ſeu, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wüchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ u. 82 0—„ 5. Auswärtig und Zurückſendung der Bücher auf ihr fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersat. zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namen Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt wer 4 tei nwmtte⸗ ver⸗ lorene oder defecte B erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz 3 ſetzt und wird eiterverleihen welche die⸗ —— Rit te r Gottfried Peveril. Eine romantiſche Darſtellung von Walter Scoltl. Aus dem Engliſchen von C. F. Michaelis. Viertey⸗ eil. Leipzig 1823, bei F. L2. Herbi g. Erſtes Capitel. Das Blut Julian Peveril's war durch den Zuſtand, in welchem ihn ſein unſichtbarer Beſuch verließ, in ſo fieberhafte Wallung geſetzt, daß er fuͤr eine lange Zeit keine Ruhe finden konnte. Er that ſich ſelbſt den Schwur, er wolle den naͤchtlichen Daͤmon ent⸗ decken und ans Licht ziehen, der ihm die Stunden ſeiner Ruhe ſtoͤhle, nur um die Bitterkeit zu vergaͤl⸗ len, und Gift in diejenigen Wunden zu gießen, die ſchon ſo heftig ſchmerzten. Es gab nichts, wohin ſeine Macht reichte, das er in ſeiner Wuth ihm nicht androhte. Er nahm ſich eine genauere und ſtrengere Unterſuchung ſeiner Zelle vor, damit er die Art und Weiſe entdecken moͤchte, wie ſein Peiniger herein kaͤme, waͤre der Eingang auch ſo unmerklich, als ein Bohrloch. Wenn ſeine Bemuͤhung fruchtlos ſein ſollte, ſo beſchloß er, den Gefaͤngnißwaͤrtern Nachricht zu geben, da es ihnen nicht gleichguͤltig ſein koͤnnte, zu wiſſen, daß ihr Gefaͤngniß ſolchem Eindringen offen ſtehe. Er nahm ſich vor, aus ihren IV. A 2— Blicken zu erforſchen, ob ſie insgeheim ſchon um ſolche Beſuche wuͤßten; und, waͤre dieß der Fall, ſo wor das Geringſte, was ſeine gekraͤnkte Empfindlich⸗ keit beſchloß, ſie bei der Obrigkeit, bei den Richtern und dem Unterhauſe des Parlaments, zu verklagen. Der Schlaf uͤberfiel endlich ſeinen ermuͤdeten Koͤr⸗ per mitten unter dieſen Entwuͤrfen zur Entdeckung und Ahndung; und, wie es oft geſchieht, das Licht des folgenden Tages erwies ſich ruhigern Entſchließun⸗ gen guͤnſtiger. Er bedachte nun, daß er keinen Grund haͤtte, die Beweggruͤnde ſeines Beſuchers als entſchieden uͤbelwollend zu betrachten, ob er gleich ſeiner Hoff⸗ nung auf Beiſtand in den Punkten, die ihn am mei⸗ ſten am Herzen lagen, wenig Aufmunterung gege⸗ ben hatte. Gegen ihn ſelbſt war hier ein be— ſtimmtes Gefuͤhl, ſowohl von Sympathie als von Intereſſe, ausgedruͤckt worden; wenn er vermittelſt dieſer ſeine Freiheit erlangen koͤnnte, ſo mochte er ſie, auf freien Fuß geſetzt, auch zum Beſten Derer anwenden, fuͤr die er mehr, als fuͤr ſeine eigene Wohlfahrt, intereſſirt war.„Ich habe thoͤricht ge⸗ handelt,“ ſagte er; ich haͤtte mir mit dieſem ſonder⸗ baren Weſen Zeit nehmen ſollen, haͤtte die Beweg⸗ gruͤnde ſeiner Einmiſchung kennen lernen, und ſeine Huͤlfe benutzen ſollen, vorausgeſetzt, daß es ohne ir⸗ 3 gend eine entehrende Bedingung haͤtte geſchehen koͤn⸗ nen. Es wuͤrde immer Zeit genug geweſen ſein, dieſelbe zu verwerfen, wenn ſie mir vorgeſchlagen 2 worden waͤre.“ 4 Unter dieſen Gedanken machte er eben Plaͤne, ſeinen Verkehr mit dem Fremdling vorſichtiger ein⸗ zurichten, im Fall ſeine Unterredung ſich erneuern 3 ſollte, als ſeine Betrachtungen durch die entſchiedene Aufforderung Sir Gottfried Hudſons unterbrochen wurden, er moͤchte ſich es nun ſeinerſeits gefallen laſſen, die haͤuslichen Verrichtungen ihrer gemein⸗ 7 ſchaftlichen Wohnung zu beſorgen, die der Zwerg ’ geſtern auf ſich genommen hatte. Es war kein Grund da, einer ſo billigen Forde⸗ rung ſich zu widerſetzen; Peveril ſtand daher auf, und uͤbernahm das Aufraumen ihres Gefaͤngniſſes, waͤhrend Hudſon, auf einen Stuhl gepflanzt, von dem ſeine Fuͤße nicht zur Haͤlfte den Fußboden er⸗ reichten, in einer Stellung ziemlicher Behaglichkeit * da ſaß, und auf einer alten tonarmen Guitarre klim⸗ pernd, Lieder in Spaniſcher, in der Mohrenſprache und in Lingua Franca*), ganz abſcheulich detoni⸗ rend ſang. Er ermangelte nicht, am Schluſſe jedes *) Lingua franca, eine aus mehrern Sprachen ge⸗ miſchte Sprache, die in der Tuͤrkei geredet wird. 8. A. d. U. + A 2 Geſanges, Julian mit einiger Erklaͤrung des Geſun⸗ genen zu beehren, entweder durch eine Ueberſetzung, oder durch eine hiſtoriſche Anekdote, oder, wenn das Lied mit einem beſondern Theile ſeines eigenen er⸗ eignißreichen Leben zuſammenhing, durch deſſen Ge⸗ ſchichte, zufolge deren der arme kleine Mann das Ungluͤck gehabt hatte, von einem Raubſchiff gefangen und nach Marocco gebracht zu werden. Dieſen Theil ſeines Lebens pflegte Hudſon zur Epoche vieler ſeltſamer Abenteuer zu machen; und, wenn man ihm ſelbſt glauben durfte, ſo hatte er viele wilde Streiche unter den Gegenſtaͤnden der Gunſt des Kaiſers in deſſen Serail veruͤbt. Aber obgleich wenige in der Lage waren, ihn uͤber Galan⸗ terie und Intrigue, deren Schauplatz ſo entfernt war, zur Rede zu ſtellen, ſo hatten doch die Offiziere der Beſatzung von Tangier ein unter ihnen gangba⸗ res Geruͤcht, daß der einzige Nutzen, zu welchem die tyranniſchen Mohren einen Sklaven von ſo geringer Leibesſtaͤrke anwenden konnten, darin beſtand, ihn den ganzen Tag zu Bette liegen und Truthuͤhner⸗ Eier ausbruͤten zu laſſen. Die geringſte Anſpielung auf dieſe Sage pflegte ihn faſt wahnſinnig zu ma⸗ chen, und der ſchlimme Ausgang ſeines Zweikampfs mit dem jungen Crofts, welcher in muthwilligem Scherz begann und im Blutvergießen endigte, machte — 5 die Leute mehr ſcheu, als ſie je zuvor geweſen wa⸗ ren, den feurigen kleinen Helden zum Gegenſtande ihrer Spoͤtterei zu erwaͤhlen. Waͤhrend Peveril die muͤhfamen Hausgeſchaͤfte verrichtete, blieb der Zwerg recht in ſeiner Bequem⸗ lichkeit, und ſang auf die beſchriebene Art; als er aber Julian das Geſchaͤft des Kochs unternehmen ſah, ſprang er vom Stuhl, auf dem er als Signore ſaß, auf die Gefahr, zugleich ſeine Guitarre und ſei⸗ nen Hals zu brechen, mit dem Ausruf:„er wollte lieber das Fruͤhſtuͤck alle Morgen bis zum juͤngſten Tage zubereiten, als ein ſo wichtiges Geſchaͤft einem ſo unerfahrnen Stuͤmper, wie ſeinem Geſellſchafter, uͤberlaſſen.“ Der junge Mann trat mit Vergnuͤgen dem klei⸗ nen uͤbel gelaunten Ritter ſeine Verrichtung ab, und aaͤchelte blos, als dieſer in ſeiner Empfindlichkeit hinzu ſetzte, obgleich Julian nur ein Sterblicher von Mit⸗ telſtatur waͤre, ſei er doch ſo dumm, wie ein Rieſe. Waͤhrend alſo Peveril ihn das Fruͤhſtuͤck nach ſeinem eigenen Belieben bereiten ließ, beſchaͤftigte er ſich da⸗ mit, das Zimmer mit ſeinen Augen von jeder Seite zu muſtern, und irgend einen geheimen Eingang, der ſeinen mitternaͤchtlichen Beſuch einlaſſen, und im Nothfall zu ſeiner eigenen Entweichung gebraucht A 3 werden koͤnnte, auszuſpaͤhen. Der Fußboden wurde zunaͤchſt einer gleich ſorgfaͤltigen Unterſuchung unter⸗ worfen, die aber gluͤcklicher ausfiel. Dicht bei ſeinem eignen Bette, und ſo hinge⸗ worfen, daß es ohne die Eile, mit der er der Auf⸗ forderung des ungeduldigen Zwergs gehorchte, fruͤher von ihm haͤtte geſehen werden muͤſſen, lag ein Stuͤck⸗ chen Papier, verſiegelt, und mit den Anfangsbuch⸗ ſtaben J. P. bezeichnet, was anzuzeigen ſchien, daß es an ihn ſelbſt gerichtet war. Er benutzte die Ge⸗ legenheit es zu oͤffnen, waͤhrend in dieſem Augen⸗ blicke die Suppe angerichtet wurde, und die volle Aufmerkſamkeit ſeines Geſellſchafters mit demjeni⸗ gen beſchaͤftigt war, was er in Uebereinſtimmung mit weiſeren und laͤngeren Maͤnnern, als eine der Hauptbeſchaͤftigungen des Lebens anſah, ſo daß Ju⸗ lian, ohne von ihm betrachtet zu werden, oder ſeine Neugierde zu erwecken, Gelegenheit hatte, Folgen⸗ des zu leſen: „So raſch und bethoͤrt Sie ſind, ſo gibt es doch Jemand, der viel auf ſich nehmen wollte, um ſich zwiſchen Sie und Ihr Schickſal zu ſtellen. Sie ſollen morgen in den Tower gebracht werden, wo Ihr Leben nicht fuͤr einen einzigen Tag verbuͤrgt werden kann; denn waͤhrend der wenigen Stunden, * —, .. da ſie in London geweſen ſind, haben Sie eine Empfindlichkeit gereizt, welche nicht leicht beſaͤnftigt wird. Es iſt hier nur eine Wahl fuͤr Sie,— ent⸗ ſagen Sie A. B.— denken Sie nicht mehr an ſie. Wenn das unmdͤglich iſt, ſo denken Sie an ſie nur als an Eine, die Sie niemals wiederſehen koͤn⸗ nen. Wenn ſich Ihr Herz entſchließen kann, eine Anhaͤnglichkeit aufzugeben, die es nie haͤtte unter⸗ halten ſollen, und welche laͤnger zu haͤgen Tollheit ſein wuͤrde, ſo machen Sie Ihre Genehmigung die⸗ ſer Bedingung dadurch bekannt, daß Sie an Ihren Hut ein weißes Band, oder eine weiße Feder, oder eine Schleife von derſelben Farbe ſtecken, wie Sie das eine oder das andere am leichteſten bekommen koͤnnen. Ein Voot wird in dieſem Falle, wie zufaͤl⸗ lig, an den Bord desjenigen laufen, das Sie nach dem Tower bringen ſoll. Springen Sie in der Ver⸗ wirrung uͤber Bord, und ſchwimmen an die South⸗ warkſeite der Themſe. Freunde werden da warten, Ihre Flucht zu ſichern, und Sie werden ſich bei einem finden, der eher Ehre und Leben verlieren wollte, als daß ein Haar von Ihrem Haupte zu Boden falle; der aber, wenn Sie die Warnung verwerfen, an Sie blos als an einen Thoren denken kann, der in ſeiner Thorheit umkommt. Moͤge der Himmel Sie zu einem geſunden Urtheil uͤber Ihre Lage leiten! A 4 —ÿy ———— So betet Einer, der Ihr Freund ſein wollte, wenn Sie wollten.“— „ein Unbekannter.“ Der Tower!— das war ein Wort des Schreckens, ſelbſt meht, als ein buͤrgerliches Gefaͤngniß. Denn wie viele We zum Tode bot nicht dieß finſtere Ge⸗ baͤude dar! Die ſtrengen Hinrichtungen, von denen es unter vorhergehenden Regierungen Zeuge geweſen war, waren vielleicht nicht ſo zahlreich, als die ge⸗ heimen Ermordungen, die innerhalb ſeiner Mauern ſtatt gefunden hatten; doch Peveril war nicht einen Augenblick ungewiß uͤber die Rolle, die er zu ſpielen hatte.„Ich will meines Vaters Schickſal theilen,“ ſagte er; ich dachte nur an ihn, als ſie mich hieher Prachten; ich will an nichts anderes denken, wann ſie mich an jenen noch furchtbarern Ort der Verhaf⸗ tung ſchicken; er iſt der ſeinige, und nur, damit wir zuſammen kaͤmen, mußte er auch ſeinen Sohn in ſich aufnehmen.— Und du, Alexie Bridgenorth, den Tag, an dem ich dir entſage, mag ich einem Verraͤther und Feigherzigen gleich geachtet werden! — Geh, falſcher Rathgeber, und theile das Schick⸗ ſal der Verfuͤhrer und ketzeriſchen Lehrer.“ Er konnte ſich nicht enthalten, dieſen letzten Ausdruck laut auszuſprechen, als er das Billet mit —̃ 9 einer Heftigkeit ins Feuer warf, die den Zwerg ſtutzig auffahren machte.„Was ſagen Sie vom Verbren⸗ nen der Ketzer, junger Mann 2 rief er aus;„mei⸗ ner Treu', Ihr Eifer muß waͤrmer ſein, als der meinige, wenn Sie von einer ſolchen Sache zu einer Zeit ſprechen, da die Ketzer die uͤberwiegende Anzahl ausmachen. Mag ich ſechs Fuß ohns ehe Schuhe meſſen, wenn die Ketzer dabei nicht im Vortheil ſein ſollten, ſobald es Ernſt damit werden ſollte. Huͤten Sie ſich vor ſolchen Reden.“ „Es iſt zu ſpaͤt, ſich vor geſprochenen Reden zu huͤten,“ ſagte der Schließer, der, die Thuͤre mit un⸗ gewoͤhnlicher Vorſicht oͤffnend, um Geraͤuſch zu ver⸗ meiden, ſich unbemerkt in die Stube geſchlichen hatte; „jedoch Herr Peveril hat ſich als ein braver Mann betragen, und ich bin kein Geſchichtchentraͤger, unter Bedingung, daß er bedenken wird, daß ich Muͤhe in ſeinen Angelegenheiten gehabt habe.“ Julian hatte keine Wahl, als den Wink des Kerls zu verſtehen, und ihm Etwas in die Hand zu druͤcken, womit Herr Clink ſo zufrieden war, daß er ausrief,„es gehe ihm an's Herz, von ſo einem gut⸗ muͤthigen Herrn Abſchied zu. nehmen, und er wuͤrde fuͤr ihn zwanzig Jahre lang den Schluͤſſel mit Ver⸗ gnuͤgen gedreht haben. Aber die beſten Freunde muͤßten ſcheiden.“ A4 5 — „So ſoll ich alſo von hier wegkommen?“ fragte Julian. „Ja freilich, mein Herr, der Befehl iſt vom Geheimen Rath gekommen.“ „Mich nach dem Tower zu bringen.“ „Hoho!“ rief der Gerichtsdiener aus;„wer Teufel hat Ihnen das geſagt? Doch da Sie es ein⸗ mal wiſſen, ſo iſt es kein Ungluͤck Ja zu ſagen. So machen Sie ſich nur ſogleich fertig, und fuͤr's Erſte, ſtrecken Sie Ihre Spazierhoͤlzer*) aus, daß ich die Fußeiſen abnehme.“ „Iſt das gewoͤhnlich?“ ſagte Peveril, indem er die Fuͤße, wie es der Waͤrter verlangte, aus⸗ ſtreckte, waͤhrend ſeine Feſſeln los gemacht wurden. „Ja wohl, mein Herr; dieſe Feſſeln gehoͤren dem Stockmeiſter; wir werden ſie wahrhaftig nicht zum Lieutenant bringen laſſen. Nein, nein, die Gefaͤngnißaufſeher muͤſſen ihr eignes Zeug mitbrin⸗ gen; hier bekommen ſie keins, ſicher nicht. Indeſſen, haben Ihre Gnaden etwa Luſt, in Feſſeln zu gehen, *) Dew- beaters, eigentlich Thautreter, d. h. die Fuͤße, ſo woͤrtlich uͤberſetzt, moͤchte im Munde des Schließers uns wohl befremden; daher der obige, im Scherz nicht ganz ungewoͤhnliche, gemeine Aus⸗ druck gewaͤhlt wurde. A. d. U. S und meinen in Aßten Umſtaͤnden dadiue mehr Mit⸗ leiden zu erregen—“ „Ich will nicht, daß meine Umſtaͤnde chünmer ausſehen, als ſie ſind,“ ſagte Julian, waͤhrend es ihm zugleich durch den Kopf ging, daß ſein unge⸗ nannter Correſpondent ſowohl mit ſeinen deösin che Fertigkeiten gut bekannt ſein muͤßte, weil der W Brief einen Plan zur Flucht vorſchlug, der nur von einem kuͤhnen Schwimmer ausgefuͤhrt werden konnte; als auch mit den Gebraͤuchen des Gefaͤngniſſes, weil er vorhergeſehen hatte, daß er auf ſeinem Wege nach dem Tower nicht gefeſſelt ſein wuͤrde. Die naͤchſte Rede des Schließers fuͤhrte ſeine Muthmaßung noch weiter. „Alles in der Welt wollt ich thun fuͤr ſo einen braven Gaſt,“ ſagte Clink;„ich koͤnnte eins von den Baͤndern meiner Frau weghaſchen, wenn Ihre Gnaden Luſt haͤtten, die weiße Flaͤge o adf Ihen Caſtor zu ſtecken.“ „Zu welchem Nutzen?“ ſagte Julian, der, wie ſich denken laͤßt, den hoͤflichen Vorſchlag des Mannes mit dem in dem Briefe ertheilten RNath und vorge⸗ ſchriebenen Zeichen ſchnell in Verbindung brachte. „Nein, zu keinem Nutzen weiter, das ich wuͤßte,“ ſagte der Schließer;„es iſt nur die Mode, weiß und arglos zu ſcheinen— eine Art Zeichen von Un⸗ ſchuld, wenn ich ſo ſagen darf, wie es Leute gern zeigen, ſie moͤgen ſchuldig ſein oder nicht. Aber ich kann nicht ſagen, daß Schuld oder Unſchuld viel ausmacht, außer daß es Worte im Ausſpruche des Geſchwornen⸗Gerichts ſind.“ „Seltſam,“ dachte Peveril, obgleich der Mann ganz natuͤrlich und ohne einen Doppelſinn zu ſpre⸗ chen ſchien,„ſeltſam, daß ſich Alles ſcheinbar verei⸗ nigen ſoll, einen Plan zur Flucht auszufuͤhren, koͤnnt ich ihm nur meine Beiſtimmung geben! Und haͤtt ich nicht beſſer ethan, ihn anzunehmen? Wer auch immer ſo viel fuͤr mich thut, er muß mir wohl⸗ wollen, und ein Wohlwollender wuͤrde nie die unge⸗ rechten Bedingungen erzwingen wollen, in die ich fuͤr meine Befreiung willigen foll.“ Aber dieß Mißtrauen in ſeine Entſchließung dauerte nur einen Augenblick. Er beſann ſich ſchnell, daß, wer auch immer ihm zur Flucht behaͤlflich waͤ⸗ re, ſich nothwendig großer Gefahr ausſetzen muͤßte, und ein Recht haͤtte, die Bedingung feſtzuſetzen, unter der er ſie zu uͤbernehmen Willens waͤre. Er bedachte auch, daß Falſchheit gleich niedertraͤchtig waͤre, ſie moͤchte ſich in Worten oder in ſtummen Zeichen aus⸗ druͤcken, und daß er eine eben ſo platte Luͤge ſich er⸗ lauben wuͤrde, wenn er ſich des vorgeſchlagenen Zei⸗ chens ſeines Entſchluſſes, der Alexie Bridgenorth zu 4— 13 entſagen, bediente, als wenn er in deutlichen Aus⸗ druͤcken eine ſolche Entſagung erklaͤrte, ohne dabei zu beharren.„Wenn ihr mir einen Gefallen thun wollt,“ ſagte er zum Schließer,“ ſo ſchafft mir ein Stuͤck ſchwarze Seide oder Flor zu der erwaͤhnten Abſicht.“ „Flor?“ ſagte der Waͤrter;„was ſollte das be⸗ denten? Ei, die Leute, die nach Ihnen auf dem Zuge ſind, werden Sie fuͤr einen Schornſteinfeger am erſten Mai halten.“ „Er ſoll meine gelaſſene Betruͤbniß und zugleich meine feſte Entſchloſſenheit anzeigen.“ ſagte Julian. „Wie es Ihnen gefaͤllt, mein Herr,“ antwortete der Schließer.„Ich will Sie mit einem ſchwarzen Lappen von einer oder der andern Art verſorgen. Nun ſo wollen wir uns auf den Weg machen.“ Julian erklaͤrte ſich bereit, ihm zu folgen, und nahm nun Moſchied von ſeinem bisherigen Geſell⸗ ſchafter, dem tapfern Gottfried Hudſon. Die Tren⸗ nung geſchah nicht ohne Bewegung von beiden Sei⸗ ten, vorzuͤglich aber von Seiten des armen kleinen Mannes, der ein beſonderes Wohlgefallen an dem Gefaͤhrten gefunden hatte, deſſen er nun beraubt werden ſollte.„Leben Sie wohl,“ ſagte dieſer, mein junger Freund,“ indem er Julians Hand in ſeine beiden erhobenen Haͤnde nahm; wobei er ziem, lich in der Stellung eines Matroſen war, der ein Tau zu ſich heruͤberzieht.—„Mancher in meiner Lage wuͤrde glauben, es geſchaͤhe ihm Unrecht, als einem Soldaten und Diener der Kammer des Koͤ⸗ nigs, wenn er Sie in ein ehrenvolleres Gefaͤngniß gebracht ſaͤhe, als das, auf welches ich beſchraͤnkt bin. Aber, Gott ſei Dank! ich bin nicht neidiſch auf den Tower oder auf die Felſen von Scilly, noch ſelbſt auf das Schloß Carisbrooke, obgleich das letztere mit der Gefangenſchaft meines ſeligen und dem Maͤrty⸗ rerthum geweihten Gebieters beehrt wurde. Gehen Sie, wohin Sie wollen, ich wuͤnſche Ihnen alle Auszeichnung eines ehrenvollen Gefängnißhauſes, und eine ſichere und baldige Befreiung, wenn es Gott gefaͤllt. Was mich botrifft, meine Laufbahn iſt nahe am Ende, und zwar deßhalb, weil ich als Maͤrtyrer der uͤbergroßen Zaͤrtlichkeit meines Her⸗ zens falle. Es iſt ein Umſtand, guter Herr Peveril, den Sie haͤtten erfahren ſollen, wenn uns die Vor⸗ ſehung eine fernere Vertraulichkeit vergoͤnnt haͤtte; allein das paßt nicht fuͤr die gegenwaͤrtige Stunde. So gehen Sie denn, mein Freund, und legen Zeug⸗ niß ab im Leben und im Tode, daß Gottfried Hud⸗ ſon die Kraͤnkungen und Verfolgungen des Schick⸗ ſals eben ſo verachtet, wie er die boshaften Streiche — 15 eines zu hoch gewachſenen Schulknaben verachtet und oft verachtet hat.“ 1 Bei dieſen Worten wandte er ſich ab, und ver⸗ huͤllte ſein Geſicht mit einem kleinen Schnupftuche, waͤhrend in Julian gegen ihn das tragikomiſche Ge⸗ fuͤhl entſtand, worin wir den Gegenſtand, der es erregt, um nichts weniger bedauern, ob wir gleich mitten in unſerer Sympathie ein wenig zum Lachen geneigt ſind. Der Gefangenwaͤrter machte ein Zei⸗ chen, dem Peveril gehorchte, indem er den Zwerg einer troſtloſen Einſamkeit uͤberließ. Als Julian dem Waͤrter durch die mannichfachen Windungen dieſes traurigen Labyrinths folgte, be⸗ merkte der Mann,„er ſei ein wunderlicher Kauz, der kleine Sir Gottfried, und im Punkte der Galanterie ein wahrer Ausbund. Da waͤre ein gewiſſes leicht⸗ fertiges Maͤdchen geweſen, das ihn geangelt habe,“ ſagte er;„aber was haͤtte ſie mit ihm anfangen koͤnnen, außer daß ſie ihn nach Smithfield brachte, und ihn um Geld zeigte, eine bewegliche Puppe; das war,“ ſagte er,„doch ſauer zu verdienen.“ Aufgemuntert durch dieſe Eroͤffnung, fragte Ju⸗ lian ſeinen Begleiter, ob er wuͤßte, warum ſein Ge⸗ faͤngniß vertauſcht wuͤrde.„Um Sie zu lehren, ein Brieftraͤger des Koͤnigs ohne Vollmacht zu werden,“ ſagte der Mann. 4 26 Er hielt in ſeinem Geſchwaͤtz inne, als ſie ſich dem furchtbaren Mittelpunkt naͤherten, in welchem auf ſeinem ledernen Armſtuhle der fette Befehlsha⸗ ber der Feſtung lag, wahrſcheinlich fuͤr immer mitten in ſeine Citadelle poſtirt, ſo wie die ungeheure Boa⸗ Schlange bisweilen als eine Wache uͤber den unter⸗ irdiſchen Schaͤtzen der morgenlaͤndiſchen Rajahs aus⸗ geſtreckt liegen ſoll. Dieſer unfoͤrmlich dicke Ge⸗ walthaber faßte Julian aufmerkſam und muͤrriſch ins Auge, wie der Geizhals die Guinee, von der er ſich trennen muß, oder wie der Kettenhund das Fut⸗ ter, das einer Kuppel anderer Hunde zugetragen wird. Er knurrte fuͤr ſich, indem er die Blaͤtter ſei⸗ nes ominoͤſen Regiſters umwandte, um die noͤthige Bemerkung uͤber die Verſetzung ſeines bisherigen Gefangenen einzutragen:„Nach dem Tower— nach dem Tower— ja, ja, Alle muͤſſen nach dem Tower— das iſt der Brauch ſo— freie Britten in ein militaͤriſches Gefaͤngniß, als wenn wir weder Riegel noch Ketten hier haͤtten!— Ich hoffe, das Parlament wird es in die Hoͤhe bringen, dieß hohe Gefaͤngniß, das iſt Alles.— Gut, der Junker wird keinen Vortheil bei dem Tauſch haben, und das iſt ein Troſt.“ Nachdem er zugleich ſeine amtliche Einzeichnung und ſein Selbſtgeſpraͤch geendigt hatte, gab er ſeinem * 17 Gehuͤlfen ein Zeichen, Julian fortzubringen, welcher nun durch dieſelben finſtern Gaͤnge, durch die er her⸗ eingekommen war, zum Thor des Gefaͤngniſſes ge⸗ fuͤhrt wurde, von wo eine von zwei Gerichtsdienern eſcortirte Kutſche ihn an die Waſſerſeite brachte. Hier erwartete ihn ein Boot mit vier Aufſehern des Towers, deren Bewachung er von ſeinen letztern Begleitern foͤrmlich uͤbergeben wurde. Clink jedoch, der Schließer, mit dem er genauer bekannt war, nahm nicht von ihm Abſchied, ohne ihn mit dem verlangten Stuͤck ſchwarzem Flor auszuſtatten. Pe⸗ veril ſteckte ihn auf ſeinen Hut, unter dem Gefluͤſter ſeiner neuen Aufſeher.„Der Herr eilt, die Trauer anzulegen,“ ſagte Einer;„er haͤtte vielleicht beſſer gethan, zu warten, bis er Urſache gehabt haͤtte.“ „Vielleicht moͤgen Andere um ihn trauern, ehe er um irgend Einen trauern kann,“ antwortete ein anderer von dieſen Beamten. Indeß war, ungeachtet des Inhalts dieſer heim⸗ lichen Bemerkungen, ihr Betragen gegen ihren Ge⸗ fangenen ehrerbietiger, als er von ſeinen vorherigen Aufſehern erfahren hatte, und konnte eine muͤrriſche Hoͤflichkeit genannt werden. Die gewoͤhnlichen Ge⸗ richtsbeamten waren im Ganzen roh, da ſie mit Verbrechern jeder Gattung zu thun hatten; waͤhrend dieſe Maͤnner blos bei Perſonen gebraucht wurden, 18— die der Staatsverbrechen angeklagt waren— Per⸗ ſonen, die wegen ihrer Geburt und ihrer Verhaͤltniſſe gewoͤhnlich eine anſtaͤndige Behandlung zu erwarten berechtigt, und zu belohnen vermoͤgend waren. Der Wechſel der Gefangenwaͤrter ging bei Ju⸗ lian eben ſo unbemerkt voruͤber, als das muntre und belebte Bild des breiten und ſchoͤnen Fluſſes, der ihn nun aufnahm. Hundert Boote ſchoſſen bei ihnen voruͤber, welche Geſellſchaften, in Geſchaͤftsverrich⸗ tungen begriffen, oder zum Vergnuͤgen verſammelt, dahin trugen. Julian betrachtete ſie blos mit der ernſten Hoffnung, daß, wer auch immer ihn von ſeiner Treue durch die Hoffnung der Freiheit abwen⸗ dig zu machen geſucht hatte, aus der Farbe ſeines angenommenen Zeichens ſehen moͤchte, wie entſchloſſen er waͤre, der ihm angebotenen Verſuchung zu wider⸗ ſtehen. Es war um die Zeit der Flut, und ein ſtarkes Boot mit Seegel und Ruder kam ſo geradezu auf das, in welchem Julian eingeſchifft war, los, als wenn es auf daſſelbe ſtoßen und ſich ihm an Bord legen wollte.„Haltet eure Karabiner in Bereit⸗ ſchaft,“ rief der Oberaufſeher zu ſeinen Gehuͤlfen. „Was zum Teufel koͤnnen dieſe Schurken wollen?“ Aber das Schiffsvolk in dem andern Boote ſchien ſeinen Irrthum bemerkt zu haben; denn ſie aͤnderten 4 19 ploͤtzlich ihren Lauf, und ſtießen in die Mitte des Stroms, waͤhrend ein Ausbruch gegenſeitiger Schimpfreden zwiſchen ihnen und dem Boote, deſſen Fahrt ſie zu hindern gedroht hatten, erfolgte. „Der Unbekannte hat ſein Wort gehalten,“ ſagte Julian bei ſich ſelbſt;„ich habe das meinige auch gehalten.“ Als die Boote einander ſich naͤherten, glaubte er ſogar von dem andern Boote Etwas, wie ein erſtick⸗ tes Klagen oder Seufzen zu hoͤren; und als der au⸗ genblickliche Laͤrm voruͤber war, fragte er den ihm zunaͤchſt ſitzenden Waͤrter, was das fuͤr ein Boot waͤre. „Seeleute von einem Kriegsſchiffe auf einer Luſtpartie, vermuth' ich,“ gab der Aufſeher zur Ant⸗ wort.„Ich weiß ſonſt Niemand, der ſo unver⸗ ſchaͤmt ſein wuͤrde, auf das Koͤnigsboot los zu ſteuern; denn ich bin ſicher, der Kerl richtete das Steuer mit Abſicht. Aber vielleicht, Herr, wiſſen Sie mehr von der Sache als ich.“ Dieſe Andeutung war hinreichend, Julian von weitern Fragen abzuhalten; und er blieb ſtill, bis das Boot unter die duͤſtern Baſteien des Towers kam. Die Flut fuͤhrte ſie unter einen finſtern Bogen hin, der am obern Ende des wohlbekannten Traitors⸗ Thors(Verraͤther⸗Thors) ſich ſchließt, das wie eine Pforte von ungeheuern, ſich durchſchneidenden Holz⸗ balken gebildet iſt, durch welche man eine ſchwache und unvollkommene Ausſicht auf die Dienſt thuenden Soldaten und Waͤrter, und auf den ſteil aufſteigen⸗ den, vom Fluſſe in das Innere der Feſtung fuͤhren⸗ den Damm haben kann. Durch dieſes Thor(und ſein Rame zeigt ſeine Beſtimmung an) wurden Perſonen, die eines Staatsverbrechens angeklagt waren, gewoͤhnlich in den Tower gebracht. Die Themſe gewaͤhrte eine geheime und ſtille Art und Weiſe, ſolche Leute dahin uͤberzufahren, deren ver⸗ fallene Gluͤcksumſtaͤnde Mitleiden erregen, oder die 20— † bei ihren unter dem Volke beliebten Eigenſchaften die Sympathie des Publikums erwecken koͤnnten; und ſelbſt wo kein beſonderes Geheimniß ſtand fand, blieb ſo die Ruhe der Stadt ungeſtoͤrt durch den Auflauf, der den Zug des Gefangenen und ſeiner Wachen durch die beſuchteſten Straßen zu begleiten pflegt. 4 Jedoch muß dieſer(zwar durch Staatsklugheit ¹ empfohlne) Gebrauch oft das Herz des Verbrechers durchſchauert haben, der ſo, gleichſam heimlich aus der buͤrgerlichen Geſellſchaft entfuͤhrt, den Ort ſeiner Verhaftung erreichte, ohne auch nur einem Blick des Mitleids auf dem Wege zu begegnen; und landete er nun, unter dem dunkeln Gewoͤlbe an dieſem ſtei⸗ nernen Stufen(von ſo manchem nicht weniger ban⸗ gen Fußtritt, als ſeinem eignen, ausgetreten), welche die Flut mit kleinen ſich treibenden Wellen ſtoßweiſe beſpuͤlte, und blickte er dann vorwaͤrts auf den ſteilen Weg in ein Gothiſches Staatsgefaͤngniß, und ruͤckwaͤrts auf den Theil des Fluſſes, welchen das niedere Gewoͤlbe ſichtbar werden ließ, ſo muß er oft gefuͤhlt haben, daß er im Begriff war, das Licht des Tages, die Hoffnang und das Leben ſelbſt hinter ſich zu laſſen. Waͤhrend des Aufſehers Anruf geſchah und beantwortet wurde, ſuchte Peveril von ſeinen Fuͤh⸗ rern Nachricht zu erlangen, wo er wahrſcheinlich gefangen geſetzt werden wuͤrde; aber die Antwort war kurz und allgemein.—„Wohin der Lieute⸗ nant die Anweiſung geben wird.“ „Koͤnnte ihm nicht erlaubt werden, das Ge⸗ faͤngniß ſeines Vaters, Sir Gottfried Peveril, mit ihm zu theilen?“ fragte er ferner, und vergaß nicht, bei dieſer Gelegenheit, den Beinamen ſeiner Familie beizufuͤgen. Der Gefaͤngnißaufſeher, ein alter Mann von ehrwuͤrdigem Anſehen, ſtutzte, wie uͤber das zu kuͤhne Verlangen, und ſagte geradezu;„Es iſt un⸗ moͤglich.“ „Zum wenigſten,“ ſagte Peveril,“ zeigt mir, wo mein Vater gefangen ſitzt, daß ich auf die Mauer hinſehen kann, die uns trennt.“ „Junger Herr,“ ſagte der alte Aufſeher, ſeinen grauen Kopf ſchuͤttelnd,„Es thut mir Leid um Sie; aber Fragen werden Ihnen nichts helfen. An dieſem Orte wiſſen wir nichts von Vaͤtern und Soͤhnen.“ Indeß ſchien der Zufall, wenige Minuten nach⸗ her, dem jungen Peveril, die Befriedigung zu ge⸗ waͤhren, welche ihm die Strenge ſeiner Aufſeher zu verſagen geneigt war. Als er auf den ſteilen Weg gebracht wurde, der unter den ſogenannten Wakefield⸗Tower fuͤhrt, rief eine weibliche Stimme in einem von Kummer und Freude unbeſchreiblich gemiſchten Tone aus,„Mein Sohn! mein theurer Sohn!“. Selbſt die Wachen Julians ſchienen von einem Tone ſo tiefen Gefuͤhls erweicht. Sie verzoͤgerten ihre Schritte. Sie hielten faſt, um ihn nach dem Fenſterfluͤgel ſehen zu laſſen, aus welchem die Toͤne der muͤtterlichen Beaͤngſtigung herkamen; aber die Oeffnung war ſo enge, und ſo dicht vergittert, daß nichts ſichtbar war, als eine weiße weibliche Hand, welche eine der roſtigen Stangen, wie zur Stuͤtze der inwendig ſich befindenden Perſon, ergriffen hatte, waͤhrend eine andre Hand ein weißes Schnupftuch 4 — 23 herausſtreckte und es dann fallen ließ. Der Fenſter⸗ Fluͤgel wurde ſogleich verlaſſen. „Gebt es mir,“ ſagte Julian zu dem Aufſe cher, der das Tuch aufhob; es iſt vielleicht die letzte Gabe meiner Mutter.“ Der alte Mann hob das Tuch auf, und unter⸗ ſuchte es mit der Genauigkeit eines Aufſehers, der gewohnt iſt eine geheime Correſpondenz in den ge⸗ ringſten Handlungen des Verkehrs zu entdecken. „Es kann Schrift mit unſichtbarer Tinte darauf ſein,“ ſagte einer der Kameraden. „Es iſt feucht, aber ich glaube, nur von Thraͤ⸗ nen,“ antwortete der Alte.„Ich kann es dem armen jungen Herrn nicht vorenthalten.“ „Ach Herr Coleby,“ ſagte ſein Kamerade, in ei⸗ nem ſanft verweiſenden Tone,„Sie wuͤrden jetzt eine beſſere Livree, als den Rock eines Polizeidie⸗ ners tragen, wenn nicht Ihr theilnehmendes Herz es verhindert haͤtte.“ „Das hat wenig zu bedeuten,“ antwortete der alte Coleby,“ was ich bei Verrichtung meiner Pflicht fuͤhle, oder welcher Rock meine alte Bruſt vor kaltem Wetter ſchuͤtzt, wenn mein Herz nur meinem Koͤnige treu iſt.“ Julian ſteckte indeß das Zeichen der Zaͤrtlichkeit ſeiner Mutter, mit dem ihn der Zufall begluͤckt 244— hatte, in ſeinen Buſen; und als er in der kleinen einſamen. Stube ſich befand, die ihm zu ſeinem Au⸗ fenthalt im Tower angewieſen warawurde er ſelbſt bis zu Thraͤnen durch dieſen kleinen Umſtand er⸗ weicht, den er nicht anders als eine Vorbedeutung betrachten konnte, daß ſeine ungluͤckliche Behauſung nicht ganz von der Vorſehung verlaſſen waͤre. Aber die Gedanken und Ereigniſſe, die in einem Gefaͤng⸗ niſſe vorkommen, ſind fuͤr eine Erzaͤhlung zu einfoͤr⸗ mig, und wir muͤſſen unſere Leſer nun zu lebhaf⸗ tern Auftritten fuͤhren. Zweites Kapitel. Das geraͤumige Herrenhaus des Herzogs von Buckingham, nebſt dem dazu gehoͤrigen Erbgute, fuͤhrte urſpruͤnglich den Namen York⸗Houſe, und nahm einen großen Theil des an der Savoy gren⸗ zenden Platzes ein. Dieſes Gebaͤude war durch die Freigebigkeit ſeines Vaters, des Guͤnſtlings Karls des Erſten, höchſt prachtvoll angelegt worden, ſo daß es, faſt mit Whitehall ſelber wetteiferte. Aber waͤhrend der — 25 zunehmenden Wut, neue Straßen und beinahe eine Nebenſtadt zu bauen, um London und Weſtmuͤnſter zu verbinden, hatte dieſer Platz einen ſehr hohen Werth erhalten; und der zweite Herzog von Buck⸗ ingham, der ein Freund von neuen Entwuͤrfen und zugleich geldbeduͤrftig war, hatte einen ihm von einem unternehmenden Baumeiſter vorgelegten Plan angenommen, die ausgedehnten Plaͤtze um ſeinen Palaſt in diejenigen Straßen, Gaſſen und Hoͤfe zu verwandeln, welche noch ſeinen Namen und ſeinen Titel verewigen; wiewohl die, welche auf der Buckingham⸗Straße, der Herzogſtraße, der Vil⸗ liers⸗Straße, oder in Of⸗Alley(denn ſelbſt dieſe Verbindungspartikel dient zur Ortsbezeichnung), wahrſcheinlich ſelten an den witzigen, ausgelaſſenen und ausſchweifenden Georg Villiers, Herzog von Buckingham, denken moͤgen, deſſen Titel in den Na⸗ men ihrer Wohnungen und ihrer Umgebungen auf⸗ bewahrt werden. Auf dieſen Bau⸗Plan war der Herzog mit allem Eifer, den er gewoͤhnlich an etwas Neues wandte, eingegangen. Seine Gaͤrten wurden niedergeriſſen,— ſeine Pavillions geſchleift— ſeine prachtigen Staͤlle Bnhl— der ganze Prnndäſeins Erbgutes in der Vorſtadt wurde verwuͤſtet, mit Truͤmmern bedeckt, und mit den Grundlagen zu neuen Gehaͤuden und IV. B. 26— Kellern, und mit verſchiedenen Linien zur Anlegung neuer Straßen durchſchnitten. Aber das Unter⸗ nehmen, das zwar nachher eintmaͤglich und nach Wunſch ausſiel, fand doch bei dem erſten Beginnen einen Anſtoß, theils aus Mangel an den noͤthigen Kapitalien, theils wegen des ungeduldigen und ver⸗ aͤnderlichen Temperaments des Herzogs, welches ihn bald auf irgend einen neueren Gegenſtand ſeiner Entwuͤrfe ablenkte; ſo daß, obgleich Viel niederge⸗ riſſen war, doch in Vergleichung ſehr wenig an deſſen Stelle aufgefuͤhrt und nichts vollendet wurde. Der Haupttheil des herzoglichen Palaſtes blieb noch un⸗ verletzt; aber das Grundſtuͤck, in welchem derſelbe lag, trug eine ſeltſame Aehnlichkeit mit dem regel⸗ loſen Gemuͤth ſeines edlen Beſitzers. Hier ſtand eine ſchoͤne Gruppe auslaͤndiſcher Baͤume und Stau⸗ den, das Ueberbleibſel des Gartens, unter offenen Schleuſen und Haufen von Schutt. An einem Orte drohte ein alter Thurm auf den Betrachtenden herab zu ſtuͤrzen; und an einem andern lief dieſer Gefahr, von einem neuen Gewoͤlbe verſchlungen zu werden. Großartigkeit der Idee konnte in demn Un⸗ ternehmen entdeckt werden, aber ſie war faſt uͤberall durch Armuth oder Nachlaͤſſigkeit der Ausfuͤhnung entſtellt. Kurz, der ganze Platz war das wahre Sinnbild eines auf Verwuͤſtung ausgehenden Ver⸗ 27 ſtandes und ſolcher Talente, die, aus Mangel an feſten Grundſaͤtzen, und durch die Unbedachtſamkeit ihres Beſitzers, der Geſellſchaft mehr gefäͤhrlich, als nuͤtzlich wurden. Es gab Maͤnner, die eine andre Anſicht von des Herzogs Plane faßten, ſeinen Palaſt ſo umgeben, und ſein Erbgut von modernen, unvollendeten, und von alten nur halb niedergeriſſenen Gebaͤuden um⸗ geben zu laſſen. Sie fuͤhrten an, ſeine Durchlaucht, in ſo viele Geheimniſſe der Liebe und der Politik verwickelt, wie er war, und mit dem Charakter des kuͤhnſten und gefaͤhrlichſten Raͤnkemachers ſeiner Zeit, faͤnde es bequem, ſich mit dieſem truͤmmer⸗ vollen Platze zu umgeben, in welchem Gerichts⸗ Beamte nicht ohne einige Schwierigkeit und Wag⸗ niß eindringen koͤnnten, und welcher bei Gelegenheit einen ſichern und geheimen Schutz fuͤr ſolche Werk⸗ zeuge, die zu verzweifelten Unternehmungen paßten, und eine geheime und unbemerkte Art des Zugangs denjenigen gewaͤhren koͤnnte, die er aus irgend einem beſondern Grunde heimlich aufzunehmen wuͤnſchte. Indem wir Peveril im Tower zuruͤcklaſſen, muͤſſen wir unſere Leſer noch einmal zu dem Lever des Herzogs fuͤhr)en, der an dem Morgen, da Ju⸗ lian nach jener Feſtung gebracht wurde, ſeinen per⸗ ſoͤnlichen und vornehmſten Diener alſo anredete: B 2 * ——y— „Ich bin ſo ſehr mit Ihrem Verhalten in dieſer Sache zufrieden geweſen, Jerningham, daß wenn der boͤſe Feind ſelbſt in unſerer Gegenwart aufſtaͤnde, und mir ſein beſtes Teufelchen zum Hausgeiſt an deine Stelle anboͤte, ich es nur fuͤr ein armſeliges Compliment anſehen wuͤrde. „Eine Legion Teufelchen,“ ſagte Jeraingham ſich verbeugend,„haͤtte nicht geſchaͤftiger zu Ihrer Durchlaucht Dienſten ſein koͤnnen; wenn mir aber Ihre Durchlaucht es zu ſagen verſtatten, Ihr gan⸗ zer Plan waͤre beinahe dadurch verdorben worden, daß Sie nicht eher, als letzte Nacht oder vielmehr dieſen Morgen, nach Hauſe kamen.“ „Und warum, ſag' an, weiſer Meiſter Jerning⸗ ham,“ ſagte ſeine Durchlaucht,„ſollt' ich einen Au⸗ genblick fruͤher zuruͤck kommen, als es zu meinem Vergnuͤgen und meiner Abſicht diente?“ „Nein, mein gnaͤdiger Herzog,“ erwiederte Jer⸗ ningham,„das weiß ich nicht; nur, als Sie uns durch Empſon in Chiffinch's Hauſe den Befehl wiſſen ließen, uns des Maͤdchens um jeden Preis und auf alle Gefahr zu bemaͤchtigen, ſagten Sie, Sie wuͤrden hier ſein, ſo bald Sie von dem Koͤnige ſic ſee machen koͤnnten.“ „Frei machen vom Koͤnige, Du Schurke! Wn⸗ iſt das fuͤr ein Ausdruck?“ fragte der Herzog. „Es war Empſon, der ihn gebrauchte, gnaͤdiger Herr, als wenn er von Ihrer Durchlaucht kaͤme.“ „Es giebt ſehr vieles, was meiner Durchlauche zu ſagen anſteht, aber ſich ſehr ſchlecht ſchickt, von ſeinem oder deinem Munde wiederholt zu werden,“ antwortete der Herzog mit Stolz; doch nahm er ſogleich wieder ſeinen vertraulichen Ton an. Denn ſeine Laune war eben ſo veraͤnderlich, wie ſeine Vorſaͤtze.„Aber ich weiß, was Du haben wollteſt; fuͤrs Erſte wollte Ihre Weisheit wiſſen, was mit mir vorging, ſeitdem du meine Befehle bei Chiffin⸗ ches erhalten hatteſt; und alsdann, wollte Ihre Tapferkeit gern einen andern Trompetenmarſch uͤber deinen eignen hoͤchſt ſchlauen Ruͤckzug blaſen laſſen, der deinen Kameraden den Haͤnden der Philiſter uͤberließ.“ „Erlauben Ihre Gnaden!“ ſagte Jerningham, „ich zog mich blos zuruͤck, um das Gepaͤck zu er⸗ halten.“ „Was? Spielen Sie das Reimſpiel mit mir?7“ ſagte der Herzog.„Sie muͤſſen wiſſen, daß der gemeine Dorfhanswurſt ausgepeitſcht werden muß, wenn er ſich unterfaͤngt, ein Wortſpiel oder eine Poſſe fuͤr einen echten Scherz auszugeben, ſellſt unter Zetteltraͤgern und Saͤnftentraͤgern.“ B 3 „und doch hab' ich gehoͤrt, daß Ihre Durch⸗ laucht am Jeu de mots Gefallanſſt ſinden,“ ſagte Jerningham. „Hoͤre Jerningham,“ antwortete ſein Herr,“ danke dein Gedaͤchtniß ab, oder halt⸗ es in Zucht; ſonſt wird es dein Fortkommen in der Welt nur auf⸗ halten. Du kannſt geſehen haben, daß es mir ein⸗ ſiel, Ball zu ſchlagen, oder ein Maͤdchen zu kuͤſſen, oder in Tageloͤhnerslaunen Ale zu zechen und geroͤſteten Kaͤſe zu eſſen; ſchickt ſich's aber, dich ſolcher Thorheiten zu erinnern? Nichts mehr davon. Hoͤr' einmal; wie kam der lange plumpe Narr, Jen⸗ kins, dazu, ſich ſo geradezu von einem Bauerbur⸗ ſchen, wie dieſer naͤmliche Peveril, den Degen durch den Leib rennen zu laſſen?“ „Erlauben Ihre Durchlaucht! eben dieſer Co⸗ rydon iſt kein ſolcher Neuling. Ich ſah den Anlauf; und, in einer Hand ausgenommen, hab' ich niemals einen Degen mit ſolcher Lebhaftigkeit, Anmuth und Leichtigkeit fuͤhren geſehen.“ „Ei wirklich?“ ſagte der Herzog, indem er ſeinen eignen in der Scheide ſteckenden Degen in die Hand nahm„„das haͤtt' ich nicht gedacht. Ich bin etwas verroſtet und muß erſt wieder in Gang kommen. Peveril iſt ein Name von Ruf. Man geht mit ihm eben ſo gut — 31 zu Barn zelms oder hinter Montagu⸗Houſe, als mit einem andern. Sein Vater iſt noch dazu ein beruͤchtigter Unruhſtifter. Das Publikum will an mir bemerkt haben, daß ich ein eifriger Proteſtant werde. Nothwendig muß ich Etwas thun, um meinen guten Namen in der Stadt zu behaupten und mein Nicht-⸗abwarten der Gebete iad Predig⸗ ten wieder gut zu machen. Aber Ihr Laertes ſitzt feſt im Fleet*), und ſein Einfaltspinſel von Gegner iſt todt oder im Sterben?“ „Im Gegenthil, anzdiger Zerza, im Sene⸗ ſen,“ antwortete Jerningham;„die Klinge traf zum Gluͤck nicht die edlern Theile.“ „Der Henker hohle ſeine edlern Theile,“ ſagte der Herzog.“ Sag' ihm, er ſoll ſeine Wiederge⸗ neſung aufſchieben, oder ich will ihn im Ernſt zum Tode bringen.“ „Ich will ſeinen Wundarzt warnen,“ ſagte Jer⸗ ningham,„und das wird eben ſo gut ſein.“ „Thue das, und ſag' ihm, es waͤre beſſer, er laͤge ſelbſt auf ſeinem Sterbebette, als daß er ſeinen Kranken heilte, eh' ich's ihm ſagen ließe. Der junge Burſche darf um keinen Preis wieder los gelaſſen werden.“ *) Einem Gefaͤngniß. B 4 „Das hat keine Noth,“ ſagte Jerningham. „Wie ich hoͤre, haben einige von den Zeugen ſchon ihr Netz uͤber ihn geworfen wegen einiger Dinge unten im Norden, und er wird deßhalb und wegen einiger Briefe der Graͤfin von Derby, wie das Ge⸗ ruͤcht geht, in den Tower verſetzt werden.“ „Laßtzihn in den Tower gehen, und wieder her⸗ „und wann Sie hoͤren, daß er dort ſitzt, ſo mag der Fechter ſo bald wieder hergeſtellt werden, als es der Wundarzt und er gegenſeiiig bewerkſtelligen koͤnnen.“ Nachdem der Herzog dieß geſprochen hatte, machte er zwei oder drei Gaͤnge auf und ab im Zim⸗ mer, und ſchien in tiefen Gedanken zu ſein. Sein aufwartender Diener erwartete den Ausgang ſeiner Ueberlegungen in Geduld, wohl wiſſend, daß ſolche Stimmungen, in denen ſein Geiſt ſtark auf einen Punkt geheftet war, bei ſeinem Goͤnner nie ſo lange dauerten, um ſeiner Geduld eine ſchwere Buͤrde auf⸗ zulegen..— Der Herzog brach auch nach ſieben oder acht Minuten ſein Stillſchweigen, indem er von der Toi⸗ lette einen großen ſeidenen Beutel nahm, der voll Gold zu ſein ſchien.„Jerningham,“ ſagte er,„du biſt ein treuer Diener, und es waͤre Suͤnde, dich nicht werth zu halten. Ich beſiegte den Koͤnig im —. 35 Mailſpiel auf ſeine kuͤhne Herausforderung. Die Ehre iſt fuͤr mich genug; und du, mein treuer Bur⸗ ſche, ſollſt den Gewinn haben.“ Jerningham ſteckte die Boͤrſe mit gebuͤhrenden Dankſagungen ein. „Jerningham,“ fuhr ſeine Durchlaucht fort, „ich weiß, du tadelſt mich, daß ich meine Plaͤne zu oft aͤndere; und, bei meinem Leben, ich habe dich ſo gelehrt daruͤber ſprechen gehoͤrt, daß ich ſelbſt dei⸗ ner Meinung geworden bin, und mich zwei oder drei Stunden hinter einander daruͤber gequaͤlt habe, daß ich nicht ſo beſtaͤndig auf einer Sache beharre, als ich unſtreitig werde, wann das Alter(wobei er ſeine Stirne beruͤhrte) dieſen Wetterhahn zu roſtig ma⸗ chen wird, um ſich mit jedem Luͤftchen zu drehen. Aber fuͤr jetzt, da ich noch Muth und Feuer habe, laßt ihn ſich drehen, wie die Fahne auf dem Maſt⸗ baum, welche dem Steuermann zeigt, wie er ſeinen Lauf richten ſoll; und wenn ich den meinigen veraͤn⸗ dere, ſo denke, ich bin gebunden, dem Gluͤck zu fol⸗ gen, und nicht, es zuruͤck zu halten.“ „Ich kann nichts von allem dieſem verſtehen, Ihre Durchlaucht,“ erwiederte Jerningham,„außer daß Sie einige vorgehabte Maaßregeln abgeaͤndert haben, und dabei gewonnen zu haben glauben.“ .„Sie ſollen ſelbſt urtheilen,“ ſagte der Herzog B 5 „Ich habe die Herzogin von Portsmouth geſehen. — Sie ſtutzen. Es iſt wahr, beim Himmel! Ich habe ſie geſehen, und aus geſchwornen Feinden ſind wir geſchworne Freunde geworden. Der Tractat zwiſchen ſo hohen und gewaltigen Maͤchten hat einige wichtige Artikel; außerdem hatt' ich mit einem Franzoͤſchen Unterhaͤndler zu thun; und ſo werden 1 Sie zugeben, eine Abweſenheit von wenigen Stun⸗ den war nur ein nothwendiger Zeitraum, unſere diplomatiſchen Geſchaͤfte in Richtigkeit zu bringen.“ „Ihre Durchlaucht ſetzen mich in Erſtaunen,“ ſagte Jerningham.„Chriſtians Plan, die große Dame zu verdraͤngen, iſt alſo gaͤnzlich aufgegeben? Ich glaubte, Sie haͤtten die ſchoͤne Nachfolgerin nur deßhalb hier zu haben gewuͤnſcht, um dieſen Plan unter Ihrer eignen Leitung zu betreiben.“ „Ich vergeſſe, was ich damals wollte,“ ſagte der Herzog;„außer daß ich entſchloſſen war, ſie ſollte mich nicht ſo aͤffen, wie den gutmuͤthigen Mann des Koͤnigthums: und ſo bin ich immer noch entſchloſſen, ſoitdem Sie mir die ſchoͤne Dulcibella in den Sinn brachten. Aber ich bekam eine reuige Zuſchrift von der Herzogin, waͤhrend wir bei dem Mailſpiel waren. Ich ging, ſie zu beſuchen, und fand eine vollkommene 1 Niobe.— Bei meinem Leben, trotz den rothen Au: gen und aufgetriebenen Geſichtszuͤgen, und zerſtreu⸗ ( 3 ten Haaren, Jerningham, gibt es gewiſſe Weiber, die, wie die Dichter ſagen, in Betruͤbniß liebens⸗ wuͤrdig ausſehen. Die Sache kam heraus; und mit ſolcher Demuth, ſolcher Reue, ſolcher Ergebung auf meine Gnade(ſie, noch dazu der ſtolzeſte Teu⸗ fel am ganzen Hofe), daß ich ein Herz von Stahl gehabt haben muͤßte, um dem allen zu widerſtehen. Kurz, Chiffinch hat in einem Rauſch den Schwaͤtzer gemacht, und den jungen Saville in unſere Intrigue blicken laſſen. Saville ſpielt den Schurken, und unterrichtet die Herzogin durch einen Boten, der gluͤcklicherweiſe ein wenig zu ſpaͤt auf den Markt kam. Sie erfuhr auch, als ein wahrer Teufel im Ausſpaͤhen, daß es uͤber dieſe neue Phyllis zwiſchen dem Herrn und mir einige Mißhaͤlligkeit gegeben haͤtte; und daß ich wahrſcheinlich den Vogel fangen wuͤrde— wie Jeder ſehen kann, der uns beide an⸗ ſieht. Es muß Empſon geweſen ſein, der dieß Alles der Herzogin ins Ohr gefloͤtet hat; und in der Mei⸗ nung, ſie ſaͤhe, wie ihre herzogliche Gnaden und ich zuſammen jagen koͤnnten, bittet ſie mich, Chriſtian's Plan zu vereiteln, und das Maͤdchen von den Augen des Koͤnigs entfernt zu halten, beſonders wenn ſie ſo ein ſeltenes Stuͤck von Vollkommenheit waͤre, als der Ruf von ihr verbreitet haͤtte.“ „und Ihre Durchlaucht haben ihr Ihre Hand 36— verſprochen, die Macht zu unterſtuͤtzen, die Sie ſo oft zu zerſtoͤren gedroht haben,“ ſprach Jerningham. „Ja, Jerningham; mir war es eben ſo vor⸗ theilhaft, als ſie ſich in meiner Gewalt zu bekennen ſchien, und meine Gnade anrief.— Und bemerke wohl, es iſt mir ganz gleich, auf welcher Leiter ich des Koͤnigs Kabinet ſteige. Die der Portsmouth iſt bereits feſt geſtellt— beſſer, auf ihr hinauf zu ſteigen, als ſie umzuſtoßen, um eine andere anzule⸗ gen.— Ich haſſe alle unnoͤthige Muͤhe.“ „und Chriſtian?“ ſagte Jerningham. „Mag als ein eingebildeter Eſel zum Teufel ge⸗ hen. Eine Luſt an dieſem Gewirre der Intrigue iſt, mich an dieſem Buben zu raͤchen, der ſich fuͤr ſo un⸗ entbehrlich hielt, daß er beim Himmel ſich in meine Vertraulichkeit eindraͤngte, und mir Lehren gab, wie einem Schulknaben. Der Henker hole das kaltbluͤ⸗ tige heuchleriſche Ungeziefer! Wenn er murrt, ſo will ich ſeine Naſe ſo weit aufſchlitzen laſſen, wie Coventry's.— Hoͤre, iſt der Oberſt gekommen?“ „Ich erwarte ihn alle Augenblicke, Ihre Durch⸗ luucht.“. „Schicke ihn herauf, wann er ankommt,“ ſagte der Herzog.„Was ſtehſt du da, und ſiehſt mich an? Was willſt du von mir?“ „Ihrer Durchlaucht Befehl in Anſehung der jungen Dame,“ ſagte Jerningham. „Potz tauſend,“ ſagte der Herzog;„ich hatte ſie ganz vergeſſen.— Iſt ſie ſehr zum Weinen geneigt? — außerordentlich betruͤbt?“ „ Sie benimmt ſich nicht ſo heftig, als ich an andern geſehen habe,“ antwortete Jerningham; „aber in einem ſtarken, feſten, tiefgefuͤhlten Unwillen kenne ich keine, die ihr gleichkommt.“ „Gut, wir wollen ſie ſich abkuͤhlen laſſen. Ich will nicht der Betruͤbniß einer zweiten Schoͤnen ſo⸗ gleich ins Geſicht ſehen. Ich bin des Schluchzens und der geſchwollenen Augen und aufgetriebenen. Wangen auf einige Zeit muͤde, und muß uͤberdieß mit meinen Gaben, zu troͤſten, Haus halten. Geh⸗ und ſchicke den Oberſten.“ „Wollen Ihre Durchlaucht mir noch e eine Frage erlauben?“ fragte ſein Vertrauter. „Frage, was du willſt, Jerningham, und dann packe dich fort.“ „Ihre Durchlaucht haben beſchloſſen, Chriſtian aufzugeben,“ ſagte Jerningham.„Darf ich fragen, was aus dem Koͤnigreich Man wird?“ „Vergeſſen, ſo wahr ich eine Chriſtenſeele habel“ ſagte der Herzog;„ſo ſehr vergeſſen, als wenn ich nie dieſen Plan koͤniglichen Ehrgeizes genaͤhrt haͤtte.— Verdammt, wir werden den verwickelten Knoten die⸗ ſer Intrigue aufloͤſen.— Aber es iſt nur ein elen⸗ der Fels, nicht der Muͤhe wer h. die ich auf ihn ver⸗ wandt habe. Allein in ehehe t, ich koͤnnte eben ſo gut eine Huͤhnerfeder auf meinen Hut ſtecken, und ſie einen Federbuſch nennen. Ueberdieß wenn ich nun daruͤber nachdenke, wuͤrde es kaum ehrenvoll ſein, dieß kleine Koͤnigthum aus Derby's Beſitz zu reißen. Ich gewann ein Tauſend Pfund von dem jungen Grafen, als er zuletzt hier war, und ließ ihn am Hofe ſich an mich haͤngen. Ich zweifle, daß die ganzen Einkuͤnfte dieſes Koͤnigreichs zweimal ſo viel werth ſind. Leicht koͤnnt ich es von ihm gewinnen, wenn er hier waͤre, mit weniger Muͤhe, als es mich koſten wuͤrde, dieſe muͤhſeligen Intriguen Chriſtians zu betreiben.“ „Wenn es mir zu iet erlaubt iſt, Ihre Durch⸗ laucht,“ antwortete Jerningham,„ſobald Sie eini⸗ germaßen zum Wechſel Ihrer Geſinnungen geneigt ſind, kann auch Niemand in England beſſere Gruͤnde fuͤr dieſe Veraͤnderung anfuͤhren.“ 5 „Das denk' ich auch, Jerningham,“ ſprach der Herzog;„und vielleicht iſt es ſelbſt ein Grund fuͤr mein Wechſeln. Es gefaͤllt einem, ſein eignes Be⸗ nehmen zu rechtfertigen, und ſchoͤne Gruͤnde fuͤr das aufzufinden, was man zu thun Luſt hat.— Und 3 nun noch einmal, geh deiner Wege. Oder hoͤre— hoͤre— ich werde einiges einzelne Gold brauchen. Du kannſt die Boͤrſe hier laſſen, die ich dir gab; ich will dir dafuͤr eine Anweiſung auf eben ſo viel und zwei Jahre Intereſſen bei dem alten Jakob Doublefee geben.“ „Wie es Ihrer Durchlaucht gefaͤllt,“ ſagte Jer⸗ ningham, mit ſeinem ganzen Vorrath von Gefällig⸗ keit kaum faͤhig, ſeine Kraͤnkung zu verheelen, auf den Wechſel gegen eine entfernte Ordre, von einer Art, die neulich nicht ſehr regelmaͤßig honorirt wor⸗ den war, den glaͤnzenden Inhalt der Boͤrſe hinzuge⸗ ben, die wirklich in ſeiner Taſche war. Insgeheim, doch feierlich, that er ein Geluͤbde, daß die Intereſſen von zwei Jahren allein nicht die Verguͤtung fuͤr die⸗ ſen unfreiwilligen Tauſch in der Form ſeiner Beloh⸗ nung ſein ſollten. Als der mißvergnuͤgte Untergebene das Zimmer verließ, traf er oben an der großen Treppe Chriſtian ſelbſt, der, ſich der Freiheit eines alten Hausfreundes bedienend, unangemeldet nach des Herzogs Ankleide⸗ zimmer den Weg nahm. Jerningham, vermuthend, daß ſein Beſuch bei dieſen kritiſchen Umſtaͤnden nichts weniger als gelegen oder paſſend ſein moͤchte, ſuchte ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen, und gab vor, der Herzog ſei nicht recht wohl und in ſeinem Schlafzimmer; und dieß ſagte er ſo laut, daß ihn ſein Herr hoͤren, und, wenn es ihm gefiel, die in ſeinem Namen gemachte Entſchuldigung dadurch be⸗ ſtaͤtigen moͤchte, daß er ſich ins Schlafzimmer, als ſeine letzte Freiſtaͤtte, zuruͤckzoͤge, und gegen Zudring⸗ lichkeit den Riegel vorſchoͤbe. Aber weit entfernt, eine Kriegsliſt zu gebrauchen, zu der er bei fruͤhern Gelegenheiten Zuflucht genom⸗ men hatte, um diejenigen zu vermeiden, die, obgleich zu einer angewieſenen Stunde und in wichtiger An⸗ gelegenheit, zu ihm kamen, rief Buckingham aus ſeinem Ankleidezimmer mit lauter Stimme ſeinem Kammerdiener den Befehl zu, ſeinen guten Freund, Herrn Chriſtian, ſogleich herein zu fuͤhren, und gab ihm einen Verweis, daß er einen Augenblick ange⸗ 3 ſtanden, es zu thun. „Nun,“ dachte Jerningham bei ſich ſelber, „wenn Chriſtian den Herzog ſo gut kennte, als ich, ſo wuͤrde er eher dem Sprunge eines Lowen Stand halten, gleich dem kuͤhnen Londoner Lehrling, als ſich an meinen Herrn in dieſem Augenblicke wagen, da er gerade in einer eben ſo gefaͤhrlichen Laune iſt, als das Thier. Er fuͤhrte dann Chriſtian ſeinem Herrn vor, und ſtellte ſich wohlbedaͤchtig in riner zum Behorchen hin⸗ reichenden Entfernung vor die Thuͤre. — 41 Drittes Kapitel. In dem Benehmen des Herzogs gegen Chriſtian war nichts, das einen in den ſchlimmſten Naͤnken der Menſchen ſo erfahrnen Mann haͤtte vermuthen laſſen, daß Buckingham in demſelben beſondern Au⸗ genblicke den Teufel lieber geſehen haͤtte, als ihn; es waͤre denn, daß Buckingham's außerordentlich hoͤfliche Aufnahme eines ſo alten Bekannten, einen gewiſſen Grad des Argwohns in ihm erregt haben moͤchte. Nachdem Chriſtian mit einiger Schwierigkeit dem weiten Felde allgemeiner Complimente entwichen war, welches daſſelbe Verhaͤltniß zu dem Gebiet der Geſchaͤftsangelegenheit hat, als nach Milton der Vorhimmel der Vaͤter zu der ſinnlichen und mate⸗ riellen Erde, fragte er ſeine Durchlaucht mit derſel⸗ ben geraden Einfachheit(unter der er gewoͤhnlich einen ſehr tiefen und ſchlauen Charakter verbarg), ob er neuerlich Chiffinch oder ſeine Gefaͤhrtin geſe⸗ hen haͤtte. „Keins von Beiden neuerlich,“ antwortete Buckingham.„Haben Sie ihnen nicht ſelbſt auf⸗ gewartet?— Ich glaubte, Sie wuͤrden noch unru⸗ higer uͤber den großen Plan geweſen ſein⸗“ „Ich habe dann und wann mich gemeldet, ſagte 42 3— Chriſtian,„aber ich kann bei dieſem wichtigen Paar keinen Zutritt gewinnen. Ich fange an, zu fuͤrch⸗ ten, daß ſie unredlich mit mir handeln.“ „Was, bei dem Himmel und ſeinen Sternen, Sie nicht ſaͤumen wuͤrden, zu raͤchen, Herr Chri⸗ ſtian. Ich kenne Ihre puritaniſchen Grundſaͤtze in dieſem Punkte wohl,“ ſagte der Herzog.„Rache kann man wohl ſuͤß nennen, wenn ſo viele ernſthafte und weiſe Maͤnner bereit ſind, fuͤr ſie alle Zuckererbſen auszutauſchen, welche den armen ſuͤndigen Leuten der Welt Vergnuͤgen gewaͤhren.“ „Sie moͤgen ſcherzen, gnaͤdiger Herr,“ pra Chriſtian;„aber doch— „Aber doch wollen Sie ſich an Chiffinch und ſei⸗ ner kleinen bequemen Geſellſchafterin raͤchen. Und dennoch mag das Unternehmen ſchwer ſein— Chif⸗ finch hat ſo viele Wege, ſeinen Herrn ſich zu ver⸗ pflichten— ſeine kleine Frau iſt ſo eine bequeme huͤbſche Art Schirm, und hat an ſich ſelbſt ſo gewin⸗ nende kleine Manieren, daß ich, meiner Treu', in Ihrem Falle mich nicht mit ihnen befaſſen wuͤrde. Was iſt dieß Verſchließen ihrer Thuͤre weiter, Mann? Wir alle thun das dann und wann gegen unſere beſten Freunde ſo gut, als gegen Mahner und langweilige Geſellſchaft.“ „Wenn Ihre Durchlaucht gelaunt ſind, ſo wild 8 4 43 in Ihrem Geſpraͤch herum zu ſchweifen,“ ſagte Chri⸗ ſtian,„ſo kennen Sie meine alte Gabe der Geduld. — Ich kann warten, bis es Ihnen beliebt, ernſt⸗ hafter zu ſprechen.“ „Ernſthafter!“ ſagte der Herzog—„Warum nicht?— Ich warte nur darauf, zu erfahren, worin Ihr ernſthaftes Anliegen beſteht.“ „Mit einem Wort, gnaͤdiger Herr, aus der Ver⸗ weigerung Chiffinch's mich zu ſehen, und aus einigen vergeblichen Anmeldungen, die ich im Hauſe Ihrer Durchlaucht gemacht habe, fuͤrcht ich, daß entweder unſer Plan mißlungen iſt, oder daß eine gewiſſe Ab⸗ ſicht ſtatt findet, mich von der fernern Betreibung der Sache auszuſchließen.“ Chriſtian ſprach dieſe Worte mit beſonderm Nachdruck. „Das waͤre nicht weniger Thorheit, als Verraͤ⸗ therei,“ erwiederte der Herzog,„von der Beute den Ingenieur ſelbſt, der den Angriff leitete, auszu⸗ ſchließen. Aber hoͤren Sie, Chriſtian,— es iſt mir leid, Ihnen ſchlimme Neuigkeiten ohne Vorbereitung zu erzaͤhlen; da Sie aber darauf beſtehen, auch das Schlimmſte wiſſen zu wollen, und ſich nicht ſchaͤmen, Ihre beſten Freunde in Verdacht zu ziehen, ſo muß es heraus— Ihre Nichte verließ Chiffinch's Haus am vorgeſtrigen Morgen.“ Chriſtian wankte, als wenn er einen ſtarken 44— Stoß bekommen haͤtte; und das Blut trat ihm in einem ſolchen Strome der Leidenſchaft ins Geſicht, daß der Herzog glaubte, er waͤre vom Schlage ge⸗ ruͤhrt. Allein mit Ausuͤbung der außerordentlichen Macht, die er in den groͤßten Pruͤfungen uͤber ſich beſaß, und mit einer Stimme, deren Gelaſſenheit mit ſeinem veraͤnderten Anſehen, unnatuͤrlich kon⸗ traſtirte, ſagte er:„Darf ich vermuthen, daß das Maͤdchen, indem ſie den Schutz des Hauſes, in das ich ſie brachte, verließ, eine Zuflucht in dem Ihrer Durchlaucht gefunden habe?“ G „Herr, dieſe Muthmaßung traut meiner Galan: terie mehr zu, als ſie verdient.“ „O mein gnaͤdiger Herzog,“ antwortete Chri⸗ ſtian,„ich bin keiner von denen, die Sie durch dieſe Art von Hofgeſchwaͤtz hintergehen koͤnnen. Ich weiß, weſſen Ihre Durchlaucht faͤhig iſt; und daß Sie, um die Laune eines Augenblicks zu befriedigen, ſich nicht bedenken wuͤrden, ſelbſt die Entwuͤrfe zu vereiteln, an denen Sie ſelber am geſchaͤftigſten ge⸗ arbeitet haben.— Nehmen Sie an, dieſer Scherz ſei zu Ende geſpielt. Nehmen Sie Ihr Lachen uͤber jene einfachen Vorſichtsmaaßregeln, womit ich die Angelegenheiten ſowohl Ihrer Durchlaucht, als An⸗ derer, zu beſchuͤtzen beabſichtigte. Laſſen Sie uns den Umfang Ihrer Beluſtigung wiſſen, und erwaͤ⸗ — 45 gen, in wie fern ihre Folgen wieder gut gemacht werden koͤnnen.“ „Auf mein Wort, Chriſtian,“ ſagte der Herzog lachend,„Sie ſind der verbindlichſte aller Onkel und Vormuͤnder. Laſſen Sie Ihre Nichte eben ſo viele Abenteuer beſtehen, als Boccaccio's Braut des Koͤ⸗ nigs von Garba, es kuͤmmert Sie nicht. Rein oder befleckt, ſie wird nimmer den Andſchemel Shees Gluͤcks ausmachen.“ Ein Indiſches Sprichwort ſagt, daß der Pfeil der Verachtung ſelbſt durch die Schale der Schild⸗ kroͤte dringen werde; aber dieß iſt noch beſonders der Fall, wenn das Gewiſſen dem Gegenſtande des Spottes ſagt, daß er denſelben mit Recht verdient habe. Chriſtian, von Buckingham's Vorwurf ge⸗ troffen, nahm auf einmal eine ſtolze und drohende Miene an, ganz unvertraͤglich mit derjenigen, in welcher Duldung eben ſo ſehr ſein Abzeichen zu ſein ſchien, als das des Shylock.„Sie ſind ein ſchmaͤh⸗ ſuͤchtiger und ein hoͤchſt unwuͤrdiger Herr,“ ſagte er;„und dafuͤr will ich Sie oͤffentlich erklaͤren, wenn Sie mir nicht die nuerhans Beleidigung wieder gut machen.“ „Und fuͤr wen ſau ich Sie erklaͤren,“ ſagte der Herzog von Buckingham,„wenn Sie den ge⸗ ringſten Anſpruch haben ſollen, von einem Mann, 46 wie ich bin, bemerkt zu werden? Welchen Namen ſoll ich der kleinen Verhandlung geben, die ſo ein unerwartetes Mißverſtaͤndniß erzeugt hat?“ Chriſtian ſchwieg, entweder aus Wut, oder weil er ſich uͤberfuͤhrt fuͤhlte. „Friſch auf! Chriſtian,“ ſagte der Herzog laͤ⸗ chelnd,„wir wiſſen zu viel von einander, um ohne Gefahr zu ſtreiten. Haſſen moͤgen wir einander— einander uͤberliſten— es iſt der Brauch am Hofe— aber oͤffentlich erklaͤren!— Pfui uͤber den Ausdruck.“ „Ich gebrauchte ihn nicht eher,“ ſagte Chri⸗ ſtian,„als bis Ihre Durchlaucht mich aufs Aeu⸗ ßerſte trieben. Sie wiſſen, gnaͤdiger Herr, ich habe im Lande und auswaͤrts gefochten, und Sie ſollten nicht aͤbereilt glauben, ich wuͤrde etwas Un⸗ wuͤrdiges ertragen, was Blut abwiſchen kann.“ „Im Gegentheil,“ ſagte der Herzog, auf die⸗ ſelbe hoͤfliche und ſpoͤttiſche Art,„ich kann zuver⸗ ſichtlich behaupten, daß das Leben von einem Dutzend Ihrer Freunde Ihnen etwas ſehr Geringes daͤnken wuͤrde, Chriſtian, wenn ihr Daſein, ich will nicht ſagen, mit Ihrem Charakter, ſondern mit irgend einem Vortheil, den ihr Daſein verhindern moͤchte, ins Gedraͤnge kaͤme.— Pfui daruͤber, Mann; wir haben einander lange gekannt. Ich hielt Sie nie fuͤr eine feige Memme; und freue mich nur, zu ſehen, daß ich einige Funken Hitze aus Ihrem kalten und beſtaͤndigen Temperament ſchlagen konnte. Nun will ich, wenn es Ihnen beliebt, Ihnen auf einmal das Schickſal der jungen Dame erzaͤhlen, bei dem ich, Sie koͤnnen es glanben, wahrhaft intereſſirt bin. „Ich hoͤre Ihnen zu, gnaͤdiger Hergos, e ſagte Chriſtian.„Die Falte Ihrer Oberlip) und Ihrer Augenbraunen entgeht mir nicht. Ihre Durchlaucht kennen das franzoͤſiſche Sprichwort: der lacht am beſten, der zuletzt lacht. Aber ich hoͤre Ihnen zu.“ „Dem Himmel ſei Dank, wenn Sie's thun,“ ſagte Buckingham.„Denn Ihr Fall erfordert Eile, ich verſichere es Ihnen, und enthaͤlt nichts zum La⸗ chen. Wohlan dann, hoͤren Sie eine einfache Wahrheit, fuͤr welche ich(wenn es mir geziemte, fuͤr das, was ich fuͤr ſolche erklaͤre, ein Unterpfand anzubieten) Leben, Vermoͤgen und Ehre zum Pfr ſetzen koͤnnte. Es war am vorletzten Morgen, als ich mit dem Koͤnige bei Chiffinch unerwartet zuſam⸗ mentraf— in Wahrheit, ich hatte herein geſehen, um eine Stunde zu vertaͤndeln, und zu erfahren, wie weit Ihr Plan vorgeruͤckt waͤre— ich ſah einen ſonderbaren Auftritt. Ihre Nichte erſchreckte die kleine Chiffinch(die Henne Chiffinch meine ich)— 48— bot dem Koͤnige Trotz ins Angeſicht, und ging trium⸗ phirend von ihm weg, unter dem Schutz eines jun⸗ gen Burſchen von wenig Bedeutung oder Annehm⸗ lichkeit, außer einer leidlichen Figur, und dem Vor⸗ theil einer faſt unbeſiegbaren Unverſchaͤmtheit. Wahrhaftig, ich kann kaum ohne Lachen daran denken, wie der Koͤnig und ich beide geaͤfft wurden; denn ich will nicht leugnen, daß ich fuͤr einen Au⸗ genblick mit der ſchoͤnen Indamora zu taͤndeln ver⸗ ſucht hatte. Aber, wahrhaftig, der junge Burſche raubte ſie uns vor der Naſe weg, gleich meinem eignen Eiſenfreſſer, der das Gaſtmahl den beiden Koͤnigen von Brentford entruͤckte. Es war eine Wuͤrde in dem prahleriſchen Ruͤckzuge des Liebha⸗ bers, die ich Mohun zu lehren ſuchen muß; ſie wird ſeine Rolle treflich kleiden.“ „Dieß iſt unbegreiflich, Ihre Durchlaucht,“ ☛ Chriſtian, der unterdeſſen alle ſeine gewoͤhnliche Kaltbluͤtigkeit wieder angenommen hatte;„Sie koͤnnen nicht erwarten, daß ich dieß glauben ſoll. Wer duͤrfte ſo kuͤhn ſein, meine Nichte auf ſolche Art und von ſo einer hohen Perſon weg zu fuͤhren? Und mit wem, mit welchem Fremden, wie er ge⸗ weſen ſein muß, konnte ſie— ſo klug und vorſich— tig, als ich ſie kenne— auf eine ſolche Art fortzu⸗ gehen, ſich haben gefallen laſfen?— Guzdiger Herr, ich kann dieß nicht glauben.“ „Einer von Ihren Prieſtern, mein alerfeümnmite Chriſtian,“ erwiederte der Herzog,„wuͤrde bloß antworten: ſtirb, Unglaͤubiger, in deinem Unglau⸗ ben; aber ich bin nur ein armer ſuͤndiger Weltmenſch, und will jeden Scherf zur Belehrung hinzu fuͤgen. Der Name des jungen Burſchen iſt, ſo viel ich er⸗ fahren habe, Julian, Sohn Sir Gottfrieds, den die Leute Peveril von dem Gipfel nennen.“ „Peveril von dem Teufel, der ſeine Hoͤhle hier hat!“ ſagte Chriſtian hitzig;„denn ich kenne dieſen Stutzer, und halte ihn alles Kuͤhnen und Verzwei⸗ felten faͤhig. Aber wie konnte er ſich in die Gegen⸗ wart des Koͤnigs eindraͤngen? Entweder die Hoͤlle hilft ihm, oder der Himmel achtet mehr auf menſch⸗ liche Angelegenheiten, als ich bis jetzt geglaubt habe. Wenn das iſt, ſo mag uns Gott vergeben, daß wir meinten, er daͤchte gar nicht an uns.“ „Amen, hoͤchſt chriſtlicher Chriſtian,“ erwiederte der Herzog.„Es freut mich, zu ſehen, daß Du noch eine Beruͤhrung von Gnade haſt, die Dich zu dieſer Vermuthung hinleitet. Aber Empſon, die Henne Chifſinch, und noch ein halb Dutzend, ſahen des Schaͤfers Eintritt und Abzug. Beliebe, die Zeugen mit deiner eignen Weisheit zu verhoͤren, IV. C 50— wenn du deine Zeit mit nichts Beſſerm anwenden zu koͤnnen glaubſt, als den Fluͤchtlingen nach zu ſpuͤren. Ich glaube, er gewann Zutritt als ein Mitglied von einer Art Tanz⸗ oder Maskengeſellſchaft. Rowlen, wie Du weißt, iſt Allen zugaͤnglich, die zum Vor⸗ ſchein kommen, um ihm eine Unterhaltung zu geben⸗ So ſtahl ſich dieſer unruhige verwegene Stutzer ein, wie Simſon unter die Philiſter, um unſern ſchoͤnen Plan uns vor unſern Augen zu zerſtoͤren.“ „Ich glaube Ihnen, Ihre Durchlaucht,“ ſagte Chriſtian;„ich muß Ihnen glauben; und ich ver⸗ gebe Ihnen, weil es in Ihrer Natur liegt, zu ſcher⸗ zen uͤber das, was Untergang und Verderben bringt. Allein welchen Weg ſchlugen ſie ein?“ „Nach Derbyſhire, ſollt ich glauben, um ihren Vater aufzuſuchen,“ ſprach der Herzog.„Sie ſagte, ſie wollte ſich in den vaͤterlichen Schutz bege⸗ ben, ſtatt des Ihrigen, Herr Chriſtian. Bei Chiffinchens waͤre etwas vorgefallen, das ihr Anlaß zum Argwohn gaͤbe, Sie haͤtten nicht ganz auf die Art, des ihr Vater wahrſcheinlich gut heißen wuͤrde, faͤr ſeine Tochter geſorgt. 24 „Nun, der Himmel ſei geprieſen,“ ſagte Chri⸗ ſtian;„ſie weiß nicht, daß ihr Vater nach London gekommen iſt! Und ſie muͤſſen entweder auf das Schloß Martindale, oder nach Moultraſſie⸗Hall 51¹ gegangen ſein; in jedem Falle ſind ſie in meiner Ge⸗ walt— Ich muß ihnen auf dem Fuße nachfolgen— ich will unverzuͤglich nach Derbyſhire zuruͤck— ich bin verloren, wenn ſie ihren Vater trifft, ehe dieſe Fehler gut gemacht ſind. Adieu, mein gnaͤdiger Herzog. Ich vergebe ihnen die Rolle, die Sie bei der Vermittlung unſers Unternehmens geſpielt haben muͤſſen.— Es iſt keine Zeit zu gegenſeitigen Vorwuͤrfen.“ „Sie ſagen die Wahrheit, Herr Chriſtian,“ ſprach der Herzog,„und ich wuͤnſche Ihnen allen gluͤcklichen Erfolg. Kann ich Ihnen mit Leuten oder Pferden oder mit Geld behuͤlflich ſein?“ „Ich danke Ihrer Durchlaucht,“ ſagte Chriſtian, und verließ eilig das Zimmer. Der Herzog wartete ſein Hinabgehen uͤber die Treppe ab, bis man ſeine Tritte nicht mehr hoͤrte, und rief dann zu dem herein tretenden Jerningham aus: Victoria! Victoria! magna est veritas et praevalebit*). Haͤtt' ich dem Schurken ein Wort von einer Luͤge geſagt, er iſt ſo vertraut mit allen Wohnſitzen der Falſchheit— ſein ganzes Leben iſt ſo ein entſchiedener Betrug geweſen, daß ich den Au⸗ genblick entdeckt worden waͤre; aber ich ſagte ihm *) Triumph! Triumph! Gryß iſt die Wahrheit, und ſie wird ſiegen. C 2 52 die Wahrheit, und das war das einzige Mittel, ihn zu betruͤgen. Victoria! mein theurer Jerningham, ich bin ſtolzer darauf, Chriſtian zu uͤberliſten, als ich geweſen ſein wuͤrde, einen Staatsminiſter zu hintergehen.“ „Ihre Durchlaucht haben von ſeiner Einſicht eine ſehr große Meinung,“ ſagte der Kammerherr. „Von ſeiner Verſchlagenheit wenigſtens wohl, die in Hofangelegenheiten oft den Wetterzeiger der Einſicht beſiegt, wie auf den Rheden von Yar⸗ mouth eine Haͤringsbuiſe eine Fregatte ausſticht. Er ſoll mit meinem Willen nicht nach London zu⸗ ruͤckkommen, bis alle dieſe Intriguen vorbei ſind.“ Indem der Herzog ſprach, wurde der Oberſte, nach dem er zu wiederholten Malen gefragt hatte, von einem Herrn ſeines Hofſtaats angemeldet.„Er begegnete doch Chriſtian nicht?“ fragte der Herzog haſtig·. „Nein, Ihre Durchlaucht,“ antwortete der Kammerdiener.„Der Oberſte kam die alte Gar⸗ tentreppe herauf.“ „Das glaubt' ich wohl,“ ſagte der Herzog; „es iſt eine Eule, die nicht bei Tageslicht fliegen will, wenn es noch ein Gebuͤſch gibt, darunter —„ 33 hin zu ſchluͤpfen. Hier kommt er durch das Gaͤß⸗ chen, das Gewoͤlbe und den verfallenen Gang, ein ziemlich eben ſo Ungluͤck bedeutendes Geſchoͤpf, als der Vogel, dem er gleicht.“ Der Oberſt, dem keine andere Benennung gege⸗ ben zu werden ſchien, als die ſeinem militaͤriſchen Poſten gehoͤrte, trat nun ins Zimmer. Er war lang, ſtark ge baut, uͤber das mittlere Alter hinaus, und ſein Anſehen konnte, die truͤbe Wolke, die darauf lag, ausgenommen, fuͤr huͤbſch gelten. Waͤhrend der Herzog zu ihm ſprach, ſchlug er, entweder aus Demuth, oder aus einer andern Urſache, ſein großes ernſtes Auge nieder; aber er erhob es, als er ant⸗ wortete, mit einem ſcharfen Blick eifriger Beobach⸗ tung. Seine Kleidung war ſehr einfach, und mehr jener der Puritaner, als der der Edelleute ſeiner Zeit aͤhnlich; ein ſchattiger ſchwarzer Hut, gleich dem Spaniſchen sombrero, ein großer ſchwarzer Mantel und ein langes Rapier gaben ihm in etwas das Anſehen eines Caſtilianers, welches die Gravitaͤt und die Geradheit ſeines Benehmens noch betraͤcht⸗ lich verſtaͤrkten. „Willkommen, Oberſt,“ ſagte der Herzog,„wir ſind lange einander fremd geweſen— wie iſt es Ih. nen gegangen?“ „Wie andern Maͤnnern von Thaͤtigkeit in ruhi⸗ 83 gen Zeiten,“ antwortete der Oberſte,„oder wie ei⸗ nem guten Kriegskaperſchiffe, das hoch und trocken in einer ſchlammigen Bucht lieget, bis Fugen und Breter geſpalten und geborſten ſind.“ „Wohlan, Oberſter,“ ſagte der Herzog,„0 habe mich Ihrer Tapferkeit vormals bedient, und ich kann es wieder thun, ſo daß ich bald ſehen werde, daß das Fahrzeug kalfatert wird, und eine gaͤnzliche Ausbeſſerung erfaͤhrt.“ „Ich vermuthe demnach,“ ſagte der Oberſte, „daß Ihre Gnaden eine Reiſe zu Waſſer vor⸗ haben.“ Nein,“ antwortete der Herzog;„aber es gibt eine, die ich zu unterbrechen wuͤnſche.“ Dieß iſt nur eine andere Strophe von derſelben Melodie.— Gut, mein Herzog, ich. lwerde hoͤren,“ antwortete der Fremde. „Nein, es iſt uͤberhaupt nur eine unbedeutende Sache.— Sie kennen Eduard Chriſtian?“ „Ja wohl, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte der Oberſte;„wir ſind lange mit einander bekannt ge⸗ weſen.“ „Er iſt im Begriff, nach Derbyſhire hinab zu gehen, um eine gewiſſe Nichte von ſeiner Familie aufzuſuchen, die er kaum dort finden wird. Nun, ich verlaſſe mich auf Ihre erprobte Freundſchaft, daß — 5⁵ Sie ſeine Ruͤckkehr nach London abhalten werden. Gehe zu ihm, ſchmeichle ihm, oder fall ihn an, oder thu’, was du willſt, mit ihm— nur halt’ ihn wenigſtens auf vierzehn Tage von Lon⸗ don ab, und dann kuͤmmert es mich wenig, wie bald er komme.“ „Denn alsdann, vermuth' ich,“ ſagte der Ober⸗ ſte,„kann irgend Jemand das Maͤdchen ſinden, das er des Aufſuchens werth haͤlt.“ „Du kannſt ſie ſelbſt werth achten, ſie fuͤr dich aufzuſuchen, Oberſt; ich betheure dir, ſie hat viele Tauſend an ſich gefeſſelt; ein ſolches Weib wuͤrde dich vom Herumſchweifen abhalten.“ „Gnaͤdiger Herr, ich verkaufe mein Blut und mein Schwert, aber nicht meine Ehre,“ antwortete der Mann unwillig;„wenn ich heirathe, ſo mag mein Bette ein armes, gber es ſoll ein ehrliches ſein. „So wird dein Weib das einzige ehrliche Stuͤck in deinem Beſitz ſein, Oberſt,— wenigſtens ſeitdem ich dich gekannt habe,“ erwiederte der Herzog. „Nun wahrhaftig, Ihre Gnaden moͤgen Ihr Belieben uͤber dieſen Punkt ausſprechen. Es iſt vornehmlich Ihr Geſchaͤft, das ich neuerlich ausge⸗ richtet habe, und wenn es, ſtreng genommen, weniger anſtaͤndig waͤre, als ich haͤtte wuͤnſchen koͤnnen, ſo C 4 56— war der Auftragende ſowohl zu tadeln, als der Voll⸗ zieher. Was aber das Heiraten betrifft, ſo lebt (Ihre Gnaden, der Herr Herzog ausgenommen, dem ich verpflichtet bin) kein Mann, der mir ſhset et⸗ was vorzuſchlagen wagt.“ Der Herzog lachte laut.„Ei, das iſt meines alten Piſtol's Ader,“ ſagte er, —„Soll ich Sir Pandarus von Troja werden, Und Stahl an meiner Seite tragen? Alles Mag Lucifer dann nehmen.“ „Meine Erziehung iſt zu einfach geweſen, als daß ich Stuͤcke von Verſen aus dem Theater ver⸗ ſtaͤnde, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Oberſte verdrieß⸗ lich.„Haben Ihre Durchlaucht mir nicht einen an⸗ dern Dienſt zu befehlen?“ „Nein— Man hat mir blos geſagt, Sie haͤt⸗ ten eine Erzaͤhlung in Betreff des Complotts her⸗ ausgegeben.“ „Was ſollte mir fehlen, gnaͤdiger Herr?“ ſagte der Oberſte;„ich hoffe, ich bin ſo ein guͤltiger Zeuge, als irgend einer, der bis jetzt erſchienen iſt.“ „Sehr wahr, ſo denk' ich vollkommen auch,“ antwortete der Herzog;„und es wuͤrde hart gewe⸗ ſen ſein, da ſo viel vortheilhaftes Unheil im Gange war, wenn ein ſo vortrefflicher Proteſtant, wie 57 — Sie, nicht mit ſeinem Beitrage herbeigekommen waͤre. „Ich kam, Ihrer Durchlaucht Befehle zu em⸗ pfangen, nicht um der Gegenſtand Ihres Witzes zu— ſein,“ ſagte der Oberſt. „Brav geſprochen, hoͤchſt entſchloſſener und fleckenloſeſter Oberſt! Da Sie auf volle Beſoldung in meinem Dienſte fuͤr einen folgenden Monat ſind, ſo bitt' ich um Annahme dieſer Boͤrſe fuͤr zufaͤllige Ausgaben und fuͤr Ausruͤſtungen, und Sie ſollen von Zeit zu Zeit meine Inſtructionen erhalten.“ „Sie ſollen puͤnktlich befolgt werden, mein gnaͤ⸗ diger Herr,“ ſagte der Oberſt;„ich kenne die Pflicht eines Subaltern⸗Offiziers. Ich wuͤnſche Ihrer Durchlaucht einen guten Morgen.“ Mit dieſen Worten ſteckte er die Boͤrſe ein, ohne weder eine Weigerung zu affektiren, noch einen Dank auszudruͤcken, ſondern blos als eine Verrichtung in dem regelmaͤßigen Geſchaͤftsgange, und ſchritt aus dem Zimmer mit derſelben finſtern Gravitaͤt, die ſei⸗ nen Eintritt bezeichnete.„Nun da geht ein Schelm nach meinem eigenen Herzen,“ ſagte der Herzog; „ein Raͤuber von ſeiner Wiege an, ein Moͤrder, ſeit⸗ dem er ein Meſſer halten konnte, ein tiefer Heuchler in der Religion, und ein noch tieferer und ſchlimme⸗ rer Heuchler in der Ehre,— wuͤrde ſeine Seele C 5 58— dem Teufel verkaufen, jede Niedertraͤchtigkeit aus⸗ zufuͤhren, und wuͤrde ſeinem Bruder die Kehle ab⸗ ſchneiden, wenn es dieſer wagte, der Niedertraͤchtig⸗ keit ſeiner Handlung den rechten Namen zu geben. — Nun, was ſtehen Sie ſo erſtaunt da, guter Herr Jerningham, und ſehen mich an, als wenn Sie ein Ungeheuer aus Indien betrachteten, nachdem Sie Ihren Schilling, es zu ſehen, bezahlt haͤtten, und Ihr Wunderding mit Ihren Augen anſtarrten, die eben ſo rund ſind, wie ein paar Brillenglaͤſer? Blinzle, Mann, und ſchone ſie, und dann laß deine Zunge das Geheimniß loͤſen.“ 4 „Auf mein Wort, mein gnaͤdiger Herzog,“ ant⸗ wortete Jerningham,„weil ich gezwungen bin zu reden, ſo kann ich nur ſagen, daß, je laͤnger ich bei Ihrer Durchlaucht lebe, ich um ſo weniger die Triebfedern Ihrer Handlungen zu ergruͤnden weiß. Andere machen Plaͤne, um Gewinn oder Vergnuͤgen durch die Ausfuͤhrung zu erlangen; aber Ihrer Durchlaucht Luſt iſt es, Ihren eigenen Entwuͤrfen entgegen zu handeln, wenn ſie eben im Begriff ſind, ausgefuͤhrt zu werden, gleich einem Kinde— ver⸗ zeihen Sie mir— das ſein Lieblingsſpielzeug zer⸗ bricht, oder gleich einem Mann, der Feuer an das Haus legt, das er ſchon halb gebauet hat.“ —— — 59 „Und warum nicht, wenn er ſich an dem Feuer die Haͤnde waͤrmen wollte?“ ſragte der Herzog. „Ja, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte ſein Unterge⸗ bener; aber wie, wenn er ſich dabei die Finger ver⸗ brennte?— Ihre Durchlaucht, es iſt eine Ihrer edelſten Eigenſchaften, daß Sie bisweilen die Wahr⸗ heit anhoͤren wollen, ohne Anſtoß daran zu nehmen; aber waͤre es auch anders, ſo koͤnnt' ich doch in die⸗ ſem Augenblicke mich nicht enthalten, auf jede Ge⸗ fahr, mich frei auszuſprechen.“ „Nun gut, rede frei, ih kann es ertragen,“ ſprach der Herzog, indem er ſich in einen Armſtuhl warf, und ſich mit gefaͤlliger Gleichguͤltigkeit und Gleichmuͤthigkeit ſeines Zahnſtochers bediente.„Ich hoͤre gern, was ſolche Toͤpfer⸗Scherben, wie du biſt, von dern Verfahren unſrer Perſon denken, die aus dem reinſten Porzellanthon der Erde ge⸗ macht iſt. „So laſſen Sie mich denn, mein gnaͤdiger Herr, in des Himmels Namen Sie fragen,“ ſagte Jer⸗ ningham,„was fuͤr Verdienſt Sie darin ſuchen, oder was fuͤr Vortheil Sie davon erwarten, daß Sie Alles, worin Sie betheiligt ſind, bis zu einem Grade derwirret haben, der dem Chaos von des blinden al⸗ ten Puritaners Gedicht gleich kommt, auf das Ihre Durchlaucht ſo viel halten? Um von dem Koͤnige ——————— 60 anzufangen, trotz ſeiner gutmuͤthigen Laune, wird er uͤber Ihre wiederholte Erſcheinung als Nebenbuhler aufgebracht werden.“ „Seine Majeſtaͤt forderten mich dazu heraus.“ „Sie haben durch den Streit mit Chriſtian alle Hoffnung auf die Inſel verloren.“ „Ich habe aufgehoͤrt, mich ein Haar darum zu bekuͤmmern,“ antwortete der Herzog. „An Chriſtian ſelber, den Sie beleidigt haben, und deſſen Familie Sie zu entehren Willens ſind, haben Sie ein ſcharfſichtiges, liſtiges und kaltbluͤtiges Werkzeug und einen Anhaͤnger verloren,“ ſagte der Ermahner. „Armer Jerningham!“ antwortete der Herzog; „ich zweifle nicht, Chriſtian wuͤrde eben ſo viel fuͤr dich ſagen, wenn du morgen abgedankt werden ſoll⸗ teſt. Es iſt der gemeine Irrthum ſolcher Werk⸗ zeuge, ſich fuͤr unentbehrlich zu halten. Was ſeine Familie betrifft, ſo kann das, was nie ehrenvoll war, durch irgend eine Verbindung mit meinem Hauſe nicht entehrt werden.“ „Ich ſage nichts von Chiffinch,“ ſagte Jerning⸗ ham,„ſo ſehr er ſich beleidigt finden wird, wenn er erfaͤhrt, warum und durch wen ſein Plan zerſtoͤrt, und das Frauenzimmer weggelockt worden iſt— Er und ſeine Frau, ich ſage nichts von ihnen.“ 61 „Sie haben es nicht noͤthig,“ ſagte der Herzog; „denn waͤren ſie ſelbſt paſſende Perſonen, mit mir einmal zu ſprechen, ſo hat die Herzogin von Ports⸗ mouth ſchon um ihre Ungnade unterhandelt.“ „Dann dieſen Bluthund von einem Oberſten, wie er ſich nennt, koͤnnen Ihre Durchlaucht nicht einmal zu einer Nachſuchung bringen, mit der er Ihnen dienen ſollte, ſondern Sie muͤſſen ihm zu⸗ gleich ſolche Beſchimpfung anthun, deren er ſich ohnfehlbar erinnern wird, und gewiß wuͤrde er nach Ihrer Kehle greifen, ſollte er je Gelegenheit haben, an Sie zu gerathen.“ „Ich werde ſorgen, daß er keine habe,“ ſagte der Herzog;„und Ihr Beſorgniß, Jerningham, iſt von niedriger Art. Schlagt euern Wachtelhund tuͤchtig, wenn ihr ihn gehorſam haben wollt. Immer laßt euere Agenten ſehen, daß ihr wiſſet, was ſie ſind, und ſchaͤtzt ſie dieſem gemaͤß. Ein Schurke, der nothwendig wie ein Mann von Ehre behandelt werden muß, iſt geneigt, ſich uͤber ſein Werk zu er⸗ heben. Es mag daher mit Ihrem Rath und Tadel ſein Bewenden haben; wir ſind in jedem Punkte verſchiedener Meinung. Waͤren wir mechaniſche Kuͤnſtler, ſo wuͤrden Sie uͤber der Beobachtung des Spinnrades eines alten Weibes, das Unzenweiſe Flachs ſpinnt, Ihr Leben hinbringen; ich muß mit⸗ —— 2G—n — ten unter dem mannichfaltigſten und ſich entgegen⸗ gen wirkenden Maſchinenweſen mich befinden, auf Stoͤße und Gegenſtoͤße Acht geben, Gewichte ins Gleichgewicht bringen, Federn und Raͤder probiren, hundert verbundene Kraͤfte ordnen und in Schran⸗ ken halten.“ „Und Ihr Vermoͤgen unterdeſſen?“ ſagte Jer⸗ ningham;„vergeben Sie dieſen letzten Wink, gnaͤ⸗ diger Herr.“ 3 „Mein Vermoͤgen,“ gab der Herzog zur Ant⸗ wort,„iſt zu ungeheuer, um durch eine kleine Wunde verletzt zu werden; und ich habe, wſe du weißt, tauſend Salben in Vorrath, fuͤr die Ritze und Schrammen, die es bisweilen beim Einſchmieren meiner Maſchinen erhaͤlt.“ „Ihre Durchlaucht meinen doch nicht Doctor Wilderheads Projectionspulver?“. „Oder Anwalt Drowndland's Plan, die Simpie auszutrocknen⸗ 44 „Er iſt ein Betrieger,— das heißt ein Ad⸗ vokat.“ „Oder des Laird von Lakdolf Holzverkauf aus den Hochlanden?“* „Er iſt ein Schotte,“ ſagte der Herzog—„das heißt zugleich Betrieger und Bettler.“ „Dieſe Straßen hier, auf dem Platze Ihres edlen Palaſtes?“ ſagte Jerningham. „Der Baumeiſter iſt ein Windbeutel, und der Plan eine Gaukelei. Der Anblick des Schuttes aͤrgert *miicch, und ich will bald unſere alten Alkoven, Alleen und Blumenbeete durch einen neuen Palaſt und einen Italiaͤniſchen Garten wieder herſtellen.“ „Das hieße, gnaͤdiger Herr, Ihr Vermoͤgen verſchwenden, nicht vermehren,“ ſagte Jerningham. „Schwachkopf und Einfaltspinſel, der du biſt, du haſt den vielverſprechendſten Entwurf von allen vergeſſen— die Suͤdſee⸗Fiſchereien— ſie tragen ſchon 50 Procent. Eile hinab nach der Allee, und heiße den alten Manaſſes 20,000 Pf. fuͤr mich kau⸗ fen.— Vergib mir, Plutus, ich vergaß, mein Opfer auf deinen Altar zu legen, und erwartete doch deine Gunſt! Eile fort, Jerningham, um aller Welt willen fort.“ Mit erhobenen Haͤnden und Augen verließ Jer⸗ ningham das Zimmer; und der Herzog, ohne an alte und neue Intriguen— an die Freundſchaft, die er geſchloſſen, oder an die Feindſchaft, die er ſich zu⸗ gezogen— an die Schoͤnheit, die er ſowohl ihrem natuͤrlichen Beſchuͤtzer, als ihrem Liebhaber entfuͤhrt hatte— oder an den Monarchen, gegen den er als Nebenbuhler aufgetreten war— ohne an alles die⸗ 64 T ſes nur einen Augenblick weiter zu denken, ſetzte ſich nieder, um mit allem Eifer Demoiyre's Gluͤcks⸗ faͤlle zu berechnen, ward aber der Plage in einer halben Stunde ſatt, und verweigerte dem eifrigen Geſchaͤftstraͤger, den er in Auftraͤgen in die Stadt geſchickt hatte, den Zutritt, weil er emſig beſchaͤftigt war, ein neues Spottgedicht zu ſchreiben. Viertes Kapitel. Keine Begebenheit iſt in Erzaͤhlungen dieſer Art ge⸗ woͤhnlicher, als die Wegfuͤhrung des Frauenzimmers, an deſſen Schickſale das Intereſſe zu haͤngen ſcheint; aber die Entfernung der Alexie Bridgenorth war in ſo fern von eigener Art, daß ſie von dem Herzog von Buckingham mehr im Widerſpruche, als in der Rivalitaͤt, der Leidenſchaft erfolgte; und daß er, ſo wie er bei Chiffinchens zuerſt ihr ſeine Antraͤge machte, mehr als Nebenbuhler ſeines Souveraͤns, als aus einem ſtarken Eindrucke ihrer Schoͤnheit auf ſeine Neigungen, den ploͤtzlichen Plan gefaßt hatte, ſie durch ſeine Anhaͤnger wegholen zu laſſen, mehr um Chriſtian, den Koͤnig, Chiffinch und alle Bethei⸗ ligten in Verlegenheit zu ſetzen, als weil er ein be⸗ — 65 ſonderes Verlangen nach ihrer Geſellſchaft in ſeinem eignen Hauſe gefuͤhlt haͤtte. Wirklich war dieß ſo wenig der Fall, daß ſeine Durchlaucht uͤber den Er⸗ folg der Unternehmung, der ſie zu einer Bewohnerin dieſes Hauſes gemacht hatte, mehr uͤberraſcht, als erfreut war, ob es gleich wahrſcheinlich iſt, daß er ſich einer unbezwingbaren Leidenſchaft uͤberlaſſen ha⸗ ben wuͤrde, haͤtte er das Mißlingen ſeines Unterneh⸗ mens, ſtatt eines gluͤcklichen Erfolgs, erfahren. Vier und zwanzig Stunden gingen voruͤber, ſeit⸗ dem er in ſeine eigne Behauſung zuruͤckgekehrt war, ehe er, ungeachtet verſchiedener Winke Jerninghams, ſich zu der nothwendigen Anſtrengung entſchließen konnte, ſeiner ſchoͤnen Gefangenen einen Beſuch ab⸗ zuſtatten; und dann geſchah es mit dem innerlichen Widerſtreben desjenigen, der nur durch Neuheit aus der Traͤgheit aufgeregt werden kann. „Ich weiß nicht, warum ich mich mit dieſem Maͤdchen plage,“ ſagte er,„und mich verurtheile, alle hyſteriſchen Rhapſodieen einer Dorf⸗Phylllis auszuhalten, die den Kopf mit den Lehren ihrer Großmutter uͤber Tugend und das Bibelbuch ange⸗ fuͤllt hat, indeß das ſchoͤnſte und gebildetſte Frauen⸗ zimmer in der Stadt unter bequemeren Bedingun⸗ gen zu haben iſt. Schade, daß man nicht den Triumphwagen des Siegers beſteigen kann, ohne 66 eines Sieges ſich ruͤhmen zu koͤnnen; doch fuͤrwahr, das thun die meiſten unſerer jetzigen Stutzer, wenn es gleich Buckingham nicht ziemen wuͤrde.—„Gut, ich muß ſie beſuchen,“ ſchloß er,„waͤr' es auch nur, um das Haus von ihr zu befreien. Die Ports⸗ mouth wili nichts davon hoͤren, daß ſie bei Karl in Freiheit geſetzt worden iſt; ſo ſehr fuͤrchtet ſie, daß eine neue Schoͤne den alten Suͤnder von ſeiner Ver⸗ bindung ablenkt. Wie nun mit dem Maͤdchen zu verfahren iſt— denn ich habe wenig Luſt, ſie hier unten zu behalten, und ſie iſt zu reich, um zu Clief⸗ den als eine Haushaͤlterin geſchickt zu werden— iſt eine Sache, die in Ueberlegung gezogen werden muß.“ Er rief nun nach einer Kleidung, die ſein natůͤr⸗ lich gutes Anſehen am beſten hervorheben moͤchte— ein Compliment, das er ſeinem eignen Werthe ſchul⸗ dig zu ſein glaubte; denn was das Uebrige betraf⸗ ſo ging er faſt mit ebein ſo wenig Eifer daran, ſeiner ſchoͤnen Gefangenen ſeine Aufwartung zu machen, als ein Tapferer, um einen Zweikampf zu halten, wobei er kein waͤrmeres Intereſſe fuͤhlt, als den Ruf eines Mannes von Ehre zu behaupten. Die Reihe Zimmer, welche dem Gebrauch jener Lieblinge gewidmet waren, die gelegentlich Bucking⸗ ham's Palaſt zu ihrem Aufenthaltsorte machten, ——— — 67 und, im Betreff der Freiheit, oft die Einrichtungen eines Kloſters beobachten mußten, waren von dem uͤbrigen Theile des großen Herrenhauſes des Her⸗ zogs abgeſondert. Er lebte in dem Zeitalter, da dasjenige, was Galanterie hieß, zu den frevelhafte: ſten Thaten des Betrugs und der Gewalt einen Frei⸗ brief gab; wie am beſten die Kataſtrophe einer un⸗ gluͤcklichen Schauſpielerin erlaͤutern kann, deren Schoͤnheit die Aufmerkſamkeit des letzten De Vere, Grafen von Oxford, auf ſich zog. Waͤhrend ihre Tugend ſeinen Verfuͤhrungen trotzte, richtete er ſie unter dem Scheine einer vorgeſpiegelten Ehe zu Geunde, und wurde fuͤr einen Erfolg, der den Tod ſeines Schlachtopfers veranlaßte, durch den allge⸗ meinen Beifall der Maͤnner von Witz und Tapfer⸗ keit belohnt, die Karls Vorzimmer fuͤllten. Buckingham hatte in dem Innern ſeines herzog⸗ lichen Palaſtes Einrichtungen fuͤr aͤhnliche Helden⸗ thaten getroffen; und die Reihe Zimmer, die er jest beſuchte, wurden abwechſelnd gebraucht, die Wider⸗ ſpaͤnſtige einzuſchließen, und die Willige mit Be⸗ quemlichkeit zu verſehen. Jetzt zu der erſtern Abſicht gebraucht, wurde der Schluͤſſel dem Herzog von einer alten behaubten und mit der Brille bewaffneten Dame uͤberliefert, welche, in einem Andachtsbuche leſend, in dem aͤußern Saale ſaß, der dieſe Zimmer(gewoͤhnlich das Non⸗ nenkloſter genannt) von dem uͤbrigen Gebaͤude trennte. Dieſe erfahrne Witwe handelte als Zerimonienmei⸗ ſterin bei ſolchen Gelegenheiten, und war die ver⸗ traute Bewahrerin von mehr Intriguen, als irgend einem Dutzend Perſonen von ihrem ehremverthen Berufe ſonſt bekannt waren. „So ein lieblicher Haͤnfling,“ ſagte ſie, als ſie die aͤußere Thuͤre oͤffnete,„als je in einem Kaͤſig ge⸗ ſungen hat.“ „Ich war beſorgt, ſie moͤchte nche zum Traͤu⸗ men, als zum Singen, aufgelegt geweſen ſeyn, Dowlas,“ ſagte der Herzog. „Bis geſtern war ſie ſo, geruhen Ihre Durch⸗ laucht,“ antwortete Dowlas;„oder die Wahrheit zu ſprechen, bis dieſen Morgen fruͤh, hoͤrten wir nichts als lachrymae. Aber die Luft von Ihrer gnaͤ⸗ digen Durchlaucht Hauſe iſt den Singvoͤgein guͤnſtig; und heute haben ſich die Sachen um vieles ge⸗ beſſert.“ „Das iſt ploͤtzlich Madam,“ ſagte der Herzog; „und es iſt etwas ſonderbar, in Betracht, daß ich ſie nie beſucht habe, daß die zitternde Schoͤne ſich ſo bald mit ihrem Schickſal alageſühut haben ſollte.” „Ach, Ihre Gnaden haben ſolche Zauberkraft, — 69 daß ſie ſich ſelbſt durch Ihre Mauern mittheilt, wie die heilſame Schrift ſagt, im zweiten Buch Moſis, erſten Kapitel und ſiebenten Verſe:„Es klebt an den Mauern und Thuͤrpfoſten.“ „Sie ſind zu parteiiſch, Frau Dowlas,“ ſagte der Herzog von Buckingham. „Nicht ein Wort, als Wahrheit,“ erwiederte die Frau;„und ich wuͤnſchte, eher ein Auswurf aus der Huͤrde der Laͤmmer zu ſein, wenn ich nicht wirklich glaubte, das ganze Weſen dieſer Demoiſelle habe ſich veraͤndert, ſeitdem ſie unter Ihrer Durch⸗ laucht Obdach iſt. Mich duͤnkt, ſie hat eine leichtere Geſtalt, einen feinern Schritt,— ich kann es nicht ſagen, aber ich denke, es iſt eine Veraͤnderung. Aber, lieber Himmel, Ihre Gnaden wiſſen, ich bin ſo alt, als ich treu bin, und daß meine Augen etwas unſicher werden.“ „Beſonders wenn Sie ſie mit einem Glaſe Ka⸗ narienſekt waſchen, Frau Dowlas,“ antwortete der Herzog, der wohl wußte, daß Maͤßigkeit nicht unter die Haupttugenden gehoͤrte, die der alten Dame am meiſten eigen waren. „War es Kanarienſekt, wie Ihre Durchlaucht ſagten?— War es wirklich mit Kanarienſekt, wo⸗ mit Ihre Durchlaucht mir vorwarfen, meine Augen gewaſchen zu haben?“ ſagte die beleidigte Matrone. „Es iſt mir leid, daß Ihre Durchlaucht mich nicht beſſer kennen ſollten.“ „Ich bitte um Verzeihung, Madam,“ ſagte der Herzog, indem er mit Widerwillen die Hand der Madame Dowlas, die ſie im Eifer der Rechtferti⸗ gung auf ſeinen Aermel gelegt hatte, abſchuͤttelte, „ich bitte um Vergebung. Ihre groͤßere Annaͤh⸗ rung hat mich von meiner irrigen Beſchuldigung uͤberfuͤhrt. Ich haͤtte Nantes⸗Wein, nicht Kana⸗ rienſekt, ſagen ſollen.“ So ſprechend, ging er weiter in die innern Zimmer, die mit einem Anſehen von wolluͤſtiger Pracht aus⸗ geſchmuͤckt waren. „Die Frau hat doch Recht,“ ſagte der ſtolze Gruͤnder und Eigenthuͤmer der glaͤnzenden Woh⸗ nung—„Eine Dorf⸗Phyliis koͤnnte ſich wohl mit einem ſolchen Gefaͤngniß, wie dieſes iſt, ausſoͤhnen, ſelbſt ohne die Lockpfeife eines geſchickten Vogellieb⸗ habers. Aber mich wundert, wo ſie ſein mag, die laͤndliche Phidele. Sie hat ſich vielleicht, wie ein verzweifelnder Befehlshaber, in ihre Schlafkammer, die wahre Zitadelle des Orts, zuruͤck gezogen, ſelbſt ohne einen Verſuch, die Außenwerke zu verthei⸗ digen.“ Als er dieſe Betrachtung anſtellte, kam er durch ein Vorzimmer und ein kleines Speiſezimmer, das V — 71 geſchmackvoll ausmoͤblirt, und mit vortrefflichen Ge⸗ maͤhlden aus der Venetianiſchen Schule behaͤngt war. Jenſeit dieſer lag ein Nebenzimmer, das im Stil einer noch feiner ausgedachten Eleganz aufge⸗ putzt war. Die Fenſter waren ſorgfaͤltig mit gemal, tem Glaſe von ſolcher tiefen und reichen Farbe ver⸗ dunkelt, daß die in das Zimmer fallenden Strahlen der Mittagsſonne die Farbenpracht des Sonnenun⸗ tergangs nachahmten, und, nach dem beruͤhmten Ausdruck des Dichters„Licht lehrten, Dunkel nach⸗ zubilden.“ Buckingham's Gefuͤhle und Geſchmack waren zu ſehr, und zu oft, und zu bald befriedigt worden, um ihm im Allgemeinen zu erlauben, ſelbſt jenen Genuͤſſen leicht zugaͤnglich zu ſein, denen nachzuſtre⸗ ben das Geſchaͤft ſeines Lebens geweſen war. Der geuͤbte Wolluͤſtling gleicht dem erſchoͤpften Epikureer, bei dem die bloße Abgeſtumpftheit des Appetits endlich eine hinreichende Strafe dafuͤr wird, daß er ihn zum Hauptgegenſtande ſeines Genuſſes und ſeiner Cultur gemacht hat. Jedoch Neuheit hat immer einige Reize, und Ungewißheit noch mehr. Der Zweifel, wie er empfangen werden wuͤrde— die Veraͤnderung, die an der Stimmung ſeiner Ge⸗ fangenen ſich gezeigt haben ſollte— die Neugier, 72— zu erfahren, wie ein ſolches Geſchoͤpf, als Alexie Bridgenorth beſchrieben worden war, ſich wahr⸗ ſcheinlich unter den Umſtaͤnden, in die ſie ſo uner⸗ wartet verſetzt worden, benehmen wuͤrde, hatten auf Buckingham die Wirkung, ein ungewoͤhnliches In⸗ tereſſe zu erregen. Was ihn ſelbſt betraf, ſo fuͤhlte er nichts von jener Unruhe, mit der ein Mann, ſelbſt von gemeiner Denkungsart, zu dem Maͤdchen koͤmmt, dem er zu gefallen wuͤnſcht; viel weniger regten ſich in ihm die feinern Gefuͤhle von Liebe, Hochachtung, Sehnſucht und Scheu, mit denen der gebildetere Liebhaber dem geliebten Gegenſtande nahet. Er war, um einen franzoͤſiſchen Aus⸗ druck zu gebrauchen, zu vollkommen blasé, ſogar ſeit ſeiner fruͤheſten Jugend geweſen, um ihn jetzt die thieriſche Heftigkeit der einen, viel weniger das geiſtige Vergnuͤgen der andern, erfahren zu laſſen. Es iſt keine geringe Verſchlimmerung dieſes unbe⸗ haglichen und erſchlafften Gemuͤthszuſtandes, daß der Wolluͤſtling dem Treiben und Trachten, das ihn ſchon erſaͤttigt hat, nicht entſagen kann, ſondern um ſeines Charakters willen, oder aus der bloßen Macht der Gewohnheit, fortfahren muß, alle Ar⸗ beit, Muͤhe und Gefahr der Jagd zu uͤbernehmen, waͤhrend er an dem Ausgange ſo wenig wirkliches Intereſſe hat. .. 1 Buckingham fand es alſo ſeinem Ruf, als ein gluͤcklicher Held der Intrigue, geziemend, der Alexie Bridgenorth mit verſtellter Waͤrme ſeine An⸗ traͤge zu machen; und als er die Thuͤre des innern Zimmers oͤffnete, hielt er einige Augenblicke, um zu uͤberlegen, ob der Ton der Galanterie oder der Leidenſchaft bei dieſer Gelegenheit der paſſendſte waͤre. Dieſe Zoͤgerung geſtattete ihm, einige Toͤne einer Laute zu hoͤren, die mit ausnehmender Ge⸗ ſchicklichkeit geſpielt, und von dem noch ſuͤßeren Ge⸗ 3 ſange einer weiblichen Stimme begleitet wurde, welche, ohne eine vollſtaͤndige Melodie auszufuͤhren, ſich blos im Wetteifer mit dem Silberton des Inſtruments zu unterhalten ſchien. „Ein ſo wohl erzogenes Geſchoͤpf,“ ſprach der Herzog bei ſich ſelbſt,„mit dem Verſtande, den ſie beſitzen ſoll, und als ein Landmaͤdchen, wie ſie iſt, wuͤrde lachen bei der angenommenen hochtrabenden Sprache des Oroondates. Es iſt Dorimant's Weiſe — einſt deine eigne, Buckingham— die hier Etwas ausrichten muß; uͤberdieß iſt die Rolle leichter.“ Unter dieſen Gedanken, trat er ins Zimmer, mit dem leichten gefaͤlligen Anſtande, welcher den mun⸗ tern Hofleuten, unter denen er glaͤnzte, eigen war, und naͤherte ſich der ſchoͤnen Bewohnerin. Er fand IV. 3 D ſte an einem mit Buͤchern und Muſikalien bedeckten Tiſche, zur Linken war der große Fenſterfluͤgel halb geoͤffnet, der, von buntem Glaſe verdunkelt, nur ein zweideutiges Licht in dieſes ſtattliche Privatzim⸗ mer einließ, das mit den reichſten Gobelintapeten behaͤngt, und mit eine Menge Porzellan und praͤch⸗ Empfange ſeiner Braut gebaut zu ſein ſchien. Deer glaͤnzende Anzug der Bewohnerin entſprach dem geſchmackvollen Zimmer, das ſie einnahm, und hatte etwas von der morgenlaͤndiſchen Tracht, welche die vielbewunderte Roxelane damals in die Mode gebracht hatte. Ein ſchlanker Fuß und Knoͤchel, der aus den weiten Beinkleidern von reich verzier⸗ tem und geſticktem blauen Atlas hervorſchien, war der einzige, deutlich ſichtbare Theil ihrer Perſon; das Uebrige war, vom Kopf bis zu den Fuͤßen, in einem langen Schleier von Silbergaze gehuͤllt, der, gleich einem flockigen und leichten Nebel uͤber einer ſchoͤnen Landſchaft, bemerken ließ, daß, was er verbarg, wunderbar lieblich waͤre, jedoch die Einbil⸗ dungskraft die beſchatteten Reitze noch zu erhoͤhen veranlaßte. So viel man von der Kleidung ent⸗ decken konnte, war, wie der Schleier und die Bein⸗ kleider, im morgenlaͤndiſchen Geſchmack; einen rei⸗ chen Turban und praͤchtigen Kaftan ließ der Schleier tigen Spiegeln geſchmuͤckt, fuͤr einen Fuͤrſten zum ₰ —y —— —,— unter ſeinen Falten mehr durchſchimmern, als deutlich erkennen. Der ganze Anzug verrieth we⸗ nigſtens Coquetterie von Seiten der Schoͤnen, die, nach ihrer Lage, einen Beſuch von einigen Anſpruͤ⸗ chen erwartet haben mußte, und bewog Buckingham insgeheim uͤber Chriſtians Beſchreibung von der hoͤchſten Einfachheit und Sittſamkeit ſeiner Nichte zu laͤcheln, Er naͤherte ſich der Dame en cavalier, und re⸗ dete ſie mit der Miene des Bewußtſeins an, ſein Beleidigungen durch die Herablaſſung, womit er ſie eingeſtand, hinlaͤnglich zu entſchuldigen.„Holde Alexie,“ ſagte er,„ich bin mir bewußt, wie ſehr ich wegen des mißverſtandenen Eifers meiner Dienſtboten um Verzeihung bitten ſollte, die, da ſie Sie waͤhrend eines ungluͤcklichen⸗Gefechts verlaſſen und ohne Schutz ſahen, es auf ſich nahmen, Sie unter das Obdach eines Mannes zu bringen, der eher ſein Le⸗ ben preisgeben, als Sie einen Augenblick in Unruhe laſſen wuͤrde. War es meine Schuld, daß meine Leute es nothwendig fanden, ſich Ihrer Erhaltung anzunehmen, oder daß ſie, uͤberzeugt von dem An⸗ theil, den ich an Ihnen nehmen muͤßte, Sie hier zuruͤckgehalten haben, bis ich ſelbſt bei perſoͤnlicher Aufwartung Ihre Befehle empfangen konnte?“ „Dieſe Aufwartung iſt nicht eben zeitig erfolgt, D 2 76 gnaͤdiger Herzog,“ antwortete die Dame.„Ich bin zwei Tage lang eine Gefangene geweſen— vernach⸗ laͤſſigt, und dem Dienſte des Geſindes uͤberlaſſen.“ „Was ſagen Sie, Fraͤulein?— Vernachlaͤſſigt!“ rief der Herzog aus.„Beim Himmel, wenn der beſte meiner Dienerſchaft ſeine Pflicht verſaͤumt hat, ſo will ich ihn auf der Stelle verabſchieden!“ „Ich beklage mich uͤber keinen Mangel an Hoͤf⸗ lichkeit von Seiten Ihrer Bedienten, gnaͤdiger Her⸗ zog,“ erwiederte ſie;„aber mich duͤnkt, es waͤre nur artiger von dem Herzog ſelbſt geweſen, wenn er mir fruͤher erklaͤrt haͤtte, warum er die Kuͤhnheit gehabt hat, mich als eine Staatsgefangene feſt zu halten.“ „Und kann die goͤttliche Alexie zweifeln,“ ſagte Buckingham,„daß, wenn Zeit und Raum, dieſe grauſamen Feinde des Fluges der Leidenſchaft, es geſtattet haͤtten, der Augenblick, in welchem Sie uͤber Ihres Vaſallen Schwelle ſchritten, den Herrn des Hauſes voll Ergebenheit zu Ihren Fuͤßen geſe⸗ hen haben wuͤrde, da er, ſeit er ſie ſah, an nichts gedacht hat, als an die Reize, die jener usalieelich Morgen bei Chiffinch ihm zeigte?“ „Wie ich alſo hoͤre, gnaͤdiger Herzog,“ ſagte die Dame,„ſind Sie abweſend geweſen, und haben kei⸗ ne Schuld an der Beſchraͤnkung, die mir ahier wider⸗ fahren iſt?“ 77 „Abweſend, in des Koͤnigs Auftrage, Fraͤulein; und geſchaͤftig in Verrichtung ſeines Dienſtes,“ ant⸗ wortete Buckingham, ohne Verlegenheit.„Was konnt ich thun?— den Augenblick, als Sie Chif⸗ finchens verließen, befahl mir ſeine Majeſtaͤt, ſo ſchnell zu ſatteln, daß ich keine Zeit hatte, meine atlaſſenen Halbſtiefeln mit Reitſtiefeln zu vertau⸗ ſchen. Wenn meine Abweſenheit Ihnen einen Au⸗ genblick Unbequemlichkeit verurſacht hat, ſo geben Sie es dem unbedachtſamen Eifer Derer Schuld, die, da ſie mich, halb zerſtreut uͤber meine Trennung von Ihnen, von London abreiſen ſahen, gern ihre unmanierlichen, doch gut gemeinten Bemuͤhungen beitragen wollten, ihren Herrn vor Verzweiflung zu bewahren, indem ſie die ſchoͤne Alexie in ſeiner Naͤhe zuruͤckhielten. Zu wem haͤtten Sie auch in der That Sie zuruͤckbringen koͤnnen? Er, den Sie zu Ihrem Helden erwaͤhlt haben, iſt im Gefaͤngniß, oder ent⸗ flohen— Ihr Vater iſt abweſend von der Stadt— Ihr Onkel befindet ſich in der noͤrdlichen Gegend. Gegen das Chiffinchiſche Haus hatten Sie Ihre wohlgegruͤndete Abneigung ausgedruͤckt; und welche angemeſſenere Freiſtaͤtte blieb uͤbrig, als die Ihres ergebenen Sklaven, wo Sie immer als Koͤnigin herrſchen muͤſſen.“.ℳ „ Und zwar als eine gefangen geſetzte,“ ſagte die 8 3 78 Dame.„Mich verlangt nicht nach einem ſolchen Koͤnigthum.“. 8 „Ach! wie abſichtlich mißdeuten Sie mich,“ ſagte der Herzog, auf ein Knie ſinkend,„und was fuͤr ein Recht koͤnnen Sie haben, ſich uͤber wenige Stunden der Beſchraͤnkung zu beklagen, Sie, die Sie ſo Viele zur hoffnungsloſen Gefangenſchaft beſtimmten! Sein Sie einmal mitleidig, und ziehen Sie den nei⸗ diſchen Schleier zuruͤck; denn die Gottheiten ſind immer am grauſamſten, wann ſie ihr Orakel aus ſolchen umwoͤlkten Verborgenheiten ertheilen. Er⸗ lauben Sie wenigſtens meiner raſchen Hand—“ „Ich will Ihrer Durchlaucht dieſe unwuͤrdige Muͤhe erſparen,“ ſagte die Dame mit Stolz; und ſich erhebend, ſchwang ſie uͤber ihre Schultern den Schleier, der ſie verbarg, und ſagte dabei:„Blicken Sie mich an, gnaͤdiger Herzog, und ſehen, ob dieß wirklich die Reize ſind, die auf Ihre Durchlaucht einen ſo maͤchtigen Eindruck gemacht haben.“ Buckingham blickte ſie an; und die uͤberraſchende Wirkung auf ihn war ſo ſtark, daß er ſchnell von ſeinem Knie ſich erhob, und ein paar Sekunden wie verſteinert ſtehen blieb. Die Geſtalt, die vor ihm ſtand, hatte weder den hohen Wuchs, noch die bluͤ⸗ hende Fuͤlle der Alexie Bridgenorth; und obgleich vollkommen wohlgebildet, war ſie doch ſo zart und — — 7 9 ſchmaͤchtig, daß ſie faſt an das Kindesalter erinnerte. Ihre Kleidung beſtand aus drei oder vier kurzen Ge⸗ waͤndern von geſticktem Atlas, von verſchiedenen Farben, uͤber einander gelegt, oder vielmehr.von ver⸗ ſchiedenen Schattirn gen aͤhnlicher Farben; denn ſtarke Kontraſte waren ſorgfaͤltig vermieden. Dieſe oͤffneten ſich vorn, um einen Theil der Bruſt und des Halſes zu zeigen, der zum Theil durch eine innere Bedeckung von den feinſten Spitzen verhuͤllt wurde; uͤber das oberſte Gewand war ein Mantel von reichem Pelzwerk geworfen. Ein kleiner, aber praͤchtiger Turhan war nachlaͤſſig auf ihren Kopf ge⸗ ſetzt, von welchem eine ſolche Fuͤlle kohlſchwarzer Haare herabwallte, welche Kleopatra haͤtte beneiden koͤnnen. Der Geſchmack und Glanz der morgen⸗ laͤndiſchen Tracht entſprach der Geſichtsfarbe der Dame, die eine Bruͤnette von ſo dunkelm Teint war, daß ſie faſt einer Indianerin gleichen konnte. Unter einer Menge von Zuͤgen, in welchen leben⸗ diger und kuͤhner Ausdruck den Mangel an regel⸗ maͤßiger Schoͤnheit verguͤtete, entgingen die weſentli⸗ chen Stuͤcke, die Augen, hell wie Diamanten, und Zaͤhne, weiß wie Perlen, einem erklaͤrten Kenner weiblicher Reize, wie Herzog von Buckingham, nicht. Mit einem Wort, das wunderbare und ſeltſame Frauenzimmer, das ſo unerwartet ſich ihm darſtellte, D 4 80— hatte eins von jenen Geſichtern, die nie, ohne Ein⸗ druck zu machen, geſehen werden; derer man ſich, wenn ſie entfernt ſind, lange noch erinnert; und fuͤr welche wir in unſerer Muße hundert Geſchichten zu den verſucht werden, damit wir durch Verſetzung dieſer Phyſiognomieen unter den Einfluß verſchiede⸗ ner Gemuͤthsbewegungen unſere Fantaſie unterhal⸗ ten moͤgen. Jedermann muß ſich auf Geſichtsbil⸗ dungen dieſer Art beſinnen, welche, wegen einer ein⸗ nehmenden und reizenden Originalitaͤt des Ausdrucks laͤnger im Gedaͤchtniß bleiben, und fuͤr die Einbil⸗ dungskraft verfuͤhreriſcher ſind, als ſelbſt regelmaͤßige Schoͤnheit. „Mein gnaͤdiger Herzog,“ ſagte die Dame,„das Hinwegziehen meines Schleiers ſcheint wie ein Zau⸗ ber auf Ihre Durchlaucht gewirkt zu haben. Ach! wehe der gefangenen Prinzeſſin, deren Wink einem ſo theuern Vaſallen, als Ihrer Durchlaucht, gebie⸗ ten ſollte! Sie laͤuft, duͤnkt mich, keine geringe Gefahr, wie eine zweite Aſchenbroͤdel, aus der Thuͤre geſtoßen zu werden, um ihr Gluͤck unter La⸗ kaien und Schiffsleuten zu ſuchen.“ „Ich bin erſtaunt!“ ſprach der Herzog.„Der Schurke Jerningham— ich will des Schurken Blut haben!“ „Nein, ſchmaͤhen Sie Jerningham deßhalb — 81 nicht,“ ſagte die Unbekannte;„ſondern beklagen Sie Ihre eigenen ungluͤcklichen Verwickelungen. Waͤh⸗ rend Sie, mein Herzog, in weißen Atlasſtiefeln nordwaͤrts ritten, um des Koͤnigs Angelegenheiten zu beſorgen, ſaß die rechte und rechtmaͤßige Prin⸗ zeſſin weinend in Trauer in der unerfreulichen Ein⸗ ſamkeit, zu der Ihre Abweſenheit ſie verdammte. Zwei Tage brachte ſie vergebens in Troſtloſigkeit hin; am dritten kam eine afrikaniſche Zauberin, die Scene fuͤr ſie zu vertauſchen, und die Perſon fuͤr Ihre Durchlaucht. Mich duͤnkt, mein gnaͤdiger Herzog, dieß Abenteuer wird nur ſchlecht klingen, wenn irgend ein treuer Ritter die Liebesabenteuer des zweiten Herzogs von Buckingham wieder erzaͤh⸗ len oder aufzeichnen wird.“ „Huͤbſch geſtichelt, und noch dazu laͤcherlich ge⸗ macht,“ ſagte der Herzog—„der Affe hat auch einen Hang zur Satire, bei Allem, was pikant iſt. — Hoͤren Sie, ſchoͤne Prinzeſſin, wie konnten Sie ſich auf einen ſolchen Streich einzulaſſen wagen, als der iſt, an dem Sie eine Mitſchuldige ſind?“ „Wagen, Ihre Durchlaucht!“ antwortete die Fremde;„legen Sie die Frage Andern vor, nicht einer, die nichts fuͤrchtet.“ „Bei meiner Treue, ich glaube das; denn deine Stirne iſt bronzen von Natur.— Hoͤren Sie noch O 5 82— einmal, Madame; was iſt Ihr Stand und Name?“ „Mein Stand iſt, wie ich Ihnen geſagt habe— zch bin eine mauritaniſche Zauberin von Profeſſion, und mein Name iſt Zarah,“ erwiederte das Maͤd⸗ chen. „Aber mich duͤnkt, jenes Geſicht, Geſtalt und Augen—“ ſagte der Herzog,—„wann galteſt du fuͤr eine tanzende Fee?— Ein ſolches Zauberwe⸗ ſen warſt du ſeit nicht vielen Tagen.“ „Meine Schweſter koͤnnen Sie geſehen haben — meine Zwillingsſchweſter, aber nicht mich, gnaͤdi⸗ ger Herr,“ antwortete Zarah. „Allerdings,“ ſagte der Herzog,„die Kopie von dir, wenn es nicht dein eignes Selbſt war, war von einem ſtummen Geiſt beſeſſen, wie du von einem ge⸗ ſpraͤchigen. Ich bin noch immer der Meinung, daß Sie dieſelbe ſind, und daß der ſtets bei Ihrem Ge⸗ ſchlecht ſo maͤchtige Satan Liſt genug hatte, bei un⸗ ſerer vorigen zuſammenknnft dir die Zunge zu binden.“ „Glauben Sie, was Sie wollen, gnaͤdiger Herr; es kann die Wahrheit nicht aͤndern.— Und nun, Ihre Durchlaucht, beurlaube ich mich. Haben Sie Etwas nach Mauritanien zu befehlen?“ „Verziehen Sie noch ein wenig, meine Prinzeſ⸗ — — 83 ſin,“ ſagte der Herzog;„und bedenken Sie, daß Sie freiwillig ſich fuͤr eine andere verpfaͤndet haben, und unter jeder Buße, die es mir beliebt Ihnen aufzulegen. Niemand darf dem tapfern Buckingham ungeſtraft Trotz bieten.“ „Mein Abſchied hat keine Eile, wenn Ihre Durchlaucht irgend Befehle fuͤr mich haben.“ „Was? Sind Sie weder vor meiner Rache, noch vor meiner Liebe in Furcht, holde Zarah?“ ſagte der Herzog. „Vor keiner von beiden, bei dieſem Handſchuh,“ antwortete das Frauenzimmer.„Ihre Rache muͤßte wahrlich eine kleinliche Leidenſchaft ſein, wenn ſie ſich zu ſo einem huͤlfloſen Gegenſtande, wie ich bin, her⸗ ablaſſen koͤnnte; und Ihre Liebe vollends— ach lie⸗ ber Himmel!“ „Und warum lieber Himmel, in einem ſolchen Tone der Verachtung? Denken Sie, Buckingham kann nicht lieben, und iſt niemals wiedergeliebt worden?“ „Er mag geglaubt haben, Gegenliebe zu erhal⸗ ten,“ ſagte das Maͤdchen;„aber von was fuͤr gerin⸗ gen Geſchoͤpfen!— armſeligen Weſen, denen eine Schauſpielerphraſe den Kopf ſchwindlig machen konnte— denen das Gehirn blos von Schuhen mit rothen Abſaͤtzen und atlaßnen Halbſtiefeln angefuͤllt 84— war— und die uͤber ein Georgenbild*) und einen Stern ganz von Sinnen kamen.“ „und gibt es nicht ſolche ſchwache Schönen un⸗ ter Ihrem Himmelsſtrich, ſpottſuͤchtige Prinzeſſin?“ ſagte der Herzog. 3 „O ja,“ antwortete das Frauenzimmer;„aber die Maͤnner achten ſie wie Papageien und Affen— Weſen ohne Verſtand oder Gefuͤhl, Kopf oder Herz. Die Naͤhe unſerer Lage gegen die Sonne hat unſere Leidenſchaften zugleich geſtaͤrkt und gelaͤutert. Die Eis⸗ zapfen Ihres kalten Klima's werden eben ſo leicht gluͤ⸗ hende Stangen zu Pflugſchaaren haͤmmern, als die Narrheit und Thorheit Ihrer vorgeblichen Galanterie auf ein Herz, wie das meinige, einen nJenbtisi druck machen wird.“ „Sie ſprechen, wie Eine, die weiß, was Leiden⸗ ſchaft iſt,“ ſagte der Herzog.„Setzen Sie ſich, holde Dame, und haͤrmen ſich nicht, daß ich Sie zuruͤckhalte. Wer laͤßt ſich's gern gefallen, ſich von einem Munde mit ſo viel Melodie, oder von einem Auge, das ſo beredt ſpricht, zu trennen? Sie haben alſo erfahren, was Liebe iſt?“ „Ich weiß es— gleich viel, ob aus Erfahrung oder aus Berichten Anderer— aber ich weiß auch, *) Das Ehrenzeichen des Ritterordens vom blauen Hoſenbgnde⸗ — 35 daß, ſo zu lieben, wie ich lieben wuͤrde, mit ſich braͤchte, nicht ein Jota dem Geize, nicht einen Zoll der Eitelkeit, nicht ein Opfer dem geringſten Ge⸗ fuͤhle von Eigennutz oder Ehrgeitz, zu gewaͤhren; ſondern Alles der Treue des Herzens und der ge⸗ genſeitigen Zuneigung hin zu geben.“ „ und wie viele Frauen, glauben Sie, wuͤrden ſolcher unintereſſirten Leidenſchaft faͤhig ſein?“ „Zu Tauſenden mehr, als es Maͤnner giebt, die es verdienten,“ antwortete Zahra.„Ach wie oft ſehen Sie das weibliche Weſen, bleich und elend und herabgewuͤrdigt, doch immer mit geduldiger Be⸗ ſtaͤndigkeit den Schritten irgend eines gebietenden Tyrannen folgen, und ſich aller ſeiner Ungerechtig⸗ keit mit der Ausdauer eines treuen und mißhandelten Hundes unterwerfen, der einen Blick ſeines Herrn (waͤr' er auch der muͤrriſcheſte Sclave, der je die Menſchheit entehrte) mehr ſchaͤtzt, als alle Luſt, die ihm die Welt ſonſt gewaͤhren kann! Denken Sie, was eine ſolche Frau demjenigen ſein wuͤrde, der ihre Ergebenheit verdiente und erwiederte.“ „Vielleicht gerade das Gegentheil,“ ſagte der Herzog;„und was Ihr Gleichniß betrifft, ſo kann ich wenig Aehnlichkeit finden. Ich kann meinem Wachtelhunde keine Untreue vorwerfen; aber was meine Geliebten anlangt— die Wahrheit zu geſte⸗ 86— hen, muß ich immer verwuͤnſcht eilen, wenn ich den Ruf haben will, ſie zu Hhſänas ehe ſie mich verlaſſen.“ „Und ſie verfahren nur ncchs mit Ihnen, gnid⸗ ger Herr; denn was ſind Sie?“— Nein, zuͤrnen Sie nicht; denn Sie muͤſſen die Wahrheit einmal hoͤren. Die Natur hat das Ihrige gethan, und eine ſchöͤne Auſſe enſeite geſchaffen, und feine Erziehung hat das Ihrige beigetragen. Sie ſind von hohem Adel, es iſt eine Zufaͤlligkeit der Geburt— huͤbſch von Anſehn, es iſt die Laune der Natur— frei⸗ gebig, weil es leichter iſt zu geben, als abzuſchlagen — wohlgekleidet, es gereicht Ihrem Schneider zur Empfehlung— im Ganzen gutmuͤthig, weil Sie jung und geſund ſind— tapfer, weil das Gegen⸗ theil Herabwuͤrdigung ſein wuͤrde— und witzig, weil Sie nicht anders ſein koͤnnen.“ Der Herzog warf einen Blick in einen der großen Spiegel.„Von hohem Adel, und huͤbſch, und hoͤflich, wohlgekleidet, gutlaunig, tapfer und witzig! — Sie geſtehen mir mehr zu, meine Dame, als worauf ich den geringſten Anſpruch mache, und ſicher⸗ lich genug, um, bis zu einem gewiſſen Grade wenig⸗ ſtens, meinen Weg zur weiblichen Gunſt zu finden.“ „Sch habe Ihnen weder ein Herz, noch einen Kopf zugeſtanden,“ ſagte Farah gelaſſen— 87 „Nein, erroͤthen Sie nicht, als wollten Sie auf mich los gehen. Ich ſage nicht, daß Ihnen die Natur nicht Beides gegeben haͤtte; aber Thorheit hat das eine vernichtet, und Selbſtſucht den andern ver⸗ kehrt. Der Mann, den ich dieſes Namens werth heiße, iſt der, deſſen Gedanken und Handlungen mehr auf Andre, als auf ihn ſelbſt ſich beziehen— deſſen hoher Vorſatz aus richtigen Grundſaͤtzen ge⸗ faßt iſt, und nie aufgegeben wird, ſo lange Himmel oder Erde Mittel darbieten, denſelben zu erfuͤllen. Er iſt es, der weder einen mittelbaren Vortheil auf einem bloß ſcheinbar gutem Wege ſuchen, noch einen ſchlechten Weg betreten wird, um einen wirk⸗ lich guten Zweck zu gewinnen. Ein ſolcher Mann waͤre es, fuͤr welchen ein weibliches Herz beſtaͤndig ſchlagen wuͤrde, ſo lange er athmete, und brechen, wann er ſtuͤrbe.“— Sie ſprach mit ſo viel Nachdruck, daß ihre naſſen Augen glaͤnzten, und ihre Wangen ſich von der Lebhaftigkeit ihrer Gefuͤhle faͤrbten. „Sie ſprechen,“ ſagte der Herzog,„als wenn Sie ſelbſt ein Herz haͤtten, das den vollen Tribut des Verdienſtes zahlen koͤnnte, welches Sie mit ſo viel Waͤrme beſchreiben.“ „Und hab' ich es nicht?“ ſagte ſie, die Hand an ihren Buſen legend.„Hier ſchlaͤgt eines, das mich 88— in dem, was ich geſagt habe, unterſtuͤtzen wuͤrde, es ſei im Leben oder im Tode.“ „Staͤnde es in meiner Macht,“ ſprach der Her⸗ zog, der an ſeinem Beſuch weit mehr Intereſſe zu gewinnen anfing, als er anfangs fuͤr moͤglich halten konnte,—„ſtaͤnde es in meiner Macht, eine ſolche treue Anhaͤnglichkeit zu verdienen, mich duͤnkt, es wuͤrde meine Sorge ſein, ſie zu vergelten.“ „Ihr Reichthum, Ihre Titel, Ihr Ruf als feiner Weltmann— Alles, was Sie beſitzen, waͤre zu wenig, eine ſolche aufrichtige Zuneigung zu ver⸗ dienen.“ „Wohlan, holde Dame,“ ſagte der Herzog, nicht wenig betroffen,„gehen Sie nicht ſo weit in Ihrer Verachtung. Bedenken Sie, daß, wenn Ihre Liebe ſo rein waͤre, wie gepraͤgtes Gold, doch ein armer Tropf, wie ich ſelbſt, Ihnen Silber dafuͤr zum einwechſeln anbieten kann.— Die Quantitaͤt meiner Zuneigung muß ihre Qualitaͤt verguͤten.“ „Aber ich trage meine Zuneigung nicht zu Markte, mein Herzog; und habe daher die geringhaltige Muͤnze, die Sie mir dafuͤr zum Tauſch anbieten, nicht noͤthig.“ „Wie kann ich das wiſſen, meine Holdeſte 7 ——— ſagte der Herzog.„Dieß iſt das Reich von Paphos — Sie ſind in daſſelbe gedrungen, mit welcher Ab⸗ ſicht, werden Sie am beſten wiſſen; aber ich denke, mit keiner, die ſich mit Ihrer gegenwaͤrtig angenom⸗ menen Grauſamkeit vertraͤgt. Friſch auf, friſch auf— ſo verſtaͤndige Augen koͤnnen eben ſowohl vor Freude lachen, als vor Zorn und Verachtung ſakeln. Sie ſind hier ein verlornes Gut auf Cu⸗ pido's Gebiete, und ich muß mich Ihrer im Namen der Gottheit bemaͤchtigen.“ „Denken Sie nicht daran, mich zu beruͤhren, gnaͤdiger Herr,“ ſagte das Frauenzimmer.„Naͤhern Sie ſich mir nicht, wenn Sie hoffen wollen, die Ab⸗ ſicht meines Hierſeins zu erfahren. Ihre Durchlaucht koͤnnen ſich ſelbſt als einen Salomo annehmen, wenn es Ihnen beliebt; aber ich bin keine reiſende Prinzeſſin, die aus fernen Himmelsſtrichen gekom⸗ men waͤre, entweder Ihrem Stolze zu ſchmeicheln, oder Ihre Herrlichkeit zu bewundern.“ „Sie bieten mir Trotz, beim Jupiter!“ ſagte der Herzog. „Sie verkennen die Loſung,“ ſagte das braune Maͤdchen.„Ich kam nicht hieher, ohne hinlaͤngliche Maaßregeln, zu meinem Ruͤckzuge zu nehmen.“ „Sie ſprechen es tapfer aus,“ ſagte der Herzog, „aber nie prahlte die Feſtung ſo mit ihren Huͤlfs⸗ quellen, wenn die Beſatzung nicht ſchon etwas auf Uebergabe dachte. So oͤffne ich die erſte Parallele.“ Sie waren bisher von einander durch einen langen ſchmalen Tiſch getrennt geweſen, der, im Winkel des erwaͤhnten großen Fenſterfluͤgels ſtehend, bis jetzt eine Art Vormauer auf Seiten des Frauen⸗ zimmers gegen den unternehmenden Liebhaber ge⸗ bildet hatte. Der Herzog ging haſtig darauf um, ihn weg zu ſchieben, indem er ſo redete; allein, auf⸗ merkſam auf alle ſeine Bewegungen, ſchwang ſich das Maͤdchen augenblicklich durch das halb offene Fenſter. Buckingham ſtieß einen Schrei des Erſtaunens und Entſetzens aus, da er anfangs nicht zweifelte, daß ſie ſich eine Hoͤhe von wenigſtens vierzehn Fuß herab geſtuͤrzt haͤtte; denn ſo weit war das Fenſter vom Boden entfernt. Als er aber auf die Stelle ſprang, bemerkte er zu ſeinem Erſtaunen, daß ſie ihr Herabſteigen mit gleicher Gewandtheit und Sicherheit bewerkſtelligt hatte. Die Auſſenſeite dieſes ſtattlichen Gebaͤudes war mit einer Menge Schnitzwerk von dem gemiſchten Gothiſchen und Griechiſchen Stil der Bildhauerei verziert, welcher das Zeitalter der Eliſabeth und ihres Nachfolgers bezeichnet; und obgleich die That erſtaunlich ſchien, ſo waren doch die Vorragungen — 9¹ dieſer Zierraten hinlaͤnglich, einer ſo leichten und gewandten Geſtalt, ſelbſt bei ihrem ſchnellen Hinab⸗ ſteigen, Anhaltungspunkte zu gewaͤhren. Entflammt zugleich von Kraͤnkung und von Neu⸗ gierde, faßte Buckingham anfangs den Gedanken, ihr auf demſelben gefaͤhrlichen Wege zu folgen, und war wirklich deßhalb auf die Fenſterſchwelle geſtiegen; und er betrachtete eben, was ſeine naͤchſte ſichere Bewegung ſein wuͤrde, als er aus einem nahen Ge⸗ buͤſch von Straͤuchern, unter dem ſein weiblicher Beſuch verſchwunden war, ſie eine Strophe aus einem damals ſehr beliebten, komiſchen Liede ſingen hoͤrte, betreffend einen verzweifelnden Liebhaber, der ſich von einer Hoͤhe herabſtuͤrzen wollte.— „Doch als er naͤher lief; Und ſah den ſteilen Rand, Den Abgrund, o wie tief! Da dacht' er traurig nach, Und ſprach, mit Haͤndewinden; Wer nicht Erhoͤrung fand, Wen ſie verſchmaͤht, der kann Noch wohl ein neues Liebchen finden; Allein der Hals, der einmal brach, Setzt Niemand wieder an.“. Der Herzog konnte ſich, ob wohl ſehr wider ſeinen Willen, bei der Beziehung dieſer Verſe auf ſeint eigne widerſinnige Lage, des Lachens nicht ent⸗ ——ᷓ;——— — iñ—M——· 92 halten, ſtieg ins Zimmer zuruͤck, und gab ein Un⸗ ternehmen auf, das nicht weniger gefaͤhrlich, als laͤcherlich haͤtte ausfallen koͤnnen. Er rief ſeine Be⸗ dienung, und begnuͤgte ſich, das kleine Gebuͤſch zu belauern, ungern glaubend, daß ein Frauenzimmer, das ſich groͤßtentheils ihm ſelbſt in den Weg geworfen hatte, ihn ſchlechterdings durch eine Zuruͤckziehung kraͤnken wollte. Dieſe Frage war in einem Augenblicke entſchie⸗ den. Eine Geſtalt, in einem Mantel gehuͤllt, mit einem niedergeſchlagenen Hut und einem beſchattenden Federbuſch, kam aus dem Geſtraͤuch hervor, und verlor ſich in einem Augenblick unter den Ruinen der alten und der neuen Gebaͤude, mit denen, wie wir ſchon erwaͤhnt haben, das Erbgut, ehemals York⸗Houſe benannt, in allen Richtungen bedeckt war. Die Bedienten des Herzogs, die auf ſeinen unge⸗ duldigen Ruf erſchienen waren, wurden eilig ange⸗ wieſen, dieſer taͤuſchenden Sirene in allen Rich⸗ tungen nachzuſpuͤren. Ihr Gebieter indeſſen, eifrig und heftig in jedem neuen Beginnen, und beſonders wenn ſeine Eitelkeit beleidigt war, munterte ihre Sorgfalt durch Beſtechungen, und Drohungen, und Befehle auf. Alles war umſonſt.— Sie fanden nichts von der Mauritaniſchen Prinzeſſin, wie ſie ſich ſelbſt nannte, außer dem Turban und dem Schleier, die ſie nebſt den Atlaßpantoffeln im Ge⸗ duͤſch zuruͤckgelaſſen, Sachen, die ſie ohne Zweifel bei dem Umtauſch mit weniger auffallenden hinge⸗ worfen hatte. Da der Herzog alle Nachforſchung vergeblich fand, gab er nach dem Beiſpiele beraubter Kinder aller Zeiten und Staͤnde, der wuͤtenden Heftigkeit ſeiner Leidenſchaft fraien Lauf; und ſtolz ſchwor er Nache ſeinem letztern Beſuch, den er mit tauſend Schimpfnamen belegte, unter welchen der zierliche Ausdruck„Menſch“ am haͤufigſten wiederholt wurde. Selbſt Jerningham, der die Tiefen und Untiefen der Laune ſeines Herrn kannte, und ſo kuͤhn war, ſie faſt bei jeden. Zuſtande ſeiner Leidenſchaften aus⸗ zuforſchen, ging ihm bei der gegenwaͤrtigen Ge⸗ legenheit aus dem Wege; und im Kabinet mit der frommen alten Haushaͤlterin eingeſchloſſen, erklaͤrte er ihr, bei einer Flaſche Rataſia, ſeine Baſorgniß, daß, wenn ſeine Durchlaucht nicht ſeinem Tempe⸗ rament einigen Zaum anlegen lernte, Ketten, Finſter⸗ niß, Stroh und Bedlam, der letzte Beſcheid des wohlbegabten und bewunderten Herzogs von Bucking;: ham ſein wuͤrden. Fuͤnftes Kapitel. Die Zwiſtigkeiten zwiſchen Mann und Frau ſind zum Sprichwort geworden; doch duͤrfen dieſe ehrli⸗ chen Leute nicht denken, daß Verbindungen von einer weniger dauerhaften Arr von aͤhnlichen Streitigkeiten frei ſind. Der luſtige Streich des Herzogs von Buckingham, und die darauf folgende Entweichung der Alerie Bridgenorth, hatten in Chiffinch's Hauſe gewaltigen Unfrieden erzeugt, als er, bei ſeiner An⸗ unft in der Stadt, dieſe zwei erſtaunlichen Bege⸗ benheiten erfuhr.„Ich ſage Ihnen,“ ſprach er zu ſeiner verbindlichen Gefaͤhrtin, die von Allem, was er uͤber die Sache ſagen konnte, aͤußerſt wenig ge⸗ ruͤhrt ſchien,„Ihre verdammte Sorgloſigkeit hat das Werk von Jahren zu Grunde gerichtet.“ „SIch denke, es iſt das zwanzigſte Mal, daß Sie mir das geſagt haben,“ erwiederte die Dame,„und auch ohne ſo haͤufige Verſicherung glaubte ich recht gern, daß eine ſehr unbedeutende Sache einen Ihrer Plaͤne umſtoßen koͤnnte, ſo lange Sie auch daruͤber gebruͤtet haben.“ „Wie in aller Welt konnten Sie die Thorheit begehen, den Herzog ins Haus zu laſſen, als Sie den Koͤnig erwarteten?“ ſagte der aufgebrachte Hoͤfling. „Ei, Chiffinch,“ antwortete ſie,„ſo Etwas ſoll⸗ ten Sie lieber den Thuͤrſteher fragen, als mich.— Ich ſetzte eben meine Haube auf, um ſeine Majeſtaͤt zu empfangen.“ „Auf die Manier einer Rachteule,“ ſagte Chif⸗ finch,„und unterdeſſen gaben Sie der Katze die Milch aufzuheben.“ „Wahrhaftig, Chiffinch,“ antwortete die Dame, „dieß Umherſtreifen auf dem Lande macht ſie außer⸗ ordentlich poͤbelhaft! Man ſieht Ihnen die Grobheit an den Stiefeln an. Ja, die etwas ſchmutzigen Mouſſelin⸗Manſchetten geben den Knoͤcheln der Hand ein recht baͤuriſches Anſehen, wenn ich ſo ſa⸗ gen ſoll.“ „Es waͤre eine gute That,“ murmelte Chiffinch, „wenn man mit Stiefeln und Knoͤcheln dir die Thor⸗ heit und Ziererei herausklopfte.“ Dann fuhr er laut fort,(wie Jemand, der ſich in keine weitere Eroͤrterung einlaͤßt, ſondern ſeinem Gegner auf kur⸗ zem Wege ein Bekenntniß, daß er Recht habe, ab⸗ zwingen will)„Das iſt doch ausgemacht, Kaͤthe, daß unſer Alles auf dem Vergnuͤgen des Koͤnigs he⸗ ruht.“ „Das laſſen Sie mir uͤber,“ ſagte ſie;„ich weiß ſeine Majeſtaͤt beſſer zu vergnuͤgen, als Sie mich lehren koͤnnen. Glauben Sie, der Koͤnig iſt ſo ein Toͤlpel, um wie ein Schulknabe zu weinen, weil ſein Sperling weggeflogen iſt? Seine Majeſtaͤt hat einen beſſern Geſchmack. Ich bin erſtaunt uͤber Sie, Chiffinch,“(ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich aufrichtete)„da man doch glaubte, daß Sie ſich auf ein ſchoͤnes Frauenzimmer verſtaͤnden, wie Sie von dieſem Landmaͤdchen ein ſolches Aufheben machen konnten. Ei, ſie hat nicht einmal die laͤndliche Ei⸗ genſchaft, fleiſchig, wie ein Vogel an dem Scheunthor, zu ſein, ſondern gleicht mehr einer Feldlerche, da man die Knochen und Alles zerkauen muß, wenn man einen Mund voll haben will. Was liegt daran, woher ſie kam, und wohin ſie geht? Es werden ſchon Andere nach ihr kommen, die mehr der herablaſſen⸗ den Aufmerkſamkeit ſeiner Majeſtaͤt werth ſind, ſelbſt wenn die Herzogin von Portsmouth dazu ſcheel ſieht.“ „Sie meinen Ihre Nachbarin, Lenore,“ ſagte ihr wuͤrdiger Hausfreund;„aber, Katharine, ihre Zeit iſt vorbei. Witz hat ſie; damit mag ſie ſich in ſchlechterer Geſellſchaft wichtig machen; denn das Geſchwaͤtz eines Haufens herumziehender Komoͤ⸗ dianten iſt keine Sprache fuͤr das Kabinet eines Fuͤrſten.“ iin a12 „Es liegt nichts dran, was ich meine, oder wen ich meine,“ ſagte Mad. Chiffinch;„aber ich ſage — 97 Ihnen, Chiffinch, Sie werden Ihren Herrn ganz getroͤſtet ſinden uͤber den Verluſt dieſes Stuͤcks von ſproͤdem Puritanismus, mit dem Sie ihn durchaus behaͤngen wollten, als wenn der gute Mann nicht genug von dieſer Sekte im Parlament geplagt waͤre; und Sie wollten wahrhaftig gar ein ſolches Weſen in ſein Schlafzimmer bringen.“ „Gut, Kaͤthe,“ ſagte Chiffinch,„wollte Jemand alle Weisheit der ſieben Weiſen vorbringen, ein Weib faͤnde doch Unſinn genug, ihn damit zu uͤber⸗ waͤltigen; ſo will ich auch nichts weiter ſagen, als daß ich zu Gott wuͤnſche, den Koͤnig in keiner ſchlimmern Laune zu treffen, als Sie ihn beſchreiben. Ich habe den Befehl, ihn heute den Fluß hinab zum Tower zu begleiten, wo er uͤber Waffen und Kriegs⸗ vorraͤthe eine Beſichtigung halten will. Das ſind geſcheidte Leute, die Rowley vom Geſchaͤftsleben abzuhalten ſuchen; denn, wahrhaftig, er hat eigen Hang dazu.“ „Ich verſichere Ihnen,“ ſagte die Chiffinch, mit einem Zunicken, das jedoch mehr ihrer eigenen Ge⸗ ſtalt im Spiegel, als ihrem politiſchen Manne galt, „ich verſichere Ihnen, wir wollen ſchon Mittel fin⸗ den, ihn zu beſchaͤftigen, die ſeine Zeit genug aus⸗ fuͤllen ſollen.“ „Aus meine Ehre, Katharine,“ ſagte er,„ich IV. 1 E 98— finde Sie ſeltſam veraͤndert, und, die Wahrheit zu ſagen, Sie ſind ſehr zuverſichtlich in Ihren Meinun⸗ gen geworden. Es ſoll mich freuen, wenn Ihr Zu⸗ trauen guten Grund hat.“) 1 Die Dame laͤchelte hochmuͤthig, wuͤrdigte ihn aber keiner weitern Antwort, und ſagte nur;„ich werde ein Boot beſtellen, heute mit der koͤniglichen Geſellſchaft auf der Themſe zu fahren.“ „Bedenken Sie, was Sie thun, Katharine; ſo viel nehmen ſich nur Frauen vom erſten Range her⸗ aus. Die Herzogin von Bolton— von Bucking⸗ ham— von—“ 3 „Was kuͤmmert mich eine Reihe Namen! Warum kann ich nicht eben ſo voranſtehen, als das groͤßte B anter Ihrer Reihe?“ „Nein, meiner Treu', du kannſt ſchon mit dem groͤßten Hofe wetteifern,“ antwortete Chiffinch; „ſo mach' es, wie du willſt. Aber laß Chaubert nicht vergeſſen, ein Veſperbrot und ein souper au petit couvert bexeit zu halten, im Fall es fuͤr den Abend befohlen werden ſollte.“ „Ja, ja, das iſt der Anfang und das Ende Ih⸗ rer geruͤhmten Kenntniß von Hofangelegenheiten.— Chiffinch, Chaubert und Compagnie;— loͤſet dieſe Genoſſenſchaft auf, und Thomas Chiffinch iſt als Hofmann zu Grunde gerichtet.“ — — 99 „Ganz recht, Kaͤthe,“ antwortete Chiffinch; „und laſſen Sie ſich ſagen, man verlaͤßt ſich eben ſo gut auf eine fremde Hand, als auf Ihren eigenen Verſtand. Aber ich muß Beſtellung machen fuͤr die Waſſerpartie.— Wenn Sie die Pinnaſſe*) nehmen, da ſind die Polſter von Goldſtoff in der Kapelle, wo⸗ mit die Baͤnke fuͤr dieſen Tag belegt werden koͤnnen. Sie werden ſo nicht gebraucht, wo ſie liegen.“ Nadam Chiffinch miſchte ſich alſo unter die Flot⸗ tille, welche den Koͤnig auf ſeiner Fahrt uͤber die Themſe hinab begleitete, wobei die Koͤnigin nebſt einigen der vornehmſten Hofdamen war. Die kleine dicke Kleopatra, ſo vortheilhaft gekleidet, als ihr Geſchmack es ausſinnen konnte, ſitzend auf ihren ge⸗ ſtickten Kiſſen, wie Venus auf ihrer Muſchel, ver⸗ ſaͤumte nichts, was Dreuſtigkeit und Mienenſpiel vermochten, einen Theil von des Koͤnigs Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu ziehen; aber Karl war nicht in dieſer Laune, und bewies ihr nicht die geringſte fluͤch⸗ tige Aufmerk keit irgend einer Art, bis die Boots⸗ leute, die ſich naͤher, als die Etikette erlaubte, an die Barke der Koͤnigin gewagt hatten, einen entſchei⸗ denden Befehl erhielten, zuruͤckzurudern, und ſich aus dem koͤniglichen Zuge zu entfernen. Madam Chiffinch weinte vor Aerger, und uͤbertrat Salomo's *) Ein Jagdſchiff. E 2 100 5— Gebot, indem ſie dem Koͤnige in ihrem Herzen fluchte: hatte aber keinen beſſern Ausweg, als nach Weſtmuͤnſter zuruͤckzukehren, und Chaubert's Zube⸗ reitungen fuͤr den Abend anzuordnen. Unterdeſſen hielt die koͤnigliche Barke am Tower; und, begleitet von einem Zuge lachender Damen und Hoͤflinge, ließ der muntere Monarch die alten Ge⸗ faͤngnißthuͤrme von den ungewohnten Toͤnen der Luſt und Froͤhlichkeit wiederhallen. Als ſie von der Seite des Fluſſes zum Mittelpunkt des Gebaͤudes heraufſtiegen, wo die ſchoͤne alte Warte Wilhelm des Eroberers, der Weiße Thurm genannt, uͤber die aͤußern Vertheidigungswerke hervorragt, der Himmel weiß, wie viele verliebte Scherze, gute und ſchlechte, uͤber die Vergleichung des Staatsgefaͤngniſſes ſeiner Majeſtaͤt mit dem des Cupido vorgebracht wurden, und welche herzbrechende Gleichniſſe zwiſchen den Augen der Damen und den Kanonen der Feſtung zum Vorſchein kamen, die mit einer modiſchen Ver⸗ beugung vorgetragen, und mit Laͤcheln von einer ſchoͤnen Dame angehoͤrt, die feine Unterhaltung des Tages ausmachten,. Dieſer muntre Schwarm von FJlattergeiſtern hielt ſich jedoch nicht dicht um des Koͤnigs Perſon, ob ſie ihn gleich auf dieſer Luſtpartie zu Waſſer be⸗ gleitet hatten. Karl, der oft maͤnnliche und ver⸗ — 91 ſtaͤndige Entſchluͤſſe faßte, wiewohl er von ihnen zu leicht durch Traͤgheit oder Vergnuͤgen abgelenkt wur⸗ de, hatte einiges Verlangen, ſich mit dem Zuſtande der militaͤriſchen Vorraͤthe, Waffen u. dergl., deren Magazin damals, wie jetzt, der Tower war, perſoͤn⸗ lich bekannt zu machen; und ob er gleich die gewoͤhn- liche Anzahl ſeiner Hofleute mitgebracht hatte, ſo begleiteten ihn doch nur drei oder vier zu der Unter⸗ ſuchung, die er beabſichtigte. Waͤhrend alſo der Reſt des Gefolges ſich nach Belieben in den andern Theilen des Towers unterhielt, ging der Koͤnig, be⸗ gleitet von den Herzoͤgen von Buckingham, von Or⸗ mond und einem oder zwei andern, durch die wohl⸗ bekannte Halle, in welcher das glaͤnzendſte Zeughaus von der Welt ſich befindet, und die, wiewohl weit entfernt, ſchon ihren jetzigen außerordentlichen Zu⸗ ſtand der Vollkommenheit zu zeigen, ſelbſt damals ein Arſenal enthielt, das der großen Nation, der es ge⸗ hoͤrte, wuͤrdig war. Der durch ſeine Dienſte in dem großen buͤrgerli⸗ chen Kriege ruͤhmlich bekannte Herzog von Ormond ſtand, wie wir anderwaͤrts bemerkten, gegenwaͤrtig in ziemlich kalten Verhaͤltniſſen bei ſeiem Souve⸗ raͤn, der jedoch bei vielen Gelegenheiten ſeinen Rath ſuchte, und unter andern bei der gegenwaͤrtigen ver⸗ langte, als man nicht wenig fuͤrchtete, daß das Par⸗ E 3 102— lament, in ſeinem Eifer fuͤr die proteſtantiſche Reli⸗ gion, die Magazine der Waffen und Kriegsvorraͤthe unter ſeine eignen ausſchließenden Befehle zu neh⸗ men fordern wuͤrde. Waͤhrend Karl mit truͤbem Ernſt auf einen ſolchen Ausgang der argwoͤhniſchen Beſorgniſſe unter dem Volke in dieſer Periode hin⸗ deutete, und mit Ormond die Mittel, dieſem Un⸗ ternehmen zu widerſtehen oder auszuweichen, uͤberlegte, unterhielt ſich Buckingham, der etwas weiter hinten ſich befand, mit Beſpoͤtteln der altvaͤteriſchen Figur und des verlegenen Benehmens des alten Aufſehers, der bei dieſer Gelegenheit aufwartete, und gerade der⸗ ſelbe war, welcher Julian zu dem Ort ſeiner gegen⸗ waͤrtigen Haft gebracht hatte. Der Herzog verfolgte ſeine Spoͤtterei um ſo lebhafter, da er fand, daß der alte Mann, obwohl durch den Ort und durch die Anweſenden in Schranken gehalten, im Ganzen ziemlich muͤrriſch war, und ſich wunderlich genug gebaͤhrdete, um Stoff zum Spaße zu geben. Die mancherlei Stuͤcke der alten Ruͤſtung, mit denen die Wand bedeckt war, gewaͤhrten dem Herzog die vor⸗ nehmſte Gelegenheit, ſeinen Witz ſpielen zu laſſen, da er darauf beſtand, von dem alten Mann(der, wie er ſagte, ſich am beſten der Dinge, ſeit den Ta⸗ gen des Koͤnigs Arthur zum wenigſten, erinnern koͤnnte) die Geſchichte der verſchiedenen kriegeriſchen — 103 Waffen, und Anekdoten von den Schlachten, in de⸗ nen ſie getragen wurden, zu erfahren. Der alte Mann litt offenbar nicht wenig, als er gendthigt war, auf wiederholte Fragen, die oft genug ſehr ad⸗ geſchmackten Legenden zu erzaͤhlen, welche die Tra⸗ dition des Ortes beſondern Reliquien zugeeignet hatte. Weit entfernt, ſeine Hellebarde zu ſchwingen, oder den Nachdruck ſeiner Stimme zu erhoͤhen, wie es die herrſchende Weiſe dieſer kriegeriſchen Ciceroni war und iſt, ließ er ſich kaum ein einziges Wort aͤber dieſe Gegenſtaͤnde abzwingen, uͤber welche ihre Belehrung gewoͤhnlich uͤberſtroͤmt. „Wißt ihr wohl, mein Freund,“ ſagte der Her⸗ zog zuletzt zu ihm,„ich fange an, meine Meinung von euch zu aͤndern. Ich glaubte, ihr muͤßtet ſeit des dicken Koͤnig Heinrichs Zeit als Gardiſt gedient haben, und erwartete von euch Etwas uͤber das Feld von Goldſtoff zu erfahren,— und ich wollte mich bei euch nach der Farbe von Anna Bullen's Buſenſchleife, die dem Papſte drei Koͤnigreiche ko⸗ ſtete, erkundigen; aber ich fuͤrchte, ihr ſeid nur ein Neuling in ſolchen Alterthuͤmern der Liebe und des Ritterthums. Kannſt du verſichern, daß du nicht aus einer finſtern Huͤtte in den Tower⸗Doͤrfern in deinen kriegeriſchen Saal krochſt, und keinen unſchick⸗ lichen Ellenſtock mit dieſer glorreichen Hellebarde ver⸗ E 4 104— tauſchteſt?— Ich ſtehe dafuͤr, du kannſt auch nicht ſagen, wem dieß alte Stuͤck vollſtaͤndiger Ruͤſtung zugehoͤrte.“ Der Herzog wies von ungefaͤhr auf einen Kuͤraß, der unter andern da hing, aber ſich durch ſeine beſſere Politur ziemlich auszeichnete. „Ich ſollte dieß eiſerne Stuͤck wohl kennen,“ ſagte der Aufſeher geradezu, jedoch mit einiger Ver⸗ aͤnderung ſeines Tones;„denn ich habe einen Mann darin gekannt, der nicht zur Haͤlfte die Grobheiten ausgehalten haͤtte, die ich heute angehoͤrt habe.“ Der Ton des Alten ſowohl, als ſeige Worte, erregte die Aufmerkſamkeit Karls und des Herzogs von Ormond, die blos zwei Schritte von dem Spre⸗ chenden ſich befanden. Beide hielten, und kehrten ſich um, und der erſtere ſagte zugleich:„Nu, nu, was gibt's, Alter?— Was ſind das fuͤr Antwor⸗ ten?— Von welchem Mann ſprecht ihr denn?“ „Von einem, der jetzt keiner mehr iſt,“ ſagte der Aufwaͤrter,„was er auch immer ehedem mag geweſen ſein.“ „Der Alte ſpricht gewiß von ſich ſelber,“ ſagte der Herzog von Ormond, das Geſicht des Aufſehers (der es vergebens wegzuwenden ſuchte) genau betrach⸗ „Ja wahrhaftig, ich erinnere mich dieſer Zuͤge 105 „Ich wuͤnſchte, Ihre Durchlaucht haͤtten ein nicht ſo treues Gedaͤchtniß,“ ſagte der alte Mann, tief erroͤthend, und die Augen zu Boden ſchlagend. Der Koͤnig war hoͤchſt betroffen.—„Guter Gott!“ ſagte er,„der tapfere Major Coleby, der mit ſeinen vier Soͤhnen und hundert und funfzig Mann bei Warrington zu uns ſtieß!— Und iſt das Alles, was wir fuͤr einen alten Worceſter Freund thun konnten?“ Reichlich quollen die Thraͤnen aus den Augen des Alten, indem er in gebrochenen Toͤnen ſagte:„Er⸗ waͤhnen Sie mich nicht, Ihre Majeſtaͤt; ic bin hier gut genug— ein abgelebter Soldat, der unter alter Ruͤſtung verroſtet. Wo ein alter Cavalier beſſer⸗ iſt, da ſind zwanzig ſchlechter.— Es thut mir leid, daß Ihre Majeſtaͤt Etwas davon erfahren mußten, weil es Sie ſchmerzt.“ 1 Mit der Guͤte, die einen empfehlenden Zug in ſeinem Charakter ausmachte, nahm Karl dem Alten, waͤhrend er ſprach, mit eigner Hand die Hellebarde ab, und reichte ſie Buckingham zu, indem er ſagte, „Was Coleby's Hand getragen hat, das kann weder Ihre noch meine entehren,— und Sie ſind ihm dieſe Ausſoͤhnung ſchuldig. Es iſt bei ihm einmal eine Zeit geweſen, da er, bei geringerer Aufreizung, ſie Ihnen um die Ohren geſchwungen haben wuͤrde.“ E 5 106— Der Herzog verbeugte ſich tief, doch erroͤthend vor Empfindlichkeit, und nahm ſogleich Gelegenheit, den Spieß nachlaͤſſig an einen Haufen Waffen hin zu ſtellen. Der Koͤnig bemerkte eine geringſchaͤtzige Bewegung nicht, die ihn vielleicht nicht erfreut ha⸗ ben wuͤrde, weil er in dem Augenblick mit dem Ve⸗ teran beſchaͤftigt war, den er ſich an ihn anhalten hieß, als er ihn zu einem Sitz brachte, und keinem andern ihn zu unterſtuͤtzen erlaubte.„Ruht hier,“ ſagte er,„mein alter braver Freund; und Karl Stuart muͤßte fuͤrwahr ganz arm ſein, wenn ihr dieſe Tracht eine Stunde laͤnger truͤget.— Ihr ſeht ſehr blaß aus, mein guter Coleby, da ihr vor wenig Minuten noch ſo viel Farbe hattet. Laßt euch nicht durch Buckinghams Reden kraͤnken; Niemand achtet ſeine Thorheit.— Ihr entfaͤrbt euch immer mehr. Erholet euch, ihr ſeid durch dieſen Beſuch zu ſehr angegriffen. Sitzt ſtill— ſteht nicht auf— unternehmt es nicht, nieder zu knieen. Ich befehle euch, ruhig zu bleiben, bis ich in dieſen Zimmern die Runde gemacht haben werde.“. „Der alte Royaliſt neigte ſein Haupt zum Zei⸗ chen des Gehorſams gegen den Befehl ſeines Sou⸗ veraͤns, ober er erhob es nicht wieder. Die unru⸗ hige Bewegung des Augenblicks war zu ſtark gewe⸗ ſen, fuͤr Lebensgeiſter, die ſchon lange in einem Zu⸗ v— 3— 107 ſtande der Niedergeſchlagenheit ſich befanden, und fuͤr eine ſehr verfallene Geſundheit. Als der Koͤnig und ſein Gefolge, nach einer halbſtuͤndigen Abwe⸗ ſenheit, an die Stelle, wo ſie den Veteran verlaſſen hatten, zuruͤck kamen, fanden ſie ihn todt, und bereits kalt, in der Stellung eines Menſchen, der leicht in Schlaf geſunken iſt. Der Koͤnig war aus⸗ nehmend beſtuͤrzt; und mit einer ſchwachen und bebenden Stimme gab er Befehl, den Leichnam zu gehoͤriger Zeit in die Kapelle des Towers zu begra⸗ ben. Dann blieb er ſtill, bis er die Stufen an der Vorderſeite des Zeughauſes erreichte, wo die Geſell⸗ ſchaft ſeiner Begleitung, nebſt noch einigen andern Perſonen von ehrwuͤrdigem Anſehen, welche die Neugierde herbei gezogen hatte, ſich bei ſeiner An— naͤherung zu verſammeln anfing. „Das iſt erſchrecklich,“ ſagte der Koͤnig.„Wir muͤſſen einige Maaßregeln auffinden, die Noth zu erleichtern, und die Treue unſrer leidenden Anhaͤn⸗ ger zu belohnen, ſonſt wird die Nachwelt unſer An⸗ denken verwuͤnſchen.“ „Ihre Majeſtaͤt haben oft ſolche Plaͤne in Ihrem Geheimen Rath in Vorſchlag gebracht,“ ſagte Buckingham. „Ganz wahr, Georg,“ ſagte der Koͤnig.„Ich kann ruhig ſagelt, es iſt meine Schuld nicht. Ich habe ſeit Jahren darauf gedacht.“ „Es kann nicht zu wohl uͤberlegt werden,“ aagte Buckingham;„uͤberdieß macht jedes Jahr das un⸗ ternehmen zu helfen leichter.“ „Ganz recht,“ ſagte der Herzog von Ormond, „indem die Anzahl der Leidenden ſich verringert. Da iſt der arme alte Coleby, der nun nicht mehr der Krone zur Laſt fallen wird.“ „Sie ſind zu hart, mein Herzog von Ormond,“ ſprach der Koͤnig, und ſollten die Gefuͤhle achten, die Sie kraͤnken. Sie koͤnnen doch nicht glauben, daß wir dieſen armen Alten in ſo einer Lage gelaſſen haben wuͤrden, haͤtten wir den Umſtand gewußt? „So wenden Ihre Majeſtaͤt um Gottes willen,“ ſagte der Herzog von Ormond,„Ihre Augen, die nur eben auf der Leiche eines alten Freundes geruht haben, auf die Bedraͤngniſſe andrer. Hier iſt der alte tapfre Ritter Gottfried Peveril von dem Gipfel, der in dem ganzen Kriege focht, wo es nur Hiebe gab, und der, glaub' ich, der letzte Mann in Eng⸗ land war, welcher ſeine Waffen niederlegte.— Hier iſt ſein Sohn, von dem ich als einem Mann von Geiſt, Talent und Muth die hoͤchſte Meinung habe.— Hier iſt das ungluͤckliche Haus Derby— um des Himmels willen, verwenden Sie ſich zum Beſten dieſer Schlachtopfer, welche die Schlingen dieſes Schlangenkomplotts umſchlungen haben, um ſie todt zu druͤcken— ſchlagen Sie die boͤſen Feinde zuruͤck, die ihr Leben zu verſchlingen ſuchen, und entreiſſen Sie den Harpyien, die nach ihrem Ver⸗ moͤgen ſchnappen, die gehoffte Beute. Heute gerade uͤber acht Tage ſoll die ungluͤckliche Familie, Vater und Sohn, zum Verhoͤr uͤber Verbrechen gebracht werden, an denen ſie, ich ſpreche es dreiſt aus, eben ſo unſchuldig ſind, als irgend Jemand, der in dieſer Verſammlung ſteht. Um Gottes Willen, Ihre Ma⸗ jeſtaͤt, laſſen Sie uns hoffen, daß, wenn die Vorur⸗ theile des Volks ſie verurtheilen ſollten, wie ſie es bei Andern gethan, Sie zulezt zwiſchen die Blut⸗ jaͤger und ihre Beute treten werden.“ Der Koͤnig ſah, wie er es wirklich war, aͤuſſerſt verlegen aus. Buckingham, zwiſchen welchem und Ormond eine beſtaͤndige und faſt toͤdtliche Feindſchaft herrſchte, miſchte ſich ein, eine Ablenkung zu Gunſten Karls zu bewirken.„Das koͤnigliche Wohlwollen Ihrer Majeſtaͤt,“ ſagte er,„wird immer in Thaͤtigkeit er⸗ halten werden, ſo lange der Herzog von Ormond um Ihre Perſon iſt. Er traͤgt ſeinen Aermel nach altmodiſchem Schnitt, um darin immer eigen Vor⸗ rath herunter gekommener Cavaliere zu tagen und auf Verlangen hervorzubringen, rare alte duͤrrbeinige Knaben, mit Malvaſiernaſen, kahlen Schedeln, Storchbeinen, und herzbrechenden Geſchichten von Edgehill und Naſeby.“ „Mein Aermel,“ ſagte Ormond, dem Herzog gerad' ins Geſicht ſehend,„iſt, ich geſtehe es, nach altem Schnitt, aber ich hefte weder Meuchelmoͤrder noch Raͤuber daran, wie ich an Roͤcken nach der neuen Mode befeſtigt ſehe.“. „Das iſt ein wenig zu hart fuͤr unſre Gegenwart, mein Herzog,“ ſagte der Koͤnig. „Nein, wenn ich meine Rede beweiſe,“ ſagte Ormond.— Herr Herzog von Buckingham, wollen Sie mir den Mann nennen, mit dem Sie ſprachen, als Sie das Boot verließen?“ „Ich ſprach mit Niemanden,“ ſagte der Herzog haſtig—„nein ich irre mich, ich beſinne mich, ein Kerl fluͤſterte mir ins Ohr, daß Einer, der, wie ich glaubte, London verlaſſen haͤtte, noch in der Stadt waͤre; ein Mann, mit den ich Geſchaͤfte hatte.“ „War Jener der Bote?“ ſagte Ormond, indem er aus dem Haufen, der im Hofraum ſtand, einen langen finſter ausſehenden Mann auszeichnete, der in einem großen Mantel gehuͤllt, einen breiten herunter geſchlagenen Kaſtorhut und ein langes Schwert nach Spaniſcher Art trug— kurz denſelben —-— 111 Oberſten, den der Herzog zur Aufſuchung Chriſtians abgeſchickt hatte, um ihn auf dem Lande zuruͤck zu halten. Als Buckinghams Augen der Richtung von Or⸗ mond's Finger gefolgt waren, konnt' er ein ſo tiefes Erroͤthen nicht verhindern, daß es dem Koͤnige auffiel. „Was ſt das fuͤr ein neuer Spaß, Georg?“ ſagte er.„Ihr Herren, bringt den Kerl her. Bei meinem Leben, ein wild ausſehender Schelm.— Hoͤrt, Freund, wer ſeid ihr? Wenn ihr ein ehrli⸗ cher Mann ſeid ,ſo hat die Natur vergeſſen, es auf euer Geſicht zu ſchreiben. Kennt ihn hier Nie⸗ mand?. 3 „Ein ganzer Schurke iſt's in allen Zuͤgen. Ein Ehrenmann? Das waͤren Teufelsluͤgen.“ „Er iſt Vielen gut bekannt, Ihre Majeſtaͤt,“ antwortete Ormond;„und daß er auf dieſem Platze, mit wohlbehaltenem Halſe und mit ungefeſſelten Gliedern, einhergeht, iſt, unter vielen andern, ein Beweis, daß wir unter dem gnaͤdigſten Fuͤrſten Europas leben.“ „Um aller Welt willen, mein Herzog, wer iſt der Mann?“ ſagte der Koͤnig.„Ihre Durch⸗ laucht ſprechen geheimnißvoll— Buckingham erroͤ⸗ thet— und der Schurke ſelbſt verſtummt.“ — 112 „Dieſer Ehrenmann, geruhen Ihre Majeſtaͤt,“ antwortete der Herzog von Ormond,„den ſeine Be⸗ ſcheidenheit ſtumm macht, wenn ſie ihn gleich nicht ſchaamroth machen kann, iſt der beruͤchtigte Oberſt Blood, wie er ſich nennt, deſſen Verſuch, ſich der koͤnigli⸗ chen Krone Ihrer Majeſtaͤt zu bemaͤchtigen, vor nicht gar langer Zeit in dieſem naͤmlichen Tower von London ſtatt fand.“ „Dieſe That wird nicht leicht vergeſſen,“ ſagte der Koͤnig;„aber daß der Kerl lebt, beweiſet ſowohl die Milde Ihrer Durchlaucht, als meine eigne.“ „Ich kann nicht leugnen, daß ich in ſeinen Haͤn⸗ den war, Ihre Majeſtaͤt,“ ſagte Ormond,„und waͤre gewiß von ihm ermordet worden, haͤtte es ihm beliebt, mir auf der Stelle das Leben zu nehmen, anſtatt mich— ich danke ihm fuͤr die Ehre— dazu zu beſtimmen, zu Tyburn gehaͤngt zu werden. Ich waͤre ſicherlich ſchnell aus dem Wege geraͤumt wor⸗ den, haͤtte er mich des Meſſers oder Piſtols oder ſonſt eines ſchleunigeren Mordwerkzeugs, als des Stricks, werth geachtet.— Sehen Sie ihn an, Ihre Majeſtaͤt! Wenn es der Boͤſewicht wagte, er wuͤrde in dieſem Augenblicke, wie Caliban im Schau⸗ ſpiele ausrufen: Ho, ho, ich wollte, ich haͤtt es 4 gethan!“. „Ei wahrhaftig, mein Herzog, er hat eine ſchur⸗ — — 113 kiſche hoͤhniſche Miene, die eben ſo viel zu ſagen ſcheint; aber wir haben ihm verziehen, und das haben Ihre Durchlaucht gleichfalls.“ „Es wuͤrde mir uͤbel angeſtanden haben,“ ſprach der Herzog von Ormond,„einen Angriff auf mein armes Leben ſtreng zu ahnden, da Ihre Majeſtaͤt geruhten, ihm ſeinen frechen und uͤbermuͤthigern Verſuch auf Ihre Koͤnigliche Krone zu vergeben. Aber ich muß es fuͤr ein Stuͤck von der hoͤchſten und aͤußerſten Frechheit dieſes blutduͤrſtigen Raufbolds halten, von wem er auch inimer jetzt untefſtuͤtzt werden mag, daß er im Tower, dem Schauplatz eines ſeiner Bubenſtreiche, oder vor mir erſcheint, der ich beinahe das Opfer eines andern geworden waͤre.“— 5 „Sie ſollen in Zukunft Genugthuung erhalten,“ ſagte der Koͤnig.—„Aber hoͤrt, Blood, wenn ihr euch wieder unterſteht, euch, wie jetzt, uns in den Weg zu werfen, ſo will ich des Henkers Meſſer und eure ſchurkiſchen Ohren mit einander bekannt machen.“ Blood verbeugte ſich, und ſagte mit einer kalten Unverſchaͤmtheit, die ſeinen Nerven groſſe Ehre machte, er ſei blos zufaͤllig nach dem Tower gekom⸗ men, um ſich mit einem vertrauten Freunde in ei⸗ nem wichtigen Geſchaͤft zu beſprechen.„Der Herr 1144 Herzog von Buckingham,“ ſagte er,„weiß, daß ich keine andre Abſicht hatte..) „Packt euch fort, ihr ſchurkiſcher Meuchelmoͤrder“ fagte der Herzog, der eben ſo wenig des Oberſten Blood's Anſpruͤche auf ſeine Bekanntſchaft leiden mochte, als ein Wuͤſtling der Stadt bei ſeinen nie⸗ drigen und verworfenen Geſellen ſeiner mitternaͤcht⸗ lichen Ausſchweifungen, wenn ſie ihn in beſſerer Ge⸗ ſellſchaft anreden;„wenn ihr euch wieder unterſteht, meinen Namen anzufuͤhren, ſo laſſ' ich euch in die Themſe werfen.“ Blood, ſo zuruͤckgetrieben, kehrte mit der uͤber⸗ muͤthigſten Gelaſſenheit um, und ging laͤngs der Verſammlung hinab fort, waͤhrend ihm alle Men⸗ ſchen, wie einem ſeltſamen und ungeheuren Wunder⸗ thier, nachſahen; ſo ſehr war er wegen ſeiner frechen und verwegenen Bosheit beruͤchtigt. Einige folgten ihm ſogar, um den verrufenen Oberſten Blood noch beſſer zu ſehen, wie eine Schaar kleiner Voͤgel, die um eine Eule herumflattern, wenn ſie im Son⸗ nenlicht erſcheint. Aber wie im letztern Falle dieſe vernunftloſen Schwaͤrme ſich ſorgfaͤltig außer dem Bereich des Schnabels und der Klauen des Vogels der Minerva halten, ſo huͤtete ſich keiner von denen, die Blood folgten, und ihn als etwas Unheil ver⸗ kuͤndigendes hetrachteten, Blicke mit ihm zu wechſeln, 115 oder die finſtern und toͤdtlichen Blicke auszuhalten, die er von Zeit zu Zeit auf die ihn zunaͤchſt draͤngen⸗ den ſchoß. Auf dieſe Art ſchritt er, wie ein er⸗ ſchreckter Wolf, beſorgt zu halten, doch abgeneigt zu fliehen, weiter, bis er das Verraͤthersthor erreichte, und, in einen auf ihn wartenden Kahn ſtieg, und aus ihren Augen verſchwand. Karl wollte gern alles Andenken an ſeine Erſchei⸗ nung durch die Bemerkung verwiſchen,„es waͤre eine Schande, daß ein ſo verworfener Schurke der Anlaß zur Zwietracht zwiſchen zwei ausgezeichneten Maͤnnern von hohem Adel ſein ſollte;“ und er er⸗ mahnte die Herzoͤge von Buckingham und Ormond, einander die Haͤnde zu reichen, und ein Mißverſtaͤnd⸗ niß, das uͤber einen ſo unwuͤrdigen Gegenſtand ent⸗ ſprang, zu vergeſſen. Buckingham antwortete fluͤchtig:„die ehrwuͤrdi⸗ gen weißen Haare des Herzogs„on Ormond recht⸗ fertigten ihn hinlaͤnglich, die erſten Eroͤffnungen zu einer Ausſoͤhnung zu machen,“ und dem zu Folge hielt er ſeine Hand zuruͤck. Aber Ormond ver⸗ beugte ſich nur dagegen, und ſagte,„der Koͤnig habe keine Urſache, zu erwarten, daß der Hof durch Aeußerungen ſeiner perſoͤnlichen Empfindlich⸗ keit beunruhigt werden ſollte, weil ihm weder die Zeit zwanzig Jahre, noch das Grab ſeinen tapfern Sohn Oſſory zuruͤckgeben werde. Was den Boͤſe⸗ wicht, der ſich hier eingedraͤngt, betreffe, ſo ſei er ihm verbunden, weil er durch den Beweis, daß die Milde ſeiner Majeſtaͤt ſich ſelbſt auf die alleraͤrgſten Verbrecher erſtrecke, ſeine Hoffnung verſtaͤrke, die Gnade des Koͤnigs fuͤr ſolche von ſeinen unſchuldigen Freunden zu gewinnen, die ſich jetzt, auf die gegen ſie erhobenen gehaͤſſigen Anklagen in Betreff des papi⸗ ſtiſchen Complotts, im Gefaͤngniß und in Gefahr befaͤnden.“ Der Koͤnig gab auf dieſe Mittheilungen keine andere Antwort, als daß er die Geſellſchaft zur Ruͤck⸗ kehr nach Whitehall ſich einſchiffen hieß; und ſo nahm er von den Officieren des Towers, welche die Aufwartung hatten, mit einem jener artigen Complimente uͤber ihren Dienſteifer, wie ſie niemand beſſer auszudruͤcken verſtand, Abſchied, und gab zu⸗ gleich ſtrenge und ſorgfaͤltige Befehle fuͤr den Schutz und die Vertheidigung der ihnen anvertrauten Fe⸗ ſtung und alles deſſen, was ſie enthielte. Ehe er ſich bei ihrer Ankunft in Whitehall von Ormond trennte, wandte er ſich zu ihm um, wie Einer, der ſeine Entſchließung gefaßt hat, und ſagte: „Geben Sie ſich zufrieden, mein Herzog;— der — 117 Fall unſers Freundes ſoll in Betracht gezogen werden.“ An demſelben Abend hatten der Generalfiscal, und North, der Lord⸗Oberrichter des Civilgerichts, Befehle, ganz insgeheim, in den Chiffinchiſchen Zimmern(dem Mittelpunkte aller Liebes⸗ und Ge⸗ ſchaͤftsangelegenheiten) vor ſeiner Majeſtaͤt zur Ver⸗ handlung uͤber beſondere Staatsſachen ſich ein⸗ zufinden Sechſtes Kapitel. Der Morgen, welchen Karl zum Beſuch des To⸗ wers angewandt hatte, war ganz anders von jenen ungluͤcklichen Perſonen zugebracht worden, welche ihr ſchlimmes Schickſal und der ſonderbare Geiſt der Zeiten zu den unſchuldigen Bewohnern dieſes Staats⸗ gefaͤngniſſes gemacht, und welche die amtliche Be⸗ kanntmachung erhalten hatten, daß ſie am naͤchſten ſiebenten Tage ihr Verhoͤr vor dem koͤniglichen Ober⸗ hofgericht zu Weſtmuͤnſter zu erwarten haͤtten. Der wackere alte Ritter neckte erſt den Gerichtsdiener, daß er ihm ſein Fruͤhſtuͤck mit der Nachricht ſtoͤrte; bewies aber lebhafte Ruͤhrung, als er erfuhr, daß 118 ſein Sohn Julian auf dieſelbe Anklage zur Rechen⸗ ſchaft gezogen werden wuͤrde. Wir wollen blos ſehr im Allgemeinen bei der Beſchaffenheit dieſes Verhoͤrs verweilen, welches, der Form nach, faſt mit allen denen uͤbereinſtimmte, die waͤhrend des herrſchenden papiſtiſchen Complotts ſtatt fanden. Naͤmlich einer oder zwei ehrloſe und meineidige Zeugen, deren Gewerbe als gemeiner An⸗ geber furchtbar eintraͤglich geworden war, legten ei⸗ nen Schwur ab, daß die Gefangenen ſich bei der großen Verſchwoͤrung der Katholiken als intereſſirte Theilnehmer gezeigt haͤtten. Eine Anzahl anderer Zeugen brachten Thatſachen oder verdaͤchtige Um⸗ ſtaͤnde vor, welche den Charakter der Parteien, als rechtſchaffener Proteſtanten und guter Unterthanen, in Zweifel ſetzten; und zwiſchen dem unmittelbaren und dem muthmaßlichen Zeugniß wurde gewoͤhnlich genug herausgezogen, um bei einem beſtochenen Gerichts⸗ hofe und meineidigen Geſchwornen den verhaͤngniß⸗ vollen Ausſpruch des„Schuldig“ zu rechtfertigen. Die Wut des Volks fing jedoch jetzt an, ſich zu verlieren, nachdem ſie ſich ſelbſt durch ihre eigene Heftigkeit erſchoͤpft hatte. Die Engliſche Nation unterſcheidet ſich von allen andern, ſelbſt von denen der verſchwiſterten Koͤnigreiche, dadurch, daß ſie ſehr leicht mit Beſtrafung geſaͤttigt wird, auch wenn ——ÿ—ÿ—x————— — 119 ſie dieſelbe fuͤr voͤllig verdient haͤlt. Andere Natio⸗ nen gleich dem gezaͤhmten Tiger, der, wenn ein⸗ mal ſein Appetit nach blutiger Beute in einem Falle befriedigt iſt, ohne Unterſchied zu neuem Raube her⸗ vor ſtuͤrzt. Aber das Engliſche Volk hat immer ziemliche Aehnlichkeit mit demjenigen gezeigt, was man von dem Hunde einer gewiſſen Gattung, sleuth- dog*) genannt, erzaͤhlt, der hitzig und mit wildem Geſchrei ſeine Beute verfolgt, ſobald aber ſeine Spur mit Blut beſpruͤtzt iſt, von ihr ablaͤßt. Die Gemuͤther fingen nun an, ſich abzukuͤhlen — der Charakter der Zeugen wurde nun naͤher ge⸗ pruͤft— ihre Zeugniſſe ſtimmten nicht in allen Faͤllen zuſammen— und ein heilſamer Argwohn ſing an gegen Menſchen genaͤhrt zu werden, die zwar nie ſagen wollten, daß ſie eine vollkommene Entdeckung alles deſſen, was ſie wuͤßten, gemacht haͤtten, aber doch unverholen irgend einen Punkt des Zeugniſſes fuͤr kuͤnftige Verhoͤre ſich vorbehielten. Auch der Koͤnig, der waͤhrend des erſten Auf⸗ bruchs der Volkswut unthaͤtig geblieben war, fing nun an, ſich n Bewegung zu ſetzen, und dieß brachte eine merkliche Wirkung auf den Sachwalter der Krone und ſelbſt auf die Richter hervor. Sir George *) Sleuth- dog, fehlt in unſern Woͤrterbuͤchern. . A. d. U. Wakemann war, trotz dem directen Zeugniſſe Oates, frei geſprochen worden; und die oͤffentliche Aufmerk⸗ ſamkeit war nun ſtark geſpannt auf die naͤchſte ge⸗ richtliche Unterſuchung, welche die beiden Peverile, Vater und Sohn, traf, mit denen(ich weiß nicht, durch welche Verkettung der Umſtaͤnde) der kleine Hudſon zugleich vor das koͤnigliche Oberhofgeriche gebracht wurde. Es war ein Mitleid erregender Anblick, Vater und Sohn, die ſo lange von einander getrennt ge⸗ weſen waren, unter ſo traurigen Umſtaͤnden einan⸗ der treſfen zu ſehen; und viele Thraͤnen wurden ver⸗ goſſen, als der majeſtaͤtiſche alte Mann(denn ein ſolcher war er, obgleich durch das Alter gebeugt) mit einem gemiſchten Gefuͤhl von Freude, Zaͤrtlichkeit und bitterer Beſorgniß vor dem Ausgange des be⸗ vorſtehenden Verhoͤrs, ſeinen Sohn an ſeine Bruſt druͤckte. Es regte ſich ein Gefuͤhl an dem Gerichts⸗ hofe, das fuͤr einen Augenblick jedes Vorurtheil und jede Parteiſucht uͤberwog, Viele Zuſchauer vergoſſen Thraͤnen; und man hoͤrte ein dumpfes Wehklagen, wie bei denen, die laut weinen. Diejenigen, welche Ruhe genug hatten, das Be⸗ tragen des armen kleinen Gottfried Hudſon zu beob⸗ achten, der unter dem von ſeinen Ungluͤcksgefaͤhrten erregten uͤberwiegenden Intereſſe kaum bemerkt — 121 wurde, entdeckten wohl einen hohen Grad von Kraͤn⸗ kung an dem kleinen Ritter. Er hatte ſeiner großen Seele mit dem Gedanken geſchmeichelt, die Rolle, zu der er berufen worden war, auf eine Art zu ſpie⸗ len, deren man ſich lange an dieſem Ort erinnern ſollte; und hatte bei ſeinem Eintritt die zahlreichen Zuſchauer ſowohl, als die Gerichtsverſammlung mit einer cavaliermaͤßigen Miene gegruͤßt, welche An⸗ muth, vornehme Erziehung, vollkommene Kaltbluͤ⸗ tigkeit und eine gewiſſe Verachtung des Ausganges des Rechtsverfahrens ausdruͤcken ſollte. Allein ſeine kleine Perſon wurde üuber der Zuſammenkunft, des Vaters und des Sohnes(welche in verſchiedenen Booten vom Tower gebracht und in demſelben Au⸗ genblicke vor die Schranken gefuͤhrt worden waren) ſo verdunkelt und bei Seite geſetzt, daß ſein Kum⸗ mer und ſeine Wuͤrde gleichmaͤßig in den Hinter⸗ grund kamen, und weder Sympathie noch Bewun⸗ derung auf ſich zogen. Die weiſeſte Art des Zwerges, Aufmerkſamkeit zu gewinnen, waͤre die geweſen, ruhig zu bleiben; da denn ein ſo merkwuͤrdiges Aeußere gewiß in der Verſammlung nicht unbemerkt geblieben waͤre, wonach er ſo begierig ſtrebte. Aber wann hoͤrte per⸗ ſoͤnliche Eitelkeit auf den Rath der Klugheit? Unſer ungeduldiger Freund kletterte mit einiger Muͤhe auf IV. F 122 die zu ſeinem Sitze beſtimmte Bank hinauf, und da, bemuͤht auf den Zehen zu ſtehen, wie Chaucer's tapferer Ritter Chaunticlere, forderte er die Auf⸗ merkſamkeit der Zuhoͤrer auf, indem er ſich ver⸗ beugte und auf ſeine Bekanntſchaft mit ſeinem Na⸗ mensverwandten Ritter Gottfried dem groͤßern be⸗ rief, dem er, ungeachtet ſeiner erhoͤhten Stellung, kaum an die Schultern reichte. Der groͤßere Ritter, deſſen Gemuͤth mit ganz andern Dingen beſchaͤftigt war, nahm keine Kennt⸗ niß von dieſen Aeußerungen des Zwergs, ſondern ſetzte ſich mit der feſten Entſchließung nieder, eher ſein Herz brechen zu laſſen, als Zeichen von Schwaͤche vor Stutzkoͤpfen und Presbyterianern zu verrathen, unter welchen Schmaͤhnamen(zu altmodiſch, um ſie durch Parteinamen aus neuerer Zeit zu uͤberſetzen) er alle Perſonen begriff, die zu ſeiner gegenwaͤrtigen Unruhe mitwirkten. Durch die veraͤnderte Stellung Sir Gottfrieds des groͤßern wurde ſein Geſicht in eine ſo gleiche Linie mit dem Geſicht Sir Gottfrieds des kleinen gebracht, daß dieſer im Stande war, ihn bei dem Mantel zu zupfen. Der Ritter vom Schloſſe Mar⸗ tindale wandte mehr mechaniſch, als abſichtlich, ſei⸗ nen Kopf gegen das große runzlige Geſicht, das im Kampf zwiſchen einer angenommenen Miene von ge⸗ 123 faͤlliger Wichtigkeit und einem unruhigen Verlangen bemerkt zu werden, in einer Entfernung von drei Fuß von ihm, ſich wunderlich verzog. Aber weder die ſonderbare Phyſiognomie, das Nicken und Laͤcheln der Begruͤßung und des Wiedererkennens, wozu ſie verdreht wurde, noch die ſeltſame kleine Geſtalt, welche ſie trug, vermochten in dieſem Augenblicke einige Erinnerungen in der Seele des alten Ritters zu erwecken; und nachdem er auf einen Augenblick den a gen kleinen Mann angeſtarrt hatte, wandte der ſtarkgebaute Namensvetter von ihm den Kopf ab, ohne fernere Notiz von ihm zu nehmen. Julian Peveril, des Zwergs neuerer Bekannter, hatte, ſelbſt unter ſeinen eignen aͤngſtlichen Gefuͤhlen, noch Raum fuͤr Sympathie mit denen ſeines kleinen Leidensgefaͤhrten. Sobald er entdeckte, daß er vor denſelben furchtbaren Schranken zugleich mit ihm ſich befand, wiewohl er nicht begreifen konnte, wie ihre Angelegenheiten ſich hier vereinigten, bewies er ihm ſein Wiedererkennen durch ein herzliches Schuͤt⸗ teln der Hand, welches der alte Mann mit Wuͤrde und wirklicher Dankbarkeit erwiederte.„Werther Juͤngling,“ ſagte dieſer zu Julian,„deine Gegen⸗ wart iſt erquickend, gleich dem Nepenthes*) Ho⸗ *) Einem ſchmerzſtillenden Kraut. F 2 124— mers, ſelbſt in dieſer Synkope*) unſers wechſelſei⸗ ſeitigen Schickſals. Ich bin betreten, zu ſehen⸗ daß Ihr Vater nicht dieſelbe Lebhaftigkeit der Seele hat, wie die der unſrigen iſt, welche innerhalb eines kleinern Umfangs wohnen; und daß er einen alten Kameraden und Kriegsgenoſſen vergeſſen hat, der jetzt neben ihm ſteht, um vielleicht ihren letzten Feld⸗ zug mit zu machen.“ Julian antwortete kurz, daß ſein Vater zu ſehr mit ſich ſelber beſchaͤftigt waͤre. Aber der kleine Mann— der, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſich(nach ſeinem eignen Ausdruck) niche mehr um bevorſtehende Gefahr und Tod bekuͤm⸗ merte, als um den Stich eines Flohruͤſſels— gab nicht ſo leicht den geheimen Gegenſtand ſeines Ehr⸗ geizes auf, welcher darin beſtand, von dem großen und hohen Gottfried bemerkt zu werden; denn da dieſer wenigſtens drei Zoll laͤnger als ſein Sohn war, ſo mußte er in ſo fern die hoͤhere Vortrefflichkeit be⸗ ſitzen, die der arme Zwerg im Innerſten ſeiner Seele uͤber alle andere Auszeichnungen ſchaͤtzte, ob er ſie gleich in ſeiner Unterredung beſtaͤndig herabſetzte. „Guter Kamerade und Namensvetter,“ fuhr er ſort, mit ausgeſtreckter Hand, ſo daß er wieder des aͤltern Peverils Mantel erreichte,„ich vergebe Ih⸗ *) Zuſammenziehung, Verbindung⸗ 7 — 125 nen Ihren Mangel an Erinnerung, weil es lange her iſt, daß ich Sie bei Naſeby ſo fechten ſah, als haͤtten Sie eben ſo viele Arme, wie der fabelhafte Briareus.“ Der Ritter von Martindale, der wieder ſeinen Kopf nach dem kleinen Mann gewendet, und zugehoͤrt hatte, als ſuchte er Etwas aus ſeiner Rede abzuneh⸗ men, unterbrach ihn hier mit einem muͤrriſchen „Pfui!“ „Pfui!“ wiederholte Ritter Gottfried der Kleine. „Pfui iſt ein Ausdruck der Geringſchaͤtzung— ja der Verachtung— in allen Sprachen; und waͤre dieß ein ſchicklicher Ort—“ Aber die Richter hatten nun ihre Plaͤtze einge⸗ nommen, die Ausrufer geboten Stillſchweigen, und die ernſte Stimme des Oberrichters(des beruͤchtigten Scroggs) fragte, was die Gerichtsdiener daͤchten, daß ſie die Angeklagten im offenen Gerichtshofe mit einander ſprechen ließen. Es iſt hier zu bemerken, daß dieſe beruͤhmte Perſon bei dem gegenwaͤrtigen Falle in groſſer Ver⸗ legenheit war, wie zu verfahren waͤre. Ein gelaſſe⸗ nes, geſetztes richterliches Benehmen war zu keiner Zeit ſeinem amtlichen Betragen eigen. Er dekla⸗ mirte und brauſte immer gegen die eine oder die andre Partei; und neuerlich war er in groſſer Unge⸗ § 3 wißheit geweſen, welche Partei er nehmen ſollte, da er zu Allem, was der Unparteilichkeit aͤhnlich ſah, ganz unfaͤhig war. Bei den erſten Verhoͤren uͤber das Complott, als alle Stimmen des Volks ſich gegen die Angeklagten erhoben, war niemand ſo laut geweſen, als Scroggs;— jedes Unterfangen, den Charakter eines Oates oder Bedlowe, oder irgend eines andern Hauptzeugen, in Zweifel zu ziehen, behandelte er als ein abſcheulicheres Verbrechen, als die Laͤſterung des Evangeliums, auf das ſie ge⸗ ſchworen hatten, geweſen ſein wuͤrde— es war ein Unterdruͤcken des Complotts oder ein Mißtrauen in die Zeugen des Koͤnigs,— ein Verbrechen nicht viel geringer, als Hochverrath an dem Koͤnige ſelbſt. Allein neuerlich hatte ſich ein Licht in dem Ver⸗ ſtande dieſes Auslegers der Geſetze zu zeigen begon⸗ nen. Kundig des Geiſtes der Zeiten, fing er an zu bemerken, daß der Strom eine andere Richtung nahm, und daß zum wenigſten Hofgunſt, und wahr⸗ ſcheinlich auch Volksmeinung, im Kurzen, ſich gegen die Zeugen, und zum Vortheil der Angeklagten er⸗ klaͤren vuͤrden. Die von Scroggs bisher gehaͤgte Meinung von der hohen Achtung, in welcher Shaftesbury, der Vertheidiger des Complotts, bei Karl ſtaͤnde, war — 127 durch eine geheime Mittheilung ſeines Amtsbruders North voͤllig erſchuͤttert worden, und dieſe lief darauf hinaus;„der Lord goͤlte nicht mehr am Hofe, als ſein Lakai.“ Dieſe aus ſicherer Hand und nur dieſen Morgen erhaltene Nachricht hatte den Richter in eine ſchwie⸗ rige Wahl geſetzt; denn, ſo gleichguͤltig er gegen wirkliche Beſtaͤndigkeit in ſeinem Verhalten war, ſo ſuchte er doch ſehr aͤngſtlich den Schein zu behaupten⸗ Er mußte ſich wohl beſinnen, wie heftig er bei fruͤ⸗ hern Gelegenheiten zu Gunſten dieſer Verfolgungen geweſen war; und indem er zu gleicher Zeit einſah⸗ daß die Glaubwuͤrdigkeit der Zeugen, obgleich in der Meinung der Einſichtsvolleren erſchuͤttert, doch unter dem großen Haufen noch ſo viel galt, als je, ſo hatte er eine ſchwierige Rolle zu ſpielen. Sein Verhalten waͤhrend des ganzen Verhoͤrs glich daher dem Anblick eines Schiffs, das im Begriff iſt, eine andre Richtung zu nehmen, wenn die Segel im Winde hin und her ſich ber gen, ehe ſie die Rich⸗ tung erhalten haben, die dem Fahrzeug einen andern Lauf giebt. Mit einem Wort, er war ſo ungewiß, welche Partei zu beguͤnſtigen, ſein Intereſſe forderte, daß man ſagen konnte, er waͤre bei dieſer Gelegen⸗ heit dem Zuſtande einer voͤlligen Unparteilichkeit naͤher gekommen, als er je, weder vorher, noch 5 4 128 nachher, zu erreichen faͤhig war. Dieß zeigte ſich, indem er bald auf die Angeklagten, bald auf die Zeugen, los polterte, wie ein Kettenhund, der zu ſehr gereizt iſt, um ohne Bellen ſtill zu liegen, aber ungewiß iſt, wen er zuerſt beiſſen ſoll. Die Anklage wurde nun vorgeleſen; und Ritter Gottfried Peveril hoͤrte mit einiger Gelaſſenheit den erſten Theil derſelben, welcher dahin lautete, er habe ſeinen Sohn an den Hofſtaat der Graͤfin von Derby, einer widerſpaͤnſtigen Papiſtin, in der Ab⸗ ſicht gebracht, das ſchreckliche und blutduͤrſtige papi⸗ ſtiſche Complott zu unterſtuͤtzen— indem er Waffen und Kriegsvorraͤthe in ſeinem Hauſe gehabt— und ein Blanquet, als Vollmacht, vom Lord Stafford empfangen habe, der wegen des Complotts den Tod erlitten hatte. Als aber die Beſchuldigung auf den Ausſpruch kam, er habe zu demſelben Zweck mit Gottfried Hudſon, bisweilen Sir Gottfried Hudſon genannt, jetzt, oder ehedem im Hausdienſte der Koͤ⸗ nigin Witwe angeſtellt, Verbindung unterhalten, ſah er ſeinen Gefaͤhrten an, als wenn er ſich ploͤtzlich wieder auf ihn beſaͤnne, und brach ungeduldig in die Worte aus:„Dieſe Luͤgen ſind zu grob, um eine augenblickliche Erwaͤgung zu verdienen. Ich koͤnnte mit meinem edlen Verwandten, dem verſtorbenen Lord Stafford(ich will ihn ſo nennen, trotz ſeinem — 129 Mißgeſchicke) Verkehr genug gehabt haben, doch in nichts anderm, als in dem was rechtlich und un⸗ ſchuldig iſt,— und mit der Verwandtin meiner Frau, der ehrwuͤrdigen Graͤfin von Derby. Allein was fuͤr Wahrſcheinlichkeit kann es geben, daß ich mit einem abgelebten Buffon vertrauliche Unterre⸗ dung gepflogen haͤtte, mit dem ich nie einen Augen⸗ blick Verbindung gehabt, auſſer einmal am Oſterfeſt, als ich einen Dudelſack blies, da er zur Unterhal⸗ tung der Geſellſchaft auf einem Tiſche tanzte?“ Die Wut des armen Zwergs brachte ihm Thraͤ⸗ nen in die Augen, indeß er mit einem erzwungenen Lachen aͤußerte, daß Herr Niiter Gottfried Peveril, ſtatt jener jugendlichen Beluſtigungen ſich lieber ſeiner Angriffe an ſeiner Seite im Gefecht bei Wiggan⸗Lane haͤtte erinnern moͤgen. „Auf mein Wort,“ ſagte Ritter Gottfried Pe⸗ veril nach einer augenblicklichen Ueberlegung,„ich will Ihnen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Herr Hudſon— ich glaube, Sie aren dort— ich denke, ich hoͤrte, Sie leiſteten gute Dienſte. Aber Sie werden zugeben, daß Sie einem nahe ſein konnten, ohne daß man Sie ſah.“ Eine Art heimliches Gelaͤchter durchlief den Ge⸗ richtsſaal uͤber das einfache Zeugniß des groͤſſern Ritter Gottfrieds, welches der Zwerg zu entkraͤften F 5 130— ſuchte, indem er ſich auf die Zehen ſtellte, und ſtolz um ſich her ſah, als wollte er die Lachenden erin⸗ nern, daß ſie ſich ihrer Luſt auf ihre eigne Gefahr uͤberließen. Da er aber bemerkte, daß dieß nur noch mehr Geſpoͤtt erregte, ſo gab er ſich das Anſe⸗ hen einer gleichguͤltigen Verachtung, und aͤußerte mit einem Laͤcheln: niemand fuͤrchte den Blick eines gefeſſelten Löwen. Ein praͤchtiges Gleichniß, welches die Beluſtigung derer, die es hoͤrten, mehr ver⸗ mehrte, als verminderte. Gegen Julian Peveril unterblieb nicht die, ſeine Anklage verſchlimmernde Beſchuldigung, daß er Briefe zwiſchen der Graͤfin von Derby und andern in die allgemeine verraͤtheriſche Verſchwoͤrung der Katholiken verflochtenen Papiſten und Paiſtern be⸗ ſeellt habe; und der Angriff des Hauſes Moultraſſie⸗ Hall— ſein Gefecht mit Chiffinch, und ſein Anfall (wie es genannt wurde) auf die Perſon Johann Jenkins, Dieners des Herzog von Buckingham, wurden alle der Laͤnge nach als eben ſo viele offne Handlungen verraͤtheriſcher Art angefuͤhrt. Auf dieſe Beſchuldigungen begnuͤgte ſich Julian Peveril blos zu antworten: nicht ſchuldig. Sein kleiner Gefaͤhrte war mit einer ſo einfachen Antwort nicht zufrieden; denn, da er einen Theil der ihn angehenden Beſchuldigung vorleſen hoͤrte, — 131 er habe von einem Agenten des Complotts ein Blanquet als Oberſter eines Regiments von Gre⸗ nadieren erhalten, erwiederte er in Zorn und Ver⸗ achtung: wenn Goliath von Gath mit einem ſolchen Vorſchlage zu ihm gekommen waͤre, und ihm den Oberbefehl uͤber alle Soͤhne Anaks in einem Corps angeboten haͤtte, ſo haͤtte er nie die Gelegenheit haben ſollen, einen andern auf dieſelbe Art zu ver⸗ ſuchen.„Ich wuͤrde ihn auf der Stelle, wo er ſtand, erſchlagen haben,“ ſagte der tapfere kleine rechtliche Mann. Die Anklage wurde nun vom Sachwalter der Krone vom neuen vorgetragen; und jetzt trat auf der beruͤchtigte Doctor Oates, einherrauſchend im vollen ſeidenen Prieſterornat; denn es war zu einer Zeit, als er nicht wenig auf die Wuͤrde der zierlichen Tracht und des aͤußern Anſtandes hielt. . Dieſer ſonderbare Mann, der, durch die ge⸗ heimen Intriguen der Katholiken ſelbſt und durch den zufaͤlligen Umſtand von Godfrey's Ermordung unterſtuͤtzt, im Stande geweſen war, dem Publi⸗ kum eine ſolche Maſſe von Abgeſchmacktheiten zu verſchlingen zu geben, als ſein Zeugniß enthaͤlt, hatte kein andres Talent zur Taͤuſchung, als eine Unverſchaͤmtheit, welche der Ueberzeugung und der Schaam in gleichem Grade Trotz bot. Einem 132— Manne von Verſtand oder Ueberlegung wuͤrde der Verſuch hoͤchſt wahrſcheinlich mißlungen ſein, ſeiner Intrigue mehr Eingang zu verſchaffen, ſo wie es klugen Maͤnnern, die ſich an das Volk wenden, oft geht, weil ſie nicht wagen, auf den ungeheuren Umfang der Leichtglaͤubigkeit deſſelben zu rechnen, die beſonders groß iſt, wo die ihm mitgetheilten Erdichtungen das Furchtbare und Schreckliche in ſich ſchließen. Oates war von Natur choleriſch; und das Zu⸗ trauen, das er erlangt hatte, machte ihn uͤbermuͤthig und duͤnkelvoll. Selbſt ſein Aeußeres hatte etwas Furcht einfloͤßendes. Eine große weiße Peruͤcke zeigte ein hoͤchſt ſeltſames Geſicht von groſſer Laͤnge, mit dem Munde(als dem Organ, durch deſſen Ge⸗ brauch er ſich empor ſchwingen wollte) ganz im eigentlichen Mittelpunkte des Geſichts, ſo daß der erſtaunte Betrachter unter demſelben eben ſo viel Kinn, als Naſe und Stirne uͤber ihm wahrnahm. Seine Ausſprache hatte auch eine ihm eigenthuͤm⸗ liche Manier, worin er die Vocale ganz beſonders accentuirte.— Dieſer beruͤchtigte Mann, wie wir ihn oben beſchrieben haben, trat nun zu dem gegenwaͤrtigen Verhoͤr auf, und gab ſein Erſtaunen erregendes — 435 Zeugniß ab, in Betreff einer katholiſchen Verſchwoͤ⸗ rung zum Umſturz der Regierung und zur Ermor⸗ dung des Koͤnigs, in derſelben allgemeinen Form, in welcher man es in jeder Engliſchen Geſchichte finden kann. So wie aber Doctor Oates immer irgend einen beſondern Artikel des Zeugniſſes gegen die jetzt unmittelbar in Unterſuchung ſtehenden Per⸗ ſonen im Vorbehalt hatte, ſo beliebte es ihm, bei der jetzigen Gelegenheit, ſehr hart die Graͤfin von Derby anzuklagen.„Er habe(ſagte er) dieſe geehrte Dame geſehen, als er in dem Jeſuitereolle⸗ gium zu St. Omers geweſen. Sie habe nach ihm in ein Wirthshaus oder in eine Auberge, wie es dort genannt wurde, mit dem Schilde zum goldenen Lamm, geſchickt, und ihn in demſelben Zimmer mit ihrer Gnaden fruͤhſtuͤcken geheißen; und nachher ihm geſagt, weil ſie wiſſe, welches Vertrauen er bei der Geſellſchaft Jeſu genoͤſſe, ſo habe ſie beſchloſſen, ihn auch an ihren Geheimniſſen Theil nehmen zu laſſen; und zu gleicher Zeit habe ſie ein breites ſcharf geſpitztes Meſſer, dergleichen die Fleiſcher zum Schlachten der Schaafe gebrauchen, aus ihrem Buſen gezogen, und ihn gefragt, was er von der Beſtimmung deſſelben, daͤchte; und als er, der Zeuge, geſagt, zu welcher Beſtimmung es diene, ihn mit ihren Faͤcher auf die Finger geklopft, einen 134— dummen Kerl genannt, und geſagt, es ſei beſtimmt, den Koͤnig damit zu toͤdten. Hier konnte der Ritter Gottfried Peveril ſeinen Unwillen und ſein Erſtaunen nicht laͤnger zuruͤck halten.„Guͤtiger Himmel!“ ſagte er,„hat man je gehoͤrt, daß Frauen von Nange Schlaͤchtermeſſer bei ſich truͤgen, und jedem elenden Geſellen ſagten, ſie wollten den Koͤnig mit denſelben umbringen.— Meine Herren Richter, bedenken ſie nur, ob dieß vernuͤnftig iſt— jedoch wenn der Niedertraͤchtige durch einen ehrlichen Zeugen beweiſen koͤnnte, daß die Frau Graͤfin von Derby je einen ſolchen Ab⸗ ſchaum, wie er, habe zu ſich zum Beſuch kommen laſſen, ſo wollt' ich Alles glauben, was er ſagen kann.“ „Herr Ritter,“ ſagte der Richter,„bleiben Sie ruhig, Sie duͤrfen keine Ausfaͤlle machen— Leiden⸗ ſchaft kann Ihnen hier nichts helfen— Doctor Oates muß fortfahren.“ Doctor Oates fuhr in ſeinem Vortrage fort, und berichtete,„wie die Graͤfin ſich uͤber das Unrecht, das Derby vom Koͤnige erlitten, und uͤber die Be⸗ druͤckung ihrer Religion beſchwert, und mit den Ent⸗ wuͤrfen der Jeſuiten und der Prieſter aus dem Se⸗ minarium geprahlt habe, welche von ihrem edlem Verwandten aus dem Hauſe Stanley gewiß befoͤr⸗ — 135 dert werden wuͤrden.“ Endlich behauptete er,„daß ſowohl die Graͤfin, als die auswaͤrtigen Patres des Seminariums, viel auf die Talente und den Muth des Ritter Gottfried Peverils und ſeines Sohnes (von denen dieſer ein Mitglied ihrer Familie war) gebaut haͤtten.“ Von Hudſon habe er(ſo viel er ſich erinnere) nur einige Patres ſagen gehoͤrt, daß er, obgleich an Statur ein Zwerg, doch ſich als einen Rieſen in der Sache der Kirche zeigen wuͤrde.“ Als er ſein Zeugniß beendigt hatte, entſtand eine Pauſe, bis der Richter, als ſiele ihm der Gedanke ploͤtzlich ein, den Doctor Oates fragte, ob er je den Namen der Graͤfin von Derby in einem der vor⸗ hergehenden, von dem Geheimen Rath angebrachten Berichte und anderwaͤrts in Beziehung auf dieſen Gegenſtand ſchon erwaͤhnt habe. Hates ſchien ziemlich betroffen uͤber dieſe Frage, und erroͤthete vor Zorn, als er in ſeiner eignen Aus⸗ ſprache zur Antwort gab,„O nain, main Haͤrr Oberriechter.”“ „Nun ſo bitt' ich Sie, Herr Doctor,“ ſagte der Richter,„wie kommt es, daß ein ſo großer Entdecker von Geheimniſſen, als Sie ſich juͤngſt ge⸗ zeigt haben, einen ſo weſentlichen Umſtand, wie der Beitritt dieſer maͤchtigen Familie zu dem Complott iſt, bis jetzt hat verſchweigen koͤnnen?“ — o, 136— „Main Haͤrr Oberrichter,“ ſagte Oates mit viel uerreeſgänrhe,„ich bin nicht hieher gekommen, um main Zeugniß uͤber das Comploot in Zweifel ziehn zu laaſſen.“ „Ich bezweifle Ihr Zeugniß nicht, Herr Doctor,“ ſagte Scroggs; denn die Zeit war noch nicht gekom⸗ men, da er wagte, ihn derb anzugreifen;„auch be⸗ zweifle ich nicht die Wirklichkeit des Com ploots, weil es Ihnen beliebt, es zu beſchwoͤren. Ich wollte nur, daß Sie, um Ihrer ſelbſt willen, und zur Be⸗ friedigung aller guten Proteſtanten, ſich erklaͤrten, warum Sie einen ſo wichtigen Punkt der Belehrung dem Koͤnige und dem Lande vorenthalten haben.“ „Main Haͤrr Oberrichter,“ ſagte Oates,„ich will Ihnen eine artige Fabel erzaͤhlen.“ „Ich hoffe, antwortete der Richter,„es wird 4 die erſte und letzte ſein, die Sie an dieſem Dir er⸗ zaͤhlen.“ „Main Haͤrr,“ fuhr Oates fort,„es war einmal ein Fuuchs, der eine Gaans uͤber einen gefrohrnen Baach zu ſchleppen hatte, und aus Beſorgniß, das Eis moͤchte ihn und ſeine Beute nicht traagen, erſt ainen Stain daruͤber legte, mein Haͤrr, um die Staͤrke des Eiſes zu probiren.“ „So war Ihr voriges Zeugniß blos der Stein, und nunmehr erſt haben Sie uns die Gans ge⸗ 4½ 4* 137 bracht?“ ſagte Sir William Scroggs;„uns das zu ſagen, Herr Doctor, heißt aus dem Gerichtshofe und den Geſchwornen Gaͤnſe machen.“ „Ich bitte um eine billige Auslegung meiner Worte, gnaͤdiger Herr Oberrichter,“ ſagte Oates, der nun ſah, daß der Strom ſich gegen ihn wandte, aber entſchloſſen war, mit Unverſchaͤmtheit ſich durch zu ſchlagen.„Alle Leute wiſſen, um welche Koſten und um welchen Preis ich mein Zeugniß aab⸗ gelegt habe, und dieß iſt allezeit, unter Gottes Bei⸗ ſtande, das Mittel gewaͤſen, dieſe aarme Nation auf den gefaͤhrlichen Zuſtaand aufmerkſam zu machen, in dem ſie ſich befindet. Hier wiſſen Viele, daß ich genoͤthigt gewaͤſen bin, meine Wohnung zu White⸗ hall gegen die blutigen Papiſten zu befaͤſtigen. Es war nicht zu glauben, daß ich die gaanze Geſchichte auf einmal vorbringen ſollte. Ich denke, Ihre Weisheit wuͤrde mir anders gerathen haben.“ „Nein, Herr Doctor,“ ſagte der Richter,„es kommt mir nicht zu, Sie in dieſer Sache zu leiten; und es gehoͤrt fuͤr die Geſchwornen, zu glauben oder nicht zu glauben; und was mich ſelbſt betrifft, ſo ſitz ich hier, Beiden Recht zu ſprechen.— Die Geſchwornen haben Ihre Antwort auf meine Frage gehoͤrt.“ Doctor Oates zog ſich aus der—.agenloge zuruͤck, 138— roth, wie ein Truthahn, da er gar nicht daran ge woͤhnt war, ſolche Berichte bezweifeln zu hoͤren, als ihm den Gerichtshoͤfen vorzulegen beliebt hatte; und es entſtand, vielleicht zum erſten Male, ſowohl unter dem Sachwalter und den Advokaten, als un⸗ ter den Juriſtencollegien und den Rechtsbefliſſenen, welche gegenwaͤrtig waren, ein deutliches und hoͤrba⸗ res Murren, das dem Charakter des großen Vaters des papiſtiſchen Complotts unguͤnſtig war. Everett und Dangerfield, mit denen der Leſer ſchon bekannt iſt, wurden nunmehr nach der Reihe aufgerufen, die Anklage zu unterſtuͤtzen. Sie waren untergeordnete Denuncianten— eine Art unteres Spornleder, wie der gemeine Ausdruck lautete— welche dem Pfade des Doctor Oates mit aller un⸗ terwuͤrfigkeit gegen die Ueberlegenheit ſeines Genies und Erfindungsgeiſtes folgten, und ihre eignen Er⸗ dichtungen mit den ſeinigen ſo gut in Einklang und Harmonie brachten, als ihre Faͤhigkeiten es ihnen an die Hand gaben. Da aber ihr Zeugniß zu keiner Zeit den vollen Glauben gefunden hatte, wozu die Unverſchaͤmtheit des Doctor Oates zu bereden wußte, ſo fingen ſie nun an, ziemlich ſchneller, als ihr Vor⸗ bild, in Mißeredit zu fallen, ſo wie die aufgeſetzten Thuͤrmchen eines ſchlechten Gebaͤudes natuͤrlich zuerſt wanken. 8 — 139 Es war umſonſt, daß Everett mit der Genauig⸗ keit eines Heuchlers, und Dangerfield mit der Kuͤhn⸗ heit eines Renomiſten, nebſt beigefuͤgten Umſtaͤnden verdaͤchtiger und ſtrafbarer Art, ihr Zuſammentreffen mit Julian Peveril zu Liverpool, und dann wieder auf dem Schloſſe Martindale, erzaͤhlten. Es war umſonſt, daß ſie die Waffen und Ausruͤſtungen, die ſie auf des alten Ritter Peverils Guͤtern entdeckt zu haben behaupteten, beſchrieben; und daß ſie von der Entweichung des jungen Peveril aus Mounltraſſie⸗ Hall, mittels bewaffneter Macht, eine ſehr furcht⸗ bare Schilderung machten. Die Geſchwornen hoͤrten kaltbluͤtig zu, und man merkte, daß ſie von der Anklage nur wenig geruͤhrt wurden, insbeſondere da der Richter, der immer ſei⸗ nen Glauben an das Complott und ſeinen Eifer fuͤr die proteſtantiſche Religion bekannte, in einem fort ſie erinnerte, daß bloße Vorausſetzungen keine Be⸗ weiſe waͤren— daß Hoͤrenſagen kein Zeugniß abgaͤbe — daß diejenigen, die ein Gewerbe mit ihrer Ent⸗ deckung trieben, wahrſcheinlich ihre Nachforſchungen durch Erdichtungen untorſtuͤtzten— und daß er, ohne die Schuld der ungluͤcklichen Perſonen vor den Schranken zu bezweifeln, doch gern irgend ein Zeug⸗ niß von anderer Beſchaffenheit gegen ſie vorgebracht hoͤren moͤchte.„Hier erzaͤhlt man uns von einem 140 im Hauſe einer angeſehenen, und, ich glaube, den meiſten von uns bekannten Magiſtratsperſon, durch den jungen Peveril angeſtifteten Aufſtande, und ſei⸗ ner verſuchten Entweichung. Warum, Herr An walt, bringen Sie nicht Herrn Bridgenorth ſelbſt herbei, die Thatſache zu beweiſen, oder alle feine Hausgenoſſen, wenn es noͤthig waͤre?— Ein be⸗ waffneter Aufſtand iſt eine zu oͤffentliche Sache, um dem Hoͤrenſagen dieſer beiden Maͤnner uͤberlaſſen zu bleiben— wiewohl mich der Himmel bewahre, daß ich glaubte, ſie ſpraͤchen ein Wort mehr, als ſie glaubten! Sie ſind die Zeugen fuͤr den Koͤnig— und, was uns eben ſo theuer iſt, fuͤr die proteſtanti⸗ ſche Religion— und Zeugen gegen ein aͤußerſt arges und heidniſches Complott. Auf der andern Seite, hier iſt ein ehrwuͤrdiger alter Ritter; denn fuͤr einen ſolchen muß ich ihn halten, da er oft in der Schlacht fuͤr den Koͤnig geblutet hat,— fuͤr einen ſolchen, darf ich ſagen, halte ich ihn, bis das Gegentheil von ihm erwieſen wird⸗ Und hier iſt ſein Sohn, ein hoffnungsvoller junger Edelmann— wir muͤſſen ſe⸗ hen, daß ſie Recht haben, Herr Anwalt.“ „Ohne allen Zweifel, Herr Oberrichter,“ ant⸗ wortete der Anwalt.„ bewahre uns vor etwas Anderm! Aber wir wollen die Sachen gegen dieſe ungluͤcklichen Maͤnner auf eine ſtrengere Art durch⸗ 3 „ — 141 fuͤhren, wenn Sie uns erlauben wollen, unſer Zeug⸗ niß anzubringen.“ „Heben Sie an, Herr Anwalt,“ ſagte der Ober⸗ richter, indem er ſich niederſetzte.„Der Himmel behuͤte, daß ich den Beweis der koͤniglichen Klage hindern wollte! Ich ſage blos, was Sie eben ſo gut, als ich, wiſſen: de non apparentibus et non existentibus eadem est ratio*).“ „So wollen wir denn Herrn Bridgenorth, der, glaub' ich, darauf wartet, nach Ihrem Rath herber rufen, Herr Oberrichter.“ „Nein!“ antwortete eine, wie es ſchien, weibli⸗ che Stimme aus der verſammelten Menge;„er iſt zu weiſe und zu edel denkend, um hier zu ſein.“ Die Stimme war ſo vernehmlich, als jene der Lady Fairfas, als ſie ſich zu aͤhnlichem Zweck bei dem Verhoͤr Karls des Erſten hoͤren ließ; aber die Nachforſchungen, die man gegenwaͤrtig machte, um die Perſon, welche geſprochen hatte, zu entdecken, waren vergeblich.. Nachdem die durch dieſen Umſtand erregte kleine Stoͤrung gehoben war, ſagte der Anwalt, der heim⸗ lich mit denen, welche die gerichtliche Verfolgung leiteten, geſprochen hatte ⸗Wem auch immer wir *) Das, was nicht erhellt, gilt dem gleich, was nicht wirklich iſt. 142— die Nachricht zu verdanken haben, mein Herr Ober⸗ richter, ſie wurde mit gutem Grunde gegeben. Herr Bridgenorth iſt, wie ich hoͤre, ploͤtzlich dieſen Norgen unſichtbar geworden.“ „Sehen Sie nun wohl, Herr Anwalt,“ ſagte der Richter— ſo kommt es, wenn man nicht die Zungen zuſammen und in Bereitſchaft haͤlt— wahr⸗ haftig, ich kann nicht fuͤr die Folgen ſtehen.“ „Auch ich nicht, Herr Oberrichter,“ ſagte der Anwalt verdrießlich.„Ich haͤtte durch dieſen wuͤr⸗ digen Mann, den Herrn Richter Bridgenorth, die alte Freundſchaft zwiſchen dieſer Partei, Ritter Gottfried Peveril und der Graͤfin von Derby, be⸗ weiſen koͤnnen, von deren Handlungen und Abſichten Doctor Oates ein ſo uͤberlegtes Zeugniß gegeben hat. Ich haͤtte beweiſen koͤnnen, daß er ihr auf ſeinem Schloſſe Schutz gegen ein gerichtliches Ver⸗ fahren gewaͤhrte, und ſie mit bewaffneter Macht von eben dieſem Ritter Bridgenorth, nicht ohne wirkliche Gewaltthaͤtigkeit, befreite. Ueberdieß haͤtte ich gegen den jungen Peveril den ganzen Aufſtand beweiſen koͤnnen, der ihm von demſelben ehrwuͤrdigen Zeugen Schuld gegeben wird.“ Hier ſteckte der Oberrichter ſeinen Daumen in ſeinen Guͤrtel— eine Lieblingsſtellung bei ſolchen Gelege eiten— und rief aus,„Pfui, pfui, Herr — 143 Anwalt— ſagen Sie mir nicht, daß ſie dieß und das, oder jenes und dieſes beweiſen koͤnnen— Beweiſen Sie was Sie wollen, aber beweiſen Sie es durch den Mund Ihres Zeugen. Das Menſchen⸗ leben darf nicht einer ſcharfen Advokatenzunge zur Beute werden.“ „Auch ein arges Complott darf nicht unterdruͤckt werden,“ ſagte der Anwalt,„bei allem Ihren Eifer, Herr Oberrichter. Ich kann auch Herrn Chiffinch nicht herrufen, da er in Angelegenheiten des Koͤ⸗ nigs beſchaͤftigt iſt, wie ich dieſen Augenblick von dem Hofe zu Whitehall aus verſichert worden bin.“ „So zeigen Sie denn die Papiere vor, Herr Anwalt, deren Ueberbringer dieſer junge Mann ge⸗ weſen ſein ſoll,“ ſagte der Richter. „Sie ſind dem Geheimen Nath vorgelegt, mein Herr Oberrichter.“ „Nun warum ſtuͤtzen Sie ſich hier auf ſie?“ ſagte der Oberrichter.—„Das heißt beinahe mit dem Hofe Scherz treiben.“ „Weil Sie dieß ſo zu nennen belieben, Herr Oberrichter,“ ſagte der Anwalt, ſich trotzig nieder⸗ ſetzend,„ſo moͤgen Sie die Sache fuͤhren, wie es Ihnen gefaͤllt.“ „Wenn Sie kein Zeugniß mehr bringen, ſo bitt' 144— ich Sie, die Geſchwornen aufzurufen,“ ſagte der Richter. „Ich werde mir nicht die Muͤhe geben, dieß zu thun,“ erwiederte der Anwalt der Krone.„Ich ſehe deutlich, was die Sache fuͤr einen Gang nimmt.“ „Nein, laſſen Sie ſich beſſer rathen,“ ſagte Scroggs;„Bedenken Sie, Ihr Fall iſt in Anſehung der beiden Peverile nur halb bewieſen, und trifft den kleinen Mann ganz und gar nicht, ausgenom⸗ men, daß Doctor Oates ſagt, er habe ſich in einem gewiſſen Fall als ein Rieſe zeigen wollen, was kein ſehr glaubliches papiſtiſches Wunder zu ſein ſcheint.“ Dieſer Scherz erregte ein Gelaͤchter im Saale, das der Generalfiscal ſehr uͤbel zu nehmen ſchien. „Herr Anwalt,“ ſagte Doctor Oates, der ſich immer in die Behandlung dieſer Prozeſſe miſchte, „dieß heißt offenbar und ſchlechthin die Sache aufe geben— ich muß es nothwendig ſagen— das heißt das Complott ganz unterdruͤcken.“ „So mag der Teufel, der es ausbruͤtete, ihm wieder Leben einblaſen, wenn er Luſt hat,“ ant⸗ wortete der Generalfiſcal; und ſeine Klagſchrift hinwerfend, verließ er trotzig den Gerichtsſaal mit Allen, die bei der Sache zu thun hatten. Nachdem der Oberrichter Stille verlangt hatte, — 145 (denn es entſtand ein Murren im Saale, als der Sachwalter der gerichtlichen Verfolgung ſeine Klag⸗ ſchrift hervorbrachte), fing er an, die Geſchwor⸗ nen aufzufordern, indem er, wie er den ganzen Tag gethan hatte, die verſchiedenen Meinungen, von wel⸗ chen er abwechſelnd beherrſcht zu werden ſchien, gegen einander abwog. EYr betheuerte bei ſeiner Seligkeit, daß er eben ſo wenig an der Wirklichkeit der graͤßlichen und verdammungswuͤrdigen Verſchwoͤ⸗ rung, das pPapiſtiſche Complott genannt, zweifelte, als an der Verraͤtherei des Judas Iſcariot; und daß er den Doctor Oates als das Werkzeug der Vorſe⸗ hung betrachtete, die Nation vor allem aus dem Meuchelmorde ſeiner Majeſtaͤt entſtehenden Elende, und vor einer zweiten St. Bartholomaͤus⸗Nacht auf den Straßen Londons, zu bewahren. Aber dann erklaͤrte er, es ſei die lautere Auslegung des Engliſchen Geſetzes, daß, je ſchlimmer das Verbre⸗ chen waͤre, um ſo ſtaͤrker das Zeugniß ſein muͤßte. Hier waͤre der Fall der Mitſchuldigen unterſucht, waͤhrend die Hauptſchuldige(denn ſo muͤſſe er die Graͤfin von Derby nennen) noch nicht uͤberfuͤhrt und unbeſtimmt gelaſſen ſei; und was Doktor Oates betreffe, ſo habe er nur von Sachen geſprochen, wel⸗ che dieſe edle Dame perſoͤnlich angingen, deren Wor⸗ te, wenn ſie ſolche in der Leidenſchaft gebrauchte, IV. G 146— eine Huͤlfe betreffend, die ſie in gewiſſen verraͤtheri⸗ ſchen Dingen von dieſen Peverils und von ihren Verwandten, oder ihres Sohnes Verwandten aus dem Hauſe Stanley, erwarte, nur ein Ausbruch weiblicher Empflndlichkeit geweſen ſein moͤchten.— Dulcis Amaryllidis ira*), wie der Dichter ſagt. Wer weiß, ob nicht Doctor Oates(da er ein Mann von huͤbſchem Anſehen und artigem Benehmen iſt) jenen Schlag mit dem Faͤcher irrig als eine Zuͤchti⸗ gung fuͤr Mangel an Muth in der Sache der Ka⸗ tholiken betrachtete, da er doch vielleicht anders ge⸗ meint war, ſo wie man ſagt, daß papiſtiſche Damen ſolche Neubekehrte und junge Kandidaten des geiſt⸗ lichen Standes manchen harten Pruͤfungen unter⸗ werfen. Ich behandle dieſe Dinge ſcherzhaft,“ ſagte der Richter,„da ich kein Verlangen habe, den Ruf ſowohl der edlen Graͤfin, als des ehrwuͤrdigen Doctors, zu beflecken; ich glaube nur, ihr Betra⸗ gen gegen einander mag Etwas betroffen haben, das vom Hochverrath ziemlich entfernt iſt. Was der Generalfiscal von Befreiungen und Gewalt, und, ich weiß nicht, was ſonſt vorgebracht hat, ſo bin ich gewiß, daß in einem polizirten Lande, wenn ſolche Dinge vorfallen, ſolche Dinge bewieſen werden koͤn⸗ nen, und daß Sie und ich, meine Herren, ſie nicht *) Angenehm iſt der Zorn der Amaxyllis. 8, —— ᷓ 147 freiwillig fuͤr ausgemacht anzunehmen haben. Was dieſen andern Gefangenen, Gotfridum minimum*), betrifft,(fuhr er fort,) ſo muͤſſe er ſagen, daß er auch nicht einen Schatten von Argwohn gegen ihn finde. Ließe es ſich wohl denken, daß ein ſo unrei⸗ fes Geſchoͤpf ſich in die Tiefen der Politik, oder gar in kriegeriſche Anſchlaͤge einlaſſen ſollte? Man duͤrfe ihn nur anſehen, um das Gegentheil zu ſchließen— ſo ein Geſchoͤpf ſei, nach ſeinem Alter, reifer zum Grabe, als zu einer Verſchwoͤrung,— und paſſe, bei ſeiner Groͤße und Figur, eher fuͤr einen Guck⸗ kaſten, als fuͤr die Geheimniſſe eines Complotts.“ Hier erhob der Zwerg ſeine Stimme gegen den Richter, und ſchrie ihm die Verſicherung zu, er ſei, ſo einfaͤltig, als er hier ſitze, in ſieben Complotte zu Cromwells Zeit verwickelt geweſen, und zwar, wie er ſtolz hinzuſetzte, nebſt einigen der laͤngſten Maͤn⸗ ner von England. Die unnachahmliche Miene und Gebaͤhrde, womit Ritter Gottfried Hudſon dieſe Prahlerei begleitete, brachte Alle zum Lachen, und vermehrte die ſpoͤttiſche Stimmung, womit das ganze Verhoͤr aufgenommen zu werden anfing, ſo daß unter erſchuͤtterten Seiten und feuchten Augen der allgemeine Ausſpruch des Nichtſchuldig erfolgte, *) Gottfried, den Kleinſten. * G 2 148— und die Gefangenen von den Schranken entlaſſen wurden. Aber ein waͤrmeres Gefuͤhl erwachte unter denen, welche Vater und Sohn ſich einander in die Arme werfen, und, nach einer herzlichen Umarmung, ihre Haͤnde dem armen kleinen Leidensgefaͤhrten darrei⸗ chen ſahen, dem es, wie einem Hunde, wenn er bei einem aͤhnlichen Auftritte ſich befand, endlich gelun⸗ gen war, durch Emporrichten zu ihnen und damit verbundenen Winſeln, einen Theil ihrer Sympathie und ihrer Gluͤckwuͤnſche zu gewinnen. Dieß war der ſonderbare Ausgang dieſes Ver⸗ hoͤrs. Karl ſelbſt wuͤnſchte, wegen dieſer Befreiung der Angeklagten aus der gerichtlichen Gewalt, die durch ſeine ſtillſchweigende Nachſicht bewirkt worden war, ſich bei dem Herzog von Ormond in vorzuͤgliche Gunſt geſetzt zu haben; und war daher nicht weniger verwundert, als gekraͤnkt, uͤber die Kaͤlte, mit der ihm ſeine Durchlaucht antwortete:„es freue ihn die Rettung der armen Leute; aber es waͤre ihm lieber geweſen, wenn ſie der Koͤnig als Fuͤrſt durch ſein koͤ⸗ nigliches Begnadigungsrecht befreit, als daß ſle ſein Richter, wie ein Gaukler mit ſeinen Bechern und Kugeln, aus der Gewalt der Gerichte entlaſſen haͤtte.“ d — 149 Siebentes Kapitel. Vielen, die bei dem beſchriebenen Verhoͤr zugegen waren, fiel es unſtreitig bei, daß es auf eine ſonder⸗ bare Art gehalten wurde, und daß der Streit, der zwiſchen dem Gericht und dem Sachwalter der Krone entſtanden zu ſein ſchien, aus einem geheimen Verſtaͤndniß hervorgehen mochte, das zur Abſicht hatte, die Anklage fruchtlos zu machen. Wiewohl nun ein ſolches geheimes Einverſtaͤndniß ſehr gearg⸗ woͤhnt wurde, ſo hatte doch der groͤßere Theil des wohlerzogenen und verſtaͤndigen Publikums ſchon die Luftblaſe des papiſtiſchen Complotts in Verdacht ge⸗ zogen, und war froh, zu ſehen, daß Beſchuldigun⸗ gen,— gegruͤndet auf das, was ſchon ſo viel Blut gekoſtet hatte— auf irgend eine Art ausgewichen werden konnte. Aber der große Haufe, der in dem Gerichtshofe der Schuldſachen(Court of requests) und in der Halle und vor den Thuͤren wartete, be⸗ trachtete die Verbindung(wie ſie es auslegten) zwi⸗ ſchen dem Richter und dem Generalfiscal zur Ret⸗ tung der Gefangenen in einem ganz andern Lichte. Oates, den weniger Aufreizung, als er dieſen Tag erfahren hatte, oft verleitete, ſich wie ein Wuͤ⸗ tender in ſeiner Leidenſchaft zu betragen, ſtuͤrzte ſich unter die Menge, und wiederholte, bis er heiſer G 3 war:„Sie erſticken das Comploot!— ſie unter⸗ druͤcken das Comploot!— Der Herr Oberrichter und der Herr Fiscal ſind im Bunde mit einander, die Entwiſchung der Verſchwoͤrer und Papiſten ins Werk zu ſetzen!— „Das iſt der Anſchlag der papiſtiſchen Hure von Portsmouth,“ ſagte Einer. „Des alten Rowley ſelber,“ ſagte ein Anderer. „Wenn er durch ſich ſelber ermordet werden koͤnnte, warum ſoll man die aufhaͤngen, die es hin⸗ dern wollten?“ ſagte ein Dritter. „Er ſollte gerichtet werden,“ ſagte der Vierte, „daß er ſich zu ſeinem eignen Tode verſtzihdit, und erhaͤngt zur Abſchreckung.“ Unterdeſſen verließen Ritter Peveril, ſein Sohn und ihr kleiner Gefaͤhrte den Saal, um nach der Wohnung der Lady Peveril zu gehen, welche nach der Fleetſtraße verlegt worden war. Sie war(wie der Ritter ſeinem Sohne geſchwind zu verſtehen gab) durch einen Engel, in Geſtalt einer jungen Freundin, aus großer Angſt befreit worden, und erwartete ſie nun ohne Zweifel mit Ungeduld. Menſchenfreund⸗ lichkeit, und eine dunkle Idee, die Gefuͤhle des armen Zwergs unabſichtlich verwundet zu haben, bewog den ehrlichen Ritter, dieß unbeſchuͤtzte Weſen zu bitten, mit ihnen zu gehen.„Er wiſſe, das Logis der Lady — 151 Peveril ſei nur klein,“ ſagte er;„aber es waͤre ſonderbar, wenn da nicht irgend ein Schrank groß genug waͤre, den kleinen Herrn zu beherbergen.“ Der Zwerg trug dieſe wohlgemeinte Bemerkung in ſein Gedaͤchtniß ein, um ſie zugleich mit der un⸗ gluͤcklichen Erinnerung an die Sackpfeife und den Tiſch, ſobald die Zeit eine ſo delikate Eroͤrterung er⸗ lauben wuͤrde, zum Gegenſtande einer gehoͤrigen Er⸗ laͤuterung zu machen. Und ſo zogen ſie aus dem Saale, nicht ohne allgemeine Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen, ſowohl wegen der Umſtaͤnde, in denen ſie ſich nur eben befunden hatten, als auch wegen der Aehn⸗ „ lichkeit, die ihnen, nach dem Ausdruck eines Witz⸗ lings aus dem Rechtskollegium, mit den drei Stufen der Vergleichung, als dem Großen, dem Kleinern und dem Kleinſten, zukam. Aber ſie waren nicht weit die Straße entlang gegangen, als Julian be⸗ merkte, daß mehr uͤbelwollende Leidenſchaften, als bloße Neugierde, den Haufen beſeelten, der ihnen nachzog, und ihren Bewegungen gleichſam auf dem Fuße nachfolgte. „Da gehen die papiſtiſchen Meuchelmoͤrder ſpornſtreichs nach Rom!“ ſagte ein Kerl. „Geradesweges nach Whitehall, meint ihr,“ ſagte ein Anderer. „O die blutduͤrſtigen Schurken!“ ſchrie ein G 4 Weib.„Schande, einen von ihnen leben zu laſſen, nach der grauſamen Luinvrdung des armen Ritters Edmondbury.“ „Fort mit den feigherzigen Geſchwornen! Die Bluthunde uͤber eine unſchuldige Stadt los zu laſſen 1“ rief ein Anderer. Kurz der Tumult verſtaͤrkte ſich, und unter den Verwegenen fing das Geſchrei an ſich zu verbreiten: „Lambt ſie, Burſche; lambt ſie!“ ein Loſungswort der Zeit, das ſich von dem Schickſal des Doctor Lambe, eines Sterndeuters und Quackſalbers, her⸗ ſchrieb, der zur Zeit Karls des Erſten vom Pöbef war todt geſchlagen worden. Julian fing uͤber dieſe wilden Ausbruͤche ziemlih 3 unruhig zu werden an, und bedauerte, daß ſie nicht den Weg zur Stadt zu Waſſer genommen hatten. Es war nun zu ſpaͤt auf dieſe Art des Ruͤckzugs zu denken, und er bat daher ſeinen Vater heimlich, ge⸗ radezu und ſtandhaft nach Charingeroß zu gehen, ohne ſich um die Beleidigungen, die ihnen etwa zu⸗ gefuͤgt werden moͤchten, zu bekuͤmmern, waͤhrend die Feſtigkeit ihres Schrittes und ihres Betragens den Poͤbel von wirklichen Gewaltthaͤtigkeiten abhal⸗ ten duͤrfte. Die Ausfuͤhrung dieſer klugen Ent⸗ ſchließung aber wurde, nachdem ſie bei dem Schloſſe vorbei waren, durch das heftige Temperament des — — Ritter Peveril unddas nicht minder choleriſche Naturell Gottfried des Kleinen verhindert, welcher eine Seele hatte, die alle Ungleichheit lwohl der Zahlen, als der Groͤße verachtete. „Nun der Henker hole die Schurken mit ihrem Geſchrei und Geſpoͤtte!“ ſagte der groͤßere Ritter; „ſo wahr ich lebe, wenn ich nur ine Waffe haben koͤnnte, ich wollte ihnen Vernunft und Treue in ihre Knochen einpruͤgeln.“ „Und ich auch,“ ſagte der Zwerg, der ſich ab⸗ muͤhte, mit ſeinen Gefaͤhrten gleichen Schritt zu halten, und daher in einem ſehr ſchwindſuͤchtigen Tone ſprach.„Auch ich will die poͤbelhaften Schur⸗ ken uͤber die Maßen durchpruͤgeln.“ Unter dem Haufen, der ſich um ſie herumdraͤngte, ſie aufhielt, und, bis auf den wirklichen Angriff, ſich Alles gegen ſie erlaubte, war ein ſchadenfroher Schuhmacherlehrling, der, als er die ungluͤckliche Prah⸗ lerei des tapfern Zwergs hoͤrte, ihn zur Vergeltung mit einem Stiefel, den er nach Hauſe zu dem Be⸗ ſitzer tragen wollte, auf den Kopf ſchlug, ſo daß dem kleinen Mann der Hut uͤber die Augen fuhr. Der Zwerg, ſo außer Stand geſetzt, den Buben, der ihn ſo beleidigt hatte, zu entdecken, ſtuͤrzte mit inſtinkt⸗ maͤßigem Ehrgeize auf den dickſten Kerk in dem Haufen los; dieſer empfing aber den Anfall mit G 5 154— einem Stoß auf ſeinen Unterleib, und der kleine Held taumelte zu ſeinen Gefaͤhrten zuruͤck. Sie wurden nun von allen Seiten angefallen; aber das dem Wunſche Ritter Gottfrieds des Groͤßern guͤn⸗ ſtige Gluͤck fuͤgte es, daß die Balgerei an der Bude eines Meſſerſchmieds vorfallen mußte, unter deſſen oͤffentlich ausgeſtellten Waaren Gottfried Peveril ein breites Schwert ergriff, welches er nun mit der Ge⸗ wandtheit eines Mannes um ſich ſchwang, der man⸗ chen Tag mit der Handhabung einer ſolchen Waffe ſich vertraut erwieſen hatte. Julian, der zu gleicher Zeit laut nach einem Polizeidiener rief, und den An⸗ greifenden vorſtellte, daß ſie unſchuldige Voruͤberge⸗ hende anfielen, wußte nichts Beſſeres zu thun, als dem Beiſpiele ſeines Vaters zu folgen, und ergriff auch eine von den Waffen, die ſich ſo gelegen dar⸗ boten. Bei dieſen Demonſtrationen der Vertheidigung war das anfaͤngliche Heranſtuͤrzen des Poͤbels auf ſie ſo groß, daß der ungluͤckliche Zwerg niedergeworfen wurde, und in dem Getuͤmmel zu Tode getreten frein wuͤrde, wenn nicht ſein ruͤſtiger alter Namens⸗ vetter mit einigen Schwingen ſeines Schwerts den ſchurkiſchen Schwarm um ihn herum vertrieben, ſich des gefollenen Kaͤmpfers bemaͤchtigt, und ihn (Wurfwaffen ausgenommen) dadurch außer Ge⸗ — 155 fahr gebracht haͤtte, daß er ihn oben auf das platte hoͤlzerne Dach der vorragenden Bude des Waffen⸗ ſchmids ſetzte. Von den da ausgelegten roſtigen Ei⸗ ſenwaaren ergriff der Zwerg ſogleich ein Rapier und ein kurzes Schild, bedeckte ſich mit dieſem, und that mit jenem Ausfaͤlle nach den Geſichtern und Augen des Volkes auf der Straße, ſo erfreut uͤber ſeinen vortheilhaften Poſten, daß er ſeinen Freunden die mit den Aufruͤhrern unter gleichern Bedingungen ihres Standpunktes fochten, laut zurief, ſie moͤchten ohne Verzug ſich unter ſeinen Schutz begeben. Aber weit entfernt, in einer Lage zu ſein, um ſeines Beiſtandes zu beduͤrfen, wuͤrden ſich der Vater und der Sohn leicht durch ihre eigne Thaͤtigkeit von dem Poͤbel haben losmachen koͤnnen, wenn ſie nur das Maͤnnchen in ſeiner unſichern Lage haͤtten verlaſſen duͤrfen, in welcher es, wie eine kleine Puppe mit Schwert und Schild, als ein Fechtmeiſterzeichen, allen Augen, ſeinen eigenen ausgenommen, ausge⸗ ſtellt ſtand. 2 Steine und Stoͤcke ſingen nun an in Menge umher zu fliegen, und der Haufen ſchien, ungeachtet dor Bemuͤhungen der Peverile, ihn, mit ſo wenig Verletzung als moͤglich, zu zerſtreuen, auf ſeinen Gewaltthaͤtigkeiten zu beſtehen, als einige Herren, die dem Verhoͤr beigewohnt hatten, bei der Wahr⸗ 156— nehmung, daß die eben befreiten Gefangenen in Ge⸗ fahr waͤren vom Poͤbel ermordet zu werden, ihre Schwerter zogen, und ihre Rettung zu bewirken ſuchten, bis eine kleine Compagnie der koͤniglichen Leib⸗ Garde, die auf erhaltene Nachricht von ihrem ge⸗ woͤhnlichen Wachpoſten abgeſchickt war, ihre Be⸗ freiung vollendete. Als dieſe unerwartete Verſtaͤr⸗ kung ankam, erkannte der alte muntere Ritter unter dem Geſchrei derer, die jetzt Hand anlegten, einige Stimmen wieder, welche die Jahre ſeiner groͤßeren Thaͤtigkeit belebt hatten. „Wo ſind die elenden Rundkoͤpfe?“ ſchrien Ei⸗ nige.„Nieder mit den kriechenden Schurken!“ ſchrieen Andere.—„Der Koͤnig und ſeine Freunde, oder der Teufel allein!“ rief eine dritte Partie, mit noch mehr Fluͤchen und Schwuͤren, als in unſerm gebildeten Zeitalter nieder zu ſchreiben noͤthig iſt. Der alte Soldat, der, wie ein alter Jaͤger auf das Gebell der Hunde, die Ohren ſpitzte, wuͤrde gern an den Strand hingegangen ſein, und ſein menſchenfreundliches Vorhaben, worin er ſich nun ſo gut unterſtuͤtzt ſah, ausgefuͤhrt haben, die Londoner, die ihn beleidigt hatten, zuſammen zu hauen; aber Julians Klugheit hielt ihn zuruͤck, der, ſo ſehr er auch ſelbſt ohne gegebenen Anlaß, durch die ihnen wider⸗ fahrenen Beſchimpfungen erbitei worden war, ſich 157 doch in einer Lage ſah, welche mehr Vorſicht, als Rache, auszuuͤben gebot. Er drang daher in ſeinen Vater, er moͤchte einen einſtweiligen Zufluchtsort vor der Wut des Poͤbels ſuchen, da ſie dieſe kluge Maaßre⸗ gel noch in ihrer Gewalt haͤtten. Der Subalternoffi⸗ zier, der die Compagnie der Leibgarde anfuͤhrte, er⸗ mahnte den alten Ritter gleichfalls, zur Befolgung dieſes weiſen Raths, und ſuchte ſeinen Vorſtellun⸗ gen durch den Namen des Koͤnggs mehr Nachdruck zu geben, waͤhrend Julian ſich dringend auf ſeine Mutter berief. Der alte Ritter ſah ſeine von Hie⸗ ben und Stichen, die er unter die frechſten Angreifer ausgetheilt hatte, geroͤthete Klinge mit dem Auge eines Mannes an, der noch nicht halb befrie⸗ digt iſt. „Ich wollte, ich haͤtte wenigſtens einen von den Schurken erſtochen— aber ich weiß nicht, wie es war, als ich in ihre breiten Engliſchen Geſichter ſah, ſcheute ich mich, meine Spitze zu gebrauchen und ſchlitzte die Buben nur ein wenig.“ „Aber des Koͤnigs Wille iſt,“ ſagte der Officier, ndaß kein Tumult verfolgt werde.“ „Meine Mutter,“ ſagte Julian,„wird vor Schreck ſterben, wenn das Geruͤcht von dieſen Kaͤmpfen ſie eher erreicht, als wir ſie ſehen.“ „Ja, ja,“ ſprack der Ritter,„des Koͤnigs Ma⸗ 158— jeſtaͤt und meine gute Frau— gut, ihr Wille ſoll geſchehen, das iſt Alles, was ich ſagen kann— Koͤnigen und Frauen muß man gehorchen. Aber welchen Ruͤckzug nehmen wir, wenn wir uns ein⸗ mal zuruͤckziehen muͤſſen?“ Julian wuͤrde in einiger Velegenheit geweſen ſein, zu rathen, wohin ſie ſich begeben ſollten; denn Jedermann in der Nachbarſchaft hatte bei Wahrnehmung der ſo furchtbar werdenden Verwir⸗ rung die Laͤden geſchloſſen. Allein der arme Meſſer⸗ ſchmid, von deſſen Waaren ſie ſo freien Gebrauch machten, bot ihnen einen Zufluchtsort bei ſeinem Hauswirth an, an deſſen Hauſe ſein Laden ſtand, und gab ihnen blos freundlich zu verſtehen, er hoffte, die Herren wuͤrden ihn wegen des Gebrauchs ſeiner Waffen bedenken. Julian uͤberlegte ſchnell, ob ſie kluͤglich die Ein⸗ ladung dieſes Mannes aunehmen ſollten, wohl aus Erfahrung wiſſend, wie vielerlei Liſt damals zwi⸗ ſchen zwei ſtreitenden Parteien angewandt wurde, deren Feindſeligkeit zu eingewurzelt war, um ſie uͤber die Pflicht eines ehrlichen Verfahrens gegen einen Feind ſehr bedenklich zu machen, als der Zwerg ſeine gebrochene Stimme aufs Aeußerſte anſtrengend und wie ein erſchoͤpfter Herold von ſei⸗ 159 nem noch immer eingenommenen hohen Standorte herabſchreiend,(ſie ermahnte, das Anerbieten des ehrwuͤrdigen Mannes des Hauſes anzunehmen. „Er ſelbſt,“ ſagte er, als er ſich, nach dem glorrei⸗ chen Siege, an dem er einigen Antheil hatte, zur Ruhe ſetzte,„ſei mit einer beſeligenden Erſcheinung begluͤckt worden, zu glaͤnzend, um gemeinen und blos ſterblichen Ohren beſchrieben zu werden, die ihm aber, mit einer Stimme, der ſein Her⸗ wie ei⸗ nem Trompetenſchall entgegen geklopft, befohlen habe, bei der wuͤrdigen Perſon des Hauſes Zuflucht zu nehmen, und ſeine Freunde zu dem Naͤmlichen aufzufordern.“ „Erſcheinung!“ ſagte der Ritter von dem Gipfel —„Trompetenſchall!— der kleine Mann hat den Verſtand verloren.“ Aber der Meſſerſchmid erklaͤrte ihnen in groͤßter Eile, ihr kleiner Freund habe von einem Frauen⸗ zimmer ſeiner Bekanntſchaft, die aus dem Fenſter ſprach, waͤhrend er auf der Bude ſtand, die Mit⸗ theilung erhalten, ſie wuͤrden einen ſichern Zufluchts⸗ ort bei ſeinem Hauswirth finden, und er machte ſie auf zwei oder drei tiefe, obgleich entfernte Huſſahs aufmerkſam, zum Beweiſe, daß der Poͤbel noch im Aufruhr waͤre, und bald mit verſtaͤrkter Gewalt und Anzahl auf ſie los hren wuͤrde. 160— Vater und Sohn dankten daher eilig dem Offi⸗ cier und ſeiner Compagnie, ſo wie den andern Herren, die freiwillig zu ihrem Beiſtande gekommen waren, hoben den kleinen Sir Gottfried Hudſon von ſeinem erhabenen, waͤhrend des Scharmuͤtzels ſo ruͤhmlich behaupteten Poſten, und folgten den Schritten des Innhabers der Bude, der ſie einen dunkeln Gang hinab und durch einen oder zwei Hoͤfe fuͤhrte, im Fall, wie er ſagte, Jemand ſie belauern moͤchte, wo ſie hinſchluͤpften, und ſo in eine Hinterthuͤre be⸗ gleitete. Dieſer Eingang brachte ſie an eine, ſorg⸗ faͤltig mit Strohmatten gegen die Feuchtigkeit be⸗ deckte Treppe, von deren oberſter Stufe ſie in ein ziemlich großes Nebenzimmer traten, das mit grobem gruͤnem, mit vergoldetem Leder eingefaßtem Serge behaͤngt war, deſſen ſich damals die aͤrmeren oder wirthſchaftlichern Buͤrger ſtatt der Tapeten oder des Taͤfelwerks bedienten. Hier empfing der arme Meſſerſchmid von Julian eine ſolche Belohnung fuͤr die geliehenen Schwerter, daß er dieſelben den Herren, die ſie ſo gut gebraucht hatten, edelmuͤthig uͤberließ;„um ſo lieber,“ ſagte er,„da er aus der Art, wie ſie ihre Waffen fuͤhrten, wohl ſaͤhe, daß ſie Maͤnner von Muth und ruͤſtige Leute waͤren.“ Hier laͤchelte der Zwerg hoͤfli 9, verbeugte ſiͦ 19, und ſteckte zugleich die Hand in ſeine Taſche, zog ſie jedoch nachlaͤſſig wieder heraus, wahrſcheinlich, weil er fand, daß er nicht im Stande war, ſich mit einer kleinen Gabe, wie er wollte, abzufinden. Der Meſſerſchmid ſetzte, indem er ſich verbeugte und entfernen wollte, noch hinzu, er ſaͤhe nun froͤh⸗ lichen Tagen in Alt⸗England entgegen, und Bil⸗ boager Klingen wuͤrden in ſo gutem Preiſe ſtehen, als je.„Ich erinnere mich, meine Herren,“ ſagte er,„ob ich gleich damals nur ein Lehrburſche war, der Nachfrage nach Waffen in den Jahren ein und vierzig und zwei und vierzig; Schwertklingen wurden mehr geſucht, als Zahnſtocher, und der alte Eiſen⸗ arm, mein Meiſter, nahm mehr ein fuͤr elende Provant⸗Rapiere, als ich heut zu Tage fuͤr eine Toledo⸗Klinge zu fordern wage. Aber wahrhaftig, eines Mannes Leben beruhte damals auf der Klinge, die er trug; die Royaliſten und Rundkoͤpfe fochten alle Tage an Whitehalls Ti, wie ſie wahrſchein⸗ lich, nach Ihrem guten Beiſpiele, meine Herren wieder thun werden, da ich denn im Stande ſein werde, meine armſelige Bude zu verlaſſen, und einen Laden von beſſerer Beſchaffenheit zu erdͤffnen. Ich hoffe, meine Herren, Sie werden mich Ihren Freunden empfehlen. Ich hin allezeit mit Waagre 162— verſehen, auf die ein braver Mann ſein Leben wagen kann.“ „Ich danke euch, guter Freund,“ ſagte Julian. „Lebt wohl. Ich hoffe, wir ſollen eure Waaren fuͤr einige Zeit wenigſtens nicht noͤthig haben.“ Der Meſſerſchmid entfernte ſich, waͤhrend der Zwerg ihm die Treppe hinab nachſchrie, er moͤchte ihn bald beſuchen, und mit einem laͤngern und zum Gefecht tauglichern Schwerte verſehen, obgleich (ſagte er) die kleine Waffe, die er hatte, zu einem Spazirdegen, oder in einem Scharmuͤtzel mit ſolchem Poͤbel, als mit dem ſie zu thun gehabt, ziemlich gute Dienſte gethan haͤtte. Deer Schwertfeger kam auf dieſe Erinnerung zuruͤck, und ließ ſich willig finden, den kleinen Mann mit einer fuͤr ſeine Seelengroͤße paſſendern Waffe zu bedienen; drauf ſagte er, als waͤre ihm der Ge⸗ danke ploͤtzlich eingefallen:„Aber meine Herren, es wird nur ein wildes Aufſehen machen, wenn Sie mit Ihren bloßen Schwertern uͤber den Strand ge⸗ hen, und es duͤrfte leicht den Poͤbel wieder in Auf⸗ ruhr bringen. Iſt es gefaͤllig, indeſſen hier zu ruhen, bis ich die Klingen mit Scheiden verſehe?“ Der Vorſchlag ſchien ſo vernuͤnftig, daß Julian und ſein Vater ihre Waffen dem freundlichen Meſ⸗ ſerſchmid uͤbergaben, und der Zwerg folgte, nach au⸗ — 263 genblicklichem Bedenken ihrem Beiſpiel, unbeſorgt (wie er ſich hochtrabend ausdruͤckte), ſich ſo bald von dem trauten Freunde zu trennen, welchen das Gluͤck nur dieſen Augenblick zuvor ſeiner Hand uͤber⸗ liefert habe. Der Mann ging mit den Waffen unter dem Arm fort; und beim Zumachen der Thuͤre hoͤrten ſie den Schluͤſſel drehen. „Hoͤrteſt du das?“ ſagte Ritter Gottfried zu ſeinem Sohn;„und wir ſind entwaffnet.“ Julian unterſuchte, ohne zu antworten, die Thuͤre, welche feſt verſchloſſen war; und ſah dann nach den Fenſtern, die einen Stock hoch vom Boden und auſſerdem mit Eiſen vergittert waren.„Ich kann nicht glauben,“ ſagte er nach einem Augen⸗ blick Schweigen,„daß der Kerl uns uͤberliſten will; und auf alle Faͤlle, hoff' ich, wir werden keine Schwierigkeit haben, die Thuͤre zu ſprengen, oder ſonſt einen Ausweg zu finden. Aber, ehe wir zu ſolchen gewaltſamen Maaßregeln greifen, denk' ich, iſt es beſſer, dem Poͤbel Zeit zu laſſen, ſich zu zer⸗ ſtreuen, indem wir warten, bis der Mann mit unſern Waffen in einer annehmlichen Zeit zuruͤck⸗ kommt; und, erſcheint er nicht wieder, ſo hoff ich, wir werden es nicht ſehr ſchwer finden, uns zu be⸗ freien.“ Als er ſo ſprach, wurden die Tapeten auf 164— die Seite geſchoben, und aus einer hinter denſelben verborgenen ſchmalen Thuͤre trat Major Bridge⸗ north in die Stube. Achtes Kapitel. Auf Julians Erſtaunen uͤber die unerwartete Er⸗ ſcheinung Bridgenorths folgte ſogleich Beſorgniß der Heftigkeit ſeines Vaters, die, wie er allen Grund zu glauben hatte, gegen einen Mann ausbrechen wuͤrde, den er nicht umhin konnte, ſowohl wegen ſeiner eig⸗ nen Verdienſte, als weil er Alexiens Vater war, zu verehren. In Bridgenorths aͤußerem Weſen zeigte ſich freilich nichts, das eine gewiſſe Empfindlichkeit wecken konnte. Seine Miene war gelaſſen, ſein Gang langſam und geſetzt, ſein Auge nicht ohne Anzeige einer tief liegenden Unruhe, jedoch ohne einen Ausdruck von Zorn oder Triumph.„Sein Sie willkommen, Ritter Gottfried Peveril,“ ſagte er,„unter dem Schutz und der Gaſtfreiheit dieſes Hau⸗ ſes; eben ſo willkommen, als Sie an andern Tagen geweſen ſein wuͤrden, da wir einander Rachöan und Freunde nannten.“ „Hilf Himmel!“ ſagte der alte Cavalier,„haͤtt' — —— ⏑˖⏑O—;—— 7 — 3 1 1 ich gewußt, daß es dein Haus waͤre, Mann, lieber haͤtt' ich mein Herzensblut in die Goſſe laufen laſſen, als meinen Fuß uͤber deine Schwelle ſetzen wollen— das heißt naͤmlich, um Sicherheit zu ſuchen.“ „Ich verzeihe Ihnen Ihre Hartnaͤckigkeit,“ ſagte Major Bridgenorth,„in Ruͤckſicht auf Ihre Vor⸗ urtheile.* „Behanen Sie Ihre Verzeihung,“ antwortete der alte Royaliſt,„bis Ihnen ſelber verziehen iſt. Beim heiligen Georg hab ich geſchworen, wenn ich je aus meinem verwuͤnſchten Gefaͤngniß loskommen wuͤrde— wohin ich ſehr durch Ihre Vermittlung gebracht worden bin, Herr Bridgenorth— daß Sie fuͤr mein ſchlechtes Logis die Rechnung bezahlen ſolle ten.— Ich will niemand in ſeinem eigenen Hauſe ſchlagen; wenn Sie aber den Mann mein Schwert zuruͤckbringen laſſen und hier unten in dem einge⸗ ſchloſſenen Hofe einen Ausfall mit mir thun wollen, ſo ſollen Sie bald ſehen, was ein Verraͤther gegen einen aufrichtigen Mann, und ein Puritaner gegen Peveril von dem Gipfel ausrichten kann.“ Bridgenorth laͤchelte mit vieler Gelaſſenheit. „Als ich juͤnger und warmbluͤtiger war,“ gab er zur Antwort,„ſchlug ich Ihre Ausforderung aus, Rit⸗ ter Gottfried; es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich ſie jetzt annehme, da jeder von uns ſich dem Grabe naͤ⸗ 166— hert. Ich habe mein Blut nicht geſchont, und werde es nicht ſchonen, wenn mein Vaterland es braucht.“ „Das heißt, wenn es eine Gelegenheit zum Verrath gegen den Koͤnig gibt,“ ſagte Ritter Pe⸗ veril. „Nein, mein Vater,“ ſprach Julian,, laßt uns Herrn Bridgenorth hoͤren! Wir haben in ſeinem Hauſe Schutz gefunden; und ob wir ihn gleich jetzt in London ſehen, ſo ſollten wir uns erinnern, daß er doch heute nicht gegen uns erſchienen iſt, als vielleicht ſein Zeugniß unſerer Lage eine ſchlimme Wendung haͤtte geben koͤnnen.“ „Sie haben Recht, junger Mann,“ ſagte Brid⸗ genorth;„und es ſollte ein Unterpfand meines auf⸗ richtigen Wohlwollens ſein, daß ich heute von Weſt⸗ muͤnſter abweſend war, da wenige Worte aus mei⸗ nem Munde die lange Geſchlechtslinie Peverils von dem Gipfel geendigt haben wuͤrden. Es be⸗ durfte nur einen Gang von zehn Minuten nach Weſtmuͤnſter⸗Hall, Ihre Verurtheilung zu bewirken. Aber haͤtt' ich dieß thun koͤnnen, da ich weiß, was ich nun weiß, daß ich dir, Julian Peveril, die Be⸗ freiung meiner Tochter— meiner theuerſten Alexie — des Andenkens ihrer verſtorbenen Mutter— — 167 aus den Schlingen verdanke, welche Hoͤlle und La⸗ ſterhaftigkeit rings um ſie gelegt hatten!“ „Sie iſt, hoff' ich,“ ſagte der junge Peveril ei⸗ frig, und faſt ſeines Vaters Anweſenheit vergeſſend, „in Sicherheit? Sie iſt, hoff' ich, in Sicherheit und unter Ihrer eignen Obhut?“ „Nicht unter meiner,“ antwortete der niederge⸗ ſchlagene Vater;„aber unter der Obhut von Einem, auf deſſen Schutz, naͤchſt dem des Himmels, ich mich oollkommen verlaſſen kann.“ „Sind Sie deſſen gewiß— ſind Sie deſſen ganz gewiß?“ wiederholte Julian mit Waͤrme. Ich fand ſie unter der Aufſicht einer Perſon, der ſie an⸗ vertraut war, und welche doch—“ „Und welche doch die niedertraͤchtigſte der Frauen war,“ antwortete Bridgenorth;„aber der, welcher ſie zur Aufſeherin erwaͤhlt hatte, hatte ſich in ihrem Charakter getaͤuſcht.“ „Sagen Sie vielmehr, Sie hatten ſich in ſeinem getaͤuſcht; erinnern Sie ſich, daß ich, als wir bei Moultraſſie ſchieden, Sie vor jenem Ganleſſe warnte— jenem—“ „Ich weiß Ihre Meinung,“ ſagte Bridgenorth; „auch irrten Sie nicht, als Sie ihn als einen welt⸗ klugen Mann beſchrieben. Aber er hat ſeinen Irr⸗ thum wieder gut gemacht, indem er Alexien aus den 168 Gefahren errettete, in die ſie, als ſie ſich von Ihnen trennte, gerathen war; und uͤberdieß hab' ich es nicht fuͤr rathſam gehalten, ihm wieder die Aufſicht des Weſens anzuvertrauen, das mir das theuer⸗ ſte iſt.“ „Ich danke Gott, der Ihnen die Augen ſo weit geoͤffnet hat,“ ſagte Julian. „Dieſer Tag wird ſie weit oͤffnen, oder fuͤr im⸗ mer ſchließen,“ antwortete Bridgenorth. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs, das die Sprechenden eilig duͤrchfuͤhrten, ohne auf die Gegenwart der An⸗ dern zu achten, horchte Ritter Gottfried mit Verwun⸗ derung und Begierde, und ſuchte Etwas aufzufaſſen, das ihm ihre Unterredung verſtaͤndlich machte; da es ihm aber gaͤnzlich mißlang, einen ſolchen Schluͤſſel zu ihrer Bedeutung zu gewinnen, ſo brach er ploͤtzlich aus in:„Alle Wetter, Julian, was iſt das fuͤr ein unnuͤtzes Gewaͤſch? Was haſt du mit dieſem Wicht mehr zu thun, als ihn durchzupruͤgeln, wenn du es der Muͤhe werth hielteſt, ſo einen alten Schurken zu ſchlagen?“ „Mein theuerſter Vater,“ ſagte Julian,„Sie kennen dieſen Herrn nicht.— Ich bin gewiß, Sie thun ihm Unrecht. Meine eignen Verbindlichkeiten gegen ihn ſind mannichfach; und ich bin ſicher, wenn Sie ſie erfahren werden—“ — 169 „Ich hoffe, ich werde ſterben, ehe dieſer Augen⸗ blick kommt,“ ſagte der Ritter Peveril, und fahr mit zunehmender Heftigkeit fort:„Ich hoffe von der Gnade des Himmels, daß ich im Grabe meiner Vorfahren ſein werde, eh' ich erfahre, daß mein Sohn— mein einziger Sohn— die letzte Hoff⸗ nung meines alten Hauſes— der letzte Reſt des Namens Peveril— eingewilligt hat, Verbindlichkei⸗ ten von dem Mann anzunehmen, den ich auf Erden am meiſten zu haſſen gezwungen bin, waͤre ich nicht noch mehr genoͤthigt, ihn zu verachten!— Entar⸗ teter Hund!“ wilderholte er mit großer Heftigkeit. „Ihr entfaͤrbt euch, ohne zu antworten! drecht, und leugnet ſolche Schande; oder, bei de Gott meiner Vaͤter—8"„, Der Zwerg trat ploͤtzlich hervor, und rief:„Halt ein!“ mit einer zugleich ſo mißtoͤnenden und gebie⸗ teriſchen Stimme, daß es uͤbernatuͤrlich klang. „Mann der Suͤnde und des Hochmuths,“ rief er aus,„halt ein, und rufe nicht den Namen des heiligen Gottes zum Zeugen deiner unheiligen Rach⸗ gefuͤhle an.“ 4 Dieſer ſo kuͤhn und entſchieden gegebene Ver⸗ weis, und die ſittliche Begeiſterung, womit er ſprach, gaben dem verachteten Zwerge fuͤr den Augenblick eine Ueberlegenheit uͤber den feurigen Geiſt ſeines IV. H 170 rieſenhaften Namensverwandten. Ritter Gottfried Peveril warf fuͤr einen Augenblick einen ſcheuen Seitenblick auf ihn, wie etwa auf eine uͤbernatuͤrliche Erſcheinung, und murmelte dann:„Was weißt du von der Urſache meines Grimms?“ „Nichts,“ ſagte der Zwerg—„nichts, als dieß — daß keine Urſache den Eid rechtfertigen kann, den du ſchwoͤren wollteſt. Undankbarer Mann! Du wurdeſt heute von dem verſchlingenden Grimm der Ruchloſen durch eine wunderbare Verbindung der Umſtaͤnde errettet— Iſt dieß ein Tag, meinſt du, dich deinen eigenen hitzigen Rachgefuͤhlen zu uͤber⸗ laſſen?“ „Da ſteh' ich abgefertigt,“ ſagte Ritter Peveril, „und zwar von einem ſonderbaren Zurechtweiſer— die Heuſchrecke, wie es im Gebetbuch heißt, iſt mir zur Laſt geworden.— Julian, ich will nachher von dieſen Sachen mit dir ſprechen;— und was Sie betrifft, Herr Bridgenorth, ſo wuͤnſche ich weiter keinen Verkehr mit Ihnen zu haben, es ſei im Frie⸗ den oder im Zorn. Unſre Zeit vergeht ſchnell, und ich wollte gern zu meiner Familie zuruͤckkehren. Laſſen Sie unſere Waffen zuruͤckbringen, die Thuͤren aufriegeln, und uns ohne weitern Zank ſcheiden, der unſere Gemuͤther nur beunruhigen, und beſchwe⸗ ren kann.“ 3 —— — ——— —-—— — 171 „Herr Ritter Peveril,“ ſagte Bridgenorth,„ich trage kein Verlangen, weder Ihr noch mein Gemuͤth zu beunruhigen;„was aber Ihre ſo baldige Ent⸗ laſſung betrifft, ſo kann ſie ſchwerlich ſtatt finden, weil dieß ſich mit dem Werk, das ich vorhabe, nicht vertragen wuͤrde.“ „Wie, Herr!“ ſagte der Zwerg.„Meinen Sie, wir ſollten hier bleiben, wir moͤchten wollen oder nicht? Waͤr' ich nicht von Einem, der das beſte Recht hat, uͤber dieſen armen Mikrokosmus zu gebieten, verpflichtet hier zu bleiben, ich wollte dir zeigen, daß Riegel und Schloͤſſer einen Mann, wie ich bin, nicht zuruͤckhalten koͤnnen.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Ritter Peveril,“ ich glau⸗ be, im Nothfall koͤnnte der kleine Mann durch's Schluͤſſelloch entwiſchen.“ Bridgenorths Geſicht verzog ſich in eine Art Laͤ⸗ cheln bei der prahleriſchen Sprache des Pygmaͤen⸗ helden und bei der veraͤchtlichen Erlaͤuterung des Ritters Gottfried Peveril; aber eine ſolche Miene dauerte nie zwei Sekunden lang auf ſeinem Geſicht, und er antwortete dem Zwerge mit folgenden Wor⸗ ten:„Meine Herren, Sie insgeſammt muͤſſen ſich ſchon zufrieden geben. Glauben Sie mir, es iſt Ihnen keine Beleidigung zugedacht; im Gegentheil wird Ihr Hierbleiben ein Mittel ſein, Ihnen Ihre H 2 172— Sicherheit zu verſchaffen, die außerdem in große Gefahr kommen wuͤrde. Es wird Ihre eigene Schuld ſein, wenn Ihnen ein Haar auf ihren Haͤuptern gekruͤmmt wird. Aber die ſtaͤrkere Macht iſt auf meiner Seite; und was fuͤr Leid Sie auch treffen moͤchte, wenn Sie mit Gewalt durchzudrin⸗ gen ſuchten, ſo werden Sie es ſich ſelber vorzuwer⸗ fen haben. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, ſo will ich Herrn Julian Peveril mich begleiten laſſen, wo er ſehen wird, daß ich vollkommen mit den Mitteln ausgeruͤſtet bin, Gewalt zuruͤck zu treiben.“ „Verrath!— Verrath!“ rief der alte Ritter aus.—„Verrath gegen Gott und Koͤnig Karl!— Ach! nur eine halbe Stunde das Schwert, von dem ich mich wie ein Eſel trennte!“ „Still, Vater, ich beſchwoͤre Sie!“ ſagte Ju⸗ lian.„Ich will mit Herrn Bridgenorth gehen, weil er es verlangt. Ich will mich ſelbſt uͤberzeu⸗ gen, ob Gefahr iſt, und von welcher Art. Es iſt moͤglich, daß ich es uͤber ihn vermag, von irgend ei⸗ ner gewaltſamen Maaßregel abzuſtehen, wenn eine ſolche wirklich im Werke waͤre. Sollte dieß noͤthig ſein, ſo fuͤrchten Sie nicht, daß ſich Ihr Sohn an⸗ ders betragen werde, als er ſollte.“ „Thu nach deinem Belieben, Julian,“ ſagte 273 ſein Vater;„ich will mich auf dich verlaſſen. Wenn du aber mein Zutrauen taͤuſcheſt, ſo wird der Fluch eines Vaters auf dir liegen.“ Bridgenorth bewog nun den jungen Peveril, ihm zu folgen, und ſie gingen durch die kleine Thuͤre, durch die er herein gekommen war. Der Weg fuͤhrte zu einer Hausflur oder einem Vorſaale, in welchem verſchiedene andere Thuͤren und Gaͤnge ſich zu vereinigen ſchienen. Durch einen von dieſen wurde Julian von Bridgenorth gefuͤhrt, und, zuſolge eines ihm deßhalb gegebenen Zeichens, ging er behutſam und ſtillſchweigend einher. Als ſie weiter kamen, hoͤrte er Toͤne, wie von einer Menſchenſtimme, in eindringlichen und nachdruͤckli⸗ chen Declamationen. Mit langſamen und leiſen Schritten geleitete ihn Bridgenorth durch eine Thuͤre, welche dieſen Gang begraͤnzte; und als er in eine kleine Gallerie trat, die vorn einen Vorhang hatte, wurde der Ton der Stimme des Predigers (denn ein ſolcher ſchien zu ſprechen)— deutlicher und vernehmlicher. Julian zweifelte nun nicht, daß er in einem jener Conventikel ſich befaͤnde, die, zwar den beſtehenden Geſetzen zuwider, doch regelmaͤßig in verſchiedenen Theilen Londons und der Vorſtaͤdte immerfort ge⸗ halten wurden. Viele derſelben, welche Perſonen H 3 von gemaͤßigten politiſchen Grundſaͤtzen, obgleich in ihren religioͤſen Meinungen Gewiſſens halber von der herrſchenden Kirche abweichend, beſuchten, dul⸗ dete die Regierung aus Klugheit oder aus Furcht⸗ ſamkeit. Allein andere, in welchen ſich die ſtolzeren und mehr exaltirten Sekten der Independenten, Wiedertaͤufer und anderer Sektirer verſammelten, deren finſtere Schwaͤrmerei ſo bedeutend zum Um⸗ ſturz des Thrones des letzten Koͤnigs beigetragen harte, wurden aufgeſucht, unterdruͤckt und keiftrent, ſo bald ſie nur entdeckt werden konnten. Julian ward bald auͤberzeugt, daß die Verſamm⸗ lung, in welche er ſo geheim eingefuͤhrt wurde, eine von der letztern Klaſſe war; und nach der Heftigkeit des Predigers zu urtheilen, war ſie eine von der verwegenſten Art. Er wurde noch mehr hiervon uͤberfuͤhrt, als er, auf ein Zeichen Bridgenorths, behutſam einen Theil des Vorhangs, der vor der Gallerie hing, aufzog, und ſo, ſelbſt ungeſehen, auf die Verſammlung herabſah, und den Prediger zu Geſicht bekam. Gegen zweihundert Perſonen waren unten auf einem mit Baͤnken gefuͤllten Platze, wie zum Got⸗ tesdienſte verſammelt; und ſie waren alle vom maͤnnlichen Geſchlecht, und mit Piken und Muſke⸗ ten ſowohl, als mit Schwertern und Piſtolen gut 82 — 175 bewaffnet. Die meiſten hatten das Anſehen alter Soldaten, die uͤber das mittlere Lebensalter hinaus waren, jedoch noch einen Anſchein von Kraft be⸗ ſaßen, die wohl den Verluſt der jugendlichen Ge⸗ wandtheit erſetzen konnte. Sie ſtanden oder ſaßen, in verſchiedenen Stellungen ernſter Aufmerſamkeit; und, auf ihre Spieße und Muſketen gelehnt, hefte⸗ ten ſie die Augen feſt auf den Prediger, der ſeinen heftigen Vortrag mit Entfaltung einer Fahne von der Kanzel herab endigte, auf welcher ein Loͤwe mit der Aufſchrift abgebildet war:„Vicit Leo ex tribu Iudae“(Es hat uͤberwunden der Loͤwe aus dem Stamm Judaͤ). Der Strom myſtiſcher, doch begeiſternder Be⸗ redſamkeit des Predigers— eines alten Mannes mit grauen Haaren, den der Eifer mit der Kraft der Stimme und Geſtikulation, welche die Jahre ihm geraubt hatten, zu verſehen ſchien— richtete ſich nach dem Geſchmack ſeiner Zuhoͤrer, koͤnnte aber nicht ohne Anſtoß und Unſchicklichkeit auf dieſe Blaͤt⸗ ter uͤbergetragen werden. Er drohte den Beherr⸗ ſchern Englands mit allen uͤber die von Moab und Aſſyrien ausgeſprochenen Strafgerichten— ermahnte, bei den Heiligen, ſtark zu ſein, zu wachen und zu handeln, und verhieß jene Wunder, welche, in den Feldzuͤgen Joſua's und ſeiner Nachfolger, der tapfern H 5 176 Richter Iſraels, gegen die Amoriter, Midianiter und Philiſter alle erlittenen Nachtheile verguͤteten. Julian hoͤrte bald mit tiefer Unruhe genug, um zu bemerken, daß die Verſammlung wahrſcheinlich in offenem Aufſtande endigen wuͤrde, wie die der Maͤnner der Fuͤnften Monarchie“) unter Venner, in einer fruͤ⸗ hern Periode unter Karls Regierung; und nicht we⸗ nig beſtuͤrzt machte ihn die Wahrſcheinlichkeit, daß Bridgenorth in ein ſo ſtrafbares und verzweifeltes Unternehmen verwickelt waͤre. Wenn er noch einige Zweifel uͤber den Ausgang der Verſammlung behal⸗ ten haͤtte, ſo haͤtten ſie gehoben werden muͤſſen, als der Prediger ſeine Zuhoͤrer aufforderte, allen Erwar⸗ tungen zu entſagen, die bisher von dem guͤnſtigen Einfluſſe der Ausuͤbung der gewoͤhnlichen Landesge⸗ ſetze auf die Wohlfahrt der Nation gehaͤgt worden waͤren. Dieß, ſagte er, waͤre hoͤchſtens ein fleiſchli⸗ ches Suchen nach irdiſcher Huͤlfe— ein Hinabgehen nach Aegypten um Huͤlfe, welches der goͤttliche Fuͤh⸗ rer als ein Fliehen nach einem andern Felſen, und einem andern Panier, als welches dieſer Tag uͤber ſie ausbreitete, ahnden wuͤrde.— Und hier ſchwang er feierlich die Fahne mit dem Loͤwen uͤber ihre Haͤupter, als das einzige Zeichen, unter welchem ſie *) Der Chiliaſten, welche an ein tauſendjaͤhriges Reich glaubten. 177 Leben und Sicherheit zu ſuchen haͤtten. Dann fuhr er fort, darauf zu beſtehen, daß die Zuflucht zur ge⸗ woͤhnlichen Juſtiz ſowohl fruchtlos, als ſuͤndhaft waͤre. „Die Begebenheit jenes Tages bei Weſtmuͤn⸗ ſter,“ ſprach er,„koͤnne ſie lehren, daß der Mann zu Whitehall eben ſo ſei, wie der Mann, ſein Va⸗ ter;“ und er ſchloß eine lange Tirade gegen die Laſter des Hofes mit der Verſicherung,„daß To⸗ phet*) vor Alters verordnet— fuͤr den Koͤnig heiß gemacht waͤre.“ Als der Prediger eine Beſchreibung der heran⸗ nahenden Theokratie, welche er zu prophezeien wagte, anſing, ſchien Bridgenorth, der eine Zeit lang Ju⸗ lians Gegenwart vergeſſen zu haben ſchien, waͤhrend er mit ernſter und feſter Aufmerkſamkeit die Worts des Predigers einſog, ſich ploͤtzlich zu beſinnen, und fuͤhrte Julian bei der Hand aus der Gallerie, deren Thuͤre er ſorgfaͤltig verſchloß, in ein nicht weit ent⸗ ferntes Zimmer. Als ſie da anlangten, kam er Julians Erinnerun⸗ gen mit der in ernſthaft triumphirendem Tone an ihn gerichteten Frage zuvor: ob dieſe Maͤnner, die er geſehen, wahrſcheinlich wohl ihr Werk nachlaͤſſig verrichten wuͤrden, oder ob es nicht gefaͤhrlich ſein *) Der Abgrund. H 5 178— wuͤrde, wenn ſie ihren Weg gewaltſam aus einem Hauſe zu nehmen verſuchten, deſſen Zugaͤnge alle von ſolchen Leuten, als er geſehen, bewacht waͤren— Kriegsmaͤnnern von ihrer Kindheit u. „Um des Himmels willen,“ ſagte Julian, ohne Bridgenorths Frage zu beantworten,„zu welchem verzweifelten Zweck haben Sie ſo viele verzweifelte Maͤnner verſammelt? Ich weiß wohl, daß Ihre re⸗ ligioͤſen Grundſaͤtze von beſonderer Art ſind; aber nehmen Sie ſich in Acht, ſich nicht ſelbſt zu taͤuſchen. — Keine Anſichten der Religion koͤnnen Aufruhr und Mord rechtfertigen; und von ſolcher Art ſind die nothwendigen Folgen der Lehre, die wir eben fanati⸗ ſchen und hitzigen Schwaͤrmern in die Ohren ſchallen gehoͤrt haben.“ „Mein Sohn,“ ſagte Bridgenorth gelaſſen,„in den Tagen meiner Unmuͤndigkeit dacht' ich eben ſo, wie Sir. Ich hielt es fuͤr hinreichend, meine Zehn⸗ ten von Kuͤmmel und Aniesſaamen zu zahlen— meine kleinlich moraliſchen Befolgungen des alten Geſetzes; und ich glaubte, koͤſtliche Dinge aufzu⸗ haͤufen, als ſie nicht mehr werth waren, als die Huͤlſen im Schweinetrog. Geprieſen ſei der Him⸗ mel, die Schuppen ſind mir von den Augen gefallen; und nach vierzigjaͤhrigen Wanderungen in der Wuͤſte Sinais, bin ich endlich in dem Gelobten Lande an⸗ — 179 gelangt— Meine verderbte menſchliche Natur hat mich verlaſſen— ich habe meinen Balg abge⸗ worfen, und kann nun mit einigem Gewiſſen meine Hand an den Pflug legen, gewiß, daß da keine Schwaͤche in mir uͤbrig geblieben iſt, wodurch ich auf das Vergangene zuruͤck ſehen moͤchte.„Die Furchen,“ ſetzte er, mit gerunzelter Stirne, waͤh⸗ rend ſeine großen Augen ſich mit duͤſterm Feuer fuͤll⸗ ten, hinzu,„muͤſſen lang und tief gezogen, und mit dem Blute des Maͤchtigen getraͤnkt werden.“ Es war eine Veraͤnderung in Bridgenorths Ton und Weſen, als er ſich dieſer ſonderbaren Ausdruͤcke bediente, welche Julian uͤberzeugten, daß ſein Geiſt, der ſeit ſo vielen Jahren zwiſchen ſeinem natuͤrlichen geſunden Verſtande und der unſinnigen Schwaͤrmerei der Zeit hin und her geſchwankt, endlich der letztern ſich uͤberlaſſen hatte; und die Gefahr vor Augen, in die der ungluͤckliche Mann ſelbſt, die unſchuldige und ſchoͤne Alexie, und ſein eigner Vater wahrſcheinlich geſetzt werden wuͤrden— nichts zu ſagen von der allgemeinen Bedrohung des gemeinen Weſens durch einen Aufſtand— fuͤhlte Julian zugleich, daß mit vernuͤnftigen Vorſtellungen gegen einen Mann nichts auszurichten waͤre, der ſeine innere Ueberzeugung allen Gruͤnden entgegenſtellen wuͤrde, mit welchen die Vernunft ſeine wilden Endwuͤrfe beſtreiten koͤnnte. 180— Sein Gefuͤhl zu ruͤhren, ſchien eine annehmlichere Auskunft; Julian beſchwor daher Bridgenorth, zu bedenken, wie ſehr die Ehre und Sicherheit ſeiner Tochter davon abhinge, daß er ſich der gefaͤhrlichen Maaßregeln enthielte, die er zu ergreifen willens war.„Wenn Sie fallen,“ ſagte er,„muß ſie nicht unter die Gewalt und Vormundſchaft ihres Onkels kommen, der, wie Sie eingeſtehen, ſich des groͤbſten IJrrthums in der Wahl ihrer Beſchuͤtzerin faͤhig gezeigt hat, und der, wie ich aus guten Gruͤnden glaube, dieſe ſchaͤndliche Wahl mit ſeinen offenen Augen traf?“ „Junger Mann,“ antwortete Bridgenorth, „Sie erregen in mir ein Gefuͤhl, wie in dem armen Vogel, um deſſen Fluͤgel ein muthwilliger Knabe eine Schnure gebunden hat, um den ſich ſtraͤubenden Ungluͤcklichen nach Belieben zur Erde zu ziehen. So wiſſe, weil du dieſe grauſame Rolle ſpielen, und mich von hoͤhern Betrachtungen herab ziehen willſt, daß diejenige, welcher Alexie uͤbergeben worden, und welche in Zukunft volle Macht hat ihre Bewe⸗ gungen zu leiten, und ihr Schickſal zu entſcheiden, trotz Chriſtian und jedem Andern, iſt— ich will Dir nicht ſagen, wer ſie iſt— genug— Niemand — am wenigſten von Allen Du, darf fuͤr ihre Wohlfahrt beſorgt ſein⸗“ —— 181 In dieſem Augenblick oͤffnete ſich eine Seiten⸗ thuͤre, und Chriſtian ſelbſt kam in das Zimmer. Er ſtutzte und entfaͤrbte ſich, als er Julian Peveril ſah; dann wandte er mit einer angenommenen gleichguͤl⸗ tigen Miene ſich zu Bridgenorth, und fragte:„Iſt Saul unter den Propheten?— Iſt ein Peveril unter den Heiligen?“ „Nein, Bruder,“ erwiederte Bridgenorth; ſeine Zeit iſt noch eben ſo wenig gekommen, als die deinige.— Du ſteckſt zu tief in den ehrgeizigen Intriguen des Mannsalters, und er in den ſchwind⸗ ligen Leidenſchaften der Jugend, um die ſtille ruhige Stimme zu hoͤren— Ihr beide werdet ſie hoͤren, wie ich hoffe und bete.“ „Herr Ganleſſe, oder Chriſtian, oder wie Sie ſonſt heißen,“ ſagte Julian,„durch was immer fuͤr Grundſaͤtze Sie ſich in dieſer hoͤchſt gefaͤhrlichen Sache leiten laſſen, bei Ihnen wenigſtens wirkt keine Idee eines unmittelbaren goͤttlichen Befehls, Feindſeligkeiten gegen den Staat zu beginnen. In⸗ dem wir alſo fuͤr jetzt alle Gegenſtaͤnde der Eroͤrte⸗ rung zwiſchen uns, worin ſie immer beſtehen moͤgen, bei Seite ſetzen, flehe ich Sie nur an, als einen Mann von Klugheit und Verſtand, mit mir gemein⸗ ſchaftlich dem Herrn Bridgenorth das bedenkliche Unternehmen, das er im Sinne hat, auszureden.“ —— ——ʒè — q— ———— —Q—Q— — 182 „Junger Herr,“ ſagte Chriſtian mit großer Ge⸗ laſſenheit,„als wir uns in der weſtlichen Gegend trafen, war ich geneigt, Ihre Freundſchaft zu ſuchen, aber Sie verwarfen die Einleitung dazu. Sie konn⸗ ten jedoch ſelbſt damals genug von mir geſehen haben, um verſichert zu ſein, daß ich nicht leicht zu raſch mich in irgend ein verzweifeltes Unternehmen ſraͤrzen werde. Was dieſes betrifft, das vor uns liegt, ſo bringt mein Bruder Bridgenorth zu demſelben die Einfalt, obgleich nicht die Harmloſigkeit der Taube, und ich die Liſt der Schlange. Er hat die Anfuͤh⸗ rung der Heiligen, welche von dem Geiſte bewegt werden; und ich kann zu ihren Anſtrengungen eine maͤchtige Schaar hinzu fuͤgen, die zu ihren Antrei⸗ bern die Welt, den Teufel und das Fleiſch hat.“ „Und koͤnnen Sie,“ ſagte Julian, Bridgenorth anſehend,„ſo einem unwuͤrdigen Verein beitreten.“ „Ich vereinige mich nicht mit ihnen,“ ſagte Bridgenorth;„aber ich kann nicht, ohne Schuld, die Huͤlfe verwerfen, welche die Vorſehung ſendet, ihren Dienern beizuſtehen. Wir ſelbſt ſind wenige, jedoch entſchloſſen— diejenigen, deren Schwerter kommen, den Schnittern der Aernte zu helfen, muͤſſen willkommen ſein— Wann ihr Werk gethan iſt, werden ſie bekehrt oder zerſtreut werden.— Sind Sie am York⸗Place geweſen, Bruder, bei — 183 jenem unbeſtaͤndigen Wolluͤſtling? Wir muͤſſen ſeine letzte Entſchließung haben, und zwar binnen einer tunde. Chriſtian ſah Julian an, als wenn ſeine Gegen⸗ wart ihn hinderte, eine Antwort zu geben; worauf Bridgenorth aufſtand, und den jungen Mann bei dem Arme nehmend, ihn aus dem Zimmer in das⸗ jenige fuͤhrte, in welchem ſie ſeinen Vater zuruͤckge⸗ laſſen hatten. Auf dem Wege verſicherte er ihn, daß wachſame und entſchloſſene Wachen in jede ver⸗ ſchiedene Gegend, wo eine Entweichung bewirkt werden koͤnnte, ausgeſtellt waͤren, und daß er wohl thun wuͤrde, ſeinen Vater zu bereden, auf wenige Stunden ſich als einen ruhigen Gefangenen zu verhalten. 3 Julian gab ihm keine Antwort, und er entfernte ſich ſogleich, und ließ ihn mit ſeinem Vater und Hudſon allein. Auf ihre Fragen konnte er ihnen blos die kurze Antwort geben, er fuͤrchte, ſie waͤren uͤberliſtet, weil ſie mit wenigſtens zweihundert, voͤllig bewaffneten, und dem Anſehen nach zu einem ver⸗ wegenen Unternehmen geruͤſteten Schwaͤrmern in einem Hauſe ſich befaͤnden. Ihr eigner Kangel an Waffen machte ihnen offne Gewalt unmoͤglich; und ſo unangenehm es ſein moͤchte, in einem ſolchen Zu⸗ ſtande zu bleiben, ſo ſchiene es doch, bei den ſtarken 184— Befeſtigungen der Thuͤren und Fenſter, ſchwierig, eine geheime Flucht zu unternehmen, ohne augen⸗ blicklich entdeckt zu werden. Der tapfere Zwerg allein naͤhrte Hoffnungen, mit denen er ſeine Leidensgefaͤhrten vergebens aufzu⸗ muntern ſuchte.„Die Schoͤne,“ ſagte er,„mit Augen, gleich den Zwillingsſternen der Leda“— denn der kleine Mann war ein großer Freund erha⸗ bener Ausdruͤcke—„wuͤrde ihn, den ergebenſten, und, vielleicht, den nicht am wenigſten beguͤnſtigten ihrer Diener, nicht an dieſen Ort, als in eine Her⸗ berge, eingeladen haben, damit ſie darin Schiffbruch erleiden ſollten;“ und er verſicherte ſeine Freunde großmuͤthig,„ſie ſollten in ſeiner Sicherheit auch Sicherheit genießen.“ Der Ritter Peveril, den dieſe Erklaͤrung nicht ſehr aufheiterte, aͤußerte vielmehr ſeinen Unmuth, nicht nach Whitehall gelangen zu koͤnnen, wo er ge⸗ wiß ſo viel wackere Sdelleute zu finden hoffte, die ihm das ganze Weſpenneſt in ihrem Bienenkorbe zerſtoͤren helfen wuͤrden; waͤhrend Julian der Mei⸗ nung war, der beſte Dienſt, den er Bridgenorth jetzt leiſten koͤnnte, wuͤrde darin beſtehen, daß er ſeinen Anſchlag bei Zeiten entdeckte, und ihm, wo moͤglich, zu gleicher Zeit eine Warnung zukommen ließe, ſeine Perſon zu retten, — 185 Doch wir muͤſſen ſie jetzt uͤber ihre Plaͤne in Muße nachdenken laſſen, von denen keiner mit wahr⸗ ſcheinlichem ſchnellen Erfolg ausfuͤhrbar ſchien, weil ſie alle von ihrer vorhergehenden Entweichung ab⸗ hingen. Achtes Kapitel. i Nach einer geheimen Unterredung mit Bridgenorth, eilte Chriſtian nach dem Hotel des Herzogs von Buckingham, und nahm einen ſolchen Weg, daß er nicht leicht irgend Jemanden von ſeiner Bekannt⸗ ſchaft begegnen konnte. Er wurde in das Zimmer des Herzogs eingefuͤhrt, und fand ihn mit Aufma⸗ chen und Verzehren von Lambertsnuͤſſen, neben einer Flaſche des beſten blanken Weins, beſchaͤftigt. 7„Chriſtian,“ ſagte ſeine Durchlaucht,„komm, hilf mir lachen— ich habe Ritter Karl Sedley gebiſſen — und geworfen fuͤr Tauſende, bei den Goͤttern.“ Ich freue mich uͤber Ihr Gluͤck, gnaͤdiger Her⸗ zog,“ erwiederte Chriſtian;„aber ich bin in ernſt⸗ haften Angelegenheiten gekommen.“. „Ernſthaften?“— Ei, ich werde ſchwerlich wieder ernſthaft in meinem Leben ſein— ha ha 186— ha!— und was Gluͤck betrifft, ſo Etwas war es nicht— lauter Witz und herrliche Erfindung. Und, wenn ich mich nicht in Acht naͤhme, die Gluͤcksgoͤttin zu beleidigen, wie der alte Griechiſche Feldherr, ſo moͤcht' ich ihr ins Geſicht ſagen— hieran haſt du keinen Antheil. Sie haben gehoͤrt, Eduard Chriſtian, Mutter Creßwell iſt tod?“ „Ja, wie ich hoͤrte, hat der Teufel ſeine Gebuͤhr geholt,“ antwortete Chriſtian. „Aber Sie ſind undankbar,“ ſagte der Herzog; „denn ich weiß, Sie haben ihr ſo gut, als Andere, Verbindlichkeiten gehabt. Vor Georg, war ſie eine ſehr wohlwollende und huͤlfreiche alte Dame; und damit ſie nicht in einem ungeſegneten Grabe ſchlafen moͤchte, wettete ich— hoͤren Sie wohl— mit Sedley, daß ich ihre Leichenrede ſchreiben wollte; daß darin jedes Wort zum Lobe ihres Lebens und ihrer Unterredung gereichen ſollte; daß Alles wahr ſein, und doch der Biſchof des Orts unvermoͤgend ſein ſollte, ſeinen Daumen an Quodling, meinen kleinen Kapellan, zu legen, der dieſe Predigt halten ſollte.” „Ich ſehe vollkommen die Schwierigkeit ein, gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Chriſtian, wohl wiſſend, daß er, um ſich die Aufmerkſamkeit dieſes fluͤchtigen Edelmanns zu gewinnen, ſich erſt gefallen laſſen, ja — 187 ihn aufmuntern muͤßte, ſeinen Gegenſtand zu er⸗ ſſchoͤpfen, was es auch immer ſein moͤchte, das fuͤr eine Zeit ſeine Zirbeldruͤſe in Beſitz genommen hatte. „Nun,“ ſagte der Herzog,„ich ließ meinen kleinen Quodling folgendermaßen ſeine Rede aus⸗ fuͤhren:„Was auch immer fuͤr ſchlimme Geruͤchte waͤhrend ihrer Lebenszeit uͤber die ehrwuͤrdige Ma⸗ ttrone, die ſie jetzt dem Staube wiedergegeben, er⸗ gangen waͤren, ſo koͤnnte doch die Bosheit nicht leugnen, daß ſie wohl geboren, wohl verheiratet war, wohl lebte, und wohl ſtarb; denn ſie war ge⸗ boren in Schadwohl, verheiratet an Creßwohl, lebte in Camberwohl, und ſtarb in Bridewohl*). Hier endigte die Rede, und mit ihr Sedley's ehr⸗ geizige Hoffnung, Buckingham zu uͤbertreffen— ha ha ha!— Und nun, Herr Chriſtian, was ſind heute Ihre Befehle an mich?“ „Fuͤrs Erſte, Ihrer Durchlaucht zu danken, daß Sie ſo aufmerkſam waren, eine ſo furchtbare Perſon, wie Oberſt Blood, zu ſchicken, um Ihrem armen Freund und Diener aufzulauern. Wahrhaf⸗ *) Das Wortſpiel mit wohl noͤthigte den Ueberſetzer, den ſich auf well endigenden Namen Shadwell u. ſ. f. dafuͤr die Endung wohl, die daſſelbe bedeutet, zu geben. 188— tig es lag ihm ſo viel daran, daß ich die Stadt ver⸗ ließe, daß er mich mit gezuͤcktem Degen dazu zwingen wollte, und mich noͤthigte Etwas von ſei⸗ nem boͤſen Blut zu verſpruͤtzen. Die Schwerttraͤger Ihrer Durchlaucht haben neuerlich ſchlechtes Gluͤck gehabt; und das iſt ſchlimm, weil Sie immer die beſten Haͤnde und noch dazu ſolche gewiſſenloſe Schurken waͤhlen.“ 4 „Laſſen Sie es gut ſein, Chriſtian,“ ſagte der Herzog;„triumphiren Sie nicht ſo uͤber mich; ein großer Mann, wenn ich mich ſelbſt ſo nennen kann, iſt nie groͤßer, als unter Mißgeſchicke. Ich ſpielte Ihnen blos dieſen kleinen Streich, Chriſtian, um „Ihnen einen heilſamen Begriff von dem Intereſſe veinzupraͤgen, das ich an Ihren Bewegungen nehme. Daß der Schurke den Degen gegen Sie gezogen, iſt unverzeihlich.— Was! meinen alten Freund Chriſtian anzufallen!“ „Und warum nicht,“ ſagte Chriſtian kaltſinnig, „wenn Ihr alter Freund ſo hartnaͤckig iſt, nicht aus der Stadt zu gehen, wie ein guter Knabe, als Ihre Durchlaucht es aus der hoͤflichen Abſicht verlangten, ſeine Nichte in ſeiner Abweſenheit zu unterhalten?“ —„Wie— was!— Was verſtehen Sie unter meiner Unterhaltung Ihrer Nichte, Herr Chri⸗ ſtian?“ ſagte der Herzog.„Sie war eine Perſon, — 189 weit unter meinen geringen Aufmerkſamkeitsbeweiſen, da ſie, wenn ich mich recht beſinne, zu ſo Etwas, wie koͤnigliche Gunſt, beſtimmt war.“ „Es war jedoch ihr Schickſal, auf ein paar Tage ein Gaſt in dem Kloſter Ihrer Durchlaucht zu ſein. Wahrhaftig, gnaͤdiger Herr, der Beichtvater war nicht zu Hauſe, und— denn Kloͤſter ſind neuerlich erſtiegen worden— kam nicht eher zuruͤck, als bis der Vogel fortgeflogen war.“ „Chriſtian, Du biſt ein alter Fuchs— ich ſehe, man kann Dich nicht hinter's Licht fuͤhren. So warſt Du es denn, der mir meine ſchoͤne Beute ſtahl, aber mir etwas um noch ſo viel Huͤbſcheres, nach meiner Meinung, zuruͤck ließ, daß ich, haͤtt es. nicht ſich ſelber Fluͤgel zum Wegfliegen gemacht, es in einen goldenen Kaͤfig geſetzt haben wuͤrde. Sei nicht niedergeſchlagen, Mann; ich vergebe Dir— ich vergebe Dir.“ „Ihre Durchlaucht ſind in einer ſehr mitleidigen Stimmung, beſonders da ich es bin, der Unrecht er⸗ litten hat; und Weiſe haben geſagt, wer das Unrecht anthut, ſei weniger geneigt zu verzeihen, als wer es blos erduldet.“ „Ganz wahr, Chriſtian,“ ſagte der Herzog; „es iſt, wie Sie ſagen, etwas ganz neues, und ſetzt meine Milde in ein recht glaͤnzendes Licht. 190 Wohlan denn, Du verſoͤhnter Mann, wann werd' ich meine Mauritaniſche Prinzeſſin wiederſehen?“ „Sobald ich gewiß bin, daß nicht ein Wortſpiel oder ein Scherz fuͤr eine Komoͤdie oder eine Predigt ſie aus Ihrer Durchlaucht Gedaͤchtniß verbannt.“ „Nicht aller Witz South's oder Etherege's,“ ſagte Buckingham haſtig;„geſchweige mein eigner.“ „Doch die ſchoͤne Dame fuͤr eine kleine Weile aus den Gedanken zu laſſen— nur fuͤr eine ſehr kleine Weile,“ ſagte Chriſtian;„denn ich ſchwoͤre, daß Ihre Durchlaucht ſie zu gehoͤriger Zeit ſehen, und in ihr das außerordentlichſte Frauenzimmer, welches das Zeitalter hervorgebracht hat, kennen lernen ſollen— um ſie, ſag' ich, eine kleine Weile aus dem Geſicht zu laſſen,— haben Ihre Gnaden neuerlich Nachricht von der Geſundheit der Her⸗ zogin?“ „Geſundheit!“ ſagte der Herzog.„Hm— nein— keine beſondre. Sie hat ſich uͤbel befunden — aber—“ „Jetzt nicht mehr,“ ſetzte Chriſtian hinzu;„ſie ſtarb in Yorkſhire vor zwei Tagen.“ „Du mußt mit dem Teufel verkehren,“ fau der Herzog. „Das wuͤrde einem Manne meines Namens uͤbel anſtehn,“ antwortete Chriſtian.„Aber in der kur⸗ 8 191 zen Zwiſchenzeit, ſeit Ihre Durchlaucht von einem Vorfall gehoͤrt haben, der noch nicht ins Publikum gekommen iſt, haben Sie, glaub' ich, dem Koͤnige, Vorſchlaͤge fuͤr die Hand der Lady Anne, zweiten Tochter des Herzogs von York, gethan, und Ihre Vorſchlaͤge ſind verworfen worden.“ „Boͤſe Feinde und Feuerbraͤnde, Schurke!“ ſagte der Herzog auffahrend und Chriſtian bei dem Kragen faſſend;“ wer hat Dir das geſagt?“ „Nehmen Sie Ihre Hand von meinem Mantel, Herr Herzog, und ich will Ihnen antworten,“ ſagte Chriſtian.„Ich habe einen boͤſen Zug alter puri⸗ taniſcher Laune an mir. Ich leide die Auflegung der Haͤnde nicht— nehmen Sie die Hand von meinem Mantel, oder ich werde Mittel finden, daß Sie ſie los laſſen.“ Der Herzog, der ſeine Rechte an ſein Degen⸗ gefaͤß gelegt hatte, als er mit der Linken Chriſtians Kragen hielt, ließ ſie, indem er ſprach, aber nur langſam los, und wieeiner, der die Ausfuͤhrung eines hitzigen Vorſatzes mehr aufſchiebt, als aufgiebt; waͤhrend Chriſtian, ſeinen Mantel mit vollkommener Gelaſſenheit zurecht legend, ſagte:„So, nun mein Mantel in Freiheit iſt, ſprechen wir auf gleichem Fuße. Ich komme nicht, Ihre Durchlaucht zu be⸗ — leidigen, ſondern Ihnen Rache fuͤr die Beleidigung anzubieten, die Ihnen widerfahren iſt. „Rache!“ ſagte der Herzog—„Sie iſt das theuerſte Anerbieten, das mir ein Mann in meiner gegenwaͤrtigen Stimmung machen kann. Ich hun⸗ gere nach Rache— durſte nach Rache— koͤnnte ſterben, um mich der Rache zu verſichern!— Ver⸗ wuͤnſcht!“ rief er aus, und ging mit der heftigſten und unbezaͤhmteſten Gemuͤthsbewegung in dem 8 I großen Zimmer auf und ab;„ich habe dieſe Abwei⸗ * ſung mit zehntauſend Taͤndeleien mir aus dem Kopfe gejagt, weil ich glaubte, Niemand wuͤßte davon. Aber ſie iſt bekannt, und dir bekannt, der wahren Schleuſe der Hofgeheimniſſe— die Ehre Villiers iſt in deiner Verwahrung. Eduard Chriſtian! . Sprich, du Mann der Argliſt und der Intrigue— 3 wem droheſt du deine Rache! Sprich, und wenn deine Antworten meinen Wuͤnſchen begegnen, ſo will ich mit dir eben ſo gern einen Handel ſchließen, als mit deinem Meiſter, dem Satan ſelber.“ „Ich will,“ ſprach Chriſtian,„in meinen Bedin⸗ gungen nicht ſo unbillig ſein, als die Geſchichten von dem alten Abtruͤnnigen melden; ich will Ihrer Durchlaucht, ſo wie er thun moͤchte, zeitliches Gluͤck und Nache anbieten, die oft ſein Werbungsgeld iſt, ——— ———— aber ich uͤberlaſſe es Ihnen ſelbſt, wie es Ihnen be⸗ lieben mag, fuͤr Ihre kuͤnftige Seeligkeit zu ſorgen.“ Der Herzog ſah ihn ſtarr und finſter an, und erwiederte:„Wollte Gott, Chriſtian, ich koͤnnte, ohne deine Worte zu beduͤrfen, in deinem Geſichte leſen, was fuͤr einen verdammten ſchurkiſchen Vor⸗ ſchlag du mir zu machen haſt.“ „Ihre Durchlaucht koͤnnen nur pruͤfen,“ ſagte Chriſtian ruhig laͤchelnd. „Nein,“ antwortete der Herzog, nachdem er ihn wieder eine Minute lang angeſehen hatte;„du biſt ein ſo tief verſtellter Heuchler, daß deine gemeinen Zuͤge und hellen grauen Augen eben ſo wahrſcheinlich Verrath verbergen, als irgend einen kleinlichen An⸗ ſchlag von Diebſtahl oder Raub, der deinem Stande mehr entſpricht.“ „Verrath! mein Herzog!“ wiederholte Chri⸗ ſtian;„Sie koͤnnen mehr errathen haben, als Sie vermutheten.„Ich ehre Ihrer Durchlaucht Scharfblick.“ „Wenn ein Name Ihre Durchlaucht ſchreckt, ſo koͤnnen Sie es Rache nennen— Rache an der Ka⸗ bale der Geheimen Raͤthe, die Ihnen immer entae⸗ gen gearbeitet haben, trotz Ihrem Witz und Ihrem Anſehen bei dem Koͤnig.— Rache an Arlington, Ormond— an Karl ſelbſt.“ IV. J 193 194 „Nein, beim Himmel,“ ſagte der Herzog, indem er wieder ſeinen unterbrochenen Gang durch das Zimmer vornahm—„RNache an dieſen Ratten des Geheimen Raths; ſie mag kommen, wie du willſt. Aber an dem Koͤnige!— nimmer— nimmer. Ich habe ihn hundertmal aufgereizt, wo er mich nur einmal beruͤhrt hat. Ich habe ſeinen Pfad in Staatsintri⸗ guen durchkreuzt— war ſein Nebenbuhler in der Liebe— hatte den Vortheil in beiden,— und ver⸗ dammt— er hat mir vergeben!— Wenn Verrath mich auf ſeinen Thron bringen wuͤrde, ſo habe ich keine Rechtfertigung dafuͤr— es waͤre ſchlimmer, als viehiſche Undankbarkeit.“ „Edel geſprochen, gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Chri⸗ ſtian,„und eben ſo entſprechend den Verbindlichkei⸗ 1 ten, die Ihre Durchlaucht gegen Karl Stuart, und dem Gefuͤhl derſelben, das Sie immer gezeigt haben. Aber es bedeutet nichts. Wenn Ihre Durchlaucht unſer Unternehmen nicht beguͤnſtigen, ſo iſt Shaftes⸗ bury, ſo iſt Nonmouth da—“ „Schurke!“ rief der Herzog aus, ſelbſt noch heftiger bewegt, als zuvor.„Denkt ihr, ihr ſollt ein Unternehmen mit Andern ausfuͤhren, das ich ver⸗ worfen habe?— Nein, bei jedem heidniſchen und jedem chriſtlichen Gott!— Hoͤrt ihr, Chriſtian, ich will euch auf der Stelle feſt nehmen— ich will, bei — 195 Goͤttern und Teufeln, und euch dahin bringen, euer Complott zu Whitehall zu entwickeln.“ „Wo die erſten Worte, die ich ſpreche,“ antwor⸗ tete der nicht außer Faſſung zu bringende Chriſtian, „das Geheime Conſeil unterrichten werden, wo ſie gewiſſe Briefe finden koͤnnen, mit denen Ihre Durchlaucht Ihren armen Vaſallen beehrt hat, ent⸗ haltend, denk' ich, gewiſſe Umſtaͤnde, die ſeine Ma⸗ jeſtaͤt mit groͤßerm Erſtaunen leſen wird, als—“ „Ha, Bube,“ ſagte der Herzog, wieder die Hand an ſein Dolchgefaͤß legend,„du haſt mir den Rang abgelaufen. Ich weiß nicht, was mich abhaͤlt, dich auf der Stelle zu erdolchen!“ „Ich koͤnnte fallen, mein Herzog,“ ſagte Chri⸗ ſtian, ſich leicht verfaͤrbend, und ſeine Rechte an ſei⸗ nen Buſen legend,„jedoch, glaub' ich, nicht unge⸗ raͤcht— denn ich habe nicht ganz ohne Vertheidi⸗ gungsmittel meine Perſon in dieſe Gefahr geſetzt. Ich koͤnnte fallen, aber ach! Ihrer Durchlaucht Briefwechſel iſt in Haͤnden, die durch eben dieſe That geſchaͤftig genug gemacht werden wuͤrden, die Briefe dem Koͤnige und dem Geheimen Rathe zu uͤberliefern. Was ſagen Sie zu der Mohriſchen Prinzeſſin, gnaͤdiger Herzog? Wie, wenn ich ſie zur Vollzieherin meines Willens gemacht habe, mit gewiſſen Anweiſungen uͤber die Art zu verfahren, im & J 2 196— Fall ich nicht unverletzt vom York⸗Place zuruͤck kaͤme? O, mein Herzog, obgleich mein Kopf im Rachen des Wolfs iſt, ſo war ich doch keine ſolche Gans, ihn dahin zu bringen, ohne zu verordnen, wie viele Carabiner auf den Wolf abgefeuert werden ſollten, ſobald mein Sterbegeſchnatter gehoͤrt wuͤrde. Pfui, gnaͤdiger Herzog, Sie verkehren mit einem Mann von Muth und Verſtand, aber ſprechen zu ihm, wie zu einer feigen Memme und einem Kinde.“ Der Herzog warf ſich in einen Stuhl, ſchlug die Augen zu Boden, und ſprach, ohne ſie zu erheben. „Ich bin im Begriff, Jerningham zu rufen,“ ſagte er;„aber fuͤrchten Sie nichts— es iſt blos um einen Schluck Wein— das Zeug auf dem Tiſche mag ein Vehikel zu Alberts⸗ und Wallnuͤſſen ſein, aber nicht zu ſolchen Eroͤffnungen, wie die Ihrigen. — Bringe mir Champagner,“ ſagte er zu Jerning⸗ ham, der auf ſeinen Ruf antwortete. Der Diener kam zuruͤck, und brachte eine Flaſche Champagner, mit zwei großen ſilbernen Bechern. Einen davon fällte er fuͤr Buckingham, der, wider die gewoͤhnliche Etikette, zu Hauſe immer zuerſt be⸗ dient ward, und dann den andern Ehrifinn reichte, welcher ihn aber ablehnte. Da Hoog trank aus dem großen Becher, der ihm vargereicht wurde, und bedeckte ſich fuͤr einen — 197 Augenblick die Stirne mit der Hand; dann zog er ſie ſogleich wieder weg, und ſagte:„Chriſtian, re⸗ den Sie frei heraus, was Sie vorhaben. Wir kennen einander. Wenn mein Ruf einigermaßen in Ihrer Hand iſt, ſo ſehen Sie wohl, Ihr Leben ſteht in der meinigen. Setzen Sie ſich,“ ſprach er, indem er ein Piſtol aus dem Buſen nahm und auf den Tiſch legte.„Setzen Sie ſich, und laſſen mich Ih⸗ ven Vorſchlag hoͤren.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte Chriſtian laͤchelnd,„ich will meinerſeits keinen ſolchen letzten Entſchei⸗ dungsgrund hervorbringen, wenn ich auch im Noth⸗ fall nicht von dergleichen entbloͤßt gefunden werden duͤrfte. Aber meine Vertheidigung liegt in der Lage der Dinge, und in der ruhigen Anſicht, welche ſeine Majeſtaͤt unſtreitig von derſelben nehmen wird.“ „Majeſtaͤt!“ wiederholte der Herzog—„Mein guter Freund Chriſtian, Sie haben ſo lange mit den Puritanern Geſellſchaft gehalten, daß Sie die ge⸗ woͤhnlichen Hoftitel verwechſeln.“ 1 „Ich weiß nicht, wie ich mich vertheidigen ſoll,“ ſagte Chriſtian,„wofern Ihre Durchlaucht nicht annehmen, daß ich im prophetiſchen Geiſte ſprach.“ „So wie der Teufel zu Macbeth,“ ſagte der Herzog, der wieder das Zimmer durchſchritt, ſich dann ſetzte, und fortfuhr:„ſprechen Sie offen, Chri⸗ J 3 ſtian, und ſagen herzhaft heraus, was es iſt, das Sie vorhaben.“ 1 „Ich?“ ſagte Chriſtian.„Was ſollte ich thun? Ich kann nichts weiter in einer ſolchen Sache thun; aber ich hielt es fuͤr recht, Ihre Durchlaucht wiſſen zu laſſen, daß die Gottſeligen dieſer Stadt—(er ſprach das Wort mit einer Art ſpoͤttiſcher Miene) — der Unthaͤtigkeit muͤde ſind, und nothwendig ſich aufmachen und handeln muͤſſen. Mein Schwager, Bridgenorth, ſteht an der Spitze der ganzen Ge⸗ meinde vom alten Weiver; denn, Sie muͤſſen wiſſen, daß er nach ſeinem Hin⸗ und Herziehen von einem Glauben zum andern, uͤber die Verordnungen hinaus gekommen, und ein Mann der fuͤnften Monarchie geworden iſt. Er hat gegen zweihundert Mann von Weiver, voͤllig ausgeruͤſtet, und zum An⸗ griff bereit; und mit geringer Unterſtuͤtzung von den Leuten Ihrer Durchlaucht muͤſſen ſie Whitehall be⸗ kommen und Alles darin zu Gefangenen machen.“ „Schurke!“ ſagte der Herzog;„und einem Pair von England kannſt du dieſe Eroͤffnung machen?“ „Nein,“ antwortete Chriſtian,„ich gebe zu, es wuͤrde die groͤßte Thorheit bei Ihrer Durchlaucht ſein, eher zu erſcheinen, als bis alles voruͤber iſt. Aber laſſen Sie mich Blood und den andern einen Wink von Ihrer Seite geben. Da ſind auch die — 199 vier Teutſchen— rechte Knipperdolings und Ana⸗ baptiſten— die insbeſondere Nutzen leiſten werden. Sie ſind weiſe, mein Herzog, und wiſſen den Werth eines Corps haͤuslicher Gladiatoren ſo gut zu ſchaͤtzen, wie Octavius, Lepidus und Antonius, als ſie durch ſolche Familientruppen die Welt dreifach unter einander theilten.“ „Halt, halt,“ ſagte der Herzog.„Selbſt wenn dieſe Bluthunde zu euch ſtoßen wollten— nicht als wenn ich es ohne die beſtimmteſten Verbuͤrgungen fuͤr die perſoͤnliche Sicherheit des Koͤnigs erlauben wuͤrde— ich ſage nur, wenn die Schurken zu euch ſtießen, was habt ihr fuͤr Hoffnung, den Hof einzu⸗ nehmen?“ „Der ruͤſtige Tom Armſtrong, Ihre Durchlaucht, hat ſeine Verwendung bei der Leibgarde verſprochen. Dann ſind die muntern Burſche des Lord Shaftes⸗ bury in der Stadt— dreißig Tauſend beim Aufhe⸗ ben eines Fingers.“ „Laßt ihn beide Haͤnde aufheben, und wenn er einhundert fuͤr jeden Finger zaͤhlt,“ ſagte der Herzos, „ſo wird es mehr ſein, als ich erwarte. Sie haben nicht mit ihm geſprochen?“ „Gewiß nicht eher, als bis Ihrer Durchlaucht Belieben bekannt waͤre. Aber wenn man ihn nicht gebraucht, ſo iſt der Niederlaͤndiſche Schwarm da, J 4 200 Hans Snorrhout's Gemeinde am Strand— da ſind die Franzoͤſiſchen Proteſtanten in Piccadilly— da iſt die Familie Levi in der Lewkenors⸗Gaſſe— da ſind die Muggletonianer in der Themſenſtraße—⸗ „Ha, weg damit!— Fort mit ihnen— fort mit ihnen!— Wie werden die Schurken nach Kaͤſe und Tabak ſtinken, wenn ſie zur Action kommen!— ſie werden alle Wohlgeruͤche in Whitehall erſticken. Verſchone mich mit den Einzelnen; und laß mich die Totalſumme deiner hoͤchſt duftreichen Truppen wiſſen, mein theuerſter Eduard.“ „Funfzehn hundert Mann, wohl geruͤſtet“ ſagte Chriſtian,„außer dem Poͤbel, der ſicherlich aufſtehen wird— er hat die Gefangenen, die heute im Betreff des Complotts frei gelaſſen wurden, ſchon faſt in Stuͤcken geriſſen.“ „Nun verſteh' ich denn Alles.— Und nun hoͤrt, chriſtlicher Chriſtian,“ ſagte er, indem er ſeinen Stuhl gerade dem, auf welchem ſein Agent ſaß, ge⸗ genuͤber drehte,„ihr habt mir heute Vielerlei geſagt — ſoll ich eben ſo mittheilend ſein? Soll ich euch zeigen, daß meine Genauigkeit im Erkundigen der eurigen gleich kommt? Soll ich euch, mit einem Worte, ſagen, warum ihr euch auf einmal entſchloſſen habt, Jedermann, vom Puritaner an bis zum Frei⸗ geiſt, zu einem allgemeinen Angriff auf das Schloß — 5 201 zu Whitehall hin zu ſtoßen, ohne mir, einem Pair des Reichs, Zeit zu laſſen, uͤber ſo einen verzweifelten Schritt nachzudenken, oder mich darauf vorzuberei⸗ ten? Soll ich euch ſagen, warum ihr mich zur Un⸗ terſtuͤzung eurer Maaßregeln leiten oder treiben, verfuͤhren oder zwingen wollt?“ „Mein Herzog, wenn es Ihnen beliebt, eine Muthmaßung zu faſſen,“ ſagte Chriſtian,„ſo will ich mit aller Aufrichtigkeit antworten, ob Sie die rechte Urſache getroffen haben.“ „Die Graͤfin von Derby iſt heute angekommen, ung wartet dem Hofe dieſen Abend auf, mit Hoff⸗ nungen der guͤtigſten Aufnahme. Sie kann unter dem Handgemenge uͤberfallen werden?— Ha! Sagt ich nicht recht, Herr Chriſtian? Sie, der Sie mir Rache anzubieten vorgeben, kennen Telöſ ihre ausnehmende Suͤßigkeit.“ „Ich wollte mir es nicht herausnehmen,“ ſagte Chriſtian halb laͤchelnd,„Ihrer Durchlaucht ein Ge⸗ richt anzubieten, ohne ſowohl ihren Credenzer, als ihren Tafelverſorger zu machen.“ „Das heißt ehrlich geſprochen,“ erwiederte der Herzog.„Fort alſo, mein Freund. Gieb Blood dieſen Ring— er kennt ihn, und weiß dem zu ge⸗ horchen, der ihn traͤgt. Laß ihn meine Gladiatoren J 5 verſammeln, wie du meine Coupe- jarrets*) witzig nennſt. Man kann die alte Art der Teutſchen Mu⸗ ſik zu Huͤlfe nehmen; denn ich glaube, du haſt die Inſtrumente ſchon in Bereitſchaft. Aber merke wohl, ich weiß von nichts; und Rowley's Perſon muß ſicher bleiben— ich will haͤngen und brennen auf allen Seiten, wenn ein Haar von ſeiner ſchwar⸗ zen Peruͤcke nur verſengt wird.— Dann, was fol⸗ gen muß— ein Lord⸗Protektor des Reichs— oder halt— Cromwell hat das Wort etwas befleckt und unbeliebt gemacht— ein Lord⸗Statthalter des Koͤ⸗ nigreichs?— die Patrioten, die es auf ſich nehmen, die dem Lande angethane Ungerechtigkeit zu raͤchen, und boͤſe Raͤthe von des Koͤnigs Thron zu entfernen, daß er fortan auf Rechtſchaffenheit moͤge gegruͤndet ſein— ich denke, ſo lautet die Formel— koͤnnen nicht ermangeln, eine paſſende Wahl zu treffen.“ „Sie koͤnnen allerdings nicht, mein gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Chriſtian,„weil es nur einen Mann in den drei Koͤnigreichen gibt, auf den die Wahl fallen kann.“ „Ich danke Ihnen, Chriſtian,“ ſagte ſeine Durchlaucht,„und ich vertraue Ihnen. Nun fort, und Alles bereit gemacht. Sein Sie verſichert, Ihre *) Raufbolde, profeſſionirte Schlaͤger. 2⁰³ Dienſte ſollen nicht vergeſſen werden. Wir werden Sie nahe bei uns haben.“ „Mein Herr Herzog,“ ſagte Chriſtian,„Sie binden mich doppelt an ſich. Aber bedenken Sie, da Ihrer Durchlaucht jedes ſtraffaͤllige Verfahren, das auf dem Wege militaͤriſcher Execution oder ſonſt vor⸗ kommen kann, erſpart u d, ſo wird es rathſam ſein, daß Sie ſich, auf augenblickliche Meldung, in Bereitſchaft halten, ſich an die Spitze eines Corps achtbarer Freunde und Bundesgenoſſen zu ſtellen, und ſogleich nach dem Schloſſe zu kommen, wo Sie von den Siegern als ein Befehlshaber, und von den Beſiegten als ein Beſchuͤtzer werden empfangen werden.“ 3 „Ich verſtehe Sie— ich verſtehe Sie. Ich werde in ſchneller Bereitſchaft ſein,“ antwortete der Herzog. „Ja, mein gnaͤdiger Herzog,“ fuhr Chriſtian fort;„und um des Himmels willen, laſſen Sie keine von jenen Taͤndeleien, welche die wahren Dalilah's Ihrer Einbildungskraft ſind, ſich dieſen Abend in die Quere kommen, und die Ausfuͤhrung dieſes erha⸗ benen Planes ſtoͤren.“ „Ei, Chriſtian, haͤltſt du mich fuͤr toll?“ war ſeiner Durchlaucht emphatiſche. Antwort.—„Du biſts, der zoͤgert, wenn Alles fuͤr eine ſo kuͤhne That ſollte angeordnet werden. So gehe denn.— Doch hoͤre, Eduard; ehe du gehſt, ſage mir, wann ſoll ich jenes Weſen von Luft und Feuer wiederſehen — jene morgenlaͤndiſche Peri, die durch das Schluͤſ⸗ ſelloch in die Zimmer ſchluͤpft, und ſie durch den Fenſterfluͤgel verlaͤßt— jene ſchwarzaͤugige Houri des Mahomedaniſchen Paradieſes— wann, ſag' ich, ſoll ich ſie wiederſehen?“ „Wann Ihre Durchlaucht den Commandoſtab als Lord⸗Statthalter des Koͤnigreichs haben,“ ſagte Chriſtian, und verließ das Zimmer. Buckingham ſtand einen Augenblick, nachdem er fort war, in Betrachtung vertieft.„Haͤtt' ich das thun ſollen?“ ſprach er, indem er die Sache bei ſich erwog;„oder vielmehr, hatt ich die Wahl, et⸗ was Anderes zu thun? Sollt' ich nicht nach Hofe eilen, und Karl vor dem Verrath warnen, der ihn bedroht? Ich will, beim Himmel!— Hoͤre, Jer⸗ ningham, meine Kutſche, mit Blitzesſchnell!— 1 Ich will mich ihm ſelber zu Fuͤßen werfen, und ihm 4 alle die Thorheiten erzaͤhlen, von denen ich mit die⸗ ſem Chriſtian getraͤumt habe.— Und dann wird er uͤber mich lachen, und mich verachten.— Nein, ich habe ſchon heute vor ihm geknieet, und meine Ab⸗ weiſung war nicht freundlich. Einmal im taͤglichen 205 Umlauf der Sonne verſchmaͤht zu werden, iſt genug fuͤr Buckingham.“ Nachdem er dieſe Ueberlegung angeſtellt hatte, ſetzte er ſich nieder, und zeichnete ſchnell die jungen Adeligen und Herren vom Range, und andere, ihre ſehr unedlen Gefaͤhrten, auf, von denen er mit Wahrſcheinlichkeit vermuthete, daß ſie ihn zu ihrem Anfuͤhrer bei irgend einem Auflauf des Volks an⸗ nehmen guͤrden. Er war faſt damit fertig, als Jers ningham eintrat, um zu ſagen, daß die Kutſche im Augenblicke bereit ſtaͤnde, und um ſeines Herrn Hut, Schwert und Mantel zu bringen. „Laß den Kutſcher wieder wegfahren,“ ſagte der Herzog,„aber halte dich in Bereitſchaft. Und ſchicke zu den Herren, die du auf dieſer Liſte genannt finden wirſt; ſage, ich befaͤnde mich nicht ganz wohl, und wuͤnſchte Ihre Geſellſchaft zu einer kleinen Col⸗ lation. Laß ſogleich Einrichtung treffen, und ſorge nicht fuͤr die Koſten.“ Die Vorbereitungen zu einer frohlichen Unter⸗ haltung wurden ſchnell getroffen, und die verlangten Gaͤſte, die fuͤr jeden Ruf zum Vergnuͤgen Muße hatten, doch bisweilen fuͤr den zur Pflicht mehr taub waren, fingen vald an, ſich zu verſammeln. Es waren viele junge Leute vom hoͤchſten Range, und mit ihnen, wie gewoͤhnlich in ſolchen Zirkeln, viele von einer verſchiedenen Klaſſe, welche Talente oder Unverſchaͤmtheit oder Witz, oder ein Hang zum Spiel, zu Geſellſchaftern fuͤr die Großen und die Le⸗ bensluſtigen erhoben hatte. Der Herzog von Buckingham war ein allgemeiner Beſchuͤtzer von Perſonen dieſer Art; und eine zahlreiche Aufwar⸗ tung fand bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit ſtatt. Die Feſtlichkeit begleiteten, wie gewoͤhnlich, Wein, Muſik und Gluͤcksſpiele, womit ſich jedoch zu jener Zeit viel mehr Witz und ein guter Theil mehr grobe Ausgelaſſenheit des Geſpraͤchs vermiſchten, als die Talente der gegenwaͤrtigen Generation gewaͤhren koͤnnen, oder ihr Geſchmack erlauben wuͤrde. Der Herzog ſelber bewies die vollkommene Herr⸗ ſchaft, die er uͤber ſeinen gewandten Charakter be⸗ ſaß, indem er die Beluſtigung, das Lachen und den Scherz untes eelt, waͤhrend ſein Ohr mit Begier die entfernteſten Laute auffaßte, welche den Anfang von Chriſtians revolutionaͤrem Entwurf zu verrathen ſchienen. Solche Laute wurden von Zeit zu Zeit ge⸗ hoͤrt, und verhallten von Zeit zu Zeit, ohne irgend ſolche Folgen, als Buckingham erwartete. Endlich, und als es ſpaͤt Abends war, meldete Jerningham Herrn Chiffinch vom Bofe an, und die⸗ ſer Ehrenmann folgte auf die Anmeldung.. „Seltſame Dinge ſind vorgefallen, durchlauchti⸗ ger Herzog,“ ſagte er;„Ihre Gegenwart bei Hofe wird augenblicklich von ſeiner Majeſtaͤt verlangt.“ „Sie beunruhigen mich,“ ſagte Buckingham auf⸗ ſtehend.„Ich hoffe, es iſt nichts vorgefallen— ich hoffe, es iſt nichts Schlimmes geſchehen— ich hoffe ſeine Majeſtaͤt befindet ſich wohl.“ „Vollkommen wohl,“ ſagte Chiffinch,„und iſt voll Verlangen, Ihre Durchlaucht ohne einen Au⸗ genblick Aufſchub zu ſehen.“ „Dieß kommt ploͤtzlich,“ ſagte der Herzog.„Sie ſehen, ich habe froͤhliche Geſellſchaft bei mir, und bin kaum im Stande zu erſcheinen, Chiffinch.“ „Ihre Durchlaucht ſcheinen eben recht huͤbſche Unterhaltung zu haben,“ ſagte Chiffinch, und Sie wiſſen, ſeine Majeſtaͤt iſt gnaͤdig genug, eine Nach⸗ ſicht zu beweiſen.“ „Wohl wahr,“ ſagee der Herzog, nich wenig unruhig in ſeinem Gemuͤth uͤber dieſe unerwartete Vorladung.—„Sehr wahr— ſeine Majeſtät iſt hoͤchſt gnaͤdig— Ich will meinen Wagen beſtellen.“ „Der meingge iſt unten, wenn es Ihrer Durch⸗ laucht gefaͤllt, ſich deſſen zu bedienen.“ Von jeder Ausflucht verdraͤngt, nahm Bucking⸗ ham einen Becher von der Tafel, und bat ſeine Freunde, in ſeinem Palaſt ſo lange zu bleiben, als ſie noch da Unterhaltung? den koͤnnten. Er hoffe, 2⁰08— ſagte er, faſt ſogleich zuruͤckzukommen, wo nicht, ſo naͤhme er von ihnen mit ſeiner gewoͤhnlichen Geſund⸗ heit Abſchied: Moͤgen Alle von uns, die nicht unter⸗ deſſen gehaͤngt werden, einander am erſten Montage des naͤchſten Monats hier wieder treffen.“ Dieſe ſtehende Geſundheitsformel des Herzogs hatte Beziehung auf den Charakter mehrerer ſeiner Gaͤſte; aber er trank dieſe Geſundheit bei der ge— genwaͤrtigen Gelegenheit nicht ohne einige Beſorg⸗ niß ſeines eignen Schickſals, im Fall ihn Chriſtian verrathen haͤtte. Haſtig beſorgte er noch Einiges an ſeiner Kleidung, und begleitete Chiffinch in dem Wagen nach Whitehall. Neuntes Kapitel. Am Nachmittage deſſelben Tages hielt Karl ſeinen Hof in den Zimmern der Koͤnigin, welche zu einer beſtimmten Stunde eingeladenen Gaͤſten von einem gewiſſen niedern Range geoͤffnet wurden, aber den hoͤhern Klaſſen des Adels, die von Geburt, und den Hofleuten, die, ihrem Amte nach, das Vorrecht des Eintritts hatten, ohne Einſchraͤnkung zugaͤnglich waren. d Es war ein Beſtandtheil von Karls Charakter, der ihn unſtreitig perſoͤnlich beliebt machte, und den Sturz ſeiner Famile bis zu einer folgenden Periode der Regierung hinausſchob, daß er von ſeinem Hofe viele der beſchraͤnkenden Formen verbannte, mit de⸗ nen er in andern Regierungen umgeben war. Er war ſich der gutmuͤthigen Anmuth ſeiner Sitten be⸗ wußt, und hoffte damit, oft nicht vergebens, die uͤbeln Eindruͤcke von Handlungen zu entfernen, die, wie er wohl wußte, nach den Grundſaͤtzen einer libe⸗ ralen und nationalen Politik nicht gerechtfertigt werden konnten. Zur Tageszeit ſah man den Koͤnig gewoͤhnlich allein, oder nur von einer oder zwei Perſonen beglei⸗ teet, auf den oͤffentlichen Spaziergaͤngen; und ſeine Antwort auf die Vorſtellung ſeines Bruders, daß er ſo ſeine Perſon der Gefahr ausſetze, iſt wohl be⸗ kannt;—„Glaube mir, Jakob,“ ſagte er,„Nie⸗ mand wird nich ermorden, um dich zum Koͤnige zu machen.“ Auf dieſelbe Art wurden die Abende Karls, die zu geheimeren Vergnuͤgungen beſtimmten Sgenom⸗ men, haͤufig nnter allen Perſonen zugebracht, die einigen Anſpruch hatten, ſich einem Hofzirkel zu naͤ⸗ hern; und dieß war in der Nacht der Fall, von der wir zu ſprechen haben. Die Koͤnigin Katharine, 210— mit ihrem Schickſale verſoͤhnt oder unter daſſelbe gedemuͤthigt, hatte lange aufgehoͤrt, einige Gefuͤhle von Eiferſucht zu aͤußern, ja ſie ſchien einer ſolchen Leidenſchaft ſo voͤllig abgeſtorben zu ſein, daß ſie, ohne Bedenken, und ſelbſt mit Aufmunterung, die Herzoginnen von Portsmouth und von Cleveland, und andere, welche, obwohl auf weniger anerkannte Art, en dem Rufe geweſener koͤniglicher Favoriten ſtanden, in ihrem Geſellſchaftszimmer aufnahm. Zwang jeder Gattung war aus einem ſo zuſammen⸗ geſetzten Zirkel verbannt, der zu gleicher Zeit, wo nicht von den verſtaͤndigſten, wenigſtens von den witzigſten Hofleuten beſucht wurde, die ſich je um einen Monarchen verſammelten, und welche, da viele von ihnen die Beduͤrfniſſe, die Nothbehelfe und die Scherze ſeiner Verweiſung mit ihm getheilt hat⸗ ten, zu einer Art verjaͤhrter Freiheit gelangt waren, die der gutmuͤthige Fuͤrſt, als er die Zeit ſeines Gluͤcks erreichte, kaum haͤtte zuruͤckhalten koͤnnen, wenn es auch ſeinem Temperamente gemaͤß geweſen waͤre. Hieran aber dachte Karl am wenigſten. Seine Gitten waren von der Art, daß ſie ihn vor unartiger Zudringlichkeit ſicherten, und er ſuchte keinen Schutz gegen zu große Vertraulichkeit, als den, welche ihm dieſe und ſein lebhafter Witz dar⸗ boten. — 211 Bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit war er beſon⸗ ders aufgelegt, die angeſtellte Luſtbarkeit zu ge⸗ nießen. Der ſonderbare Tod des Major Coleby, der in ſeiner Gegenwart erfolgt war, und mit dem Ton einer Todtenglocke die undankbare Vernachlaͤſ⸗ ſigung verkuͤndigte, die der Verſtorbene von eiem Fuͤrſten erfahren, fuͤr den er Alles aufgeopfert hacte, war fuͤr Karl ſehr ſchmerzhaft geweſen. Aber, nach ſeiner eignen Meinung wenigſtens, hatte er dieſe Vernachlaͤſſigung vollkommen durch die Muͤhe abgebuͤßt, die er ſich in Verwendung zu Gunſten des Ritter Peveril und ſeines Sohnes gegeben hatte, deren Befreiung er nicht nur als eine ausgezeichnet gute Handlung an ſich ſelbſt betrachtete, ſondern auch, trotz dem ernſthaften Vorwurfe des Herzogs von Ormond, auf eine verzeihliche Art ausgefuͤhrt zu haben glaubte, wenn man auf die Schwierigkei⸗ ten, mit denen er umgeben war, Ruͤckſicht nahm. Er fuͤhlte ſagar einige Befriedigung, als er aus der Stadt Nachricht erhielt, daß es Unruhen auf den Straßen gegeben, und daß ſich einige von den hitzi⸗ gern Schwaͤrmern in ihre gottesdienſtlichen Verſamm⸗ lungshaͤuſer verfuͤgt hatten, um auf ſchnelle Zuſam⸗ menberufungen den Urſachen vom Zorn des Him⸗ mels(wie es ihre Prediger nannten) und vom Ab⸗ fall des Gerichts, der Sachwalter und der Geſchwor⸗ 212 nen, nachzuforſchen, von welchen die falſchen und blutigen Befoͤrderer des papiſtiſchen Complotts ver verdienter Beſtrafung beſchirmt und gedeckt worden waͤren. Der Koͤnig, wie geſagt, ſchien dieſe Nachrichten wen Vergnuͤgen zu hoͤren, ſelbſt als er an den ge⸗ faͤhrlichen und reizbaren Charakter derer, bei wel⸗ chen ſolcher Argwohn entſtand, erinnert wurde. „Wird nun noch Jemand behaupten,“ ſagte er,„daß ich ſo aͤußerſt nachlaͤſſig fuͤr das Beſte meiner Freunde ſorge?— Sie ſehen die Gefahr, in die ich mich ſelbſt ſetze, und ſelbſt die Gefahr, der ich die oͤffent⸗ liche Ruhe ausgeſetzt habe, um einen Mann zu retten, den ich ſeit zwanzig Jahren kaum, und dann blos in ſeinem Lederkuͤraß und ſeinen Bandeliers ge⸗ ſehen habe mit andern Officieren der Buͤrgermiliz beim Handkuß wegen der Wiederherſtellung des Throns. Man ſagt, die Koͤnige haben lange Arme, — ich denke, ſie haben eben ſo ſehr ein langes Ge⸗ daͤchtniß noͤthig, weil man erwartet, daß ſie Jeder⸗ mann in England beſchuͤtzen und belohnen ſollen, der nur ſeinen guten Willen durch das Ausrufen,„Gott erhalte den Koͤnig!“ gezeigt hat. „Nein, die Schurken ſind ſogar noch unbilliger,“ ſagte Sedley;„denn jeder Bube unter ihnen glaubt ſich zu Ihrer Majeſtaͤt Schutze in einer guten Sache —— 213 berechtigt, er mag„Gott erhalte den Koͤnig“ geru⸗ fen haben oder nicht.“ Der Koͤnig laͤchelte, und wandte ſich nach einem andern Theile des ſtattlichen Saales, wo Alles ver⸗ ſammelt war, was, nach dem Geſchmack der Zeit⸗ die Stunden angenehm verkuͤrzen konnte. 1 An einer Stelle horchte eine Gruppe des jungen Adels und der Hofdamen dem, unſern Leſern bekann⸗ ten, Empſon zu, der mit ſeinem unvergleichlichen Floͤtenſpiel eine junge Sirene begleitete, die, waͤh⸗ rend ihr Buſen von Stolz und von Furcht klopfte, in der hohen und glaͤnzenden Verſammlung die ſchoͤne Arie ſang, welche anfaͤngt:. Jung bin ich, und weiß noch nicht. Wie die Liebe Roſen bricht u. ſ. w.*) Sie fuͤhrte ihren Geſang, den Verſen des Liebes⸗ dichters, und der ſuͤßen Melodie, in welche der be⸗ ruͤhmte Purcell die Worte eingekleidet hatte, ſo ent⸗ ſprechend aus, daß die Mannsperſonen ſich entzuͤckt um ſie herum draͤngten, waͤhrend die meiſten Damen es ſchicklich fanden, entweder aͤußerſt gleichguͤltig bei den Worten, die ſie ſang, auszuſehen, oder ſich ſo ruhig als moͤglich aus dem Zirkel zuruͤck zu ziehen. *)„Young J am, and yet unskill'd How to make a lover yield,“ ete, Karte oder Wurf eines Wuͤrfels ſich vermehrten deren Theilnehmer ſee ſelbſt nicht ſein konnten, zu 214— Auf den Geſang folgte ein Concert’, von einem aus⸗ erleſenen Orcheſter der vortrefflichſten Tonkuͤnſtler aufgefuͤhrt, welches der Koͤnig, dem Geſchmack nicht abzuſtreiten war, ſelbſt ausgewaͤhlt hatte. An andern Tiſchen im Zimmer huldigten die anern Hofleute der Gluͤcksgoͤttin, in den verſchiede⸗ nen modiſchen Spielen, L'hombre, Quadrille, Hazardſpielen u. d. gl; waͤhrend Haufen Gold, die vor den Spielern lagen, mit jedem Wechſel einer oder verminderten. Vieler Jahre Zinſen von ſchoͤ⸗ nen Guͤtern wurden aufs Spiel geſetzt, welche, an das alte verlaſſene Herrenhaus gewandt, Cromwells Verwuͤſtungen an ſeinen Mauern wieder verwiſcht, und die Quellen der guten Haushaltung und Gaſt⸗ freundſchaft hergeſtellt haben wuͤrden, die, in der letztern Zeit durch Geldſtrafe und Segueſtration er⸗ ſchoͤpft, jetzt auf dem geraden Wege waren, durch ſorgloſe Verſchwendung vernichtet zu werden. An⸗ derwaͤrts wurden unter dem Vorwande, die Spieler zu beobachten, oder der Muſik zuzuhoͤren, die Ga⸗ lanterien des ungebundenen Zeitalters zwiſchen den muntern Herren und ſchoͤnen Damen betrieben, ſcharf belauert von den Haͤßlichen oder Alten, die ſich wenigſtens das Vergnuͤgen machten, Intriguen, beobachten, oder auch wohl weiter bekannt zu machen. Von einer Tafel zur andern ſchluͤpfte der froͤh⸗ liche Monarch, bald einen Blick mit einer Hofſchoͤn⸗ heit, bald einen Scherz mit einem Hofwitzling wech⸗ ſelnd, bald zur Muſik den Takt ſchlagend, und dann und wann einige Goldſtuͤcke im Wetten auf das Gluͤck im Spiel, wo er zunaͤchſt ſtand, verlierend oder gewinnend;— der Liebenswuͤrdigſte der Wolluͤſt⸗ linge— der aufgeraͤumteſte und gutmuͤthigſte Ge⸗ ſellſchafter— der Mann, der unter allen Andern ſeinen Charakter am beſten behauptet haben wuͤrde, waͤre das Leben ein ununterbrochenes Gaſtmal, und ſein einziger Zweck geweſen, die fliehenden Stunden zu genießen und ſo angenehm als moͤglich zu ver⸗ treiben. Aber Koͤnige ſind am wenigſten unter Allen von dem gewoͤhnlichen Looſe der Menſchheit ausgenom⸗ men; und Seged von Aethiopien iſt unter Monar⸗ chen nicht das einzige Beiſpiel von der Eitelkeit, auf einen Tag oder eine Stunde ungeſtoͤrter Heiterkeit zu rechnen. Einer von der Hofbedienung meldete ploͤtzlich ihren Majeſtaͤten, daß eine Dame, die ſich nur als die Gemahlin eines Pairs von England an⸗ kuͤndigen wollte, vorgelaſſen zu werden wuͤnſchte. Die Koͤnigin ſagte haſtig, es ſei unmoͤglich. 1 Keine Gemahlin eines Pairs habe, ohne Angabe ihres Titels, auf das Vorrecht ihres Ranges An⸗ ſpruch. „Ich wollte ſchwoͤren,“ ſagte ein Edelmann des Hofſtaats,„es iſt ein Einfall der Herzogin von Rewcaſtle.“ Der Hofbediente, der die Anmeldung machte, ſagte, er glaube wirklich, daß es die Herzogin ſei, ſowohl wegen der ſonderbaren Anmeldung, als, weil die Dame etwas fremd ſpreche. „Im Namen der Tollheit alſo,“ ſagte der Koͤ⸗ nig,„ſo wollen wir ſie vorlaſſen. Ihre Durchlaucht iſt eine Raritaͤt in ihrer eignen Perſon— eine all⸗ gemeine Maskerade— wahrhaftig eine Art beſon⸗ ders Bedlams⸗Hoſpital, da alle ihre Ideen gleich⸗ ſam Kranke ſind, die uͤber Liebe und Literatur ſchwaͤr⸗ men, und in ihren Grillen keine andere Rolle, als die der Minerva, Venus und die der neun Muſen, ſpielen. „Das Belieben Ihrer Majeſtaͤt muß allemal dem meinigen vorgehen,“ ſagte die Koͤnigin.„Ich hoffe nur, man wird nicht erwarten, daß ich ſo eine fantaſtiſche Perſon unterhalten ſoll. Die letzte Zeit als ſie an den Hof kam, Iſabelle,“—(ſie ſprach zu einer ihrer Portugieſiſchen Ehrendamen)—„waren 217 Sie noch nicht von Ihrem reizenden Liſſabon zuruͤck! — Ihre Durchlaucht hatte die Dreuſtigkeit, einen Schleppentraͤger in mein Zimmer bringen zu wollen; und als dieß nicht erlaubt ward, denken Sie, was ſie that?— ſie ließ ihre Schleppe ſo lang machen, daß drei ſterbliche Ellen von Atlaß und Silber im Vorzimmer, von vier Maͤdchen getragen, blieben, waͤhrend das andre Ende an die Perſon ihrer Durch⸗ laucht geheftet war, als ſie am obern Ende des Au⸗ dienzzimmers ihre Aufwartung machte. Volle drei⸗ ßig Ellen der ſchoͤnſten Seide verbrauchte die Tollheit ihrer Durchlaucht auf dieſe Art.“ „Und es waren ſehr ſchoͤne Fraͤulein, die dieſe ungeheure Schleppe trugen,“ ſagte der Koͤng— einen Schweif, dem keiner gleich kam, außer der des 1 großen Kometen im Jahre ſechs und ſechzig. Sed⸗ 3 ley und Etherege erzaͤhlten uns Wunder von ihnen: denn es iſt ein Vortheil dieſer von der Herzogin— aufgebrachten Mode, daß eine Matrone von der 1 Coketterie ihrer Schleppe und ihrer Begleitung ganz und gar nichts zu wiſſen braucht.“ „Befehlen alſo Ihre Majeſtaͤt, daß die Dame vorgelaſſen werde?“ ſagte der Zerimonienmeiſter. „Ja wohl,“ antwortete der Koͤnig;„das heißt, wenn die Unbekannte wirklich zu der Ehre berechtigt iſt.— Es mag eben ſo gut ſein, nach ihrem Titel IV. K 218— zu fragen— es giebt mehr tolle Weiber auswaͤrts, als die Herzogin von New⸗Caſtle. Ich will ſelbſt in das Vorzimmer gehen, und eure Antwort em⸗ pfangen.“ Aber ehe Karl auf ſeinem Gange nach der Au⸗ tichambre das untere Ende des Zimmers erreicht hatte, uͤberraſchte der Thuͤrſteher die Geſellſchaft durch Anmeldang eines Namens, der ſeit vielen Jah⸗ ren in dieſen Hofſaͤlen nicht gehoͤrt worden war, naͤmlich— der Graͤfin von Derby. Stattlich und lang, und in ihrer vorgeruͤckten Periode des Lebens noch immer ungebeugt von den Jahren, naͤherte ſich die edle Dame ihrem Souveraͤn, mit einem Schritte, mit dem ſie einem ihres Gleichen haͤtte entgegen gehen koͤnnen. Es war in ihrem Weſen zwar nichts, was entweder Hochmuth oder eine fuͤr die Gegenwart des Koͤnigs unſchickliche Dreuſtigkeit verrathen haͤtte; aber ihr Bewußtſein des von der Negierung Karls erlittenen Unrechts, und ihr Gefuͤhl von der Ueberlegenheit der beleidigten Partei uͤber diejenigen, von denen oder in deren Na⸗ men die Beleidigung angethan war, gab ihrem Blick Wuͤrde, und ihrem Schritt Feſtigkeit, Sie trug Witwentrauer von derſelben Art, als damals getra⸗ gen wurde, da ihr Mann auf das Blutgeruͤſt kam, und welche ſie in den auf dieſe Begebenheit folgenden — 219 dreißig Jahren ihre Kammerfrau nie hatte aͤndern laſſen. Dieſe Ueberraſchung war dem Koͤnig keine ange⸗ nehme, und er verwuͤnſchte in ſeinem Herzen die Ue⸗ bereilung, der Dame den Zutritt zu der muntern Scene ihrer jetzigen Unterhaltung verſtattet zu ha⸗ ben; ſah aber doch zugleich die Nothwendigkeit ein, ſie auf eine, ſeinem eignen Charakter und ihrem Range am Brittiſchen Hofe angemeſſene, Art zu empfangen. Er naͤherte ſich ihr daher mit einer Niene der Bewillkommnung, worin er alle ſeine na⸗ tuͤrliche Anmuth legte, waͤhrend er anhub:„Chère Contesse de Derby, puissante Reine de Man, notre très auguste soeur—“ Sprechen Sie Engliſch, Sire, wenn ich mich un⸗ terſtehen darf, um eine ſolche Gunſt zu bitten,“ ſagte die Graͤfin. Ich bin die F Fxau eines Pair dieſer Nation,— Mutter eines Engliſchen Grafen, und ach! Witwe einer andern! In England hab, ich die kurzen Tage meines Gluͤcks verlebt, die langen Tage meines Witwenthums und Kummers. Frank⸗ reich und ſeine Sprache ſind mir nur die Traͤumee einer unintereſſanten Kindheit. Ich kenne keine Sprache, außer die meines Mannes und meines Sohnes. Erlauben Sie mir, als der Witwe und Mutter von Derby, ſo meine Huldigung darzubringen. K 2 220— Sie wuͤrde gekniet haben, aber der Koͤnig ver⸗ hinderte es mit Freundlichkeit, und, ihr die Wange, dem Gebrauch gemaͤß, kuͤſſend, fuͤhrte er ſie zur Koͤnigin, und vollzog ſelbſt die Zerimonie, ſie vorzu⸗ ſtellen.„Ihre Majeſtaͤt,“ ſprach er,„muͤſſen wiſ⸗ ſen, daß die Graͤfin ein Verbot auf das Franzoͤ⸗ ſiſche gelegt hat— die Sprache der Galanterie und der Hoͤflichkeit. Ich hoffe, Ihre Majeſtaͤt, ob⸗ gleich auch eine Auslaͤnderin, wie ſie, werden genug ehrliches Engliſch finden, die Graͤfin von Derby von dem Vergnuͤgen zu verſichern, mit dem wir ſie, nach einer ſo vieljaͤhrigen Abweſenheit, am Hofe ſehen.“ „Ich will mich wenigſtens bemuͤhen es zu thun,“ ſagte die Koͤnigin, auf welche die Erſcheinung der Graͤfin von Derby einen guͤnſtigern Eindruck machte, als die von vielen Fremden, welche ſie, auf des Koͤ— nigs Verlangen, mit Hoͤflichkeit zu empfangen ge⸗ wohnt war. Karl ſelbſt ſprach wieder.„Jeder andern Dame von demſelben Range koͤnnte ich die Frage vorlegen, warum ſie ſo lange von dem Geſellſchaftskreiſe des Hofes abweſend war? Ich fuͤrchte aber, ich kann die Graͤfin von Derby nur fragen, welche gluͤckliche Urſache das Vergnuͤgen verſchafft, ſie hier zu ſehen?“ —— — 221 „Keine gluͤckliche Urſache, mein Souveraͤn, aͤber eine hoͤchſt wichtige und dringende.“ Der Koͤnig vermuthete nichts Angenehmes aus dieſem Anfange; und in Wahrheit hatte er von dem erſten Eintritte der Graͤfin irgend eine unerfreu⸗ liche Erklaͤrung erwartet, welche er daher abzulen⸗ ken ſuchte, nachdem er in ſeinen Mienen erſt einen Ausdruck von Sympathie und Theilnahme gelegt hatte. „Wenn,“ ſagte er,„die Sache von einer Be⸗ ſchaffenheit iſt, in der wir Huͤlfe ſchaffen koͤnnen, ſo koͤnnen wir nicht erwarten, daß Ihre graͤfliche Gna⸗ den zur gegenwaͤrtigen Zeit darauf eingehen werden; ſondern ein Memorial, an unſern Sekretaͤr, oder, wenn es annehmlicher iſt, an uns ſelbſt unmittelbar gerichtet, wird unſre unverzuͤgliche, und, ich darf hoffentlich nicht hinzu ſetzen, Anſre guͤnſtige Eroͤrte⸗ rung erhalten.“ Die Graͤfin verbeugte ſich etwas trerich, und antwortete:„Meine Angelegenheit, Sire, iſt aller⸗ dings wichtig; aber ſo kurz, daß Sie nur auf wenige Minuten Ihr Ohr dem, was angenehmer iſt, zu entziehen brauchen;— doch ſie iſt ſo dringend, daß ich beſorgt bin, ſie nur einen Augenblick auf⸗ zuſchieben.““ „Dieß iſt ungewoͤhnlich,“ ſagte Karl.„Allein K 3 222 Sie, Graͤfin von Derby, ſind ein ungewohnter Gaſt, und duͤrfen uͤber meine Zeit gebieten. Bedarf die Sache meiner Privataudienz?“ „Was mich betrifft,“ antwortete die Graͤfin,„ſo moͤchte der ganze Hof zuhoͤren; aber Ihre Maje⸗ ſtaͤt duͤrften mich lieber im Beiſein eines oder zweier Ihrer Raͤthe hoͤren wollen.“ „Ormond,“ ſagte der Koͤnig, ſich umſehend, „begleiten Sie uns einen Augenblick— und Sie, Arlington, gleichfalls.“ Der Koͤnig fuͤhrte ſie in ein anſtoßendes Kabinet, ſetzte ſich, und bat die Graͤfin, auch einen Stuhl zu nehmen.„Es iſt nicht noͤthig, Sire,“ erwiederte ſie. Dann hielt ſie einen Augenblick inne, wie, um ihre Kraͤfte zu ſammeln, und ſprach nun mit Feſtigkeit folgendermaßen. „Ihre Majeſtaͤt ſagten wohl mit Recht, daß keine geringe Sache mich aus meinem einſamen Wohnorte hierher zog. Ich kam nicht hieher, als meinem Sohne das Eigenthum— das Eigenthum, das ihm von einem Vater zufiel, der fuͤr die Rechte Ihrer Majeſtaͤt ſtarb— unter dem Vorwande der Gerechtigkeit durch Verſchwoͤrung entzogen wurde, damit es erſt die Habſucht des rebelliſchen Fairfax haͤttigen, und dann der Verſchwendungsſucht ſeines — —— — 223 Schwiegerlbond⸗ Buckingham s, zu Statten kom⸗ men moͤchte.“ „Dieß ſind zu harte Ausdruͤcke, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte der Koͤnig.„Eine geſetzliche Geldbuße wurde, ſo viel wir uns erinnern, fo eine That unregel⸗ maͤßiger Gewalt verhaͤngt— ſo nennen ſie unſere Gerichtshoͤfe und Geſetze, ob ich fuͤr meine Perſon gleich nichts dawider habe, ſie mit Ihnen eine von der Ehre gebotene Rache zu nennen. Aber, zuge⸗ geben, es war eine ſolche, ſo zieht man in Verfol⸗ gung der Geſetze der Ehre ſich oft nochöendi bit⸗ tere geſetzliche Folgen zu.“ „Ich komme nicht, uͤber das zerſtreute. und ver⸗ wirkte Erbtheil meines Sohnes zu rechten, Sire,“ ſagte die Graͤfin;„ich berufe mich blos auf meine Geduld unter dieſer ſchmerzhaften Verfuͤgung. Ich komme jetzt, die Ehre des Hauſes Derby zu retten, die mir theurer iſt, als alle Schaͤtze und Laͤndereien, die je zu demſelben gehoͤrten. „Und von wem iſt die Ehre des Hauſes Derby angegriffen worden?“ ſagte der Koͤnig;„denn, auf mein Wort, Sie geben mir die erſte Nachricht davon.“ „Giebt es eine Erzaͤhlung, wie dieſe wilden Er⸗ dichtungen heißen, die in Beziehung auf das papi⸗ ſtiſche Complott gedruckt worden ſind— dieſes vor⸗ K 4 224— gebliche Complott, wie ich es nennen will— worin nicht die Ehre unſers Hauſes angegriffen und be⸗ fleckt worden iſt?— Und ſind nicht ein paar acht⸗ bare Edelleute, Vater und Sohn, wegen ſolcher Um⸗ ſtaͤnde, uͤber die wir die zuerſt angeklagten Parteien ausmachen, in Gefahr geſetzt, ihr Leben zu ver⸗ lieren?“ Der Koͤnig ſah ſich um, und laͤchelte zu Arling⸗ ton und Ormond.„Der Muth der Graͤfin be⸗ ſchaͤmt, duͤnkt mich, den unſrigen. Welche Lippen haͤtten gewagt, das unbefleckte Complott vorgeb⸗ lich, oder die Erzaͤhlung der Zeugen, unſrer Be⸗ wahrer vor papiſtiſchen Meſſern, eine wilde Erdich⸗ tung zu nennen?— Aber, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte er,„ob ich gleich den Edelmuth Ihrer Verwendung zum Beſten der beiden Peverile bewundere, ſo muß ich Ihnen doch bekannt machen, daß Ihre Verwen⸗ dung unnoͤthig iſt— ſie ſind dieſen Morgen frei gelaſſen.“ „Nun ſo ſei Gott geprieſen!“ ſagte die Graͤfin, die Haͤnde faltend.„Ich habe kaum ſchlafen koͤn⸗ nen, ſeitdem ich ihre gerichtliche Anklage erfuhr, und ich bin hier angekommen, mich ſelbſt der Gerech⸗ tigkeit Ihrer Majeſtaͤt oder den Vorurtheilen der Nation zu uͤberliefern, in Hoffnung, hierdurch we⸗ nigſtens das Leben meiner edlen und großmuͤthigen — —* — — — 225 Freunde zu retten, die blos oder hauptſaͤchlich durch ihre Verbindung mit uns in Verdacht verwickelt ſi inde — Sind ſie wirklich befreit?“ „Sie ſind es, auf meine Ehre,“ ſagte der Koͤ⸗ nig.„Ich wundre mich, daß Sie nicht davon ge⸗ hoͤrt haben.“ „Ich kam nur letzte Nacht an, und blieb in der ſtrengſten Abgeſchiedenheit,“ ſagte die Graͤfin,„be ſorgt, Erkundigungen zu machen, die mich eher ent⸗ decken moͤchten, als ich Ihre Majeſtaͤt geſehen haͤtte.“ „Und nun, da wir uns geſehen haben,“ ſagte der Koͤnig, ſie freundlich bei der Hand nehmend— „eine Zuſammenkunft, die mir das groͤßte Vergnuͤgen macht— darf ich Ihnen empfehlen, ſchnell, mit eben ſo wenig Aufſehen, als bei Ihrer hieſigen Ankunft, auf Ihre koͤnigliche Inſel zuruͤck zu kehren? Die Welt, meine theure Graͤfin, hat ſich geaͤndert, ſeit⸗ dem wir jung waren. Maͤnner fochten im Buͤrger⸗ kriege mit guten Schwertern und Muſketen; aber jetzt fechten wir mit gerichtlichen Klagen und Eid⸗ ſchwuͤren, und dergleichen geſetzlichen Waffen. Sie ſind in ſolches Kriegsweſen nicht eingeweiht; und ob ich gleich wohl weiß, daß ſie ein Schloß zu behaupten wiſſen, ſo zweiſle ich doch ſehr, ob Sie die Kunſt verſtehen, einer gerichtlichen Klage aus⸗ zuweichen. Dieß Complott iſt auf uns los gekom⸗ K 5 ——õ— G wie ein Ungewitter zu Lande— hier laͤßt ſich das Schiff im Rachen des Sturms nicht ſteuern— wir muͤſſen nach dem naͤchſten Hafen eilen, und gluͤcklich, wenn wir einen erreichen.“ „Das iſt Feigheit, mein Fuͤrſt,“ ſagte die Graͤfin. —„Verzeihen Sie das Wort!— es iſt nur eine Frau, die es ausſpricht. Rufen Sie Ihre edlen Freunde um ſich her, und halten Sie Stand, wie Ihr koͤniglicher Vater. Es gibt nur ein Recht und inrecht— einen ehrenvollen und vorwaͤrts gehen⸗ den Lauf; und jeder andre, der abweicht, iſt ſchief und unwuͤrdig.“ „Ihre Sprache, meine verehrte Freundin,“ ſagte Ormond, der die Nothwendigkeit einſah, zwiſchen die Wuͤrde des wirklichen Souveraͤns, und die Frei⸗ heit der Graͤfin, die im Ganzen gewohnt war, Ehrerbietung mehr zu erfahren, als zu beweiſen, ins Mittel zu treten,—„Ihre Sprache iſt ſtark und entſchieden, aber ſie paßt nicht zu den Zeiten. Sie koͤnnte eine Erneuerung des Buͤrgerkrieges und alles ſeines Elendes veranlaſſen, ſchwerlich aber von den Wirkungen begleitet werden, die Sie ſo lebhaft erwarten.“ „Sie ſind zu raſch, Frau Graͤfin,“ ſagte Ar⸗ lington,„nicht nur ſich ſelbſt in dieſe Gefahr zu ſtuͤrzen, ſondern auch ſeine Majeſtaͤt darein ver⸗ 3 — — wickeln zu wollen. Laſſen Sie mich offen ſagen, daß in dieſer parteiſuͤchtigen Zeit, Sie nicht wohl gethan haben, die Sicherheit des Schloſſes Ruſhin fuͤr die Gefahr einer Wohnung im Tower von London zu vertauſchen.“ „Und ſollte ich den Block dort kuͤſſen muͤſſen,“ ſagte die Graͤfin, wie mein Mann zu Bolton⸗the⸗ Moors, ſo wuͤrde ich es eher willig thun, als einen Freund verlaſſen!— und einen noch dazu, den ich, wie in dem Fall des juͤngern Peveril, in Gefahr ge⸗ ſtuͤrzt habe.“ „Aber hab' ich Sie nicht verſichert, daß beide Peverile, der aͤltere und der juͤngere, aus der Ge⸗ fahr befreit ſind?“ ſagte der Koͤnig;„und, meine theure Graͤfin, was kann Sie ſonſt verſuchen, ſich ſelbſt in eine Gefahr zu begeben, aus welcher Sie ohne Zweifel durch meine Vermittlung errettet zu werden erwarten? Mich daͤnkt, eine Dame von Ih⸗ rer Einſicht ſollte ſich nicht freiwillig in einen Fluß ſtuͤrzen, blos damit ihre Freunde das Wagſtuͤck un⸗ ternehmen und das Verdienſt haben moͤchten, ſie heraus zu ziehen.“ Die Graͤfin wiederholte Ihre Abſicht, auf eine unparteiiſche Unterſuchung Anſpruch zu machen.— Die beiden Raͤthe aber drangen auf die Befolgung ihres Raths, ſich zuruͤckzuziehen, doch unter der 228 Bedingung, ſich vor der Juſtiz zu verbergen, und in ihrem eignen Koͤnigreiche zu bleiben. Der Koͤnig, der kein Ende dieſes Streits abſah, erinnerte die Graͤfin hoͤflich, Ihre Majeſtaͤt wuͤrden eiferſuͤchtig ſin, wenn er Ihre Gnaden laͤnger zu⸗ ruͤckhielte, und bot ihr ſeine Hand an, ſie zur Ge⸗ ſellſchaft zuruͤck zu fuͤhren. Sie ſah ſich genoͤthigt, dieß anzunehmen, und kehrte alſo in die Prunkzim⸗ mer zuruͤck, wo ſogleich hernach ein Ereigniß vorfiel, das wir dem naͤchſten Kapitel vorbehalten muͤſſen. Zehntes Kapitel. Als Karl die Graͤfin von Derby in das Audienz⸗ zimmer zuruͤck gefuͤhrt hatte, bat er ſie, eh' er ſich von ihr trennte, insgeheim, vorſichtig zu ſein, und ihre eigene Sicherheit zu bedenken; dann wandte er ſich mit gefaͤlligem Anſtande von ihr ab, als wenn er ſeine Aufmerkſamkeit gleichmaͤßig unter die uͤbri⸗ gen Gaͤſte zu vertheilen wuͤnſchte. Dieſe hatten ſich in dieſem Augenblicke großen⸗ theils auf eine Stelle zuſammengezogen, auf Anlaß der Ankunft einer Partie von fuͤnf oder ſechs Ton⸗ kuͤnſtlern, von welchen einer, ein Teutſcher, unter dem Schutze des Herzogs von Buckingham, beſon⸗ dern Ruf als Violoncelliſt hatte, aber durch das Außenbleiben ſeines Inſtruments, das nun endlich ankam, unthaͤtig im Vorzimmer zu bleiben genoͤthigt geweſen war. Der Bediente, der es, eingehuͤllt wie es war, in ſeinem hoͤlzernen Futteral vor den Beſitzer hinſtellte, ſchien herzlich froh, ſeiner Laſt los zu ſein, und ver⸗ weilte einen Augenblick, als waͤr er begierig, zu entdecken, was far eine Art Inſtrument hervorge⸗ bracht werden wuͤrde, das ſo ſchwer wiegen koͤnnte. Seine Neugierde wurde befriedigt, und zwar auf eine hoͤchſt außerordentliche Art; denn, waͤhrend der Muſikus mit dem Schluͤſſel herumfuhr, da das Futteral zu ſeiner groͤßern Bequemlichkeit aufrecht gegen die Wand geſtellt war, flogen das Futteral und das Inſtrument ſelbſt auf einmal auf, und her⸗ aus fuhr der Zwerg, Gottfried Hudſon— bei deſſen ſo ploͤtzlich herbeigefuͤhrter uͤberirdiſcher Erſcheinung die Damen mit einem Schrei zuruͤckwichen, die Her⸗ ren ſtutzten, und der arme Teutſche, bei dem An⸗ blick der ungeheuern Entbindung ſeines Violoncell« futterals, vor Schreck auf den Fußboden hintau⸗ melte, vielleicht vermuthend, daß ſein Inſtrument ſelbſt in die ſeltſame Figur verwandelt waͤre, die leine Stelle einnahm. Indeß ſobald er ſich erholt 230 hatte, ſchluͤpfte er aus dem Zimmer, und ihm folgten ſeine meiſten Kunſtgenoſſen. „Hudſon!“ ſagte der Koͤnig.—„Mein kleiner alter Freund, es thut mir nicht leid, Sie hier zu ſe⸗ hen; obgleich Buckingha., der, wie ich vermuthe, dieſen Spaß veranſtaltete, uns nur mit einem ſchalen bedient hat.“ „Wollen Ihre Majeſtaͤt mich einen Augenblick mit Ihrer Aufmerkſamkeit beehren?“ ſagte Hudſon. „Gewiß, mein guter Freund,“ ſagte der Koͤnig. „Alte Bekannte Singen dieſen Abend an jeder Ecke hervor, und unſere Muße kann ſchwerlich beſſer an⸗ gewandt werden, als wenn wir ſie anhoͤren.— Es war ein laͤppiſcher Streich von Buckingham“(ſetzte er heimlich gegen Ormond hinzu)„das arme Weſen hieher zu ſchicken, beſonders da er heute wegen des Complotts verhoͤrt worden iſt. Auf jeden Fall kommt er nicht, um Schutz bei uns zu ſuchen, da er das ſeltene Gluͤck gehabt hat, complottfrei weg zu kommen. Er fiſcht, glaub' ich, nur nach einem kleinen Geſchenk oder einer Penſion.“ Der kleine Mann, puͤnktlich in der Hofetikette, doch ungeduldig uͤber die Zoͤgerung des Koͤnigs, ihn zu hoͤren, ſtand in der Mitte des Zimmers, ſehr tapfer ſcharrend und ſich bruͤſtend, gleich einem Schottiſchen Klepper, der ſich das Anſehen eines 231 Streitroſſes gibt, unterdeſſen ſeinen kleinen Hut mit dem verblichenen Federbuſch hin und her ſchwenkend, und von Zeit zu Zeit ſich verbeugend, wie vor Unge⸗ duld, angehoͤrt zu werden. „So hebe denn an, mein Freund,“ ſagte Karl; „wenn du irgend eine poetiſche Anrede fuͤr dich auf⸗ geſchrisven haſt, heraus mit ihr, damit du Zeit ge⸗ winnen magſt, dieſe deine kleinen beweglichen Glie⸗ der ausruhen zu laſſen.“ „Keine dichteriſche Rede hab' ich, hoͤchſt michti⸗ ger Souveraͤn,“ antwortete der Zwerg;„ſondern in einfacher und ganz rechtlicher Proſa klage ich vor dieſer Geſellſchaft den vormals edlen Herzog von Buckingham des Hochverraths an.“ „Wohl geſprochen, und mannhaft.— Nur wei⸗ ter, Mann,“ ſagte der Koͤnig der nicht zweifelte, daß dieß die Einleitung zu etwas Burleskem oder Witzigem waͤre; nicht daran denkend, daß die Be⸗ ſchuldigung in feierlichem Ernſt geſprochen wuͤrde. Ein großes Gelaͤchter erhob ſich unter ſolchen Hofleuten, welche hoͤrten, und unter vielen, welche nicht hoͤrten, was der Zwerg ſprach; jene, beluſtigt durch den uͤbertriebenen Nachdruck und die Geſticu⸗ lation des kleinen Helden; und die andern, nicht weniger laut lachend, weil ſie nur um des Beiſpiels willen und auf guten Glauben mitlachten. „Was gibt es hier fuͤr Stoff zu aller dieſer Be⸗ luſtigung?“ ſagte er ſehr unwillig.—„Iſt es ein paſſender Gegenſtand zum Lachen, daß ich, Gottfried Hudſon, Ritter, vor dem Koͤnige und den Edlen, Georg Villiers, Herzog von Buckingham, des Hoch⸗ verraths anklage?“ „Kein Gegenſtand zum Scherz, ſccherlich,“ ſagte Karl, mit zum Ernſt zuruͤckgebrachter Miene;„aber ein großer Stoff zur Verwunderung.— Wohlan, laß dieß Declamiren, dieß Gepraͤnge und dieſe Mummerei.— Soll es ein Scherz ſein, ſo komm' heraus damit, Mann; und wo nicht, ſo geh' an den Credenztiſch, und trink' ein Glas Wein, dich nach deiner engen Behauſung zu erfriſchen.“ „Ich ſage Ihnen, mein Fuͤrſt,“ ſprach Hudſon mit Ungeduld, doch leiſe, um nur vom Koͤnige ge⸗ hoͤrt werden zu koͤnnen,„daß, wenn Sie zu viel Zeit in Taͤndeleien verlieren, Sie durch ſchreckliche Erfahrung von Buckinghams Verrath werden uͤber⸗ zeugt werden.— Ich ſage Ihnen— ich betheure es Ihrer Majeſtaͤt— zweihundert bewaffnete Fanatiker werden binnen einer Stunde hier ſein, um die Wa⸗ chen zu uͤberfallen.“ „Treten Sie zuruͤck, meine Damen,“ ſagte der Koͤnig,„oder Sie werden mehr hoͤren, als Sie an⸗ zuhoͤren wuͤnſchen moͤchten. Lord Buckinghams 233 Scherze ſind, wie Sie wiſſen, nicht immer ganz paſſend fuͤr weibliche Ohren; uͤberdieß wuͤnſchen wir, einige Worte insgeheim mit unſerm kleinen Freunde zu ſprechen. Sie, mein Herzog von Or⸗ mond— Sie, Arlington,“(und er nannte noch ei⸗ nen oder zwei andere)„moͤgen bei uns bleiben.“ Der froͤhliche Zirkel trat zaruͤck, und zerſtreute ſich im Zimmer— die Maͤnner, um zu muthmaßen, was fuͤr einen Zweck dieſe Mummerei, wofuͤr ſie es hielten, wahrſcheinlich haben wuͤrde; und mit wel⸗ chem Spaße, wie Sedley ſagte, die Baßgeige nie⸗ dergekommen waͤre;— und die Damen, um die altmediſche Kleidung und den reichgeſtickten Kragen und die Haube der Graͤfin von Derby, welcher die Koͤnigin beſondere Aufmerkſamkeit bewies, zu be⸗ wundern und zu kritiſiren. „Und aun um des Himmels willen, und unter Freunden geſprochen,“ ſagte der Koͤnig zum Zwerg, „was ſoll das Alles bedeuten?“ „Verrath, mein Koͤnig!— Verrath an ſeiner Majeſtaͤt von England!— Als ich in jenem In⸗ ſtrument wohnte, mein Fuͤrſt, brachten mich die hol⸗ laͤndiſchen Kerle, die mich trugen, in eine gewiſſe Kapelle, um, wie ſie ſagten, zu ſehen, ob Alles fertig waͤre. Sire, ich kam, wohin eine Baßgeige noch nie kam, ſogar in ein Conventikel der Fuͤnft⸗Monar⸗ chiſten; und als ſie mich wegbrachten, war der Pre⸗ diger am Schluſſe ſeiner Rede und bei den Worten: „Um nun die Anwendung zu machen“ im Begriff, wie der Leithammel ſeiner Heerde, ſich aufzumachen, um Ihre Majeſtaͤt an Ihrem koͤniglichen Hofe zu uͤberfallen! Ich hoͤrte ihn durch die Schallloͤcher meines Inſtruments, als der Kerl mich einen Au⸗ genblick niederſetzte, um von dieſer koͤſtlichen Lehre zu profitiren.“. „Es waͤre doch ſonderbar,“ ſagte Lord Arlington, „wenn dieſem Poſſenſpiel etwas Wahres zum Grunde laͤge. Denn bekanntlich haben dieſe unru⸗ higen Koͤpfe heute mit einander berathſchlaat, und fuͤnf Conventikel haben einen feierlichen Faſttag ge⸗ halten.“ „Nun,“ ſagte der Koͤnig, wenn das der Fall iſt, ſo haben ſie gewiß irgend ein Bubenſtuͤck vor. „Duͤrft' ich rathen,“ ſagte der Herzog von Or⸗ mond,„ſo wuͤrde ich den Herzog von Buckingham zu dieſer Audienz vorladen laſſen. Seine Verbin⸗ dungen mit den Fanatikern ſind wohl bekannt, ob er ſie gleich zu verbergen ſucht.“ „Sie wuͤrden doch, mein Herzog, ſeiner Durch⸗ laucht nicht das Unrecht anthun, ihn auf eine ſolche Beſchuldigung, wie dieſe, als einen Verbrecher zu behandeln?“ ſagte der Koͤnig.„Jedoch,“ ſetzte er —— — —— —— 235 nach einer augenblicklichen Ueberlegung hinzu, „Buckingham iſt, nach der Fluͤchtigkeit ſeines Cha⸗ rakters, jeder Art Verſuchung zugaͤnglich. Es ſollte mich nicht befremden, wenn er gewiſſe ſtolze Hoff⸗ nungen naͤhrte— ich denke, wir hatten nur neulich einen Beweis davon.— Hoͤre, Chiffinch, gehe den Augenblick zu ihm, und bringe ihn, unter irgend einem annehmlichen Vorwande, der dir beifaͤllt, hie⸗ her. Ich wollte ihn gern vor dem bewahren, was unſere Juriſten einen overt act nennen.“ „Das Gericht waͤre unempfindlich, wie ein todtes Pferd, wenn Buckingham durchfiele.“ „Wollen Ihre Majeſtaͤt nicht die Leibgarde zu Pferde ausruͤcken laſſen?“ fragte der junge Selby, ein Offizier, der zugegen war. „Nein, Selby,“ antwortete der Koͤnig.„Aber laßt ſie geruͤſtet ſein, und den Landvogt ſeine Civil⸗ beamten, im Fall eines ploͤtzlichen Tumults, in Be⸗ reitſchaft ſetzen— verdoppelt die Schildwachen an den Thuͤren des Schloſſes— und ſehet, daß keine Fremden hereinkommen.“ „Oder heraus,“ ſagte der Herzog von Ormond. „Wo ſind die freuden Leute, die den Zwerg herein brachten?“ Man ſuchte ſie auf, ſie waren aber nicht zu fin⸗ den. Sie hatten ſich entfernt, und ihre Inſtru, mente zuruͤckgelaſſen— ein Umſtand, der ſtark ge⸗ gen den Herzog von Buckingham, ihren Goͤnner, zu zeugen ſchien. Schleunige Vorkehrungen wurden getroffen, um jedem verzweifelten Verſuch, zu dem die muthmaß⸗ lichen Verſchwoͤrer getrieben werden moͤchten, Wi⸗ derſtand zu leiſten; und unterdeſſen nahm der Koͤ⸗ nig, der ſich mit Arlington, Ormond und einigen an⸗ dern Raͤthen in das Kabinet begab, wo die Graͤfin von Derby ihre Audienz gehabt hatte, das Verhoͤr des kleinen Entdeckers wieder vor. Seine Erklaͤ⸗ rung war zwar ſonderbar, aber doch zuſammenhaͤn⸗ gend; indem der damit vermiſchte romantiſche Zug wirklich mit zu ſeinem Charakter gehoͤrte, der ihm oft das Schickſal zuzog, ausgelacht zu werden, waͤh⸗ rend er außerdem bedauert oder ſelbſt hochgeſchaͤtzt worden ſein wuͤrde. Er begann mit einem Vorſpiel uͤber ſeine Leiden wegen des Complotts, welches Ormond's Ungeduld gern abgekuͤrzt haben wuͤrde, wenn der Koͤnig ſeine Durchlaucht nicht erinnert haͤtte, daß ein Kreiſel, der nicht gepeitſcht wird, nothwendig von ſelbſt in einer beſtimmten Zeit ab⸗ laufen muͤſſe, waͤhrend die Anwendung der Prieſch ihn Beunden lang aufhalten koͤnne. Man ließ alſo Gottfried Hudſon ſich uͤber den Ge veßden ſeines Gefaͤngniſſes erſchoͤpfen, welches, 7 wic er dem Koͤnige erzaͤhlte, nicht ohne einen Licht⸗ ſtrahl war— einen Ausfluß der Lieblichkeit— einen ſterblichen Eugel— von ſchnellerm Schritt und ſchoͤnerm Auge, der mehr als einmal ſeinen Kerker mit Worten der Aufmunterung und des Troſtes be⸗ ſucht hatte. „Bei meiner Treue,“ ſagte der Koͤnig,„ſie be⸗ finden ſich in Newgate beſſer, als ich meinte. Wer haͤtte glauben ſollen, daß der kleine Herr an ſo ei⸗ nem Orte mit weiblicher Geſellſchaft erfreut worden waͤre?“ „Ich bitte Ihre Majeſtaͤt,“ ſagte der Zwerg, nach Art einer feierlichen Verwahrung,„nichts un⸗ recht zu verſtehen. Meine Verehrung gegen dieſes ſchoͤne Geſchoͤpf iſt mehr derjenigen gleich, die wir armen Katholiken den ſeligen Heiligen weihen, als mit einer groͤbern Natur vermiſcht. In der That, ſie ſcheint mehr eine Sylphide des Roſenkreuzeriſchen Syſtems, als etwas mehr fle. Hliches, zu ſein; in⸗ dem ſie ſchmaͤchtiger, leichter und kleiner. als die Frauenzimmer des gewoͤhnlichen Lebens iſt, die Et⸗ was von der roheren Form haben, welche ohne Zweifel von der ſuͤndhaften und gigantiſchen Raſſe der Antediluvianer herſtammt.“ „Wohl, ſag' an, Mann,“ ſprach Karl.„Ent⸗ deckteſt du nicht, daß dieſe Sylphe am Ende nichts mehr, als nur ein ſterbliches Maͤdchen war?“ „Wer?— Ich, mein Fuͤrſt?— O pfui!“ „Nein, kleiner Mann, nimm nicht ſo ſonderbar hieran ein Aergerniß,“ ſagte der Koͤnig;„ich be⸗ theure dir, ich habe dich in keinem Verdacht kuͤhner Galanterie.“ „Die Zeit vergeht ſchnell,“ ſagte der Herzog von Ormond ungeduldig, und ſah nach ſeiner Uhr.„Chif⸗ finch iſt zehn Minuten fort, und wird in zehn Mi⸗ nuten wieder hier ſein.“ 3 „Es iſt wahr,“ ſagte Kar! ernſthaft.„Nun komme zur Hauptſache, Hudſon; und ſag' uns, was dieß weibliche Weſen mit deinem ſo außeror⸗ f.** dentlich ſonderbaren Hieherkommen zu ſchaffen ha „Alles, mein Fuͤrſt,“ ſagte der kleine Hudſon. „Ich ſah ſie zweimal waͤhrend meiner Gefangenſchaft in Newgate, und, meines Erachtens, iſt ſie der wahre Engel, der mein Leben und meine Wohlfahrt bewacht; denn, nach meiner Befreiung, als ich mit zw langen Herren, die zugleich mit mir in Noth geweſen waren, nach der Stadt zu ging, und gerade als wir uns gegen einen ſchurkiſchen Poͤbel zur Wehre ſetzten, und gerade als ich von einem erhabe⸗ naen Poſten, um einige Vortheile uͤber die ſehr uͤber⸗ legene Anzahl zu haben, Beſitz genommen hatte, hoͤrte ich eine himmliſche Stimme, wie aus einem Fenſter hinter mir, erſchallen, welche mir rieth, in einem gewiſſen Hauſe Zuflucht zu nehmen; und zu dieſer Maaßregel beredete ich ſogleich meine tapfern Freunde, die Peverile, welche ſich allezeit willig ge⸗ zeigt haben, meinem Rath zu folgen.“ „Indem ſie hierin zugleich ihre Klugheit und ihre Beſcheidenheit bewieſen,“ ſagte der Koͤnig.— „Aoaer was erfolgte zunaͤchſt?— Sei kurz— ſei, wie du ſelbſt, Mann.“ „Eine Zeit lang, Sire,“ ſagte der Zwerg,„ſchien es, als wenn ich nicht der Hauptgegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit waͤre. Erſt wurde uns der junge Peveril von einem Herrn von ehrwuͤrdigem Anſehen, das jedoch etwas nach einem Puritaner ſchmeckte, mit Rindslederſtiefeln und einem Schwert ohne De⸗ genquaſte, ent zgen. Als Herr Julian zuruͤckkam, berichtete er uns zum erſten Mal, daß wir in der Gewalt eines Corps bewa ffneter Fanatiker uns befaͤn⸗ den, die, wieder Dichter ſagt, zu ſchauderhafter That bereit waͤren. Und Ihre Majeſtaͤt wollen bemerken, daß beide, Vater und Sohn, gewiſſermaßen in Ver⸗ zweiflung waren, und von jenem Augenblick an der Verſicherungen nicht achteten, die ich ihnen gab, daß der Stern, den ich zu verehren gebunden war, zu ſei⸗ ℳ ner rechten Zeit, zum Zeichen unſerer Rettung erſchei⸗ l — 240— nen wuͤrde. Geruhen Ihre Majeſtaͤt, als Antwort auf meine heitern Ermunterungen zum Vertrauen, ſagte der Vater nur pahl und der Sohn pfui! welches zeigt, wie die Klugheit und Artigkeit der Menſchen durch Betruͤbniß geſtoͤrt wird. Nichts deſto weniger hatten dieſe zwei Herren, die Peverile, eine ſtarke Meinung von der Nothwendigkeit gefaßt, die hier ſtatt faͤnde, durchzubrechen, waͤr es auch— nur, um Ihre Majeſtaͤt von dieſen gefaͤhrtichen Vorgaͤngen in Kenntniß zu ſetzen, und fingen daher einen Angriff auf die Thuͤre des Zimmers an, wobei ich ſie auch mit der Staͤrke unterſtuͤtzte, die mir der Himmel verliehen und einige ſechzig Jahre erhalten hat. Wir konnten jedoch, wie es ſich leider zeigte, unſern Verſuch nicht ſo heimlich machen, daß unſere Wachen uns nicht gehoͤrt haͤtten, die, nun in Menge eindringend, uns von einander trennten, und meine Gefaͤhrten, unter Bedrohung mit Pike und Dolch, noͤthigten, in ein anderes, entlegeneres Zimmer zu gehen, und ſo unſre angenehme Geſellſchaft auf⸗ loͤſten. Ich wurde wieder in das nunmehr verlaßne Zimmer eingeſchloſſen, und will nicht leugnen, daß ich eine gewiſſe Niedergeſchlagenheit der Seele fuͤhlte. Allein, wie der Dichter ſagt, wenn die Noth am hoͤchſten, iſt die Huͤlf am naͤchſten,„ih oͤffnete ſich ploͤtzlich eine Thuͤre der Hoffnung— — 241 „Um Gottes Willen,“ ſagte der Herzog von Or⸗ mond,„laſſen Ihre Majeſtaͤt die Erzaͤhlung dieſes armen Geſchoͤpfs von einem der Romanſchreiber bei Hofe in die Sprache des gemeinen Menſchenverſtan⸗ des uͤberſetzen, wenn wir aus ihrer Bedeutung klug werden ſollen.“ Gottfried Hudſon warf einen finſtern Blick des Verweiſes auf den ungeduldigen alten Irlaͤndiſchen Edelmann, und ſagte mit einer ſehr vornehmen Miene:„einen Herzog auf dem Halſe zu haben, ſei auf einmal genug fuͤr einen armen Ritter, und wenn er nicht gegenwaͤrtig mit dem Herzog von Buckingham zu thun haͤtte, ſo wuͤrde er ſolche Aus⸗ druͤcke von dem Herzog von Ormond nicht haben hingehen laſſen.“ „Beſchraͤnkt eure Tapferkeit, und maͤßigt euern Zorn, auf unſere Nitte, hochmaͤchtiger Ritter Gott⸗ fried Hudſon,“ ſagte der Koͤnig;„und vergebt dem Herzog um meinetwillen; aber auf alle Faͤlle fahrt in eurer Erzaͤhlung fort.“ Gottfried Hudſon legte ſeine Hand an den Bu⸗ ſen, und verbeugte ſich in ſtolzer und vornehmer Un⸗ terwerfung gegen ſeinen Fuͤrſten; winkte dann dem Herzog von Ormond ſeine Verzeihung mit einem furchtbaren Grinſen zu, das fuͤr ein Laͤcheln huld⸗ reicher Vergebung und Ausſoͤhnung gelten ſollte. IV. 2 242 „Mit Erlaubniß des Herrn Herzogs alſo,“ fuhr er fort,„als ich ſagte, eine Thuͤre der Hoffnung habe ſich mir geoͤffnet, ſo meinte ich eine Thuͤre hinter den Tapeten, aus welcher jene holde Erſcheinung hervorging— doch nicht ſo hold, als glaͤnzend dun⸗ kel, gleich der Schoͤnheit einer Nacht auf dem feſten Lande, wo der wolkenloſe blaue Himmel uns in ei⸗ nen reizendern Schleier huͤllt, als der des Tages iſt! — Aber ich bemerke die Ungeduld Ihrer Majeſtaͤt; — genug, ich folgte meiner ſchoͤnen Fuͤhrerin in ein Zimmer, wo, ſeltſam unter einander gemiſcht, krie⸗ geriſche Waffen und muſikaliſche Inſtrumente lagen. Unter dieſen ſah ich meinen eigenen neuerlichen Ort einer temporaͤren Dunkelheit— ein Violoncell. Zu meinem Erſtaunen drehte ſie das Inſtrument um, und zeigte, indem ſie es hinten durch den Druck einer Feder oͤffnete, daß es mit Piſtolen, Dolchen und in Patrontaſchen enthaltenen Kriegsvorraͤthen an⸗ gefuͤllt war.„Dieſe,“ ſagte ſie,„ſind dieſe Nacht beſtimmt zum unvermutheten Ueberfall Karls“— Ihre Majeſtaͤt muͤſſen verzeihen, daß ich mich ihrer eigenen Worte bediene—„wenn du aber wagſt, anſtatt ihrer zu gehen, ſo kannſt du der Retter von Koͤnig und Koͤnigreichen ſein; wenn du dich fuͤrchteſt, ſo behalte das Geheimniß, ich ſelbſt will das Aben⸗ teuer verſuchen.“ Nein, der Himmel verhuͤte, daß . — — 243 Gottfried Hudſon verzagt genug ſei, ſagt' ich, dich eine ſolche Gefahr laufen zu laſſen! Sie wiſſen nicht— Sie koͤnnen nicht wiſſen, was zu ſolchem Hinterhalt und Verſtecken gehoͤrt— ich bin daran gewoͤhnt— habe in der Taſche eines Rieſen ge⸗ lauert, und den Inhalt einer Paſtete ausgemacht. „So gehe denn herein,“ ſagte ſie,„und verliere keine Zeit.“ Dennoch will ich nicht leugnen, daß, waͤh⸗ vend ich mich anſchickte, zu gehorchen, einige kalte Schauer uͤber meine hitzige Tapferkeit kamen; und ich geſtand ihr, wenn es ſo ſein koͤnnte, daß ich lieber auf meinen eignen Fuͤßen meinen Weg in das koͤ⸗ nigliche Schloß nehmen moͤchte. Aber ſie wollte mich nicht anhoͤren, ſondern ſagte haſtig,„ich wuͤrde aufgefangen oder nicht vorgelaſſen werden, und ich muͤßte das Mittel annehmen, das ſie mir vorſchlug, zur Audienz zu langen, und wenn ich da waͤre, den Koͤnig warnen, auf ſeiner Hut zu ſein— wenig mehr ſei noͤthig; denn einmal iſt der Anſchlag be⸗ kannt, er wird verzweifelt.“ Raſch und kuͤhn nahm ich von dem Tageslicht Abſchied, welches damals im Verſchwinden war. Sie nahm den Inhalt aus dem fuͤr meine Verbergung beſtimmten Inſtrumente her⸗ aus, und nachdem ſie denſelben hinter den Kamin⸗ ſchirm gebracht hatte, fuͤhrte ſie mich ſtatt deſſelben ein. Als ſie mich einſchloß, bat ich ſie, die Maͤnner, L 2 244—— denen ich anvertraut werden ſollte, zu warnen, ſich in Acht zu nehmen und den Hals des Violoncells aufwaͤrts gekehrt zu halten; doch, ehe ich meine Bitte vollendet hatte, fand ich mich allein gelaſſen und in Finſterniß. Sogleich kamen zwei oder drei Kerle herein, aus deren Sprache, die ich einiger⸗ maßen verſtand, ich Teutſche erkannte, die unter dem Einfluß des Herzogs von Buckingham ſtanden. Ich hoͤrte ſie von dem Anfuͤhrer einen Befehl erhalten, wie ſie ſich betragen ſollten, wann ſie die verborgenen Waffen ergreifen— und denn ich will dem Her⸗ zog nicht Unrecht thun— ich vernahm, daß ihre Befehle beſtimmt waren, nicht nur die Perſon des Koͤnigs, ſondern auch die der Hofleute zu ſchonen, und Alle, die ſich in dem Audienzzimmer befinden moͤchten, gegen einen Angriff der Fanatiker zu ſchuͤten. In andern Ruͤckſichten, hatten ſie die Ordre, die vornehmſte Leibgarde des Koͤnigs auf der Hauptwache zu entwaffnen, und am Ende das Com⸗ mando des Hofes zu uͤbernehmen.“ Die Miene des Koͤnigs druͤckte Verlegenheit und tiefes Nachdenken bei dieſer Eroͤffnung aus, und er bat den Lord Arlington, dafuͤr zu ſorgen, daß Sel⸗ by im Stillen eine Unterſuchung uͤber den Inhalt der andern Futterale anſtellte, in denen vorgeblich muſikaliſche Inſtrumente gebracht worden waren. 4 — 245 Er gab dann dem Zwerg ein Zeichen, in ſeiner Er⸗ zaͤhlung fortzufahren, und fragte ihn einmal uͤber das andere ſehr ernſthaft, ob er gewiß waͤre, den Namen des Herzogs, als deſſen, der dieß Unterneh⸗ men befoͤhle oder gut hieße, wirklich erwaͤhnen ge⸗ hoͤrt zu haben. 3 Der Zwerg antworter« bejahend. „Das heißt doch den Spaß etwas weit treiben,“ ſagte der Koͤnig. Der Zwerg fuhr nun fort, und berichtete, daß er nach dieſer Metamorphoſe in die Kapelle getragen worden ſei, wo er den Prediger, wie es ſchien, am Schluſſe ſeiner Rede hoͤrte, deſſen Inhalt er auch anfuͤhrte. Worte, ſagte er, koͤnnten die Todesangſt nicht ausdruͤcken, als er fand, daß ſein Traͤger, da er das Inſtrument in einen Winkel ſtellte, im Be⸗ griff war, ihm eine umgekehrte Stellung zu geben; ein Fall, in welchem(ſagte er) die menſchliche Schwaͤche ſich zu groß fuͤr Liebe, fuͤr Buͤrgertreue, fuͤr wahren Gehorſam, ja fuͤr die Furcht des Todes, der wahrſcheinlich auf die Entdeckung gefolgt waͤre, haͤtte erweiſen koͤnnen; und er ſchloß, er zweifte ſehr, daß er viele Minuten wuͤrde auf dem Kopfe haben ſtehen koͤnnen, ohne laut zu ſchreien. „Ich haͤtte Ihnen das nicht verargen koͤnnen,“ ſagte der Koͤnig;„in eine ſolche Stellung in der L 3 246— oͤniglichen Eiche gebracht, wuͤrde ich nothwendig ſelbſt haben bruͤllen muͤſſen.— Iſt dieß Alles, was Sie uns von dieſer ſeltſamen Verſchwoͤrung zu er⸗ zaͤhlen haben?“ Sir Gottfried Hudſon antwortete bejahend, und der Koͤnig fuͤgte ſogleich hinzu:„Ge⸗ hen Sie, mein kleiner Freund, Ihre Dienſte ſollen nicht vergeſſen werden. Weil du zu unſerm Dienſt in den Bauch einer Violine gekrochen biſt, ſo ſind wir durch Pflicht und Gewiſſen gebunden, dir in Zukunft eine geraͤumigere Wohnung anweiſen zu laſſen.“ „Es war ein Violoncell, wenn Ihre Majeſtaͤt ſich zu erinnern belieben,“ ſagte der kleine eiferſuͤch⸗ tige Mann,„nicht eine gemeine Fiedel; doch, zum Dienſte Ihrer Majeſtaͤt, waͤre ich ſelbſt in eine Stockfiedel gekrochen.“ „Was dieſer Art von einer Perſon, wie du, haͤtte geleiſtet werden koͤnnen, das wuͤrdeſt du zu un⸗ ſerm Beſten bewerkſtelligt haben— davon haben wir uns uͤberzeugt. Nun entferne dich ein wenig; und hoͤre wohl, huͤte dich, Etwas von dieſer Sache zu ſprechen. Laß deine Erſcheinung— merke wohl — nur fuͤr einen Spaß des Herzogs von Bucking⸗ ham gelten; und nicht ein Wort von Verſchwoͤrung.“ „Waͤr' es nicht beſſer, ihn unter einige Aufſicht — 247 zu ſtellen, Ihre Majeſtaͤt?“ ſagte der Herzog von Ormond, als Hudſon das Zimmer verlaſſen hatte. „Es iſt unnoͤthig,“ antwortete der Koͤnig.„Ich erinnere mich des kleinen Tropfs von ſonſt her. Um ihn zum Muſter der Ungereimtheit zu machen, Let die Gluͤcksgoͤttin eine ſehr ſtolze Seele in dieſes kleine elende Geripp geſchloſſen. Im Fuͤhren ſeines Schwerts und im Halten ſeines Worts iſt er ein wahrer Don Quixote in Sedez. Man ſoll ſchon auf ihn Acht geben.— Aber potztauſend, meine Herren Herzoͤge, iſt dieſer Streich Buckinghams nicht zu ſcaͤndlich und undankbar?“ „FEr haͤtte nicht Gelegenheit dazu gehabt,“ ſagte der Herzog von Ormond,“ wenn Ihre Majeſtaͤt nicht in andern Faͤllen zu gelind geweſen waͤren.“ „Herr Herzog, Herr Herzog,“ ſagte Karl haſtig — Ihre Durchlaucht ſind Buckinghams bekannter Feind— wir wollen ai ndern und unparteiiſchern Rath einholen. Arlington, was denken Sie zu allem dieſem?“ „„Geruhen Ihre Majeſtaͤt,“ ſagte Arlington, „ich denke, die Sache iſt ſchlechthin unmoͤglich, wo⸗ fern nicht der Herzog irgend einen Zwiſt mit Ihrer Majeſtaͤt gehabt hat, von dem wir nichts wiſſen. Seine Durchlaucht iſt unſtreitig ſehr feurig, aber dieß ſcheint wirklicher Unſinn zu ſein.“ „Ei wahrhaftig,“ ſagte der Koͤnig,„es gab eini⸗ L 4 248— gen Wortwechſel zwiſchen uns dieſen Morgen— ſeine Gemahlin, wie es ſcheint, iſt todt— und um keine Zeit zu verlieren, hatte ſeine Durchlaucht zum Erſatz des Verluſtes, ſich nach einem andern Gegen⸗ ſtiade umgeſehen, und war ſo dreuſt, zur Bewer⸗ bung um meine Nichte Lady Anne unſre Einwilli⸗ gung zu ſuchen.“ „Welche Ihre Majeſtaͤt natuͤrlich verſagten ſagte der Staatsmann. „Und nicht, ohne ihm ſeine Dreuſtigkeit zu ver⸗ weiſen,“ſetzte der Koͤnig hinzu. „Privatim oder vor Zeugen?“ iagie der Her⸗ zog von Ormond. „Vor Niemanden,“ antwortete der Koͤnig— „ausgenommen zwar den kleinen Chiffinch; und er iſt, wie Sie wiſſen, ſo gut, als Niemand.“ „Hinc illae lachrymae*)“, ſagte Ormond. „Ich kenne ſeine Durchlaucht wohl. So lange der Verweis ſeines anmaßenden Muthwillens nur eine Sache zwiſchen Ihrer Majeſtaͤt und ihm geweſen waͤre, haͤtte er es wohl uͤberhin gehen laſſen. Aber eine Abfertigung vor einem Mann, der ſie wahr⸗ ſcheinlich genug am ganzen Hofe herum bringen moͤchte, war Etwas, das geahndet werden mußte.“ *) Daher kommt dieß uebel⸗ — —— — 249 Hier kam Selby eilig aus dem andern Zimmer, um zu ſagen, daß ſeine Durchlaucht von Bucking⸗ ham eben in das Audienzzimmer getreten ſei. Der Koͤnig ſtand auf.„Haltet ein Boot in Be⸗ reitſchaft, nebſt einer Kompagnie von der Garbe,“ ſprach er.„Es kann noͤthig ſein, ihn wegen Ver⸗ raths feſtzunehmen, und in den Tower zu ſchicken.“ „Sollte nicht ein Verhaftsbefehl des Staats⸗ ſekretaͤrs ausgefertigt werden?“ fragte Ormond. „Nein, mein Herzog,“ ſagte der Koͤnig lebhaft. „Ich hoffe, die Nothwendigkeit ſoll noch vermieden werden. Eilftes Kapitel. Ehe wir dem Leſer von der Zuſammenkunft Buckingham's mit ſeinem beleidigten Souveraͤn Nachricht geben, duͤrfen wir einen oder zwei ge⸗ ringfuͤgige Umſtaͤnde erwaͤhnen, die zwiſchen dem Herzog und Chiffinch auf der kurzen Fahrt zwiſchen York⸗Place und Whitehall ſtatt fanden. Bei der Ausfahrt ſuchte der Herzog von dem Hofmanne die beſondre Urſache ſeiner Vorladung nach dem Hofe zu erfahren. Chiffinch antwortete L 5 * 250 vorſichtig, er glaube, es waͤren einige luſtige Ein⸗ faͤlle im Gange, bei welchen der Koͤnig des Herzogs Gegenwart wuͤnſchte. Dieß befriedigte Buckingham nicht ganz, da er, ſich ſeines raſchen Vorhabens bewußt, nur Entdeckung befuͤrchten mußte. Nach einem augenblieklichen Stilllſchweigen, ſagte er fluͤchtig,„Chiffinch, ſagten Sie Jemanden, was der Koͤnig dieſen Morgen zu mir in Betreff der Lady ſprach?“ „Mein gnaͤdiger Herzog,“ ſagte Chiffinch verle⸗ gen,„gewiß, meine Pflicht gegen den Koͤnig— meine Hochachtung gegen Ihre Durchlaucht— „Sie erwaͤhnten es alſo gegen Niemand?“ ſagte der Herzog ernſthaft. „Gegen Niemand,“ antwortete Chiffinch furcht⸗ fam; denn er war durch die zunehmende Strenge in dem Weſen des Herzogs ſchüchiern gemacht worden. „Ihr luͤgt, wie ein Schurke!“ ſagte der Herzog. „Ihr ſagtet es Chriſtian!“ „Ihre Durchlaucht,“ ſagte Chiffinch—„Ihre Durchlaucht— Ihre Durchlaucht ſollten ſich erin⸗ nern, daß ich Ihnen Chriſtians Geheimniß mit⸗ theilte, daß die Graͤfin von Derby herauf gekom⸗ men waͤre.“ „Und ihr denkt ein Stuͤck Verraͤtherei mag das — 251 andre aufwiegen? Aber nein. Ich muß eine beſſere Genugthuung haben. Seid verſichert, ich will euch das Gehirn aus dem Kopfe ſchlagen, ehe ihr dieſen Wagen verlaßt, wofern ihr mir nicht die Wahr⸗ heit dieſer Botſchaft vom Hofe ſagt.“ Als Chiffinch verlegen war, was er antworten ſollte, naͤherte ſich ein Mann, der bei dem Schein der Fackeln, die damals ſowohl von den Lakaien, die hinten auf dem Wagen ſtanden, als von den Bedienten, die zur Seite liefen, immer getragen wurden, leicht ſehen konnte, wer im Wagen ſaß, und ſang mit einer tiefen maͤnnlichen Simme den Re⸗ frain eines alten franzoͤſiſchen Liedes, von der Schlacht bei Marignan, worin das Deutſch⸗Fran⸗ zoͤſiſche der Schweizer nachgeahmt iſt: Tout est verlore Ea tintelore, Tout est verlore Bei Got. „Ich bin verrathen,“ ſagte der Herzog, der au⸗ genblleklich erkannte, daß dieſer Chor, welcher aus⸗ druͤckte,„Alles iſt verloren,“ von einem ſeiner ge⸗ treuen Geſchaͤftfuͤhrer geſungen wurde, um ihm einen Wink zu geben, daß ihre Unternehmungen entdeckt waͤren. Er verſuchte, ſich aus dem Wagen zu ſtuͤrzen: 252 aber Chiffinch hielt ihn mit feſter Hand, doch ehrer⸗ bietig zuruͤck.„Richten Sie ſich nicht ſelbſt zu Grunde, mein Herzog,“ ſagte er im Tone tiefer Unterwuͤrfigkeit;„hier ſind Soldaten und Polizei⸗ diener am Wagen, um die Ankunft Ihrer Durch⸗ laucht in Whitehall zu erzwingen, und Ihre Flucht zu verhindern. Sie zu verſuchen, wuͤrde Einge⸗ ſtaͤndniß der Schuld ſein; und ich warne Sie ſtark davor— der Koͤnig iſt Ihr Freund— ſein Sie der ihrige.“ „Nach einem Augenblick Ueberlegung, ſagte der Herzog finſter:„ich glaube, Sie haben Recht. Warum ſollt' ich fliehen, da ich weiter keine Schuld habe, außer daß ich einige Feuerwerke zur Unterhal⸗ tung des Hofes, ſtatt eines muſikaliſchen Concerts, abſchickte?“ „Und der Zwerg, der ſo unerwartet aus der Baßviole kam— „War ein Maſkenſpiel meiner Erfindung,“ ſagte der Herzog, ob er gleich den Umſtand jetzt zum erſten Mal erfuhr.„Chiffinch, Sie werden mich fuͤr im⸗ mer verbinden, wenn Sie mir eine Minute lang eine Unterredung mit Chriſtian erlauben.“ „Mit Chriſtian, gnaͤdiger Herr?— Wo koͤnnten Sie ihn finden?— Sie ſehen, wir muͤſſen gera⸗ desweges nach Hofe.“ — 153 „Wahr,“ ſagte der Herzog;, aber ich denke, ich kann ihn nicht verfehlen; und Sie, Herr Chiffinch, ſind kein Officier, und haben keine Vollmacht, mich als Gefangenen zuruͤck zu halten, oder mich zu hindern, mit Jemanden zu ſprechen, mit wem mir's beliebt.“ Chiffinch erwiederte,„mein gnaͤdiger Herzog, Ihr Genie iſt ſo groß, und Ihre Ausfluͤchte ſind ſo zahlreich, daß es nicht mit meinem Wunſch und Willen geſchieht, wenn ich gezwungen bin, einem ſo talentvollen und ſo beliebten Mann wehe zu thun.“ „Nein,“ ſagte der Herzog,„noch leb' ich,“ und pfiff, da denn von der kleinen(dem Leſer ſchon be⸗ kannten) Meſſerſchmids⸗Bude hervor ploͤtzlich Herr Chriſtian erſchien, und im Augenblick an der Seite der Kutſche war.„Alles iſt verloren,“ ſagte der Herzog. „Ich weiß es,“ ſagte Chriſtian;„und alle unſre frommen Freunde ſind auf die Nachricht auseinander. Zum Gluͤck gaben der Oberſt und dieſe Teutſchen Schurken einen Wink. Alles iſt wohlbehalten.— Sie gehen an Hof.— Hoͤren Sie, ich will 2 folgen.“ „Sie, Chriſtian? Das wuͤrde mehr freundſchaft⸗ lich als klug ſein.“ „Warum? Was gibt es dem wider mich 254— ſagte Chriſtian.„Ich bin unſchuldig, wie das unge⸗ borne Kind,— und das ſind Ihre Durchlaucht auch. Es iſt nur ein Weſen, das unſere Schuld be⸗ zeugen kann; aber ich hoffe, ſie zu unſerm Vortheil auf die Buͤhne zu bringen.— Ueberdieß, wenn ich nicht ginge, ſo wuͤrde ſogleich nach mir geſchickt werden.“ „Der Hausgeiſt gewiß, von dem ich Sie ſprechen gehoͤrt habe.“ „Laſſen Sie ſich's ins Ohr ſagen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte der Herzog,„und will Herrn Chiffinch, nicht laͤnger aufhalten. Denn er iſt mein Fuͤhrer, muͤſſen Sie wiſſen.— Wohlan, Chiffinch, laſſen Sie weiter fahren.— Vogue la Galere!“ rief er aus, als der Wagen fortfuhr; wich bin durch ſchlimmere Gefahren, als die jetzige, geſegelt.“ „Ich kann daruͤber nicht urtheilen,“ ſagte Chif⸗ finch;„Ihre Durchlaucht ſind ein kuͤhner Befehls⸗ haber; und Chriſtian hat die Verſchlagenheit des Teufels als Steuermann; aber— Jedoch ich bleibe Ihrer Durchlaucht armer Freund, und will mich herzlich freuen, wenn Sie ſich heraus wickeln.“ „Geben Sie mir einen Beweis Ihrer Freund⸗ ſchaft.“ ſagte der Herzog.„Sagen Sie mir, was — 255 Sie von Chriſtian's Hausgeiſt wiſſen, wie er ſie nennt.“ „Ich glaube, es iſt daſſelbe tanzende Maͤdchen, das mit Empſon an dem Morgen in mein Haus kam, als Alexie von uns entwich. Aber Sie haben ſie geſehen, mein Herzog?“ „Ich?“ ſagte der Herzog.„Wann haͤtt' ich ſie geſehen?“ 1 „Ich glaube, ſie war von Chriſtian angeſtiftet, ſeine Nichte in Freiheit zu ſetzen, als er ſich gendͤ⸗ thigt ſah, ſeinen fanatiſchen Schwager zu befriedigen, und ihm ſein Kind zuruͤck zu geben, Ja er uͤberdieß aus einem geheimen Wunſche, glaub' ich, geneigt war, Ihre Durchlaucht zu aͤffen.“ „Hoem! Das argwoͤhnte ich wohl. Es ſoll ver⸗ golten werden,“ ſagte der Herzog.—„Aber erſt aus dieſer Ungewißheit heraus zu kommen.— Jene Hexe alſo war ſein Hausgeiſt; und ſie trat dem An⸗ ſchlage bei, mich zu aͤffen?— Doch hier ſind wir Wort, und nun, Buckingham ſei dir ſelbſt gleich!“ Aber ehe wir Buckingham in das Audienzz mer begleiten, wo er eine ſo ſchwere Rolle zu ſpi len hatte, wird es nicht unſchicklich ſein, Chriſtian, nach ſeiner kurzen Unterredung mit dem Herzog von Buckingham, zu folgen. Beim Zuruͤckgehen in das 1 ſchon bei Whitehall.— Nun, Chiffinch, halt' dein 256 3— Haus nahm Chriſtian einen Umweg, der aus einer entfernten Allee und durch verſchiedene Hoͤfe fuͤhrte, und eilte in ein niedriges mit Matten belegtes Zim⸗ mer, wo Bridgenorth allein ſaß, und, bei dem Licht einer kleinen meſſingenen Lampe, mit der heiterſten Miene in der Bibel las. „Haben Sie die Peverile entlaſſen?“ fragte Chriſtian haſtig. „Ja,“ antwortete der Major. „Und unter welcher Buͤrgſchaft— daß ſie nicht zu Whitehall wider Sie Bericht abſtatten?“ „Sie gaben mir freiwillig ihr Verſprechen, als ich ihnen zeigte, daß unſre bewaffneten Freunde entlaſſen waren. Morgen, glaube ich, wollen ſie erſt Bericht abſtatten.“ „Und warum nicht heute Abend, ich bitte Sie? ſagte Chriſtian. „Weil ſie uns dieſe Zeit zum Entkommen ein⸗ raͤumen wollen.“ „Warum benutzen Sie ſie denn nicht ſelbſt? Warum ſind Sie noch hier?“ ſagte Chriſtian. „Oder vielmehr, warum nehmen Sie denn nicht die Flucht?“ ſagte Bridgenorth.„Wahrhaftig, Sie ſind ſo tief verwickelt, als ich.“ „Bruder Bridgenorth, ich bin der Fuchs, der hundert Manieren kennt, die Hunde zu hintergehen — 257 Sie ſind das Reh, das ſich blos durch ſchnelle Flucht retten kann. Daher verlieren Sie keine Zeit— gehen Sie aufs Land— oder vielmehr, das Schiff ve, Zedekia, die gute Hoffnung, liegt im Fluſſe bereit, nach Maſſachuſets zu gehen— nehmen Sie die Fluͤgel der Morgenroͤthe und entfernen ſich — das Schiff kann mit der Flut nach Graveſend hinab ſegeln.“ „Und Dir, Bruder Chritian, ſagte Bridge⸗ north,„ſoll ich die Aufſicht uͤber mein Vermoͤgen und meine Tochter uͤberlaſſen? Nein, Bruder, meine gute Meinung muß erſt wieder hergeſtellt ſein, eh“ ich Dir wieder trauen kann.“ „So geh deiner Wege, wie ein argwoͤhniſcher Narre,“ ſagte Chriſtian, ir ſtarker Verſuchung, ſich wach beleidigender auszudruͤcken;„oder vielmehr bleib', wo Du biſt, und laſſ' es auf den Galgen an⸗ kommen.“ „Es iſt allen Menſchen beſtimmt, einmal zu ſterben,“ ſagte Bridgenorth;„mein Leben iſt ein lebendiger Tod geweſen. Meine ſchoͤnſten Zweige ſind mit dass Axt des Foͤrſters abgehauen— der, welcher noch uͤbrig iſt, muß, wenn er bluͤhen ſoll, anderwaͤrts, und in einer Entfernung von meinem be⸗ jahrten Stamme, gepfropft werden. Je fruͤher alſo die Wurzel die Axt fuͤhlt, deſto willkommner iſt der 258 Hieb. Es wuͤrde mir freilich gefallen haben, waͤr' ich dazu berufen geweſen, jenen ausſchweifenden Hof zu einem reineren Charakter zu bringen, und das Joch des leidenden Volks Gottes zu erleichtern. Auch jener Juͤngling— Sohn eines koͤſtlichen Wei⸗ bes, der ich das letzte Band verdanke, das meinen abgematteten Geiſt an die Menſchheit kettet— haͤtte Er mit mir an der guten Sache arbeiten koͤnnen! — Aber dieſe Hoffnung, nebſt allen meinen andern, iſt fuͤr immer zerſtoͤrt, und weil ich nicht wuͤrdig bin, ein Werkzeug zu einem großen Werke zu ſein, ſo hab ich wenig Verlangen, laͤnger in dieſem Thale des Kummers zu bleiben.“ „So lebe denn wohl, verzagter Thor!“ Hagte Chriſtian, der mit aller ſeiner Ruhe nicht im Stande war, ſeine Verachtung gegen den ſich hingebenden und hoffnungsloſen Praͤdeſtinarier*) zuruͤck zu hal⸗ ten.—„Daß das Schickſal mich mit ſolchen Bundsgenoſſen behaͤngen mußte,“ murmelte er, als er das Zimmer verließ;„dieſer froͤmmelnde Narr iſt nun faſt unverbeſſerlich— ich muß zu Zarah; — 3 denn ſie, oder Niemand, muß uns durch dieſe Klippen hindurch fuͤhren. Wenn ich nur ihr hitziges Temperament beſaͤnftigen, und ihre Eitelkeit zu *) Der an eine unvermeidliche Vorherbeſtimmung der menſchlichen Schickſale glaubt. 6 259 handeln, erregen kann,— zwiſchen ihrer Gewandt⸗ heit, der Parteilichkeit des Koͤnigs fuͤr den Herzog, Buckingham's beiſpielloſer Frechheit, und: einer eignen Hand am Steuerruder koͤnnten wir noch dem Ungewitter trotzen, das um uns finſter herauf zieht. Aber was zu thun iſt, muß bald gethan werden.“ In einem andern Zimmer fand er die Perſon, die er ſuchte— dieſelbe, welche den Harem des Her⸗ zogs von Buckingham beſucht, und nachdem ſie Alexie Bridgenorth aus ihrer dortigen Gefangen⸗ ſchaft befreit, ihre Stelle eingenommen hatte, wie bereits erzaͤhlt oder vielmehr angedeutet worden iſt. Sie war jetzt viel einfacher gekleidet, als damals, da ſie den Herzog mit ihrer Gegenwart getaͤuſcht hatte; aber ihr Anzug hatte noch immer Etwas von dem morgenlaͤndiſchen Charakter, was ihrer dunkeln Geſichtsfarbe und ihrem feurigen Auge wohl ent⸗ ſprach. Sie hatte ihr Tuch an den Augen, als Chriſtian eintrat; nahm es aber ſchnell hinweg, und mit einem ihm zugeworfenen Blick der Verachtung und des Unwillens, fragte ſie ihn, warum er ſich hier eindraͤngte, wo ſeine Geſellſchaft eben ſo wenig geſiehe als gewuͤnſcht wuͤrde? Fine Frage, die fuͤr eine Sklavin an ihren Ge⸗ bieter ganz ſchicklich iſt,“ ſagte Chriſtian. „ Sagen Sie vielmehr, eine ſchickliche, und die — 3 260— allerſchicklichſte Frage einer Gebieterin an ihren Skla⸗ ven! Wiſſen Sie nicht, daß Sie von der Stunde an, in der Sie Ihre unausſprechliche Niedertraͤch⸗ tigkeit entdeckten, mich zur Gebieterin uͤber Ihr Loos gemacht haben? Waͤhrend Sie nur ein Daͤ⸗ mon der Rache zu ſein ſchienen, floͤßten Sie Schre⸗ cken ein, und zu guter Abſicht; aber ſo ein boͤſer Feind als der Du Dich neulich gezeigt haſt— ſo ein wahrer niedriger Gauner des Teufels— ſo ein ſchmuziger kriechender Unhold des Verderbens, kann nichts als Verachtung von einer Seele, wie die meinige iſt, erwerben. „Artig geſprochen,“ ſagte Chriſtian,„und mit gutem Nachdruck.“ „Ja,“ antwortete Zarah,„ich kann reden— bisweilen— ich kann auch ſtumm ſein; und das weiß Niemand beſſer, als Du.“ „Du biſt ein verzogenes Kind, Zarah, und mißbrauchſt nur die Nachſicht, die ich gegen Deine grillenhafte Laune haͤge,“ erwiederte Ehriſtian;„dein Berſtand iſt zerruͤttet worden, ſobald Du in England gelandet biſt, und das alles blos um Jemands willen, der ſich um Dich nicht mehr bekuͤmmert, als um den nichtswuͤrdigſten Gegenſtand auf den Straßen, wo er Dich verließ, um ſich fuͤr eine, die er mehr liebt, in einen Streit einzulaſſen.“ „Darauf kommt nicht⸗ en,“ ſagte Zarah, offen⸗ bar ein ſehr bitteres Gefuͤhl zuruͤckhaltend;„es macht nichts aus, daß er eine andere mehr liebt; es gibt keine,— nein, es gibt keine, die ihn je ſo wahrhaft liebte, oder lieben kann, als ich.“ „ch bedaure Sie, Zarah;“ ſagte Chriſtian mit einigem Spott. „Ich verdiene Ihr Mitleiden,“ antwortete ſie, „waͤre Ihr Mitleiden meiner Annahme werth. Wem hab' ich mein Elend zu danken, als Ihnen? — Sie zogen mich im Durſt nach Rache auf, ehe ich wußte, daß Gutes und Boͤſes etwas mehr als bloße Namen waͤren:— um Ihren Beifall zu ge⸗ winnen, und die Eitelkeit, die Sie erregt hatten, zu befriedigen, hab' ich Jahre lang mir eine Buße auferlegt, vor welcher Tauſende ſich entſetzt haben wuͤrden.“ „Tauſende, Zarah!“ antwortete Chriſtian;„ja hundeettauſende, und eine Million noch dazu; das Geſchoͤpf iſt nicht auf Erden zu finden, das nur ein ſterbliches Weib iſt, welches den dreißigſten Theil deiner Selbſtersleugnung auf ſich genommen haben wuͤrde.“ „Ich glaube es,“ ſagte Zarah, ihre ſchmaͤchtige, doch zierliche Geſtalt emporrichtend; ich glaube es — ich bin durch eine Pruͤfung gegangen, die Wenige 262 ausgehalten haͤtten. Ich habe dem theuern Uumgang mit Perſonen meines Geſchlechts entſagt; meine Zunge, gleich einem Kundſchafter, nur diejenige Kenntniß auszuſprechen gezwungen, die ich blos wie ein niedriger Behorcher geſammelt hatte. Dieß hab' ich Jahre lang gethan,— Jahre lang— und Alles um Ihres Privatbeifalls willen— und in Hoffnung der Rache an einer Frau, die, wenn ſie boͤſe han⸗ delte, meinen Vater zu ermorden, bittre Vergeltung darin gefunden hat, daß ſie eine Schlange in ihrem Buſen naͤhrte, welche den Zahn, aber nicht das taube Ohr der Natter beſaß.“ „Gut— gut— gut,“ ſagte Chriſtian;„und hatten Sie nicht Ihre Belohnung in meinem Beifall — in dem Bewußtſein Ihrer eigenen beiſpielloſen Gewandtheit— wodurch Sie, Allem uͤberlegen, was jede Geſchichte deines Geſchlechts je gekannt hat— aushielten, was keine Frau vorher aushielt, Uebermuth ohne Bemerkung, Bewunderung ohne Antwort, und Spott ohne Erwiederung?“ „Nicht ohne Erwiederung,“ ſagte Zarah ſtolz. „Gab nicht die Natur meinen Gefühlen eine Art des Ausdrucks, die noch eindringender war, als Worte? und zitterten nicht diejenigen bei meinem Geſchrei, die meine Worte oder Beſchwerden wenig geachtet haben wuͤrden? Und meine ſtolze Gebiete⸗ — 263 rin die ihre Beweiſe von Guͤte mit ſpoͤttiſchen Aus⸗ faͤllen wuͤrzte, die ich, wie ſie glaubte, nicht hoͤrte— ſie wurde gerecht damit bezahlt, daß ihre theuerſten und geheimſten Angelegenheiten in die Haͤnde ihres Todfeindes kamen; und der eitle Graf— doch er war ein ſo unbedeutendes Weſen, wie der Federbuſch, der auf ſeinem Hute hin und her flog;— und die Maͤdchen und Damen, die mich verhoͤhnten— ich harte oder habe noch leicht meine Rache an ihnen. Aber es iſt Einer,“ ſetzte ſie aufwaͤrts blickend hinzu,„der mich nie verhoͤhnte, Einer, deſſen Edel⸗ muth das arme ſtumme Maͤdchen ſelbſt wie ſeine Schweſter behandeln konnte; der nie ein Wort von ihr ſprach, außer zu ihrer Entſchuldigung oder Ver⸗ theidigung— und Sie ſagen mir, ich duͤrfe ihn nich lieben, und es ſei Tollheit, ihn zu lieben! will ich denn toll ſein; denn ich will ihn lieben bis zum letzten Athemzuge meines Lebens.“ „Denke nur einen Augenblick, albernes Maͤdchen — albern nur in einer Hinſicht, weil du in allen andern der ganzen weiblichen Welt Trotz bieten kaunſt— denk, daß ich dir ſtatt des Verluſts dieſer hoffnungsloſen Zuneigung, eine ſo glaͤnzende Lauf⸗ bahn vorgeſchlagen habe. Denke nur, daß es auf dir ſelber beruht, die Frau, die wirkliche Gemahlin des fuͤrſtlichen Buckinghams zu werden! Bei mei⸗ .1 b nen Talenten— bei deinem Witz und deiner Schoͤn⸗ heit— bei ſeiner leidenſchaftlichen Liebe zu dieſen Eigenſchaften— koͤnnte ein kurzer Zeitraum dich zu dem Range von Englands Prinzeſſinnen erheben. Laß dich von mir leiten— er iſt jetzt in einer gefaͤhr⸗ lichen Lage— bedarf alles Beiſtandes, ſeine Um⸗ ſtaͤnde wieder zu verbeſſern, vor allem desjenigen, den allein wir ihm leiſten koͤnnen. Unterwirf dich meiner Leitung, und das Schickſal ſelbſt ſoll dich nicht hindern, eine herzogliche Krone zu tragen.“ „Eine Krone von Diſtelwolle, mit Diſtelblaͤttern durchflochten,“ ſagte Zarah.„Ich kenne kein ſchlech⸗ teres Weſen, als Ihren Buckingham! Ich ſah ihn auf Ihr Verlangen— ſah ihn, da er, als ein Mann, ſich haͤtte großmuͤthig und edel zeigen ſollen — ich beſtand die Pruͤfung nach Ihrem Wunſche; denn ich lache uͤber jene Gefahren, vor denen die ar⸗ men erroͤthenden Schwaͤchlinge meines Geſchlechts zuruͤckfahren und ſich zuruͤckziehen. Was fand ich in ihm?— einen grmſeligen ſchwankenden Wolluͤſtling — ſein naͤchſtes leidenſchaftliches Unternehmen glich dem Feuer eines elenden Stoppelfeldes, das wohl ſengen oder rauchen, aber weder waͤrmen noch ver⸗ zehren kann. Chriſtian! laͤge ſeine Krone dieſen Augenblick zu meinen Fuͤßen, ich wollte eher eine — 265 Krone von vergoldetem Pfefferkuchen aufheben, als meine Hand nach ihr ausſtrecken.“ „Sie ſind toll, Zarah— mit allem Ihrem Ge⸗ ſchmack und Talent, Sie ſind ganz toll! Aber laßt Buckingham bei Seite.— Sind Sie mir nichts ſchuldig in dieſer Bedraͤngniß?— Nichts Einem, der Sie aus der Grauſamkeit Ihres Herrn, des Luftſpringers, befreite, um ſe in Bequemlichkeit und Wohlſtand zu ſetzen?“ „Chriſtian, ich verdanke Ihnen viel,“ antwor⸗ tete ſie.„Haͤtt' ich dieß nicht gefuͤhlt, ſo wuͤrd' ich, wie ich oft zu thun verſucht war, Sie bei der ſtolzen Graͤfin angegeben haben, welche Sie auf den Mauern des Schloſſes Ruſhin wuͤrde haben aufhaͤngen, und Ihre Erben Huͤlfe bei den Adlern ſuchen laſſen, die ſeit langer Zeit ihr Neſt mit Ihrem Baar gedeckt und ihre Jungen mit Ihren Fleiſche gefuͤttert ha⸗ hben wuͤrden.“ „Ich bin herzlich froh, daß Sie ſo viel Nachſicht gegen mich gehabt haben,“ gab Chriſtian zur Ant⸗ wort.„Die hab' ich in Wahrheit und Aufrichtigkeit gehabt,“ erwiederte Zarah—„nicht fuͤr Ihre Wohl⸗ thaten gegen mich— ſo wie ſie waren, war jede ſelbſtſuͤctig und aus den eigennuͤtzigſten Abſichten erwieſen. Ich habe ſie tauſendmal uͤbermaͤßig durch die Ergebung in Ihren Willen vergolten, die ich mit IV. NM 266— der groͤßten perſoͤnlichen Gefahr gezeigt habe. Aber bis auf neulich achtete ich Ihre Geiſteskraͤfte— Ihre beiſpielloſe Beherrſchung der Leidenſchaft— die Kraft des Verſtandes, die ich Sie ſtets uͤber alle andere, vom froͤmmelnden Bridgenorth an, bis auf den ausſchweifenden Buckingham, habe behaupten geſehen— hierin allerdings hab' ich meinen Meiſter anerkannt.“ „Und dieſe Faͤhigkeiten,“ ſagte Chriſtian,„ſind unbeſchraͤnkt, wie immer; und mit deinem Beiſtand ſollſt du die ſtaͤrkſten Netze, welche die Geſetze der buͤrgerlichen Geſellſchaft je zur Beſchraͤnkung der natuͤrlichen Wuͤrde des Menſchen geflochten haben, wie ein Spinnengewebe zerreißen ſehen.“ Sie hiejt inne, und antwortete:„Waͤhrend ein edler Beweggrund dich anfeuerte— ja, ein edler, doch ungeſetzmaͤßiger— denn ich war geboren, die Sonne zu ſehen, vor welcher die bleichen Toͤchter Europa's grauet— konnt ich dir dienen— ich haͤtte, waͤhrend Rache oder Ehrgeiz dich geleitet haͤt⸗ te, nur der Liebe des Reichthums folgen koͤnnen — und durch was fuͤr Mittel war er erworben!— Haſt du nicht den Kuppler fur die Luͤſternheit des Koͤnigs machen wollen, obgleich der Gegenſtand deine eigene verwaiſte Nichte war?— du laͤchelſt? Laͤchle wieder, wann ich dich frage, ob du nicht meine eigne 7 Entehrung beabſichtigteſt, als du mir auftrugſt, in dem Hauſe jenes elenden Buckingham zu bleiben.— Laͤchle auf dieſe Frage, und beim Himmel, ich durch⸗ bohre dir das Herz!“ Und ſie ſteckte die Hand in den Buſen, und zeigte ihm zum Theil das Gefaͤß eines kleinen Dolchs. „und wenn ich laͤchle,“ ſagte Chriſtian,„ſo ge⸗ ſchieht es nur aus Verachtung einer ſo gehaͤſſigen Beſchuldigung. Maͤdchen, ich will dir nicht den Grund angeben, aber es gibt auf Erden kein leben⸗ diges Weſen, uͤber deſſen Sicherheit und Ehre ich ſo wachen wollte, als uͤber die deinige, Dich als Buckingham's Weib zu ſehen, wuͤnſcht' ich freilich; und durch deine Schoͤnheit und deinen Witz zweifelte ich nicht, die Partie zu Stande zu bringen.“ „Eitler Schmeichler,“ ſagte Zarah, die jedoch durch eben die Schmeichelei, die ſie verſportete, ins⸗ geheim erfrout zu werden ſchien,„Sie wollten mich bereden, es waͤre aufrichtige Liebe, die, wie Sie er⸗ warteten, der Herzog mir antragen ſollte. Wie wagten Sie auf einem ſo groben Betruge zu veſte⸗ hen, wo Zeit, Ort und Umſtaͤnde die Luͤge auswie⸗ ſen?— Wie wagen Sie es jetzt wieder zu erwaͤhnen, da Sie wohl wiſſen, daß zu der erwaͤhnten Zeit die Herzogin noch am Leben war?“ „Am Leben, aber auf ihrem Sterbebette,“ ſagte M 2 Chriſtian.„Und was Zeit, Ort und Umſtaͤnde be⸗ trifft, wenn deine Tugend, meine Zarah, darauf be⸗ ruht haͤtte, wie haͤtteſt du das Weſen ſein koͤnnen, das du biſt?— Ich weiß, du biſt allgenngſam, ihm Trotz zu bieten— ſonſt— denn du biſt mir werther, als du glaubſt— wuͤrde ich dich nicht aufs Spiel geſetzt haben, den Herzog von Buckingham zu ge⸗ dazu.— Wie nun, willſt du dich von mir leiten laſſen und mir folgen?“ Zarah oder Fenella(denn unſere Leſer muͤſſen lange die Identitaͤt dieſer zwei Perſonen geahnt ha⸗ ben) ſchlug die Augen nieder, und ſchwieg eine lange Zeit.„Chriſtian,“ ſagte ſie endlich in einem feier⸗ lichen Tone,„wenn meine Begriffe von Recht und Unrecht roh und unzuſammenhaͤngend ſind, ſo liegt die Schuld fuͤrs Erſte an dem wilden eber, das meine heimathliche Sonne meinen Adern mittheilte; naͤchſtdem an meiner Kindheit, die ich unter dem Treiben, den Streichen und Kuͤnſten der Gaukler und Marktſchreier zubrachte; und dann an einer Ju⸗ gend voll Liſt und Taͤuſchung, nach der Art, die du mir vorſchriebſt, wobei ich zwar Alles hoͤren, aber es Niemanden mittheilen ſollte. Die letzte Urſa⸗ che meiner wilden Verirrungen, Chriſtian, wenn es ſolche waren, liegt in dir allein; durch deine Intri-⸗ winnen; ja, und das Koͤnigreich von England noch guen kam ich in das Haus jener Dame, und du lehrteſt mich, es ſei meine erſte große Pflicht auf Erden, meines Vaters Tod zu raͤchen; und ich ſei verbunden, diejenige zu haſſen und zu beleidigen, von der ich geſpeiſt oder gepflegt wurde, wiewohl ſie einen Hund und jedes andre ſtumme Thier eben ſo gefuͤt⸗ tert und geliebkoſ't haben wuͤrde. Ich glaube auch — denn ich will offen mit Ihnen ſprechen— Sie wuͤrden nicht ſo leicht in dem Kinde, deſſen erſtaun⸗ liche Gewandtheit das Gluͤck jenes rohen Markt⸗ ſchreiers machte, Ihre Nichte entdeckt; noch ſo leicht ihn bewogen haben, ſich von ſeiner Sklavin zu trennen, haͤtten Sie nicht, um Ihrer eigenen Abſichten willen, mich unter ſeine Aufſicht gegeben, und ſich das Recht vorbehalten, mich zuruͤck zu for⸗ dern, wann es Ihnen geſiele. Ich haͤtte jedoch nicht, unter einer andern Vormundſchaft, eine ſtum⸗ me Perſon ſpielen koͤnnen, wie ich, nach Ihrem Wunſche, lebenslang thun ſollte.“ „Sie thun mir Unrecht, Zarah,“ ſagte Chriſtian —„ich fand Sie faͤhig, in einem außerordentlichen Grade das zur Rache des Todes Ihres Vaters noͤ⸗ thige Unternehmen auszufuͤhren— ich weihte ſie demſelben, ſo wie ich mein eignes Leben und meine Hoffnungen demſelben weihete; und Sie hielten die M 3 Pflicht fuͤr heilig, bis dieſe thoͤrichte Neigung zu ei⸗ b V nem Juͤngling, der Ihre Couſine liebt—“ 1„Der— meine— Couſine— liebt,“ wieder⸗ holte Zarah(denn wir wollen fortfahren, ſie mit ihrem wahren Namen zu nennen) langſam, und als wenn die Worte unbewußt ihren Lippen entfielen. „Gut— es mag ſo ſein! Mann von mancherlei Liſt, ich will deinem Wege ein wenig, ein ſehr klein wenig weiter folgen; aber nimm dich in Acht— plage mich nicht mit Zurechtweiſungen gegen den Schatz meiner geheimen Gedanken— ich meine die faſt hoffnungsloſe Zuneigung zu Julian Peveril— und bringe mich nicht als eine Gehuͤlfin zu irgend einer Schlinge, die du ihm legen willſt. Sie und Ihr Herzog werden die Stunde ſehr bitter bereuen, V in der ihr mich aufreizt. Sie koͤnnen glauben, mich in Ihrer Gewalt zu haben; aber hedenken Sie, die Schlangen meines brennenden Himmelsſtriches ſind nie ſo gefaͤhrlich, als wenn man ſie an⸗ faßt.“— „Ich kuͤmmere mich nicht um dieſe Peverile,“ ſagte Chriſtian—„ich kuͤmmere mich nicht einen Stroh⸗ halm um ihr Schickſal, außer inwiefern es das Schickſal der beſtimmten Frau beruͤhrt, deren Haͤnde — roth ſind von Ihres Vaters Blut. Glauben Sie nmniir, ich kann das Schickſal dieſer Frau und das der — Peverile trennen. Ich will Ihnen ſagen, wie. Und was den Herzog anlangt, er mag unter den Leuten der Stadt fuͤr witzig, und unter den Soldaten fuͤr tapfer, und unter den Hofleuten fuͤr fein und ge⸗ wandt gelten; und warum ſollten Sie, bei ſeinem hohen Range und unermeßlichen Vermoͤgen eine Gelegenheit wegwerfen, die, da ich ſie jetzt benu ar koͤnnte—“ „Rede nicht davon,“ ſagte Zarah,„wenn du un⸗ ſern Waffenſtillſtand— bedenke es iſt kein Frieden — wenn, ſag' ich, du unſern Waffenſtillſtand nur eine Stunde lang dauern aſſen willſt.“ „Dieß alſo,“ ſagte Chriſtian mit dem letzten Verſuche, auf die Eitelkeit dieſes ſonderbaren We⸗ ſens zu wirken.—„deß iſt ſie, welche ſich einer ſolchen Ueberlegenheit uͤber menſchliche Leidenſchaft ruͤhmt, daß ſie gleihguͤltig und ungeruͤhrt durch die Saͤle des Gluͤcklichen, und durch die Gefaͤngnißzellen des Gefangenen, ohne Bekanntſchaft und unbekannt — weder mit der Freuden des einen, noch mit den Leiden des andern ſympathiſirend— wandeln koͤnnte, mit ſihern, doch ſtillen Schritten den einen zum Trotz, und von den andern unbemerkt, ihre eige⸗ nen Plaͤne verfolgend!“ „Meine eigenen Plaͤne 1“ ſagte Zarah—„deine Plaͤne, Chriſtian— deine Plaͤne, den uͤberfallenen M 4 Gefangenen Mittel abzuzwingen, um ſie zu uͤber⸗ fuͤhren— deine eigenen Plaͤne, die du mit Maͤchti⸗ gern, als du ſelbſt biſt, ſchmiedeſt, die Geheimniſſe der Menſchen auszuforſchen, um dieſelben als Stoff zur Anklage zu gebrauchen, damit die große Taͤu⸗ ſchung der Natun aufrecht erhalten werde.“ *.„Ein ſolcher Beitritt wurde Ihnen freilich, als meiner Geſchaͤftsfuͤhrerin zu Theil, um eine große Nationalveraͤnderung 9 zu befoͤrdern,“ ſagte Chriſtian. „Aber wie bedienten Sie ſich deſſen?— Zur Naͤh⸗ rung Ihrer eigenen unſinnigen Leidenſchaft.“ „unſinnig!“ ſagte Zarah—„Waͤre der, an den ich mich wandte, weniger als unſinnig geweſen, er und ich waͤren damals weit entfernt von den Beunruhigungen geblieben, die Sie uns beiden zu— wege gebracht haben. Ich hitte fuͤr Alles geſorgt; und wir haͤtten ſchon die Kuͤſten Britanniens fuͤr im⸗ mer aus dem Geſicht verloren.“ „Und der elende Zwerg vollends,“ ſagte Chriſtian —„war es Ihrer wuͤrdig, das arme Geſchoͤpf mit ſchmeichelnden Erſcheinungen zu tauſchen?— ihn mit Betaͤubungsmitteln einzuſchlaͤfern? War das auch meine That?“ „Er war mein auserſehenes Werkzeug,“ ſagte Zarah ſtolz.„Ich erinnerte mich Ihrer Ermahnun⸗ gen nur zu wohl, ihn nicht als ſolches zu gehrauchen. — Q——— — 3 273 Doch verachten Sie ihn nicht zu ſehr. Ich ſage Ihnen, daß ich jenen elenden Zwerg, mit dem ich im Gefaͤngniß meinen Scherz trieb,— jene armſelige Mißgeburt der Natur, eher zu einem Manne er⸗ waͤhlen wollte, als Ihren Buckingham heiraten; — der eitle und ſchwaͤchliche Pygmaͤe hat doch das warme Herz und edle Gefuͤhl, worein ein Mann ſeine hoͤchſte Ehre ſetzen ſollte. 5 „Nun ſo gehen Sie in Gottes Namen Ihren eigenen Weg,“ ſagte Chriſtian;„und um meinet⸗ willen mag niemand wieder einem Frauenzimmer den Gebrauch ihrer Zunge verbieten, weil er ihr es reichlich damit verguͤten muß, daß er ihr das Vor⸗ recht, nach ihrem eigenen Willen zu handeln, ein⸗ raͤumt. Wer haͤtte es gedacht? Aber das Fuͤllen hat den Zaum fahren laſſen, und ich muß nothwen⸗ dig folgen, da ich ſie nicht leiten kann.“ Unſere Erzaͤhlung kehrt an den Hof des Koͤnigs Karl zu Whitehall zuruͤck. Zwoͤlftes Kapitel. Zu keiner Zeit ſeines Lebens, ſelbſt als dieſes Leben in bedeutender Gefahr war, ſchien die natuͤrliche M 5 3 274 Froͤhlichkeit Karls mehr umwoͤlkt zu ſein, als da er auf die Zuruͤckkunft Chiffinch's mit dem Herzog von Buckingham wartete. Sein Gemuͤth empoͤrte ſich gegen den Gedanken, daß der Mann, gegen den er ſo beſonders nachſichtig geweſen war, und den er zum Freunde ſeiner freieren Stunden und Unterhal⸗ tungen erwaͤhlt hatte, faͤhig geweſen ſein ſollte, ſich mit einem Anſchlage zu befaſſen, der, wie es ſchien, auf ſeine Freiheit und ſein Leben gerichtet war. Er verhoͤrte den Zwerg mehr als einmal aufs Neue, konnte aber nichts mehr herausbringen, als was ſeine erſte Erzaͤhlung enthielt. Die Erſcheinung des Frauenzimmers, die ihm in der Zelle in Newgate zu Theil geworden war, ſchilderte er mit ſolchen fanta⸗ ſtiſchen und romantiſchen Farben, daß der Koͤnig nicht umhin konnte, den Kopf des armen Mannes fuͤr ein wenig verwirrt zu halten; und da in der Pauke und in den uͤbrigen fuͤr das Corps der frem⸗ den Muſiker des Herzogs hergebrachten Inſtrumen⸗ ten nichts gefunden wurde, ſo naͤhrte er einige Hoff⸗ nung, daß der gaͤnze Plan entweder ein bloßer Scherz ſein, oder der Gedanke einer wirklichen Ver⸗ ſchwoͤrung auf einem Irrthum beruhen moͤchte. Die Perſonen, welche abgeſchickt worden waren, die Bewegung von Herrn Weiver's Gemeinde zu beobachten, brachten die Nachricht zuruͤck, daß dieſe — — Verſammlung ruhig aus einander gegangen waͤre. Es war zu gleicher Zeit bekannt, daß ſie ſich bewaff⸗ net verſammelt hatten; aber dieß bewies noch keinen. beſondern Angriffsplan zu einer Zeit, da alle wahren Proteſtanten ſich in der Gefahr eines unmittelbaren Blutbades zu beſinden glaubten; als die Vaͤter der Stadt in Erwartung eines nahen Aufſtandes der Katholiken, zu wiederholten Malen die Buͤrgermiliz zuſammenberufen, und die Buͤ ger von London in Bewegung geſetzt hatten; und als, um Alles in den emphatiſchen Worten eines Rathsyerrn jener Tage zuſammenzufaſſen, der allgemeine Glaube herrſchte, ſie wuͤrden einmal an einem ungluͤcklichen Morgen Alle mit abgeſchnittenen Kehlen erwachen. Wer dieſe graͤßlichen Unthaten veruͤben waͤrde, war ſchwe⸗ rer zu muthmaßen; aber Alle gaben die Moͤglich⸗ keit zu, veruͤbt zu werden, weil bereits ein Friedens⸗ richter ermordet worden war. Es war daher aus einer Verſammlung von Proteſtanten im vorz üͤglichen Sinne, die von alten Erinnerungen her militaͤriſch waren, und bei ſo einem allgemeinen paniſchen Schrecken ihre Waffen an den Ort ihres Gottes⸗ dienſtes mitbrachten, kein entſcheidender Schluß auf feindſelige Abſichten gegen den Staat herzu⸗ leiten. Auch ließ die heftige Sprache des Geiſtlichen, — 276— wenn ſie zum Beweiſe dienen ſollte, nicht ſchlechthin— auf uͤberlegte Gewaltthaͤtigkeit ſchließen. Die Lieb⸗ lingsgleichniſſe der Prediger, und die bildlichen Aus⸗ druͤcke und die Zierrathen der Rede, die ſie waͤhlten, waren zu allen Zeiten von militaͤriſchem Gepraͤge; und die Einnahme des Himmelreichs im Sturm, eine ſtarke und ſchoͤne Metapher, wenn ſie, wie in der Schrift, im Allgemeinen genommen wird, wurde in ihren Predigten in der ganzen Kunſtſprache, von dem Angriff und der Vertheidigung eines befeſtigten Platzes, zergliedert. Kurz, die Gefahr, wie groß oder gering ſie auch immer wirklich geweſen ſein mochte, war ſo ploͤtzlich verſchwunden, als eine durch eine zufaͤllige Beruͤhrung zerfallene Blaſe auf dem Waſſer, und hatte eben ſo wenig Spur zuruͤck ge⸗ laſſen. Es war daher eine ſehr zweifelhafte Sache, ob ſie wirklich vorhanden geweſen war.* Waͤhrend von außen mancherlei Geruͤchte umher liefen, und ihr Gehalt von dem Koͤnige und von ſolchen Edlen und Staatsmaͤnnern, mit denen er ſich bei dieſer Gelegenheit zu berathen gut fand, gepruͤft wurde, vermiſchte ſich eine allmaͤhliche Unruhe und Beſorgniß mit der Froͤhlichkeit des Abends, und machte ſie endlich verſtummen. Alle bemerkten, daß etwas Ungewoͤhnliches vorging; und die unge⸗ wohnte Entfernung, in der ſich Karl von ſeinen . — 277 Gaͤſten hielt, vermehrte den Mißmuth, der in dem Audienzzimmer uͤberhand zu nehmen anfing, und verrieth, daß etwas Ungewoͤhnliches den Geiſt des Koͤnigs in Bewegung ſetzte. So wurden die Spieltiſche verlaſſen— die Muſik ſchwieg, oder fand keine Zuhoͤrer— die jungen Herren hoͤrten auf, den Damen Hoͤflichkeiten zu ſa⸗ gen, und dieſe, ſie zu erwarten; und eine Art furcht⸗ ſamer Neugierde verbreitete ſich in der Geſellſchaft. Die einen fragten die andern, warum ſie ſo ernſthaft waͤren; und es erfolgte eben ſo wenig Antwort, als bei einer Heerde Vieh, die von einem nahen Donner⸗ wetter in bange Unruhe geſetzt worden iſt. Um die allgemeine Beſorgniß zu vermehren, ſing man ſich an zuzufluͤſtern, daß ein oder ein paar Gaͤ⸗ ſte, die das Schloß zu verlaſſen wuͤnſchten, erfahren hatten, daß keinem vor der Stunde der allgemeinen Entlaſſung erlaubt werden koͤnnte, fort zu gehen. Und dieſe, die in den Saal zuruͤckſchlichen, vertrau⸗ ten den andern, daß die Schildwachen an den Tho⸗ rew verdoppelt waͤren, und ein Trupp Leibgarde zu Pferde ſich im Hofe aufſtellte— lauter ſo ungewoͤhn⸗ liche Umſtaͤnde, daß ſie die aͤngſtlichſte Neugierde er⸗ regen mußten. So war der Zuſtand des Hofes, als man draußen Raͤder raſſeln hoͤrte, und das entſtehende Geraͤuſch 278 die Ankunft einer Perſon von Bedeutung ankuͤn⸗ digte. „Hier kommt Chiffinch,“ ſagte der Koͤnig,„mit ſeiner Beute in den Klauen.“ Es war wirklich der Herzog von Buckingham; auch nahete er der Gegenwart des Koͤnigs nicht ohne innere Bewegung. Bei dem Eintritte in den Hof ſchimmerten die Wachsfackeln, welche um den Wa⸗ gen herum getragen wurden, auf die Scharlachklei⸗ der, Treſſenhuͤte und gezogenen breiten Schwerter der Leibwache zu Pferde— ein ungewoͤhnlicher An⸗ blick, der wohl einem Gewiſſen Schrecken einjagen konnte, das nicht das unbeſcholtenſte war. Der Herzog ſtieg aus dem Wagen, und ſagte dem Dienſt thuenden Offizier blos:„Sie ſind ſpaͤt dieſe Nacht unter den Waffen, Capitaͤn Carleton.“ „Das iſt unſre Ordre, mein Herr,“ antwortete Carleton mit militaͤriſcher Kuͤrze; und dann com⸗ mandirte er die vier abgeſtiegenen Schildwachen am untern Thore, dem Herzog von Buckingham Platz zu machen. Seine Durchlaucht war kaum eingetre⸗ ten, als er hinter ſich den Befehl hoͤrte:„Ruͤckt dicht heran, Wachen, noch dichter ans Thor.“ Und es war ihm, als wenn er bei dieſen Worten alle Ausſicht auf Rettung verſchloſſen ſaͤhe. Als er zur großen Treppe kam, zeigten ſich an⸗ — 279 dere Zeichen von Beſorgniß und Vorſichtsmaßregeln. Die Trabanten der Garde waren in ungewoͤhnlicher Anzahl verſammelt, und trugen Karabiner ſtatt ihrer Hellebarden; und die vornehnnſten koͤniglichen Leibgardiſten mit ihren Partiſanen erſchienen auch in verhaͤltnißmaͤßiger Staͤrke. Kurz alle Arten von Vertheidigung, welche der koͤnigliche Hofſtaat in ſich ſelbſt beſitzt, ſchienen aus irgend einem dringenden und ſchleunigen Beweggrunde, unter Waffen geſtellt und in Dienſtthaͤtigkeit geſetzt zu ſein. Buckingham beſtieg die koͤnigliche Treppe mit auf⸗ merkſamen Blick auf dieſe Ruͤſtungen, und mit ei⸗ nem feſten und langſamen Schritt, als zaͤhlte er jede Stufe, auf die er trat.„Wer,“ fragte er ſich ſelbſt,„wird Chriſtians Treue verbuͤrgen? Laßt ihn nur feſt ſtehen, und wir ſind ſicher. Außerdem—“ Indem er das Gegentheil erwog, trat er in das Audienzzimmer. Der Koͤnig ſtand in der Mitte des Zimmers, umgeben von den Perſonen, mit denen er berath⸗ ſchlagt hatte. Der uͤbrige Theil der glaͤnzenden Ge⸗ ſellſchaft ſah, in Gruppen zerſtreut, in einiger Ent⸗ fernung zu. Alle ſchwiegen, als Buckingham herein trat, in Hoffnung, einige Auskunft uͤber die Ge⸗ heimniſſe des Abends zu erhalten. Alle beugten ſich vorwaͤrts, ob ihnen gleich die Hofſitte verbot, 280 ſich zu naͤhern, um, wo moͤglich, Etwas aufzufangen, was zwiſchen dem Koͤnige und ſeinem verſchlagenen Staatsmann vorgehen wuͤrde. Zu derſelben Zeit zogen ſich die Raͤthe, die um Karl ſtanden, auf jeder Seite zuruͤck, damit der Herzog ſeiner Majeſtaͤt in der uͤblichen Form ſeine Ehrfurcht bezeigen koͤnnte. Er vollzog das Zerimoniell mit ſeiner gewohnten Anmuth, ward aber von Karl mit viel ungewohntem Ernſte empfangen. „Wir haben einige Zeit auf Sie gewartet, Herr Herzog. Es iſt lange her, daß uns Chiffinch verließ, um Sie hieher einzuladen. Ich ſehe, Sie ſind ſehr ſorgfaͤltig gekleidet. Ihre Tollette war bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit nicht noͤthig.“ „Unnoͤthig zwar fuͤr den Glanz des Hofes Ihrer Majeſtaͤt,“ ſagte der Herzog;„aber nicht unnoͤthig von meiner Seite. Dieß traf ſich gerade am Hin⸗ richtungstage am York⸗Place, und mein Club von Sendune⸗ war in voller Froͤhlichkeit, als Ihrer Majeſtaͤt Vorladung ankam. Ich konnte nicht in der Geſellſchaft von Ogle, Maniduc, Dawſon u. ſ. w. ſein, ohne einige Vorbereitung und einige Abwa⸗ ſchung vorzunehmen, eh' ich in dieſen Zirkel trat.“ „Ich hoffe, die Reinigung wird vollſtaͤndig ſein,“ ſagte der Koͤnig ohne eine Neigung zum Licheln, ») Des Galgens werthen, — 281 welche allemal die Zuͤge milderte, die, ohne dieſe Vergoldung, finſter, hart und ſelbſt herbe waren. „Wir wuͤnſchten Ihre Durchlaucht uͤber die Bedeu⸗ tung einer Art muſikaliſcher Maſke zu befragen, welche Sie uns hier zu geben beſtimmten, die aber, wie wir hoͤren, mißlungen iſt.“ „Es muß in der That ein großes Mißlingen ſein,“ ſagte der Herzog,„weil Ihre Majeſtaͤt ſo ernſthaft dabei ausſehen. Ich glaubte, Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt(da ich Sie immer zut Geſchmack an ſolchen Unterhaltungen ſich herablaſſen geſehen habe) ein Ver⸗ gnuͤgen zu machen, indem ich Ihnen den Inhalt jener Baßviole ſchickte; aber ich fuͤrchte, der Scherz iſt nicht angenehm geweſen— ich fuͤrchte, die Feuerwerke haben Ungluͤck angerichtet.“ „Nicht das Ungluͤck, zu dem ſie vielleicht be⸗ ſtimmt waren,“ ſagte der Koͤnig ernſthaft;„wie Sie ſehen, mein Herzog, wir ſind alle am Leben und unverſengt.“ „Lange moͤgen Ihre Majeſtaͤt ſo bleiben,“ ſagte der Herzog;„doch ich ſehe, das mir hier Etwas uͤbel ausgelegt worden ſein muß— es muß eine unverzeih⸗ liche, wenn auch noch ſo wenig beabſichtigte, Sache ſein, weil ſie einem ſo nachſichtsvollen Herrn mißfal⸗ len hat.“ „Einem zu nachſichtsvollen Herrn allerdings, 282— Buckingham,“ erwiederte der Koͤnig;„und die Frucht meiner Nachſicht iſt geweſen, treu ergebene Maͤnner in Verraͤther zu verwandeln.“ „Geruhen Ihre Majeſtaͤt, ich kann dieß nicht ver⸗ ſtehen,“ ſagte der Herzog⸗ „Folgen Sie uns, mein Herzog,“ antwortete Karl,„und wir wollen Ihnen unſre Meinung zu erklaͤren ſuchen.“ Begleitet von den naͤmlichen Raͤthen, die um ihn ſtanden, nebſt dem chm folgenden Herzog von Buckingham, auf den alle Augen geheftet waren, begab ſich Karl in daſſelbe Kabinet, wo die wieder⸗ holten Berathſchlagungen im Verlaufe dieſes Abends waren gehalten worden. Hier lehnte er ſich mit kreuzweiſe uͤber einander geſchlagenen Armen an den Ruͤcken eines Armſtuhls, und ſing nun an, den ver⸗ daͤchtigen Edelmann zu verhoͤren. „Laßt uns offen gegen einander ſein. Reden Sie frei, Buckingham. Mit einem Wort, was war es fuͤr eine Unterhaltung, die Sie uns dieſen Abend zugedacht hatten?“ „Ein geringes Maſkenſpiel, Ihre Majeſtaͤt. Ich hatte beſchloſſen, eine kleine Taͤnzerin aus dem Inſtrumente kommen zu laſſen, die, wie ich glaubte, mit ihrer Geſchicklichkeit Ihre Majeſtaͤt vergnuͤgt ha⸗ ben wuͤrde— auch waren einige Chineſiſche Feuer⸗ werke dabei, die, weil die Unterhaltung vermuth⸗ lich im Marmorſaale ſtatt finden moͤchte, hoffent⸗ lich mit guter Wirkung, und ohne die geringſte Ge⸗ fahr, bei der erſten Erſcheinung meiner kleinen Zau⸗ berin, hatten dos gebrannt werden ſollen, um gleich⸗ ſam ihr Hervortreten auf die Buͤhne zu maſkiren. Ich hoffe, es werden durch meinen uͤbel ausgedach⸗ ten Scherz keine Peruͤcken verſengt— keine Damen erſchreckt— keine Hoffnungen einer edlen Abkunft geſtoͤrt worden ſein?“ „Wir haben keine ſolche Feuerwerke geſehen, mein Herzog, und Ihre Taͤnzerin, von der wir jetzt zum erſten Mal hoͤren, kam in der Geſtalt unſers alten Bekannten Gottfried Hudſon hervor, bei dem die Tage des Tanzens ſicherlich zu Ende ſind.“ „Ihre Majeſtaͤt ſetzen mich in Erſtaunen! Ich erſuche Sie, laſſen Sie nach Chriſtian ſchicken— Eduard Chriſtian— er wird in einem großen alten Hauſe nahe bei Sharper, dem Meſſerſchmid, am Strand, anzutreffen ſein. So wahr ich lebe, Ihre Majeſtaͤt, ich trug? n die Veranſtaltung dieſer Sache auf, da ihm wirklich die junge Taͤnzerin an⸗ gehoͤrt. Wenn er Etwas zur Schaͤndung meines Plans oder zur Beeintraͤchtigung meines Charakters gethan hat, ſo ſoll er unter Dabcs liden ſeinen Tod finden.“ 284— „Es iſt ſonderbar,“ ſagte der Koͤnig,„und ich hab' es oft bemerkt, daß dieſer Kerl, Chriſtian, die Schuld von den Verbrechen aller Menſchen traͤgt— er ſpielt die Rolle, die in einer großen Familie ge⸗ woͤhnlich jener Unheil ſtiftenden Perſon, Niemand genannt, zugetheilt wird. Wenn Chiffinch Etwas verſieht, ſchiebt er es allemal auf Chriſtian. Wenn Sheffield ein Paſquill ſchreibt, ſo bin ich gewiß, zu hoͤren, daß es Chriſtian verbeſſert, oder abgeſchrie⸗ ben, oder verbreitet habe— er iſt die ame damnée von Jedermann an meinem Hofe— der Suͤhnbock, der alle ihre Ungerechtigkeiten wegtragen ſoll; und er wird eine grauſame Laſt in die Wuͤſte zu tragen haben. Aber fuͤr Buckinghams Suͤnden insbeſon⸗ dere iſt er der regelmaͤßige und gleichfoͤrmige Buͤrge, und ich bin uͤberzeugt, Seine Durchlaucht erwarten, Chriſtian ſoll jede Buße leiden, in die er in dieſer oder in der kuͤnftigen Welt verfallen iſt.“ „Dieß iſt nicht der Fall,“ erwiederte der Herzog mit der tiefſten Verbeugung.„Ich habe keine Hoff⸗ nung, durch Stellvertretung gehaͤngt oder verdammt zu werden; aber es iſt klar, es hat irgend Jemand ſich an meinem Einfall vergriffen und ihn veraͤndert. Wenn ich wegen Etwas angeklagt werde, ſo laſſen Sie mich wenigſtens die Beſchuldigung hoͤren und meinen Klaͤger ſehen.“ „Das iſt nicht mehr, als billig,“ ſagte der Koͤ⸗ nig.„Bringt unſern kleinen Freund hinter dem Kaminſchirm hervor.“— Nachdem alſo Hudſon hervor gefuͤhrt war, fuhr Karl fort,„Hier ſteht der Herzog von Buckingham. Wiederhole ihm, was du uns exzaͤhlt haſt. Laß ihn hoͤren, worin der In⸗ halt der Baßviole beſtand, der weggenommen wurde, damit du den Platz dafuͤr einnehmen konnteſt, fuͤrchte Dich vor Niemanden, ſondern ſage die Wahrheit dreuſt heraus.“ „Geruhen Ihre Majeſtaͤt,“ ſagte Hudſon, Sutchs iſt Etwas, das ich nicht kenne.“ „‚KSein Koͤrper hat keinen Raum fuͤr eine oiche Leidenſchaft, oder er iſt zu klein, als daß er verdiente, fuͤr ihn beſorgt zu ſein,“ ſagte Buckingham.— „Doch laßt ihn ſprechen.“ Ehe Hudſon ſeine Erzaͤhlung beendigt hatte, unterbrach ihn Buckingham mit dem Ausruf;„Iſt es moͤglich, daß ich bei Ihrer Majeſtaͤt auf das Wort dieſer armſeligen Spielart des Paviange⸗ ſchlechts in Verdacht komme?“ „Schaͤndlicher Lord, ich fordere dich zum Zwei⸗ kampf!“ ſagte der kleine Mann, hoch entruͤſtet uͤber die ihm ſo gegebene Benennung, „Ei ja, ſeht einmal an!“ ſprach der Herzog.— „Das kleine Thier iſt ganz verruͤckt, und trotzt einem 286„— Mann, der keine andre Waffe braucht, als eine große Stecknadel, um ihm die Lungen zu durchboh⸗ ren, und der ihn mit einem einzigen Fußſtoße ohne Jachtſchiff oder Boot von Dover nach Calais ſchleu⸗ dern koͤnnte., Und was koͤnnen Sie von einem Pinſel erwarten, der in eine gemeine Luftſpringerin vernarrt iſt, die zu Gent in Flandern auf einem Bindfaden tanzte, wenn ſie nicht ihre Kuͤnſte in einer Bude auf dem Bartholomaͤus⸗Jahrmarkt gemein⸗ ſchaftlich zu zeigen hatten?— Iſt es nicht klar⸗ angenommen, das kleine Thier ſei nicht boshaft, wie allerdings ſeine ganze Sippſchaft eine allgemeine und hoͤchſt giftige Bosheit gegen Alle haͤgt, welche die gewoͤhnlichen Proportionen der Menſchengeſtalt haben— zugegeben, ſag⸗ ich, dieß waͤre keine bos⸗ hafte Unwahrheit von ſeiner Erfindung, was wuͤrde ſeine Ausſage weiter bedeuten? Daß er Raketen und Chineſiſche Schwaͤrmer fuͤr Waffen angeſehen hat! Er ſagt nicht, daß er ſelbſt ſie angeruͤhrt oder in die Hand genommen habe; und, nach dem bloßen Anblick zu urtheilen, ſo frag' ich, ob das alte ſchwa⸗ che Geſchoͤpf, wann ihm eine Grille oder ein Vorur⸗ theil den Schedel eingenommen hat, im Stande iſt, eine große Muſkete von einer Blutwurſt zu unter⸗ ſcheiden?“ Das ſchreckliche Geſchrei⸗ das der Zwerg eeh. — 287 ſobald er dieſe Herabwuͤrdigung ſeiner militaͤriſchen Kenntniſſe hoͤrte,— die Hitze, mit der er ſeine krie⸗ geriſchen Erfahrungen der Reihe nach herausſtrich— und die abgeſchmackten Grimaſſen, mit denen er ſeine Erzaͤhlung zu bekraͤftigen ſuchte, reizten nicht nur den Koͤnig, ſondern auch die anweſenden Staats⸗ maͤnner zum Lachen, und machten den buntſcheckigen Auftritt noch abenteuerlicher. Der Koͤnig endigte dieſen Streit, indem er den Zwerg hinweg zu bringen befahl. Dann wurde eine regelmaͤßigere Eroͤrterung ſei⸗ nes Zeugniſſes vorgenommen, und Ormond war der erſte, welcher anzeigte, daß es ſich weiter erſtreckte, als man bemerkt haͤtte, weil der kleine Mann eine gewiſſe, von den Untergebenen des Herzogs, die den Zwerg ins Schloß brachten, gehaltene außeror⸗ dentliche verraͤtheriſche Unterredung erwaͤhnt habe. „Ich wußte wohl, daß mir des Herrn Herzogs von Ormond Fuͤrſprache nicht fehlen wuͤrde,“ ſagte der Herzog hoͤhniſch;„aber ich biete ihm gleichfalls Trotz, und allen meinen andern Feinden, und werde es leicht finden, zu zeigen, daß dieſe angebliche Ver⸗ ſchwoͤrung, wenn ſie uͤberhaupt einen Geund hat, ein bloßes Scheincomplott iſt, vorgebracht, um den mit Recht gegen die Papiſten gerichteten Haß auf die Proteſtanten zu werſen. Hier iſt ein zum Haͤn⸗ 8 288— gen reifer Wieht, der an demſelben Tage, da er dem Galgen entrinnt— ſeiner wohlverdienten Strafe, wie Viele dafuͤr halten— herkommt, um einem pro⸗ teſtantiſchen Pair ſeinen guten Ruf zu rauben— und aus welchem Grunde?— wegen eines verraͤ⸗ theriſchen Geſpraͤchs von drei oder vier Teutſchen Violinſpielern, das er durch die Schallloͤcher eines Violoncells hoͤrte, und zwar, als der Tropf darin ſteckte, und von einem Mann auf die Schulter ge⸗ hoben wurde! Der Igel beweiſt auch beim Wie⸗ derholen ihrer Worte, daß er eben ſo wenig Teutſch verſteht, als mein Pferd; und wenn er auch das, was ſie ſagten, recht hoͤrte, richtig verſtand und ge⸗ nau berichtete, kann denn meine Ehre durch die Reden ſolcher Leute beeintraͤchtigt werden, mit denen ich nie weiter zu ſprechen gehabt habe, als mit Per⸗ ſonen ihres Gewerbes und ihrer Faͤhigkeiten zu ge⸗ ſchehen pflegt?— Verzeihen mir Ihre Majeſtaͤt. wenn ich ſo frei bin zu ſagen, daß die ſcharfſinnigen Staatsmaͤnner, welche die papiſtiſche Verſchwoͤrung durch das vorgebliche Mehlkaſten⸗Complott zu erſti⸗ cken ſuchten, mit ihren Erdichtungen uͤber Gei⸗ gen und Concerte nicht viel mehr Glauben finden werden.“ Die gegenwaͤrtigen Raͤthe ſahen einander an⸗ — 289 und Karl drehte ſich um, und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Um dieſe Zeit wurden die Peverile, Vater und Sohn, im Palaſte angemeldet, und in das koͤnigliche Audienzzimmer beſchieden.. Dieſe Maͤnner hatten den koͤniglichen Befehl in einem hoͤchſt intereſſanten Augenblick erhalten. Nach⸗ dem ſie von dem presbyterianiſchen Aelteſten, Brid⸗ genorth, auf die Art und unter den Bedingungen, welche die Leſer aus der Unterredung des letztern mit Chriſtian werden abgenommen haben, ihrer Haft waren entlaſſen worden, erreichten ſie die Wohnung der Lady Peveril, welche ſie mit einer Freude, in die ſich Furcht und Ungewißheit miſchten, erwartete. Die Nachricht von ihrer Befreiung hatte ſie durch die Bemuͤhungen des treuen Lance Outram erhalten; aber ihr Gemuͤth war ſeitdem durch ihr langes Außenbleiben und die Geruͤchte von den auf der Fleetſtraße und am Strand vorgefallenen Unru⸗ hen beaͤngſtigt worden. Als das erſte Entzuͤcken des Wiederſehens vor⸗ uͤber war, ſagte Lady Peveril, mit einem unruhigen Blick auf ihren Sohn, als wenn ſie ihm Vorſicht anempfoͤhle, daß ſie nun im Begriff waͤre, ihm die IV. N 290— Tochter eines alten Freundes vorzuſtellen, den er nie(ſie legte einen Nachdruck auf dieſes Wort) zuvor geſehen haͤtte.„Dieſes junge Frauenzimmer“ (fuhr ſie fort)„iſt das einzige Kind des Oberſt Mitford in Nord⸗Wales, der ſie hieher geſchickt hat, um einige Zeit unter meiner Aufſicht zu bleiben, da er ſich ſelbſt unfaͤhig findet, ihre Erziehung zu uͤber⸗ nehmen.“ 3 „Ja, ja,“ ſagte der Ritter Gottfried Peveril, „Richard Mitford muß nun alt ſein— uͤber die ſiebzig, ſollt' ich glauben. Er war kein Juͤngling mehr, als er mit zweihundert wilden Walliſern zum Marquis von Hertford bei Namptwich ſtieß.— Bei Georg, Julian, ich liebe das Maͤdchen, als wenn ſie mein eignes Fleiſch und Blut waͤre! Ohne ſie wuͤrde Lady Peveril nie durch dieſe Noth hindurch gekommen ſein; und Richard Mitford ſchickte mir noch dazu eintauſend Pfund zu herrlicher Zeit, als es kaum ein Kreuz gab, den Teufel vom Tanzen in unſern Taſchen abzuhalten, viel weniger fuͤr dieſe Gerichtsſachen. Ich gebrauchte das Geld ohne Be⸗ denken; denn da gibt es Holz genug zu faͤllen in Martindale, wenn wir wieder dort ſein werden und Richard Mitford weiß, ich haͤtte daſſelbe fuͤr ihn ge⸗ than. Sonderbar, daß er der einzige meiner Freunde ſein mußte, der daran dachte, daß ich einige Pfunde brauchen moͤchte.“ Waͤhrend der Ritter Peveril ſich ſo ausließ, erfolgte die Annaͤherung zwiſchen Alexien und Julian Peve⸗ ril, ohne eine beſondere Bemerkung von ſeiner Seite, ausgenommen, daß er ſagte:„Kuͤſſe ſie, Julian— kuͤſſe ſee. Was zum Teufel iſt das die Manier, die du auf der Inſel Man lernteſt, dich einer Dame zu naͤhern, als wenn ihre Lippen ein gluͤhendes Hufeiſen waͤren?— Und nehmen Sie es nicht uͤbel, meine Schene; Julian iſt von Natur ſchuͤchtern, und iſt bei einer alten Dame auferzogen worden; aber Sie werden ihn in Kurzem ſo galant finden, als du mich gefunden haſt, meine Prinzeſſin.— Und nun, Frau Peveril, zum Mittagseſſen, zum Mittagseſſen!— Der alte Fuchs muß ſein Futter haben, obgleich die Hunde den ganzen Tag hinter ihm her geweſen find.⸗ Lance, deſſen freudige Gluͤckswuͤnſche zunaͤchſt angehoͤrt werden mußten, hatte die Ueberlegung, ſie kurz zu faſſen, um ein einfaches, aber kraͤftiges Mahl aus der naͤchſten Garkuͤche zu beſorgen; und Julian ſaß dabei, wie ein Bezauberter, zwiſchen ſeinen Geliebten und ſeiner Mutter. Er begriff nun 4 leicht, daß die letztere die vertraute Freundin war, N 2 292 welcher Bridgenorth am Ende die Aufſicht uͤber ſeine Tochter uͤbergeben hatte; und ihn beunruhigte jetzt nur noch die Stoͤrung, die er als wahrſcheinlich bevor⸗ ſtehend befuͤrchtete, ſobald die wahre Verwandtſchaft des Maͤdchens ſeinem Vater bekannt gemacht wer⸗ den wuͤrde. Weislich jedoch ließ er dieſe Beſorgniſſe ſich nicht in die Freude ſeiner gegenwaͤrtigen Lage miſchen, in welcher manche ergoͤtzliche Zeichen des Wiedererkennens ohne Beſchraͤnkung, unter den Au⸗ gen der Lady Peveril, und unter der geraͤuſchvollen Froͤhlichkeit des alten Baronets gewechſelt wurden, der fuͤr zwei Mann ſprach, fuͤr drei aß, und fuͤr ein halb Dutzend Wein trank. Im letztern Punkte wuͤrde er vielleicht faſt zu weit gegangen ſein, waͤre er nicht durch einen Herrn unterbrochen worden, der die Befehle des Koͤnigs brachte, daß er unverzuͤglich zur Audienz zu Whitehall erſcheinen und ſeinen Sohn mitbringen moͤchte. Lady Peveril war beſtuͤrzt, und Alerie erölꝛßte von aͤngſtlichem Mitgefuͤhl; aber der alte Ritter, der nie mehr ſah, als was gerade vor ihm lag, ſchrieb den Befehl des Koͤnigs ſeinem unruhigen Verlangen zu, ihm zu ſeiner Befreiung Gluͤck zu wuͤnſchen; eine Theilnahme von Seiten ſeiner Majeſtaͤt, die er keineswegs fuͤr uͤbertrieben anſah, weil er ſich bewußt — 293 war, daß ſie von ſeiner Seite gleichmaͤßig erwiedert wurde. Dieſer Befehl kam ihm allerdings mit deſto froherer Ueberraſchung, da er, ehe er den Gerichts⸗ hof verließ, einen vorlaͤufigen Winf erhalten hatte, daß er kluͤglich handeln wuͤrde, erſt nach Martindale zu gehen, ehe er ſich am Hofe vorſtellte— eine Beſchraͤnkung, die er den Geſinnungen ſeiner Ma⸗ isſͤt eben ſo ſehr, als ſeinen eigenen widerſtreitend fand. Waͤhrend er mit Lance Outram uͤber die Politur ſeines Lederguͤrtels und ſeines Degengefaͤßes berath⸗ ſchlagte, hatte Lady Peveril Gelegenheit, Julian genauer davon zu unterrichten, daß Alexie in ihres Vaters Auftrage und mit Einwilligung in ihre Ver⸗ bindung, wenn ſie ins Werk geſetzt werden koͤnnte, unter ihrer Aufſicht ſtaͤnde. Sie ſetzte hinzu, ſie waͤre entſchloſſen, die Vermittlung der Graͤfin von Derby zu Huͤlfe zu nehmen, um die Schwierigkeiten zu beſiegen, die ſich von Seiten des Ritter Gott⸗ frieds vorher ſehen ließen. N 3 Dreizehntes Kapitel. Als Vater und Sohn in das Audienzeabinet traten, war leicht wahrzunehmen, daß der Ritter Peveril der Vorladung eben ſo gehorcht hatte, wie er dem Ruf der Trompete zum Aufſitzen gefolgt haben wuͤrde; und ſeine fliegenden grauen Locken und ſi⸗ne nur halb geordnete Kleidung verriethen zwar ſo viel Eifer und Eile, als er gezeigt haben mochte, wenn ihn Karl der Erſte zur Theilnahme an einem Kriegs⸗ rathe berief, ſchienen aber doch etwas unſchicklich fuͤr ein friedliches Audienzzimmer. Er blieb an der Thuͤre des Cabinets ſtehen; als ihn aber der Koͤnig naͤher treten hieß, warf er ſich, mit jedem Gefuͤhl, das in der Erinnerung ſeines fruͤhern und ſpaͤtern Lebens in ihm ſich regte und kaͤmpfte, vor dem Koͤnig auf die Kniee, ergriff ſeine Hand, und brach, ſelbſt ohne eine Anſtrengung, zu ſprechen, in lautes Wei⸗ nen aus. Karl, der uͤberhaupt tief fuͤhlte, ſo lange er einen ruͤhrenden Gegenſtand vor den Augen hatte, uͤberließ fuͤr einen Augenblick den Greis ſeiner Ent⸗ zuͤckung. Darn ſagte er aber:„mein guter Ritter Gottfried, Sie haben etwas harte Umſtaͤnde betrof⸗ fen; wir ſind Ihnen Entſchaͤdigungen ſchuldig, und — 295 werden Gelegenheit finden, unſere Schuld zu be⸗ zahlen.“ „Kein Leiden, keine Schuld,“ ſagte der Greis; es bekuͤmmerte mich nicht, was die Schurken von mir ſagten;— ich wußte, ſie konnten nie zwoͤlf ehr⸗ liche Leute zuſammenbringen, die ein Wort von ihren verdammten Luͤgen geglaubt haͤtten. Ich haͤtte ſie gern durchgehauen, als ſie mich einen Verraͤther Ih⸗ rer Majeſtaͤt nannen— das geſteh' ich.— Aber eine ſo baldige Gelegenheit zu haben, Ihrer Majeſtaͤt meine Ehrfurcht zu bezeigen, belohnt mich uͤber Alles. Die Schurken wollten mich bereden, ich duͤrfte nicht nach Hofe kommen— aha!“ Der Herzog von Ormond bemerkte, daß ſich der Koͤnig ſtark entfaͤrbte; denn in der That war vom Hofe aus dem Ritter Peveril der Privatwink gege⸗ ben worden, aufs Land hinab zu gehen, ohne zu Whitehall zu erſcheinen; und er argwoͤhnte uͤberdieß, daß der muntre alte Ritter, nach den Beſchwerden eines ſo unruhigen Tages, nicht ganz mit trockenem Munde von ſeinem Mittagstiſche aufgeſtanden ſein moͤchte.„Mein alter Freund,“ fuͤſterte er ihm daher zu:„Sie vergeſſen, daß Ihr Sohn vorge⸗ ſtellt werden muß— wollen Sie mir dieſe Ehre erlauben?“ N 4 296— „Ich bitte Ihre Durchlaucht demuͤthig um Ver⸗ zeihung,“ ſagte der Ritter;„aber das iſt eine Ehre, die ich mir ſelber zueigne, da ich beſorge, daß ihn Niemand dem Dienſte ſeiner Majeſtaͤt ſo voͤllig uͤber⸗ geben und uͤberliefern kann, als der Vater, der ihn gezeugt hat, zu thun berechtigt iſt.— Julian, tritt hervor, und kniee.— Hier iſt er— geruhen Ihre Majeſtaͤt— Julian Peveril— ein Sproſſe von dem alten Stamm— ein tuͤchtiger, doch kaum ſo ſtarker Baum, als der alte Stamm, da er am friſcheſten war. Nehmen Sie ihn auf, Ihre Ma⸗ jeſtaͤt, als einen treuen Diener, à vendre et à pendre, wie die Franzoſen ſagen; wenn er Feuer oder Stahl, das Beil oder den Galgen, im Dienſte 3 Ihrer Majeſtaͤt fuͤrchtet, ſo entſage ich ihm— er iſt dann nicht mein Sohn— ich verleugne ihn, und er mag auf die Inſel Man, die Inſel der Hunde, oder die Inſel der Teufel gehen; was kuͤmmert es mich!“ 3 Karl winkte dem Herzoge von Ormend, und nachdem er mit ſeiner gewohnten Huld ſeine voͤllige Ueberzeugung verſichert hatte, daß Julian die Dienſt⸗ treue ſeiner Vorfahren und insbeſondere ſeines Va⸗ ters, nachahmen wuͤrde, ſetzte er hinzu, er glaube, ſeine Durchlaucht von Ormond werde ihm etwas von Wichtigkeit fuͤr ſeinen Dienſt mitzutheilen haben. Der Ritter Peveril machte ſeine militaͤriſche Ver⸗ beugung auf dieſen Wink, und marſchirte im Gefolge des Herzogs ab, welcher in Betreff der Begebenhei⸗ ten des Tages bei ihm eine Unterſuchung vornahm. Karl, der fuͤr's erſte durch wenige Fragen ſich uͤber⸗ zeugt hatte, daß der Sohn nicht in derſelben exaltir⸗ n Stimmung, wie der Vater, war, verlangte und empfing von ihm eine genaue Nachricht von allen auf das gerichtliche Verhoͤr gefolgten Vorfaͤllen. Julian erzaͤhlte mit der Offenheit und Genauig⸗ keit, welche der Gegenſtand, bei einer ſolchen Audienz verhandelt, erforderte, Alles, was ſich, bis zu dem Eintritt bei Bridgenorth, zugetragen hatte; und ſeine Majeſtaͤt war mit der Art und Weiſe ſeines Berichts ſo ſehr zufrieden, daß er Arlington Gluͤck wuͤnſchte, zu dieſen dunkeln und geheimnißvollen Begebenheiten das Zeugniß wenigſtens eines verſtaͤn⸗ digen Mannes gewonnen zu haben. Als aber Brid⸗ genorth in der Erzaͤhlung auftreten ſollte, trug Ju⸗ lian Bedenken, ihn namentlich anzufuͤhren; und ob er gleich die Kapelle, die er mit bewaffneten Maͤn⸗ nern angefuͤllt geſehen, und die heftige Sprache des Predigers erwaͤhnte, ſo ſetzte er doch mit Ernſthaf⸗ N 5 tigkeit nur hinzu, daß, deſſen allen ungeachtet, die Maͤn⸗ ner, ohne es zu einem Gewaltſchritte kommen zu laſſen, aus einander gingen, und alle den Ort verlaſſen hatten, eh' er und ſein Vater in Freiheit geſetzt wurden. „Und Sie begaben ſich ruhig nach der Fleet⸗ Straße zu Ihrer Mittagsmahlzeit, junger Mann,“ ſagte der Koͤnig ernſthaft,„ohne einer obrigkeitlichen Behoͤrde von der gefaͤhrlichen Verſammlung Nach⸗ richt zu geben, die in der Naͤhe unſers Schloſſes gehalten wurde, und ihre Abſicht auf gewaltſame Maaßregeln nicht verheelte?“ Der junge Peveril erroͤthete und ſchwieg. Der Koͤnig runzelte die Stirne, und ging ſeitwaͤrts, um ſich mit Ormond zu beſprechen, welcher ihm ſagte, daß der Vater von der Sache nichts gewußt zu haben chiene. „Und der Sohn— es thut mir leid, es zu ſagen,“ erwiederte der Koͤnig, ſcheint weniger geneigt, die Wahrheit zu ſagen, als ich erwartet haͤtte. Wir haben alle Mannigfaltigkeit von Zeugen in dieſer ſonderbaren Unterſuchung— einen verwirrten Zeugen, wie den Zwerg; einen betrunkenen Zeugen an dem Vater, und nun auch einen ſtummen Zeu⸗ gen.“„Junger Mann,“ fuhr er, ſich an Julian 299 wendend, fort,„Ihr Benehmen iſt weniger offen, als ich von Ihres Vaters Sohn erwartete. Ich muß wiſſen, wer dieſer Mann iſt, mit dem Sie ſo vertrauten Umgang hatten. Sie kennen ihn, ver⸗ muth' ich?“ Julian geſtand, daß er ihn kennte, bat aber, auf ein Knie niederſinkend, ſeine Majeſtaͤt um Ver⸗ zeihung, daß er ſeinen Namen verſchwiege.„Ich bin,“ ſagte er,„unter dieſem Verſprechen meiner Haft entlaſſen worden.“ „Das war, nach Ihrem Geſtaͤndniß, ein erzwun⸗ genes Verſprechen,“ antwortete der Koͤnig,„und ich kann nicht genehmigen, daß Sie es halten; es iſt Ihre Pflicht, die Wahrheit zu ſagen.— Fuͤrch⸗ ten Sie ſich vor Buckingham, ſo ſoll ſich der Herzog entfernen.“ „Ich habe keinen Grund, den Herzog von Buck⸗ ingham zu fuͤrchten,“ ſagte Julian;„der Vorfall den ich mit einem ſeiner Bedienung hatte, war des Mannes eigene Schuld, und nicht die meinige.“ „Potz tauſend!“ ſagte der Koͤnig.„Nun faͤngt mir an, ein Licht aufzugehen— ich glaube, ich erin⸗ nere mich deiner Phyſiognomie.— Warſt du nicht derſelbe Menſch, den ich an jenem Morgen bei Chif⸗ 300— ſinch traf?— Die Sache iſt mir ſeitdem entfallen; aber nun beſinn' ich mich, du ſagteſt damals, du waͤrſt der Sohn jenes wackern alten drei Flaſchen Baronets dort.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Julian,„daß ich Ihre Majeſtaͤt im Hauſe des Herrn Chiffinch traf, und, ich bin beſtuͤrzt daruͤber, das Ungluͤck hatte, Ihrer Majeſtaͤt Mißfallen zu erregen; aber—“ „Nichts mehr davon, junger Mann— nichts mehr davon.— Aber ich beſinne mich, Sie hatten jene ſchoͤne tanzende Sirene bei ſich.— Bucking⸗ ham, ich ſetze Gold gegen Silber, daß ſie es war, die aus der Baßgeige herauskommen ſollte?“ „Ihre Majeſtaͤt haben recht gerathen,“ ſagte der Herzog;„und ich vermuthe, ſie hat mir einen Streich geſpielt, und den Zwerg an ihre Stelle ge⸗ ſetzt; denn Chriſtian glaubt— 8 „Verdammt ſei Chriſtian!“ ſagte der Koͤnig hitzig—„ich wuͤnſchte, man braͤchte ihn her, den allgemeinen Schiedsrichter.“— Und als dieſer Wunſch geaͤuſſert wurde, meldete man Chriſtians Ankunft an. „Laßt ihn ſeine Aufwartung machen, ſagte der Koͤnig.„Doch hoͤrt— mir faͤllt Etwas ein.— — — 301 Sagen Sie doch, Herr Peveril, iſt jene Taͤnzerin, die mit der beſondern Gewandtheit in ihrer Kunſt Sie bei uns einfuͤhrte, nicht, nach Ihrer Angabe, in Dienſten der Graͤfin von Derby?“ „Als ſolche habe ich ſie Jahre lang gekannt, Ihre Majeſtaͤt,“ antwortete Julian. „So wollen wir die Graͤfin herrufen,“ ſagte der Koͤnig.„Es ziemt ſich, daß wir erfahren, wer dieſe kleine Fee eigentlich iſt; und wenn ſie jetzt ſo unb⸗ ſchraͤnkt dem Winke Buckingham's und dieſes Herrn Chriſtian zu Gebote ſteht— ei ſo denk ich, es wuͤrde nur menſchenfreundlich ſein, die Graͤfin ſo viel wiſſen zu laſſen, weil ich zweifle, daß ſie in dieſem Falle ſie in ihrem Dienſte wird behalten wollen.„Zudem (fuhr er ſeitwaͤrts ſprechend, fort) iſt dieſer Julian, der ſich in dieſen Sachen durch ſein hartnaͤckiges Stillſchweigen verdaͤchtig macht, auch vom Hofſtaate der Graͤfin. Wir wollen dieſen Dingen auf den Grund kommen, und Allen Gerechtigkeit anthun.“ Die ſchleunig her beſchiedene Graͤfin von Derby kam zu einer Thuͤre in das koͤnigliche Kabinet herein, gerade als Chriſtian und Zarah, oder Fenella, zu der andern herein gefuͤhrt wurden. Der alte Ritter von Martindale, der noch fruͤher in das Au⸗ 302 dienzkabinet zuruͤkk gekommen war, wurde kaum, ſelbſt durch die Zeichen, die ihm die Graͤfin gab, zu⸗ ruͤck gehalten; ſo ſehr begierig war er, ſeine alte Freundin zu bewillkommnen; als aber Ormond ihm freundlich die Hand auf den Arm legte, bewog er ihn, jetzt ſtill ſitzen zu bleiben. Nach einer tiefen Verneigung vor dem Koͤnige, bezeigte die Graͤfin mit einer leichteren auch dem uͤbrigen anweſenden hohen Adel ihre Aufmerkſamkeit, laͤchelte gegen Julian Peveril, und blickte mit Ueber⸗ raſchung auf die unerwartete Erſcheinung Fenellas. Buckingham biß ſich in die Lippe; denn er ſah, daß die Einfuͤhrung der Graͤfin von Derby wahrſchein⸗ lich jede Vorbereitung, die er zu ſeiner Vertheidi⸗ gung ausgedacht hatte, verwirren und zerſtoͤren wuͤrde, und er warf einen verſtohlenen Blick auf Chriſtian, deſſen Auge, als es auf die Graͤfin ge⸗ heftet war, die toͤdtliche Schaͤrfe annahm, welche im Auge der Natter funkelt, waͤhrend ſeine Wan⸗ gen von einer ſtarken Gemuͤthsbewegung faſt ſchwarz wurden.— „Iſt Jemand in dieſer Verſammlung, den Ihre Gnaden wieder erkennen,“ ſagte der Koͤnig huld⸗ reich,„außer Ihren alten Freunden Ormond und Arlington?“ I — 3⁰3 „Ich ſehe, mein gnaͤdigſter Koͤnig, zwei wuͤrdige Freunde von der Familie meines Mannes,“ antwor⸗ tete die Graͤfin,„Ritter Gottfried Peveril und ſei⸗ nen Sohn; der letztere war ein ausgezeichnetes Mit⸗ glied von dem Hofſtaate meines Sohnes⸗“ „Sonſt Niemand?“ fuhr der Koͤnig fort. „Ein ungluͤckliches Maͤdchen meines Hauſes, das von der Inſel Man zu derſelben Zeit verſchwand, als Julian Peveril in wichtigen Geſchaͤften abreiſte. — Man glaubte, ſie waͤre von einer Klippe in die See gefallen.“ „Hatten Ihre Gnaden irgend einen Grund— verzeihen Sie mir eine ſolche Frage“— ſagte der Koͤnig— eine unſchickliche Vertraulichkeit zwiſchen Herrn Peveril und derſelben jungen Perſon Ihrer Bedienung zu argwoͤhnen?“ „Mein Fuͤrſt,“ ſagte die Graͤfin, von Unwillen ſich entfaͤrbend,„mein Haus iſt von gutem Ruf.“. „Nein, meine Graͤfin, erzuͤrnen Sie ſich nicht,“ ſagte der Koͤnig;„ich fragte nur— ſolche Dinge fallen auch wohl in den beſten Familien vor.“ „Nicht in der meinigen, Sire,“ ſagte die Graͤfin. „Ueberdieß iſt Julian Peveril unfaͤhig zu Verſtaͤnd⸗ 304 niſſen mit einem ungluͤcklichen Geſchoͤpf, das durch ihr Ungluͤck faſt von der Menſchheit geſchieden iſt.“ Zarah blickte ſie an und druͤckte die Lippen zu⸗ ſammen, als wollte ſie die Worte, die ſich hervor⸗ draͤngen wollten, zuruͤckhalten. „Ich weiß nicht, wie es iſt,“ ſagte der Koͤnig. —„Was Ihre Gnaden ſagen, kann in der Haupt⸗ ſache wahr ſein; doch hat der Geſchmack ſonderbare Launen. Dieß Maͤdchen verliert ſich von der Inſel Man, ſobald der Juͤngling dieſelbe verlaͤßt, und wird im St. James Park, huͤpfend und tanzend wie eine Fee, gefunden, ſobald er in London erſcheint.“ .„unmoͤglich!“ ſagte die Geiſn;;„ſie kann mich tanzen.“ „Ich eSarhaehe e ſagte der Koͤnig,„ſie verſteht ſich auf noch mehr Handlungen, als Ihre Gnaden wiſſen, oder gut heißen wuͤrden.“ Die Graͤfin richtete ſich eindor) und ſchwieg voll Unwillen. Der Koͤnig fuhr fort:„Kaum iſt Peveril in Newgate, als, nach der Angabe des ehrwuͤrdigen kleinen Herrn, dieß luſtioe M daͤdchen ſogar da ſich befindet. Nun, ohne zu unterſuchen, wie ſie da 3⁰05 hereinkam, glaube ich doch menſchenfreundlich, daß ſie einen beſſern Geſchmack hatte, als des Zwergs wegen dahin zu kommen.— Aha! Ich glaube, Herrn Julian hat daß Gewiſſen geruͤhrt!“ Julian ſtutzte wirklich, waͤhrend der Koͤnig ſprach; denn ihm ſielen die mitternaͤchtlichen Beſuche in ſei⸗ ner Zelle ein. Der Koͤnig ſah ihn ſcharf an, und fuhr dann fort:„Nun wohl, meine Herren, Peveril wird zu ſeinem Verhoͤr gebracht, und iſt kaum in Freiheit, als wir ihn in dem Hauſe finden, wo der Herzog von Buckingham das veranſtaltete, was er eine mu⸗ ſikaliſche Maſke nennt.— Wahrhaftig, ich halte es faſt fuͤr gewiß, daß dieß Maͤdchen ſeiner Durchlaucht den Streich ſpielte, und den armen Zwerg in die Baßviole ſteckte, um ihre koſtbareren Stunden bei „Herrn Julian Peveril zuzubringen.— Meinen Sie nicht ſo, Herr Chriſtian, Sie allgemeiner Schieds⸗ richter? Iſt etwas Wahres an meiner Vermu⸗ thung?“ Chriſtian warf einen verſtohlnen Blick auf Zarah, und las Etwas in ihrem Auge, das ihn verlegen machte.„Er wiſſe es nicht,“ ſagte er;„er habe allerdings dieſe unvergleichliche Taͤnzerin angeſtellt, 306— die vorgeſchlagene Rolle bei dem Maſkenſpiel zu uͤbernehmen; und ſie habe mitten unter einem Schauer von flammenden, und ſehr kuͤnſtlich mit Raͤucherwerk zur Daͤmpfung des Pulvergeruchs verbundenen Feuer hervorkommen ſollen; aber er wiſſe nicht, warum— ausgenommen, weil ſie ſehr eigenſinnig und launiſch, wie alle große Genies, ſei — ſie habe gewiß den Plan durch Hereinſtopfen des korpulenteren Zwergs verdorben.“ „Es waͤre mir lieb,“ ſagte der Koͤnig,„dieß kleine Maͤdchen hervor treten, und auf die Art, wie ſie ſich auszudruͤcken vermag, uͤber dieſe raͤthſelhafte Sache Zeugniß ablegen zu ſehen. Verſteht ſich hier Jemand auf ihre Zeichenſprache?“ „Chriſtian antwortete, er wuͤßte Etwas davon, ſeitdem er mit ihr in London bekannt geworden waͤre. Die Graͤfin ſprach nicht, bis ſie der Koͤnig fragte, und erklaͤrte dann trocken, daß ſie nothwendig ge⸗ wiſſe gewohnte Mittel zur Mittheilung gegen ein Maͤdchen habe, das ſo viele Jahre unmittelbar um lhre erſon geweſen ſei⸗ „Ich ſollte meinen,“ ggte Karl,„daß eben die⸗ ſer Herr Julian Peveril, nach Allem, was wir ge⸗ — — 307 hoͤrt haben, den naͤhern Schluͤſſel zu ihrer Sprache haben muͤßte,“ Der Koͤnig ſah erſt Peveril an, der uͤber die in des Koͤnigs Bemerkung liegende Folgerung wie ein Maͤdchen erroͤthete; dann wandte er ſeine Augen ſchnell auf die vorgebliche Stumme, auf deren Wange eine ſchwache Farbe verflog. Einen Augenblick darauf trat Fenella oder Zarah, auf ein Zeichen der Graͤfin, hervor, und nachdem ſie knieend die Hand ihrer Gebieterin gekuͤßt hatte, ſtand ſie da mit uͤber die Bruſt geſchlagenen Armen, und mit einen demuͤ⸗ thigen Miene, die von der, welche ſie im Harem des Herzogs von Buckingham hatte, eben ſo ver⸗ ſchieden war, als die Miene einer Magdalene von der einer Judith. Doch war dieß die geringſte Probe von ihrem Talent zur Gewandtheit; denn ſie gvielte die Rolle des ſtummen Maͤdchens ſo gut, daß Buckingham, bei allem ſeinem Scharfblick, unent⸗ ſchieden blieb, ob das vor ihm ſtehende Weſen daſſelbe ſein koͤnnte, das, in einer andern Tracht, einen ſo tiefen Eindruck auf ſeine Einbildungskraft gemacht hatte, oder ob ſie wirklich das unvollkom⸗ mene Geſchoͤpf waͤre, welches ſie jetzt vorſtellte. Sie hatte auf einmal Alles an ſich, was die Unvollkom⸗ menheit des Gehoͤrs bezeichnen, und Alles, was die 308— wunderbare Geſchicklichkeit zeigen konnte, mit der die Natur ſo oft den Mangel verguͤtet. Da war die Lippe, die zu gar keinem Laute zitterte— die ſcheinbare Unempfindlichkeit gegen die Unterredung der Anweſenden; waͤhrend, auf der andern Seite der behende und lebhafte Blick nicht fehlte, welcher begierig die Bedeutung jener Toͤne zu verſchlingen ſchien, die ſie nicht anders, als aus der Bewegnng der Lippen, errathen konnte. Nach ihrer eigenen Weiſe befragt, beſtaͤtigte Za⸗ rah Chriſtians Erzaͤhlung in allen Stuͤcken, und gab zu, daß ſie den Plan zu einem Maskenſpiel durch Unterſchieben des Zwergs zerſtoͤrt hatte; die Urſache aber dieſer That anzugeben, weigerte ſie ſich, und die Graͤfin drang nicht weiter in ſie. „Alles,“ ſagte Karl,„ſpricht den Herzog von— b Buckingham von ſo einer abgeſchmackten Beſchuldie gung frei; das Zeugniß des Zwergs iſt zu fantaſtiſch, und das der beiden Peverile trifft den Herzog nicht im Geringſten; das des ſtummen Maͤdchens wider⸗ ſpricht voͤllig der Moͤglichkeit ſeiner Schuld. Mich duͤnkt, meine Herren Geheimen Raͤthe, wir ſollten ihm zu erkennen geben, daß er von einer Beſchwerde frei geſprochen wird, die zu laͤcherlich iſt, um je eine 309 ernſthaftere Unterſuchung zu verdienen, als wir in der Eile bei dieſer Gelegenheit angeſtellt haben.“ Arlington druͤckte mit einer Verbeugung ſeine Genehmigung aus. Ormond aber ſprach offen; „Ihre Majeſtaͤt, ich wuͤrde in der Meinung des Herzogs von Buckingham, bei ſeinen bekannten glaͤnzenden Talenten, herabſinken, wenn ich ſagte, daß ich in meinem Herzen von dieſer Sache voͤllig uͤberzeugt waͤre; ich unterwerfe mich dem Geiſt der: Zeiten; und ich raͤume ein, es wuͤrde hoͤchſt gefaͤhr⸗ lich ſein, auf ſolche Anklagen, als wir zu ſammeln im Stande geweſen ſind, den Charakter eines ſo eifrigen Proteſtanten, als ſeine Durchlaucht iſt, in Anſpruch zu nehmen.— Waͤr' er ein Katholik ge⸗ weſen, unter ſolchen verdaͤchtigen Umſtaͤnden wuͤrde der Tower noch ein zu gutes Gefaͤngniß fuͤr ihn ge⸗ weſen ſein.“ Buckingham verbeugte ſich gegen den Herzog von Ormond mit einer Bedeutung, die ſelbſt ſein Triumph nicht verbergen konnte.—„Tu me lo pagherai!“*) murmelte er in einem Tone tiefer und unausloͤſchlicher Empfindlichkeit; aber der alte wackere Irlaͤnder, der ſchon ſeinem hoͤchſten In⸗ *) Du ſollſt mir dafuͤr buͤßen. 310 3—— grimm Trotz geboten hatte, bekuͤmmerte ſich wenig um dieſe Aeußerung ſeines Unwillens. Der Koͤnig, der nun den andern Edelleuten ei⸗ nen Wink gab, ſich in die Geſellſchaftszimmer zu verfuͤgen, hielt den Herzog von Buckingham auf, als er ihnen folgen wollte; und als ſie allein waren, fragte er ihn in einem bedeutenden Tone, der dem Herzog ſein ganzes Blut ins Geſicht trieb:„Wann war es, Georg, da Ihr brauchbarer Freund, Oberſt Blood, ein Muſikus wurde?— Sie ſchweigen,“ ſagte er;„leugnen Sie den Vorwurf nicht ab; denn jenen Schurken vergißt man nie, wenn man ihn einmal geſehen hat. Herunter, herunter auf Ihre Kniee, Georg, und geſtehen Sie nur, Sie haben mein nachgiebiges Temperament mißbraucht.— Suchen Sie keine Rechtfertigung— keine wird Ih⸗ nen zu Gute kommen. Ich ſah den Mann ſelbſt unter jenen Teutſchen, wie Sie ſie nennen; und Sie wiſſen, was ich nothwendig von einem ſolchen Umſtande glauben muß.“ 3 „Glauben Sie, daß ich ſchuldig geweſen bin— hoͤchſt ſtrafbar, mein Fuͤrſt und mein Koͤnig,“ ſagte der Herzog, im Gewiſſen geruͤhrt und niederknieend; —„glauben Sie, daß ich irre geleitet— daß ich — 311 wahnſennig war— glauben Sie Alles und Jedes, nur nicht, daß ich faͤhig war, oder als Mitſchuldi⸗ ger mitwirken konnte, Ihrer Merſon ein Leid zuzu⸗ fuͤgen.“ „Ich glaube es nicht,“ ſagte der Koͤnig;„ich gedenke Ihrer als des Gefaͤhrten meiner Gefahren und meiner Verbannung, und bin ſo weit entfernt, zu glauben, daß Sie es ſchlechter meinen, als Sie ſagen, daß ich vielmehr uͤberzeugt bin, Sie geſtehen mehr als Sie zu unternehmen je geſonnen waren“ „Bei Allem, was heilig iſt,“ ſagte der Herzog, noch knieend,„waͤr' ich nicht bis auf Leben und Vermoͤgen mit dem niedertraͤchtigen Chriſtian ver⸗ wickelt worden—“ „Nein, wenn Sie wieder Chriſtian auf die Buͤhne bringen,“ ſagte der Koͤnig laͤchelnd,„ſo iſt es fuͤr mich Zeit, mich zu entfernen. Wohlan, Vil⸗ liers, ſteh' auf, ich vergebe dir, und empfehle dir blos eine Handlung der Buße— den Fluch, Sie ſelbſt uͤber jenen Hund, der Sie biß, ausſpra⸗ chen— Heirat und Zuruͤckziehung auf Ahren Landſitz.“ Der Herzog ſtand beſchaͤmt auf, und folgte dem Fsnig in die Geſellſchaft, bei welcher Karl, an die IV. O 312 Schulter ſeines renigen Pairs ſich lehnend, eintrat, und ihm ſo viel Huld bewies, daß die ſchaͤrfſten an⸗ weſenden Beobachter zu zweifeln geneigt wurden, ob es irgend einen wirklichen Grund zum Argwohn ge⸗ gen den Herzog habe geben koͤnnen. Die Graͤfin von Derby hatte ſich unterdeſſen mit dem Herzog von Ormond, mit den Peverilen und mit ihren andern Freunden beſprochen, und wurde durch einmuͤthigen Ausſpruch, obgleich mit betraͤcht⸗ licher Schwierigkeit, uͤberzeugt, daß es zur Ehren⸗ rettung ihres Hauſes hinlaͤnglich waͤre, ſich ſelbſt ſo am Hofe gezeigt zu haben; und daß es, nachdem ſie dieß gethan, ihre weiſeſte Maaßregel ſein wuͤrde, ſich nach ihren Beſitzungen auf der Inſel zuduͤckzu⸗ ziehen, ohne die Empfindlichkeit einer maͤchtigen Partei ferner zu reizen. Sie nahm in gehoͤriger Form vom Koͤnige Abſchied, und bat um ſeine Erlaubniß, das huͤlfloſe Geſchoͤpf mitzunehmen, das ſo ſeltſam aus ihrem Schutze in eine Welt entwichen war, wo ihr Zuſtand ſie jeder Art von Mißgeſchick ausſetzte. „Wollen Ihre Gnaden mir verzeihen?“ ſagte Karl.„Ich habe Ihr Geſchlecht lange ſtudirt— ich muͤßte mich irren, wenn Ihr kleines Maͤdchen nicht eben Lo wohl faͤhig waͤre, fuͤr ſich ſelbſt zu ſor⸗ gen, als iegend Eins von uns.“ — 313 „Unmoͤglich!“ ſagte die Graͤfin. „Moͤglich und ſehr wahr,“ fluͤſterte der Koͤnig. „Ich will Sie den Augenblick von der Thatſache aͤberfuͤhren, wiewohl der Verſuch zu delikat iſt, um von irgend Jemanden, außer Ihrer Gnaden, ange⸗ ſtellt zu werden. Dort ſteht ſie, und ſieht aus, als wenn ſie eben ſo wenig hoͤrte, als der Marmorpfei⸗ ler, an den ſie ſich lehnt. Nun, wenn die Graͤfin von Derby verſuchen wollen, entweder Ihre Hand an die Gegend des Herzens oder wenigſtens an den Arm des Maͤdchens zu legen, ſo daß Sie die Bewe⸗ gung des Blutes fuͤhlen koͤnnen, wann der Puls zu⸗ nimmt, ſo winken Sie, mein Herzog von Ormond, Julian Peveril aus ihrem Geſichte— und ich will Ihnen im Augenblick zeigen, daß ſich ihr Puls auf geſprochene Laute regen kann.“ Die Graͤfin, ſehr befremdet und beſorgt vor ei⸗ nem beunruhigenden Scherz von Seiten Karls, doch unvermoͤgend, ihre Neugierde zu unterdruͤcken, ſtellte ſich zu Fenella, wie ſie ihre kleine Stumme nannte, und verſuchte, indem ſie ihr Zeichen gab, ihr die Hand an ihren Handknoͤchel zu legen. In dieſem Augenblick kam der Koͤnig zu ihnen, und ſagte:„das iſt eine graͤßliche That— der 9 2 314— Boͤſewicht Chriſtian hat den jungen Peveril er⸗ ſtochen!“ Das ſtumme Zeugniß des Pulſes, der ſo heftig ſchlug, als waͤre eine Kanone am Ohr des armen Maͤdchens geloͤſet worden, begleitete ein ſo lauter Schrei des Entſetzens, daß der gutmuͤthige Monarch ſelbſt daruͤber erſchrak, und zum Mitleiden geruͤhrt ausrief:„Ich ſcherzte blos, Julian befindet ſich wohl, mein ſchoͤnes Maͤdchen. Ich gebrauchte nur den Zauberſtab einer gewiſſen blinden Getcheit, Cu⸗ pido genannt, um einer tauben und ſtummen Unter⸗ gebenen ſeiner Herrſchaft den Gebrauch ihrer Faͤhig⸗ keiten wieder zu verſchaffen.“— „Fch bin verrathen!“ ſagte ſie mit niederwaͤrts geheftetem Blick,„ich bin verrathen!“— und es iſt recht, daß die in ihren eignen Schlingen gefangen wird, die ihr Leben dem Verrathe Anderer widmete. — Aber wo iſt mein Lehrer in der Ungerechtigkeit? — Wo iſt Chriſtian, der mich die Rolle eines Spions bei dieſer argloſen Dame ſpielen lehrte, bis ich ſie beinahe in ſeine blutigen Haͤnde uͤberliefer haͤtte?“ 3 „Dieß bedarf,“ ſagte der Koͤnig,„einer gehei⸗ meren Unterſuchung. Laßt Alle, die nicht unmittel⸗ — 315 bar in dieſe Sache verwichelt ſind, ſich aus dem Zim⸗ mer entfernen, und Chriſtian wieder vor uns brine gen.— Elender Menſch,“ fuhr er gegen Chriſtian. fort,„was fuͤr Betriegereien ſind es, die ihr ge⸗ ſpielt habt, und mit welchen außerordentlichen Mitteln?“ 3 4 un„Sie hat mich alſo verrathen!“ ſagte Chriſtian verrathen mich, bis zum Kerker und Tode, und blos wegen einer eitlen Leidenſchaft, die nie befrie⸗ digt werden kann!— Aber wiſſe, Zarah,“ ſetzte er, mit finſterm Ernſt ſie anredend, hinzu,„wenn mein Leben durch dein Zeugniß verwirkt wird, ſo hat die Tochter den Vater gemordet⸗ Das ungluͤckliche Maͤdchen ſtarrte ihn mit Er⸗ ſtaunen an.„Sie ſagten,“ ſtammelte ſie endlich heraus, nich ſei die Tochter ihres hingerichteten Bruders. de — Dieß geſchah zum Theil, um Dich fuͤr die Rolle zu gewinnen, die Du in meinem angelegten Drama der Rache ſpielen ſollteſt— zum Theil, um das zu verbergen, was die Menſchen die Schande ₰ deiner Geburt nennen. Aber meine Tochter biſt Du! und aus dem morgenlaͤndiſchen Himmelsſtriche, unter dem deine Mutter geboren war, haſt Du den 9 3 3¹ 6— wilden Strom der Leidenſchaft, den ich nach meinen Abſichten zu lenken ſuchte, der aber, in einen andern Kanal geleitet, deinen Vater zum Verderben gefuͤhrt hat.— Meine Beſtimmung wird vermuthlich der Tower ſein?“ Er ſprach dieſe Worte mit großer Gelaſſenheit, und ſchien kaum die Beaͤngſtigung ſeiner Tochter zu achten, die ſich ihm zu Fuͤßen geworfen hatte, und hoͤchſt bitterlich weinte und ſchluchzte. „Dieß darf nicht ſein,“ ſagte der Koͤnig, von dieſer traurigen Scene zum Mitleid erweicht. „Wenn Sie es zufrieden ſind, Chriſtian, dieß Land zu verlaſſen, ſo liegt ein Schiff im Fluſſe bereit, nach Neu⸗England abzugehen.— Geht, bringt eure ſchwarzen Raͤnke in andre Laͤnder.“ „Ich koͤnnte den Urtheilsſpruch beſtreiten,“ ſagte Chriſtian dreuſt;„und wenn ich mich ihm unter⸗ werfe, ſo geſchieht es aus eigener freier Wahl.— Eine halbe Stunde haͤtte mich mit jener ſtolzen Frau ausgeglichen; aber das Schickſal hat der Wage wider mich den Ausſchlag gegeben.— Steh' auf, Zarah, nicht mehr Fenella! Sage der Graͤfin von Derby, daß, wenn Eduard Chriſtians Tochter, die Nichte ihres ermordeten Schlachtopfers, ihr als — 317 Dienſtbote diente, es nur aus Abſicht auf Rache geſchah, die ſo jaͤmmerlich, ſo jaͤmmerlich vereitelt iſt.— Nun ſiehſt Du deine Thorheit— Du woll⸗ teſt jenem undankbaren Laffen folgen— alle andern Gedanken fahren laſſen, um auch nur die geringſte Aufmerkfamkeit bei ihm zu gewinnen; und nun biſt du ein verlorner Wegwurf, verlacht und beſchimpft von denen, welchen du auf den Nacken haͤtteſt treten koͤnnen, wenn du dich mit mehr Klugheit benom⸗ men haͤtteſt!— Aber komm, Du biſt doch meine Tochter— es gibt noch andre Himmel, als den, welcher ſich uͤber Britannien woͤlbt.“ „Haltet ihn zuruͤck,“ ſagte der Koͤnig;„wir muͤſſen wiſſen, auf welche Art dieß Maͤdchen zu unen Gefangenen in unſerm Gefaͤngniß Zugang fand.“ 34 „Sch verweiſe Ihre Majeſtaͤt an Ihren hoͤchſt proteſtantiſchen Kerkermeiſter, und an die hoͤchſt proteſtantiſchen Pairs, die, um von der Tiefe des papiſtiſchen Complotts vollkommene Kenntniß zu er⸗ langen, dieſe kuͤnſtlichen Heffnungen erfanden, da⸗ mit die Gefangenen bei Nacht oder bei Tage beſucht werden koͤnnten. Seine Durchlaucht von Bucking⸗ 95 318— ham kann Ihrer Majeſtaͤt beiſtehen, wenn Sie ge⸗ Meiat ſind, die Unterſuchung anzuſtellen. 55 „Chriſtian,“ ſagte der Herzog,„Du biſt der un⸗ verſchaͤmteſte Schurke von der Welt. 7 4 Unter den Buͤrgerlichen kann ic's ſein,“ ant⸗ wortete Chriſtian, und fuͤhrte ſeine Tochter aus der Gegenwart des Koͤnigs fort. „Geben Sie auf ihn Acht, Selby,“ ſagte der Koͤnig;„verlieren Sie ihn nicht aus dem Geſicht, bis die Schiffe abſegeln; er ſoll es nur auf eigne Gefahr wagen, nach Britannien zuruͤck zu kommen.“ „Wollte Gott, wir wuͤrden auch ſo gut alle an⸗ dere eben ſo gefaͤhrliche Menſchen los! Und ich wuͤnſchte auch,“ ſetzte er nach einer kurzen Pauſ⸗ hinzu,„daß alle unſre politiſchen Intriguen und fie⸗ berhaften Beunruhigungen eben ſo harmlos als jetzt aufhoͤrten. Hier iſt ein Complott, ohne einen Tropfen Blut, und hier ſind alle Beſtandtheile eines Romans, ohne ſeinen Schluß. Hier haben wir eine herumirrende Inſelfuͤrſtin(ich bitte meine Graͤfin von Derby um Verzeihung), einen Zwerg, eine Zauberin aus dem Mohrenlande, einen unbußferti⸗ gen Schurken, und einen reuigen Mann von Adel⸗ 319 gehabt, und doch endigt Alles ohne Strang oder Heirat. 5 „Nicht ganz ohne die letztere,“ ſagte die Graͤfin, welche waͤhrend des Abends zu vieler geheimer Un⸗ terredung mit Julian Peveril Gelegenheit gehabt hatte.„Da iſt ein gewiſſer Major Bridgenorth, der, weil Ihre Majeſtaͤt fernere Unterſuchuugen uͤber dieſe Umſtaͤnde aufgeben, die er außerdem abzuwar⸗ ten geſonnen war, wie wir hoͤren, England fuͤr immer zu verlaſſen beſchloſſen hat. Nun hat dieſer Bridgenorth kraft des Geſetzes das Eigenthumsrecht äber die alten Erbguͤter Peverils erlangt, welche er den Beſitzern, nebſt andern vielen ſchoͤnen Laͤndereien, unter de Bedingung zuruͤck zu geben wuͤnſcht, daß anſer junger Julian ſie als Heirathsgut ſeines einzi⸗ gen Kindes und Erben annehmen will⸗ „Bei meiner Treue⸗“ ſagte der Koͤnig, e muß ein ſchlechtes Maͤdel ſein, wenn Julian ſie unter ſolchen ſchoͤnen Bedingungen anzunehmen genoͤthigt werden muß.“ „Sie lieben einander wie Liebende der neueſten Zeit,“ ſagte die Graͤfin;„aber der alte tapfere Rit⸗ ter liebt die puritaniſche Partie nicht.“ 9 5 320 „Unſre koͤnigliche Empfehlung ſoll das ſchon in Ordnung bringen,“ ſagte der Koͤnig; Ritter Gott⸗ fried Peveril wuͤrde nicht ſo oft auf unſern Befehl Beſchwerden uͤbernommen haben, um jetzt unſre Anempfehlung auszuſchlagen, wann ſie kommt, um ihn fuͤr allen ſeinen Verluſt zu entſchaͤdigen.“ Es laͤßt ſich annehmen, daß der Koͤnig nicht ſo ſprach, ohne ſich ſeiner unbeſchraͤnkten Macht und Ueberlegenheit uͤber den Geiſt des alten Tory's*) bewußt zu ſein; denn binnen wenigen Wochen nach⸗ her lauteten die Glocken von Martindale⸗Moultraſſie zur Verbindung der Familien, von deren Guͤtern dieſer zuſammengeſetzte Name herſtammt, und das Feuer des Leuchtthurms des Schloſſes loderte hoch uͤber Huͤgel und Thal, und ermunterte za Freude Alle, die ſich innerhalb zwanzig Meilen ſeines Schimmers befanden. ) Anhaͤnger der alten Staats⸗ und Kirchen⸗Ver⸗ faſſung. En d e. Herabgeſetzte Preiſe einiger Verlags⸗Artikel der Koͤchlyſchen Buchhandlung. Anacharſis, des juͤngern, Reiſe durch Griechen⸗ land, a. d. Franz. des Abt Barthelemy uͤberſ. v. Bieſter. 7 Thle mit 37 Kpfrt. und 7 Titelk. und Feßlers Alexander der Eroberer als Anhang. gr. Med. Engl. Pap. Sonſt 14 Rthlr. jetzt 9Rthlr. 8 gr. —— Die8eſelbe, auf ord. Druckp. Sonſt 10 Rthlr. jetzt 6 Rthlr. 16 gr. Geographie, Chronologie, Staaten⸗, Gelehrten⸗ und Kuͤnſtler⸗Geſchichte ꝛc. von Alt⸗Griechen⸗ land. Herausgegeben von Bieſter. Mit 41 Kupfr. und 12 Tabellen. gr. 4. Engl. Med. Pp. ſonſt 2 Rthlr. 12 gr. ord. jetzt 1 Rthlr. 12 gr. Dictionnaire de Academie Française. N. E. enrichie de la traduction Allemande des mots, par S. H. Catel. 4 Nl. gr. 4. Sonſt 10 Rthlr. 12 gr. ord, jetzt 7 Rthlr. Nü. Von dieſen Werken gelten die herabgeſetz⸗ ten Preiſe nur bis zur kuͤnftigen M. Meſſe und treten ſodann die vorigen Preiſe wieder ein. Ferner Buͤrja, A., Beyſpiel⸗Sammlung, ſowohl zur gemeinen Algebra, als auch zur Differenzial⸗ und Integral⸗Rechnung. Als For⸗n des ſelbſt⸗ le hrenden Algebraiſten. Herausgegeben von Kieſewetter. 2 Theile. gr. 8. Sonſt 2 Thlr. 12 gr. jetzt 1 Thlr. 12 gr. Gruͤſon, vollſtaͤndige Anleitung zur niedern, hoͤhern u. angewandten Mathematik. 2 Thle. gr. 8. 16 Kupfertaf. mit 291 Fig. Sonſt 4 Thlr. 12 gr. jetzt 2 Thlr. 12 gr. Jaeck, Carl, der Schreibmeiſter, nach 194 voon ſelbigem geſtochenen Vorſchriften, 1. Heft. Sonſt 1Thlr. 16 gr. jetzt 21 gr. — deſſen 2s Heft, enth. Anweiſung zu einer Deutſchen Geſchaͤftshand und zur Kanzleyſchrift. Sonſt 1 Thlr. 16 gr. jetzt 21 gr.. — deſſen 38 Heft, enth. Anweiſ. ſchoͤne Schrift nach Franzoͤſ. und Engl. Ductus. Sonſt 1 Thlr. 16 gr. jetzt 2n gr. — deſſen 4s Heft, enth. Anweiſ. zu einer ſchoͤ⸗ nen deutſchen Handſchrift, ſo wie zur Kanzley⸗ und Frakturſchrift. Sonſt 1 Thlr. 8 gr. jetzt 21 gr. — Vorzeichuungen in Buchſtaben und Zuͤgen fuͤr Schriftſtecher, Mahler, Graveurs, Stein⸗ metzer, Steinſchneider, Glasſchleifer ꝛc. ꝛc. 2 Hefte. 4. Sonſt 3 Thlr. jetzt ꝛ Thlr. 8 gr. Leipziger Oſtermeſſe 18253. Tſiſinſüiſ ſnſnnſſſſſſünnſiinſinſſiſſſinſninunmm 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 9 9 1 L MMM eiiie 1 E