Macht erkannte, die ſie aͤber ihren Liebhaber beſaß; und die Selbſtbeherr⸗ — — 101 ſchung, welche Peveril bewies, und welche andere Maͤdchen in ihrer Lage unvertraͤglich mit der Staͤrke der Leidenſchaft gehalten haben wuͤrden, ſchaͤtzte ſte richtiger als einen Beweis ſeiner hochachtungsvollen und uneigennuͤtzigen Aufrichtigkeit. Sie nahm, in der Anrede an ihn, wieder den Ton von Vertrau⸗ lichkeit an, welche mehr den Scenen ihrer fruͤhern Bekanntſchaft, als denen angehoͤrte, die zwiſchen ih⸗ nen ſtatt gefunden, ſeitdem Peveril ſeine Zuneigung erklaͤrt und dadurch Zuruͤckhaltung in ihren Umgang gebracht hatte. „Julian,“ ſagte ſie,„Ihr geſtriger Beſuch,— Ihr hoͤchſt unzeitiger Beſuch hat mich ſehr bekuͤm⸗ mert. Er hat meinen Vater irre geleitet— er hat Sie in Gefahr gebracht. Ueber alle Bedenklichkei⸗ ten mich hinaus ſetzend, beſchloß ich, Sie dieß wiſſen zu laſſen, und mache mir keinen Vorwurf, wenn ich einen gewagten und unvorſichtigen Schritt gethan, indem ich dieſe einſame Zuſammenkunft verlangte, ſeitdem Sie inne geworden, wie wenig der armen Debora zu trauen iſt.“ „Koͤnnen Sie eine Mißdeutung von mir fuͤrch⸗ ten, Alexie?“ erwiederte Peveril mit Waͤrme; von mir, den Sie ſo hoch beguͤnſtigt— ſo tief ver⸗ pflichtet haben?“ „Hoͤren Sie auf mit Ihren Betheuerungen, E3 102 Julian,“ antwortete das Maͤdchen;„Sie laſſen es mich nur um ſo mehr merken, daß ich zu kuͤhn ge⸗ handelt habe. Aber ich that das Beſte, was ich konnte.— Ich konnte Sie nicht ſehen, den ich ſo lange gekannt habe— Sie, der Sie ſagen, Sie be⸗ trachteten mich mit Vorliebe— „Ich betrachtete Sie mit Vorliebe!“ unterbrach ſie Peveril.„Ach, Alexie, was fuͤr eine kalte und zweifelhafte Redensart gebrauchen Sie, die erge⸗ benſte, die aufrichtigſte Zuneigung zu bezeichnen!“ „Nun gut,“ ſagte Alexie verdrießlich,“ wir wol⸗ len nicht uͤber Worte ſtreiten; aber unterbrechen Sie mich nicht wieder.— Ich konnte nicht, ſagt ich, Sie, der Sie mich, glaub ich, mit aufrichti⸗ ger, doch eitler und fruchtloſer Anhaͤnglichkeit betrach⸗ ten, blindlings in eine Schlinge fallen ſehen, ge⸗ taͤuſcht und verfuͤhrt durch eben dieſe Gefuͤhle gegen mich.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Alexie,“ ſagte Peveril; „auch kann ich keine Gefahr ſehen, der ich jetzt ausgeſetzt waͤre. Die Geſinnungen, die Ihr Vater gegen mich geaͤußert hat, ſind von einer Art, die ſich nicht mit feindſeligen Abſichten vertragen. Iſt er nicht durch die kuͤhnen Wuͤnſche, die ich gehaͤgt haben mag, beleidigt— und ſein ganzes Betragen zeigt, daß er es nicht iſt— ſo weiß ich keinen Mann —, — 103 auf Erden, von dem ich weniger eine Gefahr oder eine boͤſe Abſicht zu befuͤrchten haͤtte.“ „Mein Vater,“ ſagte Alexie,„weint es wohl mit ſeinem Vaterlande und wohl mit Ihnen; doch fuͤrcht ich bisweilen, daß er ſeiner guten Sache mehr ſchade als nuͤtze; und noch mehr beſorg' ich, daß er in dem Verſuch, Sie als einen Beiſtand anzuwer⸗ ben, die Bande vergißt, welche Sie feſt halten ſoll⸗ ten, und, ich glaub' es gewiß, feſt halten werden auf einer ganz von der ſeinigen verſchiedenen Grenzlinie des Verhaltens.“ „Sie fuͤhren mich in noch tiefere Dunkelheit, Alexie,“ antwortete Peveril.„Daß Ihres Vaters eigenthuͤmliche Anſicht in der Politik ſich weit von der meinigen entfernt, weiß ich wohl; aber wie viele Faͤlle, ſelbſt waͤhrend der blutigen Auftritte des Buͤr⸗ gerkriegs, haben ſich ereignet, daß gute und wuͤrdige Maͤnner die Vorurtheile ihres Parteigeiſtes beiſeite ſetzten, und einander mit Ehrerbietung und ſelbſt mit freundſchaftlicher Anhaͤnglichkeit begegneten, ohne auf einer von beiden Seiten ihren Grundſaͤtzen un⸗ treu zu werden?“ „Es mag ſo ſein,“ ſagte Alexie. Aber von die⸗ ſer Art iſt der Bund nicht, den mein Vater mit Ih⸗ nen zu knuͤpfen ſucht, und welchen mit ihm zu ſchließen, wie er hofff ft, Ihre uͤbel angebrachte Vor⸗ . E 4 101 liebe fuͤr ſeine Tochter bei Ihnen einen Beweggrund abgeben koͤnnte.“ „Und was iſt es,“ ſagte Pevril,„was ich, unter einer ſolchen Ausſicht vor mir, ablehnen wuͤrde?“ „Verraͤtherei und Schande!“ antwortete Alexie, was Sie auf immer des armſeligen Gutes, nach dem Sie ſtreben, unwuͤrdig machen wuͤrde,— ja waͤre es noch werthloſer, als ich es bekenne.“ „Wuͤrde Ihr Vater,“ ſagte Peveril, der ungern den von Alexien beabſichtigten Eindruck empfand— „wuͤrde er, deſſen Anſichten von Pflicht ſo ſtreng und ernſt ſind— wuͤrde er wuͤnſchen, mich in Etwas zu verwickeln, worauf ſolche harte Namen, als Verraͤ⸗ therei und Beſchimpfung, auch nur mit dem leich⸗ teſten Schatten der Wahrheit angewandt werden koͤnnten?“ „Werſtehen Sie mich nicht unrecht, Julian,“ ſagte das Maͤdchen;„mein Vater iſt unfaͤhig, von Ihnen Etwas zu verlangen, das nicht nach ſeiner Denkungsart recht und ehrbar waͤre; nein, er glaubt, daß er blos eine Schuld von Ihnen verlan⸗ ge, die ihm ſo gebuͤhrt, wie das Geſchoͤpf dem Schoͤpfer, ein Menſch ſeinen Mitmenſchen verpflich⸗ tek iſt. „Unter dieſer Anſicht, wo kann die Gefahr un⸗ ſerer Gemeinſchaft liegen?“ antwortete Julian. — — 105 3 „Iſt er entſchloſſen zu verlangen, und ich, zu gewaͤh⸗ ren, nichts, als was aus Ueberzeugung fließt,— was hab' ich zu fuͤrchten, Alerie? und wie ſoll mein Umgang mit Ihrem Vater gefaͤhrlich ſein? Glau⸗ ben Sie das nicht; ſeine Sprache hat ſchon in ge⸗ wiſſen Beſonderheiten Eindruck auf mich gemacht⸗ und er hoͤrte mit Aufrichtigkeit und Geduld die Ein⸗ wuͤrfe an, die ich ihm bei Gelegenheit machte. Sie thun Herrn Bridgenorth Unrecht, wenn Sie ihn mit den unvernuͤnftigen Schwaͤrmern in Politik und Religion vermengen, die auf keine Gruͤnde hoͤren⸗ welche nicht ihre Vorurtheile beguͤnſtigen.“ „Julian,“ erwiederte Alexie,„Sie ſind es, der meines Vaters Faͤhigkeiten und ſeine Abſicht mit Ihnen falſch beurtheilt, und Sie ſetzen Ihre Macht, Widerſtand zu leiſten, zu hoch an. Ich bin nur ein Maͤdchen, ich bin aber durch Umſtaͤnde zum Selbſt⸗ denken und zur Beobachtung des Charakters derer, die mich umgeben, angeleitet worden. Meines Va⸗ ters kirchliche und politiſche Zwecke ſind ihm ſo theuer, als das Leben, das er nur liebt, um ſie zu befoͤrdern. Sie haben ihn, mit wenig Veraͤnderung, durchs Leben begleitet, ſie brachten ihn zu einer gewiſſen Zeit zum Wohlſtande, und aks ſie nicht zu den Zeiten paßten, ſo duldete er dafuͤr, ihnen ange⸗ hangen zu haben. Sie ſind nicht nur ein Theil, E5 106 ſondern der theuerſte Theil ſeines Daſeins geworden. Wenn er ſie Ihnen nicht in der unbeugſamen Macht, die ſie uͤber ſein Gemuͤth erlangt haben, ſogleich zeigt, ſo glauben Sie nicht, daß ſie deßhalb weniger maͤchtig ſind. Wer Proſelyten machen will, muß allmaͤhlich damit zu Werke gehen. Daß er aber ir⸗ gend ein Stuͤck dieſer heilig bewahrten Grundſaͤtze, die er bei gutem und ſchlechtem Rufe gleich behaup⸗ tet hat, einem unerfahrnen jungen Mann, deſſen herrſchende Triebfeder er eine kindiſche Leidenſchaft nennen moͤchte, zum Opfer bringen ſollte— o traͤu⸗ men Sie ſich nicht eine ſolche Unmoͤglichkeit. Wenn Sie uͤberhaupt zuſammentreffen, ſo muͤſſen Sie das Wachs, er muß das Siegel ſein— Sie muͤſſen empfangen— er muß einen unbeſchraͤnkten Eindruck machen.“ 3 „Das,“ ſprach Peveril,„waͤre unbillig. Ich will Ihnen frei geſtehen, Alexie, daß ich kein ge⸗ ſchworner, ſchwaͤrmeriſcher Anhaͤnger der Meinungen meines Vaters bin, ſo ſehr ich ſeine Perſon hoch⸗ ſchaͤtze. Ich wollte, daß unſere Adeligen oder Koͤ⸗ niglichgeſinnten, oder wie ſie ſich immer nennen moͤ⸗ gen, mehr billige Geſinnungen gegen diejenigen haͤg⸗ ten, die uͤber Kirche und Staat anders denken. Aber hoffen, ich wuͤrde dieſe Grundſaͤtze aufgeben, in welchen ich geleht habe, hieße mich faͤhig halten, 107 meiner Wohlthaͤterin untreu zu werden, und meinen Eltern das Herz zu brechen.“ „Eben ſo urtheilte ich von Ihnen, und daher bat ich um dieſe Zuſammenkunft, um Sie zu be⸗ ſchwoͤren, daß Sie allen Verkehr mit unſerer Familie abbrechen— zu Ihren Eltern zuruͤckkehren, oder, was viel ſicherer ſein wird, noch einmal das feſte Land beſuchen, und warten moͤchten, bis Gott Eng⸗ land beſſere Tage ſendet; denn dieſe ſind ſchwarz von manchem Ungewitter.“ „Und Sie koͤnnen mich gehen heißen, Alexie?“ ſagte der junge Mann, indem er ſie bei der nicht verweigerten Hand nahm;„koͤnnen Sie mich gehen heißen, und doch eine Theilnahme an meinem Schick⸗ ſal zu erkennen geben? Koͤnnen Sie mich, aus Furcht vor Gefahren, denen ich als Menſch, als ein gebil⸗ deter Mann und treuer Buͤrger muthig entgegen zu gehen verbunden bin, meine Eltern, meine Freunde, mein Vaterland auf unedle Art verlaſſen heißen?— mich das Daſein von Uebeln, denen ich gern abhel⸗ fen moͤchte, dulden; die Ausſicht, ſo etwas Gutes, nach meinen geringen Kraͤften zu thun, aufgeben— mich aus einem thaͤtigen und achtbaren Zuſtande in den Zuſtand eines Fluͤchtlings und Zeitdieners herab⸗ ſinken heißen?— Koͤnnen Sie dieß Alles mich heißen, Alexie? Koͤnnen Sie mich Alles dieß thun, und in 108 demſelben Athemzuge von Ihnen und aller Gluͤckfe⸗ ligkeit auf immer Abſchied nehmen heißen?— Es iſt unmoͤglich— ich kann nicht zugleich meine Liebe und meine Ehre aufgeben.“ „Da gibht es rein Mittel,“ ſagte Alexie; aber ſie konnte einen Seufzer nicht unterdruͤcken, waͤhrend ſie ſo ſprach;—„es gibt kein Mittel, was fuͤr eins es auch ſei. Was wir einander, unter guͤnſti⸗ gere Umſtaͤnde verſetzt, haͤtten ſein koͤnnen, daran zu denken, kann jetzt nichts helfen; und unter den Umſtaͤnden, worin wir ſind, bei offener Fehde, die zwiſchen unſern Eltern und Freunden auszubrechen im Begriff iſt, koͤnnen wir nur wohlwollende Wuͤn⸗ ſche thun, kalt und aus der Ferne einander Gutes wuͤnſchen, und muͤſſen uns trennen auf dieſer Stelle und zu dieſer Stunde, ohne uns je wieder zu treffen.“ „Nein, beim Himmel!“ ſprach Peveril, bewegt ſowohl von ſeinen eigenen Gefuͤhlen, als von dem Anblick der Ruͤhrung, die ſeine Freundin vergebens zuruͤck zu halten ſtrebte,—„Nein, beim Himmel!“ rief er aus,„wir ſcheiden nicht, Alexie, wir ſcheiden nicht. Wenn ich mein Vaterland verlaſſen muß, ſo ſollen Sie meine Gefaͤhrtin in meiner Verbannung ſein. Was haben Sie zu verlieren?— Wen haben Sie zu verlaſſen?— Ihren Vater?— Die gute ſ —— — 109 alte Sache, wie ſie heißt, iſt ihm theurer, als tau⸗ ſend Toͤchter;— und, ihn abgerechner, welches Band iſt zwiſchen Ihnen und dieſer oͤden Inſel, zwiſchen meiner Alexie und irgend einer Stelle der Brittiſchen Beſitzungen, wo ihr Julian nicht bei ihr lebt?“ „9 Julian,“ ſagte das Maͤdchen,„warum ma⸗ chen Sie mir meine Pflicht ſchmerzhafter durch traͤu⸗ meriſche Plaͤne, die Sie nicht nennen ſollten, oder auf die ich nicht hoͤren ſollte? Ihre Eltern— mein Pater— es kann nicht ſein!“ „Fuͤrchten Sie nichts wegen meiner Eltern, Alexie,“ erwiederte Julian, indem er ſich dicht an ihre Seite draͤngte, und den Arin um ſie zu ſchlingen wagte;„ſie lieben mich, und ſie werden bald in Alexien das einzige Weſen auf Erden lieben lernen, das ihren Sohn gluͤcklich machen konnte. Und was Ihren Vater betrifft, wenn Staats⸗ und Kirchen⸗ Intriguen ihm erlauben, Ihnen ſeine Gedanken zu widmen, wird er nicht glauben, daß Ihr Gluͤck, Ihre Sicherheit beſſer beſorgt werde, wenn Sie meine Gattin ſind, als wenn Sie ferner unter der gedungenen Aufſicht jenes thoͤrichten Frauenzimmers bleiben? Was koͤnnte ſein Stolz beſſeres fuͤr Sie wuͤnſchen, als das Grundſtuͤck, das einmal mein ſein wird? Kommen Sie alſo, Alexie, und weil Sie mich zur Verbannung verurtheilen— weil Sie mir einen Antheil an dieſen Unternehmungen, die England zu bewegen anfangen, verweigern— kommen Sie, und — denn Sie allein koͤnnen es— verſoͤhnen Sie mich mit Verbannung und Unthaͤtigkeit, und geben Einem Gluͤckſeligkeit, der um Ihretwillen auf Ehre Verzicht zu thun entſchloſſen iſt.“ „Es iſt nicht— es iſt nicht moͤglich,“ ſagte Alexie mit bebender Stimme.„Und doch,“ ſagte ſie, „wie viele an meiner Stelle— allein gelaſſen und ohne Schutz, wie ich— Aber doch— ich darf nicht— um Ihretwillen, Julian,— ich darf nicht.“ „Sagen Sie das nicht, Sie duͤrfen um meinet⸗ willen nicht, Alexie!“ ſprach Peveril mit Eifer; „das heißt die Grauſamkeit mit Beleidigung ver⸗ mehren. Wollen Sie Etwas um meinetwillen thun, ſo werden Sie ja ſagen; oder wollen Sie dieß theure Haupt auf meine Schulter fallen laſſen— das lei⸗ ſeſte Zeichen— die Bewegung eines Augenlids— wird Einwilligung anzeigen. Alles ſoll in einer Stunde bereit ſein; in der andern ſoll uns der Prie⸗ ſter vereinigen; und in einer dritten laſſen wir die Inſel hinter uns, und ſuchen unſer Gluͤck auf dem feſten Lande.“ Aber waͤhrend er ſo ſprach, in froher Erwawran der Einwilligung, um die er flehte, fand Alexie — 111 Mittel, ihre Entſchloſſenheit zu ſammeln, welche durch die Heftigkeit ihres Liebhabers, den Antrieb ihrer eigenen Zuneigung und die Eigenthuͤmlichkeit ihrer Lage(welche in ihrem Fall zu rechtfertigen ſchien, was in einem andern hoͤchſt tadelhaft geweſen waͤre) wankend gemacht, ſie mehr als zur Lute verlaſſen hatte. Der Erfolg einer augenblicklichen Ueberlegung war Julians Vorſchlage unguͤnſtig. Sie machte ſich aus ſeinem Arm los, mit dem er ſie an ſeine Seite gedraͤngt hielt— erhob ſich, und ſagte, indem ſie ſeine Verſuche, ſich ihr zu naͤhern oder ſie zuruͤck zu halten, zuruͤckwies, mit einem Ausdruck von Offen⸗ heit, und nicht ohne Wuͤrde:„Julian, ich wußte wohl, daß ich viel wagte, indem ich Sie zu dieſer Zuſammenkunft einlud; aber ich vermuthete nicht, daß ich ſo grauſam ſowohl gegen Sie, als gegen mich ſein koͤnnte, Sie entdecken zu laſſen, was Sie jetzt zu deutlich geſehen haben, daß ich Sie beſſer liebe, als Sie mich lieben. Aber weil Sie es wiſ⸗ ſen, ſo will ich Ihnen zeigen, daß Alexiens Liebe uncigennuͤtzig iſt.— Sie will keinen unedlen Namen in Ihr altes Haus bringen. Wenn nachher in Ih⸗ rer Linie ſich einer erheben ſollte, der die Anſpruͤche der Hierarchie zu uͤbertrieben, die Macht der Krone zu ausgedehnt faͤnde, ſo ſollen die Leute nicht ſagen; dieſe Ideen kamen von Alexien Bridgenorth, ihrer republikaniſchen Großmutter.“ „Koͤnnen Sie ſo ſprechen, Alexie,“ ſagte ihr Liebhaber.„Koͤnnen Sie ſolche Ausdruͤcke gebran⸗ chen? und fuͤhlen Sie nicht, wie deutlich ſie verra⸗ then, daß es Ihr eigener Stolz, nicht Achtung faͤr mich iſt, warum Sie unſerer beiderfeitigen Gluͤckſe⸗ ligkeit widerſtreben?“ „Nein, Julian, ſo iſt es nicht,“ antwortete Alexie mit Thraͤnen in den Augen;„es iſt das Ge⸗ bot der Pflicht fuͤr uns beide— der Pflicht, die wir nicht uͤbertreten koͤnnen, ohne unſere Gluͤckſeligkeit hier und dort zu gefaͤhrden. Denken Sie, was ich, die Urſache von Allem, fuͤhlen muͤßte, wenn Ihr Vater zuͤrnt, Ihre Mutter weint, Ihre edlen Freunde ſich entfernen, und Sie, ſogar Sie ſelbſt, ſchmerzliche Entdeckung gemacht haben werden, daß Sie ſich die Verachtung und den Unwillen Aller zu⸗ gezogen haben, um eine kindiſche Leidenſchaft zu be⸗ friedigen; und daß die arme Schoͤnheit, die einmal hinreichte, Sie irre zu leiten, allmaͤhlich unter Gram und Kummer hinwelkte. Dieß will ich nicht zu be⸗ ſorgen haben. Ich ſehe deutlich, es iſt das Beſte, wir brechen hier ab, und trennen uns; und ich danke Gott, der mir Erleuchtung genug und Kraft genug gibt, ſowohl Ihre als meine eigne Thorheit einzuſe⸗ — 113. hen und zu bekaͤmpfen. Leben Sie alſo wohl, Ju⸗ lian; empfangen Sie aber erſt meinen ernſten Rath, weßwegen ich Sie hieher rief:— Scheuen Sie meinen Vater— Sie koͤnnen nicht ſeinen Weg ge⸗ hen, und der Dankbarkeit und der Ehre treu blei⸗ ben. Was er aus reinen und achtbaren Beweg⸗ gruͤnden thut, dabei koͤnnen Sie ihm nicht helfen, ausgenommen auf Eingebung einer albernen und eigennuͤtzigen Leidenſchaft, auf Gefahr aller Verbin⸗ dungen, in die Sie beim Eintritt ins Leben geſetzt worden ſind.“ „Noch einmal, Alexie,“ antwortete Julian,„ich „ 2 4. verſtehe Sie nicht. Iſt ein Verfahren gut, ſo be⸗ darf es keiner Rechtfertigung aus dem Beweggrunde des Thaͤters,— iſt es ſchlecht, ſo kann es daher keine erhalten.“ „Sie koͤnnen mich nicht mit Ihrer Sophiſterei blenden, Julian,“ ſagte Alexie Bridgenorth,„ſo wenig Sie mich mit Ihrer Leidenſchaft uͤberwaͤltigen koͤnnen. Haͤtte der Patriarch ſeinen Sohn aus einem geringern Grunde, als aus Treue und Gehor⸗ ſam gegen einen goͤttlichen Befehl zum Tode be⸗ ſtimmt, ſo haͤtte er einen Mord und kein Opfer be⸗ abſichtigt. In unſerm leßztern blutigen und trauri⸗ gen Kriege, wie viele zogen auf beiden Seiten das Schwert aus den reinſten und achtbarſten Beweg⸗ 8 3 / 114— gruͤnden? Wie viele auf die ſtrafbaren Eingebungen des Ehrgeizes, der Selbſtſucht und des Wunſches zu pluͤndern? Doch waͤhrend ſie in denſelben Glie⸗ dern einherzogen, und ihre Pferde auf demſelben Trompetenſchall ſpornten, iſt uns das Andenken der erſtern theuer, als Patrioten und rechtlicher Buͤrger — das Gedaͤchtniß derer aber, die aus niedrigen und nichtswuͤrdigen Gruͤnden handelten, iſt entweder ver⸗ flucht oder vertilgt. Noch einmal, ich warne Sie, meiden Sie meinen Vater— verlaſſen Sie dieſe Inſel, welche bald von auffallenden Ereigniſſen be⸗ unruhigt werden wird— ſo lange Sie bleiben, ſein Sie auf Ihrer Hut— mißtrauen Sie jeder Sache — ſein Sie argwoͤhniſch gegen Jeden, ſelbſt den, bei dem es nach den Umſtaͤnden unmoͤglich ſcheint, Verdacht zu faſſen— trauen Sie ſelbſt nicht den Steinen des geheimſten Zimmers in Holm⸗Peel; denn was Fluͤgel hat, wird die Sache forttragen.“ Hier brach Alexie ploͤtzlich ab, und ſtieß einen ſchwachen Schrei aus; denn von dem Gebuͤſch her, das ihn verborgen hatte, kam ihr Vater und trat ploͤtzlich vor ſie hin. Der Leſer kann nicht vergeſſen haben, daß dieß das zweite Mal war, daß die geheimen Zuſammen⸗ kuͤnfte der Liebenden durch die unerwartete Erſchei⸗ nung des Major Bridgenorth unterbrochen wurden. —— 115 Bei dieſer Gelegenheit zeigte ſein Geſicht Zorn mit Wuͤrde gemiſcht, gleich dem des Geiſtes gegen einen Geiſterſeher, welchem er Vorwuͤrfe macht, eine bei ihrer erſten Zuſammenkunft auferlegte Pflicht ver⸗ nachlaͤſſigt zu haben. Selbſt ſein Zorn jedoch brachte keine heftigere Bewegung hervor, als einen kalten Ernſt des Benehmens und der Sprache.„Ich danke dir, Alexie,“ ſagte er zu ſeiner Tochter,„fuͤr die Muͤhe, die du dir gegeben haſt, meine Abſichten mit dieſem jungen Manne und mit dir zu vereiteln. Ich danke dir fuͤr die Winke, die du vor meiner Erſcheinung gabſt, deren Ueberraſchung allein dich verhindert hat, dein Zutrauen bis zu einer Hoͤhe zu treiben, welche mein und Andrer Leben einem jun⸗ gen Menſchen preisgegeben haͤtte, der, wenn ihm die Sache Gottes und ſeines Vaterlandes vorgelegt wird, nicht Muße hat, daruͤber nachzudenken; ſo ſehr iſt er mit einem Maͤdchengeſicht, wie das deine, beſchaͤftigt.“ Alexie, todtenbleich, blieb bewegungslos mit niedergeſenktem Blick, ohne den geringſten Verſuch, die ironiſchen Vorwuͤrfe ihres Vaters zu beant⸗ worten. „Und Sie,“ fuhr Major Bridgenorth fort, in⸗ dem er ſich von der Tochter zu ihrem Liebhaber wandte—„Sie, Herr, haben das offene Vertrauen, 116— das ich mit wenig Vorbehalt in Sie ſetzte, wohl vergolten. Ihnen hab ich auch einige Lectionen zu danken, welche mich mit dem baͤuriſchen Blut, das mir die Natur in die Adern gegoſſen, und mit der rohen Erziehung, die mir mein Vater gegeben, zu⸗ frieden ſein lehren.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Major,“ ant⸗ wortete Julian Peveril, welcher, bei dem Gefuͤhle der Nothwendigkeit, Etwas zu ſagen, doch zugleich nichts paſſenderes zu ſagen finden konnte. „Ja, Herr, ich danke Ihnen,“ ſagte Major Bridgenorth in demſelben kalten, bittern Tone, „daß Sie mir gezeigt haben, daß der Bruch der Gaſtfreundſchaft, eine Verletzung des Zutrauens und dergleichen kleine Suͤnden, dem Charakter und Be⸗ tragen eines ritterlichen Hauſes von zwanzig Ahnen nicht ganz fremd ſind. Es iſt eine große Lehre fuͤr mich, mein Herr; denn bisher hatt' ich mit dem Poͤbel geglaubt, edle Sitten kaͤmen mit edlem Blut. Aber vielleicht iſt Artigkeit eine zu ritterliche Ei⸗ genſchaft, um im Verkehr mit einem puritani⸗ ſchen Schwaͤrmer, wie ich bin, verſchwendet zu werden.“ „Herr Major,“ ſagte Julian,„was auch bei dieſer Zuſammenkunft Ihnen Mißfaͤlliges vorge⸗ kommen ſein mag, es war die Wirkung der durch — 117 den entſcheidenden Augenblick ploͤtzlich und ſtark be⸗ lebten Gefuͤhle— es war nichts Abſichtliches.“ „Auch wohl ſogar Ihre Zuſammenkunft nicht, denk' ich?“ erwiederte Bridgenorth in demſelben kalten Tone.„Sie kamen hieher von Holm⸗Peel geritten,— meine Tochter zog her von Blackfort; und Zufall unſtreitig beſtimmte Ihnen eine Zuſam⸗ menkunft am Steine Goddard Crovan?— Junger Menſch, beſchimpfen Sie ſich doch nicht durch fernere Entſchuldigungen— ſie ſind ſchlimmer als vergeb⸗ lich.— Und du, Maͤdchen, die du, in Beſorgniß deinen Liebhaber zu verlieren, nahe daran wareſt, das zu verrathen, was einem Vater ſein Leben koͤnnte gekoſtet haben— begib dich nach Hauſe. Ich will mit dir bei mehr Muße ſprechen, und dir praktiſch jene Pflichten lehren, die du vergeſſen zu haben ſcheinſt.“ „Auf Ehre, Herr Major,“ ſagte Julian,„Ihre Tochter iſt unſchuldig an Allem, was Sie beleidigen kann. Sie widerſtand jedem Vorſchlage, welchen die hartnaͤckige Heftigkeit meiner Leidenſchaft mir abdrang, ihr aufzunoͤthigen.“ „Kurz und gut,“ ſagte Bridgenorth,„ich ſoll nicht glauben, daß Sie an dieſem entfernten Platze auf Alexiens beſondere Auſtiftung zuſammen gekom⸗ men ſind? E 118 Peveril wußte nicht, was er antworten ſollte, und Bridgenorth winkte wieder ſeiner Tochter mit der Hand, ſich zu entfernen. „Ich gehorche Ihnen, Vater,“ ſprach Alexie, welche ſich unterdeſſen von ihrer außerordentlichen Beſtuͤrzung erholt hatte,—„ich gehorche Ihnen; aber der Himmel iſt mein Zeuge, daß Sie mir mehr als Unrecht thun, wenn Sie mich faͤhig halten, Ihre Geheimniſſe zu verrathen, ſelbſt wenn es noͤthig waͤre, um mein oder Julians Leben zu retten. Daß Sie auf einem gefaͤhrlichen Wege einhergehen, weiß ich wohl; aber Sie thun es mit offenen Augen, und werden durch Beweggruͤnde getrieben, deren Werth und Gehalt Sie ſchaͤtzen koͤnnen. Mein einziger Wunſch war, daß dieſer junge Mann nicht blindlings ſich in dieſelben Gefahren einlaſſen ſollte; und ich hatte ein Recht, ihn zu warnen, weil die Gefuͤhle, die ihn blenden, eine unmittelbare Beziehung auf mich hatten.“ „Es iſt gut, meine Tochter, du haſt das Deinige geſagt,“ ſprach Bridgenorth.„Nun geh, und laß mich die Verhandlung vollenden, die du doch ſchon ſo betraͤchtlich eingeleitet haſt.“ „Ich gehe, Vater,“ ſagte Alexie.—„Inlian, dir gehoͤren meine letzten Worte, und ich wuͤrde ſie — 119 mit meinem letzten Othemzuge ſprechen,— Leb wohl, und ſei vorſichtig.“ Sie entfernte ſich von ihnen, verſchwand im Ge⸗ buͤſch, und wurde nicht mehr geſehen. „Ein wahres Beiſpiel von Weiberart,“ ſagte ihr Vater, indem er ihr nachſah.„Sie wuͤrde eher die Sache ganzer Nationen aufgeben, als ihrem Liebhaber ein Haar kruͤmmen laſſen.— Sie, Herr Peveril, ſind ohne Zweifel ihrer Meinung, daß die beſte Liebe eine ſichere Liebe iſt 2 „Waͤre blos Gefahr auf meinem Wege,“ ſagte Peveril, ſehr uͤberraſcht von dem ſanfteren Ton, in welchem Bridgenorth dieſe Bemerkung machte,„ſo gibt es wenig Dinge, denen ich nicht muthig entge⸗ genginge, um— um— Ihre gute Meinung zu verdienen.“ „Oder vielmehr meiner Tochter Hand zu gewin⸗ nen,“ ſprach Bridgenorth.„Gut, junger Mann, Eins hat mir in Ihrem Betragen gefallen, ob ich gleich uͤber vieles mich zu beſchweren Gruͤnde habe — Eins hat mir gefallen. Sie haben die Scheide⸗ wand von ariſtokratiſchem Stolz uͤberſtiegen, hinter welcher Ihr Vater, und vermuthlich auch ſeine Vaͤ⸗ ter eingekerkert blieben, wie innerhalb der Ring⸗ mauern einer Lehnsfeſtung.— Sie ſind uͤber dieſe Schranken geſprungen, und zeigen ſich nicht abge⸗ —— 120 neigt, ſich mit einer Familie zu verbinden, welche Ihr Vater als niedrig geboren und unedele ver⸗ achtet.“ 4 So guͤnſtig dieſe Rede fuͤr den Erfög ſeines Geſuchs klang, ſo ſtark ſtellte ſie die Folgen dieſes Erfolgs, inwiefern es ſeine Eltern betraf, ins Licht, daß Julian es im hoͤchſten Grade ſchwer fand, darauf zu antworten. Am Ende, da er merkte, daß Major Bridgenorth entſchloſſen ſchien, ruhig ſeine Antwort abzuwarten, faßte er den Muth, zu ſagen:„die Gefuͤhle, die ich gegen Ihre Tochter haͤge, Herr Bridgenorth, ſind von einer Art, die vieler andern Betrachtungen uͤberhebt, denen ich, in jedem andern Fall, die ehrerbietigſte Aufmerkſamkeit zu widmen fuͤr Pflicht halten wuͤrde. Ich will es nicht verheh⸗ len, daß meines Vaters Vorurtheile wider eine ſolche Partie ſehr ſtark ſein wuͤrden, aber ich glaube zuver⸗ ſichtlich, ſie wuͤrden verſchwinden, wenn er Alexiens Werth kennen lernte, und ſich uͤberzeugte, daß ſie allein ſeinen Sohn gluͤcklich machen koͤnnte.“ „Unterdeſſen,“ ſagte Bridgenorth,„wuͤnſchen Sie die vorgeſetzte Verbindung, ohne Wiſſen Ihrer Eltern, zu vollziehen, und wollen es auf ihre nach⸗ herige Genehmigung ankommen laſſen. So ver⸗ ſtehe ich es, nach dem meiner Tochter nur vor kur⸗ zem gemachten Antrage.“ 1 121 d Die Regungen der menſchlichen Natur und der menſchlichen Leidenſchaft ſind ſo unregelmaͤßig und ungewiß, daß, obgleich Julian nur vor wenigen Mi⸗ nuten bei Alexien auf eine geheime Heirath und eine Entweichung aufs feſte Land, als auf eine Maaßregel, von der ſein ganzes Lebensgluͤck abhinge, gedrungen hatte, ihm doch der Vorſchlag nicht mehr halb ſo angenehm ſchien, als er nun durch den ruhigen, kal⸗ ten, gebieteriſchen Ton ihres Vaters vorgeſtellt wurde. Er klang nun nicht mehr wie das Gebot einer feurigen Leidenſchaft, die alle anderen Ruͤckſichten beiſeite ſetzt, ſondern wie eine offenbare Hingabe der Wuͤrde ſeines Hauſes an eine Perſon, welche ihre gegenſeitige Lage als den Triumph Bridgenorths uͤber Peveril zu betrachten ſchien. Er war fuͤr einen Angenblick ſtumm, in dem eitlen Verſuch, ſeine Antwort ſo einzurichten, daß ſie zugleich Zufrieden⸗ heit mit Bridgenorths Vorſchlag und eine Rechtfer⸗ tigung ſeiner eignen Ruͤckſicht auf ſeine Eltern und auf die Ehre ſeines Hauſes ausdruͤcken ſollte. Dieſe Zoͤgerung erregte Verdacht, und Bridge⸗ norths Auge funkelte und ſeine Lippe zitterte, waͤh⸗ rend er demſelben Luft machte.„Hoͤren Sie, jun⸗ ger Mann, handeln Sie offen mit mir in dieſer An⸗ gelegenheit, wenn Sie nicht haben wollen, daß ich Sie fuͤr den abſcheulichen Schurken halten ſoll, der II. F 122 unter Verſprechungen, die er nie zu erfuͤllen im Sinn. hatte, ein ungluͤckliches Maͤdchen verfuͤhrt haben wuͤrde. Laſſen Sie mich dieß nur argwoͤhnen, und Sie ſollen auf der Stelle ſehen, inwiefern Ihr Stolz und Ihr Stammbaum Sie vor der gerechten Rache eines Vaters bewahren kann.“ „Sie thun mir Unrecht,“ ſagte Peveril—„Sie thun mir unendlich Unrecht, Herr Major. Ich bin der Niedertraͤchtigkeit, die Sie erwaͤhnen, nicht faͤhig. Der Antrag, den ich Ihrer Tochter machte, war ſo aufrichtig, als je ein Mann einem Frauenzimmer machte. Ich ward blos verlegen, weil Sie es fuͤr noͤthig halten, mich ſo ſehr genau zu pruͤfen, und alle meine Vorſaͤtze und Geſinnungen in ihrer volle⸗ ſten Ausdehnung zu wiſſen, ohne mir die Beziehung Ihrer eigenen zu entdecken.“ „Ihr Antrag alſo(ſagte Bridgenorth) lautet folgendermaßen: Sie ſind willens, mein einziges Kind aus ſeinem Vaterlande in die Verbannung zu fuͤhren, um ihr einen Anſpruch auf das Wohlwollen und den Schutz Ihrer Familie zu gewaͤhren, welcher unter der Bedingung, wie Sie wiſſen, nicht geach tet werden wird, unter welcher ich Ihnen ihre Hand mit hinlaͤnglichem Vermoͤgen zu geben einwillige, um dem Vermoͤgen Ihrer Vorfahren Cals ſie noch am meiſten auf ihren Reichthum ſtolz ſein konnten) die — 123 Wage zu halten. Dieß, junger Mann, ſcheint kein gleicher Handel zu ſein.“—„Und doch(ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu) achte ich die Guͤter dieſer Welt ſo wenig, daß es nicht ganz außer deiner Macht ſtehen koͤnnte, mich mit der mir vor⸗ geſchlagenen Partie zu verſoͤhnen, ſo ungleich ſie immer erſcheinen mag.“ 3 „Zeigen Sie mir nur die Mittel, mir Ihre Gunſt zu gewinnen, Herr Major,“ ſagte Peveril; —„denn ich will nicht zweifeln, daß ſie mit meiner Ehre und Pflicht uͤbereinſtimmen,— und Sie ſollen bald ſehen, wie eifrig ich Ihren Rathſchlaͤgen fol⸗ gen, oder mich Ihren Bedingungen unterwerfen werde.“ „Sie laſſen ſich in wenige Worte faſſen,“ ant⸗ wortete Bridgenorth„Sei ein rechtſchaffener Mann und der Freund deines Vaterlandes.“ „Niemand hat je gezweifelt,“ erwiederte Peve⸗ ril,„daß ich beides bin.“ „Verzeihen Sie mir,“ entgegnete de Major; Niemand hat bis jetzt Sie noch als einen von bei⸗ den ſich zeigen geſehen. Unterbrechen Sie mich nicht— Ich bezweifle nicht Ihren Willen, beides zu ſein; aber Sie haben bisher weder das Licht, noch die Gelegenheit gehabt, welche noͤthig ſind, Ihre Denkungsart oder Ihren Dienſt fuͤrs Vater⸗ 2 124— land zu beweiſen. Sie haben gelebt, als eine Un⸗ empfindlichkeit des Gemuͤthszuſtandes, die auf die Unruhen des buͤrgerlichen Kriegs folgte, die Men⸗ ſchen gleichguͤltig gegen Staatsangelegenheiten und gencigter machte, fuͤr ihr eigenes Vergnuͤgen zu ſor⸗ gen, als vor dem Riß zu ſtehen, da der Herr mit Iſrael rechtete. Allein wir ſind Englaͤnder, und koͤnnen nicht lange in ſolcher unnatuͤrlicher Schlaf⸗ ſucht bleiben. Bereits betrachten Viele von denen, welche am lebhafteſten die Ruͤckkehr Karl Stuarts wuͤnſchten, ihn als einen Koͤnig, den uns der Him⸗ mel auf unſer zudringliches Bitten in ſeinem Zorn gegeben hat. Seine unbegraͤnzte Ueppigkeit— ein Beiſpiel, dem die jungen und muntern Leute um ihn ſo gern folgen— hat die Gemuͤther aller beſon⸗ nenen und denkenden Maͤnner mit Widerwillen er⸗ fuͤllt. Ich haͤtte jetzt nicht eine ſo vertraute Unter⸗ redung mit Ihnen gepflogen, wenn ich nicht wahrge⸗ nommen haͤtte, daß Sie frei ſind von dieſen Flecken der Zeit. Der Himmel, der die Ausſchweifungen des Koͤnigs fruchtbar werden ließ, hat ihm einen Erben aus ſeiner Ehe verſagt; und in dem duͤſtern und ſtrengen Charakter ſeines bigotten Nachfolgers ſehen wir ſchon, was fuͤr eine Art von Monarchen den Thron Englands nach ihm einnehmen werde. Dieß iſt eine kritiſche Periode, in welcher es die — —— 125 Pflicht aller Menſchen, eines jeden nach ſeinem Stande, iſt, vorwaͤrts zu ſchreiten, und dem Vater⸗ lande beizuſtehen, das uns die Geburt gab.“ Peveril erinnerte ſich der Warnung, die er von Alexien erhalten hatte, und ſchlug die Augen nieder, ohne eine Antwort zu geben. „Wie iſt es, junger Mann,“ fuhr Bridgenorth nach einer Pauſe fort;„ſo jung, als du biſt, und durch keine Bande verwandter Sittenloſigkeit mit den Feinden deines Vaterlandes gebunden, kannſt du ſchon fuͤhllos gegen die Anſpruͤche ſein, die es in die⸗ ſer Kriſis an dich machen mag?“ „Es waͤre leicht, Ihnen eine allgemeine Antwort zu geben, Herr Major,“ ſagte Peveril;„es waͤre leicht zu ſagen, daß mein Vaterland keinen Anſpruch an mich machen kann, dem ich nicht auf Gefahr von Gut und Blut bereitwillig genuͤgen wuͤrde. Aber mit ſolchen allgemeinen Ausdruͤcken wuͤrden wir ein⸗ ander nur taͤuſchen. Von welcher Beſchaffenheit iſt dieſer Aufruf? Wer laͤßt ihn ergehen? Und was wird der Erfolg ſein? Denn ich glaube, Sie haben ſchon genug von den Uebeln des buͤrgerlichen Kriegs geſehen, um ſich zu huͤten, ſeine Schreckniſſe in einem friedlichen und gluͤcklichen Lande von neuem zu erwecken.“ G Perſonen, die mit giftigen Betaͤubungsmitteln 83 126— getraͤnkt worden ſind,“ ſagte der Major,„muͤſſen von ihren Aerzten erweckt werden, geſchaͤhe es auch durch den Schall der Trompete. Es iſt beſſer, daß Menſchen tapfer, mit den Waffen in der Hand, gleich freigebornen Englaͤndern, ſterben, als daß ſie in das unblutige, aber ehrloſe Grab ſinken, welches Sklaverei ihren Vaſallen oͤffnet.— Aber der Krieg war es nicht, von dem ich ſprechen wollte,“ ſetzte er hinzu, indem er einen milderen Ton annahm.„Die Uebel, uͤber die England jetzt klagt, ſind von der Art, welchen durch die heilſame Verwaltung ſeiner eignen Geſetze, ſelbſt in dem Zuſtande, worin man ſie noch beſtehen laͤßt, abgeholfen werden kann. Ha⸗ ben dieſe Geſetze nicht ein Recht, von jedem Indivi⸗ duum, das unter ihnen lebt, aufrecht erhalten zu werden? Haben ſie nicht ein Recht auf Ihre Un⸗ terſtuͤtzung?“ Da er fuͤr einen Augenblick auf eine Antwort zu warten ſchien, erwiederte Peveril:„Ich muß mich belehren, Herr Major, wie Englands Geſetze ſo weit geſchwaͤcht worden ſind, daß ſie eine ſolche Stuͤtze, wie die meinige, erforden koͤnnen. Iſt mir dieſes klar ausgemacht, ſo wird Niemand die Pflicht eines treuen Lehnsmannes gegen das Geſetz ſowohl, als gegen den Koͤnig erfuͤllen. Aber Englands Geſetze ſtehen unter der Aufſicht aufrichtiger 1 3 —— — — 3 — 7 127 und gelehrter Richter und eines gnaͤdigen Monar⸗ chen.“ „Und eines Unterhauſes, unterbrach ihn Brid⸗ genorth,„das nicht mehr uͤber wiederhergeſtellte Monarchie ſchwaͤrmt, ſondern, wie von einem Don⸗ nerſchlage, zu dem Gefuͤhl des gefaͤhrlichen Zuſtandes unſerer Religion und unſerer buͤrgerlichen Freiheit erweckt worden iſt. Ich berufe mich auf Ihr eige⸗ nes Gewiſſen, Julian Peveril, ob dieſes Erwachen nicht zur rechten Zeit erfolgt iſt, weil Sie ſelbſt, und Niemand beſſer, als Sie, die raſchen Schritte ken⸗ nen, die Rom gemacht hat, ihren Dagon des Goͤtzen⸗ dienſtes in unſerm proteſtantiſchen Lande zu er⸗ richten.“. Da hier Julian die Spur von Bridgenorths Argwohn ſah oder zu ſehen glaubte, ſo eilte er, ſich von dem Verdacht einer Beguͤnſtigung der Roͤmiſch⸗ katholiſchen Religion zu befreien.„Es iſt wahr,“ ſagte er,„ich bin in einer Familie erzogen worden, wo jener Glaube von einer geehrten Perſon bekannt worden iſt, und ich bin ſeitdem in papiſtiſche Laͤnder gereiſt; aber eben deßwegen habe ich das Papſtthum zu nahe geſehen, um ſeinen Grundſaͤtzen gewogen ſein zu koͤnnen. Die Andaͤchtelei der Laien— die beharrlichen Kunſtgriffe der Prieſterſchaft— die ſtete Intrigue fuͤr die Ausbreitung der Formen ohne F 4 den Geiſt der Religion— die Anmaßung jener Kir⸗ che uͤber die Gewiſſen der Menſchen— und ihre ſtol⸗ zen Anſpruͤche auf Unfehlbarkeit, ſind in meinem Geiſte eben ſo unvertraͤglich, als ſie nur in dem Ihri⸗ gen ſcheinen koͤnnen, mit geſundem Verſtande, ver⸗ nuͤnftiger Freiheit, Gewiſſensfreiheit und reiner Re⸗ ligion.“ „Geſprochen gleich dem Sohne Ihrer vortreffli⸗ chen Mutter,“ ſagte Bridgenorth, und faßte ihn bei der Hand;„fuͤr deren Sache ich ſo Vieles von Ih⸗ rem Hauſe habe unvergolten ſein laſſen, ſelbſt als die Mittel zur Vergeltung in meiner Hand waren.“ „Es war allerdings Folge der Belehrungen dieſer vortrefflichen Mutter,“ ſagte Peveril,„daß ich faͤhig war, in meiner fruhen Jugend die hinterliſtigen An⸗ griffe zuruͤckzutreiben, welche katholiſche Prieſter, de⸗ ren Geſellſchaft ich nicht vermeiden konnte, auf mei⸗ nen religiöſen Glauben machten. Gleich ihr, hoffe ich in dem Glauben der reformirten Kirche Englands zu leben und zu ſterben.“ „Der Kirche Englands!“ ſagte Bridgenorth, indem er ſeines jungen Freundes Hand öfallen ließ, aber ſogleich wieder ergriff—„Oh!l dieſe Kirche, wie ſie jetzt beſchaffen iſt, maaßt ſich kaum weniger, als Rom ſelbſt, uͤber die Gewiſſen und die Rechte der Menſchen an; doch aus der Schwaͤche dieſer ——— 8. „— — 8 129 halb reformirten Kirche kann es Gott gefallen, Eng⸗ lands Befreiung und ſeinen eignen Ruhm hervorge⸗ hen zu laſſen. Ich darf nicht vergeſſen, daß Einer, deſſen Dienſte in dieſer Sache unberechenbar geweſen ſind, das Gewand eines Engliſchen Prieſters traͤgt, und die biſchoͤfliche Weihe gehabt hat. Es kommt uns nicht zu, das Werkzeug zu beſtimmen, womit unſere Flucht aus dem Netze des Voglers bewirkt wird. Genug, daß ich dich doch noch nicht mit dem Licht der reinern Lehre erleuchtet finde, ſondern nur vorbereitet, Vortheil von demſelben zu erhalten, wenn ſein Funke dich erreichen wird. Genug, ins⸗ beſondere, daß ich dich willig finde, dein Zeugniß zu erheben, laut zu ſchreien und ohne Schonung gegen die Jrrthuͤmer und die Raͤnke der Noͤmiſchen Kirche. Aber bedenke, daß du, was du jetzt geſagt haſt, bald wirſt aufgefordert werden, auf die feierlichſte, auf die ernſthafteſte Art zu rechtfertigen.“ „Was ich geſagt habe,“ erwiederte Julian Pe⸗ veril,„als die geradeſte Geſinnung meines Herzens, ſoll, bei keiner ſchicklichen Gelegenheit, durch mein offenes Bekenntniß unbekraͤftigt bleiben; und ich wundere mich, daß Sie daran zweifeln.“ „Ich zweifle daran nicht, mein junger Freund,“ ſagte Bridgenorth;„und ich hoffe, deinen Namen hoch unter denen zu finden, welche die Bente dem 5. F 5 130— Maͤchtigen entreiſſen ſollen. Gegenwaͤrtig erfuͤllen deine Vorurtheile deine Seele, gleich dem ſtarken Huͤter des Hauſes, der in der Schrift erwaͤhnt wird. Aber es wird ein ſtaͤrkerer kommen, als er, und mit ewalt eindringen, und auf den Zinnen das Zeichen des Glaubens ausſtecken, in welchem allein Rettung gefunden wird.— Wache, hoffe und bete, daß die Stunde kommen moͤge.“ Hier entſtand eine Pauſe in der Unterredung, welche zuerſt Peveril unterbrach.„Sie haben in Naͤthſeln zu mir geſprochen, Herr Major; und ich habe Sie um keine Erklaͤrung gebeten. Hoͤren Sie auf eine Warnung von meiner Seite, die ich mit dem aufrichtigſten Wohlwollen gebe. Nehmen Sie einen Wink von mir an, und glauben ihm, wenn er auch dunkel ausgedruͤckt iſt. Sie ſind hier— ſo glaubt man wenigſtens— in einer gefaͤhrlichen Sen⸗ dung an den Herrn der Inſel. Dieſe Gefahr wird auf Sie ſelbſt zuruͤckfallen, wenn Sie dieſe Inſel laͤnger zu Ihrem Aufenthalt machen. Laſſen Sie ſich warnen, und reiſen bei Zeiten ab.“ „Und meine Tochter ſoll ich der Aufſicht Juliau Peverils uͤberlaſſen? Lautet Ihr Rath ſo, junger Mann?“ antwortetete Bridgenorth.„Julian, ſtel⸗ len Sie meine Sicherheit meiner eignen Klugheit anheim. Ich bin gewohnt geweſen, in ſchlimmern — ———— 131 Gefahren, als mich gegenwaͤrtig umgeben, mein ei⸗ gener Fuͤhrer zu ſein. Aber ich danke Ihnen fuͤr Ihre Warnung, welche, wie ich gern glauben will, wenigſtens zum Theil uneigennuͤtzig war.“ „Wir ſcheiden alſo doch nicht im Unwillen?“ fragte Peveril. „Nein, nicht im Unwillen, mein Sohn,“ ſagte Bridgenorth,„ſondern in Liebe und ſtarker Zunei⸗ gung. Was meine Tochter anlangt, ſo mußt du je⸗ den Gedanken aufgeben, ſie zu ſehen, außer durch mich. Deine Bewerbung nehme ich weder an, noch verwerf' ich ſie; dieß Einzige vertrau' ich dir nur: wer mein Sohn ſein will, muß ſich als das treue und liebende Kind ſeines unterdruͤckten und getaͤuſch⸗ ten Vaterlandes zeigen. Leb' wohl; antworte mir jetzt nicht; du biſt noch in ſehr bitterer Stimmung, und es koͤnnte(was ich nicht wuͤnſche) Streit zwi⸗ ſchen uns entſtehen. Du ſollſt eher von mir wieder hoͤren, als du glaubſt.“ Er ſchuͤttelte Peveril herzlich die Hand, ſagte ihm nochmals Lebewohl, und ließ ihn unter dem verworrenen und gemiſchten Eindruck von Vergnuͤ⸗ gen, Zweifel und Verwunderung zuruͤck. Nicht we⸗ nig verwundert, ſich bei Alexiens Vater ſo weit in Gunſt zu finden, daß ſein Geſuch ſogar durch eine Art negativer Aufmunterung beguͤnſtigt wurde, 132— konnte er ſich doch nicht enthalten, aus Sprache ſowohl der Tochter, als des Vaters zu argwoͤhnen, daß Bridgenorth, als Preis ſeiner Gunſt, wuͤnſchte, er moͤchte einen Zug des Betragens annehmen, der mit den Grundſaͤtzen, worin er erzogen worden, ſich nicht vertrug. Du haſt nichts zu fuͤrchten, Alexie,“ fagte er bei ſich ſelbſt;„auch ſelbſt deine Hand wuͤrde ich nicht durch Etwas erkaufen, was einer unwuͤrdigen oder gezwungenen Gefaͤlligkeit gegen Grundſaͤtze, welche mein Herz nicht anerkennt, aͤhnlich ſaͤhe; und ich weiß wohl, waͤre ich niedrig genug, ſo zu handeln, ſo wuͤrde ſelbſt das Anſehen deines Vaters nicht zu⸗ reichen, dich zur Schließung eines ſo niedrigen Ver⸗ trags zu vermoͤgen. Aber laß mich etwas Beſſeres hoffen. Bridgenorth, ſo beherzt und ſcharfſichtig er iſt, wird von der Furcht des Papſtthums heimge⸗ ſucht, welches das Schreckbild ſeiner Sekte iſt. Mein Aufenthalt bei der Familie der Graͤfin von Derby iſt mehr als hinreichend, ihn mit einem Argwohn wegen meines Glaubens zu erfuͤllen, gegen welchen, dem Himmel ſei Dank! ich mich mit Wahrheit und gutem Gewiſſen rechtfertigen kann.“ 4 Unter dieſen Gedanken ſattelte er ſein Pferd, legte ihm das zum freien Weiden geloͤſte Gebiß wie⸗ der an, ſetzte ſich auf und verfolgte ſeinen Ruͤckweg — —— —— v— 183 nach dem Schloſſe Holm⸗Peel, wo, wie er zu fuͤrch⸗ ten ſich nicht enthalten konnte, in ſeiner Abweſen⸗ heit etwas Außerordentliches vorgefallen ſein duͤrfte. Aber das alte Gebaͤude erhob ſich bald vor ihm heiter und in ernſter Stille zwiſchen dem ſchlafenden Ocean. Die Fahne, welche anzeigte, daß der Ge⸗ bieter von Man innerhalb ſeiner verfallenen Ring⸗ mauern reſidirte, hing bewegungslos an ihrem Stabe. Die Schildwachen ſchritten auf und ab an ihren Po⸗ ſten, und ſummten oder pfiffen ihre Manenſer Lie⸗ der. Julian ließ ſein treues Roß, wie vorher, im Dorfe zuruͤck, und begab ſich in das Schloß, wo er Alles in demſelben Zuſtande der Ruhe und guten Ordnung fand, welche das aͤußere Anſehen verkuͤn⸗ digt hatte. Sechſtes Kapitel. Julian begegnete, nach ſeinem Eintritt ins Schloß, zuerſt dem jungen Grafen, der ihn mit ſeiner ge⸗ wohnten Guͤte und muntern Laune empfing. „Dreimal willkommen, edler Ritter der Frauen,“ ſagte der Graf;„hier ſtreifen Sie tapfer und nach freiem Belieben durch unſre Gebiete, Beſtellungen 134— vollziehend, und verliebte Abenteuer beſtehend, waͤh⸗ rend wir verdammt ſind, in unſern koͤniglichen Saͤ⸗ len ſo dumm und unbeweglich da zu ſitzen, als wenn unſere Majeſtaͤt auf dem Hintertheile des Fiſcher⸗ ſchiffes eines Manenſer Schleichhaͤndlers ausgeſchnitzt und Koͤnig Arthur von Ramſay getauft waͤre.“ „Nein, in dieſem Falle wuͤrden Sie zur See gehen,“ ſagte Julian,„und ſo Reiſen und Abenteuer genug beſtehen.“ „O, denken Sie nur mich vom Winde gehindert, oder durch ein Geldſchiff im Hafen zuruͤckgehalten, oder, wenn es Ihnen gefaͤllt, am Ufer hoch und trocken auf dem Sande liegend. Stellen Sie ſich das koͤnigliche Bild in den albernſten Eigenſchaften vor, und es koͤmmt dem meinigen noch nicht gleich.“ „Es freut mich nur wenigſtens, zu hoͤren, daß Sie kein unangenehmes Geſchaͤft gehabt haben,“ ſagte Julian.„Der Morgenlaͤrm iſt, hoff ich, vor⸗ uͤbergegangen.“ „Allerdings, Julian; und unſre genauen Nach⸗ forſchungen koͤnnen keinen Grund entdecken, einen Aufſtand zu befuͤrchten. Daß Bridgenorth auf der Inſel iſt, ſcheint gewiß; aber Privatangelegenheiten werden als Urſache ſeines Beſuchs angegeben, und ich wuͤnſchte nicht, ihn feſtgehalten zu ſehen, wofern nicht boͤſe Anſchlaͤge von ihm und ſeinen Gefaͤhrten . 7 — — 133 bewiefen waͤren. In Wahrheit ſcheint es, wir haben uns zu fruͤh in Unruhe ſetzen laſſen. Meine Mutter ſpricht davon, Sie uͤber die Sache zu Rath zu zie⸗ hen, Julian; und ich will ihrer feierlichen Mitthei⸗ lung nicht vorgreifen. Sie wird, vermuth' ich, zum Theil rechtfertigend ſein; denn wir fangen an, un⸗ ſern Ruͤckzug fuͤr ziemlich unkoͤniglich zu halten, da wir, gleich Boͤſewichtern, geflohen ſind, ehe noch Je⸗ mand uns verfolgte. Dieſer Gedanke betruͤbt meine Mutter, welche als eine koͤnigliche Witwe, eine koͤ⸗ nigliche Regentin, eine Heldin, und eine Frau uͤber⸗ haupt, ſich aufs Aeußerſte gekraͤnkt fuͤhlen wuͤrde, wenn ſie denken ſollte, daß ihr uͤbereilter Ruͤckzug an dieſen Ort ſie dem Gelaͤchter der Infulaner aus⸗ ſetzte; und ſie iſt daher verlegen und in uͤbler Laune. Mittlerweile ſind die Grimaſſen und phantaſtiſchen Gebaͤhrden der Aeffin Fenella meine einzige Unter⸗ haltung geweſen; denn ſie iſt unwilliger und abge⸗ ſchmackter, als Sie je ſie geſehen haben. Morris ſagt, es ſei, weil Sie ſie die Treppe herunter gedraͤngt haͤtten, Julian— wie iſt das zu ver⸗ ſtehen?“ „Nein, Morris hat falſch berichtet,“ antwortete Julian;„ich hob ſie nur auf die Treppe, um von ihrer Zudringlichkeit mich zu befreien; denn es be⸗ liebte ihr, nach ihrer Weiſe, mich am Fortgehen ſo 136 hartnaͤckig zu hindern, daß ich kein anderes Mittel hatte, ihrer los zu werden.“ „HSie muß vermuthet haben, Ihre Abreiſe in einem ſo bedenklichen Zeitpunkte wuͤrde dem Zuſtande unſerer Beſatzung Gefahr bringen,“ antwortete der Graf;„es beweiſet, wie viel ſie auf die Sicherheit meiner Mutter haͤlt, und wie hoch ſie unſere Tapfer⸗ keit anſchlaͤgt.— Aber, dem Himmel ſei Dank! da ſchlaͤgt die Glocke des Mittagsmahles. Ich wollte, die Philoſophen, die eine gute Mahtzeit fuͤr Suͤnde und Zeitverſchwendung halten, moͤchten uns nur einen halb ſo angenehmen Zeitvertreib angeben.“ Das Mahl, das der junge Graf als ein Mittel, ſich einen Theil der Zeit, die ihm ſehr lang ward, zu verkuͤrzen, ſo begierig gewuͤnſcht hatte, war bald vor⸗ uͤber; ſo bald wenigſtens, als die gewoͤhnliche und ſtaatsmaͤßige Formalitaͤt der Haushaltung der Graͤfin es erlaubte. Sie ſelbſt, in Begleitung ihrer Kam⸗ merfrauen und Bedienten, zog ſich, nach aufgehobe⸗ ner Tafel, fruͤhzeitig zuruͤck; und die jungen Herren wurden ihrer eigenen Geſellſchaft uͤberlaſſen. Wein hatte fuͤr den Augenblick keinen Reiz fuͤr den einen oder den andern; denn der Graf war ganz mißmu⸗ thig vor Langerweile und Ueberdruß an ſeiner eintdͤ⸗ nigen und einſamen Lebensweiſe; und die Begeben⸗ heiten des Tages hatten Peverilen zu viel Stoff zum — ,— „ — — 137 Nachdenken gegeben, um ihm zu erlauben, unterhal⸗ tende und anziehende Materien des Geſpraͤchs auf⸗ zuſuchen. Nachdem die Flaſche ein oder zweimal ſtillſchweigend unter ihnen herumgegangen war, zog ſich Jeder in eine abgeſonderte Niſche der Fenſter des Speiſezimmers zuruͤck, welche(bei der außeror⸗ dentlichen Dicke der Mauern) tief genug war, einen einſamen, gleichſam von dem Zimmer ſelbſt abgeſon⸗ derten Aufenthaltsort zu gewaͤhren. In der einen dieſer Hoͤhlungen ſaß der Graf von Derby, beſchaͤf⸗ tigt mit der Ueberſicht einiger neuen Druckſchriften, die in London erſchienen waren; und wie wenig Reiz und Intereſſe ſie fuͤr ihn hatten, gab er dann und wann durch fuͤrchterliches Gaͤhnen zu erkennen, als er hinausſah auf die weite oͤde Waſſerflaͤche, welche, einen Flug Seemoͤven oder einen einſamen Seeraben ausgenommen, ſo wenig Abwechslung darbot, um ſeine Aufmerkſamkeit anzuziehen. Peveril, auf ſeiner Seite, hielt auch eine Flug⸗ ſchrift in der Hand, ohne ihr ſogar nur eine gele⸗ gentliche Aufmerkſamkeit zu widmen oder den Schein davon anzunehmen. Seine ganze Seele war auf die Zuſammenkunft gerichtet, die er dieſen Tag mit Alexie Bridgenorth und mit ihrem Vater gehabt hatte, waͤhrend er ſich vergebens eine Hypotheſe zu bilden ſuchte, die ihm erklaͤren koͤnnte, warum die 138— Tochter, der er doch gleichguͤltig zu ſein aus keinem Grunde glauben konnte, ſo ploͤtzlich ihre ewige Tren⸗ nung habe wuͤnſchen koͤnnen, waͤhrend ihr Vater, deſſen Widerſtand er ſo ſehr fuͤrchtete, gegen ſeine Bewerbungen wenigſtens duldſam war. Er konnte zur Erklaͤrung blos annehmen, daß Major Bridge⸗ north irgend einen Plan ſich vorgeſetzt haͤtte, den zu befoͤrdern oder zu hindern in ſeiner eignen Macht ſtaͤnde; waͤhrend er aus Alexiens Benehmen und allerdings auch aus ihrer Sprache nur zu viel Grund hatte, zu beſorgen, daß ihres Vaters Gunſt allein durch Etwas auf ſeiner eignen Seite gewonnen werden koͤnnte, was ſich dem Aufgeben einer Maxi⸗ me naͤherte. Er konnte jedoch, wiewohl Alerie von Verraͤtherei geſprochen hatte, ſich nicht vorſtellen, daß ihr Vater ihm vorſchlagen wuͤrde, ſich mit ihm in irgend einem Plane zu vereinigen, durch welchen die Sicherheit der Graͤfin oder die Ruhe ihres klei⸗ nen Koͤnigreichs Man in Gefahr kaͤme Dieß haͤtte ja einen ſo unausloͤſchlichen Schandfleck an der Stirne getragen, daß er nicht glauben konnte, der Plan wuͤrde ihm von irgend Jemand vorgeſchlagen, der nicht bereit waͤre, auf der Stelle ſich mit dem Schwert gegen die Rache eines ſeiner Ehre angethanen auf⸗ fallenden Schimpfes zu vertheidigen. Und ein ſol⸗ ches Verfahren war mit Major Bridgenorths Hand⸗ — 139 lungsweiſe in jeder andern Hinſicht unvertraͤglich; uͤbrigens war er zu geſetzt und kaltbluͤtig, um ſich gegen den Sohn ſeines alten Nachbars, gegen deſſen Mutter er ſo viel Verbindlichkeit zu haben bekannte, eine ſolche Beleidigung zu erlauben. Waͤhrend Peveril umſonſt etwas einer wahr⸗ ſcheinlichen Theorie aͤhnliches aus den von dem Vater und der Tochter gegebenen Winken herauszuziehen ſuchte,— nicht ohne die hinzukommende, dem Lieb⸗ haber eigene Bemuͤhung, ſeine Leidenſchaft mit ſeiner Ehre und ſeinem Gewiſſen zu verſoͤhnen— fuͤhlte er etwas ihn ſanft bei dem Mantel zupfen. Er ſchlug ſeine im Nachdenken in einander geſchlungenen Arme aus einander, und zog ſeine Augen von der leeren Ausſicht der Seckuͤſte und des Meeres, worauf ſie ziemlich unbewußt gerichtet waren, zuruͤck, und ſah neben ſich das kleine ſtumme Maͤdchen, die Elfin Fenella. Sie ſaß auf einem niedrigen Kiſſen oder Stuhl, mit welchem ſie dicht an Peverils Seite ge⸗ ruͤckt war, und war da ſeit kurzem geblieben, ver⸗ muthlich in Erwartung, er wuͤrde ihre Gegenwart bemerken, bis ſie endlich, aus Ueberdruß, unbemerkt zu bleiben, ſeine Aufmerkſamkeit auf die angezeigte Art erweckte. Aufgeſchreckt aus ſeiner Traͤumerer durch dieſe Anzeige ihrer Anweſenheit, blickte er 140— herab, und konnte nicht ohne Theilnahme dieß ſon⸗ derbare und huͤlfloſe Weſen betrachten. Ihr Haar war aufgebunden, und ſtroͤmte uͤber ihre Schultern in ſolcher Laͤnge, daß viel davon auf dem Boden lag, und in ſolcher Menge, daß es einen dunkeln Schleier oder Schatten, nicht blos um ihr Geſicht, ſondern uͤber die ganze ſchmaͤchtige und nied⸗ liche Geſtalt bildete. Aus dem Wallen ihrer Locken blickten ihre kleinen und dunkeln, aber wohlgebildeten Geſichtszuͤge nebſt den großen und glaͤnzenden ſchwar⸗ zen Augen hervor, und ihr ganzes Geſicht hatte das. flehende Anſehen einer Perſon angenommen, welche uͤber die Aufnahme, die ſie bei einem geſchaͤtzten Freund finden ſoll, zweifelhaft iſt, waͤhrend ſie einen Fehler bekennt, eine Entſchuldigung vorbringt, oder eine Ausſoͤhnung ſucht. Kurz, das ganze Geſicht war ſo von Ausdruck belebt, daß Julian, dem doch ihr An⸗ blick ſo vertraut war, ſich kaum uͤberzeugen konnte, daß ihr Anſehen nicht ganz neu waͤre. Die wilde, fantaſtiſche, elſiſche Lebhaftigkeit der Zuͤge ſchien voͤl⸗ lig verſchwunden, und hatte einer betruͤbten, zaͤrtli⸗ chen, und pathetiſchen Miene Platz gemacht, welche durch den Ausdruck der großen ſchwarzen Augen unterſtuͤtzt wurde, die, als ſie nach Julian gerichtet waren, von Feuchtigkeit glaͤnzten, ohne daß ſie uber die Augenlider floß. .35 — 141 Da Peveril merkte, daß ihr ungewohntes We, ſen aus der Erinnerung des dieſen Morgen zwiſchen ihnen vorgefallenen Streits entſprang, ſo war er be⸗ muͤht, die Munterkeit des kleinen Maͤdchens wieder herzuſtellen, indem er ihr zu verſtehen gab, daß bei ihm keine unangenehme Erinnerung an ihren Zwiſt uͤbrig geblieben waͤre. Er laͤchelte freundlich, und ſchuͤttelte ihr die Hand, waͤhrend er mit der Ver⸗ traulichkeit eines Bekannten, der ſie ſchon von Kind⸗ heit an kennen gelernt hatte, ihr die langen dunkeln Locken mit der Hand zuruͤckſtrich. Sie ſenkte, wie beſchaͤmt, und zugleich uͤber ſeine Liebkoſungen erfreut, den Kopf— und ſo wurde er veranlaßt, ſie fortzu⸗ ſetzen, bis er unter dem Schleier ihrer ſtarken und reichlichen Haarlocken ploͤtzlich ſeine andere Hand fuͤhlte, die ſie immer feſt in der ihrigen hielt, leiſe mit ihren Lippen beruͤhrte, und zu gleicher Zeit mit einer Thraͤne benaͤtzte. Auf einmal, und das erſtemal in ſeinem Leben, fiel Julian die Gefahr ein, in ſeiner Vertraulichkeit mit einem Geſchoͤpf, dem die gewoͤhnlichen Erklaͤ⸗ rungsarten bedeutungslos waren, falſch beurtheilt zu werden; haſtig zog er ſeine Hand zuruͤck, veraͤn⸗ derte ſeine Stellung, und fragte ſie mit einem durch Gewohnheit gelaͤufigen Zeichen, ob ſie ihm von der Graͤfin irgend eine Botſchaft braͤchte. Im Augen⸗ 1 42— blick war Fenella's ganzes Betragen veraͤndert; ſie fuhr auf, und ſetzte ſich in ihrem Sitz mit Blitzes⸗ ſchnelle zurecht, und flocht in demſelben Augenblick mit einer Wendung ihrer Hand ihre langen Locken in eine natuͤrliche Kopftracht der ſchoͤnſten Art zuſam⸗ men. Es war freilich, wann ſie aufblickte, noch eine Roͤthe auf ihren dunkeln Geſichtszuͤgen ſichtbar; aber ihr ſchwermuͤthiger und ſchmachtender Ausdruck hatte dem einer wilden und ungeordneten Lebhaftig⸗ keit Platz gemacht, welcher ihnen am gewoͤhnlichſten eigen war. Ihre Augen glaͤnzten von mehr als ge⸗ wohntem Feuer, und ihre Blicke waren mehr, als gewoͤhnlich durchdringend wild und umherſchweifend. Auf Julians Frage antwortete ſie mit Auflegen ihrer Hand an ihr Herz— eine Bewegung, womit ſie immer die Graͤfin bezeichnete— und indem ſie auf⸗ 3 ſtand, und die Richtung nach ihrem Zimmer nahm, gab ſie Julian ein Zeichen, ihr zu folgen. Die Entfernung zwiſchen dem Speiſezimmer und demjenigen Zimmer, in das Peveril jetzt ſeiner ſtum⸗ men Fuͤhrerin folgte, war nicht groß; doch hatte er im Hingehen Zeit genug, grauſam von dem ploͤtzli⸗ chen Verdacht zu leiden, daß dieß ungluͤckliche Maͤd⸗ chen die einfache Guͤte, mit der er ſie behandelt hatte, falſch ausgelegt haben, und ihn nun mit zaͤrtlichern Gefuͤhlen betrachten moͤchte, als der bloßen Freund⸗ ſchaft zukommen. Das Elend, welches eine ſolche Leidenſchaft einem Geſchoͤpf in ihrer huͤlfloſen Lage, und von ſo lebhaften Gefuͤhlen bewegt, zuziehen moͤchte, war groß genug, um ihn dem Argwohn Glauben beimeſſen zu laſſen, der ſich ſeiner Seele aufdraͤngte; waͤhrend er zugleich den innern Ent⸗ ſchluß faßte, ſich gegen Fenella ſo zu benehmen, daß ſolche uͤbel angebrachte Gefuͤhle verſcheucht wuͤrden, wenn ſie ungluͤcklicherweiſe ſie ja gegen ihn haͤgen ſollte.“ ena. Als ſie das Zimmer der Graͤſin erreichten, fan⸗ den ſie ſie mit Schreibmaterialien und vielen geſie⸗ gelten Briefen umgeben. Sie empfing Julian mit gewohnter Guͤte, und nachdem ſie ihn hatte ſich ſetzen laſſen, winkte ſie der Stummen, ihre Nadel zu nehmen. Im Augenblick ſetzte ſich Fenella an einen Stickrahmen, wo ſie, bis auf die Bewegung ihrer gewandten Finger, fuͤr eine Bildſeule haͤtte gelten koͤnnen; ſo wenig bewegte ſie Kopf oder Auge von ihrer Arbeit. Da ihre Gehoͤrloſigkeit ihre Ge⸗ genwart zu keinem Hinderniß der vertrauteſten Un⸗ terredung machte, ſo ſprach nun die Graͤfin zu Pe⸗ veril, als wenn ſie ganz allein beiſammen waͤren. „Julian,“ ſagte ſie, nich will mich jetzt nicht bei Ih⸗ nen uͤber die Geſinnungen und das Betragen Der⸗ by's beklagen. Er iſt Ihr Freund— er iſt mein 144 Sohn. Er hat Guͤte des Hetzens, und Lebhaftig⸗ keit des Talents; und doch— „Theuerſte Gäͤfin,“ ſagte Peveril,„warum wollen Sie ſich damit betruͤben, daß Sie Ihren Blick auf Maͤngel heften, die eher aus einer Veraͤn⸗ derung der Zeiten und der Sitten, als aus einer Ausartung meines edeln Freundes entſpringen? Laſ⸗ ſen Sie ihn einmal mit ſeiner Pflicht im Kriege oder im Frieden beſchaͤftigt ſein, und laſſen Sie mich dafuͤr buͤßen, wenn er nicht ſeinen Beruf ſo vollzieht⸗ wie es ſeinem hohen Poſten ziemt.“ „Ja,“ erwiederte die Graͤfin;„aber wann wird der Ruf der Pflicht ſich maͤchtiger zeigen, als der des muͤßigſten und gemeinſten Vergnuͤgens, das nur zum Vertreiben der Langenweile dienen kann? Sein Vater war von einem andern Schlage; und wie oft war es mein Loos, ihn bitten zu muͤſſen, daß er von der ſtrengen Erfuͤllung jener Pflichten, die ihm ſein ho⸗ her Poſten auflegte, ſich nur die ſeiner Geſundheit noͤthige Erhohlung eruͤbrigen moͤchte?’? „Immer, meine theuerſte Graͤfin,„ſagte Pe⸗ veril,„muͤſſen Sie doch zugeben, daß die Pflichten, zu welchen Ihren verewigten verehrten Gemahl die Zeiten aufforderten, von einer mehr aufregenden und entſcheidenden Art waren, als dif, Wwelche Ihren Sohn erwarten. — 445 „Das wuͤßt ich nicht,“ ſagte die Graͤfin.„Das Rad ſcheint ſich wieder umzudrehen, und die gegen⸗ waͤrtige Periode wird nicht unwahrſcheinlich ſolche Auftritte zuruͤckbringen, als ich in meinen juͤngern Jahren erlebt habe.— Gut, es mag ſein; ſie wer⸗ den Charlotte de la Tremouille nicht muthlos finden, wenn auch von den Jahren gebeugt. Es war gerade dieſer Gegenſtand, uͤber den ich mit Ihnen ſprechen wollte, mein junger Freund. Seit unſrer erſten fruͤhen Bekanntſchaft— als ich Ihr tapferes Be⸗ tragen ſah, da ich, gleich einer Erſcheinung, vor Ihren kindiſchen Augen, aus meinem Zufluchtsort in Ihres Vaters Schloſſe, hervortrat— hat es mich gefreut, Sie als einen echten Sohn von Stanley und Peveril mir zu denken. Ich bin verſichert, Ihre Erziehung in dieſer Familie iſt immer der Ach⸗ tung, die ich fuͤr Sie haͤge, angemeſſen geweſen.— Doch ich verlange keinen Dank.— Ich habe von Ihnen zur Vergeltung eine Dienſtleiſtung zu erbit⸗ ten, die vielleicht nicht ganz ſicher fuͤr Sie ſelbſt iſt, welche aber, nach den Umſtaͤnden der Zeit, Niemand ſo faͤhig iſt, als Sie, meinem Hauſe zu erzeigen.“ „Sie ſind ſtets meine gute und edle Gebieterin ſowohl, als meine guͤtige, und ich darf ſagen, muͤt⸗ terliche Beſchuͤtzerin geweſen,“ antwortete Peveril. „Sie haben ein Recht, uͤber das Blut Stanley's in II. G 146— den Adern eines Jeden zu gebieten— Sie haben tauſend Rechte, daruͤber in den meinigen zu ge⸗ bieten.“ 3 3 „Meine Berichte aus England,“ ſagte die Graͤ⸗ fin,„gleichen mehr den Traͤumen eines Kranken, als den ordentlichen Belehrungen, die ich von meinen Correſpondenten haͤtte erwarten ſollen;— ihre Aus⸗ druͤcke gleichen den Reden der Schlafwandler, die in abgebrochenen Worten von ihren Traͤumen ſpre⸗ chen. Man ſagt, ein wirklicher oder erdichteter An⸗ ſchlag ſei unter den Katholiken entdeckt worden, welcher viel weiter einen unbegraͤnzten Schrecken verbreitet hat, ais jenes Complott vom fuͤnften No⸗ vember. Die Umriſſe dieſes Anſchlags ſind ganz unglaublich, und ſtuͤtzen ſich blos auf das Zeugniß Elender, der Niedrigſten und Nichtswuͤrdigſten in der Schoͤpfung; doch wird die Sache von dem leicht⸗ glaͤubigen Volke Englands mit dem zweifelloſeſten Glauben angenommen.“ „Dieß iſt eine ſonderbare Taͤuſchung; ein Aufſtand ohne einen wirklichen Grund,“ antwortete Julian. „Ich bin nicht bigott, Couſin, aber doch eine Katholikin,“ erwiederte die Graͤfin.„Ich habe lange gefuͤrchtet, daß der wohlgemeinte Eifer unſerer Prieſter, die Mitglieder unſerer Kirche zu vermeh⸗ — 147 ren, ihnen den Argwohn der Engliſchen Nation zu⸗ ziehen wuͤrde. Dieſe Bemuͤhungen ſind mit doppel⸗ ter Energie erneuert worden, ſeitdem der Herzog von York ſich zu dem katholiſchen Glauben hielt; und daſſelbe Ereigniß hat den Haß und die Eifer⸗ ſucht der Proteſtanten verdoppelt. So weit, fuͤrcht ich, mag hier gerechte Urſache zum Argwohn ſein, daß der Herzog ein beſſerer Katholik, als ein Eng⸗ laͤnder iſt, und daß Bigotterie ſich ſeiner bemaͤchtigt hat, ſo wie Geiz oder die armſelige Habſucht eines Verſchwenders ſeinen Bruder in Verbindungen mit Frankreich verwickelt hat, woruͤber England nur zu viel Grund ſich zu beklagen haben mag. Aber die groben, plumpen und handgreiflichen Unwahrheiten von Verſchwoͤrung und Mord, Blutvergießen und Brand,— die eingebildeten Armeen— die beab⸗ ſichtigten Metzeleien— bilden eine Sammlung von Falſchheiten, die man ſelbſt fuͤr den rohen Appetit des Poͤbels zum Wunderbaren und Schauderhaften unverdaulich finden ſollte, welche aber nichts deſto weniger als Wahrheit von beiden Haͤuſern des Par⸗ laments angenommen und von Keinem in Zweifel gezogen werden, der der verhaßten Benennung eines Freundes der blutigen Papiſten und eines Beguͤn⸗ ſtigers ihrer hoͤlliſch grauſamen Entwuͤrfe entgehen will.— au G2 148— „Aber was ſagen Diejenigen, die hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich durch dieſe wilden Geruͤchte in Anſpruch genommen werden?“ ſagte Julian.„Was ſagen die Engliſchen Katholiken ſelbſt?— eine große und reiche Gemeinde, die ſo viele edle Namen in ſich ſchließt?“ „Ihre Herzen ſind in ihnen wie todt,“ antwortete die Graͤfin.„Sie gleichen Schafen, die in den Fleiſchbaͤnken eingeſperrt ſind, damit der Fleiſcher ſich die beſten ausleſe. In den dunkeln und kurzen Nachrichten, die ich von einer ſichern Hand gehabt habe, erwarten ſie nur ihren eignen und unſern gaͤnzlichen Untergang— ſo allgemein iſt die Nieder⸗ geſchlagenheit, ſo allgemein die Verzweiflung.“ „Aber der Koͤnig,“ ſagte Peveril,—„der Koͤ⸗ nig und die proteſtantiſchen Royaliſten— was ſagen ſſe zu dem ſich erhebenden Sturm?“ „Karl,“ antwortete die Graͤſin,„mit ſeiner ge⸗ wohnten ſelbſtſuͤchtigen Kiugheit, unterwirft ſich ge⸗ genwaͤrtig dem Ungewitter, und wird eher Strick und Beil ihr Werk an den unſchuldigſten Menſchen in ſeinen Laͤndern verrichten laſſen, als eine Stunde des Vergnuͤgens verlieren, um ihre Rettung zu un⸗ ternehmen. Und was die Royaliſten betrifft, ſo hat ſie entweder der allgemeine Wahnſinn ergriffen, der die Proteſtanten uͤberhaupt befallen hat, oder ſie — 149 halten ſich entfernt und neutral, in Furche, irgend einen Antheil an den ungluͤcklichen Katholiken zu be⸗ weiſen, damit ſie nicht dieſen gleich und fuͤr Befoͤr⸗ derer der furchtbaren Verſchwoͤrung gehalten werden, in die ſie verwickelt ſein ſollen. In Wahrheit, ich kann ſie nicht tadeln. Es iſt ſchwerlich zu erwarten, daß bloßes Mitleiden fuͤr eine verfolgte Serte— oder, was noch ſeltener iſt, eine abſtracte Liebe zur Gerechtigkeit— maͤchtig genug ſein ſollte, die Men⸗ ſchen zu bewegen, ſich der erwachten Wuth eines gan⸗ zen Volks auszuſetzen; denn im gegenwaͤrtigen Zu⸗ ſtande der allgemeinen Bewegung, wird Jeder, der nur das Geringſte von den ungeheuern Unwahr⸗ ſcheinlichkeiten, welche dieſe elenden Angeber aufge⸗ haͤuft haben, bezweifelt, augenblieklich nieder gehetzt, als einer, der die Entdeckung des Complotts erſticken wollte. Es iſt in der That ein furchtbares Unge⸗ witter; und ſo entfernt wir auch von ſeinem Um⸗ kreiſe liegen, ſo muͤſſen wir doch bald befuͤrchten, ſeine Wirkungen zu empfinden.“ „Lord Derby ſagte mir ſchon Etwas hiervon,“ ſagte Julian;„und daß es Agenten auf dieſer Inſel gaͤbe, die einen Aufſtand erregen wollten.“ „Ja,“ antwortete die Graͤfin, und ihr Auge ſpruͤhte Feuer, indem ſie ſo ſprach;„und waͤre auf meinen Rath gehoͤrt worden, ſo haͤtte man ſie auf G 3 150— der That ergriffen, und waͤre ſo mit ihnen verfah⸗ ren, daß alle andere gewarnt worden waͤren, die eine unabhaͤngige Gewalt auf ſolche Weiſe ſuchten. Aber mein Sohn, der gewoͤhnlich ſo ſtrafbar nachlaͤſſig in ſeinen eigenen Angelegenheiten iſt, beliebte die Be⸗ ſorgung derſelben bei dieſer Kriſis zu uͤbernehmen.“ „Ich bin gluͤcklich zu hoͤren, gnaͤdige Graͤfin,“ antwortete Peveril,„daß die Vorſichtsmaßregeln, die mein Verwandter befolgte, die vollſtaͤndige Wir⸗ kung gehabt haben, die Verſchwoͤrung zu vereiteln.“ „Fuͤr jetzt, Julian; aber ſie haͤtten von der Art ſein ſollen, daß ſie die Kuͤhnſten zittern gemacht haͤt⸗ ten, an ſolche Angriffe auf unſere Rechte fuͤr die Zu⸗ kunft zu denken. Allein Derby's gegenwaͤrtiger Plan fuͤhrt groͤßere Gefahr mit ſich; und doch iſt Etwas von Tapferkeit darin, womit ich ſympa⸗ thiſire.“— „Was iſt es, gnaͤdige Graͤfin?“ fragte Julian unruhig;„und worin kann ich helfen, oder die Ge⸗ fahr abwenden?“ „Er iſt willens,“ ſagte die Graͤfin,„ſogleich nach England abzureiſen. Er iſt, wie er ſagt, nicht blos das Lehnsoberhaupt einer kleinen Inſel, ſondern auch einer von den edlen Pairs von England, welcher nicht in der Sicherheit eines entfernten unbekannten Schloſſes zuruͤckbleiben darf, wenn ſein oder ſeiner 151 Mutter Name vor ſeinem Koͤnig und Volke ver⸗ leumdet wird. Er will, wie er ſagt, ſeine Stelle im Oberhauſe einnehmen, und oͤffentlich fuͤr den ſeinem Hauſe durch meineidige und eigennuͤtzige Zeu⸗ gen angethanen Schimpf Gerechtigkeit fordern.“ „Es iſt ein edelmuͤthiger Entſchluß, wie er mei⸗ nes Freundes wuͤrdig iſt,“ ſagte Peveril. Ich will mit ihm gehen, und ſein Schickſal mit ihm theilen, wie es auch ausfalle.“ „Ach, thoͤrichter Juͤngling!“ antwortete die Graͤfin;„Sie koͤnnen eben ſo gut einen hungrigen Loͤwen um Mitleid bitten, als ein vorurtheilsvolles und wuͤtendes Volk um Gerechtigkeit. Dieſe Men⸗ ſchen ſind wie Wahnſinnige auf der hoͤchſten Stufe ihrer Tollheit, welche ohne Gewiſſensbiſſe die beſten und theuerſten Freunde morden, und blos, wenn ſie von ihrer Verruͤckung hergeſtellt ſind, ſich uͤber ihre Grauſamkeit wundern und ſie beweinen.“ „Verzeihen Sie, theuerſte Graͤfin,“ ſagte Ju⸗ lian,„das iſt nicht moͤglich. Das edle und groß⸗ muͤthige Volk von England kann nicht ſo ſeltfam irre gefuͤhrt werden. Was fuͤr Vorurtheile auch immer unter dem gemeinern Volke herrſchen moͤgen, die Haͤuſer der Geſetzgebung koͤnnen nicht davon an⸗ geſteckt ſein— ſie werden ſich ihrer eignen Wuͤrde erinnern.“ G 4 152 — „Ach! Couſin,“ antwortete die Graͤfin,„wann erinnerten ſich Englaͤnder, ſelbſt vom hoͤchſten Range, irgend einer Sache, ſobald ſie vom ungeſtuͤmen Par⸗ teigeiſte hingeriſſen wurden? Selbſt diejenigen, wel⸗ che zu viel Verſtand haben, um die unglaublichen Erdichtungen fuͤr wahr zu halten, die den großen Haufen taͤuſchen, werden ſich huͤten, ſie zu verwer⸗ fen, wenn ihre eigene politiſche Partei durch An⸗ nahme ihrer Glaubwuͤrdigkeit einen augenblicklichen Vortheil gewinnen kann. Unter Solchen auch hat Ihr Verwandter Freunde und Anhaͤnger gefunden. Mit Vernachlaͤſſigung der alten Freunde ſeines Hau⸗ ſes, als zu ernſthafter und zerimonioͤſer Geſellſchaf⸗ ter fuͤr den aufgeweckten Ton der jetzigen Zeit, hat er Umgang gepflogen mit dem gewandten Shaftes⸗ bury— dem merkurialiſchen Buckingham,— Maͤn⸗ nern, die ſich nicht bedenken wuͤrden, dem Volks⸗ Moloch des Tages Alles und Jeden zu opfern— deſſen Fall die Gottheit geneigt machen koͤnnte.— Verzeihen Sie die Thraͤnen einer Mutter, Couſin; aber ich ſehe das Blutgericht zu Bolton wieder auf⸗ gerichtet. Wenn Derby nach London geht, waͤhrend dieſe Bluthunde ihr volles Geſchrei erheben, ſtraf⸗ bar, wie er iſt, und wie ich ihn durch meinen reli⸗ gioͤſen Glauben und durch mein Verhalten auf dieſer Inſel gemacht habe, ſo ſtirht er ſeines Vaters „.———+ 1353 Tod. Und doch zu was anderem ſoll man ſich ent⸗ ſchließen!“— Laſſen Sie mich nach London gehen, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte Peveril, ſehr geruͤhrt von der Be⸗ truͤbniß ſeiner Goͤnnerin;„Ihre Gnaden waren im⸗ mer gewohnt, Etwas auf mein Urtheil zu halten. Ich will das Beſte thun— will mit denen ſprechen, die Sie mir anzeigen, und blos mit dieſen; und ich hoffe, Ihnen bald Nachricht zu ſenden, daß dieſes Blendwerk, ſo ſtark es auch ſei, im Verſchwinden iſt; aufs Schlimmſte, kann ich Sie von der Gefahr, von der Sie oder der Graf bedroht waͤren, unter⸗ richten, und kann auch vielleicht die Mittel anzeigen, ſie zu entfernen.“ Die Graͤfin horchte mit einer Miene, in welcher die Unruhe muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit, die ihr eingab, Peverils edelmuͤthiges Auerbieten anzunehmen, mit ihrer natuͤrlichen uneigennuͤtzigen und edeln Den⸗ kungsart kaͤmpfte.„Denken Sie, was Sie von mir fordern, Julian,“ antwortete ſie mit einem Seufzer.„Verlangen Sie, ich ſoll das Leben des Sohnes meines Freundes jenen Gefahren ausſetzen, denen ich meinen eigenen entziche?— Nein, nim⸗ mer.“ „O nein, meine haune Glaͤfin,“ erwiederte Ju⸗ lian.„Ich laufe nicht dieſelbe Gefahr— meine G 5 .154 Verhaͤltniſſe ſind zwar in meiner eignen Heimat nicht in Dunkelheit verborgen, dort aber zu wenig bekannt, um in dieſem ungeheuern Sammelplatz von Allem, was vornehm und reich iſt, bemerkt zu werden Keine heimliche Nachrede hat, glaub' ich, meinen Namen, auch nicht unmittelbar, mit jener Verſchwoͤ⸗ rung in Verbindung gebracht. Ich bin vor Allem Proteſtant, und kann keines mittelbaren oder un⸗ mittelbaren Verkehrs mit der roͤmiſchen Kirche be⸗ ſchuldigt werden. Meine Verbindungen habe ich auch unter Solchen, die, wenn ſie ſich mir nicht be⸗ freunden wollen oder koͤnnen, mir wenigſtens nicht gefaͤhrlich zu werden vermoͤgen. Mit einem Worte, ich laufe keine Gefahr, wo der Graf allerdings Viel wagen duͤrfte.“ „Ach!“ ſprach die Graͤfin,„alle dieſe edlen Aeußerungen moͤgen wahr ſein; aber ſie konnten nur von einer verwitweten Mutter angehoͤrt werden. Selbſtſuͤchtig, wie ich bin, kann ich nur bedenken, daß meine Verwandte in allen Vorfaͤllen die Stuͤtze eines zaͤrtlichen Ehegatten hat— das iſt das inter⸗ eſſirte Raiſonnement, dem wir uns nicht ſchaͤmen, unſere beſſern Gefuͤhle zu unterwerfen.“ „Nennen Sie es nicht ſo, gnaͤdige Frau I ant⸗ wortete Peveril;„betrachten Sie mich nur als den juͤngern Bruder meines Couſins. Sie haben immer — — 155 bei mir die Pflichten einer Mutter erfaͤllt; und ha⸗ ben ein Recht auf meinen kindlichen Dienſt, waͤre es auch auf eine zehnmal groͤßere Gefahr, als eine Reiſe nach London, die Stimmung der Zeiten zu er⸗ forſchen. Ich will ſogleich gehen, und dem Grafen von meiner Abreiſe Nachricht geben.“ „Bleiben Sie, Julian,“ ſagte die Graͤfin; „wenn Sie die Reiſe zu unſerm Beſten unternehmen — und ach! ich habe nicht Edelmuth genug, Ihr edles Anerbieten auszuſchlagen— ſo muͤſſen Sie allein gehen, und ohne mit Derby davon zu ſprechen. Ich kenne ihn zu gut; ſein Leichtſinn iſt frei von niedriger Selbſtſucht, und um alle Welt wuͤrde er nicht zugeben, daß Sie die Inſel Man ohne ſeine Geſellſchaft verließen. Und wenn er mit Ihnen ginge, ſo wuͤrde Ihre edle und uneigennuͤtzige Guͤte 4 nichts helfen— Sie wuͤrden nur ſeinen Untergang theilen, wie der Schwimmer, der einen unterſinken⸗ den Menſchen retten will, in ſein Schickſal ver⸗ wickelt wird, wenn er den Leidenden ſich an ihn an⸗ haͤngen laͤßt.”“ „Es ſoll geſchehen, wie Sie wuͤnſchen, gnaͤdige Graͤfin,“ ſprach Peveril.„Ich bin bereit, in einer 3 halben Stunde nach erhaltener Anzeige abzureiſen.“ „Dieſe Nacht alſo,“ ſagte die Graͤfin nach einer augenblicklichen Pauſe— dieſe Nacht will ich die p 156 geheimſte Veranſtaltung zur Ausfuͤhrung Ihres edeln Vorhabens treffen; denn ich moͤchte nicht das Vor⸗ urtheil gegen Sie erregen, das ſogleich entſtehen wuͤrde, wenn es bekannt waͤre, daß Sie nur vor Kurzem dieſe Inſel und ihre papiſtiſche Gebieterin verlaſſen haͤtten. Sie werden vielleicht wohl thun, wenn Sie in London einen erdichteten Namen an⸗ nehmen.“ „Verzeihen Sie, theure Graͤfin,“ ſagte Julian; „ich will nichts thun, was ohne Noth die Aufmerk⸗ ſamkeit auf mich ziehen koͤnnte; aber einen erdichte⸗ ten Namen zu fuͤhren, oder, außer dem eingezogen⸗ ſten Leben, irgend eine Verkleidung zu gebrauchen, wuͤrde, duͤnkt mir, eben ſo unweiſe als unwuͤrdig ſein; und ich wuͤrde es, wenn ich in Anſpruch ge⸗ nommen wuͤrde, nicht leicht als vertraͤglich mit voll⸗ kommener Redlichkeit der Abſichten zu rechtfertigen wiſſen.“ „Ich glaube, Sie haben Recht,“ ſagte die Graͤ⸗ ſin, nach augenblicklicher Ueberlegung, und ſetzte dann hinzu:„Ohne Zweifel wollen Sie durch Der⸗ byſhire reiſen und das Schloß Martindale be⸗ ſuchen?“ „Ich wuͤrde es gewiß wuͤnſchen, gnaͤdige Frau,“ antwortete Peveril,„wenn die Zeit es erlaubte, und die Umſtaͤnde es rathſam machten.“ 1— 157 „Das werden Sie ſelbſt am beſten beurtheilen koͤnnen,“ antwortete die Graͤfin.„Beſchleunigung 2 iſt unſtreitig zu wuͤnſchen; auf der andern Seite werden Sie, wenn Sie von Ihrem Familienſitz an⸗ — kommen, weniger ein Gegenſtand des Zweifels und Argwohns ſein, als wenn Sie von hier ankaͤmen, ohne ſelbſt Ihre Eltern zu beſuchen. Sie muͤſſen in dieſem— in Allem— ſich durch Ihre eigene Klugheit leiten laſſen. Gehen Sie, mein theuerſter Sohn; denn mir ſollen Sie ſo theuer ſein, wie ein Sohn— gehen Sie, und ruͤſten ſich zu Ihrer Reiſe. Ich will geſchwind einige Depeſchen beſorgen und einen Zuſchuß an Geld— Nein, weigern Sie ſich nicht. Bin ich nicht Ihre Mutter, und vollziehen Sie nicht eines Sohnes Pflicht? Beſtreiten Sie mir nicht mein Recht, Ihre Ausgaben zu tragen. Auch iſt dieß nicht Alles; denn da ich es Ihrem Eifer und Ihrer Klugheit anvertrauen muß, wann es die Ge⸗ legenheit fordern wird, zu unſerm Beſten zu han⸗ deln, ſo will ich Sie mit kraͤftigen Empfehlungen an unſere Freunde und Verwandte verſehen, und ſie bitten und es Ihnen auftragen, Ihnen alle Huͤlfe zu leiſten, die Sie entweder zu Ihrem eigenen Schutz — oder zur Befoͤrderung Ihrer Abſichten fuͤr unſere Sache wuͤnſchen koͤnnen.“ — Peveril widerſetzte ſich nicht weiter einer Verfuͤ⸗ 158— gung, welche in Wahrheit der mittelmaͤßige Zuſtand ſeiner eigenen Finanzen faſt unentbehrlich machte, ausgenommen unter ſeines Vaters Unterſtuͤtzung; und die Graͤfin gab ihm Wechſelbriefe zu dem Be⸗ trage von zweihundert Pfund, auf einen Kaufmann in die Hand. Sie entließ Julian dann auf eine Stunde, nach welcher ſie, wie ſie ſagte, wieder um ſeine Gegenwart bitten muͤßte. G Die Vorbereitungen zu ſeiner Reiſe waren nicht von der Art, daß ſie die Gedanken, die ihn druͤckten, haͤtten zerſtreuen koͤnnen. Er fand, daß eine halb⸗ ſtuͤndige Unterredung ſeine unmittelbaren Ausſichten und ſeine Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft wieder einmal voͤllig veraͤndert hatte. Er hatte der Graͤfin von Derby einen Dienſt angeboten, den ihre ſich immer gleiche Guͤte aus ſeiner Hand wohl verdiente; aber durch die Annahme deſſelben kam er auf den Punkt, von Alexie Bridgenorth zu einer Zeit getrennt zu werden, da ſie ihm durch das Bekenntniß einer ge⸗ genſeitigen Leidenſchaft theurer, als je geworden war. Ihr Bild erhob ſich vor ihm, ſo wie er ſie an jenem Tage an ſeine Bruſt gedruͤckt hatte— ihre Stimme toͤnte in ſein Ohr, und ſchien zu fragen, ob er ſie in der bedenklichen Zeit der Gefahr, die Alles als be⸗ vorſtehend ankuͤndigte, verlaſſen koͤnne. Aber Julian Peveril war, ungeachtet ſeiner Jugend, ſtreng in ———— — 159 Beurtheilung ſeiner Pflicht, und feſt entſchloſſen, ſi zu vollziehen. Er uͤberließ ſich nicht ſeiner Einbil⸗ dungskraft, die ſich darbietende Erſcheinung weiter zu verfolgen; ſondern ergriff entſchloſſen die Feder, und ſchrieb an Alexien folgenden Brief, der ſeine Lage ſchilderte, ſo wie es ihm die gerechte Ruͤckſicht auf die Graͤfin erlaubte. „Ich verlaſſe Sie, theuerſte Alexie,“(ſo lautete der Brief)„ich verlaſſe Sie; und ob ich gleich, in⸗ dem ich es thue, nur Ihrem Befehle gehorche, ſo kann ich doch auf wenig Verdienſt wegen meiner Folgſamkeit Anſpruch machen, weil ich fuͤrchte, ohne hinzu gekommene und hoͤchſt dringende Gruͤnde nicht faͤhig geweſen zu ſein, dieſe Ihre Forderungen zu erfuͤllen. Aber Familienangelegenheiten von Wich⸗ tigkeit noͤthigen mich, ich beſorge, fuͤr mehr, als eine Woche, mich von dieſer Inſel zu entfernen. Meine Gedanken, Hoffnungen und Wuͤnſche werden auf jenen Augenblick gerichtet ſein, der mich wieder nach Black⸗Fort und ſeinem lieblichen Thale bringt. Laſſen Sie mich hoffen, daß die Ihrigen zuweilen auf der einſamen Verbannung weilen, welche nichts, als das Gebot der Pflicht und der Ehre dazu machen konnte. Fuͤrchten Sie nicht, daß ich geſonnen bin, Sie in einen geheimen Briefwechſel zu verwickeln und laſſen Sie es Ihren Vater nicht fuͤrchten. Ich koͤnnte Sie nicht ſo lieben, ohne die Offenheit und Lauterkeit Ihres Weſens; und ich wuͤnſchte nicht, daß Sie dem Major Bridgenorth eine Sylbe von dem verhehlten, was ich hier bekenne. In Hinſicht andrer Dinge, kann er ſelbſt die Wohlfahrt unſers gemeinſchaftlichen Vaterlandes nicht eifriger wuͤn⸗ ſchen, als ich. Verſchiedenheiten koͤnnen vorkommen in Abſicht auf die Art, wie dieſelbe zu erlangen iſt, aber im Grundſatze kann, ich bin davon uͤberzeugt, unſere Denkungsart nur dieſelbe ſein; auch kann ich mich nicht weigern, auf ſeine Erfahrung und Weis⸗ heit zu hoͤren, ſelbſt wenn ſie am Ende mich nicht uͤberzeugen ſollten. Lebe wohl, Alexie, lebe wohl! Viel ließe ſich noch dem ſchwermuͤthigen Worte bei⸗ fuͤgen, aber nichts, das die Bitterkeit des Gefuͤhls ausdruͤckte, womit es geſchrieben wurde. Doch ich koͤnnte es eher immer von neuem hinſchreiben, als die letzte Unterhaltung ſchließen, die ich mit Ihnen auf einige Zeit haben kann. Mein einziger Troſt iſt, daß mein Aufenthalt kaum ſo lange dauern wird, um Sie denjenigen vergeſſen zu laſſen, der Sie nie vergeſſen kann.“ Er hielt das Blatt eine Minute, nachdem er es gebrochen, doch ehe er es geſtegelt hatte, in ſeiner Hand, waͤhrend er ſchnell bei ſich uͤberlegte, ob er ſich nicht gegen Major Bridgenorth auf eine ſo ver; —,———— 7„— — 5 161 bindliche Art ausgedruͤckt haͤtte, welche Hoffnungen des Proſelytismus erregen koͤnnte, die er, wie ſein Gewiſſen ihm ſagte, nicht mit Ehren erfuͤllen konnte. Doch auf der andern Seite hatte er kein Recht, aus dem, was Bridgenorth geſagt hatte, zu ſchließen, daß ihre Grundſaͤtze geradezu unvereinbar waͤren; denn, obgleich der Sohn eines hohen Edelmannes, und in der Familie der Graͤfin von Derby erzogen, war er doch, aus Grundſatz, ein Feind des Vorrechts, und ein Freund der Freiheit des Unterthans. Und mit ſolchen Betrachtungen beſchwichtigte er alle innere Einwuͤrfe uͤͤber den Punkt der Ehre, obgleich ſein Gewiſſen ihm insgeheim zufluͤſterte, daß dieſe ver⸗ ſoͤhnenden Ausdruͤcke gegen den Vater hauptſaͤchlich von der Furcht eingegeben waͤren, daß, waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit, Major Bridgenorth verſucht wer⸗ den moͤchte, den Aufenthaltsort ſeiner Tochter zu veraͤndern, und ſie vielleicht ganz außer ſeinem Be⸗ reich zu entfernen. Rachdem Julian ſeinen Brief geſiegelt hatte, rief er ſeinen Bedienten, und hieß ihn denſelben, im Einſchluß eines an Dlle. Debbitch addreſſirten Brie⸗ fes, in ein Haus in der Stadt Ruſhen, wo Packete und Briefſchaften fuͤr die Familie zu Blackfort ge⸗ woͤhnlich niedergelegt wurden, zu tragen, und zu der Abſicht ſogleich ein Pferd zu nehmen. Auf dieſe Art wurde er eines Dieners los, der in einigem Grade einen Kundſchafter ſeiner Bewegungen haͤtte machen koͤnnen. Dann vertauſchte er ſeine gewoͤhn⸗ liche Kleidung mit einer, die ſich beſſer zur Reiſe ſchickte; und nachdem er eine Partie Waͤſche in den Mantelſack geſteckt hatte, waͤhlte er zur Bewaffnung ein ſtarkes doppelſchneidiges Schwert und ein treffli⸗ ches Paar Piſtolen, welche er ſorgfaͤltig mit doppel⸗ ten Kugeln lud. So geruͤſtet, und mit zwanzig Pfund in ſeiner Boͤrſe, nebſt den erwaͤhnten Wech⸗ ſeln in einer beſondern Brieftaſche verwahrt, war er in Bereitſchaft abzureiſen, ſobald er die Befehle der Graͤfin erhalten wuͤrde. Das erhebende Feuer der Jugend und der Hoff⸗ nung, das fuͤr einen Augenblick durch die ſchmerzhaf⸗ ten und zweifelhaften Umſtaͤnde ſeiner gegenwaͤrtigen Lage und durch die bevorſtehende Trennung gedaͤmpft worden war, erwachte wieder in aller Kraft. Seine Fantaſie, von ſchmerzlichen Erwartungen ſich abwen⸗ dend, ſtellte ihm vor, daß er jetzt in einem entſchei⸗ denden Zeitpunkt ins Leben traͤte, wo Entſchloſſenheit und Talente faſt gewiß das Gluͤck ihrer Beſitzer ma⸗ chen koͤnnten. Wie konnte er ehrenvoller auf die geraͤuſchvolle Buͤhne treten, als in der Sendung eines der edelſten Haͤuſer Englands und in Geſchaͤf⸗ ten fuͤr daſſelbe! Und wuͤrde er ſeine Auftraͤge mit — 163 der zum gluͤcklichen Erfolg noͤthigen Entſchloſſenheit und Klugheit ausrichten, wie viele Vorfaͤlle koͤnnten dem Major Bridgenorth ſeine Vermittelung noth⸗ wendig machen, und ihn ſo in Stand ſetzen, unter den billigſten und ehrenvollſten Bedingungen einen Anſpruch auf ſeine Dankbarkeit und auf die Hand ſeiner Tochter zu begruͤnden!“ Waͤhrend er auf ſo angenehmen, wiewohl nur eingebildeten, Ausſichten verweilte, konnte er ſich nicht enthalten, laut auszurufen:„Ja, Alexie, ich will dich auf eine edle Art gewinnen!“ Die Worte waren kaum ſeinen Lippen entflohen, als er an ſeiner, von dem Bedienten halb offen gelaſſenen, Thuͤre einen Laut, gleich einem tiefen Seufzer, und ſogleich darauf ein leiſes Klopfen hoͤrte.—„Herein!“ rief Julian, etwas beſchaͤmt uͤber ſeine letztere Ausru⸗ fung, und nicht wenig erſchrocken, daß ein Horcher ſie aufgefangen haben moͤchte—„Herein!“ rief er wieder; aber ſein Geheiß wurde nicht erfuͤllt; im Gegentheil ward das Klopfen etwas lauter wieder⸗ holt. Er oͤffnete die Thuͤre, und Fenella ſtand vor ihm. Mit Augen, die von friſchen Thraͤnen roth ſchie⸗ nen, und mit einer Miene der tiefſten Niedergeſchla⸗ genheit machte die kleine Stumme, erſt ihren Buſen beruͤhrend und mit dem Finger winkend, das ge⸗ 3 1 164— woͤhnliche Zeichen, daß ihn die Graͤſin zu ſehen wuͤnſchte; dann wandte ſie ſich, als ob ſie ihn in das Zimmer derſelben fuͤhren wollte. Als er ihr durch die langen dunkeln gewoͤlbten Gaͤnge, welche zwi⸗ ſchen den verſchiedenen Gemaͤchern des Schloſſes Verbindung unterhielten, nachfolgte, konnte es ihm nicht entgehen, daß ihr gewoͤhnliches leichtes Trip⸗ peln mit einem langſamen, traurigen Schritte ver⸗ tauſcht war, den ſie mit leiſen unartikulirten Weh⸗ klagen begleitete,(die ſie wahrſcheinlich um ſo weniger zu unterdruͤcken vermochte, weil ſie nicht beurtheilen konnte, in wiefern ſie hoͤrbar waͤren), wie auch mit einem Haͤnderingen und andern Zeichen der aͤußerſten Betruͤbniß. In dieſem Augenblick fuhr Peverilen ein Ge⸗ danke durch die Seele, der, trotz ſeiner beſſern Ein⸗ ſicht, ihn unwillkuͤrlich ſchaudern machte. Als ein Abkoͤmmling der Peverile von dem Gipfel und lange wohnhaft auf der Inſel Man, war er mit vielen aberglaͤubiſchen Sagen bekannt, und beſonders mit einem Glauben, welcher der maͤchtigen Familie der Stanley als ihren beſondern Schutzgeiſt ein weibli⸗ ches Weſen beilegte, das durch ſein Geſchrei boͤſe Zeiten zu verkuͤndigen pflegte, und welches man ge⸗ woͤhnlich vor dem Tode einer zur Familie gehoͤrigen angeſehenen Perſon weinen und wehklagen hoͤrte. —— 165 Fuͤr einen Augenblick konnte Julian ſich nicht von dem Glauben losmachen, daß die weinende, in un⸗ verſtaͤndliche Laute ausbrechende Geſtalt, die vor ihm mit einer Lampe in der Hand hinzog, der Genius vom Geſchlecht ſeiner Mutter waͤre, und ihm ſein vorherbeſtimmtes Verderben ankuͤndigte. Es fiel ihm den Augenblick als verwandte Bemerkung ein, daß, wenn der Aberglaube, der ihm in Anſehung Fenella's durch den Kopf gegangen war, Recht haͤtte, ihre unglaubliche Anhaͤnglichkeit an ihn, gleich der des prophetiſchen Geiſtes an ſeiner Familie, nichts als Ungemach, Leidweſen und Wehe bedeuten koͤnnte. Siebentes Kapitel. De Gegenwart der Graͤfin vertrieb die aberglaͤu⸗ biſchen Gefuͤhle, die fuͤr einen Augenbliek ſich der Einbildungskraft Julians bemaͤchtigt hatten, und noͤ⸗ thigte ihn, Gegenſtaͤnden des gewoͤhnlichen Lebens ſeine Aufmerkſamkeit zu widmen.„Hier ſind Ihre Creditzve,“ ſagte ſie, indem ſie ihm ein kleines ſorg⸗ fältig in ein Futteral von Seehundsfell eingeſchlage⸗ nes Paket gab; Sie thun beſſer, ſie vor Ihrer 166— Ankunft in London nicht zu oͤffnen. Laſſen Sie ſich nicht befremden, ein oder zwei Briefe an Maͤnner meines eignen Glaubens darunter zu finden. Sie werden, um unſer Aller Sache willen, bei Abgabe von dieſen beſonders vorſichtig ſein.“ „Ich gehe in Ihrem Auftrage, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte Peveril,„und was Sie mir anvertrauen moͤ⸗ gen, deſſen Beſorgung uͤbernehme ich. Doch verzei⸗ hen Sie mir den Zweifel, ob eine Unterredung mit Katholiken in dieſem Augenblick den Zweck meiner Sendung befoͤrdern werde.“ „Sie ſind ſchon von dem allgemeinen Argwohn dieſer gottloſen Sekte angeſteckt,“ ſagte die Graͤſin laͤchelnd,„und ſind um ſo tuͤchtiger, unter die Eng⸗ laͤnder in ihrer gegenwaͤrtigen Stimmung ſich zu be⸗ geben. Aber, mein vorſichtiger Freund, dieſe Briefe ſind ſo addreſſirt, und die Perſonen, an die ſie ad⸗ dreſſirt ſind, ſind ſo unkenntlich gemacht, daß Sie keine Gefahr laufen werden, mit ihnen Verkehr zu haben. Wirklich werden Sie ohne ihre Huͤlfe nicht faͤhig ſein, den genauen Unterricht zu erhalten, den Sie ſuchen. Niemand kann ſo beſtimmt ſagen, wie der Wind ſteht, als der Steuermann, deſſen Schiff dem Ungewitter ausgeſetzt iſt. Ueberdieß, ob ihr Proteſtanten gleich unſerer Prieſterſchaft die Unſchuld der Taube abſprecht, ſo ſeid ihr doch bereitwillig ge⸗ — 167 nug, uns ein volles Maaß von der Klugheit der Schlange zuzugeſtehen;— mit andern Worten, ihre Mittel der Belehrung ſind ausgedehnt, und es fehlt ihnen auch nicht an dem Vermoͤgen, ſie anzuwenden. Ich wuͤnſche Ihnen daher, daß Sie, wo möͤglich, ihre Kenntniß und ihren Rath benutzen moͤgen.“ „Was Sie auch immer mir als einen Theil mei⸗ ner Pflicht auflegen moͤgen, gnaͤdige Graͤfin, verlaſſen Sie ſich darauf, es ſoll puͤnktlich vollzogen werden,“ antwortete Peveril.„Und nun, da der Aufſchub der Ausfuͤhrung eines einmal gefaßten Vorſatzes wenig nutzen kann, ſo laſſen mich Ihre Gnaden Ihre Wuͤnſche in Anſehung meiner Abreiſe wiſſen.“ „Sie muß ploͤtzlich und geheim geſchehen,“ ſagte die Graͤfin;„die Inſel iſt voll Spione, und ich wuͤnſche nicht, daß einer derſelben erfuͤhre, daß ein Abgeſandter von mir von Man nach London zu reiſen im Begriff waͤre.— Koͤnnen Sie in Bereitſchaft ſein, morgen an Bord zu gehen?“ „Dieſe Nacht— dieſen Augenblick,“ ſagte In⸗ lian,„wenn Sie es wuͤnſchen; mein kleines Reiſe⸗ geraͤth iſt voͤllig in Ordnung.“ „So ſein Sie denn in Ihrem Zimmer zwei Stunden nach Mitternacht bereit. Ich will Jemand ſchicken, der Sie ruft; denn unſer Geheimniß muß fuͤr jetzt ſo wenig als moͤglich mitgetheilt werden. Eine fremde Schaluppe wird gemiethet, Sie uͤber⸗ zufahren; dann nehmen Sie den kuͤrzeſten Weg nach London bei dem Schloß Martindale, oder anders, wie Sie es am rathſamſten finden. Wann es noͤ⸗ thig iſt, Ihre Abweſenheit bekannt zu machen, will ich ſagen, Sie waͤren zum Beſuch Ihrer Eltern ge⸗ reiſt. Aber halt— Sie reiſen zu Pferde, folglich uͤber Whitehaven. Sie haben zwar Wechſel; ſind Sie aber mit baarem Gelde verſehen, um ſich ein gutes Pferd anzuſchaffen?“ „Ich habe Geld genug, gnaͤdige Frau,“ antwor⸗ tete Peveril,„und gute Gaule gibt es die Menge in Cumberland. Man kann da gute wohlfeil er⸗ halten.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf nicht,“ ſagte die Graͤ⸗ ſin.„Hier iſt, womit Sie das beſte Pferd an der Graͤnze kaufen koͤnnen.— Koͤnnen Sie ſo unklug ſein, es abzuſchlagen?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihm eine ſchwere Boͤrſe aufnoͤthigte, die er anneh⸗ men mußte. 4 „Ein gutes Pferd, Julian,“ ſagte die Graͤfin, „und ein gutes Schwert ſind, naͤchſt einem guten Kopfe und Herzen, die Talente eines Edelmannes.“ „Ich kuͤſſe Ihnen die Haͤnde, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte Peveril,„und bitte Sie ergebenſt, zu glauben, daß, was auch in meinem gegenwaͤrtigen Unterneh⸗ — 5. ——ÿ—;—õ—.— — 169 men fehlſchlagen mag, mein Vorſatz, Ihnen, meiner edlen Verwandten und Wohlthaͤterin, zu dienen, wenigſtens niemals wanken oder weichen kann.“ „Ich weiß es, mein Sohn, ich weiß es; und Gott mag es mir verzeihen, wenn meine Aengſtlich⸗ keit fuͤr Ihren Freund Sie in Gefahren ſendet, die er haͤtte uͤbernehmen ſollen. Reiſen Sie gluͤcklich; die Heiligen und Engel moͤgen Sie ſchuͤtzen. Fenella ſoll meinem Sohne ſagen, daß Sie auf Ihrem eige⸗ nen Zimmer zu Abend ſpeiſen. Das will ich auch: denn dieſe Nacht wuͤrde mir's unmoͤglich ſein, mei⸗ nem Sohn ins Geſicht zu ſehen. Wenig Dank wird er mir's wiſſen, daß ich Sie ſtatt ſeiner in Auftraͤgen reiſen laſſe; und Viele werden fragen, ob es der Lady Latham aͤhnlich ſaͤhe, den Sohn ihres Freundes in eine Gefahr zu ſtuͤrzen, die ihr eigener haͤtte uͤbernehmen ſollen. Aber ach, Julian, ich bin jetzt eine verlaſſene Witwe, die der Kummer ſelbſt⸗ ſuͤchtig gemacht hat.“ o0 nein, meine gnaͤdige Graͤſin,“ antwortete Peveril,„es ſieht der Lady von Latham noch weni⸗ ger aͤhnlich, Gefahren zu beſorgen, die gar nicht vor⸗ handen ſein moͤgen, und denen ich, wenn ſie wirklich entſtaͤnden, weniger unterworfen bin, als mein edler Verwandter. Leben Sie wohl! Aller Seegen ſei mit Ihnen! gnaͤdige Frau. Empfehlen Sie mich — II. H 170— dem Grafen, und entſchuldigen mich bei ihm. Ich will die Abrufung zwei Stunden nach Mitternacht erwarten.“ Sie nahmen einen zaͤrtlichen Abſchied von einan⸗ der, um ſo zaͤrtlicher allerdings von Seiten der Graͤ⸗ fin, da ſie ihr edles Gemuͤth nicht ganz mit dem Gedanken ausſoͤhnen konnte, Peveril zum Beſten ihres Sohnes der Gefahr auszuſetzen; und Julian begab ſich auf ſein einſames Zimmer. Sein Bedienter brachte ihm bald darauf Wein und Erfriſchungen, welchen er, ungeachtet der man⸗ cherlei Dinge, die ſeinen Geiſt beſchaͤftigen mußten, doch ihr Recht widerfahren zu laſſen wußte. Als aber dieß nothwendige Geſchaͤft verrichtet war, be⸗ gannen ſeine Gedanken wie eine unruhige Flut her⸗ beizuſtroͤmen— zugleich das Vergangene zuruͤckru⸗ fend, und das Zukuͤnftige vorbildend. Es war um⸗ ſonſt, daß er ſich in ſeinen Reiſemantel huͤllte, und auf das Bette gelegt, zu ſchlafen ſuchte. Die Un⸗ gewißheit der Ausſicht vor ihm— der Zweifel, wie Bridgenorth uͤber ſeine Tochter in ſeiner Abweſen⸗ heit verfuͤgen wuͤrde— die Furcht, daß der Major ſelbſt der rachgierigen Graͤfin in die Hande fallen koͤnnte, nebſt einer Menge unbeſtimmter und halb reifer Befuͤrchtungen bewegten ſein Blut, und mach⸗ ten den Schlummer unmoͤglich. Abwechſelnd auf —— 171 dem alten eichenen Armſtuhl zu ruhen, und dem Plaͤtſchern der Wellen unter dem Fenſter, mit dem Geſchrei der Seevoͤgel vermiſcht, zuzuhoͤren; oder das Zimmer mit großen und langſamen Schritten zu durchſchreiten, und dann und wann inne zu hal⸗ ten, um hinaus zu ſehen auf das Meer, wie es unter dem Einfluſſe des Vollmondes ſchlummerte, der jede ſeiner Wellen verſilberte— dieß waren die einzigen Unterhaltungen, die er erfinden konnte, bis eine Stunde nach Mitternacht voruͤber war, und die zweite in ungeduldiger Erwartung des Abrufs zur Abreiſe hingebracht wurde. Endlich kam der Zeitpunkt— auf einen Schlag an ſeine Thuͤre folgte ein leiſes Murmeln, welches ihn vermuthen ließ, daß die Graͤfin wieder ihre ſtum⸗ me Dienerin, als die ſicherſte zollzieherin ihres Willeens bei dieſer Gelegenheit, gebraucht habe. Er fuͤhlte etwas Unſchickliches in dieſer Wahl, und mit einem, dem natuͤrlichen Edelmuth feines Charakters fremden Gefuͤhle von Unmuth erblickte er, als er die Thuͤre oͤffnete, das ſtumme Maͤdchen vor ſich. Die Lampe, die er in der Hand hielt, zeigte ſeine Zaͤge deutlich, und ließ Fenella wahrſcheinlich den Ausdruck, der ſie belebte, bemerken. Sie ſchlug ihre großen dunkeln Angen zu Boden, und gab ihm, ohne ihm wieder ins Geſicht zu ſehen, ein Zeichen, H 2 172—— ihr zu folgen. Er zoͤgerte nicht laͤnger, als noͤthig war, die Piſtolen in ſeinem Gurt zu verwahren, wickelte ſich dichter in ſeinen Mantel, und nahm ſei⸗ nen kleinen Mantelſack unter den Arm. So geruͤſtet folgte er ihr aus dem bewohnten Theile des Schloſ⸗ ſes durch eine Reihe dunkler Gaͤnge, die zu einer Hinterthuͤre fuͤhrten, welche ſie mit einem Schluͤſſel (aus dem Bunde, den ſie am Guͤrtel trug) auf⸗ ſchloß..— Sie ſtanden nun in dem Schloßhofe, im offenen Mondſchein, welcher weiß und ſchauerlich uͤber die mancherlei ſeltſamen und verfallenen(fruͤher erwaͤhn⸗ ten) Gegenſtaͤnde ſchimmerte, und der Scene mehr das Anſehen eines Kirchhofes, als des Innern einer Feſtung gab. Der runde und hohe Thurm— das alte Befeſtigung ſtuͤkk(Katze genannt), mit ſeinen viereckigen Seiten nach den verfallenen Gebaͤuden gerichtet, die ehemals den Namen einer Kathedral⸗ kirche trugen— ſchienen von noch antikerer und re⸗ gelloſerer Geſtalt in dem bleichen Lichte, das ſie jetzt ſehen ließ. Nach einer dieſer Kirchen nahm Fenella jetzt die gerade Richtung, und Julian folgte ihr, ob er gleich den Pfad, den ſie ihn fuͤhren wollte, wohl errieth, und aberglaͤubiſch genug war, zu ſcheuen. Auf einem geheimen Gange durch dieſe Kirche ſtand in vorigen Zeiten die Wachſtube der Beſatzung, wel⸗ — 173 che an den tiefern und aͤußern Befeſtigungswerken lag, mit den Wohngebaͤuden des Schloſſes in Ver⸗ bindung; und durch dieſen Gang wurden die Schluͤſ⸗ ſel des Schloſſes jede Nacht in das Zimmer des Gouverneurs, ſobald die Thore verſchloſſen und die Wachen ausgeſtellt waren, getragen. Die Gewohn⸗ heit wurde zu Jakob des Erſten Zeit aufgegeben, und der Gang verlaſſen, wegen der wohlbekannten Sage vom Manthe- Dog— einem boͤſen Feinde oder Daͤmon, in Geſtalt eines großen, zottigen, ſchwarzen Kettenhundes, der in der Kirche hauſen ſollte. Es wurde andaͤchtig geglaubt, daß in vorigen Zeiten dieß Geſpenſt ſo vertraut mit den Menſchen geworden ſei, um faſt alle Naͤchte in der Wachtſtube zu erſcheinen, indem es aus dem erwaͤhnten Gange zu Nacht herauskam, und ſich bei Tagesanbruch zu⸗ ruͤckzog. Die Soldaten wurden zum Theil mit ſeis ner Gegenwart vertraut, doch nicht ſo ſehr, um ſich eine ausgelaſſene Rede zu erlauben, ſo lange die Er⸗ ſcheinung ſichtbar war; ein durch Berauſchung dreiſt gemachter Kerl ſchwur endlich, er wolle wiſſen, ob es Hund oder Teufel waͤre, und mit gezogenem Schwert verfolgte er das Geſpenſt, bis es ſich in den gewohn⸗ ten Gang zuruͤckzog. Der Mann kehrte in wenig Minuten zuruͤck, durch den Schreck nuͤchtern ge⸗ macht, mit offenem Munde und ſich ſtraͤubendem H 3 — 174 Haar: aber zum Ungluͤck fuͤr die Liebhaber des Wun⸗ derbaren, war er außer Stande, uͤber das geſehene Schreckensbild einen Aufſchluß zu geben. Wegen des boͤſen Geruͤchts von dieſer Wundergeſchichte wurde die Wachtſtube verlaſſen und eine neue gebaut. Gleichfalls hielten die Wachen nach dieſer Zeit eine andere und weitlaͤufigere Verbindung mit dem Gou⸗ verneur oder Seneſchal des Schloſſes; und diejenige, welche durch die verfallene Kirche ging, wurde gaͤnz⸗ lich aufgegeben. Trotz den maͤrchenhaften Schreckniſſen, welche Ueberlieferung an den urſpruͤnglichen Verbindungs⸗ weg geknuͤpft hatte, durchkreuzte nun Fenella, dem jungen Peveril vorangehend, kuͤhn die verfallenen Gewoͤlbe, innerhalb welcher ſie ſich befand— bald nur von dem duͤrftigen Licht der Lampe des ſtummen Maͤdchens uͤber Haufen von Ruinen geleitet— bald einen Schimmer des Mondlichts benutzend, das in die traurige Tiefe durch die Fenſter oder von der Zeit gemachte Spalten herabſiel. Da der Weg gar nicht gerade fortging, ſo mußte Peveril die vertraute Bekanntſchaft ſeiner ſonderbaren Fuͤhrerin mit ſeinen Windungen nicht weniger bewundern, als die Dreu⸗ ſtigkeit, womit ſie dieſelben durchkreuzte. Er ſelbſt war nicht ſo ganz frei von den Vorurtheilen der Zei⸗ ten, daß er nicht mit einiger Beſorgniß die Moͤg⸗ — 175 lichkeit betrachtrte, auf das Lager des geſpenſtiſchen Hundes zu ſtoßen, von dem er ſo oft gehoͤrt hatte, und in jedem entfernten Saͤuſeln des Windes unter den Ruinen glaubte er ihn bei den Fußtritten bellen zu hoͤren, die ſein dunkles Reich beunruhigten. Je⸗ doch ſolche Schreckniſſe unterbrachen ihre Wanderung nicht; und im Verlaufe weniger Minuten erreichten ſie das verlaſſene und nun verfallene Wachthaus. Die zerbrochenen Mauern des kleinen Gebaͤndes dienten, ſie vor den Schildwachen zu verbergen, von dem eine an dem untern Thore des Schloſſes eine ſchlaͤfrige Wache hielt, waͤhrend eine andere auf den, mit dem Parapet und der Graͤnz⸗ und Außenmauer verbundenen, ſteinernen Stufen ſitzend, in voller Sicherheit ſchlummerte, die Muskete friedlich an die Seite geſtellt. Fenella machte Peverilen ein Zeichen, ſtill und behutſam zu gehen, und zeigte ihm dann zu ſeiner Ueberraſchung aus dem Fenſter der verlaſſenen Wachtſtube ein Boot(denn es war kein hohes Waſſer) mit vier Ruderern, unter dem Fel⸗ ſen, auf den das Schloß gebaut war; und ſie machte ihm ferner verſtaͤndlich, daß er zu demſelben mittels einer Leiter von betraͤchtlicher Hoͤhe, die an das Fenſter der Ruine geſtellt war, gelangen muͤßte. Julian war nicht weniger unwillig, als unruhig uͤber die Sicherheit und Sorgloſigkeit der Schildwa⸗ H 4 176— chen, die ſolche Vorbereitungen unbemerkt und ohne Bewegung hatten machen laſſen; und er war un⸗ ſchluͤſſig, ob er nicht den wachhabenden Offizier ru⸗ fen, ihm ſeine Nachlaͤſſigkeit verweiſen, und zeigen ſollte, wie leicht Holm⸗Peel, trotz ſeiner natuͤrlichen Staͤrke, und obgleich fuͤr unbezwingbar ausgegeben, von wenigen entſchloſſenen Maͤnnern uͤberrumpelt werden koͤnnte. Fenella ſchien ſeine Gedanken mit der ausnehmenden Schaͤrfe der Beobachtung zu er⸗ rathen, welche die Entbehrung des Gehoͤrs und der Sprache ſie hatte erlangen laſſen. Sie legte die Hand an ſeinen Arm, und einen Finger der andern an ihre Lippen, als wenn ſie ihm Nachſicht geboͤte; und Julian, wohl wiſſend, daß ſie unter unmittelba⸗ rem Auftrage der Graͤfin handelte, gehorchte ihr dieſem gemaͤß, aber mit dem innern Entſchluſſe, keine Zeit zu verlieren, um dem Geafen uͤber die Gefahr, welcher das Schloß in dieſem Punkt ausgeſetzt waͤre, ſeine Gedanken mitzutheilen. Unterdeſſen ſtieg er die Leiter mit einiger Vor⸗ ſicht hinab; denn die Stufen waren ungleich, abge⸗ nutzt, feucht und ſchluͤpfrig; und nachdem er ſich in den Hintertheil des Boots geſetzt hatte, gab er den Leuten ein Zeichen, abzuſtoßen, und wandte ſich mit einem Lebewohl an ſeine Fuͤhrerin. Zu ſeinem groͤß⸗ ten Erſtaunen ſah er Fenella die gefaͤhrliche Leiter — 177 mehr herabgleiten als ordentlich herabſteigen; und als das Boot ſchon vom Lande geſtoßen war, that ſie mit unglaublicher Gewandtheit einen Sprung von der letzten Stufe, und ſetzte ſich neben Peveril, eh' er noch Vorſtellung dagegen machen oder ſein Be⸗ fremden ausdruͤcken konnte. Er befahl den Leuten, wieder an den einſtweiligen Landungsplatz zuruͤck zu rudern; und indem er in ſeine Miene Etwas von dem Mißfallen legte, das er wirklich fuͤhlte, ſuchte er ihr die Nothwendigkeit ihrer Ruͤckkehr zu ihrer Gebieterin begreiflich zu machen, Fenella faltete ihre Arme, und ſah ihn mit einem ſtolzen Laͤcheln an, welches vollkommen die Beſtimmtheit ihres Vor⸗ ſatzes ausdruͤckte. Peveril war aͤußerſt verlegen; er erſchrak, die Graͤfin zu beleidigen, und durch erreg⸗ ten Laͤrm, wozu er außerdem in große Verſuchung kam, ihren Plan zu ſtoͤren. Bei Fenella konnte offenbar keine Art Vorſtellung den geringſten Ein⸗ druck machen; und es blieb die Frage, wie er, wenn ſie mit ihm fortreiſte, einer ſo ſonderbaren und un⸗ ſchicklichen Geſellſchafterin los werden, und zugleich hinlaͤnglich fuͤr ihre perſoͤnliche Sicherheit ſorgen ſollte. G Die Bootsleute brachten die Sache zu einer Entſcheidung; denn nachdem ſie ihre Ruder fuͤr eine Minute beiſeite gelegt, und mit einander heimlich H 5 178— plattdeutſch geſprochen hatten, fingen ſie an, tuͤchtig fortzurudern, und waren bald in einiger Entfernung vom Schloſſe. Daß die Schildwachen eine Muske⸗ ten? oder ſelbſt eine Kanonenkugel ihnen nachſchicken koͤnnten, war einer von den Zufaͤllen, welche Peveril auf einen Augenblick beunruhigten; aber ſie verließen die Feſtung, ſowie ſie ſich ihr hatten naͤhern muͤſſen, unbemerkt, oder wenigſtens unangerufen— eine Sorgloſigkeit von Seiten der Garniſon, welche, un⸗ geachtet die Ruder verdeckt waren, und die Leute wenig und nur leiſe ſprachen, nach Peverils Mei⸗ nung, eine große Nachlaͤſſigkeit der Schildwachen bewies. Als ſie eine kleine Strecke vom Schloſſe waren, fingen die Leute an, ſtark auf ein kleines Fahrzeug los zu rudern, das in einiger Entfernung lag. Peveril hatte unterdeſſen Muße zu bemerken, daß die Bootsleute zweifelhaft mit einander ſprachen, und unruhige Blicke auf Fenella warfen, als waͤren ſie ungewiß, ob ſie recht gethan, ſie mit fort zu bringen. Nach einem faſt viertelſtuͤndigen Rudern erreich⸗ ten ſie die kleine Schaluppe, wo Peveril von dem Schiffer oder Kapitaͤn auf dem Hinterverdeck mit Darbietung von geiſtigen Getraͤnken oder Erfriſchun⸗ gen aufgenommen wurde. Ein oder ein paar Worte unter den Seeleuten entzogen den Kapitaͤn ſein 8 3 gaſtfreundlichen Geſchaͤften, und er eilte auf die Seite des Schiffs, um, wie es ſchien, Fenella vom Einſteigen in daſſelbe abzuhalten. Die Maͤnner ſprachen eifrig plattddeutſch, und ſahen unruhig auf Fenella, als ſie ſo mit einander redeten, und Peveril hoffte, der Erfolg wuͤrde ſein, daß das arme Maͤd⸗ chen wieder ans Land gebracht wuͤrde. Aber ſie ver⸗ eitelte jeden Widerſtand; und als die Einſteigeleiter weggezogen wurde, erhaſchte ſie das Ende eines Seils, und kletterte mit der Gewandtheit eines Ma⸗ troſen an Bord, und ließ ihnen kein Mittel uͤbrig, ihr den Eintritt zu verwehren, wirkliche Gewalt 4 ausgenommen, zu der ſie wahrſcheinlich nicht ihre 3 Zuflucht nehmen wollten. Einmal auf dem Verdeck, nahm ſie den Kapitaͤn bei dem Aermel und fuͤhrte ihn an die Spitze des Schiffs, wo ſie auf eine bei⸗ 2 den verſtaͤndliche Art ſich einander mitzutheilen ſchienen.. Peveril vergaß bald die Gegenwart der Stum⸗ men, als er uͤber ſeine eigne Lage und uͤber die Wahrſcheinlichkeit nachzudenken anfing, von dem Ge⸗ genſtande ſeiner Zaͤrtlichkeit auf einige Zeit getrennt zu werden.„Beſtaͤndigkeit,“ wiederholte er ſich, „Beſtaͤndigkeit.“ Und, wie im Zuſammentreffen mit dem Gegenſtande ſeiner Betrachtungen, heftete er ſeine Augen auf den Polarſtern, der in jener 180— Nacht mit mehr als gewoͤhnlichem Glanze funkelte. Sinnbild reiner Leidenſchaft und feſten Vorſatzes— die Gedanken, die bei dem Anblicke ſeines hellen und unveraͤnderten Lichts in ihm aufſtiegen, waren unei⸗ gennuͤtzig und edel. Seines Vaterlandes Wohlfahrt zu ſuchen, und die Seegnungen des haͤuslichen Frie⸗ dens zu ſichern— eine kuͤhne und gefaͤhrliche Pflicht fuͤr ſeinen Freund und Goͤnner zu vollziehen— ſeine Leidenſchaft fuͤr Alexie Bridgenorth als ſeinen Leit⸗ ſtern zu edlen Thaten zu betrachten— waren die Entſchließungen, die ſich ihm aufdraͤngten, und ſeinen Geiſt zu jenem Zuſtande romantiſcher Melancholie erhoben, welche vielleicht ſelbſt fuͤr Gefuͤhle freudigen Entzuͤckens nur uͤbel vertauſcht wird. Aus dieſen Betrachtungen wurde er von Etwas geweckt, das ſich leiſe und dicht an ſeine Seite draͤngte; ein weiblicher Seufzer ward ſo nahe bei ihm laut, daß ſeine Traͤumerei geſtoͤrt wurde; und als er den Kopf umdrehte, ſah er Fenella neben ſich ſitzen, die Augen auf denſelben Stern geheftet, der eben die ſeinigen beſchaͤftigt hatte. Seine erſte Re⸗ gung war Mißvergnuͤgen; aber es war unmoͤglich, dabei zu beharren, gegen ein in vieler Hinſicht ſo huͤlfloſes, in anderer ſo intereſſantes Weſen, deſſen große dunkle Augen mit Thau gefuͤllt waren, welcher im Mondlicht 9. azte, und deſſen Gemuͤthsregungen — 181 aus einer Parteilichkeit zu fließen ſchienen, die wohl auf Nachſicht, wenigſtens bei ihm Anſpruch machen konnten, welcher der Gegenſtand derſelben war. Zu derſelben Zeit beſchloß Julian, die gegenwaͤrtige Ge⸗ legenheit zu ergreifen, und der Fenella ihr ſonderba⸗ res Betragen zu verweiſen, ſo gut es nur dem armen Maͤdchen begreiflich gemacht werden koͤnnte. Er nahm mit großer Freundlichkeit ſie bei der Hand, zeigte aber zugleich mit viel Ernſt auf das Boot und auf das Schloß, deſſen Thuͤrme und ausgedehnte Mauern nunmehr in der Entfernung kaum noch ſichtbar waren; und ſo gab er ihr die Nothwendigkeit ihrer Ruͤckkehr nach Holm⸗Peel zu verſtehen. Sie blickte niederwaͤrts und ſchuͤttelte den Kopf, als wolite ſie ſeinen Vorſchlag beſtimmt verweigern. Ju⸗ lian erneuerte ſeine Forderung mit Blick und Ge⸗ baͤhrde— wies auf ſein eignes Herz, die Graͤfin anzudeuten— und faltete ſeine Stirne, das Miß⸗ vergnuͤgen anzuzeigen, das ſie empfinden muͤßte. Auf alles dieß autwortete das Maͤdchen nur mit Thraͤnen. Endlich, wie getrieben durch ſeine wieder⸗ holten Gegenvorſtellungen, faßte ſie ihn ploͤtzlich bei dem Arme, um ſeine Aufmerkſamkeit feſt zu halten — warf ihr Auge haſtig umher, gleichſam um zu ſehen, ob ſie Jemand belauerte— dann zog ſie die andere Hand ſeitwaͤrts um ihren ſchlanken Hals 182—— — wies auf das Boot und das Schloß, und nickte. Dieſe Reihe von Zeichen konnte Peveril nicht anders auslegen, als daß er mit irgend einer perſoͤn⸗ lichen Gefahr bedroht waͤre, vor welcher Fenella's Gegenwart, wie ſie glaubte, ihn beſchuͤtzen wuͤrde, Was auch immer ihre Meinung ſein mochte, ihr Vorſatz ſchien unabaͤnderlich entſchieden; wenigſtens war offenbar, ſie war nicht im Stande, davon abzu⸗ gehen. Er mußte alſo bis zu Ende ihrer kurzen Fahrt warten, um ſich von ſeiner Begleiterin los zu machen; und indem er indeß nach der Idee handelte, daß ſie eine uͤbel angebrachte Anhaͤnglichkeit an ihn haͤgte, fand er es am Beſten, fuͤr ihr Intereſſe und ſeinen eigenen Charakter, ſich ſo viel, als die Um⸗ ſtaͤnde erlaubten, von ihr entfernt zu halten. Mit dieſem Vorſatze, machte er das Zeichen, das ſie fuͤr's Schlafengehn gebrauchte, indem er den Kopf auf ſeine flache Hand legte, und nachdem er ſo ihr die Ruhe empfohlen hatte, verlangte er ſelbſt, nach ſei⸗ nem Schlafort gefuͤhrt zu werden. ** Der Kapitaͤn zeigte ihm ſogleich ein Hangebett in der Hinterkajuͤte; in dieſes begab er ſich, um die Ruhe zu genießen, welche die Bewegung und Unruhe des vorhergegangenen Tages ſowohl, als die ſpaͤte Zeit wuͤnſchenswerth machten. Schlaf, tiefer un 1 “ — 183 ſchwerer Schlaf ſank auf ihn in wenig Minuten, aber er dauerte nicht lange. Er wurde in ſeinem Schlafe durch weibliches Geſchrei geſtoͤrt, und hoͤrte am Ende, wie er glaubte, deutlich die Stimme der Alexie Bridgenorth ihn beim Namen rufen. Er erwachte, und indem er auffuhr, ſein Bette zu verlaſſen, merkte er aus der Bewegung des Schif⸗ fes und aus der Schwingung des Hangebettes, daß ſein Traum ihn getaͤuſcht hatte. Doch wurde er noch immer durch ſeine außerordentliche Lebhaftigkeit erſchreckt.„Julian Peveril, hilf! Julian Peveril!“ Dieſe Toͤne klangen noch in ſeinen Ohren— es wa⸗ ren Laute von Alexiens Stimme— und er konnte ſich kaum uͤberreden, daß ſeine Einbildungskraft ihn getaͤuſcht habe. Konnte ſie auf dem naͤmlichen Schiffe ſein? Der Gedanke war nicht ganz unvereinbar mit ihres Vaters Charakter und mit den Intriguen, in die er verwickelt war; aber, wenn dem ſo war, wel⸗ cher Gefahr war ſie ausgeſetzt, daß ſie ſeinen Namen ſo laut anrief? Entſchloſſen, ſogleich ſich zu erkundigen, ſprang er, halb angekleidet, wie er war, aus ſeiner Haͤnge⸗ matte, und in der kleinen Kajuͤte, die pechfinſter war, umhertappend, erreichte er endlich mit betraͤcht⸗ licher Schwierigkeit die Thuͤre. Die Thuͤre jedoch aufzumachen war er ganz unfaͤhig; er war daher ge⸗ 184— noͤthigt, laut nach der Wache auf dem Verdeck zu rufen. Da der Schiffer oder Capitaͤn, wie er ge⸗ nannt wurde, die einzige Perſon am Bord war, wel⸗ che Engliſch ſprechen konnte, antwortete dieſer dem Ruf, und erwiederte auf Peverils Frage: was das fuͤr ein Geraͤuſch waͤre?— daß ein Boot mit dem jungen Frauenzimmer abgegangen ſei— daß ſie ein wenig gewimmert habe, als ſie das Schiff verlaſſen — und das ſei Alles geweſen.“ Dieſe Erklaͤrung befriedigte Julian, der es nicht unwahrſcheinlich fand, daß ein gewiſſer Grad von Gewalt ſchlechterdings noͤthig geweſen ſein mochte, Fenella zu entfernen, und ob es ihm gleich lieb war, nicht Zeuge davon geweſen zu ſein, ſo war es ihm doch nicht leid, daß ſie angewandt worden war. Ihr hartnaͤckiges Verlangen, am Bord zu bleiben, und die Schwierigkeit, ſich, wenn er ans Land kaͤme, von einer ſo ſonderbaren Gefaͤhrtin zu befreien, hatte ihm ein gutes Theil Unruhe in der vorigen Nacht gemacht, und dieſe ſah er nun durch den kuͤhnen Streich des Capitaͤns gehoben. Sein Traum war ſo voͤlli erklaͤrt. Die Fan⸗ 1 taſie hatte das inartikulirte und heftige Geſchrei, wo⸗ mit Fenella Widerſtand oder Mißvergnuͤgen auszu: druͤcken gewohnt war, aufgefaßt— hatte ſie in Sprache ausgepraͤgt, und ihnen Ton und Stimme — — 185 der Alexie Bridgenorth gegeben. Unſere Einbil⸗ dungskraft ſpielt wildere Streiche mit uns faſt jede Nacht. Der Kapitaͤn offnete nun die Thuͤre, und erſchien mit einer Laterne, ohne deren Huͤlfe Peveril kaum ſein Lager wiedergefunden haͤtte, wo er nun ruhig und geſund ſchlief, bis der Tag ſchon weit vorgeruͤckt war, und die Einladungen des Kapitaͤns ihn zum Fruͤhſtuͤck riefen. Achtes Kapitel. Peveril fand den Kapitaͤn des Schiffs in ziemlichem Grade weniger roh, als Leute dieſes Standes ge⸗ woͤhnlich ſind, und erhielt von ihm voͤllige Befriedi⸗ gung uͤber das Schickſal Fenella's, uͤber welche der Seemann einen herzlichen Fluch ausſtieß, daß ſie ihn genoͤthigt haͤtte, anzulegen, bis er ſein Boor ans Ufer geſchickt hatte, um ſie zuruͤck zu bringen. „Ich hoffe,“ ſagte Peveril,„es war keine Ge⸗ walt noͤthig, um ſie zu bewegen, wieder ans Land zu gehen? Sie wird doch keinen thoͤrichten Wider⸗ ſtand geleiſtet haben?“ „Widerſtand? mein Gott,“ ſagte der Kapitaͤn, 186— „ſie widerſtand gleich einem Trupp Reiter— ſie ſchrie, man haͤtte ſie zu Whitehaven hoͤren koͤnnen— ſie kletterte das Takelwerk hinauf, wie eine Katze in einen Schornſtein; aber das war ein Streich von ihrem alten Gewerbe.“ „O,“ ſagte der Seemann,„ich weiß mehr von ihr, als Sie, mein Herr. Ich weiß, daß ſie ein kleines, ſehr kleines Maͤdchen war, und Lehrling bei einem Seiltaͤnzer, als die gnaͤdige Frau dort das Gluͤck hatte, ſie zu kaufen.“ „Einem Seiltaͤnzer?“ ſagte Peveril.„Wie ſon „Ja, ja, bei einem Luftſpringer, Marktſchreier, Hanswurſt u. dgl. Ich habe wohl gekannt Adrian Brackel— er verkaufte die Pulver, den Magen der Leute auszuleeren, und ſeinen eignen Beutel zu fuͤl⸗ len. Nicht kennen Adrian Brackel, mein Gott! Ich habe manch Pfund Tabak mit 85 ge⸗ ſchmaucht.“ Peveril beſann ſich nun, daß Fenella in die Fa⸗ milie war gebracht worden, als er und der junge Graf in England waren, und waͤhrend die Graͤfin auf einer Reiſe auf dem feſten Lande abweſend war. Wo die Graͤfin ſie gefunden hatte, das hatte ſie den jungen Leuten nie geſagt, ſondern blos zu erkennen gegeben, daß ſie aus Mitleiden ſie angenommen, um ſie aus einer aͤußerſt betruͤbten Lage zu erretten. — 187 Peveril erzaͤhlte dieß dem geſpraͤchigen See⸗ mann. Dieſer ſagte:„von betruͤbter Lage weiß ich nichts; nur daß Adrian Brackel ſie ſchlug, wenn ſie nicht auf dem Seile tanzen wollte, und daß er ſie hungern ließ, als ſie es that, um ihr Wachsthum zu hindern. Der Handel zwiſchen der Graͤfin und dem Marktſchreier, ſagte er, ſei von ihm ſelbſt ge⸗ ſchloſſen worden, weil die Graͤfin ſeine Brigantine zu ihrer Fahrt auf den Continent gemiethet haͤtte. Niemand anders wußte, woher ſie kam. Die Graͤ⸗ ſin hatte ſie auf einer oͤffentlichen Buͤhne zu Oſtende geſehen,— ihre huͤlfloſe Lage und ſtrenge Behand⸗ lung bedauert— und ihn gebraucht, das arme Ge⸗ ſchoͤpf von ihrem Herrn zu kaufen, ihm aber Ver⸗ ſchwiegenheit gegen ihre ganze Dienerſchaft geboten. Und ſo ſchweige ich auch ſtill,“ fuhr der treue Ver⸗ traute fort,„wenn ich in den Haͤfen der Inſel Man bin; wenn ich aber auf der offenen See bin, dann iſt meine Zunge mein eigen, das wiſſen Sie. Die naͤrriſchen Leute auf der Inſel, die ſagen, ſie iſt ein Wechſelbalg, was Sie auf Engliſch nennen a fairy- elf changeling. Meiner Treu, ſie haben noch nie geſehen einen Wechſelbalg; denn ich ſah ſelbſt einen zu Koͤln, und er war zweimal ſo dick, als jenes Maͤdchen, und nahm die armen Leute ſehr mit, in⸗ dem er ſie aufzehrte, wie der große dicke Kukuk im 4 4 3—— —— ⸗ 188— Sperlingsneſt; aber dieſe Fenella ißt nicht mehr, als andere Maͤdchen— ſie war durchaus kein Wech⸗ ſelbalg.“. Durch einen verſchiedenen Ideengang war Julian auf denſelben Schluß gekommen, womit er ſich daher vollkommen bernhigte. Waͤhrend der Seemann ſchwatzte, uͤberlegte er bei ſich ſelbſt, wie viel von der beſondern Geſchmeidigkeit ihrer Glieder und Be⸗ wegungen das ungluͤckliche Maͤdchen der Zucht und Unterweiſung Adrian Brackels zu danken haben muͤßte; und auch inwiefern ihre eigenſinnigen und launiſchen Leidenſchaften waͤhrend ihres Herumzie⸗ hens und der Abenteuer ihrer Kindheit erweckt wor⸗ den ſein moͤchten. Da auch ſeine Erziehung ariſto⸗ kratiſch geweſen war, ſo vermehrten dieſe Anekdoten uͤber Fenella's urſpruͤngliche Lage und Erziehung ſeine Zufriedenheit, ihre Geſellſchaft abgeſchuͤttelt haben; und doch fuͤhlte er den Wunſch, noch mehr beſondere Umſtaͤnde, die der Seemann uͤber dieſen Gegenſtand erzaͤhlen konnte, zu erfahren. Aber die⸗ ſer hatte ihm bereits Alles geſagt, was er wußte. Von ihren Eltern wußte er nichts, außer„daß ihr Vater ein verdammter Hundsfott und ein Schelm geweſen ſein muͤſſe, weil er ſein eignes Fleiſch und Blut an Adrian Brackel verkauft habe;“ denn durch — 189 eine ſolche Verhandlung habe der Marktſchreier ſeine Schuͤlerin bekommen. Dieſe Unterredung diente, alle fluͤchtige Zweifel zu heben, die ſich bei Peveril uͤber die Treue des Schiffsherrn haͤtten einſchleichen moͤgen, welcher von da an ein ehemaliger Bekannter der Graͤfin geweſen zu ſein und einen Theil ihres Zutrauens genoffen zu haben ſchien. Die drohende Bewegung, deren ſich Fenella bediente, betrachtete er nicht mehr der Be⸗ merkung werth, ausgenommen als ein neues Zeichen der Reizbarkeit ihres Temperaments. Er unterhielt ſich im Hin⸗ und Wiedergehen auf dem Verdeck mit Nachdenken uͤber ſeine vergan⸗ genen und gegenwaͤrtigen Ausſichten, bis ſeine Auf⸗ merkſamkeit mit Gewalt durch den Wind angehalten wurde, welcher ſich in Stoͤßen aus Nordweſt zu er⸗ heben anfing, und zwar der Richtung ihrer Fahrt ſo ungaͤnſtig, daß der Capitaͤn, nach manchen Verſuchen, dagegen zu kaͤmpfen, ſich erklaͤrte, ſeine Barke, die keineswegs ein vorzuͤgliches Boot war, koͤnne nicht nach Whitehaven gehen, ſondern er muͤſſe, um den Wind zu benutzen, nach Liverppol fahren. Wider dieſe Richtung ihrer Fahrt wandte Peveril nichts ein. Sie erſparte ihm einen Theil der Landreiſe, im Fall er ſeines Vaters Schloß beſuchte, und der 4 Auftrag der Graͤfin wuͤrde auf dieſem oder jenem Wege gleich wirkſam vollzogen werden. Das Fahrzeug wurde alſo in die Richtung des Windes gebracht, und trieb mit großer Gleichfoͤrmig⸗ 3 keit und Schnelligkeit vorwaͤrts. Der Capitaͤn legte 3 jedoch, mit Vorgeben einiger Gefahr, bei, und ſteuerte nicht eher auf die Muͤndung von Merſey los, als am Morgen, da denn Peveril endlich das Vergnuͤgen hatte, auf dem Kai von Liverpool zu landen, welches eben damals Zeichen ſeines Gluͤckes, im Handel bemerken ließ, das ſeitdem ſo hoch ge⸗ ſtiegen iſt. Der Schiffskapitaͤn, der mit dem Hafen wohl bekannt war, wies Julian ein anſtaͤndiges Wirths⸗ haus an, das haͤufig von Seefahrern beſucht wurde; denn ob Julian gleich ehemals in der Stadt geweſen war, ſo fand er es doch nicht ſchicklich, jetzt an einen Ort zu gehen, wo er unndͤthigerweiſe wieder erkannt wuͤrde. Hier nahm er von dem Capitaͤn Abſchied, nachdem er ihm mit Muͤhe ein kleines Geſchenk fuͤr ſeine Mannſchaft aufgenoͤthigt hatte. Was die Ue berfahrt betraf, ſo lehnte der Capitaͤn alle Bezah⸗ lung ab, und ſie ſchieden im beſten Vernehmen. Das Wirthshaus, in das er empfohlen worden, war voll Fremder, Seeleute und Kaufleute, die alle, mit ihren Angelegenheiten beſchaͤftigt, daruͤber mit — 19¹ dem Eifer und Getoͤſe ſprachen, dergleichen einem lebhaften Seehafen eigenthuͤmlich iſt. Allein obgleich das allgemeine Geſchrei der Gaſtſtube, wo die Gaͤſte ſich unter einander miſchten, hauptſaͤchlich auf ihre eignen Handelsgeſchaͤfte ſich bezog, ſo mengte ſich doch ein allgemeiner Gegenſtand darein, welcher fuͤr alle ein gemeinſames Intereſſe hatte, ſo daß man unter dem Streit uͤber Fracht, Tonnengeld, Wartegeld und dergleichen, die nachdruͤcklichen Ausrufungen hoͤrte:„Weit greifendes, verdammtes, verfluchtes Complott“—„blutige, papiſtiſche Schurken.“— „der Koͤnig in Gefahr— der Galgen zu gut fuͤr ſie“ u. ſ. w. Die in London erregte Gaͤhrung hatte offenbar ſelbſt dieſen entfernten Seehafen erreicht, und wurde von den Einwohnern mit der eignen ſtuͤrmiſchen Energie aufgenommen, welche Leuten in ihrer Lage die Natur der Winde und Wellen, womit ſie haupt⸗ ſaͤchlich zu thun haben, mittheilt. Das kaufmaͤnni⸗ ſche und das Seeweſen betreffende Intereſſe Eng⸗ lands war freilich beſonders antikatholiſch, ob es gleich vielleicht ſchwer iſt, einen deutlichen Grund da⸗ von anzugeben, weil die theologiſchen Streitigkeiten uͤberhaupt ſie doch ſchwerlich intereſſiren konnten. Aber unter den niedern Staͤnden wenigſtens ſteht der Eifer oft im umgekehrten Verhaͤltniſſe zu ihrer — 192 Einſicht; und Seeleute waren wahrſcheinlich um nichts weniger eifrige und andaͤchtige Proteſtanten, weil ſie von den Streitigkeiten zwiſchen den Kirchen nichts verſtanden. Was die Kaufleute betrifft, ſo waren ſie faſt nothwendig dem niedern Adel von Cheſhire und Lancaſhire feind, von welchen viele den Roͤmiſchen Kirchenglauben beibehielten, welcher den Handelsleuten zehnmal verhaßter geworden war, als das Ordensband ihrer ſtolzen ariſtokratiſchen Nachbarn. Nach dem Wenigen, was Peveril von den Ge⸗ ſinnungen des Volks von Liverpool hoͤrte, hielt er es fuͤr ſehr kluͤglich gehandelt, wenn er den Ort ſo bald als moͤglich verließe, und ehe noch ein Verdacht ent⸗ ſtaͤnde, daß er mit einer Partei, die ſo verrufen zu ſein ſchien, einige Verbindung haͤtte. Um ſeine Reiſe zu vollenden, mußte er fuͤr's Erſte ein Pferd kaufen; und deßhalb beſchloß er, ſich zu den Staͤllen eines damals wohlbekannten Roß⸗ haͤndlers zu begeben, der außer den Ringmauern der Stadt wohnte; und nachdem ihm ſeine Wohnung angewieſen worden war, ging er dahin. Joe Bridlesley's Staͤlle boten eine reichliche Auswahl guter Pferde dar; denn dieſer Handel war damals viel allgemeiner im Schwunge, als jetzt. Es war etwas Gewoͤhnliches fuͤr einen Fremden, zu — 193 einer einzigen Reiſe ein Pferd zu kaufen, und es, ſo gut er konnte, nachdem er ſein Ziel erreicht hatte, wieder zu verkaufen; von hier aus war eine ſtete Nachfrage, und an Vorrath fehlte es nicht, wovon Bridlesley und ſeine Genoſſen einen guten Gewinn zu ziehen wußten. Julian, der kein veraͤchtlicher Pferdekenner war, waͤhlte zu ſeinem Zweck ein ſtarkes, wohlgebautes Pferd, gegen ſechzehn Haͤnde hoch, und ließ es ſich in dem Hofe vorreiten, um zu ſehen, ob ſein Gang ſeinem Anſehen entſpraͤche. Als dieſer ganz zu ſei⸗ ner Zufriedenheit ausfiel, kam es nur noch darauf an, mit Bridlesley um den Preis einig zu werden; dieſer ſchwur alſo ſeinem Kundmann zu, daß er auf das beſte Pferd gefallen ſei, das je in ſeinen Staͤllen geſtanden habe, ſeitdem er den Roßhandel triebe; daß heut zu Tage gar nicht mehr ſolche Pferde zu haben waͤren, da die Stuten, die ſie geworfen, nicht mehr lebten; und nachdem er einen angemeſſenen Preis genannt, fing das gewoͤhnliche Handeln zwi⸗ ſchen dem Kaͤufer und Verkaͤufer an, um das feſtzu⸗ ſetzen, was die Franzoͤſiſchen Verkaͤufer le prix juste nennen. 8. 128 Dceer Leſer, wenn er uͤberhaupt mit dieſer Art des Handels bekannt iſt, weiß, daß da gewoͤhnlich viel Witz ins Spiel geſetzt und die Aufmerkſamkeit aller II. J Muͤßiggaͤnger, die davon hoͤren, angezogen wird, welche denn ſehr bereitwillig ſind, ihre Meinungen oder ihr Zeugniß abzugeben. Unter dieſen war im gegenwaͤrtigen Fall ein hagerer Mann, von geringe⸗ rer, als der gewoͤhnlichen Groͤße, und in gemeiner Kleidung, aber zuverſichtlich im Ton bei ſeiner Ein⸗ miſchung, und von der Art, daß er ſich in der Sache, von der er ſprach, als einen Kenner zeigte. Da der Preis des Pferdes gegen funfzehn Pfund geſetzt war, — ein fuͤr jene Zeit ſehr hoher Preis,— ſo war zunaͤchſt der des Sattels und Zaums zu beſtimmen, und das erwaͤhnte duͤnne gemein ausſehende Maͤnn⸗ chen fand zunaͤchſt eben ſo viel uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand zu ſagen, als uͤber den andern. Weil ſeine Bemerkungen eine gewinnende und verbindliche Be⸗ ziehung auf den Fremden hatten, ſo hielt ihn Peve⸗ ril fuͤr einen jener muͤßigen Leute, welche, unfaͤhig oder nicht geneigt, auf ihre eigne Koſten ſich Mittel zum Genuſſe zu verſchaffen, nicht abgeneigt ſind, ſie aus den Haͤnden Anderer durch ein wenig dienſtfer⸗ tige Gefaͤlligkeit zu verdienen, und im Betracht, daß er von einem ſolchen Manne einige nuͤtzliche Be⸗ lehrung erhalten koͤnnte, war er eben im Begriff, ihm ein Trinkgeld zu einem Fruͤhſtuͤck zu geben, als er ſah, daß er ploͤtzlich den Hof verlaſſen hatte. Kaum hatte Peveril dieſen Umſtand bemerkt, als 195 eine Partie Kundleute auf den Platz kam, deren ſtolze Miene die Aufmerkſamkeit Bridlesley's und der ganzen Schaar ſeiner Reitknechte und Stalljun⸗ gen augenblicklich auf ſich zog.“ „Drei gute Pferde,“ ſagte der Anfuͤhrer der Ge⸗ ſellſchaft, ein langer, ſtarker Mann, der, unter dem Bewußtſein von Fett und von Wichtigkeit, einen ho⸗ hen und vollen Athem ſchoͤpfte,—„drei gute und taugliche Pferde fuͤr den Dienſt des Unterhauſes von England.“ Bridlesley ſagte, er habe einige Pferde, die dem Sprecher ſelbſt im Nothfall dienen koͤnnten; aber, die chriſtliche Wahrheit zu ſagen, das beſte in ſeinem Stalle habe er eben dem gegenwaͤrtigen Herrn ver⸗ kauft, der jedoch, ohne Zweifel, den Handel aufgeben wuͤrde, wenn das Pferd zum Dienſte des Staats nothwendig waͤre. „Sehr wohl geſprochen, Freund/“ ſagte die wich⸗ tige Perſon, und naͤherte ſich Julian, von dem er in ſehr ſtolzem Tone die Abtretung des eben ge⸗ machten Kaufs verlangte. Peveril unterdruͤckte mit einiger Ueberwindung ſeine ſtarke Neigung, eine ſo unbillige Forderung rund abzuſchlagen; beſann ſich aber gluͤcklicherweiſe, daß ſeine gegenwaͤrtige Lage viel Umſicht forderte, und antwortete daher einfach: wenn man ihm eine & J 2 196 Vollmacht zeige, Pferde zum oͤffentlichen Dienſt in Beſchlag zu nehmen, ſo werde er dem zu Folge auf ſeinen Kauf Verzicht thun. Der Mann zog mit aͤußerſt vornehmer Miene aus ſeiner Brieftaſche eine Vollmacht, die er Peve⸗ rilen uͤbergab, und welche von dem Sprecher des Unterhauſes unterſchrieben war, und Karl Topham, ihren Beamten vom Schwarzen Stabe*) berechtig⸗ „gewiſſe in der Vollmacht genannte Perſonen zu verfolgen und aufzugreifen, ſo wie auch alle andere Perſonen, die durch guͤltige Zeugen angeklagt waͤren oder werden wuͤrden, Mitverſchworne oder Beguͤn⸗ ſtiger des hoͤlliſchen und verdammungswuͤrdigen paͤp⸗ ſtiſchen Complotts zu ſein, das gegenwaͤrtig in dem Herzen des Koͤnigreichs angeſtiftet wird; und welche alle Menſchen, die ihre Unterthanspflicht lieben, ver⸗ pflichtet, dem erwaͤhnten Karl Topham ihren bereit⸗ willigſten und wirkſamſten Beiſtand in Ausfuͤhrung der ſeiner Sorge anvertrauten Pfliccht, zu leiſten. Auf Durchleſen einer Urkunde von ſo wichtigem Inhalt, ſtand Julian nicht an, ſein Pferd dieſem furchtbaren Bevollmaͤchtigten hinzugeben, welchen Jemand mit einem Loͤwen verglich, fuͤr den das Un⸗ 5 terhaus, da es ein ſolches Thier zu halten beliebte, *) Welchen der Fhuͤrſteher traͤgt. 197 auch genoͤthigt war, durch haͤufige Verhaftsbefehle Sorge zu tragen, bis„Pack' ihn, Topham“ im Munde des Volks zum Sprichwort, und zwar zum furchtbaren Sprichwort ward. Peverils Bewilligung erwarb ihm einige Gnade in den Augen des Abgeordneten. Dieſer gab, ehe er ein paar Pferde fuͤr ſeine Begleiter auslas, dem Fremden Erlaubniß, einen Grauſchimmel zu kaufen, der zwar an Geſtalt und Tuͤchtigkeit dem zuruͤckge⸗ gebenen Pferde ſehr nachſtand, aber doch nur um ſehr weniges niedriger im Preiſe war, da Herr Brid⸗ lesley, ſo bald er die Fordernng von Pferden von Seiten des Engliſchen Unterhauſes erfahren hatte, bei ſich ſelbſt den Entſchluß faßte, den Preis ſeiner ganzen Stuterei durch eine Zulage von wenigſten zwanzig Procent ad valorem zu erhoͤhen. Peveril beſtimmte und bezahlte den Preis mit viel weniger Umſtaͤnden, als bei der vorherigen Ge⸗ legenheit; denn, um dem Leſer es gerade heraus zu ſagen, er hatte in Hrn. Topham's Verhaftsbefehl den Namen ſeines Vaters, Sir Gottfried Peveril vom Schloß Martindale, in voller Laͤnge, als eines von denen geleſen, die dieſer Beamte zu verhaften berechtigt waͤre. Als Julian ſich von dieſer Thatſache uͤberzeugte, ward es ihm zu dringender Angelegenheit, Liverpool & ₰ 3 4 198— ſogleich zu verlaſſen und die beunruhigende Nachricht nach Derbyſhire zu bringen, wofern nicht Hr. Topham ſeinen Auftrag ſchon in dieſem Lande vollzogen haͤtte, was er jedoch nicht wahrſcheinlich fand, da ſie ver⸗ muthlich ſich zuerſt Derer verſichern wuͤrden, welche den Seehaͤfen am naͤchſten wohnten. Ein oder ein paar Worte, die er beilaͤufig hoͤrte, beſtaͤrkten ſeine Hoffnungen. „Und hoͤrt ihr, Freund,“ ſagte Hr. Topham, nihr werdet die Pferde bei Herrn Shortell, dem Seidenhaͤndler, in zwei Stunden vor die Thuͤre fuͤh⸗ ren laſſen, weil wir uns da mit einem kuͤhlen Kruge erfriſchen und erfahren wollen, was fuͤr Leute in der Gegend leben, auf die ſich meine Geſchaͤfte beziehen koͤnnten. Und ihr werdet ſo gut ſein, den Sattel polſtern zu laſſen; denn die Derbyſhirer Wege ſind holperig, wie ich hoͤre. Und Sie, Capitaͤn Danger⸗ field und Herr Everett, Sie muͤſſen Ihre proteſtan⸗ tiſchen Brillen aufſetzen, und mir zeigen, wo der Schatten eines Prieſters oder eines Prieſtergoͤnners iſt; denn ich komme mit einem Beſen heruͤber, dieſe noͤrdliche Gegend von allem ſolchem Vieh zu ſaͤnbern.“ Einer von denen, die er ſo anredete, der den Anzug eines heruntergekommenen Buͤrgers trug, —— ——y—— 199 antwortete blos:„Ja, wahrlich, Herr Topham, es iſt Zeit, die Tenne zu fegen.“ Der andere, der ein paar furchtbare Backenbaͤrte, eine rothe Naſe, einen verſchoſſenen Treſſenrock und einen Hut von Piſtol's Umfange trug, war ge⸗ ſchwaͤtziger:„Ich will verdammt ſein(ſagte der ei⸗ frige proteſtantiſche Zeuge), wenn ich nicht die Zeichen des Thieres an jedem von ihnen zwiſchen ſechzehn und ſiebzig eben ſo deutlich entdecke, als wenn ſie, ſtatt des Weihwaſſers ſich mit Dinte bekreuzt haͤtten. Da wir einen Koͤnig haben, der Recht thun will, und ein Unterhaus, Verfolgungen zu unterhalten, ei, ſo darf auch, das ſchwoͤr' ich, die Sache aus Mangel an Zeugen, nicht ſtill ſtehen.“ f „Bleib dabei, edler Capitaͤn,“ antwortete der Beamte;„aber, ich bitte dich, behalte deine Schwuͤre fuͤrs Oberhofgericht; das heißt ſie ja nur verſchwen⸗ den, wenn du ſie in gewoͤhnlichem Geſpraͤch aus⸗ ſcoßeſt.“ re „Fuͤrchten Sie nichts, Herr Topham,“ antwor⸗ tete Dangerfield;„es iſt recht, die Gaben eines Menſchen im Gebrauch zu erhalten; und ſollt' ich meinen Schwuͤren im Privatgeſpraͤch ganz entſagen, wie koͤnnt' ich ſie zu gebrauchen wiſſen, wenn ſie noͤ⸗ thig ſind? Aber Sie hoͤren mich keinen von ihren papiſtiſchen Schwuͤren gebrauchen. Ich ſchwoͤre J 4 200— nicht bei der Meſſe, oder vor Georg, oder bei Etwas, das zum Goͤtzendienſt gehoͤrt; ſondern ich thue nur ſolche treuherzige Schwuͤre, die fuͤr einen armen Proteſtanten paſſen, der gern dem Himmel und dem Koͤnig dienen moͤchte.“ „Brav geſprochen, edelſter Feſtus,“ ſagte ſein Mitgehuͤlfe.„Aber glaube nicht, weil ich meine Worte nicht mit ſolchen Schwuͤren zur Unzeit aus⸗ zuſtatten pflege, daß ſie mir fehlen ſollen, wenn ich berufen werde, die Hoͤhe und die Tiefe, die Breite und die Laͤnge dieſes hoͤlliſchen Anſchlags gegen den Koͤnig und den proteſtantiſchen Glauben anzuzeigen.“ Schwindlig und faſt krank vom Anhoͤren der un⸗ verhuͤllten Brutalitaͤt dieſer Geſellen, hatte Peveril mit Schwierigkeit bei Bridlesley ſeinen Kauf ins Reine gebracht, und fuͤhrte endlich ſeinen Grauſchim⸗ mel fort; war aber kaum aus dem Hofe, als er fol⸗ gende beunruhigende Unterredung hoͤrte, deren Ge⸗ genſtand er ſelbſt zu ſein ſchien. „Wer iſt der junge Mann?“ ſagte die langſame ſanfte Stimme des geſetzteren unter den zwei Zeu⸗ gen.„Mich deucht, ich habe ihn ſchon vorher ir⸗ gendwo geſehen. Iſt er aus dieſer Gegend?“ „Nein, ſo viel ich weiß,“ antwortete Bridlesley, welcher, gleich allen andern Bewohnern Englands jener Zeit, die Fragen dieſer Leute mit der Unterwuͤr⸗ — 201 ſigkeit beantwortete, die in Spanien den Fragen des Inquiſitors bewieſen wird.„Ein Fremder— ein voͤllig Fremder— ich habe ihn noch nie geſehen— ein wildes junges Hengſtfuͤllen, ich ſtehe dafuͤr; und verſteht ſich auf eines Pferdes Maul ſo gut, als ich.“ „Es faͤngt mir an zu beduͤnken, ich ſah ein ſolch Geſicht, wie ſeines, im Wirthshauſe zum weißen Roß,“ antwortete Everett. „Und ich glaube, ich beſinne mich,“ ſagte Capi⸗ taͤn Dangerfield— „Laßt es gut ſein, Herr Capitaͤn,“ ſagte der ge⸗ bietende Topham,„wir wollen jetzt nichts von Ihren Erinnerungen wiſſen. Wir alle wiſſen, womit ſie gewoͤhnlich endigen. Aber Sie ſollen wiſſen, daß Sie nicht laufen duͤrfen, als bis der Strick losgelaſ⸗ ſen iſt. Der junge Mann iſt ein Burſche von huͤb⸗ ſchem Anſehen, und gab mit Artigkeit ſein Pferd hin fuͤr den Dienſt des Unterhauſes. Er weiß ſich gegen ſeine Obern gut zu benehmen, das kann ich Ihnen verſichern, und ich glaube kaum, daß er ſo viel in ſeiner Boͤrſe hat, die Gebuͤhren zu bezahlen.“ Hiermit endete das Geſpraͤch, das Peveril, als ihn ſo nah angehend, rathſam gefunden hatte, aus⸗ zuhoͤren. Nunmehr hielt er es fuͤr den kluͤgſten Plan, unbemerkt aus der Stadt zu gehen, und den 202— naͤchſten Weg zu ſeines Vaters Hauſe zu nehmen. Er hatte ſeine Rechnung im Wirthshauſe berichtigt, und zu Bridlesley ſeinen kleinen Mantelſack mitge⸗ bracht, der ſeine wenigen Beduͤrfniſſe enthielt, ſo daß er nicht noͤthig hatte, dorthin zuruͤck zu kehren. Er beſchloß daher, einige Meilen zu reiten, ohne, ſelbſt um der Fuͤtterung des Pferdes willen, anzu⸗ halten; und da er mit der Gegend ziemlich bekannt war, hoffte er fruͤher zum Schlaß Martindale zu ge⸗ langen, als der ehrenwerthe Herr Topham, deſſen Sattel fuͤrs Erſte gepolſtert werden mußte, und der, wenn er aufgeſeſſen, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſo behutſam reiten wuͤrde, wie die, welche ſich ge⸗ gen die Wirkungen eines ſcharfen Trotts zu ſichern ſuchen. In dieſer Stimmung ritt Julian nach Warring⸗ ton, einem Ort, der ihm wohl bekannt war; doch, ohne in der Stadt zu halten, durchkreuzte er Merſey uͤber die von einem Vorfahren ſeines Freundes, des Gra⸗ fen von Derbz, erbaute Bruͤcke, und ſetzte ſeinen Weg nach Diſhley, an den Graͤnzen von Derbyſhire, fort. Er haͤtte dieſes Dorf leicht erreichen koͤnnen, waͤre ſein Pferd zu einem forcirten Ritt tuͤchtiger geweſen; aber im Verlauf der Reiſe hatte er mehr als einmal Anlaß, die amtliche Wuͤrde des Mannes au verwuͤnſchen, die ihn ſeines beſſern Pferdes be⸗ — —————— — — 2⁰3 raubt hatte, waͤhrend er die beſte Richtung, die er wußte, durch eine ihm nur im Allgemeinen bekannte Gegend nahm. Endlich war bei Altringham ein Anhalten unver⸗ meidlich, und Peveril hatte blos einige Ruhe und Erfriſchung an einem abgelegenen Orte zu ſuchen. Dieſer bot ſich ihm in einem Haufen Huͤtten dar, von welchen die beſte ein Bierhaus und eine Muͤhle in ſich vereinigte, wo das Zeichen des Katers(des treuen Bundesgenoſſen des Wirths in Vertheidigung ſeiner Mehlſaͤcke) ſo hoch geſtiefelt, wie Grimalkin in dem Feenmaͤrchen, und um mehrerer Anmuth willen auf der Geige ſpielend, ankuͤndigte, daß Jo⸗ hann Whiteraft die zwei ehrlichen Gewerbe des Gaſtwirths und des Muͤllers verband, und ohne Zweifel das Publikum in beiden Faͤhigkeiten be⸗ ſteuerte. Ein ſolcher Ort verſprach einem Reiſenden, der inkognito reiſte, eine ſicherere, wo nicht beſ⸗ ſere Herberge, als er in beſuchteren Wirthshaͤuſern zu treffen hoffen konnte; und Julian hielt folglich an dem Thore zur Katze und Geige. Neuntes Kapitel. An der Thuͤre des Wirthshauſes zur Katze und Geige erfuhr Peveril die Aufmerkſamkeit, die Kund⸗ leuten geringerer Orte dieſer Art erwieſen zu werden pflegt. Sein Pferd wurde von einem zerlumpten Buben, der den Hausknecht machte, in einen armſe⸗ ligen Stall gefuͤhrt, wo es jedoch mit Futter und Streu ertraͤglich verſorgt wurde. Nachdem Peveril das Thier, von dem ſeine Be⸗ quemlichkeit und Ruhe und vielleicht ſeine Sicherheit abhing, gehoͤrig verſorgt geſehen hatte, ging er in die Kuͤche, welche freilich auch das Beſuchzimmer und der Saal des kleinen Gaſthofs war, um zu ſe⸗ hen, was fuͤr Erquickung er fuͤr ſich ſelbſt bekommen koͤnnte. Recht ſehr zu ſeiner Zufriedenheit fand er nur einen Gaſt außer ihm ſelbſt in der Kuͤche; aber weniger freute es ihn, daß er entweder ohne Mit⸗ tagsbrot fortgehen, oder mit dieſem einzigen Gaſt den einzigen Vorrath, der zufällig im Hauſe war, theilen muͤßte, und welcher in einem Gericht von Forellen und Aalen beſtand, die ihr Wirth, der Muͤller, aus ſeinem Muͤhlſtrom herein gebracht hatte. Auf die beſondere Bitte Julians unternahm es die Wirthin, noch ein nahrhaftes Gericht von Eiern 205 und Schinken beizufuͤgen, was ſie vielleicht nicht un⸗ ternommen haben wuͤrde, haͤtte nicht Peverils ſchar⸗ fes Auge die geraͤucherte Speckſeite in ihrem raͤuche⸗ rigen Winkel haͤngen geſehen, da denn die Wirthin, weil das Daſein derſelben nicht geleugnet werden konnte, genoͤthigt war, damit, als einem Theile der Bekoͤſtigung, hervorzuruͤcken. Sie war eine muntere Frau, gegen dreißig, und ihr artiges und froͤhliches Weſen machte der Wahl des aufgeweckten Muͤllers, ihres lieben Ehegatten, alle Ehre. Jetzt ſtand ſie unter dem Schatten eines altmodiſchen, großen, hervorragenden Schornſteins, unter dem es ihr Geſchaͤft war, in dem Feuer zu arbeiten, und fuͤr den ermuͤdeten Wandersmann die guten Sachen zu bereiten, die ihn wieder froͤhlich auf ſeinen Weg bringen ſollten. Wiewohl anfangs die ehrliche Frau nicht ſehr aufgelegt ſchien, ſich um Julians willen viel neue Muͤhe zu machen, ſo mach⸗ ten doch die freundlichen Mienen, die huͤbſche Figur und das natuͤrlich gefaͤllige Weſen ihres neuen Gaſtes bald den Hauptgegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit aus; und waͤhrend ſie zu ſeiner Bedienung geſchaͤftig war, ſah ſie ihn von Zeit zu Zeit mit Blicken an, worin etwas wie Bedauern mit Wohlgefallen gemiſcht war. Der fette Dampf der Speckſchnitte und der Eier, mit denen ſie beſtrichen ward, verbreitete ſich 3 206— ſchon durch die Stube; und das Ziſchen dieſer ſchmackhaften Gerichte vereinigte ſich im Chor mit dem Wallen der Pfanne, worin die Fiſche gelind geſotten wurden. Der Tiſch wurde mit einem reinlichen Damaſttuch gedeckt, und Alles war zur Madlzeit in Bereitſchaft, die Julian mit einem gu⸗ ten Theil Ungeduld zu erwarten anſing, als der Ge⸗ ſellſchafter, der ſie mit ihm theilen ſollte, ins Zim⸗ mer trat. Auf den erſten Blick erkannte Julian, zu ſeiner Ueberraſchung, denſelben ſchlecht gekleideten hagern Mann wieder, der waͤhrend ſeines erſten mit Brid⸗ lesley gemachten Handels ſich dienſtfertig mit ſeinem Rath einmiſchte. Mißvergnuͤgt uͤber die aufgezwun⸗ gene Geſellſchaft eines Fremden war Peveril noch weniger zufrieden, einen ſolchen zu treffen, der einige Anſpruͤche auf Bekanntſchaft machen moͤchte, weil ſeine Umſtaͤnde ihn die groͤßte moͤgliche Zuruͤckhaltung zu beobachten noͤthigten. Er wandte daher dem ihm beſtimmten Tiſchgenoſſen den Ruͤcken zu, und ſtellte ſich, als unterhielte er ſich mit Hinausſehen aus dem Fenſter, entſchloſſen, alle ihm nicht abgezwun⸗ gene Unterredung zu vermeiden. Unterdeſſen ging der andere Fremde gerade auf die Wirthin zu, wo ſie mit ihren Haushaltungsar⸗ beiten beſchaͤftigt war, und fragte ſie, warum ſie 207 Eier und Schinken zurichtete, da er doch ſchlechter⸗ dings von ihr nichts weiter als den Fiſch verlangt haͤtte. Das gute Weib, wichtig thuend, wie jede Koͤchin in Verrichtung ihres Berufs, wuͤrdigte den Gaſt einige Zeit keines Zeichens, als wenn ſie ſeinen Ver⸗ weis gehoͤrt haͤtte; und als ſie es nachher doch that, geſchah es blos, um ihn in gebieteriſchen und ober⸗ herrlichen Tone abzulehnen—„Wenn er Schinken nicht liebt—(Schinken von ihrer eigenen mit Erb⸗ ſen und Kleien wohl gefuͤtterten Zucht)— wenn er Schinken und Eier nicht liebt—(friſch gelegte Eter, die ſie mit eignen Haͤnden aus der Huͤhnerſteige geholt habe)— wenn das der Fall ſei— ſo waͤre es deſto ſchlimmer fuͤr ihn, und deſto beſſer fuͤr die, welche dieſe Gerichte liebten.“ „Deſto beſſer fuͤr die, die ſie liebten?“ antwor⸗ tete der Gaſt;„das iſt ſo viel, gute Frau, als, ich werde noch einen Geſellſchafter haben?“ „ Nennt mich nicht gute Frau, Herr,“ ſagte die Muͤllerin,„als bis ich Euch guter Mann nenne, und ich betheure Euch, Viele werden Bedenken tragen, ſo zu Einem zu ſprechen, der Eier und Schinken an einem Freitage nicht gern mag.“ „Nein, meine gute Madam,“ ſagte ihr Gaſt, „verſtehen Sie mich nicht falſch;— ich darf wohl 2⁰8— ſagen, die Eier und der Schinken ſind herrlich; es iſt aber nur fuͤr meinen M dagen ein zu ſchweres Ge⸗ richt.“ „Ja, fuͤr Euer Gewiſſen vielleicht, Herr,“ ant⸗ wortete die Wirthin.„Und nun, duͤnkt mir, ihr muͤßt Euern Fiſch mit Oel gebraten haben, ſtatt der fetten Bruͤhe, die ich ihm geben wollte. Ich wuͤnſch⸗ te, ich koͤnnte die Bedeutung von allem dieſem her⸗ ausbringen; aber ich bin ſicher, John Bigſtaff, der Polizeidiener, koͤnnte davon wohl Etwas auf⸗ ſpuͤren.“ Hier war eine Pauſe; aber Julian, durch den Ton, welchen die Unterredung angenommen hatte, etwas beunruhigt, fand ein Intereſſe daran, das darauf folgende ſtumme Schauſpiel zu belauern. Indem er den Kopf ein wenig links wandte, doch ohne ſich umzudrehen oder das vorragende Gitter⸗ fenſter zu verlaſſen, wo er ſeinen Stand genommen hatte, konnte er bemerken, daß der Fremde, wie es ſchien, ſich vor Beobachtung ſicher glaubend, ſich nahe an die Wirthin geſchmiegt, und(wie er glaubte) ihr ein Geldſtuͤck in die Hand gedruͤckt hatte. Der ver⸗ aͤnderte Ton von des Muͤllers Ehehaͤlfte entſprach dieſer Vermuthung nicht wenig. Nein, wahrlich,“ ſagte ſie,„mein Haus iſt eine Freiheitshalle, und das ſollte jedes Wirthshaus ſein. — 3 2⁰9 Was geht's mich an, was fuͤr Leute eſſen oder trin⸗ ken, wenn ſie nur ehrlich bezahlen? Es gibt viele rechtliche Perſonen, deren Magen Schinken, Fett, gelaſſene Butter nicht vertragen, beſonders am Frei⸗ tage; und was kuͤmmert das mich, oder Jemand von meinem Hauſe, wenn die Leute nur die Muͤhe Gehrlich bezahlen? Nur kann mein Schinken nebſt den Eiern(pflegte ſie zu ſagen) nicht zwiſchen hier und Liverpool beſſer gefunden twerdem⸗ und darauf will ich leben und ſterben.“ 4 4 „Ich werde es ſchwerlich Leſteriten,“ ſagte der Fremde; und zu Julian ſich wendend, ſetzte er hin⸗ zu:„Ich wuͤnſche dieſem Herrn, der wahrſcheinlich mein Tiſchgenoſſe iſt, viel Vergnuͤgen an den Lecker⸗ biſſen, die ich ihm nicht verzehren helfen kann.“ „Ich verſichere Ihnen, mein Herr,“ ſagte Pe⸗ veril, der nun ſich umdrehen und hoͤſlich zu antwor⸗ ten ſich genoͤthigt ſah,„daß ich mit Schwierigkeit meine Wirthin habe vermoͤgen koͤnnen, mein Gedeck zu dem Ihrigen zu legen, ob ſie gleich nun fuͤr den Genuß der Eier und des Schinkens ſo zu eifern ſcheint.“ „Ich eifere fuͤr nichts,“ ſagte die Wirthin,„außer daß die Leute ihre Speiſen verzehren und ihre Zeche bezahlen moͤgen; und wenn an einem Gerichte genug iſt, zwei Gaͤſten zu dienen, ſo ſeh' ich nicht, wozu es 210 nuͤtzt, zwei zuzurichten; doch ſie ſind nun fertig und aufs beſte bereitet.— Hier, Alexie, Alexie!“ Der Schall dieſes wohlbekannten Namens machte Julian ſtutzig; aber die Alexie, welch dem Rufe ant⸗ wortete, glich dem Bilde, das ſeine Fantaſie mit den Toͤnen verband, ſehr ſchlecht; es war eine gemeine Magd, welche die Arbeiten des niedrigen Wirths⸗ hauſes, in dem ſie Schutz fand, zu beſorgen hatte. Sie half ihrer Frau, die von dieſer bereiteten Ge⸗ richte auf die Tafel ſetzen, und ein ſchaͤumender Krug von einheimiſchem Bier wurde dazwiſchen ge⸗ ſetzt, und von der Frau Whitecraft als trefflich ge⸗ prieſen;„denn,“ ſagte ſie,„wir wiſſen aus Erfah⸗ rung, daß zu viel Waſſer den Muͤller ertraͤnkt, und wir ſparen es an unſerm Malz, wie wir es an un⸗ ſerm Muͤhldamm geſpart wuͤnſchen.“ „Ich trinke Ihre Geſundheit in dieſem Bier,“ ſagte der aͤltere Fremde,„und ein Glas zum Dank fuͤr dieſen herrlichen Fiſch, und auf Ertraͤnkung aller Unfreundlichkeit zwiſchen uns.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte die Frau, „und wuͤnſche Ihnen das Gleiche; aber ich darf Ih⸗ nen nicht Beſcheid thun; denn unſer Gaffer ſagt, das Ale iſt fuͤr Frauensperſonen zu ſtark gebraut; ſo trink' ich nur ein Glas Kanarienſekt manchmal mit einem Gevatter oder einem Herrn, der Luſt hat.“ — 21¹1 „So ſollen Sie denn eins mit mir trinken, Frau Wirthin,“ ſagte Peveril,„wenn Sie mir eine Flaſche wollen geben laſſen.“ „Die ſollen Sie gleich haben, mein Herr, und ſo gut, als je eine abgezapft worden iſt; aber ich muß in die Muͤhle und den Schluͤſſel vom Haus⸗ wirth holen.“ So ſprach ſie, zog ihren ſaubern Rock etwas in die Hoͤhe, um deſto geſchwinder zu gehen und dem Staube auszuweichen, und trippelte in die dicht an⸗ graͤnzende Muͤhle. „Eine niedliche Frau, und gefaͤhrlich iſt das Muͤllerweib,“ ſagte der Fremde, Peveril anſehend. „Iſt das nicht des alten Chaucers Ausdruck?“ „Ich glaube, ja,“ ſagte Peveril, der nicht ſehr beleſen im Chaucer war, welcher damals noch mehr, als jetzt vernachlaͤſſigt wurde; und ſehr befremdet uͤber ein gelehrtes Citat von einem Mann, der ſo ein gemeines Anſehn hatte. „Ja,“ antwortete der Fremde,„ich ſehe, daß Sie, wie andere junge Herren dieſer Zeit, beſſer mit Cowley und Waller bekannt ſind, als mit dem „Quell des unverfaͤlſchten Engliſchen.“ Ich kann nicht der Meinung ſein. Es gibt Zuͤge der Natur bei dem alten Barden von Woodſtock, die fuͤr mich mehr Werth haben, als alle Wendungen des geſuchten 212— Witzes bei Cowley, und alle die gezierte und kuͤnſt⸗ liche Einfalt ſeines artigen Nebenbuhlers. Die Be⸗ ſchreibung zum Beiſpiel von ſeiner laͤndlichen Co⸗ quette: „Sie ſchlug gern aus nach wilder Fuͤllen Art, War wie die Blumen ſuͤß, und! ſchmaͤchtig wie ein Pfeil.**) Dann wieder, in Abſicht auf Pathos, wie wollen Sie die Scene der ſterbenden Arcite beſſer wuͤn⸗ ſchen? „Ach, meines Herzens Koͤnigin! ach meine Gattin, Die mir das Leben gibt, und nimmt zugleich. Was iſt die Welt?— Welch Sichres hat der Menſch? Mit ſeiner Liebe jetzt— und jetzt im kalten Grabe Allein, von anderm Umgang fern Lr). Doch ich mache Ihnen Langeweile; und thue dem Dichter Unrecht, den ich nur Stuͤckweiſe an⸗ fuͤhre.“ „Im Gegentheil,“ ſagte Peveril,„Sie machen ihn mir verſtaͤndlicher durch Ihre Declamation, als *) Im Engliſchen: Wincing she was, as is a wanton colt, Siweet as a flower, and upright as a bolt. **) Im Original: 3„Alas, my heartis queen! alas, my wife! Giver at once, and ender of my life. 1 What is this world?— What axen men to have? Now whith his love— now in his cold grave Alone, withouten other company.“ — 2135 ich ihn gefunden habe, da ich ihn ſelbſt zu leſen verſuchte.“ „Sie wurden nur durch die veraltete Schreibart und die Gothiſche Druckſchrift abgeſchreckt,“ ſagte ſein Geſellſchafter.„Es iſt der Fall manches Ge⸗ lehrten, der eine Nuß, die er mit ein wenig An⸗ ſtrengung aufknacken koͤnnte, fuͤr eine Kugel anſieht, au der er ſich freilich ſeinen Zahn zerbrechen muͤßte; aber die Ihrigen ſind beſſer beſchaͤftigt.— Darf ich Ihnen Etwas von dieſem Fiſch anbieten?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Julian, der ſich auch von ſeiner Seite als einen beleſenen Mann zeigen wollte;„ich halte es mit dem alten Cajus, und mache auf Scharfſinn Anſpruch, ich fechte, wo ich keine andere Wahl habe, und eſſe keinen Fiſch.“ Der Fremde warf betroffen ſeinen Blick umher bei dieſer Bemerkung Julians, die er hingeworfen hatte, um wo moͤglich zu entdecken, wer der Maun waͤre, deſſen gegenwaͤrtige Sprache ſo ſehr ven ſei⸗ nem bei Bridlesley angenommenen Charakter abſtach. Seine Geſichtsbildung hatte zwar gewoͤhnliche, um nicht zu ſagen, gemeine Zuͤge, aber doch den Aus⸗ druck von Einſicht, welchen Erziehung dem roheſten Geſt ſicht gibt; und ſeine Manieren waren ſo unge⸗ zwungen und unbefangen, daß ſie wohl zeigten, er war nicht nur vollkommen mit der buͤrgerlichen Welt 214 bekannt, ſondern auch gewohnt, ſich unter die hoͤhern Staͤnde zu miſchen. Sein Betroffenſein, das er bei Peverils Antwort deutlich verrieth, war nur voruͤbergehend; denn er erwiederte faſt unmittelbar darauf mit einem Laͤcheln:„Ich betheure Ihnen, mein Herr, Sie ſind in keiner gefaͤhrlichen Geſell⸗ ſchaft; denn, ungeachtet meiner Fiſchmahlzeit, bin ich doch ſehr aufgelegt, auch Etwas weniges von Ihren ſchmackhaften Gerichten zu verſuchen, wenn Sie mir ſo viel erlauben wollen.“ Peveril verſtaͤrkte dieſem zu Folge die Tafel⸗ freude des Fremden mit dem Reſt des Schinkens und ſah ihn einen Mund voll oder zwei mit ſchein⸗ barem Appetit verzehren; aber ſogleich nachher fing er an mit Meſſer und Gabel zu ſpielen, wie einer, deſſen Appetit geſtillt iſt. Drauf that er einen lan⸗ gen Zug aus dem ſchwarzen Kruge, und gab ſeinen Teller dem großen Kettenhunde, der, vom Geruch der Speiſen herbeigezogen, ſich einige Zeit vor ihm hingeſetzt hatte, ſeine Biſſen leckte, und mit den Au⸗ gen jedem Stuͤck folgte, das der Gaſt an ſeinen Kopf hob. „Hier, du armes Thier,“ ſagte er,„du haſt keinen Fiſch gehabt, und kannſt dieſe uͤberzaͤhlige Portion beſſer, als ich, gebrauchen. Ich kann deiner ſtummen Bitte nicht laͤnger widerſtehen.”“ 215 Der Hund beantwortete dieſe Complimente mit einem hoͤflichen Wedeln des Schwanzes, waͤhrend er, was des Fremden Wohlwollen ihm zutheilte, um ſo haſtiger hinterſchlang, da er die Stimme ſei⸗ ner Gebieterin an der Thuͤre hoͤrte. „Hier iſt der Kanarienſekt, meine Herren,“ ſagte die Wirthin;„und der Hauswirth hat die Muͤhle verlaſſen, um Ihnen ſelbſt aufzuwarten. Er thut das allemal, wenn die Geſellſchaft Wein trinkt.“ „Damit er zu des Wirths, das heißt, zu des Loͤwen Antheil kommen moͤge,“ ſagte der Fremdling, Peveril anſehend. „Die Zeche iſt mein,“ ſagte Julian;„und wenn mein Wirth daran Theil nehmen will, ſo will ich gern eine andere Flaſche fuͤr ihn und fuͤr Sie geben laſſen. Ich ſtoͤre nicht gern alte Gewohnheiten.“ Dieſe Laute trafen Gaffer Whitecraft's Ohr, der ins Zimmer gekommen war; ein auffallendes Muſter ſeines kraͤftigen Gewerbes, gefaßt, den hoͤflichen oder den groben Wirth zu ſpielen, wie es ſeiner Geſell⸗ ſchaft gefallen moͤchte oder nicht. Auf Julians Ein⸗ ladung nahm er ſeine ſtaubige Muͤtze ab— wiſchte von ſeinem Aermel die lockern Theilchen ſeines be⸗ rufsmaͤßigen Staubes— ſetzte ſich ans Ende einer Bank, eine Elle vom Tiſche entfernt, nieder, fuͤllte ein Glas Kanarienſekt, und trank ſeinen Gaͤſten, und 216— „insbeſondere dieſem edlen Herrn,“ auf Peveril zei⸗ gend, der den Kanarienſekt beſtellt hatte, die Ge⸗ ſundheit zu. Julian erwiederte die Hoͤflichkeit, trank auf ſein Wohlſein, und fragte, was es Neues in der Gegend gaͤbe. „Nichts, mein Herr, ich hoͤre von nichts, außer von dieſem Complott, wie ſie's nennen, daß ſie die Papiſten rings herum verfolgen; aber es bringt Waſſer auf meine Muͤhle, wie das Sprichwort ſagt. Unter Expreſſen, die hin und her eilen, und hin und wieder reitenden Wachen und Gefangenen, und der Kundſchaft der Nachbarn, die, um den Abend mit Neuigkeiten zu verplaudern, alle Abende, kann ich ſagen, ſtatt einmal in der Woche, zuſammen kom⸗ men,— ei da iſt der Zapfen geſchaͤftig, ihr Herren, und euer Wirth kommt zu Gedeihen; und dann hab' ich, im Dienſte der Polizei und als bekannter Pro⸗ teſtant, ich getraue mir zu ſagen, gegen zehn Keller⸗ lager außerordentliches Ale abgezapft, außer einem, fuͤr einen ſolchen Winkel des Landes, ziemlich ſtar⸗ ken Verkauf von Wein. Der Himmel mache uns dankbar, und bewahre alle gute Proteſtanten vor Complott und Papſtthum. „Ich kann mir leicht vorſtellen, mein Freundts ſagte Julian,“ daß Neugierde eine Leidenſchaft iſt, — 217 die nothwendig ins Bierhaus laͤuft; und daß Zorn, und Eiferſucht, und Furcht, lauter durſtige Leiden⸗ ſchaften ſind, die viel heimiſches Gebraͤnde verzehren. Aber ich bin in dieſen Gegenden vollkommen fremd; und ich moͤchte gern von einem verſtaͤndigen Mann, wie Sie, ein wenig von demſelben Complott erfah⸗ ren, von dem die Leute ſo viel reden, und ſo wenig zu wiſſen ſcheinen.“ „Ein wenig davon erfahren?— Ei, es iſt die entſetzlichſte, verdammenswertheſte, blutduͤrſtige Be⸗ ſtie eines Complotts— Doch halt, halt, guter Herr; ich hoffe fuͤrs Erſte, Sie glauben, es gibt ein Complott? denn außerdem muͤßte der Richter ein Wort mit Ihnen ſprechen, ſo wahr ich Johann Whitecraft heiße.“ Das wird nicht noͤthig ſein,“ ſagte Peveril; „denn ich verſichere Sie, Herr Wirth, ich glaube an das Complott ſo ehrlich und vollkommen, als ein Menſch an Etwas glauben kann, das er nicht ver⸗ ſtehen kann.“ „Gott verhuͤte, daß Jemand behauptete, es zu verſtehen,“ ſagte der geheime Polizeidiener;„denn der hochachtbare Richter ſagt, es ſei ihm eine ganze Meile zu hoch; und er iſt ſo ſcharfſichtig, als irgend einer. Aber die Menſchen moͤgen glauben, wenn ſie auch nicht verſtehen; und das iſts, was die Roͤ⸗ II, K 218— miſchkatholiſchen ſelbſt ſagen. Aber davon bin ich uͤberzeugt, es macht eine ſeltſame unruhige Zeit fuͤr Richter und Zeugen und, Polizeidiener.— Da hier wieder auf Ihre Geſundheit, meine Herren, aus einem Glaſe des feinſten Kanarienſekts.“ „Hoͤre, hoͤre, Johann,“ ſagte ſeine Frau,„wirf dich nicht weg, indem du Zeugen mit Richtern und Polizeidienern zuſammen nennſt. Die ganze Welt weiß, wie ſie zu ihrem Gelde kommen.“ „Ja, Frau; aber die ganze Welt weiß, daß ſie dazu kommen; und das iſt ein großer Troſt. Sie rauſchen einher in ihrer canoniſchen Seide, und prahlen in ihrem Leder und Scharlach. Wer ſonſt, als ſie?— Ja, ja, der verwuͤnſchte Fuchs gedeihet — und keiner iſt ſo verwuͤnſcht. Iſt da nicht der Doctor Titus Oates, der Heiland der Nation— lebt er nicht zu Whitehall, und ſpeiſt auf Silber, und hat eine Penſion von Tauſenden jaͤhrlich, ſo viel ich weiß? und wird er nicht Biſchof von Litchſield, ſo⸗ bald Doctor Doddrum ſtirbt?“ „Dann, hoff ich, werden Doctor Doddrum's Hochwuͤrden noch ein zwanzig Jahr leben; und ich darf ſagen, ich bin wohl die Erſte, die einen ſolchen Wunſch thut,“ ſagte die Wirthin.„Ich verſtehe alle dieſe Sachen nicht, ich ganz und gar nicht, und wenn hundert Jeſuiten zu einer Berathſchlagung in —,— 2¹9 mein Haus kaͤmen, wie ſie im Wirthshauſe zum Weißen Roß thaten, ſo wuͤrde ich denken, es laͤge ganz außer meinem Fache, Zeugniß wider ſie abzule⸗ gen, vorausgeſetzt, daß ſie huͤbſch traͤnken uund ihre Zeche bezahlten.“ „Ganz recht, Frau Wirthin,“ ſagte ihr aͤlterer Gaſt;„das heiße ich ein gutes Gaſtwirthsgewiſſen behalten; und ſo will ich meine Zeche ſogleich bezah⸗ len, und meiner Wege ziehen.“ Peveril ſeinerſeits verlangte auch ſeine Rechnung, und bezahlte ſie ſo freigebig, daß der Muͤller den Hut ſchwenkte, als er ihm ſeinen Buͤckling machte, und die Wirthin ſich bis an den Boden verneigte. Die Pferde beider Gaͤſte wurden vorgefuͤhrt, und ſie ſtiegen auf, um in Geſellſchaft abzureiſen. Der Wirth und die Wirthin ſtanden in der Thuͤre, um ſie abreiſen zu ſehen. Der Gaſtwirth bot dem aͤltern Gaſte ein Glas am Steigbuͤgel, waͤhrend die Wirthin Peverilen eins aus ihrer eignen beſondern Flaſche reichte. Zu dieſer Abſicht ſtieg ſie mit Flaſche und Glas in der Hand auf den Aufſteigeblock, ſo daß es dem ſcheidenden Gaſt leicht war, auch vom Pferde ihre Artigkeit auf die beſte Art zu erwiedern, indem er naͤmlich ſeinen Arm uͤber die Schulter ſei⸗ ner Wirthin legte, und ihr den Abſchiedsgruß zurief. 3 K 2 220— Frau Whitecraft konnte dieſe Vertraulichkeit nicht abwenden; denn auf einem Pferdeblock iſt kein Raum, ſich herumzudrehen, und die Haͤnde, die ihr zum Widerſtande haͤtten dienen koͤnnen, waren mit Glas und Flaſche beſetzt— zu koſtbare Sachen, um in einem ſolchen Kampfe weggeworfen zu werden. Augenſcheinlich aber hatte ſie ſonſt noch Etwas im Kopfe; denn als ſie, nach einem kurzen ſcheinbaren Widerſtande, Peverils Geſicht ſich dem ihrigen na⸗ hern ließ, fluͤſterte ſie ihm ins Ohr:„Huͤten Sie ſich vor Fallſtricken!“— eine furchtbare Warnung, die in dieſen Tagen des Mißtrauens, Argwohns und Verraths, eben ſo allen freien geſelligen Verkehr zu hindern faͤhig war, als die Anzeige von Menſchen⸗ fallen und verborgenen Feuergewehren zum Schutze eines Obſtgartens dienen kann. Er druͤckte ihr die Hand, zum Zeichen, daß er ihren Wink verſtand, und ſie ſchuͤttelte ihm die ſeinige herzlich, und empfahl ihn Gottes Schutze. Johann Whitecrafts Stirne umwoͤlkte ſich, und ſein letztes Lebewohl klang nicht halb ſo herzlich, als das er ihm in der Thuͤre zuge⸗ rufen hatte. Aber da bedachte Peveril, daß derſelbe Gaſt dem Wirthe und der Wirthin nicht immer gleich angenehm ſein koͤnne; und ſich nicht bewußt, irgend etwas dem Maͤller Mißfaͤlliges gethan zu — 221 haben, verfolgte er ſeine Reiſe, ohne an die Sache weiter zu denken. Julian war ein wenig befremdet und mißver⸗ guuͤgt, zu ſehen, daß ſein neuer Bekannter denſelben Weg mit ihm fortſetzte. Er hatte viele Gruͤnde, allein zu reiſen; und die Warnung der Wirthin klang immer noch in ſeinen Ohren. Wenn dieſer Mann, der ſo viel Schlauheit in ſeinem Benehmen und Geſpraͤch verrieth, gewandt, wie er bemerken konnte, und in einiger Verkleidung unter ſeinem Stande, ſich, wie nicht unwahrſcheinlich, als ein verſteckter Jeſuit oder ein Prieſter aus einem Semi⸗ narium, erweiſen ſollte, der in ihrer großen Unter⸗ nehmung zur Bekehrung Englands und zur Ausrot⸗ tung der nordiſchen Ketzerei reiſte— ein gefaͤhrliche⸗ rer Reiſegefaͤhrte konnte fuͤr einen Menſchen in ſei⸗ nen Umſtaͤnden kaum gedacht werden, weil er, indem er mit ihm Geſellſchaft machte, alles zu beſtaͤtigen ſcheinen koͤnnte, was die Geruͤchte uͤber die Anhaͤng⸗ lichkeit ſeiner Familie an die Sache der Katholiken verbreitet hatten. Zu gleicher Zeit war es, ohne wirkliche Grobheit, ſehr ſchwer, die Geſellſchaft eines Mannes ſich vom Halſe zu ſchaffen, der, er mochte mit ihm ſprechen oder nicht, entſchloſſen ſchien, immer neben ihm her zu reiten. Peveril machte den Verſuch, langſam zu reiten; K 3 222 aber ſein Gefaͤhrte, entſchloſſen, ihn nicht hinter ſich zu laſſen, verzoͤgerte auch ſeinen Schritt, und hielt ſich ſo dicht bei ihm. Julian ſpornte nun ſein Roß zu einem vollen Trott; und war bald zufrieden, daß der Fremde, trotz ſeinem gemeinen Anſehn, um ſo viel beſſer, als er ſelbſt, zu Pferde war, um jeden Gedanken, ihn zu uͤberholen, unmoͤglich zu machen. Er brachte nun ſein Pferd, in einer Art Verzweif⸗ lung, in einen gemaͤßigtern Schritt. Als er dieß that, aͤußerte ſein Gefaͤhrte, der bisher geſchwiegen hatte, die Bemerkung, daß Peveril nicht ſo gut im Stande waͤre, ſchnell darauf los zu reiten, als der Fall geweſen ſein wuͤrde, wenn es bei ſeinem erſten Pferdehandel dieſes Morgens geblieben waͤre. Peveril bejahte es trocken; bemerkte aber, daß das Thier ſeinem jetzigen Vorhaben zuſagte, ob er gleich fuͤrchtete, es moͤchte ihn zu einem ſchlechten Geſellſchafter fuͤr einen Mann machen, der beſſer beritten waͤre. „Ganz und gar nicht,“ ſagte ſein hoͤflicher Ge⸗ faͤhrte;„ich bin einer von denen, die ſo viel gereiſt ſind, daß ich gewohnt bin, meine Reiſe in jedem Grade der Bewegung zu machen, der meiner Geſell⸗ ſchaft am angenehmſten iſt.“ Peveril erwiederte nichts auf dieſe artige Aeuße⸗ rung, da er zu aufrichtig war, den Dank zu ſagen, — 223 der, als Hoͤflichkeit, die ſchickliche Antwort geweſen waͤre.— Eine zweite Pauſe folgte, die Julian mit der Frage an den Fremden unterbrach, ob ihre Wege wohl in gleicher Richtung zuſammen fortgehen wuͤrden. „Ich kann es nicht ſagen,“ autwortete der Fremde laͤchelnd,„wofern ich den Weg Ihrer Reiſe nicht weiß.“ „Ich bin ungewiß,“ ſagte Julian, der abſichtlich den Sinn der Antwort mißverſtand,„wie weit ich bis Nachts gehen werde.“ „Und das iſt bei mir auch der Fall,“ erwiederte der Fremde.„Allein, obgleich mein Pferd beſſer geht, als Ihres, ſo denk ich, wird's doch kluͤger ſein, es zu ſchonen; und wenn unſere Reiſe denſelben Weg fuͤhren ſollte, ſo werden wir wohl zuſammen zu Abend ſpeiſen, wie wir mit einander zu Mittag geſpeiſt haben.“ Julian gab keine Antwort auf dieſe offene Er⸗ klaͤrung, ſondern ritt weiter, und uͤberlegte bei ſich, ob es nicht das kluͤgſte waͤre, ſeinem hartnaͤckigen Begleiter mit eben ſo viel Worten gerade heraus zu erklaͤren, daß er Luſt habe, allein zu reiſen. Allein, außer daß die Art Bekanntſchaft, die ſie bei der Mittagsmahlzeit angeknuͤpft hatten, ihn abgeneigt machte, einem N von ſeinen Sitten geradezu K 4 224— unhoͤflich zu begegnen, ſo hatte er auch zu erwaͤgen, daß er ſich vielleicht uͤber den Charakter und Zweck dieſes Fremden irren koͤnnte, in welchem Falle die grobe Abweiſung der Geſellſchaft eines echten Pro⸗ teſtanten einen eben ſo fruchtbaren Stoff zum Ver⸗ dacht geben wuͤrde, als das Reiſen in Geſellſchaft eines verkleideten Jeſuiten. Nach kurzer Ueberlegung alſo beſchloß er, die Beſchwerde des fremden Geſellſchafters auszuhalten, bis eine gute Gelegenheit kaͤme, ſich ſeiner zu entle⸗ digen, und unterdeſſen mit aller moͤglichen Vorſicht in jeder zwiſchen ihnen vorkommenden Mittheilung zu verfahren; denn die Warnung der Frau White⸗ craft beim Abſchiede klang noch in ſeinen Ohren, und die Folgen, wenn er auf Verdacht feſtgehalten wuͤrde, mußten ihn jeder Gelegenheit berauben, ſeinem Va⸗ ter, oder der Graͤfin, oder dem Major Bridgenorth zu dienen, deſſen Intereſſe er auch ſich vorgenommen hatte, im Auge zu behalten. Waͤhrend er dieſe Sachen bei ſich aberlegte, wa⸗ ren ſie einige Meilen gereiſt, ohne zu ſprechen; und nun kamen ſie auf ein unfruchtbares Land und ſchlechtere Wege, als ſie bisher getroffen hatten; denn ſie naͤherten ſich wirklich der gebirgigeren Graf⸗ ſchaft Derby. Indem ſie auf einem ſehr ſteinigen und unebenen Wege ritten, ſtolperte Julians Pferd — — 225 verſchiedene Mal, und waͤre es nicht durch die Kunſt⸗ griffe des geſchickten Reiters gehalten worden, ſo haͤtte es am Ende gewiß unter ihm ſtuͤrzen muͤſſen. „Dieß ſind Zeiten, die behutſames Reiten for⸗ dern,“ ſagte ſein Gefaͤhrte;„und nach Ihrem Sitz im Sattel, und nach Ihrer Hand ein Zuͤgel, ſchei⸗ nen Sie es gut zu verſtehen.“ „Ich bin ſchon lange Reiter gecbeſen,3 antwor⸗ tete Peveril.— „Und auch lange auf Reiſen, mein Herr, wie ich vermuthe, weil Sie, bei der großen Vorſicht, die Sie beobachten, zu glauben ſcheinen, die Menſchen⸗ zunge erfordere eben ſo gut einen n Zaum, als das Pferd die Kinnkette.“ „Weiſere Maͤnner, als ich(ſagte Peveril) in der Meinung geweſen, es gehoͤre zur Klugheit, zu ſchweigen, wenn man wenig oder nichts zu ſa⸗ gen hat.“ „Ich kann Ihrer Meinung nicht beitreten,“ ant⸗ wortete der Fremde.„Alle Erkenntniß wird durch Mittheilung gewonnen, entweder bei den Todten, durch Buͤcher, oder angenehmer durch Unterredung mit den Lebenden. Die Taubſtummen allein ſind von der Vervollkommnung ausgeſchloſſen; und wahrhaftig, ihre Lage iſt nicht ſo beneidenswerth, daß wir ihnen nachahmen ſollten.“ K 5 226 Bei dieſer Erlaͤuterung, welche einen erſchuͤttern⸗ den Wiederhall in Peverils Bruſt erweckte, ſah der junge Mann ſeinen Gefaͤhrten ſcharf an, las aber in der geſetzten Miene und dem ruhigen blauen Auge kein Bewußtſein einer weitern Bedeutung, als unmittelbar in den Worten lag. Er hielt einen Augenblick inne, und gab dann dem Fremden zur Antwort: 1 1 „Sie ſcheinen ein Mann von ſcharfem Beobach⸗ tungsgeiſte zu ſein, mein Herr; und Sie ſollten, glaub' ich, wohl gefunden haben, daß man, in der gegenwaͤrtigen argwoͤhniſchen Zeit, ohne Tadel zu verdienen, gegen Fremde zuruͤckhaltend ſein muͤſſe. Sie kennen mich nicht, und Sie ſind mir gaͤnzlich unbekannt. Es gibt wenig Stoff zum Geſpraͤch fuͤr uns, wenn wir nicht die allgemeinen Gegenſtaͤnde des Tages beſprechen wollen, welche nur Keim zum Streit zwiſchen Freunden, und noch mehr zwiſchen Fremden in ſich enthalten. Zu jeder andern Zeit wuͤrde mir ein verſtaͤndiger Geſellſchafter auf mei⸗ nem einſamen Ritt hoͤchſt willkommen geweſen ſein; aber jetzt— —„Jetzt!“ fiel ihm der Fremde in die Rede, „Sie gleichen den alten Roͤmern, bei denen hostis einen Fremden und einen Feind bedentete. Ich will daher nicht laͤnger ein Fremder ſein. Mein Name ſ — 227 iſt Ganleſſe— ich bin von Profeſſion ein Roͤmiſch⸗ katholiſcher Prieſter— und reiſe hier in Furcht fuͤr mein Leben— und bin ſehr froh, Sie zu einem Ge⸗ ſellſchafter zu haben.“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen fuͤr die Eroͤffnung,“ ſagte Peveril;„und mir Sie im vollen Grade zu Nutze zu machen, muß ich Sie bitten, voran zu reiten oder zuruͤck zu bleiben, oder einen Seitenweg zu nehmen, wie es Ihnen beliebt; denn da ich kein Katholik bin, und in ſehr wichtigen An⸗ gelegenheiten reiſe, ſo bin ich dem Verluſt, dem Aufenthalt, und ſelbſt der Gefahr ausgeſetzt, wenn ich ſo verdaͤchtige Geſellſchaft halte. Und ſo, Herr Ganleſſe, reiten Sie Ihren gewoͤhnlichen Schritt, und ich will den entgegengeſetzten halten; denn, ver⸗ zeihen Sie, ich muß Ihre Geſellſchaft vermeiden.“ Indem Peveril ſo ſprach, zog er ſein Pferd an, und machte vollkommen Halt. . Der Fremde brach in ein Gelaͤchter aus.„Was!“ ſagte er,„Sie vermeiden meine Geſellſchaft einer Poſſe von Gefahr wegen? Heiliger Antonius! Wie das warme Blut der Adeligen bei den jungen Maͤn⸗ nern dieſer Zeit abgekuͤhlt iſt! Dieſer junge Mann, der jetzt ein Stutzer iſt, hat einen Vater— ich ſtehe dafuͤr— der eben ſo viel Abenteuer wegen verfolgter 228 Prieſter, als ein irrender Ritter wegen bedraͤngter Jungfrauen beſtanden hat.“ „Dieſe Spoͤtterei hilft zu nichts,“ ſagte Peve⸗ ril;„ich muß Sie bitten, Ihren eigenen Weg zu reiſen.“ „Mein Weg iſt der Ihrige,“ ſagte der hart⸗ naͤckige Herr Ganleſſe, wie er ſich nannte;„und wir werden beide um ſo ſicherer reiſen, da wir in Geſell⸗ ſchaft reiſen. Ich habe das Recept vom Farn⸗ krautſamen, Mann, und wandle unſichtbar. Ueber⸗ dieß wuͤrden Sie nicht verlangen, daß ich Sie in dieſem Hohlwege verlaſſen ſollte, wo man ſich weder rechts noch links wenden kann.“ Peveril ritt weiter, um offene Gewalt zu ver⸗ meiden, wozu der gleichguͤltige Ton des Reiſenden freilich keinen ſchicklichen Vorwand gab; aber ſehr verdrießlich uͤber ſeine Geſellſchaft, und entſchloſſen, ſich bei erſter Gelegenheit von ihr los zu machen. Der Fremde ſetzte ſeinen Ritt in gleichem Schritt mit ihm fort, und hielt ſich bedaͤchtig an der Seite ſeiner Hand, die den Zaum fuͤhrte, um ſich dieſen Vortheil im Fall eines Kampfes zu ſichern. Aber ſeine Sprache ver⸗ rieth nicht die mindeſte Furcht.„Sie thun mir Un⸗ recht,“ ſagte er zu Peveril,„und Sie thun ſich gleich⸗ falls Unrecht. Sie ſind ungewiß, wo Sie zu Nacht bleiben— trauen Sie ſich meiner Leitung an. Hier — 229 iſt ein altes Herrenhaus, innerhalb vier Meilen, mit einem alten ritterlichen Pantalon, als Hausherrn — einer alles ausſtechenden muntern Frau Barbara — einem Jeſuiten in Kellnerstracht, um das Tiſch⸗ gebet zu halten— einem alten Maͤrchen von Edge⸗ hill⸗ und Worſter⸗Gefechten, eine kalte Wildprets⸗ paſtete zu wuͤrzen— einer Flaſche Claretwein, mit Spinngeweben umzogen— einem Bette fuͤr Sie im Prieſterſchlupfwinkel— und ſo viel ich weiß, der huͤbſchen Jungfer Betty, dem Milchinͤdehen, d das Bette zu machen.“ „Das hat keine Reize fuͤr mich,“ ſagte Peveril, der jedoch, ſo wenig er ſonſt dazu geſtimmt war, an der gewandten Schilderung Unterhaltung fand, die der Fremde von ſo manchem alten Herrenſitz in Che⸗ ſhire und Derbyſhire machte, wo noch der alte Roͤ⸗ miſchkatholiſche Glaube herrſchte.— „Gut, ich ſehe, ich kann Sie auf dieſe Art nicht gewinnen,“ fuhr ſein Geſellſchafter fort;„ich muß einen andern Ton angeben. Ich bin nicht mehr Ganleſſe, der Prieſter des Seminariums, ſondern (wobei er ſeinen Ton aͤnderte und durch die Naſe ſprach) Simon Canter, ein armer Prediger des Worts, der dieſen Weg reiſt, um Suͤnder zur Buße zu bekehren; und zu ſtaͤrken, und zu erbauen, und zu befruchten, Jeden unter dem zerſtreuten Haͤuf⸗ 230— lein, wer noch an der Wahrheit feſt haͤlt.— Was ſagen Sie hierzu, mein Herr?“ „Ich bewundere Ihre Gewandtheit, und koͤnnte zu anderer Zeit daran Unterhaltung ſinden. Jetzt aber iſt Aufrichtigkeit nothwendiger.“ „Aufrichtigkeit!“ ſagte der Fremde.—„Eine Kinderpfeife nur mit zwei Toͤnen— ja, ja, und nein, nein. Ei, Herr, ſelbſt die Quaͤker haben ihr entſagt, und an ihrer Statt eine artige Floͤte angenommen, Heuchelei genannt, welche der Auf⸗ richtigkeit der Form nach gleicht, aber von viel groͤße⸗ rem Umfange iſt, und die ganze Tonleiter befaßt. Kommen Sie, laſſen Sie ſich leiten,— machen Sie den Schuͤler Simon Canters fuͤr den Abend, und wir wollen das alte verfallene Schloß des erwaͤhnten Ritters linkerhand laſſen, um ein neues Ziegelge⸗ baͤude zu beſuchen, das von einem ausgezeichneten Salzſieder von Namptwich erbaut worden iſt, der den beſagten Simon erwartet, damit er eine ſtarke geiſtliche Einpoͤklung zur Erhaltung einer im ſchlim⸗ men Verkehr mit dieſer boͤſen Welt etwas verdorbe⸗ nen Seele vornehme. Was ſagen Sie? Er hat zwei Toͤchter— hellere Augen ſtrahlten nie unter einem platten Haͤubchen; und ich, fuͤr meine Per⸗ ſon, glaube, es iſt mehr Feuer bei denen, welche nur der Liebe und der Andacht leben, als in Ihren Hof⸗ — 231 ſchoͤnheiten, deren Herzen noch außerdem in zwanzig Thorheiten gerathen. Sie kennen das Vergnuͤgen nicht, Gewiſſensrath bei einer huͤbſchen Froͤmmlerin zu ſein, die in dem einen Athem ihre Schwachheiten wiederholt, und im naͤchſten ihre Leidenſchaft beichtet, Jedoch vielleicht haben Sie eine ſolche zu Ihrer Zeit kennen gelernt? Gutes Muths, mein Herr, es wird zu finſter, Ihre Roͤthe zu ſehen; aber ich wette, ſie gluͤht auf Ihren Wangen.“ „Herr, Sie nehmen ſich viel Freiheit,“ ſagte Peveril, als ſie nun dem Ende des Hohlwegs nahe⸗ ten, wo er ſich auf eine breite Landſtraße oͤffnete; „und Sie ſcheinen ziemlich viel auf meine Schonung zu zaͤhlen, und mehr, als Sie mit Sicherheit thun duͤrften. Wir ſind nun faſt aus dem engen Wege, der uns fuͤr dieſe halbe Stunde zu Geſellſchaftern gemacht hat. Um Ihre fernere Geſellſchaft zu ver⸗ meiden, will ich auf dieſer Landſtraße mich links wenden; und wenn Sie mir folgen, wird es auf Ihre Gefahr geſchehen. Sehen Sie her, ich bin gut bewaffnet, und Sie werden einen nungleichen Kampf haben.“ „Nicht ungleich,“ erwiederte der ſtreitſuͤchtige Fremde,„weil ich meinen braunen Zelter habe, mit dem ich nach Belieben rund um Sie herum reiten kann, und dieſen Text, eine Hand lang(indem er 232— auf ein Piſtol zeigte, das er aus dem Buſen zog) der auf den Druck des Zeigefingers eine ſehr uͤber⸗ zeugende Lehre gibt, und alle vermeinte Ungleichheit von Jugend und Staͤrke ausgleichen kann. Indeß, laſſen Sie uns keinen Streit haben— der Sumpf liegt vor uns— nehmen Sie Ihren Weg dahin— ich nehme den andern.“ „Ich wuͤnſche Ihnen gute Nacht, mein Herr,“ ſagte Peveril zu dem Fremden.„Ich birte um Ver⸗ gebung, wenn ich Sie in Etwas falſch beurtheilt vieh aber die Zeiten ſind gefaͤhrlich, und eines Menſchen Leben kann von der Geſellſchaft abhangen, in der er reiſet.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Fremde;„aber in Ih⸗ rem Falle iſt die Gefahr ſchon uͤbernommen, und Sie ſollten ihr zu widerſtehen ſuchen. Sie ſind in meiner Geſellſchaft lange genug gereiſt, um einen huͤbſchen Zweig des papiſtiſchen Complotts zu erra⸗ then. Was werden Sie fuͤr Augen machen, wenn Sie, in ſtattlichem Folioformat, herauskommen ſehen die Erzaͤhlung Simon Canter's, ſonſt Stephan Ganleſſe genannt, betreffend die furchtbare papiſtiſche Ver⸗ ſchwoͤrung zum Morde des Koͤnigs und zur Nieder⸗ metzelung aller Proteſtanten, eidlich dem hochachtba⸗ ren Uuterhauſe uͤbergeben; darlegend, in wiefern — 233 Julian Peveril, Junker vom Schloß Martindale, in Befoͤrderung derſelben betheiligt iſt—“ „Wie, Herr? Was meinen Sie?“ ſagte Peveril ſehr betroffen. „Nein, Herr,“ antwortete ſein Begleiter,„unter⸗ brechen Sie nicht mein Titelblatt. Nunmehr, da Oates und Bedloe die großen Preiſe gewonnen ha⸗ ben, muͤſſen die untergeordneten Entdecker etwas Weniges nur durch den Verkauf ihrer Berichte be⸗ kommen; und Janeway, Newman, Simmons und jeder Buchhaͤndler von ihnen wird Ihnen ſagen, daß der Titel der halbe Bericht iſt. Meiner ſoll daher die verſchiedenen Entwuͤrfe darlegen, die Sie mir mitgetheilt haben, vom Landen von zehntauſend Sol⸗ daten aus der Inſel Man an der Kuͤſte von Lanca⸗ ſhire, und von ihrem Marſch nach Wales, um zu den zehntauſend Pilgern zu ſtoßen, die aus Spanien ausgeſchifft werden ſollen; und von der zu vollfuͤh⸗ renden Vertilgung der proteſtantiſchen Religion und der Zerſtoͤrung der Stadt London. Wahrhaftig, ich denke, eine ſolche Erzaͤhlung, mit einigen Schreckens⸗ ſcenen wohl gewuͤrzt, und cum privilegio Parla- menti herausgegeben, koͤnnte, wenn auch der Markt etwas uͤberfuͤhrt waͤre, immer einige zwanzig oder dreißig Pfund werth ſein.“. „Sie ſcheinen mich zu kennen, mein Herr,“ ſagte 234— Peveril;„und wenn das iſt, ſo darf ich Sie wohl freundlich um die Abſicht fragen, warum Sie mir ſo Geſellſchaft leiſten, und was die ganze Rhapſodie be⸗ deuten ſoll. Iſt es bloßer Scherz, ſo kann ich ihn in gehoͤrigen Grenzen wohl vertragen, wenn er auch unhoͤflich von Seiten eines Fremden iſt. Wenn Sie irgend einen Zweck weiter haben, ſo ſprechen Sie ihn aus; ich will nicht mit mir ſpielen laſſen.“ „Ei, ei,“ ſagte der Fremde lachend,„in welche unnuͤtze Hitze ſind Sie gerathen! Ein Italiaͤniſcher fuoruscito, der mit Ihnen unterhandeln will, nimmt ſeinen Stand hinter einer Mauer mit ſeiner langen Flinte, zielt und leitet ſeine Unterhandlung mit einem Posso tirare*) ein. So feuert unſer Kriegsmann quer uͤber die Bogen eines Hans⸗mogan Indianers eine Flinte gerade auf ihn los; und ſo zeige ich dem Herrn Julian Peveril, daß er, wenn ich Einer aus der achtbaren Geſellſchaft der Zeugen und Angeber waͤre, mit der mich ſeine Fantaſie dieſe zwei Stun⸗ den in Verbindung gebracht hat, eben ſo ſehr jetzt bei mir gefaͤhrdet ſein wuͤrde, als er ſonſt wahrſchein⸗ lich immer ſein koͤnnte.“ Drauf nahm er ſchnell einen ernſthaften Ton an, nachdem er ſonſt uͤber⸗ haupt ironiſch geſprochen hatte, und fuhr fort: „Junger Herr, wenn die Peſt durch die Luft einer *) Ich kann ſchießen. ——— 235 Stadt verbreitet iſt, ſo werden die Leute vergeblich der Seuche zu entgehen ſuchen, indem ſie zur Ein⸗ ſamkeit ihre Zuflucht nehmen, und die Geſellſchaft ihrer Leidensgenoſſen meiden.“ „Worauf beruht denn ihre Rettung?“ ſagte Peveril, der, wo moͤglich, die Abſicht ſeines Gefaͤhr⸗ ten zu erforſchen wuͤnſchte. „Auf Befolgung des Raths verſtaͤndiger Aerzte;“ antwortete der Fremde. „Und als ein ſolcher bieten Sie mir Ihren Rath an?“ ſagte Peveril.. „Werzeihen Sie,“ erwiederte der Fremde trotzig; „ich ſehe keinen Grund, warum ich das thun ſollte.“ —„Ich werde,“ ſetzte er in ſeinem vorigen Tone hinzu,„nicht als Ihr Arzt beſoldet— ich biete kei⸗ nen Rath an— ich ſage nur, Sie wuͤrden kluͤglich Rath ſuchen.“ „Und von wem, oder wo kann ich ihn erhalten?“ ſagte Peveril.„Ich wandere, wie Einer im Trau⸗ me, in dieſer oͤden Gegend; ſo viel haben wenige Monate veraͤndert. Leute, die ſich ſonſt mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchaͤftigten, werden nun von Gegenſtaͤnden der Politik verſchlungen; und diejenigen zittern aus Furcht vor ſeltſamen und ploͤtz⸗ lichen Erſchuͤtterungen des Reichs, welche ehemals blos die Furcht erfuͤllte, ohne Abendbrot ſchlafen zu 7 23⁶— gehen. Ich treffe einen Fremden, der, wie es ſcheint, mit meinem Namen und meinen Angelegen⸗ heiten wohl bekannt iſt, ſich erſt an mich haͤngt, ich mag wollen oder nicht, und hernach mir die Eroͤff⸗ nung ſeines Geſchaͤfts verweigert, waͤhrend er mich mit den ſeltſamſten Beſchuldigungen bedroht.“ „Haͤtt' ich ſolche Niedertraͤchtigkeit im Sinne ge⸗ habt,“ antwortete der Fremde,„glauben Sie mir, ich wuͤrde Ihnen nicht den Faden meiner Intrigue in die Hand gegeben haben. Aber ſein Sie weiſe, und gehen Sie mit mir weiter. Hier iſt ganz nahe ein kleines Wirthshaus, wo wir, wenn Sie der Verſicherung eines Fremden trauen, ganz ſicher ſchlafen werden.“ „Doch waren Sie ja ſelbſt nur vor kurzem be⸗ ſorgt, bemerkt zu werden;“ ſagte Peveril;„und wie koͤnnen Sie in dieſem Falle mich beſchuͤtzen?“ „Hal ich gebot nur der ſchwatzhaften Gaſtwir⸗ thin Stillſchweigen, ſo wie ſolchen Leuten am beſten der Mund geſtopft wird; und was Topham und ſeine paar Nachteulen betrifft, ſo muͤſſen ſie ſich an eine andere und beſſere Beute halteu, als ich ſein wuͤrde.“ Peveril konnte ſich nicht enthalten, die leichte und zuverſichtliche Gleichguͤltigkeit zu bewundern, womit der Fremde ſich uͤber alle gefaͤhrlichen Um⸗ — 237 ſtaͤnde hinweg zu ſetzen ſchien, und nach ſchneller Ueberlegung der Verhaͤltniſſe kam er zu dem Ent⸗ ſchluſſe, wenigſtens dieſe Nacht mit ihm noch Geſell⸗ ſchaft zu machen, und, wo moͤglich, zu erforſchen, wer er eigentlich waͤre, und welcher Partei im Staate er anhinge. Die Kuͤhnheit und Freiheit ſei⸗ ner Sprache ſchien ſich ſchwerlich damit zu vertragen, daß er das gefaͤhrliche, doch um dieſe Zeit eintraͤgliche Gewerbe eines Angebers treiben ſollte. Ohne Zwei⸗ fel nahmen ſolche Perſonen jede Geſtalt an, die ih⸗ nen das Zutrauen ihrer auserſehenen Schlachtopfer gewinnen konnte; doch glaubte Julian in dem Be⸗ nehmen dieſes Mannes eine wilde und unbekuͤmmerte Offenheit zu entdecken, die er mit der Idee von Auf⸗ richtigkeit im gegenwaͤrtigen Falle zu verbinden ſich nicht enthalten konnte. Er antwortete daher nach kurzer Ueberlegung:„Ich nehme Ihren Vorſchlag an, wiewohl ich damit ein ploͤtzliches und vielleicht unvorſichtiges Zutrauen beweiſe,“ „Und wie iſt's denn mit meinem Zutrauen gegen Sie? ſagte der Fremde;„Iſt nicht unſer Zutrauen wechſelſeitig?“ 5 „Nein; vielmehr das Gegentheil. Ich weiß nichts von Ihnen, was Sie mir auch immer genannt haben moͤgen; und da Sie mich als Julian Peveril 238— kennen, ſo wiſſen Sie, daß Sie mit mir in voͤlliger Sicherheit reiſen koͤnnen.“ „Den Teufel auch!“ antwortete ſein Geſell⸗ ſchafter.„Ich reiſe mit derſelben Sicherheit, als bei einer angezuͤndeten Petarde, die alle Augenblicke losſpringen kann. Sind Sie nicht der Sohn Peve⸗ rils von dem Gipfel, mit deſſen Namen Praͤlatur und Papſtthum ſo dicht verbunden ſind, daß kein al⸗ tes Weib von beiderlei Geſchlecht in Derbyſhire ihr Gebet ſchließt, ohne eine Bitte, von allen dreien be⸗ freit zu werden? Und kommen Sie nicht von der papiſtiſchen Graͤfin von Derby, und bringen, ſo viel ich weiß, eine ganze Armee Manenſer in Ihrer Ta⸗ ſche, mit voller Ausruͤſtung an Waffen, Munition, Gepaͤck und einem Zug Feldartillerie?“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich ſo armſelig beritten waͤre,“ ſagte Julian lachend,„wenn ich eine ſolche Laſt mit mir fuͤhrte. Aber nur immerfort, mein Herr. Ich ſehe, ich muß auf Ihr Zutraaeen warten, bis Sie es ſchicklich ſinden werden, es mir zu ſchenken; denn Sie ſind ſchon mit meinen Ange: legenheiten ſo gut bekannt, daß ich Ihnen nichts zur Erwiederung dagegen bieten kann.“ „Allons denn,“ ſagte ſein Gefaͤhrte;„geben Sie Ihrem Pferde den Sporn, und erheben Sie den Zuͤgel, damit es nicht den Boden mit ſeiner Naſe⸗ s 239 anſtatt ſeiner Schritte meſſe. Wir ſind nun nicht uͤber einen Feldweg vom Wirthshauſe entfernt.“ Sie verſtaͤrkten alſo ihren Ritt, und gelangten bald an das einſame Wirthshaus, das der Reiſende erwaͤhnt hatte. Als ſein Licht vor ihnen zu funkeln anfing, ſagte der Fremde, als wenn er ſich auf Et⸗ was beſaͤnne, das er vergeſſen haͤtte:„Auf dem Wege muͤſſen Sie einen Namen haben, unter dem Sie paſſiren; denn es moͤchte uͤbles Reiſen unter Ihrem eignen ſein, da der Mann, der dieſe Herberge haͤlt, ein alter Cromwellianer iſt. Wie wollen Sie ſich nennen?— Mein Name iſt fuͤr jetzt Ganleſſe.“ „Es iſt gar uͤberhaupt nicht noͤthig, einen Na⸗ men zu fuͤhren,“ ſagte Julian.„Ich bin nicht ge⸗ neigt, einen fremden Namen anzunehmen, beſon⸗ ders da ich auf Jemand treffen koͤnnte, der meinen eignen kennte.“ „So will ich Sie Inlian nennen,“ ſagte Gan⸗ leſſe;„denn Peveril riecht in der Naſe meines Wirths nach Abgoͤtterei, Verſchwoͤrung, Smithfiel⸗ der Reißbuͤndel, Fiſchen am Freitag, der Ermor⸗ dung Sir Edmondbury Gottfrieds, und dem Fe⸗ gefener.“ Als er ſo ſprach, ſtiegen ſie unter der großen, weit ſich ausbreitenden Eiche ab, welche der Bier⸗ 240— bank zum Baldachin diente, die, in einer fruͤhern Stunde, unter dem Gewicht eines zahlreichen Con⸗ claves baͤueriſcher Politiker gedroͤhnt hatte. Gan⸗ leſſe pfiff, als er abſtieg, in einem beſondern ſcharfen Ton, und erhielt aus dem Hauſe Antwort.. Zehntes Kap Der Mann, der an der Thuͤre des kleinen Wirths⸗ hauſes erſchien, um Ganleſſe zu empfangen, wie wir in unſerm letzten Kapitel erwaͤhnten, ſang im Her⸗ beikommen folgendes Stuͤck einer alten Ballade: Ich wuͤnſch' euch guten Abend, ſagt, Richard, was ihr macht? Wird nun die holde Braut zum Schmauſ' und zu Bette gebracht? Hierauf antwortete Ganleſſe in demſelben Tone und gleicher Melodie: Sei ruhlg, lieber Robin; der braucht ſich nicht zu plagen, 8 wer ſtatt des Haſens bringt den fetten Bock getragen. „So haben Sie alſo Ihren Streich verfehlt⸗,“ ſagte der Andere zur Antwort. „Nein, ſag' ich Ihnen,“ antwortete Ganleſſe;„ „aber Sie denken nur an Ihren eigenen gedeihlchen — 241 Beruf.— Hol, der Henker, was dazu gehoͤrt! Doch du biſt davon hergekommen.“ „Der Menſch muß leben, Nichard Ganleſſe,“ ſagte der Andere. „Gut, gut,“ ſprach Ganleſſe,„aber heiß meinen Freund in meinem Namen willkommen. Haſt du Etwas zum Abendeſſen fertig?“ „Es dampft, wie ein Opfer.— Chaubert hat ſein Beſtes dabei gethan. Der Mann iſt ein Schatz. Gebt ihm ein Sngacge und er wird ein gutes Abendeſſen dabei kochen.— Immer herein, mein Herr. Der Freund meines Freundes iſt willkom⸗ men, wie wir hier zu Lande ſagen.“ „Wir muͤſſen erſt nach unſern Pferden ſehen,“ ſagte Peveril, der uͤber den Charakter ſeiner Geſell⸗ ſchafter ſehr ungewiß zu werden anfing,— wenn das geſchehen iſt, ſteh' ich zu Dienſten.“. Ganleſſe pfiff noch einmal; ein Stallknecht er⸗ ſchien, der die Pferde von Beiden beſorgte, und ſie raten nun ſelbſt ins Wirthshaus. Die Gaſtſtube eines geringen Wirthshauſes ſchien einige Veraͤnderungen erfahren zu haben, um fuͤr eine Geſellſchaft von hoͤherem Range eingerichtet zu werden. Da befand ſich ein Schenktiſch, ein Sopha unnd ein oder ein paar andere Geraͤthſchaften von eeiner Art, wie das Ausſehen des Orts nicht erwar⸗ II. L 242— ten ließ. Das Tiſchtuch, das ſchon aufgedeckt war, war vom feinſten Damaſt; und die Loͤffel, Gabeln u. dgl. waren von Silber. Peveril ſah dieſe Aus⸗ ſtattung mit einigem Befremden; und als er ſeine Augen wieder aufmerkſam auf ſeinen Reiſegefaͤhrten Ganleſſe wandte, ſo konnte er ſich(vielleicht mit Huͤlfe der Einbildungskraft) der Bemerkung nicht enthalten, daß, ungeachtet ſeiner unbedeutenden Fi⸗ gur, ſeiner einfachen Geſichtszuͤge und ſeiner duͤrfti⸗ gen Kleidung, doch um ſeine P und ſein Be⸗ nehmen die unbeſchreibliche Leichtigkeit der Manier hervorſchimmerte, die blos Perſonen von Geburt und Range, oder denen eigen iſt, welche immer in der beſten Geſellſchaft zu leben gewohnt ſind. Sein Gegleiter, ven er Wilhelm Smith nannte, war zwar eine Perſon von hohem Wuchs und ziemlich gutem Anſehen, auch viel beſſer gekleidet, hatte je⸗ doch nicht ganz daſſelbe leichte Benehmen, und mußte dieſen Mangel durch eine Art Dreuſtigkeit erſetzen. Wer dieſe Perſonen eigentlich ſein moͤchten, daruͤber konnte Peveril nicht die leiſeſte Vermuthung wagen. Ihm blieb nichts uͤbrig, als ihr Benehmen und ihre Unterhaltung zu belauſchen. Nachdem Smith einen Augenblick mit ſeinem Gefaͤhrten heimlich geſprochen hatte, ſagte er zu ihm:„Wir muͤſſen auf zehn Minuten nach unſern 5 — 243 Pferden ſehen; unterdeſſen mag Chaubert ſein Amt verrichten.“ „Wird er denn nicht erſcheinen, und uns auf⸗ warten?“ ſagte Ganleſſe. „Was? Er?— er einen Teller hinſetzen?— ein Glas bringen? Nein, Sie vergeſſen, von wem Sie ſprechen; So ein Dienſt waͤre genug, ihn in ſein eignes Schwert zu ſtuͤrzen.— Er iſt ſchon am Rande der Verzweiflung, weil kein Bachkrehs zu haben iſt./ „O weh!“ rief Ganleſſe.„Der Himmel be⸗ wahre, daß ich ein ſolch Ungluͤck vermehren ſollte! Fort, in den Stall, daß wir ſehen, wie unſere Roſſe ihr Futter verzehren, waͤhrend das unſere fertig wird.“. Sie begaben ſich alſo in den Stall, der, zwar duͤrftig, doch ſchnell mit Allem verſehen worden war, was zur Bedienung vier trefflicher Pferde erfordert wuͤrde; das eine, von welchem eben Ganleſſe abge⸗ ſtiegen war, wurde von dem erwaͤhnten Stallknecht bei dem Licht einer gewaltigen Wachskerze gereinigt und geſtriegelt.“ „Ich bin immer in ſo weit Katholik,“ ſagte Ganleſſe lachend, da er ſah, daß Peveril dieſen Lurus bemerkte.„Mein Pferd iſt mein Heiliger, und ich weihe ihm eine Kerze.“ 92 2 „Ohne eine ſo große Gunſt fuͤr meines zu ver⸗ langen, das hinter jenem alten Huͤhnerkorbe ſteht,“ antwortete Peveril,„will ich ihm wenigſtens Sattel und Zaum loͤſen.“ „Reberlaſſen Sie es dem Burſchen des Wirths⸗ hauſes,“ ſagte Smith;„der iſt nicht werth, daß ein Anderer ſeinen Dienſt verrichte; und ich verſichere Ihnen, wenn Sie nur eine einzige Schnalle oͤffnen, ſo werden Sie ſo nach dem Stallgeſchaͤfte duften, daß Sie eben ſo gut Roaſtbeef als Ragout eſſen koͤnnen; denn Sie werden von jedem den Geſchmack haben.“ „Ich liebe Roaſtbeef ſowohl, als Ragout zu jeder Zeit,“ ſagte Peveril, und begab ſich zu einem Ge⸗ ſchaͤft, das jeder junge Mann im Nothfall zu ver⸗ richten wiſſen ſollte;„und mein Pferd, ob es gleich nur ein trauriger Klepper iſt, wird beſſer an Heu und Haber kauen, als an einem eiſernen Gebiſſe.“ Waͤhrend er ſein Pferd abſattelte, und dem ar⸗ men abgematteten Thier etwas Streu zurecht machte, hoͤrte er Smith zu Ganleſſe ſagen:„Meiner Treu, Richard, du haſt einen Pudel geſchoſſen, wie der arme Slender, haſt Anna Page verfehlt, und uns einen großen plumpen Poſtknecht gebracht.“ „Still, er moͤchte es hoͤren,“ antwortete Gan⸗ leſſe;„alles hat ſeinen Grund— es iſt gut, wie es — — 245 iſt. Aber ich bitte dich, heiß' deinen Kerl dem jun⸗ gen Mann helfen.“. „Was?“ ſagte Smith;„denkt ihr, ich bin toll? — Bittet Thomas Beacon— Thomas von Neu⸗ markt,— Thomas von zehntauſend, eine ſolche vier⸗ beinige Beſtie, wie das, anzuruͤhren.— Ei, er wuͤrde mich auf der Stelle wegſtoßen— mich ab⸗ ſetzen, wahrhaftig. Es war Alles, was er thun wuͤrde, Ihr eignes Pferd in die Hand zu nehmen, mein guter Freund; und wenn Sie ihn nicht beſſer achten, ſo werden Sie wohl ſelbſt morgen ſeinen Stallknecht abgeben.“ „Gut, Wilhelm,“ antwortete Ganleſſe; ich wilt dir nur das ſagen; du haſt einen Haufen von dem unnuͤtzeſten, ſchurkenhafteſten, groͤbſten Geſchmeiße um dich, das immer eines armen Herrn Einkuͤnfte aufzehrt.“ „Unnuͤtz? das leugne ich,“ antwortete Smith⸗ Jeder von meinen Leuten thut eins oder das andere ſo herrlich, daß es eine Suͤnde waͤre, ihn etwas An⸗ deres thun zu laſſen— es ſind nur eure Allerwelt⸗ diener, die keines ordentlich verſtehen.— Aber horcht! Chaubert's Signal! Der Haſenfuß klimpert es auf der Laute zu dem Liede: Eveillez vous, belle endormie.— Kommt, Herr— Wie⸗ ihr⸗ heißt Can Peveril ſich wendend)— nehmt Waſſer, und 8 5 246 waſcht euch das ſchmuzige Zeugniß von der Hand ab, wie Betterton in ſeinem Schauſpiel ſagt; denn Chaubert's Kochkunſt iſt, wie Frater Bacon's Haupt⸗ ſatz— Zeit iſt— Zeit war— Zeit wird bald nicht mehr ſein.“ So ſprach er, und ließ Julian kaum Zeit, ſeine Haͤnde in einen Eimer zu tauchen und an einer Pfer⸗ dedecke abzutrocknen, um mit ihm aus dem Stalle in das Speiſezimmer zuruͤck zu eilen. Hier war Alles zu ihrer Mahlzeit mit einer Epikureiſchen Delikateſſe bereitet, welche eher dem Saal eines Palaſtes, als der Stube zukam, worin die Tafel zugerichtet war. Vier Schuͤſſeln von Sil⸗ ber, mit Deckeln von demſelben Metall, dampften auf ihr; und drei Stuͤhle waren fuͤr die Geſellſchaft hingeſetzt. Neben dem untern Ende der Tafel war ein kleiner Nebentiſch zum Behuf der Weinflaſchen, die darauf ihren langen, ſtattlichen Schwanenhals uͤber Glaͤfer und Roͤmer emporſtreckten. Saubere Gedecke waren auch hingelegt; und ein kleines, mit Silber beſchlagenes Reiſefutteral zeigte eine Anzahl Flaſchen mit den ſchmackhafteſten Bruͤhen, welche die Kochkunſt damals erfunden hatte. Smith, der den untern Sitz einnahm, und den Vorſitzen des Gaſtmahls zu machen ſchien, bewog die beiden Reiſenden, Platz zu nehmen und zuzulangen⸗ — 247 „Ich moͤchte nicht gern ein Tiſchgebet lang zoͤgern,“ ſagte er,„um ein ganzes Volk vom Untergange zu retten. Wir koͤnnen keine Kohlfeuer mit einiger Bequemlichkeit anbringen; und ſelbſt Chaubert iſt nichts, wenn man ſeine Gerichte nicht im Augenblicke des Anrichtens genießt. Wohlan, deckt auf, und laßt ſehen, was er uns bereitet hat.— Hm— ha — ha!— gefuͤllte Tauben— wildes Gefluͤgel— junge Huͤhner— Wildprets⸗Cotelettes— und ein Raum im Mittelpunkt, ach, feucht von einer milden Zaͤhre aus Chaubert's Auge, wo die soupe d' ecri- visses haͤtte ſein ſollen! Der Eifer dieſes armen Wichts wird durch ſeine armſeligen zehn Louisd'or fuͤr den Monat ſchlecht belohnt.“ „Eine wahre Kleinigkeit,“ ſagte Ganleſſe;„aber er dient, wie Sie ſelbſt, Wilhelm, einem freigebigen Herrn.“ Das Gaſtmahl nahm nun ſeinen Anfang; und obgleich Julian ſeinen jungen Freund, den Grafen von Derby, und andere Weltleute einen hohen Grad von Intereſſe und Geſchmack an der Kochkunſt be⸗ weiſen geſehen hatte, und ſelbſt den Vergnuͤgungen einer guten Tafel nicht fremd oder abhold war, ſo fand er doch bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit, daß er ein voͤlliger Neuling war. Seine beiden Geſell⸗ ſchafter, beſonders Smith, ſchienen nun in dem ein⸗ . L 4 248— zig wahren und wirklichen Geſchaͤft des Lebens ſich zu befinden, und wogen alle ſeine Kleinigkeiten mit einem verhaͤltnißmaͤßigen Grade von Genauigkeit ab. Das Stuͤck mit der feinſten Manier zu zerlegen— und die gehoͤrige Wuͤrze mit der Sorgfalt eines Scheidekuͤnſtlers zuzutheilen— genau Acht zu ge⸗ ben, in welcher Ordnung ein Gericht auf das andere folgen mußte, und allen volles Recht widerfahren zu laſſen— das war eine Subtilitaͤt der Wiſſenſchaft, mit welcher Julian bisher ganz unbekannt gewe⸗ ſen war. 8 Endlich hielt Ganleſſe inne, und erklaͤrte das Abendeſſen fuͤr vortrefflich.„Aber, Freund Smith,“ ſetzte er hinzu,„ſind Ihre Weine vorzuͤglich? Als Sie all den Plunder von Silbergeſchirr und derglei⸗ chen nach Derbyſhire brachten, haben Sie hoffentlich uns nicht auf das ſtarke Bier der Grafſchaft einge⸗ ſchraͤnkt, das ſo dick und truͤbe iſt, wie die Landjun⸗ ker, die es trinken.“ Haͤtt ich nicht gewußt, daß Sie zu mir kommen ſollten, Richard Ganleſſe?“ antwortete ihr Wirth, „Und koͤnnen Sie mich einer folchen Verſaͤumniß verdaͤchtig halten? Es iſt wahr, Sie muͤſſen Cham⸗ pagner und Claret auftragen laſſen; denn mein Burgunder wollte die Reiſe nicht aushalten. Aber 1 wenn Sie Luſt zu Xeresſekt oder Cahors haben, ſo — — 249 iſt mir bekannt, daß Chaubert und Thomas Beacon einigen zu ihrem eigenen Getraͤnke mitgebracht haben.“— „Wielleicht werden die Herren ihn nicht mitthei⸗ len wollen,“ ſprach Ganleſſe.— „O pfui!— Alles auf hoͤfliche Art,“ antwortete Smith,„Sie ſind, wahrlich, die gutmuͤthigſten Burſche von der Welt, wenn man ihnen mit Ehrer⸗ bietung begegnet; ſo daß, wenn Sie lieber—8 „Ganz und gar nicht,“ ſagte Ganleſſe—„ein Glas Champagner wird beim Mangel etwas Beſ⸗ fern eben ſo gut ſein.“ „Der Kork ſoll folgſam meinem Daumen ſprin⸗ gen,“ ſagte Smith;„und indem er ſprach, drehte er den Draht auf, und der Stoͤpſel ſprang an die Stubendecke. Jeder Gaſt nahm einen großen Roͤ⸗ mer des ſchaͤumenden Tranks, den Peveril aus hin⸗ laͤnglicher Erfahrung und Kenntniß vortrefflich fand. „Geben Sir mir Ihre Hand, Herr,“ ſprach Smith;„es iſt das erſte verſtaͤndige Wort, das Sie dieſen Abend geſprochen haben.“ „Weisheit, mein Herr,“ erwiederte Peveril, „gleicht der beſten Waare im Buͤndel des Hauſirers; er bringt ſie nicht eher heraus, als bis er ſeinen Kundmann weiß.“ „Scharf wie Senf,“ antwortete der bon vivant; 2 5 25⁰0 „aber ſei weiſe, edler Hauſirer, und nimm einen andern Roͤmer von derſelben Flaſche, die, wie Sie ſehen, ich fuͤr Sie in ſchiefe Lage gebracht habe, ohne zu erlauben, daß ſie wieder in die perpendiku⸗ laͤre zuruͤckgehe. Nun, abgetrunken, ehe der Schaum vom Rande ſpringt, und der Geiſt verfliegt!“ „Sie erzeigen mir zu viel Ehre,“ ſagte Peveril, das zweite Glas nehmend.„Ich wuͤnſche Ihnen ein beſſeres Amt, als das meines Mundſchenken.“ „Sie koͤnnen Wilhelm Smith nichts ſeinem We⸗ ſen natuͤrlicheres wuͤnſchen,“ ſagte Ganleſſe.„An⸗ dre haben ein ſelbſtſuͤchtiges Vergnuͤgen im Genuſſe ſinnlicher Gegenſtaͤnde. Wilhelm iſt froͤhlich und gluͤcklich, wenn er ſie Andern mittheilt.“ „Beſſer, Menſchen zu Freuden, als zu Schmer⸗ zen zu verhelfen;“ antwortete Smith etwas un⸗ willig. „Nein, ergrimme dich nicht, Wilhelm,“ ſagte Ganleſſe;„und ſprich keine Worte in Haſt, die du bei Muße zu bereuen Urſache haben koͤnnteſt. Tadle ich denn deine geſellige Sorgfalt fuͤr Andrer Ver⸗ gnuͤgen? Ei, Mann, du vervielfaͤltigſt ja darin Hoͤchſt philoſophiſch dein eignes. Ein Menſch hat nur eine Kehle, und kann mit ſeiner beſten Anſtren⸗ gung nur fuͤnf oder ſechs Mal des Tages eſſen; aber du ſpeiſeſt mit jedem Freunde, der einen Kapaun — 46 4 — 251 anſchneidet, und fuͤlleſt Wein in andrer Leute Gur⸗ geln, vom Morgen bis in die Nacht— et sio de caeteris.“ „Freund Ganleſſe,“ erwiederte Smith,„ich bitte dich, nimm dich in Acht— du weißt, ich kann ſo vut Gurgeln ſchneiden, als kitzeln.“ „Ja, Wilhelm,“ antwortete Ganleſſe gleichguͤl⸗ tig;„ich denke, ich habe dich deinen Bratſpieß nach der Kehle eines Hochmoͤgenden— einer Niederlaͤn⸗ diſchen Luftroͤhre ziehen ſehen, da er ſich ſonſt nur nach den Gegenſtaͤnden deines natuͤrlichen und toͤdt⸗ lichen Abſcheues— Hollaͤndiſchem Kaͤſe, Roggen⸗ brot, Poͤklingen, Zwiebeln und Wachholderbeeren ausſtreckte.“ „Um's Himmels willen ſchweig ſtill davon!“ ſagte Smith:„deine Worte uͤberwaͤltigen Wohlge⸗ ruͤche, und durchraͤuchern die Stube, wie ein Geeicht Salmagundi!“ d) „Aber fuͤr eine Kehle, wie meine,“ fuhr Gan⸗ leſſe fort,„in welche die delikateſten Biſſen mit ſol⸗ chem Claretwein, wie du jetzt einſchenkſt, hinunter⸗ geſpuͤlt werden, kannſt du in deiner bitterſten Laune kein ſchlimmeres Schickſal wuͤnſchen, als von ein paar weißen Armen etwas dicht ein Halsband ange⸗ legt zu erhalten.“ *) Eine Italiaͤniſche Art Haͤringsſalat. 252— „Von einem Zehnpfennigſtrick,“ ſagte Smith; „doch nicht bis Sie todt waͤren; denn nachher moͤch⸗ ten Sie, noch lebendig, ſogleich ausgeweidet werden, damit Ihr Kopf dann vom Leibe getrennt, und Ihr Leib geviertelt wuͤrde, um Seiner Majeſtaͤt beliebiger Verfuͤgung uͤberlaſſen zu werden. Wie gefaͤllt Ihnen das, Herr Richard Ganleſſe?“ „Eben ſo, als Ihnen der Gedanke gefaͤllt, Klei⸗ enbrot und Milchſuppe zu ſpeiſen— eine aͤußerſte Noth, in die Sie nie zu kommen hofften. Doch ſoll mich das Alles nicht abhalten, in einem Glaſe guten Clarets Ihr Wohlſein zu trinken.⸗ Als der Claret umherging, nahm die Luſtigkeit der Geſellſchaft zu; und Smith, der die Gerichte, von denen genoſſen worden war, auf den Seitentiſch ſetzte, ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden, und der Tiſch ſank durch eine Fallthuͤre hinab, ſtieg aber wieder empor, beladen mit Oliven, Schnitten Rinds⸗ zunge, Caviar, und andern Reizmitteln fuͤr die um⸗ hergehende Flaſche.. „Ei, Wilhelm,“ ſagte Ganleſſe,„du biſt ein vollkommenerer Maſchiniſt, als ich glaubte; du haſt deine Erfindungen, die Scene zu verwandeln, in un⸗ begreiflich kurzer Zeit nach Derbyſhire gebracht.“ „Ein Strick und Kloben ſind bald herbei ge⸗ ſchafft,“ antwortete Wilhelm;„und mit einer Saͤge *. — 253 und einem Hobel kann ich die Sache in einem halben Tage einrichten. Ich liebe dieſen Kunſtgriff netter und heimlicher Befoͤrderung— du weißt, es war die Grundlage meiner Gluͤcksumſtaͤnde.“ „Es kann auch ihr Schiffbruch ſein, Wilhelm,“ antwortete ſein Freund. „Es iſt wahr, Richard,“ antwortete Wilhelm; aber vivimus dum vivamus, das iſt mein Motto; und damit biete ich dir ein volles Glas auf die Ge⸗ ſundheit der holden Dame, die du weißt.“ „Wohlan, Wilhelm,“ erwiederte ſein Freund, und die Flaſche ging munter von Hand zu Hand. Julian fand es nicht kluͤglich, als ein Stoͤrer ihrer Froͤhlichkeit zu erſcheinen, da er hoffte, in ihrem Fortgange Etwas vorkommen zu ſehen, das ihn in Stand ſetzen wuͤrde, uͤber die Charaktere und die Ab⸗ ſichten ſeiner Geſellſchafter ein Urtheil zu faͤllen. Aber er belauerte ſie umſonſt. Ihre Unterhaltung war belebt und aufgeweckt, und bezog ſich oft auf die Literatur der Zeit, in welcher der aͤltere beſonders wohl bewandert zu ſein ſchien. Sie ſprachen auch frei vom Hofe und von jener zahlreichen Klaſſe fei⸗ ner Weltleute, die damals als Maͤnner von Wiß und Geſchmack in der Naͤhe der Stadt beſchrie⸗ ben wurden, und zu welchen ſie ſelbſt zu gehoͤren ſchienen.— 254 Am Ende wurde das allgemeine Thema vom pa⸗ piſtiſchen Complott angeregt, woruͤber Ganleſſe und Smith die entgegengeſetzteſten Meinungen zu haͤgen ſchienen. Ganleſſe behauptete, wofern er nicht die Autoritaͤt von Oates in der groͤßten Ausdehnung unterſtuͤtzte, daß ſie wenigſtens in großem Maaße durch die Ermordung Sir Edmondsbury Gottfrieds, und durch die von Coleman an den Beichtvater des Koͤnigs von Frankreich geſchriebenen Briefe beſtä⸗ tigt wuͤrde. Miit weit mehr Geraͤuſch und weniger Ueberzeu⸗ gungskraft, trug Wilhelm Smith kein Bedenken, die ganze Entdeckung laͤcherlich zu machen und nieder zu ſchlagen, als eins der wildeſten und grundloſeſten Geruͤchte, die je in die Ohren des leichtglaͤubigen Pu⸗ blikums erſchollen waͤren.„Ich werde nie“ ſagte er,„Sir Gottfrieds hoͤchſt originelles Leichenbegaͤngniß vergeſſen. Zwei prahleriſche Pfarrer, mit Sahiet und Piſtolen wohl bewaffnet, beſtiegen die Kanze um den dritten Wicht, der predigte, vor Lennden im Angeſicht der Gemeinde zu ſichern. Drei Pfar⸗ rer auf einer Kanzel— drei Sonnen in einer He⸗ miſphaͤre— kein Wunder, die Leute ſtanden ver⸗ bluͤfft vor einer ſolchen Erſcheinung.“ „Was! Wilhelm,“ antwortete ſein Geſellſchaf⸗ ter,„Sie gehoͤren zu denen, die da glauben, der „ —— „ —— 255 gute Ritter toͤdtete ſich ſelbſt, um dem Complott Glauben zu verſchaffen?“ „Wahrhaftig nicht,“ ſagte der Andere;„aber irgend ein echter Proteſtant mochte den Stoß fuͤr ihn thun, um der Sache einen beſſern Anſtrich zu geben— Ich will mich auf das Urtheil Ihres ſtill) ſchweigenden Freundes berufen, ob das nicht die an⸗ nehmlichſte Erklaͤrung der ganzen Sache iſt.“ „Ich bitte um Verzeihung, meine Herren,“ ſprach Julian;„ich bin nur eben in England gelan⸗ det, und mir ſind die beſondern Umſtaͤnde fremd, welche die Nation in eine ſolche Gaͤhrung geſetzt haben. Es wuͤrde der hoͤchſte Grad von Dreuſtig⸗ keit ſein, unter Maͤnnern, die die Sache ſo geſchickt eroͤrtern, meine Meinung abzugeben; uͤberdieß— die Wahrheit zu geſtehen, ich fuͤhle Muͤdigkeit— Ihr Wein iſt ſtaͤrker, als ich erwartete, oder ich habe mehr getrunken, als ich wollte.“ „Nun, wenn ein Stuͤndchen Schlaf Sie erquicken kann,“ ſagte der aͤltere von den Fremden,„ſo ma⸗ chen Sie keine Umſtaͤnde bei uns. Ihr Bette— ſo gut wir es alle geben koͤnnen— iſt das altmodi⸗ ſche, nach hollaͤndiſcher Art gebaute, Sopha, wie es nach dem neueſten Ausdruck heißt. Wir werden zeitig morgen fruͤh aufſtehen.“ „Und damit das geſchehe,“ ſagte Smith,„thu⸗ ich den Vorſchlag, daß wir dieſe ganze Nacht auf⸗ ſitzen.— Ich haſſe ein rauhes Lager, und verab⸗ ſcheue ein Wachtbett. Hier iſt eine andere Flaſche, und das neueſte Pasquil ſoll ſie helfen leeren— Hol der Henker ihre Stimmen Gegen Paͤpſtler und Complott Und verdammt ſei Doctor Oates. „Aber unſer puritaniſcher Wirth,“ ſagte Ganleſſe. „Ich habe ihn in meiner Taſche, Mann— ſeine Augen, Ohren, Naſe und Zunge ſind alle in meinem Beſitz.“ „Wenn Sie in dieſem Falle ihm Augen und Naſe wiedergeben, ſo bitt ich Sie, behalten Sie nur ſeine Ohren und ſeine Zunge,“ antwortete Ganleſſe. „Geſichts⸗ und Geruchsorgane ſind fuͤr einen ſolchen Schurken hinlaͤnglich— auf Sprechen und Hoͤren ſollte er auf keine Weiſe Anſpruͤche haben.“ „Ich gebe zu, das waͤre ganz wohl gethan,“ ſagte Smith;„aber es waͤre ein Raub an dem Henker und an dem Pranger; und ich bin ein ehr⸗ licher Kerl, der auch dem Teufel ſein Recht goͤnnt. So „All Heil dem großen Caͤſar, lang Leben, Lieb' und Freude; der Koͤnig leb' auf ewig. Das gilt uns gleich, ihr ginder. 4 Waͤhrend dieſer Bacchanaliſchen Scene hatte ſich Julian dicht in ſeinen Mantel gewickelt, und auf —— das ihm angewieſene Sopha geſtreckt. Er ſah nach der Tafel, die er verlaſſen hatte;— die Kerzen ſchienen dunkel und matt zu werden, als er hinſah — er hoͤrte den Laut von Stimmen, aber ſie ließen nach, einen Eindruck auf ſeinen Geiſt zu machen; und in wenig Minuten war er feſter eingeſchlafen, als er im Verlauf ſeines ganzen Lebens geweſen war. Eilftes Kapitel. Als Julian am naͤchſten Morgen erwachte, war es ſtill und leer im Zimmer. Die aufgehende Sonne, Die durch die halb verſchloſſenen Laden ſchien, zeigte Einige Reſte vom Schmauſe der letztern Nacht, wel⸗ cher, wie ihn ſein betaͤubter und erhitzter Kopf uͤberzeugte, bis zur Schwelgerei getrieben worden war. Ocne eben viel vom guten Geſellſchafter an ſich zu haben, hatte doch Julian nicht, wie andere junge Leute der Zeit, eine gewohnte Scheu vor dem Wein, der damals in betraͤchtlicher Menge getrunken wurde; und er konnte ſich der Verwunderung nicht enthal⸗ ten, daß die wenigen Glaͤſer, die er uͤbernaͤchtig ge⸗ trunken hatte, auf ſeine Conſtitution die Wirkung einer Unmaͤßigkeit gehabt hatten. Er ſtand auf, brachte ſeine Kleidung in Ordnung, und ſuchte im Zimmer nach Waſſer, um ſein Morgenwaſchen zu verrichten; aber vergebens. Wein war auf dem Tiſch, und daneben ſtand ein Stuhl, und der andere lag, wie umgeworfen in der unbeſonnenen Schwaͤr⸗ merei der letztern Nacht. Sicherlich, dachte er bei ſich ſelbſt, der Wein muß ſehr ſtark geweſen ſein, der mich unempfindlich gegen das Getoͤs gemacht hat, das meine Geſellſchafter verurſacht haben muͤſſen, ehe ſie ihr Trinkgelag endigten. Nit augenblicklichem Argwohn unterſuchte er ſeine Waffen, und das Paket, das er von der Graͤfin erhalten hatte, und welches er in einer beſondern Taſche ſeines Oberrocks dicht uͤber ſeinen Leib ge⸗ bunden trug. Alles war in Ordnung; und dieſes Geſchaͤft ſelbſt erinnerte ihn an die Pflichten, die vor ihm lagen. Er verließ das Zimmer, wo ſie ge⸗ ſpeiſt hatten, und ging in ein anderes, ziemlich armſeli⸗ ges, wo in einem Rollbette mit einer wollenen Decke bedeckt, zwei Koͤrper ausgeſtreckt lagen, deren Koͤpfe freundſchaftlich auf demſelben Bunde Heu niederge⸗ legt waren. Der eine war der ſchwarze Krauskopf des Stallknechts; der andere, mit einer langen rau⸗ chen Nachtmuͤtze geziert, zeigte einen grauen Sche⸗ del und ein ernſthaft verzogenes Geſicht, welches die * Habichtsnaſe und die Laternenkinnbacken als dem Galliſchen Diener der guten Tafel angehoͤrig ver⸗ kuͤndigten, deſſen Preis er am vorigen Abend beſin⸗ gen gehoͤrt hatte. Dieſe Ehrenmaͤnner ſchienen in den Armen des Bacchus ſowohl als des Morpheus geſchlummert zu haben; denn es lagen zerbrochene Flaſchen am Boden, und nur ihr tiefes Schnarchen zeigte, daß ſie noch lebten. Geneigt, ſeine Reiſe fortzuſetzen, wie Pflicht und Vortheil gleichmaͤßig geboten, ſtieg Julian zunaͤchſt die Falltreppe hinab, und verſuchte eine Thuͤre am Boden der Stufen. Sie war inwendig verſchloſſen. Er rief— es erfolgte keine Antwort. Es muͤßte, glaubte er, das Zimmer der Nachtſchwaͤrmer ſein, die jetzt wahrſcheinlich ſo feſt ſchliefen, da ihre Dienſt⸗ boten noch ſchlummerten, und er ſelbſt vor wenigen Minuten noch geſchlafen hatte. Sollte er ſie wecken?— Zu welchem Zweck? Sie waren Maͤn⸗ ner, mit denen ihn der Zufall wider ſeinen eignen Willen in Verbindung gebracht hatte; und in ſeiner Lage hielt er es fuͤr weiſe, die fruͤheſte Gelegenheit zu ergreifen, von einer Geſellſchaft ſich los zu ma⸗ chen, die verdaͤchtig war, und gefaͤhrlich ſein konnte. Unter dieſer Erwaͤgung verſuchte er eine andere Thuͤre, welche ihn zu einer Schlafſtube fuͤhrte, wo ein anderer friedlicher Schlaͤfer lag. Die geringen 260 Geraͤthſchaften, zinnerne Maaße, leere Kannen und Faͤſſer, mit denen dieſe Stube verſehen war, kuͤndig⸗ ten ſie als die des Wirths an, welcher ſchlief, umge⸗ ben von ſeinem berufsmaͤßigen Geraͤthe der Gaſt⸗ freundſchaft und dem Kapital ſeines Gewerbes. —Diieſe Entdeckung half Peveril aus einiger Ver⸗ legenheit, die er vorher gefuͤhlt hatte. Er legte ein Geldſtuͤck auf den Tiſch, das ihm zur Bezahlung ſei⸗ ner Rechnung fuͤr den vergangenen Abend hinlaͤnglich ſchien, ohne ſich darum zu bekuͤmmern, daß er dem Fremden fuͤr ſeine Bewirthung verpflichtet waͤre, welchen er ohne einen foͤrmlichen Abſchied verlaſſen wollte. Von dieſem feineren Gewiſſensſerupel befreit, begab ſich Peveril mit leichtem Herzen, doch etwas ſchwindligem Kopfe, in den Stall, den er leicht unter einigen andern armſeligen Außengebaͤuden wiedererkannte. Sein Pferd, durch Ruhe erfriſcht, und vielleicht nicht uneingedenk der ihm am Abend zuvor erwieſenen Dienſte, wieherte beim Eintritt ſeines Herrn in den Stall; und Peveril empfing den Schall als Vorbedeutung einer gluͤcklichen Reiſe⸗ Er belohnte die Vorherſagung mit einem Sieb voll Hafer; und waͤhrend ſein Zelter ſeine Aufmerkſam⸗ † keit ſich zu Nutze machte, ging er in die friſche Luft, um ſein erhitztes Blut abzukuͤhlen, und zu uͤberlegen, — 261 was er fuͤr einen Weg nehmen ſollte, um das Schloß Martindale vor Sonnenuntergang zu errei⸗ chen. Seine Kenntniß der Gegend uͤberhaupt gab ihm das Zutrauen, daß er nicht ſehr von der naͤchſten Straße abgewichen ſein koͤnnte; und bei dem guten Zuſtande ſeines Pferdes, hoffte er, Martindale be⸗ quem vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Nachdem er in Gedanken ſeine Reiſeroute ange⸗ ordnet hatte, kehrte er in den Stall zuruͤck, um ſein Pferd in Stand zu ſetzen, und fuͤhrte es bald in den verfallenen Hofraum des Wirthshauſes, aufge⸗ zaͤumt, geſattelt und zum Aufſteigen fertig. Als aber Peverils Hand an der Maͤhne, und ſein linker Fuß im Steigbuͤgel war, beruͤhrte eine Hand ſeinen Mantel, und die Stimme Ganleſſe's rief:„Was, Herr von Peveril, iſt das Ihre auslaͤndiſche Lebens⸗ art? oder haben Sie in Frankreich gelernt, auf Franzoͤſiſch von Ihren Freunden Abſchied zu nehmen?“ 4 Julian fuhr zuruͤck, wie von Schuld betroffen, ob ihn gleich eine augenblickliche Ueberlegung verſi⸗ chherte, daß er ſich weder vergangen hatte, noch in Gekfahr war.„Ich wollte Sie nicht ſtoͤren,“ ſagte er,„ob ich gleich ſchon an Ihrer Stubenthuͤre war. Ich vermuthete, Sie und Ihr Freund wuͤrden nach unſver letztern Nachtſchwaͤrmerei lieber Schlaf, als 262 Zeremoniell wuͤnſchen. Ich ſelber verließ mein eig⸗ nes, obgleich hartes, Bette mit mehr Widerwillen, als gewoͤhnlich; und da meine Angelegenheiten mich fruͤh zu reiſen noͤthigen, ſo hielt ich es fuͤrs Beſte, ohne Abſchied abzureiſen. Ich habe ein Geſchenk fuͤr meinen Wirth auf dem Tiſche ſeiner Stube zu⸗ ruͤckgelaſſen.“ „Es war unnoͤthig,“ ſagte Ganleſſe;„der Schurke iſt ſchon uͤbermaͤßig bezahlt.— Aber ſind Sie nicht zu voreilig, in Ihrem Plan, abzureiſen? Neine Einſicht ſagt mir, Junker Julian Peveril thaͤte beſſer, wenn er mit mir geradezu nach London reiſte, als, zu welchem Zweck es ſei, ſich ſeit⸗ waͤrts wendete. Sie koͤnnen ſchon ſehen, daß ich keine gewoͤhnliche Perſon bin, ſondern ein Hauptgeiſt der Zeit. Was den Kukuk betrifft, mit dem ich reiſe, und deſſen thoͤrichten Verſchwendungen ich nachſehe, der hat auch ſeine Vortheile. Aber Sie ſind von einem andern Schlage; und ich wollte Ihnen nicht nur dienen, ſondern ſelbſt wuͤnſchen, Sie ge⸗ hoͤrten mir ganz zu⸗“ Julian betrachtete dieſen ſonderbaren Mann ge⸗ nau, als er ſo ſprach. Wir haben ſchon geſagt, ſeine Figur war gering und unanſehnlich, hatte ſehr ge woͤhnliche und keine hervorſtechenden Zuͤge, ausge⸗ nommen die Blitze ſeines ſcharfen grauen Auges, — 263 welches, in ſeinem ſorgloſen und ſtolzen Blicke, der hochmuͤthigen Ueberlegenheit entſprach, die der Fremde in ſeiner Unterredung annahm. Erſt nach einer fluͤchtigen Pauſe antwortete Julian:„Koͤnnen Sie ſich verwundern, Herr Ganleſſe, daß ich in meinen Umſtaͤnden— wenn ſie Ihnen wirklich be⸗ kannt ſind— eine unnoͤthige Vertraulichkeit uͤber die Angelegenheiten, die mich hieher gerufen haben, ablehnen, oder die Geſellſchaft eines Fremden aus⸗ ſchlagen ſollte, der keine Gruͤnde angibt, warum er die meinige ſucht?“ „Halten Sie es, wie es Ihnen beliebt, junger Mann;“ ſagte Ganleſſe;„aber erinnern Sie ſich alsdann, daß Sie einen guten Vorſchlag gehabt hat⸗ ten; nicht einem Jeden wuͤrde ich den Vorſchlag ge⸗ macht haben. Wenn wir uns nachher in andern und ſchlimmern Verhaͤltniſſen wieder treffen ſollten, ſo ſchreiben Sie es ſich ſelber, und nicht mir zu.“ „Ich verſtehe Ihre Drohung nicht,“ antwortete Peveril,„wenn wirklich hierin eine Drohung liegt. Ich habe nichts Boͤſes gethan— ich fuͤhle keine Furcht— und ich kann, im gewoͤhnlichen Verſtande, nicht begreifen, warum ich dafuͤr leiden ſollte, daß ich mein Zutrauen einem Fremden verweigere, der zu verlangen ſcheint, daß ich mich blindlings ſeiner Leitung uͤberlaſſe.“ 264— „So leben Sie denn wohl, Ritter Julian von dem Gipfel— das moͤge bald geſchehen,“ ſprach der Fremde, indem er ſeine bisher nachlaͤſſig an den Zaum des Pferdes gelegte Hand zuruͤckzog. „Was meinen Sie mit dieſem Ausdruck?“ ſagte Julian;„und warum geben Sie mir einen ſolchen Titel?“ 1— Der Fremde laͤchelte, und antwortete blos: „Hier hat unſere Verhandlung ein Ende. Der Weg liegt vor Ihnen. Sie werden ihn laͤnger und rauher finden, als den, welchen ich Sie haͤtte fuͤhren wollen.“. Mit dieſen Worten wandte Ganleſſe den Ruͤcken, und ging auf das Haus zu. Auf der Schwelle kehrte er ſich noch einmal um, und als er ſah, daß Peveril ſich noch nicht von der Stelle bewegt hatte, laͤchelte er wieder und winkte ihm; aber Julian, der durch dieſes Zeichen zur Beſinnung kam, ſpornte ſein Pferd, und ſetzte ſeine Reiſe fort. Es waͤhrte nicht lange, als ihn ſeine Ortkenntniß hinſichtlich der Gegend in Stand ſetzte, die Straße nach Martindale zu gewinnen, von welcher er am vorigen Abend um zwei Meilen abgekommen war. Aber die Straßen oder vielmehr die Pfade dieſer wilden Ge⸗ gend, die von ihrem einheimiſchen Dichter Cotton ſo ſehr beſpoͤttelt worden iſt, waren an manchen Orten ſo 6 — 265 verwickelt, an andern ſo ſchwer auszuſpuͤren, und faſt an allen dem ſchnellen Reiſen ſo unguͤnſtig, daß trotz den aͤußerſten Anſtrengungen, und ungeachtet Julian keinen laͤngern Aufenthalt auf der Reiſe machte, als in einem Doͤrfchen, durch das er Mit⸗ tags kam, um ſein Pferd zu fuͤttern, die Nacht an⸗ brach, ehe er eine Hoͤhe erreichte, von welcher eine Stunde fruͤher die Zinnen Martindale's ſichtbar gewe⸗ ſen ſein wuͤrden, und wo, wann ſie in Nacht gehuͤllt waren, ihre Lage durch ein auf einem hohen Thurm, Waͤchterthurm genannt, unterhaltenes Feuer ange⸗ zeigt wurde; dem einheimiſchen Leuchtthurm, der in der ganzen benachbarten Gegend die Benennung: Peverils Polarſtern— erhalten hatte. 3 Dieſer wurde regelmaͤßig beim Feierabendgelaͤute erleuchtet, und das Feuer mit ſo viel Holz und Kohle unterhalten, daß es bis zu Sonnenaufgang brannte; und zu keinem Zeitpunkt unterblieb dieſer Gebrauch, ausgenommen zwiſchen dem Tode eines Herrn des Schloſſes und ſeiner Beerdigung. Nachdem das Begraͤbniß voruͤber war, wurde der Leuchtthurm wieder mit einiger Feierlichkeit erleuchtet, und die Erleuchtung fortgeſetzt, bis das Schickſal den Nach⸗ folger zum Schlafe bei ſeinen Vaͤtern abforderte. Es iſt nicht bekannt, aus welchen Umſtaͤnden der Gebrauch, dieſe Erleuchtung zu unterhalten, ur⸗ II. M 266— ſpruͤnglich entſtand. Die Ueberlieferung ſpricht zweifelhaft davon. Manche glaubten, es ſei das Zeichen einer allgemeinen Gaſtfreiheit geweſen, das in alten Zeiten den umherziehenden Ritter, oder den muͤden Pilger zur Ruhe und Erquickung leitete. Andere ſprachen davon, als von einem„von Liebe entzuͤndeten Wachfeuer,“ durch welches die vorſich⸗ tige Unruhe einer vormaligen Frau von Martindale ihren Gemahl durch die Schrecken eines mitternaͤcht⸗ lichen Ungewitters nach der Heimat fuͤhrte. Die unguͤnſtigere Erklaͤrung unfreundlicher Nachbarn von anderem Glauben ſchrieb den Urſprung und die Fortſetzung dieſes Gebrauchs dem anmaßenden Stolze der Familie Peveril zu, welche dadurch ihre alte Souveraͤnitaͤt uͤber das ganze Land nach der Weiſe des Admirals zu erkennen geben wollte, der die La⸗ terne zur Anfuͤhrung der Flotte in dem Hintertheil des Schiffs traͤgt. Und in den vorigen Zeiten theilte unſer alter Freund, Herr Solsgrace, von der Kan⸗ zel manchen harten Hieb gegen Ritter Gottſried Pe⸗ veril aus, als denjenigen, welcher ſein Horn erhoͤht, und ſeinen Leuchter in die Hoͤhe geſtellt haͤtte. Ge⸗ wiß iſt es, daß alle Peverile beſonders aufmerkſam uͤber die Beibehaltung dieſes Brauchs, als etwas mit der Wuͤrde ihres Hauſes beſonders Zuſammen⸗ hangendes, hielten; und unter Ritter Gottfried war eine Unterlaſſung der Beobachtung dieſes Gebrauchs nicht zu erwarten. Dieſem zu Folge hatte der Polarſtern Peverils waͤhrend aller Abwechslungen des buͤrgerlichen Krie⸗ ges mehr oder weniger hell zu ſtrahlen fortgefahren; und ſchimmerte, obwohl ſchwach, waͤhrend der darauf folgenden Zeit von Ritter Gottfried Peverils Be⸗ draͤngniß. Aber man hoͤrte ihn oft ſagen, und bis⸗ weilen ſchwoͤren, daß, ſo lange noch eine Meßruthe Holzland dem Grundſtuͤcke uͤbrig gelaſſen waͤre, das Roſt des alten Leuchtthurms an Brennſtoff keinen Mangel leiden ſollte. Alles dieſes wußte ſein Sohn Julian ſehr gut; und daher geſchah es mit keinen gewoͤhnlichen Gefuͤhlen des Befremdens und der Unruhe, daß er, als er in der Richtung nach dem Schloſſe hinſah, bemerkte, daß das Licht nicht ſicht⸗ bar war. Er hielt— rieb ſich die Augen— ver⸗ aͤnderte ſeine Stellung— und ſuchte vergebens ſich zu uͤberreden, daß er ſich in dem Punkte geirrt haͤtte, von welchem aus der Polarſtern ſeines Hauſes ſicht⸗ bar waͤre, oder daß irgend ein neulich dazwiſchen ge⸗ tretener Gegenſtand, der Wuchs einer Anpflanzung vielleicht, oder die Errichtung eines Gebaͤudes das Licht des Leuchtthurms auffinge. Allein die Ueber⸗ legung eines Augenblicks uͤberzeugte ihn, daß, nach der hohen und freien Lage des Schloſſes Martindale M 2 268— in Bezug auf die umliegende Gegend dieß nicht habe ſtatt finden koͤnnen; und folglich draͤngte ſich ihm noth⸗ wendig der Schluß auf, daß entweder Ritter Gott⸗ fried, ſein Vater, geſtorben, oder die Familie durch eine ſonderbare Widerwaͤrtigkeit beunruhigt ſein muͤſſe, unter deren Druck ihr gewohnter und feier⸗ licher Gebrauch vernachlaͤſſigt worden ſei. Mit unbegreiflicher Beſorgniß erfuͤllt, gab der junge Peveril nun ſeinem abgematteten Pferde die Sporne, und in einem Schritt, der die Sicherheit aufs Spiel ſetzte, den rauhen und ſteilen Pfad hinabſpren⸗ gend, gelangte er an das Dorf Martindale⸗Moul⸗ traſſie, voll Ungeduld, die Urſache dieſer bedenklichen Finſterniß zu erfahren. Die Gaſſe, durch welche ſein muͤdes Pferd langſam und widerſtrebend ihn atrug, war verlaſſen und leer; und kaum ein Licht ſchimmerte aus einem Fenſter, ausgenommen aus dem Gitterfenſter des kleinen Wirthshauſes, Peve⸗ rils⸗Wappen genannt, aus welchem ein helles Licht ſchien, und mehrere Stimmen in roher Sroͤhlichkeit gehoͤrt wurden.. Vor der Thuͤre dieſes Wirthshauſes machte der abgejagte Gaul, getrieben durch Inſtinct oder Er⸗ fahrung, welche ein Miethpferd mit der Außenſeite einer Herberge wohl bekannt machen, ſo ploͤtzlich und entſchieden Halt, daß der Reiter, trotz ſeiner Eile, 2 — 2 — 269 es am beſten fand, abzuſteigen, in Erwartung, ſo⸗ gleich von Robert Raine, dem Gaſtwirth und alten Unterthan ſeines Hauſes, mit einem friſchen Pferde bedient zu werden. Er wuͤnſchte auch, ſich von ſei⸗ ner Angſt durch Erkundigung nach dem Stande der Dinge im Schloſſe zu erleichtern, als er mit Be⸗ fremden aus der Schenkſtube des alten treuen Wirths einen wohlbekannten Geſang der republikaniſchen Zeit erſchallen hoͤrte, den ein puritaniſcher Schalk zum Spott auf die Royaliſten und ihr ausſchweifen⸗ des Leben geſchrieben hatte, und worin ſein Vater von dem Satiriker einen Hieb erhielt. „Ihr glaubtet, nichts koͤnn' in der Welt euch bezaͤhmen, Und zechtet und buhltet, bis Heilige ſiegten; „Wahrhaſtig“ und„Regt euch nicht,“ haben beſiegt „G— vm mich,“ Was niemand leugnen kann. Der alte Sir Gottfried trank Brandwein und B.er gern, und mochte das Glas wohl die Runde ſehn machen, Doch floh er, wie Wind, vor Fairfar und Cromwell. Was niemand leugnen kann. Irgend eine ſeltſame Revolution mußte, wie Julian wahrnahm, ſowohl in dem Dorfe als in dem Schloſſe ſtatt gefunden haben, ehe dieſe Toͤne der ungebuͤhrlichen Beleidigung ſelbſt in dem mit dem Wappen ſeiner Familie gezierten Wirthshauſe hatten ausgeſtoßen werden koͤnnen; und ohne zu wiſſen, in M 3 270— wie fern es rathſam ſein moͤchte, ſich unter dieſe un⸗ freundlichen Schwaͤrmer zu draͤngen, ohne Macht, ihren Uebermuth zuruͤck zu treiben oder zu zuͤchtigen, fuͤhrte er ſein Pferd zu einer Hinterthuͤre, welche, wie er ſich beſann, mit des Wirthes Zimmer in Ver⸗ bindung ſtand, entſchloſſen, bei ihm uͤber den Zuſtand der Dinge auf dem Schloſſe geheime Erkundigung einzuziehen. Er klopfte verſchiedene Mal, und rief eben ſo oft mit ernſter, aber gedaͤmpfter Stimme Roger Raine. Endlich antwortete eine weibliche Stimme mit der gewoͤhnlichen Frage: Wer iſt da? „Ich bin es, Frau Raine, Julian Peveril— laß Sie Ihren Mann ſogleich zu mir kommen.“ „Ach, guͤtiger Himmel, Herr Julian, wenn Sie es wirklich ſind— Sie muͤſſen wiſſen, mein armer guter Mann iſt dahin gegangen, wo er zu Niemand kommen kann; aber ohne Zweifel werden wir alle zu ihm gehen, wie Matthaͤus, der Kammerdie⸗ ner, ſagt.“ Er iſt alſo todt?“ ſagte Julian.„Das betruͤbt mich außerordentlich.“ „Todt ſechs Monate und druͤber, Herr Inlian; und laſſen Sie mich Ihnen ſagen, es iſt eine lange Zeit fuͤr eine verlaſſene Frau, wie Kammerdiener Matthaͤus ſagt.“ „Gut, oͤſſne Sie oder laß Sie den Kammerdiener 271 die Thuͤre offnen. Ich brauche ein friſches Pferd, und moͤchte wiſſen, wie es auf dem Schloſſe ſteht.“ „Auf dem Schloſſe— ach guͤtiger Himmel!— Kammerdiener— Matthaͤus Kammerdiener— hoͤre einmal!“ Der Kammerdiener Matthaͤus war offenbar nicht weit entfernt; denn er antwortete ſogleich auf ihren Ruf; und Peveril konnte, da er dicht an der Thuͤre ſtand, ſie mit einander heimlich ſprechen hoͤ⸗ ren, und groͤßtentheils verſtehen, was ſie ſagten. Und es mag bemerkt werden, daß Frau Raine, ge⸗ wohnt, ſich der Herrſchaft des alten Roger zu un⸗ terwerfen,(der eben ſo gut das haͤusliche Vorrecht des Ehemannes ausuͤbte, wie ein Monarch im Staate,) damals, da er eine muntere Witme hinter⸗ ließ, in ſo weit durch die Ausuͤbung ihrer neu er⸗ langten Unabhaͤngigkeit in Verlegenheit gerieth, daß ſie bei allen Gelegenheiten zu dem Rath des Kam⸗ merdieners Matthaͤus ihre Zuflucht nahm; und da Matthaͤus nicht mehr in uͤbergetretenen Schuhen und in einer rothen Nachtmuͤtze zu gehen anfing, ſondern Spaniſche Schuhe und einen hochkoͤpfigen Kaſtorhut(wenigſtens des Sonntags) trug, und uͤberdieß von ſeinen Dienſtgenoſſen Herr Matthaͤus genannt wurde, ſo ſchloſſen die Nachbarn im Dorfe auf eine ſchnelle Veraͤnderung des Namens auf der M 4 272— Grenzſeule, ja vielleicht ihres Zeichens ſelbſt; denn Matthaͤus war ein Stuͤck von einem Puritaner, und kein Freund Peverils von dem Gipfel. „Nun rathe mir, wenn du ein Mann biſt, Kam⸗ merdiener Matthaͤus,“ ſagte Wittwe Raine:„denn ich ſage kein Wort mehr, wenn hier nicht Junker Julian ſelbſt iſt; und er braucht ein Pferd, und was nicht ſonſt, als waͤre noch Alles, wie es war.“ „Ei, Frau, wenn Sie Rath annehmen will,“ ſagte der Kammerdiener,„fertige Sie ihn ab— laß Sie ihn fortziehen, ſo lange ihn ſeine Stiefeln tra⸗ gen. Hier iſt nicht der Ort, ſich die Finger in an⸗ drer Leute Bruͤhe zu verbrennen.“ „Und das iſt wohl geſprochen, wahrlich,“ ant⸗ wortete Frau Raine;„aber doch, Matthaͤus, hoͤrſt du, wir haben ihr Brot zegeſän, und wie mein ar⸗ mer Mann zu ſagen pflegte— „Nein, nein, Frau, wer nach dem Rath der Todten ſich richten will, ſoll keinen von Lebenden ha⸗ ben; und ſo mach' Sie s, wie s Ihr gefaͤllt; will Sie aber meinem Rath folgen— zugeſchloſſen, zu geriegelt— er mag ein andres Quartier ſuchen— das iſt mein Rath.“ „Ich verlange nichts von ihm, Freund,“ ſagte Peveril;„außer zu wiſſen, wie es um Ritter Pe⸗ veril und ſeine Frau ſteht.“ — 273 „Ach guͤtiger Gott! ach guͤtiger Himmel!“ in einem Tone der Sympathie, war die einzige Ant⸗ wort, die er von der Wirthin erhielt; und die Un⸗ terredung zwiſchen ihr und dem Kammerdiener fing wieder an, aber in einem leiſern Tone, um verſtan⸗ den zu werden. Am Ende ſprach der Kammerdiener Matthaͤus laut, und in einem gebieteriſchen Tone: „Wir oͤffnen zu dieſer Nachtzeit keine Thuͤren; denn es iſt wider den Befehl des Richters, und koͤnnte uns unſer Privilegium koſten; und was das Schloß betrifft, ſo liegt die Straße vor Ihnen, und ich denke, Sie werden ſie ſo gut wiſſen, als wir.“ „Und ich kenne euch,“ ſagte Peveril, wieder ſein ermattetes Pferd beſteigend,„als einen undankbaren Flegel, den ich bei erſter Gelegenheit bis zu einer Mumie durchpruͤgeln laſſen will.“ Auf dieſe Drohung machte Matthaͤus keine Er⸗ wiederung, und Peveril hoͤrte ihn ſogleich das Zim⸗ mer verlaſſen, nachdem einige ernſthafte Worte zwi⸗ ſchen ihm und der Wirthin gewechſelt worden waren. Ungeduldig uͤber dieſen Aufenthalt, und uͤber die ſchlimme Vorbedeutung, die in den Reden und dem Betragen dieſer Leute lag, und nach einigem vergeb: lichen Anſpornen ſeines Pferdes, das ſich entſchieden weigerte, einen Schritt weiter zu thun, ſtieg Peve⸗ M 5 274— 3 ril noch einmal ab, und war im Begriff, ungeachtet der großen Unbequemlichkeit der hohen Reiterſtiefeln, die eine ſolche Laſt im Gehen machen mußten, ſeinen Weg zu Fuße fortzuſetzen, als er durch einen freundlichen Ruf aus dem Fenſter aufgehalten wurde. Ihr Rathgeber war kaum fortgegangen, als die Gutmuͤthigkeit und die gewohnte Ehrerbietung der Frau Raine fuͤr das Peveriliſche Haus, und vielleicht einige Furcht fuͤr die Gebeine ihres Rathgebers, ſie bewogen, den Fenſterfluͤgel zu oͤffnen, und, jedoch in leiſem und ſchuͤchternem Tone, zu rufen:„Biſcht— biſcht— Herr Julian— ſind Sie fort?“ „Noch nicht, Frau Raine,“ ſagte Julian;„aber mein Hierbleiben ſcheint unwillkommen.“ „Nein; aber guter junger Herr, es iſt, weil Maͤnner ſo verſchiedenen Rath geben; denn hier war mein armer alter Roger Raine, der wuͤrde den Kaminwinkel fuͤr Sie zu kalt gefunden haben; und hier iſt Matthaͤus der Kammerdiener, der denkt, der kalte Hofraum iſt warm genug fuͤr Sie.“ „Laß Sie das gut ſein, Frau,“ ſprach Julian; „iſag Sie mir nur, was auf dem Schloß Martindale vorgefallen iſt. Ich ſehe, der Wacherhuum iſ aus⸗ geloͤſcht.“ „Iſt es wirklich wahr?— Ja, wahrſcheinlich — 275 genug— dann iſt der gute Ritter Gottfried in den Himmel gegangen zu meinem alten Roger Raine.“ „Gott im Himmel!“ rief Peveril aus;„wenn war denn mein Vater krank geworden?“ „Nie, das ich wuͤßte,“ ſagte die Frau;„aber ſeit etwa drei Stunden kam eine Schaar aufs Schloß, mit Lederkuͤraſſen und Bandeliers, und einer von den Parlamentsleuten, wie zu Olivers Zeit. Mein alter Roger Raine wuͤrde die Thore des Wirthshau⸗ ſes vor ihnen zugeſchloſſen haben; aber er liegt auf dem Kirchhofe, und Matthaͤus ſagt, es iſt wider das Geſetz; und ſo kamen ſie herein, und erfriſchten Mann und Roß, und ſchickten nach Herrn Bridge⸗ north, der eben jetzt zu Moultraſſie⸗Hall iſt, und ſo zogen ſie hinauf ins Schloß, und da gab's wohl ein Gefecht, da der alte Ritter kein Mann war, ſich uͤberfallen zu laſſen, wie der arme Roger Raine zu ſagen pflegte. Immer hatten die Offiziere den Vor⸗ theil; und die Urſache iſt, wie unſer Matthaͤus ſagt, weil ſie das Recht auf ihrer Seite hatten. Aber ſeit der Pol⸗Stern des Schloſſes aus iſt, wie Ihre Gnaden ſagen, ach, ohne Zweifel, iſt der alte gnaͤ⸗ dige Herr todt.“ „Guͤtiger Himmel!— Beſte Frau, fuͤr Geld oder gute Worte, ſchaff Sie mir ein Pferd, aufs Schloß zu reiten.“ 276— „Aufs Schloß?“ ſagte die Frau;„die Rund⸗ koͤpfe, wie ſie mein armer Roger nannte, werden Sie umbringen, wie ſie Ihren Herrn Vater umgebracht haben! Beſſer ins Jaͤgerhaus geſchlichen, und ich will Betty mit einer wollenen Decke und etwas Abend⸗ eſſen hinſchicken— oder halt— mein alter Dobbin ſteht im Stall neben dem Huͤhnerkorbe— nehmen Sie ihn, und machen ſich fort aus dem Lande; denn hier iſt fuͤr Sie keine Sicherheit. Hoͤren Sie, was fuͤr Lieder Etliche von ihnen in der Schenkſtube ſin⸗ gen!— So nehmen Sie Dobbin, und vergeſſen nicht, Ihr eignes Pferd dafuͤr da zu laſſen.“ Peveril wartete nicht, mehr zu hoͤren; nur als er ſich nach dem Stall wandte, hoͤrte er die mitlei⸗ dige Frau noch ausrufen—„Ach Gott! was wird Kammerdiener Matthaͤus ſagen?“— doch ſetzte ſie gleich hinzu:„Laßt ihn ſagen, was er will; ich 1b kann uͤber mein Eigenthum verfuͤgen.“ Mit der Haſt eines doppelt bezahlten Haus⸗ knechts vertauſchte Julian das Geſchirr ſeines abge⸗ matteten Thieres an das arme Dobbin, das ruhig an ſeiner Raufe Heu zupfend ſtand, ohne ſich das Geſchaͤft zu traͤumen, zu dem es noch dieſe Nacht beſtimmt war. Ungeachtet der Dunkelheit des Orts gelang es doch Julian zum Verwundern ſchnell, ſich zu ſeiner Reiſe zu ruͤſten, und nachdem er ſein eignes —— ——— 3 ————— — 277 Pferd den Weg zu Dobbins Raufe inſtinktmaͤßig finden gelaſſen, ſprang er auf das neue, und ſpornte es ſcharf gegen die Anhoͤhe, welche ſich ſteil vom Dorfe nach dem Schloſſe hin erhebt. Dobbin, we⸗ nig an ſolche Anſtrengungen gewoͤhnt, ſchnaubte, keuchte und trottirte ſo lebhaft, als das Thier konnte, bis es endlich ſeinen Reiter an den Eingang von dem alten Sitz ſeines Vaters brachte. Der Mond war nun im Aufgehen; aber das Portal war vor ſeinen Strahlen verborgen, weil es, wie wir anderwaͤrts erwaͤhnt haben, in einem tiefen Winkel zwiſchen zwei Seitenthuͤrmen gelegen war. Peveril ſtieg ab, loͤſte ſein Pferd, und naͤherte ſich dem Thor, das er wider ſeine Erwartung offen fand. Er trat in den weiten Hofraum, und konnte daher wahrnehmen, daß noch Lichter in dem untern Theile des Gebaͤudes ſchimmerten, wiewohl er ſie vorher nicht bemerkt hatte, was der Hoͤhe der aͤußern Mauern zuzuſchreiben war. Die Hauptthuͤre oder große Saalthuͤre, wie ſie genannt wurde, wurde ſeit dem zum Theil herunter gekommenen Zuſtande der Familie ſelten geoͤffnet, außer bei beſonders feierli⸗ chen Gelegenheiten. Eine kleinere Pforte diente zum gewoͤhnlichen Eingange, und zu dieſer begab ſich Julian jetzt. Dieſe war auch offen— ein Um⸗ ſtand, der ihn an ſich ſelbſt beunruhigt haben wuͤrde⸗ 2 — —Vg ———— 5— ————ÿ— haͤtte er nicht ſchon ſo viele Urſachen der Beſorgniß gehabt. Ihm ſank das Herz, als er ſich durch einen kleinen auswendigen Saal links gegen das große Beſuchzimmer wandte, das die Familie gewoͤhnlich als ein Verſammlungszimmer gebrauchte; und ſeine Beſtuͤrzung ward noch groͤßer, als er von daher ein Murmeln mehrerer Stimmen hoͤrte. Er riß die Thuͤre des Zimmers weit auf; und der Anblick, der ſich ihm darbot, bewaͤhrte alle die ſchlimmen Ahnungen, denen er ſich uͤberlaſſen hatte. Ihm gegenuͤber ſtand der alte Ritter, deſſen Arme uͤber dem Ellbogen durch einen dicht um ſie gezogenen und hinten befeſtigten Gurt ſtark gebunden waren; zwei, Raͤubern aͤhnliche Maͤnner, offenbar ſeinn Wache, hielten ihn bei ſeinem Wamms. Das bloße Schwert, das auf dem Fußboden lag, und die leere Scheide, welche an des Ritters Seite hing, zeigte, daß der alte tapfere Edelmann in dieſen Zu⸗ ſtand der Gefangenſchaft nicht ohne geleiſteten Wi⸗ derſtand gerathen war. Zwei oder drei Perſonen, die gegen Julian den Ruͤcken gekehrt hatten, ſaßen um einen Tiſch, und ſchienen mit Schreiben beſchaͤf⸗ tigt— ihre Stimmen waren es, die er gehoͤrt hatte, als ſie gegen einander murmelten. Lady Peveril— ein Bild des Todes, ſo bleich war ihr Angeſicht— ſtand in der Entfernung einiger Schritte von ihrem — 279 Gemahl, auf den ihre Augen mit einer Innigkeit des Blickes geheftet waren, wie bei dem letzten An⸗ blick, den ein weibliches Weſen dem Gegenſtand ihrer zaͤrtlichſten Liebe widmet. Sie war es, welche ihren Julian zuerſt gewahr ward.„Barmherziger Him⸗ mel! mein Sohn!“ rief ſie aus— mun iſt das Elend unſers Hauſes vollkommen!“ „Mein Sohn!“ hallte Ritter Gottfrieds Stim⸗ me wieder, der aus dem duͤſtern Zuſtande der Nie⸗ dergeſchlagenheit emporfuhr, und, einen hohen Eid ſchwoͤrend, ſprach:„du biſt zur rechten Zeit gekom⸗ men, Julian. Thu' mir nur einen guten Hieb— ſpalte den verraͤtheriſchen Dieb vom Scheitel bis zum Bruſtbein; iſt das gethan, dann kuͤmmert mich nicht, was zunaͤchſt kommen mag.“ Der Anblick der Lage des Vaters ließ Julian die Ungleichheit des Kampfs vergeſſen, den er aufzufor⸗ dern im Begriff war. „Schurken!“ ſagte er,„macht ihn los!“ und auf die Wachen mit ſeinem gezogenen Schwerte ſtuͤr⸗ zend, zwang er ſie, den Ritter loszulaſſen, und auf ihre eigne Vertheidigung zu denken. Der Ritter Gottfried, ſo weit befreit, rief ſeiner Gattin zu:„Loͤſe den Gurt, Frau, und wir werden noch drei gute Hiebe austheilen koͤnnen— die muͤſſen gut fechten, die Vater und Sohn zugleich ſchlagen.“ 280— Aber Einer von jenen Maͤnnern, die vom Schreibtiſch aufgefahren waren, als der Kampf be⸗ gann, verhinderte Lady Peveril, ihrem Mann Bei⸗ ſtand zu leiſten, waͤhrend ein Andrer ſich leicht des gebundenen Ritters bemaͤchtigte, doch nicht ohne einige ernſthafte Stoͤße von ſeinen ſchweren Stiefeln zu erhalten— da ihm ſeine Lage keine andere Ver⸗ theidigungsart erlaubte. Ein Dritter, welcher ſah, daß Julian, jung, thaͤtig, und belebt von der Wut eines Sohnes, der fuͤr ſeine Eltern ſicht, die zwei Wachen zuruͤck zu weichen noͤthigte, faßte ihn beim Kragen, und verſuchte, ſich ſeines Schwertes zu be⸗ meiſtern. Ploͤtzlich dieſe Waffe fallen laſſend, und eins ſeiner Piſtole ergreifend, feuerte Julian es ge⸗ gen den Kopf deſſen, der ihn ſo angefallen hatte. Dieſer ſiel nicht, ſondern wankte zuruͤck, als haͤtte er einen ernſthaften Schuß erhalten, und zeigte, als er in einen Stuhl ſank, dem Julian Peveril die Ge⸗ ſichtszuͤge des alten Bridgenorth, geſchwaͤrzt von der Exploſion, welche eben einen Theil ſeines grauen Haares entzuͤndet hatte. Ein Schrei des Erſtaunens entfuhr dem jungen Julian, und in dem Gewirr und Schrecken des Augenblicks wurde er leicht von denen, mit welchen er zuerſt ins Handgemenge ge⸗ kommen war, feſt gehalten und entwaffnet. „Achte es nicht, Julian,“ ſagte Ritter Peveril; 281 acht es nicht, mein wackerer Sohn— der Schuß hat alle Rechnungen ins Gleiche gebracht!— Aber, wie— was der Teufel— er lebt!— war dein Piſtol mit Spreu geladen? oder hat der boͤſe Feind ihn gegen Blei ſchußfeſt gemacht?“ Der Ritter Gottfried hatte einigen Grund zu erſtaunen; denn, als er ſprach, ſammelte ſich der Major Bridgenorth— ſaß im Stuhle auf, wie Einer, der ſich von einem betaͤubenden Schlage er⸗ holt— ſtand dann auf, wiſchte ſich mit dem Schnupf⸗ tuch die Spuren der Exploſion aus dem Geſichte, und naͤherte ſich Julian, und ſagte in demſelben kalten unveraͤnderten Tone, in welchem er ſich ge⸗ woͤhnlich ausdruͤckte:„Junger Mann, Sie haben Grund, Gott zu danken, der Sie heute von der Begehung eines großen Verbrechens errettet hat.“ „Dem Teufel zu danken, ihr ſpitzoͤhriger Schur⸗ ke!“ rief Gottfried Peveril aus.„Denn kein Ge⸗ ringerer, als der Vater aller Schwaͤrmer ſchuͤtzte euer Gehirn, daß es nicht wie Spuͤlwaſſer aus Beelzebubs Suppentopf umher ſpruͤtzte.“ „Ritter Peveril,“ ſagte Major Bridgenorth, „ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich bei Ihnen nichts zu eroͤrtern habe; denn Ihnen bin ich fuͤr meine Handlungen nicht verantwortlich.“ „Herr Bridgenorth,“ ſagte Lady Peveril, die 282 ſich ſehr anſtrengte, zu ſprechen, und mit Gelaſſenheit zu ſprechen,„was fuͤr eine Rache auch immer Ihnen Ihr chriſtlicher Zuſtand des Gewiſſens an meinem Manne zu nehmen erlauben mag,— ich—, die ich einiges Recht habe, einiges Mitleiden von Ihrer Seite zu erfahren(denn ich bedauerte Sie auf das Aufrichtigſte, als die Hand des Himmels ſchwer auf Ihnen lag)— ich flehe Sie an, verwickeln Sie nicht meinen Sohn in unſern gemeinſchaftlichen Un⸗ tergang!— Laſſen Sie die Vernichtung des Vaters und der Mutter, nebſt dem Falle unſers alten Hau⸗ ſes, Ihrer Rache fuͤr jedes Unrecht genuͤgen, das Sie immer von meines Mannes Haͤnden erlitten ha⸗ ben moͤgen.“ „Schweig du ſtille, Hausmutter,“ ſagte der Rit⸗ ter;„du ſprichſt wie eine Thoͤrin; und miſche dich nicht in Sachen, die dich nicht angehen.— Unrecht aus meinen Haͤnden? Der feige Bube hat immer nur zu viel Recht erfahren. Haͤtt' ich den Hund tuͤchtig ausgepeitſcht, als er mich zuerſt anbellte, ſo waͤre die feige Memme nun zu meinen Fuͤßen gekro⸗ chen, anſtatt auf meine Kehle los zu ſtuͤrzen. Aber wenn ich durch dieſen Vorfall hindurch komme, wie ich durch ſchlimmeres Wetter gekommen bin, ſo will ich alte Zechen bezahlen, ſo weit als mich ein ſteifer Holzapfelbaum und ein altes Eiſen tragen wollen.“ 283 „Ritter Peveril,“ erwiederte Bridgenorth,„wenn die Geburt, deren Sie ſich ruͤhmen, Sie gegen beſſere Grundſaͤtze verblendet, ſo haͤtte ſie wenigſtens Ihnen Hoͤflichkeit lehren koͤnnen. Woruͤber beklagen Sie ſich? Ich bin eine obrigkeitliche Perſon; und ich vollziehe einen Verhaftsbefehl, der mir von der er⸗ ſten Obergewalt des Staats zugefertigt iſt. Ich bin auch ein Glens pes von Ihnen, und das Geſetz be⸗ waffnet mich mit Macht, mein eignes Eigenthum aus den Haͤnden eines unvorſichtigen Schuldners wieder zu erlangen.“ „Sie eine obrigkeitliche Perſon!“ ſagte Ritter Peveril;„wohl ſo eine obrigkeitliche Perſon, als Cromwell Monarch war. Ihr Herz iſt voll leber⸗ muth, ſicherlich, weil Sie des Koͤnigs Verzeihung haben, und auf den Sitz erhoben ſind, die armen Papiſten zu verfolgen. Es war nie Aufruhr im Staate, wo nicht Schurken ihren Vortheil dabei zo⸗ gen— nie kochte ein Topf, wo der Schaum nicht emporſtieg.“ „Um Gotteswillen, mein guter Mann,“ ſagte Lady Peveril,„halt ein mit deinen wilden Reden! Sie koͤnnen Herrn Bridgenorth nur aufbringen, welcher ſonſt wohl bedenken E, daß nach Alge meiner chriſtlicher Liebe—⸗ „Ihn aufbringen!“ rief Ritter Peverit. fe un⸗ 284—— geduldig unterbrechend;„bei Gott, Frau, du wirſt mich raſend machen. Haſt du ſo lange in dieſer Welt gelebt, und erwarteſt noch Ueberlegung und chriſtliche Liebe von einem alten hungrigen Wolf, wie er? Und wenn er ſie haͤtte, glaubſt du, daß ich oder du, Frau, als meine Gattin, Gegenſtaͤnde fuͤr ſeine chriſtliche Liebe ſind? Julian, mein armer Sohn, es ſchmerzt mich, daß du ungluͤcklich geweſen biſt, weil dein Piſtol nicht beſſer geladen war— aber dein Ruf als Scharſſchuͤtze iſt fuͤr immer ver⸗ loren.“ Dieß heftige Geſpraͤch gieng ſo reiſſend ſchnell von allen Seiten vor ſich, daß Julian, der ſich kaum von der aͤußerſten Beſtuͤrzung erholt hatte, ſich ſo ploͤtzlich in eine Lage der hoͤchſten Noth verſenkt ji finden, keine Zeit zu uͤberlegen hatte, auf welche Art er am wirkſamſten zum Beiſtande ſeiner Eltern verfahren ſollte. Offen mit Bridgenorth zu ſprechen, ſchien die kluͤgſte Maaßregel zu ſein; aber hierzu konnte ſein Stolz ſich ſchwerlich herablaſſen; doch that er ſich Gewalt an, mit der ihm noch moͤglichen Gelaſſenheit zu ſagen!„Herr Bridgenorth, da Sie⸗ als eine obrigkeitliche Perſon handeln, ſo verlange ich, nach den Geſetzen Englands behandelt zu wer⸗ den; und begehre zu wiſſen, weſſen wir angeklagt, und auf weſſen Befehl wir feſtgenommen ſind?. — 285 „Da iſt eine andere Nachteule fuͤr Euch,“ rief der ungeſtuͤme alte Ritter; ſeine Mutter ſpricht zu einem Puritaner von chriſtlicher Liebe; und du mußt vom Geſetz zu einem rundkoͤpfigen Rebellen ſprechen! Was fuͤr einen Verhaftsbefehl hat er denn, glaubt ihr, außer vom Parlament oder dem Teufel?“ „Wer ſpricht vom Parſannent⸗ ſprach ein Mann beim Hereinkommen, in dem der junge Pe⸗ veril den Beamten wieder erkannte, den er vorher bei dem Roßhaͤndler geſehen hatte, und der nun mit dem Bewußtſein aller Wuͤrde ſeiner vollen Autoritaͤt hereinrauſchte;„Wer ſpricht vom Parlament?“ rief er aus.„Ich betheuere Ihnen, in dieſem Hauſe iſt genug entdeckt worden, zwanzig Verſchwoͤ⸗ rer zu uͤberfuͤhren.— Hier ſind Waffen, und in guter Menge. Bringt ſie herein, Capitaͤn.“ „Voͤllig dieſelben,“ rief der Capitaͤn aus, indem er naͤher trat,„die ich in meiner gedruckten Erzaͤh⸗ lung oder Nachricht an das hochachtbare Unterhaus erwaͤhne. Sie waren vom alten Vander Huys zu Rotterdam, auf Befehl des Don Johann von Oe⸗ ſterreich fuͤr den Dienſt der Jeſuiten beſtellt.“* 85 3 „Nun, beim Lichte⸗ beſehen, das ſind die, Piken, Musketen und Piſtolen, die auf dor Bodenkammer immer ſeit dem Naſebygefecht gelegen haben.“ 4 anne 286— „Und hier,“ ſagte des Capitaͤns Gehuͤlfe, Eve⸗ rett,„ſind Prieſterornate, Antiphonarien, Meßbuͤ; cher und Chorroͤcke,— ja wahrhaftig, und auch die gehörigen Bilder fuͤr Papiſten, daruͤber zu mur⸗ meln und ſich zu neigen.““ „Der Henker hole dein naͤſelndes enſalr. ſagte Ritter Peveril;„hier iſt ein Schurke, d ſchwoͤren will, der alte Reifrock meiner Oeaßtnnder ſei ein Prieſterrock, und das Hiſtorienbuch vom Eu⸗ lenſpiegel ſei ein papiſtiſches Meßbuch!“ „Aber wie verhaͤlt ſich das, Herr Bridgenorth?“ ſagte Topham zu der Magiſtratsperſon;„Sie ſind ſo thaͤtig geweſen, als wir, und haben einen an⸗ dern Büben gefangen, waͤhrend wir Iieſen Tand eroberten. „Ich glaube, mein Herr,“ ſagte Julian,„wenn Sie Ihren Verhaftsbefehl nachſehen, der, wo ich nicht irre, die Namen der Perſonen nennt, die Sie zu verhaften angewieſen ſind, ſo werden Sie ſinden, daß Sie kein Recht haben, mich anzugreifen."“ „Herr,“ ſagte der Beamte mit aufgeblaſener Wichtigkeit,„ich weiß nicht, wer Sie ſi nd; aber Sie moͤchten der beſte Mann in England ſein, ſo wollte ich Sie doch einem Verhaftsbefehle des Par⸗ 4 laments die gebüͤhrende Achtung beweiſen lehren. Hets, hier geht kein Menſch innerhalb der Brilti⸗ ſchen Meere, den ich nicht kraft dieſes Stuͤcks Per⸗ gament feſthalten will; und folglich arretire ich Sie.— Weſſen beſchuldigen Sie ihn, meine Herren?“ Dangerfield trat hervor, und guckte unter Ju⸗ lians Hut.„Ich will nicht lebendig ſein, Freund,“ rief er aus,„wenn ich Sie nicht fruͤher geſehen habe; aber ich weiß nicht, wo. Doch mein Gedaͤchtniß iſt nicht eine Bohne werth, ſeit ich es neuerlich zum Beſten des armen Staates ſo ſehr habe brauchen muͤſſen. Allein ich kenne den Burſchen, und habe ihn unter den Papiſten geſehen— ich will das auf meine gewiſſe Verdammung uͤber mich nehmen.“ „Ha, Capitaͤn Dangerfield,“ ſagte des Capitaͤns milderer, aber gefaͤhrlicherer Amtsgehuͤlfe—„wahr⸗ haftig, es iſt derſelbe junge Menſch, den wir heute bei dem Roßhaͤndler ſahen, und wir hatten damals Etwas wider ihn, nur Herr Topham wouͤnſchte nicht, daß wir es vorbraͤchten.“ „Ihr moͤgt gegen ihn jetzt vorbringen, was ihr wollt,“ ſprach Topham,„denn er hat den Verhafts⸗ befehl des Parlaments gelaͤſtert. Ich glaube, ihr ſagt, ihr ſaht ihn irgendwo?“ 8 „Ja, wahrhaftig,“ ſagte Everett,„ich habe ihn unter den Zoͤglingen des Seminariums zu St. Omer II. N geſehen— wer anders, als er, war mit den Statt⸗ haltern dort?“ „Nein, Herr Everett, beſinnen Sie ſich recht,“ ſprach Topham;„denn, ſo viel ich glaube, ſagten Sie, Sie haͤtten ihn bei einer Berathſchlagung der Jeſnuiten in London geſehen.“ „Ja, das ſagte ich, Herr Topham,“ ſagte der unerſchrockene Dangerfield, und meine Zunge ſoll es beſchwoͤren.“ „Guter Herr Topham,“ ſagte Bridgenorth, „Sie koͤnnen fernere Unterſuchung jetzt abbrechen, da es nur das Gedaͤchtniß der arigüchen Zeugen ermuͤdet und verwirret.“ „Sie haben Unrecht, Herr Bridgenorth— of⸗ fenbar Unrecht. Es haͤlt ſie nur in Athem— treibt ſie, wie Windhunde bei einem Wettlauf.“ „Es mag ſein,“ ſprach Bridgenorth mit ſeiner gewoͤhnlichen Gleichguͤltigkeit;„aber jetzt muß uͤber dieſen jungen Mann eine Urkunde aufgeſetzt werden, welche ich ſogleich unterzeichnen will, naͤmlich: daß er mich waͤhrend der Ausuͤbung meines obrigkeitlichen Amtes, zur Rettung einer geſetzmaͤßig feſtgehaltenen Perſon, angefallen hat. Hoͤrten Sie nicht einen Piſtolenſchuß?“ „Ich will es beſchwoͤren,“ ſagte Everett. „Und ich auch,“ ſagte Dangerfield. Waͤhrend 289 wir im Keller Unterſuchung anſtellten, hoͤrte ich Et⸗ was, das einem Piſtolenſchuß ſehr nahe kam; aber ich glaubte, es wuͤrde der lange Stoͤpſel aus einer Flaſche Sekt herausgezogen, um zu ſehen, ob im Innern irgend Etwas von papiſtiſchen Reliquien waͤre.“ „FEin Piſtolenſchuß!“ rief Topham aus;„hier haͤtte ein zweiter Vorfall, wie mit Sir Edmondbury Gottfried, ſich ereignen koͤnnen.— O du wahrhafte Brut des alten rothen Drachen! denn er wuͤrde auch dem Verhaftsbefehl des Parlaments widerſtan⸗ den haben, haͤtten wir ihn nicht etwas unvermuthet ergriffen.— Herr Bridgenorth, Sie ſind eine ein⸗ ſichtsvolle Magiſtratsperſon, und ein wuͤrdiger Die⸗ ner des Staats— ich wollte, wir haͤtten viele ſolche tuͤchtige proteſtantiſche Richter. Soll ich dieſen jun⸗ gen Burſchen mit ſeinen Eltern wegfuͤhren laſſen? — was denken Sie?— oder wollen Sie ihn zur nochmaligen Unterſuchung da behalten?“ „Herr Bridgenorth,“ ſagte Lady Peveril, unge⸗ achtet ſie ihr Mann unterbrechen wollte,„wenn Sie je wußten, was es hieß, eines der vielen Kinder zu lieben, die Sie verloren haben, oder die Tochter, die Ihnen noch uͤbrig geblieben iſt, ſo verfolgen Sie um des Himmels willen Ihre Rache nicht bis zum Blute meines armen Sohnes! Ich will Ihnen alles N 2 29⁰— Uebrige verzeihen— alle Bedraͤngniß, die Sie uͤber uns gebracht haben— alles noch groͤßere Elend, wo⸗ mit Sie uns bedrohen; aber thun Sie nicht das Aeußerſte mit Einem, der Sie niemals beleidigt ha⸗ ben kann. Wenn Ihre Ohren gegen das Geſchret einer verzweifelnden Mutter verſchloſſen ſind, ſo glau⸗ ben Sie, die, welche der Klage aller Betruͤbten offen ſtehen, werden meine Bitte und Ihre Antwort dhdoͤren.“ Der Seelenkampf und die Ruͤhrung, womit Lady Peveril dieſe Worte geſprochen hatte, ſchien alle Anweſende zu erſchuͤttern, obgleich die meiſten an ſolche Auftritte nur zu ſehr gewoͤhnt waren. Ja⸗ der ſchwieg, als ſie zu ſprechen aufhoͤrte, und ihre von Thraͤnen glaͤnzenden Augen auf Bridgenorth mit der heftigen Unruhe richtete, womit eine uͤber Leben und Tod entſcheidende Antwort erwartet wird. Selbſt Bridgenorths Unbeugſamkeit ſchien zu wan⸗ ken, und ſeine Stimme bebte, als er antwortete: „Madam, wollte Gott, ich waͤre jetzt im Stande, Ihren großen Kummer auf andre Weiſe zu erleich⸗ tern, als daß ich Ihnen ein Vertrauen auf die Vor⸗ ſehung empfehle, und Sie ermahne, daß Sie Ihren Geiſt unten vieſer Widerwaͤrtigkeit Ihres Looſes vor Murren bewahren. Was mich betrifft, ich bin nur eine Ruthe in der Hand des ſtarken Mannes, welche — 291 nicht von ſelbſt ſchlaͤgt, fondern nur, weil ſie von dem Arme deſſen, der ſie haͤlt, geſchwungen wird. „Eben ſo, wie ich und mein ſchwarzer Stab von dem Unterhauſe in Eigland gefuͤhrt werden,“ ſagte Herr Topham, dem die Erlaͤuterung ausnehmend zu gefallen ſchien. Julian glaubte, es waͤre nun Zeit, elwas zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen; und er ſuchte es mit ſo viel Gelaſſenheit zu mildern, als ihm nur immer anzunehmen moͤglich war.„Herr Bridgenorth,“ ſagte er,„ich beſtreite weder Ihr obrigkeitliches An⸗ ſehen, noch den Verhaftsbefehl dieſes Herrn—“ „Sie beſtreiten ſie nicht?“ ſprach Topham. „Ho, ho, Herr Junker, ich glaubte, wir ſollten Sie jetzt gleich zur Beſinnung bringen.“ „Wenn Sie es denn ſo wollen, Herr Topham,“ ſagte Bridgenorth,„ſo ſoll es ſo ſein. Sie ſollen bei fruͤher Tagszeit ſich auf den Weg machen, und Nitter Gottfried und Lady Peveril mit ſich nach London nehmen; und d amit ſie nach ihrem Range reiſen, ſo werden Sie ihnen Ihre Kutſche unter hin⸗ laͤnglicher Bedeckung erlauben.“ „Ich will ſelbſt mit ihnen reiſen,“ ſagte Topham; „denn dieſe rauhen Derbyſhirer Wege reiten ſich nicht bequem; und meine Augen ermuͤden ſelbſt an dieſen bleichen Huͤgeln. In der Kutſche kann ich ſo N 3 7 29²2 feſt ſchlafen, als waͤre ich im Hauſe, und Herr Bod⸗ derbrains auf ſeinen Fuͤßen.“ „Es ſteht Ihnen frei, ſo Ihre Bequemlichkeit zu haben, Herr Topham,“ antwortete Bridgenorth. „Was dieſen jungen Mann betrifft, ſo will ich ihn unter meine Aufſicht nehmen, und ſelbſt herauf bringen.“ „Ich mag dafuͤr nicht verantwortlich ſein, wer⸗ ther Herr Bridgenorth,„weil er unter den Ver⸗ haftsbefehl des Unterhauſes faͤllt.“ „Nein, ſagte Bridgenorth;„ſondern er iſt nur unter Aufſicht wegen eines zur Rettung gemachten Anfalls; und ich widerrathe Ihnen, ſich mit ihm zu befaſſen, wofern Sie nicht ſtaͤrkere Wache haben. Der Ritter Gottfried Peveril iſt nun alt und ge⸗ ſchwaͤcht; aber dieſer junge Menſch iſt in der Bluͤthe ſeiner Jugend, und auf ſeinen Wink ſtehen ihm alle junge Wuͤſtlinge des Adels in der Nachbarſchaft zu Gebote.— Sie werden kaum das Land, ohne einen Befreiungsverſuch, durchreiſen.“ Topham faßte Julian aufmerkſam ins Auge, wie etwa eine Spinne eine herumfliegende Wespe anſteht, die ſie in ihr Gewebe bekommen hat, und die ſie gern feſthalten moͤchte, ob ſie gleich die Folgen fuͤrchtet, wenn ſie ſie angriffe. Julian ſelbſt erwiederte:„Ich weiß nicht, ob — 29³ dieſe Trennung gut oder boͤs von Ihrer Seite ge⸗ meint iſt, Herr Bridgenorth; aber meinerſeits, wuͤn⸗ ſche ich nur das Schickſal meiner Elrern zu theilen; und daher will ich mein Ehrenwort geben, weder Rettung noch Flucht zu verſuchen, unter der Bedin⸗ gung, daß Sie mich nicht von ihnen trennen.“ „Sprich nicht ſo, Julian,“ ſagte ſeine Mutter; „bleibe bei Herrn Bridgenorth— mein Gemuͤth ſagt mir, er kann es nicht ſo uͤbel mit uns meinen, als ſein rauhes Betragen uns jetzt moͤchte vermuthen laſſen.“ „Und ich,“ ſagte der Ritter Gottfried Peveril⸗ „ich weiß, daß zwiſchen den Thuͤren von meines Vaters Hauſe und den Pforten der Hoͤlle nicht ſo ein Niedertraͤchtiger auf Erden wandelte! Und wenn ich meine Haͤnde je wieder losgebunden wuͤnſche, ſo iſt es nur, weil ich einen geraden Hieb auf einen Grau⸗ kopf zu thun hoffte, der mehr Verrath ausgebruͤtet hat, als das ganze Lange Parlament.“ „Fort mit dir!“ ſagte der eifrige Beamte.„Iſt das Parlament ein Wort fuͤr ſo ein arges Maul, als deines?“—„Meine Herren,“ ſetzte er hinzu, ſich zu Everett und Dangerfield wendend,„Sie wer⸗ den Zeugniß davon ablegen.“ „Daß er das Unterhaus geſchmaͤht hat— bei 2 N 4 294— Gott, das will ich bezeugen!“ rief Dangerfield; „ich will es auf meine Gefahr thun.“ „Und wahrhaftig,“ ſagte Everett,„da er vom Parlament im Allgemeinen ſprach, ſo hat er auch das Oberhaus mit Verachtung behandelt.“ „Ei, ihr armen, nichtswuͤrdigen Elenden,“ ſprach der Ritter Gottfried Peveril„„deren ganzes Leben eine Luͤge— und deren taͤgliches Brot Meineid iſt — wollt ihr meine Worte verdrehen, ſobald ſie kaum uͤber meine Lippen gegangen ſind? Ich ſage euch, das Land iſt eurer herzlich ſatt; und ſollten Englaͤnder zu ihrer Beſinnung kommen, ſo wuͤrden der Kerker, der Pranger, der Pruͤgelpfeiler noch zu gut ſein fuͤr ſo niedertraͤchtige Blutſauger. Und nun, Herr Brid⸗ genorth, Sie ſowohl als dieſe moͤgen ihr Aergſtes thun; denn ich will meinen Mund nicht zu einem einzigen Worte mehr aufthun, ſo lange ich in der Geſellſchaft ſolcher Schurken bin.“ G „Vielleicht, Ritter Gottfried,“ antwortete Brid⸗ genorth,„haͤtten Sie beſſer fuͤr Ihre eigne Sicher⸗ heit geſorgt, wenn Sie dieſen Entſchluß etwas fruͤher gefaßt haͤtten— die Zunge iſt ein kleines Glied, aber ſie richtet viel Boͤſes an.— Sie, Junker Ju⸗ lian, belieben mir zu folgen, und zwar ohne Gegen⸗ vorſtellung und Widerſtand; denn Sie muͤſſen wiſſen, daß ich Zwangsmittel in meiner Gewalt habe.“ Julian ſah allerdings nur zu gut ein, daß ihm keine andre Zuflucht blieb, als ſich hoͤherer Gewalt zu unterwerfen; aber ehe er das Zimmer verließ, kniete er nieder, um ſeines Vaters Segen zu empfan⸗ gen, welchen der alte Mann nicht ohne eine Thraͤne im Auge und mit den nachdruͤcklichen Worten ihm ertheilte:„Gott ſegne dich, mein Kind, und halte dich gut und treu gegen Kirche und Koͤnig, was fuͤr ein Wind auch boͤſes Wetter bringen moͤge.“ Seine Mutter war nur vermoͤgend, ihre Hand uͤber ſeinen Kopf zu bewegen, und ihn mit leiſer Stimme zu bitten, nicht raſch oder ungeſtuͤm in ir⸗ gend einem Verſuch zu ihrer Rettung zu verfahren. „Wir ſind unſchuldig, mein Sohn,“ ſagte ſie,— wir ſind unſchuldig— und wir ſind in Gottes Haͤn⸗ den. Dieſer Gedanke ſei unſer beſter Troſt und Schutz.“ Bridgenorth gab nun Julian ein Zeichen, ihm zu folgen, und dieß that er, begleitet oder vielmehr gefuͤhrt von den zwei Wachen, die ihn zuerſt ent⸗ maffnet hatten. Als ſie aus dem Zimmer gekommen waren, und an der Thuͤre des auswendigen Saals ſich befanden, fragte Bridgenorth Julian, ob er ſich als von ſeinem Ehrenwort gebunden betrachten wolle; in dieſem Falle wuͤrde er ihn aller andern N 5 296— Sicherheitsmittel entheben, ſein eencs Verſancchen ausgenommen. Julian Peveril, der ſih nicht erthulten kountc, von dem guͤnſtigen und gar nicht rachſuͤchtigen Be⸗ nehmen eines Mannes, deſſen Leben er nur vor kur⸗ 7 zem angegriffen hatte, Etwas zu hoffen, antwortete ohne Bedenken, daß er ſein Ehrenwort auf vier und zwanzig Stunden geben wollte, weder durch Ge⸗ walt noch durch Flucht ſeine Befreiung zu ver⸗ ſuchen. „Das iſt weislich geſagt,“ antwortete Bridge⸗ north; denn ſein Sie verſichert, wenn Sie auch Blutvergießen veranlaßten, Ihre aͤußerſten Anſtren⸗ gungen wuͤrden Ihren Eltern doch keinen Dienſt lei⸗ ſten.— Pferde her— Pferde in den Hofraum!“ Das Trampeln der Pferde ward bald vernom⸗ men; und folgſam gegen Bridgenorths Zeichen, und ſeinem Verſprechen gemaͤß, beſtieg Julian eines, das ihm vorgefuͤhrt wurde, und bereitete ſich, das Haus ſeiner Baͤter zu verlaſſen, in welchem ſeine Eltern jetzt Gefangene waren, und, er wußte nicht, wohin, zu gehen, unter der Aufſicht eines Mannes, der als der alte Feind ſeines Geſchlechts bekannt war. Er war ziemlich verwundert, daß Bridgenorth und er, ohne irgend eine andere Begleitung zu raljen i im Begriff waren. — 297 Als ſie aufgeſtiegen waren, und indem ſie lang⸗ ſam nach dem aͤußern Thore des Hoßn ritten, ſagte Bridgenorth zu ihm:„Nicht Jedermann wuͤrde bei naͤchtlicher Reiſe, und ohne Beiſtand, ſo ohne Zu⸗ ruͤckhaltung ſeine Sicherheit einem jungen Hitzkopf uͤberlaſſen, der nur vor kurzem ſein Leben angegrif⸗ fen hat.“ „Herr Bridgenorth,“ ſagte Julian,„ich koͤnnte Ihnen aufrichtig ſagen, daß ich Sie zu der Zeit nicht kannte, als ich mein Gewehr gegen Sie richtete; aber ich muͤßte auch hinzuſetzen, daß die Urſache, warum ich es gebrauchte, ſelbſt wenn ich Sie ge⸗ kannt haͤtte, wenig Ehrerbietung fuͤr Ihre Perſon bewieſen haben koͤnnte. Gegenwaͤrtig kenne ich Sie; und habe weder Tuͤcke gegen Ihre Perſon, noch fuͤr die Freiheit eines Vaters zu fechten. Ueberdieß ha⸗ ben Sie mein Wort; und wann lebte ein Peveril, der es gebrochen haͤtte?“ „Ja,“ antwortete Bridgenorth,„ein Peveril— ein Peveril von dem Gipfel!— ein Name, der lange, wie eine Kriegstrompete, im Lande erſchollen iſt, der aber nun vielleicht ſeinen letzten lauten Ton hat hoͤren laſſen. Sehen Sie zuruͤck, junger Mann, auf die dunkeln Thuͤrme von Ihres Vaters Hauſe, die ſich ſo ſtolz an der Anhoͤhe erheben, als ſich ihre Beſitzer uͤber die Soͤhne ihres Volks erhoben. Den⸗ 298— ken Sie an Ihren Vater,— einen Gefangenen— an ſich ſelbſt, gewiſſermaßen einen Fluͤchtling— an Ihr erloſchenes Licht— Ihre verfallene Herrlichkeit — Ihre zertruͤmmerten und verarmten Beſitzungen. Denken Sie, daß die Vorſehung das Schickſal des Peveriliſchen Geſchlechts einem Manne unterworfen hat, den ſie, in ihrem ariſtokratiſchen Stolze, fuͤr einen plebeiſchen Gluͤckspilz hielten. Bedenken Sie dieß; und wann Sie wieder ſich Ihrer Ahnen ruͤh⸗ men, ſo erinnern Sie ſich, daß, wer den Niedrigen erhebt, auch den Hochmuͤthigen erniedrigen kann.“ „Julian ſah wirklich einen Augenblick mit ſchwel⸗ lendem Herzen auf die ſchwach hervorſchimmernden Thuͤrme ſeines vaͤterlichen Herrenſitzes, auf welche, mit langen Schatten der Thuͤrme und der Baͤume vermiſcht, das Mondlicht ſiel. Aber indem er trau⸗ rig die Wahrheit von Bridgenorths Bemerkungen anerkannte, fuͤhlte er doch Unwillen uͤber ſeinen un⸗ zeitigen Triumph.„Wenn das Gluͤck dem Ver⸗ dienſte gefolgt waͤre,“ ſagte er,„fo wuͤrden das Schloß Martindale und der Name Peveril ihrem Feinde keine Gelegenheit zu ſeiner eiteln Prahlerei gegeben haben. Aber die, welche hoch auf dem Rade des Gluͤcks geſtanden haben, muͤſſen durch die Folge ſei⸗ ner Umdrehungen leiden. So viel will ich wenigſtens fuͤr meines Vaters Haus ſagen, daß es nicht ungeehrt 2——— — 299 geſtanden hat; auch wird es, wenn es fallen ſoll, nicht unbedauert fallen. Enthalten Sie ſich daher, wenn Sie wirklich der Chriſt ſind, fuͤr den Sie ſich erklaͤren, der triumphirenden Freude uͤber das Un⸗ gluͤck Anderer, oder der Zuverſicht zu Ihrem eignen Wohlſtande. Wenn das Licht unſers Hauſes jetzt ausgeloͤſcht iſt, ſo kann es Gott zu ſeiner eignen gu⸗ ten Zeit wieder anzuͤnden.“ Peveril brach in aͤußerſtem Erſtaunen ab; denn waͤhrend er die letzten Worte ſprach, begannen die hellrothen Strahlen des Familien⸗Leuchtthurms wieder von ihrem gewohnten Wachtthurm zu ſchim⸗ mern, und vermiſchten das bleiche Mondlicht mit einer roͤtheren Gluth. Bridgenorth ſah auch auf dieſe unerwartete Erleuchtung mit Verwunderung, und, wie es ſchien, nicht ohne Unruhe. „Junger Mann, man ſollte faſt glauben, der Himmel wolle Großes durch Ihre Haͤnde bewirken, ſo ſonderbar iſt dieſe Eiheinuns auf Ihre Worta gefolgt.“ So ſprechend, ſetzte er ſein Pferd wieder in ſtaͤr⸗ kere Bewegung; und von Zeit zu Zeit zuruͤckblickend, als wollte er ſich uͤberzeugen, daß der Leuchtthurm des Schloſſes wirklich wieder angezuͤndet waͤre, nahm er den Weg durch wohlbekannte Fußwege und Alleen nach ſeinem eignen Hauſe Moultraſſiehall, und ihm 300— folgte der junge Peveril, der zwar ein ganz zufaͤlliges „Entſtehen dieſer Erleuchtung moͤglich fand, aber doch ein ſo innig mit den Ueberlieferungen und Ge⸗ braͤuchen ſeiner Familie zuſammenhaͤngendes Ereigniß nicht anders, als fuͤr eine gute Vorbedeutung an⸗ nehmen konnte.—. Sie ſtiegen an dem Thore von Moultraſſiehall ab, welches ſchnell von einer Frauensperſon geoͤffnet wurde; und waͤhrend Bridgenorths tiefe Stimme den Hausknecht rief, ihre Pferde zu uͤbernehmen, hoͤrte man ſeiner Tochter Alexiens wohlbekannte Toͤne in Dank gegen Gott, daß er ihren Vater wohl⸗ behalten zuruͤckgebracht hatte.— Ende des zweiten Theils. 1* 3 In meinem Verlage ſind in dieſem Jahre noch erſchienen: Archiv fuͤr den thieriſchen Magnetismus. In Ver⸗ bindung mit mehrern Naturforſchern, herausge⸗ geben vom Dr. Eſchenmeyer, Dr. Kieſer, Dr. Nees und Eſenbeck. 10 thlr. 1—38. 11. 1— 3s. à 18 gr. Dupotet, J., Darſtellung einer Reihe von Verſu⸗ chen mit dem thieriſchen Magnetismus, herausge⸗ geben vom Hofrath Dr. Kieſer. 8 gr. Kieſer, Dr. D. G., Syſtem des Tellurismus oder Thieriſchen Magnetismus. Ein Handbuch fuͤr Naturforſcher und Aerzte. 2 Thle. gr. 8. 5 thlr. 16 gr. Scott, Walter, Nigels Schickſale, Novelle frei nach dem Engliſchen uͤberberſetzt von B. J. F. v. Halem. 3 Thle. 8. 3 thlr. 18 gr. The Fortunes of Nigel. By tlie Author of „Waverley, Kenilworth“ 3 Vol. 8. 3 thlr. Aeußerſt merkwuͤrdige, durch Actenſtuͤcke und Zeug⸗ niſſe belegte Geſchichte einer Geiſterſeherin. Her⸗ ausgegeben von Dr. E. E. Weidemann. 4 Gr. Woͤrterbuch der Blumenſprache fuͤr Verzierungsma⸗ ler, Stickerinnen von Caͤcilie, geheftet 22 gr. Aelterer Verlag: Archiv fuͤr den thieriſchen Magnetismus. In Ver⸗ bindung mit mehrern Naturforſchern herausgege⸗ ben von Dr. Eſchenmeyer, Dr. Kieſer, b Dr. Nees v. Eſenbeck. II. 2— 9. 38. à Heft 18 gr. Ir Bd. 38 koſtet 1 thlr. Baur, Samuel, Erbauungsbuch fuͤr chriſtliche Fa⸗ milien an den Sonn⸗ und Feſctagen des ganzen Jahres. Nach Anleitung der evangeliſchen Texte. gr. 8. 2 Bde. 58 Bogen auf ſchoͤnem weißen Druckp. mit Cicero⸗Schriftge⸗ druckt. Preis 16 Gr. Wer 6 Ex. nimmt, erhaͤlt das 7te gratis. Bousmard, von, Allgemeiner Verſuch uͤber die Befeſtigungskunſt und uͤber den Angriff und die Vertheidigung der Plaͤtze, in welchem dieſe beiden Wiſſenſchaften durch einander erklaͤrt und allge⸗ mein verſtaͤndlich gemacht werden. Mit 57 Pla⸗ nen, Aus dem Franz. uͤberſetzt von J. W. A. Kosmann. 2 Thle. gr. 8. 8 Thlr. Gallerie de Portraits historiques, contenant des biographices intéressantes des hommes illu- stres du dix- huitienne siecle. Ouvrage tiré 5 de la Galerie de Portraits historique de Mr. Sam, Baur. 8. 2 Vol. 1 thlr 12 gr. Herabgeſetzte Buͤcher⸗Preiſe: † Barthelemy, Anacharſis des juͤngern, Reiſe durch Griechenland, uͤberſetzt vom Herrn Bibliothekar Bieſter. 7 Bde. mit 24 Kupfertafeln und 7 Titelkupfer. gr. 8. Engliſch Papier. Sonſt 12 thlr. 12 gr. jetzt 8 thlr. 8 gr. Dieſelbe wohlfeile Ausgabe auf Druckpapier, ſonſt 9 thlr. jetzt 6 thlr. Dieſe Preiſe gelten jedoch nur bis Ende Aprils 1823, nachher tritt der Ladenpreis wieder ein. Geographie, Chronologie, Staaten⸗, Gelehrten⸗und Kuͤnſtler⸗Geſchichte, Maas⸗, Muͤnz⸗ und Ge⸗ wichtkunde von Alt⸗Griechenland in 41 Kupferta⸗ feln und 12 Tabellen. Herausgegeben von Bieſter. gr. 8. Engl. Med. Papier ſonſt 2 thlr. 12 gr., jetzt 1 thlr. 12 gr., Buͤrja, Abel, Beiſpiel⸗Sammlung, ſowohl zur gemeinen Algebra, als auch zur Differenzial⸗ und Integral⸗Rechuung, als Fortſetzung des ſelbſtleh⸗ renden Algebraiſten. Herausgegeben von Kie⸗ ſewetter, J. G. O. 2 Thle. gr. 8. Sonſt 2 thlr. 12 gr., jetzt 1 thlr. 12 gr. Verlag von Benj. El. Schwickert in Leipzig. Aeſchplus Trauerſpiele, deutſch mit erklaͤrenden Anmerk. von Dr. J. T. L. Danz. 2 Bde. gr. 8. 2 thlr. Bernſtein, Dr. J. G.,„ Grſchetet der cjrurge vom Anfange bis auf die jetzige Zeit. 2 Thle. gr. 8. 3 thlr. 14 gr. Bernſtein, Handbuch fuͤr Wundaͤrzte, nach alphab. Ordnung. 4 Thle. 5te verb. und verm. Ausg. gr. 8. 10 thlr. Dio Kaſſius Kokkejanus, Jahrbüche röͤmi⸗ ſcher Geſchichte aus dem Griechiſchen uͤberſetzt und mit Anmerk. verſehen von A. J. Penzel. 5 Bde. gr. 8. 8 thlr. 12 gr. Dreyßig, M. F., Handbuch der Pathologie der ſogenannten chroniſchen Krankheiten. 2 Thle. gr. 8. 4 thlr. 4 gr. Forkel, J. N., allgemeine Geſchichte der Muſik. 2 Baͤnde. gr. 4. mit Kupfern. 11 thlr. 8 gr. Geſchichte von Spanien von der Niederlaſſung der Phoͤniziſchen Pflanzſtadt zu Kadix bis auf den Tod Ferdinand des Weiſen. 3 Thle. gr. 8. 3 thlr. 8 gr. Goldſmith, Dr., Geſchichte der Griechen von den fruͤheſten Zeiten bis auf den Tod Alexanderz des Großen. Nebſt einem kurzen Abriß der Geſch. Griechenlands von dieſer Periode an bis auf die Eroberung Conſtantinopels durch die Otho⸗ mannen. A. d. Engl. mit vielen Anmerk. und Zuſ. verſehen von Chr. Dan. Beck, mit einer Charte von Griechenland. 2 Thle, 2te umgearb. und verb. Ausgabe. gr. 8. 3 thlr. Lexicon catholicon latinae linguae, conjuncta quorundam doctor. hominum opera adorna- * 3 Thle.(235 Bogen in Lex. Format) 5 thlr. tum, und Allgemeines deutſch lat. Woͤrterbuch⸗ 12 40 N. Gute und Schoͤne, drei 3, hilebos, Hippias aberſeer von F. Haͤlfemann. 2. 1 thlr. 16 gr. Poͤlitz, Bruchſtuͤcke aus den Klaſſikern der teut⸗ ſchen Nation fuͤr Lehrer und Erzieher. 4 Thle. 8. 3 thlr. Salluſt, Katilina und Jugurtha, aus dem Latein. uͤberſetzt von K. F. Hallbauer. 8. 12 gr. Sophokles Tranerſpiele, uͤberſ. von Dr. Fr. A ſt. gr. 3. 2 khlr. Die Altenburger, Geiſtergeſchichte aus dem ꝛ1ten Jahrhundert. 8. 1 thlr. Bilder der Vorwelt. 8. Schweſterliebe u. Bekehrungsgeſchichte der Familie Frank. 2 Thle. 8. 2 thlr. 8 gr. Bach, C. P. E., Verſuch uͤber die wahre Art das Clavier zu ſpielen, mit Exempeln und 18 Probe⸗ ſtuͤkken in 6 Sonaten erlaͤutert. ² Thle. 4. 6 thlr. Floͤgel, Geſchichte der Burlesken, herausgeg. von Schmit. gr, 8. 20 gr. Huhn, Anweiſung und Regeln zum Billardſpiel. 8. 5 gr. Johnſon, Sam., grammatiſch⸗kritiſches Woͤrter⸗ buch der engliſchen Sprache, fuͤr die Deutſchen, mit vielen d2oetteenauugen und Bei 8 gl. Woeterbuch zu Adelum utſch. Woͤr⸗ terbnch bearb. 3 Bde. gr. 8. 10 thlr. Garrik, David, Leben. A. d. Engl. d. Fr. Do⸗ ries. 2 Thle. 2 thlr. Lamprecht, neues Dresdner Kochbuch. 1 thlr. Putſche, oͤkon. technol. Handbuch, oder Land— und Hauswirthſchaftliches Orakel fuͤr Hausvaͤter und Hausmuͤtter zur vortheilhaften Fuͤhrung der Wirthſchaft in der Stadt und auf dem Lande. 2 Thle. gr. 8. 2 thlr. 3 gr. Die Rechenmeiſterin, oder Anweiſung fuͤr ein junges Frauenzimmer, das ihm noͤthige Rechnen leicht und gruͤndlich zu erlernen. Mit auf unterſchied⸗ nen Muͤnzfuß berechneten Exempeln. 8. 10 gr. Fielding, H., Emilie Booth. Ein Muſter eheli⸗ cher Liebe, neu uͤberſetzt. 4 Thle. 8. 2 thlr. 8 gr. ——— E 4 8 nſinſnnſſinmnſnmnnnſnnnſmnfnſennſennnſſnnſn 6 7 8 9 10 11 12. 13 14 15 16 17 6. 8 Ri v. LLLLLLl *. 38 5 4 5 * 4 3— 4 —