A Mh 1 Marzen Curt mawferven, anee Mönt, and Uhee. 2 halle ————— Redgauntlet. Eine Erzaͤhlung aus dem achtzehnten Jahrhundert. Vom 8 Verfaſſer des Waverley. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Carl Well. Ich folge Dir, o Meiſter, nur voran, Dir bin ich bis zum Tod getreulich zugethan! (Wie's Euch gefällt.) Drittes Baͤndchen. Stuttgart, bei Gebrüuder Franch. 18 2 6. Redgauntlet. Erſtes Kapitel. — Schon graute der Morgen und noch lag Mr. Geddes und ich in tiefem Schlafe als mein hündi⸗ ſcher Bettgenoſſe uns erweckte, indem er anfing von Zeit zu Zeit zu brummen und endlich deutlichere Zei⸗ chen gab, daß der Feind ſich nahe. Ich öffnete die Thüre der Hütte, und bemerkte in einer Entfernung von ungeſähr 200 Ellen eine ſchmale aber feſte geſchloſſene Colonne von Männern, die ich für eine dunkele Hecke gehalten haben würde, wenn ich nicht bemerkt hätte, daß ſie ſich ſchnell und ſchweigend näherte. 5 Der Hund fuhr ihnen entgegen, kam aber augen⸗ bliklich heulend zu mir zurück gelaufen, da ihn wahr⸗ ſcheinlich ein Stock oder ein Stein getroffen hatte. Ungewiß ob Mr. Geddes ſich vertheidigen oder unter⸗ handeln wollte, war ich im Begriff eben wieder in die Hütte zurück zu gehen, und als er plötzlich an der Thüre zu mir kam und ſeinen Arm in den meinigen W. Scott's Werke. XVII. 1 6 legend, ſagte:„Laß uns ihnen mäaͤnnlich entgegen gehn, wir haben nichts gethan worüber wir beſchämt ſeyn müßten.—„Freund,“ ſagte er, indem er ſeine Stimme erhob als wir uns ihnen naheten,„wer und was ſeyd Ihr, und in welcher Abſich ſeyd Ihr hier auf meinem Eigenthum?“ Ein lautes Hohngelächter war die Antwort, und eine Reihe Geiger welche vor der Fronte hermarſchirte ſtimmte ſogleich die beſchimpfende Melodie des Liedes an, das mit den Worten anfängt: „Luſtig tanzte des Quäckers Weib, und luſtig tanzte der Quäker.“ Selbſt in dieſem Augenblick des Schreckens glaub⸗ te ich den Strich des blinden Geigers Will zu er⸗ kennen, den man ſeiner umherſtreifenden Lebensart wegen den wandernden Willin nennt. Sie näherten ſich ſchnell und mit großer Ordnung, voraus:„Die ſtolzen Geiger, Kriegsgeſänge ſpielend;“ Als ſie ganz nah bei uns waren, umzingelten ſie uns mit einer einzigen Wendung, und erhoben ein einſtimmiges Geſchrei.„Hoh, Quäker— hoh, Quä⸗ ker— Da haben wir ſie ja Beide, den naſſen Quaͤker und den trockenen dazu.“ „Hängt den naſſen Quäker zum trocknen auf, und macht den Trockenen durch Untertauchen naß,“ antwortete eine andere Stimme. „Wo iſt denn die Seeotter, John Davies, der mehr Fiſche raubte als ein Seekalb auf dem Aliſay⸗ Felſen?“ rief eine dritte Stimme aus.„Ich habe noch einen alten Strauß mit ihm, und bringe eine Taſche mit um die Federn hinein zu thun.“ Wir ſtanden in ruhiger Erwartung da; denn ge⸗ gen mehr als hundert Mann die mit Flinten, Fiſch⸗ ſpeeren, eiſernen Stangen und Prügeln bewaffnet wa⸗ ren, Widerſtand zu leiſten, würde eine wahre Ver⸗ rücktheit geweſen ſeyn. Mr. Geddes, beantwortete die Frage nach dem Oberaufſeher, mit ſtarker, volltönen⸗ der Stimme, und mit einer männlichen Gleichgültig⸗ keit, die ſie zwang, auf ihn zu achten. „John Davies,“ ſagte er,„wird, hoffe ich, bald in Dumfries ſeyn.“ „ Ah, ha, um die Rothroͤcke und Dragoner gegen uns zu ſchicken, Du ſcheinheiliger, alter Schurke!“ In demſelben Augenblick ward ein Schlag auf meinen Freund gefuͤhrt, den ich mit dem Stock pa⸗ rirte den ich in der Hand hatte. Augenblicklich ward ich zur Erde geworfen, und ich glaube mich noch er⸗ innern zu können daß einer rief:„Schlagt den jun⸗ gen Spion todt,“ und daß andere ſich für mich ver⸗ wendeten. Aber ein zweiter Schlag auf dem Kopfe der den Schädel traf, beraubte mich meiner Sinne und meines Bewußtſeyns, deren Gebrauch ich nicht ſo bald wieder erlangte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Bette, von welchem ich mich vor dem Streit erhoben hatte, und mein armer Gefährte, der junge Neufondländer, deſſen Muth bei dem Lärm 1. des Aufruhrs ganz geſchwunden war, hatte ſich ſo nah als möglich an meine Seite gedrängt, zitternd und wimmernd, wie in der furchtbarſten Todesangſt. Ich war im Anfang nicht ſicher ob nicht der ganze Aufſtand ein Traum ſey, aber als ich es verfuchte mich zu erheben, ſo fühlte ich Schmerzen und Beklem⸗ mung, die mich nur zu ſehr überzeugten, wie wahr die Beſchädigungen ſeyen, die ich erlitten hatte. Ich ſam⸗ melte meine Seelenkräfte, lauſchte— und hörte in der Ferne das Jauchzen der Aufrührer, welche, ohne Zweifel, bei dem Werk ihrer Zerſtörung beſchäftigt waren. Ich machte einen zweiten Verſuch mich aufzu⸗ richten, oder mich wenigſtens umzuwenden; denn ich lag mit dem Geſicht gegen die Wand der Hütte, aber ich fand daß meine Gelenke feſt zuſammen gebunden, und dadurch jede Bewegung unmöglich war; denn Arme und Füße waren, zwar nicht mit Stricken, aber mit leinenen und wollenen Luchſtreifen, feſt zuſam⸗ men geſchnürt. Als ich meinen Zuſtand bemerkte, ſeufzte ich tief gebeugt von körperlichen Leiden und von Seelen ſchmerz.* Beruhigend liſpelte eine Stimme an der Seite meines Bettes:„Stille doch, Schätzchen, ſey doch ruhig, halt dein Maul, wie ein gutes Kind— Du biſt uns ſchon theuer genug zu ſtehen gekommen. Mein Männchen iſt ſchier drauf gegangen.“ „Da ich die Redensarten der Frau des wandern⸗ den Muſikanten zu erkennen glaubte, ſo frug ich ſie wo ihr Mann wäre, und ob er beſchädigt worden wäre. „Zerſchlagen,“ antwortete das Weib,„ganz in Stücken zerſchlagen; zu nichts mehr zu gebrauchen als Zündhölzchen daraus zu machen— das beſte Blut in Schottland.“ 4 „Erſchlagen?— Blut?— Iſt Euer Mann ver⸗ wundet? Iſt Blut vergoſſen— Sind Glieder zer⸗ ſchlagen worden?“ „Glieder zerſchlagen?— Ich wollte lieber,“ ant⸗ wortete die Schöne,„mein Männchen hätte das beſte Glied an ſeinem Körper zerbrochen, als ſeine Geige, die das beſte Blut in Schottland war— es war eine Cremoneſer, ſo viel ich weiß.“ „Pah— nur ſeine Geige?“ „Ich weiß nicht was Ew. Gnaden mehr hätten verlangen können, wenn er nieht gar den Hals ge⸗ brochen hätte; denn das iſt für mein Männchen Wil⸗ lin und für mich ein eben ſo großes Unglück. Still doch, iſt leicht geſagt, aber wo bekömmt man etwas den Hunger zu ſtillen? Der Broderwerber iſt fort, nun können wir ſitzen und hungern.“ „Nein, nein,“ ſagte ich,„ich will Euch zwanzig ſolcher Geigen zahlen.“ „Zwanzig ſolcher! wißt Ihr was das bheißt? Im ganzen Lande gibt's keine ſolche mehr. Aber wenn auch Ew. Gnaden ſie uns zahlen wollte, was Euch freilich 10 hier und jenſeits zur größten Ehre gereichen würde, wo wollt Ihr das Geld hernehmen?“ „Ich habe Geld genug,“ ſagte ich, indem ich es verſuchte meine Hand in die Bruſttaſche zu ſtecken; „lößt dieſe Banden und ich will Euch ſogleich zahlen.“ Der Wink ſchien ſie zu bewegen und ſchon näher⸗ te ſie ſich meinem Bette um mich, wie ich hoffte, von meinen Banden zu befreien, als ein näheres, ver⸗ zweifelteres Jauchzen erſchallte, als waͤren die Rebel⸗ len der Hütte nah. „Ich wage es nicht— ich wage es nicht,“ ſagte das arme Weib,„ſie würden mich fammt meinem Männchen Willin ermorden, ſie haben uns ſchon ſchlimm genug traktirt;— aber wenn es noch etwas auf Er⸗ den gibt, außer dem ſo ſoll es gern geſchehen.“ Das erinnerte mich an mein körperliches Leiden. Die Bewegung meines Gemüths, und die Folgen der Behandlung die ich erduldete, hatten einen bren⸗ nenden Durſt in mir erweckt. Ich forderte einen Trunk Waſſer. „Der allmächtige Himmel behüte Epps ainslie ei⸗ nem kranken Herrn kaltes Waſſer zu geben, wenn er im Fieber liegt. Nein, nein, Schätzchen, laß⸗ mich nur gehn, ich will Eu etwas Beſſeres geben.“ „Gebt mir was Ihr wollt,“ erwiederte ich,„nur kalt und flüſſig muß es ſeyn.“ Die Frau reichte mir alſo einen großen Kelch mit Branntwein und Waſſer, den ich ohne mich viel um .——— 11 den Inhalt zu bekümmern, auf einen Zug ausleerte. Entweder wirkte das auf dieſe Weiſe genoſſene Ge⸗ tränk ſtärker als gewöhnlich auf mich oder der Trank war mit einem Schlaftrunk vermiſcht. Ich erinnere mich wenig mehr von dem was mir gleich nach dem Genuß des Tranks widerfuhr, nur weiß ich, daß mir die Geſtalten umher undeutlich wurden, daß die Form der Frau ſich zu vermehren ſchien, und daß mich viele Figuren zu umgeben ſchienen, welche dieſelben Züge trugen wie ſie. Auch erinnere ich mich, daß das miß⸗ tönende Toben und Schreien der Aufrührer außerhalb der Huͤtte ſich in ein Sumſen zu verlieren ſchien, dem ähnlich, womit die Ammen die Kinder einſchlä⸗ fern. Endlich fiel ich in einen tiefen, feſten Schlaf, oder vielmehr in einen Zuſtand vollkommner Gefühl⸗ loſigkeit. Ich habe Urſache zu glauben, daß dieſer todesähn⸗ liche Schlaf mehrere Stunden, ja vielleicht den gan⸗ zen Tag und noch einen Theil der darauf folgenden Nacht dauerte. Er war nicht immer gleich tief; denn meine Rückerinnerung daran paart ſich mit vielen Traumgeſtalten, alle peinlich und ſchwer aber auch zu ungewiß und zu unbeſtimmt als daß ich mich ihrer jetzt deutlich erinnern könnte. Endlich kam der Au⸗ genblick des Erwachens, meine Lage, meine Gefühle waren entſetzlich. Ein tiefes Stöhnen, das ich in der Verwirrung meiner Sinne, für das Geſchrei der Aufrührer hielt 12 war das Erſte, das ich wieder vernahm; dann bemerk⸗ te ich daß ich in einem Wagen ſehr ſchnell fortgeführt ward, deſſen ungleiche Bewegung mir heftige Schmer⸗ zen verurſachte. Als ich es verſuchte meine Hände auszuſtrecken, um ein Mittel zu finden mich dieſem Leiden zu entziehn, ſo fand ich, daß ich noch immer wie früher gebunden war; da trat mir die ſchreckliche Wirklichkeit vor Augen, daß ich mich in den Haͤnden der Menſchen befände, die ſich erſt vor Kurzem ſo ſchwer an fremdem Eigenthum vergriffen und mich nun rauben oder gar ermorden wollten. Ich öffnete die Augen— umſonſt— alles umher war in Dun⸗ kel gehüllt, denn ein voller Tag war ſeit meiner Ge⸗ fangennahme verſtrichen. Eine entmuthigende Krank⸗ heit laſtete auf meinem Haupte— mein Herz glühte, während meine Füße und Hände wegen des gehinder⸗ ten Blutumlaufs vor Kalte erſtarrten. Mit der größ⸗ ten Mühe und nur nach und nach erlangte ich wieder die Kraft, die äußeren Tone und Umſtände zu beob⸗ achten; aber als ich es wieder vermochte, da ſtellte ſich wenig Tröſtliches dar. Mit der Hand umhertappend ſo weit die Ban⸗ den es erlaubten, und mit Hulfe eines zufaͤlligen Mondſchimmers, bemerkte ich, daß das Fuhrwerk, in welchem ich fortgeſchleppt wurde eins von den leichten Bauernwägelein war, wie ſie im Lande üblich ſind; doch hatte man mit einiger Aufmerkſamkeit fuͤr mich geſorgt, denn ich lag auf einigen Strohſäcken, die mit — —— 13 Matratzen bedeckt waren. Ohne dieſe Vorſicht wäre meine Lage noch unerträglicher geweſen, denn bald ſank das Fuhrwerk auf dieſe, bald auf jene Seite, bald blieb es vol⸗ lig ſtecken, und es bedurfte der äͤußerſten Anſtren⸗ gung der Thiere, um es wieder in den Gang zu brin⸗ gen, und dann ſchwankte es nach allen Seiten, was mir unendlichen Schmerz verurſachte. Zu einer ande⸗ ren Zeit rollte das Fuhrwerk ſtill und ſanft, wie es ſchien, über Triebſand, und ich zweifelte nun nicht mehr, daß wir im Begriff waren, die Gränze zu über⸗ ſchreiten, wo ſich die beiden Koͤnigreiche berühren. Ungefähr fünf oder ſechs Männer, theils zu Fuß, theils zu Pferde begleiteten das Fuhrwerk, die einen leiſteten Beiſtand wenn der Wagen in Gefahr war umzuſchlagen, oder im Triebſand zu verſinken, die anderen ritten voraus und zeigten den Weg, indem ſie oft die Richtung veränderten, ſo wie es der gefahr⸗ volle Zuſtand des Weges erforderte. Ich wandte mich an die Männer, welche das Fuhr⸗ werk umgaben, um es zu verſuchen ihr Mitleiden zu er⸗ wecken. Ich hätte niemand beleidigt, ſagte ich, und wäre mich keiner That bewußt, die eine ſo grauſame Behandlung verdiente. Ich hätte keinen Antheil an der Fiſcherei, die ihren Mißfallen erregt hätte, und ich wäre mit Mr. Geddes erſt ſeit Kurzem bekanne. Endlich, und als den ſtärkſten Grund, ſuchte ich ſte in Furcht zu ſetzen, indem ich ihnen ſagte, daß der Nang und der Stand, den ich behauptete, es nicht zu⸗ 14 laſſen würde, daß man mich ungeſtraft ermorden oder gefangen halten könnte; auch ihre Habſucht ſuchte ich durch eine Belohnung zu reitzen, die ich ihnen verſprach, wenn ſie mich los laſſen wollten. Ein zor⸗ niges Gelächter war die Antwort, die mir auf meine Drohungen ward; meine Verſprechungen ſchienen mehr Eindruck zu machen, denn ſie flüſterten zuſammen als ſchwankten ſie, ſo daß ich meine Anerbietungen wie⸗ derholte und vergrößerte. Aber ein Reiter, der plötz⸗ lich erſchien, und den Fußgängern Schweigen gebot, näherte ſich dem Fuhrwerke und ſagte mit ſtarker ent⸗ ſchloſſener Stimme:„Junger Mann, es ſoll Euch perſönlich nichts zu Leid geſchehn. Wollt Ihr Euch ſtill und ruhig verhalten, ſo könnt Ihr auf gute Be⸗ handlung zählen; verſucht Ihr es aber, dieſe Leute von Ihrer Pflicht abwendig zu machen, ſo will ich ſol⸗ che Maaßregeln ergreifen, um Euch zur Stille zu be⸗ wegen, daß Ihr den längſten Tag Eueres Lebens dar⸗ an denken ſollt.“. Ich glaubte die Stimme zu kennen, welche dieſe Drohungen ausſtieß; aber in meiner Lage konnte mein Gedächtniß natürlich nicht ſehr zuverläſſig ſeyn. Ich begnügte mich alſo zu antworten.„Wer Ihr auch ſeyn möget, der mit mir ſpricht, ſo nehme ich ja nur das Recht des niedrigſten Gefangenen in Anſpruch, den man geſetzlich keinem größeren Zwange unterwerfen kann als der zur Sicherung ſeiner Perſon nöthig iſt. Ich bitte nur, daß die Banden, welche mich ſo grauſam 15 einzwängen, loßgebunden wo nicht ganz weggenom⸗ men werden möchten.“ „Ich will die Banden loſer binden,“ antwortete der ſchon erwähnte Sprecher;„ija, ich will ſie ſogar ganz wegnehmen und Euch geſtatten, Euere Reiſe auf eine anſtändigere Weiſe fortzuſetzen, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort geben wollt nicht zu entfliehn.“ „Nie!“ rief ich mit einer Kraft aus, wozu nur die Verzweiflung allein mich faͤhig machte,—„ich will mich nie dem Verluſte meiner Freiheit länger unter⸗ werfen, als die Gewalt mich dazu zwingt.“ „Genug,“ ſagte er;„das Gefuͤhl iſt natürlich; aber dann könnt Ihr Euch auch nicht beklagen, daß ich meinerſeits alle mögliche Mittel anwende, um den glücklichen Erfolg eines wichtigen Unternehmens zu ſichern.“ Ich verlangte zu wiſſen was er mit mir vorzu⸗ nehmen gedächte, aber mein Führer befahl mir mit drohender Stimme bei Gefahr meines Lebens ſtille zu ſeyn; auch waren meine Kräfte und mein Geiſt zu ſehr erſchöpft, als daß ich ein ſo ſonderbares Geſpräch hätte fortſetzen können, ſelbſt wenn ich mir einen gu⸗ ten Erfolg davon hätte verſprechen koͤnnen. Ich muß nothwendiger weiſe hinzufügen, daß, ſo viel ich mich damals erinnern konnte, und nach dem was ſeither vorſiel, ich feſt glaube, daß der Mann mit dem ich dieſe Zwieſprache hielt, die ſonderbare Perſon iſt, welche zu Brokenburn in der Grafſchaft Dumfries 16 wohnt, und die von den Fiſchern des Dörſchens der Laird der Solway Seen genannt wird. Doch kann ich durchaus keinen Grund für ſeine härnäckige Ver⸗ folgung gegen mich finden. Unterdeſſen ward das Fuhrwerk ſchläfrig und lang⸗ ſam fortgezogen, bis das näher heranrollende Don⸗ nern der Fluth eine andere Gefahr befürchten ließ. Ich konnte mich in den Tönen nicht täuſchen, denn einſt hatte ich ſie bei einer Gelegenheit gehört, wo nur die Eile eines auf Windesſittigen einher flie⸗ genden Roſſes, mich von der Gefahr rettete, im Trieb⸗ ſand umzukommen. Du, mein theuerſter Alan, mußt Dich deſſen noch erinnern; aber, o, des wunderba⸗ ren Widerſpruchs! Derſelbe Mann, ſo viel ich mich erinnerte, der mich damals errettete, war nun der Führer der geſetzloſen Bande die mich meiner Freiheit beraubte. Die Gefahr ward dringend, wie ich ver⸗ muthete; Worte wurden gewechſelt und Zeichen gege⸗ ben, da ſpannte ein Reiter ſein Pferd als Vorſpann vor den Wagen, um den erſchöpften Thieren zu Hülfe zu kommen die ihn zogen; jetzt ward die Maſchine ſchneller in Bewegung geſetzt, und die Pferde mit Flüchen und Stößen zum Anziehn angehalten. Doch waren die Männer, Bewohner der Umgegend, und ich hatte perſönliche Gründe zu glauben, daß wenigſtens einer von ihnen, mit den Abgründen und Schluchten des gefährlichen Weges genau bekannt war. Aber auch ſie ſchwebten in Gefahr; und war dem anlo die 4 ihr 17 ihr Flüſtern und ihre Anſtrengungen das Fuhrwerk ſchnell von Ort und Stelle zu bringen fürchten laſſen mußten, ſo war es keinem Zweifel unterworſen, daß ſie mich als eine unnütze Bürde in einem Zuſtand zu⸗ rücklaſſen würden, der eine jede Möglichkeit der Flucht undenkbar machte. Das war ein grattenvoll⸗ängſtli⸗ cher Zuſtand der Banzigkeit; aber es gefiel der Vor⸗ ſehung ihn bis auf einen Punkt zu ſteigern, wo ihn mein Geiſt kaum ertragen konnte. Als wir uns einer ſchwarzen Linie näherten, die ich, ſo ſehr ſie auch in Nebel gehüllt war, fuͤr das Ufer erkannte, hörten wir einige Flintenſchüſſe. Da war alles geſchäftig ſich davon zu machen. Ietzt ſprengt ein Neiter einher und ſchreit:„Vorgeſehn, vorgeſehn! die Landreiter ſind ausgezogen, Allonby Tom wird ſeine Ladung verlieren, wenn Ihr nicht helft.“ Bei dieſer Nachricht eilten die Meiſten dem Ufer zu. Ein Führer ward bei⸗dem Wagen zurückgelaſſen, als er ihn aber nach allem Bemühen kaum Haarbreit von der Stelle brachte, als das Fuhrwerk tief in den lockeren Triebſand verſank, da ſchnitt der Kerl, mit furchtbaren Flüchen die Stränge entzwei, und eilte mit den Pferden davon, die ich noch lange im feuch⸗ ten Sande und in den Wellen pläͤtſchern hörte, wie ſie im vollen Gallop hinweg eilten. Noch immer hörte ich einzelne Flintenſchüſſe, bald aber verlor ſich der Schall in dem Donner der nahen⸗ den Brandung. Verzweiflungsvoll raffte ich die letz⸗ ten Kräfte zuſammen, richtete mich auf, und es ge⸗ lang mir eine ſitzende Stellung anzunehmen, die mir nur die Größe der Gefahr noch anſchaulicher machte in der ich ſchwebte. Dort lag mein Vaterland— mein liebe s Eng⸗ land— das Land wo ich zuerſt das Licht er blickte, wohin ſich ſeit meinem früheſten Alter alle meine Wünſche mit allen Vorurtheilen des Nationalſtolzes, hinſehnten, dort lag es— eine Spanne weit von deſh Orte wo ich mich befand; und doch war dieſe Spanne, W. Seott's Werke. XVII: 2 18 die ein Kind in einem Augenblick überſchritten hätte — ei Schlagbaum, der mich auf ewig von England trennen ſollte, und vom Leben. Bald hörte ich nicht blos die furchtbare Brandung ſich nahn, ſondern ich ah auch, bei ſchwankendem Lichte des Mondes, die ſchäumenden Wogen der verſchlingenden Wellen, die wie hungrige Wölfe auf ihre Beute ſtürzten. Der geringſte Stratl der Hoffnung hatte mich verlaſſen, keine Rettung ſchien mehr moͤglich; da über⸗ mannte das Bewußtſeyn meines Zuſtandes die Fe⸗ ſtigkeit, mit der ich alles bisher ertrug. Meine Augen wurden feucht— ſchwindelnd und verzweifelt vor Furcht mein Kopf— ich ſchnatterte und heulte wie ie heulende, tobende See. Schon hatten zwei große Wellen den Wagen erreicht, da erſchien, wie durch Zauber, der oft erwähnte Anführer der Rebellen an meiner Seite. Er ſprang vom Pferde in den Wagen, zerſchnitt die Leinewand, die mich feſſelte, befahl mir aufzuſtehn und ins Teufels Namen das pferd zu beſteigen. Wie er aber ſah, daß ich unfähig war, ihm zu ge⸗ borchen, da ergriff er mich, wie man ein halbjähkiges Kind faßt, warf mich auf das Pferd, ſprang hinten auf, hielt mich mit der einen Hand, während er mir der Anderen das Pferd lenkte. Hüflos und von Schmerzen gepeinigt wie ich war, wor mir der Grad der Gefahr unbekannt in der wir ſchwebren; einmal aber glaubte ich, mußte das Pferd ſchwimmen oder war doc nahe daran, und nur mit Mühe gelang es 3 meinem ernſten, gewaltigen Führer, meinen Kopf über dem Waſſer zu halten. Vorzüglich erinnere ich mich des Sioßes, den ich fühlte, als das Thier, in⸗ dem es verſuchte das Ufer zu erreichen, ſich bäumte und faſt rücklings unggeſtürzt wäre ſammt ſeiner Laſt. Wahrſcheinlich dauerte dieſer grauenvolle Zuſtand wohl nicht mehr als zwei oder drei Minuren, Enſſetzen und Todesangſt aber ſchien ſie mir fürchterlich zu ver⸗ langern. Als ich ſo dem Untergang entriſſen worden war⸗ — 19 konnte ich zu meinem Beſchützer oder zu meinem Un⸗ terdrücker(denn er verdiente beide Benennungen) nur die Worte ſagen:„Ihr wollt mich alſo nicht ermor⸗ den? Indem er mir antwortete, lachte er, aber es war ein Gelächter, das ich nie wieder hoͤren möchte:„Ihr glaubt wohl, ſonſt hätte ich den Wellen die Ardeit üͤberlaſſen? Aber wenn der Schafer ſeine Schaafe aus dem Waſſer zieht, geſchieht es wohl um ihnen das Leden zu retten?— Schweige aber mit Fragen und Geſpraͤchen. Was ich thun will, das kannſt Du eben ſo wenig errathen oder verhindern, wie ein Mann mit ſeiner hohlen Hand die Solway ausſchoͤpfen kann.“ Ich war zu ſehr erſchoͤpft, als daß ich haͤtte ant⸗ worten koͤnnen; und da ich an allen Gliedern gelahat und erſtarrt war, ſo mußte ich es ohne Widerſtaud dalden, das man mich auf ein Pferd ſetzte, das man zu dieſem Eadzwecke hergebracht hatte. Mein furcht⸗ barer Fuͤhrer ritt auf dieſer, eine andere Perſon auf jener Seite, und ſo hielten ſie mich aufrecht im Sat⸗ tel. Auf dieſe Weiſe ſetzten wir unſere Reiſe auf Neben wegen fort, mit denen mein Begleiter eben ſo ver⸗ traut wie mit den gefaͤhrlichen Pfaden am Solway war. Endlich, nachdem wir ein Labyrinth, dunkler, en⸗ ger Neoenweg⸗ durch vandert, und mehr als eine ran⸗ ², öde Haide darchtcnitren harten, befanden wir uns an Eingang einer Lanoſtraße, wo eine vierſpaͤnnige Egaipage unſere Ankunft zu erwarten ſchien. Zu mei⸗ ner großen Erleichterung aͤnderten wir nun unſere Aer zu reiſen; denn die Beraͤubung und das Kopfweh hatten ſich wieder ſo heftig eingeſtellt, daß ich ganz und gar außer Stand geweſen waͤre, ſelbſt mit der Unterſtützung meiner Fuͤhrer, auf dem Pferde zu ſitzen. Mein verdachtiger, gefaͤhrlicher Gefaͤhrte gab mir durch Zeichen zu verſtehen, ich ſollte in den Wagen ſeigen— der Main der zur linken Seite Seines p er des geriiten wie, ſtieg nach mir ein, un⸗ zog 20 die Laͤden des Wagens in die Hoͤhe, nachdem er ein Zeichen zum Fortfahren gegeben hatte. Als der Kutſcher den Wagenſchlag öffnete, erblickte ich beim Schimmer einer Blendlaterne die Zuͤge mei⸗ nes neuen Begleiters, und war faſt ganz ſicher, daß ich in ihm den Diener des Bandenanfuhrers vor mir habe, den ich fruͤher in ſeinem eigenen Hauſe zu Brokenburn geſehen hatte. Um ſicher zu gehn, frug ich ihn, ober nicht Chriſtal Nixon hieße. „Was geht Euch anderer Leute Name an?“ ant⸗ wortete er muͤrriſch,„der ihr den Eures Vaters und Euerer Mutter ſelbſt nicht kennt?“ „Ihr aber kennt ſie, wahrſcheinlich?“ rief ich hef⸗ tig aus.„Ihr kennt ſie! und die Behandlung, die ich jetzt erdulde, ſteht mit dieſem Gebeimniß in Verbin⸗ dung. Ja, ſo muß es ſeyn; denn in meinem Leben habe ich niemanden beleidigt. Sagt mir die Urſache meines Ungluͤcks, oder verhelft mir vielmehr zu mei⸗ ner Freiheit und ich will Euch reichl ch belohnen.“ „Ja, ja,“ erwiederte mein Wärter,„aber wozu ſollte man Euch die Freiheit geben, da Ihr ſie nicht wie ein Gentleman zu gebrauchen wißt, ſondern Euere Zeit mit Quäkern und Geigern und ſolchem Lumpen⸗ geſindel zubringt? Wäre ich Euer— hm, hm, hm.“ Hier hielt Chriſtal plötzlich inne, wie es ſchien, weil ihm eine Nachricht entſchlüpfen wollte. Ich bat ihn nochmals ſich freundſchaftlich gegen mich zu betra⸗ gen, und verſprach ihm das ganze Cavital, das ich bei mir hatte, das gar nicht unbedeutend war, wenn er mir zu meiner Flucht behülſtich ſeyn wolle. Er horchte, als wäre ihm der Vorſchlag nicht un⸗ angenehm, und antwortete mit milderer Stimme als zuvor.„Aber man fängt die alten Vögel nicht mit Enrelt, mein Herr. Wo habt Ihr denn die Gold füchſe, mit denen Ihr ſo um Euch werft?“ aA. 3„Ich will Euch das Geld gleich geben, und zwar in Banknoten,“ ſagte ich; aber indem ich mit meiner Hand in der Bruſtfaſche wühlte, ſo fand ich, daß mein 6 . — 21 Taſchenbuch weg war. Ich häite geglaubt, daß blos die Steifheit meiner Hände mich verhinderte, es zu fin⸗ den, wenn Chriſtal Niron, deſſen Züge Spuren der Rohheit tragen, welche Freude an menſchlichem Elend ſindet, ſein ſchallendes Hohngelächter länger hätte un⸗ terdrücken können. „20 ho! mein junger Herr,“ ſagte er;„wir ha⸗ ben Sorge getragen, Euch die Mittel zu nehmen arme Leute beſtechen zu können. Was, Freund, wir haben eine Seele ſo gut wie andere Leute, und ſie zum Treubruch verleiten zu wollen, iſt eine Todtſuͤnde. Was mich betrifft, junger Herr, wenn Ihr auch die Marien⸗Kirche mit Gold anfüllen könntet, Chriſtal Niron wuͤrde es eben ſo wenig reitzen, als wären es eben ſo viele Kieſelſteine.— Ich wuͤrde das Geſpräch fortgeſetzt haben, wäre es blos der Hoffnung wegen g weſen, daß er im Laufe des Geſprächs etwas über meine Verhältniſſe fallen laſſen würde; er aber ſchnitt alle fernere Mittheilun⸗ gen ab, indem er mich bat, mich in die Ecke zu legen und zu ſchlafen. „Du biſt ſchon ermattet genug,“ fügte er hinzu, „und wenn Ihr Ench nicht einige Ruhe gönnet, ſo werden Deine junge Knochen ganz auseinander fallen.“ Wirklich bedurfte ich der Ruhe, wenn auch nicht des Schlafs, der Trank, den ich zu mir genommen hatte, wirkte noch immer fort; ich beruhigte mich alſo bamit, daß man keinen Angriff auf mein Leben beab⸗ ſichtigte, die Furcht vor einem plötzlichen Todte rang nicht mehr mit der Betäubung, die ſich meiner bemäch⸗ in hae,. Ich ſchlief ein, und ſchlief feſt, aber un⸗ erquicklich. Als ich erwachte, befand ich mich ſehr unwohl; Bilder der Vergangenheit und Ahnungen der Zukunſt ſchrebten verwirrt vor meiner Phantaſie. Doch be⸗ merkte ich, das ſich meine Lage, und zwar bedeutend zu meinen Ginſtn, verändert hatte. Ich lag in ei⸗ nei guten Bette, deſſen Umhänze zugezogen waren; 22 ich vernahm flüſternde Stin men, und leiſe Tritte der Diener, die meine Ruhe nicht ſtören zu wollen ſchie⸗ nen; es kam mir ror als befänd e ich mich in den Haͤnden meiner Freunde, oder in denen von Men⸗ ſchen, die mir perſönlich nichts zu Leide thun woltten. Undeutlich ſchweben mir nur die Begebenheiten der zwei oder drei Dage vor, die ich in abwechſelnder Fieberhitze zubrachte; bald ward ich von Träumen und ſchrecklichen Erſcheinungen aufgeſchreckt, bald bo⸗ ten ſich meiner erbitzten Einbildungskraft wieder er⸗ freul chere Gegenſtände dar. Alan Fairford wird mich verſeehen wenn ich ſage, daß ich überzeugt bin den G. M. während dirſer Zeit geſehn zu haben. Ich genoß arztlicher Bedienung und mehr als ein Mal ließ man mir zur Ader. Ich erinnere mich auch einer ſchmerze lichen Operatien am Kopfe, wo ich in der Nacht wäh⸗ rend des Aufruhrs einen heftigen Schlag bekommen hatte. Das Haar ward mir glatt abgeſchoren und der Hirnſchödel unterſucht, um zu ſehen ob das Eehirn nicht gelitten habe. Beim Anblick des Arztes wäre es natürlich ge⸗ weſen, ihn wegen meiner Geſangenſchaſt anzureden, und ich erinnere mich⸗ daß ich es mehr als ein Mal ver⸗ ſuchte. Aber wie mit einem Zauber bannte das Fie⸗ ber meine Zunge, und wenn ich den Doctor um Hͤlfe bitten wollte, ſo phantaſirte ich darüber, und ſprach ich weiß nicht welchen Unſinn. Eine unwiderſtehliche Ge⸗ 3 walt ſchien das Geſpräch auf einen andern als den be⸗ abſichtigten Gegenſtand zu leiten, und obgleich ich mich des Irrthums bewußt war, ſo konnte ich ihn doch nicht verbeſſern. Ich beſchloß daher, mich ruhig zu verhalten, bis die Fähigkeit anhaltend denken und mich ausdrücken zu können, mit meiner gewöhnlichen it zurückkehrte, die von den Mühſeligkeiten gß Geſundheit und den Leiden, die ich erduldele, einen bedigen erlitien hatte. 8 n a afn 4 3 57. MIr ——E —— 23 Zweites Kapitel. Fortſetzung des Tagebuchs Darſie Latimers. Nachdem ich zwei oder drei Tage, vielleicht mehr, vielleicht weniger, im Bette zugebracht hatte, wo ich ſorgfältig verpflegt, und wie ich glaube mit ſo vieler Vorſicht behandelt wurde, als nur meine Lage es er⸗ heiſchte, ward mir endlich erlaubt das Bett, aber nicht die Stube zu verlaſſen. Nun war ich ſchon eher im Stande, einige Bemerkungen über den Ort zu machen, wo ich gefangen gehalten wurde. Dem Anſehn und den Möobeln nach, glich das Zimmer der beſten Stube in einem Pachters Hausz die Fenſter gewährten, vom zweiten Stockwerk herab, die Ausſicht in den Hof, der mit allerlei Geflügel be⸗ völkert war. Die nöthigen Wirthſchaftsgebäude befan⸗ den ſich im Hofe. Ich konnte das Brauhaus und die Scheune unterſcheiden, auch hörte ich von einem ent⸗ fernteren Gebäude her das Bruͤllen des Viehs und andere ländliche Töne, die ein großes, wohlverſehenes Pachterhaus verricthen. Der Anblick ſowohl als die Töne waren geeignet, die Furcht vor einer perſönli⸗ chen Gewaltthat zu verſcheuchen. Doch ſchien das Ge⸗ bäude alt und feſt zu ſeyn, ein Theil des Daches war mit Zinnen verſehn, und die Mauern waren unge⸗ heuer dick; endlich merkte ich noch zu meinem Ver⸗ druſſe, daß die Fenſter des Zimmers, erſt vor Kur⸗ zem mit eiſernen Stangen verwahrt worden waren, und daß die Diener, welche mir Speißen brachten oder andere häusliche Dienſte leiteten, immer die Thüre wieder zuſchloſſen wenn ſie weggingen. Die Bequemlichkeit und Reinlichkeit meiner Stu⸗ be war ächt engliſcher Art, ſo wie ich ſie nie auf dem 24, 7 andern Ufer der Tweede ſah, das ſehr alte Getäfel, woraus der Fußboden und das Geſimſe beſtand, war mit einem Fleiße geſcheuert, den eine Schottlaͤnderinn kaum ihrem koſtbarſten Möbel ſchenkt. Die Zimmer, welche zu meinem Gebrauch beſtimmt waren, beſtanden in einer Schlafſtube, einem anſtoſſen⸗ den kleinen Wohnzimmer, mit welchem ein noch klei⸗ neres Kabinet in Verdindung ſtand, welches ein ſchma⸗ tes Fenſter hatte, das vor Alters zur Schießſcharte gebient zu haben ſchien und nun der Luft und dem Licht einen frehen Durchgang gewährte; aber außer⸗ dem konnte man unmöglich erwas anderes als den blauen Himmel ſehen, und ſelbſt den nur, wenn man ſich auf einen Stuhl ſtellte. Es war noch eine Spur eines beſonderen Eingangs in das Kabinet vorhanden, außer dem der in das Wohnzimmer führte, der aber erſt kürzlich zugemauert worden war, wie ich entdeckte, indem ich einen Theil der Tapeten wegriß, die das friſche Mauerwerk bedeckte. Ich fand daſelbſt meine Kleider, Weißzeug und andere Bedurfniſſe, ja ſogar mein Schreibzeug, das Feder, Dinte und Papier ent⸗ hielt, ſo daß ich im Stande bin, dieſen Bericht von meiner Geſangennehmung, mit Muſe(und Gott weiß es, ſie iſt ungeſtört genug) niederzuſchreiben. Natür⸗ lich vertraue ich ſie meinem Pulte nicht an, ſondern ich trage die geſchriebenen Blätter bei mir, ſo daß man mir ſie nur mit Gewalt entreißen kann. Ich gebrauche auch die Vorſicht, nur in dem kleinen Kabi⸗ net zu ſchreiben, ſo daß ich, wenn ſich jemand dem anderen Zimmer nähert, Zeit genug habe, mein Ta⸗ gebuch bei Seite zu legen, ehe man kommt. Die Dienſtboren, ein kräftiger Landburſche und ein zierliches Landmädchen, das einem Milchmädchen nicht unahnlich ſieht, ſcheinen von dem ächten Schlag engliſcher Bauern zu ſeyn, denken wenig, wünſchen faſt gar nichts, das außer dem beſchrankten Kreiſe ih⸗ rer Pflichten und Vergnügungen liegt, und kennen die Neugierde nicht, ſich auch nur im Geringſten in ſelbſt geſagt, wenn ich ſolche mand, der auch nur ein Stückchen von einem Qitgter⸗ 25 die Angelegenheit anderer Leute zu miſchen. Ihr Be⸗ tragen gegen mich iſt zugleich ſehr gütig und ſehr ärgerlich. Mein Tiſch iſt reichlich verſehn, ſie kom⸗ men meinem Geſchmack in dieſer Hinſicht ängſtlich zu⸗ vor. Frage ich aber etwas über das Eſſen hinaus, ſo bringt mich der Dummkopf mit ſeinem„Heh,“ und ſeinem„weiß nicht⸗“ faſt zur Verzweiflung; dringe ich beftiger in ihn, ſo wendet er mir ruhig den Rücken, und verläßt das Zimmer. Auch das Mädchen will fär ſo einfältig gelten wie er es wirklich iſt; aber ein ſchalkhaftes Lächeln, das ſie nicht immer unterdrücken kaun, ſcheint anzuzeigen, daß ſie die Rolle, die ſie ſpielt, volkommen kennt, mieh aber in Unwiſſenheit laſſen wiß. Beide, und das Mädchen beſonders, behandeln mich wie ein verzogenes Kind; ſie verweigeren mir nie etwas geradezu, aber ſie ſorgen zugleich dafür, daß ſie ihr Wort nicht erfüllen können. Wenn ich z. B. den Wunſch außere, daß ich ausgehen möchte, ſo verſpritt mir Dorcas ich ſollte heute Nacht in den Park ſpazieren gehn und zuſehen wie man die Kühe meikt, grade wie man einem Kinde ein ſolches Ver⸗ gnügen verſpricht. Dabei aber ſorgte ſie dafur, daß ſie, wenn es nur immer möglich iſt, nie Wort hält. Unterdeſſen hat ſich eine Gleichgültigkeit gegen Freiheit, eine Sorgloſigkeit wegen meiner Lage bei mir eingeſchlichen, für die ich durchaus keinen Grund anzugeben weiß, wenn ſie nicht Folgen meiner körper⸗ lichen Schwäche und des häufisen Blurverluſtes ſind. Ich habe von Männern geleſen, die, eingemauert wie ich, die Welt durch die Gewandtheit in Erſtzunen ſetzten, vermöge deren es ihnen gelang die furchtbar⸗ ſten Schiwierigkeiten, die ſich ihrer Flucht entgegen ſtetten, glücklich zu überwinden. Ich habe mir oft lche Anerdoten las, daß nie⸗ ſein oder einen roſtigen Nagel beſitzt, um Klamnier auszuheben, oder Schlöſſer zu öffnen, und der volle ſich damit zu beſchäftigen, gezwungen it in 26 ſeinem Kerker zu bleiben. Doch ſitze ich hier Tag für Tag, und wage nicht den geringſten Verſuch um mei⸗ ne Befreiung zu bewerkſtelligen. Aber die Quelle meiner Unthätigkeit entſpringt nicht in der Erſchlaffung meines Geiſtes, ſondern in Gefühlen ganz anderer Art. Meine Lebensgeſchichte, die lange Zeit in ein tiefes Geheimniß gehüllt war, ſcheint nun auf dem Punkt zu ſtehen, wo der Schleyer fallen wud; ein inneres Gefühl gebietet mir den Lauf der Begebenheiten abzuwarten, wogegen zu kaͤmpfen, meine ſchwachen Kräſte dem Willen des Schickſals ent⸗ gegenſtemmen hieß. Du, mein Alan, wirſt dieſe dul⸗ dende Ruhe für Feigheit anſehn, die mich wie eine entmannende Betäubung überfallen hätte; denkſt Du gLber an die Erſcheinung, die mein Krankenbett um⸗ ſchwebte, vermutheſt Du wie ich, daß ich in der Nä⸗ he, ja vielleicht unter einem Dache mit dem G. M. bin, dann wirſt Du einſehn, daß ein Gefuͤhl, das ſehr verſchieden von Muthloſigkeit iſt, mich dazu bewegt, mich gewiſſermaßen mit meinem Schickſal auszuſöhnen. Doch geſtehe ich ein, daß es unmaͤnnlich iſt, mich geduldig einer gewaltthatigen Gefangenſchaft zu unter⸗ werfen. Mein Herz empört ſich dagegen, beſonders wenn ich mich niederſetze, um in meinem Tagebuche mein Leiden zu erzählen; ich bin entſchloſſen den er⸗ ſten Schritt zu meiner Befreiung zu thun, und wo möglich einen Brief auf die Poſt legen zu laſſen. Ich bin getäuſcht. Als das Mädchen Dorcas, das ich mir zum Boten auserſehn hatte, von der Beſor⸗ gung eines Briefes hörte, bot ſie mir willig ihre Dienſte an, und empfing den Kronenihaler, den ich ihr gab(denn meine Börſe war mit meinem inhalts⸗ ſchwereren Taſchenbuch nicht entſlohn) mit einem Lä⸗ cheln, das die ganze Reihe ihrer weißen Zähne zeigte⸗ Als ich ſie aber, um einige Auftlärungen über meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort zu erlangen frug, nach welcher Poſtſtation ſie meinen Brieſ tragen oder 8 27 ſchicken wollte, ſo zeigte mir ein einfältiges„Heh?““ daß ſie durchaus nicht wußte, oder vielleicht nicht wiſ⸗ ſen wollte, was ein Poſtamt ſey.—„Dummkopf!“ rief ich heftig aus. „Aich Gott, mein Herr!“ antwortete das Mäd⸗ chen erbleichend, wie es ihr immer zu gehen pflegte, wenn ich Heftigkeit zeige,—„werden Sie nicht hef⸗ tig— Ich will ja den Brief auf die Poſt legen.“ „Was! und kennſt doch den Namen der Poſtſta⸗ tion nicht?“ ſagte ich ungeduldis.„Wie ums Him⸗ mels Willen willſt Du das anfangen?“ „Beruhigt Euch doch, mein lieber Herr. Was braucht Ihr ein armes Mädchen zu erſchrecken, die nicht gelahrt iſt, damit ſie auskramt, was ſie in der Armenſchule zu Saint Bees lernte? „Iſt Saint Bees weit von hier, Dorcas? Schickt Sör Euere Briefe dorthin?“ ſagte ich, ſo einſchmeich⸗ end und ſorglos als möglich. 3 „Saint Bees!— da müßte einer ja verrückt ſeyn — Ich bitte Ew. Gnaden um Verzeihung— es iſt nun ſchon eine Geſchichte von zwanzig Jahren, daß der Vater zu Saint Bees wohnte, das 20 oder 40 oder, Gott weiß wie viel, Meilen von hier liegt, dort im Oſten,— in Northumberland; auch hätte ich Saint Bees nie verlaſſen, wenn nicht der Vater“— „Ach, hol der Teufel Deinen Vater!“ erwiederte ich. Sie aber entgegnete:„Wahrhaftig wenn nicht Ew. Gnaden ein bischen wirr wären, ſo würden Sie nicht den Vater anderer Leute verdammen; auch litt ich es, auf mein Wort, von keinem Anderen.“ Ach, ich bitte Dich tauſend Mal um Verzeidu — Ich wünſche Deinem Vater nicht das geringſte Boͤſe— er war gewiß in ſeiner Art ein ſehr recht⸗ ſchaffener Mann.“ I. „Er war ein rechtſchaffener Mann!““ rief ſie aus (denn die Kumberländer ſind eben ſo kitzlich in Hin⸗ ſicht ihrer Ahnen wie ihre Nachbaren die Schottlän⸗ der)„Er iſt ein ſo rechtſchaffener Mann als je einer 28 einen Gaul mit dem Halfter über dem Kopf auf die Meſſe zu Staneshaw⸗Bank führte.— Aber wie recht⸗ ſchaffen!— Er iſt ein Pferdebändler, Herr.“ „Recht ſo, ja Du haßt ganz recht,“ erwiederte ich; —„ich weiß es, ich habe ſchon von Deinem Vater gehört— er ſoll ſo rechtſchaffen ſeyn wie nur irgend ein Pferdehändler. Was meinſt Du, Dorcas, ich habe im Sinn ein Pferd von ihm zu kaufen.“ „„Ah, Ew. Gnaden,“ ſeufzte Dorcas,„da iſt er gerade der Mann dazu Ew. Gnaden gut zu bedienen — wenn Sie jemals wieder frei werden,(ſchadet nichts, wenn's auch noch ein bischen im Oberſtübchen fehlt.) Er wird ſie um nicht viel überſetzen, höchſtens um—“ „Gut, gut, wir werden ſchon einig werden, mein Kind, veriaß Dich darauf. Willſt Du mir nun aber wol ſagen, wie Du den Brief zu befördern gedenkſt, den ich Dir geben will?“ .„Wie? Ei den lege ſch in den Beutel des Squire ſelbſt der in der Halle hängt. Wie ſollte ich es ſonſt anfangen? Er ſchickt ihn dann wöchentlich einmal, oder wie es ihm einfällt, entweder nach Brampton oder nach Carlisle, oder wohin er ſonſt will.“ „Ach!“ ſagte ich—„nicht wahr Dein Liebſter John bringt ſie hin?“ „Nein— der nicht— auch iſt der Jan mein Liebſter nicht mehr, ſeitdem er auf den Geburtstag ſeiner Tante mit der Kitty Rutlege getanzt hat und mich ſitzen ließ; ja, das hat er gethan.“ „Das war doch ſchändlich von dem Jan; ich haͤtte i das nie von ihm gedacht,“ er wiederte ich. „Ja, es iſt aber doch ein Mal ſo— er hat mich grade zu ſitzen laſſen, ja, das hat er gethan.“ „Gut, mein hübfches Mädchen, Du wirſt ſchon noch einen ſchöneren Burſchen bekommen als den Jan Diakann ich ſeh' ſchon der Jan iſt kein Mann für „Nein,“ antwortete das Jungferchen;„aber ein ſchmuker Burſche iſt er bei alle dem. Aber jetzt kuͤm⸗ — „ 29. mere ich mich nichts mehr um ihn. Der Muͤllers Sohn, der mir auf dem letzten Jahrwarkt zu Appleby uüberall nachlief, das iſt ein Vial ein zierlicher Geſell, das koͤnnen Sie bei hellem Tage ſeyen.“ „Ja, das iſt ein ſchoͤner, ruͤſtiger Burſche— Glaubſt Du er wuͤrde den Brief nach Carlisle tragen.“ „Nach Carlisle! das koͤnnte ihm das Leben ko⸗ ſten; er muß immer nach dem Trog und der Klappe ſehen, wie man ſagt. Potz Blitz, ſein Vater wuͤrde ihn braun und blau ſchlagen, wenn er ſich's einfallen ließe nach Carlisle zu laufen. Aber ich habe noch mehr Freyer als ihn, da iſt z. B. der Schulmeiſter, der ſchreibt faſt ſo gut, wie Du, Freund.“ „Nun der iſt ja der rechte Mann dazu um einen Brief zu beſorgen; der weiß auch wie viel Muͤhe es koſtet bis man einen geſchrieben hat.⸗ „Ja menn Du davon ſprichſt, Freund, Muͤhe koſtet es ihm wahrhaftig genug; blos vier Stunden braucht er zu vier Zeilen. Dann aber ſchreibt er auch ſchoͤn, groß und deutlich, daß man's auch leſen kann, und keine Muͤckenfaͤßlein wie Ew. Gnaden Buchſtaben machen. Aber nach Carlisle kann er nicht gehn, denn er iſt ſtockſteif, und kruͤppelig wie Eckes' Maͤhre.“ „Nun in Gottes Namen,“ ſagte ich,„wie denkſt Du alſo meinen Brief zur Poſt zu befoͤrdern?“ „Ich hab's ia ſchon geſagt, ich lege ihn in den Poſtbeutel des Squire, den ſchickt er dann durch den Chriſtal Nixon zur Poſt, wie er ihn wohl zuweilen zu nennen beliebt.“ Von meiner Unterhaltung zog ich alſo keinen an⸗ deren Nuzen, als daß ich nun eine Liſte von den Freyern der Dorcas hatte; aber hinſichtlich des, in Frage ſtehenden Gegenſands, ſtand ich gerade wieder auf dem Punkt von dem ich ausging. Doch war es mir wichtig das Maͤdchen an ein vertrauliches Ge⸗ ſpraͤch zu gewoͤhnen, denn wenn es mir gelang, ſo hoffte ich, wuͤrde ſie im Lauf des Geſpraͤchs nicht im, mer auf ihrer Hut ſeyn und vielleicht wuͤrde ihr dann⸗ . 3⁰ bie nnb da etwas eutſchluͤpfen, was mir nuͤtzlich ſeyn unte. 5 „Pflegt der Squire gewoͤhnlich die Brieftaſche durchzuſehn, Dorcas?“ fragte ich anſcheinend gleich⸗ gültig... „ Ja freilich,“ ſagte Dorcas,„neulich warf er mir eineh Brief an den Muͤller Raff heraus, weil er ſagte—⸗ „Schon gut, ich will ihn mit dem Meinigen nicht belaſtigen,“ ſagte ich,„Dorcas, ich will aver bafär an ihn jelbſt ſchreiben, aber wie ſoll ich ihn an⸗ reden?“ „Heh.“ war Dorcaſens Zuflucht. „Ich meine, wie man ihn nennt? wie ſein Na⸗ me iſt? „Das muͤſſen Ew. Gnaden wohl am beſten wiſ⸗ ſen,“ jagte Dorcas. „Ich muß es wiſſen?— Alle Teufel! bald reißt mir die Geduld.“ „Nicht doch; bleiben Ew. Gnaden in den Schran⸗ ken der Geduld— beunruhigen Sie ſich nicht. Was ſeinen Namen anbelangt, ſo ſagt man er habe mehr als einen in Weſtmoreland uns an den ſchottiſchen Küſten. Er iſt aber, die Fsgozeit ausgenoamen, we⸗ nig hier, und dann nennen wir in Sqarre ſchlecht weg; ſo macht es auch mein Herr und ſeint Frau.“ „Iſt er gegenwaͤrtig hier?“ ſagte ich. 3 „Jetzt grade nicht; er iſt auf der Hirſchjagd, wie ich gehoͤrt habe, nach Tatterdab zu, aber er kommt und geht wie der Sturmwind.“ Ich brach die Uaterredang ab, nachdem ich der Oorcas etwas Geld aufgedrungen hatte um ſich Baͤu⸗ der dafuͤr zu kaufen, was ſie o ſehr entzuckte, daß ſie ausrief:„Ach Gott, mag Chriſtal Nixon immerhin Schlimmes von Dir ſagen, Da biſt doch ein höflicher Gentleman, und auch anſtaͤndig bei den Fraueu.“ Da es aber nicht gut iſt gar zu anſtandig bei den Frauen zu ſeyn, ſo fuͤgte ich zu meinem Kronenthaler 31 zoch einen Kuß hinzu; ſo daß ich nun faſt ſicher bin, mir in der ſchoͤnen Dorcas eine Anhaͤngerin erwor⸗ ben zu haben. Wenigſtens erröthete ſie, ſchob mit der einen Hand ihr kleines Geſchenk in die Taſche, waͤh⸗ rend ſie mit der anderen ihre hochrothen Bander wie⸗ der ordnete, die durch das Straͤuben um den Kuß zu verhindern, in Unordnung gerathen waren. Als ſie beim Fortgehn die Thuͤre zuſchloß, ward ſie bleich, ſah mich mit herzlichem Mitleiden an, und prach:„nun, od Du verruͤckt biſt oder nicht, ein ſcchmuker Burſche biſt Du auf jeden Fall.“ Ja dieſen unheimuchen Worten lag der Schluͤſſel u dem Vorwand unter dem man mich gefangen hielt. Freilich mochte ich in der Fieberhitze oft genug phan⸗ taſirt haben, aber bei meiner jetzigen Gemuͤthsſtim⸗ mung kann man doch unmoͤglich meine Einkerkerung mit dem zerruͤtteten Zuſtand meines Geiſtes beſchoͤni⸗ gen. Ich muß nun durch ein geſetztes ruhiges Be⸗ eragen gegen alle, die ſich mir nahen meinen Unter⸗ bruͤckern den Vorwand rauben, unter dem ſie mir meine Freiheit entziehn. Ich habe ein ſchauderhaf⸗ ter Geranke!— von Menſchen gehoͤrt, die man tyran⸗ niſcher Weiſe in ein Tollhaus ſperrte, und die nach langen Jahren des Elends, in den Zaſtand der Un⸗ luͤckſeligen verfielen, mit denen man ſie eingekerkert atte. Iſt es aber der menſchlichen Natur moͤglich, mit feſtem, innerem Willen, anſteckenden, außeren Sympathien zu widerſtehn, ſo ſoll es gewiß bei mir nie daßt kommen. Jetzt aber ſetze ich mich um meine Gedanken zu bernhigen und zu ordnen, um meinen Kertermeiſter — denn ſo muß ich ihn nennen— gehorig anzureden. Nur mit Muͤhe konnte ich das Gefuhl des erlitteuen Rurechts und der Nache, die ſich zuerſt in meiner Feder aus prachen unterdruͤcen, und einen zuvorommende ren Ton anneh nen. Ich erwaͤhnte die beiden Male wo er mir mit der groͤßten Gefahr das Leden rettete, fuͤgte hinzu, daß ich uͤbeczeugt waͤre, daß die Gefan⸗ „ 32 nicdt dahin zielen koͤnnte, mich ins Unglück zu ſtuͤrzen, Er könnte mich vieheicht fuͤr einen Anderen anſehn, und deßwegen gab ich ihm einen genauen Bericht von maeinen Verhaͤltniſſen und von meiner Erziehung. Ich verſicherte ihn ferner, daß er nicht zu beſorgen brau⸗ che, daß ich zu ſchwach zum Reiſen und der eigenen Fürſorge nicht faͤhig waͤre, da ich voͤllig wiederherge⸗ ſteüt ſey. Endlich erinnerte ich ihn, mit feſten aber gemaßigten Ausdruͤcken, daran, daß es ungeſetzmaͤßig waͤre, mich den Geſetzen zum Trotz, welche die Frei⸗ beit aller Buͤrger ſchuͤtzen, gefangen iu halten. Zuletzt verlangte ich vor einen Richter geſtellt zu werden, oder wenigſtens eine muͤndliche Unterrebung, um Licht uͤber die Abſichten zu bekommen, die er mit meiner Gefangenſchaft bezwecke. Wahrſcheinlich iſt dieſer Brief für einen, in ſei⸗ nen Rechten gekraͤnkten, Mann zu demuͤthig. Aber was konnte ich thun? Ich war in der Gewalt eines Menſchen, deſſen Leidenſchaften eben ſo heftig, als ſeine Mittel ihnen zu froͤhnen ausgedehnt ſchienen Auch hatte ich Gruͤnde zu glauben(das iſt fuͤr Dich, Alan) daß nicht ſeine ganze Familie die Gewalttha⸗ tigkeit billigte, die er gegen mich gebrauchte. Endlich und bauptfaͤchlich war Freiheit mein Streben, und ſer wuͤrde nicht gern alles aufopferen um ſie zu er⸗ langen. Ich konnte meinem Briefe keine andere Aufſchrift geben als:„Fuͤr des Squire's eigne Haͤnde.“ Er koͤnnte nicht fern ſeyn, denn noch an demſelben Tage empfing ich die Antwort. Der Brief war an Darſie Latimer gerichtet und enthielt folgende Worte. 8 „Sie haben eine Unterredung mit mir gewuͤnſcht, Sie verlangen vor einer richterlichen Perſon geſtellt zu werden. Die erſte Bitte ſoll Ihnen gewaͤhrt wer⸗ den— vielleicht auch die zweite.“ „„Seyn Sie ſo lange uͤberzeugt daß Sie maß allen genſchaft, die ich auf ſeinen Befehl erduldete, geweß 33— allen Rechtsformen gefangen ſind, und daß eine hin⸗ cherheit bringen— ſo weit ich naͤmlich in meiner jetzi⸗ gen Lage etwas ſicher nennen kann— indem ich es zwiſchen dem Futter meines Rockes verberge, ſo daß man es ohne genaue Unterſuchung nicht finden kann. —— Drittes Kapitel. Fortſetzung des Tagebuchs Darſie Latimers. Fruͤher als ich es erwartete, fand die wichtige Un⸗ terredung Statt; noch an demſelben Tage an welchem un willeührlich, ſtiliſchweigend betrachtelen o f nen Augenblick bis endlich mein S das E n er gen broch. 3 „Sie wuͤnſchten mich zu ſprechen,“ ſagte er,„hier W. Scott's Werke. XVII. 3 4 34 in ich; haben Sie etwas zu ſagen, ſo laſſen Sie mich's hoͤren, meine Zeit iſt zu kurz um ſie mit kindiſchem Auſtarren zu verlieren.“ „Ich wollte Sie fragen auf weſſen Befehl und zu welchem Endzweck ich hier gefangen gehalten werde.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt,“ erwiederte er, „daß mein Recht unbeſtreitbar iſt und daß meine Macht ihm gleicht; das iſt alles was Sie fuͤr jetzt zu wiſſen noͤthig haben.“ „Jeder Britte,“ antwortete ich,„hat das Recht dazu, den Grund zu wiſſen warum man ihn in gefaͤng⸗ licher Haft haͤlt, auch kann ihn niemand ohne geſet⸗ maͤßigen Verhaftsbefehl ſeiner Freiheit berauben.— Zeigen Sie mir den, der Sie dazu berechtigt,“ „ Sie ſollen noch mehr ſehen,“ ſagte er,„ich will Sie ſogar vor den Richter ſtellen der ihn ausfertigte, und zwar ſogleich.“ Dieſer uͤberraſchende Vorſchlag beaͤngſtigte und be⸗ unruhigte mich; aber da ich mich einer gerechten Sa⸗ che bewußt war, ſo beſchlos ich ſie kuͤhn zu vertheidi⸗ gen, wenn ich ſchon einige Zeit zur Vorbereitung ge⸗ wünſcht hatte. Er aber wandte ſich um, riß die Thuͤre des Zimmers auf und befahl mir ihm zu folgen. Als ich uͤber die Schwelle meines Zimmers ſchritt, hatte ich nicht uͤbel Luſt auf und davon zu laufen, aber wo ſollte ich die Treppe ſinden, wahrſcheinlich war die Hausthuͤre verſchloſſen, und endlich um mir alle Wahl zu ranben, hatte ich kaum dss Zimmer verlaſſen um meinem ſtolzen Fuͤhrer zu folgen, als Criſtal Nixon krum zwei Schritte binter mir ſtand und mir nach⸗ ſchlich. Ich folgte alſo dem Squire ſtillſchweigend und ohne Widerſtand durch zwei oder drei Gaͤnge, welche laͤnger waren als ich es der Bauart des Hauſes nach vermuthet hatte. Endlich oͤffnete ſich eine Fluͤgelthuͤrs und wir traten in einen großen, altmodiſchen Saal. Dee Fenſter waren von gefaͤrbtem Glas, eichenes Ge⸗ taͤel an den Waͤnden, ein ungeheuerer Roſt bedeckt mit Hollunder und Roßmarin Holz ſtand unter ei⸗ 35 nem breiten, hervorſpringenden, ſteinernen Camin, das mit Wapven geziert war. In den Niſchen der Waͤnde ſtanden ehrwuͤrdige Helden in voller Ruͤſtung mit großen Peruͤcken ſtatt der Helme, und Damen mit Reifroͤckchen, zierlich an Blumenſtraͤußen riechend. Hiuter einem großen Tiſche auf welchem verſchie dene Buͤcher lagen, ſaß ein anſtaͤndig gekleideter, un⸗ terſetzter Mann, der nach dem Stoß Paviere und der Feder zu urtheilen, die er bei meinem Eintreten er⸗ griff, als Fuͤhrer des Protokolls gelten ſollte. Da ich dieſe Perſonen ſo genau als moͤglich beſchreiben moͤchte, ſo muß ich hinzufuͤgen, daß er einen dunkei⸗ farbigen Rock und lederne Beinkleider trug. Am obern Ende deſſelben Tiſches, in einem breiten, mit Leder beſchlagenen Sorgeſtuhl, ruhte ein wohlbeleibter, an⸗ ſehnlicher Mann von ungefaͤhr 50 Jahren, der entwe⸗ der wirklich ein Landrichter war, oder doch dieſe Rolle ſehr taͤuſchend ſpielte. Seine lederne Beinkleider ſchlof⸗ ſen feſt an. ſeine Reitſtiefel glaͤnzend geſchwaͤrzt bat⸗ ten kein Fleckchen, ein paar ſchoͤne, gelbe Umſchlaͤge vereinigten die Stiefel mit den Beinfleidern. Endlich gierte noch eine reichgeſtickte ſcharlachrothe Weſte und ein purpurfarbner Rock die zierliche, wohlbeleibte Ge⸗ ſtalt des kleinen Mannes, und warfen anf ſein wohl⸗ enährtes Angeſicht einen uͤberguͤſſigen Zuwachs von oͤthe. Vermathlich hatte er eben zu Mittag gegeſ⸗ ſen(denn es war um zwei Uhr Nachmittags) und er⸗ freute ſich jetzt damit ſeiner Verdauung mit einem Pfeifchen Taback nachzuhelfen. In ſeinem Geſichte! 3 eine Wichtigkeitsmiene, die ſeyhr wohl mit der ländi Hen Wuͤrde in ſeinem Aeußeren uͤbereinſtimmte. um ſeiner Meinung und ſeiner Entſcheidung einen An⸗ ſtrich tiefen Nachdenkens und reiflicher Ueberlegung zu geben, hatte er die Gewohnheit angenommen, ſeine Sentenzen mit einer Unzahl von Interiectionen 38 zieren, die er durch alle Toͤne vom Baß bis zur Fi⸗ ſtel modifizirte, auch wohl zuweilen mit einem Zug 3-2 —ÿõõõõ= — 36 aus der Pfeife unterbrach, und dann den Dampf in einer langen Wolke nach und nach aus dem Munde bließ. Bei alle dem, Alan, moͤchte es wohl keinem Fweife unterliegen, daß der erwaͤhnte Richter ein ziem⸗ icher Eſel iſt. Abgerechnet daß er eine große Ehr⸗ furcht vor den rechtsgelehrten Meinungen ſeines Schrei⸗ bers hat, was in der Natur der Dinge liegen mag, ſcheint er auch noch wunderbar unter den Befehlen ſeines Titelgenoſſen des Squire's zu ſtehn,(wenn ei⸗ ner von beiden den Titel verdient) ja ſogar noch mehr als es ſich mit ſeiner angeblichen Wuͤrde ziemte. „Ho— ha— ja— ſo, ſo— hum— hum das iſt alſo wohl der junge Mann— hum, ja, ja— er ſcheint kraͤnklich zu ſeyn.— Junger Mann, Ihr duͤrft Euch ſetzen.“ Ich machte Gebrauch von der gegebenen Erlaub⸗ niß, denn meine Krankheit hatte mich mehr geſchwaͤcht als ich es geglaubt hatte, und ich fuͤhlte mich von den wenigen Schritten und von der innerlichen Bewegung ſehr ermuͤdet.—— „Euer Name, junger Mann, iſt— hum— ja, „Aus Scholtland, Sir,“ erwiederte ich. un geborner Schottlaͤnder— ah, hum,— iſt's „Ich bin ein Englaͤnder von Geburt, Sir.“ „„Recht— ei— ja, ſo iſt's. Aber ſagt mir doch guͤtigſt, Mr. Darſie Latimer, ſeyd Ihr immer bei dieſem Namen genannt worden, oder habt Ihr noch einen andern? Nikolas, ſchreib' ſeine Antwort nieder, Nick.“ 3 „So viel ich weiß, trug ich nie einen andern,“ war meine Antwort. „Wie, nicht? das haͤrte ich doch nicht geglaubt— Heh, Nachbar, was meint Ihr dazu?“ . 37 Hier ſah er den andern Squire an, der ſich nach⸗ laͤſſig in einen Stuhl geworfen hatte, indem er die Fuͤße ausbreitete, die Arme auf der Bruſt uber ein⸗ ander ſchlug und dem Verhoͤr nur wenig Aufmerkſam⸗ keit widmete. Auf die Frage des Richters antwortete er, das Gedaͤchtniß des jungen Mannes wuͤrde ſich wohl nicht bis auf ſeine erſten Lebensjahre erſtrecken. „Ah— eh— ha— Ihr hoͤrt was der Gentle⸗ man ſpricht— ſagt mir doch, ich bitte, wie weit mag ſich wohl Euer Gedaͤchtniß erſtrecken? hum.“ „Bis zum Alter von ungefaͤhr drei Jahren.“ „Und Sie wagen es zu behaupten, Sir,“ rief der Squire, indem er ſich ploͤtzlich erhob, und ſeine Stimme bis zu einer furchtbaren Hoͤhe ſteigerte,„daß Sie damals Ihren jetzigen Namen trugen?“ Die Zuperſicht mit welcher dieſe Frage vorgelegt ward, erſchuͤtterte mich, und umſonſt wuͤhlte ich in meinem Gedachtniß nach einer Antwort.—„Wenig⸗ ſtens,“ ſagte ich,„erinnere ich mich daß man mich immer Darſie hieß; in ſo fruͤhem Alter nennt man Kinder gewoͤhnlich nur beim Tauf⸗Namen. „ Ja ſo denke ich auch,“ erwiederte er, und ſtreck⸗ te ſich wieder in ſeinem Stuhl.„ heit TAlſo nannte man euch Darſie in Euerer Kind⸗ heit,“ ſagte der Richter;„und— hum, ei— wann nahmt Ihr zuerſt den Namen Latimer an?“— „Ich nahm ihn nicht au, Sir, er ward mir ge⸗ geben.“ „Ich frage Sie,“ ſagte der Herr des Hauſes doch mit minßer ſirengem Tone als zuvor,„ ob ſie ſich erinnern können, je Latimer genannt worden zu ſeyn, ehe man Ihnen in Schottland dieſen Namen gab?“ it“⸗Ich will offenherzig ſeyn: Ich kann mich freillch nicht erinnern daß man mich in England ſo genannt baͤtte, aber ich weiß auch nicht wann mir der Name zuerſt gegeben wurde. Kann man alſo aus dieſen Fra⸗ gen und Antwort keine genägende Schlußfolge ziehn, 4 38 foinſce ich, daß man meine zarte Kindheit beruͤck⸗ ichtige.“. „Hum— ei ja,“ ſagte der Richter;„alles was Beruckſichrigung verdient ſoll beruͤckſichtigt werden. Junger Mann— heh— ich wuͤnſchte den Namen Eue⸗ res Vaters und Euerer Mutter zu wiſſen.“ 4 Da beruͤhrte er eine Wunde an der ich ſchon ſeit vielen Jahren litt, darum ertrug ich auch die Frage nicht ſo geduldig wie die fruͤheren, ſondern erwieder⸗ te.„Ich aber wuͤnſchte meiner Seits zu wiſſen ob ich vor einem engliſchen Friedensrichter ſtehe?“ „Sr. Geſtrengen Squire Forley von Forley Hall, Lit Wwanzig Jahren wohlbeſtallter Richter,“ ſagte Mr. ola— Dann ſollte er wiſſen, oder Sie, Sir, als ſein Schreiber ſollten ihm ſagen, daß ich in dieſer Sache Klaͤger bin, und daß man meine Klage anhoͤren muß ehe man mich einem Kreuz⸗und Quer⸗Verhoͤr un⸗ terwirft.“. „Hum, hoi— was, ei— es iſt etwas daran, Nachbar,“ ſagte der Richter, der vor jedem Sauslen der Rechtsgelehrſamkeit erbebend, die Einſtimmung des andern Squires zu erlangen wuͤnſchte. „Ich wundere mich uͤber Euch, Forley,“ ſagte ſein entſchloſſener Freund;„wie koͤnnt Ihr denn dem jungen Mann zu ſeinem Recht verhelfen, ehe Ihr wißt, wer er iſt?“ „Hum, ja— das iſt auch wahr, ſagte der Herr Richter Foxley;„jetzt alſo, wenn ich die Sache bei naͤherem Licht betrachte— ſo iſt— hum— im Gau⸗ zen, gar nichts damit geſagt— alſo Sir, Ihr muͤßt mir Eueres Vaters Vor⸗ und Zu⸗Namen nennen.“ „Da Sie doch nun ein Mal durchaus alle meine Familienverhaͤltniſſe kennen muͤſſen, ſo muß ich Ihnen ſagen daß ich ihn nicht kenne... Der Richter that einige maͤchtige Zuͤge und hielt den Rauch im Mund, ſo daß ſeine Backen, gleich de⸗ nen eines hollaͤndiſchen Cherubs aufſchwollen, waͤh⸗ — ——— 3⁰9 rend ſeine Augen von der Anſtrengung hervortraten, die er anwenden mußte um ſeinen Athem anzuhalten. Dann biies er ihn von ſich—„Wuh, Hum— punf — ha, ſeine Eltern nicht zu kennen, junger Mann. — Dann muß ich Euch als einen Landſtreicher ein⸗ ſtecken laſſen, auf mein Wort: Omne ignotum pro semibili, wie wir auf der Schule zu Aopleby zu ſagen pflegten, d. i. jeder, den der Landrichter nicht kennt iſt ein Spitzbube und ein Vagabund. Ha!— ei— lacht nur immerhin, Sir, doch zweifle ich ob Ihr den Sinn des lateiniſchen Satzes verſtanden haͤttet, wenn ich ihn nicht uͤberſetzt haͤtte.“ Ich dankte ihm fuͤr die neue Ausgabe des Sprich⸗ worts und fuͤr die Erklaͤrung die ich, ohne Beihuͤlfe, mir nie haͤtte traͤumen laſſen. Dann fuhr ich fort meine Klage mit groͤßerer Zuverſicht aus einander zu ſetzen. Der Richter war ein Eſel, das war ſonnen⸗ klar; ſo unwiſſend aber konnte er doch unmoglich ſeyn, daß er das Nothwendigſte in einer ſo klaren Sa⸗ che nicht einſehen ſollte. Ich ſetzte ihn alſo von dem Aufſtand in Kenntniß, der auf der ſchottiſchen Seite des Meerbuſens von Solway Statt gefunden hatte; 4 erklaͤrte ihm wie ich in meine gegenwaͤrtige Lage ges rieth und bath ſchluͤßlich, er moͤchte mich in Freiheit ſetzen laſſen. Ich vertheidigte meine Sache ſo gut als moͤglich, indem ich von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Gegenpartie warf, die ſehr gleichguͤltig die Hef⸗ tigkeit anhoͤrte, mit der ich klagte.. Als ich endlich aufhoͤrte, weil ich in einer ſo kla⸗ ren Sache nichts mehr zu ſagen wußte, ſo erwiederte der Richter:„hum, ei— ja doch wunderbar! alſo das iſt die Dankbarkeit, die Ihr dieſem guten Herrn fuͤr die Muhe und Sorge zeigt, die er fur und um Euch atte? „Ich geſtehe ein, Sir, daß er mir das Leben ein Mal, vielleicht zwei Mal gerertet hat, aber dieſe That gibt ihm noch kein Recht uͤber meine Perſon. Den⸗ noch aber verlange ich weder Beſtrafung noch Nache; 40 ich will friedlich mit dieſem Gentleman ſcheiden, deſ⸗ ſen Beweggruͤnde ich nicht gerne als boͤſe annehmen moͤchte, wenn ſchon ſeine Handlungsweiſe gegen mich ungeſetzmaͤßig und gewaltthaͤtig war. Wenn ſchon, wie du es leicht ſelbſt denken kannſt, dieſer Maͤßigung Gefuͤhle zu Grunde lagen, die den Angeklagten nicht beruͤhrten; ſo ſchien doch die Milde, mit der ich meine Sache fuͤhrte, tieferen Eindruck auf ihn zu machen als alles bisher Geſagte. Er ward ſo geruͤhrt, daß er faſt außer Faſſung kam, und nahm oft ſeine Zuflucht zu ſeiner Doſe, um nur einiger Ma⸗ ßen ſeine innere Bewegung zu verbergen. 1 Minder guͤnſtig war der Eindruck meiner Rede auf den Richter Forley, auf den ſie doch hauptſaͤchlich berechnet war. Er fluͤſterte mit ſeinem Schreiber Meiſter Niclas, raͤuſperte ſich, huſtete und runzelte die Augenbraunen, als waͤre er uͤber meine Bitte er⸗ zuͤrnt. Endlich nachdem er ſich anſcheinend beruhigt hatte, lehnte er ſich an ſeinem Stuhle, dampfte mit großer Heftigkeit und gab mir einen drohenden Wink, der mir zeigte, daß alle meine Gruͤnde an ihm verlo⸗ ren gingen. 1. Als ich endlich, mehr aus Mangel an Athem als aus Mangel an Gruͤnden, einhielt, eroͤffnete er ſeine Orakelſpruͤche verkuͤndigenden Kinnbacken, und gab mir folgende Antwort, die von ſeinen gewohnten In⸗ terjektionen, und von langen, dicken Rauchwolken be⸗ gleitet waren;—„Hem— ei— eh— puh— Alſo glaubt Ihr, mein Junge, Ihr koͤnntet den Mathias Forkey, der ſeit dreißig Jahren wohlbeſtallter Frie⸗ densrichter iſt, mit ſolchem Gewaͤſche hintergehn, wo⸗ mit man kaum ein Hoͤckerweib anführen kann? pub, puf— wie, Freund— heh— weißt Du nicht, daß man in der Sache keine Buͤrgſchaft annehmen kann, und daß— hm, ei— der groͤßte Mann— puf, der Baron von Grapſtock ſelbſt ſich einer gerichtlichen Ob⸗ dut unterwerfen muß? Und doch behauptet Ihr von kieſem Gentleman heimlich entfuͤhrt und Eueres Ei⸗ 41 genthums beraubt worden zu ſeyn, und Gott weiß, was noch; und— eh— puf, Ihr wollt mich uͤber⸗ reden, daß er Euch alles genommen hat was Euch fehlte— eh— ich glaube wohl, daß Euch vieles fehlt. da, ja Ihr ſeyd ſo ein Junker, der gern aller Ban⸗ een los und ledig ſeyn moͤchte, und— ei— hum ſo ein muͤßiger Student, ein bischen verwirrt im Oberſtuͤbchen dazu, wie mir die ehrlichen Leute im auſe ſagen.— Ihr muͤßt alſo unter der Aufſicht Eueres Vormunds bleiben, bis Ihr majorenn wer⸗ det, oder bis ein Warrant des Lord Großkanzlers Euch die Fuͤhrung Euerer eigenen Geſchaͤfte uͤbertraͤgt, die Ihr ſelbſt dann, wenn's wieder ruhig im Kopfe ſteht— ei rdehen— zu beſorgen, Euch nicht ſehr beeilen werdet.. Die Zwiſchenraͤume, die Sr. Geſtrengen hems und hums, und die Zuͤge aus der Tabackspfeife, in ſeiner Rede ließen, benutzte ich dazu, meine Gedan⸗ ken zu ſammeln, welche der unerwartete Inhalt der Rede ſehr erſchuͤttert hatte. „Ich kann durchaus nicht begreifen, Sir,“ er⸗ wiederte ich,„aus welchem ſonderbaren Grund dieſe Perſon Gehorſam von mir als ſeinen Muͤndel for⸗ dert; es iſt eine ſchamloſe Luge.— Ich ſah ihn nie in meinem Leben, bis vor vier Wochen, wo ich un⸗ gluͤcklicher Weiſe in dieſe Gegend kam. Ei Sir— wir eh— wiſſen, und ſind darauf vorbereitet, daß— puf— Ihr gewiſſer Leute Na⸗ men nicht gern hoͤren moͤcht; und daß— eh— Ihr verſteht mich ſchon— es Dinge, Toͤne, gewiſſe Gegenſtaͤnde, Unterhaltungen uͤber Namen und meh⸗ rere dergleichen Gegenſtaͤnde gibt, die Euch aus dem Haͤuschen bringen— was ich keine ſonderliche Luſt auzuſehn habe. Doch aber Mr. Darſie— oder— puf— Mr. Darſie Latimer— oder— pyuh, puf— eh— ei, Mr. Darſie ohne den Latimer— Ihr habt beute ſo viel eingeſtanden, daß ich einſehe, wie ſehr wohl verwahrt Ihr unter der Sorge meines hier an⸗ 4² 4 weſenden, ehrenwerthen Freundes ſeyd— alle Euere Geſtaͤndniſſe— und noch dazu daß— puf, eh— ich ihn als eine achtbare Perſon lenne— a— ja doch, ja als eine höchſt achtbare und ehrenwerthe Perſon— Konnt Ihr das leugnen?“ G. „Ich weiß nichts von ihm,“ wiederholte ich, „nicht einmal ſeinen Namen, und ich habe ihn, wie ſchon geſagt, bis auf die letzten Wochen in meinem ganzen Leben nicht geſehn.“ „Wollt Ihr darauf ſchwoͤren?“ ſagte der ſonder⸗ bare Mann, der den Ausgang der Unterhandlungen zu erwarten ſchien, ſo ſicher wie eine Klapperſchlange threr Beute iſt, wenn ſie ſie einmal in ihrem Zauber⸗ kreiſe gebannt hat. Und waͤhrend er dieſe Worte mit tiefen Tönen ausſprach, ruͤckte er ſeinen Stuhl, ſo daß er hinter dem des Richters zu ſtehen kam, und weder dieſer noch ſein Schreiber ihn bemerken konnte. Dann ſchoß er ſo fuͤrchterliche Blicke auf mich, daß niemand, der ſie erblickte, ſie je vergeſſen kann. Ueber den Augen wurden die Runzeln der Stirn gelblich, ja faſt ſchwarz, und da wo die Augenbraunen ſich vereinigen, bildeten Sie einen Halbcirkel, oder viel⸗ mehr eine elliptiſche Form. Ich hatte einen ſolchen Blick in einer alten Teufelsgeſchichte beſchreiben hö⸗ ren, die ich zufaͤllig vor nicht langer Zeit erzaͤhlt be⸗ kam, wo dieſe tiefen, finſteren Verzuckungen der Stirnmuskeln, nicht ganz ohne Grund, mit der Form eines kleinen Hufeifens verſinnlicht worden waren. Seiner Zeit erweckte jene Erzaͤhlung eine grauen⸗ volle Viſton meiner fruͤheſten Kindheit, und jetzt, da der erſtarrende, furchtbare Blick auf mich gerichtet war, ſo draͤngte ſie ſich noch lebhafter meiner Erinne⸗ rung auf. Die unbeſtimmten, ſchwankenden Ideen, die jenes furchtbare Zeichen in meinem Gemuͤthe er⸗ weckt hatten, erſchreckten mich ſo ſehr, daß ich ſtarr und regungslos mein Auge auf das Antlitz richtete, wo es, ein ſchreckendrohender Bote, zu ſehen war; bis der geheimnißvolle Mann, indem er einen Augen⸗ 3 43 blick mit ſeinem Taſchentuch uͤber ſein Geſicht fuhr, den Blick aufheiterte, der mir ſo ſchreckenvoll geweſen war.„Nun wird wohl der junge Mann es nicht mehr leugnen, daß er mich ſchon fruͤher ſah“ ſagte er in ge⸗ faͤligem Ton zum Richter;„und ich hoffe, er wird ſich nun guͤrlich meiner zeitlichen Vormundſchaft uͤber⸗ liefern,„die ſich vielleicht beſſer endigen mag, als er es erwartet.“ „Was auch meine Erwartungen ſeyn moͤgen, „erwiederte ich, indem ich mich wieder ſammelte,„ſo ſehe ich doch, daß ich von dieſem Herrn, deſſen Amt es ihm zur Pflicht macht, weder Schutz noch Gerech⸗ tigkeit erwarten kann. Sie aber, Sir, wie ſonderbar es auch iſt, daß Sie ſich in das Schickſal eines un⸗ gluͤclichen jungen Mannes eindraͤngen, oder welchen Anſpruch Sie auch auf mich zu machen vorgeben, Sie allein können mir Aufſchluß geben. Daß ich Sie ſchon fruͤher ſah, das iſt gewiß; denn niemand kann den Blick vergeſſen, mit welchem Sie die Macht zu haben ſcheinen, diejenigen zu vernichten, auf welche Sie ihn werfen.“ Dem Richter ſchien es bei dem Wink nicht ſehr wohl zu Muth zu ſeyn.„Ha— ei,“ ſagte er,„es iſt Zeit zum Fortgehn, Nachbar. Ich muß noch meh⸗ rere Meilen reiten, und moͤchte ſie in dieſer Gegend nicht bei Nacht zuruͤcklegen.— Mr. Nicolas, wir muͤß⸗ ſen uns fortmachen.“ Derr Richter zog ſeine Handſchuh eiligſt an, Mr. Nicolas war geſchaͤftig Ueberrock und Peitſche zu ho⸗ len. Ihr Wirth wollte ſie zuruckhalten, und bor Ih⸗ nen ein Abendeſſen und ein Nachtlager an. Beide dankten ihm höflichſt fuͤr ſeine Einladung, doch ſchien es als haͤtten ſie keine ſonderliche Luſt zu bleiben. Der Richter Forlev entſchuldigte ſich hundert Mal, als das Maͤdchen Dorcas in die Stube trat, und einen Gent⸗ leman ankuͤndigte, der ihn uͤber Gerichtsſachen zu ſpre⸗ chen wuͤnſchte.. 44. „„Was fuͤr ein Gentleman?— und wen will er ſprechen?“ 3 „Er kommt eben auf ſeinen eigenen Zehn hier an?“ ſagte das Maͤdchen,„und wie er ſagk, wuͤnſcht er Ew. Geſtrengen in gerichtlichen Angelegenheiten zu ſprechen. Ich halte ihn fuͤr einen Gentleman, denn er ſpricht eben ſo fertig Latein wie ein Schulmeiſter, aber, du liebe Zeit, er hat eine drollige Perucke auf.“ Der eben angekuͤndigte und beſchriebene Gent⸗ leman, ſtuͤrzte ungeſtuͤm in das Zimmer. Aber da ich ſchon mein Blatt Papier voll geſchrieben habe, und mein ſonderbares Geſchick ſo ſchwer auf mir laſtet, ſo muß ich wohl ein neues mit dem vollſchreiben was erfolgte, als ich in das Zimmer treten ſah— mein theurer Alan— Deinen verruͤckten Clienten— den ar⸗ men Peter Peebles. 3 ——ꝛ— Siebentes Kapitel. Fortſetzuns des Tagebuchs Darſie Latimers. Zweites Blatt. daß die heilige Schrift ſelbſt ſagt:„ein jeder Tag hat ſeine eigene Plage,“ 45 Wenn ich alſo manches Mal meine gluͤckliche La⸗ ge verkannte, wenn ich gegen meine unbekannte Ge⸗ burt, gegen meinen ungewiſſen Rang in der menſchli⸗ chen Geſellſchaft zuweilen murrte, ſo will ich es da mit gut machen, daß ich mein jetziges, wirkliches Un⸗ gluͤck mit Geduld und Muth und, iſt es mir moͤglich, ſelbſt mit Heiterkeit ertrage. Was koͤnnen, was duͤr⸗ fen ſie mir thun!— Ich bin uͤberzengt, daß Forlep ein wirklicher Friedensrichter, und Landgutsbeſitzer iſt, obgleich er nebenbei(wunderbar iſt es zu ſagen) den⸗ noch ein Eſel zu ſeyn ſcheint; auch ſein Gehuͤlfe mit dem tuchenen Mantel muß wohl die Folgen einſehn, in die eine Raub⸗ oder Mord⸗CThat ihn verwickeln wuͤrde. Solche Zeugen ladet man ſich nicht zu Tha⸗ ten der Finſterniß ein. Auch hege ich— Alan, ich habe Urſache Hoffnungen zu hegen, die auf die Fami⸗ lie meines Unterdruͤckers ſelbſt gebaut ſind. Ich bin zu dem Glauben berechtigt, daß G. M. wieder auf dem Schauplatz erſcheinen wird. Mehr darf ich hier nicht ſagen, auch wage ich es nicht einen Wink fallen zu laſſen, den ein anderes Auge als das Deinige be⸗ merken und deuten koͤnnte. Genug, ich fuͤhle mich leichter als vorher; und obgleich Furcht und Wunder mich umgeben, ſo koͤnnen ſie doch meinen Horizont nicht ganz mit Wolken uͤberziehn. Selbſt als ich die Geſpenſtergeſtalt der alten Vo⸗ gelſcheuche der Parlaments⸗Halle, in das Zimmeriſtuͤr⸗ men ſah, wo ich eine ſo ſonderbare Unterſuchung aus⸗ gehalten hatte, ſiel mir deine Bekanntſchaft mit ihm ein, und ſaſt haͤtte ich den Lear ſo parodiren moͤgen: 1 Hölle!— nichts kann die Natur ernied'ren „„Zu ſolcher Schmach, als ein gelehrter Anwalt.« Er war noch eben ſo, wie wir ihn vor Zeiten ſa⸗ *) Bei Shakspear beißt es(im 3. Act des Königs Lear's Sa. 1II.) Lear:„Tod! 0 Verräther, nichts kann die Natur erniedren: „„Zu ſolcher Schmach, als lie belpſe cheere „ de 46 ben, Alan, als ich, mehr um Dir Geſellſchaft zu leiſten, als meiner eigenen Neigung folgend, haͤufig die Gerichtshallen beſuchte. Der einzige Zuwachs ſei⸗ ner Kleidungsſtüͤcke beſtand,(in ſeinem Charakter als Reiſender) in ein paar Courierſtiefeln welche ausſahn als haͤtten ſie das Schlachtfeld von Scheriff— moor geſehn; ſo breit, ſo ſchwer, daß, obgleich ſie mit brei⸗ ten vielfarbigen wollenen Baͤndern an ſeinen ermuͤde⸗ ten Schenkeln feſtgebunden waren, ſie doch das An⸗ ſehn hatten, als waͤren ſie einer Wette wegen, oder zur Buße angelegt worden. Ohne alle Ruͤckſicht auf die ſtaunenden Blicke dor Geſellſchaft, in die er ſich eindraͤngte, toͤlpelte Peter mitten in das Zimmer; den Kopf vorgebeugt wie ein ſtoſſender Widder gruͤßte er folgendermaßen: „Guten Tag, Ihr Leute, guten Tag, Ew. Gna⸗ den— Verkauft man hier Steckbriefe?“ Ich bemerkte, daß ſich mein Freund(oder mein Feind) bei ſeinem Eintritt zurückzog, und ſich ſo ſtellte gls wuͤnſche er der Aufmerkſamkeit des Ankommenden zu entgehn. So weit ich es vermochte, that ich daſ⸗ lelbe, denn ich vermuthete daß Mr. Peebles mich er⸗ kennen wuͤrde, da ich mich nur zu oft unter dem Hau⸗ fen der jungen Nechtsbeſliſſenen befand, welche ſich da⸗ mit zu unterhalten pflegten, dem Peter Rechtsfälle zur Entſcheidung vorzulegen, oder ihm boͤſe Streiche zu ſpielen. Doch war ich im Zweifel ob es mir nuͤtz⸗ icher ſeyn wuͤrde ſeine Bekanntſchaft zu benntzen, um wo moͤglich ein gerichtliches Zeugniß von ihm zu erlan⸗ gen, oder ob es beſſer waͤre, ihm einen Brief anzu⸗ vertrauen, der mir ſicherer zu meiner Freiheit verhel⸗ en kounte. Ich beſchloß daher, mich nach den Umſtän⸗ hen zu richten, und ſorgfaͤltig darauf zu achten, daß mir nichts entgehn wuͤrde. Ich zog mich alſo ſo weit als moͤglich zuruͤck, ja ich recognoscirte ſogar die Thuͤ⸗ re und den Gang, um zu ſehen, ob eine Flucht durch⸗ aus unmoͤglich waͤre, Aber da ſtolzirte Chriſtal Nixon⸗ ——— 47 deſſen kleine, ſchwarze Baſilisken⸗Augen augenblick⸗ lich mein Vorhaben in den meinigen zu leſen ſchienen. Ich ließ mich alſo, ſo weit wie moͤglich von allen Parteien entfernt nieder, und horchte auf das Geſpraͤch, das viel anziehender war als ich es erwartete, und in welchem Peter Peebles eine Hauptrolle ſpielte. „Iſt es hier wo man Verhaftsbefehle verkauft?— Steckbriefe, meine ich, Ihr verſteht mich ſchon,“ ſagte Peter. 3 „Heh— eh— was!“ ſagte der Richter Forley; was Teufel meint der Kerl?— Wofuͤr verlangt Ihr einen Verhaftbefehl? „„Um einen jungen Advokaten feſt ſetzen zu laß ſen der in meditatione fugae iſt; denn er hat meine Klage angenommen, und hat meine Sache verthei⸗ diat; dabei habe ich ihm noch wacker Sporteln gezahlt, und noch obendrein ſo viel Branntwein als er an jenem Tage in dem Hauſe ſeines Vaters trinken konnte— denn fuͤr ein ſo junges Geſchoͤpf liebt er den Brannt⸗ wein unmaͤßig.“ „Und was hat Euch denn der betrunkene Advo⸗ kat zu Leid gethan, daß Ihr zu mir kommt— heh— ha? Hat er Euch beraubt? Nichts Unwahrſcheinlichen, wenn er ein Juriſt iſt. Heh— Nick— ha?,“ ſagte der Richter Forley. 4 „Er mich ſeiner ſelbſt beraubt, Sir,“ antwor⸗ tete Peter;„naͤmlich ſeiner Huͤlfe, ſeines Troſtes. leiner Unterſtuͤtzung, ſeiner Vertheidigung und ſeines Beiſtands, die er als Advokat dem Clienten, rations oflicii zu leiſten ſchuldig— ſeht, das iſt die ganze Sache. Er hat meine Sporteln in den Sack geſcho⸗ den, hat einige Maaß Branntwein getrunken und nun macht er ſich auf und davon und laͤßt meine Sache halb gewonnen, halb verloren zuruͤck. Nun haben mir einige ſcharffinnige Burſche, mit denen ich zu⸗ weilen in der Parlamentshalle von juriſtiſchen Dingen plaudere, gerathen, nur in Gottes Namen ein Herz zu faſſen, und ihm nachzuſetzen; alſo habe ich mit 48 meinen Beinen die Poſt genommen, wobei ich frei⸗ lich hier und da einmal auch auf einem Leiterwagen, oder ſonſt einem Fuhrwerk aufſtieg. In Dumfries bekam ich Wind von ihm, und nun bin ich ihm auf die engliſche Seite hinuber nachgeſetzt, und moͤchte ei⸗ nen Verhaftsbefehl gegen ihn.“ Mein theuerſter Alan, wie hoch ſchlug mir das Herz bei dieſer Nachricht! Du biſt mir nahe; und ich weiß wohl in welcher guͤtigen Abſicht; Du haſt alles verlaſſen, um mir zu Huͤlfe zu eilen; da ich Deine Freundſchaft, Deine Treue, Deine geſunde Vernunft, Deine ausdauernde Unermuͤdlichkeit kenne, ſo iſt es kein Wunder mehr, wenn„meines Buſens Herr, um leichten Sinnes auf dem Throne ſitzt,“ daß die Froͤhlichkeit wieder unwillkuͤhrlich meine Feder be⸗ lebt, daß mein Herz dem Deinigen entgegen ſchlaͤgt, wie das eines Feldherrn dem Trompetenſchalle ſeines herannahenden Verbuͤndeten, ohne deſſen Huͤlfe die Schlacht verloren gehen muͤßte. Ich ließ mich von dieſer freudigen Ueberraſchung nicht außer Faſſung bringen, ſondern fuhr fort mit der groͤßten Aufmerkſamkeit auf alles das zu hoͤren was bei dieſer ſonderbaren Sache geſagt wurde. Daß der arme Peter Peebles von einem ſeiner jungen Rath⸗ geber in der Parlaments⸗Halle zu dieſer wilden Gaͤnſe⸗ Jagd gereitzt worden war, hatte er ſelbſt zu verſtehen gegeben; aber er ſprach mit ſo viel Zuverſicht, daß der Richter in ſeinem Herzen wohl befuͤrchten mochte, einen Fehlgriff in der Sache zu thun. Und da bei den Behoͤrden an den engliſchen Grenzen ſehr oft die Furcht obwaltet, der groͤßere Scharfſinn ihrer Nach⸗ barn im Norden moͤchte ihre eigene Einfachheit uͤber⸗ liſten, ſo wandte ſich M. Forley mit ſorglichen Bli⸗ cken zu ſeinem Schreiber. Eh— oh— Nick, hol Dich der— kannſt Du denn nicht ſprechen? Da handelt es ſich mehr um ſchottiſche Geſetze und um Schottlaͤnder.(Hier warf 1 u 49 er dem Eigenthuͤmer des Hauſes einen Blick zu, und winkte ſeinem Schreiber.) Oh ich wollte die Solvay waͤre ſo tief wie ſie breit iſt, denn koͤnnten wir doch hoffen, daß ſie uns in Ruhe laſſen wuͤrden.“ Nikolas ſprach einige Augenblicke mit dem Bitt⸗ ſteller allein, und ſtattete dann Bericht ab;„der Mann verlangt einen Graͤnz⸗Verhafts⸗Befehl, wie es ſcheint, die ſtellt man aber nur gegen Schuldner aus, er aber braucht einen, um einen Advokaten feſt nehmen zu laſſen.“ „Und warum dafuͤr nicht?“ fiel ihm Peter Pee⸗ bles frech in die Rede;„warum nicht, das moͤcht, ich doch gern wiſſen? Weigert ſich ein Tageloͤhner ſeine Arbeit zu vollenden, gleich zwingt Ihr ihn da⸗ zu,— laͤuft eine liederliche Dirne aus dem Dienſt, geſchwind ſchickt Ihr ſie wieder heim,— macht ſich ein Kohlenbrenner oder ein Salzhaͤndler bei Mond⸗ ſchein aus dem Staube, im Augenblick packt Ihr ihn wieder an den Hinterpfoten; und doch betraͤgt der Schaden nicht mehr als ein paar Kohlen oder ein paar Metzen Salz. Hier aber laͤuft mir ein Burſche mir nichts dir nichts weg, bricht ſeine Verbindlich⸗ keiten, und bringt mir einen Schaden von 6000 Pf. Sterling, naͤmlich 3000 die ich gewinnen wuͤrde und 3ooo die ich wohl verlieren werde, und Ihr, der Ihr Euch nach der Gerechtigkeit nennt, koͤnnt einem armen Mann nicht helfen, einen Ausreißer 4 Sengen Eine ſchoͤne Gerechtigkeit finde ich da bei u „Der Kerl muß betrunken ſeyn,“ ſagte der Schrei⸗ „Nuͤchtern von allem, außer der Suͤnde,“ er⸗ wiederte der Supplikant;„ſeitdem ich das dieſſeitige Ufer betrat, habe ich nicht mehr als einen Schluck kalt Waſſer zu mir genommen, und Gott weiß ob einer von Euch zu mir ſagen wird:„Hund, willſt Du triaken?“ 4 W Scott's Werke. XVII. 4 50 Der Richter ſchien von dieſen Worten geruͤhrt. „Hem— ſtille Freund,“ erwiederte er;„Du ſprichſt, als ſtaͤndeſt Du vor einem Deiner Bettelrichter— geh' hinunter— laß' Dir etwas zu eſſen geben, Freund (mit der Erlaubniß meines Freundes, ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft zuvorzukommen) auch einen Schluck zu trinken, und ich gebe Dir mein Wort, dann findeſt Du ſo viel Gerechtigkeit bei uns, wie Du wunſcheſt.“ „Ich will Euer nachbarliches Anerbieten nicht ausſchlagen,“ ſagte der arme Peter Peebles, indem er ſich verheugte;„wuͤnſche Ew. Gnaden viel Gluͤck und Weisheit, um Euch in einem ſo außerordentlichen Fall richtig zu leiten.“ Als Peter Peebles eben das Zimmer verlaſſen wollte; ſo wollte ich doch einen Zeugen, der mich dem Richter guͤnſtig darſtellen konnte, nicht ſo weggehn laſſen. Ich trat alſo vor, gruͤßte ihn, und frug ihn, ob er ſich meiner nicht meyr erinnere? „Er ſtarrte mich an, betrachtete mich von allen Seiten, nahm einige Priſen Taback, dann ſchien es ploͤtzlich, als lebe eine alte Ruckerinnerung in ihm auf.„Ob ich mich Euerer erinnere!“ ſagte er,„mei⸗ ner Treu, ich will's wohl glauben.— Ergreift ihn Gentlemen— Conſrabler, haltet ihn feſt— wo der liederliche Galgenvogel iſt, da iſt gewiß Alan Fair⸗ ford nicht weit.— Haltet ihn nur feſt, Meiſter Con⸗ ſtable; ich trage es Euch auf, denn ich muͤßte mich ſehr irren, oder er iſt Schuld an der ganzen Weg⸗ lauf⸗Geſchichte. Der iſt's ja, der den Narren Alan mit Wagen und Pferden und all' dem Teufelszeug, nach Koßlin und Preſton— pans und nach allen nichts⸗ nutzigen Orten, die er auffinden konnte mitſchleppte, Er iſt ein weggelaufener Student, er iſt's“ „Mr. Peebles,“ ſagte ich, thut mir nicht Un⸗ recht. Ich bin uͤverzeugt, daß Ihr mir mit Recht nichts Boͤſes nachſagen konnt, ſondern wenn Ihr wollt, dieſen Herren beweiſen konnt, das ich ein 51 Student der Rechte zu Edinburgh bin— Darſie La⸗ timer mit Namen. „ Ich beweiſen! Wie kann ich es dieſen Herrn beweiſen,“ antwortete Peter,„da ich ſelbſt noch lange nicht uͤberwieſen bin? Ich weiß nichts von Cuerem Namen, und kann blos bezeugen, nihil novit in causa.““ „Einen ſchoͤnen Zeugen habt Ihr da zu Eueren Gunſten producirt,“ ſagte Mr. Forley.„Aber— ha— ei— ich will ihm doch eine oder zwei Fragen vorlegen.— Hört, Freund, wollt Ihr einen Eid darauf ablegen, daß dieſer Juͤngling ein weggelaufe⸗ ner Student iſt.“ „Sir,“ ſagte Peter,„ich will auf alles Ver⸗ nuͤnftige ſchwoͤren; ein Prozeß, der zum Eidablegen kommt, iſt ein gewonnener Prozes: aber ich bin ſehr begierig Ew. Gnaden Mittagstafel zu verſuchen;“⸗ denn ſeitdem Peter etwas vom Mittageſſen gehoͤrt hatte, war ſein Betragen gegen den Richter viel ehr⸗ furchtsvoller geworden. Ihr ſollt— eh— hum— den Bauch geſtopft bekommen, wenn's moͤglich iſt, ihn zu fuͤllen. Sagt mir aber doch erſt, ob dieſer junge Mann wirklich das iſt, wofuͤr er ſich ausgiebt.— Nick, nimm's zu Protocoll.“ „Oh, er iſt ſo ein junger Springinsfeld, der nie ernſtlich an ſein Studium dachte— rappelig, Herr, ganz rappelig.“ 3 „Rappelig?“ ſagte der Richter,„ was meint Ihr damit— heh?“ „„ Nun, eben verdreht,“ erwiederte Peter, rap⸗ piat,— hat einen Sparren zu viel oder zu wenig; es iſt aber was ganz Gewoͤhnliches— die halbe Welt hält die andere Haͤlfte fuͤr rappelig. Ich habe hin und wieder Menſchen gefunden, die niüch ſelbſt für rappelig hielten; und ich, ich halte wieder das Ober⸗ tribunal fuͤr rappelig, weil es ſeit zwanzig Jahren 3 4 4 52 uͤber den großen Rechtsſtreit des Peebles contra P'ains- tanes deliberirt, und doch immer noch nicht recht auf den Grund der Sache gekommen iſt.“ „Ich kann von dem verfluchten Kauderwelſch kein Wort verſtehn,“ ſagte der Cumberlaͤndiſche Richter, „verſteht Ihr's Nachbar, heh? was verſteht er unter dem rappelig?“ „Er meint verruͤckt,“ ſagte der Angeredete, der aus Ungeduld uͤber die verlaͤngerte Sitzung ſeine bis⸗ herige Vorſicht vergaß. 8 „Ihr häabt's, Ihr habl's,“ ſagte Peter,„das eben meine ich; nicht gerade wahnſinnig, aber doch.“—— Hier hielt er inne, und betrachtete die Perſon, welche er anredere, mit einer Miene des freudigen Wiedererkennens:„Ei, ei, Mr. Herries von Birrens⸗ work, ſeyd Ihr es ſelbſt in Fleiſch und Blut? Ich habe wahrhaftig gemeint, Ihr haͤttet ſchon laͤngſt auf der Gemeindewieſe zu Kennington oder zu Hatriebie oder ſonſt irgendwo, baumeln müſſen, nach dem ſau⸗ beren Complott, das Ihr Anno a5 angezertelt habt.“ „Ich glaube, Ihr irrt Euch, Freund,“ ſaͤgte Herries,(deſſen Name und Stand ich ſo unerwartet erfuhr) mit Ernſt. „Den Teufel auch,“ erwiederte der unerſchro⸗ ckene Peter Peebles,„ich kenne Euch recht wohl, denn Ihr habt ja in dem großen Jahre 1745 in mei⸗ nem Hauſe gewohnt, wahrbaftig ein wichtiges Jahr war es; die große Rebellion brach aus, und auch mzeine Sache— die große Sache— Peebles contra Plainstanes et per contra ſollte beim Anfang der Winterſitzung vorgetragen werden, als wegen Euerer Glaids, Euerer Pfeifen und Eures Unſinnes die Sef⸗ ſion verſchoben wurde.“ 1 „Ich ſage Dir, Kerl,“ entgegnete Herries, noch heftiger,„Du verwechſelſt mich mit einem Anderen aus Deiner ſchmutzigen Klaſſe.“. „Sprecht doch wie ein Gentleman, Sir,“ war Peebles Antwort;„das ſind ja gar keine Ausdruͤcke 1 — 53 die ſich vor einem Richter ziemen, Mr. Herries von Birrenswork. Sprecht in Form Rechtens, oder ich wende Euch den Ruͤcken zu, Sir. Ich habe keine Frende daran mit ſtolzen Leuten zu ſprechen, obgleich ich vor Gericht alles beſtaͤtigen will. Wollt Ihr Euch daher mit alten Geſchichten erfreuen, und mit den tollen Streichen, die Ihr und der Capitain Redgauntlet in meinem Hauſe ausgebruͤtet habt, prahlen, oder mit den maͤchtigen Bechern mit Branntwein, die Ibe trankt, ohne an das Zahlen zu denken(zwar achtete ich es damals nicht viel, obſchon ich unterdeſſen ſelbſt Mangel daran litt) in Gottes Namen, ſo bin ich zu jeder Zeit ein Stuͤndchen zu Eueren Dienſten.— Aber wo iſt denn jetzt der Capitain Redgauntlet? Das war ein toller Kauz, grad' wie Ihr Birrenswork. Jch hoffe Ihr habt Verzeihung ethalten, obgleich ſie ſeit einigen Jahren Euch armen Teufeln nicht mehr ſo nachſpuͤren; das Koͤpfen und Haͤngen iſt nun ziemlich vor⸗ bei— eine boͤſe Geſchichte— eine bitter boͤſe Ge⸗ ſchichte.—“. Meine Aufmerkſamkeit ward durch dieſen außer⸗ ordentlichen, unerwarteten Vorfall im hoͤchſten Gra⸗ de geſpannt. Mit ſo vieler Aufmerkſamkeit, als nur meine eigene Gemuͤthsunruhe zu meinen Geboten ſtehn ließ, beobachtete ich den Eindruck, den er auf die Be⸗ theiligten Perſonen zu machen ſchien. Augenſcheinlich hatte unſer Freund Peter Peebles, ohne es zu wollen, eine Entdeckung veranlaßt, welche die Gefuͤhle des Richters Forley und ſeines Schreibers gegen den Mr. Herries ſehr veraͤnderten, mit dem ſie, ehe ihnen ſein Name bekannt war, ſo vertraut zu ſeyn ſchienen. Sie lluͤſterten heimlich zuſammen, ſchauten in ein Papier, das der Schreiber aus einem großen ſchwarzen Taſchen⸗ buche hervorzog, und ſchienen, von Furcht und Zwei⸗ fel bewegt, ſchwankend uͤber das was zu thun ſeye. Herries war eine andere, intereſſantere Figur. Wie wenig auch Peter Peehles dem Engel Ithuriel gleichen mochte, ſo war doch die ausdrucksvolle, ge⸗ 54 reizte Haltung des Herries, der aͤrgerlich uͤber die Entbeckung, aber furchtlos vor den Folgen, den fiuͤ⸗ ſternben Friedensrichter und ſeinen Schreiber mit ei⸗ nem Blicke betrachtete, in welchem die Verachtung ſich deutlicher ſpiegelre, als Zorn und Angſt, kurz „— Der Haltung Maieſtaͤt, Das bleiche Bild der früh'ren Größe,““ das ſich in der Stellung des Edelmannes ausdruͤckte, glich der Erſcheinung des entdeckten Herrſchers der Gei⸗ ſter der Luͤfte. 3 Mit hochmuͤthiger Gleichguͤltigkeit um ſich ſchau⸗ end, begegnete ſein Auge dem meinigen, und da ſchien es mir, als ſchluͤge er es nieder. Aber im Augenblick ſchon kehrte das ihm inwohnende Feuer zuruͤch, und er ſchleuderte mir einen furchtbaren Blick zu, bei wel⸗ chem er die Furchen ſeiner Stirne ſeltſam zuſammen⸗ zog. Erſchreckt, aber zugleich mich meiner eigenen Furchtſamkeit ſchaͤmend, beantworrete ich ſeinen Blick mit einem aͤhnlichen; ein breiter, alter Spiegel ließ mich meine eigenen Zuͤge ſehen,— ich fuhr zurüͤck, denn in dieſem Augenblicke glaubte ich die taͤuſchend⸗ ſte Aehnlichkeit zwiſchen mir und meinem Gegner zu entdecken. Sey es nun wirklich ſo, oder taͤuſchte mich meine Einbildungskraft, genug, das iſt gewiß, in irgend einer Bezihung muß mein Schickſal durch ſeltſame Faͤ⸗ den mit jenem fremden, geheimnißvollen Wanne in Verbindung ſrehn. Jetzt aber konnte ich daruͤber nicht weiter nachgruͤblen, denn die darauf folgende Unterre⸗ dung nahm meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Nach einer allgemeinen Pauſe von ungefaͤhr fuͤnf Minuten, in welcher keiner von Allen wußte was da zu thun ſey, redete endlich der Richter den Mr. Her⸗ ries an. Er ſyrach mit ſichtlicher Verlegenheit, und ſeine zitternde Stimme, und die langen Zwiſchenraͤu⸗ me, die ſeine Reden ſpalteten, zeigten Furcht vor dem Angeredeten. 4 „ Herr Nachbar,“ ſagte er,„das haͤtte ich nicht gehacht; oder wenn ich auch— hum— es wirklich 1 55 dachte— ſo geſchah es nur im Winkel meines eige⸗ nen Herzens— wo ich vermuthete, daß Ihr— was wollt' ich doch ſagen?— daß Ihr ungluͤcklicher Weiſe in die— he, hum— Geſchichte von anno fuͤnf und dierzig verwickelt waͤret— doch wollte ich es ſeloſt gern ergeſſen.“ 3,Nan, iſt es denn ſo etwas Seltſames, daß ein Mann im Jahre fuͤnf und vierzig auszog?“ ſagte Her⸗ ries mit veraͤchtlicher Miene;—„ich meine doch Euer Vater, Mr. Foyley, zog doch auch mit Derwentwater im Jahr fuͤnfzehn aus.“ G 3 „Und verlor die Haͤlfte ſeines Vermoͤgens,“ ant⸗ wortete Forley mit ungewoͤhnlicher Schnelligkeit;„und war nahe daran, hem— gehaͤngt zu werden, oben⸗ drein. Aber Herr— das iſt ein ganz Anderes— denn — ch— fuͤnzehn iſt doch nicht fuͤnf und vierzig; auch hatte mein Vater Verzeihung erhalten, Ihr aber, wie ich glaube, habt ſie noch nicht erlangt.“ „Vielleicht habe ich ſie,“ verſetzte Herries gleich⸗ guͤltig,„vielleicht auch nicht. Habe ich ſie nicht, nun ſo bin ich in demſelben Fall mit einem halben Dutzend anderer Leute, welche die Regierung der Muͤhe nicht werth haͤlr ſie jetzt noch zu verfolgen, wenn ſie nur nie⸗ manden Aergerniß und Anſtoß geben, und keine Un⸗ ruhen ſtiften.“ „Aber, Sir, Sie haben ſowohl das Eine als das Andere gethan,“ ſagte der Schreiber Nikolas Fag⸗ got, der, da er einige Ausſichten auf Befoͤrderungen hatte, den eifrigen Anhaͤnger der Regierung ſpielte; „und Sie koͤnnen von keinem Richter verlangen, daß er Sie frei ziehn laſſe, da nun Ihr Vor⸗ und Zuna⸗ me deutlich ausgeſprochen wurde. Es ſind Verhafts⸗ befehle vom Buͤreau des Staatsſekretairs ausgeſtellt, gegen Sie vorhanden.“ „„Eine ſonderbare Behauptung, Herr Staatsan⸗ walt, daß nach Verlauf ſo vieler Jahre der Staats⸗ ſekrekair ſich um die ungluͤcklichen Ueberbleibſel einer vollkommen zu Grunde gerichteten Sache, bemuͤhen ſollte,“ antwortete Mr. Herries. „Wenn dem aber doch ſo iſt,“ war die Antwort des Schreibers, der durch die Ruhe des Beſchuldigten Muth zu gewinnen ſchien;„wenn das Betragen des Edelmannes ſelhſt Anlaß dazu gab, der, wie man be⸗ hauptet, die alte Geſchichte wieder aufgeruͤhrt und ſie mit neuen mißfaͤlligen Gegenſtaͤnden paarte.— Ich ſage, wenn dem ſo iſt, ſo wurde ich jenem Edel⸗ manne rathen, ſich wohlweislich ſeltſt, dem geſetzmaͤ⸗ ßigen Gewahrſam des naͤchſten Friedensrichters zu über⸗ geben,(allenfalls dem Mr. Forley) wo und durch wel⸗ chen die Sache gehoͤrig eingeleitet wuͤrde. Ich ſetze nur ein Mal den Fall voraus,“ fuͤgte er hinzu, in⸗ dem er furchtſam die Wirkung abwartete, die wohl ſeine Worte auf den, an den ſie gerichtet waren, her⸗ vorbringen wuͤrden. „Sollte zum Beiſpiel der Rath mir gelten,“ ſagte Herries, mit eben ſo ungeſtoͤrter Ruhe.—„Ich ſetze nur den Fall voraus, wie Sie zu ſagen belieben, Mr. Faggot— ſo wuͤnſchte ich doch den Verhaftsbe⸗ heht zu ſehn, der ein ſo empoͤrendes Verfahren berech⸗ igt. Statt der Antwort haͤndigte ihm Nikolas ein Pa⸗ pier ein, und ſchien aͤngſtlich die daraus entſtehenden Folgen zu beobachten. Eben ſo gleichmuthig als vor⸗ Fer⸗ las es Mr. Herries durch, und fuhr dann alſo ort.„Wuͤrde mir ein ſolcher Wiſch in meinem eige⸗ nen Hauſe vorgezeigt, ſo wuͤrde ich ihn ſo in's Feuer ſchleudern und Reißholz obendrauf.*) Wie geſagt, ſo gethan; denn indem er mit der einen Hand den Verhaftbefehl ins Feuer warf, faßte er mit der anderen den Anwalt ſo maͤchtiglich an der Bruſt, daß dieſer, der ſich weder in koͤrperlicher Staͤr⸗ ke noch in Geiſtesfeſtigkeit mit ihm meſſen konnte, *) Fagaot der Name des Schreibers heißt zu deutſch: ein Bun⸗ del Retßholz.. A., d. lI. 57 zitterte wie ein Voͤgelein in den Klauen eines Raub⸗ vogels. Doch kam er fuͤr dieſes Mal, mit dem bloſen Schrecken davon; denn Herries, der ihn wahrſcheinlich die volle Kraft ſeiner Fauſt hatte fuͤhlen laſſen, ließ ihn mit einem hoͤhniſchen Gelaͤchter wieder los. „Gewalt— Ranb— Mord— zu Huͤlfe!“ ſchrie Peter Peebles, den die Beleidigung die das Geſetz in der Perſon des Nikolas Faggot erduldete, aufs Hoͤch⸗ ſte empoͤrte. Aber ſein gellendes Geſchrei ward von der donnernden Stimme des Herries uͤbertaͤubt, der dem Chriſtal Nixon befahl, den heulenden Narren die Trep⸗ pe hinab zu werfen, ihm den Bauch zu fuͤllen, eine Guinee zu geben und ihn dann zum Haus hinaus zu werfen. Bei ſo bewandten Umſtaͤnden ließ ſich Peter gerne von hinnen treiben. Dann wandte ſich Herries zu dem Richter, deßen Geſicht die purpurne Roͤthe gaͤnzlich verloren hatte die noch vor kurzem darauf ſtrahlte, und der nun die bleiche Livree ſeines Schreibers angenommen hatte. „Mein alter Freund und Bekannter,“ ſagte er,„Ihr kamt auf mein Bitten, mir zu Gefallen hieher, um dieſen flatterhaften jungen Mann von dem Recht zu uͤberzeugen, das ich fuͤr jetzt uͤber ſeine Perſon aus⸗ uͤben darf. Ich denke, Ihr werdet wohl die Abſicht nicht hegen, einen Beſuch vorzuſchuͤtzen, um mich mit anderen Dingen zu belaͤſtigen? Jedermann weiß, daß ich Monate und Jahre lang oͤffentlich in den noͤrdli⸗ chen Grafſchaften lebte, und daß man meiner zu jeder Zeit haͤtte habhaft werden koͤnnen, wenn die Sicher⸗ beit des Staates oder mein eigenes Betragen es er⸗ heiſcht haͤtte. Aber kein Engliſcher Richter war ſo un⸗ großwuͤthig, einen ungluͤcklichen Edelmann politiſcher Meinungen und Streitigkeiten wegen zu beunruhigen, die ſich ſchon laͤngſt vollkommen zu Gunſten der herr⸗ ſchenden Dynaſtie geendigt haben. Ich hoffe alſo auch, daß Ihr, mein Freund, Euch nicht der Gefahr aus⸗ ſetzen werdet, uͤber dieſen Punit andere Anſichten an. 58 zunehmen, als die, welche Ihr ſeit dem Anfang un⸗ rer Bekanntſchaft an den Tag gelegt habt.“ Schneller und geiſtreicher als gewoͤhnlich, erwie⸗ derte der Richter:„Nachbar Ingoldsby— was Ihr da ſagt, iſt— eh— iſt gewiſſermaſſen wahr; und wenn Ihr zu einem Pferderennen, zu einem Hahnen⸗ kampf, zur Meſſe, zur Jagd oder zu dergleichen Din⸗ gen kamt,— war es— eh— weder mein Ge⸗ ſchäft noch mein Wunſch, einzugreifen,— ich meine — die Geheimniſſe, die um Euere Angelegenheiten ſchwebten, zu unterſuchen, und aufzuklaͤren; denn als Ihr nur hie und da ein guter Jagd⸗ und Trink⸗ Gefahrte geweſen ſeyd,— hielt ich es— eh— nicht Kben fuͤr noͤthig, mich in Euere Angelegenheiten zu miſchen. Und wenn ich ſchon dachte, Ihr waͤret— a hem— in fräheren Unternehmungen, Wagſtuͤcken und Ver⸗ bindungen, ſo ungluͤcklich geweſen, daß Ihr Euch nun gezwungen ſaͤhet, unſtaͤt und eingezogen zu leben, ſo konnte ich doch— eh— wenig Vergnuͤgen darau finden,— Euere Sache durch Aufdringlichkeit zu er⸗ ſchweren, oder Euch Red und Antwort abzufordern, die man leichter gibt, als erlangt. Aber wenn na⸗ mentliche Verhaftsbefehle und Zeugniſſe vorliegen— und dieſer Name, Tauf⸗ und Familien⸗Name— einer— eh— gegenwaͤrtigen Perſon angehoͤrt, wel⸗ ce, wie ich boffe faͤlſchlich,— beſchuldigt wird— a hem— die Gemuͤther zu abermaligen Reibungen und Unruhen zu entflammen, um die eben erſt erloſchene Flamme des Buͤrgerkriegs wieder anzufachen, dann Herr iſt es eine ganz andere Sache, und ich bin genöthigt,— hum— meine Pflicht zu thun.“ Als der Richter ſeine Rede ſchloß, ſtand er auf und ſah ſo kuͤhn als ihm moͤglich war, um ſich. Ich hielt den Angenblick fuͤr meine Befreiung gunſtig, draͤngte mich nahe an den Richter und ſeinen Schrei⸗ ber, und theilte ihnen meinen Entſchluß mit, ihnen beizuſtehn. Aber Herries lachte nur uͤber die dro⸗ 59 hende Stellung, die wir einnahmen.„Guter Nach⸗ bar,“ ſagte er,„Ihr ſprecht von Zeugen,— aber iſt denn jener lumpige Bettler— wohl ein genuͤgender Zeuge in einer Sache dieſer Art?“⸗. „Aber Ihr leugnet es ja nicht, daß Ihr der Mr. Herries von Birrenswork ſeyd, den der Ver⸗ haftsbefehl des Miniſters bezeichnet?“ „Wie kann ich etwas daruͤber laͤugnen oder ein⸗ geſteh'n?“ ſagte Herries mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln. „s beſteht ja kein ſolcher Verhaftsbefehl mehr; ſeine Aſche iſt nun, wie er es dem armen Verräͤther drohte, nach allen vier Winden zerſtreut. Es exiſtirt kein Verhaftsbeſehl mehr. „Ihr werdetr aber doch nicht laͤugnen, ſagte der Friedeugrichter, daß ihr die darin benannte Perſon ſeyd, und das(er huſtet) ihr ihn ſelbſt zerſroͤrt habt.“ „„Ich verlaͤngne weder meinen Namen, noch meine Hanblungen, Herr Friedensrichter, erwiederte Mr. Herries„ wenn eine kompetente Obrigkeit mich auf⸗ fordert, ſie zu geſtehn, oder zu vertheidigen. Aher ich werde mich allen unverſchaͤmten Verſuchen, ſich in meine Privatverhaͤltnite einzumiſchen, oder mich zu beaufſichtigen, widerſetzen. Darauf bin ich auch recht wohl vorbereitet, und ich hege daher das Bertrauen, daß ihr, mein guter Nachbar und Jagdgenoße, nach Eurem Auffahren, und mein Freund Herr Nikolas Faggot hier, nach ſeinem unterthaͤnigen Rath und Bitte, mich ſerbſt auszuliefern, nun der Meinung ſeyn werdet, Euch Eurer Pllicht gegen Koͤnig Georg und die Regierung in volem Maahe entledigt zu haben. Der kalte und ironiſche Ton, womit dieſe Erklaä⸗ rung abgegeben wurde, der Blick und die Stellung, worin das volle Vertrauen auf uͤberlegene Kroft und Energie auf eine recht noble Weiſe ausgedruͤckt war, ſchien die Unentſchloſſenheit zu vollenden, die ſich ſchon bei denen gezeigt hatle, an die ſie gerichtet war. Der Friedensrichter blickte auf den Schreiber, 1 60 der Schreiber auf den Friedensrichter, der fortfuhr, ſein He! Hum! ertoͤnen zu laſſen, ohne eine artiku⸗ liete Sylbe hervorzubringen; der Schreiber aber ſagte endlich:“ da der Verhaftsbefehl vernichtet iſt, Herr Friedensrichter, ſo werdet Ihr wohl nicht gemeint yu; die Verhaftung dennoch vorzunehmen.“ Hum!— ey! warum nicht?— aber— Nikolas— es wuͤrde doch nicht ganz raͤthlich ſeyn, und da die Geſchichte von 1745 ſchon ziemlich alt iſt, und(er huſtet) da mein Freund hier hoffentlich ſeinen Irr⸗ thum einſehen, das heißt, ihn ſchon eingeſehen haben, — und dem Papſt, dem Teufel und dem Praͤtenden⸗ ten entſagen wird,— ich meine es nicht boͤs Nach⸗ bar,— ſo dente ich mir,— da wir das poſſe, oder die Conſtabler oder dergleichen nicht haben, wir laſ⸗ ſen uns die Pferde bringen,— und betrachten, mit einem Wort, die Sache als abgethan.“ „Kluger Entſchluß, ſagte der Mann, den die Entſcheidung betraf, doch bevor ihr geht, wollen wir eins auf unſere Freundſchaft trinken.“ 8. Ja, ſagte der Friedensrichter, ſich die Stirne reibend, bei unſerer Arbeit,(er huſtet) hat man wohl koͤnnen durſtig werdeu. „Chriſtel Niron, ſagte Mr. Herries, bring uns ſogleich eine recht friſche Kann⸗, groß genug, den Durſt der ganzen Commiſſion zu ſtillen.“ Waͤhrend Chriſtel wegen des ermunternden Auf⸗ trags abweſend war, entſtand eine Pauſe, die ich zu benuͤtzen ſuchte, um das Geſpraͤch wieher auf meine eigenen Angelegenheiten zu bringen.„Sir,“ ſagte ich dem Friedensrichter Forley,„mich geht Eure lezte Perhandlung mit Mr. Herries eigentlich nichts an, aber ihr laßt mich, einen loyalen Unterthanen des Konigs Yorg, als einen unfreiwilligen Gefangenen in den Paͤnden eines Mannes, an deſſen Ergebenheit für die Sache des Koͤnigs Ihr zu zweifeln, Urſache habt. Ich gebe Euch demnach mit geziemender Be⸗ ſcheidenheit zu bemerken, daß dieß Euren Plichten 61 als Friedensrichter widerſpricht, und daß Ihr Mr. Herries auf die Ungeſetzlichkeit ſeines Benehmens aufmerkſam machen, und fuͤr meine Befreiung Schritte thun ſolltet, entweder auf der Stelle oder doch ſobald als ihr dieſe Sache... „Junger Mann,“ ſagte der Herr Friedensrichter Forley,„Ihr ſolltet Euch erinnern, daß ihr unter der Gewalt, der geſezlichen Gewalt(er huſtet) Eures Vor⸗ mundes ſeyd.“ 3 „Er nennt ſich freilich ſo,“ erwiederte ich,„aber er hat keinen Beweis beigebracht, um einen ſo widerſinni⸗ gen Anſpruch zu begruͤnden, und wenn auch, ſy wür⸗ de der Umſtand, daß er als ein überwieſener Verrä⸗ rher von der Amneſtie ausgeſchloſſen iſt, ein ſolches Recht bernichten, wenn es je beſtanden hätte. Ich be⸗ gehre daher von Euch, Herr Friedensrichter, und Euch, ſeinem Schreiber, meine Lage in Betracht zu ziehen, und mit Eurer eigenen Gefahr mir beizuſtehen.“ „Das iſt mir ein junger Burſche,“ ſagte der Frie⸗ densrichter mit ziemlich verlegenen Blicken,„der glaubt, ich führte das ganze ſtatutariſche Recht Englands im Kopfe bei mir, und ein Grafſchaftsaufgebot in der Ta⸗ ſche, um es in Vollzug zu ſetzen. Was könnte Euch denn meine Vermittlung nützen? aber(er huſtet) ich will mit Eurem Vormund zu Euren Gunſten ſprechen.“ Er nahm Herrn Herries auf die Seite, und ſchien in der That wegen irgend etwas mit großem Ernſt in ihn zu dringen, und vielleicht war eine ſolche Art von Ver⸗ wendung alles, was ich unter den vorliegenden Umſtän⸗ den von ihm zu erwarten berechtigt war. Sie blickten bei ihrem Geſpräche oft auf mich hin, und als Chriſtel Nixon mit einer mächtigen Kanne hereintrat, die den befohlenen Drank enthielt, wandte Herries ſich ein wenig ungeduldig von Herrn Forlay ab, und ſagte mit Nachdruck:„ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ihr in dieſer Hinſicht nicht das geringſte zu fürchten habt.“ Er nahm dann die Kanne und ſagte laut auf gäliſch:„Hei dem König!“ Er nippte 1 62² ſodann ein wenig, und reichte Herrn Foxley die Kanne, der, um nicht vielleicht auf des Praͤtendenten Geſund⸗ heit Beſcheid zu thun, auf des Herrn Herries eigene mit großer Felerlichkeit trank, aber nicht blos nippte. Der Schreiber folgte dem Beiſpiel ſeines Herrn und Meiſters, und willig that ich ein gleiches, denn Angſt und Furcht machen wenigſtens eben ſo durſtig, als der Kummer machen ſoll. Mit einem Wort, wir leerten die Miſchung von Bier, Sekt, Lemonenſaft, Muskat und andern guten Sachen, die auf dem ſilbernen Boden des Gefäſſes ſtrandeten, und machten Dr. Byrons berühmie Zeilen lesbar, die darauf eingegraben waren: Den König ſegne Gott! er ſegne des Glaubens Beſchüzer! Gotr ſegne— iſts Unrecht denn— den Prätendenten auch! Wer Prätendent ſeyn mag, wer König, dieß zu beſtimmen, Iſt ganz ein ander Ding— Gotr ſegn' uns alle zugleich! Ich hatte Zeit genug, dieſen Erguß der jakobiti⸗ ſchen Muſe zu ſtudiren, während der Friedensrichter mit einem ziemlich langweiligen Ceremoniel Abſchied nahm. Der von Herrn Faggot war weniger ceremoni⸗ ös, aber ich vermuthe, es gieng außer den leeren Com⸗ plimenten noch etwas anderes zwiſchen ihm und Herrn Herries vor; denn ich bemerkte, daß der letztere ein Stück Papier in die Hand des erſtern ſchlüpfen ließ, was vielleicht eine kleine Genugthuung für die Unbe⸗ dachtſamkeit war, mit der er den Verhaftsbefehl ver⸗ brannt, und ſeine Hand ziemlich unſanft an den ach⸗ tungswerthen Günſtling des Geſetzes gelegt hatte, der ihn vorzeigte; auch entgieng mir nicht, daß er dieſe Beſänftigung auf eine Weiſe vornahm, daß ſie vor dem Herrn des würdigen Schreibers verborgen bleiben muß⸗ te. Als dieß in Ordnung war, nahm man gegenſeitig von einander Abſchied, mit vieler Förmlichkeit von Seite des Herrn Foxley, unter deſſen Abſchiedsphraſen mir folgende beſonders merkwürdig war:„ich vermu⸗ the, Ihr werdet euch nichwlange mehr in dieſen Ge⸗ genden aufhalten?“ „Für jetzt nicht, Herr Friedens ichter, ſeyd deſſen 1 5 63 5 verſichert, ich habe gute Gründe für das Gegentheil. Doch hoffe ich, meine Angelegenheiten in der Art in Ordnung zu bringen, daß wir uns bald wieder auf der Jagd treffen werden. Er begleitete hierauf den Nichter bis in den Hof, und befahl Chriſtal Nixon, unterdeſſen darauf Acht zu haben, daß ich in mein Zimmer zuruͤckkäme. Ueber⸗ zeugt von der Zweckloſigkeit eines Widerſtandes oder einer Unterhandlung mit dieſem hartnäckigen Beamten gehorchte ich ſchweigend, und war nun abermals Ge⸗ fangener in meiner frühern Wohnung. Fünftes Kapitel. Darſie Latimers Tagebuch. Fortfetzung. Nach der Rückkehr in das Zimmer, welches ich wohl mein Gefangniß nennen kann, verwandte ich über eine Stunde darauf, dieſe ſeltſamen Umſtände nieder zu ſchreiben, von denen ich eben Zeuge geweſen war. Ich achte mir jetzt einige Vermuthung uͤber den Charakter des Mr. Herries bilden zu können, auf deſſen Namen und Stellung die letzte Scene ein bedeutendes Licht geworfen hatte; zweifelsohne war er einer von den fa⸗ natiſchen Jakobiten, deren Waffen vor noch nicht zwan⸗ zig Jahren den brittiſchen Thron erſchüttert hatten, und von denen manche, obſchon ihre Parthei täglich an Zahl Energie und Gewait abnahm, noch immer eine Neigung hegten, den Verſuch zu erneuern, deſſen Hoffnungsloſigkeit ſie bereits erprobt hatten. Er war freilich gänzlich verſchieden von derjenigen Claſſe eifri⸗ ger Jakobiten, mit welchen mich der Zufall bisher zuſam⸗ mengeführt hatte. Oft hatte ich alte Damen an ihrem Theetiſche und grauköpfige Lairds bei ihrem Punſch bedeutungsloſen Verraty anſpinnen hören; wobei die erſten ſich erinnerten, mit dem Chevalier einen Tanz 64 emacht zu haben, und die letzten ihre Thaten bei roſton, Elifton und Falkirt widerkaͤuten. Das Mißvergnuͤgen ſolcher Perſonen war allzube⸗ deutungslos, um die Aufmerkſamkeit der Regierung zu erregen. Ich hatte aber von einer kuhnern und gefahrlichern Claſſe Anhaͤnger des Hauſes Stuart re⸗ den hoͤren, von Maͤnnern, welche mit roͤmiſchem Geld verſehen, heimlich und verlarvt ſich in den verſchie⸗ denen Claſſen der Geſellſchaft umhertrieben, und den aichanden Eifer ihrer Parthei lebendig zu erhalten rebten. Unter dieſen Menſchen, deren Wirkſamkeit und Streben nur von oberflachlichen Menſchen in Zweifel gezogen werden konnte, wieß ich ohne weiteres dem Mr⸗ Herries, deſſen geiſtige Kraft nicht weniger, als ſeine perſönliche Staͤrte und Thaͤtigkeit ihn zu einer ſo gefaͤhrlichen Rolle zu eignen ſchien, einen be⸗ dentenden Poſten an; auch wußte ich, daß laͤngs der weſtlichen Kuͤſte Englands und Schottlands eine ſolche Menge Anhaͤnger der Stuarts wohnten, daß ſo ein Mann mit vollkommener Sicherheit ſich hier aufhal⸗ ten mochte, wenn nicht der Regierung ganz beſon⸗ ders daran gelegen war, ſich ſeiner Perſon zu verſt⸗ chern; und ſelbſt dieß Vorhaben konnte leicht verei telt werden, entweder durch eine fruͤbzeitige Benach richtigung, oder, wie im Falle des Mr. Forlan, durch die geringe Bereitwilligkeit der Provinzigl⸗Obrigkei⸗ ten in einer Sache einzuſchreiten, die man jetzt als inc dehäſige Verfolgung ungluͤcklicher Menſchen be⸗ rrachtete. Indeſſen haben ſich kuͤrzlich Gerichte verbreitet, als ob der gegenwaͤrtige Zuſtand der Nation, oder wenigſtens einiger mißvergnuͤgten Provinzen, erzengt durch eine Menge Urſachen, beſonders aber durch die Unpopularitaͤt der gegenwaͤrtigen Miniſter, dieſen Aufſtiftern als ein gufnſtiger Zeitpunkt erſcheine, um ihre Intriguen von neuem zu beginnen; auf der an⸗ 3 ern * 65 dern Seite wird die Regierung in einer ſolchen Kri⸗ ſis nicht geneigt ſeyn, dieſelben mit der Verachtung anzuſehen, welche wenige Jahre vorher ihre geeig⸗ nerſte Strafe geweſen waͤre. Daß es Menſchen giebt, die unbeſonnen genug ſind, ihre Dienſte und ihr Lebe ſehr unſchickliche Mittel bei einem edl geweſen. Wenn diß aber auch ſeine Ab welchem Nutzen mochte ihm die Ern einzelnen wiherſtrebenden Anhaͤngers ſeyn, Unterſtuͤtzung einer ergriffenen Parthei nur gene Perſon mitbringen konnte? Er h eines Vormundes gegen mich in Anſu er hatte ziemlich deutlich darauf hin in einem Gemuthszuſtande, der die dig mache. Sohlte dieſer in ſeiner zweifelt hartnaͤckige Mann, der bereit ſchien, ganze Laſt einer ſchon fuͤr Tauſende verderbli wordenen Sache, auf ſeine Schultern Gewalt haben, uͤber mein Schickſal mich durch eine ſo heimliche unvorſichtige der Anſpruch, den er geltend machte? Auf B 8 ſchaft? Und theilte ich die Noſtanmuns vie „ daß Mr. Her⸗ ries ein ſolcher Fanatiker iſt; alles diß erklaͤrt aber ſein Benehmen gegen mich durchaus nicht, haͤtte er geſucht, aus mir einen Proſelyten fuͤr ſeine ſinkende Sache zu machen, ſo waͤren Gewaltthaͤtigkeit und Zwang Aen Gemuͤthe ſicht war, von werbung eines ſeine ei⸗ hatte die Rechte pruch genommen, gewieſen, ich ſey Aufſicht nothwen⸗ m Vorſaze ſo ver⸗ zu nehmen, die 9 zu entſcheiden? Giengen von ihm dieſe Gefahren aus, gegen die man Erziehung hatte ſchuͤtzen wollen? 3 gh Und wenn dem ſo war, worauf gruͤndete ſich denn 66 meines eigenen Geſiehts in dem Spiegel, in einem vedeurenden Augenblick waͤhrend der ſeltſamen heutis gen Zuſammenkunft, und ich eilte in das aͤußere Zim⸗ mer, um den Spiegel zu befragen, ob es möglich ſey⸗ meinen Geichäftszügen den eigenen Schnitt zu geben⸗ der dem ſchrecklichen Blicke des Mr. Herries ſo ſehr glich. Aber ich faltete meine Stirne vergeblich auf tauſenderlei Weiſe, und mußte endlich den Schluß ma⸗ chen, daß entweder das vermuthete Zeichen auf meiner Stirne nur eingebildet, oder durch willkührliche Bn⸗ ſirengung nicht hervorgerufen werden könne. Während ich ſo mein Geſicht gleich einem tollen Spieler in alle wögliche Falten zog, öffnete ſich plötzlich die Thüre, und das Hausmädchen trat ein. Unwillig und beſchämt in einer ſo ſonderbaren Beſchäftigung betroffen worden zu ſeyn, wande ich mich raſch um, und vermuthlich brachte jetzt der Zufall auf meinem Geſicht jene Verän⸗ eeden hervor, um die ich mich vergeblich angeſtrengt atte. Das Madchen bebte zurück, und ſagte:„Um Gdtteswillen, jetzt ſeht Ihr ja aus, leibhaftig wie der alte Squire— aber da kommt er ſelbſt.“ Indem ſie ſchnell hinauswiſchte, ſetzte ſie hinzu:„Und wenn Ihr noch einen Dritten braucht, ſo iſt der alte Harry der⸗ jenige, der am beſten die Stirne runzeln kann.“ Als das Mädchen mit dieſem Musruf das Zim⸗ mer verlaſſen hatte, trat Herries ein. Er hielt an, als er bemerkte, daß ich wieder in den Spiegel ge⸗ ſchaut hatte, um das Geſicht zu machen, wodurch das einfaltige Ding zweifelsohne erſchrekt worden war. Er ſchien meine Gedanken zu errathen, denn er be⸗ merkte, als ich mich zu zbm wandte:„Zweifelt nicht, das Eurer Stirne das ungläckliche Zeichen unſres Ge⸗ ſchlechts aufgetruͤckt iſt, wenn auch jetzt noch nicht ſo kenntlich, als dann, wenn, Jahre und Kummer, wenn die Spuren ſtuͤrmiſcher Leidenſchaften Eure Stirne gefurcht haben werden.⸗ 4 Gehermnihyole Menſch, erwiederte ich.„Ich 2 67* weiß nicht, wovon Ihr ſprecht; Eure Rede iſt ſo dun⸗ kel, als Eure Plaͤne.“ „Sezt Euch nieder,“ ſagte er dann, und hirt: „Svweit wenigſtens muß der Schleier geläftet wer⸗ den, woruͤber Ihr klagt. Einmal hinweggezogen, wird er nur Schuld und Kummer enthüullen, Schuld, gefolgt vor ſonderbarer Strafe, und Kummer, den die Vorſehung den Nachkommen der Traurenden zum Erbtheil gegeben hat.“ Er ſchwieg einen Augenblick, und begann dann keine Erzaͤhlung mit einer Miene, welche den tief⸗ ſten Antheil an den Begebenheiten ausdruͤtte, ſo ent⸗ fent dieſe auch waren. Der Ton ſeiner reichen und mächtigen Stimme, unterſtuͤzte durch ſeine Biegſam⸗ keet die Wirkungen ſeiner Erzaͤhlung, welche ich mog⸗ lichſt mit ſeinen eigenen Worten niederzuſchreiben verſuchen will. „Nicht erſt in den letzten Jahren lernten unſere engliſchen Nachbarn, daß Theilung und burgerliche Kriege ihnen bei der Unterjochung ihrer unabbaͤngi⸗ gen Nachbarn den beſten Beiſtand leiſten. Idr er⸗ innert Euch wohl an den Zuſtand' von Knechtſchaft, worinn Schottland durch die ungluͤcklichen Kriege zwi⸗ ſchen den beimiſchen Partheven der Bruce und Baliol berſezt wurde; auch in Schottland, nachdem es darch das tapfere Benehmen des unſterblichen Pruce vom fremden Joche erloͤßt war, alle Fruͤchte ſeiner Kriumphe von Bannockburn durch die ſchreklichen Nie⸗ berlagen von Dupplin und Halidon verlor; Eduard Maliol, der Guͤnſtling und Vaſall ſeines Namens⸗ Bruders in England, ſchien fuͤr eine kurze Zeit im ſichern und unbeſtrittenen Beſitze des Throns, den kurz vorher der groͤßte Feloberr und der weileſte Fuͤrſt Europa's eingenommen hatte. Das Andenken en Bruce war aber nicht mit ihm geſtorben. Es gab noch viele, die ſeine kriegeriſchen Arbeiten getheilt hatten, und ſich der erfolgreichen Anſtrenguugen er⸗ .2A 68] innerten, wodurch er, unter nicht weniger unguͤnſti⸗ gen Verhaͤltniſſen, als die ſeines Sohnes, die Be⸗ freiung Swottlands ins Werk gerichtet hatte. Der Uſurpator Eonaro Baliol war mit wenigen ſeiner vertrauten Anyaͤnger bei einem Feſte auf dem Schloße Annen, als er plötzlich von einer auserleſenen Schaar patrioriſcher Inſurgenten uͤberfallen wurde. Jhre Fuͤhrer waren Douglas, Randolph, der junge Carl von Moray, und Ser Simon Fraſer; ihr Er⸗ folg war ſo vollſtaͤndig, dasß Baliol kaum gekleidet und auf einem ungeſattelten Pferde entfliehen mußte, um ſein Leben zu retten. Es war von Wictigkeit, ſich wo moͤglich ſeiner Yerſon zu bemaͤchtigen, und er wurde deshalb raſch verfolgt, von einem tapfern Rit⸗ ter normaͤnniſcher Abkunft, deſſen Familie ſich ſchon lange in dieſem Lande niedergelaſſen hatte. Ihr nor⸗ maͤnniſcher Mann war Fitz⸗Aldin, der Ritter hatre aber von der großen Niederlage, die er unter den Suͤdblaͤndern angerichtet hatte, und von ſeinem Wi⸗ derwillen, irgend jemanden Pardon zu geben, den er waͤhrend der fruͤhern Kriege dieſer blutigen Periode gezeigt hatte, den Namen Redgauntler(Rothhand⸗ ſchuh) erhalten, den er auf ſeine Nachkommen üper⸗ Irug——— 3 Redgauntlet!“ wiederholte ich unwigkuͤhrlich. „Ja Redgauntlet,“ ſagte mein angeblicher Vormand, und ſah mich ſcharf an;„weckt dieſer Name irgend Erinnerungen in Euch auf?“ „Nein!“ erwiederte ich,„außer daß ich kuͤrzlich eine wuanderbare Geſchichte von dem Helden erzaͤhlen hoͤrte.⸗ „ Viele der Art ſind uͤber die Familie in Umlauf.“ antwortete er, und fuhr dann in ſeiner Erzaͤhlung fort:„Alberick Redaauntlet, der erſte ſeines Hauſes, der dieſen Namen fuͤhrte, war, wie man ſchon dar⸗ aus ſchlieſſen kann, von finſterer unverſoͤhnlicher Ge⸗ muͤthsart, weiche durch Fam lienzwiſte noch haͤrter ge⸗ worden war. Ein einziger Sohn, kaum 18 Jahre alt, 69 hatte ſo ſehr ſeines Vaters ſtolzen Geiſt geerbt, das: er den haͤuslichen Zwang nicht mehr ertrug, ſich dem vaterlichen Anſehn widerſetzte, endlich von ſeines Va⸗ ters Hauſe floh, den politiſchen Meinungen deſſelben enrſagte, und durch ſeine Verbindung mit den An⸗ hangern Baliols den fortdanernden Unwiten ſeines Vaters rege machte. Der Vater oll in ſeinem Zorn den entarteten Sohn verflucht und geſchworen haben, ihn mit eigener Hand zu todten, wo er ihn traͤfe. Unterdeſſen ſchien es, ass ſollte er für dieſen großen Verluſt einen Erſatz erhalten. Die Laty Alberick Red⸗ gauntlet befand ſich nach vielen Jahren wieder in einem Zuſtande, der ihrem G⸗mahl die Hoffnung auf einen geborſamen Erben eroͤffnete. Doch der bevenkliche Zu⸗ Kand ſeiner Gattin und der tiefe Antheil, den er dar⸗ an nahm, verhinderten Alberick nicht, an hem Unter⸗ nehmen von Douaglas und Moray Antbeil zu nehmen. Er war der vorderſte geweſen bei dem Angriff auf das Schloß, und war unn auch der erſte in der Ver⸗ folgung Boliols, eifrig demuͤht die wenige kühnen Aphänger des Uſurpators, welche deſſen Flucht ſzu decken verſuchten, zu zerſtreuen oder niederzuhauen.“ „ Als dieſe nach und nach verjagt oder erſchlagen waren, war der furchtbare Redgauntlet, der Tod⸗ feind des Hauſes Baliol, nur noch zwei Lanzenlaͤn⸗ gen in einem engen Paſſe von dem fluͤchtigen Ednard Baliol entfernt, als ein Juͤngling, einer der letzten, die den Uſurpator auf ſeiner Flucht begleireten, ſich zwiſchen ihn und den Verfolger warf, deſen Stoß empfing, aber vom Roß geworfen wurde. Der Helm entſiel ſeinem Haupte, und die Strahlen der Sonne, die gerade uͤber den Solway aufgieng, zeigten Red⸗ gauntlet die Zuͤge ſeines ungehorſamen Sohnes in den Farben und Abzeichen des Uſurpators. Redgauntlet ſah ſeinen Sohn vor den Fuͤßen ſeines Pferdes liegen, aber er ſah auch Baliol, den Uſuryator der ſchottiſchen Krone, noch immer, wie es ſchien, innerhalb ſeines Bereichs, und nur durch 7⁰ den niedergeſtreckten Koͤrper ſeines uͤberwaͤltigten An haͤngers von ihm getrennt. Ohne anzuhalten, un zu unterſuchen, ob der junge Eduard verwundet ſev, bruͤckte er ſeinem Pferde die Sporen ein, um uͤber den Koͤrper hinzuſetzen, was aber ungluͤcllicherweiſe mißlang. Das Pferd machte zwar einen Sprung vorwaͤrts, war aber unfaͤhig, uͤber den Koͤrper des Juͤnglings wegzuſetzen, und traf denſelben mit dem Hinterfuße an der Stirne, als er eben ſich erheben wollte. Die Wunde war toͤdtlich. Es iſt unnoͤth:g, hinzuzufuͤgen, daß die Verfolgung unterdrochen wur⸗ de, und Baliol entkam.“ „So wild Redgauntlet auch geſchildert wurde, ſo uͤberwaͤltigte ihn doch der Gedanke an das vegangene Verbrechen. Als er in ſein Schloß zurückkehrte, fand er nur neuen haͤuslichen Kummer. Vei der Nachricht des ſchrecklichen Vorfalls war ſein Weib zu fruh von Geburtsſchmerzen ergriffen worden, und die Geburt eines Knaben koſtete ihr das Leben. Laͤnger als 24 Stunden ſaß Redgauntlet bei ihrem Korper, ohne weder ſeine Zuͤge, noch eine Stellung zu veraͤndern, ſo weit dieß ſeine erſchreckren Diener bemerken konn⸗ ten. Vergebens ſprach ihm der Abt von Dundren⸗ nan Troſt ein. Douglas, der einen ſo ausgezeich⸗ neten Vaterlandsfreund in ſeinem Ungluͤck zu beſu⸗ chen kam, war gluͤcklicher, ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Er ließ auf dem Schloßhofe eine engliſche Schlachtmelodie blaſen, da ergriff Redgauntlet mit einmal ſeine Waffen, und ſchien die Beſinnung wie⸗ der zu erhalten, die er im Uebermaß ſeines Elends verloren hatte.“ „Was er auch innerlich fuͤhlen mochte, von dem Augenblick an war keine aͤußere Vewegung mehr zu erkennen. Douglas ließ das Kind herbei bringen, aber ſelbſt die eiſenbarten Kriger wurben von Entſetzen er⸗ griffen, als ſie bemerkten, daß durch ein geheimniß⸗ volles Walten ber Natur die Ur ache des Todes der Murter und der Beweis der vaͤterlichen Schuld dem „ Geſichte des ſchuldloſen Knaben aufgedruͤckt war, auf deſſen Stirne sang deutlich das kleine Bild eines Hufeiſens ſich zeigte. Redgauntlet wies ſelbſt darauf hin und ſagte mit einem ſchrecklichen Laͤcheln zu Dou⸗ glas: es ſoüte blutig ſeyn. Gerüuhrt von Mitleiden gegen ſeinen Waffenbruder und durch die Gewoͤy⸗ nung an duͤrgerlichen Krieg gegen alle ſauftere Gefühle geſtaͤhlt, ſchauderte Douglas doch bei dieſem Anblick zuſammen, und wuͤnſchte ein Haus zu verlaſſen, das zum Schauplatz ſolchen Greuels beſcimmt war. Bei 3 ſeiner Abreiſe ermahnte er Alberick Redgauntlet zu der Kapelle Set. Ninians von Whiteherne, die damals in großem Anſehen ſtand, zu wallfahrten, und reiſte mit einer Eilfertigkeit ab, welche den troſtloſen Zu⸗ ſtand eines ungluͤcklichen Freundes, wenn es moͤglich geweſen waͤre, noch verſchlimmert haͤtte. Dieſer aber ſchien keiner Verſchlimmerung mehr faͤhig. Sir Al⸗ berick ließ den Leichnam ſeines erſchlagenen Sohns und den der Mutter neden einander in der alten Kapelle ſeines Hauſes beiſetzen, nachdem er vorher beide von einem beruͤhmten Wundarzt jener Zeit hatte einbal⸗ ſamiren laſſen, und viele Wochen lang ſoll er in jeder Nacht einige Stunden in dem G voͤlbe zugebracht ha⸗ ben, wo ſie ruhten.“ „Endlich unternahm er die vorgeſchlagene Pilger⸗ fahrr nach Whiteherne, wo er zum erſtenmal ſeit ſei⸗ nem Ungluͤck beichtete, und von einem alten Moͤnche abſolvirt wurde, der nachher im Geruch der Heilig⸗ keit ſtarb. Damals ſoll Redgauntlet geweiſagt wor⸗ den ſeyn, daß wegen ſeiner unerſchuͤtterlichen Vater⸗ landsliebe ſeine Familie unter allen Wechſeln kuͤnfti⸗ ger Zeiten ſtets maͤchtig bleiben werde; daß aber zur Strafe fuͤr ſeine unnachſichtige Grauſamkeit gegen ſei⸗ nen eigenen Sohn der Himmel beſchloſſen habe, daß die Tapferkeit ſeines Geſchlechts ſtets fruchtlos ſeyn, und die von ihnen erariffene Sache nie einen gluͤckli⸗ chen Ausgang haben ſolle.“ „Sir Alberick unterwarf ſich den ihm daſelbſt auf⸗ 22 erlegten Buͤßungen, und wallfahrtete dann, wie man glaubt, entweder nach Rom oder zu dem heiligen Grabe ſelbſt. Allgemein warde er fuͤr todt gehalten, und erſt 13 Jahre nachher erſchien in der großen Schlacht von Durham, die zwiſchen David Bruce und der Ko⸗ nigin Philippa von England geſchlagen wurde, im Vordertreffen der ſchottiſchen Armee, ein Ritter, der ein Hufeiſen auf ſeinem Helmkamm trug, und ſich durch ſeine unerſchuͤtterliche und verzweifelte Tapfer⸗ keit auszeichnete; als er endlich uͤberwaͤltigt und er⸗ ſchlagen wurde, entdeckte man erſt, daß es der tapfere und ungluͤckliche Sir Alberick geweſen war.“ „Und iſt das ungläͤckliche Zeichen,“ ſagte ich, als Herries ſeine Erzaͤhlung geendigt hatte,„auf die gan⸗ ze Nachkommenſchaft dieſes ungluͤcklichen Hauſes uͤber⸗ gegangen?“ „So hat das Alterthum es uns uͤberliefert,“ ſag⸗ te Herries,„und noch glaubt man es. Aber vielleicht iſt in dieſem Volksglauben etwas von jener Phanta⸗ ſte, welche ſelbſt erſchafft, was ſie ſehen will. Wie andere Familien ihre Eigenthamlichkeiten haben, wo⸗ durch ſie ausgezeichnet ſind, ſo iſt ſicher die der Red⸗ gauntlets bei den meiſten Individuen durch eine be⸗ ſondere Bildung der Stirne bezeichnet, welche nach dem Glauben von dem Sohne Albericks, ihrem Ahn⸗ herrn und Bruder des ungluͤcklichen Eduards herkomme, der auf eine ſo klaͤgliche Weiſe umkam. Gewiß iſt auch, daß ein eigenes Schickſal üͤber dem Hauſe Red⸗ gauntlet gewaltet zu haben ſcheint, denn faſt in allen huͤrgerlichen Fehden, welche von den Zeiten David Bruce's an, bis auf die letzte kuͤhne und ungluͤckli⸗ che Unternehmung des Chevalier Carl Eduard das Koͤ⸗ nigreich Schottland getheilt haben, befand ſie ſich auf der verlierenden Seite.“ Er ſchloß mit einem tiefen Seufzer, wie einer den der Gegenſtand in einen Strom peinlicher Ge⸗ danken hineingezogen hat. „Und ſtamme ich denn,“ rief ich aus,„von die⸗ 73 ſem ungluͤcklichen Geſchlechte ab? Gehoͤrt auch Ihr da⸗ zu? Und wenn dieß ſo iſt, warum muß ich von der Hand eines Verwandten Zwang und harte Behand⸗ lung erfahren?“ „Fragt jetzt nicht weiter,“ ſagte er,„mein Be⸗ tragen gegen Euch iſt nicht Sache meiner Wahl, ſon⸗ dern der Nothwendigkeit. Ihr wurdet dem Schooſe Eurer Familie um der Sorge Eures geſetzlichen Ver⸗ munds durch die Furcht und die Unwiſſenheit einer allzuzaͤrtlichen Mutter entriſſen, welche nicht im Stan⸗ de war, die Geſinnungen und Gefuͤhle derer zu ſchaͤtzen, welche die Ehre und ihre Grundſaͤtze dem Gluͤcke und ſelbſt dem Leben vorziehen. Der junge Falke, blos an die zaͤrtliche Pflege ſeiner Mutter gewoͤhnt, muß durch Finſterniß und Schlafloſigkeit gezaͤhmt werden, ehe ihn der Falkner ſeinen Zwecken gemaͤß auffliegen laͤßt.“ Ich erſchrack üͤber dieſe Erklaͤrung, welche mich mit einer langen Dauer, und einem gefaͤhrlichen Ende meiner Gefangenſchaft zu bedrohen ſchien. Ich hielt es indeſſen fuͤr das beſte, einigen Muth zu zeigen, und zu gleicher Zeit einen verſohnenden Ton anzu⸗ ſtimmen.„Mr. Herries,“ ſagte ich,„laſſet uns uber dieſen Gegenſtand ohne den Ton des Geheimniſſes und der Furcht ſyrechen worin Ihr ihn zu huͤllen geneigt ſcheint. Ach! Ich bin lange der Pllege jener zaͤrtli⸗ chen Mutter beraubt, worauf Ihr anſpielt, lange unter fremder Leitung und gezwungen, meine Ent⸗ ſchluͤſſe nur nach eigener Einſicht zu faſſen. Ungluͤck, fruͤhe Entbehrungen haben mir das Recht gegeben, fuͤr mich ſelbſt zu handeln, und Zwang ſoll mich des erſten Rechts eines Englaͤnders nicht berauben.“ „ Der rechte Modeton,“ ſagte Herries veraͤcht⸗ lich.„Kein Sterblicher hat das Vorrecht, frei zu handeln, wir alle ſind gebunden, durch die Feſſeln der Pflicht, unſer Pfad iſt beſchraͤnkt durch die Vor⸗ ſchriften der Ehre, und unſre unbedeutendſten Hand⸗ lungen ſind nur Maſchinen in dem Gewehe des Schick ſals, wovon wir alle umgeben ſind.“ — 74 Raſch durchſchritt er das Zimmer, und fuhr in einem Tone der Begeiſterung fort, der in Verbin⸗ dung mit einigen andern Seiten ſeines Benehmens eine üverreizte Einbilbungskraft anzudeuten ſchien, wider ſpraͤche nicht der allgemeine Charakter ſeiner Rede und ſeines Benehmens. „Nichts,“ ſagte er in ernſtem, faſt melancho⸗ liſchem Tone, nichts iſt das Wort des Zufalls, nichts iſt die Folge des freyen Willens, die Freiheit, deren der Englaͤnder ſich ruͤhmt, giebt ihrem Beſitzer ſo wenig wahre Freiheit, als der Despotismus eines morgenlaͤndiſchen Sultans ſeinem Stlaven geſtattet. Der Uſurpator Wilhelm von Naſſau gieng auf die Jagd, und hielt ohne Zweifel fuͤr eine Handlung ſei⸗ nes königlichen Willens, daß das Pferd ſeines ge⸗ mordeten Opfers fuͤr ſein königliches Vergnugen ge⸗ ſattelt war. Aber der Himmel wollte es anders, und ehe die Sonne hoch Kand, koſtete das Straucheln des nemlichen Thiers an einem Gegenſtand, der ſo un⸗ bedeutend war, als ein Maulwurfshuͤgel, ſeinem ſtolzen Reuter das Leben, und ſeine angemaaste Krone. Glaubt Ihr, durch eine Wendung des Zuͤ⸗ gels waͤre dieß unbedentende Hinderniß vermieden worden Ich ſage Euch, es durchkreuzte ſeinen Weg ſo unausweichlich, als die ganze lange Kette des Cau⸗ caſus nur immer haͤtte thun konnen. Ja, junger Mann, im Thun und Leiden pielen wir nur die uns vom Geſchick, dem Leiter dieſes ſeltſamen Dramas, zugetheilte Rolle, vermoͤgen nicht mehr zu thun, als uns vorgeſchrieben, nicht mehr zu ſagen, als uns aufgegeben iſt; und doch ſchwazen wir viel von freiem Willen und Freiheit des Gedankens und der Hand⸗ lung, als ob Richard nicht ſterben, oder Richmond ſiegen innale, gerade ſo wie der Dichter es angeord⸗ net hat. Nach dieſer Rede fuhr er fort mit verſchlunge⸗ nen Armen und zur Erde geſenkten Blicken auf und abzugehen; der Klang ſeiner Schritte, und der Ton * 75 ſeiner Stimme erinnerten mich, daß ich dieſen ſon⸗ derdaren nſchen ſchon bei einer ſru Gelegen⸗ heit ſolche S geſpraͤche in ſeiner einſamen Ka⸗⸗ mer hatte halten hoͤren. Ich bemerkte, daß er gleich andern Jacobiten in ſeinem verjaͤhrten Haß gegen das Andenken Koͤuigs Wilhelms die Partheimeinung angenommen hatte, der Monarch habe an dem Tage jenes ungluͤcklichen Zufalls ein Pferd gerirten, das ehemals dem ungluͤcklichen Sir John Friend geboͤrte, der im Jahr 1696 wegen Hochverrath hingerichter wurde. Ich durfte denjenigen, in deſſen Gewalt ich auf eine ſo ſonderbare Weiſe gekommen war, nicht erbit⸗ tern, ſondern wo moͤglich beſaͤnftigen. Als ich be⸗ merkte, daß die Heftigkeit ſeiner Gefuͤhle ſich ein we⸗ nig gelegt hatte, antwortete ich ihm folgendermaßen: 8 Ich will nicht, wahrhaftig ich fuͤhle mich nicht faͤhig, eine ſo ſubtile metaphyſiſche Frage zu eroͤrtern, wie die, welche von den Grenzen des freien Willens und der Vorherbeſtimmung handelt. Laßt uns hoffen, daß wir mit Ehre leben, und mit guter Hoffnung ſterben, ohne genoͤthigt zu ſeyn, uͤber einen Punkt eine entſchiedene Meinung zu bilden, der ſo weit üͤber unſre Faſſungskraft gedt.“ „Ein weiſer Schluß, ſagte er ſpoͤttiſchlaͤchelnd, „das klang ja wie ein Stuͤck aus einer Genferpredigt.“ „Aber, fuhr ich fort, ich richte Fure Aufmerk ſamkeit auf die Thatſache, daß ich ſowohl, als Ihr, nach Antrieben gehandelt habe, die entweder das Re⸗ ſultat meines freien Willens oder die Folgen der mir von dem Schickſal beſtimmten Rolle ſind. Die e koͤn⸗ nen und im gegenwaͤrtigen Falle ſind ſie wirklich im geraden Widerſpruche mit denjenigen, durch welche Ihe bewegt worden ſeyd; und wie ſollen wir nun be⸗ Kimmen, welche den Vorrang haben ſoll? Ihr fuͤhlt Fuch vielleicht beſtimmt, mein Kerkermeiſter zu ſeyn, ich dagegen fühle mich beſtimmt, meine Flucht z2 verſuchen, und ins Werk zu ſetzen. Einer von uns — — 1 7⁵ muß Unrecht haben, wer aber kann ſagen, weicher von, Beiden im Jerthum ſey, bis der Erfolg zwiſchen uns entſchieden hat?“ „Ich werde mich beſtimmt fuͤhlen, ſtrengere Zwangsmittel zu gebrauchen, ſagte er gleichfalls in dem Tone zwiſchen Scherz und Eruſt.“ „In dieſem Falle,“ antwortete ich,„wird es meine Beſtimmung ſeyn, alles fuͤr meine Freiheit zu verſuchen.“ „Und die meinige, junger Mann,“ erwiederte er in einem tiefen und ſtrengen Tone,„Sorge zu tra⸗ gen, das Ihr eher ſterben, als Euern Vorſatz aus⸗ fuͤhren werdet.“ Dieß war deutlich geſprochen, und ich wollte ihn keineswegs ohne Antwort laſſen. „Ihr drobt mir vergebens,“ ſagte ich,„die Ge⸗ ſetze meines Landes werden mich ſchuͤtzen, oder denſe⸗ nigen raͤchen, den ſie nicht beſchuͤtzen koͤnnen.“ Ich ſprach dieß in beſtimmtem Tone, und er ſchien einen Augenblick zum Schweigen gebracht; die Verachtung, womit er zuletzt mir geantwortet hatte, trug etwas affectirtes an ſich. zu tragen.⸗ Alan, dieß konnte ſch nicht ertragen, ſondern ant⸗ wortete ihm mit Unwillen, daß er die Wuͤrde und Ehre nicht kenne, die er herabſetze.— 77 „Ich weiß ſo viel von dieſen Fairford's, als von Euch, erwiederte er.“ „So viel, ſagte ich, und ſo wenig. Denn Ihr koͤnnt weder ihren, noch meinem wadhren Werth ſchä⸗ tzen. Ich weiß, Ihr habt ſie geſehen, bei Euerem letzten Aufenthalt in Edinburgh. „Ha!“ rief er aus, und blickte mich durchdrin⸗ gend an.. „Es iſt wahr, ſagte ich, Ihr koͤnnt es nicht laͤug⸗ nen, und da ich Euch ſo gereigt habe, daß ich etwos von Euern Umtrieben kenne, ſo will ich Euch warnen, henn ich habe Mittheilungswege, die Euch unbekannt ſind. Zwingt mich nicht, ſie zu Eurem Nachtheil zu gebrauchen.“. „Zu meinem Nacotheil!“ erwiederte er.„Inn⸗ ger Mann, ich laͤchle uͤber Eure Thorheit und vergebe ſie Euch. Ja, ich will Euch ſagen, was Ihr nicht bemerkt hadt, daß ich nemlich aus Briefen von dieſen Fairford's zuerſt die Vermuthung ſchoͤpfte, die durch meinen Beſuch bei ihnen beſtaͤtigt wurde, daß Ihr die Perſon ſend, die ich ſeit Jahren geſucht hatte.“ „Wenn Ihr dieß, ſagte ich, aus jenen Papieren erfahren habt, die ich in jener Nacht bei mir hatte, als ich mich in der Nothwendigkeit befand, Euer Gaſt zu Brockenburn zu werden, ſo beneide ich Euch nicht um Eure Gleichgultigkeit gegen die Mittel, Euch haar chten zu verſchaffen. Es war nicht ehrenvoll uͤr———— „Stille, junger Mann,“ ſagte Herries ruhiger, als ich erwartet hatte;„das Wort Unehre darf nicht in Verbindung mit meinem Namen erwaͤhnt werden. Eure Brieftaſche war in der Taſche Eures Roës, und eutgieng der Aufmerkſamkeit eines Andern nicht, ob⸗ gleich es vor der meinen voͤllig ſicher geweſen wäre. Mein Diener Chriſtal Nixon brachte mir die Nach⸗ richt, nachdem Ihr weg waret. Ich war unzufrieden mit der Art, wie er ſich die Nachricht verſchafft hatte, aber es war nicht weniger meine Pflicht ‚mich von der 78 Wahrheit zu verſichern, und darum ging ich nach Edinburgh. Ich hoffte Mr. Fairford zu uͤberreden, in meine Anſichten einzugehen; ich fand ihn aber zu ſehr von Vorurtheilen eingenommen, als daß ich ihm haͤtte Zutrauen ſchenken koͤnnen. Er iſt ein erbaͤrm⸗ licher und furchtſamer Sclave der gegenwaͤrtigen Re⸗ gierung, unter welcher unſer ungluͤckliches Vaterland auf eine ſo ſchimpfliche Weiſe in Knechtſchaft gekom⸗ men iſt, und es wuͤrbe voͤllig unpaſſend und unſicher geweſen ſeyn, ihm das Geheimniß meines Rechts an⸗ uverkrauen, Eure Hanolungen zu lenten, oder ihm die Yrt, wie ich es zu gebrauchen gedenke, zu enthul⸗ en. Ich war entſchloſſen, dieſe mittheilende Stimmung zu benutzen, und wo moͤglich mehr Licht uͤber ſein Vorhaben zu erhalten. Er ſchien im Punkte der Ehre hhr empfindlich, und ſch entſchloß mich, dieſe Empfind⸗ ichkeit ſo viel wie moͤglich, aber mit Vorſicht zu be⸗ nuten.„Ihr ſagt, erwiederte ich, daß Jor hinter⸗ liſtigen Kniffen nicht hold ſeyd, und die Mittel miß⸗ billiget, die Ener Diener angewandt hat, um ſich Kenntniß von meinem Namen und meinen Verbaͤlt⸗ niſſen zu verſchaffen. Iſt es ehrenooll, daß Ihr Euich einer auf ſo unehrliche Weiſe erworbenen Kenntniß bedient?. „Kuͤhn gefragt;“ erwiederte er,„aber in den geboͤrigen Schranken mißfaͤllt mir dieſe Kuͤhnheit kei⸗ neswegs. Ihr habt in dieſer kurzen Unterhaltung mehe Charakter und Energie entwickelt, als ich von Euch erwartete. Ich hoffe, Ihr gleicht einer Wald⸗ püanze, welche durch einen Zufall in ein Gewaͤchshaus gebracht worden, und dadurch zart und ſchwaͤchlich wurde, die aber ihre natuͤrliche Kraft und Staͤrke wiedererhaͤlt, wenn ſie eine Zeitlang der Winterluft ausgeſetzt wird. Ich will Eure Fragen geradezu beant⸗ worten. In Geſchaͤften, wie im Kriege, ſind Spio⸗ nen und Kundſchafter norhwendige Uebel, die von allen rechtſchallenen Menſchen verabſcheut, aber von allen Klu⸗ 1 79 gea denutzt werden müſſen, wenn ſie nicht blindlings fechten und handeln wollen. Aber nichts kaun Falſch⸗ heit und Verrath dei Euch ſelbſt. rechtfertigen.“ „Ihr ſagtet zu dem aͤltern Mr. Fairford,“ fuhr ich mit der nemlichen Kuͤhnheit fort, die mir noch das keſte Spiel machte,„ich ſey der Sohn von Ralph La⸗ timer von Langcodete— Hall? Wie vereinigt Ihr dieß mit Eurer letzten Behauptung, daß mein Name nicht Latimer ſey?“ Er entfaͤrbte ſich bei der Erwiederung: der kin⸗ diſche Alte luͤgt, oder verſtand mich falſch. Ich ſag⸗ te:„der Edelmann koͤnnte Euer Vater ſeyn. Um die Wahrheit zu ſagen, ich wuͤnſchte, ihr moͤchtet Eng⸗ land, Euer Geburrsland beſuchen, weil in dieſem Fal⸗ le meine Rechte uͤber Euch auflebten.“ Dieſe Rede klaͤrte mir die Vorſicht auf, die man mir oft eingepragt hatte, ich ſolle, ſo lieb mir meine Sicherdeit ſey, nicht auf die ſuͤdliche Graͤnze kommen, und ich verfluchte meine eigene Thorbeit, die mich, wie eine Motte, um das Licht hatte flattern laſſen, bis ich in das Ungluͤck hineingezogen war mit dem ich getaͤndelt batte. Was ſind dieß fuͤr Rechte, ſagte ich, die Ihr uͤber mich in Anſoruch nehmt? Zu welchem Zwecke wollt Ihr ſie benuͤtzen? „Zu einem wichtigen, deß ſeyd verſichert,“ ant⸗ wortete Mr. Herries:„aber ich bin jetzt nicht gemeint Ench die Art oder den Umfang deſſelben mitzutheilen. Jor koͤnnt auf ſeine Wichtigkeit ſchliesen, da ich, um mich Eurer Perſon vollig zu bemaͤchtigen, mich ſogar unter den Haufen miſchte, der die Fiſcherei⸗Anſtalten Enres elenden Quzkers zerſtoͤrte. Daß ich ihn ver⸗ achtete, und mir die liſtige Habgier mißfiel, womit er eine mannliche Jagdluſt vernſchtete, iſt voͤllig wahr; wenn eß aber nicht meine Abſicht auf Euch beguͤnſtigt hätte, ſo haͤtte er ſeine Stechnetze meinetwegen bebal⸗ ten moͤgen, bis Ebbe und Fluth im Soltgay aufyö⸗ ren.“ 80 „Ach,“ ſagte ich,„das verdoppelt mein Ungluͤck, daß ich die unfreimillige Urſache des Ungluͤcks eines redlichen und freundſchaftlichen Mannes geworden bin.“ „Macht Euch daruͤder keinen Kummer,“ ſagte Her⸗ ries,„der ehrliche Joſua iſt einer von denen, welche lange Gebete machen, ſich aber nichts deſtoweniger der Wittwen Haͤuſer bemaͤchtigen können, er wird bald ſeinen Verluſt erſetzen. Wenn er irgend einen Ver⸗ luſt erleidet, er und die andern Frommen, ſo ſchrei⸗ hen ſie es dem Himmel als eine Schuld an, und uͤben ohne Gewiſſenbiſſe üͤbertuͤnchte Schurkerepen aus, bis ſie die Wange ins Gleichgewicht bringen, oder auf ihre Seite hinneigen. Genug davon fuͤr jetzt, ich muß augenblicklich meinen Aufenthalt veraͤndern, denn ob ich gleich von dem uͤbermaͤßigen Eifer des Herrn Frie⸗ densrichter Forley oder ſeines Schreibers nicht be⸗ fuͤrchte, daß er ſie zum aͤußerſten hinreißt, ſo möchte doch dieſes tollen Burſchen ungluͤckliches Wiedererken⸗ nen meiner Yerſon es ihnen bedenklicher machen, Nach⸗ ſicht gegen mich zu uͤben, und ich darf ihre Gebuld auf keine zu harte Probe ſtellen. Bereitet Euch daher mich als Gefangener oder als Gefaͤhrte zu begleiten; wenn als das Letztere, ſo muͤßt Ihr Euer Ehrenwort geben, keinen Verſuch zur Flucht zu machen. Soll⸗ tet Ihr den ſchlimmen Einfall bekommen, Euer ein⸗ mal verpfaͤndetes Wort zu hrechen, ſo ſeyd verſichert, das ich Euch ohne das geringſte Bedenken auf der Stelle todt niederſtrecke.“ 3 „Jch kenne Eure Plaͤne und Abſichten nicht, und Lann ſie nur fuͤr gefaͤhrlich halten. Ich bin nicht ge⸗ ſonnen, meine jetzige Lage durch einen unnuͤtzen Wi⸗ derſtand gegen die uͤberlegene Gewalt zu erſchweren; ich will aber auch nicht auf das Recht verzichten, meine agtuͤrliche Freiheit zu behaupten, ſo bald ſich eine guͤnſtige Gelegenheit oͤffnet. Ich will daher lieber Euer Sefangener, als Euer Bundesgenoße ſeyn.“ „Das iſt freymuͤthig gelprochen,“ ſagte er, und doch nicht ohne die liſtige Vorſicht eines Manſchen- 1 er —-—— —— 81 der in der guten Stadt Edinburgh erzogen iſt. Was mich betrifft, ſo will ich keine unnoͤthige Haͤrte gegen Euch ausuͤben, ſondern im Gegentheil Euch die Reiſe ſo leicht machen, als ſich mit Eurer ſichern Bewahrung vertraͤgt. Fuͤhlt Ihr Euch ſtark genug zu reiten, oder zieht Ihr einen Wagen vor? Die erſtere Art zu reißen, paßt deſſer fuͤr die Gegend, die wir durchziehen, aber Ihr habt die Freiheit zu waͤhlen.“ Ich ſagte: ich fuͤhlte meine Kraft allmaͤhlig zu⸗ ruͤckkehren und ich zoͤge das Reiten weir vor. Ein Wagen, ſezte ich hinzu, iſt ſo enge———⸗ „Und ſo leicht bewacht,“ erwiederte Herries mit einem Blick, als wollte er meine innerſten Gedanken durchſchauen,„daß Ihr zweifels ohne das Reiten fuͤr paſſender zur Flucht haltet.“ „Meine Gedanken gehoͤren mir,“ antwortete ich, „und wenn Ihr auch meine Perſon gefangen haltet, dieſe ſtehen nicht unter Eurer Gewalt.“ „H! ich kann das Buch leſen,“ ſagte er,„ohne es zu oͤffnen; ich mochte Euch aber rathen, keinen un⸗ beſonnenen Verſuch zu machen, und es wird meine Sorge ſeyn, darauf zu ſehen, daß Ihr keinen Ver⸗ ſuch zu machen im Stande ſeyd, der gelingen koͤnnte. Linnen und andere Behuͤrfniſſe in Euren Umſtaͤnden ſout Ihr hinreichend bekommen. Chriſtal Niron ſoll Euer Bedienter, ich moͤchte lieber ſagen, Eure Kam⸗ merfrau ſeyn. Ener Reiſekleid wird euch vielleicht ſonderbar vorkommen, wenn Ihr aber der fuͤr Euch beſtimmten Gegenſtaͤnde Euch nicht bedienen wollt, ſo wird die Reiſe fuͤr Enre Perſon eben ſo unangenehm werden, als die, welche Euch hieher gefuͤhrt hat. Adien, wir kennen jetzt einander beſſer, als vorber, und es wird nicht mein Fehler ſeyn, weun unſre genauere Bekanntſchaft nicht gegenſeitig eine guͤnſtigere Mei⸗ nung zur Folge hat.“ Er uberließ mich hierauf, nachdem er mir artig gute Nacht gewuͤnſcht, meinen eigenen o hadfen, und W. Scott's Werke. XVII. 8² kehrte nur einmal zuruͤck, um zu ſagen, daß wir mit Tages⸗Anbruch laͤngſtens unſre Reiſe antreten würden; vielleicht noch fruͤher, ſagte er, was nichts auf ſich ha⸗ be, da ich als Jaͤger, wie er dieß artig von mir vor⸗ gusſetzte, ſtets zu einem ploͤtzlichen Aufbruch bereit ſeyn muͤſſe. 3 So haben wir uns denn verſtaͤndigt, dieſer ſelt⸗ ſame Mann und ich; ſeine perſoͤnlichen Abſichten hat eer bis zu einem gewiſſen Punkte enthuͤllt. Er hat ei⸗ ne veraltete und verzweifelte Politik gewaͤhlt, und er mahet ſich als angeblicher Vormund oder Verwandter ein Recht an, meine Handlungen zu leiten und zu vegufſichtigen; dieſe Verhaͤltniſſe auseinander zu ſetzen, haͤlt er nicht der Muͤhe werth, ſondern glaubte ſie nur vor einem albernen Friedensrichter auf dem Lau⸗ de und ſeinem ſchurkiſchen Schreiber geltend machen zu können. Die Gefahr, die mich in England erwartere, und der ich entgangen waͤre bei einem laͤngern Auf⸗ enthalt in Schotrland, war unbezweifelt durch das An⸗ ſehen dieſes Mannes veranlaßt. Was aber meine ar⸗ me Mutter fuͤr mich ſchon als Kind befuͤrchten moch⸗ te, wogegen mich mein engliſcher Freund, Samuel, Griffiths, waͤhrend meiner Jugend und Unmundigleit zu wahren ſich bemuͤhte, iſt jetzt, wie es ſcheint, uber mich gekommen, nd unter einem geſetzlichen Vorwand * bin ich auf eine höchſt ungeſetzliche Weiſe gefangen ge⸗ halten, und zwar von einem Manne, der durch ſein Benehmen ſeins eigene politiſche Freiheit verwirkt hat, Das macht aber nichts zur Sache, ich fuͤhle Muth, weder Ueberredung noch Drohungen ſollen mich zwin⸗ gen, in die verzweifelten Plane bieſes Mannes ein⸗ ugehen. Mag ich nun wirllich der undedeutende Menſch ſen, wie mein Leben bisher anzudenten ſchien, oder heſitze ich, wie aus dem Benehmen meines Gegners hervorzugehen ſcheint, durch Geburt ober Vrrmoͤgen eine ſolche Wichtigkeit, daß ich für eine politiſche Fai⸗ tion eine wiin chenswerthe Erwerdung bin, mein Ent⸗ ſchlaß iſt in beiden Faͤllen gefast. Die, welche bieß geialoch ſcheinbar 83 Tagebuch leſen, werden, wenn ſie unpartheiiſch ſind, richtig von mir urtheilen, und wenn ſie mich fuͤr ei⸗ nen Thoren anſehen, der ſich in unnoͤthige Gefahr ſtuͤrz⸗ te, ſo ſollen ſie wenigſtens keine Urſache haben, mich in der Gefahr ſelbſt fur einen Feigling oder eine Wet⸗ terfahne zu halten. Ich bin auferzogen in Geſinnun⸗ gen der Aphaͤnglichkeit an bie Familie auf dem Throne, und mit dieſen Geſinnungen will ich leben und ſter⸗ ben. Auch glaude ich, daß Mr. Herries ſchon bemerkt har, daß ich aus einem andern und weit ſproͤderen Metalle zu ammen geſetzt bin, als er aufangs glaub⸗ te. Pon meinem theuren Alan Fairford waren in eftaſche, welche waͤhrend der Nacht, die ich urn zubrachte, nach dem Geſkaͤndniſſe mei⸗ u Vormunds der Unterſuchung ſeines gegeben war, einige Briefe, die ſich eit meines Temperaments auf ei⸗ 6 mich naͤm⸗ leider nebſt ed in Und mein guͤtiger ech mag glio und nicht n zu dieſem Mann Er aber ſinden, daß er auf dieſe 3 en Gruͤnde eine falſche Rechunng gebaut hat, eun———— Ich muß einen Augenblick abbrechen. —— Sechstes Kapitel. . Darſte Latimer's Tagebuch. Fortſetzung. — Eunhlich iſt eine Pauſe eingetreten, endlich habe ich ſo diel Mue bekoramen, um mein Tagebach fort⸗ 5 .. — 84 zuſetzen. Es iſt dieß gewiſſermaaßen eine Pflicht fuͤr mich geworden, ohne deren Erfuͤllung ich mich der Pflichten des Tages nicht entledigt zu haben glaube. Wenn auch niemals ſich ein freundliches Auge auf dieſe Arbeit richtet, welche die einſamen Stunden eines ungluͤcklichen Gefangenen erheitert hat, ſo uͤbt doch der Gebrauch der Feder eine beruhigende Kraft uͤber meine aufgeregten Gedanken und meine ſtuͤrmi⸗ ſchen Leidenſchaften aus. Niemals lege ich die Feder nieder, ohne mit feſtern Entſchluͤſſen und feurigern Hoffnungen wieder aufzuſtehen. Tau ſend unbeſtimmte Befuͤrchtungen, unruhige Erwartungen und unver⸗ dante Plaͤne eilen einem in Zeiten des Zweifels und der Gefahr durch den Kopf. Haͤlt man ſie aber in ihrem Fluge feſt, und wirft ſie aufs Papier, ſo zwingt uns ſchon dieſe mechaniſche Handlung, ſie beſtimm⸗ ter und genauer zu betrachten, und wir werden viel⸗ leicht nicht zum Spielball unſerer eigenen aufgereg⸗ ten Einbildungskraft; gerade wie ein junges Pferd dadurch von ſcheu werden, gebeilt wird, daß man es zum Stilſtehen zwingt, und eine Zeitlang ohne Ug⸗ kerbe, hns den Gegenſtand ſeines Schreckens dotrach⸗ ten laͤßt. Nur die Gefahr der Entdeckung bleibt, aber au⸗ ßer den kleinen Schriftzugen, worin ich es waͤhrend meines Auſenthalts in Mr. Fairſord's Hauſe zu ei⸗ ner großen Vollkommenheit brachte, um mehrere große Aktenſtuͤcke auf einen Stempelbogen zu bringen, hab⸗ ich auch wie ich ſchon anderwaͤrts andentete, mich an die troͤſtliche Bereachtung gehalten, daß, wenn auch die Erzätlung meines Unglucks in die Haͤnde deſſen faßen ſollte, der der Urbeber davon iſt, ſo wuͤrden ſie doch niemand einen Schaden zufuͤgen, und ihm blos den wadren Charakter und die Stimmung ſei⸗ nes Gefangenen, vielleicht ſeines Opfers, enthullen. Jetzt aber, da noch andere Namen und Perſouen in der Aufzeichnung weiner eigenen Geſinnungen vor⸗ kommen, ſo muß ich doppelt fur dieſe Papiere beſorgt 85 ſeyn, und ſie in der Art aufbewahren, daß ich bei der geringſten Gefahr der Entdeckung ſie im Augen⸗ blick zu vertilgen im Stande bin Ich werde nicht ſo leicht die Lebren vergeſſen, die ich von Chriſtal Ni⸗ rons Diebsſinn erhalten habe, den dieſer Unterhaͤnd⸗ ler und Genoſſe meines Feindes zu Brokenburn be⸗ wies, und welcher die Urſache aller meiner Leiden wurde. Raſch legte ich das letzte Blatt meines Tage⸗ buchs auf die Seite. als ich auf dem Hofe unter mei⸗ nen Fenſtern den ungewohnten Ton einer Geige ver⸗ nahm. Diejenigen, welche die Muſik zu ihrem Stu⸗ dium machten, wird es nicht befremden, daß ich nach einigen Strichen ſchon verſichert war, der Mu⸗ ſiker ſey kein anderer, als der herumziebende Mann, der oben als gegenwaͤrtig bei der Zerſtoͤrung von Jo⸗ ſuas Geddes Stecknetzen erwaͤhnt wurde, und deſſen ausgezeichnete Zartheit und Kraft in ſeinem Spiele mich in den Stand ſetzen koͤnnte, ſeinen Bogenſtrich aus einem ganzen Orcheſter herauszuerkennen. Ich hatte um ſo weniger Grund, zu zweifeln, daß es derſelbe ſey, ba er zweimal die ſchoͤne ſchottiſche Me⸗ lodie: der wandernde Willin, ſpielte, und ich konnte nicht umhin zu glauben, daß er mir dadurch ſeine Gegenwart kund machen wolle, weil dieſe Melodie ge⸗ rade das war, was die Franzoſen le nom de guerre beim Spiele nennen. Die Hoſfnung greift im aͤußer⸗ ſten Nothfalle nach dem ſchwaͤchſten Zweige. Ich kannte dieſen, obwohl blinden, Mann, als kuͤhn, king and vollkommen faͤhig, um als Fuͤhrer zu dienen. Ich blaubie. ſein Wohlwollen erworben zu haben, da ich ei einem luſtigen Gelage ſein Gefaͤhrte geworden war, und ich erinnerte mich, daß Menſchen von ei⸗ ner unſtaͤten, wandernden und ungeregelten Lebens⸗ weiſe die Bande der Genoſſenſchaft um ſo heiliger halten, je lockerer diejenigen geworden ſind, die ſie an die buͤrgerliche Geſellſchaft binden; ſo daß man oft Ehre findet unter Dieben, und Treue und An⸗ haͤnglichkeit bei ſolchen, die das Geſetz fuͤr Vagabun⸗ 86 den erklaͤrt hat. Die Geſchichte von Nichard Löwen⸗ herz und ſeinem Minſtrel Blondel gieng mir im An⸗ genblick durch den Kopf, obgleich ich ein Laͤcheln nicht unterdruͤcken konnte, wenn ich jenes wuͤrdige Beiſpiel auf einen blinden Geiger und mich ſelbſt anwandte. Immer aber lag in dieſem Allen etwas, das die Hoff⸗ nung bei mir erweckte, dieſer arme Geiger wuͤrde, wenn ich mich ihm mittheilen koͤnnte, mir nutzlich ſeyn, mich aus meiner jetzigen Lage herauszuwinden. „Sein Gewerbe gab mir Hoffnung, die gewuͤnſchte Mittheilung zu Stande zu bringen, denn es iſt woyl bekannt, daß in Schottland, wo ſo viel National⸗ muſik iſt, die Worte und Melodien allgemein hekannt ſind, und eine Art Freimaurerei unter den Spielen⸗ den bilden, wobei ſie blos durch die Wahl des Tons den Zuhoͤrern ihre Gedanken ausdruͤcken. So macht man oft perſönliche Anſpielungen mit viel Wiz und Laune, und nichts iſt bei oͤffentlichen Feſten gewoͤhnle⸗ cher, als daß die Melodie, die zu einer beſondern Geſundheit oder zu einem Toaſt geſpielt wird, ein Mittel abgiebt, eine Artigkeit, einen Witz oder eine ſatyriſche Hinweiſung auzubringen. Waͤhrend mir dieſe Gedanken raſch durch den Kopf giengen, hoͤrte ich meinen Freund zum dritten⸗ wal die Melodie anangen, von der wahrſcheinlich ſein eigener Name entlehnt worden war, als er durch ſeine laͤnblichen Zuhörer auf einmal unterbrochen wurde. „Wenn Du nichts anders ſpielen kannſt, als dag, ſo thaͤteſt Du am beſten, Deine Pfeife aufzupacken, und Dich davon zu machen. Der Squire oder Mr. deron wird nun bald zuruͤckkommen, und dann wol⸗ len wir ſehen, wer den Pfeifer bezahlt.“ Oho! dachte ich, wenn ich keine ſchaͤrfern Obren zu befurchten habe, als die meiner Freunde Jan und Doreas, ſo kann ich den Verſuch ſchon wagen, und um meine Gefangenſchaft auf die einbringlichſte Weiſe 87 zu bezeichnen, ſang ich zwei oder drei Linien von dem 13 7ſten Pſalm: 4 „Bei Babels Strömen ſaßen wir und weinten.“ Die Landleute hoͤrten aufmerkſam zu, und als ich endete, hoͤrte ich ſie im Tone des Mitleids einander zufluͤſtern: Ach, der arme Menſch, daß ſo ein arti⸗ ger Mann ſeinen Verſtand verloren hat! Wenn das ſſt, ſagte der wandernde Willin mit einem Ton, der berechnet war, mein Ohr zu errei⸗ chen:„ſo weiß ich nichts, das ſein Gemuͤth mehr er⸗ heitern kann, als gerade eine Melodie.“ Und er ſpielte mit Kraft und Geiſt die ſchoͤne ſchottiſche Me⸗ lodie, deren Text mir ſogleich einfiel: Pfeif, und ich komme zu Dir, mein Knab, Pfeif, und ich komme zu Dir, mein Knab, Sollte Vnter und Mutter und ich wahnſinnig ſeyn, Pfeif, und ich komme zu Dir, mein Knab. Bald vernahm ich ein Klappern von Fußtritten im Hoſe, worzus ich ſchloß, daß Jan und Dorcas in ihren cumberlandiſchen Holzſchuhen einen Tanz machen wollten. Geſchuͤtzt durch dieſes Geraͤuſch verſuchte ich auf Willin's Zeichen zu antworten, indem ich ſo laut als moͤglich die Melodie pfiff: 3 O. komm' zurück, un nette mich, Weun atlles von mir weichet. Er brachte ſogleich die Taͤnzer aus dem Takt, indem er in die Melodie uͤber ging: Hier iſt meine Hand, ich täuſch' Dich nicht. Ich zweifelte nicht laͤnger, daß eine Mittheilung gluͤcklich unter uns angeknuͤpft ſey, und daß der arme Muſiker, falls ſich eine Gelegenheit faͤnde, mit ihm zu ſprechen, ſich willig zeigen wuͤrde, meinen Brief auf die Yoſt zu brinzen, um den Beiſtand einiger thaͤtigen Friedensrichter oder des commandirend en Officiers in Carlisle— Caſtle anzurufen, oder uͤber⸗ haupt alles zu thun und zu meiner Befreiung anzu, wenden, was in ſeinem Vermogen ſtand. Allein⸗ 88 um mit ihm zu ſprechen, lief ich Gefahr, den Arg⸗ wohn der Dorcas, wenn auch nicht den ihres noch einfaͤltigern Corydon rege zu machen. Die Blind⸗ beit meines Verbundeten verhinderte mich, ihm irgend ein Zeichen vom Fenſter aus zu geben, wenn es auch mit der Klugheit uͤberein kam, dies zu wagen; ſo umſtaͤnzlich und ſo unterworfen einem Mißyerſtaͤnd⸗ niſſe die von uns angenommene Unterredungsweiſe ſeyn mochte, ſo mußte ich ſie doch aus Mangel einer beſſern fortſetzen, indem ich meinem eigenen und mei⸗ nes Verbuͤndeten Scharfüͤnn vertraute, daß wir den Melodieen den paſſenden Sinn beilegen wuͤrden. Ich dachte zwar daran, die Worke einiger bezeich⸗ neten Lieder ſelbſt zu ſingen, fuͤrchtete aber dadurch erdacht zu erwecken. Ich bemuͤhte mich daher, den Wunſch einer ſchnellen Abreiſe von meinem jetzigen Aufenthaltgorte anzudeuten, und pfiff die wohlbe⸗ kannte Melodie, womit in Schottland bei feſtlichen Gelegenheiten der Tanz beſchloſſen wird: Gut Nacht, und Freud Euch Allen hier, Deun ich mag nicht länger verweilen; Da iſt kein Freund oder Feind von mir, Der nicht gerne ſäh' mich enteilen. Willie's Verſtandeskraͤfte ſchienen weit thaͤtiger, als die meinigen, und wie ein Tauber an Zeichen⸗ ſprache gewoͤhnt, verſtand er bei den erſten Toͤnen leich den ganzen Sinn, den ich damit verband, und lgleitere mein Pfeifen mit ſeiner Violine, ſo daß er mir nicht nur dadurch anzeigte, er habe mich verſtan⸗ den 3 ſaudern auch verhinderte, daß man mein Pfei⸗ en hoͤrte. Seine Antwort erfolgte faſt unmittelbar, und war in die alte Kriegsmelodie eingekiedet:„, Hel! ohunie Kngbe, ſetz auf deinen Helm!“ Ich durchlief chnell den Tert, und blieb bei der folgenden Strophe ſtehen, die auf meine Umſtaͤnde am meiſten paßte: „Setz auf deinen Helm, den furchtbaren Helm, wir wollen uͤber die Grenze und zuͤchtigen ſie, eine beſſere 89 Sitte wollen wir lehren ſie, Hey! Knabe Johnnie, ſetz auf deinen Helm! Wenn dieſe Toͤne, wie ich hoffe, auf einen moͤglichen Beiſtand von meinen ſchot⸗ tiſchen Freunden anſpielten, ſo darf ich vielleicht glauben, daß fuͤr Hoffnung und Freiheit ein Thor geoͤffnet iſt. Ich antwortete ſogleich. Rein Herz iſt im Hochland, mein Herz hier nicht weilt⸗ Mein Herz iſt im Hochland, und zur Jagd es eilt, Zur Jaͤgd auf das Wild, und zur Jagd aufs Reh, Mein Herz iſt im Hochland, wohin ich auch geh'. Lebe wohl, du Hochland, du nördliches Land 1 Du Wiege der Tugend, des Muthes Heimathland; Wohin ich auch wandre, wohin ich auch zieh, Die Berge des Hochlands vergeß ich doch nie. ⸗* Spogleich ſpielte Willie mit einer Lebhaftigkeit, die in der Verzweiflung ſelbſt Hoffnung erregt haͤtte, wenn naͤmlich die Verzweiflung ſchottiſche Muſik ver⸗ ſtaͤnde, die ſchoͤne, alte Jacobitiſche Arie. Was iſt das, und was iſt dies? Und noch zweimal ſo viel, als dies? Ich verſuchte nun meinen Wunſch auszudruͤcken, meine Freunde von meiner Lage in Kenntniß zu ſetzen, und da ich verzweifelte, eine Melodie zu fin⸗ den, die meiner Abſicht entſpraͤche, ſo wagte ich es, einen Vers zu ſingen, der in verſchiedenen Geſtalten in alten Balladen vorkommt: 8 Wo werd' ich finden einen auten Mann, Der gewinnen will Hoſen und Schuh, Der hinabgeh'n mag nach Durrisdeer, keine Lieben mir führen zu. .Er machte, daß man den letzten Theil des Ver⸗ ſes nicht hoͤrte, indem er mit vielem Nachdruck ſpielte:— Der gute Robin liebt mich ja! Aus dieſem konnte ich gar nichts machen, ob⸗ gleich ich die Verſe im Gedaͤchtniß uͤberlief, und ehe ich noch etwas fand, um meine Ungewißheit auszu⸗ druͤcken, erhod ſich ein Geſchrei im Hofe, daß Chriſtal Niron ankomme, Mein getreuer Willie mußte ſich b 90 nun zurück ziehen, aber vorher ſpielte und ſummte er noch als eine Art von Lebewohl: Dich verlaſſen, Dich verlaſſen, Knuab, Nie will ſch verlaſſen Dich! Eher wird verlöſchen der Sternelicht, Eh' ich werde verlaſſen Dich! 5 8 So glaube ich doch in meinem Ungluͤck eines treuen Menſchen gewiß zu ſeyn, und ſo wunderlich es ſeyn mag, ſich viel auf einen Menſchen von einem ſo niedrigen Gewerbe zu verlaſſen, der noch üͤber dies des Geſichts beraubt iſt, ſo ſtehl es doch lebhaft vor meiner Seele, das ſeine Dienſte mir nuͤtzlich und nothwendig ſeyn koͤnnen. Auch noch nach einer andern Seite hin blicke ich um Huͤlfe, und ich habe ſie dir, Alan, an mehr als einer Stelle meines Tagebuchs angedentet. Zweimal bei Tagesanbruch habe ich ſchon die Perſon, auf die ich hindentete, in dem Hofe der Pacht wohnung geſehen, und zweimal gab ſie mir durch eichen zu verſtehen, daß ſie die Geberden zu deuten wiſſe, wodurch ich ihr meine Lage begreiflich zu machen bemuͤht war, aber beidemale legte ſie die Finger auf die Lippen zum Zeichen des Schweigens und des Ge⸗ heimniſſes. Die Art, wie der G. M. das erſtemal auf den Schauplatz trat, ſcheint mir ihren guten Willen, ſo⸗ weit als ihre Macht reicht, zu verbürgen, und ich habe viele Gruͤnde, zu glauben, daß dieſe nicht Unbe⸗ deutend iſt. Doch ſchien ſie eilig und erſchreckt bei den fluͤchtigen Augenblicken unſerer Unterhaltung, und das Letztemal wurde ſie, wie ich glaube, durch den Eintritt von Jemand in den Hof aufgeſchreckt, gerade als ſie im Begriff war, mich anzureden. „Du mußt nicht fragen, ob ich fruͤhe aufſtehe, da ſo liebliche Erſcheinungen nur bey Tagesanbruch zu ſehen ſind; und ohbgleich ich ſie ſeit dem nicht mehr ſah, ſo habe ich doch Grund, ſie fuͤr nicht weis entfernt zu halten. Vor dre Tagen hatte ich, ermuͤ⸗ det durch die Einfoͤrmigkeit meiner Gefangenſchaft, 91 mehr Zeichen von Muthloſigkeit, als ſonſt, gegeben; dieß mag die Aufmerkſamkeit der Dienſtleute rege ge⸗ macht haben, durch die dann die Sache bekannt wurde. Am naͤchſten Morgen lagen folgende Zeilen auf mei⸗ nem Tiſche, wie ſie aber hierher kamen, kann ich nicht ſagen. Die Handſchrift war ſchoͤn, und nach italieniſcher Manier gebildet: Wie Herren ihren Lohn Arbeitern oft verſchieben, Lohnt auch durch Hoffnung nur das Schickſal unſere Müch'; Und wenn auch lange Zeit ſie unbezahlt geblieben, Veraltet doch das Schundbekenntniß nie. Mag auch auf ferne Zoit das Datum weiſen, Laß darum doch das Pfand, armer Dulder nie! Verzweiſtung kann Verrath an Menſchen heißen, Und an dem Himmel iſt ſie Blasphemie, Daß dieſe Zeilen in der freundlichen, der mehr als freundlichen Abſicht geſchrieben ſind, um meinen Muth aufzurichten, kann ich nicht bezweifeln, und ich hefe, die Art meines Berechnens ſoll zeigen, daß das fand angenommen wurde.— Das Kleid iſt angekommen, in welchem ich nach meines ſelbſterwaͤhlten Vormunds Willen, wie es ſcheint, die Reiſe machen ſoll; und worin beſteht es? In einem Oberrock von Kamelot wie Landfrauen von mittlerem Range ſie zu Pferde tragen, nebſt einer Reitmaske, wie ſie ſich ihrer haͤufig bedienen, um Auge und Teint gegen Sonne und Slaub zu ſchuͤtzen, bisweilen auch, wie man vermuthet, um ein wenig Koketterie damit zu treiben. Von dem Gebrauch der Maske werde ich hoffentlich ausgeſchloſſen bleiben; denn ſtatt daß ſie ſonſt von geyreßtem Papier und mit ſchwarzem Sammt uͤberzogen iſt, bemerkte ich mit Schrecken, daß die meinige mit einer Stahlplatte bedeckt iſt, wodurch ſie deun wie Don Qnirote's Vi⸗ ſier, weit feſter und dauerhafter wird. Dieſer Apparat, wozu noch ein Stahlhacken kam, m die Maske hinten mit einem Vorlegeſchloß zu ſchern, erweckte in mir furchtbare Erinnerungen an jenes ungluͤckliche Weſen, dem nie geſtattet wurde, 92 ſeine Maske abzulegen, und welches daher den wohl⸗ bekannten hiſtoriſchen Beinamen erhielt, der Mann mit der eiſernen Maske. Ich ſtand einen Augen⸗ blick an, ob ich mich in ſoweit der Unterdruͤckung fuͤgen ſollte, daß ich die Verkleidung anlegte, welche offenbar die Plane meines Gegners zu unterſtuͤtzen beſtimmt war. Dann erinnerte ich mich aber wieder an Mr. Herries Drohungen, daß man mich in einen Wagen als Gefangener einſchließen wuͤrde, wenn ich die fuͤr mich beſtimmte Kleidung nicht anlegte; ich betrachtete den verhaͤltnißmaͤßigen Grad von Freiheit durch das Tragen der Maske und der weiblichen Klei⸗ dung als leicht und vortheilhaft erkauft. Hier aber muß ich fuͤr den Augenblick abbrechen, und erwarten, was der Morgen bringen wird. (Und die Erzaͤzlung, aus den vorliegenden Akten⸗ ſtuͤken fortzuſetzen, halten wir es fuͤr paſſend, hier das Tagebuch des gefaugenen Darſie Latimer zu ver⸗ laſſen, und ſtatt deſſen die Maaßregeln zu erzaͤhlen, die Alan Fairford beim Aufſuchen ſeines Freundes er⸗ eiff und die eine andere Abtheilung in dieſer Ge⸗ ſchichte bilden.)— —— Siebentes Kapitel. — Erzählung von Alan Fairford. Der Leſer wird ſich bereits eine Idee von dem Charakter Alan Fairſord's gebilder haben. Er beſaß ein warmes Herz, von dem Studium der Rechte un der Welt nicht erkaͤltet, und Talente, die dadurch ungewoͤhnlich erhoͤht wurden. Ohne perſoͤnliche Pro⸗ tektion, deren die meiſten ſeines Alters genoßen, welche unter dem Schutz ihrer ariſtokratiſchen Verbin⸗ dungen und Verwaudten die Robe aulegten, ſich er⸗ 93 freuten, ſah er bald, daß er durch Anſtrengung das erreichen muͤſſe, was jenen als ein Geburtsrecht zu⸗ fiel. Er arbeitete in der Stille und Einſamkeit miit großer Anſtrengung, und ſeine Arbeiten wurden mit Erfolg gekroͤnt. Aber Alan liebte ſeinen Freund Dar⸗ ſie noch mehr, als ſein Gewerbe, und warf, wie wir geſehn haben, alles auf die Sette, wenn er Latimern in Gefahr glaubte; er vergaß Ruhm und Vermogen, und ſetzte ſich ſogar dem ernſtlichen Mißfallen ſeines Vaters aus, um denjenigen, an welchem er mit der Liebe eines aͤltern Bruders hieng, der Gefahr zu ent⸗ reißen. Oögleich Darſies Rolle lebendiger und glaͤn⸗ zender war, als die ſeines Freundes, ſo erſchien er dem leztern doch nur immer als ein ſeiner beſondern Vorſorge empfohlenes Weſen, das er in allen Faͤllen, wo des Juͤnglings eigene Erfahrung nicht ausreichte, zu undterſtuͤtzen und zu beſchuͤtzen berufen war. Alans ganze Klugheit wurde dießmal erfordert, und ein Wa⸗ geſtäck, das den meiſten Juͤnglingen ſeines Alters gefaͤhrlich geſchienen haͤtte, hatte keinen Schrecken fuͤr ihn. Er war wohl bekannt mit den Geſetzen ſeines Landes, und wußte, wo er auf ihren Schutz rechnen koͤnne; dabei beſaß er neben dem Vertrauen ſeiner Geſchicklichkeit einen geſetzten, ruhigen und ausdan⸗ renden und Unerſchrockenen Charakter. Mit dieſen Erforderniſſen ausgeruͤſtet unternahm er ein Aben⸗ theuer, das zu jener Zeit von wirklicher Gefahr be⸗ gleitet war, und gar wohl einen furchtſamen Sinn haͤtte ſchrecken koͤnnen. Fairſords erſte Nachforſchung in Betreff ſeines Freundes geſchah, bei dein koͤnigli⸗ chen Richter von Dumfries, Mr. Crosbie, der die Nachricht von Darſies Verſchwinden ertheilt hatte. Als er ſich zum erſtenmal an ihn wandte, glaubte er bei dem wuͤrbigen Beamten, den Wunſch zu entde⸗ cken, der Sache los zu ſeyn. Der Richter ſprach von dem Aufſtand der Fiſcher, wie von einem Auf⸗ rahr unter dieſem geſetzloſen Fiſchervolk, der, wie er ſagte, mehr den Syerif angehe, als die armen Stadr. —yͤͤ —; 94— raͤthe, die genug zu thun haͤtten, um im Innern den Frieben zu erhalten unter einem Schlage von Ein⸗ wohnern, mit denen die Stadt nun einmal geſtraft y. 44 „Diß iſt aber nicht alles, Richter, Crosbie, ſagte Mr. Alan Fairford; ein junger Edelmann von Rang und Vermogen iſt unter ihren Haͤnden verſchwunden; 5 kennet ihn, mein Vater gab ihm einen Brief an Euch, Mr. Darſte Latimer.“ „Ach ja, ſagte der Richter, er hat in meinem Hauſe gegeſſen, ich hoffe, er befindet ſich wohl.“ „„„Ich hoffe es gleichfals, ſagte Alan ziemlich un⸗ willig, aber ich wunſche mehr Gewißheit uͤber dieſen Puntt. Ihr ſelbſt habt meinem Vater geſchrieben, daß er verſchwunden ſey. „„Ach ja, das iſt wahr, ſagte der Richter. Aber gieng er nicht zuruͤck zu ſeinen Freunden nach Schott⸗ hrh⸗ Es war nicht zu erwarten, kaß er hier bleiben wärde.“ 4 „Nein! Wenn er nicht mit Gewalt zuruͤgkgehal⸗ ten wird, ſagte Fairford, erſtannt uͤber die Kaͤlte, womit der Nichter die Sache aufzunehmen ſchien.“ „Verlaßt Euch af, Sir, ſagte Mr. Erosbie, daß er zu ſeinen Freunben nach England gegangen ti, wenn er nich: zu ſeinen Freunden nach Schort⸗ laud zuruüͤckkehrte.“ „Ich verlaſſe mich auf nichts dergleichen, ſagte Alan, wenn noch Geſetz und Recht in Schottlaud gtit, ſo will ich die Sache bis auf den Grund auf⸗ klären.“ „Ganz recht, gans recht, ganz recht, ſagte der chter, ſo weit diß moͤlich iſt; aber Ihr wist, daß weine Gewalt nicht uͤber die Stadtthore hinaus erſtrect.“⸗ 4 „Ader Ihr haht ja noch ein anderes Amt, Mr. Crosbie: ihr ſeyb ja auch Friedensrichter fuͤr die Grafſchaft.“ an „Wahr, ſehr wahr, d. h., ſagte der vorſichtige Mann, mein Name mag auf der Liſte der Friedens⸗ richter mit ſeehen, aber ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich je dafuͤr ausgegeben haͤtte.“ „Nun in dieſem Falle, ſagte der junge Fairford, koͤnnten übelgeſinnte Leute eure Anhaͤnglichkeit au die prote ſtantiſche Linie Dezweiſeln⸗ Mr. Crosbie.“ „Gott behuͤte; Mr. Fairſord. was hab ich nicht ethan und pelltten im Jahr 17 Ich rechne, daß ie Hochlaͤnder mir einen Shaben von wenigſtens hundert Pfund ſchottiſch zugefügt haben, außer dem, was ſie aſſen und tranken, Nein, nein, mein Herr, ich bin uͤber den Verdacht erhaben; was aber die Grafſchaftsgeſchi ichte angeht, damit will ich mich nicht befaſſen; wer das Pferd braucht, der mag es beſchla⸗ gen. Die; Friedensri hter auf dem Lande wuͤrden wohl zuſehen, aber mir nicht helfen, wenn ich unter der Laſt der Geſchaͤfte in der Stadt erlaͤge, und jeder⸗ ann kennt den Unterſchied zwiſchen den oͤffentlichen Gefchaͤften in der Stadt und denen auf dem Lande. Was gehen Ihre Aufſtaͤnde mich an, haben wir nicht an unſern eizenen genug? Aber ich muß mich bereik miachen, denn der Rath verſammelt ſich noch dieſen Vormittag. Ich bin ſehr erfreut Eures Vaters Sohn in unſerer alten Stadt zu ſehen. Waͤret Ihr 12 Mo⸗ nate aͤlter, ſo wuͤrden wir Euch das zuͤrgerrecht er⸗ theilen, Mr. Alan Fairtord, ich hoffe Ihr werder kommen und bey mir ſpeißen, ehe Ihr wieder abreist. Was zneynr Ihr? Heur um 2 Uhr? Nur ein gekra⸗ teues Huhn und geſotrene Eyer! Alan Fairford war enfſchl loſſen, ſich durch die Gaſtfreundlichkeit in ſeinen Nachkorſchungen nicht auf⸗ balten zu laßfen, wie es die icht des Einladenden zu Keyn ſchien.„Ich muß Euch einen Angenblich noch auſhalten Mr. Crosbie, ſagte er, diß iſt eine wahr⸗ hafte Geſchichte; ein junger Edelmann von großen Poffuungen, mein eigener rheuerſter Freund, iſt ver⸗ mrßt, Ihr begreift woyl, daß man daruͤber nicht ſo 8 leicht hiugehr, und ein Maun von Eurer Beveutung 96 und Earem bekannten Eifer fuͤr die Regierung, wird nicht unterlaſſen, thaͤtige Unterſuchung anzuſtellen. Mr. Crosbie, Ihr ſeyd meines Vaters Freund, und ich achte Euch deßhalb„ andere aber wuͤrden daraus ſchlimme Folgerungen ziehen. Die Geſichter, die der Herr Richter ſchnitt, hat⸗ ten ihren guten Grund; ſehr beunruhigt lief er im Zimmer auf und ab, indem er oͤfters wiederholte: ber was kann ich thun, Mr. Fairford? Ich wette, Ihr Freund wird ſich wieder zeigen, er konint zuruͤck, wie ein ſchlechter Schilling,— das iſt keine Waare, die ſich verliert, ein verdammter Junge, der mit ei⸗ nem blinden Geiger im Land umher rennt, und an Feſtgelagen dem liederlichen Volke aufſpieit, wer kann ſagen, wo ſo ein Menſch hinkommt?“ „„„Man hat Leute im Stadtgefängniß feſtgeſetzt, wie ich von dem Unterſheriff vernahm, ſagte Mr. Fair⸗ ford; Ihr muͤßt ſie vor Euch berufen und ausfragen, was ſie von dem jungen Manne wiſſen.“ „Ja, ja, der Unterſyeriff hat einige arme Lente verhaften laſſen, ich glaube, elendes unwiſſen des Fi⸗ ſchervolk, welche mit dem Quaͤker Geodes und ſeinen Stekuetzen Haͤndel gehabt haben, die mit Achtung gegen Eure Amtskleidung ſev's geſagt, Mr. Fairford, nicht ganz und gar geſetzlich ſind, und der Stadtſchrei⸗ ber meint, ſie könnten ganz geſetzlich ohne weiteres weggenommen werben; doch das mag gehen, wie es wit! Aber, Sir, die Leute ſind aus Mangel an Be⸗ weiſen wieher entlaſſen worden; der Qnaͤcker wollte nicht ſchwoͤren gegen ſie, und was konnte dann der Sheriſf und ich anders thun, als ſie loslaſſen? Kommt mit, friſch auf, Mr. Alan, und macht noch einen Spaziergang bis zur Eſſenszeit, ich muß nun wirklich in den Rath gehen.“ 21 Haltet einen Augenblich, Hr. Richter, ich bringe dey Euch als bey der Obrigkeit eine Klage an⸗ und Ihr moͤchtet es ſchwer finden,& ſo leicht hüber in⸗ —x 97 hinzuſchluͤpfen. Ihr muͤßt dieſe Leute wieder verhaf⸗ ten laſſen.“) „ Ja, ja, leicht geſagt, aber fange ſie wer kann, antworkete der Richter, die ſind unterdeſſen uͤber dis Grenze oder um die Spitze vom Cairn herum.— Gott bewahr Euch, das iſt eine Art amphibiſcher Teufel, weder Land⸗ noch See⸗Thiere, weder Englän⸗ der noch Schotten, gehören weder zur Grafſchaft, noch in die Stadt, und ſind Euch gleich weg wie Queckſilber. Eben ſo leicht moͤgt Ihr mit Pfeifen einen Seehund aus dem Solway locken, als einen von, ‚ihnen feſthalten, bis der ganze Streit voruͤber 1* *„Mr. Crosbie, das iſt nicht genug,“ erwiederte der junge Anwald;„es iſt eine weit bedeutendere Perſon, als die Elenden, die Ihr da beſchreibt, in den unſeligen Handel verwickelt, ich muß Euch einen gewiſſen Mr. Herries nennen.“ 1 Er hielt ſein Auge auf Hr. Crosbie gerichtet. als er den Namen ausſprach, was er mehr auf gut Gluͤck und wegen der Verbindung that, worinn dieſer Mann und ſeine wirkliche oder vermeinte Nichte mit dem Schickſal Darſie Latimers ſtand, als weil er irgend einen beſtimmten Verdacht gehegt haͤtte. Der Hr. Richter ſchien etwas in Verlegenheit geſetzt, ob⸗ gleich er ſich ſehr bemuͤhte, einen Schein von Gleich⸗ guͤltigkeit beizubehalten, was ihm aber nur zum Theil gelang. „Herries!“ ſagte er—„was, Herries? Es giebt viele dieſes Namens— freilich nicht mehr ſo viele, als fruͤher, denn die alten Staͤmme gehen aus; aber da iſt ein Herries von Heathgill, ein Herries von Auchintulloch, ein Herries“—— „Gebt Euch weiter keine Muͤhe, die bezeichnete Perſon iſt Herries von Birrenswork.“ „Von Birrenswork,“ ſagte Mr. Crosbie;„ich W. Scott's Werke. XVII. 5 7 8 . 998 habe Euch jetzt Mr. Alan, konntet Ihr nicht eben ſo wohl ſagen, der Laird von Reogauntlet?“ ſey unter dem Namen Herries allgemeiner bekannt; ſo viel ich weiß, habe ich ihm unter dieſen Namen geſehen, und bin mit ihm in Geſellſchaft geweſen.“ „„Ach ja, in Edindburgh wahrſcheinlich. Ihr wißt, Redgauntlet iſt geraume Zeit ungluͤcklich geweſen; kelt war, als andere Leute, ſo iſt er doch aus man⸗ chen Urſachen nicht ſo leicht davon gekommen.“ Der vorſichtige Richter nickte nur, und ſagte: „Ihr koͤnnt daraus ſchließen, warum er es fuͤr paß end haͤlt, ſeiner Mutter Namen anzunehmen, wenn er in der Gegend von Edinburgh iſt. Seinen eige⸗ nen Namen zu fuͤhren, das hieße der Regierung ſich überliefern, Ihr verſteht. Man hat indeß ſchon lange ein Auge zugedruͤckt— es iſt eine alte Geſchichte— und der Herr hat viele ausgezeichnete Eigenſchaften, ken, ſagte Fairford, daß ich bey der Unterſuchung, die ich anzuſtellen Willens bin, Mr. Herries, oder Redgauntlet— nennt ihn, wie Ihr mollt— nichts Boͤſes beabſichtige, Alles, was ich wuͤnſche, iſt Ge⸗ —*— 99 wißheit, daß mein Freund in Sicherheit iſt. Ich weiß, daß er thoͤricht genug war, einmal verkappt auf ein luſtiges Gelag in der Naͤhe der Wohnung dieſes Herrn zu gehen. Unter dieſen Umſtaͤnden mag Mr. Redganntlet ſeine Beweggruͤnde mißdeutet, und Darſie Latimer fuͤr einen Spionen angeſehen haben. Sein Einfluß iſt, glaube ich, groß unter dieſem ge⸗ ſetzloſen Volke, wovon Ihr ſo eben geſprochen habr? Der Richter antwortete mit einem zweiten bedeutſa⸗ men Kopfnicken, das dem Lord Burleigh in Sheri⸗ kan's Kritiker Ehre gemacht haben wuͤrde. „„Iſt es nan nicht moͤglich,“ fuhr Alan fort, „daß Mr. Latimer faͤlſchlich fuͤr einen Spion ange⸗ ſehen, und dieſen Verdacht den Mr. Redgauntlet be⸗ wogen habe, ihn aufheben und irgendwo einſperren zu laſſen?— Solche Dinge geſchehen bey Wahlen und dey weit minder dringenden Gelegenheiten, als wenn ein Mann ſein Leben durch einen Kundſchafter in Gefahr glaubt.“ „Mr. Fairford,“ ſagte der Richter ſehr ernſt, „ich halte ſolch einen Miögriff kaum fuͤr moͤglich, und wenn darch einen außerordentlichen Zufall etwas der Art vorgekommen ſeyn ſollte, ſo iſt Redgauntlet, den ich wie geſagt, ſehr gut kenne, weil er meiner Frau erſter oder eigentlich vierter Vetter iſt, durch⸗ aus unfaͤhig, dem jungen Mann irgend etwas ſchlim⸗ mes zuzufuͤgen— er konnte ihn allenfalls fuͤr eine Nacht oder zwei nach Ailſay ſchicken, oder ihn auf der Nordkuͤſte von Irland, oder in Islay oder auf einer von den Hebriden ans Land ſetzen; aber verlaßt Euch darauf, er iſt unfaͤhig, ihm ein Haar zu krummen.““ „„ Ich bin entſchloſſen, mich dabei nicht zu beru⸗ higen, Hr. Richter,“ antwortete Fairford feſt,„und ich bin ſehr erſtaunt, daß Ihr ſo leicht hin von dem Angriff ſprecht, der auf die Freiheit einer Perſon ge⸗ macht worden iſt. Ihr müßt bedenken, und die Freunde des Mr. Herries oder Mr. Redgauntlet's . 100 ſollten ebenfalls wohl bedenken, wie es in den Ohren eines engliſchen Staatsſecretairs klingen muß, daß ein geaͤchteter Veraͤther,(denn das iſt dieſer Herr) es nicht nur gewagt hat, ſeinen Aufenthalt in dieſem Koͤnigreiche zu nehmen, gegen deſſen Koͤnig er die Waffen getragen hat, ſondern daß ihn auch der Ver⸗ dacht trifft, mit offener Gewaltthat gegen die Perſon eines Unterthanen des Koͤnigs verfahren zu ſeyn, gegen einen jungen Mann, dem es weder an Freun⸗ den, noch an Vermoͤgen fehlt, um ſein Recht geltend zu machen.“ Der Richter blickte auf den jungen Advokaten mit einem Geſicht, worauf Mißtrauen, Unruhe und Beſtuͤrzung bezeichnet waren.„Ein verdruͤßlicher Handel“ ſagte er zuletzt,„ein verdruͤßlicher Handel, und es wird gefaͤhrlich ſeyn, ſich darein zu miſchen. Ich wuͤrde es ſehr ungern ſehen, daß Ihr gerade der Angeber eines unglucklichen Mannes wuͤrdet.“ „Dieß bin ich nicht geſonnen,“ antwortete Alan, „ vorausgeſetzt, dieſer ungluͤckliche Mann und ſeins Freunde geben mir Gelegenheit mich uͤber die Sicher⸗ heit meines Freundes zu beruhigen. Wenn ich mit Mr. Redgauntlet ſprechen koͤnnte, und ſeine eigene Erklaͤrung vernehmen, ſo wuͤrde ich vermuthlich zu⸗ frieden geſtellt. Wenn ich gezwungen werde, ihn bey der Regierung anzugeben, ſo geſchieht dieß in einer neuen Eigenſchaft als Menſchenraͤuber. Ich bin nicht im Stande, auch iſt es mein Geſchaͤft nicht, es zu verhindern, daß er als geäͤchteter Verraͤther erkannt werde, der von dem Generalpardon ausgenommen iſt. „Mr. Fairford,“ fagte der Richter,,‚ wolltet Ihr den armen unſchuldigen Mann auf einen eitlen Ver⸗ dacht hin ungluͤcklich machen?“ „Nichts mehr davon, Mr. Crosbie; mein Be⸗ nehmen iſt feit beſtimmt, wenn nicht dieſer Verdacht entfernt wird.“ 3. „Wohlan denn,“ ſagte der Richter,„weil dem 101 ſo iſt, und da Ihr ſagt, daß Ihr dem Redgauntlet perſönlich kein Uebel zufuͤgen wollt, ſo will ich heute einen Mann zu uns zum Eſſen einladen, der von ſeinen Angelegenheiten ſo viel kennt, als die Leute nur immer wiſſen koͤnnen. Ihr muͤßt bedenken, Mr. Alan Fairford, daß Redganntlet, obgleich er meines Weibes naher Verwandter iſt, und ich ihm natuͤrlich alles Gute wuͤnſche, mir doch keineswegs ſeine Gaͤnge und Wege vertraut. Ich bin nicht der Mann dazu— ich halte es mit der Kirche und verabſcheue das Papſtthum— ich bin aufgeſtanden fuͤr das Haus Hannoyer und fuͤr Freiheit und Eigenthum— ich trug die Waffen gegen den Praͤtendenten, als drei Bagagen Wagen der Hochlaͤnder zu Ecclefechan ange⸗ halten wurden, und ich hatte noch einen beſondern Verluſt von hundert Pfund.“—— „Schottiſch.“ unterbrach ihn Fairford.„Ihr verzeht, daß Ihr mir dieß alles vorhin ſchon geſagt abt. „Schottiſch oder engliſch, der Verluſt war bedeu⸗ tend genug fuͤr mich,“ ſagte der Richter;„Ihr ſeht alſo, ich bin nicht der Mann, mit Jacobiten mich gemein zu machen, und mit ſolchen Geaͤchteten, wie der arme Redgauntlet.“ „Zugegeben, zugegeben, Mr. Crosbie, und was dann?“ ſagte Alan Fairford? 3 „ Nun es folgt daraus, daß wenn ich Euch in dieſer Verlegenheit helfen ſoll, ſo kann dieß doch nicht bei und durch meine eigene perſoͤnliche Kennt⸗ niß, ſondern durch einen paſſenden Agenten oder durch eine dritte Perſon geſchehen.“ „Wiederum zugegeben,“ ſagte Fairford.„ Und wer ſoll denn dieſe dritte Perſon ſeyn?“ „Wer anders, als Pate Marwell von Summer⸗ trees, ſie nennen ihn Pate— in— Peril.“ „Ein Alter vom Jahr 1745 alſo?“ ſagte Fair, „Ihr moͤgt darauf ſchwoͤren,“ erwiederte der 102 Richter,„ein ſo ſchwarzer Jacobite, als der alte Sauertaig nur immer einen machen kann, aber ſonſt ein wackerer luſtiger Geſellſchafter, mit welchem kei⸗ ner von uns brechen will, trotz aller ſeiner Prahle⸗ reien. Ihr moͤchtet wohl denken, wenn es bei Derby wohl auf ihn angekommen waͤre, er wuͤrde Carl Stuart ſo gut durch alles hindurch gefuͤhrt haben, wie ein Faden durch ein Nadeloͤhr geht, und wuͤrde ihn in St. James niedergeſetzt haben, ehe Ihr haͤttet ſagen koͤnnen:„nehmt Euch in Acht.“ Obgleich er aber ein windiger Burſche iſt, wenn er auf ſeine alten weltlichen Geſchichten kommt, ſo hat er doch mehr geſunden Verſtand in ſich, als die meiſten Menſchen— er kennt die Geſchaͤfte, Mr. Alan, iſt zum Rechtsgelehrten erzogen, nahm aber nie die obean, wegen der Eide, welche damals mehr Leute als jetzt zuruͤck hielten— das iſt um ſo mehr zu be⸗ dauern.“ 3 G »Wie, Hr. Richter, Euch thut es leid, daß der Jacobitismus im Verfall iſt?“ ſagte Fairford. „Nein, nein“ antwortete der Richter,„es be⸗ kuͤmmert mich nur, daß jetzt ſo viele Lente die Zart⸗ heit des Gewiſſens verlieren. Ich habe einen Sohn, der zum Rechtsgelehrten gebildet wurde, Mr. Fair⸗ ford, und fuͤr den ich wegen meiner Dienſte und Leiden wohl auf einen huͤbſchen Poſten hätte rechnen koͤnnen; aber wenn dieſe großen Familien herankom⸗ men,— ich meyne eben dieſe Marwell's⸗ dieſe John⸗ ſtones und andere große Lairds, die vorher der Eid lange entfernt hielt— da muͤſſen wohl die kleinen Leute, wie mein Sohn und vielleicht auch Eures Va⸗ ters Sohn, Mr. Alan, ſehr zuruͤck ſtehen.“ „Aber um auf den Gegenſtand zuruͤck zu kom⸗ men, Mr. Crosbie,“ ſagte Fairford,„haltet Ihr es wirklich fuͤr wahrſcheinlich, daß dieſer Marwell mir hierin von Nutzen ſeyn wird?“ „Ja wohl kann er das ſern, denn er iſt die Trompete des ganzen Geſchwaders,“ ſagte der Rich⸗ 103 ter,„und ich habe oft bemerkt, daß Redgauntlet, obgleich er zu Zeiten nicht anſteht, ihn einen Narren zu nennen, doch mehr auf ſeinen Rath haͤlt, als auf den irgend eines andern. Wenn Pate ihn zum Sprechen bringt, dann iſt die Sache abgemacht. Es iſt ein pfiffiger Purſch, der Pate— in— Peril.“ „ Pate— in— Peril,“(Kopf in der Gefahr,) wiederholte Alan,„ein ganz ſonderbarer Name.“ „Ja, er hat ihn auch auf eine ſeltſame Weiſe bekommen, doch ich ſage weiter nichts daruͤber, um ihm nicht den Markt zu verderben,“ ſagte der Rich⸗ ter,„denn Ihr könnt verſichert ſeyn, Ihr hoͤrt ſie einmal wenigſtens, wo nicht oͤfter, bevor die Punſch⸗ bowle dem Theekeſſel Plaz macht. Nun lebt wohl, denn ich boͤre im Ernſte die Rathsglocke toͤnen, und wenn ich nicht da bin, ehe die Glocke ausgetoͤnt hat, ſo ſpielt mir der Amtmann Laurie einen ſeiner Streiche.“ 4 Der Richter wiederholte, daß er Hr. Fairford um 2 Uhr zu ſehen hoffe, entkam endlich dem jungen Advokaten, und verließ ihn in ziemlicher Verlegen⸗ heit, was er nun thun ſolle. Der Sheriff ſchien es, war nach Edinburgh zuruͤck gekehrt und er fuͤrchtete den ſehr ſichtbaren Widerwillen des Richters gegen dieſen Laird von Birrenswork oder Redgauntlet ein⸗ zuſchreiten in einem noch weit ſtaͤrkeren Maße unter den Landedelleuten zu finden, von denen viele nicht nur Katholiken, ſondern auch Jacobiten waren; auch mochten wohl die andern keine Luſt haben mit Ver⸗ wandten und Freunden in Streit zu kommen; indem ſie verjahrte politiſche Verwirrungen mit Strenge ahndeten. 4 Alle ihm moͤglichen Erkundigungen einzuziehen, und nicht eher an eine hoͤhere Behoͤrde ſich zu wen⸗ den, als bis er alle Erlaͤuterungen geben konnte, de⸗ ren die Sache fähig war, das ſchien das kluͤgere Ver⸗ fahren unter dieſer Menge von Schwierigkeiten. Er hatte eine Unterredung mit dem Procurator Fiscal, 104 der eben ſo, wie der Richter, ein alter Correſpondent ſeines Vaters war. Alan eroͤffnete dieſem Beamten ſeinen Vorſatz Brokenburn zu beſuchen, erhielt aber die Verſicherung, daß dieſer Schritt nicht nur von vieler Gefahr für ihn begleitet, ſondern auch voͤllig fruchtlos ſeyn wuͤrde; die Haͤupter des Aufruhrs haͤt⸗ ten laͤngſt Schutz gefunden in ihren Schlupfwinkeln auf der Inſel Man, Cumberland und andern Orten, und die zuruͤckgebliebenen wuͤrden ohne Zwerfel an Jedem Gewaltthaͤtigkeit begehen, der ihre Niederlaſ⸗ ſungen beſuchte, um über die vorgefallenen Unruhen Unterſuchungen anzuſtellen. Nicht die nemlichen Einwuͤrfe ließen ſich gegen einen Beſuch zu Mount Sharon machen, wo er die letzten Nachrichten von ſeinem Freunde zu finden hoffte; dazu war auch vor der zu Hr. Crosbies Mahlzeit be⸗ ſtimmten Stunde Zeit genug. Auf dem Wege wuͤnſchte er ſich Gluͤck, daß er wenigſtens uͤber einen Punkt ſichere Auskunft erhalten habe. Der Mann, welcher gewiſſermaßen ſich ſelbſt in ſeines Vaters Gaſtfreund⸗ ſchaft eingedraͤngt hatte, und den Darſie Latimer zu einem Beſuche in England verleiten zu wuͤnſchen ſchien, gegen den er noch dazu eine Art von War⸗ nung erhalten hatte, durch eine mit ſeiner eigenen Famtlie verbundenen Perſon, ſchien der Anſtifter des Aufſtandes zu ſeyn, in welchem Darſie verſchwun⸗ den war. Was konnte wohl die Urſache ſolch eines Anſchlags auf die Freiheit eines harmloſen und liebenswuͤrdi⸗ gen Mannes ſeyn? Unmöͤglich waltete hier blos ein Mißverſtaͤndniß ob, daß Redgauntlet Latimern fuͤr einen Spion gehalten haͤtte; denn obgleich Fairford dieſe Vermuthung als die Loͤſung des Raͤthſels gegen Mr. Crosbie geaͤußert hatte, ſo wußte er doch in der That wohl, daß er von ſeinem ſonderbaren Be⸗ ſuch wegen einer Gefahr gewarnt worden ſey, in der ſich ſein Freund befinde. Ehe er noch ſelbſt einen aͤhnlichen Verdacht hegen konnte; die Ermahnungen, — — — 105 welche Latimer von Hrn. Griffiths in London erhielt, der ſein Vormund war, oder ſich ſo benahm, fuͤhr⸗ ten zu demſelben Punkte. Es machte ihm indeß kei⸗ nen Kummer, daß er den Richter Crosbie nicht weiter in das Geheimniß eingeweiht hatte, als unumgaͤnglich nothwendig war, denn es ſprang in die Augen, daß die Verwandſchaft ſeiner Frau mit der verdaͤchtigen arthei auf ſeine Unvartheilichkeit als Beamter Ein⸗ uß aͤußerte. Als Alan Fairford zu Mount Sharon ankam, trat ihm Rachel Geddes haſtig entgegen, faſt ehe der Diener die Thuͤre öffnen konnte. Verlegen wendete ſie ſich ab, als ſie einen Fremden erblickte, und ſagte zu ihrer Entſchuldigung, ſie haͤtte geglaubt, 5 Wunder Joſug ſey von Eumberland zuruͤckge⸗ fehrt. „Mr. Geddes iſt alſo abweſend,“ ſagte Fair⸗ ford, nicht weniger verlegen.„Er iſt ſeit geſtern hinweg⸗ gegangen, Freund,“ antwortete Rachel, welche die ruhige Faſſung, die ihre Sekte bezeichnet, ſo ziem⸗ lich wieder erhalten hatte, aber ihre bleiche Wange und ihr rothes Auge widerſprachen ihrem angenom⸗ menen Gleichmuth.“ „Ich bin,“ ſagte Fairford haſtig,„der nahe Freund eines jungen Mannes, der Euch nicht unbe⸗ kannt iſt, Miß Geddes, ich bin der Freund von Darſie Latimer, und komme hieher in der aͤußerſten Beaͤngſtigung, da ich von dem Richter Crosbie ver⸗ nommen habe, daß er in der Nacht verſchwunden ſey, wo ein zerſtoͤrender Angriff auf die Fiſcherei⸗Anſtal⸗ ten des Mr. Geddes gemacht murde.“ „Du betruͤbſt mich, Freund, durch Deine Fra⸗ gen,“ ſagte Rachel noch bewegter, als vorher,„denn wenn auch der Juͤngling gleich den andern weltlichen Menſchen nur in ſeiner Einbildung weiſe war, und ſich leicht durch den Athem der Eitelkeit bewegen ließ, ſo liebte ihn Joſua doch, und ſein Herz neigte ſich zu ihm, als waͤre er ſein eigener Sohn. Und als er ſelbſt der Schlinge der Soͤhne Beliods entkam⸗ 106 was nicht eher geſchah, als bis ſie muͤde waren, ihn zu tadeln, zu verſpotten und zu verhoͤhnen, kehrte Jo⸗ ſua, mein Bruder, noch einmal zu ihnen zuruͤck, um ihnen fuͤr den Juͤngling, genannt Darſie Lati⸗ mer, Geld und das Verſprechen der Verzeihung an⸗ zubieten, aber ſie wollten ihn nicht hoͤren, darum gieng er vor den Oberrichter, den die Menſchen den Sheriff nennen, und wuͤrde ihm von des Juͤnglings Gefahr erzaͤhlt haben, aber ſie wollten ihn durchaus nicht hören, wenn er nicht auf die Wahrheit ſeiner Worte ſchwoͤren wolle, was er ohne Suͤnde nicht thun konnte, denn es ſteht geſchrieben: ihr ſollt aller Dinge nicht ſchwoͤren, denn eure Rede ſoll ſeyn, ja, ſa, nein, nein. Darum kehrte Joſua troſtlos zu mir urün, und ſagte: Schweſter Rachel, dieſer Juͤng⸗ ing hat ſich meinetwegen in Gefahr begeben; ſicher⸗ lich werde ich nicht ſchuldlos ſeyn, wenn ein Haar ſeines Hauptes gekruͤmmt werden ſollte, denn ſiehe, ich habe geſuͤndigt, als ich ihm geſtattete, mit mir zu der Fiſcherei Anſtalt zu gehen, als ſolches Uebel zu befuͤrchten war, darum will ich mein Pferd nehmen, ſelbſt den Salomon, und will ſchnell nach Cumber⸗ land reiten, mir Freunde machen mit dem unge⸗ rechten Mammon unter den Obrigkeiten der Heiden und unter ihren maͤchtigen Menſchen, und es ſoll da⸗ in kommen, daß Darſie Latimer in Freiheit ge⸗ ht wird, waͤre es auch mit dem Verluſt meines halben Vermoͤgens.“ Und ich ſagte nein, mein Bru⸗ der gehe nicht, denn ſie werden Dich verſpotten und verhoͤhnen, ſondern dinge mit Deinem Silber einen von den Schreibern, welche ungeſtuͤmer als Jäger hinter ihrer Beute her ſind, es wird frei ſepn durch ſeine Kunſt Darſie Latimer von den Menſchen der Gewalt, und Deine Seele wird ſchuldlos ſeyn gegen den Juͤngling. Aber er antwortete und ſagte: man ſoll mir nicht darein ſprechen in dieſer Sache. Und er iſt fortgegangen, und nicht zuruckgekehrt, und ich fuͤrchte mich, daß er nimmer zuruͤckkehren moͤchte; 107 denn ob er gleich friedfertig iſt, wie es dem geziemt, der jede Gewaltthat fuͤr eine Beleidigung ſeiner ei⸗ genen Seele haͤlt, ſo werden doch weder Waſſerflu⸗ khen, noch die Furcht vor Schlingen, noch das gezogene Schwert, das der Gegner auf dem Pfade ſchwingt, ihn von ſeinem Vorhaben abhalten. Mag ihn alſo auch der Solway hinabſchlingen, oder das Schwert des Feindes ihn zu toͤdten drohen, dennoch ſteht meine Hoffnung nur auf Ihm, der alle Dinge leitet, der die Wellen der See lenkt, und uͤberwaͤltigt die Anſchlaͤge der Boshaften, und der uns erloͤfen kann, wie den Vogel aus dem Netze des Vogelſtellers.“ Dieß war alles, was Fairford von Miß Geddes erfahren konnte, aber er hoͤrte mit Vergnuͤgen, daß der gute Quaͤker, ihr Bruder, viele Freunde habe un⸗ ter ſeinen Glaubensgenoſſen in Cumberland, und er hielt ihn fuͤr faͤhig, einige Spuren von Darſie Lati⸗ mer zu entdecken, obne ſich einer ſo großen Gefahr aus⸗ zuſetzen, als ſeine Schweſter zu befuͤrchten ſchien. Erx felbſt ritt zuruck nach Dumfries, nachdem er der Miß Geddes ſeine dortige Addreſſe zuruͤckgelaſſen, und ſie inſtändig gebeten hatte, ihm jede Nachricht mitzu⸗ theilen, die ſie von ihrem Bruder erhalten koͤnnte. Als Fairford nach Dumfries zuruͤckgekommen war, wandte er die kurze Zeit, die ihm noch vor dem Eß ſen uͤbrig blieb, dazu an, einen Bericht von Latimers Aufalle und von der jetzigen Ungewißheit ſeiner Lage an Mr. Samuel Griffith zu machen, durch deſſen Hand die Geldſendungen fuͤr ſeinen Freund regelmaͤßig ge⸗ gangen waren, und er ſetzte den Wunſch hinzu⸗ daß er ſogleich mit demjenigen Theile ſeiner Geſchichte bekannt gemacht werden moͤchte, die ihn bei den Nach⸗ forſchungen leiten koͤnnten, welche er in den Grenp grafſchaften anzuſtellen Willens war, und die er durch⸗ aus nicht aufgeben wolle, bis er Nachrichten von ſei⸗ nem Freund erhalten haͤtte, mochte er nun leben oder todt ſeyn. Der junge Rechtsgelehrte fuͤhlte ſich leich⸗ ter, als er dieſen Brief abgeſchickt hatte. Er konnte 108 ſich keinen Grund denken, warum man ſeinem Freund nach dem Leben trachten ſollte; er wußte, Darſie hatte nichts gethan, wodurch ſeine Freiheit geſetzlich gefaͤhrdet werden koͤnnte, und wenn ans in den letz⸗ ten Jahren ſonderbare Geſchichten von Maͤnnern und Weibern in Umlauf gekommen waren, welche au eine liſtige Weiſe verlockt, und in Einoͤden und en fernte Inſeln verborgen worden waren, um auf eine Beitlau einem gewiſſen Zwecke zu dienen, ſo waren och ſolche Gewaltthaͤtigkeiten meiſtens von Reichern gegen Arme, von Starken gegen Schwache ausgeuͤbt worden, da aber im gegenwaͤrtigen Falle dieſer Mr. Herries oder Redgauntlet aus mehr als einem Grunde die Strenge der Geſetze fuͤrchten mußte, ſo war er nothwendig in jedem Streite, worin er verwickelt werden konnte, der ſchwaͤchere Theil. Freilich fluͤſterte ihm die Beſorgniß um ſeinen Freund zu, daß die nem⸗ liche Urſache, welche die Furchtbarkeit dieſes Mannes verminderte, ihn zugleich verzweifelter machen muͤſſe. Wenn er aber an ſeine Aeußerungen ſich erinnerte, die ſo ſehr den Edelmann, und ſelbſt den Mann von Ehre verriethen, ſo ſchloß Fairford daraus, daß Redgannt⸗ let zwar in adelichem Uebermuthe eine Gewaltthat wa⸗ gen koͤnne, die der Adel zu andern Zeiten ausgeuͤbt batte, daß er aber keiner uͤberlegten Grauſamkeit faͤ⸗ hig ſey In dieſer Ueberzeugung gieng er denn in einer weit ruhigern Stimmung, als man haͤtte er⸗ warten können, zu dem Herrn Richter Crosbie, um da⸗ ſelbſt zu ſpeißen. Achtes Kapitel. Erzählung von Alan Fairfort. Fortſetzung. Fuͤnf Minuten nach dem Schlage Zwey erreichte Alan Fairford, der einen kleinen Umweg gemacht hat⸗ 109 te, um ſeinen Brief auf der Poſt abzugeben, die Woh⸗ nung des Hrn. Richter Crosbie, und wurde zu glei⸗ cher Zeit durch die Stimme dieſes Stadtbeamten und des Landbeamten ſeines Gaſts, begruͤßt, weiche Beide ungeduldig auf das Eſſen warteten. „Kommt, kommt, Mr. Fairford, die Edinburg⸗ her Uhr geht ſpaͤter, als die unſrige, ſagte der Rich⸗ ter. „Kommt, kommt, junger Mann, ſagte der Laird, ich erinnere mich Enres Vaters wohl bei dem Kreu⸗ e, dreyßig Jahre ſinds— ich glaube, ihr ſeyd in dinburgh ſo ſpaͤt daran als in London; um 4 Uhr nicht wahr?“ „So ſehr ſind wir nicht aus der Art geſchlagen, erwiederte Fairford, aber gewiß gibt es viele Leuts in Edinburgh, die ſo uͤbel berichtet ſind, daß ſie ihr Mittagsmahl bis 3 Uhr hinausſchieben, um volle Zeit zu haben, ihren Londner Correſpondenten zu antwor⸗ 7 „Londner Correſpondenten! ſaate Mr. Maxwell; was der Teufel hat denn das Volk von Alt⸗Reckin mit Londner⸗ Corre pondenten zu thun?“ „Die Kaufleute muͤſſen doch ihre Waaren haben, ſagte Fairford.. „Joͤnnten ſie nicht unſre ſchottiſchen Manufac⸗ turwaaren kaufen⸗ und ihren Kunden das Geld auf eine patriotiſche Weiſe aus den Taſchen holen?“ „Die Damen muͤſſen doch ihre Moden haben, ſagt Fairford.“ „Koͤnnen dieſe nicht ihren ſchottiſchen Mantel uͤber den Kovf nehmen, wie ihre Muͤtter? Ein Man⸗ tel von buntem Zeug und einmal im Jahre ein Haͤub⸗ chen aus Paris, das koͤnnte einer Graͤfin genuͤgen; ihr aber habt nicht viel ſolche mehr, ich glaube— Mareſchall, Airley, Winton, Wemyß, Balmerino— ja, ja, die Graͤfinnen und Damen von Stande wer⸗ den jetziger Zeit mit ihren Staatskleidern nicht viel Platz in eurem Ballſaal einnehmen.“ 110 „Es fehlt indeſſen doch nicht an Leuten, ſagte airford, man ſpricht ſchon von einem neuen Geſell⸗ 7 ſchaftsſaal. „Ein neuer Geſellſchaftsſaal! ſagte der alte jako⸗ bitiſche Laird— uhl— ich haͤtte wollen 300 Men⸗ ſchen in Eurem Geſellſchaftsſaal unterbringen, aber kommt, kommt— ich will nicht weiter fragen, die Antworten ſchmecken alle nach neuen Lords, nach neuen Guͤtern, ſie verderben mir nur den Appetit, und das waͤre doch Schade, denn hier kommt Miſtriß Crosbie, um uns anzukuͤndigen, daß unſere Ham⸗ melskeule gar iſt.““ Es war ſo; Miſtriß Crosbie war nicht zugegen ge⸗ weſen, wie Eva„obliegend wirklichen Sorgen“; eine Pflicht, wovon ſie ſich nicht fuͤr losgezaͤhlt achtete, we⸗ der durch den hohen Rang ihres Ehemanns unter dee obrigkeitlichen Perſonen der Stadt, noch durch den Glanz ihres ſeidenen Kleids aus Bruͤſſel, oder durch den hoher geachteten Glanz ihrer Geburt, deun ſie war eine geborne Marwell, und wie ihr Ehemann oft ſeinen Freunden kund that, mit mehreren der er⸗ ſten Familien in der Grafſchaft verwandt. Sie war ſchoͤn geweſen, und ſah noch jetzt fuͤr ihre Jahre recht gut aus, und obgleich ihre Anweſenheit in der Kuͤche ihren Teint in etwas erhoͤht hattez, ſo war es doch nicht mehr, als ein beſcheidenes Auflegen von Roth auch gethan haben wuͤrde. Fuͤr den Herrn Richter war ſeine Dame gewiß ein Gegenſtand des Stolzes, la Einige ſagen, ſogar des Schreckens, denn von den weiblichen Mitgliedern der Familie Redgauntlet gieng ein Geruͤcht, daß ſie, ſie mochten heurathen, wo ſie wollten, ihrem Eheherrn eben ſo gewiß eine graue Stute in den Stall braͤchten*) als ſich auf Wonver⸗ maun's Gemaͤlden ein weiſſes Pferd befindet. Die gute Dame brachte auch, wie man glaubt, eine poli⸗ tiſche Wuͤrz in Maſter Crosbie's Haushaltung, und des *) Eine ſprichwörtliche Anſpielung auf die Pantoffelherrſchaff. — 111 Hekrn Richters Feinde im Stadt⸗Rath pflegten die Be⸗ merkung zu machen, daß er manche kuͤdne Rede ge⸗ gen den Praͤtendenten und fuͤr Koͤnig Georg und die Regierung gehalten habe, wovon er hinter ſeinen Gar⸗ dinen keine Sylbe vorzubringen gewagt haben wuͤrde; auch habe hie und da ſeiner Frau vorherrſchender Ein⸗ fiuß ihn bewogen, etwas zu thun oder zu unterlaſſen, was mit den allgemeinen Betheurungen ſeines Eifers fuͤr die Revolntions⸗Grundaͤtze gar nicht uͤberein⸗ ſtimmte. Das hatte in einer Hinſicht ſeine Richtig⸗ keit, auf der andern Seite war es aber nicht weniger gewiß, daß Miſtriß Crosbie aͤußerlich durchaus die ge⸗ ſetzmaͤßige Macht und rechtliche Obergewalt ihres Ehe⸗ herrn anerkannte, und wenn ſie auch in der That denſelben nicht achtete, ſo ſchien ſie es doch zu thun. Dieſe ſtattliche Dame empfieng den Mr. Marx⸗ well, wie begreiflich, als Vetter mit Herzlichkeit und Herrn Fairford mit Hoͤflichkeit; zugleich beantwortete ſte die hausherrlichen Klagen des Herrn Richters reſpekts⸗ voll damit, daß ſie ſagte, das Eſſen werde im Augen⸗ blick aufgetragen.„Aber ſeit Ihr den armen Mar Alpin, der die Stadtuhr ſonſt zu beſorgen pflegte, abgeſetzt habt, mein Lieber, iſt ſie keinen Tag mehr richtig gegangen.“ „Peter Mac Alpin, meine Liebe, ſagte der Rich⸗ ter, machte ſich fuͤr einen Mann im Amte zuviel zu thun, trank Geſundheiten u. ſ. w., die ein Mann ſchicklicher Weiſe nicht trinken ſollte, am wenigſten aber einer, der im oͤffentlichen Dienſte ſteht. Ich hoͤre, daß er das Glockenſpiel in Edinburgh auch ver⸗ loren hat, weil er am 10. Juni die Melodie ſpielen ließ: Ueber's Waſſer zu Carl! das iſt ein ſchwarzes Schaf, und verdient keine Aufmunterung.“ Die Melodie iſt doch ſo ſchlecht nicht, ſagte Sum⸗ mertrees, wandte ſich ans Fenſter, und ſummte bald, halb pfiff er die genannte Melodie, dann ſang er den letzten Vers laut: Meines Carls Namen wilt ich lieben und ehren, Wenn ihn Viele auch haſſen ſehr, Oh! ſäh ich ihn doch zurücke kehren, Und treiben die Wihg's vor ſich her. Ueber das Waſſer und über die See, Ueber das Waſſer hin zu Carl! Alles tragen wir gerne, Woyl oder Weh! Und leben und ſterben für Carl. 1 Miſtriß Crosbie laͤchelte verſtohlen dem Laird zu, indem ſie ſich zugleich das An ehen tiefer Unterwer⸗ fung gab, während der Herr Richter, der den Geſang ſeines Gaſtes nicht hoͤren wollte, im Zimmer umher gieng mit einem Anſehen von unzweifelhafter Wuͤrde und Unabhaͤngigkeit. „Wohl, wohl, mein Lieber,“ ſagte die Dame, mit dem ruhigen Lächeln derUnterwerfung,„Ihr verſteht das am beſten, und werdet thun, was Ihr fuͤr gut findet, dieſe Gegenſtaͤnde ſind weit uͤber meinen Horizont, ich zweifle nur, ob die Stadtuhr je ſo richtig gehen und Eure Mahlzeit ſo richtig auf den Tiſch kommen wird, als ich es wuͤnſchte, bis Peter Mac Alpin ſeinen Dienſt wieder hat. Der Mann iſt alt, kann nicht arbeiten, und leidet deßhalb Mangel, dennoch iſt er der einzige, der eine Glocke zu richten verſteht.“ Man kann hier im Vorbeygehen bemerken, daß trotz dieſer Weiſſagung zu deren Erfullung die ſchoͤne Caſſan⸗ dra wahrſcheinlichalle Mittel in Haͤnden hatte, doch erſt nach dem zweiten Rathstage, das ſtrafbare Benehmen des jacobitiſchen Gloͤckners in Vergeſſenheit kam, und daß ihm noch einmal das Geſchaͤft zugetheilt wurde, fuͤr die Stadt die Zeit, und fuͤr den Herrn Richter die Eſ⸗ ſensſtunde zu beſtimmen. Dißmal ging die Mahl⸗ leit angenehm voruͤber. Summertrees ſchwazte und ſcherzte mit der leichten Unbefangenheit eines Mannes, der ſich uͤber ſeine Geſellſchaft erhaben fuͤhlt. Er war wirklich eine wichtige Perſon, wie ſich aus ſeinem ſtatt⸗ lichen Aeußern ergab; ſein Hut war mit peins d'Bs. pagne beſetzt, ſein Rock und ſeine Weſte, ehemals reich geſtickt, jetzt aber ziemlich abgetragen. Feine glaͤn⸗ 113 glaͤnzenden Hals⸗ und Handkrauſen waren nur, die erſte etwas ſtark verkrunzelt, und die andere etwas be⸗ ſchmutzt; auch darf ſein langer Stoßdegen mit ſilber⸗ nem Gefaͤbe hier nicht vergeſſen werden. Sein Witz oder vielmeor ſeine Laune grenzte ans beißende, und zeigte ein unzufriedenes Gemuͤth; Mißfallen zeigte, wenn der witz verſuchte, ſo ſchien er e und obgleich er kein Hr. Richter einen Gegen⸗ s doch nur zu dulden, wie ein Fechtmeiſter⸗ der ſeinem Z8gling zuweilen geſtat⸗ ter, ihm einen Stoß beyzubringen, nur um ihn zu ermuthigen. Des Lairds eigene Scherze waren in⸗ deſſen ausnehmend erfolgreich, nicht nur bei dem Hrn. Richter und ſeiner Frau Gemahlin, ſondern auch bei der rothbackigten und rothbebanderten Magd, welche am Tiſch aufwartete, und vermochte, was ihr oblag, weil di kaum gehorig zu be orgen e Ausbruͤche der Laune des Mr. Summertrees aͤußerſt wirkſam ſich be⸗ wießen. Alan Fairford allein blieb bei aller dieſer Luſtigkeit ungerührt, was um ſo weniger zu verwun⸗ dern war. Da nicht nur ſein e Gedanken mit einem wich⸗ tigeren Gegenſtande beſchaͤftigt waren⸗ kondern auch die meiſten Witze des Lairds i unbedeutende Stadt⸗ oder den; mit welchen der Gaſt bekannt war. So ſchallte ſchaft an ſein Ohr, wie es um einen Topf, nur dadurch keine ſo nuͤzliche n liſtigen Anſprelungen auf Familien⸗Vorfälle beſtan⸗ aus Edinburgh völlig un⸗ das Gelaͤchter der Geſell⸗ das traͤge Kniſtern des Hol⸗ mit dem Unterſchiede, daß Operarion unterhalten oder begleitet wurde, wie das Kochen. Fairford war froh, al men wurde, und als wohlmeinende? Mr. Cresbie nicht ohne einige Winke von ſeiner Frau Gemahlin z das Tiſchtuch weggenom r 2 ſichtlich der genauen Miſchung der Ingrebienzien etne anſehnliche Bvwle Punſch woruͤber die Augen des alten Jacobite gen, wurden die Gläͤſer vorwaͤrts geſchoben, Eigenthuͤmer wieder an ſich gezogen, jedes von ſeinem W. Scott's Werke. XVII. zu Stande gedracht hatte⸗ viten zu glaͤnzen aufin en, gefuͤllt, und —— — 114 worauf der Hr. Richter mit großer Emphaſe den Doaſt ausbrachte:„Der Koͤnig.“ Dabey richtete er einen bedeutenden Blick auf Fairford, der zu ſagen ſchien: Ihr koͤnnt nicht zweifeln, wen ſch meyne, und barum iſt es nicht noͤthig, die Perſon naͤher zu be⸗ zeichnen. Sommertrees wiederholte den Toaſt mit einem ſchlauen Winke gegen die Hausfrau, waͤhrend Fair⸗ ford ſchweigend ſein Glas austrank. Schoͤn, mein junger Advokat, ſagte der Land⸗ edelmann, mit Freuden ſehe ich, daß bei der Fakul⸗ tät doch noch Schaam ubrig geblieben iſt, wenn gleich wenig Ehre. Einige von Euch Schwarzroͤcken wollen heut zu Tage weder von dem einen, noch dem andern hoͤren.“ 1„Ich wenigſtens Sir, habe ſo viel von einem htsgelehrten, daß ich mich nicht gerne in einen Streit einlaſſe, den ich zu fuͤhren keinen Auftrag ha⸗ be— das hieße Zeit und Muͤhe verſchwenden. Geht, „ſagte die Lady, wir wollen hier nicht uͤber die gs und Toris ſtreiten— mein Mann weiß, mas er ſagen ſoll, und ich weiß, was er denken ſoll⸗ te, und aus dem zu ſchließen, was gekommen und vergangen iſt, ſo moͤchte wohl eine Zeit erſcheinen, zod rechtſchaſfene Maͤnner ſagen, was ſie denken, ſie möogen Richter ſeyn oder nicht.“ „Hoͤrt Iln's, Herr Richter, ſagte Summertrees; Euer Weib iſt eine Zauberin, Ihr ſolltet ein Hufei⸗ ſen an ihre Kammerthuͤr nageln. Ha, ha, ha—— Dieſer Spaß wurde nicht ſo gut aufgenommen, als die fruͤheren Verſuche des Lairds. Bei der Lady begann ein Donnerwetter aufzuziehen, und der Herr Richter ſagte halb bei Seite, ein ernſter Scherz iſt kein Scherz mehr; Ihr werdet das Hufeiſen gluͤhend heiß finden, Summertrees.“ „Ihr koͤnnt ohne Zweifel aus Erfahrung ſprechen, Mr. Crosbie“ antwortete der Laird;„doch ich bitte um Vergebung; Mr. Crosbie, ich habe nicht noͤthig Re 115 zu ſagen, daß ich alle Achtung habe vor dem alten und ehrwuͤrdigen Hauſe der Redgauntlet.“ „Und dazu habt Ihr gute Urſache, denn Ihr ſeyd mit ihnen verwandt, und kennet ſowohl die noch Le⸗ benden, als die bereits Verſtorbenen recht gut.“ „In der That, Ihr habt Recht, Madame, ant⸗ wortete der Laird, denn ich und der arme Harry Red⸗ gaunntlet, der zu Carlisle ausgerungen hat, waren ein Herz und eine Seele, und doch trennten wir uns nach kurzem Abſchied.“ „Ach, Sommertrees, ſagte Mr. Crosbie, dieß war damals, als Ihr den Galgenbetrug ſpieltet, und den Namen Pate⸗im⸗Peril bekamet. Erzaͤhlt doch die Geſchichte meinem jungen Freunde hier. Er hört ei⸗ nen ſolchen Pfiff gern, wie die meiſten Advokaten.“ „Ich wundere mich uͤber Euren Mangel an Vor⸗ ſicht, Herr Richter, ſagte der Laird, ganz nach Art der Saͤnger, die ſich weigern, zu ſingen, wenn ihnen das Lied ſchon auf der Zungenſpitze ſchwebt. Ihr ſoll⸗ tet doch bedenken, daß es gewiße. alte Geſchichten giebt, die man nicht mit voͤlliger Sicherheit aller der⸗ jenigen auftiſchen kann, die dabei betheiligt ſind.“ Ich hoffe, ſagte die Lady, Ihr habt nicht zu fuͤrchten, daß irgend etwas zu Eurem Nachtheil aus dem Hauſe getragen worden, Summertrees. Ich ha⸗ de die Geſchichte zwar ſchon gehöͤrt, je öͤfter ich ſie aber hore, deſto wunderbarer kommt ſie mir vor.“ „Ja, Madame, aber man hat ſich jetzt ſchou lan⸗ ge genug daruͤber gewundert, und es iſt Zeit, damit aufzuhoͤren“ antwortete Maxwell. 3 Fairford hielt es der Hoͤflichkeit gemaͤß zu ſagen, er habe oft von der wundervollen Flucht Marwells gehoͤrt, und nichts koͤnnte ihm angenehmer ſeyn, als einmal das Wahre an der Sache zu vernehmen. Aber Summertrees blieb darauf, und wollte die Geſellſchaft mit ſolchem alten Unſinne nicht um ihre Zeit bringen⸗ 3 116 „Gut, gut,“ ſagte Mr. Crosbie,„ein freier Mann muß ſeinen Willen haben.— Was denkt Ihr Leute in der Grafſchaft denn von den Unruhen, welche in den Kolonien auszubrechen anfangen?“ 3 Herrlich, Sir, herrlich! wenn die Dinge aufs zußerſte gekommen ſind, dann wirds beſſer, und aufs aͤußerſte iſt es gekommen.— Was arſt meinen tol⸗ len Streich anbetrifft, wenn Ihr darauf beſteht, die einzelnen Umſtaͤnde anzuhoren, agte der Laird, wel⸗ cher zu merken begann, daß die Zeit, wo er ſeine Ge⸗ ſchichte mit Anſtand erzaͤhlen koͤnne, allmaͤhlig vor⸗ uͤber gehe.— „Nun,“ ſagte Mrs. Crosbie,„es war nicht mei⸗ netwegen, ſondern dieſem jungen Mann zu Liebe. 44 „Gut, warum ſollte ich nicht dieſem jungen Manne ein Vergnügen machen? Aufs Wohl aller ehrlichen Leute daheim, und in der Ferne! zum Teu⸗ fel die andern!— Aber Ihr, Mrs. Crosbie, habt die Geſchichte auch ſchon gehoͤrt?“— 4 „Nicht ſo oft, um ſie langweilig zu finden,“ ſagte die Ladv, und der Laird wendete ſich ohne weitere Einleitung an Alan Fairford. „Ihr habt doch ſchon von dem Jahre gehoͤrt, das man fuͤnf und vierzig nennt, junger Mann, als die Koͤpfe aus dem Suͤden ihre letzte Bekannkſchaft machten mit den ſchottiſchen Saͤbeln. Da gab es eine Art herumſchweifender Burſche im Lande, die man Rebelten nannte— ich konnte nie ergruͤnden, aus welcher Urſache.— Es ſollten einige noch zu ihnen ſtoßen, die aber niemals gekommen ſind,— Ihr wißt ſchon, Mr. Crosbie, wen ich meyne.— End⸗ lich aber hatte der Spaß ein Ende. Geſchorene Koͤpfe gabs vollauf, und raſierte Nacken kamen in die Mode. Ich erinnere mich nicht mehr recht, was ich that, als ich im Land umherſtreifte mit Dolch und Piſtolen im Guͤrtel, ſechs Monate lang oder druͤber; aber ich erwachte ſchwer aus einem unruhigen Traume, denn ich fand mich[da zu Fuß an einem neblichten Mor⸗ 117 gen, meine Hand, wahrſcheinlich, damit ſie nicht da⸗ von laufe, in einer Handſchelle, wie ſie das Ding nennen, mit dem armen Harry Redgauntlet zuſam⸗ mengeſchloſſen; ſo gehen. wir des Wegs mit noch einem Schock anderer, die ſich ebenfalls zu tief in den Sumpf gewagt hatten, einen Sergeanten von den Rothroͤcken mit zwei Reihen Dragoner zur Seite, um uns in Ruhe zu halten, und uns Muth zum Marſch zu machen. Wenn die Art zu reiſen nicht ſehr angenehm war, uwar der Zweck der Reiſe auch nicht ſehr lockend⸗ Ihr verſteht, junger Mann, daß man dieſe armen Rebellen nicht von Ge⸗ ſchwornen ihrer eigenen lieben Landsleute richten laſſen wollte, ob man gleich haͤtte denken ſollen, ſie haͤrten genug Whigs in Schottland finden koͤnnen, um uns alle haͤngen zu laſſen; ſie bielten es aber fuͤr paſſender, uns in Carlisle das Urtheil ſprechen zu laſſen, wo die Leute ſo eingeſchuͤchtert waren, daß wenn ihr einen ganzen hochlandiſchen Alan auf ein⸗ mal in den Gerichtshof gebracht haͤttet, ſie die Haͤnde vor die Augen gehalren und geſchrieen haben wuͤrden: Haͤngt ſie alle, nur um ſie los zu werden.“ „. Ja⸗ ja,“ ſagte der Hr. Richter,„das war eine ſchnelle Juſtiz; das geb ich zu.“ „Schnell,“ ſagte ſeine Frau;„ich moͤchte nur, die, welche Sie angrordnet, ſtuͤnden vor den Ge⸗ ſchwornen, ich wollte ſie ihnen empfeblen!“⸗ „Ich vermuthe, der junge Rechtsgelehrte haͤlt dieß fuͤr ganz recht,“ ſagte Summertrees auf Fair⸗ ford blickend,—„ein alter Rechtskundiger wuͤrde anders gedacht haben. Indes ein Knittel mußte ge⸗ funden werden, um den Hund niederzuſchlagen und man waͤhlte einen recht ſchweren. Nun ich hielt mei⸗ nen Kopf beſſer beyſamen, als mein Gefaͤhrte, der arme Kerl; denn ich hatte gluͤcklicherweiſe weder an Weib noch Kind zu denken, und Harry Redgauntlet hatte beydes.— Ihr habt Harry geſehen Mrs. Cros⸗ bie?“ 118 „Wahrhaftig ja,“ ſagte ſie mit einem Seufzer, „den wir fruͤheren Erinnerungen zu ſchenken pfle⸗ gen, deren Gegenſtand nicht mehr iſt. Er war nicht ſo groß, als ſein Bruder und uͤberhaupt ein feinerer Mann. Nachdem er ſich ein großes engliſches Ver⸗ moͤgen erheurathet hatte, hielt man ihn fuͤr keinen ſo guten Schotten mehr, als Eduard.“ „Da hatten die Leute unrecht, ¹ ſagte Summer⸗ trees,„der arme Harry war keiner von den groß⸗ ſprecheriſchen, einherſtol zunden Gecken, die von dem reden, was ſie geſtern been, oder morgen thun wollen; wenn irgend erwas gerade zu thun war, da haͤttet Ihr den Harry Redgauntlet ſehen ſollen. Ich ſah ihn bey Culloden, als alles verloren war mehr thun, als zwanzig jener aufgeblaſenen Prahler, bis die Soldaten, die ihn gefangen nahmen, ſchrieen, man ſolle ihm nichts zu Leid thun, ſo habe es jemand ausdruͤcklich befohlen; denn er war der tapferſte von allen. Nun als ich an Harry's Seite ging und ich fühlte, daß er im Morgennebel meine Hand mit emporhob, um ſich die Augen auszuwiſchen, denn we⸗ gen der Feſſeln konnte er nicht anders, da meynte ich, mein Herz muͤſſe um ihn brechen. Unterdeſſen probierte und probierte ich, meine Hand ſo klein, als eine Damenhand, zu machen, ob ich nicht allenfalls aus meiner eiſernen Handſchelle herausſchluͤpfen koͤn⸗ ne. Ihr koͤnnt denken,“ ſagte er, indem er ſeine breite knochichte Hand auf den Tiſch legte,„daß ich genug zu thun hatte, mit meiner Hand ſo groß als eine Hamelsſchulter, aber Ihr ſeht, die Fauſtknochen ſind ſehr groß, und ſo mußten ſie mir die Handſchelle ziemlich weit laſſen; endlich ſchluͤpfte ich mit meiner Hand heraus und wieder hinein, der arme Harry war aber ſo tief in ſeine Gedanken verfenkt,„daß ich ihm das, was ich that, nicht bemertlich machen konnte.“ „Warum nicht,“ ſagte Alan Fairford,„fuͤr den die Erzaͤhlung intereſſant zu werden anfing.“ „Weil eine ungeſchlachte Beſtie von einem Dra⸗ 119 goner hart an der andern Seite ritt, und ich ihn eben o gut ins Geheimniß gezogen haͤtte, als Harry, und dann wuͤrde es nicht lange angeſtanden haben, ois eine Piſtolenkugel darch meine Mutze geſchlagen haͤtte.— Ich mußte alſo ſo gut wie moͤglich fuͤr mich ſelber forgen, und, bei meiner Seele, es war Zeit, denn der Galgen ſtand mir ſchon vor dem Ge⸗ ſichte. Wir machten zu Moffat halt, um zu fruͤh⸗ ſtücken. Die Moore, uͤber die wir marſchirten, kannte ich recht aut, da ich in ſehr verſchiedenen Zei⸗ ten auf jedem Morgen Lands in dieſer Gegend ge⸗ jagt hatte. Seht, ſo wartete ich, bis ich an dem Rande des Teichs von Errickſtane war. Ihr kennt den Plaz, man nennt ihn gewoͤhnlich des Marquis Ochſenſtand, weil die Burſche Annandale ihr geſtohle⸗ nes Vieh dort hin zu treiben pflegen?“ Fairford bezeugte ſeine Unwiſſenheit. „Ihr muͤßt's geſehen haben, als Ihr des Wegs daher kamt; es ſieht aus als ob vier Huͤgel ihre Kopfe zuſammen ſteckten, um alles Tageslicht von dem dunkeln tiefen Raume zwiſchen ihnen auszu⸗ ſchließen. Eine tiefe ſchwarze, graͤulich ausſehende Hoͤhle iſt da und geht ſo ſchroff wie moͤglich gerade vom Weg hinab. Auf dem Grunde findet ſich ein kleiner Bach, daß man es kaum fuͤr moͤglich halten ſollte, daß er ſeinen Weg aus den hart aneinander⸗ liegenden Huͤgeln herausfinden koͤnne.“ „Keine gute Paſſage, in der That,“ ſagte Alar. „Ihr koͤnnt wohl ſo ſprechen, ſo ſchlimm der Act war, Sir, es war nur eine Wahl, und obgleich mir die Haut ſchauderte, wenn ich an den Rumpler dachte, den ich machen ſollte, ſo faßte ich mir doch ein Herz. Und als wir eben an die Ecke des Ochſen⸗ ſtandes von Johnſtones kamen, ſchluͤpfte ich mit mei⸗ ner Hand aus der Handſchelle heraus, und rief dem Harry Redgauntlet zu: folge mir! dann druͤckte ich mich unter dem Bauche des Dragoner Pferds hin, ſchlug mit Blitzes Schnelligkeit meinen Mantel um 120 mich, warf mich auf die Seite, denn ich konnte hier keinen Fuß aufſtellen und kugelte nun hinab uͤber Haidelraut, Brombeerſtrauche und Tannenwurzeln, gerade wie ein Fatz hinabrollen wuͤrde. Bei Gott, Sir, ich muß noch lachen, wenn ich daran dente, wie die Schurken von Rothrocken Geſichter geſchnitten haben mogen, denn der Nebel war wie geſagt, ſehr dig, darum merkten ſie nicht, daß ſie an einer ſo halsbrechenden Stelle waren. Halb war ich hinnnter; denn das Kugeln geht ſchneller, als das Klettern, ehe ſie ihre Waffen ergreifen konnten, dann gings aber piff! paff! puff! auf der Straße, aber der Kopf war mir ſo toll, daß ich nicht daran denken konnte, oder auch nur an die harten Puͤffe, die ich von den Steinen erhielt. Ich behielt indeſſen meine Sinnen beiſammen, was jeder fuͤr wunderbar halten wird, der je den Paatz geſehen hat, ich half mir mit den Haͤnden ſo gut ich konnte und kam endlich auf den Grund. Hier lag ich einen Augenblick, aber der Ge⸗ danke an den Galgen kann ſo gut, als alle Riechfla⸗ ſchen in der Welt, einen Mann zu ſich ſelbſt bringen. Ich ſprang auf, wie ein vierjaͤhriges Fuͤllen. Alle die Huͤgel tanzten um mich, wie große dicke Bienen⸗ ſchwaͤrme. Ich hatte aber keine Zeit daran zu den⸗ ken, beſonders, da der Nebel ſich durch das Feuern zerſtreut hatte. Ich konnte die Schurken ſehen, wie ſie an der Kante des Moorbruches herum frochen, und ich glaube ſie ſahen mich auch, denn ein’ge be⸗ gannen an dem Huͤgel hinab zu klettern, aber mehr, wie alte Weiber in ihren rothen Maͤnteln, wenn ſie von einer Feldpredigt nach Hauſe kommen, als wie ein gewandter Burſche, gleich mir. Darum hielten ſie bald, und luden ihre Gewehre; Gott befohlen, ihr Herren, dachte ich, wenn es ſo geht. Wenn ihr noch ein Wort mit mir zu reden habt, ſo moͤgt ihr nur nach Carriefraw⸗ gauns kommen. uUund ſo machte ich mich davon, und nie kam ich ſchneller uͤber die Moore, als damals, und hielt auch nicht eher au, als 121 bis ich drei Gewaͤſſer von ziemlicher Tiefe; denn es hatte kurz vorher geregnet, ein halbes Dutzend Berge, und ein paar tauſend Acker Haide und Sumpf zwi⸗ ſchen mir und meinen Freunden, den Rothrocken, hatte.“ „Dieſer Streich war es, der Euch den Namen Pate— in— Peril erwarb,“ ſagte Mr. Crosbie, füllte die Glaͤſer, und rief waͤhrend ſein Gaſt, auf⸗ geregt durch die Erinnerung, welche die That in ihm erweckte, mit triumphirender Miene nach Ausdruͤcken des Beifalls und einer gleichen Geſinnung umher ſah, mit großem Emvhaſe aus:„auf Eure gute Ge⸗ ſundheit! und moͤget Ihr euren Hals immer in einem ſolchen Abentheuer wagen.“ „Hum! Ich weiß nicht,“ antwortete Summer⸗ trees.„Ich mochte keiner zweiten Verſuchung aus⸗ geſetzt ſeyn, doch wer weiß?“ Hier machte er eine tiefe Pauſe. „Darf ich fragen, was aus Eurem Freund wur⸗ de?“ Sagte Alan Fairford.„Ach, der arme Har⸗ ry,“ erwiederte Summertrees;„ich ſage Euch, es koſtet immer Zeit, ſich zu einen ſolchen Abentheuer zu entſchließen, wie es mein Freund Crosoie nennt; Neil Maclean, der gerade hinter uns ging, aber das Gluͤck hatte, dem Galgen ebenfalls durch einen liſti⸗ gen Streich zu entgehen, hat mir nachher erzaͤhlt, daß nach meinem Ausreißen der arme Harry bewe⸗ gungslos ſtehen blieb, obgleich alle unſere mitgefange⸗ nen Bruͤder einen Laͤrmen machten, ſo ſtark ſie nur konnten, um die Aufmerkſamkeit der Soldaten abzu⸗ ziehen. Er rannte, endlich hinweg, da er aber die Gegend nicht kannte floh er entweder aus Verwirrung oder weil er den Abhang fuͤr gar zu ſteil hielt, den Huͤgel links hinauf, anſtatt ſich mit einemmal hinab⸗ zuwagen; ſo wurde er leicht verfolgt und gefangen. Waͤre er meinem Beiſpiel gefolgt ſo wuͤrde er auch genug Hirten gefunden haben, die ihn verborgen und ernaͤhrt haͤtten, wie mich, bis beſſere Tage kamen.“ 12² „Er fiel alſo wegen ſeines Antheils an der In⸗ ſurrection?“ ſagte Alan Fairford. „Allerdings,“ ſagte Summertrees,„ſein Blut war zu roth, als daß man es zu einer Zeit haͤtte ſchonen ſollen, wo dieſe Farbe ſo geſucht war. Er wurde hingerichtet, Sir, wie Ihr es nennt, d. h. er wurde mit kaltem Blute ermordet, wie ſo manche an⸗ dere wackere Geſellen.— Wohl, auch wir werden unſern Tag haben— aufgeſchoben iſt nicht aufgeho⸗ ben— ſie halten uns alle fuͤr todt und begraben— aber“— hier fuͤllte er ſein Glas, murmelte einige undeutliche Drohungen, trank es aus, und nahm dann wieder ſeinen gewoͤhnlichen Ton an, welcher ge⸗ gen das Ende ſeiner Erzaͤhlung ein wenig geſtoͤrt worden war.“ „Was wurde aus Mr. Redgauntlets Kin?“ Maſter Redgauntlet! Es war Sir Henry Red⸗ gauntlet, und ſein Sohn, wenn das Kind noch lebt, heißt Sir Arthur— ich nannte Harry wegen unſerer genauen Bekanntſchaft, und Redgauntlet als das Ober⸗ haupt ſeiner Familie— ſein eigentlicher Name war Sir Henry Redgauntlet.“ „Sein Sohn iſt alſo todt?“ fragte Alan Fair⸗ ford. Es iſt doch Schade, wenn ein tapferer Stamm ausſterben ſollte.“ „Er hat einen Bruder hinterlaſſen,“ ſagte Sum⸗ mertrees, welcher jetzt der Repraͤſentant der Familie iſt. Und es iſt auch gut ſo, denn ob er gleich in vieler Hinſicht ungluͤcklich iſt, ſo wird er doch die Ehre ſei⸗ nes Hauſes beſſer aufrecht erhalten, als ein unker dieſen erbitterten Whigs, den Verwandten der Ge⸗ mahlin Sir Henry's erzogener Knabe; denn ſie ſtehen mit der Familie Redgauntlet auf keinem guten Fuße; erbitterte Whigs ſind ſie in jeder Hinſicht. Es war eine tolle Heurath zwiſchen Sir Heury und ſeiner Gemahlin. Das arme Ding, ſie wollten ihr nicht geſtatten, ihn im Gefaͤngniß zu ſehen, und da ſein ganzes Eigenthum in Beſchlag genommen und ge⸗ — ℳ 1²3 plaͤndert war, ſo haͤtte es ihm an den gemeinſten Nothwendigkeiten gefehlt, ohne die Anhäaͤnglichkeit eines weit bekannten blinden Geigers. Ich habe ihn ſelbſt bei Sir Henry geſehen, vor und waͤhrend der Geſchichte. Ich hoͤrte, er habe in den Straßen von Carlisle die Geige geſpielt, und das Geld, was er bekam, ſeinem Herrn gebracht, waͤhrend er in dem Sch oſſe eingeſperrt war.“. „Ich glaube kein Wort davon,“ ſagte Mrs. Cros⸗ bie, glühend vor Unwillen.„Ein Redgauntlet wäre zwanzigmal geſtorben, ehe er von einem Geiger et⸗ was genommen haͤtte.“ „Ho hol nicht oben hinaus, das iſt alles Unſinn und Uebermuth,“ ſagte der Laird von Summertrees. Die leckerſten Hunde eſſen auch ſchlechte Brocken, Baaſe Crosbie, Ihr wißt nicht, was einige Eurer Freunde in jener Zeit thun mußten, um ein Naͤpf⸗ chen voll Suppe oder um ein Stuͤck Brod. Ich habe z. B. ein Scheerenſchleifersrad mehrere Wochenlang herumgefuͤhrt, theils aus Noth, theils um mich zu verbergen, da habe ich an jedes alten Weibesthuͤr bigg, bigg, wigg, wigg, gemacht, und wenn Ihr einmal Eure Scheeren geſchliffen haben wollt, ich kann es fuͤr Euch thun, wenn mein Rad in Ordnung iſt.“ „Ihr muͤßt mich erſt um Erlaubniß bitten,“ ſagte Mr. Crosbie, denn ich habe mir erzaͤhlen laß⸗ ſen, daß Ihr die ſonderbare Mode habt, einen Kuß dnttrdes Pfennings zu nehmen, wenn Euch der Kunde gefiel. „Kommt, kommt, mein Herr,“ ſagte die Lady aufſtehend, wenn der Punſch bei Euch uͤber das Eſſen die Oberhand bekommt, dann iſt es Zeit, mich zu⸗ ruͤck zu ziehen. Wenn Ihr aber eine Taſſe Thee wollt, meine Herrn, ſo kommet auf mein Zimmer.“ Alan Fairfort war nicht ſehr betruͤbt uͤber die Entfernung der Dame. Sie ſchien, obgleich nur im vierten Grade verwandt, doch zu viel auf die Ehre des Hauſes Redgauntlet zu halten, um nicht durch die 124 Nachforſchungen nach den Verhaͤltniſſen des jetzi⸗ gen Oberhaupts, welche er zu machen geſonnen war, in Unruhe gebracht zu werden. Sonderbare verwirrte Vermuthungen ſtiegen in ſeiner Seele auf aus der unvollkommenen Erinnerung an die Erzaͤh⸗ lung vom wandernden Willin, und unwillkuͤhrlich drang ſich ihm der Gedanke auf, ſein Freund Darſie Latimer ſey der Sohn des ungluͤcklichen Sir Henry. Ehe er aber ſolchen Vermuthungen nachhing, mußte er zu entdecken ſuchen, was gegenwaͤrtig aus ihm ge⸗ worden war. Wenn er in den Haͤnden ſeines Oheims war, konnte da nicht einige Eiferfucht wegen Vermoͤ⸗ gen und Rang entſtehen, welche einen ſo harten Mann, wie Redgauntlet, zu ſchlimmen Maasregeln gegen einen Juͤngling verleiten mochte, den er nicht nach ſeinen Abſichten zu modeln im Stande war? Schwei⸗ geno überlegte er dieß, waͤhrend die Glaͤſer mehrmals um die Bowle berumgiengen, und wartete, bis der Hr. Richter gemaͤß ſeinem eigenen Vorſchlag der Sache erwaͤhnen wuͤrde, weßwegen er ihn ausdruͤcklich mit Mr. Maxwell von Summertrees bekannt gemacht hatte. Scheinbar hatte der Hr. Richter ſein Verſpre⸗ chen vergeſſen, oder war wenigſtens nicht ſehr eilig, es zu erfuͤllen. Er ſprach mit großem Ernſte von der Stempelakte, welche gerade damals den amerikani⸗ ſchen Colonien drohte, und uͤber andere Gegenſtaͤnde der Tagspolitik, aber ſagte kein Wort von Redgaunt⸗ let. Alan ſah bald, daß er die Nachfrage, die er im Sinne hatte, ſelbſt beginnen muſſe; und beſchloß dem gemaͤß zu verfahren. Dieſem Entſchluß zu Folge ergriff er die erſte Gelegenheit, die ſich ihm bei einer Pauſe in der Dis⸗ cuſſion der Colonialpolitik darbot, und ſagte:„Ich muß Euch, Mr. Crosbie, an Euer gütiges Verſprechen erinnern, mir einige Nachricht uͤber den Gegenſtand zu verſchaffen, wegen deſſen ich ſo beſorgt bin.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Mr. Crosbie nach augen⸗ blicklichem Beſinnen, das iſt ſo, Mr. Marwell, wir 1 125⁵ wuͤnſchen Euch wegen einer wichtigen Sache um Rath zu fragen. Ihr mußt wiſſen, in der That, Ihr mußt gehort haben, daß die Fiſcher zu Brockendurn und hoͤ⸗ her hinauf die von Solway einen Angriff auf die Stecknetze des Quaͤkers Geddes unternommen und alles dem Sande gleich gemacht haben.“ „In der That, ich hab' es gehoͤrt, Mr. Crosbie, und es freut mich, daß ſich die Burſche ſelbſt Recht verſchafft haben gegen eine Sitte, welche die obern Fi⸗ ſcher noch zu einer Art von Gluckhennen gemacht haͤtte, um die Fiſche zu hegen, welche das Volk unten dann fangen und eſſen ſoll.“ 3 „Wohl,“ ſagte Alan,„darauf kommt es indeſ⸗ ſen hier nicht an. Aber ein junger Freund von mir war zu jener Zeit, als ſich dieſer Vorfall ereignete, bey Mr. Geddes, und ſeit dem hat man nichts meyr von ihm gehoͤrt. Nun meint unſer Freund, Hr. Cros⸗ bie, daß Ihr uns rathen koͤnntet.—— Hier wurde er von Mr. Crosbie und Mr. Sum⸗ mertrees unterbrochen, welche Beide zu gleicher Zeit zu ſprechen anfiengen, der Erſte, um jedes Intereſſe, das er an der Sache haben koͤnnte, in Abrede zu zie⸗ hen, und der Letzte, um einer Antwort zu entgehen. Ich glauben? Sagte Mr. Crosbie; ich habe gar nicht wieder daran gedacht; mir iſt die Sache ganz gleichguͤltig geweſen. „Und ich, ich ſoll Euch rathen! Sagte Mr. Mar⸗ well, was der Teufel kann ich Euch weiter rathen, als daß Ihr den Ausrufer holen latzt, um Euer ver⸗ lorenes Schaaf in der Stadt auszuſchreyen, wie man es bei Wachtelhunden oder entflogenen Papagayen macht?“ „Mit Euerer Erlaubniß, ſagte Alan ruhig, aber kathehloſfen; ich muß Euch um eine ernſtere Antwort itten.“ „Wie, Hr. Advokat, antwortete Summertrees, ich dachte, es waͤre Euer Geſchaͤft, den Lehnslenten 9 126 Rath zu ertheilen, und nicht Euch von armen einfaͤl⸗ tigen Landedelleuten Raths zu erholen.“ „Wenn nicht gerade Rath, ſo iſt es doch biswei⸗ len unſre Pflicht, Fragen vorzulegen, Mr. Marxwell.“ „Ja. Sir, wenn Ihr eure Peruͤcke und eure Ro⸗ be nedte dann muͤſſen wir Euch ſchon das gewoͤhn⸗ liche Privilegium der Advolaten und der Weiber zu⸗ geſtehen, zu ſagen, was Euch beliebt. Wenn Ihr aber Euern Amtsſchmuck nicht anhabt, ſo iſt die Sa⸗ che anders, wie kommt Ihr dann dazu, anzunehmen, daß ich mit dem aufruͤhreriſchen Vorgang in Verbin⸗ dung ſtehe, oder mehr davon wiſſen ſoll, wie Ihr, was dort vorgieng? Die Frage geht von einer ſehr unpaſſenden Vorausſetzung aus.“ „Ich will mich erklaͤren, ſagte Alan, entſchloſſen, dem Mr. Maxwell keine Gelegenheit zu geben, die Unterredung abzubrechen; Ihr ſeyd ein genauer Freund von Mr. Redganntlet, er iſt ſchuldig, an dieſem ge⸗ waltſamen Angriff Theil genommen, und mit Gewalt ſich der Perſon meines Freundes Darſte Latimer be⸗ maͤchtigt zu haben, eines jungen Mannes von Ver⸗ moͤgen und Einfluß, nach deſen Schickſal zu forſchen ich ganz feſt entſchloſſen bin. Diß iſt der klare Stand der Sache, und alle dabei intereßirten Partheien, Euer Freund insbeſondere, werden Urſache haben, mir fuͤr die gemaͤßigte Art dankhar zu ſeyn, womit ich die Sache zu leiten geſonnen bin, wenn ich mit ver⸗ haͤltnißmaͤßiger Offenheit behandelt werde.“ „Ihr habt mich mißverſtanden,“ ſagte Marwell in einem ſchon weit milderen Tone; ich ſagte Euch, ich ſey der Freund des letzten Sir Henry Redgauntlet geweſen, der im Jahr 1745 zu Hairibie, nahe bei Carlisle, hingerichtet wurde, aber ich kenne nieman⸗ den, der jetzt den Namen Redgauntlet fuͤhrt.“ „Ihr kennt doch Mr. Herries von Birrenswork,“ ſaaden Alan laͤchelnd, dem der Name Redgaunlet zuſte mrwell ſah den Mr. Crosbie mit einem ſchar⸗ 1²27 fen vorwurfsvollen Blick an, erheiterte aber ſogleich ſeine Stirne, und gieng in einen Ton von Zutrauen und Offenherzigkeit uͤber.„Ihr muͤßt nicht unwillig ſeyn, Mr. Fairford, daß die armen verfolgten Eid⸗ weigerer ein wenig auf ihrer Huth ſind, wenn ſolche gewandte junge Maͤnner, wie Ihr, Nachforſchungen anſtellt. Ich ſelbſt, ob ich gleich außer aller Verle⸗ genheit bin, und meinen Hut bey Sonnen⸗ oder Mondenſchein am Kreuze*) ſo keck aufſetzen kann, wie ihr, bin doch ſo gewohnt geweſen, den Zipfel meines Mantels vors Geſicht zu halten, daß ich, meiner Treu, noch jetzt wenn ſo ein Rothrock ſchnell auf mich zukommt, mein Rad und meinen Schleif⸗ ſtein auf einen Augenblick herbeiwünſche. Der arme Redganntlet aber iſt noch weit ſchlimmer daran, der ſteht noch, wie Ihr gehoͤrt haben werdet, unter der Ruthe des Geſetzes, das Zeichen des Thiers iſt noch auf ſeiner Stirne, der arme Mann, und dieß macht uns vorſichtig, ſehr vorſſchtig, was wir ſicherlich ge⸗ gen Euch nicht noͤthig haben, da ein Mann von En⸗ rem Anſehen und Weſen einen ungluͤcklichen Edel⸗ mann ſicherlich nicht hintergehen wird.“ „Im Gegentheil, Sir,“ ſagte Fairford,„ich wuͤnſchte Mr. Redgauntlets Freunden eine Gelegen⸗ heit zu geben, ihn aus aller Verlegenheit zu bringen, indem ſie die augenblickliche Befreiung meines Freun⸗ des Darſie Latimer bewerkſtelligen. Ich will die Ver⸗ ſicherung geben, daß die Sache ruhig und ohne Un⸗ terſuchnng voruͤbergehen ſoll, wenn meinem Freunde ichts ſchlimmeres, als eine kurze Einkerkerung wie⸗ derfahren iſt; allein dieſen fuͤr einen Mann, der die Geſetze ſchon vorher ſo ſchwer gekraͤnkt, und nun aufs neue groͤblich verlezt hat, ſo verwuͤnſchten Ausgang kann nur eine ſchleunige Genugthuung herbeifuͤhren.“ Marwell ſchien in Nachdenken verloren, und wech⸗ *) D. h. bei dem Gerichtshofe. 128 ſelte mit dem Hrn. Richter einige Blicke, die nicht ſehr rroͤſtlicher ert waren. Fairford ſtand auf, und gieng im Zimmer umher, um ihnen Gelegenheit zu einer Unterredung zu geven, denn er hoffte, daß der ſichtbare Eindruck, den er auf Summertrees gemacht hatte, ſeinem Vorhaben gedeihlich werden wuͤrde. Sie ergriſſen die Gelegenheit, und wiſperten einan⸗ der in die Oyren, der vaird auf eine ziemlich heftige und tadelnoe Weiſe, während der Hr. Richter im verle⸗ genen und eurſchuldigenden Tone antwortete. Einige abgebrochene Worte vernahm Fairford, deſſen Gegen⸗ wart ſie zu vergeſſen ſchienen, da er im Hintergrund des Zimmers ſtand, ſcheinvar beſchaͤftigt, die Figu⸗ ren auf einem ſchoͤnen indiſchen Schranke zu betrach⸗ ten, den Mr. Crosbie von ſeinem Bruder einem Schiffcapitän im Dienſt der Compagnie zum Ge⸗ ſchenk erhalten hatte, was er hoͤrte, uberzeugte ihn, daß ſein Vorhaben und die Hartnaͤckigkeit, womit er es verfolgte zwiſchen den Herren Streit erregt hatte. Dem Mr. Maxwell entfuhren endlich die Worte: und ihn ſo mit begoſſenem Schwanze nach Hauſe zu ſchicken, wie einen Hund, der in fremden Kuͤchen ge⸗ ſtohlen hat.“ Mr. Erosbie ſchob eine ſtarte Ver⸗ neinung dazmwiſchen„nicht daran zu denken— macht die Sache nur ſchlimmer— meine Lage— mein Vortheil— Ihr glaubt nicht, wie hartnackig— gerade, wie ſein Vater— Sie wiſperten nun noch enger zuſammen, endlich aber erhob Mr. Crosbie das ſinkende Haupt; er ſprach in einem freundlichen Tone; kommt ſetzt Euch nieder zu Eurem Glas, Mr. Fairford, wir haben untre Köpfe zuſammen geſteckt, und Ihr ſollt ſehen, daß unſer Fehler es nicht ſeyn wird, wenn Ihr nicht ganz zufrieden geſtellt werdet, und Mr. Darſie Lati⸗ mer wieder ſeine Geige unter den Arm nehmen kann. Aber Summertrees glaubt, Ihr muͤſſet Euch dabey einer perſonlichen Gefahr ausſetzen, und dieß werdet Ihr nicht wagen wollen,“ Meine 1²⁰ „Meine Herrn,“ ſagte Fairford,„ich werde ſicherlich keine Gefahr ſcheuen, wodurch mein Zweck erreicht werden kann; aber ich lege es Euch auf Euer Gewiſſen, auf Eures Mr. Maywell, als eines Man⸗ nes von Ehre und eines Edelmannes, und auf das Eurige, Mr. Crosbie, als einer obrigkeitlichen Perſon und eines treuen Unterthanen, daß Ihr mich in die⸗ ſer Angelegenheit nicht irre leitet.“ „Nein, was mich betrifft,“ ſagte Summertrees, „ich will Euch mit einem Mal die Wahrheit ſagen, und offen geſtehen, daß ich Mittel weiß, den armen Redgauntlet zu ſehen; und dieß will ich thun, wenn Ihr es verlangt, und ihn beſchwören, Euch ſo zu be⸗ handeln, wie Euer Geſchäft es erfordert; aber der arme Redgauntlet iſt ſehr verändert, ja die Wahrheit zu ſagen, ſein Temperament war nie das beſte, indeſ⸗ ſen will ich Euch vor jeder größeren Gefahr ſicher ſtellen.“ „Davor werde ich mich ſelbſt ſchützen,“ ſagte Fairford,„indem ich eine hinreichende Bedeckung mit nehme.“ „In der That,“ ſagte Summertrees,„das werdet Ihr nicht thun, denn fürs erſte, glaubt Ihr, daß wir den armen Mann in die Hände der Phili⸗ ſter liefern würden, da im Gegentheil mein einziger Zweck war, die Sache in jeder Hinſicht auf eine feier⸗ liche Weiſe abzuthun, und ich nur darum den Schlüſſel in Eure Hand gebe? Und zweitens, er iſt klug genug, daß wenn Ibr mit Soldaten oder Con⸗ ſtablern oder etwas dergleichen ihm nahe kommt, ich Euch dafür ſtehen kann, daß Ihr ihn nie erwiſchen werdet.“ Fairford bedachte ſich einen Augenblick, und über⸗ legte, daß der Vortheil, dieſen Mann zu ſeben, um Kenntniß von der Lage ſeines Freundes zu erhalten, mit keiner perſönlichen Gefahr zu theuer erkauſt ſey; W. Scott's Werke. XVII.— 9 13⁰ wenn er aber den für ſich ſelbſt ſicherſten Weg ein⸗ ſchlug, und die Geſetze zu Hülfe nahm, ſo ſah er wohl, würde er der nöthigen Nachrichten beraubt ſeyn, die ihn leiten mußten, oder Redgauntlet würde von der Gefahr benachrichtigt, wahrſcheinlich das Land ver⸗ laſſen, und ſeinen Gefangenen mit ſich fuͤhren. Er wiederholte daher: ich verlaſſe mich auf Euer Ehren⸗ wort, Mr. Maywell, und werde allein Euern Freund aufſuchen. Ich zweifle kaum, daß ich ihn zur Ver⸗ nunft bringen, und von ihm genügenden Aufſchluß über Mr. Latimer erhalten werde.“ „Ich zweifle auch nicht daran,“ ſagte Mr. Max⸗ well von Summertrees, doch wird es immer eine Zeitlang dauern, und Ihr werdet Verzug und Unbe⸗ quemlichkeit dabei haben. Meine Verſicherung geht nicht weiter.“ 1 „Ich nehme, wie ſie gegeben wurde,“ ſagte Alan Fairford; aber laßt mich fragen, wäre es nicht beſſer, da Eures Freundes Sicherheit Euch ſo ſehr am Herzen liegt, und Ihr ſicherlich die meinige mit Willen nicht in Gefahr bringen werdet, daß der Hr. Richter oder Ihr mit mir geht, wenn Mr. Redgauntlet nicht zu weit entfernt iſt, um zu verſuchen, ihn zur Ver⸗ nunft zu bringen?“ „Ich!— Ich gehe keinen Schritt,“ ſagte der Hr. Richter;„deſſen ſeyd verſichert, Mr. Alan. Red⸗ gauntlet iſt meines Weibes Vetter im vierten Grad, das iſt nicht zu läugnen, waͤre er aber auch der letzte von ihren und meinen Verwandten, ſo würde es doch meinem Amte ſchlecht anſtehen, mit Rebellen zu verkehren.“ „Ja, oder mit Eidweigerern zu trinken,“ ſagte Maywell, und füllte ſein Glas, ich würde eben ſo⸗ wohl erwarten können, Claverbouſe bei einer Feld⸗ predigt zu finden, und was mich betrifft, Mr. Fair⸗ ford, ſo kann ich gerade aus dem entgegengeſetzten Grunde nicht mitgehen. Es würde unter der Würde 131 des Richters dieſer bluͤhenden und loyalen Stadt ſein mit Redgauntlet zu verkehren, und bei mir wuͤrde es heißen: Sag mir, mit wem Du gehſt u. ſ. w. Da würde eine Poſt nach London abgehen mit der Zeitung, zwei ſolche Jacobiten, wie Redgauntlet und ich haͤtten auf der Haide eine Zuſammenkunft gehabt— die habeas Corpusakte würde ſuspendirt werden— die Fama würde von Carlisle bis des Landes Ende in die Trompete ſtoßen, und wer weiß, der Windſtoß könnte mein ganzes Vermoͤgen mir unter den Fin⸗ gern wegblaſen, und meinen Körper noch einmal in das Loch bei Errickſtone? Nein, nein, behuͤte mich der Himmel— ich will in des Hrn. Richters Cabinet gehen, und einen Brief an Redgauntlet ſchreiben, und Euch anweiſen, wie ihr ihn uͤberliefern ſollt.“ „Da iſt Dinte und Feder in dem Zimmer,“ ſagte Mr. Crosbie, und deutete auf die Thuͤre eines Ge⸗ machs, in welchem ſein nußbaumener Schreibtiſch und ſein Oſtindiſcher Schrank ſich befanden. „Eine Feder, die ſchreiben kann, hoffe ich?“ ſagte der alte Laird. „Sie kann ſchreiben, und orthographiſch, beides in der rechten Hand,“ antwortete Mr. Crosbie, in dem der hae ſich zuruͤckzog, und die Thuͤre hinter ſich zu⸗ machte. Ende des dritten Baͤndchens.