eiruniocher deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von.. ⸗ Eduard Oftmann in Gießen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih⸗ und Seſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. 4 2. Leßepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Zjedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 4 ſtgeſetzt und wird Weiterverleihen welche die⸗ Ritter Gottfried Peveril Eine romantiſche Darſtellung von Walter Scott. 5 . Aus dem Engliſchen. 3 von C. F. Michael z3. — Leipzig 1822, bei F. 2. Herbig. Vorwort. Da Ueberſetzung der neueſten romantiſchen Dichtung des auch in Deutſchland ſo be⸗ kannten und beliebten Verfaſſers von Wa⸗ verley, Kennilworth, Ivanhoe und andern aͤhnlichen Werken(Wal ter Scott's), welche vor Kurzen in England unter dem Titel: 3 Peveril of the Peak, III Vol.. erſchienen iſt, und die der Leſer auf den nach⸗ ſtehenden Blaͤttern findet, ruͤhrt von einem Gelehrten her, der ſich ſchon durch meh⸗ rere Ueberſetzungen aus dem Engliſchen ruͤhm lich bekannt gemacht hat. Die Verlagshand⸗ lung, welche dem Unterzeichneten dieſe Arbeit uͤbertrug, wuͤnſchte, da er ſich derſelben durch andere literariſche Beſchaͤftigungen abgehalten nicht unterziehen konnte, wenigſtens in ſo fern ſeine Mitwirkung dabei, daß er dem Ueber⸗ ſetzer rathend zur Seite ſeyn und die Durch⸗ — ⸗ Ddieſem Verlangen konnte er ſeine Zuſtimmung ſicht der Arbeit deſſelben uͤbernehmen moͤchte. cht wohl verſagen; und ſo iſt denn die nach⸗ ſtehende Verdeutſchung, wie die Ankuͤndigung der Verlagshandlung beſagt, unter ſeiner Aufe. ſicht und Leitung verfertigt worden, ohne daß jedoch dadurch der Ueberſetzer in der ihm ge⸗ buͤhrenden Freiheit ſich im Geringſten be⸗ ſchraͤnkt haͤtte fuͤhlen koͤnnen. MNoͤge der deutſche Leſer auch durch dieſe Arbeit des geiſtreichen Britten auf eine recht erfreuliche Weiſe ſich unterhalten fuͤhlen, was bei dem innern Werthe derſelben gewiß nicht zu bezweifeln iſt. Leipzig, in der Michaelis⸗Meſſe 1822. K. L. Methuſ. Muͤller. ——— —— Gorrede in Form eines Briefes des ehrwuͤrdigen Doctor Driasduſt von Nork an Capitaͤn Clutterbuck, wohnhaft zu Fairylodge bei Kennaquhair, N. B. — Hochzuverehrender Herr! Auf Ihren letzten Brief haͤtte ich mit den klaſſiſchen Worten:„Haud equidem invideo, miror magis,“ antworten koͤnnen. Denn ob ich gleich von Kindheit an mit Gegenſtaͤnden des Alterthums umgegangen bin, ſo mag ich doch nicht gern Geiſter oder Geſpenſter zu Auslegern derſelben haben; und wahrhaftig Ihre Nachricht von Ihrer Unterredung mit unſerm großen Va⸗ ter, in dem geheimnißvollen oder hoͤchſt ver⸗ borgenen Schlupfwinkel der Herausgeber zu Edinburg, hatte auf mich ſehr bie Wirkung der 4 II— Erſcheinung von Hektor's Geſtalt vor dem Hel⸗ den der Aeneis—. „Obstupui, steteruntque comae.“ Und, wie geſagt, ich wiederhole es, ich ſtutzts bei der Erſcheinung, ohne Sie um das Vergnuͤ⸗ gen zu beneiden, unſern großen Urvater zu ſe⸗ hen. Aber, wie es ſcheint, darf er ſich nunmehr ſeiner Familie freier zeigen, als vorhin; oder der alte Herr iſt in dieſen letztern Tagen etwas geſchwaͤtzig geworden; oder kurz, um nicht Ihre Geduld mit Muthmaßungen uͤber die Sache zu ermöden, ich habe auch die Erſcheinung des Verfaſſers des Waverley geſehen. Ich glaube nicht, mir etwas Ungebuͤhrendes herauszuneh⸗ men, wenn ich bemerke, daß dieſe Zuſammen⸗ kunft durch Umſtaͤnde von einigermaßen gefaͤlli⸗ gerer Art bezeichnet war, als die, welche Ihre Zuſammenkunft mit ihm bei unſern werthen Herausgebern begleiteten; denn die Ihrige hatte das Anſehen eines zufaͤlligen Zuſammentreffens, waͤhrend der meinigen die Mittheilung einer großen Rolle Papiere, enthaltend eine ueue Ge⸗ ſchichte mit dem Titel Peveril von dem Gipfel, vorherging. Kaum fand ich, daß dieſes Manuſcript aus einer Erzaͤhlung beſtand, die ſich vielleicht bis auf dreihundert und dreißig Seiten, mehr oder weniger, in jedem Bande ausdehnte, als mir ſogleich beifiel, von wem dieſe Gabe kaͤme; und nachdem ich mich zum Durchleſen der beſchrie⸗ benen Bogen hingeſetzt hatte, fing ich an, ſtarke Erwartungen zu haͤgen, daß ich zufaͤllig naͤch⸗ ſtens den Verfaſſer ſelbſt zu ſehen bekommen koͤnnte.—. Ferner ſcheint es mir ein ausgezeichneter Umſtand zu ſein, daß, waͤhrend ein inneres Zim⸗ mer von des Herrn Conſtable's Laden fuͤr einen hinlaͤnglich feierlichen Ort zu Ihrer Audienz ge⸗ halten wurde, unſer ehrwuͤrdiger Senior mir dieſelbe in den Behaͤltniſſen meiner eignen Woh⸗ nung, gleichſam intra parietes, und ohne den moͤglichen Fall einer Unterbrechung, zu ertheilen beliebte. Ich muß auch bemerken, daß die Ge⸗ ſichtszuͤge, die Geſtalt und die Tracht des Idol'ss (wie Sie die Erſcheinung unſers Vaters recht wohl nennen) mir genauer beſtimmt erſchienen, als Ihnen bei der vorigen Gelegenheit gewaͤhrt wurde. Hiervon nachher; aber bewahre der Himmel, daß ich irgend einen Anſpruch auf Ue⸗ berlegenheit uͤber die andern Abkoͤmmlinge un⸗ . a 2 1 IV— ſers gemeinſchaftlichen Vaters aus ſolchen ent⸗ ſchiedenen Zeichen ſeines Vorzugs erheben ſollte — Laus propria sordet. Ich bin ſehr wohl überzeugt, daß die Ehre nicht meiner Perſon, ſondern meinem Kleide erwieſen wurde,— daß der Vorzug nicht Jonas Driasduſt uͤber Clur⸗ terbuck, ſondern den Doctor der Gottesgelahrt⸗ heit uͤber den Capitaͤn erhob. Cedant arma togae— eine Maxime, die zu keiner Zeit ver⸗ geſſen werden darf, aber beſonders dann in Er⸗ innerung gebracht werden ſollte, wenn der Sol⸗ dat auf halbe Loͤhnung geſetzt iſt.⸗ Allein ich beſinne mich, daß ich Sie dieſe ganze Zeit in der Vorhalle aufhalte, und Sie mit langen Inductionen ermuͤde, indeß Sie von mir wuͤnſchen werden, me properare in me- diam rem. Was Sie wollen, ſoll geſchehen; denn wie Seine Gnaden witzig von mir zu ſagen pflegen:„Niemand erzaͤhlt eine Geſchichte ſo gut, als Doctor Driasduſt, wenn er einmal den Anfangspunkt gewonnen hat.“— Locose hoc. Doch weiter. Ich hatte den Rahm der Erzaͤhlung, die ich ſeit ungefaͤhr einer Woche erhalten hatte, und zwar nicht ohne geringe Koſten und Muͤhe, — — V abgeſchoͤpft; denn die Hand unſers Vaters iſt ſo klein und kritzelig geworden, daß ich ſtarke Vergroͤßerungsglaͤſer zu brauchen genoͤthigt war. Als ich meine Augen gegen den Schluß des zweiten Bandes ein wenig erſchoͤpft fuͤhlte, lehnte ich mich zuruͤck in meinen Armſtuhl, und fing an zu uͤberlegen, ob verſchiedene von den Einwuͤrfen, welche man gegen unſern Vater und Goͤnner vorzubringen geſucht, ſich nicht ganz beſonders auf die von mir durchleſenen Papiere anwenden ließen.„Hier ſind Erdich⸗ tungen genug,“ ſagt' ich zu mir ſelber,„den Gang einer ganzen Geſchichte zu verwirren— Anachronismen genug, alle Chronologie umzu⸗ ſtoßen! Der alte Herr hat alle Grenzen durch⸗ brochen— abiit— evasit— erupit.“? Als dieſe Gedanken durch meinen Kopf gin⸗ gen, fiel ich in eine Art Traͤumerei, wie bei mir nach der Mittagsmahlzeit nicht ungewoͤhnlich iſt, wann ich ganz allein bin, oder Niemand, außer meinem Pfarrer, bei mir habe. Ich war jedoch wach; denn ich erinnere mich, daß ich in der Aſche des Feuers das Bild einer Biſchofsmuͤtze, nebſt den Thuͤrmen einer Domkirche im Hinter⸗ grunde ſah; außerdem beſinn' ich mich, daß ich eine Zeit lang die gefaͤllige Phyſiognomie des Doctor Whiteroſe, meines Onkels von muͤtterli⸗ cher Seite, betrachtete— deſſelben, welcher in the Heart of Mid-Lothian erwaͤhnt iſt— deſſen Bildniß, mit Peruͤcke und geiſtlichem Or⸗ nat geziert, uͤber meinem Kaminſims haͤngt. Ferner erinnere ich mich, daß ich die Blumen in dem Rahmen des geſchnitzten Eichenholzes bemerkte, und meine Blicke auf die darunter hangenden Piſtole warf, als die Feuergewehre, mit welchen mein Onkel in dem ereignißvollen Jahr 1746 die Sache des Prinzen Karl Eduard zu vertheidigen geſonnen war; denn er achtete wirklich perſoͤnliche Sicherheit ſo wenig, in Ver⸗ gleichung mit einem feſten Grundſatz der hohen Kirche, daß er nur die Ankunft der Nachrichten des Adventurer in London erwartete, um eilig zu ſeiner Fahne zu ſtoßen. Einen ſolchen dem Schlummer aͤhnlichen Zu⸗ ſtand, als ich damals genoß, finde ich ganz ver⸗ traͤglich mit Unterhaltung der beſten und tiefſten Gebanken, die zuweilen in meinem Geiſte auf⸗ ſteigen. Ich koſte von ſuͤßer und bitterer Fan⸗ taſte, in einem Zuſtande zwiſchen Schlaf und Wachen, den ich der Philoſophie in ſo hohem ——— ☛ — — — VII Grade guͤnſtig erachte, daß ich nicht zweifle, manche ihrer ausgezeichnetſten Syſteme moͤgen unter ſeinem Einfluſſe gebildet worden ſein. Mein Bedienter iſt daher angewieſen, wie auf Flaum⸗ federn aufzutreten— meine Thuͤrangeln ſind ſorgfaͤltig eingeoͤlt— und alle Maßregeln ge⸗ troffen, zu verhindern, daß ich vor der Zeit und ploͤtzlich zum hellen Tage einer arbeitſamen Welt zuruͤckgerufen werde. Meine Gewohnheit in Hinſicht dieſes Umſtandes iſt ſo wohlbekannt, daß ſelbſt die Schulknaben zwiſchen vier und fuͤnf Uhr auf den Zehen uͤber die Gaſſe gehen. Meine Zelle iſt die wahre Wohnung des Morpheus. Es gibt freilich einen ſchreienden Schurken von Beſenmann, quem ego— doch das iſt eine Sache fuͤr die Quartalſitzungen. Als mein Kopf auf dem Armſtuhl in der eben beſchriebenen philoſophiſchen Stimmung zuruͤckſank, und die Augen meines Leibes ſich zu ſchließen begannen, ohne Zweifel, damit die Au⸗ gen meines Verſtandes ſich deſto weiter oͤffnen moͤchten, wurde ich durch ein Klopfen an der Thuͤre aufgeſchreckt, das von einer mehr gebie⸗ teriſch laͤrmenden Art war, als um dieſe Stunde von einem mit meinen Gewohnheiten be⸗ kannten Beſuche zu erwarten war. Ich fuhr in meinem Sitze auf, und hoͤrte den Schritt meines laͤngs des Ganges daher eilenden Bedienten, worauf ein ſehr ſchwerfaͤlliger und abgemeſſener Tritt folgte, welcher die lange mit Eichenholz gediehlte Gallerie auf eine ſolche Art erſchuͤtterte, daß meine Aufmerkſamkeit mit Gewalt davon ge⸗ feſſelt wurde. 4 „Ein Fremder, mein Herr, der eben von Edinburg mit der Nord ⸗Poſtkutſche angekommen iſt, verlangt, Ihre Hochwuͤrden zu ſprechen.“ Das waren die Worte, mit denen Jakob die Thuͤre bis gegen die Wand aufriß; und der be⸗ ſtuͤrzte Ton, womit er ſie ausſprach, obgleich in der Anmeldung ſelbſt nichts beſonders war, be⸗ reitete mich auf die Annaͤherung eines Beſuchs von ungemeiner Wuͤrde und Wichtigkeit vor. Der Verfaſſer des Waverley trat ein, ein ſtarker und großer Mann, in einem großen Rei⸗ ſeoberrock, welcher ein Kleid von Schnupftabak⸗ branner Farbe bedeckte, vom Schnitt desjenigen, welches der große Wanderer trug. Sein nieder⸗ geſchlagener Hut(denn er verſchmaͤhte die mo⸗ dernen Frivolitaͤten einer Reiſemuͤtze) war mit — „— — 1X einem großen ſeidenen Tuche ſo uͤber den Kopf gebunden, daß ſeine Ohren zugleich vor der Kaͤlte und vor dem Geſchwaͤtz ſeiner muntern Gefaͤhrten in der Reiſekutſche, aus der er eben abgeſtiegen war, geſchuͤtzt wurden. Es war Etwas von ſarkaſtiſcher Schlauheit und Laune, was auf dem ſchweren Wetterdach ſeiner zotti⸗ gen grauen Augenbraunen ſaß;— ſeine Ge⸗ ſichtszuͤge waren in andern Hinſichten von gro⸗ ber Form, und eher ſchwerfaͤlli g, als Witz oder Genie verſprechend; aber er hatte eine merk⸗ wuͤrdige Vorragung der Naſe, von aͤhnlicher Art, wie der lateiniſche Dichter ſchildert: —„immodicum surgit pro cuspide rostrum.“ Ein tuͤchtiger Wanderſtab ſtuͤtzte ſeine Hand— eine doppelte Barcelona beſchuͤtzte ſeinen Hals — ſein Unterleib war etwas hervorſtehend,— naber das iſt nicht zu wundern“— ſeine Bein⸗ kleider waren von derbem Thickſet— und ein paar ſpitzige Stiefeln, welche heruntergeſchlagen waren, um ſeine ſtarken Waden zu erleichtern, verbargen nicht ſeine bequemen Reiſeſtruͤmpfe von Schafwolle, die nicht auf dem Weberſtuhle gewirkt, ſondern mit der Radel geſtrickt waren, nach der ehrwuͤrdigen alten Mode, die in Schott⸗ ar 88 4 † 7 8 land unter dem Namen ridge- and-ſurrow bekannt iſt*), Sein Alter ſchien bedeutend uͤber funfzig hinaus, konnte ſich jedoch noch nicht auf ſechzig erſtrecken, was ich mit Vergnuͤgen be⸗ merkte, in Zuverſicht, daß noch ein gutes Theil Arbeit jetzt von ihm zu erwarten ſein duͤrfte, be⸗ ſonders da ein uͤberhaupt geſundes Anſehen— der Umfang und die Staͤrke ſeiner Stimme— die Feſtigkeit ſeines Ganges— die Rundung ſeiner Wade— die Tiefe ſeines Raͤuſperns und der volltoͤnende Nachdruck ſeines Nieſens, Alles Zeichen einer fuͤr die Ausdauer gebauten Conſti⸗ tution waren. Es fiel mir, als ich dieſe ſtattliche Perſon anſah, gewaltig auf, daß er, in meiner Einbil⸗ dungskraft, den kraͤftigen Herrn in No. II dar⸗ ſtellte, welcher unſerm hoͤchſt unterhaltenden und geſchmackvollen Utopiſchen Reiſenden, Herrn Gottfried Crayon, zu ſo mancherlei Speculatio⸗ nen Stoff gab. Einen kleinen Zug in dem Be⸗ tragen dieſes kraͤftigen Herrn ausgenommen— ich meine die Artigkeit gegen ſeine Wirthin, eine Sache, welche von dem Charakter unſers Se⸗ *) Mit Erhoͤhung und Furchen, d. h. vermuthlich mit vertieften langen Streifen. 3 D. — —,————— „— —— — XI niors weit abweichen wuͤrde— waͤre ich in der That geneigt, zu ſchließen, daß Herr Crayon bei dieſer merkwuͤrdigen Gelegenheit wirklich ſeine Zeit in der Naͤhe des Verfaſſers vom Waverley zugebracht haͤtte. Aber unſer wuͤrdiger Patriarch, zu ſeinem Ruhme ſei es geſagt, weit entfernt, die Geſellſchaft des ſchoͤnen Geſchlechts zu eulti⸗ viren, ſcheint in Vermeidung des Verkehrs mit Frauenzimmern eher die Laune unſers Freundes und Verwandten, Herrn Jonathan Oldbuck, nachzuahmen, wie ich aus einem unmittelbar nach ſeinem Eintritte vorgekommenen Umſtande zu vermuthen veranlaßt wurde. Nachdem ich durch angemeſſene Dankſagun⸗ gen und Gluͤckwuͤnſche ihm meine Freude uͤber ſeine Gegenwart zu erkennen gegeben hatte, ſchlug ich meinem verehrten Gaſt als die der Stunde des Tages gemaͤßeſte Erquickung vor, meine Couſine und Haushaͤlterin, Miß Katherine Whi⸗ teroſe, mit dem Theegeſchirre zu beſtellen; aber er verwarf meinen Vorſchlag mit Verachtung, die des Laird von Monkbarns nicht unwuͤrdig war.„Keine Laͤſterbruͤhe,“ rief er aus;„kein gedankenkenloſes Weibergeſchwätz iſt fuͤr mich. Süllen Sie den ſchaͤumenden Krug— geben Sie 5 ———;——— mir ein Stuͤckchen gutes Fleiſch— ich verlange keine Geſellſchaft, außer die Ihrige, und keine andere Erfriſchung, als die das Faß und der Bratroſt gewaͤhren koͤnnen.“ Das geroͤſtete Rindfleiſch und Brot und der Krug waren bald in Bereitſchaft; und mochte es nun eine bloße Erſcheinung oder koͤrperliche Wahrheit ſein, mein Gaſt zeigte eine Geſchick⸗ lichkeit als Zerleger, welche den Neid eines hungrigen Jaͤgers nach einer Fuchsjagd von vierzig Meilen haͤtte erregen koͤnnen. Auch that er einige Mal tiefen und feierlichen Beſcheid. nicht nur mit dem vorhin erwaͤhnten Kruge, ſon⸗ dern auch mit zwei Londoner Kannen vorzuͤglir. chen Madeira⸗ und Port⸗Weins; von welchen cch den erſtern aus ſeinem Reifungsplatze der Nie⸗ derlage innerhalb des Bezirks der treibenden Ofenwaͤrme gezogen hatte; der andere war aus einer tiefen Gruft in meinem eignen alten Kell ler, welcher weiland die Weinleſen der Weltbe⸗ ſieger mag aufgenommen haben, da das Gewoͤlbe aus Roͤmiſchen Ziegeln beſteht. Ich konnte nicht unterlaſſen, dem alten Herrn meine Bewunderung und meinen Gluͤckwunſch uͤber den kraͤftigen Ap⸗ petit auszudruͤcken, den er bei dem frohen Mahle — XIII nach alt Engliſcher Weiſe bemerken ließ.„Mein Herr,“ war ſeine Antwort,„ich muß wie ein Englaͤnder eſſen, um mich geſchickt zu machen, meinen Platz in einer der auserleſenſten Geſell⸗ ſchaften echt Engliſcher Geiſter einzunehmen, die je ein Gebirge von Nierenſtuͤck und einen edeln Ro⸗ ſinenpudding umgaben und von einander hieben.“ Ich fragte, jedoch mit aller Ehrerbietung und Beſcheidenheit, wohin er ginge, und auf welche ausgezeichnete Geſellſchaft er ſeine ſo all⸗ gemeine Beſchreibung bezoͤge. Ich werde nun⸗ mehr, in demuͤthiger Nachahmung Ihres Bei⸗ ſpiels, das folgende Geſpraͤch in dramatiſcher Form geben, ausgenommen, wo Beſchreibung nothwendig wird.. Verfaſſer des Waverley. Auf wen ſollte ich ſonſt eine ſolche Beſchreibung anwenden, außer auf die einzige Geſellſchaft, auf die ſie allein ganz anwendbar ſein kann— jene unfehl⸗ baren Richter uͤber alte Buͤcher und alten Wein — den Roxburghe⸗Club von London? Haben Sie nicht gehoͤrt, daß ich zu einem Mitgliede dieſer Geſellſchaft auserleſener Bibliomanen*) ernannt worden bin?“ *) Buͤcherngrren. XIv— Driasduſt.(In ſeiner Taſche wuͤhlend) Ich hoͤrte Etwas davon vom Kapitaͤn Clutter⸗ buck, der mir ſchrieb— ja, da iſt ſein Brief— daß ein ſolches Geruͤcht unter den Schottiſchen Alterthumsfreunden umherlief, welche ſehr be⸗ ſorgt waren, Sie moͤchten zu der Ketzerei ver⸗ fuͤhrt werden, Engliſches Rindfleiſch ſteben Jahre altem, ſchwarz ausſehendem Sch oͤpſenfleiſch, Maraſchino dem Whisky⸗ Branntwein, und Schildkroͤtenſuppe einer cock-a- leekie vor⸗ ziehen, in welchem Falle ſie nothwendig auf Sie als auf einen verlornen Mann verzichten muͤßten. —„Aber,“ ſetzt unſer Freund hinzu— ſeine Hand iſt mehr von militaͤriſcher Art— beſſer gemacht, das Schwert, als die Feder zu fuͤhren —„unſer Freund iſt ſo ſcheu— ja ſcheu, ſo heißt es— daß es keine leichte Verſuchung ſein mag, die ihn aus ſeinem Incognito hervor⸗ zuziehen im Stande waͤre.“ Verfaſſer. Keine leichte Verſuchung, un⸗ ſtreitig; aber das iſt wohl eine maͤchtige, mit den Herren der litterariſchen Schaͤtze von Althorpe und Hodnet in gluͤhendem Madeirawein zu zechen, gebraut von dem klaſſiſchen Dibdin— Theil zu nehmen an den gruͤndlichen Eroͤrterungen, welche ——— — XV njedem kleinen Bande, dunkel von angelaufenem Golde“ das Zeichen aufpraͤgen nicht von S. S., ſondern von R. R.— zu trinken auf die Ge⸗ ſundheit und zum unſterblichen Gedaͤchtniß Cax⸗ ton's, Valdarar's, Pynſon's und der andern Vaͤter jener großen Kunſt, waͤlhe alle und jeden von uns zu dem gemacht hat, was wir ſind. Dieß, mein theurer Sohn, ſind Verſuchungen, welchen du mich jetzt im Begriff ſiehſt, jenen ru⸗ higen Kaminwinkel des Lebens aufzuopfern, in welchem ich— Niemand kennend und unbekanut — ausgenommen der hoffnungsvollen Familie, der ich das Daſein gegeben habe— das Ende des grauen Lebens⸗Abends zu verbringen be⸗ ſchloſſen hatte. Mit dieſen Worten that unſer ehrwuͤrdiger Freund noch einen emphatiſchen Zug aus dem Kruge, als wenn dieſer das eigenthuͤmliche Heil⸗ mittel gegen die Uebel des Lebens an die Hand gegeben haͤtte, welches in dem beruͤhmten Gut⸗ achten von Johnſons Einſiedler empfohlen wird— „Komm, Knabe, kauut, und trinke etwas Bier.“ Als er den ſilbernen Krug auf den Tiſch ge⸗ XVI— ſetzt und einen tiefen Seufzer gethan hatte, um den Odem zu ſammeln, der durch den langen Zug ihm unterbrochen worden war, konnt⸗ ich mich nicht enthalten, dieſen Seufzer in einem ſo pa⸗ thetiſch mitleidigen Ton wiederhallen zu laſſen, daß er mit Besden ſeine Augen auf mich hef⸗ tete.„Was iſt das?“ ſagte er etwas unwillig; „mißgoͤnnen Sie, das Geſchoͤpf meines Willens, mir meine Befoͤrderung? Habe ich Ihnen und Ihren Mitgenoſſen nicht die beſten Stunden meines Lebens ſeit dieſen letzten ſieben Jahren gewidmet? und nehmen Sie ſich heraus, zu murren oder es uͤbel zu empfinden, daß ich in den nun kommenden einigen Lebensgenuß in einer meinen Beſtrebungen ſo verwandten Geſellſchaft ſuche?“ Ich demuͤthigte mich vor dem beleidigten Senior, und betheuerte meine Unſchuld in Allem, was ihm moͤglicher Weiſe Mißvergnuͤgen ge⸗ macht haben koͤnnte. Er ſchien zum Theil beru⸗ higt, wandte jedoch noch immer einen etwas arg⸗ woͤhniſchen Blick auf mich, waͤhrend er mich mit den Worten des alten Norton's, in der Ballade von dem„Aufſtande in dem noͤrdlichen Lande“ fragte. Verfaſſer. Was willt du haben, Franciz Norton? Du biſt mein juͤngſter Sohn und Erbe; Dir liegt was bruͤtend auf dem Herzen— Was es auch ſei, eroͤffn' es mir. Driasduſt. Ich bitte alſo um Ihre vaͤter⸗ liche Verzeihung fuͤr meine Anmaßung; ich ſeufzte blos uͤber die Moͤglichkeit, daß Sie ſich unter einen Schwarm von Kritikern wagen moͤch⸗ ken, welchen, in der Qualiteͤt geſchickter Alter⸗ thumsforſcher, die Unterſuchung der Wahrheit eine beſondere Pflicht iſt, und welche daher mit deſto ſtrengerem Tadel jene Abweichungen von dem Pfade der wahren Geſchichte heimſuchen moͤgen, die Sie ſich zu erlauben ſo oft Vergnuͤ⸗ gen finden. Verfaſſer. Ich verſtehe Sie. Sie wol⸗ len ſagen, dieſe gelehrten Herren werden fuͤr einen Roman oder eine erdichtete Erzaͤhlung auf Geſchichte gegruͤndet, nur wenig Duldung be⸗ weiſen. Driasduſt. Ei, mein Herr, ich beſorge vielmehr, ihre Achtung fuͤr die Grundlage wird ſo groß ſein, daß ſie genoͤthigt ſein werden, ſich uͤber die damit unvertraͤgliche Beſchaffenheit des XVIII— darauf geſetzten Gebaͤudes zu beſchweren, gerade ſo wie jeder klaſſiſche Reiſende ſich in Ausdruͤcken der Betruͤbniß und des Unwillens ergießt, wann er, auf der Reiſe durch Griechenland, zufaͤllig einen Tuͤrkiſchen Kiosk ſich auf den Truͤmmern eines alten Tempels erheben ſieht. Verfaſſer. Weil wir aber nicht den Tempel wieder aufbauen koͤnnen, kann darum nicht ein Kiosk auch eine huͤbſche Sache ſein? Nicht wahr? Nicht ganz fehlerfrei in der Architektur, nach ſtrenger und klaſſiſcher Kritik; aber doch dem Auge etwas Ungemeines darſtellend, und etwas Fantaſtiſches fuͤr die Einbildungskraft, worauf der Zuſchauer mit einem Vergnuͤgen der⸗ ſelben Art hinblickt, als aus dem Leſen einer Morgenlaͤndiſchen Erzaͤhlung zu entſpringen pflegt. Driasduſt. Ich bin unfaͤhig, mit Ihnen in Metaphern zu disputiren, mein Herr; aber ich muß ſagen, um mein Gewiſſen zu erleichtern, daß Sie der Tadel gar ſehr trifft, die reinen Quellen der hiſtoriſchen Erkenntniß zu verfaͤl⸗ ſchen. Sie naͤhern ſich denſelben, ſagen die Leute, gleich dem trunkenen Pachter, der einmal eine Zeit lang die Kryſtallquelle, die den Durſt — XIX ſeiner Familie ſtillte, mit zwanzig Zuckerhuͤten und einem Oxthof Rum verunreinigte, und da⸗ durch ein einfaches und heilſames Getraͤnk in ein betaͤubendes, Menſchen zum Vieh ernie⸗ drigendes und berauſchendes Fluidum verwan⸗ delte; ſuͤßer freilich fuͤr den Geſchmack, als das natuͤrliche Waſſer, aber eben deßhalb verfuͤhre⸗ riſcher und gefaͤhrlicher. Verfaſſer. Ich finde Ihr Gleichniß paß⸗ ſend, Herr Doctor; aber, obgleich guter Punſch den Mangel des Quellwaſſers nicht erſetzen kann, ſo iſt er doch, maͤßig genoſſen, kein malum in se(Uebel an ſich); und ich wuͤrde es fuͤr ein elendes Benehmen bei einem Pfarrer halten, wenn er in der Nacht des Sonnabends den Brunnen haͤtte mit austrinken helfen, und gegen den ehrlichen gaſtfreien Pachter am Sonntag⸗ morgen predigte. Ich wuͤrde ihm geantwortet haben, daß ihn ſchon der bloße ODuft des Ge⸗ traͤnks haͤtte behutſam machen ſollen; und daß, wenn er einen Tropfen zu viel zu ſich genommen, er mehr ſeine eigene Unkeugheit, als die Gaſt⸗ freiheit ſeines Wirths anklagen muͤßte. Driasduſt. Ich bekenne, nicht ganz ein⸗ zuſehen, wie dieß hieher paßt. X— Verfaſſer. Nicht; Sie ſind einer von den zahlreichen Disputanten, die ihrer Metapher nie einen Schritt weiter ſolgen wollen, als ſie ſich an ſich erſtreckt. Ich will mich erklaͤren. Ein armer Tropf, wie ich ſelbſt, muͤde, ſeine duͤrre und beſchraͤntte Einbildungskraft zu brand⸗ ſchatzen, ſieht ſich nach einem allgemeinen Ge⸗ genſtande in dem ungeheuern und grenzenloſen Felde der Geſchichte um, welche Beiſpiele jeder Gattung darbietet— faͤllt auf eine gewiſſe Perſon, oder eine gewiſſe Verbindung von Um⸗ ſtaͤnden, oder einige auffallende Zuͤge der Sitten, die, wie er glaubt, ſich vortheilhaft zur Grundlage einer erdichteten Erzaͤhlung gebrauchen laſſen— ſtaffirt ſie mit ſolchen Farben aus, wie ihm ſeine Geſchicklichkeit eingibt— ſchmuͤckt ſie mit ſolchen romantiſchen Umſtaͤnden, welche die all⸗ gemeine Wirkung erhoͤhen moͤgen— umkleidet ſie mit ſolchen Charakter⸗Nuͤanzen, die den be⸗ ſten gegenſeitigen Kontraſt hervorbringen— und glaubt vielleicht, dem Publikum einigen Dienſt geleiſtet zu haben, wenn er ihm ein le⸗ bendiges dichteriſches Gemaͤhlde aufſtellt, fuͤr welches die urſpruͤngliche Anekdote oder der ur⸗ ſpruͤngliche Umſtand, die er zu ſeiner Abſicht be⸗ nutzte, blos eine leichte Skize darbot. Nun kann ich hierin nicht die geringſte Beeintraͤchti⸗ gung finden. Die Vorraͤthe der Geſchichte ſind Jedermann zugaͤnglich; und werden nicht mehr erſchoͤpft oder beraubt durch die ſo aus ihnen ent⸗ lehnten Zuͤge, als die Quelle durch das Waſſer ausgetrocknet wird, welches wir zum haͤuslichen Gebrauche ſchoͤpfen. Und als Antwort auf den nuͤchternen Vorwurf der Falſchheit fuͤr eine be⸗ ſtimmt als erdichtet angekuͤndigte Erzaͤhlung darf man nur Priors Ausruf vorbringen: „i, wer beſchwoͤrt denn wohl die Wahrhelt eines 5 Lieds?“ Driasduſt. Gut; aber ich fuͤrchte, daß Sie dem Vorwurf nur ausweichen wollen. Man klagt Sie nicht ernſtlich an, daß Sie die Ge⸗ ſchichte entſtellen; jedoch verſichere ich Sie, ich habe einige ernſthafte Abhandlungen geſehen, in welchen man es fuͤr nothwendig hielt, Ihnen zu widerſprechen. Verfaſſer. Das waͤre gerade ſo, als wenn man eine Artillerieſalve gegen eine Nebel⸗ bildung richten wollte. Driasduſt. Allein außerdem und insbe⸗ ſondere wird geſagt, daß Sie nahe daran ſind, XXII— die Vernachlaͤſſigung des Geſchichtſtudiums zu veranlaſſen— indem die Leſer ſich mit ſolcher fluͤchtigen und oberflaͤchlichen Kenntniß, als ſie aus Ihrem Werk erlangen, begnuͤgen, und ver⸗ leitet werden, die ernſtern und genauern Quellen der Belehrung zu verabſaͤumen. Verfaſſer. Ich leugne die Folgerung. Im Gegentheile hoffe ich, die Aufmerkſamkeit des Publikums auf verſchiedene Punkte gerichtet zu haben, welche von gelehrtern und tiefer for⸗ ſchenden Schriftſtellern beleuchtet worden ſind; folglich haben meine Romane ihnen noch einiges Intereſſe mitgetheilt. Ich koͤnnte Beiſpiele ge⸗ ben, aber ich haſſe die Eitelkeit. Die Geſchichte der Wuͤnſchelruthe iſt bekannt genug— es iſt an ſich ein ſchlechter werthloſer Zweig; er zeigt aber durch ſeine Bewegung, wo Adern koſtbaren Metalls unter der Erde verborgen ſind, welche nachher die Unternehmer bereichern, von denen dieſe Minen muͤhſam und ſorgfaͤltig bearbeitet wurden. Ich mache auch keine groͤßern An⸗ ſpruͤche fuͤr meine geſchichtlichen Winke; aber dieß iſt doch Etwas. Driasduſt. Wir ſtrengern Alterthums⸗ forſcher koͤnnen die Wahrheit hievon zugeben, — — — XXIII mein Herr; naͤmlich, daß Ihre Werke gelegent⸗ lich Maͤnner von gruͤndlicher Bildung auf Un⸗ kerſuchungen gebracht haben koͤnnen, an deren Unternehmung ſie vielleicht nicht gedacht haben wuͤrden. Allein dabei werden Sie immer dafuͤr verantwortlich bleiben, den jungen, den traͤgen und den fluͤchtigen Leſer irre zu leiten, indem ſie ihnen Werke in die Haͤnde liefern, die, waͤhrend ſie ſo viel ſcheinbaren Unterricht gewaͤhren, als bielleicht ihr Gewiſſen wegen der auf das Leſen derſelben gewandten Muße beruhigen mag, doch ihre ſchwindligen Koͤpfe mit den rohen, unge⸗ wiſſen und oft falſchen Behauptungen befrie⸗ digt entlaſſen, wovon Ihre Romane voll ſind. Verfaſſer. Es wuͤrde mir ſchlecht ziemen, ehrwuͤrdiger Herr, einen Mann von Ihrer Klei⸗ dung der leeren Declamation zu beſchuldigen; aber ich bitte Sie, iſt nicht Etwas der Art in dem Pathos, womit Sie dieſe Gefahren ver⸗ groͤßern? Ich behaupte im Gegentheil, daß ich, indem ich den Geſchaͤftsmann und den Juͤngling zu„ernſten Wahrheiten, in maͤrchenhafte Dich⸗ tung gekleidet“ hinfuͤhre, dem geiſtvollern und faͤhigern unter ihnen einen wirklichen Dienſt leiſte; denn die Liebe zur Erkenntniß braucht nur XXIV einen Anfang— der geringſte Funke wird⸗Feuer geben, wenn der Zunder gehoͤrig vorbereitet iſt; und der Leſer, welcher an erdichteten Begebenhei⸗ ten, die einer geſchichtlichen Periode und hiſtori⸗ ſchen Charakteren zugeſchrieben werden, ein In⸗ tereſſe genommen hat, faͤngt zunaͤchſt an begierig zu werden, zu erfahren, welches die Thatſachen eigentlich geweſen ſind, und wie weit ſie der Ro⸗ mandichter richtig dargeſtellt hat. Aber ſelbſt wo der Geiſt des ſorgloſern Le⸗ ſens mit dem fluͤchtigen Durchleſen einer erdich⸗ teten Erzaͤhlung befriedigt bleibt, wird er doch das Buch mit einem Grade von Kenntniß hinle⸗ gen, nicht gerade von der genaueſten Art, jedoch von ſolcher, die er vielleicht außerdem nicht er⸗ langt haben wuͤrde. Auch beſchraͤnkt ſich dieß nicht auf Koͤpfe von geringer und eben nicht wißbegieriger Art, ſondern erſtreckt ſich im Ge⸗ gentheil auf viele Perſonen von außerdem ho⸗ hen Talenten, die jedoch, entweder aus Mangel an Zeit oder an Ausdauer, ſich gern hinſetzen, und mit der leichten Belehrung befriedigen, die auf eine ſolche Weiſe erlangt wird. Der große Herzog von Marlborough zum Beiſpiel, der im Geſpraͤch eine Thatſache der Engliſchen Ge⸗ — XXV ſchichte ziemlich unbeſtimmt angefuͤhrt hatte, wurde gebeten, ſeine Quelle zu nennen.„Shake⸗ ſpeare's hiſtoriſche Schauſpiele,“ antwortete der Eroberer von Blenheim;„die einzige Engli⸗ ſche Geſchichte, die ich in meinem Leben geleſen habe.“ Und eine ſchnelle Erinnerung wird Je⸗ den von uns uͤberfuͤhren, um wie viel beſſer wir mit jenen Theilen der Engliſchen Geſchichte be⸗ kannt ſind, welche dieſer unſterbliche Barde dra⸗ matiſirt hat, als mit irgend einem andern Theil der Brittiſchen Hiſtorie. Driasduſt. Und Sie, wuͤrdiger Mann, ſind beeifert, der Nachwelt einen aͤhnlichen Dienſt zu leiſten? Verfaſſer. Noͤgen die Heiligen verhuͤ⸗ ten, daß ich mich einer ſolchen ungegruͤndeten Eitelkeit ſchuldig machte! Ich zeige blos, was geſchehen iſt, als es Rieſen im Lande gab. Wir Pygmaͤen des gegenwaͤrtigen Tages koͤnnen in⸗ deß doch wenigſtens Etwas thun; und es iſt gut, ein Muſter vor unſern Augen zu haben, obgleich dieſes Muſter unnachahmlich ſein mag. Driasduſt. Gut, mein Herr; bei mir duͤrfen Sie Ihren eignen Weg gehen; und aus XXVI— Ihnen wohlbekannten Gruͤnden iſt es mir un⸗ moͤglich, Ihnen buͤndig zu antworten. Aber ich zweifle, ob Alles, was Sie geſagt haben, das Publikum mit den Anachronismen Ihres gegen⸗ waͤrtigen Buches verſoͤhnen werde. Hier haben Sie eine Graͤfin von Derby aus ihrem kuͤhlen Grabe geholet, und mit einer Reihe Begebenhei⸗ ten behaͤngt, die zwanzig Jahre nach Ihrem Tode vorgefallen ſind. Verfaſſer. Sie mag mich um Schaden⸗ erſatz belangen, wie in dem Panle der Dido ge⸗ gen Virgil. Driasdu ſt. Ein ſchlimmerer Fehler iſt, daß Ihre Sittenſchilderungen noch unrichtiger ſind, als gewoͤhnlich. Ihr Puritaner iſt ſchwach ge⸗ zeichnet, in Vergleichung mit Ihrem Camero⸗ nianer. Verfaſſer. Ich gebe den Vorwurf zu; allein, ob ich gleich immer noch Heuchelei und Schwaͤrmerei als paſſenden Stoff fuͤrs Laͤcherliche und fuͤr die Satire anſehe, ſo fuͤhle ich doch die Schwierigkeit, den Fanatismus dem Gelaͤchter oder Abſcheu blos zu ſtellen, ohne eine Farben⸗ gebung zu gebrauchen, welche dem aufrichtig — 3 XXVII Rechtſchaffenen und Religioͤſen anſtoͤßig ſein kann. Viele Dinge ſind rechtmaͤßig, die, wie man uns lehrt, doch nicht ſchicklich ſind, und es gibt viele Stimmungen des Gefuͤhls, die zu ach⸗ tungswuͤrdig ſind, um beleidigt werden zu duͤr⸗ fen, ob wir gleich nicht ganz mit denſelben ſympathiſiren koͤnnen. Driasduſt. Nicht zu erwaͤhnen, wuͤrdiger Mann, daß Sie vielleicht den Gegenſtand fuͤr erſchoͤpft halten moͤgen. Verfaſſer. Der Teufel hole die Men⸗ ſchen dieſer Generation, daß ſie das Verhal⸗ ten ihres Nachbars aufs Schlimmſte aus⸗ legen. So ſprach er, warf mir mit der Hand eine muͤrriſche Art von Abſchied zu, oͤffnete die Thuͤre, und rannte die Treppe hinunter. Ich erhob mich auf die Fuͤße, und klingelte meinem Bedienten, der ſogleich kam. Ich fragte, was aus dem Fremden geworden waͤre— er leug⸗ nete, daß er je einen bei mir vorgelaſſen— ich wies auf die leeren Caraffinen— und er— er — er hatte die Dreuſtigkeit, mir zu verſtehen zu geben, daß ſolche Ausleerungen bisweilen ge⸗ XXVIII— 1 A geſchaͤhen, wann ich keine beſſere Geſell⸗ ſchaft, als meine eigene, haͤtte. Ich weiß nicht, was ich aus dieſer zweifelhaften Sache machen ſoll, will aber gewiß Ihrem Beiſpiele folgen, und dieſes Geſpraͤch, nebſt meinem gegen⸗ waͤrtigen Briefe, an die Spitze Peverils vo n dem Gipfel ſetzen. Ich bin,. wertheſter Herr, Ihr getreuer und gehorſamer Am Michaelistage, 1822% Diener York. Jonas Driasduſt. * 8 Erſtes Kapitel. Wilhelm, der Eroberer Englands, war(ſo glaubte er wenigſtens) der Vater eines gewiſſen Wilhelm Peveril, der ihn in die Schlacht bei Haſtings begleitete und ſich da auszeichnete. Der freiſinnige Monarch, der in ſeinen Urkunden den wahrhaften Titel Gulielmus Bastardus annahm, betrachtete die außereheliche Geburt ſeines Sohnes wahrſcheinlich nicht als ein Hinderniß ſeiner koͤnig⸗ lichen Gunſt, da Englands Geſetze von dem Nor⸗ maͤnniſchen Sieger ausgegangen waren, und er uͤber die Laͤnder der Sachſen unbeſchraͤnkt verfuͤgen durfte. Wilhelm Peveril erhielt anſehnliche Grund⸗ ſtuͤkee und Herrſchaften in Derbyſhire, und ward Erbauer jener Gothiſchen Feſtung, welche uͤber die Muͤndung der den Reiſenden wohl bekannten Teufelshoͤhle(Devil's Cavern) herabhaͤngt, und dem angraͤnzenden Dorfe den Namen Caſtleton gibt. I. 8 A Von dieſem Vaſallen, der ſeinen Sitz ſo waͤhlte, wie der Adler ſeine Horſt, und auf ſolche Art bauete, als haͤtte er, wie ein Irlaͤnder von den Martello⸗Thuͤrmen ſagte, blos die Nachwelt damit in Erſtaunen ſetzen wollen, ſtammte(wenig⸗ ſtens nach ihrem ziemlich unſichern Stammbaum) eine reiche Familie von ritterlichem Range in der⸗ ſelben Grafſchaft Derby ab. Das große Lehnsgut Caſtleton, mit ſeinen angraͤnzenden unangebauten Laͤndereien und ſeinen Waldungen, und allen ihren Wundern, war in den ſtuͤrmiſchen Tagen Koͤnig Johanns von einem Wilhelm Peveril verwirkt, und eingezogen und dem Lord Ferrers zu jener Zeit von neuem verliehen worden. Allein dieſe Abkoͤmm⸗ linge Wilhelms, ob ſie gleich nicht mehr ihr angeb⸗ lich urſpruͤngliches Eigenthum beſaßen, prangten doch lange mit dem ſtolzen Tikel der Peverils von dem Gipfel(Peveril's of the Peak), womit ſie ihre hohe Abkunft und ihre erhabenen Anſpruͤche bezeichnen wollten. Zur Zeit Karls des Zweiten war der Repraͤ⸗ ſentant dieſes alten Hauſes Sir Gottfried Peve⸗ ril, ein Mann, der viele gewoͤhnliche Eigenſchaf⸗ ten eines altmodiſchen Landedelmanns und ſehr we⸗ nig eigenthuͤmliche Zuͤge beſaß, die ihn vor dem angemeinen Charakter dieſer achtbaren Klaſſe haͤt *ε — 59 ten auszeichnen koͤnnen. Er war eitel auf geringe Vorzuͤge, aͤrgerlich uͤber kleine Verdrießlichkeiten, unfaͤhig eine vomrthellfeid naued,äen ſchließung zu faſſen— er war ſtolz auf ſeine burt, verſchwenderiſch in ſeiner Haushaltung, gaſt⸗ frei gegen ſeine Verwandten und Bekannten, die ſeine Ueberlegenheit im Range anzuerkennen ge⸗ neigt waren— ſtreitſuͤchtig gegen Alle, die ſeinen Anſpruͤchen in den Weg traten— mildthaͤtig ge⸗ gen Arme, außer wenn ſie ſeine Jagd beeintraͤch⸗ tigten— ein Royaliſt in-ſeinen politiſchen Grund⸗) ſaͤtzen, und ein gleich abgeſagter Feind von Puri⸗ tanern, Wilddieben, und Presbyterianern. In der Religion war der Ritter Peveril ein ſo'eifriger Freund der Kirche, daß viele ihn noch fuͤr einen geheimen Anhaͤnger des Roͤmiſchkatholiſchen Glau⸗ bens, dem ſeine Familie erſt zu ſeines Vaters Zeit entſagt hatte, halten, und behaupten wollten, er duͤrfe, kraft einer Diſpenſation, in aͤußerlichen Ge⸗ braͤuchen ſich nach dem proteſtantiſchen Glauben rich⸗ ten. Es ging wenigſtens ein ſolches Geruͤcht unter den Puritanern, und der Einfluß, den Sir Gott⸗ fried Peveril unter den vornehmen Katholiten in Derbyſhire und Cheſhire zu beſitzen ſchen„ ver⸗ ſchaffte demſelben einige Glaubwuͤrdigkeit. Ein ſolcher Mann war Ritter Peveril, und ſeine A12* Grabſchrift haͤtte nichts Auszeichnendes von ihm zu melden gehabt, wenn er nicht in Zeiten gelebt haͤtte, welche auch die unthaͤtigſten Charaktere zum Handeln fortriſſen, ſo wie der Sturm auch den ſtillen Sce in Bewegung ſetzt. Als die buͤrgerlichen Kriege aus⸗ brachen, errichtete Peveril, ſtolz auf ſeinen Stamm⸗ baum und tapfer von Natur, ein Regiment fuͤr den Koͤnig, und zeigte bei verſchiedenen Gelegenheiten mehr Faͤhigkeit zu befehlen, als man ihm bisher zugetraut hatte. Selbſt mitten im Buͤrgertumult verliebte er ſich in eine ſchoͤne und liebenswuͤrdige junge Dame des edeln Hauſes Stanley, die er heirathete; und ſeine Ergebenheit gegen den Koͤnig war ſeitdem deſto ver⸗ dienſtlicher, da dieß Verhaͤltniß ihn von ihrem Um⸗ gange trennte, die kurzen Zwiſchenperioden ausge⸗ nommen, in welchen ihm ſeine Pflicht ſie in ſeinem Hauſe zu beſuchen vergoͤnnte. Standhaft gegen Reize des haͤuslichen Lebens, die ihn ſeinem kriege⸗ riſchen Berufe entziehen wollten, focht Peveril meh⸗ rere harte Jahre des Buͤrgerkrieges mit vieler Ta⸗ pferkeit, bis ſein Regiment von Poyntz, Cromwell's unternehmendem und gluͤcklichem Anfuͤhrer der Rei⸗ terei, uͤberfallen und niedergehauen wurde. Der beſiegte Ritter entfloh vom Schlachtfelde, und zog wie ein wahrer Abkoͤmmliug Wilhelm des , — 5 Eroberers, Unterwerfung verſchmaͤhend, in ſein ei⸗ genes befeſtigtes Wohnhaus zuruͤck, welches in einer Belagerung von jener regelloſen Art(wodurch ſo manche freiherrliche Reſidenzſchloͤſſer im Verlauf die⸗ ſer ungluͤcklichen Kriege zerſtoͤrt worden ſind) ange⸗ griffen und vertheidigt wurde. Schloß Martindale litt von dem Geſchuͤtz, das Cromwell ſelbſt gegen dasſelbe richtete, bedeutend, und wurde am Ende im aͤußerſten Drange uͤbergeben. Sir Gottfried Peveril ward ſelbſt zum Gefangenen gemacht, und waͤhrend er ſeine Freiheit blos unter dem Verſpre⸗ chen, ein friedlicher Unterthan des Staats in Zu⸗ kunft zu bleiben, wieder erhielt, wurden ſeine vor⸗ herigen Vergehungen, wie die herrſchende Partei ſie nannte, durch Geldbuße und Sequeſtration ſtreng beſtraft. Aber weder ſein erzwungenes Verſpre⸗ chen, noch die Furcht vor ferneren unangenehmen Folgen fuͤr ſeine Perſon, konnte ihn abhalten, ſich mit dem tapfern Grafen von Derby Nachts vor dem ungluͤcklichen Gefecht in Wigganlane, wo die Trup⸗ pen des Grafen zerſtreut wurden, zu vereinigen. Peveril hatte Antheil an dieſem Kampfe, und ent⸗ floh mit dem Reſt der Royaliſten nach der Nieder⸗ lage, um zu Karl dem Zweiten zu ſtoßen. Er war auch Zeuge der entſcheidenden Niederlage bei Wor⸗ eßter, wo er zum zweitenmal Gefangener ward, und A 3 6 als ein, nach Cromwell's Meinung und nach der Sprache der Zeit, hartnaͤckiger Boͤſewicht⸗ in große Gefahr kam, mit dem Grafen von Derby zu Bol⸗ ton⸗le⸗Moor eben ſo die Hinrichtung zu theilen, als er mit ihm die Gefahren von zwei Gefechten ge⸗ theilt hatte. Aber Peveril's Leben wurde durch die Fuͤrbitte eines Freundes erhalten, der bei Cromwell's geheimen Rathsverſammlungen Einfluß beſaß. Die⸗ ſes war Bridgenorth, ein Mann von mittlerm Stande, deſſen Vater in einem Handelsgeſchaͤft un⸗ ter der friedlichen Regierung Jakob I. Gluͤck gehabt, und ſeinem Sohne eine bedeutende Summe als Zu⸗ gabe zu dem kleinen von ſeinem Vater ſtammenden Erbtheile hinterlaſſen hatte. Das feſte, doch nicht ſehr große Ziegelgebaͤude Moultraſſie⸗Hall war nur zwei Meilen vom Schloß Martindale entfernt, und der junge Bridgenorth beſuchte dieſelbe Schule mit dem Erben der Peve⸗ rils. Eine Art Kameradenſchaft, wo nicht Ver⸗ traulichkeit, entſtand zwiſchen ihnen, die waͤhrend ihrer jugendlichen Spiele fortdauerte, um ſo viel mehr, da Bridgenorth, wiewohl er im Herzen Sir Gottfried Peveril's Anſpruͤche auf Vorrang nicht in dem Grade anerkannte, als deſſen Eitelkeit Mrch gewuͤnſcht haben, doch im gehoͤrigen Maaße d Repraͤſentanten eines viel aͤltern und anſehnl — 7 Hauſes, als das ſeinige war, eine gewiſſe Ehrerbie⸗ tung bewies, ohne ſich dadurch auf irgend eine Art herabgeſetzt zu glauben. Bridgenorth trieb jedoch ſeine Gefaͤlligkeit nicht ſo weit, daß er Peveril's Partei waͤhrend des Buͤr⸗ gerkrieges ergriffen haͤtte. Im Gegentheil leiſtete er, als ein thaͤtiger Friedensrichter, bedeutenden Beiſtand in Aufſtellung der Miliz fuͤr die Sache des Parlaments, und fuͤhrte eine Zeit lang eine militaͤ⸗ riſche Commiſſion in dieſem Dienſte. Dieß war zum Theil ſeinen religioͤſen Grundſaͤtzen zuzuſchrei⸗ ben(denn er war ein eifriger Presbyterianer), zum Theil aber auch ſeinen politiſchen Anſichten, welche, ohne ſchlechthin demokratiſch zu ſeyn, doch mehr zu Gunſten des Volks in der großen Nationalangele⸗ genheit ſtimmten. Außerdem war er ein Mann von Vermoͤgen, und hatte bis auf einen gewiſſen Punkt ſein weltliches Intereſſe ſcharf im Auge. Er wußte die Gelegenheiten, die der Buͤrgerkrieg darbot, durch klugen Gebrauch ſeines Kapitals ſeine Gelder zu vermehren, geſchickt zu benutzen, und er merkte wohl, daß er durch Verbindung mit dem Parlamente ſei⸗ nem Zweck naͤher kommen wuͤrde; waͤhrend die Sache des Koͤnigs, ſo wie ſie betrieben wurde, dem Reichen nichts darbot, als Erpreſſungen und er⸗ zwungene Anleihen. Aus dieſen Gruͤnden ward A 4 — Bridgenorth ein entſchiedener Puritaner, und aller freundliche Verkehr zwiſchen ihm und ſeinem Nach⸗ bar wurde ploͤtzlich abgebrochen. Dieß geſchah auf eine um ſo weniger kraͤnkende Art, da waͤhrend des Buͤrgerkrieges Sir Peveril faſt beſtaͤndig im Felde war, und den ſchwankenden und ungluͤcklichen Schick⸗ ſalen ſeines Koͤnigs folgte, indeß Major Bridge⸗ north, der bald den wirklichen Kriegsdienſt aufgab, vornehmlich in London wohnte, und nur gelegent⸗ lich Moultraſſie⸗Hall beſuchte, um ſeine Familie zu ſehen. Bei dieſen Beſuchen erfuhr er mit rßem Vergnuͤgen, daß Lady Peveril der M iſtreß Brid⸗ genorth viel Guͤte erwieſen, und ihr und ihrer Familie im Schloß Martindale wirklichen Schutz gewaͤhrt hatte, als Moultraſſie⸗Hall von einem Corps ſchlecht disciplinirter Reiterei Prinz Ru⸗ pert's mit Pluͤnderung bedroht war. Dieſe Be⸗ kanntſchaft war durch oͤftere gemeinſchaftliche Spaziergaͤnge zur Reife gediehen, welche die Nachbarſchaft ihrer Wohnungen der Lady Peveril n t Miſtreß Bridgenorth zu verabreden Gelegen⸗ heit gab; und die letztere fand ſich durch den Um⸗ gung mit einer ſo angeſehenen Dame ſehr geehrt. Najor Bridgenorth hoͤrte von dieſer wachſenden Vertraulichkeit mit großem Vergnuͤgen, und be⸗ 5 ſchloß, die Verbindlichkeit, ſo weit er ohne zu viel Nachtheil fuͤr ſich ſelbſt vermochte, durch Verwendung alles ſeines Einfluſſes zu Gunſten ihres ungluͤcklichen Gemahls abzutragen. Es war vorzuͤglich der Vermittlung des Major Brid⸗ genorth zuzuſchreiben, daß Sir Peveril's Leben nach der Worceſter⸗Schlacht gerettet wurde⸗ Er verſchaffte ihm die Erlaubniß, ſich uͤver ſein Vermoͤgen auf leichtere Bedingungen zu ver⸗ gleichen, als vielen, welche weniger widerſetzliche Feinde geweſen waren, vergoͤnnt wurde; und endlich, als der Ritter, um zur Bezahlung der Vergleichsſumme Geld zu erheben, genoͤthigt war, einen betraͤchtlichen Theil ſeines Erbguts zu ver⸗ dänfs kaufen, ward Major Bridgenorth der Kaͤufer, und zwar um einen hoͤhern Preis, als irgend ei⸗ nem Edelmann unter ſolchen Umſtaͤnden von einem Mitgliede der Commiſſion fuͤr Sequeſtration be⸗ zahlt worden war. Es iſt wahr, der kluge Mann verlor keineswegs ſein eignes Intereſſe bei der Verhandlung aus dem Geſicht; denn der Preis war bei alledem ſehr maͤßig, und das Grundſtuͤck lag in der Nahe von Moultraſſie⸗Hall, deſſen Werth durch dieſen Erwerb wenigſtens aufs Drei⸗ fache erhoͤht wurde. Aber dann war es auch wahr, daß der ungluͤckliche Eigenthuͤmer ſich weit A 5 — ſchlimmeren Bedingungen haͤtte unterwerfen muͤſſen, 1 haͤtte das Mitglied der Committee, gleich Andern,. alle Vortheile ſeiner Lage ſich zu Nutze machen wol⸗ 4 len; und Bridgenorth vermehrte ſeinen Credit, in⸗ dem er bei dieſer Gelegenheit ſein eignes Intereſſe ſeinem Edelſinn aufopferte. Peveril war derſelben Meinung, um ſo mehr, da Major Bridgenorth ſeine Erhebung mit großer Maͤßigung zu ertragen ſchien, und geneigt war, ihm in beſſern Vermoͤgensumſtaͤnden perſoͤnlich die⸗ ſelbe Ehrerbietung, wie ehemals bei ihrer fruͤhern Bekanntſchaft, zu beweiſen. Man mußte dem Ma⸗ jor Bridgenorth die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er in dieſem Benehmen eben ſo wohl den un⸗ gluͤcklichen Schickſalen, als den Anſpruͤchen eines Nachbarn von hoher Lbkunft Achtung bewies, und daß er mit dem offr Edelſinn eines ſchlichten Englaͤnders gewiſſe Regeln des Zeremoniels beobach⸗ teete, die ihm ſelbſt gleichgiltig waren, blos weil er ſah, daß dieß dem Ritter Peveril Vergnuͤgen machte. Peveril erkannte das Zartgefuͤhl ſeines Nach⸗ barn, und ſah ihm deßhalb Vieles nach. Er ach⸗ tete nicht darauf, daß Major Bridgenorth ſchon im Beſitz von mehr als einem Drittel ſeines Verme . gens war, und in Anſehung des Uebrigen bis noch einem Drittel Geldanſpruͤche hatte. Er ſuchte ſelbſt, was noch ſchwerer war aus der Acht zu laſ⸗ ſen, die veraͤnderte Lage zu vergeſſen, in welche ſie. und ihre Wohnſitze nunmehr zu einander ſtanden. Vor dem buͤrgerlichen Kriege blickten die praͤch⸗ tigen Zinnen und Thuͤrme des Schloſſes Martindale, das auf einem hohen Felſen ſtand, auf das von rothen Mauerſteinen gebaute, aus gruͤnen Anpflan⸗ zungen hervorſchimmernde Wohnhaus eben ſo maje⸗ ſtaͤtiſch herab, wie eine Eiche im Martindaler Jagd⸗ revier neben den zierlich verſchnittenen jungen Buchen an Bridgenorths Auffahrt ſtolz ſich erhoben haben wuͤrde. Aber nach der erwaͤhnten Belagerung prangte das erweiterte und vergroͤßerte Moultraſſie⸗ Hall eben ſo ſtattlich in der Landſchaft unter den zer⸗ ſtreuten und geſchwaͤrzten Truͤmmern des Schloſſes, von dem blos ein Fluͤgel bewohnbar geblieben war, wie die junge Buche in aller ihrer Schoͤnheit des Wuchſes und des Laubes ſich gegen dieſelbe alte, durch den Blitz ihrer Zweige beraubte und zerſpal⸗ tene Eiche ausnehmen wuͤrde, die nun halb in Split⸗ tern zu Boden geſtreckt, halb als ein ſchwarzer, kahler, lebloſer, abgebrochener Stamm erſcheint. Sir Gottfried Peveril mußte wohl fuͤhlen, daß die 3 Lage und die Ausſichten der beiden Nachbarn ſich eben ſo, wie das Verhaͤltniß ihrer Wohnhaͤuſer, zu ſeinem Nachtheil veraͤndert hatten, und daß, ob⸗ gleich das Anſehen des Geſchaͤftfuͤhrers fuͤr das Par⸗ lament, des Sequeſtrators und des Commiſſionaͤrs* nur zum Schutz des Ritters und des Uebelgeſinnten verwendet worden war, es doch eben ſo wirkſam zu ſeinem gaͤnzlichen Ruin haͤtte gebraucht werden koͤn⸗ nen, und daß er zum Clienten herabgeſunken war, waͤhrend ſein Nachbar ſich zu einem Beſchuͤtzer und Goͤnner erhoben hatte. Außer der Noth der Umſtaͤnde und dem ſteten Rath ſeiner Gemahlin, waren es zwei Betrachtun⸗ gen, welche den Ritter Peveril vermochten, den Zu⸗ ſtand ſeiner Herabſetzung mit einiger Geduld zu er⸗ tragen. Die erſte war, daß die politiſchen Geſin⸗ nungen des Major Bridgenorth in vielen Stuͤcken ſich ſeinen eigenen zu naͤhern anfingen. Als Pres byterianer war er kein voͤlliger Feind der Monarchie; und das unerwartete Verhoͤr nebſt der Hinrichtung des Koͤnigs hatte ihn ſehr erſchuͤttert; als Rechts⸗ kundiger und als Mann von Vermoͤgen fuͤrchtete er 6 die Herrſchaft des Militaͤrs; und wiewohl er den Koͤnig Karl nicht durch Waffengewalt wieder einge⸗ ſetzt zu ſehen wuͤnſchte, ſo kam er doch darauf zu⸗ ruͤck, daß es die ſicherſte und wuͤnſchenswertheſte Beendigung der engliſchen Staatsunruhen ſeyn wuͤrde, wenn man den Erben des koͤniglichen Hau⸗ — 15 ſes unter ſolchen Vergleichsbedingungen auf den Thron braͤchte, welche die Freiheiten und Privile⸗ gien des Volks, wofuͤr das verlaͤngerte Parlament zuerſt geſtritten, ſicher ſtellten. Wirklich naͤherten ſich die Ideen des Majors uͤber dieſen Punkt den Geſinnungen ſeines Nachbarn ſo ſehr, daß er ſich beinahe durch Peveril(der faſt an allen Verſchwoͤ⸗ rungen der Royaliſten Theil hatte) in den ungluͤck⸗ lichen Aufſtand von Penruddock und Groves im weſt⸗ lichen Viertel haͤtte verwickeln laſſen, wobei viele von der Presbyterianer Partei ſowohl als von der Seite der Edlen ins Gedraͤnge kamen. Und ob gleich ſeine gewoͤhnliche Klugheit ihn von dieſer und andern Gefahren zuruͤckhielt, ſo wurde doch Major Bridgenorth in den letzten Jahren von Cromwells Herrſchaft und dem darauf folgenden Interregnum als ein mit der Staatsverfaſſung unzufriedner und als ein Beguͤnſtiger Karl Stuart's angeſehen. Allein außer dieſer Annaͤherung zu denſelben po⸗ litiſchen Meinungen verknuͤpfte ein anderes Band der Vertraulichkeit die Familien des Schloſſes und Moultraſſie⸗Halls. Major Bridgenorth, ein luͤck⸗ licher und zwar beſonders in allen ſeinen aufs oͤffent⸗ liche Leben ſich beziehenden Angelegenheiten gluͤck⸗ licher Mann, wurde von harten und wiederholten Ungluͤcksfaͤllen in ſeiner Familie heimgeſucht, und ward hierin ein Gegenſtand des Mitleids fuͤr ſeinen aͤrmern und mehr herunter gekommenen Nachbar. Zwiſchen dem Ausbruche des Buͤrgerkriegs und der Wiederherſtellung des Koͤnigthums verlor er hinter einander ſechs Kinder; wahrſcheinlich durch die Zart⸗ heit ihres Koͤrperbaues, welche die kleinen Schwaͤtzer gerade in dem fruͤhen Alter hinwegriß, da ſie ſich am innigſten an das Herz der Aeltern zu ſchließen pflegen. Im Anfange des Jahrs 1658 war Major Bridgenorth kinderlos; ehe dieß Jahr endete hatte er zwar eine Tochter, aber ihre Geburt ward mit dem Tode einer zaͤrtlichen Gattin erkauft, deren Natur durch muͤtterlichen Gram und durch die aͤngſt⸗ liche und nagende Bekuͤmmerniß erſchoͤpft worden war, daß die eingebuͤßten Kinder von ihr die ſchwaͤch⸗ liche Geſundheit haͤtten, welche den Druck des Da⸗ ſeyns nicht ertragen konnte. Dieſelbe Stimme, die dem Major Bridgenorth die Vaterfreude meldete (es war die freundliche Stimme der Lady Peveril), mußte ihm auch die traurige Botſchaft bringen, daß er nicht mehr Ehegatte ſey. Bridgenorths Gefuͤhle waren ſhehr ſtark und tief, als fluͤchtig und heftig; und ſein Kummer nahm die Geſtalt einer duͤſtern Betaͤubung an, von welcher weder die freundlichen Vorſtellungen des Ritter Peverils(der nicht unter⸗ ließ, in dieſem Bedraͤngniß zu ihn zu kommen, wie⸗ — — 15 wohl er den Presbyterianiſchen Geiſtlichen bei ihm anzutreffen gewiß war), noch die religioͤſen Ermah⸗ nungen des Pfarrers den ungluͤcklichen Witwer auf⸗ zurichten vermochten. Endlich machte Lady Peveril an dem. Leidenden einen Verſuch, den der Anblick des Elends und ihr Mitgefuͤhl ihr eingab, und dergleichen oft dem bis zur Verzweiflung geſtiegenen Gram einen lindernden Ausbruch in Thraͤnen verſchaffte. Sie legte in Bridgenorth's Arme das Kind, das ihm ein ſo theures Opfer koſtete, und beſchwor ihn, zu beden⸗ ken, daß ſeine Alexie noch nicht fuͤr ihn todt ſey, da ſie in dem huͤlfloſen Kinde lortlohe⸗ daß ſie ſeiner Vaterſorge uͤberlaffen. „Nehmt ſie weg! nehmt ſie weg!“ ſagte der ungluͤckliche Mann, und das waren wieder ſeine er⸗ ſten Worte geweſen.„Laßt ſie mich nicht anſehen; es iſt nur eine andre Bluͤthe, die gebluͤht hat, um zu verwelken; und der Baum, der ſie trug, wird nicht wieder bluͤhen!“ Er warf faſt das Kind in Lady Peverils Arme, hielt die Haͤnde vor das Geſicht, und weinte laut. Lady Peveril ſagte nicht:„beruhigen Sie Sich!/ aber ſie wagte die Verichoraged daß die Bluͤthe zu Frucht reifen werde. „Nie, niemals!“ rief Bridgenorth,„nehmt das ungluͤckliche Kind weg, und laßt mich nur wiſ⸗ ſen, wann ich ſchwarze Kleidung fuͤr ſie anlegen muß.„Schwarze Kleidung,“ ſagte er zu ſich ſelbſt; „welche andre Farbe ſollte ich denn meine uͤbrige Le⸗ benszeit noch tragen?“ „Ich will das Kind eine Zeitlang zu mir neh⸗ men,“ ſagte Lady Peveril,„weil Ihnen ſein An⸗ blick ſo ſchmerzlich iſt; und die kleine Alexie ſoll die Kinderſtube mit unſerm Julian theilen, bis es Ih⸗ nen Freude und keinen Schmerz mehr machen wird, ſie um ſich zu ſehen.“ „Die Stunde wird nie kommen,“ ſprach der ungluͤckliche Vater;„ihr Urtheil iſt gefaͤllt; ſie wird den andern nachfolgen; Gottes Wille geſchehe!— Lady, ich danke Ihnen; ich vertraue ſie Ihrer Fuͤr⸗ ſorge, und ich danke Gott, daß ich ihren Todes⸗ kampf nicht mit anſehen ſoll.“ Ohne den Leſer laͤnger mit dieſem traurigen Ge⸗ genſtande zu beſchaͤftigen, iſt es genug, zu ſagen, daß Lady Peveril die Mutterpflichten gegen die kleine Waaiſe uͤbernahm; und vielleicht war es großentheils ihrer einſichtsvollen Behandlung zu danken, daß das ſchwache Leben des Kindes erhalten wurde, weil der glimmende Funke wahrſcheinlich ganz erloſchen waͤre, wenn es, gleich den vorigen Kindern des * — 17 Majors, die uͤberzaͤrtliche Sorge und Pflege einer Mutter erfahren haͤtte, welche durch ſo vielfachen Verluſt zu bedenklich und aͤngſtlich geworden war. Die Dame war um ſo bereitwilliger, dieſe Pflicht zu uͤbernehmen, weil ſie ſelbſt zwei kleine Kinder verloren hatte, und weil ſie die Erhaltung des drit⸗ ten, jetzt eines ſchoͤnen geſunden dreijaͤhrigen Kna⸗ ben, ihres kleinen Julian, einer, von der damals gewoͤhnlichen ziemlich abweichenden, Diaͤt und Be⸗ handlung zuſchrieb. Sie beſchloß, eben ſo mit der kleinen Waiſe zu verfahren, und der Erfolg war gluͤcklich. Durch einen ſparſamen Gebrauch der Arze nei, durch freien Genuß der friſchen Luft, durch feſte, doch vorſichtige Aufmunterung und Befoͤrde⸗ rung der Thaͤtigkeiten der Natur, nahm das ſchwaͤch⸗ liche Kind unter der Pflege ciner trefflichen Amme allmaͤhlich an Staͤrke und Lebhaftigkeit zu. Sir Gottfrid Peveril war, wie die meiſten Leute von ſeinem offenen und gutmuͤthigen Tempe⸗ rament, von Natur ein Kinderfreund, und nahm ſo viel Theil an den Leiden ſeines Nachbarn, daß er gaͤnzlich vergaß, daß derſelbe ein Presbyterianer war, bis es nothwendig ward, das Kind von einem Lehrer dieſes Bekenntniſſes taufen zu laſſen. Dieß war ein kritiſcher Fall. Der Vater ſchien unfaͤhig eine Anordnung zu treffen, und daß die 18— Schwelle des Schloſſes Martindale von dem ketzeri⸗ ſchen Fußtritt eines Geiſtlichen von abweichendem Glauben entweiht wuͤrde, war ein Gegenſtand des Entſetzens fuͤr den rechtglaͤubigen Eigenthuͤmer. Er hatte den beruͤchtigten Hugo Peters, mit einer Bi⸗ bel in der einen und mit einem Piſtol in der andern Hand, im Triumph durch das Hofthor reiten ſehen, als Martindale uͤbergeben wurde, und die Bitterkeit dieſer Stunde war wie ein Eiſen durch ſeine Seele gedrungen. Doch ſo groß war der Einfluß der Lady Peveril auf die Vorurtheile ihres Gemahls, daß er ſich bewegen ließ, die Zeremonie in einem abgelege⸗ nen Gartenhauſe, das eigentlich nicht in den Bezirk der Schloßmauer gehoͤrte, vornehmen zu laſſen. Die Lady wagte ſelbſt zu erſcheinen, waͤhrend die Zeremonie von dem ehrwuͤrdigen Solsgrace vollzo⸗ gen wurde, welcher einmal eine drei Stunden lange Predigt vor dem Unterhauſe zur Dankſagung nach dem Entſatz Exeters gehalten hatte. Sir Peveril hielt ſich ſorgfaͤltig den ganzen Tag von dem Schloſſe entfernt, und blos aus ſeiner großen Betriebſam⸗ keit, das Gartenhaus waſchen, raͤuchern und gleich⸗ ſam reinigen zu laſſen, haͤtte man ſeine Kenntniß von dem, was darin vorgegangen, muthmaßen koͤnnen. Allein, was fuͤr Vorurtheile auch immer der gute ⁸** Ritter gegen die Form der Religion ſeines Nachbarn haͤgen mochte, ſie hatten doch keineswegs Einfluß auf ſeine Gefuͤhle fuͤr ihn, als einen ſchwer bedraͤng⸗ ten Leidenden. Die Art, wie er ſein Mitleiden be⸗ wies, war etwas ſonderbar, aber ganz genau dem Charakter beider und dem Fuß, auf dem ſie unter einander ſtanden, angemeſſen. Einen Morgen nach dem andern machte der gute Baronet Moultraſſie⸗Hall zum Ziel ſeines Spazier⸗ gangs oder Ritts, und ſagte ein einziges freundli⸗ ches Wort, wann er vorbeikam. Bisweilen trat er in das oͤde Beſuchzimmer, wo der Hausherr in einſamer Betruͤbniß und Verzweiflung ſaß; aber haͤufiger(denn Peveril beſaß keine beſondre Gabe der Unterhaltung) ruhte er auf der Terraſſe, hielt mit ſeinem Pferde am Gitterfenſter, und rief laut zu dem truͤbſinnigen Bewohner hinein:„Wie geht es mit Ihnen, Herr Bridgenorth?(Der Ritter wollte nie den militaͤriſchen Rang ſeines Nachbarn als Major anerkennen.) Ich ſah eben herein, Ih⸗ nen guten Muth einzuſprechen, und Ihnen zu ſagen, daß Julian wohl iſt, und Alexie wohl iſt, und Alle auf dem Schloß Martindale ſich wohl befinden.* Ein tiefer Seufzer, manchmal mit dem Zuſatz: „Ich danke Ihnen, edler Ritter; meine ſchuldige Dankſagung der Lady Peveril,“ war gewoͤhnlich Bridgenorths einzige Antwort. Aber die Nachricht wurde von der einen Seite mit derſelben Guͤte em⸗ pfangen, mit der ſie von der andern gegeben war; ſie wurde allmaͤhlich weniger ſchmerzhaft und intereſ⸗ ſanter: das Gitterfenſter war nie zugemacht, auch war der lederne Armſtuhl, zunaͤchſt an demſelben, nie leer, wenn die gluͤckliche Stunde von Peveril's augenblicklichem Beſuch nahte.— Endlich ward die Erwartung der fluͤchtigen Minute die Angel, um welche ſich die Gedanken des armen Bridgenorth waͤhrend des ganzen uͤbrigen Tages drehten. Die meiſten Menſchen haben den Einfluß ſolcher kurzen, aber herrſchenden Momente zu irgend einer Zeit ih⸗ res Lebens kennen gelernt. Der Augenblick, wann ein Liebender unter dem Fenſter ſeiner Geliebten vorbeigeht; der Augenblick, wann der Epikuraͤer die Mittagsglocke ſchlagen hoͤrt, iſt der, auf welchen ſich das geſammte Intereſſe des Tages zuſammenge⸗ draͤngt; die vorhergehenden Stunden verfließen un⸗ ter Erwartung, die nachfolgenden unter dem Nach⸗ denken uͤber das Vorgegangene; und die Phantaſie, auf jedem kleinen Umſtande verweilend, gibt den Sekunden die Dauer von Minuten, den Minuten eine Laͤnge von Stunden. So konnte Bridgenorth, in ſeinem einſamen Armſtuhl ſitzend, den geſetzten Schritt des Ritters, oder das ſchwere Trampeln erſcholl die laute Stimme des weidmaͤnniſchen Krit⸗ ſeines Streitroſſes, Black⸗Haſtings, das ihn in manchen Kampf getragen hatte, aus der Ferne ver⸗ nehmen; er konnte das Traͤllern des Liedes:„Der Koͤnig kommt wiederum in ſein Reich(The King shall enjoy his own again),“ oder das angewoͤhnte Pfeifen eines Spottliedes auf die Puritaner in ehr⸗ erbietige Stille verhallen hoͤren, ſobald der Ritter dem Hauſe der Betruͤbniß naͤher kam; und alsdann gers mit dem gewohnten Gruß. 4 Nach und nach wurde die Mittheilung etwe mehr in die Laͤnge gezogen, da der Gram des Ma⸗ jors, wie alle menſchlichen Gefuͤhle, ſeine uͤberwaͤl⸗ tigende Heftigkeit verlor, und ihm geſtattete, eini⸗ germaßen auf das, was um ihn her vorging, auf⸗ zumerken, verſchiedene dringende Pflichten zu erfuͤl⸗ len, und der Lage des Vaterlandes einige Theil⸗ nahme zu widmen, welches durch ſtreitende Factio⸗ nen beunruhigt war, deren Kampf allein in der Wiedereinfuͤhrung des Koͤnigthums endete. Im⸗ mermehr, jedoch nur langſam von den Schlaͤgen des erlittenen Schickſals ſich erholend, fuͤhlte ſich Major Bridgenorth noch unvermoͤgend zu dem, Anſtrengung koſtenden Entſchluß, ſein Kind wiederzuſehen; und obgleich nur durch einen kleinen Raum von dem Weſen getrennt, an deſſen Daſein er mehr als an irgend Etwas in der Welt Intereſſe haben mußte, machte er ſich blos mit den Fenſtern des Zimmers bekannt, wo die kleine Alexie wohnte, und man ſah ihn dieſe Fenſter oft von der Terraſſe her betrach⸗ ten, wann ſie Abends von der untergehenden Sonne erleuchtet wurden. In der That war er, bei aller Seelenſtaͤrke in vielen Hinſichten, nicht faͤhig, den duͤſtern Gedan⸗ ken zu uͤberwinden, daß dieß uͤbrig gebliebene Pfand der Zaͤrtlichkeit bald zu dem Grabe geſandt werden wuͤrde, welches ſchon Alles, was ihm außerdem theuer war, verſchlungen hatte; und er erwartete in klaͤglicher Bangigkeit den Augenblick, da er von den ſich zeigenden Zufaͤllen der toͤdtlichen Krankheit hoͤren wuͤrde. ac⸗ Aber Peveril's Stimme blieb troͤſtlich und erhei- ternd bis zum April 1660, als ſie ploͤtzlich einen neuen und verſchiedenen Ton annahm. Weit ent⸗ fernt, den erwaͤhnten Geſang„The King shall en- joy his own again“, abbrechen zu hoͤren, als der haſtige Trab des Rappen an die Auffahrt kam, er⸗ toͤnte er vielmehr zu dem Getoͤſe ſeiner Hufe auf dem gepflaſterten Hofraum, als der Ritter Peveril von ſeinem großen Feldſattel herabſprang, der nun wieder einmal Piſtolen von zwei Fuß Laͤnge trug; und in voller ſtaͤhlerner Ruͤſtung, einen Streitkolben —— —— 8 — 23 in der Hand, rauſchte er in das Zimmer des er⸗ ſtaunten Majors, mit funkelnden Augen und gluͤ⸗ henden Wangen.„Auf! auf! Nachbar,“ rief er ihm zu; jetzt iſt keine Zeit am Kaminwinkel zu traͤu⸗ men. Mann, wo iſt euer Ledercollet, euer Schwert? Ergreift einmal die rechte Partei in euerm Leben, und macht das Vergangene wieder gut. Der Koͤnig iſt lauter Milde, lauter Huld und Gnade. Ich will euch volle Verzeihung gewinnen.“— „Was ſoll das Alles bedeuten?“ ſagte Bridga⸗ north; ſteht Alles wohl bei Ihnen, Alles wohl im Schloß, werther Ritter?“ 4 „Wohl, Alles nach Wunſch; Alexie, Julian und Alle ſind wohl. Aber ich habe Nachrichten, zwan⸗ zigmal mehr werth, als dieſe. Monk hat ſich zu London wider die niedertraͤchtigen Schurken des Parlaments erklaͤrt. Fairfax tritt auf in Yorkſhire — fuͤr den Koͤnig— fuͤr den Koͤnig, Bridgenorth! Geiſtliche, Persbyterianer und Alle ſind in Nuͤſtung fuͤr den Koͤnig Karl. Ich habe einen Brief von Fairfax, Derby und Cheſterfield zu ſchuͤtzen mit allen Leuten, die ich aufbringen kann. Der Henker hole ihn, daß ich Befehle von ihm annehmen ſollte! Doch weiter nichts davon! Alles iſt Freund, und Ihr und ich, guter Nachbar, greifen gemeinſchaft⸗ lich an, wie es guten Nachbaren ziemt. Seht hier, leſet, leſet, leſet, und dann Stefel und Sattel an, ohne Werzug Ritter, auf, vereint, Schlagt den alten Feind⸗ Cromwell ſieht man ſchon Vor den wackern Rittern Todtenbleich erzittern. Nachdem er ſo mit Donnerſtimme ſeine Vegee ſterung fuͤr den Koͤnig hatte laut werden laſſen, floß das Herz des Tapfern von Ruͤhrung uͤber. Er warf ſich in einen Seſſel, und rief:„Haͤtte ich je geglaubt, dieſen gluͤcklichen Tag zu erleben!“ Er A weinte, nicht minder zu ſeinem eigenen, als zu Bridgenorth's Erſtaunen. Nach Ueberlegung der Kriſis, in welche⸗ ſich das Vaterland befand, ſchien es dem Major Bridge⸗ north, wie es dem Fairfar und andern Anfuͤhrern der presbyterianiſchen Partei geſchienen hatte, daß ihr freies Ergreifen der koͤniglichen Sache die weiſeſte und am meiſten patriotiſche Maaßregel ſey, die ſie unter dieſen Umſtaͤnden nehmen koͤnnten, da alle Staͤnde und Klaſſen Zuflucht aus der Ungewißheit und der abwechſelnden Bedruͤckung ſuchten, welche die wiederholten Kaͤmpfe zwiſchen den Factionen von Weſtminſterhall und Walling gfordhaus begleiteten. Dem gemaͤß vereinigte er ſich mit dem Ritter Pe⸗ veril, zwar mit weniger Enthuſtasmus, aber mi — 23 gleicher Aufrichtigkeit, und ergriff ſolche Maaßre⸗ geln, welche ihren Theil des Landes zu Gunſten des Koͤnigs ſicher zu ſtellen ſchienen, was eben ſo kraͤftig und friedlich bewerkſtelligt wurde, als in an⸗ dern Theilen Englands. Beide Nachbarn waren zu Cheſterfield, als Kunde von des Koͤnigs Landung in England ankam; und der Ritter Peveril machte ſogleich ſein Vorhaben bekannt, dem Koͤnig noch vor ſeiner Ruͤckkehrz ins Schloß Martindale aufzu⸗ warten. „Wer weiß, Nachbar,“ ſagte er, oß Ritter Gottfried Peveril je wieder nach Martindale zuruͤck⸗ kommt? Titel muͤſſen dort ausgetheilt werden, und ich habe wohl ſo Etwas unter den Uebrigen verdient. Lord Peveril wuͤrde gut klingen; doch halt! Graf von Martindale,— nein, nicht von Martindale—, Graf von dem Gipfel(Earl of the Peak). Unterdeſſen, vertraut mir eure Sache. Ich werde Euch ſchon ſchuͤtzen. Ich wuͤnſchte, Ihr waͤret kein Presbyterianer geweſen, Nachbar. Der Name Ritter— ich meine einen bloßen Ritter, keinen Ba⸗ ronet— wuͤrde fuͤr Euch recht wohl paſſen.“ „Ich uͤberlaſſe das meinen Obern, edler Rit⸗ ter,“ ſagte der Major,„und wuͤnſche nichts mehr, als Alles zu Martindale wohl zu finden, wann ich zuruͤckkomme.“ I. „Ihr werdet Alle wohl auf finden,“ erwiederte der Baronet, Julian, Alexie, Lady Peveril, und Alle; bringt ihnen meine Empfehlung, und kuͤßt ſie alle, Nachbar, Lady Peveril und Alle. Ihr koͤnnt vielleicht eine Graͤfin kuͤſſen, wann ich zuruͤck⸗ komme; Alles wird nun gut mit Euch gehen, da Ihr ein ehrlicher Mann geworden ſeyd.“ „Das hab ich immer gemeint zu ſeyn, edler Ritter,“ gab Bridgenorth ruhig zur Antwort. „Gut, gut,— nicht boͤſe gemeint, ſagte Pe⸗ veril, Alles iſt nun gut— Ihr fuͤr Moultraſſiehall, und ich fuͤr Whitehall. Wars recht ſo? nun wohl, lieber Wirth, einen Becher Kanarienſekt auf des Koͤnigs Geſundheit, ehe wir zu Pferde ſteigen! Achh ich vergaß, Nachbar, daß Ihr keine Geſundheiten trinkt.“ „Ich wuͤnſche dem Koͤnige Geſundheit ſo herz⸗ lich, als ob ich darauf eine ganze Flaſche geleert haͤtte“, gab der Major zur Antwort;„und ich wuͤn⸗ ſche Ihnen, edler Ritter, alles Gluͤck auf Ihrer Reiſe und Wiederkehr.“ * Zweites Kapitel. 3 Was immer fuͤr Belohnungen Karl fuͤr Peveril's Erduldungen und Anhaͤnglichkeit zu ertheilen geru⸗ hen mochte, er hatte keine zu ſeiner Verfuͤgung, die der Freude gleich kamen, welche die Vorſehung dem Major Bridgenorth bei ſeiner Zuruͤckkunft nach Derbyfhire vorbehalten hatte. Die Thaͤtigkeit, zu der er ermuntert worden war, hatte die gewoͤhnliche Wirkung, die Staͤrke und Wirkſamkeit ſeines Cha⸗ rakters bis auf einen gewiſſen Grad zu beleben; und er fuͤhlte, wie unziemlich es ſeyn wuͤrde, in den Zuſtand der in ſich gekehrten Schwermuth zuruͤck zu fallen, aus dem er war erweckt worden. Die Zeit hatte auch ihre bekannte lindernde Kraft bei ſeinem Gram bewieſen; und als er einen Tag in Moul⸗ traſſiehall mit Bedauern zugebracht hatte, daß er keine mittelbare Nachricht von dem Geſundheitszu⸗ ſtande ſeiner Tochter, wie ſie ihm Peveril bei ſeinem taͤglichen Zuſpruch gab, erhalten konnte, erwog er, es moͤchte in jeder Hinſicht ſchicklich ſeyn, einen per⸗ B 2 ſoͤnlichen Beſuch im Schloß Martindale abzulegen, die Empfehlungen des Ritters an ſeine Gemahlin auszurichten, ihr von ſeinem Wohlſeyn Verſicherung zu geben, und ſich ſelbſt uͤber das Wohlbefinden ſei⸗ ner Tochter zufrieden zu ſtellen. Er machte ſich auf das Schlimmſte gefaßt, und dachte an die ſchmalen Wangen, das verfallene Auge, die abgezehrte Hand, die bleiche Lippe, die traurigen Zeichen der ſinkenden Geſundheit aller ſeiner vorigen Kinder. „Ich werde, ſagte er, dieſe Zeichen der Sterb⸗ lichkeit noch einmal ſehen; ich werde nochmals ein geliebtes Weſen, dem ich das Daſeyn gab, zum Grabe geleiten ſehen, das mich lange vor ihm haͤtte einſchließen ſollen. Es ſei! Es iſt unmaͤnnlich, ſo⸗ lange vor Dem zuruͤckzubeben, was einmal ſeyn muß. Gottes Wille geſchehe!“ Er begab ſich daher am folgenden Morgen nach dem Schloſſe Martindale, und ertheilte der Lady willkommene Verſi icherungen von dem Wohlbefinden ihres Gemahls und von deſſen Koffaungen auf Be⸗ foͤrderung. „Fuͤr das Erſte, ſagte Lady Peveril, ſei der all⸗ maͤchtige Gott geprieſen; und das Zweite erfolge, wie es unſerm gnaͤdigen, wieder eingeſetzten Sou⸗ verain gefallen wird. Wir ſind groß genug fuͤr un⸗ ſer Vermoͤgen, und haben Vermoͤgen genug zur Zu⸗ — 29 friedenheit, obgleich nicht zum Glaͤnzen. Und nun ſehe ich, guter Herr Bridgenorth, die Thorheit, eiteln boͤſen Ahnungen Glauben beizumeſſen. So oft hatten Ritter Peveril's Unternehmungen zu Gunſten der Stuarte ihn in neues Ungluͤck gebracht; daß, wenn ich am andern Morgen ihn wieder in ſei⸗ ner leidigen Ruͤſtung ſah, und den Schall ſeiner lange verſtummten Trompete wieder hoͤrte, ich ſein Sterbehemd zu ſehen und ſeine Todtenglocke zu hoͤren waͤhnte. Ich ſage dieß Ihnen, guter Nach⸗ bar, um ſo mehr, weil ich fuͤrchte, Sie ſelbſt ſind durch ſolche Ahnungen bevorſtehenden Ungluͤcks ge⸗ äͤngſtigt, das Gott bei Ihnen abzuwenden gefallen moͤge, wie bei mir. Und hier kommt ein Anblick, der davon gute Zuſicherung gibt.“ Die Zimmerthuͤre oͤffnete ſich, als ſie ſo ſprach, und zwei liebe Kinder traten herein. Das aͤlteſte, Julian Peveril, ein ſchoͤner Knabe zwiſchen vier und fuͤnf Jahren, fuͤhrte mit einer Art Anſtand und Aufmerkſamkeit an der Hand ein kleines Maͤdchen von achtzehn Monaten, welches daher ſchwankte, und ſich mit Muͤhe an ihrem aͤltern und ſtaͤrkern Fuͤhrer aufrecht erhielt. Bridgenorth warf einen haſtigen, furchtſamen Blick auf das Anſehen ſeines Toͤchterchens, und be⸗ merkte mit ausnehmender Freude, daß ſeine Be⸗ B 3 ſorgniſſe ungegruͤndet waren. Er nahm ſie in die Arme, druͤckte ſie an ſein Herz, und das Kind, an⸗ fangs zwar durch die Heftigkeit ſeiner Liebkoſungen erſchreckt, erwiederte ſie nun, wie durch Eingebung der Natur, mit Laͤcheln. Nun hielt er das Maͤd⸗ chen wieder in einiger Entfernung von ſich, und blickte ſie aufmerkſamer an; es freute ihm, daß die Farbe des kleinen Engels, den er in den Armen hatte, nicht die hektiſche Blaͤſſe, ſondern die muntere Farbe der Geſundheit war, und daß ihr Koͤrper, ob zwar zart und ſchmaͤchtig, doch Feſtigkeit und Mus⸗ kelkraft verrieth. „Ich haͤtte nicht geglaubt, daß es ſo ſeyn töunte, ſagte er, indem er Lady Peveril anſah, welche ſich geſetzt hatte, und den Auftritt mit großem Vergnuͤ⸗ gen beobachtete;„aber Gott ſey Preis vor Allem, und dann zunaͤchſt Dank Ihnen, Madam, die Sie ſein Werkzeug geweſen ſind!“ „Julian wird nun wohl ſeine Geſpielin verlie⸗ ren? vermuthe ich,“ ſagte Lady Peveril.„Aber Moultraſſiehall iſt nicht weit, und ich werde meinen kleinen Pflegling oft ſehen. Frau Martha, die Haushaͤlterin zu Moultraſſie, hat Verſtand und Sorgfalt. Ich will ihr Vorſchriften geben⸗ wie ſie die kleine Alexie behandeln muß, und—“ „Gott verhuͤte, daß mein Kind je wieder nach — 51 Moultraſſie komme“, fiel Major Bridgenorth ha⸗ ſtig ein;„es iſt das Grab ihres Geſchlechts geweſen. Die Luft der tiefen Gruͤnde bekam ihnen nicht— oder es iſt vielleicht ein ſchlimmes Schickſal mit dem Wohnhauſe verknuͤpft. Ich will ihr einen an⸗ dern Aufenthaltsort aufſuchen.“ „Das ſollen Sie nicht, wenn ich mich unterſte⸗ hen darf, ſo zu ſprechen, Herr Major. Thaͤten Sie es, ſo muͤßten wir annehmen, daß Sie meine Faͤhigkeiten als einer Pflegerin des Kindes nicht ge⸗ hoͤrig anerkannten. Wenn das Kind nicht in des Vaters Haus geht, ſo ſoll es in meinem bleiben. Ich will die Kleine als Pfand ihrer Sicherheit und meiner Geſchicklichkeit bewahren; und da Sie vor den Duͤnſten der niedern Gruͤnde beſorgt ſind, ſo werden Sie hoffentlich oft hieher zu ihrem Beſuch kommen.“ Dieß war ein Vorſchlag, der dem Major zu Herzen ging; es war gerade der Punkt, fuͤr deſſen Errreichung er ganze Welten haͤtte hingeben moͤgen, zu deſſen Erlangung er jedoch keine Moͤglichkeit ſah. Es iſt gar wohl bekannt, daß diejenigen, deren Familien lange durch eine ſo verhaͤngnißvolle Krank⸗ heit verfolgt werden„als in der ſeinigen geherrſcht hatte, gleichſam aberglaubiſch in Hinſicht ihrer toͤdt⸗ lichen Wirkungen werden, und dem Ort, den Um⸗ B 4 3 ſtaͤnden, und der eigenthuͤmlichen Fuͤrſorge vielleicht weit mehr zuſchreiben, als durch dieſelben zur Ab⸗ wendung der gefaͤhrlichen Folge einer krankhaften Conſtitution in irgend einem Falle beigetragen wer⸗ den kann. Lady Peveril wurde dieſen Eindruck bei ihrem Nachbar wohl gewahr; ſie erkannte, daß ſeine Niedergeſchlagenheit, das Uebertriebene ſeiner Sorge, das Fieberhafte ſeiner Befuͤrchtungen, die Zuruͤckge⸗ zogenheit und duͤſtere Einſamkeit, worin er lebte, ganz zu ſo einem Uebel fuͤhren mußten, welches er unter allen am meiſten fuͤrchtete. Sie bedauerte ihn, ſie fuͤhlte fuͤr ihn, ſie war dankbar fuͤr den ehe⸗ mals aus ſeinen Haͤnden empfangenen Schutz;— ſie war durch eigenes Intereſſe an das Kind ſelbſt geknuͤpft worden. Welches weibliche Weſen fuͤhlte nicht ſich zu dem huͤlfloſen Geſchoͤpf hingezogen, das es gepflegt und aufgezogen hat? Und Alles zuſam⸗ mengenommen, beſaß die Dame auch ihren Theil menſchlicher Eitelkeit; und ſo war ſie ſtolz darauf, durch ihre eigne Geſchicklichkeit die wahrſcheinlichen Anfaͤlle der in der Bridgenorthiſchen Familie ſo eeingewurzelten Erbkrankheit abgehalten zu haben. In andern Faͤllen waͤre es jedoch vielleicht nicht noͤ⸗ thig, ſo viele Gruͤnde fuͤr eine Handlung nachbarli⸗ cher Menſchenfreundlichkeit anzufuͤhren; aber der buͤrgerliche Krieg hatte nur neuerlich das Vaterland — —— — 33 entzweit, und alle gewoͤhnlichen Bande der Ver⸗ wandtſchaft und guten Nachbarſchaft ſo zerriſſen, daß es etwas ſeltenes war, ſie unter Perſonen von ver⸗ ſchiedenen politiſchen Geſinnungen erhalten zu ſehen. Major Bridgenorth ſelbſt fuͤhlte dieß; und waͤh⸗ rend die Freudenthraͤne in ſeinem Auge verrieth, wie gern er den Vorſchlag der Lady Peveril an⸗ naͤhme, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten, die ihren Plan begleitenden Ungelegenheiten zu bemer⸗ ken, wiewohl in dem Tone deſſen, der ſich gern widerlegen laͤßt.„Gunaͤdige Frau, ſagte er, Ihre Guͤte macht mich zu einem der gluͤcklichſten und dank⸗ barſten Maͤnner; aber kann ſie mit Ihrer eigenen Bequemlichkeit beſtehen? Ihr Gemahl hat uͤber manche Punkte ſeine eigenen Meinungen, die von den meinigen abwichen und wahrſcheinlich noch ab⸗ weichen. Er iſt von hoher Geburt, ich bin vom Mittelſtande. Er haͤlt ſich an den Gottesdienſt der Engliſchen Kirche, ich folge dem Katechismus der Verſammlung der Geiſtlichen zu Weſtminſter.—. „Ich hoffe,“ fiel ihm Lady Peveril ins Wort, „Sie werden bei keinem von beiden verboten finden, daß ich Ihrem mutterloſen Kinde Mutter ſeyn moͤge. Ich habe die Zuverſicht, Herr Bridgenorth, die er⸗ freuliche Wiedereinſetzung feiner Majeſtaͤt, ein von der Hand der Vorſehung unmittelbar gewirktes B 5 Werk, werde das Mittel ſeyn, alle buͤrgerlichen und religioͤſen Mißhaͤlligkeiten unter uns zu heben und aufzuloͤſen; ich hoffte, ſtatt eine hoͤhere Reinig⸗ keit unſers Glaubens durch Verfolgung der uͤber Lehrmeinungen anders denkenden zu beweiſen, wer⸗ den wir ſeinen wahren chriſtlichen Zweck dadurch zu zeigen ſtreben, daß wir unter einander in Handlun⸗ gen der Menſchenliebe wetteifern, und ſo am beſten unſre Liebe zu Gott an den Tag legen.“ „Ihre Gnaden“, antwortete Bridgenorth, wel⸗ cher von der Engherzigkeit ſeiner Zeit ſelbſt nicht frei war,„ſprechen, was Ihr eigenes gutes Herz Ihnen eingibt, und ich bin gewiß, wenn Alle, die ſich Koͤniglichgeſinnte nennen, ſo daͤchten, wie Sie und mein Freund, Ritter Peveril(dieß ſetzte er nach einer augenblicklichen Pauſe hinzu, indem es viel⸗ leicht mehr Schmeichelei, als Ueberzeugung war), wir, die wir in vergangener Zeit es fuͤr unſre Pflicht hielten, fuͤr Gewiſſensfreiheit und wider willkuͤrliche Gewalt die Waffen zu ergreifen, wir wuͤrden nun⸗ mehr in Frieden und Zufriedenheit uns niederſetzen. Allein ich weiß nicht, wie es ausfallen mag. Sie haben heftige und hitzige Koͤpfe unter Ihrer Partei; ich will nicht ſagen, daß unſre Macht immer mit Maͤßigung gebraucht worden ſei, und Rache iſt ſuͤß dem Geſchlecht des gefallenen Adam.“ 5 — 8 92 „Wohl, Herr Bridgenorth“, ſagte Lady Peve⸗ ril,“ dieſe ſchlimmen Prophezeihungen verrathen nur Schluͤſſe, die, wenn ſie nicht ſchon auf unſi⸗ chern Vorausſetzungen ruhten, doch hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich nicht in Erfuͤllung gehen. Sie wiſſen, was Shakſpeare ſagt: Den Eber fliehn, eh' er uns noch verfolgt, Hieß', ihn, uns zu verfolgen, reizen, Zur Jagd erſt locken, der nicht jagen mag. „Doch vergeben Sie,— es iſt ſo lange her, daß wir einander nicht geſehen haben, und ich ver⸗ gaß, daß Sie kein Freund von Schauſpielen ſind.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, gnaͤdige Frau“, erwie⸗ derte Bridgenorth,„Tadel verdiente ich, wenn ich die eitlen Worte eines Warwickſhirer Komoͤdianten noͤthig haͤtte, um zur Dankbarkeit gegen Sie bei dieſer Gelegenheit ermahnt zu werden, da mich dieſe Pflicht lehrt, mich Ihrer Leitung in allen Dingen zu uͤberlaſſen, die mir mein Gewiſſen erlaubt.“ „Weil Sie mir ſolchen Einfluß einraͤumen“, ver⸗ ſetzte Lady Peveril,„ſo wiill ich auch nur maͤßigen Gebrauch davon machen, um in Ihnen, in meinem Gebiete wenigſtens, von der neuen Ordnung der Dinge einen vortheilhaften Eindruck zu erregen. So will ich, wenn Sie auf einen Tag mein Unter⸗ than ſeyn wollen, guter Nachbar, auf den Befehl meines Mannes, eine Einladung an die ganze Nach⸗ barſchaft zu einem hohen Feſt im Schloſſe fuͤr naͤch⸗ ſten Donnerstag ergehen laſſen; und ich bitte Sie, * nicht allein perſoͤnlich zu erſcheinen, ſondern auch Ihren wuͤrdigen Pfarrer, und Nachbarn und Freunde, hohe und niedrige, welche denken, wie Sie, mit der uͤbrigen Geſellſchaft zu verſammeln, um bei der gluͤcklichen Wiedereinſetzung des Koͤnigs ein gemein⸗ ſchaftliches Freudenfeſt zu feiern, und dadurch zu zeigen, daß wir nunmehr ein vereinigtes Volk ſeyn ſollen.“ Der dem Parlament ergebene Major war durch dieſen Auftrag und Vorſchlag nicht wenig in Verle⸗ genheit geſetzt. Er blickte auf und nieder und um ſich her; warf ſeinen Blick erſt an die ausgeſchnitzte Decke von eichenem Taͤfelwerk, heftete ihn dann auf den Fußboden, und ließ ihn drauf im Zimmer um⸗ herſchweifen, bis er auf ſein Kind fiel, welches ihm andre und beſſere Gedanken eingab, als Decke und Fußboden es zu thun vermochten. „Gnaͤdige Frau,“ ſagte er,„ich bin lange her Feſtlichkeiten fremd geworden, vielleicht aus einem natuͤrlichen Hange zur Schwermuth, vielleicht durch die unvermeidliche Niedergeſchlagenheit eines verlaſe ſenen und ſeiner Familie beraubten Mannes, in deſſen Ohren die Freude mißtoͤnt, wie eine liebliche Melodie auf einem verſtimmten Inſtrument. Aber obgleich meine Gedanken und mein Temperament weder jovialiſch noch mercurialiſch ſind, ſo ziemt es mir doch, dem Himmel dankbar zu ſeyn fuͤr das Gute, das er mir durch Sie, gnaͤdige Frau, hat zu Theil werden laſſen. David, der Mann nach Got⸗ tes Herzen, wuſch ſich und aß Brot, als ſein ge⸗ liebtes Kind ihm entzogen wurde,— das meinige iſt mir wiedergegeben; und ſollte ich nicht Dankbar⸗ keit beweiſen bei einem Segen, wenn er Erge⸗ benheit unter einer Bedraͤngniß zeigte? Lady, ich nehme Ihre gnaͤdige Einladung bereitwillig an; und diejenigen Freunde, uͤber die ich Etwas vermag, und deren Gegenwart Sie wuͤnſchen moͤgen, ſollen mich zu dem Feſt begleiten, damit unſer Iſrael wie ein Volk ſey.“ Niachdem er dieſe Worte mehr mit dem Anſehen eines Maͤrtyrers, als eines zu einem Feſt gebetenen Gaſtes, geſprochen, und ſein kleines Maͤdchen ge⸗ kuͤßt und feierlich geſegnet hatte, nahm er Abſchied, und kehrte nach Moultraſſiehall zuruͤck. 57 Drittes Kapitel. Selbſt bei gewoͤhnlichen Gelegenheiten und bei reichlichen Mitteln, war in jenen Tagen eine große Bewirthung nicht eine ſolche geſchaͤftloſe Sache, als in neuern Zeiten, da die Frau des Hauſes ihren Dienſtboten blos Tag und Stunde zu beſtimmen braucht, wann das Feſt angeſtellt werden ſoll. Zu jenen einfacheren Zeiten erwartete man von der Frau, daß ſie ſich ernſtlich mit der Anordnung und Beſor⸗ gung der ganzen Angelegenheit befaßte; und von einer kleinen Galerie, welche mit ihrem eignen Pri⸗ vatzimmer zuſammenhing und auf die Kuͤche herab⸗ ging, hoͤrte man von Zeit zu Zeit ihre gellende Stimme, gleich der des warnenden Geiſtes in einem Ungewit⸗ ter, uͤber dem Klirren der Toͤpfe und Schmorpfan⸗ nen, dem Schwirren der Bratſpieße, dem Krachen der Markknochen und der Beile, dem Schelten der Koͤche, und allem andern mannichfachen Getoͤſe, welches die Zubereitung eines großen Gaſtmahls zu begleiten pflegt. Aber alle dieſe Muͤhe und Sorge wurde bei Herannahen des Feſtes auf dem Schloſſe Martin⸗ dale mehr als verdoppelt, wo der Schutzgeiſt der Feſtlichkeit kaum mit hinlaͤnglichen Mitteln verſehen war, das gaſtfreundliche Vorhaben ins Werk zu ſetzen. Das tyranniſche Benehmen der Ehemaͤnner in ſolchen Faͤllen iſt allgemein; und ich kenne kaum einen Hauswirth meiner Bekanntſchaft, der nicht, zu einer Ungluͤck weiſſagenden und hoͤchſt unſchickli⸗ chen Zeit, ploͤtzlich ſeiner unſchuldigen Gehuͤlfin ei⸗ nen von ihm gebetenen widerwaͤrtigen Gaſt ange⸗ meldet haͤtte, zu ihrer großen Beſtuͤrzung und viel⸗ leicht zum Mißcredit ihrer haͤuslichen Anordnungen. Der Ritter Peveril war noch unbedachtſamer; denn er hatte ſeiner Gattin aufgetragen, die ganze ehrliche Nachbarſchaft zu einem frohen Mahl auf dem Schloſſe, zu Ehren der gluͤcklichen Wiederein⸗ ſetzung ſeiner koͤniglichen Majeſtaͤt, einzuladen, ohne genau anzugeben, woher die Vorraͤthe zur Bewir⸗ thung kommen ſollten. Der Thiergarten hatte ſeit der Belagerung immer wuͤſt gelegen; das Tauben⸗ haus konnte nur wenig fuͤr eine ſolche Bewirthung liefern; die Fiſchteiche zwar waren wohl verſehen (welches die benachbarten Persbyterianer als einen verdaͤchtigen Umſtand bemerkten), und auf den aus⸗ gedehnten Haiden und Huͤgeln der Grafſchaft Derby fehlte es nicht an Wild. Aber alles dieß waren nur untergeordnete Beſtandtheile des Gaſtmahls; und der Haushofmeiſter ſowohl als der Amtmann, die einzigen Gehuͤlfen und Rathgeber der Lady Peveril, konnten nicht eins werden, wie die Fleiſchgerichte, der weſentlichſte oder gleichſam der Haupttheil des Gaſtmahles, zu erlangen waͤren. Der Haushofmei⸗ ſter drohte mit dem Opfer eines ſchoͤnen Jochs jun⸗ ger Ochſen, wogegen ſich der Amtmann, wegen ih⸗ rer Unentbehrlichkeit fuͤr das Feld, ſtandhaft wider⸗ ſetzte; und Lady Peveril konnte bei aller Gutmuͤ⸗ thigkeit und rechtlichen Geſinnung ſich einigen Un⸗ muths nicht entſchlagen, wie ihr Mann ſo unuͤber⸗ legt habe handeln koͤnnen, ſie in eine ſolche Verle⸗ genheit zu ſetzen. Dieſe Bemerkungen und Empfindungen waren ge⸗ recht, wenn ein Mann blos fuͤr ſolche Entſchließungen verantwortlich iſt, die er als vollkommner Herr ſei⸗ ner ſelbſt ergreift. Die Anhaͤnglichkeit Peveril's an den Koͤnig hatte aber bei ihm, wie bei Andern in ſeiner Lage, durch Hoffnungen und Beſorgniſſe, Siege und Niederlagen, Kaͤmpfe und Leiden— alle aus derſelben Triebfeder entſprungen und gleich⸗ ſam um dieſelbe Angel ſich drehend— den Charak⸗ ter einer ſtarken und enthuſiaſtiſchen Leidenſchaft er⸗ langt; und der ſonderbare und uͤberraſchende Gluͤcks⸗ — — 41 wechſel, wodurch ſeine hoͤchſten Wuͤnſche nicht nur erfuͤllt, ſondern noch weit uͤbertroffen wurden, er⸗ zeugte auf einige Zeit eine Art Berauſchung eines patriotiſchen Entzuͤckens, welche ſich uͤber das ganze Koͤnigreich zu verbreiten ſchien. Sir Peveril hatte den Koͤnig Karl und ſeine Bruͤder geſehen, und war von dem froͤhlichen Monarchen mit der gefaͤlligen und zugleich offenen Freundlichkeit empfangen wor⸗ den, durch die er Alle, die ſich ihm naheten, fuͤr ſich gewann; des Ritters Dienſtleiſtungen und Ver⸗ dienſte waren voͤllig anerkannt, und zu Bekohnungen war ihm Hoffnung, wenn nicht ausdruͤckliche Zuſi⸗ cherung, gegeben worden. Konnte wohl Peveril, im Jubel ſeines ganzen Gemuͤths, uͤberlegen, wo ſeine Frau Rindfleiſch und Schoͤpſenfleiſch zur Be⸗ wirthung ihrer Nachbarſchaft hernehmen ſollte? Aber, zum Gluͤck fuͤr Lady Peveril in ihrer Verlegenheit, hatte doch Jemand Gemuͤthsruhe ge⸗ nug behalten, um dieſe Schwierigkeit vorherzuſehen. Gerade als ſie ſich mit vieler Selbſtuͤberwindung entſchloſſen hatte, fuͤr eine zur Ausfuͤhrung der Be⸗ fehle ihres Mannes noͤthige Summe Major Brid⸗ genorth's Schuldnerin zu werden, waͤhrend ſie dieſe Abweichung von ihrer gewohnten ſtrengen Haushal⸗ tung bitter bedauerte, drang ihr Verwalter, der, beilaͤufig geſagt, ſeit der Nachticht von des Koͤnigs Landung zu Dover nicht ganz nuͤchtern geblieben war, ins Zimmer, ſchnippte mit den Fingern, und zeigte eine lebhaftere Freude, als der Anſtand in dem großen Beſuchzimmer ſeinee Gebieterin fuͤglich erlaubte. Was ſoll das heißen, Whitaker?“ rief ſie et⸗ was verdrießlich; denn ſie war in dem Anfange ei⸗ nes Briefs an ihren Nachbar, das unangenehme Geſchaͤft des erwaͤhnten Darlehns betreffend, unter⸗ brochen worden. 727 ihr immer ſo? Oder traͤumt ihr?“ 3 „Ein Traumgeſicht von guter Vorbedeutung,“ rief der Verwalter mit triumphirender Bewegung der Hand aus;„wahrlich, weit beſſer als Pharao's, wenn es gleich, wie das ſeinige, aus fetten Kuͤhen beſteht.“ „Sprecht deutlich,“ ſagte die Lady,„oder holet Jemand, der vernuͤnftig ſprechen kann.“. „Ei, meiner Treu, gnaͤdige Frau,“ antwortete er,„meine Botſchaft kann fuͤr ſich ſelbſt ſprechen. Hoͤren Sie ſie nicht bruͤllen? Hoͤren Sie ſie nicht bloͤken? Ein Joch fetter Ochſen, und zehn auser⸗ leſene Widder. Das Schloß iſt fuͤr dieß Mal ver⸗ robtantſäts ſie moͤgen es nun beſtäanen, wann ſie wollen.— — 45 Ohne ihren aufgeblaͤhten Domeſtiken weiter zu befragen, ſtand Lady Peveril auf, und ging ans Fenſter, wo ſie wirklich die Rinder und Schaafe ſah, die Whitaker ſo begeiſtert hatten.„Woher kommen ſie denn?“ fragte ſie mit einiger Verwunderung. „Erklaͤre das, wer da kann,“ antwortete Whit⸗ aker;„der Mann, der ſie hertrieb, war ein Bauer aus dem weſtlichen Bezirk, und ſagte blos, ſie kaͤ⸗ men von einem Freunde, der einen Beitrag zu dem Gaſtmahl Ihrer Gnaden liefern wollte. Der Mann wollte nicht warten, einen Trunk zu thun. Es thut mir leid, daß er nicht einmal trinken wollte— halten zu Gnaden, daß ich ihn nicht bei den Ohren dazu zog. Es war meine Schuld nicht.“ „Das will ich gern glauben,“ ſagte die Lady. „Nein, bei Gott, es war meine Schuld nicht, gnaͤdige Frau,“ ſagte der eifrige Verwalter;„aber ehe das Schloß ſeinen Credit haͤtte verlieren ſollen, trank ich ſelbſt ſeine Geſundheit im Doppelbier, ob ich gleich meinen Morgentrunk ſchon gethan hatte. Es iſt die reine Wahrheit, was ich Ihnen ſage, beim Himmel, gnaͤdige Frau.“ 3 „ Dazu brauchtet ihr wohl nicht ſehr genoͤthigt zu werden,“ bemerkte Lady Peyeril.„Allein, Whitaker, angenommen, ihr traͤnket und ſchwuͤret etwas weniger, um bei ſolchen Gelegenheiten eure 8 8 8 meint ihr?“ „Ich bitte Ihre Gnaden um Vergebung,“ er⸗ wiederte Whitaker mit viel Ehrerbietung;„ich hoffe, ich kenne meinen Platz. Ich bin Ihrer Gnaden ar⸗ mer Diener, und ich weiß, es ſchickt ſich nicht fuͤr mich, ſo zu trinken und zu ſchwoͤren, wie Ihre Gna⸗ den, das heißt, wie der gnaͤdige Herr, Ritter Peveril, wollt' ich ſagen. Aber ich bitte Sie, wenn ich nicht nach meinem Nange trinken und ſchwoͤren ſollte, wie koͤnnten die Leute den Haushofmeiſter Ritter Peveril's von dem Gipfel, ja ich kann ſagen, auch ſeinen Kellermeiſter erkennen; denn ich habe den Kellerſchluͤſſel immer gefuͤhrt, ſeitdem der alte Spiggots auf dem nordweſtlichen Thurme mit einer ſchwarzen Schenkkanne in der Hand todt geſchoſſen wurde.— Ich ſage, wie kann ein alter Koͤnigs⸗ freund, wie ich, von den armſeligen Puritanern un⸗ terſchieden werden, die nichts thun, als faſten und beten, wenn wir nicht nach unſerm Nange trinten und ſchwoͤren duͤrften?“ Lady Peveril ſchwieg; denn ſie wußte wohl, daß Reden hier nichts fruchteten; und nach einer kurzen Pauſe ſagte ſie dem Verwalter, daß ſie die aufge: ſchriehenen Perſonen, deren Verzeichniß ſie ihm gal Freude zu aͤußern, waͤre es aht eben ſo gut Was zu dem bevorſtehenden Schmauſe eingeladen haben wollte. 8 Whitaker, anſtatt dieſe Liſte mit der ſtillen Ehr⸗ erbietung eines heutigen Haushofmeiſters anzuneh⸗ men, trug ſie in den Winkel eines Fenſters, ſetzte ſeine Brille auf, und fing an, ſie fuͤr ſich durchzule⸗ ſen. Da die Namen vornehmer Perſonen aus ade⸗ ligen Familien der Nachbarſchaft den Anfang mach⸗ ten, murmelte er daruͤber in einem beifaͤlligen Tone; bei Bridgenorth's Namen hielt er inne und ſtutzte, beruhigte ſich jedoch mit der Bemerkung:„Aber er iſt ein guter Nachbar, ſo mag es gehen.“ Allein als er den Namen und Zunamen von Nehemiah Solsgrave, dem Presbyterianiſchen Pfarrer, las verließ ihn ſeine Geduld gaͤnzlich, und er erklaͤrte, er wolle ſich eher in die Eldonhoͤhle ſtuͤrzen, als zu⸗ geben, daß die zudringliche alte Puritaniſche Nacht⸗ eule, welche ſich die Kanzel ein braven orthodoxen Geiſtlichen angemaßt, jemal Thore des Schloſ⸗ ſes Martindale verdunkeln ſo..„Die falſchen, ſtutzkoͤpfigen Heuchler,“ rief er mit einem harten 7 Schwur aus,„haben ihre gute Zeit gehabt. Die Sonne ſcheint nun auf unſere Seite, und wir wer⸗ den alte Zechen bezahlen, ſo wahr ich Richard Whitaker heiße.“ „ Ihr ſtuͤtzt euch gewiß auf eure langen Dienſte und auf die Abweſenheit eures Herrn, Whitaker; ſonſt unterſtaͤndet ihr euch nicht, mich ſo zu behan⸗ deln,“ ſagte Lady Peveril. 1 4 Die ungewohnte Heftigkeit ihrer Stimme machte Eindruck auf den widerſpaͤnſtigen Verwalter, unge⸗ achtet ſeines jetzigen exaltirten Zuſtandes; und kaum ſah er ihr Auge glaͤnzen und ihre Wange erroͤthen, ſo war ſeine Halsſtarrigkeit auf einmal bezwungen. „Der Henker ſoll mich holen,“ rief er,„wenn ich meine gnaͤdige Frau im Ernſt boͤs gemacht habe! Und ſo einen Anblick bin ich nicht gewohnt. Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, gnaͤdige Frau. Es war nicht der arme Richard Whitaker, der ſich Ih⸗ ren achtbaren Befehlen widerſetzen wollte, ſondern blos der zweite Trunk Doppelbier. Wir haben es ſeit der gluͤcklichen Wiederherſtellung des Koͤnigthums mit doppeltem Malz verſehen, wie Ihre Gnaden wohl wiſſen. Meiner Treu⸗, ich haſſe einen Schwaͤr⸗ mer, wie ich den Pferdefuß des Satans haſſe; aber hat meine hochverehrte gnaͤdige Frau ein Recht, den Satan ſelbſt, mit Pferdefuß und Allem ins Mar⸗ tindal⸗Schloß einzuladen, und mich mit einer Ein⸗ ladungskarte an die Hoͤllenpforte zu ſchicken— nun ſo ſoll auch ihr Wille erfuͤllt werden.“ Die Einladungen wurden nunmehr nach aller ge⸗ hoͤrigen Form umhergeſchickt; und einer von den jun⸗ — 47 gen Ochſen wurde, um ganz gebraten zu werden, auf den Marktplatz eines kleinen Dorfs, Namens Martindale⸗Moultraſſie, geſandt, welches merklich oſtwaͤrts vom Schloſſe Martindale und von Moul⸗ traſſie⸗Hall lag, ſo daß, wenn man eine Linie von dem einen Herrenhauſe bis zum andern, als Baſis eines Dreiecks, gezogen haͤtte, das Dorf den her⸗ vorſpringenden Winkel eingenommen haben wuͤrde. Da das erwaͤhnte Dorf, ſeit der letztern Verſetzung eines Theils von Peveril's Eigenthum, dem Ritter und dem Major Bridgenorth zu faſt gleichen Thei⸗ len gehoͤrte, ſo fand es Lady Peveril nicht ſchieklich, das Recht des letztern zu beſtreiten, einige Orhofte Bier zum Volksfeſte beizutragen. Indeſſen mußte ſie wohl vermuthen, der Major ſey der unbekannte Freund geweſen, welcher ſie aus der Verlegenheit wegen der Speiſevorraͤthe geriſſen hatte; und ſie ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, als ein Beſuch von ihm am Tage vor dem beſtimmten feſtlichen Mahle ihr, wie ſie glaubte, Gelegenheit gab, ihm ihre Dankbarkeit auszudruͤcken. Viertes Kapitel. Es lag eine gewiſſe ernſte Wuͤrde in dem Ausdruck, womit Major Bridgenorth den Dank ablehnte, wel⸗ chen Lady Peveril ihm fuͤr die ſo willkommene Ver⸗ ſorgung ihres Schloſſes mit Mundvorraͤthen zu er⸗ kennen gab. Er ſchien erſt nicht zu errathen, wor⸗ auf ſie anſpielte, und als ſie ſich naͤher erklaͤrte, be⸗ theuerte er ſo ernſtlich, an dieſer geleiſteten Unter⸗ ſtuͤtzung keinen Theil zu haben, daß Lady Peveril ihm den Glauben nicht verſagen konnte, um ſo mehr, da er ein Mann von offenem, geradem Cha⸗ rakter war, der keine zarte Empfindſamkeit affec⸗ dirte, und es faſt den Quaͤkern in ſchlichter aufrich⸗ tiger Sprache gleich that, da mithin eine ſolche grundloſe Ableugnung ſeiner herrſchenden Denkungs⸗ art ſehr widerſprochen haben wuͤrde. „Mein gegenwaͤrtiger Beſuch, Madame,“ ſagte er,„hat allerdings einigen Bezug auf die morgende Feſtlichkeit.“ Lady Peveril horchte; weil aber ſeine Rede ſtockte, ſah ſie ſich genoͤthigt, um eine Erklaͤ⸗ — 49 rung zu bitten.„Madam,“ gab der Major zur Antwort,„es iſt Ihnen vielleicht nicht ganz unbe⸗ kannt, daß die gewiſſenhafteren von unſerer Partei Bedenklichkeiten uͤber manche ſolche Gebraͤuche haben, welche bei Leuten ihrer Partei an feſtlichen Tagen ſo gewoͤhnlich ſind, daß ſie, ſo zu ſagen, auf dieſel⸗ ben wie auf Glaubensartikel beſtehen, oder wenig⸗ ſtens die Unterlaſſung derſelben ſehr uͤbel empfinden wuͤrden.)— „Ich denke, Herr Briogenorth,“ erwiederte Lady Peveril, welche die Abſicht ſeiner Rede nicht voͤllig begriff,„wir werden bei unſern geſell⸗ ſchaftlichen Bewirthungen ſo gut, als Ihre Par⸗ tei bei den ihrigen, alle Anſpielungen oder Vor⸗ wuͤrfe ſorgfaͤltig vermeiden, welche ſich auf ehema⸗ lige Mißverſtaͤndniſſe gruͤnden.“ „Wir wuͤrden von Ihrer Redlichkeit und Guͤte, gnaͤdige Hrau, nicht weniger erwarten,“ ſagte Bridgenorth;„allein ich merke, daß Sie mich nicht ganz verſtehen. Offen zu ſprechen, ich rede von dem Gebrauch des Geſundheittrinkens, und des wechſelſeitigen Zutrinkens in ſtarken geiſtigen Ge⸗ traͤnken, welches die meiſten unter uns als eine uͤberfluͤſſige und fuͤndliche Verfuͤhrung zur Schwel⸗ gerei und zum unmaͤßigen Genuß ſtarker Getraͤnke betrachten; und wenn man, wie gelehrte Geiſtliche J. C 8 —— — Weine opferten und ſie dabei anriefen, ſo kann man mit Recht ſagen, daß darin etwas Heidniſches liegt, das an die Anbetung des Teufels graͤnzt.“ Lady Peveril hatte ſchon fluͤchtig Alles erwogen, was wahrſcheinlich Mißhaͤlligkeit in das bevorſte⸗ hende Feſt bringen koͤnnte, aber dieſt ſehr laͤcherliche, jedoch bedenkliche Abweichung in den Anſichten und Gebraͤuchen der verſchiedenen Parteien des Gaſtge⸗ bots waren ihr gaͤnzlich entgangen. Sie ſuchte da⸗ thun, dieſe Sitte von den blinden Heiden herleitet, welche beim Trinken ihren Goͤtzen Etwas von ihrem heer ihren Gegner zu beſaͤnftigen, in deſſen gerunzel⸗ V ter Stirne ſie eben keine Meigung laas eine erahes Meinung aufzugeben. n „Ich geſtehe Ihnen zu, lieber Nachbar, ſagte ſie,„daß dieſer Gebrauch wenigſtens uͤberfluͤſſig iſt⸗ und nachtheilig ſeyn kann, wenn er zur Unmaͤßig⸗ keit im Genuß des ſtarken Getraͤnks fuͤhrt, welche auch ohne ſolche geſellſchaftliche Unterhaltung leicht genug zu entſtehn pflegt. Allein ich denke, wenn er dieſe Folge nicht hat, ſo iſt er etwas Gleichguͤlti⸗ ges, gewaͤhrt eine gleichfoͤrmige Gelegenheit, unſern Freunden unſere Gluͤckwuͤnſche und unſerm Koͤnig unſre treue Ergebenheit auszudruͤcken. Und, ohne Jemand meine Meinung aufdraͤngen zu wollen, ſo ſehe ich doch nicht, wie ich meinen Gaͤſten und Freu den die Freiheit, dem Koͤnige, oder meinem Mann, nach Alt⸗Engliſcher Mode eine Geſundheit zuzutrin⸗ ken, verweigern kann.“ It2 a. „Gaaͤdige Frau,“ erwiederte der Major,„koͤnnte das Alter die Mode empfehlen, ſo waͤre das Papſt⸗ thum eine der aͤlteſten Engliſchen Moden, die ich kenne; aber es iſt unſer Gluͤck, daß wir nicht verfin, ſtert ſind, wie unſere Vaͤter, und daher muͤſſen wir nach dem Licht handeln, das in uns iſt, und nicht nach ihrer Finſterniß. Ich hatte ſelbſt die Ehre, den Großſiegelbewahrer Whitelocke zu begleiten, als er an der Tafel des Kaͤmmerers des Koͤnigreichs Schwe⸗ den geradezu ſich weigerte, die Geſundheit der Koͤ⸗ nigin Chriſtina zu trinken, wodurch er großen An⸗ ſtoß gab, und den ganzen Zweck ſeiner Reiſe aufs Spiel ſetzte; es laͤßt ſich nicht denken, daß ein ſo verſtaͤndiger Mann dieß gethan haben wuͤrde, wenn er eine ſolche Nachgiebigkeit fuͤr gleichguͤltig, und nicht vielmehr fuͤr ſuͤndlich und ſtrafbar geh haͤtte./ „Mit aller Hochachtung gegen Whitelocke,“ ſagte Lady Peveril„„leib' ich bei meiner Meinung, wiewohl ich, der Himmel weiß es, keine Freundin von Schwelgerei und Trinkgelagen bin. Ich wollte alten mich gern Ihren Gewiſſensſerupeln fuͤgen, und will alle andre Geſundheiten unterdruͤcken; aber C 2 vadehaftis, die des Koͤnigs und Peveril's muͤſſen er⸗ laubt ſeyn.“ „Ich fuͤr meine Perſon moͤchte nicht einmal den neun und neunzigſten Theil eines Grans Weihrauch auf einen Altar legen, der dem Satan Eesſhiet iſt,“ erwiederte Bridgenorth.. „Wie, Herr Major!“ rief die Dame, r bringen den Satan in Vergleichung mit unſerm Monarchen Koͤnig Karl, und mit meinem geliebten Mann!“ „Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau,“ antwortete er, „ich habe ſolche Gedanken nicht; ſie wuͤrden mir auch wirklich ſchlecht ziemen. Ich wuͤnſche des Koͤ⸗ nigs und des Ritters Peveril's Geſundheit ehrerbie⸗ tigſt, und will fuͤr beide beten. Aber ich ſehe nicht, was fuͤr Vortheil es ihrer Geſundheit bringen ſollte, wenn ich zum Nachtheil der meinigen die groͤßten Flaſchen leeren wollte.“ „Weil wir uͤber dieſen Punkt nicht eins werden koͤnnen,“ ſprach Lady Peveril,„ſo muͤſſen wir ein Huͤlfsmittel ausfindig machen, durch welches keine von beiden Parteien beleidigt wird. Wie waͤre es, wenn Sie bei dem Geſundheittrinken unſrer Freunde ein Auge zudruͤckten, und wir Ihnen Ihr Stillſitzen nachſaͤhen?“ 5* Aber dieſer Vergleich wollte Bridgenorth nicht — — 53 befriedigen; er war der Meinung, das hieße(wie er ſich ausdruͤckte) dem Beelzebub ein Licht vorhalten. In Wahrheit, ſein von Natur hartnaͤckiges Tempe⸗ rament war durch eine vorhergegangene Unterredung mit ſeinem Prediger noch widerſpenſtiger geworden, welcher zwar im Ganzen ein ſehr guter Mann war, aber beſonders ſteif an den kleinlichen Unterſcheidun⸗ gen ſeiner Sekte hing; und waͤhrend er mit nicht geringer Beſorgniß an den Zuwachs der Macht dachte, welche Papſtthum, Praͤlaten und Peveril von dem Gipfel durch die neuerliche Revolution wahrſcheinlich erlangen moͤchten, war er natuͤrlich bedenklich, ſeine Heerde unter ihre Aufſicht zu brin⸗ gen, um ſie vor dem Raube des Wolfs zu ſchuͤtzen. Es war ihm aͤußerſt mißfaͤllig, daß Major Bridge⸗ north, unſtreitig das Haupt der Presbyterianiſchen Sache in dieſem Bezirk, ſeine einzige Tochter von einem Kanaanitiſchen Weibe(wie er ſich ausdruͤckte) hatte aufziehen laſſen; und er ſagte ihm ganz offen, daß ihm dieß Speiſen in vornehmen Haͤuſern mit denen, die im Herzen unbeſchnitten ſind, nicht ge⸗ ſiele, und er betrachtete die ganze Gaſterei blos als eine Luſtbarkeit im Hauſe Tirzah. Als Bridgenorth von ſeinem Paſtor dieſen Ver⸗ weis erhielt, fing er an, ſich einige Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber zu machen, daß er im erſten Drange der Dank⸗ C 3— — barkeit ſich zu ſchnell zu einem vertrauten Verkehr mit dem Schloſſe Martindale hatte verleiten laſſen; aber er war zu ſtolz, dieß dem Prediger zu geſtehen, und erſt nach einem betraͤchtlichen Streit unter ihnen wurden ſie daruͤber eins, ihr Erſcheinen bei dem Feſte auf die Bedingung zu beſchraͤnken, daß in ih⸗ rer Gegenwart keine Geſundheiten getrunken wuͤr⸗ den. Bridgenorth war daher, als Abgeordneter und Repraͤſentant ſeiner Partei, verbunden, ſtand⸗ haft alle Vergleiche abzuweiſen, und ſo wurde Lady Peveril in große Verlegenheit geſetzt. Sie be⸗ dauerte es nun aufrichtig, uͤberhaupt ihre wohlge⸗ meinte Einladung gegeben zu haben; denn ſie ſah voraus, daß die abſchlaͤgliche Antwort alle vorigen Gegenſtaͤnde des Zwiſtes wieder aufwecken, und vielleicht zu neuen Gewaltthaͤtigkeiten unter Men⸗ ſchen fuͤhren wuͤrde, die ſeit wenig Jahren noch im Buͤrgerkrieg verwickelt geweſen waren. Den ſtreiti⸗ gen Punkt den Presbyterianern einzuraͤumen, waͤre eine toͤdtliche Beleidigung des Adels und insbeſondere des Ritter Peveril's geweſen; denn bei ihnen war es ein eben ſo feſter Ehrenpunkt, Geſundheiten aus⸗ zubringen und zu trinken, als es bei den Puritanern einen wichtigen Religionsartikel ausmachte, Beides zu verweigern. Endlich brach Lady Peveril von die⸗ ſer Materie des Geſpraͤchs ab, und fuͤhrte es auf — 55 das Kind des Majors, das ſie holen und in ſeine Arme bringen ließ. Der Kunſtgriff der Mutter ſchlug an; denn obgleich der parlamentariſche Major feſt ſtand, ſo wurde doch der Vater, wie in dem Falle des Gouverneurs von Tilbury, erweicht, und ließ ſich gefallen, daß ſeine Freunde einen Vergleich annaͤhmen. Dieſer beſtand darin, daß der Major ſelbſt, der ehrwuͤrdige Geiſtliche und die ſtrengen Anhaͤnger der Puritaniſchen Lehren unter ihren Freunden, eine beſondre Geſellſchaft in dem großen Beſuchszimmer bilden ſollten, waͤhrend Moultraſſie⸗ Hall von den jovialen Edelleuten eingenommen wuͤrde; und jede Partei ſollte es mit ihrem Trinken nach ihrem eignen Gewiſſen oder nach ihrem eignen Gebrauch halten. Major Bridgenorth ſelöſt ſchien ſich ſehr erleich⸗ tert zu fuͤhlen, daß dieſe wichtige Materie in Ord⸗ nung gebracht war. Er hatte es fuͤr eine Gewiſ⸗ ſensſache gehalten, hartnaͤckig auf ſeiner Meinung zu beharren; war aber herzlich froh, als er der ſcheinbar unvermeidlichen Nothwendigkeit auswich, Lady Peveril durch Ausſchlagung ihrer Einladung zu beleidigen. Sie verweilte laͤnger als gewoͤhnlich, und ſprach und laͤchelte mehr, als ſie ſonſt zu thun pflegte. Seine erſte Sorge bei ſeiner Zuruͤckkunft war, dem Geiſtlichen und ſeiner Gemeinde den von C 4 ihm geſchloſſenen Vergleich bekannt zu machen, und zwar nicht als eine Sache der Berathſchlagung, ſon⸗ dern als einen bereits feſtgeſetzten Beſchluß; und ſo groß war ſein Anſehen bei ihnen, daß, obgleich der Prediger eine Scheidung der Parteien auszuſprechen wuͤnſchte, und ausrief:„Zu euern Zelten, o Iſrael!“ er ſich doch nicht von ſo Vielen unterſtuͤtzt zu ſehen hoffen durfte, daß es die Muͤhe verlohnt haͤtte, die einmuͤthige Zufriedenheit mit dem Vorſchlage ihres Abgeordneten zu ſtoͤren. Indeſſen, da jede Partei durch die Folgen von Major Bridgenorth's Sendung in neue Regſamkeit gekommen war, ſo wurden ſo viele Zweifelspunkte und Gegenſtaͤnde delikater Eroͤrterung hinter einan: der zum Vorſchein gebracht, daß Lady Peveril, vielleicht die einzige Perſon, welche eine wirkliche Ausſoͤhnung unter ihnen zu bewirken wuͤnſchte, zum Lohn fuͤr ihre wohlwollenden Abſichten ſich den Ta⸗ del beider Faetionen zuzog, und viel Grund hatte, ihr wohlgemeintes Projekt, die Capulets und Mon⸗ tagues von Derbyſhire bei Gelegenheit eines öͤffent⸗ lichen Feſtes zu vereinigen, ſich reuen zu laſſen. Da es nun feſtgeſetzt war, daß die Gaͤſte zwei verſchiedene Partieen bilden ſollten, ſo wurde es nicht nur eine Streitſache unter ihnen, wer zuerſt in das Schloß Martindale eingelaſſen werden ſollte, 4 — — ſondern auch fuͤr Lady Peveril und Major Bridge⸗ north ein Gegenſtand ernſthafter Beſorgniß, es moͤchte bei ihrer Annaͤherung auf derſelben Auffahrt und an demſelben Eingange ein Streit unter ihnen entſtehen und in Thaͤtlichkeiten ausbrechen, ſelbſt ehe ſie noch den Ort der feſtlichen Verſammlung erreicht haͤtten. Die Lady Peveril glaubte ein treffliches Auskunftmittel zur Verhuͤtung eines ſolchen Zuſam⸗ menſtoßens entdeckt zu haben, indem ſie angab, daß die Adeligen durch dan Haupteingang eingelaſſen wuͤrden, waͤhrend die Puritaner durch eine von der Belagerung entſtandene große Breſche, in welcher ſeitdem eine Art Nebenweg, zum Austreiben des Viehes auf die Weide in den Wald, gemacht worden war, in das Schloß gelangen ſollten. Auf dieſe Art glaubte Lady Peveril alle Gefahren vermieden, die durch das Zuſammentreffen zwei ſolcher Parteien und durch den Streit uͤber den Vortritt entſtehen moͤchten. Verſchiedene andere geringere Umſtaͤnde wurden zugleich, und, wie es ſchien, ſo ſehr zur Zufriedenheit des Presbyterianiſchen Geiſtlichen an⸗ geordnet, daß er in einer langen Predigt uͤber das hochzeitliche Kleid ſich die Muͤhe gab, ſeinen Zuhoͤ⸗ rern zu erklaͤren, daß nicht allein außerlicher Anzug und Schmuck unter dieſem Ausdruck der Bibel ver⸗ ſtanden werde, ſondern auch eine angemeſſene Ge⸗ C. 5 muͤthsſtimmung zum Genuß einer friedlichen Feſt⸗ lichkeit; und daher ermahnte er ſeine Bruͤder, worin auch immer die Verirrungen der armen verblende⸗ ten Uebelgeſinnten, mit denen ſie morgen gewiſſer⸗ maßen eſſen und trinken ſollten, beſtehen moͤchten, ſo duͤrften ſie doch bei dieſer Gelegenheit kein Uebel⸗ wollen gegen ſie zeigen, damit ſie nicht dadurch Stoͤ⸗ rer des Friedens von Iſrael werden moͤchten. Der ehrliche Doktor Dummerar, der abgeſetzte biſchoͤfliche Vicarius von Martindale und Moultraſ⸗ ſie, predigte vor den Koͤniglichgeſinnten uͤber daſſelbe Thema. Er hatte den Pfarrdienſt vor Ausbruch der Rebellion verwaltet, und ſtand bei dem Ritter Peveril in hoher Gunſt, nicht blos wegen ſeiner ge⸗ ſunden Orthodoxie und tiefen Gelehrſamkeit, ſon⸗ dern auch wegen ſeiner ausnehmenden Geſchicklich⸗ keit im Kegelſchieben, und wegen ſeiner aufgeweck⸗ ten Unterhaltung bei einer Pfeife und einem Kruge im October. Fuͤr dieſe letztern Gaben hatte der Doctor die Ehre, von dem alten Century White in die Liſte der luͤderlichen, unfaͤhigen, verworfenen Geiſtlichen der engliſchen Kirche aufgenommen zu werden, die er bei Gott und Menſchen verklagte, vornehmlich wegen der abſcheulichen Suͤnde der Gluͤcksſpiele und der Spiele der Kunſt und des Nach⸗ denkens, und wegen des Beſuchs der geſellſchaftliche n 8 — 59 Zuſammenkuͤnfte ihrer Pfarrkinder. Als die Partei des Koͤnigs zu ſinken anfing, verließ Dr. Dummerar ſeine Pfarre, und begab ſich in das Feldlager, wo er bei verſchiedenen Gelegenheiten, als Kapellan bei Ritter Peveril's Regimente, bewies, daß ſein an⸗ ſehnlich gebauter Koͤrper ein wackeres maͤnnliches Herz in ſich trug. Als Alles verloren war, und er mit den meiſten andern koͤniglich⸗geſinnten Geiſt⸗ lichen ſeiner Pfruͤnde beraubt wurde, ſuchte er ſich zu helfen, ſo gut er konnte. Bald ſchlich er in die Dachſtuben alter Univerſitaͤtsfreunde, die mit ihm und ſeinesgleichen den geringen Unterhalt theilten, den ihnen die ſchlimmen Zeiten gelaſſen hatten; bald lag er in den Haͤuſern des unterdruͤckten und ſe⸗ queſtrirten Adels verborgen, dem ſeine Denkungs⸗ art ſowohl, als ſeine Leiden Achtung einfloͤßten. Als die Wiederherſtellung des Koͤnigthums ſtatt fand, kam Dr. Dummerar aus einem ſeiner Schlupfwin⸗ kel hervor, und eilte nach dem Schloſſe Martindale, um den von dieſer gluͤcklichen Veraͤnderung unzer⸗ trennlichen Triumph mitzufeiern. Seine Erſcheinung auf dem Schloſſe in voller geiſtlicher Amtstracht, und die warme Aufnahme, die ihm bei dem benachbarten Adel zu Theil ward, vermehrte die Unruhe nicht wenig, die ſich unter der vor kurzem noch uͤbermaͤchtigen Partei allmaͤhlich verbreitete. Es iſt wahr, Doctor Dummerar(ein redlicher, wuͤrdiger Mann) haͤgte keine uͤbertriebe⸗ nen Erwartungen von Befoͤrderung; aber die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß er wieder in die Pfarre eingeſetzt werden wuͤrde, aus der er unter ſehr ſchwachem Vorwande war vertrieben worden, gab dem Pres⸗ byterianiſchen Geiſtlichen einen ſtarken Stoß, indem er nicht anders, denn als ein unrechtmaͤßiger Be⸗ ſitzer betrachtet werden konnte. Das Intereſſe der beiden Prediger ſowohl, als die Geſinnungen ihrer Gemeinden, waren daher in geradem Widerſpruch; und hier legte ſich ein anderes widriges Hinderniß dem Plane der Lady Peveril zu einer allgemeinen und alles umfaſſenden Verſoͤhnung in den Weg. Nichts deſto weniger benahm ſich, wie wir be⸗ reits angedentet haben, Dr. Dummerar bei der Gelegenheit eben ſo artig, als der Presbyterianiſche Pfruͤndenbeſitzer gethan hatte. In einer Predigt, die er vor verſchiedenen der vornehmſten adeligen Familien(außer einem Haufen Dorfknaben, welche der neue Anblick eines Pfarrers im Prieſterrock und Chorhemde herbeigezogen hatte) im Schloßſaale hielt, verbreitete er ſich zwar ſehr weitlaͤuftig uͤber die Abſcheulichkeit der mancherlei von der aufruͤhre⸗ riſchen Partei in den letztern boͤſen Zeiten begange⸗ nen Verbrechen, und erhob die huldreiche und fried⸗ niſſe unſerer Geſc hichte ſchoͤpfen, haben die Nachicht — 61 fertige Geſinnung der gnaͤdigen Frau des Ritterſitzes, welche ſich herabließ, mit Freundſchaft und Gaſt⸗ freiheit Menſchen anzuſehen und in ihr Haus aufzu⸗ nehmen, welche an Grundſaͤtzen hingen, die zur Er⸗ mordung des Koͤnigs— zum Toͤdten und Berauben ſeiner ereuen Unterthanen— und zum Pluͤndern und Niederreißen der Kirche Gottes gefuͤhrt haͤtten. Allein nachher machte er dieß Alles recht artig mit der Bemerkung wieder gut, daß, weil es der Wille ihres gnaͤdigen und eben wieder eingeſetzten Monar⸗ chen, und das Belieben der verehrungswuͤrdigen Lady Peveril waͤre, daß dieſe halsſtarrige und aufruͤh⸗ reriſche Raſſe eine Zeit lang von den treuen Unter⸗ thanen geduldet werden ſolle, es hoͤchſt ſchicklich ſeyn wuͤrde, wenn alle dem Koͤnig ergebene Lehnsleute fuͤr jetzt Gegenſtaͤnde des Streits oder Zanks mit dieſen Soͤhnen Schimei's vermieden. Eine Ermah⸗ nung zur Geduld, welche er durch die troͤſtliche Ver⸗ ſicherung bekraͤftigte, daß ſie ſich nicht lange ihrer aufruͤhreriſchen Handlungen enthalten koͤnnten; in welchem Falle die Royaliſten vor Gott und Menſchen gerechtfertigt ſtehen wuͤrden, wenn ſie dieſelben von dem Antlitz der Erde vertilgten. Die genauern Beobachter der merkwuͤrdigen Be⸗ gebenheiten der Zeiten, aus welchen wir die Ereig⸗ ſchriftlich hinterlaſſen, daß dieſe zwei verſchiedenen Vortraͤge, ohne Zweifel, ſehr wider die Abſicht der wuͤrdigen Geiſtlichen, von denen ſie gehalten wur⸗ den, mehr zur Aufregung als zur Beilegung der Streitigkeiten zwiſchen den beiden Parteien gewirkt haben. Unter ſolchen uͤbeln Vorbedeutungen und mit entſprechenden Ahnungen in der Seele der Lady Peveril, kam endlich der Tag der Feſtlichkeit heran. In verſchiedenen Reihen, und indem jede eine Art Prozeſſion bildete, als wollten die Anhaͤnger je⸗ der Partei ihre Staͤrke und Menge zeigen, naͤherten ſich die zwei verſchiedenen Factionen dem Schloß Martindale; und ſie unterſchieden ſich ſo ſehr in Tracht, Anſehen und Manier, daß es ausſah, als wenn die luſtigen Gaͤſte eines Hochzeitfeſtes und die traurigen Begleiter eines Leichenzuges, von verſchie⸗ denen Gegenden aus, ſich auf denſelben n Thuntt hin bewegten. Die Puritaniſche Partei war bei weitem die ge⸗ ringere an der Zahl, wovon ſich zwei triftige Gruͤnde anfuͤhren ließen. Fuͤrs Erſte, ſie hatten mehrere Jahre lang Anſehen und Macht beſeſſen, und wa⸗ ren daher unbeliebt bei dem gemeinen Volke gewor⸗ den, welches niemals denen ergeben iſt, die im un⸗ mittelbaren Beſitze der Gewalt oft genoͤthigt ſind, ſie zur Beſchraͤnkung ſeiner Launen und Neigungen —— ——— anzuwenden. Außerdem liebte das Landvolk Eng⸗ lands, wie immer noch, ganz vorzuͤglich laͤndliche Beluſtigungen, und beſaß eine natuͤrliche ungebun⸗ dene Munterkeit des Temperaments, welche es un⸗ ter der ſtrengen Zucht der fanatiſchen Prediger un⸗ geduldig machte; und nicht weniger mußte es mit dem millitaͤriſchen Despotismus von Cromwell's Ge⸗ neralmajoren unzufrieden ſeyn. Fuͤrs Zweite war das Volk, wie gewoͤhnlich, veraͤnderlich, und die Ruͤckkehr des Koͤnigs hatte den Reiz der Neuheit, und war daher dem Volke angenehm. Die Seite der Puritaner wurde zu dieſer Zeit auch von einer zahlreichen Klaſſe verſtaͤndigerer und kluͤgerer Per⸗ ſonen verlaſſen, welche nicht eher von ihnen abgin⸗ gen, als bis ſie ungluͤcklich wurden. Dieſe ſcharf⸗ ſinnigen Perſonen hießen in jenem Zeitalter die Anhaͤnger der Vorſehung, und hielten es fuͤr ein hohes Vergehen gegen den Himmel, wann ſie irgend einer Sache laͤnger Unterſtuͤtzung gewaͤhr⸗ ten, als ſie durch das Gluͤck beguͤnſtigt wuͤrde. Allein, obgleich die Partei der Puritaner ſo von den Unbeſtaͤndigen und Selbſtſuͤchtigen verlaſſen war; ein feierlicher Enthuſiasmus, eine ernſte und beſtimmte Tiefe des Princips, Zutrauen in die Auf⸗ richtigkeit ihrer eigenen Beweggruͤnde, und der maͤnnliche Engliſche Stolz, welcher ſie geneigt machte, 64— an ihren vormaligen Meinungen zu hangen, gleich dem Reiſenden in der Fabel an ſeinem Mantel, je heftiger der Sturm um ihn her brauſ'te, hielt doch viele in den Reihen der Puritaner zuruͤck, welche zwar nicht mehr durch ihre Menge, aber noch im⸗ 3 mer durch ihren Charakter furchtbar waren. Sie beſtanden hauptſaͤchlich aus dem mittlern Adel, nebſt Andern, welche Gewerbfleiß oder gluͤckliche Specu⸗ lationen im Handel oder im Bergwerk emporgebracht hatten— als den Perſonen, welche durch die uͤber⸗ ragende Ariſtokratie am meiſten! in Schatten ge⸗ ſtellt werden, und in Vertheidigung ihrer ver⸗ meinten Rechte die heftigſten ſind. Ihre Kleidung hatte im Ganzen eine geſuchte Einfachheit und An⸗ 3 ſpruchloſigkeit, oder war nur durch die widerſpre⸗ chende Affeetation von aͤußerſter Simplicitaͤt oder Nachlaͤſſigkeit ausgezeichnet. Die dunkle Farbe ih⸗ rer Maͤntel, vom voͤlligen Schwarz zu allen andern dunkeln Farben hinuͤber ſpielend,— ihre thurmfoͤr⸗ migen Huͤte mit breiten dunkeln Raͤndern,— ihre langen Schwerte, an einem einfachen Riemen um die Lenden hangend, ohne Schultergurt, Degen⸗ quaſten, Platte, Schnallen oder andre Zierrathen, womit der Adel gern ſeine Degen ſchmuͤckte,— ihr kurzes Haar, das ihre Ohren unfoͤrmlich hervorra⸗ gen ließ,— vor Allem der duͤſtre Ernſt ihrer Mie⸗ —— Schutt der Breſche und von der Breſche ſelbſt halb — 65 nen, verkuͤndigten, daß ſie zu der Klaſſe von Schwaͤr⸗ mern gehoͤrten, welche, eritſchloſſen und unerſchrok⸗ ken, den vorigen Bau der Staatsverfaſſung nieder⸗ geriſſen hatten, und nun mit etwas mehr als Arg⸗ wohn denjenigen betrachteten, welcher ſo unerwar⸗ tet an deſſen Stelle getreten war. Es herrſchte et⸗ was Truͤbes in ihren Geſichtszuͤgen; doch war es nicht Ausdruck der Niedergeſchlagenheit, viel weni⸗ ger der Verzweiflung. Sie ſahen aus, wie alte Krieger nach einer Niederlage, die in ihrem Lauf gehemmt und in ihrem Stolz verwundet ſeyn moch⸗ ten, aber ihren alten Muth nicht verloren hatten. Die nun herrſchend gewordene Melancholie, die auf Major Bridgenorth's Geſicht lag, ſtand ihm wohl an, als Anfuͤhrer des Haufens, der jetzt vom Dorfe heranzog, aufzutreten. Als ſie den Punkt erreich⸗ ten, bei dem ſie ſich zuerſt ſeitwaͤrts nach den das Schloß umgebenden Waͤldern wenden mußten, ent⸗ ſtand in ihnen ein voruͤberziehendes Gefuͤhl von Her⸗ abſetzung, als wenn ſie die Landſtraße ihren alten und oft geſchlagenen Feinden, den Royaliſten, uͤber⸗ laſſen muͤßten. Als ſie anfingen den gewundenen Pfad, welcher der taͤgliche Weg des Viehs war, hin⸗ aufzuſteigen, gab ihnen die offene Schlucht des Hol⸗ zes eine Ausſicht auf den Schloßgraben, der vom verſtopft war, welche man an der Ecke eines großen viereckigen Seitenthurms(deſſen eine Haͤlfte in Truͤmmer zerſchmettert war, waͤhrend das andre Bruchſtuͤck in einem ſehr baufaͤlligen Zuſtande ſtehen blieb und uͤber der hohen Oeffnung in der Mauer zu ſchwanken ſchien) gemacht hatte. Ein ernſtes ſtilles Laͤcheln wurde unter den Puritanern gewechſelt, weil der Anblick ſie an die vormaligen Siege erinnerte. Holdfaſt Clegg, ein Muͤhlenbauer von Derby, der ſelbſt bei der Belagerung Hand angelegt hatte, zeigte auf die Breſche, und ſagte mit einem muͤrriſchen Laͤcheln zu Herrn Solsgrace:„Ich haͤtte ſchwerlich geglaubt, als ich mit eigner Hand die Kanone, die Oliver gegen jenen Thurm beorderte, richten half, daß wir, wie Fuͤchſe, auf dieſelben Mauern wuͤrden klettern muͤſſen, die wir mit unſerm Bogen und Spieß erobert hatten. Mich deucht, dieſe Uebelges ſinnten hatten damals genug damit zu thun, ihre Thore zu ſchließen und ihre Veſten gegen uns zu erhoͤhen.“ „Sei ſtill, mein Bruder,“ ſagte Dalagrang, ſei ſtill, und laß deine Seele nicht beunruhigt werden. Wir gehen nicht ſchimpflich an dieſen hohen Ort, ſintemal wir durch das Thor heranſteigen, welches der Herr dem Frommen geoͤffnet hat. 3 Die Worte des Paſtors waren wie ein dee — ᷣĆ —— aus ſeinem Munde gefallen war, als eine Vorbe⸗ deutung, und als ein Licht vom Himmel auf, wie die Iſraeliten die Siege feierten, welche ihnen uͤber den froͤhlichen Zug der Adeligen(Koͤniglichgeſinnten), welche ſo ſtattlich geputzt, als ihr oͤfteres Mißge⸗ 67 funke auf Schießpulver. Die Mienen des traurigen Gefolges klaͤrten ſich ploͤtzlich auf; ſie nahmen, was ſie ihre gegenwaͤrtige Lage anſehen ſollten, und er⸗ hoben einmuͤthig einen der Triumphgeſaͤnge, womit die heidniſchen Bewohner des Gelobten Landes wa⸗ ren verliehen worden. „Der Herr erhebe ſich! Und ſeine Feinde flieh'n; Vor Furcht entrinnen ſie, Und ſchwinden weit zerſtreut. Wie Wachs am Feuer ſchmilzt, Und Wind den Dampf verweht, So ſinkt, o Herr, vor Dir Der Boͤſe in den Staub. Groß iſt das Heer des Herrn, Der Engel maͤcht'ge Schaar; Das Heer auf Sinai Iſt ihnen allen nah. Du, Herr, erhobeſt dich, Und ſchlugſt in Feſſeln ſie, Die dein erleſ'nes Volk In Knecht ſchaft einſt geſchleppt.“ Dieſe Toͤne des frommen Triumphs erreichten 68— ſchick und ihr Verarmen ihnen erlaubte, ſich nach demſelben Ziele, wiewohl auf einer andern Straße, hin bewegten, und die Haupteinfahrt des Schloſſes mit Liſt und Froͤhlichkeit zu erfuͤllen im Begriff waren. Die beiden Parteien kontraſtrirten ſtark mit einander; denn waͤhrend der Periode der buͤrgerli⸗ chen Uneinigkeiten unterſchieden ſich dieſe verfchiede⸗ nen Factionen in ihren Sitten eben ſo vollkommen, als durch abweichende Uniformen haͤtte geſchehen koͤnnen. Wenn der Puritaner eine geſuchte Einfach⸗ heit in der Tracht, und eine laͤcherliche Genauigkeit in ſeinem Verhalten beobachtete, ſo trieb der Adlige und Royaliſt dagegen ſeine Liebe zum Putz oft bis zum Flitterſtaat, und ſeine Verachtung der Heuche⸗ lei bis zur ausgelaſſenen Sittenloſigkeit. Muntere ſtattliche Leute, jung und alt, draͤngten ſich nun zu⸗ ſammen nach dem alten Schloſſe mit allgemeinem frohen Ausdruck jenes leichten Sinnes, der ſie durch die ſchlimmſten Zeiten(wie ſie Cromwell's Zwang⸗ herrſchaft nannten) hindurch getragen hatte, und nunmehr ſie faſt uͤber die Graͤnzen der nuͤchternen Denkungsart hinausfuͤhrte. Federn flatterten, Treſ⸗ ſen ſchimmerten, Spieße klirrten, Roſſe ſchwenkten ſich; und hier und da wurde ein Karabiner oder ein Piſtol von Jemand abgefeuert, der ſeine eigene Na⸗ turgabe Laͤrm zu machen der feſtlichen Gelegenheit — * — 69 nicht entſprechend fand. Knaben aus dem gemeinen Volke,— denn, wir wiederholen es, der Poͤbel hielt ſich, wie immer, an die herrſchende Partei,— jubelten, und ſchrieen:„Nieder mit dem Rumpf*)* Schimpf und Schande uͤber Cromwell!“ Muſikali⸗ ſche Inſtrumente von ſo mancherlei Arten, als da⸗ mals uͤblich waren, ſpielten alle zuſammen, und ohne Ruͤckſicht auf die Melodie eines jeden; und die Luſt des Augenblicks, welche den Stolz der Vorneh⸗ men mit dem allgemeinen Schwarm gleichſam ver⸗ bruͤderte, erhielt noch eine Wuͤrze durch das trium⸗ phirende Bewußtſeyn, daß ihr Jubel von ihren Nachbarn, den muthloſen Puritanern, gehoͤrt wurde. Als der laute Schall der Pſalmmelodie, welcher durch die Echos der verfallenen Mauern wiederhallte, zu den Ohren der Royaliſten drang, um ſie gleichſam zu erinnern, wie wenig ſie auf die Unterdruͤckung ih⸗ rer Gegner zu bagen haͤtten, wurde von ihnen dar⸗ auf zuerſt mit einem ſpoͤttiſchen Gelaͤchter geantwor⸗ tet, das man ſo laut, als die Lungen erlaubten, er⸗ ſchallen ließ, damit es den Pſalmſaͤngern die Ver⸗ achtung ihrer Zuhoͤrer verkuͤndigen moͤchte; aber dieß war eine erzwungene Aeußerung des Parteihaſſes. In melancholiſchen Gefuͤhlen liegt mehr, was einem *) Rump nannte man den Reſt des Parlaments, welches Karl den I. entſetzte. 2 unvollkommenen und bedraͤngten Zuſtande entſpricht, als in froͤhlichen; und wenn beide in eine Beruͤh⸗ rung gebracht werden, ſo ſiegen meiſtentheils die er⸗ ſtern. Wenn ein Leichenbegaͤngniß und eine Hoch⸗ zeitprozeſſion unerwartet zuſammentraͤfen, ſo wird man mir gern einraͤumen, daß die Froͤhlichkeit des letztern bald Etwas von dem duͤſtern Ton des erſtern annehmen wuͤrde. Aber die Adeligen und Royali⸗ ſten hatten uͤberdieß Mitgefuͤhle von einer andern Art. Die Pſalmmelodie, welche ihnen jetzt ins Ohr drang, war zu oft gehoͤrt worden, und bei zu vielen Gelegenheiten dem uͤber die Widerſpaͤnſtigen gewonnenen Siege vorhergegangen, um von ihnen, ſelbſt bei ihrem Triumph, ohne Gemuͤthsbewegung gehoͤrt werden zu koͤnnen. Jetzt entſtand eine Art Pauſe, deren ſich die Partei ſelbſt in etwas zu ſchaͤ⸗ men ſchien, bis das Stillſchweigen durch den alten wackern Ritter, Sir Jasper Cranbourne, gebro⸗ chen wurde, deſſen Tapferkeit ſo allgemein anerkannt war, daß er ſelbſt ſolche Regungen frei geſtehen durfte, welche Leute von einigermaßen zweifelhafter Herzhaftigkeit zu bekennen unklug gefunden haben wuͤrden. „Ha ha, ſagte der alte Ritter, kein Tropfen Claͤret ſoll wieder uͤber meine Zunge kommen, wenn 3 das nicht daſſelbe Lied iſt, mit dem die ſpitzoͤhrigen 8 Schurken ihren Angriff auf Wigganlaͤne anfingen, wo ſie uns wie die Kegel niederrollten! Wahrhaftig, Nachbar, offenherzig zu reden, dem Teufel zum Trotz, die Melodie will mir eben nicht behagen.“ „Wuͤßt' ich, die ſtutzkoͤpfigen Schurken thaͤten es uns zum Hohn, rief Richard Wildblood von dem Thale, ich wollte ihnen ihr Pſalmſingen aus ihren Bauerkehlen mit dieſem Knittel herausſchla⸗ gen.“ Ein Ausbruch, der, vom alten Roger Raine, dem betrunkenen Kellner des Peverilſchen Hauſes im Dorfe, unterſtuͤtzt, ein allgemeines Gefecht haͤtte zuwege bringen koͤnnen, wenn nicht Ritter Cran⸗ bourne den Streit verhuͤtet haͤtte. „Wir wollen keine Fehde haben, Richard, ſagte der alte Ritter zu dem jungen Verwalter; nein, nein, wir wollen keine Schlaͤgerei haben, aus drei Gruͤn⸗ den: erſtens, weil es unartig gegen Lady Peveril. waͤre; dann, weil es wider den Frieden des Koͤnigs iſt; und endlich, Richard, weil, wenn wir die Pſalm ſingenden Schurken anfielen, du am ſchlimm⸗ ſten dabei wegkommen wuͤrdeſt, wie du es erfahren haſt, Richard.“ „Wer, ich! Ritter Jaſper, antwortete Richard, ich am ſchlimmſten weggekommen? Ich will ver⸗ dammt ſeyn, wenn es je geſchah, außer in dem verwuͤnſchten engen Paß, wo wir nicht mehr Flanke, 72 Fronte, und Nachtrab hatten, als eben ſo viele Haͤringe in einer Tonne.“ „Das war die Urſache, denk ch, antwortete der Ritter Jaſper Cranbourn, daß ihr, um den Fehler gut zu machen, in die Hecke krocht und da ſtecken bliebt, Roß und Mann, bis ich Dich mit meinem Commandoſtab heraus ſchlug; und dann, anſtatt auf die Fronte los zu gehen, machtet ihr rechts um, und fort ſo ſchnel⸗ als euch eure Fuͤße kragen konnten.“ Dieſe Erinnerung brachte ein Gelrchter auf Ri⸗ chard's Unkoſten hervor, der dafuͤr bekannt oder we⸗ nigſtens im Verdacht war, mehr Muth auf der Zunge, als im Herzen zu haben. Und da dieſe Art Spoͤtterei von Seiten des Ritters die Empfind⸗ lichkeit, die in dem Buſen der royaliſtiſchen Caval⸗ eade zu erwachen anfing, gluͤcklich gedaͤmpft hatte, ſo wurden fernere Urſachen zum Anſtoß durch das ploͤtzliche Aufhoͤren jener Toͤne entfernt, die ſie als eine abſichtliche Kraͤnkung hatten auslegen wollen. 4 Dieß verdankte man der Ankunft der Puritaner auf dem Boden der großen und weiten Breſche, welche ehedem durch ihre ſiegreiche Kanone in die Mauer des Schloſſes gemacht worden war. Der Anblick ihrer Schutthaufen und der zerriſſenen Theile des Gebaͤudes, von welchem aus ſich allmaͤhlich ein⸗ ſchmaler und ſteiler Pfad wand, dergleichen unter alten Ruinen durch den ſeltenen Zutritt der gele⸗ gentlichen Beſucher gemacht wird, war dazu geeig⸗ net, im Kontraſt mit den grauen und feſten Thuͤr⸗ men und Cortinen, die noch unverletzt ſtanden, ſie an ihren Sieg uͤber die Feſtung ihrer Feinde, und daran zu erinnern, wie ſie Edle und Prinzen mit 'eiſernen Feſſeln gebunden hatten. Aber angemeſſenere Gefuͤhle, fuͤr die Abſicht ih⸗ res Beſuchs auf dem Schloſſe Martindale, erwach⸗ ten ſelbſt in dem Buſen dieſer ſtrengen Sectirer, als die Dame des Schloſſes, noch in der friſchen Bluͤthe der Schoͤnheit und Weiblichkeit, mit ihrer vornehm⸗ ſten weiblichen Begleitung, an dem Ende der Bre⸗ ſche erſchien, ihre Gaͤſte mit der ihrer Einladung ge⸗ buͤhrenden Ehre und Hoͤflichkeit zu empfangen. Sie hatte die ſchwarze Kleidung, welche mehrere Jahre hindurch ihre einzige Tracht war, abgelegt, und war mit einem Glanz geſchmuͤckt, der ihrer hohen Ab⸗ kunft und ihrem Stande wohl ziemte. Juwelen freilich hatte ſie nicht; aber ihr langes und dunkles Haar war mit einem Kranze von Eichenlaube und eingeflochtenen Lilien geziert; jenes zum Sinnbilde der Erhaltung des Koͤnigs in der Koͤniglichen Eiche, und dieſe als Zeichen ſeiner gluͤcklichen Wiederein⸗ ſetzung. Was ihre Gegenwart denen, die ſie erblick⸗ I. D 74— ten, noch intereſſanter machte, war die Anweſen⸗ heit der zwei Kinder, die ſie an beiden Haͤnden hielt; eins derſelben war Allen als das Kind ihres Anfuͤhe rers, Major Bridgenorth's, wohl bekannt, welches durch die faſt muͤtterliche Sorgfalt der Lady Peveril im Leben und Wohlſeyn erhalten worden war. Wenn ſelbſt die geringeren Perſonen der Geſell⸗ ſchaft den heilenden Einfluß ihrer Gegenwart in die⸗ ſer Begleitung fuͤhlten, ſo wurde der arme Bridge⸗ north faſt davon uͤberwaͤltigt. Die Strenge ſeiner Kaſte und ihrer Sitte erlaubten ihm zwar nicht, aufs Knie zu fallen, und die Hand zu kuͤſſen, welche ſeine kleine Waiſe hielt; aber die Tiefe ſeiner Ver⸗ beugung, das Zittern und Stottern ſeiner Stimme, und das Glaͤnzen ſeines Auges, verriethen eine dank⸗. bare Ehrerbietung gegen die Dame, zu der er ſprach, in einem innigern und ehrfurchtsvollern Ausdruck, als ſelbſt durch eine Niederwerfung nach Perſiſcher Sitte haͤtte geſchehen koͤnnen. Einige wenige artige und milde Worte uͤber das Vergnuͤgen, wieder ein⸗ mal ihre Nachbaren als ihre Freunde zu ſehen; ei⸗ nige guͤtige Nachfragen, an die vornehmſten unter ihren Gaͤſten gerichtet, uͤber ihre Familien und Be⸗ kannten, vollendeten ihren Triumph uͤber feindſelige Gedanken und gefaͤhrliche Zuruͤckerinnerungen, und 6 — 25 ſtimmten die Gemuͤther zur Theilnahme an dem Zwecke der Verſammlung. Sogar Solsgrace ſelbſt, der ſich freilich durch Amt und Pflicht verbunden glaubte, uͤber die man⸗ cherlei Liſt„der Amalekitiſchen Weiber“ zu wachen und ihr entgegen zu arbeiten, entging der ſympa⸗ thetiſchen Anſteckung nicht; er wurde von den Zei⸗ chen des Friedens und Wohlwollens, welche Lady Peveril ihn wahrnehmen ließ, ſo ergriffen, daß er ſogleich den Pſalm anhub: O was iſt es fuͤr Seligkeit Und Freude fuͤr das Herz, Wenn Bruͤder bei einander ſind In Freundſchaft und in Einigkeit! Lady Peveril empfing dieſe Begruͤßung als eine erwiederte Hoͤflichkeit, und fuͤhrte nun in Perſon dieſe Partie ihrer Gaͤſte in das Zimmer, wo die Tufel mit reichlichem Vorrath beſetzt war; und hatte ſo⸗ gar die Geduld zu bleiben, waͤhrend Paſtor Nehe⸗ miah Solsgrace ein Tiſchgebet von ungeheurer Laͤnge als Einleitung zu dem Gaſtmahle herſagte. Ihre Gegenwart war einigermaßen ein Zwang fuͤr den ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, deſſen Vortrag um ſo laͤn⸗ ger waͤhrte, und um ſo verwickelter ward, weil er ſich verhindert fuͤhlte, ihn durch ſeine gewoͤhnliche alliterative Bitte um Befreiung von Pa pſtthum, Praͤlatur, und Peveril of the Peak, ab⸗ . D 2 76 zukuͤrzen, welche ihm jedoch ſo zur Gewohnheit ge⸗ worden war, daß er, nach verſchiedenen Verſuchen mit einer andern Redeform zu ſchließen, endlich ſich genothigt ſah, die erſten Worte ſeiner uͤblichen Formel laut auszuſprechen, die uͤbrigen aber auf eine ſolche Art zu murmeln, daß ſelbſt die naͤchſten Zuhoͤrer ſie nicht verſtehen konnten. Auf das Stillſchweigen des Geiſtlichen folgte all das vielfache Geraͤuſch, welche das Platz nehmen einer hungrigen Geſellſchaft an einer wohlbeſetzten Tafel ankuͤndiget; und verſchaffte zu gleicher Zeit der Lady Gelegenheit, das Zimmer zu verlaſſen, und nach der Bedienung ihrer andern Geſellſchaft zu ſe⸗ 6 hen. Sie fuͤhlte in der That, daß es hohe Zeit war⸗ dieß zu thun, und daß die royaliſtiſchen Gaͤſte die fruͤhere Aufmerkſamkeit, welche ſie der Klugheit gemaͤß fand den Puritanern zu beweiſen, uͤbel zu deuten oder ſelbſt zu ahnden geneigt ſeyn moͤchten. Dieſe Beſorgniſſe waren nicht ganz ungegruͤndet. Umſonſt hatte der Haushofmeiſter die koͤnigliche Fahne mit ihrem ſtolzen Motto„Tandem trium- phans“ Cnendlich ſiegreich“) an einem der großen Thuͤrme, welche zur Seite des Haupteinganges ſtan⸗ den, aufgeſteckt; waͤhrend von dem andern das Pa⸗ nier Peverils von dem Gipfel fuatterte, anter welchem Viele von denen, die nun naheten, — 77 waͤhrend der Abwechslungen des Buͤrgerkriegs ge⸗ fochten hatten. Umſonſt wiederholte er ſeinen lauten Ausruf:„Willkommen, edle Ritter und Herren, will⸗ kommen!“ Es gab ein dumpfes Murmeln unter ihnen, daß das Willkommen aus dem Munde der Gemahlin des Oberſten, nicht aus dem eines Do⸗ meſtiken, haͤtte kommen ſollen. Sir Jasper Cran⸗ bourne, der ſowohl geſunden Verſtand, als Geiſt und Muth beſaß, und die Beweggruͤnde ſeiner ſchoͤ⸗ nen Couſine wohl kannte, auch allerdings von ihr uͤber alle von ihr angenommenen Einrichtungen war zu Rath gezogen worden„ fand die Lage der Dinge ſo, daß keine Zeit zu verlieren war, die Gaͤſte ins Speiſezimmer zu fuͤhren, wo eine gluͤckliche Ablen⸗ kung von allen dieſen Gegenſtaͤnden erwachenden Mißvergnuͤgens vermittelſt der Tafelgenuͤſſe aller Art, wofuͤr die Lady ſo reichlich geſorgt hatte, ge⸗ macht werden konnte. Der Kunſtgriff des alten Kriegers gelang im hoͤchſten Grade. Er nahm den großen Eichenſtuhl ein, auf dem der Haushofmeiſter bei ſeinen Amts⸗ geſchaͤften zu ſitzen pflegte; und nachdem Dr. Dum⸗ merar ein kurzes lateiniſches Tiſchgebet geſprochen (das nicht weniger von den Zuhoͤrern geſchaͤtzt wurde, da es keiner verſtand), ermunterte Sir Jasper die Geſellſchaft, ihren Appetit zur Mahlzeit durch einen D 3 78— vollen Kelch auf das Wohl Seiner Majeſtaͤt zu ſchaͤrfen. Im Augenblick war Alles laut mit dem Klange der Weinglaͤſer und Flaſchen. Im andern Augenblick ſtanden die Gaͤſte auf ihren Fuͤßen, gleich ſo vielen Statuͤen, todtenſtill„ aber mit glaͤnzenden erwartungsvollen Blicken und mit ausgeſtreckten Haͤnden, welche ihre vollen, dem Koͤnig geweihten Pokale hielten. Die Stimme des Ritters Jasper Cranbourne, hell, volltoͤnend und nachdruͤcklich, wie der Klang ſeiner Feldtrompete, verkuͤndigte die Ge⸗ ſundheit des wiedereingeſetzten Monarchen, ſchuell wiederhallend von der Verſammlung, welche vor Ungeduld brannte, die gebuͤhrende Huldigung dar⸗ zubringen. Eine andre kurze Pauſe fuͤllte das Aus⸗ leeren ihrer Glaͤſer und der gemeinſchaftliche Aus⸗ bruch in einen ſo lauten Ausruf der Geſundheit, daß nicht nur die Balken des alten Saales im Wieder⸗ hall erzitterten, ſondern auch die Eichen⸗ und Blu⸗ mengewinde, womit ſie geſchmuͤckt waren, in Be⸗ wegung geriethen, und, wie von ploͤtzlichem Wirbel⸗ wind, rauſchten. Nach dieſem feierlichen Akt, fiel nun die Geſellſchaft uͤber die Gerichte her, unter denen die Tafel droͤhnte, ermuntert dazu durch Froͤh⸗ lichkeit und Geſang; denn alle Minneſaͤnger des Be⸗ zirks warteten auf, welche, gleich der biſchoͤflichen Geiſtlichkeit, unter der Herrſchaft der eigenmaͤchti⸗ 2 —— — 99 gen Heiligen des Gemeinen Weſens bisher hatten verſtummen muͤſſen. Das geſellige Geſchaͤft des guten Eſſens und Trinkens, die wechſelſeitigen Ge⸗ ſundheiten zwiſchen alten Nachbarn, welche Feldka⸗ meraden im Augenblicke des Widerſtandes— Lei⸗ densgefaͤhrten zur Zeit des Drucks und der Unter⸗ jochung geweſen, und nunmehr Mitgenoſſen gleicher allgemeiner Gegenſtaͤnde der Gluͤckwuͤnſche waren, verwiſchten bald aus ihrem Andenken die nichtige Urſache der Beſchwerde, welche bei Einigen die Feſt⸗ lichkeit des Tages getruͤbt hatte; ſo daß, als Lady Peveril, wie zuvor, von den Kindern und ihren Damen begleitet, in den Saal trat, ſie mit den Zurufungen bewillkommt wurde, welche der Wirthin des Feſtes und der Frau des Schloſſes, der Gemah⸗ lin des edeln Ritters gebuͤhrten, welcher die meiſten von ihnen mit unerſchrockenen und ausharrendem, eines beſſern Erfolgs wuͤrdigem Muth in die Schlacht gefuͤhrt hatte. Ihre Anrede an ſie war kurz und anſtaͤndig, doch mit ſo viel Gefuͤhl geſprochen, daß ſie jedes Herz ruͤhren mußte. Sie entſchuldigte ihre ſpaͤtere Be⸗ willkommung durch die Bemerkung, daß an dieſem Tage Perſonen im Schloſſe zugegen waͤren, welche neuere gluͤckliche Begebenheiten aus Feinden zu Freunden gemacht haͤtten, bei denen aber der letztere D 4 80 habe irgend einen Punkt des Zerimoniells bei ihnen zu vernachlaͤſſigen. Allein Diejenigen, zu denen ſie jetzt ſpreche, waͤren die beſten, die theuerſten, die treueſten Freunde von ihres Mannes Hauſe, de⸗ nen und deren Tapferkeit Peveril nicht nur jene gluͤcklichen Erfolge verdanke, die ihnen und ihm in den letztern traurigen Zeiten Ruhm verſchafft, ſon⸗ dern deren Muthe ſie insbeſondre die Erhaltung des Lebens ihres Anfuͤhrers ſchuldig waͤren, ſelbſt als er keine Niederlage abwenden konnte. Ein oder zwei Worte des herzlichſten Gluͤckwunſches zur gluͤck⸗ lichen Wiederherſtellung der koͤniglichen Familie und Regierung vollendeten Alles, was ſie hinzu zu ſetzen wagte, und mit einer gefaͤlligen Verbeugung rings umher, erhob ſie ein Glas an ihre Lippen, gleich⸗ ſam zur Bewillkommung ihrer Gaͤſte. Noch glimmte, beſonders unter den alten Rit⸗ tern dieſer Periode, ein Funke jenes Geiſtes, wel⸗ cher Froiſſard beſeelte, da er erklaͤrt, daß ein Rit⸗ ter doppelten Muth noͤthig habe, wenn er von den Blicken und Worten einer ſchoͤnen und tugendhaften Frau bezaubert werde. Bis zu der Regierung, welche in dem Augenblicke anfing, von dem wir handeln, hatte noch nicht die Zuͤgelloſigkeit des Zeit⸗ alters, welches ein allgemeines Sittenverderben ein⸗ Charakter noch ſo neu waͤre, daß ſie nicht gewagt 7 —— — 31 fuͤhrte, das weibliche Geſchlecht zu bloßen Dienerin⸗ nen des Vergnuͤgens herabgewuͤrdigt, und hierdurch die Geſellſchaft des edlen Tones derjenigen Empfin⸗ dung gegen dieſes Geſchlecht beraubt, welche als ein Sporn„zur Weckung des lautern Sinnes“ betrach⸗ tet, uͤber jeden andern Antrieb, den der Religion und Vaterlandsliebe ausgenommen, erhaben iſt. Die Balken des alten Schloßſaals von Martindale erbebten ſogleich von einem lautern und hellern Ruf, als von dem ſie ſo neuerlich gezittert hatten, und die Namen des Ritters von dem Gipfel und ſeiner Gemahlin wurden, unter dem Schwanken der Muͤtzen und Huͤte, und unter allgemeinen Wuͤnſchen ihres Wohlſeyns und Gluͤcks, ausgerufen. Unter dieſen frohen Ausſichten entfernte ſich Lady Peveril aus dem Saale, und gab dem Jubel des Abends freien Spielraum. Die Froͤhlichkeit der Ritter und Edeln laͤßt ſich leicht denken, da ſie die gewoͤhnliche Begleitung des Geſanges, der Scherze, der Geſundheiten und der Muſik dabei hatten, welche faſt zu allen Zeiten und in allen Welttheilen einem frohen Mahle zur Begleitung gedient haben. Die Unterhaltung der Puritaner war von einer andern und weniger rau⸗ ſchenden Art. Bei ihnen gab es weder Geſang, noch Scherze, noch Muſik, noch Geſundheiten; und doch D 5 82 ſchienen ſie nicht weniger, nach ihrem eigenen Aus⸗ drucke, die Erquickungen der Creatur zu genießen, welche die Gebrechlichkeit der M fenſchheit ihrem aͤu⸗ ßerlichen Menſchen angenehm machen. Der alte Whitaker ſelbſt betheuerte, daß ſie, obgleich viel kleiner an der Zahl, doch faſt ſo viel Sect und Cla⸗ retwein verbrauchten, als ſeine eigenen aufgeweck⸗ tern Parteigenoſſen. Jedoch wer die Vorurtheile des Haushofmeiſters erwaͤgt, moͤchte glauben, daß er, um ein ſolches Reſultat hervorzubringen, ſeine eigenen Nebenzechen— kein unbedeutendes item— zur Totalſumme der Zechen der Presbyterianer muͤſſe hinzu gerechnet haben. Ohne einen ſo parteiiſchen und anſtoͤßigen Bericht anzunehmen, wollen wir blos ſagen, daß bei dieſer Gelegenheit, wie bei den meiſten andern, die Sel⸗ tenheit des Genuſſes das Gefuͤhl des Vergnuͤgens er⸗ hoͤhte, und daß diejenigen, welche Enthaltſamkeit oder wenigſtens Maͤßigkeit zu einem religioͤſen Grund⸗ ſatz machten, ihre geſelligen Zuſammenkuͤnfte um ſo beſſer genoſſen, je ſeltener ſolche Gelegenheiten ſich ihnen darboten. Wenn ſie auch nicht wirklich Ge⸗ ſundheiten einander zutranken, ſo zeigten ſie wenig⸗ ſtens durch einander zugeworfene Blicke und Kopf⸗ nicken bei Erhebung ihrer Glaͤſer, daß ſie alle die⸗ ſelbe froͤhliche Befriedigung ihres Appetits mit einan⸗ — — 83 der theilten, und ſie deßhalb erhoͤht fuͤhlten, weil ihre Nachbarn und Freunde zu gleicher Zeit dieſes Vergnuͤgen genoſſen. Religion, ſo wie ſie der Haupt⸗ ſtoff ihrer Gedanken war, ward auch der vornehmſte Gegenſtand ihres Geſpraͤchs; und da ſie in kleinen abgeſonderten Partieen beiſammen ſaßen, beſpra⸗ chen ſie dogmatiſche und metaphyſiſche Artikel des Glaubens, wogen die Verdienſte verſchiedener Pre⸗ diger ab, verglichen die Glaubensbekenntniſſe ſtrei⸗ tender Secten, und beſtaͤrkten durch bibliſche Aus⸗ ſpruͤche die Meinungen, welche ſie ſelbſt beguͤnſtigten. Einige Streitigkeiten erhoben ſich im Verlauf dieſer Verhandlungen, welche, ohne Major Bridgenorth's kluͤgliche Vermittelung, wohl die Graͤnze des Schick⸗ lichen haͤtten uͤberſchreiten koͤnnen. Er unterdruͤckte auch, ſelbſt im Keime, einen Zwiſt zwiſchen Gaffer Hodgeſon von Charnelycot und dem Paſtor Sols⸗ grace uͤber den zarten Gegenſtand des Predigens und Kirchendienſtes durch Laien; auch fand er es nicht ganz kluͤglich oder anſtaͤndig, den Wuͤnſchen einiger eifrigern Schwaͤrmer der Partei nachzugeben, welche geneigt waren, ihre Gaben in Gebeten und Schrift⸗ Auslegungen aus dem Stegreife vor den Uebrigen zu zeigen. Dieß waren Abgeſchmacktheiten jener Zeit, deren Unſchicklichkeit fuͤr den Ort und die Ge⸗ legenheit jedoch Major Bridgenorth richtig genug er⸗ . O4— kannte, ſie mochten nun aus Heuchelei oder aus Schwaͤrmerei entſpringen. 1 Der Major veranlaßte auch den Aufbruch der Geſellſchaft zu fruͤher und ſchicklicher Stunde, ſo daß ſie das Schloß lange verlaſſen hatten, ehe ihre Ne⸗ benbuhler, die Adligen, zum Gipfel ihrer Froͤhlich⸗ keit gelangt waren; eine Anordnung, welche der Lady Peveril die groͤßte Zufriedenheit gewaͤhrte, weil ſie die Folgen fuͤrchtete, welche nicht unwahrſcheinlich bei dem gemeinſchaftlichen Fortgehen der Geſellſchaft beider Parteien haͤtten entſtehen koͤnnen. Es war faſt Mitternacht, ehe der groͤßere Theil der Adeligen, naͤmlich ſolche, die ohne fremden Bei⸗ ſtand ſich entfernen konnten, mit Benutzung des Vollmondes, um Unfaͤlle zu verhuͤten, das Dorf Martindale⸗Moultraſſie verließ. Ihr Jauchzen und der Refrain ihres laut ſchal⸗ lenden Chors:„der Koͤnig kommt wieder in ſein Reich“— wurde von der Lady Peveril mit nicht geringem Vergnuͤgen gehoͤrt, da ſie herzlich froh war, daß die Luſtbarkeit des Feſtes ohne einen widri⸗ gen Vorfall voruͤbergegangen war. Die Beluſtigung war jedoch noch nicht gaͤnzlich zu Ende; denn die exaltirten Royaliſten, welche einige Landleute noch auf den Fuͤßen und um ein Freudenfeuer auf der Straße verſammelt fanden, ſchlugen ſich froͤhlich zu —— —;ꝓOA—— — 85 ihnen, ſchickten zu Roger Raine vom Peveriliſchen Hauſe, dem ſchon erwaͤhnten loyalen Zoͤllner, nach zwei Faͤſſern Liqueur(Stingo genannt); und liehen ſelbſt ihren maͤchtigen Beiſtand dazu, ihn auf die Geſundheit des Koͤnigs und des wackern Generals Moncke mit zu verzehren. Ihr Jauchzen ſtoͤrte und beunruhigte ſogar eine geraume Zeit das kleine Dorf; aber kein Enthuſiasmus vermag fuͤr immer den na⸗ tuͤrlichen Folgen ſpaͤter Stunden und ſtarker Zechen zu widerſtehen. Der Tumult der jubelnden Royali⸗ ſten verhallte endlich in Stillſchweigen, und der Mond und die Eule wurden in ungeſtoͤrter Herr⸗ ſchaft uͤber den alten Thurm der Dorfkirche gelaſ⸗ ſen, welcher weiß uͤber einen Kreis knorriger Eichen ſich erhebend, von dem Vogel bewohnt und von dem Planeten verſilbert wurde. Fuͤnftes Kapitel. Am naͤchſten Morgen nach. dem Feſte blieb Lady Peveril, ermuͤdet von den Anſtrengungen und Be⸗ ſorgniſſen des andern Tages, zwei oder drei Stun⸗ den laͤnger in ihrem Zimmer, als ſie ſonſt pflegte und die Morgenſitte der Zeit mit ſich brachte. Un⸗ terdeſſen gab Miſtreß Ellesmere, eine Perſon von großem Credit in der Familie, die auch viel Anſehen in Abweſenheit ihrer Gebieterin behauptete, der Gouvernante Deborah Befehl, ſogleich die Kinder in die freie Luft in den Park zu bringen, und keine in das vergoldete Zimmer zu laſſen, welches gewoͤhn⸗ lich ihr Spielplatz war. Deborah, welche oft und bisweilen mit Erfolg ſich dem angemaßten Anſehen der Ellesmere widerſetzte, bedachte insgeheim, daß es eben regnen wollte, und das vergoldete Zimmer ein ſchicklicherer Platz fuͤr die Bewegung der Kinder waͤre, als das feuchte Gras des Parkes an einem rauhen Morgen. Allein der Sinn einer Frau iſt manchmal eben ſo unbeſtaͤndig, als eine Volksverſammlung; und jetzo, nachdem ſie beſtimmt hatte, daß der Morgen regenhaft ſeyn wuͤrde, und daß das vergoldete Zim⸗ 2 — — mer der paſſendſte Spielplatz fuͤr die Kinder ſei, kam Deborah auf den etwas unbuͤndigen Schluß, daß der Park der paſſendſte Platz fuͤr ihren eignen Mor⸗ genſpaziergang ſey. Es iſt gewiß, daß ſie waͤhrend der ungebundenen Froͤhlichkeit des vorhergehenden Abends bis Mitternacht mit Launce Outram, dem Park⸗Waͤrter, getanzt hatte; allein in wiefern der Umſtand, daß ſie ihn eben in ſeinem laͤndlichen Putz mit einer Feder auf dem Hut, und mit einer Arm⸗ bruſt unter dem Arm, unter dem Fenſter vorbeige⸗ hen ſah, Einfluß auf die widerſprechenden Meinun⸗ gen der Miſtreß Deborah uͤber das Wetter hatte, ſind wir weit entfernt errathen zu wollen. Es iſt genug fuͤr uns, daß, ſobald Miſtreß Ellesmere den Ruͤcken gewandt hatte, Miſtreß Deborah die Kinder in die vergoldete Stube brachte, nicht ohtee ſtrengen Auftrag(denn wir muͤſſen ihr Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen) an den jungen Herrn Julian auf ſeine kleine Frau, Miſtreß Alexie, Achtung zu geben; und nachdem ſie eine ſo genuͤgende Vorſichtsmaaß⸗ regel getroffen, ſchluͤpfte ſie in den Park durch die Glasthuͤre des Schlafzimmers, welches faſt der großen Breſche gegenuͤber war. Das vergoldete Zimmer, worin die Kinder nach dieſer Anordnung ſich ihrem Zeitvertreib, ohne beſ⸗ ſere Aufſicht, als die des jungen Julian's Mannheit gewaͤhrte, uͤberlaſſen waren, war ein großes Zim⸗ mer, mit kuͤnſtlich vergoldeten Tapeten von gedruck⸗ tem Spaniſchen Leder behaͤngt, welche in einer nun veralteten, doch gar nicht ungefaͤlligen Manier eine Reihe von Turnieren und Gefechten zwiſchen den Saracenen von Granada, und den Spaniern unter Befehl des Koͤnigs Ferdinand und der Koͤnigin Iſa⸗ belle, waͤhrend jener denkwuͤrdigen Belagerung vor⸗ ſtellten, welche durch Umſturz der letzten Bruchſtuͤcke des Mauriſchen Reichs in Spanien beendigt wurde. Der kleine Julian lief zu ſeiner eigenen und ſei⸗ ner kleinen Freundin Unterhaltung im Zimmer her⸗ um, indem er mit einem Rohr die drohenden Ge⸗ baͤrden der Abencerragen und Zegris nachahmte, die mit dem Morgenlaͤndiſchen Spiele, den Jerid oder Wurfſpieß zu ſchleudern, beſchaͤftigt waren; ein anderes Mal ſetzte er ſich neben ſie, und floͤßte ihr mit Liebkoſungen Stille uͤnd gute Laune ein, wenn das muthwillige oder furchtſame Kind es uͤber⸗ druͤſſig ward, eine unthaͤtige Zuſchauerin ſeines laͤr⸗ menden Spieles zu bleiben. Da ſah er ploͤtzlich eine von den Abtheilungen der ledernen Tapeten ſich aufthun, und eine ſchoͤne Hand ſichtbar werden, de⸗ ren Finger auf ihrem Rande ruhten und ſie noch weiter zuruͤck zu ſchieben bereit ſchienen. Julian war ſehr erſtaunt und etwas erſchrocken uͤber das⸗ — 39 was er geſehen hatte; denn die Maͤrchen der Kin⸗ derſtube hatten ſeinem Gemuͤth die Schrecken der unſichtbaren Welt ſtark eingepraͤgt. Doch, von Natur dreuſt und herzhaft, ſtellte ſich der kleine Held neben ſeine wehrloſe Schweſter, und fuhr fort ſeine Waffe zu ihrer Vertheidigung ſo kuͤhn zu ſchwin⸗ gen, als waͤr' er ſelbſt ein Abencerrage von Gre⸗ nada geweſen. 1 34 6 Das Feld der Tapetenwand, auf welches ſein Auge geheftet war, wich immer mehr zuruͤck, und zeigte mehr und mehr von der Form, zu welcher die Hand gehoͤrte, bis in der dunkeln Oeffnung, die ſich aufthat, die Kinder die Geſtalt einer Dame in Trauerkleidung erblickten; ſie war uͤber den Mittag des Lebens hinaus, trug aber in ihren Geſichtszuͤ⸗ gen noch immer Spuren großer Schoͤnheit; jedoch der vorherrſchende Charakter ſowohl ihrer Phyſtogno⸗ mie, als ihrer ganzen Perſon, war ein Ausdruck von faſt koͤniglicher Wuͤrde. Nach einer angenblick⸗ lichen Ruhe auf der Schwelle des Portals, das ſie ſo unerwartet geoͤffnet hatte, und mit einiger Ueber⸗ raſchung auf die Kinder blickend, welche ſie wahr⸗ ſcheinlich waͤhrend der Beſchaͤftigung mit dem Wand⸗ felde nicht beobachtete, trat dieſe Fremde in das Zimmer, und das Feld ſchloß ſich durch Beruͤhrung einer Feder wieder ſo ſchnell hinter ihr zu, daß Ju⸗ 90— lian faſt zweifelte, ob es je offen geweſen, und zu befuͤrchten anfing, die ganze Erſcheinung moͤchte eine Taͤuſchung geweſen ſeyn. Die ſtattliche Dame jedoch nahte ſich ihm, und fragte:„Biſt du nicht der junge Peveril?“ „Ja,“ antwortete der Knabe erroͤthend, und nicht ganz ohne ein jugendliches Gefuͤhl jener Regel des Ritterthums, welche Jedem verbot ſeinen Na⸗ men zu verleugnen, was auch fuͤr Gefahr mit dem Geſtaͤndniß verbunden ſeyn moͤchte. „Wenn das iſt,“ ſagte die ſtattliche Fremde, „ſo geh' in deiner Mutter Zimmer, und heiße ſie ſogleich zu mir kommen, um mit mir zu ſprechen.“ „Ich mag nicht,“ ſagte der kleine Julian. „Wie?“ erwiederte die Dame,—„ſo jung und ſo ungehorſam? Aber du folgſt nur der Mode der Zeit. Warum willſt du nicht gehen, mein lieber Knabe, wenn ich darum als eine Gefaͤlligkeit bitte?“ „Ich wollte wohl gehen, Madam,“ ſagte der Knabe,„aber“— und hier hielt er inne, und zog ſich immer zuruͤck, ſo wie die Dame ihm naͤher kam, aber ſtets die kleine Alexie Bridgenorth bei der Hand haltend, welche, zu jung, den Sinn des Geſpraͤchs zu verſtehen, zitternd ſich an ihren Geſpielen an⸗ klammerte. 9 — 91 Die Fremde ſah ſeine Verlegenheit, laͤchelte, und blieb feſt ſtehen, waͤhrend ſie das Kind noch einmal fragte:„Wovor fuͤrchteſt du dich, mein wackrer Knabe, und warum magſt du nicht auf mei⸗ ne Beſtellung zu deiner Mutter gehen?“ „Weil,“ antwortete Julian dreuſt,„wenn ich gehe, die kleine Alexie mit Ihnen allein bleiben muß.“ „Du biſt ein ritterlicher Knabe,“ ſagte die Dame,„und willſt dein Blut nicht beſchimpfen, welches nie den Schwachen ohne Schutz ließ. Julian verſtand ſie nicht, und ſah noch mit Aengſtlichkeit erſt auf ſie, dann auf ſeine kleine Ge⸗ ſpielin, deren Augen, mit dem leerem Blick der Kinde heit, auf aͤhnliche Art, zwiſchen der fremden Dame und zwiſchen ihrem kleinen Freunde und Beſchuͤtzer hin und her ſchweiften, bis ſie endlich, angeſteckt von einiger Furcht, die er unter ſeinem theilneh⸗ menden Beſtreben doch nicht ganz verbergen konnte, in ſeine Arme floh, durch ihr Anklammern ſeine Un⸗ ruhe nur vermehrte, und, indem ſie laut zu ſchreien anfing, es ihm ſehr ſchwer machte, dem ſi ympathe⸗ tiſchen Einfluſſe zu widerſtehen und gleichfalls in ein Geſchrei auszubrechen. Es war Etwas in dem Weſen und Benehmen dieſer unerwarteten Hausgenoſſin, das wenigſtens. Scheu, wo nicht Furcht, rechtfertigen konnte, wenn man die uͤberraſchende und geheimnißvolle Art ihrer erſten Erſcheinung und ihres Eintritts mit in Anſchlag bringt. Ihre Kleidung hatte nichts Ausgezeichne⸗ tes, ſondern beſtand in dem gewoͤhnlichen weiblichen Reiſeanzug der damaligen Zeit, ſo wie die geringere Klaſſe von Frauenzimmern des Mittelſtandes zu tra⸗ gen pflegte. Aber ihr ſchwarzes Haar war ſehr lang, und mehrere Locken hingen unter der Haube hervor, und wallten auf den Hals und die Schultern herab. Ihre Augen waren dunkelſchwarz, ſcharf und durchdringend, und ihre Geſichtszuͤge hatten Etwas von auslaͤndiſchem Gepraͤge. Wann ſie ſprach, verrieth ihre Ausſprache einen etwas frem⸗ den Accent; die Verbindung der Worte war aber rein Engliſch. In ihrem fluͤchtigſten Ton und Be⸗ nehmen lag Etwas von einer Perſon, die zu befeh⸗ len und Gehorſam zu erwarten gewohnt iſt; und die Wiedererinnerung hieran brachte den kleinen Ju⸗ lian wahrſcheinlich auf die nachmalige Entſchuldigung ſeiner Furcht mit der Urſache, daß er die Fremde fuͤr„eine bezauberte Koͤnigin“ gehalten habe. Waͤhrend die fremde Dame und die Kinder ein⸗ ander ſo gegenuͤber ſtanden, kamen zwei Perſonen, faſt in demſelben Augenblicke, wiewohl zu verſchie⸗ denen Thuͤren herein, deren Haſt verrieth, daß ſie durch das Geſchrei der Kleinen waren in Bewegung geſetzt worden. Die erſte war Major Bridgenorth, der beim Eintritt in den Saal, welcher mit dem vergoldeten Zimmer zuſammenhing, vom Geſchrei ſeines Kindes unruhig gemacht worden war. Es war ſeine Abſicht geweſen, in dem gemein⸗ ſchaftlicheren Zimmer ſo lange zu bleiben, bis Lady Peveril erſcheinen wuͤrde, und ihr die gutmuͤthige Verſicherung zu geben, daß der vergangene Tag des Getuͤmmels in jeder Hinſicht angenehm fuͤr ſeine Freunde verfloſſen ſey, und ohne alle die bedenkli⸗ chen Folgen, welche aus einem Zuſammengerathen der verſchiedenen Parteien ſich haͤtten befuͤrchten laſ⸗ ſen. Wenn man aber uͤberlegt, wie heftig ihn die Beſorgniſſe fuͤr ſeines Kindes Erhaltung und Ge⸗ ſundheit vor Kurzem beſtuͤrmt hatten, Beſorgniſſe, die wohl durch das Schickſal ſeiner fruͤhern Kinder gerechtfertigt wurden, ſo wird es nicht befremden, daß das Geſchrei ſeiner kleinen Alexie ihn uͤber die Form der Schicklichkeit hinausfuͤhrte, und weiter in das Haus einzudringen verleitete, als ſich eigentlich ziemte. Er drang alſo in das vergoldete Zimmer durch eine Seitenthuͤre und einen engen Gang, welcher dieſes Zimmer und Moultraſſie⸗Hall verband, riß das Kind in ſeine Arme, und ſuchte durch tauſend Liebkoſungen das Schreien zu erſticken, welches aber nur noch lauter aus dem kleinen Maͤdchen hervor⸗ brach, als es ſich in den Armen eines Mannes fand, deſſen Stimme und Weſen, einen kurzen Zuſpruch ausgenommen, ihr ganz fremd waren. Alexiens Wehklagen wurden folglich verdoppekt, und Julian Peveril ſtimmte mit ein, welcher bei dem Erſcheinen dieſes zweiten Ueberfalls bis zum Aufgeben jedes maͤnnlichern Gedankens an Rettung, als der des lauteſten Geſchreies um Huͤlfe war, in Schreck geſetzt wurde. 4 Beſtuͤrzt durch dieß Geſchrei, das in einer hal⸗ ben Minute ſehr heftig ward, trat Lady Peverit herein, mit deren Zimmer die vergoldete Stube durch eine in ihre Garderobe fuͤhrende beſondere Thuͤre in Verbindung ſtand. Den Augenblick, als ſie erſchien, machte ſich die kleine Alerie aus den Armen ihres Vaters los, und lief zu ihrer Be⸗ ſchüͤtzerin, und ſobald ſie nur ihr Kleid erfaßt hatte, ward ſie nicht nur ſtill, ſondern wandte auch ihre großen blauen Augen, in denen noch die Thraͤnen glaͤnzten, mit einem Blick mehr der Verwunderung, als der Beſorgniß, auf die fremde Dame. Julian ergriff mannhaft wieder ſein Rohr, eine Waffe, von der er ſich waͤhrend des ganzen unruhigen Auftritts nicht getrennt hatte, und ſtand bereit, ſeiner Mut⸗ — ter beizuſtehen, wenn aus ihrer Zuſammenkunft mit der Fremden Gefahr entſpraͤnge. In Wahrheit, es haͤtte auch eine aͤltere Perſon verlegen machen koͤnnen, die ploͤtzliche, mit Aus⸗ druck der Verwirrung begleitete Pauſe zu erklaͤren, welche Lady Peveril machte, als ſie ihren unerwar⸗ teten Gaſt anſah, wie im Zweifel, ob ſie in den noch ſchoͤnen, wiewohl abgezehrten Zuͤgen derſelben eine, unter ganz andern Umſtaͤnden ihr wohl be⸗ kannte, Phyſiognomie anerkennen ſollte oder nicht. Die Fremde ſchien die Urſache ihrer Verlegenheit zu errathen; denn ſie ſagte auf die herzruͤhrende Art, die ihr beſonders eigen war:„Zeit und Mißgeſchick baben mich ſehr veraͤndert; Margarethe,— das ſagt mir jeder Spiegel,— Margarethe Stanley jedoch, deucht mich, koͤnnte Charlotte de la Tremouille noch erkannt haben.“ Lady Peveril war wenig gewohnt, ſich von einer ploͤtzlichen Gemuͤthsbewegung hinreißen zu laſſen; aber im gegenwaͤrtigen Falle warf ſie ſich auf die Kniee in einem mit Gram und Freude gemiſchten Entzuͤcken, und, halb die Kniee der Fremden um⸗ faſſend, rief ſie mit gebrochener Stimme aus: „Meine guͤtige, meine edle Wohlthaͤterin— die fuͤrſtliche Graͤfin von Derby— die koͤnigliche Koͤni⸗ gin von Man— konnt' ich an Ihrer Stimme, Ihren Geſichtszuͤgen nur einen Augenblick zweifelm: — o vergeben, vergeben Sie mir!“— Die Graͤfin hob die fußfaͤllig flehende Verwandte von ihres Mannes Hauſe mit aller Anmuth empor, die einer von fruͤher Kindheit her an den Empfang von Huldigung und an Ertheilung von Schutz ge⸗ woͤhnten Dame eigen iſt. Sie kuͤßte die Lady Pe⸗ veril auf die Stirne, und fuhr mit der Hand lieb⸗ reich uͤber ihr Geſicht, indem ſie ſagte: „Sie ſind auch veraͤndert, meine theure Couſine; aber dieſe Veraͤnderung kleidet ſie wohl, als der Uebergang vom huͤbſchen und ſchuͤchternen Maͤdchen in eine weiſe und artige Hausfran. Aber mein Ge⸗ daͤchtniß, das ich ehemals fuͤr gut hielt, truͤgt mich ſehr, oder dieſer Herr da iſt Sir Gottfried Peveril?“ „Ein freundlicher lieber Nachbar nur, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte Lady Peveril;„Sir Gottfried iſt bei Hofe.“ „So viel hoͤrt' ich,“ erwiederte die Graͤfin von Derby,„als ich letzte Nacht hier ankam.“ „Wie? gnaͤdige Frau,“ rief die Lady,„Sie ka⸗ men im Schloſſe Martindale an, im Hauſe der Margarethe Stanley, wo Sie ſolches Recht zu be⸗ fehlen haben, und meldeten ihr nicht Ihre Gegen⸗ wart an?“ „O ich weiß,“ verſetzte die Graͤfin,„ Sie ſind eine treuergebene Unterthauin, freilich in dieſen Ta⸗ gen eine Seltenheit. Allein es machte uns Vergnuͤ⸗ gen,“ ſetzte ſie mit einem Laͤcheln hinzu,„incognito zu reiſen, und da wir Sie mit allgemeiner Gaſt⸗ freundſchaft beſchaͤftigt fanden, ſo wuͤnſchten wir Sie nicht durch unſre koͤnigliche Gegenwart zu be⸗ unrnhigen.“ „Aber wie und wo waren Sie logirt, gnaͤdige Graͤfin?“ fragte die Lady.„Oder warum ſollten Sie einen Beſuch geheim gehalten haben, welcher zehnfach die Gluͤckſeligkeit jedes rreuen Herzens er⸗ hoͤht haͤtte, das geſtern hier froͤhlich war?“ „Fuͤr meine Wohnung war gut von der Elles⸗ mere geſorgt— jetzt der Ihrigen, wie ſie ſonſt die meinige war. Sie hat hier ehemals, wie Sie wiſ⸗ ſen, den Quartiermeiſter gemacht, und auf groͤßern Fuß; Sie muͤſſen ſie entſchuldigen— ſie hatte mei⸗ nen beſtimmten Befehl, mich in dem verborgenſten Theil Ihres Schloſſes zu logiren(hier wies ſie auf das Schiebefeld der Wand)— ſie gehorchte hierin dem Befehl, und ich glaube, auch darin, daß ſie Sie nun hieher ſchickte.“ „Nein,“ ſagte Lady Peveril,„ich habe ſie heute noch nicht geſehen, und wußte daher gar nichts von einem ſo freudevollen, ſo uͤberraſchenden Beſuche.“ „Und ich,“ erwiederte die Graͤfin,„war gleich⸗ TL. E 9³ falls verwundert, Niemand, als dieſe ſchoͤnen Kin⸗ der, in dem Zimmer zu treffen, wo ich Sie ſich be⸗ wegen zu hoͤren glaubte. Unſre Ellesmere iſt albern geworden— Ihre Gutmuͤthigkeit hat ſie verdorben — ſie hat die Zucht Fer eſſan⸗ die f unter mir lernte. „Ich ſah ſie durch den Wald laufen,“ ſagte Lady Peveril nach einem Augenblick der Ueberlegung, „ohne Zweifel, um die Perſon aufzuſuchen, welche die Kinder zu beſorgen hat, um ſie wegzubringen.“ „Ihre eignen kleinen Lieblinge, unſtreitig?“ verſetzte die Graͤfin, indem ſie auf ſie blickte. „M rargarethe, der Himmel hat Sie geſegnet.“ „Das iſt mein Sohn,“ erwiederte die Lady, auf Julian weiſend, welcher ihrem Geſpraͤch begie⸗ rig zuhorchte;„das kleine Maͤdchen da kann ich auch das meine nennen.“ Der Major Bridgenorth, der unterdeſſen ſein Kind wieder aufgenommen hatte und es liebkoſ'te, ſetzte es nieder, als die Graͤfin H ſeufzte tief, und ging nach dem Fenſter hin. wußte wohl, daß er nach den gewoͤhnlichen dezen der Hoͤflichkeit ſich haͤtte gaͤnzlich entfernen oder we⸗ nigſtens dazu bereit zeigen ſollen; allein er war kein Mann von zeremonioͤſer Artigkeit, und nahm ein beſondres Intereſſe an den Gegenſtaͤnden, auf wel⸗ che das Geſpraͤch der Graͤfin wahrſcheinlich fallen wuͤrde; dieß verleitete ihn, ſich uͤber die Regel des Schicklichen hinweg zu ſetzen. Die Damen ſchienen auch wirklich kaum von ſeiner Anweſenheit Kenntniß zu nehmen. Die Graͤfin hatte nun einen Stuhl eingenommen, und hieß die Peveril ſich neben ſie ſetzen.„Wir wollen wieder einmal die alten guten Zeiten erneuern,“ ſaste ſie,„ob es gleich hier kein Getoͤſe von Kanonen des Aufruhrs gibt, vor denen Sie an meiner Seite und faſt in meiner Taſche Schutz ſuchen muͤßten.“ „Ich habe eine Kanone, Madam,“ rief der kleine Julian,„und der Parkwaͤrter ſoll mich naͤch⸗ ſtes Jahr ſie abfeuern lehren.“ „Da will ich dich als meinen Soldaten einſchrei⸗ ben laſſen,“ ſagte die Graͤfin. „Damen haben keine Soldaten,“ antwortete der Knabe, indem er ſie ernſthaft anſah. „Er hat, wie ich ſehe,“ bemerkte die Graͤfin, „die wahre maͤnnliche Verachtung unſers gebrechli⸗ chen Geſchlechts; ſie wird faſt zugleich mit den uͤber⸗ muͤthigen Buben geboren, und zeigt ſich ſchon, ſo⸗ bald als ſie ihren Fluͤgelkleidern entwachſen ſind. Hat dir Ellesmere nie Etwas vom Latham⸗Hauſe und von Charlotte von Derby erzaͤhlt, mein kleiner Held?“ „Tauſend, tauſendmal,“ antwortete er erroͤ⸗ E 2 100— thend;„und wie die Koͤnigin von Man es ſechs Wochen gegen dreitauſend Puritaner unter Rogue Harriſon, dem Metzer, vertheidigte.“ 1 „Es war deine Mutter, welche Lathamhaus vertheidigte, nicht ich, mein kleiner Soldat,“ ſagte die Graͤfin.„Waͤrſt du da geweſen, du wuͤrdeſt der beſte Capitaͤn von den dreien geweſen ſeyn.“ „Sage nicht ſo, Frau!“ erwiederte der Knabe; „denn Mama wuͤrde um aller Welt willen keine Ka⸗ none anruͤhren.“„Ja wohl, Julian,“ ſagte die Mutter;„ich war freilich da, aber als ein unnuͤtzer Theil der Beſatzung.“ „Sie vergeſſen,“ bemerkte die Graͤfin,„daß Sie unſer Hoſpital beſorgten, und Scharpie fuͤr die verwundeten Soldaten bereiteten.“ „Kam Ihnen aber Papa nicht zu Hälfe?“ fragte Julian.„Papa kam zuletzt,“ antwortete die Graͤfin;„ſo auch Prinz Rupert— aber ich glaube, nicht eher, als bis man ſie beide ſehnlich verlangte.— Erinnern Sie ſich jenes Morgens, Margarethe, als die ſtutzkoͤpfigen Buben, die uns ſo lange einſperrten, bei dem erſten Anblick der Standarten des Prinzen auf dem Berge, mit Sack und Pack retirirten— und wie Sie jeden Haupt⸗ mann mit hohem Helmbuſch fuͤr Peveril vom Gipfel anſahen, der drei Monate zuvor bei der Maskerade ————Q—— —— — 101 der Koͤnigin Ihr Mittaͤnzer geweſen war? Nein, keine Schaamroͤthe bei dem Gedanken daran— es war eine edle Zuneigung— und obgleich die Muſik der Trompeten Sie Beide zur alten Kapelle beglei⸗ tete, welche faſt gaͤnzlich von den feindlichen Kano⸗ nenkugeln zerſtoͤrt war, und obgleich Prinz Rupert, als er Sie am Altar hingab, in Kuͤraß und Ban⸗ delier gekleidet war, ſo glaub' ich doch, dieſe krie⸗ geriſchen Zeichen waren keine Vorbilder kuͤnftiger Zwietracht?“ „Der Himmel iſt guͤtig gegen mich geweſen,“ ſagte Lady Peveril,„indem er mich mit einem zaͤrt⸗ lichen Ehegatten begluͤckt hat.“ „Und indem er ihn Ihnen erhalten hat,“ ſetzte die Graͤfin mit einem tiefen Seufzer hinzu,„waͤh⸗ rend meiner, ach! mit ſeinem Blut ſeine Treue ge⸗ gen ſeinen Koͤnig verſiegelte.— O! haͤtte er die⸗ ſen Tag erlebt!“ „Ach! ach! daß es ihm nicht vergoͤnnt war!“ antwortete die Peveril;„wie haͤtte dieſer tapfere und edle Graf ſich uͤber die ungehoffte Errettung aus unſrer Gefangenſchaft gefreut!“ Die Graͤfin ſah die Lady Peveril mit einer Miene der Verwunderung an. „Du haſt alſo nicht gehoͤrt, Couſine,“ brach ſie aus,„wie es mit unſerm Hauſe ſteht? Freilich, E 3 102— wie ſehr haͤtte ſich mein theurer Mann gewundert, haͤtte man ihm geſagt, daß derſelbe Monarch, fuͤr den er ſein edles Leben auf dem Schaffot zu Bolton le Moor hingab, es zu ſeinem erſten Akt der her⸗ geſtellten Monarchie machen wuͤrde, die Vernichtung unſeres Eigenthums zu vollenden, das faſt ſchon in der koͤniglichen Sache zu Grunde gegangen war, und mich, ſeine Witwe, zu verfolgen!“— „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, liebe Gurmnde ſagte Lady Peveril;„es kann nicht ſeyn, daß Sie — daß Sie, die Gattin des tapfern, des treuen, des ermordeten Grafen— Sie, Graͤfin von Derby,— und Koͤnigin in Man— Sie, welche ſelbſt den Charakter eines Soldaten annahmen, und als Mann erſchienen, als ſo viele Maͤnner ſich als Weiber be⸗ wieſen— daß Sie Uebles leiden ſollten von der Begebenheit, welche die Hoffnungen jedes treuen Unterthanen erfuͤllt— Ltertzoſſn hat— es kann nicht ſeyn!“ „Du biſt noch eben ſo beſchräͤnkt in der Welt⸗ kenntniß, wie von jeher, meine gute Couſine,“ ant⸗ wortete die Graͤfin.„Dieſe Wiederherſtellung der Monarchie, welche Andern Sicherheit gegeben hat, hat mich in Gefahr geſetzt— dieſe Veraͤnderung, welche andere vielleicht weniger eifrige Royaliſten, als ich(wie ich zu glauhen wage), befreite, hat mich — 105 hieher als Fluͤchtling und in eine verborgene Zuflucht gebracht, um Schutz und Unterſtuͤtzung bei Dir, theure Couſine, zu erbitten.“ „Bei mir,“ antwortete Lady Peveril,—„bei mir, deren Jugend Ihre Guͤte ſchuͤtzte— bei der Frau Peveril's, des Waffengefaͤhrten Ihres tapfern Gemahls— haben Sie ein Recht, uͤber Alles zu gebieten. Aber ach! daß Sie ſolchen Beiſtand be⸗ duͤrfen mußten, als ich gewaͤhren kann— vergeben Sie mir, aber es ſcheint wie ein Ungluͤck bedeuten⸗ des Geſicht der Nacht— ich horche auf Ihre Worte, als hoffte ich, von ihrem ſchmerzlichen Inhalt beim Erwachen befreit zu werden.“ „Es iſt wirklich ein Traum, eine Erſcheinung,“ ſagte die Graͤfin von Derby;„aber dieſer Traum bedarf keines Sehers zur Auslegung; dieſe iſt laͤngſt gegeben in den Worten: Setzt euer Vertrauen nicht auf Fuͤrſten. Ich kann bald Ihr. Befremden heben. — Dieſer Herr da, Ihr Freund, ii ohne Zweifel⸗ rechtſchaffenꝛ Lady Peveril wußte wohl, daß die Royaliſten, gleich andern Factionen, ſich die ausſchließende Be⸗ nennung der rechtſchaffenen oder ehrlichen Par⸗ tei anmaßte, und ſie fuͤhlte einige Schwierigkeit, ihr zu erklaͤren, daß ihr Freund nicht rechtſchaffen in jenem Sinne des Wortes ſey. E 4 104— „Sollten wir nicht lieber aufſtehen?“ ſagte ſie zur Graͤfin, und ſtand auf, wie um ſie zu beulaidene Aber die Graͤfin behielt ihren Sitz. 84„Es war nur eine Frage der Gewohnheit,“ ſagte an; denn was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt weit verbreitet, und es kuͤmmert mich nicht, wer meinen Antheil davon hoͤrt. Sie erinnern ſich, Sie muͤſ⸗ ſen gehoͤrt haben; denn ich denke, Margarethe Stanley kann nicht gleichguͤltig gegen mein Schickſal ſeyn— daß nach meines Mannes Ermordung zu Bolton ich die Standarte aufnahm, die er bis an ſeinen Tod nie fallen ließ, und mit meiner eigenen Hand zu unſerer Souveraͤnitaͤt von Man aufſteckte.“ „So hoͤrt ich allerdings, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte die Peveril;„und daß Sie eine kuͤhne Ausforderung an das rebelliſche Gouvernement ergehen ließen, ſelbſt nachdem alle andre Theile Britanniens ſich un⸗ terworfen hatten. Mein Mann, Sir Gottfried, beſchloß zu einer Zeit mit einigen wenigen Anhaͤngern zu Ihrem Beiſtand zu kommen; aber wir erfuhren, daß die Inſel der Parlaments⸗Partei uͤbergeben ward, und Sie, meine Th nerſe ins Geſzucniß Deworfen wurden.“ Aber Sie hoͤrten nicht,“ fur die Geiffn, „wie mich jenes Aiuglͤc betraf—.“ꝗ Margarethe, ſie;„die Grundſaͤtze des Herrn gehen mich nichts ———— — 105 ich wuͤrde dieſe Inſel gegen die Schurken ſo lange behauptet haben, als das Meer ſie umfloſſen; bis die Untiefen, welche ſie umgeben, ein ſicherer An⸗ kergrund geworden— bis ihre ſteilen Felſen vom Sonnenſchein geſchmolzen waͤren— bis von allen ihren Wohnungen und Schloͤſſern kein Stein auf dem andern geblieben waͤre, wuͤrde ich gegen dieſe niedertraͤchtigen heuchleriſchen Rebellen meines theuern Mannes Erbgebiet vertheidigt haben. Das kleine Koͤnigreich Man haͤtte erſt dann allein uͤbergeben werden ſollen, wenn kein Arm uͤbrig geblieben waͤre, ein Schwert zu fuͤhren, nicht ein Finger, ein Gewehr zur Vertheidigung loszudruͤcken. Aber Verraͤtherei that, was Gewalt nie haͤtte thun koͤn⸗ uen. Als wir verſchiedene Verſuche auf die Inſel durch offene Gewalt gedaͤmpft hatten, vollendete Verrath, was Blake und Lawſon mit ihren ſchwim⸗ menden Schloͤſſern als ein gewagtes Unternehmen be⸗ funden hatten— ein niedriger Rebell, den wir in unſerm eigenen Buſen gehaͤgt hatten, verrieth uns dem Feinde. Dieſer Elende fuͤhrte den Namen Chriſtian.— Miajor Bridgenorth ſtutzte, und wandte ſich ge⸗ gen die Sprechende; ſchien ſich jedoch augenblicklich zu beſinnen, und wandte ſein Geſicht wieder ab. Die Graͤſin fuhr fort, ohne die Unterbrechung zu E 5 106— bemerken, welche der Lady Peveril ziemlich auffiel, da ſie mit ihres Nachbarn gewoͤhnlicher Gleichguͤl⸗ tigkeit und Apathie bekannt war; deſto mehr uͤber⸗ raſchten ſie dieſe ploͤtzlichen Zeichen ſeiner Theil⸗ nahme. Sie wuͤrde noch einmal die Graͤfin bewo⸗ gen haben, ſich mit ihr in ein andres Zimmer zu begeben; aber Lady Derby fuhr mit zu viel Lebhaf⸗ tigkeit fort, um eine Unterbrechung zu geſtatten. „Dieſer Chriſtian,“ ſagte ſie,„hat von meines Herrn, ſeines Souverains, Brot gegeſſen, und aus ſeinem Becher getrunken, von Kindheit an— denn ſeine Vorfahren waren dem Hauſe von Man und Derby treue Diener geweſen. Er ſelbſt hatte tapfer an meines Mannes Seite gefochten, und ge⸗ noß ſein ganzes Vertrauen; und als dieſer von den Rebellen hingerichtet wurde, empfahl er mir, un⸗ ter andern mir in ſeiner letzten Botſchaft mitgetheil⸗ ten Anweiſungen, mein Zutrauen zu Chriſtian's Treue fortwaͤhren zu laſſen. Ich gehorchte, wie⸗ wohl ich den Mann niemals liebte. Er war kalt und phlegmatiſch, und entbehrte ganz des heiligen Feuers, welches zu edlen Thaten entflammt, und ſtand auch im Verdacht, ſich an die kalte Metaphy⸗ ſik Calviniſtiſcher Subtilitaͤt zu halten. Aber er war tapfer, klug und erfahren, und beſaß, wie der Ausgang bewies, nur zu viel Einfluß bei den Inſu⸗ 107 lanern. Als dieſes rohe Volk ſich ohne Hoffnung zur Huͤlfe, und durch eine Blokade bedraͤngt ſah, welche Mangel und Krankheit auf ihre Inſel brachte, fingen ſie an, von der bisher bewieſenen Treue ab⸗ zufallen.“ 1 „Was!“ ſagte Lady Peveril,„konnten ſie ver⸗ geſſen, was der Witwe ihres Wohlthaͤters gebuͤhr⸗ te— ihr, welche mit dem edlen Derby das Be⸗ ſtreben, ihre Lage zu verbeſſern, getheilt hatte?“ „Machen Sie ihnen keine Vorwuͤrfe,“ ſagte die Graͤfin;„die rohe Horde verfuhr nur nach ihrer Natur— in gegenwaͤrtiger Noth vergaßen ſie vor⸗ malige Wohlthaten, und aufgezogen in ihren Erd⸗ huͤtten, mit Seelen, die ihren Wohnungen ange⸗ meſſen waren, vermochten ſie nicht den Ruhm zu empfinden, der an die Standhaftigkeit im Leiden geknuͤpft iſt. Aber daß Chriſtian ihren Aufſtand an⸗ fuͤhren ſollte— daß er, von guter Geburt, und unter der eigenen Sorgfalt meines ermordeten Derby zu Allem, was ritterlich und edel war, erzogen— daß er ſollte hundert Wohlthaten vergeſſen haben— was rede ich von Wohlthaten?— daß er den freund⸗ lichen Verkehr, welcher den Menſchen an den Men⸗ ſchen weit mehr bindet, als die Wechfelſeitigkeit der Verpflichtung— daß er ſollte die Raͤuber angefuͤhrt haben, welche ploͤtzlich in mein Zimmer drangen— 108 mich mit meinen Kindern in einem meiner eigenen Schloͤſſer einſperrten, und die Tyrannei uͤber dieſe Inſel annahmen oder an ſich riſſen— daß dieß ſollte geſchehen von Wilhelm Chriſtian, meinem Vaſallen, meinem Diener, meinem Freunde, war eine un⸗ dankbare Verraͤtherei, zu welcher ſelbſt dieß Zeital⸗ ter des Verraths kaum eine Parallele geben wird!“ „Und Sie wurden damals gefangen geſetzt,“ fragte Lady Peveril,„und auf Ihrem eigenen Ge⸗ biet?“— 3 „Ueber ſieben Jahre lang habe ich ſtrenge Ge⸗ fangenſchaft erlitten,“ antwortete die Graͤfin.„Mir wurde zwar meine Freiheit, ſogar nebſt einigen Mit⸗ teln des Unterhalts, angeboten, haͤtte ich eingewil⸗ ligt, die Inſel zu verlaſſen, und mein Ehrenwort gegeben, nie den Wiederbeſitz von meines Vaters Rech⸗ ten zu ſuchen. Aber ſie kannten wenig das fuͤrſtliche Haus, von dem ich abſtamme,— und eben ſo we⸗ nig das koͤnigliche Haus von Stanley, das ich auf⸗ recht erhalte,— wenn ſie hofften, Charlotte von Tremouille wuͤrde einen ſo niedrigen Vergleich an⸗ nehmen. Lieber wuͤrde ich in dem finſterſten und niedrigſten Gewoͤlbe des Ruffin⸗Schloſſes Hungers geſtorben ſeyn, als in Etwas gewilligt haben, was nur eine Hand breit das Recht meines Sohnes an ſeines Vaters Souveraͤnitaͤt geſchmaͤlert haͤtte.“ — * —x — —— 109 „Und konnte nicht Ihre Standhaftigkeit, in ei⸗ nem Falle, wo die Hoffnung verloren ſchien, dieſe Menſchen bewegen, edelmuͤthig zu handeln, und Sie ohne Bedingungen zu entlaſſen?“ „Sie kannten mich beſſer, als Du, Couſine,“ antwortete die Graͤfin;„einmal in Freiheit, waͤre ich nicht lange ohne Mittel geweſen, ihren unrecht⸗ maͤßigen Beſitz zu ſtoͤren; und Chriſtian haͤtte eben ſo gut eine Loͤwin losgelaſſen, um mit ihr zu kaͤmpfen, als mir die geringſte Macht gegeben, zum Kampfe mit ihm zuruͤckzukehren. Aber die Zeit hat Freiheit und Rache aufbewahrt.— Ich hatte noch Freunde und Anhaͤnger auf der Inſel, ob ſie gleich genoͤthigt waren, dem Sturme nachzugeben. Selbſt unter den Inſulanern uͤberhaupt ſahen ſich die mei⸗ ſten uͤber die Wirkungen getaͤuſcht, die ſie von der Veraͤnderung der Herrſchaft erwarteten. Sie wur⸗ den mit Erpreſſungen von ihren neuen Gebietern be⸗ laſtet, ihre Vorrechte wurden verkuͤrzt und ihre Frei⸗ heiten abgeſchafft, unter dem Vorwande, ſie in die gleiche Lage mit den andern Unterthanen der angeb⸗ lichen Republik zuruͤck zu bringen. Als die Nach⸗ richt von den in Britannien vorgehenden Veraͤnde⸗ rungen ankam, wurden dieſe Geſinnungen mir ins⸗ geheim vertraut; und ein Aufſtand, ſo ploͤtzlich und kraͤftig bewerkſtelligt, als jener, der mich zur Ge⸗ fangenen machte, ſetzte mich in Freiheit und in den Beſitz der Souveraͤnitaͤt von Man, als Regentin fuͤr meinen Sohn, den noch ganz jungen Grafen von Derby. Glauben Sie, ich genoß dieſe Sou⸗ veraͤnitaͤt lange, ohne dem Verraͤther Chriſtian ſein Recht anzuthun?“ „Wie, meine Graͤfin,“ ſagte Lady Peveril, wel⸗ che zwar den ſtolzen und ehrgeizigen Sinn der Graͤ⸗ fin kannte, aber doch kaum das Aeußerſte erwartete, zu dem er ſie hinzureißen faͤhig waͤre—„haben Sie Chriſtian ins Gefaͤngniß werfen laſſen?“ 4 „Ja, Couſine, in das ſichere Gefaͤngniß, wel⸗ ches kein Miſſethaͤter durchbricht,“ gab die Graͤſin zur Antwort. 4 Bridgenorth, der ſich ihnen unvermerkt genaͤhert hatte, und mit einem Antheil, den er nicht laͤnger zu unterdruͤcken vermochte, zugehoͤrt hatte, brach in den finſtern Ausruf aus: „Ich hoffe, Madam, Sie haben nicht ge⸗ wagt—“ Die Graͤfin unterbrach ihn ſogleich mit Folgen⸗ dem. „Ich weiß nicht wer Sie ſind, der Sie fragen; und Sie kennen mich nicht, wenn Sie mit mir von Dem ſprechen wollen, was ich zu thun wage oder nicht wage. Aber Sie ſcheinen in dem Schickſal — 111 dieſes Chriſtian intereſſirt, und Sie ſollen es hoͤren. — Kaum war ich im Beſitz meiner rechtmaͤßigen Gewalt, ſo befahl ich dem Richter der Inſel, uͤber den Verraͤther ein hohes peinliches Gericht nach al⸗ len Formalitaͤten zu halten, die in den aͤlteſten Ur⸗ kunden der Inſel vorgeſchrieben ſind. Das Gericht wurde unter freiem Himmel vor den Richtern und Schoͤffen gehalten, die auf Felſenſitzen ſaßen; der Verbrecher wurde endlich in ſeiner Vertheidigung angehoͤrt, die auf wenig mehr hinaus lief, als auf jene ſcheinbaren Berufungen auf die oͤffentliche Ach⸗ tung, welche immer gebraucht werden, die Unver⸗ ſchaͤmtheit des Verraths zu bemaͤnteln. Er wurde vollkommen von ſeinen Verbrechen uͤberfuͤhrt, und erhielt das Urtheil als ein Verraͤther.“ „Das aber wohl noch nicht vollzogen worden iſt?“ fiel Lady Peveril, nicht ohne einen unwill⸗ kuͤrlichen Schauder, ihr in die Rede. „Sie ſind eine Thoͤrin, Margarethe,“ ſagte die Graͤfin heftig.„Denken Sie, ich haͤtte eine ſolche Handeung der Juſtiz aufgeſchoben, bis gewiſſe elende Intriguen des neuen Engliſchen Gerichtshofs dazwiſchen getreten waͤren? Nein, Couſine, er wurde vom Sitz des Gerichts zum Richtplatz ge⸗ bracht, ohne weitern Aufſchub, als den, welcher fuͤr das Heil ſeiner Seele noͤthig ſeyn mochte. Hier 112 wurde er im Hofraume des Peel⸗Schloſſes von commandirten Muſketieren erſchoſſen.“ Bridgenorth rang die Haͤnde und ſeufzte bitter⸗ lich.„Da Sie fuͤr dieſen Verbrecher intereſſirt ſcheinen,“ fuhr die Graͤfin zu Bridgenorth fort, „ſo erweiſe ich ihm nur Gerechtigkeit, wenn ich Ih⸗ nen ſage, ſein Tod war ſtandhaft und maͤnnlich, ge⸗ maͤß dem allgemeinen Charakter ſeines Lebens, wel⸗ ches, bis auf jene ſchwere That verraͤtheriſchen Un⸗ danks, loͤblich und ehrbar war. Aber was hilft das? Der Heuchler iſt ein Heiliger, und der falſche Verraͤther ein Mann von Ehre, bis Gelegenheit, dieſer getreue Probirſtein, zeigt, daß das Metall nichts tauge.“ „Es iſt falſch, Frau, es iſt falſch!“ ſagte Bridgenorth, der ſeinen Unwillen nicht laͤnger zu⸗ ruͤckhalten konnte. „Was ſoll dieſes Betragen, Herr Bridgenorth!“ ſagte Lady Peveril ſehr befremdet.„Was iſt Ih⸗ nen dieſer Chriſtian, daß Sie die Graͤfin Derby in meiner Behauſung beleidigen?“ „Sprechen Sie zu mir nicht von Graͤfinnen und Ceremonieen,“ rief Bridgenorth;„Gram und Zorn laſſen mir keine Zeit zu leeren Gebraͤuchen, der Ei⸗ telkeit uͤbermuͤthiger Kinder zu ſchmeicheln.— O Chriſtian, wuͤrdig, wohl wuͤrdig des Namens, den —— — 113 du fuͤhrteſt! Mein Freund,— mein Bruder,— der Bruder meiner ſeligen Alexie— der einzige Freund in meinem troſtloſen Zuſtande! Biſt du denn grauſam gemordet von einer weiblichen Furie, welche, blos um deinetwillen, verdient haͤtte, mit ihrem eignen Blute das Blut von Gottes Heiligen zu ſuͤhnen, welches ſie ſowohl, als ihr tyranniſcher Mann, wie Waſſer verſpruͤtzt hatte!— Ja, grau⸗ ſame Moͤrderin!“ fuhr er gegen die Graͤfin fort, „er, den du in deiner unſinnigen Rache geſchlachtet haſt, opferte manches Jahr hindurch die Forderun⸗ gen ſeines eigenen Gewiſſens dem Intereſſe deiner Familie auf, und verließ es nicht eher, als bis dein wuͤtender Eifer fuͤr Koͤnigthum die kleine Gemeinde, in der er geboren war, dem Verderben wohl nahe genug gebracht hatte. Selbſt indem er dich verhaf⸗ tete, handelte er nur wie die Freunde des Wahn⸗ witzigen, welche ihn zu ſeiner Erhaltung an Ketten legen; und fuͤr dich, was ich beweiſen kann, war er die einzige Vormauer zwiſchen dir und dem Grimm des Unterhauſes im Engliſchen Parlament, und, ohne ſeine Vorſtellungen, haͤtteſt du die Strafe dei⸗ ner Widerſpaͤnſtigkeit erlitten, gleich dem verruchten Weibe Ahab’s.(. 1 2. nal et. Wine Herr Bridgenorth,“ ſagte Lady Peveril,„ich will Ihnen Ihre Heftigkeit beim Anhoͤren dieſer unangenehmen Nachrichten zu gute halten; aber hier iſt es weder nuͤtzlich, noch ſchicklich, die Sache weiter zu verfolgen. Wenn Sie in Ihrem Gram andre Gruͤnde der Maͤßigung vergeſſen, ſo bitte ich Sie, wenigſtens zu bedenken, daß die Graͤfin mein Gaſt und meine Verwandte und unter einem ſolchen Schutz iſt, als ich ihr gewaͤhren kann. Ich erſuche Sie mit einfacher Hoͤflichkeit, Sich zu entfernen, was nothwendig unter dieſen mißlichen Umſtaͤnden das Beſte und Schicklichſte iſt.“ „Nein, laßt ihn bleiben,“ ſagte die Graͤfin, in⸗ dem ſie ihn mit ruhiger Faſſung, und nicht ohne Triumph, anblickte;„ich moͤchte es nicht anders haben; ich moͤchte nicht, daß meine Rache blos auf die Befriedigung, die Chriſtian's Tod gewaͤhrt hat, beſchraͤnkt bleiben moͤchte. Die rohen und lauten Beſchwerden dieſes Mannes beweiſen allein, daß die Vergeltung, die ich verfuͤgte, weiter empfunden worden iſt, als von dem Elenden, den ſie traf. Ich wuͤnſchte auch zu erfahren, daß ſie eben ſo viele auf⸗ ruͤhreriſche Herzen verwundet haͤtte, als rechtliche treue Seelen durch den Tod meines fuͤrſtlichen Der⸗ by betruͤbt worden ſind!“ „Wenn es Ihnen gefaͤllt, gnaͤdigen Grfi, 4 ſagte Lady Peveril,„ſo wollen wir, da Hr. Brid⸗ genorth nicht die Artigkeit hat, uns auf meine Bitte 11⁵ zu verlaſſen, ihn, mit Ihro Gnaden Genehmigung, verlaſſen, und uns in mein Zimmer begeben. Leben Sie wohl, Herr Bridgenorth; wir wollen einander nachher unter beſſern Verhaͤltniſſen wiederſehen.“ „WVerzeihen Sie, gnaͤdige Frau,“ ſagte der Ma⸗ jor, der ſchnell das Zimmer durchſchritten hatte, aber nun ſtehen blieb, mit einer Gebaͤhrde, wie Je⸗ mand, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat;„Ihnen ſelbſt habe ich nichts zu ſagen, was nicht voll Ehr⸗ erbietung waͤre; aber zu dieſer Frau muß ich als eine obrigkeitliche Perſon ſprechen. Sie hat einen Mord in meiner Gegenwart bekannt— den Mord noch dazu von meinem Schwager. Als ein Mann, und als eine obrigkeitliche Perſon, kann ich ſie nicht von hier fort laſſen, außer unter ſolcher Bewachung, die ihre weitere Flucht hindern kann. Sie hat bereits geſtanden, daß ſie ein Fluͤchtling iſt und eine ver⸗ borgene Zuflucht ſucht, bis ſie im Stande iſt, in fremde Lande zu entweichen.— Charlotte, Graͤ⸗ fin von Derby, ich belege dich mit Arreſt wegen des Verbrechens, deſſen du dich nur eben geruͤhmt haſt.“ „Ich werde Ihrem Verhaftsbefehl nicht gehor⸗ chen,“ ſagte die Graͤfin gefaßt;„ich war geboren, ſolche Befehle zu geben, aber nicht zu empfangen. Was haben Ihre Engliſchen Geſetze mit den Hand⸗ des erblichen Koͤnigreichs meines Sohnes zu ſchaf⸗ fen? Bin ich nicht Koͤnigin von Man ſowohl, als Graͤfin von Derby? Freilich eine lehnsherrliche Fuͤrſtin, aber doch ſo lange unabhaͤngig, als meine Pflichten der Huldigung gebuͤhrend erfuͤllt werden. Was fuͤr ein Recht koͤnnen Sie uber n be⸗ haupten? „Dasjenige, welches durch das Geſetz der heil. Schrift gegeben iſt,“ antwortete Bridgenorth;„Wer Menſchenblut vergießt, deſſen Blut ſoll wieder ver⸗ goſſen werden. Glauben Sie nicht, daß die barba⸗ riſchen Vorrechte der alten Lehnsgebraͤuche etwas helfen werden, Sie vor der Strafe zu ſchuͤtzen, die auf dem an einem Englaͤnder unter ſolchen Vorwaͤn⸗ den veruͤbten Morde ſteht, welche mit einer allge⸗ meinen Amneſtie unvertraͤglich ſind.“ „rr Bridgenorth,“ ſagte Lady Peveril,„wenn Sie nicht in der Guͤte von Ihrem gegenwaͤrtigen Vorhaben abſtehen, ſo ſage ich Ihnen, daß ich in⸗ nerhalb der Schloßmauern meines Mannes irgend eine Gewalt gegen dieſe verehrte Dame weder er⸗ lauben darf noch will.“ „Sie werden Sich unfaͤhig finden, mich in Voll⸗ ziehung meiner Pflicht zu hindern, gnaͤdige Frau,“ antwortete Bridgenorth, deſſen angeborne Hart⸗ lungen meiner Juſtiz und Verwaltung innerhalb 117 naͤckigkeit nun ſeinem Schmerz und ſeiner Rachbe⸗ gier zu Huͤlfe kam;„ich bin eine Magiſtratsperſon und handle kraft meiner Autoritaͤt.“ „Das weiß ich nicht,“ erwiederte Lady Peveril; „aber daß Sie eine obrigkeitliche Perſon waren, Hr. Bridgenorth, unter der letztern uſurpirten Ge⸗ walt, iſt mir wohl bekannt; aber bis ich hoͤte, daß Sie eine Vollmacht im Namen des Koͤnigs haben, ſtehe ich an, Ihnen als einer Magiſtratsperſon zu gehorchen.“ „Ich will alle Weitlaͤuftigkeit vermeiden,“ ſagte Bridgenorth.„Waͤre ich auch keine obrigkeitliche Perſon, ſo hat doch Jedermann das Recht, wegen Mords gegen die durch des Koͤnigs Proclamationen ausgeſprochenen Bedingungen der Strafloſigkeit Je⸗ manden zu verhaften; und ich will mein Recht be⸗ haupten.“ „Was Amneſtie? was Proclamationen?“ ſagte die Graͤfin Derby voll Unwillen.„Karl Stuart mag, wenn es ihm gefaͤllt(und es ſcheint ihm zu gefallen), ſich Denen zugeſellen, deren Haͤnde roth von dem Blute und ſchwarz von der Auspluͤnderung . ſeines Vaters und ſeiner treuen Unterthanen ſind. Er mag ihnen verzeihen, wenn er will, und ihre Thaten ihnen als gute Dienſte anrechnen. Was hat dieß mit dieſes Chriſtian's an mir und den Mei⸗ 8 118— nigen veruͤbten Beleidigung zu ſchaffen? Geboren als Unterthan und erzogen auf der Inſel, brach er die Geſetze, unter denen er lebte, und ſtarb fuͤr deren Verletzung nach der ordentlichen Unterſuchung, welche ſie geſtatteten.— Mich duͤnkt, Margarethe, wir haben nun genug an dieſer muͤrriſchen und naͤr⸗ riſchen Magiſtratsperſon.— Ich begleite Sie in Ihr Zimmer.“ Major Bridgenorth ſtellte ſich zwiſchen ſie und die Thuͤre auf eine Art, welche zeigte, daß er ihr Fortgehen hindern wollte; als Lady Peveril, die ihm in dieſer Sache mehr Nachſicht bewieſen zu ha⸗ ben glaubte, als ihr Mann gut heißen wuͤrde, ihre Stimme erhob, und laut ihren Haushofmeiſter Whi⸗ taker rief. Dieſer behende Mann, welcher ſchon zuvor ſtark ſprechen und eine ihm unbekannte weib⸗ liche Stimme gehoͤrt hatte, war einige Minuten im Vorzimmer geblieben, nicht wenig von ſeiner Neu⸗ gierde geplagt. Folglich trat er augenblicklich herein. „Laß drei von den Leuten ſogleich zu den Waffen greifen“, ſagte ſeine Gebieterin; bring ſie in das Vorzimmer, und erwarte meine weitern Befehle.“ ——— — 0 119 Sechſtes Kapitel. Der Befehl, den Lady Peveril ihren Domeſti⸗ ken, ſich zu bewaffnen, gegeben hatte, ſtimmte ſo wenig zu ihrem gewoͤhnlichen ſanften und friedlichen Weſen, daß Major Bridgenorth erſtaunte.„Was haben Sie im Sinn, gnaͤdige Frau?“ ſagte er. Ich glaubte, mich in einem feeundſchaftlichen Hauſe zu befinden.“ „So iſt's auch, Herr Bridgenorth“, erwiederte Lady Peveril, ohne die natuͤrliche Nuhe ihres Tons und ihres Benehmens zu verlaſſen;„aber es iſt ein Haus, das nicht durch Gewaltthaͤtigkeit eines Freun⸗ des gegen den andern verletzt werden darf.“ „Es iſt gut, Lady Peveril“, ſagte Bridgenorth, indem er ſich zur Thuͤre des Zimmers wandte.„Der ehrwuͤrdige Solsgrace hat ſchon vorher geſagt, daß die Zeit wieder gekommen ſei, da hohe Haͤuſer und ſtolze Namen noch einmal dem Verbrechen derer, welche die erſtern bewohnen, und die andern fuͤhren, zur Entſchuldigung dienen wuͤrden. Ich glaubte ihm nicht; nun aber ſehe ich, er iſt weiſer, als ich. Doch glauben ſi ſie nicht, daß ich dieß ſo ruhig ertrage. Das Blut meines Bruders— meines Buſenfreun⸗ des— ſoll nicht lange vom Altar rufen: Wie lange, o Herr, wie lange! Weun noch ein Funke Gerech⸗ tigkeit in dieſem ungluͤcklichen England uͤbrig geblie⸗ ben iſt, jenes ſtolze Weib und ich werden einander treffen, wo ſie keinen parteiiſchen Freund zu ihrem Schutze haben kann.“ Nit dieſen Worten war er im Begriff das Zim⸗ mer zu verlaſſen, als Lady Peveril ſagte:„Sie verlaſſen dieſen Platz nicht, Herr Bridgenorth, ohne mir Ihr Wort zu geben, daß Sie allem Vorhaben gegen die Freiheit der edlen Graͤfin bei der gegen— waͤrtigen Gelegenheit entſagen⸗“ „ Ich wuͤrde eher, antwortete er, meine eigne in ausdruͤcklichen Worten niedergeſchriebene Beſchim⸗ pfung unterſchreiben, als irgend einen ſolchen Ver⸗ gleich. Wenn irgend ſich Jemand unterſteht mich aufzuhalten, ſo komme ſein Blut uͤber ſein Haupt.“ Waͤhrend Major Bridgenorth ſo ſprach, ſtieß Whi⸗ taker die Thuͤre auf, und zeigte, daß er mit der Behendigkeit eines alten Kriegers, dem es nicht mißfiel, die Dinge wieder einmal ein kriegeriſches Anſehen annehmen zu ſehen, vier wackere Burſche in Ritter Peveril's Livree mitbrachte, die mit T mrrite und Karabinern, Ledercollets und mit Piſtolen in ihren Gurten wohl geruͤſtet waren.— „Ich will ſehen, ſprach Major Bridgenorth, ob einer von dieſen Leuten ſo verwegen ſeyn wird, mich, O—. 121 einen frei gebornen Englaͤnder und eine Magiſtrats⸗ perſon, in Ausuͤbung meiner Pflicht aufzuhalten.“ So ſprach er, auf Whitaker und deſſen bewaff⸗ nete Leute losgehend, und legte die Hand an den Griff ſeines Degens. „Nicht ſo verwogen, Herr Bridgenorth,“ rief Lady Peveril, und ſetzte in demſelben Augenblick hinzu:„Halt' ihn feſt, und entwaffne ihn, Whi⸗ taker; thu' ihm aber kein Leid.“ Ihr Befehl ward vollzogen. Bridgenorth war zwar ein Mann von Entſchloſſenheit, jedoch keiner von denen, die im ungleichen Kampf mit Leuten von ſo Furcht einfloͤßender Art es wagen ſich zur Wehre zu ſetzen. Er zog zwar ſein Schwert halb heraus, und zeigte einen ſolchen Widerſtand, der es noͤthig machte, ſich ſeiner gewaltſam zu bemaͤchtigen; aber alsdann gab er es hin, und erklaͤrte, er unterwerfe ſich zwar der Gewalt, welcher ein Einziger nicht widerſtehen koͤnne, mache aber die, welche den Be⸗ fehl gaͤben und ſie gegen ihn gebrauchten, fuͤr den Angriff auf ſeine Freiheit ohne geſetzliche zuinaahe⸗ verantwortlich. „Ei was Vollmacht fuͤr einen Fingerdruck! Herr Bridgenorth,“ rief der alte Whitaker;„wahrhaftig, Sie haben ſelbſt oft nach einer ſchlechtern Vollmacht gehandelt. Das Wort meiner Frau iſt gewiß eine 1. F 122— ſo gute Vollmacht, als Cromwell's Commiſſion; und Sie fuͤhrten die manchen Tag, und ließen mich in den Stock ſpannen, weil ich des Koͤnigs Geſund⸗ heit trank, Herr Bridgenorth; und kuͤmmerten ſich kein Haar breit um Englands Geſetze.“ „Halt dein Maul, Whitaker“, rief Lady Peve⸗ ril ihm zu;„und Sie, Herr Bridgenorth, laſſen Sich es nicht kraͤnken, auf wenige Stunden als Ge⸗ fangener zuruͤckgehalten zu werden, bis die Graͤfin Derby von Ihrer Verfolgung nichts mehr zu fuͤrch⸗ ten hat. Ich koͤnnte leicht ihr eine Escorte mitge⸗ ben, die jeder Gewalt, welche Sie aufſtellen moͤch⸗ ten, Trotz bieten koͤnnte; aber ich wuͤnſche, der Himmel weiß es, die Erinnerungen der alten buͤr⸗ gerlichen Fehden zu begraben, und nicht wieder auf⸗ zuwecken. Noch einmal, wollen Sie beſſer daruͤber denken—, ſo nehmen Sie Ihren Degen wieder, und vergeſſen, wen Sie jetzt auf dem Schloſſe Martindale geſehen haben?“ „Nimmermehr,“ antwortete Bridgenorth.„Das Verbrechen dieſes grauſamen Weibes wird die letzte Beleidigung ſeyn, die ich vergeſſen kann. Der letzte Gedanke irdiſcher Art, der mich verlaſſen wird, ſoll der Wunſch ſeyn, daß ſie ihren Lohn erhalte.“ „Wenn das Ihre Geſinnungen ſind,“ ſagte Lady Peyeril,„ob ſie gleich mehr Rache, als Ge⸗ 123 rechtigkeit athmen, ſo muß ich, zur Sicherheit mei⸗ ner Freundin, hier Ihre perſoͤnliche Freiheit be⸗ ſchraͤnken. In dieſem Zimmer werden Sie mit al⸗ len Beduͤrfniſſen und Bequemlichkeiten des Lebens verſorgt werden; und eine Botſchaft ſoll Ihre Haus⸗ leute aus der Unruhe reißen, welche Ihre Abwe⸗ ſenheit von Moultraſſiehall wahrſcheinlich erregen wird. Wenn einige Stunden, aufs Hoͤchſte zwei Tage, voruͤber ſind, will ich ſelbſt Sie aus Ihrer Haft befreien, und erbitte mir jetzt Ihre Verzei⸗ hung, daß ich ſo verfahre, wie ich durch Ihre Hart⸗ naͤckigkeit zu verfahren gezwungen bin.“ Der Major gab keine Antwort, außer, daß er in ihren Haͤnden ſei und ſich ihrem Belieben unter⸗ werfen muͤſſe; und dann wandte er ſich verdrießlich nach dem Fenſter, als wenn er ihrer Gegenwart los zu ſeyn wuͤnſchte. Die Graͤfin und Lady Peveril verließen das Zim⸗ mer Arm in Arm; und Whitakern gab die letztere ihre Befehle uͤber die Art, wie ſie Bridgenorth waͤh⸗ rend ſeiner dermaligen Gefangenſchaft bewacht und behandelt wuͤnſchte, indem ſie zugleich bemerkte, daß die Sicherheit der Graͤfin von Derby eine ſtrenge Bewachung erfordere. Alle Vorſchlaͤge zur ſichern Verwahrung des Ge⸗ fangenen, z. B. die regelmaͤßige Abloͤſung der Wa⸗ 32 — chen und dergleichen, nahm Whitaker mit Frenden an, und verbuͤrgte ſich auf Leib und Leben, daß er die gehoͤrige Zeit in der Gefangenſchaft feſt gehalten werden ſolle. Aber der alte Haushofmeiſter war nicht halb ſo gelehrig, wenn von der Einrichtung des Bettes und der Tafel des Gefangenen die Rede war; und ihm ſchien Lady Peveril fuͤr ſeine Bequemlich⸗ keit und Behaglichkeit eine ganz ungebuͤhrende Sorge zu tragen.„Meiner Treu,“ ſagte er, geſtern hat er von unſerm fetten Rindfleiſch ſich ſatt genug ge⸗ geſſen, um einen Monat damit auszuhalten; und ein bischen Faſten wird ihm auch recht wohl bekom⸗ men. Was aber das Trinken betrifft, ſoll der Herr kaltes Waſſer die Fuͤlle haben, ſeine hitzige Leber ab⸗ zukuͤhlen, die— ich will mich haͤngen laſſen— noch von den ſtarken Liqueurs von geſtern brauſt. Das Bette anlangend, da ſind die ſchoͤnen trockenen Bre⸗ ter geſuͤnder, als das feuchte Stroh, auf dem ich liegen mußte, als ich in den Stock geſpannt war, meiner Treu.“. „Whitaker,“ ſagte die Lady in entſcheidendem Tone,„ich verlange, daß Herr Bridgenorth auf die von mir ſchon angezeigte Art mit Bette und Koſt verſehen wird, und ihr ihn mit aller Hoͤflichkeit be⸗ handelt.“ „Ei jal Ihro Gnaden“, ſagte Whitaker;„es —-— 123 foll Alles puͤnktlich befolgt werden; aber als ein al⸗ ter Diener kann ich mich nicht enthalten meine Mei⸗ nung zu ſagen.“ Die Damen begaben ſich, nach dieſer Verhand⸗ lung mit dem Haushofmeiſter, in das Vorzimmer, und ſetzten ſich bald nachher in einem andern Zim⸗ mer, welches beſonders der Frau des Hauſes ge⸗ hoͤrte, und, auf der einen Seite zum Schlafgemach der Familie, und auf der andern zu dem Ruhezim⸗ mer fuͤhrte, das an den Garten ſtieß. Hier war auch eine kleine Thuͤre, welche uͤber einige Stufen hinauf zu dem ſchon erwaͤhnten Balcon, der uͤber die Kuͤche herausragte, hinfuͤhrte; und derſelbe Weg brachte durch eine beſondere Thuͤre zu der Hauptgalerie in der Kapelle, ſo daß die geiſtlichen und weltlichen Angelegenheiten des Schloſſes faſt zugleich in den Bereich deſſelben leitenden und ord⸗ nenden Anges geſtellt waren. In der tapezirten Stube„von welcher dieſe ver⸗ ſchiedenen Ausfallspforten ausgingen, hatten die Graͤ⸗ fin und Lady Peveril ſi dg keich Platz genommen. Die er⸗ ſtere ſagte laͤchelnd zur letztern:„Zweierlei hat ſich die⸗ ſen Tag zugetragen, was mich haͤtte befremden koͤnnen, wenn in dieſen Zeiten mich Etwas befremden koͤnnte; — das erſte iſt, daß jener ſtutzkoͤpfige Wicht ſich in dem Hauſe des Ritters Peveril ſolch ubermuͤthiges 3 F 3 126— Betragen erlauben durfte. Wenn Ihr Mann noch derſelbe rechtſchaffene und aufrichtige Edelmann iſt, als den ich ihn ehemals kannte, und waͤre zu Hauſe geweſen, er wuͤrde den Schurken zum Fenſter hin⸗ ausgeworfen haben. Aber was ich noch mehr be⸗ wundere, Margarethe, iſt Ihr Feldherrntalent. Ich haͤtte Ihnen kaum Muth genug zugetraut, ſo entſchiedene Maaßregeln zu ergreifen, nachdem Sie mit jenem Mann ſo lange ſich in gutem Vernehmen gehalten hatten. Als er aber von Juſtiz und Voll⸗ macht ſprach, ſahen Sie ſo furchtſam aus, daß ich ſchon die Klaue des Gerichtsdieners auf meiner Schulter zu fuͤhlen glaubte, um als eine Landlaͤufe⸗ rin ins Gefaͤngniß gebracht zu werden.“ „Wir ſind dem Herrn Bridgenorth einige Ehr⸗ erbietung ſchuldig, meine theuerſte Graͤfin,“ ant⸗ wortete Lady Peveril;„er hat uns oft und freundlich in dieſen letztern Zeiten gedient, aber weder er, noch ſonſt Jemand, ſoll die Graͤfin von Derby im Haule der Margarethe Stanley beleidigen.“ „Du biſt eine vollkommne Heldin geworden, Margarethe 4 antwortete die Graͤfin. „Zwei Belagerungen und unzaͤhlige Ueberfaͤlle,“ bemerkte die Peveril,„koͤnnten mich wohl Geiſtesge⸗ genwart gelehrt haben. Meine Hechhaffigkeita aber iſt, glaub. ich, ſo gering, wie immer.“ „Geiſtesgegenwart i ſt Herzhaftigkeit,“ antwor⸗ tete die Graͤfin.„Wahre Tapferkeit beſteht nicht in Unempfindlichkeit fuͤr Gefahr, ſondern im Bereit⸗ ſeyn, ihr entgegenzugehen und ſie zu entwaffnen;— und wir koͤnnen jetzt alle, die wir beſitzen, noͤthig haben,“ ſetzte ſie, etwas bewegt hinzu; denn ich hoͤre Pferdetrampeln auf dem Hofpflaſter.“ In einem Augenblick kam der kleine Julian, athemlos vor Freude, ins Zimmer geflogen, um zu ſagen, daß Papa mit Lamington und Samuel Brewer zuruͤckgekommen ſei, und den Rappen Ha⸗ ſtings in den Stall fuͤhren laſſe. Im zweiten Au⸗ genblick hoͤrte man des wackern Ritters ſchwere Stie⸗ feln, da er, in der Ungeduld ſeine Gattin zu ſehen, zwei Stufen der Treppe auf einmal uͤberſtieg. Er ſtuͤrzte ins Zimmer; ſein Anſehn und ſeine in Un⸗ ordnung gekommene Kleidung zeigten, daß er ſehr ſchnell geritten war; und, ohne auf ſonſt Jemand zu ſehen, faßte er ſein gutes Weib in die Arme, und kuͤßte ſie ein Duzend Mal.. Erroͤthend und mit einiger Schwierigkeit wand ſich Lady Peveril aus Sir Gottfrieds Umarmung, und mit einer zugleich verſchaͤmten und freundlichen Stimme bat ſie ihn, zu ſehen, wer noch im Zim⸗ mer ſei. „Eine Frau, ſagte die Graͤfin ihm ſich naͤhernd,“ F 4 128— die recht erfreut iſt zu ſehen, daß Ritter Peveril, obgleich Hofmann und Guͤnſtling geworden, doch noch den Schatz ehrt, welchen ſie ihm hat verſchaffen helfen. Sie koͤnnen nicht der Aufhebung der Be⸗ lagerung von Latham„Houſe vergeſſen haben.“ „Die edle Graͤfin von Derby,“ ſagte der Ritter, indem er ſeinen Federhut mit tiefer Ehrerbietung abnahm, und ihre dargereichte Hand mit vieler Ehr⸗ furcht kuͤßte.„Ich bin eben ſo ſehr erfreut, Ihre graͤfliche Gnaden in meinem armen Hauſe zu ſehen, als ich es ſeyn wuͤrde zu hoͤren, daß man in Brown⸗ Tor eine Bleiader gefunden. Ich ritt ſchnell, in Hoſſnung Ihr Begleiter durch die Grafſchaft zu ſeyn. Ich fuͤrchtete, Sie moͤchten in boͤſe Haͤnde gefallen ſeyn, indem ich erfuhr, daß ein Schurke mit einer Vollmacht vom Geheimenrath ausgeſandt worden war.“ 8 „Wann hoͤrten Sie das, und von Wem?“ „Es war von Cholmondley von Vale⸗Royal,“ antwartete der Ritter;„er iſt fort, um fuͤr unſre Sicherheit durch Cheſhire zu ſorgen; und ich ver⸗ ſprach, Sie da in Sicherheit zu bringen. Prinz Rupert, Ormond und andre Freunde, zweifeln 1 nicht, daß die Sache auf eine Geldſtrafe werde ge⸗ bracht werden; aber ſie ſagen, der Kanzler, und Harry Bennet und einige andre von den uͤberſeei⸗ ſchen Raͤthen ſind wuͤtend uͤber das, was ſie den Bruch der koͤniglichen Proclamation gennuen Der Henker hole ſie, ſagt' ich. Sie ließen auf uns alle Schlaͤge fallen; und nun ſind ſie aufgebracht, daß wir die Rechnung mit denen abgethan wuͤnſchen, die uns aufs Aergſte mißhandelt haben.“ „Was ſagten ſie von meiner Beſtrafung?“ fragte die Graͤfin.“ „Ich weiß nicht“, antwortete der Ritter;„ei⸗ nige Freunde, wie geſagt, von unſerm guten Che⸗ ſhire und andre verſuchten ſie auf eine Geldſtrafe zu⸗ ruͤck zu bringen; aber die Andern ſprachen von nichts als vom Tower und von einer langen Qſangen⸗ ſchaft.* „Ich habe lange genug Gefangenſchaft fuͤr Koͤ⸗ nig Karls Sache erduldet“, ſagte die Graͤfin;„und habe keine Luſt, ſie von ſeiner Hand uͤber mich ver⸗ haͤngt zu ſehen. Ueberdieß bin ich von der perſoͤn⸗ lichen Oberaufſicht uͤber die Gebiete meines Sohns auf der Inſel Man entfernt, und weiß nicht, welche neue Herrſchaftsanmaßungen dort verſucht worden ſeyn moͤgen. Ich muß Ihnen verpflichtet ſeyn, Couſin, fuͤr die Veranſtaltung, daß ich in Sicher⸗ heit Vale⸗Royal⸗ erreiche; und von da, weiß ich, werd' ich ſicher nach Liverpool gebracht werden.“ „Sie koͤnnen Sich auf meine Leitung und Pro⸗ 85 130— tection verlaſſen; edle Graͤfin,“ antwortete ihr Wirth,„wenn Sie gleich um Mitternacht, und mit des Schurken Kopf in Ihrer Schuͤrze, hieher gekommen waͤren, gleich Judith in den heiligen Apo⸗ kryphen, die, wie ich zu meiner Freude hoͤre, wie⸗ der einmal in den Kirchen vorgeleſen werden.“ „Kommt der niedere Adel fleißig nach Hofe?“ fragte die Graͤfin. „Ja, gnaͤdige Graͤfin“, gab der Ritter Peveril zur Antwort;„und nach unſerm Ausdruck, wenn Bergleute in dieſen Gegenden zu graben anfangen, ſo iſt es von Gottes Gnade, und was ſie da auch finden moͤgen.“ „Finden die alten Royaliſten viel Gunſt?“ ſeagte die Graͤfin. „In der That, edle Graͤfin,“ erwiederte der Ritter,„der Koͤnig hat ein ſo huldreiches Weſen, daß Jedermanns Hoffnungen bluͤhen, wiewohl wir ſelten haben Fruͤchte reifen geſehen.“ „Sie ſelbſt, Couſin“, fragte die Graͤfin von Derby,„haben doch hoffentlich nicht Urſache gehabt, ſich uͤber Undankbarkeit zu beklagen? Wenige haben ſie weniger aus des Koͤnigs Hand verdient.“ Der Ritter Peveril war, wie die meiſten klugen Maͤnner, nicht geneigt, fehlgeſchlagene Erwartun⸗ gen zu geſtehen; doch war ſein Charakter zu offen, / — 131 um ſeine Taͤuſchung gaͤnzlich zu verheelen.—„Wer? Ich? gnaͤdige Frau,“ ſagte er;„ach! was ſollte ein armer Landedelmann vom Koͤnig erwarten, außer das Vergnuͤgen, ihn in Whitehall wieder einmal zu ſehen, und ſein Eigenthum wieder zu genießen? Und Seine Majeſtaͤt waren ſehr gnaͤdig, als ich vorgeſtellt wurde, und ſprachen mit mir von Wor⸗ ceſter, und von meinem Rappen Haſtings— er hatte ſeinen Namen vergeſſen— wahrhaftig, und meinen noch dazu, glaub ich, haͤtte nicht Prinz Rupert ihn zugefluͤſtert. Und ich ſah einige alte Freunde, z. B. Se. Gnaden von Ormond, Sir Marmaduke Lang⸗ dale, Sir Philipp Musgrave u. ſ. f., und hatte einen oder ein paar angenehme Traͤume nach der Melodie der alten Zeiten.“ „Ich ſollte geglaubt haben, ſo viele empfangene Wunden, ſo viele uͤbernommene Gefahren, ſo be⸗ deutende Verluſte, verdienten Etwas mehr, als ei⸗ nige freundliche Worte“, ſagte die Graͤfin. „Ja, edle Graͤf.., andre Freunde von mir haͤg⸗ ten denſelben Gedanken,“ gab der Ritter zur Ant⸗ wort.„Einige waren der Meinung, daß der Ver⸗ luſt ſo vieler Acker ſchoͤnen Landes einige Ehrenbe⸗ lohnung wenigſtens verdiente; und es waren Einige, welche glaubten, meiner Abſtammung von Wilhelm dem Eroberer— ich bitte Ihre Gnaden um Verge⸗ 152— bung, daß ich mich deſſen in Ihrer Gegenwart ruͤhme— wuͤrde kein hoͤherer Rang oder kein gerin⸗ gerer Titel gebuͤhren, als dem Stammbaum Eini— ger, die befoͤrdert worden ſind. Aber was ſagte. der witzige Herzog von Buckingham?(deſſen Großvater ein Leſterſhirer Ritter,— etwas aͤrmer, und kaum von der edlen Geburt war, als ich). Ei, ſagte er, wenn Alle von meinem Range, die ſich in den letz⸗ tern Zeiten um den Koͤnig ausgezeichnete Verdienſte erworben haben, zu Pairs erhoben werden ſohten, ſo muͤßte das Oberhaus des Parlaments ſich auf der Ebene von Salisbury verſammeln!“ „Und dieſer ſchlechte Scherz galt fuͤr einen gu⸗ ten Beweis?“ ſagte die Graͤfin;„freilich wohl, da ja gute Beweiſe fuͤr ſchlechte Scherze gelten. Aber da kommt Jemand, den ich kennen lernen muß.“. Dieß war der kleine Julian, welcher nun wie⸗ der mit ſeiner kleinen Schweſter herein kam, als wollte er ſie zum Zeugen ſeiner ruhmredigen Erzaͤh⸗ lung machen, indem er ſeinem Vater meldete, wie maͤnnlich er allein auf dem Sattel den Rappen Ha⸗ ſtings in den Stall geritten; und daß Saunders, wiewohl er bei dem Kopf des Pferdes einherging, doch nicht ein einziges Mal Hand an die Zuͤgel ge⸗ legt, und Brewer, ob er gleich neben ihm ſtand, ihn kaum bei der Schulter gehalten. Der Vater — ööö— —. 153 kuͤßte den Knaben herzlich; und die Graͤfin, die ihn zu ſich rief, ſobald ihn der Ritter niedergeſetzt hatte, kuͤßte ihn auch auf die Stirne, und betrachtete dann alle ſeine Geſichtszuͤge mit ſcharfem und durchdrin⸗ gendem Blick. 2 Er iſt ein wahrer Peveril“, ſagte ſie,„recht, wie er ſeyn ſoll, mit einem Zuge von Stanley gemiſcht. Couſin, Sie muͤſſen mir meine Bitte gewaͤhren, und wann ich ſicher eingerichtet bin, und meine gegen⸗ waͤrtige Angelegenheit in Ordnung gebracht iſt, muͤſ⸗ ſen Sie dieſen Ihren kleinen Julian einige Zeit bei mir und in meinem Hauſe erziehen, und als meinen Pagen und als Spielkameraden des kleinen Derby dort laſſen.— Ich hoffe zu Gott, ſie werden ſolche Freunde ſeyn, wie ihre Vaͤter geweſen ſind, und moͤge ihnen der Himmel gluͤcklichere Zeiten ſchenken!“ „Wahrhaftig, meine Graͤfin, ich danke Ihnen fuͤr den Vorſchlag von ganzem Herzen“, ſagte der Ritter.„Es ſind ſo manche edle Haͤuſer verfallen, und noch viel mehrere, in welchem die Erziehung edler Juͤnglinge aufgegeben und vernachlaͤſſigt wor⸗ den iſt, daß ich oft gefuͤrchtet habe, ich muͤßte den Julian als Junker zu Hauſe behalten; und ich habe ſelbſt zu wenig Bildung, um ihm Viel zu lehren, und ſo wuͤrde er ein bloßer Jagd⸗ und Falkenritter in Derby geworden ſeyn. Aber in Ihrem Graͤfli⸗ 1234 chen Hauſe und mit dem edeln jungen Grafen wird er Alles haben, und mehr als Alles, die Erziehung, welche ich nur wuͤnſchen kann.“ „Es ſoll kein Unterſchied zwiſchen ihnen ſeyn, Couſin,“ ſagte die Graͤfin.„Margarethe Stanley's Sohn ſoll eben ſo ſehr mir am Herzen liegen, als mein eigner, da Sie guͤtig geneigt ſind, ihn meiner Aufſicht anzuvertrauen.— Sie ſehen blaß aus, Margarethe,“ fuhr ſie fort;„und die Thraͤne ſteht Ihnen im Auge. Seyn Sie nicht thoͤricht, meine Liebe; was ich mir ausgebeten habe, iſt beſſer, als was Sie fuͤr Ihren jungen Sohn wuͤnſchen koͤnnen; denn das Haus meines Vaters, des Herzogs de la Tremouille, war die beruͤhmteſte Schule der Rit⸗ terſchaft in Frankreich; auch bin ich nicht ausgeartet, oder habe irgend eine Erſchlaffung in jener edlen Zucht verſtattet, welche junge Edelleute zur Ehre ihres Geſchlechts bildete. Sie koͤnnen Ihrem Julian nicht ſolche Vortheile verſprechen, wenn Sie ihn nur im vaͤterlichen Hauſe aufwachſen laſſen.“ „Ich erkenne die hohe Gunſt, gnaͤdige Graͤfin, die Sie uns erweiſen,“ ſagte Lady Peveril,„und muß mir gefallen laſſen, was Ihre Gnaden uns vorzuſchlagen die Ehre erzeigen, und was mein Mann gut heißt; aber Julian iſt das einzige Kind, und—“ „ Der einzige Sohn“, fiel die Graͤfin ihr ins Wort,„aber ſicher nicht das einzige Kind. Sie zollen unſern Herren, den Maͤnnern, zu viel Ehr⸗ erbietung, wenn Sie Julian aller Ihrer Zuneigung ſich bemaͤchtigen laſſen, und keine fuͤr dieß ſchoͤne Maͤdchen aufſparen.“ Bei dieſen Worten ſetzte ſie den kleinen Julian nieder, und nahm Alexie Bridgenorth liebkoſend auf den Schoos; und es war, ungeachtet des maͤnnli⸗ chen Charakters der Graͤfin, etwas ſo Suͤßes im Ton ihrer Stimme und im Spiel ihrer Mienen, daß das Kind ſogleich laͤchelte und ihre Freundlichkeit erwiederte. Dieſer Irrthum ſetzte die Lady Peve⸗ ril in die aͤußerſte Verlegenheit. Da ſie die unge⸗ bundene Heftigkeit ihres Mannes, ſeine Chrfurcht gexgen das Andenken des verſtorbenen Grafen von Derby, und ſeine dieſem entſprechende Verehrung der Witwe deſſelben kannte, ſo war ſie uͤber die Folgen betreten, wenn er Bridgenorth's Betragen an dieſem Morgen erfahren wuͤrde, und ſie wuͤnſchte ganz beſonders, daß er es von Niemand, außer von ihr ſelbſt insgeheim, und nach gehoͤriger Vor⸗ bereitung, erfuͤhre. Aber der Jrrthum der Graͤfin fuͤhrte zu einer ploͤtzlichern Entdeckung. „Dieß huͤbſche Maͤdchen,“ antwortete der Ritter Peveril,„iſt nicht unſer; ich wuͤnſchte, ſie waͤre es. Sie gehoͤrt einem Nachbar dicht neben an, einem guten Mann, und, die Wahrheit zu ſagen, einem guten Nachbar, ob er gleich von ſeiner Buͤrgertreue in den letztern Zeiten von einem verdammten Pres⸗ byterianiſchen Schurken abwendig gemacht worden iſt, der ſich einen Pfarrer nennt, und den ich ge⸗ genwaͤrtig von ſeiner Huͤhnerſtange herunter zu ho⸗ len hoffe; er iſt lange genug Hahn im Korbe ge⸗ weſen Kurz dieß Kind iſt die Tochter Bridgenorth's,— Nachbar Bridgenorth's von Monl⸗ traſſie⸗Hall.“ „Bridgenorth's?“ ſagte die Graͤfin.„Ich glaubte alle achtbare Namen in der Grafſchaft Derby zu kennen. Ich erinnere mich keines Bridgenorth. Doch ſtill— gab es nicht einen Sequeſtrator und ein Mitglied der Committee jenes Namens? Ach nein, der kann es gewiß nicht ſeyn.“ Peveril gab etwas beſchaͤmt zur Antwort:„Es iſt derſelbe Mann, den Ihro Gnaden meinen, und Sie koͤnnen den Kampf begreifen, den es mir ko⸗ ſtete, Gefaͤlligkeiten von einem Manne ſeiner Art an⸗ zunehmen; aber, haͤtt ich es nicht gethan, ſo haͤtte ich kaum ein Dach zu finden gewußt, Margaiethe Schutz zu gewaͤhren.“ Die Graͤfin hob, waͤhrend er ſprach, das Kind ſanft von ihrem Schooſe, undaſtellte es auf den Fuß⸗ teppich, wiewohl die kleine Alexie Abneigung ver⸗ ane — 157 rieth, den Platz zu veraͤndern, welchen die Graͤfin und Gebieterin von Derby und Man gewiß einem Kinde von adeliger Abkunft und Verwandtſchaft noch laͤnger gegoͤnnt haben wuͤrde. „Ich mache Ihnen keine Vorwuͤrfe“, ſprach ſie; „Niemand weiß, wohin ihn Verſuchung bringen kaͤnn. Doch hatte ich geglaubt, Peveril von dem Gipfel wuͤrde eher in der tiefſten Hoͤhle gewohnt ha⸗ ben, als einem Koͤnigsmoͤrder verbindlich werden moͤgen.“ „Nein, edle Graͤfin„, antwortete der Ritter, „mein Nachbar iſt ſchlecht genug, aber nicht ſo ſchlecht, als Sie ihn machen moͤchten; er iſt nur ein Presbyterianer— das muß ich geſtehen— aber kein Independent.“. „Eine verſchiedene Art von demfelben Unge⸗ heuer“, ſagte die Graͤfin,„welcher Halloh rief, waͤhrend die Andern jagten, und das Schlachtopfer band, welches die Independenten ſchlachteten. Un⸗ ter ſolchen Secten zieh ich die Independenten vor. Sie ſind wenigſtens kuͤhne, dreuſte, unbarmherzige Buben, haben mehr vom Tiger an ſich, und weni⸗ ger vom Krokodil. Ich habe keinen Zweifel, es war der werthe Herr, welcher ſich dieſen Morgen herausnahm—“ Hier brach ſie ſchnell ab, denn ſie bemerkte die Verlegenheit und Angſt der Lady Peveril. „Ich bin“, fuhr ſie fort,„das ungluͤcklichſte Geſchoͤpf. Da hab' ich Etwas geſagt, ich weiß nicht was, das Sie betruͤbt, Margarethe.— Ge⸗ heimniß iſt eine boͤſe Sache, und zwiſchen uns ſollt' es keines geben.“ „Hier gibt es keins,“ ſagte Lady Peveril etwas ungeduldig;„ich wartete nur auf eine ſchickliche Ge⸗ legenheit, meinem Mann zu erzaͤhlen, was ſich zu⸗ getragen.— Du mußt wiſſen, lieber Mann, Herr Bridgenorth war ungluͤcklicher Weiſe hier, als die Graͤfin Derby und ich zuſammen kamen; und er hielt es fuͤr einen Theil ſeiner Pflicht— „Wovon zu ſprechen?“ ſiel Peveril ihr ins Wort, indem ſich ſeine Stirne runzelte.„Du warſt immer etwas zu gutmuͤthig, liebes Weib, den Anmaßungen ſolcher Leute nachzugeben.“ „ Ich meine nur“, fuhr ſie fort,„daß er, weil die Perſon, welche die Geſchichte der Graͤfin betraf, der Bruder ſeiner verſtorbenen Frau war, zu dro⸗ hen anfing— doch ich kann nicht glauben, daß es ſein Ernſt war.“ „Zu drohen?— zu drohen der Graͤfin von Derby und Man, in meinem Hauſe!— der Witwe mei⸗ nes Freundes— der edlen Charlotte von Latham⸗ b 439 Houſe!— beim Himmel! der ſpitzoͤhrige Wicht ſoll dafuͤr buͤßen. Warum warfen ihn denn meine Leute nicht zum Fenſter hinaus?“ „Ach! Gottfried, du vergißt, wie viel wir ihm ſchuldig ſind,“ ſagte Lady Peveril. „Schuldig!“ rief der Ritter noch unwilliger; denn er glaubte, ſeine Frau rede von Geldverbind⸗ lichkeiten. „Wenn ich ihm etwas Geld ſchuldig bin, hat er nicht Sicherheit dafuͤr? und muß er uͤberdieß das Recht haben auf dem Schloſſe Martindale zu herr⸗ ſchen und die Obrigkeit zu ſpielen?— Wo iſt er2 Was habt ihr mit ihm gemacht? Ich will, ich muß ihn ſprechen.“ „Seyn Sie ruhig, edler Ritter“, ſagte die Graͤ⸗ ſin, welche nun die Urſache von der Beſorgniß ihrer Couſine erkannte;„und ſeyn Sie verſichert, ich be⸗ durfte Ihrer Ritterſchaft nicht, mich gegen dieſen unhoͤflichen Landſtreicher zu vertheidigen, wie ihm Mcorte d' Arthur genannt haben wuͤrde. Ich be⸗ theure Ihnen, meine Couſine hat mir vollkommen Recht verſchafft; und ich bin ſo erfreut, gaͤnzlich Ihrer Herzhaftigkeit meine Befreiung zu verdan⸗ ken, daß ich Ihnen, als einem echten Ritter, auf⸗ trage und befehle, ſich nicht in das Abenteuer eines andern zu miſchen.. 76 140— Lady Peveril, welche ihres Mannes zufahren⸗ des und hitziges Temperament kannte, und wohl ſah, daß er entruͤſtet war, nahm nun die Erzaͤhlung wie⸗ der auf, und erklaͤrte ihm offen und einfach die Ur⸗ ſache von Bridgenorth's Einmiſchung. „Es thut mir leid“, ſagte der Ritter;„ich traute ihm mehr Verſtand zu, und glaubte, daß dieſer gluͤckliche Wechſel eine gute Wirkung auf ihn gethan haben wuͤrde. Aber du haͤtteſt mir das au⸗ genblicklich erzaͤhlen ſollen. Es vertraͤgt ſich nicht mit meiner Ehre, daß er als Gefangener in dieſem Hauſe gehalten werden ſoll, gkeich als fuͤrchtete ich, daß er der edlen Graͤfin, ſo lange ſie unter meinem Dache oder innerhalb zwanzig Meilen von dieſem Schoſſe ſich beſindet, Etwas zu Leide thun koͤnnte.“ So ſprach er, verbeugte ſich gegen die Graͤſin, und ging geradewegs nach dem vergoldeten Zimmer, waͤhrend ſeine Gattin das Zuſammentreffen ihres heftigen und faͤhzornigen Mannes mit dem hartnaͤcki⸗ gen Bridgenorth in große Angſt ſetzte. Jedoch war ihre Furcht unnoͤthig; denn das Zuſammentreffen ſollte nicht ſtatt haben. Als der Ritter Peveril Whitakern und ſeine Schildwachen entlaſſen hatte, in das goldene Zim⸗ mer trat, und ſeinen Gefangenen zu finden erwar⸗ tete, war dieſer auf eine leicht begreifliche Art entwiſcht. — 141 Das verborgene Schiebfeld in der Wand war in der Uebereilung der Lady Peveril und Whitakern, die allein darum wußten, nicht eingefallen. Wahr⸗ ſcheinlich war eine Spalte davon offen geblieben, hinlaͤnglich, um von Bridgenorth entdeckt zu wer⸗ den, welcher es nun ganz aufzog, und ſo den Weg in das anſtoßende geheime Zimmer und von da in das Pfoͤrtchen des Schloſſes durch einen andern ver⸗ borgenen Gang gefunden hatte, der, wie in alten Gebaͤuden nicht ungewoͤhnlich, in der dicken Mauer angebracht war. Die Beſitzer ſolcher Haͤuſer waren ſo manchem Wechſel des Gluͤcks ausgeſetzt, daß ſie ſich gewoͤhnlich durch einen Schlupfwinkel und einen geheimen Ausfluchtsweg aus ihren Feſtungen zu ſichern und zu retten ſuchten. Daß Bridgenorth dieſe Ein⸗ richtung entdeckt und benutzt hatte, war offenbar, weil die geheimen Thuͤren, die mit dem Pfoͤrtchen und dem Schiebfelde im goldenen Zimmer in Ver⸗ bindung ſtanden, beide offen geblieben waren. Ritter Deneru H ſ den Damen mit verlege⸗ nem Blick zuruͤck. Waͤhrend kter Bridgenorth in ſei⸗ nem Bereich vermuthete, fuͤrchtete er nichts von ihm; denn er fuͤhlte ſich ihm an perſoͤnlicher Staͤrke und in der Art Muth uͤberlegen, welche einen Mann ſich unbedenklich in eine Gefahr zu ſtuͤrzen antreibr. Wenn Bridgenorth aber in einer Entfernung war, 8 K —— 142 ſo war Peveril ſeit vielen Jahren gewohnt, deſſen Macht und Einfluß als etwas Furchtbares zu be⸗ trachten; und ungeachtet der neuerlichen politiſchen Veraͤnderungen, kamen ſeine Gedanken ſo natuͤrlich auf ſeinen Nachbar als einen maͤchtigen Freund oder einen gefaͤhrlichern Feind zuruͤck, daß er mehr uͤber die Graͤfin in Sorgen war, als er ſich ſogar ſelbſt geſtehen wollte. Die Graͤfin bemerkte ſeinen nieder⸗ geſchlagenen unruhigen Blick, und fragte, ob etwan ihr Hierſeyn ihn in eine Unruhe oder Gefahr brin⸗ gen koͤnnte. „Die Unruhe ſollte willkommen ſeyn“, antwor⸗ tete er,„und noch willkommener die Gefahr, die aus ſolcher Urſache kaͤme. Mein Plan war, Ihre Gna⸗ den ſollten Martindale mit einem Aufenthalt von einigen Tagen beehren, welcher haͤtte geheim gehal⸗ ten werden koͤnnen, bis die Nachforſchung nach Ih⸗ nen voruͤber waͤre. Haͤtte ich dieſen Bridgenorth getroffen, ohne Zweifel haͤtte ich ihn genoͤthigt ver⸗ nuͤnftig zu handeln; aber nun iſt er frei, und wird ſich außer meinem Bereich halten; und, was ſchlim⸗ mer iſt, er hat das Geheimnß der Prieſterkammer. 77 Hier hielt der Ritter ume un ſche ten ſeh be⸗ unruhigte 1 „Sie koͤnnen alſo mich n weder etbergen nsc be † huͤtzen?“ ſagte die Grüſtn.— 12Ne — „Verzeihung, meine verehrte Graͤfin,“ antwor⸗ tete Peveril;„und erlauben Sie mir, meine Rede zu vollenden. Die offene Wahrheit iſt: Dieſer Mann hat viele Freunde hier unter den Presbyte⸗ rianern, welche zahlreicher ſind, als mir lieb iſt; und wenn er mit dem Staatsboten zuſammentrifft, welcher den Verhaftsbefehl des Geheimen Raths bringt, ſo wird er ihn wahrſcheinlich mit hinreichen⸗ der Macht zuruͤckſchicken, die Vollziehung deſſelben zu verſuchen. Und ich zweifle, ob von unſern Freun⸗ den eine hinreichende Anzahl in der Eile aufgeboten werden kann, einer ſolchen Macht, als ſie zuſam⸗ menbringen duͤrften, Widerſtand zu leiſten.“ „Ich wuͤnſche auch nicht,“ ſagte die Graͤfin, „daß irgend Freunde, in meinem Namen, gegen des Koͤnigs Verhaftsbefehl die Waffen ergriffen.“ „Nun, was das betrifft“, erwiederte der Rit⸗ ter,„wenn Se. Majeſtaͤt wider ſeine beſten Freunde Verhaftsbefehle ergehen laͤßt, muß er auch auf Wi⸗ derſtand gefaßt ſeyn. Aber das Beſte, was ich in dieſem Bedraͤngniß erdenken kann— der Vorſchlag iſt freilich etwas ungaſtfreundlich— waͤre, daß Ihre Gnaden gegenwaͤrtig zu Pferde ſtiegen, wenn es Ihre Ermuͤdung erlaubte. Ich will gleichfalls mit einigen behenden Leuten aufſitzen, welche Sie ſicher nach Vale⸗Royal bringen werden, wenn auch der „ * 144 Landrichter mit einem ganzen Posse comitatus 83 den Weg verſperrte.“ Die Grafin willigte gern in dieſen Vorſchlag. Sie hatte eine gute Nachtruhe in dem Zimmer ge⸗ noſſen, in das ſie Ellesmere am vorhergehenden Abend gefuͤhrt hatte, und war voͤllig bereit, ihre Reiſe, oder Flucht(„ſie wuͤßte“, ſagte ſie,„ſelbſt nicht, wie ſie es nennen ſollte“) fortzuſetzen. Lady Peveril weinte uͤber den Drang der Um⸗ ſtaͤnde, der ihre fruͤheſte Freundin und Goͤnnerin ſo ſchnell aus ihrem Hauſe in dem Augenblick ent⸗ fernte, da Wolken der Widerwaͤrtigkeit ſich um ſie zuſammenzogen, aber ſie ſah keinen andern ſichern Ausweg. Ja, ſo ſtark ihre Anhaͤnglichkeit an die Graͤfin von Derby war, ſo wußte ſie ſich doch um ſo mehr mit ihrer ſchnellen Abreiſe auszuſoͤhnen, wenn ſie die Ungelegenheiten und ſelbſt die Gefahr bedachte, worin ihre Anweſenheit, zu einer ſolchen Zeit und in ſolchen Umſtaͤnden, einen Mann von ſo kuͤhnem und hitzigem Charakter, als ihren Gatten, unhiſäenüch. verwickeln koͤnnte. Waͤhrend daher Lady Peveril alle ihr mögſiche Einrichtung zur Fortſetzung der Reiſe der Graͤfin traf, gab ihr Mann, deſſen Herz ſich immer bei *) Bewaffnetem Haufen. Ausſicht auf Thaten hob, ſeinem Whitaker Befehl, etliche wackere Geſellen mit Panzer und Stahlhelm herbei zu bringen.„Da ſind die beiden Lakeien, und Outram und Saunders, außer dem andern Stallknecht, und Roger Raine und ſein Sohn: aber heiße Roger nicht wieder betrunken kommen;— Du ſelbſt, der junge Richard vom Thale und ſein Diener, und ein oder zwei Glieder von den Lehns⸗ leuten— wir werden unſer genug ſeyn fuͤr jede Macht, die uns in den Weg tritt. Dieſe alle ſind Leute, die hart drauf los ſchlagen, und nicht fragen, warum. Ihre Haͤnde ſind immer ſchneller, als ihre Zungen, und ihre Maͤuler mehr zum Trinken, als zum Reden geſchaffen.“ FTphhieaker, von dem dringenden Fall unterrich⸗ tet, fragte, ob er nicht Sir Jaſper Cranbourne benachrichtigen ſollte. „Nein, bei Leibe nicht,“ ſagte der Ritter.„Der mag vogelfrei ſeyn, wie ſie es nennen, ſo viel ich weiß; und deshalb will ich keine Laͤnder oder Guͤter in Gefahr b bingen, außer mein eignes. Sir Jasper hat fuͤr manches Jahr eine unruhige Zeit davon ge⸗ habt. Nach meinem Willen ſoll er den Reſt ſeiner Tage in Ruhe zubringen.“ — Siebentes Kapitel. Peveril's Gefolge war ſo ſehr an den Ruf:„In Stiefel und Sattel!“ gewoͤhnt, daß ſie bald zu Pferde und in Ordnung waren; und in aller Form und mit einiger Wuͤrde, welche die Gefahr einfloͤßte, ritten ſie zur Begleitung und Bedeckung der Graͤfin von Derby durch den bergigen und wuͤſten Landſtrich, welcher die Graͤnze der Grafſchaft mit der benach⸗ barten Grafſchaft Cheſhire verbindet. Die Caval⸗ cade bewegte ſich mit der merklichen Vorſicht, welche ſie aus den Buͤrgerkriegen gelernt hatten. Ein krie⸗ geriſcher und wohlberittener Reiter ritt auf ſechshun⸗ dert Fuß voraus; in der Haͤlfte dieſer Entfernung folgten noch zwei mit ihren gezogenen Carabinern, gleichſam zum Kampf bereit. Gegen dreihundert Fuß hinter dem Vortrabe kam das Hauptcorps, wo 1 die Graͤfin von Derby, auf Lady Peveril's Zelter ſitzend(denn ihr eignes Pferd war durch die Reiſe von London nach Martindale erſchoͤpft worden), von einem Reitknecht von erprobter Treue, und einem Dienſtmaͤdchen begleitet, den Ritter Peveril und drei Glieder guter und geuͤbter Reiter zum ſchuͤtzen⸗ den Geleite hatte. Im Nachtrabe kam Whitaker mit Lance Outram, als beſonders bewaͤhrte Maͤnner; welchen die Deckung des Ruͤckzuges anvertraut war. Sie ritten, wie das Spaniſche Sprichwort ſagt: „mit dem Bart auf der Schulter“ von Zeit zu Zeit um ſich her ſchauend, und jede Vorſicht benutzend, die ſchleunigſte Kenntniß von jeder etwanigen Ver⸗ folgung zu erhalten. Aber ſo weiſe Peveril und ſein Gefolge in der Kriegszucht ſeyn mochten, ſo waren ſie doch in der buͤrgerlichen Politik etwas zuruͤck. Der Ritter hatte Whitakern, obgleich ohne ſcheinbare Nothwendigkeit, die Abſicht ihres jetzigen Zuges mitgetheilt; und Whitaker war gleichfalls mittheilend gegen ſeinen Kameraden Lance, den Foͤrſter.„Es iſt ſonderbar genug,“ ſagte dieſer zu Whitaker, als er von dem Falle unterrichtet war,„und ich wuͤnſchte, Sie, als ein kluger Mann, erklaͤrten mir's;— warum, wenn wir Wuͤnſche fuͤr den Koͤnig gethan, und fuͤr den Koͤnig gebetet, und fuͤr den Koͤnig gefochten ha⸗ ben, und fuͤr den Koͤnig in den Tod gegangen ſind, ſeit dieſen zwanzig Jahren— das Erſte, was wir nunmehr zu thun finden, ſeyn muß, im Harniſch zu reiten, um ſeinem Verhaftsbefehl uns zu wider⸗ ſetzen?“ „Ei, du einfaͤltiger Menſch,“ rief Whitaker, „iſt das Alles, was du von dem wahren Grunde unre Streits weißt. Nun, ſo hoͤre, wir fechten G 2 146— fuͤr des Koͤnigs Perſon wider ſeinen Verhaftbefehl, ſchon vom Anfang an; denn ich erinnere mich, die Proclamationen der Schurken u. ſ. f. ergingen alle im Namen des Koͤnigs und des Parlaments.“ „Ei, mar es wirklich eben ſo?“ erwiederte Lance. „Nein, wenn ſie das alte Spiel ſo bald wieder an⸗ fangen, und Verhaftbefehle in des Koͤnigs Namen gegen ſeine treuen Unterthanen ergehen laſſen, Gluͤck dann unſerm tapfern Ritter, ſag' ich, der bereit ſteht, ſie in den Staub zu werfen. Und wenn Bridgenorth hinter uns drein iſt, ſoll es mir keinen Kummer machen, um Jemands willen, auf ihn los zu ſchlagen.“ „Je nun, der Mann, ausgenommen daß er ein verwuͤnſchter antiroyaliſtiſcher Puritaner iſt, iſt doch kein ſchlimmer Nachbar. Was hat er dir Vehane ſagte Whitaker. „Er hat auf dem Rittergute den Wilddieb ge⸗ macht,“ antwortete Lance. „Den Teufel auch! Du ſpaßeſt wohl, Lance,“ ſagte Whitaker.„Bridgenorth iſt weder Jaͤger, noch Falkonier; er hat nicht ſo viel Ehrlichkeit, als dazu gehoͤrt.“. 4„Aber er laͤuft nach Wild mehr, als ihr glaubt, mit ſeinem ſauern, melancholiſchen Geſicht, das Kinder erſchracken und Milch zum Gerinnen brin⸗ gen koͤnnte„“ ſagte der Foͤrſter. „Du kannſt die Maͤdchen nicht meinen?“ erwie⸗ derte Whitaker.„Er wurde ja faſt tiefſinnig uͤber den Tod ſeiner Frau. Du weißt, unſre gnaͤdige Frau nahm das Kind zu ſich, aus Furcht er moͤchte es in einem Anfalle ſeiner Melancholie erwuͤrgen, weil es ihm ſeine Mutter ins Andenken braͤchte. Es gibt viele arme adelige Kinder, die(mit ihrer Erlaubniß und unter uns geſagt) dieſer Pflege mehr werth waͤren.— Doch erzaͤhle weiter.“ „Ei, ſo geht das Geruͤcht, ſagte Lance, und ich glaube, Herr Whitaker, Sie haben bemerkt, daß eine gewiſſe e Mamſell Deborah eine gewiſſe Zuneigung fuͤr eine gewiſſe Perſon in einem gewiſſen Hauſe offenbart hat.“ „Fuͤr dich ſelbſt naͤmlich,“ antwortete Whitaker; „Lance Outram, du biſt der eitelſte Hanrei— „Hanrei?“ ſagte Lance; ei, es war nur letzte Nacht, daß die ganze Familie ſie, ſo zu ſagen, ſich an meinen Kopf ſchleudern ſah.“ „Ich wollte, da waͤre ſie ein Ziegelſtein geweſen, um ihn fuͤr deine Unverſchaͤmtheit und Einbildung zu zerbrechen,“ ſagte der Haushofmeiſter. „Gut; ſo hoͤrt nur weiter. Am naͤchſten Mor⸗ gen— das iſt dieſer hoͤchſt begluͤckte Morgen— G 3 150— ging ich in den Wald, ein Reh zu ſchießen, in der Meinung, etwas Wild moͤchte in der Speiſekammer nach dem geſtrigen Gelage von noͤthen ſeyn; und als ich unter dem Fenſter der Kinderſtube vorbeikam, ſah ich nur eben herauf, was Mamſell Gouvernante machte; und ſo ſah ich ſie durch den Fenſterfluͤgel ſich flugs mit Haube und Schaͤrpe anthun, ſobald ſie nur mich fluͤchtig bemerkt hatte. Gleich darauf ſah ich die Thuͤre des Ruhezimmers offen; und ſicher, ſie kam durch den Garten und ſo uͤber Stock und Stein in den Park; und ſo, dacht ich, aha! Mamſell De⸗ borah, wenn Sie ſo willig nach meiner Pfeife und Trommel tanzen, ſo will ich Ihnen ein Couranto geben, ehe Sie herauf zu mir kommen. Und ſo ging ich Joy⸗tod⸗Thal herunter, wo das Dickig anfaͤngt und der Boden ſumpfig wird, und ringsum Haxley⸗Grund, immer der Meinung, ſie folge mir, und ins Faͤuſtchen lachend, daß ich ſie ſo herum⸗ fuͤhrte.“ „Du verdienteſt,“ ſagte Whitaker,„dafuͤr ins Waſſer geworfen zu werden, wie ein wetterſcheuer junger Hund. Aber was hat die ganze Irrlichts⸗ Geſchichte mit Bridgenorth zu ſchaffen?“ „Ei, es hing ganz mit ihm, naͤmlich mit Brid⸗ genorth, zuſammen,“ fuhr Lance fort,„daß ſie mir nicht folgte; erſt ging ich langſam, dann hielt — 151 ich, drauf kehrt' ich ein wenig um, und hernach fing ich an, mich zu wundern, was aus ihr gewor⸗ den waͤre, und zu denken, ich haͤtte mich wohl ein Bißchen wie ein Eſel bei der Sache benommen.“ „Das leugne ich,“ ſprach Whitaker,„nie haͤtte ſich ein Eſel beſſer benommen. Doch weiter in der Geſchichte!“ „Ei nun, als ich mein Geſicht nach dem Schloſſe hin wandte, kehrte ich zuruͤck, als wenn mir die Naſe blutete, da ich eben am Dornbuſch, der, wie Sie wiſſen, einen Pfeilſchuß weit vom Hinterpfoͤrt⸗ chen ſteht, Mamſell Deborah im vertrauten Geſpraͤch mit dem Feinde entdeckte.“ „Mit welchem Feinde?“ fragte Whitaker. „Mit welchem Feinde? Ei, mit wem ſonſt, als Bridgenorth. Sie zogen ſich zuruͤck, und hinter den Zaun; aber, dacht ich, es waͤre ſchlimm, wenn ich euch nicht beruͤcken ſollte, der ich ſo manches Reh beruͤckt habe.— So ging ich rund um das Dickig, um ſie zu beſchleichen; und, ich will nie wieder eine Armbruſt ſpannen, wenn ich nicht geſehen habe, daß er ihr Gold gab, und ihr die Hand druͤckte.“ „Und das war Alles, was Du unter ihnen vor⸗ gehen ſaheſt?“ fragte Whitaker. „Wahrhaftig, und das war genug, mich aus dem Sattel zu heben,“ antwortete Lance.„Was? G 4 8 152— Indem ich glaubte, das huͤbſcheſte Maͤdchen im Schloſſe nach meiner Pfeife tanzen zu ſehen, fuͤhrt ſie mich an, und munkelt in einem Winkel, mit einem alten reichen Puritaner!“ „Glaube mir, Lance,“ ſprach Whitaker,„es iſt nicht, wie Du denkſt. Bridgenorth kuͤmment ſich nicht um dieſe Liebestaͤndeleien, und Du denkſt an nichts andres. Aber es iſt ſchicklich, daß unſer Herr wiſſe, daß er mit Deborah insgeheim zuſam⸗ mengekommen iſt und ihr Gold gegeben hat; denn niemals gab noch ein Puritaner Gold, es waͤre denn als Angeld auf ein veruͤbtes oder noch zu veruͤbendes Bubenſtuͤck.“* „Nein,“ ſagte Lance, nich moͤchte doch nicht ſo niedertraͤchtig ſeyn, und hingehen, und das Maͤdchen unſerm Herrn verrathen. Sie hat ein Recht, ihrer Phantaſie zu folgen, wie die Dame ſagte, die ihre Kuh kuͤßte— nur gefaͤllt mir ihre Wahl nicht, das iſt Alles. Er kann nicht ſechs Jahre entfernt von den Funfzigen ſeyn; und ein eſſigſaures Geſicht un⸗ ter dem Wetterdach eines niedergeſchlagenen Kaſtor⸗ hutes, und ein hagerer, ausgetrockneter Koͤrper, in einen ſchwarzen Mantel gewickelt, daͤcht' ich, waͤre keine große Verſuchung.“ „Ich ſag' es noch einmal,“ rief Whitaker,„Du irrſt Dich; es iſt und kann keine Liebesangelegenheit — — 253 zwiſchen ihnen ſeyn, ſondern blos eine Intrigue, welche vielleicht die naͤmliche edle Graͤfin von Derby betrifft. Ich ſage Dir, meinem Herrn iſt es nuͤtz⸗ lich, davon zu wiſſen, und ich will es ihm jetzt ſelbſt ſogleich erzaͤhlen.“ So ſprach er, und ritt, trotz aller Gegenvor⸗ ſtellungen, die Lance zu Gunſten der Deborah machte, zum Hauptcorps ihrer kleinen Schaar, und berich⸗ tete dem Ritter und der Graͤfin, was er eben vom Foͤrſter vernommen, indem er zugleich ſeines Arg⸗ wohns erwaͤhnte, daß Herr Bridgenorth von Moul⸗ traſſiehall ein Spionſyſtem auf dem Schloß Martin⸗ dale zu unterhalten ſuche, entweder um ſeine ge⸗ drohte Rache gegen die Graͤfin von Derby, als Ur⸗ heberin von ſeines Schwagers Tode, ſich zu ſichern, oder aus einer andern unbekannten, wahrſcheinlich ſchlechten Abſicht. Whitaker's Erzaͤhlung regte Peveril's Empfind⸗ lichkeit hoch auf. Nach ſeinen Vornrtheilen glaubte er, daß die entgegengeſetzte Faction durch Liſt und Raͤnke zu erreichen ſuche, was ſie mit offener Ge⸗ walt nicht vermoͤge; und er kam nun ſchnell auf den Gedanken, daß ſein Nachbar, deſſen Klugheit er immer achtete, und bisweilen ſelbſt fuͤrchtete, zu feinen Privatzwecken, einen geheimen Briefwechſel mit einem Gliede ſeiner Familie unterhielte. Ge⸗ G 5 154— ſchah dieß zum Verrath ſeines edeln Gaſtes, ſo be⸗ wies es zugleich Hinterliſt und Anmaßung; oder be⸗ trachtete man das Ganze, wie Lance gethan hatte, als ein ſtrafbares Verſtaͤndniß mit einer der Lady Peveril ſo nahen Perſon, ſo war es an ſich, duͤnkte ihm, ein Stuͤck von hoͤchſter Unverſchaͤmtheit und Geringſchaͤtzung von Seiten eines ſolchen Mannes, als Bridgenorth, gegen welchen daher des Ritters Zorn entflammt werden mußte. Whitaker hatte kaum ſeinen Poſten im Hinter⸗ trabe wieder eingenommen, als er ihn wieder ver⸗ ließ, und ſchneller als zuvor zum Hauptcorps galop⸗ pirte, um die unangenehme Botſchaft zu bringen, daß ſie von einem Duzend Reitern und druͤber ver⸗ folgt wuͤrden. „Reit ſchnell auf Hartley⸗nick,“ ſagte der Rit⸗ ter,„und dort, mit Gottes Huͤlfe, wollen wir die Buben ewarten. Frau Graͤfin von Derby, ein Wort und ein kurzes, leben Sie wohl!— Sie muͤſſen mit Whitaker und einem andern wachſamen Reiter vorwaͤrts reiten, und mich allein laſſen, zu verhuͤten, daß Ihnen niemand uͤber den Hals kommt.“ „Ich will bei Ihnen bleiben und Ihnen Stand halten,“ ſagte die Graͤfin;„Sie wiſſen von fruͤhe⸗ —— — 1535 rer Zeit her, ich fuͤrchte mich nicht, Mannesihaten zuzuſehen.“ „Sie muͤſſen fortreiten, Graͤfin,“ ſagte der Ritter,„um des jungen Grafen willen, und fuͤr das Beſte der uͤbrigen Familie meiner edlen Freun⸗ din. Es iſt keine hohe Mannesthat hier Ihrer Be⸗ merkung werth zu erwarten, es iſt bloßes Kinder⸗ ſpiel, was dieſe Geſellen mitbringen.“ Sie gab ungern ihre Einwilligung, ihre Flucht fortzuſetzen, und ſo erreichten ſie den Grund von Hartleynick, einen ſehr jaͤhen und hoͤckerigen Paß, wo die Straße, oder vielmehr der Pfad, der bis⸗ her uͤber mehr offenen Boden ging, zwiſchen Buſch⸗ holz auf der einen, und dem ſteilen Ufer eines Berg⸗ ſtroms auf der andern Seite, verſchloſſener und en⸗ ger ward. Die Graͤfin von Derby nahm herzlichen Abſchied vom Ritter Peveril, trug ihm freundliche Gruͤße an ihren kleinen erwaͤhlten Pagen und deſſen Mutter auf, und ritt nun mit ihrer Begleitung und Be⸗ deckung eiligſt weiter. Sobald ſie aus dem Geſi icht verſchwunden war, holten die Verfolger den Ritter Peveril ein, welcher ſeine Schaar ſo vertheilt und aufgeſtellt hatte, daß ſie die Straße an drei ver⸗ ſchiedenen Punkten voͤllig beſetzten. Ddiie feindliche Partei wurde, wie er erwartet 6. 156— hatte, vom Major Bridgenorth angefuͤhrt. Ihm zur Seite war eine ſchwarz gekleidete Perſon mit einem ſilbergrauen Jagdhunde, und ihm folgten acht bis zehn Einwohner des Dorfs Martindale⸗Moul⸗ traſſie, von denen zwei oder drei Friedensrichter, und andre dem Ritter als Freunde der umgeſtuͤrzten Regierungsform bekannt waren. Als die Schaar raſch herauf geritten kam, ge⸗ bot ihnen der Ritter, zu halten; und da ſie vorzu⸗ ruͤcken fortfuhren, befahl er ſeinen Leuten, ihre Pi⸗ ſtolen und Karabiner anzulegen; und, nachdem ſie dieſe drohende Stellung angenommen, wiederholte eer mit einer Donnerſtimme: Halt, oder wir feuern! Die Gegenpartei hielt nun, und Major Bridge⸗ north naͤherte ſich, als wie ein Unterhaͤndler. „Ha ha, wie geht's, Herr Nachbar,“ rief Rit⸗ ter Reveril, als wenn er ihn jetzt erſt erkannt haͤtte; „was haben Sie dieſen Morgen ſo ſcharf zu reiten? Fuͤrchten Sie nicht, Ihrem Pferde zu ſchaden, oder Ihre Sporen zu verderben?“ „Sir Gottfried,“ antwortete der Major,„ich habe nicht Zeit zu ſcherzen, ich bin in Angelegen⸗ heiten des Koͤnigs in Thaͤtigkeit.“ „Doch ſicher nicht etwa in Oliver Cromwells, Herr Nachbar? Sie ſind gewohnt, deſſen Auf⸗ traͤge fuͤr beſſer zu halten,“ ſagte der Ritter laͤchelnd; — 157 und ein lautes Gelaͤchter erſcholl unter ſeinem Ge⸗ folge. „Zeigt ihm unſre Vollmacht,“ ſagte Bridgenorth zu dem erwaͤhnten ſchwarzgekleideten Mann, wel⸗ cher ein Staatsbote war. Dann nahm er die Voll⸗ macht von dem Beamten und uͤberreichte ſie dem Ritter mit den Worten:„Fuͤr dieß werden Sie wenigſtens Achtung haben.“ „Die naͤmliche Achtung, die Sie dafuͤr einen Monat fruͤher gehabt haben wuͤrden, oder ſolche;“ ſagte der Ritter, und riß die Vollmacht in Stuͤcken. —„Was der Henker ſtarrt Ihr mich an? Glaubt Ihr, ein Monopol der Rebellion zu haben, und daß wir nicht auch ein Recht haben, uns ungehorſam zu zeigen?“ „Fort, mir aus dem Wege, Sir Gottfried Pe⸗ veril!“ rief Bridgenorth,„oder Ihr treibt mich zu einer That, die mir leid thun koͤnnte. Ich bin in dieſer Sache der Raͤcher von einem der Heiligen des Herrn, und ich will die Jagd verfolgen, ſo lange mir der Himmel einen Arm verleiht, mir den Weg frei zu machen.“ „Nur auf Eure Gefahr ſollt Ihr hier Euch den Weg oͤffnen,“ ſprach Peveril;„es iſt mein Grund und Boden; ich bin ſeit zwanzig Jahren genug ge⸗ quaͤlt worden von Euch Heiligen, wie Ihr Euch . ſelber nennt. Ich ſage Euch hiermit, Bridgenorth, Ihr ſollt ungeſtraft weder die Sicherheit meines Hauſes verletzen, noch meine Freunde uͤber das Ge⸗ biet hinaus verfolgen, noch, wie Ihr gethan, mit meinen Dienſtboten Verkehr treiben. Fuͤr gewiſſe Handlungen, die ich weder vergeſſen noch ableugnen will, hab' ich Euch geachtet, und es wird mir ſchwer fallen, ein Schwert oder ein Piſtol gegen Euch zu ziehen; aber zeigt eine feindliche Bewegung, oder ruͤckt einen Fuß breit vorwaͤrts, und ich werde mich den Augenblick Eurer bemaͤchtigen. Und was dieſe Elenden betrifft, welche hieher kommen, eine edle Frau an meinen Graͤnzen zu beunruhigen, laßt ſie fort, oder ich ſchicke Einige von ihnen vor der Zeit in die Hoͤlle.“ „Weicht auf Eure eigene Gefahr,“ rief der Ma⸗ jor, und legte die Hand an ſein Piſtol. Der Rit⸗ ter ruͤckte ſogleich auf ihn los, ergriff ihn beym Kra⸗ gen, und ſpornte ſeinen Rappen, den er zugleich im Zaume hielt, ſo daß das Pferd einen Sprung machte, und das volle Gewicht ſeiner Bruſt gegen den Hals des andern brachte. Ein behender Soldat heäͤtte ſich, in Bridgenorth's Lage, ſeines Gegners mit einer Kugel entledigt. Aber Bridgenorth's Muth war, wiewohl er einige Zeit bei der Parla⸗ mentsarmee gedient hatte, mehr von buͤrgerlicher .— — als militaͤriſcher Art; und er ſtand ſeinem Gegner nicht blos an Staͤrke und in der Reitkunſt, ſondern auch und beſonders in der kuͤhnen, entſchiedenen Entſchloſſenheit nach, welche den Ritter Peveril ſo zuverſichtlich in den perſoͤnlichen Kampf ſtuͤrzte. Waͤhrend ſie alſo mit einander ſich auf eine Art her⸗ umſchlugen, die ſo wenig mit ihrer langen Bekannt⸗ ſchaft und vertrauten Nachbarſchaft zuſammen⸗ ſtimmte, war es kein Wunder, daß Bridgenorth mit vieler Heftigkeit abgeworfen wur de. Waͤhrend der Ritter aus dem Sattel ſprang, ſprengte Brid⸗ genorth's Partei herbei, ihren Anfuͤhrer zu retten, und die des Ritters, ſich ihnen zu widerſetzen. Der Staatsbote nahm den Wink an, und fand leicht ei⸗ nen Grund, eine gefaͤhrliche Pflicht nicht zu verfol⸗ gen.„Der Verhaftbefehl,“ ſagte er,„iſt zerriſſen. Die es thaten, muͤſſen vor dem Gericht verantwort⸗ lich ſeyn. Fuͤr meine Perſon koͤnnt ich ohne Com⸗ miſſion nicht weiter gehen.“ Aitr Iens „Wohl geſprochen, und wie es einem friedlie⸗ benden Manne ziemt!“ ſagte der Ritter.—„Whit⸗ aker, laßt ihm im Schloſſe Erfriſchung geben. Sein Gaul iſt auch ſehr heruntergekommen.— Nun, Nachbar Bridgenorth, ſteht auf; ich hoffe, Ihr ſeyd nicht verletzt worden in dieſem tollen Ge⸗ fecht. Es verdroß mich, Hand an Euch zu legen, 160— bis Ihr Euern Karabiner herauszogt.“ Unter die⸗ ſen Worten half er dem Major in die Hoͤhe. Der Staatsbote zog ſich indeß auf die Seite, und mit ihm der Polizeibeamte und Dorfdeputirte, welche nicht ohne einen geheimen Verdacht waren, daß Pe⸗ veril, ob er gleich den Lauf des Rechts in dieſer Sache unterbrochen hatten, doch ſeine Uebertretung wahrſcheinlich von guͤnſtigen Richtern beurtheilt ge⸗ ſehen haben wuͤrde; daher es eben ſo ihrem In⸗ tereſſe und ihrer Sicherheit gemaͤß ſeyn mochte, aus⸗ zuweichen, als ihm Widerſtand zu leiſten. Aber der Reſt der Partei, Bridgenorth's Freunde und Anhaͤnger ſeiner Grundſaͤtze, behaupteten ihren Platz ungeachtet dieſes Abfalles, und ſchienen, nach ih⸗ ren Mienen zu urtheilen, ernſt entſchloſſen, ihr Verhalten nach dem ihres Anfuͤhrers einzurichten, wie es auch ſeyn moͤge. 2 4 Indeſſen es war offenbar, daß Bridgenorth den Kampf nicht wieder erneuern wollte. Er machte ſich ziemlich rauh von Peveril's Haͤnden los, jedoch nicht, um ſein Schwert zu ziehen. Im Gegentheil beſtieg er ſein Pferd mit einer duͤſtern und niedergeſchlage⸗ nen Miene, und, mit einem Zeichen gegen ſein Ge⸗ folge, kehrte er deſſelben Weges zuruͤck, den er ge⸗ kommen war. Der Ritter ſah ihm einige Minuten nach.„Nun,“ ſagte er,„da reitet ein Mann, 161 der ein recht ehrlicher Mann geweſen ſeyn wuͤrde, waͤre er kein Presbyterianer geweſen. Aber es iſt keine Herzlichkeit in ihnen— einen ſchoͤnen Fall auf den Raſen koͤnnen ſie nie vergeben— ſie haͤgen Tuͤcke, und das haſſ' ich, wie einen ſchwarzen Man⸗ tel oder ein Genfer Kaͤppchen mit zwei langen auf jeder Seite hervorragenden Ohren, gleich zwei Schornſteinen auf dem Giebel einer Strohhuͤtte. Sie ſind ſchlau, wie der Teufel, auf ihren Vortheil; und daher, Lance Outram, nimm Zwei mit dir, und halte ſie im Auge, daß ſie nicht unſre Flanke umgehen, und am Ende gar der Graͤfin auf die Spur kommen.“ „Das waͤre mir eben ſo lieb, als wenn ſie auf die zahme weiße Hindin meiner gnaͤdigen Frau los hetzten,“ antwortete Lance im Charakter ſeines Be⸗ rufs. Er vollzog ſeines Herrn Befehle, indem er dem Major Bridgenorth auf eine gewiſſe Entfernung nachfolgte, und ſeinen Zug von ſolchen Anhoͤhen, welche die Gegend beherrſchten, beobachtete. Aber es war bald offenbar, daß kein Manoͤver beabſich⸗ tigt wurde, und der Major den geraden Heimweg einſchlug. Als dieß gewiß war, entließ Ritter Pe⸗ veril die meiſten ſeines Gefolges, behielt allein ſeine eignen Domeſtiken, und ritt ſchleunig weiter, die Graͤfin einzuholen. 4 162— Es iſt nur ferner zu ſagen noͤthig, daß er ſein Vorhaben, die Graͤfin nach Vale Royal zu escorti⸗ ren, ohne weiter ein Hinderniß auf dem Wege zu treffen, ausfuͤhrte. Der Herr des Hauſes uͤber⸗ nahm bereitwillig die Begleitung der hochherzigen Frau nach Liverpool, und machte es ſich zur Ange⸗ legenheit, ſie ſicher nach den Erbguͤtern ihres Soh⸗ nes eingeſchifft zu ſehen, wo kein Zweifel war, daß ſie in perſoͤnlicher Sicherheit bleiben koͤnnte, bis die Anklage gegen ſie, wegen des Bruchs der Koͤnigli⸗ chen Amneſtie durch Chriſtian's Hinrichtung, zu eini⸗ gem Vergleich gebracht werden konnte. Fuͤr eine lange Zeit war dieß keine leichte Sache. Clarendon, damals an der Spitze von Karl's Staats⸗ verwaltung, betrachtete ihre raſche Handlung(wie⸗ wohl aus Beweggruͤnden entſprungen, mit welchen das menſchliche Herz in gewiſſen Ruͤckſichten ſympa⸗ thiſiren mußte), als darauf berechnet, die wieder⸗ hergeſtellte Ruhe Englands zu ſtoͤren, indem ſie die Zweifel und die Eiferſucht derjenigen erregte, wel⸗ che die Folgen der in unſern Zeiten ſogenannten Reaction zu fuͤrchten hatten. Zu gleicher Zeit ſprachen die hohen Dienſte dieſer ausgezeichneten Fa⸗ milie— die Verdienſte der Graͤfin ſelbſt— das Andenken ihres tapfern Gemahls— und die eignen beſondern Umſtaͤnde der Jurisdiction, welche den 1* 165 Fall von allen gemeinen Regeln ausnahmen— ſtark zu ihrem Vortheil; und der Tod Chriſtian's wurde am Ende blos durch Auflegung einer ſchweren Geld⸗ ſtrafe, die ſich, wie wir glauben, auf viele tauſend Pfund belief, beſtraft, welche mit großer Schwie⸗ rigkeit aus den zerſtreuten Beſitzungen des jungen Grafen von Derby erhoben wurden. Achtes Kapitel. Lady Peveril blieb mehrere Stunden, nach der Ab⸗ reiſe ihres Mannes und der Graͤfin vom Schloſſe Martindale, in keiner geringen Unruhe, beſonders als ſie erfuhr, daß Major Bridgenorth, uͤber deſſen Handlungen ſie geheime Erkundigung einzog, mit einer Partie zu Pferde geſtiegen war, und weſt⸗ waͤrts die gleiche Richtung, wie ihr Mann, ver⸗ folgt hatte. Endlich wurde ihre Aengſtlichkeit wegen des Wohlbefindens und der Sicherheit ihres Gatten und der Graͤfin durch Whitaker's Ankunft gehoben, wel⸗ cher deſſen Empfehlungen mitbrachte, und von dem Gefecht zwiſchen ihm und Bridgenorth Nachricht gab. 164— Lady Peveril ſchauderte, zu ſehen, wie nahe ſie der Erneuerung der buͤrgerlichen Feindſeligkeiten ge⸗ weſen waren; und waͤhrend ſie dem Himmel fuͤr ih⸗ res Mannes Erhaltung Dank brachte, konnte ſie ſich doch nicht des Bedauerns und der Beſorgniß wegen der Folgen ſeines Kampfs mit Major Brid⸗ genorth erwehren. Sie hatte nun einen alten Freund verloren, der ſich ats ſolcher unter Umſtaͤn⸗ den der Widerwaͤrtigkeit erwieſen hatte, welche Freundſchaft auf die ſchwerſte Probe ſtellen; und ſie konnte es ſich ſelbſt nicht verbergen, daß Bridge⸗ north, ſo gereizt, ein beunruhigender, wo nicht ge⸗ faͤhrlicher Feind werden koͤnnte. Seiner Rechte, als Glaͤubiger, hatte er bisher ſich mit Nachſicht bedient; und wenn er Strenge anwenden ſollte, ſo ſah Lady Peveril, welche durch ihre Aufmerkſamkeit auf das Hausweſen mit ihres Mannes Angelegen⸗ heiten weit beſſer, als er ſelbſt, bekannt geworden war, bedeutendes Ungemach voraus von Maaßre⸗ geln, die das Geſetz in Kraft ſetzten. Sie troͤſtete ſich jedoch mit der Erwaͤgung, daß. ſie noch einen ſtarken Haltpunkt an Bridgenorth durch ſeine vaͤter⸗ liche Zaͤrtlichkeit beſaͤße, und an der feſten Meinung, die er bisher gezeigt, daß die Geſundheit ſeiner Toch⸗ ter nur unter ihrer Pflege bluͤhen koͤnnte. Aber alle Erwartungen der Ausfuͤhrung, welche Lady Pe⸗ —— —— 165 veril wahrſcheinlich auf dieſen Umſtand gegruͤndet haben mochte, wurden durch einen Vorfall vereitelt, der am naͤchſten Morgen ſtatt fand. Die ſchon erwaͤhnte Gouvernante Deborah ging, wie gewoͤhnlich, mit den Kindern aus, ihren Mor⸗ genſpaziergang im Park in Begleitung von Rachael, einem als Gehuͤlfin dienenden Maͤdchen, vorzuneh⸗ men. Aber ſie kehrte nicht, wie gewoͤhnlich, zuruͤck. Es war um die Stunde des Fruͤhſtuͤcks, als Elles⸗ mere, mit einem ungewoͤhnlichen Grade von gezier⸗ tem Weſen in Ton und Benehmen herein kam, um ihrer gnaͤdigen Frau zu melden, daß Deborah es nicht fuͤr gut gefunden, aus dem Park zuruͤckzukom⸗ men, obgleich die Stunde des Fruͤhſtuͤcks ſo nahe waͤre. 2* K „Nun ſo wird ſie jetzt kommen,“ ſagte Lady Peveril mit Gleichguͤltigkeit. Ellesmere antwortete mit einem kurzen und zweifelnden Huſten, und ſagte dann, daß Rachael mit dem kleinen Mr. Julian nach Hauſe geſchickt worden; nnd der Gouvernante Deborah habe be⸗ liebt zu ſagen, ſie werde mit der kleinen Miß Brid⸗ genorth bis an das Moultraſſier Holz gehen, wel⸗ ches ein Punkt war, wo des Majors Eigenthum, wie die Sachen jetzt ſtanden, an Sir Gottfried Pe⸗ veril's Beſitzungen graͤnzte. 166— 3 „Hat denn die Deborah den Verſtand verloren,“ rief die Lady Peveril etwas unwillig aus,„daß ſie meinen Befehlen nicht gehon t, und nicht zur rech⸗ ten Zeit nach Hauſe kommt?“ „Sie moͤchte wohl den Verſtand verlieren,“ ſagte Ellesmere geheimnißvoll;„oder ſie moͤchte zu ver⸗ ſchlagen werden, und ich denke, es waͤre gut, wenn Ihre Gnaden darauf ſaͤhen.“ „Auf was ſehen, Ellesmere?“ fragte die Lady ungeduldig.„Ihr ſprecht recht orakelmaͤßig dieſen Morgen. Wißt Ihr Etwas zum Nachtheil des jungen Maͤdchens, ſo ſagt es nur heraus, ich bitte Euch.“ „Ich zum Nachtheil!“ rief Ellesmere.„Ich mag weder Mann, noch Frau, oder Kind, als Mitbedienung in Nachtheil bringen. Ich wuͤnſche nur, daß Ihre Gnaden um ſich ſehen, und Ihre eignen Augen brauchen— das iſt Alles.“ „Ihr heißt mich meine eignen Augen gebrauchen, Ellesmere; aber ich vermuthe,“ ſagte die Lady,„es waͤre Euch noch lieber, wenn ich es zufrieden waͤre, durch Eure Brille zu ſehen. Ich befehle Euch alſo, und Ihr wißt, ich verlange Gehorſam— ich be⸗ fehle Euch, mir zu ſagen, was Ihr von dieſem Maͤdchen, Deborah Debbitch, wiſſet oder arg⸗ woͤhnt.“ —— — 167 „Ich ſehe durch eine Brille!“ rief die unwillige Abigail.„Ihre Gnaden werden mir hierin verzei⸗ hen; denn ich gebrauche nie eine, ausgenommen eine von meiner armen Mutter, welche ich aufſetzte, als Ihre Gnaden Ihre Fluͤgelhaube ſorgfaͤltig geſtickt und genaͤht wuͤnſchten. Kein Maͤdchen uͤber ſechzehn hat je ohne Brille weiß geſaͤumt. Und was den Argwohn betrifft, ich argwoͤhne nichts; denn da Ihre Gnaden die Deborah Debbitch aus meiner Hand bekommen haben, ſo koͤnnen Sie ſicher ſeyn, daß nnichts dabei von mir erſonnen iſt. Nur, gnaͤdige Frau“(hier fing ſie an mit ſo geſchloſſenen Lippen zu ſprechen, daß kaum ein Laut herausdringen konnte, und ihre Worte ſo zu ſpitzen, als wenn ſie die En⸗ dungen derſelben vorher verbiſſen haͤtte, ehe ſie herauskamen) nur, wenn Gouvernante Deborah ſo oft einen Morgen nach dem Moultraſſie⸗Holz geht, ei, ſo ſollt ich mich nicht wundern, wenn ſie den Weg nicht wieder zuruͤckfaͤnde.“ Noch einmal, was meinet Ihr, Ellesmere? Ihr zeigtet immer etwas Verſtand. Laßt mich deut⸗ lich die Sache wiſſen.“ „Blos, gnaͤdige Frau,“ fuhr die Abigail fort, „daß, ſeit Bridgenorth von Cheſterfield zuruͤck kam, und Sie im Schloßſaale ſah, es der Gouvernante Deborah gefiel, die Kinder alle Morgen an den be⸗ —xxxx— — 168 ſagten Platz zu bringen; und es hat ſich ſo getroffen, daß ſie oft dem Major, wie ſie ihn heißen, da auf ſeinen Spaziergaͤngen begegnet iſt; denn er kann nun herumgehen, wie andre Leute; und ich betheure Ihnen, Sie hat keinen Schaden von dem Begegnen gehabt, auf eine Art wenigſtens; denn ſie hat ſich einen neuen Hut gekauft, wie Sie ſelbſt, gnaͤdige Frau, tragen koͤnnten; aber ob ſie ſonſt Etwas, außer ein Stuͤck Geld in Haͤnden gehabt hat, wer⸗ den Ihre Gnaden ohne Zweifel am beſten beurtheilen.“ Lady Peveril, welche gern die gutmuͤthigere Er⸗ klaͤrung von den Beweggruͤnden der Gouvernante annahm, konnte ſich doch uͤber den Gedanken des Lachens nicht enthalten, daß ein Mann von Brid⸗ genorth's beſtimmtem Weſen, ſtrengen Grundſaͤtzen und gewohnter Zuruͤckhaltung, in den Verdacht ver⸗ liebter Abſichten kaͤme; und gern ſchloß ſie, daß Deborah ihren Vortheil darin gefunden hatte, ſei⸗ ner vaͤterlichen Zuneigung dadurch zu ſchmeicheln, daß ſie ihm oft den Anblick ſeines Toͤchterchens waͤh⸗ rend der wenigen Tage verſchaffte, welche zwiſchen ſeinem erſten Erblicken der kleinen Alexie auf dem Schloſſe und den folgenden Ereigniſſen verfloſſen. Aber ſie war. etwas befremdet, als eine Stunde nach dem gewoͤhnlichen Fruͤhſtuͤck, waͤhrend welcher weder das Kind noch die Waͤrterin erſchien, Major — 169 Bridgenorth's einziger Bedienter im Schloſſe zu Pferde in Reiſetracht ankam, und, nachdem er ei⸗ enen an ſie ſelbſt adreſſirten Brief, und einen an Miſtreß Ellesmere abgegeben, ohne Antwort abzu⸗ warten, wieder fortritt. Hierin wuͤrde nichts Merkwuͤrdiges geweſen ſeyn, haͤtte es eine andre Perſon betroffen; aber Maͤ⸗ jor Bridgenorth war ſo ſehr ruhig und geſetzt in allem ſeinen Vekfahren— ſo wenig dem haſtigen oder durch Antrieb abgenoͤthigten Handeln unterwor⸗ fen, daß der geringſte Anſchein von Aufſehen, wo es ihm galt, Verwundrung und Neugier erregte. Lady Peveril brach den Brief haſtig auf, und fand folgenden Inhalt: Der Verehrungswuͤrdigen und Verehrten Lady Peveril einzuhaͤndigen. Gnaͤdige Frau! Geruhen Ihre Gnaden, daß ich ſchreibe, mehr, mich ſelbſt bei Ihnen zu entſchuldigen, als Sie oder Andre anzuklagen, inwiefern ich weiß, daß es un⸗ ſerer gebrechlichen Natur beſſer anſteht, unſere eige⸗ nen Unvollkommenheiten zu bekennen, als uns uͤber die der Andern zu beſchweren. Auch bin ich nicht geſonnen, von vergangenen Zeiten zu ſprechen, be⸗ ſonders in Hinſicht Ihrer, verehrte Lady, indem ich wohl weiß, daß, wenn ich Ihnen in jener Periode 1 9 170 gedient habe, als unſer Iſrael triumphirend genannt werden konnte, Sie mir mehr als vergolten haben, da Sie mir ein Kind in meine Arme zuruͤckgaben, gleichſam gerettet aus dem Schattenthale des Todes. Und daher, ſo wie ich Ihrer Gnaden die unguͤtige und gewaltſame Maaßregel von Herzen verzeihe, welche Sie gegen mich bei unſerm letzten Beiſam⸗ menſeyn ergriffen(inwiefern die Frau, die Urſache des Streits, zu Ihrer Verwandtſchaft und zu den Ihrigen gehoͤrt), bitte ich Sie, auf gleiche Weiſe, mir zu vergeben, daß ich das junge Frauenzimmer, Namens Deborah Debbitch, aus Ihrem Dienſte ge⸗ lockt, deren Pflege, ſo wie ſie unter Ihrer Gnaden Anleitung unterrichtet worden, fuͤr die Geſundheit meines theuerſten Kindes wohl unentbehrlich iſt. Ich hatte die Abſicht, gnaͤdige Frau, daß, mit Ihrer gnaͤdigen Erlaubniß, Alexie auf dem Schloß Mar⸗ tindale unter Ihrer guͤtigen Pflege bleiben ſollte, bis ſie ſo weit waͤre, zwiſchen Gut und Boͤſe ſo zu un⸗ terſcheiden, daß es Gewiſſensangelegenheit wuͤrde, ihr den Weg, den ſie zu gehen haͤtte, bekannt zu machen. Denn es iſt Ihro Gnaden nicht unbekannt, und auf keine Weiſe ſpreche ich es zum Vorwurfaus, ſondern vielmehr mit Betruͤbniß, daß eine ſo vor⸗ trefflich begabte Dame, wie Sie— ich meine, in Hinſicht natuͤrlicher Gaben— doch noch nicht das 171 wmahre Licht erhalten hat, welches eine Leuchte iſt auf die Pfade, ſondern ſich begnuͤgt in Dunkelheit zu ſtraucheln, und unter den Graͤbern der Todten. Es iſt mein Gebet geweſen in den Wachen der Nacht, daß Ihre Gnaden von der Lehre abſtehen moͤchten, welche zum Irrthum fuͤhrt; aber es ſchmerzt mich, zu ſagen, daß, da unſer Leuchter im Begriff iſt ent⸗ fernt zu werden, das Land hoͤchſt wahrſcheinlich in tiefere Finſterniß als je gehuͤllt werden wird; und die Ruͤckkehr des Koͤnigs, auf welche ich und Viele als auf eine Offenbarung goͤttlicher Huld hinblickten, ſcheint wenig anderes zu beweiſen, als einen zuge⸗ laſſenen Triumph des Fuͤrſten der Luft, welcher ſich aufmacht, ſeinen eiteln Jahrmarkt von Biſchoͤfen, Dechanten u. dergl. wieder herzuſtellen, und die friedlichen Diener des Wortes auszuſtoßen, deren Arbeiten ſich an ſo manchen hungrigen Seelen treu bewieſen haben. Da ich ſo von ſicherer Hand hoͤrte, daß eine Commiſſion ergangen, dieſe ſtummen Hunde und Nachfolger von Laud und Wilhelms herzuſtel⸗ len, welche von dem letztern Parlament ausgewor⸗ fen worden, und daß ein Act der Conformitaͤt, oder vielmehr der Deformitaͤt des Gottesdienſtes zu er⸗ warten ſey; ſo iſt es mein Vorſatz, vor dem nahen⸗ den Grimm zu fliehen, und irgend einen Winkel aufzuſuchen, wo ich in Frieden wohnen, und Frei⸗ H 2 172 heit des Gewiſſens genießen kann. Denn wer moͤchte in dem Heiligthum bleiben, nachdem das geſchnitzte Werk davon abgebrochen, und wann es zu einem Platz fuͤr Eulen und Satyrn der Wildniß gemacht worden?— Und hierin mache ich mir ſelbſt Vor⸗ wuͤrfe, gnaͤdige Frau, daß ich in der Einfalt meines Herzens zu bereitwillig zu dem Gelage in dem Hauſe des Schmauſens kam, worin meine Liebe zur Ver⸗ einigung, und mein Verlangen, Ihro Gnaden Ehr⸗ erbietung zu beweiſen, eine Schlinge fuͤr mich ge⸗ worden iſt. Aber ich hoffe, es wird ein Suͤhnopfer ſeyn, daß ich nun im Begriff bin, mich von dem Orte meiner Geburt und dem Hauſe meiner Vaͤter ſowohl, als von dem Platze, welcher die Aſche der Pfaͤnder meiner Zaͤrtlichkeit enthaͤlt, zu entfernen. Ich habe auch zu bedenken, daß in dieſem Lande meine Ehre,(nach weltlicher Schaͤtzung), durch Ih⸗ ren Gemahl, Sir Gottfried Peveril, erniedrigt und mein nuͤtzlicher Wirkungskreis eingeſchraͤnkt wor⸗ den iſt; und zwar ohne eine Ausſicht auf einen Er⸗ ſatz aus ſeiner Hand, wobei ſich, ſo zu ſagen, die Hand eines Verwandten gegen meinen Ruf und ge⸗ gen mein Leben erhob. Dieſe Dinge ſind bitter fuͤr den Geſchmack des alten Adam; weßhalb, um fer⸗ nere Gefechte und vielleicht Blutvergießen zu verhuͤ⸗ ten, es beſſer iſt, oaß ich dieſes Land auf einige Zeit verlaſſe. Die Angelegenheiten, die zwiſchen Sir Gottfried und mir in Ordnung zu bringen ſind, werde ich dem rechtſchaffenen Hrn. Joachim Win⸗ the⸗ Fight, Sachwalter in Cheſter, uͤbergeben, der ſie mit ſolcher Ruͤckſicht auf Sir Gottfried's Bequem⸗ lichkeit beſorgen wird, als Gerechtigkeit und gehoͤrige Vollziehung des Geſetzes erlauben werden; denn, wie ich hoffe, werde ich die Gnade haben, der Ver⸗ ſuchung zu widerſtehen, die Waffen des fleiſchlichen Kriegsweſens zu Werkzeugen meiner Rache zu ma⸗ chen, ſo wie ich verſchmaͤhe, ſie durch die Mittel des Mammon zu bewirken. Mit dem Wunſche, gnaͤdige Frau, daß Ihnen der Herr jeden Segen verleihe, und insbeſondre den, welcher uͤber allen andern geht, naͤmlich die wahre Erkenntniß ſeines Weges, verbleibe ich zu Befehl Geſchrieben zu Ihr Moultraſſie⸗Hall, am ergebner Diener, ꝛ0ten Juli, 1660. Ralph B Bridgenorth. Sobald Lady Peveril dieſe lange und ſonderbare Homilie geleſen hatte, in welcher ihr Nachbar ihr mehr Geiſt der religioͤſen Schwaͤrmerei, als ſie ihm zugetraut, gezeigt zu haben ſchien, blickte ſie auf, und ſah Ellesmere an, in deren Miene Kraͤnkung und ein erzwungner Ausdruck der Verachtung mit einander ſcheinbar kaͤmpften, und welche die woͤrt⸗ H 3 liche Erklaͤrung deſſen, was ſie in dem Geſicht ihrer Gebieterin zu leſen glaubte, nicht laͤnger zu erwar⸗ ten Geduld hatte, ſondern auf die Beſtaͤtigung ih⸗ res Argwohns in folgenden Worten hindeutete. „Nicht wahr, gnaͤdige Frau“, ſagte die Kam⸗ merjungfer,„der ſchwaͤrmeriſche Thor gedenkt das Maͤdchen zu heirathen? Man ſagt, er ziehe fort. Wahrhaftig es iſt auch Zeit; denn außer daß die ganze Nachbarſchaft uͤber ihn lachen und ſpotten wuͤrde, ſollte mich's auch nicht wundern, wenn ihm Lance Outram, der Foͤrſter, ein Horn zu tragen gaͤbe; denn das gehoͤrt einmal zu ſeinem Fache.“ „Du haſt eben fuͤr jetzt nicht große Urſache dich zu aͤrgern, Ellesmere,“ erwiederte Lady Peveril. „Mein Brief ſagt nichts von Heirath; ſondern es ſchein nur, daß Herr Bridgenorth, da er dieſes Land verlaſſen will, Deborah zur Pflege ſeines Kin⸗ des angenommen hat; und um des Kindes willen, bin ich wahrhaftig herzlich froh daruͤber.“ „ und ich bin froh um meinetwillen,“ ſagte Elles⸗ mere;„und freilich um des ganzen Hauſes willen. — und Ihre Gnnden glauben nicht, daß ſie ihn heirathen wird? Meiner Treu, ich kann nicht ein⸗ ſehen, wie er ſo ein Pinſel ſeyn ſollte; aber viel⸗ leicht hat ſie etwas Schlimmeres vor: denn ſie ſpricht hier vom Gelangen zu hoher Befoͤrderung, und das — 175 zeſchieht ſelten heutzutage durch ehrlichen Dienſt. Denn ſie ſchreibt mir wegen Ueberſchickung von ſol⸗ chen Sachen, als wenn ich Aufſeherin der Garde⸗ robe Ihrer Gnaden waͤre; ja, und empfiehlt den jungen Mr. Julian der Sorgfalt meines Alters und meiner Erfahrung; meiner Treu', als wenn ſie mir das kleine theure Kleinod erſt zu empfehlen brauche; und dann von meinem Alter zu ſprechen.— Doch ich will ihre Lumpen einpacken und nach Moultraſſie⸗ hall ſchaffen.“ „Thu es mit aller Hoͤflichkeit“, ſagte die Lady, „und laß Whitaker ihr das Dienſtlohn, und ein Goldſtuͤck(einen Jacobus) obendrein, zuſenden; denn, zwar ein leichtſinniges junges Maͤdchen, war ſte doch gut gegen die Kinder.“ 1 „Ich weiß, gnaͤdige Frau, wer guͤtig gegen ſeine Dienſtboten, iſt und das beſte Maͤdchen gewinnen wuͤrde, das je ein Kleid aufſteckte.“ „Ich gewann ein gutes, als ich dich gewann“, erwiederte Lady Peveril. „Aber trage der Deborah auf,“ ſetzte ſie hinzu, „daß ſie die kleine Alexie in meinem Namen kuͤſſe, und dem Major Bridgenorth meine beſten Wuͤnſche fuͤr ſeine gegenwaͤrtige und kuͤnftige Wohlfahrt ver⸗ ſichere.“ 9 4 Sie erlaubte keine fernere Bemerkung oder Ant⸗ wort, ſondern entließ ihre Kammerjungfer, ohne ſich in weitere Einzelnheiten einzulaſſen. Als Ellesmere fort war, fing Lady Peveril an, mit vielem Gefuͤhl von Theilnahme uͤber den Brief des Major Bridgenorth nachzudenken; eines Man⸗ nes, der gewiß viele vortreffliche Eigenſchaften be⸗ ſaß, den aber eine Reihe haͤuslicher Widerwaͤrtigkei⸗ ten, und die zunehmende Duͤſterkeit eines aufrich⸗ tigen, aber truͤben Gefuͤhls von Andacht einſam und ungluͤcklich machten; und mehr als ein aͤngſtli⸗ cher Gedanke erwachte in ihr uͤber die Gluͤckſeligkeit der kleinen Alexie, wenn ſie unter einem ſolchen Vater, wie es wahrſcheinlich war, aufwuͤchſe. Immer war Bridgenorth's Entfernung im Gan⸗ zen ein wuͤnſchenswerthes Ereigniß; denn waͤhrend er in Moultraſſiehall bliebe, war es nur zu wahr⸗ ſcheinlich, daß ein zufaͤlliges Zuſammengerathen mit Ritter Peveril einen Kampf herbeifuͤhren koͤnnte, där ſchlimmer ausfallen moͤchte, als der letztere ih⸗ ren Wuͤnſchen entgegen geweſen war.— Unterdeſſen konnte ſie ſich nicht enthalten, dem Doctor Dummerar ihr Befremden und ihre Betruͤb⸗ niß auszudruͤcken, daß Alles, was ſie gethan und verſucht hatte, Frieden und Einmuͤthigkeit zwiſchen den ſtreitenden Factionen zu ſtiften, ungluͤcklicher⸗ —,— 3— 177 weiſe zum Gegentheil deſſen ausgeſchlagen war, was ſie beabſichtigt hatte. „Ohne meine ungluͤckliche Einladung“ ſagte ſie, „wuͤrde Bridgenorth nicht am naͤchſten Morgen nach dem Feſte auf dem Schloſſe geweſen ſeyn, wuͤni er nicht die Graͤfin geſehen haben, und wuͤrde er nicht ſich die Empfindlichkeit und den Widerſtand meines Mannes zugezogen haben. Und ohne des Koͤnigs Zuruͤckkunft, eine Begebenheit, die ſo ſehnlich als die Beendigung aller unſrer Widerwaͤrtigkeiten er⸗ wartet wurde, wuͤrden weder die edle Dame, noch wuͤrden wir ſelbſt in dieſes neue Labyrinth von Ver⸗ legenheit und Gefahr verwickelt worden ſeyn.“ „Verehrte Frau“, ſagte Doector Dummerar, „waͤren die Angelegenheiten dieſer Welt unbedingt der Leitung durch menſchliche Weisheit unterworfen, oder muͤßten ſie gleichfoͤrmig nach den Vermuthun⸗ gen menſchlicher Vorausſicht ausfallen, ſo wuͤrden die Begebenheiten nicht laͤnger unter der Herrſchaft derjenigen Zeit und desjenigen Schickſals ſtehen, welche alle Menſchen treffen, weil wir in dem einen Fall unſre eignen Vorſaͤtze zu einer Gewißheit durch unſre eigene Geſchicklichkeit ausfuͤhren, und in dem andern unſer Betragen nach den Abſichten eines nicht irrenden Vorherwiſſens einrichten ſollen. Aber der Menſch iſt, ſo lange er ſich in dieſem Thale der H 5 178— Thraͤnen beſindet, wie ein unkundiger Kegelſchieber, ſo zu ſagen, welcher ſein Ziel durch gerades Hinrol⸗ len der Kugel nach demſelben zu erreichen hofft, und nicht weiß, daß eine verborgene Seitenneigung in⸗ nerhalb des Sphaͤroids iſt, welche nach aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit die Kugel ablenken und den Wurf ver⸗ lieren machen wird.“ Nachdem er dieß mit gedankenvoller Miene ge⸗ ſprochen, nahm er ſeinen ſchaufelfoͤrmigen Hut und ging hinunter zu dem gruͤnen Kegelſchube, um mit Whitaker eine Kegelpartie zu machen, welche ihm wahrſcheinlich ſeine merkwuͤrdige Erlaͤuterung des ungewiſſen Laufs der menſchlichen Ereigniſſe einge⸗ geben hatte. Zwei Tage nachher kam der Ritter Peveril an. Er hatte zu Vale⸗Royal gewartet, bis er die ſichere Einſchiffung der Graͤfin nach der Inſel Man erfuhr, und dann ſich auf den Heimweg nach ſeinem Schloſſe und zu ſeiner Margarethe begeben. Unterwegs er⸗ fuhr er von einigen ſeiner Begleitung die Art und Weiſe, wie ſeine Gattin die feſtliche Bewirthung, welche ſie auf ſeinen Befehl der Nachbarſchaft gab, veranſtaltet hatte; und ungeachtet der großen Nach⸗ giebigkeit, die er ſeiner Gemahlin in ſie betreffen⸗ den Faͤllen zu beweiſen pflegte, hoͤrte er doch mit b 8 —— ——— — — 179 großem Unwillen von ihrer Freigebigkeit gegen die Presbyterianiſche Partei. „Ich konnte Bridgenorth zugelaſſen haben“, ſagte er;„denn er betrug ſich, bis auf die letzten Vorfaͤlle, immer auf nachbarliche und freuadliche Art— ich konnte ihn geduldet haben, wenn er die Geſundheit des Koͤnigs wie ein braver Mann getrun⸗ ken haͤtte;— aber den naͤſelnden Schurken Sols⸗ grace mit ſeiner ganzen bettelhaften langoͤhrigen Ge⸗ meinde, ein Conventikel in meines Vaters Hauſe halten zu laſſen— ſie nach ihrem Belieben herr⸗ ſchen zu laſſen— ſolche Freiheit haͤtt ich ihnen nicht verſtattet, als ſie den Kopf am Hoͤchſten trugen! Nie fanden ſie, in dem ſchlimmſten Zeiten, einen Weg auf das Schloß Martindale, außer dem, wel⸗ chen ihnen Oliver Cromwell's Kanone machte; und daß ſie dahin kommen und da quaͤken und winſeln ſollten, nachdem Koͤnig Karl zuruͤckgekehrt iſt— bei meinem Leben, Margarethe ſoll meine Meinung daruͤber erfahren!“ Aber ungeachtet dieſer zornigen Entſchließungen, legte ſich des ehrlichen Ritters Unwille gaͤnzlich, als er die holden Zuͤge ſeiner Gattin von zaͤrtlicher Freude uͤber ſeine gluͤckliche Ruͤckkunft verklaͤrt ſah. Als er ſie in ſeine Arme nahm und kuͤßte, verzieh er ihr, eh er ihr Vergehen erwaͤhnte. 8 180 „ Du haſt mich zum Beſten gehabt, Margrete,“ ſagte er mit Kopfſchuͤtteln und zugleich laͤchelnd; „und du weißt, worin; aber ich denke, du biſt eine wahre Anhaͤngerin unſrer Kirche, und handelteſt blos aus einer ſchwachen weibiſchen Fantaſie, freund⸗ lich zu thun gegen dieſe ſchurkiſchen Stutzkoͤpfe. Doch nichts weiter davon! Ich wollte lieber Schloß Mar⸗ tindale wieder von ihren Kugeln durchſchoſſen ſehen, als einen von den Buben freundſchaftlich aufnehmen, Ralph Bridgenorth von Moultraſſiehall allemal aus⸗ genommen, wenn er wieder zu Verſtande kommen ſollte.“ Lady Peveril ſah ſich hier genoͤthigt, zu erzaͤh: len, was ſie uͤber Bridgenorth gehoͤrt hatte— das Verſchwinden der Gouvernante mit ſeiner Tochter—, und hier uͤbergab ſie ihm ſeinen Brief. Der Ritter ſchuͤttelte erſt den Kopf, und lachte dann laut auf bei dem Gedanken, daß hier eine kleine Liebesintrigue zwiſchen Bridgenorth und der Deorah ſtatt finde. „Es iſt das wahre Ende eines Diſfenters 2), ſagte er,„ ſein eignes oder ein andres Dienſtmaͤd⸗ chen zu heirathen. Deborah iſt eine gute gefaͤllige *) Eines Separatiſten oder Non⸗Conformiſten, der ſich von der herrſchenden Kirche abſondert. 4 4181 Perſon, und noch in den muntern Jahren der drei⸗ ßig, denk ich.“ „Nein, nein,“ antwortete Lady Peveril;„dn biſt eben ſo argwoͤhniſch, wie Ellesmere. Ich glaube, es iſt blos die Zaͤrtlichkeit fuͤr ſein Kind.“ „Ich weiß wohl,“ ſprach der Ritter,„Weiber denken immer an Kinder; aber unter Maͤnnern, liebe Frau, liebkoſet mancher das Kind, damit er die Waͤrterin kuͤſſen koͤnne; und was waͤr' es fuͤr ein Wunder oder fuͤr ein Schade, wenn Bridgenorth das Maͤdchen heirathete? Ihr Vater iſt ein wohl⸗ habender Pachter; ſeine Familie hat dieſelbe Meierei ſeit Bosworth⸗ſield gehabt, ein eben ſo guter Stammbaum, als der des Urenkels von einem Che⸗ ſterfielder Brauer, ſollt ich meinen. Aber laß uns hoͤren, was er ſelbſt ſagt. Ich will es herausbuch⸗ ſtabiren, wenn etwa eine Schelmerei uͤber Liebe und Neigung in dem Briefe ſteht, welche der Unſchuld unſrer guten Margarethe entgangen iſt.“ 3 Der Ritter Peveril fing alſo an, den Brief durchzuleſen; ſtutzte aber ſehr uͤber die ſonderbare Sprache, worin er abgefaßt war.„Was er unter dem Entfernen der Leuchter, und unter dem Abbre⸗ chen des Schnitzwerks in der Kirche meint, kann ich nicht errathen; wofern er nicht die großen ſilbernen Leuchter wieder zu bringen gedenkt, die mein Groß⸗ vater gab, um ſie zu Martindale⸗Moultraſſie auf den Altar zu ſtellen, und welche ſeine ſpitzoͤhrigen Freunde, als kirchenraͤuberiſche Schurken, wie ſie ſind, ſtahlen und einſchmelzten; und eben ſo waͤre das einzige Abbrechen, wovon ich wuͤßte, jenes, da ſie die Schranken des Communiontiſches niederriſ⸗ ſen(wofuͤr denn einige ihrer Finger jetzt heiß genug geworden ſind), und da die ehernen Verzierungen der Peveriliſchen Graͤbmaͤler zerſtoͤrt wurden; und das war ein rachſuͤchtiges Niederbrechen und Wegſchaffen. Indeß, Margrete, das Reſultat iſt, daß Bridge⸗ north unſre Gegenden verlaſſen will. Es thut mir wahrhaftig leid, ob ich ihn gleich nie oͤfter, als ein⸗ mal des Tages ſah, und nie uͤber ein paar Worte mit ihm ſprach. Aber ich ſehe den Grund wohl ein: das kleine Schuͤtteln bei der Schulter, wurmt ihn im Magen; und doch, Margrete, ich hob ihn nur ſo aus den Sattel, wie ich dich in den Sattel ge⸗ hoben haͤtte, Margrete; ich nahm mich in Acht, ihn nicht zu verletzen; und ich hielt ihn nicht fuͤr ſo zart im Ehrenpunkt, daß er ſo Etwas viel gedenken wuͤrde. Aber ich ſehe offenbar, wo ihn die Wunde ſchmerzt; und ich buͤrge dir dafuͤr, ich bringe es da⸗ hin, daß er in Moultraſſiehall bleibt, und daß du Julians kleine Geſpielin wieder bekommſt. Wahr⸗ haftig, der Gedanke ſchmerzt mich ſelbſt, das Kind 1 — 183 1 zu verlieren, und einen andern Ritt, wann kein Jagdwetter iſt, erwaͤhlen zu muͤſſen, als den um Moultraſſiehall mit ein paar Worten am Fenſter.“* „Es ſollte mich ſehr freuen, lieber Mann,“ ſagte Lady Peveril,„wenn du zu einer Ausſoͤhnung mit dieſem wuͤrdigen Mann gelangteſt; denn fuͤr einen ſolchen muß ich Bridgenorth doch halten.“ „Seine abweichenden Grundſaͤtze abgerechnet, iſt er ein ſo guter Nachbar, als irgend einer,“ antwor⸗ tete Peveril. „Aber ich ſehe kaum eine Moͤglichkeit,“ erwie derte ſie,„einen ſo erwuͤnſchten Zweck zu erreichen.“* 1„Still, liebe Frau,“ ſagte er;„du verſtehſt we⸗ nig von ſolchen Sachen. Ich kenne ſeine ſchwache Seite, und du ſollſt ſehen, wie ich ihn wieder zu⸗ recht bringe.“ 1 Lady Peveril hatte durch ihre aufrichtige Zunei⸗ gung und ihren geſunden Verſtand ſo gut ein Recht auf das volle Zutrauen ihres Mannes, als irgend eine Frau in Derbyſhire; und, die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, ſie hatte bei dieſer Gelegenheit mehr Ver⸗ langen ſein Vorhaben zu wiſſen, als ihr Besbußt⸗ ſeyn ihrer gegenſeitigen und abgeſonderten Pflichten ihr im Ganzen zu haͤgen erlaubte. Sie konnte ſich eeAeine Art der Ausſoͤhnung mit ſeinem Nachbar dens ken, welche ihr Mann(eben kein ſehr ſcharfer Men⸗ 284— ſchenkenner) ausgedacht haben moͤchte, und die er ihr nicht haͤtte vertrauen koͤnnen; und ſie fuͤhlte eine geheime Unruhe, die von ihm ergriffenen Mittel moͤchten ſo uͤbel gewaͤhlt ſeyn, daß der Bruch nur noch groͤßer werden duͤrfte. Aber der Ritter wollte ſich hieruͤber nicht weiter herauslaſſen. Er war lange genug Oberſter eines auswaͤrtigen Regiments geweſen, um ſich das Recht einer unbedingten Herr⸗ ſchaft im Hauſe beizulegen; und auf alle Winke, welche ſeine Frau zu geben wußte, antwortete er blos:„Geduld, Margrete, Geduld! Dieß iſt keine Sache fuͤr dich. Du ſollſt genug davon nebenher erfahren. Geh', ſieh' nach Julian. Wird der Knabe nie nach dem kleinen Sproͤßling eines Puritaners geſchrieen haben? Aber wir wollen die kleine Alexie in zwei oder drei Tagen wieder bei uns haben, und Alles wird wieder gut ſeyn.“ Als der gute Ritter ſo ſprach, blies ein Poſtil⸗ lion im Hofe, und ein großes Paket wurde herein⸗ gebracht, adreſſirt an den geehrten Ritter Gottfried Peveril, Friedensrichter u. ſ. w.; denn er war, gleich nach der feſten Wiedereinſetzung des Koͤnigs, wieder in Amtsthaͤtigkeit geſetzt worden. Als er das Paket oͤffnete, welches nicht ohne ein beſonders Gefuͤhl von Wichtigkeit geſchah, fand er, daß es die von ihm erbetene Vollmacht zu Wiedereinſetzung des — 285 Dr. Dummerar in die Pfarre enthielt, aus welcher er waͤhrend der Uſurpation gewaltſam entſetzt wor⸗ den war. 4 Wenig Vorfaͤlle haͤtten dem Ritter mehr Ver⸗ gnuͤgen machen koͤnnen. Er konnte einem tapfern, ſtark gebauten Sectirer oder Non⸗Conformiſten ver⸗ zeihen, welcher ſeine Lehren im Felde, durch Schwert⸗ hiebe auf ſeine und andrer Edelleute Helme und Kuͤ⸗ raſſe, aufzwang. Allein genau erinnerte er ſich mit lebhaftem Rachgefuͤhl des ſiegreichen Einzugs des Hugo Peter durch die Breſche ſeines Schloſſes; und, ohne zwiſchen Secten und ihren Lehren fein zu unterſcheiden, hielt er alle, welche eine Kanzel, ohne Beglaubigungsſchein von der Engliſchen Kirche, beſtiegen(vielleicht haͤtte er auch insgeheim die Roͤ⸗ miſche ausnehmen moͤgen) fuͤr Stoͤrer der oͤffentli⸗ chen Ruhe, fuͤr Verfuͤhrer der Gemeinde von ihren rechtmaͤßigen Predigern, fuͤr Anſtifter des Buͤrger⸗ kriegs, und fuͤr Menſchen, die aufgelegt waͤren, dem Schickſal eines neuen entgegen zu gehen. Dann fand er, auf der andern Seite, außer⸗ dem daß es ſeinem Widerwillen gegen Solsgrace ſchmeichelte, viel Befriedigung in der Wiederein⸗ ſetzung ſeines alten Freundes und Gefaͤhrten auf der Jagd und in Bedraͤngniß, des wuͤrdigen Doctor Dummerar, in ſeine geſetzlichen Rechte und in die 186— Bequemlichkeiten und den Genuß ſeiner geiſtlichen Pfruͤnde. Mit großem Triumph theilte er den Iu⸗ halt des Pakets ſeiner Gattin mit, welche nun den Sinn des geheimnißvollen Satzes in Major Brid⸗ genorth's Briefe begriff, betreffend die Entfernung des Leuchters und die Ausloͤſchung des Lichts und der Lehre im Lande. Sie machte ihren Mann aufmerk⸗ ſam hierauf, und ſuchte ihn zu uͤberzeugen, daß nun eine Thuͤre zur Ausſoͤhnung mit ſeinem Nach⸗ bar eroͤffnet waͤre, indem er den erhaltenen Auftrag auf eine gefaͤllige und gemaͤßigte Art, nach gehoͤri⸗ gem Aufſchub, und mit aller derjenigen Schonung der Gefuͤhle Solsgrace's und ſeiner Gemeinde, welche nur die Umſtaͤnde erlaubten, zur Vollziehung braͤchte. Dieß, bemerkte ſie, wuͤrde auf keine Weiſe dem Dr. Dummerar Eintrag thun; ſondern vielmehr Dos Mittel ſeyn, Viele mit ſeiner kirchlichen Ver⸗ waltung auszuſoͤhnen, welche außerdem durch die voreilige Entfernung eines Lieblingspredigers fuͤr im⸗ mer dawider eingenommen werden moͤchten. Es war viel Weisheit und Maͤßigung in dieſem Rath) und zu einer andern Zeit wuͤrde Ritter Pe⸗ veril Sinn genug dafuͤr gehabt haben, um ihn an⸗ zunehmen. Allein wer kann ruhig oder kluͤglich han⸗ deln in der Stunde des Triumphs? Die Abſetzung des Herrn Solsgrace wurde daher ſo haſtig vollzo⸗ —-— —— — 187 gen, daß ſie einer Verfolgung ziemlich aͤhnlich ſah; doch, aus dem richtigern Geſichtspunkt betrachtet, war es blos die Wiedereinſetzung ſeines Vorgaͤngers in ſeine geſetzlichen Rechte. Solsgrace ſelbſt ſchien beſtrebt, ſeine Leiden ſo auffallend als moͤglich zu machen. Er hielt aus bis auf die letzt; und am Sabbat, nachdem er ſeinen Abſetzungsbefehl erhal⸗ ten hatte, verſuchte er, mit Unterſtuͤtzung von Brid⸗ genorth's Sachwalter, Win⸗the⸗Fight, und eini⸗ gen eifrigen Anhaͤngern, wie gewoͤhnlich, ſeinen Weg zur Kanzel anzutreten. Gerade als dieſe Partei von der einen Seite auf den Kirchhof kam, zog Dr. Dummerar in vollem Ornate, wie in einem Triumphaufzuge, begleitet vom Ritter Peveril, von Sir Jasper Cranbourne und andern ausgezeichneten Edeln, auf der andern Seite herein. Um den Ausbruch eines Kampfes in der Kirche zu verhuͤten, waren die Gerichtsdiener des Kirchſpiels angeſtellt, die fernere Annaͤherung des Presbyteria⸗ niſchen Geiſtlichen abzuhalten, welches ohne weitern Schaden bewerkſtelligt wurde, außer daß der Pres⸗ byterianiſche Sachwalter von Cheſterfield von Roger Raine, dem betrunkenen Gaſtwirth des Peverilſchen Gebiets, am Kopfe verwundet ward. Ungebeugt am Geiſt, jedoch durch uͤberlegene 188 Gewalt zum Nuͤckzuge gezwungen, begab ſich der unerſchrockene Solsgrace auf ſeine Pfarre zuruͤck, wo er ſich, unter einigem vom Hn. Win⸗the⸗Fight (der an dieſem Tage ſeinen Namen*) mit Unrecht fuͤhrte) aufgetriebenen geſetzlichen Vorwande, zu be⸗ haupten ſuchte, die Thore verriegelte, die Fenſter verſchloß, und, wie das Geruͤcht ſagte, auch zum Widerſtande fuͤr Feuergewehr ſorgte. Dieſem zu⸗ folge entſtand ein laͤrmvoller und anſtoͤßiger Auftritt, auf deſſen Meldung der Ritter Peveril mit einiger bewaffneten Begleitung in Perſon erſchien, das aͤu⸗ ßere Thor und die innern Thuͤren ſprengte, und als er bis in die Studirſtube drang, keine andre Be⸗ ſatzung, als den Presbyterianer Pfarrer mit dem Anwalt traf, welche nunmehr den Beſitz der Praͤmiſ⸗ ſen aufgaben, nachdem ſie wider die gebrauchte Ge⸗ walt foͤrmlich proteſtirt hatten. Da der Poͤbel des Dorfs zu dieſer Zeit in voller Bewegung war, fand es der Ritter Peveril nach ſeiner Klugheit und Gutmuͤthigkeit rathſam, ſeine Gefangenen(denn ſo konnte man ſie nennen) ſicher durch das Getuͤmmel zu escortiren; und brachte ſie demnach in Perſon durch viel Laͤrm und Geſchrei bis *) Win-the-Fight, woͤrtlich: Gewinn das Ge⸗ fecht..— — 89 zur Auffahrt von Moultraſſichall, welches ſie zum Zufluchtsorte erwaͤhlten. Aber die Entfernung des Ritters gab einigen Unordnungen Raum, die ſeine Gegenwart ſicher verhindert haben wuͤrde. Einige Buͤcher des Geiſt⸗ lichen wurden von den zelotiſchen Pfarrdienern oder ihren Gehuͤlfen zerriſſen, und als verraͤtheriſcher und aufruͤhreriſcher Plunder umhergeworfen. Eine Quautitaͤt ſeines ſtarken Biers wurde in Geſundhei⸗ ten auf den Koͤnig und Ritter Peveril vertrunken. Und endlich kamen die Knaben, welche dem Expfar⸗ rer fuͤr ſeinen tyranniſchen Einſpruch in ihre Spiele mit Kegeln, mit dem Ball u. ſ. w. nicht hold wa⸗ ren, und ſich uͤberdieß ſeiner langen Predigten erin⸗ nerten; ſie putzten ein Bild mit ſeinem Genfer Mantel und Halskragen und ſeinem thurmfoͤrmigen Hut, welches ſie durch das Dorf paradiren ließen, und auf der Stelle verbrannten, welche weiland ein ſtattlicher Mai⸗Baum einnahm, den Solsgrace mit ſeinen eigenen cheäedigen Haͤnden niederge⸗ hauen hatte.— Sir Gottfried Peveril wurde durch dieß Alles ſehr gekraͤnkt, und ſchickte zum Herrn Solsgrace, welchem er Verguͤtung ſeines verlornen Eigenthums anbot. Aber der Calviniſtiſche Geiſtliche gab zur Antwort:„Von einem Faden Zwirn bis zum Schuh 190 riemen will nicht irgend Etwas nehmen, das Dein iſt. Laß die Schaam des Werks Deiner Haͤnde uͤber Dir bleiben.“ Betraͤchtliche Verleumdungen erhoben ſich nun gegen den Ritter Peveril, als ſey er mit ungebuͤhr⸗ licher Strenge und Haſt bei dieſer Gelegenheit ver⸗ fahren; und das Geruͤcht trug Sorge, zu dem Wirk⸗ lichen die gewoͤhnlichen Zuſaͤtze zu machen. Es war ein gangbares Geruͤcht, der wuͤtende Royaliſt, Pe⸗ veril von dem Gipfel, habe eine Presbyterianiſche Verſammlung waͤhrend der friedlichen Religions⸗ uͤbung mit einer bewaffneten Schaar uͤberfallen, Einige getoͤdtet, weit mehrere gefaͤhrlich verwundet, und endlich den Prediger bis zu ſeiner Pfarre ver⸗ folgt, und dieſe bis auf den Grund abgebrannt. Nanche erzaͤhlten, der Geiſtliche ſey in den Flam⸗ men umgekommen; die mildeſte Nachricht meldete, er ſey nur dadurch im Stande geweſen zu entfliehen, daß er ſeinen langen Rock, ſeinen Halskragen und ſeinen Hut an einem Fenſter ſo zuſammen hinge⸗ haͤngt habe, daß man ſeine eigene Perſon von den Flammen umgeben zu ſehen geglaubt, indeß er durch den hintern Theil des Hauſes entwiſcht ſey. Und obgleich wenig Perſonen dieſe unſerm ehrlichen Rit⸗ ter zugeſchriebenen Handlungen von Wildheit oder Grauſamkeit glaubten, ſo blieb doch noch genug 4 — 191 uͤbler Ruf an ihm haften, um ſehr ernſthafte Fol⸗ gen herbei zu fuͤhren, wie der Leſer in einer kuͤnfti⸗ gen Periode unſerer Geſchichte erfahren wird. Neuntes Kapitel. Einen oder zwei Tage, nach ſeiner gewaltſamen Vertreibung aus ſeiner Pfarre, blieb Hr. Solsgrace in Moultraſſie⸗Hall, wo die natuͤrliche Melancholie, welche ſeine Lage begleitete, zu der Duͤſterkeit des Hausbeſitzers hinzukam. Des Morgens machte der vertriebene Geiſtliche Ausfluͤge zu verſchiedenen Fa⸗ milien der Nachbarſchaft, welchen ſein geiſtlicher Zu⸗ ſpruch in den Tagen ſeines Gluͤcks willkommen ge⸗ weſen war, und bei denen er nun, aus dankbarer Erinnerung an jene Zeit, Mitgefuͤhl und Troſt fand⸗ Er verlangte nicht deßhalb bedauert zu werden, weil er eines bequemen und hinlaͤnglichen Unterhalts be⸗ raubt und dem Alltagsleben preisgegeben worden war, nachdem er nicht mehr ſolchem Wechſel des Gluͤcks unterworfen zu ſeyn wohl hoffen durfte. Die oͤmmigkeit des Herrn Solsgrace war aufrich⸗ tig; und wenn er manche liebloſe Vorurtheile gegen 192 andre Sekten haͤgte, welche polemiſche Controvers erzeugt und der Buͤrgerkrieg emporgebracht hatte, ſo beſaß er auch jenes tiefe Gefuͤhl der Pflicht, durch welches ſo oft die Schwaͤrmerei veredelt wird, und hielt auf ſein eignes Leben wenig, wenn es zum Zeugniß der Lehren, an die er glaubte, hingegeben werden ſollte. Aber er ſollte ſich bald dazu vorbe⸗ reiten, den Bezirk zu verlaſſen, welchen ihm der Himmel, wie er glaubte, als einen Winkel des Weinbergs angewieſen hatte; er ſollte ſeine Heerde dem Wolf uͤberlaſſen— ſollte ſich von Denen ent⸗ fernen, mit Denen er ſuͤßen Rath gepflogen in der religioͤſen Gemeinſchaft— ſollte die Neubekehrten in falſche Lehren zuruͤckfallen laſſen, und von dem Wankelmuͤthigen weichen, den ſeine fortgeſetzten Bemuͤhungen auf den rechten Pfad gefuͤhrt haben moͤchten— dieß waren an ſich ſelbſt tiefe Urſachen der Betruͤbniß, und ſie wurde ohne Zweifel durch jene natuͤrlichen Gefuͤhle verſtaͤrkt, mit welchen alle Menſchen, beſonders ſolche, deren Pflichten oder Gewohnheiten ſie auf einen kleinen Kreis beſchraͤnkt haben, die Trennung von gewohnren Sceenen und von ihren alten Plaͤtzen der ſtillen Betrachtung oder des geſelligen Verkehrs, zu betrachten pflegen. Man hatte zwar einen Plan, Herrn Solsgrace an die Spitze einer Gemeinde von Non Conformi⸗ — 195 ſten in ſeinem gegenwaͤrtigen Kirchſpiele zu ſtellen, und ſeine Anhaͤnger wuͤrden ſich gern zu einer hin⸗ reichenden Beſoldung verſtanden haben. Aber ob⸗ gleich das Geſetz fuͤr allgemeine Conformitaͤt(Ueber⸗ einſtimmung der Kirchenverfaſſung) noch nicht gege⸗ ben war, ſo erwartete man doch eine ſolche Maaß⸗ regel als bevorſtehend; und es herrſchte eine allge⸗ meine Meinung unter den Presbyterianern;„ daß dieſe kirchliche Gleichfoͤrmigkeit unter keinen Haͤn⸗ den ſtrenger wuͤrde durchgeſetzt werden, als unter den Haͤnden des Ritter Peveril. Solsgrace ſelbſt betrachtete nicht nur ſeine perſoͤnliche Gefahr als be⸗ deutend(denn, indem er ſich vielleicht mehr Wich⸗ tigkeit, als wirklich an ihn oder ſeine Arbeithe ge⸗ knuͤpft war, beilegte, hielt er den ehrlichen Ritter faͤr ſeinen toͤdtlichen und erklaͤrten Feind), ſondern er glaubte auch, daß er der Sache ſeiner Kirche da⸗ durch dienen ſollte, n er 128 von Deeöſyiee ent⸗ fernte. 1 26 „Weniger bekannte Päföhen, 4 fagte er, nob leich vielleicht des Namens wuͤrdiger, moͤge man die zer⸗ ſtreute Heerde in Hoͤhlen oder in verborgenen Wild⸗ niſſen verſammeln laſſen, und fuͤr ſi ſie wite die Nach⸗ leſe der Trauben Ephraims beſſer ſeyn, als die Weinleſe Abiezers.— Aber ich, der ich ſo oft das Panier gegen den Gewaltigen vorgetragen,— ich, 1. 8 194— deſſen Zunge, Morgens und Abends, gleich dem 8 Waͤchter auf dem Thurme, gezeugt hat gegen Papſt⸗ thum, Praͤlatur und den Tyrannen of the Peak— wenn ich hier bliebe, braͤchte ich nur das Schwert blutiger Rache unter euch, auf daß der Schaͤfer ge⸗ ſchlagen wuͤrde, und die Schafe zerſtreuet. Die Blutvergießer haben mich ſchon angefallen, ſelbſt auf dem Boden, den ſie geheiligt nennen; und ihr ſelber habt die Hirnſchale des Rechtſchaffenen zer⸗ brochen geſehen, als er meine Sache vertheidigte. Dahero will ich meine Sohlen anlegen und meine Lenden guͤrten, und abſcheiden zu einem fernen Lan⸗ de, und daſelbſt thun, wie meine Pflicht von mir fordeſch wird, es ſey entweder zu handeln oder zu leiden,— Zengniß zu geben an dem Pfahl oder auf der Kanzel,“ Von dieſer Art waren die Geſim innungen, welche Herx. Solsgrare ſeinen betruͤbten Freunden aus⸗ druͤckte, und uͤber die er ſich noch weitlaͤuftiger bei Major Bridgenorth ausließ, nicht ermangelnd, mit freundlichem Eifer dieſem die Haſtigkeit zu verwei⸗ ſen, womit er die Hand der Bruͤderſchaft nach dem Amalekitiſchen Weibe ausgeſtreckt, wobei er ihn er⸗ innerte: ner ſey zu ihrem Sklaven und Leibeigenen fuͤr einige Zeit geworden, gleich Simſon, von Da⸗ lilah verrathen, und d häͤtte laͤnger im Hauſe Dagonis 195 bleiben koͤnnen, wenn ihm nicht der Himmel einen Weg aus der Schlinge gezeigt haͤtte. Auch ent⸗ ſprang es urſpruͤnglich aus des Majors Hingehen zu dem Feſte an dem hohen Platze Baal's, daß er, welcher der Held der Wahrheit war, zu Boden ge⸗ ſchlagen, und durch den Feind zu Schande gemacht wurde, ſelbſt in der Gegenwart der Schaar.“ Da dieſe Vorwuͤrfe dem Major Bridgenorth et⸗ was empfindlich zu ſeyn ſchienen, dem es ſo wenig, als irgend einem andern Menſchen, gefiel, ſeine ei⸗ gene Unfaͤlle zu haben, und zu gleicher Zeit ſie ſei⸗ nem eigenen Mißverhalten zuſchreiben zu hoͤren, ſo machte der ehrwuͤrdige Geiſtliche nun den Uebergang auf ſeine eigene Beſchaͤmung, in dieſer Sache eine ſuͤndliche Gefaͤlligkeit bewieſen zu haben; denn der wohlverdienten Rache fuͤr das ungluͤckliche Gaſtmahl auf dem Schloß Martindale(welches, nach ſeinem Ausdruck, ein Friedensgeſchrei war, als kein Friede war, und ein Aufenthalt in den Zelten der Suͤnde) ſchrieb er ſeine Entſetzung aus der Pfruͤnde und die Vernichtung einiger ſeiner koͤrnigſten und ſchaͤtzbar⸗ ſten theologiſchen Buͤcher zu, nebſt dem Verluſt ſei⸗ nes Prieſterrocks, ſeines Hutes und Kragens und eines doppelten Orhofts des beſten Derbyer Doppel⸗ biers. Major Bridgenorth's Gemuͤth war ſtark von 9 2 196— andaͤchtigen Gefuͤhlen durchdrungen, welche ſeine letztern Ungluͤcksfaͤlle noch tiefer und feierlicher ge⸗ macht hatten; es war daher kein Wunder, daß er, als er dieſe Vorſtellungen von einem, ihm ſo ehrwuͤr⸗ digen Geiſtlichen, und nun einem Bekenner in der Angelegenheit ihres gemeinſchaftlichen Glaubens, im⸗ mer wieder ihm ans Herz legen hoͤrte,— daß er mit Mißbilligung ſeines eigenen Verhaltens zuruͤck zu blicken und zu argwoͤhnen anfing, er habe ſich durch Dankbarkeit gegen Lady Peveril, und durch ihre beſondern Ueberredungsgruͤnde zu Gunſten einer wechſelſeitigen duldſamen Liberalitaͤt der Geſinnun⸗ gen, zu einer Handlung verfuͤhren laſſen, welche ſeine religioͤſen und politiſchen Grundfae in Gefahr zu beingen geeignet waͤre. 3 Eines Morgens, als Major Bridgenorth ſich mit verſchiedenen Geſchaͤften im Ordnen ſeiner An⸗ gelegenheiten ermuͤdet hatte, ruhte er in ſeinem le⸗ dernen Armſtuhl neben dem Gitterfenſter aus,— eine Lage, welche durch natuͤrliche Ideenverbindung ihm vorige Zeiten und die Gefuͤhle ins Andenken rief, mit welchen er den wiederholten Beſuch des Ritter Peveril und deſſen Nachricht uͤber das Wohl⸗ beſfinden ſeines Kindes zu erwarten gewohnt war. „Wahrlich,“ ſagte er, gleichſam laut denkend,„da 197 war keine Suͤnde in der Freundlichkeit, mit der ich damals dieſen Mann betrachtete.“ Solsgrace, der im Zimmer war, und errieth, was in ſeines Freundes Seele vorging, da er mit jedem Punkt ſeiner Geſchichte bekannt war, erwie⸗ derte:„Als Gott Elias durch Raben ernaͤhrt wer⸗ den ließ, waͤhrend er am Bach Cherith verborgen war, da hoͤren wir nicht, daß er die nnreinen Voͤgel liebkoſ'te, welche ein Wunder noͤthigte, wider ihre Rabennatur ihm zu dienen.“ „Es kann ſeyn,“ antwortete Bridgenorth;„doch muß der Schlag ihrer Fluͤgel im Ohr des verhun⸗ gerten Propheten eben ſo angenehm geklungen ha⸗ ben, als der Tritt vom Pferde des Ritters in mei⸗ nem. Die Raben nahmen ohne Zweifel ihre Natur wieder an, als dieſer Zeitpunkt voruͤber war, und ſo iſt's auch in Anſehung meiner ergangen.“— „Horch!“ rief en ſtutzend aus,„ſelbſt jetzt hoͤr' ich das Trampeln vom Huf ſeines Rappen.“ Es war etwas Seltenes, die Echos jenes ſtillen Hauſes und Hofraums durch Pferdegetrampel ge⸗ weckt zu hoͤren; allein jetzt war es der Fall. Beide, Bridgenorth und Solsgrace, waren von dem Schall uͤberraſcht, und ſelbſt geneigt, eine fer⸗ nere Bedruͤckung von Seiten der Regierung zu be⸗ ſorgen, als des Majors alter Bediente mit wenig 33 198 Zerimonie(denn er war in den Sitten ſeinem Herrn ziemlich aͤhnlich) einen langen Herrn hereinfuͤhrte, welcher, an Jahren uͤber das mittlere Alter hinaus, durch Mantel und Weſte, langes Haar und herun⸗ tergeſchlagenen Hut mit der herabwallenden Feder, einen Ritter erkennen ließ. Er verbeugte ſich foͤrm⸗ lich, doch hoͤflich, gegen beide, und ſagte:„er ſey Sir Jasper Cranbourne, mit einer beſondern Bot⸗ ſchaft an Herrn Ralph Bridgenorth von Moultraſ⸗ ſie⸗Hall, von ſeinem achtbaren Freunde, Sir Gott⸗ fried Peveril von dem Gipfel, verſehen; und verlan⸗ ge zu wiſſen, ob Herr Bridgenorth die Guͤte haben wollé, hier oder anderwaͤrts die Entledigung ſeines Auftrags anzunehmen.“ 1 „Jedwede Sache, welche Sir Gottfried Peveril mir zu ſagen haben kann,“ antwortete Major Brid⸗ genorth,„kann ſogleich und vor meinem Freunde, vor dem ich kein Geheimniß habeg ausgerichtet wer⸗ den. „Die Gegenwart jedes andern Freundes waͤre, ſtatt im Wege zu ſeyn, vielmehr hoͤchſt wuͤnſchens⸗ werth,“ ſagte Sir Jasper nach einem Augenblick Bedenken und indem er Herrn Solsgrace anblickte; „aber dieſer Herr hier ſcheint eine Art Geiſtlicher zu ſeyn.“ „Ich bin mir keiner Geheimniſſe bewußt,“ ant⸗ 199 wortete Bridgenorth,„und wuͤnſche auch keine zu haben, bei denen ein Geiſtlicher ein unpaſſender Ver⸗ trauter waͤre.“— Nisi „Wie es Ihnen beliebt,“ erwiederte Sir Jas⸗ per;„das Vertrauen, ſo viel ich weiß, kann gut ge⸗ nug gewaͤhlt ſeyn; denn Ihre Geiſtlichen(allezeit mit Ihrer Verguͤnſtigung) haben ſich als keine Feinde ſol⸗ cher Dinge erwieſen, als von denen ich mit Ihnen zu ſprechen habe.“ Bs „Gehen Sie nur an's Werk, Herr Ritter,“ antwortete Bridgenorth,„und belieben Sie Sich zu ſetzen, wenn Sie nicht lieber ſtehen wollen.“ „Ich muß fuͤrs Erſte mich meines kleinel Auf⸗ trags entledigen,“ ſagte Sir Jasper, indem er naͤ⸗ her trat;„und nachdem ich die Aufnahme deſſelben erfahren habe, will ich beſtimmen, ob ich mich zu Moultraſſiehall niederſetzen ſoll oder nicht.— Sir Gottfried Peveril, Herr Bridgenorth, hat ſorgfaͤl⸗ tig die ungluͤcklichen Umſtaͤnde fuͤr ſich erwogen, wel⸗ che Sie und ihn jetzt als Nachbarn trennen. Und er erinnert ſich vieler Vorfaͤlle in vorigen Zeiten— ich rede mit ſeinen eigenen Worten— welche ihn geneigt machen, alles Moͤgliche zu thun, was ſich mit ſeiner Ehre vertraͤgt, die Unfreundlichkeit zwi⸗ ſchen Ihnen und ihm auszutilgen; und fuͤr dieſen wuͤnſchenswerthen Zweck iſt er geſonnen, ſich in ei⸗ 3 4 200 nem Grade herabzulaffen, welchen, da Sie ihn nicht haben erwarten koͤnnen, zu erfahren, Ihnen ohne Zweifel großes Vergnuͤgen machen wird.“ „Erlauben Sie mir zu zſagen, Sir Jasper,“ verſetzte Bridgenorth,„daß dieß unnoͤthig iſt.— Ich habe keine Beſchwerden uͤber den Ritter Peveril gefuͤhrt— ich habe keine Unterwerfung von ihm verlangt— ich bin im Begriff, dieß Land zu ver⸗ laſſen, und was fuͤr Angelegenheiten noch unter uns auszumachen ſind, ſo koͤnnen ſie eben ſo gut von an⸗ dern, als von uns, mit Bequemlichkeit berichtigt werden.“ „Mit einem Wort,“ ſagte der Geiſtliche, d wuͤrdige Major Bridgenorth hat genug Verkehr mit den Gottloſen gehabt, und will unter keiner Bedin⸗ gung laͤnger mit ihnen umgehen.“ „Sie beide, meine Herren,“ ſagte Sir Jasper, indem er ſich mit ungeſtoͤrter Hoͤflichkeit verbeugte, „Sie irren ſich gaͤnzlich uͤber den Inhalt meines Auftrags, welchen Sie eben ſo fuͤglich aushoͤren werden, ehe Sie eine Erwiederung darauf machen. — Ich glaube, Herr Bridgenorth, Sie muͤſſen ſich noch Ihres Schreibens an Lady Peveril erin⸗ nern, von welchem ich hier eine fluͤchtige Abſchrift habe, in welchem Sie ſich uͤber die harte Maaßregel boklagen, welche Sie aus Sir Gottfried Peveril's *☛ 3 Hand erfahren haben, und insbeſondere, als er Sie zu oder bei Hartley⸗ nick aus dem Sattel hob. Nun denkt Sir Gottfried ſo gut von Ihnen, um nicht zu glauben, daß— kaͤnie nicht der weite Abſtand zwi⸗ ſchen ſeiner Abkunft und ſeinem Range und der Ih⸗ rigen in Betracht— Sie dieſe Sache auf eine rit⸗ terliche Entſcheidung zu bringen geſucht haben wuͤr⸗ den, als die einzige Art und Weiſe, wodurch Ihr Fleck ehrenvoll abgewiſcht werden konnte. Daher macht er Ihnen, durch dieſes kleine Billet, in ſei⸗ nem Edelmuth, ein Anerbieten von Dem, was Sie in Ihrer Beſcheidenheit(denn aus nichts anderm er⸗ klaͤrt er ſich Ihre Beruhigung) von ihm zu fordern vermieden haben; und uͤbrigens bring ich Ihnen das Maaß ſeiner Waffe; und wenn Sie die Heraus⸗ forderung, die ich Ihnen nun darbiete, angenom⸗ men haben, werde ich bereit ſeyn, Zeit, Ort und andre Umſtaͤnde Ihrer Zuſammenkunft zu beſtime men.“ „Und ich,“— ſagte Solsgrace mit einer feier⸗ lichen Stimme,„ſollte der Urheber des Boͤſen mei⸗ nen Freund verſuchen, einen ſo blutduͤrſtigen Vor⸗ ſchlag anzunehmen— ich wuͤrde der Erſte ſeyn, der wider ihn das Urtheil des groͤßern Kn zenbannes ausſpraͤche.“ „Sie, ehrwuͤrdiger Heke erwiederte der Ab⸗ & 5 J 2 202 * geordnete,„Sie ſind es nicht, an den ich mich wen⸗ de. Ihr Intereſſe mag Sie ganz natuͤrlich beſtim⸗ men, beſorgter um das Leben Ihres Patrons, als um ſeine Ehre zu ſeyn. Ich muß von ihm ſelbſt erfahren, welchem Er geneigt iſt, den Vwazug zu 3 Dehens So ſprach er, und hiett wieder n mit einer gefäl⸗ tigen Verbeugung die Herausforderung dem Major Bridgenorth hin. Es war ein offenbarer Kampf zwiſchen den Triebfedern der menſchlichen Ehre und den Eingebungen der religioͤſen Geſinnung in der Seele dieſes Mannes; aber die letztern ſiegten. Ruhig empfing er das ihm von Sir Jasper darge⸗ reichte Papier, und ſprach Folgendes:„Es mag Ihnen nicht bekannt ſeyn, Sir Jasper, daß, ſeit der allgemeinen Ausgießung des Chriſtlichen Lichts uͤber dieſes Koͤnigreich, viele geſetzte Maͤnner in Zweifel gerathen ſind, ob⸗ das Vergießen des Men⸗ ſchenbluts durch die Hand eines Mitmenſchen in ir⸗ gend einer Ruͤckſicht zu rechtfertigen ſey. Und ob⸗ gleich dieſe Regel mir kaum auf unſern Zuſtand in dieſem Stande der Pruͤfung anwendbar ſcheint, in⸗ wiefern ein ſolches Nichtwiderſtehen, waͤre es allge⸗ mein, unſre buͤrgerlichen und relidioͤſen Rechte in die Haͤnde eines jedweden kihnen Tyrannen, der ſich derſelben bemaͤchtigen wollte, uͤberliefern wuͤrde; 2 — 205 ſo war ich doch und bin noch geneigt, den Gebrauch der fleiſchlichen Waffen auf den Fall der nothwendie gen Selbſtvertheidigung zu beſchraͤnken, es ſey in Hinſicht unſrer eignen Perſon, oder des Schutzes unſres Landes gegen Ueberfall; oder unſrer Rechte des Eigenthums, und der Freiheit unſrer Geſetze und unſers Gewiſſens gegen anmaaßende Gewalt. Und da ich mich nie abgeneigt bewieſen habe, mein Schwert in einer der letztern Angelegenheiten zu zie⸗ den, ſo werden Sie mich entſchuldigen, daß ich es jetzt in der Scheide ruhen laſſe, da, nachdem ich eine ſchwere Beleidigung erlitten, der Mann, wel⸗ cher ſie zufuͤgte, mich zum Kampf aufruft, entwe⸗ der aus einem eiteln Ehrenpunkt, oder, was noch wahrſcheinlicher iſt, aus bloßer Prahlerei.“ „Ich habe Sie mit Geduld angehoͤrt,“ ſagte Sir Jasper;„und nun, Herr Bridgenorth, nehmen Sie es nicht unguͤtig, wenn ich Sie erſuche, Sich beſſer uͤber dieſe Sache zu bedenken. Ich betheure vor dem Himmel, daß Ihre Ehre verwundet iſt, und daß Ritter Peveril, indem er ſich herablaͤßt, Ihnen dieſe ſchoͤne Zuſammenkunft, und dadurch Gelegenheit zur Heilung Ihrer Wunde zu gewaͤhren, dazu durch ein zartes Gefuͤhl Ihrer Lage und durch einen ernſtlichen Wunſch, Ihre Schande zu tilgen, bewogen worden iſt. Und es wird nur auf das 204 Kreuzen Ihrer Klinge mit ſeinem glorreichen Schwert fuͤr wenige Minuten ankommen, und Sie werden als ein edler und geehrter Mann entweder leben oder ſterben. Ueberdieß kann des Ritters un⸗ gemeine Fechterkunſt ihn eben ſo faͤhig, als ſeine Gutmuͤthigkeit ihn wird geneigt machen, Sie mit einer Wunde im Fleiſch zu entwaffnen, die Ihrer Perſon wenig Schaden, und Ihrem guten Ruf gro⸗ ßen Vortheil bringt.“ „Die zaͤrtlichen Erbarmungen des Gottloſen ſind grauſam,“ ſagte Hr. Solsgrace emphatiſch, um dieſe Rede zu erlaͤutern, welche Sir Jasper ſehr pathe⸗ tiſch gehalten hatte. „Ich bitte Ew. Ehrwuͤrden, mich nicht weiter zu unterbrechen,“ ſagte Sir Jasper,„beſonders da dieſe Sache Sie ſehr wenig angeht; und ich erſuche Sie, mich in der Ordnung des Auftrags meines wuͤrdigen Freundes mich entledi ledigen zu laſſen.“ Mit dieſen Worten zog er ſein in der Scheide ſteckendes Rapier aus dem Gurt, ließ die Spitze durch den Seidenfaden, der den Brief befeſtigte, gehen, und uͤberreichte ihn noch einmal und buchſtaͤblich auf der Spitze des Degens mit gefaͤlliger Art dem Ma⸗ jor Bridgenorth, welcher ihn aber wieder beiſeite legte, wiewohl zugleich hoch erroͤthend, als wenn er ſich einen merklichen Zwang anthaͤte, worauf er 2⁰05 zuruͤck trat und dem Ritter Jaſper Emulwuude eine tiefe Verbeugung machte. 4 4 „Wenn es ſo ſeyn muß,“ ſagte Sir Jasper, „ſo muß ich ſelbſt dem Siegel von Ritter Peveril's Briefe Gewalt anthun, und Ihnen denſelben leſen, damit ich voͤllig des mir anvertrauten Geſchaͤfts mich entledige, und Sie, Herr Bridgenorth, zugleich mit den großmuͤthigen Abſichten Sir Gottfried Pe⸗ veril's zu Ihren Gunſten bekannt mache.“ „Wenn,“ ſagte Bridgenorth,„der Inhalt des Schreibens nichts andres betrifft, als was Sie mir mitgetheilt haben, ſo duͤnkt mir eine fernere Zeri⸗ monie bei dieſer Gelegenheit unnoͤthig, weil ich be⸗ reits meinen Entſchluß genommen habe.“ „Nichts deſto weniger,“ antwortete Sir Jasper, indem er den Brief erbrach,„iſt es ſchicklich, daß ich Ihnen den Brief meines verehrungswuͤrdigen Freundes vorleſe.“ Und er las daher, wie folgt: Dem wuͤrdigen Ralph Bridgenorth, Esquire, von Moultraſſie⸗Hall, ein⸗ zuhaͤndigen. Durch die ehrenvolle Ueberlieferung des hochgeehrten Sir Jasper Cranbourne, Ritters, von Long⸗Mal⸗ 5 lington. 206— Mein Herr Bridgenorth! Es iſt uns durch Ihren Brief an unſer gelieb⸗ tes Weib, Frau Margarethe Peveril„ zu verſtehen gegeben worden, daß Sie gewiſſen Vorfaͤllen neue⸗ rer Zeit zwiſchen Ihnen und mir eine harte Ausle⸗ gung geben, als wenn Ihre Ehre durch das, was damals vorging, haͤtte gewiſſermaßen beleidigt wer⸗ den ſollen. Und ob Sie es gleich nicht ſchicklich ge⸗ funden haben, ſich geradezu an mich um ſolcher Ge⸗ nugthuung halber zu wenden, als ein Mann von Stande dem andern ſchuldig iſt, ſo bin ich doch voͤl⸗ lig uͤberzeugt, daß dieß nur aus Beſcheidenheit her⸗ koͤmmt, in Hinſicht des Unterſchiedes unſres Stan⸗ des, und nicht aus einem Mangel an demjenigen Muth, welchen Sie vormals, ich wuͤnſchte ſagen zu koͤnnen, in einer guten Sache bewieſen haben. Da⸗ her bin ich entſchlo en, Ihnen durch meinen Freund Sir Jasper Cranbourne eine Zuſammenkunft anzu⸗ bieten, um dasjenige zu thun, was Sie ohne Zwei⸗ fel vollkommen gewuͤnſcht haben. Sir Jasper wird Ihnen die Laͤnge irgend eines Gewehrs, und Umſtaͤnde und eine Stunde fuͤr unſre Zuſammenkunft beſtimmen 3 welches alles entweder fruͤh oder ſpaͤt— zu Fuß oder zu Pferd— mit Rapier oder Schwert— ich Ihnen ſelbſt uͤberlaſſe, nebſt allen andern Vorrech⸗ ten einer herausgeforderten Perſon; blos mit dem — 207 Wunſch, daß, wenn Sie es nicht ablehnen, ſich nach der Groͤße meiner Waffe zu richten, Sie mir die Laͤnge und Breite der ihrigen mit uͤberſchicken. Und ohne zu zweifeln, daß der Ausgang dieſer Zuſam⸗ menkunft, auf eine oder die andre Art, aller Un⸗ freundlichkeit zwiſchen zwei nahen Nachbarn noth⸗ wendig ein Ende machen muͤſſe, . verbleib' ich zu Befehl Ihr ergebner Diener, Gottfried Peveril von dem Gipfel. „Gegeben von meinem armen Hauſe auf dem Schloſſe Martindale, den— des— Sechzehnhundert und ſechzig. „Ich bitte, dem Ritter Peveril meine Ergeben⸗ heit zu bezeugen,“ ſagte Major Bridgenorth;„nach ſeinem Licht, mag ſeine Meinung guͤtig gegen mich ſeyn. Sagen Sie ihm aber, daß unſer Streit in ſeinem eigenen abſichtlichen Angriff auf mich ſeinen Urſprung hat, und daß, ob ich gleich in chriſtlicher Liebe mit allen Menſchen zu leben wuͤnſche, ich doch nicht ſo an ſeiner Freundſchaft hange, um die Ge⸗ ſetze Gottes zu verletzen, und Gefahr zu laufen, Mord zu erleiden oder zu begehen, damit ich dieſe Freundſchaft gewinne. Und was Sie betrifft, Herr Ritter, ſo duͤnkt mich, Ihre vorgeruͤckten Jahre 208— und erlittenen Unfaͤlle koͤnnten Sie von der Thorheit, auf ſolche eitle Botſchaften auszugehen, uͤberzeugt haben. 5 „ Ich werde Dßuen Auftrag ausrichten, Herr Bridgenorth,“ ſagte Sir Jasper;„und werde als⸗ dann Ihren Ieamneiwals einen Schall, deſſen Aus⸗ ſprechen oder ſelbſt Wiedererinnern einem Mann von Ehre nicht anſtaͤndig iſt, zu vergeſſen ſuchen. Un⸗ terdeſſen belieben Sie, fuͤr Ihre unhoͤfliche Bemer⸗ kung, zur Erwiederung die meinige anzunehmen; naͤmlich, daß, ſo wie Ihre Religion Sie hindert, einem Edelmanne Genugthuung zu geben, dieſelbe auch Sie vorſichtig machen lollte, ſeine Empfindlich⸗ keit aufzuregen.“ Mit dieſen Worten, und mit einem Blick ſtol⸗ zer Verachtung erſt auf den Major und dann auf den Geiſtlichen, ſetzte der Abgeſandte des Ritter Peveril ſeinen Hut auf, ſteckte das Rapier wieder in den Gurt, und verließ das Zimmer. In wenig Minuten nachher verhallte der Hufſchlag ſeines Roſ⸗ ſes in betraͤchtlicher Entfernung. Bridgenorth hatte die Hand ſeit ſeinem Abzuge immer uͤber die Stirne gehalten, und eine Thraͤne des Unwillens und der Schaam war auf ſeinem Ge⸗ ſicht, da er ſich erhob, als der Schall nicht mehr ge⸗ hoͤrt wurde.„Er bringt dieſe Antwort nach dem 2⁰9 Schloß Martindale,“ ſagte er.„Die Leute werden nachher mich als einen ausgehauenen, niedergewor⸗ fenen ehrloſen Wicht betrachten, den Jedermann nach Belieben verhoͤhnen und beſchimpfen darf. Es iſt gut, daß ich mein vaͤterliches Haus bald verlaſſen werde.“—— Herr Solsgrace naͤherte ſich ſeinem Freunde mit vieler Theilnahme, und faßte ihn bei der Hand. „Edler Bruder,“ ſagte er mit ungewoͤhnlich freund⸗ licher Art,„obgleich ein Mann des Friedens, kann ich doch wohl denken, was dieſes Opfer Deinem maͤnnlichen Geiſte gekoſtet hat. Aber Gott will von uns keinen unvollkommenen Gehorſam haben. Wir muͤſſen nicht, wie Ananias und Sapphira, eine Lieblingsluſt, eine Lieblingsſuͤnde zuruͤckbehalten, waͤhrend wir vorgeben, unſre weltlichen Neigungen zum Opfer zu machen. Was hilft es, zu ſagen, daß wir nur eine Kleinigkeit bei Seite gelegt haben, wenn das geringſte Ueberbleibſel des verfluchten We⸗ ſens in unſerm Zelte verborgen bleibt? Wuͤrde es eine Vertheidigung in Deinem Gebete ſeyn, zu ſa⸗ gen: ich habe dieſen Mann nicht gemordet aus Liebe zum Gewinn, wie ein Raͤuber— noch zur Erlan⸗ gung von Macht, wie ein Tyrann— noch zur Be⸗ friedigung der Rachgier, wie ein verfinſterter Wil⸗ der; ſondern weil die gebieteriſche Stimme der welt⸗ 210— lichen Ehre ſagt:„Gehe fort— toͤdte oder werde getoͤdtet— ich bin es nicht, der dich geſandt hat?“ Bedenke Dich, mein wuͤrdiger Freund, wie Du eine ſolche Rache in Dein Gebet bringen koͤnnteſt; und wenn Du dei der Gotteslaͤſterung einer ſolchen Ent⸗ ſchuldigung zu zittern genoͤthigt biſt, ſo gedenke in Deinem Gebete des dem Himmel gebuͤhrenden Dan⸗ kes, welcher Dich faͤhig machte, der larken Ver⸗ ſuchung zu widerſtehen.“ 1— 5„Ehrwäͤrdiger und theurer Freund,“ antwortete Brösgenorth, nich fuͤhle, daß Sie die Wahrheit ſprechen. Bitterer freilich und haͤrter fuͤr den alten n Adam iſt der Text, der ihm gebietet, Schande zu erdulden, als der, welcher ihn tapfer fuͤr die Wahrheit kämpfen heißt. Aber gluͤcklich bin ich, daß mein Pfad durch die Wildniß dieſer Welt, wenigſtens ei⸗ nen gewiſſen Raum hindurch, mich zugleich neben Demjenigen hinfuͤhren wird, deſſen Eifer und Freundſchaft ſo thaͤtig ſind, mich aufrecht zu erhal⸗ ten, wenn ich auf dem Wege niederſinken will.“ Waͤhrend die Einwohner von Moultraſſiehall mit einander uͤber den Zweck von Sir Jasper Cranbour⸗ ne's Beſuch ihre Meinungen wechſelten, erregte die⸗ ſer achtbare Ritter das Erſtaunen des Ritter Peve⸗ ril, als er die Art der Aufnahme ſeiner Botſchaft berichtete. — 211 „Ich hielt ihn fuͤr einen Mann von anderm Me⸗ tall,“ ſagte Peveril;„ja ich haͤtte darauf geſchwo⸗ ren, wenn Jemand mein Zeugniß verlangt haͤtte. Aber da laͤßt ſich kein ſeidener Beutel aus einem Schweinsohr machen. Ich habe fuͤr ihn eine Thor⸗ heit begangen, wie ich nie wieder fuͤr einen andern begehen will; naͤmlich, zu glauben, daß ein Pres⸗ byterianer ohne ſeines Predigers Erlaubniß fechten wuͤrde. Gebt ihnen eine zwei Stunden lange Pre⸗ digt, und laßt ſie einen Pſalm nach einer Melodie heulen, die aͤrger iſt, als das Geſchrei eines ge⸗ peitſchten Hundes, und die Schurken werden drauf los ſchlagen, wie Dreſcher; aber fuͤr eine ruhige, kaltbluͤtige, ritterliche Hinſtreckung auf den Raſen, Hand auf Hand, auf einem nachbarlichen Wege, haben ſie nicht Ehre genug, es zu unternehmen. Doch genug von unſerm ſpitzoͤhrigen Hund von Nach⸗ bar! Ritter Jasper, Ihr bleibt bei uns zu Mittag, und ſeht wie Frau Margreten's Kuͤche raucht; und nach der Mahlzeit will ich Euch einen Falken mit langen Fluͤgeln fliegen laſſen. Er iſt nicht mein, ſondern der Graͤfin, welche ihn auf ihrer Hand faſt den ganzen Weg her, und ungeachtet ihrer Eile, von London mitbrachte, und mir eine Zeit lang auf der Stange zu halten uͤberließ.“ Dieſe geſellſchaftliche Partie kam bald zu Stande, 8 und Frau Margrete hoͤrte das allmaͤhliche Verbrau⸗ ſen der Empfindlichkeit des guten Ritters mit den⸗ ſelben Gefuͤhlen, mit welchen wir den letzten dumpf rollenden Donner des Gewitters vernehmen, welcher, wenn die ſchwarze Wolke hinter den Berg ſinket, uns zugleich verſichert, daß Gefahr da war, und daß ſie voruͤber iſt. Sie konnte ſich jedoch im Stil⸗ len nicht genug uͤber den ſonderbaren Weg wundern, den ihr Mann zur Ausſöhnung ſeines Nachbarn mit ſo viel Zutrauen, und in aufrichtig guter Meinung gegen Herrn Bridgenorth eingeſchlagen hatte, und ſie dankte Gott insgeheim, daß es nicht zum Blut⸗ vergießen gekommen war. Aber dieſe Gedanken verſchloß ſie ſorgfaͤltig in ihrem Buſen, wohl wiſ⸗ ſend, daß ſie Gegenſtaͤnde betrafen, in welchen der Ritter von dem Gipfel ſeinen Scharfſinn weder be⸗ zweifeln, noch ſeinen Willen beſchraͤnken ließ. Der Fortſchritt der Geſchichte iſt bisher ſo lang⸗ ſam geweſen; aber nach. dieſer Periode trug ſich ſo wenig Bemerkenswerthes in Martindale zu, daß wir ſchnell die Begebenheiten mehrerer Jahre uͤber⸗ ſpringen muͤſſen. * — 213 Zehntes Kapitel. Es vergingen, wie wir am Schluſſe des letzten Ka⸗ pitels andeuteten, nach der Periode, uͤber die wir uns verbreitet haben, vier oder fuͤnf Jahre, deren Begebenheiten, nach unſerm jetzigen Zweck, zur Eroͤrterung kaum eben ſo vieler Zeilen beduͤrfen. Der Ritter und ſeine Gemahlin fuhren fort ihr Schloß zu bewohnen; ſie ſuchte mit Klugheit und mit Geduld den Schaden, welchen die Buͤrgerkriege ihrem Vermoͤgen gebracht, zu erſetzen, und murrte wohl ein wenig, wenn ihre Plane von Wirthſchaft⸗ lichkeit durch die freigebige Gaſtfreundſchaft ihres Mannes unterbrochen wurden, welche ſeinen Haupt⸗ aufwand ausmachte, und welcher er nicht blos aus Engliſcher Herzlichkeit des Charakters, ſondern auch um die Wuͤrde ſeiner Ahnen zu behaupten, ergeben war. Denn nach den Nachrichten von ihrer Speiſe⸗ kammer, ihrer Kuͤche und ihrem Keller, zeichneten ſie ſich nicht weniger aus durch die fetten Rinder, die ſie brieten, und das ſtarke Ale, das ſie braue⸗ ten, als durch ihre ausgedehnten Laͤndereien und die Anzahl ihrer Dienſtleute. . Im Ganzen verfloß dem wuͤrdigen Paar das Leben gluͤcklich und bequem. Des Ritter Peveril's 214 Schuld an ſeinen Nachbar Bridgenorth blieb frei⸗ lich noch ungetilgt; aber dieſer war der einzige Glaͤu⸗ biger auf dem Martindaler Grundſtuͤck; alle andern waren bezahlt. Es waͤre ſehr erwuͤnſcht geweſen, daß auch dieſe Pflicht abgetragen worden waͤre, und es war der Hauptzweck von Margretens Wirthſchaft⸗ lichkeit, es zu bewirken; denn obgleich der Zins re⸗ gelmaͤßig bei Herrn Win⸗the⸗ fight, dem Cheſter⸗ ſielder Sachwalter, abgetragen wurde; ſo konnte doch das Kapital, welches bedeutend war, zu einer ungelegenen Zeit gefordert werden. Dieſer Advokat war uͤberdieß duͤſter, anſpruchsvoll, und verſchloſſen, und ſchien immer an ſeinen auf dem Kirchhofe von Martindale und Moultraſſie verwundeten Kopf zu⸗ ruͤck zu denken. Frau Margarethe verhandelte bisweilen das noth⸗ wendige Geſchaͤft mit ihm in Perſon; und wenn er bei dieſen Gelegenheiten auf das Schloß kam, glaubte ſie einen boshaften und unfreundlichen Ausdruck in ſeinen Mienen und Manieren zu leſen. Doch war ſein wirkliches Verhalten nicht blos ehrlich, ſondern edel; denn in Hinſicht der Bezahlung wurde Nach⸗ ſicht gegeben, wenn die Umſtaͤnde den Schuldner ſie zu fordern noͤthigten. Es ſchien der Lady Peveril, daß der Agent in ſolchen Faͤllen unter ſtrengen Be⸗ fehlen ſeines abweſenden Principals handle, uͤber — 215 deſſen Wohlergehen ſie ſich einer emſen Unruhe nicht entſchlagen konnte. Kurz nach Fehlſchlagung der beſondeten Frie⸗ densunterhandlung durch ein Gefecht, welche Peve⸗ ril mit Bridgenorth zu eroͤffnen verſucht hatte, uͤber⸗ ließ der letztere ſeinen Sitz zu Moultraſſiehall der Sorge ſeines alten Hausverwalters, und reiſte ab, Niemand wußte wohin, in Geſellſchaft Sr. Ehr⸗ wuͤrden des Hrn. Solsgrace, nebſt ſeiner eignen Tochter Alexie und der Deborah Debbitch, die nun in alle Pflichten einer Gouvernante foͤrmlich inſtaſe lirt war. Eine Zeit lang beſtand das Geruͤcht, Major Bridgenorth habe ſich blos auf einen entlegenen Theil des Landes fuͤr eine Weile zuruͤckgezogen, um ſein muthmaaßliches Vorhaben, ſeine Verheirathung mit der Miſtreß Deborah auszufuͤhren, und die Neuigkeit veralten und das Lachen der Nachbarſchaft voruͤber gehen zu laſſen, ehe er ſie als Frau von Moultraſſiehall zuruͤckbraͤchte. Dieß Geruͤcht ver⸗ lor ſich; und es wurde dann behauptet, er ſei in fremde Laͤnder gegangen, um ſich der Fortdauer der Geſundheit ſeiner zarten und ſchwaͤchlichen kleinen Alexie zu verſichern. Als man aber an des Majors Scheu vor dem Papſtthum, und die noch ſtaͤrkern Antipathieen des werthen Herrn Nehemiah Sols⸗ 216 grace zuruͤckdachte, ſchloß man einmuͤthig, daß nichts weniger, als was man fuͤr eine gluͤckliche Bekehrung des Papſtes ſelbſt haͤtte halten moͤgen, die Parteien wuͤrde haben bewegen koͤnnen, ſich den katholiſchen Beſitzungen anzuvertrauen. Die am meiſten vor⸗ herrſchende Meinung war, ſie waͤren nach Neu⸗ England gegangen, dem damaligen Zufluchtsort ſo Vieler, welche der zu vertraute Verkehr mit den Angelegenheiten der letztern Zeit, oder das Verlan⸗ gen unumſchraͤnkte Freiheit des Gewiſſens zu genie⸗ ßen, zur Auswanderung aus Großbritannien bewo⸗ gen hatte. Lady Peveril konnte ſich eines nleſtitaten Ge⸗ dankens nicht enthalten, daß Bridgenorth nicht ſo entfernt waͤre. Die aͤußerſte Ordnung, in welcher Alles zu Moultraſſiehall gehalten wurde, ſchien— unbeſchadet der Sorge der Frau Dickens, der Haus⸗ haͤlterin, und der andern Dienſtleute— zu bewei⸗ ſen, daß das Auge des Hausherrn nicht ſo entfernt ſei, ohne daß nicht ſeine gelegentliche Inſpection zu vermuthen waͤre. Es iſt wahr, daß weder die Do⸗ meſtiken, noch der Anwalt, irgend eine Frage uͤber Herrn Bridgenorth's Aufenthalt beantworteten; aber es gab eine geheimnißvolle Miene, wann ſie befragt wurden, welche znhr zu beweiſen ſchien, als man zu hoͤren bekam. ntn 217 Ungefaͤhr fuͤnf Jahre nachher, als Herr Brid⸗ genorth das Land verlaſſen hatte, ereignete ſich ein beſonderer Vorfall. Der Ritter Peveril war abwe⸗ ſend zum Beſuch der Cheſterfielder Wettrennen, und Lady Peveril, welche in alle Gegenden der Nachbar⸗ ſchaft, unbegleitet, oder blos mit der Ellesmere oder ihrem kleinen Knaben, zu luſtwandeln pflegte, war eines Abends aus einer liebreichen Abſicht zu einer einſamen Huͤtte gegangen, deren Bewohner an ei⸗ nem fuͤr anſteckend gehaltenen Fieber krank lag. Lady Peveril ließ ſich nie durch Beſorgniſſe dieſer Art auf⸗ halten, menſchenfreundliche Thaten zu verrichten; aber ſie wollte weder ihren Sohn, noch ihr Kammer⸗ maͤdchen einer Gefahr ausſetzen, welcher ſie ſelbſt, im Vertrauen auf einige ſchuͤtzende Vorſichtsmaaß⸗ regeln, unbedenklich entgegen ging. Lady Peveril hatte ſich in einer ſpaͤten Stunde des Abends auf den Weg gemacht, und dieſer zeigte ſich laͤnger, als ſie vermuthet hatte; auch hielten ſie verſchiedene zuſammentreffende Umſtaͤnde laͤnger in der Huͤtte des Kranken auf. Es war ein heller herbſtlicher Mondſchein, als ſie ſich auf den Heim⸗ weg durch die Waldſchluchten und uͤber das gebirgige Land, das ſie von dem Schloſſe ſchied, anſchickte. Sie betrachtete dieß als eine Sache von geringer Bedeutung in einem ſo ruhigen abgelegenen Lande, I. K wo die Straße vornehmlich durch ihre eigenen Be⸗ ſitzungen ging, beſonders da ſie einen funfzehnjaͤhri⸗ gen Burſchen, den Sohn ihres Kranken, zur Be⸗ gleitung hatte. Die Entfernung betrug etwas uͤber eine Meile, konnte aber betraͤchtlich abgekuͤrzt wer⸗ den, wenn man durch eine zu dem Gut Moultraſſie⸗ hall gehoͤrende Einfahrt ging, welche ſie auf dem Hinwege vermieden hatte, nicht wegen der laͤcherli⸗ chen Geruͤchte, daß es da ſpuke, ſondern weil ihr Mann es ſehr ungern ſah, wenn die Wege vom Schloſſe und von Moultraſſiehall fuͤr die beiderſeiti⸗ gen Bewohner gemein gemacht wurden. Vielleicht in Betracht der ihr in den Familienangelegenheiten eingeraͤumten groͤßern Freiheit, machte die gute Dame es ſich zur Pflicht 1 ſich nie in die Launen und Vor⸗ urtheile ihres Mannes zu miſchen; und dieß iſt ein Vergleich, welchen wir von Herzen allen Hausfrauen unſerer Bekanntſchaft empfehlen moͤchten; denn es iſt zum Erſtaunen, wie viel wirkliche Gewalt dem ſchoͤnen Geſchlecht freudig fuͤr das Vergnuͤgen uͤber⸗ laſſen werden wird, in Ruh' und Frieden auf ſeinem eigenen Steckenpferde reiten zu duͤrfen. Wiewohl aber der Dobby's⸗Gang innerhalb der verbotenen Bezirke von Monltraſſiehall lag, beſchloß Lady Peveril doch bei gegenwaͤrtiger Gelegenheit, ſich deſſelben zu bedienen, um ihren Heimweg abzukuͤr⸗ — 219 zen; ſie ſchlug ihn alſo ein. Alllein als der Bauer⸗ knabe, ihr Begleiter, der ihr froͤhlich pfeifend, mit einer Zaunſichel in der Hand, den Hut auf eine Seite geruͤckt, bis hieher gefolgt war, ſah, daß ſie ſich nach der Steige, die in den Dobby's⸗Gang fuͤhrte, wendete, verrieth er große Furcht, und kam endlich an ihre Seite mit klaͤglicher Bitte:„Gehn' Sie ja nicht dorthin, gehn' Sie ja nicht dorthin, gnaͤdige Frau⸗“ 2 Lady Peveril ſah, daß ihm die Zaͤhne im Munde klapperten, und daß ſein ganzes Weſen von großer Furcht erſchuͤttert war; da beſann ſie ſich auf die Sage, daß der erſte Edelmann von Mounltraſſie, der erwaͤhnte Brauer von Cheſterfield, der das Gut gekauft hatte, und dann, bei Mangel an Beſchaͤfti⸗ gung, an Melancholie und nicht ohne Verdacht des Selbſtmords, geſtorben war, auf dieſem verlaſſenen Fahrwege mit einem großen kopfloſen Bullenbeißer umgehe, welcher, da er lebte und ſeinen Kopf noch hatte, ein beſondrer Liebling des Exr⸗Brauers ge⸗ weſen. In dem Zuſtande, worein die aberglaͤubiſche Furcht den Knaben verſetzt hatte, von ſeiner Be⸗ gleitung einen Schutz zu erwarten, wuͤrde in der That ein hoffnungsloſes Vertrauen geweſen ſeyn; und Lady Peveril, welche gar keine Gefahr befuͤrch⸗ tete, hielt es fuͤr große Grauſamkeit, wenn ſie den K 2 220—— feigen Burſchen auf einen Weg geſchlenpt haͤtte, der in ihm ſolches Entſetzen erregte. Sie gab ihm da⸗ her ein Silberſtuͤck, und erlaubte ihm, zuruͤckzukeh⸗ ren. Und dieß letztere ſchien ſelbſt noch angeneh⸗ mer, als das erſte; denn kaum konnte ſie den Geld⸗ beutel in die Taſche ſtecken, als ſie ſchon die Holz⸗ ſchuhe ihres kuͤhnen Begleiters in vollem Ruͤckzuge auf dem Wege hoͤrte, woher ſie gekommen waren. Laͤchelnd uͤber die ihr ſo drollig duͤnkende Furcht, beſtieg Lady Peveril die Steige, und wurde bald dem hellen Mondlicht durch die zahlreichen und ver⸗ flochtenen Zweige gewaltiger Ulmen entzogen, welche, von jeder Seite einander begegnend, die alte Auf⸗ fahrt ganz uͤberwoͤlbten. Dieſer Anblick war wohl geeignet, feierliche Gedanken zu erregen; und der entfernte Schimmer eines Lichts von einem der vie⸗ len Fenſter an der Vorderſeite von Moultraſſiehall, welches in einiger Entfernung lag, konnte ſie ſelbſt jmelancholiſch machen. Sie dachte an das Schickſal ener Familie— der verſtorbenen Mrs. Bridge⸗ north, mit welcher ſie oft auf derſelben Auffahrt ge⸗ gangen war, und welche(obgleich keine Frau von hohen Talenten oder Faͤhigkeiten) ihr ſtets die tiefſte Ehrerbietung und die eifrigſte Dankbarkeit fuͤr die ihr bewieſene Aufmerkſamkeit zu erkennen gab. Sie gedachte ihrer verbluͤhten Hoffnungen— ihres fruͤh⸗ zeitigen Todes— der Verzweiflung ihres allen Um⸗ gang fliehenden Gatten— des ungewiſſen Schickſals ihres verwaiſten Kindes, fuͤr welches ſie, ſelbſt in dieſer Entfernung der Zeit, eine Regung muͤtterli⸗ cher Zaͤrtlichkeit in ſich fuͤhlte. Neben ſolchen traurigen Gegenſtaͤnden hatten ihre Gedanken geſchwebt, als, gerade da ſie die Mitte der Auffahrt ereichte, das unvollkommene, unterbrochene Mondlicht, welches auf den Haupt⸗ weg des Waldes ſiel, ſie etwas einer Menſchenge⸗ ſtalt Aehnliches erblicken ließ. Lady Peveril hielt einen Augenblick ſtill, ging aber drauf ſogleich wei⸗ ter;— das Herz klopfte ihr vielleicht einmal, als eine Schuld des Aberglaubens jener Zeiten; aber ſie unterdruͤckte alsbald den Gedanken an uͤbernatuͤrliche Erſcheinungen. Von bloßen Sterblichen hatte ſie nichts zu fuͤrchten. Ein Wilddieb war das Schlimmſte, auf was ſie wahrſcheinlich ſtoßen konnte; und ſicher⸗ lich wuͤrde er ſich ihren Blicken zu entziehen geſucht haben. Sie ſetzte daher ihren Weg ſtandhaft fort; und indem ſie dieß that, hatte ſie die Befriedigung, zu bemerken, daß die Figur, wie ſie erwartete, ihr Platz machte, und unter die Baͤume links an der Auffahrt ſchluͤpfte. Als ſie an die Stelle kam, an welcher die Geſtalt vor kurzem ſichtbar war, und bei ſich hedachte, daß dieſer Wanderer der Nacht in K 3 222— ihrer Naͤhe ſeyn koͤnnte, ja muͤßte, konnte ihre Ent⸗ ſchloſſenheit ſie doch nicht hindern, ihre Schritte zu beſchleunigen, und dieß geſchah mit ſo wenig Vor⸗ ſicht, daß ſie uͤber einen durch einen neuerlichen Sturm abgebrochenen Baumaſt, der noch auf dem Fahrwege lag, ſtolpernd, hinfiel, und beim Fallen laut aufſchrie. Einen Augenblick darauf wurde ihre Furcht durch eine ſtarke Hand, welche ihr aufhalf, vermehrt; und eine, ihr nicht fremde, doch lange nicht gehoͤrte, Stimme rief:„Sind Sie es nicht, Lady Peveril?“. „Ja, ich bin's“, ſagte ſie, mit Beherrſchung ihrer Furcht und ihres Erſtaunens;„und, taͤuſcht mich mein Ohr nicht, ſo ſpreche ich mit Helän, Bridgenorth.4 4rAntnn „Ich war dirſer Mann“, antwontote e er, 85 lange Unterdruͤckung mir einen Namen ließ.“ Er ſprach nichts mehr, ſondern ging eine oder ein paar Minuten ſeillſchweigend neben ihr weiter fort. Sie fuͤhlte ihre beunruhigende Lage; und ſo⸗ wohl um ſich von dieſem Gefuͤhl zu befreien, als aus wirklichem Antheil, fragte ſie ihn:„Was macht meine Pathe Alexie?“ „Das Kind“, antwortete Major Bedgenotthe welches Ihro(ſo genannten) Gnaden ſeine Rettung von Krankheit und Tode verdankt, iſt ein geſundes 225 und munteres Maͤdchen, wie ich von denen erfahre, welchen ich es in die Pflege gegeben; denn neuerlich hab' ich es nicht geſehen. Es iſt eben die Erinne⸗ rung jener Zeiten, welche mich, uͤberdieß durch Ih⸗ ren Fall beunruhigt, gewiſſermaßen antrieb, mich Ihnen zu dieſer Zeit und auf dieſe Art darzuſtellen, welches in andern Ruͤckſichten keineswegs mit meiner gegenwaͤrtigen Sicherheit vertraͤglich iſt.“ „Mit Ihrer Sicherheit, Herr Bridgenorth?“ ſagte Lady Peveril,„wahrhaftig, nie haͤtt ich glau⸗ ben koͤnnen, daß dieſe in Gefahr waͤre.“ „So muͤſſen Sie denn noch einige Neuigkeiten erfahren, Madam“, erwiederte Major Bridgenorth, „aber Sie werden im Verlauf des morgenden Tages Gruͤnde hoͤren, warum ich nicht wage, oͤffentlich in der Nachbarſchaft meiner eigenen Beſitzungen zu er⸗ ſcheinen, und warum es unbeſonnen waͤre, die Kenntniß meines gegenwaͤrtigen Aufenthalts irgend Jemand zu vertrauen, der mit dem Schloß Mar⸗ tindale in Verbindung ſteht.“ „Herr Bridgenorh“, ſagte die Lady,„Sie wa⸗ ren in fruͤhern Zeiten ein kluger und behutſamer Mann— ich hoffe, Sie ſind nicht durch einen ha⸗ ſtigen Affert— durch einen raſchen Entwurf ver⸗ fuͤhrt— ich hoffe— „Verzeihen Sie, Madam, daß ich Sie unter⸗ K 4 224—— breche“, ſagte Bridgenorth.„Ich habe mich in der That veraͤndert, ja, mein Herz ſelbſt in mir hat ſich veraͤndert. In den Zeiten, auf welche ſich Ihre(ſogenannte) Gnaden zu beziehen ſchicklich fin⸗ den, war ich ein Mann von dieſer Welt, widmete ihr alle meine Gedanken, alle meine Handlungen, ausgenommen Formalitaͤten und Zerimonieen,— achtete wenig, was die Pflicht eines Chriſten ſey, und wie weit ſich ſeine Selbſtverleugnung erſtrecken muͤſſe, ſelbſt Alles hinzugeben, als wenn er nichts gaͤbe. Daher dacht' ich hauptſaͤchlich an fleiſchliche Dinge— an den Zuwachs von Feld zu Feld, von Vermoͤgen zu Vermoͤgen— an das Gleichgewicht zwiſchen Partei und Partei, an die Art, mir einen Freund hier zu verſichern, ohne einen Freund dort zu verlieren.— Aber der Himmel ſchlug mich fůr meine Abtruͤnnigkeit, um ſo mehr, weil ich den Na⸗ men der Religion als ein ſelbſtſuͤchtiger und hoͤchſt verblendeter, ſeinen eignen Willen verehrender Menſch, mißbrauchte. Aber ich danke Ihm, der mich am Ende aus Aegypten gebracht hat.“ In unſern Tagen— wiewohl wir viele Bei⸗ ſpiele von Schwaͤrmerei unter uns haben— moͤch⸗ 3 ten wir immer einen Mann, der ſie ſo unerwartet und offen ausſpraͤche, der Heuchelei und des Wahn⸗ ſinnes verdaͤchtig finden; aber nach dem Geiſt der — 225 damaligen Zeit, wurden ſolche Meinungen, wie Bridgenorth ausdruͤckte, als herrſchende Triebfe⸗ dern menſchlicher Handlungen offen bekannt. Der ſcharfſinnige Vane, der brave und geſchickte Harri⸗ ſon, waren Maͤnner, welche nach eigenem Geſtaͤnd⸗ niß unter dem Einfluß ſolcher Triebfedern handelten. Lady Peveril war daher mehr bekuͤmmert, als be⸗ fremdet, den Major Bridgenorth eine ſolche Sprache fuͤhren zu hoͤren, und ſchloß mit Gruͤnden, daß die Geſellſchaft und die Umſtaͤnde, worin er zuletzt ge⸗ lebt haben mochte, den Funken des Ueberſpannten, der immer in ſeinem Buſen glimmte, zur Flamme angeblaſen haͤtten. Dieß war um ſo wahrſcheinli⸗ cher, da er von ſeiner Conſtitution und Abkunft her melancholiſch war, da er in verſchiedenen Privat⸗ vorfaͤllen ungluͤcklich geweſen—, und da keine Lei⸗ denſchaft leichter durch Nachhaͤngen genaͤhrt wird, als die, von der er jetzt die Merkmale zeigte. Sie antwortete ihm daher mit der ruhigen Hoffnung, „daß die Aeußerung ſeiner Geſinnungen ihn doch nicht in Verdacht oder Gefahr gebracht haben werde 2“ „In Verdacht, Madam?“ antwortete er;„denn ich kann mich nicht enthalten— ſo ſtark iſt die Ge⸗ wohnheit— Ihnen dieſe eiteln Titel zu geben, mit denen wir arme Scherben in unſerm Hochmuth ge⸗ wohnt ſind einander zu benennen— Ich wandle K5 226— nicht nur im Verdacht, ſondern auch in dem Grade von Gefahr, daß, wenn Ihr Mann mich in dieſem Augenblick traͤfe— mich, einen eingebornen Eng⸗ laͤnder, auf ſeinem eignen Grund und Boden ein⸗ hergehend— ich nicht zweiſle, er wuͤrde ſein Moͤg⸗ liches thun, mich dem Moloch des Roͤmiſchen Aber⸗ glaubens zu opfern, welcher jetzt nach Schlachtopfern unter Gottes Volk auswaͤrts umhertobt.“ 9 „Sie ſetzen mich durch Ihre Sprache in Erſtau⸗ nen, Major Bridgenorth“, ſagte die Lady, welche nun mit einiger Aengſtlichkeit, von ſeiner Geſellſchaft befreit zu werden, wuͤnſchte, und daher abſichtlich ſchneller ging. Er aber verdoppelte ſeinen Schritt, und hielt ſich dicht an ihrer Seite. 3 „Wiſſen Sie nicht“, ſagte er,„daß Satan mit großem Grimm auf Erden gekommen iſt, weil ſeine Zeit nur kurz waͤhrt? Der naͤchſte zur Krone iſt ein erklaͤrter Papiſt; und wer wagt zu behaupten, Sy⸗ kophanten und Zeirdiener ausgenommen, daß der, welcher ſie traͤgt, nicht gleichfalls bereit iſt, ſich vor Rom zu beugen, wuͤrde er nicht durch einige edle Geiſter im Unterhauſe in Scheu gehalten? Sie glauben dieß nicht— doch auf meinen einſamen und mitternaͤchtlichen Wanderungen, als ich an Ihre Guͤte gegen die Todten und Lebenden dachte, war es mein Gebet, daß mir die Mittel moͤchten verlie⸗ — 227 hen werden, Sie zu warnen. Und ſiehe! der Him⸗ mel hat mich erhoͤrt.“ „Major Bridgenorth“, ſagte Lady Peveril,„Sie pflegten in dieſen Geſinnungen gemaͤßigt zu ſeyn— vergleichungsweiſe gemaͤßigt wenigſtens, und Ihre eigne Religion zu lieben, ohne die der Andern zu haſſen.“ „Was ich in der Galle der Bitterkeit und in den Banden der Ungerechtigkeit war, verdient nicht wie⸗ der erwaͤhnt zu werden“, gab er zur Antwort.„Ich glich damals dem Gallio, der ſich um dieſe Dinge nicht kuͤmmerte. Ich war in Creatur⸗Behaglichkei⸗ ten verliebt, ich hing an weltlicher Ehre und Ach⸗ tung— meine Gedanken waren irdiſch— oder die, welche ich gen Himmel richtete, waren kalte, for⸗ melle, phariſaͤiſche Betrachtungen— ich brachte nichts zum Altar, als Stroh und Stoppeln. Der Himmel fand es noͤthig, mich zu zuͤchtigen in Liebe — ich wurde von Allem entbloͤßt, was mich an die Erde kettete— meine weltliche Ehre ward von mir geriſſen— ich ging hervor als ein Verwieſener aus dem Hauſe meiner Vaͤter, ein beraubter und ver⸗ laſſener Mann— ein verſpotteter, und geſchlage⸗ ner, und entehrter Mann. Aber wer wird die Wege der Vorſehung ausforſchen? So waren die Mittel, durch welche ich zum Kaͤmpfer fuͤr die Wahr⸗ 87 228— heit erwaͤhlt wurde, der ſein Leben fuͤr nichts haͤlt, wenn ſie dadurch kann befoͤrdert werden. Doch dieß war es nicht, wovon ich zu ſprechen wuͤnſchte. Du haſt das irdiſche Leben meines Kindes gerettet— laß mich die ewige Wohlfahrt des deinigen retten.“ Lady Peveril ſchwieg. Sie naheten nun dem Punkte, wo die Auffahrt in einem Ausweg auf eine oͤffentliche Straße, oder vielmehr einen Fußweg en⸗ digte, der durch ein ungezaͤuntes gemeinſames Feld fuͤhrte; dieſen Weg hatte Lady Peveril in geringer Weite zu verfolgen, bis eine Wendung des Pfades ſie in den Park von Martindale brachte. Sie fuͤhlte nun wirklich Beſorgniß, im offnen Mondſcheine zu gehen, und vermied, dem Major zu antworten, da⸗ mit ſie deſto ſchneller fortkaͤme. Als ſie aber die Verbindung der Auffahrt und der gemeinen Straße erreichten, legte er ſeine Hand an ihren Arm, und hieß ſie, mehr befehlend, als bittend, ſtill halten. Sie gehorchte. Er wies auf eine gewaltige Eiche vom groͤßten Umfange, welche auf der Spitze eines Huͤgels auf dem freien Boden wuchs, der die Ein⸗ fahrt begraͤnzte, und gerade ſo ſtand, daß ſie zu ei⸗ nem Zielpunkt der Ausſicht diente. Der Mondſchein war außerhalb der Auffahrt ſo ſtark, daß unter der Flut des Lichts, welches er auf den ehrwuͤrdigen Baum ergoß, ſie aus den zerſtreuten Zweigen auf 229 der einen Seite leicht entdecken konnten, daß er vom Blitze beſchaͤdigt worden war.„Erinnern Sie ſiche“, ſagte er,„wann wir zuletzt mit einander dieſen Baum betrachteten? Ich war von London geritten gekommen, und brachte von der Committee einen Schutzbrief fuͤr Ihren Mann mit; und als ich die Stelle vorbeikam— hier an dieſer Stelle, wo wir jetzt ſtehen, ſtanden Sie mit meiner verlornen Ale⸗ rie— huͤpften zwei, die letzten zwei meiner gelieb⸗ ten Kinder vor Ihnen her. Ich ſprang von meinem Pferde— zu ihr, ich war ein Ehegatte— zu die⸗ ſen, als Vater— zu Ihnen, als willkommener und verehrter Beſchuͤtzer— Was bin ich nunmehr die⸗ ſen allen?“ Er druͤckte ſeine Hand an die Stirne, und ſeufzte tief aus der beklommenen Bruſt. Es lag nicht in dem Weſen der Lady Peveril, Klagen der Betruͤbniß zu hoͤren, ohne einen troͤſten⸗ den Zuſpruch zu verſuchen.„Herr Bridgenorth,“ ſagte ſie,„ich tadle keines Menſchen Glauben, weil ich meinen eignen habe und befolge; und es freut mich, daß Sie in dem ihrigen Troſt fuͤr zeitliche Bedraͤngniſſe geſucht haben. Aber lehrt uns nicht jeder chriſtliche Glaube gleichfalls, daß Leiden unſer Herz erweichen oder mildern ſoll. 5 „Ja, Frau,“ ſagte Bridgenorth ernſthaft,„wie der Blitz, welcher jene Eiche zerſchmetterte, ihren 230— Stamm erweicht hat. Nein; das verſengte Holz iiſt deſto brauchbarer fuͤr den Handwerker— das verhaͤrtete und vertrocknete Herz iſt dasjenige„ wel: ches die Laſt dieſer unſeligen Zeiten am beſten tragen kann. Gott und der Menſch' wollen nicht laͤnger die ungezuͤgelte Verdorbenheit des Ausſchweifenden— den Spott des Unheiligen— die Verachtung des goͤttlichen Geſetzes— die Verletzung der Menſchen⸗ rechte erdulden. Die Zeiten verlangen Richter und Raͤcher, und es wird kein Mangel an denſelben ſeyn.“ „Ich leugne nicht das Daſeyn vieles Boͤſen“, ſagte die Lady Peveril, die ſich ſelbſt zur Antwort zwang, und zugleich weiter zu gehen anfing;„und vom Sagenhoͤren, wiewohl, dem Himmel ſey es gedankt, nicht aus Erfahrung, bin ich von der wil⸗ den Schwelgerei der Zeiten uͤberzeugt. Aber laßt uns hoffen, dem Uebel moͤge geſteuert werden ohne ſolche gewaltſame Mittel, als Sie andeuten. Ge⸗ wiß waͤre der Ruin eines zweiten buͤrgerlichen Krie⸗ ges— ob ich gleich nicht glaube, daß Ihre Gedan⸗ ken auf dieſe furchtbare Entfernung hinaus gehen— aufs Hoͤchſte eine Wahl der Verzweiflung.“ „Scharf, aber ſicher“, erwiederte Bridgenorth: „Das Blut des Oſterlamms vertrieb den Wuͤrgen⸗ gel; die auf der Dreſchtenne von Araunah darge⸗ brachten Opfer thaten der Peſt Einhalt. Feuer und — 131 Schwert ſind ſtrenge Mittel, aber ſie reingen und laͤutern.“ „Ach! Major Beigenorch„„uef endy peueri aus,„koͤnnen Sie, ſo weiſe und gemaͤßigt in Ihrer Jugend, in Ihren hoͤhern Jahren die Gedanken und die Sprache Derer angenommen haben, welche Sie ſelber ſich und die Nation, an den Rand des Ver⸗ derbens haben bringen ſehen?“ „ Ich weiß nicht, was ich damals war—,„Sie wiſſen nicht, was ich jetzt bin 25 erwirderte; er, und brach ploͤtzlich ab; denn ſie kamen eben in das offene Mondlicht, und es ſchien, als wenn er, da er, ſich nun unter den Angen der Lady ſah, geneigt waͤre, Ton und Sprache zu mildern. Bei der erſten deutlichen Anſicht ſeiner Perſon, bemerkte ſie, daß er mit einem kurzen Schwert, ei⸗ nem Dolch, und mit Piſtolen in ſeinem Gurt be⸗ waffnet war; eine ſehr ungewoͤhnliche Vorſicht bei einem Manne, der ehemals ſelten und nur an feier⸗ lichen Tagen, einen Spazierdegen trug, wiewohl die⸗ ſer bei Maͤnnern ſeines Standes eine ſtete und ge⸗ woͤhnliche Tracht war. Es ſchien auch eine mehr als gewoͤhnlich ernſte Beſtimmtheit in ſeiner Miene zu liegen, welche frei⸗ lich ſtets mehr verdrießlich, als freundlich geweſen war; und ehe ſie ihre Gedanken unterdruͤcken konnte, brach ſie in die Worte aus:„Herr Brigenwrth Sie haben Sich in der That veraͤndert. „Sie fehin nur den aͤußerlichen Menſchen“, er⸗ wiederte er;„die innerliche Veraͤnderung iſt noch tiefer. Aber nicht von mir ſelbſt wollte ich ſprechen — ich habe ſchon geſagt, daß, ſo wie Sie mein Kind von der Finſterniß des Grabes errettet haben, ich ſo gern das ihrige vor der auffallendern Finſter⸗ niß bewahren wollte, welche, wie ich fuͤrchte, den Pfad und die Wege ſeines Vaters eingehuͤllt hat.“ „Mußte ich dieß von meinem Manne hoͤren?“ ſagte Lady Peveril; ich muß fuͤr jetzt von Ihnen Abſchied nehmen; und wenn wir wieder zu einer ſchicklichern Zeit zuſammenkommen, will ich wenig⸗ ſtens Ihren Rath in Betreff Julian's anhoͤren, wenn ich denſelben auch vielleicht nicht annehmen ſollte.“ „Dieſe paſſendere Zeit kann nie kommen 44, er⸗ wiederte Bridgenorth.„Die Zeit verſchwindet, die Ewigkeit ruͤckt naͤher. Hoͤren Sie. Man ſagt, es ſei Ihr Vorſatz, den jungen Julian auf jene blutige Inſel zur Erziehung unter den Haͤnden Ihrer Ver⸗ wandtin zu ſchicken, jener grauſamen M doͤrderin, durch welche ein Mann zum Tode gebracht wurde, der des Daſeyns im Leben wuͤrdiger war, als irgend Einer, deſſen ſie ſich unter ihren geprieſenen Ahnen — 255 ruͤhmen kann. Dieß ſind laufende Geruͤchte; ſind ſie wahr?“ „Ich mache Ihnen keine warwtf daruͤber, Herr Bridgenorth, daß Sie uͤber meine Couſine von Derby ſo hart urtheilen“, ſagte Lady Peveril;„auch will ich die raſche That, deren ſie ſich ſchuldig machte, ganz und gar nicht in Schutz nehmen. Nichts deſto weniger, iſt es meines Mannes und meine eigne Meinung, daß Julian in ihrer Wohnung in den Stu⸗ dien und Geſchicklichkeiten, die ſeinem Range gebuͤh⸗ ren, zugleich mit dem jungen Grafen Derby unter⸗ wieſen und gebildet werden moͤge.“ „Unter dem Fluche Gottes, und dem Segen des Papſtes von Rom“, ſagte Bridgenorth.„Sie, Lady, ſo ſcharfſichtig in Dingen irdiſcher Klugheit, ſind ſo blind gegen den Rieſenſchritt, mit welchem ſich Rom bewegt, dieſes Land wieder zu gewinnen, einſt den reichſten Edelſtein in ſeiner angemaßten Tiara? Die Alten werden durch Gold verfuͤhrt— die Jugend wird es durch Vergnuͤgen— der Schwache durch Schmeichelei— der Feige durch Furcht— und der Muthige durch Ehrgeiz. Tauſend Lockun⸗ gen fuͤr jeden Geſchmack, und jede Lonkſieiſe d ver⸗ birgt denſelben toͤdtlichen Haken.“ „Ich weiß wohl, Herr Bridgenoelh,“ ſagte die Lady,„daß meine Verwandte katholiſch iſt; aber ihr 234.— nach der Verordnung ihres verblichenen Mannes, erzogen.“ „Iſt es wahrſcheinlich,“ antwortete Bridgenorth, „daß ſie, welche ſich nicht ſcheut, das Blut des Rechtſchaffenen zu vergießen, es ſey auf dem Felde oder auf dem Schaffott, die Heiligkeit ihres Ver⸗ ſprechens achten werde, wenn ihre Religion ſie daſ⸗ ſelbe brechen heißt? Oder, wenn ſie es thut, was wird Ihr Sohn gewinnen, wenn er in dem Schlamm ſeines Vaters bleibt? Was ſind Ihre biſchoͤflichen Lehren anders, als lauter Papſtthum? außer, daß ihr einen weltlichen Tyrannen zu einem Papſt ge⸗ waͤhlt und eine verſtuͤmmelte Meſſe in Engliſcher Sprache an die Stelle derjenigen geſetzt habt, welche eure Vorfahren in Lateiniſcher Sprache laſen.— Doch was rede ich von dieſen Sachen zu einer Per⸗ ſon, welche zwar Ohren und Augen hat, aber we⸗ der ſehen, noch hoͤren, noch verſtehen kann, was allein werth iſt, geſehen, gehoͤrt und erkannt zu werden? Schade, daß, was ſo ſchoͤn und ausneh⸗ mend in Geſtalt und Anlage gebildet iſt, ſo blind, taub und unwiſſend ſeyn ſollte, gleich den Dingen, welche vergaͤnglich ſind.“ „Wir werden uͤber dieſe Gegenſtaͤnde nicht eins werden, Herr Bridgenorth“, Sohn wird in den Grundſaͤtzen der Engliſchen Kirche, ſagte die Lady, welche — 235 immer noch dieſer ſonderbaren Unterredung zu ent⸗ weichen wuͤnſchte, wiewohl ſie kaum wußte, was zu fuͤrchten waͤre.„Noch einmal,“ rief Sie,„ich muß nun von Ihnen Abſchied nehmen.“ „Bleiben Sie noch einen Augenblick,“ ſprach er, indem er ſeine Hand auf ihren Arm legte;„ich wuͤrde Sie aufhalten, wenn ich Sie am Rande ei⸗ nes wirklichen Abgrundes ausgleiten ſaͤhe;— laſſen Sie mich Sie von einer noch groͤßern Gefahr zu⸗ ruͤckhalten. Wie ſoll ich auf Ihr unglaubiges Ge⸗ muͤth wirken? Soll ich Ihnen ſagen, daß die Schuld des Blutvergießens noch eine Schuld bleibt, die von dem blutigen Hauſe von Derby bezahlt werden muß? Und willſt Du Deinen Sohn unter denen leben laſ⸗ ſen, von welchen ſie eingetrieben werden ſoll.“ „Umſonſt verſuchen Sie mich zu beunruhigen, Herr Bridgenorth,“ antwortete die Lady;„welche Strafe von der Graͤfin fuͤr eine That, die ich ſelbſt ſchon eine raſche genannt habe, erhoben verden kann, iſt ſeitdem lange erhoben.“ „Sie taͤuſchen ſich,“ antwortete er eruſthaft. „Glauben Sie, eine armſelige Geldſumme, gege⸗ ben, um bei Schwelgereien Karls verſchwendet zu werden, koͤnne fuͤr den Tod eines ſolchen Mannes, wie Chriſtian, ausſoͤhnen? eines Mannes, dem Himmel und der Erde gleich ſchaͤtzbar? Nein, nicht 236— unter ſolchen Bedingungen kann Blut des Rechtſchaf⸗ fenen vergoſſen werden. Jede Stunde Aufſchub wird als vermehrender Zins zu der ſchweren Schuld hinzugezaͤhlt, welcher eines Tages von dem blut⸗ duͤrſtigen Weibe gefordert werden wird.“ In demſelben Augenblicke hoͤrte man den Huf⸗ ſchlag von Pferden auf der Straße, wo dieſes ſon⸗ derbare Geſpraͤch gehalten wurde. Bridgenorth horchte eine Minute, und ſagte dann:„Vergeſſen Sie, daß Sie mich geſehen haben— nennen Sie meinen Namen keiner Ihrer naͤchſten oder theuer⸗ ſten Perſonen— verſchließen Sie meinen Rath in Ihrer Bruſt— benutzen Sie ihn, und es wird wohl mit Ihnen ſtehen.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich von ihr ab, ſchluͤpfte durch eine Spalte im Gehaͤge, und gewann Schutz in feinem eignen Gehoͤlz, neben 1 Welchen der Pfad ſich hinzog. Das Getoͤſe der Pferde naͤherte ſich in vollem Trott immer mehr; und Lady Peveril erblickte meh⸗ rere Reiter, deren Geſtalten ſich undeutlich uͤber dem emporſteigenden Boden hinter ihr erhoben. Sie ward ihnen auch ſichtbar; und einer oder zwei von den vorderſten ritten ſchneller auf ſie zu, und riefen, als ſie naͤher kamen, ihr zu:„Steht! Wer geht da?“ Der vorderſte aber, welcher heraufkam, rief aus:„Der Himmel ſteh' uns bei, wenn es nicht meine gnaͤdige Frau iſt!“ Und Lady Peveril erkannte in demſelben Augenblick einen ihrer Dienſtboten. Ihr Mann ritt ſogleich drauf heran, und ſagte: „Ha! wie geht's, meine Margrete? Was machſt Du ſo weit vom Hauſe, und noch ſo ſpaͤt?“ Lady Peveril erwaͤhnte ihren Beſuch in der Bauerhuͤtte, hielt es aber nicht fuͤr noͤthig, Etwas davon zu ſagen, daß ſie Major Bridgenorth geſehen; vielleicht aus Furcht, dieſer Vorfall moͤchte ihrem Manne nicht angenehm ſeyn. „Menſchenliebe iſt eine gute und ſchoͤne Sache“, antwortete der Ritter;„aber ich muß dir ſagen, Frau, du thuſt unrecht, wie ein Quackſalber auf dem Lande umher zu wandern, um ein altes Weib, das einen Anfall von Kolik hat, zu beſuchen, beſon⸗ ders um dieſe Zeit der Nacht, und wann das Land ſo unſicher iſt.“ 3 1 1 „Das hoͤr ich mit Bedauern,“ antwortete die Lady;„das iſt mir ganz etwas Neues.“ „Neues?“ erwiederte ihr Mann.„Ei, da iſt ein neues Complott unter den Puritanern ausgebro⸗ chen, ſchlimmer als das von Venner, und von ge⸗ waltigem Umfange. Und wer ſteckt tiefer drin, als unſer alter Nachbar Bridgenorth? Ihm wird uͤberall nachgeforſcht; und wenn er gefunden wird, ich be⸗ 256— theure dir, er wird eiheleinnig alte Whnden buͤßen muͤſſen.“ „Dann bin ich gewiß, er wird nicht befnden werden,“ ſagte Lady Peveril. „So meinſt du?“ erwiederte der Ritter.„Nun ich, fuͤr meine Perſon, hoffe, man wird ihn finden; und an mir ſoll's nicht liegen, wenn es nicht ge⸗ ſchieht. Denn deßhalb reite ich jetzt nach Moultraſ⸗ ſie hinunter, und ſtelle ſtrenge Nachſuchung an, mei⸗ ner Pflicht gemaͤß; kein Rebelle, noch Verraͤther ſoll ſich ſo nahe bei Martindale vergraben, daß ich mich ſeiner nicht bemaͤchtigte. Und du, liebe Frau, behilf dich einmal mit einem Weiberſattel, und reite, wie du ſonſt gethan, hinter Saunders her, der dich ſicher nach Hauſe bringen wird.“ Sie gehorchte ſtillſchweigend; allerdings getraute ſie ſich nicht, eine Antwort zu verſuchen, ſo ſehr war ſie durch de was ſie eben öchört hatle, außer Faſſung geſetzt. Nun ritt Sie hinter dem Stalkenecht nach dem Schloß, wo ſie mit großer Unruhe die Zuruͤckkunft ihres Mannes erwartete. Endlich kam er; aber, zu ihrer großen Beruhigung, ohne einen Gefange⸗ nen. Er erklaͤrte ſich jetzt umſtaͤndlicher, als ſeine vorige Eile erlaubt hatte, daß ein Expreſſer nach Cheſterfield mit Nachrichten vom Hofe, uͤber eine 239 beabſichtigte Inſurrection unter den alten Patrioten, beſonders denen, die in der Armee gedient hatten, angekommen ſei, und daß Bridgenorth, der in Der⸗ byſhire lauern ſolle, zu den Hauptverſchwornen gehoͤre. Nach einiger Zeit ſchien dieß Geruͤcht von Ver⸗ ſchwoͤrung ſich zu verlieren, wie ſo manche andre je⸗ ner Periode. Die Verhaftsbefehle wurden zuruͤck⸗ genommen; aber vom Major Bridgenorth war nichts zu hoͤren, noch zu ſehen; ob es gleich wahr⸗ ſcheinlich iſt, daß er ſich eben ſo offen gezeigt haben mochte, als viele thaten, die ſich unter denſelben Umſtaͤnden des Verdachts befanden. „Um dieſelbe Zeit nahm auch Lady Peveril auf einige Zeit mit vielen Thraͤnen Abſchied von ihrem Sohn Julian, welcher, wie man lange vorhatte, abging, um eine gemeinſchaftliche Erziehung mit dem jungen Grafen von Derby zu erhalten. Ob⸗ gleich die warnenden Worte Bridgenorth's der Lady Peveril bisweilen einfielen, ſo gab ſie ihnen doch kein Gewicht gegen die Vortheile, welche der Schutz der Graͤfin Derby ihrem Sohne verſicherte. Der Plan ſchien in jeder Hinſicht von gluͤcklichem Erfolg; und als Julian von Zeit zu Zeit das Haus ſeines Vaters beſuchte, hatte Lady Peveril die Be⸗ friedigung, ihn bei jeder Gelegenheit ſowohl an ſei⸗ 240. 3— ner Perſon und in ſeinen Sitten vervollkommnet, als eifrig im Streben nach hoͤheren Eigenſchaften zu finden. Im Verlauf der Zeit ward er ein wacke⸗ rer und talentvoller Juͤngling, und reiſte eine Zeit mit dem jungen Grafen auf das feſte Land. Dieß war um ſo noͤthiger, um ihre Weltkenntniß zu er⸗ weitern, weil die Graͤfin ſeit ihrer Flucht auf die Inſel Man im Jahre 1660, nie in London oder an Koͤnig Karls Hofe erſchienen war, ſondern in ein⸗ ſamer und ariſtokratiſcher Verfaſſung, abwechſelnd auf ihren Guͤtern und auf dieſer Inſel gewohnt hatte. Dieß hatte der Erziehung beider Juͤnglinge, ſo vortrefflich uͤbrigens, als ſie die beſten Lehren geben konnten, einen etwas beſchraͤnkten Charakter mitge⸗ theilt; ob aber gleich das Naturell des jungen Gra⸗ fen leichter und fluͤchtiger, als das des Julian war, ſo hatten doch beide in betraͤchtlichem Grade durch die dargebotenen Gelegenheiten gewonnen. Es war der Graͤfin Derby ſtrenger Befehl an ihren Sohn, der nun vom Continent zuruͤckkehrte, nicht am Hofe Karls zu erſcheinen. Da er aber ſchon ſeit einiger Zeit muͤndig geworden, glaubte er ſich nicht ſchlech⸗ terdings an dieſen Befehl gebunden; und war eine Zeit lang in London geblieben, indem er an allen Luſtbarkeiten des muntern Hofes daſelbſt, mit allem Feuer eines jungen Menſchen Theil nahm, der in ** — 8 241 einer verhaͤltnißmaͤßigen Abgeſchiedenheit erzogen 8 worden iſt. Uum die Graͤfin mit dieſer Uebertretung ihres Befehls wieder auszuſoͤhnen(denn er unterhielt im⸗ mer die tiefe Ehrerbietung gegen ſie, in der er war erzogen worden), ließ ſich Lord Derby gefallen, mit ihr einen langen Aufenthalt auf ihrer Lieblingsinſel zu nehmen, die er faſt gaͤnzlich ihrer Verwaltung uͤberließ. Julian Peveril hatte auf dem Schloß Martin⸗ dale einen guten Theil Zeit zugebracht, den ſein Freund in London verlebt hatte; und in der Periode, zu welcher, auͤber viele Jahre hinweg, unſre Ge⸗ ſchichte gleichſam per saltum gelangt iſt, lebten beide, als Gaͤſte der Graͤfin, auf dem Schloſſe Ru⸗ ſhin in dem ehrwuͤrdigen Koͤnigreich Man. Eilftes Kapitel. Die I Inſel Man war in der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts als eine Reſidenz etwas ſehr Verſchie⸗ denes von dem, was ſie jetzt iſt. Die Menſchen hatten ihren Werth, als eines gelegentlichen Zu⸗ fluchtsorts vor den Stuͤrmen des Lebens, noch nicht 1. 4 — entdeckt, und die da zu treffende Geſellſchaft war von ſehr einfoͤrmiger Art. Es gab da keine luſtigen Weltleute, die das Schickſal von ihrem Freudenſitz herabgeſtuͤrzt hatte— keine gerupften Tauben oder befiederten Kraͤhen— keine getaͤuſchten Spekulan⸗ ten— keine ruinirten Bergleute— kurz keinen, der Rede werth. Die Geſellſchaft der Inſel war auf die Eingebornen ſelbſt und einige vom Schleichhandel lebende Kaufleute beſchraͤnkt. Die Unterhandlungen waren ſelten und einfoͤrmig, und der mercurialiſche junge Graf ward ſeiner Beſitzungen bald herzlich ſatt. Julian befand ſich in der tiefen Abgeſchiedenheit, welche zu einem Gitterfenſter des Alten Schloſſes fuͤhrte; und mit uͤber einander geſchlagenen Armen und einer Miene ſinniger Betrachtung, uͤberblickte er die lange Ausſicht des Oceans, welcher ſeine einan⸗ der folgenden Wellen an den Fuß des Felſens rollte, auf welchen das alte Fort gegruͤndet iſt. Der Graf ütt unter der Pein der Langenweile— bald in ein Buch des Homer blickend— bald pfeifend— bald ſich auf ſeinem Stuhl ſchwingend— bald das Zim⸗ mer durchſchreitend— bis endlich ſeine Aufmerkſam⸗ keit ſich in Bewunderung der Ruhe ſeines Geſell⸗ ſchafters verlor.„Koͤnig der Maͤnner!“ rief er, indem er das Lieblingsbeiwort wiederholte, womit Homer den Agamemnon ſchildert.„Wahrhaftig,“ — 243 ſagte er,„zur Ehre der alten Griechen, er hatte ei⸗ nen froͤhlichern Beruf, als ein Koͤnig von Man. Hoch⸗ philoſophiſcher Julian, will nichts dich auf⸗ wecken, ſelbſt nicht ein ſchlechtes Bonmot aiß meine eigne Koͤnigswuͤrde?“ „Ich wuͤnſchte, Sie waͤren ein wenig nchund der Koͤnig in Man“, ſagte Julian, indem er aus ſeiner Traͤumerei auffährz„und dann wuͤrden Sie mehr Unterhaltung auf Ihren Beſitzungen finden.“ „Was! dieſe koͤnigliche Semiramis, meine Mut⸗ ter entthronen“, ſagte der junge Lord,„welche eben ſo viel Vergnuͤgen daran hat, die Koͤnigin zu ſpie⸗ len, als wenn ſie eine wirkliche ſouveraͤne Fuͤrſtin waͤre? Ich wundere mich, wie Sie mir einen ſol⸗ chen Rath geben koͤnnen.“ „Ihre Mutter, wie Sie wohl wiſſen, lieber Derby, wuͤrde ſich freuen, wenn Sie einigen An⸗ theil an den Angelegenheiten der Inſel naͤhmen./ „Ja, wahrlich, ſie wuͤrde mir erlauben, Koͤnig zu ſeyn; aber ſie wuͤrde lieber Vicekoͤnigin uͤber mir bleiben wollen,— ja, ſie wuͤrde blos einen Unter⸗ than mehr gewinnen, wenn ich meine uͤbrige Zeit, die mir ſo ſchaͤtzbar iſt, auf die Sorgen des Koͤnig⸗ thums verwendete. Nein, nein, Julian, ſie haͤlt es fuͤr Macht, alle kleinen Angelegenheiten dieſer ar⸗ men Inſulaner zu leiten; und indem ſie dieß fuͤr L 2 244 Macht haͤlt, findet ſie Vergnuͤgen daran. Ich wer⸗ de mich nicht darein miſchen, wofern ſie nicht wieder zeinen hohen Gerichtshof haͤlt.— Ich kann meinem Bruder, Koͤnig Karl, keine andre Geldſtrafe be⸗ zahlt verſchaffen— doch ich vergeſſe— dieß iſt ein ſchmerzhafter Punkt fuͤr Sie.“ „Fuͤr die Graͤfin wenigſtens,“ erwiederte Ju⸗ lian;„und mich wundert, wie Sie davon Aprechen. koͤnnen.“ „O ich haͤge keine Tuͤcke gegen das Andenken des armen Mannes, ſo wenig, als Sie ſelbſt, allein ich habe nicht dieſelben Gruͤnde, es in Ehren zu halten,“ ſagte der Graf von Derby;„und doch habe ich auch einige Ehrfurcht fuͤr daſſelbe— ich erinnere mich, wie man ihn hinaus zum Tode brachte— es war der erſte Feiertag, den ich je in meinem Leben hatte, und ich wuͤnſche herzlich, er waͤre es auf irgend ei⸗ nen andern Anlaß geweſen.“ „Lieber hoͤrt' ich Sie von etwas Anderm he chen, lieber Graf,“ ſagte Julian. „Ei, ſo geht's,“ antwortete der Graf;„ſobald 3 ich von Etwas rede, das Ihren Muth aufregt, und Ihr Blut erwaͤrmt, welches ſo kalt ſließt, wie bei ei⸗ nem Meermanne(um ein Gleichniß dieſer gluͤckli⸗ chen Inſel zu gebrauchen),— ei ſtill! dann zwin⸗ gen Sie mich, von etwas Anderm zu ſprechen.— — 245 Nun gut, wovon wollen wir reden?— O Julian, haͤtten Sie Sich nicht unter den Schloͤſſern und Hoͤhlen von Derbyſhire vergraben, ſo wuͤrden wir genug ergoͤtzliche Sachen zu beſprechen haben— die Schauſpielhaͤuſer, Julian— beide, des Königs und des Herzogs; Louis's Anſtalt iſt ein Spaß da⸗ gegen;— und der Ring im Park, der den Corſo zu Neapel uͤbertrifft— und die Schoͤnheiten, wel⸗ che die ganze Welt beſiegen.“ „Sehr gern hoͤr' ich Sie von ſolchen Gegenſtän⸗ den ſprechen, lieber Graf,“ antwortete Julian;„je weniger ich ſelbſt von der Lond'ner Welt geſehen habe, deſto mehr wird mich wahrſcheinlich Ihre Schilderung unterhalten.“ „Ja, Julian; aber wo anfangen? Mit dem Witz Buckingham's und Sadley's, und Etherege's, oder mit der Anmuth Harry Jermyn's— der Ar⸗ tigkeit des Herzogs von Monmouth, oder mit der Liebenswuͤrdigkeit der Belle Hamilton— der Her⸗ zogin von Richmond, der Lady—, der Perſon der Roxelane, der muntern Laune der Miſtreß Nelly)— „Oder was ſagen Sie zu den maͤchtigen Zaube⸗ reien der Lady Cynthia?“ fragte ſein Geſellſchafter. „Wahrhaftig, ich wuͤrde ſie fuͤr mich behalten, um Ihrem klugen Beiſpiele zu folgen; aber da Sie mich fragen, ſo geſtehe ich offenherzig, ich weiß L 3 26— nichts davon zu ſagen; ich denke zwanzigmal ſo oft an ſie, als an alle Schoͤnheiten, von denen ich ſprach; und doch iſt ſie weder den zwanzigſten Theil ſo ſchoͤn, als die einfachſte dieſer Hofſchoͤnheiten, noch ſo witzig, als die einfaͤltigſte, die ich genannt, noch ſo modiſch— das iſt die Hauptſache— als die unbekannteſte.— Ich kann nicht ſagen, was mich an ihr begeiſtert, außer daß ſie ſo voll Launen iſt, wie ihr ganzes Geſchlecht zuſammengenommen. 34 „Ich daͤchte, das waͤre keine große Empfehlung,“ erwiederte ſein Geſellſchafter. 4 „Keine große, ſagen Sie, und nennen ſich ſelbſt einen Angelbruder?“ ſagte der Graf.„Nun, was geſiele Ihnen am beſten? einen aͤrmlichen Gruͤndling zu fangen, den Sie mit aller Gewalt an's Ufer ziehen, wie die Leute hier ihre Fiſcherboote— oder einen muntern Salm, der ihre Angelruthe brechen und ihre Schnur pfeifen macht, Ihnen tauſend ver⸗ drießliche Streiche ſpielt, Ihr Herz mit Hoffnun: gen und Befuͤrchtniſſen abmattet, und blos bebend 4 auf das Ufer gelegt wird, nachdem ſie die beiſpiele loſeſte Geſchicklichkeit, Geduld und Gewandtheit be⸗ wieſen haben? Aber ich ſehe, Sie haben Luſt, nach Ihrer alten Weiſe angeln zu gehen. Fort, mit dem geſtickten Kleide„ein braunes Wams angezo⸗ gen;— lebhafte Farben verſcheuchen die Fiſche in den nuͤchternen Gewaͤſſern der Inſel Man;— wahr⸗ haftig, in London werden Sie wenig fangen, wenn nicht der Koͤder ein wenig glaͤnzt.— Aber Sie gehen wirklich; wohl, auf gur Gluͤck! Ich will mich an die Barke halten;— die See und der Wind ſi ſind weniger unbeſtaͤndig, als zur Zeit der Fluth, da Sie ſich eingeſchifft haben. „Sie haben in London alle dieſe zierlichen Sachen ſagen gelernt, Graf ⸗ ſprach Julian;„aber wir werden einen Buͤßenden dafuͤr an Ihnen haben, wenn Lady Cynthia meines Sinnes iſt. Adieu, und viel Vergnuͤgen, bis wir uns wiederſehen.“ Die jungen Freunde ſchieden alſo von einander; und waͤhrend der Graf ſich auf ſeine Luſtfahrt be⸗ gab, legte Julian, wie ſein Freund prophezeit hatte, die Tracht einer Perſon an, die ſich mit Angeln vergnuͤgen will. Der Hut und die Feder wurden fuͤr eine graue Tuchmuͤtze vertauſcht; der rein ge⸗ ſtickte Mantel und Wams, fuͤr eine ſchlichte Jacke von gleicher Farbe mit gleichen Beinkleidern; und endlich mit der Ruthe in der Hand, und mit einem Korbe auf dem Ruͤcken, auf einem huͤbſchen Maner Klepper ſitzend, ritt der junge Peveril munter uͤber die Gegend, welche ihn von einem der ſchoͤnen Stroͤ⸗ me trennte, die von den Kirk⸗Merlagh⸗Bergen in die See herabfließen. L2 4 248— Nachdem Julian den Fleck erreicht hatte, wo er ſeinen laͤndlichen Zeitvertreib beginnen wollte, ließ er ſein kleines Pferd graſen, welches, an die Situa⸗ tion gewoͤhnt, ihm wie ein Hund folgte, und dann und wann, wenn es des Weidens in dem kleinen Thale, durch das der Strom ſi ch wand, muͤde war, an ſeines Herrn Seite kam, und, als waͤre es ein eifriger Dilettant dieſer Kunſt, nach den Forellen hinſah, die, ſich ſtraͤubend, von Julian an's Ufer gebracht wurden. Aber der Gebieter der Waſſer⸗ nymphe bewies an dieſem Tage wenig von der Ge⸗ duld eines rechten Anglers, und nahm es nicht in Obacht, nach des alten Iſaak Walton's Empfehlung, in den Stroͤmen Zoll fuͤr Zoll zu fiſchen. Er waͤhlte zwar mit eines Anglers Auge die das meiſte ver⸗ ſprechenden Wuͤrfe, wo der Strom funkelnd uͤber einem Stein ſich brach, und einer Forelle den ge⸗ wohnten Schutz gewaͤhrte; oder wo er nach einem wallenden lebhaften Laufe ſtiller ward, und unter das vorragende Ufer floß, oder von dem Sturze ſei⸗ nes niedrigen Waſſerfalls hinwegrauſchte. Durch dieſe kluge Wahl der Stellen, wo ſeine Kunſt anzu⸗ wenden war, ward des Anglers Korb bald ſchwer genug, um zu zeigen, daß ſeine Beſchaͤftigung nicht bloßer Vorwand waͤre; und ſobald dieß der Fall war, wandelte er munter auf das Thal, und machte nur — 4 249 von Zeit zu Zeit einen Wurf, wann er von einer nahen Anhoͤhe beobachtet wurde. Es war ein kleines gruͤnes und felſiges Thal, durch welches der Bach ſehr einſam irrte, obgleich der ſchwache Strich eines wenig betretenen Weges zeigte, daß es gelegentlich durchkreuzt worden, und nicht ganz an Bewohnern leer war. Als Julian Peveril noch weiter ging, reichte das rechte Ufer bis zu einiger Entfernung von dem Strome, und ver⸗ ließ ein Stuͤck Wieſengrund, deſſen niederer Theil dicht am Bach reich mit Gras bedeckt war, indem jener wahrſcheinlich durch deſſen Ueberſtroͤmen be⸗ feuchtet wurde. Der hoͤhere Theil des ebenen Bo⸗ dens gewaͤhrte einen Platz fuͤr ein altes Haus von eigener Bauart, mit einer Gartenterraſſe und einem oder zwei angebaueten Feldern daneben. In vori⸗ gen Zeiten hatte eine Daͤniſche oder Norwegiſche Feſtung, Namens Black⸗fort, das ſchwarze Fork, hier geſtanden, von der Farbe eines großen, waldi⸗ gen Berges ſo genannt, welcher, da er hinter dem Gebaͤude ſich erhob, die Grenze des Thals zu ſeyn und dem Bach ſeine Quelle zu gewaͤhren ſchien. Aber der urſpruͤngliche Bau war lange zerſtoͤrt, da er freilich nur aus Ziegelſteinen beſtand, und ſeine Materialien waren zur Errichtung des gegenwaͤrtigen Wohngehaͤndes verwendet worden— des Werks ei⸗ — L 3 250 nes gewiſſen Geiſtlichen im ſechzehnten Jahrhundert, wie ſich aus dem ungeheuern Mauerwerk ſeiner Fen⸗ ſter ergab, welche dem Licht kaum einen Durchgang verſtatteten, wie auch aus zwei oder drei Pfeilern, welche von der Fronte des Hauſes vorragten, und an ihren Vorderſeiten kleine Niſchen fuͤr Bilder dar⸗ boten. Dieſe waren ſorgfaͤltig zerſtoͤrt und Blu⸗ mentoͤpfe an ihre Stelle geſetzt worden; außerdem waren ſie durch kriechende Pflanzen mannichfacher Art, die ſich anmuthig um ſie herum ſchlangen, aus⸗ geſchmuͤckt. Der Garten war auch in guter Ord⸗ nung; und obgleich der Platz aͤußerſt einſam lag, ſo fand ſich doch da ein Ausdruck von Behaglichkeit, Bequemlichkeit und ſelbſt von Geſchmack, dergleichen keineswegs die Wohnungen auf der Inſel zu jener Zeit allgemein auszuzeichnen pflegte. Mit vieler Vorſicht naͤherte ſich Julian Peveril dem niedrigen Gothiſchen Portal, welches den Ein⸗ gang des Hauſes vor den ſeiner Lage drohenden Stuͤrmen ſchuͤtzte, und, gleich den Pfeilern, mit Epheu und andern ſich anſchmiegenden Pflanzen be⸗ deckt war. Ein eiſerner Ring, ſo eingerichtet, um durch Auf⸗ und Niederziehen gegen den Riegel von gekerbtem Eiſen, in welchem er hing, zu raſſeln, diente als ein Klopfer; und von dieſem machte er, jedoch mit groͤßter Behutſamkeit, Gebrauch. — —— 251 Eine Zeit lang erhielt er keine Antwort; und es ſchien wirklich, als wenn das Haus ganz unbewohnt waͤre, bis endlich ſeine Ungeduld die Oberhand ge⸗ wann, er die Thuͤre zu oͤffnen verſuchte, und, da ſie blos zugeklinkt war, dieß ſehr leicht vollzog. Er ging durch eine kleine niedrig gewoͤlbte Halle, deren oberes Ende eine Treppe einnahm, und oͤffnete zur Linken die Thuͤre eines Sommerzimmers, das mit ſchwarzem Eichenholz getaͤfelt, und ſehr einfach mit Stuͤhlen und Tiſchen von demſelben Stoff verſehen war; die erſtern waren mit Lederkuͤſſen bedeckt. Das Zimmer war dunkel, da eins jener mit ſteinernen Pfeilern beſetzten Fenſter, die wir erwaͤhnten, mit ſeinen kleinen vergitterten Scheiben und ſeinem dicken Laubgewinde, nur ein unvollkommenes Licht einließ. Ueber dem Kaminſims(der von dem gleichen fe⸗ ſten Material, wie das Taͤfelwerk des Zimmers war) befand ſich die einzige Zierde der Stube, naͤm⸗ lich ein Gemaͤlde, das einen Ofſicier in der militaͤ⸗ riſchen Tracht der buͤrgerlichen Kriege vorſtellte;— das kurze am Kuͤraß herabhangende Band, die po⸗ meranzengelbe Schaͤrpe, aber vor Allem das kurze dicht verſchnittene Haar, zeigten deutlich, zu welcher der großen Parteien er gehoͤrt hatte. Seine rechte Hand ruhte auf dem Gefaͤß ſeines Schwerts, und 292— in der linken Hand hielt er eine kleine Bibel„mit der Aufſchrift: In hoc signo. Die Geſichtsfarbe hatte etwas Olivenartiges, bei tief liegenden ſchwar⸗ zen Augen, und einer ovalen Geſtalt des Kopfes; es war eine jener Phyſiognomieen, welche, wiewohl uͤbrigens nicht unangenehm, natuͤrlich Melancholie und Ungluͤck auszudruͤcken ſcheinen. Dieſe Figur war, dem Anſchein nach, unſerm Julian Peveril wohl bekannt; denn, nachdem er ſie lange betrachtet hatte, konnte er ſich nicht enthalten, laut vor ſich auszurnfen:„Was wollt' ich darum geben, wann dieſer Mann nie geboren worden waͤre, oder wann er noch lebte!“ „Ei, ei! wer iſt das?“ rief ein Frauenzimmer, das eben hereintrat, als er ſo ſprach.„Sie hier, Junker Peveril, trotz aller Warnungen, die Ihnen gemacht wurden— Sie hier, mitten im Hauſe der Leute, wann ſie ausgegangen ſind, und im Geſpraͤch mit ſich ſelbſt, wahrhaftig?“ „Ja, Gouvernante Deborah“ ſagte Julian Pe⸗ veril,„ich bin wieder hier, wie Sie ſehen, gegen alle Verbote und trotz aller Gefahr. Wo iſt Alexie?“ „Wo Sie ſie nie ſehen werden, junger Herr, Sie koͤnnen Sich ſelbſt davon uͤberzeugen;“ antwor⸗ tete Deborah, die ehrbare Gouvernante, und ſetzte ſich zu gleicher Zeit auf einen der großen Lederſtuͤhle, faͤchelte ſich mit dem Schnupftuche, und beklagte ſich uͤber die Hitze, ganz im Ton einer vornehmen Dame. In der That war Deborah Debbitch, waͤhrend ihr Aeußeres eine bedeutende Verbeſſerung ihrer um⸗ ſtaͤnde verrieth, und ihr Anſehen die weniger guͤn⸗ ſtigen Wirkungen der zwanzig Jahre, die uͤber ih⸗ rem Haupte hinweggegangen waren, erkennen ließ, — an Charakter und an Sitten noch ſehr dieſelbe, die ſie geweſen war, als ſie die Meinungen der Mam⸗ ſell Ellesmere auf dem Schloß Martindale beſtritt. Mit einem Wort, ſie war eigenſinnig, hartnaͤckig und gefallſuͤchtig, wie je, uͤbrigens keine uͤbelwollen⸗ de Perſon. Ihre gegenwaͤrtige Figur war die von einer Frau von hoͤherem Stande. Aus dem einfa⸗ chen Schnitt ihres Kleides, und aus der Gleichheit ſeiner Farben erhellte, daß ſie zu einer Secte ge⸗ hoͤrte, welche uͤberfluͤſſige Munterkeit im Putz ver⸗ warf; aber keine Geſetze, auch nicht die des Non⸗ nenkloſters oder einer Quaͤkergeſellſchaft, koͤnnen ein wenig Koketterie in demjenigen Stuͤcke verhindern, wo ein Frauenzimmer noch einigen Anſpruch auf per⸗ ſoͤnliche Aufmerkſamkeit behalten zu haben wuͤnſcht. Alle Kleidungsſtuͤcke der Deborah waren ſo geordnet, wie ſie einer wohl ausſehenden Frau am beſten ſtan⸗ den, deren Aeußeres bequemes Leben und gute Koſt 254— verrieth, und welche ſich eine Fuͤnfunoͤdreißigerin nannte, und, wenn ſie wollte, mit gutem Fug ſich zwoͤlf oder funfzehn Jahre aͤlter nennen konnte. Julian mußte alle ihre langweiligen und be— ſchwerlichen Manieren aushalten, und mit Geduld warten, bis ſie ſich herausgeputzt, ihr Kopfzeug vor⸗ und ruͤckwaͤrts gezogen, an ein kleines Riech⸗ flaͤſchchen gerochen, die Augen, wie ein ſterbender Vo⸗ gel, geſchloſſen, und, wie eine Ente bei Gewittern, emporgerichtet hatte; und nachdem ſie endlich ihre Runde von Minauderieen erſchoͤpft hatte, geruhte ſie, die Unterredung zu eroͤffnen.„Dieſe Gaͤnge werden noch mein Tod ſeyn,“ ſagte ſie;„und Alles um Ihretwillen, junger Herr; denn wenn Frau Chriſtian erfahren ſollte, daß Sie ihre Nichte zu be⸗ ſuchen belieben, ſo verſichere ich Ihnen, die junge Alexie wuͤrde bald genoͤthigt ſeyn, ein anderes Quar⸗ tier zu finden, und ſo ich auch.“ „Nur ruhig und wohlgemuth, gute Deborah,“ ſagte Julian.„Bedenken Sie nur, ruͤhrt nicht dieſe unſre ganze Vertraulichkeit von Ihnen her? Machten Sie ſich nicht ſelbſt mir das erſte Mal be⸗ kannt, als ich mit meiner Angelruthe uͤber dieß Thal wandelte, und ſagten mir, daß Sie meine ehemae lige Waͤrterin waͤren, und daß Alexie meine kleine Geſpielin geweſen? Und was konnte natuͤrlicher 25⁵ ſeyn, als daß ich wiederkam und zwei ſo angenehme Perſonen ſo oft, als ich konnte, zu ſehen ſuchte?“ „Ja,“ ſagte Deborah;„aber ich hieß Sie nicht, ſich in uns verlieben, oder ſo Etwas, wie Heirath, entweder Alexien, oder mir antragen.“ „Nein, Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen, Deborah, das thaten Sie nicht,“ antwortete der Juͤngling.„Allein was thut das? So Etwas entſteht unerwartet. Ich bin gewiß, Sie muͤſſen ſolche Antraͤge funfzig Mal gehoͤrt haben, da Dit ſie am wenigſten erwarteten.“ „Pfui, pfui, pfui, junger Herr Julian Peve⸗ ril,“ ſprach die Gouvernante;„Sie muͤſſen wiſſen, ich habe mich immer ſo betragen, daß der Beſte im Lande gern zweimal kam; und ich habe ſehr wohl bedacht, ſowohl was er ſagen wollte, als wie er es zu ſagen im Begriff war, ehe er mit ſolchen Antra⸗ gen bei mir herausruͤckte.“ „Allerdings, gute Deborah,“ antwortete Ju⸗ lian;„aber nicht Jeder Mann hat Ihre Ueberle⸗ gung. Dann iſt Alexie Bridgenorth ein Kind, ein bloßes Kind; und ſo fragt Einer wohl immer ein kleines Maͤdchen, ob es nicht ſeine kleine Frau ſeyn wolle, wie Sie wiſſen. Wohlan, ich weiß, Sie vergeben mir. Du warſt ſtets die gutmuͤthigſte, freundlichſte Frauensperſon in der Welt; und Sie wiſſen, Sie haben zwanzig Mal geſagt, wir waͤren fuͤr einander geſchaffen.“ „O nein, Junker Julian; nein, nein!“ rief Deborah;„ich kann freilich geſagt haben, daß Ihre Beſitzungen gemacht waͤren, vereinigt zu werden; und, gewiß, es iſt natuͤrlich bei mir, daß ich, vom alten Stamme der Paͤchterſchaft, auf den Beſitzun⸗ gen Peveril's vom Gipfel entſproſſen, den Wunſch haͤge, es moͤchte Alles wieder in demſelben Kreiſe umſchloſſen ſeyn; welches ſicher genug ge⸗ ſchehen wuͤrde, wenn Sie Alexie Bridgenorth hei⸗ ratheten. Aber dann iſt der Ritter Ihr Vater, und die gnaͤdige Frau Ihre Mutter, und da iſt der Va⸗ ter des Maͤdchens, halb verwirrt in ſeiner Religion; und Alexiens Tante, welche ewig ſchwarz geht, um des ungluͤcklichen Oberſten Chriſtian willen; und da iſt die Graͤfin Derby, welche uns allen es gleich ent⸗ gelten laſſen wuͤrde, wenn wir Etwas angaͤben, das ihr mißfiele. Und uͤber dieß Alles haben Sie Ihr Wort mit der jungen Alexie gebrochen, und Alles iſt zwiſchen Ihnen voruͤber; und ich bin der Mei⸗ nung, es ſey ganz recht, daß Alles voruͤber iſt; und vielleicht kann es ſeyn, junger Herr, daß ich ſeit langer Zeit ſo gedacht habe, ehe ein Kind, wie Alex iee, mir in den Kopf gekommen iſt; aber ich bin ſo gut⸗ muͤthig.“ — 257 Keinen Schmeichlern gefaͤllt ein Liebhaber, der ſeinen Zweck zu erreichen wuͤnſcht. „Sie ſind die beſte, gutmuͤthigſte Perſon in der Welt, Deborah; aber Sie haben noch nicht den Ring geſehen, den ich fuͤr Sie in Paris gekauft habe. Ja, ich will ihn ſelbſt an Ihren Finger ſtecken;— ich, Ihr Pflegeſohn, den Sie ſo lieb⸗ ten und ſo ſorgfaͤltig pflegten!“ Leicht gelang es ihm, mit launiger ifeetation von Galanteyſ einen huͤbſchen goldenen Ring an den fetten Finger der Miſtreß Deborah Debbitch zu ſtecken. Sie hatte eine Denkungsart, wie man ſie oft unter Perſonen des niedern und hoͤhern Poͤbels trifft, welche, ohne in großem Umfange Beſtechungen oder Verfuͤhrun⸗ gen zugaͤnglich zu ſeyn, dennoch ſehr an zufaͤlligen Einnahmen hangen, und auf der Linie ihrer Pflicht betraͤchtlich, wiewohl vielleicht unmerklich, durch die Liebe kleiner Zerimonieen, kleiner Geſchenke und ge⸗ ringfuͤgiger Complimente, nach einer gewiſſen Rich⸗ tung hingelenkt werden. Die Deborah Debbitch drehte den Ring rund herum, und wieder herum, und ſagte endlich fluͤſternd:„Gut, junger Herr Ju⸗ lian, es hilft nichts, wenn man einem ſolchen jun⸗ gen Edelmann, wie Sie ſind, Etwas verleugnet— denn junge Edelleute ſind immer ſo hartnaͤckig— und ſo kann ich Ihnen eben ſo gut ſagen, daß Alexie 258— mit mir von Kirk⸗Truagh eben jetzt zuruͤckkehrte, und zu gleicher Zeit mit mir in das Haus kam.“ „Warum ſagten Sie mir das nicht zuvor?“ ſagte Julian auffahrend;„wo iſt ſie? wo iſt ſie 7 „Sie ſollten mich eher fragen, warum ich es Ihnen jetzt ſage, junger Herr,“ ſagte Deborah; „denn, ich betheure Ihnen, es iſt gegen ihren aus⸗ druͤcklichen Befehl; und ich wuͤrde es Ihnen nicht geſagt haben, wenn Sie nicht ſo klaͤglich ausgeſehen haͤtten. Was aber den Wunſch betrifft, ſie zu ſehen, ſo muß ich Ihnen ſagen: ſie will nicht, und ſie iſt in ihrem Schlafzimmer, mit einer guten eichenen Thuͤre verſchloſſen und verriegelt; das iſt ihr Troſt. Und ſollte ich von meiner Seite das Ver⸗ trauen verletzen(das kleine trotzige Maͤdchen nennt es ſelbſt ſo), das iſt ganz unmoͤglich. 22 „Nicht ſo geſprochen, Deborah; gehen Sie nur, verſuchen Sie es nur; ſagen Sie, ſie ſoll mich an⸗ hoͤren; ſagen Sie, ich haͤtte hundert Entſchuldigun⸗ gen, ihren Befehlen nicht zu gehorchen; ſagen Sie, ich zweifelte nicht, alle Hinderniſſe auf dem Schloß 3 Martindale zu uͤberwinden.“ „Nein, ſag' ich Ihnen, es iſt Alles umſonſt,“ erwiederte ſie.„Als ich ihre Muͤtze und Angelruthe im Saale liegen ſah, ſagt' ich blos:„Hier iſt er wieder,“ und da lief ſie die Treppe hinauf, wie ein junges Reh, und ich hoͤrte den Schluͤſſel drehen und zuriegeln, ehe ich ein einziges Wort ſagen konn⸗ te, um ſie aufzuhalten. Ich wundre mich, daß Sie ſie nicht hoͤrten.“ i4 „Das kam daher, weil ich, wie ich immer war, eine Eule, ein traͤumender Thor bin, der alle dieſe goldenen Minuten vorbei laͤßt, die mir mein un⸗ gluͤckliches Leben ſo ſelten darbietet.— Wohlan, ſagen Sie ihr, ich gehe, gehe fuͤr immer dahin, wo ſte nicht mehr von mir hoͤren wird, wo Niemand mehr von mir hoͤren ſoll.“. 1.„Ach! der Vater!“ fagte Deborah.„Hoͤrt nur, wie er ſpricht. Was wird aus dem Ritter Gott⸗ fried, und Ihrer M utter, und mir, und der Graͤ⸗ fin werden, wenn Sie ſo weit gehen wollen, als Sie ſagen? Und was wuͤrde auch aus der armen Alexie werden? Denn ich will ſchwoͤren, Sie gefal⸗ len ihr mehr, als ſie ſagt, und ich weiß, ſie pflegte ſich hinzuſetzen und nach dem Wege zu ſehen, wel⸗ chen Sie den Strom herauf zu kommen gewohnt waren, und fragte mich dann und wann, ob der Morgen gut zum Angeln waͤre. Und die ganze Zeit, als Sie auf dem Continent waren, wie man es nennt, laͤchelte ſie kaum einmal, außer als ſie dieſe ſchoͤnen langen Briefe uͤber auswaͤrtige Gegenden erhielt.“ 260— „Freundſchaft, Deborah,— blos Freundſchaft — kalte und ruhige Erinnerung an Jemand, der, mit Ihrer guͤtigen Erlaubniß, ſich in Ihre Einſam⸗ keit dann und wann mit Neuigkeiten von der leben⸗ digen aͤußern Welt einſchlich.— Einmal, freilich, glaubt ich— aber es iſt Alles vorbei— Lebe wohl.“ So ſprach er, bedeckte ſein Geſicht mit einer Hand, und ſtreckte die andre aus, um der Deborah Debbitch ein Lebewohl zu ſagen, deren gutes Herz dem Anblick ſeiner Betruͤbniß nicht mehr zu wider⸗ ſtehen vermochte. „Nun, nur nicht ſo eilig,“ rief ſie;„ich will wieder herauf gehen, und ihr ſagen, wie es mit Ihnen ſteht, und ſie herunter bringen, wenn es in der Macht eines Weibes iſt.“ Und mit dieſen Worten verließ ſie das zunna⸗ und lief die Treppe hinauf. IJulian Peveril durchſchritt indeſſen das— in großer Bewegung, und erwartete den Erfolg von Deborah's Vermittlung; und ſie blieb lange genug außen, um ihm Zeit zu laſſen, in einem kurzen Ruͤckblick die Umſtaͤnde zu erwaͤgen, die ihn in ſeine jetzige Lage gefuͤhrt hatten. — — 261 Zwoͤlftes Kapitel. „Die wahre Liebe fand nie einen eb'nen Pfad“ zc. Die beruͤhmte Stelle, welche wir dieſem Kapitel vorſetzen, hat, wie die meiſten Bemerkungen deſſel⸗ ben Schriftſtellers, ihren Grund in wirklicher Er⸗ fahrung. Die Periode, in welcher die Liebe am ſtaͤrkſten empfunden wird, iſt ſelten jene, in welcher viel Ausſicht Statt findet, ſie zu einem gluͤcklichen Ausgange zu bringen. Der FZuſtand der kuͤnſtlichen Geſellſchaft, ſetzt fruͤhen Heirathen viele verwickelte Hinderniſſe entgegen; und die Moͤglickeit iſt ſehr groß, daß ſolche Hinderniſſe ſich unuͤberwindlich zei⸗ gen. Endlich gibt es wenig Menſchen, welche nicht insgeheim auf eine gewiſſe Periode ihrer Jugend zu⸗ ruͤckblicken, in welcher aufrichtige und fruͤhe Zunei⸗ gung verſchmaͤht oder verrathen wurde, oder unter widrigen Umſtaͤnden im Keime erſtickte. Es ſind dieſe kleinen Stellen der geheimen Geſchichte, wel⸗ che einen Anſtrich des Romantiſchen in jedem Buſen zuruͤcklaſſen, und, ſelbſt in der geſchaͤftvolleſten oder am weiteſten vorgeruͤckten Periode des Lebens, uns kaum erlauben, einer Erzaͤhlung von wahrer Liehe mit gaͤnzlicher Gleichguͤltigkeit zuzuhoͤren. 262— Julian Peveril hatte ſeine Zuneigung ſo befeſtigt, daß er in vollem Maaße des Widerſtandes gewaͤrtig ſeyn mußte, welchen fruͤhzeitige Anhaͤnglichkeiten ſo oft finden. Doch war nichts natuͤrlicher, als daß er ſo handelte. In ſeiner fruͤhen Jugend war De⸗ borah Debbitch zufaͤllig dem Sohne ihrer erſten Goͤnnerin begegnet, welcher auch ſelbſt ihr fruͤheſter Pflegling geweſen war, als er eben in dem erwaͤhn⸗ ten kleinen Bache angelte, welcher das Thal waͤſ⸗ ſerte, in dem ſie mit Alexie Bridgenorth wohnte. Die Neugierde der Gouvernante entdeckte leicht, wer er war; und außer dem Antheil, welchen Perſonen ihres Standes gewoͤhnlich an den jungen Leuten neh⸗ men, die unter ihrer Pflege geweſen ſind, erfreute ſie auch die Gelegenheit, von vorigen Zeiten, vom Schloß Martindale und von dortigen Freunden, von dem Ritter Peveril und ſeiner guten Frau, und dann und wann von Lance Outram, dem Parkauf⸗ ſeher oder Foͤrſter, plaudern zu koͤnnen. Das bloße Vergnuͤgen, ihre Nachfragen zu be⸗ antworten, wuͤrde ſchwerlich allein den jungen Pe⸗ veril vermocht haben, ſeine Beſuche in dem einſa⸗ men Thale zu wiederholen; aber Deborah hatte eine Geſellſchafterin— ein reizendes Maͤdchen, in der Einſamkeit erzogen, und in den ruhigen und an⸗ fpruchloſen Neigungen, welche die Einſamkeit er⸗ 1 265 muntert;— auch belebt und wißbegierig; und auf⸗ merkſam mit laͤchelnder Wange und lauſchendem Auge auf jede Erzaͤhlung horchend, die der junge Angler von der Stadt und vom Schloſſe mitbrachte. Julian's Beſuche im Blackfort waren blos ge⸗ legentlich— ſo weit zeigte Deborah richtiges Ge⸗ fuͤhl— da ſie vielleicht, im Fall der Entdeckung, ihre Stelle zu verlieren fuͤrchtete. Sie ſetzte freilich großes Vertrauen in den ſtarken und eingewurzelten Glauben— der faſt in Aberglauben uͤberging— welchen Major Bridgenorth haͤgte, daß die fortwaͤh⸗ rende Geſundheit ſeiner Tochter allein dadurch ſicher erhalten werden koͤnnte, wenn ſie unter der Aufſicht einer Perſon bliebe, welche die vermeinte Geſchick⸗ lichkeit der Lady Peveril erlangt hatte, ſchwaͤchliche Conſtitutionen dieſer Art zu behandeln. Dieſen Glauben hatte Deborah mit aller ihrer Klugheit zu verſtaͤrken gewußt, indem ſie ſtets in einem orakel⸗ maͤßigen Tone von ihrer Geſundheitspflege ſprach, und auf gewiſſe geheimnißvolle Regeln hindeutete, die ſie beobachte, um das Wohlbefinden der Alexie in dem gegenwaͤrtigen guͤnſtigen Zuſtande zu erhal⸗ ten. Sie hatte ſich dieſes Kunſtgriffs bedient, um ſich und der Alexie eine beſondre Einrichtung und Wohnung im Blackfort zu verſchaffen; denn ur⸗ ſpruͤnglich war es Major Bridgenorth's Vorſatz, daß 264 ſeine Tochter und ihre Gouvernante unter dem naͤm⸗ lichen Dache mit der Schwaͤgerin ſeiner verſtorbenen Frau, der Witwe des ungluͤcklichen Oberſt Chriſtian, bleiben ſollte. Aber dieſe Dame war fruͤhzeitig vor Gram geſtorben; und bei einem kurzen Beſuche, welchen Major Bridgenorth auf der Inſel machte, wurde er leicht veranlaßt, ihr Haus zu Kirk⸗Truagh als einen ſehr freudeloſen Aufenthalt ſeiner Tochter zu betrachten. Deborah, welche nach haͤuslicher Unabhaͤngigkeit verlangte, ſuchte dieſen Eindruck zu verſtaͤrken, indem ſie die Beſorguiſe ihres Princi⸗ pals wegen Alexiens Geſundheit Mmehrte.„Das Haus von Kirk⸗Truagh,“ ſagte ſie,„ſteht den Schottiſchen Stuͤrmen ſehr blos geſtellt, die nur kalt ſeyn koͤnnen, da ſie aus einem Lande kommen, wo es ſelbſt mitten im Sommer Schnee und Eis gibt.“ Kurz, ſie drang durch, und gelangte in vol⸗ len Beſitz von Blackfort, einem Hauſe, welches eben ſowohl, als Kirk⸗Truagh, ehemals dem Ober⸗ ſten Chriſtian, und nun ſeiner Witwe gehoͤrte. Immer war es jedoch der Gouvernante und ih⸗ rem Pfleglinge zur Pflicht gemacht, Kirk⸗Truagh von Zeit zu Zeit zu beſuchen, und ſich als unter der Leitung und Vormundſchaft der Witwe Chriſtian zu betrachten— ein Zuſtand der Unterwuͤrfigkeit, deſſen Gefuͤhl Deborah dadurch zu vermindern ſuchte, daß ſie ſich ſo viel Freiheit des Verhaltens, als ſie nur wagen durfte, herausnahm, ohne Zweifel un⸗ ter dem Einfluſſe derſelben Gefuͤhle von Unabhaͤn⸗ gigkeit, welche ſie zu Martin⸗Hall antrieben, ſich uͤber die Aufſicht der Ellesmere hinweg zu ſetzen. Dieſe edle Neigung, ſich uͤber beſchraͤnkende Auf⸗ ſicht hinweg zu ſetzen, war es, welche ſie bewog, fuͤr Alexie insgeheim einige Erziehungsmittel herbei zu ſchaffen, welche der ſtrenge Geiſt des Puritanis⸗ mus verbannt haben wuͤrde. Sie wagte es, ihrem Zoͤgling Muſik, ja ſelbſt Tanzen, lehren zu laſſen; und das Bildniß des ernſten Oberſt Chriſtian zitterte an dem Taͤfelwerk, wo es hing, waͤhrend die ſyl⸗ phenartige Geſtalt der Alexie und die wohlbeleibte Perſon der Deborah Franzoͤſiſche Chaussées und Bourrées zu dem Ton einer kleinen Stockfiedel, un⸗ ter dem Bogen des Monſieur de Pigal, halb Schleichhaͤndlers und halb Tanzmeiſters, ausfuͤhr⸗ ten. Dieſer Graͤuel kam der Witwe des Oberſten zu Ohren, und wurde von ihr dem Major Bridge⸗ north hinterbracht, deſſen ploͤtzliche Erſcheinung auf der Inſel bewies, welche Wichtigkeit er auf dieſe Mittheilung legte. Haͤtte Deborah treulos in ihrer eigenen Sache gehandelt, ſo waͤre dieß die letzte Stunde der Verwaltung ihrer Gouvernantenſtelle ge⸗ weſen. Aber Deborah zog ſich in ihre Feſtung zuruͤck. M 266 4— „Tanzen,“ ſagte ſie,„iſt Leibesbewegung, durch Muſik geordnet und abgemeſſen; und die geſunde Vernunft lehrt, daß es die beſte aller Leibesbewe⸗ gungen fuͤr eine zaͤrtliche Perſon ſeyn muß, beſon⸗ ders, da ſie im Hauſe und bei allem Wetter vorge⸗ nommen werden kann.“ Bridgenorth horchte, mit umwoͤlkter und ge⸗ dankenvoller Stirne, als Mad. Deborah, zur Er⸗ laͤuterung ihrer Lehre, auf der Viole, die ſie nicht ſchlecht ſpielte, Sellenger's Rundgeſang zu geigen anfing, und ihre Alexie einen Alt⸗Engliſchen Tanz nach dieſer Melodie tanzen hieß. Als ſich das halb verſchaͤmte, halb laͤchelnde, etwa vierzehnjaͤhrige Maͤdchen anmuthig zu der Muſik bewegte, folgte des Vaters Auge unwiderſtehlich dem leichten Schwunge ihrer Schritte, und bemerkte mit Freude die hoͤhere Farbe auf ihren Wangen. Als der Tanz voruͤber war, ſchlang er ſie in ſeine Arme, ſtrich ihre etwas verſtoͤrten Locken mit zaͤrtlicher Vater⸗ hand etwas zurecht, laͤchelte, kuͤßte ihre Stirne, und nahm Abſchied, ohne ein Wort weiter zu ſagen, das die Uebung im Tanzen vexrboten haͤtte. Er theilte das Reſultat ſeines Beſuchs im Blackfort nicht ſelbſt der Madam Chriſtian mit, ſondern ſie erfuhr es nicht lange nachher durch den Triumph der Gouvernante bei ihrem naͤchſten Beſuch. — 267 „Es iſt gut,“ ſagte die ernſthafte alte Dame; „mein Bruder Bridgenorth hat Ihnen erlaubt, eine Herodias aus Alexien zu machen, und ihr das Tan⸗ zen zu lehren. Sie haben ihr nur noch einen Le, bensgefaͤhrten auszuſuchen; ich will und werde mich mit dieſen Sachen nicht weiter bemengen und be⸗ faſſen.“ In der That hatte der Triumph der Gouver⸗ nante Deborah, oder vielmehr der Mutter Natur, bei dieſer Gelegenheit, mehr bedeutende Wirkungen, als die erſtere zu hoffen gewagt hatte; denn Madame Chriſtian nahm zwar mit aller Formalitaͤt die in al⸗ ler Formalitaͤt abgelegten Beſuche der Gouvernante und ihres weiblichen Zoͤglings an, ſchien aber durch den Ausgang ihrer Vorſtellungen uͤber das Verbre⸗ chen der Nichte, nach einer Stockfiedel zu tanzen, ſo verdrießlich gemacht, daß ſie alle Einmiſchung in ihre Angelegenheiten aufzugeben ſchien, und der Deborah und der Alexie ſowohl Erziehung, als Haus⸗ haltung,(womit ſie ſich bisher ſehr befaßt hatte) ganz nach ihrem eigenen Belieben uͤberließ. In dieſem unabhaͤngigen Zuſtande, worin ſie nun lebten, war es, als Julian zum erſten Mal ihre Wohnung beſuchte; und er wurde um ſo mehr durch Deborah dazu aufgemuntert, weil ſie ihn fuͤr einen der letzten in der Welt hielt, mit welchem Madame M 2 4 268— Chriſtian ihre Nichte bekannt zu werden gewuͤnſcht haben wuͤrde, wobei der gluͤckliche Geiſt des Wider⸗ ſpruchs bei der Deborah, hier, wie bei andern Ge⸗ legenheiten, ſich uͤber alle Betrachtung der Schick⸗ lichkeit hinwegſetzte. Sie verfuhr jedoch nicht ganz ohne Vorſicht. Sie wußte, daß ſie nicht blos vor einem wieder aufwachenden Intereſſe von Seiten der Ma⸗ dame Chriſtian, ſondern auch gegen die ploͤtzliche An⸗ kunft des Major Bridgenorth ſich vorzuſehen hatte, welcher nie verfehlte, einmal im Jahr, wann man es am wenigſten erwartete, im Blackfort zu erſchei⸗ nen, und einige Tage da zu verweilen. Deborah Debbitch verlangte alſo von Julian, daß ſeine Be⸗ ſuche ſelten, und in weiten Zwiſchenzeiten ſtatt faͤn⸗ den; daß er ſich gefallen ließe„ fuͤr einen aus ihrer eigenen Verwandtſchaft in den Augen zwei unwiſſen⸗ der Maͤdchen und eines Burſchen der Inſel Man zu gelten, welche zu ihrer Haushaltung gehoͤrten; und daß er ſtets in ſeiner Anglertracht erſchiene, welche aus ſimpeln Loughtan oder buͤffellederfarbiger ungefaͤrbter Wolle der Inſel gemacht iſt. Unter dieſen Vorſichtsmaaßregeln, glaubte ſie, wuͤrde ſeine Vertraulichkeit auf dem Blackfort gaͤnzlich unbemerkt bleiben, oder als gleichguͤltig betrachtet werden, in⸗ deß ſie ihrem Zoͤgling und ihr feihſ viel Vergnuͤgen verſchaffte. — 269 Dieß war demnach der Fall waͤhrend der fruͤ⸗ hern Zeit ihres Umganges, als Julian noch ein bloßer Knabe, und Alexie ein junges Maͤdchen, zwei oder drei Jahre juͤnger waren. Als aber der Knabe zum Juͤngling emporwuchs, und das Maͤdchen mann⸗ bar ward, ſah ſelbſt Deborah Gefahr bei ihrer fort⸗ geſetzten Vertraulichkeit. Sie nahm daher Gele⸗ genheit, dem jungen Julian Peveril zu ſagen, wer die junge Bridgenorth eigentlich waͤre, und ihm die beſondern Umſtaͤnde, welche ihre Vaͤter entzweiten, zu erklaͤren. Er hoͤrte die Geſchichte ihres Streits mit Theilnahme und Verwunderung an; denn er hatte ſich blos gelegentlich im Schloß Martindale aufgehalten, und Bridgenorth's Streit mit ſeinem Vater war nie in ſeiner Gegenwart erwaͤhnt worden. Seine Einbildungskraft fing Feuer von den Funken, welche dieſe ſonderbare Geſchichte gab; und weit ent⸗ fernt, der klugen Vorſtellung der Deborah Gehoͤr zu geben, und ſich allmaͤhlich vom Blackfort und von ſeiner holden Bewohnerin zu entfremden, erklaͤrte er offen, er betrachte ihre hier ſo zufaͤllig entſtandene Vertraulichkeit, als ein Zeichen des Willens des Him⸗ mels, daß Alexie und er fuͤr einander beſtimmt ſeyen, trotz allem Hinderniß, welches Leidenſchaft oder Vor⸗ urtheil zwiſchen ihnen erheben koͤnnte. Sie waren Gefaͤhrten der Kindheit geweſen; und ein wenig M 3 270— Anſtrengung des Gedaͤchtniſſes ſetzte ihn in Stand, ſich ſeines kindiſchen Grams uͤber das ploͤtzliche und unerwartete Verſchwinden ſeiner kleinen Gefaͤhrtin zu erinnern, welche er beſtimmt war in der fruͤhen Bluͤthe ſich entfaltender Schoͤnheit, in einer ihnen beiden zuvor fremden Gegend wieder zu treffen. Deborah war betreten uͤber die Folgen ihrer Er⸗ oͤffnung, welche die Leidenſchaft ſo entflammt hatte, anſtatt ſie, wie ſie hoffte, zu verhindern oder zu er⸗ ſticken. Sie hatte nicht die Gabe, maͤnnlichen und kraͤftigen Gegenvorſtellungen leidenſchaftlicher An⸗ haͤnglichkeit, ſie mochten ihr in ihrer eigenen oder in eines Andern Angelegenheit gemacht werden„ Wi⸗ derſtand zu leiſten. Sie klagte und wunderte ſich, und endigte ihren ſchwachen Widerſtand mit Weinen, mit Theilnahme, und mit Bewilligung der ferneren Beſuche Julian's, vorausgeſetzt, daß er ſich an Ale⸗ xie nur in der Eigenſchaft eines Freundes wendete; denn um Alles in der Welt willen, wollte ſie ſich zu nichts mehr verſtehen. Sie war jedoch nicht ſo ein⸗ faͤltig, daß ſie nicht auch ihre Vorbedeutungen von den Abſichten der Vorſehung mit dieſem jungen Paar gehabt haͤtte; denn gewiß ſie konnten nicht mehr zur Vereinigung geſchaffen ſeyn, als die guten Grund⸗ ſtuͤcke von Martindale und Moultraſſie. Dann kam eine lange Reihe von Betrachtungen. —C—C—C—Q—QOęO—·:N—4·ᷓ́ᷓͤᷓ́ᷓͤᷓ́ᷓ́ᷓ·-;—— Das Schloß Martindale bedurfte nur einiger Repa⸗ raturen, um Chalsworth faſt gleich zu kommen. Moultraſſiehall koͤnnte man verfallen laſſen; oder, was beſſer ſeyn wuͤrde, wann Gottfried Peveril's Zeit kaͤme(denn der gute Ritter hatte Dienſte ge⸗ than, und mußte nun abdanken), Moultraſſiehall wuͤrde ein guter Witwenſitz ſeyn, wo ſich die gnaͤdige Frau und Ellesmere zuruͤckzoͤgen, waͤhrend die Kai⸗ ſerin des Ruhezimmers und die Koͤnigin die Speiſe⸗ kammer, Mademoiſelle Deborah Debbitch, als Haus⸗ haͤlterin im Schloſſe regierte, und vielleicht den Ehe⸗ kranz dem Foͤrſter Lance Outram reichte, vorausge⸗ ſetzt, daß er nicht zu alt, zu dick, und ein zu groſ⸗ ſer Freund vom ſtarken Bier geworden waͤre. Von dieſer Art waren die ſchmeichelnden Traumbilder, unter deren Einfluſſe die Gouvernante einer Anhaͤng⸗ lichkeit nachgab, welche gleichfalls in angenehme Traͤume, obwohl von ganz andrer Natur, ihre Alexie und Julian einwiegte. Die Beſuche des jungen Anglers wurden immer haͤufiger; und Deborah ſah voll Verlegenheit zwar alle Gefahren der Entdeckung, und daneben das Wagniß einer Erklaͤrung zwiſchen Alexie und Julian vorher, welche nothwendig ihr gegenſeitiges Verhaͤlt⸗ niß noch zarter machen mußte; aber ſie fuͤhlte ſich durch den Enthuſiasmus des jungen Liebhabers uͤber⸗ M 4 222 waͤltigt, und war genoͤthigt, die Dinge ihrem Laufe zu uͤberlaſſen. 4 Julians Abreiſe auf das feſte Land unterbrach ſeine vertrauten Beſuche auf dem Blackfort, und waͤh⸗ rend ſie die aͤltere ſeiner Bewohner von vieler gehei⸗ men Beſorhniß befreite, verbreitete ſie einen ſolchen Ausdruck von Erſchlaffung und Niedergeſchlagenheit uͤber das Aeußere der juͤngern Bewohnerin, welcher bei Bridgenorth's naͤchſtem Beſuche auf der Inſel Man alle ſeine Befuͤrchtniſſe wegen der Krankheits⸗ anlage ſeiner Tochter erneuerte.. Deborah verſprach zuverſichtlich, ſie ſollte den naͤchſten Morgen beſſer ausſehen; und ſie hielt Wort. Sie hatte einige Zeit einen Brief in ihrem Beſitze behalten, den Julian durch Privatgelegenheit im Auftrage an ſie, fuͤr ſeine junge Freundin geſchickt hatte. Deborah hatte die Folgen gefuͤrchtet, den⸗ ſelben als einen Liebesbrief zu uͤbergeben; allein, wie bei dem Fall des Tanzes, konnte es hier nicht ſcha⸗ den, ihn als ein Heilmittel zu gebrauchen. Dieß hatte vollkommene Wirkung; und am naͤch⸗ ſten Morgen ſchmuͤckte die Wangen des Maͤdchens eine Roſenfarbe, die ihren Vater ſo erfreute, daß er, als er wieder zu Pferde ſtieg, der Deborah ſeine Boͤrſe in die Hand warf, mit der Bitte, ſie moͤchte nichts ſparen, was ſie und ſeine Tochter gluͤcklich — 273 machen koͤnnte, und mit der Verſicherung ſeines vol⸗ len Vertrauens. Dieſer Beweis von Freigebigkeit und Zutrauen bei einem Manne von Major Bridgenorth's zuruͤck⸗ haltendem und mißtrauiſchem Charakter,, befluͤgelte die Hoffnungen der Deborah in hohem Grade, und machte ſie nicht nur ſo kuͤhn, ihrer Alexie einen an⸗ dern Brief von Julian zu uͤbergeben, ſondern auch den Umgang der Liebenden, als Peveril von der Reiſe zuruͤckgekommen war, dreuſter und freier zu beguͤnſtigen. Trotz aller Vorſicht Julian's, ward am Ende der junge Graf Derby argwoͤhniſch uͤber ſeine haͤufi⸗ gen Angelpartieen; und Julian ſelbſt, nun beſſer, als vorher mit der Welt bekannt, merkte wohl, daß ſeine wiederholten Beſuche und einſamen Spa⸗ ziergaͤnge mit einer ſo jungen und ſchoͤnen Perſon, als Alexie, nicht nur vor der Zeit das Geheimniß ſeiner Anhaͤnglichkeit verrathen, ſondern auch ihr ſelbſt, als deren Gegenſtande, weſentlich nachthei⸗ lig werden moͤchten. Aus dieſer Ueberzeugung enthielt er ſich eine un⸗ gewoͤhnliche Zeit lang ſeiner Beſuche im Blackfort. Das naͤchſte Mal aber, als er ſich wieder erlaubte, eine Stunde an dem Orte zuzubringen, wo er gern fuͤr immer ſich aufgehalten haͤtte, drang das veraͤn⸗ M 5 274.—— derte Weſen der Alexie, der Ton, in dem ſie ihm ſeine Laͤſſigkeit vorzuwerfen ſchien, ihm ins Herz, und beraubte ihn der Macht der Selbſtbeherrſchung, die er bisher bei ihrem Zuſammenkuͤnften bewieſen hatte. Es bedurfte nur weniger kraͤftiger Worte, der Alexie zugleich ſeine Gefuͤhle zu erklaͤren, und ſie mit der wirklichen Beſchaffenheit der ihrigen be⸗ kannt zu machen. Sie weinte viel, aber ihre Thraͤ⸗ nen waren nicht alle von bitterer Art. Sie ſaß lei⸗ dentlich ſtill und ohne zu antworten, waͤhrend er ihr mit manchem Ausruf die Umſtaͤnde erklaͤrte, welche Zwietracht zwiſchen ihre Familien gebracht haͤtten; denn bisher war Alles, was ſie wußte, dieſes, daß der 4 junge Peveril, indem er zu dem Hauſe der großen Graͤfin oder Gebieterin von Man gehoͤrte, einige Vorſicht im Beſuchen eines Verwandten des ungluͤck⸗ lichen Oberſten Chriſtian beobachten mußte.„Mein armer Vater!“ rief ſie aus, als Julian ſeine Er⸗ zaͤhlung mit den waͤrmſten Betheurungen ewiger Liebe ſchloß;„und mußte dieß(fuhr ſie fort) das Ende aller deiner Vorſichtsmaaßregeln ſeyn?— dieß, daß der Sohn deſſen, der dich beſchimpfte und ver⸗ bannte, eine ſolche Sprache zu deiner Tochter fuͤh⸗ ren ſollte?“ „Du irrſt, Alexie; du irrſt“, ſagte Julian eif⸗ rig.„Daß ich dieſe Sprache fuͤhre— daß der — 2,5 Sohn Peveril's ſo die Tochter deines Vaters anredet — daß er ſo vor dir knieet um Vergebung der Be⸗ leidigungen, welche ſtatt fanden, als wir beide noch Kinder waren, das zeigt den Willen des Himmels, daß in unſerer Zaͤrtlichkeit die Zwietracht unſrer Vaͤ⸗ ter erſtickt werden ſoll. Was anders konnte dieje⸗ nigen leiten, welche als Kinder an den Bergen von Derbyf hire von einander ſchieden, einander ſo in den Thaͤlern der Inſel Man wieder zu treffen?“ So neu fuͤr Alexie eine ſolche Scene, und vor allem ihre eigne Gemuͤthsbewegung dabei ſeyn mochte, ſo beſaß ſie doch in hohem Grade jenes ausnehmende Zartgefuͤhl, welches dem weiblichen Gemuͤth einge⸗ praͤgt iſt, um vor der leiſeſten Annaͤherung zur Un⸗ ſchicklichkeit in einer Lage, wie die ihrige war, zu warnen. „Steh'n Sie auf, Peveril“, ſagte ſie;„thun Sie nicht Sich ſelber und mir dieß Unrecht an— wir haben beide unrecht gehandelt— ſehr unrecht — mein Fehler wurde aus Unwiſſenheit begangen. Ach Gott! mein armer Vater, der des Troſtes ſo ſehr bedarf!— ſoll ich ſein Ungluͤck vermehren? Steh'n Sie auf!“ wiederholte ſie mit mehr Ent⸗ ſchiedenheit.„Wenn Sie laͤnger in dieſer unziem⸗ lichen Stellung bleiben, werd' ich das Zimmer ver⸗ laſſen, und Sie ſollen mich nie wieder ſehen.“ 276— Der befehlende Ton der Alexie uͤberwaͤltigte die Heftigkeit ihres Geliebten, welcher ſtillſchweigend in einiger Entfernung von ihr, ſich ſetzte, und wieder im Begriff war zu ſprechen.„Julian“, ſagte ſie in einem mildern Tone,„Sie haben genug geſprochen, und mehr, als genug. Haͤtten Sie mich in dem angenehmen Traum gelaſſen, in dem ich Ihnen fuͤr immer haͤtte zuhoͤren koͤnnen; aber die Stunde des Erwachens iſt gekommen.“ Peveril erwartete die Fortſetzung ihrer Rede, wiie ein Verbrecher ſein Verdammungsurtheil; denn er wußte recht wohl, daß eine gewiß nicht ohne Be⸗ wegung, aber mit Feſtigkeit und Entſchloſſenheit ausgeſprochene Antwort ſich nicht unterbrechen ließ. „Wir haben unrecht gehandelt,“ wiederholte ſie, „ſehr unrecht; und wenn wir uns nun fuͤr immer trennen, ſo wird unſer Schmerz nur eine gerechte Strafe fuͤr unſer Vergehen ſeyn. Wir haͤtten einan⸗ der nie treffen ſollen. Trafen wir einander, ſo haͤt⸗ ten wir, ſo bald als moͤglich, uns trennen ſollen. Un⸗ ſer fernere Verkehr kann nur unſern Schmerz beim Scheiden vermehren. Leb' wohl, Julian, und ver⸗ giß, daß wir je einander geſehen haben.“ „Vergeſſen!“ ſagte Julian;„nimmermehr. Fuͤr Sie iſt es leicht das Wort zu ſprechen, den Gedan⸗ ken zu denken. Fuͤr mich kann eine Am zu einem von beiden nur durch gaͤnzliche Vernichtung ſtatt finden. Warum ſollten Sie zweifeln, daß der Streit unſrer Vaͤter, gleich ſo vielen Zwiſten, von denen wir hoͤrten, durch unſre Freundſchaft beige⸗ legt werden koͤnnte? Sie ſind meine einzige Freun⸗ din. Ich bin der einzige, den der Himmel Ihnen beſtimmt hat. Warum ſollten wir uns trennen um der Fehler Andrer willen, welche vorfielen, als wir noch Kinder waren?“— „Sie reden umſonſt, Julian,“ ſagte Alexie; „ich bedaure Sie,— ich bedaure vielleicht mich ſelbſt — wirklich ich ſollte mich ſelbſt, vielleicht am meiſten unter uns beiden, bedauern. Denn Sie werden neuen Auftritten und neuen Geſichtern begegnen, und mich bald vergeſſen; aber ich, in dieſer Ein⸗ ſamkeit zuruͤckbleibend, wie ſoll ich vergeſſen— daß — doch es iſt jetzt nicht die Frage.— Ich kann mein Loos tragen, und es befiehlt uns, zu ſcheiden.“ „Hoͤren Sie mich noch einen Augenblick ¹„, ſagte Julian;„dieß Uebel iſt nicht, kann nicht ohne Ret⸗ tungsmittel ſeyn. Ich will zu meinem Vater gehen. Ich will die Fuͤrſprache meiner Mutter gebrauchen, der er nichts abſchlagen kann— ich will ihre Ein⸗ willigung gewinnen. Sie haben kein anderes Kind, und ſie muͤſſen einwilligen, oder es fuͤr immer ver⸗ lieren. Sage, Alexie, wenn ich mit der Einwilli⸗ 278 gung meiner Aeltern in mein Geſuch zu Dir komme, wirſt du wieder ſagen, in dem ſo ruͤhrenden und ſo traurigen, und doch ſo unglaublich beſtimmten Tone:** Julian, wir muͤſſen ſcheiden?“ Alexie ſchwieg. „Grauſames Maͤdchen, willſt du mich nicht einmal 3 einer Antwort wuͤrdigen?“ rief ihr Liebhaber. „Wir antworten denen nicht, die in ihren Traͤu⸗ men ſprechen“, ſagte Alexie.„Sie fragen mich, was ich thun wuͤrde, wenn Unmoͤglichkeiten geſche⸗ hen. Welch Recht haben Sie, ſolche Vorausſetzun⸗ gen zu machen, und eine ſolche Frage zu thun?“ „Hoffnung, Alexie, Hoffnung, die letzte Stuͤtze des Elenden, deren mich zu berauben Sie ſelbſt nicht grauſam genug ſeyn wuͤrden. In jeder 6 Schwierigkeit, in jedem Zweiſel, in jeder Gefahr, wird Hoffnung kaͤmpfen, ſelbſt wenn ſie nicht ſiegen kann. Sagen Sie mir noch einmal, wenn ich zu Ihnen im Namen meines Vaters, im Namen mei⸗ ner Mutter komme, denen Sie zum Theil Ihr Le⸗ ben verdanken, was wuͤrden Sie mir antworten?“ „Ich wuͤrde Sie an meinen eigenen Vater ver⸗ weiſen“, ſagte Alexie, erroͤthend und die Augen niederſchlagend; aber auch ſogleich ſie wieder erhe⸗ bend wiederholte ſie in einem feſtern und traurigern 3 Tone:„Ja, Julian, ich wuͤrde Sie an meinen Va⸗ ter verweiſen, und Sie wuͤrden finden, daß Ihr — 279 Pilot, Hoffnung, Sie getaͤuſcht hat, und daß Sie nur dem Triebſand entronnen waren, um auf die Felſen zu fallen.“ „Ich wuͤnſchte, dieß koͤnnte verſücht werden!“ ſagte Julian.„Mich duͤnkt, ich koͤnnte Ihren Va⸗ ter uͤberzeugen, daß, nach gewoͤhnlicher Anſicht, unſre Verbindung nicht unerwuͤnſcht waͤre. Wir haben Vermoͤgen, Rang, alte Abkunft, Alles, worauf Vaͤter ſehen, wenn ſie die Hand einer Tochter ver⸗ geben.“ „ Alles das wuͤrde Ihnen nichts helfen“, antwor⸗ tete Alexie.„Der Geiſt meines Vaters iſt den Dingen einer andern Welt zugewandt; und wenn er Sie ja ganz anhoͤrte, ſo waͤre es nur, um Ihnen zu ſagen, daß er Ihre Antraͤge verachte.“ „Sie wiſſen es nicht— Sie wiſſen es nicht, Alexie“, ſprach Julian.„Feuer kann Eiſen erwei⸗ chen— Deines Vaters Herz kann nicht ſo hart, oder ſeine Vorurtheile koͤnnen nicht ſo ſtark ſeyn, daß ich nicht Mittel finden ſollte, es zu ruͤhren. O verbiete, verbiete mir nicht den Verſuch.“ „Ich kann nur rathen“, ſagte Alexie,„ich kann Ihnen nichts verbieten; denn Verbieten ſetzt Macht voraus, Gehorſam zu befehlen. Aber wenn Sie weiſe ſeyn und auf mich hoͤren wollen— hier und auf dieſer Stelle ſcheiden wir fuͤr immer!“ 280— „Nein, beim Himmel!“ ſprach Julian, deſſen kuͤhnes und ſanguiniſches Temperament ſelten eine Schwierigkeit ſah, Etwas zu erreichen, was er wuͤnſchte.„ZJetzt ſcheiden wir freilich, aber nur, damit ich mit meiner Aeltern Einwilligung zuruͤck⸗ kommen moͤge. Sie wuͤnſchen, daß ich mich ver⸗ heirathe— in ihren letztern Briefen dringen ſie offe⸗ ner darauf; und eine ſolche Braut, als ich ihnen vorſtellen will, hat ihr Haus noch nicht geſchmuͤckt, ſeit ihm Wilhelm der Eroberer ſeine Entſtehung gab. Leb' wohl, Alexie! leb' wohl, auf eine kurze Zeit!“ Sie antwortete:„Leb' wohl, Julian! leb⸗ wohl auf immer!“ Julian war innerhalb einer Woche ſeit dieſer Unterredung auf dem Schloß Martindale, in der Abſicht, ſein Vorhaben mitzutheilen. Aber das Unternehmen, welches in einer gewiſſen Entfernung leicht ſcheint, erweiſet ſich eben ſo ſchwierig bei groͤſ⸗ ſerer Naͤhe, als das Durchwaten eines Fluſſes, der vom Weiten wie ein bloßer Bach ausſah. Es fehlte nicht an Gelegenheiten, den Gegenſtand zur Sprache zu bringen; denn bei dem erſten Ritt, welchen Ju⸗ lian mit ſeinem Vater machte, fing der Ritter wie⸗ der an, von ſeiner Verheirathung zu ſprechen, und uͤberließ ihm ſelbſt gern voͤllig die Wahl der Perſon, nur unter der ſtrengen Bedingung, daß ſie von ei⸗ — — 281 ner rechtlichen und angeſehenen Familie waͤre;— haͤtte ſie Vermoͤgen, ſo waͤre es gut und ſchoͤn, oder vielmehr beſſer, als gut; waͤre ſie aber arm, nun ſo muͤßten ſie ſich mit dem alten Grundſtuͤck behelfen; und„Frau Margrete und ich(ſagte der Ritter) wer⸗ den uns mit dem Wenigen begnuͤgen, damit ihr jun⸗ gen Leute auch euren Theil haben moͤget. Ich bin ſchon frugal geworden, Julian. Du ſiehſt, auf was fuͤr einem kleinen, wilden, ſchottiſchen Klepper ich reite, freilich einem ganz andern Thier, als mein Nappe Haſtings war, der nur einen Fehler hatte, daß er immer nach der Auffahrt von Moultraſſie zuruͤck wollte.“ „War das ſo ein großer Fehler?“ fragte Ju⸗ lian, der eine Gleichguͤltigkeit affectirte, waͤhrend ſein Herzklopfen ihm die Bruſt zerſprengen wollte. „Es pflegte mich“, fuhr der Ritter fort,„an den niedertraͤchtigen, ehrvergeſſenen presbyterianiſchen Wicht, Bridgenorth, zu erinnern, und ich wollte lieber an eine Kroͤte denken.— Er ſoll Independent geworden ſeyn, um das Maaß ſeiner Schurkerei voll zu machen.— Ich ſage dir, Julian, ich dankte den Kuhhirten ab, weil er Nuͤſſe in ſeinen Waͤldern ſammelte; ich wollte einen Hund erwuͤrgen, der ihm auch nur haͤtte einen Haſen dort toͤdten wollen.— Doch was kann das dich angehen?— Du ſiehſt blaß aus.“ —— Julian gab eine gleichguͤltige Antwort; erkannte aber nur zu gut, aus der Sprache und dem Ton ſeines Vaters, wie tief gewurzelt und gehaͤſſig ſeine Vorurtheile gegen Alexiens Vater waren, wie ſie bei Landedelleuten oft werden, die, weil ſie wenig zu thun oder zu denken haben, nur zu ſehr geneigt ſind, ihrem kleinlichen Groll gegen die naͤchſten Nachbaren Stoff zu ſuchen und Nahrung zu geben. Im Laufe deſſelben Tages erwaͤhnte Julian Brid⸗ genorth's gegen ſeine Mutter, als wie auf zufaͤllige Art. Aber Lady Peveril beſchwor ihn ſogleich, den Namen nie wieder zu erwaͤhnen, vornehmlich in des Vaters Beiſeyn. „War denn Major Bridgenorth, deſſen Jannet ich erwaͤhnen gehoͤrt habe“ ſagte Julian,„ſo ein boͤſer Nachbar?“ „ Das will ich eben nicht ſagen,“ gab Lady Pe⸗ veril zur Antwort;„ja wir waren ihm mehr als einmal in den vorigen ungluͤcklichen Zeiten verpflich⸗ et; aber der Vater und er nahmen einige Vorfaͤlle einander ſo uͤbel, daß die geringſte Anſpielung auf Bridgenorth ihn auf eine ganz ungewoͤhnliche Art aufbringt, was mich jetzt, da ſeine Geſundheit etwas geſchwaͤcht iſt, bisweilen ſehr beunruhigt. Um des Himmels willen alſo, Julian, vermeide bei allen Gelegenheiten auch nur die geringſte Anſpielung auf Moultraſſie und irgend einen ſeiner Bewohner.“ Dieſe Warnung war ſo ernſtlich gegeben, daß Julian ſelbſt einſah, daß die Erwaͤhnung ſeines ge⸗ — yj— ——— — 285 heimen Vorhabens der ſicherſte Weg ſeyn wuͤrde, es ganz zu vereiteln; er kehrte daher troſtlos auf die Inſel zuruͤck. Julian hatte jedoch die Kuͤhnheit, den beſten moͤglichen Gebrauch von dem Vorgegangenen zu ma⸗ chen, indem er eine Unterredung mit Alexien ver⸗ langte, um ihr zu ſagen, was in Hinſicht ihrer zwi⸗ ſchen ſeinen Aeltern und ihm ſich zugetragen hatte. Mit großer Schwierigkeit wurde dieſer Zweck erreicht; und Alexie Bridgenorth zeigte kein geringes Mißver⸗ gnuͤgen, als ſie, nach ſeinen vielen Umſchweifen und Anſtrengungen, ſeinen zu machenden Mittheilungen ein wichtiges Anſehen zu geben, endlich erfuhr, daß Alles nur darauf hinaus lief, daß Lady Peveril noch fortfuͤhre eine guͤnſtige Meinung von ihrem Vater, Major Bridgenorth, zu unterhalten, was Julian gern als eine gute Vorbedeutung ihrer kuͤnftigen voll⸗ kommenen Ausſoͤhnung angeſehen haben wollte. „Ich glaubte nicht, daß Sie ſo mit mir taͤndeln wuͤrden, Junker Peveril, ſagte Alexie mit einer an⸗ genommenen Miene voll Wuͤrde;„aber ich werde ſolche Zudringlichkeit in Zukunft zu vermeiden ſuchen; ich bitte, kommen Sie nicht wieder nach Blackfort; und ich erſuche Sie, gute Gouvernante, daß Sie nicht mehr zu den Beſuchen dieſes Herrn weder Auf⸗ muntrung, noch Erlaubniß geben, da dos Reſultat einer ſolchen Verfolgung mich nur noͤthigen wuͤrde, mich an meine Tante und meinen Vater, wegen eines andern Aufenthaltsorts zu wenden, und vielleicht auch 4 284— wegen einer andern und vorſichtigern Geſellſchaf⸗ terin.“. Dieſer letzte Wink erfuͤllte die Gouvernante mit ſolchem Schreck, daß ſie gemeinſchaftlich mit ihrem Pflegling Julian's augenblickliche Entfernung ver⸗ † langte, und er war genoͤthigt, dem Verlangen zu willfahren. Aber der Muth eines jungen Liebhabers 4 wird nicht leicht bezwungen; und nachdem Julian die gewoͤhnlichen Verſuche durchlaufen hatte, ſeine un⸗ dankbare Geliebte zu vergeſſen, und wieder ſeine Lei⸗ denſchaft mit vermehrter Heftigkeit unterhielt, endigte er mit dem Beſuch auf Black⸗Rock, deſſen Anfang wir im letzten Kapitel erzaͤhlt haben. Wir verließen ihn damals voll furchtſamer Sehn⸗ ſucht nach einer Unterredung mit Alexien, um welche zu bitten, er bei der Deborah erlangte. Und ſo groß war der Aufruhr in ſeinem Gemuͤth, daß ihm, waͤhrend er das Zimmer durchſchritt, die ſchwarzen melancholiſchen Augen von Chriſtians Bildniß uͤberall, wohin er ging, mit dem ſtarren, kalten, und be⸗ denklichen Blick zu folgen ſchienen, welcher dem Feinde ſeines Geſchlechts Ungläre und Verderben ankuͤndigte. Die Thuͤre des Zimmers ſfute 3 ich endlig, und dieſe Viſionen verſchwanden.: ——— 2 Ende des erſten heite * —— 8 ¹ Fnſſſſſnſſinnſin ſſſnnſinſſſniſſi Tnſinſnnſen 7 8 9 10 1 12 13 6 17 18 4. 9 M